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Barrayar

Lois Bujold

Cordelia Naismith ist mit einem Lord aus der regierenden Familie des Planeten Barrayar verheiratet. Ihre Stellung als Kommandantin gibt sie auf, als sie ein Kind erwartet. Da droht nach dem Tod des Herrschers auf Barrayar ein Bürgerkrieg auszubrechen. Cordelia stimmt nur schweren Herzens zu, als der Lord die Regentschaft übernehmen soll. Ahnt sie, was auf sie und ihr ungeborenens Kind zukommen wird?

Lois McMaster Bujold

Barrayar

KAPITEL 1

Ich habe Angst. Cordelias Hand schob den Vorhang vor dem Fenster des Salons im zweiten Stock des Palais Vorkosigan zur Seite. Sie starrte hinab auf die sonnenbeschienene Straße. Ein langer silberner Bodenwagen bog in die halbkreisförmige Auffahrt ein, die zu dem Säulengang an der Vorderfront führte, bremste hinter dem spitzenbewehrten Eisenzaun und dem von der Erde importierten Gebüsch. Ein Regierungswagen. Die Tür des hinteren Fahrgastabteils schwang hoch, und ein Mann in einer grünen Uniform stieg aus. Trotz ihrer perspektivisch verzerrten Sicht erkannte Cordelia Oberstleutnant Illyan, wie gewöhnlich ohne Hut auf seinem braunen Haar. Er trat aus ihrem Gesichtskreis unter den Säulengang. Vielleicht brauche ich mir nicht wirklich Sorgen zu machen, solange die Kaiserliche Sicherheitspolizei nicht in der Nacht zu uns kommt. Aber ein Rest von Furcht blieb zurück, versteckt in ihrem Unterleib. Warum bin ich überhaupt hierher nach Barrayar gekommen. Was habe ich mir und meinem Leben damit angetan?

Stiefelschritte ertönten im Korridor, und die Tür des Salons öffnete sich knarrend. Sergeant Bothari steckte seinen Kopf herein und brummte, zufrieden, daß er sie gefunden hatte: »Mylady, es ist Zeit zu gehen.«

»Danke, Sergeant.« Sie ließ den Vorhang fallen und wandte sich um, um sich ein letztes Mal in dem Wandspiegel über dem archaischen offenen Kamin prüfend zu betrachten. Schwer zu glauben, daß die Leute hier immer noch pflanzliches Material verbrannten, um nur die darin chemisch gebundene Hitze freizusetzen.

Sie hob ihr Kinn über dem steifen weißen Spitzenkragen ihrer Bluse, zog die Ärmel ihrer gelbbraunen Jacke zurecht und stieß mit dem Knie zerstreut gegen den langen, schwingenden Rock einer Frau aus der Klasse der Vor, der ebenfalls gelbbraun war, passend zur Jacke. Die Farbe ermutigte sie, es war fast das gleiche Gelbbraun wie ihr alter Arbeitsanzug vom Betanischen Astronomischen Erkundungsdienst. Sie strich mit ihren Händen über ihr rotes Haar, das in der Mitte gescheitelt war und mit zwei emaillierten Kämmen vom Gesicht ferngehalten wurde, und sie ließ es über ihre Schultern nach hinten fallen, wo es sich in der Mitte ihres Rückens zu offenen Locken ringelte. Ihre grauen Augen starrten ihr aus dem bleichen Gesicht im Spiegel entgegen. Die Nase war etwas zu knochig, das Kinn ein bißchen zu lang, aber es war sicher ein brauchbares Gesicht, gut für alle praktischen Zwecke.

Nun, wenn sie zierlich aussehen wollte, dann brauchte sie sich nur neben Sergeant Bothari zu stellen. Mit seinen zwei Metern ragte er düster neben ihr empor. Cordelia hielt sich für eine großgewachsene Frau, aber ihr Scheitel reichte nur bis zu seiner Schulter. Er hatte ein Gesicht wie ein Wasserspeier einer gotischen Kathedrale, verschlossen, argwöhnisch, mit einer scharf geschnittenen Nase, und durch den militärisch kurzen Haarschnitt bekamen seine klobigen Züge fast etwas Kriminelles. Nicht einmal die elegante Livree des Grafen Vorkosigan, dunkelbraun mit den silbern aufgestickten Symbolen des Hauses, konnte Bothari aus seiner verblüffenden Häßlichkeit retten. Aber wirklich ein sehr gutes Gesicht — für praktische Zwecke.

Ein Gefolgsmann in Livree. Was für ein Begriff. Wem galt sein Folgen?

Unserem Leben, unserem Schicksal und vor allem unserer heiligen Ehre.

Sie nickte ihm im Spiegel freundlich zu und wandte sich um, um ihm durch das Labyrinth von Palais Vorkosigan zu folgen.

Sie mußte so schnell wie möglich lernen, sich in dem großen Gebäudekomplex zurechtzufinden. Es war peinlich, sich im eigenen Heim zu verlaufen und einen vorbeikommenden Wächter oder Diener bitten zu müssen, einem den Weg zu weisen. Mitten in der Nacht, nur mit einem Handtuch bekleidet. Ich war einmal Navigatorin eines Sprungschiffes. Wirklich! Wenn sie schon mit fünf Dimensionen aufwärts umgehen konnte, dann sollte sie doch sicherlich in der Lage sein, auch mit nur drei Dimensionen abwärts fertig zu werden.

Sie kamen zum obersten Absatz einer großen, runden Treppe, die in drei eleganten Bögen hinab in ein schwarz-weiß gefliestes Foyer führte. Ihre leichten Schritte folgten Botharis gemessenen Tritten. Ihre Röcke vermittelten ihr ein Gefühl von Gleiten, als schwebte sie mit einem Fallschirm unaufhaltsam in einer Spirale hinab.

Ein hochgewachsener junger Mann, der am Fuß der Treppe sich auf einen Stock stützte, blickte beim Geräusch ihrer Schritte auf. Leutnant Koudelkas Gesicht, ebenmäßig und angenehm, war das genaue Gegenstück zu Botharis schmalen und fremdartigen Zügen, und er lächelte Cordelia offen entgegen. Nicht einmal den Kummerfalten in den Augen- und Mundwinkeln gelang es, dieses Gesicht altern zu lassen. Er trug die grüne kaiserliche Interimsuniform, die bis auf die Abzeichen der des Sicherheitsoffiziers Illyan glich. Die langen Ärmel und der hohe Kragen seiner Jacke verbargen das Flechtwerk feiner roter Narben, die seinen halben Körper wie ein Netz überzogen, aber Cordelia sah sie mit ihrem geistigen Auge vor sich. Nackt konnte Koudelka als sichtbares Modell für eine Vorlesung über die Struktur des menschlichen Nervensystems posieren, denn jede rote Narbe stand für einen toten Nerv, der entfernt und durch künstliche Silberdrähte ersetzt worden war. Leutnant Koudelka war noch nicht ganz an sein neues Nervensystem gewöhnt. Sag die Wahrheit. Die Chirurgen hier sind unwissende, grobschlächtige Metzger.

Die Arbeit entsprach sicher nicht dem betanischen Standard. Cordelia erlaubte keiner Andeutung dieses privaten Urteils, sich auf ihrem Gesicht abzuzeichnen.

Koudelka drehte sich mit einem Ruck um und nickte Bothari zu. »Hallo, Sergeant. Guten Morgen, Lady Vorkosigan.«

Ihr neuer Name klang in ihrem Ohr immer noch fremd, unpassend. Sie erwiderte sein Lächeln. »Guten Morgen, Kou. Wo ist Aral?«

»Er und Oberstleutnant Illyan sind in die Bibliothek gegangen, um zu prüfen, wo die neue gesicherte Kommunikationskonsole installiert werden soll. Sie müßten gleich wieder da sein. Aha.« Er nickte, als Schritte im Bogengang ertönten. Cordelia folgte seinem Blick. Illyan, schmächtig, sanft und höflich, flankierte einen Mann Mitte Vierzig, der ihn in den Schatten stellte in seiner prächtigen grünen kaiserlichen Uniform. Und dieser Mann war der Grund, warum sie nach Barrayar gekommen war.

Lord Aral Vorkosigan, Admiral außer Dienst. D. h. ehemals außer Dienst, bis gestern. Ihrer beider Leben war gestern gewiß auf den Kopf gestellt worden. Aber wir werden sicherlich irgendwie auf unseren Füßen landen. Vorkosigans Körper war stämmig und kraftvoll, sein dunkles Haar von grauen Fäden durchzogen. Sein schweres Kinn war mit einer alten Narbe in Form eines L gezeichnet. Er bewegte sich mit geballter Energie, der intensive Blick seiner grauen Augen wirkte nach innen gerichtet, bis er auf Cordelia fiel.

»Ich wünsche einen guten Morgen, Mylady«, rief er aus und griff nach ihrer Hand. Der Gruß klang befangen, aber die Empfindung in seinen spiegelklaren Augen war aufrichtig. In diesen Spiegeln bin ich ganz und gar schön, erkannte Cordelia, und es wurde ihr warm ums Herz. Sie schmeicheln mir viel mehr als der eine droben an der Wand. Von jetzt an werde ich sie benutzen, um mich darin anzuschauen. Seine kräftige Hand war trokken und warm, willkommene Wärme, lebendige Wärme, und sie schloß sich um ihre kühlen, schlanken Finger. Mein Mann. Das paßte, so ruhig und fest, wie ihre Hand in die seine paßte, selbst wenn ihr neuer Name, Lady Vorkosigan, ihr immer noch von den Schultern zu gleiten schien.

Sie beobachtete Bothari, Koudelka und Vorkosigan, wie sie für diesen kurzen Augenblick beieinander standen. Die Leichtverwundeten, einer, zwei, drei. Und ich, die Dame vom Hilfsdienst. Die Überlebenden. Alle drei hatten in dem letzten Krieg gegen Escobar fast tödliche Wunden erlitten, Kou in seinem Körper, Bothari in seinem Gemüt, Vorkosigan in seinem Geist. Das Leben geht weiter. Marschieren oder sterben. Fangen wir endlich an, wieder gesund zu werden? Sie hoffte es.

»Bereit zu gehen, lieber Captain?«, fragte Vorkosigan sie. Seine Stimme war ein Bariton, mit einem kehligwarmen barrayaranischen Akzent.

»So bereit wie nur je, nehme ich an.«

Illyan und Koudelka gingen voran nach draußen. Koudelkas Gang war ein schlaksiges Watscheln neben Illyans forschem Schritt, und Cordelia runzelte zweifelnd die Stirn. Sie nahm Vorkosigans Arm, und so folgten sie den anderen und ließen Bothari bei seinen Aufgaben im Haus zurück.

»Wie ist der Zeitplan für die kommenden Tage?«, fragte sie.

»Nun, zunächst natürlich diese Audienz«, antwortete Vorkosigan.

»Danach werde ich verschiedene Leute treffen. Graf Vortala wird das einfädeln. In ein paar Tagen kommt die Abstimmung über das Einverständnis in den Versammelten Räten und meine Vereidigung. Wir haben schon hundertzwanzig Jahre lang keinen Regenten mehr gehabt. Gott allein weiß, was sie da an Protokoll ausgraben und abstauben werden.«

Koudelka saß im Vorderabteil des Bodenwagens neben dem uniformierten Fahrer. Illyan schlüpfte in das hintere Abteil, gegenüber Cordelia und Vorkosigan, mit dem Blick nach hinten. Dieser Wagen ist gepanzert, erkannte Cordelia aus der Dicke des durchsichtigen Verdecks, als es sich über ihnen schloß. Auf ein Signal von Illyan an den Fahrer hin fuhren sie ruhig an, hinaus auf die Straße. Von draußen drang so gut wie kein Geräusch nach drinnen.

»Gemahlin des Regenten«, Cordelia kostete die Formulierung aus. »Ist das mein offizieller Titel?«

»Ja, Mylady«, sagte Illyan.

»Sind damit irgendwelche offiziellen Pflichten verbunden?«

Illyan blickte zu Vorkosigan, der sagte: »Hm. Ja und nein. Da werden allerhand Zeremonien stattfinden, bei denen du dabei sein solltest — zur Zierde, in deinem Fall. Zuerst die Bestattung des Kaisers, die für alle Beteiligten sehr anstrengende sein wird — außer, vielleicht, für Kaiser Ezar.

All das wartet auf seinen letzten Atemzug. Ich weiß nicht, ob er dafür einen Zeitplan hat, aber ich traue es ihm glatt zu.

Die gesellschaftliche Seite deiner Pflichten kann genau das Ausmaß haben, das du wünschst. Ansprachen und Zeremonien, wichtige Hochzeiten und Namenstage und Begräbnisse, Begrüßungen von Abordnungen aus den Distrikten — Öffentlichkeitsarbeit, kurz gesagt. Die Art von Sachen, die Prinzessin-Witwe Kareen mit solcher Begabung absolviert.« Vorkosigan brach ab, als er ihren erschrockenen Blick wahrnahm, und fügte hastig an: »Oder du kannst, wenn du es willst, ein völlig privates Leben führen. Du hast ja gerade jetzt die beste Entschuldigung dafür«, seine Hand, um ihre Hüfte gelegt, streichelte heimlich ihren noch flachen Schoß, »… und ich wäre tatsächlich sehr dafür, daß du dich eher etwas rar machst.

Wichtiger ist die politische Seite… Ich hätte dich sehr gern als meine Verbindung zur Prinzessin-Witwe und zum … kleinen Kaiser. Freunde dich mit ihr an, wenn du kannst: sie ist eine außerordentlich zurückhaltende Frau. Die Erziehung des Jungen ist außerordentlich wichtig. Wir dürfen nicht Ezar Vorbarras Fehler wiederholen.«

»Ich werde es versuchen«, seufzte sie. »Ich sehe schon, es wird keine leichte Aufgabe sein, als eine Vor von Barrayar zu gelten.«

»Mach es dir nicht zu schwer. Ich möchte dich nicht eingeengt sehen. Außerdem hat die Sache noch einen anderen Aspekt.«

»Das überrascht mich nicht. Los, erzähl!«

Er machte eine Pause, um seine Worte zu wählen. »Als der verstorbene Kronprinz Serg den Grafen Vortala einen Scheinprogressiven nannte, so war das nicht völliger Unsinn. Beschimpfungen, die verletzen, enthalten immer ein Körnchen Wahrheit. Graf Vortala hat sich um die Formierung seiner progressiven Partei nur in den oberen Klassen bemüht, unter den Leuten, auf die es ankommt, wie er sagen würde. Siehst du den kleinen Bruch in seinem Denken?«

»So groß wie der Hogarth-Canon bei mir zu Hause? Ja.«

»Du bist eine Betanerin, eine Frau von galaktischem Ruf.«

»Na, na!«

»So sieht man dich hier. Ich glaube, du begreifst gar nicht ganz, wie du hier wahrgenommen wirst. Ziemlich schmeichelhaft für mich, wie die Dinge stehen.«

»Am liebsten wäre ich unsichtbar. Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß ich allzu populär bin, nach dem, was wir eurer Seite in Escobar zugefügt haben.«

»Das ist unsere Kultur. Mein Volk vergibt einem tapferen Soldaten fast alles. Und du vereinigst in deiner Person zwei gegnerische Parteien: das aristokratische Militär und die progalaktischen Plebejer. Ich glaube wirklich, ich könnte durch dich die ganze Mitte aus der Volksverteidigungsliga herausziehen, wenn du bereit wärest, meine Karten für mich zu spielen.«

»Du lieber Himmel! Seit wann denkst du denn darüber schon nach?«

»Über das Problem schon lange. Über dich als Teil der Lösung erst seit heute.«

»Was, willst du mir die Rolle einer Galeonsfigur für eine Art konstitutioneller Partei zuteilen?«

»Nein, nein. Das ist gerade eines von den Dingen, die zu verhindern ich bei meiner Ehre schwören werde. Es würde dem Sinn meines Eides widersprechen, Prinz Gregor eine Kaiserwürde zu überreichen, die aller Macht entleert wäre. Was ich möchte … was ich möchte, ist, einen Weg zu finden, um die besten Leute, aus allen Klassen, Sprachen und Parteien, in den Dienst des Kaisers zu ziehen. Die Vor haben einfach eine zu geringe Auswahl an Talenten. Ich möchte die Regierung im besten Sinne dem Militär angleichen, wo Begabungen ungeachtet ihrer Herkunft gefördert werden. Kaiser Ezar hat etwas ähnliches versucht, als er die Ministerien auf Kosten der Grafen stärkte, aber das ging zu weit. Die Grafen sind bedeutungslos geworden, und die Ministerien sind korrupt. Es muß einen Weg geben, zwischen beiden ein Gleichgewicht herzustellen.«

Cordelia seufzte: »Ich nehme an, wir müssen uns einfach einigen, daß wir uns nicht einig sind, über Verfassungen. Niemand hat mich zur Regentin von Barrayar ernannt. Ich warne dich trotzdem: ich werde weiterhin versuchen, deine Meinung zu ändern.«

Bei diesen Worten hob Illyan seine Augenbrauen. Cordelia lehnte sich zurück und betrachtete durch das Verdeck die Hauptstadt von Barrayar, Vorbarr Sultana, die draußen vorüberzog. Sie hatte vor vier Monaten nicht den Regenten von Barrayar geheiratet. Sie hatte einen Soldaten außer Dienst geheiratet. Nun ja, Männer sollten sich ja angeblich nach der Heirat verändern, für gewöhnlich zum Schlechteren, aber — so sehr? So schnell? Das ist nicht die Aufgabe, zu der ich mich verpflichtet habe, Sir.

»Das ist doch eine Geste von beträchtlichem Vertrauen, die Kaiser Ezar dir gestern erwiesen hat, indem er dich zum Regenten ernannte. Ich denke nicht, daß er ein so skrupelloser Pragmatiker ist, wie du mich glauben machen möchtest«, bemerkte sie.

»Ja gut, es ist eine Geste des Vertrauens, aber er wurde von der Notwendigkeit dazu getrieben. Du verstehst wohl nicht die Bedeutung der Versetzung von Oberst Negri an den Hof der Prinzessin?«

»Nein. Hatte das eine Bedeutung?«

»O ja, eine sehr deutliche Botschaft. Negri soll seine alte Aufgabe als Chef der Kaiserlichen Sicherheitspolizei weiterführen. Er wird natürlich seine Berichte nicht einem vierjährigen Knaben erstatten, sondern mir.

Oberstleutnant Illyan wird tatsächlich nur sein Assistent sein.« Vorkosigan und Illyan nickten sich in sanfter Ironie zu. »Aber es steht außer Frage, wem Negris Loyalität gilt, falls ich, na ja, durchdrehen und nach der kaiserlichen Macht greifen sollte, sei es nominell oder wirklich. Er hat zweifellos den geheimen Befehl, in einem solchen Fall mich aus dem Weg zu schaffen.«

»Oh, gut, ich garantiere, daß ich keinerlei Verlangen hege, Kaiserin von Barrayar zu werden. Nur falls du dich dies fragen solltest.«

»Das habe ich nicht gedacht.«

Der Bodenwagen hielt an einem Tor in einer Steinmauer. Vier Wachen inspizierten sie gründlich, prüften Illyans Passierschein und winkten sie dann durch. All diese Wachen, hier und am Palais Vorkosigan — wogegen hielten sie Wache? Gegen andere Barrayaraner, vermutlich, in der in viele Gruppen aufgesplitterten politischen Landschaft. Eine typisch barrayaranische Redewendung, die der alte Graf benutzt hatte und die sie amüsierte, ging ihr jetzt beunruhigend durch den Kopf. Mit all dem Mist hier muß es doch irgendwo ein Pony geben. Pferde waren praktisch unbekannt auf Kolonie Beta, außer einigen wenigen Tieren in Zoos. Mit all den Wachen hier … Aber wenn ich niemandes Feind bin, wie kann dann irgend jemand mein Feind sein?

Illyan, der auf seinem Sitz herumgerutscht war, meldete sich jetzt zu Wort.

»Sir, ich möchte anregen«, sagte er vorsichtig zu Vorkosigan, »ja sogar darum bitten, daß Sie es sich noch einmal überlegen und hier in der kaiserlichen Residenz Quartier beziehen. Sicherheitsprobleme — meine Probleme« — er lächelte schwach, was nicht gut für sein Image war, denn bei seinen stumpfen Zügen sah er dabei wie ein junger Hund aus — »kann man hier viel leichter in den Griff bekommen.«

»An welche Suite haben Sie dabei gedacht?«, fragte Vorkosigan.

»Nun ja, wenn … Gregor die Nachfolge antritt, dann werden er und seine Mutter in die Kaisersuite umziehen. Dann werden Kareens Räume leerstehen.«

»Prinz Sergs Räume, meinen Sie.« Vorkosigan blickte grimmig drein. »Ich … ich denke, ich würde es vorziehen, meine offizielle Residenz im Palais Vorkosigan zu haben. Mein Vater verbringt in letzter Zeit mehr und mehr Zeit auf dem Land in Vorkosigan Surleau, ich glaube, er hat überhaupt nichts dagegen, dorthin umzuziehen.«

»Ich kann diese Idee nicht unterstützen, Sir. Ausschließlich vom Standpunkt der Sicherheit. Das Palais liegt in der Altstadt. Die Straßen dort sind Labyrinthe. Die ganze Gegend ist von mindestens drei alten Tunnelsystemen durchzogen, von alten Abwasser- und Transportkanälen, und es gibt dort zu viele neue hohe Gebäude, von denen man einen beherrschenden Ausblick hat. Es werden mindestens sechs Vollzeitpatrouillen für den alleroberflächlichsten Schutz notwendig sein.«

»Haben Sie die Leute?«

»Hm, ja.«

»Also dann Palais Vorkosigan.« Illyan schaute enttäuscht drein, Vorkosigan wollte ihn trösten: »Das mag schlecht sein vom Standpunkt der Sicherheit, aber dafür gibt es einen guten Eindruck in der Öffentlichkeit. Es verleiht der neuen Regentschaft einen ausgezeichneten Stil von soldatischer Bescheidenheit. Und dürfte helfen, paranoide Ängste vor einem Palastputsch zu verringern.«

Und jetzt kamen sie an dem Palast an, von dem die Rede war. Der Gebäudekomplex der kaiserlichen Residenz ließ Palais Vorkosigan klein aussehen. Breit hingelagerte Flügel erhoben sich zwei bis vier Stockwerke hoch und wurden da und dort von Türmen akzentuiert. Anbauten aus verschiedenen Epochen verliefen kreuz und quer und schufen sowohl weite wie heimelige Höfe, einige davon waren richtig proportioniert, andere sahen eher zufällig aus. Die Ostfassade war im einheitlichsten Stil gehalten, überladen mit Steinmetzarbeiten. Die Nordseite war aufgelockerter und gliederte sich kunstvoll gestaltete architektonische Gärten ein. Der Westteil war das älteste, der Südteil das jüngste Bauwerk.

Der Bodenwagen fuhr an eine zweistöckige Vorhalle heran, und Illyan führte sie vorbei an noch mehr Wachen und über weite Steintreppen in eine ausgedehnte Zimmerflucht im ersten Stock. Sie stiegen langsam hinauf, da sie ihre Schritte Leutnant Koudelkas unbeholfenem Gang anpaßten. Koudelka blickte auf mit einem befangenen, entschuldigenden Stirnrunzeln, dann senkte er wieder seinen Kopf in Konzentration — oder in Scham? Hat denn dieser Platz hier keinen Lift? fragte sich Cordelia irritiert. Auf der anderen Seite dieses Steinlabyrinths, in einem Raum mit einem Ausblick auf die nördlichen Gärten, lag ein weißhaariger alter Mann ausgelaugt und sterbend auf dem riesigen Bett seiner Vorfahren …

In dem geräumigen oberen Korridor, der mit weichen Teppichen ausgelegt war und geschmückt mit Gemälden und mit Wandtischen, auf denen Unmengen Nippsachen standen — wohl Kunstwerke, vermutete Cordelia —, trafen sie auf Oberst Negri, der leise mit einer Frau sprach, die mit verschränkten Armen dastand. Cordelia hatte den berühmten — oder berüchtigten — Chef der kaiserlichen Sicherheitspolizei von Barrayar tags zuvor zum erstenmal getroffen, nach Vorkosigans historischem Berufungsgespräch mit dem bald hinscheidenden Ezar Vorbarra. Negri war ein zäher, rundschädeliger Mann mit hartem Gesichtsausdruck, der seinem Kaiser fast vierzig Jahre mit Leib und Leben gedient hatte, eine finstere Legende mit schwer zu lesenden Augen.

Jetzt verneigte er sich über ihrer Hand und nannte sie ›Mylady‹, als meinte er es, oder zumindest nicht mit mehr Ironie als bei ihm üblich. Die alerte blonde Frau — ein Mädchen? — trug gewöhnliche zivile Kleidung.

Sie war groß und muskulös, und sie erwiderte Cordelias Blick mit noch größerem Interesse.

Vorkosigan und Negri tauschten kurze Grüße aus in dem telegraphischen Stil zweier Männer, die schon so lange miteinander verkehrt hatten, daß alle konventionellen Höflichkeiten in eine Art von knappem Code komprimiert waren. »Und das ist Fräulein Droushnakovi.« Mit einer Handbewegung stellte Negri die Frau vor, doch klang es eher, als habe er sie zu Cordelias Nutzen mit einem Namensetikett versehen.

»Und was ist eine Droushnakovi?«, fragte Cordelia leichthin und etwas entmutigt. Alle Leute hier schienen immer eher informiert zu werden als sie, obwohl Negri es auch unterlassen hatte, Leutnant Koudelka vorzustellen.

Koudelka und Droushnakovi blickten sich verstohlen an.

»Ich bin eine Dienerin der Inneren Kammer, Mylady.« Droushnakovi verneigte sich vor Cordelia und deutete einen Knicks an.

»Und wem dienen Sie, außer der Kammer?«

»Prinzessin Kareen, Mylady. Das ist nur mein offizieller Titel. Ich stehe auf Oberst Negris Personaletat als Leibwache Erster Klasse.« Es war schwer zu sagen, welcher Titel ihr mehr Stolz und Vergnügen bereitete, aber Cordelia vermutete, es war der zweite.

»Ich bin sicher, Sie müssen gut sein, wenn Sie von ihm so eingestuft wurden.«

Dies gewann ihr ein Lächeln ab und: »Danke, Mylady. Ich bemühe mich.«

Sie alle folgten Negri durch eine nahe gelegene Tür in einen langen, gelben, sonnigen Raum mit vielen Fenstern nach Süden zu. Cordelia fragte sich, ob die bunt gemischte Einrichtung aus unbezahlbaren antiken Stücken oder nur aus schäbigen Möbeln zweiter Wahl bestand. Sie konnte es nicht erkennen. Eine Frau saß wartend auf einem kleinen gelben Sofa am anderen Ende des Raumes und blickte ihnen ernst entgegen, während sie zusammen auf sie zugingen.

Prinzessin-Witwe Kareen war eine schmächtige, angespannt aussehende Frau von dreißig, ihr schönes dunkles Haar war kunstvoll frisiert, ihr graues Kleid jedoch von einfachem Schnitt. Einfach, aber vollkommen.

Ein dunkelhaariger Junge von etwa vier Jahren lag bäuchlings ausgestreckt auf dem Boden und hielt gemurmelte Zwiesprache mit seinem Spielzeugstegosaurus in der Größe einer Katze. Sie hieß ihn aufstehen, den Spielroboter ausschalten und sich neben sie setzen, dabei hielten seine Hände das lederne ausgestopfte Tier in seinem Schoß fest umklammert. Cordelia war erleichtert zu sehen, daß der kleine Prinz seinem Alter entsprechend vernünftige, bequeme Spielkleidung trug.

Mit formellen Worten stellte Negri Cordelia der Prinzessin und Prinz Gregor vor. Cordelia war nicht sicher, ob sie sich verbeugen, einen Hofknicks machen oder salutieren sollte, und schließlich verneigte sie sich flüchtig wie zuvor Droushnakovi. Gregor blickte sie ernst und zweifelnd an, und sie lächelte ihm auf — wie sie hoffte — beruhigende Weise zu.

Vorkosigan ließ sich auf einem Knie vor dem Jungen nieder — nur Cordelia sah, wie Aral dabei schluckte — und sagte: »Weißt du, wer ich bin, Prinz Gregor?«

Gregor wich ein wenig zurück, schmiegte sich an seine Mutter und blickte zu ihr empor. Sie nickte ihm ermutigend zu. »Lord Aral Vorkosigan«, sagte Gregor mit zarter Stimme.

Vorkosigan lockerte seine Hände, versuchte befangen seine übliche Intensität zu dämpfen und sprach in freundlichem Ton: »Dein Großvater hat mich gebeten, dein Regent zu sein. Hat dir schon jemand erklärt, was das bedeutet?«

Gregor schüttelte stumm den Kopf. Vorkosigan zuckte, auf Negri blickend, mit den Brauen — eine Andeutung von Tadel. Negris Gesichtsausdruck änderte sich nicht.

»Das bedeutet, daß ich die Aufgaben deines Großvaters erfüllen werde, bis du alt genug bist, sie selbst zu erfüllen, wenn du zwanzig Jahre alt wirst.

Die nächsten sechzehn Jahre werde ich mich an deines Großvaters Stelle um dich und deine Mutter kümmern, und ich werde dafür sorgen, daß du die Erziehung und die Ausbildung bekommst, um gute Arbeit zu leisten, wie es dein Großvater tat. Eine gute Regierung.«

Wußte das Kind überhaupt schon, was eine Regierung war? Vorkosigan war umsichtig genug gewesen, nicht zu sagen, an deines Vaters Stelle, bemerkte Cordelia nüchtern. Umsichtig genug, Kronprinz Serg überhaupt nicht zu erwähnen. Serg war drauf und dran, aus der Geschichte von Barrayar zu verschwinden, schien es, so gründlich, wie er im Kampf im Weltraum ausgelöscht worden war.

»Für jetzt«, fuhr Vorkosigan fort, »ist deine Aufgabe, eifrig mit deinen Lehrern zu lernen und das zu tun, was deine Mutter dir sagt. Bringst du das fertig?«

Gregor schluckte und nickte dann.

»Ich glaube, du machst das gut.« Vorkosigan nickte ihm kräftig zu, so wie er seinen Stabsoffizieren zunickte, und erhob sich.

Ich glaube, du machst das gut, Aral, dachte Cordelia.

»Während Sie noch hier sind, Sir«, begann Negri, nachdem er kurz gewartet hatte, um sicherzugehen, daß er Vorkosigan nicht ins Wort fiel, »bitte ich Sie, hinabzukommen ins Lagezentrum. Das gibt es zwei oder drei Berichte, die ich Ihnen gerne vorlegen würde. Der letzte aus Darkoi scheint anzudeuten, daß Graf Vorlakil tot war, bevor seine Residenz niedergebrannt wurde, was ein neues Licht — oder einen neuen Schatten — auf diese Sache wirft. Und dann ist da noch das Problem der Reform des Ministeriums für Politische Bildung …«

»Das Problem der Auflösung, sicherlich«, murmelte Vorkosigan.

»Mag sein. Und, wie immer, die neueste Sabotage von Komarr.«

»Ich kann es mir vorstellen. Laßt uns gehen. Cordelia, ach …«

»Vielleicht möchte Lady Vorkosigan noch bleiben und für eine Weile unser Besuch sein«, murmelte Prinzessin Kareen wie auf ein Stichwort hin, mit nur einem feinen Anflug von Ironie.

Vorkosigan warf ihr einen dankbaren Blick zu: »Danke, Mylady.«

Sie strich zerstreut mit einem Finger über ihre zarten Lippen, während die Männer den Raum verließen, und sie entspannte sich leicht, als sie draußen waren. »Gut. Ich hatte gehofft, daß ich Sie einmal ganz für mich allein habe.« Ihr Gesichtsausdruck wurde lebhafter, als sie Cordelia anschaute. Auf eine wortlose Berührung hin ließ sich der Junge vom Sofa gleiten und kehrte, ein paarmal hinter sich blickend, wieder zu seinem Spiel zurück.

Droushnakovi schaute stirnrunzelnd in Richtung der Tür. »Was war denn mit diesem Leutnant los?«, fragte sie Cordelia.

»Leutnant Koudelka wurde von Nervendisruptor-Feuer getroffen«, sagte Cordelia steif, unsicher darüber, ob der seltsame Ton des Mädchens eine Art von Mißbilligung verbarg. »Vor einem Jahr, als er Aral an Bord der General Vorkraft diente. Die neuralen Reparaturen scheinen nicht ganz dem galaktischen Standard zu entsprechen.« Sie verstummte, weil sie befürchtete, daß es scheinen könnte, als kritisierte sie die Hausherrin. Ohne daß Prinzessin Kareen für den zweifelhaften Standard der Medizin auf Barrayar verantwortlich wäre.

»Oh, nicht während des Kriegs um Escobar?«, sagte Droushnakovi.

»Tatsächlich war es verrückterweise der Schuß, der den Krieg um Escobar eröffnet hatte. Obwohl ich vermute, daß Sie es freundliches Feuer nennen würden.« Ein irres Oxymoron, dieser Ausdruck.

»Lady Vorkosigan — oder sollte ich sagen: Captain Naismith — war damals dabei«, bemerkte Prinzessin Kareen, »sie müßte es wissen.«

Es war schwer für Cordelia, in den Zügen der Prinzessin zu lesen. In wieviele von Negris berühmten Berichten war sie eingeweiht?

»Wie schrecklich für ihn! Er sieht aus, als wäre er einmal ziemlich athletisch gewesen«, sagte die Leibwächterin.

»Ja, das war er.« Cordelia lächelte dem Mädchen freundlicher zu und gab ihre Verteidigungshaltung auf. »Nervendisruptoren sind schmutzige Waffen, meiner Meinung nach.« Sie rieb zerstreut über den empfindungslosen Punkt an ihrem Oberschenkel, der von dem bloßen Widerschein einer Disruptorenexplosion verbrannt worden war, der glücklicherweise nicht das subkutane Fett durchdrungen und keinen Schaden an der Muskelfunktion angerichtet hatte. Vernünftigerweise hätte sie das wiederherstellen lassen sollen, bevor sie ihre Heimat verließ.

»Setzen Sie sich, Lady Vorkosigan«, Prinzessin Kareen klopfte auf den Platz neben sich auf dem Sofa, den der zukünftige Kaiser gerade freigegeben hatte. »Drou, bringen Sie bitte Gregor zu seinem Mittagstisch.«

Droushnakovi nickte verständnisvoll, als hätte sie mit dieser einfachen Bitte noch eine verschlüsselte Zusatzbotschaft erhalten, nahm den Jungen und ging mit ihm Hand in Hand hinaus. Seine Kinderstimme war noch zu hören: »Droushie, kann ich ein Stück Sahnetorte haben? Und eins für Steggie?«

Cordelia setzte sich behutsam und dachte an Negris Berichte und an die barrayaranische Desinformation bezüglich ihrer gescheiterten Kampagne einer Invasion des Planeten Escobar. Escobar, der gute Nachbar und Verbündete von Kolonie Beta … Die Waffen, die Kronprinz Serg und sein Schiff hoch über Escobar ausgelöscht hatten, waren mutig durch die barrayaranische Blockade hindurch eskortiert worden von Captain Cordelia Naismith von der Betanischen Expeditionsstreitmacht.

Soviel Wahrheit war offenkundig und öffentlich, und man mußte sich nicht dafür entschuldigen. Jedoch die geheime Geschichte hinter der Szenerie im barrayaranischen Oberkommando war so … verräterisch, ja, das war, entschied Cordelia, das richtige Wort. Gefährlich, wie schlecht gelagerter Giftmüll.

Zu Cordelias Verwunderung lehnte sich Prinzessin Kareen zu ihr herüber, ergriff ihre rechte Hand, führte sie an die Lippen und küßte sie heftig.

»Ich habe geschworen«, sagte Kareen mit belegter Stimme, »die Hand zu küssen, die Ges Vorrutyer erschlagen hat. Danke, danke!« Ihr Atem ging heftig, sie kämpfte mit den Tränen, ihr Gesicht verriet Gefühle der Dankbarkeit. Sie setzte sich auf, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder reserviert, und sie nickte. »Ich danke Ihnen. Segen über Sie!«

»Mmh …«, Cordelia rieb die Stelle auf ihrer Hand, die der Kuß getroffen hatte, »mmh … ich … diese Ehre gehört einem anderen, Mylady. Ich war zwar zugegen, als Admiral Vorrutyers Kehle durchgeschnitten wurde, aber das geschah nicht von meiner Hand.«

Kareens Hände ballten sich in ihrem Schoß zu Fäusten, und ihre Augen glühten. »Dann war es Lord Vorkosigan!«

»Nein!« Cordelia preßte ärgerlich ihre Lippen zusammen. »Negri hätte Ihnen die Wahrheit berichten sollen. Es war Sergeant Bothari. Er rettete mein Leben bei dieser Gelegenheit.«

»Bothari?« Kareen setzte sich in ihrer Überraschung kerzengerade auf. »Bothari, das Monster? Bothari, Vorrutyers verrückter Offiziersbursche?«

»Es macht mir nichts aus, wenn ich an seiner Stelle dafür verantwortlich gehalten werde, Madame, denn wenn es öffentlich bekannt geworden wäre, so wäre man gezwungen gewesen, ihn wegen Mord und Meuterei hinzurichten, und auf diese Weise kommt er ungeschoren davon. Aber ich … aber ich sollte ihm nicht seinen Ruhm wegnehmen. Ich überlasse ihn ihm, wenn Sie es wünschen, aber ich bin nicht sicher, ob er sich an den Vorfall erinnert. Er hat nach dem Krieg eine ziemlich drakonische Bewußtseinstherapie durchgemacht, bevor sie ihn entlassen haben — was Ihr Barrayaraner so Therapie nennt …« — auf gleichem Niveau mit ihrer Neurochirurgie, so argwöhnte sie — »und soviel ich weiß, war er vorher auch nicht gerade … hm … normal.«

»Nein«, sagte Kareen, »das war er nicht. Ich dachte, er war Vorrutyers Kreatur.«

»Er entschied … er entschied sich, anders zu sein. Ich glaube, das war die heldenhafteste Tat, die ich je gesehen habe. Mitten aus jenem Sumpf von Bosheit und Verrücktheit, zu greifen nach …« Cordelia brach ab, es war ihr zu peinlich zu sagen: zu greifen nach Erlösung. Nach einer Pause fragte sie: »Geben Sie Admiral Vorrutyer die Schuld dafür, daß Prinz Serg … hm … verdorben wurde?« Solange sie die Atmosphäre reinigten …

Niemand erwähnt Prinz Serg. Er dachte, eine blutige Abkürzung zur Kaiserherrschaft zu nehmen, und jetzt ist er einfach … verschwunden.

»Ges Vorrutyer …« — Kareens Hand zuckte — »fand in Serg einen gleichgesinnten Freund. Einen schöpferischen Gefolgsmann in seinen schändlichen Vergnügungen. Vielleicht war nicht … alles Vorrutyers Schuld. Ich weiß es nicht.«

Cordelia spürte, daß dies eine ehrliche Antwort war. Kareen fügte leise hinzu: »Ezar hat mich vor Serg beschützt, nachdem ich schwanger geworden war. Ich hatte meinen Mann sogar mehr als ein Jahr lang nicht gesehen, als er in Escobar getötet wurde.«

Vielleicht werde ich auch Prinz Serg nicht wieder erwähnen. »Ezar war ein machtvoller Beschützer. Ich hoffe, daß Aral es ebenso gut macht«, bot Cordelia an. Sollte sie von Kaiser Ezar schon in der Vergangenheitsform sprechen? Jeder andere schien das zu tun.

Kareen kehrte wieder in die Gegenwart zurück und schüttelte sich wach.

»Tee, Lady Vorkosigan?« Sie lächelte und berührte ein Komm-Link, ein winziges Funksprechgerät, das in einer juwelenbesetzten Nadel auf ihrer Schulter verborgen war, und gab Befehle an das Haushaltspersonal.

Offensichtlich war der private Teil des Gesprächs vorüber. Captain Naismith mußte nun herausfinden, wie Lady Vorkosigan zusammen mit einer Prinzessin Tee trinken sollte.

Gregor und die Leibwächterin kamen etwa zur gleichen Zeit zurück, als die Cremetorten serviert wurden, und Gregor machte sich erfolgreich daran, den Damen ein zweites Stück abzuschmeicheln. Beim dritten Stück jedoch sagte Kareen unnachgiebig nein. Prinz Sergs Sohn schien ein völlig normaler Junge zu sein, wenn auch etwas scheu in Gegenwart von Fremden. Cordelia beobachtete ihn und Kareen mit tiefer persönlicher Anteilnahme.

Mutterschaft, jede Frau erlebte sie. Wie schwer konnte das sein?

»Wie gefällt Ihnen Ihr neues Zuhause bisher, Lady Vorkosigan?«, fragte die Prinzessin, um höfliche Konversation bemüht. Jetzt ging es nur um Plauderei am Teetisch, nicht um nackte Wahrheiten. Nicht vor den Kindern.

Cordelia überlegte. »Der Wohnsitz auf dem Land, im Süden in Vorkosigan Surleau, ist einfach schön. Dieser wundervolle See — er ist größer als jedes offene Gewässer auf ganz Kolonie Beta, aber für Aral ist das einfach selbstverständlich. Ihr Planet ist unvergleichlich schön.« Ihr Planet. Nicht mein Planet? Bei einem Test freier Assoziationen löste das Wort ›Zuhause‹ in Cordelias Bewußtsein immer noch die Vorstellung ›Kolonie Beta‹ aus. Aber sie könnte für immer an diesem See in Vorkosigans Armen ruhen.

»Die Hauptstadt hier — nun, sie ist sicherlich vielfältiger als alles, was wir zu Hau… — auf Kolonie Beta haben. Obwohl«, sie lachte befangen, »hier scheinen so viele Soldaten zu sein. Das letztemal, wo ich von so vielen grünen Uniformen umgeben war, da befand ich mich in einem Kriegsgefangenenlager.«

»Sehen Sie in uns immer noch den Feind?«, fragte die Prinzessin neugierig.

»Oh — ich hatte schon aufgehört, in Ihnen allen den Feind zu sehen, bevor der Krieg zu Ende war. Nur verschiedenartige Opfer, auf verschiedene Weise blind.«

»Sie haben einen durchdringenden Blick, Lady Vorkosigan.« Die Prinzessin nippte an ihrem Tee und lächelte in ihre Tasse. Cordelia blinzelte.

»Palais Vorkosigan tendiert zu einer Kasernenatmosphäre, wenn Graf Piotr dort residiert«, merkte Cordelia an. »All seine Männer in Livree. Ich glaube, ich habe auch schon ein paar Dienstmädchen gesehen, die um die Ecken huschten, aber ich habe noch keines treffen können. Eine barrayaranische Kaserne, das ist es. Mein Dienst in Beta war eine ganz andere Sache.«

»Gemischt«, sagte Droushnakovi. Blitzte in ihren Augen Neid? »Frauen und Männer in gemeinsamem Dienst.«

»Die Zuteilung der Aufgaben erfolgt nach einem Eignungstest«, stimmte Cordelia zu. »Ganz konsequent. Natürlich werden die körperlich anstrengenderen Arbeiten den Männern zugeschoben, aber es scheint mit ihnen nicht dieses seltsame, zwanghafte Statusdenken verknüpft zu sein,«

»Respekt«, seufzte Droushnakovi.

»Ja, wenn Menschen ihr Leben für ihre Gemeinschaft aufs Spiel setzen, dann sollten sie sicherlich deren Respekt genießen«, sagte Cordelia gleichmütig. »Ich vermisse meine … meine Offizierskolleginnen, glaube ich. Die intelligenten Frauen, die Technikerinnen, wie auch meinen Freundeskreis zu Hause.« Da war wieder dieses heikle Wort, ›zu Hause‹.

»Es muß doch auch hier irgendwo gescheite Frauen geben, bei all den gescheiten Männern. Wo verstecken sie sich nur?« Cordelia verstummte, als ihr plötzlich bewußt wurde, daß Kareen diese Bemerkung irrtümlicherweise als eine Verunglimpfung ihrer selbst auffassen könnte.

Wenn sie jetzt anfügte Anwesende ausgenommen, dann würde sie jedoch ganz sicher ins Fettnäpfchen treten.

Doch wenn Kareen es so auffaßte, so behielt sie dies für sich, und Cordelia wurde vor weiteren möglichen gesellschaftlichen Peinlichkeiten durch die Rückkehr von Aral und Illyan bewahrt. Man verabschiedete sich allseits höflich, und sie kehrten nach Palais Vorkosigan zurück.

Am selben Abend tauchte Kommandant Illyan überraschend in Palais Vorkosigan mit Droushnakovi im Schlepptau auf. Sie schleifte einen großen Koffer mit sich und blickte sich mit vor Neugierde funkelnden Augen um.

»Oberst Negri beauftragt Fräulein Droushnakovi mit der persönlichen Sicherheit der Gemahlin des Regenten«, erklärte Illyan knapp. Aral nickte zustimmend.

Später überreichte Droushnakovi Cordelia eine versiegelte Botschaft auf dickem, cremefarbenem Papier.

Cordelia hob die Augenbrauen und öffnete das Schreiben. Die Handschrift war klein und regelmäßig, die Unterschrift leserlich und ohne Schnörkel.

Mit meinen besten Wünschen, stand da. Sie wird bestens zu Ihnen passen.

Kareen.

KAPITEL 2

Als Cordelia am nächsten Morgen erwachte, war Vorkosigan schon weggegangen, und sie selbst fand sich konfrontiert mit dem ersten Tag auf Barrayar ohne seinen Beistand. Sie entschloß sich, den Tag dem Kauf zu widmen, der ihr in den Sinn gekommen war, als sie am Abend zuvor beobachtet hatte, wie Koudelka sich mit der Wendeltreppe abmühte. Sie vermutete, daß Droushnakovi die ideale einheimische Führerin für das war, was sie vorhatte.

Sie kleidete sich an und machte sich auf die Suche nach ihrer Leibwächterin. Es war nicht schwer, sie zu finden: Droushnakovi saß im Flur, direkt vor der Tür des Schlafzimmers, sie sprang auf und nahm Haltung an, als Cordelia erschien. Das Mädchen sollte wirklich eine Uniform tragen, überlegte Cordelia. Das Kleid, das sie trug, ließ sie mit ihren gut ein Meter achtzig und ihrer ausgezeichneten Muskulatur schwerfällig erscheinen. Cordelia fragte sich, ob sie als Gemahlin des Regenten das Recht auf eine eigene Livree hätte, und während des Frühstücks war sie in Gedanken damit beschäftigt, eine Livree zu entwerfen, die des Mädchens walkürenhaftes gutes Aussehen hervorheben würde.

»Wissen Sie, Sie sind die erste barrayaranische Leibwächterin, die ich getroffen habe«, bemerkte Cordelia bei Ei und Kaffee und einer Art von gedünsteter einheimischer Hafergrütze mit Butter, die hier offensichtlich den Schwerpunkt des Frühstücks bildete. »Wie sind Sie zu dieser Arbeit gekommen?«

»Nun, ich bin nicht eine wirkliche Wache, wie die Männer in Livree …«

Aha, wieder der Zauber der Uniform.

»… aber mein Vater und alle meine drei Brüder sind im Armeedienst. Damit bin ich so nah dran, wie ich kann, ein wirklicher Soldat zu sein wie Sie.«

Vernarrt ins Militär, wie alle hier auf Barrayar. »Ja?«

»Als ich jünger war, habe ich Judo als Sport getrieben. Aber ich war zu groß für die Frauenkurse. Niemand konnte mir echte Praxis vermitteln, und im übrigen war es so langweilig, all die Katas zu absolvieren. Meine Brüder schmuggelten mich mit sich in die Männerkurse. Eins kam zum anderen. Als ich noch in der Schule war, war ich zwei Jahre hintereinander barrayaranische Nationalmeisterin. Dann trat vor drei Jahren ein Mann von Oberst Negris Stab an meinen Vater heran mit dem Angebot eines Postens für mich. Da bekam ich dann Waffenausbildung.

Es scheint, daß die Prinzessin seit Jahren um weibliche Wachen gebeten hat, aber es war sehr schwierig, jemanden zu finden, der all die Tests bestehen konnte. Obwohl«, sie lächelte selbstkritisch, »die Dame, die das Attentat auf Admiral Vorrutyer verübt hat, wohl kaum meine geringen Dienste benötigen dürfte.«

Cordelia biß sich auf die Zunge. »Hm, ich hatte Glück. Außerdem würde ich mich gerade jetzt gerne aus handgreiflichen Verwicklungen heraushalten. Ich bin schwanger, wissen Sie.«

»Ja, Mylady. Es war in einem von Oberst …«

»Negris Berichten«, beendete Cordelia den Satz unisono mit Droushnakovi. »Ich bin sicher, daß es das war. Er wußte es vermutlich eher als ich.«

»Ja, Mylady.«

»Wurden Sie als Kind in Ihren Interessen sehr gefördert?«

»Nicht … wirklich. Alle dachten, ich sei einfach seltsam.« Sie legte die Stirn in tiefe Falten, und Cordelia hatte die Empfindung, daß sie schmerzliche Erinnerungen aufrührte.

Sie betrachtete das Mädchen nachdenklich. »Ältere Brüder?«

Droushnakovi erwiderte den Blick mit großen, blauen Augen: »Ja, warum?«

»Hab ich mir so vorgestellt.« Und ich habe Barrayar für das gefürchtet, was es seinen Söhnen antat. Kein Wunder, daß sie Schwierigkeiten haben, jemanden zu bekommen, der die Tests besteht. »So, Sie haben also Waffenausbildung gehabt. Ausgezeichnet. Sie können mich heute auf meiner Einkaufsfahrt begleiten.«

Ein leichter Schatten zog über Droushnakovis Gesicht. »Jawohl, Mylady. Welche Art von Kleidung wollen Sie anschauen?«, fragte sie höflich und konnte dabei ein dumpfe Enttäuschung über die Interessen ihrer wirklichen Soldatin nicht ganz verbergen.

»Wohin würden Sie in dieser Stadt gehen, um einen wirklich guten Stockdegen zu kaufen?«

Der Schatten verschwand. »Oh, ich kenne nur die Adresse, wo die Offiziere der Vor hingehen, und die Grafen, um ihre Livrierten auszurüsten. Das heißt: ich war nie innen drin. Meine Familie gehört nicht zu den Vor, und deshalb dürfen wir natürlich keine persönlichen Waffen besitzen. Nur Dienstwaffen. Aber man sagt von diesem Laden, er sei der beste.«

Einer von Graf Vorkosigans livrierten Wächtern chauffierte sie zu dem Laden. Cordelia entspannte sich und genoß den Blick auf die vorüberziehende Stadt. Droushnakovi, ganz im Dienst, blieb wachsam, ihre Blicke glitten unablässig prüfend über all die Menschenmengen rundum. Cordelia hatte das Gefühl, daß ihr kaum etwas entging. Immer wieder wanderte ihre Hand prüfend zu der Betäubungswaffe, die sie an der Innenseite ihres bestickten Bolero verborgen trug.

Sie bogen in einen sauberen, engen Straßenzug von älteren Gebäuden mit gemeißelten Steinfassaden ein. Das Waffengeschäft war nur durch seinen Namen gekennzeichnet, Siegling, in diskreten Goldbuchstaben.

Offensichtlich sollten nur die Eingeweihten wissen, wo sie sich hier befanden. Der Livrierte wartete draußen, während Cordelia und Droushnakovi den Laden betraten, einen Raum mit dicken Teppichen und Holztäfelung und etwas von dem Geruch nach Waffenkammer, an den sich Cordelia von ihrem Raumschiff her erinnerte, ein seltsam heimatlicher Hauch an einem fremden Ort. Sie staunte heimlich über die Holztäfelung und schätzte in Gedanken ihren Wert in betanischen Dollar.

Eine ganze Menge betanischer Dollar. Aber Holz schien hier fast so gewöhnlich wie Plastik zu sein, und ebenso gering geachtet. Jene persönlichen Waffen, deren Besitz für die oberen Klassen legal war, waren in Vitrinen und an den Wänden elegant zur Schau gestellt. Außer Betäubungs- und Jagdwaffen gab es eine beachtliche Menge von Schwertern und Dolchen, die strengen kaiserlichen Edikte gegen das Duellieren untersagten offensichtlich nur ihren Gebrauch, nicht ihren Besitz.

Der Verkäufer, ein leiser älterer Mann mit zusammengekniffenen Augen, trat an sie heran. »Was kann ich für die Damen tun?«, fragte er freundlich genug. Cordelia vermutete, daß Frauen aus der Klasse der Vor gelegentlich hierherkamen, um Geschenke für ihre männlichen Verwandten zu kaufen. Aber er könnte in genau dem gleichen Ton gesagt haben: Was kann ich für euch Kinder tun? Herabsetzung durch Körpersprache? Ach, laß es nur.

»Ich suche einen Stockdegen, für einen Mann von etwa ein Meter neunzig.

Sollte ungefähr, ja, so lang sein«, sie rief sich Koudelkas Armund Beinlänge in Erinnerung, schätzte sie ab und zeigte sie mit einer Geste in der Höhe ihrer Hüfte an. »Mit einer Scheide mit Sprungfeder, vermutlich.«

»Jawohl, Madame.« Der Angestellte verschwand und kehrte dann mit einem Exemplar zurück, das in kunstvoll geschnitztem hellem Holz gehalten war.

»Das wirkt ein bißchen … ich weiß nicht.« Protzig. »Wie funktioniert es?«

Der Verkäufer demonstrierte den Federmechanismus. Die hölzerne Scheide fiel ab und enthüllte eine lange, dünne Klinge. Cordelia streckte ihre Hand aus, und der Angestellte reichte ihr, ziemlich widerstrebend, die Klinge zur Prüfung.

Sie drehte sie ein wenig, schaute daran entlang und gab sie dann an ihre Leibwächterin weiter. »Was denken Sie darüber?«

Droushnakovi lächelte zuerst, dann runzelte sie zweifelnd die Stirn. »Sie ist nicht ganz ausgewogen.« Sie blickte unsicher zu dem Verkäufer.

»Denken Sie daran, daß Sie für mich arbeiten, nicht für ihn«, sagte Cordelia, die richtig erkannt hatte, daß hier Klassenbewußtsein am Werk war.

»Ich glaube nicht, daß das eine sehr gute Klinge ist.«

»Das ist ausgezeichnete Darkoi-Qualität, Madame«, rechtfertigte sich der Verkäufer kühl.

Lächelnd nahm Cordelia die Klinge zurück. »Dann wollen wir Ihre Hypothese mal testen.«

Sie hob die Klinge plötzlich zum Salut und machte dann einen geschickten Ausfall in Richtung der Wand. Die Spitze drang in das Holz und blieb darin stecken, und Cordelia stützte sich darauf. Die Klinge sprang entzwei. Kühl gab sie die Stücke dem Verkäufer zurück. »Wie bleiben Sie eigentlich im Geschäft, wenn Ihre Kunden nicht lange genug überleben, um einen zweiten Kauf zu tätigen? Siegling hat seinen Ruf bestimmt nicht durch den Verkauf solcher Spielzeuge bekommen. Bringen Sie mir etwas, das ein anständiger Soldat tragen kann, nicht ein Spielzeug für einen Zuhälter.«

»Madame«, sagte der Angestellte spröde, »ich muß darauf bestehen, daß die beschädigte Ware bezahlt wird.«

Cordelia, zutiefst gereizt, sagte: »Gut, schicken Sie die Rechnung an meinen Gatten, Admiral Aral Vorkosigan, im Palais Vorkosigan. Bei der Gelegenheit können Sie dann auch erklären, warum Sie an seine Frau Schund abgeben wollten, Feldwebel.« Das letztere war nur geraten, aufgrund seines Alters und seiner Gangart, aber sie konnte an seinen Augen ablesen, daß sie ins Schwarze getroffen hatte.

Der Verkäufer verneigte sich tief. »Ich bitte um Verzeihung, Mylady. Ich glaube, ich habe etwas tauglicheres, wenn Mylady bitte warten wollen.«

Er verschwand wieder, und Cordelia seufzte: »Es ist viel leichter, bei Maschinen zu kaufen. Aber wenigstens funktioniert hier die Berufung auf die Autorität des Hauptquartiers genauso gut wie zu Hause.«

Das nächste Exemplar war schlichtes schwarzes Holz, mit einer Oberfläche wie Satin. Der Verkäufer überreichte es ihr ungeöffnet, mit einer weiteren kleinen Verbeugung. »Sie drücken den Griff hier, Mylady.«

Dieser Stockdegen war viel schwerer als der erste. Die Scheide sprang blitzschnell ab und landete mit einem befriedigenden Knall an der Wand auf der anderen Seite des Raumes — schon das war fast eine eigene Waffe. Cordelia untersuchte wieder die Klinge. Ein seltsames Muster wie ein Wasserzeichen changierte im Licht entlang der Klinge. Sie salutierte erneut vor der Wand und fing den Blick des Angestellten auf. »Geht das auf Ihr Gehalt?«

»Nur los, Mylady.« In seinen Augen glomm Genugtuung auf. »Diese können Sie nicht zerbrechen.«

Sie unterzog die Klinge dem gleichen Test wie die andere. Die Spitze drang viel tiefer in das Holz, und obwohl sie sich mit all ihrer Kraft darauf stützte, konnte sie sie kaum biegen. Trotzdem vertrug die Klinge noch mehr Biegung, Cordelia konnte spüren, daß sie noch lange nicht die Grenze ihrer Zugfestigkeit erreicht hatte. Sie überreichte die Waffe Droushnakovi, die sie liebevoll untersuchte.

»Die ist gut, Madame. Die ist es wert.«

»Ich bin sicher, er wird sie mehr als Stock denn als Schwert benutzen. Nichtsdestoweniger … sie sollte es tatsächlich wert sein. Die nehmen wir.«

Während der Verkäufer die Waffe einwickelte, verweilte Cordelia vor einer Vitrine mit emailverzierten Betäubungswaffen.

»Denken Sie daran, eine für sich selbst zu kaufen, Mylady?«, fragte Droushnakovi.

»Ich … denke nein. Barrayar hat genug Soldaten, ohne daß es welche von Kolonie Beta importiert. Wofür auch immer ich hier bin, es ist auf jeden Fall nicht der Militärdienst. Sehen Sie irgend etwas, das Sie wollen?«

Droushnakovi blickte nachdenklich, aber sie schüttelte den Kopf. Ihre Hand griff nach ihrem Bolero. »Oberst Negris Ausrüstung ist die beste. Sogar Siegling hat nichts besseres, höchstens hübscheres.«

Spät an jenem Abend setzten sie sich zu dritt zum Essen, Vorkosigan, Cordelia und Leutnant Koudelka. Vorkosigans neuer persönlicher Sekretär schaute etwas müde aus.

»Was habt ihr beide den ganzen Tag getrieben?«, fragte Cordelia.

»Menschen in den Pferch getrieben, vor allem«, antwortete Vorkosigan.

»Premierminister Vortala hatte einige Stimmen noch nicht so sicher bei der Stange, wie er behauptete, und wir haben sie bearbeitet, jeweils einen oder zwei, hinter verschlossenen Türen. Was du morgen in den Ratskammern erleben wirst, ist nicht barrayaranische Politik in Aktion, sondern nur ihr Ergebnis. Wie ging es dir heute?«

»Prima. Ich ging einkaufen. Ihr könnt es gleich sehen.« Sie holte den Stockdegen hervor und entfernte die Verpackung. »Das soll dazu beitragen, daß du Kou nicht zur völligen Erschöpfung treibst.«

Koudelka zeigte höfliche Dankbarkeit, war aber im Grunde irritiert. Sein Ausdruck wandelte sich in Überraschung, als er den Stock zur Hand nahm und wegen des unerwarteten Gewichts beinah fallen ließ. »Holla! Das ist doch nicht …«

»Man drückt den Griff hier. Richten Sie es nicht …!« Peng!

»… auf das Fenster.« Glücklicherweise schlug die Scheide gegen den Fensterrahmen und prallte mit einem Krach zurück. Kou und Aral sprangen beide auf.

In Koudelkas Augen begann es zu leuchten, als er die Klinge untersuchte, während Cordelia die Scheide aufhob. »O Mylady!« Dann fiel ein Schatten über sein Gesicht. Er schob die Waffe behutsam in die Scheide und gab sie dann betrübt zurück. »Ich nehme an, Sie haben es nicht gewußt. Ich bin kein Vor. Für mich ist es illegal, ein privates Schwert zu besitzen.«

»Ach!« Cordelia war geknickt.

Vorkosigan hob die Augenbrauen. »Darf ich das einmal sehen, Cordelia?«

Er zog die Waffe vorsichtig aus der Scheide und prüfte sie. »Hm. Habe ich recht, wenn ich vermute, daß ich dafür gezahlt habe?«

»Nun, du wirst dafür zahlen, nehme ich an, wenn die Rechnung kommt. Allerdings meine ich, du solltest nicht für das andere zahlen, das ich zerbrochen habe. Aber ich kann das hier wieder zurückbringen.«

»Ich verstehe.« Er lächelte verhalten. »Leutnant Koudelka, als Ihr vorgesetzter Offizier und ein Vasall von Ezar Vorbarra übergebe ich Ihnen offiziell diese meine Waffe, zu tragen im Dienste des Kaisers, lang möge er herrschen.« Die unvermeidliche Ironie der formellen Floskel ließ ihn die Lippen aufeinanderpressen, aber er schüttelte den düsteren Schatten ab und gab den Stock an Koudelka zurück, der wieder strahlte.

»Danke, Sir!«

Cordelia schüttelte nur den Kopf: »Ich glaube nicht, daß ich dieses Land je verstehen werde.«

»Ich muß Kou bitten, für dich ein paar juristische Beispiele herauszusuchen. Aber nicht mehr heute abend. Er hat ja kaum Zeit, seine Notizen von heute ins reine zu schreiben, bevor Vortala hier ankommt mit noch ein paar von seinen Abweichlern. Kou, Sie können sich in der Bibliothek meines Vaters, des Grafen, einrichten, wir treffen uns dann dort.«

Die Tafel wurde aufgehoben. Koudelka zog sich zur Arbeit in die Bibliothek zurück, während sich Vorkosigan und Cordelia zum Lesen in den danebenliegenden Salon zurückzogen, bis zu Vorkosigans abendlichem Termin. Er hatte noch mehr Berichte durchzuschauen und ließ sie schnell durch einen Handprojektor laufen. Cordelia nutzte die Zeit zuerst für die Beschäftigung mit einer Miniaudiokassette über Barrayaranisch-Russische Konversation und dann für eine noch einschüchterndere Platte über Kinderpflege. Gelegentlich wurde das Schweigen unterbrochen von einem unterdrückten Ausruf von Vorkosigan, mehr an sich selbst gerichtet als an Cordelia, wie etwa: »Aha! Also das war’s, worauf der Kerl wirklich aus war!« oder: »Verflucht! Diese Zahlen sind komisch. Muß ich mal überprüfen …«

Oder Cordelia: »Ach du lieber Himmel, ob das wirklich alle Babies machen?« Und von Zeit zu Zeit drang ein Peng! durch die Wand aus der Bibliothek, und dann blickten sie auf, schauten einander an und brachen in Gelächter aus.

»Ach, Liebster«, sagte Cordelia nach dem dritten oder vierten Knall, »ich hoffe, ich habe ihn nicht ungebührlich von seinen Pflichten abgelenkt.«

»Er wird seine Sache schon gut machen, wenn er sich beruhigt. Vorbarras persönlicher Sekretär hat ihn unter seine Fittiche genommen und zeigt ihm, wie er sich selbst organisieren muß. Wenn Kou ihm durch das ganze Trauerprotokoll folgt, dann dürfte er in der Lage sein, mit allem fertig zu werden. Dieser Stockdegen war übrigens ein genialer Einfall. Danke!«

»Nun ja, ich hatte gemerkt, daß er ziemlich gereizt war wegen seiner Behinderung. Ich dachte, das könnte ihn etwas entspannen.«

»Es ist unsere Gesellschaft. Sie tendiert dazu, ziemlich … hart zu sein zu jemand, der nicht mithalten kann.«

»Ich verstehe. Seltsam… jetzt, das du es erwähnst, erinnere ich mich, daß ich nur gesund aussehende Leute auf den Straßen und anderswo gesehen habe, ausgenommen im Krankenhaus. Keine Schwebestühle, keine Kinder mit ausdruckslosen Gesichtern im Gefolge ihrer Eltern …«

»Du wirst auch keine sehen«, Vorkosigan blickte grimmig drein. »Alle Probleme, die entdeckt werden können, werden vor der Geburt eliminiert.«

»Nun, wir tun das auch. Allerdings gewöhnlich vor der Empfängnis.«

»Auch bei der Geburt. Und danach, im Hinterland.«

»Oh.«

»Was die zu Krüppeln gemachten Erwachsenen anbelangt …«

»Guter Gott, ihr praktiziert mit denen doch nicht etwa Euthanasie, oder?«

»Dein Fähnrich Dubauer würde hier nicht mehr leben.«

Dubauer hatte Disruptor-Feuer auf den Kopf bekommen und überlebt. Irgendwie.

»Was Verletzungen wie die Koudelkas oder noch schlimmere angeht … das soziale Stigma ist da sehr groß. Beobachte ihn einmal in einer größeren Gruppe, die nicht seine engen Freunde sind. Es ist kein Zufall, daß die Selbstmordrate unter den aus medizinischen Gründen entlassenen Soldaten hoch ist.«

»Das ist ja schrecklich.«

»Ich habe das einmal als selbstverständlich hingenommen. Jetzt … nicht mehr. Aber viele Leute tun es noch.«

»Und was ist mit Problemen wie dem von Bothari?«

»Das kommt darauf an. Er war ein brauchbarer Spinner. Die unbrauchbaren …« Er brach ab und starrte auf seine Stiefel.

Cordelia fröstelte. »Ich denke immer, daß ich anfange, mich an diese Welt hier anzupassen. Dann gehe ich um eine andere Ecke und stoße dann blindlings auf Sachen wie diese.«

»Es ist erst achtzig Jahre her, seit Barrayar wieder Kontakt mit der umfassenderen galaktischen Zivilisation aufgenommen hat. In der Zeit der Isolation haben wir nicht nur Technologie verloren. Die haben wir schnell wieder drauf gehabt, wie einen geborgten Mantel. Aber darunter … sind wir an manchen Stellen noch ziemlich nackt. In vierundvierzig Jahren habe ich erst begonnen zu sehen, wie nackt.«

Bald darauf kamen Graf Vortala und seine ›Abweichler‹, und Vorkosigan verschwand mit ihnen in der Bibliothek. Der alte Graf Piotr Vorkosigan, Arals Vater, traf später an diesem Abend aus seinem Landbezirk ein, er war gekommen, um bei der Vollversammlung des Rates abzustimmen.

»Nun, da ist ja eine Stimme, derer er sich morgen sicher sein kann«, scherzte Cordelia mit ihrem Schwiegervater, als sie ihm im Foyer aus der Jacke half.

»Ha, er hat Glück, daß er sie bekommt. Er hat in den letzten paar Jahren einige verflucht radikale Ideen aufgeschnappt. Wenn er nicht mein Sohn wäre, dann könnte er auf meine Stimme lange warten.« Aber auf Piotrs runzeligem Gesicht war Stolz zu lesen.

Cordelia zwinkerte bei dieser Beschreibung von Aral Vorkosigans politischen Ansichten. »Ich gestehe, ich habe ihn nie für einen Revolutionär gehalten. Radikal muß ein viel dehnbarerer Begriff sein, als ich dachte.«

»Ach, er schätzt sich selber auch nicht so ein. Er meint, er kann die Hälfte des Weges gehen und dann haltmachen. Aber ich glaube, er wird sich auf dem Rücken eines Tigers reitend wiederfinden, wenn er diesen Weg ein paar Jahre gegangen sein wird.« Der Graf schüttelte grimmig den Kopf. »Aber komm, mein Mädchen, und setz dich und sag mir, daß es dir gut geht. Du siehst gut aus  ist alles in Ordnung?«

Der alte Graf war leidenschaftlich interessiert an der Entwicklung seines zukünftigen Enkels. Cordelia spürte, daß ihre Schwangerschaft ihren Status bei ihm enorm angehoben hatte, von einer geduldeten Kaprice Arals zu etwas, das schon gefährlich ans Halbgöttliche grenzte. Er nahm sie geradezu unter Beschuß mit seinem Beifall. Es war nahezu unwiderstehlich, und sie lachte nie über ihn, obwohl sie sich keinen Illusionen hingab.

Cordelia hatte erfahren, daß Aral mit seiner Voraussage über die Reaktion seines Vaters auf ihre Schwangerschaft, die er an jenem Tag gemacht hatte, als sie mit der bestätigenden Botschaft nach Hause gekommen war, voll ins Schwarze getroffen hatte. Sie war an jenem Sommertag auf das Gut in Vorkosigan Surleau zurückgekehrt, um Aral drunten bei der Bootsanlegestelle zu suchen. Er machte sich an seinem Segelboot zu schaffen und hatte seine Segel ausgelegt, die in der Sonne trockneten, während er mit nassen Schuhen um sie herumplatschte.

Er schaute auf und begegnete ihrem Lächeln, und dabei konnte er die Ungeduld in seinen Augen nicht verbergen. »Nun?« Dabei hüpfte er ein wenig auf seinen Absätzen hin und her.

»Nun.« Sie versuchte einen traurigen und enttäuschten Ausdruck anzunehmen, aber ein Grinsen entschlüpfte ihr und breitete sich über ihr ganzes Gesicht aus. »Dein Doktor sagt, es ist ein Junge.«

»Ah.« Ein langer und vielsagender Seufzer entwich ihm, und er packte sie und wirbelte sie herum.

»Aral! Paß auf! Laß mich nicht fallen!« Er war nicht größer als sie, nur … hm … kräftiger.

»Niemals!« Er ließ sie an sich heruntergleiten und sie gaben sich einen langen Kuß, der in Gelächter endete.

»Mein Vater wird begeistert sein.«

»Du siehst ja selbst schon ziemlich begeistert aus.«

»Ja, aber du hast noch nichts dergleichen gesehen, solange du nicht einen altmodischen barrayaranischen pater familias gesehen hast in Verzückung über einen neuen Sproß an seinem Stammbaum. Seit Jahren war der arme alte Herr davon überzeugt, seine Linie würde mit mir enden.«

»Wird er mit verzeihen, daß ich aus dem gewöhnlichen Volk und von einer anderen Welt stamme?«

»Ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber diesmal glaube ich nicht, daß es ihm was ausgemacht hat, welche Spezies von Frau ich heimgeschleift habe, solange sie nur fruchtbar ist. Du glaubst, ich übertreibe?«, fügte er hinzu, als sie hell auflachte. »Du wirst es schon sehen.«

»Ist es zu früh, schon an einen Namen zu denken?«, fragte sie etwas nachdenklich.

»Da gibt es nichts zu denken. Erstgeborener Sohn. Das ist hier eine strenge Sitte: Er bekommt seine Namen nach seinen beiden Großvätern.

Nach dem väterlichen den ersten, nach dem mütterlichen den zweiten.«

»Ach, deshalb ist eure Geschichte so verwirrend zu lesen. Ich mußte immer Jahreszahlen neben diese immer gleichen Namen stellen, damit ich den Überblick behielt. Piotr Miles. Hm. Nun, ich glaube, ich kann mich daran gewöhnen. Ich hatte an etwas … anderes gedacht.«

»Das nächste Mal, vielleicht.«

»Ganz schön ehrgeizig.«

Dem folgte eine kurze Rangelei, denn Cordelia hatte zuvor schon die nützliche Entdeckung gemacht, daß er in bestimmten Stimmungen kitzliger war als sie. Sie errang sich eine gehörige Portion Rache, und schließlich lagen sie lachend im Gras in der Sonne.

»Das ist sehr würdelos«, beschwerte sich Aral, als sie ihn aufstehen ließ.

»Hast du Angst, ich schockiere Negris Menschenfischer dort draußen auf dem See?«

»Den kann nichts mehr schockieren, das garantiere ich dir.«

Cordelia winkte zu dem fernen Luftkissenboot hinüber, aber dessen Insasse ignorierte standhaft ihre Geste. Zuerst war sie ärgerlich gewesen, als sie erfuhr, daß Aral unter ständiger Beobachtung des kaiserlichen Sicherheitsdienstes stand, später hatte sie sich damit abgefunden. Sie vermutete, daß dies der Preis für seine Verwicklung in die geheime und tödliche Politik des Krieges um Escobar, und die Strafe für einige seiner weniger willkommenen unverblümten Meinungsäußerungen.

»Ich kann verstehen, warum du es dir zum Hobby gemacht hast, mit ihnen Katz und Maus zu spielen. Vielleicht sollten wir freundlicher werden und sie zum Essen oder so einladen. Ich meine, daß sie mich jetzt schon so gut kennen müssen, da möchte ich sie auch gern mal kennenlernen.« Hatte Negris Mann die familiäre Unterhaltung aufgezeichnet, die sie gerade geführt hatten? Gab es Abhörgeräte in ihrem Schlafzimmer? In ihrem Bad?

Aral grinste, aber er antwortete: »Sie dürften es nicht annehmen. Sie essen oder trinken nur das, was sie selber mitbringen.«

»Du lieber Himmel, wie paranoid. Ist das wirklich nötig?«

»Manchmal. Ihr Geschäft ist gefährlich. Ich beneide Sie nicht.«

»Ich denke, da draußen herumzusitzen und dich zu beobachten dürfte einen netten kleinen Urlaub ausmachen. Der wird doch eine tolle Sonnenbräune heimbringen.«

»Das Herumsitzen ist der härteste Teil. Sie sitzen vielleicht ein ganzes Jahr, und dann werden sie auf einmal zu fünf Minuten totaler Aktion von tödlicher Wichtigkeit gerufen. Aber sie müssen das ganze Jahr über jeden Augenblick für diese fünf Minuten bereit sein. Das ist sehr anstrengend. Ich ziehe den Angriff der Verteidigung vor.«

»Ich verstehe immer noch nicht, warum irgend jemand dich belästigen sollte. Ich will sagen, du bist doch nur ein Offizier außer Dienst, der zurückgezogen lebt. Es muß doch Hunderte wie dich geben, selbst von edlem Vor-Geblüt.«

»Hm.« Er blickte lange nach dem fernen Boot und vermied eine Antwort, dann sprang er auf die Füße. »Komm, überraschen wir Vater mit der guten Nachricht.«

Ja, jetzt verstand sie es. Graf Piotr zog ihre Hand auf seinen Arm und entführte sie in das Eßzimmer, wo er ein spätes Abendessen einnahm, nach den neuesten Schwangerschaftsberichten fragte und ihr frische Gartenköstlichkeiten aufnötigte, die er vom Lande mitgebracht hatte. Sie aß gehorsam Weintrauben.

Als sie nach dem Abendessen Arm in Arm mit dem Grafen in das Foyer schritt, drangen an ihr Ohr die Laute erhobener Stimmen aus der Bibliothek. Die Worte waren nicht zu verstehen, aber sie klangen scharf und wie Hiebe. Beunruhigt blieb Cordelia stehen.

Einen Moment später endete der — Streit? Die Tür der Bibliothek sprang auf, und ein Mann stolzierte heraus. Cordelia konnte durch die Türöffnung Aral und Graf Vortala sehen. Arals Gesicht war starr, doch seine Augen brannten. Vortala, ein vom Alter gebeugter Mann, das fast kahle Haupt mit Leberflecken übersät und von einem weißem Haarkranz umrahmt, war knallrot bis über seinen nackten Schädel. Der Mann, der die Bibliothek verlassen hatte, rief mit einer schroffen Geste seinen wartenden livrierten Diener herbei, der ihm schneidig folgte, mit ausdruckslosem Gesicht.

Der schroffe Mann war etwa vierzig Jahre alt, vermutete Cordelia, er war teuer im Stil der oberen Klassen gekleidet und hatte dunkles Haar. Eine markante Stirn und vorstehende Backenknochen, gegen die seine Nase und sein Schnurrbart nicht ankamen, ließen sein Gesicht wie einen Teller erscheinen. Er war weder gutaussehend noch häßlich, und in einer anderen Stimmung hätte man ihn als einen Mann mit entschlossenen Zügen bezeichnen können. Jetzt sah er nur mürrisch aus. Als er im Foyer auf Graf Piotr traf, hielt er an und brachte — gerade noch — ein höflich grüßendes Nicken zustande. »Vorkosigan«, sagte er dumpf. Ein widerwilliges ›Guten Abend‹ war in seiner ruckartigen Andeutung einer Verbeugung verschlüsselt.

Der alte Graf antwortete mit einem Kopfnicken und hob die Augenbrauen.

»Vordarian«, sein Ton machte aus dem Namen eine Frage.

Vordarian preßte seine Lippen aufeinander, seine Fäuste ballten sich unbewußt im Rhythmus seiner mahlenden Kiefer. »Merken Sie sich meine Worte«, stieß er hervor, »Sie und ich und jeder andere Mann von Würde auf Barrayar wird den morgigen Tag noch sehr bereuen.«

Piotr schürzte seine Lippen, in den von Krähenfüßen umgebenen Winkeln seiner Augen zeichnete sich Vorsicht ab. »Mein Sohn wird seine Klasse nicht verraten, Vordarian.«

»Sie blenden sich selbst.« Sein Blick ging durch Cordelia hindurch und verweilte nicht lang genug, um als Beleidigung gedeutet zu werden, aber als kühle, sehr kühle, zurückweisende Vorstellung. Mit Mühe brachte er ein Minimum an Höflichkeit auf und nickte zum Abschied, drehte sich um und ging durch die Vordertür nach draußen, gefolgt von seinem Schatten von Gefolgsmann.

Aral und Vortala kamen aus der Bibliothek. Aral ging ins Foyer und blickt verstimmt durch die geschliffenen Glasscheiben, die die Tür flankierten, hinaus in die Dunkelheit. Vortala legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm.

»Lassen Sie ihn gehen«, sagte Vortala, »wir können auch ohne seine Stimme morgen leben.«

»Ich habe nicht vor, auf der Straße hinter ihm herzurennen«, versetzte Aral. »Trotzdem … nächstes Mal sparen Sie bitte Ihren Esprit für jemanden auf, der genügend Hirn hat, um ihn würdigen zu können, ja?«

»Wer war denn dieser wütende Kerl?«, fragte Cordelia leichthin, in einem Versuch, die düstere Stimmung zu heben.

»Graf Vidal Vordarian.« Aral wandte sich von der Glasscheibe ab, ihr zu, und brachte ihr zuliebe ein Lächeln zustande. »Kommodore Vidal Vordarian. Ich habe gelegentlich mit ihm zusammengearbeitet, als ich dem Generalstab angehörte. Er ist jetzt ein Führer der wohl zweitkonservativsten Partei auf Barrayar: nicht die Spinner, die wieder zurück in die Zeit der Isolation wollen, sondern, so kann man sagen, jene, die ehrlich fürchten, daß jede Veränderung eine Veränderung zum Schlechteren ist.« Er blickte verstohlen zu Graf Piotr hinüber.

»Sein Name wurde oft erwähnt in Spekulationen über die zukünftige Regentschaft«, merkte Vortala an. »Ich fürchte, er hat selbst damit gerechnet. Er hat sich große Mühe gegeben, Kareen auf seine Seite zu bringen.«

»Er hätte Ezar auf seine Seite bringen sollen«, sagte Aral trokken. »Nun ja … vielleicht beruhigt er sich wieder über Nacht. Versuchen Sie es noch mal mit ihm am Morgen, Vortala — dann aber ein bißchen behutsamer, ja?«

»Vordarians Ego zu hätscheln könnte eine Vollzeitaufgabe werden«, brummte Vortala. »Er verbringt zuviel Zeit mit dem Studium seines Stammbaums.«

Aral grinste zustimmend: »Er ist nicht der einzige.«

»Aber er hört sich gerne davon reden«, knurrte Vortala.

KAPITEL 3

Am nächsten Tag hatte Cordelia einen offiziellen Begleiter zur Vollversammlung des Vereinigten Rates in der Person von Oberst Lord Padma Xav Vorpatril. Es stellte sich heraus, das er nicht nur ein Mitglied des neuen Stabs ihres Mannes war, sondern auch sein Cousin ersten Grades, Sohn der jüngeren Schwester von Arals schon lang verstorbener Mutter. Lord Vorpatril war Arals erster naher Verwandter, den Cordelia außer Graf Piotr bisher getroffen hatte. Es war nicht, daß Arals Verwandte ihr auswichen, wie sie befürchtet haben mochte, er hatte einfach nur wenige.

Er und Vorpatril waren die einzigen überlebenden Nachkommen der vorausgegangenen Generation, deren letzter lebender Vertreter Graf Piotr selbst war. Vorpatril war ein großer, fröhlicher Mann von etwa fünfunddreißig, wohlproportioniert in seiner grünen Uniform. Er war auch, das entdeckte sie bald, einer von ihres Mannes jüngeren Offizieren gewesen, in der Anfangszeit seines Dienstes als Kapitän, vor Vorkosigans militärischen Erfolgen der Komarr-Kampagne und ihren verheerenden politischen Nachwirkungen.

Sie saß mit Vorpatril auf der einen und Droushnakovi auf der anderen Seite auf einer Galerie, die einen Überblick über den Ratssaal gewährte.

Der Saal war ein überraschend schlichter Raum, allerdings ganz mit Holz getäfelt, was für Cordelias betanische Augen immer noch als unglaublicher Luxus erschien. Hölzerne Bänke und Tische säumten den Raum. Morgenlicht strömte durch bunte Glasfenster hoch in der Ostwand.

Drunten wurden die farbenprächtigen Zeremonien mit großer Förmlichkeit abgewickelt.

Die Minister trugen archaisch wirkende Roben in Schwarz und Purpur, von denen sich die goldenen Amtsketten abhoben. Sie waren allerdings in der Minderheit gegenüber den nahezu sechzig Bezirksgrafen, die in Scharlach und Silber noch prächtiger aussahen. Einige Männer, die jung genug waren, um noch im aktiven Militärdienst zu stehen, trugen die rotblaue Paradeuniform. Vorkosigan hatte recht gehabt, als er die Paradeuniform als übertrieben prunkvoll bezeichnete, dachte Cordelia, aber in dem wundervollen Rahmen dieses altehrwürdigen Raumes erschien dieser Prunk durchaus am Platz. Vorkosigan schaute sehr gut aus in diesem Kreis.

Prinz Gregor und seine Mutter saßen auf einem Podium auf einer Seite des Saales. Die Prinzessin trug ein schwarzes, silbern verziertes hochgeschlossenes Kleid mit langen Ärmeln. Ihr dunkelhaariger Sohn sah in seiner rot-blauen Uniform eher wie ein Elf aus. Cordelia dachte, daß er sich angesichts der ganzen Umstände bemerkenswert ruhig hielt.

Auch der Kaiser war auf gespenstische Weise anwesend, durch eine direkte Konferenzschaltung aus der Kaiserlichen Residenz. In dem Holovid wurde Ezar im Sitzen gezeigt, in voller Uniform. Cordelia wollte sich nicht ausmalen, welche physischen Strapazen dies für ihn bedeutete, die Schläuche und Monitorkabel, die an seinem Körper hingen, wurden wenigstens vor der Vidapparatur verborgen. Sein Gesicht war weiß wie Papier, seine Haut fast durchscheinend, als ob er buchstäblich von der Bühne schwinden würde, die er so lang beherrscht hatte.

Die Galerie war überfüllt mit Ehefrauen, Stabspersonal und Wachen. Die Frauen waren elegant gekleidet und mit Juwelen geschmückt, und Cordelia musterte sie interessiert, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder darauf, einige Informationen aus Vorpatril herauszuholen.

»Hat dich Arals Ernennung zum Regenten überrascht?«, fragte sie.

»Nicht wirklich. Ein paar Leute nahmen diese Geschichte von Rücktritt und Rückzug ins Privatleben nach dem Schlamassel von Escobar ernst, aber ich nie.«

»Er hat es ernst gemeint, dachte ich.«

»Oh, daran zweifle ich nicht. Der erste, den Aral mit diesem Getue vom prosaisch steinernen Soldaten zum Narren hält, ist er selber. Ich denke, das ist die Art von Mann, der er schon immer gern sein wollte. Wie sein Vater.«

»Hm. Nun ja, ich hatte bei ihm einen gewissen Hang zum Politisieren in der Konversation bemerkt. Auch mitten in den außerordentlichsten Umständen. Zum Beispiel bei Heiratsanträgen.«

Vorpatril lachte. »Das kann ich mir gut vorstellen. Als er jung war, war er ein echter Konservativer — wenn man wissen wollte, was Aral über irgendeine Sache dachte, dann mußte man nur Graf Piotr fragen und dessen Antwort mit zwei multiplizieren. Aber zu der Zeit, als wir zusammen dienten, da wurde er … hm … komisch. Wenn man ihn in Fahrt brachte …« In seinen Augen war ein gewisses schelmisches Funkeln, das Cordelia sofort ermunterte.

»Wie brachtest du ihn in Fahrt? Ich dachte, politische Diskussionen waren für Offiziere verboten.«

Er schnaubte verächtlich: »Ich glaube, man hätte das Atmen mit etwa der gleichen Erfolgschance verbieten können. Der Vorschrift wird, sagen wir mal, nur sporadisch Geltung verschafft. Aral hielt sich daran, es sei denn, Rulf Vorhalas und ich nahmen ihn mit und brachten ihn dazu, sich wirklich zu entspannen.«

»Aral? Entspannen?«

»O ja. Nun, Arals Trinken war bemerkenswert …«

»Ich dachte, er war ein lausiger Trinker. Er hatte keine Lust darauf.«

»Das war es ja, was bemerkenswert war. Er trank selten. Obwohl er eine schlimme Zeit durchmachte, nachdem seine erste Frau gestorben war, als er sich viel mit Ges Vorrutyer herumtrieb … hm …« Er warf einen Blick zur Seite und nahm dann einen anderen Anlauf: »Auf jeden Fall war es gefährlich, ihn dazu zu bringen, sich zu sehr zu entspannen, denn dann wurde er niedergeschlagen und ernst, und dann brauchte es nur wenig, um dahinterzukommen, welche gegenwärtige Ungerechtigkeit oder Unfähigkeit oder Verrücktheit seinen Zorn erregte. Gott, konnte der Mann reden. Wenn er dann seinen fünften Drink hinuntergegossen hatte — kurz bevor er unter den Tisch glitt für die Nacht —, da konnte er in jambischen Pentametern über die Revolution deklamieren. Ich dachte immer, er werde eines Tages auf der politischen Seite landen.« Er lachte in sich hinein und blickte fast liebevoll auf die kräftige, in Rot und Blau gekleidete Figur, die mit den Grafen am anderen Ende des Saals saß.

Die Abstimmung des Vereinigten Rates über die Bestätigung von Vorkosigans kaiserlicher Ernennung war nach Cordelias Meinung eine seltsame Sache. Sie hatte es bisher nicht für möglich gehalten, daß man fünfundsiebzig Barrayaraner zur Übereinstimmung darüber bringen könnte, in welcher Himmelsrichtung ihre Sonne am Morgen aufging, aber hier war das Votum für Kaiser Ezars Entscheidung fast einstimmig. Die Ausnahme bildeten fünf Männer, die sich der Stimme enthielten, vier laut, einer so leise, daß der Lordwächter des Sprecherkreises ihn auffordern mußte, sein Votum zu wiederholen. Selbst Graf Vordarian stimmte mit ja, fiel Cordelia auf — vielleicht hatte Vortala den Zwist vom Abend zuvor letztlich noch in einem frühmorgendlichen Treffen beilegen können. Es schien alles auf einen sehr verheißungsvollen und ermutigenden Start von Vorkosigans neuer Aufgabe hinzuweisen, und sie sagte das auch zu Lord Vorpatril.

»Oh … ja, Madame«, sagte Lord Vorpatril, nachdem er ihr zugelächelt hatte, »Kaiser Ezar hat deutlich gemacht, daß er geschlossene Zustimmung wünscht.«

Sein Ton machte ihr klar, daß sie wieder einen Fingerzeig übersehen hatte.

»Willst du damit sagen, daß einige dieser Männer lieber mit nein gestimmt hätten?«

»Das wäre unklug von ihnen, zum jetzigen Zeitpunkt.«

»Dann müssen die Männer, die sich enthalten haben … ziemlich viel Zivilcourage haben.« Sie musterte die kleine Gruppe mit neuem Interesse.

»Ach, die sind schon in Ordnung«, sagte Vorpatril.

»Was meinst du damit? Sie bilden doch sicher die Opposition.«

»Ja, aber sie sind die offene Opposition. Niemand, der ernsthaften Verrat plant, würde sich so öffentlich zu erkennen geben. Die Burschen, vor denen Aral seinen Rücken wird schützen müssen, sind unter der anderen Sippschaft, unter den JaSagern.«

»Wer sind sie?« Cordelia runzelte besorgt die Stirn.

»Wer weiß?« Lord Vorpatril zuckte die Achseln, dann beantwortete er seine eigene Frage: »Negri, wahrscheinlich.«

Sie waren ringsum von leeren Sitzen umgeben. Cordelia war sich nicht sicher gewesen, ob dies aus Sicherheits- oder aus Höflichkeitsgründen so eingerichtet war. Offensichtlich aus letzteren, denn zwei Zuspätgekommene, ein Mann in der grünen Uniform eines Oberstleutnants und ein jüngerer in teurer Zivilkleidung, trafen ein und setzten sich unter Entschuldigungen vor sie hin. Cordelia dachte, sie seien Brüder, und ihre Vermutung wurde bestätigt, als der jüngere sagte: »Schau, da ist Vater, drei Sitze hinter dem alten Vortala. Welcher ist denn der neue Regent?«

»Der säbelbeinige Kerl in der rot-blauen Uniform, der sich gerade zu Vortalas Rechter hinsetzt.«

Cordelia und Vorpatril tauschten hinter den Rücken der beiden Männer einen Blick aus, und Cordelia legte den Finger auf ihre Lippen. Vorpatril grinste und zuckte die Achseln.

»Was sagt man über ihn beim Militär?«

»Das kommt darauf an, wen du fragst«, sagte der Oberstleutnant. »Sardi hält ihn für ein strategisches Genie und ist in seine Kommuniques vernarrt. Er ist überall dabei gewesen. Bei jedem Scharmützel in den letzten fünfundzwanzig Jahren scheint irgendwo sein Name aufzutauchen.

Onkel Rulf pflegte große Stücke auf ihn zu halten. Andererseits sagte Niels, der in Escobar dabei war, daß er der kaltblütigste Bastard sei, dem er je begegnete.«

»Ich habe gehört, daß man ihn für einen heimlichen Progressiven hält.«

»Da ist nichts Heimliches dabei. Einige der älteren VorOffiziere fürchten ihn wie die Pest. Er hat versucht, Vater zu bewegen, mit ihm und Vortala die neue Steuerverfügung zu unterstützen.«

»So, so.«

»Da geht es um die direkte kaiserliche Steuer auf Erbschaften.«

»Auweh! Nun ja, ihn würde das ja nicht treffen, nicht wahr? Die Vorkosigans sind doch schrecklich arm. Laßt Komarr zahlen. Deshalb haben wir es doch erobert, oder nicht?«

»Nicht gerade deshalb, du kleiner Ignorant. Ist einer von euch Stadtclowns schon seiner betanischen Puppe begegnet?«

»Männer von feiner Lebensart, du Kerl«, korrigierte ihn sein Bruder.

»Nicht zu verwechseln mit euch Kommißstiefeln.«

»Für eine solche Verwechslung besteht keine Gefahr. Nein, mal im Ernst. Es kursieren da die verrücktesten Gerüchte über sie, Vorkosigan und Vorrutyer in Escobar, von denen sich die meisten widersprechen. Ich dachte, daß Mutter darüber etwas zu sagen wüßte.«

»Diese Frau hält sich ziemlich im Hintergrund, wenn man bedenkt, daß sie drei Meter groß sein und Kampfkreuzer zum Frühstück verspeisen soll. Bisher hat kaum jemand sie gesehen. Vielleicht ist sie häßlich.«

»Dann passen sie ja gut zusammen. Vorkosigan ist ja auch keine Schönheit.«

Cordelia war ungemein amüsiert und verbarg ihr Grinsen hinter der vorgehaltenen Hand, bis der Oberstleutnant sagte: »Ich weiß nicht, wer der dreibeinige Spastiker ist, den er da im Schlepptau hat. Einer von seinem Stab, was meinst du?«

»Man sollte meinen, er könnte sich einen Besseren leisten. Was für ein Mutant! Sicherlich hat Vorkosigan die freie Wahl unter allen Militärs, als Regent.«

Es war ihr, als hätte sie einen Schlag versetzt bekommen, so weh tat ihr unerwarteterweise diese gedankenlose Bemerkung. Oberst Lord Vorpatril schien dies kaum wahrzunehmen. Er hatte die Worte zwar gehört, aber seine Aufmerksamkeit galt dem Geschehen unten im Saal, wo gerade die Eide geleistet wurden. Droushnakovi errötete überraschenderweise und wendete ihr Gesicht ab.

Cordelia beugte sich vor. Worte kochten in ihr hoch, aber sie wählte nur einige wenige davon aus und feuerte sie in ihrer kühlsten Kapitänsstimme ab.

»Oberstleutnant. Und Sie, wer auch immer Sie sind.« Sie drehten sich nach ihr um, überrascht ob dieser Unterbrechung. »Zu Ihrer Information, der fragliche Herr ist Leutnant Koudelka. Und es gibt keine besseren Offiziere als ihn. Bei keinem Militär.«

Sie starrten sie an, irritiert und verblüfft, und wußten nicht, wie sie sie einordnen sollten. »Ich denke, das war eine private Unterhaltung, Madame«, sagte der Offizier steif.

»Ganz recht«, erwiderte sie ebenso steif, obwohl es in ihr immer noch brodelte. »Dafür, daß ich Ihr Gespräch belauscht habe, bitte ich um Verzeihung, obwohl das unvermeidlich war. Aber für diese schändliche Bemerkung über Admiral Vorkosigans Sekretär, da müssen Sie sich entschuldigen. Denn damit haben Sie die Uniform beschmutzt, die Sie beide tragen, und den soldatischen Dienst für Ihren Kaiser, den Sie beide leisten.« Sie dämpfte ihre Stimme, fast zu einem Zischen. Sie zitterte. Eine Überdosis Barrayar. Reiß dich zusammen.

Vorpatrils herumwandernde Aufmerksamkeit wurde durch diese Worte wieder auf sie gelenkt. Er war bestürzt. »Halt, halt«, protestiert er. »Was ist los?«

Der Oberstleutnant drehte sich noch weiter um. »Oh, Oberst Vorpatril. Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Hmm …«, er gestikulierte hilflos in Richtung seiner rothaarigen Angreiferin, als wollte er sagen: Gehört diese Dame zu Ihnen? Und wenn ja, können Sie sie nicht im Zaum halten? Er fügte kühl an: »Wir sind uns noch nicht begegnet, Madame.«

»Nein, aber ich laufe ja auch nicht herum und hebe Steine auf, um zu sehen, was darunter lebt.« Sofort wurde ihr bewußt, daß sie sich hatte verleiten lassen, zu weit zu gehen. Mit Mühe bändigte sie ihre Erregung.

Es wäre nichts damit gewonnen, Vorkosigan gerade in dem Augenblick neue Feinde zu machen, wo er seine Pflichten auf sich nahm.

Vorpatril, der sich jetzt an seine Verantwortung als Begleiter erinnerte, begann: »Oberstleutnat, Sie wissen nicht, wer …«

»Nein … stellen Sie uns nicht vor, Lord Vorpatril«, unterbrach ihn Cordelia. »Das wäre nur eine weitere Peinlichkeit für uns.« Sie kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in ihren Nasenrükken, schloß die Augen und suchte nach versöhnlicheren Worten. Und ich pflegte stolz darauf zu sein, wie ruhig ich immer blieb. Sie schaute wieder in ihre wütenden Gesichter.

»Oberstleutnant! Euer Lordschaft!« Sie leitete den Titel des jungen Mannes aus der Erwähnung seines Vaters ab, der unten inmitten der Grafen saß. »Meine Worte waren voreilig und heftig, und ich nehme sie zurück. Ich hatte kein Recht, eine private Unterhaltung zu kommentieren. Ich entschuldige mich. In aller Ergebenheit.«

»Das sollten Sie wohl«, versetzte der junge Lord.

Sein Bruder besaß mehr Selbstbeherrschung und antwortete widerstrebend: »Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Madame. Ich nehme an, der Leutnant ist ein Verwandter von Ihnen. Ich entschuldige mich für jede Art von Beleidigung, die Ihrer Empfindung nach in meinen Worten enthalten war.«

»Und ich nehme Ihre Entschuldigung an, Oberstleutnant. Obwohl Leutnant Koudelka kein Verwandter von mir ist, sondern mein zweitliebster … Feind.« Sie hielt inne, und sie tauschten ein Stirnrunzeln miteinander aus: sie aus Ironie, er aus Verwirrung. »Ich möchte jedoch etwas von Ihnen erbitten, mein Herr: Machen Sie nie eine derartige Bemerkung wie zuvor in Hörweite von Admiral Vorkosigan. Koudelka war einer seiner Offiziere an Bord der General Vorkraft, und er ist in seiner Verteidigung während jener politischen Meuterei letztes Jahr verwundet worden. Vorkosigan liebt ihn wie einen Sohn.«

Der Fregattenkapitän beruhigte sich, obwohl Droushnakovi immer noch dreinschaute, als hätte sie einen schlechten Geschmack im Mund. Er lächelte leicht: »Wollen Sie damit andeuten, ich würde mich dann beim Wachdienst auf der Insel Kyril wiederfinden?«

Was war die Insel Kyril? Anscheinend ein ferner und unangenehmer Außenposten. »Ich … bezweifle das. Er würde nicht sein Amt benutzen, um einem persönlichen Groll nachzugeben. Aber es würde ihm unnötigen Kummer bereiten.«

»Madame.« Sie hatte ihn jetzt völlig verwirrt, diese so unscheinbar wirkende Frau, so fehl am Platz auf der glitzernden Galerie. Er wendete sich wieder mit seinem Bruder zusammen nach vorn, um dem Geschehen unten im Saal zu folgen, und alle bewahrten ein befangenes Schweigen während weiterer zwanzig Minuten, bis die Zeremonien zum Mittagsmahl zu Ende kamen. Die Menschenmengen aus dem Saal und von der Galerie strömten hinaus, um sich auf den Korridoren der Macht zu begegnen.

Sie fand Vorkosigan mit Koudelka an seiner Seite im Gespräch mit seinem Vater, Graf Piotr, und einem anderen Mann in Grafenrobe.

Vorpatril lieferte sie ab und verschwand, und Aral begrüßte sie mit einem müden Lächeln.

»Lieber Captain, hältst du immer noch durch? Ich möchte, daß du Graf Vorhalas kennenlernst. Admiral Rulf Vorhalas war sein jüngerer Bruder. Wir müssen bald aufbrechen, wir sind zu einem privaten Essen mit der Prinzessin und mit Prinz Gregor eingeladen.«

Graf Vorhalas beugte sich tief über ihre Hand. »Mylady, ich fühle mich geehrt.«

»Graf, ich … begegnete Ihrem Bruder nur kurz. Aber Admiral Vorhalas machte auf mich einen Eindruck als Mann von überragenden Qualitäten.«

Und meine Seite hat ihn in die Luft gejagt. Ihr war nicht recht wohl, mit ihrer Hand in der seinen, aber er schien keine persönlichen Animositäten gegen sie zu hegen.

»Danke, Mylady. Wir waren alle dieser Meinung. Aha, da sind ja die Jungen. Ich habe ihnen versprochen, sie vorzustellen. Evon brennt auf einen Posten im Stab, aber ich habe ihm gesagt, daß er sich den verdienen muß. Ich wünsche mir, Carl hätte ebensoviel Interesse für den Dienst. Meine Tochter wird vor Neid fast vergehen. Sie haben alle Mädchen aufgewühlt, wissen Sie das, Mylady?«

Der Graf rannte davon, um seine Söhne herbeizuholen. O Gott, dachte Cordelia, das mußten ausgerechnet sie sein.

Die beiden Männer, die auf der Galerie vor ihr gesessen waren, wurden ihr vorgestellt. Beide erbleichten und beugten sich nervös über ihre Hand.

»Aber ihr seid euch schon begegnet«, sagte Vorkosigan. »Ich habe euch auf der Galerie miteinander reden sehen. Was für ein anregendes Gesprächsthema hattet ihr denn, Cordelia?«

»Ach … Geologie. Zoologie. Höflichkeit. Besonders Höflichkeit. Wir hatten eine sehr weitgespannte Diskussion. Wir haben jeder etwas vom anderen gelernt, so meine ich.« Sie lächelte und zuckte mit keinem Augenlid.

Oberstleutnant Evon Vorhalas blickte reichlich unbehaglich drein und sagte: »Ja, ich habe … etwas gelernt, was ich nie vergessen werde, Mylady.«

Vorkosigan fuhr mit der Vorstellung fort: »Oberstleutnant Evon Vorhalas, Lord Carl, Leutnant Koudelka.«

Koudelka, der beladen war mit Schreibfolien, Disketten, dem Kommandostab des Oberbefehlshabers der Streitkräfte, den man gerade Vorkosigan als designiertem Regenten übergeben hatte, und seinem eigenen Stock, war unsicher, ob er die Hände schütteln oder salutieren sollte, und so brachte er keines von beiden fertig, statt dessen fiel ihm alles auf den Boden. Das Bemühen der anderen, beim Aufheben zu helfen, hatte ein allgemeines Durcheinander zur Folge, und Koudelka lief rot an, während er sich nach seinen Sachen bückte. Droushnakovi und er griffen zur gleichen Zeit nach seinem Stock.

»Ich brauche Ihre Hilfe nicht, Fräulein«, fauchte Koudelka sie leise an, und sie prallte zurück und stellte sich steif hinter Cordelia.

Oberstleutnant Vorhalas gab ihm einige Disketten zurück. »Verzeihen Sie«, sagte Koudelka, »danke.«

»Nichts zu danken, Leutnant. Ich bin selbst einmal beinahe von Disruptor-Feuer getroffen worden. Das hat mir einen höllischen Schreck eingejagt. Sie sind ein Beispiel für uns alle.«

»Es … hat nicht weh getan.«

Cordelia, die aus persönlicher Erfahrung wußte, daß dies eine Lüge war, blieb ruhig, denn sie war zufrieden. Die Gruppe trennte sich in verschiedene Richtungen. Cordelia machte bei Evon Vorhalas halt.

»Es freut mich, daß ich Sie kennengelernt habe, Herr Oberstleutnant. Ich prophezeie Ihnen, daß Sie es in Ihrer Karriere weit bringen werden — und nicht in Richtung der Insel Kyril.«

Vorhalas lächelte angespannt. »Ich glaube, auch Sie werden es weit bringen, Mylady.« Sie verabschiedeten sich mit einem vorsichtigen und höflichen Nicken, und Cordelia wandte sich um, nahm Vorkosigans Arm und folgte ihm zu seiner nächsten Aufgabe, mit Koudelka und Droushnakovi im Schlepptau.

Der Kaiser von Barrayar glitt eine Woche später in sein endgültiges Koma, siechte aber noch eine weitere Woche dahin. Eines Morgens wurden Aral und Cordelia in aller Frühe von einem besonderen Boten aus der Kaiserlichen Residenz aus dem Bett geholt mit den einfachen Worten: »Der Doktor denkt, es ist so weit, Exzellenz.« Sie kleideten sich hastig an und begleiteten den Boten in den schönen Raum, den Ezar für die letzten Monate seines Lebens ausgewählt hatte. Die wertvollen Antiquitäten waren von medizinischen Geräten von anderen Planeten in den Hintergrund gedrängt worden.

Der Raum war voller Menschen: den Ärzten des alten Mannes, Vortala, Graf Piotr, die Prinzessin und Prinz Gregor, verschiedenen Ministern und einigen Männern vom Generalstab. Sie hielten eine stille, stehende Totenwache, fast eine Stunde lang, und dann kam über die reglose, verfallene Gestalt auf dem Bett fast unmerkbar eine tiefere Stille. Cordelia dachte, welch schauerliche Szene dies für den Jungen sein mußte, aber seine Anwesenheit schien aus zeremoniellen Gründen notwendig. Sehr leise wandten sie sich um, Vorkosigan zuerst, knieten vor Gregor nieder, legten ihre Hände in die seinen und erneuerten ihre Treueeide.

Auch Cordelia wurde von Vorkosigan angeleitet, vor dem Jungen niederzuknien. Der Prinz — jetzt Kaiser — hatte das Haar seiner Mutter, aber haselnußbraune Augen wie Ezar und Serg, und Cordelia ertappte sich bei der Überlegung, wieviel von seinem Vater oder seinem Großvater in ihm verborgen war, dessen Ausdruck nur auf die Macht wartete, die mit dem entsprechenden Alter kommen würde. Trägst du einen Fluch in deinen Chromosomen, Kind? ging es ihr durch den Kopf, als ihre Hände in die seinen gelegt wurden. Ob Fluch oder Segen, dennoch leistete sie ihm ihren Eid. Die Worte schienen ihre letzte Bindung an Kolonie Beta zu durchschneiden, sie löste sich mit einem Ping!, das nur für Cordelia hörbar war. Jetzt bin ich eine Barrayaranerin. Es war eine lange, sonderbare Reise gewesen, die begonnen hatte mit dem Anblick eines Paars Stiefel im Schlamm und die jetzt endete in diesen unbefleckten Kinderhänden.

Weißt du, Junge, daß ich half, deinen Vater zu töten? Wirst du das je erfahren?

Sie fragte sich, ob es Rücksichtnahme oder Versehen gewesen war, daß man nie von ihr verlangt hatte, Ezar Vorbarra den Eid zu leisten.

Von allen Anwesenden weinte nur Oberst Negri. Cordelia nahm dies nur wahr, weil sie direkt neben ihm stand, im dunkelsten Winkel des Raums, und sah, wie er zweimal sein Gesicht mit dem Rücken seiner Hand abwischte. Für einen Augenblick war sein Gesicht von Rot überzogen und tiefer gefurcht, als er vortrat, um seinen Eid zu leisten, zeigten seine Züge wieder ihre normale ausdruckslose Härte.

Die fünf Tage der Trauerzeremonien, die dann folgten, waren aufreibend für Cordelia, aber — zu dieser Einsicht kam sie — nicht so aufreibend, wie die Feierlichkeiten für Kronprinz Serg, die zwei Wochen lang gedauert hatten, obwohl ein Leichnam als Mittelpunkt gefehlt hatte. Für die öffentliche Meinung war Prinz Serg den Tod eines heldenhaften Soldaten gestorben. Nach Cordelias Zählung kannten nur fünf Menschen die ganze Wahrheit über jenes raffinierte Attentat. Nein, nur vier, nun, da Ezar nicht mehr lebte. Vielleicht war das Grab der beste Verwahrungsort für Ezars Geheimnisse. Nun, die Qual des alten Mannes war vorüber, seine Zeit vorbei, seine Ära am Vergehen.

Es gab keine eigentliche Krönung für den Knabenkaiser, statt dessen einige Tage, die überraschend geschäftsmäßig, wenn auch in eleganter Kleidung, wieder in den Kammern der Räte verbracht wurden, mit der Eidesleistung von Ministern, Grafen, einer Schar ihrer Angehörigen und allen anderen, die ihren Schwur nicht schon in Ezars Sterbezimmer getan hatten. Auch Vorkosigan wurden Eide geleistet, und je mehr es waren, um so schwerer schien die Last auf seinen Schultern zu werden, als ob jeder einzelne von ihnen ein meßbares Gewicht hätte.

Der Junge hielt sich gut, unter engem Beistand seiner Mutter. Kareen trug dafür Sorge, daß Gregors stundenweise Ruhepausen von den geschäftigen, ungeduldigen Männern respektiert wurden, die sich in der Hauptstadt versammelt hatten, um ihrer Verpflichtung nachzukommen. Die Merkwürdigkeit des barrayaranischen Regierungssystems mit all seinen ungeschriebenen Bräuchen drängte sich Cordelia nicht beim ersten Blick auf, sondern nach und nach. Und doch schien es irgendwie für die Leute hier zu funktionieren. Sie machten, daß es funktionierte. Durch ›so-tun-als-ob‹ eine Regierung hervorbringen. Vielleicht sind alle Regierungsformen im Kern solche Fiktionen durch Konsens.

Nachdem die Flut der Zeremonien verebbt war, begann Cordelia endlich, ihre häusliche Routine im Palais Vorkosigan einzurichten. Allerdings gab es da nicht viel zu tun. An den meisten Tagen verließ Vorkosigan bei Morgengrauen das Haus, mit Koudelka im Schlepptau, und kehrte erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück, nahm einen kalten Abendimbiß zu sich und schloß sich bis zur Bettzeit in der Bibliothek ein oder empfing dort irgendwelche Leute. Cordelia sagte sich, seine lange Arbeitszeit sei der Tribut an den Beginn seiner neuen Tätigkeit. Er würde sich eingewöhnen und dann effizienter werden, wenn nicht mehr alles zum erstenmal getan würde. Sie erinnerte sich an ihr erstes Raumschiffkommando im Betanischen Astronomischen Erkundungsdienst — das war gar noch nicht so lange her — und an ihre ersten Monate von nervöser Überbereitschaft. Später waren die mühevoll erlernten Aufgaben erst automatisch, dann nahezu unbewußt geworden, und ihr Privatleben war wieder aufgetaucht. Genauso würde es mit Aral geschehen. Sie wartete geduldig und lächelte, wenn sie ihn sah.

Außerdem hatte sie ja eine Aufgabe: die Schwangerschaft. Das war eine Aufgabe von nicht geringem Status, der Verhätschelung nach zu urteilen, die ihr von allen zuteil wurde, angefangen von Graf Piotr bis zur Küchenmagd, die ihr zwischendurch nahrhafte kleine Happen brachte. Soviel Zuspruch hatte sie nicht einmal dann bekommen, wenn sie von einer einjährigen Erkundungsmission ohne einen einzigen Unfall zurückkam.

Die Fortpflanzung schien hier viel begeisterter gefördert zu werden als auf Kolonie Beta.

An einem Nachmittag lag sie nach dem Mittagessen mit den Füßen nach oben auf einem Sofa in einem schattigen Innenhof zwischen dem Haus und seinem rückwärtigen Garten und dachte über die verschiedenartigen Fortpflanzungsbräuche von Barrayar und Kolonie Beta nach. Den Fötus im Uterusreplikator, der künstlichen Gebärmutter, wachsen zu lassen, war hier unbekannt. Auf Kolonie Beta waren Replikatoren die populärste Methode, gewählt im Verhältnis drei zu eins, aber eine große Minderheit hielt sich aufgrund behaupteter psychosozialer Vorteile an die altmodische natürliche Methode. Cordelia hatte nie Unterschiede zwischen ›Vitro‹- und ›Vivo‹-Babies feststellen können, jedenfalls nicht zu der Zeit, wenn sie mit zweiundzwanzig erwachsen wurden. Ihr Bruder war vivo gewesen, sie selbst vitro, die Gefährtin ihres Bruders hatte für beide ihre Kinder vivo gewählt und damit ganz schön geprahlt.

Cordelia hatte immer angenommen, sie würde, wenn die Reihe an sie käme, ihr eigenes Kind in einer Replikatorenbank am Beginn einer Erkundungsmission zeugen lassen, und dann wäre es bei ihrer Rückkehr bereit, von ihr in die Arme genommen zu werden. Falls sie zurückkehrte — das war immer der mögliche Haken daran, wenn sie das dunkle Unbekannte erkundete. Und sie hatte ebenfalls angenommen, daß sie einen interessierten Gefährten finden würde, mit dem sie sich zusammentun könnte und der willens und fähig wäre, die medizinischen, psychologischen und ökonomischen Tests abzulegen und den Kurs mitzumachen, der für eine Elternlizenz qualifizierte.

Aral war dabei, ein hervorragender Vater zu werden, dessen war sie sich sicher. Falls er je wieder auf den Boden herabkam, von seiner neuen hohen Stellung. Sicherlich mußte der erste Ansturm bald vorüber sein. Es war ein langer Fall von jener hohen Stelle, mit keinem Landeplatz in Sicht. Aral war ihr sicherer Hafen. Wenn er zuerst fiel … Sie zwang ihre Überlegungen entschlossen in positivere Bahnen.

Nun, die Familiengröße, das war die wirkliche, geheime, schlimme Faszination von Barrayar. Es gab hier keine gesetzlichen Beschränkungen, keine Zertifikate, die man sich verdienen mußte, keine knapp bemessenen Drittkinder-Abweichungen, tatsächlich gab es überhaupt keine Regeln.

Sie hatte auf der Straße eine Frau gesehen, die nicht drei, sondern vier Kinder hinter sich herschleppte, und niemand gaffte sie an. Cordelia hatte ihren eigenen Nachwuchs in ihrer Vorstellung von zwei auf drei vermehrt und sich herrlich sündig dabei gefühlt, bis sie eine Frau mit zehn Kindern traf. Vier vielleicht? Sechs? Vorkosigan konnte es sich leisten. Cordelia krümmte ihre Zehen und kuschelte sich in die Kissen, sie schwebte auf einer atavistischen Wolke genetischer Gier.

Barrayars Wirtschaft war jetzt weit offen, sagte Aral, trotz der Verluste des letzten Krieges. Diesmal hatte die Oberfläche des Planeten keine Schäden davongetragen. Die Trockenlegung des zweiten Kontinents eröffnete tagtäglich neue Horizonte, und sobald der neue Planet Sergyar für die Kolonisation freigegeben war, würde sich der Erfolg verdreifachen.

Überall herrschte Arbeitskräftemangel, die Löhne stiegen. Barrayar betrachtete sich selbst als entschieden unterbevölkert. Vorkosigan bezeichnete die wirtschaftliche Situation als sein Göttergeschenk, politisch gesehen. Cordelia war der gleichen Ansicht, aus persönlicheren, geheimeren Gründen: Rudel kleiner Vorkosigans …

Sie könnte eine Tochter haben. Nicht nur eine, sondern zwei — Schwestern! Cordelia hatte nie eine Schwester gehabt. Oberst Vorpatrils Frau hatte zwei, hatte sie gesagt.

Cordelia hatte Lady Vorpatril bei einer der seltenen politischgesellschaftlichen Einladungen in Palais Vorkosigan kennengelernt. Das Ereignis wurde reibungslos organisiert vom Personal des Palais Vorkosigan. Alles, was Cordelia zu tun hatte, war, angemessen gekleidet zu erscheinen (sie hatte sich mehr Kleider gekauft), viel zu lächeln und ihren Mund zu halten. Sie hörte fasziniert zu und versuchte, noch mehr darüber herauszubringen, wie die Dinge hier liefen.

Alys Vorpatril war ebenfalls schwanger. Lord Vorpatril hatte die beiden zusammengebracht und sich dann aus dem Staub gemacht. Natürlich hatten sie gefachsimpelt. Lady Vorpatril jammerte viel über ihre persönlichen Beschwerden. Cordelia kam zu dem Schluß, daß sie selbst Glück hatte, das Mittel gegen Übelkeit wirkte, mit der gleichen chemischen Formel wie zu Hause, und sie war nur auf natürliche Weise müde, nicht vom Gewicht des noch winzigen Babys, sondern von der überraschenden Belastung des Stoffwechsels. Pinkeln für zwei, nannte Cordelia dies bei sich. Nun, wie schwer konnte die Mutterschaft noch sein, nach der Mathematik der fünfdimensionalen Navigation?

Falls man natürlich Alys’ geflüsterte geburtsmedizinische Horrorgeschichten beiseite ließ. Blutungen, Anfälle, Nierenversagen, Geburtsverletzungen, Sauerstoffunterversorgung von kindlichen Gehirnen, Kinderköpfe, die größer waren als der Geburtskanal, und ein in Krämpfen zuckender Uterus, der Mutter und Kind zu Tode brachte … Medizinische Komplikationen waren nur ein Problem, wenn man von der Geburt allein und isoliert überrascht wurde, und mit diesen Scharen von Wachen um sie herum dürfte ihr das wohl nicht zustoßen. Bothari als Hebamme? Ein verwirrender Gedanke. Sie schauderte.

Sie rollte sich auf ihrem Gartensofa auf die andere Seite und runzelte die Stirn. Ach ja, Barrayars primitive Medizin. Es stimmte, Mütter hatten Hundertausende von Jahren hindurch Kinder zur Welt gebracht, im Zeitalter vor der Raumfahrt, mit weniger Hilfe als hier auf Barrayar verfügbar war. Aber trotzdem quälte sie noch der besorgte Gedanke: Vielleicht sollte ich für die Geburt nach Hause zurückkehren?

Nein. Sie war jetzt eine Barrayaranerin, durch Eid gebunden wie der Rest dieser Verrückten. Nach Hause war es eine Reise von zwei Monaten. Und außerdem, so weit sie wußte, gab es immer noch einen gültigen Haftbefehl für sie, in dem ihr Fahnenflucht, Verdacht der Spionage, Betrug, antisoziale Gewalttätigkeit vorgeworfen wurde — wahrscheinlich hätte sie nicht versuchen sollen, jene idiotischen Armeepsychiaterin in ihrem Aquarium zu ertränken, vermutete Cordelia und seufzte bei der Erinnerung an ihren quälenden und chaotischen Abschied von Kolonie Beta. Würde ihr guter Ruf je wieder hergestellt werden? Sicher nicht, solange Ezars Geheimnisse in nur vier Köpfen aufbewahrt wurden.

Nein. Kolonie Beta war für sie verschlossen, hatte sie vertrieben. Barrayar besaß kein Privileg auf politische Idiotie, soviel war sicher.

Ich komme mit Barrayar zurecht. Aral und ich. Darauf kannst du wetten.

Es war Zeit, ins Haus zu gehen. Die Sonne verursachte ihr leichte Kopfschmerzen.

KAPITEL 4

Ein Aspekt ihres neuen Lebens als Gemahlin des Regenten, mit dem Cordelia leichter zurechtkam, als sie erwartet hatte, war der Zustrom von persönlichen Wachen in ihr Heim. Ihre Erfahrungen im Betanischen Erkundungsdienst und Vorkosigans Erfahrungen im barrayaranischen Militär hatten ihnen beiden Praxis darin gegeben, eng aufeinander zu leben. Cordelia brauchte nicht lange, bis sie die Leute in den Uniformen kannte und sie in ihrer Art akzeptierte. Die Wachen waren eine lebhafte junge Gruppe, handverlesen für ihren Dienst und stolz darauf. Wenn allerdings auch Piotr mit all seinen Livrierten im Haus war, dann wurde Cordelias Gefühl, in einer Kaserne zu wohnen, akut.

Es war der Graf, der zuerst die Idee aufbrachte, zwischen Illyans Leuten und seinen Männern ein inoffizielles Turnier im Nahkampf abzuhalten.

Obwohl der Sicherheitskommandant etwas von freiem Training auf des Kaisers Kosten murmelte, wurde ein Kampfring im Hintergarten eingerichtet, und der Wettbewerb wurde schnell zu einer allwöchentlichen Tradition. Selbst Koudelka trat in den Ring, als Schiedsrichter und Experte, während Piotr und Cordelia für Beifall sorgten. Zu Cordelias Befriedigung schaute Vorkosigan zu, wann immer seine Zeit es erlaubte, sie fühlte, er brauchte die Pausen in der aufreibenden Routine der Regierungsgeschäfte, der er sich tagtäglich unterwarf.

Als sich Cordelia an einem sonnigen Herbstmorgen auf ihrem Gartensofa niederließ, um — betreut von ihrem Dienstmädchen — den Wettkampf zu beobachten, da fragte sie aus heiterem Himmel: »Warum machen Sie nicht mit, Drou? Sicherlich brauchen Sie die Übung genauso wie jeder von ihnen. Der Vorwand für diese Sache hier — nicht daß ihr Barrayaraner einen Vorwand zu brauchen scheint, um Körperverletzung zu üben — war doch in erster Linie, daß dadurch alle auf Draht bleiben sollen.«

Droushnakovi blickte sehnsüchtig in den Kampfring, aber sie sagte: »Man hat mich nicht eingeladen, Mylady.«

»Das hat irgend jemand plumperweise übersehen. Hm. Ich sage Ihnen was — gehen Sie und ziehen Sie sich um. Sie können mein Team sein. Aral kann heute seines selbst anfeuern. Ein richtiger barrayaranischer Wettkampf sollte ja sowieso mindestens drei Parteien haben, das ist Tradition.«

»Glauben Sie, daß das in Ordnung ist?«, fragte Droushnakovi zweifelnd. »Es könnte sein, daß sie es nicht mögen.«

Die sie, um die es hier ging, waren die ›echten‹ Wachen, wie Droushnakovi sie nannte, die Männer in Livree.

»Aral würde es nichts ausmachen. Und jeder andere, der was dagegen hat, kann sich mit ihm streiten. Wenn er es wagt.« Cordelia grinste, und Droushnakovi erwiderte das Grinsen, dann eilte sie weg.

Aral kam und ließ sich bequem neben ihr nieder, und sie erzählte ihm von ihrem Plan. Er hob die Augenbrauen. »Eine betanische Neuerung? Nun ja, warum nicht? Mach dich aber auf Sticheleien gefaßt.«

»Ich bin darauf gefaßt. Sie werden aber gar nicht so sehr zu Witzeleien aufgelegt sein, wenn Droushnakovi ein paar von ihnen fertigmacht. Ich denke, sie kann das — auf Kolonie Beta wäre dieses Mädchen schon jetzt Offizier eines Kommandos. All dieses natürliche Talent wird damit vergeudet, daß sie den ganzen lieben langen Tag hinter mir hertrottet. Wenn sie es nicht kann — nun, dann sollte sie mich sowieso nicht bewachen, oder?« Ihr Blick traf den seinen.

»Diesen Punkt hast du gewonnen … Ich sorge dafür, daß Koudelka sie in der ersten Runde gegen jemand von ihrer eigenen Größen- und Gewichtsklasse aufstellt. Absolut gesehen ist sie etwas klein.«

»Sie ist größer als du.«

»Der Körpergröße nach. Ich stelle mir aber vor, daß ich ein paar Kilo mehr habe als sie. Nichtsdestoweniger, dein Wunsch ist mir Befehl, uff.« Er stand wieder auf und ging hin, um Droushnakovi auf Koudelkas Kampfliste eintragen zu lassen. Cordelia konnte nicht hören, was sie am anderen Ende des Gartens miteinander redeten, aber sie ergänzte den Dialog nach den Gesten und dem Mienenspiel auf ihre Weise und murmelte: »Aral: ›Cordelia wünscht, daß Droushnakovi mitmacht.‹ Kou: ›O weh! Wer will denn Mädels?‹ Aral: ›Sie gibt nicht nach.‹ Kou: ›Sie bringen alles durcheinander und außerdem heulen sie so viel. Feldwebel Bothari wird sie zerquetschen‹ — hm, ich hoffe, das ist es, was diese Geste bedeutet, sonst werden Sie obszön, Kou —, laß dein blödes Grinsen, Vorkosigan — Aral: ›Meine Frau besteht darauf. Sie wissen ja, wie sehr ich unter dem Pantoffel stehe.‹ Kou: ›O ja, geht in Ordnung.‹ Pffft. Verhandlung abgeschlossen: der Rest liegt bei Ihnen, Drou.«

Vorkosigan gesellte sich wieder zu ihr, »Alles geregelt. Sie startet gegen einen der Männer meines Vaters.«

Droushnakovi kehrte zurück, in lockeren Freizeithosen und mit einem Strickhemd, das war aus ihrer Garderobe das, was den Trainingsanzügen der Männer am nächsten kam. Der Graf trat heraus, um sich mit Feldwebel Bothari, seinem Teamchef, zu beraten und um neben ihnen ein sonniges Plätzchen für seine alten Knochen zu finden.

»Was bedeutet das?«, fragte Piotr, als Koudelka Droushnakovis Namen für die zweite Paarung aufrief. »Führen wir jetzt betanische Sitten ein?«

»Das Mädchen hat eine Menge natürliches Talent«, erklärte Vorkosigan, »außerdem braucht sie die Übung genauso wie jeder von ihnen — sogar noch mehr, denn sie hat ja von allen die wichtigste Aufgabe.«

»Als nächstes willst du noch Frauen in den Militärdienst nehmen«, beschwerte sich Piotr. »Wo wird das alles enden? Das möchte ich gerne wissen.«

»Was ist verkehrt an Frauen im Militärdienst?«, fragte Cordelia, um ihn ein bißchen zu reizen.

»Es ist unmilitärisch«, versetzte der alte Mann.

»›Militärisch‹ ist doch alles, was den Krieg gewinnt, sollte man meinen.«

Sie lächelte sanft. Vorkosigan warnte sie freundschaftlich mit einem leichten Zwicken, und sie ließ davon ab, an dieser Stelle weiter zu bohren.

Aber das war sowieso nicht nötig. Piotr wandte sich der Beobachtung seines Kämpfers zu und sagte nur: »Pfff!«

Der Kämpfer des Grafen unterschätzte etwas sorglos seine Gegnerin und erkannte seinen Irrtum bei seinem ersten Niederwurf. Der rüttelte ihn ganz schön wach. Die Zuschauer riefen derbe Kommentare. Beim nächsten Wurf preßte er sie an den Boden.

»Koudelka hat hier ein bißchen schnell gezählt, nicht wahr?«, fragte Cordelia, als der Kämpfer des Grafen Droushnakovi nach der Entscheidung aufstehen ließ.

»Mm, vielleicht«, sagte Vorkosigan in unverbindlichem Ton. »Sie hält sich auch ein bißchen zurück, merke ich. Sie wird es nie bis zur nächsten Runde schaffen, wenn sie sich hier so verhält.«

Bei der nächsten Begegnung, der entscheidenden für das Zwei-von-Drei, verwendete Droushnakovi eine erfolgreiche Armsperre, ließ aber dann den Gegner entschlüpfen.

»Ach, schade«, murmelte der Graf vergnügt.

»Sie hätten ihn zwingen sollen, die Sperre zu durchbrechen!«, rief Cordelia, die immer engagierter wurde. Der Mann des Grafen ließ sich weich und nachlässig auf den Boden fallen. »Ausrufen, Kou!« Aber der Schiedsrichter, der sich auf seinen Stock stützte, ließ es durchgehen. Auf jeden Fall entdeckte Droushnakovi eine Gelegenheit für einen Würgegriff und nützte sie.

»Warum klopft er nicht ab?«, fragte Cordelia.

»Er würde lieber ohnmächtig werden«, erwiderte Aral. »Auf diese Weise muß er nicht seinen Freunden zuhören.«

Droushnakovi begann zweifelnd dreinzublicken, als das unter ihrem Arm eingeklammerte Gesicht dunkelrot anlief. Cordelia sah, daß Droushnakovi drauf und dran war, loszulassen, sie sprang auf und rief: »Halten Sie durch, Drou! Lassen Sie sich nicht von ihm täuschen!« Droushnakovi packte fester zu, und der andere hörte auf zu zappeln.

»Los, rufen Sie aus, Koudelka«, rief Piotr, der mit Bedauern seinen Kopf schüttelte. »Er hat heute abend Dienst.« Und so ging die Runde an Droushnakovi.

»Gute Arbeit, Drou!«, sagte Cordelia, als Droushnakovi zu ihnen zurückkehrte. »Aber Sie müssen aggressiver werden. Lassen Sie Ihren Killerinstinkt heraus.«

»Ich bin der gleichen Meinung«, sagte Vorkosigan unerwarteterweise.

»Das winzige Zögern, das Sie an den Tag legen, könnte tödlich sein — und nicht nur für Sie selbst.« Er schaute sie fest an. »Sie üben hier für die Realität, obwohl wir alle darum beten, daß eine solche Situation nie eintritt. Aber die Art von totalem Einsatz, die sie verlangt, sollte absolut automatisch sein.«

»Jawohl, Sir. Ich werde mich bemühen, Sir.«

In der nächsten Runde kämpfte Sergeant Bothari, der seinen Gegner zweimal kurz hintereinander auf den Boden legte. Der Besiegte kroch aus dem Ring. Einige weitere Runden gingen vorüber, und dann war wieder Droushnakovi an der Reihe, diesmal mit einem von Illyans Männern.

Sie gerieten aneinander, und im Kampf zwickte er sie kräftig in ihr Hinterteil, was Buhrufe aus dem Publikum hervorrief. In ihrem Ärger und ihrer Verwirrung riß er sie aus ihrem Gleichgewicht zu einem ziemlich sauberen Wurf.

»Hast du das gesehen!«, rief Cordelia Aral zu. »Das war ein schmutziger Trick.«

»Mmm. Es war allerdings keiner der acht verbotenen Schläge. Man könnte ihn deswegen nicht disqualifizieren. Jedoch …« Er forderte Koudelka mit einem Wink zu einer Auszeit auf und rief Droushnakovi zu sich für ein paar ruhige Worte.

»Wir haben den Streich gesehen«, murmelte er. Sie preßte die Lippen aufeinander, ihr Gesicht war ganz rot. »Nun, da Sie Lady Cordelias Kämpferin sind, ist jede Beleidigung Ihrer Person auch eine Beleidigung von Mylady. Und außerdem ist es ein böser Präzedenzfall. Es ist mein Wunsch, daß Ihr Gegner den Ring nicht mit Bewußtsein verläßt. Wie Sie das machen, ist Ihr Problem. Sie können das als einen Befehl auffassen, wenn Sie das möchten. Und machen Sie sich auch keine unnötigen Sorgen über das Brechen von Knochen«, fügte er kühl hinzu.

Droushnakovi kehrte in den Ring zurück mit einem leichten Lächeln und zusammengekniffenen, funkelnden Augen. Nach einer Finte landete sie einen blitzschnellen Stoß gegen das Kinn ihres Gegners, dann einen Faustschlag in seinen Bauch und zuletzt einen tiefen Stoß mit dem Körper gegen seine Knie, der ihn mit einem Bums auf die Matte warf. Er kam nicht mehr hoch. Es herrschte ein leicht schockiertes Schweigen.

»Du hast recht«, sagte Vorkosigan, »sie hatte sich vorhin zurückgehalten.«

Cordelia lächelte selbstgefällig und machte es sich bequemer auf dem Sofa. »Ich dachte es mir doch.«

Die nächste Runde, bei der Droushnakovi drankam, war das Semifinale, und durch den Zufall der Auslosung war ihr Gegner Sergeant Bothari.

»Hm«, murmelte Cordelia zu Vorkosigan. »Ich bin mir nicht im klaren über die Psychodynamik dieses Kampfes. Ist das sicher? Ich meine für beide, nicht nur für sie. Und nicht nur körperlich.«

»Ich denke schon«, erwiderte er, gleichfalls leise. »Das Leben im Dienste des Grafen war eine hübsche, ruhige Routine für Bothari. Er hat immer seine Medikamente eingenommen. Ich glaube, er ist im Augenblick in ziemlich guter Verfassung. Und die Atmosphäre des Übungsrings ist für ihn sicher und vertraut. Daß er durchdreht, dazu braucht es mehr Spannung, als Drou schaffen kann.«

Cordelia nickte befriedigt und lehnte sich zurück, um den Kampf zu beobachten. Droushnakovi sah nervös aus.

Der Anfang war langsam, und dabei konzentrierte sich Droushnakovi hauptsächlich darauf, außer Reichweite zu bleiben. Als er sich umdrehte, um den Kampf zu beobachten, drückte Leutnant Koudelka aus Versehen den Auslöser an seinem Stockdegen, und die Scheide schoß davon in die Büsche. Bothari war für einen Augenblick abgelenkt, und Drou schlug zu, tief und schnell. Bothari landete sauber mit einem festen Aufprall, obwohl er unmittelbar danach wieder auf die Füße kam, fast ohne Unterbrechung.

»Oh, ein guter Wurf!«, rief Cordelia begeistert. Drou schaute genauso verwundert drein wie alle anderen. »Ausrufen, Kou!«

Leutnant Koudelka runzelte die Stirn. »Es war kein fairer Wurf, Mylady.«

Einer von den Männern des Grafen hob die Scheide auf und Koudelka steckte die Waffe wieder ein. »Es war meine Schuld. Unfaire Ablenkung.«

»Vor einer Weile haben Sie das andere keine unfaire Ablenkung genannt«, widersprach Cordelia.

»Laß es sein, Cordelia«, sagte Vorkosigan ruhig.

»Aber er betrügt sie um ihren Punkt!«, flüsterte sie wütend zurück. »Und um was für einen Punkt! Bothari war bis jetzt Spitze in jeder Runde.«

»Ja. Es brauchte sechs Monate Übung auf der alten General Vorkraft, bevor Koudelka ihn umwarf.«

»Oh. Hm.« Das gab ihr zu denken. »Eifersucht?«

»Hast du es nicht gesehen? Sie hat alles, was er verloren hat.«

»Ich habe gesehen, daß er bei Gelegenheit ziemlich grob zu ihr war. Es ist eine Schande. Sie ist offensichtlich …«

Vorkosigan hob warnend den Finger. »Sprich darüber später. Nicht hier.«

Sie hielt inne, dann nickte sie zustimmend. »In Ordnung.«

Die Runde ging weiter, wobei Sergeant Bothari Droushnakovi praktisch durch die Matte drückte, zweimal, ganz schnell, und dann seinen letzten Herausforderer mit nahezu gleicher Leichtigkeit erledigte.

Einige Kämpfer beratschlagten am anderen Ende des Gartens und sandten dann Koudelka, der als Emissär herüberhinkte.

»Sir? Wir haben überlegt, ob Sie wohl eine Demonstrationsrunde einlegen würden. Mit Sergeant Bothari. Keiner von den Burschen hier hat das je gesehen.«

Vorkosigan winkte bei dieser Idee ab, nicht sehr überzeugend. »Ich bin nicht in Form dafür, Leutnant. Übrigens, wie haben die das überhaupt herausbekommen. Haben Sie ihnen Geschichten erzählt?«

Koudelka grinste: »Ein paar. Ich denke, es würde ihnen ein Licht aufstecken. Was für eine Art Spiel das wirklich sein kann.«

»Ein schlechtes Beispiel, fürchte ich.«

»Ich habe dies nie gesehen«, murmelte Cordelia. »Ist das wirklich eine so gute Show?«

»Ich weiß nicht. Habe ich dich in letzter Zeit mal beleidigt? Wäre es für dich eine Genugtuung zu sehen, wie Bothari mich zusammenschlägt?«

»Ich denke, es wäre für dich«, sagte Cordelia und ging damit auf seinen offensichtlichen Wunsch ein, überredet zu werden. »Ich denke, dir hat diese Art von Aktivität gefehlt, in diesem Leben im Hauptquartier, das du in letzter Zeit geführt hast.«

»Ja …« Er erhob sich, während einige Leute klatschten, legte die Uniformjacke ab, die Schuhe, die Ringe und den Inhalt seiner Taschen und trat an den Ring heran, um sich dann zu strekken und Aufwärmübungen zu machen. »Sie sollten lieber Schiedsrichter machen, Kou«, rief er zurück. »Nur, damit es keine unnötige Aufregung gibt.«

»Ja, Sir.« Koudelka wandte sich Cordelia zu, bevor er zur Kampfarena zurückhinkte. »Ahem. Erinnern Sie sich nur daran, Mylady, sie haben sich in den vier Jahren, wo sie diesen Sport trieben, nie umgebracht.«

»Warum nur empfinde ich das eher ominös als beruhigend? Und doch: Bothari hat heute morgen sechs Runden gekämpft. Vielleicht wird er jetzt müde.«

Die beiden Männer traten in der Arena aufeinander zu und verneigten sich formell. Koudelka zog sich hastig aus ihrer Reichweite zurück. Die rauhen, gutgelaunten Rufe der Zuschauer erstarben, während die eiskalte und konzentrierte Ruhe der beiden Kämpfer alle Blicke auf sich zog. Sie begannen, sich leichtfüßig zu umkreisen, dann trafen sie in einer blitzschnellen Aktion aufeinander. Cordelia sah nicht genau, was geschah, aber als sie sich wieder trennten, spuckte Vorkosigan Blut aus dem verletzten Mund, und Bothari krümmte sich über seinen Bauch.

Beim nächsten Kontakt landete Bothari einen Tritt gegen Vorkosigans Rücken, dessen Echo von den Gartenmauern widerhallte und der ihn aus der Arena herausschleuderte. Vorkosigan rollte sich wieder hoch und rannte zurück, obwohl ihm der Atem wegblieb. Die Männer, deren Schutz das Leben des Regenten anvertraut war, begannen einander besorgt anzublicken. Beim nächsten Griff erlebte Vorkosigan einen heftigen Sturz, und sofort landete Bothari auf ihm für einen anschließenden Würgegriff, Cordelia meinte, sie könnte sehen, wie sich seine Rippen unter den Knien auf seinem Brustkasten bogen. Ein paar von den Wachen stürzten nach vorn, aber Koudelka winkte sie zurück, und Vorkosigan, dessen Gesicht dunkelrot anlief, klopfte ab.

»Erster Punkt an Sergeant Bothari«, rief Koudelka. »Die besten zwei von drei, Sir?«

Sergeant Bothari stand leicht lächelnd da, und Vorkosigan blieb für eine Minute auf der Matte sitzen, um wieder zu Atem zu kommen. »Noch einen, auf jeden Fall. Muß unbedingt meine Revanche bekommen. Nicht in Form.«

»Sagte ich Ihnen«, murmelte Bothari, Wieder umkreisten sie sich. Sie trafen aufeinander, trennten sich, trafen wieder aufeinander, und plötzlich vollführte Bothari einen spektakulären Radschlag, während Vorkosigan unter ihn rollte, um eine Armsperre zu greifen, bei der er sich in seinem gedrehten Wurf fast die Schulter ausrenkte. Bothari zappelte kurz gegen den Fesselgriff, dann klopfte er ab.

Diesmal war es Bothari, der eine Minute lang auf der Matte saß, bevor er wieder hochkam.

»Das ist unglaublich«, kommentierte Droushnakovi mit begeistertem Blick, »vor allem, wenn man bedenkt, um wieviel kleiner er ist.«

»Klein, aber gefährlich«, stimmte Cordelia fasziniert zu. »Denken Sie dran.«

Die dritte Runde war kurz. Ein Durcheinander von Griffen und Schlägen und schlampigen gemeinsamen Stürzen endete plötzlich in einer Armfesselung mit Bothari in der Oberhand. Vorkosigan versuchte unklugerweise, die Sperre zu durchbrechen, und Bothari verrenkte ihm völlig ausdruckslos den Ellbogen mit einem hörbaren Knacks. Vorkosigan brüllte auf und klopfte ab. Wieder unterdrückte Koudelka den Impuls, unaufgefordert zur Hilfe zu eilen.

»Wieder einrenken, Sergeant«, stöhnte Vorkosigan von seinem Platz am Boden, und Bothari stützte einen Fuß auf seinen früheren Kapitän und zog an dem Arm mit einem genau dosierten Ruck.

»Sie müssen dran denken«, keuchte Vorkosigan, »das nicht mehr zu tun.«

»Wenigstens hat er ihn diesmal nicht gebrochen«, sagte Koudelka aufmunternd und half ihm mit Botharis Unterstützung hoch. Vorkosigan hinkte zu seinem Gartenstuhl zurück und setzte sich sehr vorsichtig zu Cordelias Füßen. Auch Bothari bewegte sich beträchtlich langsamer und steifer.

»Und das«, sagte Vorkosigan, immer noch um Atem ringend, »war, wie … wir das Spiel an Bord der alten General Vorkraft trieben.«

»All diese Anstrengung«, bemerkte Cordelia. »Und wie oft seid ihr wirklich in die Situation eines echten Nahkampfes geraten?«

»Sehr, sehr selten. Aber wenn, dann haben wir gewonnen.«

Die Gesellschaft löste sich auf, unter gemurmelten Kommentaren der anderen Kämpfer. Cordelia begleitete Aral, um seinem Ellbogen und seinem Mund Erste Hilfe angedeihen zu lassen und um ihm bei einer heißen Dusche, dem anschließenden Trockenreiben und dem Umziehen zu helfen.

Während sie ihn frottierte, brachte sie das Personalproblem zur Sprache, das sie seit einiger Zeit beschäftigte.

»Meinst du, du könntest etwas zu Kou sagen über die Art, wie er Drou behandelt? Das paßt gar nicht zu ihm. Sie macht schon fast Saltos im Bemühen, nett zu ihm zu sein. Und er behandelt sie nicht einmal mit der gleichen Höflichkeit, die er einem seiner Männer entgegenbringen würde.

Sie ist praktisch eine Offizierskollegin. Und, wenn ich nicht total daneben liege, wahnsinnig in ihn verliebt. Warum sieht er das nicht?«

»Was läßt dich glauben, daß er es nicht sieht?«, fragte Aral langsam.

»Sein Benehmen, natürlich. Eine Schande. Und sie wären so ein schönes Paar. Glaubst du nicht, daß sie attraktiv ist?«

»Unglaublich attraktiv. Aber ich mag ja große Amazonen«, er grinste ihr über seine Schulter hinweg zu, »wie jedermann weiß. Doch das ist nicht jedermanns Geschmack, Aber falls das ein kupplerisches Funkeln ist, was ich in deinen Augen entdecke — meinst du nicht, es könnten irgendwelche mütterlichen Hormone dabei im Spiel sein?«

»Soll ich dir auch den anderen Ellbogen ausrenken?«

»Uff, nein danke. Ich hatte vergessen, wie schmerzhaft ein Training mit Bothari sein kann. Ah, das ist besser. Jetzt noch ein bißchen weiter unten …«

»Du wirst morgen hier ein paar wunderbare blaue Flecken haben.«

»Meinst du, ich weiß das nicht? Aber bevor du wegen Drous Liebesleben in Verzückung gerätst … hast du schon einmal gründlich über Koudelkas Verwundungen nachgedacht?«

»Oh.« Cordelia schwieg betroffen. »Ich hatte angenommen… daß seine Sexualfunktionen ebenso gut wiederhergestellt ist wie der Rest von ihm.«

»Oder ebenso schlecht. Das ist ein ziemlich heikles Kapitel Chirurgie.«

Cordelia schürzte ihre Lippen: »Weißt du das tatsächlich?«

»Nein, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß in all unseren Gesprächen dieses Thema nie berührt wurde. Nie.«

»Hm. Ich wünsche mir, ich wüßte, wie ich das deuten soll. Es klingt ein bißchen problematisch. Meinst du nicht, du könntest einmal fragen …?«

»Du lieber Gott, Cordelia, natürlich nicht! Was für eine Frage an einen Mann. Vor allem, wenn die Antwort nein lautet. Ich muß mit ihm zusammenarbeiten, denk dran.«

»Nun ja, und ich muß mit Droushnakovi zusammenarbeiten. Sie nützt mir nichts, wenn sie verschmachtet und an gebrochenem Herzen stirbt. Er hat sie zum Weinen gebracht, mehr als einmal. Sie heult los, wenn sie denkt, daß niemand sie sieht.«

»Wirklich? Das kann ich mir nur schwer vorstellen.«

»Du kannst nicht von mir erwarten, daß ich ihr sage, er sei es gar nicht wert, wenn man alles in Betracht zieht. Aber hat er wirklich eine Abneigung gegen sie? Oder ist das nur Selbstschutz?«

»Eine gute Frage … Ich weiß nicht, was ich davon halten soll: mein Fahrer machte neulich eine scherzhafte Bemerkung über sie — keine sehr anstößige —, und Kou reagierte darauf sehr frostig. Ich glaube nicht, daß er eine Abneigung gegen sie hat. Aber ich glaube, daß er sie beneidet.«

Cordelia beließ das Thema bei diesem Unentschieden. Sie wollte dem Paar helfen, wußte aber keine Antwort für dessen Dilemma. Ihr Verstand hatte zwar keine Schwierigkeiten, sich kreative Lösungen auszudenken für die praktischen Probleme der körperlichen Intimität, die durch die Verwundungen des Leutnants verursacht waren, aber sie zuckte zurück vor der Verletzung ihrer scheuen Zurückhaltung, die ein solches Angebot zur Folge haben würde. Sie vermutete, daß sie sie nur schockieren würde.

Sextherapie war anscheinend hierzulande noch unbekannt.

Als wahre Betanerin hatte sie immer eine doppelte Moral im Sexualverhalten für eine logische Unmöglichkeit gehalten. Seit sie sich in Vorkosigans Kielwasser jetzt am Rande der guten Gesellschaft von Barrayar bewegte, begann sie endlich zu verstehen, wie dies doch möglich war. Es schien alles darauf hinauszulaufen, daß der freie Fluß von Informationen gegenüber bestimmten Personen behindert wurde, vorsortiert nach einem unausgesprochenen Code, der allen Anwesenden außer ihr irgendwie bekannt und akzeptiert war. Man konnte Sex nicht gegenüber oder vor unverheirateten Frauen oder Kindern erwähnen. Junge Männer, so schien es, waren von allen Regeln befreit, wenn sie miteinander sprachen, aber nicht, wenn irgendeine Frau — gleich welchen Alters oder Ranges — zugegen war. Die Regeln änderten sich auch auf verwirrende Weise mit Veränderungen im sozialen Status der Anwesenden. Und verheiratete Frauen in Gruppen, die sich sicher vor männlichen Lauschern fühlten, verwandelten sich manchmal ganz überraschend in scheinbare Datenbanken. Über manche Themen konnte man zwar Witze machen, aber nicht ernsthaft reden. Und manche Varianten konnten überhaupt nicht erwähnt werden. Sie hatte mehr als eine Konversation hoffnungslos aus dem Geleise gebracht mit dem, was sie für eine völlig selbstverständliche und beiläufige Bemerkung gehalten hatte, und war dann von Aral beiseite genommen worden für eine schnelle Lagebesprechung.

Sie versuchte, eine Liste der Regeln zusammenzustellen, von denen sie glaubte, sie habe sie herausgefunden, aber sie fand sie so unlogisch und widersprüchlich, vor allem da, wo es darum ging, was bestimmte Leute in Gegenwart anderer bestimmter Leute vorgeben sollten, nicht zu wissen, daß sie ihre Bemühung aufgab. Sie zeigte die Liste Aral, der sie eines Nachts im Bett las und sich vor Lachen fast krümmte.

»Sehen wir so wirklich für dich aus? Ich mag deine Regel Sieben. Muß sie mir merken … Ich wünschte mir, ich hätte sie in meiner Jugend gekannt. Dann hätte ich mir all die scheußlichen Trainingsvids bei der Armee ersparen können.«

»Wenn du noch mehr wieherst, dann kriegst du Nasenbluten«, sagte sie scharf. »Das sind eure Regeln, nicht meine. Deine Leute verhalten sich danach. Ich versuche nur, sie herauszufinden.«

»Mein süße Wissenschaftlerin. Hm. Du nennst sicherlich die Dinge bei ihren richtigen Namen. Wir haben das nie versucht … Würdest du gern mit mir gegen Regel Elf verstoßen, lieber Captain?«

»Laß mich mal sehen, welche das ist — o ja! Sicher. Jetzt? Und wenn wir schon dabei sind, erledigen wir noch schnell Regel Dreizehn. Meine Hormone sind aktiv. Ich erinnere mich, daß die Gefährtin meines Bruders mir über diese Wirkung erzählt hat, aber damals habe ich ihr nicht wirklich geglaubt. Sie sagte, man macht das später wieder gut, nach der Geburt.«

»Dreizehn? Ich hätte nie gedacht …«

»Das liegt daran, daß du als Barrayaraner soviel Zeit damit verbringst, Regel Zwei zu befolgen.«

Für einige Zeit war die Anthropologie vergessen. Aber sie fand heraus, daß sie ihn später immer mit einem zum richtigen Zeitpunkt gemurmelten ›RegeI Neun, Sir‹ zum Lachen bringen konnte.

Die Jahreszeiten wechselten. An diesem Morgen war eine Andeutung von Winter in der Luft gewesen, Frost, der einige Pflanzen in Graf Piotrs Hintergarten hatte eingehen lassen. Cordelia erwartete ihrem ersten echten Winter mit Faszination. Vorkosigan versprach ihr Schnee, gefrorenes Wasser, etwas, das sie nur auf zwei Erkundungsmissionen erlebt hatte.

Noch vor dem Frühling werde ich einen Sohn gebären. Ha!

Aber der Nachmittag war übersonnt vom Herbstlicht, und es war wieder warm geworden. Das flache Dach des Vorderflügels von Palais Vorkosigan strahlte nun diese Wärme wieder ab, um Cordelias Fußknöchel herum, als sie dort oben sich ihren Weg suchte, während die Luft in Höhe ihrer Wangen schon wieder zur Frische abkühlte und die Sonne zum Horizont der Stadt hinabsank.

»Guten Abend, Jungs.« Cordelia nickte den beiden Wachen zu, die hier auf dem Dach postiert waren.

Sie nickten zurück, der ältere berührte seine Stirn in einem zögernden Geste des Salutierens: »Mylady.«

Cordelia hatte es sich angewöhnt, von hier oben regelmäßig den Sonnenuntergang zu betrachten. Der Ausblick auf die Stadtlandschaft von diesem Aussichtspunkt über dem dritten Stock war sehr schön. Sie konnte jenseits von Bäumen und Gebäuden den Fluß glitzern sehen, der die Stadt teilte. Ein tiefes Loch, das ein paar Häuserblocks weiter in Blickrichtung ausgehoben war, ließ allerdings den Schluß zu, daß die Flußszenerie bald von neuer Architektur verdeckt sein würde. Von dem Steilufer oberhalb des Wassers grüßte das höchste Türmchen von Schloß Vorhartung, wo sie all diesen Zeremonien im Saal des Rates der Grafen beigewohnt hatte. Jenseits von Schloß Vorhartung lagen die ältesten Viertel der Hauptstadt.

Diese Gegend hatte sie noch nicht gesehen, denn ihre verwinkelten Gassen, gerade breit genug für ein Pferd, waren unpassierbar für Bodenwagen.

Allerdings war sie schon hinweggeflogen über diese seltsamen, niedrigen dunklen Flecken im Herzen der Stadt. Die neueren Stadtteile, die sich glitzernd bis zum Horizont ausdehnten, entsprachen mehr dem galaktischen Standard, und sie waren um die modernen Verkehrssysteme herum angelegt.

Nichts davon war wie auf Kolonie Beta. Vorbarr Sultana dehnte sich ganz auf der Oberfläche aus oder stieg zum Himmel empor, auf seltsame Weise zweidimensional und ungeschützt. Die Städte auf Kolonie Beta jedoch tauchten hinab in Schächte und Tunnel, vielschichtig und komplex, behaglich und sicher. In der Tat, auf Kolonie Beta war Architektur eigentlich mehr Innenarchitektur. Erstaunlich war die Vielfalt von Mustern, mit denen die Menschen Wohnungen variierten, die Außenseiten hatten.

Die Wachen zuckten zusammen und seufzten, als sie sich auf das Steingeländer lehnte und hinabblickte. Sie mochten es gar nicht, wenn sie näher als drei Meter an den Rand herantrat, obwohl die ganze Örtlichkeit nur sechs Meter breit war. Aber sie wollte Vorkosigans Bodenwagen erkennen, der bald in die Straße einbiegen mußte. Sonnenuntergänge waren recht schön, aber jetzt waren ihre Augen nach unten gerichtet.

Sie atmete den vielfältigen Geruch ein, von Vegetation, Wasserdunst, industriellen Abgasen. Barrayar erlaubte ein erstaunliches Ausmaß von Luftimmission, als ob … Nun ja, die Luft war hier kostenlos. Niemand maß sie zu, es gab keine Gebühren für Luftbearbeitung und Filtration …

Wußten diese Leute überhaupt, wie reich sie waren? All die Luft, die sie atmen konnten, einfach indem sie nach draußen traten, betrachteten sie gleichgültigerweise als so selbstverständlich wie das gefrorene Wasser, das vom Himmel fiel. Sie nahm einen extra Atemzug, als könnte sie die Luft irgendwie gierig horten, und lächelte …

Ein fernes, scharfes, knatterndes Krachen unterbrach ihre Gedanken und ließ sie den Atem anhalten. Beide Wachen sprangen auf. Also, du hast einen Knall gehört. Das muß nicht unbedingt etwas mit Aral zu tun haben. Und dann der eisige Gedanke: Es klang wie eine Schallgranate.

Keine kleine. Lieber Gott! Da stieg eine Säule von Rauch und Staub aus einer Straßenschlucht ein paar Häuserblocks weiter, sie konnte deren Ursprung nicht sehen … sie lehnte sich hinaus …

»Mylady!« Der jüngere der beiden Wächter ergriff ihren Oberarm. »Bitte gehen Sie hinein.« Sein Gesicht war gespannt, seine Augen geweitet. Der ältere hielt die Hand ans Ohr gepreßt, er versuchte Informationen über seinen Kommunikationskanal zu bekommen — sie hatte kein Kom-Link dabei.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Mylady, bitte gehen Sie nach unten!« Der Wächter drängte sie zu der Falltür zur Dachstube, von der eine Treppe zum dritten Stock führte. »Ich bin sicher, das war nichts besonderes«, beschwichtigte er, während er sie schob.

»Das war eine Schallgranate Klasse Vier, vermutlich mit einem Luftrohr abgefeuert«, setzte sie seiner beängstigenden Unwissenheit entgegen. »Es sei denn, ein Selbstmörder hat sie geworfen. Haben Sie noch nie eine explodieren hören?«

Droushnakovi kam durch die Falltür geschossen, eine zerdrückte Buttersemmel in der einen Hand und ihren Betäuber in der anderen.

»Mylady?« Der Wächter blickte erleichtert drein, schob Cordelia ihr zu und kehrte zu seinem Vorgesetzten zurück. Cordelia, die am liebsten laut geschrieen hatte, grinste mit zusammengebissenen Zähnen, ließ sich beschützen und kletterte folgsam durch die Falltür hinab.

»Was ist geschehen?«, zischte sie Droushnakovi zu.

»Ich weiß es noch nicht. Das rote Alarmsignal leuchtete im Erfrischungsraum im Keller auf, und jeder rannte auf seinen Posten«, keuchte Drou. Sie mußte sich praktisch die sechs Treppen hinaufteleportiert haben.

Cordelia raste die Treppen hinab und wünschte sich, es gäbe hier ein Fallrohr. Die Kommunikationskonsole in der Bibliothek war sicherlich besetzt — irgend jemand mußte ein Kom-Link haben — sie wirbelte die Wendeltreppe hinunter und flitzte über die schwarzen und weißen Steinfliesen.

Der Wachkommandant des Hauses war tatsächlich auf seinem Posten und erteilte Befehle über das Mikrophon. Der Oberste von Graf Piotrs Livrierten hampelte nervös hinter ihm herum. »Sie kommen direkt hierher«, sagte der Sicherheitsbeamte über seine Schulter, »holen Sie den Doktor!« Der Mann in der braunen Uniform rannte davon.

»Was ist geschehen?«, wollte Cordelia wissen. Ihr Herz hämmerte in der Brust, und das nicht nur davon, daß sie die Treppe herabgerannt war.

Der Sicherheitsmann blickte zu ihr auf, setzte an, etwas Beruhigendes und Bedeutungsloses zu sagen, doch dann besann er sich anders und sagte: »Jemand hat aus dem Hinterhalt auf den Bodenwagen des Regenten geschossen. Daneben. Sie fahren weiter, hierher.«

»Wie nah daneben?«

»Ich weiß es nicht, Mylady.«

Vermutlich wußte er es nicht. Aber wenn der Bodenwagen noch funktionierte … Mit einer hilflosen Geste bedeutete sie ihm, sich wieder seiner Arbeit zu widmen, und eilte in das Foyer, wo jetzt einige von Graf Piotrs Männern zusammengelaufen waren, die sie davon abhielten, zu nahe an der Tür zu stehen. Sie nahm drei Stufen, klammerte sich ans Treppengeländer und biß sich auf die Lippe.

»War Leutnant Koudelka bei ihm, was meinen Sie?«, fragte Droushnakovi zaghaft.

»Vermutlich, Gewöhnlich ist er ja dabei«, antwortete Cordelia geistesabwesend, den Blick auf die Tür gerichtet, und wartete, wartete …

Sie hörte den Wagen herankommen. Einer von Graf Piotrs Männern öffnete die Haustür. Sicherheitsleute umschwärmten das silbrige Fahrzeug im Säulengang — Gott, woher waren denn die alle gekommen? Der glänzende Lack des Wagens war verkratzt und zeigte Brandspuren, aber es gab keine tiefen Dellen. Das hintere Verdeck war nicht zerbrochen, das vordere hatte Schrammen abbekommen. Die hinteren Türen schwangen hoch, und Cordelia streckte sich, um einen Blick auf Vorkosigan werfen zu können, doch es war zum Verrücktwerden: die grünen Rücken der Sicherheitsleute nahmen ihr die Sicht. Endlich gingen sie zur Seite. In der Türöffnung saß Leutnant Koudelka und blinzelte benommen, während Blut an seinem Kinn herabtropfte. Ein Wächter half ihm auf die Füße.

Schließlich kam Vorkosigan heraus, er ließ sich nicht heben und lehnte Hilfe ab. Selbst die besorgtesten Wachen wagten es nicht, ihn ohne Aufforderung zu berühren. Er schritt ins Haus, mit grimmigem und bleichem Gesicht. Koudelka folgte, gestützt auf seinen Stock und einen Korporal der Sicherheitstruppe. Er sah verstörter aus als Vorkosigan, aus seiner Nase strömte Blut. Piotrs Mann schlug die Vordertür von Palais Vorkosigan zu und schloß damit drei Viertel des Durcheinanders aus.

Über die Köpfe der Männer hinweg begegnete Aral ihrem Blick, und der finstere Ausdruck auf seinem Gesicht ließ etwas nach. Er nickte ihr unmerklich zu: Mir ist nichts passiert. Sie preßte ihre Lippen erwidernd zusammen: Ich hoffe bei Gott, das stimmt …

Kou sagte mit zitternder Stimme: »… schrecklich großes Loch in der Straße! Hätte glatt ein Lastwagen drin verschwinden können. Dieser Fahrer hat erstaunliche Reflexe — was?« Er schüttelte den Kopf, als ihm jemand eine Frage stellte. »Tut mir leid, mir klingen meine Ohren — was haben Sie gesagt?« Er stand da mit offenem Mund, als könnte er die Töne durch den Mund aufnehmen, berührte sein Gesicht und starrte überrascht auf seine blutverschmierte Hand.

»Ihre Ohren sind nur betäubt«, sagte Vorkosigan. Seine Stimme war ruhig, aber viel zu laut. »Morgen früh werden sie wieder in Ordnung sein.« Nur Cordelia erkannte, daß er nicht Koudelka zuliebe so laut sprach — Vorkosigan selbst konnte auch nichts hören. Seine Augen wanderten zu schnell umher: das einzige Anzeichen dafür, daß er versuchte, den anderen von den Lippen abzulesen.

Simon Illyan und ein Arzt kamen fast im gleichen Augenblick an.

Vorkosigan und Koudelka wurden in ein ruhiges Hinterzimmer gebracht, und die ganzen — nach Cordelias Auffassung ziemlich nutzlosen — Wachen wurden weggeschickt. Cordelia und Droushnakovi folgten den Verletzten. Der Arzt begann sofort mit der Untersuchung, und zwar, auf Vorkosigans Befehl, bei dem blutbesudelten Koudelka.

»Ein Schuß?«, fragte Illyan.

»Nur einer«, bestätigte Vorkosigan, der auf Illyans Gesicht blickte. »Wenn sie lang genug für einen zweiten Versuch geblieben wären, dann hätten sie mich in die Zange nehmen können.«

»Wenn er länger geblieben wäre, dann hätten wir ihn in die Zange nehmen können. Ein Spurensicherungsteam ist jetzt am Tatort. Der Attentäter ist natürlich längst auf und davon. Eine schlau ausgewählte Stelle: von dort hatte er ein Dutzend Fluchtwege.«

»Wir ändern unsere Route täglich«, sagte Leutnant Koudelka, der dem Gespräch mit Mühe folgte, während er ein Tuch an sein Gesicht preßte. »Wie wußte er, wo er seinen Hinterhalt legen mußte?«

»Interne Informationen?« Illyan hob die Schultern und biß seine Zähne zusammen.

»Nicht unbedingt«, sagte Vorkosigan. »Es gibt nur ein paar Routen, so nahe am Haus. Er kann schon Tage darauf gewartet haben.«

»Genau an der Grenze unseres Intensivschutz-Bereichs?«, sagte Illyan. »Das gefällt mir nicht.«

»Mich beunruhigt mehr, daß er danebengeschossen hat«, sagte Vorkosigan. »Warum? Kann es ein Warnschuß gewesen sein? Ein Angriff nicht auf mein Leben, sondern auf mein seelisches Gleichgewicht?«

»Das Geschütz war alt«, sagte Illyan. »Möglicherweise war etwas mit seiner Zieleinrichtung nicht in Ordnung — niemand hat einen Impuls eines Laser-Entfernungsmessers festgestellt.« Er hielt inne und blickte auf Cordelias bleiches Gesicht. »Ich bin sicher, das war ein verrückter Einzelgänger, Mylady. Zumindest war es sicherlich nur ein einziger Mann.«

»Wie kommt ein verrückter Einzelgänger an militärische Waffen?«, fragte sie scharf.

Illyan schaute unbehaglich drein. »Wir werden das untersuchen. Es war auf jeden Fall ein veraltetes Gerät.«

»Werden denn veraltete Waffenbestände hier nicht vernichtet?«

»Es gibt so viel davon …«

Auf diese törichte Aussage reagierte Cordelia wütend: »Er brauchte nur einen einzigen Schuß. Wenn ihm ein direkter Treffer auf den hermetisch abgeschlossenen Wagen gelungen wäre, dann wäre Aral jetzt emulgiert. Und Ihr Spurensicherungsteam wäre jetzt dabei, auseinanderzusortieren, welche Moleküle zu ihm und welche zu Koudelka gehörten.«

Droushnakovi wurde leicht grün im Gesicht, Vorkosigans Züge zeigten jetzt wieder den finsteren Ausdruck wie zuvor.

»Wollen Sie, daß ich Ihnen eine genaue Resonanzreflektionsamplitude für diese geschlossene Passagierkabine ausrechne, Simon?«, fuhr Cordelia gereizt fort, »Wer auch immer diese Waffe auswählte, war ein fähiger Militärtechniker — wenn auch, glücklicherweise, ein schlechter Schütze.« Sie schluckte weitere Worte hinunter, da sie, vielleicht sogar als einzige, die unterdrückte Hysterie spürte, die sie ihre Sätze hervorsprudeln ließ.

»Ich bitte um Verzeihung, Captain Naismith.« Illyans Ton war schneidig. »Sie haben völlig recht.« Sein Kopfnicken war eine Nuance respektvoller.

Aral hatte dieses Intermezzo mit verborgenem Amüsement verfolgt, und dabei hatte sein Gesicht sich zum ersten Mal aufgehellt.

Illyan machte sich fort, ohne Zweifel den Kopf voller Verschwörungstheorien. Der Doktor bestätigte Arals aus Kampferfahrung stammende Diagnose auraler Betäubung, verschrieb starke Tabletten gegen Kopfschmerzen — Aral bestand entschlossen auf seinem gewohnten Medikament — und vereinbarte eine Nachuntersuchung der beiden Männer am nächsten Morgen.

Als Illyan am späten Abend wieder in Palais Vorkosigan eintraf, um sich mit seinem Wachkommandanten zu beraten, mußte Cordelia sehr an sich halten, um ihn nicht an seiner Jacke zu packen und an die nächste Wand drücken, um seine Informationen aus ihm herauszupressen. Statt dessen beschränkte sie sich darauf, ihn einfach zu fragen: »Wer hat versucht, Aral umzubringen? Wer will Aral umbringen? Welchen Nutzen versprechen sie sich davon?«

Illyan seufzte: »Wollen Sie die kurze Liste oder die lange, Mylady?«

»Wie lang ist die kurze Liste?«, fragte sie in morbider Faszination.

»Zu lang. Aber ich kann Ihnen den oberen Teil aufzählen, wenn Sie wollen.« Er zählte sie an den Fingern ab: »Die Cetagandaner, immer. Sie hatten mit politischem Chaos hier gerechnet, nach Ezars Tod. Sie scheuen sich nicht, es hier zu provozieren. Ein Attentat ist eine billige Einmischung, verglichen mit einer Invasionsflotte. Die Komarraner, als alte Rache oder neue Revolte. Dort bezeichnen einige den Admiral immer noch als den Schlächter von Komarr …«

Cordelia, die die ganze Geschichte hinter diesem verhaßten Beinamen kannte, zuckte zusammen.

»Die Anti-Vor, denn der Regent ist für ihren Geschmack zu konservativ. Die rechten Militärs, die fürchten, er sei zu progressiv. Übriggebliebene Mitglieder von Prinz Sergs und Vorrutyers alter Kriegspartei. Frühere Funktionäre des jetzt unterdrückten Ministeriums für Politische Erziehung, obwohl ich bezweifle, daß einer von denen danebengeschossen hätte. Denn Negris Abteilung hatte sie trainiert. Irgendein verärgerter Vor, der meint, er sei beim kürzlichen Machtwechsel zu kurz gekommen. Ein x-beliebiger Verrückter mit Zugang zu Waffen und dem Verlangen nach schnellem Ruhm als Großwildjäger — soll ich weitermachen?«

»Nein, bitte nicht. Aber wie steht’s heute? Wenn das Motiv eine zu große Auswahl an Verdächtigen zuläßt, was ist dann mit Methode und Gelegenheit?«

»In dieser Hinsicht haben wir noch einiges zu tun, obwohl zu viel davon negativ ausgeht. Wie ich schon festgestellt habe, war es ein ganz geschickt ausgeführter Versuch. Wer auch immer ihn geplant hat, mußte Zugang zu einer bestimmten Art von Wissen haben. Wir werden zuerst diese Aspekte untersuchen.«

Cordelia kam zu dem Schluß, daß die Anonymität des versuchten Attentats es war, was sie am meisten beunruhigte. Wenn der Mörder jeder Beliebige sein konnte, dann wurde das Verlangen übermächtig, jeden zu verdächtigen. Verfolgungswahn war hier anscheinend eine ansteckende Krankheit, die Barrayaraner infizierten sich damit gegenseitig. Nun ja, die vereinten Mannschaften von Negri und Illyan mußten ja bald einige konkrete Fakten ans Tageslicht bringen. Sie packte alle ihre Ängste in ein kleines, winziges Verlies in ihrer Magengrube und schloß sie dort ein.

Neben ihrem Kind.

In dieser Nacht hielt Vorkosigan sie ganz eng in die Wölbung seines kräftigen Körpers gekuschelt, obwohl er ihr keine sexuellen Avancen machte. Er hielt sie nur. Er blieb stundenlang wach, trotz der Schmerztabletten, die seine Augen glasig machten. Sie schlief erst ein, als er schon schlief. Sein Schnarchen lullte sie ein. Es gab nicht viel zu sagen.

Sie haben danebengetroffen: wir machen weiter.

Bis zum nächsten Versuch.

KAPITEL 5

Der Geburtstag des Kaisers war ein traditioneller barrayaranischer Feiertag, er wurde gefeiert mit Festessen, Tanz, Trinkgelagen, Veteranenparaden und einer unglaublichen Menge von offensichtlich völlig unkontrolliertem Feuerwerk. Es wäre ein großartiger Tag für einen Überraschungsangriff auf die Hauptstadt, fand Cordelia, ein Artilleriefeuer könnte schon längst im Gange sein, bevor es irgend jemand in dem allgemeinen Lärm merkte. Der Tumult begann schon bei Morgengrauen.

Die diensthabenden Wachen, die sowieso schon von Natur aus bei jedem plötzlichen Lärm aufschreckten, waren unruhig und unglücklich, außer ein paar Jüngeren, die versuchten, den Tag durch Abbrennen von ein paar Knallfröschen innerhalb der Mauern zu feiern. Sie wurden vom Wachkommandanten zur Seite genommen und kamen viel später wieder heraus, bleich und kleinlaut, und stahlen sich leise davon. Cordelia sah sie später unter dem Kommando einer bissigen Hausangestellten Müll wegbringen, während ein Küchenmädchen und die zweite Köchin fröhlich aus dem Haus eilten, um einen überraschenden freien Tag zu genießen.

Der Geburtstag des Kaisers war ein beweglicher Feiertag. Die Begeisterung der Barrayaraner für diesen Feiertag wurde nicht getrübt durch die Tatsache, daß sie ihn, wegen Ezars Tod und Gregors Thronbesteigung, in diesem Jahr schon zum zweiten Mal feierten.

Cordelia schlug eine Einladung zu einer großen Truppenparade aus, die Arals ganzen Vormittag kostete, um statt dessen für das Ereignis des Abends frisch zu bleiben — für das Ereignis des Jahres, wie man ihr zu verstehen gab — persönliche Anwesenheit beim Geburtstagsdinner des Kaisers in der Kaiserlichen Residenz. Sie freute sich, Kareen und Gregor wiederzusehen, wenn auch nur kurz. Zumindest war sie sicher, daß ihre Kleidung in Ordnung war. Lady Vorpatril, die über einen ausgezeichneten Geschmack sowie Erfahrung mit Umstandskleidung im barrayaranischen Stil verfügte, hatte Mitleid mit Cordelia in deren kultureller Verwirrung gehabt und sich als fachkundige einheimische Beraterin angeboten.

Als Ergebnis trug Cordelia ein tadellos geschnittenes waldgrünes Seidenkleid, das mit einem Übergewand aus dickem, elfenbeinfarbenem Samt von der Schulter bis zum Boden wirbelte. Echte Blumen in passenden Farben waren von einer echten menschlichen Friseuse die auch Alys zu ihr geschickt hatte, in ihrem kupferfarbenen Haar arrangiert. Wie bei ihren öffentlichen Veranstaltungen machten die Barrayaraner aus ihrer Kleidung eine Art Volkskunst, die so kompliziert war wie eine betanische Körperbemalung. Über Arals Meinung war sich Cordelia nicht sicher — sein Gesicht hellte sich immer auf, wenn er sie sah —, aber nach den entzückten ›Oohs‹ von Graf Piotrs weiblichem Personal zu urteilen, hatte Cordelias Schneiderteam sich selbst übertroffen.

Als sie in der vorderen Halle am Fuß der Wendeltreppe wartete, glättete sie verstohlen den Streifen grüner Seide über ihrem Unterleib. Etwas mehr als drei Monate erhöhter Stoffwechselaktivität, und alles, was sie vorweisen konnte, war diese Schwellung von der Größe einer Grapefruit — seit der Sommermitte hatte sich so viel ereignet, daß es ihr schien, ihre Schwangerschaft müßte schneller vorankommen, um mit allem Schritt zu halten. Sie summte ein mentales Mantra in Richtung auf ihren Unterleib:

Wachse, wachse, wachse … Wenigstens begann sie jetzt schon tatsächlich schwanger auszusehen, anstatt sich nur erschöpft zu fühlen. Aral teilte ihre nächtliche Faszination über ihren Fortschritt, indem er sanft mit gespreizten Fingern nach zarten Bewegungen unter ihrer Haut fühlte — bis jetzt noch ohne Erfolg.

Jetzt erschien Aral mit Leutnant Koudelka. Sie hatten sich beide gründlich gebadet, rasiert, die Haare geschnitten und gekämmt, und jetzt funkelten sie in ihren formellen, rot-blauen kaiserlichen Paradeuniformen. Graf Piotr schloß sich ihnen an, er trug die Uniform, in der Cordelia ihn bei den Sitzungen der Vereinigten Räte gesehen hatte: braun und silbern, eine prächtigere Version der Livree seiner Garde. Piotrs zwanzig Gefolgsmänner hatten an diesem Abend alle eine Art offizieller Funktion und waren schon die ganze Woche über von ihrem hektischen Kommandanten zu peinlich genauen Vorbereitungen angetrieben worden. Droushnakovi, die Cordelia begleitete, trug ein einfacheres Kleid in Cordelias Farben, dessen sorgfältiger Schnitt rasche Bewegungen erleichterte und Waffen sowie Kom-Links verbarg.

Nachdem jeder jeden gebührend bewundert hatte, begaben sie sich durch die Vordertüren zu den wartenden Bodenwagen. Aral half Cordelia persönlich in ihr Fahrzeug, dann trat er zurück: »Ich treffe dich dann dort, Liebste.«

»Was?« Ihr Kopf fuhr herum. »Oh. Der zweite Wagen … ist dann nicht nur wegen der Größe der Gruppe dabei?«

Arals Mund verzog sich leicht: »Nein. Es scheint mir … klüger, daß wir von jetzt an in getrennten Fahrzeugen fahren.«

»Ja«, sagte sie schwach, »wirklich klüger.«

Er nickte und wendete sich dann ab. Zum Teufel mit diesem Land! Wieder wurde ein Stück aus ihrem Leben, aus ihrem Herzen genommen. Sie hatten nur noch so wenig Zeit miteinander, daß selbst ein kleiner Verlust schmerzte.

Graf Piotr sollte offensichtlich Aral vertreten, zumindest heute abend, er rutschte auf den Sitz neben ihr. Droushnakovi setzte sich ihnen gegenüber, und das Verdeck wurde geschlossen. Der Wagen bog ruhig in die Straße ein. Cordelia blickte über ihre Schulter und versuchte nach Arals Wagen zu schauen, aber er folgte zu weit hinten, als daß sie ihn hätte sehen können. Sie richtete sich auf und seufzte.

Die Sonne sank gelb in eine graue Wolkenbank, Lichter erglühten in dem kühlen, dunstigen Herbstabend und gaben der Stadt eine düstere, melancholische Atmosphäre. Vielleicht war ein lärmendes Straßenfest — sie fuhren an einigen vorbei — keine so schlechte Idee. Die Feiernden erinnerten Cordelia an primitive Menschen von der Erde, die auf Töpfen trommelten und Schüsse abfeuerten, um den Drachen zu verjagen, der den sich verfinsternden Mond verschlingen wollte. Diese seltsame, herbstliche Traurigkeit konnte eine unvorsichtige Seele verzehren. Gregors Geburtstag kam zur rechten Zeit.

Piotrs knorrige Hände fingerten an einem braunen Seidensäckchen herum, auf das in Silber das Wappen der Vorkosigans gestickt war.

Cordelia betrachtete es interessiert. »Was ist das?«

Piotr lächelte leicht und gab es ihr. »Goldmünzen.«

Noch mehr Volkskunst, das Säckchen und sein Inhalt waren ein Vergnügen für den Tastsinn. Sie streichelte über die Seide, bewunderte die Stickerei und schüttelte ein paar der glänzenden Scheibchen heraus, auf ihre Hand. »Hübsch.« Cordelia erinnerte sich gelesen zu haben, daß vor dem Ende der Zeit der Isolation Gold auf Barrayar einen großen Wert besessen hatte. Gold war für ihr betanisches Denken etwa Metall, das manchmal für die elektronische Industrie nützlich ist, aber alte Völker hatten damit etwas Mystisches verbunden. »Bedeutet das irgend etwas?«

»Aber ja! Das ist das Geburtstagsgeschenk für den Kaiser.«

Cordelia stellte sich den fünfjährigen Gregor vor, wie er mit einem Säckchen voll Gold spielte. Was konnte der Junge denn damit anfangen, außer Türmchen zu bauen und vielleicht das Zählen zu üben? Sie hoffte, daß er schon aus dem Alter heraus war, wo Kinder alles in den Mund stecken, denn diese Scheibchen hatten genau die richtige Größe, daß ein Kind sie verschlucken oder daran ersticken konnte. »Ich bin sicher, er wird sich freuen«, sagte sie mit leisem Zweifel.

Piotr kicherte. »Du weißt, was damit los ist, nicht wahr?«

Cordelia seufzte: »Das weiß ich fast nie. Gib mir einen Tip.« Sie lehnte sich zurück und lächelte. Piotr hatte sich nach und nach dafür begeistert, ihr Barrayar zu erklären, er schien sich immer zu freuen, wenn er einen neuen weißen Fleck der Unwissenheit bei ihr entdeckte, den er mit Informationen und Meinungen füllen konnte. Sie hatte das Gefühl, er könnte ihr die ganzen nächsten zwanzig Jahre lang Vorträge halten, ohne Mangel an verblüffenden Themen zu haben.

»Des Kaisers Geburtstag ist das traditionelle Ende des Rechnungsjahres, für den Distrikt eines jeden Grafen in Beziehung zur kaiserlichen Regierung. Mit anderen Worten, es ist der Tag, an dem die Steuern fällig werden, außer — daß die Vor nicht besteuert werden. Das würde eine zu untergeordnete Beziehung zum Imperium bedeuten. Statt dessen geben wir dem Kaiser ein Geschenk.«

»Aha …«, sagte Cordelia. »Sie verwalten doch diese Gegend nicht für ein Jahr um sechzig kleiner Säcke voll Gold willen, Sir.«

»Natürlich nicht. Die wirklichen Summen sind heute schon vorher von Hassadar nach Vorbar Sultana über Kom-Link transferiert worden. Das Gold ist nur symbolisch.«

Cordelia runzelte die Stirn: »Einen Augenblick. Habt ihr das nicht schon einmal in diesem Jahr getan?«

»Im Frühling für Ezar, ja. So haben wir nur das Datum für unser Rechnungsjahr geändert.«

»Bringt das nicht euer Banksystem durcheinander?«

Er zuckte die Achseln: »Wir kommen zurecht.« Plötzlich grinste er: »Was glaubst du, woher überhaupt das Wort ›Graf‹ kommt?«

»Von der Erde, dachte ich. Ein Wort aus der Voratomzeit — tatsächlich spätrömisch — für einen Adeligen, der eine Grafschaft leitete. Oder vielleicht war der Distrikt nach dem Rang benannt.«

»Auf Barrayar ist Count, also ›Graf‹, eine Abkürzung von ›Accountant‹, d. h. Buchhalter. Die ersten ›Counts‹ waren Varadar Taus Steuereintreiber. Übrigens ein erstaunlicher Bandit, dieser Varadar Tau, du solltest einmal etwas über ihn nachlesen.«

»Und die ganze Zeit dachte ich, Graf wäre ein militärischer Rang, der mittelalterliche Geschichte nachahmt!«

»Oh, der militärische Teil kam gleich darauf, als die alten Schläger zum erstenmal versuchten, einen fertigzumachen, der keinen Tribut zahlen wollte. Später bekam dann der Rang mehr Glanz.«

»Das habe ich nicht gewußt.« Sie schaute ihn mit einem plötzlichen Verdacht an: »Du nimmst mich doch nicht auf den Arm, Sir, oder?«

Er breitete seine Hände in einer abwehrenden Geste aus.

Überprüfe deine Vermutungen, dachte Cordelia amüsiert bei sich, wirklich, überprüfe deine Vermutungen schon an der Tür.

Sie kamen am großen Tor der Kaiserlichen Residenz an. Die Atmosphäre war an diesem Abend ganz anders als bei einigen von Cordelias früheren Besuchen bei dem sterbenden Ezar und den anschließenden Trauerzeremonien.

Bunte Lichter hoben architektonische Details an den steinernen Fassaden hervor. Die Gärten leuchteten, Fontänen glitzerten.

Schön gekleidete Menschen belebten die Szenerie, sie strömten aus den Staatsräumen des Nordflügels auf die Terrassen. Aber die Überprüfungen durch die Wachen waren nicht weniger gründlich, und die Anzahl der Wachen hatte sich beträchtlich vervielfacht. Cordelia hatte das Gefühl, dies würde ein wesentlich weniger ausgelassenes Fest als manche, an denen sie in den Straßen der Stadt vorbeigekommen waren.

Arals Wagen hielt hinter ihrem, als sie bei einem westlichen Säulengang ausstiegen, und Cordelia hängte sich wieder dankbar an seinem Arm ein.

Er lächelte sie stolz an, und als sie einen Augenblick relativ unbeobachtet waren, küßte er sie verstohlen auf ihren Nacken und genoß den Duft der Blumen in ihrem Haar. Sie erwiderte seine Zärtlichkeit, indem sie heimlich seine Hand drückte. Sie schritten durch die Türen und einen Korridor. Ein Haushofmeister in der Livree des Hauses Vorbarra kündigte sie laut und vernehmlich an, und dann fanden sie die Blicke von — so schien es Cordelia einen Moment lang — einigen tausend kritischen Augenpaaren der barrayaranischen Vor-Klasse auf sich gerichtet. In Wirklichkeit waren nur ein paar hundert Leute in dem Raum. Besser als die Mündung eines auf volle Kraft eingestellten Nervendisruptors zu schauen, allemal. Wirklich.

Sie gingen herum, tauschten Grüße aus, erwiesen Reverenzen. Warum können diese Leute keine Namensschilder tragen? dachte Cordelia hilflos.

Wie üblich schien jeder außer ihr jeden anderen zu kennen. Sie stellte sich vor, eine Gespräch so zu eröffnen: Hallo Sie, VorTyp … Sie packte Aral fester und versuchte, eher geheimnisvoll und exotisch auszusehen als sprachlos und verloren.

Die kleine Zeremonie mit den Säckchen voller Münzen fand in einem anderen Saal statt, die Grafen oder ihre Repräsentanten standen Schlange, um sich jeder mit ein paar formellen Worten ihrer Verpflichtung zu entledigen.

Kaiser Gregor, dessen Zeit ins Bett zu gehen nach Cordelias Vermutung schon längst gekommen war, saß mit seiner Mutter auf einer erhöhten Bank, er wirkte klein und wie in einer Falle gefangen und versuchte mannhaft, sein Gähnen zu unterdrükken. Cordelia kam der Gedanke, ob er die Säcke mit den Münzen tatsächlich behalten mußte oder ob sie einfach wieder in Umlauf gebracht und nächstes Jahr wieder präsentiert wurden.

Tolle Geburtstagsfeier: Kein einziges anderes Kind war zu sehen. Aber die Abfertigung der Grafen ging ziemlich flott vor sich, vielleicht konnte das Kind dem Ganzen bald entfliehen.

Ein Vasall in rot-blauer Uniform kniete vor Gregor und Kareen nieder und überreichte sein Säckchen aus kastanienbrauner und goldener Seide.

Cordelia erkannte Graf Vidal Vordarian, den tellergesichtigen Mann, von dem Aral höflich gesagt hatte, er gehöre der ›zweitkonservativsten Partei‹ an, d. h. er habe in etwa die gleichen politischen Anschauungen wie Graf Piotr. Arals Ton hatte dabei aber geklungen, als sei dies eine Code-Formel für ›isolationistischer Fanatiker‹. Der Mann sah nicht wie ein Fanatiker aus. Frei von entstellendem Ärger war sein Gesicht viel anziehender, er wandte es jetzt Prinzessin Kareen zu und sagte etwas, das sie veranlaßte, ihr Kinn zu heben und zu lachen. Seine Hand ruhte für einen Moment auf ihrem vom Kleid verdeckten Knie, und ihre Hand bedeckte kurz die seine, bevor er sich wieder etwas mühsam erhob, sich verneigte und Platz für den nächsten Mann machte. Kareens Lächeln erlosch, als Vordarian ihr den Rücken kehrte.

Gregors bekümmerter Blick traf auf Aral, Cordelia und Droushnakovi, er sprach ernst zu seiner Mutter. Kareen winkte eine Wache herbei, und ein paar Minuten später näherte sich ein Wachkommandant Aral und Cordelia und bat um die Erlaubnis, Drou wegholen zu dürfen. Sie wurde durch einen unauffälligen jungen Mann ersetzt, der ihnen außerhalb Hörweite folgte und nur undeutlich in den Augenwinkeln sichtbar wurde, ein hübscher Trick für einen Kerl dieser Größe.

Glücklicherweise trafen Cordelia und Aral bald auf Lord und Lady Vorpatril, mit denen sich Cordelia ohne politisch-soziale Vorbehalte zu sprechen traute. Lord Vorpatrils rot-blaue Paradeuniform machte die gute Erscheinung des dunkelhaarigen Obersten vollkommen. Lady Vorpatril übertraf ihn noch in einem karneolfarbenen Kleid mit dazu passenden Rosen in der Wolke ihres schwarzen Haares, das die samtige Weiße ihrer Haut betörend hervorhob. Die beiden bildeten, so dachte Cordelia, ein archetypisches Vor-Paar, kultiviert und von heiterer Gelassenheit. Der Eindruck wurde nur leicht getrübt dadurch, daß Cordelia allmählich aus der etwas zusammenhanglosen Konversation Oberst Vorpatrils erkannte, daß dieser betrunken war. Er war allerdings ein fröhlicher Betrunkener, seine Persönlichkeit wurde nur etwas erweitert, nicht unangenehm verändert.

Vorkosigan, der von einigen Männern weggezogen wurde, die sich ihm mit entschlossenem Blick genähert hatten, übergab Cordelia der Obhut von Lady Vorpatril. Die beiden Frauen steuerten auf die eleganten Hors d’oeuvre-Tabletts zu, die von noch mehr menschlichen Dienern dargereicht wurden, und tauschten Schwangerschaftsklatsch aus. Lord Vorpatril entschuldigte sich hastig und folgte einem Tablett, auf dem Wein angeboten wurde. Alys entwarf die Farben und den Schnitt für Cordelias nächstes Kleid. »Schwarz und weiß, für dich, für das Winterfest«, entschied sie mit Autorität. Cordelia nickte sanft und fragte sich, ob sie sich wirklich bald zu einem Festmahl niedersetzen würde oder ob man von ihnen erwartete, daß sie weiterhin die vorbeigetragenen Tabletts leerten.

Alys führte sie auf die Damentoilette, einem Gegenstand ihres stündlichen Interesses aufgrund ihrer schwangerschaftsbelasteten Blasen, und stellte sie auf dem Rückweg einigen weiteren Damen ihres verfeinerten gesellschaftlichen Kreises vor. Alys geriet dann in eine lebhafte Diskussion mit einer alten Freundin bezüglich einer bevorstehenden Party für die Tochter dieser Frau, und Cordelia wanderte an den Rand der Gruppe.

Sie trat still zurück und trennte sich von ihnen (sie versuchte, nicht zu denken: von der Herde) für einen Moment ruhiger Betrachtung. Was für eine seltsame Mischung Barrayar war, im einen Augenblick heimelig und vertraut, im nächsten erschrekkend und fremdartig … aber sie zogen eine tolle Show ab … ah! Das war es, was an der Szene fehlte, erkannte Cordelia: Auf Kolonie Beta würde man eine Zeremonie dieser Größe komplett über Holovid übertragen, damit man planetenweit live daran teilnehmen konnte. Jede Bewegung würde zu einem sorgfältig choreographierten Tanz um die Vid-Ecken und das Timing der Kommentatoren gehören, und zwar so sehr, daß das Ereignis, das aufgezeichnet wurde, dadurch fast zunichte gemacht würde. Hier war kein Holovid in Sicht. Die einzigen Aufnahmen wurden von der Sicherheitsabteilung gemacht, und zwar für deren eigene Zwecke, zu denen Choreographie nicht gehörte. Die Menschen in diesem Raum tanzten nur füreinander, die ganze prunkvolle Darbietung wurde vergnügt der Zeit überantwortet, die sie für immer mit sich nahm: schon morgen würde das Ereignis nur noch in ihren Gedächtnissen existieren.

»Lady Vorkosigan?«

Cordelia wurde von einer höflichen Stimme aus ihrem Nachsinnen gerissen. Sie wandte sich um und sah Kommodore Graf Vordarian. Daß er die rot-blaue Uniform trug statt der persönlichen Livree in den Farben seines Hauses, zeigte an, daß er im aktiven Dienst stand, zweifellos schmückte er das Kaiserliche Hauptquartier — in welcher Abteilung? Ach ja, Einsatzplanung, hatte Aral gesagt. Er hatte ein Glas in der Hand und lächelte freundlich.

»Graf Vordarian«, erwiderte sie und lächelte ebenfalls. Sie hatten sich oft genug im Vorübergehen gesehen, so daß Cordelia beschloß, sie als einander vorgestellt zu betrachten. Diese Geschichte mit der Regentschaft würde nicht vorbeigehen, wie sehr sie sich das auch wünschte, es war Zeit, und zwar schon längst, daß sie ihre eigenen Beziehungen knüpfte und aufhörte, Aral bei jedem neuen Schritt mit der Bitte um Rat zu behelligen.

»Gefällt es Ihnen hier?«, fragte er.

»O ja.« Sie versuchte, noch ein paar weitere Worte zu finden. »Es ist außerordentlich schön.«

»Wie Sie, Mylady.« Er hob sein Glas in ihre Richtung mit der Geste eines Toasts und nippte dann daran.

Ihr Herz krampfte sich zusammen, aber sie erkannte den Grund dafür, bevor ihre Augen mehr taten als sich nur leicht zu weiten: Der letzte barrayaranische Offizier, der ihr zugetoastet hatte, war der verstorbene Admiral Vorrutyer gewesen, in einer ganz anderen gesellschaftlichen Situation. Vordarian hatte zufällig genau diese Geste nachgeahmt. Aber jetzt war keine Zeit für Erinnerungen an die damalige Tortur. Cordelia blinzelte. »Lady Vorpatril hat mir viel geholfen. Sie ist sehr großzügig.«

Vordarian nickte taktvoll in Richtung ihres Rumpfes. »Ich habe gehört, daß man auch Ihnen gratulieren darf. Wird es ein Junge oder ein Mädchen?«

»Wie? Ach ja. Ja, ein Junge, danke. Er soll Piotr Miles heißen, sagte man mir.«

»Ich bin überrascht. Ich dachte, der Lordregent hätte zuerst gern eine Tochter gehabt.«

Cordelia reckte den Kopf, Vordarians ironischer Ton irritierte sie. »Wir haben das begonnen, bevor Aral Regent wurde.«

»Aber Sie wußten sicher, daß er die Ernennung bekommen würde.«

»Ich wußte es nicht. Aber ich dachte, ihr barrayaranischen Militaristen wäret alle verrückt auf Söhne. Warum dachten Sie an eine Tochter?« Ich möchte ja eine Tochter …

»Ich nahm an, Lord Vorkosigan würde bezüglich seiner langandauernden … hm … Tätigkeit natürlich vorausdenken. Was für eine bessere Methode gäbe es denn, die Fortdauer seiner Macht nach dem Ende der Regentschaft zu sichern, als hübsch in die Position des Schwiegervaters des Kaisers zu schlüpfen?«

Cordelia stutzte. »Denken Sie, er würde bei der Kontinuität einer planetarischen Regierung auf den Zufall setzen, daß zwei Teenager in eineinhalb Jahrzehnten sich ineinander verlieben könnten?«

»Verlieben?« Jetzt schaute er verblüfft drein.

»Ihr Barrayaraner seid ja …«, sie biß sich auf die Lippe, bevor sie sagen konnte: verrückt. Das wäre unhöflich gewesen. »Aral ist sicher … praktischer.« Obwohl sie ihn wohl kaum unromantisch nennen konnte.

»Das ist außerordentlich interessant«, stieß er hervor. Sein Blick fiel immer wieder auf ihren Unterleib. »Glauben Sie, er erwägt etwas Direkteres?«

Ihr Denken lief irgendwie nur am Rande des sich im Kreis drehenden Gesprächs nebenher. »Wie bitte?«

Er lächelte und zuckte die Achseln.

Cordelia runzelte die Stirn. »Wollen Sie damit sagen, wenn wir ein Mädchen hätten, dann würden alle so denken?«

»Sicherlich.«

Sie atmete hörbar aus. »O Gott. Das ist ja … Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand, der seinen Verstand beisammen hat, es sich wünschen kann, in die Nähe der Herrschaft über Barrayar zu kommen. Dadurch macht man sich doch nur zur Zielscheibe für jeden Verrückten, der irgendeinen Groll hegt, soweit ich sehen kann.« Das Bild von Leutnant Koudelka, mit blutigem Gesicht und betäubt, kam ihr in den Sinn. »Es wäre auch schlimm für den armen Kerl, der Pech genug hat, neben einem zu stehen.«

Seine Aufmerksamkeit nahm zu. »Ach ja, der unglückliche Vorfall neulich. Wissen Sie vielleicht, ob bei den Untersuchungen schon irgend etwas herausgekommen ist?«

»Nichts, von dem ich gehört hätte. Negri und Illyan reden meistens über Cetagandaner. Aber der Kerl, der die Granate abgeschossen hat, ist unbehelligt davongekommen.«

»Zu schlimm.« Er leerte sein Glas und tauschte es dann gegen ein frisch gefülltes aus, das ihm sofort von einem vorübergehenden Diener in der Livree des Hauses Vorbarra gereicht wurde. Cordelia blickte sehnsüchtig auf die Weingläser. Aber für die Zeit der Schwangerschaft enthielt sie sich der Stoffwechselgifte. Das war noch ein anderer Vorteil der Schwangerschaft in Uterusreplikatoren auf betanische Art: kein Zwang zu diesem verdammten enthaltsamen Leben. Zu Hause hätte sie sich nach Belieben vergiften und gefährden können, während ihr Kind heranwuchs, rund um die Uhr von nüchternen Fortpflanzungstechnikern voll überwacht, sicher und geschützt in den Replikatorenbanken. Wenn sie sich nur vorstellte, sie wäre mit der Schallgranate beschossen worden …

Sie hatte Verlangen nach einem Drink.

Nun ja, sie brauchte nicht die den Verstand betäubende Euphorie des Äthanols, Konversation mit Barrayaranern betäubte den Verstand zur Genüge. Ihre Augen suchten Aral in der Menge — da war er, mit Kou neben sich, im Gespräch mit Piotr und zwei anderen grauhaarigen alten Männern in Grafenlivree. Wie Aral vorhergesagt hatte, war sein Gehör innerhalb weniger Tage wieder normal geworden. Aber immer noch wanderten seine Blicke von Gesicht zu Gesicht, nahmen Hinweise aus Gesten und Nuancen auf, sein Glas, von dem er noch nicht getrunken hatte, war nur Dekoration in seiner Hand. Er war im Dienst, ohne Frage.

War er überhaupt noch einmal außer Dienst?

»War er sehr beunruhigt durch diesen Angriff?«, fragte Vordarian, der ihrem Blick zu Aral gefolgt war.

»Wären Sie nicht beunruhigt?«, sagte Cordelia. »Ich weiß es nicht … Er hat so viel Gewalt in seinem Leben gesehen, fast mehr als ich mir vorstellen kann. Vielleicht ist es für ihn fast so etwas wie … weißes Rauschen. Einfach ausgeblendet.« Ich wünsche, ich könnte es ausblenden.

»Sie kennen ihn allerdings noch nicht so lang. Erst seit Escobar.«

»Wir haben uns einmal vor dem Krieg getroffen. Kurz.«

»Oh?« Seine Augenbrauen hoben sich. »Das wußte ich nicht. Wie wenig man doch wirklich von den Leuten weiß.« Er machte eine Pause, beobachtete Aral, beobachtete sie, wie sie Aral beobachtete. Einer seiner Mundwinkel krümmte sich nach oben, dann verschwand das Zucken, als er nachdenklich seine Lippen schürzte. »Er ist bisexuell, wissen Sie.« Er trank einen kleinen Schluck von seinem Wein.

»War bisexuell«, korrigierte sie gedankenverloren, während sie zärtlich durch den Saal blickte. »Jetzt ist er monogam.«

Vordarian verschluckte sich und prustete. Cordelia beobachtete ihn besorgt und überlegte, ob sie ihn auf den Rücken klopfen sollte oder so, aber er kam wieder zu Atem und faßte sich. »Er hat Ihnen das gesagt?«, schnaufte er verwundert.

»Nein, Vorrutyer sagte es mir. Kurz bevor ihm sein … ähm … tödlicher Unfall widerfuhr.« Vordarian stand wie zu Eis erstarrt da: es bereitete ihr ein gewisses boshaftes Vergnügen, endlich einen Barrayaraner so sehr verblüfft zu haben, wie die Barrayaraner manchmal sie verblüfften. Nun, wenn sie nur herausbringen könnte, welcher Teil ihrer Aussage ihn aus der Fassung gebracht hatte … Sie fuhr ernsthaft fort: »Je mehr ich auf Vorrutyer zurückschaue, desto mehr erscheint er mir als tragische Figur. Immer noch besessen von einer Liebesaffäre, die schon seit achtzehn Jahren vorbei war. Aber ich frage mich manchmal, ob er das, was er damals wollte, hätte haben können — Aral behalten —, wenn Aral die sadistische Veranlagung, die am Ende Vorrutyers geistige Gesundheit zerstörte, hätte unter Kontrolle halten können. Es ist, als hätten die beiden sich auf einer unheimlichen Schaukel befunden, wo das Überleben des einen immer die Zerstörung des anderen zur Folge hatte.«

»Eine Betanerin.« Sein Gesichtsausdruck der Verblüffung wich allmählich einem anderen, den Cordelia im stillen ›furchtbare Erkenntnis‹ nannte.

»Ich hätte darauf kommen sollen. Ihr seid immerhin, die Leute, die mit Biotechnik Hermaphroditen hervorgebracht haben …« Er machte eine Pause. »Wie lange kannten Sie Vorrutyer?«

»Ungefähr zwanzig Minuten. Aber das waren sehr intensive zwanzig Minuten.« Sie beschloß, ihn raten zu lassen, was, zum Teufel, das bedeutete.

»Ihre … hm … Affäre, wie Sie es nennen, war seinerzeit ein großer geheimer Skandal.«

Sie rümpfte die Nase. »Großer geheimer Skandal? Ist das nicht ein Oxymoron? Wie ›militärische Intelligenz‹ oder ›freundliches Feuer‹. Also ein typischer Barrayarismus, wenn ich es mir recht überlege.«

Vordarians Gesicht zeigte den seltsamsten Ausdruck. Er sah aus, fand sie, genau wie ein Mann, der eine Bombe geworfen hatte, die nur ›fffft‹ machte statt ›BUMM!‹, und der nun zu entscheiden versuchte, ob er seine Hand hineinstecken und auf den Zündmechanismus klopfen sollte, um ihn zu testen.

Dann war sie an der Reihe mit der furchtbaren Erkenntnis. Dieser Mann hat gerade versucht, meine Ehe zu zerstören. Nein — Aral’s Ehe. Sie setzte ein strahlendes, sonniges, unschuldiges Lächeln auf und ihr Gehirn schaltete — endlich! — in den Schnellgang. Vordarian konnte keiner von Vorrutyers alter Kriegspartei sein, ihre Führer hatten alle ihre tödlichen Unfälle erlitten, bevor Ezar sich verabschiedet hatte, und der Rest war zerstreut und hielt sich versteckt. Was wollte er eigentlich? Sie fingerte an einer Blume in ihrem Haar herum und sagte einfältig lächelnd: »Ich hatte mir nicht vorgestellt, daß ich einen vierundvierzigjährigen unberührten Jüngling heiraten würde, Graf Vordarian.«

»Es scheint so.« Er kippte einen weiteren Schluck Wein hinunter. »Ihr Galaktiker seid alle degeneriert … Welche Perversionen toleriert er seinerseits, frage ich mich.« In seinen Augen funkelte plötzlich offene Bosheit. »Wissen Sie, wie Lord Vorkosigans erste Frau starb?«

»Selbstmord. Plasmabogen in den Kopf«, erwiderte sie prompt.

»Es gab das Gerücht, daß er sie ermordet hat. Wegen Ehebruchs. Betanerin, seien Sie auf der Hut.« Sein Lächeln war jetzt ganz bissig geworden.

»Ja, das wußte ich auch. In diesem Fall ein unwahres Gerücht.« Jeder Schein von Freundlichkeit war jetzt von ihrem Gespräch gewichen.

Cordelia hatte das schlimme Gefühl, daß auch alle ihre Beherrschung von ihr wich. Sie lehnte sich vor und dämpfte ihre Stimme. »Wissen Sie, warum Vorrutyer starb?«

Er konnte nicht widerstehen, er neigte sich ihr wißbegierig zu. »Nein …«

»Er versuchte, Aral durch mich zu verwunden. Ich empfand das … ärgerlich. Ich wünsche mir, Sie würden aufhören mit Ihren Versuchen, mich zu ärgern, Graf Vordarian, ich fürchte, Sie könnten nämlich Erfolg haben.« Ihre Stimme wurde noch leiser, fast ein Flüstern: »Sie sollten das auch fürchten.«

Sein anfänglicher herablassender Ton war der Vorsicht gewichen. Er machte eine sanfte, großzügige Geste, die eine Verbeugung des Abschieds zu symbolisieren schien und zog sich zurück. »Mylady.« Während er wegging, schaute er noch einmal über seine Schulter zurück, mit einem zutiefst erschrockenen Blick.

Stirnrunzelnd blickte sie ihm nach. Puh! Was für ein seltsamer Wortwechsel. Was hatte der Mann sich davon erwartet, daß er sie mit diesem uralten Kram behelligte, als handelte es sich darum um eine schockierende Überraschung? Stellte sich Vordarian wirklich vor, sie würde in die Luft gehen und ihren Ehemann zur Rede stellen, was für einen schlechten Geschmack bei der Auswahl seiner Gefährten er vor zwanzig Jahren gehabt hatte? Hätte eine naive junge barrayaranische Braut wohl einen hysterischen Anfall bekommen? Nicht Lady Vorpa-tril, deren gesellschaftliche Schwärmerei nur eine scharfe Urteilskraft kaschierte, und nicht Prinzessin Kareen, deren Naivität sicher schon vor langer Zeit von dem erfahrenen Sadisten Serg zunichte gemacht worden war. Er hat geschossen, aber er traf daneben.

Und, kühler: Hat er schon einmal zuvor geschossen und danebengetroffen? Das war keine normal gesellschaftliche Begegnung gewesen, nicht einmal nach den barrayaranischen Maßstäben der Kunst, dem andern immer um eine Nasenlänge voraus zu sein. Oder vielleicht war er einfach betrunken. Sie hatte plötzlich den Wunsch, mit Illyan zu sprechen. Sie schloß die Augen und versuchte, Klarheit in ihren verwirrten Kopf zu bringen.

»Fühlst du dich wohl, Liebste?«, murmelte Arals besorgte Stimme in ihr Ohr. »Brauchst du dein Mittel gegen Übelkeit?«

Sie riß die Augen auf. Da war er, gesund und sicher, neben ihr.

»Oh, mir geht es gut.« Sie hängte sich an seinen Arm ein, ganz leicht, nicht mit panischer Anklammerung. »Ich dachte nur über etwas nach.«

»Wir sollten uns nun an die Tafel setzen.«

»Gut. Es wird mir guttun zu sitzen, meine Füße schwellen an.«

Er schaute sie an, als wollte er sie hochheben und zum Tisch tragen, aber sie schritten ganz normal zu ihren Plätzen und schlossen sich den anderen Paaren an. Sie saßen an einem erhöhten Tisch etwas entfernt von den anderen, mit Gregor, Kareen, Piotr, dem Lordwächter des Sprecherkreises und seiner Frau, und Premierminister Vortala, auf Gregors ausdrücklichen Wunsch hin saß auch Droushnakovi bei ihnen, der Knabe schien hocherfreut zu sein, daß er seine frühere Leibwächterin wieder bei sich hatte.

Habe ich dir deine Spielkameradin genommen, Kind? fragte sich Cordelia reumütig. Es sah so aus. Gregor verhandelte mit Kareen darüber, daß Drou allwöchentlich wiederkommen sollte, ›für Judo-Stunden‹. Drou, die an die Atmosphäre der Residenz gewöhnt war, war nicht so eingeschüchtert wie Koudelka, der ganz steif war vor übertriebener Sorge, er könnte sich durch seine eigene Unbeholfenheit verraten.

Cordelia saß zwischen Vortala und dem Sprecher und führte mit ihnen ein ungezwungenes Gespräch, Vortala war charmant, in seiner etwas ungeschliffenen Art. Cordelia brachte es fertig, von jeder der elegant servierten Speisen einen Happen zu essen, außer einem Stück vom Rumpf eines gebratenen Rindes, das im Ganzen hereingetragen wurde.

Gewöhnlich konnte Cordelia vergessen, daß auf Barrayar das Protein nicht in Bottichen wuchs, sondern von den Körpern wirklicher toter Tiere stammte. Sie hatte immerhin über die hiesigen primitiven kulinarischen Praktiken Bescheid gewußt, bevor sie sich entschieden hatte, hierher zu kommen, und sie hatte von Tiermuskeln schon früher gekostet, auf Erkundungsmissionen, im Interesse der Wissenschaft, des Überlebens oder der Entwicklung potentieller neuer Produkte für den Heimatplaneten.

Die Barrayaraner klatschten Beifall für das mit Früchten und Blumen garnierte Tier: sie schienen es wirklich reizvoll zu finden und nicht schrecklich, und der Koch, der besorgt hinterhergekommen war, verbeugte sich. Die primitiven Geruchszentren ihres Gehirns mußten beistimmen: es roch großartig. Vorkosigan nahm eine Portion, die nicht durchgebraten, sondern noch blutig war. Cordelia nippte an ihrem Wasser.

Nach dem Dessert und einigen kurzen offiziellen Trinksprüchen, die Vortala und Vorkosigan ausbrachten, wurde Gregor endlich von seiner Mutter zu Bett gebracht.

Kareen gab Cordelia und Droushnakovi ein Zeichen, ihr zu folgen. Die Spannung in Cordelias Schultern ließ nach, als sie die große öffentliche Versammlung verließen und zu den ruhigen Privaträumen des Kaisers hinaufstiegen.

Gregor wurde aus seiner kleinen Uniform geschält und in einen Pyjama gesteckt, und so wurde aus dem Symbol wieder ein Junge. Drou beaufsichtigte sein Zähneputzen und wurde dann verführt zu ›nur einer einzigen Runde‹ eines Spiels, das sie mit einem Brett und Spielfiguren als Betthupferl zu spielen pflegten. Kareen erlaubte dies nachsichtig, und nach einem Kuß von Mutter und Sohn zog sie sich mit Cordelia in ein gedämpft beleuchtetes Wohnzimmer nebenan zurück. Die beiden Frauen setzten sich mit einem Seufzer der Erleichterung nieder und entspannten sich. Kareen entledigte sich ihrer Schuhe, und Cordelia folgte sofort ihrem Beispiel. Durch die Fenster kamen die durch die Entfernung gedämpften Laute von Stimmen und Gelächter aus den Gärten unten.

»Wie lange wird dieses Fest noch dauern?«, fragte Cordelia.

»Bis zum Morgengrauen, für die Leute mit mehr Ausdauer als ich. Ich werde mich um Mitternacht zurückziehen, danach bestimmen die ernsthaften Trinker die Szene.«

»Einige von ihnen schienen schon jetzt ziemlich ernsthaft.«

»Unglücklicherweise.« Kareen lächelte. »Sie werden die VorKIasse sowohl von ihrer besten wie von ihrer schlechtesten Seite erleben, bevor die Nacht vorüber ist.«

»Ich kann es mir vorstellen. Ich bin überrascht, daß ihr keine weniger gefährlichen stimmungsverändernden Drogen importiert.«

Kareens Lächeln wurde herb. »Aber Raufereien im Suff haben Tradition.«

Sie nahm die Schärfe aus ihrer Stimme. »Tatsächlich kommen solche Dinge herein, zumindest in den Städten mit Shuttlehäfen. Wie üblich scheinen wir neue Gewohnheiten hinzuzunehmen, statt unsere alten zu ersetzen.«

»Vielleicht ist das die beste Methode.« Cordelia runzelte die Stirn. Wie konnte sie taktvoll sondieren …? »Ist Graf Vidal Vordarian einer von denen, die die Gewohnheit haben, sich in der Öffentlichkeit zu betrinken?«

»Nein.« Kareen blickte auf und kniff die Augen zusammen. »Warum fragen Sie danach?«

»Ich hatte eine eigenartige Unterhaltung mit ihm. Ich dachte, eine Überdosis von Äthanol könnte dafür die Ursache sein.« Sie erinnerte sich daran, wie Vordarians Hand leicht auf dem Knie der Prinzessin gelegen war, knapp vor einer intimen Liebkosung. »Kennen Sie ihn gut? Wie würden Sie ihn einschätzen?«

Kareen sagte wohlüberlegt: »Er ist reich … stolz … Er hielt loyal zu Ezar während Sergs letzten Machenschaften gegen seinen Vater. Loyal zum Imperium, zur Vor-Klasse. In Vordarians Distrikt gibt es vier bedeutende Industriestädte, dazu Militärbasen, Nachschubdepots, den größten militärischen Shuttlehafen … Vidals Distrikt ist heute sicherlich das wirtschaftlich bedeutendste Gebiet auf Barrayar. Der Krieg hat den Distrikt der Vordarians kaum berührt, er ist einer der wenigen, aus dem die Cetagandaner nach Verhandlungen abgezogen sind. Wir haben dort unsere ersten Raumbasen errichtet, weil wir Einrichtungen übernahmen, die die Cetagandaner gebaut und dann verlassen hatten, und daraus folgte ein größer Anteil der wirtschaftlichen Entwicklung.«

»Das ist … interessant«, sagte Cordelia, »aber ich wollte gern etwas über den Mann selbst wissen. Seine … hm … Vorlieben und Abneigungen, zum Beispiel. Mögen Sie ihn?«

»Früher einmal«, sagte Kareen langsam, »überlegte ich, ob Vidal mächtig genug wäre, um mich vor Serg zu beschützen. Nachdem Ezar gestorben wäre. Als Ezar kränker wurde, dachte ich, ich sollte mich besser nach meinem eigenen Schutz umschauen. Nichts schien zu geschehen, und niemand sagte mir irgend etwas.«

»Wenn Serg Kaiser geworden wäre, wie hätte denn ein bloßer Graf Sie schützen können?«, fragte Cordelia.

»Er hätte … mehr werden müssen. Vidal hatte Ehrgeiz, wenn der richtig ermutigt wurde — und Patriotismus. Gott weiß, wenn Serg überlebt hätte, so hätte er vielleicht Barrayar zerstört — Vidal hätte vielleicht uns alle gerettet. Aber Ezar versprach, ich hätte nichts zu fürchten, und Ezar rettete uns. Serg starb vor Ezar und … und ich habe seitdem versucht, die Beziehung zu Vidal abkühlen zu lassen.«

Cordelia rieb zerstreut ihre Unterlippe. »Oh. Aber Sie persönlich — ich meine, mögen Sie ihn? Wäre es eines Tages nicht schön, als Gräfin Vordarian sich von den Aufgaben der Prinzessin-Witwe zurückziehen zu können?«

»Oh! Nicht jetzt. Der Stiefvater des Kaisers wäre ein zu mächtiger Mann gegenüber dem Regenten. Eine gefährliche Polarität, wenn sie nicht verbündet oder genau im Gleichgewicht wären. Oder nicht in einer Person kombiniert wären.«

»Wie zum Beispiel es beim Schwiegervater des Kaisers wäre?«

»Ja, genau.«

»Ich habe Schwierigkeiten, diese … geschlechtliche Übertragung von Macht zu verstehen. Haben Sie einen Anspruch auf die Herrschaft aus eigenem Recht, oder nicht?«

»Nun, hier haben wir — psst«, er grinste ihr in der Dunkelheit zu und drückte warnend ihre Hand. Sie hielten beide an, vor ihnen der Eingang zu einem kleinen offenen Fleck, der von Eiben und irgendeiner rosafarbenen, federartigen nichtirdischen Pflanze gegen Blicke von oben abgeschirmt war. Die Musik drang klar hörbar bis hierher.

»Versuchen Sie es, Kou«, drängte Droushnakovis Stimme. Drou und Kou standen am anderen Ende des Terrassenwinkels einander gegenüber.

Zögernd setzte Koudelka seinen Stock an der Steinbalustrade ab und hielt seine Hände den ihren entgegen. Sie begannen zu schreiten, zu gleiten und sich zu verneigen, wobei Drou ernsthaft zählte: »Eins-zwei-drei, eins-zwei- drei …«

Koudelka stolperte, und sie fing ihn auf, er griff sie um die Taille. »Da wird nichts draus, Drou.« Er schüttelte frustriert den Kopf.

»Pst …« Ihre Hand berührte seine Lippen. »Versuchen Sie es noch einmal. Ich bin dafür. Was sagten Sie, wie lange mußten Sie diese Handkoordination üben, bevor Sie es konnten? Mehr als einmal, da wette ich.«

»Der Alte wollte mich nicht aufgeben lassen.«

»Nun, vielleicht lasse auch ich Sie nicht aufgeben.«

»Ich bin müde«, beschwerte sich Koudelka.

Also, dann geht doch zum Küssen über, dachte sich Cordelia im stillen und unterdrückte ein Lachen. Das kann man auch im Sitzen machen.

Droushnakovi jedoch war fest entschlossen, und sie fingen wieder an.

»Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei …« Wieder endeten die Bemühungen in etwas, das Cordelia als ein sehr guter Beginn einer Umarmung erschien, wenn nur einer von beiden seinen Kopf und seine Nerven beisammen gehabt hätte, um die Sache voranzutreiben.

Aral schüttelte den Kopf, und sie zogen sich schweigend hinter das Gebüsch zurück. Offensichtlich war er ein bißchen vom Gesehenen inspiriert, seine Lippen suchten die ihren, um sein eigenes Kichern zu ersticken.

Leider war ihr Taktgefühl umsonst: ein unbekannter Vor-Lord hastete blind an ihnen vorbei, stolperte durch den Winkel der Terrasse (Kou und Drou erstarrten mitten in der Bewegung) und beugte sich dann über die Steinbalustrade, um sich sehr traditionell in die darunter stehenden Büsche zu erbrechen. Plötzlich ertönten Flüche anderer Stimmen, einer männlichen und einer weiblichen, aus dem dunklen, abgeschirmten Zielgebiet. Koudelka nahm seinen Stock und die beiden Beinahe-Tänzer zogen sich hastig zurück. Der Vor-Lord mußte sich wieder übergeben, und sein männliches Opfer begann hochzuklettern, rutschte auf den besudelten Steinen aus und versprach gewalttätige Vergeltung. Vorkosigan führte Cordelia klugerweise vom Schauplatz hinweg.

Später, während sie an einem der Eingänge der Residenz auf die Bodenwagen warteten, stand Cordelia zufällig neben dem Leutnant.

Koudelka blickte nachdenklich über seine Schulter auf die Residenz zurück, von wo Musik und Festlärm fast unvermindert herüberklangen.

»Hat es Ihnen gefallen, Kou?«, fragte sie freundlich.

»Wie? O ja, erstaunlich. Als ich in den Armeedienst eintrat, hätte ich mir nie träumen lassen, daß ich mal hierher kommen würde.« Er blinzelte. »Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich würde nirgendwohin kommen.« Und dann fügte er etwas hinzu, das für Cordelia wie eine Art sanfter, mentaler Peitschenschlag war: »Ich wünschte mir, es gäbe Bedienungsanleitungen für Frauen.«

Cordelia lachte laut: »Dasselbe könnte ich über die Männer sagen.«

»Aber Sie und Admiral Vorkosigan — Sie sind anders.«

»Nicht … wirklich. Vielleicht haben wir aus Erfahrungen gelernt. Viele Leute tun das nicht.«

»Glauben Sie, daß ich eine Chance für ein normales Leben habe?« Er blickte sie nicht an, sondern schaute in die Dunkelheit.

»Sie schaffen sich Ihre eigenen Chancen. Und Ihre eigenen Tänze.«

»Sie reden genau wie der Admiral.«

Cordelia fing Illyan am nächsten Morgen ab, als er in Palais Vorkosigan vorbeikam, um den täglichen Bericht seines Wachkommandanten zu hören.

»Sagen Sie mir, Simon: Steht Vidal Vordarian auf Ihrer kurzen Liste, oder auf der langen?«

»Jeder steht auf meiner langen Liste«, seufzte Illyan.

»Ich möchte, daß Sie ihn auf Ihre kurze Liste setzen.«

Sein Kopf fuhr hoch. »Warum?«

Sie zögerte. Sie wollte nicht antworten: Intuition, obwohl das es genau war, worauf diese unterbewußten Signale hinausliefen. »Er scheint mir die Mentalität eines Attentäters zu haben. Die Art, die aus einer Deckung in den Rücken des Feindes schießt.«

Illyan lächelte amüsiert. »Verzeihen Sie, Mylady, aber das klingt nicht nach dem Vordarian, den ich kenne. Ich habe ihn mehr als den offen und ungestüm losstürmenden Typ erlebt.«

Wie schlimm mußte ein ungestümer Mann verletzt sein, von welch brennendem Verlangen gequält, daß er auf einmal raffiniert wurde? Sie war unsicher. Vielleicht ahnte Vordarian nicht, wie tief Arals Glück mit ihr reichte, und begriff deshalb nicht, wie gemein sein Angriff auf dieses Glück war? Und: liefen persönliche und politische Animositäten notwendigerweise zusammen? Nein. Der Haß des Mannes war abgrundtief gewesen, sein Schlag, wenn auch irrtümlich, genau gezielt.

»Setzen Sie ihn auf Ihre kurze Liste«, sagte sie.

Illyan öffnete seine Hand. Es war keine Geste der Beschwichtigung, sein Gesichtsausdruck verriet, daß ein Gedankengang eingesetzt hatte. »Na schön, Mylady.«

KAPITEL 6

Cordelia beobachtete, wie der Schatten des Leichtfliegers über den Boden dort unten dahinglitt, ein dünner Fleck, der wie ein Pfeil nach Süden flog. Der Pfeil zitterte über Felder, Bäche, Flüsse und staubige Straßen dahin — das Straßennetz war nur rudimentär vorhanden, verkümmert, seine Entwicklung war überholt worden vom Personenlufttransport, der mit der Woge galaktischer Technologie am Ende des Zeitalters der Isolation gekommen war. Mit jedem Kilometer, den sie zwischen sich und die hektische Treibhausatmosphäre der Hauptstadt brachten, lösten sich Knäuel von Spannung in Cordelias Hals. Ein Tag auf dem Land — eine ausgezeichnete Idee, schon längst überfällig. Sie wünschte sich nur, daß Aral mit von der Partie hätte sein können.

Sergeant Bothari, dem irgendeine Landmarke dort drunten als Anhaltspunkt gedient hatte, legte den Leichtflieger sanft in eine Kurve für den neuen Kurs. Droushnakovi, die den Rücksitz mit Cordelia teilte, versteifte sich bei dem Versuch, sich nicht an Cordelia zu lehnen. Dr. Henri, der vorn neben dem Sergeanten saß, blickte durch das Verdeck nach draußen mit einem Interesse, das fast so groß war wie das von Cordelia.

Dr. Henri machte eine halbe Drehung nach hinten, um über seine Schulter zu Cordelia zu sprechen: »Ich danke Ihnen für die Einladung zum Essen, Lady Vorkosigan. Es ist ein seltenes Privileg, den Familienbesitz der Vorkosigans besuchen zu dürfen.«

»Wirklich?«, sagte Cordelia. »Ich weiß, daß sie dort keine Scharen dulden, aber Graf Piotrs Pferdefreunde schauen ziemlich häufig dort vorbei. Faszinierende Tiere.« Cordelia dachte darüber eine Sekunde lang nach, dann entschied sie, daß Dr. Henri ohne weitere Worte begreifen würde, daß mit ›faszinierende Tiere‹ die Pferde gemeint waren und nicht die Freunde von Graf Piotr. »Lassen Sie nur den allerkleinsten Hinweis fallen, daß Sie dafür Interesse haben, und Graf Piotr wird Sie wahrscheinlich höchstpersönlich im Stall umherführen.«

»Ich habe den General noch nie getroffen.« Dr. Henri wirkte, als habe ihn der Gedanke an eine solche Begegnung etwas eingeschüchtert, und er fingerte am Kragen seiner grünen Interimsuniform herum. Als Wissenschaftler vom Kaiserlichen Militärkrankenhaus hatte Henri oft genug mit hochrangigen Personen zu tun, um keine Scheu vor ihnen zu haben, es mußte Piotrs Rolle in der Geschichte von Barrayar sein, die den Unterschied ausmachte.

Piotr hatte seinen jetzigen Rang im Alter von zweiundzwanzig erhalten, als er gegen die Cetagandaner in dem erbitterten Guerillakrieg kämpfte, der in den Dendarii-Bergen gewütet hatte, die sich gerade jetzt am südlichen Horizont blau abzeichneten. Der Rang war alles, was der seinerzeitige Kaiser, Dorca Vorbarra, ihm damals geben konnte, greifbarere Werte wie Verstärkungen, Nachschub und Geld standen in jener verzweifelten Zeit außer Frage. Zwanzig Jahre später hatte Piotr wieder in die Geschichte von Barrayar eingegriffen, als er in dem Bürgerkrieg, der den verrückten Kaiser Yuri stürzte, den Königsmacher für Ezar Vorbarra spielte. Kein durchschnittlicher Generalstäbler, dieser General Piotr Vorkosigan, egal, welchen Maßstab man anlegte.

»Er ist umgänglich«, beruhigte Cordelia Dr. Henri. »Bewundern Sie einfach die Pferde und stellen Sie ein paar Suggestivfragen über die Kriege, und schon können Sie sich entspannen und den Rest der Zeit mit Zuhören verbringen.«

Henris Augenbrauen hoben sich, und er suchte auf ihrem Gesicht nach Zeichen von Ironie. Henri war ein gescheiter Mann. Cordelia lächelte ihm fröhlich zu.

Sie bemerkte, daß Bothari sie in dem Spiegel über seinem Armaturenbrett still beobachtete. Wieder. Der Sergeant schien heute angespannt zu sein.

Die Stellung seiner Hände und die Straffheit seiner Nackenmuskeln verrieten ihn. In Botharis ausdruckslosen gelben Augen konnte man nie etwas lesen, sie saßen tief, zu nahe beieinander und nicht ganz auf derselben Höhe über seinen scharfen Bakkenknochen und seiner langen, engen Kiefernpartie. War er wegen des Besuchs des Doktors besorgt? Verständlich.

Das Land unter ihnen zog sich sanft gewellt dahin, bald aber faltete es sich auf zu zerklüfteten Bergketten, die den Seendistrikt durchfurchten.

Dahinter erhoben sich die Berge, und Cordelia meinte, ein fernes Glitzern frühen Schnees auf dem höchsten Gipfel zu erspähen. Bothari überquerte drei querverlaufende Gebirgskämme, flog wieder eine Kurve und zog dann den Flieger in ein enges Tal hoch. Noch ein paar Minuten, noch ein Bergkamm, und dann kam der lange See in Sicht. Ein gewaltiges Labyrinth niedergebrannter Befestigungen bildete eine schwarze Krone auf einer Landzunge, und darunter duckte sich ein Dorf. Bothari landete den Flieger genau auf einem Kreis, der auf dem Pflaster der breitesten Straße des Dorfes aufgemalt war.

Dr. Henri nahm seine Tasche mit den medizinischen Geräten auf. »Die Untersuchung wird nur ein paar Minuten dauern«, beruhigte er Cordelia, »dann können wir weitermachen.«

Sagen Sie das nicht mir, sagen Sie das Bothari. Cordelia spürte, daß Dr. Henri wegen Bothari etwas nervös war. Er sprach immer sie an statt den Sergeanten, als ob sie eine Übersetzerin wäre, die alles in Begriffe übertrug, die Bothari verstünde. Bothari wirkte furchterregend, zugegeben, aber wenn man an ihm vorbeisprach, so würde das ihn nicht auf magische Weise verschwinden lassen.

Bothari führte sie in ein kleines Haus in einer engen Seitenstraße, die zu dem schimmernden Wasser hinabführte. Auf sein Klopfen hin öffnete eine massige Frau mit ergrauendem Haar die Tür und lächelte ihnen zu: »Guten Morgen, Sergeant. Kommen Sie herein, alles ist bereit. Mylady.« Sie ehrte Cordelia mit einem unbeholfenen Knicks.

Cordelia antwortete mit einem Nicken und schaute sich interessiert um.

»Guten Morgen, Frau Hysopi. Wie schön Ihr Haus heute aussieht.« Die Wohnung war sorgfältig geputzt und aufgeräumt — als Soldatenwitwe wußte Frau Hysopi über Inspektionen Bescheid. Cordelia vertraute darauf, daß die Alltagsstimmung im Haus der Pflegemutter etwas entspannter war.

»Ihre kleine Tochter war sehr brav heute morgen«, versicherte Frau Hysopi dem Sergeanten. »Hat ihre Flasche getrunken — sie hat gerade gebadet. Hier geht es lang, Doktor. Ich hoffe, Sie finden alles in Ordnung …«

Sie ging voran, eine enge Stiege hinauf. Das eine Schlafzimmer war offensichtlich das ihre, das andere, wo man durch ein großes Fenster über die Dächer hinweg zum See hinuntersehen konnte, war kürzlich in ein Kinderzimmer umgewandelt worden. In einem Kinderbettchen brabbelte ein dunkelhaariges Baby mit sich selber. »Du bist ein liebes Mädchen«, sagte Frau Hysopi lächelnd und hob das Kind hoch. »Sag hallo zu deinem Papa, na, Elena. Schön schön.«

Bothari blieb in der Tür stehen und betrachtete das Kind aufmerksam. »Ihr Kopf ist sehr gewachsen«, bemerkte er nach einer kleinen Weile.

»Das ist immer so, zwischen drei und vier Monaten«, stimmte Frau Hysopi zu.

Dr. Henri legte seine Instrumente auf dem Bettlaken bereit, Frau Hysopi brachte das Kind zurück und fing an, es auszuziehen. Die beiden begannen eine Fachsimpelei über Rezepte und Stuhlgang, und Bothari ging in dem kleinen Zimmer umher, schaute alles an, berührte aber nichts.

Er wirkte schrecklich groß und fehl am Platz inmitten der farbenfrohen, zierlichen Kindermöbel, dunkel und gefährlich in seiner braun-silbernen Uniform. Sein Kopf stieß an die schräge Decke, und er zog sich vorsichtig zur Tür zurück.

Cordelia spähte neugierig über die Schultern von Dr. Henri und Frau Hysopi und beobachtete das kleine Mädchen, wie es sich bewegte und sich umzurollen versuchte. Kleine Kinder. Bald würde sie auch eines haben. Als käme da eine Antwort, bewegte es sich in ihrem Bauch. Piotr Miles war glücklicherweise noch nicht stark genug, um sich seinen Weg aus einer Papiertüte freizukämpfen, aber wenn seine Entwicklung weiter so anhielt wie bisher, dann würden die letzten paar Monate der Schwangerschaft für Cordelia dauernde Schlaflosigkeit bedeuten. Jetzt wünschte sie sich, sie hätte damals auf Kolonie Beta einen Trainingskurs für Eltern mitgemacht, selbst wenn sie noch nicht bereit gewesen war, eine Elternlizenz zu beantragen. Aber barrayaranische Eltern schienen aus dem Stegreif damit fertigzuwerden. Frau Hysopi hatte durch die Praxis gelernt, und sie hatte jetzt schon drei erwachsene Kinder.

»Erstaunlich«, sagte Dr. Henri, während er unter Kopfschütteln seine Ergebnisse notierte. »Absolut normale Entwicklung, so weit ich sagen kann. Nichts läßt erkennen, daß sie aus einem Uterusreplikator kam.«

»Ich kam auch aus einem Uterusreplikator«, merkte Cordelia amüsiert an.

Henri schaute sie unwillkürlich von oben bis unten an, als ob er plötzlich erwartete, Antennen zu entdecken, die aus ihrem Kopf wuchsen.

»Die betanischen Erfahrungen deuten darauf hin, daß es nicht so sehr darauf ankommt, wie man hierher gelangt, sondern allein darauf, was man nach seiner Ankunft macht.«

»Wirklich?« Er runzelte nachdenklich die Stirn. »Und Sie sind frei von genetischen Defekten?«

»Ist mir bescheinigt«, bestätigte Cordelia.

»Wir brauchen diese Technologie.« Er seufzte und begann, seine Sachen wieder einzupacken. »Es geht ihr gut, Sie können sie wieder anziehen«, fügte er zu Frau Hysopi gewandt hinzu.

Bothari baute sich schließlich vor dem Kinderbett auf und blickte hinein, mit tiefen Falten zwischen den Augen. Er berührte das Kind nur einmal, mit einem Finger an der Wange, dann rieb er den Finger an seinem Daumen, als wolle er seine Nervenfunktion prüfen. Frau Hysopi beobachtete ihn von der Seite, sagte aber nichts. Während Bothari noch blieb, um Frau Hysopi die monatlichen Ausgaben zu begleichen, schlenderten Cordelia und Dr. Henri zum See hinunter. Droushnakovi folgte ihnen.

»Als diese siebzehn escobaranischen Uterusreplikatoren im Kaiserlichen Militärkrankenhaus ankamen«, sagte Henri, »zu uns aus dem Kriegsgebiet geschickt, da war ich echt erschrocken. Warum sollte man diese unerwünschten Föten retten, und noch dazu zu solchen Kosten? Warum hat man sie ausgerechnet an meine Abteilung abgeschoben? Inzwischen halte ich sehr viel davon, Mylady. Ich habe sogar an eine Anwendung gedacht, ein technologisches Nebenprodukt, für Verbrennungspatienten. Jetzt arbeite ich daran, die Zustimmung zu dem Projekt traf vor genau einer Woche ein.« Seine Augen funkelten vor Eifer, als er seine Theorie darlegte, die sich vernünftig anhörte, soweit Cordelia die Prinzipien verstand.

»Meine Mutter ist Ingenieurin für medizinische Geräte im Silica- Hospital«, erklärte sie Henri, als er innehielt, um Atem zu schöpfen und Zustimmung zu ernten. »Sie arbeitet ständig an dieser Art von Anwendung.« Henri intensivierte daraufhin seine technischen Ausführungen.

Cordelia grüßte zwei Frauen auf der Straße mit Namen und stellte sie Dr. Henri vor.

»Sie sind die Ehefrauen von zwei geschworenen Gefolgsleuten von Graf Piotr«, erklärte sie, als sie weitergingen.

»Eigentlich müßten die doch in der Hauptstadt leben wollen, sollte man annehmen.«

»Einige leben dort, einige bleiben hier. Es scheint von ihrer Neigung abzuhängen. Die Lebenskosten sind hier draußen viel niedriger, und diese Burschen sind nicht so gut bezahlt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Einige von den Landbewohnern trauen dem Leben in der Stadt nicht, sie scheinen zu denken, daß es hier sauberer ist.« Sie mußte kurz grinsen. »Einer der Kerle hat an jedem Standort eine Frau. Keiner seiner Kameraden hat ihn bis jetzt verpfiffen. Der Haufen hält zusammen.«

Henris Augenbrauen hoben sich: »Wie hübsch für ihn.«

»Eigentlich nicht. Er ist immer knapp bei Kasse und sieht immer sorgengeplagt aus. Aber er kann sich nicht entscheiden, welche Frau er aufgeben soll. Anscheinend liebt er wirklich beide.«

An der Bootsanlegestelle sahen sie einen alten Mann herumwerkeln. Als Dr. Henri zu ihm ging und sich bei ihm nach der Möglichkeit erkundigte, ein Boot zu mieten, trat Droushnakovi zu Cordelia und sprach sie leise an.

Sie schaute verwirrt drein. »Mylady … wie in der Welt ist Sergeant Bothari zu einem Baby gekommen? Er ist doch nicht verheiratet, oder?«

»Glauben Sie, der Storch hat die Kleine gebracht?«, sagte Cordelia leichthin.

»Nein.«

Nach ihrem Stirnrunzeln zu schließen schien Drou diese Frivolität nicht zu billigen. Cordelia konnte es ihr nicht übelnehmen. Sie seufzte. Wie kann ich mich da bloß herauswinden? »Aber so war es fast. Ihr Uterusreplikator wurde mit einem Schnellkurier aus Escobar gebracht, nach dem Krieg. Sie hat ihre vorgeburtliche Zeit in einem Labor im Kaiserlichen Militärkrankenhaus vollendet, unter der Aufsicht von Dr. Henri.«

»Ist sie wirklich Botharis Kind?«

»O ja, genetisch bestätigt. Auf diese Weise identifizierte man …« Cordelia brach den Satz mittendrin ab. Jetzt vorsichtig …

»Aber war da nicht die Rede von siebzehn Replikatoren? Und wie kam das Baby in den Replikator? War … war es ein Experiment?«

»Plazentaübertragung. Eine schwierige Operation, selbst nach galaktischen Maßstäben, aber kein Experiment mehr. Schauen Sie«, Cordelia hielt inne und überlegte schnell, »ich werde Ihnen die Wahrheit sagen.« Aber nicht die ganze Wahrheit. »Die kleine Elena ist die Tochter von Bothari und einer jungen escobaranischen Offizierin namens Elena Visconti. Bothari … liebte sie … sehr. Aber nach dem Krieg wollte sie nicht mit ihm nach Barrayar kommen. Das Kind wurde gezeugt, hm … auf barrayaranische Weise, und später in den Replikator übertragen, als sie sich trennten. Es gab einige ähnliche Fälle. Die Replikatoren wurden alle an das Kaiserliche Militärkrankenhaus geschickt, das mehr über diese Technologie lernen wollte. Bothari befand sich in … medizinischer Behandlung, ziemlich lange Zeit, nach dem Krieg. Aber als er entlassen wurde und sie aus dem Replikator kam, übernahm er das Sorgerecht für sie.«

»Nahmen die anderen auch ihre Babies?«

»Die meisten anderen Väter waren damals schon tot. Die Kinder kamen in das Waisenhaus der Kaiserlichen Armee.«

Das also war die offizielle Version, ganz korrekt und schlüssig.

»Oh.« Drou blickte mit gerunzelter Stirn auf ihre Füße. »Das ist überhaupt nicht … es ist schwer, sich Bothari vorzustellen … Um ganz ehrlich zu sein«, sagte sie in einem Anfall von Offenheit, »ich glaube nicht, daß ich auch nur eine Katze der Obhut von Bothari anvertrauen würde. Kommt er Ihnen nicht ein bißchen seltsam vor?«

»Aral und ich haben ein Auge auf ihn. Bothari macht sich bis jetzt sehr gut, glaube ich. Er hat Frau Hysopi auf eigene Faust gefunden, und er stellt sicher, daß sie alles bekommt, was sie braucht. Hat Bothari — das heißt, sind Sie wegen Bothari beunruhigt?«

Droushnakovi schaute Cordelia an, als bezweifelte sie die Ernsthaftigkeit ihrer Worte. »Er ist so groß. Und häßlich. Und er … führt an manchen Tagen Selbstgespräche. Und er ist so oft krank, tagelang, wo er dann nicht aus dem Bett kommt, aber er hat dann kein Fieber oder so etwas. Der Kommandant von Graf Piotrs Leuten meint, er sei ein Simulant.«

»Er simuliert nicht. Aber es ist gut, daß Sie das erwähnen, ich werde Aral sagen, er soll mit dem Kommandanten reden und die Sache klären.«

»Aber haben Sie denn überhaupt keine Angst vor ihm? Zumindest an seinen schlechten Tagen?«

»Ich könnte über Bothari weinen«, sagte Cordelia langsam, »aber ich habe keine Angst vor ihm. Nicht an den schlechten Tagen, und nicht an anderen Tagen. Und auch Sie sollten keine Angst vor ihm haben. Es wäre … es wäre eine schlimme Beleidigung für ihn.«

»Tut mir leid.« Droushnakovi scharrte mit ihrem Schuh über den Kies.

»Es ist eine traurige Geschichte. Kein Wunder, daß er nicht über den Escobar-Krieg redet.«

»Ja, ich wäre Ihnen … dankbar, wenn Sie nie die Rede darauf bringen. Für ihn ist das sehr schmerzlich.«

Ein kurzer Sprung mit dem Leichtflieger von dem Dorf über eine Landzunge des Sees brachte sie zum Landgut der Vorkosigans. Vor einem Jahrhundert war das Haus ein vorgeschobener Wachposten des Forts auf der Landzunge gewesen. Die moderne Waffentechnik hatte oberirdische Befestigungen überflüssig gemacht, und die alten Steingebäude waren einer friedlicheren Nutzung zugeführt worden. Dr. Henri hatte offensichtlich mehr Pracht erwartet, denn er sagte: »Es ist kleiner, als ich erwartet habe.«

Piotrs Haushälterin hatte für sie auf einer mit Blumen geschmückten Terrasse am Südende des Hauses bei der Küche ein hübsches Mittagessen vorbereitet. Während sie die Gäste dorthin führte, nahm Cordelia Graf Piotr beiseite.

»Danke, daß wir hier bei dir einfallen durften.«

»Bei mir einfallen, also wirklich! Das ist dein Haus, meine Liebe. Du kannst hier ganz nach Belieben alle Freunde einladen, die du möchtest. Dies ist das erstemal, daß du es getan hast, verstehst du?« Er blieb mit ihr in der Tür stehen. »Weißt du, als meine Mutter meinen Vater heiratete, da hat sie Palais Vorkosigan völlig umdekoriert. Meine Frau tat das gleiche zu ihrer Zeit. Aral hat so spät geheiratet, daß ich fürchte, eine Renovierung ist schon längst überfällig. Würdest du nicht … auch mögen?«

Aber es ist dein Haus, dachte Cordelia hilflos, nicht einmal das von Aral, wirklich …

»Du bist so leicht bei uns gelandet, daß man fast fürchtet, du wirst wieder wegfliegen«. Piotr lachte leise, aber in seinen Augen war Besorgnis zu lesen.

Cordelia klopfte auf ihren sich rundenden Bauch. »Oh, ich bin jetzt durchaus schwer auf dem Boden, Herr Graf.« Sie zögerte. »Um die Wahrheit zu sagen, ich dachte, es wäre hübsch, in Palais Vorkosigan eine Liftröhre zu haben. Wenn man Basement, Subbasement, Dachgeschoß und Dach dazuzählt, dann gibt es jetzt acht Stockwerke im Hauptgebäude. Zu Fuß ist das ein ganz schöner Weg!«

»Eine Liftröhre? Wir haben nie …« — er biß sich auf die Lippe. »Wo?«

»Du könntest es im hinteren Teil des Korridors einbauen lassen, neben den Versorgungsleitungen, ohne daß dadurch die Innenkonstruktion beeinträchtigt wird.«

»Du könntest es auch. Prima. Finde einen Bauunternehmer. Tu’s!«

»Ich werde mich morgen darum kümmern. Danke, Sir.« Hinter seinem Rücken hob sie die Augenbrauen.

Offensichtlich in der Absicht, sie zu ermutigen, war Graf Piotr während des Mittagessens bemüht freundlich zu Dr. Henri, obwohl dieser deutlich ein Mann der neuen Zeit war. Henri seinerseits, der Cordelias Rat folgte, kam glänzend mit Piotr aus. Piotr erzählte Henri alles über das neue Fohlen, das in seinen Ställen hinter der Hügelkette geboren worden war.

Das Tier war ein genetisch bescheinigtes Vollblut, das Piotr ein Quarterhorse nannte, obwohl es für Cordelia wie ein ganzes Pferd aussah. Das Hengstfohlen war unter großen Kosten als tiefgefrorener Embryo von der Erde importiert und einer Rassestute implantiert worden, und Piotr hatte die Entwicklung bis zur Geburt sorgfältig überwacht. Der biologisch geschulte Henri zeigte fachliches Interesse, und nach dem Essen nahm Piotr ihn mit zu einer persönlichen Besichtigung der großen Tiere.

Cordelia entschuldigte sich: »Ich möchte mich ein bißchen ausruhen. Sie können gehen, Drou. Sergeant Bothari wird bei mir bleiben.« Tatsächlich machte Cordelia sich Sorgen über Bothari. Er hatte mittags nicht einen einzigen Bissen zu sich genommen, und seit über einer Stunde auch kein einziges Wort mehr gesprochen.

Drou, die Bedenken hatte, andererseits aber ganz versessen auf die Pferde war, ließ sich überreden. Die drei stapften also den Hügel hinauf. Cordelia blickte ihnen nach, dann wandte sie ihr Gesicht Bothari zu, der sie wieder beobachtete. Er nickte ihr auf seltsame Weise zustimmend zu.

»Danke, Mylady.«

»Hmm, ja. Ich habe überlegt, ob Sie sich nicht wohlfühlen.«

»Nein … ja. Ich weiß nicht. Ich wollte … ich wollte mit Ihnen sprechen, Mylady. Seit … seit einigen Wochen. Aber es schien sich nie eine gute Gelegenheit dafür zu ergeben. In der letzten Zeit wurde es noch schlimmer. Ich kann nicht mehr länger warten. Ich hatte gehofft, daß heute …«

»Nutzen wir den Augenblick.« Die Haushälterin klapperte in Piotrs Küche herum. »Hätten Sie Lust auf einen Spaziergang?«

»Bitte sehr, Mylady.«

Sie gingen zusammen um das alte Steinhaus herum. Der Pavillon oben auf dem Hügel mit seinem Überblick über den See wäre ein großartiger Ort zum Sitzen und Reden, aber Cordelia fühlte sich zu voll und zu schwanger für den Aufstieg. Sie führte statt dessen nach links, auf dem Pfad, der parallel zum Abhang verlief, bis sie zu einer Art kleinem ummauertem Garten kamen.

Der Familienfriedhof der Vorkosigans war bis zum letzten Winkel belegt mit unterschiedlichsten Gräbern: engere Familie, entfernte Verwandte, Gefolgsleute mit besonderen Verdiensten. Der Friedhof war ursprünglich ein Teil der Anlage des zerstörten Forts gewesen, und die ältesten Gräber von Wachen und Offizieren waren schon vor Jahrhunderten angelegt worden. Die Vorkosigans waren hier erst nach der atomaren Zerstörung der alten Distrikthauptstadt Vorkosigan Vashnoi während der cetagandanischen Invasion aufgetaucht. Die Toten waren damals mit den Lebenden verschmolzen worden, und eine Familiengeschichte von acht Generationen war ausgelöscht worden. Es war aufschlußreich, wenn man Geburts- und Sterbedaten aus neuerer Zeit in Beziehung zu den jeweiligen historischen Ereignissen brachte, z.B. zur cetagandanischen Invasion oder zum Krieg von Yuri dem Wahnsinnigen. Das Grab von Arals Mutter stammte genau aus dem Jahr, in dem Yuris Krieg begann. Neben ihr war eine Grabstelle für Piotr reserviert, und das schon seit dreiundreißig Jahren. Sie wartete geduldig auf ihren Ehemann. Und die Männer beschuldigen uns Frauen, wir ließen immer auf uns warten. Ihr ältester Sohn, Arals Bruder, lag an ihrer anderen Seite bestattet.

»Setzen wir uns dort drüben hin.« Cordelia nickte in Richtung einer Steinbank, die von kleinen orangefarbenen Blumen umgeben war und der eine von der Erde importierte, mindestens schon ein Jahrhundert alte Eiche Schatten spendete. »Die Leute hier sind jetzt alle gute Zuhörer. Und sie tratschen keinen Klatsch weiter.«

Cordelia setzte sich auf den warmen Stein und musterte Bothari. Er saß so weit entfernt von ihr, wie es die Bank gerade zuließ. Die Furchen in seinem Gesicht wirkten heute tief und schroff, obwohl das Licht des Nachmittags durch den warmen Herbstdunst gemildert wurde. Eine Hand klammerte sich um die rauhe Steinkante der Bank und spannte immer wieder ihre Muskeln. Er atmete zu bedacht.

Cordelia dämpfte ihre Stimme: »Also, was ist los, Sergeant? Sie sehen heute ein bißchen … angespannt aus. Ist etwas mit Elena?«

Er gab ein freudloses Lachen von sich. »Angespannt. Ja, ich schätze, so kann man sagen. Es geht nicht um das Baby … es geht … nun ja, nicht direkt.« Er blickte ihr direkt in die Augen, zum erstenmal an diesem Tag.

»Sie erinnern sich an Escobar, Mylady. Sie waren dort. Richtig?«

»Richtig.« Dieser Mann leidet Qualen, erkannte Cordelia. Welche Qualen?

»Ich kann mich nicht an Escobar erinnern.«

»Das habe ich gehört. Ich glaube, Ihre Armeetherapeuten haben sich große Mühe gegeben, um sicherzustellen, daß Sie sich nicht an Escobar erinnern.«

»O ja.«

»Ich billige die barrayaranischen Vorstellungen von Therapie nicht, besonders, wenn sie von politischen Zwecküberlegungen beeinflußt sind.«

»Zu dieser Erkenntnis bin ich gekommen, Mylady.« In seinen Augen glimmte eine vorsichtige Hoffnung auf.

»Wie haben sie es gemacht? Haben sie ausgewählte Neuronen ausgebrannt? Oder war es chemische Löschung?«

»Nein … sie haben Drogen verwendet, aber nichts wurde zerstört. So sagt man mir. Die Ärzte nannten es Suppressionstherapie. Wir nannten es einfach die Hölle. Jeden Tag gingen wir in die Hölle, bis wir nicht mehr dorthin gehen wollten.« Bothari rutschte auf seinem Sitz hin und her und runzelte die Stirn. »Wenn ich versuche, mich zu erinnern — überhaupt über Escobar zu sprechen —, so verursacht mir das Kopfschmerzen. Klingt dumm, nicht wahr. Ein großes Mannsbild wie ich winselt über Kopfschmerzen wie ein altes Weib. Bestimmte besondere Teile, Erinnerungen, verursachen mir diese wirklich schlimmen Kopfschmerzen, ich sehe dann rote Ringe um alles und fange an, mich zu übergeben. Wenn ich aufhöre, darüber nachzudenken, dann lassen die Schmerzen nach. Ganz einfach.«

Cordelia schluckte. »Ich verstehe. Es tut mir leid. Ich wußte, daß es schlimm war, aber ich wußte nicht, daß es … so schlimm war.«

»Das Schlimmste davon sind die Träume. Ich träume … davon und wenn ich zu langsam aufwache, dann erinnere ich mich an den Traum. Ich erinnere mich dann an zuviel auf einmal, und mein Kopf — alles, was ich dann tun kann, ist mich auf die andere Seite zu rollen und zu weinen, bis ich anfangen kann, von etwas anderem zu denken. Graf Piotrs andere Leute — sie denken, ich sei verrückt, sie denken, ich sei dumm, sie wissen nicht, was ich da drinnen mit ihnen mache. Ich weiß nicht, was ich da drinnen mit ihnen mache.« Er rieb seine großen Hände in einer gequälten Bewegung über die kurzgeschorenen Haare auf seinem Schädel. »Der vereidigte Gefolgsmann eines Grafen zu sein — das ist eine Ehre. Es gibt dafür nur zwanzig Posten. Sie nehmen die Besten, sie nehmen die tollen Helden, die Männer mit Tapferkeitsmedaillen, die Männer mit zwanzig Jahren Dienst und vollkommenem Leumund. Wenn das, was ich getan habe — in Escobar —, so schlimm war, warum hat dann der Admiral den Grafen veranlaßt, mir einen Posten zu geben? Und wenn ich ein so toller Held war, warum haben sie mir dann meine Erinnerung daran genommen?« Sein Atem ging jetzt schneller, er pfiff durch seine langen gelben Zähne.

»Wie weh tut Ihnen das jetzt? Wenn Sie versuchen, darüber zu sprechen?«

»Ziemlich. Und es wird noch schlimmer werden.« Er schaute sie an, mit tiefen Falten auf der Stirn. »Ich muß darüber sprechen. Mit Ihnen. Es macht mich sonst …«

Sie atmete bewußt ruhig und versuchte, mit ihrem ganzen Geist, ihrem ganzen Leib und ihrer ganzen Seele zuzuhören. Und achtsam. Ganz achtsam. »Fahren Sie fort.«

»Ich habe … vier Bilder … in meinem Kopf, von Escobar. Vier Bilder, und ich kann sie nicht erklären. Mir selbst. Ein paar Minuten, von — drei Monaten? Oder vier? Sie alle quälen mich, aber eines quält mich am meisten. Darin kommen Sie vor«, fügte er abrupt hinzu und starrte auf den Boden. Beide Hände umklammerten jetzt die Bank, die Knöchel traten weiß hervor.

»Ich verstehe. Fahren Sie fort.«

»Eines — das am wenigsten schlimme —, das war ein Streit. Prinz Serg war da und Admiral Vorrutyer, Lord Vorkosigan, und Admiral Rulf Vorhalas. Und ich war dabei. Außer daß ich keinerlei Kleider anhatte.«

»Sind Sie sicher, daß das kein Traum ist?«

»Nein, ich bin nicht sicher. Admiral Vorrutyer sagte … etwas sehr Beleidigendes zu Lord Vorkosigan. Er hatte Lord Vorkosigan gegen die Wand zurückgedrängt. Prinz Serg lachte. Dann küßte Vorrutyer ihn, voll auf den Mund, und Vorhalas versuchte, Vorrutyers Kopf wegzuschlagen, aber Lord Vorkosigan ließ ihn nicht. Und wie es dann weiterging, daran erinnere ich mich nicht.«

»Hmm … ja«, sagte Cordelia. »Bei dieser Szene war ich nicht dabei, aber ich weiß, daß da im Oberkommando einige wirklich verrückte Dinge geschahen, als Vorrutyer und Serg es zum Äußersten trieben. Also ist das vermutlich eine echte Erinnerung. Ich könnte Aral fragen, falls Sie das wünschen.«

»Nein! Nein. Dieses Bild kommt mir sowieso nicht so wichtig vor, wie die anderen.«

»Erzählen Sie mir dann die anderen.«

Seine Stimme ging zu einem Flüstern über. »Ich erinnere mich an Elena. So hübsch. Ich habe nur zwei Bilder von Elena in meinem Kopf. In dem einen erinnere ich mich, wie Vorrutyer mich … nein, darüber will ich nicht reden.« Er hielt eine ganze Minute lang inne, und dabei wankte er leicht, vor und zurück. »Das andere … wir waren in meiner Kabine. Sie und ich. Sie war meine Frau …« Seine Stimme stockte. »Sie war nicht meine Frau, nicht war.« Das war nicht einmal eine Frage.

»Nein. Aber Sie wissen das.«

»Aber ich erinnere mich, daß ich glaubte, sie sei meine Frau.« Seine Hände drückten gegen seine Stirn und rieben seinen Hals, heftig und sinnlos.

»Sie war eine Kriegsgefangene«, sagte Cordelia. »Ihre Schönheit hatte Vorrutyers und Sergs Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und sie faßten den Plan, sie zu foltern, ohne Grund — nicht wegen ihres militärischen Wissens, nicht einmal aus politischem Terrorismus — nur zum Vergnügen dieser beiden. Sie wurde vergewaltigt. Aber das wissen Sie auch. Auf einer bestimmten Ebene.«

»Ja«, flüsterte er.

»Daß man ihr empfängnisverhütendes Implantat entfernte und Ihnen erlaubte — oder Sie zwang —, sie zu schwängern, war Teil der sadistischen Absicht von Vorrutyer und Serg. Der erste Teil. Sie lebten, Gott sei Dank, nicht lang genug, um zum zweiten Teil zu gelangen.«

Er hatte seine Beine hochgezogen und seine langen Arme fest darum geschlungen. Sein Atem ging schnell und flach, keuchend. Sein Gesicht war schneeweiß und glänzte vor kaltem Schweiß.

»Habe ich rote Ringe rings um mich?«, fragte Cordelia neugierig.

»Alles ist … irgendwie rosa.«

»Und das letzte Bild?«

»O Mylady.« Er schluckte. »Was immer es auch war … ich weiß, es muß ganz nah an dem dran sein, von dem man am meisten wünscht, daß ich mich nicht daran erinnere.« Er schluckte wieder. Cordelia begann zu verstehen, warum er sein Mittagessen nicht angerührt hatte.

»Wollen Sie fortfahren? Können Sie fortfahren?«

»Ich muß fortfahren. Mylady. Captain Naismith. Denn ich erinnere mich an Sie. Erinnere mich, Sie zu sehen. Ausgestreckt auf Vorrutyers Bett, all Ihre Kleider weggeschnitten, nackt. Sie bluteten. Ich schaute auf Ihr … Was ich wissen will. Wissen muß.« Seine Arme waren jetzt um seinen Kopf geschlungen, der auf seinen Knien in ihre Richtung geneigt war, sein Gesicht war eingefallen, gehetzt, hungrig. Sein Blutdruck mußte unglaublich hoch sein, um ihn in diese monströse Migräne zu treiben. Wenn sie jetzt zu weit gingen, bis zur letzten Wahrheit vorstießen, bestand dann für ihn vielleicht die Gefahr eines Schlaganfalls? Ein unglaubliches Stück Psychotechnik, seinen eigenen Körper darauf zu programmieren, daß er ihn für verbotene Gedanken bestrafte …

»Habe ich Sie vergewaltigt, Mylady?«

»Wie? Nein!« Sie setzte sich kerzengerade hin, voller heftiger Empörung. Sie hatten ihm dieses Wissen genommen? Sie hatten gewagt, ihm dies zu nehmen?

Er begann zu weinen, wenn man sein stoßweises Atmen, sein verzogenes Gesicht und das Sickern von Tränen aus seinen Augen als Weinen bezeichnen wollte. Es kam zu gleichen Teilen aus Qual und Freude. »O Gott sei Dank.« Und dann: »Sind Sie sicher …?«

»Vorrutyer befahl es Ihnen. Aber Sie weigerten sich. Aus Ihrem eigenen Willen, ohne Hoffnung auf Rettung oder Belohnung. Das brachte Sie in Teufels Küche, für einige Zeit.« Sie hatte das Verlangen, ihm auch den Rest zu erzählen, aber er war jetzt in einem so schrecklichen Zustand, daß es unmöglich war, die Folgen abzuschätzen. »Wie lange haben Sie sich schon daran erinnert? Sich diese Fragen gestellt?«

»Seit ich Sie zum erstenmal wiedersah. In diesem Sommer. Als Sie kamen, um Lord Vorkosigan zu heiraten.«

»Sie sind seit mehr als sechs Monaten mit diesem Zeug in Ihrem Kopf herumgelaufen und haben nicht gewagt, zu fragen?«

»Ja, Mylady.«

Sie lehnte sich erschrocken zurück. »Nächstesmal warten Sie aber nicht so lange.«

Er schluckte heftig, rappelte sich hoch und winkte mit seiner Hand in einer verzweifelten Geste, die bedeuten sollte: »Warten Sie auf mich!« Er schwang seine Beine über die niedrige Steinmauer und verschwand hinter einigen Büschen. Besorgt hörte sie zu, wie er einige Minuten lang würgte und sich aus seinem leeren Magen erbrach. Sie kam zu dem Schluß, daß es sich hierbei um einen äußerst schlimmen Anfall handeln mußte, aber endlich wurden die heftigen Krämpfe schwächer, dann hörten sie auf.

Er kehrte zurück, wischte die Lippen ab und sah kreidebleich aus, nicht viel besser als vorher, ausgenommen in den Augen. In diesen Augen flackerte jetzt etwas Leben, ein halb unterdrücktes Leuchten von überwältigender Erleichterung.

Dieses Licht wurde schwächer, während er in Gedanken dasaß. Er rieb seine Handflächen an den Knien seiner Hose und starrte auf seine Stiefel.

»Aber ich bin deshalb nicht weniger ein Vergewaltiger, nur weil Sie nicht mein Opfer waren.«

»Das stimmt.«

»Ich kann … mir selbst nicht trauen. Wie können Sie mir trauen? … Wissen Sie, was besser als Sex ist?«

Sie fragte sich, ob sie diesem Gespräch noch eine scharfe Wendung geben konnte, ohne laut kreischend davonzulaufen. Du hast ihn ermutigt, den Korken zu öffnen, nun steckst du mit drin. »Fahren Sie fort.«

»Töten. Man fühlt sich besser, danach. Es sollte nicht … ein solches Vergnügen sein. Lord Vorkosigan tötet nicht auf diese Weise.« Seine Augen waren zusammengekniffen, seine Stirn gerunzelt, aber er hatte sich aus seiner Kugel der Qual wieder entwirrt: sicher sprach er jetzt ganz allgemein und dachte nicht mehr an Vorrutyer.

»Es ist vielleicht eine Entfesselung von Wut, vermute ich«, sagte Cordelia vorsichtig. »Wie sind Sie zu soviel Wut gekommen, die in Ihnen drinnen zusammengeballt ist? Die Dichte ist spürbar. Die Leute können es fühlen.«

Seine Hand ballte sich vor seinem Solarplexus zusammen. »Das geht weit, weit zurück. Aber die meiste Zeit empfinde ich keinen Ärger. Es klinkt plötzlich aus.«

»Selbst Bothari fürchtet Bothari«, murmelte sie verwundert.

»Aber Sie fürchten ihn nicht. Sie haben noch weniger Furcht als Lord Vorkosigan.«

»Ich sehe Sie als irgendwie mit ihm verknüpft. Und er ist mein eigenes Herz. Wie kann ich mein eigenes Herz fürchten?«

»Mylady, ich schlage einen Handel vor.«

»Hm?«

»Sie sagen mir … wenn es in Ordnung ist. Zu töten. Und dann weiß ich Bescheid.«

»Das kann ich nicht — schauen Sie, zum Beispiel, wenn ich nicht da bin? Wenn diese Sache Sie überkommt, dann ist für gewöhnlich keine Zeit, innezuhalten und zu analysieren. Selbstverteidigung muß Ihnen erlaubt sein, aber Sie müssen auch in der Lage sein zu erkennen, ob Sie wirklich angegriffen werden.« Sie setzte sich auf, und ihre Augen weiteten sich in einer plötzlichen Einsicht. »Deshalb ist Ihre Uniform so wichtig für Sie, nicht wahr? Sie sagt Ihnen, wann es in Ordnung ist. Wenn Sie es sich nicht selbst sagen können. All diese strengen Routinen, an die Sie sich halten, sie sind dazu da, Ihnen zu sagen, daß Sie in Ordnung sind, daß Sie sich auf dem richtigen Weg befinden.«

»Ja, ich bin jetzt vereidigt auf die Verteidigung des Hauses Vorkosigan. Also ist das in Ordnung.« Er nickte, offensichtlich beruhigt. Wodurch, um Gottes willen?

»Sie bitten mich, Ihr Gewissen zu sein. Ihre Urteile für Sie zu fällen. Aber Sie sind ein ganzer Mann, ich habe Sie richtige Entscheidungen treffen sehen, und zwar unter schwerstem Stress.«

Seine Hände preßten sich wieder gegen seinen Schädel, seine Zähne waren zusammengebissen, und er stieß knirschend hervor: »Aber ich kann mich nicht an sie erinnern. Kann mich nicht erinnern, wie ich sie getroffen habe.«

»Oh.« Sie kam sich sehr klein vor. »Nun ja … was immer Sie denken, daß ich für Sie tun kann. Sie haben ein Blutrecht darauf. Das schulden wir Ihnen, Aral und ich. Wir erinnern uns daran, warum, selbst wenn Sie es nicht können.«

»Erinnern Sie sich dann für mich, Mylady«, sagte er leise, »und es wird für mich in Ordnung sein.«

»Ja, glauben Sie daran!«

KAPITEL 7

Cordelia hatte an einem Morgen der darauffolgenden Woche ein gemeinsames Frühstück mit Aral und Piotr in einem privaten Salon, von dem aus man den hinteren Garten überblickte. Aral winkte dem Burschen des Grafen, der sie bediente.

»Könnten Sie bitte Leutnant Koudelka für mich herbeiholen? Sagen Sie ihm, er soll diese Tagesordnung für heute vormittag mitbringen, die wir besprochen haben.«

»Oh, ich vermute, Sie haben es noch nicht erfahren, Mylord?«, murmelte der Mann. Cordelia hatte den Eindruck, seine Augen suchten den Raum nach einem Fluchtweg ab.

»Was erfahren? Wir sind gerade heruntergekommen.«

»Leutnant Koudelka wurde heute morgen ins Krankenhaus gebracht.«

»Krankenhaus? Guter Gott, warum hat man mir das nicht sofort gesagt? Was ist geschehen?«

»Uns wurde gesagt, Oberstleutnant Illyan würde einen vollständigen Bericht mitbringen. Der Kommandant der Wache … dachte, er sollte auf ihn warten.«

Bestürzung kämpfte mit Verstimmung auf Vorkosigans Gesicht. »Wie schlimm ist es? Es ist keine … verspätete Nachwirkung der Schallgranate, nicht wahr? Was ist ihm zugestoßen?«

»Er wurde zusammengeschlagen, Mylord«, sagte der Bursche ausdruckslos.

Vorkosigan lehnte sich mit leisem Zischen zurück. An seinem Kinn spannten sich die Muskeln. »Schicken Sie mir diesen Wachkommandanten her«, knurrte er.

Der Diener verschwand auf der Stelle, und Vorkosigan klopfte nervös und ungeduldig mit einem Löffel auf den Tisch. Seine Augen begegneten Cordelias erschrockenem Blick und er setzte ihr zuliebe ein leichtes, falsches Lächeln der Beruhigung auf. Selbst Piotr blickte erschrocken drein.

»Wer könnte denn wohl Kou zusammenschlagen wollen?«, fragte Cordelia verwundert. »Da kann einem ja übel werden. Er kann doch gar nicht richtig zurückschlagen.«

Vorkosigan schüttelte den Kopf: »Ich vermute, es ist jemand, der ein sicheres Opfer suchte. Wir werden es herausfinden. O ja, wir werden es herausfinden.«

Der grün uniformierte Wachkommandant des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes erschien und nahm Haltung an. »Sir.«

»Zu Ihrer künftigen Information, und Sie können das weitergeben, sollte einem meiner maßgebenden Stabsmitglieder irgendein Unfall zustoßen, so wünsche ich sofort informiert zu werden. Verstanden?«

»Jawohl, Sir. Es war sehr spät, als die Nachricht hier eintraf, Sir. Und da wir da schon wußten, daß beide überleben würden, sagte Oberstleutnant Illyan, ich könnte Sie schlafen lassen, Sir.«

»Ich verstehe.« Vorkosigan rieb sich sein Gesicht. »Beide?«

»Leutnant Koudelka und Sergeant Bothari, Sir.«

»Sie sind doch nicht in einen Streit geraten, oder?«, fragte Cordelia, die jetzt zutiefst erschrocken war.

»Ja. Oh — nicht miteinander, Mylady. Sie wurden überfallen.«

Vorkosigans Gesicht verdüsterte sich. »Sie sollten besser beim Anfang beginnen.«

»Jawohl, Sir. Hmm. Leutnant Koudelka und Sergeant Bothari gingen gestern abend aus. Nicht in Uniform. In die Gegend hinter der alten Karawanserei.«

»Mein Gott, wozu denn das?«

»Hmm.« Der Wachkommandant warf einen unsicheren Blick auf Cordelia. »Zur Unterhaltung, glaube ich, Sir.«

»Zur Unterhaltung?«

»Jawohl, Sir. Sergeant Bothari geht dort ungefähr einmal im Monat hin, an seinem dienstfreien Tag, wenn der Herr Graf in der Stadt ist. Es handelt sich offensichtlich um einen Ort, wo er schon seit Jahren hingeht.«

»In die Karawanserei?«, sagte Graf Piotr in ungläubigem Ton.

»Hmm«, der Wachkommandant warf dem Diener einen hilfeheischenden Blick zu.

»Sergeant Bothari ist nicht sehr wählerisch bei seiner Unterhaltung, Sir«, meldete sich der Diener unsicher zu Wort.

»Offensichtlich nicht!«, sagte Piotr.

Cordelia gab Vorkosigan mit den Augenbrauen ein fragendes Zeichen.

»Das ist eine ziemlich üble Gegend«, erklärte er. »Ich selbst würde dorthin nicht ohne eine Begleitpatrouille gehen. Und bei Nacht mit zwei Patrouillen. Und ich würde auf jeden Fall meine Uniform tragen, allerdings nicht meine Rangabzeichen … aber ich glaube, Bothari ist dort aufgewachsen. Ich stelle mir vor, daß er es anders sieht.«

»Warum so übel?«

»Die Gegend ist sehr arm. Dort war das Stadtzentrum in der Zeit der Isolation, und die Stadterneuerung hat dort noch nicht begonnen. Wasser ist dort knapp, es gibt keine Elektrizität, die Gegend erstickt förmlich im Müll …«

»Am meisten im menschlichen Müll«, fügte Piotr bissig hinzu.

»Arm?«, sagte Cordelia verblüfft. »Keine Elektrizität? Wie kann die Gegend dann ans Kommunikationsnetzwerk angeschlossen sein?«

»Ist sie natürlich nicht«, antwortete Vorkosigan.

»Wie bekommen dann die dort ihre Ausbildung?«

»Gar nicht.«

Cordelia machte große Augen, »Ich verstehe das nicht. Wie bekommen dann die Leute dort ihre Jobs?«

»Ein paar fliehen in den Militärdienst. Die restlichen rauben sich größtenteils gegenseitig aus.« Vorkosigan schaute sie voller Unbehagen an. »Habt ihr auf Kolonie Beta keine Armut?«

»Armut? Na ja, einige Leute haben natürlich mehr Geld als andere, aber … keine Kommunikationskonsolen?«

Vorkosigan war jetzt von seiner Befragung abgelenkt. »Ist das der niedrigste Lebensstandard, den du dir vorstellen kannst, wenn man keine Kommunikationskonsole hat?«, sagte er verwundert.

»Der erste Artikel in der Verfassung lautet: ›Der Zugang zu Informationen darf nicht beschränkt werden.‹«

»Cordelia … diese Leute haben kaum Zugang zu Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Sie haben ein paar Lumpen und Kochtöpfe, und sie nisten sich in Gebäuden ein, deren Renovierung oder Abriß sich noch nicht lohnt, während der Wind durch die Mauerritzen pfeift.«

»Gibt es dort keine Klimaanlagen?«

»Keine Heizung im Winter ist da das größere Problem.«

»Das denke ich mir. Hier bei euch gibt es ja keinen wirklichen Sommer … Wie rufen sie Hilfe herbei, wenn sie krank oder verletzt sind?«

»Was für eine Hilfe?«, sagte Vorkosigan grimmig. »Wenn sie krank sind, dann werden sie entweder wieder gesund oder sie sterben.«

»Sie sterben, wenn wir Glück haben«, murmelte Piotr, »die Würmer.«

»Macht ihr Witze?« Sie schaute abwechselnd Vater und Sohn an. »Das ist ja schrecklich … also, denkt an all die Begabungen, die euch da verloren gehen.«

»Ich bezweifle, daß uns da viele verloren gehen, von der Karawanserei«, bemerkte Piotr trocken.

»Warum nicht? Sie haben das gleiche genetische Potential wie ihr«, wies Cordelia auf das hin, was ihr einleuchtend erschien.

Der Graf erstarrte. »Mein liebes Mädchen! Das haben sie auf jeden Fall nicht! Meine Familie gehört sein neun Generationen zu den Vor.«

Cordelia hob ihre Augenbrauen: »Wie weißt du das, wenn ihr vor achtzig Jahren noch keine Gentypisierung hattet?«

Der Wachkommandant und der Diener nahmen einen eigentümlich starren Gesichtsausdruck an. Der Diener biß sich auf die Lippe.

»Außerdem«, fuhr sie mit ihrer Argumentation fort, »wenn ihr Vor nur halb soviel Erfolg hattet, wie die Geschichten andeuten, die ich gelesen habe, dann müssen neunzig Prozent der Bewohner dieses Planeten inzwischen Vor-Blut in sich haben. Wer weiß, wer eure Verwandten auf der väterlichen Seite sind?«

Vorkosigan biß zerstreut in seine Leinenserviette, sein Gesichtsausdruck erstarrte wie bei dem Diener, und er murmelte: »Cordelia, du kannst doch nicht … also wirklich, du kannst nicht hier am Frühstückstisch sitzen und andeuten, meine Vorfahren seien Bastarde gewesen. Das ist hierzulande eine tödliche Beleidigung.«

Wo sollte ich denn sitzen? »Oh, das werde ich vermutlich nie verstehen. Ach, mach dir nichts draus. Was ist mit Koudelka und Bothari?«

»Ganz recht. Fahren Sie fort, Kommandant.«

»Jawohl, Sir. Also, Sir, sie waren, wie man mir sagte, auf dem Rückweg, etwa eine Stunde nach Mitternacht, als sie von einer Bande lokaler Schläger überfallen wurden. Offensichtlich war Leutnant Koudelka zu gut gekleidet, und außerdem hat er diesen Gang und den Stock … jedenfalls hat er die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich kenne die Details nicht, Sir, aber es gab vier Tote und heute früh wurden drei ins Krankenhaus eingeliefert, abgesehen von denen, die davonkamen.«

Vorkosigan pfiff leicht durch die Zähne. »Welche Verletzungen haben Bothari und Koudelka?«

»Sie … ich habe keinen offiziellen Bericht, Sir. Ich weiß es nur vom Hörensagen.«

»Dann sagen Sie schon.«

Der diensthabende Offizier schluckte leicht. »Sergeant Bothari hat einen Arm gebrochen, einige Rippen gebrochen, innere Verletzungen und eine Gehirnerschütterung. Leutnant Koudelka hat beide Beine gebrochen und eine Menge … hm … Schockbrandwunden.« Seine Stimme verlor sich.

»Was?«

»Offensichtlich — so hörte ich — hatten die Angreifer einige Hochspannungsschockstöcke, und sie entdeckten, daß sie damit einige … besondere Effekte an seinen Nervenprothesen erzielen konnten. Nachdem sie ihm die Beine gebrochen hatten, verwendeten sie … ziemlich viel Zeit darauf, ihn zu bearbeiten. Das ist der Grund, warum Oberstleutnant Illyans Männer sie eingeholt haben. Sie sind nicht rechtzeitig abgehauen.«

Cordelia schob ihren Teller weg und saß zitternd da.

»Hörensagen, wie? Nun gut. Sie können gehen. Sorgen Sie dafür, daß Oberstleutnant Illyan sofort zu mir geschickt wird, wenn er eintrifft.« Vorkosigans blickte grimmig vor sich hin.

Piotr zeigte mürrische Genugtuung. »Würmer«, knurrte er, »man sollte sie alle ausräuchern.«

Vorkosigan seufzte. »Es ist leichter, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden. Nicht diese Woche, Sir.«

Innerhalb einer Stunde erschien Illyan bei Vorkosigan in der Bibliothek und erstattete mündlich einen vorläufigen Bericht. Cordelia gesellte sich zu ihnen, setzte sich nieder und hörte zu.

»Bist du sicher, daß du das hören willst?«, fragte Vorkosigan sie leise.

Sie schüttelte den Kopf. »Nach dir sind sie meine besten Freunde hier. Ich möchte lieber wissen als raten.«

Die Zusammenfassung des diensthabenden Offiziers erwies sich als leidlich genau, aber Illyan hatte mit Bothari und Koudelka im Kaiserlichen Militärkrankenhaus gesprochen, wohin sie gebracht worden waren, und konnte jetzt in ungeschminkten Worten eine Menge Details liefern.

»Ihr Sekretär war anscheinend vom Verlangen nach einer heißen Nummer gepackt«, begann er. »Warum er sich Bothari als einheimischen Führer ausgesucht hat, ist mir schleierhaft.«

»Wir drei sind die einzigen Überlebenden der General Vorkraft«, erwiderte Vorkosigan. »Es ist eine Bindung, vermute ich. Allerdings kamen Kou und Bothari immer gut miteinander aus. Er spricht vielleicht Botharis latente Vaterinstinkte an. Und Kou ist ein anständiger Junge — sagen Sie ihm nicht, daß ich das gesagt habe, er würde es als eine Beleidigung auffassen. Es ist gut zu wissen, daß es solche Leute noch gibt. Ich wünsche mir allerdings, er wäre zu mir gekommen.«

»Nun gut, Bothari tat sein Bestes«, sagte Illyan. »Nahm ihn in diese düstere Spelunke mit, die von Botharis Standpunkt aus einige Pluspunkte für sich hat. Es ist billig dort, es geht schnell, und niemand spricht mit ihm. Außerdem ist es weit entfernt von Admiral Vorrutyers alten Kreisen. Also keine unangenehmen Assoziationen. Er hat eine strikte Routine.

Nach Kous Aussage ist die Frau, deren Stammkunde Bothari ist, fast so häßlich wie er. Bothari mag sie, scheint es, weil sie nie Geräusche von sich gibt. Was das bedeutet, darüber möchte ich nicht nachdenken.

Sei es, wie es mag, Kou hatte Probleme mit einer der anderen Angestellten, die ihm einen Schrecken einjagte. Bothari sagt, er habe das beste Mädchen für Kou verlangt — kaum ein Mädchen, eine Frau, was auch immer —, und anscheinend wurden Kous Bedürfnisse mißdeutet. Jedenfalls war Bothari schon fertig und wartete ungeduldig, während Kou noch versuchte, höfliche Konversation zu machen und ein Sortiment von Vergnügungen für abgestumpfte Geschmäcker angeboten bekam, von denen er noch nie zuvor gehört hatte. Er gab auf und floh schließlich über die Treppe nach drunten, wo Bothari zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich vollgetankt war. Wie es scheint, nimmt er gewöhnlich nur einen Drink und geht dann.

Kou, Bothari und diese Hure gerieten dann in einen Streit über die Bezahlung: er habe soviel Zeit verbraucht wie sonst vier Kunden, sagte sie, dagegen hielten die Männer — das meiste hiervon wird nicht im offiziellen Bericht enthalten sein, ist das in Ordnung? —, sie habe seinen Motor nicht in Gang gebracht. Kou blechte dann eine Teilzahlung — Bothari brummt immer noch darüber, wieviel das war, soweit er mit seinem Mund in diesem Zustand heute überhaupt sprechen kann —, und sie machten einen unordentlichen Rückzug, nachdem es für alle Beteiligten miserabel verlaufen war.«

»Die erste offensichtliche Frage, die sich stellt«, sagte Vorkosigan, »ist: Wurde der Angriff von irgend jemandem aus jenem Etablissement befohlen?«

»Meines Wissens nicht. Ich ließ den ganzen Ort abriegeln, nachdem wir ihn gefunden hatten, und verhörte jeden, der drin war, unter Schnell-Penta. Ich habe ihnen allen einen höllischen Schrecken eingejagt, und das freut mich. Sie sind an Graf Vorbohns städtische Wachen gewöhnt, die sie bestechen oder von denen sie erpreßt werden, und umgekehrt. Wir haben eine Menge Informationen über Bagatellverbrechen bekommen, von denen keine uns irgendwie interessiert — wünschen Sie, daß wir sie an die Stadtbehörden weitergeben?«

»Hm. Wenn die Leute an dem Überfall unschuldig sind, dann legen Sie die Informationen einfach zu den Akten. Vielleicht möchte Bothari eines Tages wieder dort hingehen. Wissen sie, warum sie verhört wurden?«

»Sicher nicht! Ich bestehe darauf, daß meine Männer sauber arbeiten. Wir sind dazu da, Informationen zu sammeln, nicht sie auszuteilen.«

»Verzeihung, Oberstleutnant. Ich hätte es wissen sollen. Fahren Sie fort.«

»Also, sie verließen den Ort etwa eine Stunde nach Mitternacht, zu Fuß, und haben sich irgendwo verlaufen. Bothari regt sich deshalb ziemlich auf. Er denkt, es ist seine Schuld, weil er sich so betrunken hatte. Bothari und Koudelka sagen beide, daß sie etwa zehn Minuten vor dem Überfall Bewegungen in den Schatten wahrnahmen. So hat man sie anscheinend verfolgt, bis sie in eine enge Gasse mit hohen Mauern manövriert waren und auf einmal sechs Leute vor sich und sechs hinter sich sahen.

Bothari zog seinen Betäuber und feuerte — er traf drei, bevor sie über ihn herfielen. Irgend jemand dort drunten ist heute morgen um einen guten Armeebetäuber reicher. Kou hatte seinen Stockdegen, aber sonst nichts.

Sie haben sich zuerst an Bothari herangemacht. Er machte zwei weitere fertig, nachdem er den Betäuber verloren hatte. Sie betäubten ihn, dann versuchten sie ihn zu Tode zu prügeln, nachdem er am Boden lag. Kou hatte bis dahin seinen Stock als Kampfstab benutzt, aber an diesem Punkt ließ er die Hülle abfallen. Er sagt jetzt, er wünscht, er hätte das nicht getan, denn da gab es ein allgemeines Geraune: ›Vor!‹ und es wurde jetzt erst recht schlimm.

Er stach zwei nieder, bis jemand das Schwert mit einem Schockstab schlug und seine Hand Krämpfe bekam. Die fünf, die noch übrig waren, setzten sich auf ihn und brachen seine beiden Beine an den Knien nach hinten. Er bat mich, Ihnen zu sagen, daß es nicht so schmerzhaft war, wie es klingt. Er sagt, sie hätten so viele Nervenleitungen gebrochen, daß er fast empfindungslos war. Ich weiß nicht, ob das stimmt.«

»Bei Kou weiß man nie so recht«, sagte Vorkosigan. »Er hat schon so lange Schmerzen verheimlicht, daß dies fast zu seiner zweiten Natur geworden ist. Fahren Sie fort.«

»Ich muß jetzt ein bißchen zurückgehen. Mein Mann, der auf Kou angesetzt war, folgte ihnen selbst in dieses Labyrinth hinein. Er war vermutlich keiner von denen, die mit dieser Gegend vertraut sind, und er war auch nicht entsprechend gekleidet — Kou hatte zwei Reservierungen für irgendeine Musikveranstaltung gestern abend, und bis drei Stunden vor Mitternacht dachten wir, er würde dorthin gehen. Mein Mann ging in das Gebäude hinein und verschwand, zwischen der ersten und zweiten stündlichen Kontrollmeldung. Das ist es, was mich heute früh beschäftigt. Wurde er ermordet? Oder entführt? Beraubt und ausgeplündert? Oder war er ein Spitzel, ein Eingeschleuster, ein Doppelagent? Wir werden es nicht wissen, bis wir ihn finden, so oder so.

Dreißig Minuten nach der ausgebliebenen Kontrollmeldung schickten meine Leute einen anderen Beschatter hin. Aber der hielt Ausschau nach dem ersten Mann. Kou war drei ganze verfluchte Stunden letzte Nacht unbeobachtet, bevor mein Nachtschichtleiter zum Dienst kam und sich dieser Tatsache bewußt wurde. Glücklicherweise verbrachte Kou den größten Teil dieser Zeit in Botharis Hurenaltersheim, Mein Nachtschichtmann, auf den ich große Stücke halte, dirigierte den vor Ort eingesetzten Agenten um und ließ außerdem noch eine Flugpatrouille starten. Als unser Mann dann schließlich auf diese widerliche Szene traf, konnte er fast sofort einen Flieger herbeirufen und ein halbes Dutzend meiner uniformierten Schläger hinkommen und die Party platzen lassen. Diese Geschichte mit den Schockstäben — das war schlimm, aber nicht so schlimm, wie es hätte es sein können. Kous Angreifern fehlte offensichtlich die Art von … hm … Erfindungsreichtum, die etwa der verstorbene Admiral Vorrutyer in einer solchen Situation gehabt hätte. Oder vielleicht hatten sie bloß nicht die Zeit, wirklich raffiniert zu werden.«

»Gott sei Dank«, murmelte Vorkosigan. »Und die Toten?«

»Zwei waren Botharis Werk, saubere Schläge, einen erledigte Kou — schlitzte ihm den Hals auf — und einen, fürchte ich, tötete ich. Der Bursche geriet in einen anaphylaktischen Schock in einer allergischen Reaktion auf Schnell-Penta. Wir brachten ihn ins Kaiserliche Militärkrankenhaus, aber sie brachten ihn nicht wieder auf die Beine. Mir gefällt das nicht. Jetzt wird an ihm eine Autopsie vorgenommen, um herauszufinden, ob das natürliche Ursachen hatte oder ob ein eingepflanztes Verteidigungsmittel gegen Verhöre schuld ist.«

»Und die Bande?«

»Scheint eine völlig gesetzmäßige — wenn das der richtige Ausdruck ist — genossenschaftliche Unterstützungsgesellschaft der Karawanserei zu sein. Laut den Überlebenden, die wir schnappten, entschieden sie sich für Kou, weil er ›komisch‹ ging. Reizend. Obwohl ja Bothari auch nicht eben auf einer geraden Linie lief. Keiner von denen, die wir verhaftet haben, hat für jemanden anderen gehandelt als für sich selbst. Über die Toten kann ich nichts sagen. Ich habe die Verhöre persönlich überwacht und kann darauf schwören. Sie waren ganz schön geschockt darüber, daß sich plötzlich der Kaiserliche Sicherheitsdienst für sie interessierte.«

»Sonst noch etwas?«, fragte Vorkosigan.

Illyan gähnte hinter vorgehaltener Hand und entschuldigte sich: »Das war eine lange Nacht. Mein Mann von der Nachtschicht hat mich nach Mitternacht aus dem Bett geholt. Ein guter Mann mit gutem Urteilsvermögen. Nein, ich glaube, das war’s für heute, abgesehen von Kous Motivation, überhaupt dort hinzugehen. Er drückte sich sehr unklar aus und fing an, nach Schmerzmitteln zu fragen, als wir auf dieses Thema kamen. Ich hoffte, Sie hätten vielleicht eine Idee, die meine paranoiden Anwandlungen besänftigen könnte. Kou zu verdächtigen verursacht mir einen steifen Hals.« Er gähnte wieder.

»Ich habe eine«, sagte Cordelia, »aber nur für Ihre Paranoia, nicht für Ihren Bericht, einverstanden?«

Illyan nickte.

»Ich denke, er hat sich in jemanden verliebt. Schließlich probiert man ja etwas nur aus, wenn man vorhat, es zu gebrauchen. Unglücklicherweise war sein Versuch eine mittlere Katastrophe. Ich befürchte, er wird eine ganze Zeit lang ziemlich deprimiert und empfindlich sein,«

Vorkosigan nickte verständnisvoll.

»Haben Sie eine Vermutung, um wen es geht?«, fragte Illyan automatisch.

»Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie das etwas angeht. Vor allem, wenn nichts draus wird.«

Illyan akzeptierte diese Antwort mit einem Achselzucken und verließ sie, um sein verlorenes Schaf zu suchen, den fehlenden Mann, der ursprünglich auf Koudelka angesetzt gewesen war.

Innerhalb von fünf Tagen war Sergeant Bothari wieder im Palais Vorkosigan, allerdings noch nicht wieder im Dienst: seinen gebrochenen Arm trug er in einer Plastikumhüllung. Er rückte keine Informationen über das brutale Geschehen heraus und entmutigte neugierige Fragesteller mit einem sauren Blick und nichtsagendem Brummen.

Droushnakovi stellte keine Fragen und gab keine Kommentare. Aber Cordelia sah, wie sie gelegentlich in der Bibliothek einen gequälten Blick auf die unbesetzte Kommunikationskonsole mit ihren doppelt gesicherten Verbindungen zur Kaiserlichen Residenz und zum Hauptquartier des Generalstabs warf, an der Koudelka gewöhnlich saß und arbeitete, wenn er im Palais Vorkosigan war. Cordelia fragte sich, wie viele Einzelheiten von den Ereignissen jener Nacht wohl Drou zu Ohren gekommen waren.

Leutnant Koudelka kehrte im darauffolgenden Monat in den Dienst zu eingeschränkten, leichteren Aufgaben zurück, anscheinend ganz fröhlich und unberührt von dem, was er durchgemacht hatte. Aber auf seine Art war er genauso wenig mitteilsam wie Bothari. Bothari zu befragen war wie die Befragung einer Wand gewesen. Koudelka zu befragen war wie Sprechen mit einem Wasserlauf: man erhielt als Echo Geplätscher, oder kleine Strudel von Witzen, oder Anekdoten, die die Strömung des Gesprächs unerbittlich vom ursprünglichen Thema abzogen. Cordelia reagierte auf seine sonnige Heiterkeit mit automatischer Bereitwilligkeit und spielte bei seinem offensichtlichen Wunsch mit, über die Angelegenheit so leicht wie möglich hinwegzugehen. Innerlich hegte sie viel mehr Zweifel.

Ihre eigene Stimmung war nicht die beste. Ihre Vorstellung kehrte immer wieder zu den Schrecken des Attentats vor sechs Wochen zurück und beschäftigte sich unbehaglich mit dem Schicksal, das ihr fast Vorkosigan genommen hätte. Nur wenn er bei ihr war, fühlte sie sich ganz beruhigt, und er war doch jetzt mehr und mehr von zu Hause weg. Irgend etwas war im Kaiserlichen Hauptquartier am Kochen: er war viermal zu Sitzungen gegangen, die die ganze Nacht hindurch dauerten, und hatte eine Reise ohne sie unternommen, eine Fluginspektion militärischer Angelegenheiten, über die er ihr keine Details mitteilte und von der er bleich und mit müden Augen zurückkehrte. Der Fluß von militärischem und politischem Klatsch und Tratsch, mit dem er sie bisher gern bei den Mahlzeiten oder beim Ausziehen unterhalten hatte, versickerte zu einem unkommunikativen Schweigen, obwohl er ihre Gegenwart nicht weniger zu brauchen schien.

Wo würde sie ohne ihn sein? Eine schwangere Witwe, ohne Familie oder Freunde, die ein Kind zur Welt bringen sollte, auf das sich schon jetzt dynastische Wahnvorstellungen konzentrierten und das ein Erbe der Gewalt antreten würde. Könnte sie den Planeten verlassen?

Und wenn sie könnte, wohin würde sie dann gehen? Würde Kolonie Beta sie je zurückkehren lassen?

Selbst der Herbstregen und die anhaltende grüne Üppigkeit der Stadtparks gefiel ihr inzwischen nicht mehr. Ach, was gäbe sie jetzt für einen Atemzug von wirklich trockener Wüstenluft, für den vertrauten alkalischen Geruch, für die endlosen, ebenen Weiten! Würde ihr Sohn je wissen, was eine wirkliche Wüste war? Die Horizonte hier, dicht gesäumt mit Gebäuden und Vegetation, schienen sich manchmal um sie herum zu erheben wie eine hohe Mauer. An wirklich schlimmen Tagen schien die Mauer nach innen einzustürzen.

Sie hatte sich an einem regnerischen Nachmittag in der Bibliothek verkrochen, zusammengekuschelt auf einem alten Sofa mit hoher Lehne, und las zum dritten Mal eine Seite in einem alten Band aus den Bücherregalen des Grafen. Das Buch war ein Relikt der Druckerkunst aus der Zeit der Isolation. Es war auf Englisch geschrieben, aber gedruckt in einer abgewandelten Variante des kyrillischen Alphabets, das mit seinen insgesamt sechsundvierzig Zeichen einst für alle Sprachen auf Barrayar benutzt worden war. Ihr Geist schien heute ungewohnt zerstreut und unempfänglich dafür zu sein. Sie schaltete das Licht aus und ließ ihre Augen einige Minuten ausruhen. Mit Erleichterung beobachtete sie, wie Leutnant Koudelka die Bibliothek betrat und sich steif und bedachtsam an der Kommunikationskonsole niedersetzte. Ich werde ihn nicht unterbrechen, wenigstens er hat echte Arbeit zu erledigen, dachte sie und kehrte noch nicht zu ihrer Seite zurück, aber sie fühlte sich dennoch getröstet durch seine unabsichtliche Gesellschaft.

Er arbeitete nur ein paar Augenblicke lang, dann schaltete er die Maschine mit einem Seufzer ab, starrte geistesabwesend auf die leere, mit Steinmetzarbeiten verzierte Feuerstelle, die ursprünglich der Mittelpunkt des Raumes gewesen war, und bemerkte sie immer noch nicht. Also bin ich nicht die einzige hier, die sich nicht konzentrieren kann. Vielleicht ist es dieses seltsame graue Wetter. Es scheint eine deprimierende Wirkung auf die Leute zu haben …

Er nahm seinen Stockdegen und ließ eine Hand an der glatten Scheide entlanggleiten. Er klickte sie auf, wobei er sie festhielt und die Feder schweigend und langsam losließ. Er blickte die schimmernde Klinge an, die in dem dämmerigen Raum fast mit einem eigenen Licht zu glühen schien, und drehte sie, als dächte er über ihr Muster und ihre exzellente Qualität nach. Dann wendete er sie um, die Spitze über seine linke Schulter und das Heft weg von sich. Er wickelte ein Handtuch als Halt um die Klinge und drückte sie, sehr sanft, gegen die Seite seines Halses über der Halsschlagader. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war kühl und nachdenklich, sein Griff an der Klinge so leicht wie der eines Liebhabers.

Plötzlich spannte sich seine Hand.

Ihr vernehmliches Einatmen, die erste Hälfte eines Schluchzens, ließ ihn aus seiner Träumerei aufschrecken. Er blickte auf und sah sie erst jetzt, seine Lippen preßten sich aufeinander und sein Gesicht rötete sich. Er senkte die Klinge. Sie ließ eine weiße Linie auf seinem Hals zurück, wie eine Halskette, und ein paar rote Tropfen Blut quollen daran hervor.

»Ich … habe Sie nicht gesehen, Mylady«, sagte er heiser. »Ich … machen Sie sich keine Gedanken über mich. Ich habe nur ein bißchen herumgespielt.«

Sie blickten sich schweigend an. Gegen ihren Willen kamen ihr ihre Worte über die Lippen: »Ich hasse diesen Ort! Ich habe jetzt immerzu Angst.«

Sie drehte ihr Gesicht zu der hohen Lehne des Sofas und begann zu ihrem eigenen Entsetzen zu weinen. Hör damit auf! Von allen Leuten nicht vor Koudelka! Der Mann hat schon genügend echte Schwierigkeiten, ohne daß du deine eingebildeten bei ihm ablädst.

Er stand auf und hinkte zu ihrer Couch. Er sah beunruhigt aus. Vorsichtig setzte er sich neben sie. »Hm …«, begann er, »weinen Sie nicht, Mylady. Ich habe nur herumgespielt, wirklich.« Er klopfte ihr unbeholfen auf die Schulter.

»Unfug«, erwiderte sie ihm mit erstickter Stimme, »Sie haben mir einen höllischen Schreck eingejagt.« In einem Impuls nahm sie ihr tränenverschmiertes Gesicht von dem kalten Seidenstoff des Sofas und lehnte es an die rauhe Wärme der Schulter seiner grünen Uniform. Dies provozierte ihn zu gleicher Offenheit.

»Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist«, flüsterte er heftig. »Die anderen bemitleiden mich alle, wissen Sie? Sogar er.« Mit einem unbestimmten Ruck seines Kopfes wies er auf Vorkosigan hin. »Das ist hundertmal schlimmer als Verachtung. Und das wird immer so weitergehen.«

Sie schüttelte den Kopf. Angesichts dieser unzweifelhaften Wahrheit gab es keine Antwort.

»Ich hasse diesen Ort auch«, fuhr er fort, »genauso, wie er mich haßt. Und an manchen Tagen noch mehr. Also sehen Sie, Sie sind nicht allein.«

»So viele Leute versuchen, ihn umzubringen«, flüsterte sie zurück und verachtete sich dabei ob ihrer Schwäche. »Völlig Fremde … einer von ihnen wird am Ende auch Erfolg haben. Ich denke jetzt die ganze Zeit daran.« Würde es eine Bombe sein? Ein Gift? Ein Plasmabogen, der Arals Gesicht wegbrannte und nicht einmal Lippen übrigließ, die sie zum Abschied küssen könnte?

Koudelkas Aufmerksamkeit wurde schmerzlich von seinem Kummer auf den ihren gelenkt. Er zog irritiert seine Augenbrauen zusammen.

»O Kou«, sprach sie weiter und streichelte seinen Ärmel, »ganz gleich, wie weh es tut, tun Sie ihm das nicht an. Er liebt Sie … Sie sind wie ein Sohn für ihn, gerade die Art Sohn, die er immer wollte. Das«, sie deutete mit einem Nicken auf das Schwert, das auf der Couch lag und mehr glänzte als die Seide, »würde ihm das Herz zerschneiden. Diese Welt hier schüttet jeden Tag Wahnsinn über ihn aus und verlangt, daß er Gerechtigkeit zurückgibt. Er kann das nur mit einem ganzen Herzen tun. Oder er muß schließlich beginnen, den Wahnsinn zurückzugeben, wie jeder seiner Vorgänger. Und«, fügte sie in einem Ausbruch unkontrollierbarer Unlogik hinzu, »es ist so verdammt feucht hier! Es wird nicht meine Schuld sein, wenn mein Sohn mit Kiemen geboren wird!«

Seine Arme umfaßten sie in einer gütigen Umarmung. »Haben Sie … Angst vor der Geburt?« fragte er, mit einer zarten und unerwarteten Empfindsamkeit.

Cordelia verstummte, plötzlich konfrontiert mit ihren fest unterdrückten Ängsten. »Ich vertraue euren Ärzten nicht«, gab sie unsicher zu.

Er lächelte in bitterer Ironie: »Dafür kann ich Sie nicht tadeln.«

Ein Lachen stieg in ihr auf, sie erwiderte seine Umarmung und hob die Hand, um die winzigen Bluttropfen von der Seite seines Halses zu wischen. »Wenn man jemanden liebt, dann ist es, als ob die eigene Haut die des anderen bedeckt. Jede Wunde ist doppelt. Und ich liebe Sie so, Koudelka. Ich wünschte, Sie ließen mich Ihnen helfen.«

»Therapie, Cordelia?« Vorkosigans Stimme war kalt und schneidend wie ein herabprasselnder Hagelschauer. Sie blickte überrascht auf und sah ihn vor ihnen stehen mit einem Gesicht, das so kalt war wie seine Stimme.

»Mir wird bewußt, daß du eine hübsche Portion betanischer … Fachkenntnis in solchen Dingen hast, aber ich bitte dich, dieses Vorhaben jemandem anderen zu überlassen.«

Koudelka errötete und prallte von ihr zurück. »Sir«, begann er und verstummte dann, ebenso erschrocken wie Cordelia über den eisigen Zorn in Vorkosigans Augen. Vorkosigans Blick huschte über ihn hinweg, und sie preßten beide die Zähne aufeinander.

Cordelia atmete tief ein und wollte etwas erwidern, aber sie gab nur ein wütendes »Oh!« gegen Vorkosigans Rücken von sich, als er sich umdrehte und hinausschritt, das Rückgrat steif wie Koudelkas Schwertklinge.

Koudelka, der noch rot im Gesicht war, zog sich von ihr zurück und stemmte sich auf die Beine, wobei er sein Schwert als Stütze verwendete und sein Atem zu schnell ging. »Mylady, ich bitte Sie um Verzeihung.«

Die Worte schienen ganz ohne Bedeutung.

»Kou«, sagte Cordelia, »Sie wissen, daß er es nicht so schlimm meinte. Er hat gesprochen, ohne zu denken. Ich bin sicher, er tut nicht, tut nicht …«

»Ja, ich sehe es ein«, erwiderte Koudelka mit ausdruckslosem Blick. »Man weiß allgemein, daß ich völlig ungefährlich bin für jedermanns Ehe, glaube ich. Aber wenn Sie mich entschuldigen wollen — Mylady — ich habe so etwas wie eine Arbeit zu erledigen.«

»Oh!« Cordelia wußte nicht, auf wen sie am meisten Wut hatte, auf Vorkosigan, Koudelka oder sich selbst. Erregt sprang sie auf und verließ den Raum, und über die Schulter rief sie zurück: »Verdammt, zur Hölle mit allen Barrayaranern!«

Droushnakovi begegnete ihr mit einem schüchternen »Mylady?«

»Und Sie, Sie nutzloses … Püppchen«, fauchte Cordelia, deren Wut sich jetzt hilflos in alle Richtungen entlud. »Warum können Sie Ihre eigenen Angelegenheiten nicht regeln? Ihr barrayaranischen Frauen scheint zu erwarten, daß man euch euer Leben auf einem Tablett serviert. So funktioniert das nicht!«

Das Mädchen wich verwirrt einen Schritt zurück. Cordelia zügelte ihren Ausbruch und fragte vernünftiger: »Wohin ist Aral gegangen?«

»Warum … nach oben, denke ich, Mylady.«

Ein Anflug ihres alten und arg mitgenommenen Humors kam jetzt Cordelia zu Hilfe: »Und hat er zufällig zwei Stufen auf einmal genommen?«

»Hm … tatsächlich drei«, erwiderte Drou zaghaft.

»Ich glaube, ich sollte besser gehen und mit ihm reden«, sagte Cordelia und fuhr sich mit den Händen durch ihr Haar. Sie fragte sich, ob es irgendeinen praktischen Nutzen hätte, wenn sie sich ihre Haare ausreißen würde. »Scheißkerl.« Sie wußte selbst nicht, ob dies als Kraftausdruck oder als Beschreibung gemeint war. Und wenn ich daran denke, daß ich nie geflucht habe.

Sie trottete hinter ihm her, und während sie die Treppe hinaufstieg, versickerte ihre Wut zusammen mit ihrer Energie. Diese Schwangerschaftssache macht mich gewiß langsam.

Sie kam an einem Wachtposten im Korridor vorbei. »Wohin ist Lord Vorkosigan gegangen?«, fragte sie ihn.

»In seine Räume, Mylady«, antwortete der Mann und blickte ihr neugierig nach. Großartig. Das hab ich gern, dachte sie wütend. Der erste echte Streit der alten Jungvermählten wird eine Menge automatischer Zuhörer haben. Diese alten Wände sind nicht schalldicht. Ich bin gespannt, ob ich meine Lautstärke mäßigen kann. Aral hat da keine Probleme: wenn er wild wird, dann flüstert er.

Sie betrat ihrer beider Schlafzimmer und fand ihn, wie er auf der Seite des Bettes saß und mit heftigen, ruckartigen Bewegungen sich seiner Uniformjacke und seiner Stiefel entledigte. Er blickte auf, und sie starrten einander wütend an. Cordelia eröffnete das Feuer, wobei Sie dachte: Bringen wir es hinter uns.

»Diese Bemerkung, die du vor Koudelka gemacht hast, war völlig fehl am Platz.«

»Was, ich komme herein und finde meine Frau, wie sie … mit einem meiner Offiziere schmust, und du erwartest, daß ich höfliche Konversation über das Wetter mache?«, erwiderte er.

»Du weißt, daß es nichts derartiges war.«

»Schön. Und wenn es nicht ich gewesen wäre? Wenn es einer von der Wache gewesen wäre, oder mein Vater. Wie hättest du es dann erklärt? Du weißt, was sie über die Betaner denken. Das wäre ein gefundenes Fressen für sie gewesen, und man hätte die Gerüchte nicht mehr aufhalten können. Und dann wäre es als politischer Tratsch wieder auf mich zurückgefallen. Jeder Feind, den ich dort draußen habe, wartet nur auf einen schwachen Punkt, um darauf loszugehen. Sie hätten so etwas gern.«

»Wie, zum Teufel, sind wir auf deine verdammte Politik gekommen? Ich spreche über einen Freund. Ich bezweifle, daß du mit einer noch verletzenderen Bemerkung hättest daherkommen können, wenn du ein Studienprojekt dafür finanziert hättest. Das war gemein, Aral! Was ist überhaupt mit dir los?«

»Ich weiß es nicht.« Er rieb sich müde sein Gesicht. »Es ist der verdammte Job, nehme ich an. Ich möchte es nicht auf dich abladen.«

Cordelia vermutete, daß diese Aussage einem Eingeständnis, daß er unrecht hatte, so nahe kam, wie sie gerade noch erwarten durfte, und sie akzeptierte sie mit einem leichten Nicken. Dabei ließ sie ihre eigene Wut verrauchen. Dann erinnerte sie sich, warum die Wut ihr so gut getan hatte, denn die Leere, die sie hinterließ, füllte sich wieder mit Angst.

»Ja, also gut … wieviel Lust hast du eigentlich darauf, eines Morgens seine Tür aufbrechen zu müssen?«

Vorkosigan runzelte die Stirn und wurde still. »Hast du … einen Grund zu der Annahme, daß er Selbstmordgedanken hegt? Er schien mir ganz zufrieden zu sein.«

»Das schien er — dir.« Cordelia ließ die Worte einen Moment im Raum stehen, um ihnen Nachdruck zu verleihen. »Ich denke, er ist etwa so nahe daran.« Sie hielt ihre Hand hoch, Daumen und Zeigefinger knapp einen Millimeter auseinander. Am Zeigefinger klebte noch ein bißchen Blut, sie blickte darauf mit trauriger Faszination.

»Er hat mit diesem verdammten Schwert herumgespielt. Ich wünsche mir, ich hätte es ihm nie geschenkt. Ich denke, ich könnte es nicht ertragen, wenn er sich damit seine eigene Kehle durchschneidet. Das — schien es zu sein, woran er dachte.«

»Oh.« Vorkosigan sah irgendwie kleiner aus, ohne seine glitzernde Militärjacke, ohne seinen Zorn. Er hielt ihr seine Hand entgegen, sie nahm sie und setzte sich neben ihn.

»Also, wenn du in diesem deinem … Dickschädel Visionen hast, König Arthur zu spielen gegenüber uns, Lancelot und Guinevere, dann vergiß es. Das zieht nicht.«

Er lachte endlich ein bißchen. »Meine Visionen waren näher an meinem Heim, fürchte ich, und beträchtlich schäbiger. Einfach ein alter schlechter Traum.«

»Ja, ich … nehme an, es traf einen Nerv, obendrein.« Sie fragte sich, ob der Geist seiner ersten Frau sich je bei ihm aufhielt und ihn mit Todeskälte anhauchte, wie es Vorrutyers Gespenst manchmal bei ihr tat. Er schaute totenähnlich genug aus. »Aber ich bin Cordelia, denk daran. Nicht … irgend jemand anderer.«

Er lehnte seine Stirn gegen die ihre. »Vergib mir, lieber Captain. Ich bin nur ein häßlicher, verängstigter alter Mann, und ich werde jeden Tag älter und häßlicher und furchtsamer.«

»Du auch?« Sie ruhte in seinen Armen. »Ich protestiere jedoch gegen die Ausdrücke alt und häßlich. Dickschädel bezog sich nicht auf deine äußere Erscheinung.«

»Danke sehr — ich beherzige es.«

Es gefiel ihr, ihn wenigstens ein bißchen zu belustigen. »Es ist der Job, nicht wahr?«, sagte sie. »Kannst du darüber überhaupt sprechen?«

Er preßte seine Lippen aufeinander. »Im Vertrauen — obwohl das dein natürlicher Zustand zu sein scheint, weiß ich nicht, warum ich mich damit aufhalte, es zu betonen — es sieht aus, als wären wir noch vor dem Ende des Jahres in einen neuen Krieg verwickelt. Und wir haben uns noch nicht einmal richtig erholt, nach Escobar.«

»Was! Ich dachte, die Kriegspartei wäre halb gelähmt.«

»Unsere schon. Die der Cetagandaner ist jedoch noch in gut funktionierendem Zustand. Unser Nachrichtendienst hat Hinweise, daß sie planten, das politische Chaos, das hier auf Ezar Vorbarras Tod folgen sollte, auszunutzen, um einen Zugriff auf jene umstrittenen Wurmloch-Sprungpunkte zu verbergen. Statt dessen bekamen sie mich und — nun ja, ich kann es wohl kaum Stabilität nennen, bestenfalls dynamisches Gleichgewicht. Jedenfalls nicht die Art von Zerrüttung, auf die sie gezählt hatten. Daher der kleine Vorfall mit der Schallgranate. Negri und Illyan sind sich jetzt zu siebzig Prozent sicher, das dies das Werk der Cetagandaner war.«

»Werden sie es … noch einmal versuchen?«

»Fast sicher. Aber ob mit mir oder ohne mich, im Stab ist man der einhelligen Meinung, daß sie vor Ende des Jahres in großer Zahl hier eindringen werden. Und wenn wir schwach sind — dann werden sie sich einfach weiter voranbewegen, bis sie gestoppt werden.«

»Kein Wunder, daß du so … geistesabwesend gewesen bist.«

»Ist das der höfliche Ausdruck dafür? Aber nein. Ich habe schon seit einiger Zeit über die Cetagandaner Bescheid gewußt. Etwas anderes kam heute zur Sprache, nach der Ratssitzung. Eine private Audienz. Graf Vorhalas kam zu mir, um eine Gunst zu erbitten.«

»Ich hätte gedacht, es würde dir ein Vergnügen bereiten, dem Bruder von Rulf Vorhalas einen Gefallen zu tun. Aber dem ist wohl nicht so?«

Er schüttelte unglücklich den Kopf. »Der jüngste Sohn des Grafen, ein hitzköpfiger junger Narr von achtzehn, den man auf eine Militärschule hätte schicken sollen — wie ich mich erinnere, hast du ihn bei der Ratssitzung zur Eidesleistung getroffen …«

»Lord Carl?«

»Ja. Er ist gestern abend bei einer Party in einen Streit zwischen Betrunkenen geraten.«

»Das ist eine universelle Tradition. Solche Dinge geschehen sogar auf Kolonie Beta.«

»Ganz richtig. Aber sie gingen nach draußen, um ihre Sache mit Waffen zu regeln, jeder von beiden, mit einem Paar stumpfer Schwerter, die Teil der Wanddekoration gewesen waren, und einigen Küchenmessern. Das machte das ganze genaugenommen zu einem Duell mit den zwei Schwertern.«

»O je. Ist dabei jemand verletzt worden?«

»Unglücklicherweise ja. Mehr oder weniger zufällig, nach dem, was ich gehört habe, fiel der Sohn des Grafen bei der Rauferei hin und brachte es dabei fertig, sein Schwert seinem Freund in den Bauch zu stoßen und ihm die Unterleibsaorta zu durchtrennen. Der Freund ist fast auf der Stelle verblutet. Als die Zuschauer endlich genügend zur Vernunft gekommen waren, um einen Notarzt zu holen, da war es schon viel zu spät.«

»Du lieber Gott!«

»Es war ein Duell, Cordelia. Es begann als eine Nachahmung, aber es endete in der Realität. Und deshalb gelten die Strafen für ein Duell.« Er stand auf und durchschritt dem Raum, hielt am Fenster inne und starrte hinaus in den Regen. »Sein Vater kam und bat mich um eine kaiserliche Begnadigung. Oder, falls ich die nicht gewähren könnte, ob ich nicht dafür sorgen könnte, daß die Anklage auf Totschlag abgeändert wird.

Wenn das ganze als Totschlag verhandelt würde, dann könnte der Junge auf Notwehr plädieren und käme mit einer bloßen Gefängnisstrafe davon.«

»Das scheint … ziemlich fair, nehme ich an.«

»Ja.« Er ging wieder auf und ab. »Eine Gefälligkeit für einen Freund. Oder … der erste Spalt in der Tür, um diese teuflische Sitte wieder in unsere Gesellschaft zurückkehren zu lassen. Was geschieht, wenn der nächste Fall mir vorgetragen wird, und dann der nächste, und wieder der nächste? Wo fange ich an, die Grenze zu ziehen? Was ist, wenn der nächste Fall einen meiner politischen Feinde betrifft, und nicht ein Mitglied meiner eigenen Partei? Sollen all die Toten, die es gekostet hat, diese Sache auszurotten, umsonst gestorben sein? Ich erinnere mich an die Duelle und wie damals alles war. Und schlimmer — ein Ansatzpunkt für eine Regierung durch Freunde, dann durch Cliquen. Man kann über Ezar Vorbarra sagen, was man will, in dreißig Jahren rücksichtloser Arbeit hat er die Regierung von einem Club der Vor-Klasse in so etwas wie eine Herrschaft des Gesetzes umgewandelt, ein Gesetz für alle.«

»Ich fange an, das Problem zu sehen.«

»Und ich — unter all den Männern muß ich diese Entscheidung treffen! Der ich vor zweiundzwanzig Jahren für genau das gleiche Verbrechen hätte öffentlich hingerichtet werden sollen!« Er blieb vor ihr stehen. »Die Geschichte von dem Vorfall gestern abend ist heute morgen in verschiedenen Varianten schon in der ganzen Stadt verbreitet. In ein paar Tagen wird sie überall bekannt sein. Ich ließ sie vom Informationsdienst unterdrücken, vorläufig, aber das war wie Spucken gegen den Wind. Es ist zu spät, um das Ganze zu vertuschen, selbst wenn ich das tun wollte. Also wen soll ich jetzt verraten? Einen Freund? Oder Ezar Vorbarras Vertrauen? Es gibt keinen Zweifel, welche Entscheidung er gefällt hätte.«

Er setzte sich wieder neben sie und nahm sie in die Arme. »Und das ist erst der Anfang. Jeden Monat, jede Woche wird es wieder irgendeine unmögliche Sache geben. Was wird von mir übrigbleiben, wenn das fünfzehn Jahre lang so weitergeht? Eine leere Hülle, wie das Ding, das wir vor drei Monaten beerdigt haben, nachdem wir bei seinem letzten Atemzug darum beteten, daß es keinen Gott geben möge? Oder eine von der Macht korrumpierte Monstrosität wie sein Sohn, der so infiziert war, daß er nur durch einen Plasmabogen sterilisiert werden konnte? Oder etwas noch Schlimmeres?«

Seine unverhüllte Qual erschreckte sie. Als Antwort hielt sie ihn fest umschlungen. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Aber irgend jemand … irgend jemand hat schon immer diese Art von Entscheidungen getroffen, während wir in glücklicher Unwissenheit dahinspazierten und die Welt als gegeben nahmen. Und dieser Jemand war auch nur ein Mensch. Nicht besser, nicht schlechter als du.«

»Ein erschreckender Gedanke.«

Sie seufzte. »Du kannst nicht im Dunkeln mit Hilfe der Logik zwischen zwei Übeln wählen. Du kannst dich nur an die Sicherheitslinie eines Prinzips halten. Ich kann nicht deine Entscheidung treffen. Aber welche Prinzipien auch immer du jetzt wählst, die werden deine Sicherheitslinien sein, die dich voranbringen. Und um deines Volkes willen müssen sie konsequent sein.«

Er ruhte in ihren Armen. »Ich weiß. Es gab eigentlich keine wirkliche Frage über diese Entscheidung. Ich habe nur … noch ein bißchen um mich geschlagen, während ich zu Boden ging.« Er löste sich von ihr und stand wieder auf. »Lieber Captain, wenn ich in fünfzehn Jahren noch bei gesundem Verstand bin, dann wird das, glaube ich, dein Werk sein.«

Sie schaute zu ihm empor. »Und wie lautet deine Entscheidung?«

Die Qual in seinen Augen gab ihr die Antwort.

»O nein«, sagte sie unwillkürlich, dann biß sie sich auf die Lippe. Und ich habe versucht, so weise zu sprechen. Ich habe aber nicht das gemeint.

»Weißt du?«, sagte er sanft, resigniert. »Ezars Methode ist die einzige, die hier funktionieren kann. Letztlich stimmt es. Er herrscht noch von seinem Grab aus.« Er machte sich auf den Weg zum Bad, um sich zu waschen und die Kleider zu wechseln.

»Aber du bist nicht er«, flüsterte sie in den leeren Raum. »Kannst du nicht deine eigene Methode finden?«

KAPITEL 8

Vorkosigan war drei Wochen später bei Carl Vorhalas öffentlicher Hinrichtung anwesend.

»Ist es notwendig, daß du hingehst?«, fragte ihn Cordelia am Morgen, als er sich ankleidete, kühl und in sich gekehrt. »Ich muß doch nicht hingehen, oder?«

»Gott, nein, natürlich nicht. Ich muß nicht gehen, offiziell, außer … Ich muß gehen. Du kannst sicher verstehen, warum.«

»Nein … wirklich, außer als einer Art von Selbstbestrafung. Ich bin mir nicht sicher, daß du dir diesen Luxus leisten kannst, bei deiner Arbeit.«

»Ich muß gehen. Ein Hund kehrt zu seinem Erbrochenen zurück, nicht wahr? Seine Eltern werden dort sein, weißt du das? Und sein Bruder.«

»Was für eine barbarische Sitte.«

»Nun ja, wir könnten das Verbrechen als Krankheit behandeln, wie ihr Betaner das tut. Du weißt, wie das vor sich geht. Wir töten einen Menschen wenigstens sauber, auf einmal, statt stückweise über Jahre hinweg … ich weiß nicht.«

»Wie wird … es gemacht?«

»Enthauptung. Man hält sie für fast schmerzlos.«

»Wie weiß man das?«

Sein Lachen war völlig ohne Humor. »Eine sehr triftige Frage.«

Er umarmte sie nicht, als er wegging. Er kehrte knapp zwei Stunden später zurück, schweigend, lehnte mit Kopfschütteln das vorsichtige Angebot eines Mittagessens ab, sagte einen Nachmittagstermin ab und zog sich in Graf Piotrs Bibliothek zurück. Dort saß er an einem Buchprojektor, ohne zu lesen. Nach einer Weile schloß sich Cordelia ihm dort an, setzte sich auf die Couch und wartete geduldig darauf, daß er zu ihr zurückkam aus jenem fernen Bereich seines Geistes, in dem er sich jetzt aufhielt.

»Der Junge wollte tapfer sein«, sagte er nach einer Stunde Schweigen. »Man konnte sehen, daß er jede Geste im voraus geplant hatte. Aber niemand sonst folgte seinem Drehbuch. Seine Mutter machte ihn fertig … Und zur Krönung des Ganzen verfehlte der Henker seinen Hieb. Er brauchte drei Schläge, um den Kopf abzutrennen.«

»Das klingt ja, als hätte Sergeant Bothari es mit einem Taschenmesser besser gemacht.« Vorrutyer hatte sie an diesem Morgen mehr als gewöhnlich heimgesucht, scharlachrot.

»Es hat nichts gefehlt zur vollkommenen Scheußlichkeit. Seine Mutter hat mich auch noch verflucht. Bis Evon und Graf Vorhalas sie weggebracht haben.« Der leblose Ausdruck fiel von seiner Stimme ab. »O Cordelia! Das kann nicht die richtige Entscheidung gewesen sein! Und doch … und doch … es war keine andere möglich. Nicht wahr?«

Er kam zu ihr und hielt sie schweigend. Er schien sehr nahe daran zu sein, zu weinen, und es erschreckte sie fast noch mehr, daß er es nicht tat.

Schließlich wich die Spannung von ihm.

»Ich nehme an, ich sollte mich lieber zusammenreißen und umziehen. Vortala hat ein Treffen mit dem Minister für Landwirtschaft angesetzt, das zu wichtig ist, als daß ich es versäume, und danach ist da noch der Generalstab …« Als er das Haus verließ, war seine gewöhnliche Selbstbeherrschung zurückgekehrt.

In dieser Nacht lag er lange wach neben ihr. Seine Augen waren geschlossen, aber aus seiner Atmung erkannte sie, daß er den Schlaf nur vortäuschte. Sie konnte kein Wort des Trostes finden, das nicht hohl klang, deshalb schwieg sie mit ihm die langen Nachstunden hindurch.

Draußen begann es zu regnen, ein beständiges Nieseln. Einmal redete er.

»Ich habe schon früher Menschen sterben sehen. Habe Hinrichtungen befohlen, habe Männer in die Schlacht befohlen, habe einen dem anderen vorgezogen, habe drei nackte Morde verübt und hätte noch ein vierten begangen, wenn nicht Gott und Sergeant Bothari dazwischengekommen wären … Ich weiß nicht, warum mich dieser wie eine Mauer treffen sollte. Er hat mich gestoppt, Cordelia. Und ich darf nicht stoppen, sonst fallen wir alle zusammen. Muß irgendwie in der Luft bleiben.«

Sie erwachte in der Dunkelheit von einem klingelnden Krachen und einem weichen Knall und atmete erschrocken ein. Eine ätzende Schärfe brannte in ihrer Lunge und ihrem Mund, in ihren Nasenlöchern und ihren Augen.

Ein Nebengeschmack, der in den Eingeweiden zerrte, pumpte ihren Magen in die Kehle. Neben ihr fuhr Vorkosigan mit einem Fluch aus dem Schlaf hoch.

»Eine Soltoxingas-Granate! Nicht atmen, Cordelia!« Um seinen Ausruf zu bekräftigen, schob er ein Kissen über ihr Gesicht, seine heißen starken Arme packten sie und zogen sie vom Bett. Sie kam auf die Füße im selben Augenblick, wo ihr Magen sich entleerte, und sie stolperte in den Korridor. Aral schlug hinter ihnen die Schlafzimmertür zu.

Der Boden vibrierte von rennenden Schritten. Vorkosigan schrie: »Zurück! Soltoxingas! Räumt das Stockwerk! Ruft Illyan!«, bevor auch er sich zusammenkrümmte, hustend und würgend. Fremde Hände packten sie und schafften sie zu den Treppen. Durch ihre wie verrückt tränenden Augen konnte sie kaum etwas sehen.

Zwischen den Krämpfen keuchte Vorkosigan: »Sie haben das Gegenmittel … Kaiserliche Residenz … näher als das Militärkrankenhaus … holt Illyan sofort. Er weiß es. In die Dusche — wo ist Myladys Frau? Holt eines von den Mädchen …!«

Innerhalb weniger Augenblicke wurde sie zusammen mit Vorkosigan in einer Dusche im Erdgeschoß abgelegt. Er zitterte und konnte kaum stehen, aber er versuchte immer noch, ihr zu helfen. »Fang schon an, das Zeug von deiner Haut abzuwaschen, und hör nicht auf mit dem Waschen. Hör nicht auf. Und halt das Wasser kühl!«

»Du also auch. Was für ein Mist war das?« Sie hustete wieder im Wassergespritze, und sie halfen sich gegenseitig mit der Seife.

»Wasch auch deinen Mund aus … Soltoxin. Es ist fünfzehn, sechzehn Jahre her, seit ich diesen Gestank das letztemal gerochen habe, aber das vergißt man nicht. Es ist ein Giftgas. Vom Militär. Sollte streng kontrolliert werden. Wie, zum Teufel, ist da einer drangekommen … Verfluchter Sicherheitsdienst! Die werden morgen wie kopflose Hühner herumflattern … zu spät.« Unter den nächtlichen Bartstoppeln war sein Gesicht grünlichweiß.

»Ich fühle mich jetzt nicht allzu schlecht«, sagte Cordelia. »Der Brechreiz läßt nach. Sind wir wohl vor der vollen Dosis verschont geblieben?«

»Nein. Es wirkt nur langsam. Es braucht nicht viel davon, um dich fertigzumachen. Es greift vor allem die weichen Gewebe an — die Lungen sind in einer Stunde Sülze, wenn das Gegenmittel nicht bald kommt.«

Die wachsende Angst, die in ihren Eingeweiden, ihrem Herzen und ihrem Kopf pochte, ließ ihre Worte fast gerinnen: »Dringt es auch durch die Plazentaschranke?«

Er schwieg zu lange, bevor er sagte: »Ich bin mir nicht sicher. Muß den Doktor fragen. Ich habe nur die Wirkungen auf junge Männer gesehen.«

Wieder packte ihn ein Krampf tiefen Hustens, der nicht aufhören wollte.

Eines von Graf Piotrs Dienstmädchen kam, zerzaust und erschrocken, um Cordelia und dem entsetzten jungen Wächter zu helfen, der ihnen beigestanden war. Ein anderer Wächter kam, um zu berichten, und rief durch das laufende Wasser: »Wir haben die Residenz erreicht, Sir. Sie haben einige Leute losgeschickt.«

Cordelias eigene Kehle, Bronchien und Lungen begannen einen übel schmeckenden Schleim auszuscheiden: sie hustete und spuckte aus. »Hat jemand Drou gesehen?«

»Ich glaube, sie war hinter den Attentätern her.«

»Nicht ihre Aufgabe. Wenn ein Alarm ertönt, dann soll sie zu Cordelia rennen«, knurrte Vorkosigan. Das Sprechen löste noch mehr Husten aus.

»Sie war unten, Sir, als der Angriff stattfand, bei Koudelka. Sie sind beide zur Hintertür hinaus.«

»Verdammt«, murmelte Vorkosigan, »das ist auch nicht seine Aufgabe.« Seine Anstrengung wurde mit einem neuen Hustenanfall bestraft. »Haben sie jemand geschnappt?«

»Ich glaube schon, Sir. Es gab irgendeinen Tumult am Ende des Gartens, an der Mauer.«

Sie standen einige weitere Minuten unter dem Wasser, bis der Wächter sich wieder meldete: »Der Doktor von der Residenz ist hier, Sir.«

Das Dienstmädchen hüllte Cordelia in einen Bademantel, Vorkosigan wickelte sich ein Badetuch um und knurrte den Wächter an: »Hol mir was zum Anziehen, Mann!« Seine Stimme rasselte wie Schottersteine.

Ein Mann in mittlerem Alter, dessen Haare steif in die Luft standen und der zur Hose eine Pyjamajacke und Hauspantoffeln trug, lud im Gästeschlafzimmer Geräte ab, als sie aus der Dusche kamen. Er nahm einen Druckkanister aus seiner großen Tasche und befestigte daran eine Atemmaske, dabei schaute auf Cordelias sich rundenden Unterleib und dann auf Vorkosigan.

»Mylord, sind Sie sicher bezüglich der Bestimmung des Gases?«

»Unglücklicherweise ja. Es war Soltoxin.«

Der Doktor neigte den Kopf: »Es tut mir leid, Mylady.«

»Schadet das meinem …« Sie würgte an dem Schleim.

»Schweigen Sie und geben Sie es ihr«, fauchte Vorkosigan.

Der Doktor setzte ihr die Maske über Nase und Mund. »Atmen Sie tief. Einatmen … ausatmen. Weiter ausatmen. Jetzt einatmen. Anhalten …«

Das Gegengiftgas hatte einen frischen Geschmack, kühler, aber fast ebenso ekelerregend wie das ursprüngliche Gift. Ihr Magen rebellierte, aber er hatte nichts mehr, das er von sich geben konnte. Sie blickte über die Maske zu Vorkosigan, der sie anschaute, und sie versuchte, beruhigend zu lächeln. Die Wirkung des Giftes schien bei ihm zuzunehmen: er schien grauer und gequälter mit jedem Atemzug, den sie tat. Sie war sich sicher, daß er eine größere Dosis abbekommen hatte als sie, und deshalb schob die die Maske beiseite und sagte: »Bist nicht jetzt du an der Reihe?«

Der Doktor drückte die Maske wieder zurück und sagte: »Noch einen weiteren Zug, Mylady, um sicherzugehen.« Sie inhalierte tief, und der Doktor brachte die Maske zu Vorkosigan, der keine Anleitung für die Prozedur zu brauchen schien.

»Vor wievielen Minuten ging das Gift los?«, fragte der Arzt besorgt.

»Ich bin mir nicht sicher. Hat jemand sich die Zeit gemerkt? Sie, ach …«

Sie hatte den Namen des jungen Wächters vergessen.

»Vor etwa fünfzehn oder zwanzig Minuten, glaube ich, Mylady.«

Die Erleichterung des Arztes war spürbar. »Dann dürfte es jetzt in Ordnung sein. Sie beide werden für ein paar Tage ins Krankenhaus gehen. Ich arrangiere den Transport. War sonst noch jemand dem Gift ausgesetzt?« fragte er den Wächter.

»Doktor, warten Sie.« Der Arzt hatte schon den Kanister und die Maske wieder an sich genommen und war auf dem Weg zur Tür. »Was wird dieses … Soltoxin meinem Baby antun?«

Er wich ihrem Blick aus. »Das weiß niemand. Bisher hat noch keiner dieses Gift überlebt ohne sofortige Behandlung mit dem Gegenmittel.«

Cordelia spürte, wie ihr Herz klopfte. »Aber vorausgesetzt, die Behandlung …« Ihr gefiel sein mitleidiger Blick nicht, deshalb wandte sie sich an Vorkosigan: »Ist das …«, aber das Wort blieb ihr im Hals stecken, als sie sein Gesicht sah: bleiern grau, durchzuckt von Schmerz und aufkommendem Zorn, das Gesicht eines Fremden mit den Augen eines Liebenden, die endlich ihrem Blick begegneten.

»Sagen Sie es ihr«, flüsterte er dem Arzt zu, »ich kann es nicht.«

»Müssen wir sie beunruhigen?«

»Jetzt. Bringen Sie’s hinter sich.« Seine Stimme klang brüchig und krächzend.

»Das Problem ist das Gegenmittel, Mylady«, sagte der Arzt zögernd. »Es ist ein starkes Teratogen. Zerstört die Knochenentwicklung im heranwachsenden Fötus. Ihre Knochen sind schon ausgewachsen, deshalb macht es Ihnen nichts, abgesehen von einer erhöhten Neigung zu arthritischen Störungen, die man behandeln kann … falls und sobald sie auftreten …« Er verstummte, als sie ihre Augen schloß und ihn nicht mehr anblickte.

»Ich muß den Wächter in der Halle sprechen«, fügte der Arzt hinzu.

»Gehen Sie, gehen Sie!«, erwiderte Vorkosigan und entließ ihn. Der Arzt zog sich durch die Tür nach draußen zurück, vorbei an dem Wächter, der mit Vorkosigans Kleidern eintraf.

Cordelia öffnete ihre Augen wieder, zu Vorkosigan gewandt, und sie blickten einander an.

»Der Ausdruck auf deinem Gesicht …«, flüsterte er, »das ist nicht … Weine! Wüte! Tu etwas!« Seine Stimme wurde rauh und heiser. »Hasse mich wenigstens!«

»Ich kann noch nichts fühlen«, erwiderte sie flüsternd, »morgen vielleicht.« Jeder Atemzug brannte wie Feuer.

Mit einem gemurmelten Fluch zog er sich die Kleider über, eine Garnitur der grünen Interimsuniform. »Ich kann etwas tun.«

Es war das Gesicht des Fremden, das das seine besetzt hielt. Worte hallten hohl in ihrem Gedächtnis wider: Wenn der Tod eine Uniform trüge, dann würde er genau so aussehen.

»Wohin gehst du?«

»Nachsehen, wen Koudelka geschnappt hat.« Sie folgte ihm durch die Tür. »Du bleibst hier«, befahl er.

»Nein.«

Er blickte zornig zu ihr zurück, und sie fegte den Blick mit einer ebenso wilden Geste zur Seite, als pariere sie einen Schwerthieb. »Ich gehe mit dir.«

»Also, dann komm.« Er drehte sich mit einem Ruck um und ging auf die Treppe zum Erdgeschoß zu, den Rücken zornig gestrafft.

»Du wirst doch nicht«, flüsterte sie grimmig, nur für ihn hörbar, »jemanden in meiner Gegenwart umbringen.«

»Werde ich das nicht?«, flüsterte er zurück. »Werde ich nicht?« Seine Schritte waren heftig, die nackten Füße quietschten auf den Steinstufen.

In der großen Eingangshalle herrschte Chaos: sie war voll von ihren Wachen, Männern in der Livree des Grafen und Sanitätern. Ein Mann in der schwarzen Arbeitsuniform der Nachtwachen, von dem Cordelia nicht erkennen konnte, ob er noch lebte, lag auf dem Mosaikboden, zu seinen Häupten stand ein Sanitäter. Beide waren vom Regen durchnäßt und mit Schlamm beschmiert. Mit Blut vermischtes Wasser bildete kleine Pfützen unter ihnen.

Oberstleutnant Illyan kam gerade mit einem Adjutanten zur Vordertür herein, in seinem Haar glitzerten Wassertropfen von dem nebligen Nieselregen. Er sagte: »Laßt mich wissen, sobald die Techniker mit dem Kirlian-Detektor hier sind. In der Zwischenzeit soll sich jeder von der Wand da und aus dem Durchgang fernhalten. Mylord!«, rief er, als er Vorkosigan erblickte. »Gott sei Dank, Sie sind in Ordnung!«

Vorkosigan knurrte wortlos in tiefer Kehle. Ein Haufen Männer umringte den Gefangenen, der mit dem Gesicht zur Wand lehnte, eine Hand hielt er über seinem Kopf, die andere steif an der Seit seltsam abgewinkelt.

Droushnakovi stand in der Nähe, in einem nassen Nachthemd. Eine metallene Armbrust baumelte von ihrer Hand, offensichtlich war dies die Waffe, mit der man die Gasgranate durch das Fenster geschossen hatte.

Sie hatte einen blauen Flecken im Gesicht und stillte mit der anderen Hand ihr Nasenbluten. Auf ihrem Nachthemd waren vereinzelte Blutflecken. Auch Koudelka war anwesend, auf sein Schwert gestützt, ein Fuß nachgezogen. Er trug eine nasse und beschmutzte Uniform und Hauspantoffel und blickte säuerlich drein.

»Ich hätte ihn gehabt«, stieß er hervor, offensichtlich einen in Gang befindlichen Streit fortsetzend, »wenn du nicht angerannt gekommen wärst und mir zugerufen hättest …«

»Ach, wirklich!«, gab Droushnakovi zurück. »Nun gut, entschuldige, aber ich seh’ das nicht so. Mir scheint, er hatte dich gepackt und flach auf den Boden gelegt. Wenn ich nicht gesehen hätte, wie seine Beine die Mauer hinaufkletterten …«

»Haltet die Klappe! Da kommt Lord Vorkosigan!«, zischte ein anderer Wächter. Die Männer drehten sich um und traten vor ihm zurück.

»Wie ist er hereingekommen?«, begann Vorkosigan und hielt dann inne.

Der Mann trug die schwarze Arbeitsuniform des Militärs. »Sicherlich keiner von Ihren Leuten, Illyan!« Seine Stimme knirschte wie Metall auf Stein.

»Mylord, wir mußten ihn lebend bekommen, damit wir ihn verhören können«, sagte Illyan unsicher neben Vorkosigans Schulter, halb hypnotisiert durch denselben Blick, vor dem die Wachen zurückgewichen waren. »Vielleicht steckt mehr in dieser Verschwörung. Man kann nicht …«

Der Gefangene drehte sich um und wendete seinen Fängern das Gesicht zu. Einer der Wächter sprang vor, um ihn wieder in die Stellung an die Wand zu schieben, aber Vorkosigan winkte ihm, beiseite zu treten. Da Cordelia in diesem Augenblick hinter ihrem Mann stand, konnte sie Vorkosigans Gesicht nicht sehen, aber seine Schultern verloren ihre mörderische Spannung und der Zorn verschwand aus seinem Rückgrat und hinterließ nur ein Rinnsal von Schmerz. Das verzerrte Gesicht über dem schwarzen Kragen gehörte Evon Vorhalas.

»Ach, doch nicht sie beide«, stöhnte Cordelia.

Haß ließ Vorhalas stoßweise atmen, als er sein beabsichtigtes Opfer wütend anstarrte. »Du Scheißkerl, Du schlangenkalter Scheißkerl. Sitzt da kalt wie Stein, während sie ihm den Kopf abschlagen. Hast du da was gefühlt? Oder haben Exzellenz es genossen? Ich habe mir damals geschworen, ich werde dich umlegen.«

Es herrschte ein langes Schweigen, dann lehnte sich Vorkosigan nahe neben ihn und stützte sich mit einem Arm neben Vorhalas Kopf auf der Wand ab. Er flüsterte heiser: »Du hast mich verfehlt, Evon.«

Vorhalas spie ihm ins Gesicht, der Speichel war blutig von den Verletzungen seines Mundes. Vorkosigan machte keine Anstalten, sich abzuwischen. »Du hast meine Frau verfehlt«, fuhr er in einem langsamen, weichen Tonfall fort. »Aber du hast meinen Sohn getroffen. Hast du von süßer Rache geträumt? Du hast sie. Schau auf ihre Augen, Evon. Ein Mann könnte ertrinken in diesen meergrauen Augen. Ich werde für den Rest meines Lebens jeden Tag auf sie schauen. Also verschlinge deine Rache, Evon. Trinke sie. Hätschle sie. Hüll dich in sie während der Nachtwachen. Sie gehört dir. Ich vermache sie dir ganz. Ich habe mich an ihr schon vollgefressen bis zum Überdruß und habe jede Lust daran verloren.«

Vorhalas schaute da zum erstenmal an Vorkosigan vorbei auf Cordelia.

Sie dachte an das Kind in ihrem Leib, dessen zartes Skelett aus jungen, noch knorpeligen Knochen vielleicht schon jetzt zu faulen, sich zu krümmen und aufzulösen begann, aber sie konnte Vorhalas nicht hassen, obwohl sie es einen Augenblick lang versuchte. Sie konnte ihn nicht einmal als rätselhaft empfinden. Sie hatte ein Gefühl wie das zweite Gesicht, daß sie direkt in seinen verwundeten Geist schauen konnte, wie Ärzte mit ihren diagnostischen Sichtgeräten in einen verwundeten Körper schauen. Jede Verzerrung und Träne und emotionale Schramme, jedes junge Geschwür von Groll, das aus ihnen wuchs, und vor allem die große, klaffende Wunde von seines Bruders Tod erschienenen rot gesäumt vor ihrem geistigen Auge.

»Er hat es nicht genossen, Evon«, sagte sie. »Was hätten Sie denn von ihm gewollt? Wissen Sie das überhaupt?«

»Ein bißchen menschliches Erbarmen«, knurrte er. »Er hätte Carl retten können. Selbst dann hätte er es noch gekonnt. Ich dachte zuerst, deshalb sei er gekommen.«

»O Gott«, sagte Vorkosigan. Er wirkte todunglücklich angesichts der aufblitzenden Vision von Aufstieg und Fall der Hoffnungen, die diese Worte hervorriefen. »Ich spiele nicht Theater mit dem Leben von Menschen, Evon!«

Vorhalas hielt seinen Haß wie einen Schild vor sich: »Fahr doch zur Hölle!«

Vorkosigan seufzte und stieß sich von der Wand ab. Der Arzt drückte sich bei ihnen herum, um sie in das wartende Fahrzeug zu bugsieren, das sie zum Kaiserlichen Militärkrankenhaus bringen sollte. »Führen Sie ihn ab, Illyan«, sagte Vorkosigan müde.

»Warten Sie«, sagte Cordelia. »Ich muß es wissen — ich muß ihn etwas fragen.« Vorhalas betrachtete sie düster. »Haben Sie dieses Ergebnis beabsichtigt? Ich meine, als Sie diese spezielle Waffe auswählten? Dieses besondere Gift?«

Er blickte von ihr weg und sprach zu der Wand am anderen Ende: »Es war das, was ich mitnehmen konnte, als ich das Waffenlager durchsuchte. Ich dachte nicht daran, daß ihr es identifizieren und das Gegenmittel rechtzeitig vom Kaiserlichen Militärkrankenhaus bekommen könntet …«

»Sie befreien mich von einer großen Last«, flüsterte sie.

»Das Gegenmittel kam von der Kaiserlichen Residenz«, erklärte Vorkosigan. »Nur ein Viertel der Entfernung. Die Krankenstation des Kaisers dort hat alles. Und was die Identifikation angeht … Ich war damals dabei, bei der Niederschlagung der karianischen Meuterei. Etwa in deinem Alter, glaube ich, oder noch etwas jünger. Der Geruch brachte mir alles in Erinnerung, gerade jetzt. Jungen, die ihre Lungen in roten Klumpen heraushusteten …«

Er schien in sich selber zurückzuweichen, in die Vergangenheit.

»Ich hatte Ihren Tod nicht speziell beabsichtigt. Sie waren nur im Weg, zwischen mir und ihm.« Vorhalas wies blind auf ihren sich wölbenden Unterleib. »Das war nicht das Ergebnis, das ich beabsichtigte. Ich hatte vor, ihn zu töten. Ich wußte nicht einmal sicher, daß ihr nachts im gleichen Zimmer schlaft.« Er schaute jetzt überallhin, nur nicht in ihr Gesicht. »Ich dachte nie an den Tod Ihres …«

»Schauen Sie mich an«, sagte sie heiser, »und sprechen Sie das Wort laut aus.«

»Babys«, flüsterte er und brach plötzlich in heftiges Schluchzen aus.

Vorkosigan trat zurück. »Ich wünsche, du hättest das nicht getan«, flüsterte er. »Das erinnert mich an seinen Bruder. Warum bin ich der Tod dieser Familie?«

»Willst du immer noch, daß er seine Rache verschlingt?«

Er lehnte seine Stirn kurz auf ihre Schulter. »Nicht einmal das. Du machst uns alle leer, lieber Captain. Aber, oh …« Er streckte seine Hand aus, als wollte er sie über ihrem Leib wölben, zog sie aber dann zurück, als er sich des Kreises schweigender Zuschauer um sie herum bewußt wurde. Er richtete sich auf. »Bringen Sie mir am Morgen einen kompletten Bericht, Illyan«, sagte er, »ins Krankenhaus.«

Er nahm sie beim Arm, als sie sich umwandten, um dem Arzt zu folgen. Sie konnte nicht unterscheiden, ob er damit sie oder sich selbst stützen wollte.

Sie war im Komplex des Kaiserlichen Militärkrankenhauses von Helfern umgeben und wurde dahingetragen wie auf einem Fluß. Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter, Wachen. Aral wurde von ihr an der Tür getrennt, und das machte sie unsicher und allein in der Menge. Sie sprach sehr wenig mit ihnen, nur leere Höflichkeitsfloskeln, die sie automatisch benutzte wie irgendwelche Hebel. Sie wünschte sich, daß ein Schock ihr das Bewußtsein nähme, oder Betäubung, wirklichkeitsverneinender Wahnsinn, Halluzinationen, irgend etwas. Statt dessen fühlte sie sich nur müde.

Das Baby bewegte sich in ihr, flatternd, in knetenden Wendungen, offensichtlich war das teratogene Gegenmittel ein sehr langsam wirkendes Gift. Ihnen beiden war noch ein bißchen Zeit zusammen vergönnt, so schien es, und sie liebte ihr Kind durch ihre Haut hindurch, ihre Fingerspitzen bewegten sich in einer langsamen Massage über ihrem Unterleib. Willkommen, mein Sohn, auf Barrayar, dein Wohnsitz von Kannibalen, diese Welt hat nicht einmal die üblichen achtzehn oder zwanzig Jahre gewartet, um dich aufzufressen. Dieser gefräßige Planet.

Sie wurde in ein luxuriöses Privatzimmer gelegt, in einem VIP-Flügel, der hastig für ihren exklusiven Gebrauch geräumt worden war. Sie war erleichtert, als sie entdeckte, daß Vorkosigan genau auf der anderen Seite des Korridors einquartiert worden war. Schon in den grünen Armeeschlafanzug gekleidet, kam er sofort herüber, um zu beobachten, wie sie ins Bett gesteckt wurde. Sie lächelte ihm verhalten entgegen, versuchte aber nicht, sich aufzusetzen. Die Macht der Schwerkraft zog sie hinab in den Mittelpunkt der Welt. Nur die Festigkeit des Bettes, des Gebäudes, der Kruste des Planeten hielt sie gegen die Schwerkraft hoch, keineswegs ihr eigener Wille.

Hinter Vorkosigan kam ein besorgter Sanitäter, der sagte: »Erinnern Sie sich daran, Sir, versuchen Sie so wenig wie möglich zu sprechen, bevor nicht der Doktor Gelegenheit hatte, Ihre Kehle zu spülen.«

Das graue Licht der Morgendämmerung ließ die Fenster bleich erscheinen. Vorkosigan setzte sich auf den Rand des Bettes, nahm ihre Hand und rieb sie sanft. »Du fühlst dich kalt an, lieber Captain«, flüsterte er heiser. Sie nickte. Ihr Brustkorb schmerzte, ihre Kehle war wund und ihre Stirnhöhlen brannten.

»Ich hätte mich nie dazu überreden lassen sollen, diese Aufgabe zu übernehmen«, fuhr er fort, »es tut mir so leid …«

»Auch ich habe dich dazu überredet. Du hast versucht, mich zu warnen. Es ist nicht deine Schuld. Es erschien richtig für dich. Es ist richtig.«

Er schüttelte den Kopf: »Sprich nicht! Das beschädigt das Gewebe der Stimmbänder.«

Sie machte sich Luft in einem freudlosen »Ha!« und legte einen Finger über die Lippen, als er wieder zu sprechen anfing. Er nickte, gab es auf und sie schauten einander einige Zeit einfach nur an. Er schob ihre wirren Haare zärtlich aus ihrem Gesicht, und sie ergriff seine bereite Hand, um sie als Trost gegen ihre Wange zu pressen, bis er von einer Schar von Ärzten und Technikern aufgespürt und zu einer Behandlung fortgebracht wurde. »Wir werden bald zu Ihnen zurückkommen, Mylady«, versprach ihr Anführer drohend.

Sie kehrten nach einer Weile zurück, ließen sie mit einer ekligen rosafarbenen Flüssigkeit gurgeln und in eine Maschine atmen, darauf polterten sie wieder hinaus. Eine Krankenschwester brachte ihr ein Frühstück, das sie nicht anrührte. Dann betrat ein Komitee grimmig dreinblickender Ärzte ihr Zimmer.

Derjenige, der in der Nacht von der Kaiserlichen Residenz gekommen war, sah jetzt elegant und gepflegt aus und trug adrette Zivilkleidung. Ihr persönlicher Leibarzt war flankiert von einem jüngeren Mann mit schwarzen Augenbrauen in grüner Armeeuniform mit den Rangabzeichen eines Hauptmanns an seinem Kragen. Sie blickte auf die drei Gesichter und fühlte sich an Zerberus erinnert.

Ihr Leibarzt stellte den Fremden vor: »Das hier ist Hauptmann Vaagen von der Forschungsabteilung des Kaiserlichen Militärkrankenhauses. Er ist unser hiesiger Experte für militärische Gifte.«

»Um sie zu erfinden, Herr Hauptmann, oder nach ihrem Einsatz wieder alles in Ordnung zu bringen?«, fragte Cordelia.

»Beides, Mylady.« Er stand in einer Art aggressiver RührtEuch-Haltung da.

Ihr eigener Arzt hatte um seine Augen einen Ausdruck wie jemand, der das schlechteste Los gezogen hat, obwohl er mit den Lippen lächelte.

»Seine Exzellenz der Regent hat mich gebeten, Sie über den Ablauf der Behandlungen und so weiter zu informieren. Ich fürchte«, er räusperte sich, »daß es das beste wäre, wenn wir die Abtreibung an erste Stelle setzten. Es ist in Ihrer Schwangerschaft schon ungewöhnlich spät dafür, und es wäre auch für Ihre Genesung gut, wenn wir Sie möglichst schnell von der physiologischen Belastung befreiten.«

»Kann man da nichts machen?«, fragte sie ohne Hoffnung und konnte die Antwort schon auf ihren Gesichtern lesen.

»Ich fürchte, nein«, sagte ihr Arzt bedrückt. Der Mann von der Kaiserlichen Residenz nickte zustimmend.

»Ich habe die Literatur durchsucht«, sagte der Hauptmann unerwarteterweise, während er aus dem Fenster blickte, »und da gab es dieses Kalzium-Experiment. Es stimmt, die Ergebnisse, die man dabei erzielte, waren nicht sonderlich ermutigend …«

»Ich dachte, wir sind uns einig gewesen, das nicht zur Sprache zu bringen«, fiel ihm der Mann von der Residenz ungehalten ins Wort.

»Vaagen, das ist grausam«, sagte ihr Leibarzt. »Sie wecken nur falsche Hoffnungen. Sie können die Frau des Regenten nicht zu einem Ihrer unglücklichen Versuchstiere machen für ein paar versuchsweise Schüsse ins Dunkel. Sie haben die Erlaubnis vom Regenten für die Autopsie — belassen Sie es dabei.«

Ihre Welt drehte sich in einer Sekunde wieder mit der richtigen Seite nach oben, als sie in das Gesicht des Mannes mit Ideen blickte. Sie kannte den Typ: halb geeignet, halb bereit, halb erfolgreich, von einer Monomanie zu anderen flatternd wie eine Biene, die Blumen bestäubte, wenig Früchte einbringend, aber Samen hinter sich zurücklassend. Sie persönlich bedeutete ihm nichts, war nur Rohmaterial für eine Monographie. Die Risiken, die sie auf sich nahm, erschreckten seine Vorstellungskraft nicht, sie war für ihn keine Person, sondern ein Krankheitsfall. Sie lächelte ihn an, langsam, wild, und wußte nun, daß er für sie ein Verbündeter im gegnerischen Lager war.

»Wie steht’s mit Ihnen, Dr. Vaagen? Wie würde es Ihnen gefallen, die Abhandlung Ihres Lebens zu schreiben?«

Der Mann von der Residenz lachte bellend: »Sie hat Sie durchschaut, Vaagen.«

Er lächelte zurück, erstaunt darüber, daß er so schnell verstanden worden war. »Sie sind sich klar darüber, daß ich keine Ergebnisse garantieren kann …«

»Ergebnisse!«, unterbrach ihn ihr Leibarzt. »Mein Gott, Sie sollten sie besser wissen lassen, was Ihre Vorstellung von Ergebnissen ist. Oder ihr die Bilder zeigen — nein, tun Sie das nicht. Mylady«, er wendete sich ihr zu, »die Behandlung, über die er redet, wurde zum letztenmal vor zwanzig Jahren versucht. Sie fügte den Müttern irreparable Schäden zu. Und die Ergebnisse — die allerbesten Ergebnisse, auf die man hoffen könnte, wären ein verdrehter Krüppel. Vielleicht viel schlimmer. Unbeschreiblich viel schlimmer.«

»Mit Qualle ist es ziemlich gut beschrieben«, sagte Vaagen.

»Sie sind ein Unmensch, Vaagen!«, stieß ihr Arzt hervor und blickte auf sie, um das Ausmaß des Schmerzes zu überprüfen.

»Eine lebensfähige Qualle, Dr. Vaagen?«, fragte Cordelia gespannt.

»Mm. Vielleicht«, erwiderte er, gehemmt durch die ärgerlichen Blicke seiner Kollegen. »Aber da gibt es die Schwierigkeit, was mit den Müttern geschieht, wenn die Behandlung in vivo angewendet wird.«

»Also können Sie es nicht in vitro machen?«, stellte Cordelia die offensichtliche Frage.

Vaagen warf ihrem Arzt einen triumphierenden Blick zu. »Es würde sicherlich eine Anzahl möglicher Versuchsmethoden eröffnen, wenn es eingerichtet werden könnte«, murmelte er zur Zimmerdecke.

»In vitro?«, sagte der Arzt von der Residenz verwirrt. »Wie?«

»Was: wie?«, sagte Cordelia. »Ihr habt siebzehn Uterusreplikatoren aus escobaranischer Produktion hier irgendwo in einer Kammer gestapelt, die aus dem Krieg mitgebracht wurden.« Sie wandte sich aufgeregt an Vaagen. »Kennen Sie zufällig einen Dr. Henri?«

Vaagen nickte: »Wir haben zusammengearbeitet.«

»Dann wissen Sie alles über die Replikatoren.«

»Nun ja — nicht exakt alles. Aber … ah … er hat mich in der Tat informiert, daß sie verfügbar sind. Aber verstehen Sie bitte, ich bin kein Geburtshelfer.«

»Das sind Sie gewiß nicht«, sagte ihr Arzt. »Mylady, dieser Mann ist nicht einmal ein Arzt. Er ist nur Biochemiker.«

»Aber Sie sind ein Geburtshelfer«, betonte sie. »Also haben wir dann das ganze Team beisammen. Dr. Henri und … hm … Hauptmann Vaagen hier für Piotr Miles, und Sie für die Übertragung.«

Seine Lippen waren zusammengepreßt, und seine Augen zeigten einen sehr seltsamen Ausdruck. Sie brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, daß dies der Ausdruck von Angst war. »Ich kann die Übertragung nicht durchführen, Mylady«, sagte er. »Ich weiß nicht, wie man das macht. Niemand auf Barrayar hat je eine ausgeführt.«

»Sie raten dann also nicht dazu?«

»Ganz entschieden nicht. Die Möglichkeit eines dauerhaften Schadens … Sie können schließlich in ein paar Monaten neu beginnen, wenn die Schädigung der weichen Gewebe sich nicht auf die … hm … Hoden erstreckt. Sie können neu beginnen. Ich bin Ihr Arzt, und das ist meine wohlüberlegte Meinung.«

»Ja, wenn in der Zwischenzeit nicht jemand anderer Aral umbringt. Ich muß mir ins Gedächtnis rufen, daß dies hier Barrayar ist, wo man den Tod so sehr liebt, daß man Männer begräbt, die noch zucken. Sind Sie bereit, die Operation zu versuchen?«

Der Arzt richtete sich würdevoll auf: »Nein, Mylady. Und das ist endgültig.«

»Also gut.« Sie richtete den Finger auf ihren Arzt: »Sie sind draußen«, dann zeigte sie auf Vaagen: »Sie sind dabei. Sie sind jetzt für diesen Fall verantwortlich. Ich verlasse mich auf Sie, daß Sie einen Chirurgen finden — oder einen Medizinstudenten oder einen Pferdedoktor, oder irgend jemanden, der es versuchen will. Und dann können Sie nach Herzenslust experimentieren.«

Vaagen blickte leicht triumphierend drein, ihr früherer Arzt jedoch wütend: »Wir sollten lieber abwarten, was Seine Exzellenz der Regent sagen wird, bevor Sie seine Frau auf dieser Welle eines kriminell falschen Optimismus davontragen.«

Vaagen sah etwas weniger triumphierend aus.

»Haben Sie vor, jetzt sofort zu ihm hinüberzustürmen?«, fragte Cordelia.

»Es tut mir leid, Mylady«, sagte der Mann von der Residenz, »aber ich glaube, wir sollten diese Sache sofort verwerfen. Sie kennen Hauptmann Vaagens Reputation nicht. Verzeihen Sie, Vaagen, daß ich so offen bin, aber Sie bauen sich Ihr eigenes Imperium auf, und diesmal sind Sie zu weit gegangen.«

»Haben Sie Ambitionen auf ein Forschungsgebäude, Hauptmann Vaagen?«, wollte Cordelia wissen.

Er zuckte die Achseln, eher verlegen als erzürnt, und so wußte sie, daß die Worte des Arztes aus der Residenz zumindest halb wahr waren. Sie faßte Vaagen ins Auge in dem Willen, ihn an Leib, Geist und Seele zu besitzen, vor allem aber am Geist, und sie fragte sich, wie sie am besten seine Vorstellungskraft zu ihrem Dienst anfeuern könnte.

»Sie sollen ein Institut bekommen, wenn Sie dies fertigbringen. Sagen Sie ihm« — sie ruckte mit ihrem Kopf in Richtung des Korridors, auf Arals Zimmer zu —, »daß ich das gesagt habe.«

Sie zogen sich zurück, der eine aus der Fassung gebracht, der andere verärgert, der dritte voller Hoffnungen. Cordelia legte sich wieder im Bett zurück und pfiff eine kleine tonlose Melodie vor sich hin, während ihre Fingerspitzen die langsame Massage ihres Unterleibs fortsetzten. Die Schwerkraft hatte aufgehört zu existieren.

KAPITEL 9

Sie schlief endlich, bis zur Tagesmitte, und erwachte desorientiert. Sie schielte nach dem Nachmittagslicht, das schräg durch die Fenster des Krankenzimmers einfiel. Der graue Regen war vorüber. Sie berührte ihren Bauch, aus Kummer und zur Beruhigung, rollte sich auf die andere Seite und sah Graf Piotr an ihrem Bett sitzen.

Er trug seine Landkleidung: eine alte Uniformhose, ein gewöhnliches Hemd, eine Jacke, die er nur in Vorkosigan Surleau trug. Er mußte direkt zum Kaiserlichen Militärkrankenhaus gekommen sein. Seine dünnen Lippen lächelten ihr besorgt zu. Seine Augen wirkten müde und bekümmert.

»Liebes Mädchen. Du mußt nicht für mich aufwachen.«

»Das ist schon in Ordnung.« Sie zwinkerte, um den verschwommenen Blick ihrer Augen zu klären und fühlte sich dabei älter als der alte Mann.

»Gibt es hier etwas zu trinken?«

Er goß ihr hastig kaltes Wasser aus dem Hahn über dem Bekken neben dem Bett ein und schaute zu, wie sie trank. »Noch mehr?«

»Das reicht. Hast du Aral schon gesehen?«

Er tätschelte ihre Hand. »Ich habe schon mit Aral gesprochen. Er ruht sich jetzt aus. Es tut mir so leid, Cordelia.«

»Es ist vielleicht nicht so schlimm, wie wir zuerst gefürchtet haben. Es gibt noch eine Chance. Eine Hoffnung. Hat Aral dir von dem Uterusreplikator erzählt?«

»Irgend etwas. Aber der Schaden ist sicher schon geschehen. Unwiderruflicher Schaden.«

»Schaden, ja. Wie unwiderruflich er ist, das weiß niemand. Nicht einmal Hauptmann Vaagen.«

»Ja. Ich habe Vaagen kurz vorher getroffen.« Piotr runzelte die Stirn. »Ein streberischer Kerl. Der Typ des Mannes der neuen Zeit.«

»Barrayar braucht seine Männer der neuen Zeit. Und die Frauen. Seine technologisch ausgebildete Generation.«

»O ja. Wir haben gekämpft und geschuftet, um sie zu schaffen. Sie sind unbedingt notwendig. Sie wissen es auch, manche von ihnen.« Ein Anflug von selbstbewußter Ironie machte seinen Mund weich. »Aber die Operation, die du vorschlägst, diese Plazentaübertragung … das klingt nicht allzu sicher.«

»Auf Kolonie Beta wäre es Routine«, sagte Cordelia mit einem Achselzucken. Wir sind natürlich hier nicht auf Kolonie Beta.

»Aber etwas Direkteres, besser Verstandenes — du wärest in der Lage, schon viel eher noch einmal zu beginnen. Auf lange Sicht gesehen, würdest du tatsächlich weniger Zeit verlieren.«

»Zeit … ist es nicht, was ich zu verlieren fürchte.« Ein bedeutungsloser Begriff, wenn sie jetzt daran dachte. Sie verlor 26,7 Stunden an jedem barrayanischen Tag. »Jedenfalls möchte ich das nicht noch einmal durchmachen. Ich lerne nicht langsam, Sir.«

Über sein Gesicht huschte Bestürzung. »Du wirst anders darüber denken, wenn du dich besser fühlst. Was jetzt wichtig ist — ich habe mit Hauptmann Vaagen gesprochen. Er schien nicht daran zu zweifeln, daß großer Schaden entstanden ist.«

»Nun ja. Unbekannt ist nur, ob nicht auch große Wiederherstellung möglich ist.«

»Liebes Mädchen.« Sein besorgtes Lächeln wurde gezwungener. »So ist es. Wenn das Ungeborene nur ein Mädchen wäre … oder sogar ein zweiter Sohn … dann könnten es wir uns leisten, deinen verständlichen, ja sogar lobenswerten mütterlichen Gefühlen nachzugeben. Aber dieses Ding, wenn es denn lebte, wäre eines Tages Graf Vorkosigan. Wir können es uns nicht leisten, einen mißgebildeten Grafen Varkosigan zu haben.« Er lehnte sich zurück, als hätte er gerade ein zwingendes Argument vorgetragen.

Cordelia hob ihre Augenbrauen: »Wer ist ›wir‹?«

»Das Haus Vorkosigan. Wir sind eines der ältesten der großen Häuser auf Barrayar. Vielleicht nie das reichste, selten das stärkste, aber was uns an Wohlstand gefehlt hat, das haben wir an Ehre wettgemacht. Neun Generationen von Vor-Kriegern. Es wäre ein schreckliches Ende, zu dem es nach neun Generationen damit käme. Verstehst du das nicht?«

»Das Haus Vorkosigan besteht zu diesem Zeitpunkt aus zwei Personen, aus dir und Aral«, merkte Cordelia ebenso amüsiert wie beunruhigt an, »und Grafen Vorkosigan haben während eurer Geschichte öfter ein schreckliches Ende genommen. Ihr seid in die Luft gejagt worden, erschossen, ausgehungert, ertränkt, bei lebendigem Leibe verbrannt, enthauptet, von Krankheiten befallen und um den Verstand gebracht. Das einzige, was ihr nie getan habt, war, im Bett zu sterben. Ich dachte, Schrecken wären euer Repertoire.«

Er lächelte gequält zurück: »Aber wir sind nie Mutanten gewesen.«

»Ich glaube, du mußt noch einmal mit Vaagen sprechen. Die Schädigung des Fötus, die er beschrieben hat, war teratogen, nicht genetisch, falls ich ihn richtig verstanden habe.«

»Aber die Leute werden denken, es handle sich um einen Mutanten.«

»Was, zum Teufel, kümmerst du dich darum, was irgendwelche unwissenden Proleten denken?«

»Andere Vor, meine Liebe.«

»Vor und Proleten: sie sind gleicherweise Ignoranten, das versichere ich dir.«

Seine Hand zuckte. Er öffnete seinen Mund, schloß ihn dann wieder, runzelte die Stirn und sagte schärfer als zuvor: »Ein Graf Vorkosigan war auch nie ein Versuchstier in einem Labor.«

»Na siehst du, er dient Barrayar schon, bevor er überhaupt geboren ist. Kein schlechter Start zu einem Leben der Ehre.« Vielleicht würde am Ende etwas Gutes dabei herauskommen, neues Wissen gewonnen: wenn nicht Hilfe für sie selbst, dann für den Kummer anderer Eltern. Je mehr sie darüber nachdachte, um so mehr fühlte sie, daß ihre Entscheidung richtig war, auf mehr als einer Ebene.

Piotr warf den Kopf in den Nacken. »Dafür, daß ihr Betaner so weich erscheint, hast du eine beängstigend kaltblütige Ader in dir.«

»Eine rationale Ader. Rationalität hat ihre Vorteile. Ihr Barrayaraner solltet es einmal mit ihr versuchen.« Sie biß sich auf die Lippe. »Aber ich glaube, wir eilen den Dingen zu weit voraus, Sir. Es gibt eine Menge von« — Gefahren — »Schwierigkeiten, die noch auf uns zukommen. Eine Plazentaübertragung so spät in der Schwangerschaft ist selbst für Galaktiker heikel. Ich gebe zu, ich wünsche mir, es wäre genug Zeit, um einen erfahreneren Chirurgen einfliegen zu lassen. Aber die Zeit haben wir nicht.«

»Ja … ja … es kann noch sterben, du hast recht. Keine Notwendigkeit zu … aber ich fürchte auch um dich, Mädchen. Ist es das wert?«

Was war was wert? Wie konnte sie das wissen? Ihre Lungen brannten. Sie lächelte ihm erschöpft zu und schüttelte den Kopf, der ihr mit engem Druck in den Schläfen und im Hals schmerzte.

»Vater«, kam eine krächzende Stimme von der Tür. Aral lehnte dort, in einem grünen Pyjama und mit einem tragbaren Oxygenerator, der an seiner Nase angeschlossen war. Wie lange war er dort gestanden? »Ich glaube, Cordelia braucht Ruhe.«

Ihre Blicke trafen sich, über Piotr. Alles Gute, Liebster …

»Ja, natürlich.« Graf Piotr raffte sich zusammen und erhob sich mit knirschenden Gelenken. »Es tut mir leid, du hast völlig recht.« Er drückte Cordelias Hand noch einmal mit seinem trokkenen Altmännergriff. »Schlafe. Du wirst später klarer denken können.«

»Vater!«

»Du solltest dich doch nicht außerhalb des Bettes aufhalten, nicht wahr?«, sagte Piotr abgelenkt. »Geh zurück und leg dich hin, Junge …« Seine Stimme entfernte sich im Korridor.

Aral kam später zurück, als Graf Piotr endgültig gegangen war.

»Hat Vater dich beunruhigt?«, fragte er mit grimmigem Blick. Sie streckte die Hand nach ihm aus, und er setzte sich neben ihr nieder. Sie hob den Kopf vom Kissen und legte ihn in Arals Schoß, mit ihrer Wange auf dem muskulösen Bein unter dem dünnen Pyjama, und Aral streichelte ihr Haar.

»Nicht mehr als sonst«, seufzte sie.

»Ich befürchtete, daß er dich aufregt.«

»Es ist nicht so, daß ich nicht aufgeregt wäre. Ich bin einfach zu müde, um im Korridor hin- und herzurennen und zu schreien.«

»Aha. Er hat dich also aufgeregt.«

»Ja.« Sie zögerte. »In gewisser Weise hat er recht. Ich hatte so lange Angst und wartete auf den Schlag, von irgendwo her, von nirgendwo her, egal, von wo her. Dann kam die gestrige Nacht, und das Schlimmste war geschehen, vorbei … ausgenommen, daß es noch nicht vorbei ist. Wenn der Schlag vollständiger gewesen wäre, dann könnte ich jetzt aufhören, aufgeben. Aber das wird weiter und immer weiter gehen.« Sie rieb ihre Wange an dem Stoff. »Hat Illyan irgendwas Neues berichtet? Ich dachte, ich hätte seine Stimme dort draußen gehört, vorhin.«

Seine Hand fuhr fort, ihr Haar in einem gleichmäßigen Rhythmus zu streicheln. »Er hat die vorläufige Schnell-PentaVernehmung von Evon Vorhalas abgeschlossen. Er untersucht jetzt das alte Waffenlager, wo Evon das Soltoxin gestohlen hat. Es sieht so aus, als hätte sich Evon nicht so ad hoc auf sich allein gestellt ausrüsten können, wie er behauptet. Ein Waffenmajor, der dort verantwortlich war, ist verschwunden, unerlaubte Entfernung von der Truppe. Illyan ist sich noch nicht sicher, ob der Mann eliminiert wurde, um Evon den Weg freizumachen, oder ob er tatsächlich Evon geholfen hat und dann untergetaucht ist.«

»Vielleicht hat er nur Angst. Falls es ein Pflichtversäumnis war.«

»Er sollte wohl Angst haben. Wenn er diese Sache in irgendeiner Weise bewußt begünstigt hat …« Seine Hand ballte sich in ihrem Haar zusammen, und als er sich dessen bewußt wurde, murmelte er: »Verzeih!« und fuhr fort, sie zu liebkosen. Cordelia, die sich ganz wie ein verletztes Tier fühlte, kroch tiefer in seinen Schoß, ihre Hand auf seinem Knie.

»Was Vater anlangt — wenn er dich wieder aufregt, dann sende ihn zu mir. Du solltest dich nicht mit ihm befassen müssen. Ich habe ihm gesagt, daß es deine Entscheidung war.«

»Meine Entscheidung?« Ihre Hand ruhte bewegungslos. »Nicht unsere Entscheidung?«

Er zögerte. »Was immer du willst, ich unterstütze dich.«

»Aber was willst du? Etwas, das du mir nicht sagst?«

»Ich kann es nicht ändern, ich verstehe seine Ängste. Aber … da gibt es noch etwas, das ich noch nicht mit ihm besprochen habe, und über das ich auch nicht mit ihm sprechen werde. Zum zweiten Kind werden wir vielleicht nicht so leicht kommen wie zum ersten.«

Leicht? Das nennst du leicht?

Er fuhr fort: »Einer der weniger bekannten Nebeneffekte einer Soltoxin-Vergiftung ist eine testikulare Schädigung, im Mikrobereich. Sie könnte die Zeugungsfähigkeit bis zum Punkt Null reduzieren. Warnt mich zumindest der Arzt, der mich untersucht hat.«

»Unsinn«, sagte Cordelia. »Alles, was man braucht, sind irgendwelche zwei Körperzellen und ein Replikator. Wenn nach der nächsten Bombe dein kleiner Finger und meine große Zehe alles sind, was man von uns von der Wand abkratzt, dann könnte man davon bis ins nächste Jahrhundert kleine Vorkosigans reproduzieren. So viele davon, wie die uns Überlebenden meinen, sich leisten zu können.«

»Aber nicht auf natürliche Weise. Nicht ohne Barrayar zu verlassen.«

»Oder Barrayar zu verändern. Verdammt!« Seine Hand zuckte zurück, so bissig war ihr Ton. »Wenn ich nur darauf bestanden hätte, von Anfang an den Replikator zu benutzen, dann wäre das Baby nie dem Risiko ausgesetzt gewesen. Ich wußte, daß es sicherer war, ich wußte, daß es den Replikator gab …« Ihre Stimme versagte.

»Pst, pst. Wenn ich nur … nicht das Amt angenommen hätte. Dich in Vorkosigan Surleau gelassen hätte. Diesen mörderischen Idioten Carl um Gottes willen begnadigt hätte. Wenn wir nur in getrennten Räumen geschlafen hätten …«

»Nein!« Ihre Hand ballte sich auf seinem Knie. »Und ich weigere mich, in den nächsten fünfzehn Jahren in einem Luftschutzbunker zu leben. Aral, dieser Planet muß sich ändern. Das ist unerträglich.«

Wenn ich doch nur nie hierhergekommen wäre.

Wenn doch nur … Wenn doch nur … Wenn doch nur …

Monitore, ein Operationstisch mit einem Auffangbecken darunter, ein Techniker, der einen Tank mit einer sprudelnden klargelben Flüssigkeit überprüfte. Das war nicht, sagte sie sich unnachgiebig, der Punkt ohne Wiederkehr. Das war einfach der nächste logische Schritt.

Hauptmann Vaagen und Dr. Henri standen in sterilisierter Kleidung auf der anderen Seite des Operationstisches und warteten. Neben ihnen befand sich der tragbare Uterusreplikator, ein Kanister aus Metall und Plastik von einem halben Meter Höhe, versehen mit Bedienungsfeldern und Zugangsöffnungen. Die Lichter an seinen Seiten glühten grün und bernsteingelb. Er war gereinigt und sterilisiert worden, seine Nährmittel- und Sauerstofftanks waren aufgeladen und bereit … Cordelia betrachtete den Replikator mit tiefer Erleichterung. Die primitive barrayaranische Art der Schwangerschaft nach dem Motto ›Zurück zu den Affen!‹ war doch nichts anderes als die totale Niederlage der Vernunft im Kampf mit der Emotion. Sie hatte so sehr gewünscht, zu gefallen, sich anzupassen, zu versuchen, barrayaranisch zu werden … Und jetzt bezahlt mein Kind den Preis. Nie wieder!

Dr. Ritter, der Chirurg, war groß und dunkelhaarig, mit olivbrauner Haut und langen, schlanken Händen. Cordelia hatte seine Hände von dem ersten Augenblick an gemocht, als sie sie sah. Sie waren zuverlässig.

Ritter und eine medizinisch-technische Assistentin nahmen über dem Operationtisch ihre Plätze ein und schoben das Schwebebett unter ihr weg, Dr. Ritter lächelte ihr beruhigend zu. »Sie sind in großartiger Verfassung.«

Natürlich bin ich in guter Verfassung, wir haben ja noch nicht mal angefangen, dachte Cordelia gereizt. Dr. Ritter war spürbar nervös, obwohl die Spannung irgendwie an seinen Ellbogen aufhörte. Der Chirurg war ein Freund von Vaagen, den Vaagen zur dieser Aufgabe gedrängt hatte, nachdem sie einen ganzen Tag damit verbracht hatten, eine Liste erfahrener Männer durchzugehen, die es abgelehnt hatten, diesen Fall anzunehmen.

Vaagen hatte es Cordelia erklärt: »Wie bezeichnet man vier riesige Schläger mit Knüppeln in einer dunklen Gasse?«

»Wie denn?«

»Kunstfehlerprozeß eines Vor-Lords.« Er hatte dabei gekichert. Vaagens Humor war ätzend und rabenschwarz. Cordelia hätte ihn dafür umarmen können. Er war der einzige gewesen, der in den letzten drei Tagen in ihrer Gegenwart Witze gemacht hatte, möglicherweise war er der vernünftigste und ehrlichste Mensch, dem sie seit dem Weggang von Kolonie Beta begegnet war. Sie war froh, daß er hier zugegen war.

Man rollte sie auf die Seite und berührte ihr Rückgrat mit dem medizinischen Betäuber. Ein Krabbeln, und ihre kalten Füße fühlten sich plötzlich warm an. Ihre Beine wurden abrupt schlaff, wie Beutel mit Schweineschmalz.

»Können Sie das spüren?«, fragte Dr. Ritter.

»Was spüren?«

»Gut.« Er nickte der Assistentin zu, und sie legten sie wieder in die Ausgangslage. Die Assistentin machte Cordelias Bauch frei und schaltete das Sterilisierfeld ein. Der Chirurg tastete sie ab und überprüfte mit Hilfe der Holovid-Monitore die genaue Lage des Kindes im Mutterleib.

»Sind Sie sicher, daß Sie während der ganzen Sache nicht lieber schlafen möchten?«, fragte Dr. Richter sie zum letztenmal.

»Nein. Ich möchte zusehen. Da wird mein erstes Kind geboren.«

Vielleicht wird mein einziges Kind geboren.

Er lächelte matt: »Tapferes Mädchen.«

Mädchen, zum Teufel, ich bin älter als Sie. Sie spürte, daß Dr. Ritter allerdings lieber unbeobachtet wäre.

Dr. Ritter hielt inne und blickte sich noch einmal in der Runde um, als ob er in Gedanken auf einer Prüfliste seine Geräte und Leute als bereit abhakte. Und seinen Willen und seine Nerven, vermutete Cordelia.

»Los, Ritter, guter Mann, bringen wir’s hinter uns«, sagte Vaagen und klopfte ungeduldig mit seinen Fingern. Sein Ton war eine eigenartige Mischung, ein leichter sarkastischer anstachelnder Klang über der zugrundeliegenden Wärme echter Ermutigung. »Meine Untersuchungen zeigen, daß die Auflösung der Knochen schon im Gange ist. Wenn sie zu weit fortschreitet, dann bleibt mir keine Gewebesubstanz mehr für den Neuaufbau übrig. Schneiden Sie jetzt und kauen Sie an Ihren Nägeln später.«

»Kauen Sie an Ihren eigenen Nägeln, Vaagen«, sagte der Chirurg freundlich. »Stupsen Sie noch einmal meinen Ellbogen, und ich lasse meine Assistentin Ihnen ein Spekulum in den Rachen stecken.«

Sehr alte Freunde, urteilte Cordelia. Aber der Chirurg hob seine Hände, holte Atem und griff nach seinem Vibra-Skalpell und dann schnitt er mit einer perfekt geführten Bewegung ihren Bauch auf. Die Assistentin folgte seiner Bewegung geschmeidig mit dem chirurgischen Handtraktor und klemmte die Blutgefäße ab, es entwich nur sehr wenig Blut. Cordelia fühlte Druck, aber keinen Schmerz. Weitere Schnitte legten ihre Gebärmutter frei.

Eine Plazentaübertragung war weitaus schwieriger als ein ganz normaler Kaiserschnitt. Die empfindliche Plazenta mußte chemisch und hormoneil dazu gebracht werden, sich aus der an Blutgefäßen reichen Gebärmutter zu lösen, ohne daß dabei zu viele ihrer zahlreichen winzigen Zotten beschädigt wurden, dann mußte sie von der Gebärmutterwand in einem laufenden Bad einer stark mit Sauerstoff angereicherten Nährlösung losgeschwemmt werden. Danach mußte der Replikatorschwamm zwischen die Plazenta und die Gebärmutterwand geschoben und die Plazentazotten zumindest teilweise dazu angeregt werden, sich mit ihrer neuen Matrix zu verbinden, bevor das Ganze aus dem lebendigen Körper der Mutter gehoben und in den Replikator gelegt werden konnte. Je weiter fortgeschritten die Schwangerschaft, desto schwieriger die Übertragung.

Die Nabelschnur zwischen Plazenta und Kind wurde überprüft und bei Bedarf wurde zusätzlicher Sauerstoff per Hypospray injiziert. Auf Kolonie Beta machte dies ein raffiniertes kleines Gerät, hier stand ein besorgter Medizintechniker bereit.

Der Techniker begann damit, das klare, hellgelbe Lösungsbad in Cordelias Gebärmutter einfließen zu lassen. Es füllte sie an und lief über, tröpfelte rosa gefärbt an ihren Seiten herab und in das Auffangbecken. Der Chirurg arbeitete nun tatsächlich unter Wasser. Keine Frage, eine Plazentaübertragung war eine glitschige Operation.

»Den Schwamm«, rief der Chirurg sacht, und Vaagen und Henri rollten den Uterusreplikator an ihre Seite und hoben den Matrixschwamm an seinen Versorgungsleitungen heraus. Der Chirurg fummelte endlos mit einem winzigen Handtraktor herum, seine Hände befanden sich außerhalb Cordelias Sichtbereich, als sie über ihre Brust zu ihrem gerundeten — so gerade noch gerundeten — Bauch hinunterschielte. Sie zitterte. Dr. Ritter schwitzte.

»Doktor …« Ein Techniker zeigte auf etwas auf einem VidMonitor.

»Mm«, sagte Ritter, blickte auf und fuhr dann mit dem Herumgefummel fort. Die Techniker murmelten, Vaagen und Henri murmelten, ruhig, professionell, beruhigend … ihr war so kalt …

Die Flüssigkeit, die über den weißen Damm ihrer Haut sickerte, änderte sich abrupt von rosagetönt zu hellrot, plätscherte und floß viel schneller als die zugeführte Nährlösung.

»Das hier abklemmen«, zischte der Chirurg.

Cordelia erhaschte gerade einen flüchtigen Blick von etwas, das unter einer Membran auf den behandschuhten Händen des Chirurgen zappelte, mit winzigen Armen, Beinen und einem nassen dunklen Kopf, nicht größer als ein halbertränktes Kätzchen.

»Vaagen! Nehmen Sie Ihr Ding jetzt, wenn Sie es wollen!« stieß Ritter hervor.

Vaagen tauchte seine behandschuhten Hände in ihren Bauch, als dunkle Wirbel Cordelias Sicht trübten, ihr Kopf schmerzte und barst in plötzlichen, Funken sprühenden Blitzen. Die Schwärze dehnte sich aus, überwältigte sie. Das letzte, was sie hörte, war die verzweifelte zischende Stimme des Chirurgen: »O Scheiße …«

Ihre Träume waren verschwommen vor Schmerz. Das Schlimmste war das Ersticken. Sie würgte und würgte und weinte vor Luftmangel. Ihre Kehle war ganz verstopft, und sie kratzte daran, bis ihre Hände gebunden wurden. Sie träumte dann von Vorrutyers Foltern, die vervielfacht und in wahnsinnige Komplikationen ausgedehnt waren und Stunden um Stunden dauerten. Ein verrückter Bothari kniete auf ihrer Brust, und sie konnte überhaupt keine Luft mehr bekommen.

Als sie endlich mit klarem Kopf aufwachte, war dies wie der Ausbruch aus einer unterirdischen Gefängnishölle in Gottes eigenes Licht. Ihre Erleichterung war so tief, daß sie wieder weinte, ein stummes Wimmern und Feuchtigkeit in ihren Augen. Sie konnte atmen, obwohl es wehtat, sie war wund, fühlte Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Aber sie konnte atmen. Das reichte.

»Pst, pst.« Ein kräftiger warmer Finger berührte ihre Augenlider und wischte die Feuchtigkeit hinweg. »Es ist alles in Ordnung.«

»Isses?« Sie blinzelte und schielte. Es war Nacht, künstliches Licht bildete warme Bereiche in dem Zimmer, Arals Gesicht schwankte über dem ihren.

»Isses … heute abend? Was is’ passiert?«

»Pst. Du bist sehr, sehr krank gewesen. Du hattest eine heftige Blutung während der Plazentaübertragung. Dein Herz blieb zweimal stehen.« Er befeuchtete seine Lippen und redete weiter: »Das Trauma der Vergiftung brach obendrein in eine SoltoxinLugenentzündung aus. Du hattest gestern einen sehr schlechten Tag, aber jetzt bist du über den Berg und nicht mehr am Atemgerät.«

»Wie … lange?«

»Drei Tage.«

»Aha. Das Baby, Aral. Hat’s geklappt? Einzelheiten!«

»Es ging alles gut. Vaagen sagt, daß die Übertragung erfolgreich war.

Etwa dreißig Prozent der Plazentafunktionen gingen verloren, aber Henri hat das mit einem verstärkten Zufluß an angereicherter Oxy-Lösung kompensiert, und alles schein gut zu sein, oder so gut, wie man es erwarten kann. Das Baby lebt auf jeden Fall noch. Vaagen hat seinen ersten Versuch mit der KalziumBehandlung begonnen und verspricht uns einen baldigen grundsätzlichen Bericht.« Er liebkoste ihre Stirn. »Vaagen hat vorrangigen Zugriff auf alle Geräte, alles Material oder alle Techniker, die er in Anspruch nehmen möchte, einschließlich außenstehender Berater. Er hat einen beratenden zivilen Kinderarzt und Henri, Vaagen selbst weiß mehr über unsere militärischen Gifte als jeder andere Mann auf Barrayar und darüber hinaus. Wir können jetzt nicht mehr tun. Also ruh dich aus, meine Liebe.«

»Das Baby — wo?«

»Ah — du kannst sehen, wo, wenn du willst.« Er half ihr, den Kopf zu heben, und zeigte durch das Fenster. »Siehst du das zweite Gebäude, mit den roten Lichtern auf dem Dach? Das ist das biochemische Forschungsinstitut. Vaagens und Henris Labor ist im zweiten Stock.«

»Oh, ich erkenne es jetzt wieder. Ich sah es von der anderen Seite, an dem Tag, als wir Elena holten.«

»Das stimmt.« Sein Gesicht wurde weich. »Es ist gut, dich wiederzuhaben, lieber Captain. Als ich dich so krank sah … ich habe mich nicht mehr so hilflos und nutzlos gefühlt, seit ich elf Jahre alt war.«

Das war das Jahr, als das Todeskommando Yuri des Wahnsinnigen seine Mutter und seinen Bruder ermordete. »Pst«, sagte sie ihrerseits. »Nein, nein … alles in Ordnung jetzt.«

Am nächsten Morgen nahm man alle restlichen Schläuche von ihrem Körper ab, außer dem für Sauerstoff. Tage ruhiger Routine folgten. Ihre Genesung wurde weniger unterbrochen als die Arals. Zu allen Stunden kamen anscheinend Scharen von Männern, um ihn zu besuchen, angeführt von Minister Vortala. Trotz ärztlicher Proteste ließ er sich eine gesicherte Kommunikationskonsole in seinem Zimmer installieren. Koudelka leistete ihm acht Stunden am Tag Gesellschaft in dem provisorischen Büro.

Koudelka erschien sehr still, so deprimiert wie jeder andere in den Nachwehen der Katastrophe. Allerdings nicht so morbid wie die anderen, die mit dem Versagen des Sicherheitsdienstes zu tun hatten. Selbst Illyan wurde kleiner, wenn er sie sah.

Aral führte sie ein paarmal jeden Tag behutsam den Korridor hinauf und hinab. Das Vibra-Skalpell hatte einen saubereren Schnitt durch ihren Unterleib gemacht als etwa ein durchschnittlicher Säbelhieb, aber der Schnitt war nicht weniger tief. Jedoch schmerzte die heilende Narbe weniger als ihre Lungen. Oder ihr Herz. Ihr Bauch war nicht so sehr flach als schlaff, aber zweifellos nicht mehr besetzt. Sie war allein, unbewohnt, sie war wieder sie selbst, nach fünf Monaten dieser seltsamen verdoppelten Existenz.

Dr. Henri kam eines Tages mit einem Schwebestuhl und nahm sie zu einem kurzen Ausflug hinüber in sein Labor, damit sie sehen konnte, wo der Replikator sicher installiert war. Sie beobachtete, wie sich ihr Baby in den Vid-Aufnahmen bewegte und studierte die technischen Datensammlungen und Berichte des Teams. Nerven, Haut und Augen ihres Patienten lieferten ermutigende Testergebnisse, jedoch war sich Henri nicht so sicher über die Ohren, wegen der winzigen Knochen im Ohr. Henri und Vaagen waren richtig ausgebildete Wissenschaftler, fast betanisch in ihrer Einstellung, und sie segnete sie schweigend und dankte ihnen laut, und als sie dann in ihr Zimmer zurückkehrte, fühlte sie sich bedeutend besser.

Als Hauptmann Vaagen am nächsten Nachmittag in ihr Zimmer platzte, sank jedoch ihr Herz. Sein Gesicht war gewittrig dunkel, seine Lippen waren schroff aufeinandergepreßt.

»Was ist los, Hauptmann?«, fragte sie heftig. »Der zweite Versuch mit Kalzium — ist er fehlgeschlagen?«

»Es ist noch zu früh, um das zu sagen. Nein, Ihrem Baby geht es wie immer, Mylady. Unsere Schwierigkeiten betreffen Ihren Schwiegervater.«

»Wie bitte?«

»General Graf Vorkosigan kam heute vormittag uns zu besuchen.«

»Oh! Er kam, um das Baby zu sehen? Oh, das ist gut. Er ist so verwirrt durch all die neue Lebenstechnologie. Vielleicht beginnt er endlich, diese emotionalen Blockierungen abzubauen. Die neuen Todestechnologien akzeptiert er ja auch ziemlich bereitwillig, als der alte Vor-Krieger, der er ist.«

»Ich an Ihrer Stelle würde über ihn nicht zu optimistisch werden, Mylady.« Er holte tief Atem und nahm Zuflucht zu einer formellen Haltung. »Dr. Henri hatte die gleiche Idee wie Sie. Wir führten den General im ganzen Labor umher, zeigten die Ausrüstung, erläuterten unsere therapeutischen Theorien. Wir waren absolut ehrlich, so wie wir es mit Ihnen gewesen sind. Vielleicht zu ehrlich. Er wollte wissen, welche Resultate wir bekommen würden. Zum Teufel, wir wissen es nicht. Und das sagten wir ihm.

Nachdem er ein wenig auf den Busch geklopft hatte, Andeutungen gemacht hatte … nun ja, um es kurz zu machen, zuerst bat der General, dann befahl er, dann versuchte er Dr. Henri zu bestechen, den Absperrhahn zu öffnen. Den Fötus zu vernichten. Die Mutation, wie er sagt. Wir warfen ihn schließlich hinaus. Er schwor, daß er wiederkommen werde.«

Sie zitterte, drunten in ihrem Bauch, obgleich sie ihr Gesicht ausdruckslos hielt. »Ich verstehe.«

»Ich möchte, daß dieser alte Mann aus meinem Labor draußen bleibt, Mylady. Und mir ist es gleich, wie Sie das schaffen. Ich kann es nicht brauchen, daß solcher Mist auf uns herunterkommt. Nicht von so hoch oben.«

»Ich werde mal schauen … warten Sie hier.« Sie wickelte ihren Bademantel enger um ihren eigenen grünen Pyjama, paßte ihren Sauerstoffschlauch fester an und schritt vorsichtig über den Korridor.

Aral, leger in Uniformhosen und ein Hemd gekleidet, saß an einem kleinen Tisch neben seinem Fenster. Das einzige Zeichen seines fortdauernden Patientenstandes war der Sauerstoffschlauch in seiner Nase, Behandlung seiner eigenen abklingenden Soltoxin-Pneumonie. Er konferierte mit einem Mann, während Koudelka Notizen machte. Der Mann war, Gott sei Dank, nicht Piotr, sondern nur einer von Vortalas Ministerialsekretären.

»Aral. Ich brauche dich.«

»Kann es warten?«

»Nein.«

Er stand von seinem Stuhl mit einem kurzen »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herren!« auf und folgte ihr über den Korridor.

Cordelia schloß die Tür hinter ihnen.

»Hauptmann Vaagen, bitte erzählen Sie Aral, was Sie gerade mir erzählt haben.«

Vaagen, der um ein Grad nervöser ausschaute, wiederholte seinen Bericht. Zu seiner Ehre muß gesagt werden, daß er die Details nicht abschwächte.

Während Aral zuhörte, schien sich ein Gewicht auf seinen Schultern niederzulassen, er machte sie rund und zog sie hoch.

»Danke sehr, Hauptmann. Es war korrekt von Ihnen, dies zu berichten. Ich werde mich augenblicklich darum kümmern.«

»Ist das alles?« Vaagen blickte Cordelia zweifelnd an.

Sie machte ihm eine Geste mit der offenen Hand. »Sie haben gehört, was er gesagt hat.«

Vaagen zuckte die Achseln, salutierte und verließ den Raum.

»Du zweifelst doch nicht an seiner Geschichte?«, fragte Cordelia.

»Ich habe die Gedanken meines Vaters, des Grafen, über dieses Thema schon eine Woche lang gehört, meine Liebe.«

»Habt ihr euch gestritten?«

»Er hat gestritten. Ich habe nur zugehört.«

Aral kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und bat Koudelka und den Sekretär, auf dem Korridor zu warten. Cordelia saß auf seinem Bett und sah zu, wie er die Codes an seiner Kommunikationskonsole eintippte.

»Hier spricht Lord Vorkosigan. Ich möchte simultan mit dem Sicherheitschef im Kaiserlichen Militärkrankenhaus und mit Oberstleutnant Simon Illyan sprechen. Bringen Sie bitte beide auf die Leitung.«

Er mußte kurz warten, bis die beiden Männer ausfindig gemacht waren.

Aus dem verschwommenen Hintergrund auf dem Vid-Monitor zu schließen, war der Mann vom Militärkrankenhaus in seinem Büro irgendwo im Krankenhauskomplex. Illyan wurde in einem forensischen Labor im Hauptquartier des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes aufgespürt.

»Meine Herren!« Arals Gesicht war völlig ausdruckslos. »Ich möchte eine Sicherheitserlaubnis widerrufen.« Beide Männer bereiteten sich aufmerksam vor, sich an ihren jeweiligen Konsolen Notizen zu machen.

»General Graf Piotr Vorkosigan wird der Zutritt zu Gebäude 6, Biochemische Forschung, im Kaiserlichen Militärkrankenhaus bis auf weiteres verweigert. Anweisung von mir persönlich.«

Illyan zögerte. »Sir — General Vorkosigan hat absolute Erlaubnis, auf kaiserlichen Befehl. Und zwar schon seit Jahren. Ich brauche einen kaiserlichen Befehl, um diese Erlaubnis zu widerrufen.«

»Genau darum handelt es sich hier, Illyan.« Eine Spur von Ungeduld klang in Vorkosigans Stimme an. »Auf meinen Befehl, Aral Vorkosigan, Regent Seiner Kaiserlichen Majestät Gregor Vorbarra. Ist das offiziell genug?«

Illyan pfiff leise, aber als Vorkosigan die Stirn runzelte, wurde sein Gesicht ausdruckslos. »Jawohl, Sir. Verstanden. Gibt es noch etwas anderes?«

»Das ist alles. Nur dieses eine Gebäude.«

»Sir …«, sagte der Sicherheitskommandant des Krankenhauses, »was ist, wenn … General Vorkosigan sich weigert, auf Befehl anzuhalten?«

Cordelia konnte es sich gerade vorstellen: ein paar junge Wachen, die geradezu niedergemäht wurden von all der Historie …

»Wenn Ihre Sicherheitsleute wirklich von einem einzigen alten Mann so überwältigt werden, dann können sie Gewalt anwenden bis einschließlich Betäuberschüsse«, sagte Aral müde. »Das war’s. Ich danke Ihnen.«

Der Mann vom Militärhospital nickte vorsichtig und schaltete die Verbindung ab.

Illyan blieb noch einen Augenblick dran, voller Zweifel. »Ist das eine gute Idee, bei seinem Alter? Betäubung kann schlecht für das Herz sein. Und er wird es ganz und gar nicht mögen, wenn wir ihm sagen, daß es da einen Ort gibt, wo er nicht hingehen darf. Übrigens, warum …?« Aral blickte ihn nur kalt an, bis er schluckte: »Jawohl, Sir«, salutierte und abschaltete.

Aral lehnte sich zurück und schaute nachdenklich auf die leere Stelle, wo die Vid-Bilder geleuchtet hatten. Er blickte zu Cordelia auf und seine Lippen verzogen sich in einer Mischung von Ironie und Schmerz. »Er ist ein alter Mann«, sagte er schließlich.

»Der alte Mann hat gerade versucht, deinen Sohn umzubringen. Das, was von deinem Sohn übrig ist.«

»Ich verstehe seine Sichtweise. Ich verstehe seine Ängste.«

»Verstehst du meine auch?«

»Ja, beide.«

»Wenn es hart auf hart kommt — wenn er versucht, wieder dort hinzugehen …«

»Er ist meine Vergangenheit.« Er begegnete ihrem Blick. »Du bist meine Zukunft. Der Rest meines Lebens gehört der Zukunft. Das schwöre ich bei meinem Ehrenwort als Vorkosigan.«

Cordelia seufzte und rieb ihren schmerzenden Hals, ihre schmerzenden Augen.

Koudelka klopfte an der Tür und streckte verstohlen seinen Kopf herein, »Sir? Der Sekretär des Ministers möchte gerne wissen …«

»In einer Minute, Leutnant.« Vorkosigan schickte ihn wieder hinaus.

»Hauen wir doch von hier ab«, sagte Cordelia plötzlich.

»Mylady?«

»Kaiserliches Militärkrankenhaus und Kaiserlicher Sicherheitsdienst und Kaiserliches Dies und Das, ich bekomme bald einen schlimmen Anfall von Kaiserlicher Klaustrophobie. Gehen wir doch ein paar Tage hinaus nach Vorkosigan Surleau. Du selbst wirst dich dort besser erholen, es wird für alle deine eifrigen Chargen«, sie ruckte mit ihrem Kopf in Richtung auf den Korridor, »dort schwieriger sein, an dich heranzukommen. Nur du und ich, mein Freund.« Würde das funktionieren? Angenommen, sie zogen sich in die Szenerie ihres sommerlichen Glücks zurück, und es gab sie nicht mehr? Versunken in den herbstlichen Regenfällen … Sie konnte die Verzweiflung in sich selbst spüren, auf der Suche nach ihrer beider verlorenem Gleichgewicht, nach einer festen Mitte.

Seine Augenbrauen hoben sich zustimmend. »Ausgezeichnete Idee, lieber Captain. Wir nehmen den alten Herrn mit.«

»Oh, müssen wir — ach. Ja, ich verstehe. Völlig. Unbedingt.«

KAPITEL 10

Cordelia erwachte langsam, streckte sich und zog die großartige federngefüllte Seidensteppdecke zu sich. Die andere Seite des Bettes war leer — sie berührte das eingedrückte Kissen —, kalt und leer. Aral mußte zeitig auf den Zehenspitzen hinausgeschlichen sein. Sie schwelgte in dem Gefühl, endlich genügend Schlaf zu haben und nicht mehr zu jener lähmenden Erschöpfung zu erwachen, die ihren Geist und ihren Leib so lang gefangengehalten hatte. Das war jetzt schon die dritte Nacht hintereinander, die sie gut geschlafen hatte, gewärmt vom Körper ihres Mannes, und beide glücklicherweise befreit von den irritierenden Sauerstoffleitungen in ihren Gesichtern.

Ihr Eckzimmer im ersten Stock der alten, umgewandelten Steinkaserne war an diesem Morgen kühl und ganz still. Das Vorderfenster ging auf den hellen grünen Rasen hinaus, der in dem Nebel verschwand, in den der See und das Dorf und die Hügel des jenseitigen Ufers gehüllt waren. Der feuchte Morgen vermittelte ihr ein Gefühl von Behaglichkeit, er stand in rechtem Kontrast zu der Federsteppdecke. Wenn sie sich aufsetzte, dann verursachte die neue blaßrote Narbe auf ihrem Unterleib nur ein leichtes Stechen.

Droushnakovis Kopf erschien im Türrahmen. »Mylady?«, rief sie sanft, dann sah sie, wie Cordelia sich aufsetzte und ihre bloßen Füße über den Rand des Bettes hängen ließ. Cordelia schwang versuchsweise ihre Füße vorwärts und rückwärts, um so den Kreislauf anzuregen. »Oh, gut, daß Sie wach sind.« Drou stieß mit der Schulter die Tür auf und brachte ein großes und vielversprechendes Tablett herein. Sie trug eines ihrer bequemeren Kleider mit einem weiten, schwingenden Rock und einer warm gefütterten bestickten Weste. Ihre Schritte klangen auf den breiten hölzernen Bodenbrettern und wurden dann von dem handgewebten Bettvorleger gedämpft, als sie das Zimmer durchquerte.

»Ich bin hungrig«, sagte Cordelia verwundert, als die von dem Tablett aufsteigenden Düfte ihre Nase reizten, »Ich glaube, das ist das erste Mal in drei Wochen.« Drei Wochen, seit jener Nacht der Schrecken in Palais Vorkosigan.

Drou lächelte und setzte das Tablett auf dem Tisch am Vorderfenster ab.

Cordelia zog Bademantel und Hausschuhe über und steuerte auf die Kaffeekanne zu. Drou blieb in ihrer Nähe, sichtlich bereit, sie aufzufangen, falls sie hinfallen sollte, aber Cordelia fühlte sich heute nicht annähernd so wackelig. Sie setzte sich und langte nach der dampfenden Hafergrütze mit Butter und einem Krug mit heißem Sirup, den die Barrayaraner aus eingekochtem Baumsaft herstellten. Eine wundervolle Nahrung.

»Haben Sie schon gegessen, Drou? Wollen Sie etwas Kaffee? Wie spät ist es?«

Die Leibwächterin schüttelte den blonden Kopf. »Ich habe schon gegessen, Mylady. Es ist ungefähr elf.«

Droushnakovi hatte die letzten paar Tage hier in Vorkosigan Surleau zum selbstverständlichen Hintergrund gehört. Cordelia wurde sich bewußt, daß sie jetzt das Mädchen fast zum erstenmal wirklich anschaute, seit sie das Militärhospital verlassen hatte. Drou war aufmerksam und wachsam wie immer, aber mit einer zugrunde liegenden Spannung, als sei sie verstohlen auf der Hut vor etwas Schlimmem — vielleicht lag es nur daran, daß Cordelia sich selbst besser fühlte, aber sie hatte das selbstsüchtige Verlangen, daß die Leute um sie herum sich auch besser fühlten, und wenn auch nur deshalb, damit sie sie nicht wieder hinunterzogen.

»Ich fühle mich heute schon viel weniger träge. Ich habe gestern mit Hauptmann Vaagen per Vid gesprochen. Er meint, er hat schon die ersten Anzeichen für molekulare Rekalzifizierung beim kleinen Piotr Miles gesehen. Das ist sehr ermutigend, wenn man weiß, wie man Vaagen zu interpretieren hat. Er macht einem keine falschen Hoffnungen, aber auf das wenige, was er sagt, kann man sich verlassen.«

Drou schaute von ihrem Schoß auf und setzte als Antwort ein Lächeln in ihr bedrücktes Gesicht. Sie schüttelte den Kopf. »Uterusreplikatoren erscheinen mir so seltsam. So fremdartig.«

»Nicht so seltsam wie das, was die Evolution uns auferlegt hat, improvisiert aus der Erfahrung.« Cordelia grinste zurück. »Gott sei Dank für Technologie und rationale Planung. Ich weiß jetzt, wovon ich spreche.«

»Mylady … wie haben Sie zuerst erfahren, daß Sie schwanger waren? Blieb die Regel aus?«

»Die Menstruation? Nein, eigentlich nicht.« Sie versetzte sich in Gedanken in den vergangenen Sommer. Hier in diesem Zimmer, tatsächlich in diesem ungemachten Bett. Sie und Aral würden hier bald wieder Intimitäten austauschen können, allerdings mit einem gewissen Verlust an Pikantheit ohne Fortpflanzung als einem Ziel. »Aral und ich glaubten im Sommer, wir hätten es uns hier schön eingerichtet. Er hatte sich vom Dienst zurückgezogen, ich war aus meinem Dienst ausgeschieden … es gab keine Hindernisse mehr. Ich war schon nahe daran, zu alt zu sein für die organische Methode, die hier auf Barrayar die einzige verfügbare zu sein schien, oder genauer, er wollte bald beginnen. Als wir also ein paar Wochen verheiratet waren, ließ ich mein empfängnisverhütendes Implantat entfernen. Ich kam mir dabei ganz schön verrucht vor, denn bei mir zu Hause hätte ich es nicht herausnehmen lassen können, ohne zuvor eine Lizenz zu erwerben.«

»Wirklich?« Drou lauschte fasziniert mit offenem Mund.

»Ja, so verlangen es die betanischen Gesetze. Man muß sich zuerst für eine Elternlizenz qualifizieren. Ich hatte mein Implantat, seit ich vierzehn war. Ich hatte damals eine Menstruation, wie ich mich erinnere. Wir schalten sie ab, bis sie gebraucht wird. Ich bekam mein Implantat, mein Hymen wurde aufgeschnitten und meine Ohrläppchen durchlöchert, und ich feierte meine Debütantinnenparty …«

»Sie haben doch nicht … mit Sex angefangen, als Sie vierzehn waren, oder?« Droushnakovis Stimme klang sehr leise.

»Ich hätte können. Aber dazu braucht es zwei, nicht wahr. Ich fand erst später einen richtigen Liebhaber.« Cordelia schämte sich, einzugestehen, wieviel später. Sie war damals gesellschaftlich so ungeschickt gewesen …

Und du hast dich nicht viel geändert, gestand sie sich sarkastisch ein.

»Ich dachte nicht, daß es so schnell gehen würde«, fuhr Cordelia fort. »Ich dachte, wir brauchten dafür einige Monate ernster und vergnüglicher Versuche. Aber wir bekamen das Baby beim ersten Versuch. So habe ich hier auf Barrayar noch keine Menstruation gehabt.«

»Beim ersten Versuch«, wiederholte Drou. Sie biß sich bestürzt auf die Lippe. »Wie wußten Sie, daß Sie es … bekamen? An der Übelkeit?«

»Müdigkeit, noch vor der Übelkeit. Aber es waren die kleinen blauen Flecken …« Ihre Stimme stockte, als sie die verzerrten Züge des Mädchens betrachtete. »Drou, sind all diese Fragen theoretischer Natur, oder haben Sie ein eher persönliches Interesse an den Antworten?«

Drous Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. »Persönliches Interesse«, stieß sie hervor.

»Ach so.« Cordelia lehnte sich zurück. »Wollen Sie … darüber sprechen?«

»Nein … ich weiß nicht …«

»Ich nehme an, das heißt ja«, seufzte Cordelia. Ach ja. Das war genau wie Mama Captain zu spielen für sechzig betanische Wissenschaftler, damals, bei den Erkundungsflügen, nur daß Ungewißheit über Schwangerschaft vielleicht das einzige zwischenmenschliche Problem war, das sie ihr nie in den Schoß gelegt hatten. Aber angesichts der wirklichen dummen Geschichten, mit der jene vernunftorientierte und ausgewählte Gruppe sie von Zeit zu Zeit behelligt hatte, wäre diese barbarische barrayaranische Version wohl nur … »Wissen Sie, ich freue mich, Ihnen auf jede Weise zu helfen, die ich kann.«

»Es war in der Nacht des Soltoxin-Attentats«, schniefte Drou. »Ich konnte nicht schlafen. Ich ging hinunter in die Küche des Speisesaals, um mir etwas zu essen zu holen. Auf dem Weg zurück nach oben bemerkte ich ein Licht in der Bibliothek. Leutnant Koudelka war da drinnen. Er konnte auch nicht schlafen.«

Kou, sieh an. Ach, gut, gut. Es ist vielleicht endlich alles in Ordnung.

Cordelia lächelte in aufrichtiger Ermunterung. »Ja?«

»Wir … ich … er … küßte mich.«

»Ich hoffe, Sie küßten zurück?«

»Es klingt, als wären Sie einverstanden.«

»Bin ich auch. Ihr gehört zu denen, die ich am liebsten habe, Sie und Kou. Wenn ihr nur eure Köpfe beisammen hättet … aber fahren Sie fort, da muß noch mehr kommen.« Es sei denn, Drou war noch unwissender, als Cordelia es für möglich hielt.

»Wir … wir … wir …«

»Haben gevögelt?«, schlug Cordelia hoffnungsvoll vor.

»Ja, Mylady.« Drou wurde knallrot und schluckte. »Kou schien so glücklich zu sein … ein paar Minuten lang. Und ich war so glücklich über ihn, so aufgeregt. Es machte mir nichts aus, wie weh es tat.«

Ach ja, die barbarische barrayaranische Sitte, ihre Frauen in den Sex einzuführen mit dem Schmerz einer Defloration ohne Betäubung.

Allerdings, wenn man in Betracht zog, wieviel mehr an Schmerz ihre Fortpflanzungsmethode später im Gefolge hatte, dann stellte dies vielleicht eine faire Warnung dar. Aber Kou war bei den wenigen Malen, wo sie ihn gesehen hatte, auch nicht so glücklich erschienen, wie ein frischgebackener Liebhaber eigentlich sein sollte. Was taten diese beiden einander an? »Fahren Sie fort.«

»Ich dachte, ich sah eine Bewegung im Hintergarten, aus der Tür von der Bibliothek heraus. Dann kam der Krach im Obergeschoß — o Mylady! Es tut mir so leid! Wenn ich Sie bewacht hätte, anstatt das zu tun …«

»Halt, Mädchen! Sie hatten dienstfrei. Wenn Sie nicht das getan hätten, dann wären Sie schlafend im Bett gelegen. Auf keinen Fall ist das Soltoxin-Attentat Ihre Schuld oder die von Kou. Tatsache ist, wenn Sie nicht aufgewesen und mehr oder weniger angezogen gewesen wären, dann wäre der Attentäter vielleicht entkommen.« Und wir würden nicht einer weiteren öffentlichen Enthauptung oder was auch immer entgegensehen, möge Gott uns helfen. Ein Teil von Cordelia wünschte, die beiden wären für Sekunden weg gewesen und hätten nie aus dem verdammten Fenster geschaut. Aber Droushnakovi mußte sich gerade jetzt mit genügend Konsequenzen auseinandersetzen ohne diese tödlichen Verwicklungen.

»Aber wenn doch nur …«

»Mit ›wenn doch nur‹ war die Luft hier diese letzten Wochen übervoll. Ich denke, es ist Zeit, wenn wir jetzt statt dessen sagen: Jetzt machen wir weiter, offen gesagt.« Cordelias Denken holte sie selbst endlich wieder ein. Drou war eine Barrayaranerin, deshalb hatte sie kein empfängnisverhütendes Implantat. Es klang auch nicht danach, als hätte dieser Idiot Koudelka eine Alternative angeboten. Drou hatte deshalb die letzten drei Wochen damit zugebracht, sich zu fragen … »Würden Sie ein paar von meinen kleinen blauen Flecken versuchen wollen? Ich habe noch jede Menge davon übrig.«

»Blaue Flecken?«

»Ja, ich hatte angefangen, Ihnen davon zu erzählen. Ich habe ein Päckchen von diesen kleinen Diagnosestreifen. Hatte sie in Vorbarr Sultana im letzten Sommer in einem Importladen gekauft. Sie pinkeln auf so einen Streifen, und wenn der Fleck blau wird, dann sind Sie dran. Ich habe nur drei davon verbraucht, im Sommer.« Cordelia ging zu ihrer Kommodenschublade und durchwühlte sie nach dem überholten Vorrat.

»Hier.« Sie reichte Drou einen Streifen. »Gehen Sie und erleichtern Sie sich. Und Ihre Gedanken.«

»Funktioniert das so bald schon?«

»Nach fünf Tagen.« Cordelia hielt ihre Hand hoch: »Ich verspreche es.«

Beunruhigt auf den kleinen Papierstreifen starrend verschwand Droushnakovi in Cordelias und Arals Bad, neben dem Schlafzimmer. Sie kam nach ein paar Minuten wieder. Ihr Gesicht war niedergeschlagen, und sie ließ die Schultern hängen.

Was bedeutet das? fragte sich Cordelia wütend. »Also?«

»Der Streifen blieb weiß.«

»Dann sind Sie nicht schwanger.«

»Ich glaub nicht.«

»Ich weiß nicht, ob Sie sich freuen oder ob es Ihnen leid tut. Glauben Sie mir, wenn Sie ein Baby bekommen wollen, dann sollten Sie besser noch ein paar Jahre warten, bis man hier mehr medizinische Technologie zur Verfügung hat.« Obwohl die organische Methode eine Zeitlang faszinierend war …

»Ich will nicht … ich will … ich weiß nicht … Kou hat kaum mit mir gesprochen seit jener Nacht. Ich wollte nicht schwanger sein, das würde mich zerstören, und doch dachte ich, er würde … würde … vielleicht so aufgeregt und glücklich darüber sein wie er über den Sex war. Vielleicht würde er zurückkommen und — oh, es ging alles so gut, und jetzt ist alles verdorben.« Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, ihr Gesicht war weiß und ihre Zähne knirschten.

Weine, Mädchen, dann kann ich atmen. Aber Droushnakovi gewann ihre Selbstbeherrschung zurück. »Es tut mir leid, Mylady. Ich hatte nicht vor, Ihnen all diese Dummheiten zu erzählen.«

Dummheiten, ja, aber nicht Dummheiten nur einer Seite. Etwas so Verkorkstes erforderte ein ganzes Komitee. »Was ist also mit Kou los? Ich dachte, er litte nur an Soltoxin-Schuld, wie jeder andere im Haushalt.« Mit Aral und mir angefangen.

»Ich weiß es nicht, Mylady.«

»Haben Sie schon einmal etwas wirklich Radikales versucht, wie zum Beispiel ihn zu fragen?«

»Er versteckt sich, wenn er mich kommen sieht.«

Cordelia seufzte und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Ankleiden zu. Heute waren wirkliche Kleider dran, keine Patienten-Morgenmäntel, In Arals Wandschrank hingen hinten ihre gelbbraunen Hosen von ihrer alten Erkundungsteam-Uniform. Neugierig probierte sie sie an. Sie ließen sich nicht nur zuknöpfen, sie waren sogar locker. Sie war wirklich krank gewesen. Ziemlich aggressiv ließ sie die Hosen an und suchte sich dazu eine geblümte Kittelbluse mit langen Ärmeln aus. Sehr bequem. Sie lächelte ihrem schlanken, wenn auch bleichen Profil im Spiegel zu.

»Ah, lieber Captain«, Aral streckte seinen Kopf durch die Schlafzimmertür, »du bist auf.« Er blickte auf Droushnakovi. »Ihr seid beide hier. Noch besser. Ich glaube, ich brauche deine Hilfe, Cordelia. Tatsächlich, ich bin mir sicher.« Arals Augen leuchteten mit dem eigenartigsten Ausdruck. Staunen, Verwirrung, Sorge? Er betrat den Raum.

Er trug seine übliche Kleidung für dienstfreie Zeit in Vorkosigan Surleau, alte Uniformhosen und ein ziviles Hemd. Hinter ihm kam Koudelka, angespannt und unglücklich, in einer frischen schwarzen Arbeitsuniform mit den roten Leutnantsabzeichen am Kragen. Er umklammerte seinen Stockdegen. Drou trat mit dem Rücken zur Wand und verschränkte die Arme.

»Leutnant Koudelka — so sagte er mir — will ein Geständnis ablegen. Er hofft auch, habe ich den Verdacht, auf Absolution«, sagte Aral.

»Ich verdiene das nicht, Sir«, murmelte Koudelka. »Aber ich hielt es nicht mehr aus. Das muß heraus.« Er starrte auf den Boden und vermied die Blicke der anderen. Droushnakovi beobachtete ihn atemlos. Aral trat sachte zu Cordelia und setzte sich neben sie auf den Bettrand.

»Mach dich auf etwas gefaßt«, murmelte er ihr aus dem Mundwinkel zu. »Das hat mich überrascht.«

»Ich glaube, ich bin dir vielleicht ein bißchen voraus.«

»Das wäre nicht das erste Mal.« Er hob seine Stimme: »Los, Leutnant. Das wird nicht leichter, wenn Sie es in die Länge ziehen.«

»Drou — Fräulein Droushnakovi — ich bin gekommen, um mich zu stellen. Und um Verzeihung zu bitten. Nein, das klingt trivial, und glauben Sie mir, ich halte es nicht für trivial. Sie verdienen mehr als nur eine Entschuldigung, ich schulde Ihnen Sühne. Was immer Sie wollen. Aber es tut mir leid, so leid, daß ich Sie vergewaltigt habe.«

Droushnakovis Mund blieb volle drei Sekunden offenstehen, dann klappte sie ihn so fest zu, daß Cordelia hören konnte, wie ihre Zähne klickten.

»Was?!«

Koudelka zuckte zusammen, blickte aber nicht auf. »Tut mir leid … tut mir leid«, murmelte er.

»Du! — Denkst! — Du! — Hast! — Was!?«, keuchte Droushnakovi entsetzt und empört. »Du denkst, du könntest — oh!« Sie stand nun starr, mit geballten Fäusten und schnell atmend. »Kou, du Esel! Du Idiot! Du Trottel! Du … du … du …«, sprudelte sie heraus. Sie zitterte am ganzen Körper.

Cordelia beobachtete sie voller Faszination. Aral rieb nachdenklich seine Lippen.

Droushnakovi ging hinüber zu Koudelka und schlug ihm den Stockdegen aus der Hand. Kou fiel fast zu Boden, mit einem überraschten »Hah?«, und griff nach dem Stock, doch er verfehlte ihn, und die Waffe klapperte den Boden entlang.

Drou knallte Koudelka geschickt gegen die Wand und lähmte ihn mit einem Nervenstoß, indem sie ihm ihre Finger in den Solarplexus preßte. Sein Atem blieb stehen.

»Du Flasche. Du meinst, du könntest ohne meine Erlaubnis Hand an mich legen? Oh! Was bist du doch für ein … für ein … ein …« Ihre Worte der Verblüffung gingen in einen Schrei der Empörung über, direkt neben seinem Ohr. Koudelka zuckte zusammen.

»Bitte beschädigen Sie nicht meinen Sekretär, Drou, die Reparaturen sind teuer«, sagte Aral sanft.

»Oh!« Sie drehte sich rasch um und gab Koudelka frei. Er taumelte und fiel auf die Knie. Mit den Händen vor dem Gesicht stürmte Droushnakovi aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Erst jetzt begann sie zu schluchzen, laut und vernehmlich, als sie den Korridor entlangging. Eine andere Tür wurde zugeschlagen. Dann herrschte Schweigen.

»Tut mir leid, Kou«, sagte Aral in die lang anhaltende Stille, »aber es sieht nicht so aus, als hielte Ihre Selbstanklage vor Gericht stand.«

»Ich versteh das nicht!« Kou schüttelte den Kopf, dann krabbelte er zu seinem Stockdegen und kam sehr wackelig auf die Beine.

»Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie beide über das sprechen, was sich zwischen Ihnen in der Nacht des SoltoxinAttentats ereignet hat?«, fragte Cordelia.

»Ja, Mylady. Ich saß noch in der Bibliothek. Konnte nicht schlafen und dachte, ich müßte noch einmal ein paar Zahlen durchgehen. Sie kam herein. Wir saßen, unterhielten uns … Plötzlich merkte ich, daß ich … na ja, es war das erstemal, daß ich funktionierte, seit ich von dem Nervendisruptor getroffen worden war. Ich dachte, es könnte wieder ein Jahr dauern, bis … oder nie wieder … — ich geriet in Panik, ich geriet einfach in Panik. Ich … ah … ich nahm sie … auf der Stelle. Fragte sie nicht, sagte kein einziges Wort. Und dann kam der Knall von oben, und wir beide rannten in den Hintergarten hinaus und … sie klagte mich nicht an, am nächsten Tag. Ich wartete und wartete.«

»Aber wenn er sie nicht vergewaltigt hat, warum ist sie dann eben so wütend geworden?«, fragte Aral.

»Aber sie war böse auf mich«, sagte Koudelka. »Wie sie mich in diesen letzten drei Wochen angeschaut hat …«

»Die Blicke waren Angst, Kou«, erklärte Cordelia ihm.

»Ja, das dachte ich auch.«

»Weil sie Angst hatte, daß sie schwanger war, nicht weil sie etwa Angst vor Ihnen hatte«, stellte Cordelia klar.

»Oh.« Koudelkas Stimme wurde schwach.

»Sie ist es nicht, wie sich ergeben hat.« (Koudelka wiederholte sich mit einem weiteren schwachen »Oh«.) »Aber sie ist jetzt böse auf Sie, und ich kann es ihr nicht verübeln.«

»Aber wenn sie nicht meint, daß ich — welchen Grund hat sie?«

»Sie begreifen es nicht?« Sie blickte mit gerunzelter Stirn zu Aral. »Du auch nicht?«

»Nun ja …«

»Weil Sie sie gerade beleidigt haben, Kou. Nicht damals, sondern gerade eben, in diesem Zimmer. Und nicht nur dadurch, daß Sie ihre Tüchtigkeit im Zweikampf geringschätzig behandelt haben. Was Sie eben gesagt haben, hat ihr zum erstenmal enthüllt, daß Sie in jener Nacht so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, daß Sie sie gar nicht wahrgenommen haben. Schlimm, Kou. Sehr schlimm. Sie müssen sie ganz tief um Verzeihung bitten. Hier war sie und gab sich als Barrayaranerin Ihnen ganz, und Sie schätzten das, was sie tat, so gering ein, daß Sie es gar nicht wahrnahmen.«

Sein Kopf hob sich mit einem Ruck. »Gab mir? Wie ein Almosen?«

»Mehr wie ein Geschenk der Götter«, murmelte Aral, der sich seine eigenen Gedanken machte.

»Ich bin doch kein …« Koudelkas Kopf dreht sich in Richtung auf die Tür. »Meinen Sie, daß ich hinter ihr herrennen soll?«

»Kriechen, sogar, wenn ich Sie wäre«, empfahl Aral. »Kriechen Sie schnell. Schlüpfen Sie unter ihrer Tür durch und ergeben Sie sich. Lassen Sie sie auf Ihnen herumtrampeln, bis ihr Zorn ganz und gar verraucht ist. Dann bitten Sie erneut um Verzeihung. Sie können die Situation noch retten.« Arals Augen leuchteten jetzt mit offensichtlichem Vergnügen.

»Wie nennen Sie das? Totale Kapitulation?«, sagte Koudelka ungehalten.

»Nein. Ich nenne es gewinnen.« Arals Stimme wurde eine Nuance kühler.

»Ich habe gesehen, wie der Krieg zwischen Mann und Frau zu Heldentaten der verbrannten Erde herabsinken kann. Scheiterhaufen des Stolzes. Sie wollen nicht diesen Weg gehen, das garantiere ich.«

»Sie sind — Mylady! Sie lachen über mich! Hören Sie auf!«

»Dann hören Sie damit auf, sich lächerlich zu machen«, sagte Cordelia scharf. »Setzen Sie sich Ihren Kopf dorthin, wo er hingehört. Denken Sie mal sechzig aufeinanderfolgende Sekunden an jemand anderen als sich selbst.«

»Mylady. Mylord.« Seine Zähne waren jetzt in erstarrter Würde zusammengebissen. Er verabschiedete sich geschlagen.

Aber im Korridor ging er in die falsche Richtung, nicht dorthin, wohin Droushnakovi geflohen war, sondern entgegengesetzt, und dann tappte er die Treppe hinab.

Aral schüttelte hilflos den Kopf, während Koudelkas Schritte draußen verklangen. Er zischte leise.

Cordelia knuffte ihn sanft in den Arm. »Hör damit auf! Für die beiden ist es nicht spaßig.« Ihre Blicke trafen sich: sie kicherte, dann hielt sie ihren Atem an: »Gütiger Himmel, ich glaube, er wollte ein Vergewaltiger sein. Seltsamer Ehrgeiz. War er zuviel mit Bothari zusammen?«

Dieser etwas makabre Witz ernüchterte sie beide. Aral sah nachdenklich aus: »Ich glaube … Kou schmeichelte seinen Selbstzweifeln. Aber seine Reue war aufrichtig.«

»Aufrichtig, aber ein bißchen selbstgefällig. Ich denke, wir haben vielleicht seine Selbstzweifel lang genug gehätschelt. Vielleicht ist es Zeit, ihn mal in den Hintern zu treten.«

Arals Schultern fielen müde zusammen. »Er steht in ihrer Schuld, ohne Zweifel. Aber was soll ich ihm denn befehlen? Es ist wertlos, wenn er es nicht freiwillig tut.«

Cordelia brummte zustimmend.

Erst beim Mittagessen bemerkte Cordelia, daß in ihrer kleinen Welt etwas fehlte.

»Wo ist der Graf?«, fragte sie Aral, als sie sahen, daß Piotrs Haushälterin den Tisch nur für zwei gedeckte hatte, in einem Eßzimmer an der Wasserseite, von wo aus man eine Aussicht auf den See hatte. An diesem Tag war es nicht richtig warm geworden. Der Morgennebel war nur aufgestiegen, um zu niedrig dahintreibenden grauen Wolkenfetzen zu werden, es war windig und kühl. Cordelia hatte eine alte schwarze Arbeitsjacke von Aral über ihre geblümte Bluse angezogen.

»Ich dachte, er sei in die Ställe gegangen. Um mit seinem neuen Dressurkandidaten zu trainieren«, sagte Aral, der ebenfalls mit Unbehagen auf den Tisch blickte. »Jedenfalls hat er zu mir gesagt, daß er das tun wollte.«

Die Haushälterin, die die Suppe auftrug, mischte sich ein: »Nein, Mylord. Er ist früh mit dem Bodenwagen weggefahren, zusammen mit zwei von seinen Männern.«

»Oh. Entschuldige mich.« Aral nickte Cordelia zu und stand auf. Einer der Lagerräume auf der Rückseite des Hauses, der in den Hügel gebaut war, war in ein gesichertes Kommunikationszentrum umgewandelt worden, mit einer doppelt geschützten Kommunikationskonsole und einem Wächter vom Sicherheitsdienst vor der Tür rund um die Uhr. Die Echos von Arals Schritten im Korridor zeigten an, daß er in diese Richtung ging.

Cordelia nahm einen Schluck Suppe, der wie flüssiges Blei die Kehle hinabrann, dann legte sie den Löffel beiseite und wartete. Sie konnte in dem stillen Haus Arals Stimme hören und die elektronisch verzerrten Antworten in der Sprechweise eines Fremden, aber beides war zu gedämpft, als daß sie die Worte hätte verstehen können. Nach einer kleinen Ewigkeit, so schien es ihr (allerdings war tatsächlich die Suppe noch heiß), kam Aral zurück, mit düsterem Gesicht.

»Ist er dorthin gefahren?«, fragte Cordelia. »Ins Militärkrankenhaus?«

»Ja. Er war dort und ist wieder gegangen. Es ist alles in Ordnung.« Sein schweres Kinn nahm einen harten Zug an.

»Bedeutet das, mit dem Baby ist alles in Ordnung?«

»Ja. Man verweigerte ihm den Zutritt, er hat sich eine Weile mit den Wachen gestritten, dann ist er gegangen. Nichts Schlimmeres.« Er begann niedergeschlagen seine Suppe auszulöffeln.

Der Graf kehrte einige Stunden später zurück. Cordelia hörte, wie das Summen seines Bodenwagens die Zufahrt heraufkam, um das Nordende des Hauses bog und dann innehielt, wie ein Verdeck geöffnet und geschlossen wurde, und wie der Wagen dann zu den Garagen weiterfuhr, die auf der anderen Seite des Hügels neben den Ställen lagen. Sie saß mit Aral in dem Vorderzimmer mit den neuen großen Fenstern. Er war in einen Regierungsbericht auf seinem Handprojektor vertieft gewesen, aber als draußen das Verdeck zugeschlagen wurde, stellte er das Gerät auf ›Pause‹ und wartete mit Cordelia und lauschte auf die schweren Schritte, die schnell ums Haus herumgingen und über die Vordertreppe kamen.

Arals Mund war gespannt in unangenehmen Vorahnungen, sein Blick war zornig. Cordelia verkroch sich in ihrem Sessel und wappnete ihre Nerven.

Graf Piotr kam in ihr Zimmer gefegt und pflanzte sich vor ihnen auf. Er war formell gekleidet, in seiner alten Uniform mit seinen Generalsabzeichen. »Hier seid ihr also.« Der Livrierte, der ihm gefolgt war, blickte unsicher auf Aral und Cordelia und zog sich dann zurück, ohne darauf zu warten, daß er entlassen wurde. Graf Piotr bemerkte gar nicht, daß der Mann wegging.

Piotr konzentrierte sich zuerst auf Aral. »Du! Du hast es gewagt, mich in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Mich in eine Falle laufen lassen.«

»Ich fürchte, du hast dich selbst bloßgestellt, Sir. Wenn du nicht diesem Pfad gefolgt wärest, dann wärst du nicht auf diese Falle gestoßen.«

Mit zusammengebissenen Zähnen nahm Piotr diese Erwiderung auf. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Wut, Verlegenheit im Kampf mit Selbstgerechtigkeit. In Verlegenheit gebracht, wie es nur jemand sein kann, der unrecht hat. Er zweifelt an sich selbst, erkannte Cordelia. Ein Hoffnungsfaden. Daß wir nur diesen Faden nicht verlieren, er ist vielleicht unser einziger Ausweg aus diesem Labyrinth.

Die Selbstgerechtigkeit gewann das Obergewicht. »Ich hätte das nicht tun sollen«, knurrte Piotr. »Das ist eine Aufgabe der Frauen. Unser Gen-Erbe zu schützen.«

»War eine Aufgabe der Frauen, in der Zeit der Isolation«, sagte Aral ruhig, »als die einzige Antwort auf Mutationen die Kindstötung war. Jetzt gibt es andere Antworten.«

»Wie seltsam müssen die Gefühle der Frauen über ihre Schwangerschaften gewesen sein, wenn sie nie wußten, ob an deren Ende Leben oder Tod stand«, überlegte Cordelia laut. Einen Schluck von diesem Kelch war alles, was sie für ein ganzes Leben wünschte, und doch hatten die Frauen von Barrayar ihn immer wieder und wieder bis zur Neige geleert … Das Erstaunliche war nicht, daß die Kultur ihrer Nachkommen chaotisch war, sondern, daß sie nicht ganz und gar wahnsinnig war.

»Du läßt uns alle im Stich, wenn du es nicht fertig bringst, sie zu zügeln«, sagte Piotr. »Wie stellst du dir vor, einen ganzen Planeten leiten zu können, wenn du nicht mal deinen eigenen Haushalt leiten kannst?«

Ein Winkel von Arals Mund krümmte sich leicht nach oben. »In der Tat, sie ist schwer zu zügeln. Sie ist mir zweimal entkommen. Ihre freiwillige Rückkehr erstaunt mich immer noch.«

»Werde dir deiner Pflichten bewußt! Deiner Pflichten mir gegenüber, als deinem Grafen, wenn schon nicht als deinem Vater. Du hast mir den Lehnseid geschworen. Willst du dieser Frau aus einer anderen Welt eher gehorchen als mir?«

»Ja.« Aral blickte ihm geradewegs in die Augen. Seine Stimme ging in ein Flüstern über. »Das ist die rechte Ordnung der Dinge.« Piotr zuckte zusammen. Aral fügte trocken hinzu: »Der Versuch, das Thema von der Kindstötung auf den Gehorsam zu wechseln, wird dir nicht helfen, Sir. Du hast mir selbst beigebracht, wie man Scheinargumente zerpflückt.«

»In den alten Tagen hättest du schon für eine geringere Unverschämtheit enthauptet werden können.«

»Ja, die gegenwärtige Situation ist schon ein bißchen eigenartig. Da ich dein Erbe bin, sind meine Hände zwischen den deinen, aber da ich dein Regent bin, sind deine Hände zwischen den meinen. Ein Patt der Gefolgschaftseide. In den alten Tagen hätten wir die Pattsituation mit einem hübschen kleinen Krieg aufbrechen können.« Aral grinste seinen Vater an, oder zumindest zeigte er seine Zähne. In Cordelias Gedanken wirbelte die Vorstellung: Nur einen Tag: Die Unwiderstehliche Macht trifft auf das Unbewegliche Objekt. Eintritt: fünf Mark.

Die Tür zum Korridor wurde aufgerissen und Leutnant Koudelka blickte nervös herein. »Sir? Tut mir leid, daß ich störe. Ich habe Schwierigkeiten mit der Kommunikationskonsole. Sie funktioniert wieder nicht.«

»Welche Art von Schwierigkeiten, Leutnant?«, fragte Vorkosigan und zwang sich dabei, seine Aufmerksamkeit dieser Sache zu widmen. »Gibt es Unterbrechungen?«

»Sie funktioniert einfach nicht.«

»Vor ein paar Stunden war sie noch in Ordnung. Überprüfen Sie die Stromzuführung.«

»Hab ich schon getan, Sir.«

»Rufen Sie einen Techniker.«

»Das kann ich ja nicht, ohne die Konsole.«

»Ach so, ja. Lassen Sie den Wachkommandanten die Konsole öffnen und schauen Sie dann, ob das Problem irgend etwas Naheliegendes ist. Dann fordern Sie einen Techniker über seine offene Leitung an.«

»Jawohl, Sir.« Koudelka zog sich zurück, nachdem er einen vorsichtigen Blick auf die drei Leute geworfen hatte, die da angespannt und starr auf ihren Plätzen darauf warteten, daß er sie allein ließ.

Der Graf wollte nicht nachgeben: »Ich schwöre, daß ich es verstoßen werde. Das Ding in dem Kanister im Militärkrankenhaus. Ich werde es vollständig enterben.«

»Diese Drohung wirkt nicht, Sir. Du kannst nur mich direkt verstoßen. Durch einen kaiserlichen Befehl. Um den du … mich untertänigst ersuchen müßtest.« Er lächelte schneidend, und seine Augen funkelten. »Ich würde natürlich deinem Ersuchen stattgeben.«

Die Muskeln in Piotrs Kieferpartie spannten sich. Also doch nicht die unwiderstehliche Macht und das unbewegliche Objekt, sondern die unwiderstehliche Macht und ein flüssiges Meer, Piotrs Schläge schafften es nicht, zu landen, sondern klatschten hilflos vorbei. Mentales Judo. Er war aus dem Gleichgewicht, suchte fuchtelnd seine Mitte und schlug nun wild um sich.

»Denke an Barrayar! Denke an das Beispiel, das du gibst.«

»O ja«, flüsterte Aral, »daran denke ich.« Er hielt inne. »Wir haben nie aus dem Hintergrund geführt, du oder ich. Wo ein Vorkosigan vorangeht, da finden es andere vielleicht nicht so unmöglich, zu folgen. Ein bißchen persönliche … angewandte Sozialwissenschaft.«

»Vielleicht für Galaktiker. Aber unsere Gesellschaft kann sich diesen Luxus nicht leisten. So wie die Dinge liegen, halten wir kaum unsere eigene Stellung. Wir können nicht die Last von Millionen Gestörten tragen.«

»Millionen?« Aral hob seine Augenbrauen. »Jetzt extrapolierst du von einem zu unendlich. Ein schwaches Argument, Sir, deiner unwürdig.«

»Und sicherlich«, sagte Cordelia ruhig, »wieviel tragbar ist, das muß jedes Individuum, das seine eigene Last trägt, selbst entscheiden.«

Piotr wandte sich ihr zu: »Ja, und wer zahlt für das alles, na? Das Kaiserreich. Vaagens Labor läuft unter dem Budget für militärische Forschungen. Ganz Barrayar zahlt für die Verlängerung des Lebens deiner Mißgeburt.«

Aus der Fassung gebracht, erwiderte Cordelia: »Vielleicht wird sich das als eine bessere Investition herausstellen, als du denkst.«

Piotr schnaufte, sein Kopf senkte sich störrisch zwischen seine hochgezogenen mageren Schultern. Er blickte durch Cordelia hindurch auf Aral. »Du bist entschlossen, mir dies aufzubürden. Meinem Haus. Ich kann dich nicht auf andere Weise überzeugen, ich kann dir nicht befehlen … also gut. Du bist so versessen auf Veränderungen, hier ist eine Veränderung für dich. Ich will nicht, daß dieses Ding meinen Namen trägt. Das kann ich dir verweigern, wenn auch sonst nichts.«

Arals Lippen waren aufeinandergepreßt, seine Nasenflügel zitterten. Aber er bewegte sich nicht an seinem Platz. Der Projektor leuchtete weiter, vergessen in seinen bewegungslosen Händen. Er hielt seine Hände ruhig und völlig beherrscht und erlaubte ihnen nicht, sich zu Fäusten zu ballen.

»Sehr wohl, Sir.«

»Nenne ihn dann Miles Naismith Vorkosigan«, sagte Cordelia, die Ruhe vortäuschte, obwohl ihr übel war und ihr Unterleib zitterte. »Mein Vater wird nichts dagegen haben.«

»Dein Vater ist tot«, versetzte Piotr.

Aufgelöst in leuchtendes Plasma bei einem Shuttleunfall vor mehr als zehn Jahren … Manchmal bildete sie sich ein, wenn sie die Augen schloß, daß sie seinen Tod noch fühlen konnte, wie er in Magenta und dunklem Grünblau in ihre Netzhaut eingeprägt war. »Nicht ganz. Nicht, solange ich lebe und mich an ihn erinnere.«

Piotr schaute drein, als hätte sie ihm gerade einen Stoß in seinen barrayaranischen Magen versetzt. Barrayaranische Zeremonien für die Toten näherten sich der Ahnenverehrung, als könnte die Erinnerung die Seelen lebendig erhalten. Ließ seine eigene Sterblichkeit heute seine Adern frösteln? Er war zu weit gegangen und er wußte es, aber er konnte nicht mehr einlenken. »Nichts, nichts weckt dich auf! Dann versuchen wir’s mal damit.« Er stellte sich breitbeinig hin und blickte Aral wütend an: »Verlaß mein Haus! Beide Häuser! Auch Palais Vorkosigan! Nimm dein Weib und hebe dich hinweg! Heute noch!«

Aral blickte sich nur einmal kurz um im Heim seiner Kindheit. Er legte den Projektor sorgfältig beiseite und stand auf. »Sehr wohl, Sir.«

In Piotrs Wut mischte sich Angst: »Du würdest dein Heim dafür wegwerfen?«

»Mein Heim ist nicht ein Platz. Es ist eine Person, Sir«, sagte Aral ernst. Dann fügte er zögernd hinzu: »Es sind Menschen.«

Damit meinte er Piotr genauso wie Cordelia. Sie saß vornübergebeugt, die Spannung tat ihr weh. War der alte Mann aus Stein? Sogar jetzt brachte ihm Aral noch Gesten der Höflichkeit entgegen, daß ihr fast das Herz stehenblieb.

»Du wirst deine Pachtgelder und Einkünfte der Distriktskasse zurückzahlen«, sagte Piotr völlig verzweifelt.

»Wie Sie wünschen, Sir.« Aral war schon auf dem Weg zur Tür.

Piotrs Stimme wurde schwächer: »Wo wirst du leben?«

»Illyan drängt mich schon seit einiger Zeit, in die Kaiserliche Residenz umzuziehen, aus Sicherheitsgründen. Evon Vorhalas hat mich überzeugt, daß Illyan recht hat.«

Cordelia war mit Aral zusammen aufgestanden. Sie ging nun zum Fenster und blickte über die trübsinnige grau-grünbraune Landschaft. Die Wellen im zinngrauen Wasser des Sees trugen Schaumkronen. Der barrayaranische Winter würde so kalt werden …

»So, etablierst du dich endlich mit kaiserlichem Gehabe, ha?«, spottete Piotr. »Ist es das, worum es dir geht: Hybris?«

Aral verzog sein Gesicht in tiefem Ärger: »Im Gegenteil, Sir. Wenn ich kein anderes Einkommen haben soll, als mein halbes Admiralsgehalt, dann kann ich es mir nicht leisten, mir eine mietfreie Unterbringung entgehen zu lassen.«

Eine Bewegung in den dahintreibenden Wolken zog Cordelias Aufmerksamkeit auf sich. Sie kniff beunruhigt die Augen zusammen.

»Was ist mit diesem Leichtflieger los?«, murmelte sie halb im Selbstgespräch.

Der Punkt zwischen den Wolken wuchs, führte seltsame Flugmanöver aus und zog eine Rauchspur hinter sich her. Er flog ruckweise über den See, direkt auf sie zu. »Gott, ist das Ding etwa voller Bomben?«

»Was?«, fragten Aral und Piotr gleichzeitig und traten schnell neben sie ans Fenster, Aral zu ihrer rechten Seite, Piotr zur linken.

»Es trägt die Hoheitsabzeichen des Sicherheitsdienstes«, sagte Aral.

Piotr kniff seine alten Augen zusammen: »So?«

Cordelia bereitete sich geistig darauf vor, den hinteren Korridor entlangzurennen und dann hinaus zur Hintertür. Es gab da ein Stückchen Graben auf der anderen Seite der Auffahrt, wenn sie sich dort flach hinlegten, dann vielleicht … Aber der Leichtflieger näherte sich langsam dem Ende seiner Flugbahn. Er landete wackelnd auf dem vorderen Rasen.

Männer in Vorkosigan-Livree und der grün-schwarzen Uniform des Sicherheitsdienstes umringten ihn vorsichtig. Der Schaden des Fliegers war deutlich zu sehen: ein von einem Plasmatreffer eingebranntes Loch, schwarze Rußstreifen, verzogene Steuerflächen — es war ein Wunder, daß er überhaupt noch geflogen war.

»Wer …?«, fragte Aral.

Piotrs Blick wurde schärfer, als durch das beschädigte Verdeck der Pilot sichtbar wurde. »Ihr Götter, es ist Negri!«

»Aber wer ist das mit … — los!« Aral drehte sich blitzschnell um und rannte zur Tür hinaus. Piotr und Cordelia folgten ihm, durch die vordere Halle und durch die Tür und den grünen Abhang hinab.

Die Wachen mußten das verzogene Verdeck aufbrechen. Negri fiel in ihre Arme. Sie legten ihn auf das Gras. Er hatte eine scheußliche Brandwunde von etwa einem Meter Länge auf seiner linken Körperseite, seine grüne Uniform war hier geschmolzen und verkohlt und gab den Blick frei auf blutende weiße Brandblasen und aufgerissenes Fleisch. Er zitterte unaufhörlich.

Die kleine Gestalt, die auf dem Passagiersitz festgegurtet saß, war Kaiser Gregor. Der fünfjährige Junge weinte erschrocken, nicht laut, sondern in gedämpftem, unterdrücktem Wimmern. Soviel Selbstbeherrschung in einem so jungen Knaben war Cordelia unheimlich. Er sollte laut schreien.

Ihr selber war danach, laut zu schreien. Gregor trug gewöhnliche Spielkleidung, ein leichtes Hemd und dunkelblaue Hosen. Ihm fehlte ein Schuh. Ein Sicherheitsbeamter hakte seinen Sitzgurt auf und zog ihn aus dem Flieger. Er wich vor dem Mann zurück und blickte erschreckt und verwirrt auf Negri. Hast du gedacht, Erwachsene seien unzerstörbar, Kind? dachte Cordelia voll Kummer.

Kou und Drou tauchten aus ihren jeweiligen Schlupflöchern im Haus auf, um die Szenerie mit dem Rest der Wachen anzugucken. Gregor erkannte Droushnakovi, eilte pfeilschnell auf sie zu und klammerte sich fest an ihren Rock. »Droushie, hilf mir!« Jetzt erst wagte er, hörbar zu weinen.

Sie schlang ihre Arme um ihn und hob ihn hoch.

Aral kniete sich neben dem verletzten Sicherheitschef nieder. »Negri, was ist passiert?«

Negri streckte seinen unverletzten rechten Arm aus und griff nach Arals Jacke. »Er versucht einen Putsch — in der Hauptstadt. Seine Truppen haben die Sicherheitszentrale und das Kommunikationszentrum eingenommen — warum habt ihr nicht reagiert? Das Hauptquartier ist umzingelt, unterwandert — heftige Kämpfe jetzt an der Kaiserlichen Residenz. Wir hatten ihn entlarvt — waren dabei, ihn zu verhaften — er geriet in Panik. Schlug zu früh zu. Ich glaube, er hat Kareen …«

»Wer hat, Negri«, wollte Piotr wissen, »wer?«

»Vordarian.«

Aral nickte grimmig. »Ja …«

»Sie — nehmen Sie den Jungen«, keuchte Negri. »Vordarian hat uns fast besiegt …« Sein Zittern ging in konvulsivisches Zucken über, seine Augen verdrehten sich, bis das Weiße sichtbar wurde. Sein Atem ging stoßweise und würgend. Plötzlich blickten seine Augen noch einmal intensiv und konzentriert. »Sagen Sie Ezar« — die Krämpfe überfielen ihn wieder und quälten seinen kräftigen Leib. Dann hörten sie mit einen Mal auf. Das Ganze halt! Er atmete nicht mehr.

KAPITEL 11

»Sir«, sagte Koudelka, nachdem er sich zu Vorkosigan vorgedrängt hatte, »die gesicherte Kommunikationskonsole war sabotiert.« Der Kommandant der Sicherheitswache neben ihm nickte zustimmend. »Ich wollte gerade kommen und es Ihnen melden …« Koudelka blickte auf Negris Körper, der auf dem Gras lag. Zwei Sicherheitsleute knieten jetzt neben ihm und versuchten es verzweifelt mit Erster Hilfe: Herzmassage, Sauerstoff und Injektionen von Hypospray. Aber trotz ihrer Bemühungen blieb der Körper schlaff, das Gesicht wächsern und bewegungslos. Cordelia war dem Tod schon früher begegnet und erkannte die Anzeichen. Das hat keinen Zweck, Leute, den werdet ihr nicht zurückholen. Nicht diesmal. Er ist gegangen, um seinen letzten Bericht Ezar persönlich zu überbringen, Negris letzter Bericht …

»Welcher Zeitrahmen bei der Sabotage?«, wollte Vorkosigan wissen. »Verzögert oder unmittelbar?«

»Es sah nach unmittelbar aus«, berichtete der Wachkommandant. »Kein Anzeichen für einen Zeitschalter oder irgendein Gerät. Irgend jemand hat die Konsole einfach auf der Rückseite aufgebrochen und sie innendrin zerstört.«

Aller Augen wandten sich auf den Mann vom Sicherheitsdienst, der den Wachposten außerhalb des Raumes mit der Kommunikationskonsole innegehabt hatte. Er stand, wie die meisten anderen in schwarzer Arbeitsuniform, entwaffnet zwischen zweien seiner Kameraden. Sie waren ihrem Kommandanten nach draußen gefolgt, als der Tumult auf dem Rasen begann. Das Gesicht des Verhafteten hatte etwa die gleiche bleigraue Farbe wie das von Negri, aber es war von aufflackernder Angst belebt.

»Und?«, fragte Vorkosigan den Wachkommandanten.

»Er leugnet, es getan zu haben«, der Kommandant zuckte die Achseln, »natürlich.«

Vorkosigan schaute den Festgenommenen an, »Wer ging nach mir hinein?«

Der Wächter blickte verstört in der Runde umher. Er zeigte plötzlich auf Droushnakovi, die noch den wimmernden Gregor trug. »Sie!«

»Ich nie!«, sagte Droushnakovi ungehalten und packte den Jungen fester.

Vorkosigan biß die Zähne aufeinander. »Also, ich brauche kein Schnellpenta, um zu wissen, daß einer von euch beiden lügt. Jetzt ist dafür keine Zeit. Kommandant, verhaften Sie beide. Wir werden das später klären.« Vorkosigans Augen suchten besorgt den nördlichen Horizont ab.

»Sie«, er zeigte auf einen anderen Sicherheitsmann, »bringen alle Transportmittel zusammen, die Sie finden können. Wir evakuieren das Haus sofort. Sie«, er wendete sich an einen von Piotrs Gefolgsleuten, »gehen und warnen die Leute im Dorf. Kou, holen Sie die Unterlagen, nehmen Sie einen Plasmabogen und verbrennen Sie endgültig diese Kommunikationskonsole, und dann kommen Sie zurück zu mir.«

Koudelka blickte kurz besorgt über seine Schulter nach Droushnakovi und stapfte dann in Richtung auf das Haus davon. Drou stand steif, wie vor den Kopf geschlagen, zornig und erschreckt, der kalte Wind ließ ihren Rock flattern. Sie blickte mit gerunzelter Stirn auf Vorkosigan und nahm Koudelkas Weggang kaum wahr.

»Gehst du zuerst nach Hassadar?«, fragte Piotr seinen Sohn in einem seltsamen, sanften Ton.

»Ganz recht.«

Hassadar, die Distrikthauptstadt der Vorkosigans: dort waren kaiserliche Truppen stationiert. Eine loyale Garnison?

»Du hast aber nicht vor, es zu halten, hoffe ich«, sagte Piotr.

»Natürlich nicht. Hassadar«, Vorkosigan zwinkerte mit einem wölfischen Grinsen, »wird mein erstes Geschenk für Kommodore Vordarian sein.«

Piotr nickte, als wäre er befriedigt. In Cordelias Kopf drehte sich alles. Trotz Negris Überraschung schienen weder Piotr noch Aral von Panik gepackt. Keine überflüssigen Bewegungen, keine überflüssigen Worte.

»Du«, sagte Aral zu Piotr in gedämpfter Stimme, »nimmst den Jungen.«

Piotr nickte.

»Triff uns — nein. Sag nicht einmal mir, wo. Du wirst uns kontaktieren.«

»Ganz recht.«

»Nimm Cordelia.«

Piotr öffnete den Mund, dann schloß er ihn wieder und sagte nur: »Aha.«

»Und Sergeant Bothari. Für Cordelia. Drou ist — einstweilen — außer Dienst.«

»Ich brauche dann Esterhazy«, sagte Piotr.

»Ich werde den Rest deiner Leute brauchen«, sagte Aral.

»Ganz recht.« Piotr nahm seinen Gefolgsmann Esterhazy beiseite und redet leise auf ihn ein, Esterhazy rannte plötzlich den Hang hinauf. Die Männer verteilten sich in alle Richtungen, nachdem die Befehle sich entsprechend der Befehlskette vermehrt hatten. Piotr rief einen anderen livrierten Gefolgsmann zu sich und befahl ihm, seinen Bodenwagen zu nehmen und damit in Richtung Westen loszufahren.

»Wie weit, Mylord?«

»So weit, wie deine Findigkeit dich bringt. Dann fliehe, wenn du kannst, und schließe dich wieder dem Lordregenten an, ja?«

Der Mann nickte und rannte los wie Esterhazy.

»Sergenat, Sie werden Lady Vorkosigans Stimme gehorchen wie meiner eigenen«, sagte Aral zu Bothari.

»Immer, Mylord.«

»Ich möchte den Leichtflieger da haben.« Piotr nickte in Richtung auf Negris beschädigten Apparat, der zwar nicht mehr rauchte, aber Cordelia trotzdem nicht sehr flugfähig erschien. Nicht im geringsten bereit für eine wilde Flucht, bei der man mit waghalsigen Manövern entschlossenen Feinden ausweichen mußte … Der Flieger ist für so etwas in etwa der gleichen Verfassung wie ich, befürchtete Cordelia. »Und Negri«, fuhr Piotr fort.

»Er würde das zu schätzen wissen«, sagte Aral.

»Dessen bin ich sicher.« Piotr nickte kurz und wendete sich dann an die Erste-Hilfe-Gruppe. »Hört auf, Jungs, das hat jetzt alles keinen Zweck mehr.« Er befahl ihnen statt dessen, den Leichnam in den Leichtflieger zu laden.

Aral wandte sich zuletzt endlich Cordelia zu, zum erstenmal. »Lieber Captain …« Seit Negri aus dem Leichtflieger gefallen war, blieb der immer gleiche welke Ausdruck auf seinem Gesicht.

»Aral, war das überhaupt eine Überraschung für jemand anderen als mich?«

»Ich wollte dich nicht damit beunruhigen, als du so krank warst.« Seine Lippen wurden schmal. »Wir hatten herausgefunden, daß Vordarian konspirierte, im Hauptquartier und anderswo. Illyans Untersuchungen waren inspiriert. Spitzenleute im Sicherheitsdienst müssen diese Art von Intuition haben, nehme ich an. Aber um einen Mann von Vordarians Bedeutung und Beziehungen des Verrats zu verurteilen, brauchten wir die härtesten Beweise. Der Rat der Grafen ist als Körperschaft außerordentlich unduldsam gegenüber eine Einmischung der kaiserlichen Zentralgewalt gegenüber einem ihrer Mitglieder. Wir können ihnen nicht mit einem bloßen Wischiwaschi kommen.

Aber Negri rief mich gestern abend an und teilte mir mit, er habe seine Beweise in der Hand, genug um endlich zuzuschlagen. Er brauchte einen kaiserlichen Befehl von mir, um einen regierenden Distriktsgrafen zu verhaften. Ich sollte heute abend nach Vorbarr Sultana reisen und die Operation überwachen. Es ist ganz klar, daß Vordarian gewarnt wurde. Sein ursprünglicher Schlag war erst für einen späteren Monat geplant, vorzugsweise direkt nach meiner erfolgreichen Ermordung.«

»Aber …«

»Geh jetzt!« Er schob sie in Richtung auf den Leichtflieger. »Vordarians Truppen werden binnen Minuten hier sein. Du mußt verschwinden. Egal, was er sonst in Händen hält, er kann seine Position nicht sicher machen, solange Gregor frei ist.«

»Aral …« Ihre Stimme klang wie ein dünnes Gepiepse, sie schluckte etwas herunter, was sich anfühlte wie trockengefrorene Stücke von Speichel. Sie wollte tausend Fragen herunterleiern, zehntausend Proteste. »Paß auf dich auf!«

»Du auch!« Ein letztes Licht leuchtete in seinen Augen auf, aber sein Gesicht war schon weit weg, ganz verschlungen von dem ihn antreibenden inneren Rhythmus der taktischen Überlegungen. Keine Zeit mehr.

Aral ging, um Gregor aus Drous Armen zu nehmen, er flüsterte ihr etwas zu, und sie überließ ihm den Jungen widerstrebend. Sie stiegen in den Leichtflieger, Bothari an der Steuerung, Cordelia zwängte sich auf den Rücksitz neben Negris Leiche, und Gregor kam auf ihren Schoß. Der Junge gab keinen Laut mehr von sich, sondern zitterte nur. Seine Augen waren vom Schock geweitet und suchten ihren Blick. Ihre Arme umschlangen ihn automatisch. Er erwiderte die Umarmung nicht, sondern schlang seine Arme um seinen eigenen Leib Negri, der schlaff auf dem Sitz lag, fürchtete jetzt nichts mehr, und sie beneidete ihn fast.

»Hast du gesehen, was mit deiner Mutter geschehen ist, Gregor?«, murmelte Cordelia dem Jungen ins Ohr.

»Die Soldaten nahmen sie mit.« Seine Stimme war dünn und ausdruckslos.

Der überladene Leichtflieger hüpfte in die Luft, und Bothari steuerte ihn in etwa den Hügel hinauf, nur wenige Meter über dem Boden. Der Flieger jaulte und stöhnte und klapperte. Cordelia tat dies ebenfalls, innerlich. Sie drehte sich um, um durch das verzogene Verdeck einen Blick — einen letzten Blick? — auf Aral zu werfen, der sich schon abgewendet hatte und der Auffahrt zueilte, wo seine Soldaten eine kunterbunte Sammlung von Fahrzeugen, privaten und dienstlichen, zusammenbrachten.

Warum nehmen wir nicht eines von denen?

»Wenn Sie über den zweiten Hügelkamm setzen — falls Sie das können —, dann gehen Sie nach rechts, Sergeant«, dirigierte Piotr Bothari. »Folgen Sie dem Bach.«

Zweige schlugen gegen das Verdeck, als Bothari weniger als einen Meter hoch über dem Rinnsal und den scharfen Felsen dahinflog.

»Landen Sie auf dem kleinen Platz dort und schalten Sie die Maschine ab«, befahl Piotr. »Jeder von uns soll alle strombetriebenen Geräte ablegen, die er trägt.« Er entledigte sich seines Chronos und seines Kom-Links. Cordelia streifte ihr Chrono ab.

Bothari, der den Flieger neben dem Bach sanft landete, unter einigen von der Erde importierten Bäumen, die ihre Blätter erst zur Hälfte abgeworfen hatte, fragte: »Schließt das auch Waffen ein, Mylord?«

»Besonders Waffen, Sergeant. Die Ladeeinheit eines Betäubers wirkt auf einem Scanner wie eine Fackel. Und die Stromzelle eines Plasmabogens leuchtet darauf wie ein Sonnwendfeuer.«

Bothari fischte je zwei der angesprochenen Geräte aus seinen Taschen, daneben andere nützliche Geräte: einen Handtraktor, sein Kom-Link, sein Chrono und eine Art von kleinem medizinischen Diagnosegerät. »Auch mein Messer, Mylord?«

»Ist es ein Vibra-Messer?«

»Nein, bloß aus Stahl.«

»Dann behalten Sie es.« Piotr beugte sich über das Steuerpult des Leichtfliegers und begann damit, den Autopiloten umzuprogrammieren.

»Alle aussteigen. Sergeant, blockieren Sie das Verdeck so, daß es halb offen bleibt.«

Bothari erfüllte diese Aufgabe, indem er einen Stein mit Gewalt in die Auflagerille des Verdecks zwängte, dann wirbelte er herum: es kam ein Geräusch aus dem Unterholz.

»Ich bin’s«, ertönte die atemlose Stimme von Esterhazy. Esterhazy, der vierzig Jahre alt war und damit noch als junger Bursche neben einigen von Piotrs grauhaarigen Veteranen gelten konnte, hielt sich immer in Topform, er mußte sich wirklich arg beeilt haben, wenn er so außer Atem war. »Ich habe sie, Mylord.«

›Sie‹ stellten sich heraus als vier von Piotrs Pferden, sie waren mit Leinen zusammengebunden, die an den Metallstücken in ihren Mäulern befestigt waren, welche auf Barrayar ›Gebisse‹ genannt wurden. Cordelia erschien das als eine sehr kleine Steuereinrichtung für ein so großes Transportmittel. Die großen Tiere zuckten und stampften und schüttelten ihre klirrenden Köpfe, ihre roten Nüstern waren rund und bebten.

Piotr war fertig mit der Umprogrammierung des Autopiloten. »Bothari, hierher«, rief er. Zusammen hoben sie Negris Leiche wieder auf den Pilotensitz und gurteten sie dort an. Bothari ließ den Motor des Leichtfliegers an und sprang heraus. Der Flieger taumelte in die Luft, krachte fast in einen Baum und tuckerte dann zurück über den Hügelkamm. Piotr, der dastand und beobachtete, wie der Leichtflieger hochstieg, murmelte leise: »Grüße ihn von mir, Negri.«

»Wohin schickst du ihn?«, fragte Cordelia. Nach Walhalla?

»Auf den Grund des Sees«, sagte Piotr mit einiger Befriedigung. »Das wird ihnen Kopfzerbrechen bereiten.«

»Werden die, die ihn verfolgen, nicht aufspüren? Und ihn wieder heraushieven?«

»Am Ende schon. Aber der Flieger dürfte in dem Bereich untergehen, wo der See zweihundert Meter tief ist. Das wird sie Zeit kosten. Und sie werden zuerst nicht wissen, wann er untergegangen ist und wieviele Leichen daraus fehlen. Sie werden dieses ganze Stück des Seebodens absuchen müssen, um sicher zu sein, daß Gregor nicht dort unten steckt. Und negative Indizien sind nie ganz beweiskräftig, nicht wahr? Sie werden es nicht wissen, selbst dann nicht. Steigt auf, Leute, wir machen uns auf den Weg.«

Er ging entschlossen auf seine Pferde zu.

Cordelia folgte ihm unsicher. Pferde. Als was waren sie zu bezeichnen: Sklaven, Symbionten, Kommensalen? Das Pferd, auf das Esterhazy sie zuführte, war fünf Fuß hoch. Er gab ihr die Leinen in die Hand und wendete sich ab. Der Sattel war in Höhe ihres Kinns: wie sollte sie da hochkommen? Aus diesem Blickwinkel erschien das Pferd viel größer, als wenn es sich in gewisser Entfernung dekorativ auf seiner Weide herumtrieb. Die braune, fellbedeckte Haut auf seiner Schulter zitterte plötzlich. O Gott, sie haben mir ein defektes gegeben, es wird gleich in Krämpfe verfallen — sie stieß einen kleinen Angstschrei aus.

Bothari war irgendwie auf sein Pferd gestiegen. Er zumindest war nicht von der Größe des Tieres überwältigt. Mit seiner eigenen Größe ließ er das ausgewachsene Tier wie ein Pony aussehen. Da er in der Stadt aufgewachsen war, war Bothari kein geübter Reiter, trotz des Kavallerietrainings, das ihm Piotr in den Monaten seines Dienstes aufgenötigt hatte, schien er nur aus Knien und Ellbogen zu bestehen. Aber er beherrschte deutlich sein Reittier, wie linkisch und grob auch seine Bewegungen sein mochten.

»Sie reiten als erster, Sergeant«, sagte Piotr zu ihm. »Ich möchte, daß wir so weit auseinandergezogen reiten, daß wir uns gerade noch sehen können. Keine Gruppe bilden! Reiten Sie los zum dem flachen Felsen — Sie kennen den Ort und warten Sie dort auf uns.«

Bothari riß den Kopf seines Pferdes herum und stieß ihm mit den Füßen in die Seiten, dann trappelte er auf dem Waldpfad los in der den Sitz erschütternden Gangart, die man Käufer nennt.

Piotr, von dem man hätte annehmen können, seine Gelenke würden schon knirschen, schwang sich in einer geschmeidigen Bewegung in den Sattel, Esterhazy reichte ihm Gregor hoch und Piotr setzte den Jungen vor sich hin. Gregor hatte anscheinend wirklich wieder Mut gefaßt, als er die Pferde erblickt hatte, doch Cordelia konnte nicht verstehen, warum. Piotr schien überhaupt nichts zu tun, aber sein Pferd stellte sich ganz von selbst startbereit für den Weg auf — Telepathie, entschied Cordelia verwirrt.

Die haben hierzu Telepathen mutiert und mir nie etwas davon erzählt … oder vielleicht war das Pferd telepathisch veranlagt?

»Los, Frau, du bist die Nächste.«

Verzweifelt steckte Cordelia ihren Fuß in dieses Dings von Fußhalter, Steigbügel, faßte irgendwo an und stemmte sich hoch. Der Sattel glitt langsam um den Bauch des Pferdes herum, und Cordelia mit ihm, bis sie unten zwischen einem Wald von Pferdebeinen hing. Sie fiel mit einem Plumps auf den Boden und krabbelte zur Seite. Das Pferd drehte seinen Hals herum und schaute sie an, weitaus weniger erschrocken als sie selber, dann richtete es seine gummiweichen Lippen auf den Boden und begann Gras zu fressen.

»O Gott«, stöhnte Piotr aufgebracht.

Esterhazy stieg wieder ab und eilte an ihre Seite, um ihr hinaufzuhelfen. »Mylady, sind Sie in Ordnung? Tut mir leid, das war mein Fehler, hätte noch mal überprüfen sollen … hm … sind Sie noch nie geritten?«

»Noch nie«, gestand Cordelia. Er zog hastig den Sattel herunter, legte ihn wieder richtig auf und befestigte ihn straffer. »Vielleicht kann ich laufen. Oder rennen.« Oder meine Pulsadern aufschneiden. Aral, warum hast du mich mit diesen Verrückten weggeschickt?

»Es ist nicht so schwer, Mylady«, versprach ihr Esterhazy. »Ihr Pferd wird den anderen folgen. Rose ist die sanfteste Stute in unseren Ställen. Hat sie nicht ein liebes Gesicht?«

Feindselige braune Augen mit Purpur in der Mitte ignorierten Cordelia. »Ich kann nicht.« Ihr Atem ging in ein Schluchzen über, das erste an diesem heillosen Tag.

Piotr blickte zuerst zum Himmel empor, dann zurück über seine Schulter. »Nutzloses betanisches Püppchen«, knurrte er ihr zu. »Sag mir nicht, daß du noch nie mit gespreizten Beinen geritten bist.« Er bleckte die Zähne. »Stell dir einfach vor, das sei mein Sohn.«

»Hier, geben Sie mir Ihr Knie«, sagte Esterhazy nach einem ängstlichen Blick auf den Grafen und legte seine Hände gewölbt ineinander.

Nimm doch das ganze verdammt Bein! Sie zitterte vor Wut und Angst. Sie warf Piotr einen wütenden Blick zu und griff wieder nach dem Sattel.

Irgendwie gelang es Esterhazy, sie hinaufzuschieben. Sie klammerte sich verbissen fest und beschloß nach einem kurzen Blick, nicht nach unten zu schauen. Esterhazy warf ihre Zügel Piotr zu, der sie mit einer leichten Bewegung des Handgelenks auffing und ihr Pferd ins Schlepptau nahm.

Der Pfad wurde zu einem Kaleidoskop aus Bäumen, Felsen, schmatzenden Schlammpfützen, peitschenden Zweigen — all dies wirbelte vorüber. Ihr Bauch begann zu schmerzen, ihre frische Narbe meldete sich mit Stechen.

Wenn das wieder drinnen zu bluten anfängt … Sie ritten weiter und weiter und immer weiter.

Schließlich fielen sie aus dem leichten Galopp in den Schritt. Cordelia blinzelte, mit rotem Gesicht, keuchend und schwindelig. Sie waren irgendwie zu einer Lichtung hinaufgestiegen, von der aus man den See überblicken konnte, nachdem sie um die breite, seichte Bucht herumgeritten waren, die auf der linken Seite des Vorkosigan-Gutes lag.

Als ihr Blick wieder klar wurde, konnte sie in dem allgemeinen rotbraunen Hintergrund den kleinen grünen Flecken erkennen, den der rasenbewachsene Abhang vor dem alten Steinhaus bildete. Jenseits des Wassers lag das winzige Dorf.

Bothari war schon vor ihnen da und wartete auf sie, ohne gesehen zu werden, niedergekauert im Gebüsch, während sein schnaufendes Pferd an einen Baum gebunden war. Er stand schweigend auf, näherte sich ihnen und blickte dann besorgt auf Cordelia. Halb fiel, halb glitt sie herab in seine Arme.

»Sie reiten zu schnell für sie, Mylord. Sie ist noch krank.«

Piotr schnaubte: »Sie wird noch viel kränker sein, wenn Vordarians Kommandos uns einholen.«

»Ich schaff’s schon«, keuchte Cordelia zusammengekrümmt. »In einer Minute. Gebt mir — bloß — eine Minute.« Der Wind, der kälter wurde, da die Herbstsonne nach Westen sank, fuhr über ihre heiße Haut hinweg. Der Himmel hatte eine einheitliche schattenlose Milchfarbe angenommen.

Nach und nach konnte sich Cordelia wieder aufrichten, während der Schmerz im Unterleib nachließ. Esterhazy erreichte die Lichtung, als Nachhut bewegte er sich in einem weniger hektischen Schritt.

Bothari nickte in Richtung auf den grünen Fleck: »Da sind sie.«

Piotr kniff die Augen zusammen, Cordelia starrte in die gleiche Richtung. Einige Leichtflieger landeten gerade auf dem Rasen. Keine von Arals Maschinen. Männer in Arbeitsuniformen quollen aus ihnen hervor wie schwarze Ameisen, darunter vielleicht ein oder zwei helle Tupfen in Kastanienbraun und Gold, und ein paar Flecken im Dunkelgrün der Offiziere. Großartig. Unsere Freunde und unsere Feinde tragen alle die gleichen Uniformen. Was sollen wir tun, auf sie alle schießen und dann Gott sie aussortieren lassen?

Piotr sah wirklich sauer drein. Verwüsteten sie dort drunten gerade sein Heim, rissen sie auf der Suche nach den Flüchtigen das Haus ein?

»Wenn sie die Pferde zählen, die im Stall fehlen, werden sie dann nicht wissen, wohin wir gegangen sind und wie?«, fragte Cordelia.

»Ich habe alle rausgelassen, Mylady«, sagte Esterhazy. »Wenigstens haben auf diese Weise alle eine Chance. Ich weiß nicht, wieviel wir zurückbekommen werden.«

»Die meisten von ihnen werden sich bei den Ställen herumtreiben, fürchte ich«, sagte Piotr, »in der Hoffnung auf ihren Hafer. Ich wünschte mir, sie wären so gescheit und zerstreuten sich. Gott allein weiß, auf welche Schändlichkeiten diese Vandalen verfallen, wenn sie sich um ihre ganze andere Beute geprellt sehen.«

Drei Flieger landeten am Rand des kleinen Dorfes. Bewaffnete Männer stiegen aus und verschwanden zwischen den Häusern. »Ich hoffe, Zai hat sie alle rechtzeitig gewarnt«, murmelte Esterhazy.

»Warum sollten sie diese armen Leute belästigen?« fragte Cordelia. »Was wollen sie denn dort?«

»Uns, Mylady«, sagte Esterhazy grimmig. Als sie ihn verwirrt anblickte, fuhr er fort: »Uns, die Gefolgsleute. Unsere Familien. Die machen dort unten Jagd auf Geiseln.«

Esterhazy hatte eine Frau und zwei Kinder in der Hauptstadt, erinnerte sich Cordelia. Und was geschah mit denen jetzt gerade? Hat sie jemand gewarnt? Esterhazy sah aus, als stellte er sich auch diese Fragen.

»Kein Zweifel, Vordarian wird das Geiselspiel spielen«, sagte Piotr. »Er kann jetzt nicht mehr zurück. Er muß gewinnen oder sterben.«

Sergeant Botharis schmale Kinnbacken zuckten, als er durch die dunstige Luft starrte. Hatte irgend jemand daran gedacht, Frau Hysopi zu warnen?

»Sie werden bald mit der Suche aus der Luft anfangen«, sagte Piotr. »Es ist Zeit, in Deckung zu gehen. Ich gehe voran. Sergeant, führen Sie sie.«

Er wendete sein Pferd und verschwand im Gestrüpp, dabei folgte er einem Pfad, der so undeutlich war, daß Cordelia ihn gar nicht erkannt hätte.

Bothari und Esterhazy waren beide nötig, um sie wieder auf ihr Reittier zu heben. Piotr wählte als Gangart den Schritt, nicht um ihretwillen, vermutete Cordelia, sondern den schweißbedeckten Tieren zuliebe. Nach diesem ersten gräßlichen Galopp erschien der Schritt wie eine Atempause. Zuerst.

Sie ritten zwischen Bäumen und Büschen, entlang einer Schlucht, über einen Hügelkamm, und die Hufe der Pferde scharrten über Stein. Cordelia spitzte die Ohren für das Jaulen von Leichtfliegern über ihren Köpfen. Als es einmal kam, führte Bothari sie in einem wilden und schwindelerregenden Gerutschte in eine Schlucht hinunter, wo sie abstiegen und sich minutenlang unter einen Felsvorsprung kauerten, bis das Jaulen verklungen war. Wieder aus der Schlucht herauszukommen war sogar noch schwieriger. Sie mußten die Pferde hinaufführen, wobei Bothari seines den gefährlichen, mit Gestrüpp bewachsenen Hang praktisch hinaufzuziehen schien.

Es wurde dunkler, kälter und windiger. Aus zwei Stunden wurden drei, vier, fünf, und die rauchgraue Dunkelheit wurde pechschwarz. Sie ritten jetzt eng hintereinander, um Piotr nicht zu verlieren. Es begann zu regnen, ein trister schwarzer Nieselregen, der Cordelias Sattel noch schlüpfriger machte.

Um Mitternacht kamen sie auf eine Lichtung, die kaum weniger schwarz als die Schatten war, und Piotr rief endlich zu einem Halt. Cordelia saß mit dem Rücken an einem Baum, vor Erschöpfung ganz betäubt, mit angespannten Nerven, und hielt Gregor. Bothari teilte für Cordelia und Gregor einen Nährriegel, den er in seiner Tasche getragen hatte, und das war ihr einziger Proviant. In Botharis Uniformjacke eingewickelt, schlief Gregor schließlich trotz der Kälte ein. In Cordelias Beinen, auf denen Gregor lag, kribbelte es, aber das Kind war wenigstens ein Klumpen Wärme.

Wo war Aral jetzt? Und wo waren sie selbst überhaupt? Cordelia hoffte, daß Piotr dies wußte. Sie konnten maximal nicht mehr als fünf Kilometer pro Stunde zurückgelegt haben, mit all dem Auf und Ab und all den Haken, die sie geschlagen hatten. Stellte sich Piotr wirklich vor, sie könnten auf diese Weise ihren Verfolgern entkommen?

Piotr, der eine Weile unter seinem eigenen Baum ein paar Meter entfernt gesessen war, stand auf und ging ins Gebüsch, um zu pinkeln, dann kam er zurück, um in der Dunkelheit nach Gregor zu gucken. »Schläft er?«

»Ja. Erstaunlicherweise.«

»Mmm. Jugend«, brummte Piotr. War es Neid?

Sein Ton war nicht so feindselig wie zuvor, und Cordelia wagte zu fragen: »Glaubst du, Aral ist jetzt in Hassadar?« Sie konnte sich nicht ganz dazu bringen zu fragen: Glaubst du, er hat es überhaupt bis Hassadar geschafft?

»Er wird dort gewesen und inzwischen schon weitergegangen sein.«

»Ich dachte, er würde die dortige Garnison alarmieren.«

»Alarmieren und auseinanderschicken, in hundert verschiedene Richtungen. Und welches Kommando hat den Kaiser bei sich? Vordarian wird es nicht wissen. Aber mit etwas Glück wird dieser Verräter dazu verleitet werden, Hassadar zu besetzen.«

»Glück?«

»Eine kleine, aber wertvolle Ablenkung. Hassadar hat für keine der beiden Seiten einen nennenswerten strategischen Wert. Aber Vordarian muß einen Teil seiner — sicherlich zahlenmäßig begrenzten — loyalen Truppen darauf verwenden, es zu halten, tief in einem feindlichen Territorium mit einer langen Guerillatradition. Wir werden gute Informationen bekommen über alles, was die dort machen, aber die Bevölkerung wird sich ihnen verschließen.

Und es ist meine Hauptstadt. Er besetzt die DistriktsHauptstadt eines Grafen mit kaiserlichen Truppen — alle meine Mitbrüder im Grafenstand müssen innehalten und darüber nachdenken. Bin ich der nächste? Aral ist vermutlich zum Raumhafen Basis Tanery weitergegangen. Er muß eine unabhängige Kommunikationslinie mit den Streitkräften im Weltraum aufbauen, falls Vordarian das kaiserliche Hauptquartier wirklich umzingelt hat. Es wird entscheidend sein, wem gegenüber die Leute im Weltraum loyal sind. Ich prophezeie den Ausbruch erheblicher technischer Schwierigkeiten in ihren Funkstationen, während die Schiffskommandanten krampfhaft herausfinden wollen, welche Seite gewinnen wird.« Piotr gab in der Dunkelheit ein makabres Kichern von sich. »Vordarian ist zu jung, um sich an den Krieg von Kaiser Yuri dem Wahnsinnigen zu erinnern. Das ist schlecht für ihn. Er hat genügend Vorteile durch seinen raschen Start gewonnen, sehr ungern würde ich ihm noch mehr einräumen.«

»Wie schnell … geschah das alles?«

»Schnell. Es gab noch keinen Hinweis auf irgendwelche Schwierigkeiten, als ich um Mittag in der Hauptstadt war. Das Ganze muß gleich nach meiner Abfahrt ausgebrochen sein.«

Ein Frösteln, das nichts mit dem Regen zu tun hatte, überfiel beide kurz, als sie sich erinnerten, warum Piotr diese Reise heute unternommen hatte.

»Hat die Hauptstadt … einen großen strategischen Wert?«, fragte Cordelia und wechselte damit das Thema, da sie nicht wieder den wunden Punkt berühren wollte.

»In manchen Kriegen hätte sie einen. Nicht in diesem. Das ist kein Krieg um Territorium. Ich frage mich, ob Vordarian das erkennt. Es ist ein Kampf um Loyalitäten, um die Herzen von Menschen. Kein physisches Objekt in der Hauptstadt hat mehr als nur vorübergehende taktische Bedeutung. Vorbarr Sultana ist allerdings ein Kommunikationszentrum, und Kommunikation ist viel. Aber es ist nicht das einzige Zentrum. Der Umgehungskreislauf wird seinen Dienst tun.«

Wir haben überhaupt keine Kommunikation, dachte Cordelia stumpf. Hier draußen in den Wäldern im Regen. »Aber wenn Vordarian gerade jetzt das kaiserliche Militärhauptquartier besetzt hält …«

»Was er jetzt im Augenblick besetzt hält, ist, wenn ich mich nicht ganz täusche, ein sehr großes Gebäude voller Chaos. Ich bezweifle, ob überhaupt ein Viertel der Männer auf ihrem Posten ist, und die Hälfte von denen hecken Sabotageakte zugunsten der jeweiligen Seite aus, die sie insgeheim bevorzugen. Die übrigen sind unterwegs, um unterzutauchen oder zu versuchen, zu ihren Familien außerhalb der Stadt zu gelangen.«

»Wird Oberst Vorpatril ganz — wird Vordarian Lord und Lady Vorpatril belästigen, was meinst du?« Alys Vorpatrils Niederkunft stand nahe bevor. Als sie Cordelia im Militärkrankenhaus besucht hatte — war das erst vor zehn Tagen gewesen? —, da war aus ihrem gleitenden Schritt ein schweres, plattfüßiges Gewatschel geworden und aus ihrem Bauch eine hohe, schwankende Wölbung. Ihr Doktor hatte ihr einen großen Jungen versprochen. Er sollte Ivan genannt werden. Sein Kinderzimmer war schon komplett eingerichtet und voll ausgeschmückt, hatte sie gestöhnt, wobei sie ihren Bauch in ihrem Schoß zurechtschob, und jetzt wäre eine gute Gelegenheit … jetzt war keine gute Gelegenheit mehr.

»Padma Vorpatril wird die Liste anführen. Er wird auf jeden Fall gejagt werden. Er und Aral sind jetzt die letzten Nachkommen von Prinz Xav, falls irgend jemand Narr genug ist, diese verdammte Thronfolgedebatte wieder zu beginnen. Oder wenn Gregor irgend etwas passiert.« Er biß nach dem letzten Satz die Zähne zusammen, als könnte er das Schicksal mit seinen Zähnen zurückhalten.

»Lady Vorpatril und das Baby auch?«

»Vielleicht Alys Vorpatril nicht. Der Junge auf jeden Fall.«

Aber das konnte man gerade zum jetzigen Zeitpunkt nicht exakt auseinanderhalten.

Endlich hatte sich der Wind gelegt. Cordelia konnte hören, wie die Zähne der Pferde Pflanzen abrissen, ein beständiges Mampfmampf-mampf.

»Werden die Pferde nicht von ihren Wärmesensoren angezeigt werden? Und wir auch, obwohl wir die Stromzellen abgeworfen haben? Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie uns auf die Dauer übersehen sollten?« Waren die Soldaten jetzt schon über ihnen, Augen in den Wolken?

»Ha, alle Menschen und Tiere in diesen Hügeln werden von ihren Wärmesensoren angezeigt werden, wenn sie erst mal anfangen, damit in die richtige Richtung zu zielen.«

»Alle? Ich habe noch gar keine gesehen.«

»Wir sind bis jetzt an ungefähr zwanzig kleinen Gehöften vorbeigekommen. All die Leute und ihre Kühe, ihre Ziegen und ihr Rotwild, ihre Pferde und ihre Kinder. Wir sind wie Strohhalme in einem Heuschober. Aber es wird trotzdem gut für uns sein, wenn wir uns bald teilen. Wenn wir es bis zum Pfad am Fuße des Amie-Passes noch schaffen, bevor der Morgen um ist, dann hab ich ein paar gute Ideen.«

Als Bothari sie wieder auf Rose hinaufschob, ging die tiefe Schwärze in Grau über. Das Licht der Dämmerung sickerte in die Wälder, als sie sich wieder in Bewegung setzten. Die Baumzweige waren Kohlestriche im tropfenden Nebel. Sie klammerte sich in stummem Elend an den Sattel, während Bothari sie hinter sich herzog. Gregor schlief tatsächlich noch die ersten zwanzig Minuten des Rittes mit offenem Mund, schlaff und bleich, in Piotrs Arm.

Das zunehmende Licht enthüllte die Auswirkungen der Nacht. Bothari und Esterhazy waren beide schmutzig und hatten Schrammen, im Gesicht stand ihnen der Stoppelbart, ihre braunsilbernen Uniformen waren zerknittert. Bothari, der seine Jacke für Gregor weggegeben hatte, war hemdsärmelig. Mit dem offenen runden Kragen seines Hemdes sah er aus wie ein verurteilten Verbrecher, der zum Richtblock geführt wurde. Piotrs grüne Generalsuniform hatte die Nacht ziemlich gut überstanden, aber sein stoppelbärtiges Gesicht mit den geröteten Augen sah wie das eines Stadtstreichers aus. Cordelia fühlte sich selbst hoffnungslos durcheinander, mit ihren nassen Haarsträhnen und ihrem Mischmasch aus alten Kleidern und Hausschuhen.

Es könnte schlimmer sein. Ich könnte noch schwanger sein. Falls ich jetzt sterbe, so sterbe ich wenigstens allein. War der kleine Miles jetzt im Augenblick sicherer als sie selbst? Anonym in seinem Replikator in irgendeinem Regal in Vaagens und Henris Labor, das der Geheimhaltung unterlag? Sie betete darum, auch wenn sie es nicht glauben konnte. Ihr barrayaranischen Mistkerle solltet lieber meinen Sohn in Ruhe lassen!

Sie ritten im Zickzack einen langen Abhang hinauf. Die Pferde schnauften wie Gebläse, obwohl sie nur im Schritt gingen, und sie wurden störrisch, weil sie immer wieder über Wurzeln oder Felsen strauchelten. Sie hielten am Grund einer kleinen Mulde an. Sowohl Pferde wie Menschen tranken aus dem trüben Wasserlauf. Esterhazy lockerte die Gurte wieder. Er kraulte die Pferde unter ihren Kopfriemen, sie stießen ihn sanft mit ihren Köpfen und stöberten mit ihren Nüstern nach Leckerbissen in seinen leeren Taschen. Er murmelte ihnen entschuldigend und aufmunternd zu: »Alles in Ordnung, Rose, du kannst dich am Ende des Tages ausruhen. Nur noch ein paar Stunden.« Sie bekamen mehr Zuspruch als Cordelia.

Esterhazy überließ die Pferde Botharis Obhut und begleitete Piotr in die Wälder. Beide krabbelten den Abhang hoch. Gregor beschäftigte sich damit, Pflanzen auszureißen und die Tiere damit aus der Hand zu füttern.

Sie berührten die einheimischen barrayaranischen Pflanzen mit den Lippen und ließen sie dann unordentlich aus ihren Mäulern fallen: ungenießbar. Gregor hob die Büschel immer wieder auf und bot sie den Pferden erneut an, dabei versuchte er sie ihnen an ihren Gebißstangen vorbei in die Mäuler zu schieben.

»Wissen Sie, was der Graf vorhat?«, fragte Cordelia Bothari.

Er zuckte die Achseln. »Er ist unterwegs, um mit irgend jemandem Kontakt aufzunehmen. Das hier geht doch nicht.« Ein Ruck seines Kopfes in unbestimmte Richtung meinte die Nacht, die sie sich im Gestrüpp herumgeschlagen hatten.

Cordelia konnte nur zustimmen. Sie lehnte sich zurück und lauschte auf Leichtflieger, aber sie hörte nur das Geplätscher des Wassers in dem Flüßchen, zu dem das Knurren ihres Magens ein Echo bildete. Sie sprang nur einmal auf, um den hungrigen Gregor davon abzuhalten, einige der möglicherweise giftigen Pflanzen selbst zu probieren.

»Aber die Pferde haben sie gefressen!«, protestierte er.

»Nein!« Cordelia schauderte es, und detaillierte Visionen von ungünstigen biochemischen und hormonellen Reaktionen tanzten in einem molekularen Ringelreihen durch ihren Kopf. »Es ist eine der ersten Gewohnheiten, die man im Betanischen Astronomischen Erkundungsdienst lernen muß, weißt du. Stekke nie unbekannte Dinge in deinen Mund, solange sie nicht vom Labor freigegeben sind. Genaugenommen mußt du sogar vermeiden, deine Augen, deinen Mund und deine Schleimhäute damit in Berührung zu bringen.«

Gregor rieb sich unter unbewußtem Zwang sofort die Nase und die Augen.

Cordelia seufzte und setzte sich wieder hin. Sie saugte an ihrer Zunge, dachte an das Wasser aus dem Bach und hoffte, Gregor würde sie nicht auf ihre Inkonsequenz hinweisen. Gregor warf Kieselsteine in die Tümpel.

Eine Stunde später kam Esterhazy zurück. »Los!« Diesmal führten sie die Pferde nur, ein sicheres Zeichen dafür, daß eine steile Kletterpartie bevorstand. Cordelia mußte stellenweise auf allen vieren kriechen und schürfte sich die Hände auf. Die Hinterbacken der Pferde hoben und senkten sich. Über den Hügelkamm hinüber, hinab, wieder hinauf, und dann kamen sie hinaus auf einen schlammigen doppelspurigen Trampelpfad, der durch den Wald schnitt.

»Wo sind wir?«, fragte Cordelia.

»An der Amie-Paßstraße, Mylady«, erklärte Esterhazy.

»Das ist eine Straße?«, murmelte Cordelia erschrocken und blickte in beide Richtungen. Piotr stand ein kleines Stück entfernt mit einem anderen alten Mann, der die Zügel eines kräftigen kleinen schwarz-weißen Pferdes hielt.

Das Pferd war beträchtlich besser gepflegt als der alte Mann. Sein weißes Fell leuchtete und sein schwarzes Fell glänzte. Seine Mähne und sein Schweif waren zu federhafter Weichheit gebürstet. Seine Füße und Fesseln waren allerdings naß und dunkel, und sein Bauch war gesprenkelt mit frischem Lehm. Zusätzlich zu einem alten Kavalleriesattel trug der Schecke vier große Satteltaschen, zwei vorn und zwei hinten, sowie zusammengerolltes Bettzeug.

Der alte Mann, der ebenso unrasiert war wie Piotr, trug eine Jacke des Kaiserlichen Postdienstes, die so vom Wetter mitgenommen war, daß ihr Blau schon zu Grau verschossen war. Sie wurde ergänzt von Einzelteilen anderer alter Uniformen: ein schwarzes Arbeitshemd, ein Paar alter Hosen von einer grünen Uniform, abgetragene, aber gut geölte kniehohe Offiziersreitstiefel an den krummen Beinen. Er trug auch einen unvorschriftsmäßigen Filzhut, hinter dessen zerschlissenem Band ein paar getrocknete Blumen steckten. Er leckte sich seine schwarzgefleckten Lippen und schaute zu Cordelia herüber. Ihm fehlten einige Zähne, die restlichen waren lang und gelbbraun.

Der Blick des alten Mannes fiel auf Gregor, der Cordelias Hand hielt. »So, das ist er also? Haha, nicht viel.« Er spuckte nachdenklich in das Gras neben dem Pfad.

»Könnte sich mit der Zeit machen«, erklärte Piotr, »wenn er die Zeit bekommt.«

»Ich will sehen, was ich tun kann, General.«

Piotr grinste, wie auf einen privaten Scherz hin. »Haben Sie irgendwelche Rationen mit sich?«

»Natürlich.« Der alte Mann grinste ebenfalls, drehte sich um und kramte in einer seiner Satteltaschen. Er holte ein Päckchen Rosinen in einer alten Plastikfolie heraus, einige kleine Riegel von bräunlichen Kristallen, die in Blätter gewickelt waren, dazu etwas, das aussah wie eine Handvoll Lederstreifen, wieder in einem Knäuel von gebrauchter Plastikfolie, Cordelia erblickte darauf eine Überschrift: Neue Version der Postbestimmungen C6.77a, modifiziert 6/17. Sofort in die Dauerakte ablegen.

Piotr unterzog die Vorräte einer eingehenden Untersuchung. »Getrocknete Ziege?«, nickte er über dem ledrigen Zeug.

»Zum größten Teil«, sagte der alte Mann.

»Wir nehmen die Hälfte. Und die Rosinen. Heben Sie den Ahornzucker für die Kinder auf.« Piotr stopfte allerdings einen Würfel in den Mund.

»Ich werde Sie in vielleicht drei Tagen, vielleicht einer Woche aufsuchen. Sie erinnern sich an den Drill von Yuris Krieg, ja?«

»O ja«, sagte der alte Mann gedehnt.

»Sergeant«, Piotr winkte Bothari zu sich, »Sie gehen mit dem Major hier. Nehmen Sie sie und den Jungen. Er nimmt Sie in Deckung. Versteckt euch, bis ich euch holen komme.«

»Jawohl, Mylord«, sagte Bothari ausdruckslos. Nur seine unruhigen Augen verrieten, daß ihm nicht wohl war.

»Was haben wir denn hier, General?«, forschte der alte Mann und schaute Bothari an. »Ein Neuer?«

»Ein Stadtjunge«, sagte Piotr. »Gehört zu meinem Sohn. Spricht nicht viel. Er ist aber gut im Durchschneiden von Kehlen. Er paßt.«

»Ja? Also gut.«

Piotr bewegte sich sehr viel langsamer als zuvor. Er ließ sich von Esterhazy aufs Pferd helfen. Er setzte sich in seinem Sattel mit einem Seufzer zurecht, dabei war sein Rücken zeitweise in einer für ihn untypischen Weise gekrümmt. »Verdammt, aber ich werde zu alt für solche Sachen.«

Nachdenklich griff der Mann, den Piotr den Major genannt hatte, in eine Seitentasche und holte einen Lederbeutel heraus. »Wollen Sie mein Gummiblatt, General? Besser zu kauen als Ziege, wenn’s auch nicht so lang anhält.«

Piotrs Gesicht erhellte sich. »Oh, ich wäre äußerst dankbar. Aber nicht Ihren ganzen Beutel, Mann.« Piotr stocherte unter den gepreßten trockenen Blättern, mit denen der Beutel gefüllt war, herum und holte sich eine großzügige Hälfte heraus, die er sich in seine Brusttasche stopfte. Er steckte eine Portion in seine Backe und gab den Beutel mit einem aufrichtigen Dank zurück. Gummiblatt war ein leichtes Stimulans, Cordelia hatte es Piotr in Vorbarr Sultana nie kauen sehen.

»Paß auf die Pferde von Mylord auf«, rief Esterhazy ziemlich verzweifelt Bothari zu. »Sie sind keine Maschinen, denk dran!«

Bothari brummelte etwas Nichtssagendes, während der Graf und Esterhazy ihre Tiere wieder auf den Pfad bergab lenkten. In wenigen Augenblicken waren sie außer Sicht. Ringsum kehrte tiefe Stille ein.

KAPITEL 12

Der Major setzte Gregor hinter sich, wo er durch die Bettrolle und die Satteltaschen bequem gepolstert war.

Cordelia stand vor einer weiteren Kletterei in jenes Folterinstrument für Menschen und Pferde, das Sattel genannt wurde. Ohne Bothari hätte sie es nie geschafft Der Major nahm diesmal ihre Zügel, und Rose und sein Pferd gingen Seite an Seite, und dabei gab es viel weniger Gezerre am Zaumzeug. Bothari setzte sich ans Ende und folgte ihnen wachsam.

»Also«, sagte der alte Mann nach einiger Zeit mit einem Seitenblick auf Cordelia, »Sie sind die neue Lady Vorkosigan.«

Cordelia, zerknittert und schmutzig, antwortete mit gequältem Lächeln: »Ja. Ach übrigens, Graf Piotr hat Ihren Namen nicht erwähnte, Major …?«

»Amor Klyeuvi, Mylady. Aber die Leute hier oben nennen mich einfach Kly.«

»Und … ah … was sind Sie?« Außer eine Art Bergkobold, den Piotr aus dem Boden hervorgezaubert hatte.

Er lächelte, was beim Zustand seiner Zahne eher abstoßend als anziehend wirkte. »Ich bin die Kaiserliche Post, Mylady. Ich reite die Runde durch diese Berge, von Vorkosigan Surleau aus, alle zehn Tage. Mache das jetzt schon achtzehn Jahre. Inzwischen sind aus Kindern Leute geworden und haben jetzt schon wieder eigene Kinder, und diese Leute kannten mich nie als was anderes als Kly von der Post.«

»Ich dachte, die Post käme in diese Gegend per Leichtflieger.«

»Sie werden stufenweise eingeführt. Aber die Flieger kommen nicht zu jedem Haus, sondern nur zu den zentralen Abwurfpunkten. Heutzutage ist da keine Höflichkeit mehr dabei.« Er spuckte Abscheu und Gummiblatt aus. »Aber wenn der General sie hier noch weitere zwei Jahre fernhält, dann mach ich meine letzten zwanzig Jahre voll, und dann bin ich dreimal zwanzig Jahre im Dienst. Ich bin nach zweimal zwanzig Jahren aus der Armee ausgeschieden.«

»Von welcher Waffengattung, Major Klyeuvi?«

»Kaiserliche Ranger.« Er schaute verstohlen nach ihrer Reaktion, sie belohnte ihn, indem sie beeindruckt die Augenbrauen hob. »Ich war ein Kämpfer, kein Techniker. Deshalb konnte ich es nicht weiter als bis zum Major bringen. Fing mit vierzehn Jahren an, in diesen Bergen, da tricksten wir mit dem General und Ezar die Cetagandaner aus. Seitdem bin ich nicht mehr in die Schule zurückgekehrt. Nur Trainingskurse. Mit der Zeit ging dann der Dienst an mir vorbei.«

»Nicht gänzlich, scheint es«, sagte Cordelia und blickte sich in der anscheinend menschenleeren Wildnis um.

»Nein …« Er seufzte mit geschürzten Lippen und blickte nachdenklich und besorgt über seine Schulter zurück auf Gregor.

»Hat Piotr Ihnen erzählt, was gestern nachmittag geschehen ist?«

»Ja. Ich habe den See vorgestern morgen verlassen. Hab die ganze Aufregung verpaßt. Ich nehme an, die Nachrichten werden mich noch vor dem Mittag einholen.«

»Wird … irgend etwas anderes uns bis dahin vielleicht auch einholen?«

»Wir müssen einfach abwarten.« Etwas zögernd fügte er hinzu: »Sie müssen diese Kleider ablegen, Mylady. Der Name VORKOSIGAN A. in großen Blockbuchstaben auf Ihrer Jakkentasche ist nicht sehr anonym.«

Cordelia schaute zerknirscht auf Arals schwarzes Arbeitshemd hinunter.

»Mylords Livree fällt auch auf wie eine Fahne«, fügte Kly hinzu und blickte zurück auf Bothari. »Aber in den richtigen Kleidern werden Sie gut durchkommen. Ich werde sehen, was ich tun kann, bald.«

Cordelia sackte fast zusammen, ihr Bauch schmerzte in Erwartung der Rast. Zuflucht. Aber um welchen Preis für diejenigen, die ihr Zuflucht gaben? »Wird es Sie gefährden, daß Sie uns helfen?«

Seine buschigen Augenbrauen hoben sich. »Vielleicht.« Sein Ton ermutigte nicht zu weiteren Anmerkungen zu diesem Thema.

Sie mußte ihren müden Geist irgendwie wieder auf die Reihe bringen, wenn sie für all die Leute um sie herum ein Aktivposten sein sollte und nicht nur eine Gefahrenquelle. »Ihr Gummiblatt da, wirkt das so ungefähr wie Kaffee?«

»Oh, besser als Kaffee, Mylady.«

»Kann ich mal probieren?«, fragte sie etwas leiser, aus Schüchternheit: vielleicht war diese Bitte zu vertraulich.

Seine Wangen verzogen sich zu einem trockenen Grinsen: »Nur Hinterwäldler wie ich kauen Gummiblatt, Mylady. Hübsche Vor-Damen aus der Hauptstadt würden sich um keinen Preis mit Gummiblatt zwischen ihren perlweißen Zähnen erwischen lassen.«

»Ich bin nicht hübsch, ich bin keine Dame, und ich bin nicht aus der Hauptstadt. Und für Kaffee würde ich jetzt sogar jemanden umbringen. Ich werde es mal probieren.«

Er ließ seine Zügel auf den Hals seines ruhig dahintrottenden Pferdes fallen, kramte in der Tasche seiner blaugrauen Jacke herum und holte seinen Beutel heraus. Er brach mit nicht sonderlich sauberen Fingern ein Stück ab und lehnte sich zu ihr herüber.

Sie betrachtete das Zeug einen Moment lang mißtrauisch, wie es da dunkel und blattartig in ihrer Hand lag. Stecken Sie nie fremde organische Stoffe in Ihren Mund, solange sie nicht vom Labor freigegeben sind.

Dann nahm sie es in den Mund. Das Stück war mit etwas Ahornsirup selbstklebend gemacht, aber nachdem ihr Speichel die erste überraschende Süße abgewaschen hatte, war der Geschmack angenehm bitter und adstringierend, Es schien den Belag abzulösen, der von der Nacht her an ihren Zähnen haftete, eine echte Verbesserung. Sie richtete sich auf.

Kly betrachtete sie nachdenklich. »Also, und was sind Sie, Nicht-Dame von einem anderen Planeten?«

»Ich war Astrokartographin. Dann Captain beim Astronomischen Erkundungsdienst. Dann Soldatin, dann Kriegsgefangene, dann Flüchtling. Und dann war ich Ehefrau, und schließlich war ich Mutter. Ich weiß nicht, was ich als nächstes sein werde«, antwortete sie offen, während sie das Gummiblatt kaute. Hoffentlich nicht Witwe.

»Mutter? Ich habe gehört, daß Sie schwanger waren, aber … haben Sie Ihr Baby nicht wegen dem Soltoxin verloren?« Er blickte verwirrt auf ihre Taille.

»Noch nicht. Es hat noch eine Chance zu kämpfen. Obwohl es ein bißchen unausgeglichen erscheint, ihn gerade jetzt gegen ganz Barrayar antreten zu lassen … Er ist eine Frühgeburt. Durch chirurgischen Eingriff.« (Sie entschied, nicht zu versuchen, den Uterusreplikator zu erklären.) »Er ist im Kaiserlichen Militärkrankenhaus. In Vorbarr Sultana. Das meines Wissens nach gerade von Vordarians Rebellentruppen eingenommen wurde…«

Sie zitterte. Vaagens Labor war geheim, nichts, das irgend jemands Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Miles ging es gut, ging es gut, ging es gut, und ein Riß in dieser dünnen Schale aus Überzeugung hätte Hysterie zur Folge … Aral, nun, Aral konnte für sich selbst sorgen, wenn das überhaupt jemand konnte. Und wie war er so überrumpelt worden, na wie? Keine Frage, der Sicherheitsdienst war mit Verrätern durchsetzt. Man konnte hier niemandem trauen, und wo war Illyan? Gefangen in Vorbarr Sultana? Oder war er Vordarians Kollaborateur? Nein … Abgeschnitten, viel wahrscheinlicher. Wie Kareen. Wie Padma und Alys Vorpatril. Das Leben im Wettlauf mit dem Tode …

»Keiner wird das Krankenhaus behelligen«, sagte Kly, der ihr Gesicht beobachtete.

»Ich — ja. Das stimmt.«

»Warum sind Sie von einem anderen Planeten nach Barrayar gekommen?«

»Ich wollte Kinder haben.« Ein unfrohes Lachen kam von ihren Lippen. »Haben Sie Kinder, Kly von der Post?«

»Soweit ich weiß, nicht.«

»Sie waren sehr weise.«

»Oh …« Sein Gesichtsausdruck wurde abweisend. »Ich weiß nicht. Seit meine Alte gestorben ist, ist’s ziemlich still. Bei einigen Männern, die ich kenne, haben die Kinder ihnen große Schwierigkeiten gemacht. Ezar. Piotr. Ich weiß nicht, wer die Opfergaben an meinem Grab entzünden wird. Meine Nichte, vielleicht.«

Cordelia blickte auf Gregor, der auf den Satteltaschen ritt und zuhörte. Gregor hatte die Kerze für den großen Opferscheiterhaufen bei Ezars Begräbnis entzündet, Aral hatte dabei seine Hand geführt.

Sie ritten weiter die Straße hinauf, bergan. Viermal verschwand Kly auf Seitenpfaden, während Cordelia, Bothari und Gregor außer Sicht warteten.

Vom dritten dieser Zustellungsgänge kehrte Kly mit einem Bündel zurück, das einen alten Rock, ein Paar abgetragener Hosen und etwas Hafer für die müden Pferde enthielt. Cordelia, die immer noch fror, zog den Rock über ihre alten Hosen. Bothari tauschte seine auffälligen braunen Uniformhosen mit dem Silbersteifen an der Seite gegen die ausrangierten Hosen des Bergbewohners. Die Hosen waren zu kurz: sie endeten oberhalb der Knöchel und gaben ihm das Aussehen einer unheimlichen Vogelscheuche.

Botharis Uniform und Cordelias schwarzes Hemd wurden in einem leeren Postsack versteckt. Kly löste das Problem von Gregors fehlendem Schuh, indem er ihm den anderen einfach auszog und den Jungen barfuß gehen ließ, seinen allzu schönen blauen Spielanzug verbarg er unter einem übergroßen Männerhemd, dessen Ärmel er aufrollte. Mann, Frau, Kind: sie schauten aus wie eine abgehärmte, heruntergekommene Familie aus dem Bergland.

Sie erreichten die Höhe des Amie-Passes und begannen dann mit dem Abstieg. Gelegentlich warteten am Straßenrand Leute auf Kly, er gab mündliche Botschaften weiter, die er — so schien es Cordelia — wortwörtlich herunterratterte. Er verteilte Briefe auf Papier und billige Vocodisks, deren Selbstplaybacks blechern und dünn klangen. Zweimal hielt er an, um anscheinend leseunkundigen Empfängern Briefe vorzulesen, einmal las er einem Blinden vor, der von einem kleinen Mädchen geführt wurde. Cordelia wurde mit jeder freundlichen Begegnung nervöser, entkräftet durch die Erschöpfung ihrer Nerven. Wird dieser Kerl uns verraten? Wie sehen wir für diese Frau aus? Der Blinde kann uns wenigstens nicht beschreiben …

Gegen Einbruch der Dämmerung kam Kly von einem seiner Abstecher zurück, blickte in beide Richtungen des stillen, dunklen Pfads durch die Wildnis und erklärte: »Diese Gegend wimmelt einfach von Leuten.« Es war ein Zeichen für Cordelias Überanstrengung, daß sie ihm innerlich zustimmte. Er betrachtete sie mit Sorge in seinem Blick: »Glauben Sie, daß Sie noch weitere vier Stunden weiterreiten können, Mylady?«

Was ist die Alternative? An dieser Schlammpfütze hocken bleiben und heulen, bis wir gefangen werden? Sie rappelte sich auf die Beine und erhob sich von dem gefällten Baumstamm, auf dem sie gehockt hatte, während sie auf die Rückkehr ihres Führers warteten. »Das hängt davon ab, was am Ende dieser vier Stunden kommt.«

»Mein Haus. Gewöhnlich verbringe ich diese Nacht bei meiner Nichte, hier in der Nähe. Meine Tour endet etwa zehn Stunden von hier, wenn ich meine Zustellungen erledige, aber wenn wir direkt weitergehen, können wir es in vier Stunden schaffen. Ich kann morgen früh hierher zurückkommen und meinen Plan wie gewohnt einhalten. Ganz unauffällig, ohne daß irgend jemand was bemerkt.«

Was bedeutet ›direkt‹? Aber Kly hatte recht: ihre ganze Sicherheit lag in ihrer Anonymität, ihrer Unsichtbarkeit. Je eher sie außer Sicht waren, um so besser. »Gehen wir weiter, Major.«

Es dauerte sechs Stunden. Botharis Pferd begann kurz vor ihrem Ziel zu lahmen. Er stieg ab und zog es hinter sich her. Es hinkte und warf seinen Kopf umher. Auch Cordelia ging zu Fuß, um ihre wundgeriebenen Beine zu schonen und sich in der frostigen Dunkelheit warm und wach zu halten. Gregor schlief ein und fiel vom Pferd, schrie nach seiner Mutter und schlief dann wieder ein, als Kly ihn vor sich setzte, um ihn besser im Griff zu haben. Der letzte Aufstieg raubte Cordelia den Atem und ließ ihr Herz wild schlagen, obwohl sie sich zur Erleichterung an Roses Steigbügel hängte. Beide Pferde bewegten sich wie alte Weiber mit Arthritis und stapften ruckelnd dahin: nur der angeborene Herdentrieb der Tiere ließ sie weiter Klys zähem Schekken folgen.

Der Aufstieg wurde plötzlich zu einem Abstieg über einen Hügelkamm in ein großes Tal hinab. Die Wälder wurden dünner und offener, Bergwiesen waren dazwischen gestreut. Cordelia konnte die freien Räume um sich herum spüren, die jetzt der Größenordnung echter Berge entsprachen, weite Abgründe voll Dunkelheit, riesige Massen aus Stein, schweigend wie die Ewigkeit. Drei Schneeflocken schmolzen auf ihrem Gesicht, als sie nach oben blickte. Am Rand einer nur verschwommen erkennbaren Baumgruppe hielt Kly an: »Endstation, Leute.«

Cordelia trug den schlafenden Gregor in die winzige Hütte, tastete sich zu einer Bettstelle und rollte ihn darauf. Er wimmerte in seinem Schlaf, als sie die Decken über ihn zog. Sie stand schwankend da, wie betäubt, dann streifte sie in einem letzten Aufflackern von Geistesklarheit ihre Hausschuhe ab und stieg neben Gregor ins Bett. Seine Füße waren eiskalt. Während sie sie an ihrem Leib wärmte, ließ sein Zittern allmählich nach, und er fiel in einen tieferen Schlaf. Undeutlich bekam sie noch mit, daß Kly — Bothari — irgend jemand ein Feuer im Kamin entzündet hatte.

Armer Bothari, er war genauso lang wach gewesen wie sie. Im militärischen Sinn war er ihr Untergebener, sie müßte darauf achten, daß er aß, seine Füße versorgte, schlief … sie müßte … sie müßte …

Cordelia schreckte aus dem Schlaf hoch und entdeckte, daß die Bewegung, die sie geweckt hatte, von Gregor ausgegangen war, der sich neben ihr aufgesetzt hatte und sich verschlafen und verwirrt die Augen rieb. Licht strömte durch zwei schmutzige Fenster an beiden Seiten der hölzernen Vordertür herein. Das Häuschen oder die Hütte bestand nur aus einem einzigen Raum, zwei der Wände schienen aus übereinandergeschichteten ganzen Baumstämmen zu bestehen. An der Feuerstelle aus grauen Steinen am einen Ende standen auf einem Rost über einem Bett aus glühenden Kohlen ein Kessel und ein zugedeckter Topf. Cordelia rief sich wieder in Erinnerung, daß Holz hier Armut und nicht Wohlstand bedeutete. Sie mußten tags zuvor an zehn Millionen Bäumen vorbeigekommen sein.

Sie setzte sich auf und keuchte vor Schmerz wegen der Milchsäure, die sich in ihren Muskeln aufgebaut hatte. Sie streckte ihre Beine aus. Das Bett bestand aus einem Netz aus Seilen, das auf einen Rahmen gespannt war und zuerst eine mit Stroh gefüllte Matratze und darüber eine mit Federn gefüllte trug. Sie und Gregor waren zumindest warm in ihrem Nest. Die Luft in dem Raum roch nach Staub, vermischt mit dem angenehmen Aroma des Rauchs eines Holzfeuers.

Stiefelschritte erklangen auf den Brettern der Veranda draußen, und Cordelia packte Gregors Arm in plötzlicher Panik. Sie konnte nicht laufen — der schwarze Feuerhaken dort drüben würde nur eine ziemlich armselige Waffe abgeben gegen einen Betäuber oder Nervendis-ruptor —, aber es waren Botharis Schritte. Er schlüpfte durch die Tür zusammen mit einem Hauch von frischer Luft. Seine grob genähte gelbbraune Stoffjacke mußte er von Kly geborgt haben, nach der Art zu schließen, wie seine knochigen Handgelenke aus den umgeschlagenen Ärmelaufschlägen herausragten. Man konnte ihn leicht für einen Bergbewohner halten, solange er seinen Mund hielt und nicht seinen Stadtakzent verriet.

Er nickte ihnen zu: »Mylady! Euere Majestät!« Er kniete an der Feuerstelle nieder, guckte unter den Topfdeckel und prüfte die Temperatur des Kessels, indem er seine große Hand ein paar Zentimeter über dem Kessel wölbte. »Es gibt Hafergrütze und Sirup«, sagte er, »heißes Wasser, Kräutertee, getrocknete Früchte, keine Butter.«

»Was passiert eigentlich?« Cordelia rieb sich das Gesicht und schwang ihre Beine aus dem Bett in der Absicht, zum Kräutertee zu stolpern.

»Nicht viel. Der Major hat sein Pferd etwas ausruhen lassen, dann ist er vor dem Morgengrauen losgeritten, um seinen Zeitplan einzuhalten. Es war seitdem wirklich ruhig.«

»Haben Sie schon etwas geschlafen?«

»Ein paar Stunden, glaube ich.«

Der Tee mußte warten, während Cordelia den Kaiser hinab zu Klys Aborthäuschen begleitete. Gregor rümpfte die Nase und beäugte nervös den Sitz in Erwachsenengröße. Als sie wieder auf der Veranda vor der Hütte waren, überwachte Cordelia das Waschen von Händen und Gesicht über einem verbeulten Metallbecken.

Nachdem sie ihr Gesicht getrocknet hatte und wieder klar sehen konnte, genoß Cordelia den phantastischen Ausblick von der Veranda. Die Hälfte des Distrikts der Vorkosigans schien dort unten ausgebreitet, die braunen Hügel am Fuß der Berge, die grün- und gelbgefleckten besiedelten Ebenen dahinter. »Ist das unser See?« Cordelia nickte in Richtung auf ein silbernes Glitzern in den Hügeln, das sie gerade noch sehen konnte.

»Ich glaube schon«, sagte Bothari, der seine Augen zusammenkniff.

So weit, wenn man so schnell zu Fuß gekommen war. So schrecklich nah, in einem Leichtflieger … Nun ja, wenigstens konnte man von hier aus alles sehen, was sich da nähern mochte.

Die Hafergrütze mit Sirup, serviert auf einem abgesplitterten weißen Teller, schmeckte großartig. Cordelia trank Unmengen von Kräutertee und erkannte, daß sie schon gefährlich ausgetrocknet gewesen war. Sie versuchte Gregor zum Trinken zu ermuntern, aber er mochte den adstringierenden Geschmack des Tees nicht. Bothari schien vor Scham fast zu versinken, daß er nicht auf seines Kaisers direkten Wunsch Milch aus der Luft zaubern konnte. Cordelia löste das Problem, indem sie den Tee mit Sirup süßte und ihn somit annehmbar machte.

Als sie das Frühstück beendet, die wenigen Utensilien und Teller gewaschen und das bißchen Waschwasser über das Geländer der Veranda geschüttet hatte, war inzwischen die Veranda in der Morgensonne genügend warm geworden, daß man draußen sitzen konnte.

»Warum übernehmen Sie nicht das Bett, Sergeant. Ich werde Wache halten. Ach übrigens … gab Ihnen Kly irgendeinen Rat, was wir tun sollten, wenn ein Feind uns hier überrascht, bevor er zurückkommt? Es sieht fast so aus, als hätten wir keine Orte mehr, wohin wir flüchten könnten.«

»Nicht ganz, Mylady. Es gibt ein Netz von Höhlen, dort oben in dem Waldstück da hinten. Ein altes Guerillaversteck. Kly nahm mich in der Nacht mit dorthin und zeigte mir den Eingang.«

Cordelia seufzte: »Das ist gut. Schlafen Sie ein wenig, Sergeant, wir werden Sie bestimmt später noch brauchen.«

Sie setzte sich in die Sonne auf einen der Holzstühle und ließ ihren Leib ausruhen, allerdings nicht ihren Geist. Ihre Augen und Ohren warteten angespannt auf das Jaulen eines fernen Leichtfliegers oder eines schweren Luftwagens. Sie umwickelte Gregors Füße mit behelfsmäßigen Schuhen aus Lumpen, und er wanderte umher und untersuchte alles, was er fand.

Sie begleitete ihn bei einem Besuch im Stall, um nach den Pferden zu sehen. Das Tier des Sergeanten lahmte noch sehr und Rose bewegte sich so wenig wie möglich, aber sie hatten Futter in einer Raufe und Wasser von einem kleinen Bach, der am Ende ihrer Umfriedung vorbeifloß. Klys anderes Pferd, ein schlanker Fuchs, der gesund und munter aussah, schien das Eindringen der anderen Pferde zu ertragen und biß nur nach Rose, wenn sie sich zu nah an seine Seite der Heuraufe drängte.

Cordelia und Gregor saßen auf den Stufen der Veranda, als die Sonne den Zenith erreichte, und jetzt war es angenehm warm. Der einzige Laut in dem weiten Tal außer dem Wind in den Zweigen war Botharis Schnarchen, das durch die Hüttenwände drang. Jetzt waren sie so entspannt, wie sie es unter diesen Umständen überhaupt sein konnten, entschied Cordelia und sie wagte endlich, Gregor nach seinem Eindruck — ihrem einzigen Augenzeugenbericht — über den Putsch in der Hauptstadt auszufragen. Es war keine große Hilfe, Gregors Augen, die eines Fünfjährigen, sahen das Was gut genug, aber das Warum entging ihm. Auf einer höheren Ebene hatte sie das gleiche Problem, gab Cordelia vor sich selbst enttäuscht zu.

»Die Soldaten kamen. Ein Oberst befahl Mama und mir, mit ihm zu gehen. Einer von unseren Livrierten kam herein. Der Oberst schoß auf ihn.«

»Mit einem Betäuber oder einem Nervendisruptor?«

»Mit einem Nervendisruptor. Blaues Feuer. Er fiel hin. Sie nahmen uns zum Marmorhof. Sie hatten Luftwagen. Dann rannte Negri mit ein paar Männern herein. Ein Soldat packte mich, und Mama packte mich wieder, und dabei passierte das mit meinem Schuh. Er ging ab und sie hielt ihn in der Hand. Ich hätte … ihn fester zubinden sollen, am Morgen. Dann schoß Oberst Negri auf den Soldaten, der mich trug, und einige Soldaten schossen auf Oberst Negri …«

»Mit Plasmabögen? Wurde er dabei so schrecklich verbrannt?«, fragte Cordelia. Sie versuchte, in ganz ruhigem Ton zu sprechen.

Gregor nickte stumm. »Einige Soldaten nahmen Mama, die anderen, nicht die von Negri. Negri nahm mich hoch und rannte weg. Wir liefen durch die Tunnel, unter der Residenz und kamen in einer Garage heraus. Wir stiegen in den Leichtflieger. Sie schossen auf uns. Oberst Negri sagte zu mir, ich soll den Mund halten, ich soll still sein. Wir flogen und flogen, und er schrie immer, ich soll still sein, aber ich war still. Und dann landeten wir am See.« Gregor zitterte wieder.

»Mm.« Kareen wirbelte in lebhaften Bildern durch Cordelias Vorstellung, trotz der Einfachheit von Gregors Bericht. Jenes heitere Gesicht, jetzt verzerrt im Aufschrei von Zorn und Schrecken, als man den Sohn, den sie auf die schwere barrayaranisehe Art und Weise geboren hatte, von ihr riß und ihr … nichts übrigließ als einen Schuh, von all ihrem unsicheren Leben und all ihrem illusorischen Besitz. Vordarians Truppen hatten also Kareen. Als Geisel? Oder Opfer? Lebendig oder tot?

»Glaubst du, daß es Mama gutgeht?«

»Sicher.« Cordelia rückte verlegen hin und her. »Sie ist eine sehr wertvolle Dame. Man wird ihr nichts antun.« Bis es ihnen zweckmäßig erscheint, ihr doch etwas anzutun.

»Sie hat geweint.«

»Ja.« Sie konnte das gleiche Knäuel in ihrem eigenen Bauch spüren. Der geistige Blitz, vor dem sie gestern den ganzen Tag zurückgescheut war, explodierte in ihrem Gehirn. Stiefel, die eine gesicherte Labortür aufstießen. Die Pulte und Tische umstießen. Keine Gesichter, nur Stiefel.

Gewehrkolben, die zerbrechliche Glasbehälter und Computermonitore von Arbeitstischen fegten, zu einem wirren Scherbenhaufen auf dem Boden.

Ein Uterusreplikator, der grob aufgerissen wurde, dessen sterile Verschlüsse aufgeschlitzt wurden, dessen feuchter Inhalt herausgefetzt und auf die Fliesen geschüttet wurde … nicht einmal die Notwendigkeit für die traditionelle Methode des Kindermordes, wo das Kind bei den Füßen gepackt und sein Kopf gegen die nächste Betonmauer geschleudert wurde, Miles war so klein, daß die Stiefel nur auf ihn zu treten brauchten, um ihn zu Brei zu zermalmen … Sie holte tief Luft.

Miles geht es gut. Er ist anonym, genau wie wir. Wir sind sehr klein und sehr still und sicher. Schweige, sei still, Kind. Sie umarmte Gregor fest.

»Mein kleiner Sohn ist auch in der Hauptstadt, wie deine Mama. Und du bist bei mir. Wir werden aufeinander aufpassen. Ganz sicher!«

Nach dem Abendessen, als es immer noch kein Zeichen von Kly gab, sagte Cordelia: »Zeigen Sie mir die Höhle, Sergeant.« Kly bewahrte auf seinem Kaminsims eine Schachtel mit Kaltlichtern auf. Bothari brach eins auf und führte Cordelia und Gregor auf einem kaum sichtbaren steinigen Pfad hinauf in die Wälder. Er wirkte wie ein bedrohliches Irrlicht mit dem hellen, grünlich gefärbten Licht, das aus dem Rohr zwischen seinen Fingern leuchtete.

Der Platz vor dem Höhleneingang zeigte Anzeichen dafür, daß man hier einmal gerodet hatte, obwohl inzwischen die wild wuchernde Vegetation schon wieder bis zur Höhle vorgerückt war. Der Gang war keineswegs verborgen: ein gähnendes schwarzes Loch, dessen Höhe der doppelten Größe von Bothari entsprach und das breit genug war, daß man einen Leichtflieger hindurchschieben konnte. Unmittelbar hinter dem Eingang hob sich die Höhlendecke und Wände ragten auf und bildeten eine große, staubige Höhle. Ganze Patrouillen konnten hier drinnen kampieren und hatten das auch in ferner Vergangenheit getan, nach dem uralten Abfall zu schließen, der herumlag. Nischen für Schlafkojen waren in den Fels gemeißelt, Namen, Initialen, Daten und derbe Kommentare bedeckten die Wände.

Eine kalte Feuergrube in der Mitte hatte ihre Entsprechung in einem rauchgeschwärzten Lüftungsloch in der Decke, durch das einst der Rauch entwichen war. Vor Cordelias geistigem Auge erschien eine geisterhafte Schar von Bergbewohnern, Guerillakriegern, die aßen, scherzten, Gummiblatt ausspuckten, ihre Waffe reinigten und ihren nächsten Oberfall planten. Späher und Kundschafter kamen und gingen, Gespenster unter den Gespenstern, um ihre wertvollen, mit Blut erkauften Informationen ihrem jungen General vorzutragen, der seine Landkarten auf dem flachen Fels dort drüben ausgebreitet hatte … Sie schüttelte die Vision aus ihrem Kopf, nahm das Licht und erforschte die Nischen. Mindestens fünf passierbare Ausgänge führten aus der Höhle fort, von denen drei allem Anschein nach häufig benutzt worden waren.

»Hat Kly gesagt, wohin die führen, wo sie herauskommen, Sergeant?«

»Nicht genau, Mylady. Er sagte, die Gänge führten kilometerweit in die Hügel. Er war schon spät dran und hatte es eilig, weiterzukommen.«

»Ist das ein vertikales oder horizontales System? Was hat er gesagt?«

»Verzeihung, Mylady?«

»Sind alle auf ein und derselben Ebene, oder gibt es unerwartete tiefe Abstürze? Gibt es viele Sackgassen? Welchen Weg sollten wir nehmen? Gibt es unterirdische Wasserläufe?«

»Ich glaube, er erwartet, daß er uns führt, falls wir hier reingehen. Er fing an zu erklären, sagte dann aber, es sei zu kompliziert.«

Sie runzelte die Stirn und erwog die Möglichkeiten. Sie hatte ein bißchen Höhlenausbildung bei ihrem Training für den Erkundungsdienst mitbekommen, und zwar genug, um zu begreifen, was der Ausdruck Achtung vor den Gefahren bedeutete. Luftlöcher, Abstürze, Felsspalten, labyrinthische Quergänge … dazu, hier, das unerwartete Steigen und Fallen von Wasser, worüber man sich auf Kolonie Beta nicht viele Sorgen zu machen brauchte. Es hatte in der vergangenen Nacht geregnet. Sensoren waren keine große Hilfe, wenn es darum ging, einen verlorenen Höhlenforscher zu finden. Und wessen Sensoren? Wenn das System so ausgedehnt war, wie Kly angedeutet hatte, dann konnte es Hunderte von Suchenden verschlucken … Ihr Stirnrunzeln wandelte sich langsam zu einem Lächeln.

»Sergeant, heute nacht kampieren wir hier!«

Die Höhle gefiel Gregor, besonders als Cordelia die Geschichte des Ortes beschrieb. Er tobte in der Höhle herum, wobei er kriegerische Selbstgespräche führte wie: »Zack, zack, zack!«, kletterte in alle Nischen und versuchte, die derben Worte herauszubringen, die in die Wände geritzt waren. Bothari entzündete ein kleines Feuer in der Grube, breitete eine Bettrolle für Gregor und Cordelia aus und übernahm selbst die Nachtwache. Cordelia rollte ein zweites Bettzeug um Proviant für einen Marsch und legte das Bündel griffbereit in die Nähe des Eingangs. Sie breitete das schwarze Arbeitshemd mit dem Namen VORKOS1GAN A. kunstvoll in einer Nische aus, als sei es zum Draufsitzen benutzt und dann vorübergehend vergessen worden, als der Sitzende aufgestanden war.

Zuletzt brachte Bothari ihre lahmenden und nutzlosen Pferde herauf, neu gesattelt und mit Zügeln versehen, und band sie direkt vor der Höhle fest.

Cordelia kam aus dem weitesten Gang zurück, wo sie in etwa einem Viertel Kilometer Entfernung ein fast verbrauchtes Kaltlicht über ein Zehnmeterabhang hatte fallen lassen, der von einem Seil überspannt war.

Das Seil war aus Naturfasern, sehr alt und spröde. Sie hatte sich entschlossen, es nicht zu testen.

»Ich verstehe das nicht ganz, Mylady«, sagte Bothari. »Mit den Pferden dort draußen, wenn jemand kommt und nach uns schaut, dann finden sie uns sofort und wissen genau, wohin wir gegangen sind.«

»Finden, ja«, sagte Cordelia, »wissen, wohin wir gegangen sind, nein. Ohne Kly werde ich Gregor auf keinen Fall in dieses Labyrinth hinabnehmen. Aber die beste Methode, um den Eindruck zu erwecken, wir seien hier, ist, tatsächlich ein bißchen hier zu bleiben.«

In Botharis ausdruckslosen Augen leuchtete endlich Verstehen auf, als er auf die fünf schwarzen Eingänge auf ihren verschiedenen Ebenen blickte.

»Ach so!«

»Das bedeutet, wir müssen noch ein wirkliches Schlupfloch finden. Irgendwo oben in den Wäldern, wo wir uns zu dem Pfad durchschlagen können, über den Kly uns gestern hochgebracht hat. Ich wünsche mir, wir hätten das schon bei Tageslicht getan.«

»Ich verstehe, was Sie meinen, Mylady. Ich werde es mal auskundschaften.«

»Bitte, tun Sie das, Sergeant.«

Er nahm ihr Proviantbündel und verschwand in die dunklen Wälder.

Cordelia steckte Gregor ins Bett und dann hockte sie sich draußen zwischen die Felsen über dem Höhleneingang und hielt Wache. Sie konnte das Tal sehen, das sich grau unter den Baumwipfeln ausdehnte, und sie konnte das Dach von Klys Hütte erkennen. Kein Rauch stieg jetzt aus seinem Schornstein auf. Unter dem Stein würde kein ferner Wärmesensor ihr neues Feuer finden, obwohl dessen Geruch in der kühlen Luft hing und für nahe Nasen erkennbar war. Sie schaute nach sich bewegenden Lichtern am Himmel, bis sie die Sterne mit tränenden Augen nur noch verschwommen sah.

Es dauerte ziemlich lange, bis Bothari zurückkehrte. »Ich habe einen Platz gefunden. Gehen wir sofort dorthin?«

»Noch nicht. Kly könnte noch auftauchen.« Zuerst.

»Dann sind Sie jetzt mit Schlafen an der Reihe, Mylady.«

»O ja.« Die Anstrengungen des Abends hatte die saure Müdigkeit nur teilweise aus ihren Muskeln vertrieben. Sie verließ Bothari, der im Sternenlicht wie ein bizarres Schutzwesen auf dem Kalksteinfelsen hockte, und kroch zu Gregor ins Bett. Schließlich schlief sie ein.

Sie erwachte beim grauen Licht der Morgendämmerung, das aus dem Höhleneingang ein leuchtendes nebliges Oval machte. Bothari bereitete heißen Tee zu, und sie teilten unter sich die kalten Fladen von Pfannenbrot auf, die noch vom vergangenen Abend übrig waren, und knabberten getrocknetes Obst.

»Ich werde noch etwas Wache schieben«, bot Bothari an. »Ich kann ohne meine Medikamente nicht so gut schlafen.«

»Medikamente?«, sagte Cordelia.

»Ja, ich habe meine Pillen in Vorkosigan Surleau gelassen. Ich merke allmählich, wie mein Organismus sie ausscheidet. Die Dinge erscheinen schärfer.«

Cordelia schwemmte einen plötzlich sehr klumpigen Bissen Brot mit einem Schluck heißen Tees hinunter. Aber waren seine psychoaktiven Drogen wirklich therapeutisch, oder in ihrer Auswirkung nur politisch?

»Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten haben, Sergeant«, sagte sie vorsichtig.

»Bis jetzt noch nicht. Außer, daß es schwieriger wird zu schlafen. Sie unterdrücken die Träume.« Er nahm seinen Tee und wanderte zurück auf seinen Posten.

Cordelia unterließ es bewußt, ihren Lagerplatz aufzuräumen. Sie begleitete Gregor zum nächsten Flüßchen, wo sie sich Hände und Gesicht wuschen.

Sie rochen sicher bald wie echte Bergbewohner. Dann kehrten sie zur Höhle zurück, wo Cordelia sich eine Weile auf dem Bett ausruhte. Sie mußte darauf bestehen, daß Bothari bald abgelöst wurde. Wenn doch Kly käme…

Botharis angespannte leise Stimme hallte in der Höhle wider:

»Mylady. Majestät. Zeit zu gehen.«

»Kly?«

»Nein.«

Cordelia rollte auf ihre Füße, stieß einen vorbereiteten Erdhaufen über die letzten Kohlen ihres Feuers, packte Gregor und verfrachtete ihn aus der Höhle hinaus. Er sah plötzlich erschrocken und kränklich aus. Bothari zog die Zügel von den Pferden los, lockerte sie und warf die Geschirre auf einen Haufen mit den Sätteln. Cordelia kletterte ein Stück neben der Höhle hoch und warf einen Blick über die Baumwipfel. Ein Flieger war vor Klys Hütte gelandet. Zwei schwarzuniformierte Soldaten umkreisten sie von beiden Seiten. Ein dritter verschwand unter dem Dach der Veranda. Schwach und verzögert kam aus der Ferne das Geräusch, das verriet, daß Klys Vordertür eingetreten wurde. Nur Soldaten waren in dem Flieger, keine Bergbewohner, weder als Führer noch als Gefangene. Kein Zeichen von Kly.

Bothari nahm Gregor hoch und trug ihn huckepack, und so rannten sie in die Wälder, Rose machte Anstalten, ihnen zu folgen, und Cordelia drehte sich um, winkte mit den Armen und flüsterte verzweifelt: »Nein! Geh weg, du dummes Vieh!«, um sie zu verscheuchen.

Rose zögerte, dann machte sie kehrt, um bei ihrem lahmenden Gefährten zu bleiben.

Sie lief gleichmäßig, ohne Panik. Bothari hatte den Weg gut ausgesucht und nutzte schützende Felsen und Bäume und vom Wasser gegrabene Stufen aus. Sie krabbelten hinauf, hinunter, wieder hinauf, aber als Cordelia gerade dachte, ihre Lungen würden bersten und ihre Verfolger müßten sie aufspüren, da verschwand Bothari an einer steilen Felswand.

»Hierher, Mylady!«

Er hatte eine dünne horizontale Spalte in dem Felsen gefunden, einen halben Meter hoch und drei Meter tief. Sie rollte neben ihm hinein und sah, daß die Nische auf allen Seiten von solidem Fels abgeschirmt wurde, außer auf der Vorderseite, und die war von herabgestürzten Steinen fast blockiert. Ihr Bettzeug und ihr Proviant warteten schon auf sie.

»Kein Wunder«, keuchte Cordelia, »daß die Cetagandaner hier oben Schwierigkeiten hatten.« Ein Wärmesensor mußte direkt in die Höhle gerichtet werden, damit er sie ausfindig machen konnte, und zwar von einem Punkt zwanzig Meter in der Luft über der Schlucht. Und an dieser Stelle gab es Hunderte ähnlicher Spalten.

»Noch besser«, Bothari holte aus der Rolle mit ihrem Bettzeug einen uralten Feldstecher, den er aus Klys Kabine hatte mitgehen lassen, »wir können sie sehen.«

Das Fernglas bestand aus nichts anderem als zwei miteinander verbundenen Röhren mit verstellbaren Glaslinsen, also aus völlig passiven Lichtkollektoren. Es mußte noch aus der Zeit der Isolation stammen. Die Vergrößerung war schwach im Vergleich zum modernen Standard, es gab keine UV- oder InfrarotVerstärkung, keinen Entfernungsmesser-Impuls … also auch keine Stromzelle, die aufspürbare Energiespuren hinterlassen konnte. Flach auf dem Bauch liegend, mit dem Kinn im Geröll, konnte Cordelia den fernen Höhleneingang erspähen, auf dem Abhang, der sich jenseits der Schlucht und eines scharfen Felskamms erhob. Als sie sagte: »Jetzt müssen wir sehr leise sein«, rollte sich Gregor, der ganz bleich im Gesicht war, in Embryohaltung zusammen.

Die schwarzgekleideten Männer fanden schließlich die Pferde, obwohl sie eine Ewigkeit dafür zu brauchen schienen. Dann fanden sie den Höhleneingang. Die kleinen Figuren gestikulierten aufgeregt miteinander, liefen hinein und heraus, und riefen den Flieger, der dann vor dem Eingang landete, wobei viel Gebüsch niedergewalzt wurde. Vier Männer gingen hinein, einer kam wieder heraus. Nach einiger Zeit landete ein weiterer Flieger. Dann kam ein Luftlaster und entlud eine ganze Patrouille.

Der Eingang zum Berg nahm alle auf. Ein weiterer Luftlaster kam, und es wurden Lichter aufgestellt, ein Feldgenerator, Funkgeräte.

Cordelia machte im Bettzeug ein Nest für Gregor, fütterte ihn mit kleinen Happen und ließ ihn aus ihrer Wasserflasche trinken, Bothari streckte sich an der Rückwand der Nische aus, wobei er nur die dünnste Decke zusammengefaltet unter den Kopf legte, ansonsten schien er gegen den Stein unempfindlich zu sein. Während Bothari schlummerte, zählte Cordelia sorgfältig, wieviele Jäger eintrafen. Am späten Nachmittag waren nach ihrer Rechnung schon etwa vierzig Männer in die Höhlen hinabgegangen und nicht wieder hochgekommen.

Zwei Männer wurden auf Schwebebahren festgegurtet herausgebracht, in einen Sanitätstransporter geladen und weggeflogen. Ein Leichtflieger baute inmitten des Gewimmels eine Bruchlandung, kippte hangabwärts um und prallte gegen einen Baum. Aber noch mehr Männer wurden eingesetzt, um ihn herauszuziehen, aufzurichten und zu reparieren. Gegen Abend waren schon über sechzig Männer in das Höhlensystem hinabgestiegen.

Eine ganze Kompanie, die von der Hauptstadt abgezogen worden war, keine Flüchtigen mehr verfolgte, nicht verfügbar war zur Aufdeckung der Geheimnisse des Militärkrankenhauses … Aber es reichte gewiß nicht aus, um die Lage grundsätzlich zu ändern. Aber es war ein Anfang.

In der Abenddämmerung schlüpften Cordelia, Bothari und Gregor aus der Felsnische, durchquerten die Schluchten und suchten sich schweigend ihren Weg durch die Wälder. Es war schon völlig dunkel, als sie zum Waldrand kamen und auf Klys Pfad stießen. Als sie den Hügelkamm überquerten, der das Tal einschloß, schaute Cordelia zurück. Das Gebiet um den Höhleneingang war von Suchscheinwerfern markiert, die wie leuchtende Dolche durch den Dunst nach oben stießen. Leichtflieger jaulten über dem Platz.

Auf der anderen Seite des Bergkamms schlitterten die drei den Abhang hinab, der Cordelia beim Aufstieg fast umgebracht hätte, als sie vor zwei Tagen an Roses Steigbügeln hing. Volle fünf Kilometer bergab, in einer felsigen Gegend mit baumlosem Gebüsch, hielt Bothari abrupt an. »Pst, Mylady, horchen Sie mal.«

Stimmen. Männerstimmen, nicht weit weg, aber seltsam hohl klingend. Cordelia starrte in die Dunkelheit, aber dort bewegten sich keine Lichter. Nichts bewegte sich. Sie kauerten sich neben dem Pfad nieder, alle Sinne waren angespannt.

Bothari kroch davon, mit schräg geneigtem Kopf, auf das Geräusch zu. Nach einigen Augenblicken folgten ihm Cordelia und Gregor vorsichtig.

Sie fanden Bothari neben einem gefurchten Felsbuckel kniend. Er winkte ihr, näher heranzukommen. »Das ist ein Loch«, flüsterte er, »hören Sie mal!«

Die Stimmen waren jetzt viel klarer, scharfe Töne, ärgerliche Kehllaute, durchsetzt mit Flüchen in zwei oder drei Sprachen.

»Verdammt noch mal, ich weiß, wir sind an der dritten Biegung nach links gegangen.«

»Das war nicht die dritte Biegung, das war die vierte.«

»Wir haben wieder den Wasserlauf überquert.«

»Das war nicht derselbe Scheißwasserlauf, sabaki!«

»Merde. Perdu!«

»Leutnant, Sie sind ein Idiot!« — »Korporal, Sie vergessen sich!«

»Dieses Kaltlicht hält nicht eine Stunde durch. Schauen Sie, es wird schon schwächer.«

»Na, dann schütteln Sie es nicht, Sie Trottel, wenn es heller leuchtet, dann ist es schneller am Ende.«

»Geben Sie mir das …«

Botharis Zähne schimmerten in der Dunkelheit. Es war das erste Lächeln, das Cordelia seit Monaten auf seinem Gesicht gesehen hatte. Er salutierte schweigend. Sie stahlen sich leise auf den Zehenspitzen davon, in die kalte Nacht der Dendarii-Berge.

Als sie wieder auf dem Pfad waren, seufzte Bothari tief auf: »Wenn ich nur eine Granate gehabt hätte, um sie in dieses Loch hinabzuwerfen. Ihre Suchtrupps würden noch nächste Woche um diese Zeit aufeinander schießen.«

KAPITEL 13

Nach vier Stunden auf dem nächtlichen Pfad tauchte das unverwechselbare schwarz-weiße Pferd aus der Dunkelheit auf. Kly saß auf ihm wie ein Schatten, aber sein kräftiges Profil und sein zerbeulter Hut waren sofort zu erkennen.

»Bothari!«, schnaufte Kly. »Wir leben, Gott sei Dank!«

Botharis Stimme war ausdruckslos. »Was ist mit Ihnen passiert, Major?«

»Ich bin fast in eines von Vordarians Kommandos gelaufen, an einer Hütte, wo ich Post ablieferte. Sie versuchen wirklich, diese Hügel Haus um Haus abzusuchen. Sie verpassen jedem, den sie treffen, Schnell-Penta. Sie müssen die Droge fässerweise mitschleppen.«

»Wir hatten Sie gestern abend zurückerwartet«, sagte Cordelia. Sie versuchte, nicht zu vorwurfsvoll zu klingen.

Der Filzhut hüpfte, als Kly sie mit einem müden Nicken grüßte. »Wäre auch zurückgewesen, ohne Vordarians verdammtes Kommando. Ich habe es nicht gewagt, mich von ihnen ausfragen zu lassen. Ich habe einen Tag und eine Nacht damit verbracht, ihnen auszuweichen. Ich schickte den Mann meiner Nichte, euch abzuholen. Aber als er an diesem Morgen bei meiner Hütte ankam, da waren schon überall Vordarians Leute da. Ich dachte schon, alles wäre verloren. Aber als sie bei Anbruch der Nacht immer noch da waren, da faßte ich Mut. Sie würden nicht mehr nach euch suchen, wenn sie euch schon hätten. Da dachte ich, ich sollte besser meinen Arsch hochkriegen und selbst nach euch Ausschau halten. Das ist wider alle Hoffnung!«

Kly wendete sein Pferd wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. »Hier, Sergeant, setzen Sie den Jungen rauf.«

»Ich kann den Jungen tragen. Ich glaube, Sie sollten lieber Mylady mitreiten lassen. Sie ist schon fast am Ende.«

Das war nur allzu wahr. Cordelia war so erschöpft, daß sie bereitwillig zu Klys Pferd trat. Bothari und Kly hoben sie mit vereinten Kräften hoch auf den warmen Rücken des Schecken. Dann setzten sie sich in Bewegung.

Cordelia hielt sich an der Jacke des Postboten fest.

»Was ist mit euch passiert?«, fragte Kly seinerseits.

Cordelia ließ Bothari antworten, in seinen kurzen Sätzen, die noch kürzer gerieten als gewöhnlich, da er Gregor huckepack auf dem Rücken trug. Als er von den Männern erzählte, die sie durch das Loch im Fels gehört hatten, lachte Kly brüllend los, dann schlug er sich mit der Hand auf den Mund. »Die werden Wochen brauchen, um da wieder rauszukommen. Gute Arbeit, Sergeant!«

»Es war Lady Vorkosigans Idee.«

»So?« Kly wandte sich um und warf einen Blick auf Cordelia, die sich matt an ihn klammerte.

»Aral und Piotr schienen beide zu meinen, Ablenkung sei der Mühe wert«, erklärte Cordelia. »Soviel ich verstanden habe, hat Vordarian nur begrenzte Reserven.«

»Sie denken wie ein Soldat, Mylady«, sagte Kly in einem Ton, der nach Anerkennung klang.

Cordelia runzelte bestürzt die Stirn. Was für ein erschreckendes Kompliment. Das war das letzte, was sie wollte: anfangen wie die Soldaten zu denken und deren Spiel nach deren Regeln zu spielen. Die halluzinatorische Weltsicht der Militärs war allerdings entsetzlich ansteckend, wenn man in sie so eingetaucht war wie jetzt Cordelia. Wie lange kann ich Wasser treten?

Kly führte sie weitere zwei Stunden durch die Nacht, wobei er ungewohnte Pfade einschlug. In der tiefen Dunkelheit vor der Morgendämmerung kamen sie zu einer Hütte oder einem Haus. Es schien ähnlich gebaut wie Klys Heim, aber ausgedehnter, mit angebauten Zimmern und daran wiederum anderen angebauten Räumen. Das Licht einer winzigen Flamme, von einer Art selbstgefertigter Talgkerze, leuchtete in einem der Fenster.

Eine alte Frau in einem Nachtgewand und einer Jacke, ihr graues Haar zu einem Zopf geflochten, kam zur Tür und winkte sie herein. Ein alter Mann — der allerdings jünger war als Kly — nahm das Pferd und führte es zu einem Stall. Kly schickte sich an, mit ihm zu gehen.

»Ist es hier sicher?«, fragte Cordelia benommen. Wo sind wir hier?

Kly hob die Schultern. »Das Haus hier wurde vorgestern durchsucht. Bevor ich nach meinem Schwiegerneffen schickte. Man hat es als sauber abgehakt.«

Die alte Frau schnaubte verächtlich, in ihren Augen standen düstere Erinnerungen.

»Mit den Höhlen und all den noch nicht überprüften Gehöften und dem See, da wird es eine Weile dauern, bis sie wieder hierher kommen, um ein zweites Mal zu prüfen. Sie suchen immer noch auf dem Grund des Sees, wie ich erfahren habe, sie haben alles mögliche Gerät eingeflogen. Hier ist es so sicher wie nur irgendwo.« Kly ging nach seinem Pferd zu schauen.

Das bedeutete, so unsicher wie überall. Bothari zog schon seine Stiefel aus. Seine Füße mußten übel dran sein. Ihre Füße sahen gräßlich aus, ihre Hausschuhe waren zerrissen, und von Gregors Lumpenschuhen war nicht mehr viel übrig. Sie hatte sich noch nie so nahe am Ende aller Kraft gefühlt, müde bis auf die Knochen, todmüde, obwohl sie früher schon viel längere Strecken zu Fuß gewandert war. Es war, als hätte ihre abgebrochene Schwangerschaft das Leben selbst aus ihr herausgesogen, um es an jemanden anderen weiterzugeben. Sie ließ sich ins Haus führen, mit Brot und Käse und Milch abfüttern und dann in einem kleinen Nebenraum zu Bett bringen, auf eine schmale Liege, nachdem sie Gregor auf einer anderen niedergelegt hatten. Sie würde heute Nacht an Sicherheit glauben, so wie die barrayaranischen Kinder an Väterchen Frost beim Winterfest glaubten: es war wahr, weil sie verzweifelt wünschte, es sollte wahr sein.

Am nächsten Tag tauchte ein zerlumpter Junge von etwa zehn Jahren aus den Wäldern auf, der auf Klys Fuchs ohne Sattel ritt, mit einem Seil als Halfter. Kly hieß Cordelia, Gregor und Bothari sich im Verborgenen halten, während er den Jungen mit ein paar Münzen belohnte und Sonia, Klys Nichte, packte ihm ein paar süße Kuchen ein und schickte ihn auf den Heimweg. Gregor spitzte sehnsüchtig an einer Gardine vorbei durchs Fenster, als das Kind wieder verschwand.

»Ich habe nicht gewagt, selber zu gehen«, erklärte Kly Cordelia.

»Vordarian hat jetzt schon drei Züge Soldaten dort oben.« Er stellte sich innerlich etwas vor und brach in prustendes Gekicher aus. »Aber der Junge weiß nichts, außer, daß der alte Postbote krank war und sein Ersatzpferd brauchte.«

»Die haben doch nicht etwa Schnell-Penta bei dem Kind angewendet, oder?«

»O doch.«

»Wie können die es nur wagen!«

Kly preßte seine schwarzgefleckten Lippen zusammen, aus Mitempfinden für ihre Empörung. »Wenn er Gregor nicht zu fassen bekommt, dann ist Vordarians Putsch wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Und das weiß er. Es gibt nur wenig, was er jetzt, bei diesem Stand der Dinge, nicht wagen würde.« Er hielt kurz inne. »Sie können froh sein, daß Schnell-Penta die Folter ersetzt hat, oder?«

Klys Schwiegerneffe half ihm, den Fuchs zu satteln und die Postsäcke festzuschnallen. Der Postbote schob seinen Hut zurecht und stieg auf das Pferd.

»Wenn ich meinen Zeitplan nicht einhalte, dann wird es für den General fast unmöglich sein, Kontakt mit mir aufzunehmen«, erklärte er. »Ich muß los, ich bin schon spät dran. Ich komme wieder zurück. Sie und der Junge sollen drinnen bleiben, außer Sicht, soviel Sie nur können, Mylady.« Er wendete sein Pferd in Richtung auf die Wälder, die ihr Laub schon abgeworfen hatten. Das Tier verschwand schnell im rotbraunen Gebüsch.

Cordelia fand Klys letzten Rat nur allzu leicht zu befolgen. Sie verbrachte den größten Teil der nächsten vier Tage auf ihrem Bett. Wie in einem Nebel vergingen die Stunden in stumpfem Schweigen, es war ein Rückfall in die erschreckende Müdigkeit, die sie nach der Operation zur Plazentaübertragung und deren fast lebensgefährlicher Komplikationen erlebt hatte. Gespräche gaben keine Ablenkung. Die Bergbewohner waren genauso wortkarg wie Bothari. Über ihnen lag die Drohung mit SchnellPenta, dachte Cordelia. Je weniger man wußte, desto weniger konnte man sagen. Die Augen der alten Sonia musterten Cordelia neugierig, aber sie fragte nie mehr als nur: »Haben Sie Hunger?« Cordelia wußte nicht einmal ihren Familiennamen.

Baden. Nach dem ersten Bad verzichtete Cordelia auf weitere. Das alte Ehepaar arbeitete den ganzen Nachmittag hindurch, um genügend Wasser für Cordelia und Gregor zu holen und zu erhitzen. Ihre einfachen Mahlzeiten erforderten fast ebensoviel Anstrengung. Hier oben gab es kein Lasche ziehen, um Inhalt zu erhitzen. Technologie, der beste Freund einer Frau. Hier erschien Technologie nur in der Form eines Nervendisruptors in der Hand eines zielsicheren Soldaten, der einen rücksichtslos jagte wie ein Tier.

Cordelia zählte nach, wieviele Tage seit dem Putsch vergangen waren, seit die ganze Hölle ausgebrochen war. Was geschah in der großen weiten Welt? Welche Reaktionen kamen von den Streitkräften im Weltraum, von den Botschaften anderer Planeten, vom eroberten Komarr? Würde Komarr das Chaos für eine Revolte ausnützen, oder hatte Vordarian die Komarraner auch überrumpelt? Aral, was tust du jetzt dort draußen?

Obwohl Sonia keine Fragen stellte, brachte sie dann und wann von draußen Fetzen lokaler Neuigkeiten mit. Vordarians Truppen, die ihr Hauptquartier in Piotrs Residenz hatten, waren nahe daran, die Suche auf dem Grund des Sees aufzugeben. Hassadar war abgeriegelt, aber immer wieder entkamen Flüchtlinge. Die Kinder von irgend jemand waren herausgeschmuggelt worden und hielten sich jetzt bei Verwandten in der Nähe auf. In Vorkosigan Surleau waren die meisten Familien von Piotrs Gefolgsleuten entkommen, ausgenommen die Frau und die sehr betagte Mutter von Gefolgsmann Vogti, die in einem Bodenwagen weggebracht worden waren, niemand wußte, wohin.

»Und, ach ja, sehr seltsam«, fügte Sonia hinzu, »sie haben Karla Hysopi mitgenommen. Das ergibt keinen Sinn. Sie war nur die Witwe eines ausgeschiedenen Armeesergeanten, was für einen Nutzen versprechen sie sich von ihr?«

Cordelia erstarrte. »Haben Sie auch das Baby mitgenommen?«

»Baby? Donnia hat nichts über ein Baby erzählt. War es ein Enkelkind?«

Bothari saß am Fenster und schärfte sein Messer an Sonias Küchenschleifstein. Er hielt mitten in der Bewegung inne und sah auf.

Seine Augen begegneten Cordelias erschrecktem Blick. Sein Gesichtsausdruck änderte sich fast nicht, nur seine Kinnbacken strafften sich, aber der plötzliche Anstieg der Spannung in seinem Körper ließ Cordelias Magen sich zusammenkrampfen. Er blickte wieder auf das hinab, was er tat und machte dann einen längeren, festeren Zug, der über den Schleifstein zischte wie Wasser auf glühenden Kohlen.

»Vielleicht … weiß Kly etwas mehr, wenn er zurückkommt«, sagte Cordelia mit zitteriger Stimme.

»Vielleicht«, sagte Sonia unsicher. Endlich ritt Kly, seinem Zeitplan entsprechend, am Abend des siebten Tages auf seinem Fuchs auf die Lichtung.

Wenige Minuten später kam hinter ihm Gefolgsmann Esterhazy geritten. Er war in die Kluft eines Bergbewohners gekleidet und ritt auf einem mageren Bergpferd mit dünnen Beinen, nicht auf einem von Piotrs großen, prächtigen Tieren. Sie brachten ihre Pferde weg und kamen dann zu einem Abendessen, das Sonia anscheinend schon seit achtzehn Jahren immer an diesem Abend von Klys Rundritt zubereitete.

Nach dem Essen schoben sie die Stühle an die steinerne Feuerstelle heran und Kly und Esterhazy informierten Cordelia und Bothari mit leisen Worten. Gregor saß zu Cordelias Füßen.

»Da Vordarian sein Suchgebiet sehr ausgeweitet hat«, begann Esterhazy, »haben Graf und Lord Vorkosigan entschieden, daß die Berge immer noch der beste Platz sind, um Gregor zu verstecken. In dem Maß, wie sich der Radius der Suche ausweitet, werden die feindlichen Kräfte durch die Ausdehnung immer dünner und dünner.«

»Hier in der Gegend durchsuchen Vordarians Truppen immer noch die Höhlen nach allen Richtungen«, warf Kly ein. »Es sind immer noch zweihundert Mann dort oben. Aber sobald sie es geschafft haben, einander wiederzufinden, werden sie meiner Einschätzung nach dort oben abziehen.

Wie ich erfahren habe, haben sie es aufgegeben, Sie dort drinnen zu finden, Mylady. Morgen, Majestät«, Kly blickte zu Gregor hinab und sprach ihn direkt an, »wird Gefolgsmann Esterhazy Sie an einen neuen Ort bringen, der ganz wie dieser hier aussieht. Sie werden für eine Weile einen neuen Namen haben, zum Schutz. Und Gefolgsmann Esterhazy wird so tun, als sei er Ihr Vater. Glauben Sie, daß Sie das mitmachen können?«

Gregors Hand griff nach Cordelias Rock. »Wird Lady Vorkosigan so tun, als sei sie meine Mama?«

»Wir werden Lady Vorkosigan wieder zu Lord Vorkosigan bringen, zum Raumhafen Basis Tanery.« Auf Gregors erschreckten Blick fügte Kly hinzu: »Dort, wo Sie hingehen, gibt es ein Pony. Und Ziegen. Die Dame dort kann Ihnen beibringen, wie man die Ziegen melkt.«

Gregor schaute unsicher drein, aber er machte keine weiteren Schwierigkeiten, allerdings schien er am nächsten Morgen, als er hinter Esterhazy auf das struppige Pferd gesetzt wurde, den Tränen sehr nahe zu sein.

Cordelia sagte besorgt: »Passen Sie gut auf ihn auf, Gefolgsmann!«

Esterhazy blickte sie eindringlich an. »Er ist mein Kaiser, Mylady. Ich bin durch meinen Eid an ihn gebunden.«

»Er ist auch ein kleiner Junge, Gefolgsmann. Kaiser — das ist ein Wahn, den ihr alle in euren Köpfen habt. Passen Sie für Piotr auf den Kaiser auf, ja, aber passen Sie für mich auf diesen Jungen auf, einverstanden?«

Esterhazy begegnete ihrem Blick. Seine Stimme wurde weicher. »Mein kleiner Sohn ist vier Jahre alt, Mylady.«

Er hatte also verstanden. Cordelia schluckte erleichtert und bekümmert zugleich. »Haben Sie … irgend etwas aus der Hauptstadt gehört? Über Ihre Familie?«

»Noch nicht«, sagte Esterhazy düster.

»Ich werde meine Ohren offenhalten. Ich tue, was ich kann.«

»Ich danke Ihnen.« Er nickte ihr zu, nicht wie ein Gefolgsmann seiner Herrin, sondern wie ein Vater einer anderen Mutter. Kein weiteres Wort schien notwendig.

Bothari war außer Hörweite, er war in die Hütte zurückgegangen, um ihre wenigen Sachen zusammenzupacken. Cordelia trat an Klys Steigbügel heran, als Kly gerade ansetzte, sein schwarzweißes Pferd zu wenden und Esterhazy und Gregor auf ihrem Weg voranzureiten. »Major, Sonia hat ein Gerücht mitgebracht, daß Vordarians Truppen Frau Hysopi mitgenommen haben. Bothari hatte sie dafür engagiert, seine kleine Tochter großzuziehen. Wissen Sie, ob sie auch Elena, das Baby, mitgenommen haben?«

Kly sagte leise: »Es war anders herum, soweit ich weiß. Sie kamen wegen dem Baby, Karla Hysopi schlug einen Mordskrach, also nahmen sie sie auch mit, obwohl sie nicht auf der Liste stand.«

»Wissen Sie, wohin?«

Er schüttelte den Kopf. »Irgendwohin in Vorbarr Sultana. Vielleicht weiß der Nachrichtendienst Ihres Mannes jetzt schon genaueres.«

»Haben Sie das schon dem Sergeanten gesagt?«

»Sein Kamerad hat es ihm gestern abend gesagt.«

»Aha.«

Als sie fortritten, blickte Gregor über seine Schulter zu ihr zurück, bis sie hinter den Baumstämmen verschwunden waren.

Drei Tage lang führte Klys Neffe sie durch die Berge, Bothari ging zu Fuß und führte Cordelia auf einem kleinen, knochigen Pferd aus den Bergen, dem man ein Schaffell auf den Rücken gegurtet hatte. Am dritten Nachmittag kamen sie zu einer Hütte, in der ein magerer Bursche hauste, der sie zu einem Schuppen führte, wo — Wunder über Wunder! — ein klappriger Leichtflieger versteckt war. Er lud Cordelia und sechs Krüge mit Ahornsirup auf den Rücksitz. Bothari schüttelte schweigend die Hand von Klys Neffen, der stieg dann auf das kleine Pferd und verschwand in die Wälder.

Unter Botharis aufmerksamem Blick brachte der magere Bursche sein Vehikel in die Luft. Sie streiften Baumwipfel und folgten den Schluchten und Bergkämmen hinauf über das schneebedeckte Rückgrat der Berge und dann auf der anderen Seite hinab, hinaus aus Vorkosigans Distrikt.

Um die Abenddämmerung kamen sie zu einem kleinen Marktflecken. Der junge Mann landete seinen Flieger in einer Seitenstraße. Cordelia und Bothari halfen ihm, sein gluckerndes Erzeugnis zu einem kleinen Lebensmittelladen zu bringen, wo er den Sirup gegen Kaffee, Mehl, Seife und Stromzellen eintauschte.

Als sie zu seinem Leichtflieger zurückkehrten, fanden sie einen zerbeulten Lastwagen, der neben dem Flieger geparkt war. Der junge Mann wechselte mit dem Fahrer nur ein Kopfnicken, worauf der aus dem Fahrzeug sprang und die Tür zum Frachtraum für Bothari und Cordelia aufzog. Der Frachtraum war zu einem Viertel mit Stoffsäcken voll Kohl gefüllt. Die Säcke bildeten keine guten Kissen, obwohl Bothari sein Bestes tat, um aus ihnen für Cordelia ein Nest herzurichten, während der Lastwagen auf den schrecklich holperigen Straßen entlangrumpelte. Bothari saß dann gegen die Seite des Frachtraumes gestemmt und wetzte wie unter Zwang die Schneide seines Messers an einem selbstgemachten Streichriemen, einem Stück Leder, das er sich von Sonia erbeten hatte. Das dauerte vier Stunden, und Cordelia war schon nahe daran, mit den Kohlköpfen zu reden.

Endlich kam der Lastwagen zum Stehen. Die Tür wurde aufgeschoben, zuerst stieg Bothari aus, dann Cordelia, und sie fanden sich mitten im Nirgendwo: auf einer Schotterpiste, die einen Bach überquerte, im Dunkeln, auf dem Land, in einem fremden Distrikt von unbekannter Loyalität.

»Man wird sie bei Kilometerstein 96 aufnehmen«, sagte der Lastwagenfahrer und deutete auf einen weißen Flecken in der Dunkelheit, der nur ein bemalter Felsblock zu sein schien.

»Wann?«, fragte Cordelia verzweifelt. Und übrigens, wer war man?

»Weiß nicht.« Der Mann kehrte zu seinem Lastwagen zurück und fuhr los, als würde er schon verfolgt, wobei der Schotter nach allen Seiten spritzte.

Cordelia hockte sich auf den bemalten Felsblock und fragte sich gequält, welche Seite zuerst aus der Nacht heraus auf sie zu springen würde und mit welcher Methode sie sie auseinanderhalten könnte. Die Zeit verging, und sie steigerte sich in die noch bedrückendere Vorstellung, daß überhaupt niemand sie auflesen würde.

Aber schließlich schwebte ein verdunkelter Leichtflieger aus dem Nachthimmel herab, seine Motoren waren auf unheimliche Weise fast lautlos. Er landete knirschend auf dem Schotter. Bothari kauerte neben ihr, das nutzlose Messer fest in der Hand. Aber der Mann, der sich linkisch aus dem Passagiersitz hob, war Leutnant Koudelka. »Mylady?«, rief er unsicher den beiden menschlichen Vogelscheuchen zu. »Sergeant?«

Cordelia atmete erleichtert auf, als sie in dem blonden Piloten Droushnakovi erkannte. Meine Heimat ist nicht ein Ort, Sir, es sind Menschen …

Mit Botharis Hand an ihrem Ellbogen ließ sich Cordelia auf Koudelkas besorgte Geste hin dankbar auf den gepolsterten Rücksitz des Fliegers fallen. Droushnakovi warf einen düsteren Blick über ihre Schulter auf Bothari, zog ihre Nase kraus und fragte: »Geht es Ihnen gut, Mylady?«

»Besser als ich erwartet hatte, wirklich. Los, los!«

Das Verdeck wurde geschlossen und sie stiegen in die Luft empor Die Ventilatoren begannen zu rotieren und sorgten für gefilterte Luft. Farbige Lichter vom Armaturenbrett beleuchteten die Gesichter von Kou und Drou. Eine Schutzhülle aus Technologie. Cordelia blickte über Droushnakovis Schulter auf die Systemanzeigen und dann nach oben durch das Verdeck: ja, dunkle Umrisse folgten ihnen, schützende Armeeflieger. Bothari sah sie auch, und seine Augen verengten sich anerkennend. Ein Teil der Spannung wich aus seinem Körper.

»Es ist gut, Sie zu sehen …«, irgendein subtiles Signal der Körpersprache der beiden, eine verborgene Reserve, hielt Cordelia davon ab, hinzuzufügen: wieder zusammen. »Ich nehme an, die Beschuldigung über die Sabotage an der Kommunikationskonsole wurde richtig klargestellt?«

»Sobald wir die Gelegenheit hatten, anzuhalten und diesen Wachkorporal mit Schnell-Penta zu behandeln, Mylady«, antwortete Droushnakovi. »Er hatte nicht den Mumm, vor der Befragung Selbstmord zu begehen.«

»War er der Saboteur?«

»Ja«, antwortete Koudelka. »Er hatte beabsichtigt, zu Vordarians Truppen zu entkommen, wenn sie einträfen, um uns zu schnappen. Vordarian hat ihn anscheinend schon Monate vorher angestiftet.«

»Das erklärt unsere Sicherheitsprobleme, nicht wahr?«

»Er gab Informationen über unsere Route weiter, an dem Tag des Attentats mit der Schallgranate.« Koudelka rieb sich an seinen Schläfen bei dieser Erinnerung.

»Also stand Vordarian dahinter!«

»Ja, das wurde bestätigt. Aber dieser Wächter scheint nichts über das Soltoxin gewußt zu haben. Wir haben ihn auf Herz und Nieren untersucht. Er war kein Verschwörer auf hoher Ebene, nur ein Werkzeug.«

Schlimme Gedanken kamen ihr, aber: »Hat sich Illyan schon gemeldet?«

»Noch nicht. Admiral Vorkosigan hofft, daß er sich in der Hauptstadt verbirgt, wenn er nicht bei den ersten Kämpfen getötet wurde.«

»Hm. Nun gut, es wird Sie sicher freuen zu hören, daß es Gregor gut geht …«

Koudelka unterbrach sie mit erhobener Hand: »Verzeihen Sie mir, Mylady. Der Admiral hat befohlen — Sie und der Sergeant sollen niemandem Informationen über Gregor geben außer dem Grafen und ihm selbst.«

»In Ordnung. Verdammtes Schnell-Penta. Wie geht es Aral?«

»Es geht ihm gut, Mylady. Er hat mir befohlen, Sie auf den neuesten Stand über die strategische Lage zu bringen …«

Zum Teufel mit der strategischen Lage, wie geht es meinem Baby? Leider schienen beide unauflösbar miteinander verwikkelt.

»… und alle Fragen zu beantworten, die Sie haben.«

Sehr gut. »Wie geht es unserem Baby? Pi… Miles?«

»Wir haben nichts Schlimmes gehört, Mylady.«

»Was bedeutet das?«

»Es bedeutet, daß wir nichts gehört haben«, warf Droushnakovi bedrückt ein.

Koudelka warf ihr einen zornigen Blick zu, den sie mit einem Achselzucken überging. »Keine Nachrichten, das kann gute Nachrichten bedeuten«, fuhr Koudelka fort. »Während es stimmt, daß Vordarian die Hauptstadt besetzt hält …«

»Und deshalb auch das Militärkrankenhaus, ja«, sagte Cordelia.

»Und er Namen von Geiseln veröffentlicht, die mit irgend jemandem in unserer Kommandostruktur verwandt sind, wurde Ihr … Ihr Kind in den Listen nicht erwähnt. Der Admiral meint, daß Vordarian einfach nicht erkennt, daß das, was in den Replikator übertragen wurde, lebensfähig ist. Er weiß nicht, was er hat.«

»Noch nicht«, fiel Cordelia ein.

»Noch nicht«, gestand Koudelka widerstrebend ein.

»Also gut. Fahren Sie fort.«

»Die Gesamtsituation ist nicht so schlecht, wie wir zuerst befürchtet hatten. Vordarian hält Vorbarr Sultana, seinen eigenen Distrikt und dessen Militärstützpunkte, und er hat Truppen in Vorkosigans Distrikt geschickt, aber er hat nur etwa fünf Distriktsgrafen als ergebene Verbündete.

Etwa dreißig der anderen Grafen wurden in der Hauptstadt gefangen, und wir können über ihre tatsächliche Loyalität nichts sagen, solange Vordarian Pistolen an ihre Köpfe hält. Die meisten der dreiundzwanzig übrigen Distrikte haben ihre Eide gegenüber dem Lordregenten wiederholt. Ein paar schwafeln allerdings herum, weil sie Verwandte in der Hauptstadt haben oder in prekären strategischen Positionen sind mit ihren Distrikten als potentiellen Kampfschauplätzen.«

»Und die Streitkräfte im Weltraum?«

»Ja, zu denen wollte ich gerade kommen, Mylady. Über die Hälfte ihres Nachschubs kommt aus den Shuttlehafen in Vordarians Distrikt hoch. Im Augenblick warten sie eher noch auf ein klares Ergebnis, anstatt sich einzumischen und es herbeizuführen. Aber sie haben es abgelehnt, sich offen Vordarian anzuschließen. Es herrscht ein Gleichgewicht, und wer immer es als erster zu seinen Gunsten verschieben kann, wird einen Erdrutsch auslösen. Admiral Vorkosigan ist schrecklich zuversichtlich.«

Cordelia konnte nicht sicher aus dem Ton des Leutnants schließen, ob er überhaupt diese Zuversicht teilte. »Aber er muß ja. Wegen der Moral. Er sagt, Vordarian habe den Krieg in der Stunde verloren, als Negri mit Gregor entkam, und der Rest ist nur Herummanövrieren, um die Verluste zu begrenzen. Aber Vordarian hält Prinzessin Kareen in seiner Gewalt.«

»Zweifellos einer der Verluste, den Aral begrenzen möchte. Geht es ihr gut? Haben Vordarians Schläger sie nicht mißhandelt?«

»Soweit wir wissen, nicht. Sie scheint in ihren eigenen Gemächern in der Kaiserlichen Residenz unter Hausarrest zu stehen. Etliche der wichtigeren Geiseln sind dort eingeschlossen.«

»Ich verstehe.« Sie blickte in der dunklen Kabine zur Seite, auf Bothari, dessen Gesichtsausdruck sich nicht veränderte. Sie wartete darauf, daß er nach Elena fragte, aber er sagte nichts. Droushnakovi blickte düster in die Nacht, seit Kareen erwähnt worden war.

Hatten sich Kou und Drou versöhnt? Sie erschienen kühl, höflich, ganz dienstlich und im Dienst. Aber welche Entschuldigungen auch immer an der Oberfläche ausgetauscht worden sein mochten, Cordelia spürte keine Versöhnung bei ihnen. Die geheime Verehrung und der Wunsch nach Vertrauen waren ganz aus den blauen Augen verschwunden, die ab und zu vom Armaturenbrett zu dem Mann auf dem Passagiersitz aufblickten.

Drous Blicke waren lediglich wachsam.

Lichter glühten voraus auf der Erde, das Lichtergesprenkel einer Stadt mittlerer Größe, und jenseits davon die wirre Geometrie eines ausgedehnten militärischen Raumfährenhafens. Drou absolvierte Code-Prüfung um Code-Prüfung, während sie näher kamen. Sie gingen in einer Spirale auf einen Landeplatz herunter, der für sie erleuchtet und von bewaffneten Wachen umgeben war. Ihre Begleitflieger flogen über ihnen weiter zu ihren eigenen Landezonen.

Die Wachen umringten sie, als sie den Flieger verließen, und eskortierten sie so schnell, wie Koudelkas Schritt es erlaubte, zu einer Liftröhre. Sie fuhren abwärts, nahmen einen Rollsteig und gingen durch Düsentüren wieder hinab. Basis Tanery besaß offensichtlich eine bestens abgesicherte unterirdische Kommandozentrale. Willkommen im Bunker! Und doch wurde Cordelia einen schrecklichen Moment der Verwirrung und des Verlustes lang von einem würgenden Gefühl der Vertrautheit geschüttelt.

Auf Kolonie Beta hatte man mehr Sinn für Innenarchitektur, als sich an diesen kahlen Korridoren hier zeigte, aber ihr war, als wäre sie jetzt auf die Versorgungsebene einer unterirdischen betanischen Stadt hinabgestiegen, wo es sicher und kühl war … Ich möchte nach Hause.

In einem Korridor unterhielten sich drei Offiziere in grünen Uniformen. Einer von ihnen war Aral. Er sah sie. »Danke, meine Herren, Sie sind entlassen«, sagte er mitten in den Satz eines seiner Gesprächspartner, dann bewußter: »Wir werden in Kürze darüber weitersprechen.« Aber die anderen blieben, um zu gukken.

Er schien nur müde zu sein, sonst sah er gut aus. Ihr tat es ums Herz weh, als sie ihn anschaute, und dennoch … Dir zu folgen hat mich hierher gebracht. Nicht auf das Barrayar meiner Hoffnungen, sondern auf das Barrayar meiner Ängste.

Mit einem stimmlosen »Ha!« umarmte er sie und zog sie fest an sich. Sie erwiderte seine Umarmung. Das tut gut. Geh weg, Welt! Aber als sie aufblickte, wartete die Welt immer noch, in der Gestalt von sieben Beobachtern, die alle dienstliche Anliegen hatten.

Er hielt sie etwas von sich weg und musterte sie besorgt von oben bis unten. »Du siehst schrecklich aus, lieber Captain.«

Wenigstens war er höflich genug, nicht zu sagen: Du riechst schrecklich.

»Nichts, das nicht ein Bad beheben könnte.«

»Das ist es nicht, was ich gemeint habe. Du mußt zu allererst auf die Krankenstation.« Er wandte sich um und sah Sergeant Bothari ihm am nächsten stehen.

»Sir, ich muß mich beim Herrn Grafen melden«, sagte Bothari.

»Mein Vater ist nicht hier. Er ist in meinem Auftrag auf einer diplomatischen Mission bei einigen seiner alten Freunde. Hier, Sie, Kou — nehmen Sie Bothari und versorgen Sie ihn mit Quartier, Essensgutscheinen, Ausweisen und Kleidern. Ich erwarte Ihren persönlichen Bericht sofort, wenn ich mich um Cordelia gekümmert habe, Sergeant.«

»Jawohl, Sir.« Koudelka ging mit Bothari weg.

»Bothari war erstaunlich«, vertraute Cordelia Aral an. »Nein — das ist ungerecht. Bothari war Bothari, und ich sollte überhaupt nicht erstaunt sein. Ohne ihn hätten wir es nicht geschafft.«

Aral nickte und lächelte leicht: »Ich dachte, er würde zu dir passen.«

»Das tat er wirklich.«

Droushnakovi, die ihren alten Platz neben Cordelia in dem Moment wieder einnahm, wo Bothari ihn verließ, schüttelte zweifelnd den Kopf und folgte, als Aral Cordelia den Korridor hinabführte. Die anderen gingen etwas unsicher hinterher.

»Habt ihr schon mehr über Illyan gehört?«, fragte Cordelia.

»Noch nicht. Hat Kou dich informiert?«

»In groben Zügen, ausreichend für den Augenblick. Ich nehme an, ihr habt auch nicht mehr über Padma und Alys Vorpatril erfahren?«

Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Aber sie sind auch nicht auf der Liste von Vordarians bestätigten Gefangenen. Ich glaube, sie verstecken sich in der Stadt. Vordarians Seite läßt Informationen durchsickern wie ein Sieb: wir würden es wissen, wenn eine Verhaftung von solcher Bedeutung stattgefunden hätte. Ich kann mich nur fragen, ob unsere eigenen Einrichtungen auch so durchlässig sind. Das ist der Ärger mit diesen verdammten zivilen Raufhändeln, jedermann hat einen Bruder …«

Eine Stimme vom Ende des Korridors meldete sich laut: »Sir! O Sir!« Nur Cordelia fühlte, wie Aral zusammenzuckte, sein Arm machte einen Ruck unter ihrer Hand.

Ein Stabsangehöriger führte einen großen Mann in schwarzer Felduniform mit den Abzeichen eines Obersten am Kragen auf sie zu. »Hier sind Sie ja, Sir. Oberst Gerould ist hier aus Marigrad.«

»Oh, gut. Ich muß mich jetzt mit diesem Mann befassen …« Aral blickte schnell umher und sein Blick fiel auf Droushnakovi. »Drou, bitte bringen Sie statt meiner Cordelia zur Krankenstation. Sorgen Sie dafür, daß sie untersucht wird, sorgen Sie — sorgen Sie dafür, daß sie alles bekommt, was sie braucht.«

Der Oberst war kein Schreibtischpilot vom Hauptquartier. Er sah aus, als sei er tatsächlich soeben von irgendeiner Front eingeflogen, wo immer auch die Front in diesem Kampf um Loyalität war. Seine Kampfuniform war schmutzig und zerknittert und sah aus, als habe er darin geschlafen, ihr Gestank nach Rauch war stärker als Cordelias Gerüche aus den Bergen. Sein Gesicht war von Erschöpfung gezeichnet. Aber er sah nur grimmig aus, nicht geschlagen. »Der Kampf in Marigrad wurde von Haus zu Haus geführt, Admiral«, berichtete er ohne lange Einleitung.

Vorkosigan verzog das Gesicht. »Dann möchte ich nichts davon hören. Kommen Sie mit mir ins Taktikzentrum — was ist das da an Ihrem Arm, Oberst?«

Ein breites Stück aus weißem Tuch und ein schmalerer Streifen Braun umgaben den linken oberen schwarzen Ärmel des Offiziers.

»Identifikation, Sir. Wir konnten nicht unterscheiden, auf wen wir im Nahkampf schossen. Vordarians Leute tragen Rot und Gelb, das ist vermutlich das ähnlichste, was sie für Kastanienbraun und Gold haben. Und das hier soll natürlich Braun und Silber für Vorkosigan sein.«

»Das ist es, was ich befürchtet habe.« Vorkosigan blickte äußerst streng drein. »Nehmen Sie es ab! Verbrennen Sie es! Und sagen Sie das auch allen Ihren Untergebenen. Sie haben schon eine Uniform, Oberst, die Ihnen vom Kaiser gegeben wurde. Dafür kämpfen Sie. Lassen Sie die Verräter ihre Uniformen ändern.«

Der Oberst war erschrocken über Vorkosigans Vehemenz, aber einen Herzschlag später hatte er es begriffen: er riß den Stoff hastig von seinem Arm und steckte ihn in die Tasche. »Ganz recht, Sir.«

Es fiel Aral spürbar schwer, Cordelias Hand loszulassen. »Ich besuche dich in deinem Quartier, Liebste. Später.«

Später in dieser Woche, wenn dies so weiterging. Cordelia schüttelte hilflos den Kopf, nahm seine stämmige Gestalt in einem letzten Blick in sich auf, als könnte sie mit ihrer Intensität ihn irgendwie digitalisieren und für erneute Projektion abspeichern, dann folgte sie Droushnakovi in das unterirdische Labyrinth von Basis Tanery. Wenigstens bei Drou konnte Cordelia Vorkosigans Durchlaufplan beiseiteschieben und zuerst auf einem Bad bestehen. Fast ebenso gut war, daß sie in einem Schrank in Arals Unterkunft ein halbes Dutzend neuer Kleidungsstücke in ihrer korrekten Größe fand, die etwas von Drous im Palast trainiertem guten Geschmack verrieten.

Der Standortarzt hatte keine Krankenkarte: Cordelias medizinische Unterlagen waren gegenwärtig natürlich alle hinter den feindlichen Linien in Vorbarr Sultana. Er schüttelte den Kopf und begann, die Daten für ein neues Formular an seinem Berichtsterminal einzutippen. »Es tut mir leid, Lady Vorkosigan. Wir müssen einfach am Punkt Null beginnen. Bitte haben Sie Nachsicht mit mir. Habe ich richtig verstanden, daß Sie ein Frauenleiden hatten?«

Nein, die meisten meiner Leiden kamen von Männern. Cordelia biß sich auf die Zunge. »Ich hatte eine Plazentaübertragung, lassen Sie mich mal überlegen, drei plus«, sie mußte es an ihren Fingern abzählen, »vor ungefähr fünf Wochen.«

»Verzeihen Sie, was hatten Sie?«

»Ich hatte eine Entbindung durch Kaiserschnitt. Es ging nicht sonderlich gut.«

»Ich verstehe. Fünf Wochen post partum.« Er machte sich eine Notiz.

»Und was sind Ihre gegenwärtigen Beschwerden?«

Ich mag Barrayar nicht. Ich möchte nach Hause, mein Schwiegervater will mein Baby umbringen, die Hälfte meiner Freunde rennen um ihr Leben, und ich kann keine zehn Minuten mit meinem Mann allein sein, den ihr vor meinen Augen aufbraucht, meine Füße tun weh, mein Kopf tut weh, meine Seele tut weh … es war alles zu kompliziert. Der arme Mann vor ihr wollte nur irgend etwas haben, das er in sein Formular eintragen konnte, er wollte keinen Aufsatz. »Erschöpfung«, brachte Cordelia schließlich heraus.

»Aha.« Sein Gesicht erhellte sich und er gab diese Aussage an seinem Gerät ein. »Erschöpfung post partum. Das ist normal.« Er blickte auf und sah sie ernsthaft an: »Haben Sie schon daran gedacht, mit einem Gymnastikprogramm zu beginnen, Lady Vorkosigan?«

KAPITEL 14

»Wer sind denn Vordarians Leute?«, fragte Cordelia Aral deprimiert. »Ich bin vor ihnen wochenlang davongerannt, aber es ist, als hätte ich sie nur kurz in einem Rückspiegel gesehen. Kenne deinen Feind, und all das. Woher bekommt er seinen unaufhörlichen Nachschub an Schlägern?«

»Oh, nicht unaufhörlich.« Aral lächelte leicht und nahm ein weiteres Stück Schmorbraten. Sie waren — was für ein Wunder! — endlich allein, in seinem einfachen unterirdischen Apartment für höhere Offiziere. Ein Offiziersbursche hatte ihnen ihr Abendessen auf einem Tablett gebracht und auf dem niedrigen Tisch zwischen ihnen angerichtet. Dann hatte Aral, zu Cordelias Erleichterung, ihn entlassen mit den Worten: »Danke, Korporal, wir brauchen Sie nicht mehr.«

Aral schluckte seinen Bissen hinunter und fuhr fort: »Wer sind sie? Im großen und ganzen alle, die über sich in der Befehlskette einen Offizier haben, der Vordarians Seite gewählt hat, und die entweder nicht den Nerv oder in einigen Fällen nicht den Verstand haben, entweder den Offizier umzulegen oder ihre Einheit zu verlassen und sich anderswo zu melden. Und Gehorsam und Zusammenhalt der Einheiten sind in diese Männer tief eingeprägt. ›Wenn es stürmisch wird, halte dich an deine Einheit‹ ist ihnen buchstäblich eingedrillt worden. Also macht die verhängnisvolle Tatsache, daß ihr Offizier sie in den Verrat führt, es noch natürlicher, daß sie sich an ihre Kameraden klammern. Außerdem«, er grinste düster, »ist es nur dann Verrat, wenn Vordarian verliert.«

»Wird Vordarian verlieren?«

»Solange ich lebe und Gregor am Leben erhalte, kann Vordarian nicht gewinnen.« Er nickte voller Überzeugung. »Vordarian bezichtigt mich aller möglichen Verbrechen, so schnell er sie nur erfinden kann. Am ernstesten ist das Gerücht, das er ausstreut, ich hätte mich mit Gregor aus dem Staub gemacht und würde die Kaiserherrschaft für mich selber suchen. Ich betrachte das als einen Trick, um Gregors Versteck ausfindig zu machen. Er weiß, daß Gregor nicht bei mir ist. Sonst wäre er versucht, hier eine Nuklearbombe reinzuschmeißen.«

Cordelia verzog ihre Lippen voller Abneigung. »Will er also Gregor fangen oder ihn töten?«

»Töten nur, wenn er ihn nicht fangen kann. Wenn die Zeit reif ist, werde ich Gregor an die Öffentlichkeit bringen.«

»Warum nicht schon jetzt?«

Er lehnte sich mit einem müden Lächeln zurück und schob sein Tablett zur Seite, auf dem in seiner Schüssel noch ein paar Bissen Schmorbraten und Brotstückchen übrig waren. »Weil ich sehen möchte, wieviele von Vordarians Streitkräften ich noch vor der Lösung des Knotens zurückgewinnen kann. Zu mir desertieren ist nicht ganz der richtige Ausdruck … rüberkommen, vielleicht. Ich möchte mein zweites Amtsjahr nicht mit der Exekution von viertausend Soldaten beginnen. Allen unterhalb eines bestimmten Ranges kann Pardon gegeben werden mit der Begründung, daß sie durch Eid gebunden waren, ihren Offizieren zu folgen, aber ich möchte auch so viele von den Ranghöheren retten, wie ich kann. Fünf Distriktsgrafen und Vordarian sind dem Untergang geweiht, für sie gibt es keine Hoffnung. Verdammt sei er, daß er das alles angefangen hat.«

»Was tun denn Vordarians Truppen? Ist das ein Sitzkrieg?«

»Nicht ganz. Er verschwendet eine Menge seiner und meiner Zeit, indem er ein paar nutzlose Stützpunkte gewinnen möchte, wie zum Beispiel das Nachschubdepot in Marigrad. Wir gehen darauf ein und ziehen ihn hinein oder hinaus. Das hält Vordarians Kommandeure beschäftigt und lenkt sie von dem wirklich wichtigen Gebiet ab, das sind die Streitkräfte im Weltraum. Wenn ich nur Kanzian hätte!«

»Haben deine Geheimdienstleute ihn schon ausfindig gemacht?« Der hochgeschätzte Admiral Kanzian war einer von den beiden Männern im barrayaranischen Oberkommando, die Vorkosigan als ihm selbst überlegen in strategischen Fragen betrachtete. Kanzian war ein Spezialist für besondere Raumoperationen, die Weltraumstreitkräfte brachten ihm großes Vertrauen entgegen. »An seinen Stiefeln hat kein Pferdemist geklebt«, hatte es Kou einmal, zu Cordelias Amüsement, ausgedrückt.

»Nein, aber Vordarian hat ihn auch nicht. Er ist verschwunden. Ich hoffe bei Gott, daß er nicht in irgendein dummes Straßenkreuzfeuer geriet und jetzt unidentifiziert irgendwo in einem Leichenhaus liegt. Was für ein Verlust das wäre!«

»Würde es helfen, nach oben zu starten? Um die Weltraumkräfte auf deine Seite zu bringen?«

»Warum mache ich mir deiner Meinung nach die Mühe, Basis Tanery zu halten? Ich habe die Vor- und Nachteile einer Verlegung meines Feldhauptquartiers auf ein Raumschiff erwogen. Ich denke, der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, jetzt könnte es falsch interpretiert werden als der erste Schritt zum Davonlaufen.«

Davonlaufen. Was für ein verführerischer Gedanke. Weit, weit weg von all diesem Irrsinn, bis all das auf die bloße Dimension eines nebensächlichen Füllsels in einem galaktischen Nachrichtenvid reduziert wäre. Aber … von Aral davonlaufen? Sie betrachtete ihn genau, als er sich auf dem gepolsterten Sofa zurücklehnte und auf die Reste seines Abendessens starrte, ohne sie zu sehen. Ein müder Mann mittleren Alters in einer grünen Uniform, ohne besonders gutes Aussehen (vielleicht abgesehen von seinen scharfen grauen Augen), ein hungriger Intellekt in ständigem innerem Krieg mit von Furcht getriebener Aggression, beide gespeist von einem Leben voller bizarrer Erfahrungen, barrayaranischer Erfahrungen.

Du hättest dich in einen glücklichen Mann verlieben sollen, wenn du Glück wolltest. Aber nein, du hast dich in die atemberaubende Schönheit des Schmerzes verknallt …

Und die beiden werden ein Fleisch sein. Wie sehr hatte sich diese alte fromme Formel als wahr herausgestellt. Ein kleines bißchen Fleisch, gefangen in einem Uterusreplikator hinter den feindlichen Linien, band sie nun zusammen wie siamesische Zwillinge. Und wenn der kleine Miles starb, würde dann dieses Band zertrennt?

»Was … was machen wir hinsichtlich Vordarians Geiseln?«

Er seufzte. »Das ist die harte Nuß im Mittelpunkt. Wenn man ihm auch alles andere wegnimmt, was wir schrittweise tun, dann hat Vordarian noch über zwanzig Distriktsgrafen und Kareen in seiner Gewalt. Und einige hundert geringere Leute.«

»Solche wie Elena?«

»Ja. Und die Stadt Vorbarr Sultana selbst, zum Beispiel. Er könnte am Ende drohen, die Stadt zu atomisieren, um die Möglichkeit zu erzwingen, den Planeten verlassen zu können. Ich habe mit der Idee gespielt, mich auf Verhandlungen einzulassen. Und ihn dann später mit einem Attentat zu beseitigen. Ich kann ihn einfach nicht frei davonkommen lassen, es wäre ungerecht gegenüber allen, die schon aus Loyalität zu mir gestorben sind. Welches Opferfeuer könnte diese verratenen Seelen befriedigen? Nein.

Also planen wir verschiedene Optionen für Rettungsaktionen für das Ende. Der Augenblick, wenn die Verschiebung an Menschen und Loyalitäten ein kritisches Stadium erreicht und Vordarian wirklich beginnt, in Panik zu geraten. In der Zwischenzeit warten wir ab. Am Ende … würde ich Geiseln opfern, bevor ich Vordarian gewinnen ließe.«

Sein abwesender Blick war jetzt schwarz.

»Sogar Kareen?« Alle Geiseln? Auch die kleinsten?

»Sogar Kareen. Sie ist eine Vor. Sie versteht es.«

»Der sicherste Beweis, daß ich keine Vor bin«, sagte Cordelia niedergeschlagen. »Ich verstehe nichts von dieser … stilisierten Verrücktheit. Ich denke, ihr gehört alle in Therapie, bis zum letzten Mann.«

Er lächelte leicht. »Meinst du, Kolonie Beta könnte überredet werden, uns ein Bataillon von Psychiatern als humanitäre Hilfe zu schicken? Vielleicht den, mit dem du deinen letzten Streit hattest?«

Cordelia schnaubte. Nun ja, die barrayaranische Geschichte war von einer Art unheimlicher, dramatischer Schönheit, abstrakt gesehen, aus der Distanz. Ein Spiel der Leidenschaften. Betrachtete man sie aber aus der Nähe, dann wurde die Stupidität des Ganzen spürbarer, und wie bei einem Mosaik löste sich alles in sinnlose Einzelteilchen auf.

Cordelia zögerte, dann fragte sie: »Spielen wir das Geiselspiel?« Sie war sich nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte.

Vorkosigan schüttelte den Kopf. »Nein. Das waren für mich in all den Wochen die härtesten Auseinandersetzungen, Männern in die Augen zu blicken, die Frauen und Kinder droben in der Hauptstadt haben, und dann nein zu sagen.«

Er legte sein Besteck auf seinem Tablett ordentlich im ursprünglichen Muster zurecht und fügte in einem nachdenklichen Ton an: »Aber sie blicken nicht weit genug. Das alles ist bis jetzt keine Revolution, nur ein Putsch. Die Bevölkerung ist untätig, oder besser gesagt: sie verhält sich ruhig und abwartend, von einigen Denunzianten abgesehen. Vordarian appelliert an die konservative Elite, an die alten Vor und das Militär. Der Graf kann nicht zählen. Die neue Technokultur bringt so schnell, wie unsere Schulen sie produzieren können, Progressive aus dem gewöhnlichen Volk hervor. Sie sind die Mehrheit der Zukunft. Ich möchte ihnen eine andere Methode als nur bunte Armbänder geben, um die Guten von den Bösen zu unterscheiden. Moralische Oberzeugung ist eine mächtigere Kraft, als Vordarian vermutet. Welcher General auf der alten Erde hat gesagt, daß die Moral sich zur Physik verhält wie drei zu eins? Ach ja, das war Napoleon. Schade, daß er seinen eigenen Rat nicht befolgt hat. Für diesen Krieg hier beziffere ich das Verhältnis auf fünf zu eins.«

»Aber halten sich eure Kräfte die Waage? Wie steht es mit der Physik?«

Vorkosigan hob die Schultern. »Wir haben jeder Zugang zu genug Waffen, um Barrayar zu verwüsten. Rohe Gewalt ist nicht das wirkliche Thema. Aber meine Legitimität ist ein enormer Vorteil, solange Waffen bemannt werden müssen. Daher Vordarians Versuche, diese Legitimität zu unterminieren mit seinen Beschuldigungen, ich hätte Gregor beseitigt. Ich schlage vor, ihn mit seiner Lüge zu fangen.«

Cordelia zitterte. »Du weißt, ich wäre nicht gerne auf Vordarians Seite.«

»Oh, es gibt da noch ein paar Methoden, wie er gewinnen könnte. Mein Tod ist bei ihnen allen erforderlich. Ohne mich als einen Mittelpunkt, den einzigen Regenten, den der verstorbene Ezar eingesetzt hat, was gäbe es da noch zu wählen? Vordarians Anspruch ist dann so gut wie jedermanns.

Wenn er mich umbrächte und Gregor in Besitz bekäme, oder umgekehrt, dann wäre es durchaus denkbar, daß er sich von da an konsolidieren könnte. Bis zum nächsten Putsch und einer Folge von Revolten und Rachemorden, die dann immer weiter und weiter ginge …« Seine Augen verengten sich, als er diese düstere Vision betrachtete. »Das ist mein schlimmster Alptraum. Daß dieser Krieg nicht aufhört, wenn wir verlieren, bis ein weiterer Dorca Vorbarra der Gerechte auftritt, der einem weiteren Blutigen Jahrhundert ein Ende setzt. Gott allein weiß, wann das wäre. Offen gesagt, ich sehe keinen Mann von diesem Kaliber in meiner Generation.«

Schau mal in deinen Spiegel, dachte Cordelia melancholisch.

»Aha, deshalb wolltest du, daß ich zuerst zum Doktor gehe«, neckte Cordelia Aral in der gleichen Nacht. Nachdem Cordelia einige der wirren Vermutungen des Arztes zurechtgerückt hatte, hatte dieser sie gründlich untersucht, seine Verordnung von Gymnastik auf Ruhe abgeändert und ihr erlaubt, mit Vorsicht die ehelichen Beziehungen wieder aufzunehmen.

Aral grinste nur und nahm sie, als wäre sie aus gesponnenem Glas. Sie schloß daraus, daß er sich von dem Soltoxin nahezu vollständig erholt hatte. Er schlief wie ein Stein, nur wärmer, bis die Kommunikationskonsole sie im Morgengrauen weckte. Es mußte da eine Art militärischer Verschwörung funktioniert haben, daß die Konsole nicht schon eher aufgeleuchtet hatte. Cordelia stellte sich vor, wie irgendein Stabsangehöriger vertraulich zu Kou gesagt hatte: »Also, lassen wir den Alten mal wieder in Ruhe bumsen, vielleicht wird er dann etwas sanfter …«

Und doch, der elende Nebel der Erschöpfung hob sich diesmal schneller.

Innerhalb eines Tages war Cordelia auf und erforschte mit Droushnakovi in ihrer Begleitung ihre neue Umgebung.

Sie traf in der Sporthalle der Basis auf Bothari. Graf Piotr war noch nicht zurückgekehrt, und so hatte auch Bothari keine Pflichten, nachdem er Aral seinen Bericht erstattet hatte. »Es ist gut, in Form zu bleiben«, sagte er kurz angebunden zu ihr.

»Haben Sie geschlafen?«

»Nicht viel«, sagte er und nahm seinen Lauf wieder auf. Zwanghaft, zu lang, weit über den Punkt hinaus, wo die aufgewendete Zeit in einem optimalen Verhältnis zum Effekt stand. Er schwitzte, um die Zeit auszufüllen.

Am dritten Tag traf sie auf einem Korridor Leutnant Koudelka, der fast im Laufschritt vorbeistampfte, mit einem vor Aufregung geröteten Gesicht.

»Was ist los, Kou?«

»Illyan ist hier. Und er hat Kanzian mitgebracht.«

Cordelia folgte ihm in einen Besprechungsraum. Droushnakovi mußte noch längere Schritte als sonst machen, um mithalten zu können. Aral saß, flankiert von zwei Stabsmitgliedern, mit seinen verschränkten Händen vor sich auf dem Tisch und lauschte mit äußerster Aufmerksamkeit.

Oberstleutnant Illyan saß auf dem Rand des Tisches und schwang ein Bein im Rhythmus seiner Stimme. Am linken Arm trug er eine Bandage mit gelben Flecken. Er war bleich und schmutzig, aber seine Augen glänzten triumphierend und leicht fiebrig. Er war in Zivilkleidung, die aussah, als hätte er sie aus einer Waschküche gestohlen und wäre dann damit bergab gerollt.

Ein älterer Mann saß neben Illyan — ein Stabsmitglied reichte ihm gerade ein Getränk, das Cordelia als einen Mineraltrunk mit Fruchtgeschmack für metabolisch Erschöpfte erkannte. Der Mann kostete pflichtgemäß davon und machte ein Gesicht, als hatte er eine altmodischere Stärkung wie etwa Brandy vorgezogen. Übergewichtig und von unterdurchschnittlicher Größe, mit grauem Haar dort, wohin sich seine Glatze noch nicht ausgedehnt hatte, sah Admiral Kanzian nicht sehr martialisch aus. Er wirkte großväterlich — allerdings nur, wenn der Großvater Professor an einem Forschungsinstitut war. Sein Gesicht war von einer Intensität des Intellekts geprägt, die dem Begriff Militärwissenschaften wirkliche Bedeutung zu geben schien. Cordelia hatte ihn schon einmal in Uniform getroffen, seine Ausstrahlung von ruhiger Autorität wurde nicht beeinträchtigt durch die Zivilkleidung, ein Hemd und eine Freizeithose, die aus demselben Wäschekorb wie Illyans Kleider gekommen sein mochten.

Illyan sagte gerade: »… verbrachten wir die nächste Nacht in dem Keller. Vordarians Kommando kam am nächsten Morgen wieder, aber … Mylady!«

Sein begrüßendes Lächeln wurde durch einen Anflug von Schuld geschwächt, als er einen schnellen Blick auf ihre Taille warf. Ihr wäre es lieber gewesen, er hätte weiter aufgeregt dahergeredet über seine Abenteuer, aber ihre Ankunft schien ihn zu ernüchtern, als wäre sie der Geist seines denkwürdigsten Scheiterns beim Bankett seines Sieges.

»Es ist wunderbar, Sie beide zu sehen, Simon, Admiral.« Sie nickten sich grüßend zu, Kanzian schickte sich an, aufzustehen, ihm wurde aber von allen bedeutet, sich wieder zu setzen, woraufhin er verwirrt die Lippen verzog. Aral machte ihr ein Zeichen, sie solle sich neben ihn setzen.

Illyan setzte seinen Bericht in einer gestraffteren Weise fort. Seine vergangenen zwei Wochen Versteckspiel mit Vordarians Leuten schienen Cordelias Erlebnissen zu entsprechen, allerdings vor dem weit komplexeren Hintergrund der besetzten Hauptstadt. Aber Cordelia erkannte hinter seinen einfachen Worten die vertrauten Schrecken. Er brachte seine Erzählung schnell zum gegenwärtigen Augenblick. Kanzian nickte gelegentlich bestätigend.

»Gut gemacht, Simon«, sagte Vorkosigan, als Illyan geendet hatte. Er nickte Kanzian zu. »Außerordentlich gut gemacht.«

Illyan lächelte: »Ich dachte, es würde Ihnen gefallen, Sir.«

Vorkosigan wandte sich an Kanzian: »Sobald Sie sich dazu in der Lage fühlen, würde ich Sie gern im Taktikzentrum über die Lage informieren, Sir.«

»Danke, Mylord. Ich war von aller Kommunikation abgeschnitten — ausgenommen Vordarians Nachrichtensendungen —, seit ich aus dem Hauptquartier geflohen bin. Allerdings konnten wir viele Schlüsse aus dem ziehen, was wir sahen. Übrigens stimme ich Ihrer Strategie der Zurückhaltung zu. Bis jetzt war sie gut. Aber Sie sind nahe an ihren Grenzen.«

»Das habe ich schon gespürt, Sir.«

»Was macht Jolly Nolly auf Sprungpunkt-Station Eins?«

»Er antwortet nicht auf seiner Standardfequenz. Letzte Woche brachten seine Stabsmitarbeiter eine erstaunliche Menge von Entschuldigungen an, aber ihr Erfindungsreichtum ist schließlich ausgetrocknet.«

»Ha, ich kann es mir richtig vorstellen. Seine Dickdarmentzündung muß in wunderbarem Zustand sein. Ich wette, nicht alle diese Meldung über Indisponiertheit waren Lügen. Ich glaube, ich sollte mal einen privaten Plausch mit Admiral Knollys beginnen, nur zu zweit.«

»Ich würde das zu schätzen wissen, Sir.«

»Wir werden über die Zwangsläufigkeiten der Zeit reden. Und über die Schwächen eines potentiellen Kommandeurs, der seine ganze Strategie auf einen Mordanschlag aufbaut, den er dann nicht erfolgreich ausführt.«

Kanzian runzelte kritisch die Stirn. »Nicht gut konstruiert, wenn man einen ganzen Krieg von einem einzigen Ereignis abhängen läßt. Vordarian hatte immer eine Neigung, plötzlich loszuballern.«

Cordelia lenkte Illyans Aufmerksamkeit auf sich: »Simon, haben Sie, als Sie in Vorbarr Sultana eingeschlossen waren, irgendwelche Informationen über das Kaiserliche Militärkrankenhaus aufschnappen können? Über Vaagen und Henris Labor?« Über mein Baby?

Bedauernd schüttelte er den Kopf: »Nein, Mylady.« Illyan seinerseits richtete seinen Blick auf Vorkosigan: »Mylord, stimmt das mit Oberst Negris Tod? Wir hörten nur gerüchtweise davon und aus Vordarians Propagandasendungen. Wir dachten, es könnte eine Lüge gewesen sein.«

»Negri ist tot. Unglücklicherweise.« Vorkosigan verzog sein Gesicht.

Illyan richtete sich erschreckt auf. »Und der Kaiser auch?«

»Gregor ist in Sicherheit, es geht ihm gut.«

Illyan sank wieder zusammen. »Gott sei Dank. Wo?«

»Woanders«, sagte Vorkosigan trocken.

»O ja, ganz recht, Sir. Verzeihen Sie bitte.«

»Sobald Sie die Krankenstation durchlaufen und geduscht haben, Simon, habe ich eine Aufgabe für Sie, ein Großreinemachen«, fuhr Vorkosigan fort. »Ich möchte ganz genau wissen, wie es kam, daß der Sicherheitsdienst von Vordarians Putsch überrascht wurde. Ich möchte nicht schlecht über Tote reden — und Gott weiß, daß der Mann für seine Fehler bezahlt hat —, aber Negris altes persönliches System, den Sicherheitsdienst zu leiten, mit all seinen kleinen Geheimfächern, die er nur mit Ezar geteilt hat, muß komplett auseinandergenommen werden. Jede Komponente, jeder Mann muß überprüft werden, bevor wieder alles zusammengefügt wird. Das wird Ihre erste Aufgabe als neuer Chef des Kaiserlichen Geheimdienstes sein, Oberst Illyan.«

Illyans Gesicht wechselte seine Farbe von müder Blässe zu grünlichem Weiß. »Sir — Sie wollen, daß ich in Negris Schuhe steige?«

»Schütteln Sie sie erst mal aus«, riet Vorkosigan trocken. »Und zwar eilends, bitte ich. Ich kann den Kaiser erst dann an die Öffentlichkeit bringen, wenn der Sicherheitsdienst wieder in der Lage ist, ihn zu schützen.«

»Jawohl, Sir.« Illyans Stimme war ganz dünn vor Überwältigung.

Kanzian erhob sich von seinem Sitz und wies die Hilfe eines besorgten Stabsoffiziers zurück. Aral drückte Cordelias Hand unter dem Tisch und stand auf, um den Kern seines neuen Generalstabs zu begleiten. Als sie alle den Raum verließen, grinste Kou über seine Schulter Cordelia zu und flüsterte: »Die Dinge sehen jetzt besser aus, nicht wahr?«

Sie lächelte düster zurück. Sie hatte das Echo von Vorkosigans Worten im Kopf: wenn die Verschiebung von Menschen und Loyalitäten ein kritisches Stadium erreicht und Vordarian beginnt, in Panik zu geraten …

Das Rinnsal von Flüchtlingen, die auf Basis Tanery erschienen, wurde während der Wochen zu einem stetigen Strom. Am spektakulärsten nach der Flucht Kanzians war der Ausbruch von Premierminister Vortala aus Vordarians Hausarrest. Er traf mit einigen verwundeten Livrierten ein und mit einer haarsträubenden Geschichte von Bestechung, Gaunerei, Jagd und Feuerwechsel. Zwei andere Minister der Kaiserlichen Regierung tauchten auch auf, der eine von ihnen zu Fuß. Die Moral stieg mit jedem bemerkenswerten Neuzugang, die Atmosphäre der Basis war elektrisiert mit der Erwartung auf Aktion. Die Frage, die sich die Stabsangehörigen auf den Korridoren stellten, lautete nicht: »Wer ist angekommen?«, sondern: »Wer ist heute morgen angekommen?« Cordelia versuchte, durch all dies ermutigt zu erscheinen und verbarg ihre Furcht in den Abgründen ihres Herzens. Vorkosigan freute sich über die Entwicklung, wurde aber gleichzeitig immer angespannter.

Wie man sie instruiert hatte, ruhte sich Cordelia viel in Vorkosigans Quartier aus. Aber allzu bald fühlte sie sich wieder genügend mit Energie geladen, daß sie hätte anfangen können, gegen die Wände zu schlagen. Sie versuchte dann, ihre Verordnung mit ein paar versuchsweisen Liegestützen und Kniebeugen (aber keinem Aufsetzen aus der Hockstellung) zu variieren. Sie erwog gerade die Vor- und Nachteile einer Teilnahme an Botharis Übungen in der Sporthalle, als die Kommunikationskonsole summte.

Koudelkas besorgtes Gesicht erschien auf dem Bildschirm: »Mylady, Mylord bittet Sie, zu ihm in Besprechungsraum Sieben zu kommen. Es ist etwas eingetroffen, das er Ihnen zeigen will.«

Cordelias Magen dreht sich um. »In Ordnung. Bin schon auf dem Weg.«

Eine Schar Männer wartete in Besprechungsraum Sieben dicht gedrängt um eine Vidkonsole und debattierte leise miteinander. Stabsmitglieder, Kanzian, sogar Minister Vortala. Vorkosigan blickte auf und lächelte sie kurz und fast automatisch an.

»Cordelia, ich hätte gerne deine Meinung über etwas, das hier angekommen ist.«

Das war schmeichelhaft, aber: »Was für eine Art von Etwas ist das?«

»Vordarians letzter Sonderbericht hat einen neuen Knalleffekt. Kou, spielen Sie das Vid noch mal ab, bitte.«

Vordarians Propagandasendungen aus der Hauptstadt waren für Vorkosigans Männer meistenteils Anlaß zur Belustigung. Aber diesmal sahen ihre Gesichter eher ernster aus.

Vordarian erschien in einem Raum, der erkennbar einer der Staatsräume in der Kaiserlichen Residenz war, der feierliche und zugleich heitere Blaue Salon. Ezar Vorbarra pflegte seine seltenen öffentlichen Erklärungen vor diesem Hintergrund abzugeben. Vorkosigan runzelte die Stirn.

Vordarian saß in voller grüner Galauniform auf einem elfenbeinfarbenen Seidensofa, mit Prinzessin Kareen an seiner Seite. Ihr dunkles Haar wurde von juwelenbesetzten Kämmen streng von ihrem ovalen Gesicht nach hinten gehalten. Sie trug ein auffallendes schwarzes Kleid, das düster und formell wirkte.

Vordarian sprach nur ein paar ernste Worte, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu lenken. Dann gab es einen Schnitt, eine neue Szene zeigte die große Halle des Rates der Grafen in Schloß Vorhartung. Die Kamera zoomte auf den Lordwächter des Sprecherkreises, der seine volle Amtskleidung trug. Das Vid zeigte nicht, was außer dem eigenen Mikrophon auf den Kopf des Lordwächters zielte, aber etwas an seinen wiederholten Blicken auf eine Seite anstatt direkt in die Linse ließ Cordelia vermuten, daß an dieser unsichtbaren Stellung ein schwerbewaffneter Mann oder vielleicht ein ganzes Kommando stand.

Der Lordwächter hob eine Plastikfolie und begann: »Ich zitiere — auf Grund des …«

»Ach, raffiniert!«, murmelte Vortala, und Koudelka hielt das Vid an und sagte: »Verzeihung, Herr Minister?«

»Dieses ›Ich zitiere‹ — damit hat er sich gerade juristisch von den Worten distanziert, die da jetzt von dieser Folie und aus seinem Mund kommen. Beim ersten Mal habe ich das nicht mitbekommen. Gut, Georgos, gut«, sprach Vortala die erstarrte Gestalt auf dem Bildschirm an. »Machen Sie weiter, Leutnant, ich wollte nicht unterbrechen.«

Das Holovid-Bild fuhr fort »… schändlichen Mordes an unserem jungen Kaiser Gregor Vorbarra und des Verrats an seinem heiligen Eid durch den Möchtegern-Usurpator Vorkosigan erklärt der Rat der Grafen den falschen Regenten für treulos, ausgestoßen, aller Macht entkleidet und vogelfrei.

Am heutigen Tag bestätigt der Rat der Grafen Kommodore Graf Vidal Vordarian als Premierminister und amtierenden Regenten für die Prinzessin-Witwe Kareen Vorbarra, der eine geschäftsführende Regierung bildet, bis ein neuer Erbe gefunden ist und vom Rat der Grafen und vom Rat der Minister in Vollversammlung bestätigt wird.«

Er fuhr mit weiteren rechtlichen Einzelheiten fort, während die Kamera auf die Halle schwenkte. »Halten Sie es mal an, Koudelka«, bat Vortala.

Seine Lippen bewegten sich, während er zählte. »Ha! Nicht einmal ein Drittel anwesend. Er kommt überhaupt nicht an ein Quorum heran. Wen meint er damit zum Narren halten zu können?«

»Verzweifelter Mann, verzweifelte Maßnahmen«, murmelte Kanzian, als das Holo auf Koudelkas Tastendruck weiterlief.

»Beobachte Kareen«, sagte Vorkosigan zu Cordelia.

Nach einem Schnitt sah man jetzt wieder Vordarian und die Prinzessin.

Vordarian redete in so schönfärberisch-verschlüsselten Begriffen weiter, daß Cordelia einen Augenblick brauchte, um die Tatsache herauszufinden, daß Vordarian mit der Phrase persönlicher Beschützer eine Verlobung ankündigte. Seine Hand schloß sich ernsthaft über der von Kareen, obwohl sein Blickkontakt nur der Kamera galt. Kareen hob ihre Hand, um einen Ring zu empfangen, ohne daß ihr ruhiger Gesichtsausdruck sich im geringsten veränderte. Das Video schloß mit feierlicher Musik. Ende.

Dankbarerweise blieb ihnen eine nachträgliche Diskussion im betanischen Stil erspart, offensichtlich fragte nie jemand sonderlich nach der Meinung des barrayaranisehen Mannes auf der Straße, zumindest solange ein allgemeiner Aufruhr die Lautstärke nicht so groß werden ließ, daß man sie nicht mehr ignorieren konnte.

»Wie würdest du Kareens Reaktion analysieren?«, fragte Aral Cordelia.

Cordelia hob ihre Augenbrauen. »Welche Reaktion? Wie analysieren? Sie hat ja kein einziges Wort gesagt.«

»Einfach so. Sah sie für dich aus, als hätte sie unter Drogen gestanden? Oder unter Zwang? Oder war das echte Zustimmung? Ist sie auf Vordarians Propaganda hereingefallen, oder was?« Frustriert blickte Vorkosigan auf die Stelle, wo gerade noch das Bild dieser Frau gewesen war. »Sie ist immer sehr reserviert gewesen, aber das war die am wenigsten durchschaubare Vorstellung, die ich je gesehen habe.«

»Lassen Sie es noch einmal laufen, Kou«, sagte Cordelia. Sie ließ ihn an den Stellen anhalten, wo Kareen am besten zu sehen war. Sie betrachtete das erstarrte Gesicht, das jetzt kaum weniger belebt wirkte, als wenn das Holo lief. »Sie sieht nicht benebelt oder sediert aus. Und ihre Augen blicken nicht in der Art zur Seite, wie es bei dem Sprecher der Fall war.«

»Niemand bedroht sie mit einer Waffe?«, mutmaßte Vortala.

»Oder vielleicht ist es ihr einfach egal«, vermutete Cordelia grimmig.

»Zustimmung oder Zwang?«, wiederholte Vorkosigan.

»Vielleicht keines von beiden. Sie hat sich mit dieser Art von Unsinn ihr ganzes erwachsenes Leben beschäftigen müssen … was erwartest du von ihr? Sie hat drei Jahre der Ehe mit Serg überlebt, bevor Ezar sie in seinen Schutz nahm, Sie muß eine echte Expertin darin sein zu erraten, was sie nicht sagen soll und wann sie es nicht sagen soll.«

»Aber sich öffentlich Vordarian zu unterwerfen — wenn sie glaubt, daß er für Gregors Tod verantwortlich ist …«

»Ja, was glaubt sie denn? Wenn sie wirklich denkt, ihr Sohn sei tot — selbst wenn sie nicht glaubt, daß du ihn umgebracht hast —, dann bleibt ihr nur übrig, nach ihrem eigenen Überleben Ausschau zu halten. Warum soll sie dieses Überleben für eine dramatische Sinnlosigkeit riskieren, wenn das Gregor nicht mehr hilft? Was schuldet sie dir, schuldet sie uns, alles in allem? Wir alle haben ihr gegenüber versagt, so weit sie es weiß.«

Vorkosigan zuckte zusammen.

Cordelia fuhr fort: »Vordarian hat sicher ihren Zugang zu Informationen unter Kontrolle. Sie ist vielleicht sogar überzeugt, daß er gewinnt. Sie ist eine Überlebende: bis jetzt hat sie Serg und Ezar überlebt. Vielleicht hat sie die Absicht, euch beide, dich und Vordarian, zu überleben. Vielleicht denkt sie, die einzige Rache, die sie je bekommt, wird sein, lang genug zu leben, um auf all eure Gräber spucken zu können.«

Einer der Stabsoffiziere murmelte: »Aber sie ist eine Vor. Sie hätte ihm widerstehen müssen.«

Cordelia widmete ihm ein strahlendes Lächeln. »Oh, aber man weiß nie, was ein barrayaranische Frau denkt, wenn man nur nach dem geht, was sie vor barrayaranischen Männern sagt. Ehrlichkeit wird hier nicht gerade belohnt, nicht wahr?«

Der Stabsangehörige blickte sie unsicher an. Drou lächelte säuerlich. Vorkosigan atmete laut hörbar aus. Koudelka blinzelte.

»Also, Vordarian wird des Wartens überdrüssig und ernennt sich selbst zum Regenten«, murmelte Vortala.

»Und zum Premierminister«, wies Vorkosigan seinerseits hin.

»In der Tat, er plustert sich auf.«

»Warum greift er nicht gleich nach dem Kaisertum?«, fragte der Stabsoffizier.

»Er sondiert erst das Gelände«, sagte Kanzian.

»Das kommt noch, später im Drehbuch«, meinte Vortala.

»Oder vielleicht eher, wenn wir ihn zwingen zu handeln«, regte Kanzian an. »Der letzte und fatale Schritt. Wir müssen überlegen, wie wir ihn gerade noch ein bißchen nervöser machen.«

»Nicht viel länger«, sagte Vorkosigan bestimmt.

Die geisterhafte Maske von Kareens Gesicht erschien den ganzen Tag vor Cordelias geistigem Auge und kehrte am nächsten Morgen nach dem Aufwachen wieder. Was dachte Kareen? Was fühlte Kareen schließlich?

Vielleicht war sie abgestumpft, wie es der Augenschein vermuten ließ. Vielleicht wartete sie den rechten Augenblick ab. Vielleicht stand sie ganz auf Vordarians Seite. Wenn ich wüßte, was sie glaubt, dann würde ich wissen, was sie tut. Wenn ich wüßte, was sie tut, dann würde ich wissen, was sie glaubt.

Zu viele Unbekannte in dieser Gleichung. Wenn ich Kareen wäre … War das eine gültige Analogie? Konnte Cordelia von sich auf jemand anderen schließen? Konnte das überhaupt jemand? Es gab Ähnlichkeiten zwischen ihnen, Kareen und Cordelia, beide waren Frauen, in vergleichbarem Alter, Mütter von gefährdeten Söhnen … Cordelia nahm Gregors Schuh aus ihrem kleinen Haufen von Erinnerungsstücken aus den Bergen und drehte ihn in ihrer Hand. Mama packte mich, aber mein Schuh ging ab in ihrer Hand. Ich hätte ihn fester zubinden sollen … Vielleicht sollte sie ihrem eigenen Urteil vertrauen. Vielleicht wußte sie genau, was Kareen dachte.

Als die Kommunikationskonsole ertönte, etwa um die Zeit wie der gestrige Anruf, da schoß Cordelia hoch, um sich zu melden. Eine neue Sendung aus der Hauptstadt, neue Beweise, etwas, das diesen Teufelskreis der Unvernunft durchbrechen konnte? Aber das Gesicht, das auf dem Bildschirm erschien, war nicht Koudelka, sondern ein Fremder mit dem Abzeichen des Sicherheitsdienstes am Kragen.

»Lady Vorkosigan?«, begann er respektvoll.

»Ja?«

»Ich bin Major Sircoj, Offizier vom Dienst am Hauptportal. Es ist meine Aufgabe, alle neuen Leute, die sich hier melden, zu überprüfen, Männer, die Verrätereinheiten verlassen haben und so weiter, und alle Nachrichten zu sammeln, die sie mit sich gebracht haben. Wir haben einen Mann hier, der vor einer halben Stunde auftauchte und sagte, er sei aus der Hauptstadt geflohen, und er weigert sich, freiwillig seine Informationen preiszugeben.

Wir haben die Richtigkeit seiner Behauptung bestätigen können, daß er einer Antiverhör-Konditionierung unterzogen wurde — wenn wir ihn mit Schnell-Penta behandeln, dann bringt ihn das um. Er bittet dauernd darum — tatsächlich besteht er sogar darauf —, mit Ihnen zu sprechen. Er könnte ein Attentat auf Sie vorhaben.«

Cordelias Herz pochte laut. Sie lehnte sich in Richtung auf das Holovid, als könnte sie hindurchsteigen. »Brachte er etwas mit sich mit?«, fragte sie atemlos. »Wie einen Kanister, etwa einen halben Meter hoch — mit einer Menge blinkender Lichter und großen roten Buchstaben obendrauf, die sagen ›Hier Oben‹? Sieht höllisch geheimnisvoll aus, bereitet garantiert jeder Sicherheitswache Kopfzerbechen — wie heißt er, Major?«

»Er brachte nichts mit außer den Kleidern, die er am Leib trägt. Er ist in keiner guten Verfassung. Sein Name ist Vaagen, Hauptmann Vaagen.«

»Ich bin gleich bei Ihnen.«

»Nein, Mylady! Der Mann tobt praktisch. Könnte gefährlich sein, ich kann nicht zulassen, daß Sie …«

Cordelia ließ ihn zu einem leeren Zimmer sprechen. Droushnakovi mußte in Laufschritt fallen, um sie einzuholen. Cordelia brauchte weniger als sieben Minuten bis zu den Sicherheitsbüros am Hauptportal und hielt im Korridor an, um Luft zu holen. Um ihre Seele zurückzuholen, die ihr aus dem Mund davonfliegen wollte. Ruhig. Ruhig. Toben würde offensichtlich nicht das Eis bei Sircoj brechen.

Sie hob das Kinn und betrat das Büro. »Sagen Sie Major Sircoj, daß Lady Vorkosigan hier ist, um ihn zu sprechen«, sagte sie dem Sekretär, der beeindruckt seine Augenbrauen hob und sich gehorsam über seine Kommunikationskonsole beugte.

Sircoj erschien nach einigen endlos scheinenden Minuten — durch jene Tür, notierte sich Cordelia seine Route im Kopf. »Ich muß Hauptmann Vaagen sprechen.«

»Mylady, er könnte gefährlich sein«, begann Sircoj genau da, wo sie ihn vorhin abgeschnitten hatte. »Er könnte auf eine unerwartete Weise programmiert sein.«

Cordelia überlegte, ob sie unerwarteterweise Sircoj am Hals packen und versuchen sollte, ihm Vernunft einzutrichtern. Unklug. Sie holte tief Atem. »Was wollen Sie mich tun lassen? Kann ich ihn wenigstens über das Vid sehen?«

Sircoj sah nachdenklich aus. »Das könnte in Ordnung gehen. Eine Überprüfung unserer Identifikation, und wir können das aufnehmen. Sehr gut.«

Er nahm sie in einen anderen Raum mit und schaltete einen Monitor ein. Cordelia atmete mit einem leichten Stöhnen aus.

Vaagen war allein in einem Haftraum und ging ständig hin und her. Er trug grüne Uniformhosen und ein weißes Hemd mit braunen Flecken. Er hatte sich schrecklich verändert im Vergleich zu dem schmucken und energischen Wissenschaftler, den sie zuletzt in seinem Labor im Militärkrankenhaus gesehen hatte. Beide Augen waren umgeben von purpurroten Flecken, ein Lid war so geschwollen, daß es fast geschlossen war, der Schlitz war beängstigend blutig gerötet. Er bewegte sich nach vorn gekrümmt. Er hatte nicht mehr gebadet, nicht mehr geschlafen, seine Lippen waren geschwollen …

»Holen Sie einen Sanitäter für diesen Mann!« Als Sircoj zusammenfuhr, wurde sich Cordelia bewußt, daß sie geschrien hatte.

»Er ist schon durch die Triage gegangen, sein Zustand ist nicht lebensbedrohend. Wir können erst dann anfangen, ihn zu behandeln, wenn er sicherheitsüberprüft ist«, sagte Sircoj hartnäkkig.

»Dann verbinden Sie ihn online mit mir«, sagte Cordelia durch ihre zusammengebissenen Zähne. »Drou, gehen Sie zurück ins Büro, rufen Sie Aral. Sagen Sie ihm, was hier vor sich geht.«

Sircoj blickte besorgt drein ob dieser Entwicklung, hielt sich aber tapfer an seine Prozeduren. Weitere endlose Sekunden, während jemand zurück in die Haftzone ging und Vaagen an eine Kommunikationskonsole holte.

Sein Gesicht kam endlich über den Bildschirm, Cordelia konnte sehen, wie ihr eigenes Gesicht in der leidenschaftlichen Intensität des seinen reflektiert wurde. Endlich verbunden.

»Vaagen! Was ist geschehen?«

»Mylady!« Seine Hände verkrampften sich, zitterten, als er sich auf sie aufstützte und in Richtung der Aufnahmeapparatur lehnte. »Die Idioten, die Trottel, die Ignoranten, dumme …« — er sprudelte hilflose Beschimpfungen hervor, dann holte er Luft und begann noch einmal, schnell, knapp, als könnte man ihm ihr Bild jeden Augenblick wegschnappen.

»Wir dachten zuerst, wir könnten unbehelligt bleiben, nachdem die Kämpfe der ersten beiden Tage abgeflaut waren. Wir versteckten den Replikator im Militärkrankenhaus, aber niemand kam. Wir warteten in Ruhe ab und schliefen abwechselnd im Labor. Dann gelang es Henri, seine Frau aus der Stadt zu schmuggeln, und wir blieben beide zurück.

Wir versuchten, die Behandlung im Geheimen fortzusetzen. Dachten, wir könnten einfach warten, bis alles vorbei wäre, bis Hilfe käme. Die Lage mußte sich ja verändern, in die eine oder andere Richtung …

Wir hatten schon fast aufgehört, Vordarians Leute zu erwarten, aber sie kamen. Letzten … — gestern«, er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als suchte er irgendeine Verbindung zwischen der wirklichen Zeit und einer Alptraumzeit, wo die Uhren verrückt spielten. »Vordarians Kommando. Kam nach dem Replikator zu suchen. Wir sperrten das Labor zu, sie brachen ein. Forderten ihn. Wir lehnten ab, lehnten ab zu sprechen, sie konnten keinen von uns beiden mit Schnell-Penta behandeln. Also schlugen sie uns zusammen. Sie prügelten ihn systematisch zu Tode, als wäre er ein Niemand, all die Intelligenz, all die Bildung, all die Verheißung zerstört, zu Boden geschlagen von einem stammelnden Trottel, der einen Gewehrkolben schwingt …« Tränen rannen über sein Gesicht herab.

Cordelia stand bleich und wie vom Blitz getroffen, ein schlimmer, schlimmer Anfall von mangelhaftem deja vu, Sie hatte die Laborszene schon tausendmal in ihrem Kopf durchgespielt, aber nie hatte sie dabei Dr. Henri erschlagen auf dem Boden oder Vaagen bewußtlos geprügelt gesehen.

»Dann gingen sie auf das Labor los. Auf alles, auf alle Behandlungsberichte. Alle Arbeiten von Henri über Verbrennungen sind futsch. Sie mußten das nicht tun. Alles verloren!« Seine Stimme schnappte über, heiser vor Wut.

»Haben sie … den Replikator gefunden? Ausgeleert?« Sie konnte es sehen, sie hatte es immer wieder und wieder gesehen, wie er ausgeschüttet wurde.

»Sie haben ihn schließlich gefunden. Aber sie nahmen ihn dann mit. Und dann ließen sie mich gehen.« Er schüttelte den Kopf.

»Nahmen ihn mit«, wiederholte sie stupide. Warum? Was für einen Sinn hat es, die Technologie mitzunehmen und nicht die Techniker? »Und ließen Sie gehen. Damit Sie zu uns gerannt kommen, vermute ich. Um uns das zu melden.«

»Sie haben es kapiert, Mylady.«

»Wohin, was meinen Sie? Wohin haben sie ihn genommen?«

Vorkosigans Stimme erklang neben ihr: »In die Kaiserliche Residenz, sehr wahrscheinlich. All die wichtigen Geiseln werden dort gefangen gehalten. Ich werde sofort den Nachrichtendienst darauf ansetzen.« Er stand da wie angewurzelt, mit grauem Gesicht. »Es scheint, wir sind nicht die einzige Seite, die den Druck erhöht.«

KAPITEL 15

Innerhalb von zehn Minuten nach Vorkosigans Ankunft im Sicherheitsposten am Hauptportal lag Hauptmann Vaagen flach auf einer Schwebebahre und war auf seinem Weg zum Lazarett, während man den besten Trauma-Arzt der Basis zur Untersuchung rief. Cordelia dachte voll Bitterkeit über die Natur der Befehlskette nach: alle Wahrheit und guten Gründe und dringende Notwendigkeit waren offensichtlich nicht genug, um jemandem außerhalb dieser Kette ursächliche Macht zu verleihen.

Eine weitere Befragung des Wissenschaftlers hatte zu warten bis nach seiner medizinischen Behandlung. Vorkosigan nutzte die Zeit, um Illyan und dessen Abteilung auf das neue Problem anzusetzen. Cordelia nutzte die Zeit, um im Wartebereich des Lazaretts im Kreis herumzulaufen.

Droushnakovi beobachtete sie mit stiller Sorge, sie war nicht so töricht, beruhigende Versicherungen anzubieten, von denen sie beide wußten, daß sie nichtssagend waren.

Endlich kam der Traumaspezialist aus dem Operationssaal und verkündete, Vaagen sei bei Bewußtsein und genügend orientiert für eine kurze — er betonte: kurze — Befragung. Aral kam, hinter ihm Koudelka und Illyan, und sie alle marschierten hinein und fanden Vaagen in einem Lazarettbett mit einer Klappe auf dem Auge und an einen intravenösen Tropfer angeschlossen.

Vaagen fügte in seiner heiseren und müden Stimme noch ein paar schreckliche Details an, jedoch nichts, was das Bild ändern konnte, daß er zuerst Cordelia geschildert hatte.

Illyan hörte mit stetiger Aufmerksamkeit zu. »Unsere Leute in der Residenz bestätigen das«, berichtete er, als Vaagen erschöpft war und sein bedrücktes Flüstern in Schweigen überging. »Der Replikator wurde offensichtlich gestern in die Residenz gebracht und in dem am schwersten bewachten Flügel untergebracht, in der Nähe von Prinzessin Kareens Gemächern. Unsere Loyalisten wissen nicht, was es ist, sie denken, es ist irgendeine Art von Apparat, vielleicht eine Bombe, die die Residenz und alle ihre Insassen im Endkampf ausschalten soll.«

Vaagen schnaubte, hustete und zuckte zusammen.

»Haben sie irgend jemand, der sich darum kümmert?«, stellte Cordelia die Frage, die bis jetzt jeder vermieden hatte. »Einen Doktor, einen Medizintechniker, irgend jemanden?«

Illyan runzelte die Stirn. »Ich weiß es nicht, Mylady. Ich kann versuchen, es herauszufinden, aber jede besondere Kommunikation gefährdet unsere Leute dort oben.«

»Hmm.«

»Die Behandlung ist sowieso unterbrochen worden«, murmelte Vaagen. Seine Hand fummelte am Rand seiner Bettdecke herum. »Das ist jetzt höllisch verpfuscht.«

»Ich bin mir bewußt, daß Sie Ihre Aufzeichnungen verloren haben, aber könnten Sie … Ihre Arbeit rekonstruieren?«, fragte Cordelia zaghaft. »Wenn Sie den Replikator wiederhätten, meine ich. Da weitermachen, wo Sie aufgehört haben.«

»Es wäre nicht mehr da, wo wir aufgehört haben, dann, wenn wir ihn zurückbekämen. Und es war nicht alles in meinem Kopf. Einiges davon war in Henris Kopf.«

Cordelia atmete tief durch. »Soweit ich mich erinnere, laufen diese escobaranischen tragbaren Replikatoren in einem Zyklus mit zweiwöchentlicher Wartung. Wann haben Sie zum letztenmal Elektrizität nachgeladen, die Filter ausgewechselt und Nährlösungen hinzugegeben?«

»Die Stromzellen halten noch Monate«, verbesserte Vaagen. »Die Filter sind eher ein Problem. Aber die Nährlösung wird der erste begrenzende Faktor sein, auf den der Replikator trifft. Bei seinem erhöhten Stoffwechselumsatz würde der Fötus ein paar Tage, bevor das System an seinen Abfällen erstickt, verhungern. Abfallprodukte könnten allerdings ziemlich bald die Filter überlasten, nachdem der Stoffwechsel der Stützgewebe begann.«

Cordelia vermied Arals Blick und schaute direkt auf Vaagen, der mit seinem einen unversehrten Auge direkt zurückblickte, mit mehr als physischem Schmerz in seinem Gesicht. »Und wann haben Sie und Henri den Replikator das letztemal gewartet?«

»Am vierzehnten.«

»Da bleiben noch weniger als sechs Tage«, flüsterte Cordelia erschrocken.

»Etwa … etwa soviel. Welcher Tag ist heute?« Vaagen blickte um sich mit einer für ihn uncharakteristischen Unsicherheit, deren Anblick Cordelias Herz weh tat.

»Die Zeitgrenze gilt nur, wenn der Replikator nicht richtig behandelt wird«, warf Aral ein. »Der Arzt in der Residenz, Kareens und Gregors Doktor — würde der nicht erkennen, daß etwas gebraucht wird?«

»Sir«, sagte Illyan, »nach den Berichten wurde der Arzt der Prinzessin am ersten Tag der Kämpfe in der Residenz getötet. Es gibt zwei sich überschneidende Berichte — ich muß das als gesichert annehmen.«

»Sie könnten Miles dort oben aus bloßer Unwissenheit sterben lassen«, erkannte Cordelia verzweifelt, »genauso wie mit Absicht.« Sogar einer ihrer eigenen geheimen Loyalisten könnte unter der heroischen Vorstellung, er würde eine Bombe entschärfen, eine Bedrohung für ihr Kind darstellen.

Vaagen drehte sich im Bett herum. Aral fing Cordelias Blick auf und machte mit seinem Kopf einen Ruck in Richtung der Tür. »Ich danke Ihnen, Hauptmann Vaagen. Sie haben uns einen außerordentlichen Dienst erwiesen. Weit über Ihre Dienstpflichten hinaus.«

»Zum Teufel mit den Dienstpflichten«, murmelte Vaagen, »höllisch verpfuscht … verdammte ignorante Schläger … Gesindel …« Sie zogen sich zurück und überließen Vaagen seiner ruhelosen Genesung.

Vorkosigan schickte Illyan zu seinen vervielfachten Aufgaben.

Cordelia blickte Aral ins Gesicht: »Was nun?«

Seine Lippen bildeten eine flache, harte Linie, sein Blick war halb abwesend, da er rechnete, dieselben Rechnungen, die auch sie durchführte, vermutete Cordelia, kompliziert durch tausend zusätzliche Faktoren, die sie sich nur vorstellen konnte. Er sagte langsam: »Es hat sich nichts geändert, wirklich. Gegenüber vorher.«

»Es hat sich geändert. Was auch immer der Unterschied ist zwischen Versteck und Gefangenschaft. Aber warum wartete Vordarian bis jetzt mit dieser Gefangennahme? Wenn er zuvor nichts von Miles’ Existenz wußte, wer hat ihm davon erzählt? Vielleicht Kareen, als sie sich entschied, mit ihm zusammenzuarbeiten?«

Auf diese Andeutung hin sah Droushnakovi aus, als würde ihr schlecht.

Aral sagte: »Vielleicht spielt Vordarian mit uns. Vielleicht hat er immer den Replikator in Reserve gehabt, bis er dringend einen neuen Hebel brauchte.«

»Unser Sohn. In Reserve«, verbesserte Cordelia. Sie blickte fest in diese nur halb-anwesenden grauen Augen, und gab mit ihrem Willen die Botschaft Sieh mich an, Aral! »Wir müssen darüber reden.« Sie zog ihn hinter sich her den Korridor hinab zum nächsten abgeschirmten Raum, einem Konferenzzimmer der Ärzte, und schaltete die Lichter ein.

Gehorsam setzte er sich an den Tisch, Kou neben sich, und wartete auf sie.

Sie setzte sich ihm gegenüber. Wir sind immer auf derselben Seite gesessen, vorher … Drou stand hinter ihr.

Aral betrachtete sie vorsichtig. »Ja, Cordelia?«

»Was geht in deinem Kopf vor?«, fragte sie. »Wo sind wir, in all dem?«

»Ich … bereue. Im nachhinein gesehen. Ich bereue, daß ich nicht früher einen Stoßtrupp geschickt habe. Die Residenz ist eine Festung, in die einzudringen gerade jetzt viel schwieriger ist als in das Militärkrankenhaus, wie gefährlich ein Stoßtruppunternehmen aufs Krankenhaus auch immer gewesen wäre. Und doch … ich konnte diese Wahl nicht ändern. Wenn die Männer in meinem eigenen Stab gebeten wurden, zu warten und zu schwitzen, dann konnte ich nicht für meinen privaten Nutzen Männer riskieren und Mittel aufwenden. Miles’ … Lage gab mir die Macht, von ihnen Loyalität trotz Vordarians Druck zu fordern. Sie wußten, daß ich von ihnen und den Ihren kein Risiko forderte, das ich nicht selbst zu teilen willens war.«

»Aber jetzt hat sich die Situation geändert«, führte Cordelia aus. »Nun teilst du nicht die gleichen Risiken. Ihre Verwandten haben alle Zeit der Welt zur Verfügung. Miles hat nur sechs Tage, minus die Zeit, die wir mit dem Argumentieren verbringen.« Sie konnte fühlen, wie diese Uhr tickte, in ihrem Kopf.

Er sagte nichts.

»Aral … in unserer ganzen Zeit hier, welchen Gefallen habe ich je von dir erbeten, von deinen offiziellen Befugnissen?«

Ein trauriges halbes Lächeln huschte über seine Lippen und verschwand. »Nichts«, flüsterte er. Sie saßen sich beide voller Spannung gegenüber, einander zugeneigt, er mit aufgestützten Ellbogen, die Hände vor dem Kinn verschränkt, sie mit ihren Händen flach auf dem Tisch, ganz beherrscht.

»Ich bitte dich jetzt.«

»Jetzt«, sagte er nach langem Zögern, »ist ein äußerst delikater Zeitpunkt, in der gesamten strategischen Lage. Wir befinden uns gerade in geheimen Verhandlungen mit zwei von Vordarians Spitzenkommandanten, ihn zu verlassen. Die Streitkräfte im Weltraum sind nahe daran, sich auf uns festzulegen. Wir sind nahe daran, es zu schaffen, Vordarian ohne eine größere Schlacht auszuschalten.«

Cordelia wurde in ihren Gedanken gerade lang genug abgelenkt, um sich zu fragen, wieviele von Vorkosigans Kommandanten gerade jetzt heimlich verhandelten, um sie zu verraten.

Die Zeit würde es zeigen. Die Zeit.

Vorkosigan fuhr fort: »Falls — falls wir diese Verhandlungen so abschließen, wie ich wünsche, dann werden wir in der Lage sein, die meisten Geiseln mit einem einzigen größeren Stoßtruppunternehmen zu befreien, aus einer Richtung, woher Vordarian es nicht erwartet.«

»Ich bitte nicht um ein großes Unternehmen.«

»Nein. Aber ich sage dir, daß ein kleines Unternehmen, vor allem wenn es scheitert, ernsthaft den Erfolg des größeren späteren beeinträchtigen könnte.«

»Könnte.«

»Könnte.« Er neigte den Kopf zur Seite, als Eingeständnis der Ungewißheit.

»Der Zeitpunkt?«

»In etwa zehn Tagen.«

»Nicht gut genug.«

»Nein. Ich werde versuchen, die Dinge zu beschleunigen. Aber du verstehst — wenn ich diese Chance verpfusche, diesen Zeitplan, dann könnten einige tausend Männer für meine Fehler mit ihrem Leben zahlen.«

Sie verstand ganz klar. »In Ordnung. Stell dir vor, wir lassen die Armeen von Barrayar für den Augenblick aus der Sache draußen. Laß mich gehen. Mit vielleicht einem Livrierten oder deren zwei und mit genauer, hundertprozentiger Geheimhaltung. Ein völlig privates Unternehmen.«

Seine Hände schlugen auf den Tisch, und er sprudelte hervor: »Nein! Gott, Cordelia!«

»Zweifelst du an meinen Fähigkeiten?«, fragte sie drohend. Ich sicherlich. Jetzt war jedoch nicht der Augenblick, dies zuzugeben. »Ist dieses ›lieber Captain‹ nur ein Kosename für ein Schätzchen, oder hast du das wirklich ernst gemeint?«

»Ich habe gesehen, wie du außergewöhnliche Dinge getan hast …«

Hast du mich also auch auf die Schnauze fallen sehen?

»… aber du bist unentbehrlich. Gott! Das würde mich wirklich endgültig um den Verstand bringen. Zu warten, nicht zu wissen …«

»Das verlangst du von mir. Zu warten, nicht zu wissen. Du verlangst das jeden Tag.«

»Du bist stärker als ich. Du bist über die Maßen stark.«

»Das ist schmeichelhaft, aber nicht überzeugend.«

Seine Gedanken umkreisten die ihren, sie konnte es in seinen messerscharfen Augen sehen. »Nein. Du darfst nicht auf eigene Faust losschlagen. Ich verbiete es, Cordelia. Kategorisch, absolut. Schlag dir das sofort aus dem Kopf. Ich kann nicht euch beide riskieren.«

»Du tust es. Hiermit.«

Er biß die Zähne zusammen und senkte seinen Kopf. Die Botschaft war angekommen und verstanden worden. Koudelka, der besorgt neben ihm saß, blickte betroffen zwischen ihnen beiden hin und her. Cordelia spürte den Druck von Drous vor Anspannung weißer Hand an der Lehne ihres Stuhls.

Vorkosigan sah aus, als würde er zwischen zwei großen Steinen zerrieben, sie hatte kein Verlangen zu sehen, wie er zu Pulver zermahlen wurde. Im nächsten Augenblick würde er ihr Wort dafür fordern, daß sie in der Basis bliebe und kein Risiko einginge.

Sie öffnete ihre Hand, die jetzt gekrümmt auf der Tischfläche lag. »Ich würde anders entscheiden. Aber niemand hat mich zur Regentin von Barrayar ernannt.«

Mit einem Seufzer verließ ihn die Spannung. »Ungenügende Vorstellungskraft.«

Ein allgemeiner Mangel unter den Barrayaranern, mein Liebster.

Als sie zu Arals Quartier zurückkam, traf Cordelia im Korridor Graf Piotr, der sich gerade von ihrer Tür abwandte. Er hatte sich sehr verändert in Vergleich zu dem erschöpften, wilden Mann, der sie auf einem Bergpfad zurückgelassen hatte. Jetzt trug er die Art unauffälliger Oberschichtkleider, die von Vor-Lords im Ruhestand und älteren kaiserlichen Ministern bevorzugt wurden: ordentliche Hosen, blitzblanke Halbstiefel, eine sorgfältig geschnittene, uniformähnliche Jacke. Hinter ihm ragte Bothari empor, wieder in seiner formellen braun-silbernen Livree. Bothari trug einen dicken Mantel zusammengefaltet über dem Arm, woraus Cordelia schloß, daß Piotr gerade von seiner diplomatischen Mission zu einigen Mitgrafen im winterlichen Norden von Vordarians besetztem Gebiet zurückgekehrt war. Vorkosigans Leute schienen jetzt gewiß in der Lage zu sein, sich außerhalb Vordarians Kerngebiet nach Belieben zu bewegen.

»Ach, Cordelia.« Piotr grüßte sie mit einem formellen, vorsichtigen Kopfnicken, er eröffnete hier nicht wieder die Feindseligkeiten. Das kam Cordelia entgegen. Sie war nicht sicher, daß noch Willenskraft für einen Kampf in ihrem kummerzerfressenen Herzen übrig war.

»Guten Tag, Sir. War deine Reise ein Erfolg?«

»In der Tat war sie das. Wo ist Aral?«

»Er ist zum Sektor Nachrichtendienst gegangen. Ich glaube, um sich mit Illyan über die neuesten Berichte aus Vorbarr Sultana zu beraten.«

»Aha? Was passiert da?«

»Hauptmann Vaagen ist hier bei uns aufgetaucht. Er wurde halb bewußtlos geschlagen, aber er hat es irgendwie von der Hauptstadt hierher geschafft — es scheint, daß Vordarian endlich bewußt wurde, daß er noch eine andere Geisel hat. Sein Kommando hat Miles’ Replikator aus dem Militärkrankenhaus geraubt und ihn in die Residenz gebracht. Ich nehme an, wir werden bald mehr von Vordarian darüber hören, aber er hat zweifellos gewartet, um uns zuerst das volle Vergnügen an Hauptmann Vaagens Geschichte zu gewähren.«

Piotr warf seinen Kopf mit einem scharfen, bitteren Lachen zurück. »Nun, das ist eine leere Drohung.«

Cordelia zwang ihre Zähne lang genug auseinander, um zu sagen: »Was meinst du damit, Sir?« Sie wußte ganz genau, was er meinte, aber sie wollte sehen, wie er an seine Grenzen stieß. Bis zum Ende, verdammt, spuck es alles aus.

Seine Lippen zuckten, halb mißbilligend, halb lächelnd. »Ich meine, Vordarian bietet unwissentlich dem Haus Vorkosigan einen Dienst an. Ich bin sicher, er ist sich dessen nicht bewußt.«

Du würdest das nicht sagen, wenn Aral hier stünde, du starrsinniger alter Mann. Hast du das so arrangiert? Gott, sie konnte ihm das nicht ins Gesicht sagen — »Hast du das so arrangiert?«, wollte Cordelia hartnäckig wissen.

Piotr warf seinen Kopf zurück. »Ich verhandle nicht mit Verrätern!«

»Er gehört deiner Partei der Alten Vor an. Deine wahre Loyalität. Du hast immer gesagt, Aral wäre viel zu progressiv.«

»Du wagst es, mich zu beschuldigen?!« Seine Empörung kippte in blanke Wut um.

Ihre eigene Wut rötete ihre Sicht. »Ich weiß, daß du Mord versucht hast, warum hast du nicht auch Verrat versucht? Ich kann nur hoffen, daß deine Unfähigkeit dich daran hindert.«

Seine Stimme keuchte vor Wut: »Das geht zu weit!«

»Nein, alter Mann. Noch nicht weit genug!«

Drou blickte völlig verschreckt drein. Botharis Gesicht war starr und ausdruckslos. Piotrs Hand zuckte, als wollte er Cordelia schlagen. Bothari beobachtete diese Hand, seine Augen funkelten dabei seltsam und bewegten sich hin und her.

»Während es der größte Gefallen ist, den Vidal Vordarian mir tun könnte, wenn er diesen Mutanten aus seinem Kanister schüttet, so würde ich ihn das kaum wissen lassen«, stieß Piotr hervor. »Es wird viel amüsanter sein zu beobachten, wie er versucht, diesen Joker auszuspielen, als sei er ein As, und sich dann wundert, was schiefgelaufen ist. Aral weiß — ich stelle mir vor, er ist höllisch erleichtert, daß Vordarian ihm diese Arbeit abnimmt. Oder hast du ihn behext, daß er irgend etwas spektakulär Dummes plant?«

»Aral unternimmt nichts.«

»Ach, der gute Junge. Ich hatte mich schon gefragt, ob du ihm sein Rückgrat auf die Dauer geraubt hast. Schließlich ist er doch Barrayaraner.«

»So scheint es«, sagte sie hölzern. Sie zitterte. Piotr war in viel besserer Verfassung.

»Das ist ein Randthema«, sagte er, ebenso viel zu sich selbst wie zu ihr, wobei er versuchte, seine Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. »Ich habe wichtigere Themen mit dem Lordregenten zu erörtern. Leb wohl, Mylady.« Er neigte den Kopf in einem Versuch, ironisch zu sein, und wandte sich ab.

»Einen schönen Tag noch«, knurrte sie hinter ihm her und rauschte durch die Tür in Arals Quartier.

Zwanzig Minuten lang lief sie im Zimmer hin und her, bevor sie es wagte, selbst mit Drou zu reden, die sich in einen Sessel in der Ecke verkrochen hatte, als wollte sie sich selber ganz klein machen.

»Sie glauben doch wohl nicht wirklich, daß Graf Piotr ein Verräter ist, nicht wahr, Mylady?«, fragte Droushnakovi, als Cordelias Schritte schließlich langsamer wurden.

Cordelia schüttelte den Kopf. »Nein … nein. Ich wollte ihn nur seinerseits verletzen. Dieses Land hier macht mich fertig. Hat mich fertiggemacht.«

Erschöpft sank sie in einen Sessel und lehnte ihren Kopf an die Polsterung zurück. Nach einiger Zeit des Schweigens fügte sie hinzu: »Aral hat recht. Ich habe kein Recht, ein Risiko einzugehen. Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich habe kein Recht zu scheitern. Und ich vertraue mir selber nicht mehr. Ich weiß nicht, was mit meinen Nerven passiert ist. Ich habe sie in einem fremden Land verloren.« Ich kann mich nicht erinnern. Kann mich nicht erinnern, wie ich es getan habe. Sie und Bothari waren Zwillinge, richtig genug, zwei Persönlichkeiten, die getrennt aber in gleichem Maße von einer Überdosis Barrayar zu Krüppeln gemacht worden waren.

»Mylady …« Droushnakovi zupfte an ihren Röcken und blickte in ihren Schoß. »Ich gehörte drei Jahre lang zum Sicherheitsteam der Kaiserlichen Residenz.«

»Ja …« Ihr Herz taumelte, würgte. Als Übung der Selbstdisziplin schloß Cordelia die Augen und öffnete sie nicht wieder. »Erzählen Sie mir davon, Drou.«

»Negri hat mich selbst trainiert. Weil ich Kareens Leibwächterin war, sagte er immer, ich wäre die letzte Schranke zwischen Kareen und Gregor und — und allem, was schlimm genug war, so weit zu kommen. Er zeigte mir alles in der Residenz. Er drillte mich dafür. Er zeigte mir Sachen, von denen ich nicht glaube, daß er sie anderen zeigte. Wir hatten in unseren Katastrophenübungen fünf Notfluchtwege ausgearbeitet. Zwei von ihnen waren allgemeine Sicherheitsprozeduren. Einen dritten zeigte er nur ein paar führenden Leuten wie Illyan. Die anderen beiden — ich weiß nicht, ob jemand anderer außer Negri und Kaiser Ezar überhaupt etwas von ihnen wußte. Und ich denke …« — sie befeuchtete ihre Lippen —, »ein geheimer Weg, der von irgendwo herausführt, sollte doch auch genauso ein geheimer Weg hinein sein. Meinen Sie nicht auch?«

»Ihre Gedankengänge interessieren mich außerordentlich. Wie Aral sagen würde. Fahren Sie fort.« Cordelia öffnete ihre Augen immer noch nicht.

»Es geht darum: Wenn ich irgendwie bis zur Residenz kommen könnte, dann wette ich, daß ich auch hinein könnte. Wenn Vordarian genau all die Standardsicherheitsvorkehrungen übernommen und verstärkt hat.«

»Und auch wieder herauskommen?«

»Warum nicht?«

Cordelia bemerkte, daß sie vergessen hatte zu atmen. »Für wen arbeiten Sie, Drou?«

»Oberst …«, sie setzte an zu antworten, hielt dann aber befangen inne. »Negri. Aber er ist tot. Oberstleutnant — Oberst Illyan, jetzt, nehme ich an.«

»Lassen Sie es mich anders formulieren.« Cordelia öffnete endlich ihre Augen. »Für wen haben Sie ihr Leben eingesetzt?«

»Kareen. Und Gregor natürlich. Sie waren sozusagen eins.«

»Sie sind es noch. Darauf wette ich als Mutter.« Sie begegnete dem Blick aus Drous blauen Augen. »Und Kareen hat Sie mir gegeben.«

»Sie sollten mein Mentor sein. Wir dachten, Sie seien eine Soldatin.«

»Das war ich nie. Aber das bedeutet nicht, daß ich nie gekämpft habe.« Cordelia machte eine Pause. »Worum wollen Sie handeln, Drou? Ihr Leben in meiner Hand — ich sage nicht eidgebunden, das ist für diese anderen Idioten — gegen was?«

»Kareen«, antwortete Droushnakovi standhaft. »Ich habe die Leute hier beobachtet, wie sie Kareen nach und nach als entbehrlich einstufen. Drei Jahre lang habe ich jeden Tag mein Leben für sie eingesetzt, weil ich glaubte, daß ihr Leben wichtig war. Wenn man jemanden so lang von so nahe beobachtet, dann hat man nicht mehr zu viele Illusionen über ihn oder sie. Jetzt scheinen alle zu denken, ich sollte meine Loyalität einfach umschalten, wie eine Art Wachmaschine. Da stimmt etwas nicht dabei. Ich möchte — möchte wenigstens einen Versuch zugunsten von Kareen wagen. Im Tausch dafür — was immer Sie wollen, Mylady.«

»Ah«, Cordelia rieb ihre Lippen. »Das scheint … recht und billig. Ein entbehrliches Leben für ein anderes. Kareen für Miles.« Sie versank in ihrem Sessel in tiefem Nachsinnen.

Zuerst siehst du es. Dann bist du es. »Das ist nicht genug«, Cordelia schüttelte schließlich den Kopf. »Wir brauchen … jemanden, der die Stadt kennt. Jemanden mit Muskeln, als Verstärkung. Einen Waffenexperten, ein schlafloses Auge. Ich brauche einen Freund.« Die Winkel ihres Mundes hoben sich in einem sehr subtilen Lächeln. »Der mir näher ist als ein Bruder.« Sie erhob sich und schritt zur Kommunikationskonsole.

»Sie wollten mich sprechen, Mylady?«, sagte Sergeant Bothari.

»Ja. Bitte kommen Sie herein.«

Die Quartiere höherer Offiziere schüchterten Bothari nicht ein, aber er zog seinen Augenbrauen doch zusammen, als Cordelia ihm bedeutete, er sollte sich setzen. Sie nahm ihm gegenüber an dem niederen Tisch Arals üblichen Platz ein. Drou saß wieder in der Ecke und beobachtete die beiden in zurückhaltendem Schweigen.

Cordelia blickte Bothari an, der sie seinerseits anblickte. Er schien körperlich in Ordnung zu sein, obwohl sein Gesicht von Falten der Spannung durchzogen war. Sie spürte, wie mit einem dritten Auge, frustrierte Energien, die durch seinen Körper liefen, Lichtbögen der Wut, Netze der Beherrschung, ein verwikkelter elektrischer Knoten von gefährlicher Sexualität unter all dem. Energien, die zurückstrahlten, die immer wieder ohne Entladung aufgebaut wurden, die verzweifelt eine Aktion verordnet brauchten, damit sie nicht wild auf eigene Faust ausbrachen. Sie blinzelte und stellte ihren Blick wieder auf sein weniger erschreckendes Äußeres ein: ein müde aussehender, häßlicher Mann in einer eleganten braunen Uniform.

Zu ihrer Überraschung begann Bothari: »Mylady, haben Sie etwas Neues über Elena gehört?«

Sie fragen sich wohl, warum ich Sie hierhergerufen habe? Zu ihrer Schande hatte sie Elena fast vergessen. »Nichts Neues, fürchte ich. Man berichtet, daß sie zusammen mit Frau Hysopi in jenem Hotel im Stadtzentrum gefangengehalten wird, das Vordarians Sicherheitsabteilung beschlagnahmt hat, als sie keine freien Zellen mehr hatten, sie ist dort mit einer Menge anderer Geiseln der zweiten und dritten Stufe. Sie wurde nicht in die Residenz oder sonstwo hingebracht.« Elena war nicht, anders als Kareen, ein direktes Ziel von Cordelias geheimer Mission. Wenn er darum bat, wieviel sollte sie wagen zu versprechen?

»Es tut mir leid, was man über Ihren Sohn hört, Mylady.«

»Mein Mutant, wie Piotr sagen würde.« Sie beobachtete ihn: sie konnte in seinen Schultern, seinem Rückgrat, seinem Unterleib besser lesen als in diesem ausdruckslosen vogelartigen Gesicht.

»Über Graf Piotr«, sagte er und brach dann ab. Seine Hände verhakten sich ineinander, zwischen sein Knien, und bogen sich. »Ich dachte, den Admiral deswegen anzusprechen. Ich hatte nicht daran gedacht, mit Ihnen zu sprechen. Ich hätte an Sie denken sollen.«

»Immer.« Also was nun?

»Ein Mann kam gestern auf mich zu. In der Sporthalle. Nicht in Uniform, kein Rangabzeichen, kein Namensschild. Er bot mir Elena an. Elenas Leben, falls ich Graf Piotr umbrächte.«

»Was für eine Versuchung«, Cordelia würgte, bevor sie sich Einhalt gebieten konnte. »Was für … hmm … Garantien hat er angeboten?«

»Die Frage kam mir auch, kurz darauf. Da wäre ich tief in der Scheiße, würde vielleicht hingerichtet, und wer würde sich dann um den Bankert eines toten Mannes kümmern? Ich hielt es für einen Schwindel, einfach einen weiteren Schwindel. Ich ging zurück, um nach ihm zu schauen, ich habe nach ihm Ausschau gehalten, aber ich habe ihn seitdem nicht mehr getroffen.« Er seufzte. »Jetzt erscheint es fast wie eine Halluzination.«

Der Ausdruck auf Drous Gesicht war eine Studie tiefster Verunsicherung, aber glücklicherweise war Bothari von ihr abgewandt und bemerkte es nicht. Cordelia warf ihr schnell einen beschwichtigenden Blick zu.

»Haben Sie schon öfter Halluzinationen gehabt?«, fragte sie.

»Ich glaube nicht. Nur schlimme Träume. Ich versuche, nicht zu schlafen.«

»Ich … habe ein eigenes Dilemma«, sagte Cordelia. »Sie haben ja gehört, was ich zu Piotr gesagt habe.«

»Ja, Mylady.«

»Haben Sie von dem Zeitlimit gehört?«

»Zeitlimit?«

»Wenn er nicht gewartet wird, dann wird der Replikator in weniger als sechs Tagen Miles nicht mehr versorgen. Aral argumentiert, daß Miles in keiner größeren Gefahr ist als die Familienangehörigen seiner Stabsangehörigen. Ich stimme damit nicht überein.«

»Hinter seinem Rücken habe ich einige gehört, die etwas anderes sagen.«

»So?«

»Sie sagen, es sei ein Schwindel. Der Sohn des Admirals ist eine Art Mutant, nicht lebensfähig, während sie gesunde Kinder riskieren.«

»Ich glaube nicht, daß er weiß … daß irgend jemand das sagt.«

»Wer würde es ihm ins Gesicht wiederholen?«

»Sehr wenige. Vielleicht nicht einmal Illyan.« Piotr jedoch würde vermutlich nicht versäumen, dieses Gerede weiterzugeben, wenn er es aufgeschnappt hätte. »Verdammt! Niemand auf beiden Seiten würde zögern, diesen Replikator zu entleeren.« Sie brütete vor sich hin, und begann dann erneut. »Sergeant. Für wen arbeiten Sie?«

»Ich bin ein eidgebundener Gefolgsmann von Graf Piotr«, rezitierte Bothari das Offensichtliche. Er beobachtete sie jetzt ganz genau, ein seltsames Lächeln erschien in einem Winkel seines Mundes.

»Lassen Sie es mich anders formulieren. Ich weiß, die offiziellen Strafen für einen Gefolgsmann, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt, sind schrecklich. Aber nehmen wir mal an …«

»Mylady!« Er erhob eine Hand, sie brach mitten im Satz ab. »Erinnern Sie sich, damals auf dem Rasen vor dem Haus in Vorkosigan Surleau, als wir Negris Körper in den Leichtflieger hoben, wie der Lordregent zu mir sagte, ich sollte Ihrer Stimme gehorchen wie seiner eigenen?«

Cordelias Brauen hoben sich: »Ja …?«

»Er hat diesen Befehl nie zurückgenommen.«

»Sergeant«, sagte sie schließlich nach einem tiefen Atemzug, »ich hatte in Ihnen nie einen Kasernenjuristen vermutet.«

Sein Lächeln wurde einen Millimeter deutlicher. »Ihre Stimme ist für mich wie die Stimme des Kaisers selbst. Technisch gesehen.«

»Ist sie das, jetzt«, flüsterte sie erfreut. Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen.

Er lehnte sich vor und hielt jetzt seine Hände zwischen seinen Knien still wie Steine. »Also, Mylady. Was wollten Sie gerade sagen?«

Die Bereitstellungszone der Fahrbereitschaft war ein echowerfendes niedriges Gewölbe, in dessen Schatten Licht aus einem Büro mit Glaswänden fiel. Cordelia wartete stehend in dem abgedunkelten Eingang zum Liftrohr, Drou neben sich, und beobachtete durch das ferne Rechteck aus Glas, wie Bothari mit dem Transportoffizier verhandelte. General Vorkosigans Gefolgsmann ließ sich ein Fahrzeug für seinen Herrn zur Verfügung stellen.

Die Pässe und Ausweise, die an Bothari ausgegeben worden waren, schienen ihren Dienst zu erfüllen. Der Mann von der Fahrbereitschaft steckte Botharis Karten in seinen Computer, nahm Botharis Handflächenabdruck auf seiner Sensorfläche ab und fertigte die Anforderungen im Nu ab.

Würde dieser einfache Plan funktionieren? fragte sich Cordelia verzweifelt. Und wenn er nicht funktionierte, welche Alternative hatten sie? Ihre geplante Route erschien vor ihrem geistigen Auge: Linien aus roten Lichtern schlängelten sich über eine Landkarte. Nicht nach Norden in Richtung auf ihr Ziel, sondern zuerst genau nach Süden, per Bodenwagen in den nächsten loyalen Distrikt. Dort würden sie das auffällige Regierungsfahrzeug zurücklassen, den Monorail nach Westen in einen anderen Distrikt nehmen, dann nach Nordwesten in wieder einen anderen Distrikt: dann sollte es genau nach Osten gehen in die neutrale Zone von Graf Vorinnis, den Brennpunkt von so viel diplomatischer Aufmerksamkeit beider Seiten.

Sie hatte noch Piotrs Kommentar im Ohr: »Das sage ich dir, Aral, wenn Vorinnis nicht aufhört mit seinem vorsichtigen Lavieren, dann solltest du ihn höher hängen als Vordarian, wenn das alles vorbei ist.« Dann in den Hauptstadtdistrikt selbst, und schließlich irgendwie in die abgeriegelte Stadt. Sie hatten eine beängstigende Anzahl von Kilometern zurückzulegen: dreimal die Entfernung der direkten Strecke. Soviel Zeit. Ihr Herz zeigte nach Norden wie eine Kompaßnadel.

Der erste und der letzte Distrikt würden am schlimmsten sein. Arals Streitkräfte konnten ihrem Ausflug fast noch feindlicher gegenüberstehen als die von Vordarian. In ihrem Kopf drehte sich alles, wenn sie an die sich summierende Unmöglichkeit des Ganzen dachte.

Schritt um Schritt, sagte sie sich entschlossen. Eines nach dem anderen. Jetzt erst mal von Basis Tanery wegkommen: das konnten sie schaffen.

Einfach die endlose Zukunft in Blöcke von fünf Minuten aufteilen, und die dann einen nach dem anderen hinter sich bringen.

Da, die ersten fünf Minuten waren schon um, und aus der unterirdischen Garage erschien ein schneller und glänzender Generalstabswagen. Ein kleiner Sieg, als Belohnung für ein bißchen Geduld und Wagemut. Was würden große Geduld und großer Wagemut noch bringen?

Bothari inspizierte das Fahrzeug umsichtig, als hege er Zweifel, daß es für seinen Herrn voll tauge. Der Transportoffizier wartete besorgt und schien gewaltig erleichtert, als der Gefolgsmann des großen Generals, nachdem er mit der Hand über das Verdeck gewischt und wegen eines winzigen Stäubchens die Stirn gerunzelt hatte, zustimmend knurrte. Bothari fuhr das Fahrzeug bis zum Eingang des Liftrohrs herum und parkte es so, daß der Blick vom Büro auf die einsteigenden Passagiere blokkiert war.

Drou beugte sich nieder, um ihren Ranzen aufzuheben, in den allerhand verschiedene Kleidung gepackt war (einschließlich der Sachen, die Bothari und Cordelia aus dem Gebirge mitgebracht hatten) sowie ihre spärliche Waffenausrüstung. Bothari schaltete die Polarisation am hinteren Verdeck auf Spiegelreflexion und öffnete es.

»Mylady!«, erklang Leutnant Koudelkas besorgte Stimme hinter ihnen vom Eingang des Liftrohrs her. »Was machen Sie da?«

Cordelia biß sich auf die Zähne und schluckte einige Flüche hinunter. Sie verwandelte ihren wilden Gesichtsausdruck in ein leichtes, überraschtes Lächeln und wandte sich um.

»Hallo, Kou. Was gibt’s?«

Er runzelte die Stirn, blickte auf sie, auf Droushnakovi, auf den Ranzen.

»Ich habe zuerst gefragt.« Er war außer Atem: er mußte schon einige Minuten hinter ihnen hergerannt sein, nachdem er Cordelia nicht in Arals Quartier gefunden hatte. Ein Auftrag zur falschen Zeit, Cordelia behielt ihr Lächeln bei, während sie sich vorstellte, wie jetzt gleich ein Team von Sicherheitsleuten aus dem Liftrohr herausströmte, um sie festzunehmen oder zumindest ihre Pläne zu vereiteln. »Wir fahren … in die Stadt.«

Seine Lippen verzogen sich skeptisch. »So? Weiß der Admiral davon? Und wo ist dann Illyans Begleitteam?«

»Schon vorausgefahren«, sagte Cordelia kühl.

Die vage Plausibilität ihrer Erklärung ließ tatsächlich Zweifel in seinem Blick aufflackern. Leider nur für einen Augenblick. »Nun, dann warten Sie nur eine einzige lausige Minute …«

»Leutnant«, unterbrach Sergeant Bothari. »Schauen Sie sich das mal an.« Er wies mit einer Geste auf das hintere Fahrgastabteil des Stabswagens.

Koudelka lehnte sich vor, um zu schauen. »Was ist?«, sagte er ungeduldig.

Cordelia zuckte zusammen, als Botharis offene Hand auf Koudelkas Nacken herabsauste, und sie zuckte wieder, als Koudelkas Kopf mit einem schweren Bums am anderen Ende des Innenraums aufschlug, nachdem Bothari ihn am Hals und Gürtel gepackt und hineingeworfen hatte. Sein Stockdegen fiel klappernd zu Boden.

»Hinein!«, knurrte Bothari angespannt und leise, während er schnell einen Blick zu den Glaswänden des Transportbüros warf.

Droushnakovi warf den Ranzen in den Wagen und schlüpfte hinter Koudelka hinein, wobei sie seine langen, schlaffen Gliedmaßen zur Seite schob. Cordelia hob den Stockdegen auf und zwängte sich hinter Drou in das Fahrzeug. Bothari trat zurück, salutierte, schloß das spiegelnde Verdeck und begab sich dann in das Fahrerabteil.

Sie fuhren langsam los. Cordelia mußte eine unvernünftige panische Angst zügeln, als Bothari am ersten Kontrollpunkt anhielt. Sie konnte die Wachen so deutlich sehen und hören, daß es ihr schwerfiel, sich zu vergegenwärtigen, daß die Männer nur die Spiegelung ihrer eigenen strengen Augen sehen konnten. Aber offensichtlich konnte General Piotr tatsächlich überall nach Belieben passieren. Wie angenehm, General Piotr zu sein. In diesen schwierigen Zeiten hätte vermutlich jedoch auch Piotr nicht nach Basis Tanery einfahren können, ohne daß das hintere Verdeck geöffnet und das hintere Abteil einer Sichtkontrolle unterzogen wurde. Die Wachmannschaft am letzten Tor, die ihnen freie Fahrt nach draußen zuwinkte, war gerade mit einer solchen Überprüfung an einem langen Konvoi von Frachttransportern beschäftigt, die in die Basis hineinwollten. Ihr Eintreffen war gerade das, was Cordelia geplant und worum sie gebetet hatte.

Schließlich richteten Cordelia und Droushnakovi den ausgestreckt liegenden Koudelka zwischen sich auf. Seine erste besorgniserregende Schlaffheit ließ nach. Er blinzelte und stöhnte. Koudelkas Kopf, Hals und oberer Rumpf gehörten zu den wenigen Bereichen seines Körpers, in denen keine künstlichen Nerven angelegt waren, Cordelia vertraute darauf, daß nichts Unorganisches gebrochen war.

Droushnakovis Stimme klang angespannt und besorgt: »Was machen wir mit ihm?«

»Wir können ihn nicht auf die Straße rausschmeißen, er würde zurückrennen und Meldung machen«, sagte Cordelia. »Aber wenn wir ihn irgendwo außer Sicht an einen Baum binden, dann besteht die Möglichkeit, daß er nicht gefunden wird … wir sollten ihn besser fesseln, er kommt zu sich.«

»Ich schaffe ihn schon.«

»Ich fürchte, er ist schon genug geschafft.«

Es gelang Droushnakovi, Koudelkas Hände mit einem Schal aus dem Ranzen zu umwickeln und unbeweglich zu machen, sie war ziemlich gut im Schnüren von Knoten.

»Er könnte sich als nützlich erweisen«, überlegte Cordelia.

»Er wird uns verraten«, sagte Droushnakovi mit gerunzelter Stirn.

»Vielleicht nicht. Jedenfalls nicht, sobald wir auf feindlichem Territorium sind. Sobald der einzige Ausweg der nach vorn ist.«

Koudelkas Augen hörten auf, herumzuirren und irgendwelchen unsichtbaren, verschwommenen Sternen zu folgen, und stellten sich auf die Umgebung ein. Mit Erleichterung stellte Cordelia fest, daß beide Pupillen noch gleich groß waren.

»Mylady — Cordelia«, krächzte er. Seine Hände zogen vergeblich an den seidenen Fesseln. »Das ist verrückt. Sie laufen direkt Vordarians Leuten in die Hände. Und dann wird Vordarian zwei Hebel gegen den Admiral haben statt nur einen. Und Sie und Bothari wissen, wo der Kaiser ist!«

»War«, korrigierte Cordelia. »Vor einer Woche. Er wurde seitdem woandershin gebracht, dessen bin ich mir sicher. Und Aral hat seine Fähigkeit demonstriert, Vordarians Hebelwirkung zu widerstehen, meine ich. Unterschätzen Sie ihn nicht.«

»Sergeant Bothari!« Koudelka lehnte sich nach vorn und sprach in die Sprechanlage. Das vordere Verdeck war jetzt auch ein silberner Spiegel.

»Ja, Leutnant?«, erwiderte Botharis monotoner Bass.

»Ich befehle Ihnen, mit diesem Fahrzeug umzukehren.«

Eine kurze Pause. »Ich bin nicht mehr im Dienst der Kaiserlichen Armee, Sir. Ich bin im Ruhestand.«

»Das hat Piotr nicht befohlen! Sie sind Graf Piotrs Mann.«

Eine längere Pause, eine leisere Stimme, »Nein. Ich bin Lady Vorkosigans Hund.«

»Sie haben Ihre Medikamente nicht genommen!«

Wie so etwas über eine rein akustische Verbindung übertragen werden konnte, dessen war sich Cordelia nicht sicher, aber in der Luft vor ihnen schwebte ein hündisches Grinsen.

»Machen Sie mit, Kou«, redete Cordelia auf ihn ein. »Unterstützen Sie mich. Machen Sie mit beim Glück. Machen Sie mit beim Leben. Machen Sie mit beim Adrenalinstoß.«

Droushnakovi lehnte sich mit einem scharfen Lächeln auf den Lippen herüber und flüsterte in Koudelkas anderes Ohr: »Schauen Sie die Sache so an, Koudelka: Wer sonst wird Ihnen je eine Chance für einen Einsatz im Feld geben?«

Seine Augen wanderten hin und her, zwischen links und rechts, zwischen den beiden Frauen, die ihn gefangen hatten. Der Motor des Bodenwagens jaulte auf, während sie in das einfallende Zwielicht davonschossen.

KAPITEL 16

Illegales Gemüse. Cordelia saß in gedankenverlorener Betrachtung zwischen Säcken voll Blumenkohl und Schachteln mit gezüchteten Brillbeeren, während der Luftkissenlaster sich quietschend und hustend dahinbewegte. Gemüse aus dem Süden, das nach Vorbarr Sultana auf einer ebenso heimlichen Route wie der ihren unterwegs war. Sie war sich fast sicher, daß in diesem Haufen auch ein paar Säcke mit dem gleichen grünen Kohl waren, mit dem sie vor zwei oder drei Wochen schon einmal gereist war und der in seinen Wanderungen den seltsamen wirtschaftlichen Zwängen des Krieges folgte.

Die Distrikte, die Vordarian kontrollierte, standen jetzt unter einem strikten Embargo durch die Distrikte, die loyal zu Vorkosigan hielten.

Obwohl noch lange niemand Hunger leiden würde, waren angesichts der Hamsterei und des bevorstehenden Winters die Lebensmittelpreise in der Hauptstadt Vorbarr Sultana sprunghaft gestiegen. Auf diese Weise wurden arme Leute angeregt, ihre Chancen zu ergreifen. Und ein armer Mann, der schon eine Chance ergriffen hatte, war nicht abgeneigt, seiner Ladung gegen ein Schmiergeld noch ein paar unregistrierte Fahrgäste hinzuzufügen.

Diesen Plan hatte Koudelka ausgeheckt, der seine heftige Mißbilligung aufgegeben hatte, nachdem er fast unwillkürlich in ihren strategischen Überlegungen hineingezogen worden war.

Es war Koudelka gewesen, der die Großhandelslager für landwirtschaftliche Produkte in der Stadt in Vorinnis’ Distrikt ausfindig gemacht und die Laderampen nach unabhängigen Händlern abgesucht hatte, die dort mit ihren Frachten starteten. Allerdings war es Bothari, der über die Höhe der Bestechung entschieden hatte, die Cordelia erbärmlich gering vorkam, aber genau richtig war für die Rolle der verzweifelten Landleute, die sie jetzt spielten.

»Mein Vater war Lebensmittelhändler«, hatte Koudelka etwas befangen erklärt, als er ihnen seinen Plan schmackhaft machte. »Ich weiß, was ich tue.«

Cordelia hatte einen Augenblick lang gerätselt, was der wachsame Blick zu bedeuten hatte, den er dabei auf Droushnakovi richtete, bis sie sich erinnerte, daß Drous Vater Soldat war. Kou hatte von seiner Schwester und seiner verwitweten Mutter erzählt, aber erst in diesem Augenblick war Cordelia bewußt geworden, daß Kou seinen Vater nicht aus irgendeinem Mangel an Liebe zwischen ihnen beiden aus seiner Erinnerung verdrängt hatte, sondern weil der Status seines Vaters ihm gesellschaftlich peinlich war. Koudelka hatte ein Veto dagegen eingelegt, einen Fleischtransporter als Transportmittel zu wählen: »Der wird eher von Vordarians Wachen angehalten«, erklärte er, »weil sie dann dem Fahrer Steaks abnehmen können.« Cordelia war sich nicht sicher, ob er aus Erfahrungen beim Militär oder im Lebensmittelhandel oder bei beiden sprach. Auf jeden Fall war sie dankbar, daß sie nicht mit gräßlichen gekühlten Tierleichen reisen mußte.

Sie kleideten sich für ihre Rollen, so gut sie konnten, indem sie die Sachen aus dem Ranzen und die Kleider, die sie bei der Abfahrt getragen hatten, untereinander verteilten. Bothari und Koudelka spielten zwei kürzlich entlassene Soldaten, die ihr bedauernswertes Los zu verbessern suchten, Cordelia und Drou zwei Frauen vom Land, die an den Plänen der Männer beteiligt waren.

Die Frauen trugen eine realistisch kuriose Mischung aus abgetragenen Kleidern aus den Bergen und abgelegtem Oberklassenoutfit, das anscheinend aus einem Secondhand-Shop stammte. Sie erreichten das passende Aussehen von Frauen in schlechtsitzenden Kleidern, indem sie ihre Kleidung tauschten.

Cordelia schloß erschöpft ihre Augen, obwohl sie nicht schlafen konnte. Die Zeit tickte in ihrem Gehirn. Sie hatten zwei Tage gebraucht, um so weit zu kommen. So nahe an ihrem Ziel, so weit weg vom Erfolg … Sie schlug die Augen wieder auf, als der Laster anhielt und auf dem Boden aufschlug. Bothari bewegte sich vorsichtig durch die Öffnung in die Fahrerzelle.

»Wir steigen hier aus«, rief er leise. Sie gingen hintereinander hindurch und sprangen am Straßenmarkt der Stadt ab. In der Kälte stieg ihr Atem wie Rauch auf. Es herrschte die Dunkelheit vor der Morgendämmerung, und es gab weniger Lichter in der Umgegend, als nach Cordelias Meinung eigentlich vorhanden sein sollten. Bothari winkte dem Transporter, weiterzufahren.

»Ich dachte, wir sollten nicht bis zur Zentralmarkthalle mitfahren«, knurrte Bothari. »Der Fahrer sagte, daß Vorbohns Stadtwachen dort massenweise rumstehen um diese Tageszeit, wenn die neuen Lieferungen eintreffen.«

»Erwartet man Unruhen wegen Lebensmittelknappheit?«, fragte Cordelia.

»Ohne Zweifel, außerdem wollen die ihren Nachschub als erste bekommen«, sagte Koudelka. »Vordarian muß bald die Armee aufbieten, bevor der Schwarzmarkt alle Lebensmittel aus dem Rationierungssystem absaugt.« In den Momenten, wo Kou vergaß, so zu tun, als sei er ein künstlicher Vor, zeigte er ein erstaunliche und detaillierte Kenntnis der Schwarzmarktwirtschaft. Oder wie hatte ein Lebensmittelhändler seinem Sohn die Erziehung erkauft, die ihm trotz heftigen Wettbewerbs den Eintritt in die Kaiserliche Militärakademie ermöglichte? Cordelia grinste vor sich hin und schaute die Straße hinauf und hinab. Es war ein altes Stadtviertel, aus der Zeit vor Einführung der Liftrohre, keine Gebäude, die mehr als sechs Treppen hoch waren. Alles schäbig: Wasser-, Strom- und sonstige Leitungen waren in die Architektur eingeschnitten, nachträglich hinzugefügt.

Bothari führte sie, er schien zu wissen, wohin er ging. In der Richtung, in der sie gingen, wurde der Zustand der Häuser nicht besser. Die Straßen und Gassen wurden enger, hatten den feuchten Geruch des Verfalls, in den sich gelegentlich der nach Urin mischte. Die Lichter wurden weniger.

Drous Schultern sanken zusammen. Koudelka packte seinen Stockdegen.

Bothari hielt vor einem engen, schlecht beleuchteten Eingang, auf dem ein handgeschriebenes Schild Zimmer versprach. »Das reicht.« Die Tür, eine alte, nichtautomatische mit Türangeln, war verschlosssen. Er rüttelte daran, dann klopfte er. Nach einer Weile öffnete sich eine kleine Tür in der Tür und mißtrauische Augen schauten heraus.

»Was willste denn?«

»Zimmer.«

»Um diese Zeit? Das glaubste wohl selbst nich.«

Bothari zog Drou nach vorn. Der Streifen Licht aus der Öffnung fiel auf ihr Gesicht.

»Aha«, knurrte die von der Tür gedämpfte Stimme. »Na dann …« Ketten klirrten, Metall knirschte, und die Tür öffnete sich.

Sie drängten sich alle in einen engen Vorraum mit Treppen, einer Theke für die Anmeldung und einem Durchgang zu einem abgedunkelten Zimmer. Der Wirt wurde noch mürrischer, als er hörte, daß sie zu viert nur ein einziges Zimmer wollten. Aber er widersprach nicht, anscheinend verlieh ihre wirkliche Verzweiflung ihrer gespielten Armut den Hauch der Echtheit. Da zwei Frauen bei ihnen waren und vor allem so jemand wie Koudelka, schien niemand auf die Idee zu verfallen, sie für Geheimagenten zu halten.

Sie quartierten sich in einem engen, billigen Raum im Obergeschoß ein, Kou und Drou durften als erste die Betten ausprobieren. Als das Licht der Morgendämmerung durch das Fenster sickerte, folgte Cordelia Bothari über die Treppe nach unten, um nach Essen zu suchen.

»Ich hätte daran denken sollen, daß wir in eine belagerte Stadt Proviant mitbringen müßten«, murmelte Cordelia.

»Es ist noch nicht so schlimm«, sagte Bothari. »Ach — am besten sagen Sie nichts, Mylady. Ihr Akzent.«

»Sie haben recht. Verwickeln Sie aber mal den Kerl da unten in ein Gespräch, wenn Sie können. Ich möchte gerne hören, wie man hier die Dinge sieht.«

Sie fanden den Wirt, oder was immer er war, in dem kleinen Zimmer hinter dem Durchgang, das nach einer Theke und ein paar abgenutzten Tischen mit Stühlen zu schließen sowohl als Bar wie auch als Speiseraum diente. Der Mann verkaufte ihnen widerstrebend einige in Folien verpackte Lebensmittel und ein paar Flaschen mit Getränken, allerdings zu stark überhöhten Preisen, er jammerte dabei über die Rationierung und versuchte, etwas über sie zu erfahren.

»Jch habe diese Reise schon seit Monaten geplant«, sagte Bothari und lehnte sich an die Bar, »und der verdammte Krieg hat alles versaut.«

Der Wirt gab ein aufmunterndes Knurren von sich, von einem Unternehmer zum anderen sozusagen. »Aha? Was hast du vor?«

Bothari leckte seine Lippen, seine Augen verengten sich nachdenklich.

»Hast du die Blondine gesehen?«