/ Language: Deutsch / Genre:child_adv / Series: Bibi - Leben eines kleinen Mädchens

Bibi und die Verschworenen

Karin Michaelis


Bibi und die Verschworenen

Karin Michaelis

1931

Inhaltsverzeichnis

Valborg

Der Masernklub

Eine schlaflose Nacht

Was ist denn los?

Look out for me!

Danzig

Die Insel

Die blaue Erde

Noch ein Wiedersehen

Die Segelflieger

Die Vogelwarte

Warum Bibi schnell nach Klinteborg mußte

Wenn Eltern aus dem Häuschen geraten…

Großvater

Fünf Briefe von einem Schloß

Der alte Graf erzählt

Bibi lügt

In der Tiefe

…lebendig begraben

Im Dunkel

Und oben im Schloß

Ende gut, alles gut

Valborg

Bibi hat ein fuchsrotes Katzenjunges geschenkt bekommen. Jensine aber schwört Stein und Bein, daß sie mit diesem Ungeheuer keine drei Tage unter einem Dach wohnen wird. Denn rote Katzen bringen Unglück. Es bleibt Bibi also nichts übrig, als sich von dem Tierchen zu trennen, obwohl sie schon dick befreundet mit ihm ist.

Bibi liegt im Bett und zerbricht sich den Kopf, wen sie mit dem fuchsroten Kätzchen glücklich machen könnte. Es ist soeben auf die Decke gesprungen und schaut sie mit seinen komischen schiefen Augen an. An wen erinnert es sie nur? Hurra, jetzt hat sie es. An Valborg! Natürlich an Valborg. Valborg muß es bekommen, darüber ist kein Wort mehr zu verlieren.

Also heraus aus dem Bett und in die Kleider hinein, einen Gutenmorgenkuß für Paps und einen Schluck heißen Kaffee bei Jensine in der Küche. »Ach, Jensine, sei doch so gut und schick mir meine Stullen nach. Ich kann heute nicht darauf warten!«

Und fort ist sie, das Kätzchen unterm Arm.

Sie ist noch nie bei Valborg gewesen. Vielleicht weil Valborg auch noch nie bei ihr war. Valborg lehnte überhaupt alle Einladungen ab: »Schönsten Dank, aber meine Mutter kann mich nicht entbehren, und außerdem können wir uns nicht revanchieren.«

In Wirklichkeit schien sich Valborg aus Einladungen gar nichts zu machen. Es sah vielmehr so aus, als dächte sie: Was zum Kuckuck brauche ich auszugehen, wenn ich es zu Hause so schön habe!

Bibi wußte wenig von Valborgs Familie. Sie wohnten auch erst seit einem Jahr in der Stadt. Valborgs Vater war Totengräber, nahm aber auch sonst jede Arbeit an. Die Mutter war fast immer krank. Außer Valborg sind noch acht Kinder da. In der Schule hat sie eine Freistelle, weil sie so kolossal begabt ist; sie braucht ja bloß auf eine Seite zu schielen, dann kann sie sie auch schon auswendig. Dabei sah sie oft aus, daß es ein Skandal war. Es kam vor, daß sie mit einem langen und einem kurzen Strumpf in der Schule erschien oder mit Strümpfen von verschiedener Farbe, und eines Tages hatte sie sogar einen riesigen karierten Flicken auf einem gestreiften Kleid. Als die andern sie darauf aufmerksam machten, lachte sie nur und meinte: »Nein, daß ich das nicht gemerkt habe! Es sieht übrigens gar nicht so übel aus!«

Und doch hatte Valborg etwas an sich, was verhinderte, daß die Klasse sich über sie lustig machte oder über sie tuschelte. Eine Valborg mit geputzten Nägeln und gebürstetem Haar war einfach unvorstellbar. Es hätte geradezu peinlich gewirkt, wenn sie eines Morgens mit ordentlichen Zöpfen, mit geplättetem Kleid und mit Bändern in den Schuhen erschienen wäre. Valborg war nun einmal Valborg. Und vielleicht verdankte sie ihren Spitznamen »Michel« gerade ihrem Aussehen.

Ihren Einzug in die Schule hatte sie mit einer zahmen weißen Maus in einer Papiertüte und vier süßen Marienkäferchen auf grünen Blättern in einer kleinen Schachtel gehalten, und natürlich hatte sich sofort alles um sie geschart. Die ganze Klasse wollte sie zur Freundin haben. Sogar Anne-Charlotte, die so furchtbar feine Hände hatte, als läge sie die ganze Nacht mit Glacéhandschuhen im Bett.

Bibi hatte ein bißchen das Gefühl, als sollte sie nicht so plötzlich bei Valborg einbrechen. Aber was war da zu machen — das Kätzchen konnte doch nicht länger warten.

Erst ging es über einen Hof mit einem Haufen wunderbar duftender Baumrinde und abscheulich stinkenden Häuten und Fellen. Dort wohnte nämlich ein Gerber. Dann über eine Treppe, die so schwarz war, als würden immer nur Kohlen hinaufgeschleppt. Oben war nur eine einzige Tür, das mußte also die richtige sein.

Bibi klopfte an, wußte aber von vornherein, daß ihr Klopfen nicht gehört werden konnte, so ein Krach war innen. Sie öffnete also die Tür und stand einen Augenblick ganz verdutzt auf der Schwelle. Beinahe wäre ihr herausgefahren: »Herr du meine Güte!«, was Jensine in solchen Fällen immer ruft. Valborg merkte gar nicht, daß die Tür aufgegangen war; sie war eifrig damit beschäftigt, einer kleinen Göre das Gesicht zu scheuern. An einem niedrigen Tischchen saß eine zweite Göre und löffelte mit einem Holzlöffel Grütze in sich hinein. Das Kleinste saß auf dem Töpfchen und spielte mit einem Ball, der so groß war wie sein eigener Kopf. Und neben den sonderbarsten Betten, die Bibi je gesehen hatte, zogen zwei andere kleine Würmer sich eben an.

Jetzt sah Valborg auf, aber es schien sie gar nicht weiter zu stören, daß Bibi so plötzlich hereingeschneit kam. Nein, Valborg lachte nur wie gewöhnlich: »Fein, daß du da bist, Bibi! Stell doch bitte gleich die Grütze in die Kochkiste, sonst brennt sie mir noch an. Dort ist die Küche!«

In der Küche sah es noch toller aus als in dem Zimmer. Wie in einem Trödelladen. Es lagen sicher mehr als zwanzig kleine Schuhe und Stiefel herum, die bestimmt noch nie mit Stiefelwichse in Berührung gekommen waren. Die meisten waren vorne sogar zerrissen. Und sie lagen einfach überall, auf dem Fußboden und auf den Regalen, auf dem Herd und auf der Kochkiste und Gott weiß wo noch. Mittendrin ein ganzer Haufen Wäsche, die frisch gewaschen war und zum Plätten eingespritzt werden sollte. Dann fuhren noch Schulbücher und Hefte herum und Schiefertafeln und ein Säckchen Mehl und ein Säckchen Grieß und dazwischen ein ganzer Stapel Schwarzbrotscheiben, der für ein Regiment Soldaten genügt hätte.

Bibi stellte den Topf mit der Grütze in die Kochkiste, und als sie dann mit ihrem Kätzchen, das sie bis dahin sorgfältig unter ihrer Jacke versteckt hatte, wieder ins Zimmer zurückkam, brüllte alles vor Wonne und Entzücken; denn das Kätzchen, das die Familie bisher gehabt hatte, war gerade gestern durchgebrannt. Man wußte zwar genau, wohin: es war bei der alten Näherin, die ihm statt Milch immer Sahne zu trinken gab. Ach, und wie schön das neue Kätzchen war! Zum Fressen süß!

»Aber setz dich doch ein bißchen, Bibi, ich bin gleich fertig. Ich muß nur noch die Betten machen und auskehren und Kaffee für meine Mutter kochen und meine Aufgaben überfliegen und den Kindern ihre Brote streichen.«

Bibi bot sich an, ihr zu helfen.

»Kannst du denn kehren? Dann nimm den Besen, er steht draußen in der Küche. Das heißt — nein, er liegt unter dem Bett der Jungen. Kann aber auch sein, daß er im andern Zimmer ist. Du wirst ihn schon finden!«

Und Bibi fand ihn denn auch unter dem Bett der Jungen und begann, überall auszukehren. Valborgs Mutter lag in dem andern Zimmer und begrüßte Bibi freundlich: »Ich freue mich, daß ich dich einmal zu sehen bekomme, Bibi. Ich kenne dich ja eigentlich schon durch Valborg. Wie du siehst, haben wir keinen Platz für große Gesellschaften, aber wenn es dir sonst bei uns gefällt, bist du immer willkommen.«

Valborg wurde in rasender Eile mit allem fertig und versprach noch der Mutter, gleich aus der Schule nach Hause zu kommen, um die Wäsche einzuspritzen und das Essen für den Vater zu richten.

Die beiden Freundinnen flitzten durch die Straßen und kamen gerade noch zur Schule, als es neun schlug. Die ganze Klasse war in heller Aufregung. Die Mädchen standen in Haufen zusammen und flüsterten einander in die Ohren. Bibi hatte es gar nicht gerne, wenn andere etwas wußten, was sie selber nicht wußte; andererseits war es ja viel feiner, sich seine Neugier nicht anmerken zu lassen. Nur daß sie das leider nicht fertig brachte. Sie schrie also in die Klasse hinein: »Was ist denn los?«

Ulla legte empört den Finger auf die Lippen: »Was brüllst du denn so, bist du verrückt?«

Und dann verzog sie das Gesicht, so daß man gleich merkte, daß das Geheimnis von ihr ausgegangen war. So eine Wichtigtuerin! Lieber es niemals erfahren, als sie anbetteln!

Bibi bockte, Ulla bockte, und so wäre es weitergegangen, wenn nicht Anne-Charlotte Bibi ins Ohr geflüstert hätte: »Die Schulen sollen geschlossen werden!«

»Die Schulen geschlossen?« Das klang zu schön, um wahr zu sein. »Aber warum denn?«

Da konnte Ulla sich nicht länger halten. »Weil mein Vater es angeordnet hat! Deshalb!« sagte sie, wie von der obersten Stufe einer Leiter herab.

Bibi sah sie schief von der Seite an: »Dein Vater? Quatsch! Du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß dein Vater den Schulen was zu befehlen hat!«

»Na, dann glaub’s eben nicht!« — In diesem Augenblick aber trommelte es draußen im Schulhof: Trumm, bummelum, bum, bum! Es war Bibis Freund, der gute alte Stadttrommler, der schon seinerzeit getrommelt hatte, als Bibi und Ulla ihre Namen tauschten.

Heute trommelte er drei entflogene Tauben aus, eine noch gut erhaltene Roßhaarmatratze und herrliche fette Rotbutten, die an der Südbrücke zu haben waren. Trumm, bummelum, bum, bum! Und dann kam die große Nachricht: Hiermit wird im Auftrag des Gesundheitsamts bekanntgemacht, daß anläßlich der Masernepidemie von heute ab bis auf weiteres geschlossen bleiben folgende Schulen — — — Bummelum, bum, bum…

Bibi hätte beinahe bravo gerufen, hielt sich aber doch noch zurück. Masern! Was das schon war! Ja, wenn es noch die Pest gewesen wäre oder Cholera oder schwarze Blattern, wo die Leute in zwei Minuten wie tote Fliegen umfielen. Aber Masern! Das war ja kaum ärger als Ziegenpeter oder ein Gerstenkorn. Und wer sagte denn, daß auch die andern Schulen geschlossen werden sollten? Ihre eigene war jedenfalls noch offen. Und sie geriet in einen fürchterlichen Streit mit Ulla, die auch weiterhin behauptete, daß ihr Vater es doch wissen müsse, wenn er Stadtarzt sei, und die Epidemie dauere nun schon mehr als zwei Wochen, ja, ja, ganz bestimmt.

»Dann sieh doch zu, daß unsere Schule auch geschlossen wird, wenn dein Herr Papa gar so viel zu sagen hat!«

Jetzt aber mischte sich Valborg ein. Sie blinzelte mit den Augen, ihre roten Zotteln schlugen Funken, und sie hob den Zeigefinger: »Wißt ihr was? Es kommt doch nur darauf an, sich ein bißchen anzustecken; dann wird die Schule hier sofort auch geschlossen!«

Das klang gar nicht so dumm. Aber wie steckt man sich an? Wer kennt jemanden, der die Masern hat? Und wie lange dauern diese Masern? Ulla, die Doktorstochter, hätte das zwar wissen müssen und behauptete auch, daß sie es immer gewußt habe. Zufällig hatte sie es nur eben heute vergessen. Astrid Sand meinte, die Masern dauerten drei Monate, Julie Haugaard tippte auf sieben Tage. Das einzige, worüber sich alle einig waren, war, daß man bei Masern im Bett liegen mußte, etwas Rotes vor den Fenstern hängen hatte und daß es mit Niesen anfing.

Mitten im wildesten Streit kam Fräulein Buddinge, die Klassenlehrerin, zur Tür herein. Sie wollte gerade den Mund öffnen, um guten Morgen zu sagen, da mußte sie so heftig niesen, daß Valborg Bibi in den Arm zwickte: »Paß auf, sie hat sie schon!«

Das unglückselige Fräulein nieste immer weiter und mußte sich unaufhörlich die Nase putzen, während Bibi für jedes Niesen ein Kreuzchen auf den Deckel ihres Heftes machte. Dann sagte das Fräulein: »Heute müßt ihr mir mal zeigen, was ihr könnt, ohne daß ich viel zu sprechen brauche. Mir ist nämlich gar nicht gut…«

Sie versuchten alle, sich anständig zu benehmen, aber leicht war es nicht. Und die Stunde war noch lange nicht zu Ende, als Fräulein Buddinge plötzlich aufstand: »Ihr müßt mich für heute entschuldigen. Ich gehe nach Hause und lege mich ins Bett.«

Nach der Schule beschlossen die fünf »Verschworenen«, sich nachmittags am Fluß unter der verhexten Weide zu treffen. Valborg konnte zwar nicht sicher versprechen, pünktlich zu kommen, aber sie würde schon ihr möglichstes tun.

Bibi und Valborg gingen miteinander nach Hause. Bibi mußte abwechselnd an die herrliche Masernepidemie und an Valborgs Wohnung mit den vielen Geschwistern denken. »Sag mal, Valborg, wann hast du eigentlich Geburtstag?«

Valborg, die sich mitten auf der Straße die Zöpfe flocht, blieb stehen und lachte: »Wann ich Geburtstag habe! Du denkst doch nicht, daß es so was bei uns zu Hause gibt? Dazu haben wir wahrhaftig keine Zeit und kein Geld. Mein Geburtstag wird nie gefeiert, was liegt schon dran? Auf dem Taufschein steht, wie alt ich bin — mehr braucht man nicht.«

»Aber du könntest mir trotzdem sagen, wann du geboren bist, an welchem Tag natürlich, meine ich?«

»Also, wenn du so darauf versessen bist: am ersten Mai. Das heißt, nein, wart einmal, es könnte auch Juni oder Juli sein. Ich weiß nur, daß es damals Blumen im Garten gab, denn ich erinnere mich, daß mein Vater meiner Mutter Blumen brachte — das heißt, Mutter hat es mir erzählt.«

»Hör mal, Valborg, ich hab‘ eine Idee. Wenn du bis jetzt noch nie deinen Geburtstag gefeiert hast, hast du ja noch einen ganzen Haufen Geburtstage gut! Von nun an wirst du einfach jeden Monat Geburtstag feiern. Was sagst du dazu?«

»Du bist wohl ganz verrückt. Dann werde ich ja jedes Jahr um zwölf Jahre älter!«

Aber Bibi beachtete diesen Einwand nicht. Sie hatte beschlossen, daß Valborg an jedem Monatsersten ihren Geburtstag feiern sollte, und kein Teufel konnte sie je daran hindern, an ihren Plänen festzuhalten.

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Nachmittags traf man sich dann auf der Bank unter der verhexten Weide. Bibi führte den Vorsitz, und alle mußten zum Zeichen ihres unverbrüchlichen Gehorsams die Schwurfinger heben. Wer nicht blind gehorchen würde — das heißt natürlich nur, nachdem man sich zuerst geeinigt hatte —, der sollte eines fürchterlichen Todes sterben.

Das Programm des Tages war, darüber zu verhandeln, wie man sich so rasch wie möglich die Masern verschaffen könnte, damit die Schule geschlossen würde. Anne-Charlotte hatte Bedenken: »Es ist aber doch schrecklich langweilig, im Bett zu liegen und nichts zu bekommen als Kamillentee und Haferschleim.«

Da hatte sie nicht so unrecht. Das fanden eigentlich alle. Ein Vergnügen war es nicht, im Bett zu liegen. Da konnte man ebensogut auch in die Schule gehen.

Bibi hob beide Daumen. Das bedeutete, daß sie etwas besonders Wichtiges zu sagen hatte: »Ich schlage vor, daß wir alle zusammen die Masern bekommen, und wißt ihr was? Dann gründen wir einen Masernklub und liegen auch alle zusammen in einem Zimmer. Das wird ein Heidenspaß! Wer einverstanden ist, der pfeift dreimal.«

Alle pfiffen dreimal.

»Aber wo sollen wir denn eigentlich liegen?« Wieder war es Anne-Charlotie, die Bedenken hatte.

»Darüber müssen wir das Los ziehen!«

Und das Los traf Bibi.

Valborg atmete erleichtert auf: »Das nenn’ ich Schwein. Wenn das Los auf mich gefallen wäre, ich hätte euch nur in Hängematten vor die Fenster hängen können, denn in der Wohnung hat nicht eine einzige Platz.«

Ulla maulte ein bißchen. »Mein Vater wird es sicher nicht erlauben. Er hat ja so eine Höllenangst vor jeder Ansteckung. Ich bekomme jedesmal einen Krach, wenn ich nur die Tür zum Sprechzimmer ein bißchen aufmache!«

Sigrid schien sehr niedergeschlagen: »Das Schlimmste ist,« sagte sie, »daß ich gar nicht die Masern bekommen kann, denn ich habe sie schon einmal gehabt, als ich ein Jahr alt war!«

Bibi behauptete zwar, daß man die Masern im Notfall auch hundertmal bekommen könne, aber Valborg sagte: »Nein, unmöglich, Masern und Blinddarmentzündung bekommt man nur ein einziges Mal.«

»Wenn du aber nun nicht die Erlaubnis kriegst, daß wir alle zu dir kommen? Was dann, Bibi?«

»Lächerlich! Ich die Erlaubnis nicht bekommen! Seht nur zu, daß ihr die Erlaubnis kriegt!«

Valborg hatte es furchtbar eilig; sie hatte zu Hause ein Eisen auf dem Feuer und mußte plätten. Deshalb dauerte die Versammlung nicht lange. Bibi vereidigte die Verschworenen noch einmal darauf, daß der Beschluß, was auch immer geschehen sollte, unwiderruflich feststehe: Wer von uns zuerst die Masern bekommt, tut gleich, was er kann, um die andern anzustecken, und nur der Tod kann uns trennen, solange wir krank sind. Amen.

Der Masernklub

Nun galt es, Hals über Kopf alles zu organisieren, um gut vorbereitet zu sein, wenn die ersehnten Masern sich gnädigst einstellen sollten. Vor allem brauchte man die Erlaubnis, zusammen liegen zu dürfen. Um den Widerstand der verschiedenen Eltern zu überwinden, war jede List und Schlauheit erlaubt.

Bibi machte es so: Sie hielt ihrem Paps die Augen zu und erklärte, daß sie nicht eher loslassen würde, als bis er zu allem ja gesagt hätte. Paps war nicht gerade entzückt. Weiß Gott, was sie da wieder für einen Narrenstreich ausgeheckt hatte. Aber schließlich mußte er nachgeben, denn Bibi schwur Stein und Bein, daß sie sonst in den nächsten vierundzwanzig Stunden die Hände nicht von seinen Augen nehmen würde. Und dann war er förmlich erleichtert, als er hörte, um was es sich handelte. Denn wenn auch eine Epidemie in der Stadt war, so brauchte doch nicht ausgerechnet seine Bibi die Masern zu bekommen, und selbst wenn das Unglück sich ereignete, so war es doch höchst unwahrscheinlich, daß die übrigen vier Verschworenen genau zur selben Zeit davon betroffen würden. Er sagte also ja und amen, allerdings mit einem Vorbehalt hinsichtlich Jensines, nämlich daß Bibi selber diese für die Sache gewinnen müsse.

Bibi begab sich also in die Küche, setzte sich auf den Küchentisch und erbot sich, alles Silber im Haus zu putzen. Darauf versprach sie Jensine, daß ihr zukünftiger Mann einmal Obergärtner auf Klinteborg werden solle, sobald sie selbst das Schloß geerbt hätte, oder auch Kutscher oder Aufseher. Und sie würden ein entzückendes Haus bekommen, blaugetüncht mit Strohdach, ganz allein für sich und für ihre Kinder. Falls Jensine gar zu viel Kinder bekommen sollte, könnte man ja noch drei kleine Mansarden einbauen.

Jensine war nicht mehr ganz jung; aber so alt, daß man sich selber für zu alt hält, um noch einen Mann zu bekommen, kann man ja gar nicht werden. Und Bibi hatte schon längst herausgefunden, daß Jensine von nichts in der Welt so gerne reden hörte als von ihrem Zukünftigen. Ihr Gesicht leuchtete ordentlich auf, und alle Runzeln glätteten sich. Nun hieß es ausholen zum großen Schlag. Und während Bibi wie wild die silberne Kaffeekanne rieb, sagte sie so nebenbei: »Wenn ich jetzt die Masern bekomme, übersiedle ich gleich ins Krankenhaus. Das ist am besten so, findest du nicht auch, Jensine? Da erspare ich dir die ganze Mühe mit dem Pflegen.«

Jensine schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Ins Krankenhaus! Herr du meine Güte, was soll denn das wieder heißen? Also wirklich, das fehlte gerade noch!«

Jensine verstand sich doch wohl noch ebensogut auf Krankenpflege, und in einem Krankenhaus kriegt man immer noch paar scheußliche Krankheiten dazu…

»Das ist nicht so einfach, Jensine. Ich habe nämlich mein großes Ehrenwort gegeben, daß ich mit den andern vier zusammenbleibe, falls wir alle die Masern bekommen.«

»Mit was für andern vier?«

»Nun, natürlich mit den Verschworenen. Und da ist es sicher am besten, wir übersiedeln gleich ins Krankenhaus.«

Jensine war tief gekränkt. Nun, wenn Bibi ihr nichts mehr zutraute, dann bitte — sie würde sich gewiß nicht aufdrängen.

Bibi rieb ihre Kaffeekanne, als wolle sie ein Loch hineinbekommen: »Ich weiß sehr gut, daß niemand so gut Kranke pflegen kann wie du. Besonders, wenn du noch deine Schwester als Hilfe dazunimmst…«

Jensines Schwester war Witwe und wohnte außerhalb der Stadt. Sie hieß Friederike, lebte von ihrer Krankenpflege und besuchte Jensine jedes Jahr beim Groß-Reinemachen und beim Weihnachtsbacken. Wenn sie nun außerdem noch zur Krankenpflege kommen konnte, so war das einfach großartig. Jensine war schon für den Plan gewonnen.

»Aber was ist mit den Betten? Und wo können wir denn liegen? In meinem Zimmer ist doch nicht Platz für fünf Betten!«

Nun, das war eine Kleinigkeit. Nicht der Rede wert. Wenn der Stationsvorsteher nichts dagegen hatte, konnte man ja das Speisezimmer ausräumen, da hatten im Notfall auch zehn Betten Platz. Ganz abgesehen davon, daß die Küche gleich daneben lag, was auch nicht zu verachten war…

Bibi schluckte rasch ihren Jubel hinunter, damit Jensine es sich nur ja nicht mehr anders überlegte. »Nun, es ist ja bloß, um für alle Fälle vorbereitet zu sein. Es steht schließlich nirgends geschrieben, daß ich wirklich die Masern bekomme.«

Worauf sie die Kaffeekanne hinwarf und zu Paps ins Büro hinunterstürzte: »Hurra, hurra, Jensine ist gewonnen! Sie ist begeistert von der Idee, und nicht wahr, du hast nichts dagegen, wenn wir das Speisezimmer als Krankenzimmer einrichten? Nicht wahr, du erlaubst es?«

Und Paps erlaubte es.

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Auch bei Valborg ging alles gut. Ihre Mutter sagte sofort ja. Es war doch ein wahrer Gottessegen, daß Valborg, sollte sie wirklich die Masern erwischen, nicht auch gleich alle ihre acht Geschwister anstecken mußte. Aber wer würde dann ihr selber helfen? Valborgs Mutter lachte nur: »Kommt Zeit, kommt Rat.« Und wer sagte denn, daß sie gerade dann wieder zu Bett liegen mußte, wenn Valborg die Masern hatte?

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Ulla hatte ihren Plan gut ausgedacht. Sie wußte, daß man zu Hause schon aus Prinzip zu allem nein sagte, was sie vorbrachte. Dann mußte man eben so lange heulen, bis aus dem Nein ein Ja wurde. Das ist ein wunderbares Mittel, seinen Willen durchzusetzen — ein bißchen anstrengend allerdings, besonders wenn man eigentlich gar kein Bedürfnis hat zu weinen.

Ulla bereitete sich rechtzeitig vor. Und als ihr Vater sagte, daß er nie im Leben seine Einwilligung dazu geben würde, daß Ulla sich krank in ein fremdes Haus legte, wo man vielleicht keine Ahnung von Krankenpflege hatte, begann sie frischfröhlich draufloszuheulen.

Die erste Stunde war immer am ärgsten. Vater sagte: »Du kannst flennen, solang du Lust hast. Ich gebe bestimmt nicht nach.«

Und ihre Mutter schalt mit ihr. Wirklich eine Schande! So ein großes Mädchen und immer noch dieselbe Tränenliese! Ulla aber weinte weiter und trank dazu recht viel Wasser, daß die Tränen nur ja nicht austrocknen sollten.

Nachdem sie zwei Stunden durchgeheult hatte, verlegte Vater sich aufs Parlamentieren. Es sei ungesund zu weinen, das schade dem Nervensystem. Sie solle doch vernünftig sein. Wenn sie aufhöre, bekomme sie ein Theaterbilleit. Ulla trank Wasser und weinte weiter. Ihre Mutter schenkte ihr ein neues breites Band fürs Haar, ein kleines Seidenmützchen mit einer Quaste in der Mitte und ein Paar rote Lederpantoffel mit einer Quaste vorn. Ulla weinte immer mehr.

Da wurde ihr Vater zu einem Krankenbesuch auf das Land gerufen. Ob Ulla mitwolle, sie fuhr doch immer so gerne spazieren. Ulla wollte nicht mit, Ulla wollte überhaupt nichts mehr als sterben. Wozu leben, wenn man ja doch nie tun durfte, wozu man Lust hatte! Da gab ihr Vater denn endlich nach — was sie im innersten Herzen nie bezweifelt hatte. »Also in Gottes Namen, mach, was du willst, du Quälgeist!«

Im selben Augenblick waren die Tränen versiegt, sie flog dem Water an den Hals, riß ihren Mantel vom Haken und saß auch schon im Wagen.

Und dann, was für ein unwahrscheinliches Glück! Der Vater war wahrhaftig zu einer Familie gerufen worden, in der nicht weniger als fünf Kinder die Masern hatten. Ulla bekam den strengsten Befehl, im Wagen zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren. Sie wartete erst ein wenig, schlich aber dann durch die Hintertür ins Haus und bat um ein Glas Wasser. Denn nun galt es, sich endlich, endlich anzustecken. Und wenn die Krankheit in den Zimmern war, so konnte man sie sich wohl auch in der Küche holen. Die Frau gab ihr Himbeerwasser und Kuchen, und Ulla aß und trank und atmete tief, um so viel Bazillen wie möglich in sich hineinzusaugen.

Und wer kommt da, wie sie so in der Küche sitzt? Ein kleiner Hemdenmatz mit bloßen Füßen und roten Flecken im Gesicht. »Willst du wohl«, rief die Mutter entsetzt. »Marsch ins Bett mit dir, und zwar auf der Stelle!«

Ulla fand aber doch noch Zeit, dem kleinen Wurm die fieberheißen Wangen zu streicheln und ihm mit ihrem Taschentuch die Nase zu putzen. Das müßte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sie jetzt ihre Masern nicht bekäme. Sie knüllte das Taschentuch fest zusammen, lief rasch wieder in den Wagen zurück und saß dort still und geduldig, bis ihr Vater mit seinem Besuch fertig war. Er roch schon von weitem nach dem Zeug, mit dem er sich immer die Hände wusch, um nur ja keine Ansteckung nach Hause zu bringen. Ulla drückte ihr Taschentuch an die Nase und atmete tief ein…

Sigrid, die ja schon die Masern gehabt hatte, wurde nur ausgelacht, als sie mit ihrem Vorschlag kam: »Das kann ich leicht erlauben, da ist nicht viel zu riskieren.«

Sigrid war verzweifelt. Wenn man die Masern nicht zum zweitenmal bekommen konnte, wurde ja der ganze schöne Plan zunichte. »Aber weißt du, Vater, wenn ich die Masern schon gehabt habe, so kann es doch jedenfalls nichts schaden, wenn ich mit den andern zusammenbin. Nicht wahr, jetzt hast du nichts mehr dagegen?«

Der Vater überlegte es sich: »Eigentlich gar nicht so dumm. Denn wenn deine geliebten Verschworenen die Masern bekommen, wird dich doch kein Teufel abhalten können, daß du den ganzen Tag bei ihnen steckst. Und dann haben wir die Bescherung. Dann bringst du uns die Masern ins Haus. Da wäre genau besehen wirklich besser…«

»Also du erlaubst es bestimmt! Herrlich, herrlich. Bibi hat mich schon eingeladen.«

___________

Nun fehlte noch die lockige kleine Anne-Charlotte. Sie war so verwöhnt, daß ihre Mutter am liebsten den ganzen Tag mit aufgespanntem Regenschirm vor ihr hergegangen wäre, damit nur ja kein Windhauch ihr zartes Antlitz berühre. Sie war die jüngste von den fünf Kindern des Pastors und wurde von der ganzen Familie wie eine Porzellanpuppe behandelt. Und soweit sie nicht von den Eltern verwöhnt wurde, besorgte das eine alte Tante, die bei Pastors im Hause wohnte. Sie stopfte abwechselnd Kuchen und Hustenbonbons in sie hinein — es war das reine Wunder, daß Anne-Charlotte das aushielt.

Ausgeschlossen, daß das Kind zu Bibi durfte, und wenn es siebenmal die Masern hatte! Unmöglich. Wenn es krank wurde, so kam es zu Tante Lise in die Mansarde hinauf, dort hatte es die gehörige Pflege.

Anne-Charlotte weinte nicht. Das lag ihr nicht. Sie griff sich nur ans Herz, wie sie es bei den Großen manchmal gesehen hatte, und verdrehte dabei die Augen, daß man nur das Weiße sah. Sie hatte das von ihrem kleinen Dackel gelernt. Der war nämlich so ein Simulant, daß er noch drei Monate, nachdem er sich das Bein gebrochen hatte, auf drei Beinen humpelte und die Augen verdrehte, obwohl er wieder ganz gesund war. Er wußte eben, daß es dann immer Leberwurst und Kuchen gab. Anne-Charlotte war ihm aber auf seinen Schwindel gekommen; denn wenn er allein im Zimmer war und sie durch das Schlüsselloch guckte, lief er ganz vergnügt mit normalen Augen und auf allen vier Beinen herum. Die Pastorsfamilie, die keine Ahnung von solchen Künsten hatte, war natürlich zu Tod erschrocken, als Anne-Charlotte ihre Hand so jämmerlich an das Herz drückte.

Mein Gott, das Kind ist ja so zart und empfindlich. Man muß vorsichtig sein. Unglaublich, wie sie sich gleich alles zu Herzen nimmt.

Anne-Charlotte fiel es gar nicht ein, um etwas zweimal zu bitten. Als man aber zu Tisch ging, saß sie mit niedergeschlagenen Augen da, die Hand an das Herz gepreßt. Nein danke, sie hatte gar keinen Hunger. Nicht einmal, als die Tante ihr ein Ei mit Zucker rühren wollte. Nein danke. Sie wollte nichts. Gar nichts.

Ehe der Nachmittag um war, hatte Anne-Charlotte sie alle um den kleinen Finger gewickelt und Bibis Einladung auf hellblauem Papier beantwortet…

Was es nun war, ob die Verschworenen genug weißen Pferden begegnet waren, ob sie genug Sternschnuppen gesehen und sich dabei gleich etwas gewünscht hatten, oder ob Ullas Taschentuch, das natürlich die Runde machen mußte, seine Pflicht getan — kurz und gut, ehe die Woche um war, war die Schule gesperrt, das Speisezimmer in ein Spital verwandelt, und Bibi lag als erste im ersten Bett.

Sie hatte mit Jensine schon öfters die Aufstellung der fünf Betten probiert. Einmal sollten sie nebeneinander stehen, einmal im Kreis, dann wieder mit den Fußenden in der Mitte und ausstrahlend wie ein Stern. Im Mittelfenster hing ein riesiger Danebrog, und alles war ausgeräumt, um nur den Betten, ein paar Stühlen und kleinen Tischen für das Spielzeug Platz zu lassen. Bibi hatte auch rechtzeitig die Angelschnur in Ordnung gebracht, damit man, solange die Krankheit dauerte, die Verbindung mit der Außenwelt aufrechterhalten konnte, ohne die Seuche zu verbreiten. Sowie unten auf der Straße ein Signal ertönte, sollte eine der Verschworenen an das Fenster springen, um die Angel herunterzulassen, und auf diese Weise konnte man Briefe und Liebesgaben bekommen, was äußerst spannend war, denn man wußte ja nie, was man eben fischte.

Ulla kam als Nummer zwei ins Bett, Anne-Charlotte als Nummer drei. Man brachte sie in Kissen und Decken mit dem Wagen, und ihr Vater schickte noch einen ganzen Koffer mit Kräutern nach, die er selbst gesammelt hatte. Dann kam Valborg und zuletzt Sigrid, die kleinlaut und beschämt schien, weil sie es nicht einmal zu einer kleinen Erkältung gebracht hatte.

Eine schlaflose Nacht

Die vier Freundinnen schliefen sanft. Nur Bibi lag wach. Aus der Küche hörte sie Friederikes lustiges Schnarchen: immer sieben kleine Schnarcher nacheinander und dann ein leises Grunzen. Alle möglichen Dinge zogen Bibi durch den Kopf. Friederike hatte eben eine Gespenstergeschichte erzählt, die war so spannend und schaurig gewesen, daß es Bibi immer noch kalt den Rücken hinunterlief. Sie hörte jeden Augenblick etwas rascheln, so wie damals im großen Wald, als sie allein war und sich fürchtete. Und dann klopfte etwas in der Wand, was man Totenuhr nannte. Und dabei war es nur ein harmloser kleiner Käfer, der niemandem etwas zuleide tat. Trotzdem klang es so merkwürdig mitten in der Nacht, ganz wie eine richtige Uhr.

Bibis Gedanken liefen hierhin und dorthin, durch den Wald, über den See, hinaus in die weite, weite, gefährliche Welt, wo Jens Storch, der vor einiger Zeit spurlos verschwunden war, jetzt wohl hilflos und einsam umherirrte. Sie lag mit geschlossenen Augen da und sah ihn so deutlich vor sich, daß sie beinahe die Federn zählen konnte, die langen schwarzen und die weißen, die immer ein bißchen schmutzig waren, ausgenommen wenn es eben geregnet hatte. Jens Storch spazierte auf der Landstraße, so wie sie ihn schon hundertmal spazieren gesehen hatte, mit langen, gleichmäßigen Schritten, nachdenklich und geduldig wie ein alter Mann, der schon ungeheuer viel erlebt hat und nun über das alles nachdenken muß.

Jens Storch kam in einen riesigen dunklen Wald, man sah ihn nur noch hell zwischen den Stämmen durchschimmern. Er ging hin und her; sonderbar, es sah genau so aus, als könne er seinen Weg nicht finden. Und dabei konnte er doch mit niemand sprechen, sich bei niemand nach der Richtung erkundigen. Was würde es schon nützen, wenn er fragte: »Wo ist Bibi? Habt ihr sie nicht gesehen? Ich ging von Zuhause fort, um sie zu suchen; nun wandere ich schon viele Monate, aber ich kann sie nicht finden. Ich bin schon so entsetzlich müde, aber ich finde sie wohl nie.«

Und der Erkennungsring mit dem Granatstein, den Bibi ihm hat anlegen lassen, schneidet ihn in das arme Bein, das vom vielen Gehen schon ganz angeschwollen ist. Storchenbeine sind ja auch nicht zum Gehen da, nein, sie haben langgestreckt im Flug nach hinten zu liegen. Jetzt kam Jens Storch zu einem hohen Berg. Bibi hörte ihn seufzen und sah, wie er hinaufzusteigen begann. Er dachte wohl, daß Bibi vielleicht oben sei. Und da stieg er denn weiter, immer höher und höher, und je höher er kam, desto kälter wurde es. Und nun begann auch Schnee zu fallen, aber nicht weicher, samtener, sondern harter und stechend eisiger. Und der Schnee fiel so dicht, daß Jens Storch weder Himmel noch Erde mehr sehen konnte. Er ging nur mitten durch die beißend kalten Massen, die sich auf seinen Körper legten, die auf ihm liegenblieben wie ein riesiger, drückender Stein. »Bibi«, flüsterte er, »Bibi… Wo bist du, Bibi?« Aber es kam keine Antwort.

Schließlich war er so müde, daß er seine Beine, seine Flügel, seinen Schnabel, seinen ganzen Körper nicht mehr spürte. Da blieb er ganz still stehen, auf einem Bein. Den Kopf steckte er zwischen die Flügel, denn nun wollte er schlafen. Und wieder flüsterte er: »Bibi, wo bist du? Hast du mich vergessen? Bist du nicht meine Freundin gewesen? Ich liebte doch niemand auf der Welt so sehr wie dich. Aber du hast mich verlassen, bist immer wieder in die Welt hinausgezogen… Ach Bibi, du weißt ja gar nicht, wie ich mich nach dir sehnte, aber nun sehne ich mich nicht mehr, jetzt bin ich nur noch furchtbar müde und schläfrig.«

Jens Storch will sich auf das andere Bein stellen, aber das geht nicht. Sonderbar: sooft er es versucht, fährt ihm ein Stich wie von einer langen Nähnadel durch das ganze Bein. Er kann es nicht losreißen. Er versucht es immer und immer wieder und verspürt jedesmal den Nadelstich. Das Bein rührt sich nicht. Da begreift er endlich: es ist angefroren! Und er weiß jetzt, daß es mit ihm bald vorbei sein wird. Da steht er allein auf dem hohen Berg, mitten in dem bösen, kalten Schnee, und muß erfrieren. Er will rasch noch an etwas Schönes denken. Er denkt an Bibis Garten und an die Schildkröte, die Bibis Erdbeeren stahl, und an Petersil, der immer nach ihm schnappte, aber sehr sanft wurde, wenn Jens Storch Ernst machte — denn er fürchtete sich vor dem langen Schnabel. Und Jens Storch denkt an die herrliche grüne Wiese, auf der er immer herumstolzierte, wenn Bibi mit ihren Freundinnen auf dem Fluß ruderte oder im Schilf lag. Und wie herrlich Bibi ihn gepflegt hatte, als er krank war. Die erste Zeit wohnte er sogar bei ihr in ihrem kleinen Zimmer und schlief am Fußende ihres Bettes. Ach, wie warm und wohlig das war!

Und er dachte daran, wie er sie jeden Tag in die Schule begleitete; er war so stolz darauf, daß alle Leute sich nach ihnen umwandten und grüßten. Manchmal bekam er auch ein Band mit einer Schleife wie in Bibis Zöpfen um den Hals, aber das mochte er nicht sehr gerne. Am schönsten war es jedoch, im Schulhof zu stehen und den schnatternden Kindern in den Klassen zuzuhören. Er kannte Bibis Stimme unter allen andern heraus. Er bildete sich ja so ungeheuer viel darauf ein, daß er Bibis bester Freund war; er hätte mit Wonne sein Leben für sie hingegeben.

Da stieß Jens Storch einen letzten kleinen Seufzer aus, der klang wie ein ganz leises »Lebe wohl, Bibi«. Dann schloß der Schnee sich um ihn.

Jens Storch war tot. Erfroren.

Bibi fühlte, wie ihr der Schweiß aus allen Poren brach. Das Herz krampfte sich ihr zusammen. Sie hatte genau dasselbe Gefühl, wie — wie wann denn nur? Wie wann denn??

Da durchzuckte es sie wie ein Stich: Karlsbad! Die Hunde!! Ihr Versprechen!!

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Sie richtete sich auf in ihrem Bett. In der Küche draußen brannte die kleine rote Lampe, unter der Friederike friedlich schnarchte. Wie hatte sie nur so vergessen können! Was war mit dem Gelübde, das sie und Ole an jenem Tag in Karlsbad getan hatten, als sie die Worte ihrer geliebten Mama gelesen hatten? Jetzt verstand sie alles. Jens Storch war zu ihr gekommen — obwohl er doch sicher schon tot war —, um sie an ihr Gelübde zu erinnern.

Bibi ballte die Fäuste. Wenn sie doch weinen könnte. Aber hinter den Lidern brannte es nur wie kochende Tränen, die den Weg hinaus nicht finden konnten.

Wie oft hatte ihr Vater gesagt: Du darfst nie etwas versprechen, Bibi, was du nicht auch sicher halten kannst. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Sie aber versprach jeden Tag etwas anderes, was ihr gerade einfiel, um es schon in der nächsten Stunde zu vergessen. So war sie. So schändlich und gemein.

Wenn Ole ebenfalls das Gelübde vergessen hatte — was ja noch gar nicht feststand —, so war das etwas ganz anderes. Er war ein Junge, und er hatte rasend viel zu tun, um erwachsen zu werden und alles zu lernen, um sich und seine Mutter zu erhalten und überhaupt jemand zu sein. Er war ja so fleißig, daß er oft, ohne gefrühstückt zu haben, in die Schule lief; er vergaß es einfach vor lauter Eifer. Am Abend ging er dann in eine andere Schule, in der man Erfindungen machen lernte und wo schauderhaft kluge Professoren, die einfach alles wußten, Vorträge hielten. Er stand jeden Tag Punkt sechs auf und ging Sonntags nicht mit seiner Mama ins Museum, sondern arbeitete stattdessen an seiner großen Erfindung. Sobald er mit ihr fertig war, mußte er Geld verdienen, um sich ein Patent (oder wie das hieß) geben zu lassen, das war unbedingt notwendig. Denn erst wenn man dieses Patent hatte, konnte man seine Erfindung verkaufen und reich und berühmt werden wie Edison. Ihm lag übrigens gar nichts daran, reich und berühmt zu werden, er wollte ja nur so viel Geld verdienen, daß er seine Mutter versorgen konnte.

Bibi hatte die ganze Zeit hindurch nur einen einzigen richtigen Brief von Ole bekommen, obwohl sie ihm doch mindestens einmal die Woche schrieb. Aber er hatte ja keine Zeit. Hin und wieder bekam sie eine Karte, und auf der stand: »Guten Tag, Bibi! Leb wohl, Bibi! Dein Ole.« Dafür war aber der eine Brief so lang gewesen, daß es eine ganze Stunde dauerte, bis man mit ihm fertig geworden war. Den hatte er nämlich geschrieben, weil er mit einem Furunkel im Bett lag und weder in die Schule gehen noch an seiner Erfindung arbeiten konnte. Bibi wäre es allerdings lieber gewesen, wenn Ole nicht soviel an seine dummen Erfindungen gedacht hätte. Sie hätte viel lieber mehr von ihm selbst gehört. Ob wohl alle Erfinder so waren? Dann war es ja nicht besonders angenehm, gerade einen Erfinder zu heiraten. Besser wäre schon, wenn Ole Gutsverwalter würde; das könnte sie ebenfalls werden, und dann würden sie immer von Dingen sprechen, die sie schließlich auch verstand. Nun, da ließ sich eben einmal nichts machen. Man mußte sich damit abfinden.

Wenn also Ole das Gelübde vergessen haben sollte, so wäre das schließlich noch zu verstehen. Für sie gab es einfach keine Entschuldigung.

Die Tränen rannen nun so heiß herunter, daß sie ihr ordentlich die Wangen verbrannten. Der ganze Mund war voll von warmem Salz, wie sie so weinte. Und dabei mußte sie den Kopf unter die Decke stecken, um die andern nicht zu wecken. Friederike allerdings schlummerte süß in ihrer Küche, immer sieben kleine Schnarcher und dann das leise Grunzen.

Ach die armen, armen Hunde, die da immer darauf warteten, daß sie ihr Versprechen einlöste. Es tat so weh in ihrem Innern, viel, viel mehr noch als Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und Leibschmerzen auf einmal. Es tat ganz unerträglich weh.

Da flüstert ihr jemand ins Ohr: »Warum weinst du, Bibi?«

Und jemand schlüpft unter ihre Decke. Bibi klammert sich an Valborg an. Sie kann noch nicht reden, nicht ein einziges Wort bringt sie hervor, sie kann nur wild und verzweifelt weiterweinen.

Valborg tröstet sie, wie sie es zu Hause bei den kleinen Geschwistern gewöhnt ist. Sie summt ein kleines Wiegenlied, so leise, daß es nicht lauter klingt, als wenn der Wind im Laub spielt.

Da beruhigt sich Bibi nach und nach. Sie hört auf zu weinen und kann wieder sprechen. Wie wohl das tut! Ihr ist, als werde sie eine schwere, schwere Bürde los. So muß einem zumute sein, wenn man einen Mühlstein um den Hals hängen hat, und dann kommt jemand, der ihn fortnimmt: Man atmet auf und kann sich wieder rühren.

Bibi flüstert Valborg ins Ohr, und Valborg flüstert Bibi ins Ohr. Sie flüstern so eifrig, daß sogar Friederike erwacht. Und beide hören den leichten Knall, mit dem der Pfropfen aus der Thermosflasche springt; Friederike gießt den Kaffee in die Tasse und schmatzt, während sie trinkt. Dann rekelt sie sich und steht langsam auf, denn schließlich fällt ihr doch ein, dal sie Nachtwache hat. Wie sie jedoch mit der kleinen Lampe in der Hand ins Zimmer kommt, ist alles still. Sie schleicht zurück in ihre Küche und ist gleich darauf wieder eingeschlafen.

Bibi und Valborg kichern vergnügt unter ihrer Decke. Valborg kann so gut zuhören; sie weiß genau, wann man einen unterbrechen darf und wann nicht. Valborg hat eben nie Zeit, an sich selbst zu denken. Bibi begreift das mit einemmal. Und sie schlingt die Arme um Valborgs Hals: »Warum bist du so gut, und warum bin ich so ein schlechtes Ding?«

Valborg lacht: »Was soll das heißen! Denken wir lieber nach, was wir tun könnten, um etwas ganz besonders wunderbar Herrliches für die Tiere der ganzen Welt zu erreichen…«

Und sie denken darüber nach und tuscheln eifrig unter ihren Decken, bis sie schließlich doch, eng aneinandergepreßt, einschlafen. Valborgs rote Zotteln vermengen sich mit Bibis blondem Haar; sie sind beide rot und fleckig im Gesicht, wie übersät von Mückenstichen, und Bibis Augen sind vom Weinen verschwollen. Trotzdem liegt ein frohes Lächeln auf ihren Lippen. Denn Valborg hat das Richtige gefunden.

Was ist denn los?

Alle Häuser flaggen, alle Schiffe flaggen, alle Brückenbogen spiegeln ihre bunten Wimpel wie Girlanden im klaren Wasser des Fjords. Wohin man geht, wohin man sieht, Fahne an Fahne. Sogar auf den Telegrafenstangen, die doch sonst so grau und langweilig sind, weht überall hoch oben ein Fähnchen, die ganze Landstraße entlang, soweit das Auge reicht. Und auf der Kirchturmspitze, was ist denn das? Dort weht ja eine Fahne, die so groß ist, daß man, wenn der Wind sie entfaltet, die Inschrift lesen kann! Und unten um die Kirche herum stehen Fahnen dicht wie junge Birken am Waldesrand. Fahnen, Fahnen, nichts als Fahnen.

Ist heute Verfassungstag? Oder Königs Geburtstag? Oder ein Erntefest, zu dem die Bauern in die Stadt kommen, um ihr sauer verdientes Geld für Spitzenschürzen und Seidenkleider auszugeben? Oder ist vielleicht der Kinderhilfstag, der jedes Jahr einmal veranstaltet wird? Nein, nein, keine Spur. Es handelt sich um viel Wichtigeres, um viel, viel Interessanteres. Um etwas, was keinem Menschen eingefallen wäre vor jener Masernnacht, in der Valborg und Bibi tuschelnd und wispernd zusammen im Bett lagen.

Und wie kommt es, daß so viele Familien auf dem Sofa ein Gastbett gerichtet haben? So viele auf einmal? Findet vielleicht eine landwirtschaftliche Ausstellung statt, bei der die Leute durch Zimmervermieten Geld verdienen können? Nein, nein. Es handelt sich um bedeutend Wichtigeres. Und warum wimmeln in allen Straßen Pfadfinder und Pfadfinderinnen? Warum sind überall an den Häusern riesige Schilder mit Pferden, Kühen, Hunden, Katzen, Löwen und Tigern? Ist vielleicht eine große Menagerie unterwegs? Oder ein Zirkus mit armen dressierten Tieren? Aber nein, im Gegenteil, ganz im Gegenteil. Also was ist es denn? Wer kann es erraten?

Und dann — also das ist doch schon zu verrückt: Da hat ja der Mistwagen so blank gestriegelte Pferde vorgespannt, daß man meinen könnte, sie seien mit Sidol geputzt. Und Blumenkränze haben sie um den Hals! Es ist nicht zu glauben.

Und wer singt denn dort? Ist das der Studentenchor aus Lund oder Upsala oder der große Chor der Oper in Kopenhagen? Die Stimmen klingen so seltsam hell. Und man singt in allen Höfen, auf allen Straßen. Und dann noch überall die kleinen weißgekleideten Mädchen mit Blumenkränzen im Haar und einer kleinen roten Rose, dort, wo das Herz ist. Nein, wie sie singen! Nicht eben glockenrein, aber fröhlicher als Hochzeitsglocken.

Und die Sonne tanzt wie auf Bestellung am Himmel. Die Sonne hat nämlich in jener Masernnacht das Versprechen gegeben, wie besessen zu scheinen. Und was die Sonne verspricht, das hält sie. Gehört sich auch.

Was ist denn nun eigentlich los? Was bedeutet es, daß ein ganzes Pfadfinderlager im Norden der Stadt Wache hält und eine Kette bildet, sooft einer von den Viehtreibern mit Brüllen und Fluchen eine Herde Kühe oder Schafe durch die Stadt auf das Kopenhagener Schiff bringen will? Was haben die Jungen denn mit den Viehtreibern zu schaffen? Und jetzt kommen auch noch die Mädchen dazu und hängen jeder Kuh und jedem Schaf einen Kranz um den Hals. Sind sie denn ganz verrückt? Oder hat die Stadt einen alten Millionär in Amerika drüben beerbt und aus lauter Wonne den Verstand verloren? Oder hat jemand aus der Stadt die Erfindung gemacht, wie man Gold aus Moor gewinnt? Alles fehl geraten.

Und was steht denn da oben auf der drei Meter hohen Bretterwand, die auf Kaufmann Larsens Haus errichtet worden ist — dem Marmorhaus, wie es genannt wurde? Larsen ist nämlich der reichste Mann der Stadt; wenn er wollte, könnte er seine Frau von Kopf bis Fuß vergolden und seine Kinder mit silbernen Reifen spielen lassen. Was steht also da?

HEIL DIR, BRUDER TIER!

Heil…dir… Bruder… Tier…

Ja, das steht wirklich da. Denn dieser Tag ist der großen Verbrüderung zwischen Kindern und Tieren geweiht. Da es sich nämlich herausgestellt hat, daß die Erwachsenen von ihren Frauen, Kindern und Geschäften zu sehr in Anspruch genommen sind, um sich auch noch um die Tiere kümmern zu können, haben die Kinder den Schutz aller Tiere übernommen. Und die Verantwortung. Dieselbe Verantwortung, die die Eltern für die Kinder tragen.

Sämtliche Schulen haben frei.

Und das alles ist so gekommen: Anne-Charlottes Vater hielt eine ganze Sonntagspredigt, um die Aufmerksamkeit der Stadt auf dieses Fest zu lenken. Einmal machte er eine lange Pause — damit die Leute auch wirklich ordentlich zuhörten — und sagte dann von seiner Kanzel herab:

»Meine lieben Freunde, wie ihr alle wißt, beurteilt man die Kultur eines Landes nach der Art der Behandlung, die man den Tieren dort angedeihen läßt. Und da wir Dänen vor der ganzen Welt als ein kultiviertes Volk dastehen wollen, muß es uns eine heilige Pflicht sein, dies durch unser Verhalten gegen die Tiere zu beweisen. Das Fest, das bei uns stattfinden soll, ist das erste dieser Art hier im Land, und unsere kleine Stadt soll also diesmal allen andern Städten vorangehen.

Ich.bitte euch daher alle, groß und klein, nach Kräften j dabei mitzuhelfen…«

Und der Pastor sprach von den hilflosen kleinen Kindern, die doch jeder Mensch unwillkürlich beschützen will, und von dem entsetzlichen Krieg, der erst vor kurzem beinahe einen ganzen Erdteil vernichtet hat. Nun sind sich ja alle darüber einig, daß es nie, nie wieder Krieg geben darf. Aber damit allein ist es nicht getan. Man muß auch seine Kinder zum Frieden wirklich erziehen. Und der Friede darf nicht nur äußerlich sein. Es darf auch kein Kind mehr vor Hunger sich in den Schlaf weinen, kein Tier mehr Not leiden, kein Tier mißhandelt werden. Denn jedes Kind, das so etwas mitansieht, nimmt entweder unheilbaren Schaden an seiner Seele und wird selber schlecht und roh, oder es erduldet Qualen vor Mitleid.

Ein altes Wort sagt: Nur das Tier sicht den Himmel offen. Dieses Wort sollen wir uns zu eigen machen. Und wenn wir erst einmal so weit sind, daß jeder einschreitet, wenn er sieht, daß ein Tier mißhandelt wird, dann sind wir aueh schon so weit, daß es bald überhaupt keine Mißhandlungen mehr gibt. Erst dann haben wir auch wirklich das Recht, uns vor aller Welt als ein kultiviertes Volk zu bezeichnen.

Und dann sprach der Pastor weiter und erzählte von den Blindenhunden, die ihre Herren sicher durch die bewegten Straßen der Großstadt führen und von einem Fremden keinen Bissen Brot annehmen, aber mit dem eigenen Leib die Blinden vor allen Gefahren schützen. So ein Blindenhund liegt den ganzen Tag in Wind und Kälte auf einem Stück Sackleinwand, während sein Herr die Hände nach einem Almosen ausstreckt. Die Gicht macht ihn steif, nie kommt er dazu, in der Sonne herumzulaufen oder mit andern Hunden zu spielen, er opfert sich für seinen blinden Herrn, mehr als eine Mutter für ihr Kind. Das ist die Treue der Tiere gegen den Menschen. Wir Menschen sollten wenigstens den Versuch machen, diese Treue zu vergelten.

Der Pastor machte eine Pause, damit die in der Kirche unten jedes Wort ordentlich in sich aufnehmen konnten, es sollte nicht zu einem Ohr hinein- und zum andern hinausgehen. Dann sprach er noch: »Wenn nun der Tag anbricht, an dem zum erstenmal alle Kinder der Stadt den Weg zum großen Weltfrieden bereiten, so müssen wir alle dabei sein, und kein einziger darf abseits stehen.« Und dann segnete er alles, was lebt und atmet, jeden Baum, jede Blume, jeden Menschen, jedes Tier.

Nachher ging er zum allgemeinen Erstaunen mitten durch die Kirche, um auf die weißgekleidete Kinderschar zu zeigen, die mit Sammelbüchsen in der Hand vor dem Kirchtor stand. »Vergeßt nicht, euer Scherflein für die Armen beizutragen, so wie ihr es ja auch sonst nach der Predigt tut. Vergeßt aber ebensowenig, auch diesen kleinen Beschützern der Tiere euer Scherflein zu geben. Jeder Oer, den ihr ihnen gebt, wird Freude, Glück und Frieden bringen.«

Da wurden denn die Büchsen so voll, daß ein paar kleine Mädchen das Geld in ihren Röcken sammeln mußten, um für das viele Silber und Kupfer, das auf sie niederregnete, Platz zu haben.

Anne-Charlotte und ihre Mutter haben eigenhändig die Fahne genäht, die von der Kirchturmspitze herunterhängt. Bibi hat die Inschrift mit Buchstaben gemalt, die so groß sind wie sie selbst. Und in der Nacht vor dem großen Tag stiegen alle fünf Verschworenen mit der Fahne in den Turm hinauf, wo ihnen der alte Glöckner Seil und Stange befestigen half, daß die Fahne hoch oben schwebte.

Es ist eine schwere Zeit für die Verschworenen gewesen, sie haben alle Hände voll zu tun gehabt. Nun aber ist alles his ins letzte vorbereitet. Im Anfang ging es gar nicht so einfach. Die großen, erwachsenen Leute lachten ja nur und sagten: »Das soll wohl ein Witz sein. Ihr Grünschnäbel denkt doch nicht ernstlich, daß wir uns von euch belehren lassen. Wir wissen von selbst, wie man mit Tieren umgeht. Seht lieber zu, daß ihr in der Schule was lernt und eure Aufgaben macht.«

Da hatte Sigrid eine wahrhaft glänzende Idee: »Wir brauchen eben erst Reklame. Reklame ist das Wichtigste, wenn man etwas verkaufen will; ohne sie geht es nicht.«

Bibi zergrübelte sich das Hirn. Reklame? Wie verschaffte man sich so was nur? Ha, hurra, nun hat sie es! Sie lädt den Redakteur des Amtsblattes zu ihrem Geburtstag ein. Er denkt natürlich, es handelt sich nur um einen gemütlichen Abend mit einer Kartenpartie bei Bibis Papa. Nun, da irrt er ein wenig. Denn kaum ist er dort, so stürzen die Verschworenen sich auch schon auf ihn: Kein Essen und keine Karten, ehe er nicht versprochen hat, die nötige Reklame für ihren Tierschutztag zu machen. Und da er hungrig ist, gibt er bald nach. Ein Mann, ein Wort!

Er schreibt zwei lange Spalten die ganze Seite herunter und erklärt allen seinen Abonnenten, daß es für die ganze Stadt eine Ehrensache sei, daß der Tag gelinge, denn dann würden es nächstes Jahr alle Städte Dänemarks der einen kleinen Stadt gleichtun. Und nicht nur das. In hundert Jahren werde in allen Schulbüchern zu lesen stehen, daß in der kleinen Stadt am Fjord zum erstenmal in der Welt die Schulkinder für die Tiere eingetreten seien. Es sei gar nicht unmöglich, daß die Stadt deshalb einmal ein Denkmal bekommen werde, und der König mit seinem Gefolge würde dann eigens herreisen, um es zu enthüllen.

So ein Zeitungsschreiber weiß ja, wie man es macht. Und kaum war das Blatt ausgetragen, so setzten die Leute auch schon ihre Brillen auf die Nasen, und kaum hatten sie das alles gelesen, so sagten sie auch schon, sogar die, die sich zuerst über die kecken Rangen lustig gemacht hatten: »Genau das hab’ ich mir schon immer gedacht. Das sollte man endlich einmal auch wirklich tun. Das Amtsblatt redet mir aus dem Herzen. Ja, ja, überhaupt das Amtsblatt…«

Also die Presse und die Kirche — was konnte man mehr verlangen!

Ulla kam mit einem Vorschlag, der eigentlich von ihrer Mutter stammte: Warum nicht gleich dem König das Protektorat über das Fest antragen? Bibi wußte erst gar nicht, was das ist, das Protektorat. Ihr fiel bloß das Wort »Protektion« ein, und das bedeutet: so gute Beziehungen haben, daß man jede Stelle bekommen kann. Ulla aber, die sich da gut auskannte, erklärte ihr, was unter Protektorat zu verstehen sei. Der König habe nur das Fest zu eröffnen, dann wäre alles gleich viel vornehmer und so weiter.

Bibi war nicht ganz einverstanden: »Der König ist doch erwachsen, und wir wollen keine Erwachsenen haben!«

»Man kann doch auch einmal eine Ausnahme machen. So ein König ist wie die Nuß auf der Nußtorte.«

Bibi nickte. Eine Nußtorte ohne eine Nuß in der Mitte war ja überhaupt keine Nußtorte. Also gut. Und Bibi schreibt auf rosa Briefpapier einen Brief an den König, in dem sie ihn freundlichst zu ihrem Tierschutztag einlädt; er könne auch seine ganze Familie mitbringen, und Eintritt brauche er überhaupt nicht zu zahlen.

Der König antwortet, daß er furchtbar gerne kommen will. Worauf Bibi ihm nochmals schreibt, sich schönstens bedankt und die Bitte an ihn richtet, er möge doch einmal in seiner Rumpelkammer nachsehen, dort gebe es sicher eine Menge Spielzeug und andere Sachen, die sich für die Tombola noch verwenden ließen. Es wäre ja großartig, wenn man Dinge gewinnen könnte, die einmal dem König gehört haben. Und siehe da, der König schickte eine ganze Kiste Spielzeug — merkwürdigerweise sah es ganz funkelnagelneu aus — und Bücher und Photos von sich selbst, seinem Schloß und seiner Familie. Jedes Stück wurde sorgsam ausgepackt, in weißes Seidenpapier eingewickelt und mit einem rosa Bändchen zugebunden. Eine königliche Tombola.

Im Altersheim arbeiten die alten Männlein und Weiblein sechs Wochen lang an Brutkästen für Drosseln, Stare und Spechte. Man braucht tausend Brutkästen, darunter tut man es nicht. Tausend Brutkästen.

Beim Wagenbauer Madsen hat Bibi einen ganzen Haufen alte Wagenräder entdeckt, die wie geschaffen sind für Storchennester. Sie bettelt sie ihm ab, und er gibt sie ihr auch, aber unter der Bedingung, daß sie sie sich selber holt. Nun, da bleibt nichts anderes übrig, als daß Bibi sich mit einem Wagenrad nach dem andern abschleppt; es ist eine rechte Plage, und sie schwitzt am ganzen Leib, denn leicht sind sie wahrhaftig nicht. Sie taumelt förmlich unter ihnen durch die Straßen, daß die Gassenjungen mit den Fingern auf sie zeigen und sie auslachen. Aber was liegt ihr schon dran, schließlich hat sie doch alle dreiundzwanzig.

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Unbegreiflich, daß plötzlich die ganze Stadt um jeden Preis mit dabei sein will. Es sieht beinahe so aus, als hätten die Leute ein schlechtes Gewissen und als wollten sie etwas wiedergutmachen. Dienstmann Sennels lieh den Verschworenen seinen Karren, damit sie jeden Morgen von einer Rumpelkammer zur andern ziehen konnten, um dort zu suchen, was sie brauchten. Man kann sich nicht vorstellen, was da alles zum Vorschein kam: Wiegen und Kinderwagen und ganze Puppenhäuser mit vier Zimmern, Küche und Dachkammer und so viele Petroleumlampen, daß man damit eine ganze Stadt hätte beleuchten können. Die Lehrerinnen gaben vier Nähstunden in der Woche, um Handarbeiten für die Tombola anfertigen zu lassen.

Und dann gab es ein Geschenk, das war einfach überwältigend. Kein Mensch hätte das der alten Frau von der Hobroer Landstraße je zugetraut. Sie hockte schon seit Jahren in ihrem Kämmerchen und war nicht zu bewegen, ein Altersheim aufzusuchen, wo es ihr doch tausendmal besser gegangen wäre. Sie saß den ganzen Tag an ihrem Fenster und sah nach den Viehtreibern aus, die am Haus vorüberzogen. Sooft einer böse gegen die Tiere war, ging sie rasch hinaus und redete ihm ins Gewissen. Die meisten konnten sie nicht weinen sehen und schämten sich. Wenn aber einer ein ganz hartgesottenes Scheusal war, so lud sie ihn zu sich ein und bewirtete ihn mit Kaffee, obwohl sie sich selbst keine einzige Tasse gönnte, sondern immer nur für die Tiere sparte.

Diese alte Frau hatte einmal ein sehr merkwürdiges Stück geerbt, für das ihr reiche Leute schon mehr als tausend Kronen geboten hatten. Aber sie sagte jedesmal nein. Denn es war ihr das Liebste, was sie besaß. Es sah aus wie eine Art Wandschränkchen mit Laden, Säulchen und geheimen Fächern. Wenn man aber irgendwo drehte, begann es zu spielen und spielte drei volle Stunden lang, wie keine Spieldose in der ganzen weiten Welt. Der Vorsteher des Museums sagte auch, daß nur ein ganz großer Künstler das Musikwerk verfertigt haben könne, denn es spielte Menuette und andere Tänze, eine ganze Haydn-Sinfonie, die Ouvertüre zu Don Juan und noch viel, viel mehr.

Als die alte Frau nun in der Zeitung gelesen hatte, daß die Kinder von nun an den Schutz und die Obhut der Tiere übernehmen wollten, humpelte sie selbst, so weit es auch war, in die Stadt hinein. Wo jeder sein Scherflein gab, wollte auch sie nicht zurückstehen, sondern das Kostbarste geben, was sie besaß. Und das war eben das Schränkchen. Bibi begann zu heulen, als sie das hörte, und da weinte die alte Frau gleich mit, denn Tränen sind ja immer ansteckend. Nachher jedoch lachten sie beide, denn sie hatten ja keinen Grund, traurig zu sein, ganz im Gegenteil.

Nun aber kommt noch etwas Wunderbares. Bibi traf den reichen Mann mit dem Marmorhaus und erzählte ihm die ganze Geschichte. Die alte Frau, die immer nur mutterseelenallein in ihrem Kämmerchen saß, hatte ja gar keine andere Gesellschaft gehabt als eben die Spieldose; wie wunderschön von ihr, daß sie sich den Tieren zuliebe davon trennen wollte. Als der Mann mit dem Marmorhaus das gehört hatte, wandte er sich plötzlich um und ging fort, so daß Bibi erst meinte, sie habe ihn beleidigt. Aber siehe da, er ließ den allerfeinsten Radioapparat, den es gab, bei der alten Frau aufstellen und schenkte ihr außerdem noch ein Sparkassenbuch mit tausend Kronen. Denn er wollte sich nicht lumpen lassen und auch einmal etwas Gutes tun. Kaum aber hatte die alte Frau das Sparkassenbuch, so schrieb sie auch schon ein Testament und bestimmte darin, daß jährlich von den Zinsen am Tierschutztag vier Preise verteilt werden sollten, und zwar an die Viehtreiber, die ihre Tiere am besten behandelten.

So brachte eines das andere mit sich. Ein buckliger alter Hirt kam mit einem fein geschnitzten Kuhhorn, aber er wollte von Dank nichts hören. Er hatte sich früher nie Gedanken darüber gemacht, wenn er den Kühen mit seinen eisenbeschlagenen Holzschuhen Fußtritte gab. Nun war er alt und mußte sich eilen, den Tieren noch möglichst viel Liebes zu erweisen, um in Frieden sterben zu können.

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Und dann kommt endlich der große Tag. Gäste von nah und fern, aus jeder Stadt des Landes und auch aus allen möglichen Dörfern; vor allem Knaben und Mädchen, die sehen wollen, wie so ein Kindertierschutztag aussieht, um ihn nächstes Jahr bei sich zu Hause auch zu machen. Viele Kinder kommen sogar zu Fuß, weil sie kein Geld für die Eisenbahn haben: aber sie werden alle festlich empfangen, und außer dem Amtmann, bei dem der König wohnt, gibt es kein Haus, das sie nicht gastlich aufnimmt und bewirtet. Die Pfadfinderpolizei ist etwas beunruhigt: wenn das Gedränge nur nicht gar zu arg wird, daß man die richtige Polizei zu Hilfe holen muß! Aber Bibi hat keine Angst; sie weiß zu genau, wie gut die Kinder in allen Schulen angehalten wurden, sich vernünftig zu benehmen. Es war Ehrensache für sie alle, daß es keinen Unglücksfall und keine Zusammenstöße gab.

Auf dem großen Marktplatz mit dem kleinen Rathaus waren all die Zelte mit den vielen Herrlichkeiten, die die Käufer anlocken sollten, errichtet. Etwas Herrliches war noch im letzten Augenblick gekommen: ein grüner Zigeunerwagen, den der Viehhändler Sörensen für wenig Geld einmal auf einer Auktion gekauft hatte. Er hatte erst die Absicht gehabt, ihn als Gartenhäuschen zu verwenden; am Abend vor dem Fest aber überlegte er es sich noch rasch. Nun sollte der Wagen am Tag der Tiere auch verlost werden.

Valborgs Vater, dieser Tausendkünstler, der einfach alles aus nichts machen konnte, hatte aus Blech und Pappendeckel eine richtige Kanone angefertigt, durch die alle Tombolagewinne erst hoch in die Luft hinaufgeschossen werden sollten, ehe sie den Leuten in die Hände kamen. Valborg selbst war von Kopf bis Fuß mit Ruß geschwärzt und wollte auf einem kleinen Podium richtige Negertänze tanzen, gegen fünf Oere Eintritt. Man mußte doch auch was für die Leute mit wenig Geld haben.

Aus Aarhus war das große Karussell gekommen mit den Perlenfransen ringsum und den vielen wilden Tieren zum Reiten. Zwei Pfadfinder kassierten das Geld ein: diese Pfadfinder haben ja an jedem Finger ein Auge. Diesmal gab es keine Freifahrten, diesmal mußte jeder zahlen. Ulla kam in Zigeunertracht als Wahrsagerin, und Bibi produzierte sich als Schnellmaler. Anne-Charlotte hatte das großfe Los gezogen: sie durfte den König herumführen und ihm alles zeigen. Er sollte alles ausprobieren, denn er war Ehrengast. Schon wegen des vielen Spielzeugs, das er gespendet hatte; deshalb brauchte er nirgends Eintritt zu zahlen.

Jensine, die man zwar schwerlich noch zu den Kindern rechnen konnte, denn sie war hoch in die Fünfzig, mußte vom frühen Morgen an auf dem Festplatz stehen. Sie sollte den ganzen Tag lang Apfelscheiben backen, die man auf den Finger aufspießen konnte und zu denen man noch eine kleine Tüte Staubzucker zum Hineinstippen bekam. Fünf Oere das Stück, das gab einen Reingewinn von drei Oere. Sie buk auf zwei Pfannen, aber selbst wenn sie auf zehn gebacken hätte, wäre es nicht genug gewesen.

Aber nicht allein auf dem Festplatz wurde Geld verdient. Weit gefehlt! Unten am Fluß waren alle privaten Ruderboote mit Blumen geschmückt und mit Kissen versehen. Denn es gab ja auch Leute, die nicht genug Fleisch auf den Knochen hatten, um lange auf Holz zu sitzen. Und diese Boote wurden nicht nur von Pfadfindern gerudert, es stand außerdem in jedem auch noch ein Junge oder ein Mädchen mit einer Harmonika, um den Gästen aufzuspielen.

Als die Schiffe im Hafen von all diesen Herrlichkeiten hörten, fanden sie es nicht genug, zu flaggen, sondern sie beschlossen, gleich nach Sonnenuntergang auch noch zu illuminieren. Vielleicht auch ein wenig dem König zu Ehren. Der war überhaupt ein großarliger Aufputz für das Ganze, vor allem, weil er ja so lang war, daß man ihn sehen konnte, wo er ging und stand. Seinetwegen brauchte man wahrhaftig nicht auf Tische und Bänke zu steigen.

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Alles ging wie am Schnürchen. Nur eines war nicht ganz einfach: Als nämlich der Festplatz eröffnet wurde, gab es ein solches Gedränge, daß die Pfadfinderpolizei stopp sagen und die Leute jede Stunde in neuen Abteilungen einlassen mußte. Bibi erfuhr übrigens später, daß sie sich doch nicht ganz richtig benommen hatte. Wenn man nämlich einen König zu einer Eröffnung einlädt, so hat man zu warten, bis er kommt, und nicht eher mit dem ganzen Betrieb zu beginnen, als er gesagt hat, was zu sagen ist. Das gehört sich so, und bis dahin hat es mäuschenstill auf dem Festplatz zu sein. Nun, Bibi war ja im täglichen Leben nicht gewohnt, mit Königen umzugehen; daher war schon ein riesiger Trubel auf dem Festplatz, als der König mit dem Amtmann, dem Bürgermeister und den übrigen Honoratioren der Stadt seinen Einzug hielt.

Es sah prächtig aus, denn sie waren natürlich alle in Gala-Uniform, mit dreikantigen Hüten und einem kleinen vergoldeten Degen an der Seite. Das Karussell drehte sich wie verrückt, alle Schaukeln sausten durch die Luft, die große Spieldose spielte, die Kanone schoß ihre Gaben in die Menge hinein, die Negerin steppte auf ihrem Podium, die Wahrsagerin schrie kreischend ihre Prophezeiungen aus. Und der König schien gar nicht böse zu sein, daß man diesmal nicht auf ihn gewartet hatte. Ach wo, er fuhr selbst Karussell und ließ sich seine Zukunft prophezeien und spielte siebenmal in der Lotterie und aß Apfelscheiben mit den Fingern, während Jensine sich so lange bis zur Erde verneigte, daß ihr eine ganze Pfanne voll zu Kohle verbrannte.

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Der Kindertierschutztag ist vorbei. Die Zeitungen schreiben, daß die ältesten Leute sich an so ein Fest nicht erinnern können. Man erzählt sich, was der König gesagt und gesehen und gehört und gegessen hat. Die ganze Stadt bläht sich vor Stolz. Und jeder einzelne bildet sich ein, daß eigentlich er allein das Ganze erfunden hat.

Unsere fünf Verschworenen müssen noch tagelang das viele Geld zählen. Ihre Hände und Nägel sind mit Sand und Seife nicht zu reinigen. Das Sprichwort sagt zwar: Geld riecht nicht! Das kann auch wahr sein; aber sicher ist jedenfalls, daß es schauderhaft schmutzig ist. Nachdem alles zusammengerechnet und revidiert ist, wie man es nennt, kommen die vielen, vielen Tausende auf die Bank, und das Kontohuch sperrt der Stationsvorsteher in seine eiserne Kasse. Man ist übereingekommen, das Geld einstweilen nicht auszugeben, sondern damit bis nach den Sommerferien zu warten, um sich inzwischen in aller Ruhe zu überlegen, wie es am besten zu verwenden sei.

Mit den Pfadfindern aus den anderen Städten hat man sich so gut befreundet, daß man sie zu Rate ziehen will. Man braucht ja Geld für so vielerlei. Wenn man nur bedenkt, wie die Vögel und Rehe im Winter hungern, wie die Pferde im Sommer dürsten, wieviele herrenlose Hunde und Katzen Fußtritte anstatt Futter bekommen. Und dann die vielen alten Leute, die sich von ihrem einzigen Freund, dem Hund, trennen müssen, weil sie die Hundesteuer nicht bezahlen können. Und schließlich werden auch armen Menschen die Tiere krank, und der Tierarzt kostet Geld. Man braucht Brutkästen, man will eine Menge Preise an Hirten und Stalljungen verteilen, wenn sie ihre Tiere gut behandeln. In jeder Stadt soll ein Mann dafür Sorge tragen, daß die Pferde ordentlich eingespannt werden, daß die Wagen nicht zu schwer belastet sind und daß das Schlachtvieh unterwegs nicht mißhandelt wird. Man ist gar nicht dafür, daß die Leute wegen Tierquälerei ins Gefängnis kommen. Das hilft nichts, ganz im Gegenteil, es schadet nur. Nein, man muß ihnen so lange ins Gewissen reden, bis sie verstehen und begreifen, was sie verbrechen.

Und wenn man erwachsen ist, wird man ein neues Gesetz beantragen, das den Tieren das gleiche Recht wie den Menschen gibt. Wer ein Tier mißhandelt, dem wird es abgenommen, wie der Führerschein dem unverläßlichen Chauffeur. Und in allen Zeitungen müssen immer wieder Artikel geschrieben werden, daß man nicht mehr in Länder reisen soll, wo es Stierkämpfe und Hahnenkämpfe gibt und wo dumme und gedankenlose Menschen zu ihrem Vergnügen auf wehrlose Tauben schießen. Und man schwört einander, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, ehe den Hunden in Karlsbad geholfen ist und ehe jeder Zughund wieder seine Freiheit hat. Ach, es gibt ja so furchtbar viel zu ändern und zu helfen! Da ist das viele Geld höchstens ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber die Kindertierschutz-Bewegung hat ja auch eben erst begonnen. Wenn einmal erst jedes Jahr und in allen Städten solche Tage abgehalten werden, wird es ganz etwas anderes sein.

Doch bis zum Herbst dauert es noch lange, und einstweilen heißt es, für das Examen zu ochsen.

Look out for me!

Die Karte von Ole mit den vier rätselhaften Worten Look out for me! (auf deutsch: du mußt nach mir Ausschau halten) war vor ungefähr einer Woche mitten in die ärgste Büffelei hineingeschneit. Der Stempel war wie gewöhnlich aus New York. Was das nun wieder heißen sollte? In den letzten Monaten hatte der Lümmel nur zwei lumpige Karten geschrieben, auf denen nichts anderes stand als die Adresse, die Unterschrift und zwei Buchstaben, nämlich: o. k. Bibi wußte natürlich, was o. k. bedeutete, nämlich: alles in schönster Ordnung; im Gegensatz zu k.o., was ein Ausdruck beim Boxen ist und für Ole weniger erfreulich gewesen wäre.

Die Verschworenen hatten kürzlich einen heiligen Eid darauf abgelegt, daß sie das Examen alle anständig bestehen wollten, nicht nur einfach durchrutschen. Die Leute sollten ihnen nicht nachsagen, daß sie zwar Geld sammeln und Feste veranstalten könnten, sonst aber faule Biester seien, die in der Schule nichts taugten. Sie lernten also, daß die Köpfe dampften und die Luft ringsum nur so wirbelte von Jahreszahlen und Städtenamen, unregelmäßigen Verben, Schachtelhalmen, Wasservögeln und was einem sonst noch alles in der Schule eingepaukt wird. Aber immer und ewig kann man schließlich auch nicht im Zimmer hocken und für das Examen lernen.

Sie kamen eben von einem aufregenden Wettschwimmen unter Wasser und hatten über die Badetrikots nur die neuen Trainingsanzüge angezogen, die Valborg zugeschnitten und die sie selbst am letzten Regensonntag auf Jensinens Maschine zusammengenäht hatten. Und sie waren beinahe noch stolzer auf die dunkelblauen Trainingsanzüge als auf den wohlgelungenen Tierschutztag. Wie wunderbar, daß man in ihnen einen Jungen nicht von einem Mädchen unterscheiden konnte. Nicht daß) man gerne ein Junge hätte sein wollen, Gott bewahre, keine Spur. Trotzdem ärgerte man sich doch hin und wieder, daß man nicht in Hosen zur Welt gekommen war. Ein Junge hatte es doch viel einfacher. Er konnte werden, was er wollte, er konnte nach Amerika fahren, sobald er konfirmiert war, und er brauchte nicht immer wieder das ewige: »Es schickt sich nicht für dich!« zu hören. Oder: »Paß gut auf!« oder: »sei vorsichtig!« Man war doch schließlich auch als Mädchen nicht aus Glas und konnte nicht wie ein Wickelkind von den Zigeunern gestohlen werden. Quatsch! Allerdings durfte ein junges Mädchen in ihrem Alter, wie Valborg immer sagte, niemals mit jemanden, den man überhaupt nicht kannte, einfach mitgehen. Denn da konnte es einem passieren, daß man nach Südamerika verschleppt oder gar umgebracht wurde. Also aufgepaßt! Und umsonst trainierte man ja auch nicht auf regelrechte Kinnhaken; wenn einem so ein Bösewicht zu nahe kam, sollte er bald zu spüren bekommen, daß er an die Unrechte geraten war. Außerdem war es wohl nicht gar so gefährlich, solange man zu fünft, Arm in Arm, unkenntlich, ob Mädel oder Bub, im blauen Trainingsanzug herumspazierte.

Der erste Teil des Examens — die schriftlichen Arbeiten — war überstanden, nun kamen noch die mündlichen Prüfungen, die allerdings viel schwieriger waren. Valborg erledigte das alles ja mit dem kleinen Finger, aber schließlich konnte sie doch nicht allein für alle andern einstehen. Man war daher übereingekommen, daß Valborg die andern abhören sollte, und nur wer gut bestanden hatte, bekam von den Butterbroten und der Zitronenlimonade, die Bibi mit den Schulbüchern im Rucksack schleppte.

Ulla wollte von dem Zigeunerwagen reden, aber Valborg unterbrach sie sofort: »Wir sind nicht hergekommen, um über die Sommerferien zu schwatzen. Merk dir das!«

Der Zigeunerwagen! Unglaublich, was da wieder für ein Wunder geschehen war. Die Leute hatten sich ja wie verrückt auf die Lose gestürzt, und in zwei Stunden waren alle tausend ausverkauft. Wer aber hatte dann den Wagen gewonnen? Nun, zuerst einmal meldete sich niemand. Die Nummer wurde in der Zeitung bekanntgegeben, aber auch dann meldete sich der glückliche Gewinner nicht. Und erst volle zwei Wochen später findet Jensine bei der Wäsche in einem von Bibis Strümpfen das Los mit der Nummer 377 — und das war die Nummer des Zigeunerwagens. Bibi erinnerte sich erst jetzt, daß sie als eine der ersten ein Los gekauft, es dann aber in der Eile in den Strumpf gesteckt und einfach vergessen hatte. Wirklich ein Glück, daß Jensine den Strumpf umgedreht hatte, um auch die Innenseite eigens zu waschen, sonst wäre der Zettel wohl nie gefunden worden.

Bibi erklärte übrigens den Verschworenen, daß ihnen, da sie ja auf Leben und Tod zusammenhalten wollten, der Wagen so gut gehörte wie ihr selbst. Was man mit ihm anfangen wollte, wußte man noch nicht genau, und deshalb fiel er einem immer wieder ein, und immer wieder mußte man von ihm sprechen. Aber jedesmal fuhr Valborg dazwischen. Sie paßte auf die Verschworenen auf wie ein gelernter Schäferhund auf seine Herde.

Bibi mußte an Ole denken. Er verdiente weiß Gott einen Brief, in dem sie ihm alle Liebe und Freundschaft kündigte. Aber wenn ihr dann einfiel, daß sie ihn dann nie mehr zu sehen bekommen sollte, begann es in ihr wie heiße Grütze zu kochen. Ach, es war ja unmöglich! Sie würde nie im Leben fertigbringen, den Brief zu schreiben. Wenn aber doch, so würde er nie in den Briefkasten gelangen, und wenn sogar das, so würde sie ihn mit einer Papierschere wieder herausfischen oder dem Postboten auflauern und ihn kniefällig um seine Herausgabe bitten.

Aber eine Wut hatte sie trotzdem auf den Bengel. Look out for me! So eine Unverschämtheit.

___________

»Herrgott, wenn ich nur nicht so wahnsinnig schläfrig wäre!«

»Mir fallen auch schon die Augen zu!«

Valborg ist empört: »Natürlich, wenn ihr euch erst anderthalb Stunden im Wasser aalen müßt. Na, ihr werdet schön durchkrachen!«

»Ach was, wenn man fünf Minuten lang ein bißchen döst, ist man nachher nur um so frischer. Wißt ihr was, wir wollen abstimmen!« Valborg war die einzige, die dagegen stimmte.

Man lagerte also auf einem schattigen Rasenfleck. Aber Valborg, die immer förmlich eine Uhr im Bauch hatte, rüttelte die andern kurz darauf wieder wach: »Auf, auf! Entweder wir lernen oder Michel geht nach Hause, Strümpfe stopfen!«

Nun, Valborg war zum Lernen unentbehrlich. Also los. Der Waldpfad war zu schmal für alle fünf, man mußte daher auf die Landstraße hinaus, wo der Staub in dichten Wolken flog.

»In Amerika spritzt man mit Öl. Dort hat man nicht die dummen Spritzwagen mit Wasser!«

Bibi mußte beim Aufzählen der südamerikanischen Staaten die ganze Zeit an Ole denken.

»Wann wurde der Panamakanal eröffnet?«

»1869!« ruft Ulla.

Alle lachen. »Der Panamakanal! Laß dir dein Schulgeld zurückgeben! 1869 war der Suezkanal, du Idiot!«

»Nun, man wird sich vielleicht noch irren dürfen. — Was ist denn mit dir los, Bibi?«

Hoooh!!!

Bibi wirft beide Arme in die Luft, so wie man es in Amerika machen muß, wenn der Zug von Räubern überfallen wird, die die Reisenden ausplündern wollen. Wenn man nur rechtzeitig die Hände hebt, so geschieht einem nichts, man wird weder gehenkt noch erschossen, sondern muß nur sein Geld hergeben.

Hoooh!!!!

Bibi stößt ein solches Indianergeheul aus, daß die Spatzen auf den Telegrafendrähten davonfliegen, während sie selbst auf eine staubgraue Gestalt losschießt, die mit langen, schlenkernden Schritten auf sie zukommt. Ole! Ole!

Ja, weiß Gott, es ist Ole, Ole selbst in höchsteigener Person. Der Schweiß rinnt ihm über die Wangen, und er ist so schmutzig, daß die Schweißtropfen richtige Flüsse und Nebenflüsse auf seiner braunen Haut bilden.

»How are you, Bibi?« sagt er so ruhig, als hätten sie sich erst vor einer Stunde getrennt.

Bibi, die ihm eben an den Hals fliegen will, hält sich zurück, wird riesig verlegen und sagt nichts als guten Tag.

Sie stehen ganz still und sehen einander an, bis sie sich endlich so weit gesammelt hat, daß sie ihn fragen kann: »Wo kommst du denn her?«

»Aus Bremen«, antwortet Ole und setzt mit einem Blick auf seine staubigen Kleider hinzu: »Tramping my way, as you see!«

»Hör auf mit deinem Englisch, du amerikanischer Wichtigtuer!« brüllt Bibi ihn an. Sie möchte am liebsten weinen. Das alles kam ja so überraschend, daß es eher weh tut als wohl. Und dann noch gerade vor den Verschworenen, die hinter ihnen stehen und kichern.

Ole gibt allen die Hand: »I beg your pardon. Von nun an werde ich nur Dänisch reden.«

Und gleich darauf spricht er auch wirklich das feinste Dänisch, nur gerade noch mit so viel Fehlern, daß man doch immer was zum Lachen hat.

Bibi findet, daß Ole ein kleiner Dämpfer nichts schaden kann. Er soll nur nicht glauben, daß sie die ganze Zeit auf der Landstraße herumspaziert, um ihm vielleicht zu begegnen. »Wir lernen eben für unser Examen. Geh du einstweilen nach Hause zu Paps. Ich komme bald nach… wenn ich Zeit habe…«

Ole starrt sie verblüfft an: »What do you say?«

Dann schiebt er ganz ruhig seinen Arm unter den ihren und sagt: »We go home, just now!«

Und Bibi hat überhaupt nichts mehr zu reden. Sie weiß gar nicht, ob die andern mitkommen, bis ihr dann plötzlich der Rucksack mit den Schulbüchern und dem Proviant auf ihrem Rücken einfällt. Sie wendet sich um — die andern sind schon ein gutes Stück hinter ihnen — und brüllt: »Paßt auf, ich lege den Rucksack hierher.«

Dann schnallt sie ihn ab und legt ihn in den Straßengraben.

Sie muß furchtbar lange Schritte machen, um Ole nachzukommen. Und jetzt wird er auch bedeutend gesprächiger. Er ist von Bremen aus zu Fuß gegangen, um das Reisegeld zu sparen, hat in Scheunen übernachtet und kaum einen Dollar unterwegs verbraucht; denn immer, wenn er in ein Bauernhaus ging, um ein Glas Milch zu kaufen, setzte man ihm soviel zu essen vor, daß er gar nicht damit fertig wurde. Plötzlich reißt er den Reißverschluß seiner Jacke auf, holt ein Notizbuch hervor und zeigt Bibi einen ganzen Haufen Zettel: »My first patent, you know.«

Bibi, die ja weiß, daß er das ganze Jahr mit einer Erfindung zugebracht hat, versteht sofort, daß sie jetzt wirklich gelungen ist und daß er das Patent schon verkauft hat. Es ist irgendwas an einem Radioapparat. Er ist also, wie er so an ihrer Seite geht, eigentlich beinahe schon ein ganz erwachsener Mensch, groß und stark und braun wie ein Tatar. Dabei sträubt sich ihm das Haar immer noch in unendlich vielen lustigen Wirbeln.

»Jetzt bleibst du wohl den ganzen Sommer hier und wir fahren nach Klinteborg, nach Skagen und nach Bornholm mit Paps…«

»Nein. Wir reisen nach Rossitten.«

»Wie? Was? Rossitten? Was ist denn das?«

Da zieht Ole eine etwas zerfetzte Karte hervor und zeigt auf einen Punkt oben an der Ostsee beim Kurischen Haff.

»Warum denn dorthin?« fragt Bibi schon ganz zahm, denn Ole spricht so bestimmt, als sei er es gewohnt, jetzt immer seinen Willen durchzusetzen.

»Dort ist die Segelfliegerschule!« Das ist alles, was er ihr antwortet.

Bibi reißt den Mund auf: »Ja… wir wollen doch nicht fliegen?«

Ole nickt: »Kannst Gift drauf nehmen, daß wir fliegen werden!«

Und dann erzählt er ihr, daß man in Rossitten mit einem Apparat fliegt, der weder einen Motor noch sonst einen Antrieb hat — ganz so, wie wenn einem plötzlich Flügel gewachsen wären.

Bibi stammelt: »Und ich…ich…soll mit? Wirklich mit? Ist das dein Ernst?«

Ole nickt und schlägt sich auf die Brust, wo das Notizbuch liegt: »May I have the honour to invite you for the whole trip?«

»Ach Ole, ich bitte dich, jetzt hör schon auf mit deinem Englisch. Ich kann es nicht mehr aushalten.«

»Also gut. Du bist mein Gast. Ich bezahle alles.«

Und sie schreiten weiter aus. Bibi muß die Beine strecken, um Schritt halten zu können. Da bleibt Ole plötzlich stehen, dreht sie ein paarmal herum und lacht: »Very nice, indeed!«

Bibi wird ganz rot vor Freude und erzählt ihm, daß sie den Trainingsanzug selbst genäht hat. Und schon ist sie fest entschlossen, auf der ganzen Reise nichts anderes anzuziehen.

Je näher sie jedoch der Stadt kommen, desto nachdenklicher wird Bibi. Wer weiß, ob Paps es erlauben wird, daß sie da mit Ole allein beinahe bis nach Rußland hinüber reist! Wer weiß, ob Paps nicht finden wird, daß sie schon zu groß ist, um mit Ole, der noch nicht richtig erwachsen, der aber auch kein Junge mehr ist, so herumzuziehen! Und erst Großvater und Großmutter, denen sie doch so bestimmt versprochen hat, wenigstens die halben Sommerferien bei ihnen zu verbringen, besonders weil Großvater nach seinem Sturz in der Tatra doch nie mehr so recht gesund geworden ist. Wenn aber dann Ole sich so beleidigt fühlt, daß er sie auf ewig verlassen will? Und wenn… ach jeh, da ist ja auch noch das dumme Examen! Paps hat gesagt: »Es ist Ehrensache, daß du anständig durchkommst.« Und wenn Paps nun sagte: »Auf keinen Fall…«

Ole fragte: »Was ist denn los mit dir? Warum läßt du denn den Kopf so hängen?«

Da brach sie los: »Ach Ole, wenn man mir nicht erlaubt, mit dir zu fliegen, was mach’ ich dann? Es ist zu entsetzlich.«

Ole schwieg erst, dann sagte er: »Das laß nur meine Sache sein. Ich werde es schon in Ordnung bringen.«

Sonderbar, Bibi war sofort beruhigt. Ole hatte so etwas Sicheres und Selbstverständliches an sich. Wenn er sagte: »Komm, Bibi, laß uns über das Wasser gehen« — sie würde ihm getrost die Hand reichen und nicht untersinken.

___________

Paps sagte weder ja noch nein. »Erst müssen wir einmal das Examen hinter uns haben, dann sprechen wir weiter. Aber du kannst ja jedenfalls gleich den Großeltern schreiben, ob sie damit einverstanden wären…«

»Aber du selber, Paps? Denn wenn ich mit Ole fort bin und du ganz allein hier zu Hause bleibst und dich langweilst — nein, dann bleibe ich lieber gleich bei dir.«

Paps rollte die Serviette so fest zusammen, daß man sie durch einen Fingerring hätte ziehen können: »Damit wir uns beide miteinander langweilen? Nein, meine Liebe, daraus wird nichts. Von mir ist hier gar nicht die Rede. Ich werde schon nicht vor Sehnsucht sterben. Aber du mußt auch versprechen, nicht mehr Dummheiten zu machen, als du einigermaßen verantworten kannst.«

Da stand Ole auf und verbeugte sich vor Paps: »I am taking the whole responsibility!«

Paps lächelte: »Es ist zwar sehr schön von dir, daß du die Verantwortung übernehmen willst, aber zuerst wollen wir zwei Männer doch lieber in mein Büro hinübergehen und vernünftig miteinander reden, während Bibi sich zu ihren Büchern setzt…«

___________

Nun machen wir einen gewaltigen Sprung, und wenn wir umblättern, ist das Examen schon überstanden (ganz anständig übrigens), und Bibi hat nebst acht Seiten Ermahnungen von ihren Großeltern die Erlaubnis bekommen, mit Ole in die Ferien zu gehen. Sie sind beide schon in Danzig, wo der Schwager von Großmutters Schwester Konsul ist. Bei ihm sollen sie wohnen.

Danzig

Liebe V…

U…

S…

A…C…

Es wäre doch ein Heidenspaß, wenn wir fünf einmal mit dem Zigeunerwagen durch ganz Europa fahren dürften. Wir würden jede Nacht wo anders schlafen, selber kochen und uns selbst das Geld verdienen, das wir unterwegs brauchen. Aber natürlich dürfen wir das nie. Wir könnten aus den Handlinien oder aus Kaffeesatz wahrsagen. Du, V., könntest dich wieder schwarz anstreichen und als Neger tanzen, ich würde auf einem Seil mein Kunststück machen — wir könnten einfach einen Strick über die Gasse spannen, das ist gar keine Sache. A.-C. könnte schöne Schlager singen und S. mit dem Teller einsammeln gehen. So was kann man nicht betteln nennen, denn man leistet ja was für das Geld. Einen Revolver müßten wir auch haben, denn es könnte einmal ein Betrunkener kommen (aber selbstverständlich nicht wirklich geladen).

Hat eine von euch schon mal eine Tretmühle gesehen? Ich habe zwar gewußt, daß früher einmal die armen Gefangenen in den niederträchtigen englischen Gefängnissen von morgens bis abends in einer Tretmühle schuften mußten, aber mit meinen eigenen Äugen habe ich so was bis heute doch noch nicht gesehen. Und hier habe ich jetzt eine richtige Tretmühle gefunden, so wahr ich hier stehe — das heißt ich sitze eigentlich. Sie ist wie zwei riesige Räder und die sind in einem sonderbaren Gebäude — es jst ganz rot, man nennt es Krantor und es steigt ganz wie Klinteborg direkt aus dem Wasser auf. Dabei ist es uralt, sicher noch aus der Zeit von Christian II., und wenn nun ein Schiff Havarie erlitten hatte und auf das Trockendock kommen sollte, so mußte es ja erst durch einen Kran aus dem Wasser gezogen werden. Damals hatte man aber noch nicht das Pulver erfunden oder die Buchdruckerkunst oder Dampf und Elektrizität, um den Kran zu betreiben, und wißt ihr, was die Schurken machten? Sie nahmen lauter desertierte Matrosen, die die Tretmühle treten mußten, daß ihnen der Schweiß nur so herunterlief, und über die Tretmühle lief das Seil. So wurde das Schiff, das oft viele tausend Kilo oder Tonnen schwer war, aus dem Wasser gezogen. Nur neun Matrosen in jedem Rad! Das Rad ging zwar herum, sie aber blieben immer auf demselben Fleck, ganz wie wenn man hundert Jahre lang eine Treppe hinaufsteigen und doch nicht eine Stufe höher kommen würde, weil man unentwegt diese Stufe wieder heruntertritt. Und dabei bin ich ganz überzeugt, daß die Matrosen immer nur desertierten, weil der Kapitän so ein Scheusal war. Meint ihr nicht auch?

Dann ging ich mit Ole in die Marienkirche. Wir trafen einen alten Mann mit einer schwarzen Binde über dem Auge. Er hinkte auf einem Bein, mit dem andern schlotterte er, und als wir ihm einen halben Gulden gaben, wurde er so quietschvergnügt, daß er uns in die Kirche nachlief, obwohl doch der Zugang verboten war. Denn sie wurde eben repperiert und war voll Sprünge und Risse und von oben bis unten waren Gerüste, innen und außen. Ich stellte mich einfach, als spräche ich nur chinesisch, und das verstanden ja die Leute nicht. Ich ließ sie also ruhig brüllen, daß Unbeschäftigten der Eintritt verboten sei und daß wir uns auf der Stelle aus dem Staub machen sollten. Schließlich wurde es ihnen zu dumm, uns immer nur vergeblich anzuschreien und da waren sie schließlich still.

Die Kirche ist ja riesig interessant und wunderwunderschön, aber man wurde ganz weiß von all dem Kalk, den sie auf einen herunterstaubten. Am interessantesten war eine riesengroße, alte Uhr, und der komische Mann mit dem Hinkebein hat uns von ihr erzählt. Also paßt mal auf: Es ist so ungefähr tausend Jahre her, da sollte die Kirche eine Uhr bekommen, wie noch keine Uhr auf der ganzen weiten Welt. Der Uhrmacher war auch der größte Uhrmacher, der damals lebte, und er machte eine Uhr, die nicht nur Stunden, Sekunden, Jahre und dergleichen anzeigte, sondern auch den Gang der Sterne und des Mondes und Sonnenfinsternis und das alles. Die Leute kamen von weither gereist, um diese Uhr zu sehen, die noch dazu in alle Ewigkeit gehen konnte, ohne aufgezogen zu werden. Nun wurde Danzig so berühmt, daß eine andere Stadt es vor Neid nicht aushalten konnte. Diese Stadt bestellte genau dieselbe Uhr und der Uhrmacher sollte einen ganzen Sack Gold dafür bekommen. Die Ratsherrn von Danzig gönnten jedoch der andern Stadt unter keinen Umständen so eine Uhr. Darüber kam es nun zum Streit mit dem Uhrmacher, ich weiß nicht mehr genau wie das war; jedenfalls wurde der Uhrmacher dabei umgebracht, aber kurz vorher hat er die Uhr kaputt gemacht, das Uhrwerk auseinandergerissen und die einzelnen Teile den Ratsherrn an den Kopf geworfen. Seit der Zeit hat kein Uhrmacher der ganzen Welt mehr die Uhr zum Gehen gebracht!

Da fiel mir ein, daß Ole es einmal versuchen sollte, denn Ole kann doch alles, was er will. Es wäre doch wunderbar, wenn er die Uhr zum Gehen bringen könnte! Wir verhalten uns also mucksmäuschen still, bis alle Maurer nachhause gehen und die Kirche hinter sich abschließen. Wir haben uns in einer Kapelle versteckt und der alte Mann ist auch nicht mehr da. Kaum sind wir allein, so klettert Ole hinter die Uhr, untersucht das Werk und wirft Räder und Federn auf den Boden, denn er muß doch genau nachsehen, was eigentlich fehlt. Und nun stellt euch vor, beinahe die Hälfte des Werks ist überhaupt nicht mehr da! Kein Wunder, daß die Uhr nicht gehen konnte! Ole und ich ärgerten uns riesig über die Geschichte, und dabei mußten wir noch alle einzelnen Teile wieder zusammensuchen und an die rechte Stelle setzen. Dann schlichen wir uns durch eine kleine Seitentür, wo der Schlüssel innen steckte, hinaus, denn wir mußten punkt sieben zum Abendessen kommen.

Heute Vormittag sahen wir uns eine Treppe an, wenn ich die nach Klinteborg bringen könnte, ich würde alles darum geben. Sie ist aus einem einzigen Stück Holz geschnitzt und so schön, daß ich mich gar nicht von ihr losreißen konnte. Sie steht in einem Saal im Rathaus und sie sagen, daß das die einzige Treppe dieser Art ist, denn so ein Stück Holz findet man auf der ganzen Welt nicht mehr und auch nicht den Mann, der so eine Treppe schnitzen kann.

Wenn alle Städte einmal in eine Ausstellung kämen, so bekäme Danzig sicher den ersten Preis, die Häuser sind so hübsch und nett, daß man am liebsten gleich hineinbeißen möchte. Die Leute aber sind gar nicht froh, denn davon allein kann man ja nicht leben, und es geht ihnen furchtbar schlecht, aber davon kann ich euch jetzt nicht weiter erzählen, das ist schon für Großvater bestimmt.

Ich könnte mir ja auf Klinteborg zwei große Lastpferde ausleihen, damit sie unseren Zigeunerwagen ziehen, denn wenn wir nicht zu rasch und zu lange am Tag fahren, wird ihnen das sicher nichts schaden. Ich glaube im Gegenteil, daß sie Spaß und Vergnügen daran haben. Meint ihr nicht auch?

Lebt wohl, alle miteinander.

Eure

B…

Diese Briefe aus Danzig schrieb Bibi im Jahre 1931. Zum Verständnis des folgenden Briefs muß man sich daran erinnern, daß es damals noch die »Freie Stadt« Danzig (seit 1920) und den »Polnischen Korridor« gab.

Liebes Großväterchen!

Dieser Brief heute ist ganz allein für dich, denn was drinsteht, wird Großmutter nicht sehr interessieren, sie bekommt nächstens einen eigenen Brief.

Du hast wohl auch geglaubt, daß Danzig zu Deutschland gehört. Nun, da irrst du dich gewaltig. Danzig gehört nirgends hin, sondern ist nur ein komisches kleines Land mit einer einzigen Stadt und einen Präsidenten und ein paar Feldern, sicher nicht größer als Lichtenstein, das von allen Leuten ausgelacht wird, weil es so winzig ist. Früher lag Danzig in Deutschland, als jedoch der Krieg vorbei war, kamen die Polen und sagten: Wir müssen doch auch einen Zugang zum Meer haben. Was machen wir denn mit unserem neuen Staat ohne Schiffe? Da schenkten die Sieger Polen eine dicke Schnitte Deutschland, die sie den Korridor nannten, weil man ja auch nur durchgehen sollte, bis zum Meer nämlich. Nun, ich verstehe ja, daß man was vom Meer haben will, ich möchte das Kattegatt und die Nordsee und die Ostsee auch nicht hergeben, aber warum bekam denn dann die Schweiz nicht auch so eine Schnitte Frankreich? Oder Ungarn eine Schnitte Serbien? Und die Polen bauten eine funkelnagelneue Stadt, ganz nahe von Danzig und die wächst so geschwind und wird so reich, daß Danzig beinahe verhungert. Ole und ich mußten fortwährend den Paß aus der Tasche ziehen, denn kaum ist man in der Nähe der Grenze, so kommt ein Gendarm und guckt hinein. Und man muß ununterbrochen Zoll bezahlen, wenn man von einer Stadt in die andere will, weil der Korridor dazwischen liegt. Ich finde, man sollte eine Brücke über den Korridor bauen oder einen Tunnel unter ihm durch, dann brauchten die Deutschen den Korridor nicht zu betreten, wenn sie ihn überqueren wollen, denn auf beiden Seiten des Korridors liegt deutsches Gebiet.

Ole sagt, daß alle Grenzen Unsinn sind und abgeschafft werden sollten, denn nur ihretwegen werden die Leute so wütend aufeinander. Du solltest nur sehen, wie so ein polnischer Grenzwächter auf einen deutschen schielt und umgekehrt. Zu dumm. Stell dir nur vor, auf einem Spaziergang habe ich selbst mit einem Mann gesprochen, dessen Haus und Garten liegen auf einer Seite der Grenze, seine Felder und Wiesen jedoch liegen schon in Polen, und wenn er seinen Paß vergißt, kann er nicht einmal seine eigenen Kühe melken!! Wenn so zwei Grenzwächter sich bloß einmal prügeln, kann sofort Krieg ausbrechen. Und weißt du, Großvater, wenn wir wieder einen Krieg bekommen, so ersticken wir alle miteinander an einer neuen Sorte Gas, das gerade erfunden worden ist. Dieses Gas ist so, daß man selbst unter einer Gasmaske so lange und so heftig niesen muß, bis man die Gasmaske abreißt, um Luft zu bekommen, und dann atmet man dieses neue Gas ein und stirbt ganz langsam so entsetzlich, daß es noch tausendmal angenehmer ist, bei lebendigem Leibe gebraten zu werden. Und nicht nur Menschen und Tiere sterben an ihm, auch alle Flüsse werden vergiftet und das Wasser in den Brunnen und der Tau auf den Feldern, nicht ein Grashalm kann leben.

Wenn es unbedingt Grenzen geben muß, so hätte der liebe Gott ja gleich von Anfang an das eine Land rot und das andere blau erschaffen können, so wie auf der Landkarte, da hätte jeder gleich sehen können, wo er hingehört, da brauchte man sich deshalb nicht totzuschlagen. In alten Zeiten glaubten die Wikinger ja, daß es das allerfeinste sei, auf der Walstatt zu sterben, sie zeigten mit den Fingern auf einen, wenn man nur ganz gewöhnlich im Bett starb. Nun, so verrückt sind die Menschen denn doch nicht mehr. Ole findet, daß man endlich einmal ausmachen sollte, daß die Könige oder Präsidenten selber miteinander kämpfen müßten, wenn zwei Länder sich nicht einigen können. Wenn sie sich erschlagen, kann man sie doch eher entbehren als so furchtbar viele junge und gesunde Menschen. Eine ausgezeichnete Idee! Wenn das so weitergeht wie jetzt, wird man noch eines Tages behaupten: wir können doch nicht alle die Zugvögel ohne Paß durch unser Land fliegen lassen. Weiß Gott, ich sehe noch meinen geliebten Jens Storch mit einem Paß am Bein. Ich finde ja die Deutschen famos. Aber ich finde auch die Menschen von anderen Ländern famos, und deshalb will ich mit Ole einen Verein gründen, um Kriege und Grenzen abzuschaffen, damit keine Stadt der Welt mehr verhungern muß, weil sie zu nahe an der Grenze liegt. Wenn die wilden Tiere, die weder lesen noch schreiben können, nachts zum Fluß gehen, um zu trinken, und einander nicht den Kopf abreißen, so müssen wir Menschen uns doch schämen, daß wir uns dümmer benehmen als sie. Meinst du nicht auch, Großvater?

Hoffentlich bist du wieder fast gesund. Ole und ich vertragen uns großartig. Er paßt auf mich auf wie ein Luchs, und wenn ich was anstelle, schimpft er, daß die Wände wackeln. Tausend Grüße an Großmutter,

Deine treue

Bibi.

Die Insel

Geheim! Geheim! Geheim!

Dringende Botschaft vom

Großmeister des Ordens!

Liebe Valborg! Wenn du das Geheimnis einer Menschenseele verrätst, ausgenommen Sigrid, Ulla und Anne-Charlotte, so kann es uns passieren, daß andere uns zuvorkommen. Wir wollen nur zu fünft sein und selbstverständlich auch Ole, denn ein Mann ist ja doch immer stärker, und Paps, wenn er einmal pensioniert wird. Vielleicht auch noch deine Geschwister und dein Vater und deine Mutter, aber dein Vater hält es ja nie lange an einem Ort aus, und außerdem ist die nächste Schule erst in Danzig, es wird also am besten sein, wir bleiben zu fünft mit Ole und Paps. Das ist auch gerade das Richtige. Wir können dort eigentlich nur im Sommer wohnen, das heißt, es geht auch im Winter, aber Anne-Charlotte ist ja immer gleich so ein Eiszapfen und ich glaube, es wird rasend kalt und windig und einsam und abgeschlossen von der ganzen Welt sein. Es handelt sich nämlich um eine Insel. Eine unbewohnte Insel! Ungefähr so wie die von Robinson. Ich habe sie selbst entdeckt und du kannst nachher den andern auf der Landkarte zeigen, wo sie liegt, sie selbst ist nicht verzeichnet, denn es sind dort so viele, daß niemand sich auskennt. Ich muß aber nun rasch erzählen, sonst wird der Brief hundert Seiten lang und Ole und ich müssen uns sowieso schon eilen, um mit Danzig in den nächsten drei Tagen fertig zu werden und außerdem noch auf einen großen Gutshof hinauszukommen, mit dem Großmutter verwandt ist.

Die Inseln liegen etwa dort, wo die Mündung der Weichsel ist. Ein paar davon sind bewohnt, aber viele hat überhaupt noch keines Menschen Fuß betreten. Eigentlich wächst dort nur Schilfrohr. Haushoch! Wie in einem richtigen Urwald. Wenn es in Afrika wäre, so gäbe es nichts als Löwen und Elefanten, aber hier sind ja keine wilden Tiere, nicht einmal Wölfe, die hat man schon längst ausgerottet. Aber viele, viele Vögel. Die Regierung in Danzig verpachtet die Inseln gar nicht teuer, und daher fiel mir ein, ob wir fünf so eins Insel nicht nur pachten, sondern auch kaufen könnten. Die würde dann uns gehören in alle Ewigkeit. Wir könnten unsern eigenen kleinen Staat errichten, so wie das Fürstentum Liechtenstein, und unsere eigenen Gesetze machen!! Ist das nicht eine fabelhafte Idee?

Wir sollten auch einen Leuchtturm bauen und abwechselnd über das Meer hinausspähen, ob sich auch niemand unserer Insel nähert. Dann legen wir noch einen Damm um die ganze Insel herum, das hat man nämlich schon auf einer andern Insel getan, die sehr groß ist und Schlangeninsel heißt. Man soll nur an einer einzigen Stelle an Land gehen können, und wer oben im Leuchtturm sitzt, warnt jeden, sich unserer Insel zu nähern und ruft ihm durch das Horn zu, daß es sein Leben kosten kann (das ist natürlich nur, um die Leute abzuschrecken). Wir könnten aber auch ein Schild machen oder hoch oben auf dem Leuchtturm die Pestflagge hissen, da kommt dann gewiß niemand auch nur in die Nähe, so macht man es nämlich in den Häfen, in denen gegen Pest oder Cholera Quarantäne ist. Wir brauchen beinahe keine Kleider, nur Träningsanzüge und ein paar Teller und so was und einen Ofen und einen Herd. Ole wird uns die paar Möbel, die notwendig sind, schon zurechtzimmern. Aus Kisten. Im Anfang können wir auf der bloßen Erde schlafen und uns nur mit Schilf zudecken.

In den ersten vier Jahren ist nichts zu verdienen, denn da kann man nichts anderes tun, als vom Morgen bis zum Abend den Urwald roden. Es ist ja kein richtiger Urwald, du verstehst, aber haushohes Schilf. Ich habe mich schon ordentlich auf allen Inseln umgeschen, du kannst dich drauf verlassen, daß ich mich auskenne. Im vierten Jahr wächst dann der Roggen uns allen über den. Kopf und im sechsten wächst ein Weizen mit Körnern, wie du sie noch nie gesehen hast. Auf einigen Inseln gibt es kolossal viele Weiden, die kleinen struppigen, die aussehen wie der leibhaftige Struwwelpeter. Man schneidet ihnen jedes dritte Jahr das Haar ab und verwendet es als Brennholz oder um Besen und Körbe daraus zu machen. Wilde Kirschen wachsen dort auch. Die pflücken wir im Sommer und was übrig bleibt, trocknen wir für Obstsuppe im Winter. Kartoffeln und Obstsuppe sind gar nicht so übel, wenn man nur recht hungrig ist. Die Kartoffeln kaufen wir in Danzig — ehe wir sie selbst auf unserer Insel pflanzen können — das Geld dazu verdienen wir uns auf dem Markt. Zwiebeln brauchen wir auch, für Zwiebelsoße, aber ein Sack Zwiebeln kostet schließlich kein Vermögen. Teuer sind nur ein Ochse und eine Kuh, und die brauchen wir beide. Die Kuh für Milch und Käse und Butter (Butter machen kann ich schon und Käse machen werde ich lernen, unser Klinteborger Weichkäse ist ja berühmt) und den Ochsen als Zugtier, denn ein Pferd werden wir uns nicht leisten können.

Außerdem muß uns der Ochse auch die Schilfwurzeln in die Erde hineintrampeln. Auf den großen Inseln hat man viele Ochsen, die von morgens bis abends nichts anderes tun als trampeln. Wenn nämlich die Wurzeln gut festgetrampelt sind, gibt das eine Art Pflaster, so daß man nicht mehr im Sumpf versinkt. Und wenn es uns möglich ist, bauen wir auch eine Entwässerungsanlage, davon hast du wohl noch nie gehört. Die pumpt das Wasser aus und auf diese Weise bekommt man im Handumdrehen das Land ganz trocken. Aber am allervernünftigsten ist es doch wohl, wenn wir das Haus auf Pfählen bauen. So wie in der Geographie die Häuser in den chinesischen Flüssen. Wir legen eine Leiter an und wenn wir alle oben sind, ziehen wir die Leiter nach, dann ist es wie eine uneinnehmbare Festung. Hast du schon mal ein Storchennest auf einem Baum gesehen? Ich habe sogar eines auf einer Telegraphenstange gesehen, da bleibt einem doch die Spucke weg. Nun, wir werden schon dafür sorgen, daß ein paar Wagenräder auf die Bäume kommen, damit die armen Vögel nicht gar so viel Mühe haben.

Meinst du nicht auch, daß wir uns eine eigene Sprache ausdenken sollen, sowas wie Esperanto, das nur wir allein verstehen. Vielleicht fängst du gleich damit an. Aber nicht einfach irgend ein Kauderwelsch mit verkehrten Worten, wo jeder gleich drauf kommt. Wir müssen auch ein Boot haben — nein, gleich zwei. Eins um darin spazieren zu fahren und um die andern Inseln anzusehen. Es genügt, wenn Ole es uns aus einem hohlen Baumstamm zurecht zimmert. Das andere aber muß breit und flach sein, damit wir darauf unsere Ware auf den Markt bringen können. Bienen können wir sicher halten, der Honig bringt eine ganze Krone ein für das Pfund. Ich kann ja Großvater ein paar Bienenkörbe abbetteln, wir haben auf Klinteborg sicher über fünfzig hinter der Meierei. Und dann müssen wir die Arbeit vernünftig einteilen, damit wir einander nicht in die Haare geraten. Du bekommst die Oberaufsicht, denn du bist die klügste (Ole natürlich auch), ich entwerfe das Haus, in dem wir wohnen werden, Anne-Charlotte richtet es ein, sie hat ja einen so guten Geschmack. Ulla muß helfen das Schilf schneiden und Kirschen pflücken, Sigrid sitzt im Leuchtturm oben und ich fahre nach Danzig auf den Markt. Ich wette meinen Kopf, daß ich alle unsere Kirschen verkaufen werde. Du kochst das Essen und Sigrid deckt den Tisch, bei ihr zuhause ist es ja immer so fein. Ole wird uns wohl die große Wäsche waschen, denn in Amerika dürfen Damen keine grobe Arbeit machen. Ich plätte, denn das tu ich furchtbar gern. Paps jedoch soll immer nur machen, was ihm gerade einfällt, oder uns vorlesen und von uns allen verwöhnt werden. Wenn ihm daran liegt, können wir ihn ja auch zum Präsidenten ausrufen. König ist gar nicht mehr modern. Und Ole kann ein Radio anlegen. Das kostet überhaupt nichts, er braucht dazu nur ein paar Rollen Draht und ein bißchen Holz, dann ist es auch schon fertig. Ach, wir werden es unglaublich herrlich haben! Überübermorgen reisen wir über Königsberg nach Rossitten in die Segelfliegerschule. Dort machen sie Gleitflug oder Schwebeflug, und wenn Ole es gelernt hat, baut er uns ein Segelflugzeug mit Platz für einen Passagier für die Insel.

Am besten ist, du legst gleich unseren Geheimschwur ab, damit du nicht in Versuchung kommst, jemand anders als den Verschworenen davon zu erzählen. Nun muß ich aber Schluß machen. Bitte fangt sofort mit dem Sparen an. Keine Konditorei, keine Schleckerei! Macht Jagd auf Lumpen, Knochen und altes Eisen und sucht auf jede Art und Weise Geld zu verdienen.

Seine Verschworenen grüßt ihr Großmeister

X.X.

P.S. Ich unterschreibe nicht mit Namen, der Brief könnte ja in unrechte Hände kommen.

P.S. P.S, Denkt einstweilen über einen guten Namen für unsere Insel nach!

Die blaue Erde

Habt ihr nicht auch schon einmal am Strand so lange im Sand herumgegraben, bis ihr zwischen Muscheln ein kleines Stückchen Bernstein gefunden habt? Und dann die Freude über dieses Glück! Wenn aber jemand Bibi vorausgesagt hätte, was sie in Palmnicken zu sehen bekommen würde, so hätte sie ihm einfach ins Gesicht gelacht: Da kannst du mir gleich auch erzählen, daß der Mond aus grünem Käse ist!

Bibi und Ole waren nun nach Königsberg gekommen, und dort sah Bibi so viele Bernsteingeschäfte, daß sie die größte Lust bekam, selber einmal an das Meer hinauszuwandern, um ein paar Stückchen Bernstein zur Erinnerung zu sammeln. Bis sie dann hörte, daß das hier verboten sei. Was man findet, muß man abliefern, sonst geht es eins, zwei, drei ins Kittchen. Aber sie kam trotzdem zu ihrem Bernstein. Irgendein Verwandter von dem Schwager von der Schwester von Großmutter lud sie und Ole auf eine Autotour nach Palmnicken ein, wo Bernstein in Mengen gefunden wird.

Unterwegs erzählt Doktor Müller — so heißt er nämlich — eine Menge seltsamer Dinge aus uralten Zeiten. Bibi brennen förmlich die Ohren, so eifrig hört sie zu, um nur ja nichts zu versäumen. Vor ungefähr zwei, drei, vier Millionen Jahren war nämlich das Land hier voll von Wäldern. Föhren, die bis in die Wolken hinaufreichten, und Farnkraut, höher als die höchsten Palmen im Urwald. Die Bäume hatten es damals herrlich, denn es gab ja noch keine Menschen, die sie fällten, um ihren Kachelofen zu heizen. Es gab nur Fliegen und Mücken und die riesigen Ungeheuer mit den schweren Namen, die noch größer als Walfische waren. Auf einmal aber war es, als ob ein gewaltiges Erdbeben die ganze Welt durcheinanderwerfen wollte, und hoch oben von Norden her ergossen sich die Gletscher über das ganze Land. Was früher Land war, wurde Meer, und was Meer war, wurde Land. Die eisigen Massen drückten schwer auf die Erde, die Wälder versanken, tiefer und immer tiefer. Die ganze Welt schien erfroren und ausgestorben. Nach ein paar hunderttausend Jahren aber hatte die Sonne die Gletschermassen wieder geschmolzen, neue Wälder wuchsen aus der Erde, und es kamen die Menschen.

Als jedoch die Wälder der Urzeit noch lebten, hatten sie eine Krankheit, bei der sie so schwitzen mußten, wie die Menschen, wenn sie Aspirin genommen haben. Dieser Schweiß war Harz. Und als die Gletscher alles Leben erstickten, vermoderten unten die Stämme der toten Wälder: der Schweiß aber, das goldene Harz, wurde härter und immer härter. Mit der Zeit wühlte das Meer tief unten die Erde auf, brachte das Harz wieder nach oben und schwemmte es an die Küste. Schon im Altertum fand man dort etwas Klares und Goldenes, was weder Gold noch Edelstein war. Später schleppten die dänischen Seefahrer den Bernstein fort, und alle Menschen redeten von dem Reichtum, den das Meer an die pommersche Küste warf.

Da kam dann ein gescheiter Mann. Er ging zum König und sagte: »Möchten Majestät mir nicht diese Bernstein-küste verpachten? Ich will gerne viel dafür bezahlen.«

Ja, sagte der König, er habe nichts dagegen.

Sie unterschrieben also einen Vertrag, und der Mann lachte sich ins Fäustchen. Denn er machte dabei ein gutes Geschäft. Er wurde so reich, daß er beinahe im Geld erstickte. Zur Zeit der Ebbe ließ er seine Leute tief im Sand graben, und immer wurden alle Körbe voll von Bernstein, den sie dann in der ganzen Welt verkauften.

Dann kam aber ein neuer Mann mit einer neuen Idee. Er sagte: Hol’s der Teufel, ich will auch mal im Land zu graben versuchen. Die Leute hielten ihn ärst für übergeschnappt. Er aber merkte bald, daß man beim Graben nach einiger Zeit auf eine Art Erde stieß, die nicht wie Sand war und auch nicht an Kiesel erinnerte, aber immer voll Bernstein steckte. Diese Erde nannte er die »blaue Erde«, denn er war farbenblind. Sie war nicht blauer als das »blaue Blut« der Aristokraten, das ja auch rot ist wie bei andern Menschen. Er machte ebenfalls einen Vertrag mit dem König und verdiente auch rasend viel Geld. Ja, und er kam auf den Einfall, ganze Minen in die Erde hineinzugraben, wie wenn man Kohlen sucht. Nun, ein Genuß war es gerade nicht für die armen Leute, da unten in den dunklen Minen zu graben und hin und wieder von der Flut überrascht und verschlungen zu werden. Und dann — es ist gar nicht so lange her, die alten Leute können sich sogar noch daran erinnern — kam man auf den Einfall, den Erdboden einfach von oben auszuheben. Das gab mit der Zeit ein Loch, so groß, daß eine ganze Stadt darin Platz finden könnte. Und dieses Loch sollten Bibi und Ole nun sehen.

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Das Auto hält, man ist in Palmnicken.

Und das ist alles? Bibi ist tief enttäuscht. Die Erde ist ganz gewöhnlich aufgeworfen, als wollte man einen Fluß eindämmen oder einen Viadukt für die Eisenbahn bauen. Ein häßliches, langweiliges Loch voll großer Pfützen mit gelbem, schmutzigem Wasser und Männern, denen die Stiefel bis an den Bauch reichen. Das ist alles? Und dazu soll man noch so tief hinuntersteigen, daß man sicher auf halbem Weg schon todmüde ist. Ole sagt: »Wir können ja runterrutschen!«

Nun, besonders schön werden Bibis und Oles Kleider gerade nicht, wie sie so den lehmigen Abhang hinunterrutschen.

Unten sieht es schon viel interessanter aus. Bibi, die seit jeher eine Leidenschaft für Baggermaschinen gehabt hat, stürzt sich ordentlich auf die riesigen Apparate, die ihren Inhalt an Lehm und Schmutz und Wasser nach allen Seiten spritzen. Wie sie mit Ole so im Morast herumstapft, sieht sie plötzlich etwas Gelbes vor sich. Sie bückt sich. Bernstein! Wirklich und wahrhaftig Bernstein! Und da, gleich daneben, wieder Bernstein, Bernstein, Bernstein. Bibi rafft an sich, was sie nur erwischt. Da kommt aber ein Mann auf sie losgefahren: »Willst du wohl deine Finger davon lassen! Und zwar sofort!«

Bibi läßt vor Schreck beinahe alles fallen, was sie gesammelt hat: »Ich habe es doch selbst gefunden. Da gehört es doch wohl mir!«

Aber der Mann packt sie beim Kragen: »Unsinn! Wo kommst du denn überhaupt her?«

Sie zeigt den Abhang hinauf: »Von dort!«

»Du lügst! Dort ist ja gar kein Weg!«

Bibi springt ihm beinahe ins Gesicht. Denn wenn man auch hin und wieder zu einer kleinen Notlüge greift, so läßt man sich doch nicht so ohne weiteres als Lügnerin hinstellen, besonders wenn man gerade zufälligerweise die reine Wahrheit gesagt hat. Ole versucht, mit dem Mann zu parlamentieren, aber das nützt nichts, er schleift Bibi trotzdem bis zum Aufgang. Dort steht glücklicherweise Doktor Müller mit einem Herrn, der hier offenbar etwas zu sagen hat. Der gibt dem Aufseher einen Wink: »Lassen Sie sie los. Sie ist mein Gast.«

Da gibt der Mann nach. Bibi wirft ihm noch ein paar wutsprühende Blicke zu, bleibt ihm aber nicht lange böse, denn sie erfährt, daß alle Arbeiter hier jeden Abend bis aufs Hemd untersucht werden, ob sie nicht ein Stückchen Bernstein bei sich tragen. Da ist es also begreiflich, wenn der Mann, der die Aufsicht hat, nicht ruhig zusieht, wenn man sich die Taschen vollstopft.

Bibi und Ole gehen mit Doktor Müller und dem andern Herrn herum und erfahren alles, was sie nur wissen wollen. Wie sie dann wieder oben auf der richtigen Erde sind, gehen sie durch all die Fabriken, wo die blaue Erde mit riesigen Wasserschlangen weggespritzt wird, so daß lauter Bernstein zurückbleibt. Und wie Bibi hört, daß die Erde, auf der sie da herumspaziert, über drei oder vielleicht gar vier Millionen Jahre alt ist, kratzt sie heimlich den Lehm von ihrem Schuh und steckt ihn in die Tasche, um ihn als Andenken zu ver- schenken. Vier Millionen Jahre, das ist schon was.

In einem Haus sitzen an einem langen Tisch, der unaufhörlich von einer Maschine geschüttelt wird, lauter junge Mädchen, die den Bernstein nach seiner Farbe sortieren müssen. Es gibt ganz dunklen, goldenen, beinahe milchweißen und gestreiften. Am schönsten aber ist es doch im Aufbewahrungsraum, wo der Bernstein in Haufen bis an die Decke reicht wie das Korn in den Speichern von Klinteborg, wenn es frisch gedroschen ist.

In einem andern Raum wird der Bernstein, je nach seiner Größe, in Säcken aufbewahrt, um dann zum Schleifen in die Fabriken geschickt zu werden. Und dann kommen Bibi und Ole in ein weiteres Haus, wo ein ungeheurer Kochtopf neben dem andern steht. Die Männer, die darin mit langen Rührkellen herumrühren, haben Nase und Mund verbunden, als litten sie unter den fürchterlichsten Zahnschmerzen, und ehe Bibi weiß, was mit ihr geschieht, hat sie auch schon ein Tuch vor dem Gesicht. Denn was in den Töpfen kocht, ist Bernstein, der so zu einem Lack wird, beinahe so fein wie der Lack der Chinesen in alten Zeiten, und so hart, daß man ein glühendes Plätteisen daraufstellen kann, ohne daß man nachher etwas sieht. Und während die Bernsteinkessel so kochen — es riecht ganz wunderbar —, kitzelt es einen in der Nase, daß man immerfort in das Tuch hineinniesen muß. Ohne das Tuch würde man sich halbtot niesen.

Schließlich kommen sie in eine Art Geschäft mit Glaskästen, die voll von Armbändern, Broschen und Ketten aus Bernstein sind. Herrgott, Bibi möchte ja so gerne ein kleines Andenken von Ole geschenkt bekommen, aber selbst darum bitten kann man doch nicht. Ole hat die Hände in den Hosentaschen und tut, als gehe ihn das alles überhaupt nichts an. Nein, wie wunderbar ist doch das große, klare Bernsteinherz mit der Mücke in der Mitte, die sicher schon über drei Millionen Jahre drinsteckt und doch ganz lebendig aussieht. Da öffnet plötzlich der eine Herr den Glaskasten, und Ole zeigt mit dem Finger: »Das dort!«

Dann legt er das Bernsteinherz in Bibis Hand. Es kostet schauderhaft viel Geld. Und dabei war Ole doch von Bremen aus zu Fuß gegangen, um die Bahnfahrt zu sparen. Bibi heult beinahe vor Seligkeit, lockt aber dann Ole an einen Schaukasten, wo verschiedene Farbenproben liegen, um ihm inzwischen so rasch wie möglich ein Paar entzückende Manschetten-knöpfe zu kaufen. Und was sagt dieser Kerl? »Manschetten-knöpfe? Ich habe noch nie im Leben ein Hemd mit Manschetten gehabt. Wozu auch?«

Gleich darauf aber lacht er vergnügt: »Ich kann die Knöpfe ja vorn an mein Seidenhemd tun.«

Dieses Seidenhemd hat Bibi ihm selbst genäht und zu Weihnachten nach Amerika geschickt, fein säuberlich in viele Zeitungen gewickelt, um den Zoll zu sparen. Schmuggeln darf man zwar nicht, aber trotzdem tun es alle Leute so gern.

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Während Bibi auf dem Weg nach Hause darüber nachdenkt, was man wohl aus so vielen tausend Säcken Bernstein alles machen könnte, erzählt Doktor Müller, daß man noch zweihundert Jahre lang täglich in der blauen Erde graben kann, ohne auch nur die Hälfte herauszubekommen. Doktor Müller zeigt die steile Küste hinunter, an der man eben entlang fährt: »Dort schlagen die großen Stürme den Bernstein ans Land. Denn wo jetzt die Ostsee ist, gab es auch einmal Land mit riesigen Wäldern, die alle versinken mußten, als das Eis sich von Norden her ausbreitete. Und dort unten treiben in dunklen Nächten die Bernsteinschmuggler ihr Wesen. Manches Mal versuchen sie in ihrer Gier, auch in den Abhang hinein nach blauer Erde zu graben. Da kommt es dann vor, daß alles über ihnen zusammenbricht und sie lebendig begraben bleiben, wenn nicht die Strandwache es bemerkt und ihnen wieder heraushilft.«

Bibi preßt die Hand um ihr herrliches Bernsteinherz. Sie flüstert Ole zu: »Wenn ich sterbe, kommt das Bernsteinherz mit in den Sarg.«

Ole brummt etwas, was man nicht verstehen kann.

Noch ein Wiedersehen

Paps! Paps! Paps!

Jetzt rat mal, wen ich gefunden habe! Jemand, nach dem ich schon in der halben Welt gesucht habe, in allen Zeitungen und durch den Austrommler… Paps, ich glaube, ich werde verrückt vor Freude, und Jens Storch steht neben mir und kitzelt mich mit dem Schnabel, ganz wie in alten Zeiten. Er hat mich auch gar nicht vergessen, keine Spur, bild dir das nur nicht ein. Da muß ich aber gleich noch was erzählen, das ist gut und traurig auf einmal, denn nun kann ich ihn nie mehr zurückbekommen, und weißt du weshalb? Jens Storch ist nämlich gar kein Herr, sondern eine Dame, und hat jetzt Mann und Kinder und ein eigenes Nest. Aber ich bin trotzdem froh, daß er so glücklich ist und ganz gesund an Flügeln und Beinen. Wenn er nur erzählen könnte, ob er in Ägypten war oder in der Sahara oder im Urwald oder an den Seen, wo der Nil entspringt. Es war wirklich, wie unser Pastor sagen würde, eine Fügung Gottes. Denn Ole und ich sollten ja gar nicht hierher nach Friedrichstein. Die Leute in Danzig aber, die ganz entfernt verwandt mit Großmutters Familie sind, sind außerdem weit verwandt mit den Leuten hier, und da fanden sie, ich sollte doch auch hierher reisen. Dann wird uns der Sohn (der gefällt mir gut, aber er ist ein bißchen zu groß für mich, denn er ist schon fünfundzwanzig) nach Kranz bringen und von da gehen wir dann in die Segelfliegerschule.

Hier sind fast gar keine Schweine, aber mein Gott, was für Reitpferde und sicher zwanzigmal so viel Land als bei Klinteborg, nur ist es nicht halb so gut. Und nachdem wir nun gegessen hatten, sollten wir die Ställe und das alles sehen und dann auch das Storchennest bewundern, in der Platane oben, deren Zweige bis zur Erde herunter reichen. Ich dachte ja an nichts, als ich oben war und die Jungen krabbeln sah, sie waren beinahe zahm und ungeheuer neugierig. Alle hatten sie den Schnabel sperrangelweit offen. Und dann Paps, ich plumpste beinahe hinunter. Ich kann nicht sagen, ob Jens Storch mich zuerst erkannte, oder ich ihn, denn plötzlich breitete er die Flügel aus und schlug mir damit um die Ohren. Er war so wahnsinnig froh, das heißt, ja richtig, er ist eine Sie, aber das kann ich mir nun mal nicht merken, obwohl er doch einen Mann hat und drei fast erwachsene Kinder. Der Ring saß immer noch dort, wo er damals angemacht worden ist, nur der rote Stein war weg. Und unter dem Baum standen die andern und riefen, was denn los sei. Aber Jens Storch und ich, wir vergaßen zu antworten, denn wir hatten uns ja so viel zu sagen. Äls ich dann doch hinunterstieg, folgte Jens Storch mir natürlich nach, und alle Jungen und der Storchenmann streckten die Hälse, um zu sehen, wo er denn hin wollte. Ich legte die Arme um seinen Hals und er steckte den Schnabel in mein Haar, so wie früher immer, du erinnerst dich doch. Dann ging er mit mir und kümmerte sich überhaupt nicht um die im Nest oben. So spazierten wir herum.

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Ich dachte zuerst, daß Jens Storch nachts bei mir wohnen würde wie früher, aber kaum war es dunkel geworden, so wollte er wieder ins Nest und zu seinen Jungen. Nun, ich hielt ihn natürlich nicht zurück, obwohl es regnete und stürmte. Aber ich begleitete ihn bis zu seinem Baum und dort sagten wir uns adieu. Man sieht ihm an, daß er nicht mehr so gut gepflegt wird wie bei mir, denn er ist furchtbar dünn geworden. Vielleicht auch von den Jungen und von den langen Flügen. Die Gutsherrin hat mir gesagt, daß ich jedes Jahr in Friedrichstein willkommen bin, wenn ich sie und ihre Kinder und Jens Storch besuchen will. Ihr Sohn ist wirklich viel schöner als Ole — vielleicht sogar zehnmal so schön — aber ich finde doch, daß Ole der Allerschönste ist. Gleich nach dir.

Jetzt ist es elf, wir müsen nur noch zum Lunch, dann fährt der Sohn uns nach Kranz, und nächstes Jahr zeichne ich bestimmt ihn und seine Mutter, aber heute war keine Zeit mehr dazu. Freust du dich nicht auch? Jens Storch hatte richtiges Herzklopfen vor lauter Glück, als er mich sah. Das nenne ich Treue, ganz wie bei einem Hund.

Leb wohl, geliebter Paps, vor lauter Freude über Jens Storch hab ich kaum noch Platz in mir, um mich auch auf de Fliegerschule zu freuen. Nächstes Jahr soll ein anständiges Wagenrad auf die Platane hinauf kommen, denn so ein Nest ohne Rad kann ja beim nächsten Sturm wie nichts heruntergeblasen werden. Ach Paps, ich hatte doch immer so furchtbare Angst, daß Jens Storch unterwegs erfroren sein könnte, und nun ist er eine Dame mit Mann und Kindern! Zu dumm, daß wir da niemals draufgekommen sind. Vergiß auch nicht, es dem Tierarzt zu erzählen, eigentlich ist es eine Blamage für ihn.

Deine

Bibi

Die Segelflieger

Lieber Paps.

Himmlisch, wie gut es mir hier geht und im Winter haben Rittmeister Rochre und seine Frau die kleinen Meerschweinchen in ihrem Schlafzimmer und auch ein paar Tauben, die die Kälte nicht vertragen, abgesehen natürlich von Imo, der ein geborener Fliegerhund ist — hast du gewußt, daß es so was überhaupt gibt? Ich nicht. Sie sind schrecklich lieb, die beiden, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lieb. Außer mir gibt es nur noch ein Mädchen, sie heißt Eva, aber sie ist schon viel älter und eine richtige Flugschülerin. Das kann ich noch nicht werden, denn dazu bin ich noch zu jung. Ich bin hier nur so eine Art Laufbursche für alle, Ole sagt, dabei lernt man am meisten, und du kannst dir denken, daß ich meine Augen offen halte. Ich werde schon herausbekommen, wie man so eine Maschine baut, denn die ganzen Wände im Speisesaal sind voll von Modellen von den verschiedensten Flügeln. Der Rittmeister guckt nämlich allen Vögeln ihre Künste ab, deshalb hat er auch einen Seeadler, einen Mäusebussard, einen Weih und einen Turmfalken. Denn sie fliegen ja hier ganz ohne Motor und Propeller und so was. Den Turmfalken hat Thönes so abgerichtet, daß er, wenn er ihn in die Luft wirft (so hoch, daß er nur mehr wie ein Pünktchen Fliegendreck aussieht) schwupps wieder herunterschießt und sich auf seinen Daumen setzt. Der Seeadler ist auch schon beinahe zahm, aber Gott sei einem gnädig, wenn man ihm in die Nähe kommt. Ich durfte mir Onkel Roehres Mantel und Hut ausleihen, um mich an ihn heranzuschleichen und ihn mir ein bißchen anzusehen. Dabei darfst du dir nicht einen gewöhnlichen Käfig vorstellen, bewahre, der Käfig ist so groß, daß die Vögel hoch hinauffliegen können, und auch das nur, bis sie ganz zahm sind, dann läßt man sie frei, denn sie kommen ja immer von selbst wieder zurück. Und der Rittmeister hält sie sich gar nicht nur, weil er Tiere liebt — das tut er nämlich wirklich — sondern weil er am allermeisten aus den Flügeln und Federn der Vögel lernt. Zum Beispiel weiß er genau, mit welchen Federn sie hinauf fliegen und mit welchen sie sich nur in der Luft oben im Gleichgewicht halten und das alles. Den ganzen Winter hindurch baut er nach jedem einzelnen Vogel Modelle. Er malt und zeichnet sie, eigentlich wäre das was für mich. Aber nein, er kann nur furchtbar exakte Handwerker brauchen, und so besonders exakt bin ich ja nicht.

Wir wurden im Auto geholt und Imo saß auf meinem Schoß und renkte sich fast das Genick aus, um zu gleicher Zeit aus beiden Fenstern auf einmal hinaussehen zu können. Durch den Wald, durch den wir fuhren, darf außer Onkel Roehre kein Mensch fahren, und wir duzten uns gleich, er und ich, und zu seiner Frau sage ich Tante Hanne.

Wir wohnen in dem großen Haus mit den vielen Zimmern, wo die meisten wohnen. Einer spielt Ziehharmonika und einer Okarina und einer Mundharmonika und einer Flöte (der bläst nur so entsetzlich falsch) und einer Geige (der ist sicher ein Genie) und einer singt vierstimmig. Und oben liegen ein paar so eng nebeneinander wie bei Valborg zuhause, aber in einer Art Hängematten, die zu schaukeln anfangen, sooft die Tür aufgeht.

Du darfst nicht böse sein, daß ich in den ersten Tagen nicht geschrieben habe, aber ich war so gräßlich müde, das wird man nämlich, wenn man von morgens bis abends im Sand herumwatet und auf den Hügel hinauf muß, von dem wir starten — der ist auch ganz aus Sand.

Am Morgen geht es los: Bumbumbum! an allen Türen. Der reine Kanonendonner. Alle Mann mit einem Sprung aus dem Bett, ehe man auch nur erst gähnen kann. Dann eine Kanne Wasser über den Leib. Eva und ich schlafen zusammen und gießen uns daher auch gegenseitig ab. Dann noch Hemd und Träningsanzug — und Schluß. Von Schuhen und Strümpfen keine Rede. Der Sand ist ja sauber wie Regenwasser. Aber er dringt in Ohren und Haar, daß es ordentlich eine Wolke gibt, wenn man nur den Kopf schüttelt. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir hier in uns hineinessen. Eva weiß von einem, der nahm in siebenundzwanzig Tagen dreißig Pfund zu, aber nicht so Fett und Bauch, keine Spur, hier wird alles zu Muskeln. Und heute hatten wir ein großartiges Fest. Ole bekam nämlich sein erstes Zeugnis (350 Meter in 31 Sekunden) dazu brauchen die andern eine ganze Woche, er jedoch flog es bereits nach fünf Tagen! Wir standen alle auf einem Bein und brüllten: Äääh, äääh, äääh! so wie die Kraniche. Das ist nämlich unser Schlachtruf.

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Verzeih, ich habe unterbrechen müssen, bin aber schon wieder da. Ole wollte mir nur rasch etwas zeigen.

Am Morgen also, gleich nachdem wir ein gewaltiges Frühstück verschlungen haben, holen wir die Maschinen. Einer greift vorne an und einer hinten und je einer nimmt einen Flügel und einer trägt noch das Mittelstück, in dem man sitzt — so schleppen wir die Maschine auf eine Art Schlitten, vor den zwei Pferde gespannt werden. Denn wenn so eine Maschine in der Luft auch noch so federleicht ist, so hat sie doch auf der Erde ein ganz hübsches Gewicht. Der Hügel, auf den wir hinauf müssen, ist gar nicht so niedrig, und der Sand reicht einem manchmal bis über die Knie, aber wir haben sieben Pferde, die immer abwechselnd im Stall ausruhen, man kann ihnen wahrhaftig die Rippen nicht zählen. Sie werden auch jedesmal ausgespannt, sobald wir oben auf der Anhöhe sind. Ich habe gleich die Erlaubnis bekommen, den Windmesser zu tragen, das ist eine große Ehre, denn ohne ihn kann man nicht fliegen. Imo ist uns selbstverständlich ununterbrochen auf den Fersen. Wenn man sagt: Ostwind, so spitzt er fröhlich die Ohren, wenn man aber Nordwind sagt, so zieht er den Schwanz zwischen die Beine, denn diesen Wind können wir nicht brauchen.

Die schönste von allen Maschinen ist der Alexander, den hat Thönes selbst gebaut. Mit dem ist wirklich was los, er ist ein unglaublicher Kerl. Und er war auch schon mit einer Expedition auf dem Himalaya! Vor zwei Jahren, denn er ist einer der besten Bergsteiger Deutschlands (er hat auch ein sehr schönes Gesicht), da aber wurde der Schnee furchtbar hoch und sie mußten umkehren, waren aber trotzdem höher gekommen als je ein Mensch vorher. Er ist hier Lehrer. Ich bin dick befreundet mit ihm, er muß mir immer vom Himalaya erzählen, wer weiß, vielleicht nimmt er Ole und mich nächstesmal auch mit. Alexander ist wunderschön hellgelb poliert und sieht in der Luft oben aus wie ein goldener Riesenvogel. Das Dumme bei dieser Fliegerei ist nur, daß man nicht immer so lange fliegen kann, wie man Lust hat und auch nicht immer, wohin man will. Denn wenn nicht der Russenwind von Osten weht, hat man keinen Auftrieb und kommt nicht hoch. Und wenn man so zwölf Stunden lang in der Luft oben sitzt, um nach den richtigen Wolken auszuspähen, auf denen man reiten kann, wird man so furchtbar müde, daß einem die Augen zufallen. Man darf sie aber nicht für eine Minute schließen, sonst kracht man unbedingt herunter und ist auch schon zerschmettert. Du brauchst deshalb um Ole und mich keine Angst zu haben. Denn erstens darf ich überhaupt noch nicht fliegen, und zweitens kann man hier nur ins Meer fallen, aus dem man ja herausschwimmen kann, oder in den Sand, und der ist so weich wie Reismehl. Denn hier ist nur Meer und Sand.

Ja richtig, daß ich es nicht vergesse: Sag doch allen Leuten, daß sie in ihren Sommerferien hierher fahren sollen. Es ist so billig, daß man geradezu Geld spart, wenn man hier ist. Und Fliegen lernt man außerdem. Ich begreife einfach nicht, wie Tante Hanne mit dem bißchen Haushaltungsgeld alles so machen kann. Und was macht Jensine jedesmal für ein Geschrei, wenn du nur ein paar Leute zu einem Braten und einer Kartenpartie einlädst. Hier ißt jeder von uns mindestens für vier.

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Also Paps, heute haben sie mich ordentlich zum Narren gehalten. Eigentlich war es schauderhaft. Sieh dir die Bilder genau an, denn es ist schriftlich gar nicht so leicht zu erklären. Onkel Roehre sagte morgens: Heute soll Bibi mal ihren »trockenen Start« haben. Sie grinsten alle und sagten, das sei der Anfang vom Fliegen, das müßten alle mitmachen. Nur Ole hat sich davon gedrückt, wieso weiß ich nicht. Na, ich biß mir in die Lippen, ich würde ihnen schon zeigen, daß ich in die Luft hinauf kommen könnte. Wir gehen also auf die Anhöhe und ich sehe mich um nach der Maschine. Aber Onkel Roehre kommandiert einfach: Sofort auf den Bauch, Bibi! Ich liege auf dem Bauch im Sand. Es war riesig spannend, denn ich dachte: was nun? Da packt mich jemand bei den Beinen und einer legt ein dickes Tau aus Gummi unter meine Arme. »Fertig!« Sie ziehen das Tau straff und ich liege lang gestreckt. Dann kommandiert Onkel Roehre: Laufen! Sie schießen los, den Berg hinunter und das Tau spannt sich nach beiden Seiten. Loslassen! Da läßt der Kerl meine Beine los und das Tau ist so stramm, daß ich wie eine Rakete durch den Sand fliege. Brrrr, der ganze Bauch tat mir weh und die Hände wurden innen aufgeschunden. Dabei mußte ich noch so tun, als wäre ich hell begeistert, denn die andern alle wanden sich ja vor Lachen. So was nennt man hier »trockenen Start«. Und wenn man richtig fliegt, ist es ungefähr so: Bei »fertig« packen sie den Schwanz der Maschine und je drei Mann ziehen das Tau nach beiden Seiten. Bei »laufen« rennen sie nach vorne, und wenn es dann heißt »loslassen«, lassen die hinten den Schwanz der Maschine los, und sie saust allein über den Rand des Abhangs, weil das Gummiseil sich zusammenzieht. Dann fällt das Gummiseil von selbst herunter und man fliegt eben in die Luft hinaus.

Aber dann heißt es ebenso sanft landen, wie wenn man auf Skiern stehen würde, sonst plumpst die Maschine mit ihrer Schnauze in die Erde und dabei geht sie leicht kaputt. So was nennt man »Petroleumslandung«, denn es ist so, als wollte man nach Petroleum graben. Und wenn Einem das passiert, dann hat der nichts zu lachen, denn dann muß er wirklich und wahrhaftig die Maschine ganz allein wieder in Ordnung bringen. Ole fliegt so großartig, daß niemand ihm glauben will, daß er noch nie geflogen ist. Und sie schreien jedesmal Hurra! Als er zum erstenmal mit seiner Maschine wie ein Pfeil über den Abhang schoß, bekam ich scheußliches Herzklopfen. Es dauerte ja nicht lang, aber nicht wahr, Paps, du verstehst. Gestern sollte er wieder fliegen, nur ein ganz kleines Stück und nicht sehr hoch. Als er aber über dem Abhang war und alles so gut ging, da dachte er: Ach was, jetzt sollen die mal sehen, was ich kann! Er schiebt die Steuerstange nach hinten und steigt auf in die Luft. Onkel Roehre brüllt sofort: Herunter mit dir, Teufel nochmal, herunter mit dir! Aber Ole konnte ihn nicht hören, denn er sang eben aus Leibeskräften: Sonny boy, das ist nämlich sein Lieblingslied, und er singt es schauderhaft falsch. Ich heulte natürlich. Und dann — plumps, saust er wie ein Stein ins Wasser. Aber er lachte nur und schwamm vergnügt ans Land, vier andere mußten dann die Maschine aus dem Wasser ziehen. Na, und du kannst dir nicht vorstellen, was Ole dann alles zu hören bekam. Herr du meine Güte! Onkel Roehre ist ja wunderbar und großartig, aber gehorchen müssen wir, sonst schlägt er Krach, daß die Wände wackeln. Zur Strafe durfte Ole heute überhaupt nicht in die Luft. Aber das tut mir gar nicht leid, denn so kam es, daß ich mit ihm eines der sieben Weltwunder zu sehen bekam!!! Davon schreibe ich dann später. Und Oskar erhielt die Erlaubnis, mit dem Alexander zu fliegen, er ist ganz verrückt vor Freude und schlägt Purzelbäume, daß man ihm im Bogen ausweichen muß.

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Jammerschade, Oskar kam gar nicht zum Fliegen, weil es Nordwind gab. Aber Ole und ich haben etwas gesehen, was du eigentlich an die Zeitung schicken solltest, so unglaublich und so interessant war es. Laß also in die Zeitung setzen, daß wir zwei Elche gesehen haben. Zwei! Und dabei suchen die Leute hier oft Monate lang nach einem, weil sie doch am Aussterben sind. Die Elche nämlich. Man sagt oft, sie erinnern an Fabeltiere, und ich dachte, sie seien so groß wie eine Kuh oder ein Damhirsch, und dabei sind sie doppelt so groß wie ein Pferd. Wenn sie durch den Wald schießen, knackt es in allen Zweigen und der Dampf strömt ihnen aus den Nasenflügeln. Es hätte weiß Gott lebensgefährlich werden können. Aber Ole und ich standen wie Salzsäulen, als sie so an uns vorbeischnaubten und fauchten und prusteten. Wenn Ole nicht dabei gewesen wäre, ich wäre allerdings gestorben vor Schreck. Ole sagt, daß viele Amerikaner gern zwanzig Dollar geben wollten, um nur einen einzigen zu sehen, wir aber sahen gleich zwei auf einmal!!! Wenn ich doch ein kleines Elchjunges bekommen könnte. Ob dus glaubst oder nicht, ich würde es sicher zähmen und mich von ihm Tag für Tag in die Schule begleiten lassen, das wäre fein. Aber sein Vater und seine Mutter würden sich grämen, es müßte also eine Waise sein. Und Elche sind ja so geschützt wie die heiligen Tiere in Indien. Wenn jemand hier einen Elch schießt, so bekommt er wohl lebenslänglich Zuchthaus. Ich versuchte auch sie zu zeichnen, es gelang mir aber erst, nachdem ich lange die Augen geschlossen hatte, um sie wieder richtig vor mir zu sehen.

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Sieh dir mal auf der Karte den Streifen Land an, der so schmal wie ein Nagel ist und Kurische Nehrung heißt. Er liegt zwischen dem Kurischen Haff und dem Meer, dort wohnen wir. Es gibt überall nur Sand, aber nicht wie an der Nordsee, oh nein, ganz anders. Denn hier sind die »Wanderdünen«. Sie wandern und wandern und sind vielleicht schon tausend Jahre lang gewandert wie der ewige Jude, der nie zur Ruhe kommen darf. Aber diese Dünen sind so boshaft, daß ich sie deshalb gar nicht bedauern kann. Denn wenn zum Beispiel irgend so ein kleiner Wald mühselig aus dem Sand heraus gewachsen ist und sich eben an der Sonne freut, so kommt lautlos wie eine Katze plötzlich so eine wandernde Düne, Wenn man sich in den Sand legt, kann man auch ein ganz feines Wispern hören und sehen, wie es nach Osten stäubt, gewöhnlich aber nach Westen, denn der Russenwind, mit dem man auch am allerbesten fliegen kann, ist hier am häufigsten. Dann bekommen die Bäume mit einem Mal keinen Atem mehr, alle Poren sind mit Sand verstopft, die Zweige lassen die Blätter hängen, die Blätter welken, das Mark trocknet aus und die Stämme stehen ganz nackt da. Bis der Sturm sie bricht und sie versinken. Onkel Roehre erzählte mir folgendes. Er habe einmal auf dem Startplatz oben ein kleines Telefonhäuschen gebaut. Eines schönen Tages sei das Häuschen, schwupps, wie weggeblasen gewesen. Sie hätten es zwar überall gesucht, aber es war und blieb verschwunden. Und dann sei es zwei Jahre später von ganz wo anders her plötzlich daherspaziert gekommen und kein Mensch weiß bis heute, wo es inzwischen gesteckt haben mag. Einmal fanden wir ein Stück Scheunentor, eine Wiege, ein paar Scherben und ein Stück Mauer, das sicher von der Spitze eines Schornsteins stammte. Das ist wohl von einem Dorf gewesen, das vor Gott weiß wie vielen Jahren von so einer bösen Düne begraben worden ist.

Jetzt muß ich dir aber von noch etwas erzählen, was ein alter Mann uns zeigte. Jemand ist nämlich auf den glänzenden Einfall gekommen, die wandernden Dünen aufzuhalten. Man pflöckt sie einfach fest!! Ist das nicht unerhört. Ganz wie ein Schuster die Sohlen. Nur daß die Pflöcke so groß wie Spazierstöcke sind und in Form von Vierecken dicht nebeneinander eingeschlagen werden. Jede Seite des Vierecks ist 1 Meter lang. In die Mitte wird dann Walderde hineingetan, die kostet — acht Mark für jedes Viereck! Ist das nicht rasend teuer? Und in die Erde pflanzt man eine kleine Föhre, da kann die Düne dann nicht so einfach weiter spazieren, sie kann nämlich die vielen Vierecke mit der Walderde und den Föhren nicht mit sich schleppen. Die Leute aber sind hier leider so arm, daß sie nicht leicht acht Mark zusammenkratzen können, und deshalb dauert es wohl noch tausend Jahre, ehe die Dünen wirklich zu wandern aufhören. Morgen schreibe ich weiter, denn heute müssen wir zum Fischerball nach Pillkoppen, dort tanzen wir Volkstänze und haben sonst noch allerhand vor. Ole hat versprochen, daß er nur einmal mit Eva und einmal mit Frau Roehre tanzen will, sonst nur mit mir. Ich aber darf mit allen andern tanzen und das muß ich auch, denn wir sind ja nur drei Mädchen mit Frau Roehre, abgesehen von den Dienstmädchen, aber die haben ja so viel mit dem Essen und Aufräumen zu tun, daß sie gar nicht zum Tanzen kommen. Außerdem müssen sie morgens schon um fünf oder noch früher aus dem Bett.

Du findest sicher, daß ich eine treulose Durchbrennerin bin, weil ich dich so mutterseelenallein zurücklasse, um mich zu amüsieren. Aber nicht wahr, du weißt trotzdem, daß ich auf der ganzen weiten Welt bis hinauf in den Himmel niemand so lieb habe wie dich.

Einen großen Kuß von Deiner

Bibi

P.S. Ole sagt, es ist eine Beleidigung, wenn er nicht für mich bezahlen darf. Ich sei nun einmal sein Gast. Soll ich da nicht Tante Roehre mein Geld geben, damit sie es für zwei Werkstudenten verwendet? Werkstudenten sind nämlich richtige Studenten, die zwischendurch als Heizer oder Kohlenträger gehen, um sich Geld für ihr Studium zu verdienen. Wenn es regnet, schlafen sie in der Werkstatt in den Hobelspänen, sonst unter den Bäumen, und sie leben einzig und allein von Kartoffeln, die zwar sehr nahrhaft sein sollen, aber trotzdem, das geht doch nicht. Und ich sage Frau Roehre, sie soll ihnen erzählen, ich sei ein Wohltäter, der nicht genannt sein will. So heißt es doch immer? Sonst wäre es mir peinlich, ich will mich doch nicht wichtig machen, weil ich zufällig das bißchen Geld ausgeben kann. Auf Wiedersehen nochmals.

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Lieber, süßer Paps,

die Sonne war noch nicht aufgegangen, es schimmerte nur ein bißchen rot draußen über dem Meer. Und plötzlich: Bum! Bum! Bum! Nicht ein einziger konnte länger im Bett bleiben, die meisten waren sogar schon früher aufgewacht. Denn sie hatten schon im Schlaf gespürt, daß es russischen Wind gab.

Und bevor wir noch mit dem Frühstück fertig waren, strahlte die Sonne schon rot und golden am Himmel. Und wir waren so herrlicher Laune, daß wir nicht aus noch ein wußten vor Übermut. Ich durfte den einen Flügel des Alexander nehmen und Oskar den andern. Er war ganz verrückt vor Freude, denn nun sollte er einmal richtig und viele Stunden lang fliegen. Es war der beste Wind, der für Geld zu haben war. Das ist der Wind, der gegen den Abhang heranstürmt und, wenn er dann nicht weiterkann, geradewegs in die Luft hinauf geht. Man nennt das Aufwind, weil man auf ihm schweben kann wie die Kugel auf der Spitze eines Wasserstrahls. Jetzt kommt aber das wichtigste: wenn man also so in die Luft hinaufgekommen ist, gibt es hoch oben ein paar Wolken, die heißen Kumulus, und wenn man eine von denen erwischt, dann kann man sich besonders gut oben in der Luft halten oder weiter steigen, aber ich habe wieder vergessen, wieso. Wir standen unten und Oskar konnte gar nicht reden vor lauter Aufregung, die Kehle war ihm verstopft, weil er den Alexander besteigen durfte, erst als er ganz oben war, konnten wir ihn singen hören. Über ihm flog jetzt eine ganze Schar von Ädlern und Weihen und Bussarden. Denn diese Raubvögel sind ebenso wie Imo ganz versessen auf Flieger und sie waren so neugierig, daß sie jedesmal, wenn der Alexander sich senkte, ebenfalls niedergingen, und wenn er wieder aufstieg, mit in die Höhe flogen. Das sah ganz wunderbar aus, wie ein König mit seinem Gefolge. Und noch dazu in dieser Goldluft. Ole stand neben mir und packte mich beim Arm, daß ich blaue Flecken bekam, aber das habe ich erst später gemerkt.

Oskar sollte ja so lange in der Luft oben bleiben, wie er es überhaupt aushalten konnte. Wir luden deshalb unser Essen, die Stricke und das alles auf einen Wagen und fuhren nach Pillkoppen. Plötzlich begann es so zu schütten, daß nicht ein trockener Faden an uns blieb, aber das machte uns nichts. Nur Onkel Roehre schnitt ein etwas bedenkliches Gesicht und guckte sich die Windfahne an, die besteht hier aus einem seidenen Strumpf auf einer Stange. Gleich darauf hatte sich der Wind jedoch nach Norden gedreht, es hörte auf zu regnen und der Sand war auch schon strohtrocken. In der Luft waren drei Flieger. Und mit einem Male kam Oskar herangesaust, wir konnten den Alexander ja gleich erkennen, denn er leuchtete wie eine Butterblume. Da springen der Rittmeister und noch eine Menge andere hinaus in den Sand, und sie graben und schaufeln, daß der Sand nur so fliegt. Ich dachte erst, sie hätten den Sonnenstich. Aber weißt du, was das bedeutete? Sie gruben tiefe Furchen in den Sand, und das war ein Zeichen für Oskar, daß er vorsichtig sein sollte, wenn er herunterging, denn der Wind war gefährlich. Aber Oskar war wohl nicht so besonders geschickt, denn stell dir vor, plötzlich plumpst er herunter und schlägt den Alexander in tausend Stücke. Traurig, nicht wahr? Ich brach beinahe in Tränen aus, aber Thönes sagte nicht ein Wort, sein Gesicht wurde bloß sehr schmal, und wenn er nicht so braun wäre, wäre er wohl erblaßt, aber das kann man nicht, wenn einen die Sonne einmal so verbrannt hat. Und er zankte Oskar auch gar nicht aus oder dergleichen. Das war doch schön von ihm. Ich würde rasend werden, wenn Ulla mir eine Maschine kaputt machte, die ich mit so viel Mühe gebaut hätte. Und du kannst mir glauben, daß ich eine bauen werde, denn ich halte die Augen offen, wenn die Schüler vor dem Haus ihre Maschinen zusammensetzen.

Ole ist auch immer mit dabei. Und er hat gesagt, wenn ich vernünftig bin, werden wir beide auch noch miteinander fliegen. Mein Gott, freue ich mich darauf! Solche Sommerferien habe ich überhaupt noch nie gehabt. Und wenn ich damals nicht in das Gespensterhaus gegangen wäre, hätte ich Ole nie kennen gelernt und wäre also auch nie nach Rossitten gekommen. Dabei riecht es hier so nach Tannen und Föhren, daß man den Duft ordentlich mit den Händen greifen kann, und meine ganze Haut riecht wie nach einem von den grünen Bädern im Krankenhaus, du weißt schon, in die man Fichtennadelextrakt hinein tut. Wenn ich Zeit finde, pflücke ich einen ganzen Sack Fichtennadeln und braue daraus einen Extrakt für Großmutter und dich und die Verschworenen und die Alten aus dem Altersheim, denn die bekommen ja höchstens ein einziges Bad in der Woche.

Lebwohl, Paps. Ich hab dich lieb.

Bibi

Die Vogelwarte

Geliebter Paps.

Nun darfst du mich aber wirklich nicht auslachen und sagen: Das hab ich mir doch gleich gedacht. Das sieht Bibi wieder ähnlich. Denn jetzt weiß ich, was ich am allerallerliebsten werden möchte, wenn ich einmal groß bin. Eigentlich zweierlei, aber das eine ist ja nur zum Vergnügen, nämlich Segelflieger. Das andere jedoch ist so wunderbar, daß ich nie zu etwas anderem Lust gehabt hätte, wenn ich gewußt hätte, daß es sowas gibt. Du kannst auch ruhig den Zettel verbrennen, auf dem du aufgeschrieben hast, was ich alles werden will, denn das hier ist das einzig richtige und dazu tauge ich auch. Also paß auf: wenn Großvater und Großmutter gestorben sind, schenke ich Klinteborg einem Altersheim für Tiere und ziehe dann mit dir hierher, um eine eigene Vogelwarte zu bauen. Und dann mußt du mir auch dein feines Fernrohr schenken. Das werde ich sehr notwendig brauchen, denn die Vögel fliegen manchmal so hoch, daß kein Mensch sie sehen kann. Ole wird wohl auch bei uns leben, wenn er mit seiner Erfindung fertig ist, von der darf ich aber noch nichts verraten. Was soll er auch da drüben in Amerika. Im Sommer will ich Onkel Roehre helfen, bis dahin habe ich alle Zeugnisse und kann eine richtige Fluglehrerin sein, aber immer nur in der Zeit, in der die Vögel nicht nach Norden oder nach Süden ziehen. Sonst will ich fortwährend nach ihnen Ausschau halten und sie fangen und ihnen Ringe anlegen und Nachrichten von der ganzen Welt erhalten. Ach Paps, das ist nicht zum Aushalten herrlich! Und dabei tut so etwas den Vögeln gar nicht weh. Sieh nur auf den Bildern nach, wie vorsichtig man sie in die Hand nimmt. Wenn die Beinchen zwischen zwei Fingern herunterhängen oder nach hinten liegen, bleiben sie ganz ruhig. Dann werden sie abgewogen und ihr Gewicht wird in einem Buch notiert wie bei Säuglingen, die jede Woche ein halbes Pfund zunehmen müssen, nur in der ersten nicht, da haben sie abzunehmen. Und der Ring für den kleinsten Vogel ist so klein, daß er auf eine Stricknadel ginge. Ich habe Ringe von jeder Größe, du wirst sie selber sehen. Und es tut nicht weh. Nein, der Vogel liegt ganz ruhig und hat nicht einmal Herzklopfen.

Es gibt über tausend Vogelwarten auf der ganzen Erde. Auf jeder wohnt ein Mann, der nichts anderes zu tun hat, als nach den Vögeln auszuspähen, sie zu fangen und zu lesen, was auf den Ringen steht. Und wenn er das nicht mit bloßem Auge lesen kann, denn die Ringe sind sehr klein und die Schrift ist ungeheuer fein, so nimmt er eine Lupe. Die wichtigste Vogelwarte aber ist wohl die hier in Rossitten. Denn all die Zugvögel, die aus Schweden, Norwegen und Finnland kommen — einige auch aus Dänemark, aber nicht alle — müssen hier vorbei. Und weißt du, weshalb? Weil sie sich vor dem Wasser fürchten. Sie fliegen nicht gern allzulange über dem Meer, denn wenn sie dann müde werden, können sie sich ja nicht auf einem Baum ausruhen, sondern fallen ins Wasser und ertrinken. Hier aber führt ein Weg vorbei, auf dem sie nicht weit über das Meer fliegen müssen. Und auch die Vögel aus dem Bottnischen Meerbusen kommen hier vorbei. Ich habe schon eine Masse Vogelschwärme gesehen. Einige sind ganz hoch oben in der Luft, andere fliegen so niedrig, daß man die Flügel sehen kann und hören, wie sie schreien. Ich erkenne schon sehr viele nach der Art, wie sie fliegen und nach ihrem Geschrei, denn jeder Vogel hat außer seinem eigenen Gesang auch noch so etwas wie eine Wandermelodie, die zwar nicht sehr schön ist, aber unbedingt notwendig, so wie Regimentsmusik, wenn die Soldaten ausmarschieren. Manchmal hört man diese Melodie in tiefdunkler Nacht, und da weiß man gleich, daß sie hoch, hoch oben vorbei ziehen.

Es ist oft so spannend, besonders abends, daß ich die ganze Rede Hand ans Harz pressen muß, weil es so heftig klopft. Herr Schütz, der die Vogelwarte hier hat — er ist riesig lieb und antwortet immer, da kann ich noch so viel fragen — bekommt sicher kein Herzklopfen, denn er ist es schon zu sehr gewöhnt. Nur wenn manchesmal besonders seltene Vögel kommen und er einen von ihnen fängt, wird sein Herz auch nicht ganz ruhig bleiben, was meinst du Paps? Und nun weiß ich, daß mein geliebter Jens Storch an einem einzigen Tag ungefähr dreihundert Kilometer fliegen kann!! Und wenn die Vögel ganz hinunter bis zum Victoria-Njansa-See in Afrika fliegen, sind es zehntausend Kilometer hin und zurück!! War früher einmal schlechtes Wetter, so dachte ich immer nur an die Schiffe, die untergingen und an die armen kleinen Schiffsjungen, die nach ihrer Mutter schreien, von nun an werde ich aber immer auch an Jens Storch denken. Denn wenn das Wetter manchmal noch ganz fürchterlich ist und die Vögel über die Alpen zurückkommen, weil sie meinen, es ist schon Sommer, fliegen sie verwirrt im kalten Schnee hin und her und wissen nicht aus noch ein, bis sie zur Erde sinken und vor Erschöpfung sterben. Jens Storch ist aber riesig stark und gesund, er wird sich schon durchbringen, unser guter alter Jens. Meinst du nicht auch?

Ach Paps, ich kann nicht weiter. Aber morgen schreibe ich wieder, und wenn auch drei Marken auf den Brief kommen müssen. Tausend Küsse von Deiner

Bibi

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So Paps, nun kann ich wieder weiter. Du denkst wohl, daß man die Vögel hier auch auf eine so gemeine und ekelhafte Weise fängt, wie es die Vogelfänger sonst tun. Keine Spur. Man hängt nur einfach im Wald ein Netz auf und sieht dann jede Stunde nach, ob schon ein Vogel drin ist. Wenn es winzige Vögelchen sind, so steckt man sie in etwas Ähnliches wie dein Kragenbeutel, dort sitzen sie ganz vergnügt. Sind es aber große Vögel, so muß man ihnen Klammern an die Flügel tun. Aber so, daß es bestimmt nicht ein bißchen weh tut. Die Netze sind auch mehr wie Fischerreusen und münden in ein kleines Glaskästchen, das wie eine größere Schmuckkassette ist. Und sobald der Mann sie mit einem Ring versehen, gewogen und in sein Büchlein eingetragen hat, dürfen sie auch wieder weiter.

Manchmal, das ist aber nur im Herbst, wird die Luft von Vögeln so schwarz wie in der Bibel zur Zeit der Heuschreckenplage, und eines Tags kam über eine halbe Million vorbei, abgesehen von denen, die im Geheimen durchziehen. Man kann ja schließlich nicht allen Ringe geben, das würde auch viel zu viel kosten. Nun sag doch selbst, Paps, ob das nicht wirklich das richtige für mich wäre. Und dazu kriegt man auch noch ein Gehalt bezahlt! Vielleicht bekommt man sogar eine Pension, aber danach zu fragen habe ich leider vergessen. Der Mann hier behauptet jedenfalls, daß er auch mit dem Papst nicht tauschen möchte.

Großvater und Großmutter will ich aber noch nicht schreiben, was ich werden will, sie möchten ja doch am liebsten, daß ich Landwirtschaft studiere. Aber das hier paßt tausendmal besser für mich, denn auf Klinteborg muß man auch Lämmer und Kälber an den Schlächter verkaufen, und das kann ich nicht und will ich nicht. Das muß aber ein Landwirt können. Lebwohl, geliebter Paps, ich wäre wahnsinnig glücklich, wenn du hierherkämst. Meinethalben nur für einen einzigen Tag, wenn du schon unbedingt nach Skagen willst. Aber laß dir dort ja nicht von einer der Damen den Hof machen. Man hört so viel von Witwern, die wieder heiraten. Nicht wahr, Paps, das tust du mir nicht an. Ich würde ja vor Gram und Kummer sterben. Wirklich.

Morgen schreibe ich wieder und überhaupt jeden Tag.

Deine, Deine, Deine

Bibi

Warum Bibi schnell nach Klinteborg mußte

Liebster Paps,

ich wußte gar nicht was tun, als Großmutter schrieb, ich sollte so geschwind wie möglich kommen, Großvater ginge es gar nicht gut und er fragt die ganze Zeit nach mir. Ole sagte, ich sollte jedenfalls reisen und dir telegrafieren, aber ich hatte nicht Zeit, auf Antwort zu warten, denn da war eine Dame, die nach Berlin wollte, und von dort konnte ich ja auch allein weiterreisen. In Berlin schlief ich in einem Hotel, dort kosten alle Zimmer das gleiche, ob sie nun groß oder klein sind, es liegt gleich neben dem Stettiner Bahnhof. Ich konnte sogar selbst den Koffer zum Zug schleppen und das Geld, das ich so sparte, gab ich einer armen Frau, die weinte. Aber ich hatte solche Angst, daß du nun telegrafieren könntest, ich hätte nicht fahren sollen, nicht wahr, Paps, du schreibst mir gleich, bitte, bitte!

Und als ich nach Klinteborg kam, konnte ich Großvater fast nicht wiedererkennen, er hatte so ein merkwürdiges Gesicht und die Augen furchtbar groß und ganz tief in den Höhlen, und die Hände so dünn. Aber gefreut hat er sich über mich, das kannst du mir glauben. Seine Beine sind lahm und er weinte, als ich kam, da war es doch sicher das einzig richtige, daß ich gleich hinreiste, meinst du nicht auch. Ole redet ja nie viel über so was, aber ich merkte ihm an, daß es ihm leid tat, und so sind wir nur ein einziges mal miteinander geflogen, denn Onkel Roehre fand, daß ich das noch haben müßte. Und stell dir vor, Paps, Ole flog mit mir eine Dreiviertelstunde und sieben Minuten lang! Und wir hatten einen so guten Aufwind, daß wir beinahe sofort hochkamen, und als wir oben waren, flog ein Adler über uns, der war so groß, daß ich schon Angst bekam, jetzt und jetzt fährt er herunter, packt mich und schleppt mich zu seinen Jungen ins Nest. Aber sonst hatte ich gar keine Angst. Es war nur herrlich und wunderbar. Ole und ich sprachen kein Wort miteinander, während wir flogen, und das war auch nicht notwendig. Vielleicht bleibt Ole noch eine Zeitlang in Rossitten, wenn seine Mutter ihn entbehren kann, denn Onkel Roehre will ihn anstellen (richtig und für Geld!) damit er den ganzen Winter Modelle baut, weil er so tüchtig ist. Aber vielleicht reist er auch nach Amerika und kommt dann wieder, weil er doch drüben mit dem Lernen noch nicht fertig ist.

Und nun muß ich dir was fabelhaftes erzählen Paps: Großvater und Großmutter wollen mir eine besondere Freude machen, weil ich so schnell gekommen bin, und deshalb darf ich alle Verschworenen für den Rest der Ferien einladen! Und den Zigeunerwagen dazu!! Also was sagst du? Großmutter ist auch sehr alt geworden, ihr Haar ist schneeweiß und sie ist noch blasser als Großvater. Wenn ich in ihr Boudoir komme, sitzt sie immer und weint, aber sie trocknet gleich die Tränen ab, wenn sie mich sieht. Und wir werden in dem Zigeunerwagen wohnen, natürlich nur, wenn es nicht gerade Schusterbuben regnet. Wenn sie nur auch alle kommen dürfen. Und Paps, nicht wahr, du bezahlst die Fahrkarte für Valborg, du weißt doch, sie haben es nicht zu so einer langen Reise, und wenn ihre Mutter wieder einmal nicht weiter kann und im Bett liegt, mußt du Jensine mit ein bißchen was zum Essen hinüber schicken und die Frau von Dienstmann Frandsen soll jeden Tag ein paar Stunden fegen und waschen kommen, denn Putte ist doch noch viel zu klein für die ganze Wirtschaft, wenn Valborg nicht da ist.

Großvater sagt, ich bin so nett wie ein Hund und eine Nachtigall zusammen, aber ich glaube nicht, daß er mich gegen Cäsar eintauschen würde. Der ist ja so treu, und überhaupt, seit Großvater krank ist, rennt er gar nicht mehr mit andern Hunden herum oder jagt den Igeln nach, nein, er trottet den lieben langen Tag hinter dem Rollstuhl drein. Herrgott, wenn Großvater doch wieder gesund würde! Dann ginge es an die Riviera im Winter und dort könnte ich auch italienisch lernen, denn Italien liegt gleich daneben. Ach, frag doch bitte Jensine, wie sie Rotbutten in Curry macht, vielleicht schmeckt Großvater das, er will nämlich beinahe nichts essen. Manchmal kriegt er Lust auf was, aber wenn man es dann bringt, schüttelt er den Kopf und kann es nicht hinunter würgen. Da machte ich ihm neulich ein Omlett, ganz allein, so wie manchmal für dich, nur mit Spargel drin, wirklich fein, und von dem aß er die ganze Hälfte!! Und wenn ich ihm diesen — ich weiß nie, wie man ihn schreibt — diesen Schodo bringe, ißt er ihn immer. Aber ich kann ja nur so wenig kochen und Erdbeeren mit Sahne darf er nicht bekommen, Sahne ist zu schwer und Erdbeeren sind schlecht für die Nieren. Auch nicht Ananas. Wenn ich an seine Knie stoße, durchzuckt es mich wie ein elektrischer Schlag, sie sind so dünn und spitz geworden wie bei einem, der schon ganz verhungert ist. Großvater will unbedingt mit mir fliegen, sowie ich groß bin und ein Zeugnis habe, daß ich auch Passagiere mitnehmen darf. Ich soll noch tausendmal von Ole grüßen und von Großvater und Großmutter und sie lassen danken, daß ich bei ihnen bin. Und du’ darfst auch wirklich nicht traurig sein, denn du hast mich doch noch das ganze Leben lang. Ich freue mich schon wahnsinnig auf die Verschworenen, vergiß nur ja nicht die Fahrkarte für Valborg, du mußt es aber nett machen, daß es nicht aussieht wie ein Almosen, denn Großvater sagt, daß es viel schwerer ist, auf eine anständige Art zu geben als zu nehmen. Wer gibt, hat große Verpflichtungen gegen den, der nimmt, und wenn man dabei schäbig und gemein ist, so ist man ärger als ein Verbrecher und nicht wert, dem andern die Stiefel zu putzen.

Deine Dich liebende

Bibi

Wenn Eltern aus dem Häuschen geraten…

Die Einladung nach Schloß Klinteborg schlug in den Familien der Verschworenen wie eine Bombe ein und stellte alles auf den Kopf.

Anne-Charlottes Mutter flatterte aufgeregt durch das Zimmer wie eine Fliege in einer Flasche. Sie suchte rosa Seidenbändchen, um sie ihrer Tochter in die Wäsche einzuziehen: »Ich bin nun einmal mit solchen Bändchen auf die Welt gekommen. Nichts ist so hübsch wie ein bißchen was Farbiges am Körper, besonders wenn man eine so helle Haut hat wie du. Du kannst wirklich froh sein, Anne-Charlotte, daß deine Haut keinen Schmutz annimmt, ganz wie bei der seligen Großmutter. Die konnte zwei volle Monate auf demselben Laken liegen, und dann war es so rein, als hätte sie es eben aus dem Schrank genommen. Sei recht bescheiden, dann wird man dich auch das nächste Mal wieder einladen, und wenn es sich machen läßt, so sag einmal deine Gedichte auf und vergib nicht zu erwähnen, daß du sie selbst gemacht hast. Sie sind ja auch wirklich schön … Und, ja, was wollte ich eben noch sagen? Was war es nur? Richtig, ich weiß schon: Wenn die Rede auf Familienverhältnisse kommt, so wird es die Gräfin sicher interessieren, daß deine Mutter eine leibliche Kusine der Baronesse Lövenskjold ist, von den Lövenskjolds, deren Stammtafel bis in die graueste Vorzeit zurückreicht, was man uns übrigens auch ansehen kann. Deine Nase gibt es nur in adeligen Kreisen… «

Und die kleine Pastorenfrau jagte von einem Geschäft ins andere, um für Anne-Charlotte Sachen zu kaufen. Aber so eilig sie es auch hatte, sie vergaß doch nirgends so nebenbei noch zu bemerken: »Ja, man weiß gar nicht, wo einem der Kopf steht, so viel gibt es zu tun, weil unsere Kleine ihre Sommerferien auf Schloß Klinteborg verbringen soll.«

Und Anne-Charlottes Vater sagte auf dem Weg zum Bahnhof: »Sei vor allen Dingen auch höflich und freundlich gegen die Dienstboten. Es ist wichtiger, nach unten hin gute Manieren zu haben als nach oben. Menschen, die dienen, sind besonders empfindlich.«

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Als Ullas Vater, der Arzt, die Einladung las, rümpfte er die Nase: »Na schön, ist mir auch recht. Aber bild dir nur nicht ein, daß ich es als eine besondere Ehre betrachte, wenn meine Tochter von so einem Grafen eingeladen wird. Wenn es nach mir ginge, so wäre die ganze adelige Sippschaft in unserm Land schon längst zum Teufel gejagt. Sie sind nichts und taugen zu nichts und können nur dumm und aufgeblasen sein. Mein Vater war Holzschuhmacher — was du zwar nicht gerade auszuposaunen brauchst —, und ist aus mir etwas geworden oder nicht? Aber wenn du schon so versessen darauf bist, mal was anderes zu sehen, dann in Gottes Namen. Mutter soll dafür sorgen, daß du was Anständiges zum Anziehen hast. Und wenn ihr Austern bekommt, so ißt du Austern, ob es dir nun schmeckt oder nicht. Ich möchte nicht, daß die glauben, du weißt nicht, was sich schickt. Und du läßt dir von nichts imponieren, hast du verstanden! Das sind schließlich ja auch nur Menschen. Mutter und ich könnten, wenn wir wollten, auf allen Herrenhöfen eingeladen werden, aber ich pfeif’ drauf. Ich red’ nicht einmal davon, daß der König mir über mein Krankenhaus die größten Komplimente gemacht hat. Übrigens muß ich mich doch sehr wundern: Ich hab’ zwar gar nichts gegen eure Valborg, aber auf ein Schloß die Tochter des Totengräbers…«

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Die Frau des Polizei-Inspektors, Sigrids Mutter, gab anläßlich der überraschenden Neuigkeit einen großen Damentee.

Vorher hatte sie in der »Geschichte der dänischen Herrenhöfe« nachgeschlagen, um Klinteborg und seine Entwicklung bis in die Uranfänge zu verfolgen. »Ja, ja, als ich noch jung war, da sauste ich von einem Herrenhof zum andern. Da pflegte ich überhaupt nur zu reiten und zu kutschieren… Nicht daß ich da was Besonderes dran fände, Gott bewahre, für mich sind alle Menschen gleich. Ich grüße jeden Arbeiter genau wie den Amtmann, aber man kann nicht leugnen, daß an dem Adel doch was dran ist. Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist! Und wenn Bibi, das arme mutterlose Ding, nun einmal unbedingt unsere Tochter bei sich haben will, so geben wir Sigrid eben für so lange her. Wenn sie sie nur nicht ganz auf Klinteborg behalten wollen! Denn wenn Bibi auf Klinteborg bleibt, wird es ihr allein mit der Zeit doch zu langweilig werden…«

Und die anderen Damen nickten und erkundigten sich nach der Abstammung des Grafen und verspeisten dabei so viele Kuchen, daß die Frau des Hauses vor Entsetzen ganz blaß wurde, denn sie hatte damit gerechnet, daß die Kuchen bestimmt noch zum Abendessen reichen würden.

Der Polizei-Inspektor war froh und ärgerlich auf einmal. War es denn wirklich notwendig, daß Sigrid aus diesem Anlaß ein richtiges Reitkostüm bekam? Seine Frau erklärte ganz einfach, das sei selbstverständlich. Man muß mit den Wölfen heulen, wenn man sich einmal unter sie begibt — oder gleich zu Hause bleiben.

Als Sigrid in ihrem Bett lag, kam die Mutter ins Zimmer und setzte sich zu ihr: »Paß gut auf, was ich dir sage, Sigrid, und vergiß es nicht. Bei Tisch läßt du dir den Stuhl vom Diener zurechtrücken. Und du ißt nie sehr viel, das macht sich nicht gut, man glaubt sonst, daß du zu Hause nicht genug bekommst. Es gibt sicher eine Menge Obst in den Treibhäusern, davon ißt du eben zwischendurch. Und außerdem ist Dick-Sein nicht fein. Das Haar läßt du dir von der Kammerjungfer bürsten, und sie soll auch deine Nägel in Ordnung bringen. Wenn du einen Riß im Kleid hast, so brauchst du ihr nur zu klingeln, zeig aber nie, daß es dir unangenehm ist. Sei höflich mit den Dienstboten, vergiß aber nicht, Distanz zu halten. Wenn du dich zu viel mit ihnen abgibst, so spucken sie dir gleich auf den Kopf. Ich lege dir ein Notizbuch in den Koffer, und du schreibst jeden Tag auf, was ihr besonders Feines zu essen bekommen habt. Es ist immer gut, wenn man bei seinen Gesellschaften etwas Neues auftischen kann. Wenn die Gräfin dich fragt, ob du nicht auf Klinteborg bleiben möchtest, dann gerate nur nicht gleich in Verzückung, sondern sag ganz ruhig, daß du erst mit deinen Eltern sprechen mußt. Sei nicht zu laut, das macht sich nicht gut, halte dich aber auch nicht zu sehr im Hintergrund, sonst hält man dich für eine Landpomeranze. Und vergiß nur ja nicht…«

Mehr konnte Sigrid nicht hören, denn nun schlief sie bereits tief und fest.

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Valborg schlug ein paar Purzelbäume und spazierte nachher auf den Händen durchs Zimmer: »Hurra, ich soll auf ein richtiges Schloß!«

Und dann mußte sie ein richtiges Schloß zeichnen, denn die kleinen Geschwister wollten auch wissen, wie so was aussieht. Als sie aber hörten, daß der Graf und die Gräfin nicht mit einer Goldkrone auf dem Haupt herumgingen und daß sie nicht auf Thronstühlen saßen, waren sie etwas enttäuscht. Denn sie fanden, das gehört nun mal zu einem Schloß. Valborg gab ihnen ihr heiligstes Ehrenwort, daß sie ihnen alle Süßigkeiten mitbringen würde, die sie dort bekäme, und auch den Nachtisch, falls er sich in die Tasche stecken ließ. Sie sollten jedenfalls was zu kosten bekommen.

Ihre Mutter sagte: »Du lieber Himmel, jetzt müssen wir dir doch die Haare waschen. Und wir werden wohl auch eine eigene Haarbürste besorgen müssen, du kannst bei den feinen Leuten doch nicht so struppig aussehen!«

Als ihr Vater nach Hause kam und die große Neuigkeit erfuhr, war er sofort Feuer und Flamme: »Das ist ja großartig! So was hab’ ich mir mein Lebtag gewünscht. Das ist mal was anderes, als immer und ewig auf den Friedhof gehen und das Gejammer der Leute anhören. Mann kann ja nicht einmal ein kleines Liedchen vor sich hinsummen, gleich kommen sie gelaufen und sagen, man nimmt nicht Rücksicht genug auf ihre Trauer. Sprich doch mal mit dem Grafen, ob er nicht eine passende Beschäftigung für einen kräftigen Mann mit Frau und neun Kindern hat. Ich wäre sicher ein großartiger Diener — und ein noch großartigerer Kutscher. Ich habe doch schon so viel mit Pferden zu tun gehabt. Übrigens könnte ich auch die Oberaufsicht über die Meierei übernehmen. Ich kenne mich da gut aus, denn ich bin nach der Konfirmation ein halbes Jahr lang mit dem Milchwagen gefahren, da muß ich doch was davon verstehen. Und dann kündige ich hier sofort. Es ist ja so gesund für die Kinder auf dem Land. Was meinst du, Mutter?«

Valborgs Mutter strahlte: »Herrgott, wenn wir wirklich aufs Land kommen könnten! Und die Kinder hätten jeden Tag frische Milch und Eier und richtige Butter!«

Valborg legte dem Vater die Hände auf die Schultern: »Ich werde mich bestimmt nach etwas umsehen, Vater. Aber nicht wahr, du versprichst mir dafür, daß du nicht kündigst, ehe ich etwas Sicheres gefunden habe. Sonst geht es so wie letztes Mal, als wir drei Monate lang kein Dach über dem Kopf hatten und bei allen möglichen Leuten herumwohnen mußten. Na, gemütlich war das gerade nicht…«

»Ja, ja, ich warte natürlich, aber du mußt es auch nicht zu langsam machen. Und sag dem Grafen, daß er auf der ganzen Welt keinen Mann finden kann, der sich so auf Uhren versteht wie ich. Und wenn er mir eine Uhr gibt, aus der man schon das ganze Werk herausgenommen und auf den Mist geworfen hat, ich bring’ die Uhr in vierundzwanzig Stunden wieder zum Gehen. Das macht mir keiner so bald nach.«

Valborgs Mutter unterbrach ihn: »Hör mal, Valborg, vielleicht benehmen die auf dem Schloß sich ganz anders, als man sich bei uns benimmt. Da mußt du Augen und Ohren aufmachen und dich immer nach den andern richten. Du hast es sicher bald heraus!«

Valborgs Vater setzte hinzu: »Das will ich meinen. Sie ist doch meine Tochter!«

Großvater

Bibi war zwar begeistert, daß Großmutter ihr erlaubt hatte, die Verschworenen für den Rest der Ferien einzuladen. Trotzdem war ihr nicht ganz wohl dabei zumute. Wer weiß, ob die Verschworenen nicht doch gar zu wenig Ahnung hatten, was sich auf einem Schloß gehört. Simson würde sich dann an seinem Änrichtetisch in die Lippen beißen, um nicht zu lachen, und Großmutter würde in ihren Teller hineinstarren oder rasch von etwas anderem sprechen. Peinlich.

Vielleicht wäre es gut, Valborg gleich zu sagen, daß sie hier nicht in der Nase bohren, sich nicht am Kopf kratzen und nicht schnupfen dürfe, wenn sie ihr Taschentuch vergessen hatte. Oder sollte sie lieber Großmutter darauf vorbereiten, daß) Valborgs Vater nur ein Totengräber war und daß sie acht Geschwister hatte und eine kranke Mutter? Wenn Großmutter aber dann ihre strenge Miene aufsetzte, wie sie es manchmal tat, und wenn die Kammerjungfer herausprustete, was sich allerdings absolut nicht gehörte? Ach, es war so schwer, sich zu entscheiden. Und die Verschworenen würden sicher kichern, wenn jemand aus dem Dorf sie die »kleine Komtesse« nannte; sie würden das für ungeheuer hochnäsig halten, besonders Ulla, die einen so gerne lächerlich machte. Wenn sie davon zu Hause in der Schule erzählten, würde es einen Heidenspektakel geben. Na, sie sollten sich nur unterstehen! Was aber, wenn Großmutter bemerkte, daß Anne-Charlotte tausendmal wohlerzogener war als Bibi? Und wenn sie dann was darüber sagte, hatten die andern erst recht was zum Klatschen und Tratschen.

Herrgott, und da hatte sie nun alle die Einladungen weggeschickt…

Sie dachte eben nie erst nach, ehe sie handelte, auch wenn sie sich die größte Mühe gab, es ging einfach nicht. Und daher kam alles Unglück. Die Worte flogen ihr förmlich aus dem Mund, ohne daß sie es merkte. Und sie konnte nie warten. Paps sagte, man müsse alles erst überschlafen, und da hatte er wirklich recht. Wenn es einem aber auch beim besten Willen nicht gelang?

Und Sigrid war so ein Leckermaul. Sie konnte nicht durch das Speisezimmer an der Obstschüssel vorbeigehen, ohne heimlich was in der Tasche verschwinden zu lassen. Wenn Sigrid sich auch auf Klinteborg so benahm! Schauderhaft. Und dabei traute Bibi sich nicht, mit ihr darüber zu sprechen; Sigrid würde sicher beleidigt sein und auf der Stelle abreisen wollen. Wenn nur Ole hier wäre! Dann brauchte man sich über nichts in der Welt mehr den Kopf zu zerbrechen. Er wußte immer auf der Stelle, was zu tun war und was nicht.

Plötzlich wurde Bibi puterrot. Es fiel ihr nämlich was ganz anderes ein. Am letzten Abend hatte sie Ole gesagt, daß er keine Erfindungen mehr zu machen brauche, wenn ihr einmal Klinteborg gehöre; dann könne er tun, was ihm gerade einfalle, und so viel Geld verbrauchen, wie er wolle. Da hatte Ole aber einen Blick auf sie geworfen, der wirkte wie ein Nasenstüber: »Also, eines sage ich dir, Bibi. Als dein Anhängsel brauchst du mich nicht zu betrachten. Wenn ich eine Frau habe, so werde ich schon selbst für sie sorgen. Verstanden? Und wenn ich mich darin schicke, ein armer Mann zu sein, so muß meine Frau sich auch dreinfinden, sonst kann sie mir gleich den Buckel runterrutschen.«

Was Paps wohl zu Mama gesagt haben mochte, damals, als sie mit ihm durchbrannte? Vielleicht hatte er ganz ähnlich gesprochen wie Ole. Und Bibi war plötzlich, als verwandelte sie sich in ihre Mama — — wie mag das gewesen sein: Vor ihrem Fenster ertönte das verabredete Signal, und das war Paps, und wenn sie nun nicht kam, so fuhr er davon in die weite, weite Welt, ohne sie je wiederzusehen oder ihr auch nur ein Wort zu schreiben…

Zu dumm, daß alles immer so kompliziert war. Bibi wollte doch so wahnsinnig gern Klinteborg behalten. So ein großes, herrliches Schloß mit einem See und Treibhäusern und Erdbeeren mitten im Winter und Dienern vorn und hinten! Wenn aber Ole nichts davon wissen wollte? Was dann? Was dann?

Und nun wurde Bibi zum zweitenmal puterrot, obwohl sie doch mutterseelenallein in ihrem Turmzimmerchen stand. Sie hatte nämlich Großmutter erzählt, daß Sigrids Vater Polizei-inspektor war und Ullas Vater Stadtarzt, er brauchte nur ein Wort zu sagen, und alle Schulen wurden gesperrt. Sie hatte auch davon gesprochen, daß Anne-Charlottes Vater Pastor war. Nur Valborg hatte sie überhaupt nicht erwähnt. Und als Großvater einmal fragte: Wer ist denn die kleine Valborg, die du so gern hast? — da hatte sie nur rasch gesagt, daß Valborg die Beste in der Klasse sei, sie brauche nur einen Blick auf eine Rechenaufgabe zu werfen, und dann sei sie auch schon gelöst. Wenn Valborg aber nun vielleicht mit zwei ungleichen Strümpfen kam oder mit einem karierten Flicken auf einem gestreiften Kleid? Bibi spürte, wie ihr das Blut immer mehr zu Kopf stieg, gleich mußte es ihr aus Nase und Mund rinnen. Sie wußte sehr genau, warum. Und das war das Allerschlimmste. Denn sie schämte sich ja gar nicht für Valborg, ach wo, keine Spur, sie schämte sich ganz allein für sich selbst, weil ihr ihre beste und liebste Freundin mit einemmal nicht fein genug war…

Bibi stand am Fenster und sah in den Park hinaus. Im Gras unten leuchteten süße kleine Glühwürmchen. Und hinter ihr an der Wand hingen alle Bilder von Mama, die sahen jetzt auf sie herunter und wußten, was für eine sie war. Nein, es war nicht auszuhalten.

Und Bibi ging zu der Wand, riß mit einem Ruck das allerschönste Bild von Mama — das mit dem gestickten Tüllschal und den großen Perlenohrringen — herunter, um es umzudrehen. Und dann drehte sie auch alle die andern um. Aber auch das half nicht das kleinste bißchen.

Nichts konnte da überhaupt mehr helfen. Nichts.

Bibi stand in dem kleinen dunklen Zimmer, und plötzlich hörte sie, daß jemand sagte: So eine Dreckseele. Und das war sie selbst, die das gesagt hatte. Und sie hatte sich selbst gemeint. Dann ging sie hin und her wie ein gefangenes Raubtier.

Es war auch nur dumm und gemein, Mamas Bilder an der Wand umzudrehen. Mama konnte doch nichts dafür. Wie kam sie dazu…

Was war da zu machen? Licht andrehen und an Paps schreiben? Nein. Dann würde Paps nur furchtbar traurig sein. Er tat doch wahrhaftig, was er konnte, um einen anständigen Menschen aus ihr zu machen. Und es war nicht seine Schuld, daß sie so geworden war. Wenn sie aber nun zu Bett ging, so konnte sie unmöglich schlafen. Und die ganze lange Nacht wach liegen und die Eulen schreien hören, nein, nein, nur das nicht…

Bibi hatte schon begonnen sich auszukleiden. Aber es half nichts, es half alles nichts. Ihr war ganz so, als hätte sie einen Ring um den Arm, und an dem Ring war ein Strick, an dem jemand zog und zerrte. Es nützte gar nichts zu widerstreben. Und weinen konnte sie auch nicht. Das hätte so wohlgetan.

Nein, es blieb ihr nichts anderes übrig — sie mußte nachgeben, wenn sich auch alles in ihr noch so sehr dagegen sträubte.

Bibi öffnet die Tür, sie hat ganz vergessen, daß sie die Schuhe ausgezogen hat. Sie geht so leise, daß sie die eigenen Schritte nicht hört. Die Treppe hinunter, durch die große Halle, durch das grüne Kabinett, wo Mama in Lebensgröße gemalt steht, durch das Gartenzimmer und den Speisesaal und über den Korridor in Großmutters Boudoir. Dort bleibt sie stehen und lauscht. Alles ist still, nur im See unten hört sie die Karpfen aus dem Wasser schnellen. Sie öffnet die Tür, ohne anzuklopfen, und geht auf Großmutters Bett zu. Man muß erst die langen Seidenvorhänge zur Seite schieben, Großmutter liegt eigentlich wie in einem eigenen Zimmer mitten im Zimmer. Großmutter schläft, und Bibi bringt es nicht übers Herz, sie zu wecken. Da hört sie aber jemand seufzen. Und dieser Seufzer geht ihr durch Mark und Bein.

Die großen Türflügel zu Großvaters Schlafzimmer stehen weit offen. War das Großvater, der im Schlaf geseufzt hat, oder war es Cäsar?

Da spürt sie Cäsars Schnauze auf ihrer Hand, und Großvater sagt sehr leise: »Ist jemand da?«

Bibi läuft hinein zu ihm und schlingt die Arme um seinen Hals: »Ach, Großvater, ich kann es einfach nicht aushalten!«

Großvater streichelt ihr die Wange: »So sag doch, Bibi, was du nicht aushalten kannst!«

»Nein, nein, das kann ich nicht sagen. Es ist so häßlich und so gemein… Ich kann es nicht aussprechen, du wirst mich dann gar nicht mehr liebhaben können. Ach, Großvater, ich wollte, ich wäre schon lange tot…«

»Aber, aber! Geh mal hin und schließ die Tür, damit wir Großmutter nicht wecken. Und dann reden wir weiter darüber.« .

Bibi tut, was er sagt, und fühlt dabei mit einemmal, daß er ihr helfen wird, obwohl sie doch noch gar nichts gesagt hat. Dann setzt sie sich auf sein Bett, paßt aber gut auf, daß sie nicht an seine kranken Beine kommt. Und nun übersprudeln sich ihre Worte wie Wasser im Rinnstein bei einem schrecklichen Gewitter.

Sie erzählt Großvater alles von Valborg und von sich selbst und was für abscheuliche Gedanken sie gehabt hat: »Ach, Großvater, was macht man nur, wenn einem solche Gedanken kommen, obwohl man sie doch gar nicht denken will? Man kann sich nicht dagegen wehren, sie kommen ganz von selbst. Was macht man nur?«

Großvater schweigt erst eine Weile. Er streicht ihr nur immer wieder über Haar und Wange. Dann zieht er sie dicht an sich heran: »Du kannst dir gar nicht denken, Bibi, wie wohl mir dein Vertrauen tut. Und ich will auch versuchen, dir zu helfen. Ich bin alt und muß vielleicht bald fort von euch allen, aber nun fällt es mir nicht mehr so schwer. Erst heute nacht habe ich dich wirklich kennengelernt. Alles, was du gesagt hast, bleibt von jetzt an in mir, und niemand anders braucht davon zu erfahren. Jetzt denk nicht länger daran, sondern geh hinauf und schlafe. Erst mußt du aber Mamas Bilder wieder umdrehen und jedem einen Kuß geben, dann ist alles wieder gut. Denn weißt du, Bibi, es steckt sehr vielerlei in uns Menschen, Gutes und Böses, es kommt auch gar nicht darauf an, ganz fehlerlos zu sein. Man muß nur ernstlich versuchen, so gut zu sein, wie man kann, mehr darf niemand von einem verlangen. Und wenn deine liebe Mama nicht zufällig auf Klinteborg geboren wäre, so kämst du gar nicht auf die Idee, dir über Valborgs Manieren den Kopf zu zerbrechen. Deine Manieren waren doch schließlich auch nicht immer auf der Höhe. Natürlich hast du recht, wenn du dich jetzt schämst, und schön war es auch wirklich nicht, daß du deine Freundin verleugnet hast. Es war nicht nur nicht schön, sondern auch dumm. Wer weiß, ob nicht einmal der Tag kommt, an dem du noch viel ärmer bist als Valborg. Jedenfalls ist es gut, daß du mir das alles erzählt hast, denn nun werde ich dafür Sorge tragen, daß Großmutter morgen an ihre Schränke geht, damit Valborg einen schönen Geburtstag nachfeiern kann. Und du kannst auch mit Großmutter nach Odense fahren und deiner Freundin die notwendigen Kleider kaufen. Dann aber, Bibi, wollen wir nie mehr über die Sache reden. Man soll nämlich nicht allzuviel über so etwas sprechen. Sonst verfällt man gar zu leicht der Versuchung, sich von allen seinen Sünden und Fehlern freizureden. Mit Beichten allein ist noch nicht alles getan. Du mußt in Zukunft ganz allein die Verantwortung für dich übernehmen. Auch wenn es dir noch so schwer fällt. Denn nur so kannst du lernen, ein anderes Mal dich nicht so gehen zu lassen.«

Kurz darauf huschte eine kleine Gestalt auf weichen Söckchen durch das große Schloß, die Treppen hinauf. Die Bilder wurden alle rasch noch umgedreht, dann warf Bibi ihre Kleider ab und sprang ins Bett.

Fünf Briefe von einem Schloß

Liebe Eltern!

Ich fand es schon ein bißchen sehr merkwürdig, daß wir nicht vierspännig abgeholt wurden, wie Mutter doch vorausgesagt hatte, und als wir auf das Schloß kamen, empfing uns nur die Gräfin, denn der Graf ist nicht gesund. Er hat lahme Beine und Bleichsucht. Ich erwartete natürlich, daß die Kammerzofe kommen und meine Sachen auspacken würde, aber nein, nicht einmal ein ganz gewöhnliches Stubenmädchen kam oder ein Diener, und ich mußte alles allein machen, so wie in jedem andern Haus. Gar so großartig ist es also nicht. Unbegreiflich ist mir auch, wieso Valborg das Zimmer mit dem vergoldeten Bett und den Spitzengardinen bekommen hat. Ulla und ich haben ein Zimmer zusammen. Es ist zwar ganz annehmbar, aber doch nicht zu vergleichen mit einem Zimmer im Hotel Angleterre in Kopenhagen, und fließendes warmes Wasser hat es auch nicht. Ich möchte überhaupt wissen, warum Valborg und Anne-Charlotte jede ihr eigenes Zimmer haben, und Ulla und ich nicht. Bibi macht überhaupt so ein Getu mit Valborg, als ob Armut ein besonderes Verdienst wäre. Da muß ich Euch überhaupt noch was Merkwürdiges erzählen. Ihr habt doch selbst gesehen, wie Valborg zur Bahn kam, sie hatte nur eine Pappschachtel für ihren Kram. Wie wir nun das erstemal im Speisezimmer versammelt sind, wer kommt da in einem süßen geblümten Seidenkleid? Fräulein Valborg! Und mit Halbstrümpfen aus Seide und mit Lackschuhen, vor denen meine sich verstecken können, obwohl sie doch von unserem besten Schuster sind. Nun frage ich Euch, woher hat sie das alles? Nicht, daß ich es ihr nicht gönnte, aber es gehört sich doch nicht, sich bei der ersten besten Gelegenheit so herauszuputzen. Sicher hat ihr das alles die Gräfin geschenkt, denn Bibis Vater hat es ja auch nicht so dick, daß er anderer Leute Kinder wie Prinzessinnen ausstatten kann. Sie natürlich hat nicht ein Wort darüber gesagt, obwohl wir doch ihre Freundinnen sind. Und bei Tisch sitzt sie neben dem Grafen und Anne-Charlotte neben Bibi und Bibi neben ihrer Großmutter, so daß die letzten Plätze für mich und Ulla übrigbleiben.

Das Essen ist sehr gut, aber wir bekommen nur Suppe, Fleisch, Gemüse und Nachspeise und dazu nicht einmal Fingerschalen. Ich sah mich sehr verwundert um, und als die Gräfin fragte, was ich denn suche, sagte ich: »Ach, nur die Fingerschalen.« Und da kam auch schon der Diener mit einer Fingerschale für mich allein, aber das war mir gar nicht angenehm, und die andern blinzelten einander an. Das Frühstück wird uns auf das Zimmer gebracht und besteht nur aus Kaffee und Gebäck und einem weichen Ei. Dafür braucht man wohl nicht auf einen Herrenhof zu fahren. Wißt Ihr, ich glaube, die Leute hier sind entweder schauderhaft arm, so wie feine Adelige eben arm sind, oder unglaublich geizig. Den einen Diener, er heißt Simson, kann ich nicht ausstehen. Er bläht sich auf, als gehöre ihm das Ganze. Die Kammerjungfer Emilie frisiert nur die Gräfin und denkt nicht einmal daran, ob auch wir was brauchen könnten.

Gestern fragte man uns, ob wir gerne reiten möchten. Ich raste auf mein Zimmer und zog meinen neuen Reitanzug an, als ich aber wieder hinunter kam, lächelte die Gräfin geradezu beleidigend. »Aber liebes Kind«, sagte sie, »du wirst dich doch nicht so herausputzen, um die Pferde in die Schwemme zu reiten!« Und da waren es gar keine richtigen Reitpferde (Bibi natürlich hat eines, was hat sie schon nicht) sondern ganz schäbige Arbeitspferde. Nicht einmal mit Sattel oder dergleichen. Von jetzt an werde ich mich schönstens bedanken, wenn man mich fragt, ob ich reiten will.

Wir haben wahnsinnig viel zu tun, um unseren Zigeunerwagen instandzusetzen. Bibi will ihn ganz frisch anstreichen, und nun wollen wir auf den Dachboden hinauf, um uns Möbel zu suchen. Die Treibhäuser sind fabelhaft und kosten sicher viele Tausende im Jahr. Ich dachte erst, wir könnten pflücken, soviel uns Spaß macht, aber weit gefehlt, der Gärtnerbursche ging uns nicht von der Seite, und alles, was wir bekamen, war ein armseliger Pfirsich pro Kopf. Und dabei gab es Pfirsiche, Aprikosen und Melonen in Hülle und Fülle. Nur die Bananen waren noch nicht ganz reif.

Bibi ist mit den Dienstboten ein Herz und eine Seele. Gestern spazierte sie Arm in Arm mit einem Stallknecht durch den Garten. Ihr würdet Augen machen! Und dabei nimmt niemand Anstoß daran. Na, sie hat ja auch nur zur Hälfte blaues Blut, und wenn sie einmal heiratet, dann ist sie eben ganz einfach eine geborene Stensen und hat nicht einmal eine fünfzackige Krone auf ihren Tischtüchern. Wenn wir die richtigen Möbel gefunden haben, sollen wir in den Zugeunerwagen übersiedeln und dort bleiben, außer wenn besonders schlechtes Wetter ist. Die Gräfin hat immer dieselben Perlen um den Hals, echt werden sie wohl sein, aber so groß wie Haselnüsse sind sie nicht, keine Spur, höchstens wie Erbsen. Und das Seidenkleid, das sie bei Tisch trägt, ist sicher schon ein paar Jahre alt. Vormittags hat sie immer dasselbe häßliche graue Musselinkleid an. Ich schreibe bald wieder.

Tausend Grüße

Eure dankbare Tochter

Sigrid

P.S. Ihr erzählt selbstverständlich keiner Menschenseele, was ich von dem Zimmer, den Fingerschalen und den Pferden geschrieben habe. Sagt nur allen Leuten, daß ich alle Tage ausreite, das ist ja schließlich auch wahr, denn wenn ich wollte, könnte ich es. Übrigens bin ich gar nicht ungern hier, und wir unterhalten uns großartig.

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Liebste Eltern!

Das Schloß liegt mitten in einem großen See, und wenn ich im Bett liege, muß ich immer denken, was geschieht, wenn es in diesem See versinkt wie die Inseln im Stillen Ozean, von denen wir voriges Jahr in der Zeitung gelesen haben. Es gibt hier so viele Zimmer, daß man den Faden der Ariadne brauchen könnte, um sich nicht zu verirren. Und Bilder in Lebensgröße. Ich habe den Grafen und die Gräfin sehr gern. Er sitzt mit Gummirädern bei Tisch, in einem Rollstuhl nämlich, aber wenn er in den Park hinaus will, müssen Jan und Martin ihn in einem Krankenwägelchen hinausfahren, und Jan läßt nicht zu, daß jemand anders es tut. Er ist sicher sehr treu. Cäsar, das ist der Hund, ist auch treu, bei einem Hund ist das viel selbstverständlicher als bei einem Menschen. Es ist furchtbar lieb von Bibi, daß sie uns alle hierher eingeladen hat, und ich gebe mir sehr viel Mühe, mich so gut zu benehmen, wie Ihr es wünscht. Meine Gedichte habe ich noch nicht aufgesagt, aber ich habe zwei neue gedichtet, eines heißt »Das Schloß« und das andere »Der alte Graf und sein getreuer Diener«. Bibi findet sie geradezu druckreif, ich muß sie jetzt nur auf schönes Papier schreiben, dann stecke ich sie in einen Briefumschlag mit der Adresse des Grafen, und er bekommt sie zum Frühstück. Hier ist alles so fein, das Tischtuch fühlt sich an wie Seide, und die Servietten könnte man als Kaffeedecken brauchen, so groß sind sie. Ich habe ein ganz reizendes Zimmer mit Aussicht über hundertjährige Bäume und duftende Rosen und ein Labyrinth, das nur aus Hecken besteht und in dem man sich trotzdem verirren kann. Über das werde ich auch noch ein Gedicht machen.

Ich habe auch nicht vergessen, meine Kleider ordentlich an die Haken zu hängen, aber ein bißchen zerdrückt waren sie doch. Tags darauf waren sie jedoch plötzlich wieder wunderbar glatt geplättet, die Kammerjungfer hatte sich ihrer angenommen, das war doch nett von ihr. Ich freue mich auch so über ein Geheimnis, das Valborg mir anvertraut hat, Ihr dürft es aber auch wirklich nicht weitererzählen. Als sie nämlich zum erstenmal auf ihr Zimmer kam (sie wohnt wie eine richtige Prinzessin, und das ist gut, weil sie es doch für gewöhnlich gar nicht sehr schön hat) und als sie den Kleiderschrank aufmachte, siehe, da hingen drei Kleider, eines hübscher als das andere. Und darunter stand ein hellgelber Lederkoffer mit zwei Fächern. Und wißt ihr, was alles in dem Koffer war? Drei Hemdhosen und drei Nachthemden, alles aus einem ganz feinen Stoff, ich glaube, er heißt Linon, und Seidenstrümpfe und Florstrümpfe und Lackschuhe und Straßenschuhe mit Gummisohlen und Gott weiß was noch. Ja richtig, ein Regenmantel war auch dabei, so dünn, daß man durch ihn durchsehen konnte, und alle möglichen Toilettesachen. Und außerdem eine Karte von Bibis Großmutter, das alles sei ein etwas verspätetes Geburtstagsgeschenk.

Ich bin so gerne hier und wünsche nur, daß ich Bibi zum Dank dafür einmal etwas ungeheuer Liebes erweisen könnte. Jetzt muß ich aber Schluß machen, denn sie hämmern alle wie wild an meine Tür, wir wollen nämlich auf den Dachboden hinauf, um Möbel für unsern Zigeunerwagen zu suchen. Die Küche erinnert an eine unterirdische Burg, dort haben früher sicher einmal einsame Mönche gehaust. Der Graf ist sehr krank. Er ist so blaß. Aber er ist ja auch schon sehr alt, da ist es ganz natürlich, wenn er bald stirbt. Leid tun wird es mir trotzdem. Sogar sehr.

Viele Grüße und Küsse an meine Geschwister, und seid selbst innigst umarmt von Eurer

Anne-Charlotte

Ich habe meine Bernsteinkette zerrissen, aber Simson (er sieht aus wie ein richtiger Herr, obwohl er nur ein Diener ist) half mir, alle Perlen wieder zusammenzusuchen, und dann zogen wir sie auf eine neue Schnur, die erst mit Wachs geschmiert wurde. Das Frühstück bringt man uns auf einem silbernen Tablett, und der Graf läßt Euch vielmals grüßen.

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Liebste Eltern,

ich habe meine Armbanduhr und meine Füllfeder vergessen,

bitte schickt mir beides schnell nach. Es geht mir gut. Hier ist es sehr lustig. Ich schreibe bald wieder. Tausend Grüße

Ulla

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Teures Elternpaar, geliebte

Per, Tot, Putte, Ette, Luf, Mille, Kalle, Klat.

Hurra, hurra! Euer Michel auf einem Schloß (Nr. 1 meiner Künstlerzeichnungen).

Es ist nicht auszudenken. Die Zugbrücken werden herabgelassen, in feierlichem Zug werden wir ins Schloß geleitet (Nr. 2). Michel hat bei Tisch den Ehrenplatz (Nr. 3). Nicht schmatzen, Michel.

Ogottogott! Und dabei auf allem eine Krone, von Nr. 4 bis Nr. 5. Ja richtig, Puttelut, du darfst nicht vergessen, Klat mindestens dreimal des nachts aufs Töpfchen zu setzen. Ich habe oft die größte Lust, etwas ganz Unmögliches zu sagen (Nr. 6), denn ich werde hier so fein, viel zu fein, sanft und edel wie Hermelin.

Die Seidengardinen sind rot wie Nasenblut. Und dann das goldene Bett (Nr. 7)! Stellt Euch das alle mal vor: Michel schläft in einem goldenen Bett.

Machen wir mal ein wenig den Schrank auf (Nr. 8). Ja was hängt denn da? Wem gehört denn das alles? Und das Wasser zum Waschen duftet wie das reinste Odekolonje.

Mit mir wird man überhaupt nicht mehr verkehren können, wenn ich nachhause komme. Ich stelle mich dann auf die oberste Treppenstufe und sehe den ganzen Tag nur auf Euch hinab (Nr. 9).

Draußen ist ein Burggraben und ein Park — Garten heißt nämlich auf gräflich Park. Und Schwäne (Nr. 10). Die Halskette (Nr. 11) ist ein Geschenk der Gräfin. Die ist wirklich ein guter Kerl. Wenn nur nicht so viele Mücken hier wären. So was sollte gesetzlich verboten sein. Also das Fenster zu! Und dann rein in die Federn. Das wird ein Götterschlaf.

Vergeßt nur ja nicht, Putte, Mille und Klat einen Löffel Wurmpulver zu geben. Steckt ihnen auch ein Stückchen Kandiszucker in den Mund, dann machen sie keine Geschichten.

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Morgen, meine Herrschaften. Das war gar nicht so schlecht geschlafen. Habt Ihr mich nicht schnarchen gehört? Bin beinahe selber davon aufgewacht.

Und dann erscheint das gnädige Fräulein Stubenmädchen tipptopp vom Kopf bis zu den Zehen mit einem silbernen Tablett und allem, was das Herz begehrt (Nr. 12). Ein bißchen weniger Silber täte es auch, mir ist wichtiger, wieviel Futter darauf ist. Ich kann ja morgens auch zehn frische Brötchen in mich hineinstopfen. Mit Leichtigkeit.

Michel im königlichen Bademantel (Nr. 13).

Michel schreitet ins Bad.

Herrgott, ist das eine Menge Wasser. Genug, um Per, Tot, Putte, Ette, Luf, Mille, Kalle und Klat den ganzen Dreck runterzuwaschen. Brrr, erst schwitzte ich ja vor Angst, als ich in die Badewanne stieg (Nr. 14). Ich dachte mir: Du lieber Himmel, die kochen ja eine Suppe aus mir! Aber so arg war es dann doch nicht. Dann erschien das gnädige Fräulein Stubenmädchen mit einem Frottierhandtuch, das war so groß wie ein doppeltes Laken, und darauf waren neun winzige Pünktchen auf neun winzigen Stengeln, ganz wie Stecknadeln in einem Nadelkissen — unsere Grafenkrone!!! (Nr. 15).

Hallo, was ist denn das? Es donnert ja durchs ganze Schloß. Krieg im Land? Die Sturmglocken läuten (Nr. 16). Ja, ja, ich komme schon. Mittagessen. (Auf gräflich heißt das Löntsch.)

Wenn Tot die Grütze nicht anbrennen läßt (Nr. 17) und keinen Kamm hineinwirft, bekommt er etwas Herrliches mitbegracht. Wenn die Grütze aber trotzdem anbrennt, dann rasch in einen anderen Topf mit ihr und viel Zimt darauf, dann schmeckt man es nicht.

Wir trinken Tee in einem kleinen Häuschen im Park (Nr. 18) und nachmittags reiten wir die Pferde in die Schwemme. Und ich schwöre Euch, jedes Pferd hat neun Zacken an der gewissen Stelle, an der Klat die Keile nicht kriegt, die er manchmal braucht (Nr. 19). Solche neun Zacken möchtet Ihr wohl auch, nicht wahr?

N Hier hätten wir alle miteinander ganz wunderbar Platz. Vater könnte vormittags die Uhren aufziehen (Nr. 20) und nachmittags die Goldfische füttern. Ich bin übrigens entschlossen, nur noch französisch zu sprechen, wenn ich im Schlaf rede. Und wenn die Kammerjungfer meine schönen Locken eben gestriegelt hat, sehe ich ganz aus wie ein Seelöwe, der gerade aus dem Wasser taucht.

Euer ganz verrückter und glückseliger

Michel

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Geliebter Papsepaps,

eigentlich ist es schändlich, nun habe ich schon drei Briefe nacheinander von dir bekommen und du inzwischen keinen einzigen von mir. Aber wir haben eben so wahnsinnig viel zu tun von morgens bis abends, und heute überhaupt, da standen wir schon um fünf auf. Was sagst du dazu? Bist du schon einmal um fünf aufgestanden? Es wird großartig, denn wir hatten das Glück auf dem Boden oben die Kiste mit den bunten Lampions zu finden, als wir die Möbel für unseren Zigeunerwagen suchten. Der ist überhaupt pikfein und hochnobel. Außen Blumen, die ich gemalt habe, denn die andern können ja keinen Strich zeichnen, bis auf Valborg ein bißchen. Innen von Sigrid tapeziert mit einer Tapete, die sicher aus Italien oder Spanien stammt. Lauter Pfauen, die die Schwänze ineinander schlingen wie Riesenblätter im Urwald. Den Kleister machte sie sich selbst aus Mehl und Wasser, eine Art Pfannkuchenteig, aber natürlich ohne Milch und Ei. Auf dem Boden oben standen so viele Möbel, daß man ein vierstöckiges Haus damit einrichten könnte. Man brauchte so einen Stuhl aber nur anzurühren, so streckte er auch schon alle Viere von sich, denn er war ganz von den Würmern zerfressen. Und der Brokat war so zerschlissen wie auf dem Stuhl, auf dem Petersil am Anfang immer lag. Und außerdem war jedes einzelne Stück so ungeheuer groß, daß wir mindestens zwei Lokomotiven gebraucht hätten, um es hinunter zu transportieren. So suchten wir uns also die allerkleinsten Betten aus. Zwei an jede Wand und eines quer in die Mitte, dort wo die Zageuner ihre Küche hatten. Dann war höchstens noch Platz für das Trapez und einen Schaukelstuhl, in den wir uns abwechselnd hineinwerfen. Was sollten wir denn auch mit vergoldeten Spiegeln und Kristallüstern. Und wir fanden Kleider, die, wie Sigrid behauptet, sicher schon vierhundert Jahre alt waren. So mit langen, spitzen Leibchen tief in den Bauch hinein und mit Fischbein rund herum, und dann wieder welche mit Krinolinen oder mit kilometerlangen Schleppen. Aber was ich außerdem noch fand, will ich nicht sagen, denn das ist eine Überraschung. In einer großen Kiste mit gewölbtem Deckel, in der viele Schachteln lagen.

Als ich aber auf die Kiste mit den vielen bunten Lampions stieß, da sagte ich sofort: Kinder, eine famose Idee. Wir überraschen Großvater mit einem Gartenfest. Na, die andern waren gleich Feuer und Flamme. Wenn der Zeiger auf halb zwölf steht, muß ich aufhören, denn wir haben ja noch mordsmäßig viel zu tun. Martin und Sören und zwei von den Knechten hängen die Lampions im Heckenlabyrinth, um den Burggraben herum und an den Bäumen auf. Ich selbst war ganz oben auf der Blutbuche, um alle die Schlittenschellen anzubringen, die ich in der Sattelkammer gefunden habe. Einige sind aus purem Silber. Valborg und Ulla haben aus einem Boot eine richtige Gondel gemacht, ganz wie in Venedig, und die venezianische Signora (Anne-Charlotte) muß auf seidenen Kissen darin liegen und dem Gesang des Gondoliere lauschen. Sigrid singt zwar nicht sehr gut, aber Anne-Charlotte kann ja selbst singen und sich gleichzeitig in den Gesang des Gondoliere verlieben, das wird schon gehen. Wir machen einen riesigen Scheiterhaufen, dabei hilft uns der Gärtner, und Ulla kommt als Wahrsagerin, ganz in Lumpen und mit verstellter Stimme. Valborg ist wieder ein Neger, so wie bei dem Tierfest, und sie muß steppen, denn so was hat Großvater ja noch nie gesehen.

Wir haben auch schon ein richtiges Mittagessen für Großvater und Großmutter gegeben, drei Gänge: Karottensuppe, Zwiebelsauce und Kartoffeln, alles auf dem offenen Feuer gekocht. Und dann noch rote Grütze aus selbstgesammelten Beeren. Großvater hat uns sein Ehrenwort gegeben, daß er sich mit geschlossenen Augen zu dem Gartenfest fahren läßt, sonst ist es ja keine richtige Überraschung. Nun kommt aber das allerschönste, das tiefe Geheimnis, Großmutter hat versprochen, nichts zu verraten. In der Kiste mit dem gewölbten Deckel liegen ein paar so süße liebe Kleider, daß du gleich wissen wirst, wem sie gehört haben. Die Kammerjungfer wird mir nachher so schnell wie möglich das Haar so stecken, wie Mama es auf dem Bild im Gartenzimmer trägt. Großmutter leiht mir den Schmuck, ich ziehe eines von den Kleidern an und stehe dann da in bengalischer Beleuchtung. Na, was sagst du dazu? Ich fürchte nur, daß Großvater vor Freude und Überraschung der Schlag treffen könnte. Großmutter behauptet zwar, daß wir gesünder für ihn sind als sieben Ärzte. Und obwohl er sich gar nicht bewegen kann, finde ich auch, daß es ihm ganz gut geht. Nur manchmal fühlt er sich immer noch recht elend.

Ja richtig, dafs ich es nicht vergesse, vorgestern war die ganze Dorfschule hier zu Schokolade eingeladen, die Lehrer auch, und da erzählten wir ihnen vom Tierschutz und nun wollen sie auch einen Verein gründen mit richtigen Abzeichen. Und der eine Lehrer will jede Woche eine Stunde lang darüber sprechen, daß man die Tiere gut behandeln soll, du kannst Gift darauf nehmen, in kurzer Zeit gibt es keine Tierquälerei mehr in ganz Dänemark. Ist aber auch höchste Zeit! Und ich werde mich einmal hinsetzen und denen in Spanien mit ihren Stierkämpfen meine Meinung schreiben, das werden sich die nicht hinter den Spiegel stecken. Und kein Vereinsmitglied darf nach Spanien, wenn es dort auch noch so schön und wunderbar ist.

Ich habe Großvater ganz furchtbar lieb und Großmutter auch, aber noch hunderttausend millionenmal mehr liebe ich meinen süßen, einzigen Paps.

Bibi.

Der alte Graf erzählt

Bei dem Gartenfest war Großvater so vergnügt wie überhaupt noch nie seit dem schrecklichen Sturz in der Tatra. Es nützte nichts, daß Großmutter immer wieder daran erinnerte, es sei Zeit, zu Bett zu gehen. »Mein Gott, heute abend feiern wir doch ein Fest. Und wer weiß, ob es nicht mein letztes ist…«

Und Jan mußte neue Holzscheite für das Feuer unter der alten Blutbuche herbeischaffen.

»Großvater, könntest du uns nicht irgend etwas furchtbar Spannendes erzählen? Etwas von Klinteborg, als du noch ein Junge warst, oder von Gespenstern und so? Es wäre so herrlich, gerade jetzt. Sei so lieb und mach uns die Freude! — Wirklich, du willst? Das ist ja großartig!«

Großmutter packte das Plaid so fest um Großvaters Beine, daß es ihm schließlich zuviel wurde. »Laß sein. Ich bin doch kein Wickelkind! Mit Gespenstergeschichten kann ich übrigens nicht aufwarten, darauf habe ich mich meiner Lebtag nicht verstanden. Aber ich möchte euch erzählen, wie ich einmal nach dem Schatz aus dem Dreißigjährigen Krieg gegraben habe. Wollt ihr das hören?«

Und ob sie wollten! Man rückte noch näher um das Feuer zusammen, das an dem milden und windstillen Abend leise vor sich hinknisterte, und der alte Graf begann:

»Ich weiß nicht, ob Bibi euch einmal von der Sage erzählt hat, die in der Gegend umgeht. Ein Eigentümer von Schloß Klinteborg soll einmal einen großen Goldschatz hier vergraben haben. Und zwar im Dreißigjährigen Krieg.«

»1618 bis 1648«, tönte es im Chor.

»Sehr brav. Ihr habt eure Geschichte gut gelernt. Nun, wie solche Sagen eigentlich entstehen, weiß kein Mensch. Kann sein, daß einer manchmal so etwas erfindet, um sich interessant zu machen: kann aber auch sein, daß etwas Wahres dran ist. Als ich noch ein Junge war, spielte die Sage von dem Goldschatz jedenfalls eine große Rolle in meiner Phantasie, und ich war fest davon überzeugt, daß eigentlich ich dazu bestimmt sei, den Schatz zu heben.

Nun wohnte bei uns im Dorf ein alter, krummbeiniger Schneider, von dem das Gerücht ging, daß er hellsichtig sei. Er machte auch gern Andeutungen, daß er mehr wisse als gewöhnliche Sterbliche. Auf ihn stürzten wir Jungens uns also, ich und meine Vettern nämlich. Erst tat er furchtbar geheimnisvoll, aber bald hatten wir heraus, daß er nur bestochen sein wollte. Am liebsten hatte er die Tabaksreste, die man aus Pfeifen auskratzt, ja, er zog sie jedem anständigen Tabak bei weitem vor. Er bekam, was er wollte, und vertraute uns dann an, daß er eigentlich im Bunde mit dem Teufel sei und jede Neujahrsnacht einen Wink bekomme, wo der oder jener Schatz vergraben liege. Dann zeigte sich ihm nämlich ein bestimmtes, merkwürdiges Licht, das aber außer ihm niemand sehen konnte. Da er aber leider im Dorf wohnte, konnte er das Licht, wenn es sich in der Nähe des Schlosses zeigte, zwar sehen, aber nicht genau angeben, wo es gewesen war. Denn wenn er auch, so rasch ihn seine Beine trugen, zum Schloßhof hinauflief, so war das Licht eben immer schon vorher verschwunden. Diese Geschichte war also nicht sehr aussichtsreich für uns. Da wir uns aber bereits daran gewöhnt hatten, ihm durch allerhand Geschenke das Gedächtnis zu stärken, wenn er nicht herausrücken wollte, machte der Schneider bald darauf Andeutungen, das Licht sei ihm wieder im Traum erschienen, und zwar mitten im Burggraben.

Wir Knaben quälten nun meinen Vater, er möge doch den Burggraben austrocknen lassen. Er aber wollte von solchen Sachen nichts hören. Wir warteten daher, bis die Eltern einmal ins Ausland reisten und wir den Hof für uns hatten. Da machten wir uns dann eines Tages selber daran, das Wasser abzudämmen, so daß der Graben entwässert wurde. Wie aber zu erwarten, kam dabei bloß eine Unmenge Schlamm zum Vorschein. Indes, solche kleinen Hindernisse stören einen richtigen Jungen nicht weiter. Wir zogen also Wasserstiefel an, die uns bis an den Bauch gingen, und wateten hinein. Ich erinnere mich noch genau an den Gestank, der uns dabei so heftig in Mund und Nase drang, daß wir kaum atmen konnten. Und dann stampften wir in dem Schlamm herum. Ja, wir stampften wirklich. Denn wir wollten doch die Stelle finden, an der es hohl unter den Füßen klang. Wie es nun kam, weiß ich nicht — wahrscheinlich hatten wir nicht sorgfältig genug gearbeitet —, jedenfalls sahen wir auf einmal, daß das Wasser den Damm durchbrach, und ehe wir nur den Mund aufmachen konnten, strömten die Fluten auf uns ein. Das kalte Bad allein hätte uns ja nichts geschadet, aber die langen Wasserstiefel waren im selben Augenblick mit Wasser und Schlamm gefüllt und zogen uns hinab. Wir zappelten und schrien und konnten gerade noch im letzten Augenblick gerettet werden.

Natürlich hatten wir keine schlechte Wut auf den Schneider, der uns so in die Tinte gebracht hatte. Deshalb schwuren wir ihm ewige Feindschaft, wenn er uns nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden vollen Schadenersatz leisten würde. Der arme Mann wußte nicht aus noch ein und bat um eine Woche Aufschub. Im Laufe dieser Woche wollte er versuchen, sich noch einmal mit dem Teufel in Verbindung zu setzen.

Und nun kommt etwas, was eigentlich ganz unglaublich klingt, was aber nichtsdestoweniger wahr ist. Der Mann braute irgendeinen Höllentrank aus Wermut, Pfefferminz, Thymian und Gott weiß was noch. Und in das Ganze kam dann noch ein Glas Met und eine tüchtige Portion Schnaps. Wir sollten jeder vor dem Schlafengehen ein Glas trinken, dann würde der Teufel uns im Laufe der Nacht zeigen, wo der Schatz vergraben lag. Aber wir mußten uns auch merken, was wir träumten, das war unsere Sache. Wenn wir es vergaßen, dann auf eigene Verantwortung. Wir tranken also das kochendheiße Gebräu und kamen gleich darauf nicht einmal mehr dazu, die Kleider abzulegen, sondern schliefen sofort auf unseren Betten ein. Ich weiß nur noch, daß ich in der Sekunde, ehe ich das Bewußtsein verlor, mit ungeheurer Anstrengung an den Traum dachte, auf den ich wartete. Gleich darauf sah ich auch schon auf der kleinen Anhöhe im Park ein Lichtpünktchen, nicht größer als von einem brennenden Zündholz. Ich erwachte spät am Morgen mit scheußlichen Kopfschmerzen. Als aber meine Vettern ebenfalls die Wirkung des Teufelstranks überstanden hatten, stellte es sich heraus, daß jeder von ihnen denselben Traum oder dasselbe Gesicht gehabt hatte wie ich. Das klingt unwahrscheinlich, ist aber trotzdem so.

Wenn mein Vater zu Hause gewesen wäre, so hätte er uns sicher an dem Unfug gehindert. So aber waren wir allein und begannen sofort, auf jener Anhöhe draufloszugraben. Die nassen Baumwurzeln machten es uns fast unmöglich, tiefer in die Erde einzudringen. Trotzdem gaben wir die mühevolle Arbeit nicht auf. Wir waren so gespannt auf das Resultat, daß wir uns nicht einmal die Zeit nahmen, ins Bett zu gehen, sondern in der Dunkelheit bei Kerzenlicht weiterarbeiteten. Und das ging so ein paar Tage lang.

Wir mochten schon eine ganze Wagenladung Erde ausgegraben haben, und auch ein paar Bäume waren uns bereits zum Opfer gefallen. Da hatten wir das Pech, daß mein Vater um eine ganze Woche früher als erwartet und unangemeldet nach Hause kam. Nun war guter Rat teuer. Vater war sehr streng, und es konnte leicht was absetzen. Es galt also vor allem einmal, Vaters Aufmerksamkeit vom Park abzulenken, um weiter in Ruhe und Frieden nach unserem Schatz suchen zu können. Wie sollte man aber Vater vom Park fernhalten? Da er bei jedem Brand immer an der Spitze der Löschmannschaft zu finden war, so hätte uns ein kleines Gewitter vielleicht helfen können. Leider blieb der Himmel klar: kein Wölkchen war weit und breit zu sehen. Aber eine Feuersbrunst brauchten wir, und zwar innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden, wenn mein Vater unsere Untat im Park nicht entdecken sollte. Die ersten zwölf Stunden nach seiner Rückkehr würde er sicher damit verbringen, die Stallgebäude und Felder zu inspizieren. Da zogen wir denn das Los, wer von uns diese Feuersbrunst anlegen sollte. Und das Los zog unglückseligerweise ich.

Es ist kein Spaß, einen richtigen Brand zu verursachen. Man kann für dieses Vergnügen leicht ins Zuchthaus kommen. Nun wollte ich natürlich auch nicht ein Haus in Flammen setzen, in dem Menschen oder Tiere wohnten. Es galt also, eine unbewohnte Kate oder eine verlassene Mühle zu finden.

Wir schlichen, als mein Vater uns schon längst friedlich schlummernd in unseren Betten vermutete, über die Felder zu einer alten Windmühle, die zwar noch in Gebrauch stand, aber nicht mehr bewohnt wurde. Wir schleppten Stroh und Heu herbei, und als alles bereit war, mußte nur noch das Feuer gelegt werden. Dabei war zu befürchten, daß es so schnell aufflackern könnte, daß die Leute es merkten, ehe wir noch zu Hause waren. Und das durfte natürlich nicht sein. Ich stellte deshalb eine Kerze in einem Flaschenhals mitten in das Stroh hinein und raste dann, so schnell ich konnte, davon.

Kurz darauf läuteten auch richtig die Sturmglocken, und wir hörten bei unseren Ausgrabungen im Park, wie die Leute ausrückten. Ich hörte auch die kräftige Stimme meines Vaters, als er rief: ›Wo sind denn die Jungen? Sie können doch jetzt nicht einfach schlafen!‹

Diesen Augenblick werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Es überlief mich kalt. Aber nun blieb eben nichts anderes übrig, als aus Leibeskräften weiterzugraben. Wir rechneten damit, daß das Löschen noch Stunden dauern und daß Vater auch am nächsten Tag noch vollauf mit der Geschichte zu tun haben werde. Inzwischen galt es, das Ziel zu erreichen und den Schatz zu finden. Wir gruben und gruben wie wild. Schließlich gaben die andern es auf.

›Ich kann nicht mehr!‹

›Du mußt!‹

›Und du hast mir nichts zu befehlen!‹

Es endigte mit einem Handgemenge. Gleich darauf aber gruben wir unverdrossen weiter. Und dann plötzlich kam einer der schönsten Augenblicke meines Lebens, trotz allem, was dann später folgte! Ich merkte, daß es unter meinem Spaten hohl klang. ›Halt! Halt!‹ Und dann lagen wir drei auch schon auf den Knien. Von nun an wühlten wir nur mehr mit den Händen.

Um es kurz zu sagen: Wir hatten wirklich einen ›Schatz‹ gefunden. Es war zwar nicht der Goldschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg, aber ein ungewöhnlich herrlicher Fund aus der Bronzezeit. Der Goldschatz war vergessen. Was kümmerte uns Jungen auch schon der Wert des Geldes. Und wie wir nun bei einer kleinen Blendlaterne Ringe, Speerspitzen und Beile aus der Erde ausgruben, kamen wir uns vor wie mächtige Feldherren, die eben eine Schlacht gewonnen hatten.

Da sagte plötzlich mein Vetter Holger: ›Wieviel Uhr ist es eigentlich?‹

Ich greife nach meiner Uhr — sie war fort! Dabei wußte ich bestimmt, daß ich sie aus meinem Zimmer mitgenommen hatte. Wo war sie also? Wo?

Plötzlich durchzuckt mich ein Gedanke: In der Mühle! Ja natürlich, nun erinnerte ich mich genau, daß ich während unseres Treibens dort wiederholt auf die Uhr sah: ich muß sie dann irgendwohin gelegt und schließlich vergessen haben.

Ach, ich Idiot! Jetzt mußte die Uhr ja alles verraten! Ich war mit einemmal sehr kleinlaut geworden. Schließlich warfen wir Erde auf unseren Bronzeschatz und schlichen in unsere Betten.

Am nächsten Morgen sagte mein Vater beim Frühstück: ›Seid ihr aber Siebenschläfer! Ihr hättet sonst heute nacht beim Löschen helfen können. Unsere alte Mühle ist nämlich abgebrannt, aber ihr habt ja so fest geschlafen, daß man euch gar nicht wachtrommeln konnte.‹

Wir legten großes Interesse für den Brand an den Tag, plötzlich aber hörte ich meinen Vater sagen: ›Den armen Teufel wird das sicher ins Zuchthaus bringen.‹

›Wie? Was? Was sagst du da?‹ Und wenn es mein Leben galt, ich hätte die Frage nicht zurückhalten können.

›Das Feuer ist doch von einem Landstreicher angelegt worden, der inzwischen in Ruhe einbrechen wollte. Glücklicherweise erwischten wir ihn, ehe er noch Schlimmeres anrichtete. Vorläufig leugnet er noch. Aber es gibt ja Indizien. Bis zum Abend hat er sicher gestanden.‹

Also meine Uhr war bis jetzt nicht gefunden worden. Ich konnte noch rasch in die Mühle hinüber und sie suchen. War sie verbrannt, war alles gut. Fand ich sie, dann um so besser. Auf meine Vettern konnte ich mich verlassen. Die Versuchung war ungeheuer. Wenn der Vagabund nicht gestand, durfte man ihn nicht strafen. Aber sollte ich von nun an mein Leben lang mit dem Bewußtsein herumgehen, daß ich einen Unschuldigen in falschen Verdacht gebracht hatte? Der Kampf war hart, schließlich siegte doch mein besseres Ich. Ich ging zu meinem Vater, klopfte an und — — Ja, Kinder, das ist zwar schon sehr lange her, aber trotzdem muß ich euch bitten, mir diesen Teil meiner Erzählung zu ersparen. Vater stellte mich ganz einfach vor die Wahl, entweder sofort und für immer aus seinen Augen zu verschwinden oder mich selbst bei dem Gemeindevorstand als Brandstifter zu melden.«

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Die Verschworenen hatten vor Spannung und Erregung den Atem angehalten, nun keuchten sie ordentlich, als der Großvater schwieg.

Er lächelte: »Ich bin ja meinem Vater für Vieles Dank schuldig. Aber für nichts danke ich ihm bis heute so schr, als daß er mich gezwungen hat, ganz allein die Folgen meiner Tat auf mich zu nehmen. So entsetzlich es auch für mich war. Ich erwachte erst vorige Woche in Schweiß gebadet, weil ich wieder einmal geträumt hatte, ich stehe vor der Tür des Gemeindevorstands, die Klinke in der Hand. Mir war ja damals, als könne ich die Schande nicht überleben.

Und nachdem ich mein Geständnis abgelegt hatte, wurde ich in das Arrestlokal geführt, wo ich noch einmal dem armen Landstreicher alles beichten mußte. Daß Vater ihn für das Unrecht, das er erlitten hatte, reichlich entschädigte, brauche ich wohl kaum zu sagen. Als aber das alles überstanden war, war Vater wieder versöhnt. Und sooft wir später Gäste hatten, zeigte er voll Stolz das Diplom, das mir vom Altnordischen Museum für meinen seltenen Fund verliehen wurde.

Jetzt könnte aber noch ein Gläschen Wein nichts schaden, und dann geht es, marsch marsch, ins Bett, alle miteinander!«

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Jan, der treue Diener, hat schon längst, von Cäsar begleitet, seinen Herrn über die Brücke gefahren, und schon längst sind alle Lichter im Schloß erloschen. Die Verschworenen aber können sich immer noch nicht von dem Lagerfeuer trennen, in dem die letzten Gluten schwelen.

Sie reden kein Wort. Sie sind ganz gegen ihre Gewohnheit in Gedanken versunken. Wenn man in sie hineinschauen könnte, würde man sehen, daß sie alle fünf an dasselbe denken: an den schweren Gang, den der fünfzehnjährige Junge machen mußte, um sich als Brandstifter zu melden.

Endlich unterbricht Anne-Charlotte das Schweigen: »Ich hätte nie den Mut aufgebracht, mich zu melden. Ich wäre auf der Stelle tot umgefallen.«

Dann sitzen sie wieder lange ganz still, bis Sigrid sagt, als spreche sie zu sich selbst: »Wo wohl der Goldschatz vergraben liegt?«

Da ist der schwere Gang des Jungen vergessen. Der Goldschatz lockt wie eine blendende Sonne. Der Goldschatz! Vielleicht eine ganze Million!

Bibi steht auf. Sie ist ganz heiser vor Erregung: »Wollen wir schwören, daß wir nicht ruhen werden, bis der Schatz gefunden ist? Daß wir nicht Speise und Trank zu uns nehmen, daß wir nicht eher schlafen wollen?«

Von der Blutbuche oben ließ sich ein ganz, ganz zartes Klingen vernehmen — die Schlittenschellen.

»Hört ihr! Ein Omen! Wollt ihr also schwören?«

Valborg reckt sich gähnend auf: »Ihr erinnert euch doch an die spanische Königin, die ein Gelübde ablegte, daß sie ihr Hemd nicht wechseln wolle, ehe das Land von den Ketzern gereinigt sei. Das meinethalben. Und ich würde, wenn man es verlangt, mich auch nicht waschen. Aber hungern und dürsten — könnte mir einfallen! Und meinen Schlaf gebe ich auch nicht her, da könnt ihr wachen, solange ihr Lust habt.«

Die andern waren alle der gleichen Ansicht, und Bibi wurde überstimmt.

»Na, in Gottes Namen. Aber schwört wenigstens, daß weder Lebende noch Tote, nicht Fisch noch Vogel, nicht Tier noch Mensch ahnen dürfen, was wir vorhaben. Das ist die erste Bedingung, das weiß ich aus einem alten Zauberbuch.«

Der Schwur wurde abgelegt, alle hoben die richtige Hand. Und gerade als Bibi zum Abschluß sagte: »Amen! Amen! Amen! Schatz! Schatz! Schatz!« flog eine Fledermaus so dicht über ihre Köpfe weg, daß sie den Luftzug spürten wie einen leichten Atem.

Auch das war ein Omen.

Und ehe man auseinanderging, einigte man sich noch darauf, daß man auf die nächsten Träume aufpassen wollte. Obgleich man nicht den Teufelstrank des alten Schneiders im Leibe hatte, sondern nur ein Gläschen Wein.

Bibi lügt

Natürlich ist es unfein zu lügen. Direkt abscheulich. Aber manchmal kommt man eben ohne eine kleine Notlüge nicht aus. Die Verschworenen begannen den neuen Tag sogar mit einer recht großen Lüge. Bibi erklärte nämlich ihren Großeltern, daß sie den ganzen Nachmittag in Feld und Wald nach Pilzen suchen wollten. »Ihr braucht euch nicht zu ängstigen, wenn wir ein bißchen spät kommen. Denn wenn man viele Schwämme findet, ist es so eklig, wenn man mitten drin aufhören muß.«

Dem alten Grafen wollte der Plan nicht recht gefallen: »Das Wetter sieht zu bedenklich aus. Es ist nicht unmöglich, daß ihr im Wald von einem Gewitter überrascht werdet, und wie ihr wißt, ziehen die hohen Bäume den Blitz an.«

Aber Bibi versprach, rechtzeitig nach Hause zu kommen, ehe das Gewitter sie erwischt hätte. Schlimmstenfalls würden sie bei dem Förster Unterschlupf finden. Und Großmutter meinte auch, daß die Wolken sich zerstreuen würden, wenn sie einmal über den Mühlenhügel kämen. Schwere Gewitter gab es nämlich selten auf Klinteborg. Ja, sie schenkte den Verschworenen sogar noch eine große Schachtel Schokolade für unterwegs, damit sie nur ja nicht vor lauter Hunger am Ende an Fliegenpilze gerieten.

Das alte Paar hatte sich nach dem Essen kaum zur Ruhe bezeben, als die Expedition auch schon loszog. Sie vermuteten, daß der Schatz aus dem Dreißigjährigen Krieg nicht wie der Fund aus der Bronzezeit außerhalb des Schlosses sondern im Schloß selbst vergraben sei. Da sowohl das Küchenpersonal als auch die übrige Dienerschaft nach dem Essen eine Stunde Ruhe hatten, gab es jetzt keine Gefahr. Nur Cäsar kam herangetrottet. Als er sah, wer da war, sing er gleich wieder zu seinem schlafenden Herrn zurück. Bibi hatte sich mit einer kleinen Laterne versehen, die sie in der Sattelkammer gefunden hatte. Es steckte eine winzige Petroleumlampe drin, die auch beim ärgsten Sturm nicht ausgehen konnte. Bibi zündete sie sofort an. Anne-Charlotte hatte noch schnell ihr Notizbuch und einen Bleistift zu sich gesteckt, um unterwegs ihre Eindrücke niederzuschreiben.

Ehe man in die Küche ging, verlangte Sigrid plötzlich, man solle ihr schriftlich bestätigen, daß ein Fünftel des Schatzes auf sie kommen werde. Bibi fand jedoch, daß ihr Wort allein genügen müsse.

In der Küche selbst wollte man gar nicht erst suchen. So verrückt ist doch niemand, daß er an einer so belebten Stelle einen Schatz versteckt. Aber die Vorratskammern und die Keller, die wollte man einer genaueren Besichtigung unterziehen. Die Küche war so ordentlich und sauber. Wenn hier jemals ein Schatz gesteckt hätte, so hätte man ihn schon längst gefunden.

Bibi ordnete als Anführerin an, daß jeder eine Feuerzange oder eine Eisenstange mitzunehmen habe. Denn man mußte doch mit etwas Festem klopfen, um zu hören, wo es hohl klang.

»Sollen wir nicht lieber auch ein Seil mitnehmen?« meinte sie dann noch: denn sie erinnerte sich, wie nützlich ein Seil damals in der Tatra gewesen wäre. Da die andern vier sie aber auslachten, gab sie den Gedanken wieder auf.

In den Kellergewölben unten war es feucht und dumpf wie in einer Gruft. Das Licht der Laterne warf lange, fledermausartige Schatten auf die Mauern, die vor Nässe troffen, so daß die Steine, auf denen man ging, glatt und rutschig waren.

Anne-Charlotte quietschte jeden Augenblick auf. In Gedanken war sie mitten in ihrem spannenden Roman aus dem Dreißigjährigen Krieg. Man beklopfte alle Wände mit den Eisenstangen. Es klang ganz ähnlich wie zu Hause im Winter, wenn die alten Männer auf der Straße das Eis aufhacken, damit man sich nicht die Beine bricht. Aber nirgends klang es hohl.

Da fiel Ulla ein, daß die Geheimtreppe, die wie ein Pfropfenzieher hinter der Bibliothek im Turm steckte, sicher irgendwohin nach unten führen müsse. Und nun erinnerte sich auch Bibi, daß Großmutter ihr erzählt hatte, sie pflege vor Auslandsreisen das ganze Silber immer in ein heimliches Gewölbe schaffen zu lassen, dessen Zugang bloß Eingeweihte kannten.

Sie gingen also wieder nach oben und schlichen sich durch die Bibliothek, wobei man wieder einen Augenblick durch den neugierigen Cäsar gestört wurde. Dann öffneten sie die unsichtbare Tür in der Täfelung zu der Treppe in der Mauer. Richtig, sie führte hinunter. Bibi zählte 31 Stufen, das Gewölbe lag also bedeutend tiefer als die Küche, in die bloß fünfzehn Stufen führten. Es war groß, schön und trocken, und das Ganze sah aus wie ein aufgespannter Regenschirm. Sogar eine Säule hatte es in der Mitte — genau wie der Stock des aufgespannten Schirms. Ein paar große, bauchige Truhen mit Schlössern, in denen der Schlüssel steckte, standen herum. Sie waren leer. Nur in einer lag irgendein verrostetes eisernes Ding, das aussah wie der Schlüssel einer alten Uhr. Außerdem war noch ein riesiger Eichenschrank vorhanden, aber auch der war leer.

Während die fünf Verschworenen möglichst leise und vorsichtig herumgingen, damit oben nur ja niemand etwas Böses ahnen sollte, dachte Anne-Charlotte einzig und allein an ihren Roman: Der Held, ein Ritter natürlich, hatte denselben Schnurrbart und Spitzbart wie die Herren in der Ahnengalerie. Er trug ein himmelblaues Samtwams mit Schwanenbesatz und hatte dunkelglühende Augen. Das Fräulein war von ihrem königlichen Vater gezwungen worden, ins Kloster zu gehen. Am Busen trug sie versteckt einen zweischneidigen Dolch, den sie sich ins Herz bohren wollte, wenn alle Hoffnung vergeblich schien…

Anne-Charlotte tastete zerstreut das Innere des Schranks ab, der so groß war, daß man bequem ein Bett in ihm hätte aufstellen können. Was war das nur für eine sonderbare Vertiefung? Sie zeigte sie Bibi, und diese stürzte sofort auf die eine Truhe zu, um den Uhrschlüssel zu holen. Richtig, er paßte! Sie drehte ihn um, daß es knirschte; die Rückseite des Schranks öffnete sich. Hurra! Hurra! Hinter ihr kam ein geheimer Gang zum Vorschein, der so niedrig war, dab man sich bücken mußte, um nicht mit dem Kopf oben anzustoßen.

Der Gang führte in ein weiteres Gewölbe, das aber viel niedriger war als das erste. Pfui, wie es hier stank! Nach verschimmeltem Brot, verschwitzten Kleidern und Katzendreck. Der Boden war wohl einmal mit roh behauenen Fliesen gepflastert gewesen, aber es hatte sich so viel verfaultes Stroh darauf angesammelt, daß man wie in einer weichen Masse herumwatete und den Steinboden kaum mehr spürte. Man mußte dabei sehr vorsichtig gehen, um nicht über alte Scherben, verrostete Ketten und lange eiserne Stangen zu stolpern, die in dem Stroh versteckt lagen.

Ulla schlug mit ihrer Eisenstange gegen den Boden. Alle horchen auf. Was ist das für ein hohler Ton? Und alle fünf werfen sich, ohne an die guten Kleider zu denken, auf die Erde und räumen den Schmutz zur Seite, um zu sehen, was darunter ist. Eine große Holzplatte kommt zum Vorschein. Sie ist mit schweren eisernen Schiffsnägeln beschlagen, und in der Mitte befindet sich ein Eisenring, so groß, daß man bequem den Kopf durchstecken könnte. Kein Zweifel, man steht vor der Falltür zu einem geheimen Raum.

Zunächst einmal versucht eine nach der andern, die Falltür zu heben. Aber die rührt sich überhaupt nicht. Entweder ist sie festgewachsen, oder sie ist zu schwer. So nahe dem Ziel und doch so fern! Bibi weint beinahe. Alle versuchen es auf einmal. Umsonst.

Da kommt Valborg auf eine gute Idee. Sie steckt eine der Eisenstangen durch den Ring und sagt: »Jetzt packt einmal alle an!«

Man spuckt in die Hände, und siehe da — — langsam, langsam gibt die Falltür allmählich nach. Aber bald sind die Kräfte der Verschworenen wieder erschöpft, und kaum hat man die Tür zur Hälfte geöffnet, so fällt sie mit einem Krach auch schon wieder zu. Bibi muß den Verschworenen einen heiligen Eid abnehmen, daß sie die Tür ganz aufbringen werden.

Aber das ist leichter gesagt als getan! Valborg spuckt zwar noch ein paarmal in die Hände und macht ihrer Begeisterung in den unmöglichsten Ausdrücken Luft, aber weiter als zur Hälfte geht die alberne Tür eben nicht auf. Auch dann nicht, als die übrigen Verschworenen, natürlich mit Ausnahme von Anne-Charlotte, einige herzhafte Redensarten beisteuern. Ob nun die Scharniere verrostet sind oder ob sich irgendwo altes Stroh dazwischengeklemmt hat: die Tür läßt sich nicht umlegen, sondern steht kerzengerade nach oben. Na, wenn schon! Man braucht ja nicht dranzustoßen!

Bibi legt sich flach auf die Erde. Ihr Bauch wird ganz kalt und naß, aber wer kümmert sich schon um solche Kleinigkeiten, wenn er einem Goldschatz auf der Spur ist. Sie leuchtet mit ihrer Stallaterne hinunter. Nein, keine Treppe und keine Strickleiter führen in den Abgrund, der sich vor ihr auftut. Nur noch ein zweiter Eisenring ist da, unter der Öffnung; an ihm hängen ein paar starke, eiserne Kettenglieder nach unten, und Bibi überzeugt sich mit enger Mühe davon, daß der Ring und das kurze Stück Kette fest sitzen und nicht reißen werden. Unten schimmert etwas, aber das scheint nur ihr eigenes Licht zu sein, das sich in einer Pfütze spiegelt. Und nun schießt etwas Lebendiges vorüber: eine Ratte! Davon sagt sie den andern lieber nichts. Sie schluckt ein paarmal hinunter — was immer hilft, wenn man sich ermannen will — und sagt mit trockener Kehle: »Ihr müßt mich als erste hinunterlassen. Darüber ist kein Wort zu verlieren.«

Den andern schaudert bei diesem Gedanken; sie wagen jedoch nicht zu widersprechen. »Wie willst du aber hinunterkommen? Wir haben doch kein Seil bei uns.«

»So, und wer hat denn gesagt, daß wir eins mitnehmen sollen? Da habt ihr mich ausgelacht!«

Es hilft nichts, Ulla muß zurück und in die Sattelkammer. Dort liegen riesige Rollen mit Stricken, für den Fall, daß es im Schlosse brennt. Sigrid will den Strick sofort an dem großen Eisenring befestigen.

»Bist du verrückt! Dann fällt die Falltür ja zu, sowie man sich dranhängt!« Und Bibi befestigt den Strick an der kurzen eisernen Kette. Dann sieht sie nach, ob der Strick auch bis auf den Grund hinunterreicht. Ja, es stimmt. Bibi ist teils wahnsinnig neugierig, teils furchtbar bange. Aber sie spielt ja immer gern die Heldenrolle. Als Anführer der Bande darf man absolut keine Furcht zeigen. Und so läßt sie sich denn vorsichtig hinabgleiten. An und für sich ist das ja keine Sache. Wie oft ist sie schon waghalsiger gewesen. Als sie aber plötzlich lauter fette Ratten unten herumrasen sieht, erschrickt sie so, daß sie die Beine hängen läßt und das letzte Stück an den Händen allein hinunterrutscht.

Dann steht sie in einer unheimlichen Höhle, die tief, tief unter dem Schloß liegt, sicher noch viel tiefer als der Grund des Sees. Es riecht so sonderbar nach Gas. Die Hände brennen, aber wenigstens ist die Haut nicht ganz abgeschunden.

Und nun folgen ihr die übrigen vier. Anne-Charlotte ist zumute, als sei ihr letztes Stündlein gekommen. In Gedanken schreibt sie Abschiedsbriefe nach Hause. Wie traurig, wenn nun alle in schwarzen Kleidern herumlaufen werden, weil ihre Anne-Charlotte kalt und starr im Sarg liegt!

Als letzte kommt Valborg mit der Laterne angesaust. Sie ist die einzige in der Schule, die es mit Bibi im Klettern aufnehmen kann. Bibi brüllt: »Paß auf die Falltür auf!«

Aber die Falltür steht offen. Man kann hinauf, wann es einem paßt.

In der Tiefe

Das Abenteuer hat so viele Kräfte in Anspruch genommen, daß man, um die Lebensgeister aufzufrischen, nach der Schokolade greifen muß. Sie verschwindet im Nu.

»Wenn wir nur auch ein Glas Wasser hätten!« Sonderbarerweise hatten sie alle fünf plötzlich furchtbaren Durst.

Anne-Charlotte weidet sich an ihrem eignen Gruseln. Hier war es ja genau wie in den Bleikammern von Venedig. Ihre Schwester hat nämlich ihre Hochzeitsreise nach Italien gemacht, und seither kennt Anne-Charlotte die Seufzerbrücke, den Dogenpalast, den Rat der Zehn und den Markusplatz mit den vielen Tauben, als wäre sie selber dort gewesen.

Zuerst halten sie alle fünf die Röcke zwischen die Beine geklemmt, wegen der Ratten. Aber dann vergessen sie es, denn es gibt jetzt Wichtigeres. Zuerst muß der patschnasse Boden genau untersucht werden, obgleich es fast unmöglich ist, nicht über die vielen spitzen und runden Steine zu stolpern.

Da hören die Verschworenen plötzlich ein sonderbar langes Poltern und Dröhnen, wie wenn ein schwerer Wagen über eine Brücke fährt. Sie heben den Kopf und rufen wie aus einem Mund: »Es donnert!«

Und Bibi setzt noch großartig hinzu: »Ach was! Das geht uns ja hier nichts an.«

Wenn Bibi geahnt hätte, was dieser Donner für Folgen haben sollte, hätte sie wohl anders gesprochen.

Die Luft war so dick und schwer, daß alle keuchten wie nach einem raschen Lauf. Und dazu noch der eklige säuerliche Geruch, der einen im Hals kitzelte, daß man sich ununterbrochen räuspern mußte.

Ein Donner folgte dem andern. Bibi seufzt ein wenig schuldbewußt: »Wenn nur Großvater sich nicht zu sehr um uns ängstigt… Nun aber los! Wir fangen mit dem Fußboden an und untersuchen erst später die Mauern!«

Anne-Charlotte klopft ein paarmal mit ihrer Eisenstange, dann gibt sie es auf: »Ich schauderhafte Kopfschmerzen. Die bekomme ich nämlich immer bei Gewitter, das liegt bi uns in der Familie.«

Valborg lacht: »Dann leg dich doch auf diese Daunendecke. Du kannst ja eine Ratte als Kissen unter den Kopf schieben, da wird dir sicher gleich besser.«

Anne-Charlotte zieht es jedoch vor, ein bißchen am Strick hochzuklettern. Sie hat die größte Lust, ganz auszurücken, aber das traut sie sich denn doch nicht.

»Wenn der Blitz nur nicht einschlägt!«

»Angsthase! Laß es blitzen, soviel es will. Was kümmert das uns!«

»Wenn aber der Blitz durch unseren Strick durchschlägt?«

»Quatsch nicht so. Der Blitz wird vom Wasser angezogen. Entweder schlägt er in dem Burggraben oder im Wald drüben ein. Außerdem gibt es auf allen vier Türmen Blitzableiter.«

Anne-Charlotte an ihrem Strick sucht trotz ihrer Kopfschmerzen angestrengt nach einem Reim auf »Ritterfräulein«. Sie will ein Gedicht über das edle Ritterfräulein machen, das seinen Ritter nicht bekommen kann, weil der böse Vater es nicht erlaubt. Aber er wagt sich in die Schlangengrube (»Schlangengrube« klingt so herrlich spannend und gruselig) und tötet mit eignen Händen den Riesendrachen, der den Schatz bewacht. Und dann die Hochzeit, zu der die Braut in einem goldgen Wagen kommt. Anne-Charlotte spürt genau den Reif, der auf ihrer Stirn lastet. Das ist die Brautkrone, und sie steht vor dem Altar mit dem Ritter in dem blauen Samtwams. Wenn sie doch nur einen Reim auf »Ritterfräulein« fände!

Sigrid springt unruhig hin und her. Immer glaubt sie, es klingt dort hohl, wo gerade die andern klopfen. Und sie möchte doch so gerne die Glückliche sein! Valborg singt in schauderhaften Mißtönen ein uraltes Lied von einer Feuersbrunst, das so merkwürdig ist, daß man immer wieder mit der Arbeit aussetzt, um zuzuhören. Nur Valborg selber klopft unverdrossen weiter. Sie ist gewohnt, gleichzeitig zu arbeiten und zu singen.

»Teufel noch mal…« Sie hat mit ihrer Stange Sigrids Fuß getroffen.

Mit Gekreisch fährt Sigrid auf sie los: »Das hast du absichtlich getan, du abscheuliche Kröte. Aber warte nur, du sollst was erleben!«

Und schon liegen sie sich in den Haaren, worauf Bibi dreimal mit ihrem Stab auf die Erde stößt, um sie zu trennen. Denn da sie der Großmeister des Ordens ist, haben alle ihrem leisesten Wink zu gehorchen: »Ihr haltet jetzt Frieden, und damit basta!«

Der Donner scheint immer näher zu kommen. Er klingt ganz anders als oben auf der Erde. Viel unheimlicher. Beinahe, als käme er von oben und unten zu gleicher Zeit.

»Puh, wie ich schwitze! Wenn es doch bloß einen Tropfen Trinkwasser hier gäbe!«

»Warum klettern wir nicht hinauf und warten, bis das dumme Gewitter vorüber ist. Man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen…«

»Nein, das geht nicht! Denn wenn uns jemand sieht, ist der ganze Spaß verdorben.«

Valborg singt wieder aus vollem Hals. Sie versucht, das Gewitter zu überschreien. Je ärger es donnert, desto stärker setzt sie ihren Gesang fort. Natürlich ist das Unsinn mit dem Schatz. Aber fein wäre es doch, wenn er zum Vorschein käme. Herrgott, was man da alles kaufen könnte! Sie sieht Klat bereits in einem Kinderwagen mit Gummirädern und Gardinen vor sich. Und Per in einem richtigen Pfadfinderanzug, obwohl er doch gar kein Pfadfinder ist. Ja, das Geld, das verflußfte Geld. Ach was, die Sonne hat man schließlich gratis, und Lachen kostet auch nicht viel.

Weiter kommt sie nicht in ihren Gedanken. Denn jetzt erfolgt ein so ohrenbetäubender Krach, daß sie meint, die Erde unter sich schwanken zu fühlen. Sie stößt einen leisen Schrei aus — und dann kommt noch ein Schlag, ganz anders als der erste: kurz, hart, entsetzlich.

Die Verschworenen halten unwillkürlich den Arm vor die Stirn, wie um ihn abzuwenden.

Die Falltür ist zugefallen. Man ist…

…lebendig begraben

Nicht Fisch noch Vogel, nicht Tier noch Mensch haben eine Ahnung davon, daß die Verschworenen hier unten sind, um den Goldschatz zu suchen!

Sonderbarerweise schreien sie nicht. Sie weinen nicht einmal. Sie sind einfach sprachlos. Wie fünf Salzsäulen starren sie sich in der unterirdischen Höhle, die nur notdürftig von Bibis kleiner Diebslaterne beleuchtet wird, an. Sie sind gefangen wie Ratten in einer Falle.

Valborg kommt als erste wieder zu sich: »Da soll doch der Donner… Jetzt heißt es, in die Hände spucken, und dann aber los! Sonst kriegen wir diese Falltür nie im Leben wieder auf.«

Anne-Charlotte spürt, wie ihr die Zunge im Mund zu einem toten Klumpen wird. »Lebendig begraben!« stößt sie stockend aus.

»Ach hör doch auf! Zerbrich dir lieber den Kopf, wie wir herauskommen. Denn selbstverständlich bringen wir, so oder so, die Falltür auf. Das fehlte ja noch! Fünf feste Kerle wie wir!«

»Ja, aber wie?« Das war Bibis Stimme.

Sigrid heult plötzlich los: »Ich will hinaus, ich will hinaus! Ich ersticke…«

»Unsinn! Nimm dich zusammen.«

Ulla klettert mit ihrer Eisenstange in der Hand das Tau hinauf. Als sie oben ist, hämmert sie heftig gegen die Tür. Es klingt wie Hammerschläge auf einem Schmiedeamboß — für die andern unten. Aber wer soll sie oben durch die dicke Falltür, durch die anderen Gewölbe und dann noch über einunddreißig Stufen hören?

Sigrid wird ganz wild. Sie fährt auf Bibi los: »Du bist schuld daran. Du hast uns heruntergelockt. Nun mußt du uns auch wieder heraushelfen!«

Da ballt Valborg die Fäuste und brüllt ihr in die Ohren: »Willst du wohl deine Schnauze halten, du feiges Biest! Immer nur die Schuld auf andere schieben! Wir waren, weiß Gott, alle dabei!«

Und Sigrid brummt beschämt: »Man wird doch noch den Mund aufmachen dürfen…«

»Nein, das darf man nicht, wenn man solche Gemeinheiten sagt.«

Es ist sehr schön von Valborg, daß sie sich Bibis annimmt. Aber Bibi fühd daß Sigrid nicht ganz unrecht hat. Denn schließlich hat doch sie den Vorschlag gemacht. Und sie hat den andern den Schwur abverlangt, daß weder Fisch noch Vogel, noch Mensch noch Tier…

Ulla poltert oben immer weiter. »Ich kann bald nicht mehr. Kommt herauf und helft mir!«

»Ach laß doch, Ulla, was soll denn das nützen. Man wird ja ganz irrsinnig von dem Lärm.«

»Wenn wir alle hinaufklettern und uns gegen die Falltür stemmen, vielleicht, daß dann…«

»Die Idee ist gar nicht so übel. Aber wie sollen wir uns oben festhalten und außerdem noch Platz für zehn Schultern finden?«

»Am besten ist, wir denken so lange nach, bis einer was Gescheites einfällt«, schlägt Bibi vor.

»Wenn wir aber nun — nie mehr hinaufkommen…«

»Du bist wohl übergeschnappt, Anne-Charlotte. Oder glaubst du, daß ich den Rest meines Lebens in diesem Rattenloch verbringen möchte? Nein, meine Liebe, da kennst du den Michel schlecht. Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß wir alle bald wieder unter Gottes freiem Himmel herumspazieren. Dann können wir damit protzen, daß wir lebendig begraben waren, so wie die ›eingemauerte Nonne‹ aus dem Sonntagsblättchen.«

Ulla rutscht ein Stück herunter. »Ich habe nicht ein bißchen Angst. Wirklich nicht. Die dumme Falltür werden wir doch aufbekommen, das wäre ja noch schöner.«

»Mit Gottes Hilfe und ein paar kräftigen Händen.«

Anne-Charlotte fühlt sich angesteckt von dem Riesenmut der andern: »Und wenn wir nicht nach Hause kommen, so wird man doch bestimmt nach uns suchen?«

»Da kannst du Gift drauf nehmen. Sie werden uns fünf doch nicht einfach im Stich lassen. Aber trotzdem wollen wir lieber selber nachdenken, wie Bibi so weise vorschlug.«

»Und was wird aus dem Schatz?«

»Der läuft uns einstweilen nicht davon. Zuerst heißt es, den ollen Deckel aufbekommen. Na, Bibi Stensen, wie hoch steht der Kurs für gute Ideen?«

»Meinst du nicht, daß sie uns sehr bald schon suchen werden?«

»Was fällt dir ein? Wir sind doch erst zwei Stunden hier, oder höchstens drei.«

»Hipp, hipp, hurra! Nun paßt mal alle auf! Der Michel hat eine Idee, die ihr Geld wert ist.«

Die Verschworenen scharen sich eiligst um Valborg und spitzen die Ohren.

»Also: Wir sind doch über eine geheime Treppe geschlichen. Stimmt’s oder stimmt’s nicht?«

Alle nicken.

»Dann sind wir in ein geheimes Gewölbe gekommen?«

Wiederum allgemeines Nicken.

»Dort stand ein Schrank; seine Hinterseite ließ sich öffnen, und wir kamen wieder in einen geheimen Gang. Stimmt doch alles, nicht?«

»Ja, ja, schon gut. Aber was soll das?«

»Augenblick! Der geheime Gang führte in ein zweites geheimes Gewölbe. Merkt ihr nicht, wie oft das Wort ›geheim‹ sich wiederholt? Es kommt gleich wieder. Auf dem Fußboden entdeckten wir eine geheime Falltür, die wieder in einen geheimen Salon mit Plüschmöbeln und Perserteppichen führte. Könnt ihr mir folgen?«

»Du willst uns wohl zum Narren halten!«

»Keine Spur. Ich enthülle nur langsam meine großartige Idee. Aber ihr seid wirklich mangelhaft begabt, wenn ihr noch immer nicht wißt, wo ich hinauswill.«

»So sprich doch schon endlich!«

»Mein Vater sagt immer, daß Idioten viel gefährlicher sind als Schurken. Ein dummer Mensch ist das Ärgste, was es auf der Welt gibt. Und ihr seid alle wie vernagelt. Also paßt mal auf: Nach allem, was ich gesagt habe, muß es selbstverständlich auch noch einen geheimen Gang geben, der aus diesem Rattennest wieder hinausführt. Wahrscheinlich mündet er irgendwo im Park…«

»Dann am ehesten unter der Blutbuche.«

»Oder auch im Labyrinth.«

»Das ist gehupft wie gesprungen. Hauptsache ist, daß wir den Ausgang überhaupt finden.«

»Wo glaubst du denn, daß der Gang beginnt?«

»Ein Narr fragt mehr, als zehn Weise beantworten können. Das müssen wir ja erst herausbekommen … Zuerst untersuchen wir einmal die Steine dieses herrlichen Fußbodens. Es ist doch auffällig, wie sie durcheinander liegen. Tanzen möchte ich hier gerade nicht.«

Anne-Charlotte streichelt Valborgs Arm: »Ich freue mich schon so, wenn ich Vater und Mutter schreiben kann, daß wir hier ganz richtig lebendig begraben waren…«

»Also in die Hände gespuckt und dann vorwärts! Wir brechen erst einen Stein nach dem andern los und untersuchen, was drunter ist.«

»Vielleicht finden wir dabei auch den Schatz.«

Valborgs Idee mag zwar gut sein, aber die Arbeit, die nun folgt, ist so hart, daß die Verschworenen vor Anstrengung keuchen und stöhnen.

Anne-Charlotte seufzt: »Ich weiß zwar, daß ihr mich verachten werdet, aber ich kann diese Steine nicht in die Hand nehmen. Es wird mir ganz übel.«

»Aber, aber, wer wird denn so zimperlich sein. Na meinetwegen, wir wollen Gnade vor Recht ergehen lassen. Anne-Charlotte ist die kleinste; sie wird hiermit von der Arbeit beurlaubt, dafür kannst du uns aber inzwischen was vorsingen.«

Anne-Charlotte klettert ein wenig an dem Strick empor. Und von oben singt sie für die müden Verschworenen: »Wenn der Nebel einst verschwunden, der die Erde nun bedeckt…«

»Aber ich bitte dich, wir sind doch nicht bei einem Begräbnis!«

Anne-Charlotte schweigt verlegen. Sie kennt von Zuhause nur Psalmen, es fällt ihr eben nichts anderes ein. »Dann vielleicht. Wundervolle Abendluft, süßer, zarter Sommerduft…«

»Das paßt wie die Faust aufs Auge. Sing doch lieber gleich: Süßer, zarter Rattenduft…«

»Schade, daß man sich nachher die Hände nicht abknöpfen kann. Ich möchte meine am liebsten im Waschtrog auskochen lassen. Nur ein Glück, daß wir keine Schokolade mehr haben. Ich würde jetzt um nichts in der Welt etwas mit meinen Fingern in den Mund stecken.«

»Ich kann nicht weiter. Mein Rücken bricht gleich durch.« ‘

»Dann setz dich eben hin und leg die Hände in den Schoß. Daumendrehen ist auch eine hübsche Beschäftigung. Und die lieben Steine wenden sich dabei selbstverständlich von selber um, und plötzlich liegt der heimliche Gang da — bitte sehr, hereinspaziert, meine Herrschaften.«

Bibi hat zwäg ebenfalls schon heftige Rückenschmerzen. Aber trotzdem bemerkt sie überlegen: »Ach was, die paar Steine. Ich könnte noch zehn Stunden so weiter arbeiten.«

»Findet ihr nicht auch, daß es merkwürdig dunkel wird! Was ist denn mit der Lampe los?«

Es ist so langsam gekommen, daß keine es bisher bemerkt hat. Kaum aber hat Sigrid darauf hingewiesen, so zucken sie alle zusammen. Bibi schüttelt die Laterne. Ihre Hände zittern. Nein, es ist auch nicht das leiseste Glucksen in dem Blechbehälter zu hören. Das Herz steht ihr still. Sie kann es nicht über die Lippen bringen. Das Licht geht bald aus. Auch das ist ihre Schuld. Warum hat sie bloß nicht daran gedacht, Petroleum nachzugießen!

Obwohl sie keine Silbe sagt, wissen doch alle plötzlich Bescheid. Sie starren verzweifelt auf das flackernde Flämmchen, das nicht größer werden will, wenn Bibi auch noch so viel schraubt und dreht. Der Docht kommt ganz hoch, nun brennt nur noch sein äußerster Rand. Und bald… sehr bald…

Valborg läuft ein Schauer über den Rücken. Sie sagt noch rasch: »Du, Bibi, leuchte doch mal die Höhle hier ab, ehe… ehe das Licht ausgeht. Vielleicht gibt es doch noch einen trockenen Fleck, wo man sitzen kann. Meine Beine wackeln schon von dem langen Stehen.«

Und Bibi wirft den letzten spärlichen Lichtschein vorsichtig durch das ganze Gewölbe. Aber wo die Steine nicht in und Schlamm vergraben liegen, sind sie mit grünlichem Schimmel überzogen.

Das Licht brennt kaum noch so hell wie ein Zündhölzchen. Sie stehen alle um Bibi gedrängt und halten den Atem an…

Dann blinzelt das Licht nur noch wie ein schläfriges Auge.

Im Dunkel

Obwohl das Licht sehr langsam ausgegangen ist, erfüllt das vollständige Dunkel die Verschworenen doch mit einem nie gekannten Grauen. Es ist ihnen, als wären sie plötzlich blind geworden. Das Dunkel ist undurchdringlich. Schwärzer als die Nacht. Schwärzer als Tinte. So schwarz kann es nur noch an einer Stelle in der Welt sein: im Grab.

Nun erst wird ihnen ihre Lage klar. Sigrid und Ulla rasen weinend und heulend herum. Sie hämmern mit den Fäusten gegen die Mauern. Anne-Charlotte preßt sich verzweifelt schluchzend an Bibi, der nun ebenfalls die Tränen über die Wangen rinnen.

Valborg steht abseits und nagt an ihren Fingerknöcheln. Sie will sich nicht verlorengeben. Nein, sie will nicht. Sie weiß ja zu Hause au immer Rat und Ausweg, wenn die kleinen Geschwister weinen. Sie tröstet die Mutter, wenn Schmalhans Küchenmeister ist und die Not an die Türen klopft. Auch jetzt will sie nicht der Angst unterliegen, die sie beinahe lähmt. »Nun, es hat doch alles sein Gutes. Jetzt sieht man wenig- stens Michels Sommersprossen nicht!« Aber das klingt doch etwas gepreßt.

Anne-Charlotte hängt an Bibis Hals, der schon ganz naß von ihren Tränen ist. »Ich will… gerne. … jeden Tag Kopfschmerzen haben … mein Leben lang… wenn es… nur ein winziges Loch in der Falltür gäbe… nicht größer als ein Stecknadelkopf … daß man wenigstens einen Lichtstrahl sehen könnte … oder… oder vielleicht einen Stern.«

Und da Bibi nicht antworten kann — ein dicker Klumpen würgt sie im Hals —, setzt Anne-Charlotte noch hinzu: »Auf der Erde oben ist es niemals… niemals so dunkel.«

Die Verschworenen schaudern.

Ulla heult: »Ich will hinaus! Ich will hinaus! Ich kann hier nicht länger bleiben.« Und sie hämmert wie besessen gegen die Mauern.

Valborg erwischt ihren Arm. »Jetzt hörst du aber sofort auf! Schämst du dich nicht. Du darfst es uns doch nicht noch schwerer machen. Ruhe, sonst kannst du was erleben!«

Und sie zieht Ulla von der Mauer weg, bis diese Bibi und Anne-Charlotte zu fassen kriegt.

Aber jetzt jammert Sigrid los: »Verlaßt mich nicht! Verlaßt mich nicht!… Ich sterbe!«

»Quatsch nicht so!« Und Valborg holt nun auch Sigrid, so daß sie schließlich alle um das Seil herumstehen, das Anne-Charlotte übrigens keinen Augenblick aus der Hand gelassen hat.

Ulla schluchzt: »Es tut so wohl, so nahe bei euch zu sein.« Und sie streicht den andern mit der Hand über die Gesichter. »Wir wollen Freunde bleiben auf Leben und Tod.«

»Bravo, das ist ein Wort. Wir wollen unbedingt zusammenhalten. Und du, Sigrid, darfst mir nicht böse sein, wenn mir die Zunge manchmal locker sitzt. Das ist bei uns eine Familienkrankheit. Wir Rothaarigen stammen alle von den Hottentotten ab.«

»Wenn wir nun aber einschlafen, was dann? Glaubt ihr, daß … daß die Ratten…?«

»Ausgeschlossen! Was fällt dir ein! Ratten gehen niemals an Menschen, außer wenn man sie jagt, und das haben wir och nicht getan. Also!«

Aber trotzdem tritt Ulla unaufhörlich von einem Fuß auf den andern, weil sie jeden Augenblick die scharfen Zähne einer Ratte zu spüren vermeint.

Bibi merkt, daß ihre Lippen beben wie bei einem Kaninchen. »Ich bitte um Verzeihung. Ihr dürft mir nicht böse sein. Aber ich hatte eben noch nie mit Petroleumlampen zu tun.«

»Es ist doch niemand böse auf dich, du Schäfchen. Übrigens ist das Ganze hier sehr spannend. Mein Vater wollte schon immer einmal Taucher werden, um auch das mal zu probieren.«

Bibi muß an die Geschichte von einem Taucher denken, die sie einmal gelesen hat. Der wurde von einem riesigen Tintenfisch erstickt. Ohne daran zu denken, daß die andern ja gar nicht wissen können, was sie meint, platzt sie heraus: »Gott sei Dank, daß es hier keine Tintenfische gibt!«

Das klingt so wahnsinnig komisch, daß die andern, außer Anne-Charlotte, in lautes Lachen ausbrechen. Aber plötzlich ruft Sigrid: »Du, Valborg, wie lange kann man eigentlich ohne Essen leben?«

Ulla, die jeden Tag die Zeitung liest, antwortet an Valborgs Stelle: »Ein Hungerkünstler hat es ganze vierzehn Tage ausgehalten. Er saß in einem Käfig, damit er nicht schwindeln konnte. Und dabei verdiente er einen Haufen Geld, ohne auch nur einen Oer für sich auszugeben.«

»Durst ist noch viel schlimmer als Hunger. Man kann den Verstand verlieren vor Durst.«

»Jetzt wird man doch sicher schon nach uns suchen.«

Bibi möchte zu gern etwas Tröstendes und Hoffnungsvolles sagen, aber es geht nicht, hier im Dunkeln kann sie nicht lügen. »Wir…ich…habe doch… gesagt, daß wir bei schlechtem Wetter irgendwo Unterkunft suchen wollten… da glauben sie bestimmt, daß wir unter Dach und Fach sind. Sie… sie wissen doch gar nicht, daß wir den Schatz suchen. Und keine Menschenseele hat uns hinuntersteigen sehen.«

»Ach was, Bibi, du kannst dir doch selbst sagen, daß sie nicht solche Schwachköpfe sind. Sie werden uns suchen, und wenn sie uns nicht finden, dann werden sie halt weitersuchen. Und wenn sie das Schloß niederreißen müßten.«

»Aber… inzwischen… können wir ja schon längst verhungert sein… oder… oder verdurstet.«

»Wollt ihr nicht endlich ein Ende machen, ihr Jammerliesen! Das ist ja schauderhaft. Nur um Himmels willen nicht den Humor verlieren! Das sagt mein Vater immer. Und was mein Vater sagt, hat Hand und Fuß. Mein Vater ist überhaupt ein Genie. Nur wollen es die Leute nicht merken. Nicht den Humor verlieren! Wenn wir zu Hause so ein Lamento machen wollten, sooft es uns an den Kragen geht, wir säßen längst schon im Armenhaus. Aber das gibt’s bei uns nicht. Wir schlagen uns durch. Zum Teufel, was quassele ich denn da dauernd von meiner Familie!«

»Sprich weiter, Valborg. Es ist so beruhigend. Man kann dann gar nicht an… das andere denken…«

Ulla sieht ihren Vater vor sich, wie er mit langen Schritten durch die Zimmer jagt. Er stampft mit den Füßen, sooft er sich umwendet: »Das hat man davon, wenn man sein Kind zu dieser adligen Gesellschaft schickt! Wenn wir doch die Einladung nicht angenommen hätten! Aber wie oft kommt man schon auf ein richtiges Schloß!«

Ulla gelobt bei sich im stillen, nie mehr zu spät in die Schule zu kommen, nie mehr ihre Aufsätze von anderen abzuschreiben, nie mehr in das Sprechzimmer zu gehen, wo man alle möglichen Krankheiten erwischen kann, nie mehr ins Wasser zu gehen, wenn es weniger als elf Grad hat, und nie mehr die Köchin an Stelle der Eltern eine Entschuldigung unterschreiben zu lassen, wenn sie geschwänzt hat. Ja, sie nimmt sich sogar vor, Krankenpflegerin zu werden. Das ist nämlich das Ärgste für sie. Aber vielleicht läßt eben dadurch der liebe Gott sich bewegen, ihnen zu Hilfe zu kommen.

»Wenn wir alle auf einmal aus vollem Hals losbrüllen würden, wer weiß, ob nicht doch…«

»Da könnte man ebensogut nachts auf dem Friedhof aus einem Grab herausschreien.«

Anne-Charlotte meint ängstlich: »Ich habe einmal was von Röntgenstrahlen gelesen… ein Mädchen hatte einen Fingerhut verschluckt, und den sah man deutlich auf der Photographie… wenn sie es nun auch mit solchen Strahlen versuchten und das Schloß durchleuchteten?«

Valborg kann nicht anders, sie muß lachen. »Du bist zum Fressen süß! Aber ich glaube nicht, daß dein Vorschlag besonders glücklich ist.«

Siegrid hat ihre gute Laune wiedergefunden. »Wenn man an dis Dunkelheit gewöhnt hat, ist es gar nicht mehr so arg. Die Blinden vermissen ja auch das Licht oft gar nicht. Ich weiß von einem Mann, der war sein Leben lang blind, und als man ihn dann operierte und er plötzlich sehen konnte, ist er glatt vor Schreck in Ohnmacht gefallen.«

»Wenn wir doch nur nicht die ganze Schokolade auf einmal gegessen hätten.«

»Wenn meine Tante Räder hätte, wär’ sie ein Omnibus.«

Ein gellender Schrei dringt durch das allgemeine Gelächter: »Eine Ratte!«

Sigrid hat deutlich gespürt, wie ihr eine Ratte über den Fuß gelaufen ist. Sie ist ganz wild vor Entsetzen, sie heult und schlägt um sich. Schon droht sie die andern damit anzustecken.

Da stampft Valborg mit den Füßen: »Meinetwegen könnt ihr es so toll treiben, wie ihr wollt. Denn jetzt geht der Michel mal energisch auf die Suche nach dem geheimen Ausgang.«

Sie bückt sich und tastet so lange herum, bis sie eine Eisenstange findet. Da meldet auch Bibi sich zur Arbeit, und Ulla folgt ihrem Beispiel. Sigrid und Anne-Charlotte aber halten das Seil umklammert, damit sie jeden Augenblick die Füße vom Erdboden hochziehen können.

Und jetzt hört man in dem stockdunklen Raum nur noch die klingenden Schläge der Eisenstangen gegen den Stein. Valborg hat die Leitung übernommen, obwohl Bibi doch eigentlich der Anführer der Bande ist. Aber Bibi hat ihre sämtlichen Würden vergessen.

Valborg ordnet an, daß alle Steine, auch die an den Wänden, soweit man sie überhaupt erreichen kann, untersucht werden. Erst mit der Eisenstange und dann noch einmal genau mit den Fingern. Denn wer weiß, ob es nicht irgendwo eine geheime Feder gibt, ein »Sesam«, das die Mauer öffnet und den Ausgang auf die Erde oben freigibt.

»Aber wie willst du denn in der Finsternis entscheiden, wann wir rum sind?«

»Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Das hatte ich tatsächlich vergessen. Aber wißt ihr was? Ich ziehe einfach meinen einen Stiefel aus und stelle ihn hierhin. Wenn wir dann über ihn stolpern, wissen wir, daß wir einmal rum sind.«

»Was fällt dir ein! In diesem Dreck! Ohne Schuhe…«

Aber Valborg hat den Schuh schon ausgezogen und humpelt weiter: »Ein bißchen frische Luft schadet gar nichts. Im nassen Schnee ist das noch viel unangenehmer. Vorwärts, meine Herrschaften, hier wird nicht gefaulenzt!«

Und die beiden andern legen sich nun auch richtig ins Zeug. Plötzlich stößt Bibi einen Jubelruf aus. Was sie gefunden hat, ist zwar weder die geheime Feder noch der Schatz aus dem Dreißigjährigen Krieg, sondern bloß ein Stückchen Schokolade, das ihr zwischen Hemd und Bluse gerutscht war. Der Vorschlag, den köstlichen Fund reihum allmählich aufzulutschen, wird aus triftigen Gründen verworfen: Es besteht immerhin die Gefahr, daß die eine oder andere in ihrer Gier das ganze Stück auf einmal verschwinden läßt. Nein, es wird redlich geteilt, und jede der Verschworenen läßt ihren Happen vorsichtig auf der Zunge zerschmelzen, bis sie den ganzen Mund voll brauner Brühe hat. Unbegreiflich, wie lang das reicht und wie wohl diese unerwartete Stärkung tut. Anne-Charlotte, der man übrigens ebenso wie Sigrid ihren Anteil an das Seil bringen muß, da beide keine Miene machen, für so ein bißchen Schokolade ihren rattensicheren Posten aufzugeben, muß immer an die Speisung der Fünftausend aus der Bibel denken.

Die drei andern arbeiten jetzt mit erneuter Kraft. Bibi hat einen Mandelsplitter aus dem Nougat zwischen ihren Zähnen. Sie hält ihn fest wie einen kleinen Privatschatz. Solange sie den Mandelsplitter hat, kann sie unmöglich ganz verhungern. »Wenn die Menschen doch auch wiederkäuen könnten wie die Kühe … Alles wäre so viel einfacher.«

Aber was ist denn das?

»Eins, zwei, drei, vier, fünf…« Anne-Charlotte zählt mit lauter Stimme vor sich hin. »Siebzehn, achtzehn, neunzehn.«

Das Zählen geht langsamer.

»Was soll das bloß?«

»Vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig…«

»Wir wissen zwar, daß du das Pulver nicht erfunden hast, aber daß du bis hundert zählen kannst, daran hat bisher niemand gezweifelt.«

»Siebenundvierzig, achtundvierzig, neunundvierzig…«

»Entschuldige, aber bei dir rappelt’s wohl?«

Bibi flüstert Valborg zu: »Wenn sie bloß nicht… du weißt doch… aus Schreck kann das passieren…«

»Neunundfünfzig, sechzig. Eine Minute…«

»Ach du Schafskopf, das hättest du gleich sagen können. Da zählt sie die Minuten, während andere sich die Haut von den Händen schinden.«

Anne-Charlotte sagt leise: »Eine einzige Minute! Und vielleicht müssen wir mehr als hunderttausend Minuten hier bleiben. Wollen wir nicht lieber alle beten, daß Gott uns Hilfe schickt. Auch um der Eltern willen. Sie würden sich ja zu Tode grämen, wenn wir hier unten verhungern und verdursten müßten.«

Valborg unterbricht sie schroff: »Verhungern und verdursten werden wir nicht. Wenn nur der verdammte Gasgeruch nicht wäre.«

»Ich habe gehört,« meint Bibi mit belegter Stimme, »daß es gar nicht so arg ist, in den Gruben unten zu sterben, wenn das Gas sich bildet. Die Toten, die man später birgt, sehen so aus, als schliefen sie nur. Sie haben ganz rosige Wangen. Und sagt auch, daß es gar nicht weiter weh tut. Man bekommt nur einen schweren Kopf, dann fällt man um und ist tot.«

»Wenn ihr so weiter macht, dann legt der Michel seine Arbeit auf der Stelle nieder.«

Wie aber Bibi und Ulla wieder nach ihren Stangen greifen, stößt Valborg ein Jubelgeheul aus und hüpft wie verrückt auf ihrem einen beschuhten Fuß herum. »Hurra, hurra, was hab’ ich da! Hurra, hurra, was hab’ ich da!«

Sie greift im Dunkel nach Bibis Arm. »Komm! Komm! Komm! Du wirst Augen machen.« Und in salbungsvollem Ton setzt sie hinzu: »Denn nachdem Moses vierzig Jahre lang in der Wüste gewandert war, sah er plötzlich vor sich das Land der Verheißung …«

Die andern wissen nicht, was sie denken sollen. Sie schwanken zwischen Furcht und Hoffnung. Valborg wird sie doch jetzt nicht zum Narren halten? Da kollert ein Stein auf die Erde. Und dann noch einer …Valborg hat also den geheimen Ausgang gefunden!

Ulla und Bibi umarmen sie und küssen sie, wohin sie in der Dunkelheit gerade treffen, auf Hals, Gesicht und Arme. Die beiden andern lassen nun doch das Seil fahren und nähern sich mit unsicheren Schritten und ausgestreckten Händen. Wer denkt jetzt noch an Ratten? Man wird doch gleich wieder auf der Erde oben stehen. In der Sonne. Im Licht. Ach Gott, ach Gott, es tut fast weh vor Freude.

Inzwischerollern immer mehr Steine zu Boden. »Komm her, Bibi, du kannst mir helfen. Aber gib acht, daß du den andern nicht alles auf die Zehen schmeißt.«

Die Steine stecken ganz lose nebeneinander in der Mauer. Und dahinter gähnt ein Loch. Jetzt wollen selbstverständlich alle mithelfen. Aber Valborg schiebt sie zur Seite: »Weg mit euch. Hier ist doch nicht Platz für so viele!«

Und die Steine rumpeln herunter, während die Mädchen zur Seite springen, um nicht getroffen zu werden.

Erst nachdem alle losen Steine fort sind, hält Valborg inne: »Wer kriecht jetzt in das Loch, um den Ausgang zu suchen?«

Natürlich meldet sich sofort Bibi, um mit Hilfe von Fingern und Zehen hineinzuschlüpfen. Das Loch ist zwar sehr breit, aber so niedrig, daß sie kaum drin hocken kann.

»Du mußt nach einer Falltür oder so etwas Ähnlichem suchen«, ruft ihr Valborg zu. »Vielleicht ist es auch nur eine Feder. Taste alles ab, hast du verstanden?«

Ulla ist jetzt schon wieder mächtig obenauf: »Nein, wenn ich denke, daß wir da wirklich lebendig begraben waren. Das ist doch fabelhaft. Aber paßt auf, in der Schule wird uns das kein Mensch glauben wollen.«

Inzwischen rumort Bibi in dem Loch herum. »Wenn wir doch bloß ein Zündhölzchen hätten!«

»Nächstesmal lassen wir elektrisches Licht hereinlegen. Einstweilen mußt du dich mit deinen Fingerspitzen begnügen.«

»Reich mir doch mal eine Eisenstange, Valborg. Es geht hier so tief hinein.«

»Vielleicht beginnt der Gang ganz einfach ohne Tür.«

»Unsinn, das müßte man doch am Luftzug merken.«

»Kommt drauf an, wie der Gang verläuft.«

»So, jetzt bin ich ganz hinten. Hier scheint wieder gemauert zu sein. Nichts als Mauer.«

»Dann versuch, wie man durch diese Mauer herauskann. Muß doch eine Kleinigkeit sein, wenn man schon so weit ist.«

»Das sagst du so… Wie soll ich denn was finden, wenn man die Hand nicht vor den Augen sieht.« Bibi sucht und sucht. Nein, die Steine sitzen ganz fest. Hier gibt es kein geheimes Schloß, keine Feder, keine Türangel. Nichts.

»Untersuch noch einmal den Grund!« ruft Valborg.

Bibi ist es in dieser Höhle nicht recht geheuer, so ganz allein. Wer weiß, ob nicht wieder irgendwo eine hinterlistige Falltür ist, die sich plötzlich öffnet, und man saust in einen unterirdischen Fluß, so tief hinab, daß niemand auch nur noch den letzten Schrei hört. Sie streicht mit ihrer Stange am Boden entlang, damit ihr so was ja nicht passiert. Dabei stößt sie in der Aufregung mit dem andern Ende heftig an die Wand.

Anscheinend löst sich etwas los, und plötzlich hören alle ein lustiges Klirren. Das kann weder Holz noch Eisen sein. Woran ist Bibi nur gestoßen? Doch nicht an Glas?

»Was ist das? Was ist das?«

Bibi fühlt Rh was weder Stein noch Holz noch Eisen sein kann, auf sich niederprasseln. Ein Teil wird von ihren Füßen aufgehalten, das meiste jedoch kollert über den Rand des Loches zu den andern hinunter. Bibi bückt sich und tastet hinein in die klirrende Masse. Da hört sie schon Sigrids heisere Stimme: »Geld… Geld… lauter Geldstücke…«

Der Goldschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg! Der Schatz, den die Verschworenen zu suchen ausgezogen waren!

»Der Schatz! Der Schatz!« sagt eine nach der andern. Aber die Stimmen klingen gar nicht froh. Wer sucht denn jetzt noch nach dem Schatz. »Ich pfeife auf den ganzen Schatz! Sieh lieber nach, wo der Ausgang ist! Das wäre wichtiger.«

Bibi muß sich aber erst durch den Haufen durcharbeiten. Und die Münzen rollen nach allen Seiten auseinander, bis sie endlich in einer Spalte oder im Schlamm liegenbleiben.

»Ich habe nun alles untersucht. Aber ich finde nichts. Du kannst ja selber nachsehen, Valborg, wenn du mir nicht glaubst.«

»Schön, dann laß mich hinein!«

Bibi springt aus ihrem Versteck hervor, um Valborg Platz zu machen. Gleich darauf fliegt mit großem Krach ein schwerer Gegenstand heraus. »Du verstehst dich aufs Suchen!«

Der Gegenstand ist anscheinend eine große Ledertasche, die von selber aufspringt. Worauf man wieder das herrliche Klirren hört. Sigrid liegt auf allen Vieren am Boden und sucht nach den Münzen. Es ist bald kein trockener Faden mehr an ihr. Aber sie spürt es nicht.

Die andern stehen da wie die Salzsäulen. Was kümmern sie die Dukaten. Der Ausgang… wo ist der Ausgang?

Auch Valborg ist ganz still geworden. Sie kratzt verzweifelt mit den Nägeln an den Mauern herum. Sie bohrt die Finger in alle Ritzen — die festgemauerten Steine rühren sich nicht vom Fleck. Aber sie muß doch etwas finden, eine Feder, eine Türangel, eine Falltür, ein Schloß, sie muß…

»Nun, was ist? Findest du was?«

Valborgs Fingerspitzen bluten. Alles hängt davon ab, daß sie die geheime Feder findet.

Aussichtslos… aussichtslos…

»Valborg!« Die Stimme, die so fragt, ist blaß vor Angst. »Warum sagst du denn gar nichts?«

»Laßt mich in Ruh’. Stört mich doch nicht in einem fort!«

Sierid allein ist in Gedanken ganz wo anders. Das Blut klopft ihr gegen die Schläfen. Sie… sie hat den Schatz.

Da hört sie wie von sehr ferne Valborgs gebrochene Stimme: »Ich muß mich geirrt haben. Es gibt hier keinen Ausgang.«

Und nun erst beginnt auch Sigrid zu verstehen. Der Schatz ist zwar gefunden. Aber auch der herrlichste Schatz kann keinen Ausgang herbeizanbern.

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Die Verschworenen haben sich wieder um das Seil gesammelt. Es ist ja das einzige, was sie noch mit der großen, hellen Welt oben verbindet. Jede klammert sich mit einer Hand daran, während der andere Arm die nächste Freundin umschlungen hält. Alle Hoffnung ist erloschen — so wie Bibis kleine Diebslaterne.

Ulla ist die erste, die wieder ch: »Auf dem Dachboden hinter dem Lumpensack steht eine Flasche mit Geld… und unter der Matratze liegt eine Tüte mit Zehnoerestücken … die zehn Oere bekam …bekam ich immer von Mutter… um… um sie einem alten Drehorgelspieler zu geben… aber… aber ich gab ihm immer nur zwei… oder fünf… Jetzt ist es zu spät… zu spät…« Dann heult sie los.

Bibi ist ganz verblüfft. »Aber Ulla, um Gottes willen, warum, wozu hast du das denn gemacht?«

»Ich… ich weiß es nicht… ich wollte eben so gerne sparen… und der Alte ist doch so furchtbar arm… er hat oft nicht einmal sein trockenes Brot… Und jetzt ist es zu spät!«

Da mischt Anne-Charlotte sich ein: »Du mußt es nur richtig bereuen, dann ist es nicht mehr so arg… Vielleicht gibt deine Mutter ihm nächstes Mal etwas besonders Gutes … kann ja sein, daß ihr die Flasche im Traum erscheint, und dann denkt sie sicher, daß du das eigens für den Drehorgelspieler gespart hast… Aber auch mir tut etwas gräßlich leid… es ist zu arg… Ich kann es gar nicht sagen…«

»Wieso, wir können einander doch alles sagen. Wir gehören zusammen in Leben und Tod.«

»Es… es war nur ein Mal. Ich….ich habe oft so furchtbare Kopfschmerzen, und wenn ich Kopfschmerzen habe, bekomme ich immer etwas zum Trost. Und ich wünschte mir so sehr einen kleinen Ring. Und eigenäkh hatte ich ja keine Kopfschmerzen, ich sagte es nur, und Mutter saß an meinem Bett und weinte fast. Und dann sagte sie noch: ›Wenn ich dir nur die Schmerzen abnehmen könnte…‹ Ich aber schwieg still. Wegen des dummen Rings. Und nun werde ich Mutter nie mehr um Verzeihung bitten können… es ist nicht auszuhalten.«

Da kann auch Sigrid sich nicht mehr halten: »Das… das st noch lange nicht das Ärgste…. aber ich… ich habe etwas getan, was ich überhaupt keiner Menschenseele jemals eingestehen kann.«

Anne-Charlotte bekommt ganz runde Augen, sie spürt es selbst: »Sigrid… du wirst doch niemanden … ermordet haben?«

»Nein. Es ist noch viel, viel ärger. Einen Menschen kann man auch ermorden, ohne ganz schuldig zu sein. Das nennt man dann: in Sinnesverwirrung. Ich aber war gar nicht verwirrt. Ich wußte sehr genau, was ich tat. Und ich war weder furchtbar aufgeregt noch betrunken.«

Da drängten sich alle an Sigrid so dicht heran, daß sie beinahe erstickt wäre. Sie mußten doch erfahren, was sie Fürchterliches verbrochen hatte. Was noch ärger war als ein Mord. Sigrid kämpft mit sich selbst. Dann stößt sie hervor: »Ihr werdet nie mehr mit mir sprechen wollen. Ihr werdet überhaupt nie mehr in meine Nähe gehen …«

Bibi hebt im Dunkel zwei Finger: »Einerlei, was du getan haben magst. Ich halte zu dir, durch dick und dünn, solange ich atme.«

»Und ich auch.«

»Wir halten zusammen. Es ist ja keine besser als die andere.«