/ Language: Deutsch / Genre:adv_history

Scepter und Hammer

Karl May


Erstes Kapitel. Die Zigeunerin.

Auf der breiten Chaussee, welche durch das Dorf nach der Residenz führte, schritt ein junger Mann dahin.

Er mochte kaum mehr als zweiundzwanzig Jahre zählen, obgleich über seinem ganzen Wesen der Ausdruck des Charaktervollen, des innerlich und äußerlich Vollendeten lag. Seine hohe, kräftige Gestalt, die elegante Sicherheit seiner Bewegungen, die männlich schönen Züge seines von der Röthe der Gesundheit überhauchten Angesichtes konnten gewiß nur einen angenehmen Eindruck hervorbringen, und selbst das kleine, wohlgepflegte Bärtchen, welches seine vollen Lippen beschattete und in jedem anderen Antlitze stutzerhaft erschienen wäre, schien hier zur Gesammtwirkung unbedingt nothwendig zu sein. Er trug einen feinen, gewiß von einem besseren Tailleur gefertigten Promenadenanzug, und der goldene Zwicker, welcher den Blick seines Auges verschärfte, hatte seinen Sitz sicher nicht durch die schädliche Mode erhalten, durch das Tragen von Augengläsern ein vornehmes oder gelehrtes (\9[)B Aussehen zu gewinnen.

Zu beiden Seiten reihte sich, hinter schattigen Vorgärten halb verborgen oder anspruchsvoll bis an die Straße tretend, Villa an Villa. Zwischen zweien derselben lag, frappant von ihrer Architektonik abstoßend, ein kleines einstöckiges, schwarz geräuchertes Häuschen, durch den hohen Schornstein, das über der Thür angebrachte Wetterdach und mehrere umherliegende, der Reparatur harrende Geräthschaften deutlich als Schmiede bezeichnet. Vor derselben hielt in diesem Augenblicke ein leichter Wagen. Es fehlte ihm der Kutscherbock; er mußte also wohl aus dem Fond gelenkt werden, und dies war heut jedenfalls nicht ganz fehlerlos geschehen, denn es zeigte sich die hintere Achse zerbrochen, und ein reich gallonirter Diener stand zu Häupten des dampfenden Gespannes, äußerst bemüht, dasselbe zu beruhigen. Die Insassen waren ausgestiegen. Es war nur ein Herr und eine Dame. Der Erstere trug Generalsuniform, obgleich er kaum das fünfundzwanzigste Jahr zurückgelegt haben konnte. Er hatte jenes Exterieur an sich, welches man sich nur in den höheren Kreisen anzueignen (\10\)A vermag, und schon der erste Blick auf ihn ließ erkennen, daß Stolz und Hochmuth bei ihm zu einer bedeutenden Entwicklung gelangt seien. Die Dame trug sich ganz nach dem Schnitte der grande mode; sie zählte vielleicht siebzehn, zeigte aber die sichere Tournure höherer Jahre. Ihre noch kindlichen, weichen und sympathischen Züge ließen errathen, daß die liebliche Knospe sich in wenig Zeit zu einer Rose von vollendeter Schönheit entfalten werde, zu einer Rose, nach welcher wohl nicht Jeder wagen durfte die begehrende Hand auszustrecken. Ihre Wangen waren jetzt bleich, jedenfalls eine Folge des gehabten Schreckes; in ihrem großen, blauen Auge schimmerte es noch ängstlich feucht, aber ihre goldene Stimme klang mild und ruhig:

"Keine Sorge, Durchlaucht! Ich wußte mich mitten in der Gefahr unter dem starken Schutze eines Ritters, dessen ausgezeichneter Rang ja schon genügt, das höchste Vertrauen zu beanspruchen."

Der General verbeugte sich dankend, aber sein Blick ruht unklar und forschend auf ihrem Angesichte. War es Wahrheit, was sie sagte, oder hatte sie sich trotz ihrer Jugend schon jene feine Schärfe angeeignet, welcher es leicht wird, den Verweis nur für die Ahnung auszusprechen? Sie sah ihm so offen in das vornehm blasirte Gesicht, und doch spielte ein Lächeln um ihren kleinen Mund, welches er fast geneigt war ironisch oder gar sarkastisch zu nennen. Er entschloß sich zu einer weiteren Vertheidigung:

"Ein ächter Ritter, auf sich selbst angewiesen, wird stets ohne Furcht und Tadel sein; hat er aber mit den Eigenschaften unvernünftiger und schlecht erzogener Wesen, wie diese beiden Rappen sind, zu rechnen, so kann er allerdings in die höchst fatale Lage kommen, auf Verzeihung rechnen zu müssen." "Excellenz haben jedenfalls ein kompetenteres Urtheil als mein Stallmeister, welcher allerdings behauptet, daß die Rappen eine ausgezeichnete Schule besitzen. Jedenfalls fürchtete er dieses Urtheil, als er bat, einen anderen Wagen zu nehmen und ihm die Führung desselben zu überlassen. Übrigens war das Intermezzo mehr amüsant als gefährlich, und selbst die Fatalität, den Schmied nicht anwesend zu finden, hat die angenehme Folge, mich auf eine verlängerte Frist auf die Dienste meines edlen Ritters angewiesen zu sehen." Wieder hatte sein Auge jenen forschenden, beinahe stechenden Blick wie vorhin. Hatten ihre Worte vielleicht den Zweck, ihm die Überlegenheit eines Stallmeisters begreiflich zu machen? Dann war das zarte Frauengebild vor ihm allerdings mehr erwachsen und gereift, als er angenommen hatte. Seine äußern Augenwinkel zeigten einige leichte Fältchen, als er fortfuhr:

"Könnten diese Dienste doch von ewiger Dauer sein, meine gnädige Prinzeß! Aber man wird in Angst um Euer Hoheit sein. Ich muß den Wagen hier zurücklassen und einen anderen requiriren."

Er wandte sich an die Frau des abwesenden Schmiedes, welche, Auskunft ertheilend, bisher unter dem Eingange gestanden hatte.

"Also der Meister kommt erst am Abende zurück?"

"Ja."

"Und Sie haben Niemand, der die sofortige Reparatur ausführen könnte?"

"Nein. Der Lehrjunge, welcher beim Nägelschlagen ist, bringt das nicht fertig."

"So giebt es vielleicht in der Nähe einen anständigen Wagen, den man sich leihen kann?"

"Allerdings. Aber - Grüß Gott, Herr Doktor!" unterbrach sie sich. "Prächtiges Wetter zum Spazieren. Nicht?"

Diese Worte waren an den mittlerweile herangekommenen Fußgänger gerichtet, welcher im Begriffe gestanden hatte, grüßend vorüberzuschreiten, jetzt aber, den Hut ziehend, näher trat. Die Frau streckte ihm halb vertraulich, halb respektvoll die Hand entgegen. "Der Herr Pathe wollte wohl gar vorübergehen?" "Um nicht zu stören."

"Stören? Es findet ja das gerade Gegentheil statt! Diese Herrschaften haben die Achse zerbrochen; mein Mann ist nicht da, und drüben der Sommergast, der Engländer, borgt seinen Wagen keinem Menschen als nur dem Herrn Doktor. Da könnte der Herr Pathe helfen, wenn er so gut sein wollte."

"Mein Freund, Lord Halingbrook, ist leider nach der Stadt gefahren; er begegnete mir, und in der Nähe wird es einen Wagen weiter nicht zur Verfügung geben. Doch wenn Herzogliche Hoheit" - er verbeugte sich höflich aber gemessen vor dem Generale - "gestatten, werde ich Dero Wagen in kurzer Zeit gebrauchsfähig herstellen. Hat der Herd Feuer?" "Ja; der Junge braucht es zum Nägelmachen."

"So mach die Frau Pathe es den Herrschaften bequem. Ich werde sofort an die Arbeit gehen." Er trat an die Schmiede, zog den Gehrock aus, streifte die Ärmel empor und band sich das dort hängende Schurzfell des Meisters vor. Nachdem das Feuer gehörig angefacht war, untersuchte er den schadhaften Theil des Wagens.

"In einer halben Stunde werden Durchlaucht fahren können," lautete seine Entscheidung. Beide, sowohl der General als auch die Dame, hatten den Vorgang mit sichtlicher Verwunderung verfolgt. War dieser so distinguirt aussehende Mann, welcher den Doktortitel führte, wirklich im Stande, eine zerbrochene Wagenachse zu repariren? Die Schmiedin hatte ihn Pathe genannt; er konnte also von keinem ungewöhnlichen Herkommen sein, und doch war er Freund des Lord Halingbrook, eines stolzen, exklusiven Engländers, welcher als Gesandter seiner Königin Zutritt beim Hofe hatte. Das war ein Räthsel, für welches sich besonders die Dame zu interessiren schien.

Sie beobachtete jede seiner Bewegungen mit Aufmerksamkeit und machte dabei die Bemerkung, daß er eine ungewöhnliche Körperstärke besitzen müsse. Die Pferde waren im Nu aus gespannt, und dann hantirte, hob und schob er an dem Wagen, als ob er ein leichtes Kinderspielzeug in den Händen habe. Dann ertönten aus der Schmiede mächtige Hammerschläge, so daß die Funken durch den Eingang auf die Straße stoben. Die Schmiedefrau hatte ein Tischchen mit zwei Stühlen, auf welchen die Herrschaften Platz nahmen, vor das Haus gesetzt.

"Wie nennt sich der Herr, welcher sonderbarer Weise Arzt und Schmied zu gleicher Zeit ist?" frug die Dame.

"Arzt? Nein, das ist er nicht, sondern Doktor der Jurisprudenz," antwortete die Gefragte mit sichtlichem Stolze.

"In seinem Alter? Welche Stellung bekleidet er?"

"Keine; er hat das nicht nothwendig und sagt, es hindere ihn am Weiterlernen. Er ist der Sohn vom Hofschmied Brandauer; ich habe mit dem König und dem Lord Halingbrook Pathe bei ihm gestanden."

"Ah, die gewöhnliche Bettelei durch Gevatterbrief, der man leider so oft ausgesetzt ist!"

dehnte der General geringschätzig.

Das Gesicht der Schmiedefrau röthete sich ein wenig.

"Darf ich fragen, wer der Herr Offizier ist?"

"Ich bin der Prinz von Raumburg und General. Diese Dame ist die Prinzeß Asta von Süderland, königliche Hoheit."

Er schien mit dieser Vorstellung einen dominirenden Eindruck beabsichtigt zu haben, hatte sich aber geirrt, denn die Frau erschrak nicht im mindesten, sondern wandte sich mit einer allerdings freudig überraschten Miene an die Prinzessin.

"Das ist schön, Hoheit, daß ich Sie einmal sehe! Der Herr Pathe hat uns immer sehr viel Gutes und Löbliches von Ihnen und Ihrem Herrn Vater, dem König, erzählt. Er hat ein gar scharfes Auge für die Politik und wäre wohl auch als Offizier an seinem Platze. Die Majestät verkehrt sehr viel in der Hofschmiede und hat immer verlangt, daß er Dienst nehmen soll; aber er hat niemals gewollt." "So kennt er mich?"

"Nein; er hat Sie noch nie gesehen; aber den Herrn General hier kennt er."

"So hat er auch von mir gesprochen?" frug dieser mit beinahe wegwerfender Belustigung.

"Sehr oft!"

"Doch auch nur Gutes und Löbliches, wie ich wohl erwarten darf?" Sie zögerte einen Augenblick; dann antwortete sie:

"Ja, Gutes, denn er hat erzählt, daß der Herzog von Raumburg, Ihr Vater, einst unser König wird, wenn der jetzige stirbt, der keine Kinder hat. Aber sagen muß ich Ihnen doch, daß die Gevatterschaft damals keine Bettelei war. Der König und der Lord haben sich ja beide selbst angeboten, und der Hofschmied hat gehorchen müssen; aber darauf hat er bestanden, daß ich dabei sein müsse, und das ist den hohen Herren auch ganz recht gewesen. Unsere Majestät ist eben ein sehr lieber Herr, der nur das Beste seiner Unterthanen will und Alle seine Kinder nennt. Gott gebe es, daß es später nicht anders wird.!"

Der General schien zu einem scharfen Worte bereit, hielt es aber zurück, da eine fremdartige Erscheinung sich der Schmiede näherte und die Anwesenden grüßte.

Es war eine alte Frau. Sie ging vollständig barfuß, trug einen einzigen Rock von grellrother Farbe, um die Schultern einen gelben, arg beschmutzten Überwurf und hatte ein blaues Tuch turbanartig um den Kopf geschlungen. Ihr Teint war tiefbraun; zahlreiche Runzeln durchfurchten ihr Gesicht, in welchem eine scharfe Nase über einem spitzen Kinne thronte, und ihre Gestalt lag gebeugt auf dem Stocke, auf den sie die beiden Hände stützte. Als Nordländerin hätte man sie über sechzig Jahre alt schätzen (\11\)A müssen; aber sie war augenscheinlich eine Zigeunerin, und da Frauen dieses Stammes sehr schnell altern, so war es sehr wahrscheinlich, daß sie diese Höhe noch nicht erreicht hatte.

Sie zeigte bei dem Anblicke des Offiziers nicht die mindeste Verlegenheit. Ihn und die Anderen mit scharfem Auge musternd, grüßte sie mit einer beinahe stolzen Handbewegung und frug:

"Hat der goldige Herr eine kleine Gabe übrig für Zarba, die Zigeunerin?"

Er warf höchst indignirt den Kopf zurück.

"Geh! Ihr und das Betteln seid im Land verboten."

Sie trat ihm um einen Schritt näher und bohrte den scharfen Blick ihres großen, dunklen Auges forschend in sein Gesicht.

"Wie? Der Herr Offizier heißt mich gehen? Gab es nicht eine Zeit, in welcher Zarba, die Vajdzina ihres Stammes, selbst Fürsten willkommen war? Ich kenne Dein Gesicht und Deine kalten Augen, denen nur der Stolz und Hochmuth ein Leben gibt. Du bist der Sohn eines Herzogs und trachtest nach Scepter und Krone. Aber Du hast die Zingaritta von Dir gewiesen, und so wird Dein Aufgang sein wie der Tritt des Elephanten, der Alles zermalmt, Dein Ende aber wie der Tod des Wildes, das im finstern Dickicht stirbt, einsam, verlassen und vom Blute triefend!"

Sie hatte sich gerade emporgerichtet, so hoch ihre Gestalt es erlaubte. Die Rechte auf den Stock gestützt, hielt sie die Linke wie beschwörend in die Höhe. Ihre Augen leuchteten, die Falten ihres Gesichtes hatten sich geglättet, und ihre Worte drangen zischend durch die elfenbeinernen Zähne, welche zwischen den dünnen, zusammengeschrumpften Lippen hervorglänzten. Bei all ihrer jetzigen Häßlichkeit ließ sich vermuthen, daß sie früher wohl ein schönes Mädchen gewesen sei.

Der Prinz war aufgesprungen. Auch sein Auge blitzte. Von Wuth übermannt ergriff er sie beim Arme.

"Weib, Hexe, soll ich Dich zermalmen?"

Auch die Prinzessin hatte sich erhoben. Ihr milder, verwunderter Blick traf sein Auge. Er nahm die Hand von der Zigeunerin und wandte sich zur Schmiedin.

"Schicken Sie sofort Ihren Lehrling nach der Polizei. Diese Landstreicherin wird arretirt!"

In diesem Augenblicke trat Doktor Brandauer aus der Schmiede, den großen

Zuschlagehammer in der Hand. Die Zigeunerin sah ihn; ihr Auge schien dreifache Schärfe zu gewinnen, und über ihr erregtes Gesicht glitt ein Zug der Überraschung. Mit zwei raschen Schritten stand sie vor ihm.

"Du bist Max, der Sohn aus der Hofschmiede?"

"Ja," antwortete er verwundert.

"Ich bin Zarba, die Zingaritta."

"Zarba? Ists möglich!" rief er, während die freudigste Überraschung sein offenes Gesicht erhellte. "Endlich, endlich wird unser größter Wunsch erfüllt. Du mußt mit zum Vater!"

"Zarba darf Dir nicht folgen."

"Warum nicht?"

"Sie soll arretirt werden."

"Warum?"

"Weil sie den hohen Herrn in die Zukunft blicken ließ."

"Der Herr General wird Dich nicht arretiren lassen. Du gehst mit mir!"

Diese Worte wurden mit einer Bestimmtheit gesprochen, von welcher sich der Prinz beleidigt fühlte.

"Oho!" meinte er. "Ich habe die Arretur befohlen und werde mir Gehorsam zu verschaffen wissen!"

Den schweren, eisernen Hammer wie federleicht in der Hand schwingend, blickte ihm Brandauer lächelnd in das Angesicht.

"Durchlaucht, ich bitte unterthänigst, diese Frau freizugeben." "Ich habe keine Veranlassung, meinen Befehl zurückzunehmen."

"Und ich erbat aus Höflichkeit, was ich nicht zu erbitten brauchte. Es hat hier Niemand Veranlassung, Ihren Befehlen Gehorsam zu leisten. Wir gehören weder zur Polizei noch zu Ihrer Dienerschaft, und Zarba steht unter meinem ganz besonderen Schutze. Wollen Sie mich zwingen, sie Ihnen zu entziehen, ohne die Reparatur vollendet zu haben?" "Wir werden uns eines anderen Wagens bedienen!" Da trat die Prinzessin zu dem Doktor.

"Herr Doktor, vollenden Sie das Begonnene. Asta von Süderland bittet Sie darum!" Ein Blitz seines Auges leuchtete an ihr empor.

"Königliche Hoheit, dieser Wunsch ist mir allerdings Befehl. Ich lasse mich von keinem Herrscher kommandiren; aus solchem Munde aber genügt ein Wort, mich zu willfährigsten Ihrer Diener zu machen. Zarba, geh in die Stube, und warte, bis ich fertig bin!" Sie schüttelte langsam das Haupt und sah ihn mit einem Blicke an, welcher eigenthümlich zwischen Liebe und Demuth glänzte.

"Das Volk der Brinjaaren und Lampadaaren hat Indien verlassen, weil Bhowannie, die Göttin, es ihm gebot. Es irrt im fremden Lande und hat weder Ruhe noch Rast, bis der Wunderbaum gefunden ist, an welchem es sich versammelt, um die Erde zu beherrschen. Zarba ist eine Tochter ihres Stammes; sie darf nicht ruhen, wenn der Geist sie treibt. Sie muß gehen; aber Du wirst sie wiedersehen, noch ehe die Sonne dreimal untergegangen ist. Gieb mir Deine Hand!"

Sie nahm seine Linke, warf aber kaum einen kurzen Blick in dieselbe. Ihr Auge suchte das Weite und haftete dort mit einem Ausdrucke, als thäten sich ihm die Pforten der Zukunft auf, um ihn die Gestalten späterer Zeiten schauen zu lassen. Dann sah sie ihm fest in das erwartungsvoll lächelnde Angesicht.

"Der Geist ist allwissend, aber das Auge des Menschen ist schwach; doch wenn der Geist es stärkt, dann werden vor ihm Dinge offenbar, die es sonst nicht zu erblicken vermag. Du wirst nicht glauben, was Dir Zarba sagt, und dennoch wird es sich erfüllen. Deine Hand ist stark, den Hammer zu schwingen; sie bedarf dieser Stärke, um später das Scepter zu halten. Scepter und Hammer wird die Losung Deines Lebens sein. Du wirst Liebe säen und Feindschaft ernten; aber Deine Faust wird wie ein Hammer auf die Häupter Deiner Feinde fallen und ihnen die Kronen entreißen, die sie Dir zu rauben trachteten. Ich sehe Dich mit hochgeschwungener Keule mitten unter ihnen; ich sehe sie stürzen und sterben oder um Gnade flehen; ich sehe Dich hoch über ihnen, und an Deiner Seite -"

Sie hielt wie unter dem Eindrucke eines unerwarteten Gesichtes plötzlich inne und ergriff dann mit einer schnellen Bewegung die Hand der Prinzessin, welche in der Nähe stehen geblieben war. Dann fuhr sie in dem vorigen Tone fort:

"Ich sehe Dich hoch über ihnen, und an Deiner Seite den Engel Deines Lebens, den Du gefunden hast, als Du den Hammer hieltest, und der Dir treu bleibt, auch wenn Du das Scepter trägst. Glaube es Zarba nicht, aber sage ihr später, daß sie Dir die Wahrheit verkündete!" Sie gab die beiden Hände frei, wandte sich um, und war mit größerer Schnelligkeit, als man ihr zugetraut hätte, auf dem schmalen Pfade, welcher zwischen der Schmiede und der nächsten Villa in das Freie führte, verschwunden.

Zweites Kapitel. Belauscht.

Es war am Abende desselben Tages. Max Brandauer saß in dem Zimmer der Hofschmiede, welches ihm die Eltern als Studirstube überwiesen hatten, und versuchte, seine Gedanken auf die Lektüre einer militärwissenschaftlichen Abhandlung zu konzentriren. Es gelang ihm nicht, denn immer kehrten dieselben zu der heutigen Begegnung zurück.

Zunächst fesselte die Erscheinung der Zigeunerin seine Aufmerksamkeit. An ihren Namen knüpften sich Thatsachen und Erinnerungen, welche auf die ersten Tage seiner Kindheit, seines Lebens zurückführten. Er hatte sie als fünfjähriger Knabe ein einziges Mal gesehen; damals hatte sie in der Zeit des Nachsommers gestanden und eine immerhin noch anziehende Persönlichkeit gebildet. Sie war plötzlich verschwunden, ebenso schnell und unerwartet, wie sie gekommen war. Dann hatten die Eltern ihrer geharrt eine ganze Reihe von Jahren, und nun heut war sie wieder erschienen, ob nur für den einen Augenblick, ob für längere Zeit, ob aus oberflächlichen, gewöhnlichen Gründen oder zur Lösung der Räthsel, die mit ihrem früheren Auftreten verbunden waren - wer konnte das wissen?

Er hatte den Eltern von der Begegnung erzählt und von der Mutter einen linden Verweis erhalten, daß er sie wieder aus den Augen gelassen hatte. Der Vater aber war ruhig geblieben in der festen Überzeugung: "Sie kommt sicher, wenn sie es wirklich gewesen ist!" Neben der verfallenen Gestalt der alten Wahrsagerin hob sich vor seinem geistigen Auge die Erscheinung der Prinzessin wie ein lichtes, glanzvolles Phänomen ab, dessen Strahlen unter den Lidern hindurch bis hinab in die tiefste Seele dringen. Er hatte die süßen, beglückenden Regungen der Liebe noch nie empfunden; es entging ihm also der Maßstab für die wunderbare Stimmung, in welche er sich seit heute versetzt fühlte, und er ließ, halb sinnend, halb träumend, mehr noch aber empfindend, die Erinnerung an das eigenthümliche Erlebniß ungestört auf sich einwirken.

(\12\)A Drunten in der Werkstatt waren die Hammerschläge längst verhallt, und nach dem eingenommenen Abendbrode saßen die drei Gesellen vor der Thür, um über Dieses und Jenes zu sprechen und ihre Pfeife dabei zu schmauchen.

Unweit von ihnen hockten die zwei Lehrjungen auf umgestürzten Wagenrädern, in der löblichen Absicht, von dieser Unterhaltung so viel wie möglich wegzuschnappen  und dabei den Geruch des Kanasters zu genießen, der eine feinere Nase allerdings nicht in Entzücken versetzt hätte.

"Ja," meinte Thomas, der Obergeselle, "der junge Herr ist nun wieder da, und nun giept es zuweilen doch eine Plaisir, pei der man mitmachen darf. Alle Tage eine Fechtübung mit Rappier, Floret, Hieper und Stoßdegen, am Apend eine Wasserfahrt oder sonst ein Ausgang, pei dem der Thomas nicht fehlen darf. Das pringt außer dem Vergnügen ein Glas Pier, eine Putterpemme mit Schinken oder - -"

"Oder ein Glas Doppelwachholder mit Ambalema," fiel ihm der Zweite in die Rede. "Ja, das ist am Den!" stimmte der Dritte bei.

Die drei Gesellen waren nämlich durchweg Originale. Alle drei hatten gedient, Thomas bei der Reiterei, Baldrian bei den Grenadieren und Heinrich bei der Artillerie; Jeder von ihnen hatte (\12\)D es zum Unteroffizier gebracht und hielt seine Waffe für die vorzüglichste. Sie waren unverheiratet und fest entschlossen, ihre jetzige gute Stellung so lang wie möglich beizubehalten, obgleich Jeder ohne Wissen des Anderen im tiefsten Winkel seines Herzens ein Ideal beherbergte, welches die größte Ähnlichkeit mit einer behäbigen Frauengestalt hatte. Thomas nämlich hielt gar große Stücke auf die Wittfrau Barbara Seidenmüller, Baldrian träumte sehr oft von der allerliebsten, jungen Wittfrau und Kartoffelhändlerin Barbara Seidenmüller, und Heinrich trank seinen Abendschoppen (\13\)A am liebsten bei der ehr- und tugendsamen Wittfrau, Kartoffelhändlerin und Gasthofsbesitzerin Barbara Seidenmüller. Dabei hatte Jeder von ihnen, wie man zu sagen pflegt, seine (\13\)B kleine Neunundneunzig. Thomas Schubert, der Kavallerist, hatte es in seinem ganzen Leben niemals fertig gebracht, ein B auszusprechen, so daß sein eigener Name in seinem Munde nicht anders (\13\)C als Schupert klang. Baldrian, der Grenadier, war höchst schweigsam und betheiligte sich an den gewöhnlichen Gesprächen meist nur mit den Worten: "Ja, das ist an Dem," oder "das ist nicht an Dem," verwechselte dabei aber regelmäßig den Casus und brachte (\13\)D daher stets ein "am Den" zum Vorscheine. Heinrich, der Artillerist, war der Quälgeist der beiden anderen; er hatte stets einen Widerspruch oder eine Ironie bei der Hand und besaß dabei die Eigenthümlichkeit, Alles in hundertfacher Größe darzustellen oder, wie (\14\)A man es gewöhnlich nennt, ganz gewaltig aufzuschneiden, ohne daß man dabei das Recht gehabt hätte, an seiner Biederkeit zu zweifeln.

Thomas schien die Unterbrechung seiner Rede nicht belobigen zu wollen; er stieß heftig einen Mund voll Rauch in die Luft und meinte:

"Haltet den Schnapel, Ihr Kerls! Was geht Euch mein Doppelwachholder an oder gar meine Lieplingscigarre? Ampalema ist nun einmal das beste Deckplatt, was es giept, das ist nicht apzustreiten. Hapamos, Capalleros, Londres, Patavia, Puros, Alles, Alles ist nichts gegen die ächte Ampalema. Der Herr Meister raucht nur solche, und da ist es unsere Schuldigkeit, ganz dasselpe auch zu thun. Üprigens hapt Ihr mich nicht irre zu machen, wenn ich vom jungen Herrn erzähle. Heut Apend soll ich ein Stück den Fluß hinaprudern, und Ihr könnt es gar nicht glaupen, wie gern ich das thue. Da liegt er still im Kahne, hat die Augen zu und sagt kein Wort; aper ich weiß, daß er gerade da am meisten sinnt und studirt. Und wenn wir dann zurückkommen und er gipt mir die Hand und sagt: "Heut war's wieder schön; Hap Dank, mein lieper Thomas!" so könnte ich ihn umarmen, wenn er dazu nicht gar zu gelehrt und vornehm wäre. Er hat so etwas an sich, was ich nicht pei dem rechten Namen nennen kann, was einem das Herz raupt und doch gewaltig in Respekt versetzt. Ich hape einmal ein Theaterstück gesehen, das hieß "der verwischte Prinz," und -" "Der verwunschene Prinz," wagte hier Fritz, der eine Lehrjunge, zu verbessern. (\15\)A "Still, Grünschnapel! Wenn der Opergesell spricht, so hapen die Gesellen zu schweigen und die Lehrpupen also erst recht! Op ein Prinz verwischt ist oder verwunschen, das pleipt sich ganz egal! Also in dem Stücke kommt ein Prinz vor, der ein Schuster ist, und wenn ich den jungen Herrn sehe, so -"

"So kommt es Dir allemal vor, als ob er der Schuster sei und Du der Prinz," unterbrach ihn Heinrich.

"Du sollst mich nicht in meiner schönsten Rede unterprechen; ich weiß sonst zuletzt gar nicht mehr, wo ich wieder anzufangen hape!" (\15\)B "Ja, das ist am Den!" meinte Baldrian. "Also, dieser Prinz, der ein Schuster war -"

"Thomas!" rief in diesem Augenblicke Max durch das geöffnete Fenster herab.

Der alte Unteroffizier erhob sich in kerzengerade Stellung.

"Zu Pefehl, Herr Doktor!"

"Bist Du fertig?"

"Allemal!"

Er strich das Haar glatt, schob die Mütze zurecht und knüpfte den Rock zu. Dann reichte er dem Lehrjungen die Pfeife hin.

"Da Fritz; trage sie hinauf in meine Kammer, weißt's schon, an welchen Nagel! Im Herrendienst ist das Tapakrauchen ordonnanzwidrig."

Nach einigen Minuten kam der Doktor herab.

"Wir gehen durch den Garten, Thomas; wir kommen da näher."

(\16\)A In sechs Schritten Entfernung folgte ihm der Geselle. Als sie geräuschlos über den weichen Rasenplatz schritten, gewahrte der Letztere in einer Ecke des Gartens die beiden Lehrlinge, welche sich niedergelassen hatten und behaglich einer um den anderen an seiner Pfeife sogen. Ein durch den Rauch hervorgebrachtes Husten hatte sie verrathen. "Herr Doktor!" "Was?"

"Erlaupen Sie mir eine Seitenschwenkung! Dort sitzen die peiden Hallunken und peißen mir die Pfeifenspitze entzwei."

Er schlich sich näher und hatte bald die beiden Missethäter bei den Haaren.

"Was macht Ihr da mit meiner Pfeife, Ihr Schlingels! Ist das hier etwa meine Kammer, he? Da und da, hapt Ihr eine Ohrfeige als Apschlagsgeld; die Hauptsumme kommt nach, wenn ich wieder zu Hause pin. Jetzt hape ich keine Zeit, denn zu so etwas gehört die richtige Muse und Gemüthlichkeit!"

Er steckte die Pfeife zu sich und eilte dem Doktor nach.

Dieser hatte bereits den Fluß erreicht, welcher in der Nähe des Gartens vorüberfloß. Am Ufer hing eine Gondel, welche dem Schmied gehörte. Sie stiegen ein und stießen ab. Die Fahrt ging stromabwärts. Thomas brauchte nicht zu rudern, und Max saß am Steuer, um den Kahn treiben zu lassen. Das Dunkel des Abends senkte sich nieder, und am Firmamente traten Tausende von Sternen hervor, welche die sich zur Ruhe rüstende Erde mit magischem Lichte bestrahlten. Sie fuhren am Palaste des Herzogs von Raumburg vorüber und erreichten dann das Palais, welches zur Aufnahme hoher Gäste erbaut war. Gegenwärtig bewohnte es der Erbprinz von Süderland, dem benachbarten Königreiche, mit Gemahlin und Schwester, welche die Residenz mit einem Besuche beehrten, dem man eine geheime, diplomatische Mission unterschob. Das prachtvolle Gebäude lag etwas vom Ufer zurück in einem Garten, welcher an den Fluß stieß und sich längs desselben zu einem wohlgepflegten Parke verbreiterte. Ein kleiner Landeplatz lag dem Gartenthor gegenüber; Max legte eine Strecke oberhalb desselben an.

"Bleib hier halten, Thomas, bis ich wiederkomme!" "Der Zutritt ist hier verpoten, Herr Doktor!" "Ich weiß es."

Trotz dieser Antwort aber stieg er aus und stand nach einem raschen Sprunge über das eiserne Staket hinweg im Garten. Es trieb ihn keine bestimmte Absicht an diesen Ort, und wäre er gefragt worden, so hätte er über sein Thun nicht die mindeste Rechenschaft zu geben vermocht. Das Menschenherz ist der unbegreiflichste Motor unserer Handlungen und verträgt keine Kontrole, als nur die eigene.

Er näherte sich dem Hause, von welchem nur wenige Fenster erleuchtet waren. Er beobachtete eines nach dem andern, doch kein Schatten wollte ihm die Anwesenheit Derjenigen zeigen, deren Bild ihn magnetisch herbeigezogen hatte. Da ließen sich Schritte im Kiese des Ganges vernehmen; er trat hinter ein Bosket. Zwei Damen nahten, in eifriges Gespräch vertieft. Sie waren Beide hell gekleidet, und ihre Gestalten hoben sich von dem dunklen Grunde des Gartens ab.

"So laß uns gegen diese Politik konspiriren, meine gute Asta," meinte die eine. "Du sollst ihr nicht zum Opfer fallen, denn dieser Prinz, er ist auch mir unsympathisch."

Mehr konnte er nicht vernehmen; aber er wußte nun, ohne darnach getrachtet zu haben, welcher Grund die königlichen Gäste herbeigeführt hatte. So lange er die Damen mit den Augen verfolgen konnte, blieb er stehen; dann kehrte er auf demselben Wege, den er gekommen war, zum Kahne zurück.

"Weiter hinunter?" frug Thomas.

"Ja."

Wieder begann die Wasserfahrt. Max saß still und träumte. Er sah wohl kaum irgend eine Parthie der beiden Ufer, welche im lichten Sternenscheine hüben und drüben lagen; er sah nur die lichte Gestalt, die an der Seite der fremden Kronprinzessin an ihm vorübergegangen war. Was hatte er mit ihr? Sie war die Tochter eines Königs und er der Sohn eines einfachen Schmiedes. Aber eine solche Reflexion gab es nicht in ihm. Er war ihr gefolgt wie dem Sterne, von welchem das Auge nicht lassen kann, obgleich er Billionen von Meilen hoch über der Erde steht.

So waren sie eine ziemliche Strecke abwärts gelangt, ehe er wieder umkehren ließ und mit zu dem Ruder griff; diese Arbeit that ihm wohl, es war, als wolle er das, was in ihm vorging, durch äußere Anstrengung zur Klärung bringen, und so flog der Kahn, von vier kräftigen Händen getrieben, mit genügender Schnelligkeit wieder stromaufwärts. Sie hatten eben den Palast des Herzogs von Raumburg passirt, (\16\)B als ihnen ein kleineres Fahrzeug begegnete. Max hätte wohl nicht sehr auf dasselbe geachtet, wenn nicht Thomas ihn darauf aufmerksam gemacht hätte.

"Dort kommt ein Engländer, Herr Doktor. Das ist einer vom Ruderklupp in seiner Nußschale. Wo mag der noch hinwollen?"

Es war einer jener kleinen Wellenstecher, welche mit Paddelruder fortbewegt werden und, wenn der Mann darin sitzt, kaum zwei Zoll Bordhöhe haben. Er kam vom andern Ufer herüber und konnte die beiden Männer, welche im Schatten der dichtbelaubten Bäume ruderten, nicht leicht bemerken.

"Ein eigenthümlicher Kerl," meinte Thomas, als ein zufälliger Lichtstrahl von drüben herüber auf das kleine Fahrzeug fiel. "Der sieht ja fast wie ein Türke aus: ein gelper Kaftan und ein plauer Turpan!"

Jetzt blickte Max genau hin. Seine Vermuthung bestätigte sich, es war die Zigeunerin, welche sich ein Boot vom Ruderklubb losgekettet hatte und jedenfalls auf einer geheimnißvollen Parthie begriffen war. "Laß sie vorüber!"

"Zu Pefehl, Herr Doktor!" meinte Thomas, ein wenig befremdet über das "sie". "So. Wir müssen unbemerkt folgen. Umgelenkt!"

Der verfolgte Kahn fuhr an dem Palaste vorüber und landete eine Strecke unterhalb desselben im Ufergesträuch, welches an den Garten stieß. Max befand sich mit seiner Gondel noch oberhalb des Gebäudes. Er legte das Steuer nach links herüber und landete auch.

"Thomas, willst Du ein Abenteuer mitmachen?"

"Ein Apenteuer? Ich pin allemal dapei!"

"Die dort im Kahne saß, ist kein Mann, sondern eine Frau."

"Eine Frau? Potz Tausend; was hat die hier zu suchen? Es muß doch pereits elf Uhr vorüper sein!"

"Es ist eine Zigeunerin. Sie will jedenfalls in das herzogliche Palais, und zwar heimlich, daher landet sie weiter unten."

"Dann muß sie durch den Garten."

"Allerdings. Wir müssen ihr zuvorkommen."

"Zu Pefehl, Herr Doktor! Ich pinde den Kahn hier an den Paum. So; da hängt er fest." "Dann vorwärts; schnell!"

Sie eilten nach der hintern Front des Palastes und an derselben hinab bis zum Garten, der mit einer durchbrochenen Mauer umgeben war, die dem Übersteigen kein großes Hinderniß bot. Sie gelangten ohne Anstrengung hinüber. An dieser Seite des Gebäudes befand sich am erhöhten Parterre eine Veranda, welche sich zu einer in den Garten herabführenden Treppe öffnete. Hierher mußte die Zigeunerin kommen, wenn sie wirklich die Absicht hatte, welche Max vermuthete. Er steckte sich mit Thomas hinter ein dichtes Ziergesträuch und wartete. Nach einiger Zeit kam eine Gestalt vorsichtig längs der im Dunkel liegenden Rasenrabatte herbeigeschlichen, blieb eine Minute lang lauschend stehen und huschte dann zur Treppe. Sie stieg aber dieselbe nicht hinauf, sondern bückte sich an der Seite derselben nieder und verschwand. Die Treppe schien die vordere Decke eines Kellers oder Gewölbes zu bilden, zu dessen Erleuchtung an den beiden Stützwänden je ein rundes Fenster angebracht war. Nach einigen Augenblicken leuchtete im Innern ein Lichtschein auf. "Ich folge ihr. Bleibe zurück und halte Wache!"

"Sie hat den Rahmen aufgewirpelt und ist hinuntergestiegen. Ich hape Ihnen nichts zu befehlen, Herr Doktor, aper es ist vielleicht pesser, wenn Sie dapleipen. So eine Zigeunerin ist voll Teufelsspuk und Zauperei, was für keinen Menschen gut und heilsam ist. Vielleicht will sie gar einprechen und nachher - - ja da hapen wirs; da ist er schon hinein und hinunter, und wenn das die Hexe merkt, so kann es eine saupere Geschichte gepen!"

Wirklich war das Fenster aus der Öffnung entfernt, die so groß war, daß ein Mensch bequem einzusteigen vermochte. Max hatte den Boden, welcher in kaum halber Manneshöhe unter ihr lag, leicht erreicht. In einiger Entfernung vor ihm schimmerte das Licht. Er entledigte sich so schnell wie möglich seiner Stiefel und folgte. Zarba bewegte sich so langsam vorwärts, daß es keiner Anstrengung bedurfte, ihr so nahe zu kommen, daß er sich hart außerhalb des Scheines befand, welchen das von ihr getragene Licht verbreitete. Er konnte beinahe ihren Athem hören, während sie nicht die geringste Ahnung hatte, daß sie auf diesem geheimnißvollen Gange belauscht wurde.

Die Wölbung, in welcher sie sich befanden, war doch kein Keller, sondern sie bildete einen schmalen, niedrigen Gang, welcher in gerader Richtung bis auf die Mitte des Gebäudes führte und dort auf eine aufwärtsgehende Treppe mündete. Zarba stieg empor; (\17\)A sie mußte diesen Weg schon öfters zurückgelegt haben. Ohne auf das Parterre oder den ersten Stock zu münden, führte die Stufenreihe bis zur zweiten Etage in die Höhe, wo die Zigeunerin lauschend vor einer schmalen Thür stehen blieb, an welcher sich ein einfacher Drücker befand. Nach einigen Minuten ergriff sie denselben, um ihn in Bewegung zu setzen. Die Thür öffnete sich vollständig geräuschlos nach innen, und ein heller Lichtschein drang heraus, in dessen Beleuchtung die Zingaritta wie im Rahmen eines Bildes zwischen dem Thürgewände stand.

Ohne wieder zu schließen, glitt sie langsam vorwärts. Max trat näher. Vor ihm lag ein ringsum mit hohen Bücherrepositorien besetztes Bibliothekzimmer, aus welchem eine schwere, grünstoffene Portiere in den nächsten Raum führte. Der geheime Eingang war durch eines der Büchergestelle, welches auf irgend eine Weise seine Beweglichkeit erhalten hatte, maskirt. Vom Plafond herab hing ein sechsarmiger Leuchter, dessen Lichter das Zimmer erhellten. In der Mitte des Letzteren stand eine lange Tafel, von oben bis unten mit Büchern und allerlei Skripturen belegt.

Zarba war an die Portiere getreten, deren beide Theile sie vorsichtig auseinanderzog, um einen Blick hindurchzuwerfen. Dann verschwand sie hinter derselben. Max wartete eine Weile; dann glitt auch er hinzu. Ohne den Stoff bemerkbar zu bewegen, machte er sich eine kleine Öffnung und blickte hindurch.

Vor ihm lag ein im höchsten Komfort ausgestattetes und von einer kostbaren Ampel erleuchtetes Arbeitszimmer. Die Zigeunerin hatte gemächlich auf einem Sammetfauteuil Platz genommen und eine kurze Thonpfeife hervorgezogen, welche sie aus einer Düte mit Tabak stopfte und dann in Brand steckte. Sie rauchte mit einem Behagen, als befinde sie sich in ihrem Eigenthume, und es hatte allen Anschein, als ob sie sich nicht sogleich wieder erheben werde.

Was hatte das Alles zu bedeuten? Wie kam die fremde, verachtete Bettlerin dazu, in dieser Weise die geheimen Räume des Herzogs zu kennen und aufzusuchen? Max nahm sich jetzt nicht die Zeit, sich diese und ähnliche Fragen vorzulegen; er mußte vor allen Dingen die Situation ausnützen. Er glitt zurück, um den Eingang zu untersuchen, und bemerkte zu seiner Beruhigung, daß derselbe von innen durch einen hinter den Büchern angebrachten Riegel, welcher mit dem äußeren Drücker in Verbindung stand, geöffnet werden konnte. Jetzt fiel sein Blick auf die Büchertafel. Gerade vor ihm lag neben einigen eng mit Ziffern beschriebenen Papieren ein Blatt, welches die Aufschrift "Schlüssel" führte. Sollte es den Schlüssel für die geheime diplomatische Korrespondenz des Herzogs enthalten? Dieser war als entschiedener Gegner des gegenwärtigen Systems bekannt und stand mit den verschiedenen Höfen in direkter Beziehung. Es waren sogar schon öfters Gerüchte aufgetaucht von einer ebenso verborgenen wie kräftigen Agitation für die Abdankung des jetzigen Herrschers. Der Herzog war Generalissimus der Armee - hundert Gedanken durchzuckten den Doktor; er trat nochmals zur Portiere; die Zigeunerin saß noch in derselben ungenirten Haltung da und schmauchte ihren Stummel - schnell saß er auf einem Stuhle, zog sein Notizbuch und notirte Ziffer um Ziffer, Buchstaben um Buchstaben und Zeichen um Zeichen von dem wichtigen Blatte.

Eben war er damit fertig, als drüben ein halblauter Ausruf ertönte. Schnell trat er zur Portiere und blickte hindurch. Der Herzog war eingetreten und hatte den nächtlichen, geheimnißvollen Besuch bemerkt.

"Donner und Doria; wer ist das?!"

Die Zigeunerin machte nicht die geringste Miene, sich zu erheben. Sie that noch einen kräftigen Zug aus ihrer Pfeife und antwortete dann: "Donner und Doria; er kennt Zarba, sein Weib nicht mehr!"

"Zarba!" rief er, sichtlich erschrocken und den Riegel vor die Thür schiebend. "Du lebst noch! Was willst Du? Hast Du vergessen, daß der Tod darauf ruht, wenn Du mein Haus betrittst?" "Der Körper der Zingaritta ist gealtert, aber ihr Geist ist stark. Sie hat nichts vergessen, doch fürchtet sie Dich nicht. Sie lebt noch und wird nur dann sterben, wen Bhowannie es will. Wo hast Du meinen Sohn?" "Er ist längst gestorben." Jetzt erhob sie sich. "Lügner!"

Er lächelte überlegen.

"Weib, nimm Dich in Acht, daß ich Dich nicht vernichte!"

"Mann, hüte Dich vor Zarba, der Zigeunerin! Als sie die Schönste war unter den Töchtern der Brinjaaren, hast Du sie bethört. Sie verließ ihr Volk, um bei Dir zu wohnen; aber Deine Schwüre waren Meineid, Deine Küsse Gift und Deine Liebe und Treue Betrug. Du raubtest mir den Sohn, Deinen und meinen (\17\)B Sohn und stießest mich hinaus in die Welt. Aber ich fand ihn, den Geraubten; ich sagte ihm, wer sein Vater und Henker sei. Du aber rissest mich wieder von ihm und ließest mich aus dem Lande stäupen. Ich kam dennoch zurück und fand seine Spur. Wo ist unser Kind?" "Gestorben."

"Gestorben? Ja, todt, mehr als todt! Sein Körper lebt, aber seit sechs Jahren mordest Du seinen Geist, dessen Stärke Allem widersteht. Wo ist mein Kind, mein Sohn? Im Irrenhause, von Dir eingekerkert und unter die Wahnsinnigen gesteckt, weil er weiß, daß ein Herzog sein Vater ist. Gieb ihn heraus!" "Du selbst bist wahnsinnig!"

Sie trat von ihm zurück und sah ihm lange in das finstere Angesicht; dann ließ sie sich langsam auf das Knie nieder.

"Du hast das Herz eines Mädchens kennen gelernt, welches sein Volk, seinen Stamm, seinen Glauben, seine Eltern und Schwestern und Alles, Alles hingab, weil Du es wolltest; aber Du kennst nicht das Herz einer Mutter; es ist das Herz einer Löwin, welche den zerreißt, der ihr Junges rauben will. Denke zurück an unser Glück und sieh Zarba, wie sie jetzt vor Dir kniet! Sie fleht zu Dir um" - - -

"Halt!" unterbrach er sie streng, "kein Bühnenspiel! Dein Sohn ist todt für Dich. Du wirst ihn niemals wiedersehen!" Sie erhob sich.

"Noch einmal bittet Zarba: Gieb ihn mir zurück!" "Niemals!"

"So wird die Zingaritta Dich zu zwingen wissen! Sie wird vor allen Thüren erzählen und auf allen Gassen ausrufen, daß Du der Vater ihres Kindes bist!" "Pah! Das wird zu verhindern sein."

"Meinst Du?" Ihre Züge nahmen jetzt einen Ausdruck des Hasses und der Entschlossenheit an, der doch den Hohn, welcher um seine Lippen spielte, verschwinden machte. "Meinst Du, Zarba fürchte sich vor Dir und Deiner Macht, Herzog von Raumburg? Du bist in ihre Hand gegeben wie der Fuchs in die Tatze der Löwin, und ein einziges Wort von ihr bringt Dich in Tod und Verderben!"

"Ah? Sprich dieses Wort!" gebot er, ungläubig und verächtlich lächelnd. Sie trat ihm näher und raunte ihm zu: "Es heißt: Prinzenraub!" Er fuhr zurück.

"Landstreicherin, Du bist wahrhaftig wahnsinnig!" "So höre weiter!"

Sie näherte sich ihm von Neuem und zischte ihm Worte entgegen, welche Max nicht verstehen konnte, weil sie leise gesprochen waren. Der Herzog war mit einem Male leichenblaß geworden; er vermochte nicht zu antworten.

"Nun? Du trachtest nach Thron und Krone; die Hand der Landstreicherin kann Dir Beides geben und Beides nehmen. Soll sie ihren Sohn wiederhaben?"

Er trat an das Fenster und starrte lange hinaus. Endlich drehte er sich zu ihr um.

"Hast Du bisher geschwiegen?"

"Ja."

"Schwöre es mir!"

"Ich schwöre es bei Bhowannie."

"So sollst Du Deinen Sohn sehen!"

"Nur sehen?"

"Und mitnehmen dürfen."

"Wann?"

"Wann Du willst."

"Morgen! Ich kenne das Haus, in welchem er wohnt." "Gut. Ich werde Dir einen Befehl für den Direktor schreiben."

Er setzte sich und füllte ein herbeigezogenes und bereits mit Unterschrift und Siegel versehenes Blanket aus.

"Hier. Auf Vorzeigen dieser Schrift erhältst Du Einlaß in die Anstalt." Ihr Auge ruht scharf auf ihm. "Du wirst mich nicht betrügen?" "Nein."

"So lebe wohl! Ich komme niemals wieder!"

Die Antwort des Herzogs konnte Max nicht vernehmen; er mußte sich zurückziehen. Doch wohin? In den Gang durfte er sich noch nicht wagen, da ihn die dort bewandertere Zigeunerin sicher eingeholt hätte; es blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich unter der Tafel zu verbergen, deren weit herabhängende Decke ihm sicheren Schutz gewährte. (\18\)A Kaum hatte er da Platz genommen, so traten die Beiden in das Bibliothekzimmer. "Lebe wohl für immer," sprach der Herzog, "und bedenke, daß meine Macht so weit reicht, als Euch Eure Füße tragen!"

Sie entfernte sich durch die geheime Thür, während er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte. Lange hörte Max ihn in demselben auf- und abgehen; dann erklang das leise Kritzeln einer Feder. Schon überlegte der Doktor, ob er sich auf alle Gefahr hin entfernen oder ruhig versteckt halten solle, bis der Herzog schlafen gegangen sei, als dieser sich erhob und heraus in die Bibliothek trat. Er schritt zur verborgenen Thür, öffnete dieselbe und stieg die Treppe hinab.

Jedenfalls wollte er sich überzeugen, ob die Zigeunerin das Fenster unten wieder verschlossen habe. Max vermuthete, was der Herzog soeben geschrieben habe; er hatte jetzt Gelegenheit, sich zu überzeugen, ob seine Ahnung richtig sei. Er eilte in das Arbeitszimmer, trat an den Schreibtisch und warf einen Blick auf das dort liegende und bereits vollendete Schriftstück. Es enthielt den Befehl an den Direktor der Landesirrenanstalt, die Zigeunerin Zarba als unheilbar wahnsinnig zu installiren, sobald sie erscheine, sich auf keinerlei Verhör mit ihr einzulassen und bei etwaiger Widersetzlichkeit die schärfsten Zwangsmaßregeln in Anwendung zu bringen. Eine eingehendere Instruktion sollte umgehend folgen. "Schurke!" konnte sich der Doktor nicht enthalten auszurufen; dann kehrte er in sein Versteck zurück.

Er erreichte es gerade noch rechtzeitig, denn schon im nächsten Augenblicke trat der Herzog wieder ein und begab sich in das Nebenzimmer. Bald darauf wurde der Geruch von Siegellack bemerkbar, dann rückte ein Sessel, und die Außenthür zum Arbeitskabinet erklang. Der hohe, fürstliche "Schurke" hatte dasselbe jedenfalls verlassen, um den Befehl einem Kourier zu übergeben, da es nothwendig war, der Zigeunerin zuvorzukommen.

Jetzt durfte Max seinen unbequemen Platz verlassen. Er öffnete das Bücherfach, verschloß es hinter sich und tastete sich die Treppe hinab. Er hatte ein eigenthümliches und gefährliches Abenteuer bestanden und stand, unten im Gang angelangt, unwillkürlich tief aufathmend still. "Zarba, Du sollst gerettet werden," gelobte er sich; "Du und Dein unglücklicher Sohn. Gott hat mich hinter Dir hergeführt; er ist der Schutz der Gerechten!"

Er fand das Fenster geschlossen; die Wirbel befanden sich an der Außenseite desselben, doch war eine Scheibe zerbrochen, so daß er hindurchlangen und öffnen konnte. Als er hinausgestiegen war und den Verschluß wieder bewerkstelligt hatte, trat Thomas auf ihn zu. "Gott sei Dank, Herr Doktor, daß Sie mit heiler Haut wieder pei mir sind! Die Hexe ist schon längst wieder heraus. Was hat es denn da drin gegepen?"

"Das sollst Du später erfahren. Bis dahin aber erzählst Du keinem Menschen, was heut geschehen ist!"

"Keinem Einzigen; ich gepe gleich einen Eid darauf! Nicht einmal der guten Parpara Seidenmüller, die doch sonst Alles wissen muß!" 

Drittes Kapitel. Die Brüder Jesu.

Es war an demselben Abende. Der nach der Hauptstadt gehende Schnellzug mußte bald kommen, und die Reisenden im Wartezimmer erster und zweiter Klasse machten sich allmählich zum Aufbruche fertig.

An einem der entfernt stehenden Tische saßen zwei Männer, deren Äußeres nicht kontrastirender gedacht werden konnte. Der Eine, welcher die Uniform eines Obersten der Infanterie trug, war mit beinahe herkulischen Gliedmaßen begabt und überragte den andern, welcher außerordentlich klein und schwächlich gebaut war, beinahe um das Doppelte. Seine Gesichtszüge waren, wenn nicht roh, so doch außerordentlich eckig und kantig geschnitten und zeigten jene intensive Röthe, welche die Folge einer wohlbesetzten Tafel und eines ebenso gut gefüllten Kellers zu sein pflegt. Wenn es zugegeben werden muß, daß es Physiognomien gibt, welche zu einem zoologischen Vergleiche auffordern, so mußte man zugestehen, daß dieses Gesicht an denjenigen Wiederkäuer erinnerte, welcher in den Savannen der westlichen Hemisphäre wild gejagt und in Spanien zu aufregenden Kämpfen benutzt wird. Gewalt und Eigenwille waren deutlich in demselben ausgeprägt, und stier, wie die Augen blickten, mußte auch der Charakter sein, der wohl durch keine klärende und läuternde Schule gegangen war. Der Offizier machte (\18\)B ganz den Eindruck eines Mannes, der sich durch rohe Tapferkeit und Hintansetzung aller Gefahr vom niedrigsten Grade, wo eine bessere Bildung nicht verlangt wird, zu einer Charge emporgeschwungen hat, welcher er in intellektueller Beziehung sich nur mit Mühe gewachsen zeigen kann. Der Andere, dessen Bewegungen außerordentlich leicht und lebhaft waren, trug eine feine, durchweg schwarze Kleidung. Das bleiche, bartlose Gesicht hatte etwas freundlich Lauerndes und das Auge einen sicheren, durchdringenden Blick, dem wohl schwer etwas entgehen konnte, was es sich zu erfassen bemühte.

"Also ein self-man sind Sie, Herr Oberst," meinte der Kleine, "der Alles, was er ist und hat, sich selbst verdankt. Dann ist Ihr Weg voller Dornen gewesen und wird es später wohl noch mehr sein. Gerade in Ihrer Branche ist die Konnexion der Hauptfaktor des Vorwärtsschreitens."

"Der Teufel soll mich holen, wenn dies nicht wahr ist! Konnexion, Protektion und noch so manche andere "ion" bringt manchen Laffen in die Höhe, der nichts vorzustellen vermag, als einen betreßten und bebrouillonten Taugenichts. Nur gut, daß es auch gewisse "ions" gibt, bei denen diese Schlingels spurlos verschwinden, weil da nur der gebraucht werden kann, der einen ganzen Mann abgibt!" "Und diese "ions," welche sind es?"

Der Offizier blickte sich vorsichtig um und flüsterte:

"Dieselben, welche auch Sie meinen: Rebellion, Revolution. Lassen Sie es nur so bald wie möglich losgehen; ich bin mit Leib und Seele dabei und werde die mir angewiesene Stelle zur vollsten Zufriedenheit ausfüllen."

"So schnell, wie Sie wünschen, geht es allerdings nicht. Ein so großes und gefährliches Werk bedarf der sorgsamsten und umfassendsten Vorbereitungen."

"Pah! Ich bin vorbereitet und meine Jungens machen alle mit. Der Teufel soll mich holen, wenn ein einziger zurückbleibt!" "Sind Sie dessen sicher?"

"Sicher? Welche Frage! Ich bin Oberst, und mein Regiment hat mir zu gehorchen."

"Gewiß, in den gegenwärtigen regulären Verhältnissen. Ob es Ihnen aber auch dann gehorcht,

wenn diese Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, das ist eine Frage, welche nicht so leicht beantwortet werden kann."

"Dann bin ich erst recht meiner Sache sicher."

"Auch Ihres Offizierskorps?"

"Vollständig. Es besteht aus lauter Männern, die, dem Bürgerstande entsprossen, in der Hefe stecken bleiben müssen, weil Ihnen die Vetter im Kriegsministerium fehlen. Gebt mir und Ihnen eine Gelegenheit zum Avancement, und der Teufel soll mich holen, wenn wir nicht unsere Schuldigkeit thun! Gibt es ja Einen oder den Andern, dessen man nicht vollständig sicher ist, so bekommt er Urlaub, die beste Methode, quere Köpfe einstweilen auf die Seite zu bringen. Ich bin hier Oberstkommandirender, habe ein Regiment Infanterie, eine Kompanie Schützen und zwei Feldbatterien zu befehligen und werde mit ihnen zur rechten Zeit am Platze sein so gewiß, als ich hier sitze und auf das Gelingen des Unternehmens mit Ihnen anstoße."

(\19\)A Sie ließen die Gläser zusammenklingen; dann meinte der Kleine: "Und die Bevölkerung Ihres Kreises?"

"Ist mit der jetzigen Regierung höchst unzufrieden. Wir befinden uns hier im bevölkertsten Fabrikdistrikte des Landes; Handel und Gewerbe stocken nicht blos, sondern liegen ganz und vollständig darnieder; der Arbeiter hungert mit seiner Familie; die Sozialdemokratie erhebt ihr Haupt und heult um Rache und Hülfe überall, am kleinsten Orte tagen Meetings und Versammlungen, in denen der Kreuzzug gegen die Aristokratie, gegen die besitzenden Klassen gepredigt wird. Was wollen Sie? Ich höre schon den muthigen Schritt der Arbeiterbataillone, welcher alles Widerstrebende zertreten und zermalmen wird. Die Schaaren der Turner, die Vereine der Bürgergarden, sie bedürfen nur der brauchbaren Waffe, um nach der Residenz geführt zu werden. Das (\19\)B hiesige Zeughaus birgt viele tausend Gewehre: ich lasse sie vertheilen und stelle mich an die Spitze der Bewegung; der Teufel soll mich holen, wenn dieses Beispiel nicht sofort im ganzen Lande Nacheiferung findet!" "Dazu bedarf es einer tüchtigen Vorbereitung des Landes, mit welcher wir leider noch nicht genugsam vorgeschritten sind. Wir dürfen unser Exempel nicht mit Hoffnungen machen, die uns betrügen können, sondern müssen mit Thatsachen arbeiten, deren wir sicher sind. Über Ihren Kreis, Herr Oberst, bin ich vollständig beruhigt; ich glaube Ihren Versicherungen und werde dem geheimen Komit, einen befriedigenden Bericht abstatten. Mit dem Augenblicke des Losschlagens dürfen Sie die Generalsepauletten anlegen, und Ihre weiteren Chancen haben Sie dann in der eigenen Hand. Sie sind einer von den wenigen Stabsoffizieren, denen wir unbedingtes Vertrauen schenken, und ich bin (\20\)A überzeugt, daß Sie dieses Vertrauen vollständig rechtfertigen werden. - Doch - da kommt der Zug. Ich bitte, mich nicht nach dem Perron zu begleiten; man muß vorsichtig sein. Weitere Ordres werden Ihnen auf dem bisherigen Wege zugehen."

Er erhob sich, reichte ihm die Hand und verließ das Wartezimmer. Draußen war der Train bereits vorgefahren. Er verlangte nach erster Klasse und erhielt ein Coup, angewiesen, in welchem bereits ein Herr saß, welcher allem Anscheine nach dasselbe schon längere Zeit innegehabt hatte.

Es begann zu dämmern, doch konnte man sich gegenseitig noch ganz genau erkennen. Der Fremde trug durchweg einen graukarrirten Anzug; seinen Kopf bedeckte ein breitrandiger Panamahut, und auf der Spitze seiner Adlernase balancirte in verwogener Stellung ein blauglasiges Pincenez, welches mit dem feinen Teint des Angesichtes scharf kontrastirte. Die feinen Bockstiefeletten und die fleischfarbenen Gummihandschuhe zeigten ebenso wie der wohlgepflegte Backenbart und die schwergoldene Uhrkette, daß er gewohnt sei, auf seine äußere Erscheinung die möglichste Sorgsamkeit zu verwenden. Man mußte auf den ersten Blick den Engländer in ihm erkennen. "Guten Abend!" grüßte der Schwarze.

"Good evening!" antwortete der Graue und drehte den Kopf langsam dem Eingestiegenen zu. Kaum hatte er ihn erblickt, so ergriff er den blauen Zwicker und ließ ihn von der Nasenspitze nach der gehörigen Stelle zurückretiriren. Der Blick, welchen er jetzt scharf durch die blauen Gläser warf, war erstaunt, verächtlich und feindselig zugleich. Hatte er in dem kleinen Manne eine ihm verhaßte Persönlichkeit erkannt?

"Sie reisen auch nach der Residenz, Sir?" frug dieser, als er es sich bequem gemacht hatte. Der Gefragte zog statt der Antwort ein goldenes Etui hervor, entnahm demselben eine Cigarette und steckte sie in Brand.

"Ich freue mich, bis dahin Gesellschaft zu finden. Eine Reise ohne Unterhaltung gehört zu den größten Unannehmlichkeiten, welche ich kenne."

Der Graue ließ das Fenster nieder, wandte sich gleichmüthig von seinem Gegenüber ab und blickte hinaus auf die in optischer Täuschung vorüberfliegende Landschaft." Hier meine Karte, Sir! Darf ich wissen, mit wem mich der glückliche Zufall zusammenführt?" Auf der kleinen Karte war in feinen Zügen "Aloys Penentrier, Rentier" zu lesen. Der Engländer hielt es nicht der Mühe werth, einen Blick darauf zu werfen, sondern behielt beharrlich seine Stellung bei.

"Sie scheinen mehr nachdenklich als unterhaltend gestimmt zu sein, Sir. Oder soll ich vielleicht in der Nichtbeachtung meiner Karte eine absichtliche Beleidigung erkennen?" Der Graue steckte jetzt den Kopf ganz zum Fenster hinaus; das bleiche Gesicht des Kleinen röthete sich. Er legte die Hand auf den Arm des Engländers und frug: "Wollen Sie die Güte haben, zu hören, was ich sage?"

Der Engländer zog unter dieser Berührung den Kopf zurück. Die Lorgnette war ihm unter dieser raschen Bewegung wieder vor auf die Nasenspitze gerutscht.

"Very well, uoll' Sie flieg' aus das Uagen hinaus in das Luft? Uas uag' Sie, anzugreif meinen Person!"

"Ich frage nur, ob Sie die Absicht haben, mich zu beleidigen?"

"Stand off, bleib' Sie mir von das Leib! Uas frag ich nach Ihr' Kart', Ihr Personage und Ihr Beleidigung! Halt' Sie das Mund; ich uill hab' Ruhe!"

Diese Worte waren in einem Tone gesprochen, welcher dem Kleinen ganz wider Willen imponirte. Er zog sich in seine Ecke zurück, murmelte etwas von "Unverschämtheit" und "Spleen", warf noch einen giftigen Blick auf den Grauen und schloß dann die Augen. Die Reise wurde schweigend fortgesetzt. An jeder bedeutenderen Station blickte der Schwarze aus dem Wagen und nahm dann jedesmal von einer Person, welche den Zug erwartet haben mußte, ein Couvert in Empfang, welches er öffnete, um den Inhalt zu überfliegen. Dieser Umstand fiel dem Engländer auf, doch ließ er sich nicht das Mindeste davon merken. Nach der jedesmaligen Lektüre, die durch das im Coup, brennende Licht ermöglicht wurde, legte der Kleine das Schriftstück neben sich auf den Sitz. So lagen acht bis neun dieser Skripturen neben ihm, als man die letzte Station an der Residenz erreichte. Auch hier bog er sich durch das Fenster, um ein Couvert in Empfang zu nehmen und mit dem Überbringer desselben einige Worte zu wechseln. Der Engländer benutzte diesen Augenblick; mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er eins der Papiere ergriffen und in seiner Tasche verborgen.

(\20\)B Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und hielt nach kaum einer Viertelstunde auf dem Bahnhofe der Hauptstadt. Der Schwarze nahm die Schriftstücke zusammen und steckte sie, ohne das Fehlen des einen zu bemerken, zu sich. Ohne Wort und Gruß verließ er den Wagen.

Der Graue stieg schnell hinter ihm aus. Ein Diener, welcher zweiter Klasse gefahren war, wartete bereits auf ihn, und neben demselben stand Doktor Brandauer, welcher, von seiner Kahnfahrt zurückgekehrt, sich nach dem Bahnhofe begeben hatte, um den Sohn des Lord Halingbrook zu empfangen.

"Emery!"

"Max!"

Sie begrüßten einander durch eine herzliche Umarmung, welche sich aber Emery schnell zu lösen beeilte.

"Have care! Siehst Du dort den kleinen schwarz gekleideten Menschen mit dem Gepäckschein in der Hand?"

Er konnte jetzt sehr gut deutsch sprechen. Hatte er sich vorhin nur verstellt? "Du meinst den, welcher mit dem Kofferträger verhandelt?" "Yes, denselben." "Was ist mit ihm?"

"Komm! Wir müssen ihm folgen; wir müssen sehen, wo er wohnt!" "Warum?"

"Später! Unterwegs sollst Du es erfahren." "Der Wagen wartet draußen auf Dich." "Können ihn nicht gebrauchen. Go on, vorwärts!"

Er warf dem Diener einen kurzen Befehl hin, nahm den Freund unter den Arm und folgte mit ihm dem Schwarzen, welcher nach dem Ausgange schritt und dort einen Fiaker nahm. In der Nähe hielt eine Equipage mit dem Peerswappen der Familie Halingbrook. Sie schritten an ihm vorüber und nahmen eine Droschke.

"Dem Fiaker dort nach, aber ohne daß es bemerkt wird!" befahl Emery beim Einsteigen. Dann nahmen sie Platz.

Der Weg ging durch mehrere Straßen und über einige Plätze der Stadt. Während der Fahrt konnte Emery seine Mittheilung machen. Max sagte sich, daß der kleine Mann eine sehr beachtenswerte Persönlichkeit sein müsse, da der junge Lord nach einer langen und beschwerlichen Reise nicht zur Wohnung fuhr, sondern diesen Unbekannten sofort vom Bahnhofe weg verfolgte. "Du kennst ihn?" frug er.

"Yes, und zwar sehr. Er ist ein Jesuit, eines der hervorragendsten Mitglieder dieser Brüderschaft."

"Ah!"

"Er hat in Freiburg, wo ich ihm begegnete und von ihm sprechen hörte, ohne daß er mich bemerkte, seine Erziehung genossen und gilt als der feinste Schlaukopf der ganzen Kongregation. Später sah ich ihn in Paris, Brüssel, London und Washington, und überall war mit seinem Erscheinen ein Streich verbunden, welchen die heiligen Väter der Regierung spielten. Heut nun fuhr er mit mir in demselben Coup,, und zwar unter Umständen, welche mich schließen lassen, daß er nicht nur hier bereits heimisch ist, sondern an einer Aufgabe arbeitet, welche jedenfalls eine den Interessen des Thrones feindliche ist." "Den Jesuiten ist der Aufenthalt im Lande streng untersagt."

"All right! Nehmen wir diesen Umstand, die Politik des Herzogs von Raumburg, die Gerüchte, welche mit immer größerer Deutlichkeit ihre Stimme erheben und die im Auslande besser gekannt werden als von Euch selbst, und dazu die Anwesenheit dieses Menschen, welcher an jeder Station schriftliche Berichte entgegennimmt, so ergibt sich jedenfalls die Nothwendigkeit, wenigstens seine Wohnung kennen zu lernen."

"Und ihm auch noch etwas näher auf die Finger zu sehen. Ich weiß sehr genau, daß der Herzog die Aufnahme der Jesuiten eifrig befürwortet."

"Behold! Ich schätze sehr, daß er mit diesem Ungeziefer in Verbindung steht. Vater und ich sind in Folge unserer hiesigen Besitzungen Unterthanen Seiner Majestät, und so habe ich die Verpflichtung, das Thun und Treiben solchen Gezüchtes nicht unbeachtet zu lassen. Woher kennst Du diese Befürwortung?" "Der König selbst hat gegen uns davon gesprochen."

"Well. Der Hofschmied erfährt mehr als mancher Rath und Minister. Du hast bessere Chancen als Mancher, dessen Stammbaum bis in die antediluvianische Zeit hinaufreicht, und ich begreife nicht, daß Du — have care, er hält! Wem gehört dieses Boarding-house?" "Wahrhaftig, er hält bei unserer guten Barbara Seidenmüller! (\21\)A Jetzt kannst Du mir ihn getrost überlassen. Ich bin hier bekannt; die Wirthin ist meine Spezialgönnerin und wird mir jedwede Auskunft gern ertheilen. Deine Anwesenheit aber würde auffallen." "Fair! So fahre ich nach Hause. Hier hast Du ein Schreiben, welches ich ihm weggekapert habe. Ich konnte es bisher nicht lesen, und da Du ihm folgst, ist es Dir vielleicht nöthiger als mir."

"Kennst Du seinen wahren Namen? Ich nehme natürlich an, daß er hier einen falschen trägt." "Pater Valerius, deuce take it, der Teufel hole ihn! Er hatte zwar die Güte, mir seine Karte zu präsentiren, doch hatte ich nicht Lust, mich mit derselben zu beschmutzen. Good night!" "Gute Nacht!"

Die Droschke lenkte um, und Max trat in die Gaststube der ehrsamen Wittfrau und Kartoffelhändlerin Barbara Seidenmüller.

Der erste Gast, welcher ihm in die Augen fiel, war Baldrian, der Exgrenadier. Als dieser ihn bemerkte, erhob er sich respektvoll von seinem Stuhle. Der Doktor trat zu ihm.

"Bist Du schon lange hier?"

Der Gefragte nickte bejahend.

"Das ist am den. werde gleich gehen!"

"Willst Du mir einen Gefallen thun?"

Ein zweites Nicken erfolgte.

"Auch das ist am den!"

"Es muß hier ein Fremder logiren, der an seiner kleinen, schwächlichen Gestalt und seiner schwarzen Kleidung leicht zu erkennen ist."

"Sogar dieses ist am den. Ist bereits vier Wochen hier."

"Du kennst ihn?"

Ein energisches Nicken diente als Antwort.

"So stelle Dich einmal gegenüber in das Dunkle, wo Du nicht gesehen wirst. Wenn er das Haus verläßt, benachrichtigst Du mich schleunigst. Du hast doch gute Augen?" "Das ist am den!"

Er trank sein Bier aus und verließ das Lokal.

Jetzt bemerkte die Wirthin den neuen Gast und kam sofort auf ihn zugeschritten. Sie war eine korpulente, noch junge Frau, und ihr geröthetes Gesicht glänzte vor Freude, als sie ihm die Hand entgegenstreckte.

"Willkommen, tausendmal willkommen, Herr Doktor! Ich habe Sie wohl ein Jahr lang nicht zu sehen bekommen. Wo sind wir denn überall herumgelaufen?" "In Italien, Frankreich, England, Holland und so weiter."

"Herrjesses, muß das fürchterlich sein! Da lobe ich mir meinen "blauen Adler"; von ihm komme ich nicht weg, so lange ich lebe. Daheim ist daheim! Ich soll doch ein Fläschchen vom Besten bringen?"

"Ja. ich brauche zunächst einen guten Schluck und sodann Sie selbst." "Mich?"

"Allerdings. Ich muß eine Erkundigung einziehen, womöglich unter vier Augen."

"Unter vier Augen? So kommen Sie heraus in das leere Hinterstübchen, wo wir vollständig ungestört sind, Herr Doktor!"

"Ich muß hier bleiben, da ich jeden Augenblick einen Boten erwarte, der mich dann nicht sehen würde. Bringen Sie mir den Wein hier an den Tisch zunächst der Thür!" Die Wirthin beeilte sich, diesem Gebote Folge zu leisten und befahl dem Kellner, auf die übrigen Gäste Achtung zu haben.

"Sie haben seit vier Wochen einen fremden Herrn im Logis," begann Max, als sie bei ihm Platz genommen hatte, "dessen Namen und Charakter ich gerne wissen möchte, ohne daß er etwas über meine Erkundigung erfährt." "Welchen meinen Sie?"

"Er ist klein und hager, bleich und bartlos und trägt sich schwarz gekleidet. Irre ich mich nicht, so ist er vor wenigen Augenblicken von einer Reise zurückgekehrt." "Ach, Sie meinen den Herrn in Nummer eins bis vier!" "Er hat vier Piecen inne? Dann muß er wohl situirt sein."

"Allerdings; er ist Rentier, zahlt außerordentlich prompt und nobel und hat einen französischen Namen, den ich vielleicht nicht richtig aussprechen kann. Geschrieben wird er Aloys Penentrier." "Verreist er oft?"

"Er ist sehr wenig daheim und oft mehrere Tage nicht hier." "Korrespondirt er viel?"

"Wenn er zu Hause ist, schließt er sich gewöhnlich ein. Was er da thut und ob er schreibt, weiß ich nicht; wenn er es thut, so muß er sich seine Briefe selbst besorgen, aber er erhält deren täglich mehrere."

(\21\)B "Woher? Sie sehen dies wohl am Poststempel." "Aus Paris, Petersburg, London, meist aber aus dem Inlande." "Mit wem verkehrt er?"

"Kann ich nicht sagen. Er empfängt allerdings öfter Besuch von Herren, die ich aber leider nicht kenne."

"Welcher Klasse gehören sie an?"

"Allem Vermuthen nach nicht der unteren. Einige hatten, obgleich sie in Civil gingen, etwas entschieden Militärisches. Andere sahen mir aus wie Geistliche, so fromm und salbungsvoll traten sie auf. Zwei oder drei Male war auch ein Diener des Herzogs von Raumburg hier. Er trug zwar auch Civil, aber ich kannte ihn doch."

"Geht er viel aus?"

"Nur des Abends."

"Wann kehrt er da zurück?"

"Sehr spät! ich bemerke dies, trotzdem ich ihm einen Hausschlüssel zur Verfügung stellen mußte. Auch heut scheint er gehen zu wollen; er hat ein Abendbrod bestellt und um Beschleunigung gebeten." "Ist ihm bereits servirt worden?"

"Ja; kalte Küche. Er ißt sehr schnell und wird wohl nun fertig sein."

Sie hatte recht, denn eben öffnete sich die Thür und die lange Gestalt Baldrians schob sich in möglichster Eile herein.

"Ist er fort?" frug Max.

"Ja, das ist am den."

"Wohin? Rechts in die Straße?"

"Nein, das ist nicht am den, sondern links."

"So trinke Du meinen Wein, Baldrian. Gute Nacht!"

Er legte ein Geldstück auf den Tisch und ging.

"Ein guter Herr, nicht wahr, Baldrian?" frug die Wirthin.

Der vormalige Grenadier konnte blos nicken. Er hatte das Weinglas bereits an den Mund gesetzt und that einen Zug, der es bis auf die Nagelprobe leerte.

"Hast wohl draußen aufpassen müssen?"

Er nickte und schenkte sich ein zweites Glas ein.

"Auf den kleinen Rentier?"

Das Glas wieder am Munde, ließ er sich zu einem abermaligen Nicken herbei; dann goß er sich den bei ihm so seltenen Trank in den Mund. "Was muß er denn mit ihm haben?"

Wieder einschenkend zuckte er die Achsel. Die kleine, propre Wittfrau hatte ihm sein Herz geraubt, aber daß sie ihn jetzt in seinem Genusse störte, wollte ihm nicht im Geringsten gefallen.

"Du weißt es nicht, Baldrian?"

Er schüttelte den Kopf und führte das Glas zum dritten Male zum Munde. "Schmeckt der Wein?"

Er trank, machte die Augen zu und nickte dabei mit einem so verklärten Gesichte, als trinke er den Nektar der griechischen Götter.

"Das glaube ich; es ist meine beste Sorte. Aber da hat er mir zuviel hergelegt. Was thue ich? Gebe ich Dir heraus oder - ja, ich werde mir den Überschuß merken, bis er wiederkommt." Baldrian hatte sich den Rest eingeschenkt und stand schon im Begriffe, das Glas zu erheben; jetzt aber ließ er es wieder sinken. "Donnerwetter, das ist ja gar nicht am den!" "Du meinst, das Geld sei Dein?"

Er nickte trinkend, setzte das Glas auf den Tisch, strich das zurückgegebene Geld ein und stülpte sich die Mütze auf den Kopf. "GuteNacht, Bärbel!" "GuteNacht, Baldrian!"

Mit stolzen Schritten ging er nach Hause. Nicht jeder, der heut dasselbe that, hatte eine Flasche vom Besten aus Frau Barbara Seidenmüllers Weinkeller getrunken. -Als der Doktor aus der Thür des Gasthauses trat, konnte er die Gestalt des sich entfernenden Rentiers gerade noch im Scheine einer Laterne erkennen. In kurzer Zeit hatte er ihn soweit erreicht, daß er ihn fest im Auge behalten konnte.

Der Kleine ging schnellen Schrittes mitten auf der Straße; er aber hielt sich hart an der einen Häuserreihe, in deren Schatten er nicht so leicht bemerkt werden konnte. Sie befanden sich in einem der äußeren Viertel der Residenz und näherten sich immer mehr den äußersten Häusern desselben. Als diese erreicht waren und nun auch der Lampenschimmer aufhörte, zog sich die Landstraße eine Strecke weit längs des Flußes hin, um dann an den sich allmählich erhebenden Bergen langsam emporzusteigen.

Dort oben, in etwa drei Viertelstunden Entfernung von der (\22^A Stadt, hatte früher ein Kloster gestanden, dessen Ruinen noch heut die Kuppe des Berges schmückten. Sie bildeten des Sonntags den gesuchten Zielpunkt zahlreicher Spaziergänger aus der Residenz. (\22\)B Max kannte sie sehr genau. Er war schon als Knabe beinahe täglich in dem alten Gemäuer herumgekrochen und hatte jeden Winkel desselben durchstöbert.

(\22\)C "Er geht nach der Ruine," murmelte er, "und zwar auf dem breiten Wege. Ich bin heut zum Lauschen prädestinirt, wie es scheint, und werde hier an der Seite aufsteigen, um ihm zuvorzukommen!"

(\22\)D Der gewöhnliche Weg führte in zahlreichen Windungen empor; da aber, wo Max jetzt einlenkte, stieg ein schmaler, wenig betretener Pfad in gerader Richtung steil in die Höhe. Die Steilung war so bedeutend, daß man an den ihn besäumenden Büschen Halt (\23\)A suchen mußte. Der Doktor hatte ihn so oft benutzt, daß er trotz der Dunkelheit keinen Fehltritt that und nach wenigen Minuten die Kuppe des Berges erreicht hatte.

(\23\)B Hier schlich er sich der Stelle zu, an welcher der Aufweg in die Ruine mündete. Die angewandte Vorsicht, mit welcher er seine Schritte möglichst (\23\)C unhörbar zu machen suchte, erwies sich als nothwendig. Hinter einem der letzten Büsche stand eine Gestalt, in welcher er mit Recht einen zur Sicherheit ausgestellten Posten vermuthete. Er trat unweit (\23\)D desselben hinter die Sträucher und wartete. Bald ließen sich nahende Schritte vernehmen.

"Woher?" frug der Posten mit halblauter Stimme.

(\24\)A "Aus dem Kampfe," ertönte die ebenso gegebene Antwort.

"Wohin?"

"Zum Siege."

"Wodurch?"

"Durch die Lehre Loyola's." "Der Bruder kann passiren!"

Der kleine Rentier schritt an dem Posten vorüber. Max folgte ihm.

(\25\)A Mitten in dem ehemaligen Klosterhofe gähnte die Öffnung des Brunnens. Eine nach der Stadt führende Wasserleitung, welche die ganze Feuchtigkeit des Berges an sich zog, hatte den Erfolg gehabt, daß er vollständig ausgetrocknet war. Aloys Penentrier stieg auf den Rand desselben und verschwand dann im Innern. Der Doktor wußte genau, daß bis noch vor kurzer Zeit weder eine Leiter noch eine sonstige Vorrichtung hinabgeführt hatte. Er trat hinzu und bemerkte ein an einem Felsblock befestigtes Seil, welches über die Umfassung des Brunnens führte und dann hinunterhing. Zu seinem Erstaunen war es nicht scharf angespannt. Er zog es empor und bemerkte, daß es nur die Länge von einigen Ellen hatte. Es mußte also doch eine Leiter, eine Fahrt oder etwas Ähnliches geben, auf welcher man hinabgelangen konnte. Er ließ das Seil wieder hinuntergleiten und bog sich vor, um einen Blick in die Tiefe zu werfen. Er mußte dies so vorsichtig wie möglich thun, da man sonst seinen Kopf trotz der nächtlichen Dunkelheit von unten hätte bemerken können. Der Brunnen war vor langer Zeit in Folge eines Unglücksfalles bis zur Hälfte seiner Höhe ausgeschüttet worden, besaß aber dessenungeachtet eine Tiefe von immer noch beinahe sechzig Fuß. Ein schneller, blitzartiger Lichtschein flammte unten auf; dann blieb die Tiefe in stetes Dunkel gehüllt, bis er seine Beobachtung aufgeben mußte, da ihm ein Geräusch das Nahen eines Kommenden verrieth. Er zog sich hinter einen nahen Mauervorsprung zurück und beobachtete nach und nach vierzehn Gestalten, welche in den Brunnen stiegen.

Es drängte ihn, zu wissen, was diese geheimnißvollen Männer mit ihrer Zusammenkunft bezweckten; aber es war unmöglich, ihnen zu folgen. Er konnte sie nur von außen beobachten und mußte die Untersuchung des Brunnens bis auf eine Tagesstunde verschieben. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Es dauerte fast zwei Stunden, ehe er den ersten wieder Emporsteigenden bemerkte. Es war der Rentier, welchem hart auf dem Fuße zwei Andere folgten.

"Ihr wißt, weshalb ich mit Euch vorangestiegen bin?" frug der Erstere. "Ja," antwortete der Eine.

(\25\)B "Er ist ein Verräther. Ich erfuhr es heut und erhielt seinen Brief zu Handen gestellt. Ich verzieh ihm unten, um ihn sicher zu machen; aber er darf seiner Strafe nicht entgehen. Die Brüder Jesu dürfen sich nicht an ihrem Herrn versündigen, indem sie ein räudiges Schaf in ihrer Mitte dulden. Er wird ausgeschieden." "Auf welchem Wege?"

"Auf dem gewöhnlichen. Geht an Euren Platz! Man kommt."

Die beiden Männer verschwanden hinter dem Gemäuer. Dem Brunnen entstiegen nach und nach die elf Übrigen. Der Letzte von ihnen löste das Seil vom Felsen und nahm es zu sich.

"Der Herr behüte unseren Ausgang und Eingang!" grüßte der Rentier.

"Jetzt und in Ewigkeit, Amen!" antworteten die Anderen, worauf sie sich entfernten.

Ein Einziger war geblieben. Der Rentier hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt.

"Bruder Ambrosius, ich habe noch mit Dir zu sprechen!"

Der Angeredete hatte schon wie die Übrigen im Begriffe gestanden, zu gehen. Er wandte sich wieder zurück.

"Trotz des Verdachtes, welcher heut gegen Dich ausgesprochen wurde," meinte der Rentier, "besitzest Du mein vollständiges Vertrauen. Ich habe Dich dem Pater Provinzial empfohlen und einen Auftrag für Dich bekommen, welcher Dir beweisen wird, wie sehr ich in schwierigen Fällen auf Deine Befähigung rechne. Bist Du bereit, ihn zu hören?" "Ich werde hören und gehorchen."

"So komm! Ich werde Dich einweihen in das tiefste Geheimniß, welches die Erde trägt, und ich bin überzeugt, daß kein Wort davon über Deine Lippen kommen wird." Er entfernte sich mit ihm in derselben Richtung, welche die beiden Anderen eingeschlagen hatten.

Max hatte jedes Wort vernommen. Dem Manne drohte jedenfalls eine Gefahr. Welcher Art konnte dieselbe sein? War er der Hülfe würdig? Und wie sollte diese Hilfe geleistet werden, da Max die Art und Weise der Gefahr nicht kannte? Er mußte sich sagen, daß er die dringendste Veranlassung habe, seine Anwesenheit nicht zu verrathen, und beschloß, sich ruhig abwartend zu verhalten.

Nach einer Weile war es ihm, als vernehme er einen leisen, unterdrückten Ruf. War es ein Hülferuf? Er lauschte eine Weile in die stille Nacht hinein, doch blieb jetzt alles ruhig. Erst nach (\26\)A einer längeren Frist vernahm er das Geräusch von Schritten. Der Rentier kehrte mit den Zweien zurück. Der, welchen er einen Verräther genannt hatte, fehlte. "Ihm ist sein Recht geschehen," meinte er salbungsvoll. "Möge seine Seele durch das Fegefeuer gereinigt werden, obgleich ihm die heiligen Sterbesakramente entgangen sind!" "Es ist schwer zu beklagen, daß selbst der gebenedeiete Leib Jesu solche Glieder hat," ließ sich einer seiner Begleiter vernehmen.

"Darum befolgt die Gesellschaft Jesu die Lehre des Erlösers: Ärgert Dich Deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von Dir! Er ist bereits der Zweite, den die gerechte Hand der Strafe ereilt. Möge er der Letzte sein! Geht jetzt und empfangt meinen Segen, Ihr frommen und gehorsamen Kinder des Herrn!"

Er erhob seine Arme; sie verneigten sich ehrerbietig und entfernten sich dann. Er wartete, bis das Geräusch ihrer Schritte vollständig verschollen war, und folgte ihnen dann langsam nach.

Die frommen Brüder Jesu verfolgten die Taktik, den Ort ihrer nächtlichen Zusammenkunft einzeln zu verlassen, um die Erregung jeden Verdachtes zu vermeiden.

Jetzt trat der Doktor hinter seinem Verstecke hervor.

"Sie haben ihn gemordet. Ich muß sehen, auf welche Weise!"

Er verließ die Ruine in derselben Richtung, welche sie vorhin eingehalten hatten, und untersuchte das ganze Plateau des Berges, ohne auf die geringste Spur irgend eines gewaltthätigen Ereignisses zu treffen.

"Die Finsterniß ist schuld. Ich werde am Tage zurückkehren und dann sicher finden, was ich suche."

Seine vergebliche Nachforschung hatte eine ziemliche Zeit in Anspruch genommen, so daß er annahm, daß sich keiner der geheimnißvollen Männer mehr in der Nähe befinde. Daher durfte er es wagen, den Ort auf dem gewöhnlichen Wege zu verlassen, und schritt nach einem ebenso aufregenden wie ereignißvollen Abende der Residenz wieder zu.

Viertes Kapitel.

Im Hause der Irren.

Als Max nach Hause kam, war schon längst Alles zur Ruhe gegangen. Auf seinem Zimmer angelangt, machte er Licht und nahm das Schreiben vor, welches ihm Emery übergeben hatte. Es war ein mit Datum, Anrede und Unterschrift versehener Brief, wie er aus der ganzen Anordnung sah, aber leider nicht mit gewöhnlicher Schrift, sondern in Ziffern, getrennten Buchstaben und räthselhaften Charakteren geschrieben.

Er machte es sich bequem und setzte sich an den Schreibtisch, um den Versuch zu machen, das Schreiben zu dechiffriren. Die Erlebnisse des heutigen Abends hatten seine Nerven so in Spannung versetzt, daß es ihm unmöglich war, an Ruhe und Schlaf zu denken, und so kam ihm diese Beschäftigung, der er sich mit dem größten Eifer hingab, nicht ungelegen. Er mußte dabei unwillkürlich an den Schlüssel denken, welchen er sich in der Bibliothek des Herzogs abgeschrieben hatte. Er zog daher sein Notizbuch hervor, fand aber, daß er es hier mit einer Schrift zu thun habe, deren Schlüssel ein vollständig anderer war. Es war nicht das erste Mal, daß er sich eine ähnliche Aufgabe stellte, und es war ihm stets gelungen, sie zu lösen, heut aber wollte ihm das nicht gelingen. Er gab sich die möglichste Mühe - vergebens. Da kam ihm der Gedanke, ob das Hinderniß nicht in einer Umstellung der Silben oder der Einschaltung eines Lautes bestehe. Er hatte als Knabe mit seinen Mitschülern oft eine ähnliche Spielerei gepflogen und sich mit ihnen in der B-, F- oder U-Sprache unterhalten. Er zog sich die am meisten vorkommenden Ziffern, Buchstaben und Zeichen heraus und sah bald seine Bemühung von Erfolg begleitet. Die Vokale und Diphthonge waren durch verschieden gestellte Punkte, die Konsonanten durch Ziffern bezeichnet und die Ziffern in der Weise umgestellt, daß sie mit einem regelmäßig wiederkehrenden U verbunden wurden. Er hatte es also mit der U-Sprache in Charakteren zu thun.

Der Morgen graute bereits, als er den Schlüssel gewonnen hatte und nun den kurzen Brief zu lesen vermochte. Dieser lautete:

"Helmberg, den 2. Juli. Lieber Bruder in Jesu!

Deiner Aufforderung zu Folge erhältst Du heut im Passiren diese Zeilen. Das mir von Dir übertragene Werk schreitet rüstig fort und verspricht ein gutes Gelingen unserer Intentionen. Meine Agenten erweisen sich als tüchtig; alle Minen sind in Thätigkeit, (\26\)B die Verbindungen werden von Tag zu Tag zahlreicher und umfassen alle Kreise der Gesellschaft; auch das Militär wird mehr und mehr geneigt, und wenn wir mit Vorsicht in der jetzigen Weise fortfahren, so ist an ein Scheitern unseres großen Planes gar nicht zu denken. Für heute habe ich eine Versammlung meiner Untergebenen anberaumt und bin leider also verhindert, mich zu dem von Dir befohlenen Rendez-vous einzufinden, doch werde ich sicher bei dem nächsten am Siebenbrüdertag erscheinen und Dir ausführlich Bericht erstatten. Bis dahin, verehrter Bruder, sei im Herrn gegrüßt von Deinem eifrigen und getreuen

H. de M.

I. de laRobe."

Er sprang überrascht vom Stuhle auf.

"Ein Jesuit de la Robe! Er ist von Adel, und zwar von französischem, wie es scheint! Ich habe es hier jedenfalls mit einer weitverzweigten Verbindung zu thun, welche den Zweck hat, durch eine Umstürzung der gegenwärtigen Verhältnisse, mit anderen Worten durch eine Revolution, den Jesuiten den Eingang in das Land zu erzwingen und sie, was die Folge davon sein würde, an das Ruder zu bringen. Emery hat Recht; dieser Rentier Aloys Penentrier ist ein hervorragendes Mitglied des Ordens und ein ebenso schlauer als kühner Mensch. Die Sache ist von unendlicher Wichtigkeit. Ich werde sofort wieder hinaus nach der Ruine gehen, um meine Untersuchung von Neuem aufzunehmen."

Er kleidete sich sofort wieder an, versah sich mit einem Stricke von der Länge dessen, den er am Brunnen in der Hand gehabt hatte, steckte eine Blendlaterne, Hammer, Zange und sonstiges Geräthe zu sich, dessen er bedürftig sein konnte, und machte sich dann auf den Weg.

Als er die Treppe hinabstieg, vernahm er unten in der Werkstatt ein lautes, geräuschvolles Gähnen.

"Uu-aah! Uu-aah! Thomas Schupert, was pist Du dumm und alpern! Erst drei Uhr, höchstens halp Viere; konntest noch peinahe zwei Stunden im Pette pleipen! Aper die Zigeunerin, die Hexe, hat mir keine Ruhe gelassen. Sie ist mir im Traum erschienen, hat mich gehetzt und gejagt wie ein pöser Geist und mir das Gesicht zerkratzt und zerpissen. Es ist nur gut, daß es blos im Traum passirt ist, denn sonst könnte ich mich vor der Parpara Seidenmüller zehn Wochen lang nicht sehen lassen."

Max mußte lächeln bei diesem lauten Monologe, der an den Liebesgedanken des braven Kavalleristen zum Verräther wurde. Sollte er ihn mitnehmen? Thomas war treu und verschwiegen, und vier Augen und Hände konnten jedenfalls mehr sehen und verrichten als zwei.

Er trat in die Werkstatt, wo der Geselle eben beschäftigt war, in die Jacke zu fahren. "GutenMorgen, Thomas!"

"Tausendsapperlot, guten Morgen, Herr Doktor! Sind Sie auch schon munter? Ich glaupe, die Hexe hat Ihnen auch keine Ruhe gelassen!" "Willst Du schon arbeiten?"

"Ich möchte wohl, aper ich darf nicht, weil ich sonst die Anderen aufwecke." "Ich habe einen Gang vor. Willst Du mich begleiten?" "Zu Pefehl, Herr Doktor!"

"So ziehe Dich an und vergiß Deine Morgenpfeife nicht!"

"Hm, ja, Herr Doktor, mein Tapak ist alle!"

"So nimm hier eine Cigarre!"

"Danke schön! Ampalema?"

"Nein, Cuba."

"Cupa? Hape noch keine geraucht. Pin neugierig, welche pesser ist, Cupa oder Ampalema." Der rauchlustige Geselle war mit seiner Toilette schnell fertig, dann schritten sie in den frischen Morgen hinein.

Das Leben war in der Stadt noch nicht erwacht; erst später begegneten ihnen einige Milchwagen, welche das Straßengeräusch alltäglich zu beginnen haben. Max fühlte keine Lust zu einer Unterhaltung; er gab seinen Gedanken Audienz, die er erst dann beendete, als er mit seinem Begleiter die Ruine erreicht hatte. Er schritt über den Hof derselben nach der Stelle, an welcher er sich in der vergangenen Nacht versteckt gehalten hatte. Außerhalb des Gemäuers breitete sich ein schmales, ebenes Terrain aus, welches von Trümmern übersäet und mit Gras bewachsen war. Am Rande des Plateaus fiel es senkrecht in die Tiefe und bildete mit der nächsten Höhe eine Spalte, welche schmal, tief und von allen Seiten geschlossen war. Am Rande derselben stand eine alte Tanne, welche eine Anzahl ihrer starken Äste weit über den Abgrund hinausstreckte. (\27\)A Max blieb stehen und wandte sich an den Gesellen. "Thomas, da draußen ist heute Nacht Jemand ermordet worden."

Der gute Schubert bekam einen Schreck, der ihm in alle Glieder fuhr. Mit weit aufgerissenen Augen und alle zehn Finger von sich streckend trat er einige Schritte zurück. "Ermordet? Umgepracht? Tausendsapperlot! Wer denn? Von wem denn? Ich pin's nicht gewesen, Herr Doktor!"

"Nein, Du warst es nicht," antwortete Max lächelnd. "Ich habe nicht weit davon gestanden und es weder verhindern, noch mir später Gewißheit verschaffen können. Laß uns einmal suchen, ob wir etwas entdecken."

"Zu Pefehl, Herr Doktor! Augenplicklich werde ich suchen. Vielleicht ist der arme Teufel noch nicht ganz todt, und es gelingt uns, ihn wieder aufzupringen!"

Auch jetzt war ihre Nachforschung vergeblich, bis Max an die Tanne gelangte und da bemerkte, daß unter derselben das Gras niedergetreten war. "Was meinst Du zu dieser Stelle, Thomas?"

"Was ich meine, Herr Doktor? Hier hapen sich ein Paar pei den Haaren gehapt und tüchtig herumgepalgt."

Das Auge unwillkürlich emporhebend, machte Max jetzt eine Bemerkung, welche mit der nächtlichen That in Verbindung stehen mußte. In etwas über Manneshöhe waren an einem der

Tannenäste zwei Schlingen zu sehen, welche jedenfalls von starken, hanfenen Schnüren herrührten, an denen eine bedeutende Last gehangen hatte, denn sie waren so fest zugezogen, daß sie in die rauhe Schale des Holzes eingeschnitten hatten. Beide Schnuren waren, das sah man deutlich, unterhalb der Schlingen mit einem Messer abgeschnitten worden, die eine vor längerer Zeit und die andere gewiß erst in der verflossenen Nacht, wie die Schärfe der Schnittfläche und die Farbe der Fasern bewies. "Betrachte Dir doch einmal diese Schlingen, Thomas!"

"Zu Pefehl, Herr Doktor! Ich will gleich auf der Stelle den großen Ampos verschlingen, wenn sich da nicht Zwei aufgehängt hapen, die nachher wieder apgeschnitten worden sind!" "Du meinst, sie haben sich selbst aufgehängt?"

"Natürlich! Man hängt sich doch stets selber an den Paum. Ein Anderer wird einem nicht gern pehilflich sein."

"Und diese Spuren im Grase?"

"Sapperlot, das sieht allerdings aus, als op sie sich gewehrt hätten!"

"Diese eine Schlinge stammt von letzter Nacht, die andere ist höchstens drei Wochen alt. Hast Du während dieser Zeit einmal gehört, daß sich auf dem Klosterberge Jemand gehängt hätte?" "Nein."

"Die Ermordeten sind also nicht gerichtlich aufgehoben, sondern von den Mördern sofort wieder abgeschnitten worden und - "

Er trat an den Rand der Spalte und blickte hinab. Das kahle, nur an wenigen Stellen mit Büschelgras bewachsene Gestein zeigte die deutliche Spur eines Körpers, welcher zur Tiefe gestürzt war.

"Und," fuhr er fort, "hier unten haben sie ihr Grab gefunden."

"Hapen sie ihr Grap gefunden," nickte Thomas, seinerseits auch aufmerksam hinabblickend. "Wir müssen Anzeige machen, Herr Doktor!"

"Ehe ich mich dazu entschließe, müssen wir ein Anderes untersuchen. Komm!" Er schritt zum Brunnen und zog den Strick hervor, den er an dem Felsblock befestigte. "Wir müssen hinab in den Brunnen."

"Da hinap? Warum denn, Herr Doktor? Ist da auch einer umgepracht worden?"

"Nein. Bleib einstweilen noch oben und passe auf, daß uns Niemand überrascht!"

"Zu einer Üperraschung ists zu früh, Herr Doktor. Zur jetzigen Stunde kommt Niemand auf den Perg gestiegen."

Max untersuchte den inneren Brunnenrand. Es war weder eine Leiter noch sonst etwas Derartiges zu bemerken; aber als er den hinunterhängenden Strick hin- und herschwankte, stieß dieser an ein Hinderniß, und bei schärferem Niederblicken gewahrte er, daß dieses in einem eisernen Bolzen bestand, welcher in die Brunnenmauer eingetrieben worden war. Das Räthsel war gelöst. Jedenfalls führte eine Reihe solcher Bolzen, die zugleich als Stufen und Haltepunkte für die Hände dienten, zur Tiefe hinab, und das Seil hatte keinen anderen Zweck, als die Passage bis zum obersten Bolzen zu erleichtern, da dieser, (\27\)B um nicht von unberufenen Augen bemerkt zu werden, so tief wie möglich hatte angebracht werden müssen.

Max ließ sich an dem Stricke bis zu ihm hinab und sah seine Voraussetzung bestätigt. In kaum ellenweiter Entfernung von einander befand sich ein Bolzen unter dem andern, so daß er in größter Bequemlichkeit zur Tiefe gelangen konnte.

Als er in dem Munde des Brunnens verschwunden war, zog Thomas ein Streichholz hervor und steckte die Cigarre in Brand. Er hatte sie vorhin vor Schreck ausgehen lassen. "Da ist er nun hinap, und wer weiß, was ihm da unten arrivirt. Seit er von seiner Reise wieder da ist, kommt ein Apenteuer auf das andere. Gestern der Einpruch in den Garten und die Hexe, heut die zwei Gehenkten und das Loch hier. Was wirds weiter gepen! Aper ein tüchtiger Kerl ist er, und eine gute Cigarre raucht er, das ist wahr. Diese Cupa ist noch pesser als die Ampalema. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anfange, um noch eine zu pekommen."

Unterdessen hatte Max den Boden erreicht und zog die Laterne hervor, um sie anzubrennen. Als dies geschehen war, leuchtete er um sich. Er bemerkte nichts, als die ihn eng umgebende Mauerrundung, welche hier unten nicht aus Ziegeln, sondern aus viereckigen Platten aufgeführt war. Eine Versammlung von vierzehn Personen konnte in dem engen Raume unmöglich abgehalten werden. Er nahm den Hammer und klopfte an die Mauer. Dem Aufstiege gegenüber vernahm er einen hohlen Klang. Er drückte, und zwei über einander liegende Platten bewegten sich nach innen, so daß eine Öffnung entstand, welche gerade groß genug war, daß ein Mann in gebückter Stellung sie passiren konnte.

Er trat ein. Der Eingang verschloß sich in Folge der Schwere der Platten ganz von selber. Sie waren an ihrer Rückseite mit Brettern verkleidet, durch welche sie zusammengehalten wurden. Er befand sich jetzt in einem ungefähr acht Fuß hohen, viereckigen Raume, welcher ringsum nothdürftig verschalt war; die Decke wurde von einigen Pfeilerstützen gehalten. Ein roh zusammengezimmerter Tisch stand in der Mitte, an dessen oberer Seite ein auf zwei Pfählen genageltes Brett wohl als Sessel des Vorsitzenden diente, während an den Wänden einige Bänke von derselben primitiven Konstruktion angebracht waren. Die sorgfältigste Untersuchung des Raumes hatte kein weiteres Ergebniß, und keine Nadel, kein Papierschnitzel fand sich als Zeichen, daß sich hier vor noch ganz kurzer Zeit eine Anzahl Männer zusammengefunden hatten.

Er trat wieder hinaus in den Brunnen und blickte nach oben. Als Knabe hatte er sich mit einigen Schulkameraden mehrere Male hier herabgelassen. Der Brunnen schien ihm nicht mehr die frühere Tiefe zu besitzen, was jedenfalls eine Folge davon war, daß er die aus dem geheimen Versammlungsraum herausgeworfene Erde hatte aufnehmen müssen. Er blies das Licht aus, steckte die Laterne zu sich und stieg wieder nach oben.

Thomas saß auf dem Felsblocke und erwartete ihn.

"Das hat lange gedauert, Herr Doktor. Peinahe wäre ich nachgekommen."

"War nicht nothwendig, lieber Schubert. Ich bin allein fertig geworden."

"Ich darf wohl nicht fragen, was es da unten gegepen hat? Sie dachten gewiß, man könnte die peiden Leichen auch hier hinapgeworfen hapen."

"Sie sind nicht aufzufinden," antwortete er, den Gesellen bei dieser Meinung lassend. Obgleich er von der Treue und Verschwiegenheit desselben vollständig überzeugt war, hielt er es doch für besser, den eigentlichen Zweck seiner Morgenpromenade geheim zu halten. Daher fuhr er fort:

"Vielleicht war das mit dem Aufhängen auch nur eine Täuschung. Es ist am Gerathensten, wir schweigen gegen Jedermann über diese Angelegenheit, von der wir doch nur amtliche Wege und Verantwortung hätten."

"Ich pin gleich dapei, Herr Doktor. Mich hapen sie nicht erschlagen oder an den Paum geknüpft, und vor dem Gerichte und der Polizei hape ich all mein Leptage ganz gewaltigen Respekt gehapt. Von mir erfährt Niemand, wo wir gewesen sind."

"Auch die Barbara nicht?" frug Max lächelnd, an die gestrigen Worte des Kavalleristen denkend.

"Auch die Parpara nicht, Herr Doktor," versicherte dieser. "Pei einem Weipsen ist so etwas erst recht unsicher aufgehopen!" Sie traten den Heimweg an.

Aus der Schmiede tönten ihnen schon von Weitem mächtige Hammerschläge entgegen. Vor der Thür derselben hielten mehrere Pferde, von Reitknechten in königlicher Livr,e gehalten. (\28\)A "Sapperlot, da ist am Ende gar die Majestät schon auf den Peinen, und Thomas Schupert, der Opergeselle, hat dapei gefehlt!"

"Ich werde Dich entschuldigen. Hier nimm noch diese Cigarren für Deine Begleitung!"

"Alle?"

"Alle!"

"Zu Pefehl, Herr Doktor, und danke pestens," antwortete er, das dargereichte Etui leerend. "Diese Cupa ist ausgezeichnet und von einem guten Tapak faprizirt. Die muß ich heut der Parpara vorrauchen, die sich wundern wird, was der Thomas Schupert für ein feiner Kerl geworden ist!"

Mit dem Rücken nach dem Feuer stand der Hof-, Kur-, Huf- und Waffenschmied Brandauer und hielt ein mit der Zange gepacktes Stück glühendes Eisen auf den Ambos. An der andern Seite desselben schwang ein Mann, dessen Kleidung ihn nicht als Schmied kennzeichnete, den großen Zuschlagehammer, daß ringsum die Funken sprühten.

(\29\)A Zwar trug er ein ledernes Schurzfell und hatte die Ärmel seines Hemdes nach löblicher Schmiedesitte nach innen aufgestreift, aber dieses Hemd war vom feinsten und theuersten französischen Linnen gefertigt, und die ganze übrige Erscheinung, auch abgesehen von den funkelnden Brillantringen an seinen Händen, bewies, daß er sich bereits unter den Händen eines kundigen Kammerdieners und geschickten Friseurs befunden habe. Es war der König.

Hohe Herren haben ihre Passionen. Es gibt berühmte Herrscher, welche als Goldschmiede, Drechsler, Köche ganz Beträchtliches leisteten; Peter der Große wurde sogar Schiffszimmermann. Jedermann im Lande kannte die außerordentliche Liebhaberei des Königs für die Schmiedekunst, und Jedermann in der Residenz wußte, daß der hohe Herr diese Kunst sehr fleißig und geschickt in der Hofschmiede ausübte. Wenn die Sorgen der Regierung ihm einmal allzu drückend wurden oder er aus irgend einem andern Grunde das Bedürfniß empfand, sich zu zerstreuen, ging er zur Schmiede und griff zu Hammer und Zange. Die hohen Würdenträger sahen dies gern, weil er dann jedesmal heiter und guter Laune zurückkehrte, was (\29\)B ihnen die Erfüllung ihrer dienstlichen Obliegenheiten bedeutend erleichterte. Und auch das Volk sprach mit Genugthuung von dieser Passion, die dem Lande kein Geld kostete wie so manche Liebhaberei anderer Herrscher, welche das Volk mit seinem Schweiße zu bezahlen hat. Es war oft vorgekommen, daß der König auf einer Reise, die er von Zeit zu Zeit durch die Provinzen des Reiches unternahm, vor einer Schmiede halten ließ, um den Hammer zu schwingen und dann lächelnd und mit Befriedigung wieder aufzusitzen. Die kleine, unscheinbare Hofschmiede in der Vorstadt war im ganzen Lande ebenso bekannt wie das Theater und andere berühmte Baulichkeiten der Residenz, und Brandauer ahnte nicht, daß selten ein ehrbarer Provinzler die Hauptstadt besuchte, ohne wenigstens einmal vor seiner Schmiede vorbeipatrouillirt zu sein.

Auch heute war der König schon am frühen Morgen erschienen, um sich einige Pferde seines ausgezeichneten Marstalles selbst zu beschlagen. Die Gesellen und Lehrjungen hatten sich entfernen müssen, und nun erklang neben dem Takte der Hammerschläge das Gespräch der beiden Männer, die sich äußerlich so fern und innerlich so nahe standen. "Also keine Jesuiten, Brandauer?" frug der König.

"Nein, Majestät. Sie sind (\30\)A für das Land das, was die Mäuse für das Feld und die Raupen für den Baum."

"Hast Recht, Brandauer," klang es unter Hammerschlägen. "Der Herzogpräsident will sie haben, aber ich, ich will sie nicht, ebenso wenig wie Du. Gieb das Eisen noch einmal ins Feuer!"

Der Schmied gehorchte und zog den Blasebalg an.

"Und was war das andere, was Du mir noch sagtest?" frug der König, den Arm auf den Hammerstiel stützend. "Das von der Revolution."

"Pah! Leeres Gerede, von französischen Müßiggängern angestiftet. Ich thue meine Pflicht, und mein Volk ist mit mir zufrieden. Schau diesen Hammer! Mit ihm zermalme ich das Eisen. Es gibt einen Hammer, unter dem die Rebellion zerstiebt. Was sagst Du zu den Zollstreitigkeiten mit Süderland?" "Wie viel bringt der Zoll im Jahr?" "Wenig; gegen fünfmalhunderttausend Thaler." "Und was kostet die Bewachung der Grenze?" "Einige zehntausend Thaler mehr als diese Summe." "So lassen Sie den Zoll fallen, Majestät!"

"Von dem angezogenen Gesichtspunkte aus hast Du Recht, doch muß diese Frage auch von anderen Seiten beleuchtet werden, die Deinem Verständnisse fern liegen."

"Ich denke wie mein Junge, und der verstehts!" antwortete der Schmied kurz und mit väterlichem Stolze.

"Was sagt er zu der Todesstrafe?"

"Weg damit!"

"Gut. Muß ihn einmal hören. Heraus mit dem Eisen, Alter!"

Wieder klang der Hammer und wieder stoben die Funken. Da trat Max ein und grüßte mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung den hohen Gehilfen seines Vaters.

"Guten Morgen, Herr Doktor! Wieder zurück in die Heimath?" Er schlug zu, bis das Eisen wieder in das Feuer mußte, dann reichte er ihm mit sichtlichem Wohlwollen die Hand.

"Willkommen! Hast Du Zeit, mein Bursche?"

"Stets für Ew. Majestät!"

"Dann herunter mit dem Rocke, das Schurzleder um und den Hammer in die Hand. Wollen einmal wieder zu Dreien schlagen!"

Im Garten saßen die Gesellen und plauderten, in ihrer Nähe, wie gewöhnlich, die Lehrjungen. Wenn der König in der Werkstatt war, hatten sie stets freie Zeit.

"Wenn da jetzt Jemand zuhören könnte!" meinte Heinrich, der Artillerist. "Da wird Politik getrieben und manche Frage entschieden, von der selbst der Minister nichts zu hören bekommt.

"Ja, das ist am den!" bekräftigte Baldrian.

"Der Alte ist ein praktischer Kopf, aber der König richtet sich doch mehr nach dem, was der junge Herr sagt, wenn er es sich auch nicht merken läßt. Aus dem wird gewiß noch etwas Großes."

Baldrian nickte sehr eifrig mit dem Kopfe.

"Vielleicht gar ein Kavalleriewachtmeister," fuhr Heinrich fort, hinüber zu Thomas schielend. "Das ist möglich," antwortete dieser ruhig, "denn zur Artillerie zu gehen wird ihm nimmermehr einfallen; die ist zu grop und unverschämt."

"Ist das am den?" frug Baldrian, dem es stets Vergnügen gab, die Beiden aneinander zu bringen.

"Natürlich! Und wers nicht glaupen will, der praucht nur einen Plick auf den Heinrich da zu werfen, dann wird ers wohl pegreifen, daß ich Recht hape. Wir von der Reiterei dagegen sind immer feine Leute; denn warum geht der junge Herr am liepsten mit mir, he? Und wer pekommt die meisten Ampalema? Wer hat heut sogar siepen Stück Cupa pekommen? Der Thomas von der Kavallerie!"

"Und wer hat gestern Abend sogar eine Flasche Wein von ihm erhalten?" neckte Heinrich.

"Ich glaupe, Du jedenfalls nicht!"

"Nein, aber der Baldrian von den Grenadieren."

"Ist das wahr, Paldrian?"

"Das ist am den!" nickte stolz der Gefragte.

"Pei wem denn und wofür denn? Oder ist das etwa ein Geheimniß?" Der Grenadier nickte bedächtig. "Das ist am den!"

Dann erhob er sich und schob sich langsam von dannen. Es lag nicht in seiner Absicht, sich ausfragen zu lassen. Thomas und Heinrich aber neckten sich fort, bis der Meister nach ihnen rief. Der König hatte in Begleitung des Doktors die Schmiede verlassen; nun konnten die Gehilfen wieder an ihre gewohnte Arbeit gehen.

Erst nach Verlauf von über einer Stunde kehrte Max zurück. (\30\)B Er hatte sich aus dem königlichen Marstalle beritten gemacht und saß auf einem Rapphengste von ganz vorzüglicher Rasse.

"Bekommen?" frug der Vater, vor die Thür tretend. "Ja, sogar auch vom Minister." "Du bringst sie natürlich zu uns!" "Versteht sich!"

Er nahm den Rappen in die Zügel und sprengte im kurzen Galoppe davon. Der Schmied sah ihm nach, so lange er es vermochte; es konnte Niemand stolzer sein als er auf seinen Sohn. Max verfolgte dieselbe Straße, auf welcher er heute Morgen nach der Ruine gelangt war. Von da führte sie immer längs des Flusses stromaufwärts in das Gebirge, wo in etwa drei Meilen Entfernung von der Residenz ein steiler Höhenzug bis hart an das Ufer trat und dort eine natürliche Felsenbastion bildete, auf welcher sich das alte Schloß erhob, dessen aus den verschiedensten Jahrhunderten stammende Baulichkeiten jetzt die Landesirrenanstalt bildeten. Der Direktor derselben war ein ehemaliger hoher Militärarzt, welcher durch die Protektion des Herzogs von Raumburg diese höchst einträgliche Stellung erhalten hatte. Er hatte sich vor wenigen Minuten erhoben und saß mit seiner Familie bei dem sehr reichlich ausgewählten Frühstücke. Der Mann erfreute sich eines bedeutenden Leibesumfanges, und seine feisten, glänzenden Wangen gehörten ganz entschieden zu der Kategorie der Hängebacken.

"Nichts Neues, meine Liebe? Bitte, schenke mir nochmals ein!"

"Es kam diese Nacht ein Kurier vom Herzog. Er wollte unbedingt Dich selber sehen; ich sagte ihm jedoch, daß Du verreist seist. Hier hast Du Kaffee! Ist er süß genug?"

"Recht so, mein Herz! Der Schlaf ist das bedeutendste Bedürfniß der menschlichen

Konstitution; wer ihn kürzt, kürzt sich das Leben. Die Depesche kommt auf alle Fälle noch rechtzeitig zum Lesen. Bitte, thu mir noch ein Stück Zucker in die Tasse!"

"Sie liegt hier auf dem Teller. Willst Du sie öffnen? Hier ist Zucker!"

"Laß sie liegen! Jede Lektüre bei Tische strengt mittelbar diejenigen Theile unseres Körpers an, welche der Verdauung, also der Erhaltung unseres Lebens dienen. Gieb mir noch ein Brödchen; aber etwas mehr Butter darauf!"

"Hier hast Du, mein Lieber! Was wünschest Du zum zweiten Frühstücke? Wirst Du zum Morgenrapporte heut nicht etwas zu spät kommen?"

"Nein, liebe Frau; der Vorgesetzte kommt niemals zu spät; das mußt Du Dir merken. Eine kleine, noble Verzögerung, wie Du sie ja auch stets beim Besuche der Soir,en und Kränzchen in Anwendung zu bringen pflegst, gehört mit zu den Vorzügen und Rechten der Distinktion. Dein Schinken war gestern gut; ich möchte von ihm haben, doch gieb mir statt des Bordeaux einmal einen Tr,bisond. Er ist zwar etwas schwer, aber meine angegriffenen Nerven bedürfen einer solchen Stärkung. Ich glaube, ich werde einige Wochen in das Seebad gehen müssen. Ein Stück Torte hast Du wohl übrig. Magst Du mir die Tasse nochmals füllen?" "Hier, mein Guter! Es ist wahr, Du strengst Dich wirklich zu sehr an, was um so mehr zu bedeuten hat, als diese Anstrengung eine rein geistige ist, ganz abgesehen davon, daß die tägliche Revision der Zellen auch bedeutend echauffirt. Ich werde den Konditor abdanken. Er macht mir seit einigen Tagen zu viel Mandeln in das Gebäck, welches dadurch einen bittern Geschmack erhält, der mir den ganzen Tag nicht von der Zunge kommt." "Ich empfehle Dir allerdings, zu einem andern zu gehen. Die bittre Mandel hat einen ganz bedeutenden Gehalt an Blausäure, bekanntlich eines der stärksten Gifte, und ich habe natürlich nicht im mindesten die Intention, mich von dem ersten besten Zuckerbäcker umbringen zu lassen. - Was Du da von der geistigen Anstrengung sagst, hat seine vollständige Richtigkeit, ganz besonders aber bei dem Irrenarzte. Durch das stete Beisammensein mit geistig gestörten Subjekten schwebt man stets in höchster Gefahr, selbst verrückt zu werden, wie es ja Fälle gegeben haben soll, daß irrthümlich Internirte, welche vollständig gesund waren, dadurch wirklich monoman geworden sind. Ich halte mich in Folge dessen von jeder näheren Beziehung zu meinen Wahnsinnigen und jeder Beobachtung ihres Zustandes grundsätzlich fern. So, das hat geschmeckt, und nun gib die Depesche her, meine Liebe!" Sie reichte ihm das sorgfältig versiegelte Schreiben; er erbrach dasselbe, um es zu lesen. "Hm, ein neuer Zuwachs!" meinte er sodann, das Papier zusammenfaltend. "Männlich?"

(\31\)A "Nein, weiblich; eine Zigeunerin."

"Ah! Jedenfalls eine Landstreicherin. Woher wird sie eingeliefert?" "Sie kommt selbst."

"Selbst? Freiwillig? Wie ist das möglich?"

"Sie kommt, um ihren Sohn zu besuchen, und wird dabei festgehalten."

"Wer ist ihr Sohn?"

"Nummer Elf der Tobsüchtigen."

Die ältere Tochter legte den Kaffeelöffel klirrend in die Tasse zurück.

"Der hübsche Offizier, welcher immer behauptete, er sei gesund und werde nur aus schlimmen Gründen für krank erklärt?" "Derselbe, mein Kind."

"Papa, ich halte ihn für nicht wahnsinnig, und die beiden Unterärzte sind ganz derselben Meinung."

"Woher weißt Du das Letztere?" frug er frappirt.

"Ich hörte diese Bemerkung, welche sie aussprachen, ohne meine Gegenwart zu wissen." "Die beiden Assistenten sind noch jung im Berufe und haben also kein Urtheil. Der Oberarzt hat ebenso wie ich die Krankheit konstatirt, und überdies liegt über dieselbe ein Urtheil unserer allmächtigen Durchlaucht vor, welches Du wohl als untrüglich gelten lassen mußt. Nummer Elf wird die Anstalt nicht verlassen. Seine Störung tritt täglich mehr und mehr hervor; er gehört bereits zu den Tobsüchtigen, und da ich ihn nicht anders als durch Kostentziehung zu diszipliniren vermag, so ist er körperlich bereits so abgeschwächt, daß er sich binnen kurzer Zeit todtrasen wird. Er kommt ohnehin aus der Zwangsjacke niemals heraus."

"Es muß hier ein höchst interessantes Geheimniß vorliegen, Papa. Er war Hauptmann trotz seines jugendlichen Alters und ist der Sohn einer Zigeunerin. Der Herzog lieferte ihn ein und gibt Dir jetzt auch den Befehl, seine Mutter festzuhalten. - Hast Du den "Irren von St. James" von Philipp Galen gelesen, Papa?"

"Mein Kind, ich habe nach der Überzeugung zu handeln, daß sich der Herzog und die Wissenschaft niemals irren können. Die Familienbeziehungen der Eingelieferten gehen mich nichts an, und daß mir für die Lektüre von Romanen nicht die mindeste Zeit übrig bleibt, weißt Du ja. Ich glaube sehr, daß an Deinem "Irren von St. James" nicht ein Tüpfelchen Wahrheit ist!"

Er erhob sich, um sich zum Rapporte zu begeben.

Die Ärzte standen bereits, von dem Diener eingeführt, in seinem Arbeitskabinete. Sie hatten schon über eine halbe Stunde auf ihn gewartet.

"Guten Morgen, meine Herren," grüßte er herablassend. "Setzen Sie sich! Ehe ich Ihnen den täglichen Bericht abnehme, muß ich Sie auf einen Umstand aufmerksam machen. Es wird nämlich im Laufe des Vormittags eine Zigeunerin erscheinen, um ihren Sohn zu sehen. Diese Person ist wahnsinnig und wird sofort, das will ich gestatten, da die mir gewordene Instruktion es nicht verbietet, auf fünf Minuten zu ihrem Sohn gebracht, dann aber ohne jede weitere Manipulation in einer der Zellen für tobsüchtige Weiber installirt." "Wer ist ihr Sohn?" frug der Oberarzt. "Der Hauptmann Nummer Elf."

Die beiden Assistenten warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu, und auch über das Gesicht des Oberarztes zuckte ein nur halb unterdrückter Zug der Überraschung.

"Seine Mutter eine Zigeunerin? Darf ich fragen, von wem die erwähnte Instruktion gegeben wurde?"

"Von Seiner Durchlaucht dem Herrn Ministerpräsidenten und Generalissimus Herzog von Raumburg."

"Dann ist sie allerdings wahnsinnig. Seiner Durchlaucht stehen so untrügliche ärztliche Kapazitäten zur Seite, daß eine Untersuchung hierorts vollständig überflüssig ist." "Natürlich! Ich wünsche nicht, - verstehen Sie wohl, meine Herren, in Folge der betreffenden Instruktion wünsche ich nicht, daß Sie Ihre ja sonst schon so außerordentlich in Anspruch genommene Divinationsgabe an der übergeschnappten Landstreicherin vergebens verschwenden. Und jetzt nun zum Rapporte!"

Dieser nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Die Untergebenen kannten genugsam das Prinzip ihres Vorgesetzten, die Leitung der Anstalt in der Weise zu führen, daß durch dieselbe seine Verdauung nicht gestört werde.

Eben war man beim Schlusse angelangt, als der Pförtner eintrat, um zu melden, daß eine Zigeunerin im Empfangszimmer sei, welche einen Internirten zu sprechen wünsche, den sie als ihren Sohn bezeichne.

(\31\)B "Gehen Sie hinab, Herr Oberarzt," befahl der Direktor. "Das Weitere ist Ihnen ja bekannt."

Der Angeredete entfernte sich, ertheilte auf dem Korridore einige Befehle und begab sich dann in den Empfangsraum. Es war Zarba, welche seiner dort wartete.

"Wer ist Sie?" frug er barsch, sie mit seinem stechenden Auge scharf fixirend.

"Ich heiße Zarba und bin die Vajdzina meines Stammes."

"Was will Sie?"

"Lese der gestrenge Herr dieses Papier, welches mir der Herzog von Raumburg geschrieben hat!"

"Sie war bei ihm selbst?" "Ja."

Er entfaltete und überflog den Befehl. "Komme Sie!"

Er verließ mit ihr das Zimmer, schritt über den Hof hinüber und betrat ein finster dreinschauendes und mit eng und stark vergitterten Fenstern versehenes Gebäude. Hier stieg er eine Treppe empor, ließ sich von einem robusten Wärter die Eingangsthüre zu einem dunklen Korridore öffnen und schob die schweren eisernen Riegel von einer der hier befindlichen, stark beschlagenen Thüren. "Hier herein!"

Sie trat ein. Ein doppelter Aufschrei erscholl; er aber schlug die Thür hinter ihr zu, blickte auf seine Uhr und begann dann, langsam den Korridor auf- und abzuschreiten.

In den zahlreichen Zellen zu beiden Seiten des engen Ganges herrschte ein mehr als reges Leben. Hier vernahm man ein zorniges Gestampfe, dort den Tritt eines rasenden Tanzes, dazwischen erscholl weiterhin ein brüllender Gesang, lautes Ächzen und Stöhnen, markerschütternde Hilferufe, gräßliche Flüche und Verwünschungen tönten dazwischen, oder es ließ sich eine zum Erbarmen flehende Stimme vernehmen. Der Oberarzt schien kein Ohr für all diese fürchterlichen Zeichen des schrecklichsten Zustandes geistiger Zerrüttung zu haben. Er schritt ruhig hin und her, warf zuweilen einen Blick auf die Uhr und trat, genau als die fünf Minuten abgelaufen waren, wieder an die Thür, hinter welcher nach dem ersten Aufschrei tiefe Stille geherrscht hatte. Er öffnete und befahl:

"Komme Sie einmal heraus!"

"Schon! Ich bitte den gestrengen Herrn, mich - -"

"Ruhe! Sie wird nachher wieder herein dürfen. Jetzt aber komme Sie!"

Sie trat zögernd heraus. Ihre Augen standen voller Thränen, und in ihrem verwitterten, runzelvollen Antlitze lag ein Ausdruck von Schmerz, Wuth und Rachsucht, der sich unmöglich beschreiben läßt.

"Warum hat man meinen Sohn eingeschnürt, Herr? Der Schaum und das Blut steht vor seinem Munde; er kann sich nicht bewegen, nicht reden; der Schmerz treibt ihm die Augen aus dem Kopfe und - -" "Ruhe! Sie hat mir schweigend zu folgen!"

Er führte sie über einen zweiten Hof nach einem ähnlichen Gebäude, welches sie soeben verlassen hatten und in einen gerade so engen und finstern Korridor. Hier öffnete er eine Thür.

"Trete Sie ein!"

Die Zelle hatte ein schmales, niedriges, mit einem Gitterkorbe versehenes Fenster, durch welche der Schein des Tages nur mühsam einzudringen vermochte; die dicken Mauern waren mit starken Pfosten ausgekleidet, und mehrere an ihnen herabhängende Ketten erhöhten den abschreckenden Eindruck, welchen dieser Raum machen mußte.

Die Zigeunerin trat einen Schritt zurück. Eine fürchterliche Ahnung schien sich ihrer zu bemächtigen.

"Was soll ich da drin?"

"Das wird Sie sehen!"

"Ich gehe nicht eher hinein, als bis ich es weiß. Ich will zurück zu meinem Sohne!" "Vorwärts!"

Ohne weitere Umstände erfaßte er sie und schob sie in die Zelle, deren Thür er wieder verriegelte.

"Die Frau bleibt in dieser Nummer," befahl er einer bereitstehenden Wärterin. "Wenn sie sich nicht ruhig verhält, geben Sie ihr die Zwangsjacke. Zu essen bekommt sie heute nichts!" Als er über den Hof schritt, kam ihm der Pförtner entgegen.

"Herr Oberarzt, ich suche Sie. Es ist ein Herr gekommen, welcher die Anstalt zu sehen wünscht, und ich weiß nicht, ob ich den Herrn Direktor jetzt stören darf." "Wer ist es?"

"Ein sehr feiner Herr. Er hat seinen Namen nicht genannt." "Werden sehen."

Er inspizirte vorher gemächlich einige Spazierhöfe und begab (\32\)A sich dann in das Empfangszimmer. Der hier sitzende junge Mann erhob sich.

"Der Herr Direktor?" frug er mit einer nicht sehr tiefen Verbeugung.

"Der Oberarzt," antwortete dieser frostig. Er mochte glauben, einen Literaten und Berichterstatter von der Sorte, welche gern die öffentlichen Anstalten interviewt, vor sich zu haben.

"Ich bat, den Herrn Direktor sprechen zu dürfen. Ist er verreist?" "Ihr Name?" "Hier meine Karte!"

Diese trug die einfache Aufschrift "Dr. Max Brandauer." Der Oberarzt verbeugte sich kalt.

"Sie wünschen, einen Gang durch unsere Anstalt machen zu dürfen?"

"Allerdings."

"Zu welchem Zwecke?"

"Zum Zwecke der Berichterstattung."

"Ah!"

Über das Gesicht des Oberarztes flog die Genugthuung, daß er sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht habe.

"Ich gestatte Ihnen den Zutritt und werde Sie durch einen der Wärter führen lassen." "Ich wünsche die Begleitung des Herrn Direktors!" "Geht nicht! Er und vier Ärzte sind von unserem schwierigen Berufe so sehr in Anspruch genommen, daß wir uns unsere kostbare Zeit nur von Vorgesetzten oder Herren höherer Extraktion kürzen lassen dürfen." Max lächelte.

"So bin ich also nicht extrakt. Bitte, lesen Sie diesen Befehl, mein Herr!" Er zog einen zusammengefalteten Bogen aus der Tasche und reichte ihn dem Arzte hin. Dieser blickte überrascht und ein wenig verlegen auf. Das Papier enthielt einen sehr kurz gefaßten Befehl des Ministers des Innern, dem Vorzeiger desselben als königlichen Kommissär alle Zellen und Räume der Anstalt zu öffnen und ihm auf alle seine Fragen die ausführlichste Antwort zu ertheilen.

"Das ist etwas Anderes, mein Herr," meinte der Arzt beinahe stotternd. "Bitte, bemühen sich der Herr Doktor mit mir zum Herrn Direktor!"

Er führte ihn ungesäumt in das Arbeitskabinet des Letzteren. Es war leer. Die Direktion hatte sich nach der Anstrengung des Rapportes einem stärkenden Morgenschläfchen in die Arme geworfen.

"Darf ich ersuchen, Platz zu nehmen? Ich werde den Herrn Kommissär sofort melden." "Wohl! Doch wünsche ich nicht, wieder eine halbe Stunde warten zu müssen. Meine Zeit ist mir noch kärger zugemessen als den Herren Ärzten!" klang die kurze Antwort. Sie war von Erfolg, denn schon nach kaum zwei Minuten trat der Direktor ein, den schriftlichen Befehl noch in der Hand. Es war ihm deutlich anzusehen, daß er im Schlafe gestört worden war.

"Herr Kommissär, ich habe die Ehre - -"

"Bitte, Herr Direktor, wo haben Sie den Herrn Oberarzt gelassen?" "Er mußte schleunigst zu einem Kranken, welcher - -"

"Bitte, rufen Sie ihn ebenso schleunigst zurück! Sie könnten sonst in den Verdacht kommen, daß er beauftragt sei, die Anstalt auf meine Inspektion vorzubereiten."

(\33\)A Der Direktor sah sich gezwungen, zu klingeln, und der Oberarzt trat unmittelbar darauf ein.

"Brechen wir auf, meine Herren!" gebot Max. "Ich wünsche zunächst die Kollektivräume, wie den Andachtssaal, die Küche, Spazierorte und so weiter zu sehen, und dann gehen wir die Einzelzellen durch."

Es war das erste Mal, daß ein königlicher Kommissär vollständig unangemeldet die Anstalt überraschte, und das scharfe Auge des Doktors erblickte Manches, über welches er zwar einen lauten Tadel zurückhielt, doch bemerkten seine Begleiter an den zahlreichen Notizen, welche er eintrug, daß sie es nichtsdestoweniger mit einem strengen Besuche zu thun hatten. Der Rundgang durch dieses Haus der Irren ließ Max einen tiefen Blick in die Leiden thun, denen der menschliche Geist ausgesetzt ist. Es gab da Gemüthskranke, welche irgendein eingebildetes Ereigniß betrauerten, Idioten, die leise und unablässig vor sich hinwimmerten, Tiefgestörte, welche nie einen Laut von sich gaben, und Redselige, die keinen Augenblick zu schweigen vermochten. Es gab da Künstler und Dichter, die, berühmt durch ihre Werke, hier an kindischer Einbildung laborirten oder unter dem Eindrucke eines finstern Phantomes wie seelenlose Kreaturen dahinvegetirten. Einer hielt sich für einen Tiger. Man hatte seine Zelle in einen Menageriekäfig verwandeln müssen; er aß nur rohes, blutiges Fleisch, welches er mit den Zähnen und seinen langen Nägeln zerriß, und brüllte wie ein wildes Thier. Ein Anderer drehte sich unablässig um sich selbst; er bildete sich ein, die Erdachse zu sein. Ein Fernerer beobachtete den Himmel durch eine wie ein Fernrohr gebrauchte Papierrolle; er hielt sich für Galilei und entdeckte alle Tage neue Sterne. Ein Weiterer glaubte Bonaparte zu sein; er stand laut kommandirend in seiner Zelle und dirigirte die Schlacht bei Wagram. In der Zelle Nummer Elf saß ein junger Mensch, in der Weise in die Zwangsjacke eingepreßt, daß die furchtbare Kongestion nach dem Kopfe ihm den Verstand rauben mußte. Dicker Schaum triefte ihm aus dem Munde, und die blutunterlaufenen Augen quollen aus ihren Höhlen. Er vermochte nicht zu sprechen, sondern ließ bei dem Eintritte der drei Männer nur ein wildes, unartikulirtes Ächzen vernehmen, in welchem sich die entsetzlichste Todesangst ausdrückte.

(\33\)B "Warum diese Strenge?" frug Max.

"Er hat sich an seinem Wärter vergriffen und ihn beinahe getödtet. Er ist der Schlimmste der Tobsüchtigen und nur auf diese Weise zu zähmen."

Im Weiberhause wiederholten sich mit den durch das Geschlecht bedingten Abänderungen ganz dieselben Szenen und Verhältnisse. Aus einer der Zellen erscholl ein so entsetzliches Geschrei, daß Max es nicht anzuhören vermochte.

"Um Gotteswillen, Herr Direktor, gibt es kein Mittel, diese Leute zum Schweigen zu bringen?"

"Sie werden von selbst aufhören. Man hat diese Art Gebrüll stets zu hören, wenn ein Zuwachs zum ersten Male in die Jacke kommt."

"Diese Person befindet sich also erst seit Kurzem hier?"

"Seit heute."

"Wer ist sie?"

"Eine Zigeunerin."

"Ah! Welcher Art ist ihr Wahnsinn?"

"Das hatten wir noch nicht Gelegenheit zu beobachten, Herr Doktor."

"Aber durch die Einlieferungsakten muß Ihnen eine Bemerkung darüber doch unbedingt zugegangen sein?"

"Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, sie zu lesen." "Bitte, lassen Sie öffnen!"

Die begleitende Wärterin schob die Riegel zurück. Inmitten der Zelle lag Zarba auf der Diele; ihre Füße staken in eisernen Klammern und ihr Oberkörper war ganz in derselben Weise wie bei dem Irren Nummer Elf eingeschraubt. Max hatte Mühe, seine Ruhe zu bewahren. "Ist diese Behandlung durchaus nöthig, Herr Direktor?" "Durchaus."

"Aus welchem Grunde?"

"Nun?" frug der Direktor die Wärterin.

"Sie schlug an die Thür und begehrte, herausgelassen zu werden."

"Dieser Begehr ist ein sehr natürlicher und, wie mir scheint, hier auch gerechtfertigt. Ich ersuche Sie, Herr Direktor, die Gequälte aus ihrer Lage zu befreien!"

"Ich darf diesem Wunsche unmöglich Gehör schenken, Herr Doktor. Es ist eine Heilung vollständig unmöglich, wenn man (\34\)A gleich im ersten Augenblicke der Behandlung sich einer Inkonsequenz schuldig macht. Ich bitte, dies zu verzeihen!"

Der Beamte wußte gar wohl, warum er diese Antwort gab. Entfesselte er die Zigeunerin, so stand gewiß eine Enthüllung der Angelegenheit bevor, über welche der Kommissär am wenigsten Etwas erfahren durfte.

"Es ist Ihnen also unmöglich, meine Bitte zu erfüllen?"

"Leider!"

"So befehle ich es!"

Der Direktor blickte ihm halb verwundert und halb besorgt in das Gesicht. Es gab nur einen Ausweg:

"Ich darf auch diesen Befehl nicht berücksichtigen, Herr Doktor. Überhaupt habe ich Befehle zu erhalten nur von Vorgesetzten, welche Eigenschaft Sie allerdings nicht besitzen. Die Excellenz hat mir befohlen, Ihnen alle Auskunft zu ertheilen, nicht aber, Befehle von Ihnen entgegen zu nehmen!" "Schön! Bitte, lesen Sie auch Dieses!"

Er zog ein zweites Schreiben hervor und überreichte es. Der Direktor erbleichte, als er seinen Inhalt überflog.

"Sie sehen, Herr Direktor, daß es mir allerdings hier zusteht, jede mir beliebige Verfügung zu treffen; diese eigenhändige Instruktion Seiner Majestät muß Sie davon überzeugen. Lassen Sie diese Frau nicht sofort entfesseln, so entsetze ich Sie auf der Stelle Ihres Amtes!" Diese Drohung hatte einen augenblicklichen Erfolg. Der Direktor war der Wärterin sogar selbst behilflich, die Jacke aufzuschnallen und die Klammern zu lösen. Kaum vermochte die Gemarterte, wieder frei zu athmen, so verstummte ihr Geschrei; aber eine Aufklärung ihrerseits hatte der Beamte nicht zu befürchten; sie sank besinnungslos zu Boden. Er sollte aber die Überzeugung erhalten, daß der Kommissär besser unterrichtet sei als er selbst. "Sie sprachen vorhin von den Einlieferungsakten dieser Kranken, die Sie noch nicht studirt haben?" "Allerdings."

"Sie haben dieselben aber bereits in Ihrer Hand gehabt?" "Ja."

"Sie lügen!" "Herr Doktor - -!"

"Ich wiederhole es, Sie lügen. Bitte, schicken Sie sofort, sie herbeiholen zu lassen!" "Ich glaube - ich hoffe, Herr Doktor, daß - ich wollte sagen -" "Nun, was wollten Sie sagen?"

"Daß diese Akten allerdings nicht ganz die gewöhnliche Form besitzen - "

"Sondern nur in einem Befehle des Herzogs von Raumburg bestehen?"

Der Direktor erschrak auf das Heftigste. Wer war dieser junge Mann, dieser einfache "Doktor

Max Brandauer", der doch ein so außerordentliches Vertrauen des Königs besaß, daß er mit augenblicklicher Entlassung drohen konnte? Und wie kam er dazu, von dem Befehle des Herzogs zu wissen?

"So - so - ist es!" stotterte er.

"Sie werden mir diesen Befehl ausliefern!"

"Herr Doktor, ich kann nicht sagen, ob er sich noch vorfinden wird."

"Sie werden ihn finden, um eine amtliche Durchsuchung Ihrer Papiere zu vermeiden. Diese Frau betrat die Anstalt, um ihren Sohn zu besuchen?" "So ist es."

"Wo befindet sich derselbe?" "In Nummer Elf der Tobsüchtigen."

"Ah! Jener so furchtbar Gefesselte ist es? Vorwärts, meine Herren; er wird sofort aus seinen Banden befreit!"

Er eilte so schnell voran, daß ihm die beiden Andern kaum zu folgen vermochten. Der Direktor schwitzte vor Angst; er wagte während des raschen Ganges kein Wort mit dem Oberarzte zu wechseln.

"Nummer Elf öffnen!" rief Max schon unter der Korridorthür dem Wärter zu.

Die beiden Unterärzte befanden sich auf einem Rundgange in der Nähe. Sie traten herbei, überrascht darüber, daß ein Fremder hier in so stürmischer Weise das Kommando führte.

"Herr Doktor Brandauer, königlicher Kommissär!" keuchte der Direktor.

Der Genannte aber eilte achtlos an den beiden Männern vorüber und trat in die Zelle.

"Herunter mit der Jacke, augenblicklich herunter!" gebot er.

Der Wärter blickte seine Vorgesetzten fragend an.

(\34\)B "Thue es!" stöhnte der dicke Direktor, dessen Verdauung heute in einer so unerwarteten Weise gestört wurde.

Jetzt war es Max, welcher beim Öffnen des Marterwerkzeuges mithalf.

Der Befreite sog die Luft in einem tiefen Zuge in die von der entsetzlichen Pressung erlöste Lunge und versuchte, die Glieder zu recken, die von dem stagnirenden Blute angeschwollen waren. Aber die Fähigkeit, zu denken, schien ihm noch nicht zurückgekehrt zu sein.

"Der Name dieses Mannes, Herr Direktor!"

"Von Wallroth, vormals Hauptmann der Artillerie." "Seine Einlieferungsakten - ?" Der Direktor schwieg.

"Ich verstehe! Sie waren jedenfalls ganz von derselben Beschaffenheit wie diejenigen seiner Mutter. Herr Direktor, es scheinen unter Ihrer Leitung Dinge vorzugehen, welche mich veranlassen, eine strenge Untersuchung zu beantragen. Halten Sie den Hauptmann wirklich für wahnsinnig?" "Natürlich!"

"Wer sind diese beiden Herren?" "Meine Unterärzte."

"Meine Herren," wandte er sich an diese, "ich bitte um Ihre Meinung über diesen Punkt." "Herr Kommissär - !"

"Keine Ausflucht oder Bemäntelung! Ich frage Sie auf Ihre Ehre und Ihr Gewissen, ob Sie diesen Bedauernswerthen wirklich für wahnsinnig halten. Ihre Antwort wird über Ihre Stellung und Zukunft entscheiden."

"Er wird es in kurzer Zeit sein," antwortete der Muthigere von Beiden.

"Das genügt und stimmt mit meiner eigenen Überzeugung vollständig überein. Herr Direktor, ich erkläre den Hauptmann sammt seiner Mutter für frei und aus der Anstalt entlassen. Sorgen Sie augenblicklich für die nöthige Stärkung der Beiden und dann für einen Wagen, in welchem sie mich nach der Residenz begleiten. Vorher aber wollen wir noch sehen, ob der Befehl zu finden ist, welchen Sie heute von Seiner Durchlaucht durch einen Expressen erhielten. Das Weitere wird durch die Behörde verfügt werden, deren Instruktion Sie so gern respektiren!" -

Fünftes Kapitel. An der Grenze.

Das Königreich Norland wird von dem Nachbarstaate Süderland durch ein Gebirge getrennt, welches in zwei parallelen Systemen von Westen nach Osten streicht. Sich nach und nach aus tiefen, sumpfigen Niederungen erhebend, steigt es in seiner mittleren Region viele tausend Fuß hoch über die Wolken empor und senkt sich dann allmählig zur Küste des Meeres hinab, um sich seinen felsigen Fuß von den Wogen desselben bespülen zu lassen. Nur einige schmale, schwer wegsame Pässe öffnend, bilden die beiden Hauptzüge zwischen sich eine langgezogene Reihe von Thälern und Schluchten, in welche der erwärmende Strahl der Sonne nur am hohen Mittag zu dringen vermag. Aus ihrem feuchten Grunde steigen düstere Tannen-und Föhrenwälder empor, welche nur selten der menschliche Fuß betritt, und läßt sich je einmal das Geräusch von Schritten vernehmen, so wird es verursacht von einem einsam revierenden Forstbeamten, einem verborgen dahinschleichenden Wildschützen oder einem Schmuggler, der es bei diesem Terrain wohl wagen darf, seinem verbotenen Gewerbe selbst am Tage nachzugehen.

Zuweilen allerdings geschieht es, daß er sich nicht allein befindet; es kommt vor, daß sich aus Rücksichten des Geschäftes und der Sicherheit Mehrere an einander schließen, die dann, wohl bewaffnet und mit schweren Paketen beladen, in einer langen und weiten, Intervalle bildenden Reihe über Berg und Thal, durch Busch und Dorn dringen und jederzeit bereit sind, die ihnen anvertrauten Waaren gegen jeden Angriff zu vertheidigen.

Diese Schmuggelei ist eine leicht zu erklärende Folge des heftigen Zollkrieges, welcher zwischen den beiden Nachbarstaaten geführt wird. Im Besitze ganz gleicher Hilfsmittel und an einem und demselben Meere liegend, haben sie einander stets rivalisirend gegenübergestanden. Zwar hat es nicht an wohlgemeinten Versuchen gefehlt, ein freundlicheres Verhältniß herbeizuführen, doch haben derartige Bemühungen immer nur einen momentanen Erfolg gehabt, da bei den beiden Nachbarvölkern eine gegenseitige Abneigung in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint, ihre Interessen (\35\)A schwer zu vereinigen sind und die absolute Regierungsform hüben und drüben den Nationen keine

Einrichtungen bietet, an der Politik des Herrscherhauses und der Verwaltung des Landes in der Weise theilzunehmen, welcher es möglich sein würde, eine dauernde Inklination heranwachsen zu lassen.

Max Joseph, König von Süderland, ist ein Regent, welcher die Traditionen seiner Dynastie in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten weiß, alle Zweige der Administration um seine Person gruppirt, keinem Menschen Einsicht in seine Intentionen gestattet und das "l',tat c'est moi" jedem seiner Worte und jedem seiner Befehle aufzudrücken gewohnt ist. Seine Minister sind weniger seine Berather, als vielmehr seine Diener im engeren Sinne des Wortes; er hat nie einen derselben mit besonderem Vertrauen beglückt, und wie er ein in sich abgeschlossener Charakter ist, so bleibt auch sein ganzes Bestreben darauf gerichtet, eine Schutzmauer um sein Volk zu ziehen, um dasselbe unabhängig von äußeren Einflüssen zu machen und es gegen jede von daher kommende Gefahr gerüstet zu sehen. Dieses defensive Verhalten wird wohl auch mit bedingt durch die nachbarliche Politik, welche seit einigen Jahrzehnten offenbar als eine offensive bezeichnet werden muß und deren Vertreter kein Anderer als der Herzog von Raumburg ist.

Wilhelm der Zweite, König von Norland, ist ein Herrscher von so wohlmeinenden Gesinnungen, wie sie in solchem Umfange wohl keiner seiner Vorfahren aufzuweisen hatte. Leider läßt die Güte seines Herzens nicht Raum genug für die strenge Energie, welche ein Mann besitzen muß, in dessen Hände die größten und schwierigsten Aufgaben staatlicher Entwicklung gelegt sind. Die Güte, welche den Einen beglückt, scheint den Andern zu benachtheiligen, kränkt ihn vielleicht wirklich in seinem Rechte, und so kommt es, daß ein Theil der Bevölkerung den väterlichen Herrscher vergöttert, während der andere Theil in stillem, verborgenem Mißmuthe sich nach Veränderungen sehnt, die nur die Selbstsucht, der kurzsichtige persönliche Egoismus herbeiwünschen kann.

Das Königshaus repräsentirt die ältere Linie seiner Dynastie; die jüngere bildet das herzoglich Raumburgische Geschlecht. Nach alten, unumstößlichen Bestimmungen tritt das Letztere in die Herrschaft ein, wenn die ältere Linie aussterben sollte. Gegenwärtig ist dazu alle Hoffnung, oder nach einer andern Lesart, alle Befürchtung vorhanden. Das Königspaar wurde mit keinem Thronfolger gesegnet; das einzige Kind, eine Tochter, starb bereits einige Tage nach der Geburt. Der Herzog von Raumburg, welcher mit dem Könige zugleich erzogen wurde, besaß zu aller Zeit das unbeschränkte Vertrauen desselben, hat sich dasselbe nutzbar zu machen gewußt, nennt sich den eigentlichen Herrscher des Landes und erwartet nur das Ableben des Königs, um sich selbst oder seinen Sohn auf den Thron zu setzen. Er hat es ganz vortrefflich verstanden, die Fäden der Administration in seiner Hand zu vereinigen, die Militärmacht sich zu unterstellen und auch auf die diplomatischen Beziehungen zu dem Auslande den weitgehendsten Einfluß zu gewinnen. Dieser Einfluß trägt die alleinige Schuld an dem bisherigen unerquicklichen Verhältnisse zu dem Nachbarstaate, und daher erregte es nicht geringe Verwunderung, als man vernahm, nur seiner Vermittlung sei der gegenwärtige Besuch des Kronprinzen von Süderland mit der Prinzessin Asta zu verdanken. Daß dieser Besuch einen politischen Hintergrund habe, war nicht zu bezweifeln, und man erwartete mit allgemeiner Spannung die Zeit, in welcher derselbe auch gewöhnlichen Augen sichtbar werden mußte.

Es war am Nachmittage. Zwei Wanderer schritten auf der schmalen, holperigen Gebirgsstraße dahin, welche von der See heraufkommt und sich zwischen den finstern Gebirgsblöcken dahinwindet wie das Bette eines ausgetrockneten Baches, aus welchem man nur die größeren Felsblöcke entfernt hat, um ihn für den Fuß des Wanderers gangbar zu machen. Sie schienen alte Bekannte zu sein, obgleich zwischen ihrem Äußeren der größte Unterschied herrschte, den man sich nur denken kann.

Der Eine war eine hohe, fast mehr als breitschulterige Figur. Sein von dichtem Haarwuchse bewaldeter Kopf zeigte ein vom Wetter hart mitgenommenes Gesicht, dessen scharfes, offenes Auge mit den derben, gutmüthigen Zügen sehr glücklich harmonirte. Dieser Kopf war bedeckt von einem Hute, der so alt war, daß man den Stoff, aus dem er gefertigt war, und die ursprüngliche Farbe nur nach einer eingehenden chemischen Untersuchung hätte bestimmen können. Er war in unzählige Knillen und Falten gedrückt, und weil sein Besitzer jedenfalls eine freie Stirn liebte, so hatte er denjenigen Theil der breiten Krempe, welcher bestimmt ist, das Gesicht zu beschatten, einfach mit dem Messer abgeschnitten. Der Oberleib stak in einem kurzen, weiten, seegrünen Rocke, dessen Ärmel so kurz waren, daß man den vorderen Theil der sauber gewaschenen Hemdärmel (\35\)B sah, aus denen ein paar braune, riesige Hände hervorblickten, deren je eine recht gut einen nicht zu kleinen Präsentirteller hätte vollständig bedecken können. Unter dem breit über den Rock geschlagenen sauberen Hemdkragen blickte ein roth und weiß gestreiftes Halstuch hervor, welches in einen sechs Zoll breiten Knoten geschlungen war, dessen Zipfel weit über die Brust herab bis auf den unteren Saum der blau-und orangekarrirten Weste hingen. Die Beine staken in hochgelben Nankinghosen, welche in fett getheerten Seemannsstiefeln verliefen, in die zur Noth ein zweijähriger Elephant hätte steigen können. Sein Gang schlug herüber und hinüber, von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, gerade wie bei einem lang befahrenen Matrosen, der während der Dauer von vielen Jahren den festen, sichern Erdboden nicht unter den Füßen gefühlt hat. Der Andere war eine kleine, schmächtige Figur. Er trug eine rothe phrygische Mütze, unter welcher ein rabenschwarzes Haar in langen Locken hervorquoll. Sein hageres Gesicht war außerordentlich scharf geschnitten und zeigte jenen orientalischen Typus, welchen man besonders an den Zigeunern zu bemerken pflegt. Sein schwarzes, unruhiges Auge wanderte rastlos von einem Gegenstande zum andern, und jeder Zollbreit des ganzen Mannes zeigte jene Unruhe und Beweglichkeit, die dem wandernden Volke der Zigeuner zu eigen ist. Seine Kleidung war einfach, bequem und nicht so auffallend wie diejenige seines gigantischen Reisegefährten, doch trug sein schwankender Gang ganz dieselben Spuren einer zurückgelegten längeren Seereise.

An Alter waren Beide einander ziemlich gleich, und auch nach ihrem Innern schienen sie verwandt zu sein, wie die kameradschaftliche Weise ihrer Unterhaltung zeigte. "Ein verdammter Weg, nicht wahr, Bruderherz?" meinte der Riese. "Hätte ich gewußt, daß man in diesem Fahrwasser bei jedem Schritte an eine Klippe segelt, so hätte ich einen andern Kurs vorgezogen, wenn wir auch einige Tage später in der Residenz die Anker geworfen hätten."

"Ich muß herauf in das Gebirge," antwortete der Kleine. "Hättest Du die Bahn benützt, so wärest Du in einem halben Tage an Ort und Stelle gewesen."

"Die Eisenbahn? Hat Dich der Klabautermann gebissen, he? Soll ich etwa meinen Leichnam in eine Koje stecken, in der man weder stehen, noch sitzen, noch liegen kann und wo noch zehn Andere hocken, so daß ich meine armen Beine geradezu zum Fenster hinausrecken müßte? Und meinst Du wirklich, daß ich so einen braven Maate, wie Du bist, allein in diese Wildniß dampfen lasse, in der er jeden Augenblick Schiffbruch leiden und zum elenden Wrack werden kann? Hast Du mir nicht selbst erzählt, daß es hier eine Menge Ungeziefer gibt, dem nicht zu trauen ist, Schmuggler, Wilddiebe und wie die Piraten und Flibustier alle heißen mögen, denen es möglichen Falles auch nicht darauf ankommt, mit einer Kugel ein ehrliches Menschenkind in den Hafen zu bugsiren, von welchem aus Keiner wieder in See gegangen ist? Nein, wo Du bist, da bin ich auch, ich, der Steuermann Balduin Schubert auf seiner Majestät Kriegsschiff Neptun."

"Gut, Steuermann; wir sind Freunde und werden auf gleicher Länge und Breite bleiben, bis Du wieder an Bord irgend eines Fahrzeuges gehst."

"Ich?" frug Schubert erstaunt. "Nur ich? Ich denke, das thun wir Beide mit einander! Oder hast Du etwa gar Lust, unter das armselige Volk der Landratten zu gehen, die kein Floß von einem Dreimaster unterscheiden können und vor Angst in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Tropfen Seewasser sehen?" "Du weißt es, Steuermann, daß ich die See liebe, obgleich ich auf dem Wasser die schlimmsten Tage meines Lebens verbracht habe. Es ist mein Wunsch, einst auf dem Meere sterben zu können, aber ich weiß heute nicht, ob nicht die Verhältnisse mich am Lande festhalten werden."

"Verhältnisse? Heiliges Mars- und Brahmenwetter! Was kann es denn für Verhältnisse geben, die Dich, den Bootsmann Karavey, verhindern könnten, wieder in See zu gehen?" "Dieselben Verhältnisse, welche mich jetzt an das Land und herauf in das Gebirge treiben." "Ich weiß kein Wort von ihnen. Du nennst mich Deinen besten Freund und hast mir noch kein Wort davon gesagt. Ist das recht, he? Wenn Du nicht augenblicklich den richtigen Faden abwickelst, so verdienst Du, gekielholt oder an den Brahmstängenstag gebunden zu werden!" "Räsonnire nicht, Alter! Es war bisher niemals die richtige Zeit, von diesen Dingen zu sprechen; jetzt aber sollst Du Alles hören." (\36\)A "So stoße ab vom Lande!"

"Soll geschehen! Du kennst meine Abstammung und weißt, daß ich ein Gitano bin, der - " "Papperlapapp! Gitano, Zingaritto, oder Zigeuner, mir Alles gleich. Du bist ein braver Junge, und da frage ich nicht, ob Deine Mutter eine Gräfin oder eine Vagab- wollte sagen, eine Zigeunerin war."

"Das bist Du. Aber außer Dir hat es genug Leute gegeben, welche doch darnach fragen. Mein Vater war Vajda und meine Mutter Vajdzina unseres Stammes. Ich und - " "Stopp, Alter! Was bedeuten diese fremden Worte, he?"

"Sie heißen zu Deutsch Führer und Führerin. Ich und meine Schwester Zarba waren die einzigen Kinder, (\36\)B welche ihnen Bhowannie gegeben hatte."

"Wieder ein solches Wort, bei dem man in die Zunge einen Knoten machen muß, wenn man es richtig aussprechen will!"

"Bhowannie ist die Göttin unseres Volkes. Zarba war der Liebling des Stammes, die Schönste aller Mädchen, die herrlichste unter den Blumen und Rosen der Erde. Wir waren stolz auf sie und hüteten sie vor den verlangenden Blicken der jungen Männer aller Länder, durch welche wir zogen. Sie war der Born unserer Freuden und der Quell unseres Glückes, denn sie verstand es besser als alle Andern, in die Zukunft zu blicken und die Schicksale der Sterblichen voherzuverkünden."

"Papperlapapp, Alter, das glaube ich nicht! (\37\)A Um das zu können, müßte man allwissend sein, und das ist kein Mensch."

"Um das zu können, Steuermann, braucht man nicht allwissend zu sein. Die Eigenschaften eines Menschen sind ihm an die Stirn geschrieben; man liest sie aus jedem Blicke seines Auges, und man vernimmt sie aus jedem Worte seiner Rede. Verstehst Du das, und weißt Du, wen Du vor Dir hast, so wird es Dir nicht schwer, ihm ein Schicksal zu verkünden, welches sicher eintreffen muß. Zarba war unsere beste Wahrsagerin; sie verdiente für uns Gold und Silber von den Reichen und Speise, Trank und Kleidung von den Andern. Gar viele Jünglinge des Stammes hatten ihre Augen auf sie geworfen, doch sie erhörte keinen, weil ihr Herz nicht sprechen wollte. Da kamen wir in die Residenz, und sie erblickte einen jungen, blanken Offizier, der ihr Herz zur Rede zwang." "Wer war es?"

"Ein hoher Herr, aber ein Schurke: der Herzog von Raumburg."

"Heiliges Mars- und Brahmenwetter! Eine Zigeunerin und ein Herzog! Sie muß ganz verteufelt hübsch gewesen sein."

"Das war sie, Steuermann, und das war ihr Unglück."

"Da hat sie wohl gar geglaubt, Herzogin zu werden?"

"Was er ihr vorgeschwatzt und versprochen hat, weiß ich nicht. Sie aber ließ sich bethören,

entfloh von uns und ging zu ihm."

"Habt Ihr sie nicht zurückgefordert?"

"Wir thaten es wiederholt, jedoch vergeblich."

"Da schlage der Blitz in die Kombüse! Wäre ich ihr Vater oder ihr Bruder gewesen, so hätte ich mich Bord an Bord mit dem Herzoge gelegt, ihn geentert, das Mädchen fest ins Schlepptau genommen und wäre dann mit ihr davongesegelt, daß es ihm nicht gelungen wäre, mich wieder einzuholen."

"Stopp, alter Heißsporn! Wollte ein Zigeuner einen Herzog ansegeln, so wäre dies ganz derselbe Wahnsinn, als wenn ein einruderiges Fischerboot eine eisernen Panzermonitor über den Haufen rennen wollte. Wir mußten sie verloren geben und wurden aus dem Lande gewiesen mit der Deutung, daß man kurzen Prozeß mit uns machen werde, falls wir es uns wieder beikommen ließen, die Grenze zu überschreiten. Vater und Mutter starben vor Gram; ich sollte Vajda des Stammes werden, verzichtete jedoch darauf und ließ die Meinigen allein ziehen. Ich blieb zurück, da ich von den sterbenden Eltern die Verpflichtung überkommen hatte, über Zarba zu wachen und sie zu rächen, falls ihr Böses geschehe. Daher kehrte ich trotz aller Gefahr in das Land zurück, ward aber ergriffen und für lange Zeit in das Gefängniß gesteckt. Als ich es verließ, erhielt ich doch meine Freiheit nicht wieder, denn ich wurde auf ein Schulschiff transportirt, welches ich lange Jahre nicht verlassen durfte. Ich wurde zu den niedrigsten Diensten kommandirt, und als man mich endlich auf ein Kriegsschiff versetzte, auf welchem ich als Leichtmatrose angestellt wurde, geschah es unter der strengen Weisung, daß ich niemals die Erlaubniß bekommen solle, an das Land zu gehen. So habe ich ein langes Leben als Gefangener zur See verbracht, bis wir einst geentert wurden und die Flagge streichen mußten. Hierdurch erhielt ich meine Freiheit wieder, nahm bei verschiedenen Nationalitäten Dienste und suchte dabei immer nach einer Gelegenheit, wieder in die Heimath zu kommen, um mit dem Herzoge abzurechnen. Das ist mir jetzt gelungen. Ich habe meinen Namen nicht verändern können, aber das Alter und die Anstrengungen haben das Ihrige gethan; Es wird mich Niemand wiederkennen, und ich kann ohne Sorge ein Land betreten, welches mir bei Todesstrafe verboten wurde."

"Das sind ja ganz verteufelte Geschichten, Bootsmann, die Du mir da erzählst! Es ist Dir verdammt schlimm ergangen, Alter, doch das wird nun wohl anders werden. Ich bin Dein Freund, das weißt Du, und was ich habe, das ist Alles auch Dein Eigenthum. Ich muß Dir nämlich sagen, daß ich Zeit meines Lebens sehr sparsam gewesen bin und ein Sümmchen besitze, um welches mich mancher Mann beneiden würde. Darum meine ich, daß - " "Stopp, Alter, so ist es nicht gemeint! Ich kann und werde von Dir niemals auch nur einen Pfennig annehmen, denn - "

"Heiliges Mars- und Brahmenwetter, was fällt Dir ein, Bootsmann! Glaubst Du etwa, der Steuermann Balduin Schubert von Seiner Majestät Kriegsschiff Neptun nenne sich den Freund eines braven Mannes, ohne es auch zu sein, he? Als wir im indischen Meere an der Felseninsel strandeten, auf welcher Du als Einsiedler lebtest, hast Du mich alten Narren beinahe aus dem Rachen des Haifisches gezogen, der so ganz absonderlichen Appetit auf mein Fleisch hatte; das konntest Du getrost bleiben lassen, wenn Du jetzt nicht mit mir theilen, sondern lieber verhungern willst!" "Weißt Du so genau, daß ich hungern werde?"

(\37\)B "Ja! Du hast ja niemals eine Löhnung bekommen, und von den zwei oder drei

Schiffen, deren Bord Du nach Deiner Befreiung betreten hast, wird Dir wohl nicht viel klingendes Andenken übrig geblieben sein."

"Von ihnen nicht, aber von der Insel."

"Von der Insel? Wieso?"

"Schau her!"

Der Zigeuner griff unter die Weste und zog ein ledernes Beutelchen hervor, welches er öffnete. Sein Inhalt bestand in Steinen, welche auf den ersten Anblick voll ständig werthlos erscheinen mochten.

"Steine?" meinte der biedere Steuermann kopfschüttelnd. "Was willst Du mit ihnen, he?" Der Andere lächelte selbstbewußt.

"Für was hältst Du diese Steine?"

"Für - nun, alle Wetter, für Steine natürlich!"

"Das sind sie allerdings, aber was für welche! Hier diese acht sind Diamanten, deren kleinster jedenfalls mehr werth ist, als alle Deine sauer erworbenen Ersparnisse. Die andern sind Rubine, Saphire und Topase, für welche mir jeder Juwelenhändler so viel zahlt, daß ich nicht Noth zu leiden brauche, selbst wenn ich tausend Jahre alt werden sollte." "Heiliges Mars- und Brahmenwetter! Ist das wahr?" "Weßhalb sollte ich Dich belügen?"

"Allerdings! Aber sage, Du Glückskind, wie bist Du denn eigentlich zu diesen Kostbarkeiten gekommen?"

"Das sollst Du ganz gewiß erfahren, doch jetzt ist keine Zeit dazu, denn mir klebt vor Durst und Hunger die Zunge am Gaumen, und dort das einsame Häuschen scheint ein Krug zu sein, in welchem wir bekommen können, was wir brauchen."

"Hast Recht, alter Seebär. Auch mir ist es inwendig wie einem Dreimaster, der ohne Ladung und Ballast auf den Wogen schlingert und jeden Augenblick kentern kann. Ich muß mir irgend Etwas in die Luke gießen und hoffe, daß es nichts ganz Schlechtes sein werde!" Sie traten in die niedrige und arg verräucherte Gaststube des Kruges und fanden zwei Tische vor, deren einer bereits von zwei Männern besetzt war, welche die Neuangekommenen mit neugierigen Blicken musterten. Die seltsame Kleidung des Steuermanns mochte ihr Erstaunen erregen.

Der Wirth brachte auf Wunsch des Letzteren reichlich Speise und Trank herbei, denen die beiden hungrigen und durstigen Seeleute mit bestem Appetite zusprachen. Als sie nach beendigter Mahlzeit die Messer von sich legten, meinte Schubert, sich behaglich die Magengegend streichend:

"So das wäre geschehen! Und nun sage mir doch einmal, welchen Ort oder welchen Menschen Du hier oben in den Bergen zu suchen hast!"

"Später!" antwortete Karavey einsilbig, indem er einen mißtrauischen Blick auf die Gäste warf, die sich jetzt erhoben hatten, um den Krug zu verlassen.

Sie griffen in die Taschen, um ihre Zeche zu entrichten, und dabei zog der Eine von ihnen einen kleinen, zusammengefalteten Zettel mit hervor, welcher unbeachtet vor ihnen und dem Wirthe zu Boden fiel. Der Wirth begleitete Beide hinaus bis vor die Thür, wo sie noch einige Zeit ein angelegentliches und leise geführtes Gespräch unterhielten. Diese Gelegenheit benutzte Karavey, um das Papier aufzuheben und zu entfalten. "Was willst Du mit dem Wische, Bootsmann?" frug Schubert. "Nur sehen, was er enthält. Kannst Du lesen?" "Nein, nur etwas buchstabiren. Warum?"

"Ich kenne nur die Zeichen der Zigeunersprache. Hier stehen drei Worte. Wie heißen sie?" "Zeig her. Vielleicht bringe ich sie heraus!" Er forschte lange auf dem Papiere herum, ehe er begann:

"Ta - ta - tannenschlucht - - Pa - pa - parole - Ka - ka - Karavey - also: Tannenschlucht. Parole: Karavey."

"Karavey? Das ist ja mein Name! Ist es wahr, daß er hier zu lesen steht, Steuermann?" "Er steht hier!" bekräftigte der gefragte, stolz auf seine Lesefertigkeit.

Der Zigeuner blickte sinnend vor sich nieder. Dann frug er: "Wofür hast Du die beiden Bursche wohl gehalten?"

"Hm, viel Kluges und Ehrbares war es wohl nicht. Sie hatten keine braven Augen."

"Ich halte sie für Pascher."

"Kannst Recht haben, Alter!"

"Dann ist auch der Zettel zu verstehen."

(\38\)A "Wieso?"

"Sie haben in der Tannenschlucht heut ein Geschäft." "Aber wie kommt Dein Name dazu, als Parole zu gelten?"

"Das ist mir auch ein Räthsel. Es muß Einen unter ihnen geben, der ihn kennt."

"Und dieser Eine muß der Anführer sein, denn nur von diesem wohl wird die Parole ausgegeben."

"Was Du da sagst, ist sehr wahrscheinlich. Weißt Du, daß ich große Lust verspüre, die Tannenschlucht auszusuchen?"

"Heiliges Mars- und Brahmenwetter, bist Du bei Sinnen? Ein guter Bootsmann hält stets die Augen offen; Du aber wärest ja vollständig mit Blindheit geschlagen, wenn Du Dich ohne Ursache mitten unter dieses Volk vor Anker legen wolltest!" "Und wenn ich nun eine gute Ursache dazu hätte?" "Wie lautet sie?"

"Das Ziel meiner Wanderung liegt ganz in der Nähe der Tannenschlucht." "So kennst Du diesen Ort, he?"

"Sehr gut, von meinen früheren Wanderungen her. Eine halbe Stunde oberhalb der Schlucht stand damals ein Häuschen, in welchem unser ständiger Lowenji wohnte." "Was bedeutet dieses Wort?"

"Es heißt soviel wie Beschützer, Verberger, Verheimlicher -" "Oder Hehler, Gelegenheitsmacher, nicht?" lachte der Steuermann.

"Auch richtig! Der Gitano ist ein gehetzter Hund, der sich nur wehren kann, wenn er nicht nach dem Gesetze fragt. Sein Lowenji wohnt stets an der Grenze zweier Länder, und die Lowenja, wie wir seine Hütte nennen, darf nie verlassen stehen; sie wird nach seinem Tode sofort mit einem neuen Lowenji besetzt, damit uns nie die Zuflucht und die Hilfe fehlt. Alle seine Geheimnisse erben auf den Nachfolger über, der Alles weiß, was man bei ihm erfragen will."

"Ah, jetzt verstehe ich! Du gehst nicht geraden Weges zur Residenz, sondern hierher, um Dich bei dem Manne nach Deiner Schwester zu erkundigen?"

"So ist es. Die Lowenja ist ganz sicher bewohnt, und ihr Besitzer wird mir wohl Auskunft geben können, wo Zarba jetzt zu finden ist, wenn sie noch am Leben ist. Vielleicht erfahre ich bei ihm auch, was es für eine Bewandtniß mit dieser Losung hat." "Ist es weit zu ihm?" "Beinahe noch zwei Stunden."

"So laß uns aufbrechen, damit wir noch vor Nacht dort ankommen!" Sie bezahlten dem wieder eintretenden Wirthe das Genossene und verließen den Krug. Die Straße stieg immer höher zwischen den Bergen hinauf; die Gegend wurde wilder und wilder, und als nach anderthalb Stunden der Zigeuner in einen Seitenpfad einbog, schlugen die dunklen Zweige der Tannen und Föhren dicht über ihren Köpfen zusammen. Nach einer beschwerlichen Wanderung gelangten sie an eine mit üppigem Farrenkraut und Dorngestrüpp überwucherte Waldblöße, an deren Rande ein Häuschen stand, dem auf den ersten Blick ein mehr als hundertjähriges Alter anzusehen war.

"Hier ists!" meinte Karavey, indem er über die Blöße hinweg gerade auf die Hütte zuhielt. "Eine ganz niederträchtige Kabine, Alter," antwortete der Steuermann. "Man sollte meinen, diese Bude brauche kein einziges Segel aufzuhissen, um beim ersten Windstoße wrack zu gehen. Wer da drin wohnt, ist wahrlich nicht zu beneiden!"

Bei der niedrigen Thüre angekommen, klopfte der Zigeuner. Nur auf ein mehrmaliges Klopfen ließen sich schlürfende Schritte vernehmen; es wurde von innen geöffnet, und die Spitze einer fürchterlichen Habichtsnase erschien in dem schmalen Spalt, der vorsichtiger Weise freigegeben wurde.

"Wer ist draußen?" frug eine schnarrende Stimme. "Wer wohnt hier?" lautete die Gegenfrage des Zigeuners. "Tirban, der Waldhüter." "Seid Ihr es selbst?" "Ja."

"So tretet hervor! Ich habe Euch nach Etwas zu fragen."

"Zu fragen? Das könnt Ihr auch so thun; Ihr werdet meine Antwort auch durch die Spalte hören."

"Dieses Haus ist die Lowenja der wandernden Gitani?"

"Wie meint Ihr das?"

"Ich frage, ob Ihr der Lowenji seid!"

"Hm! Wer seid denn Ihr, und wie lautet Euer Name?"

"Ich heiße Karavey."

"Karavey? Zarba's Bruder, der einst unser Vajda werden (\38\)B sollte und dann auf das große Wasser geschickt wurde, weil sich der Herzog vor ihm fürchtete?" "Ichbin es!"

Jetzt wurde die Thür vollständig geöffnet, und es zeigte sich eine Gestalt, die man für noch älter als die Hütte hätte halten mögen. Sie war außerordentlich dürr und tief gebeugt; aber die kleinen, listigen Augen blitzten über die fürchterliche Nase hinweg in noch jugendlichem Feuer, und die Bewegung, mit welcher der Alte jetzt hervortrat und dem Angekommenen die skeletartige Hand entgegenstreckte, war schnell und energisch, wie man es bei diesem Alter sicher nicht erwartet hätte.

"Sei mir willkommen, Herr, und Bhowannie segne Deinen Eingang in meine arme Hütte! Wer ist der Mann, der bei Dir ist?"

"Ein Freund, der mir so viel gilt wie ich selber."

"So mag auch er willkommen sein. Tretet ein, und nehmt fürlieb mit dem, was ich Euch bieten kann!"

Sie traten in den engen, niederen Raum, der außer einem armseligen Lager nichts enthielt als einen rohen Tisch und zwei eben solche Bänke.

"Du nanntest den Namen meiner Schwester," begann Karavey, als sie sich niedergelassen hatten. "Lebt sie noch?"

(\39\)A "Sie lebt und ist mächtig unter ihrem Volke." "Wo werde ich sie finden?"

"In drei Tagen hier bei mir, wenn Du sie hier erwarten willst." "Das dauert mir zu lang. Wo ist sie jetzt?"

"In der Hauptstadt, wo Du sie erfragen kannst im Hause des Hofschmiedes Brandauer."

"Hat sie einen Mann aus unserem Volke?"

"Nein."

"Oder-oder-Kinder?" "Nein - ich weiß es nicht."

"Sieh diesen Zettel! Mein Name steht darauf. Weißt Du, auf wessen Befehl?" Der Alte ergriff das Papier, warf einen Blick darauf und fuhr zurück. "Von wem hast Du diese Worte?" "Von zwei Fremden, die sie im Kruge verloren."

"Sie werden ihre Strafe erhalten. Wem am Abende die Ordre fehlt, der hat die ganze Strenge der Vajdzina zu erwarten."

"Wer ist jetzt die Vajdzina und über wen gebietet sie?"

"Das - das wirst Du später erfahren," antwortete Tirban mit einem sprechenden Blicke nach dem Steuermanne.

"Du kannst meinem Freunde ganz dasselbe Vertrauen schenken wie mir. Also, auf wessen Befehl wurde mein Name als Parole gegeben?" "Auf den Befehl Deiner Schwester." "Ah!"

Er stieß nur diesen Ruf aus und saß dann eine ganze Weile schweigend und in Nachdenken versunken da. Dann erhob er sich.

"Es ist gut, alter Tirban; ich weiß genug. Das Andere werde ich von Zarba selber hören, die ich in der Schmiede suchen gehe."

"So willst Du mich schon wieder verlassen, ohne mir zu erzählen von dem, was Du bisher erfahren hast?"

"Ja ich gehe. Nun ich erfahren habe, daß sie noch lebt, habe ich keine Ruhe, bis ich sie sehen und sprechen kann. Was meine Erlebnisse betrifft, so - aber, wer ist der Mann, der da auf das Haus zuschreitet?"

Sein Auge war durch das kleine, halb erblindete Fenster auf (\39\)B eine lange, kräftige Gestalt gefallen, welche sich in eiligen Schritten der Hütte näherte. Tirban musterte sie und meinte dann:

"Ich kenne diese Menschen nicht und werde auch nicht öffnen. Er ist kein Mann unseres Volkes und soll Euch nicht hier bei mir sehen."

Der Fremde klopfte an die verschlossene Thür, ohne daß ihm von innen Antwort gegeben wurde. Als auch nach wiederholtem Klopfen Alles ruhig blieb, trat er zum Fenster und rief: "Tirpan, öffne! Zarpa pefiehlt es."

"Zarba? Es ist ein Bote von ihr. Ich muß ihn einlassen!" meinte der Waldhüter. Er verließ die Stube und brachte nach wenigen Augenblicken den Mann herein. "Du kommst von Zarba?" frug er ihn. "Ja, von Zarpa, die pei uns wohnt." "Wo ist das?"

"Ich pin Opergeselle pei dem Hofschmiedemeister Prandauer. Hier ist ein Zettel, den sie mit Pleistift geschriepen hat. Kein Mensch kann das verrückte Zeug lesen, sie aper hat gemeint, daß Du schon wissen wirst, was sie meint."

Der Alte nahm den unversiegelten Zettel, schlug ihn auseinander und warf einen Blick auf die seltsamen Charaktere, mit denen er beschrieben war. Während dieser Zeit hatte der Steuermann den Boten scharf fixirt; es war ihm sofort dessen harte Aussprache des B aufgefallen.

"Du bist ein Schmied?" frug er ihn.

"Ja," antwortete der Gefragte, indem er einen verwunderten Blick auf die äußere Erscheinung des Steuermanns warf. "Opergeselle pei dem Hof-, Zeug-, Huf- und Waffenschmiedemeister Prandauer in der Hauptstadt." "Hast Du noch Eltern?" "Nein."

"Oder sonstige Anverwandte?"

"Nein. Nur einen Pruder, der auf das Wasser gegangen ist." "Wie heißest Du?"

"Thomas Schupert ist mein Name. Warum?" "Und Dein Bruder heißt Balduin?"

"Ja, Palduin. Ich hape ihn wohl an die dreißig Jahre nicht gesehen. Aper wie kannst Du seinen Namen wissen?"

(\40\)A "Weil - weil - Thomas, ich habe Dich sofort an Deiner Sprache erkannt; willst Du mich nicht auch erkennen?"

"Palduin - Palduin Schupert? Ists möglich, Du wärst mein Pruder? Donnerwetter, ist das eine Freude. Komm an mein Herz; komm an meinen Pusen und laß Dich umarmen, wenn Du es wirklich pist, lieper Durchprenner Du!"

Sechstes Kapitel.

Der Beginn des Kampfes.

Es war am Abende. Der Herzog von Raumburg Excellenz saß an seinem Schreibtische. Zur Seite desselben hatte auf einem Sammtfauteuil sein Sohn, der Erbprinz von Raumburg, Platz genommen. Ihre Unterhaltung war eine lebhafte, aber nicht sehr freundliche. "Und wie weit bist Du mit dieser famosen Prinzessin Asta?" frug der Vater.

Der Sohn zuckte die Achseln.

"Sie wissen ja, Papa, daß ich diese zarte Angelegenheit nicht als eine gewöhnliche Liaison zu behandeln habe. Ein Projekt von solch eminenter Wichtigkeit muß Zeit finden, sich langsam aus sich selbst heraus zu entwickeln."

"So! Das heißt doch mit anderen Worten, daß Du gerade noch auf dem Punkte stehst, von welchem auszugehen ich Dir befahl?"

"So ziemlich, cher Papa. Unsere Dame scheint nicht den Willen zu besitzen, ihre Gefühle der Politik oder den Traditionen irgend eines Herrscherhauses zu opfern. Lassen wir also ihrem Herzchen Zeit, unseren Intentionen entgegen zu kommen, ohne eine Ahnung von ihnen zu haben!"

"Zeit? Heißt das sprechen wie ein Offizier, welcher gewohnt sein soll, jede und also auch diese Art von Eroberung im Fluge zu vollbringen?"

"Sie vergessen, Papa, daß es Festungen gibt, welche nicht durch einen kühnen Handstreich, sondern nur nach langwieriger Belagerung genommen werden können!" "Ich glaube nicht, daß Prinzeß Asta zu dieser Art befestigter Plätze gehört, ganz abgesehen davon, daß wir nicht die Zeit zu einer langsamen Cernirung und Aushungerung besitzen. Ihre Vorzüge und die glücklichen Chancen einer solchen Allianz fallen nicht blos uns in das Auge, das weißt Du genau wie ich. Daher habe ich allen politischen Scharfsinn angestrengt und kein Opfer gescheut, diesen Besuch, welcher Dir alle möglichen Vortheile bietet, zu Stande zu bringen, und ich habe natürlich das Recht, zu erwarten, daß Du den Moment so viel wie möglich benutzest."

"Das thue ich ja, Papa, aber unsere Dame ist - ist - nun ja, sie ist, was ich bei einem Pferde obstinat oder maulhart nennen möchte. Es hilft weder Trense noch Schenkeldruck. Scheint sie nichts zu ahnen, oder will sie nichts ahnen, kurz und gut, sie zeigt nicht die mindeste Spur eines auch nur leisen Verständnisses für die liebenswürdigen Absichten, welche wir ihr entgegenbringen."

"So bist Du in dieser Angelegenheit zu zart, was doch sonst in ähnlichen Dingen ganz und gar nicht Deine Art und Weise ist. Ich erwarte von Dir, binnen wenigen Tagen einen positiven Erfolg verzeichnen zu können. Die Interessen beider Staaten sind bisher aus einander gegangen; ich habe mir Mühe gegeben, sie wenn auch nur scheinbar zu vereinigen, und darf erwarten, daß Du das Ziel aller meiner Bestrebungen kennst und mich auch nach Kräften unterstützest, es zu erreichen. Seine Majestät beginnt zu altern; das Übrige brauche ich wohl nicht näher zu dokumentiren."

Ein Diener trat ein und überreichte auf einem silbernen Teller eine Karte. Der Herzog ergriff sie mit den Spitzen zweier Finger und warf einen Blick darauf.

"Doktor Max Brandauer? Kenne den Namen nicht. Was will der Mensch zu so ungewöhnlicher Zeit? Es muß wohl etwas Wichtiges sein, was einen Unbekannten zu dem Wagnisse bestimmt, mich jetzt zu stören."

Durch die dargereichte Hand wurde der Prinz entlassen, während ein leises Neigen des Hauptes dem Diener sagte, daß die Audienz gewährt werde. Die eine Thür schloß sich hinter dem Prinzen, und die andere öffnete sich, um den Schmiedesohn einzulassen, welcher sich nach einer höflichen Verbeugung in aufrechte Stellung emporrichtete, um die Anrede des Herzogs zu erwarten.

"Was wünschen Sie?" frug dieser stolz. "Ich erwarte natürlich, daß die Seltsamkeit Ihres Erscheinens durch die Natur Ihrer Angelegenheit entschuldigt werde. Es ist jetzt nicht die Zeit, in welcher ich unwichtige Besuche zu empfangen pflege."

(\40\)B "Ich komme im Auftrage Seiner Majestät, Excellenz."

"Ah! Ich kannte Sie bisher nicht als einen Beamten meines königlichen Vetters!"

"Das bin ich auch gegenwärtig nicht. Ich bin der Sohn des Ihnen wohl wenigstens dem Namen nach bekannten Hofschmiedes Brandauer."

Die strengen Züge des Herzogs nahmen einen deutlichen Ausdruck ungewöhnlicher Spannung an.

"Ich kenne diesen Namen. Was kann der König mir durch den Sohn eines Schmiedes zu sagen haben. Jedenfalls sind Sie im Besitze irgend einer Legitimation, da Sie begreifen werden, daß ich nicht so ohne Weiteres jede obskure Persönlichkeit als Vermittler zwischen der Majestät und mir anerkennen kann." "Hier, Durchlaucht!"

Er überreichte ein Billet, welches der Herzog überflog, um seinen Blick dann fragend wieder auf Max zu richten.

"Ich ersehe aus diesem Handschreiben nicht den Zweck Ihres Kommens."

"Dann haben Majestät jedenfalls gemeint, daß es zuweilen Schmiedesöhne und andere obskure Menschen gibt, welchen es nicht schwer fällt, sich einer Botschaft mündlich zu entledigen," antwortete der Doktor mit einer sehr leisen Verbeugung seines Hauptes.

Die Züge des Herzogs verfinsterten sich.

"Vergessen Sie nicht, vor wem Sie stehen, Herr Brandauer, und kommen Sie zur Sache!" "Durchlaucht befehlen und ich gehorche. Es verlautete nämlich das Gerücht, daß ein gewisser Herr von Wallroth, Hauptmann der Artillerie, von gewisser Seite und aus gewissen Gründen für wahnsinnig erklärt worden sei und auf eine unverantwortliche, ja sogar geradezu verbrecherische und unmenschliche Weise im Irrenhause festgehalten und zu Tode gepeinigt werde." -

Der Herzog erhob sich. Sein Gesicht war um einen Schatten bleicher geworden.

"Wirklich ein höchst interessantes Gerücht, Herr Brandauer. Wer hat es erfunden und weiter kolportirt?"

"Dem Ursprunge und der Verbreitung eines Gerüchtes läßt sich gewöhnlich nur schwer nachforschen. Allerdings liegt hier eine Ausnahme vor, doch bin ich leider nicht ermächtigt, die Fragen Ew. Durchlaucht zu beantworten."

"So werde ich Sie zu zwingen wissen. Dieses Gerücht tangirt mich natürlich im höchsten Grade -"

"Ah -!" klang die halb ironische Unterbrechung.

"Was unterstehen Sie sich, Herr! Ich sage, dieses Gerücht tangire mich im höchsten Grade, da die Verwaltung der betreffenden Anstalt meiner obersten Leitung unterstellt ist, und ich wiederhole, daß ich Sie nöthigenfalls zwingen werde, mir das Vorhandensein und die Entstehung des Gerüchtes, von welchem Sie sprechen, ausführlich nachzuweisen." "Eine solche Zwangsmaßregel dürfte wohl außerhalb des Machtbereiches Ew. Durchlaucht liegen, da Seine Majestät -"

"Wohl die Macht besitzen, zu begnadigen, nicht aber in den Lauf einer Klage oder Untersuchung einzugreifen. Was hindert mich, Sie festnehmen zu lassen?" "Ich, der obskure Schmiedesohn, Excellenz!"

"Ah! Der Umstand, daß mein königlicher Vetter die seltsame Passion besitzt, sich zuweilen an dem Ambose Ihres Vaters zu erlustiren, ist für mich kein Grund zu irgend einer Nachsicht gegen Sie. Ich befehle Ihnen also, mir den Erfinder dieses Gerüchtes mitzutheilen!" "Ich kenne keinen zwingenden Grund, diesem Befehle gehorsam zu sein, und wenn ich demselben trotzdem nachkomme, so geschieht es nur, um meinerseits einer unangenehmen Erledigung meines Auftrages überhoben zu werden. Ich könnte mich recht gut hinter andere Persönlichkeiten verbergen, doch gibt es auch obskure Leute, welche stolz genug sind, eine solche Feigheit zu verschmähen. Der Erfinder und Verbreiter des Gerüchtes steht vor Ihnen, Durchlaucht."

Der Herzog trat überrascht einen Schritt zurück. "Und das - das wagen Sie zu sagen?"

"Ich sage es einfach; ein Wagniß ist dabei nicht zu erkennen, da jeder gegen mich gerichteten Gewaltmaßregel durch meinen königlichen Pathen vorgebeugt worden ist. Allerdings habe ich mich eines falschen Ausdruckes bedient, als ich sagte, daß ich der Erfinder des Gerüchtes sei; es wurde nicht erfunden, sondern es erzählte die lautere Wahrheit." "Ich wäre begierig, den Beweis zu hören!"

"Die Einlieferungsakten des Hauptmanns befinden sich bereits in den Händen Seiner Majestät "Unmöglich!"

"Nicht nur möglich, sondern sogar Thatsache. Diese Akten (\41\)A bestehen außerordentlicher Weise nur in einem kurzen Befehle, dessen Unterschrift ich wohl nicht näher zu bezeichnen brauche." "Wer hat das Schriftstück ausgehändigt?"

"Der Anstaltsvorstand natürlich. Er wurde sogar gezwungen, eine andere Akte auszuliefern, welche ihm durch einen Expressen übermittelt wurde, um der Mutter des Hauptmanns ganz dasselbe Schicksal zu bereiten, welches ihren Sohn in die Nacht des Wahnsinns oder des Todes stürzen sollte."

Der Herzog mußte sich sammeln. Er stützte sich mit der Hand auf den Schreibtisch und frug dann mit belegter Stimme:

"Die Mutter des Hauptmanns? Er ist mir bei meinen Besuchen in der Anstalt vollständig entgangen. Hat er eine Mutter?"

"Allerdings, und natürlich wohl auch einen Vater."

"Wie heißt sie?"

"Es ist eine Zigeunerin Namens Zarba, und der Vater, welcher auch noch lebt, ist ein -" "Pah, wir haben es hier wohl nur mit der Mutter zu thun!"

"Ganz, wie Excellenz wünschen! Also das Gerücht fand bei mir seinen Ausgang und wurde -" "Ich begreife nicht, wie Sie auf eine solche Absurdität fallen konnten!"

"Ich pflege weder absurd zu denken, noch abgeschmackt zu handeln, Excellenz. Also das Gerücht wurde von mir dem Könige mitgetheilt, welcher mich mit dem Auftrage beehrte, als Regierungskommissär die Anstalt zu besuchen. Ich fand die Bestätigung meiner Vermuthungen, befreite sofort den Hauptmann sammt seiner Mutter und erstattete meinem hohen Auftraggeber Bericht über den Sachverhalt. Die Folge davon ist eine gegen den Leiter des Irrenhauses und den Oberarzt einzuleitende Untersuchung. Sie können dem Schicksale, in Haft genommen zu werden, wohl nicht entgehen."

Die Züge des Herzogs wurden noch bleicher als vorher, doch seine Augen blitzten zornig, als er frug:

"Und dies Alles geschah ohne meine Genehmigung?"

"Ich habe noch nie gehört, daß ein unumschränkter Herrscher zu irgend einer Handlung der Genehmigung eines seiner Diener, und wenn es der erste und oberste derselben ist, bedarf. Auch blieb wohl keine Zeit übrig, Excellenz zu benachrichtigen. Leider scheint sich herauszustellen, daß eine sehr hochgestellte Person bei der bevorstehenden Untersuchung leicht kompromittirt werden könnte; Majestät haben die gnädige Absicht, dies zu vermeiden, und wünschen daher, eine Andeutung an die betreffende Adresse gelangen zu lassen. Außer dem Könige, den beiden aus der Anstalt Befreiten und mir ist bisher Niemand in die Angelegenheit eingeweiht, und ich erkenne es als eine Huld des Herrschers, daß er keine andere Persönlichkeit als mich beauftragte, diese Andeutung zu überbringen." "Und welchen Zweck hat diese Andeutung?" Der Doktor zuckte mit den Achseln.

"Keinen andern, als den bereits erwähnten. Es scheint mir nicht unmöglich, daß sich der Hauptmann nebst seiner Mutter dahin bringen lassen, von einer Untersuchung abzustehen. Ein Äquivalent für die ausgestandenen Leiden müßte allerdings geleistet werden." "In wessen Händen befinden sich die aus der Anstalt mitgenommenen Schriftstücke?" "In denen des Königs."

"Sie bedurften einer Legitimation von Seiten des Ministers?" "Allerdings, doch wurde diesem Herrn nicht die mindeste Mittheilung über den Zweck meiner Visitation gemacht."

Der Herzog wandte sich dem Fenster zu und blickte einige Minuten lang hinaus in die Nacht.

Dann fuhr er plötzlich scharf auf dem Absatze herum.

"Sie sind nicht im Besitze einer amtlichen Stellung, Herr Doktor?"

"Nein."

"Aber ein Mann von Ihrem Wissen sollte sich doch unbedingt nützlich zu machen suchen. Ich würde bereit sein, Ihnen eine Bahn zu eröffnen, falls Sie gesonnen wären, irgend eine Art des staatlichen Dienstes zu betreten." Max verbeugte sich so tief wie möglich.

"Ich danke, Excellenz! Noch habe ich diese Absicht nicht; sollte sie sich aber einst einstellen, was ich keineswegs bezweifele, so bin ich bereits an die Adresse meines Pathen gewiesen, der es übel vermerken würde, einen Mangel an unterthänigem Vertrauen bei mir zu entdecken. Darf ich erwarten, daß unsere gegenwärtige Konferenz beendet ist?" "Gehen Sie!"

Die Thür schloß sich hinter dem Doktor; der Herzog blieb allein zurück. (\42\)A "Welch ein unvorhergesehenes Ereigniß!" murmelte er. "Dieser Brandauer ist ein höchst gefährlicher Mensch. Wie konnte er wissen, daß - hier stoße ich auf ein Räthsel, welches so bald wie möglich gelöst werden muß. Persönlich ergreifen darf ich ihn nicht; er ist ein Prot,g, des Königs, der ihn nachhaltig schützen würde. Aber die Andern? - Gütlich ausgleichen mit ihnen? Nun und nimmermehr!"

Er schritt erregt in dem Zimmer auf und ab, dann faßte er nach dem Glockenzuge. "So wird es gehen. Sie müssen verschwinden; sie müssen stumm gemacht werden!" Auf sein Zeichen kam ein Diener herbei.

"Eile in Civil nach dem Seidenmüllerschen Gasthofe. Dort wohnt ein Herr Aloys Penentrier, den Du schleunigst zu mir entbietest. Dann schickst Du mir den - den - ja, den Polizeikommissär Hartmann, und endlich gehst Du nach dem königlichen Schlosse und suchst ohne Aufsehen den Kammerlakaien Grunert zu finden. Ihn bringst Du nach meinem Garten, wo er auf der Terrasse auf mich zu warten hat!" (\42\)B "Zu Befehl, Excellenz!"

Der Diener entfernte sich, warf in seiner Wohnung einen Mantel über, setzte eine Civilmütze auf und verließ den Palast seines Gebieters. Am Flusse löste er einen Kahn von der Kette, stieg ein und ruderte sich aus allen Kräften stromauf, dem andern Ufer entgegen. Als er dort ankam, stieg eben Max aus seiner Gondel. Er hatte keine Veranlassung zur Eile gehabt und war also von dem Diener, der ihm jetzt keine weitere Beachtung schenkte, eingeholt worden.

"Der Lakai des Herzogs, der mich eingelassen hat," murmelte er überrascht; "und in solcher Eile! Jedenfalls hat er Aufträge erhalten, welche die Folge meines Besuches sind. Ich muß ihn beobachten!"

In vorsichtiger Distanz folgte er dem Diener bis an den Gasthof der ehrsamen Wittfrau und Kartoffelhändlerin Barbara Seidenmüller. Unter einer Thür an der gegenüberliegenden Straßenseite stehend bemerkte er zwei Fenster des ersten Stockes erleuchtet und konnte zwischen den Gardinen hindurch deutlich den kleinen Rentier erkennen, welcher den Auftrag des (\43\)A Dieners entgegennahm. Dieser Letztere verließ das Haus und schritt der nächsten Polizeiwache zu, aus welcher er bald mit dem Kommissär Hartmann trat, welcher dem Doktor nicht unbekannt war.

"Der Jesuit und der Polizist?" frug sich Max. "Da ist irgend eine Teufelei im Werke. Sie trennen sich. Der Kommissär geht nach dem Flusse und der Diener in der Richtung des Schlosses. Folge ich dem Einen oder dem Anderen? Ich kehre zum Herzoge zurück und wage es, durch den verborgenen Weg seine Bibliothek zu erreichen. Dort kann ich Alles hören und brauche, selbst wenn ich ertappt werden sollte, keine ernstliche Gefahr zu befürchten."

Max führte diesen Entschluß sofort aus. Sich des Fährmannes von Neuem bedienend gelangte er kurze Zeit nach dem Polizisten an das jenseitige Ufer, passirte das Palais an der hinteren Fronte desselben, versicherte sich, daß er unbeobachtet sei, und stieg dann in den Garten. Sich zu der Terrassentreppe schleichend stieg er durch das Fenster, welches er sofort wieder in die Öffnung befestigte, hinab und verfolgte langsam den Gang, mit dessen Einzelnheiten er noch vollständig vertraut war. Die nothwendige Vorsicht war Schuld, daß er nur langsam vorwärts kam; doch gelang es ihm, geräuschlos die Bibliothek zu erreichen, in welcher heute kein Licht brannte. Im Arbeitszimmer vernahm er Stimmen. Er näherte sich der Portiere und kam gerade noch zur rechten Zeit, um den sich verabschiedenden Penentrier zu bemerken. Dieser hatte sich schleunigst zum Herzoge begeben, welcher ihn mit Ungeduld erwartete. "Ich bin erstaunt, Excellenz," begann er -

"Schon gut!" fiel ihm der Herzog in die Rede. "Wir geriethen letzthin in einige kleine Differenzen, welche aber wohl nicht der Rede werth sind. Nehmen Sie Platz, mein lieber Pater. Ich habe in Betreff der Irrenanstalt mit Ihnen zu sprechen." Die Brauen des Jesuiten zogen sich erwartungsvoll empor.

"Gibt es vielleicht einen neuen Aspiranten, der so geistig angegriffen ist, daß er es verschmäht, auf unsere Intentionen einzugehen?"

"Das nicht; vielmehr findet das gerade Gegentheil statt: die geistig Irren stehen im Begriffe, ihre Ketten zu zerbrechen, um uns damit zu fesseln."

"Ah!"

"Es soll auf höchsteigene Veranlassung der Majestät eine Untersuchung gegen den Direktor und Oberarzt der Anstalt eingeleitet werden, weil -"

"Jesus, Maria und Joseph, das müssen Excellenz unbedingt verhüten! Es würden da Thatsachen blosgelegt werden, welche unsere ebenso geistreiche wie geheimnißvolle Mechanik enthüllen müßten."

"Leider habe ich nicht die Macht dazu, diese Angelegenheit rückgängig zu machen. So schleunigst wie möglich die Spuren verwischen, das ist Alles, was wir thun können. Es hat bereits ein königlicher Kommissär die Anstalt revidirt und zwei Detinirte befreit, welche glücklicher Weise unsern Plänen nicht nahe gestanden haben. Morgen wird der Direktor sammt dem Oberarzte in Haft genommen." "Wer ist der Verräther?"

"Ich weiß es noch nicht, habe aber alle Hoffnung, ihn baldigst ermitteln zu können. Die beiden Beamten müssen fliehen!" "Oder sterben!"

"Sie nicht; es ist nicht unbedingt nöthig. Sie sind mir ergeben und können mir noch nützen.

Ich verlange andere Opfer."

"Welche?"

Der Herzog nahm ein Papier vom Schreibtische und überreichte es dem Pater. "Hier ein kleines Verzeichniß derjenigen Irren, welche unter einer anderen Behandlung vielleicht versucht sein würden, verständig zu sprechen und unsere Absichten in Gefahr zu bringen. Sie bekommen Gift."

"So viele Leichen an einem Tage! Das würde auffallen."

"So gebe man ihnen verschiedene Gifte oder verschiedene Dosen, doch so, daß binnen drei Tagen der Letzte stumm ist." "Das ist etwas mehr acceptabel." "Wollen Sie mein Bote sein?"

"Wie immer. Angelegenheiten von so zarter Natur dürfen keinem untergeordneten Wesen anvertraut werden. Wohin beabsichtigen Sie die beiden Beamten zu dirigiren?" "Zunächst über die Grenze nach Süderland. Ich habe, während ich Sie erwartete, eine Marschroute und andere Weisungen schriftlich niedergelegt und auch die nöthigen Summen beigefügt. Die Flüchtlinge werden nicht die Bahn benutzen, sondern die Reise in das Gebirge per Privatwagen zurücklegen. Drüben sind sie an (\43\)B eine einflußreiche Person adressirt, welche sie vor jeder Verfolgung sicherstellen wird. Jetzt darf ich Ihre Zeit nicht länger kürzen. Es thut Eile noth, und Sie sind entlassen."

"Ich fliege, Excellenz; doch hoffe ich, daß meine stete Bereitwilligkeit, auf Ihre Intentionen einzugehen, später den Erfolg hat, der mir versprochen worden ist!"

"Sie haben mein Wort. Die Gesellschaft Jesu fördert mich bei der Erreichung meiner Ziele; sobald ich dazu die Macht in den Händen habe, werde ich ihr eine öffentliche Heimath in Norland gewähren."

"Ich danke, Excellenz, und stelle mich zu jeder Zeit zur vollständigen Verfügung."

Diese letzten Worte waren es blos, welche Max gehört hatte, als er die Portiere um ein Lückchen öffnete. Dann entfernte sich der Pater.

Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so trat der Polizeikommissarius ein und blieb in respektvoller Haltung an der Thür stehen. "Herr Kommissär -" "Excellenz!"

"Ich kenne Sie als einen unserer tüchtigsten Beamten -" Der Polizist verneigte sich so tief wie möglich.

"Und habe mir vorgenommen, Sie bei der nächsten Vakanz mit der Stelle eines Polizeirathes zu bedenken." "Excellenz -!"

"Schon gut! Ich weiß, wie Ergebenheit zu behandeln ist, und will Ihnen eine Gelegenheit bieten, mir Ihre Anhänglichkeit auf das Glänzendste zu beweisen. Außer Ihrer baldigen Beförderung stehen Ihnen diese fünfhundert Thaler als Extragratifikation zur Verfügung." "Ich höre, Excellenz!"

"Sie haben vorgestern einen Menschen arretirt, welcher des Mordes verdächtig ist?"

"Allerdings."

"Er heißt Helbig?"

"So ist es. Er hat bereits dreimal wegen Körperverletzung das Zuchthaus frequentirt." "Halten Sie ihn für schuldig?"

"Ich halte ihn des Mordes fähig; ob er in dem vorliegenden Falle schuldig ist, muß die Untersuchung beweisen."

"Er ist noch nicht in das Gerichtsamtsgefängniß abgeliefert, sondern befindet sich noch in den Händen der Polizei."

"Ich mußte ihn zurückbehalten, um ihn bei den nöthigen Recherchen stets bei der Hand zu haben."

"Ich interessire mich für diesen Fall und möchte ihn einmal sprechen. Ist es Ihnen möglich, mir diesen Helbig nach Verlauf einer halben Stunde einmal in dieses Zimmer zu bringen, ohne daß es ein Dritter bemerkt, wenn ich dafür sorge, daß hier in meinem Palais der Weg frei ist?"

Der Kommissär war klug genug, sein Erstaunen vollständig zu verbergen. Er besann sich einen Augenblick und entschied dann:

"Ich übernehme damit kein geringes Risiko, doch denke ich, daß es möglich sein werde." "Gut! Sie sind für jetzt entlassen. In genau einer halben Stunde nehmen Sie mit dem Subjekte hier unangemeldet Zutritt. Es wird kein Diener zugegen sein, der Sie melden könnte." Der Kommissär trat ab. Max hatte jedes Wort vernommen und wußte nicht, was er aus dem seltsamen Vorgange machen solle.

"So; nun hinab zur Terrasse!" hörte er jetzt den Herzog halblaut sagen.

Was war das wieder? Sollte der Diener, welcher den Weg nach dem Schlosse eingeschlagen hatte, einen Dritten nach der Terrasse bestellt haben? Auch das mußte untersucht werden, besonders da es jetzt möglich war, daß der Herzog in das Bibliothekzimmer treten konnte.

Er schlich sich durch die Bücherthür nach dem Gang zurück und gelangte nach wenigen Augenblicken an das Treppenfenster, welches er geräuschlos aushob. Da die Stufenseiten der Terrasse mit dichten Orangerie- und Blumengewächsen eingefaßt waren, so konnte er es wagen, hervorzusteigen. Er nahm zwischen Palmen und Oleandern Platz und gewahrte einen Mann, welcher unweit von ihm im Dunkeln auf einer der Stufen saß. Da knarrte leise die Thür und der Herzog trat hervor. "Grunert!" rief er mit gedämpfter Stimme. "Hier, Excellenz!"

"Bleib sitzen, damit, wenn uns ja Jemand überraschen sollte, er denke, daß ich mich allein hier befinde. Hast Du Jemand im Garten bemerkt?"

"Nein."

(\44\)A "Dann sind wir wohl sicher. Hier hast Du diese Rolle; es sind Dukaten." "Danke, Excellenz."

"Ich muß heute Nacht unbedingt das Arbeitskabinet des Königs betreten." "O, das ist nicht möglich, Durchlaucht!"

"Ich denke, diesen Dukaten ist Alles möglich, besonders wenn ich sie im günstigen Falle verdoppele. Oder willst Du meine Protektion verlieren?"

"Excellenz sind die Güte selbst - aber die Wachen - ?"

"Das überlaß mir! Punkt zwei Uhr ist das Kabinet offen!"

"Zu Befehl!"

"Du befindest Dich darin!" "Zu Befehl!" "Mit einer Blendlaterne!" "Ich werde da sein!"

"Und sorgst dafür, daß die Fenster dicht verhangen sind. Kennst Du den Sohn des Schmiedes Brandauer?"

"Ja. Er war heute bei der Majestät."

"Weißt Du nicht, ob er Papiere überreicht hat?"

"Ich glaube, daß dies der Fall gewesen ist; wenigstens schlossen Majestät einige Dokumente in ein Fach des Schreibtisches, als der Doktor sich entfernt hatte." "Kannst Du Dich des Faches erinnern?" "Ja."

"Dann genug für jetzt. Suche das Freie ungesehen wieder zu gewinnen!" Er trat zurück und verschloß die Thür. Der Lakai erhob sich und schlich sich leise davon. Max war fast erstarrt über das, was er vernommen hatte. Der König war in seiner nächsten Nähe von Verräthern umgeben, und diese Menschen standen im Solde des Herzogs. Wie oft schon mochten sich Vorkommnisse von der Art des soeben Besprochenen begeben haben, ohne daß der König eine Ahnung hatte, auf welche schändliche Weise man sich seiner Pläne und Geheimnisse bemächtigte! Das durfte nun und nimmer wieder geschehen. Zwar stand der Herzog über jeder Strafe erhaben, aber eine Blamage mußte er erleben, wie sie ihm wohl noch nicht vorgekommen war.

Jetzt aber galt es noch zu wissen, was er mit dem Mörder vorhabe. Max kehrte also in die Bibliothek zurück, doch trat er nicht vollständig ein, sondern blieb unter der halb geöffneten Thür stehen, um beim etwaigen Eintritte des Herzogs zum sofortigen Rückzuge bereit zu sein. Endlich hörte er die Thür öffnen und vernahm eine Stimme. Schnell stand er an der Portiere und blickte hindurch. Der Kommissär war mit dem Verbrecher eingetreten. Der Letztere war ein Mann in den mittleren Dreißigern, von untersetzter, kräftiger Figur und einem Gesichtsausdrucke, der nichts Angenehmes an sich hatte. "Treten Sie einstweilen ab, Herr Kommissär!" befahl der Herzog. Diesem Gebote wurde augenblicklich Folge geleistet. "Helbig!" "Excellenz!"

"Du spannst wohl keine Seide, seit Du aus meinen Diensten bist?" "Nein."

"Und hättest es bei mir so gut haben können, wenn Du damals dem Weibe nicht nachgelaufen wärst!"

"Hole sie der Teufel, Durchlaucht! Ich wollte, sie stände jetzt da und ich hätte eine gute Klinge in der Hand. Ich will gehängt sein, wenn die Weiber nicht an allem Unheile schuld sind, welches die Männer zu leiden haben! Sie gab sich mit einem Andern ab, und das paßte mir natürlich nicht. Ich ertappte sie, wurde teufelsmäßig wild, und - na, da hat man mich als Mörder eingezogen!"

"Ich bin überzeugt, daß Du unschuldig bist!" "Natürlich!"

"Und dennoch wird man kurzen Prozeß mit Dir machen."

"Das beginne ich auch zu ahnen. Dieser Kommissär da draußen gibt sich alle Mühe, mich um den Kopf zu bringen."

"Er hält das für seine Pflicht. Man wird Dich aufhängen."

"Das ist allerdings wahrscheinlich. Aber ich habe Ew. Durchlaucht so viele treue Dienste geleistet, von denen Niemand Etwas erfahren darf, und als ich hörte, daß ich hierher geführt werden sollte, da kam mir die Vermuthung, daß Excellenz etwas für mich thun wollten." "Das bin ich auch in Anbetracht Deiner Dienste entschlossen. Aber weißt Du, das Leben hat einen höheren Werth als Deine (\44\)B bisherigen Leistungen. Wenn ich Dich errette, so meine ich, daß ich von Dir auch etwas verlangen kann." "Verlangt nur! Ich werde Alles thun, es mag heißen wie es will."

"Schön! Aber bedenke vorher, daß ich Dich ebenso gut verderben wie erretten kann. Es darf von dem, was wir hier besprechen, kein Mensch ein Wort erfahren!" "Habe ich jemals geschwatzt, Excellenz?"

"Das allerdings nie, und darum eben schenke ich Dir mein vollstes Vertrauen. Weißt Du, wie viele Menschen es auf der Erde gibt?" "Ich habe sie noch nicht gezählt."

"Es sind ein gut Theil über tausend Millionen, aber unter ihnen leben Drei zu viel. Verstehst Du mich?"

"Ich verstehe. Mein Leben gegen drei Leben!" "Nun?"

"Mein Leben ist mir natürlich lieber als das Leben dieser ganzen tausend Millionen. Wer sind die Drei?"

"Ein Schmiedesohn, eine Zigeunerin und ein verrückter Hauptmann." "Ich werde mit ihnen fertig werden." "In einer Nacht?"

"In einer Stunde, wenn sie hier wohnen und nicht weit auseinander zu treffen sind."

"Das muß ich erst noch erfahren, doch vermuthe ich, daß sie beisammen in der Schmiede zu treffen sind."

"Desto besser. Aber wie ihnen beikommen? Ich bin gefangen!"

"Nichts leichter als das. Komm her und siehe Dir das Polizeigebäude an! Es ist vom Monde beleuchtet. Unter meinem Schutze wird sich jede Schwierigkeit heben lassen."

Max konnte nun nur noch die Gesten der beiden Männer bemerken. Der Herzog gab seine

Bemerkungen im leisesten Flüstertone, und der Andere antwortete ebenso unhörbar. Endlich wandten sie sich wieder dem Innern des Zimmers zu, und der Herzog trat zur Thür, um dieselbe zu öffnen.

"Herr Kommissär!"

"Excellenz!"

"Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß dieser Mann vielleicht unschuldig oder wenigstens nicht so sehr schuldig ist, wie es den Anschein haben mag. Er ist ein langjähriger treuer Diener von mir, dessen ich mich unter allen Umständen annehmen werde. In den Lauf der Untersuchung kann und will ich allerdings nicht eingreifen, doch erinnere ich Sie an den Gegenstand unseres vorigen Gespräches. Bringen Sie den Gefangenen zurück. Sie werden weiter von mir hören!"

Die beiden Männer traten ab, und nun mußte sich auch Max entfernen. Er gelangte unbemerkt in das Freie.

Er hatte die wichtigsten Entdeckungen gemacht und saß so gedankenvoll in dem Kahne, daß er fast erschrak, als dieser am jenseitigen Ufer anstieß. Seine Aufgabe war jetzt eine dreifache: den Einbruch im königlichen Schlosse zu verhüten, die Flucht der beiden Beamten der Irrenanstalt unmöglich zu machen und endlich die Gefahr zu vermeiden, welche ihm, dem Hauptmanne und Zarba durch den gedungenen Mörder drohte. Das Erstere war jedenfalls das Nöthigste. Daher begab er sich zunächst nach Hause. Der Vater besaß eine Karte des Königs, welche ihm die Erlaubniß bescheinigte, zu jeder Zeit des Tages und des Nachts das königliche Schloß zu betreten. Nur durch sie war es möglich, die Dokumente den Händen des Herzogs zu entreißen und zugleich den verrätherischen Lakaien zu entlarven.

Siebtes Kapitel. Schachzüge.

Wieder saßen im traulichen Abenddämmerschein die Gesellen vor der Schmiede und in ihrer Nähe die lauschenden Lehrbuben. Drin im Hause war Alles ruhig, obgleich einige durch die Lädenritzen fallende Lichtstrahle verriethen, daß die Zimmer nicht vereinsamt seien. "Ich möchte nur wissen, pei welcher Waffe er gedient hat," meinte Schubert. "Er hat so etwas Liepes und zugleich Vornehmes an sich, und ich verwette ein Dutzend Ampalema gegen eine einzige Pfälzer mit Märker Einlage, daß er pei der Kavallerie gestanden hat." "Das ist nicht am Den!" antwortete einfach Baldrian, der Grenadier.

"Nicht? Warum nicht, Paldrian? Meinst Du vielleicht, daß er Offizier bei der Linie gewesen ist?"

(\45\)A Baldrian nickte mit dem Kopfe.

"Das pilde Dir nicht ein, denn zur Linie hat er ein viel zu noples Exterieur, wie wir Kavalleristen zu sagen pflegen."

"Ja, die Kavallerie hat viel Exterieur," meinte Heinrich, "nur müssen die Pferde gewaschen und die Leute gestriegelt worden sein! Wie könnt Ihr nur denken, daß der Hauptmann von Wallroth bei der Reiterei oder gar bei der Linie gestanden hat! Daß er ein gelehrter und außerordentlich tüchtiger Herr ist, das sieht man ihm ja schon von Weitem an, und da ist es ja gar nicht anders möglich, als daß er bei der Artillerie befehligt hat. Sie bedarf der besten Offiziere. Eine Flinte ist bald abgedrückt, und mit einem Käsemesser hauen und stechen, dazu gehört nicht viel; aber eine Kanone richtig zu bedienen, das erfordert schon etwas, und von einem einzigen guten Schusse hängt oft das Schicksal einer ganzen Schlacht ab." "Du pist nicht recht pei Troste!" widersprach Thomas. "Wie kann das Schicksal einer Schlacht von einem einzigen Schusse aphängen!"

"Das verstehst Du nicht. Ich kann davon ein Beispiel erzählen. Nämlich vor elf Jahren in der Schlacht bei Bartlingen machten wir die letzte Anstrengung, den Feind zu stürzen. Sämmtliche Reserven hatten bereits in die Aktion eingegriffen; es stand Alles auf dem Spiele; wir waren auf der ganzen Linie im Avanciren, aber der Gegner hatte noch frische Kräfte zur Verfügung, und wenn er diese herbeizog, so mußten wir zurück und hatten die Schlacht verloren. Der Herzog von Raumburg, - man mag von ihm sagen, was man will, ein tüchtiger Feldherr ist er ohne Zweifel - hielt neben unserer Batterie auf einer Anhöhe und beobachtete durch das Fernrohr den feindlichen Oberstkommandirenden. Da plötzlich drehte er das Pferd zu mir herüber. "Heinrich Feldmann," sagte er, "Du bist der beste Artilleriste meiner Armee; siehst Du ganz da drüben den feindlichen Adjutanten reiten?"

"Zu Befehl, Generalissimus!" antwortete ich.

"Er hat die schriftliche Ordre zu überbringen, daß die Reserve vorgehen soll; sie steckt in seiner Satteltasche."

"Soll ich sie ihm herausschießen, Excellenz?" frug ich.

"Ja, doch schone den Mann und das Pferd. Er hat Sympathien für uns und hält sehr viel auf das Thier!"

"Wird gemacht, Durchlaucht!" Ich lade also sorgfältig und richte den Lauf meines Geschützes. Donnerwetter, der Kerl ist nur noch hundert Schritte vom Walde entfernt, und zwischen ihm und dem dichten Gebüsch liegt ein Wirthshaus, hinter welchem er vorüberreiten muß! Was thun? Es gibt nur eine Möglichkeit: Das Parterre des Hauses besteht aus einer einzigen Stube; man kann von vorn hinein und hinten durch die Fenster wieder heraussehen. Ich visire genau, der Reiter verschwindet hinter dem Hause, ich protze ab - die Kugel geht durch die beiden Fenster und reißt hinter dem Hause dem Adjutanten die Satteltasche in Stücke. Die Schlacht wurde gewonnen, und als ich am andern Morgen in das Wirthshaus kam, sah ich erst genau, welch einen Meisterschuß ich gethan hatte. Nun, meint Ihr noch immer nicht, daß das Schicksal einer Schlacht von einem einzigen Schusse abhängen kann?"

(\46\)A "Lüge Du und der Teufel!" antwortete Thomas erbost über die Kühnheit des Artilleristen, ihm eine solchen Bären aufzubinden. "Du pist der unverschämteste Aufschneiter, den ich in meinem Lepen gesehen hape." "Ja, das ist am Den!" stimmte Baldrian bei. -

"Glaubt, was Ihr wollt; es fällt mir gar nicht ein, zwei dumme Köpfe klug machen zu wollen! Aber das ist sicher, daß der Hauptmann von Wallroth bei der Artillerie gestanden hat, denn ich kenne ihn von meiner Dienstzeit her und sehr genau. Zwar führte er nicht meine Batterie, aber er war ein Liebling seiner Oberen und auch seiner Untergebenen. Dann verschwand er plötzlich, und ich habe ihn seit jener Zeit jetzt zum ersten Male wiedergesehen." "Wo mag er wohl herstammen?" frug Thomas.

"Das weiß Niemand," antwortete Heinrich; "geht mich auch gar nichts an. Nur das fällt mir auf, daß er so vertraut mit der Zigeunerin ist."

"Mit der Zarpa? Das ist wahr. Wie mag er wohl mit diesem Weipsen zusammengekommen sein? Das ist nämlich eine Hexe, die ich sehr genau kenne. Ich hape sie erst kürzlich peopachtet, als - - Donnerwetter, was pin ich doch für ein Esel!" "Was, Du kennst die Zigeunerin? Wo hast Du sie gesehen?"

"Darum hast Du Dich nichts zu pekümmern, denn ein Gelpschnapel wie Du praucht nicht Alles zu erfahren."

"Das ist am Den," bestätigte Baldrian höchst trocken.

"Richtig, alter Grenadier!" antwortete Heinrich. "Seit die ganz besondere Gunst des jungen Herrn auf den Kavalleristen gefallen ist, kann es mit Euch Beiden kein Mensch aushalten; der Grenadier beißt, der Kavallerist schlägt aus, und der Artillerist - pah, der läßt sie machen, was sie wollen. Er geht zu seiner Barbara Seidenmüller."

Er erhob sich lachend und ging. Thomas schien sich aus seiner Entfernung nicht viel zu machen.

"Laß ihn laufen, Paldrian," meinte er; "nun können wir ungestört mit einander sprechen. Hast Du die Zarpa wirklich noch nicht gesehen?"

"Nein."

"Ich hape sie zum ersten Male gesehen, als ich mein Gesellenstück (\46\)B hier peim Meister machte. Das war ein sehr pewegter Tag und ein noch viel pewegterer Apend. Ich hatte vom frühen Morgen an tüchtig gearpeitet und freute mich auf die Ruhe; aper ich mußte dreimal hinüper nach dem Palaste des Herzogs, um die Zigeunerin zu holen und - - -" "War sie denn beim Herzog?" fragte ganz erstaunt der sonst so wortkarge Baldrian.

"Natürlich. Sie war seine Geliepte; sie hatte es ihm angethan; sie hatte ihn verhext und verzaupert, so daß er ohne sie nicht lepen konnte." "Was sollte sie denn hier?"

"Das weiß ich heute noch nicht. Die Meisterin pekam den jungen Herrn, der damals natürlich noch nicht der junge Herr war, und kaum war ihre Stunde vorüper, so mußte ich die Zarpa holen, die mit dem Neugeporenen wohl eine halpe Stunde lang fort war, ehe sie ihn wieder prachte. Sie war damals ein Mädchen, wie es keine zweite giept, und ich selpst hätte mich in sie verschameriren mögen, wenn ich mich nicht so sehr vor ihrer Zauperei gefürchtet hätte. Später war sie auf einige Jahre verschwunden; nachher kehrte sie einmal auf einen Tag hier ein; das war gerad, als ich den Meister auf Urlaup pesuchte, und seit dieser Zeit hat sie sich pis auf den heutigen Tag nicht wieder sehen lassen." "Hm, das ist am Den!"

"Ja, das ist gewiß und wahrhaftig am den, und ich pin wirklich pegierig, was sie hier vorhat. Sie ist von Allen empfangen worden, als op sie der liepe Gott selper sei. Jetzt sitzen sie drin und sprechen so leise, als op die größten Staatsgeheimnisse verhandelt würden. Horche nur einmal an den Laden; Du hörst gewiß kein Wort von dem, was in der Stupe gesprochen wird!"

Allerdings war von außen kein Wort zu vernehmen; doch hatte das seinen Grund einfach in dem Umstande, daß in der Stube nicht gesprochen wurde.

Mutter Brandauer saß am Tische und strickte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. Sie zeigte bei dieser Beschäftigung einen Eifer, als gelte es, die Welt mit ihren Maschen glücklich zu machen. Der Schmied hatte die Hauspostille vor sich liegen und that, als ob er lese, und im dunkelsten Winkel des Zimmers saß Zarba und rauchte aus demselben kurzen Stummel, den sie auch in dem Arbeitskabinet des Herzogs in Brand gesteckt hatte.

(\47\)A Wäre es heller gewesen, so hätte man ein eigenthümliches, aber wohlwollendes Lächeln bemerken können, mit welchem sie die beiden stillen Menschen beobachtete. Endlich schlug Brandauer das Buch zu und warf einen fragenden Blick auf die Hausfrau, welche denselben bejahend erwiderte. Er stand auf, holte sich die lange Pfeife, stopfte sie sich mit jener Umständlichkeit, welche darauf ausgeht, sich einen wirklichen Genuß zu verschaffen, und griff dann zum Fidibus; dann schob er, einige tüchtige Rauchwolken ausstoßend, den Tabakskasten nach derjenigen Seite des Tisches, welche der Zigeunerin zugekehrt war, und meinte: "Nimm Tabak, Zarba, wenn Du fertig bist." "Danke, Meister! Eure Sorte paßt mir nicht." "Hast wohl etwas Feineres?"

"Möglich! Die Zingaritta raucht ein Kraut, welches nur Fürsten bezahlen können." "Oh! Woher beziehst Du es?"

"Es kommt aus dem Morgenlande und wächst zwischen den heimathlichen Bergen der Boinjaaren. Dort an den Abhängen des Pandjköra gehen die Jungfrauen, wenn der Mond das Herz des Krautes bestrahlt, beim Sternenscheine hinaus auf das Feld, um mit zarten Händen die Herzblätter einzusammeln, die man dann am großen Tage der Göttin zum Tempel bringt, damit der Geist der Zukunft auf sie niedersteige. Wer dann die Düfte dieses Krautes trinkt, über den kommt die Gabe der Weissagung, daß er die Sprache der Sterne versteht und weiß, was die Linien der Hand bedeuten." "Rauchtest Du das Kraut auch als Mädchen?" "Nein."

"Aber Du hattest doch die Gabe der Weissagung reichlicher als alle die Deinen!" "Ich hatte der Gaben noch mehrere," antwortete sie ausweichend und mit düsterer Miene; "sie sind verschwunden, und mit ihnen ist hin die Jugend und das Glück. Zarba säete Liebe und erntete Haß, sie gab Glück und Seligkeit und nahm Spott und Verachtung dafür hin. Ihr Lachen hat sich in Weinen verkehrt, ihre Liebe ist zur Rache geworden; ihr Himmel heißt Hölle, ihr Segen wurde Fluch, und ihre Schritte verklingen im tiefsten Schatten der Nacht. Im Dunkel ihres Lebens leuchtet nur ein Licht, der Stern der Rache und der Vergeltung." "Das klingt schlimm, Zarba, so schlimm und traurig, als hättest Du keine Freunde, welche Deiner in Liebe gedenken!"

"Freunde? Wo sind sie, und wie heißen ihre Namen?"

"Denkst Du nicht an uns?"

"An Euch? Seid Ihr meine Freunde?"

Ihr Auge funkelte unter den tiefen Höhlen hervor, und ihr Angesicht nahm den finstersten Ausdruck an, der ihr möglich war.

"Meinst Du vielleicht das Gegentheil?"

Sie schwieg eine Weile; dann entgegnete sie:

"Der Sohn dieser Erde spricht von Liebe; er glaubt an sie und opfert ihr sein Leben, und doch ist sie ein Gespenst, welches schrecklich anzuschauen ist, wenn sie die gleißende Hülle von sich wirft, denn ihr Name heißt - Selbstsucht. Euer Gott schuf und liebt die Menschen, um von ihnen angebetet zu werden; die Erde liebt die Sonne, weil sie sich an ihren Strahlen wärmt; das Kind liebt die Eltern, weil es von ihnen Alles empfängt, was es bedarf; die Eltern lieben das Kind, weil es Fleisch von ihrem Fleisch und Blut von ihrem Blute ist; der Gatte liebt die Gattin, weil er durch sie glücklich werden will, und der Freund liebt den Freund, weil er seiner bedarf. O, ich kenne Eure Liebe, ich kenne Eure Hingebung, Eure Opferfreudigkeit! Eure Liebe hat mir das Herz aus dem Leibe gerissen, ich aber habe ihr den Schleier zerfetzt, hinter welchem sie ihr häßliches Angesicht verbirgt!" "Zarba, Du hast nicht - -"

"Seid still! Ihr seid ein Mann und - ein Christ, und - ich hasse Beide!" "Willst Du unsere heilige Religion schmähen, Zarba?"

"Schmähen? Nein - aber den Vorhang will ich heben, hinter welchem sie sich verbirgt. Was ist die Liebe, von welcher Euch gepredigt wird? Feindseliger Haß und tödtliche Selbstsucht. Wer nicht an Eure Satzung glaubt, wird verdammt. Was ist Eure Inquisition? Was ist Eure Mission? Auf blutigem Bahrtuche tragt Ihr Euren Glauben von Land zu Land, von Volk zu Volk; Ihr nehmt den Nationen das Hirn aus dem Kopfe und das Mark aus den Knochen, und doch - geht zu Denen, welche Ihr Heiden nennt, und seht, wo die Sünde ärger und raffinirter wüthet, bei ihnen oder bei Euch! Liebe? Ich kenne sie nicht, aber den Haß, die Vergeltung, die Rache kenne ich. Ihr handelt nach gleißnerischen Sätzen, welche feig und lügnerisch sind, uns aber lehrt Bhowannie, dasselbe zu thun, was (\47\)B an uns gethan wird; sie ist die unerbittliche Göttin der Rache, und ihr diene ich, so lange noch eine Faser an meinem Leibe ist!"

Der Schmied schwieg. Er hatte das Gefühl, als sei dies das Beste, was er jetzt thun könne. Nach einer Pause fuhr die Zigeunerin fort:

"Doch unsere Gottheit ist gerecht; sie vergilt auch das Gute, obgleich es niemals aus Liebe, sondern aus Eigennutz geschieht. Brandauer, erinnert Ihr Euch des Tages, an welchem die Zigeunerin Zarba aufgegriffen wurde und als Hexe in das Wasser geworfen werden sollte?" Er nickte zustimmend mit dem Kopfe.

"Sie wäre sicher ersäuft worden, obgleich sie jung und schön war wie keine Eures Volkes. Da aber drängte sich ein starker Mann durch die Menge, faßte sie und sprang mit ihr in einen Kahn und brachte sie an das andere Ufer, wo er sie in seinem Hause versteckte viele Tage lang. Brandauer, kennt Ihr den Mann?" Er lächelte.

"Es war nicht viel, was er that, Zarba."

"O doch! Es war ja das Höchste, was er für mich thun konnte, denn er rettete mir mein Leben. Und das hat Zarba nie vergessen. Sie spricht täglich von ihm zu Bhowannie, und die Göttin breitet ihre Hände aus über sein Haupt und sein Haus, daß Glück in seinen Mauern wohne und Segen walte auf Allem, was er beginnt und vollbringt. Das Alter hat mir den Nacken gebeugt, den Rücken gekrümmt, das Antlitz durchfurcht und die Haare gebleicht; Zarba ist die verachtete, die häßliche Zigeunerin, vor welcher die Kinder fliehen und die Großen sich scheuen; aber ihre Hand ist mächtig und ihr Arm stärker als derjenige eines Fürsten. Wen sie haßt, den kann sie verderben, und wen sie liebt, dem bringt sie Glück und Wonne. Sie kann Herzöge entthronen und Könige einsetzen, wenn sie will, und - - -" "Zarba---!"

"Du zweifelst?" Sie erhob sich und trat nahe an den Tisch heran. Das Licht fiel jetzt voll und hell über ihre Gestalt, und in seinem Schimmer funkelten ihre Augen wie schwarze Diamanten, welche in der Fülle des eingesogenen Strahles im Dunkel erglänzen. "Soll ich es Dir beweisen, Brandauer? Erinnerst Du Dich jener Nacht, in welcher Dein Weib in ihren Schmerzen lag und Ihr zu mir schicktet, weil Ihr an die Kunst der Zigeunerin glaubtet? Sie gebar ein Knäblein, und ich ging mit ihm hinaus unter die Sterne, um Bhowannie zu befragen, welches das Schicksal des Kindes sein werde. Ihr wolltet eine Antwort auf diese Frage, doch ich mußte schweigen, denn es war Großes und Unglaubliches, was ich erfuhr. Ich vertröstete Euch auf spätere Zeiten, und Ihr wartetet bis heut vergebens auf den Spruch, den ich Euch zu bringen habe. Das Knäblein ist zum Manne geworden, und - - -"

Sie wurde unterbrochen. Die Thür öffnete sich, und Max trat ein. Schnell auf ihn zutretend erfaßte sie seine Hand und zog ihn zum Tische.

"Das Knäblein ist zum Manne geworden," wiederholte sie und fuhr dann fort: "zum starken Manne, der mich beschützte und mir den Sohn wiedergab, der mir bereits verloren war, und nun kommt über mich der Geist der Vergeltung, welcher mir den Mund öffnet, zu reden von dem, was ich bisher verschweigen mußte."

Sie erhob die Hand und legte sie ihm, der gar nicht wußte, wie ihm geschah, auf das Haupt. "Hört, was ich Euch sage! Es ist so gut, als ob Euer Gott vom Himmel stiege und meine Worte spräche: Dieses Haupt ist bestimmt, eine Krone zu tragen; diese Faust wird halten das Scepter, und von diesen Schultern wird wallen der Mantel des Herrschers. Der Sohn des Schmiedes wird ein König sein unter den Mächtigen der Erde. Ich sehe sie kommen, die Großen und die Kleinen, um ihre Kniee zu beugen und ihm zu huldigen, wie es jetzt thut Zarba, die Zigeunerin!"

Sie kniete vor ihm nieder, drückte ihre Stirne auf seine Hand, erhob sich dann und hatte mit zwei schnellen Schritten das Zimmer verlassen.

Sohn und Eltern blickten sich überrascht an. Sie wußten, daß Zarba keine Gauklerin sei, und so war ihr Erstaunen über diese Prophezeiung kein geringes. "Was war das?" meinte Max. "War sie betrunken?"

"Nein, und doch kommt sie mir so vor," antwortete der Vater. "Ich weiß, daß sie großen Scharfsinn besitzt und aus der äußeren Erscheinung eines Menschen Manches schließt, woran ein anderes Menschenkind nicht denken würde. Dazu kommen die eigenthümlichen Ereignisse am Tage Deiner Geburt, Max, über welche sie uns bis heut die Aufklärung schuldig geblieben ist; ich erwartete, nichts Gewöhnliches von ihr zu hören; aber das, was sie jetzt sagte, ist unglaublich, so unglaublich, daß man wahnsinnig sein (\48\)A müßte, um es für Wahrheit zu halten. Und doch weiß sie stets ganz genau, was sie thut oder redet —!" "Sie wird mit ihren Worten einen Zweck verfolgen, welcher nicht verborgen bleiben kann," meinte Max. "Ich war einigermaßen überrascht über den eigenthümlichen Empfang, welcher mir bei meinem Eintritte wurde, die Scene selbst aber nehme ich kühl. Wir werden ja erfahren, was Zarba bezweckte. Für jetzt ist meine Aufmerksamkeit durch ganz andere Dinge in Anspruch genommen. Nicht wahr, Vater, Du besitzest ein Passe-Partout in das königliche Schloß?"

"Allerdings. Warum?"

"Würdest Du mir es einmal anvertrauen?"

"Dir? Was wolltest Du auf dem Schlosse oder beim König?" "Erlaube, es für jetzt noch zu verschweigen; allein, daß es sich um etwas Wichtiges handelt, kannst Du Dir denken, da ich sonst eine solche Bitte nicht aussprechen würde." "Hm, der König hat die Karte allerdings nur für mich bestimmt; doch denke ich, wenn die Sache wirklich richtig ist, so -"

"Keine Sorge, Vater! Ich stehe im Begriffe, dem König einen Dienst von außerordentlicher Wichtigkeit zu leisten." "So warte!"

Der Schmied nahm die Lampe vom Tische und ging mit ihr in das Nebenzimmer. Als er zurückkehrte, hatte er eine Karte in der Hand, deren eine Seite mit einigen engen Zeilen beschrieben war, während die andere das Privatsiegel des Königs zeigte. "Hier!"

"Danke! Ist der Hauptmann zu Hause?" "Ja; er ist oben." "Gute Nacht!"

Er stieg die Treppe empor und klopfte an der Thür des Zimmers, welches von Zarba und deren Sohn bewohnt wurde. Der Letztere öffnete.

"Verzeihung, Hauptmann, wenn ich belästige. Entschuldigen Sie mich mit der allerdings höchst wichtigen Angelegenheit, welche mich zu Ihnen führt!" "Bitte, treten Sie ein, Herr Doktor!"

Max that es. Zarba hatte sich wieder in eine dunkle Ecke zurückgezogen und rauchte.

Nachdem er sich gesetzt hatte, blickte er dem Hauptmann lächelnd in die Augen.

"Ich habe Ihnen eine Warnung auszusprechen."

"Ah! Sie lautet?"

"Man will Sie ermorden."

"Teufel! Ists wahr?"

Er war bei der Botschaft überrascht emporgefahren; als er aber den ruhigen Blick und die lächelnde Miene des Doktors bemerkte, ließ er sich wieder nieder und meinte: "Pah; Sie scherzen! Aber meine Erfahrungen sind solche, daß ich an jedem Augenblicke bereit sein muß, an eine solche Bosheit zu glauben."

"Ich scherze nicht, Herr von Wallroth; es gilt wirklich Ihr Leben; aber nicht blos dieses, sondern auch das meinige und dasjenige Ihrer Mutter."

"Wirklich? Wer ist der Schuft, welcher - - -?"

"Sie fragen noch?"

"Ja - oh - mein - mein Vater!"

Er erhob sich erregt und durchmaß in langen, hastigen Schritten das Zimmer. Die Zigeunerin war ruhig geblieben. Sie stieß eine dichte Dampfwolke aus und meinte:

"Mein Sohn, der Geist sagt mir, daß es wahr ist, was Dir gesagt wurde. Das Messer ist geschliffen, welches uns treffen soll; doch wird es seine Spitze verlieren und denjenigen treffen, in dessen Hand es ruht!"

Der Hauptmann wandte sich ihr zu.

"Mutter, ich liebe Dich mit aller Kraft meiner Seele; aber ich könnte Dich dennoch hassen, weil Du mir einen solchen Vater gegeben hast! O, wenn ich daran denke, was ich durch ihn gelitten habe, so - so - so---!"

Er kämpfte mit Gewalt seine Aufregung nieder und trat zu Max. "Also Ihre Worte enthalten wirklich die Wahrheit?"

"Wirklich. Ich war zugegen, als der Auftrag gegeben wurde, einen Schmiedesohn, einen verrückten Hauptmann und eine Zigeunerin zu ermorden."

"Gut, ich danke Ihnen!" Er trat zum Schranke und öffnete ihn. "Ich werde sofort und auf der Stelle zum Herzog gehen und ihn zwingen, mich - - -"

"Halt, Herr Hauptmann, keine Übereilung! Sie würden mit derselben nur das Gegentheil von dem erreichen, was Sie bezwecken. Sie sind hier in diesem Hause vollständig sicher, und (\48\)B wenn ich Ihnen Mittheilung machte, von dem, was ich hörte, so geschah es nur, um Sie einer plötzlichen Überrumpelung gegenüber gerüstet zu wissen. Auf alle Fälle wird vor morgen Abend nichts gegen uns geschehen, und bis dahin können wir die Angelegenheit ja noch anderweit behandeln."

"Auf welche Weise soll der Angriff geschehen?"

"Ist noch unbestimmt."

"Wer ist gedungen?"

"Ein gewisser Helbig, welcher früher im Dienste des Herzogs gestanden hat." "Ah, nun glaube ich vollständig, was Sie mir sagen!"

"So werden Sie mir auch die Bitte erfüllen, welche ich für gerathen halte. Gehen Sie vor morgen Abend nicht aus! Unternehmen Sie überhaupt nichts, ohne mich vorher davon benachrichtigt zu haben!"

Der Hauptmann schlug in die dargebotene Hand ein.

"Ich werde Ihnen von Stunde zu Stunde immer größeren Dank schuldig, Herr Doktor, so daß es einfache Pflicht ist, eine solche Bitte zu erfüllen. So ist also Ihre heutige Mission beim Herzog vollständig gescheitert?"

"Vollständig. Er mag von einer friedlichen Lösung der Angelegenheit nichts wissen, wie ich mich - allerdings ohne sein Wissen - überzeugte, und es gilt nun also einen Kampf Mann gegen Mann."

"Sohn gegen Vater! Nun wohlan; er hat mir das Leben gegeben, weiter nichts; den Dank, welchen ich ihm schulde, hat er quitt gemacht, wir sind uns fremd, und ich brauche ihn nicht zu schonen. Ihren Wunsch werde ich erfüllen, aber trifft mich ein Angriff, dann wehe dem, gegen den ich mich vertheidigen muß!"

Max ging. Er suchte das Schloß auf Umwegen zu erreichen und gelangte auch unbemerkt in den Garten desselben. Hier und im Gebäude selbst war ihm jeder Schrittbreit wohlbekannt, so daß er also genau wußte, wohin er sich zu wenden hatte.

Er klopfte an eine Pforte. Der hinter derselben haltende Posten öffnete.

"Wer da?"

"Ruhig!" antwortete er und zeigte die Karte vor. "Passiren!" lautete die Entscheidung.

Er passirte mehrere Gänge und Treppen, welche alle hell erleuchtet waren; sämmtliche Posten ließen ihn nach Vorzeigen des Passe-partout passiren, und so gelangte er schließlich in den Korridor, in welchem die Zimmer und auch das Schlafkabinet des Königs lagen. Hier bemerkte er, daß die Schildwache fehlte, jedenfalls in Folge einer Vorsorge von Seiten des Herzogs oder des Kammerlakaien. Von dem Letzteren war keine Spur zu bemerken, was sich auch leicht erklären ließ, da es noch nicht zwei Uhr war.

Er suchte die Thüren und fand deren eine geöffnet. In das Zimmer tretend fand er dasselbe dunkel, doch fiel ein schwacher Lichtschein durch die Spalte einer Portiere, welche zum nächsten Raume führte. Er trat hinzu und blickte hindurch. Es war ein kleines Kabinet, welches vor ihm lag. An einem Tische, auf welchem eine Lampe brannte, deren Licht durch einen farbigen Schirm gedämpft wurde, saß Grunert, der Kammerdiener. Vor ihm lagen mehrere Blätter einer illustrirten Zeitung; er hatte also gelesen, um sich wach zu halten, doch war ihm dies nicht gelungen. Er schlief mit auf die Arme niedergesenktem Kopfe. (\49\)A Hinter diesem Kabinete lag das des Königs. - Sollte Max es wagen, in dasselbe zu treten? Er entschloß sich dazu. Leise glitt er zwischen den beiden Portieren hindurch und stand dann vor der Ruhestätte des Königs. Er wußte sehr genau, was er wagte, aber seine Gründe waren so zwingend, daß er sein Eindringen wohl verantworten konnte. Er trat näher. Der königliche Schläfer hatte die seidene Decke bis zur Brust empor gezogen, so daß die beiden Arme mit wie zum Gebete gefalteten Händen frei lagen. Max berührte die letzteren leise, und augenblicklich regte sich der König. Ein leiser Druck reichte hin; der Schläfer erwachte und öffnete halb im Traume die Augen. Max winkte Schweigen; der König verstand die Pantomime und erkannte den Doktor. Mit dem Ausdrucke der höchsten Überraschung wollte er sich emporrichten, unterließ dies aber auf eine warnende Bewegung (\49\)B des Doktors, welcher einen Sessel ergriff und ihn an diejenige Seite des Bettes plazirte, welche von der Portiere aus nicht beobachtet werden konnte.

Er nahm, hinter den kostbaren transparenten Vorhängen versteckt, Platz und neigte sich zu dem Könige nieder.

"Entschuldigung, Majestät!" flüsterte er - -

"Was ist Außerordentliches geschehen, Herr Doktor, daß Sie zu dieser Stunde hier heimlich Zutritt nehmen?" frug der König ebenso leise, aber mit dennoch zu vernehmender Strenge im Tone. "Wie haben Sie Einlaß gefunden?" "Durch die Karte meines Vaters." "Ah! Er gibt sie aus der Hand?"

"Nur mir, Majestät. Es soll ein Einbruch in Dero Arbeitskabinet vorgenommen werden." "Ah! Sie erschrecken mich! Ist es möglich?" "Ich weiß es bestimmt!"

(\50\)A "Wer will diesen Einbruch unternehmen?"

"Kein gewöhnlicher Dieb, Majestät!"

"Nun?"

"Seine Durchlaucht der Herzog von Raumburg."

"Der Her - der Her - zog?" Der König konnte vor Überraschung das Wort kaum hervorbringen. "Unmöglich! Sie irren sich, Doktor!" "Ich irre mich nicht; ich weiß es ganz genau." "Was will er ?"

"Die Akten aus der Irrenanstalt, welche ich die Ehre hatte, Majestät zu überreichen."

"Ah, ich begreife! Und dennoch ist ein solcher Schritt - - parbleu, er muß einen Gehülfen haben!"

"Grunert!"

"Grunert? Wissen Sie dies genau?"

"Genau! Es scheint, der Herzog hat das Arbeitskabinet Eurer Majestät schon öfters besucht." Der König schwieg; seine Mienen verfinsterten sich unter dem nachdenklichen Zuge, welcher über sie hinglitt.

"Woher wissen Sie Alles?" frug er endlich. "Ich belauschte Beide zufällig." "Wann kommt der Herzog?" "Punkt Zwei."

"Grunert schläft im Vorzimmer?" "Ja."

"Ich kann mir dies denken, da Sie sonst nicht hier säßen. Jetzt ist es ein Uhr. Sehen Sie nach, ob er noch schläft!"

Max schlich langsam und leise zur Portiere, zog dieselbe ein wenig aus einander und blickte hindurch. Der Verräther lag noch ganz in derselben Stellung wie vorhin. Als der Doktor zum Bette zurückkehrte, hatte der König dasselbe bereits verlassen und war beschäftigt, sich anzukleiden. Max bemühte sich, ihm dabei behülflich zu sein, und rapportirte: "Er schläft noch!"

"Er hatte heute nicht Dienst, tauschte aber mit einem Kollegen, welcher angeblich unwohl ist. Wenn er erwacht, wird er das Schlafzimmer nicht betreten, sondern sich nur durch den Eingang überzeugen, daß ich nicht wach bin. Lassen wir die Gardinen herab!" Das Bett wurde verhüllt, so daß Grunert denken mußte, der König schlafe. "So, und jetzt folgen Sie mir zur Bibliothek!"

Der König näherte sich der Portiere und glitt, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Grunert wirklich schlief, gefolgt vom Doktor durch das Vorzimmer und dann durch die weiteren Räume bis an das Arbeitskabinet. "Warten!" befahl er.

Ein Schlüssel klirrte, ein Schloß knackte.

"So, jetzt kommen Sie weiter. Die Dokumente sind in meiner Hand und dazu eine Waffe für den Nothfall. Sind Sie im Besitze einer solchen?"

"Ich trage einen Revolver."

"Dann treten wir in die Bibliothek!"

Diese lag neben dem Arbeitszimmer. Sie traten ein und nahmen auf einem Sopha Platz, welches hinter breiten Bücherschränken verborgen stand. Hier begann der König ein ausführliches Verhör; Max erzählte, was mitzutheilen ihm nothwendig schien, doch verschwieg er sowohl die Art und Weise, wie er hinter die Geheimnisse des Herzogs gekommen war, als auch die beiden anderen Anschläge, welche dieser mit Penentrier und Helbig geschmiedet hatte. Er durfte die Sorgen des hohen Mannes nicht vermehren und wußte sich stark genug, die Intentionen Raumburgs zu kreuzen.

Nach den nothwendigen Mittheilungen trat eine Stille ein, welche so tief wurde, daß man im Arbeitszimmer nebenan selbst eine Fliege hätte summen hören können. Es schlug halb und drei Viertel. Kurz vor zwei Uhr ließ sich ein Geräusch vernehmen. Max erhob sich, um zu lauschen.

"Grunert," berichtete er leise. "Er sitzt mit einer verschlossenen Blendlaterne in der Nähe des Schreibtisches."

"Haben Sie Feuerzeug bei sich?" "Ja."

"Dort auf dem Tische steht eine Kerze. Sobald der Herzog eingetreten ist, brennen Sie dieselbe an, um zu leuchten. Nach unserem Eintritte decken Sie den Ausgang und überlassen das Übrige mir!"

Es vergingen noch einige Minuten der Spannung. Dann knisterte es drüben, und Max erhob sich, um zum zweiten Male zu lauschen. "Der Herzog!" flüsterte er.

(\50\)B Um jedes Geräusch zu vermeiden, entzündete er das Streichholz mit dem Nagel seines Fingers, setzte die Wachskerze, welche er in die Linke nahm, in Brand und griff dann zum Revolver. "Vorwärts!"

Der König trat voran zur Portiere und blickte hindurch.

Der Herzog von Raumburg, welcher jetzt trotz seiner Vermummung deutlich zu erkennen war, stand am Schreibtische des Königs und bemühte sich, ein Fach desselben zu öffnen; der Lakai stand neben ihm, um ihm zu leuchten. Die Fenster des Raumes waren so dicht verhangen, daß keine Spur des Lichtes hinunter in den Schloßhof zu fallen vermochte. Die beiden Männer standen mit dem Rücken nach der Bibliothek gekehrt, so daß sie den Eintritt des Königs und des Doktors, welche geräuschlos auftraten, nicht bemerkten. Der Letztere glitt, das Licht mit der Hand beschattend, sofort nach dem Eingange hin, der Erstere aber trat einige Schritte vor und grüßte dann: "Ah, guten Abend, Durchlaucht!"

Der Angeredete fuhr augenblicklich herum. Der Diener ließ beim Klange dieser Stimme die Laterne fallen, daß sie verlöschte. Jetzt nahm Max die Hand vom Lichte und stellte dasselbe auf das Marmorkamin, so daß der Raum genug erhellt war, um die schreckensbleichen Züge des Ministerpräsidenten und das Zittern des Lakaien zu bemerken. "Majestät - - !" rief der Erstere.

"Ja, Serenissimus, die Majestät ist es, welche vor Ihnen steht, um Ihnen den Verlust aller bisher von hier verschwundenen Aktenstücke zu quittiren. Leider dürfte allerdings heut die

Recherche nach gewissen Papieren erfolglos sein, da ich sie hier in meinen Händen halte. Haben Durchlaucht etwas zu bemerken?"

Die Gestalt des Herzogs, welche bisher wie vom plötzlichen Schrecke zusammengedrückt gestanden hatte, richtete sich jetzt wieder auf. "Nein, Majestät!"

"Grunert, wähle zwischen Gnade und lebenslänglichem Zuchthause! Wirst Du Alles bekennen?"

Der Mann sank in die Kniee.

"Gnade, Majestät! Ich werde Alles erzählen!"

"Steh auf! Den Armleuchter!"

Der Diener verschwand in das Zimmer, in welchem er vorhin geschlafen hatte, und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem sechsarmigen Handleuchter zurück. "Leuchte Durchlaucht hinab, Grunert!" Und sich zu Max wendend, fügte er hinzu: "Du hast einen trefflichen Gebrauch Deines Passe-partout gemacht und Dir meinen besten Dank verdient, lieber Max. Für jetzt magst Du entlassen sein. Habe die Güte und begleite Serenissimus so weit, als es Dir in Anbetracht der Sicherheit Deines Königs gerathen erscheint. Grüße Deine Eltern. Gute Nacht!"

Wie ein Automat drehte sich der Herzog nach dem Ausgange und entfernte sich. Max folgte ihm auf dem Fuße. Der Diener leuchtete. Während der Posten das große Hauptportal öffnete, befahl der Doktor dem Lakaien:

"Du kehrst zum Könige zurück. Ein Fluchtversuch würde Dich unglücklich machen. Übrigens bist Du ja begnadigt, sobald Dein Bekenntniß offen und vollständig ist!"

Der Herzog schritt wortlos auf die Straße hinaus. Max hielt sich an seiner Seite. Da plötzlich blieb der Erstere stehen.

"Mensch, sehen Sie dieses Terzerol?"

"Sehr deutlich, Durchlaucht."

"Nun wohl! Wenn Sie nicht sofort von meiner Seite weichen, schieße ich Sie nieder." "Hier? Mitten in der Residenz? Am königlichen Schlosse? Auf der Straße?" "Hier!"

"Dann bitte ich, loszudrücken!"

In seiner Rechten blitzte der blanke Lauf eines Revolvers. "Schurke!"

"Wen meinen Durchlaucht? Es sind nur zwei Personen gegenwärtig, von denen ich dieses Wort nicht auf mich beziehen darf. Bitte, gehen wir weiter!"

"Halt, nicht eher von der Stelle, als bis ich erfahren habe, auf welche Weise der König von meinem Besuche unterrichtet wurde!"

"Das sollen Sie erfahren, doch nicht hier. - Ich werde mir die Ehre geben, Sie bis an den Fluß zu begleiten, und stehe Ihnen dabei mit der betreffenden Aufklärung zu Gebote."

Er schritt vorwärts; der Herzog folgte ihm unwillkürlich.

"Nun!"

"Was?"

"Auf welche Weise wurde der König benachrichtigt?"

(\51\)A "Auf eine sehr abenteuerliche, Durchlaucht. Er lag im Schlafe, fühlte eine Hand, welche ihn berührte, und erwachte. Ein Mann stand vor ihm, winkte ihm Schweigen, damit der im Nebenzimmer anwesende Lakai nichts höre, und erzählte ihm, daß der Herzog von Raumburg einen Einbruch beabsichtige, welcher auf gewisse aus der Irrenanstalt stammende Papiere gerichtet sei." "Wer war dieser Mann?"

"Der König erhob sich und erwartete mit dem Warner in der Bibliothek den hohen Spitzbuben mit - - -"

"Herrrrr---!" donnerte der Herzog, indem er das Terzerol erhob.

"Schön, Excellenz; mein Bericht mag für beendet gelten!"

"Wer war der Mann?"

"Ich."

"Sie also? Sie - Sie - - Sie - - -! Wie erhielten Sie Kunde von dem, was geschehen sollte?" "Mein Bericht ist, wie ich bereits bemerkte, zu Ende, Durchlaucht. Hier stehen wir am Flusse. Auf Wiedersehen später."

Der Herzog wollte ihn fassen und halten, doch seine Hand griff in die nächtliche Finsterniß, in die Luft hinaus; er hörte nicht einmal die Schritte des sich Entfernenden. "Verdammt sei dieser obskure Mensch, dieser Eisenhämmerer, der sich trotz alledem der Gunst des Königs erfreut und mir - - - Wie mag er nur bei allen Teufeln errathen haben, daß ich - - errathen? Pah, verrathen worden ist es, und zwar von keinem Andern, als von diesem Grunert selbst. Warum war der König sofort mit seiner Gnade da? Weil er sie ihm bereits vorher versprochen hatte, und nun wird der Verräther Alles erzählen, was er weiß. Doch ich kann ruhig sein. Wer wollte es wagen, den Herzog vom Raumburg öffentlich zur Verantwortung zu ziehen? Mit Grunert wird abgerechnet, und dieser Schmiedesohn wird ja schon morgen Abend nicht mehr im Stande sein, irgend Etwas auszuplaudern!" Unterdessen schritt Max der Hofschmiede zu. Er wußte, weshalb ihn der König so schnell entlassen hatte. Der Wille des Letzteren führte ihn wieder nach der Irrenanstalt, um sich der beiden schuldigen Beamten zu versichern.

Die Eltern waren bereits zur Ruhe gegangen, und auch die Fenster des von Zarba und dem Hauptmann bewohnten Zimmers zeigten sich dunkel. Er machte die nothwendige Toilette, begab sich dann in eine der Hauptstraßen der Residenz und trat in ein Haus, vor dessen Thor eine zweispännige Chaise hielt.

Er stieg die Treppe empor und wurde von einem ältlichen Herrn empfangen, welcher bereits auf ihn gewartet zu haben schien. "Sind sie bereit, Herr Staatsanwalt?" "Längst."

"Die nöthigen Instruktionen gingen Ihnen zu?"

"Im Laufe des Abends, von Seiner Majestät höchsteigenhändig unterzeichnet." "So lassen Sie uns aufbrechen, damit wir nicht zu spät kommen!"

Sie verließen das Haus und stiegen in den Wagen, welcher sie auf dieselbe Heerstraße führte,

auf welcher Max bereits einmal die Landesirrenanstalt erreicht hatte. Wortlos neben einander sitzend, gaben sie ihren eigenen Gedanken Audienz. Die Pferde griffen wacker aus, und als der Morgen hereinbrach, sahen sie das burgähnliche Gebäude bereits in der Ferne im goldenen Strahle erglänzen. Eine Stunde später hielten sie vor dem Portale der Anstalt.

Der Pförtner erkannte den Doktor sofort wieder und ließ ihn unter tiefen Bücklingen ein.

"Der Herr Direktor?"

"Verreist."

"Ah! Seit wann?"

"Seit einer Stunde."

"Der Herr Oberarzt?"

"Auch verreist."

"Seit einer Stunde?"

"Ja."

"Allein?"

"Mit dem Herrn Direktor."

"Und die Familien der beiden Herren?"

"Auch verreist."

"Seit einer Stunde?"

"Ja."

"Wohin?" "Ich weiß es nicht."

"Es war kurz vorher ein Herr da, welcher den Herrn Direktor zu sprechen verlangte?" (\51\)B "So ist es." "Wie nannte er sich?" "Doktor Ungerius."

"Merken wir uns diesen Namen, Herr Anwalt." Und sich wieder zu dem Pförtner wendend, fuhr er fort:

"Dieser Mann war klein, hager und von großer Lebhaftigkeit?" "Allerdings."

"Reiste er mit dem Herrn Direktor zugleich ab?"

"Nein. Dieser fuhr mit dem Herrn Oberarzt allein; die Familien der beiden Herren aber brachen unter dem Schutze des Herrn Doktor Ungerius auf." "Man reiste zu Wagen?"

"Ja; doch hatten die Damen, wie ich hörte, Anweisung, später die Bahn zu benutzen."

"Von welchem Punkte aus?"

"Weiß ich nicht."

"Mit wem fuhr der Direktor?"

"Mit einem hiesigen Lohnkutscher."

"Wie heißt der Mann?"

"Beyer."

"Hat er Familie und Gesinde?"

"Er hat Frau, Sohn, Tochter und Knecht."

"Wurde heut bereits ausgespeist?"

"Die Morgensuppe."

"Die beiden Assistenzärzte?"

"Befinden sich beim Kaffee."

"Bringen Sie uns zu ihnen."

Der Mann führte sie über den vorderen Hof hinüber in die Wohnung der beiden Unterärzte, welche gar nicht erstaunt zu sein schienen, als sie den königlichen Kommissär wieder erkannten.

"Guten Morgen, meine Herren," grüßte Max. "Mich kennen Sie bereits. Gestatten Sie mir, Ihnen den Herrn Generalstaatsanwalt von Hellmann vorzustellen, welcher sich einige Auskunft über den Herrn Direktor erbitten möchte! Doch vorher eine Frage: Wurde heut Morgen von Seiten des Herrn Direktors oder des Herrn Oberarztes bereits medizinirt?" "Ich glaube ja. Beide Herren begaben sich in die Hausapotheke und suchten kurz vor ihrer Abreise einige Pfleglinge auf." "Sie waren dabei?" "Wir wurden ausgeschlossen."

"Gibt es einen Mechanismus, sämmtliches Aufsichtspersonal schnell zu versammeln?" "Die Anstaltsglocke."

"Lassen Sie sofort läuten. Wo versammelt man sich?" "In Nummer Vier des hiesigen Gebäudes."

"Schön! Sie bleiben hier, um die Fragen des Herrn Generalstaatsanwaltes zu beantworten, während ich in Nummer Vier einige Befehle zu ertheilen habe!"

Er ging. Kaum hatte er das betreffende Konferenzzimmer betreten, so läutete es, und von allen Seiten kam das männliche und weibliche Aufsichtspersonal herbeigeeilt. Auch der Pförtner, welcher die Glocke gezogen hatte, stellte sich wieder ein.

"Ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen mitzutheilen, daß der Direktor und der bisherige Oberarzt dieser Anstalt unter Anklage zu stellen sind und sich ihrer Vernehmung durch die Flucht entzogen haben," redete Max die Versammelten an. "Die Leitung der Anstalt wird bis auf Weiteres in die Hände der beiden Assistenzärzte übergehen, und Ihre Obliegenheiten bleiben ganz dieselben wie bisher. Der Herr Generalstaatsanwalt, welcher mit mir hier angekommen ist, wird seine Erkundigungen natürlich auch an Sie zu adressiren haben, und es liegt in Ihrem eigenen Interesse, sich genau nur an die Wahrheit und Ihr Gewissen zu halten. Der Direktor und der Oberarzt haben kurz vor ihrer Abreise einige Zellen besucht?" "Ja," ertönte die mehrstimmige Antwort. "Welche Nummern?"

Es wurden ihm acht Nummern genannt, welche er sich notirte.

"Die Insassen dieser Nummern wurden jedenfalls vergiftet. Eilen Sie schleunigst, Ihre Vorkehrungen zu treffen; ich werde Ihnen die beiden Ärzte sofort zusenden." Das Zimmer war im Nu leer. Max kehrte zum Staatsanwalt zurück, welcher mit den hauptsächlichsten Fragen zu Ende war.

"Meine Herren, die beiden flüchtigen Beamten hatten Ursache, gewisse Zungen schweigsam zu machen, und haben sich dabei eines sicher wirkenden Giftes bedient. Hier sind acht Zellen verzeichnet, welche von ihnen besucht wurden. Eilen Sie, den Bewohnern derselben zu Hülfe zu kommen!"

Diese Nachricht brachte die beiden ehrlichen Männer in eine nicht geringe Aufregung. (\52\)A "Herr Kommissär," meinte der Eine; "eines solchen Verbrechens ist kein Mensch fähig!"

"Bitte, halten Sie jede Bemerkung zurück! Sie wissen, daß die Wirkung eines starken Giftes nach Sekunden berechnet werden muß."

"Dann vorwärts," erwiderte er, nach dem Zettel greifend, welcher das Verzeichniß der acht

Zellen enthielt; "laßt uns sehen, ob man wirklich so teuflisch zu sein vermag!"

"Halt!" meinte der andere Hülfsarzt. "Begeben wir uns vor allen Dingen in die Apotheke. Wir kennen den Inhalt des Giftschrankes so genau, daß wir bei einer für acht Personen berechneten Dosis sofort sehen werden, von welchem Gifte genommen wurde!"

Sämmtliche Herren begaben sich in die Apotheke. Der Giftschrank mußte aufgesprengt werden, da der Schlüssel zu demselben nicht zu finden war, und kaum hatten die beiden Ärzte einen Blick auf den Inhalt desselben geworfen, so ertönte der zweistimmige Ruf:

"Blausäure fehlt! Die Leute haben ein Blausäurepräparat erhalten."

"Haben Sie ein Gegengift bei der Hand?"

"Jawohl."

"So versehen Sie sich mit demselben und eilen Sie damit nach den betreffenden Zellen! Herr Staatsanwalt, ich gehe in die Stadt, um einige Erkundigungen einzuziehen. Sie beurlauben mich?"

Gern. Ich werde bis zu Ihrer Rückkehr nicht unthätig sein dürfen."

Max verließ die Anstalt und schritt der Stadt zu, welche eine kleine halbe Stunde entfernt lag. Vor derselben waren Straßenarbeiter beschäftigt, die Chaussee auszubessern. Er frug sie nach der Wohnung des Lohnkutschers Beyer und erhielt dieselbe so deutlich beschrieben, daß es ihm sehr leicht wurde, sie zu finden.

Er traf die Frau, die Kinder und auch den Knecht zu Hause an. Sie waren verlegen ob des vornehmen Besuches.

"Hier wohnt der Lohnfuhrwerksbesitzer Beyer?" "Ja."

"Ist er nicht zu Hause?" "Nein."

"Er hat den Herrn Direktor zu fahren?" "Ja."

"Wohin?"

Er erhielt keine Antwort. Die Frau blickte ihn verlegen an, und auch dem Sohne und der Tochter war es anzumerken, daß sie antworten könnten, wenn sie gewußt hätten, daß es nicht verboten sei. Der Dokor mußte sie anders fassen.

(\53\)A "Sie werden binnen einer halben Stunde arretirt werden." "Arretirt?" frug die Frau erschrocken. "Wir? Weshalb?" "Wegen Mithülfe zur Flucht zweier schwerer Verbrecher!" "Davon wissen wir nichts!"

"Pah! Sie haben dem Direktor und dem Oberarzte der hiesigen Irrenanstalt zur Flucht verholfen."

"Dem Herrn Direktor? Zur Flucht? Hat er denn fliehen wollen?"

"Allerdings. Es liegt eine schwere Anklage gegen diese beiden Männer vor, und ich bin als königlicher Kommissär gekommen, sie zu arretiren. Ihr Mann hat ihnen seinen Wagen zur Flucht zur Verfügung gestellt, und Sie verweigern mir jede Auskunft, wohin die Fahrt gerichtet ist - ich werde Sie arretiren lassen müssen." Das Erstaunen und die Angst der Leute war grenzenlos.

"Der Herr Direktor ein Verbrecher? Das ist gar nicht möglich!" rief die Frau und schlug dabei vor Verwunderung die Hände zusammen. "Und auf der Flucht? Das ist ja schrecklich! Aber wir haben ihm dabei nicht geholfen. Wir haben gemeint, es handle sich um eine Ferienreise."

"Warum verschweigen Sie das Ziel der Fahrt?"

"Weil der Herr Direktor meinte, daß es Niemand wissen solle."

"Nun?"

"Mein Mann muß sie über die Gebirge nach der Grenze und von da weiter fahren, bis sie ihn ablohnen."

"Ein gewisser, bestimmter Ort ist nicht genannt worden?" "Nein."

"Wissen Sie, welchen Weg er eingeschlagen hat?"

"Nein. Es führen sehr viele Wege in das Gebirge, und mein Mann kennt sie alle sehr genau." "Wann ist die Reise begonnen worden?" "Vor zwei Stunden."

"Ich will einmal annehmen, daß Sie nicht so schuldig sind, als ich vorher dachte, und also von der Arretur absehen, doch verlange ich, daß Sie mir zu jeder Zeit zur Verfügung stehen, wenn ich eine Erkundigung an Sie zu richten habe!"

Sie gaben ihm das Versprechen, und schon stand er im Begriffe, sich zu verabschieden, als er einen Blick nach dem Spiegel (\53\)B warf und unter demselben eine Bleistiftskizze bemerkte, welche sofort seine vollste Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er trat näher und sah, daß er sich nicht getäuscht hatte. "Zarba, die Zigeunerin! Wie kommt dieses Bild hierher?"

"Sie kennen Zarba?" frug die Frau um Vieles zutraulicher. "O, sie ist unsere Wohlthäterin schon seit langer Zeit, Herr Kommissär. Mein Sohn hat einiges Talent zum Zeichnen und ihr

Bild gemalt, so wie es dort beim Spiegel hängt. Nicht wahr, sie ist gut getroffen?" setzte sie mit einem stolzen Blicke auf ihren Sohn hinzu.

"Sehr gut. Wie alt ist der Junge?"

"Siebzehn."

"Und was wird er?"

"Er ist Schreiber und jetzt leider ohne Anstellung."

"Er scheint ein sehr schönes Talent zu besitzen, und ich werde, wenn es Ihnen recht ist, einen Maler herschicken, der ihn prüfen mag. Vielleicht läßt sich etwas aus ihm machen." "O, wenn Sie das thun wollten, Herr Kommissär!" rief die Frau, beglückt und dankbar seine Hand ergreifend.

"Wollen sehen, liebe Frau; doch sagt mir, wie seid Ihr mit der Zigeunerin bekannt geworden ?"

"Das ist schon sehr lange Zeit her, wohl mehrere über zwanzig Jahre! Sie war damals eine gar angesehene Dame und wohnte in der Hauptstadt bei dem Herzoge von Raumburg. Das sollte allerdings verschwiegen bleiben; aber es wurde doch in allen Häusern der Stadt erzählt und man bedauerte das schöne Mädchen, weil - - doch, Herr Gott, Sie sind ja ein königlicher Kommissär und kommen wohl auch mit dem Herrn Herzog zusammen! Also meine Mutter war Hebamme und hatte dienstlich mit den allerhöchsten Herrschaften zu thun. Ich hatte damals erst vor Kurzem geheirathet und wohnte bei ihr in der Residenz. Da ereignete es sich, daß in einer Nacht zwei sehr hohe und vornehme Damen ihrer Hülfe bedurften nämlich die Königin Majestät und die reiche Fürstin von Sternburg, welche sich auf Besuch im königlichen Schlosse befand. Sie und die Königin waren nämlich weitläufige Cousinen, und der Fürst, welcher ein großer General und Feldherr ist, befand sich im Auslande, wo er im Krieg kommandirte. Die Fürstin starb an der Geburt, und weil mir kurz vorher mein Erstes auch gestorben war, so bekam ich das kleine Prinzeßchen - - ja, wollte sagen den kleinen Prinzen angelegt und wurde seine (\54\)A Amme. Damals besuchte mich die schöne Zigeunerin alle Tage, und von daher schreibt sich unsere Bekanntschaft, Herr Kommissär." Max ahnte nicht, welche Bedeutung diese kurze Erzählung jemals für ihn und sein Schicksal haben könne. Er frug: "Und sie hat Euch dann öfters besucht?"

"Ja. Wir mußten ihr, wenn sie kam, über Alles Auskunft geben, und wenn sie wieder fort war, zu diesem Zweck allerlei Erkundigungen einziehen." "Über wen?"

"Über - über - ja, darf ich das denn sagen? Zunächst über den Sohn des Hofschmiedes Brandauer und den Sohn des Fürsten von Sternburg, dann über den Engländer, welcher Lord Halingbrook heißt, über den Herzog von Raumburg und viele andere hochgeborene Herren und Damen."

"Die ihr alle persönlich kennt?"

"Nein. Ich kenne sie nicht. Mein Mann hat das Alles besorgt." "Hat er etwas für seine Bemühungen erhalten?" Sie lächelte.

"Wir können sehr zufrieden sein. Zarba muß noch von ihrer Jugend her viel Geld besitzen." Er verabschiedete sich von den Leuten und versprach, des Sohnes nicht zu vergessen. Dann kehrte er zur Anstalt zurück.

Es hatte sich während seiner Abwesenheit wirklich herausgestellt, daß die acht Personen vergiftet worden seien; zwei waren bereits gestorben, andere zwei zeigten sich als schwer krank, und die Übrigen gaben Hoffnung, daß sichere Rettung vorhanden sei. Höchst seltsam war dabei die Ansicht der beiden braven Assistenten, daß sämmtliche acht Personen wohl kaum jemals wirklich geistig krank gewesen seien.

Max mußte die Bestimmung hierüber dem Generalstaatsanwalt überlassen, welcher beinahe noch bis zum Abend in der Anstalt zu thun hatte. Das dauerte ihm allerdings zu lange; er mußte bis zu dieser Zeit zu Hause sein, und daher verabschiedete er sich, um allein zur Stadt zurückzukehren.

Er kam dort an, als es bereits zu dunkeln begann, und fuhr zunächst beim königlichen Palais vor, um Bericht zu erstatten. Dann ging er nach seiner Wohnung. Hier erzählte er zunächst bei den Eltern die heutigen Erlebnisse und stieg dann hinauf nach der oberen Stube, um Zarba und den Hauptmann aufzusuchen.

Der Letztere nahm den regsten Antheil an den Ereignissen in der Anstalt und zeigte sich wüthend darüber, daß die beiden Beamten entkommen seien.

"Gewiß ist es noch nicht, daß sie entkommen," meinte Max. "Der Staatsanwalt hat sofort den Telegraphen spielen lassen, und von der Familie des Lohnkutschers, welcher die beiden Männer führt, habe ich genau erfahren, welche Richtung sie einhalten."

"Wie heißt der Lohnkutscher?" frug Zarba.

"Beyer. Ich habe Dein Bild in seiner Wohnung gesehen."

"Beyer. Und wohin geht die Fahrt?"

"Über das Gebirge nach der Grenze." "Welchen Weg?"

"Ja, wenn wir das gewußt hätten, so wäre die Verfolgung schleunigst angetreten worden."

"Wollt Ihr sie wieder haben?"

"Natürlich."

"Gut, Ihr sollt sie haben; Zarba verspricht es Euch!" Sie kam aus ihrer Ecke hervor und setzte sich zur Lampe. "Mein Sohn, gieb mir Papier und ein Stück Blei!"

Sie erhielt Beides und malte auf das Erstere eine Reihe von Charakteren, für welche weder der Hauptmann noch Max ein Verständniß hatten.

"Nicht wahr, von uns kann jetzt keiner aus der Residenz fort?" frug sie.

"Nein," lautete die Antwort des Doktors.

"Dann muß ich einen Boten haben, einen Mann, auf den sich Zarba ganz und gar verlassen kann."

"Wohin?"

"Hinauf in die Berge."

"Wie lange braucht er Zeit, um zurückzukommen?" "Drei Tage."

Max trat zum Fenster und öffnete es. Drunten saßen wie gewöhnlich die Gesellen vor der Thür.

"Thomas!"

"Zu Pefehl, Herr Doktor!"

"Magst Du einmal heraufkommen?"

"Sofort werde ich mich hinaufbegepen!"

Einige Augenblicke darauf krachte die Stiege unter den wuchtigen Schritten des ehemaligen Kavalleristen.

(\54\)B "Guten Apend, meine Herrschaften. Hier pin ich, wie ich leipe und lepe!" grüßte er, sich in die strammste Positur stellend.

"Habt Ihr dieser Tage viel zu arbeiten, Thomas?" frug Max

"Zu arpeiten gipt es immer pei uns, Herr Doktor."

"Aber außerordentlich viel Arbeit - -?"

"Ist nicht so sehr schlimm!"

"Willst Du mir einen Gefallen thun?"

"Zu Pefehl, recht gern, Herr Doktor!"

"Du sollst einen Brief hinauf in das Gebirge schaffen."

"In das Gepirge? Da pin ich in meinem ganzen Lepen noch nicht gewesen. An wen ist der Prief gerichtet?"

Max sah die Zigeunerin fragend an.

"An den Waldhüter Tirban," antwortete diese.

"Tirpan? Ist mir niemals pekannt gewesen. Wo wohnt er?"

"Du fährst mit dem Frühzuge nach Süderhafen und gehst von da bis zum Abend auf der Straße fort, welche quer durch das Gebirge führt. Am Abend kommst Du an einen Krug, vor dessen Thür zwei Tannen stehen; dort kehrst Du ein und fragst den Wirth nach dem Waldhüter Tirban. Dieser wohnt auf einer Waldblöße, ihm gibst Du diesen Brief. Das Übrige wirst Du von ihm selbst erfahren."

"Gut! Also Süderhafen - Gepirgsstraße - Apend - Krug - zwei Tannen - Waldplöße - Tirpan -gut, ich werde ihn zu finden wissen."

"Aber wird Thomas nicht zu spät kommen?" frug Max. "Die Flüchtlinge sind heut früh fort, und er kommt erst morgen Abend zu Tirban."

"Dafür laßt mich sorgen, junger Herr! Willst Du mir ein Telegramm aufschreiben, mein Sohn?"

Der Hauptmann nahm Platz und griff zur Feder, Zarba überlegte einen Augenblick und diktirte dann:

"Oberschenke Waldenberg - Fuhrmann Beyer und zwei Männer - einen Tag lang aufhalten -mit Gewalt zur Tannenschlucht - Zarba."

Max hörte mit Erstaunen dem Diktate zu. Die Worte klangen nach Geheimnissen, welche zu ergründen er wohl begierig gewesen wäre. Die Gitana wurde ihm von Stunde zu Stunde eine immer mysteriösere Persönlichkeit. Er sah wahrhaftig jetzt eine ganze Zahl von Goldstücken in ihrer braunen Hand erglänzen, als sie in die Tasche griff, um den Betrag für die Depesche auf das Papier zu legen. Und dieser Betrag war so genau abgezählt, daß sich vermuthen ließ, dies sei nicht die erste Depesche, welche die Zingaritta expediren ließ. "Willst Du diese Depesche noch heute Abend besorgen?" frug Max den Kavalleristen. "Zu Pefehl, Herr Doktor!"

"Hier hast Du Reisegeld für morgen. Den Vater brauchst Du nicht um Erlaubniß zu fragen, ich werde dies für Dich thun."

"Zu Pefehl, Herr Doktor und guten Apend die Herrschaften!"

Damit drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus. Unten angekommen, stellte er sich breitspurig vor die beiden andern Gesellen hin. "Wißt Ihr etwas Neues?" "Nun?" frug Heinrich.

"Ich pegepe mich morgen auf eine lange Reise." "Wohin?"

"Geht Euch nichts an, Ihr Gelpschnäpel Ihr. Aper wenn Ihr in einer Stunde zu unserer Parpara Seidenmüller kommt, so will ich Euch einige Seidel zum Abschied gepen, weil das Reisegeld so reichlich ausgefallen ist."

"Ich komme, Thomas!" meinte der immer durstige Artillerist. "Das mit den Seideln ist der trefflichste Gedanke, den Du heute haben konntest!"

"Ja, das ist am Den!" bekräftigte nickend Baldrian, der Grenadier. —

Achtes Kapitel.

Almah.

Da, wo der Fluß sich busenartig erweitert, um seine Wasser mit den Wogen des Meeres zu vermählen, liegt Tremona, der Haupthafen von Süderland. Am Fuße der Höhe, an welcher sich die Stadt amphitheatralisch emporzieht, dehnen sich die Außenwerke der Festung aus, während die beiden rechts und links vom Flusse liegenden Forts wie drohende Wächter von dem Berge herunterblicken und weit hinaus in die offene See schauen. Unter ihnen und an ihren Flanken dehnen sich zahlreiche Weinberge und Fruchtgärten hin, zwischen deren Grün verschieden stilisirte Villas, Lustschlösser ^55\)A und andere herrschaftliche Bauwerke hervorblicken, welche bestimmt sind, der haute-vol,e der Residenz und des Landes zum Sommeraufenthalt zu dienen.

Unter diesen Gebäuden zeichnet sich besonders eines durch seine prächtige Lage wie unübertreffliche Architektonik aus. Es ist ein im maurischen Stile gehaltenes Schloß, welches sonderbarer Weise keinem Süderländischen Unterthanen, sondern einem Fremden gehört, nämlich dem Fürsten Viktor von Sternburg, General z.D. Sr. Majestät des Königs von Norland. Allerdings ist der General nur selten auf dieser seiner Besitzung anwesend, und auch sein Sohn, der Prinz Arthur, welcher als wirklicher Kapitän zur See in Norländischen Diensten steht, kann den Reiz dieser herrlichen Besitzung nur höchst selten und auf kurze Zeit genießen, da sein Beruf ihn oft Jahre lang vom Lande fern hält und er in der Frist eines etwaigen Urlaubs zu sehr in der Heimath in Anspruch genommen wird, als daß er auf den Gedanken kommen sollte, eine Besitzung zu besuchen, welche im Nachbarstaate liegt, dessen Intentionen zum Vaterlande nie sehr freundliche genannt werden konnten. -Auf der Veranda von Sternburg, wie das erwähnte Schloß nach seinem Besitzer genannt wird, saßen mehrere in Civil gekleidete Herren, deren Exterieur die Vermuthung nahe legte, daß sie trotz dieser Kleidung den militärischen Kreisen angehörten. Sie hatten die substanzielleren Theile des Frühstücks überwunden und schauten nun vergnügt auf eine Batterie feurigen Sizilianers, welcher ihnen rothgolden durch das Glas entgegenglänzte.

"Sagen Sie, Kapitän, auf wie lange werden Sie Ihren gegenwärtigen Aufenthalt ausdehnen?" frug der eine von ihnen. "Sie dürfen erwarten, daß wir wünschen, Sie so lange als möglich hier festhalten zu können."

Der Gefragte war ein junger Mann von wohl nicht über zweiundzwanzig Jahren. Sein ernstes, männlich schönes Angesicht war sehr stark von der Sonne gebräunt und trug den Charakter einer milden aber unerschütterlichen Energie, welche durch nichts dahin zu bringen ist, einen einmal für rechtlich erkannten Entschluß wieder aufzugeben. Seine Kameraden waren ausnahmslos älter als er, und dennoch schien er ihnen an Reife und Würde überlegen zu sein, wenigstens bildete ihrer Lebhaftigkeit gegenüber die Ruhe und Gleichmäßigkeit seiner Worte und Bewegungen einen Kontrast, welcher nur zu seinem Vortheile ausfallen konnte. "Leider ist die Dauer meines Aufenthaltes hier eine sehr von den Umständen abhängige," antwortete er. "Sie kann einige Wochen währen, aber auch schon binnen einer Stunde ihr Ende erreicht haben. Allerdings habe ich meine Fregatte dem Werfte übergeben müssen, aber es kann leicht sein, daß man mir während der dadurch entstehenden Vakanz einstweilen das Kommando eines anderen Fahrzeuges anvertraut. In diesem Falle werde ich telegraphisch abberufen und hätte dann nicht einmal Zeit, mich von Ihnen zu verabschieden, meine Herren." "Ein Grund mehr, uns an die Gegenwart zu halten," meinte ein anderer der Gäste. "Laßt uns den eventuellen Abschiedstrunk gleich jetzt mit schlürfen!" Die Gläser erklangen.

"Wo waren Sie zuletzt stationirt, Kapitän?" tönte dann die Frage. "Im indischen Archipel."

"Donnerwetter, ein wenig entfernt von hier! Nun ist mir auch der famose Teint erklärlich, durch welchen Sie sich so vortrefflich auszeichnen. Aber ich glaube, von Ihnen als in Egypten anwesend gehört zu haben."

"Ich war auf dem Rückwege nach der Heimath mit der Abgabe von Depeschen an den Vizekönig beauftragt."

"Ah! So ward Ihnen das Glück zu Theil, die Khedive'sche Majestät Auge in Auge zu sehen?" "Natürlich."

"Ja, ein zweiundzwanzigjähriger Kapitän zur See besitzt ganz verteufelte Meriten. Aber, im Vertrauen, haben Sie auch Einblick in die liebenswürdigen Verhältnisse des vizeköniglichen Harems erhalten?"

Der Gefragte blickte mit einem sinnenden Lächeln vor sich nieder. "Einblick? Nein!"

"Aber Anblick - ein Anblick ist Ihnen geworden, Sie Glücklicher? Gestehen Sie!"

"Ich gestehe!"

"Genügtnicht. Beichten!"

"Ich habe nichts zu beichten, meine Herren!"

"Nun wohl, dann haben Sie desto mehr zu erzählen oder zu berichten. Nicht?" "Höchstens eine Kleinigkeit."

f]55\)B "Aber solche Kleinigkeiten sind so interessant, daß wir unmöglich auf sie verzichten können. Beginnen Sie, Kapitän!"

Er griff zum Glase, that einen kleinen, langsamen Zug aus demselben und begann mit einer Miene, in welcher sich deutlich das Widerstreben kund gab, eine persönliche Erfahrung dem weiteren Wissen preis zu geben.

"Ich hatte meine Pflicht gethan und war vom Vizekönig auch bereits verabschiedet worden, beschloß aber doch, noch einige Tage in Kairo zu verweilen. Man muß diese Stadt gesehen haben, um diesen Entschluß als etwas ganz und gar Selbstverständliches anzuerkennen. Kairo heißt nicht ohne Grund Kahira, die Siegreiche; sie besiegt mit ihren tausend Wundern und Reizen jeden Abendländer, welcher zum ersten Male sich in den Zauberkreis des orientalischen Lebens wagt."

"Auch Sie wurden natürlich von diesem Zauber gefangen genommen?" "Vor Jahren, ja, als ich den Boden des Morgenlandes zum ersten Male betrat." "Vor Jahren! Alle Teufel, Kapitän, Sie haben freilich an einer ganz bedeutenden Summe von Jahren zu tragen! Doch, apropos, Sie sind wirklich ein ganz ungewöhnlich bevorzugtes Schoßkind des Glückes. Während andere sehr tüchtige Männer es kaum mit vierzig Jahren bis zu Ihrem Range bringen, waren Sie mit vierzehn Jahren bereits Midshipman, mit zwanzig Decklieutenant und jetzt Kapitän, notabene nicht Korvetten- sondern Fregattenkapitän. Warten wir noch ein Jährchen, meine Herren, so werden wir erfahren, daß diesem Herrn Arthur von Sternburg als Kommodore eine Eskadre anvertraut worden ist, und dann ist es nicht mehr weit bis zu einem fünfundzwanzigjährigen Admiral. Doch bitte, Herr Kamerad, fahren Sie fort!"

"Mit oder ohne weitere Unterbrechungen?" "Ohne -" lachte der Gefragte.

"Also, wir waren in Kahira, der Siegreichen, und sahen uns gezwungen, den Einflüssen des Klimas gerecht zu werden. Des Tages verträumte ich, wenn nicht gerade eine Audienz oder ein nothwendiger Besuch vorlag, die Zeit bei einer Pfeife feinem Assuan, und ging nur des Abends aus, um manches Abenteuer zu erleben oder zu beobachten, von welchem die Erinnerung zu zehren vermag. Aufgefallen war mir die Schönheit der Fellahmädchen. Diese schlanken und dabei doch so vollen, reizenden Glieder, der warme Ton der dunklen, sammetnen Haut, die liebliche Regelmäßigkeit der Züge, die jungfräuliche Fülle und Festigkeit derjenigen Formen, welche man bei uns künstlich zu stützen pflegt, die Anmuth der Bewegungen - das Alles, bei diesen Bauernmädchen gesehen, ließ die Frage aufkommen, welchen Grad von Schönheit erst die Damen höherer Stände besitzen müßten." "Donnerwetter, Kapitän, denken Sie daran, daß Sie gegenwärtig zu außerordentlich gefühlvollen Wesen sprechen!" "Ohne Unterbrechung, meine Herren -!"

"Bon! Sprechen Sie weiter. Wir sind natürlich gespannt auf Ihren ethnographischen Essay. Natürlich erhielten Sie Gelegenheit, den Grad dieser letztgenannten Schönheit zu bewundern."

"Allerdings. Es war an einem Abende - -"

"Ah, der Anfang ist reizend: an einem Abende - fahren Sie weiter fort!"

"Ich hatte mir ein Boot genommen und fuhr den Fluthen des Niles entgegen, das heißt, ich saß und träumte, wie man es in jenen Breiten zu thun pflegt, und ließ mich rudern. Wir hatten nach kurzer Zeit die Stadt hinter uns, fuhren einsam stromauf und sahen nur eine einzige Gondel vor uns, welche von vier schwarzen Sklaven fortbewegt wurde -" "Ich ahne! In dieser Gondel saß ein —"

"Nein - saßen zwei tief verschleierte Frauengestalten, welche jedenfalls gerade so wie ich die Kühle des Abends in der Einsamkeit genießen wollten. Unwillkürlich wurden meine Augen von den zarten feinen Hüllen magnetisch angezogen; es gab ja so Vieles hinter ihnen zu ahnen und zu vermuthen. Wer waren diese Frauen? Waren sie alt, so daß die Schleier nichts als Runzeln zu verbergen hatten, oder pulsirte das Blut heiß durch Herz und Adern zweier Gestalten, wie sie die Phantasie sich malt, wenn man an das Harem eines orientalischen Herrschers denkt? Wem gehören sie, und - durfte man es hier in dieser Entfernung von der Stadt wagen, sie anzusprechen? Nein, das ging nicht, denn die Schwarzen hätten dies jedenfalls verrathen. Ich fuhr ihnen also langsam nach, dem weißen Schleier ihrer Gewänder wie einem Polarsterne folgend, nach welchem der Seefahrer den Lauf seines Fahrzeugs bestimmt."

"Schwärmer! Ich an Ihrer Stelle hätte sie angesegelt, geentert und als gute Prise an Bord genommen." "Ich wünsche Ihnen von Herzen eine solche Gelegenheit, Ihre (\56\)A Tapferkeit zu bewähren. - Der Fluß beschreibt oberhalb der Stadt einen scharfen Bogen, und natürlich liegt das ruhige Fahrwasser auf der inneren Seite desselben. Eben hatte die Gondel dasselbe erreicht, als hinter der Krümmung der Bug eines Fahrzeugs sichtbar wurde, welches sich verspätet haben mußte und den Hafen von Bulakh zu erreichen suchte. Die Gondel lag beinahe gerade vor seinem Kiele, doch gelang es ihr noch, auszuweichen. Das Fahrzeug war eine Dahabie, welche, dem Baue nach, Sennesblätter aus Abessinien brachte. Ihr folgte, wie die Gondel zu spät bemerkte, ein Sandal, eines jener flüchtigen Nilfahrzeuge, welche beinahe mit einem Dampfer um die Wette zu segeln vermögen. Zum Ausweichen war es fast zu spät; dennoch aber brachten die Ruderer die Gondel so weit zur Seite, daß sie nicht überfahren wurde, doch gerieth sie in das rauschende Kielwasser der beiden Schiffe, von welchem es hin-und hergeschleudert wurde wie eine Nußschale -"

"Alle Teufel, jetzt kommt die Pointe: ein Retter - eine wundervoll schöne Göttin - Liebe -Geständniß - Hochzeit - - habe ich recht, Kapitän?"

"Pah! Die beiden Frauen hatten natürlich ihre Fassung vollständig verloren. Sie zeterten und schrien um Hülfe. Die Eine von ihnen hatte die Hände vom Bord genommen, eine Woge riß die Gondel zu sich empor - die Dame verlor das Gleichgewicht und stürzte in das auf- und abwogende Wasser. Ich hatte so Etwas vermuthet und das Steuer ergriffen. Im Nu war ich zur Stelle und sprang über Bord. Es gelang mir, die Verunglückte zu fassen. Bei dem unruhigen Wasser war es eine Unmöglichkeit, mit ihr in das Boot zu kommen, ich legte mich auf den Rücken, nahm ihren Oberkörper quer über mich herüber und schwamm nach dem Ufer, welches ich noch vor den Kähnen erreichte. Dort legte ich sie nieder und entfernte den Schleier, welcher den Kopf und die Schultern bedeckte."

Der Kapitän machte jetzt eine Pause und blickte über die vor ihm liegende Landschaft hinaus weit in die Ferne, als suche er den Ort zu erschauen, auf welchen er damals die Errettete gebettet hatte.

"Fast erschrocken fuhr ich zurück - -"

"Was - erschrocken? War sie so häßlich, Kapitän?"

"Häßlich? Pah! Können Sie sich nicht denken, daß es einen Grad von Schönheit gibt, welcher dieselbe Wirkung hat? Den Beschauer überkommt das Gefühl, als habe er eine Entweihung begangen, als sei er unberufen in ein Heiligthum eingetreten, welches er bei Todesstrafe nicht betreten dürfe. So war es auch hier. Ich sah in ein Gesicht, in ein Gesicht - doch, warum davon sprechen, da es geradezu unmöglich ist, solche Wunder zu beschreiben. Aber wenn eine jener Feen, von denen wir uns in der Jugend erzählen ließen, vom Himmel herabgestiegen wäre, um den Sterblichen die Schönheit in ihrer herrlichsten Inkarnation zur Offenbarung zu bringen, sie hätte sich mit dem Mädchen, welches vor mir lag, nicht messen können. Die dünnen, durchsichtigen Gewänder waren von den oberen Theilen dieser unvergleichlichen Gestalt zurückgewichen, und da, wo sie dieselbe noch verhüllten, schienen sie bestimmt zu sein, mehr zu verrathen als zu verbergen. Und über dem Allem lag ausgebreitet der zauberische Mondesglanz Egyptens - pah, ich glaube gar, ich werde poetisch!"

(\57\)A "Kein Wunder, Kapitän! Ich gäbe sofort fünf Jahre meines Lebens hin, wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre!"

"Ich wurde aus meinem Entzücken gerissen. Mein Ruderer hatte gelandet, und auch die Gondel war herbeigekommen. Die zweite Verschleierte setzte den Fuß auf das Land und kam herbeigeeilt."

"Almah! O Fatime, heiligste Frau des Himmels, hilf, daß sie nicht todt ist!"

Erst durch diesen Ruf wurde ich aus das Nöthigste aufmerksam gemacht. Ich legte die Hand auf das Herz der Verunglückten und fühlte einen leise schlagenden Puls.

"Sie lebt. Die Hand des Todes war nicht schnell genug, die herrlichste Blume Kahiras zu brechen." "Sie lebt?"

Mit diesen jubelnden Worten warf sie sich auf die Liegende nieder, zog sich den Schleier vom Gesicht und küßte die Bewußtlose auf Stirn, Wange und Lippe.

"Ja, sie lebt. Dank Dir, Fremdling! Du (\57\)B hast ein Werk gethan, welches Allah Dir niemals vergessen wird!"

Auch sie war schön, doch einige Jahre älter als die Andere. Noch kniete ich an der Seite der Letzteren und hatte ihren Kopf auf meinem Arme liegen, von welchem das aufgelöste, reiche schwarze Haar in lockiger Fülle herniederfloß."

"Wer ist sie? Wer seid Ihr?" frug ich, mehr unwillkürlich als mit bestimmter Absicht.

"Ich bin Aim,e, die Lieblingsfrau des Vizekönigs, und diese hier heißt Almah. Wer bist Du?

Ein Franke?"

Sie sprach italienisch, um von den Dienern nicht verstanden zu werden; ich durfte also annehmen, daß sie lesen könne. Noch immer kniend griff ich mit der freien Hand in meine Tasche und nahm eine Karte hervor. "Nimm und lies, wer ich bin!

Ich wollte weiter sprechen, wurde aber verhindert. Derjenige, welcher am Steuer der Barke gesessen hatte, trat herbei.

"Warum lässest Du (\58\)A die Sonne Deines Angesichtes leuchten vor dem Manne, dem Du nicht gehörst?"

Diese Worte klangen streng. Sie wandte sich ab und ließ den Schleier fallen.

"Lebe wohl, Fremdling. Aim,e sagt Dir Dank; sie wird ihre Freundin auch ohne Hülfe pflegen."

"Ist Almah auch ein Weib?" "Nein."

Jetzt durfte ich es wagen, ohne der Herrlichen zu schaden. Ich hob ihr schwer auf meinem Arme liegendes Haupt empor und drückte Kuß um Kuß auf die halb geöffneten Lippen, zwischen denen das reine Elfenbein der Zähne hindurchschimmerte. Dann erhob ich mich. "Wessen Tochter ist sie?"

"Ich darf es Dir nicht sagen. Hab Dank und lebe wohl!"

"Sie reichte mir ihre Hand, allerdings ein großes Wagniß. Ich drückte meine Lippen auf die zarten Spitzen ihrer Finger und schritt wie im Traume nach meinem Kahne - -" "Verdammt! Das war ein Fehler! Das hätte ich nicht gemacht! Ich wäre sicher nicht eher fortgegangen, als bis ich erfahren hätte, wer sie war. Doch, Sie haben sie wiedergesehen?" "Nein."

"Was? Nein? Das ist ja vollständig unmöglich!"

"Es ist einfach wirklich. Ich nahm mir allerdings vor, nach ihr zu forschen, erhielt aber bereits am nächsten Tage den Befehl, nach Algier zu gehen - tout voila; ich bin zu Ende!" "Zu Ende? Wirklich? Sie wollen nicht längeren Urlaub nehmen und hinübergehen, um nach ihr zu forschen?"

"Ich bin nicht Phantast genug, um solch einen Entschluß fassen zu können, und der Dienst -" "Ja, der leidige Dienst! Und doch! Treten Sie mir Ihre Egypterin ab, Kapitän! Ich werde hinübergehen und den Vizekönig interpelliren. Er muß mich mit seiner Aim,e sprechen lassen, und von dieser ist es ja zu erfahren, wer die Unvergleichliche ist." Der Kapitän lächelte.

"Ich kann nicht ein Gut abtreten, welches ich nicht besitze."

"So nehme ich es mir selbst. Kapitän, ich schwöre es Ihnen bei allen Liaisons der Erde, daß ich bei nächster Gelegenheit nach Egypten gehe, um Ihre Bekanntschaft fortzusetzen. Aber, meine Herren, vergessen wir nicht, daß wir für jetzt weiter engagirt sind; es bleibt uns nur noch eine Viertelstunde für unseren Wirth übrig. Vivat alle Aim,es und Almahs; Pereat alle Dahabies und Sandals, und vor allen Dingen lebe der Entdecker des schönsten Weibes im Lande der Pharaonen. Hoch!"

Die Gläser klangen; die Flaschen entleerten sich, und als die Letzte unter der Tafel verschwunden war, erhoben sich die Herren. Der Kapitän blieb allein zurück.

Er war ernst geblieben trotz der launigen Gesellschaft. Jetzt lehnte er sich in den Sessel zurück und öffnete das Medaillon, welches an seiner Uhrkette befestigt war. Es enthielt einen Frauenkopf von jener Schönheit, welche nur unter den Gluthen des Orientes zu finden ist.

"Almah! Sie ist das erste Weib, welches ich liebe, und wird auch das letzte sein. Sie ist vor mir aufgetaucht und verschwunden, wie ein Phänomen, welches mir nie wieder erscheinen wird; aber ich habe ihre Züge festgehalten und werde von dieser süßesten meiner

Erinnerungen zehren, so lange mein Herz schlägt und meine Brust athmet!"

Er trat aus der Veranda in das anliegende Zimmer und klingelte. Ein alter Mann erschien, welcher mit einer tiefen Verneigung vor der Thür stehen blieb.

"Haben Sie die Zimmer für den Pascha in Bereitschaft gesetzt?"

"Ja, Durchlaucht. Wann wird der Gast eintreffen?"

"Ich weiß es nicht. Sie werden für die nothwendige Dienerschaft sorgen müssen. Hoffentlich bleibt Ihnen bis zu seinem Eintreffen noch so viel Zeit, Alles zu arrangiren. Gestern kam der Brief des Vaters; es ist also anzunehmen, daß der Pascha vor Anfang nächster Woche nicht eintreffen wird. Für jetzt bitte ich um meinen Matrosenanzug!" Der alte Kastellan trat einen Schritt näher.

"Durchlaucht wissen, wie lieb ich Sie habe und wie glücklich es mich macht, meinen hohen jungen Herrn nicht so stolz zu sehen wie Andere, welche weder die Geburt noch die Verdienste des Kapitän von Sternburg aufzuweisen haben. Aber - - dieses Inkognito, dieses Herniedersteigen zu den untersten Klassen der Bevölkerung, könnte es nicht einmal mit Gefahren verbunden sein, denen man nicht gewachsen ist, weil sie unerwartet hereinbrechen?"

Der Prinz reichte dem treuen Manne die Hand entgegen.

"Ich kenne Sie, Horn, und bin weit entfernt, mich durch Ihre so gut gemeinte Warnung verletzt zu fühlen. Darum will f\58\)B ich Sie durch die Versicherung beruhigen, daß mir keinerlei Gefahr droht, wenn ich zuweilen eine Kleidung anlege, für welche ich mich aus zwingenden Gründen entschlossen habe. Also bitte, den Anzug!"

Der Kastellan entfernte sich und brachte nach einigen Augenblicken die verlangten Kleidungsstücke. Arthur legte sie an, verwirrte sich das wohlfrisirte Haar, gab dem sorgfältig gepflegten Schnurrbärtchen eine weniger kühne Haltung, und glich nun einem Matrosen in sonntäglicher Bekleidung. Horn war ihm bei dieser Metamorphose behülflich gewesen und betrachtete mit wohlgefälligem Lächeln die prächtig gebaute Gestalt seines jungen Gebieters. "Und dennoch, Durchlaucht, sieht man es Ihnen an, daß Sie keine gewöhnliche Theerjacke sind."

"So? Hm! Wollen sehen! Ein wenig Staub und Schmutz wird diesen Übelstand beseitigen. Adieu, Horn!" Er ging.

Von der Veranda zum Schloßgarten niedersteigend, verließ er den Letzteren durch eine kleine Seitenpforte, schritt zwischen einigen Weinbergen hindurch und befand sich bald auf einem Wege, welcher in regelmäßigen Windungen zur Stadt hinabführte. Dort angekommen suchte er den Hafen auf. Hier schlenderte er scheinbar zwecklos auf und ab, doch ließen die scharfen Blicke, mit welchen er selbst die geringste Kleinigkeit beobachtete, errathen, daß diesem harmlosen Spaziergange dennoch eine bestimmte Absicht zu Grund liege. Später trat er in eine jener Restaurationen, welche meist von Seefahrern besucht werden. Der vordere Raum derselben war für gewöhnlichere Gäste bestimmt, und von hier aus führte eine Thür nach einem Nebenzimmer, in welches sich die Kapitäne und Steuerleute zurückzuziehen pflegten. Hier war es jetzt vollständig leer, und Arthur nahm in der Gaststube auf einem Stuhle Platz, welcher am offenen Fenster stand. Von hier aus hatte er einen offenen Blick auf das Treiben des Hafens und auf die See, welche von dem letzteren aus den ganzen Raum bis zum Horizont erfüllte.

Nicht weit von ihm saßen einige Matrosen beim Kruge, deren ganzes Äußere dafür sprach, daß sie manches Jahr ihres Lebens auf dem Meere zugebracht hatten. Sie befanden sich in einem lebhaften Gespräche, welchem auch die sämmtlichen andern Gäste mit Interesse zuhörten.

"Und ich sagen Euch dennoch, daß der "Tiger" ein Dreimaster ist, der es mit der größten Fregatte aufzunehmen vermag. Ich habe mit Einem gesprochen, der diente auf einer Brigg, welche von dem Korsaren genommen wurde. Er hat also das Schiff genau betrachten können," meinte einer der Leute.

"Hast nicht nothwendig, es ihm zu glauben, Wilm," antwortete ein Anderer. "Der Tiger ist eine Korvette mit neun Kanonen. Ich habe sie selbst gesehen, und das ist genug!" "Wirklich?" frug ein Dritter. "Ich kann es Euch ganz genau sagen, was der Tiger für ein Fahrzeug ist. Er ist eine zweimastige Brigg mit lateinischem Segelwerke. Als ich vor sechs Monaten mit der "Schwalbe" fuhr, sind wir ihm begegnet und wollten ihn ansprechen; er aber ging an uns vorüber, wie der Mond an dem Mopse, der ihn anbellt."

"Sonderbar," brummte der Vierte. "Ein Dreimaster, eine Korvette, eine Brigg mit lateinischem Segelwerke - daraus werde der Teufel klug! Was mich betrifft, so habe ich das Piratenschiff noch nicht gesehen und bin auch gar nicht begierig darauf, ihm zu begegnen. Nur wissen möchte ich, ob sein Kapitän wirklich ein Neger ist, wie man sich erzählt." "Natürlich ist er ein echter und richtiger Neger, weshalb man ihn auch nicht anders nennt, als den "schwarzen Kapitän." Übrigens ist er der einzige Pirat, welcher kein Menschenblut vergießt. Ich kenne mehrere Fälle, in denen er ein Schiff hätte entern können, und dennoch hat er, um die Menschenleben zu schonen, davon abgesehen und die Prise davongehen lassen."

"Aber nur um sie später durch List zu bekommen!"

"Das ist keine Schande für ihn, sondern das gerade Gegentheil. Aber habt Ihr auch beobachtet, daß er es meist auf Norländische Schiffe abgesehen hat?" "Besonders auf die Fahrzeuge der Kolonialkompagnie."

"Daher macht Norland so große Anstrengungen, seiner habhaft zu werden, aber stets ohne Erfolg. Die Sache liegt nämlich so, daß der Tiger einmal als Drei-, dann als Zweimaster und vielleicht dann gar als Dampfer erscheint. Wer will ihn festhalten? Und dazu ist sein Kapitän ein befahrener Kerl, der Haar auf den Zähnen hat. Ich habe davon sprechen hören, daß der Pirat vor dem Winde gegangen ist mit vollem Segelwerke; wer macht ihm das nach? Ein andermal haben sie ihn getroffen, daß er mit halbem Segelwerke dem Winde in die Zähne lenkte; das ist ein Kunststück, welches man für unmöglich halten möchte. Bei vollem Sturme (\59\)A beidrehen oder bei halbem Sturme beidrehen, das ist ihm eine Kleinigkeit. Es gibt keinen zweiten Segelmeister, keinen zweiten Kapitän auf der Welt, der das Manövriren so versteht, wie der "schwarze Schiffer," und der muß seine Kunst vom Teufel gelernt haben." "Pah, es gibt anderwärts auch noch Leute, welche ein Schiff zu lenken verstehen. Ich kenne Einen, den sollte man gegen den "Tiger" schicken; der würde ihn bald erwischen." "Meinst Du? Wer könnte das wohl sein? Der müßte schon einige Haare auf den Zähnen haben!"

"Hast Du noch nichts von dem Sternburg gehört?"

"Der Sternburg? Alle Wetter, das ist wahr; das ist ein Kerl, der es wohl mit dem "Schwarzen" aufnehmen könnte. Wo steckt er denn wohl jetzt?"

"Ich glaube in Ostindien oder auf der Südsee. Der Junge ist wohl kaum über zwanzig Jahre alt und hat so viele Teufel im Leibe, daß man ihn nur immer dahin schickt, wo sich ein Anderer nicht hingetrauen würde. Denkt an den letzten Krieg, was er da als Volontär geleistet hat." "Er ist vom höchsten Adel, denn in den Adern der Sternburgs soll sogar königliches Blut fließen, und das mag mit zu der außerordentlichen Schnelligkeit beitragen, mit welcher er im Avancement vorgeschritten ist; aber man muß doch sagen, daß er seinen Platz verdient hat. Ich möchte ihn doch einmal sehen. Wer kennt ihn?" "Keiner von uns!"

"O doch," meinte Einer, welcher am nächsten Tische saß. "Ich habe ihn gesehen, doch allerdings nur von Weitem." "Wenn ist das gewesen und wo?"

"Eben im letzten Kriege, als er uns den Dreimaster entgegenbrachte."

"Alle Teufel, das war ein Meisterstück! Ich habe davon erzählen hören, aber nicht recht klug aus der Sache werden können. Wie ging es denn eigentlich zu?"

"Sehr einfach. Nach dem Siege über die feindliche Flotte verfolgten wir dieselbe bis an die Küste, wo sie in der Flußmündung Schutz suchte, welche von einem festen Fort vertheidigt wurde. Ihr zu folgen, war unmöglich; wir mußten sie einfach blockiren. Das war eine langweilige Geschichte, und wäre wohl noch langweiliger geworden, wenn nicht hier oder da ein kleiner Coup unternommen worden wäre, der etwas Leben in das Nichtsthun und Hinwarten brachte. Bei Allem aber, was geschah, war dieser Lieutenant ersten Ranges Arthur von Sternburg, welcher dann Kapitän wurde, dabei. Einst verlautete, daß der Kommandant des Forts den Seeoffizieren einen Ball oder so etwas Ähnliches gebe. Sternburg war es selbst, der diese Nachricht brachte. Wenn sie sich bewahrheitete, so war die Gelegenheit geboten, dem Feinde einen Streich zu spielen, und daher entschloß man sich, einen kühnen und listigen Mann an die Küste zu setzen, welcher nachforschen sollte, ob das Gerücht die Wahrheit sage."

"Natürlich wählte man Sternburg?"

"Er meldete sich selbst. Es war bereits Nachmittag, als das Boot, welches ihn an die Küste setzen sollte, mit ihm abging. Man fuhr natürlich zunächst in die See hinaus, schlug dann einen Bogen und landete einige Stunden abwärts an einer einsamen, unbewohnten Stelle des Landes. Sternburg hatte nur einen Revolver und ein Messer mit und trug die Kleidung eines gewöhnlichen Handelsschiffmatrosen. Es gelang ihm, sich glücklich bis an den Fluß zu schleichen, wo er erfuhr, daß das beabsichtigte Fest wirklich stattfinde. Es war während dem Abend geworden, und sämmtliche Flottenoffiziere hatten sich nach dem Fort begeben." "Alle Teufel, nun kam er doch mit seinem Berichte zu spät! Ehe er zurückgelangen konnte, mußte ja bereits der Morgen anbrechen."

"Dasselbe sagte auch er sich, und daher beschloß der kühne Mann, auf eigene Faust zu handeln."

"Bravo! Wie fing er das an?"

"Sehr einfach. Er begab sich an Bord des Flaggenschiffes und - -" "Des Flaggenschiffes? Der Kerl war verrückt!"

"Nicht ganz. Man wußte sehr genau, daß wir uns nicht stromaufwärts wagen konnten; daher hatte man sich vollständig sicher gefühlt und allen Offizieren außer dem jüngsten Schiffsfähndrich Erlaubniß gegeben, den Ball zu besuchen. Der Fähndrich hatte natürlich nichts zu thun, als sich zu ärgern, daß er hatte zurückbleiben müssen. Zur Entschädigung war ihm eine Ration Rum und Zucker zur Verfügung gestellt worden, um für die Mannschaft einen tüchtigen Extragrog zu brauen. Man war eben mit dieser Arbeit beschäftigt, als Sternburg von seinem Kahn aus um (\59\)B die Erlaubniß bat, an Bord kommen zu dürfen. Man fragte natürlich, was er wolle, und er gab zur Antwort, daß er Matrosendienste zu nehmen beabsichtige und sich dem Kapitän vorstellen wolle." "Der ist nicht an Bord," war die Antwort. "So bringt mich zum ersten Lieutenant!" "Ist auch von Bord." "Zum Zweiten!"

"Auch mit fort. Nur der Fähndrich ist da. Komme herauf zu mir, Bursche!"

Sternburg schwang sich am Eimertaue empor und stand vor dem Fähndrich. Dieser frug ihn nach den gewöhnlichen Punkten und war mit den Antworten so zufrieden, daß er gar nicht begehrte, die Papiere des neuen Mannes zu sehen; das war übrigens auch nur Sache des Kapitäns.

"Kannst gleich an Bord bleiben, bis der Kapitän zurückkehrt," lautete sein Bescheid; "ich meine sehr, daß er Dich behalten wird. Geh vor zu den Mannen und stelle Dich dem Bootsmann vor!"

Sternburg that dies und wurde, da er sich zu geben wußte, nicht übel aufgenommen. Besonders erregte seine Idee, einige Flaschen Rum als Einstand zu geben, ungeheure Theilnahme. Der Fähndrich, welcher stolz darauf war, einmal angegangen werden zu müssen, gab mit stolzem Tone seine Erlaubniß, und der Koch stieg in den Raum hinab, um das Getränk heraufzubugsiren.

"Die Idee war zwar gefährlich aber nicht schlecht!"

"Meine es auch, denn nach Verlauf von einigen Stunden hatten Grog, Rum und Tabak das Ihrige gethan. Zwar gab es keinen eigentlichen Rausch, denn dazu war die Mannschaft zu fest und die Portionen zu klein, aber schlafen wollten sie Alle, schlafen mußten sie, und sogar der junge Fähndrich stieg hinab und legte sich ein wenig in die Hängematte. Man befand sich ja in vollständiger Sicherheit." "Was wird Sternburg jetzt thun!"

"Die Sternwache hatte sich auf eine Taurolle gesetzt und schlummerte, die Sprietwache lehnte an einer Lafette und schnarchte, und der Oberbootsmann, welcher eigentlich zum Rechten sehen mußte, saß mit dem Koche in der Kambüse und zerarbeitete sich mit dem Grogreste, welcher vor ihnen stand. Da ließ sich Sternburg wieder am Eimertau hinab, zog sein Messer, pagayete sich auf dem zur Disposition gesetzten Boote nach hinten und zerschnitt das große Ankertau. Jetzt hing das Schiff nur noch an den beiden Nothankern; auch diese wurden gekappt, und es begann sich langsam zu bewegen." "Alle Teufel! Ob die Mannen das bemerken werden?"

"Sogleich jedenfalls nicht. Sternburg hing das Boot wieder an und schwang sich an Bord zurück. Er fand noch Alles, wie er es verlassen hatte, und eilte zum Steuer. Dieses war natürlich angebunden. Er löste das Tau, gab dem Hebel die nothwendige Richtung und befestigte ihn dann wieder. Nun legte er sich in die Nähe der Vorderluke auf ein zusammengelegtes Segel, um das Kommando zu erwarten." "Bin selbst auch begierig, was folgen wird!"

"Nicht viel. Das Wetter war nicht freundlich. Ein dichter Nebel lag auf dem Flusse, und ein leiser Sprühregen näßte auf das Deck nieder. Das Schiff wurde natürlich mit der Schnelligkeit des Wassers mitgenommen, doch waren seine Bewegungen so ruhig und gleichmäßig, und die Dünste so dick, daß man hätte beschwören können, daß es sich noch fest vor Anker befinde. So ging es an die zwei Stunden fort. Jetzt wurde das Glas ausgerufen und die Wache gewechselt. Die Mannen waren alle schlaftrunken. Die abgelösten Posten schliefen sofort, und die neu aufgezogenen wickelten sich ein und legten sich hinter ein Segel oder sonst etwas, wo sie Schutz vor dem Regen fanden." "Und Niemand merkte etwas?" "Kein Mensch!"

"Beinahe unmöglich, aber bei einem solchen Nebel - und dem Grog und dem Rum! Hm, soll mich verlangen, wie es jetzt noch kommt!"

"Weiter nichts, als daß das Fahrzeug ruhig der See entgegen geht. Mittlerweile wurden die Nebel etwas leichter, und der Mann am Spriete schaute über den Mantelkragen hervor, um zu sehen, wie dick der Regen fiel. Da erblickte er vor sich am Steuerbord ein Licht und am Backbord ein zweites. Er machte Lärm und der Fähndrich erschien." "Was gibts?"

"Zwei Lichter hier und dort!"

"Fahrzeuge, die auf uns zukommen. Es wird doch nicht etwa gar der Feind sein, der uns überrumpeln will. Holla, alle Mann---"

Er konnte den Befehl nicht vollständig aussprechen, denn Sternburg (\60\)A stand bei ihm und schlug ihm die Faust auf den Kopf, daß er zu Boden stürzte. Zuvor aber hatte der muthige Mann die Luke mit dem Sturzseeriegel verschlossen, so daß die Leute im Raume gefangen waren, denn die hintere Luke hatte er schon früher zugemacht, und jetzt hatte er es also nur mit den vier Mann Wache zu thun."

Der Erzähler nahm einen Schluck aus seinem Glase und fuhr dann fort: "Der Sprietwache ging es natürlich ebenso wie dem Fähndrich, und Beide waren im Augenblicke gebunden, so daß sie sich nach dem Erwachen nicht zu rühren vermochten. Der Mann am Steuerbord hatte von dem Vorgange gar nichts gemerkt; er schlief, ebenso auch der Mann auf der Backbordseite. Sie zu überwältigen war ein Leichtes, und ebenso erging es auch der Steuerwache. Jetzt war er Herr auf dem Decke geworden, und zwar ganz zur richtigen Zeit, denn soeben erscholl der Ruf von vorn: "Schiff ahoi, leg klar!"

"Feindliches Flaggenschiff, genommen und kommandirt von Lieutenant von Sternburg!" antwortete er.

"Teufelei! Stopp oder wir geben die volle Ladung!"

Die Sache war nämlich so, daß das Flaggenschiff jetzt die Blockadelinie erreicht hatte und im Begriffe stand, zwischen zwei Fahrzeugen unserer Flotte hindurchzutreiben. Sternburg wußte, daß der entscheidende Moment nahe sei, rief die Parole hinüber und gebot dann: "Werft die Enterhaken hinüber; werde Bord an Bord herangehen, aber schnell!" "Die Parole hatte ihn legitimirt. Er sprang an das Steuer, riß das Tau los und trieb das Schiff hart an den Bord des andern. Im Nu fielen die Enterhaken ein, und es sprangen einige dreißig Mann herüber, die er mit Freuden begrüßte, denn Ihr könnt es Euch doch recht gut denken, daß es ihm nicht gar wohl gewesen ist bei dem Gedanken, es ganz allein mit der Bemannung eines dreimastigen Orlogschiffes zu thun zu haben. Das Übrige könnt Ihr Euch denken. Der Lärm weckte die Mannen unten im Raume, sie wollten empor und konnten nicht. Nach langer Anstrengung sprengten sie die Luke, wurden aber sofort richtig in Empfang genommen, denn auch das nächste Schiff der Linie war herbeigekommen und hatte sich an die andere Seite der Prise gelegt, so daß Männer genug vorhanden waren, den Feind zu überwältigen. Am Sonnenaufgang stand Sternburg schon vor dem Admiral, der ihm die Führung des eroberten Schiffes übergab; er hatte dasselbe heimwärts zu bringen und erhielt außer einem Orden den Rang eines Korvettenkapitäns für den Streich, den mancher andere wackere Offizier wohl unterlassen hätte. Als er mit der Prise an uns vorübersegelte, habe ich ihn von Weitem gesehen, ob ich ihn aber wiederkennen würde, wenn er mir jetzt begegnete, das weiß ich nicht. So, das ist meine Geschichte!"

Arthur hatte während der ganzen Erzählung zum Fenster hinausgeblickt, und keine seiner Mienen verrieth den Antheil, welchen er an dem Berichte nehmen mußte.

"Ein Meisterstück, fürwahr!" klang es rundum. "Schade, daß er in norländischen Diensten steht und damals nur als Volontär bei uns eintrat. Solche Offiziere sollte man zu gewinnen suchen!"

"Geht nicht, zumal bei dem Wege, den die jetzige Politik einzuschlagen scheint."

"Welcher Weg?"

"Der Krieg mit Norland."

"Paperlapapp! Unser Kronprinz ist ja Gast in Norland, sogar mit der Prinzeß Asta; sie würden sicherlich nicht dort sein, wenn ein Krieg in Aussicht stände."

"Begreife ich auch nicht; aber wozu die fürchterlichen Rüstungen, welche mit so großer Heimlichkeit betrieben werden?" "Habe nichts davon gehört."

"So halte die Augen offen! Wißt Ihr, daß unsere Offiziere heimlich Norland bereisen, um das Material zu einem Feldzugsplan zu sammeln?"

"Das ist Rederei, weiter nichts. Ich weiß nur, daß wir uns wegen des Zolles mit dem Nachbar streiten; von dem Übrigen mag ich nichts wissen. Dinge, für welche man nicht gelehrt genug ist, soll man Klügeren überlassen; das ist so meine Meinung. Ich bekümmere mich den Teufel darum, ob Krieg werden soll oder nicht; geht es aber los, nun, da schlage ich mit zu, wie es ja auch meine Schuldigkeit ist. Und wer ein wackerer Seemann ist, der denkt gerade ebenso wie ich. Kommt, laßt uns trinken und die Politik über Bord werfen!"

Auch Arthur griff zum Glase, um es auszutrinken, und verließ dann das Lokal. Sein scharfes Auge hatte draußen auf der Rhede ein Segel bemerkt, welches sich mit solcher Schnelligkeit (\60\)B näherte, daß seine seemännische Theilnahme im höchsten Grade erregt wurde. Er wandte sich dem Quai zu und schritt bis an die äußerste Spitze desselben, wo ihm ein freier Blick hinaus ermöglicht war.

Das Segel, welchem seine Aufmerksamkeit galt, wurde immer größer; nach einiger Zeit unterschied man die einzelnen Leinen, dann den Rumpf, und endlich war er sich im Klaren, daß er in dem Fahrzeuge eine Yacht erkannte, welche ein so eigenthümliches Takelwerk besaß, daß er die Art desselben unmöglich zu bestimmen vermochte. Das kleine, schlanke Schiff war höchsten vierzig Fuß lang und besaß eine entsprechende Breite; dabei war es so scharf auf dem Kiel gebaut, daß bei diesem Segelwerke die Gefahr des Kenterns eine außerordentliche war. Es mußte von einem ungewöhnlich kühnen und ebenso geschickten Manne geführt werden.

Endlich hatte es den Hafen erreicht, steuerte einen anmuthigen Bogen und hielt dann gerade auf die Stelle des Quai zu, an welcher Arthur stand. Als er sich genugsam genähert hatte, erblickte er auf dem Hinterdecke einen hochgewachsenen Mann in türkischer Kleidung, nach dessen Befehlen vier Matrosen von derselben Nationalität die Segel und das Ruder bedienten. Neben ihm lag in einer grünseidenen Hängematte eine vollständig in Schleier gehüllte Frauengestalt, deren aufmerksame Haltung das Interesse erkennen ließ, mit welchem sie die neue Umgebung begrüßte.

Da, gerade vor Arthur, fielen die Segel, und der Anker rasselte in die Fluth. Straff an der Ankerkette ziehend, folgte das Fahrzeug dem Wasser und legte seinen Bord hart an die steinerne Mauer, auf welcher Arthur stand. "Mann, ahoi!" rief der Türke.

(\61\)A Arthur sah, daß es ihm galt, und stand mit einem gewandten Sprunge auf dem Decke der Yacht. Jedenfalls wollte der Türke ihm eine Frage vorlegen, schien aber daran verhindert zu sein, denn kaum hatte er jetzt sein Auge schärfer auf den jungen Mann geworfen, so trat er überrascht einen Schritt zurück und rief: "Brandauer! Freund, ists---"

Er hielt mitten in der Rede inne und fuhr sich mit der Hand an die Stirne.

"Halt, das ist ja nicht möglich! Und doch - sein Sohn kann er sein---Wie ist Dein Name?"

"Bill Willmers," antwortete Arthur unter einer instinktiven Eingebung. Er wollte sein

Inkognito nicht aufgeben und womöglich nach der Art und Weise forschen, wie dieser Türke zur Kenntniß des Namens Brandauer komme.

"So bist Du Amerikaner?"

"Nein."

"Was dann?"

"Norländer."

"Ah, doch! Kennst Du die Hauptstadt des Landes?" "Ich bin da geboren."

"Und den Namen, welchen ich aussprach?"

"Brandauer?"

"Ja." "Es giebt nur einen Brandauer dort, welcher Hofschmied Seiner Majestät des Königs ist."

"Richtig! Ich hielt Dich für seinen Sohn, weil Du genau so siehst, wie er in seiner Jugend aussah. Du bist Matrose?"

"Seemann, ja."

"Auf welchem Schiff?"

"Auf keinem. Bin jetzt ohne Dienst."

"Willst Du in meinen Dienst treten? Du gefällst mir."

"Wo und wie?"

"Für die Zeit meines hiesigen Aufenthaltes. Ich werde auf Sternburg wohnen."

"Keine Miene Arthurs verriet, daß er jetzt den Mann erkannte.

"Wenn Sie gut bezahlen, ja."

"Wirst mit mir zufrieden sein. Abgemacht, topp?"

(\61\)B "Topp!"

Die Hände klangen in einander. Dann frug der Türke: "Bist Du hier bekannt?" "Leidlich."

"Wo ist Schloß Sternburg?" Arthur deutete nach der Höhe. "Dort oben."

"So steige hinauf und melde mich! Hier ist meine Karte. Wir werden Dir auf dem Fuße folgen."

Er nahm das feine Couvert in Empfang, sprang über das Bord wieder hinüber und eilte auf dem nächsten Wege der Höhe zu. Er befand sich mit einem Male in einer eigenthümlichen Stimmung, welche man beinahe Aufregung hätte nennen können. Er hatte hart neben der duftigen Frauengestalt gestanden, deren Gewand ein leiser Wohlgeruch entströmte, der ihm vertraut vorgekommen war, trotzdem er keine Zeit gehabt hatte, sich zu fragen, wo er denselben schon einmal bemerkt habe. Durch den dünnen Gesichtsschleier hatte er ein dunkles, großes Augenpaar bemerkt, welches mit eigenthümlichem Ausdrucke auf ihm zu ruhen schien; sonst aber war von der Gestalt nichts weiter zu sehen gewesen, als das kleine, mit feinen levantirten Stiefeletten bekleidete Kinderfüßchen. Wie kam dieser Muselmann, den er jetzt noch gar nicht erwartete, dazu, eine seiner Frauen, denn das war sie jedenfalls, auf eine Reise in das Ausland mitzunehmen? Er mußte weder eifersüchtig noch von denjenigen Vorurtheilen befangen sein, welche den Moslem bestimmen, seine Frauen und Töchter von dem öffentlichen Leben auszuschließen. Und dabei schien er während seiner Reise alle gewohnten Ansprüche fallen lassen zu wollen, da er vollständig ohne Dienerschaft war, denn die Matrosen konnten als solche nicht betrachtet werden, da sie an das Schiff gebunden waren.

Er öffnete unterwegs das Couvert und zog die Karte hervor; sie enthielt auf feinstem Pergamente in goldener Schrift den einfachen Namen "Nurwan Pascha". "Wirklich anspruchslos!" meinte Arthur. "Ein Anderer an seiner Stelle hätte hinzugefügt: "Admiral a.D., Liebling des Sultans, Vertrauter des Schah-in-Schah von Persien" und tausend Anderes noch."

Auf Sternburg angekommen sucht er den Kastellan auf. Er fand ihn in seiner Wohnung. "Horn, eilen Sie, laufen Sie, springen Sie - - alle Wetter, (62\)A ich bin ja ganz und gar aufgeregt; ich muß wahrhaftig erst Athem schöpfen!"

"Aufgeregt? Mein lieber, junger Herr!" rief die alte Kastellanin, indem sie die Hände zusammenschlug. "Durchlaucht sind ja stets so ruhig, daß etwas ganz Außerordentliches passirt sein muß, um Sie aufzuregen."

"Das ist es auch, meine gute Mama Horn. Denken Sie sich, der Pascha kommt!" "Der Pascha? Herr Jesses, da muß ich fort, fort, fort - -!"

Sie huschte eilfertig in der Stube umher, als suche sie etwas höchst Nothwendiges, was doch nicht zu finden sei.

"Nur sachte, sachte, Alte!" ermahnte der Kastellan. "Der Pascha kommt; das ist gar nicht gefährlich, zumal wenn er nicht gleich kommt."

"Das ist es ja eben," fiel Arthur ein, "er kommt; er ist ja bereits da!"

"Bereits da? Das ist allerdings schlimm. Wo ist er denn bereits?"

"Unterwegs nach hier."

"Himmel, das ist ja böser, als ich dachte! Wir sind ja noch gar nicht mit unseren Vorbereitungen fertig, und da ist es nothwendig, daß wir schleunigst - - na, vorwärts, Alte, was stehst Du denn noch hier herum! Durchlaucht, bitte, empfangen Sie ihn! Wir werden unterdessen - - -" "Halt, Horn, dableiben!"

Die beiden eilfertigen Leute befanden sich bereits unter der Thür; auf den Zuruf des Kapitäns wandten sie sich zurück.

"Ich kann ihn nicht empfangen!"

"Nicht? Warum nicht, gnädiger Herr?"

"Weil ich verreist bin."

"Verreist? Hm, wieso?"

"Er frug mich, wer ich sei; ich wollte mein Inkognito bewahren, denn ich hatte noch keine Ahnung, daß ich den erwarteten Gast vor mir habe, und antwortete, daß ich ein Matrose sei und Bill Willmers heiße."

"Ein Matrose und Bill Willmers! Mein Gott, jetzt sehen Sie, Durchlaucht, daß bei einem solchen Inkognito nichts Gutes herauskommt. Nun können Sie nichts anderes thun, als sich blamiren, indem Sie dem Türken die Wahrheit gestehen!" "Nein, das kann ich nicht, denn er hat mich gemiethet." "Gemiethet? Ich begreife nicht - -!"

"Das heißt, ich stehe für die Zeit seines hiesigen Aufenthaltes als Domestike in seinen Diensten."

"Domestike - in seinen Diensten - - ? Höre ich recht, Durchlaucht? Ein hochfürstlich Sternburgischer Prinz, Ritter vieler Orden und Fregattenkapitän, im Dienste eines Türken?" "So ist es, lieber Horn, und dabei muß es auch einstweilen bleiben. Sehen Sie also ja darauf, daß mein Inkognito streng bewahrt bleibe. Mein Bild entfernen Sie aus dem Salon; es würde mich verrathen. Und wenn wir beobachtet sind, behandeln Sie mich als Fremden und Untergebenen."

"Das ist ja ganz und gar unmöglich, mein lieber, junger Herr," protestirte die Kastellanin. "Herr Jesses, wie könnte ich mich unterstehen, Euer Durchlaucht - -!

"Sie sollen sich aber unterstehen!" fiel er ihr in die Rede. "Sie weisen mir hier unten in Ihrer Nähe ein Zimmer an, damit Sie es leicht haben, sich in zweifelhaften Fällen meine Anweisungen zu holen. Der Pascha bekommt die Gemächer meines Vaters, und seiner Dame werden die Thurmzimmer zur Verfügung gestellt."

"Seiner Dame?" frug die Kastellanin erschrocken. "Hat er denn eine Dame mit?" "Ja; jedenfalls seine Lieblingsfrau."

"Herr Jesses, das fehlt nun gerade noch, daß wir hier Haremswirthschaft bekommen; denn so eine Frau verlangt alles Mögliche und Unmögliche: Bäder, Seifen, Pommaden, Odeurs, Zahnpulver, Schönheitswasser, Henna für die Fingernägel und Ruß für die Augenbrauen. Und was für ein Schwarm von Dienstvolk wird dabei sein! Ein Mustapha mit einer Fatime, ein Jussuf mit einer Suleika, ein Achmet mit einer---"

"Gar keine Dienerschaft bringen sie mit. Ich glaube gar, sie werden nicht einmal per Wagen oder Sänfte, sondern einfach zu Fuß kommen. Sorgen Sie für die nöthige Lohndienerschaft, Horn, und empfangen Sie jetzt die Herrschaften, während ich hinauf gehe, um nachzusehen, was in den Zimmern noch zu vervollständigen ist." "Wir - die Türken empfangen? Das geht nicht, Durchlaucht! Dazu fehlt uns das Geschick. Ich weiß ja nicht einmal, wie man so einen Pascha titulirt! Wie viele Roßschweife hat er denn eigentlich?"

"Die Roßschweife sind gleichgültig. Tituliren Sie ihn gerade so wie einen hiesigen Minister. Hier ist die Karte des Pascha, welche (\62\)B ich Ihnen natürlich übergeben mußte, weil Prinz Arthur nicht anwesend war. Also vorwärts, Horn, sonst kommen sie, noch ehe - " "Alle Wetter," rief der Kastellan; "dort kommen sie bereits durch die Gartenpforte! Rasch, Alte! Na, ich bin neugierig, wie das werden wird."

"Durch die Gartenpforte?" frug die angsterfüllte Frau, indem sie an das Fenster eilte. "Wahrhaftig, und seine Frau ist gleich mit dabei. Herr Jesses, wie soll ich sie tituliren, Durchlaucht? Na, da ist der junge, gnädige Herr bereits verschwunden. Horn, sage mir in aller Welt, wie man eine Haremsfrau zu tituliren hat?"

"Weiß auch nicht, Alte. Habe mein Lebtage kein Harem gehabt! Rasch jetzt; wir müssen in den sauren Apfel beißen!"

"Ja, wir sind leider gezwungen, hinein zu beißen. Aber Alter, bitte, geh Du voran!" Der Pascha kam mit seiner Begleiterin langsamen Schrittes durch den Garten. Er hatte jedenfalls die Absicht, durch die Veranda Entree zu nehmen, was die beiden alten Leute bewog, sich schleunigst nach der Letzteren zu begeben.

Der Türke war eine wirklich imposante Erscheinung. Seine hohe, breitschulterige Figur ragte um einen halben Kopf über Leute gewöhnlichen Schlages hinaus; auf dem Kopfe trug er den bekannten rothen Fez, welcher mit einer schwer goldenen Quaste verziert war; die eng anliegende Kleidung, über welche er den weiten Mantel nur leicht geworfen hatte, zeigte eine höchst ebenmäßige, kraftvolle Gestalt, um deren schlanke Taille sich der glänzende Gurt schlang, an welchem der historische krumme Säbel befestigt war. Das edel geschnittene Gesicht, aus welchem zwei dunkle, kühne Augen blitzten, wurde von einem dichten Vollbarte geschmückt, welcher bis auf die Brust herniederreichte, und wie dieser Mann so durch den Garten herbeigeschritten kam, machte er den Eindruck eines Charakters, dessen unerschütterliche Festigkeit durch die physischen Vorzüge eines kraftvollen Körper auf das Vollkommenste unterstützt wird.

Jetzt erstieg er die Stufen der Veranda, und der Kastellan trat ihm zögernd entgegen. "Excellenz —"

"Das Auge des Pascha fixirte ihn mit einem raschen Blicke. "Wer sind Sie?"

"Ich bin der Kastellan von Schloß Sternburg, und das hier ist meine Frau."

"Melden Sie mich Seiner Durchlaucht, dem Prinzen von Sternburg. Ich werde bereits erwartet!"

"Excellenz entschuldigen. Seine Durchlaucht sind nicht anwesend und - -" "Auf wie lange?"

"Auf unbestimmte Zeit. Daher mögen Excellenz mir und meiner Frau gütigst gestatten, uns Ihnen zur Verfügung zu stellen. Schloß Sternburg steht Ihnen offen." "Schön! Doch - hat der Prinz den Brief von Durchlaucht, seinem Vater erhalten?" "Allerdings, doch der junge Herr glaubten, daß noch einige Zeit bis zu Ihrem Erscheinen verstreichen werde. Ich glaube sogar, er entfernte sich nur, um Vorbereitungen für den Empfang so hoher Gäste zu treffen."

"War nicht nothwendig. Ich bin ein Seemann und zufrieden, wenn ich eine kleine Koje habe, von welcher aus ich in die See hinausblicken kann."

"O eine solche Koje wird hier wohl zu finden sein, Excellenz," meinte die Kastellanin, welche es jetzt an der Zeit hielt, auch ein Wort zu sprechen. "Und für Madame auch, wenn sie es liebt, auf das Meer hinauszuschauen. Bitte, treten die Herrschaften nur ein!" Man betrat das Zimmer des Prinzen. "Wer wohnt hier?" "Der junge Herr. Hier und nebenan." "Blos?" frug der Türke verwundert.

"Ja, blos!" antwortete die Kastellanin, welche Muth zu fassen begann. "Er ist ja auch Seemann und liebt es, nur eine Koje zu haben."

Jetzt trat Arthur ein. Nurwan Pascha wandte sich sofort an ihn.

"Du kennst die hiesigen Formalitäten beim Ankerwerfen eines Fahrzeuges?"

"Ja."

"Besorge mir das. Die Schiffspapiere befinden sich in meiner Kajüte. Und sage den Leuten, daß ich mein Gepäck sofort erwarte; den Weg herauf kannst Du ihnen beschreiben." "Alles richtig, Excellenz!" antwortete Arthur in strammer Haltung und verließ das Zimmer. Als er die Yacht erreichte, fand er die Effekten auf dem Verdecke bereits bereit gelegt. Die vier Matrosen hockten dabei und (\63\)A rauchten ihren duftenden Jelimah. Er sprach sie türkisch an; sie verstanden ihn nicht. Jetzt versuchte er es mit dem Arabischen, und sofort sprangen sie empor und griffen nach dem Gepäcke. Der Eine aber meinte: "Sprich die Sprache Deines Landes, Bruder; der Arab-el-Bahr wird Dich verstehen!" Drei von ihnen stiegen nach dem Schlosse empor, und der Vierte blieb zurück. Arthur stieg die schmale Treppe hinab und befand sich zwei Thüren gegenüber, deren eine er öffnete. Er befand sich in einer kleinen Kajüte, welche, wie er auf den ersten Blick erkannte, der Türkin zum Aufenthalte gedient hatte. Auch hier bemerkte er den feinen Duft, welcher ihm bereits aufgefallen war; es konnte nichts Anderes sein als Reseda, vermischt mit einem andern leisen orientalischen Parfüm. Wo war er demselben nur begegnet? Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn über ihm verfinsterte sich die Luke und der herabblickende Araber meinte:

"Die Kajüte des Kapitäns befindet sich am Steuerbord!"

Er betrat den bezeichneten Raum und fand die Papiere; dann wollte er nach oben zurückkehren, fühlte sich aber durch einen höchst auffälligen Umstand aufgehalten. Den beiden Kajüten gegenüber befand sich eine Eisenwand, welche bei einer zufälligen Berührung mehr Wärme zeigte, als die Temperatur der äußeren Luft mit sich brachte. Er eilte nach oben und trat hastig auf den Araber zu.

"Rasch durch die Vorderluke hinab. Es brennt unten im Raume!"

"Feuer? Komm mit!" rief erschrocken der Mann, eilte nach dem Vorderdeck und stieg hinab. Arthur folgte ihm. Unten war es vollständig finster.

"Feuer sagst Du? Hamdulillah, Preis sei Gott, daß Du Dich irrst! Wo soll es brennen?" "Ich sehe es auch nicht. Aber diese Hitze hier?"

"Diese Hitze? Hat Dir die Wärme Dein Gehirn versengt, daß Du nicht bemerkst den Kessel und die Maschine, welche dem Schiffe die Schnelligkeit der Gazelle gibt?"

Jetzt hatte sich das Auge Arthurs an die hier herrschende Dunkelheit gewöhnt, und er bemerkte nun allerdings einen kleinen Kessel, welcher jedenfalls mit Petroleum gefeuert wurde.

"Eine Maschine?" rief er, im höchsten Grade erstaunt. "Wie heißt die Yacht? Ich habe vergessen, nach dem Namen zu schauen."

"Almah."

"Almah? Wem gehört sie?" "Dem Kapitän."

"Dann hat er den Riß zu ihrem Baue selbst entworfen. Sie ist ein Meisterstück. Auch das schärfste Auge erkennt von außen nicht, daß diese Segelyacht eigentlich ein Dampfer und zwar ein Schraubendampfer ist. Aber -"

Er hielt inne. Es fiel ihm der Umstand auf, daß die "Almah" in den Schiffspapieren einfach als Privatyacht aufgeführt war, ohne eine Beifügung, ob sie Segel- oder Dampfschiff sei. Doch konnte ihm dies gegenwärtig sehr gleichgültig sein. Er verließ das Fahrzeug, dessen Name ihn höchst sympathisch berührte, und begab sich zum Hafenmeister, um die gebotene Meldung zu machen.

Unterdessen hatte der Kastellan mit seiner Frau die Gäste nach oben geführt. Die Zimmer, welche Nurwan Pascha zur Verfügung gestellt wurden, waren geradezu prachtvoll zu nennen, und jedes einzelne Fenster bot eine Aussicht, welche einen Seemann entzücken mußte. "Diese Zimmer bewohnen Durchlaucht, der Herr General, wenn er sich hier befindet," erklärte Franke.

"Und welche von ihnen sind für mich bestimmt?" frug die noch immer Verschleierte mit einer Stimme, deren süßer, reiner Wohllaut wohlthuend zu Ohren drang. "Die Ihrigen liegen eine Treppe höher. Darf ich sie Ihnen zeigen?" "Ja, kommen Sie."

Die Wohnung, welche sie jetzt betraten, bestand aus vier im Kreise neben einander liegenden Räumlichkeiten, welche für eine Dame, und zwar mit einer Eleganz eingerichtet waren, die auf den unermeßlichen Reichthum des Sternburg'schen Hauses schließen ließ. Die beiden Männer waren unten geblieben, und die Kastellanin befand sich also jetzt mit der Fremden allein.

"Herrlich, prächtig," jubelte die Letztere, erfreut die kleinen weiß behandschuhten Händchen zusammenschlagend. "Das ist ja eine Thurmwohnung, von welcher aus man nach allen Seiten die prächtigste Aussicht hat, hier auf die See, und hier auf die Küste und dort hinein in das weite grüne Land. Und wie prächtig eingerichtet; blauer Sammt und weißer Atlas! Wer pflegt hier zu wohnen?"

(\63\)B "Ihre Königliche Hoheit, Prinzeß Asta von Süderland, wenn sie die Stadt besucht, um Seeluft zu athmen."

"O schön, wundervoll! Ich habe die Zimmer einer Königlichen Prinzeß!" rief die Türkin in kindlichem Jubel und hüpfte aus einem Gemache in das andere, um jede Kleinigkeit in Augenschein zu nehmen.

Die Kastellanin folgte den zierlichen Bewegungen mit Bewunderung. Das war ein körperlich vollkommen ausgebildetes Weib mit einem reinen, noch unverfälschten kindlichen Gemüthe. "Es freut mich, daß diese Wohnung Ihnen genügt! Für die nöthige Bedienung wird schleunigst gesorgt werden, und dann wird uns jeder Ihrer Wünsche ein Befehl sein, Madame!"

"Madame?" frug sie verwundert. "Sie halten mich für eine Frau?" "Ja doch! Sind Sie nicht eine Frau aus dem Harem des Herrn Pascha?"

"Jetzt schlug sie die Händchen nochmals und zwar im hellen Entzücken zusammen, wobei ihren Lippen ein herzliches Lachen entquoll, dessen Konsonanz goldenen Saiten zu entstammen schien.

"Ich - eine Frau - aus dem Harem des Herrn Pascha?"

Und mitten im hellsten Lachen schlug sie den Schleier zurück, nahm ihn vom Kopfe, warf die leichten Hüllen von sich, welche das eigentliche Gewand dem Blicke entzogen, und frug dann: "Sehe ich wirklich aus wie das Weib eines Pascha?"

Die Kastellanin trat bei dem Glanze der ihr entgegenstrahlenden Schönheit unwillkürlich einen Schritt zurück; eine solche Vereinigung der vollkommensten körperlichen Reize hatte ihr erfahrenes Auge noch niemals erblickt, und mit vollster Überzeugung antwortete sie: "Nein, Sie sind keine Frau, sondern - - aber - aber - bitte, befehlen Sie, wie ich Sie nennen soll!"

"Sagen Sie erst Ihren Namen?" "Horn."

"Nun wohl, Mutter Horn, nennen Sie mich einfach Almah!"

Die Kastellanin blickte ihr mit glänzenden Augen in das herrliche Angesicht.

"Das geht nicht! Ich bin eine alte geringe Frau, und Sie sind - aber bitte, was sind Sie denn, wenn Sie nicht die Frau des Pascha sind?" "Ich bin seine Tochter."

"Ah! Und wie titulirt man in der Türkei die Tochter eines Pascha?"

"Man nennt sie bei ihrem Namen. Darum sollen Sie Almah zu mir sagen."

"Ich muß wohl gehorchen, wenn Sie es befehlen; aber Ihr Herr Papa, wird er es leiden? Ich -

ich - ich habe mich bisher so sehr vor den Türken gefürchtet, weil sie so große Bärte und so krumme Säbel haben und an einen andern Gott glauben."

"Ah? Kommen Sie einmal her zu mir, meine gute Frau Horn; ich will Ihnen etwas sagen!" Sie ergriff die Hand der Kastellanin und zog die Letztere nahe zu sich heran. "Hören Sie: Vater ist kein Türke in der Weise, wie Sie es nehmen!" "Nicht? Kein Türke?" "Nein."

"Dann sind Sie auch keine Türkin?"

"Nein. Vater ist ein Christ und ich bin also auch Christin."

"Ists wahr?" frug die Kastellanin erfreut.

"Natürlich!"

"O, das ist schön! Ich möchte Sie so gern recht herzlich lieb haben, und hätte mich dies doch nicht getraut, wenn Sie eine Türkin wären."

"So ists recht, Mütterchen! Wollen uns lieb haben, so lieb, als seien sie auch wirklich meine Mutter!"

"Ja, haben Sie denn keine Mutter mehr?"

"Nein, ich habe Mama gar nicht gekannt; sie starb, als ich noch ein sehr kleines Kind war." "Sie armes, liebes Fräulein! Haben Sie auch keine Schwester, keine Tante oder sonst eine Freundin?"

"Verwandte habe ich nicht. Ich wohne mit Papa auf einer Insel im Meere, und wenn er zur See geht, so bin ich mit meiner alten Dienerin und zwei Arabern ganz allein." "Und so war es immer?" "Immer!"

"Das ist ja fürchterlich! Auf einer einsamen Insel im Meere mit zwei Arabern und einer alten Dienerin allein zu sein. Nimmt Sie Ihr Papa nicht zuweilen mit?" "Nein, ausgenommen ein einziges Mal und jetzt."

"Da sollen Sie hier Entschädigung finden. Sie müssen hier recht oft in Gesellschaft gehen und

"O nein; das mag ich nicht; ich bin gern allein, sehr gern, (\64\)A und mag gar nicht hinaus unter die vielen Leute, unter denen ich mich so fürchte. Doch kommen Sie; ich muß hinunter zu Papa; man wird jetzt wohl unsere Effekten bringen!"

Sie ließ die Schleier liegen und stieg nach unten, wo ihr Vater wirklich bereits auf sie wartete. Man sah aus den Fenstern seiner Wohnung die drei Araber die Höhe ersteigen, und nicht lange dauerte es, so befanden sich Almah und die Kastellanin im Vorzimmer beim Auspacken."

"Warum haben Sie die Araber fortgeschickt, Fräulein Almah? Nun müssen Sie diese Arbeit selbst vornehmen!"

"Sie meinen, ich soll fremde Männer für Papa sorgen lassen? O nein, das ist er nicht gewohnt, und das mag ich auch gar nicht leiden."

"So, gerade so geht es mir auch mit meinem lieben, jungen Herrn!"

"Wer ist das?"

"Prinz Arthur - - "

"Der uns hier erwarten sollte?"

"Ja."

"Aber, hören Sie, meine liebe Mutter Horn, ist das nicht ein wenig unartig von diesem Prinzen, daß er uns entflohen ist? Meine alte Dienerin hat mir sehr viel davon erzählt, daß die Männer des Abendlandes so aufmerksam gegen ihre Frauen seien. Bei einem Prinzen ist dies wohl nicht der Fall?"

"O doch! Aber er hat ja gar nicht gewußt, daß Sie mitkommen, und sodann war in dem Briefe seines Vaters ja von einer späteren Zeit die Rede."

(\65\)A "Ja, wir sind eine Woche früher abgereist, als Papa eigentlich beabsichtigte. Doch, Sie wollten sagen, daß sie den Prinzen auch gern bedienen?"

"Ja, das wollte ich sagen. Ich lassen ihm von einem Andern keine Handreichung thun." "Warum? Er ist ja doch nicht Ihr Gatte oder Ihr Vater!"

"Aber mein Herr, und dennoch dabei so lieb und gut, so mild und nachsichtig, als ob er mein Sohn sei."

"Er ist schon sehr alt?" "Warum?"

"Weil er Fregattenkapitän ist, und Papa sagte, daß man dies sehr schwer und sehr spät werde." "O nein, er ist erst zweiundzwanzig Jahre alt."

"Zweiundzwanzig? So jung! Sagen Sie einmal, Mutter Horn, wie sieht denn eigentlich so ein abendländischer Prinz aus? Wohl recht stolz, streng und vornehm?"

"Meist."

"Also Prinz Arthur auch?"

"Dieser nicht - im Gegentheile! Wenn der Sie anschaut, so ist es, als ob Ihnen die liebe Sonne recht hell und warm in die Augen schiene."

"So hat er wohl Augen wie - wie - wie der Matrose, den Papa mit der Karte zu Ihnen sandte?" "Wie der - der Bill Willmers? Ja, gerade so (\65\)B sind seine Augen. Sie dürfen nur - - doch, da ist er, Ihr Diener!"

Die Thür zum Vorzimmer war geöffnet worden, und Arthur stand unter derselben. Almah hatte sich über einen Koffer gebeugt, jetzt erhob sie sich und wandte sich zu ihm um. Sie stand vor ihm, gerade so wie er zu seinen Kameraden auf der Veranda gesagt hatte, wie die Schönheit in ihrer herrlichsten Inkarnation. Den schlanken und doch vollen Oberkörper bedeckte eine rothe, mit Gold gestickte türkische Jacke, unter welcher ein blausammetnes, von massiven Silberspangen verschlossenes Mieder die herrlichste Büste mit einer Taille verband, die man mit den Fingern zu umspannen vermochte. Sie wurde umschlossen von einem mit edlen Steinen besetzten Schuppengürtel, von welchem aus weißseidene Hosen über die schön gerundeten Hüften bis herab zu den Knöcheln gingen, deren Feinheit mit der Kleine des Füßchens bezaubernd harmonirte. Auf dem schlanken, schneeigen Halse saß ein Köpfchen, dessen Anmuth ebenso wenig zu beschreiben war, wie die unvergleichliche Schönheit der Gesichtszüge, welche in ihrer Harmonie ein Ganzes bildeten, dem kein Malerpinsel und auch nicht das nachbildende Licht der Sonne gewachsen sein konnte. Arthur war, als sie ^66\)A sich emporrichtete und mit dem kleinen, reizenden Händchen die vollen, schwarzblauen Locken aus der Stirn zurückwarf, wie erstarrt halten geblieben. Kein Glied seines Körpers bewegte sich; sein Mund war leise geöffnet und seine Augen richteten sich fast unnatürlich groß auf das entzückende Wesen, welchem am Tage seine Gedanken und des Nachts seine Träume gegolten hatten seit jenem Abende auf dem Nile. Sie sah den erstarrenden Ausdruck seiner Züge und frug halb ängstlich: "Was ist Ihnen? Was wollen Sie? Sie sind schon zurück!"

"Al - - Almah!" rang es sich halb seufzend und halb jubelnd von seinen Lippen; dann kam ihm die Bewegung wieder, und er machte Miene, sich auf sie zu stürzen, wurde aber von dem Blicke, welchen sie auf ihn warf, förmlich zurückgeschleudert. "Sie wissen wie ich heiße?" "Ja."

"Woher erfuhren Sie meinen Namen?"

Er besann sich und bemühte sich, die furchtbare Aufregung, unter welcher jedes Glied seines Körpers erbeben wollte, in die Tiefen seines Innern zurückzuringen.

"Hörte ich ihn nicht von Excellenz, dem Pascha selbst?"

"Ach so. Sie bleiben jetzt zur Disposition und lassen sich vom Kastellane Ihre Wohnung anweisen. Gehen Sie!"

Er wandte sich wie im Traume zurück und verließ das Zimmer.

"Was war mit ihm?" frug Almah. "Haben Sie sein Erschrecken gesehen, Mutter Horn?" "Allerdings."

"Bin ich so häßlich, daß er sich vor mir fürchtet? Oder erschrak er aus einem Grunde, den ich nicht kenne?"

"Die Kastellanin war keine Diplomatin, und dennoch gab ihr die Vorsicht eine Antwort ein, die sie nicht besser hätte geben können:

"Es geht ihm wie mir; er hat Sie für eine Türkin gehalten, die sich nicht sehen lassen darf. Er hat Sie unverschleiert erblickt und hält sich nun für einen Verbrecher, dem Sie zürnen müssen; daher sein Schreck!" 

Neuntes Kapitel. Der tolle Prinz.

Über die Residenz von Süderland breitete sich ein wunderbar schöner, sternenvoller Abend, und die Luft war so mild und erquickend, daß die Promenaden von Spaziergängern wimmelten, welche unter den duftenden Bäumen wandelten, um nach des Tages Sorge und Arbeit den angestrengten und ermüdeten Geist zu erfrischen.

Unter den Promenirenden bewegten sich zwei junge Männer, welche ihrer Haltung und Kleidung nach zu den besseren Kreisen des Mittelstandes gehörten, Arm in Arm, und den Blicken, mit welchen sie die ihnen Begegnenden musterten, war es anzusehen, daß sie irgend Jemand erwarteten.

"Sie kommen nicht," meinte der Eine von ihnen, den Hut, als ob er schwitze, abnehmend, um die hohe, breite Stirn mit dem weißen Mouchoir zu trocknen.

"Sie werden kommen, Karl, darauf verlaß Dich. Anna hat mir noch in der Dämmerstunde bejahend zugenickt, als ich vorüberging."

"Sie wird kommen, ja; sie ist ein ruhiges, festes und treues Gemüth, und Du thatest damals wohl, gerade sie zu wählen."

"War es nicht ein eigenthümlicher Scherz, der dann so schön in Erfüllung ging?" "So schön? Ja, ich habe auch und lange Zeit geglaubt, daß es uns zum Glücke geschehen sei," meinte Karl mit halblauter Stimme, aus welcher eine tiefe, schwere Trauer klang. "Zweifelst Du jetzt wirklich?"

"Wir saßen im Parke," fuhr der Gefragte, ohne auf diese Worte zu hören, wie rezitirend fort, "und uns gegenüber nahmen zwei unbekannte Damen Platz, die Eine blond und schmächtig, die Andere braun, dunkeläugig, voll Feuer und Leben und von einer Gestalt, an welcher ein Corregio nichts auszusetzen gehabt hätte. Wir wählten uns im Scherze eine von ihnen; Du wolltest die Blonde, Sanfte, ich die Braune, Schöne, Feurige. Aus dem Scherze wurde Ernst -Du bist glücklich und ich - elend." "Karl!" rief der Andere. "Zweifelst Du?"

"Ich begreife es nicht. Emma ist schön, besitzt ein gutes Gemüth, einen häuslichen, wirthschaftlichen Sinn und "- -

"Und weiß, daß sie schön ist," fiel Karl ein. "Sie hat ihre (\66\)B Mutter bei der Geburt verloren und wurde von ihrem Vater durch übergroße Zärtlichkeit und unverständige Nachsicht so verzogen, daß sie kein anderes Gesetz kennt, als das Gefühl des Augenblicks. Sie kennt ihre körperlichen Vorzüge sehr genau; sie bemerkt es, wenn sie bewundert wird, und thut man dies nicht, so fordert sie durch Blick, Bewegung und Geberde dazu auf. Sie hatte mich lieb, aber sie will ihre Vorzüge nicht mir allein widmen, sie bedarf auch der Anerkennung Anderer, welche sie mit suchendem Auge einkassirt. Bei einem solchen Charakter oder vielmehr Naturell ist sie allen Versuchungen ausgesetzt, denen gegenüber sie nicht diejenige Festigkeit besitzt, welche erforderlich ist zur inneren und äußeren Treue gegen den Geliebten."

"Du richtest zu streng. Auch ich habe sie später etwas weniger ernst gefunden, als ich sie vorher taxirte; aber sie ist noch jung, und die mangelhafte Erziehung wird sich nachholen lassen."

"Du bist ein großer Psycholog, Paul, um zu wissen, daß eine junge zweiundzwanzigjährige Dame noch zu ziehen ist."

"Pah! Du als Literat, der sehr berühmte Romane und Novellen schreibt, bist natürlich seelenkundiger als der bescheidene Uhrmacher Paul Held; aber ich meine, wenn ein Mädchen den Mann ihrer Wahl wirklich lieb hat, so wird sie ihren Fehlern gern entsagen." "Richtig, doch von diesem gern entsagen bis zum wirklichen Aufgeben der Fehler ist ein weiter und schwieriger Weg, zu welchem eine Charakterfestigkeit gehört, welche dem Leichtsinne entgeht. Emma hat mich heut noch innig lieb, aber ihre Gefallsucht wird sie auf Abwege treiben, auf denen sie vielleicht jetzt schon wandelt." "Karl!" rief der Andere zum zweiten Male.

"Ich bleibe bei dieser Behauptung. War es früher nicht ihr größtes Glück, des Abends an meinem Arme sich zu erholen? Und was thut sie jetzt? Sie verspricht mir, zu kommen, hält aber selten Wort, und wenn ich nachforsche, so höre ich, daß sie nicht daheim geblieben, sondern bei dieser Frau Schneider gewesen ist, deren Existenz mir eine höchst problematische zu sein scheint. Dieses Weib hat eine Tochter, welche den Anziehungspunkt gewisser Herrenkreise bildet. Ich habe Emma gebeten, die Familie zu meiden, sie hat meinen Wunsch nicht berücksichtigt; ich habe es ihr mit Strenge befohlen, sie ist mir ungehorsam gewesen; ich säe Aufrichtigkeit und ernte Lügen; diesem Zustande möchte ich ein Ende machen und kann es doch nicht, weil ich - - sie zu innig, zu innig liebe!" "Armer Freund!"

"Ja, arm, sehr arm!" Wie reich und glücklich war ich vorher. Ich gehöre zu den gelesensten Novellisten; man bezahlt meine Arbeiten so, daß ich mehr einnehme als ich bedarf; ich könnte es schnell vorwärts bringen, doch glaube mir, Paul, seid meiner Bekanntschaft mit Emma habe ich nicht eine einzige Arbeit vollendet, welche ich mit gutem Gewissen dem Drucke hätte übergeben dürfen. Wenn es so fortgeht, so bin ich geistig und wirthschaftlich ruinirt." "Sei einmal ernst mit ihr!"

"Ich bin es gewesen, doch hilft der Ernst so wenig wie die Liebe. Ich möchte am Liebsten - -

doch schau dort hinüber! Ist das nicht Anna?"

"Ja, sie ist es," meinte Held, erfreut über den Anblick der Geliebten.

"Und allein - ganz so wie ich vermuthete!"

Die junge Dame, jene sanfte Blondine, von welcher Karl Goldschmidt gesprochen hatte, begrüßte die Beiden und wandte sich dann an den Literaten. "Ich bringe Emma leider heut nicht mit -" "Heut? Sagen Sie lieber - immer!"

"Sie versprach mir noch am Nachmittage, mitzugehen, doch als ich kam um sie abzuholen,

war sie bereits ausgegangen."

"Dann kehre ich nach Hause zurück."

"Bleibe bei uns, Karl! Du störst uns nicht," bat Held.

"Das weiß ich. Aber Du weißt nicht, was es heißt, Andere glücklich zu sehen, selbst aber unglücklich zu sein. Gute Nacht!"

Er ging, doch nicht nach Hause, sondern unwillkürlich lenkte er seine Schritte nach der Straße, in welcher Emma's Vater wohnte. Dieser schien ausgegangen zu sein, da keines der Fenster erleuchtet war. Karl wußte, daß nur ein Vorsaalschlüssel vorhanden sei und kannte auch den Ort, wohin dieser gelegt wurde, wenn Vater und Tochter nach verschiedener Richtung die Wohnung verließen. Er stieg die Treppe empor, zog den Schlüssel unter dem Schranke hervor und öffnete. Dann trat er in Emma's Zimmer, welches nach der Seite des

Hofes lag. Es war ihm niemals eingefallen zu lauschen oder zu spähen, jetzt aber hielt er es als eine Pflicht gegen sich selbst, nach Momenten zu suchen, welche geeignet waren, ihm über das Verhalten der Geliebten Aufklärung zu geben.

Er brannte die Lampe an und warf einen Blick im Zimmer umher. Er fand Alles in der gewohnten Ordnung. Wollte er (67\)A irgend einen Anhalt gewinnen, so mußte er eingehender forschen. Er untersuchte den Schrank, den Sekretär, die Nähtoilette und die Kästen der Kommode. Schon war er mit den Letzteren beinahe zu Ende, so erblickte er ein Kästchen, welches ihm vollständig fremd war; es mußte erst kürzlich in den Besitz der Geliebten gekommen sein. Er öffnete es und fand einige duftende Couverts, auf denen ein sammetnes Etui lag. Das Letztere enthielt eine kostbare Schmuckgarnitur, und in jedem Couverte stak ein zierlich geschriebenes Billetchen. Er las die Letzteren; sie dufteten so sehr nach dem Weihrauche der Bewunderung und enthielten der Schmeicheleien so kräftige, daß nur einer unkundigen Seele die grobe Absicht dieser Schreibereien entgehen konnten. Unterschrieben waren die Billets mit "von Polenz, Oberlieutenant."

"Hund!" knirschte Karl. "Oder ist es nicht Hundenatur, auf fremdem Gebiete zu revieren? Diese Herren dürfen mit ihren sogenannten noblen Passionen ungestraft das Glück und Wohl ihrer Nebenmenschen tödten, und wenn ein armer Teufel vor Hunger die Hand nach einem elenden Stücke Geldes ausstreckt, so reißt man ihn aus all seinen Verhältnissen, aus der menschlichen Gesellschaft, und steckt ihn, der nur noch als eine Nummer gilt, zwischen kalte nackte Mauern, die er nur verläßt, um die Seinen noch ärger bestraft zu finden, als er selbst es war. Ich werde diesen Lieutenant von Polenz finden und ein Wörtchen mit ihm sprechen!" Er brachte Alles wieder an den früheren Platz zurück und verließ dann die Wohnung. Nicht weit von derselben stand das Haus, dessen Parterre die Familie Schneider bewohnte. Er trat an einen der Fensterläden und horchte. Das helle fröhliche Lachen Emma's, welches ihn früher so oft beglückt hatte, ertönte im Innern. Hatte sie ihm ihr Wort gebrochen, blos um den Abend bei diesen Leuten zuzubringen? Er zweifelte. Zwar hatte er auf den Billets keine Bestellung für den heutigen Abend gefunden, doch konnte Emma diese schriftliche Bestellung, wenn eine solche erfolgt war, auch anderswo versteckt oder zu sich genommen haben. Er beschloß daher, jedenfalls zu warten, was der Abend bringen werde. Gegenüber lag ein hohes, alterthümliches Haus mit einem breiten, tiefen Thorwege. Der eine Flügel des letzteren stand offen, und er trat in den dunklen Flur und schloß das Thor in der Weise, daß nur eine Spalte blieb, um die Straße zu beobachten.

Er hatte noch nicht lange in diesem Verstecke gestanden, als er von fern her Sporen klirren hörte. Zwei Männer nahten und hielten unweit des Thorweges an, es waren Offiziere.

"Wohin führen wir sie heut?"

"Promeniren?"

"Pah, poussiren!"

"Also nach den Promenaden?"

"Zu volkreich. Will allein sein mit ihr!"

"Also Stadtpark - entfernteste Parthie, da wo der Reitweg endet?" "Ja."

"Es gibt dort zwei sehr bequeme Bänke, von dichtem Gebüsch überschattet. Kein Mensch verirrt sich in diesen Winkel."

"Trefflich! Habe mir mit diesem Mädchen beinahe Mühe geben müssen - soll nicht umsonst gewesen sein - will süßen Lohn, haha - - Sie gehen mit der Ihren voran; ich werde folgen!" Dieser Letztere sprach kurz und in einem Tone, welchem man die Gewohnheit des Befehlens anhörte. Sollte er wirklich bloßer Lieutenant sein?

Der andere stieß einen halblauten Pfiff aus, und kurze Zeit darauf öffnete sich drüben die Thür. Emma trat hervor; der Befehlshaberische nahm sie sofort in die Arme und küßte sie. Hinter ihr verließ ein anderes Mädchen das Haus, welches der andere Offizier am Arme nahm, um sich sofort nach der vorgezeichneten Richtung zu bewegen.

"Emma, mein schönes, süßes, entzückendes Kind," hörte Karl seinen Nebenbuhler sprechen,

"sind Sie gern gekommen?"

"Gern!"

"Und hat dieser - dieser Scriblifax, dessen Sie sich nicht erwehren können, nicht Beschlag auf den heutigen Abend gelegt?" "O ja!"

"Und Sie sind nicht mit ihm gegangen! Meinetwegen, nicht wahr, mein himmlisches Mädchen?"

"Ja, nur Ihretwegen, Herr Lieutenant!"

"Recht so, meine Venus, mein unvergleichlicher Engel! Habe mich lieb, nur mich allein, dann wirst Du Glück finden ohne Ende, ein Glück, von welchem wir heut die süßesten Tropfen schlürfen können. Komm, laß uns gehen!" Sie folgten dem vorausgegangenen Paare.

(\67\)B Karl lehnte hinter dem Thore und hatte die fieberheiße Stirn an die kalte Mauer gelegt.

"Verloren - Alles, alles verloren! Sie wird ihm gehören und dann zu Grunde gehen. Emma, wie lieb, wie unendlich lieb habe ich Dich gehabt! Und nun - - aber, ist sie wirklich verloren? Noch nicht, wenn ich sie nicht aufgebe! Sie wird, sie muß erkennen, welcher Unterschied ist zwischen einer schmutzigen Sinnlichkeit und den reinen, treuen Gefühlen, welche ich ihr entgegenbringe. Ich werde ihnen folgen, oder vielmehr, ich werde einen anderen Weg einschlagen, um ihnen zuvorzukommen.

Er kannte den Ort, welcher das Ziel ihres Spazierganges war, und es konnte ihm nicht leicht fallen, denselben noch vor ihnen zu erreichen. Als das erste Paar dort anlangte, hatte er sich bereits ein bequemes Versteck hinter derjenigen Bank, welche am verborgensten lag, hergerichtet, und als dann auch Emma mit ihrem Begleiter erschien und sich hart vor ihm plazirte, hätte er sie mit der Hand erreichen können, und er vermochte jedes ihrer Worte zu verstehen.

Der Offizier hatte den Überrock ausgezogen und als Teppich für das Mädchen auf den Sitz gelegt. Später nahm er auch die Mütze vom Kopfe, jedenfalls um durch den Anblick seines schönen, reich gelockten Haares die Zahl seiner sichtbaren Vorzüge zu vermehren. So wurde sein Gesicht vollständig frei; Karl konnte ihn ganz genau erkennen.

(\68\)A "Der tolle Prinz - in Lieutenantsuniform!" murmelte er überrascht. "Das gibt eine Schlägerei, wenn ich mich unterstehe, ihm den Besitz meiner Braut streitig zu machen! Pah," setzte er zähneknirschend hinzu - "mir ganz gleich!"

Es waren fürchterliche Augenblicke für den jungen Mann, welcher zusehen mußte, daß der Gegner sich in Zärtlichkeiten erging, die ihm selbst verweigert gewesen waren, doch wollte er so lang wie möglich unbemerkt bleiben, um zu erfahren, wie weit die Untreue seines Mädchens bis jetzt gegangen war.

"Hast Du den Schmuck bereits getragen, den ich Dir brachte?" hörte er fragen.

"Noch nicht."

"Warum?"

"Vater darf ihn nicht sehen, und die Garnitur ist so kostbar, daß ich beschlossen habe, sie zu ersten Male an - an - an unserem Hochzeitstage zu tragen."

"Recht so, mein Herz, denn daraus erkenne ich, daß Du ein sparsames, haushälterisches

Weibchen sein wirst. Doch bis zur Hochzeit kann noch mancher Monat, vielleicht sogar ein ganzes Jahr vergehen. Ehe ich mir eine Frau nehmen kann, muß ich erst Hauptmann sein.

Wird Dir das nicht zu lang?"

"Nein, denn ich werde Dich ja öfters sehen."

"Natürlich, auf der Promenade oder - - oder wohl auch bei Dir?"

"Bei mir? Ich danke, Papa soll noch nichts von unserer Liebe wissen!" "Allerdings, doch ist dies noch immer kein Hinderniß, uns in Deiner Wohnung zu sehen. Papa braucht ja nichts davon zu wissen."

"Das ist unmöglich! Er würde trotzdem bemerken, daß ich Dich bei mir sehe." "Er würde es nicht bemerken. Soll ich Dir das beweisen?" "Wie so?"

"Heut ist er ausgegangen?"

"Ja. Es ist heut der Tag, an welchem er ein Spielchen zu machen pflegt."

"Wenn komm er da nach Hause?"

"Vor Mitternacht sicher nicht."

"Weckt er Dich dann, wenn Du bereits schläfst?"

(\68\)B "Nie."

"Also! Es ist jetzt ein Viertel vor elf Uhr. Laß uns aufbrechen!" "Warum?"

"Ich werde Dich recht schön ersuchen, einmal sehen zu dürfen, wie mein zukünftiges Weibchen wohnt."

"Das geht nicht; nein, das ist unmöglich!" "Warum? Verlange ich mit dieser Bitte zu viel?"

"Nein, aber zu so später Stunde - - nein, es ist unmöglich, Du mußt früher kommen!"

Ja, mein Herz, kann ich früher kommen, ohne bemerkt zu werden?"

"Ich darf nicht!"

"So liebst Du mich nicht!"

"Odoch!"

"Nein. Ich glaube nicht an eine Liebe, welche mir einen so einfachen Wunsch verweigert. Darf ich nicht einmal das Zimmer sehen, welches mein Mädchen bewohnt, so ist von Liebe und Vertrauen keine Rede." "Du bist grausam!"

"Nein. Entscheide Dich! Soll ich allein gehen oder wollen wir jetzt mit einander aufbrechen?"

Sie zögerte eine Weile mit der Antwort, dann klang es gepreßt:

"Komm!"

Sie erhoben sich und traten den Rückweg an. Das andere Paar schien zu sehr in seine eigenen Angelegenheiten vertieft zu sein, um diese Entfernung zu bemerken. Karl erhob sich, um noch vor den Vorangegangenen die Stadt zu gewinnen.

Er glaubte jetzt zu der Annahme berechtigt zu sein, daß er Emma noch nicht verloren geben dürfe; es galt nur, den Einfluß des prinzlichen Abenteurers zu zerstören, und das konnte ja nicht schwer fallen.

Er suchte gegenüber dem Wohnhause eine dunkle Thüröffnung, in welche er trat, bis sie mit ihrem Begleiter erschien. Sie zog den Hausschlüssel hervor, um zu öffnen, und eben wollte sie zur Seite treten, um dem Prinzen den Vortritt zu geben, als es hinter ihnen erklang: "Halt! Magst Du nicht allein hinaufgehen, Emma?" Sie fuhr erschrocken herum. (\69\)A "Karl!"

"Ja, ich bin es. Bitte, geh hinauf! Ich werde Dir morgen am Tage meinen Besuch machen, um weiter mit Dir zu sprechen; zu so später Zeit aber verlangt kein ehrlicher Mann Zutritt bei einer Dame."

"Herr, wer sind Sie?" brauste der Prinz auf.

"Ich habe keine Veranlassung, meinen wahren Namen zu verbergen; doch brauche ich ihn nicht zu nennen; ich bin der Scriblifax, von welchem diese Dame Ihnen erzählt hat." "Schön! Dann treten Sie gefälligst zur Seite! Ich gestehe Ihnen nicht das mindeste Recht zu, uns den Eingang zu verwehren." "Und ich gestehe Ihnen nicht die Erlaubniß zu, ein Mädchen unglücklich zu machen, welche brav war, ehe es Ihnen gelang, Sie durch Lüge und Verstellung zu bethören. Dieses Haus werden Sie heut nicht betreten!" "Wirklich?" klang es höhnisch. "Marsch, zur Seite!"

Emma war bereits nach den ersten Worten der Gegner im Flur verschwunden, doch stand die

Thür noch offen. Wer Sieger blieb, konnte eintreten. Der Prinz hatte den Literaten beim Arme gefaßt und versuchte, ihn von der Thür zu drängen; es gelang ihm nicht.

"Herr, nehmen Sie die Hand von mir," drohte Karl. "Ich möchte sonst vergessen, wer Sie sind!"

"Ah! Wer bin ich denn?"

"Entweder ein Prinz oder ein Schurke, was Beides zuweilen recht gut vereinigt zu sein scheint. Wählen Sie zwischen Beiden!"

"Spion!" knirschte der Prinz und faßte seinen Gegner mit beiden Fäusten vor der Brust. "Fort, sage ich, und zwar zum letzten Male!"

Karl drängte die Fäuste des Prinzen von sich ab, faßte ihn bei der Hüfte und schleuderte ihn gegen die Mauer.

"Wollen sehen, wer fortgeht, Sie oder---oh - Hülfe - - oh - - !"

Er brach zusammen, ohne den Satz vollständig aussprechen zu können. Der Prinz, von Wuth hingerissen, hatte den Degen gezogen und ihm denselben in die Brust gestoßen. "So, Bursche; Du bist beseitigt. Jetzt hinauf!"

Ohne sich um die Folgen seiner That zu bekümmern, tastete er sich den Flur entlang nach der Treppe hin und stieg dieselbe empor. Droben stand Emma, zitternd vor Angst und Besorgniß. "Wer da? Bist Du es, Emma?" "Ja."

"Öffne! Du wohnst doch hier, nicht wahr?"

"Ja. Aber bitte, laß mich heut allein! Wo ist Goldschmidt?"

"Vor der Thür."

"Was ist mit ihm? Um Gottes willen, sage es! Ich hörte ihn um Hülfe rufen." "Ich mußte ihm ein wenig die Haut ritzen; das ist Alles!" "Himmel, Du hast nach ihm gestochen?"

"Allerdings. Solchen Menschen muß gezeigt werden, wie weit sie die Erlaubniß haben, mit Anderen zu verkehren."

"Mein Gott, was hast Du gethan! Das wird ein Unglück geben, wie es mich —" "Papperlapapp! Wer weiß denn, wer es gewesen ist?" "Goldschmidt selbst wird es sagen!" "Der? Pah, der sagt nichts mehr!"

"So ist er todt? O Gott, das ist ja gar nicht möglich! Daran bin ich schuld!"

Sie bebte vor Schreck am ganzen Körper; er aber blieb vollständig ruhig.

"Denke dies nicht, Emma. Er selbst trägt die Schuld allein, denn er besitzt nicht die mindeste

Berechtigung, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Und was wird es sein? Man findet ihn, trägt ihn fort, scharrt ihn ein, sucht nach dem Thäter, erfährt aber nichts - tout voil...!

Bitte fasse Dich und öffne!"

"Ich kann nicht, heut nicht! Der Todte liegt unten, und Papa muß bald kommen. Geh fort, geh fort; nur heut geh fort, wenn Du nicht willst, daß ich vor Angst vergehen soll!"

"Nur heut? So darf ich ein anderes Mal mit herauf?"

"Ja; aber jetzt mußt Du gehen!"

"Wenn soll ich wiederkommen?"

"Ich weiß es nicht!"

"Morgen?"

"Nein, da ist Papa zu Hause!" "Wenn hat er wieder Spieltag?" "Sonnabend."

"Bon! So komme ich nächsten Sonnabend!" "Ja doch, aberbitte, gehe jetzt!" "Punkt neun Uhr?" (\69\)B "Ja."

"Du wirst Alles offen halten und dafür sorgen, daß mich Niemand kommen sieht!" "Ich werde es, doch entferne Dich jetzt! Mir schwindelt vor Angst."

"Dann den Abschiedskuß! Gute Nacht, mein Leben. Träume süß von mir und von - unserer Hochzeit!"

Er stieg die Treppe wieder hinab und verließ das Haus. Sein Opfer lag regungslos in einer Blutlache vor der Thür; er warf einen kurzen Blick auf den Leblosen und schritt davon. "Er hat seinen Lohn. Ein Prinz oder ein Schurke! Donnerwetter, das hat mir noch Niemand geboten, doch er hat seinen Lohn! Er erkannte mich,; es war ein Glück, daß das Mädchen bereits fort war, sonst wäre es mit dieser höchst interessanten Liaison zu Ende gewesen, ohne daß ich die Früchte meiner Bemühungen hätte pflücken dürfen."

Er bog nach einiger Zeit in die Promenaden ein, welche sich mittlerweile von ihrem Publikum entleert hatten, und gelangte auf diesem Wege in die Nähe des königlichen Schlosses. Da vernahm er von der Hauptstraße her den Galopp eines Pferdes. Er blieb stehen.

"Wer ist das? Es darf ja um diese Zeit hier weder gefahren noch geritten werden! Gewiß ein fremder Sonntagsreiter, den ich ein wenig in die Trense nehmen werde!"

Er eilte vorwärts und stand bald auf dem breiten Wege, welcher nach dem Hauptportale des

Schlosses führte. Der Galopp des Pferdes hatte sich in einen kurzen Trab und dieser in langsamen Schritt verwandelt. Der Reiter wurde sichtbar. Der Prinz trat ihm einige Schritte entgegen. Das Pferd schien keiner gewöhnlichen Rasse anzugehören, der Mann aber, welcher auf demselben saß, trug einen Südwester im Nacken, eine kurze Jacke und ein paar riesige

Seemannsstiefel.

"Halt! Werda?"

Der Reiter hielt sein Pferd an und betrachtete sich den Offizier, welchem der Mond voll in das Gesicht schien.

"Ich!" antwortete er dann ruhig. "Ich? Wer ist dieser Ich?" "Na, ich natürlich!"

"Donnerwetter, wer Du bist, meine ich!"

"Hm, was Du meinst, das weiß ich schon, mein Junge. Aber sage mir einmal, was nützt es Dir denn eigentlich, wenn ich Dir sage, wer ich bin?"

Der Mann schlug die Arme über der Brust zusammen und hatte ganz das Ansehen und die Haltung, als ob er eine recht urgemüthliche Konversation in Gang bringen wolle. "Was ist das?" ertönte die ganz erstaunte Gegenfrage. "Du wagst es zu duzen? Kerl, Dir soll ja der Teufel in den Korpus fahren, daß - - -"

"Pah!" unterbrach ihn der Andere. "Wer mit mir Brüderschaft macht, den pflege ich Du zu nennen; das ist bei uns zur See und vielleicht auch zu Lande nicht anders Mode. Und vor dem Teufel segelt mein Korpus jedenfalls nicht sofort davon. Doch, apropos, wer bist denn eigentlich Du, alter Maate?"

"Kerl, Du bist verrückt! Siehst Du nicht, daß ich Offizier bin? Und weißt Du nicht, daß hier in der Nähe des Schlosses zur Nachtzeit das Reiten verboten ist?"

"Offizier? Hm, ja; aber was ist das weiter? Es muß jeder Mensch Etwas sein - was, das bleibt sich gleich, wenn er es nur versteht, seine Stelle brav und ehrlich auszufüllen. So so, also hier darf man nicht reiten! Warum denn nicht, he?"

"Das wird sich finden! Jetzt bist Du arretirt. Vorwärts zur Schloßwache!"

"Arretirt? Meinetwegen! Zwar glaube ich nicht, daß Du der richtige Kerl bist, einen rechten, echten Seemann zu arretiren, aber ich bin nicht der Mann, einen guten Spaß zu verderben.

Nur wünsche ich, daß Dir der Gang zur Schloßwache kein Bauchgrimmen mache. Vorwärts also. Segel auf, und fort!"

Einen höchst belustigten Blick auf den Lieutenant werfend, nahm er die Zügel wieder auf und ritt hinter dem Offizier her, welcher vor Zorn bebend nach der Seitenfronte herumbog, wo aus einigen Parterrefenstern helle Lichtstrahlen heraus auf den Platz fielen.

"Hier bleibst Du halten!" gebot der Offizier und wandte sich dann nach dem Schlosse. "Posten herbei!"

Eine am Thore stehende Schildwache kam herzu und honneurirte beim Anblicke der Uniform.

"Wer hat heut das Wachtkommando?"

"Oberlieutenant von Randau."

"Schön. Die Wache heraus!"

"Zu Befehl, Herr Lieutenant!"

(\70\)A Er schritt zurück und rief mit lauter Stimme:

"Wache heraus!"

Im Nu entströmten der Thür die Gestalten der Soldaten, welche sich in Reih und Glied aufstellten.

"Ah," machte der Arretirte; "man bringt mich nicht selbst zum Wachtlokal; man will sich nicht sehen lassen: das Bauchgrimmen ist da!"

"Maul halten!" schnauzte ihn der Offizier an und wandte sich dann zum Lieutenant von der Wache: "Herr Oberlieutenant, Sie kennen mich?" Randau blickte schärfer auf. "Zu Befehl, königl- - -"

"Halt! Diesen Menschen habe ich zu Pferde hier am Schlosse aufgegriffen, wobei er sich in unterschiedlichen Injurien und Gemeinheiten erging. Ich übergebe den Inkulpaten Ihnen und dringe auf strengste Bestrafung!"

"Zu Befehl!" Dann fügte er, zum Arrestanten tretend hinzu: "Herab, Bursche; wollen Dich hübsch vor Anker legen!"

"So? Wärt mir auch die Kerls danach!" Dann nahm er sein Pferd straffer in die Zügel, drängte es hart an den Wachtkommandanten heran, zog ein großes, mehrmals versiegeltes Schreiben aus der Satteltasche und reichte es ihm entgegen. "Herr Oberlieutenant, Sie sind Kommandant der Wache hier am Schlosse?"

Dieser Ton schien einer ganz anderen Stimme und einem ganz andern Manne anzugehören, und unwillkürlich antwortete der Gefragte: "Ja. Warum?"

"Ich bin Kurier seiner fürstlichen Durchlaucht des Prinzen Arthur von Sternburg und habe Ihnen diese Depesche zu übergeben. Ich thue dies mit der Weisung, dieselbe morgen früh nach dem Lever Seiner Majestät dem Könige eigenhändig zu präsentiren, verstehen Sie, eigenhändig, denn der Inhalt des Schriftstückes ist von solcher Wichtigkeit, daß ich Sie verantwortlich mache für jeden Zufall, welchem es gelingen sollte, dieser Zuschrift das Wesen einer Depesche zu rauben. Im Übrigen gebe ich mir die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!"

Er zog das Pferd empor und gab ihm die Sporen, daß es auf den Hinterbeinen eine Umdrehung machte und dann mit allen Vieren in die Höhe ging. Dabei wandte er das lächelnde Gesicht zum Prinzen:

"Adieu, mein Junge; laß Dir die Arretur besser bekommen, als sie gelungen ist!"

Dann fegte er im Galoppe davon und ließ sein Thier erst dann wieder in ruhigen Schritt fallen, als er das Schloß weit hinter sich hatte.

"Prinz Hugo als Lieutenant!" murmelte er vor sich hin. "Gewiß kam er von irgend einem seiner Streiche zurück, welche er inkognito auszuführen pflegt. Er hat mich noch nie gesehen und also auch nicht erkannt. Die kleine Lehre und der etwas größere Ärger, welcher dieselbe begleiten wird, kann ihm nichts schaden. - Jetzt nun zu diesem Dichter, den ich so lange nicht gesehen habe! Für ihn muß ich ein Stündchen erübrigen, und dann geht es wieder retour!" Er bog in eine Straße ein und hielt vor einem Hause, dessen schmaler erster Stock erleuchtet war.

"Er hat Licht, vielleicht gar Gesellschaft bei sich, da die Schatten so unruhig sich an den Gardinen bewegen."

Nachdem er abgestiegen war, band er das Pferd an eine Ladenangel und begab sich nach der ersten Etage. Auf sein Klingeln wurde die Entreethür geöffnet, und eine ältliche Frau erschien unter derselben. "Wer ist noch da?" frug sie.

"Ich, meine liebe Frau Goldschmidt. Ist Karl zu Hause?" Sie leuchtete empor und erkannte ihn.

"Mein Gott, Durchlaucht! Sie hier? Haben Sie es auch schon erfahren?" "Was?"

"Von - - oh, Sie wissen nichts? Bitte, bitte, treten Sie ein, treten Sie ein!" Er bemerkte ihre Augen voller Thränen und sah, daß Sie sich in einer außerordentlichen Aufregung befand. Im Zimmer befanden sich mehrere Personen, auf deren Gesichtern ein tiefer Ernst ausgebreitet lag, und aus dem geöffneten Nebenraume erklangen halblaute Stimmen.

"Hier ist etwas geschehen! Was ist es?" frug er die Mutter des Freundes.

"Durchlaucht, Karl ist ermordet worden," antwortete sie, die Hände ringend und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend.

"Unmöglich! Von wem?"

(\70\)B "Das weiß noch Niemand."

"Wo ist er?"

"Draußen. Kommen Sie!"

Sie führte ihn in das Nebenzimmer. Zwei Ärzte standen vor dem entkleideten Körper des Literaten.

"Was wollen Sie?" frug der Eine den Eintretenden.

"Meine Herren, mein Name ist von Sternburg, Seekapitän von Sternburg. Dieser Todte ist ein Studiengenosse von mir, und ich kam, ihn zu besuchen."

"Ah, dann haben Sie Zutritt, Durchlaucht," klang die höfliche Antwort. "Übrigens ist der Verwundete nicht todt. Der Stich hat weder Herz noch Lunge verletzt, und nur der schwere Blutverlust hat eine todesähnliche Ermattung herbeigeführt."

"Er ist nicht todt? Er lebt!" rief die Mutter. "Gott sei Dank; ich wäre ihm nachgefolgt." Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung.

"Leise, leise, Frau Goldschmidt! Wir können Ihnen unmöglich ganz die Hoffnung nehmen, doch vermögen wir auch nicht zu verschweigen, daß sein Leben nur an einem Faden hängt; es kann im Augenblicke seines Erwachens auf eine Minute aufflackern und dann sofort für immer verlöschen. Wir werden hier bleiben bis er zu sich kommt, um nach den eintretenden Umständen handeln zu können. Schicken Sie alle überflüssigen Personen fort und vermeiden Sie jedes Geräusch."

Man nahm Platz und auch der Kapitän ließ sich in der Nähe des Bettes nieder. Es verging beinahe eine Stunde, bis der Verwundete die Augen aufschlug und einen schmerzlichen Seufzer ausstieß.

"Wasser!" klang es durch die lautlose Stille des Raumes. Es wurde ihm gereicht.

"Emma," hauchte es leise zwischen seinen bleichen Lippen hervor; dann fielen die schweren Lider wieder zu.

Arthur begab sich leise nach der vorderen Stube, wo die Mutter des Kranken leise weinend in einer Ecke Platz genommen hatte.

"Warum gehen Sie nicht in die Krankenstube?" frug er sie.

"Weil ich den Schmerz da nicht zurückhalten könnte. Mein Gott, wer muß der Bösewicht gewesen sein! Karl ist so gut, das wissen Sie auch, Durchlaucht; er beleidigt mit Wissen keinen Menschen, und dennoch bringt man ihn mir als Leiche nach Hause!" "Haben Sie bereits Anzeige gemacht?" "Nein."

"Warum nicht?"

"Weil - weil ich gar nicht daran gedacht habe." "Wo hat man ihn gefunden?"

"Vor der Thür des Hauses, in welchem seine Braut wohnt."

"So ist er bei ihr gewesen?"

"Jedenfalls."

"Und man hat ihn beim Austritte überfallen - hm; das klingt mir nicht wahrscheinlich. Geben Sie die Sache ja der Polizei über, welche allerdings auch ganz von selber sehr ernstliche Notiz von dem Vorfalle nehmen wird. Ich habe leider nicht Zeit, länger zu verweilen, werde aber dafür sorgen, daß ich au fait bleibe über das Befinden Ihres Sohnes."

Nach einigen Worten des Trostes und der Beruhigung verließ er die Wohnung. Als er aus der Thür des Hauses trat, bemerkte er eine weibliche Gestalt, welcher die gegenüberliegende Seite der Straße zu gewinnen suchte. Sie war vor dem Schalle seiner Schritte geflohen und hatte also Ursache, sich in der Nähe des Hauses nicht sehen zu lassen. Er eilte ihr nach und hatte sie nach einigen raschen Schritten erreicht. "Halt, meine Dame! Warum sind Sie so eilig?"

Er erfaßte sie am Arme und blickte in ein erschrockenes, brünettes Mädchenangesicht, dessen

Augen ängstlich die seinigen zu vermeiden suchten. Sie antwortete nicht.

"Nun? Darf ich um Antwort bitten, Fräulein? Warum flohen Sie vor mir?"

"Ich floh nicht vor Ihnen," klang es leise.

"Vor wem denn?"

"Vor - vor Niemand."

"Vor Niemand? Damit wollen Sie sagen, vor keiner bestimmten Person. Aber dennoch hatten

Sie das Bestreben, nicht bemerkt zu werden. Darf ich Sie um Ihren Namen bitten?"

Sie schwieg. Er fühlte ihre Hand, die er gefaßt hatte, zwischen der seinigen zittern.

"Ich hoffe, Sie werden mir Auskunft geben, sonst fühlte ich mich in die unangenehme Lage versetzt, Sie nach einem Orte zu bringen, wo Sie zur Antwort gezwungen sind."

"Warum?"

"Es ist an einem Freunde von mir ein Mordanfall verübt (\71\)A worden, und ich vermuthe nach Ihrem Verhalten, daß Sie zu dieser Thatsache auf irgend eine Weise in Beziehung stehen."

"Lebt Karl noch?"

"Karl? Ah, Sie kennen ihn? Sie kamen, um sich Gewißheit über seinen Zustand zu holen! Ihr Name, Fräulein?" "Emma Vollmer."

"Mir unbekannt. Sie sind vielleicht---?"

"Ich - ich war die - die Geliebte Karls."

"War? Sie sind es nicht mehr? Ah! - - - Er wurde vor Ihrer Thür gefunden?" "Ja."

"So war er vorher bei Ihnen?" "Nein."

"Aber Sie waren daheim?"

Sie schwieg. Dieser Mann frug trotz eines Inquisitionsrichters. Wer war er? Mußte sie denn überhaupt Rede stehen? Und doch hielt er sie so fest, und doch sprach er in einem solchen Tone, daß sie antworten mußte:

"Nein." "Ah ---!"

Er faßte sie auch am andern Arme und zog sie näher, um ihr lange und fest in das Angesicht zu blicken.

"Sie haben jetzt einen andern Geliebten?" "Ja."

"Was ist er?" "Offizier." "Welchen Ranges?" "Lieutenant." "Wie heißt er?" "Hugo von Zarheim."

"Zarheim? Pah, gibts nicht - findet man sogar im Gothaer nicht! Hugo - - oh - - hm - - Sie waren heut mit ihm promeniren?"

"Ja."

"Er begleitete Sie bis zur Thür?" "Ja."

"Und da trat Ihnen Karl entgegen?"

Sie schwieg. Er wiederholte seine Frage dringlicher.

"Nein. Ich habe ihn heut gar nicht gesehen."

"Ah, Fräulein, Sie mögen Andere täuschen, vielleicht sogar meinen Freund, der es jedenfalls ehrlich mit Ihnen gemeint hat, mir aber sagt der Ton Ihrer Stimme etwas ganz Anderes als

Ihre Worte. Wie alt ist dieser Lieutenant Hugo?"

"Einundzwanzig."

"Blond?"

"Ja."

"Ein feines Schnurrbärtchen?" "Ja."

"Eine Narbe über die rechte Wange?" "Ja," antwortete sie verwundert.

(\72\)A "Schön; ich vermuthete den Zusammenhang, weil ich ihn zufälliger Weise traf, als er von Ihnen kam. Fräulein, Karl Goldschmidt ist ein Ehrenmann, ein berühmter Dichter, welcher unter den besten und reichsten Mädchen des Landes wählen könnte, wenn er etwas mehr prätensiös sein wollte; haben Sie sich von ihm getrennt, so haben Sie auf ein Glück verzichtet, wie es Ihnen an der Seite eines Andern niemals werden kann. Dieser Lieutenant Hugo von Zarheim aber ist ein Wüstling, ein Schwindler, welcher schon hundert Mädchen unglücklich gemacht hat und auch Sie verlassen wird, wenn Sie ihm gewährt haben, was er sucht. Er ist nicht Lieutenant und heißt nicht Zarheim, sondern er ist Reitergeneral und heißt Hugo, Prinz von Süderland. Er ist der jüngste Sohn Ihres Königs und unter dem Namen der "tolle Prinz" bekannt."

(\72\)B "Hugo - Prinz Hugo - ein königlicher Prinz?!" klang es von ihren Lippen, aber mehr erstaunt als erschrocken. "Ists wahr?"

"Es ist wahr. Kennen Sie den Prinzen nicht persönlich?"

"Nein."

"So verschaffen Sie sich sein Bild und vergleichen Sie! Sie wissen jetzt genug, und ich hoffe, Sie handeln so, daß ich zu Karl, wenn er je wieder aufleben sollte, mit Achtung von Ihnen sprechen darf. In Beziehung aber des Anfalles ist es sehr möglich oder vielmehr sogar wahrscheinlich, daß Sie gerichtlich vernommen werden. Jetzt gehen Sie. - Gute Nacht!" Sie enteilte mit hastigen Schritten, und er trat zu seinem Pferde. Als er sich aufgeschwungen hatte, warf er noch einen Blick hinauf nach den Fenstern, hinter denen plötzlich so vieles und großes Leid eingekehrt war, und ritt dann davon.

Als er die Residenz (\73\)A im Rücken hatte, dehnte sich die breite Heerstraße in langen Windungen zwischen blühenden Gefilden hin, bis sie in den Wald trat, dessen magisches Dunkel das Gemüth des einsamen Reiters zum Träumen stimmte.

Diese Emma Vollmer war ein schönes, sogar ein sehr schönes Mädchen, welche alle Gaben der Natur besaß, um einen Mann innig glücklich zu machen, und doch - - that sie es? Kann ein Mann überhaupt an seine Liebe, an sein Weib glauben? Droben am Himmel stehen Millionen von Sternen so fest, und dennoch, je näher man ihnen kommt, je besser man sie kennen lernt, desto mehr bemerkt man, daß sie alle, alle diese scheinbare Festigkeit nie besessen haben und nie besitzen werden. Sind nicht alle unsere Ideale geistige oder verkörperte Lichtgebilde, welche aufgehen, kulminiren und - verschwinden?" "Und wie ist es mit meinem Stern?" frug er halblaut. "O Almah, herrliches unvergleichliches entzückendes Wesen, sei mir eine Sonne, welche niemals trügt, und ich will der Parse sein, der vor Deinem Glanze knieend liegt und Anbetung athmet bis zum letzten Hauche seines Lebens!"

Er verfiel in ein tiefes, glückliches Sinnen. Er gedachte des Abends am Nil, an welchem er die Herrliche zum ersten Male erblickte, an die Sehnsucht, die ihn dann erfüllt hatte, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, sie zu stillen, und an das namenlose Glück, welches ihn gleich einem großen Schrecken durchzuckt hatte, als sie ihm zum zweiten Male in seiner eigenen Behausung entgegengetreten war. So sann und sann er; Viertelstunden einten sich zu Stunden; eine Meile Weges wurde nach der anderen zurückgelegt, und als der Morgen erglänzte, hielt er auf seinem dampfenden Rosse am Rande der Ebene, deren gegenseitige Grenze der Höhenzug bildete, hinter welchem das Terrain zur Küste des Meeres niederstieg. Eine Stunde später saß Nurwan Pascha mit Almah auf dem Balkon seiner Wohnung und schlürfte den Mocca, welchen ihm das schöne Mädchen drunten in der Küche der Kastellanin eigenhändig bereitet hatte. Auf der herrlichen Scene vor und unter ihnen lag der goldene Glanz des Sonnenlichtes; die Wogen der See blitzten in grünlich-goldenen und bläulichsilbernen Reflexen, welche sich draußen am fernen Horizonte in von unvergleichlichen Farben gesättigten Tinten verloren, und hier in der Nähe, auf der Küste, am Quai, im Hafen regte sich ein Leben von so vielseitiger, munterer Geschäftigkeit, daß man nicht müde wurde, seinem nie ruhenden Pulse zu folgen.

Vom äußersten Ende der Stadt ertönte ein scharfer, schriller Doppelpfiff; gleich einer Riesenschlange wand sich ein Dampfzug an der Küste hin, trat dann zwischen die Berge hinein und verschwand hinter den Höhen, welche das Binnenland vor den gefräßigen Fluthen des Meeres schützten.

"Mit diesem Zuge fährt er," meinte der Pascha. "Wer."

"Ah, es ist wahr, Du weißt nichts davon. Ich meine unsern neuen Diener." "Bill Willmers? Wohin fährt er?"

"Nach der Residenz. Er hat mir eine höchst wichtige Depesche zu besorgen." "Eine höchst wichtige? So hast Du wohl ein recht gutes Vertrauen zu ihm, Papa?" "Allerdings. Du hast jedenfalls meine gestrige Überraschung bei seinem Anblicke bemerkt. Es war mir, als sei mein liebster, bester Jugendfreund herbeigekommen, um mich zu begrüßen, ganz er, jeder Zug des Gesichtes, die Haltung, die Stimme, der treue, verständige Blick des Auges, und trotzdem er es unmöglich sein kann, da dieser Freund in meinem Alter steht, und trotzdem er einen mir vollständig fremden Namen führt, kann ich mich nicht von dem Gedanken, von der Ahnung trennen, daß mein Irrthum nicht ganz und gar ein vollständiger sei. So oft ich mit ihm spreche, möchte ich ihn nicht Willmers sondern Brandauer nennen."

"Weißt Du, Papa, daß es mir auch recht eigenthümlich mit diesem Matrosen geht?" "Wie so?"

"Papa das kann ich Dir nicht sagen! Du bist mein Vater, und was Du thust und sprichst, das ist, als hätte es Gott gethan und gesprochen. Wie andere Männer sind, das weiß ich nicht, aber

- aber, wenn jetzt ein Sturm hereinbräche, daß die Wogen über unserer kleinen Yacht zusammenschäumten, und dieser Willmers spräche zu mir: "Komm, ich gehe mit Dir in das Wasser und bringe Dich an das Land, ich würde ihm folgen und darauf schwören, daß er es vollbringt."

Das scharfe Auge des Pascha blickte hinaus in das Weite; es war seinem adlerartigen Blicke nicht anzusehen, was er über die (\73\)B Worte der Tochter dachte. Diese hatte den prachtvollen Arm, welcher berückend unter dem leichten, seidenen Gewebe hervorschimmerte, auf die Balustrade gelegt und beobachtete das Treiben in der Nähe. "Papa, schau den Reiter da unten!" rief sie plötzlich. "Ist ein solcher Galopp nicht fürchterlich?"

"Allerdings gefährlich, höchst gefährlich bei solchem Terrain. Der Mensch muß beim leisesten Fehltritte des Pferdes den Hals brechen. Ich wette, es ist einer jener jungen, unvorsichtigen Kavallerieoffiziere, denen der Ruhm, ein kühner Reiter zu sein, höher gilt, als die Herzensrufe des Vaters und der Mutter!" "Er lenkt nach der Höhe ein -"

"Und zwar auf dem Wege, welcher nach Schloß Sternburg führt. Wer mag es sein?"

Er erhob sich und blickte stärker hinab.

"Willmers!" rief er dann, ebenso überrascht wie zornig.

"Willmers, Papa? Das ist doch nicht möglich! Ein Matrose kann doch auf keinen Fall ein solcher Reiter sein!"

"Er ist es aber doch. Es scheint, als sei an diesem einfachen Manne Alles ungewöhnlich, sogar

- sein Gehorsam, seine Dienstfertigkeit. Ich glaube ihn mit meiner höchst dringlichen Depesche unterwegs nach der Hauptstadt und muß bemerken, daß es ihm beliebt, spazieren zu reiten, bevor er an die Ausführung meines Befehles denkt. Nur bin ich neugierig, von wem er sich das Pferd geborgt hat!"

"Papa, ich bitte-!" "Was?"

"Sei nicht barsch mit ihm; er wird es nicht wieder thun! Du glaubst es gar nicht, wie Dein Blick schmerzt, wenn Du zürnst!" "Und ihn soll er nicht schmerzen?"

"Vergieb ihm! Er kennt Dich noch nicht und wird es nicht bös gemeint haben."

"Eine Depesche ist kein gewöhnlicher Brief, Kind. Ich muß ihn empfangen, wie er es verdient hat!"

Er erhob sich und begab sich hinab, um den Kommenden zu erwarten. Almah war nicht von seiner Seite gewichen. Hatte sie die Ahnung, daß ein einziger Strahl ihres Auges hinreichend sei, alle schmerzenden Blitze unschädlich zu machen, welche das Auge des Vaters schleudern könnte?

Der Huftritt des Pferdes ertönte, und Arthur ritt in den Hof. Die Beiden bemerkend, nahm er den Hengst kurz auf und sprengte in zierlichem kurzem Galopp, einen Bogen schlagend, bis vor die breiten Granitstufen, auf denen sie standen, und stand dann nach einem gewandten

Schwunge aus dem Sattel vor ihnen. Der Pascha blickte ihm zornig in das vom scharfen Ritte geröthete Gesicht.

"Wem gehört das Pferd?"

"Dem Prinzen von Sternburg."

"Wer hat Dir erlaubt, es zu reiten?"

"Der Kastellan."

"Und wer noch?"

"Niemand."

"So! Also meiner Erlaubniß bedarf es zu einem Spazierritte, währenddessen ich Dich auf der Reise nach der Residenz vermuthe, nicht! Du bist kein gehorsamer Diener; ich kann Dich nicht gebrauchen; Du kannst gehen!"

"Der Gescholtene schlug kein Auge nieder; er blickte dem Pascha ruhig in das Angesicht und antwortete:

"ZuBefehl, Excellenz!"

Sich scharf auf dem Absatze herumdrehend, schritt er davon.

"Papa!" bat Almah, indem sie die Hand auf den Arm des Vaters legte.

Dieser hatte eine solche Eile von Seiten des Dieners gar nicht erwartet.

"Willmers!" gebot er.

Der Gerufene drehte sich um.

"Excellenz!"

"Komm noch einmal näher!"

Arthur folgte dem Rufe.

"Warum gehorchst Du jetzt so schleunig?"

"Um Excellenz zu beweisen, daß ich kein ungehorsamer Diener bin."

"Und dennoch bist Du es, sonst hättest Du den vorhin abgelassenen Kurierzug nach der Residenz benutzt, um meine Depesche zu expediren." "Excellenz haben mir nicht befohlen, diesen Zug zu benützen."

"Gebot ich Dir nicht, die Depesche schleunigst zu übermitteln? Es ging am Abende kein Zug mehr, wie Du sagtest, folglich -"

"Folglich bin ich zu Pferde nach der Residenz, Excellenz." (\74\)A "Zu Pferde? Diesen weiten Weg? Unmöglich!"

"Bei einem solchen Pferde ist es sehr möglich. Ich kehre eben zurück; die Depesche wurde um Mitternacht übergeben."

"Wem?"

"Dem Kommandanten der Schloßwache."

"So wird sie der König heut Vormittag lesen. Du wurdest gefragt, von wem sie sei?" "Nein. Ich schnitt alle Erkundigungen durch die Angabe ab, daß ich ein Kurier von Schloß Sternburg sei."

"Gut! Ich habe mich vorhin geirrt. Du bleibst!" "ZuBefehl, Excellenz!"

Er wandte sich ab und trat zum Pferde, welches er nach dem Stall führte. Dann suchte er das Stübchen auf, welches er als Domestik erhalten hatte.

"Papa, bat sie ihn, als ich von ihm fortgewiesen wurde! Sie ist gut und mild; ihr Angesicht lügt nicht, wie die Züge so vieler Frauen, welche man innerlich ganz anders findet, als das Äußere es verspricht. Ihr Auge ist rein und wahr wie das Kristall der Quelle, welche das kleinste Sandkorn des Bodens erblicken läßt. Almah, sei Du das köstliche Ziel, nach welchem ich strebe, und wenn es mir beschieden ist, es zu erreichen, so will ich vom Geschicke nichts mehr verlangen, als nur die Kraft, mir Deine Liebe für immer erhalten zu können!" Er öffnete das Medaillon und drückte das Bild der heimlich Geliebten an seine Lippen. Dann stellte er sich sinnend an das Fenster.

"Was mag es sein, was den berühmten Admiral nach Tremona führt? Und wie kam der Vater mit ihm zusammen? Es ist ein eigenthümlicher Brief, welchen er mir schreibt!" Er öffnete ein Kästchen und entnahm demselben einen Bogen, welchen er entfaltete und las: "Mein lieber Junge!

Ich erfuhr in Deinem letzten Briefe, daß Du Urlaub bekommst und nach Tremona gehen wirst. Das gönne ich Dir von ganzem Herzen und wünsche, ich könnte bei Dir sein. Da dies aber nicht der Fall sein kann, so sende ich Dir einen Stellvertreter, nämlich keinen Anderen, als den berühmten Seehelden Nurwan Pascha, welcher eine Kleinigkeit mit der Süderländischen Regierung zu reguliren hat und mich frug, ob es in Tremona ein anständiges

Logement gebe, wo er einige Zeit lang ungestört seinen Neigungen leben könne. Ich erzählte ihm von Dir und Schloß Sternburg und erhielt von ihm die Erlaubniß, ihn Deiner Gastfreundschaft empfehlen zu dürfen. Er wird einige Tage nach dem gegenwärtigen Briefe bei Dir anlangen, und ich bin überzeugt, daß Ihr beiden Seethiere bald Wohlgefallen an einander finden werdet. Sorge besonders dafür, daß er sich frei und ohne von zudringlicher Neugierde belästigt zu sein, bewegen kann!

Allem Anscheine nach bereitet sich zwischen Norland und Süderland ein Bruch vor, dessen Länge und Breite jetzt unmöglich abzumessen ist, und ich habe eine kleine Ahnung, daß der Besuch des Pascha in Tremona mit diesem Umstande in enge Verbindung zu bringen sei. Mir scheint, es fehle Süderland im Falle eines Krieges an einem tüchtigen Seemanne, vielleicht -doch soll diese Bemerkung keineswegs eine Mahnung enthalten, den Pascha unter Deine Aufsicht zu nehmen. Er ist eine vollständig undurchdringliche Persönlichkeit, und neben seiner hohen seemännischen Charge ein gewandter Diplomat, dem man nicht gern eine unangenehme Deklination einflößen möchte. So soll ihm noch vor ganz Kurzem beim Vizekönige von Egypten eine Mission gelungen sein, an deren Schwierigkeit die Bemühungen seiner Vorgänger gründlich scheiterten. Nimm ihn auf wie mich selbst - ... propos, er hat eine Tochter, welche er, - ich sage Dir einstweilen nur so viel, daß ich sie heirathen werde, wenn Du kein Mittel findest, dies zu verhindern. Leider wird er sie wohl nicht mitbringen; sie ist in echt orientalischer Abgeschlossenheit erzogen worden, und so scheint es wahrscheinlich, daß er sie nicht dem bewegten Leben einer großen Hafenstadt aussetzen werde.

Vielleicht ist es mir möglich, noch vor Ablauf Deines Urlaubes Dich in Tremona zu überraschen. Bis dahin sei gegrüßt von Deinem treuen Vater.

Ist es Dir noch nicht gelungen, eine Spur von der Zigeunerin Zarba aufzufinden? Ich würde Vieles darum geben, ihr einige Fragen vorlegen zu können. Der Obige." Noch war er mit dem Zusammenfalten dieses Briefes beschäftigt, so klopfte es und die Kastellanin trat ein.

"Darf ich das Frühstück serviren, Durchlaucht? Mein lieber junger Herr sind die ganze lange Nacht hindurch zu Pferde gewesen und haben während dieser Zeit wohl kaum etwas Ordentliches genossen!"

(\74\)B "Ja, ich habe Hunger, meine liebe Mutter Horn. Zeigen Sie einmal, was Sie mir bringen!"

"Ich bringe immer nur, was Sie gern haben, Durchlaucht. Und wissen Sie, wer es geschnitten und auf den Teller arrangirt hat?" "Natürlich Sie."

"O nein, Fräulein Almah ist es gewesen."

"Die Türkin? Die wird doch das Frühstück für ihren Bedienten nicht selbst bereiten! Ich nehme natürlich an, daß sie gewußt hat, für wen es bestimmt ist."

"Sie hat es gewußt und dennoch die kleinen Händchen nicht geschont. "Er ist während der ganzen Nacht zu Pferde gewesen und von Papa dafür gar noch ausgescholten worden," hat sie gesagt; "ich muß dafür sorgen, daß er nicht hungert." Übrigens ist sie gar keine Türkin, sondern eine Christin." "Ah! Ist dies wahr?"

"Sie hat es mir selbst gesagt; und auch ihr Vater ist ein Christ. Er hat sie auf einer einsamen Insel erzogen, und wenn er fort gewesen ist, so hat sie sich mit zwei Heiden und einer alten Dienerin allein befunden." "Welche Insel ist das gewesen?"

"Das weiß ich nicht, aber wenn Sie es wissen wollen, so werde ich sie einmal fragen. O, sie sagt mir Alles; sie ist die echte reine Liebe. Durchlaucht, wenn ich ein Mann wäre, die müßte meine Frau werden! Sie ist so schön wie die Sonne, und so gut wie keine Andre mehr. Wenn ich daran denke, daß sie einmal beinahe ertrunken wäre, so zittre ich vor Angst!"

"Ertrunken?"

"Ja, ertrunken. Das ist da drüben gewesen in - na da, wo der König Pharao auch ertrunken ist -!"

"In Egypten?"

"Ja, so heißt die Gegend. Da ist sie mit der Frau vom Könige einmal des Abends auf dem

Wasser spazieren gefahren und dabei aus dem Kahn gefallen. Herr Jesses, wie leicht konnte sie da verloren sein. Aber da ist ein Fremder gewesen, der hat sie noch erfaßt und ist mit ihr an das Land geschwommen."

"Wer war es?"

"Das weiß ich nicht."

"Aber sie weiß es?"

"Auch nicht. Er hat der Königin seine Karte gegeben, und die hat sie wieder verloren." "Ah, wessen Karte man verliert, an Dem ist Einem nicht viel gelegen." "Das mag wahr sein, hier aber ist es sicherlich anders; denn Almah kann ihr Herzeleid darüber, daß sie ihrem Retter nicht einmal danken kann, gar nicht beschreiben." "Vielleicht findet sie ihn noch!"

"Das ist möglich, denn sie weiß wenigstens so viel, daß er Korvettenkapitän gewesen ist. Vielleicht könnten Durchlaucht ihn ausfindig machen, da es ein Kamerad ist; aber Sie dürfen leider wegen dem Inkognito nicht mit ihr darüber sprechen. Herr Jesses, wäre das schön, wenn das Inkognito nicht wäre!" "Warum?"

"Weil dann zwei gute, liebe Menschen mit einander verkehren könnten, wie es sich für sie schickt und gehört. Adieu, Durchlaucht; nun muß ich fort, denn es gilt, an das Diner zu denken!"

Der Kapitän lächelte still vor sich hin. Auch ihm kam es so vor, daß es weit schöner wäre, wenn er sich ihr in seiner wahren Eigenschaft zeigen könne, doch leider schien es ihm nicht gerathen, den Pascha durch das Geständniß der Wahrheit in Verlegenheit zu bringen. (\75\)A Aus diesem Grunde besorgte er einige Aufträge desselben im Laufe des Vormittags mit dienstlicher Treue, und war eben in das Schloß zurückgekehrt, als er, die Höhe herniederblickend, eine Lohnequipage bemerkte, welche sich dem Schlosse zu emporbewegte. Sie war offen, und er konnte deutlich die Gestalt erkennen, welche, in einen Militärüberrock gehüllt, in stolz-nachlässiger Haltung im Fonde saß.

"Prinz Hugo! Ah, als Abgesandter seines Vaters, jedenfalls in Folge der von mir überbrachten Depesche!"

Sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an. "Heute wird er nicht die Lieutenantsuniform tragen, und - ah, wenn er Almah erblickt, so wird er Feuer und Flamme sein. Einem Charakter von seiner Rücksichtslosigkeit ist es zuzutrauen, daß er die Heiligkeit des Gastrechtes und die Eigenschaften ihres Vaters vergißt. Doch dann wehe ihm; ich werde über sie wachen!" Er sorgte dafür, daß ihn der Prinz nicht sofort zu sehen bekam, und dies fiel ihm nicht schwer, da zur persönlichen Bedienung des Pascha einer der arabischen Matrosen von der Yacht gerufen worden war, und er nur die Aufgabe zu haben schien, die Verbindung mit der Außenwelt zu unterhalten.

Als er nach einiger Zeit in sein Zimmer zurückkehrte und dabei an der Küche vorübergehen mußte, stand die Thüre derselben um eine Lücke offen und er vernahm die Stimme Almahs. Unwillkürlich blieb er stehen. "Er ist kein Prinz!"

"Kein Prinz?" frug die erstaunte Stimme der Kastellanin. "Wie so?"

"Von Geburt mag er es wohl sein, aber nicht von Gesinnung. Einen Prinzen habe ich mir anders vorgestellt." "Wie denn ungefähr?"

"Wie - wie - nicht wie diesen Mann, dessen Augen beleidigen und dessen Höflichkeiten kränken, sondern wie - wie - nun -" lachte sie - "fast so stolz, ehrlich und gut wie den Matrosen, den Papa gestern gemiethet hat. Papa sagt auch, daß er gar nicht wie ein Vordeckmann aussehe und der Sohn sehr anständiger Eltern sein müsse. Ich möchte gar nicht wieder hinauf zu Papa, wenn ich nicht ihm und dem Gaste die Honneurs der Tafel zu machen hätte, wie sich der Prinz ausdrückt."

(\75\)B "Ja, ein guter Herr ist er nicht, dieser Prinz Hugo, meinte die Kastellanin; "man darf es natürlich nur nicht öffentlich sagen. Er wird im ganzen Lande nicht anders genannt, als der "tolle Prinz," und besonders müssen sich die jungen Damen hüten, ihm zu begegnen." "Sie ist gewarnt," dachte Arthur und trat in sein Zimmer.

Als er nach eingenommenem Mittagsmahle hinaustrat und einen Blick hinunter nach der Stadt warf, sah er einen Mann emporsteigen, welcher zuweilen halten blieb und das Schloß wie einer beobachtete, welcher sich noch nicht vollständig klar ist über die besten Schritte zur Erreichung eines vorgesteckten Zieles. Er bleib zuweilen einige Augenblicke sinnend stehen und schritt dann wieder eine Strecke empor, um von Neuem sinnend innezuhalten. Endlich erreichte er doch das Thor und sah sich hier Arthur gegenüber.

"Friede sei mit Dir, mein Sohn!" grüßte er salbungsvoll, das weiße Leinentuch aus der Tasche des langen Schoßrockes nehmend, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen. "Wer wohnt in diesem schönen Hause?"

"Es gehört dem Fürsten von Sternburg."

"Ist der Fürst zu sprechen?"

"Er ist nicht hier."

"Wer vertritt ihn hier?"

"Sein Sohn, Prinz Arthur."

"Prinz Arthur, der Norländische Seekapitän? Ist er daheim?" "Warum?"

"Warum? Mein Sohn, ich bin ein Diener am großen Weinberge Christi; was ich thue und was ich frage, das thue und frage ich auf Geheiß des göttlichen Geistes, dessen Eingebung nicht Jedermann erfahren darf. Ist der Prinz daheim?"

"Warum? frage ich nochmals, denn auch ich bin ein Diener und gehorche meinem Herrn. Auf meine Auskunft kommt es an, ob er daheim ist oder nicht." "Mein Sohn, ich habe mit einem Gaste des Prinzen zu sprechen." "Wer ist dieser Gast?"

"Ein Türke, ein Ungläubiger, dessen Seele ich retten will vor dem ewigen Verderben. Ist der Prinz daheim?"

"Jetzt ist er nicht im Schlosse anwesend; er wird Euch also in Euren frommen Bemühungen nicht stören, ehrwürdiger Vater. (\76\)A Geht durch das Portal und eine Treppe empor, so werdet Ihr einen Diener finden, welcher Euch anmelden kann!" "Ich danke Dir, mein Sohn. Nimm meinen väterlichen Segen!" Er schritt nach dem Portale zu, in welchem er verschwand.

"Ein Jesuit. Die frommen Väter werden hier im Lande geduldet; mir sind sie ein Gräuel! Bekehrungsversuch? Pah! Jedenfalls ist es eine ganz andere Absicht, die ihn zum Pascha treibt."

Er blieb am Thore halten, um die Rückkehr des Mannes zu erwarten. Es dauerte gar nicht lange, so sah er ihn kommen.

"Mein Sohn, ich muß Dir zürnen!" klang ein Vorwurf zwischen den schmalen, bleichen Lippen der hagern Gestalt hervor.

"Weshalb?"

"Der Ungläubige war nicht allein; er hatte einen hohen Offizier bei sich, dessen Anwesenheit ihn verhinderte, meinen Worten Gehör zu schenken. Warum hast Du mir nicht gesagt, daß er keine Zeit habe?"

"Weil Ihr mich nicht darnach gefragt habt. Adieu!"

Er wandte sich indignirt ab und ging nach dem Garten. Er wandte sich, um seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können nach dem hintersten Theile desselben, und war kaum dort angelangt, so vernahm er seitwärts ein Geräusch, welches ihn emporblicken ließ. Auf der hohen Mauer ritt ein Mann, welcher ihm grüßend zunickte und dann mit einem Sprunge vor ihm stand.

"Was willst Du? Wer hat Dir erlaubt, auf eine so ungewöhnliche Weise hier Zutritt zu nehmen?"

"Zarba!"

Der Mann sprach nur dies eine Wort aus; aber es hatte eine sehr in die Augen fallende Wirkung.

"Zarba?" rief Arthur. "Kennst Du sie? Wo ist sie? Schickt sie vielleicht Dich hierher?" Der Mann lächelte. Er war beinahe in Lumpen gekleidet, und sein Gesicht, der lang herabhängende Schnurrbart und die nackten, schmutzigen Füße ließen in ihm einen Zigeuner erkennen.

"Zu Euch, dem Prinzen nicht!" antwortete er. "Du kennst mich?"

"Ich kenne Euch und liebe Euch, denn Ihr seid ein Freund von meiner Herrin, welche mächtig und groß ist unter dem Volke der Weissagung." "Wer ist Deine Herrin?" "Zarba."

"Und sie sendet Dich nicht zu mir?" "Nein."

"Aber Du kommst doch nach Schloß Sternburg. Was sollst Du hier?"

"Es ist ein großer Mann hier anwesend, welcher aus dem Morgenlande stammt und vom Fürsten geschickt wurde?"

"Ja," antwortete Arthur erstaunt. "Wer hat Dir davon erzählt?" "Zarba weiß Alles. Ich muß mit diesem Manne sprechen." "Was?"

"Nichts. Ich habe ihm nur ein Schreiben zu geben."

"Er ist jetzt nicht allein; er hat Besuch. Du mußt also warten!"

"Ich kann nicht warten. Wollt Ihr dieses Papier ihm übergeben?"

"Ja."

"Ich komme wieder, um mir die Antwort zu holen." Er wandte sich wieder nach der Mauer.

"Halt!" gebot Arthur. "Du wirst mir einige Fragen beantworten, ehe Du von hier gehst!"

"Welche?"

"Wo ist Zarba?"

"Das darf ich nicht sagen."

"Und wenn ich Dich zwinge?"

"Der Zigeuner ist frei. Ihn zwingt Niemand. Und wenn ihn die Gewalt besiegt, so stirbt er, aber sein Mund schweigt."

"Aber wenn ich Dich bitte?"

"Dann werde ich Euch Auskunft geben."

"Nun?"

"Zarba wußte, daß Ihr nach ihr fragen würdet, und gebot mir, Euch zu sagen, daß ihr Geist stets neben Euch wandelt, ihr Auge alles sieht, was Ihr thut und ihrem Ohre kein Laut Eures Mundes entgeht. Sie muß verborgen bleiben noch eine kleine Weile; ist aber die Zeit gekommen, so wird sie erscheinen, auch ohne daß Ihr sie ruft." "Ist sie weit von hier?" "Ich sagte, daß mein Mund schweigen und mein Fuß eilen (\76\)B muß. Ich habe den Mann zu verfolgen, welcher mit Euch draußen am Thore sprach." "Wer ist er?"

"Eine Viper, welche Euch sticht, sobald Ihr sie berührt. Seid gegrüßt von Zarba, der Königin ihres Volkes, und lebt wohl!"

Einen nahe an der Mauer stehenden Baum benutzend, kletterte er auf dieselbe empor und war in der nächsten Minute auf der andern Seite verschwunden.

Arthur hielt das kleine, zusammengefaltete und mit einem höchst eigenthümlichen Siegel versehene Billet in der Hand. Jetzt hatte er Gelegenheit gehabt, den Wunsch des Vaters zu befolgen und sich über Zarba vollständige Gewißheit zu verschaffen, doch war ihm der Bote mit der Glattheit eines Aals entschlüpft. Aber er mußte ja wiederkommen, um sich die Antwort zu holen, und dann gab es vielleicht Gelegenheit, die jetzt erfolglose Erkundigung mit besserer Wirkung zu erneuern.

Er schritt langsam wieder dem Schlosse zu, da hörte er leichte Schritte, welche ihm entgegenkamen, und blieb halten. Es war Almah. Der Weg hier war schmal und wurde zu beiden Seiten von Buschwerk begrenzt. Er machte Miene, sich in das Letztere einzudrücken, um den Weg freizugeben, sie aber hielt ihn mit einer Bewegung ihrer Hand davon ab. "Bill - nicht wahr, so heißest Du -?" "Ja."

"Papa hat Dir wehe gethan. Sei ihm nicht gram dafür!"

Er blickte ihr in die Augen, und dann mußte er die seinigen schließen, denn er fühlte, welche Gluth seinem Herzen entstieg, um sich in den Blick zu drängen. "Almah - nicht wahr, so heißen Sie?" "Ja."

"Und wissen Sie, was dieses Wort bedeutet?" "Nein."

"Almah heißt Seele, und - ohne Seele gibt es kein Leben, gibt es nur Tod. Erhalten Sie dem das Leben, welcher ohne Sie sterben müßte!"

Er theilte das Gebüsch mit den Armen und zwängte sich hindurch. Er fühlte, daß er zuviel gesagt habe, aber bei dem Anblick dieses herrlichen Geschöpfes hatte sich die Liebe in ihm aufgebäumt, so daß ihm die Worte wider Willen und gegen alle Absicht entfahren waren. Er suchte den verlassenen Pfad wieder zu gewinnen und war dann auf demselben noch nicht weit fortgeschritten, so vernahm er abermals ein nahendes Geräusch. Er bog um eine Ecke und wäre fast mit Prinz Hugo zusammengestoßen. Dieser erkannte ihn sofort und blieb überrascht stehen. Er trug Generalsuniform und schien im Begriffe zu stehen, Jemand zu suchen.

"Halt! Treffe ich Dich hier, Bursche?" meinte er mit einem stechenden, verächtlichen Blicke. "Hast Du den "Jungen" an der Schloßwache vergessen? Hier, nimm ein Souvenir daran!" Er holte aus, um Arthur einen Schlag in das Gesicht zu versetzen, dieser aber erhob einfach den Fuß und versetzte ihm einen solchen Tritt in die Gegend des Magens, daß er nach hinten zwischen die Sträucher stürzte.

"Behalte mit dem "Jungen" auch das Souvenir. Nur ein Schurke nimmt etwas von Dir an!" Mit diesen Worten wandte er sich ruhig vorwärts. Er erwartete, daß der Gegner ihm sofort folgen werde, da er aber nicht das geringste Zeichen davon bemerkte, so blieb er nach kurzer Zeit stehen.

"Er ist mit dem Pascha fertig und hat bemerkt, daß Almah in den Garten ging. Jetzt folgt er ihr und wird es vorziehen, sie statt meiner aufzusuchen. Soll ich ihm folgen? Ja, denn in seiner Nähe vermag sie nur ein starker, schlagfertiger Arm vor Beleidigungen zu schützen!" Er schritt noch eine kurze Strecke vorwärts und bog in einen zweiten Weg ein, welcher ebenfalls nach der Gegend des Gartens führte, in welcher die beiden zu vermuthen waren. Lange blieb er ohne das geringste Zeichen, daß sie sich getroffen hatten und noch anwesend seien, endlich aber vernahm er zwei Stimmen und schritt leise der Gegend zu, in welcher dieselben ertönten.

Gerade an dem Orte, an welchem er mit dem Zigeuner gesprochen hatte, stand Almah und vor ihr der tolle Prinz, welcher vor der Begegnung mit ihr, jedenfalls die Spuren entfernt hatte, welche seine Uniform von der Begegnung mit Arthur davongetragen hatte. Man sah es dem Mädchen an, daß sie sich ihm gegenüber in Verlegenheit befand. Ihre Wangen waren geröthet, und ihr Blick irrte suchend über die Umgebung, als ob sie nach einer Gelegenheit spähe, dem ihr lästigen Gespräche zu entgehen.

"Ich wiederhole, daß Ihr Vater der schönste Mann ist, welcher (\77\)A meinem Blicke begegnete. Und Ihre Mutter, Fräulein, muß alle Reize in sich vereinigt haben, welche dem Weibe gegeben sind, um sich den Mann unterthänig zu machen." "Ich kenne nur Papa. Mutter starb, als ich noch ein Kind war," antwortete sie verlegen. "Kein Wunder," fuhr der Prinz fort, ohne auf ihre Worte zu achten, "daß ich in Ihnen die herrlichste aller Frauen vor mir sehe. Fräulein, sie haben keine Ahnung von der Gewalt, mit welcher Ihr Anblick Jeden packt, welcher in Ihre Nähe kommt - - -" Er erfaßte ihre Hand, die sie ihm aber zu entziehen suchte.

"O, lassen Sie mir dieses kleine süße Händchen! Ich muß es küssen; ich muß meinen Arm um diese unvergleichliche Taille legen, muß dieses bezaubernde Köpfchen an mein Herz ziehen, um diese Lippen - - -" "Prinz," rief sie, "lassen Sie mich!"

"Dich lassen?" antwortete er, die sich mit aller Macht Sträubende fest an sich ziehend. "Das wäre das unverzeihlichste Verbrechen gegen die Göttlichkeit des Schönen. Nein, festhalten werde ich Dich, Du Entzückende, um von Deinen Lippen Wonne und Seligkeit zu trinken!" Sie wandte alle ihr zu Gebot stehende Kraft an, sich aus seiner Umarmung zu befreien, vergebens.

"Lassen Sie mich, Prinz, sonst rufe ich um Hülfe!"

"Rufe, mein Herz,; es wird Dich hier Niemand hören!" antwortete er, sich mit seinem Munde ihren Lippen nahend.

"Sie braucht nicht zu rufen, denn sie ist bereits gehört worden," ertönte eine feste, ruhige Stimme, und der Matrose stand vor ihm. "Lassen Sie meine Herrin los, Prinz!" "Ah, Du bist es?" erklang es knirschend. "Schön, ich werde sogleich mit Dir abrechnen, vorher aber muß ich diese Lippen - - -"

Er kam nicht zum Kusse, denn Arthur packte ihn, so daß er die Arme von Almah lassen mußte, und schleuderte ihn mit solcher Wucht an die Mauer, daß er zusammenknickte. Dennoch aber raffte sich der Prinz schnell wieder empor und zog den Degen. "Hund, das wagst Du! So stirb!"

Arthur faßte ihn bei der Faust und entriß ihm den Degen.

"Sterben, nicht wahr, wie gestern Karl Goldschmidt, Dein Opfer? Du bist ein ehrloser Schurke, und ich werde Dich als solchen kennzeichnen, damit fortan die Unschuld vor Dir sicher sei!"

Er entriß ihm den Degen, zertrat denselben mit dem Fuße und schleuderte ihm das Gefäß mit solcher Kraft in das Gesicht, daß ein rother Blutstrahl aufspritzte. Vor Wuth und Schmerz laut heulend, stürzte sich der Getroffene auf ihn, fühlte sich aber sofort mit unwiderstehlicher Kraft gepackt und zu Boden geworfen. Dann riß der starke Seemann eine Ruthe vom nächsten Busche und zog ihm dieselbe wiederholt über das Angesicht.

"So, an diesem Zeichen soll man Dich erkennen, und der gestrige Tag soll der letzte sein, an dem es Dir gelingt, ein Mädchen zu bethören!"

Ein mächtiger Faustschlag vollendete den Sieg; der Prinz lag entehrt und besinnungslos am Boden. Als sich Arthur erhob war Almah entflohen.

Zehntes Kapitel. Vor Jahren.

Früher stieg der dichte Wald viel weiter von den Bergen herab als jetzt, und erstreckte einen seiner Ausläufer sogar bis auf einige Meilen von der Hauptstadt hernieder. Eine weit in diese Forstzunge eindringende Umfriedung schloß ein Wildgehege ab, in welches einzudringen Jedermann außer dem Forstpersonale verboten war. Dennoch befanden sich eines Tages (\78\)B innerhalb der Umzäunung Personen, deren Habitus man sehr leicht ansehen konnte, daß sie weder zu diesem Personale noch zu sonst irgend welchen Berechtigten zählten. Zwischen zwei hohen Eichen, die wohl an die tausend Jahre zählen mochten und ihre stammesdicken Äste weit in die Luft hinausstreckten, stand ein altersschwacher vierrädriger Karren. Der Gaul, welcher ihn gezogen haben mochte, weidete im hohen Grase, dessen saftige Stengel zwischen Moos und allerlei Grün hervorragten. Am Stamme des einen Baumes loderte ein helles Feuer, an welchem, (\79\)A über zwei Astgabeln gelegt, ein Rehrücken briet, den ein kaum zehnjähriger Junge mit einer Miene drehte, die ebensoviel Kennerschaft wie inneres Behagen ausdrückte.

Der Knabe war nur halb bekleidet, und ebenso mangelhaft oder defekt zeigte sich die Umhüllung der andern Personen, welche in mancherlei Stellungen um das Feuer saßen oder lagen, um der Zubereitung des leckern Bratens zuzuschauen. Sie alle zeigten jene unverkennbaren Züge, welche der Physiognomie des Zigeuners eigenthümlich sind, schienen jedoch trotz ihres mehr als anspruchslosen Äußeren nicht jenen nomadisirenden Horden anzugehören, welche Raub und Diebstahl als ihr eigentliches und einträglichstes Gewerbe betreiben.

Auf dem Wagen saß auf einigen alten Betten - gewiß ein sehr ungewöhnlicher Luxus bei einer fahrenden Zigeunerbande - eine uralt scheinende Frau, jedenfalls die Vajdzina, und war beschäftigt, aus einigen verschlossenen und farblosen Fetzen irgend ein Kleidungsstück herzustellen, dessen Art und Zweck jedoch nicht zu erkennen war. Auf der Deichselgabel ruhte der Vajdzina, bald einen Blick auf die Alte werfend, bald die immer dunkler werdende Farbe des Rehrückens musternd und dabei aus einem kurzen Pfeifenstummel den Rauch eines Krautes ziehend, dessen Geruch eine Verwandtschaft mit der Kartoffel als sehr wahrscheinlich erscheinen ließ. Auch die Zigeunermutter rauchte, aber der Geruch ihres Tabaks war ein anderer. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß der feinste Kenner das Aroma dieser Sorte bewundert hätte.

Bei der Stille, welche ringsum herrschte, waren ferne Laute zu vernehmen, welche als gedämpfter Schall eines Gespräches durch die Büsche drangen und von zwei Personen herrührten, die sich von der Gesellschaft zurückgezogen hatten und einige hundert Schritte vom Wagen entfernt einander sich gegenüber befanden. Die eine von ihnen war ein Mädchen.

Sie mochte kaum siebzehn Jahre zählen, aber ihre Formen waren beinahe diejenigen eines vollendeten Weibes, schwellend und üppig und doch dabei so fein und zart, als hätte eine einzige Stunde einem kindlichen Körper die Vollkommenheiten der entwickelten Jungfrau verliehen. Ihr kleines Köpfchen vermochte kaum die Fülle des reichen Haares zu tragen, welches ihr in einem langen, dichten, blau schwarz schimmernden Strome über den Nacken herniederfloß; die ideale Stirn, etwas egyptisch vorstehend, das feine, kleine Näschen mit den leicht beweglichen, trotz der dunklen Gesichtsfarbe rosa angehauchten Nasenflügeln, der schwellende, kleine Mund, zwischen dessen Lippen zuweilen zwei Reihen blendender schmaler Zähnchen zu bemerken waren, das mit einem liebenswürdigen Grübchen versehene Kinn, alle diese Einzelheiten gaben ihrem Antlitze einen Ausdruck, welcher den Kenner weiblicher Schönheit entzücken mußte. Vor Allem aber war das Auge bewundernswerth. Aus der orientalisch-mandelförmig geschlitzten Öffnung desselben strahlte unter den langen Lidern und seidenen Wimpern der tiefschwarze Stern eine Gluth hervor, welche aus geheimnißvollen, unbewußten Tiefen zu kommen schien, eingehüllt vom Schleier jungfräulicher Ahnungslosigkeit, und doch zuweilen auf einen Augenblick so mächtig und unwiderstehlich hervorbrechend, daß sie sicher Jeden traf, der sein Herz diesem Blicke unbewacht entgegenstellte. Sie saß in halb nachlässiger, halb stolzer Haltung im Moose. Ihre Kleidung war bei weitem besser und vollständiger, als die der Anderen, und es ließ sich leicht bemerken, daß auf dieselbe diejenige Sorgfalt verwendet wurde, welche auch unter den mißlichsten Umständen jedes weibliche Wesen für ihr Äußeres besitzt. Die andere Person war ein Jüngling.

Er hatte sich mit dem Rücken an einen nahen Baum gelehnt und die Arme über der Brust in einander geschlungen. Leute, welche gern oder auch unbewußt eine solche Stellung einzunehmen pflegen, besitzen gewöhnlich eine bedeutende Entwicklung derjenigen Eigenthümlichkeiten, deren Gesammtheit man mit dem Worte Charakter bezeichnet. Ein aufmerksamer Beobachter hätte sich vielleicht über die Farbe seiner Haut verwundert. Sie war weder weiß, wie dies bei dem Kaukasier zu sein pflegt, noch hatte sie diejenige Bräune, welche den Zigeuner kennzeichnet; eher hätte man sie grau nennen können, grau, vermischt mit demjenigen Braun, welches von Wind und Wetter und den Einwirkungen der Sonne herrührt. Er trug ein Paar kurze, weite Hosen, welche sicher für andere Körperverhältnisse gefertigt worden waren; zwischen ihnen und der Jacke, welche vielfach zerrissen war und für einen weit jüngeren Menschen gefertigt zu sein schien, blickte ein schmutziges Hemd hervor; den Kopf bedeckte eine Mütze, welche ihr Schild verloren hatte; die Füße waren nackt und durch die Ärmel der Jacke blickte stellenweise ebenso nackt der muskulöse Arm. Durch eines dieser Löcher blickte in tiefem Schwarzroth eine wunderbare Zeichnung, welche gleich einer Tätowierung der eigenthümlich gefärbten Haut eingeprägt (\79\)B war. Sie stellte ein Wappen vor, dessen einzelne Züge allerdings so ausgezogen und ausgedehnt erschienen, daß das Ganze einen gewissen Grad von Undeutlichkeit besaß und es sehr anzunehmen war, daß die Tätowierung bereits vor längeren Jahren angebracht worden sei. Sein Haar besaß eine tiefschwarze Farbe; ein aufmerksamer Beobachter hätte aber doch vielleicht bemerkt, daß es an den Wurzeln einen bedeutend lichteren Ton zeigte und die Haut unter ihm so rein und weiß war, wie man sie vorzugsweise bei blonden Leuten beobachtet. Das Gesicht hatte unbedingt ein nordisches Gepräge. Die ungewöhnlich hohe und breite Stirn, das offene, blaugraue Auge, die geradegeschnittene Nase, das längliche, regelmäßige Oval des Gesichtes deuteten nicht auf eine indische oder egyptische Abstammung hin, und so kam es, daß der Jüngling in seinem gegenwärtigen Habitus einen beinahe befremdenden Eindruck hervorbrachte, welcher unterstützt wurde durch die Ruhe und Sicherheit seiner Haltung und Bewegungen, welche bedeutend abstach gegen das Rastlose und Unstäte, welches den Zigeuner zu aller Zeit gekennzeichnet hat.

Trotz dieser äußeren Ruhe schien er sich in einer innern geistigen Erregung zu befinden. Seine Züge glänzten, sein Auge leuchtete ekstatisch, und der Blick desselben schien in weite, weite Fernen gerichtet und Gestalten zu schauen, deren Anblick dem gewöhnlichen Sterblichen versagt ist. Das Gesicht des Mädchens nahm den Ausdruck der Bewunderung an, als sie in anerkennendem Tone ausrief:

"Katombo, Dir ist ein Geist gegeben, der größer und mächtiger ist, als die Gabe der Weissagung. Soll ich Dir noch eine Aufgabe ertheilen?" "Thue es , Zarba!" antwortete er.

"Weißt Du, wo Bhowannie, die Göttin der Gitani, wohnt?" "Auf Nossindambo, welches vom Volke der Christen Madagaskar genannt wird." "Richtig! Hoch droben im Ambohitsmenegebirge steht ihr Thron, und tief unter den Bergen von Befour schläft sie des Tages, um erst beim Beginn des Abends zu erscheinen. Kannst Du Dir denken, wie sie aussieht? An stillen Abenden glänzt ihr Haupt in den Sternen, und mit lieblichem Lächeln badet sie die schimmernden Füße in den wogenden Fluthen des Meeres, bis der Tag erscheint, vor dessen Kusse sie nach Westen flieht. Kannst Du das beschreiben in der Sprache, welche die Dichter reden?"

Er nickte selbstbewußt. "Ich kann es." "So thue es!"

"Nun denn, wenn Du meinem Kusse nicht entfliehst, wie sie der Umarmung des Tages!"

"Du darfst mich küssen, Katombo, denn Du bist mein Bruder."

"Dein Bruder? Ich will den Kuß der Liebe, aber nicht den Kuß einer Schwester!"

Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann meinte sie:

"Du sollst ihn haben. Jetzt aber beginne!"

Er blickte träumerisch vor sich hin; dann erhoben sich seine Arme zur Gestikulation, und ohne Pause oder Unterbrechung strömten ihm die Verse von den Lippen:

"Wenn um die Berge von Befour Des Abends erste Schatten wallen, Dann tritt die Mutter der Natur Hervor aus unterird'schen Hallen, Und ihres Diadems Azur Erglänzt von funkelnden Kristallen.

In ihren dunklen Locken blühn Der Erde düftereiche Lieder; Aus ungemess'nen Fernen glühn Des Kreuzes Funken auf sie nieder, Und traumbewegte Wogen sprühn Der Sterne goldne Opfer wieder.

Doch bricht der junge Tag heran, Die Tausendäugige zu finden, Läßt sie ihr leuchtendes Gespann Sich durch purpurne Thore winden, Sein Angesicht zu schaun, und dann Im fernen Westen zu verschwinden."

Das Mädchen war seinen Worten mit der Miene einer Kunstkennerin gefolgt. Sie neigte jetzt langsam den Kopf und meinte:

"Die Christen haben viele Dichter, aber Keiner von ihnen allen besitzt den schnellen, glänzenden Geist, der in Dir wohnt, Katombo." (\80\)A Er lächelte matt.

"Mein Volk rühmt und preist mich als seinen besten Dichter, Zarba, aber ich gebe allen Ruhm und allen Preis hin für einen freundlichen Blick und für ein gutes Wort von Dir. Ich nehme mir jetzt meinen Kuß!"

Er that einen Schritt auf sie zu, sie aber wehrte ihn mit einer schnellen Bewegung ihres Armes ab.

"Warte noch, denn Du bist nicht zu Ende!" "Ich bin fertig!"

"Nein, denn Du hast Bhowannie geschildert blos wie sie erscheint an stillen, milden Abenden. Aber wenn sie ihrem Volke grollt, dann erblickst Du sie ganz anders. Der Himmel bedeckt sich mit Wolken; die Wogen stürzen sich mit -"

"Halt!" gebot er ihr. "Ich will nur Deinen Kuß, nicht aber Deine Unterweisung. Höre mich weiter, dann aber bin ich zu Ende und nehme mir meinen Lohn. Es ist dieselbe Göttin, darum sollen meine Worte auch dasselbe Gewand und denselben Vers besitzen." Er besann sich kaum einige Sekunden lang, ehe er begann:

"Wenn um die Berge von Befour Des Abends dunkle Schatten wallen, Dann tritt die Mutter der Natur Hervor aus unterird'schen Hallen Und läßt auf die versengte Flur Des Thaues stille Perlen fallen.

Des Himmels Seraph flieht, verhüllt Von Wolken, die sich rastlos jagen; Die Erde läßt, von Schmerz erfüllt, Den Blumen bitt're Thränen tragen, Und um verborg'ne Klippen brüllt Die Brandung ihre wilden Klagen.

Da bricht des Morgens glühend Herz, Er läßt den jungen Tag erscheinen; Der küßt den diamant'nen Schmerz Von tropfenden Karfunkelsteinen Und trägt ihn liebend himmelwärts, Im Äther dort sich auszuweinen."

Er hatte geendet und ließ nun sein Auge forschend auf dem Antlitze des Mädchens ruhen. Sie blickte vor sich nieder, und die langen Wimpern verhüllten den Ausdruck dessen, was sie jetzt empfinden und denken mochte. "Zarba!"

"Katombo!" "Meinen Kuß!" "Schenke ihn mir!"

"Sie erhob die Lider, und ihr Blick suchte halb kalt halb mitleidig den seinigen.

"Warum?"

"Was nützt er Dir?"

"Was er mir nützt? Was nützt dem Auge das Licht, dem Munde die Speise, dem Herzen das Blut? Soll das Auge erblinden, der Mund verstummen und das Herz brechen und sterben, weil sie nicht haben dürfen, was ihnen Leben gibt?" "Stirbst Du ohne meinen Kuß?"

Seine Gestalt richtete sich höher auf und sein Auge flammte.

"Zarba, Du hast mich geliebt, mich allein. Wir sind Verlobte, und bald bist Du mein Weib. Du selbst hast es so gewollt, und die Vajdzina hat unsre Hände in einander gelegt. Wie oft hast Du gesagt, daß Du sterben müßtest ohne mich! Dein Herz hat an dem meinen geschlagen, Deine Lippe auf der meinigen geruht; wir haben zusammen gehungert und zusammen geschwelgt; ich habe Leben und Glück aus Deinem Auge getrunken - ja, ich würde sterben, wenn der Tod Dich mir entriß!" "Ich sterbe nicht."

"Ich war noch nicht zu Ende. Ich würde freudig mit Dir sterben; aber wenn ich Dich anders verlieren sollte, als durch den Tod, so - so - so -" "Nun, so - ?"

"So - so würde ich leben bleiben, denn ich hätte die Aufgabe zu erfüllen, welcher jeder Boinjaare kennt, dem ein Anderer sein Weib oder seine Braut entreißt!" "Und die ist?" "Rache!"

Sie blickte beinahe erstaunt zu ihm empor. Dann flog ein ungläubiges Lächeln über ihre Züge. "Rache? Katombo und Rache? Hat der weiche Katombo jemals einen Wurm zertreten? Hat er ein einziges Mal für die (\80\)B Seinigen das gethan, was die Christen Betrug und Diebstahl nennen? Du hast den Geist des Dichtens, aber Du bist kein Mann. Du sprichst von Boinjaarenrache und mußt jeden Mond Haar und Haut Dir dunkler färben. Bist Du ein Gitano?"

"Was gibt mehr Recht, ein Gitano zu sein: die kurze Stunde der Geburt oder die langen Jahre des Lebens? Der Vajda hat mich im Walde gefunden, und Niemand kennt meine Eltern; aber ich bin bei Euch gewesen allezeit, die Vajdzina nennt mich ihren Sohn, und daher darf ich sagen, daß ich ein Gitano bin. Gieb mir meinen Kuß!" "So nimm ihn Dir!"

Sie sprach diese Worte kalt und gleichgiltig, ohne jede einladende Miene oder Bewegung. Seine Stirn verfinsterte sich; er rang mit dem aufwallenden Zorne, und seine Stimme zitterte leise, als er antwortete:

"Behalte ihn; aber vergiß niemals, daß Deine Lippen mir gehören, sonst müßte ich Dir beweisen, daß ich trotz meiner weißen Haut ein ächter Boinjaare bin!"

Seine Worte klangen wie eine Drohung, doch sein Auge glänzte feucht. Sie sah es, sprang empor und schlug die Arme um seinen Hals.

"Vergib mir!" bat sie, ihn küssend. "Ich habe Dich lieb, Katombo, aber -" Sie stockte. Er legte den Arm um sie, drückte sie innig an sich und frug: "Aber -? Sprich weiter, Zarba!" "Ich kann nicht!" antwortete sie. "Warum nicht?"

Sie sah mit einem Blicke zu ihm empor, in welchem es halb wie Scheu und halb wie Bitte um Vergebung glänzte.

"Du wirst es noch erfahren, Katombo; aber selbst dann noch mußt Du glauben, daß ich Dich immer lieb gehabt habe."

"Ich weiß es; aber seit einigen Tagen ist Dein Herz stumm, Dein Angesicht kalt, und dennoch leuchtet zuweilen Dein Auge wie ein Stern, dem eine Sonne neuen Glanz verliehen hat. Zarba, bleibe mein, damit ich nicht mich selbst mit Dir verliere!

Es lag wie eine große Angst in seinen schönen, ehrlichen Zügen, als er sie jetzt so fest an sich nahm, daß er ihr beinahe wehe that. In diesem Augenblick raschelte es in einem nahen Busche, und eine laute Stimme gebot: "Faß, Tiger!"

Ein riesiger Fanghund schoß hinter dem Strauche hervor und warf sich von hinten auf Katombo.

"Nieder!" erscholl ein zweites Kommando.

Der Hund erfaßte den Zigeuner im Genick und riß diesen zu Boden, ehe er nur an Gegenwehr zu denken vermochte.

"Festhalten!"

Mit diesem Worte trat der Herr des Thieres jetzt herbei. Es war ein junger Mann von nicht viel über dem Alter des Zigeuners; er trug eine Jagdkleidung mit Uniformschnitt und ließ auch ohne dies in seiner ganzen Haltung und Erscheinung den Offizier erkennen.

Zarba war von dem Vorgange tief erschrocken, und dennoch ging eine tiefglühende Röthe

über ihr braunes Angesicht. Der Fremde trat zu ihr und faßte ihre Hand.

"Wer ist der Mensch, der es wagt, Dich zu umarmen?" frug er.

"Katombo."

"Katombo -? Das ist sein Name, und mir nicht genug!" "Er ist - mein - - Bruder," antwortete sie stockend.

"Dein Bruder? Nichts weiter?" frug er, den am Boden Liegenden mit finsterem Auge musternd.

"Nichts weiter!"

"Ah! Umarmt und küßt man einen Bruder in dieser Weise?"

Sie schwieg, sichtlich in tiefer Verlegenheit. Er legte den Arm um sie und zog sie trotz ihres Widerstrebens an sich.

"Wenn er wirklich nur Dein Bruder ist, so mag er auch sehen, was ich thue." Er näherte seine Lippen ihrem Munde, kam aber nicht zum Kusse, denn ein lauter Schrei des Hundes ließ ihn hin nach diesem blicken. Trotz der Gefährlichkeit eines solchen Vorhabens hatte Katombo dem über ihm stehenden Thiere mit einer blitzschnellen Bewegung beide Hände um den Hals geschlagen und ihm die Kehle so zusammengedrückt, daß es machtlos zu Boden sank.

"Mensch, was wagst Du!" rief der Jäger, nach seiner Büchse fassend. "Laß ab vom Hunde, oder ich schieße Dich nieder!"

Katombo lag noch immer am Boden. Er lächelte ruhig.

"Vom Hunde lassen, daß er mich dann zerreißt?" frug er. "Mensch, Du bist außerordentlich klug!"

(\81\)A Mit der Linken den Hund festhaltend, zog er mit der Rechten sein Messer hervor und stieß die Klinge desselben dem Thiere bis an das Heft zwischen die Rippen. "So stirb!" schnaubte der Jäger, das Gewehr zum Schusse erhebend.

Er drückte auch wirklich ab. Der Zigeuner warf sich gedankenschnell zur Seite; die Kugel bohrte sich hart neben seinem Kopf in den Boden. Im Nu sprang er jetzt auf, stürzte sich auf den Gegner, riß diesen nieder und schwang sein Messer über ihm. "Stirb Du jetzt!"

"Der Stoß wäre unbedingt tödtlich gewesen, wenn nicht Zarba den hoch erhobenen Arm gefaßt und mit Aufbietung aller Kraft gehalten hätte. "Thue ihm nichts, Katombo, es ist der Herzog!" "Und wenn er der König wäre! Warum hast Du vorher nicht auch ihm gesagt, daß er mir Nichts thun soll?"

Er versuchte, seinen Arm aus ihren Händen zu befreien, während er mit dem andern den sich bäumenden Gegner fest am Boden hielt. Es gelang ihm, und sicher hätte er seine Drohung wahr gemacht, wenn nicht ein zweites und viel nachhaltigeres Hinderniß eingetreten wäre. "Halt!" erscholl es laut und gebieterisch von der Seite her, nach welcher hin sich das Lager der Zigeuner befand.

Es war die Vajdzina, welche den Schuß gehört hatte und mit den Ihrigen herbeigeeilt war. Sie schlug bei dem Anblicke des zu Boden Gerissenen vor Schreck die Hände zusammen. "Der Herzog! Der hohe, gute, schöne, blanke Herr, der uns erlaubt hat, hier im Gehege zu lagern und so viel Wild zu verspeisen, wie wir wollen! Bist Du wahnsinnig, Katombo? Laß ihn los!"

Der Zigeuner gehorchte und erhob sich, doch ohne das Messer wegzuthun. Auch der Jäger stand auf; sein Angesicht glühte vor Grimm und Beschämung. Die Zigeunermutter ließ sich vor ihm auf das Knie nieder und zog den Saum seines Rockes an die Lippen. "Verzeiht ihm, großmächtigster Herr! Er ist sanft und gut, und Ihr müßt ihn sehr gereizt haben, daß er es gewagt hat, sich an Euch zu vergreifen."

(\81\)B "Gereizt? Kann ein solcher Bube sich erfrechen, sich für gereizt zu erklären von dem Herzog von Raumburg?"

"Er wollte Zarba küssen und schoß auf mich!" entschuldigte sich Katombo.

"Er erstach meinen besten Hund!" knirschte der Herzog. "Hund um Hund, Blut um Blut!"

Er griff nach der Büchse, die ihm entfallen war. Ihr zweiter Lauf war noch geladen. Er erhob sie, um gegen Katombo loszudrücken. Da aber trat Einer aus der Zahl der Zigeuner hervor und stellte sich vor die Mündung des Gewehres.

"Legt die Waffe weg, Herr! Mein Name ist Karavey; Katombo ist mein Bruder, und wenn Ihr nicht von ihm laßt, so ist es sehr leicht möglich, daß es Euch wie Eurem Hunde geht!"

"Oho! Wollt Ihr Beide des Todes sein? Ich pflege nicht zu spassen, am allerwenigsten aber mit Gesindel von Eurer Sorte!"

Die Vajdzina trat nochmals zwischen die Streitenden.

"Seid gnädig, Herr General! Der Zorn spricht oft Worte, von denen das Herz Nichts wissen mag. Der Gitano kennt keinen andern Richter als seinen Vajda und seine Vajdzina; jedem andern weiß er sich zu entziehen; das gebietet ihm sein Gesetz. Wenn Katombo Euch beleidigt hat, so klagt ihn an, und ich werde ihn zu strafen wissen."

Der Grimm des Herzogs schien einer entgegengesetzten Gesinnung Platz zu machen; er lächelte satyrisch und meinte:

"Ihr wollt die Richterin sein? Nun wohl; ich werde mich Eurem Gebrauche fügen. Dieser Mensch hat meinen Hund getödtet und mir nach dem Leben getrachtet; womit werdet Ihr ihn bestrafen?"

"Welche Strafe verlangt Ihr?"

"Ich verlange sein Leben, fünfzig Hiebe für Denjenigen, der sich seinen Bruder nannte, und dann die Räumung des Geheges. Ich habe Euch aus Gnade und Barmherzigkeit die Erlaubniß ertheilt, hier sein zu dürfen, und es kann nicht meine Absicht sein, dafür in Lebensgefahr zu schweben."

"Hoher Herr, Eure Güte war groß, aber die Dankbarkeit der Vajdzina war auch so, wie Ihr sie verlangtet," antwortete die Alte mit einem unwillkürlichen Seitenblick auf Zarba. "Ihr hetztet den Hund auf Katombo, daher wurde er von diesem getödtet; Ihr (\82\)A wolltet Katombo erschießen, daher suchte er sich zu vertheidigen. Wählt eine mildere Strafe!" "Nun wohl, Alte, ich will mich auch jetzt noch gnädig finden lassen. Ich hetzte den Hund auf diesen Burschen, der sich von Zarba küssen ließ, und er tödtete ihn, weil dann ich sie küssen wollte. Wenn jetzt Zarba vor allen Euren Augen mich dreimal küßt, soll Alles vergeben sein." Das Mädchen erglühte und Niemand antwortete,

"Nun?" frug der Offizier. "Es steht in Eurer Wahl, meine Gnade zu haben oder vor einem andern und strengen Gerichte zu stehen!" Die Vajdzina erhob die Hand gegen Zarba: "Gehe hin und küsse ihn!"

"Halt!" rief Katombo. "Zarba ist meine Braut; ihr Kuß darf keinem Andern gehören, als nur mir allein!"

Der Offizier lächelte verächtlich.

"Ich gebe Euch nur eine Minute Zeit; dann ist es zu spät, und ich lasse die beiden Burschen arretiren."

"Küsse ihn!" gebot die Mutter zum zweiten Male.

Obgleich tief verlegen und mit verschämtem, glühendem Angesichte, that Zarba doch einen Schritt nach dem Herzog hin.

"Bleib, Zarba," rief ihr Bruder Karavey. "Eine Gitana küßt nur den Zingaritto!"

"Und mich wirst Du verlieren, wenn Du ihn küssest," fügte Katombo hinzu.

"So seid Ihr Alle verloren," entschied der Herzog. "Räumt sofort das Gehege! Wer in einer

Viertelstunde in demselben noch betroffen wird, wird als Wilddieb behandelt. Und für die beiden stolzen Gitani werde ich noch extra Sorge tragen."

"Küsse ihn!" befahl die Mutter zum dritten Male.

"Ich muß, denn die Vajdzina gebietet es!" klang die Entschuldigung Zarba's. Sie trat schnell auf den Herzog zu, legte die Arme um seinen Nacken und drückte drei flüchtige Küsse auf seine Lippen. Katombo stieß einen Schrei des Schreckens und der Wuth aus und wollte sie zurückreißen; der Vajda aber ergriff ihn am Arme.

"Halt, Katombo! Die Vajdzina hat es geboten, und was sie befiehlt, das wird ohne Widerrede befolgt. Können wir nun bleiben, hoher Herr?"

"Bleibt!" antwortete der Befragte. "Doch hütet Euch in Zukunft sehr, etwas gegen meinen Willen zu unternehmen. Habt Ihr einen Wunsch, so soll ihn mir Niemand sagen, als nur Zarba allein. Merkt Euch das!"

Er wandte sich und ging, ohne Jemand noch eines Blickes zu würdigen. Am Ausgange des

Geheges traf er auf einen Wildhüter, welcher mit der Miene tiefster Unterthänigkeit militärisch grüßte.

"Wer hat heut Dienst, Stephan?"

"Alle, Excellenz, da keiner Urlaub nahm."

"Kennst Du sämmtliche Zigeuner?"

"Ja."

Seine Miene ließ errathen, daß die Anwesenheit der Genannten nichts weniger als seine Billigung hatte.

"Auch den, welchen sie Katombo nennen?"

"Auch den. Er ist noch das beste Mitglied der ganzen Sippschaft."

"Warte, bis ich ein solches Urtheil von Dir verlange! Übrigens sollt Ihr die Leute baldigst loswerden; sie haben sich gröblich gegen mich vergangen und werden ihre Strafe erhalten, doch wünsche ich nicht, daß hiervon gesprochen wird. Kannst Du schweigen?" "Excellenz kennen mich wohl!"

"Allerdings. Getraust Du Dich, diesen Katombo gefangen zu nehmen?" "Ich werde jedem Befehle Eurer Excellenz gehorchen." "Es soll jedes Aufsehen dabei vermieden werden!" "Sehr wohl!"

"Besonders soll Niemand wissen, wer den Befehl gegeben hat und wohin der Gefangene kommt."

"Werde es so einzurichten wissen."

"Ich komme heut Abend in den Forst. Katombo wird sich dann gefesselt im Blößenhause befinden."

"Wie viel Uhr?" "Elf."

"Werde pünktlich sein, Excellenz. Doch wenn er sich wehrt oder zu laut wird, welche Mittel darf ich in Anwendung bringen?"

"Jedes beliebige, welches dazu dient, ihn zum Schweigen zu bringen."

"Und wenn dann dieses Schweigen etwas länger dauern sollte, als man vorher annehmen konnte?"

"So wird Dir nicht der geringste Schaden daraus erwachsen. (\82\)B Ich will heut Abend Punkt elf Uhr den Zigeuner im Blößenhause haben, das Übrige zu arrangiren ist lediglich meine eigene Sache. Du hast Dich zu der vierten Unterförsterstelle gemeldet?" "Nein."

"Warum nicht?"

"Weil ich mich der Protektion des Oberförsters nicht zu erfreuen scheine und weil ich auch noch nicht eine solche Dauer mich im Dienste befinde, daß ich auf Berücksichtigung rechnen könnte." "Melde Dich!"

"Wenn Durchlaucht befehlen, werde ich es thun!"

"Du wirst die Stelle haben und Deine weitere Zukunft steht ebenso in meiner Hand, wie Du wohl wissen wirst. Nur merke Dir, daß ich strikte Erfüllung meiner Befehle und die strengste Verschwiegenheit liebe." Er ging.

Stephan trat zum Thore des Geheges zurück, welches er zuvor offen gelassen hatte, und verschloß es.

Es war früher stets streng verwahrt gewesen, damit das Wild nicht aus dem Gehege zu entfliehen vermochte. Vor einigen Wochen jedoch hatte der Herzog den Befehl ertheilt, eine Zigeunerbande in das Letztere aufzunehmen, ihr den nöthigen Aus- und Eingang zu gestatten und es nicht zu bemerken, wenn diese Leute zuweilen ein Wildpret für ihren eigenen Bedarf verwenden sollten. Diese sonderbare Ordre hatte böses Blut unter dem sämmtlichen Aufsichtspersonale hervorgerufen. Zigeuner im Wildgehege, welches sonst auch dem höchsten Staatsbeamten, dessen Ressort sich nicht auf die Forstwirthschaft erstreckte, verschlossen blieb! Hierzu mußte es eine sehr dringende und vielleicht auch eigenthümliche Veranlassung geben. Man forschte nach ihr und fand sie auch sehr bald. Unter der Bande befand sich ein Mädchen von so seltener, wunderbarer Schönheit, daß sie Jeden entzückte, der sie zu Gesichte bekam. Auch der Herzog hatte sie gesehen und kam nun täglich in das Gehege, um mit ihr zusammenzutreffen; dies geschah theils in Gegenwart der Zigeuner, theils aber auch heimlich, wie die Forstleute beobachteten, und nun war das Räthsel gelöst. Die Bande durfte ihren Aufenthalt im Wildgarten nehmen und sich sogar an den gehegten Thieren vergreifen, damit der Herzog Gelegenheit finde, mit der schönen Zarba zu verkehren. Das Mädchen schien in ihrer Unerfahrenheit von einem Rausche ergriffen zu sein. Man hatte sie oft an der Seite, ja in den Armen des Herzogs gesehen, und daher kam es dem Forstwart Stephan ganz unerwartet, daß so gewaltthätige Maßregeln gegen ein Mitglied ihrer Familie ergriffen werden sollten, und ebenso war er über die unverhoffte Mittheilung erstaunt, welche sich auf die Entfernung der Zigeuner bezog.

Allerdings frug er sich nicht nach den näheren Gründen des ihm gewordenen Auftrages; der Herzog war sein höchster Vorgesetzter, von dessen Wohlwollen seine ganze Zukunft abhing, und da er ein keineswegs empfindsames Gemüthe besaß, so konnte es bei ihm nichts anderes als den blindesten Gehorsam geben. Den Eingang hatte er verschlossen, um der Gegenwart Katombo's sicher zu sein; jetzt schritt er der Richtung zu, in welcher sich das Zigeunerlager befand.

In der Nähe desselben vernahm er eine zornige Stimme und erkannte, vorsichtig näher tretend und hinter dem Stamme eines Baumes Posto fassend, Katombo, welcher mit zorniger Miene vor Zarba stand.

"Sagte ich Dir nicht, daß ich Dir verloren sei, wenn Du ihn küßtest? Und dennoch hast Du es gethan!" warf er ihr vor.

"Ich habe es gethan, doch nur um Deinet- und um Karaveys willen," antwortete sie. "Das glaube ich nicht! Warum verweigertest Du mir den Kuß, als wir noch alleine waren? Warum schickt die Vajdzina mich stets zur Stadt, wenn dieser Herzog in das Gehege kommt? Sollst vielleicht Du das Fleisch, welches wir genießen, bezahlen und die Erlaubniß, hier im Walde bleiben zu dürfen?"

"Bist Du eifersüchtig?" frug sie mit einem Lächeln, in welchem sich doch ein gewisser Grad von Verlegenheit zeigte, welchen er bemerken mochte.

"Eifersüchtig? Ein verständiger Mann kann nie eifersüchtig sein, und ich glaube sehr, daß ich meinen Verstand habe. Der Mann eines treuen Weibes und der Verlobte eines braven Mädchens, Beide haben keine Veranlassung zur Eifersucht; welches Weib aber diese Veranlassung gibt, die ist nicht mehr werth, daß sich das Herz des Mannes mit ihr beschäftigt."

"Ich mußte thun, was mir die Vajdzina gebot!"

"Du mußtest thun, was ich Dir gebot, denn Deine Lippen waren mein Eigenthum seit dem Tage, an welchem Du mir sagtest, daß Du mich liebtest und meine Braut wurdest. Du hast mir dies Eigenthum zurückgeraubt und an einen Andern verschenkt, der nur (\83\)A ein schnödes Spiel mit Dir treibt; ich lasse es ihm, denn ich verzichte auf jeden Mund, den ein Zweiter nach mir küßte; aber dieser Herzog wird einst besser glauben als vorhin Du, daß ich ein ächter Boinjaare bin, der einen solchen Raub zu vergelten weiß. Meine Schwester wirst Du bleiben, meine Braut aber bist Du gewesen, und mein Weib wirst Du niemals sein!" Ihr Auge flammte auf. "So verachtest Du mich?"

"Nein, sondern ich bemitleide Dich und werde den Raub, den Du an mir begingst, zu rächen wissen, zwar nicht an Dir, sondern an ihm, denn Deine Strafe erhältst Du ganz von selbst, gerechter, größer und schwerer, als ich sie Dir bestimmen könnte."

"So wagst Du, mit Deiner einstigen Vajdzina zu sprechen! Du sagst, daß Du mich nicht zum Weibe magst - weißt Du denn, o ich Dich noch zum Manne begehre? Welche Strafe könntest Du mir geben, welche Strafe könnte mich außerdem noch treffen? Katombo, der Geist des Irrsinns ist über Dich gekommen; bete zu Bhowannie, daß sie Dich vom Wahnsinne errette! Und wenn Deine Seele wieder licht und klar geworden ist, dann wirst Du erkennen, daß Zarba nicht nöthig hat, bei Dir um Vergebung und Liebe zu betteln. Vergebung braucht sie nicht, denn sie hat nicht gegen Dich gesündigt, und Liebe findet sie überall, mehr als manche feine blanke Dame, die ihr Auge vergebens zu Fürsten und Herzogen erhebt." Er blickte ihr mit unendlichem Mitleide in das glühende Angesicht.

"Zarba, nicht mich umfängt der Wahn, sondern Dich; nicht ich werde erwachen, sondern Du wirst es, und dann wirst Du Dich nach Vergebung sehnen, wie der Blinde nach dem Lichte der Sonne!"

"Was habe ich gethan, daß Du es mir vergeben müßtest? Ist ein Kuß, in Deiner Gegenwart gegeben, ein Verbrechen?"

"In meiner Abwesenheit ein Diebstahl, in meiner Gegenwart aber noch mehr, ein gewaltsamer Raub, in beiden Fällen aber eine Untreue." "Ich war nicht untreu!" behauptete sie fest.

"Was ist die Untreue? Eine Gesinnung, die im Charakter wohnt, im Herzen arbeitet und ihre Früchte durch das Auge, die Hand und den Mund nach Außen treibt. Seien diese Früchte gereift oder nicht, seien ihre Thaten vollendet oder begonnen, spreche sie durch den Blick, das Wort oder die That, die Gesinnung, die Untreue wohnt tief unten und ist ganz dieselbe. Ich kann einem Weibe verzeihen, von der ein Mann Alles nahm, was mir gehörte, wenn ihr Herz nur mein verblieb, und ich kann ein Weib für immer von mir stoßen, obgleich nur ein einziger ihrer Blicke mit Wünschen an einem Andern hing, denn ihr Herz war mir entflohen. Die Vajdzina schickte mich fort, wenn der Herzog kam; ich habe Dich also nicht beobachten und belauschen können; aber ich habe die Röthe Deiner Wangen gesehen, als er uns vorhin überraschte; ich habe die Sprache Deines Auges verstanden, als er den Kuß von Dir nehmen wollte, da ich unter dem Hunde lag; ich habe den entsetzten Schlag Deines Pulses gefühlt, als ich das Messer über ihm zuckte. Dein Herz ist nicht mehr mein; es gehört ihm. Und wenn es wieder zurückkehren wollte, ich möchte es nicht haben, denn nur der unvernünftige hilflose Säugling genießt den Bissen, den ein anderer Mund ihm vorkaut."

Er mußte sie mit jedem Gedanken seiner Seele lieb gehabt haben, das war aus dem knirrschenden Grimme zu hören, mit welchem er seine letzten Worte sprach. Der Schweiß stand in Tropfen auf seiner Stirn; seine Zähne waren zusammengepreßt, und sogar die aufgetragene Farbe vermochte nicht, das tödtliche Bleich seiner Wangen vollständig zu verdecken. Das Mädchen bemerkte von dem Allem nichts; der Zorn hatte sie jetzt so vollständig übermannt, daß ihre Stimme beinahe heiser klang, als sie höhnisch antwortete: "Nun wohl, hältst Du mich für die Geliebte eines Herzogs, so mußt Du wissen, daß Du ein armseliger Wicht bist gegen einen solchen Mann. Es wird niemals einer Amme in den Sinn kommen, Dir meine Liebe vorzukauen. Ich verlache Dich und alle Deine Drohungen!" Mit einigen raschen Schritten war sie hinter den Bäumen verschwunden. Er hatte vorhin durch seinen Angriff auf den Herzog bewiesen, daß es ihm an Muth und Kraft nicht fehle; jetzt aber, da die Wirklichkeit seines Verlustes unerschütterlich und unwiderruflich vor ihm lag, schlang er die Arme um den Stamm des nächsten Baumes und drückte seine glühende Stirn fest an die harte, rauhe Rinde desselben.

So stand er lange Zeit. Da plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Er blickte auf; der Wildheger Stephan stand vor ihm. (\83\)B "Bist Du Katombo?"

"Ja," antwortete er in einem Tone, als erwache er soeben aus einem schweren, tiefen Traume. "Ist nicht Zarba, die junge Zigeunerin, Deine Braut?" "Warum fragst Du?"

"Weil ich Dir dann Etwas zu vertrauen habe." "Was?"

"Sind wir hier unbelauscht?"

"Ist es ein Geheimniß, was Du mir zu sagen hast?"

"Ja. Ich bin ein Freund von Dir und möchte Dir gern heut einen großen Dienst erweisen." Katombo blickte dem Hüter mißtrauisch in das Angesicht.

"Mein Freund? Seit wann willst Du es sein? Hast Du uns nicht von Allen am meisten gekränkt und verfolgt?"

"Dich nicht, sondern die Andern, die alle falsch und heimtückisch sind. Du hast uns nie Holz oder ein Wild gestohlen; darum habe ich Dich gern und möchte es Dir beweisen." "So komme ein Stück fort von hier!"

Sie schritten mit einander ein Stück in den Wald hinein, bis sie eine Stelle erreichten, an der sie sicher sein konnten nicht gesehen und gehört zu werden. Hier blieb der Zigeuner stehen. "Jetzt sprich!"

"Kennst Du das Blößenhaus?"

"Das kleine, steinerne Häuschen auf dem freien Platze, welches immer verschlossen ist?" "Ja."

"Ich kenne es. Was ist mit ihm?"

"An seiner hinteren Seite steht eine Bank."

"Ich kenne sie."

"Auf dieser Bank habe ich Zwei sitzen sehen, Abends im Mondesscheine." "Zwei Männer?"

"Nein; ein Mann und ein Mädchen."

"Ah! Wer waren sie?"

"Willst Du es wirklich wissen?"

"Wolltest Du nicht mit mir sprechen, um es mir zu sagen?" "Allerdings. Das Mädchen war Zarba, Deine Braut." "Sagst Du die Wahrheit?"

"Es steht bei Dir, ob Du es glauben willst oder nicht." "Ich glaube es. Wer war der Mann?"

"Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen; er saß so, daß es mir abgewendet war." (\84\)A "Das ist unmöglich! Sie saßen doch jedenfalls neben einander, und wenn Du ihr Gesicht gesehen hast, mußtest Du auch das seinige erkennen." "Sein Kopf lag an ihrer Brust."

"Das geschieht nicht für immer; er muß ihn auch zuweilen erhoben haben. Du willst mir seinen Namen nicht verrathen." "Und wenn es so wäre?"

"Ich würde ihn dennoch kennen. Wenn Du so vorsichtig bist, so muß es ein Vorgesetzter von

Dir sein."

"Ja."

"Der Förster ist es nicht, denn dieser liebt sein junges, gutes Weib; der Oberförster auch nicht, denn dieser ist uns feindlich gesinnt und so alt, daß er sich des Abends zu keinem jungen Mädchen an das Blößenhaus setzt. Außer diesen Beiden kommt nur ein Dritter noch in das Gehege; dieser muß es ein, und weil er ein so hoher und gewaltiger Herr ist, willst Du mir nicht sagen, wie er heißt."

"Ich darf keinen Namen nennen, weil ich sonst meine Stellung verlieren könnte; aber das will ich Dir sagen, daß Du ein sehr scharfsinniger Bursche bist."

"Daß er zu Zarba kommt, weiß ich nun auch; aber des Nachts soll er von ihr lassen; dafür werde ich Sorge tragen!" "Wie willst Du das anfangen?" "Sie darf das Lager nicht verlassen."

"Thor! Kannst Du Dir nicht denken, daß die Alte diese Liebschaft nach allen Kräften beschützt, weil Ihr große Vortheile aus derselben zieht? Sie sendet Dich in die Stadt, wenn er kommt; sie wird auch ihre Vorkehrungen treffen, daß Du die nächtlichen Zusammenkünfte nicht zu stören vermagst. Die Sache müßte ganz anders angefaßt werden." "Wie?"

"Ich will Dir gestehen, daß auch mir diese Schleichereien des hohen Herrn nicht angenehm sind; es gibt so Manches, was man am Liebsten thut, ohne von einem solchen Beobachter gesehen zu werden. Daher möchte ich ihm einen Streich spielen, der ihm das Wiederkommen verleidet. Willst Du mir dabei helfen, Katombo?" "Gern, wenn ich mich auf Dich verlassen kann!" "Gewiß kannst Du das! Hier hast Du meine Hand darauf!"

(\84\)B Er reichte ihm die Rechte hin, in welche der Zigeuner einschlug. Dann fuhr er fort: "Als der Mann, den ich nicht nennen will, vorhin das Gehege verließ, begegnete ich ihm, und er befahl mir, daß ich die alte Steinbank heut noch mit weichem Wassermoos belegen solle; bis zur Dämmerung muß die Arbeit fertig sein." "So will er gewiß heut Abend kommen!"

"Das vermuthe ich auch und zwar mit Sicherheit. Wenn wir dann im Häuschen wären, könnten wir das Paar belauschen und jedes Wort vernehmen, denn gerade über der Bank befindet sich die einzige Fensteröffnung, die das alte Gebäude hat. Das Übrige könnten wir dann nach den Umständen einrichten, welche sich ergeben."

"Ich bin dabei, sicher und gewiß! Aber der Schlüssel zu dem Häuschen, wer hat den?" "Er hängt beim Förster, und Niemand bemerkt es, wenn ich ihn an mich nehme." "Willst Du dies thun?"

"Ja, vorausgesetzt, daß Du auch wirklich mitmachst." "Darüber gibt es keinen Zweifel mehr! Aber die Zeit?"

"Es war elf Uhr vorüber, als ich die Beiden bei einander sitzen sah, also wird es um Zehn wohl Zeit für uns sein."

"Ich komme. Wo treffen wir uns?"

"Am Besten unter der großen Buche, welche der Thür des Häuschens am Waldrande gegenübersteht."

"Gut!"

Sie gingen auseinander; der Wildhüter mit dem Bewußtsein, sein Opfer bereits in der Schlinge zu haben, und Katombo mit einem Herzen, in welchem gebrochene Liebe, Haß und der feste Vorsatz, Rache zu nehmen, eng bei einander wohnten.

Er rührte das fertig gewordene Wildpret, um welches die schmausende Zigeunerbande saß, als er den Lagerplatz erreichte, nicht an, sondern warf sich in das Moos und gab sich Mühe, schlafend zu erscheinen. Nach dem Mahle legte sich Karavey zu ihm. "Katombo!" Er antwortete nicht.

"Glaube nicht, daß ich denken soll, Du schläfst! Der Schmerz kennt keinen Schlummer und keine Ruhe." "Was willst Du?"

(\85\)A "Dir sagen, daß ich stets Dein Bruder und Dein bester Freund gewesen bin." "Ich weiß es, Karavey!" "Was wirst Du thun?"

"Ich? Was soll ich thun? Der arme, verachtete Zingaritto gegen einen großmächtigen Herzog? Nichts!"

"So willst Du Dich nicht an ihm, sondern an Zarba rächen?" "An ihr? Niemals! Ich habe sie geliebt."

"Täusche mich nicht! Als Du kamst, las ich in Deinen Augen, daß ein fester Entschluß in Deiner Seele wohnt. Des Freundes Blick ist scharf. Sage mir, was Du vorhast, und ich werde Dir beistehen mit allen meinen Kräften!"

"Laß mich, Karavey! Du bist Zarba's rechter Bruder; ich darf Dir mein Geheimniß noch nicht mittheilen."

"So versprich mir wenigstens, daß ihr kein Leid geschieht!" "Ich verspreche es!"

"Und daß Du nicht Etwas vornimmst, was Dich unglücklich machen kann!"

"Auch das verspreche ich, obgleich ich bereits so unglücklich bin, daß ich gar nicht unglücklicher werden kann."

"Willst Du uns verlassen?"

"Ich weiß es nicht. Ich will ein freier Mann sein, dem die Vajdzina nicht zerstörend in das Leben greifen darf; aber ich bin ein Sohn Eures Volkes geworden und möchte es bleiben, weil Dankbarkeit in meinem Herzen wohnt."

"Schwöre mir bei Bhowannie, der Schrecklichen, daß Du nicht von uns gehst, ohne es mir vorher zu sagen!" "Ich schwöre es!"

"Vielleicht gehe ich dann mit Dir. Der Gitano darf keinen Willen haben als den seines Vajda und seiner Vajdzina; aber wenn diese Beiden die eigene Tochter, das beste Kind des Stammes, das schönste Mädchen des Volkes, die einst selbst Vajdzina werden soll, einem lüsternen Christen opfern, so werde ich mich gegen ihren Befehl auflehnen und, wenn dies Nichts hilft, den Stamm verlassen. Die Welt ist groß und weit; der Gitano hat keine Heimath und weiß, daß nur die Fremde ihm gehört."

Das flüsternd geführte Gespräch war zu Ende, und die beiden Jünglinge lagen, in trübe Gedanken versunken, neben einander, während die andern dachten, daß sie schliefen. So verging ein Theil des Nachmittages, bis der Vajda mit Karavey und den andern Männern in den Wald gingen, um sich ein Wild zu holen. Die Frauen und Mädchen blieben zurück, doch lag auch auf ihnen in Folge des heutigen Erlebnisses ein Druck, der eine lebhafte Unterhaltung nicht aufkommen ließ.

Katombo erhob sich jetzt, um mit seinen Gedanken durch den stillen, lautlosen Forst zu streichen. Darüber verging Stunde um Stunde, bis es beinahe zehn Uhr war. Jetzt schlug er den Weg nach dem Blößenhause ein.

Die kleine Lichtung, in deren Mitte es stand, war rings von hohen Tannen umgeben, zwischen denen zuweilen der hohe Wipfel einer Eiche oder Buche emporragte. Das Häuschen selbst war einstöckig, von starken Mauern aufgeführt, und besaß eine dicke Bohlenthür, welche mit starkem Eisen beschlagen war. Das kleine Fenster an seiner hinteren Seite hatte kaum genug Umfang für den Kopf eines Mannes und war mit starken, tief eingefugten Eisenstäben versehen. Das Bauwerk hatte einst zu verschiedenen Jagdzwecken gedient, stand aber jetzt vollständig leer und unbenutzt, und selbst der alte Oberförster wäre in Verlegenheit gerathen, wenn man ihn gefragt hätte, vor wie viel Jahren es zum letzten Male von einem menschlichen Fuße betreten worden sei.

Katombo schlich sich längs des Blößenrandes hin und bemerkte bei dem halben Scheine des Mondes, daß die Bank hinter dem Hause nicht besetzt sei. Bei der Buche angekommen, traf er auf den Waldhüter, der ihn bereits erwartet hatte.

"Das ist pünktlich," meinte dieser. "Es wird gleich zehn Uhr schlagen."

"Und es ist noch Niemand hier."

"Ich habe sie jetzt auch noch gar nicht erwartet. Wir müssen ja eher kommen als sie, sonst könnten sie uns bemerken." "Hast Du den Schlüssel?" "Ja. Komm!"

Sie schritten auf das Häuschen zu. Bei demselben angekommen, zog der Hüter den langen, rostigen Hohlschlüssel hervor und öffnete. Das Schloß kreischte und die alten Angeln krachten laut auf; eine dumpfe, feuchte Luft schlug ihnen entgegen; sie traten ein. "Der Laden ist zu. Soll ich ihn öffnen?" frug Katombo. "Ja."

Der Zigeuner trat zur hinteren Wand des finstern Raumes und faßte mit den beiden Händen empor, um die Konstruktion des (\85)B Verschlusses zu untersuchen. In diesem Augenblicke erhielt er einen Schlag von hinten über den Kopf, daß er mit einem unartikulirten Schmerzenslaute zusammenbrach; ein zweiter Hieb des sofort auf ihn niederknieenden Stephan traf ihn so, daß er die Besinnung vollends verlor.

Als er erwachte, fühlte er sich an Händen und Füßen gefesselt, und ein Knebel stak in seinem Mund. Neben ihm saß ein Mann, den er nicht erkennen konnte, theils wegen der Dunkelheit und theils wegen der Schmerzen, welche ihm die beiden Hiebe verursachten. Seine Gedanken waren wirr, und trotz der tiefen Finsterniß sah er glühend feurige Räder vor seinen Augen rollen.

Tiefe Stille herrschte in dem engen Raume, bis sich nach ihm unendlich scheinender Zeit die Thür öffnete, um eine zweite Gestalt einzulassen.

"Stephan!" hörte er.

"Hier."

"Gelungen?"

"Ja."

"Wo ist er?" "Hier neben mir." "Gefesselt?"

"Fest. Ich habe ihm Zwei über den Kopf gegeben, daß er unter einer Stunde sicher nicht erwacht."

"Aber erlebt noch?" "Sein Puls geht noch."

"So ist ein Knebel nöthig, damit er Ruhe hält!"

"Er hat ihn schon. Aber wer seid Ihr? Ich habe doch niemand erwartet als den Herz---"

"Halt, keinen Namen! Ihr dürft Euch nie wieder an das erinnern, was heut Abend geschehen ist. Ich bin abgesandt worden, den Gefangenen zu holen, und daß ich der Richtige bin, werdet Ihr mir wohl ohne weitere Beweise glauben."

"Ich glaube es. Aber wie wollt Ihr ihn transportiren, und wohin soll er gebracht werden?" "Das ist nicht Eure, sondern meine Sache. Ich habe Euch nur zu melden, daß Ihr das Gesuch um die Stelle nicht vergessen sollt."

Er trat zur Thür. Auf seinen leisen Ruf erschien ein Dritter in derselben. "Anfassen!"

Sie hoben den widerstandslosen Gefangenen empor.

"Verschließt das Häuschen, Stephan, und geht zur Ruhe. Alles Andere werden wir selbst besorgen. Gute Nacht!" "Gute Nacht.

Die beiden Männer verschwanden mit ihrer Bürde im Dunkel. Sie mußten den Weg kennen, oder er war ihnen sehr genau beschrieben worden, denn sie erreichten ohne Anstoß und sonstiges Hinderniß das Eingangsthor, welches nur anlehnte. Sie verschlossen es, nachdem sie Katombo draußen niedergelegt hatten, mit einem Schlüssel, welchen der Eine von ihnen in der Tasche bei sich führte. Dann brachten sie den Gefesselten nach einem Wagen, der ganz in der Nähe hielt. Er wurde in denselben gehoben; einer seiner Begleiter nahm neben ihm Platz; der andere bestieg den Bock, und dann ging es fort, erst langsam und vorsichtig, dann aber, als man den Wald verlassen hatte, im raschen Trabe auf ebener Straße.

Der Knebel war so fest angebracht, daß Katombo kaum die nöthige Luft zum Athmen bekam; dennoch aber zog sein Wächter jetzt ein Tuch hervor und band es ihm um den Kopf, so daß seine Augen nicht das Mindeste zu erkennen vermochten.

Nach längerer Zeit rollten die Räder über hartes Straßenpflaster, bis der Wagen hielt. Katombo wurde herausgehoben und in einen Kahn geschafft, welcher noch so lange am Ufer des Flusses halten blieb, bis der Kutscher, welcher mit dem Geschirr weiterfuhr, zurückkehrte und zum Ruder griff.

Lautlos ging es über das Wasser bis an den Garten des herzoglichen Palais, wo der Zigeuner aus dem Boote genommen und nach einer kleinen Pforte getragen wurde, an welcher eine hohe, tief verhüllte Gestalt wartete. "Habt Ihr ihn?" "Ja."

"Hinunter mit ihm! Den Knebel und die Beinfesseln könnt Ihr ihm dann nehmen; die Arme aber bleiben gefesselt!"

Katombo erkannte diese harte Stimme sofort; es war diejenige des Herzogs von Raumburg, und nun durchschaute er den ganzen Plan, dessen Opfer er auf so leichtsinnige und vertrauensvolle Weise geworden war.

Er fühlte, daß man ihn eine steile, schmale Treppe hinabtrug. Unten ging es eine Strecke eben fort; dann wurde eine Thür geöffnet, deren schwere Riegel er laut klirren hörte. Man legte ihn nieder, (\86\)A zog ihm den Knebel aus dem Munde, entfernte die Stricke, welche sich um seine Beine schlangen, und schloß dann hinter ihm sorgfältig wieder zu. Wo war er?

In der Gewalt des Herzogs, seines Nebenbuhlers, so viel war ihm sicher. Den Ort freilich, an welchem er sich befand, konnte er nicht bestimmen. Er kannte weder die Wohnung des Herzogs, noch hatte er während des Transportes einen Blick durch das Tuch zu werfen vermocht; er wußte nur, daß er auf widerrechtliche und gewaltthätige Weise gefangen genommen worden war durch die Kreaturen oder Schergen eines Gegners, von dem er weder Schonung noch Gnade zu erwarten hatte.

Er wollte sich erheben, um sein Gefängniß zu untersuchen; an dem Letzteren hätten ihn seine Fesseln gehindert, und das Erstere wollte ihm nicht gelingen, da der Blutumlauf seines Körpers in Folge der festen Banden stockte und sein Kopf ihn noch mehr schmerzte als vorher. Er blieb nach einigen vergeblichen Anstrengungen in vollständiger Apathie liegen und sank nach und nach in einen tiefen, lethargischen Schlaf, der sich wohlthätig zu ihm niederneigte.

Als er aus demselben erwachte, war es ihm unmöglich, zu bestimmen, wie lange er geschlafen habe; lange, sehr lange aber mußte es sein, denn er fühlte sich vollständig gekräftigt; der Schmerz an seinem Kopfe war verschwunden, und nur die Fesseln seiner Hände verursachten ihm eine unerträgliche Pein.

Er erhob sich. Es war vollständig dunkel in dem Raume. War es die Finsterniß der Nacht oder hatte der Kerker gar keine Fenster- oder sonstige Öffnung? Er konnte dies nicht entscheiden und tappte sich rings an den Wänden hin. Soweit seine Gestalt reichte, fühlte er nur kalte, geschlossene Mauern, deren einzige Unterbrechung in der Thür bestand, durch welche man ihn hereingeschafft hatte.

Noch war er mit der Untersuchung der engen Zelle beschäftigt, als er draußen Schritte vernahm. Die Riegel klirrten; die Thür öffnete sich, und ein heller Lichtschein drang zu ihm herein. In demselben bemerkte er jetzt sehr deutlich, daß sein Gefängniß kein Fenster hatte; es war im Kellerraume angebracht und zeigte keine einzige Öffnung, durch welche die Luft und das Licht des Tages hatten Zutritt finden können. Auch den Mann erkannte er, welcher mit der Blendlaterne eintrat und dann die Thür hinter sich sorgfältig in den Rahmen zog. Es war der Herzog von Raumburg.

"Guten Abend!" klang es gedehnt und höhnisch, und als der Gefangene ob dieser Anrede verwundert aufschaute, fuhr der Herzog fort: "Ja, es ist bereits wieder Abend. Ich bin dreimal hier gewesen; Du aber warst nicht zu sprechen, denn Du schliefst, als hättest Du mit den zwei kleinen Schlägen eine ganze Apotheke voll Opium erhalten. Nun aber, was sagt der stolze Gitano zu der vortrefflichen Wohnung, die ich ihm gegeben habe?" "Schurke!"

Es war nun das eine Wort, aber es lag eine ganze Welt voll Haß und Verachtung darin. "Schön! Ich werde Dir den Knebel wieder geben müssen, damit Deine Zunge nicht allzusehr spazieren geht. Du bist in der Gewalt des Herzogs von Raumburg, der ganz andere Töne gewohnt ist, als den Deinigen."

"Schurke!" erklang es furchtlos wieder. "Thu mit mir, was Du willst, und je Größeres Du ersinnst, desto mehr bist Du ein Schurke. Aber nimm mir nur einen Augenblick die Fesseln ab, so werde ich Dir zeigen, wie ein ehrlicher Zigeuner mit einem Hallunken verfährt!" "Bemühe Dich nicht, mich in Zorn zu bringen, denn alle Deine Anstrengung wird fruchtlos sein. Ich komme nur, um Dir Dein Urtheil zu verkünden. Zarba, das schönste Mädchen, welches ich jemals gesehen habe, muß mein eigen werden, verstehe wohl, mein eigen wie die Blume, deren Duft man athmet und die man dann von sich wirft; Du bist mir dabei im Wege, und daher habe ich Dir ein Quartier gegeben, wo Du mich nicht belästigen kannst. Ich hätte Dich vielleicht einst wieder frei gelassen; aber Du hast mich zu beschimpfen versucht, und darum wirst Du diesen Ort niemals wieder verlassen."

"Meinst Du, daß ich Dich um Gnade anflehen werde? Ich verlange nur Gerechtigkeit, und die muß, die wird mir werden!"

"Gerechtigkeit? Ja, denn ich bin die oberste Behörde des ganzen Reiches, und die ist gewohnt, schneller und gerechter zu entscheiden, als jede andere Instanz. Du bist schuldig eines Mordversuches gegen mich und mußt eigentlich sterben; ich aber begnadige Dich zu lebenslänglicher Haft in diesem Kerker und gebe Dir dazu den Trost, daß diese Gefangenschaft nicht lange dauern wird."

"Du darfst weder verurtheilen noch begnadigen. Ich verlange (\86\)B einen gesetzmäßigen Richter, vor dem auch Du zu stehen hast, denn auch Du bist des Mordversuches gegen mich und dazu des Menschenraubes schuldig." Der Herzog lachte.

"Dein erster und letzter, Dein einziger Richter steht vor Dir, und er verspricht Dir, daß es den Deinen wohlgehen wird. Zarba wird sich entschließen, zu mir zu ziehen und mein Weibchen zu werden; und ich werde zärtlicher und inniger gegen sie sein als Du; die Andern müssen fort und werden mir für diesen Befehl dankbar sein, denn sie lieben ja die Freiheit, und damit sie diese ganz und voll genießen können, werde ich ihnen verbieten, jemals wieder in das Land zurückzukehren." "Schurke!" rief Katombo zum dritten Male.

Er machte eine fürchterliche aber vergebliche Anstrengung, seine Fesseln zu zersprengen, und rannte dann voll Wuth gegen den Herzog an, so daß dieser zurücktaumelte, gegen die Mauer schlug und ihm beinahe die Laterne entfallen wäre. Er setzte sie zu Boden und faßte den wehrlosen Zigeuner.

"Hund, ich werde Dir das Beißen unmöglich machen! Du sollst mit dreifachen Banden geschnürt und - - -"

Er hielt mitten in der Rede inne. Katombo hatte versucht, ihm den ergriffenen Arm zu entziehen, und dabei das Loch seines Jackenärmels größer gerissen. Durch dasselbe blickte sehr deutlich jene seltsame Tätowierung, und das Auge des Herzogs war auf sie gefallen. Dieser ließ mit seinen Händen von Katombo ab und trat beinahe erschrocken einen Schritt zurück.

"Mensch, wer bist Du?"

Dieser Ausruf war ihm ganz unwillkürlich entfahren. Katombo konnte sich die sonderbare Frage nicht erklären; er blickte ihn daher erstaunt an und antwortete nicht. "Wer Du bist, habe ich gefragt!" wiederholte Raumburg gebieterisch.

Katombo's Erstaunen wuchs; er fand keine Antwort, vielmehr kam es ihm vor, als ob sich die Sinne seines Gegners plötzlich verwirrt hätten.

"Hörst Du, ich will wissen, wer Du bist! Du heißt nicht Katombo und bist kein Zigeuner!" "Ah! Wer sagt Dir das?"

Der Herzog erholte sich von seiner Überraschung, die vielleicht auch Schreck sein konnte, und fragte mit gleichgültigerer Stimme: "Ist die Vajdzina Deine Mutter?" "Ja."

"Deine wirkliche?"

"Inwiefern sollte sie es nicht sein? Übrigens bin ich über solche Sachen keinem Menschen Rechenschaft schuldig. Ich habe hier von weiter nichts zu sprechen, als daß ich meine Freiheit oder einen ordentlichen Richter will." "Gut, so sind wir also fertig.

Er ergriff die Laterne und wollte gehen. Katombo benützte sein Niederbeugen, um den Ausgang zu gewinnen, was ihm aber nicht gelang, denn der Herzog schnellte ihm rasch in den Weg und brachte es leicht fertig, den Gefesselten zurückzuschleudern. "Nicht so schnell, Bursche! Deine Leiche soll man zu seiner Zeit von hier wegschaffen, lebendig aber kommst Du nicht fort!"

Er warf die Thür in das Schloß, schob die beiden Riegel vor und schritt einige Stufen empor, wo sich die Treppe theilte. Nach der einen Seite gelangte man an die Pforte, durch welche Katombo hereingeschafft worden war, auf der andern erreichte man das Innenparterre des Schlosses. Hier angekommen, blies Raumburg seine Laterne aus und stieg die breiten Marmorstufen empor, auf denen er in sein Arbeitszimmer gelangte. Dort legte er die Laterne ab und zog auch den Dolch hervor, den er aus Rücksicht für seine persönliche Sicherheit bei sich getragen hatte.

Dann ging er zur Bibliothek, welche hell erleuchtet war, und suchte lange, lange Zeit in alten vergilbten Papieren herum. Sie mußten, nach der Aufmerksamkeit zu urtheilen, welche er ihnen schenkte, sehr Wichtiges enthalten; er las einige von ihnen mehrere Male durch und verschloß sie dann so sorgfältig, als ob höchst Wichtiges von ihnen abhinge. Dann verbarg und verschloß er sie an einem Orte, der ihm die nöthige Sicherheit zu gewähren schien. Nun suchte er die Ruhe, fand sie jedoch nicht, sondern warf sich auf dem Lager hin und her, bis es Tag wurde, wo er sich erhob und, sobald er angekleidet war, seine Wohnung und die Stadt verließ.

Sein Weg führte ihn hinaus in den Wald nach dem Gehege, wo er die Zigeuner in Sorge um den verschwundenen Katombo antraf. Die Vajdzina war die Erste, welche ihn erblickte, und auch sofort Gelegenheit nahm, ihre Klage anzubringen.

"O hoher Herr, es ist Betrübniß eingezogen bei den Gitani (\87\)A und Sorge bei den Kindern meines Volkes. Habt Ihr nicht gesehen Katombo, meinen Sohn?" "Nein. Was ist mit ihm?"

"Er ist verschwunden, seit er gestern unser Lager verließ, und Niemand hat eine Spur von ihm gefunden. Der Forst hat keine wilden Thiere, die ihn zerreißen konnten, und keinem hat er vertraut, daß er uns freiwillig verlassen wolle. Es ist ihm ganz sicher ein Unglück widerfahren!"

"Was soll ihm widerfahren sein." Karavey trat näher.

"Was ihm widerfahren ist, das wissen wir nicht," meinte er mit finsterem Auge; "aber ich kenne einen Feind von ihm, den einzigen, den er hat, und welchem sein Verschwinden am

Herzen liegen muß. Wehe ihm, wenn er die Hand dabei im Spiele hat!"

"Wen meinst Du, Bursche? Verklage ihn bei mir. Ich bin Euer Freund und werde Euch alle

Hülfe und Unterstützung gewähren, welche Ihr nothwendig haben solltet."

"Gerad Euch brauche ich ihn nicht zu nennen. Aber die Kinder der Boinjaaren haben scharfe

Augen, gewandte Hände und ein Gedächtniß, welches keine gute und keine böse That vergißt.

Entweder ist Katombo heut Abend wieder bei uns oder wir werden uns zur Rache vorbereiten!"

"Thue das, mein Sohn; nur siehe Dir den Mann genau an, gegen den Du Deine Rache richten willst. Übrigens geht mich diese Angelegenheit nicht das Mindeste an; ich komme in einer anderen Sache und habe mit dem Vajda und der Vajdzina zu sprechen." Er winkte den beiden Alten und schritt von dem Lager weg in den Forst hinein. Sie folgten ihm und bemerkten nicht, daß Karavey hinter ihnen gleichfalls den Ort verließ. In einer genügenden Entfernung blieb der Herzog stehen und wandte sich zu den Beiden zurück. "Ich habe Euch einige Fragen vorzulegen. Von der Wahrheit Eurer Antworten hängt Euer Glück oder Unglück ab!"

"Sprecht, Herr!" bat die Alte. "Wir werden Euch Alles sagen, was Ihr begehrt." "Wer ist der Vater und die Mutter dieses Katombo?" "Ich bin der Vater," antwortete der Vajda. "Und ich die Mutter," die Vajdzina.

"Behauptet Ihr wirklich, die richtigen natürlichen Eltern zu sein? Man sieht es ja dem Manne an, daß er kein Zigeuner ist."

Die beiden Alten warfen sich einen Blick des Verständnisses zu; dann antwortete die Vajdzina:

"Er ist ein Zigeuner, Herr, und mein leibhaftiger Sohn." "Wo habt Ihr ihn geboren?"

"Weit im Süden auf einer Insel, welche man Sizilien nennt." (\88\)A "Und wer war sein Vater?" "Dieser hier, mein Mann." "Ihr lügt!"

"Könnt Ihr mir beweisen, daß ich die Unwahrheit sage?"

"Ich kann es und werde Euch zu diesem Zwecke kurz eine Geschichte erzählen. Habt Ihr den Namen Raumburg nicht bereits früher schon einmal gehört?" "Wie sollte ich?"

"So waret Ihr auch noch niemals in diesem Lande?" "Nie."

"So! Es gab einen Herzog von Raumburg, welcher von den Reizen einer jungen Zigeunerin so hingerissen wurde, wie ich von Zarba's Schönheit. Sie verließ ihren Stamm und ging zu ihm, bis sie uneinig wurden und sie zu den Ihrigen zurückkehrte. Der Herzog verheirathete sich; seine Gemahlin schenkte ihm einen Sohn, welcher einst, als er kaum zwölf Monate zählte, spurlos verschwand. Niemals wurde etwas von dem Knaben gehört, doch erfuhr der Herzog, daß gerade zur betreffenden Zeit Gitani in der Nähe gewesen waren, eine der Zigeunerinnen hatte man mit einem Pakete aus dem herzoglichen Garten kommen sehen. Der Mann, welcher dies erzählte, hatte, als sie vorüber war, sogar die unterdrückte Stimme eines Kindes gehört, so daß er annehmen mußte, daß das Weib ein solches bei sich getragen habe. Wißt Ihr, wer diese Frau war?" "Nein."

"Es war die frühere Geliebte des Herzogs, die sich durch den Kinderraub an ihm rächen wollte."

"Zu einer solchen Behauptung müßten Beweise sein, hoher Herr."

"Diese sind da, und zwar so deutlich und bestimmt, daß ich Euch sogar den Namen und jetzigen Aufenthaltsort der Thäterin nennen könnte."

"Man redet den Gitani so viel Böses nach, was nicht wahr, sondern Lüge ist!"

"Ich aber sage die Wahrheit: Ihr waret das Weib, und das geraubte Kind befand sich bis heute bei Euch!"

Er blickte ihr drohend in das Angesicht; sie schien nicht im Mindesten zu erschrecken und antwortete ruhig:

(\88\)B "Wollt Ihr mit zwei armen, alten Leuten einen solchen Spaß treiben, Herr?" "Spaß? Es ist mein Ernst, der Euch an den Hals gehen kann. Der Herzog, von dem ich Euch erzählte, ließ seinem Kinde sein Familienwappen in den Arm tätowiren, wie es seit uralten Zeiten Familiengebrauch gewesen war. An diesem Zeichen wird man den Geraubten erkennen. Vielleicht befindet er sich schon in diesem Augenblicke vor dem Richter, welcher die Angelegenheit zu untersuchen hat. Ihr werdet das Gehege auf keinen Augenblick verlassen und seid Gefangene des Forstpersonals, bis ich ein Weiteres verfüge." Er machte Miene, sich zu entfernen; da ergriff ihn die Alte beim Arme und hielt ihn zurück. "Bleibt, Herr! Ich will Euch sagen, daß Katombo nicht unser natürlicher Sohn ist. Wir fanden ihn halb verschmachtet im Walde und nahmen ihn zu uns, damit er nicht verhungern sollte." "Wo war das?" "Hier."

"Ihr kanntet also den Herzog von Raumburg, meinen hochseligen Vater?"

"Ja," antwortete sie, indem trotz ihres unterwürfigen Tones etwas in ihrem Auge leuchtete, was nicht die mindeste Ähnlichkeit mit Demuth hatte.

"Katombo ist sein Sohn?"

"Wie kann ich das wissen, Herr?"

"Höre Alte, ich will Dir sagen, daß ich hier kein amtliches Verhör anstelle, sondern mir nur die allervertraulichsten Mittheilungen unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit ausbitte. Es kann mir nicht gleichgültig sein, ob ich einen Bruder am Leben habe oder nicht, der mich in meinem Erbe und meinen Rechten schmälern könnte. Ihr seht, ich bin aufrichtig.

Nur Gewißheit will ich haben. Wenn Ihr ein offenes Geständniß ablegt, soll Euch nichts geschehen, vielmehr habt Ihr dann eher eine Belohnung als eine Strafe zu erwarten." Die Beiden blickten sich gegenseitig an, und ihre Augen sagten, daß sie sich verstanden. "Herr, laßt Ihr uns frei ziehen, wenn wir Euch die Wahrheit sagen?" "Ja."

"Wollt Ihr das beschwören?" (\89\)A "Ich beschwöre es."

"Daß Katombo Euer Bruder ist, könne wir nicht sagen und nicht gestehen, aber - - halt, Herr, wißt Ihr, wo er sich befindet?"

"Ja."

"Wo?"

"Bei mir, also in Sicherheit." "Ihr werdet ihm kein Leid thun?" "Nein."

"Wollt Ihr es beschwören?" "Ja."

"Kommt er wieder zu uns?"

"Ja, wenn er will. Will er aber nicht so kann ich ihn nicht halten."

"Dann will ich Euch sagen: Katombo ist Euer erstgeborener Bruder. Es soll auf Euch ankommen, ob es die Leute erfahren oder nicht."

Er griff in die Tasche und zog die Börse hervor, welche er ihr entgegenstreckte. "Hier, nehmt! Es wird Euch Niemand aus dem Gehege treiben; bleibt hier, so lange es Euch beliebt. Vergeßt aber nicht, daß es Euer Verderben ist, wenn ein Mensch erfährt, daß Ihr einen raumburg'schen Prinzen raubtet!"

Zufrieden mit dem Ergebnisse dieses Gespräches, wandte er sich ab. Die beiden Alten kehrten zum Lager zurück, wo die Vajdzina sofort ihrer Tochter Zarba winkte. "Weißt Du, wo Katombo ist?" "Nein."

"Bei dem Herzoge."

"Beim Herzoge? Wie ist er zu ihm gekommen?"

"Ich weiß es nicht; aber ihm droht Gefahr. Ich glaube, der Herzog will ihn verschwinden lassen."

"Weshalb?"

"Weil er Dein Bräutigam ist und weil - doch das ist ein Geheimniß, welches nur der Vajda wissen darf. Du kannst ihn retten."

"Wie?"

"Durch den Herzog. Als dieser Mann zum ersten Male bei uns erschien, habe ich Dir gesagt, daß ich einst seinen Vater liebte, er verstieß mich, und die Liebe des Sohnes zu Dir soll meine Rache sein. Diese Liebe ist auch das Werkzeug, mit welchem Du Katombo retten oder rächen kannst. Du wirst Manches noch nicht verstehen, aber es kommt die Zeit, in welcher Alles klar vor Deinen Augen liegt. Gib Dir den Anschein, als ob Du ihn liebtest!" "Und Katombo, der mein Bräutigam ist?"

"Wird einige Zeit lang eifersüchtig sein, dann aber verzeihen, denn des Gitano höchstes Gut ist die Rache, und Deine Zärtlichkeit soll mir den Weg zur Vergeltung öffnen. Er liebt Dich, aber wie der Schmetterling die Blume liebt, von welcher er zu einer andern flattert, wenn er die vorige gekostet hat. Wahre daher Dein Herz, aber seine Liebe laß wachsen, indem Du freundlich mit ihm bist, ihm aber Alles versagst, was eine Braut einem Andern nicht gewähren darf. Ich weiß, daß er noch nicht fort ist, vielmehr wird er im Gehege bleiben, um Dich zu treffen. Gehe und versuche ihm zu begegnen, und dann forsche bei ihm nach Katombo, damit wir erfahren, was er mit ihm vorhat!"

Zarba gehorchte. Sie sollte das Werkzeug der Rache sein, aber sie fühlte, daß das Spiel zum Ernst geworden sei. Sie brauchte dem Herzoge gegenüber keine Liebe zu heucheln, nein, sie liebte ihn wirklich, mit aller Gluth ihres kleinen, wilden Herzens. Der hohe, stolze Mann mit seinem sichern, imponirenden Auftreten hatte es ihr angethan, und die Liebe, welche er ihr empfinden und bemerken ließ, machte sie so selig, wie die Zuneigung Katombos es niemals vermocht hatte.

Sie ging um ihn aufzusuchen, aber nicht der Befehl der Vajdzina trieb sie mehr allein dazu, sondern ihr eigenes Herz flog hin zu dem Manne, dem die Liebe der schönen Zingaritta gehörte. Sie traf ihn wirklich sehr bald; er kannte ja den Ort, an welchem sie so oft gesessen hatten, um zu plaudern und zu kosen, ohne daß irgend Jemand eine Ahnung davon gehabt hatte. Er legte die Arme um sie und zog sie an sich. "Zarba, schon glaubte ich, daß Du nicht kommen würdest." "Hast Du schon einmal vergebens auf mich gewartet?"

"Nein. Ich weiß, Du hast mich lieb, und die Liebe ist eine pünktliche Gebieterin. Doch warum erfüllst Du mir den größten Wunsch nicht, den ich habe?"

"Daß ich hin zu Dir komme, wo Du wohnest? Die Vajdzina (\89\)B erlaubt mir nicht, in die große Stadt zu gehen, wo die Menschen so fremd, so stolz und so bös sind." "Bin auch ich bös und Dir fremd?" "Nein."

"Also warum kommst Du nicht zu mir?"

"Ich darf nicht; ich müßte mich des Nachts fortschleichen, und dennoch würde Katombo es bemerken."

"Katombo? Ich denke, er ist verschwunden!" "Er ist bei Dir." "Wer sagte es?"

"Die Vajdzina. Warum hältst Du ihn fest?" "Nicht ich halte ihn, sondern der Richter." Sie erschrak.

"Der Richter? Was hat Katombo verbrochen?"

"Viel, sehr viel! Seinen gestrigen Angriff hätte ich ihm verziehen um Deinetwillen, aber er ist dann in die Stadt gekommen, hat sich in meine Wohnung geschlichen und mich meuchlings zu tödten versucht. Er ist dabei ergriffen worden und wird seine Bosheit mit dem Tode büßen."

"Herr, das ist nicht möglich! Katombo hat noch keinem Menschen ein Leid gethan; er ist es nicht gewesen, der Euch tödten wollte!"

"Er war es, kein Anderer. Wollte er mich nicht bereits gestern tödten?" "Ihr habt ihn gereizt; vergebt ihm und laßt ihn frei." "Das steht nun nicht mehr in meiner Macht."

"Und dennoch vermögt ihr es! Ihr seid nach dem Könige der mächtigste und gewaltigste Mann im ganzen Lande, und was Euer Wille ist, das muß geschehen." "Soll ich einen Menschen retten, den Du freiwillig küssest?" "Er ist mein Bruder, und ich thue es nicht mehr. Gebt ihn frei!"

"Hätte ich ihn gefangen, so könnte ich dies leicht thun; aber er befindet sich in den Händen der Justiz und es sind so viele Zeugen seines Mordversuches da, daß es beinahe unmöglich ist, die That auf sich beruhen zu lassen."

Sie schmiegte sich inniger an ihn.

"Du sagst, Du habest mich lieb?" schmeichelte sie.

"Ja."

"Und willst mir diese Bitte nicht erfüllen? Willst meinen Bruder tödten! Geh, Deine Liebe ist nicht wahr!" "Dann ists die Deinige auch nicht. Du verlangst von mir, was kein Anderer zu verlangen wagte, und versagst mir doch die Erfüllung des kleinen Wunsches, einmal zu mir zu kommen."

"Gebiete, Herr, und ich werde gehorchen; nur laß Katombo frei!" "Wirklich wirst Du kommen? Wann?" "Wann Du es befiehlst." "Dann heut Abend."

"Aber ich finde den Weg und Deine Wohnung nicht."

"Ich werde Befehl ertheilen, daß das Gehege nicht verschlossen wird. Gerade eine Stunde vor Mitternacht wirst Du auf der Straße, welche nach der Stadt führt, einen Wagen finden; Du brauchst ihm nur das Wort "Vajda" zu sagen, so nimmt er Dich auf und bringt Dich zu mir. Willst Du?" "Ja."

"Er wird nicht mit Dir sprechen, und auch Du sagst nur dies eine Wort, denn es soll Niemand wissen, wer Du bist."

Sie nickte zustimmend. Sein Auge leuchtete auf, endlich befand er sich jetzt nahe an dem Ziele, welches er sich schon längst in Beziehung auf das schöne Mädchen gesteckt hatte.

Noch lange saßen sie in süßer, inniger Umarmung, dann verließ er heimlich das Gehege, und Zarba kehrte zu den Ihrigen zurück. Die Vaj dzina winkte sie sofort zu sich.

"Trafst Du ihn?" frug sie gespannt.

"Ich war bis jetzt bei ihm."

"Frugst Du ihn nach Katombo?"

"Ja. Katombo ist gefangen."

"Wo?"

"Bei der Justiz." "Weshalb?"

"Er ist in die Wohnung des Herzogs gekommen um ihn zu tödten, und dabei ergriffen worden. Nun soll er sterben."

Die runzeligen Züge der Alten zogen sich zusammen. "Wie wurde der Herzog gestern von Katombo genannt?" "Ein Schuft."

"Er ist auch einer. Glaube ihm kein Wort von allen seinen Reden. Er will Katombo verderben aus einem Grunde, den Du nicht kennst; Du wirst ihn aber noch erfahren."

(\90\)A "Er wird ihn nicht verderben; er wird ihn freigeben."

"Sagte eres?"

"Er sagte es."

"Glaube es ihm nicht; er ist ein Lügner und Betrüger wie sein Vater. Suche zu erfahren, in welchem Gefängniß sich Katombo befindet; wir müssen ihn selbst retten."

"Er gibt ihn frei; er hat es mir versprochen."

Die Züge der Alten wurden womöglich noch finsterer als zuvor.

"Hat er es Dir versprochen, so hast Du ihm ein Gegenversprechen machen müssen."

Zarba senkte verlegen den Blick.

"Ja," antwortete sie endlich. Sie wußte, daß der Vajdzina nur schwer zu entrinnen sei.

"Was hat er von Dir verlangt?"

"Daß ich heut Abend mit ihm spreche."

"Wo?"

"Hier im Walde."

"Du lügst! Das ist zu gering als Entschädigung für Katombos Freiheit; er kann Dich im Walde ohne ein solches Opfer treffen. Ich verlange, daß Du die Wahrheit redest!" "Ich sage sie. Er hat mich bestellt." "Aber nicht hier im Walde! Willst Du Deine Mutter täuschen, die zugleich Deine Vajdzina ist? Glaubst Du, mein Auge sei so trübe und mein Geist so dunkel geworden, daß ich nicht sehe und errathe, was Du mir verbergen willst? Du sollst heut zu ihm in seine Wohnung kommen! Antworte!" "Ja."

"Und Du hast es ihm versprochen?" "Ja."

Die Alte blickte eine Weile still sinnend vor sich hin; dann meinte sie:

"Vernimm, was ich Dir sage! Du solltest mit kaltem Herzen die Liebe in seiner Brust erwecken; es ist Dir gelungen, aber Dein Herz ist nicht kalt geblieben, sondern es brennt und lodert in derselben Gluth wie das seinige. Dies willst Du verschweigen und Deine Vajdzina betrügen. Deine Strafe dafür soll sein, daß Du den verdirbst, der Dir höher steht als meine Befehle. Du wirst heut zu ihm gehen, und wenn er Dich nicht wieder von sich lassen will, so komme ich und werde Dich zurückverlangen. Mache Dich schön und schmücke Dich fein, doch darf Niemand etwas davon merken!"

Sie wandte sich ab und Zarba befand sich nun mit ihrer eigenthümlichen Instruktion auf sich selbst angewiesen. In tiefes Sinnen und Grübeln versunken, streifte sie den ganzen Tag über im Forste umher, bis es Nacht wurde und die Stunde nahte, für welche sie bestellt worden war. Jetzt legte sie ihre beste Kleidung an und schlich sich, nur von der Vajdzina beobachtet, hinaus auf die Straße, auf welcher sie nach kurzer Wanderung auch wirklich einen Wagen halten sah, dessen Kutscher, als sie die Losung aussprach, ihr beim Einsteigen half und dann in Eile der Stadt entgegenfuhr. Am Flusse harrte ihrer ein Anderer, welcher sie in ein Boot geleitete und mit demselben nach dem Garten des Herzogs übersetzte. Hier führte er sie bis in die Nähe der Treppe, wo Raumburg ihrer bereits wartete.

"Du kannst gehen!" befahl er dem Diener, welcher sich auf diesen Befehl schleunigst entfernte. "Weiß der Vajda oder sonst Jemand, daß Du den Wald verlassen hast?" frug er dann Zarba.

"Die Vajdzina."

Er schien unangenehm überrascht zu sein. "Wer hat es ihr gesagt?" "Ich. Sie hat Alles errathen."

"So ist es nothwendig, daß auch ich Alles errathe. Komm!"

Er trat mit ihr an das Treppenfenster, öffnete dasselbe und stieg ein. Sie zögerte, ihm zu folgen.

"Komm ohne Sorgen, Zarba," meinte er. "Es ist hier ein geheimer Weg nach meiner Wohnung; ich darf Dich nicht durch den öffentlichen Eingang bringen, weil ich nicht will, daß Du gesehen wirst."

Sie stieg zu ihm herab. Jetzt zog er eine Blendlaterne hervor, so daß der Gang erleuchtet wurde, und führte sie durch die Bibliothek in sein Arbeitskabinet.

"Warte hier! Es wird Niemand Einlaß begehren, und ich werde in wenigen Minuten wohl schon wieder bei Dir sein."

Er kehrte durch den Gang in den Garten zurück und trat an die künstliche Umzäunung desselben. Über dieselbe hinwegblickend, gewahrte er einen Kahn, welcher geräuschlos längs des Ufers herabgetrieben kam und ihm gegenüber landete. Eine Frauengestalt stieg aus. (\90\)B "Dachte es mir!" murmelte er. "Doch sie soll sich verrechnet haben und mir statt hinderlich nur förderlich sein. Wenn sie den geheimen Eingang kennt, so muß sie sterben." Das Weib war keine Andere, als die Vajdzina. Sie kam vorsichtig an die Umfassung des Gartens heran und schlich sich an derselben entlang bis zu einer Stelle, welche ihr zum Übersteigen am bequemsten schien. In der Nähe stand eine von dichtem Blätterwerke gebildete Laube, in welcher es sich beim Erscheinen der Zigeunerin leise regte. Wäre es heller gewesen, so hätte man einen Diener erkennen können, welcher mit einem Küchenmädchen die Einsamkeit des Gartens zu einem Stelldichein benutzt hatte. "Wer ist das?" flüsterte das Mädchen erschreckt.

"Jemand, der jedenfalls nicht herein gehört," antwortete der junge Mann. "Ein Weib -! Sicher eine Obst- oder Gemüsediebin. Laß uns sie belauschen und dann auf der That ertappen!"

Sie traten aus der Laube und schlichen der Vajdzina nach, welche die Richtung nach der Verandatreppe einhielt. Dort angekommen, trat sie an das Fenster; noch aber hatte sie sich nicht zu demselben niedergebückt, so wurde sie beim Arme ergriffen.

"Halt! Was hast Du hier zu suchen?"

"Der Herzog!" flüsterte der Diener seinem Mädchen zu.

Sie standen mit einander hinter einem nahen Bosquet und konnten die beiden Andern ganz deutlich sehen und hören.

"Und was suchst Du hier?" antwortete die Zigeunerin. "Sind die Wege eines Herzogs so dunkel, daß Niemand sie sehen darf?"

"Ich suche Dich. Ich wußte, daß Du kommen würdest."

"So hat es Dir der Geist gesagt, den Ihr Gewissen nennt. Wo ist Zarba, die Tochter der Boinjaaren?"

"Sie ist bei mir."

"Schicke sie herab, daß ich mit ihr zurückkehre!" "Sie wird bei mir bleiben, so lange es mir gefällt."

"Ich wußte, daß dies Dein Wille war, und bin deshalb gekommen, sie gegen Dich zu schützen.

Wo ist Katombo, mein Sohn?"

"Er befindet sich in meinen Händen."

"Auch ihn gibst Du mir wieder. Dein Vater hat mich an dieser Stelle zu sich geholt, wie Du heut Zarba zu Dir geführt hast. Er knickte die Blume und warf sie dann fort; aber der Geist der Rache verwandelte die Rose in eine Löwin, welche nach Vergeltung lechzte. Du bist in meine Hand gegeben und wirst thun, was ich von Dir fordere." Er lachte kurz und höhnisch auf.

"In Deine Hand? Weib, Du bist verrückt! Aber ich bin trotzdem begierig, zu erfahren, was Du von mir verlangen könntest."

"Daß Zarba Dein Weib werde, Dein rechtmäßiges, Dir öffentlich angetrautes Weib."

"Es ist wahrhaftig kein Zweifel, Du bist wahnsinnig. Eine Zigeunerin das Weib eines Herzogs!"

"Sie ist eine Fürstin unter den Kindern der Zingaaren und schöner als alle Mädchen der Christen. Sie soll Herzogin werden, oder ich nehme Dir Deine Krone und Alles, was Du hast. Dein Vater schwur mir, daß ich sein Weib, seine Gemahlin sein solle; er hat sein Wort gebrochen, und daher soll die Tochter der verrathenen und verstoßenen Zigeunerin das sein, was ihre Mutter nicht werden durfte."

"Ah - -!" dehnte er. "Das wird immer interessanter. Womit willst Du mich zwingen, Deinen Willen zu thun?"

"Mit Katombo. Er ist Dein ältester Bruder, welchen ich Deinem Vater stahl, um mich zu rächen."

"Beweise es!"

"Siehe das Wappen der Raumburge an seinem Arme; es ist ganz dasselbe, wie auch Du eins haben wirst. Auch seine Kleider habe ich aufbewahrt an einem Orte, wo sie sicher liegen, bis ich sie brauche."

"Weib, Du machst Dich ungeheuer lächerlich! Du bekennst Dich für des Kindesraubes schuldig und wirst für lebenslang in das Zuchthaus wandern, wenn Du Deinem Wahnsinn Folge gibst."

Seine Worte klangen außerordentlich ruhig und gelassen, obgleich die ihm gewordene Enthüllung von der größten Wichtigkeit für ihn sein mußte. Die Zigeunerin amtwortete:

"Du hast Recht; ich werde eine Zeit lang gefangen sein, aber Katombo, der neue Herzog, wird mich zu begnadigen wissen. Wähle zwischen Zarba und meiner Rache!"

"Ich habe gewählt."

"Wie?"

"So!"

Mit einem raschen Griffe schlug er ihr die beiden Hände um den Hals, den er in der Weise zusammenpreßte, daß es ihr unmöglich war, einen Laut von sich zu geben. Der Athem verging ihr; Die Besinnung schwand; sie schlug krampfhaft mit den Armen um (\91\)A sich; dann sanken dieselben schlaff herab; ein letztes konvulsivisches Zucken flog über ihren Körper, dann stürzte sie, von ihm losgelassen, zur Erde. Er hatte sie erwürgt. Die beiden Lauscher standen vor Entsetzen an allen Gliedern gelähmt. Sie hätten sich nicht bewegen können, selbst wenn es in ihrer Absicht gelegen hätte, gegen die finstere That ihres Gebieters einzuschreiten. Und überdies war dieselbe so rasch geschehen, daß für einen Entschluß die nöthige Zeit gar nicht vorhanden war. Der Herzog nahm die Leiche auf und trug sie davon.

"Er wird sie in das Wasser werfen," meinte der Domestike in einem Tone, aus welchem die ganze Größe seines Entsetzens klang. "Komm, um Gottes Willen, komm; wir dürfen von dieser Stunde nicht das Mindeste wissen!" Er zog das zitternde Mädchen in größter Eile mit sich fort.

Seine Vermuthung war richtig. Der Herzog warf die Zigeunerin über die Umfassung, stieg nach und schleppte sie dann in den Fluß. Das Wasser desselben war hier so tief und reißend, daß es die Leiche sicher eine so weite Strecke mit sich fortnahm, daß eine Entdeckung nicht zu erwarten stand. Dann kehrte er durch den verborgenen Gang in sein Arbeitszimmer zurück. Als er hier bei Zarba eintrat, zeigte sein Äußeres eine Ruhe, welche nicht das Geringste von dem verrieth, was soeben geschehen war.

"Ich mußte Dich warten lassen," meinte er. "Nun aber bleibe ich bei Dir."

"Ich dachte, Du holtest Katombo!"

"Katombo? Wie kommst Du auf diesen Gedanken?"

"Hast Du mir nicht versprochen, ihn frei zu geben, wenn ich Dir Deinen Willen thue, Dich hier zu besuchen."

"Versprochen habe ich es eigentlich nicht. Es ist sehr schwer, ihn der Hand des Richters zu entziehen."

(\92\)A "Dir ist Alles möglich" "Vielleicht." "So gib ihn frei!" "Unter einer Bedingung." "Welche ist es?"

"Laßt erst sehen! Katombo ist kein geborener Zigeuner, wie ich nun sicher weiß. Wer sind seine Eltern?"

"Ich weiß es nicht. Die Vajdzina fand ihn im Walde." "War der Vajda dabei, als sie ihn fand?" "Nein, er war damals in Süderland."

"Der Vajda und die Vajdzina sind so offen mit einander, daß sie kein Geheimniß gegen einander haben?"

"Die Vajdzina ist die Königin des Stammes; sie braucht ihrem Manne nichts zu sagen, was er nicht wissen soll."

Sie ahnte nicht, daß sie mit diesem Ausspruche ihrem Vater das Leben rettete.

"Weißt Du, daß ich soeben mit der Vajdzina gesprochen habe?"

"Jetzt?"

"Ja. Sie hat Dir gesagt, daß sie kommen werde." "Sie sagte es."

Er zog eine Schnur hervor, an welcher ein kleiner, lederner Wickel hing. Er hatte sie vorhin der Leiche vom Halse genommen, ehe er diese in das Wasser warf.

"Hier sendet sie Dir dies Zeichen. Du sollst bei mir bleiben, bis sie kommt, um Dich abzuholen."

"Bei Dir? Ich kam doch nur für eine Stunde!"

Er zog sie an sich und strich ihr mit der Hand liebkosend über das Haar.

"Hast Du mich wirklich lieb, Zarba?"

"Ja."

"Und mußt Du der Vajdzina in Allem gehorchen?" "Ja."

"So wirst Du bei mir bleiben; sie befiehlt es Dir. Denn nur unter dieser Bedingung kann ich Katombo retten und den Andern, der ihm gegen mich beistand."

Sie blickte verwirrt vor sich nieder. Der Gehorsam gegen die Vajdzina und die Liebe stritten gegen das Gefühl mädchenhafter Scham und Zurückhaltung in ihrem Innern. "Und was soll ich hier?"

(\92\)B Er drückte sie noch inniger an sich und küßte sie wiederholt auf die schwellenden Lippen.

"Meine Gebieterin sollst Du sein, meine Braut, mein Weibchen."

Er sprach weiter zu ihr und immer weiter. Seine Stimme hatte jenen einschmeichelnden Klang, welcher selbst ein erfahreneres Mädchen, als Zarba war, zu bethören vermag. Er erzählte ihr von der Pracht und Herrlichkeit, die ihrer wartete und umstrickte sie mit so glanzvollen Schilderungen und Versprechungen, daß ihr Widerstand immer schwächer wurde, bis sie endlich frug:

"Hat die Vajdzina wirklich befohlen, daß ich bleibe?" "Wirklich! Ich habe Dir ja zur Beglaubigung ihr Zeichen gebracht."

"Es ist ihr Talisman, den sie noch niemals aus den Händen gegeben hat; ich glaube Dir und werde bleiben, bis sie kommt. Aber nun gibst Du auch Katombo frei?"

"Ja."

"Jetzt gleich?"

"Sofort. Ich werde den Befehl geben, ihn zu entlassen."

Er erhob sich. Sie hielt ihn zurück. Hatte trotz alledem der Zweifel seine warnenden Stimme in ihr erhoben?

"Ich muß dabei sein; ich muß mich überzeugen, daß er wirklich gehen darf!" Er lächelte.

"Du lieber, kleiner Unglaube! Ich muß Dir Deinen Willen thun, um Dich ganz und gar zu beruhigen und zu überzeugen. Aber ist es Dir denn lieb, daß Katombo Dich sieht?" "Nein, aber er soll erfahren, daß ich bei Dir bleibe, um ihn zu retten."

Der Herzog trat hinaus auf den Korridor und von da in ein Zimmer, in welchem zwei Männer auf sein Erscheinen gewartet zu haben schienen. Sie trugen seine Livr,e und waren wohl seine Vertrauten.

"Holt den Zigeuner! Ich werde Euch befehlen, ihn sofort frei zu geben, dennoch aber nehmt ihr ihn unten wieder fest und bringt ihn in den Keller zurück. Sorgt dafür, daß der ganze Vorgang keine Zeugen findet!"

Er kehrte zu Zarba zurück, der man es ansah, daß sie dem Erscheinen ihres bisherigen Geliebten doch nicht ohne Bangen entgegen (\93\)A sah. Nach einiger Zeit wurde die Thür geöffnet und einer der Männer trat ein. "Befehlen Excellenz den Gefangenen?" "Herein mit ihm!"

Katombo trat ein. Sein erster Blick fiel auf das Mädchen.

"Zarba!" Er fuhr zurück, als habe er ein Gespenst erblickt. "Was thust Du hier?"

"Ich habe um Gnade für Dich gebeten." "Zu dieser Stunde! Ich brauche keine Gnade; ich will nur Gerechtigkeit."

"Nenne es wie Du willst, Gnade oder Gerechtigkeit," fiel der Herzog ein. "Ich will Dir Deinen Wunsch erfüllen, Du bist frei. Nehmt ihm die Fesseln und geht!"

Die Diener gehorchten dem Befehle und verließen das Zimmer. Katombo dehnte und reckte seine Arme, um das Blut in Umlauf zu bringen; dann wandte er sich an Zarba:

"Komm!"

Der Herzog legte den Arm um das Mädchen und zog sie an sich.

"Du gehst allein; Zarba bleibt bei mir."

"Was soll sie hier?"

"MeinLiebchen sein. Geh!"

"Ah!"

Er sprach nur diese eine Silbe aus, aber ihr Ton gab deutlich Zeugniß von den Gefühlen, welche jetzt auf ihn einstürmen mußten.

"Die Vajdzina hat es geboten," entschuldigte sich das Mädchen in sichtlicher Verlegenheit. "Ich konnte Dich nicht anders retten."

"Um diesen Preis will ich nicht frei sein," klang es verächtlich. "Du warst auch ohnedies für mich verloren, aber Du sollst Deine Untreue nicht mit einer angeblichen Großmuth bemänteln, die eine Lüge ist. Du erniedrigst Dich zur Buhlerin; ich habe keine Pflicht mehr, Dich zu retten; es würde auch vergebens sein; aber ich bitte Dich, kehre zur Vajdzina zurück, denn ich gehe wieder in meine Gefangenschaft."

"Das wird Dich nichts nützen, denn sie bleibt bei mir, auch wenn Du verschmähst frei zu sein."

Trotz des Schmerzes, der in seinem Innern wühlte, vermochte es Katombo, ein Lächeln fertig zu bringen; es war ein unendlich stolzes. Er reckte sich in die Höhe und trat einen Schritt näher.

"Glaubst Du wirklich, daß es meine Absicht war, gefangen zu bleiben? Ich wollte nur sehen und beweisen, daß meine Rettung nichts als eine eitle Vorspiegelung war. Ich gehe. Zarba bedaure ich; Dich aber verachte ich. Du hast mir das Liebste geraubt, was ich hatte; Du wirst mich wiedersehen, wenn ich komme, Abrechnung mit Dir zu halten!"

Er trat zur Thüre hinaus und schritt der Treppe zu. Unten standen die beiden Diener; er mußte an ihnen vorüber, wenn er zum Hauptportale gelangen wollte. Der Eine trat ihm entgegen. "Hier ist bereits verschlossen. Komm hier nach hinten!"

Er schritt voran, einen langen Flurgang hinab. Katombo folgte, hinter ihm der zweite Domestike. Der Andere öffnete am Ende des Ganges eine Thür, hinter welcher eine Treppenöffnung sichtbar wurde. "Hier hinab!"

Dem Zigeuner kam blitzschnell die Erkenntniß, was man mit ihm vorhabe. Rasch wandte er sich um, warf den hinter ihm Stehenden zu Boden und sprang den Gang zurück. Neben dem Portale befand sich eine Thür, in deren Schlosse der Schlüssel steckte. Mit der Geschwindigkeit des Gedankens riß er sie auf, trat ein und schob den Riegel vor. Die Diener waren ihm gefolgt.

"Er wird durch das Fenster fliehen wollen. Schnell das Thor auf und hinaus!" gebot der Eine. Die Innenriegel flogen zurück; das Thor sprang auf, und die beiden Männer traten hinaus. Der kleine Raum, in welchen Katombo gerathen war, war das Zimmer des Portiers. Dieser befand sich nicht in demselben, da man ihn entfernt hatte, um nach dem Befehle des Herzogs jede unnöthige Zeugenschaft zu vermeiden. Auf dem Tische lag ein Messer. Katombo ergriff es, öffnete das Fenster, schwang sich hinauf und sprang nach außen. Seine Füße berührten in dem Augenblicke den Boden, in welchem seine Verfolger aus der Thür traten. Sie warfen sich sofort auf ihn, aber mit einem lauten Weheschrei stürzte der Vorderste zur Erde; Katombo hatte ihm das Messer in die Kehle gestoßen und flog in weiten Sätzen nach dem Wasser zu. "Hilfe! Mörder! Haltet ihn!" rief der Unverletzte und eilte hinter ihm her.

Neben dem Portale stand ein Schilderhaus, in welchem ein Militärposten lehnte. Der Mann war Zeuge des ganzen Vorganges (\93\)B gewesen; doch war Alles so schnell geschehen, daß er sich erst, als Katombo bereits den Fluß erreicht hatte, auf das besann, was ihm zu thun oblag.

"Steh oder ich schieße!" gebot er und erhob das Gewehr.

Der Zigeuner warf sich in das Wasser. Der Schuß krachte, und die Kugel pfiff hart über seinem Kopfe hinweg. Die Hilferufe des Dieners und der weithin dröhnende Schuß blieben nicht ohne für Katombo höchst bedenkliche Folgen. Die zahlreiche Dienerschaft des Herzogs eilte auf den Alarm aus dem Palaste und besetzte das diesseitige Ufer. Am jenseitigen sammelten sich Leute; es war dem Fliehenden unmöglich, hüben oder drüben zu landen. Ein Glück für ihn war es, daß gerade gegenwärtig nur ein einziges Boot auf dem Flusse sichtbar war. Es hielt sich in der Mitte und wurde stromauf gerudert. Ein einziger Mann saß in demselben. Konnte Katombo ihn überwältigen, so war er gerettet. Als ein ausgezeichneter Schwimmer strebte er schnell dem Kahne entgegen. Der Mann zog das Ruder ein und richtete sich empor. "Wer da?"

Katombo antwortete nicht. Das Messer in der Rechten, stieß er mit den Füßen kräftig aus, so daß er fast über den Bord des Kahnes gehoben wurde. Sich mit der Linken festhaltend, holte er mit dem Messer aus. Der Mann im Kahne sah die Klinge blitzen; mit einem blitzschnellen Griffe faßte er die Rechte des Zigeuners, der unter dem furchtbaren Drucke, den er fühlte, das Messer fallen ließ, ergriff ihn dann an der Jacke und warf ihn mit einem riesenkräftigen Schwunge zu sich herein. Bei dieser Bewegung drohte das schwanke Fahrzeug umzukentern; es hob und senkte sich, und das Wasser spritzte von beiden Seiten herein. Den Mann schien das nicht im Mindesten zu berühren; er hielt mit eisernen Fäusten Katombo gepackt und meinte in beinahe gemüthlichem Tone:

"Heda, mein Bürschchen, da bist Du wohl an den Unrechten gekommen! Wer sind wir denn eigentlich?"

"Rette mich; ich bin unschuldig!" stieß der Zigeuner hervor.

"Unschuldig? Und dabei schießt man hinter Dir her und schreit nach Mördern? Wer bist Du?" "Ich bin ein Zigeuner und dem Herzoge von Raumburg entsprungen, der mich in seinen Keller sperrte, um mir meine Braut nehmen zu können."

"Der Raumburger? Hm! Ich bin dem Kerl keineswegs gewogen; aber Du greifst mich mit dem Messer an."

"Aus Verzweiflung!"

"Möglich!" Der Sprecher blickte aufmerksam nach den beiden Ufern und meinte dann gelassen: "Höre, Bursche, ich will Dir einmal Etwas sagen: Ich kenne den Herzog, und was Du mir da sagst, klingt allerdings wahrscheinlich. Bist Du unschuldig, so werde ich mich Deiner annehmen; im andern Falle aber übergebe ich Dich der Polizei. Erzähle mir Alles aufrichtig und versuche nicht, mir zu entkommen. Bis Du fertig bist werden wir trotz den Schreihälsen da drüben ein wenig spazieren fahren."

Er nahm die Hände von Katombo weg, so daß sich dieser aufrichten konnte, und griff nach den Rudern. Jetzt erst erkannte der Zigeuner, daß er einen Mann von ganz ungewöhnlich kräftigen Körperformen vor sich hatte, der sich allerdings vor Niemand zu fürchten brauchte. Von zwei starken Armen getrieben, flog der Kahn jetzt wieder stromabwärts, so daß die Verfolger ein lautes Geschrei erhoben, welches aber der Besitzer des Kahnes nicht im Geringsten beachtete.

"Also erzähle!" gebot er zum zweiten Male.

Sein Gesicht war so ehrlich und Vertrauen erweckend, daß Katombo Muth faßte. Er stattete einen ausführlichen Bericht über das Erlebte ab, und war mit demselben erst zu Ende, als die Residenz längst hinter ihnen lag. Der Andere zog die Ruder ein und ließ den Kahn nur noch mit dem Wasser treiben.

"Hm! Ich glaube Dir Alles, was Du mir da gesagt hast; aber eine verteufelte Geschichte ist es dennoch, da Du das Messer gebraucht hast. Hätte der Lärm nicht stattgefunden, so glaube ich, ließe der Herzog die Sache am liebsten auf sich beruhen. Am Besten ist es, Du machst Dich so schnell wie möglich aus dem Staube." "So willst Du mich freigeben?"

"Allerdings; man hat mich nicht erkannt, und Du scheinst mir ein ganz braver Kerl zu sein."

"So bitte ich Dich, mich an das Land zu setzen. Ich muß sofort nach dem Gehege."

"Was fällt Dir ein! Du kannst Dir leicht denken, daß bereits Boten unterwegs sind, um Dich dort abzufangen."

"Aber ich muß zur Vajdzina!"

"Jetzt nicht, mein Junge! Es ist keineswegs meine Absicht, Dir zu helfen, damit sie Dich wieder erwischen. Willst Du den (\94\)A Deinen Nachricht geben, so werde ich selbst nach dem Gehege gehen." "Wirklich?"

"Ja, und zwar noch heut in der Nacht, wenn Du es verlangst."

"Und wo bleibe ich?"

"In meiner Wohnung; da bist Du sicher."

"Wer bist Du?"

"Ich heiße Brandauer und bin der Kurschmied seiner Majestät des Königs." "Ich verstehe mich auch auf die Schmiederei."

"Ich habe davon gehört, daß die Zigeuner oft die besten Pferdeschmiede sind. Das freut mich! Jetzt gehen wir an das Land." "Und dann in die Stadt zurück?"

"Ja. Doch habe keine Sorge; Du bist bei mir vollständig sicher."

"Und der Kahn? Er kann Dich verrathen."

"Er gehört einem Fischer; er mag ihn morgen holen."

Sie stießen an und zogen das Boot an das Land. Dann schritten sie in einem weiten Bogen nach der Stadt zu. Jede Begegnung sorgfältig vermeidend und sich stets im Dunkel haltend, gelangten sie glücklich an die Hofschmiede, deren Fenster alle dunkel waren. "Wir gehen durch die Hinterthür," meinte der Schmied und sprang über den Zaun. Katombo folgte ihm. Als sie in die Werkstatt traten, machte Brandauer Licht. Das Erste, was den beiden Männern in die Augen fiel, war eine weiße Gestalt, die sich hinter den Blasebalg niedergekauert hatte, um sich dort zu verstecken. Jedenfalls war es ein Lehrjunge, der hier auf verbotenen Wegen von dem Meister überrascht wurde, den er wohl bereits zu Hause gewähnt hatte. Der Schmied zog ihn hervor, und nun zeigte es sich, daß der Bursche nur mit Hemd und Unterhose bekleidet war. "Was thust Du hier, Thomas?"

"Ich - ich - ich weiß es selper nicht, Meister Prandauer."

"So!" Er leuchtete in den Winkel, wo der Bursche gesteckt hatte, und brachte eine noch glimmende Cigarre zum Vorschein. "Was ist das?" ""Das? Hm, das ist vielleicht gar eine Ampalema!" "Du hast geraucht?"

"Nur ein ganz kleines Pischen, Herr Meister." "Und warum hier?"

"Dropen kann ich nicht in der Kammer; da könnte ich pei dem Opergesellen schöne Ohrfeigen pesehen!"

"Verdient hättest Du sie!" lachte Brandauer, der dem Lehrjungen nicht ungewogen zu sein schien. "Aber da sie einmal brennt, so magst Du sie fortrauchen. Dabei aber sorgst Du für diesen Mann, den ich Dir übergebe, bis ich nachher wiederkomme."

"Ganz zu Pefehl, mein pester Meister Prandauer!" schmunzelte der Junge und folgte den beiden Leuten in die Stube, wo der Schmied einen Kleiderschrank öffnete.

"Hier, ziehe Dich um, und laß Dir dann von Thomas zu essen und zu trinken geben. Er mag so vorsichtig wie möglich sein, daß Niemand aufgeweckt wird. Jetzt gehe ich nach dem Gehege."

Nach einigen weiteren Bemerkungen verließ er das Haus. Katombo sah sich von dem Lehrburschen aus das Beste bedient, der, als sich der Zigeuner umgekleidet hatte und mit Essen fertig war, hinaus in die Werkstatt ging und mit einer Cigarre zurückkehrte. "Willst Du Dir auch eine anprennen?" frug er. "Ja."

"Da hast Du sie; aper rauche sie mit Verstand; es ist nicht etwa plos Cupa oder Hapanna, sondern die peste Ampalema. Ich hape sie von meinem Pruder Palduin, der ist Kenner, zwei Stück für drei Pfennige!"

Damit hatte die Unterhaltung ein Ende, denn der Lehrling hatte keine Lust, sich den Hochgenuß seiner Ambalema durch unnützes Reden zu beeinträchtigen, und Katombo war zu sehr mit seinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt, als daß er ein Bedürfniß nach einem Gespräche empfunden hätte.

So vergingen beinahe zwei Stunden, ehe Brandauer zurückkehrte. Er schickte den Jungen zur Ruhe und gab dann kurzen Bericht. "Ich habe sie nicht getroffen."

"Warum? Der Ort ist auch bei Nacht leicht zu finden."

"Weil sie überhaupt nicht mehr da sind. Ich traf ganz unerwartet auf einen Militärposten, der mich anrief. Ich gab an, daß ich mich verirrt hätte, und frug nach dem Grunde, daß Posten ausgestellt seien. Er erzählte mir, daß einer der Zigeuner einen Mann erstochen habe und entflohen sei; nun ist das ganze Gehege (\94\)B besetzt, um ihn zu fangen, sobald er zurückkehrt. Die andern Zigeuner aber sind sofort unter militärischer Bedeckung transportirt worden, wohin, das wußte er nicht." "So werde ich morgen nachforschen!"

"Das überlaß nur mir. Für jetzt bist Du bei mir in Sicherheit. Ich übergebe Dir ein Zimmer, welches kein Mensch betreten darf als der Lehrling, der Dich bedienen wird. Er ist treu und verschwiegen. Das Übrige wird sich später finden."

Elftes Kapitel. Paroli.

Es war am Abende. Ein feiner, dichter Regen fiel vom Himmel nieder, so daß auf den Straßen der Residenz nur Diejenigen verkehrten, welche die Nothwendigkeit aus ihren Wohnungen trieb. Der Posten, welcher vor dem Polizeigebäude auf und ab patrouillirte, hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt und murmelte zuweilen ein zorniges Kraftwort über das unfreundliche Wetter, dem er sich in Folge seiner dienstlichen Obliegenheiten preisgeben mußte.

Ein hochgewachsener Mann, der einen weiten Gummirock mit Kapuze trug, kam die Straße heraufgeschritten und trat durch das Portal in das Gebäude. Der diensthabende Polizist im Flure desselben trat ihm einen Schritt entgegen.

"Was wünschen Sie?"

"Ist der Inspektor zu Hause?"

"Der Herr Inspektor, wollen Sie wohl sagen! Er ist zwar da, aber nicht mehr zu sprechen." Statt aller Antwort drehte sich der Mann um und schritt auf die Treppe zu. Der Polizist eilte ihm nach und faßte ihn am Arme.

"Ich sagte, daß der Herr Inspektor nicht zu sprechen sei." Der Andere schlug jetzt die Kapuze zurück und frug: "Kennen Sie mich?"

Der Beamte trat erschrocken einen Schritt zurück.

"Durchlaucht Excellenz! Verzeihung, ich konnte Ew. Hoheit ganz unmöglich erkennen!" Der Herzog von Raumburg, denn dieser war es, nickte kurz und stieg dann zur ersten Etage empor, in welcher sich die Wohnung des Inspektors befand. Dort angekommen, öffnete er ohne Weiteres eine Thür und befand sich seinem Untergebenen gegenüber, den über den unvermutheten Besuch eine sichtliche Überraschung befiel.

"Durchlaucht!"

"Schon gut; lassen wir alle Komplimente! Sie kennen meine Gewohnheit, Alles selbst zu sehen, mich von Allem so viel wie möglich selbst zu überzeugen. Ich komme, die Polizeigefängnisse zu revidiren. Ist Alles in Ordnung?"

"Alles," antwortete der Inspektor, nach einem Schlüsselbunde greifend.

"Lassen Sie die Schlüssel! Sie wissen, daß ich einen Hauptschlüssel für die Schlösser sämmtlicher Landesanstalten besitze. Ist bereits abgespeist?"

"Ja."

"Die Gefangenen haben die Strohsäcke in ihre Zellen bekommen und werden nun eigentlich nicht mehr gestört?"

"So ist es, Excellenz!"

"Sind alle Schließer da?"

"Nur der wachthabende; die andern haben frei."

"Gut. Er wird mich führen, und Ihre Begleitung ist also nicht nöthig."

Der Herzog verließ das Zimmer und schritt dem ihm wohlbekannten Theile des Gebäudes zu, in welchem sich die mit Nummern versehenen Gefängnißzellen befanden. Sie lagen an den Seiten von zwei Korridoren, welche den ersten und zweiten Stock des Hinterhauses bildeten. Der Jour habende Schließer erkannte ihn sofort und stellte sich in devotester Haltung zur Disposition.

"Revidiren!" klang es kurz und befehlshaberisch. "Wo, Excellenz?" "Zunächst oben!"

Sie stiegen eine zweite Treppe empor. Der Schließer öffnete eine Zellenthür nach der andern und leuchtete in die engen Räume, in welche der Herzog einen kurzen Blick warf. Fast waren sie damit fertig, als Raumburg frug:

"Haben Sie Trinkwasser oben?"

"Nein; es befindet sich im unteren Korridore."

Der Herzog hatte dies bereits bemerkt und gerade deshalb dieses Mittel gewählt, den Beamten auf eine kurze Zeit zu entfernen.

(\95\)A "Es gibt hier eine Luft, welche in Folge des Zellendunstes beinahe unerträglich ist. Holen Sie mir ein Glas frisches Wasser!"

Der Schließer beeilte sich, diesem Befehle schleunigst nachzukommen. Kaum hatte er den Gang verlassen, so trat der Herzog zu einer Thür, welche eine nach dem Boden führende Treppe verschloß. Mit Hilfe seines Hauptschlüssels war sie in drei Sekunden geöffnet; dann schloß er ebenso die Zelle auf, in welcher Helbig detinirt war, und zog ein Bündel unter seinem Rock hervor.

"Schnell, schnell! Hier ist der Strick. Dort hinauf!"

Helbig ergriff das Bündel und huschte die dunklen Stufen empor. Der Herzog verschloß die beiden Thüren hinter ihm und war damit vollständig fertig, als der Schließer das Wasser brachte. Die Revision wurde fortgesetzt.

(\96\)A Als der Herzog vorhin auf das Polizeigebäude zuschritt, war ihm von weitem ein Mann gefolgt, welcher sich ungesehen von ihm und dem Militärposten so plazirte, daß er den Eingang des Gebäudes im Auge zu behalten vermochte. Es war Max, der Sohn des Hofschmiedes Brandauer. Aus dem belauschten Gespräche zwischen Raumburg und Helbig hatte er mit Sicherheit geschlossen, daß heut etwas gegen ihn, Zarba und den Hauptmann unternommen werde, und daher den Palast des Herzogs aufgesucht, um das Nöthige zu beobachten. Seine Vermuthung bestätigte sich; er sah den Herzog seine Wohnung verlassen und folgte ihm auf dem Fuße bis hierher.

Er nahm als gewiß an, daß Helbig sein Gefängniß heimlich verlassen werde; da er aber die Art und Weise nicht kannte, in welcher dies bewerkstelligt werden sollte, so konnte er nicht den Mörder beobachten, sondern mußte sich begnügen, seine Aufmerksamkeit auf den herzog zu richten.

Er hatte beinahe eine volle Stunde gewartet, als er den Letzteren endlich aus dem Portale treten und die Straße hinabschreiten sah. Er folgte ihm.

Raumburg bog in die nächste Seitenstraße ein und folgte dann einigen engen Gassen, die ihn an die hintere Seite des Polizeigebäudes führten. Dieses lag außerhalb der inneren Stadt, und seine Rückfront stieß an das offene Feld, welches hier die Spuren einiger alter Festungsgräben zeigte, die nicht zugeschüttet worden waren. In den Vertiefungen wucherte ein üppiges Weidengebüsch, zu welchem der Herzog seine Schritte lenkte. Dort angekommen, stieß er einen leisen Pfiff aus, und sofort tauchte die Gestalt Helbigs vor ihm empor.

"Helbig!"

"Hier!"

"Alles gut?"

"Ja."

"Wo ist das Seil?" "Es hängt noch."

"Wirst Du wieder hinaufkommen?"

"Ja, wenn ich wirklich wieder in die Zelle muß. Aber ich denke, Sie wollen mir die Freiheit schenken!"

(\96\)B "Du sollst sie auch haben, aber auf anderem Wege. Du kehrst in Deine Zelle zurück,

und ich werde dafür sorgen, daß durch ein Alibi Deine Unschuld bewiesen wird."

"Es ist finster, und Niemand wird das Seil bemerken, mit dessen Hilfe ich wieder hinauf zum

Bodenfenster klettere; aber wie komme ich von dort oben wieder in meine Zelle?"

"Sobald Du oben bist, wirfst Du das Seil herab; ich werde es dann selbst entfernen. Natürlich kann ich Gründe haben, gegen Morgen das Gefängniß nochmals zu revidiren; Du wartest hinter der Bodenthür, bis ich diese öffne. Es wird morgen Niemand ahnen, daß Du während der Nacht das Gefängniß verlassen hast."

"Und nun meine Aufgabe, gnädiger Herr?"

"Du gehst zunächst in meinen Garten. In derjenigen hinteren Ecke, welche nach dem Flusse zu liegt, findest Du ein Paket. Es enthält einen vollständigen Handwerksburschenanzug, den Du anlegst. Hast Du Geschick genug, für einen Schmiedegesellen zu gelten?" "Wird mir nicht schwer fallen, Durchlaucht."

"Schön! Hier hast Du ein Wanderbuch, in welchem Du natürlich vorher die Visa nachsehen mußt. Kennst Du Brandauers Hofschmiede?"

"Ja."

"Dorthin gehst Du und sprichst um ein Nachtlager an." "Sie werden mich in die Herberge weisen."

"Ich habe Erkundigung eingezogen und erfahren, daß der Meister sehr oft wandernde Gesellen bei sich behält, wenn ihm ihr Äußeres und ihre Legitimation gefällt. Dein Wanderbuch wird Dich ihm empfehlen; das Übrige ist Deine eigene Sache. Du mußt auf alle Fälle versuchen, bleiben zu dürfen; halte Dich an die Gesellen; Hier hast Du Geld, ihnen ein Gratial zu geben. Und solltest Du partout gehen müssen, so benütze Deine Zeit wenigstens dazu, Dich mit der Örtlichkeit vertraut zu machen, damit es Dir gelingt, Dich heimlich einzuschleichen." "Und was kommt dann?"

"Der Schmied hat einen Sohn, Namens Max, welcher in der Stube über der Schmiede schläft. Auf der andern Seite wohnt eine Zigeunerin und ein verabschiedeter Artilleriehauptmann; das sind drei Personen, für welche ich Dir hier dieses Messer und diesen Revolver gebe; er ist geladen. Weiter kann ich nichts sagen." (\97\)A "Ist auch nicht nöthig! Sie können sich darauf verlassen, daß ich stets vollbringe, was ich mir einmal vorgenommen habe. Geht es im Stillen mit dem Messer, so ist es mir um so lieber; gelingt es aber nicht, so schieße ich die Drei ganz einfach vor Aller Augen nieder. Für meine Person ist keinerlei Gefahr dabei."

"Du kleidest Dich dann in meinem Garten wieder um, wo ich in der hintersten Laube auf Dich warten werde. Gelingt Dir Alles gut, so bist Du in wenigen Tagen frei und ich statte Dich so aus, daß Du ohne Sorgen leben kannst. Jetzt geh!"

Helbig verschwand. Der Herzog wartete noch einige Minuten und entfernte sich dann auch. Jetzt erhob sich kaum einige Fuß von dem Platze, an welchem die Beiden gestanden hatten, Max vom Boden. Er hatte jedes Wort der für ihn so gefahrdrohenden Unterredung vernommen.

"Ein sauberes Paar! Der Plan ist wahrhaftig so verwegen, daß wir sehr bedeutende Personen sein müssen, von deren Entfernung höchst Wichtiges abzuhängen scheint. Diesen Helbig werde ich bekommen, und den Herzog später auch, trotzdem ihm sein Rang den besten Schutz gewährt!"

Er kehrte nach der Schmiede zurück.

Dort saßen heut die Gesellen nicht wie an schönen Abenden im Freien, sondern sie hatten sich in der Werkstatt plazirt. Thomas fehlte; es waren also nur Baldrian, Heinrich und die Lehrlinge anwesend.

"Wenn ich nur wüßte, warum der Thomas verreist ist!" meinte Heinrich, der Artillerist. "Es muß das einen ganz besonderen Grund haben." "Das ist am Den!" nickte Baldrian, der Grenadier. "Kannst Du Dir nichts denken?"

Baldrian schüttelte mit dem Kopfe, und Heinrich fuhr fort:

"Erst eine Depesche und dann der Obergeselle auf Reisen - es geht Etwas vor. Meinst Du nicht auch, Baldrian?" "Das ist am Den!"

"Droben die Zigeunerin und der Hauptmann; dann der junge Herr immer auf dem Sprunge -es geht Etwas vor! Hast Du das Gesicht gesehen, welches er machte, als er jetzt kam?" Baldrian nickte.

"Das sah aus, als hätte er etwas ganz Außerordentliches erlebt. Er war fadennaß, und der Schmutz lag so dick auf seinen Hosenbeinen, als hätte er draußen auf dem Felde gelegen. Nun ist er mit dem Meister hinauf zu der Zigeunerin, wo sie Allerlei verhandeln, als ob großer Kriegsrath abgehalten würde, gerade wie damals, als wir vor Hochberg lagen und kein Mensch Rath wußte, bis ich endlich der ganzen Generalität aus der Patsche half." "Du?" frug Baldrian verwundert.

"Ja, ich. Das war nämlich so: Wir belagerten Hochberg schon sechs Wochen lang und konnten doch das Nest nicht bekommen. Der Oberstkommandirende war ganz grimmig darüber, hielt einen Kriegsrath nach dem andern und konnte doch zu keinem Ziele kommen. Eines schönen Tages saßen sie wieder beisammen, und ich hatte den Zimmerpostendienst. Jeder hatte eine andere Meinung; der Generalissimus fluchte und wetterte, daß es krachte, und sagte endlich: "Die Schuld liegt daran, daß wir weder von der Befestigung noch von der Vertheidigung etwas Genaues wissen. Ich wollte der Sache bald ein Ende machen, wenn ich drin Jemand hätte, der mir Alles sagte."

Die Rede leuchtete mir ein; ich konnte mich nicht halten und trat vor.

"Zu Befehl, Herr Generalissimus; schicken Sie mich hinein. Ich werde auf den Thurm steigen und mir Alles genau ansehen."

"Du?" frug er. "Ja so, Du bist ja der Heinrich Feldmann, der berühmteste und gescheidteste Artillerist in meinem ganzen Heere! Getraust Du Dir das wirklich zu Stande zu bringen?" "Zu Befehl, ja!"

"Gut; ich gebe Dir jetzt sofort Urlaub. Laß Dich ablösen und handle ganz nach Deinem Ermessen; ich weiß, daß Du ein guter strategischer Kopf bist und mir meinen Feldzugsplan nicht verderben wirst. Wenn es Dir wirklich gelingt, so bekommst Du eine lebenslängliche Pension von jährlich fünfhundert Thalern."

"Ich ließ mich also ablösen, setzte mich auf meinen Fuchs, denn ich war doch reitender Kanonier und durfte mich zu Fuße nicht blamiren, und ritt im Galopp gegen die Festung. Sie hielten mich für einen Parlamentär und dachten schon, wir wollten uns ihnen ergeben; darum machten sie schnell das Thor auf und kamen in hellen Haufen herbei, um mich zu empfangen. Indem ich mir nun die Leute ansehe, erblicke ich unter ihnen den ganz obersten Festungskommandanten. Da fährt mir ein kühner, gewaltiger Plan durch den Kopf, denn ich hatte bemerkt, daß die Kirchthür offen stand. Ich reite also auf den Kerl zu, packe ihn bei der Gurgel, (\97\)B reiße ihn zu mir herauf auf den Fuchs und sprenge mit ihm nach der Kirche. Hinter uns ertönt ein ungeheures Wuthgeheul; ich aber kehre mich nicht im Geringsten daran, sondern galoppire die vier Thurmtreppen hinauf bis auf den Glockenboden. Dort steige ich ab und werfe den Kommandanten vom Pferde; er war in eine Ohnmacht gefallen, und da ich keine ästhetischen Tropfen mit hatte, konnte ich ihm nicht helfen. Im Nu habe ich die Fallthüre zugeworfen und schiebe den Riegel vor. Aber das ganze Heer der Belagerten war mir nachgestiegen und wollte die Fallthür sprengen. Was ist da zu thun? Ich schraube also die drei Glocken los und wälze sie auf die Thür. Das war meine Rettung. Nun binde ich dem Kommandanten die Hände und Füße und gucke durch das Schallloch hinaus. Ich kann da die ganze Befestigung überblicken und gebe unsern Leuten durch Zeichen zu verstehen, was sie machen sollen. Auf diese Weise dauerte es nur fünf Tage, und die Festung war unser. Der Feind wußte natürlich, daß ich die Hauptrolle dabei spielte, und ich wurde darum von der obersten Treppe aus ganz fürchterlich belagert; aber die Glocken waren so schwer, daß ich keine Sorge zu haben brauchte. Gehungert habe ich während dieser fünf Tage auch nicht, denn der Kommandant war gerade als ich kam, beim Konditor gewesen, um seiner Frau fünf Pfund Chokolade und drei Pfund Marzipan mitzunehmen; davon haben wir gelebt, und es schmeckte gar nicht übel. Der Fuchs aber steckte von Zeit zu Zeit den Kopf zum Schallloche hinaus und fraß das Stroh und Heu aus den Dohlen- und Schwalbennestern, die es da draußen in Menge gab. Als die Unsrigen die Festung erstürmt hatten, bauten sie mir auf jeder Treppe einen Triumphbogen mit allerlei Fahnen und Guirlanden, und ich bin wieder hinuntergeritten, daß es puffte."

"Das ist am Den!" nickte Baldrian mit einem Gesichte, als ob er an der fürchterlichsten Kolik litte.

"Willst Du es etwa nicht glauben? Für die Gefangennahme des Festungskommandanten bekam ich extra eine goldene Medaille geschlagen, die mir aber auch irgendwo abhanden gekommen ist, und die Pension beziehe ich noch heut; Ihr seht nur nichts davon, weil ich das Geld stehen lasse, bis es mir einmal gefallen wird, mich zur Ruhe zu setzen." Baldrian stand im Begriffe, trotz seiner sonstigen Einsilbigkeit eine scharfe Bemerkung zu machen, wurde aber daran verhindert, denn die Hausthür öffnete sich, und Helbig trat ein, den Knotenstock in der Hand und ein volles Felleisen auf dem Rücken.

"Viel Glück ins Haus, Ihr Leute!" grüßte er nach Handwerksburschenmanier. "Ich bin ein wandernder Schmiedegeselle und komme, den Herrn Meister um ein Nachtquartier zu bitten." "Ein Nachtquartier?" Frug Heinrich. "Hast Du gute Papiere?" "Ja."

"Steht der Bettel vielleicht drin?"

"Ich bettle nicht, sondern ich verdiene mir von Ort zu Ort so viel Reisegeld, als ich brauche." "Eigentlich ist hier bei uns keine Herberge; aber der Meister ist ein guter Mann, der schon Manchen übernachtet hat, wenn es ein anständiger Bursche war. Nicht wahr, Baldrian?" "Das ist am Den!" stimmte der Gefragte bei.

"Du siehst allerdings nicht aus wie ein Bummler; ich werde hinaufgehen und den Meister holen," fügte Heinrich hinzu.

"Ist es nicht möglich, daß ich vielleicht Arbeit hier bei Euch bekommen könnte?" frug Helbig treuherzig. "Ich habe etwas gelernt und immer nur bei tüchtigen Meistern in Arbeit gestanden."

"Ich glaube nicht, doch kannst Du ja den Meister selber fragen."

Heinrich ging, und Helbig wandte sich nun ausschließlich zu Baldrian:

"Nicht wahr, Euer Meister heißt Brandauer?"

"Das ist am Den!"

"Hat er Kinder?"

Baldrian nickte.

"Einen Sohn?"

Ein zweites folgte.

"Ist dieser daheim?"

Ein Drittes Nicken.

"Wohnt Ihr allein im Hause?"

"Das ist nicht am Den!"

"So wohnen auch noch Fremde hier, die eigentlich nicht zur Familie des Meisters gehören?" Jetzt warf ihm Baldrian einen höchst verweisenden Blick zu. "Höre, Fremder, halte das Maul; ich halte es auch am Liebsten!"

Diese Rede des schweigsamen Gesellen war kurz und sehr deutlich. Helbig öffnete den Mund zu einer Entgegnung, als sich droben (\98\)A eine Thür öffnete. Max kam mit dem Vater die Treppe herab. Helbig wiederholte seinen Gruß und seine Bitte. "Zeige mir Dein Buch!" antwortete Brandauer.

Helbig reichte es ihm entgegen. Der Meister blickte es durch und nickte dann zufrieden. "Du kannst und sollst hier bleiben. Lege ab!"

Helbig stellte seinen Stock in eine Ecke und schnallte das Felleisen vom Rücken. In dem Augenblicke, als er es an einen Nagel hängen wollte, trat Brandauer hinter ihn und legte ihm die Arme um den Leib; zugleich zog Max zwei bereit gehaltene Riemen hervor, und ehe die Andern ihrer Überraschung über dieses unvorhergesehene Ereigniß Ausdruck geben konnten, war der falsche Schmiedegeselle so gefesselt, daß er sich nicht im Geringsten zu rühren vermochte. Auch ihn hatte das Plötzliche des Angriffs so außer aller Fassung gebracht, daß kein einziger Laut von seinen Lippen zu hören war. Die Gesellen und Lehrlinge standen wortlos und staunten; der Meister legte den Gefesselten zur Erde.

"Also ein Nachtlager bekommst Du, mein Junge, das habe ich Dir versprochen; nur weiß ich nicht, ob es nach Deinem Gusto sein wird. Laß einmal sehen, was Du bei Dir hast!" Er zog ihm zunächst das Geld aus der Tasche.

"Das also war zum Gratial für meine Gesellen. Seine Durchlaucht werden es ehrlich wieder bekommen!"

Jetzt fand er das Messer und den Revolver.

"Und das war für die drei Menschen, welche Euch im Wege sind! Ich werde Dir diese Sachen bis Morgen aufheben und sogar auch Deine Kleider aus der hintersten Gartenecke holen lassen, damit Du nicht in Verlust geräthst. Baldrian!" "Herr Meister!"

"Dieser Mensch ist ein gefährlicher Verbrecher; ich muß ihn heut hier behalten und übergebe ihn Dir und Heinrich. Schließt ihn in die Eisenkammer und seht darauf, daß er Euch nicht etwa abhanden kommt. Ich weiß, ich kann mich auf Dich verlassen!" "Das ist am Den!"

Der starke Geselle nahm den Gefangenen von der Erde auf, warf ihn mit Leichtigkeit über die Schulter und trug ihn nach dem bezeichneten Orte. Heinrich und die Lehrjungen folgten; es gab ja hier ein Abenteuer, welches sie ganz gehörig durchkosten mußten.

"Ich werde morgen Vormittag zum König gehen, um ihm die Sache vorzutragen," meinte Brandauer. "Er und kein Anderer hat hier zu entscheiden, da der Herzog seine Hand im Spiele hält. Willst Du noch hin zu diesem?"

"Ja, und zwar sofort, er ist ein Meuchler; aber ich biete ihm mein Schach in das Gesicht." Er ging. Nachdem er über den Fluß gerudert war, passirte er das herzogliche Palais und sprang dann über die Gartenmauer. Er brauchte keine Vorsicht anzuwenden, da Helbig ja von Raumburg erwartet wurde. Er schritt offen zur Laube; in ihrer Nähe angekommen, griff er in die Tasche, in welcher er ein Phosphorlaternchen stecken hatte, deren Schein ihm jede Feindseligkeit von Seiten des Herzogs zeigen mußte. "Helbig!" klang es ihm halblaut entgegen. "Durchlaucht!" antwortete er ebenso.

"Schon! Ich hatte Dich viel später erwartet; es muß sehr günstig gestanden haben. Wie ist es abgelaufen?"

"Schnell und gut."

"Sind sie todt?"

"Nein."

"Alle Teufel; warum kommst Du dann?"

Jetzt öffnete Max die Laterne, deren genügend heller Schein auf den Herzog fiel.

"Um Ihnen zu sagen, Durchlaucht, daß Sie ein Schurke sind!" antwortete er mit fester, ruhiger

Stimme.

"Ein Schur - - ah, wer ist das? Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?" Max ließ das Licht einen Augenblick lang auf sein Gesicht fallen. "Sehen Sie her! Sie kennen mich ja wohl."

"Brandauer! Hölle und Teufel! Mensch, was thun Sie in meinem Garten? Ich lasse Sie sofort arretiren!"

"Das werden Sie bleiben lassen, mein Herr! Ich komme nicht als Dieb und Einschleicher, denn ich wußte sehr genau, daß ich Sie hier treffen würde." "Nun, was wollen Sie?"

"Ich bitte sehr höflich um die Erlaubniß, mir einen Gegenstand holen zu dürfen, welcher sich gegenwärtig in Ihrem Garten befindet."

"Welchen Gegenstand?"

"Die Kleidung eines gewissen Helbig."

(\98\)B "Helbig? Kleidung? Wer ist das? Ich weiß von Nichts." "Lügen Sie nicht?" "Herrrr - - !"

Er trat mit erhobenem Arme auf Max zu. Dieser jedoch wich keinen Zoll breit zurück, sondern antwortete:

"Herrrr - -! Sie sehen, Durchlaucht, mir stehen ganz dieselben Stimmmittel zur Verfügung wie Ihnen, die Vertheidigungswaffen ganz unerwähnt, welche ich gebrauchen würde, falls Sie Lust bekämen, den offenen Kampf mit mir aufzunehmen. Also bitte, darf ich mir die Kleider nehmen?"

"Ich verstehe Sie nicht. Sie reden wahrscheinlich irre!"

"Dann muß ich, um Sie von dem Gegentheile zu überzeugen, ausführlicher sein." "Nun? Ich befehle Ihnen das allerdings!"

"Seit wann steht Ihnen die Erlaubniß zu, mir irgend etwas zu befehlen? Jetzt reden wohl Ew. Hoheit irre, denn was ich Ihnen gegenüber thue, geschieht einzig und allein nur, weil es mir so beliebt. Sie erinnern sich wohl eines gewissen Helbig, welcher einst in Ihren Diensten stand?"

"Möglich. Weiter!"

"Er scheint von Ihnen vorzugsweise zu Missionen verwendet worden zu sein, welche nicht ganz heller Natur gewesen sind, denn - - -"

"Schweigen Sie!" herrschte ihn der Herzog an.

Das Innere desselben kochte förmlich vor Grimm. Er wußte jetzt, daß sein Anschlag gescheitert, daß Alles verrathen sei; er fühlte, in welcher Gestalt er seinem Gegner erscheinen müsse, und wenn ihm auch seine hohe Stellung eine gewisse Sicherheit gab, er war nicht nur besiegt, er war entlarvt von einem stolzen, unüberwindlich scheinenden Gegner, von einem -Schmiedesohne, der vor ihm stand und bereits schon vor ihm gestanden hatte so ruhig und hehr, wie der Löwe vor dem schmutzigen Gewürm, welches im Staube kriecht. Das steigerte seinen Grimm bis zum höchsten Grade, aber es war eine ohnmächtige Wuth, der lächelnden Ruhe gegenüber, mit welcher Max antwortete:

Wollen Sie nicht Ihre Stimme dämpfen, Durchlaucht? Es kann unmöglich in Ihrem Interesse liegen, unsere Unterredung für Andere hörbar werden zu lassen. Also ich sagte, diese Missionen können nicht ganz heller Natur gewesen sein, ebenso wie zum Beispiel der Auftrag, welchen er heut in Ihrem Interesse ausführen sollte." "Sie sprechen in Räthseln. Verlassen Sie meinen Garten!"

"Das Erstere ist nicht wahr, und das Letztere ist nicht Ihr Wunsch, denn es muß Ihnen sehr daran liegen zu erfahren, warum ich an Stelle dieses Helbig komme. Er läßt sich nämlich durch mich entschuldigen, da es ihm unmöglich ist, Ihnen seinen Bericht selbst abzustatten. Er liegt gebunden bei mir; Ihr Messer und Revolver wurde ihm abgenommen und ebenso das Geld, welches er zum Gratial für die Gesellen meines Vaters verwenden sollte." "Elender Verräther!"

"Sie irren wieder, Durchlaucht. Helbig hat Sie nicht verrathen; er hat sogar nicht einen einzigen Laut von sich gegeben; dennoch aber wußte ich bereits ehe er als Handwerksbursche bei uns erschien, welche Gefahr mir, der Zigeunerin Zarba und dem Hauptmann von Wallroth drohte."

"Mensch, wie soll ich Sie behandeln?"

"Anders als bisher, Durchlaucht. Lassen Sie mir die Kleider des Meuchelmörders, und ich gestatte Ihnen dafür, mit dem am Polizeigefängnisse hängenden Seile ganz nach Ihrem Belieben zu verfahren. Ich gehe in dieser Konzession geradezu so weit, daß ich nichts dawider habe, wenn Sie den Entschluß fassen, sich daran aufzuknüpfen. Dann wären alle Kontraste gelöst, und Sie ersparen sich die geplante nochmalige Revision des zweiten Korridors."

"Ah, es scheint, sie sind allwissend!" keuchte der vor Wuth bebende Herzog. "Wo haben Sie diese raffinirten Schlüsse gezogen?"

"Draußen zwischen den Weiden im alten Festungsgraben, gnädiger Herr. Ich stand da auf dem Anstande, um einen Fuchs und einen Marder zu ertappen. Sie gingen Beide ein. Den Fuchs lasse ich für heut noch laufen, denn er ist mir zu jeder Zeit sicher, den Marder aber halte ich fest, da ich ihn nicht an das Polizeigefängniß zurückliefern darf, weil über dieses nächtliche Raubzeug kein Anderer entscheiden soll, als Seine Majestät der König selbst." "Sind Sie toll?" "Nichts weniger als das!"

"Und dennoch sind Sie es, sonst würden Sie es nicht wagen, sich mir als Feind zu präsentiren."

"Unsere Intentionen gehen so weit auseinander, daß eine freundliche Beziehung geradezu eine positive Unmöglichkeit genannt werden muß."

(\99\)A "Sie irren!" Der Herzog glaubte jetzt, diplomatisch verfahren zu müssen, und fuhr fort: "Ich könnte Ihnen den Beweis liefern, daß unsere Intentionen sich sehr leicht vereinigen lassen. Schweigen Sie über den heutigen Tag und geben Sie Helbig frei, dann sollen Sie einen mächtigen Beschützer und Gönner in mir finden."

"Sie beweisen mit dieser Forderung gerade das Gegentheil von dem, was Sie beweisen wollen. Ich kann keinen Mörder freigeben, weil ich ja dann sein Mitschuldiger würde; ich stehe so gut auf meinen eigenen Füßen, daß ich eines Gönners und Beschützers nicht bedarf.

Unsere Interessen sind so divergirend, daß wir stets Gegner sein werden; doch verspreche ich Ihnen, stets mit offener Stirn mit Ihnen zu verkehren, und rathe Ihnen, dasselbe auch mit mir zu versuchen. Ein ehrenhafter Feind ist schätzenswerth, ein hinterlistiger Freund aber einfach verächtlich. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen, als daß ich die betreffenden Kleidungsstücke mir mit oder ohne Ihre Genehmigung jetzt nehmen werde." "Halt! Bedenken Sie sich sehr wohl, ehe Sie Ihr letztes Wort sprechen! Ich kann beglücken und verderben, ganz wie es mir beliebt, und Ihrer Anklage und Verfolgung stehe ich zu hoch, als daß es Ihnen gelingen könnte, mich zu erreichen."

A "Ein Glück aus Ihrer Hand würde ich niemals annehmen, und wollen Sie mich verderben, so versuchen Sie es. Ihre Höhe ist nur eine konventionelle, nicht aber eine moralische; in Beziehung auf die letztere stehen Sie auf gleicher Stufe wie Ihr Werkzeug Helbig, und noch ist die Gewißheit nicht vorhanden, daß Ihnen nicht dasjenige Schicksal bevorstehe, von welchem Sie ihn befreien wollten. Gute Nacht!" Da faßte ihn der Herzog beim Arme.

"Noch einmal: Halt! Sie werden dem Könige wirklich das Geschehene referiren?" "Nicht ich, sondern der Vater wird es thun."

"So gehen Sie. Sie haben es gewagt, mir Schach zu bieten, und werden eher als Sie glauben erkennen, daß ich Herr meines Feldes bin, während Sie nichts sind als ein elender, jämmerlicher Wurm, den ich gewiß zermalmen und zertreten werde."

Max entzog sich mit einem kräftigen Rucke der Hand seines Gegners. Seine Stimme klang ruhig, aber es lag eine Sicherheit und Festigkeit darin, welche imponiren mußte. "Sie wagen es, mich einen Wurm zu nennen? Es wird die Stunde kommen, in welcher ich Ihnen den Fuß auf den Kopf setze, um Sie zu vernichten wie eine giftige Viper, deren Dasein nur Gefahr bringt. Unter vier Augen haben Sie mich nicht zu fürchten, denn ich verachte jeden heimlichen Vortheil; öffentlich aber werde ich Sie zu finden und zu treffen wissen, und dann wird Sie kein Rang vor meinen Streichen schützen, von denen Sie entblößt werden sollen bis zur tiefsten Armseligkeit!"

Mit zwei raschen Schritten trat er in die Ecke, nahm das hier liegende Kleiderbündel empor, steckte die Laterne zu sich und schwang sich über die Umfassung des Gartens. Drinnen stand der Herzog wüthend aber rathlos. Er jedoch schritt davon mit dem Bewußtsein, einen glanzvollen Sieg errungen zu haben.

Als er die Schmiede erreichte, saßen die beiden Gesellen wieder am Herde. "Ihr habt den Mann doch sicher?" frug er sie.

"Na und ob!" antwortete Heinrich, der Artillerist. "Er kann ja kein Glied rühren, und wir wachen hier, bis er fortgeschafft wird. Eine Flucht ist rein unmöglich." B "Das ist am Den!" stimmte Baldrian bei. "Wo sind die Eltern?"

"Droben bei der Hex - - wollte sagen bei der Zigeunerin."

Max begab sich nach oben, wo er Alle beisammen fand. Er berichtete von seiner Unterredung mit dem Herzoge.

"Er soll kein Wort gesprochen haben, welches der König nicht erfährt," meinte Brandauer. "Er hat die heiligsten Gefühle des Menschenherzen verhöhnt und alle Bande zerrissen, welche das Kind mit dem Vater vereinigen," fügte der Hauptmann bei. "Er wüthet gegen sein eigenes Fleisch und Blut; ich bin aller Rücksicht gegen ihn quitt und habe die Erlaubniß, von nun an nur an die Qualen zu denken, welche ich auf seine Befehle erdulden mußte. Ich sehe in ihm nur meinen ärgsten Feind, den ich schonungslos bekämpfen muß." Auch Zarba erhob die Hand.

"Fluch ihm, tausendfachen Fluch! Der Tiger liebt sein Junges und der Geier beschützt seine Brut; dieser Teufel aber zerreißt die Herzen Derer, die ihn lieben. Bhowannie wird ihre Pfeile über ihn schicken, wenn er es am wenigsten vermeint. Schon ist das Messer geschärft, welches gegen ihn gezückt werden soll, und die Vajdzina der Brinjaaren wird ihn zu ihren

Füßen sehen, wie er sich windet unter Klagen, Bitten und Jammern; aber sie wird weder Gnade noch Barmherzigkeit für ihn haben, sondern ihm seinen Lohn geben, den er verdient!" An demselben Tage hatte der Regen die Wasser und Bäche des Gebirges hoch angeschwellt, daß es schwer und bedenklich war, auf Fußpfaden durch die Waldung zu kommen. Auch die wenigen fahrbaren Straßen, welche nach der Grenze führten, wurden schwerer wegbar, und wer nicht gezwungen war, dem Wetter zu trotzen, der blieb daheim am sichern Herde sitzen. Ungefähr drei Wegsstunden von der Grenze entfernt liegt das Städtchen Waldenberg, rings umgeben von schroffen Höhen, welche die Poststraße nur schwer zu überwinden vermag. Seitwärts von dieser Letzteren steht an einem Saumpfade fast mitten im Walde ein einstöckiges Häuschen, über dessen Thür eine Holztafel angebracht ist, deren verwitterte und verwaschene Inschrift man nur mit Mühe zu entziffern vermag. Sie lautet: "Zur Oberschenke." Fragt der Fremde, ob es denn Gäste gebe, welche Durst genug haben, dieses einsame und anspruchslose Haus zu frequentiren, A so antwortet man ihm allerdings mit Ja! er selbst aber würde wochenlang beobachten und zählen können, ehe er zu dem Resultate käme, daß am Tage nicht ein einziger Gast dort verkehrt.

Nur der Eingeweihte weiß, daß sehr oft gewisse Gestalten heimlich in das Gebäude huschen und es ebenso vorsichtig wieder verlassen; er weiß auch, daß zuweilen des Nachts die alte verräucherte Stube kaum die Zahl Derer zu fassen vermag, welche lautlos kommen und verschwinden.

Steht man vor der Thür der Oberschenke, so gestattet ein schmaler Holzschlag, der sich den Berg hinabzieht, einen Blick hinunter in das Thal und auf die Fahrstraße, welche dem Letzteren in vielen Windungen zu folgen hat. Sollte dieser Holzschlag durch eine gewisse Absicht hervorgerufen worden sein? Fast scheint es, als hätte es dem Wirthe ermöglicht werden sollen, von seinem verborgenen Wohnsitze aus die Straße immer im Auge behalten und beobachten zu können.

Heut that er dies nicht; er wußte, daß es keinen Verkehr oder wenigstens keinen nennenswerthen geben werde, er saß an dem gewaltigen Kachelofen, in welchem ein großer Holzklotz mehr klimmte als brannte, rauchte seine Pfeife und hob zuweilen einen dicken Steinkrug zum Munde, um in einem langen Zuge das Getränk zu schmecken, welches bei ihm Bier genannt wurde.

Am Tische, der in der Nähe des Ofens stand, saßen zwei Männer, welche ähnliche Krüge vor sich stehen hatten und ein Gespräch unterhielten, über welches sich ein heimlicher Lauscher gewundert haben würde. Sie waren mehr in Lumpen als in ein ordentliches Gewand gekleidet, und doch hatte der Tabak, den sie rauchten, ein so feines und dabei kräftiges Parfüm, daß der Kenner geschworen hätte, er könne nur von sehr wohlhabenden Leuten bezahlt werden. Die Gesichter der Beiden hatten unbedingt jenen unverkennbaren Schnitt, der den Zigeuner kennzeichnet, während die breiten Züge des Wirthes die nordische Abstammung dokumentirten. Eines aber hatten alle Drei gemein: den Ausdruck der List und Verschlagenheit, der dem Beschauer gleich beim ersten Blicke auffallen mußte. "Und sie sind wirklich wieder hüben gewesen, die Süderländer?" frug der Wirth. "Wirklich!"

"Woher weißt Du es, Horgy?" "Ich bin Ihnen begegnet." "Alle Teufel! Allein?" "Mit Tschemba hier."

"Auch Du warst mit?" wandte sich der Wirth an den Genannten. "Wann war es?"

"Heute Nacht, drüben bei der alten Kapelle. Wir wären sicher des Todes gewesen, wenn sie es bemerkt hätten."

"Das ist so gewiß wie mein Ofen hier! Was wird Sie dazu sagen, wenn sie es erfährt?" "Sie? Hm, sie wird sie heimschicken mit blutigen Köpfen, wie vor fünf Wochen, als sie uns in das Tabaksgeschäft pfuschen wollten. Wenn diese albernen Kerls Ihre Oberhoheit anerkennen und Ihr gehorchen wollten, würde es ganz anders sein. Das Geschäft würde dann nicht zerrissen; es wäre ein gemeinsames; der Gewinn müßte sich verdoppeln, und Gefahr, haha, Gefahr wäre dann ein Wort, welches man gar nicht zu kennen brauchte." "Aber wie kommst Du zur Kapelle, Horgy? Ich denke, Du warst das, was man verreist zu nennen pflegt!"

"Allerdings. Ich kehrte gestern wieder und traf mit Tschemba zusammen."

"Wo warst Du?"

"In Süderland."

"Ah! Weit drin?"

"In Tremona."

"Bist Du des Teufels? Hatte Sie Dich geschickt?" "Ja."

"Also ein Auftrag von Ihr! Darf man wissen, was es gewesen ist?"

"Nicht nothwendig. Ich hatte einen Kerl zu beobachten, der die Augen verdrehte, als ob sie an einer Kurbel gingen, und dann einen Brief zu übergeben." "An wen?"

"An - an einen türkischen Pascha!"

"An einen Pascha? Lüge Du und der Teufel!"

Wirklich war Horgy derjenige Zigeuner, welcher Arthur von Sternburg den Brief für Nurwan Pascha übergeben hatte. Bei der Interjektion des Wirthes lächelte er wie ein Mann, der die Wahrheit nur aus dem Grunde gesagt hat, weil er weiß, daß sie nicht geglaubt wird. "Frage nicht mehr, als Du darfst! Du weißt, daß Sie streng B darauf sieht, daß nie gesprochen wird. Also halte lieber den Mund und schenke mir nochmals ein!"

Der Wirth erhob sich, um den Wunsch des Gastes zu erfüllen; dabei fiel sein Blick durch das Fenster.

"Alle Wetter, dort kommt Einer auf die Schenke zu! Macht Euch hinaus in die Kammer! Es kann zwar Jeder bei mir verkehren, aber man braucht doch nicht Alles und Jedes mit der Kanone in die Welt hinaus zu schießen."

Die beiden Zigeuner verschwanden mit ihren Krügen in dem anstoßenden Raume, und gleich darauf trat der Mann ein, der trotz des herabströmenden Regens den Weg nach der Schenke unternommen hatte. Die Dienstmütze kennzeichnete ihn als einen Post- oder Telegraphenbeamten.

"Eine Depesche!" verkündigte er.

"Eine Depesche? An mich?"

"Ja. Hier ist sie!"

Der Wirth machte Miene, das Couvert zu entfalten; der Beamte verhinderte ihn daran. "Lest sie nachher. Ich habe keine Zeit, auf Euch zu warten." "Wollt Ihr nicht ein Bier trinken oder einen Schnaps?"

"Geht nicht. Ich muß pünktlich wieder zurück und habe mich wegen des schlechten Weges bereits verspätet."

Er erhielt seine Gebühr und ging dann. Jetzt öffnete der Wirth den Umschlag und las die Depesche. In seine Mienen kam Bewegung; er trat zur Kammerthür und öffnete dieselbe.

"Kommt heraus! Es gibt Arbeit."

"Arbeit?" frug Tschemba. "Auch für uns?"

"Ja. Ich habe eine Depesche bekommen."

"Woher?"

"Aus der Residenz, von Ihr." "Von Ihr? Ists möglich?"

"Ja; hört! "Oberschenke Waldenberg - Fuhrmann Beyer und zwei Männer - einen Tag lang aufhalten - mit Gewalt zur Tannenschlucht - Zarba." Habt Ihr es verstanden?" "Der Beyer soll aufgehalten werden? Er gehört ja doch zu uns!" "Auf ihn ist es jedenfalls nicht gemünzt, sondern auf die zwei Männer. Er fährt nie einen andern Weg, als hier bei uns vorbei, und Sie muß genau wissen, daß er kommen wird." "Wer mögen die Männer sein?"

"Geht uns jetzt nichts an. Sie sollen aufgehalten und nach der Tannenschlucht geführt werden. Sind wir Drei dazu genug, oder soll ich noch einige rufen?" "Wir sind genug, denn der Beyer muß mithelfen."

"So lauf Du in die Stadt, Horgy, und erkundige Dich im "Weißen Schwane," ob er schon dagewesen ist! Er kehrt auf jeden Fall dort ein. Nach dem, was Du erfährst, haben wir uns dann einzurichten."

Der Zigeuner folgte dem Gebote. Er holte den Telegraphenbeamten ein, so schnell schritt er aus, doch ließ er sich nicht von ihm bemerken, sondern schlug sich an ihm vorüber durch den Wald, nicht achtend der Nässe, welche die Äste auf ihn warfen. In der Stadt angekommen, suchte er den bezeichneten Gasthof auf. Vor dem Thore desselben stand ein mit zwei Pferden bespannter Kutschwagen, den er sofort erkannte, auch wenn der Besitzer desselben nicht gerade bei den Thieren gestanden hätte. Es war Beyer, und die Depesche war also keine Minute zu früh an ihre Adresse gekommen. "Beyer!"

Der Angeredete drehte sich um. "Horgy! In diesem Wetter auf den Beinen?" "Deinetwegen. Du fährst zwei Männer?" "Ja."

"Wohin?" "Über die Grenze." "Daraus darf nichts werden." "Warum?"

"Sie müssen in die Tannenschlucht." "Warum?" frug der Fuhrmann verwundert. "Weil Sie es befohlen hat." "Sie? Zarba?"

"Still! Weißt Du nicht, daß kein Name genannt werden darf. Sie hat es aus der Hauptstadt telegraphirt."

"Gewiß?"

"Gewiß!"

"So gibt es für uns nichts Anderes als wir müssen gehorchen. Aber wie?" "Wer sind die Leute?"

"Der Direktor und der Oberarzt aus dem Irrenhause."

A "Hm, vornehme und gelehrte Leute! Sollen wir List oder Gewalt gebrauchen?"

"Beides, wenn es nothwendig ist, vorerst jedoch nur List. Ich habe Ihnen zwar versprechen müssen, sie so schnell wie möglich über die Grenze zu bringen, jetzt aber gibt es keine Wahl.

Wie viele seid Ihr dazu?"

"Drei."

"Ist wenig, wird aber reichen, wenn nichts Außerordentliches dazwischen kommt." "Sind sie bewaffnet?"

"Nein, soviel ich bemerkt habe. Sie essen jetzt. In zehn Minuten geht es weiter. Eilt Ihr voraus. Ich fahre bis an das Holzkreuz droben im Hochwalde. Dort werde ich es so einzurichten wissen, daß wir umkippen und der Wagen sich gemüthlich an die Seite des Hohlwegs legt. Das Übrige ist dann Eure Sache." "Gut. Also vorwärts!" Der Zigeuner schritt davon.

Drinnen in der Gaststube saßen die beiden Flüchtlinge bei den Resten ihres sehr eilig abgehaltenen Mahls. Die Wirthin hatte sich zu ihnen gesetzt, um sie dabei zu unterhalten.

"Also Sie denken, daß man am Tage nichts zu befürchten braucht?" frug der dicke Direktor, das gepflogene Gespräch fortsetzend.

"Nein, mein sehr verehrter Herr," antwortete sie. "Ein Schmuggler ist noch lange kein Straßenräuber. Sogar bei Nacht könnte man ganz sicher reisen, wenn man sich nur hütet, ihnen partout in den Weg kommen zu wollen. Nur für den Fall wäre eine Gefahr vorhanden, wenn man zwischen sie und die Süderländer geriethe." "Wie so? Die Süderländer, wen meinen Sie?"

"Die Schmuggler von drüben. Beide treiben ganz dasselbe Geschäft, aber es herrscht Feindschaft zwischen hüben und drüben, weshalb, das kann ich allerdings nicht sagen, und wenn sie einmal an einander gerathen, dann geht es stets auf Tod und Leben. Erst kürzlich haben sie sich ein Treffen geleistet, bei welchem die von drüben mehrere Todte lassen mußten."

"Schauderhaft!" meinte der Direktor, sich den Schmeerbauch mit einer Miene betastend, als wolle er untersuchen, ob auch er mit zu diesen Todten gehöre. "Hier muß doch die Behörde einschreiten!"

"Die Behörde? Ja, eine Behörde gibt es, und Grenzer und Soldaten gibt es auch, aber man hat noch niemals gehört, daß auch nur Einer von ihnen einmal einem Pascher begegnet wäre. Es ist verwunderlich."

"Die Leute müssen ja förmlich organisirt sein und einen sehr listigen Anführer besitzen."

"Das sagt man, aber es kennt ihn Niemand, und es geht Alles so glatt und geheim, daß man von keinem einzigen Menschen mit Sicherheit sagen könnte, daß er zu den Paschern gehört.

Aber wollen die Herren wirklich fort?"

Die beiden Männer hatten sich erhoben.

"Ja; wir haben Eile und bitten um Ihre Rechnung."

Diese wurde aufgestellt und bezahlt; dann stiegen sie ein und der Wagen rollte durch das Städtchen weiter, hinaus in den Wald.

Eine Zeit lang saßen die Flüchtlinge einander schweigsam gegenüber, bis der Oberarzt die Stille unterbrach.

"Kennen Sie den Geheimerath, an welchen wir gewiesen sind?"

"Persönlich nicht; ich war ja überhaupt noch nie in Süderland. Aber sein Ruf ist wohl auch Ihnen nicht ganz fremd. Er ist einer von den wenigen Beamten der dortigen Regierung, welchen man einen Einfluß auf den König zutrauen darf; wir sind ihm jedenfalls gut empfohlen, und wenn es uns gelingt, einen günstigen Eindruck auf ihn zu machen, so zweifle ich nicht, daß der uns aufgezwungene Ortswechsel von keinen unangenehmen Folgen für uns ist."

"Wenn! Ja, könnte man in die Zukunft blicken!" meinte der etwas düsterer angelegte Oberarzt.

"Folgen Sie meinem Beispiele und seien Sie guter Dinge! Der Herzog von Raumburg darf uns unmöglich fallen lassen; denken Sie an die beträchtliche Summe, welche er uns überwiesen hat, und an die wichtigen Depeschen, welche uns durch Penentrier anvertraut worden sind. Die Zukunft läßt mich nichts befürchten; anders aber ist es mit der Gegenwart. Wir haben eine noch ziemliche Strecke zurückzulegen, ehe wir die Grenze erreichen, und es sollte mich wundern, wenn wir nicht bereits verfolgt würden. Dazu kommt die Geschichte mit den Schmugglern, die einander gegenseitig massakriren. ich wollte, wir wären hinüber!" Dieser letztere Gedankengang warf ihn in die vorige Schweigsamkeit zurück; er lehnte sich in die Polster des Wagens und schloß B die Augen. Der Oberarzt folgte seinem Beispiele; die Landschaft draußen bot ja bei der gegenwärtigen Witterung nichts Anziehendes, und so wühlten sich die Räder immer weiter fort; Viertelstunde um Viertelstunde verging, bis plötzlich ein lauter Ruf des Kutschers die Fahrgäste aus ihrem Halbschlummer aufschreckte. Dem Rufe folgte ein eigenthümliches Schwanken des Wagens, welcher jetzt einen scharfen Ruck bekam und sich auf die Seite neigte.

"Um Gotteswillen, wir stürzen!" rief der Direktor. "Beyer, halt, halten Sie an!" Der Wagen kam nicht vollständig zum Umfallen; er stand inmitten eines tiefen Hohlweges und lehnte sich mit der einen Seite fest an die Böschung desselben. Die Pferde hielten vorn unbeweglich und geduldig wie die Lämmer, und nur der Kutscher stieß einige zornige Flüche hervor und stieg ab, um nach der Ursache des Unfalls zu sehen.

Der Direktor öffnete ängstlich das Fenster, um sich über seine Lage zu unterrichten, fuhr aber sofort mit einem Schreckenslaute zurück.

"Gott stehe uns bei! Doktor, sehen Sie die drei Kerls, welche dort herabspringen?" Der Wirth mit den beiden Zigeunern war es. Sie hatten schwarze Masken vor die Gesichter gebunden, lange Messer in den Fäusten und kamen in den Hohlweg herabgestiegen. Der Erstere öffnete den Wagenschlag. "Wohin die Reise, meine Herren?"

"Nach der Grenze," antwortete der Direktor zähneklappernd.

"Schnell oder langsam?"

"Schnell, so schnell wie möglich, mein Lieber."

"Gut, dann muß ich Ihnen sagen, daß dieser Weg nicht der kürzeste ist, und zudem scheint

Ihnen Ihr Kutscher abhanden gekommen zu sein. Wollen Sie sich uns anvertrauen, so werden wir Sie sicherer und schneller führen, als er Sie gefahren hat."

"Sie meinen - Sie wollen - - ja, meine Herren, verstehe ich Sie recht?"

"Jedenfalls. Wir sind hier, uns Ihrer anzunehmen. Steigen Sie aus!"

Aber bitte, wollen Sie uns nicht lieber den Wagen aufrichten und dann den Kutscher rufen? Ich werde Sie für diese kleine Mühe gern bezahlen."

"Was könnten wir für eine so kleine Mühe fordern! Erlauben Sie uns doch eine etwas größere Mühe. Steigen Sie aus!" "Aber, mein Bester, ich - - -" "Heraus!"

"Sollte es wirklich Ihr Ernst - - -" "Herrrraus, oder---!"

Dieser Ton, verbunden mit einer sehr deutlich zu erklärenden Bewegung des Messers brachte eine sehr schnelle Wirkung hervor. Der Direktor war trotz seiner Korpulenz in einem Nu aus dem Wagen; der Oberarzt folgte ihm ebenso eilig. Von dem Fuhrmann Beyer war nicht die geringste Spur zu bemerken.

"Kommen Sie!" gebot der Wirth und wandte sich dem Walde zu. "Aber bitte, entschuldigen Sie, meine Herren, unser Gepäck - !"

"Geht Ihnen sicher nicht verloren, dafür lassen Sie mich sorgen. Folgen Sie nur diesen beiden Männern, die es so gut mit Ihnen meinen, daß sie nicht gern von ihren Messern Gebrauch machen möchten. Vorwärts, marsch!"

A Die beiden Ärzte sahen sich gezwungen, dem fürchterlichen Menschen zu gehorchen. Sie wurden von den Zigeunern in den Wald geführt, wo man ihnen die Augen verband und sie dann an der Hand weiter geleitete. Dies dauerte sehr lang; die Zeit wurde ihnen fast zur Ewigkeit; aber endlich erreichte man das Ziel; eine Thür kreischte in den Angeln - noch einige Schritte weiter, dann wurden ihnen die Binden wieder von den Augen genommen. Sie befanden sich in einem vollständig dunkeln Raume. "Hier herein!" klang die Stimme des einen Zigeuners.

Die Gefangenen wurden in einen engen, niedrigen Raum gestoßen; ein helles Gelächter ertönte hinter ihnen, dann waren sie mit sich allein. - -

Es war nur einige Tage früher, daß Prinz Arthur von Sternburg im Garten von Schloß Sternburg sein Renkontre mit dem wilden Prinzen gehabt hatte.

Die Kastellanin Horn stand in der Küche und bügelte Gardinen und allerlei andere Hauswäsche, welche jetzt ja sehr nöthig gebraucht wird, als die Thür aufgerissen wurde und Almah ganz athemlos hereintrat.

"Hülfe, meine liebe Mama Horn, Hülfe!" "Hülfe?! Herrjesses, mein Kind, was ist denn los?" "Hülfe! Um Gottes willen, helfen Sie, retten Sie ihn!" "Ihn? Wen denn?"

"Ihn!" antwortete das erschrockene Mädchen, indem sie auf einen Stuhl sank und die Augen schloß.

"Herr meines Lebens, jetzt stirbt sie mir!" schrie die Kastellanin und eilte hin und her, um irgend ein Mittel zu finden, die Ohnmächtige wieder in das Leben zurückzurufen. Vor Angst und Bestürzung jedoch fand sie nichts, und so nahm sie den Kopf des Mädchens an ihr Herz, streichelte die erbleichten Wangen und bat:

"Nicht sterben, mein liebes, mein gutes, mein süßes Kind, nur nicht sterben! Herrjesses, wo nur mein Alter steckt; nun bin ich ganz allein in dieser schrecklichen Noth! Sie stirbt mir wahrhaftig noch, und hat mir nicht einmal vorher gesagt, wen ich retten soll. Aber da, Gott sei Lob und Dank, da holt sie ja wieder Athem, da macht sie die Augen auf. Kind, fassen Sie sich und sagen Sie mir schnell, wen ich retten soll!" "Ihn!" hauchte es leise. B "Ihn? Ja, wen denn und wo denn?" "Im Garten. Sie werden sich tödten!"

"Tödten? Herrjesses, ist das schrecklich!" Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

"Was soll daraus werden, und wie soll das enden, wenn sie sich tödten! Aber, mein Kind, wer ist es denn?"

"Prinz Hugo."

"Der? Und wer noch?"

"Er - er - - der Matrose, der neue Diener."

"Der gute, gnädige Herr Ar---der - der Bill Willmers, wollen Sie sagen, mein Kind?"

"Ja. Der Prinz zog den Degen."

"Den Degen? Herrjesses, ist das gefährlich, ist das eine Angst und eine Noth! Wo ist nur mein Alter? Bleiben Sie hier, mein Kind, ich muß gleich sofort in den Garten, um ein solches Elend und Herzeleid zu verhüten!"

Jetzt eilte sie hinaus. Sie war schon ein Stück in den Garten hinein, als sie stehen blieb, sich besann und dann schnell wieder umkehrte.

"Sagen Sie mir doch, mein Kind, wo sie sich umbringen; ich muß sonst zu lange suchen!" "In der Ecke, ganz hinten."

"Auch das noch. Da sind sie todt, ehe ich hinkomme!"

Sie sprang wieder hinaus, so schnell sie es vermochte, und wäre draußen beinahe an Arthur gerannt, welcher soeben aus dem Garten zurückkehrte.

"Gnädiger H---Sie leben noch, Sie haben sich nicht umgebracht? Herrjesses, was bin ich glücklich! Das muß ich gleich dem lieben, guten Fräulein erzählen!"

Sie kehrte zur Küche zurück, um diesen Vorsatz auszuführen. Der ganze Vorgang hatte nicht unbemerkt bleiben können. Horn kam die Treppe herabgestiegen, und auch der Pascha zeigte sich von oben.

"Was gibt es, Bill?" frug er.

"Einen Menschen, der im Garten liegt, Excellenz."

"Todt?"

"Nein. -Und einen Brief." Er stieg die Stufen empor. "Von wem?" "Von einem Fremden."

A Er gab das Schreiben der Zigeunerin ab. Nurwan Pascha warf einen Blick auf das Papier und erbrach dasselbe dann mit einer Hast, welche deutlich die Bedeutung zeigte, die es für ihn haben mußte.

"Wo ist der Bote?" "Fort."

"Du hast sonst keinen Auftrag von ihm bekommen?"

"Keinen."

"So geh!"

Schon stand Arthur im Begriffe, dieser Weisung Folge zu leisten, als unten vom Garten her eilige Schritte ertönten. Es war der wilde Prinz, welcher wieder zum Bewußtsein gekommen war. Mit blutigem Gesichte stürmte er herbei, um seinen Gegner zu suchen. Er sah ihn droben beim Pascha stehen, stieß einen heiseren Ruf der Rache aus und sprang empor. Schon wollte er Arthur von hinten packen, als dieser sich schnell umdrehte, ihn bei den Hüften faßte, emporhob und mit solcher Wucht die Treppe hinunterwarf, daß er unten wie ein Holzklotz aufschlug und zum zweiten Male liegen blieb. Das geschah so schnell, daß der Pascha nicht die mindeste Zeit gehabt hatte, es zu verhindern.

"Mensch!" rief er jetzt erschrocken. "Dieser Mann ist ein königlicher Prinz. Was hast Du mit ihm?"

"Nichts, Excellenz."

"Nichts? Und wirfst ihn die Treppe hinab!" "Ich nichts mit ihm, er aber wohl mit mir."

Unten ertönten zwei Schreckensrufe. Die Kastellanin war mit Almah aus der Küche getreten und hatte den Prinzen liegen sehen.

"Herrjesses, welch ein Malheur!" rief sie erschrocken. "Einer ist also doch noch umgebracht worden. Und wie ist er im Gesichte zugerichtet!" "Er hat es verdient," klang da des Mädchens Stimme.

"Verdient?" frug ihr Vater, welcher jetzt herabgekommen war. "Wie meinst Du das?" "Er verfolgte mich im Garten, Papa, und hielt mich bereits arg gefaßt, so daß ich mich gar nicht wehren konnte. Da kam Bill und errettete mich." "Ah, ists so!"

Er stieß mit dem Fuße gegen den Bewußtlosen und machte dabei die Pantomime der größten Verachtung.

"Herr Kastellan!"

"Excellenz!"

"Ich will diesen Menschen nicht wiedersehen. Nehmen Sie sich seiner an, daß er nicht so liegen bleibt, und säubern Sie ihn. Will er mich aber sprechen, so sagen Sie ihm, daß ich meinem Versprechen sofort nachkommen würde, auf ein Wiedersehen jetzt aber Verzicht leisten müsse."

Dann wandte er sich an Arthur.

"Bill, wußtest Du, daß es ein Prinz ist?"

"Ja."

"Und hast Dich dennoch an ihn gewagt?" "Pah!"

"Du bist ein guter, tüchtiger Junge, und ich werde Dir dankbar sein. Ich muß sofort verreisen. Willst Du mich begleiten, oder mußt Du hier bleiben?" "Dauert diese Reise lang, Excellenz?" "Keine Woche."

"Verreisen, Papa?" fiel hier Almah ein. "Darf ich mit?"

"Es würde für Dich beschwerlich sein, mein Kind. Es geht in das Gebirge."

"Dann muß ich doch erst recht mit, Papa; ich habe ja noch gar kein Gebirge gesehen!"

"Nun meinetwegen, nämlich wenn Bill mitgeht, dem ich Dich übergeben müßte. Nun, Bill?"

"Ich gehe mit, Excellenz!"

Das Blut stieg ihm zu Herzen bei dem Gedanken, daß ihm das herrliche Wesen für eine Reise anvertraut werde, und bei dem dankbaren Blicke, welcher ihn aus ihrem Auge traf. Der Pascha stieg, ohne sich um Prinz Hugo weiter zu bekümmern, mit seiner Tochter wieder empor, und Arthur sah sich jetzt mit dem Kastellan und dessen Frau allein. "Durchlaucht, ich bin ganz erschrocken," meinte Horn; Arthur aber fiel ihm sofort in die Rede:

"Willmers heiße ich, Willmers, merken Sie sich das! Diesen Menschen tragen Sie hinaus vor das Thor, und wenn er wieder hereinkommt, sind Sie Ihres Dienstes entlassen." "Durchl---!" "Willmers heißeich!"

"Vor das Thor - ein königlicher Prinz---!"

"Ein Lump ist er, nichts weiter! Übrigens haben Sie gehört, B daß ich mit verreisen werde; versorgen Sie mich mit dem Nöthigen. Ich weiß noch nicht, wohin es geht, werde aber dafür sorgen, daß wir in Berührung bleiben, damit wenn ich plötzlich einberufen würde, Sie mich sofort benachrichtigen können."

Jetzt ertönte die Stimme Almahs, welche nach der Kastellanin rief. Diese gehorchte und fand das Mädchen in der Wohnung desselben.

"Wir werden uns Abschied sagen müssen, meine gute Mama Horn," wurde sie empfangen. "Doch nicht für immer!"

"Nein, nur für einige Tage. Wissen Sie, Papa hat mit dem wilden Prinzen eine sehr wichtige Unterredung gehabt, und die Folge dieser Unterredung muß wohl diese Reise sein." "Wo gehen Sie hin?"

"Zunächst nach Süderhafen und dann hinauf in die Berge. Wissen Sie, Mama, daß ich mich unendlich freue?"

"Ich glaube es Ihnen, mein liebes Kind." "Wo ist der Prinz?"

"Er wird vor das Thor geschafft. Ach, was war das für ein Schreck, als Sie kamen und um Hülfe riefen; ich hätte vor lauter Angst gleich in den Erdboden hineinsinken können. Wie ist es nur so schlimm gekommen?" Almah theilte ihr das Nähere mit und fügte dann hinzu:

"Es ist gerade so gewesen, als sei Bill ein Prinz und der Prinz ein Matrose. ich sage Ihnen, Mama, dieser Willmers ist ein Held, dem ich mich auf unserer Reise sehr gern anvertrauen werde."

"Nicht wahr? Ja, ja, vertrauen Sie sich ihm nur an, mein liebes Kind; bei ihm sind Sie sicher vor aller Fährlichkeit. Der Prinz hatte nichts Anderes verdient, obgleich ich erschreckliche Angst habe, was auf die Sache folgen wird; denn einen königlichen Prinzen mit der Ruthe entehren, das kann selbst dem hochgestelltesten Manne höchst gefährlich werden." "Ihm können sie nichts thun, denn er steht unter Papa's Schutz. Schlimmer wäre es, wenn er ihn getödtet hätte."

"Herrjesses, das wäre doch ganz und gar entsetzlich gewesen! Ich kann von solchen Dingen ein Wort erzählen." "Sie, Mama Horn?"

"Ja ich! Denken Sie sich einmal" - und dabei näherte sie sich ihr mit wichtiger und geheimnißvoller Miene - "ich bin einst dabei gewesen, daß Jemand getödtet wurde!"

"Durch den Scharfrichter?"

"Nein, durch einen richtigen ächten Mörder."

"Nicht möglich! Das wäre dann ja bei einem Morde gewesen!"

"Das war es auch!"

"Wirklich? O, Mama Horn, dann haben Sie ein fürchterliches Abenteuer erlebt, welches Sie mir erzählen müssen."

"Liebes Kind, das darf ich nicht!"

"Warum?"

"Mein Mann hat es mir verboten." "Der? So haben Sie es ihm erzählt?" "Er war ja selbst auch mit dabei!"

"Er auch? Das wird ja immer interessanter! Dürfen Sie es wirklich nicht erzählen?" "Nein."

"Keinem Menschen?" "Keinem!"

"Hat er Ihnen denn auch befohlen, es mir zu verschweigen?" "Nein."

"Na, sehen Sie, Mama Horn; jetzt können Sie mir diese schöne Geschichte also doch erzählen! Nicht wahr? Bitte!"

"Ich darf wirklich nicht, mein Kind. Nur das kann ich Ihnen sagen, daß es schon lange her ist."

"Wie lange wohl?"

"Ich war damals noch ledig, und mein Mann hat mir eben gesagt, daß wir bald heirathen wollten. Wir saßen in der Laube und - - -" "In der Laube? Mit einander?"

"Natürlich! Es war am Abende, und Alles schlief, so dachten wir nämlich; aber dennoch war der Herzog noch im Garten."

"Der Herzog? Welcher Herzog?"

"Der Herzog von Raumburg."

"Den kenne ich nicht."

"Ich stand nämlich als Küchenmädchen in seinem Dienste, und mein Mann war Reitknecht. Es durfte Niemand wissen, daß wir uns lieb hatten, und darum kamen wir manchmal des Abends zusammen, wo uns Niemand sehen konnte. Da saßen wir in der Laube und hatten uns gar viel zu sagen und zu erzählen, bis ein fremdes Weib über die Mauer stieg." "Wer war sie?" A "Eine Zigeunerin."

"Sagte ich es nicht, daß diese Geschichte sehr schön sein werde! Was wollte dieses Weib?" "Das wußten wir erst auch nicht; bald aber stand der Herzog bei ihr, der auf sie gewartet hatte, und dann erwürgte er sie."

"Ein Herzog eine Zigeunerin? Wissen Sie das genau?" "Natürlich; wir standen ja ganz nahe dabei." "Warum aber erwürgte er sie?"

"Weil sie ihre Tochter wieder haben wollte und auch ihren Sohn, den er gefangen hielt." "Das muß ja ein ganz und gar schlimmer Mensch gewesen sein, dieser Herzog! Wollte er denn den Sohn und die Tochter nicht herausgeben?"

"Nein. Er erwürgte die Frau, und wir durften ihn nicht anzeigen, weil er unser Herr war und kein Mensch uns geglaubt hätte, was wir sagten. Aber wir sind dann schnell aus seinem Dienste und zu unserem jetzigen Herrn gegangen und haben das bis auf den heutigen Tag noch niemals bereut."

"So weiß also außer Euch kein anderer Mensch, daß dieser garstige Herzog die Zigeunerin erwürgt hat?" "Kein Mensch:" "Wie hieß sie?"

"Das weiß ich nicht; aber ihre Tochter hieß Zarba, und ihr Sohn floh noch in derselben Nacht aus seiner Gefangenschaft; er hieß - hieß - - da komme ich doch nicht auf den Namen!" "Katombo!" ertönte es von dem Eingange her.

Die beiden Frauen drehten sich um und erblickten den Pascha, welcher Zutritt hatte nehmen wollen und ein unbemerkter Zuhörer der Erzählung gewesen war. Warum hatte diese Letztere einen solchen Eindruck auf ihn gemacht. Er sah bleich aus, und seine Augen glühten wie im Fieber.

"Katombo, ja, so hieß er," antwortete die Kastellanin überrascht. "Du weißt diesen Namen, Papa? Wie kannst Du ihn erfahren haben?"

"Ich hörte einst von dieser Sache sprechen," antwortete er kurz, und zu der Kastellanin gewandt fügte er hinzu: "Sie werden mir das noch ausführlicher erzählen müssen, ehe ich heute abreise." "Schon heut, Excellenz?"

"In zwei Stunden schon. Bitte, schicken Sie Willmers hinunter zu meiner Yacht; sie soll sofort segelfertig gemacht werden!" Die Kastellanin entfernte sich.

Papa, wird es Dir nicht Schaden bringen, daß dieser Prinz hier so gezüchtigt worden ist?"

"Schaden? Pah! Der König muß es mir Dank wissen, wenn ich mich durch die Frechheit seines Buben nicht bestimmen lasse, den Vertrag rückgängig zu machen, den ich heut mit diesem abgeschlossen habe!"

"Einen Vertrag? Ist es ein wichtiger, Papa?"

"Ja."

"Darf ich ihn wissen?"

"Du wirst ihn seiner Zeit erfahren. Jetzt brauche ich Dir nur zu sagen, daß ich jetzt die Aufgabe habe, die Küsten- und Grenzfortifikationen Norlands zu untersuchen, daher unsere Reise."

Sie blickte ihm ängstlich in das Angesicht.

"Das deutet auf einen Krieg, Papa. Sollst Du etwa wieder das Kommando einer Kriegsflotte übernehmen?"

"Möglich, doch das sind sehr geheimnißvolle Pläne, von denen ich kaum zu Dir sprechen darf, obgleich ich weiß, daß ich meinem guten Kinde vollständig vertrauen kann." "Sage mir es, Papa! Wenn ich nichts weiß, kann ich sehr leicht einen großen Fehler begehen, der Dich in Schaden bringt."

"Du hast Recht. Es wird bald zwischen Norland und Süderland ein sehr ernster Krieg ausbrechen, und da Süderland keinen hervorragenden Seemann besitzt, so ist mir der Oberbefehl über die Kriegsflotte angetragen worden." "Hast Du angenommen?"

"Nur für gewisse Bedingungen. Der König von Norland ist ein guter Herrscher, aber er hat sein Scepter aus der Hand gegeben, denn der eigentliche Regent ist jener böse Herzog von Raumburg, von dem die Kastellanin vorhin erzählte. Dieser will nun nicht nur die Macht, sondern auch sämmtliche Attribute eines Königs haben und hat deshalb mit Süderland einen geheimen Plan verabredet. In Norland soll die Revolution ausbrechen; Süderland wird eingreifen, den jetzigen König absetzen und den Herzog krönen." "Das ist aber ja eine Ungerechtigkeit, Papa! Was wird Süderland davon haben?" "Vortheilhafte Verträge, und überdies wird die Prinzessin Asta Königin von Norland werden, denn sie soll den Sohn des Herzogs heirathen."

B "Und dazu sollst Du helfen! Auch Du willst den bösen Herzog zum Könige machen?" Über das wettergebräunte Gesicht des türkischen Kapudan-Pascha ging ein eigenthümliches Zucken.

"Ob ich es thue oder nicht, Almah, Du wirst stets wissen, daß Dein Vater nur das Gute will und alles Böse haßt. Ich mache Dir diese Mittheilungen und schließe dabei manche meiner Absichten aus, weil ich vielleicht gezwungen sein werde, Dich hier bei Hofe vorzustellen. Du darfst nur Dinge wissen, durch deren Kenntniß Du mir dienen kannst, während ich gewisse Punkte unaufgeklärt lassen muß, weil mir Deine Einweihung Schaden bringen kann. Trete ich das Kommando wirklich an, so werde ich leider gezwungen sein, gegen unsre gegenwärtigen Wirthe zu kämpfen." "Wie so?" "Der alte Sternburg ist ohne Zweifel der befähigste General der norländischen Armee, und er wird sich an dem Kampfe betheiligen, wenn auch auf Einfluß des Herzogs, der ihn nicht liebt, ihm keine hervorragende Heerführerstelle anvertraut wird. Sein Sohn, Prinz Arthur, ist trotz seiner Jugend und obgleich er erst den Rang eines Kapitän begleitet, der einzige Seemann Norlands, den ich als ebenbürtig anerkennen würde. Auf alle Fälle aber werden wir uns nicht als persönliche Gegner zu betrachten haben. Jetzt beeile Dich, mein Kind, damit Du zur angesetzten Zeit fertig bist. Wir kehren wieder nach hier zurück."

Er ging hinab in die Wohnung des Kastellans, um dessen Frau heraufzuschicken. Er fand sie sehr verlegen und ihren Mann zornig.

"Excellenz," meinte der Letztere, "meine Frau hat Ihnen ein Ereigniß mitgetheilt, welches bisher unser alleiniges Geheimniß war -"

"Sorgen Sie nicht! In Beziehung auf Sie wird es Geheimniß bleiben wie bisher. Ich gebe Ihnen hiermit mein Ehrenwort, daß Sie seinetwegen nicht in die geringste Verwickelung oder Ungelegenheit gerathen werden, nur mache ich hierbei allerdings die Bedingung, daß Sie mir Alles einmal genau und ausführlich erzählen, während Ihre Frau meiner Tochter bei der Reisevorbereitung behilflich ist."

Dies geschah. Horn erinnerte sich jenes verhängnißvollen Abends noch ganz genau und konnte sich auf jedes Wort besinnen, das er damals mit seinem Mädchen belauscht hatte. Unterdessen kehrte Arthur von der Yacht zurück und machte sich reisefertig. Er hatte von dem Prinzen Hugo weder oben auf der Höhe noch unten in der Stadt eine Spur bemerkt. Zur festgesetzten Zeit hatte das kleine, flotte Schiff seine sämmtlichen Passagiere an Bord. Es lichtete die Anker, entfaltete seine Segel und strebte in einem graziösen Bogen aus dem Hafen hinaus der See entgegen. Bald war der weiße Punkt, welchen seine Leinwand am blauen Horizonte bildete, verschwunden.

Die Straße, welche von Süderhafen in das Gebirge führte, dieselbe, welche Balduin Schubert, Karavey und dann auch Thomas Schubert benutzt hatte, um zu dem Waldhüter Tirban zu gelangen, schien heut belebter als gewöhnlich zu sein. Von irgend einem den Weg beherrschenden Punkte hätte man nach und nach verschiedene Gestalten oder Gruppen bemerken können, in ihrem Äußeren so verschieden, daß die Ahnung ferne lag, sie könnten vielleicht bald in eine engere Beziehung zu einander treten.

A Zunächst lag auf der Blöße vor Tirbans Hütte der Steuermann mit dem Bootsmann im Grase. Beide schienen nur mit ihren Gedanken beschäftigt und mit dem Priemchen, welches sie von Zeit zu Zeit von einer Backe in die andere schoben. Da raschelte es in den Büschen, und eine lange, breite Gestalt erschien, über und über von Ruß geschwärzt und einen mächtigen Schürbaum auf der Schulter. Es war der Schmiedegeselle Thomas, welcher seine gegenwärtige Muße benutzt hatte, einem Köhler werkthätige Gesellschaft zu leisten. "Was ist mir denn das für eine Sache," meinte er. "Da liegt Ihr am Poden, haltet Maulaffen feil und guckt den Himmel an. Giept es denn keine Arpeit hier für zwei Faullenzer von Eurer Sorte? Ich würde gar nicht räsonniren, wenn nur wenigsten Einer von Euch eine Cigarre üprig hätte, es prauchte gar keine Ampalema zu sein!"

Der Steuermann langte phlegmatisch in die Tasche und brachte einen riesigen Knollen Kautabak zum Vorschein. "Hier, alte Feueresse!"

"Danke, Palduin! Peiße Dir die Zähne selper aus an diesem Zeuge. Ich werde jetzt einmal nach dem Kruge gehen. Wer geht mit?" Im Nu stand der Steuermann auf den Beinen.

"Ich, mein Junge; das versteht sich ja ganz von selber. Komm, Thomas, lege Dich Backbord an mich, und Du Steuerbord, Bootsmann. So, nun fare well, Tirban, Du siehst uns nicht eher wieder, als bis es keinen Schluck mehr im Kruge gibt!"

"Und keine Ampalema oder Kapalleros. Lauf, Palduin, denn Dein Packpord hat es eilig!"

Sie schritten nach dem bekannten Kruge, in welchem der Steuer- und Bootsmann den Loosungszettel gefunden hatten. An der hinteren Seite desselben befand sich ein kleines Gärtchen, in welchem ein sehr primitiv gebauter Tisch nebst ebensolchen Bänken stand. An ihm saßen drei Personen, welche man vom Walde aus sehr genau sehen und beobachten konnte. Der Obergeselle hielt die beiden Andern an und deutete nach der Gruppe. "Donnerwetter, wer muß das sein; das ist gewiß ein ganz B vornehmes Volk! Seht Euch nur einmal das Weipspild an; das ist ja die reine Genovefa, so schön und so fein, so glatt polirt, als käme sie gerade erst aus dem Schraupstock heraus. Hol' mich der Teufel, die ist sogar noch hüpscher als meine alte gute Parpara Seidenmüller!" Auch der Steuermann schaute aufmerksam hin.

"Karavey, sieh Dir einmal den jungen Mann an, der sich da seitwärts von der Dame niedergestaut hat!"

"Warum?"

"Du hast von dem berühmten Lieutenant und jetzigen Kapitän von Sternburg gehört?" "Natürlich!"

"Nun, dieser Sternburg sieht dem Manne dort so ähnlich wie ein Tropfen dem andern, und -

heiliges Mars- und Braamenwetter, wer ist denn das?"

"Wer?"

"Nun, der Andere, der Alte!" "Kennst Du ihn?"

"Bist Du während Deiner Seefahrten einmal dem Tiger begegnet?"

"Dem Tiger? Meinst Du das Piratenschiff?"

"Natürlich!"

"Nein."

"Nun, ich sage Dir, daß ich zweimal hart an ihm vorübergekommen bin, ohne daß er Miene machte, die Flagge zu hissen und uns Antwort zu geben. Ich steuerte damals die Fregatte "Poseidon," das beste Schiff und den schnellsten Segler unserer Marine. Wir gaben den Signalschuß; wir riefen ihn an, er aber ging an uns vorüber ohne die geringste Antwort. Keine Flagge wehte, kein Wimpel war zu sehen; kein Mann befand sich an Deck, sogar der Mann am Steuer war verschwunden. Aber vorn auf dem Klüverbaum stand, ohne sich anzuhalten, frank und frei Einer, der bis an die Zähne bewaffnet war, hoch, lang und breit von Gestalt und schwarz von Gesicht wie ein Neger. Und zwei Tage später ging dasselbe Schiff wieder an uns vorbei, kaum drei Kabellängen von unsrem Back entfernt; die Kanonenluken waren geöffnet, an der großen Raa hing einer, der am Strick gestorben war, und vorn auf dem Klüver stand wieder ganz derselbe Mann, hoch, lang und breit von Gestalt, bis an die Zähne bewaffnet, dieses Mal aber A von weißer Gesichtsfarbe. Ich habe ihn mir ganz genau angesehen, und möchte ein Panzerschiff gegen ein Teichboot verwetten, daß er und dort dieser Mann wenigstens Zwillingsbrüder sind."

"Laß Dich doch nicht auslachen, Steuermann! Der schwarze Pirat und der Kapitän von Sternburg neben einander mitten hier im Waldgebirge. Eher kommt die Ebbe mit der Fluth zusammen."

"Was ist denn das eigentlich für ein Insekt oder ein Amphipium, der schwarze Pirat?" frug Thomas, der einstige Kavallerist.

"Ein Seeräuber, wie es keinen zweiten gegeben hat."

"Ein Seeräuper? Keinen Zweiten gegepen? Seid Ihr gescheidt? Und das soll der dort sein? Palduin, wenn ich jetzt hingehe und es ihm sage, pringt er Dich an den Galgen! Und der Andere soll ein Seekapitän sein? Donnerwetter, seid Ihr denn alle Peide plind, daß Ihr nicht seht, daß er plos der Pediente ist von den zwei Andern!"

Sie waren jetzt an das Haus gekommen und bemerkten nun eine Equipage, welche vor demselben hielt; jedenfalls gehörte sie den drei Personen, welche im Garten saßen. Sie traten in die Stube und wurden von dem Wirthe mit möglichster Freundlichkeit empfangen. Trotz ihres erst so kurzen Aufenthaltes hatte er sie doch bereits als Zecher kennen gelernt, denen sowohl die Qualität als auch die Quantität seiner Getränke vollständig gleichgiltig zu sein schien. Sie tranken von Allem, was er hatte, ungeheuer viel und bezahlten ebenso reichlich. "Noch keine Ampalema?" war die erste Frage des Schmiedes. "Noch nicht."

"Schaffe Dir Ampalema an, Kerl, sonst pringe ich Dich um die Konzession und um das Lepen. Giep her, was Du hast!"

Sie hatten noch nicht lange gesessen, so vernahmen sie draußen das nahende Rollen eines Wagens. Der Steuermann blickte durch das Fenster.

"Heiliger Mars, sitzt in dieser Kabine ein wunderliches Brautpaar. Seht Euch doch einmal den hübschen Kerl an, neben der Hexe! Wenn Der sich in sie verliebt, so verschlinge ich den ersten Haifisch, dem ich hier im Gebirge begegne!" Auch Karavey blickte hinaus.

"Allerdings ein verteufelt schmucker Patron; aber von wegen der Hexe darfst Du Dich nur immer ein wenig in Acht nehmen; Du siehst doch, daß es eine Zigeunerin ist, und was bin ich denn, he?"

Da fuhr der Schmiedegeselle zwischen sie.

"Hört, Ihr Kerls, haltet doch einmal alle Peide den Schnapel! Die da hier gefahren kommen, kennt Keiner so gut wie der Thomas Schupert. Das ist nämlich mein junger Herr, der Doktor Max Prandauer, na, welch eine Freude! - und das Weipsen ist die Zigeunerin Zarpa, auf die wir Alle warten." "Ists wahr?" frug Karavey.

"Natürlich! Oder denkst Du, daß ich Euch pelügen möchte?"

Der Wagen hielt. Max sprang herab und half dann Zarba zur Erde. Sie traten mit einander in die Stube. Der Geselle fuhr auf Brandauer zu, als ob er ihn zerreißen wolle.

"Willkommen, junger Herr! Weiß Gott, tausend Thaler sind mir nicht so liep wie dieses Wiedersehen! Lept der Herr Meister noch und auch die Frau Meisterin? Wie geht es dem Paldrian? Ists noch "am Den" und lügt der Heinrich immer noch wie gedruckt?"

Max mußte über diese Ansprache lächeln, die so sanguinisch war, als sei der brave Thomas zehn Jahre lang von der Schmiede entfernt gewesen. Indessen hatte Zarba dem Wirthe einige

Worte im Zigeuneridiom hingeworfen, welche dieser bejahte, indem er nach der Gegend deutete, in welcher die Tannenschlucht lag. Sie nickte kurz und frug dann Thomas:

"Wer sind diese Beiden?"

"Dieser da ist Palduin der Steuermann, mein durchgeprannter und lieper Bruder, den ich hier ganz unverhofft wiedergefunden hape, und Der dort, das ist -"

"Halt!" wehrte Karavey ab, indem er zu Zarba trat. "Siehe mich an, ob Du meinen Namen selper findest!"

Sie forschte in seinen Zügen und schüttelte langsam den Kopf. "Ich kenne Dich nicht."

"Und dennoch kennst Du mich! Du weißt meinen Namen und hast tausendmal an mich gedacht. Hast Du ihn nicht zu Deiner letzten Losung genommen?"

Sie horchte auf, trat ihm näher, blickte ihn schärfer an; dann entsank der Stock ihren Händen, und sie glitt langsam und schwach in den Sessel, welcher neben ihr stand. Die Stille des Todes herrschte in der Stube; nur ein leises, mit aller Macht nicht zu unterdrückendes Schluchzen war zu vernehmen - Zarba weinte.

Dann nahm sie die Hände von den Augen und streckte sie zitternd dem Bruder entgegen.

"Karavey!"

"Zarba!"

Sie lagen einander in den Armen, die sich seit länger als fast einem Menschenalter verloren und nicht wiedergesehen hatten. Das Leid hatte in ihren Herzen gewühlt wie der Pflug in der Erde, und wer trug die Schuld? Zarba, die einstige Rose der Brinjaaren, die jetzt verwelkt und entblättert dasaß, eine verfallene Ruine einstiger Herrlichkeit.

"Karavey, vergieb!"

"Dir ist schon längst vergeben!"

Dem guten Thomas stand das Wasser in den Augen; er konnte sich nicht halten und trat näher. "Zarpa, ich pitte auch um Vergepung! Ich hape Dich für eine ganz schlimme Hexe gehalten und sehe jetzt, daß Du ein recht praves Frauenzimmer pist. Du sollst in meinem Herzen gleich nach der Parpara Seidenmüller kommen!"

Diese lyrisch-komische Auslassung war mehr als alles Andere im Stande, das erschütterte innere Gleichgewicht wieder herzustellen; nur die beiden Hauptpersonen der soeben stattgehabten Erkennungsscene blieben ernst. "Bleibt hier!" bat Zarba. "Komm mit, Karavey!"

Sie traten mit einander hinaus in den Flur und wandten sich nach dem Gärtchen. Die Zingaritta hatte noch nicht bemerkt, daß dasselbe bereits besetzt war. Als sie die drei Personen erblickte, blieb sie überrascht stehen. Waren sie ihr bekannt? Es schien so. Fast hätte man aus dem Spiele ihrer Mienen vermuthen sollen, daß sie sie hier in den Bergen erwartet habe, nur die Art und Weise schien sie zu befremden. In diesem einen Augenblicke war die innere Erschütterung zurückgedrängt; sie war wieder Zarba, die Vajdzina ihres Stammes. Sie schritt auf die drei Personen zu und blieb vor Almah stehen.

"Bhowannie läßt blühen die Blumen und duften die Rosen. Darf ich sehen dieses kleine Händchen?"

Lächelnd reichte das Mädchen ihr die Rechte dar. Zarba forschte in den Linien derselben, und es ging hell über ihre faltigen Züge.

"Fürchte Dich nicht vor dem Wasser; es bringt Dir Glück und Seligkeit. Im fernen Süd hat er Dich im Wasser gefunden, im Norden wirst Du ihn wiederfinden, schwimmend auf den Wegen im Donner des Kampfes; dann wirst Du sehen, wie nahe er Dir gewesen ist."

Almah erglühte; auch Arthur war im höchsten Grade verwundert. Woher wußte die Zigeunerin von jener Begegnung im Nile? Sie wandte sich jetzt zu ihm:

"Auch Eure Hand, mein blanker Herr!"

Er gab sie ihr hin. Nach einer kurzen Betrachtung meinte sie:

"Der Geist der Weissagung blickt durch die Kleidung und das Gewand. Du wirst den Freund mit einer Krone schmücken und hohe Ehren erlangen. Fürsten und Könige sind in den Bergen, und in der kleinen Hütte ruhen die Beherrscher der Völker."

Nun trat sie auch zu Nurwan Pascha. Er hatte seine türkische Kleidung abgelegt und trug sich ganz nach der hiesigen Sitte. Auch er streckte ihr seine Hand hin. Sie nahm dieselbe und betrachtete sie. Da plötzlich wurde ihr Gesicht leichenfahl, sie stieß einen gellenden Schrei aus und sank besinnungslos zur Erde. Der Name, die Gestalt, das Gesicht, Alles war ihr fremd geworden, aber diese Hand, die hatte sie wieder erkannt, die Hand, die sie einst so zärtlich liebkost und die sie dann so undankbar und leichtsinnig von sich gestoßen hatte.

"Was war das? Wer ist sie?" frugen die beiden Männer, und Almah bog sich liebreich zu ihr nieder, um ihr mit Hilfe eines Riechfläschchens beizustehen. Karavey kniete an der Erde und hielt die Hände der Schwester gefaßt.

"Zarba, wache auf! Was ist mit Dir?"

"Zarba!" rief Arthur, und

"Zarba!" rief auch der Pascha.

Der Letztere bog sich zu ihr herab:

"Zarba, erwache; Katombo ist da!"

"Wer?" rief Karavey aufspringend. "Katombo? Wo ist Katombo?" "Hier; ich bin es selbst!"

"Ihr - Du bist es? O - o - welch ein Tag! Kennst Du mich?" "Nein." "Karavey!"

"Karavey? Mann, Bruder, ists möglich!"

Jetzt lagen sich die beiden Männer in den Armen. Darüber erwachte die Zigeunerin. Sie richtete sich halb empor. A "Katombo, tödte mich!"

"Tödten? Nein, segnen werde ich Dich, Du Geliebte meiner Jugend und Du Abgott meines Schaffens!"

Er hob sie empor und setzte sie auf den Platz, den er erst inne gehabt hatte. "Also Du, Zarba, bist die Königin unserer großen Verbindung? Du bist das allmächtige und allwissende Wesen, dem Groß und Klein gehorcht, ohne zu klagen und zu fragen! Du wiesest meine Liebe von Dir, aber ich war stark im Herzen und wurde dennoch glücklich. Siehe mein Kind, mein einziges, herrliches Kind; es mag Dir sagen, daß ich Liebe um Liebe wiedergefunden habe!"

Durch die laute Unterhaltung hier im Garten wurden die in der Stube Befindlichen aufmerksam. Max trat heraus; ihm folgten die Andern. Kaum hatte er die Hinterthür erreicht, so entfuhr ihm ein Laut der Verwunderung. Zwei Augen hatten auch ihn erblickt, Arthur kam herbei:

"Max, ich bitte Dich, in bin ein Matrose und heiße Bill Willmers! Nur Zarba scheint meinen wahren Namen zu kennen." "Warum dieses Inkognito?"

"Werde es Dir später erklären. Ah! Was ist das für ein Gespenst?"

Tirban, der Waldhüter kam am Waldessaume herbeigeschlichen. Kaum hatte Zarba ihn erblickt, so rief sie ihn herbei. Er kam und begrüßte sie mit einer Unterwürfigkeit, als ob er eine Königin vor sich habe.

"Kam die Depesche nach Waldenberg?" frug sie ihn. "Ja."

"Habt Ihr sie?" "Wir haben sie." "In der Tannenschlucht?" "Du hast es so befohlen." "Wer bewacht sie?" "Horgy und Tschemba."

Sie wandte sich an den Schmiedegesellen und seinen Bruder:

"Thomas, wir werden uns für eine halbe Stunde entfernen und übergeben Euch diese Dame!" "Schön!" antwortete der Angeredete. "Ich werde sie pewachen und pewahren, als ob sie meine peste Ampalema wäre!"

"Bleibe hier!" bat Nurwan Pascha seine Tochter.

Sie nickte zustimmend.

"Darf Bill nicht auch bleiben, Papa?"

Die Zigeunerin hatte die Frage vernommen.

"Er darf bleiben!" entschied sie.

Das Erlebte hatte so mächtig auf die Anwesenden eingewirkt, daß sich Alle wie halb im Traume befanden. Sie folgte Tirban, welcher voranschritt.

Der Weg ging zunächst nach seiner Hütte, dann an dieser vorüber in den dichten Wald hinein, bis sich vor ihnen eine tiefe, finstere Schlucht öffnete, deren Seiten mit riesigen Tannen besetzt waren. Das war die Tannenschlucht. Sie war beinahe eine Viertelstunde lang und schien seit Jahren von keinem menschlichen Fuße betreten worden zu sein. Ihr Hintergrund wurde von wirr über einander gethürmten Felsen gebildet. Tirban schob einen derselben mit Leichtigkeit bei Seite; das Kreischen verrosteter Angeln ertönte und es wurde eine Öffnung sichtbar, welche groß genug war, zwei Männer neben einander hindurch zu lassen.

Drin war es dunkel, aber eine angebrannte Fackel verbreitete bald das gehörige Licht. Auf einer Streu hatten zwei Männer gelegen, welche bei dem Eintritte der Kommenden sich erhoben. Es waren die beiden Wächter Horgy und Tschemba, welche ihre Vajdzina mit größter Ehrerbietung grüßten. "Alles in Ordnung?" frug diese. "Alles!"

"So bringt die Gefangenen!"

Im hinteren Theile des Raumes wurde eine Thür geöffnet, hinter welcher der Direktor mit dem Oberarzte hervortrat. Beim Erblicken der Anwesenden erbleichten Beide; dem dicken Direktor schlotterten die Kniee; er wäre zusammengebrochen, wenn er sich nicht an die Wand gelehnt hätte. Zarba trat auf ihn zu.

"Hund, welcher den zerreißt, auf welchen er gehetzt wird, Du hast nur noch eine Minute zu leben, wenn Du nicht offen beichtest. Tirban, nimm die Pistolen!" Der Alte griff in eine Vertiefung und brachte die Waffen hervor. Zarba fuhr fort:

"Hier der Herr Doktor Brandauer wird Euch fragen; bei der geringsten Unwahrheit drückst Du los, Tirban!"

Der Direktor stöhnte vor Entsetzen. Max, welcher sicher annahm, B daß es Zarba mit ihrer Drohung blos darum zu thun war, die beiden Ärzte einzuschüchtern, begann:

"Ich wiederhole, daß ich bei der geringsten Lüge winken werde; mehr bedarf es nicht zu einer Kugel. Herr Direktor, Sie kennen einen Herrn Aloys Penentrier?"

"Ja."

"Er besuchte Ihre Anstalt sehr oft?" "Ja."

"Im Auftrage des Herzogs von Raumburg?" "So ist es."

"Er hatte Ihnen die Befehle desselben zu bringen?"

"Denen ich natürlich gehorchen mußte," versuchte er sich zu entschuldigen.

"Ich theile diese Ansicht natürlich nicht. Sie konstatiren hiermit gewisse Fälle, in denen geistig vollkommen Gesunde als wahnsinnig eingeliefert und behandelt wurden?"

"Ja," klang es nach einigem Zögern.

"Ebenso gestehen Sie Fälle ein, in denen Sie angehalten waren, gefürchtete Internirte durch Tödtung zu entfernen?"

"Ja."

"Ihr Oberarzt war ausnahmslos Ihr Mithelfer?" "Ja."

"Gestehen Sie das ein?" wandte sich Max an diesen.

Er warf dem Direktor einen fürchterlichen Blick zu, schielte nach der bereitgehaltenen Pistole und antwortete:

"Bei solchen Gewaltmitteln kann ich nicht anders als ja sagen." "Gut, so sind wir fertig. Wo sind die Effekten dieser Männer?" "Hier," antwortete Tirban, indem er zwei Koffer herbeischob. "Untersuchen!"

Sie wurden geöffnet, enthielten aber nichts als Wäsche und Toilettengegenstände. Daher ließ Max die Kleidung der Gefangenen untersuchen. Jetzt kam das Reisegeld und außer demselben ein Portefeuille zum Vorschein, welches einige versiegelte Briefe ohne Adresse enthielt. Max erbrach sie, und kaum hatte er einen Blick auf den ersten geworfen, so griff er in die Tasche und zog sein Notizbuch hervor. Er hatte ganz dieselbe Geheimschrift erkannt, zu welcher er aus der Bibliothek des Herzogs von Raumburg sich den Schlüssel mitgenommen hatte. Er trat an das Tageslicht und begann zu dechiffriren.

Es dauerte lange, ehe er fertig war. Die Andern ahnten, daß er etwas sehr Wichtiges gefunden haben müsse, und vermieden, alle Störung. Als er geendet hatte, steckte er die Briefe zu sich und überlegte einige Zeit.

"Ich werde über diesen Fund später berichten. Können die Gefangenen für diese Nacht noch hier bleiben?"

"Ja," entschied Zarba.

"So schließt sie wieder ein! Jetzt vorerst wieder zurück zum Kruge, wo wir versuchen wollen, die Räthsel zu lösen, vor welche wir uns heute gestellt sehen."

"Halt!" gebot Zarba. "Ehe wir diesen Ort verlassen, verlange ich von Euch Allen den Schwur, ihn niemals zu verrathen."

"Ich schwöre es gern," antwortete Max.

"Ich auch," stimmten die Andern bei.

Der Rückweg wurde angetreten. Tirban blieb in seiner Hütte; die Übrigen begaben sich nach dem Kruge. Als sie dort angekommen waren, näherte sich Thomas Schubert seinem jungen Herrn.

"Herr Doktor, darf ich einmal ein Pischen neugierig sein?" "Nun?"

"Warum ist der Herr Hauptmann von Wallroth zurückgeplieben und nicht lieper auch mitgekommen?"

"Der König erlaubte es nicht. Er hat ihn zum Major avancirt und gewünscht, ihn für jetzt im Schlosse zu behalten."

"Donnerwetter, da pleipe ich ein anderes Mal auch zu Hause!"

Er trat befriedigt zu seinem Bruder. Dieser verwandte kein Auge von Nurwan Pascha, welcher sich wieder zu seiner Tochter gesetzt hatte, und drehte sich endlich ärgerlich um. "Thomas, ich wette doch mit Dir, daß dieser Mann der schwarze Kapitän ist. Je länger ich ihn mir betrachte, desto gewisser werde ich!"

"Ein Seeräuper? Dann hat er dieses Mädchen wohl auch aus der See geraupt und giept sie nun für seine Tochter aus. Darüper zerpreche ich mir aper den Kopf nicht; lieper will ich einmal nachdenken, wie ich es anfange, daß mein junger Herr auf den glücklichen Gedanken kommt, mir eine von seinen Cupa oder Hapanna anzupieten?"---

Zwöftes Kapitel. Ein Rückblick.

Es war zu Siut in Egypten. Die glühende Mittagssonne verbreitete eine drückende Schwüle über die Stadt, in deren engen Straßen selten der eilende Schritt eines Menschen, der kurze Trab eines Esels oder das Schnauben eines Kameels zu hören war. Sprühende Gluth vibrirte über den Wassern des Nils, und kein einsamer Kahn, keine Barke war auf den Wogen zu sehen. Einige Sandals lagen im Hafen, aber von der Besatzung war kein Kopf, kein Glied zu sehen, da sich die Leute vor der Hitze an das Ufer zurückgezogen hatten, um sich in dem kühlen Raume eines Kawuah (Kaffeewirthes) zu erholen.

Am Ufer des Flusses stand ein großes Gebäude, von welchem allerdings nicht viel zu erkennen war, da das ganze zu ihm gehörige Areal von einer sehr hohen Backsteinmauer umgeben wurde. Diese Letztere umschloß zunächst einen Garten, der mit großer Kunst und Sorgfalt angelegt war; dann starrten Einem die vier fensterlosen Mauern des ein Rechteck bildenden Gebäudes entgegen. Das durch die Mauer gebrochene Thor lag dem Flusse zu, und ihm gegenüber öffnete sich der Eingang des Gebäudes, welches mit seinen vier Seiten einen mit Säulengängen eingefaßten Hof umschloß. Stieg man von diesem Hofe aus eine breite aus dem Syenit des Dschebel Mokkhadam gebaute Treppe empor, so gelangte man in ein weites Gemach, in welchem eine sehr angenehme und erquickende Kühle herrschte. Dieselbe wurde hervorgebracht durch die Ausdünstung des Wassers in den vielen porösen Thongefäßen, welche in zahlreich angebrachten Maueröffnungen standen. Der Boden war mit einem einzigen großen persischen Teppich von wundervoller Arbeit und Färbung belegt, und auf einer erhöhten Estrade stand ein mit rothem nubischem Sammet überzogener Divan, auf welchem ein Mann in jener Stellung (mit untergeschlagenen Beinen) Platz genommen hatte, welche der Türke Rahat otturmak. d.i. Ruhe der Glieder nennt.

Er mochte achtundvierzig oder neunundvierzig Jahre zählen, aber der Ausdruck von Betrübniß, welcher auf seinen edlen, männlich-schönen Zügen lag, ließ ihn um Einiges älter erscheinen. Der sicherste Werthmesser für den Reichthum eines Mannes pflegt in Egypten die Pfeife zu sein. Diesen Maßstab angelegt, mußte der Reichthum dieses Mannes ein sehr bedeutender genannt werden, denn der Kopf der Pfeife, welche er rauchte, war sicher aus einem Stücke Meerschaum von seltener Größe geschnitten, das Rosenholzrohr zeigte eine massive Golddrahtumwindung, zwischen welchen zahlreiche ächte Perlen hindurchblickten; die Spitze bestand aus einem großen Stücke jenes halbdurchsichtigen Bernsteines, welcher im Oriente theurer bezahlt wird als der wasserhelle, und der kristallene Kondensirknauf schimmerte von Brillanten, Smaragden und Rubinen, welche an sich schon ein Vermögen repräsentirten.

Zu seinen Füßen hockten zwei schwarze Sklaven; der Eine war beschäftigt, die Pfeife in stetem Gang zu erhalten, und der Andere kredenzte in kleinen, kaum mehr als fingerhutgroßen Tassen den schwarzen Trank des Mocca, der vollständig rein, ganz ohne Zucker und Sahne genossen wurde.

Da öffnete sich eine Seitenthür und eine verhüllte Frauengestalt trat ein. Sie näherte sich dem Manne, hob den Schleier ein wenig und küßte ihn auf die Stirn; dann strich sie ihm mit der kleinen, weißen Kinderhand über dieselbe und meinte mit halblauter und doch goldig reiner Stimme:

"Wieder lagern Wolken um Dein Haupt, und Schatten ziehen durch Dein Herz. Die Geschicke der Sterblichen stehen geschrieben und verzeichnet im Buche des Schicksals, und keine Hand kann wider Allahs Willen."

"Du sagst recht, Ayescha; aber doch thut der Wille Allahs wehe, wenn er das Herz zerreißt. Allah lenkt die Geschicke wie Wasserbäche, doch gibt er dem Manne Spielraum, seine Kraft zu erproben und zu entfalten. Mein Leben war ein schwerer Kampf; das Kismet (Vorherbestimmung) ist mir gütig gewesen; jetzt aber hat es mich getroffen mit dem Schlage einer Keule, die mein Leben zerschmettern kann. Ich kämpfe und ringe dagegen, doch all mein Reichthum, all meine Macht bringt mir keine Hilfe. Ich werfe mit Gold um mich, als besäße ich die Schätze der tausend und einen Nacht; ich schicke meine Freunde, meine Diener und meine Sklaven aus, aber Keiner will kommen, um mir die Kunde zu bringen, nach welcher ich mich sehne, wie die Nacht nach dem Lichte des Tages, wie die Wüste nach Thau und Regen und wie der Nil nach der gnadenreichen Leilet en Nuktha ("Nacht des Tropfens," jene Nacht, in welcher nach dem Glauben der Nilanwohner ein Thränentropfen vom Himmel fällt, um alljährlich die segensreichen Überschwemmungen hervorzubringen)." B "Vater, es gibt nur Einen, welcher klug und tapfer genug ist, das Geheimniß zu enthüllen und Dir die ersehnte Kunde zu bringen; aber dieser ist nicht da." "Wer?" "Katombo."

Der Mann erhob forschend seinen Blick.

"Kennst Du ihn so genau, daß Du dies behaupten kannst?"

Sie schwieg einige Sekunden in halber Verlegenheit; dann antwortete sie:

"Hast Du mir nicht so viel von ihm erzählt?"

"Ja, das habe ich und Du hast das Richtige getroffen. Wäre er nicht so fern, sondern hier gewesen, so hätte er mir längst des Herzens Muth und Freude zurückgegeben, denn keiner von Denen, welche ich aussandte, Sobe<de zu suchen, wird sie finden und mir wiederbringen."

"Allah ist groß; er kann helfen, wenn er will, und oft erscheint seine Hilfe zu einer Zeit, in welcher wir sie am wenigsten erwarten. Ich stand soeben auf dem Dache, um die feuchte Luft des Stromes zu athmen, und sah ein Boot auf dem Wasser schwimmen. Es hatte unsere Farben und wurde von einem Manne gerudert, der nach dem Hafen zuhielt. Ich kam sofort, um es Dir zu verkünden. Sollte es einer Deiner Boten sein?" "Kam er stromab oder stromauf?" "Stromab."

"So muß er das Ufer bereits erreicht haben und augenblicklich hier sein. Hörst Du?" Man konnte deutliche Schritte vernehmen, deren Schall vom Hofe heraufdrang. Sie kamen die Stufen empor, und dann wurde der Eingang geöffnet. Ein Diener trat ein und verbeugte sich bis zur Erde.

A "Hoher Scheik, ein Schiffer verlangt Dich zu sprechen." "Laß ihn herein!"

Der Diener verbeugte sich nochmals, trat ab und ließ den Mann ein, den er angemeldet hatte. Dieser trug die gewöhnliche Tracht der Nilbarkenleute und schwitzte aus allen Poren. "Was willst Du?"

"Bist Du Manu-Remusat, der große und berühmte Abu-el-Re<sahn (Vater der Schiffsführer)?" "Ich bin es."

"Mich sendet Katombo, Dein Kapitän." "Katombo?!"

Er machte eine Bewegung zum Aufspringen, überwand sich aber; eine solche Erregung paßte nicht zu der charakteristischen Ruhe, welcher der Orientale als Zeichen der Würde sich zu befleißigen strebt.

"Katombo," antwortete der Gefragte, sich als Zeichen der Zustimmung tief verneigend; "er sendet mich, um Dir seine Ankunft zu melden." "Wo ist er?"

"So nahe, daß er in wenigen Minuten eintreffen wird. Ich mußte sehr schnell rudern, um Dich eher anzutreffen."

"So nahe ist er? Daraus sehe ich, daß ihm entweder ein Unglück widerfahren ist, oder er eine sehr gute und glückliche Fahrt gemacht hat. Welches von beiden ist das Richtige?" "Ich weiß es nicht. Sihdi Katombo hat mich erst in Dongola gemiethet, als er sich auf der Rückfahrt befand." "Habt Ihr gut geladen?"

"So viel, daß kaum Platz für die Mannen übrig ist."

"Habt Ihr die Schellal (Stromschnellen) glücklich überwunden?"

"So glücklich, daß weder ein Mann noch ein fingergroß von der Ladung verloren gegangen ist."

"So war die Fahrt eine gute, eine bessere, als ich jemals selbst gemacht habe. Gehe hinunter zu den Dienern und laß Dir Speise und Trank geben!"

Der Schiffer entfernte sich und Manu-Remusat erhob sich. Er hatte nicht bemerkt, daß seine Tochter bei der Nachricht von der Ankunft Katombos unwillkürlich und freudig zusammengezuckt war.

B "Bereite das Mahl, Ayescha. Ich werde nach dem Flusse gehen, um Katombo zu empfangen."