/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic,

Anne in Avonlea

Lucy Montgomery

Ihr hitziges Temperament und ihre karottenroten Haare sind für die 16-jährige Anne eine echte Plage. Und es dauert zwei sehr ereignisreiche Sommer, bis sie merkt, dass sie gerade deswegen so liebenswert ist. Die hinreissende Geschichte der ungestümen Anne, die das verschlafene Avonlea gehörig durcheinanderwirbelt.

01 - Der wütende Nachbar

Ein großes schlankes Mädchen von gut sechzehn Jahren mit ernsten graugrünen Augen und Haaren, die ihre Freunde als kastanienbraun bezeichneten, saß an einem herrlichen Nachmittag im August auf der breiten roten Eingangsstufe eines Farmhauses auf Prince Edwards Island und wollte einige Verse von Vergil übersetzen.

Aber ein Augustnachmittag mit bläulichen Dunstschleiern über den erntereifen Hängen, einer sanften Brise, die elfengleich durch die Pappeln strich, und herrlich tanzenden Mohnblumen, die sich leuchtend gegen das dunkle junge Tannenwäldchen in einer Ecke des Kirschgartens abhoben, lud eher ein zum Träumen als sich mit toten Sprachen zu beschäftigen. Bald ließ Anne Vergil unbeachtet zu Boden gleiten, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt und den Blick auf die großartigen leichten Wolken gerichtet, die sich genau über Mr J. A. Harrisons Haus auftürmten wie ein riesiges weißes Gebirge. Sie war mit ihren Gedanken weit weg in einer wunderschönen Welt, in der sie als Lehrerin einer wundervollen Arbeit nachging und das Schicksal zukünftiger Staatsmänner formte und die Köpfe und Herzenjunger Menschen mit dem Streben nach hohen edlen Idealen erfüllte.

Gewiss, wenn man den harten Tatsachen ins Auge sah - was Anne zugegebenermaßen selten tat, es sei denn, ihr blieb nichts anderes übrig schien es unwahrscheinlich und wenig viel versprechend, dass aus der Schule von Avonlea Berühmtheiten hervorgehen würden. Aber was war nicht alles möglich, wenn eine Lehrerin ihren Einfluss auf das Gute im Menschen nutzte. Anne hatte gewisse hochfliegende Ideale, was eine Lehrerin erreichen konnte, wenn sie es nur richtig anpackte. Und so träumte sie von einer wunderbaren Szene, vierzig Jahre in der Zukunft, mit einer berühmten Persönlichkeit, die sich tief über ihre runzlige Hand beugte und ihr versicherte, dass sie es gewesen sei, die seinen Ehrgeiz entfacht habe und dass all sein Erfolg im Leben ihren Unterrichtsstunden vor so langer Zeit an der Schule von Avonlea zuzuschreiben sei. Nur, warum die Person berühmt war, blieb verschwommen, aber Anne hielt es für ganz angenehm, in ihr einen College-Präsidenten oder den kanadischen Premierminister zu sehen. Diese angenehme Vorstellung wurde durch eine höchst unangenehme Störung zunichte gemacht.

Eine störrische kleine Jerseykuh kam den Feldweg hinuntergerannt. Fünf Sekunden später erschien Mr Harrison - sofern >erschien< nicht ein zu milder Ausdruck war für die Art und Weise, wie er in den Hof gestürzt kam.

Er sprang, ohne das Tor zu öffnen, über den Zaun und sah sich verärgert der erstaunten Anne gegenüber, die aufgestanden war und ihn einigermaßen verwirrt anschaute. Mr Harrison war ihr neuer Nachbar zur Rechten, den sie bisher noch nicht kennen gelernt hatte, obwohl sie ihn ein- oder zweimal bereits gesehen hatte.

Anfang April, bevor Anne von Queen’s nach Hause zurückgekehrt war, hatte Mr Robert Bell, dessen Farm westlich an die Farm der Cuthberts angrenzte, seinen Besitz verkauft und war nach Charlottetown gezogen. Seine Farm war von einem gewissen Mr J. A. Harrison gekauft worden, von dem man lediglich den Namen kannte und wusste, dass er aus New Brunswick stammte. Aber er wohnte noch keinen Monat in Avonlea und schon stand er in dem Ruf, ein merkwürdiger Mensch zu sein —ein >Kauz<, wie Mrs Rachel Lynde es nannte, die mit ihrem Urteil immer schnell zur Hand war, wie jene sich vielleicht erinnern, die bereits ihre Bekanntschaft gemacht haben. Und Mr Harrison war unbestreitbar anders als andere Leute - was bekanntlich einen Kauz ausmacht:

Erstens hatte er augenscheinlich keine Frau und führte seinen Haushalt selbst. Darüber hinaus hatte er in aller Öffentlichkeit kategorisch verkündet, dass er auch keine Frau in seinem Haus zu sehen wünsche. Die Frauen von Avonlea rächten sich dafür, indem sie Schauergeschichten über seine Haushaltsführung und seine Kochkünste erzählten. Urheber dieser Geschichten aber war der kleine John Henry Carter aus White Sands, den er als Dienstjungen eingestellt hatte. John Henry erzählte seinen aufmerksamen Zuhörerinnen gern, dass es keine festen Zeiten für die Mahlzeiten im Harrinson’schen Haushalt gab. Mr Harrison »aß eine Kleinigkeit«, wenn er hungrig war, und wenn John Henry gerade in der Nähe war, bekam er ebenfalls etwas zu essen, wenn nicht, musste er Mr Harrisons nächsten Hungeranfall abwarten. John Henry behauptete düster, er würde verhungern, würde er nicht sonntags nach Hause gehen und sich dort anständig satt essen und würde seine Mutter ihm nicht jeden Montagmorgen einen Korb mit »Fressalien« mitgeben.

Den Abwasch erledigte Mr Harrison stets erst dann, wenn ein regnerischer Sonntag war. Dann machte er sich ans Werk, spülte das gesamte Geschirr im Regenfass und ließ es zum Trocknen stehen. Obendrein war Mr Harrison »geizig«. Als er um einen Beitrag zu Pfarrer Allans Gehalt gebeten wurde, sagte er, er wolle zuerst abwarten und sehen, für wie viele Dollars er einen Gegenwert aus seinen Predigten herausbekäme - er kaufe keine Katze im Sack. Als Mrs Lynde ihn aufsuchte und um eine Spende für die Missionsarbeit bat - und um sich nebenbei im Haus umzusehen -, sagte er, unter den Klatschweibern von Avonlea gäbe es mehr Heiden als irgendwo sonst und er würde liebend gern eine Spende zu deren Christianisierung leisten, wenn sie das in Angriff nähme. Mrs Rachel machte sich davon und erzählte allen, was für ein Segen es sei, dass die arme Mrs Robert Bell im Grabe ruhte. Es hätte ihr das Herz gebrochen, wenn sie das Haus in dem Zustand gesehen hätte, wo es doch immer ihr ganzer Stolz gewesen sei.

»Da hat sie nun jeden zweiten Tag den Küchenfußboden geschrubbt«, sagte Mrs Lynde entrüstet zu Marilla Cuthbert, »und jetzt müsstest du ihn dir mal ansehen! Ich musste meinen Rock anheben, als ich durch die Küche ging.«

Zu allem Überfluss hielt Mr Harrison einen Papagei namens Ginger. Das hatte es in Avonlea noch nie gegeben. Wenn man John Henry Carter glauben konnte, dann hatte es noch nie auf der Welt einen so unflätigen Vogel gegeben. Er fluchte entsetzlich. Mrs Carter hätte John Henry sofort aus seiner Stellung genommen, hätte sie eine neue für ihn gewusst. Außerdem hatte Ginger John Henry in den Nacken gebissen, als der sich einmal zu dicht an den Käfig gebeugt hatte. Mrs Carter zeigte jedem die Narbe, wenn der unglückliche John Henry auf Sonntagsbesuch war.

All das schoss Anne durch den Kopf, als Mr Harrison sprachlos vor Zorn vor ihr stand. Selbst wenn er freundlich dreinsah, war Mr Harrison nicht gerade ein ansehnlicher Mensch; er war klein, dick und kahlköpfig. Aber jetzt, da sein rundes Gesicht rot vor Wut war und seine vorstehenden blauen Augen förmlich aus dem Kopf traten, fand Anne, dass er wirklich der hässlichste Mensch war, den sie je gesehen hatte. Plötzlich fand Mr Harrison die Sprache wieder.

»Das lasse ich mir nicht bieten«, stieß er hervor, »nicht einen Tag länger, haben Sie verstanden. Miss? Verdammt, dies ist das dritte Mal, Miss, das dritte Mal! Meine Geduld ist am Ende, Miss. Ich habe Ihre Tante das letzte Mal gewarnt. Dass mir das nicht wieder vorkommt, habe ich gesagt. Und sie lässt sie ... sie hat sie ... Wie stellt sie sich das vor, frage ich. Deswegen bin ich hier, Miss.«

»Würden Sie mir erklären, was Sie so ärgert?«, fragte Anne sehr würdevoll. Sie hatte das in letzter Zeit oft geübt, damit es klappte, wenn die Schule begann. Aber es beeindruckte den wütenden J. A. Harrison überhaupt nicht.

»Was mich ärgert? Das kann ich Ihnen sagen. Der Ärger ist, Miss, dass wieder diese Jerseykuh Ihrer Tante in meinem Hafer war, ist keine halbe Stunde her. Das dritte Mal, stellen Sie sich das vor. Sie war letzten Dienstag da drin und sie war gestern da drin. Ich war hier und hab Ihrer Tante gesagt, dass mir das nicht noch mal vorkommt. Und jetzt.. .Wo ist Ihre Tante, Miss? Ich will ihr nur gründlich meine Meinung sagen - J. A. Harrisons Meinung, Miss.«

»Wenn Sie Miss Manila Cuthbert meinen, sie ist nicht meine Tante und sie besucht eine entfernte Verwandte in East Grafton, die schwer krank ist«, sagte Anne und betonte jedes Wort mit noch größerer Würde. »Es tut mir Leid, wenn meine Kuh in Ihr Haferfeld eingebrochen ist. Es ist nämlich meine Kuh, nicht Miss Cuthberts. Matthew hat sie mir vor drei Jahren geschenkt, als sie noch ein kleines Kalb war. Er hat sie von Mr Bell gekauft.«

»Tut Ihnen Leid, Miss, tut Ihnen leid, das ändert gar nichts. Sie sollten sich besser die Verwüstung ansehen, die dieses Tier auf meinem Haferfeld angerichtet hat . . . von vorn bis hinten niedergetrampelt, Miss.«

»Es tut mir sehr Leid«, wiederholte Anne fest, »aber wenn Sie Ihre Zäune besser instand hielten, wäre Dolly vielleicht nicht eingebrochen. Es ist Ihr Zaun, der Ihr Haferfeld von unserer Weide trennt, und mir ist neulich aufgefallen, dass er nicht in allerbestem Zustand ist.«

»Mein Zaun ist in Ordnung«, fauchte Mr Harrison und wurde noch wütender, als er ohnehin schon war, da der Kriegsschauplatz auf sein Gebiet verlegt wurde. »Selbst ein Gefängniszaun könnte diesen Teufel von einer Kuh nicht aufhalten. Und das sage ich Ihnen, Sie ... Sie Karotte, wenn diese Kuh, wie Sie behaupten, Ihnen gehört, dann sollten Sie sich besser damit beschäftigen, die Kuh von anderer Leute Kornfeldern fern zu halten, statt herumzusitzen und gelb eingebundene Romane zu lesen«, sagte er mit einem scharfen Blick auf den unschuldig gelbfarbenen Vergil zu Annes Füßen.

Als Mr Harrison sie >Karotte< nannte und damit unwissentlich Annes empfindlichsten Punkt - ihre roten Haare - traf, sah Anne rot: »Lieber rote Haare als gar keine, mal abgesehen von den paar Strähnen über den Ohren«, funkelte sie ihn an.

Das saß, denn Mr Harrison war seinerseits ausgesprochen empfindlich, was seine Glatze betraf. Sein Zorn ließ ihn erneut verstummen. Er starrte Anne nur sprachlos an, die wieder die Fassung gewann und ihren Vorteil nutzte.

»Ich kann Ihnen verzeihen, Mr Harrison, weil ich mir gut vorstellen kann, wie schlimm es für Sie sein muss, in Ihrem Haferfeld eine Kuh zu entdecken. Ich werde keinen weiteren Groll gegen Sie hegen wegen dem, was Sie gesagt haben. Ich verspreche Ihnen, dass Dolly nie wieder in Ihr Haferfeld einbrechen wird. Da gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.«

»Wehe, wenn doch!«, war alles, was Mr Harrison angesichts dieser Rede noch zu sagen blieb. Zornig stampfte er davon. Anne hörte, wie er etwas vor sich hin brummte, bis er außer Hörweite war.

Furchtbar aufgeregt ging Anne über den Hof und sperrte die störrische Kuh in den Stall.

»Hier dürfte sie wohl kaum herauskommen, es sei denn, sie reißt die Bretter um«, überlegte sie. »Sie ist plötzlich so friedlich. Ich glaube, sie hat sich auf dem Haferfeld krank gefressen. Hätte ich sie nur letzte Woche an Mr Shearer verkauft, aber ich dachte, ich könnte ebenso gut bis zum Verkauf unseres Viehs warten und dann alle Tiere zusammen verkaufen. Ich glaube, es stimmt, Mr Harrison ist ein Kauz. Eine verwandte Seele jedenfalls ist er nicht.«

Anne hielt stets Ausschau nach verwandten Seelen.

Marilla Cuthbert fuhr gerade in den Hof, als Anne vom Stall zurückkam. Sie machte schnell Tee und besprach die Angelegenheit mit Marilla.

»Ich bin froh, wenn das Vieh endlich verkauft ist«, sagte Marilla. »Es bedeutet einfach zu viel Verantwortung. Vor allem, da wir nur den unzuverlässigen Martin haben, der sich darum kümmert. Wo steckt er überhaupt? Er hatte doch versprochen, er würde ganz bestimmt bis gestern Abend wieder da sein, wenn ich ihm den Tag frei gäbe, damit er zur Beerdigung seiner Tante gehen könnte. Weiß der Himmel, wie viele Tanten er hat. Das ist die vierte, die gestorben ist, seit er sich vor einem Jahr hier bei uns verdungen hat. Ich bin heilfroh, wenn die Ernte erst eingebracht ist und Mr Barry die Farm übernimmt. Wir müssen Dolly im Stall lassen, bis Martin kommt, denn sie muss auf die hintere Weide gebracht werden und da müssen erst die Zäune repariert werden. Wirklich, nichts als Ärger auf dieser Welt, wie Rachel immer sagt. Da muss diese arme Mary Keith sterben - und keine Ahnung, was jetzt aus ihren Kindern werden soll. Sie hat einen Bruder in British Columbia, dem sie wegen der Kinder geschrieben hat, aber bis jetzt hat sie noch nichts von ihm gehört.«

»Wie sehen die Kinder aus? Wie alt sind sie?«

»Über sechs - es sind Zwillinge.«

»Oh, Zwillinge haben mich schon immer interessiert, seit ich bei Mrs Hammond wohnte, die doch diese vielen Zwillinge hatte«, sagte Anne gespannt. »Sind sie hübsch?«

»Oje, schwer zu sagen, sie waren zu dreckig. Davy hatte draußen Matschkuchen gebacken und Dora sollte ihn hereinrufen. Davy hat sie mit dem Kopf voran in den größten Matschkuchen gestupst. Weil sie dann geweint hat, hat er sich auch darin herumgewälzt, um ihr zu zeigen, dass sie überhaupt keinen Grund zum Heulen hätte. Mary sagt, Dora wäre wirklich brav, aber Davy würde dauernd etwas aushecken. Er wurde eben nie richtig erzogen. Sein Vater starb, als Davy noch ein Baby war, und Mary war seit der Zeit fast ständig krank.«

»Mir tun Kinder, die nie richtig erzogen werden, immer Leid«, sagte Anne trocken. »Wie du weißt, erging es mir genauso, bis ich zu euch kam. Hoffentlich kümmert sich ihr Onkel um sie. Wie sind die Keiths eigentlich mit dir verwandt?«

»Mary? Gar nicht. Aber ihr Mann, er war ein Cousin dritten Grades. Da kommt Mrs Lynde über den Hof. Sie will sich bestimmt nach Mary erkundigen.«

»Erzähl ihr nichts von Mr Harrison und der Kuh«, flehte Anne.

Marilla versprach es, aber das Versprechen war überflüssig, denn Mrs Lynde saß noch nicht ganz, als sie schon sagte: »Als ich heute aus Carmody zurückkam, habe ich beobachtet, wie Mr Harrison deine Kuh von seinem Haferfeld verjagte. Er sah aus, als sei er wahnsinnig. Hat er großen Krach geschlagen?«

Anne und Marilla warfen einander heimlich ein amüsiertes Lächeln zu. Es gab nicht viel in Avonlea, was Mrs Lynde je entging. Erst am Morgen hatte Anne gesagt: »Und wenn man um Mitternacht in sein Zimmer geht, die Tür abschließt, den Rolladen herunterlässt und auch nur niest, Mrs Lynde würde einen am nächsten Tag fragen, was die Erkältung macht!«

»Ich glaube schon«, gestand Marilla. »Ich war nicht da. Er hat Anne die Leviten gelesen.«

»Er ist ein ausgesprochen unangenehmer Mensch«, sagt Anne und schüttelte ärgerlich ihren roten Haarschopf.

»Wie wahr«, sagte Mrs Rachel feierlich. »Ich wusste gleich, es würde Ärger geben, als Robert Bell die Farm an einen Menschen aus New Brunswick verkaufte, jawohl! Ich weiß nicht, wohin das mit Avonlea noch führen soll, all diese Fremden, die hier einfallen. Bald sind wir nicht mal mehr unserer eigenen Betten sicher.«

»Wieso, welche Fremden denn noch?«, fragte Marilla.

»Hast du das denn nicht gehört? Zum Beispiel diese Familie Donnell. Sie hat Peter Sloanes altes Haus gemietet. Peter hat den Mann angestellt, damit er seine Mühle betreibt. Sie stammen irgendwo aus dem Osten. Kein Mensch weiß etwas über sie. Dann zieht diese faule Timothy-Cotton-Familie aus White Sands hierher. Sie wird der Gemeinde nur zur Last fallen. Er ist krank - wenn er nicht sogar auch noch stiehlt - und seine Frau ist eine faule, verdrehte Person, die auch nicht einen Finger rührt. Sie wäscht das Geschirr im Sitzen. Und Mrs George Pye hat Anthony Pye, den verwaisten Neffen ihres Mannes, zu sich genommen. Er wird bei dir in die Schule gehen, Anne. Du kannst dich also auf Ärger gefasst machen, kann ich dir sagen. Und noch einen neuen Schüler wirst du bekommen. Paul Irving kommt aus den Staaten und wird bei seiner Großmutter wohnen. Du erinnerst dich doch an seinen Vater, Marilla - Stephen Irving, der Lavendar Lewis aus Grafton sitzen gelassen hat?«

»Er hat sie nicht sitzen gelassen. Sie haben sich zerstritten. Ich meine, beide trifft Schuld.«

»Jedenfalls hat er sie nicht geheiratet und seitdem ist sie sehr merkwürdig. Sie soll ganz allein in diesem kleinen Steinhaus leben, das sie Echo Lodge nennt. Stephen ist in die Staaten gegangen, in das Geschäft seines Onkels eingetreten und hat eine Yankee geheiratet. Er war seither nicht einmal wieder zu Hause, obwohl seine Mutter ihn ein-, zweimal besucht hat. Vor zwei Jahren ist seine Frau gestorben und er hat den Jungen zu seiner Mutter nach Hause geschickt. Der Junge ist zehn Jahre alt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein sehr angenehmer Schüler sein wird. Mit diesen Yankees ist das so eine Sache.«

Mrs Lynde sah mit einer entschiedenen Was-kann-schon-Gutes-von-woanders-herkommen-Miene auf alle Leute herab, die das Pech hatten, nicht auf Prince Edward Island geboren worden oder aufgewachsen zu sein. Es mochten vielleicht anständige Leute sein, gewiss, aber das zog man besser erst einmal in Zweifel. Ein besonderes Vorurteil hatte sie gegen »Yankees«. Ihr Mann war von seinem früheren Arbeitgeber in Boston einmal um zehn Dollar betrogen worden. Weder Engel noch Erzengel noch sonstige himmlische Mächte hätten Mrs Rachel davon überzeugen können, dass dafür nicht die gesamten Vereinigten Staaten verantwortlich waren.

»Die Schule von Avonlea wird wegen ihm keinen Schaden davontragen«, sagte Manila trocken. »Wenn der Junge auch nur ein bisschen seinem Vater nachschlägt, dann ist er ganz in Ordnung. Steve Irving war der netteste Junge weit und breit, auch wenn manche ihn für eingebildet hielten. Mrs Irving ist bestimmt sehr froh um den Jungen. Sie ist so allein, seit ihr Mann gestorben ist.«

»Oh, der Junge mag ja in Ordnung sein, aber er ist anders als die Kinder aus Avonlea«, sagte Mrs Rachel, so als wäre damit der Fall abgehakt. Mrs Rachels Aussagen über Leute, Orte und Dinge waren immer schnell erschöpft. »Was höre ich da, Anne, du willst einen Dorfverschönerungs-Verein gründen?«

»Ich habe nur mit ein paar Mädchen und Jungen im letzten Debattierclub darüber gesprochen«, sagte Anne und wurde rot. »Sie fanden die Idee ganz gut - und Mr und Mrs Allan auch. Es gibt solche Vereine jetzt in vielen Orten.«

»Du handelst dir damit nur endlos Ärger ein. Lass es lieber, Anne, das sage ich. Die Leute wollen das nicht.«

»Es geht doch nicht um die Leute, sondern um Avonlea. Man könnte einiges tun, um es zu verschönern. Wenn wir zum Beispiel Mr Levi Boulter dazu überreden könnten, dieses hässliche alte Haus auf seiner oberen Farm abzureißen - wäre das etwa keine Verschönerung?«

»Natürlich wäre es das«, räumte Mrs Rachel ein. »Diese alte Ruine ist allen schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Aber das will ich sehen, wie ihr Levi Boulter zu irgendetwas, das der Allgemeinheit dient und wofür er nicht bezahlt wird, bewegen könnt. Nicht dass ich dich entmutigen will, Anne, vielleicht ist ja was dran an deiner Idee. Aber ich nehme an, dass du das aus irgendeiner albernen Yankee-Zeitschrift hast. Du hast doch alle Hände voll zu tun mit der Schule. Lass es dir von einer Freundin geraten sein und plage dich nicht mit diesen Dingen herum. Ach, na ja, wenn du dir einmal etwas in den Kopf gesetzt hast, tust du es ja doch. So warst du schon immer.«

Ein entschlossener Zug um Annes Lippen zeugte davon, dass Mrs Rachel in dieser Einschätzung nicht so falsch lag. Anne war ganz und gar davon beseelt, den Dorfverschönerungs-Verein zu gründen. Gilbert Blythe, der in White Sands unterrichtete, aber jeden Freitagabend bis Montagmorgen zu Hause war, war begeistert von der Idee. Die meisten jungen Leute waren bereit, bei allem, was gelegentliche Treffen und also »Spaß« bedeutete, mitzumachen. Worin genau die »Verschönerungen« bestehen sollten, war niemandem so recht klar, außer Anne und Gilbert. Sie hatten darüber gebrütet und Pläne geschmiedet, bis in ihren Köpfen ein vollkommenes Avonlea existierte. Mrs Rachel wusste noch eine Neuigkeit zu berichten. »An der Schule in Carmody wird eine Priscilla Grant unterrichten. Bist du nicht in Queen’s mit ihr auf die Schule gegangen, Anne?«

»Ja, sicher. Priscilla an der Schule von Carmody! Wie wunderbar!«, rief Anne, deren graugrüne Augen aufleuchteten, dass sie aussahen wie Abendsterne, was Mrs Lynde dazu veranlasste, sich wieder einmal zu fragen, ob sie die Frage, ob Anne Shirley nun hübsch war oder nicht, je zu ihrer Zufriedenheit lösen würde.

02 - Schnell verkauft, lang gereut

Anne fuhr am folgenden Nachmittag zusammen mit Diana Barry zu einem Einkaufsbummel nach Carmody. Diana würde natürlich auch im Dorfverschönerungs-Verein mitmachen und die beiden sprachen den ganzen Weg nach Carmody und zurück kaum über etwas anderes.

»Als Allererstes sollten wir den Saal streichen«, sagte Diana, als sie am Gemeindesaal von Avonlea vorbeifuhren. Es war ein ziemlich schäbiges Gebäude mitten in einer bewaldeten Senke, das von allen Seiten von Fichten verdeckt wurde. »Es ist ein Schandfleck. Wir müssen es in Angriff nehmen, bevor wir Mr Levi Boulter zu überzeugen versuchen, sein Haus abzureißen. Vater sagt, das würde uns nie gelingen. Levi Boulter sei zu knauserig, um dafür seine Zeit zu verschwenden.«

»Vielleicht lässt er es die Jungen machen, wenn sie versprechen, die Balken hinunterzubefördern und Kleinholz für ihn daraus zu machen«, sagte Anne hoffnungsvoll. »Wir müssen alles Menschenmögliche tun und uns damit abfinden, dass es anfangs langsam vorangeht. Wir können nicht alles auf einmal erreichen. Wir müssen eben zuerst das öffentliche Interesse dafür wecken.«

Diana war nicht ganz klar, was »öffentliches Interesse« bedeutete. Aber es klang gut und sie war mächtig stolz darauf, einem Verein, der ein solches Ziel im Auge hatte, anzugehören.

»Gestern Abend ist mir noch eine Idee gekommen, Anne. Du kennst doch dieses dreieckige Stück Land, wo die Straßen von Carmody, Newbridge und White Sands aneinander stoßen? Es ist ganz mit jungen Fichten bewachsen. Aber wie wäre es, wenn man die Fichten entfernen und nur ein paar Birken stehen lassen würde?«

»Eine glänzende Idee«, stimmte Anne begeistert zu. »Unter die Birken stellen wir eine rustikale Holzbank. Und im Frühjahr legen wir in der Mitte ein Geranienbeet an!«

»Ja, wir müssen nur Mrs Hirma Sloane dazu bringen, dass sie ihre Kuh von dort fern hält, sonst frisst sie noch unsere Geranien«, lachte Diana. »Mir dämmert allmählich, was du mit >das öffentliche Interesse wecken< meinst, Anne. Nämlich zum Beispiel dieses verfallene Haus der Boulters. Hat man je so ein hässliches Gemäuer gesehen? Und steht auch noch direkt an der Straße! Ein altes Haus ohne ein heiles Fenster erinnert mich immer an einen Toten, dem die Augen ausgepickt wurden.«

»Ein altes leer stehendes Haus ist einfach ein trauriger Anblick«, sagte Anne verträumt. »Mir kommt es vor, als dächte es über die Vergangenheit nach und trauerte den schönen alten Zeiten nach. Marilla sagt, vor langer Zeit hätte in dem Haus eine große Familie gelebt. Es wäre wirklich schön gewesen, mit einem netten Garten und ganz bewachsen mit Rosen, ln dem Haus wohnten viele kleine Kinder, es war von Lachen und Singen erfüllt. Jetzt steht es verlassen da, niemand außer dem Wind streift noch darin herum. Wie einsam und traurig es sich fühlen muss! Vielleicht kehren sie alle in mondhellen Nächten zurück - die Geister der kleinen Kinder aus uralten Zeiten, die Rosen und die Lieder. Und für eine kleine Weile kann das alte Haus träumen, es wäre wieder jung und von Freude erfüllt.«

Diana schüttelte den Kopf.

»Ich stelle mir nie so etwas vor, Anne. Erinnerst du dich nicht mehr, wie ärgerlich meine Mutter und Marilla waren, als wir uns einbildeten, im Geisterwald hausten Gespenster? Bis heute traue ich mich in der Dunkelheit nicht mehr durch diesen Wald. Und wenn ich anfinge, mir beim alten Boulter-Haus so was vorzustellen, würde ich mich daran auch nicht mehr vorbeitrauen. Außerdem sind die Kinder nicht tot. Sie sind längst erwachsen und bester Dinge. Eins der Kinder ist Metzger. Und Blumen und Lieder haben sowieso keine Geister.« Anne unterdrückte einen kleinen Seufzer. Sie hatte Diana wirklich gern, sie waren immer gute Freundinnen gewesen. Aber ihre Wanderungen ins Reich der Phantasie musste sie allein antreten. Der Weg dorthin führte über einen verwunschenen Pfad, wohin nicht einmal ihre liebste Freundin ihr zu folgen vermochte.

Während sie in Carmody waren, ging ein Gewitterschauer nieder. Doch er hielt nicht lange an und der Rückweg war herrlich. Er führte über Feldwege, an denen Regentropfen glitzerten, und durch kleine von Bäumen bestandene Senken, wo nasser Farn einen würzigen Duft verströmte. Aber gerade als sie in den Weg zur Cuthbert-Farm einbogen, sah Anne etwas, das dem Ganzen jede Schönheit nahm. Rechts von ihnen stand nass vom Regen Mr Harrisons prächtig gedeihender, reifer Hafer. Und mitten im weitläufigen graugrünen Feld stand - eine Kuh. Sie steckte bis zu den glänzenden Flanken im üppigen Wuchs, wedelte mit der Quaste und blinzelte sie seelenruhig an. Anne ließ die Zügel fallen, sprang auf und kniff die Lippen zusammen, was nichts Gutes ahnen ließ für den plündernden Vierbeiner.

Sie sagte nichts, aber sie kletterte pfeilschnell am Rad hinunter und huschte über den Zaun, noch ehe Diana begriff, was los war.

»Anne, komm zurück!«, schrie Diana gellend, als sie die Sprache wieder gefunden hatte. »Du ruinierst dein Kleid . ..«

»Sie hört mich nicht!« dachte Diana verzweifelt. »Allein kriegt sie die Kuh nie und nimmer da raus. Ich muss ihr helfen!«

Anne stürmte durch das Korn wie eine Verrückte. Diana hüpfte flink hinunter, band das Pferd an einen Pflock, schlug den Rock ihres hübschen Baumwollkleides über die Schultern, kletterte über den Zaun und nahm die Verfolgung ihrer wild gewordenen Freundin auf. Sie war schneller als Anne, die von dem am Körper klebenden, völlig durchnässten Rock behindert wurde. Bald überholte Diana sie. Sie hinterließen eine Spur, deren Anblick Mr Harrison das Herz gebrochen hätte.

»Anne, um Himmels willen, bleib stehen«, keuchte die arme Diana. »Ich bin völlig außer Atem und du bist nass bis auf die Haut.«

»Ich . . . muss . . . diese . . . Kuh . . . hier . . . herausschaffen . . . ehe ... Mr Harrison ... sie entdeckt«, sagte Anne nach Luft ringend. »Und . .. wenn ich . . . hier ertrinke . . . Wir. . . müssen ... es schaffen.«

Aber die Kuh schien nicht einzusehen, warum sie sich von ihrem köstlichen Futter vertreiben lassen sollte. Kaum hatten sich die beiden ihr völlig außer Atem genähert, drehte sie sich um und stob geradewegs zur anderen Seite des Feldes.

»Verjagt sie«, schrie Anne. »Renn, Diana, renn.«

Diana rannte los. Anne ebenfalls und die aufgestöberte Kuh rannte wie besessen über das Feld. »So was Störrisches«, dachte Diana. Es dauerte geschlagene zehn Minuten, ehe sie sie durch die Zaunöffnung an der Ecke vom Feld gejagt und auf den Weg zur Cuthbert-Farm getrieben hatten.

Anne war in diesem Augenblick unleugbar alles andere als in engelsgleicher Gemütsverfassung. Auch besänftigte es sie nicht im Mindesten, als sie in einem Einspänner direkt neben dem Weg breit grinsend Mr Shearer und seinen Sohn aus Carmody erblickte.

»Du hättest mir wohl besser die Kuh da schon letzte Woche verkauft, Anne«, lachte Mr Shearer.

»Wenn Sie wollen, verkaufe ich sie Ihnen jetzt«, sagte Anne, puterrot und völlig zerzaust. »Sie können sie auf der Stelle haben.«

»Einverstanden. Ich zahle zwanzig Dollar, so viel wie ich dir neulich schon geboten habe. Jim kann sie gleich nach Carmody treiben. Sie wird noch heute Abend mit den anderen verladen und in die Stadt gebracht. Mr Reed aus Brighton will eine Jerseykuh.«

Fünf Minuten später trabten Jim Shearer und die Kuh den Weg hinunter. Anne fuhr mit ihren zwanzig Dollar Richtung Green Gables. »Was wird Marilla dazu sagen?«, fragte Diana.

»Oh, nichts. Dolly gehörte mir. Bei unserem Viehverkauf würde sie auch nicht mehr als zwanzig Dollar bringen. Aber, ach du lieber Himmel, wenn Mr Harrison sich den Hafer ansieht, wird er merken, dass sie schon wieder drin war. Dabei hab ich ihm mein Ehrenwort gegeben, dass es nicht wieder vorkommt. Na ja, jedenfalls weiß ich jetzt, dass man, was Kühe angeht, kein Ehrenwort geben sollte. Einer Kuh, die über Zäune springt und aus dem Stall ausbricht, kann man nie trauen.«

Marilla war zu Mrs Lynde gegangen. Als sie zurückkam, wusste sie alles über den Verkauf der Kuh, denn Mrs Lynde hatte von ihrem Fenster aus so gut wie alles mitbekommen und sich den Rest zusammengereimt.

»Es ist schon in Ordnung, obwohl du die Dinge immer viel zu sehr überstürzt, Anne. Ich verstehe aber immer noch nicht, wie sie aus dem Stall herausgekommen ist. Sie muss ein paar Bretter heruntergerissen haben.«

»Ich habe noch nicht nachgesehen«, sagte Anne. »Aber das mache ich jetzt. Martin ist immer noch nicht wieder da. Vielleicht sind noch ein paar von seinen Tanten gestorben. Ich glaube, es ist so ähnlich wie mit Peter Sloane und seinen Methusalems. Neulich abends las Mrs Sloane die Zeitung und sagte zu ihrem Mann: >Schon wieder ist einer so alt wie Methusalem gestorben. Was ist ein Methusalem, Peter?< Und Mr Sloane sagte, er wüsste es auch nicht, aber es müssten kränkliche Geschöpfe sein. Man wüsste zwar nichts von ihnen, doch sterben täten sie. So ähnlich muss das auch mit Martins Tanten sein.«

»Martin ist eben genau wie all diese Franzosen«, sagte Marilla voller Empörung. »Man kann sich nicht einen Tag auf sie verlassen.«

Marilla besah sich gerade die Einkäufe, die Anne in Carmody getätigt hatte, als sie plötzlich einen gellenden Schrei vernahm. Gleich darauf kam Anne händeringend in die Küche geschossen.

»Anne Shirley, was ist jetzt wieder los?«

»Oh, Marilla, was soll ich nur tun? Es ist schrecklich. Und es ist alles nur meine Schuld. Werde ich jemals lernen erst nachzudenken, statt immer so leichtsinnig zu sein? Mrs Lynde hat schon immer gesagt, eines Tages würde ich noch etwas Schlimmes anstellen und jetzt ist es passiert!«

»Anne, du bist wirklich zum Verzweifeln. Was ist denn passiert?«

»Ich habe Mr Harrisons Kuh - die er von Mr Bell gekauft hat - an Mr Shearer verkauft! Dolly steht drüben im Stall!«

»Anne Shirley, träumst du?«

»Ach, wenn ich nur träumen würde ... Es ist kein Traum, höchstens ein Albtraum. Mr Harrisons Kuh ist inzwischen längst in Charlottetown. Oh, Marilla, ich hatte gedacht, ich würde nie wieder so in die Tinte geraten und jetzt ist es schlimmer denn je. Was soll ich nur tun?«

»Tun? Du kannst nichts tun, Kind, außer zu Mr Harrison zu gehen und die Angelegenheit zu regeln. Wir können ihm als Ersatz unsere Kuh anbieten, falls er das Geld nicht will. Unsere Kuh ist genauso gut wie seine.«

»Er ist bestimmt furchtbar wütend und wird eklig«, jammerte Anne. »Das denke ich auch. Er scheint sowieso zu der leicht reizbaren Sorte Mensch zu zählen. Wenn du möchtest, gehe ich und erkläre es ihm.«

»Nein, das tust du nicht, so schäbig bin ich auch wieder nicht«, rief Anne. »Es ist allein meine Schuld und ich will nicht, dass du dafür bestraft wirst. Ich gehe selbst und zwar jetzt gleich. Je eher es vorbei ist, umso besser. Aber es wird entsetzlich werden.«

Die arme Anne nahm ihren Hut und ihre zwanzig Dollar. Sie war schon im Hinausgehen, als ihr Blick zufällig durch die offene Speisekammer fiel. Auf dem Tisch stand der Nusskuchen, den sie am Morgen gebacken hatte — ein besonders schmackhafter Kuchen, mit einer rosa Zuckerglasur überzogen und verziert mit Mandeln. Anne hatte ihn eigentlich für Freitagabend gebacken, wenn sich die Jugendlichen von Avonlea auf Green Gables treffen würden, um den Dorfverschönerungs-Verein auf die Beine zu stellen. Aber was galten sie, verglichen mit dem schwer gekränkten Mr Harrison? Anne dachte, dass der Kuchen das Herz eines jeden Mannes erweichen würde, vor allem aber das eines Mannes, der selbst für sich kochen musste. Flink schob sie den Kuchen in eine Schachtel. Sie würde ihn als ein Friedensangebot mit zu Mr Harrison nehmen.

»Das heißt, falls er mich überhaupt zu Wort kommen lässt«, dachte sie kläglich, als sie über den Heckenzaun kletterte und eine Abkürzung über die Felder nahm, die golden im Licht des traumhaften Augustabends dalagen. »Jetzt weiß ich, wie jemandem zumute ist, der zur Hinrichtung geführt wird.«

03 - Der Besuch bei Mr Harrison

Mr Harrisons Haus war ein altmodisches, weiß gestrichenes Gebäude mit tief herabgezogenen Dachrinnen, dahinter lag ein dichtes Tannenwäldchen.

Mr Harrison saß in Hemdsärmeln auf der mit Weinreben umrankten Veranda und rauchte genüsslich seine abendliche Pfeife. Als ihm klar wurde, wer da den Weg heraufkam, sprang er sofort auf, stürzte ins Haus und schloss die Tür zu. Zum einen war er überrascht, zugleich aber schämte er sich auch in Grund und Boden über seinen Ausbruch am Vortag. Anne jedoch raubte sein Verhalten fast das letzte Quentchen Mut.

»Wenn er jetzt schon so wütend ist, wie erst dann, wenn er erfährt, was ich getan habe«, dachte sie kläglich, als sie anklopfte.

Aber Mr Harrison öffnete verlegen grinsend die Tür und bat sie in einem sanften und freundlichen, ja fast nervösen Ton herein. Er hatte seine Pfeife beiseite gelegt und seine Jacke angezogen. Ausgesprochen höflich bot er Anne einen sehr staubigen Stuhl an. Der Empfang war soweit durchaus nett, wäre da nicht dieser schwatzhafte Papagei gewesen, der mit seinem bösen, giftigen Augen durch die Stäbe des Käfigs äugte. Kaum hatte Anne sich gesetzt, als Ginger zu krächzen begann: »Karotte, Karotte, Karotte . ..«

Es war schwer zu sagen, wessen Gesicht röter war, Mr Harrisons oder Annes.

»Beachten Sie den Papagei einfach nicht«, sagte Mr Harrison, als er seine Sprache wieder gefunden hatte, wobei er einen wütenden Blick auf Ginger machte. »Er... er schwatzt nur dummes Zeug. Ich habe ihn von meinem Bruder bekommen, der Seemann war. Seeleute bedienen sich nicht immer der gewähltesten Sprache und Papageien plappern nun mal alles nach.«

»Das stimmt«, sagte Anne und verbarg, wie betroffen sie war. So wie die Dinge lagen, konnte sie es sich nicht leisten, Mr Harrison barsch anzufahren. Wenn man gerade die Kuh von jemandem ohne dessen Wissen oder Zustimmung verkauft hatte, dann durfte man sich nichts daraus machen, wenn dessen Papagei wenig schmeichelhafte Dinge daherplapperte. Trotzdem, die »Karotte« war nicht ganz so sanftmütig, wie sie es sonst vielleicht gewesen wäre.

»Ich muss Ihnen etwas beichten, Mr Harrison«, sagte sie daher beherzt. »Es ... es dreht sich um . . . die Kuh.«

»Du meine Güte«, rief Mr Harrison aufgebracht, »ist sie etwa schon wieder in meinem Hafer? Ach was, machen Sie sich nichts draus . . . und wenn es so ist. Es macht nichts ... macht gar nichts. Ich . . . ich war gestern viel zu unbesonnen. Machen Sie sich nichts draus.«

»Wenn es nur das wäre«, seufzte Anne. »Aber es ist zehnmal schlimmer. Ich ...«

»Du meine Güte, soll das heißen, sie ist in meinem Weizen?«

»Nein, nein... nicht im Weizen. Aber...«

»Also im Kohl! Sie ist in dem Kohl, den ich für die Ausstellung gezogen habe, he?«

»Nein, Mr Harrison. Ich will Ihnen alles der Reihe nach erzählen. Darum bin ich hier — aber bitte unterbrechen Sie mich nicht. Das macht mich schrecklich nervös. Lassen Sie mich die ganze Sache erzählen und sagen Sie nichts, bis ich fertig bin - dann werden Sie nämlich eine Menge zu sagen haben«, schloss Anne, sagte das Letzte aber nicht laut.

»Ich sage kein Wort mehr«, sagte Mr Harrison. Daran hielt er sich tatsächlich. Aber Ginger hielt sich an kein Schweigegebot und krächzte in Abständen immer wieder »Karotte«, was Anne ganz rasend machte, aber sie hatte sich nun wieder soweit gefangen, dass sie ihre Beichte beginnen konnte.

»Ich habe gestern meine Kuh in den Stall eingesperrt. Heute Morgen bin ich nach Carmody gefahren. Als ich zurückkam, war eine Kuh in Ihrem Hafer. Diana und ich haben sie daraus verjagt. Sie machen sich kein Bild, wie schwierig das war. Ich war ganz durchgenässt, erschöpft und wütend - und eben da tauchte Mr Shearer auf und bot an, die Kuh zu kaufen. Ich habe sie ihm auf der Stelle für zwanzig Dollar verkauft. Das war ein Fehler. Ich hätte damit warten und zuerst Marilla um Rat fragen sollen. Aber ich habe nun mal die schreckliche Veranlagung, dass ich Sachen tue, ohne vorher zu überlegen - jeder, der mich kennt, kann Ihnen das bestätigen. Mr Shearer hat die Kuh gleich mitgenommen, um sie mit dem Nachmittagszug verladen zu lassen.«

»Karotte!«, plärrte Ginger in einem Ton höchster Verachtung.

Da stand Mr Harrison auf, trug mit einem Ausdruck, der jeden anderen Vogel in Schrecken versetzt hätte, den Käfig samt Ginger in ein angrenzendes Zimmer und schloss die Tür. Ginger kreischte, fluchte und führte sich auf, wie es seinem Ruf entsprach, doch einmal allein gelassen, verfiel er in dumpfes Schweigen.

»Entschuldigen Sie, erzählen Sie weiter«, sagte Mr Harrison und setzte sich wieder. »Mein Bruder, der Seemann, hat dem Vogel einfach keine Manieren beigebracht.«

»Ich fuhr also nach Hause. Nach dem Tee bin ich in den Stall gegangen. Mr Harrison«, Anne beugte sich vor und faltete in der ihr eigenen kindlichen Manier die Hände, während sie mit ihren großen graugrünen Augen flehentlich Mr Harrison bestürztes Gesicht anstarrte, »meine Kuh war im Stall. Ich habe Mr Shearer Ihre Kuh verkauft.«

»Du meine Güte«, stieß Mr Harrison, blank erstaunt über diesen unvorhergesehenen Schluss, hervor. »Wie außergewöhnlich!«

»Es ist überhaupt nicht außergewöhnlich, dass ich andere Leute und mich in Verlegenheit bringe«, sagte Anne traurig. »Ich bin dafür bekannt. Vielleicht hatten Sie gedacht, ich wäre aus dem Alter heraus - im März werde ich siebzehn aber es scheint nicht so. Mr Harrison, werden Sie mir verzeihen? Ich fürchte, es ist zu spät, Ihre Kuh noch zurückzubekommen. Aber hier ist das Geld oder Sie können als Ersatz meine haben, wenn Ihnen das lieber ist. Es ist eine wirklich gute Kuh. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Leid es mir tut.«

»Unsinn«, sagte Mr Harrison lebhaft, »kein Wort will ich mehr davon hören, Miss. Es ist nicht weiter schlimm, wirklich nicht. So was kann Vorkommen. Ich bin selbst manchmal zu unbesonnen, Miss, viel zu unbesonnen. Aber ich sage einfach, was ich denke, so bin ich nun mal. Wenn diese Kuh jetzt tatsächlich in meinem Kohl gewesen wäre ... Aber machen Sie sich keine Gedanken, sie war nicht drin, also ist alles in Ordnung. Ich glaube, ich nehme lieber Ihre Kuh, wo Sie sie ja sowieso loswerden wollen.«

»Oh, vielen Dank, Mr Harrison. Ich bin so froh, dass Sie sich nicht ärgern. Das hatte ich nämlich befürchtet.«

»Und Sie hatten eine panische Angst davor, es mir zu erzählen, nach dem Theater, das ich gestern veranstaltet habe, nicht wahr? Aber Sie müssen sich nichts weiter daraus machen, ich rede einfach frei von der Leber weg. Ich sage, wie es ist, auch wenn es einen manchmal etwas hart ankommt.«

»Genau wie Mrs Lynde«, rutschte es Anne heraus.

»Wie wer? Mrs Lynde? Sagen Sie nicht, ich wäre wie diese alte Klatschbase«, sagte Mr Harrison ärgerlich. »Bin ich nicht, nicht die Spur. Was haben Sie da in der Schachtel?«

»Einen Kuchen«, sagte Anne schelmisch. Vor Erleichterung über Mr Harrisons unerwartete Liebenswürdigkeit hob sich ihre Stimmung, schwebte förmlich wie eine Feder in die Höhe. »Er ist für Sie. Ich dachte, bei Ihnen gäbe es vielleicht nicht so oft Kuchen.«

»Das stimmt allerdings, dabei bin ich ganz versessen auf Kuchen. Ich danke Ihnen vielmals. Oben sieht er gut aus. Hoffentlich ist er durch und durch gut.«

»Und ob«, sagte Anne fröhlich und überzeugt. »Ich habe schon Kuchen gebacken, von denen man das nicht behaupten konnte. Mrs Allan könnte das bestätigen, aber der hier ist lecker. Ich hatte ihn für den Dorfverschönerungs-Verein gebacken, aber ich kann noch einen machen.«

»Wissen Sie was, Miss, wir essen ihn zusammen. Ich setz den Kessel auf und wir trinken eine Tasse Tee. Wie wäre das?«

»Darf ich den Tee kochen?«, fragte Anne zweifelnd.

Mr Harrison lachte.

»Ich sehe, Sie trauen meinen Teekochkünsten nicht. Sie irren sich, ich würde Ihnen den besten Tee kochen, den Sie je getrunken haben. Aber machen Sie nur. Zum Glück hat es letzten Sonntag geregnet, also ist noch genügend sauberes Geschirr da.«

Anne sprang flink auf und machte sich an die Arbeit. Sie spülte die Teekanne mehrere Male, ehe sie den Tee aufbrühte. Dann wischte sie den Herd ab und deckte den Tisch mit Geschirr, das sie aus der Speisekammer holte. Anne war hell entsetzt über den Zustand der Speisekammer, verlor aber klugerweise kein Wort darüber. Mr Harrison sagte ihr, wo Brot, Butter und eine Dose mit Pfirsichen zu finden waren. Sie stellte einen Strauß Blumen aus dem Garten auf den Tisch und übersah geflissentlich die Flecken auf der Tischdecke. Der Tee war schnell gekocht und Anne saß schließlich Mr Harrison gegenüber, goss ihm Tee ein und plauderte zwanglos mit ihm über die Schule, ihre Freunde und Pläne. Sie konnte es selbst kaum fassen. Mr Harrison hatte Ginger wieder hereingeholt, weil er meinte, der arme Vogel würde sich einsam und verlassen fühlen. Anne, die allen und jedem vergeben konnte, bot ihm eine Walnuss an. Aber Ginger war schwer gekränkt und lehnte jedes Freundschaftsangebot ab. Er hockte verstimmt auf seiner Stange und plusterte die Federn auf, bis er wie eine grüngelbe Kugel aussah.

»Warum nennen Sie ihn Ginger?«, fragte Anne, der treffende Namen gefielen. Aber sie fand, dass Ginger - Ingwer - ganz und gar nicht zu einem so prächtigen Federkleid passte.

»Mein Bruder, der Seemann, hat ihm den Namen gegeben. Ich hänge an diesem Vogel - Sie glauben gar nicht, wie sehr. Natürlich hat er seine Fehler. Ich habe mir seinetwegen schon jede Menge Ärger eingehandelt. Manchen gefällt sein Gefluche nicht, aber er lässt es sich nicht austreiben. Ich habe es versucht, andere haben es versucht. Manche können Papageien nicht ausstehen, albern, nicht wahr? Ich mag Papageien. Ginger leistet mir Gesellschaft. Nichts könnte mich dazu bewegen, diesen Vogel aufzugeben - nichts auf der Welt, Miss.«

Mr Harrison schleuderte Anne diesen Satz regelrecht an den Kopf, so als verdächtige er sie, sie wolle ihn insgeheim dazu bewegen, Ginger aufzugeben. Anne jedoch fand allmählich Gefallen an dem eigensinnigen, kribbeligen Mann, der so viel Getöse machte. Noch ehe sie den Tee ausgetrunken hatten, waren sie gute Freunde. Mr Harrison erkundigte sich nach dem Dorfverschönerungs-Verein und fand den Plan gut.

»Das ist gut. Treiben Sie die Sache voran. Hier gäbe es noch einiges zu verbessern ... bei den Leuten selbst auch.«

»Oh, ich weiß nicht«, sagte Anne schnell. Sich selbst oder ihren allerbesten alten Freunden hätte sie durchaus eingestanden, dass es den einen oder anderen - leicht zu behebenden - Mangel gab, in Avonlea wie auch bei seinen Bewohnern. Aber es sich von jemand sagen lassen zu müssen, der praktisch fremd war, das war etwas völlig anderes. »Ich finde, Avonlea ist ein reizender Ort und seine Bewohner auch.«

»Ich denke, das war wohl nur ein Anflug von Nettigkeit«, bemerkte Mr Harrison und musterte ihre roten Wangen und empört blickenden Augen. »Es muss mit Ihrer Haarfarbe zu tun haben. Avonlea ist ein anständiger Ort, sonst hätte ich mich nicht hier niedergelassen. Aber Sie werden doch wohl zugeben, dass er ein paar Mängel hat?«

»Deshalb gefällt er mir nur umso besser«, sagte Anne, treu wie sie war. »Ich mag weder Orte noch Menschen, die keine Mängel haben. Ein vollkommener Mensch wäre einfach uninteressant. Mrs Milton White sagt, sie hätte noch keinen vollkommenen Menschen kennen gelernt, aber hinlänglich von einem gehört - nämlich der ersten Frau ihres Mannes. Meinen Sie nicht auch, dass es sehr unerfreulich sein muss, mit einem Mann verheiratet zu sein, dessen erste Frau vollkommen war?«

»Noch unerfreulicher wäre es, mit der vollkommenen Frau verheiratet zu sein«, erklärte Mr Harrison unvermittelt und in einem unerklärlich eifrigen Ton.

Als sie mit dem Tee fertig waren, bestand Anne darauf abzuwaschen, obwohl Mr Harrison ihr versicherte, es wäre noch für Wochen genügend Geschirr da. Am liebsten hätte sie auch den Flur gefegt, aber da war weit und breit kein Besen zu sehen und danach fragen mochte sie nicht aus Angst, dass vielleicht gar keiner im Haus war.

»Sie können mich ja ab und zu besuchen kommen«, schlug Mr Harrison vor, als sie aufbrach. »Ist ja nicht weit und als Nachbarn sollte man gut miteinander auskommen. Ich bin irgendwie auch an Ihrem Verein da interessiert. Könnte ja noch ganz heiter werden. Wen wollen Sie sich als Erstes vornehmen?«

»Wir wollen uns nicht mit Leuten befassen, sondern mit dem Ort«, sagte Anne würdevoll. Halb vermutete sie schon, Mr Harrison wollte sich über das Projekt lustig machen.

Als sie sich auf den Weg gemacht hatte, sah Mr Harrison ihr vom Fenster aus nach, wie sie beschwingt im Abendrot über die Felder dahinhüpfte.

»Ich bin ein mürrischer, griesgrämiger, einsamer alter Knabe«, sagte er laut. »Aber das junge Mädchen hat etwas an sich, dass ich mich wieder jung fühle — und das ist ein so angenehmes Gefühl, dass ich es ab und zu gern wieder spüren möchte.«

»Karotte!«, krächzte Ginger spöttisch.

Mr Harrison drohte dem Papagei mit der Faust.

»Du ordinäres Vieh«, brummte er, »ich wünschte fast, ich hätte dir den Hals umgedreht, als mein Bruder dich anschleppte. Musst du mich immer in Verlegenheit bringen?«

Anne lief vergnügt nach Hause und berichtete Marilla von ihrem Erlebnis, die sich ziemliche Sorgen gemacht hatte, weil Anne so lange ausblieb. Sie hatte sich schon auf die Suche nach ihr machen wollen. »Es gibt also doch noch anständige Leute auf dieser Welt, nicht wahr, Marilla?«, beendete Anne glücklich ihren Bericht. »Mrs Lynde hat neulich gejammert, damit wäre es nicht weit her. Sie sagte, immer wenn man sich auf etwas Schönes freue, würde man sowieso enttäuscht, nichts würde den Erwartungen standhalten. Hm, vielleicht hat sie Recht. Aber es gibt auch gute Seiten. Die schlechten Dinge entsprechen auch nicht immer den Erwartungen. Sie erweisen sich meist als weniger schlimm, als man angenommen hat. Ich hatte mich auf eine furchtbar unangenehme Sache eingestellt, als ich mich auf den Weg zu Mr Harrison machte. Dabei war er ganz freundlich, es war fast richtig nett. Ich glaube, wir werden gute Freunde, wenn wir einander etwas entgegenkommen, und alles hat sich zum Besten gekehrt. Aber trotzdem, Marilla, bestimmt werde ich nie wieder eine Kuh verkaufen, bevor ich nicht weiß, wem sie gehört. Und Papageien kann ich doch nicht ausstehen.«

04 - Meinungsverschiedenheiten

Eines Abends bei Sonnenuntergang hielten sich Jane Andrews, Gilbert Blythe und Anne Shirley an einer Hecke im Schatten eines sanft hin und her schwankenden Zweigs einer Fichte auf, wo ein Hohlweg, der so genannte Birkenpfad, zur Hauptstraße führte. Jane hatte den Nachmittag zusammen mit Anne verbracht, die sie ein Stück nach Hause begleitete. Bei der Hecke waren sie auf Gilbert gestoßen. Sie unterhielten sich über den schicksalhaften folgenden Tag. Denn das war der erste September, der Tag, an dem die Schule begann. Jane würde in Newbridge unterrichten, Gilbert in White Sands.

»Ihr seid beide besser dran als ich«, seufzte Anne. »Ihr unterrichtet Kinder, die euch nicht kennen. Ich dagegen muss meine eigenen Schulkameraden unterrichten. Mrs Lynde befürchtet, sie würden mir nicht so viel Respekt erweisen wie einer Fremden, wenn ich nicht von Anfang an hart durchgreife. Aber ich finde das nicht gut. Oh, diese Verantwortung!«

»Wir werden es schon schaffen!«, sagte Jane aufmunternd. Jane schien keine Selbstzweifel zu kennen. Sie wollte rechtschaffen ihr Geld verdienen, ihren Schülern gefallen und sich einen guten Namen auf der Schulinspektor-Ehrenliste machen. Andere Ambitionen hatte Jane nicht. »Hauptsache, man sorgt für Ruhe und Ordnung und dazu muss ein Lehrer schon ein wenig Durchsetzungsvermögen zeigen. Wenn meine Schüler nicht tun, was ich ihnen auftrage, werde ich sie bestrafen.«

»Wie denn?«

»Ihnen eine gehörige Tracht Prügel geben, was sonst?«

»Oh, Jane, das würdest du nicht«, rief Anne entsetzt. »Das kannst du nicht machen, Jane!«

»Doch, ich würde und ich kann, wenn sie es verdient haben«, sagte Jane bestimmt.

»Ich könnte niemals ein Kind schlagen«, sagte Anne ebenso bestimmt. »Ich halte das für überhaupt nicht gut. Miss Stacy hat uns nie geschlagen und es herrschte sehr wohl Ordnung. Mr Philipp hat uns dauernd geschlagen und alles ging drunter und drüber. Nein, wer nicht ohne eine Tracht Prügel auskommt, der sollte nicht Lehrer werden. Es gibt bessere Methoden. Ich werde es versuchen die Schüler für mich zu gewinnen, dann werden sie gern tun, was ich ihnen auftrage.«

»Mal angenommen, sie tun es nicht?«, sagte Jane in ihrer praktisch denkenden Art.

»Ich würde sie trotzdem nicht verprügeln. Es führt zu nichts. Jane, schlage deine Schüler nicht, egal, was sie anstellen.«

»Was meinst du, Gilbert?«, fragte Jane. »Meinst du nicht auch, dass manchen Kindern ab und zu eine Tracht Prügel ganz gut tut?«

»Findest du es nicht grausam, unmenschlich, ein Kind zu verprügeln . . . auch nur eines?«, rief Anne mit vor Eifer glühendem Gesicht.

»Naja«, sagte Gilbert bedächtig, hin und her gerissen zwischen seiner echten Überzeugung und dem Wunsch, Annes Ideal zu erfüllen, »dazu gibt es zweierlei zu sagen. Ich halte nichts davon, Kinder zu schlagen. Ich meine genau wie du, Anne, dass es in der Regel bessere Methoden gibt und die Prügelstrafe der letzte Ausweg sein sollte. Aber andererseits glaube ich, genau wie Jane, dass es Kinder gibt, die sich durch nichts anderes beeindrucken lassen und ab und zu eine Tracht Prügel brauchen, um sich zu bessern. Die Prügelstrafe als letzte Handhabe - das habe ich mir zur Regel gemacht.«

Gilbert hatte damit beide zufriedenstellen wollen und verfehlte sein Ziel, indem er keiner von beiden Recht gab.

Jane schüttelte den Kopf.

Anne warf Gilbert einen enttäuschten Blick zu.

»Ich werde niemals ein Kind schlagen«, wiederholte sie fest. »Ich halte es weder für richtig noch für nötig.«

»Angenommen, ein Junge wird unverschämt, nachdem du ihm etwas aufgetragen hast?«, sagte Jane.

»Ich würde ihn nach der Schule zu mir rufen und freundlich, aber entschieden zur Rede stellen«, sagte Anne. »In jedem Menschen steckt etwas Gutes, wenn man es nur finden will. Die Aufgabe eines Lehrers ist es, es zu entdecken und zu fördern. Genau das hat uns unser Professor in Schulkunde in Queen’s gelehrt, wie du selbst weißt. Glaubst du etwa, das Gute in einem Kind mittels Prügel entdecken zu können? Viel wichtiger ist doch, die Kinder positiv zu beeinflussen und ihnen nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, wie Professor Rennie sagt.«

»Aber der Schulinspektor prüft die Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen. Vergiss das nicht! Du schneidest schlecht ab, wenn sie seinen Anforderungen nicht genügen«, wandte Jane ein.

»Mir ist es lieber, meine Schüler mögen mich und sehen in mir auch Jahre später noch jemand, der ihnen wirklich weitergeholfen hat, statt dass ich auf der Ehrenliste stehe«, sagte Anne entschieden. »Würdest du ungezogene Kinder gar nicht bestrafen?«, fragte Gilbert. »Tja, das werde ich wohl müssen, auch wenn es mir nicht passt. Aber man kann sie in der Pause in der Klasse behalten, sie auf den Flur schicken oder ihnen eine Strafarbeit aufgeben.«

»Du willst die Mädchen doch nicht bestrafen, indem du sie neben die Jungen setzt?«, fragte Jane schelmisch.

Gilbert und Anne sahen einander mit einem ziemlich verschämten Lächeln an. Ein einziges Mal war Anne zur Strafe neben Gilbert gesetzt worden und das hatte traurige und bittere Konsequenzen nach sich gezogen.

»Nun, die Zeit wird zeigen, welches der bessere Weg ist«, sagte Jane unverbindlich, als sie sich trennten.

Anne ging den schattigen, von Blätterrascheln erfüllten und nach Farn duftenden Birkenpfad zurück nach Green Gables, durchs Veilchental, an Willowmere vorbei, durch Licht und Schatten unter den Tannen und die Liebeslaube hinunter - Stellen, denen Diana und sie vor langer Zeit diese Namen gegeben hatten. Sie ging gemächlich und genoss den süßen Duft nach Holz und Feldern und den sternenübersäten Sommerabendhimmel. Sie dachte nüchtern über ihre neue Aufgabe nach, die sie am nächsten Tag erwartete. Als sie den Hof von Green Gables erreichte, drang Mrs Lyndes laute, bestimmte Stimme durch das offene Küchenfenster.

»Mrs Lynde ist vorbeigeschneit, um mir für morgen gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben«, dachte Anne und verzog das Gesicht. »Aber ich gehe nicht ins Haus. Mit ihrem Rat verhält es sich wie mit Pfeffer ... in kleinen Mengen ausgezeichnet, aber in Mrs Lyndes Dosierung einfach unerträglich. Ich laufe lieber schnell auf einen Plausch hinüber zu Mr Harrison.«

Dies war seit der denkwürdigen Geschichte mit der Kuh nicht das erste Mal, dass sie auf einen Sprung bei Mr Harrison vorbeischaute und mit ihm ein Schwätzchen hielt. Sie war schon öfter abends dort gewesen. Mr Harrison und sie verstanden sich wirklich gut, obwohl Anne seine unverblümte Art, auf die er auch noch stolz war, manchmal ziemlich anstrengend fand. Ginger beäugte sie noch immer argwöhnisch und versäumte nie, sie höhnisch mit »Karotte« zu begrüßen. Mr Harrison hatte sich vergebens bemüht es ihm auszutreiben, indem er jedes Mal, wenn er Anne kommen sah, aufgeregt aufsprang und laut rief: »Du meine Güte, da ist ja wieder das hübsche Mädchen«, oder etwas ähnlich Schmeichelhaftes. Aber Ginger durchschaute das Spiel und strafte es mit Verachtung. Anne wusste nicht, wie viele Komplimente ihr Mr Harrison hinter ihrem Rücken machte. Offen vor ihr machte er ihr nie welche.

»Schätzungsweise waren Sie im Wald und haben sich für morgen mit einem Vorrat an Stöcken eingedeckt?«, begrüßte er sie, als Anne die Stufen der Veranda heraufkam.

»Nein, also wirklich«, sagte Anne entrüstet. Sie war eine ausgezeichnete Zielscheibe für Sticheleien, weil sie immer alles so ernst nahm. »Bei mir wird es niemals einen Stock geben, Mr Harrison. Außer natürlich einem Zeigestock, aber den werde ich ausschließlich zum Zeigen benutzen.«

»Sie wollen sie stattdessen mit einem Riemen züchtigen? Na, ich weiß nicht, aber vielleicht haben Sie Recht. Ein Stock tut anfangs sehr weh, dafür hält ein Riemen länger vor, das stimmt.«

»Ich werde keinen Riemen oder so was verwenden. Ich werde meine Schüler nicht schlagen.«

»Du meine Güte«, rief Mr Harrison erstaunt, »wie wollen Sie dann für Ruhe und Ordnung sorgen?«

»Durch Zuwendung, Mr Harrison.«

»Das klappt nicht«, sagte Mr Harrison, »nie und nimmer, Anne. >Wenn du die Rute schonst, verdirbst du das Kind.< Als ich zur Schule ging, bekam ich regelmäßig jeden Tag meine Tracht Prügel vom Lehrer, weil er der Ansicht war, wenn ich nicht schon etwas angestellt hätte, dann wäre ich gerade dabei, etwas auszuhecken.«

»Die Methoden haben sich seit Ihrer Schulzeit geändert, Mr Harrison.«

»Aber nicht die menschliche Natur. Denken Sie an meine Worte, Sie werden nie mit den Früchtchen zurechtkommen, wenn Sie nicht einen Stock in der Hinterhand haben. Ausgeschlossen.«

»Hm, ich werde es zunächst einmal so versuchen«, sagte Anne, die einen wirklich starken Willen hatte und stets hartnäckig an ihren Theorien festhielt.

»Sie sind ganz schön halsstarrig«, meinte Mr Harrison dazu. »Gut, gut, wir werden sehen. Eines Tages, wenn Sie gereizt sind - und Leute mit roten Haaren lassen sich furchtbar leicht reizen werden Sie all Ihre netten kleinen Vorstellungen vergessen und einem eine gehörige Tracht verpassen. Für eine Lehrerin sind Sie sowieso noch viel zu jung . .. viel zu jung und zu kindisch.«

Alles in allem ging Anne an dem Abend ziemlich pessimistisch ins Bett. Sie schlief schlecht und war am nächsten Morgen beim Frühstück blass und still. Marilla war ganz besorgt und bestand darauf, ihr eine Tasse starken Ingwertee aufzubrühen. Anne nippte ihn geduldig, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass Ingwertee einem gut tun konnte. Wäre es irgendein Zaubertrank gewesen, der einem Alter und Weisheit verlieh, dann hätte Anne, ohne mit der Wimper zu zucken, glatt einen Liter davon getrunken.

»Marilla, und wenn ich versage?«

»An einem einzigen Tag auf ganzer Linie versagen, das geht gar nicht. Und es kommen noch so viele andere Tage«, sagte Marilla. »Dein Problem ist, dass du den Kindern auf einen Schlag alles beibringen und all ihre Schwächen ausmerzen willst. Und wenn dir das nicht gelingt, denkst du, du hättest versagt.«

05 - Die Lehrerin in Amt und Würden

Als Anne in die Schule kam - es war das erste Mal gewesen, dass sie taub und blind für seine Schönheit den Birkenpfad entlanggegangen war waren alle still und friedlich. Die frühere Lehrerin hatte den Kindern eingetrichtert, bei Annes Eintreffen auf ihren Plätzen zu sitzen. Als sie den Klassenraum betrat, sah sie sich geordneten Reihen von strahlenden »Guten-Morgen-Gesichtern« gegenüber und wachen, wissbegierigen Augen. Sie hängte den Hut an den Haken, schaute ihre Schüler an und hoffte, dass sie nicht so verschüchtert und dämlich dreinsah, wie sie sich fühlte, und dass sie ihr nicht anmerkten, wie sie zitterte.

Am Vorabend hatte sie fast bis Mitternacht über einer Rede gesessen, die sie den Schülern zum Schulanfang halten wollte. Sie hatte sie sorgfältig überarbeitet, verbessert und sie dann auswendig gelernt. Es war eine ausgezeichnete Ansprache mit ein paar glänzenden Gedanken, vor allem in puncto gegenseitiger Hilfe und dem ernsthaften Bemühen, etwas dazuzulernen. Das Dumme war nur, dass sie sich jetzt an kein einziges Wort mehr erinnern konnte.

Nach einer Weile, die ihr wie ein Jahr vorkam - in Wirklichkeit waren es nur zehn Sekunden -, sagte sie schwach: »Nehmt bitte die Bibeln zur Hand«, und sank unter dem dann folgenden Rascheln und dem Klappern von Pultdeckeln atemlos in ihren Stuhl. Während die Kinder Verse lasen, ordnete Anne ihre fünf Sinne wieder und ließ ihren Blick von den kleinen zu den größeren Schülern wandern.

Die meisten kannte sie natürlich ganz gut. Ihre eigenen Klassenkameraden hatten im letzten Schuljahr die Schule verlassen, aber alle anderen kannte sie, bis auf die Erstklässler und zehn in Avonlea Neu zugezogene. Anne war insgeheim gespannter auf diese zehn Neuen, weil sie über die Fähigkeiten der anderen schon halbwegs im Bilde war. Sicher, vielleicht waren sie genauso durchschnittlich wie die Übrigen, aber vielleicht war ja doch ein Genie darunter. Dies war ein aufregender Gedanke.

Allein an einem Ecktisch saß Anthony Pye. Er machte ein finsteres, mürrisches Gesicht und sah Anne aus seinen dunklen Augen böse an. Anne beschloss sofort, dass sie die Zuneigung dieses Jungen gewinnen musste, was die Pyes restlos verwirren würde.

In der anderen Ecke neben Arty Sloane saß ein Neuer - ein drollig aussehendes Kerlchen mit einer Stupsnase, Sommersprossen und großen strahlend blauen Augen mit hellen Wimpern - vermutlich der kleine Donnell. Und wenn es so etwas wie Familienähnlichkeit gab, dann musste das drüben in der anderen Reihe neben Mary Bell seine Schwester sein. Anne fragte sich, was das für eine Mutter sein musste, die sie in einem solchen Kleid zur Schule geschickt hatte. Sie trug ein verblichenes, rosafarbenes Seidenkleid mit jeder Menge Baumwollspitze, schmutzige weiße Sandalen und Seidenstrümpfe. Ihr rotblondes Haar war zu unzähligen unnatürlichen Löckchen aufgedreht und mit einer auffallenden rosafarbenen Schleife, die größer als ihr Kopf war, versehen. Sie machte jedoch einen durchaus mit sich zufriedenen Eindruck.

Das blasse kleine Mädchen mit den weichen schulterlangen Locken aus feinem, seidigem, hellbraunem Haar musste Annetta Bell sein, deren Eitern früher im Einzugsbereich der Newbridge-Schule gewohnt hatten, die aber jetzt, nachdem sie um knappe hundert Meter weiter nach Norden gezogen waren, zu Avonlea gehörten. Die drei blassen Mädchen waren bestimmt die Cottons. Und die kleine Schönheit mit den langen braunen Haaren und den haselnussbraunen Augen, die über ihre Bibel hinweg Jack Gillis kokette Blicke zuwarf, musste Prillie Rogerson sein, deren Vater vor kurzem zum zweiten Mal geheiratet hatte und Prillie von der Großmutter in Grafton zu sich nach Hause geholt hatte. Das große linkische Mädchen auf einem der hinteren Plätze, das nicht wusste, wohin mit seinen Füßen und Händen, konnte Anne überhaupt nicht zuordnen. Später stellte sich heraus, dass es sich um Barbara Shaw handelte, die nun bei einer Tante in Avonlea wohnte. Außerdem fand sie heraus, dass, wenn Barbara es je fertig brachte, den Gang entlangzugehen, ohne über ihre eigenen oder anderer Leute Füße zu stolpern, ihre Mitschüler diese ungewöhnliche Tatsache an der Tafel auf der Schulveranda festhielten.

Als sich Annes Blicke mit denen des Jungen vorn in der ersten Reihe trafen, durchfuhr sie ein seltsamer kleiner Schauer, so als hätte sie ihr Genie entdeckt. Das musste Paul Irving sein. Mrs Rachel Lynde hatte zumindest dieses eine Mal Recht gehabt, als sie prophezeite, dass er anders wäre als die Kinder aus Avonlea. Ja, mehr noch, bemerkte Anne, dass er überhaupt ganz anders war als andere Kinder und dass da eine ihr verwandte Seele sie aus dunklen blauen Augen unverwandt musterte.

Sie wusste, dass Paul zehn Jahre alt war, aber er sah höchstens nach acht aus. Er hatte das schönste Gesicht, das sie je bei einem Kind gesehen hatte. Seine Gesichtszüge waren von ausgesprochener Feinheit und Vollkommenheit, umrahmt von kastanienbraunen Locken. Sein Mund war ebenmäßig, die roten Lippen waren groß, berührten einander nur leicht und formten sich zu fein vollendeten Mundwinkeln, wo sich winzige Grübchen bildeten. Er machte einen ruhigen, ernsten und nachdenklichen Eindruck, so als wäre er vom Verstand her seiner körperlichen Entwicklung weit voraus. Aber als Anne ihm leicht zulächelte, verwandelte sich dieser Ausdruck unvermittelt in ein Lachen, das regelrecht wie eine Erleuchtung seines ganzen Wesens wirkte, so als wäre in ihm plötzlich ein Licht entzündet worden und ließe ihn von Kopf bis Fuß erstrahlen. Das Schönste daran war, dass es unwillkürlich geschah und nicht gesteuert war; es war wie das Aufblitzen einer verborgenen Persönlichkeit, eines seltenen, schönen und lieben Menschen. Nachdem sie einander kurz zugelächelt hatten, waren Anne und Paul auf immer Freunde, noch ehe sie überhaupt ein Wort gewechselt hatten.

Der Tag verging wie im Traum. Anne konnte sich später nie in allen Einzelheiten daran erinnern. Ihr kam es vor, als unterrichtete nicht sie selbst, sondern eine andere. Sie erklärte, rechnete und schrieb mechanisch. Die Kinder führten sich ganz ordentlich auf, von zwei Zwischenfällen einmal abgesehen. Morley Andrews erwischte sie dabei, wie er ein Grillenpärchen über den Gang scheuchte. Anne stellte Morley zur Strafe eine Stunde lang nach vorn ans Pult, was Morley nur umso aufgekratzter machte, und beschlagnahmte seine Grillen. Sie legte sie in eine Schachtel und setzte sie auf dem Nachhauseweg im Veilchental aus. Aber Morley war nicht davon abzubringen, dass sie sie mit nach Hause genommen hätte und sie sie zu ihrem eigenen Vergnügen behielt.

Der andere Übeltäter war Anthony Pye, der die letzten paar Tropfen Wasser aus seinem Wasserbehälter Aurelia Clay hinten in den Kragen schüttete. In der Pause rief Anne Anthony zu sich und erklärte ihm, wie ein Gentleman sich zu benehmen hätte, und belehrte ihn, dass er niemals Damen Wasser in den Kragen schütten dürfe. Sie wünsche, dass alle Jungen sich wie Gentlemen aufführten, sagte sie. Ihre Strafpredigt war durchaus freundlich und rührend, aber Anthony ließ sie leider vollkommen ungerührt. Er hörte ihr mit einem mürrischen Gesichtsausdruck schweigend zu und pfiff verächtlich, als er hinausging. Anne seufzte. Dann jedoch rief sie sich zu ihrer Ermunterung ins Gedächtnis, dass, ebenso wie Rom nicht an einem einzigen Tag erbaut worden war, man nicht an einem Tag die Zuwendung eines Pye gewinnen konnte. Und es war zu bezweifeln, ob das bei manchen Pyes überhaupt möglich war. Aber bei Anthony hatte Anne die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Vielleicht entpuppte er sich ja als ein ganz netter Bursche, wenn man ihm sein mürrisches Wesen auszutreiben vermochte.

Als die Schule aus war und die Kinder fort waren, sank Anne erschöpft in ihren Stuhl. Der Kopf tat ihr weh und sie fühlte sich jämmerlich entmutigt. Dazu gab es eigentlich gar keinen Grund, denn es war nichts Schlimmes vorgefallen. Aber Anne war sehr müde und glaubte schon fast, dass ihr die Schule nie Spaß machen würde. Wie furchtbar musste es sein, eine Arbeit zu tun, zu der man tagein, tagaus - nun, sagen wir vierzig Jahre lang - keine Lust hatte. Anne schwankte, ob sie auf der Stelle losheulen oder ob sie damit warten sollte, bis sie in ihrem Zimmer zu Hause war. Noch ehe sie einen Entschluss gefasst hatte, hörte sie draußen in der Vorhalle Schritte und das Knistern und Rascheln eines Seidenkleides. Anne sah sich einer Dame gegenüber, deren Erscheinung sie an eine vor kurzem gemachte kritische Bemerkung von Mr Harrison erinnerte, bezüglich eines allzu aufgedonnerten Frauenzimmers, das er in einem Laden in Charlottetown gesehen hätte. »Sie sah aus wie ein Frontalzusammenstoß zwischen einer Modepuppe und einem Schreckgespenst.«

Die Fremde trug ein auffallend hellblaues, seidenes Sommerkleid voller Rüschen und Krausen und hatte einen riesigen weißen Chiffonhut auf, geschmückt mit drei langen, schlanken Straußenfedern. Ein Schleier aus rosafarbenem Chiffon mit vielen großen schwarzen Punkten hing von der Hutkrempe bis auf die Schultern und schwebte wie zwei leichte flatternde Bänder hinterdrein. Sie trug so viel Schmuck, wie an einer einzelnen Frau nur irgend unterzubringen war, und ein strenger Duft nach Parfüm begleitete sie.

»Ich bin Mrs Donnell... Mrs H. B. Donnell«, verkündete sie. »Ich bin hier, um mich bei Ihnen nach etwas zu erkundigen, das mir Clarice Almira erzählte, als sie gestern zum Essen nach Hause kam. Es hat mich unmäßig geärgert.«

»Das tut mir Leid«, stotterte Anne und versuchte vergebens sich an einen morgendlichen Vorfall zu erinnern, in den die Donnell-Kinder verwickelt gewesen wären.

»Clarice Almira hat mir erzählt, Sie würden unseren Namen Donnell aussprechen. Nun, Miss Shirley, die korrekte Aussprache unseres Namens lautet Donnell - die Betonung auf der letzten Silbe. Ich hoffe, dass Sie in Zukunft daran denken.«

»Ich werde mich bemühen«, japste Anne und hätte am liebsten losgelacht. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unangenehm es ist, wenn der Name falsch geschrieben wird, es muss noch viel schlimmer sein, wenn er falsch ausgesprochen wird.«

»Ja, das ist es. Und Clarice Almira hat mir auch berichtet, dass Sie meinen Sohn Jacob nennen.«

»Er hat es mir selbst so gesagt«, protestierte Anne.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Mrs H. B. Donnell in einem Ton, in dem mitschwang, dass man von Kindern in diesem schlimmen Alter keine Dankbarkeit zu erwarten hatte. »Der Junge hat einen so vulgären Geschmack, Miss Shirley. Eigentlich wollte ich ihn St. Clair nennen - es klingt so aristokratisch, nicht wahr? Aber sein Vater bestand darauf, er soll nach seinem Onkel Jacob heißen. Ich willigte ein, weil Onkel Jacob ein reicher, eingefleischter Junggesselle war. Und was glauben Sie, Miss Shirley? Als unser unschuldiger Junge fünfjahre alt war, ging doch Onkel Jacob tatsächlich hin und heiratete und jetzt hat er selbst drei jungen. Haben Sie je eine solche Undankbarkeit erlebt? Als uns die Einladung zur Hochzeit - er besaß tatsächlich die Unverfrorenheit, uns eine Einladung zu schicken, Miss Shirley - ins Haus schneite, sagte ich: >Schluss mit Jacob, danke bestens!< Von dem Tag an nannte ich meinen Sohn St. Clair und so soll er auch weiterhin genannt werden. Sein Vater nennt ihn hartnäckig weiter Jacob und der Junge selbst hat eine völlig unerklärliche Vorliebe für den gewöhnlichen Namen. Aber sein Name ist St. Clair und dabei soll es auch bleiben. Sie sind doch so nett und denken daran, Miss Shirley, ja? Vielen Dank. Ich habe zu Clarice Almira gesagt, es wäre bestimmt nur ein Missverständnis, das man schnell klären könne. Donnell - mit der Betonung auf der letzten Silbe und St. Clair - auf gar keinen Fall Jacob. Sie denken doch daran? Vielen Dank.«

Als Mrs H. B. Donnell davongerauscht war, schloss Anne die Schultür ab und ging nach Hause. Am Fuße des Hügels beim Birkenpfad traf sie Paul Irving. Er hielt ihr einen Strauß schöner wilder Orchideen entgegen, die die Kinder von Avonlea »Reislilien« nannten.

»Für Sie, Miss Shirley, ich habe sie auf Mr Wrights Feld gepflückt«, sagte er verlegen. »Ich bin noch mal hergekommen und wollte sie Ihnen geben, weil ich dachte, sie würden Ihnen gefallen, und weil...«, er sah mit seinen großen schönen Augen zu ihr hoch, ». . . ich Sie mag.«

»Lieb von dir«, sagte Anne und nahm die duftenden Blumen. So als wären Pauls Worte ein Zauberspruch gewesen, schwanden ihre Entmutigung und Erschöpfung dahin und einer sprudelnden Quelle gleich stieg Hoffnung in ihr auf. Leichtfüßig ging sie den Birkenpfad entlang, begleitet vom süßen Duft der Orchideen.

»Nun, wie ist es dir ergangen?«, wollte Marilla wissen.

»Frage mich das in einem Monat, vielleicht kann ich es dir dann beantworten. Ich kann jetzt... ich weiß es selbst nicht... ich stecke zu sehr darin. Ich war ganz aufgewühlt, alle meine Gedanken waren verschwommen und konfus. Das Einzige, was ich mit Bestimmtheit weiß, ist, dass ich Cliffie Wright beigebracht habe, was ein A ist. Er wusste es nicht. Ist das etwa nichts, eine Menschenseele auf einen Weg geschickt zu haben, der vielleicht zu Shakespeare und dem Verlorenen Paradies< führt?«

Später kam Mrs Lynde vorbei und trug ein Übriges zu Annes Ermutigung bei. Sie hatte die Schulkinder an ihrem Tor abgefangen und sie gefragt, wie sie ihre neue Lehrerin fänden.

»Alle fanden dich prima, Anne, außer Anthony Pye. Er war da ganz anderer Ansicht. Er sagte, du taugst nichts, genau wie alle Lehrerinnen. So sind die Pyes nun mal. Aber mach dir nichts draus.«

»Ich mache mir auch nichts daraus«, sagte Anne ruhig. »Ich werde Anthony Pye schon noch auf meine Seite bringen. Mit Geduld und Freundlichkeit werde ich es schon schaffen.«

»Na ja, bei einem Pye kann man da nie so sicher sein«, sagte Mrs Rachel vorsichtig. »Bei ihnen ist es wie mit Wünschen - sie werden oft nicht wahr. Und was diese Donneil angeht, ich werde sie nicht Donnell nennen, das kann ich dir aber sagen. Der Name heißt Donnell und hat immer so geheißen. Die Frau ist verrückt, jawohl. Sie hat einen Mops namens Queenie und der sitzt beim Essen mit am Tisch und isst von einem Teller. Ich an ihrer Stelle würde mich das nicht getrauen. Thomas sagst, Mr Donnell wäre ein vernünftiger und hart arbeitender Mann, aber als er sich eine Frau gesucht hat, hat er nicht gerade gesunden Menschenverstand bewiesen, jawohl!«

06 - Menschen aller Art

Ein Tag im September auf den Hügeln der Prince Edward Island: Vom Meer her weht ein frischer Wind über die Sanddünen; die lange rote Straße schlängelt sich durch Felder und Wälder, führt bald in einer Biegung an einem Fichtenwald vorbei, windet sich durch eine Anpflanzungjunger Ahornbäume, unter denen gefiederter Farn wächst, taucht dann in eine Senke hinab, wo plötzlich ein Bach auftaucht und wieder im Wald verschwindet, und liegt schließlich zwischen Goldruten und rauchblauen Astern im hellen Sonnenlicht da. Die Luft sirrt vom Gezirpe von Myriaden von Grillen, den zufriedenen kleinen Sommergästen auf den Hügeln; ein behäbiges braunes Pferd trottet gemächlich den Weg entlang; zwei Mädchen folgen ihm, erfüllt von den einfachen, unschätzbaren Freuden der Jugend und des Lebens. »Ach, dies ist ein Tag wie im Paradies, nicht wahr, Diana?«, seufzte Anne vor purem Glück. »Ein Zauber liegt in der Luft. Sieh einmal das Purpur in der Mulde dort im Tal, Diana. Und riechst du den Duft der harzigen Tannen? Er dringt von der kleinen sonnigen Senke herauf, wo Mr Eben Wright Zaunpfähle zurechtgeschnitten hat. Glück heißt einen solchen Tag erleben zu dürfen, aber den Duft harziger Tannen zu genießen bedeutet den Himmel. Das stammt zu zwei Dritteln von Wordsworth und zu einem Drittel von Anne Shirley. Im Himmel wird es wohl keine harzigen Tannen geben, nicht wahr? Aber der Himmel wäre nicht vollkommen, könnte man nicht einen Hauch von diesem Duft riechen, wenn man durch die Himmelswälder streift. Ja, ich glaube, so muss es sein. Der herrliche Duft ist die Seele der Tannen -im Himmel gibt es natürlich nur Seelen.«

»Bäume haben keine Seelen«, sagte Diana in ihrer nüchternen Art, »aber der Duft harziger Tannen ist natürlich wunderbar. Ich werde ein Kissen machen und es mit Tannennadeln füllen. Mach du dir doch auch eins, Anne.«

»Ich glaube, das werde ich - für meine Nickerchen. Dann würde ich bestimmt träumen, ich wäre eine Dryade oder eine Waldelfe. Aber im Augenblick bin ich rundum glücklich, Anne Shirley, die Avonlea-Lehrerin, zu sein und an diesem wunderschönen, traumhaften Tag eine Straße wie diese entlangzufahren.«

»Es ist zwar ein angenehmer Tag, aber wir haben alles andere als eine angenehme Aufgabe vor uns«, seufzte Diana. »Warum musstest du vorschlagen, dass ausgerechnet wir diese Straße abklappern, Anne? Fast alle verschrobenen Leute, die es in Avonlea gibt, wohnen entlang dieser Straße. Wahrscheinlich wird man uns behandeln, als wollten wir das Geld für uns selbst erbetteln. Es ist die schlimmste Straße von allen.«

»Deshalb gerade habe ich sie ja ausgesucht. Natürlich hätten auch Gilbert und Fred sie übernommen, wenn wir sie darum gebeten hätten. Aber verstehst du, Diana, ich fühle mich für den D.V.V. verantwortlich, weil es mein Vorschlag war, und dann habe ich gefälligst auch die unangenehmen Aufgaben zu übernehmen. Es tut mir Leid für dich, aber du brauchst kein Wort zu sagen. Ich übernehme das Reden ... Mrs Lynde sagt immer, darauf würde ich mich verstehen. Mrs Lynde weiß nicht so recht, ob sie unseren Verein unterstützen soll oder nicht. Wenn sie bedenkt, dass Mrs und Mr Allan ihn für gut befinden, neigt sie schon dazu, aber die Tatsache, dass die ersten Dorfverschönerungs-Vereine in den Staaten gegründet wurden, spricht dagegen. Also schwankt sie noch, in ihren Augen kann uns nur der Erfolg Recht geben. Priscilla will bis zu unserem nächsten Treffen ein Schreiben aufsetzen. Ich glaube, es wird gut, denn ihre Tante ist Schriftstellerin und bestimmt macht es in der ganzen Familie die Runde. Ich werde mein Lebtag nicht vergessen, wie begeistert ich war, als ich herausfand, dass Mrs Charlotte E. Morgan Priscillas Tante, ist. Ich fand es wundervoll, die Freundin eines Mädchens zu sein, dessen Tante Gefährliche Zeiten< und >Der Rosenknospen-Garten< geschrieben hat.«

»Wo wohnt Mrs Morgan?«

»In Toronto. Nächsten Sommer kommt sie auf einen Besuch auf die Insel. Priscilla will versuchen es so einzurichten, dass wir sie kennen lernen. Das wäre fast zu schön, um wahr zu sein - aber da hat man nach dem Zubettgehen etwas Schönes, was man sich ausmalen kann.«

Der D.V.V. war ins Leben gerufen. Gilbert Blythe war Vorsitzender, Fred zweiter Vorsitzender, Anne Shirley Schriftführerin und Diana Barry Schatzmeisterin. Die »Verschönerer«, wie sie sofort getauft wurden, trafen sich alle vierzehn Tage bei einem der Mitglieder zu Hause. Man hatte eingesehen, dass so spät im Jahr nicht mehr groß etwas auf die Beine gestellt werden konnte, aber sie wollten die Kampagne für den Sommer vorbereiten, Vorschläge sammeln und besprechen, Schreiben verlesen und verfassen und, wie Anne gesagt hatte, das öffentliche Interesse wecken.

Natürlich wurde einiges missbilligt und - woraufhin sich die Verschönerer nur noch eifriger ans Werk machten - ins Lächerliche gezogen. Mrs Elisha Wright etwa, so wurde berichtet, sollte gesagt haben, ein passender Name für den Verein wäre Freiers-Club. Mrs Hiram Sloane verkündete, ihr sei zu Ohren gekommen, die Verschönerer wollten alle Wegränder umpflügen und dort Geranien einsetzen. Mr Levi Boulter warnte seine Nachbarn, die Verschönerer wollten sämtliche Häuser abreißen und sie nach ihren eigenen Plänen wieder aufbauen. Mr James Spencer bat sie, sie möchten doch so freundlich sein und den Hügel, auf dem die Kirche stand, wegschaufeln. Eben Wright sagte zu Anne, er wünsche, die Verschönerer könnten den alten Josiah Sloane dazu bewegen, seinen Bart zu stutzen. Mr Lawrence Bell meinte, er würde seine Scheune weiß tünchen, wenn sie das glücklich machte, aber er wäre nicht bereit, Spitzengardinen vor die Fenster seines Kuhstalls zu hängen. Mr Major Spencer fragte Clifton Sloane, ebenfalls ein Mitglied des D.V.V., der die Milch zur Käsefabrik in Carmody fuhr, ob es wahr sei, dass im kommenden Sommer jeder seinen Milchstand von Hand bemalt haben und eine bestickte Decke darauf legen müsse.

Trotz allem - oder vielleicht auch gerade weil der Mensch nun einmal ist, wie er ist - nahm der Verein voller Elan die einzige Verschönerung, die vielleicht noch diesen Herbst bewerkstelligt werden konnte, in Angriff. Beim zweiten Treffen bei den Barrys hatte Oliver Sloane die Idee, Geld zu sammeln, um den Gemeindesaal neu decken und streichen zu lassen. Julia Bell brachte die Idee als Antrag ein mit dem unbehaglichen Gefühl, dass das nicht eben anständig war. Gilbert nahm den Antrag auf, der einstimmig verabschiedet wurde, und Anne hielt ihn feierlich im Protokoll fest. Als Nächstes musste eine Abordnung berufen werden. Gertie Pye wollte auf gar keinen Fall Julia Bell die Lorbeeren ernten lassen und schlug kühn Miss Jane Andrews als Vorsitzende vor. Nachdem dieser Antrag ebenfalls aufgenommen und verabschiedet wurde, gab Jane das Kompliment zurück, indem sie ihrerseits Gertie vorschlug, zusammen mit Gilbert, Anne, Diana und Fred Wright. Nach geheimer Beratung wurden die Routen festgelegt. Anne und Diana wurden für die Straße nach Newbridge eingeteilt, Gilbert und Fred für die White-Sands-Straße und Jane und Gertie für die Carmody-Straße.

»Weil nämlich«, erklärte Gilbert Anne, als sie zusammen durch den Geisterwald nach Hause gingen, »sämtliche Pyes an der Straße wohnen und sie geben nicht einen Cent, außer einer aus ihrem eigenen Clan bearbeitet sie.«

Am Sonntag darauf machten sich Anne und Diana auf den Weg. Sie fuhren ans Ende der Straße und klapperten dann auf dem Rückweg alle ab, wobei sie als Erstes den »Andrews-Schwestern« einen Besuch abstatteten.

»Wenn Catherine allein zu Hause ist, bekommen wir vielleicht etwas«, sagte Diana, »wenn Eliza da ist, bekommen wir nicht einen Cent.«

Eliza war zu Hause - unübersehbar - und schaute noch düsterer drein als sonst. Miss Eliza gehörte zu den Menschen, die einem den Eindruck vermitteln, dass das Leben wirklich ein Tal der Tränen ist und dass ein Lächeln, ganz zu schweigen von einem Lachen, eine wirklich sträfliche Kraftverschwendung ist. Die Andrews-Mädchen waren seit über fünfzig Jahren »Mädchen« und würden es wahrscheinlich bis ans Ende ihrer Tage auch bleiben. Catherine, so sagten die Leute, war noch kein ganz hoffnungsloser Fall, aber Eliza war eine geborene Pessimistin. Die beiden wohnten in einem kleinen braunen Haus, das in einer sonnigen Schneise von Mark Andrews’ Buchenwald lag. Eliza jammerte, dass es im Sommer unerträglich heiß im Haus wäre, aber Catherine hielt stets dagegen, dass es dafür im Winter mollig warm darin sei.

Eliza nähte eine Flickendecke, nicht weil sie eine brauchten, sondern nur aus Protest gegen die unnütze Spitzengardine, die Catherine häkelte. Eliza hörte mit gerunzelter Stirn zu, Catherine mit einem Lächeln, als die Mädchen ihr Anliegen vorbrachten. Jedes Mal wenn Eliza Catherine ansah, hörte diese für einen Moment schuldbewusst verlegen auf zu lächeln, doch im nächsten Augenblick stahl es sich wieder auf ihr Gesicht.

»Wenn ich Geld übrig hätte«, sagte Eliza grimmig, »würde ich mir einen Spaß daraus machen, es in Flammen aufgehen zu sehen. Aber nie im Leben würde ich es für diesen Saal hergeben, nicht einen Cent. Er dient nicht der Allgemeinheit — ist doch nur ein Ort, wo sich junges Volk trifft und herumtreibt, wenn es längst zu Hause im Bett liegen sollte.«

»Oh, Eliza, die jungen Leute brauchen doch ein paar Vergnügungen«, wandte Catherine ein.

»Ich sehe das nicht ein. Wir haben uns auch nicht in Sälen herumgetrieben, als wir jung waren, Catherine Andrews. Die Welt wird mit jedem Tag schlechter.«

»Ich finde, sie wird besser«, sagte Catherine fest.

»Du findest!«, Miss Elizas Stimme drückte allergrößte Verachtung aus. »Was du findest, tut überhaupt nichts zur Sache, Catherine Andrews. Tatsachen bleiben Tatsachen.«

»Nun, ich sehe eben lieber die schönen Seiten, Eliza.«

»Die gibt es nicht.«

»0 doch«, rief Anne, die es nicht länger schweigend hinnehmen konnte. »Es gibt sogar sehr viele schöne Seiten, Miss Andrews. Die Welt ist wohl schön.«

»Der hohen Meinung wären Sie nicht, wenn Sie so lange darin gelebt hätten wie ich«, erwiderte Miss Andrews verdrießlich. »Und Sie würden auch nicht mehr diese Begeisterung aufbringen, um sie zu verschönern. Wie geht es deiner Mutter, Diana? Ach ja, sie war ja erst neulich so schlecht auf dem Damm. Sie sieht furchtbar mitgenommen aus. Und wann wird Marilla stockblind sein, Anne?«

»Der Arzt meint, ihre Augen würden sich nicht verschlechtern, wenn sie sie schont«, stotterte Anne.

Eliza schüttelte den Kopf.

»Ärzte reden immer so was daher, nur um den Leuten Mut zu machen. Ich an ihrer Stelle hätte da nicht so große Hoffnung. Besser, man rechnet mit dem Schlimmsten.«

»Aber sollte man nicht auch auf das Beste hoffen?«, brachte Anne vor. »Das Gute kann so gut geschehen wie das Schlechte.«

»Meiner Erfahrung nach nicht und da sprechen meine siebenundfünfzig Jahre gegen deine sechzehn«, erwiderte Eliza. »Ihr wollt weiter, nicht wahr? Nun, ich kann nur hoffen, euer neuer Verein verhindert, dass es mit Avonlea weiter bergab geht, aber große Hoffnung habe ich da nicht.«

Anne und Diana waren froh, gehen zu können, und fuhren so schnell, wie das behäbige Pferd laufen konnte. Als sie unterhalb des Buchenwaldes um die Kurve bogen, kam eine Gestalt über Mr Andrews’ Weide gerannt und winkte ihnen aufgeregt zu. Es war Catherine Andrews. Sie war so außer Atem, dass sie kaum sprechen konnte, aber sie schob Anne zwei Centstücke in die Hand.

»Das ist mein Beitrag für den Saal«, keuchte sie. »Ich wollte euch einen Dollar geben, aber ich traue mich nicht, noch mehr von meinem Eiergeld abzuzweigen, weil Eliza dahinterkommen würde. Euer Verein interessiert mich und ich glaube, ihr werdet einiges erreichen. Ich bin Optimistin. Muss man ja sein, wenn man mit Eliza zusammenlebt. Ich muss mich beeilen, nicht dass sie mich vermisst. Sie denkt, ich füttere die Hühner. Viel Glück noch bei eurer Aktion und lasst den Kopf nicht hängen wegen dem, was Eliza sagt. Die Welt wird wohl besser .. . ganz bestimmt.«

Als Nächstes kamen sie zu Daniel Blair.

»Diesmal hängt alles ganz davon ab, ob seine Frau zu Hause ist oder nicht«, sagte Diana, als sie über den tief ausgefahrenen Weg holperten. »Wenn sie da ist, bekommen wir nicht einen Cent. Alle sagen, Dan Blair traue sich nicht einmal, sich die Haare schneiden zu lassen, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Sie ist wirklich geizig, um es einmal milde auszudrücken. Lieber geizig als einmal großzügig, lautet ihre Devise. Aber Mrs Lynde sagt, die Gefahr bestünde nicht, dass sie einmal großzügig sei.«

Am Abend berichtete Anne Marilla von ihrem Erlebnis bei den Blairs. »Wir haben das Pferd angebunden und dann an die Küchentür geklopft. Niemand kam, aber die Tür stand offen. Wir hörten, wie in der Speisekammer jemand schimpfte wie ein Rohrspatz. Wir konnten kein Wort verstehen, aber Diana sagte, es klänge ganz nach Fluchen.

Ich kann mir das bei Mr Blair gar nicht vorstellen, er ist immer so ruhig und sanftmütig. Aber schließlich hatte er allen Grund dazu, Manila. Als dieser arme Kerl rot wie eine Rübe und mit schweißüberströmtem Gesicht an die Tür kam, hatte er eine von den Gingham-Schürzen seiner Frau an. >Ich kriege dieses verdammte Ding nicht auf<, sagte er, >weil die Bänder so fest verknotet sind, und einfach kaputtmachen kann ich sie auch nicht. Sie müssen entschuldigen, meine Damen.< Wir sagten ihm, dass das doch nichts ausmache, und gingen ins Haus und setzten uns hin. Mr Blair setzte sich ebenfalls. Er drehte die Schürze auf den Rücken, aber er sah so beschämt und gequält drein, dass er mir Leid tat. Diana sagte, sie fürchte, wir wären vielleicht in einem unpassenden Augenblick vorbeigekommen. >Oh, nein, gar nicht<, sagte Mr Blair und versuchte zu lächeln, du weißt, er ist immer sehr höflich. >Ich habe nur ziemlich viel zu tun, wollte gerade einen Kuchen backen. Meine Frau hat vorhin ein Telegramm bekommen, dass heute Nachmittag ihre Schwester aus Montreal kommt. Sie holt sie vom Zug ab und hat mir aufgetragen, zum Tee einen Kuchen zu backen. Sie hat das Rezept aufgeschrieben und mir erklärt, wie ich der Reihe nach vorgehe, aber das meiste habe ich wieder vergessen. Und da steht: Nach Geschmack. Was heißt das? Wissen Sie das? Und was ist, wenn mein Geschmack zufällig nicht anderer Leute Geschmack ist? Reicht ein Esslöffel voll Vanille für eine kleine Schichttorte?< Mir tat der arme Mann noch mehr Leid als ohnehin schon. Das schien wirklich nicht sein Fach zu sein. Männer, die unter dem Pantoffel stehen, kenne ich vom Hörensagen, aber da hatte ich leibhaftig einen vor mir. Mir lag schon auf den Lippen: >Mr Blair, wenn Sie uns eine Spende für den Saal geben, rühre ich Ihnen den Teig an.< Aber dann fiel mir ein, dass es nicht gerade die feine Art ist, mit einem Menschen, der in höchster Not steckt, einen so gerissenen Handel zu treiben. Also bot ich ihm an den Teig anzurühren, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Er stürzte sich förmlich auf mein Angebot. Er sagte, vor seiner Heirat hätte er immer sein Brot selbst gebacken, aber er fürchte, Kuchen übersteige seine Fähigkeiten und er wollte seine Frau nicht enttäuschen. Er gab mir eine Schürze. Diana schlug die Eier auf und ich rührte den Teig an. Mr Blair rannte herum und holte die Sachen zusammen. Seine Schürze hatte er darüber völlig vergessen und wie er so umherflitzte, flatterte die Schürze hinter ihm drein. Diana konnte es kaum mehr mit ansehen. Er sagte, in den Ofen schieben könne er den Kuchen allein, damit kenne er sich aus. Dann fragte er nach unserer Liste und trug sich mit vier Dollar ein. Du siehst also, wir wurden belohnt. Aber auch wenn er nicht einen Cent gegeben hätte, dann hätten wir immerhin eine christliche Tat getan, indem wir ihm geholfen haben.«

Als Nächstes hatten sie bei dem Anwesen von Theodore White Halt gemacht. Weder Anne noch Diana waren jemals dort gewesen. Sie kannten nur Mrs Theodore flüchtig, die nicht gerade als gastfreundlich galt. Sollten sie an die Hinter- oder an die Vordertüre gehen? Als sie sich flüsternd berieten, erschien Mrs Theodore mit einem Arm voll Zeitungen an der Vordertür. Sie legte sie eine nach der anderen sorgsam auf den Verandafußboden und die Stufen zur Veranda und dann den Weg entlang genau bis vor die Füße der verblüfften Besucher.

»Würden Sie bitte sorgfältig Ihre Schuhe auf dem Gras abputzen und über die Zeitungen gehen?«, sagte sie besorgt. »Ich habe gerade das ganze Haus gefegt und ich möchte nicht, dass es wieder voller Dreckspuren ist. Der Weg ist ganz schlammig nach dem Regen gestern.«

»Fang ja nicht an zu lachen«, warnte Anne Diana flüsternd, als sie über die Zeitungen schritten. »Und ich flehe dich an, Diana, sieh mich nicht an, egal was sie sagt, oder ich kann nicht mehr an mich halten.« Die Zeitungen reichten quer durch den Flur und bis in ein tipptopp und makellos sauberes Wohnzimmer. Anne und Diana nahmen höchst vorsichtig auf den nächstbesten Stühlen Platz und brachten ihr Anliegen vor. Mrs White hörte ihnen höflich zu und unterbrach sie nur zweimal, einmal um eine verwegene Fliege zu verscheuchen, das zweite Mal, um einen winzigen Grashalm aufzuheben, der aus Annes Kleid auf den Teppich gefallen war. Anne war sich ihrer Schuld bewusst. Aber Mrs White trug sich mit zwei Dollar ein und bezahlte das Geld gleich. »Damit wir nicht noch einmal herkommen müssen«, sagte Diana, als sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten. Mrs White hatte die Zeitungen aufgesammelt, noch ehe sie das Pferd losgebunden hatten. Als sie vom Hof fuhren, sahen sie sie geschäftig mit einem Besen durch den Flur wedeln.

»Man hat immer erzählt, Mrs Theodore White wäre die ordentlichste Frau der Welt-jetzt weiß ich es«, sagte Diana und brach in schallendes Gelächter aus, kaum, dass sie in sicherer Entfernung waren. »Was für ein Glück, dass sie keine Kinder hat«, sagte Anne ernst. »Für Kinder wäre es einfach unerträglich.«

Bei den Spencers war ihnen ganz mulmig zumute, weil Mrs Isabella Spencer über jeden in Avonlea etwas Boshaftes zu berichten wusste. Mr Thomas Boulter weigerte sich eine Spende zu geben, weil der Saal vor zwanzig Jahren nicht an der Stelle erbaut worden sei, die er vorgeschlagen hatte. Mrs Esther Bell, die vor Gesundheit nur so strotzte, brauchte eine halbe Stunde, um ihnen in allen Einzelheiten ihre Krankheiten und Leiden darzulegen, und spendete traurig fünfzig Cents, weil sie im nächsten Jahr um die Zeit nicht mehr da wäre, um sie ihnen zu geben - ja, sie würde dann längst im Grab liegen. Den schlimmsten Empfang allerdings erlebten sie bei den Fletchers. Als sie in den Hof einbogen, sahen sie, wie zwei Mädchen sie durch das Speisekammerfenster hindurch anstarrten. Als sie anklopften und geduldig warteten - niemand kam an die Tür -, fuhren die zwei wutentbrannt und aufgebracht davon. Selbst Anne gab zu, dass sie allmählich der Mut verließ. Aber danach lief es besser. Als Nächstes waren mehrere Sloane-Anwesen an der Reihe, wo sie freigebig Spenden erhielten. Von da an bis zum Schluss erging es ihnen, bis auf eine einzige Abfuhr, bestens. Als Letzten besuchten sie Robert Dickinson an der Bachbrücke. Sie blieben dort lieber zum Tee, obwohl sie schon so gut wie zu Hause waren, um nicht womöglich Mrs Dickinson zu beleidigen, die als sehr »empfindlich« galt.

Während ihres Besuches erschien Mrs James White.

»Ich war gerade bei Lorenzo«, verkündete sie. »Er ist im Augenblick der glücklichste Mensch von ganz Avonlea. Denken Sie nur! Sie haben eben einen kleinen Jungen bekommen — nach sieben Mädchen ist das wirklich ein Ereignis, nicht wahr?«

Anne spitzte die Ohren. Als sie weiterfuhren, sagte sie: »Ich gehe auf der Stelle zu Lorenzo White.«

»Aber er wohnt an der White-Sands-Straße, das ist ein Riesenumweg für uns«, wandte Diana ein. »Gilbert und Fred werden ihn doch aufsuchen.«

»Aber erst nächsten Samstag und bis dahin ist es zu spät«, sagte Anne entschieden. »Dann ist die Neuigkeit schon Schnee von gestern. Lorenzo White ist furchtbar knauserig, aber im Augenblick würde er für egal was etwas spenden. So eine günstige Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen, Diana.«

Das Ergebnis gab Anne Recht. Sie trafen Mr White im Hof. Er strahlte wie die Sonne am Ostersonntag. Als Anne ihn um eine Spende bat, war er gleich begeistert dabei.

»Sicher, sicher. Tragen Sie mich mit einem Dollar mehr, als die bisher größte Spende beträgt, in die Liste ein.«

»Das wären fünf Dollar. Mr Daniel Blair hat vier gegeben«, sagte Anne halb ängstlich. Aber Lorenzo zuckte nicht mit der Wimper.

»Also fünf - hier ist auch gleich das Geld. Und jetzt müssen Sie hereinkommen! Da gibt es etwas, das sich anzuschauen lohnt... etwas, das bisher nur ganz wenige Leute gesehen haben. Kommen Sie kurz mit herein und urteilen Sie selbst.«

»Was sagen wir, wenn das Baby nicht hübsch ist?«, flüsterte Diana besorgt, als sie dem aufgeregten Lorenzo ins Haus folgten.

»Ach, dann gibt es bestimmt sonstwas Nettes zu sagen«, sagte Anne leichthin. »Was man bei Babys eben so sagt.«

Doch das Baby war hübsch und Mr White fand, das aufrichtige Entzücken der Mädchen über den pummeligen kleinen neuen Erdenbürger war die fünf Dollar wert. Aber das war das erste, letzte und einzige Mal, dass Lorenzo White etwas spendete.

Anne, erschöpft wie sie war, tat an dem Abend noch etwas für das Gemeinwohl, indem sie nämlich über die Felder zu Mr Harrison ging und ihn um eine Spende bat. Er saß wie üblich auf der Veranda und rauchte seine Pfeife, Ginger neben sich. Genau genommen wohnte er an der Carmody-Straße, aber Jane und Gertie, die ihn abgesehen von ein paar dubiosen Erzählungen nicht kannten, hatten ängstlich Anne gebeten, zu ihm zu gehen.

Mr Harrison jedoch lehnte es rundweg ab, auch nur einen Cent zu spenden. All ihre Überredungsversuche blieben erfolglos.

»Aber ich dachte, Sie würden unseren Verein gut finden, Mr Harrison«, sagte Anne bedauernd.

»Tu ich auch, tu ich auch. Aber tief in die Tasche greifen will ich dafür nicht, Anne.«

»Noch ein paar solche Erfahrungen, wie ich sie heute gemacht habe, und ich würde eine Pessimistin werden wie Miss Eliza Andrews«, sagte Anne vor dem Zubettgehen zu ihrem Spiegelbild in ihrem Zimmer im Ostgiebel.

07 - Eine Frage der Pflicht

Es war ein milder Oktoberabend. Anne lehnte sich in ihren Stuhl zurück und seufzte. Auf dem Tisch lagen viele Bücher und Hefte, aber die eng beschriebenen Seiten vor ihr hatten unverkennbar nichts mit Studien oder Arbeiten für die Schule zu tun.

»Was ist los?«, fragte Gilbert, der gerade in dem Augenblick an die offene Küchentür gekommen war, um ihren Seufzer noch zu hören. Anne wurde rot und schob das Geschriebene schnell unter ein paar Schulaufsätze.

»Nichts Schlimmes. Ich habe nur gerade versucht, einige meiner Gedanken zu Papier zu bringen, wie Professor Hamilton es mir geraten hat, aber es will mir nicht so recht gelingen. Sie wirken so hölzern und dümmlich direkt, wenn man sie schwarz auf weiß vor sich hat. Einfälle sind wie Schatten - man kann sie nicht einfangen, sie sind unberechenbar und hüpfen hin und her. Aber vielleicht gelingt es mir eines Tages ja doch, wenn ich es weiter probiere. Ich habe nicht viel freie Zeit, weißt du. Wenn ich die Hefte und Aufsätze korrigiert habe, habe ich meist keine Lust mehr zum Schreiben.«

»Du kommst in der Schule glänzend an, Anne. Alle Kinder mögen dich«, sagte Gilbert und setzte sich auf die Steinstufe.

»Nein, das stimmt nicht. Anthony Pye mag mich nicht und wird mich nie mögen. Schlimmer noch, er respektiert mich nicht, überhaupt nicht. Er verachtet mich. Ich gebe auch gern zu, dass mich das furchtbar quält. Nicht dass er von Grund auf schlecht wäre, er stellt nur dauernd etwas an. Aber eigentlich auch nichts Schlimmeres als andere. Er gehorcht mir meist auch, aber mit einer spöttischen Nachsicht, so, als lohne es nicht, sich mit mir anzulegen — und das hat einen schlechten Einfluss auf die anderen. Ich habe alles versucht, ihn für mich einzunehmen, aber ich fürchte langsam, dass mir das nie gelingen wird. Ich möchte es, weil er ein kluges Kerlchen ist, Pye hin und her. Ich würde ihn gut leiden können, wenn er es nur zuließe.«

»Wahrscheinlich kriegt er zu Hause so einiges mit.«

»Nein. Anthony ist ein selbstständiger kleiner Bursche und bildet sich seine eigene Meinung. Er hat schon immer mehr von Männern gehalten und behauptet, Lehrerinnen taugten nichts. Nun ja, man wird sehen, was sich mit Geduld und Freundlichkeit machen lässt. Es liegt mir, Schwierigkeiten zu meistern, und Unterrichten ist wirklich hochinteressant. Paul Irving macht alles wieder wett, woran es bei den anderen hapert. Dieser Junge ist einfach ein Goldschatz, Gilbert, und ein Genie obendrein. Ich bin sicher, eines Tages wird man von ihm noch hören«, schloss Anne überzeugt.

»Mir macht die Schule auch Spaß«, sagte Gilbert. »Zum einen ist es ein gutes Training. Zum anderen, Anne, habe ich in den Wochen, seit ich in White Sands unterrichte, mehr gelernt als in all den Jahren, als ich selbst noch zur Schule ging. Wir scheinen alle ganz gut zurechtzukommen. Die Leute in Newbridge sind sehr zufrieden mit Jane, hat man mir erzählt, und ich glaube, White Sands ist auch leidlich zufrieden mit deinem treuen Freund - außer Mr. Andrew Spencer. Letzten Abend auf dem Nachhauseweg traf ich Mrs. Peter Blewett. Sie sagte, sie hielte es für ihre Pflicht, mich darüber in Kenntnis zu setzen, dass Mr. Spencer mit meinen Methoden nicht einverstanden wäre.«

»Ist dir schon einmal aufgefallen«, sagte Anne nachdenklich, »dass man sich am besten auf etwas Unangenehmes einstellt, wenn die Leute sagen, sie hielten es für ihre Pflicht, einem dies oder jenes mitzuteilen? Wieso halten sie es nicht für ihre Pflicht, einem die netten Dinge mitzuteilen, die sie über einen gehört haben? Gestern kam Mrs H. B. Donnell wieder bei der Schule vorbei und sagte, sie hielte es für ihre Pflicht, mir mitzuteilen, dass Mrs Harmon Andrews nicht damit einverstanden wäre, dass ich den Kindern Märchen vorlese. Und Mr Rogerson fände, Prillie käme im Rechnen nicht schnell genug voran. Würde Prillie über ihre Tafel hinweg denjungen nicht dauernd schöne Augen machen, käme sie auch schneller voran. Ich bin ziemlich sicher, dass Jack Gillis ihr die Rechenaufgaben ausrechnet, auch wenn ich ihn bisher noch nicht auf frischer Tat ertappen konnte.«

»Konntest du dich mit Mrs Donnells hoffnungsvollem Sohn wegen des frommen Namens einigen?«

»Ja«, lachte Anne, »aber es war einigermaßen schwierig. Zuerst beachtete er mich überhaupt nicht, wenn ich ihn mit >St. Clair< ansprach, bis ich es zwei-, dreimal wiederholt hatte. Und dann, wenn die anderen Jungen ihn anstupsten, sah er mich ganz gekränkt an, als hätte ich ihn John oder Charlie genannt. So, als ob er nun wirklich nicht wissen konnte, dass ich ihn gemeint hatte. Also rief ich ihn eines Nachmittags nach der Schule zu mir und redete freundlich mit ihm. Ich erklärte ihm, seine Mutter wünsche, dass ich ihn St. Clair nenne und dass ich mich ihren Wünschen nicht widersetzen könne. Er sah es ein, nachdem ich es ihm auseinander gelegt hatte - er ist wirklich sehr verständig. Er sagte, ich könne ihn St. Clair nennen, aber allen Jungen, die es wagten, ihn so zu nennen, würde er >das Maul stopfen<. Natürlich musste ich ihn dafür, dass er sich so unflätig ausdrückte, auch wieder rügen. Jetzt nenne ich ihn St. Clair, die Jungen nennen ihn Jake und alles verläuft reibungslos. Er möchte Zimmermann werden, aber Mrs Donnell sagt, ich hätte gefälligst einen College-Professor aus ihm zu machen.«

Das Wort College lenkte Gilberts Gedanken auf ein anderes Thema. Sie unterhielten sich eine Weile eingehend, ernst und hoffnungsvoll über ihre Pläne und Wünsche-wie junge Leute sich nun mal gern unterhalten, wobei die Zukunft noch ein unbetretener Pfad voll der wundervollsten Möglichkeiten ist.

Gilbert hatte sich endgültig entschieden und wollte Arzt werden. »Es ist ein wunderbarer Beruf«, sagte er voller Begeisterung. »Das menschliche Leben ist ein einziger Kampf - hat nicht einmal jemand den Menschen als ein kämpfendes Tier bezeichnet? Ich will Krankheiten, Schmerzen und Unwissenheit bekämpfen. Ich will meinen bescheidenen und aufrichtigen Anteil dazu beitragen, Anne, ein wenig zur Gesamtheit des Wissens hinzuzufügen, das die Menschheit seit den Anfängen zusammengetragen hat. Die Vorfahren haben so viel für mich getan, dass ich mich dankbar zeigen und etwas für diejenigen tun will, die nach mir leben. Für mich ist es der einzige Weg, seiner Verpflichtung der Menschheit gegenüber gerecht zu werden.«

»Ich möchte andere Menschen bereichern«, sagte Anne verträumt. »Ich will ihnen nicht unbedingt mehr Wissen beibringen, auch wenn das das höchste Streben ist, sondern ich möchte, dass sie durch mich eine angenehmere Zeit verleben, dass sie eine kleine Freude oder einen glücklichen Gedanken haben, was nie der Fall gewesen wäre, wäre ich nicht geboren worden.«

»Ich glaube, das erfüllst du Tag für Tag«, sagte Gilbert bewundernd. Er hatte Recht. Anne war von Geburt an ein Kind des Lichts. War sie mit einem Lächeln oder mit ein paar Worten, die wie ein Sonnenstrahl waren, in das Leben eines Menschen getreten, so war er beeindruckt. Denn dieser Augenblick war so hoffnungsvoll und schön und stand unter einem guten Stern.

Schließlich stand Gilbert voller Bedauern auf.

»So, ich muss schnell zu den MacPhersons hinüber. Moody Spurgeon ist heute aus Queen’s gekommen und bis Sonntag da. Er wollte mir ein Buch mitbringen, das Professor Boyd mir versprochen hat.«

»Und ich muss für Marilla Tee kochen. Sie ist heute Nachmittag zu Mrs Keith gegangen und wird bald zurückkommen.«

Anne hatte den Tee fertig, als Marilla nach Hause kam. Das Feuer knisterte munter, eine Vase mit ausgebleichten Farnblättern und rubinroten Ahornzweigen schmückte den Tisch und ein köstlicher Duft nach Schinken und Toast erfüllte den Raum. Aber Marilla sank mit einem tiefen Seufzer in den Stuhl.

»Tun dir die Augen weh? Hast du Kopfschmerzen?«, fragte Anne besorgt.

»Nein. Ich bin nur müde - und mache mir Sorgen. Wegen Mary und den Kindern. Mary geht es immer schlechter, sie wird nicht mehr lange durchhalten. Und was die Zwillinge angeht, ich weiß einfach nicht, was mit ihnen werden soll.«

»Hat man noch nichts von ihrem Onkel gehört?«

»Doch, Mary hat einen Brief von ihm bekommen. Er arbeitet in einem Holzwerk und >hackt Holz<, was immer das auch bedeutet. Jedenfalls schreibt er, er könne die Kinder unmöglich vor dem Frühjahr zu sich nehmen. Bis dahin wolle er sich verheiraten und hätte ein Zuhause für sie, aber den Winter über müsse sie die Nachbarn bitten, die Kinder bei sich aufzunehmen. Sie sagt, sie möge keinen darum bitten. Mary hat sich nie sonderlich gut mit den Leuten in East Grafton verstanden, das ist nun mal so. Der langen Rede kurzer Sinn, Anne: Mary will, dass ich die Kinder nehme. Sie hat das zwar nicht ausdrücklich gesagt, aber sie hat ganz den Anschein erweckt.«

»Oh!« Anne faltete vor lauter Aufregung die Hände. »Du nimmst sie doch auf, Marilla, nicht wahr?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, sagte Marilla ziemlich scharf. »Im Gegensatz zu dir stürze ich mich nicht Hals über Kopf in irgendwelche Dinge, Anne. Als Cousine dritten Grades hat man da keine Anrechte. Und es bedeutet eine große Verantwortung, sich um zwei Kinder von sechs Jahren zu kümmern - noch dazu Zwillinge.«

Marilla hatte die Vorstellung, dass Zwillinge doppelt so schlimm waren wie Einzelkinder.

»Zwillinge sind hochinteressant - zumindest ein einzelnes Zwillingspärchen«, sagte Anne. »Erst wenn man es mit zwei oder drei Zwillingspaaren zu tun hat, wird es eintönig. Ich fände es wirklich gut, wenn du Unterhaltung hättest, während ich in der Schule bin.«

»Das wird kaum sehr unterhaltsam sein - es bedeutet höchstens mehr Sorgen und Aufregungen, würde ich meinen. Es wäre nicht so ein Wagnis, wenn sie so alt wären wie du, als ich dich aufgenommen habe. Gegen Dora hätte ich ja nichts einzuwenden, sie ist brav und lieb. Aber dieser Davy ist ein Filou.«

Anne war vernarrt in Kinder und sie hatte Mitleid mit den Keith-Zwillingen. Sie erinnerte sich nur allzu lebhaft an ihre eigene vernachlässigte Kindheit. Sie wusste, dass sie Marilla nur bei ihrem strengen Pflichtgefühl packen konnte, also ging Anne geschickt nach diesem Grundsatz vor.

»Wenn Davy ungezogen ist, dann ist das nur umso mehr Grund, dass er eine gute Erziehung bekommt, nicht wahr, Marilla? Nehmen wir die Kinder nicht auf, wissen wir nicht, wer sie dann aufnimmt und welchen Einflüssen sie ausgesetzt werden. Angenommen, Mrs Keiths nächste Nachbarn, die Sprotts, würden sie zu sich nehmen. Mrs Lynde sagt, Henry Sprott sei der gottloseste Mensch, der je gelebt hat, und seinen Kindern könne man nicht ein Wort glauben. Stelle dir einmal vor, die Zwillinge würden auch so werden! Oder mal angenommen, sie kämen zu den Wiggins. Mrs Lynde sagt, Mr Wiggins verkaufe alles, was auf der Farm nicht niet- und nagelfest ist, und ernähre seine Familie mit entrahmter Milch. Du würdest doch nicht wollen, dass deine Verwandten Hungers sterben, auch wenn es nur Verwandte dritten Grades sind, nicht wahr? Ich finde, Marilla, es ist unsere Pflicht, sie aufzunehmen.«

»Ich denke auch«, stimmte Marilla nachdenklich zu. »Dann werde ich Mary also sagen, dass ich die Kinder aufnehme. Du brauchst gar nicht so begeistert dreinzusehen, Anne. Für dich heißt das eine ganze Menge zusätzlicher Arbeit. Ich mit meinen Augen kann nicht einen Stich nähen, also musst du dich um ihre Sachen kümmern und sie flicken. Aber du nähst ja nicht gern.«

»Ich hasse es«, sagte Anne ruhig, »aber wenn du bereit bist, aus Pflichtgefühl die Kinder aufzunehmen, dann werde ich ja wohl auch aus Pflichtgefühl ihre Sachen nähen können. Es tut einem gut, Dinge tun zu müssen, die man nicht gern tut - in Maßen jedenfalls.«

08 - Marilla adoptiert Zwillinge

Mrs Rachel Lynde saß an ihrem Küchenfenster und strickte eine Baumwolldecke - genau wie etliche Jahre zuvor, als Matthew Cuthbert den Hügel hinuntergefahren kam mit dem, was Mrs Rachel »sein heimgeholtes Waisenkind« nannte. Aber das war im Frühling gewesen, jetzt war es Spätherbst. Alle Bäume waren kahl und die Felder verdorrt und braun. Eben ging die Sonne tiefrot und golden hinter den dunklen Wäldern im Westen von Avonlea unter, als ein Wagen, gezogen von dem behäbigen Braunen, den Hügel heruntergefahren kam. Mrs Rachel betrachtete sie gespannt.

»Da kommt Marilla von der Beerdigung zurück«, sagte sie zu ihrem Mann, der auf dem Sofa in der Küche lag. Thomas Lynde legte sich jetzt öfter als früher aufs Sofa, aber Mrs Rachel, die mit Argusaugen alles außerhalb ihrer eigenen vier Wände erspähte, war das bisher noch nicht aufgefallen. »Und sie hat die Zwillinge dabei ... ja, da, Davy lehnt sich über den Kutschbock und greift nach dem Pferdeschwanz und Marilla zieht ihn zurück. Sie sieht doch immer wie aus dem Ei gepellt aus. Na, diesen Winter wird die arme Marilla die Hände voll zu tun haben, das steht fest. Aber so wie die Dinge liegen, blieb ihr wohl nichts anderes übrig und sie hat ja Anne, die ihr zur Hand gehen kann. Anne ist ganz aus dem Häuschen und sie versteht sich wirklich auf Kinder, das muss ich sagen. Ach je, es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass der gute Matthew Anne hergebracht hat. Alle Welt hat gelacht bei dem Gedanken, dass Marilla ein Kind aufziehen will. Und jetzt hat sie Zwillinge adoptiert. Man ist doch sein Leben lang nicht vor Überraschungen sicher.«

Das behäbige Pferd trottete bedächtig über die Brücke von Lynde’s Hallow und den Weg nach Green Gables entlang. Marilla schaute ziemlich finster drein. Von East Grafton bis hierher waren es zehn Meilen und Davy Keith schien nicht eine Minute stillsitzen zu können. Es überstieg Marillas Kräfte den Zappelphilipp zu bändigen. Den ganzen Weg über hatte sie Todesängste ausgestanden, er könnte hinten von der Kutsche fallen und sich das Genick brechen oder über den Kutschbock stürzen und unter die Hufe des Pferdes geraten. Verzweifelt drohte sie ihm schließlich eine gehörige Tracht Prügel an, sobald sie zu Hause wären. Woraufhin Davy auf ihren Schoß kletterte und ihr, ohne auf die Zügel zu achten, seine pummeligen Arme um den Hals legte und sie tolpatschig drückte.

»Das meinst du bestimmt nicht ernst«, sagte er und gab ihr zärtlich einen Kuss auf die runzlige Wange. »Du siehst nicht aus wie eine, die einen kleinen Jungen verprügeln würde, nur weil er nicht stillsitzen kann. Fandest du es nicht schrecklich schwer stillzusitzen, als du noch so klein warst wie ich?«

»Nein, ich habe mich nicht gerührt, wenn man es mir befohlen hat«, sagt Marilla und versuchte ihre Stimme streng klingen zu lassen, obgleich sie spürte, wie ihr Herz unter Davys spontanen Liebkosungen dahinschmolz.

»Hm, bestimmt, weil du ein Mädchen warst«, sagte Davy, der nach einer weiteren Umarmung wieder auf seinen Platz rutschte. »Du warst doch mal ein Mädchen, oder? Auch wenn das ganz komisch ist, wenn ich mir das vorstelle. Dora kann stillsitzen, aber mir macht das keinen Spaß. Bestimmt langweilig, ein Mädchen zu sein. Komm, Dora, ich muntere dich ein bisschen auf.«

Er packte Dora an den Haaren und zog kräftig daran. Dora schrie und fing dann an zu weinen.

»Wie kannst du nur so ungezogen sein, und das, wo deine arme Mutter gerade erst beerdigt ist?«, sagte Marilla verzweifelt.

»Aber sie war froh zu sterben«, vertraute Davy ihr an. »Ich weiß es genau, weil sie es mir selbst gesagt hat. Sie war es so leid immer krank zu sein. Wir haben den letzten Abend, bevor sie gestorben ist, lange miteinander geredet. Sie hat mir gesagt, du würdest Dora und mich den Winter über aufnehmen und ich müsste ein braver Junge sein.

Ich werde brav sein, aber kann man nicht genauso gut brav sein, wenn man herumrennt und nicht stillsitzt? Sie hat gesagt, ich müsste immer nett zu Dora sein und zu ihr halten. Das werde ich auch tun.«

»Nennst du das etwa nett, sie an den Haaren zu ziehen?«

»Naja, ich lasse niemand sonst daran ziehen«, sagte Davy, legte die Fäuste zusammen und runzelte die Stirn. »Ich wollte es nur mal ausprobieren. Ich hab ihr nicht richtig weh getan ... sie hat nur geheult, weil sie ein Mädchen ist. Ich bin froh, dass ich ein Junge bin, aber es ist schade, dass ich ein Zwilling bin. Wenn Jimmy Sprotts Schwester ihm widerspricht, sagt er nur: >Ich bin älter als du, also bin ich der Klügere<, und dann hält sie den Mund. Aber das kann ich zu Dora nicht sagen, und nie will sie, was ich will. Du kannst mich ja mal ein bisschen den Hottemax fahren lassen, ich bin schließlich ein Mann.«

Marilla war heilfroh, als sie endlich in den Hof einbogen, wo der abendliche Herbstwind die braunen Blätter tanzen ließ. Anne erwartete sie am Tor und hob die Zwillinge aus dem Wagen. Dora ließ sich artig einen Kuss geben, Davy dagegen erwiderte Annes Willkommensgruß mit einer herzlichen Umarmung und der freudigen Ankündigung: »Ich bin Mr Davy Keith.«

Am Abendbrottisch benahm sich Dora wie eine kleine Dame. Davys Manieren hingegen ließen sehr zu wünschen übrig.

»Ich hab solchen Hunger, dass ich jetzt nicht die Zeit hab, ordentlich zu essen«, sagte er, als Marilla ihn deswegen tadelte. »Dora hat nicht halb so viel Hunger wie ich. Weil ich so viel in Bewegung war auf dem ganzen Weg hierher. Der Kuchen da ist ganz toll, sind so viele Pflaumen drin. Zu Hause haben wir schon ewig keinen Kuchen mehr gekriegt, weil Mama zu krank zum Backen war, und Mrs Sprott hat gesagt, sie hätte schon genug damit zu tun, Brot für uns zu backen. Mrs Wiggins tut nie Pflaumen in ihre Kuchen. Kann mich mal! Kann ich noch ein Stück haben?«

Marilla hätte ihm keins mehr gegeben, aber Anne schnitt ein großes zweites Stück ab. Allerdings erinnerte sie Davy daran, dass er »danke« dafür zu sagen hatte. Davy grinste sie nur an und nahm einen riesigen Bissen. Als er das Stück aufgegessen hatte, sagte er: »Wenn du mir noch ein Stück gibst, sag ich danke.«

»Nein, es reicht«, sagte Marilla in einem Ton, den Anne nur zu gut kannte, von dem Davy allerdings noch lernen musste, dass das ihr letztes Wort war.

Davy zwinkerte Anne zu, beugte sich dann über den Tisch, schnappte Dora ihr erstes Stück Kuchen, von dem sie erst einen kleinen Happen abgebissen hatte, aus den Händen und stopfte es sich in den Mund, den er sperrangelweit aufgerissen hatte. Doras Lippen zitterten, Marilla war sprachlos vor Entsetzen. Anne rief sofort in ihrer besten »Lehrerinnen«-Manier-, »Davy, ein Gentleman tut so etwas nicht.«

»Das weiß ich«, sagte Davy, sobald er wieder sprechen konnte, »aber ich bin kein Gentleman.«

»Aber willst du denn nicht einer sein?«, fragte Anne schockiert. »Klar. Aber man kann erst ein Gentleman sein, wenn man groß ist.«

»Natürlich kannst du einer sein«, sagte Anne schnell, weil sie das als eine Chance ansah, beizeiten den Samen des Guten zu säen. »Damit kann man schon als kleiner Junge anfangen. Und ein Gentleman nimmt niemals einer Dame etwas weg ... oder vergisst, danke zu sagen . .. oder zieht jemanden an den Haaren.«

»Er hat wenig Spaß im Leben und damit basta«, sagte Davy frei heraus. »Ich glaube, ich warte damit, bis ich groß bin.«

Marilla hatte resigniert noch ein Stück Kuchen für Dora abgeschnitten. Sie wusste im Augenblick nicht, wie sie mit Davy fertig werden konnte. Sie hatte durch die Beerdigung und durch die lange Fahrt einen schweren Tag hinter sich und im Moment blickte sie so pessimistisch in die Zukunft, dass es Eliza Andrews höchstpersönlich zur Ehre gereicht hätte.

Die Zwillinge waren einander bemerkenswert unähnlich, obwohl beide blond waren. Dora hatte langes, glänzendes Haar, das nie zerzaust war. Davy dagegen hatte kurze, struppige, gelbliche Ringellöckchen, die seinen runden Kopf umrahmten. Dora hatte freundliche, sanfte haselnussbraune Augen, Davys dagegen hatten etwas elfenhaft Schelmisches und bewegten sich flink hin und her. Dora hatte eine gerade Nase, Davy eine ausgesprochene Stupsnase. Dora sah immer etwas verkniffen drein, Davys Mund dagegen umspielte stets ein Lächeln. Außerdem hatte er in einer Wange ein Grübchen, in der anderen nicht, was ihm ein liebes, ulkiges, schiefes Aussehen verlieh, wenn er lachte. Der Schalk stand ihm im Gesicht geschrieben.

»Sie gehen am besten ins Bett«, sagte Marilla, die darin momentan den einfachsten Weg sah sie loszuwerden. »Dora schläft bei mir, Davy kannst du in den Westgiebel bringen. Du hast doch keine Angst, allein zu schlafen, nicht wahr, Davy?«

»Nein, aber ich gehe noch lange nicht ins Bett«, sagte Davy vergnügt. »O doch«, war alles, was die viel geplagte Marilla dazu sagte, aber etwas in ihrem Tonfall ließ auch Davy in seinen Grundfesten erschüttern. Gehorsam trottete er mit Anne die Treppen hinauf.

»Wenn ich groß bin, werde ich als Allererstes die ganze Nacht aufbleiben, nur um zu sehen, wie das ist«, vertraute er ihr an.

Noch Jahre später erinnerte sich Marilla nicht ohne Schaudern an diese erste Woche, die sich die Zwillinge in Green Gables aufhielten. Nicht dass diese erste Woche so viel schlimmer gewesen wäre als die darauf folgenden, aber es kam ihr doch so vor, weil alles neu war. Es gab selten einmal eine Minute, in der Davy nicht etwas ausheckte oder anstellte. Aber seine erste wirklich denkwürdige Tat erfolgte zwei Tage nach seiner Ankunft - an einem Sonntagmorgen, einem schönen, warmen Tag, so dunstig und mild wie ein Tag im September. Anne machte ihn fertig für die Kirche, während Marilla sich um Dora kümmerte. Davy weigerte sich zunächst entschieden, sich das Gesicht waschen zu lassen.

»Marilla hat es erst gestern gewaschen und Mrs Wiggins hat mich am Tag der Beerdigung mit Kernseife geschruppt. Das reicht für eine Woche. Ich weiß nicht, was daran gut sein soll, so schrecklich sauber zu sein. Dreckig zu sein ist viel schöner.«

»Paul Irving wäscht sich jeden Tag, und zwar freiwillig«, sagte Anne listig.

Davy war seit wenig mehr als achtundvierzig Stunden auf Green Gables, aber Anne hatte er bereits ins Herz geschlossen und er hasste Paul Irving, auf den Anne am Tag nach Davys Ankunft voller Begeisterung ein Loblied gesungen hatte. Wenn Paul Irving sich jeden Tag wusch, dann war die Sache klar. Er, Davy Keith, würde sich auch waschen, und wenn es ihn umbrachte. Mit dieser Einstellung ließ er alles nun Folgende demütig über sich ergehen. Als es geschafft war, war er wirklich ein hübsches Kerlchen. Anne empfand fast so etwas wie Mutterstolz, als sie ihn zu der altangestammten Kirchenbank von Cuthberts führte.

Davy führte sich anfangs auch ganz manierlich auf, er war damit beschäftigt, die Jungen in Sichtweite heimlich zu mustern, und fragte sich, welcher wohl Paul Irving war. Die ersten zwei Lieder und die Lesung verliefen ohne Zwischenfall. Mr Allan sprach gerade ein Gebet, als das Drama seinen Lauf nahm.

Lauretta White saß in der Bank vor Davy. Sie hielt den Kopf leicht gesenkt. Ihr blondes Haar hing ihr in zwei langen Zöpfen auf die Schultern, dazwischen war verlockend ihr weißer Nacken zu sehen, umhüllt von einer lockeren Spitzenkrause. Lauretta war ein dickes, seelenruhiges Kind von acht Jahren, das sich vom allerersten Tag an, als ihre Mutter sie als ein Baby von sechs Monaten das erste Mal in die Kirche mitgenommen hatte, untadelig benommen hatte.

Davy steckte die Hand in die Tasche und brachte - eine Raupe zum Vorschein, eine haarige, sich windende Raupe. Marilla sah es und packte ihn, aber es war zu spät. Davy ließ die Raupe Lauretta in den Nacken fallen.

Mitten in Mr Allans Gebet ertönten gellende Schreie. Der Pfarrer hielt erschrocken inne und öffnete die Augen. Alle Köpfe gingen in die Höhe. Lauretta White hüpfte in ihrer Bank hin und her und griff sich wie rasend hinten ans Kleid.

»Ih ... Mami... Mami... ih ... tu sie weg ... ih ... hol sie raus... ih ... Mami... sie krabbelt weiter runter... iiihhh.«

Mrs White stand auf und trug mit unbewegter Miene die hysterisch schreiende und sich windende Lauretta aus der Kirche. Ihre Schreie verebbten in der Ferne und Mr Allan fuhr mit der Messe fort.

Zu Hause angekommen, steckte Marilla Davy für den Rest des Tages ins Bett. Er bekam nichts zu essen, nur nachmittags bekam er etwas Brot und Milch. Anne brachte es ihm und saß betrübt neben ihm, während er, ohne einen Anflug von Reue, mit Appetit aß. Aber Annes trauriger Blick beunruhigte ihn.

»Ich schätze«, sagte er nachdenklich, »Paul Irving hätte bestimmt nicht in der Kirche einem Mädchen eine Raupe in den Kragen gesteckt, nicht wahr?«

»Nein, ganz bestimmt nicht«, sagte Anne traurig.

»Hm, dann tut es mir jetzt irgendwie Leid«, gestand Davy. »Aber es war eine sagenhaft große Raupe. Ich hab sie beim Hineingehen auf den Kirchenstufen aufgelesen. Ich fand es schade, sie einfach da liegen zu lassen. Und sag selbst, war es nicht lustig, wie das Mädchen gekreischt hat?«

Am Dienstagnachmittag trafen sich die Frauen vom Hilfswerk auf Green Gables. Anne eilte von der Schule nach Hause, weil sie wusste, dass Marilla ihre Hilfe brauchte.

Dora, sauber und adrett in ihrem sorgfältig gestärkten weißen Kleid und ihren schwarzen Sandalen, saß bei den Frauen im Wohnzimmer. Sie antwortete zurückhaltend, wenn sie gefragt wurde, sonst hielt sie den Mund und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Musterkind. Davy, wonnevoll dreckig, machte draußen im Hof Matschkuchen.

»Ich habe es ihm erlaubt«, erklärte Marilla verdrossen. »Ich dachte, das hält ihn davon ab, etwas Schlimmeres anzustellen. Dabei kann er sich höchstens dreckig machen. Bevor wir ihn zu uns zum Tee hereinrufen, trinken zuerst wir Tee. Dora kann bei uns bleiben, aber ich wage es einfach nicht, Davy zusammen mit all den Frauen an einen Tisch zu setzen.« Als Anne die Damen zum Tee bat, stellte sie fest, dass Dora nicht im Wohnzimmer war. Mrs Jasper Bell sagte, Davy wäre an die Verandatür gekommen und hätte sie gerufen.

Nach kurzer Beratung mit Marilla in der Küche beschlossen sie, beide Kinder später hereinzuholen.

Sie waren mit dem Tee halb fertig, als eine Jammergestalt im Esszimmer erschien. Marilla und Anne starrten sie entsetzt an, die Frauen voller Staunen. Konnte das Dora sein ... dieses schluchzende Etwas in dem durchtränkten, triefenden Kleid und Haaren, aus denen das Wasser auf Marillas teuren neuen Teppich tropfte?

»Dora, was ist passiert?«, rief Anne mit einem schuldbewussten Blick auf Mrs Jasper Bell, in deren Familie es, so sagten die Leute, nie zu solchen Unglücken kam.

»Davy wollte, dass ich über den Zaun am Schweinestall klettere«, klagte Dora unter Tränen. »Ich wollte nicht, aber er hat >Angsthase< zu mir gesagt. Dann bin ich runtergefallen. Mein ganzes Kleid war dreckig, das Schwein ist einfach über mich drübergelaufen. Mein Kleid war von oben bis unten dreckig, aber Davy hat gesagt, wenn ich mich unter die Pumpe stelle, würde er es sauber waschen. Das hab ich getan und er hat Wasser über mich darübergepumpt, aber mein Kleid ist überhaupt nicht sauberer geworden und meine schönen Strümpfe und Schuhe sind auch ganz dreckig.«

Den restlichen Nachmittag bestritt Anne die Aufwartung allein, während Marilla mit Dora nach oben ging und ihr alte Sachen anzog. Sie schnappten sich Davy und schickten ihn ohne Essen ins Bett. Am frühen Abend ging Anne zu ihm ins Zimmer und sprach ein ernstes Wort mit ihm - eine Methode, von der sie viel hielt, aufgrund der bisherigen Resultate auch nicht ganz zu Unrecht. Sie sagte, sie wäre sehr ärgerlich über sein Benehmen.

»Es tut mir jetzt selber Leid«, gestand Davy, »aber das Dumme ist, dass es mir immer erst hinterher Leid tut, wenn ich was angestellt habe. Dora wollte mir nicht beim Kuchenbacken helfen und das hat mich ganz rasend gemacht. Schätze, Paul Irving hätte seine Schwester nicht über einen Schweinezaun klettern lassen, wenn er genau gewusst hätte, dass sie runterfällt?«

»Nein, nicht im Traum wäre ihm so etwas eingefallen. Paul ist ein richtiger kleiner Gentleman.«

Davy kniff fest die Augen zu und dachte ein Weilchen darüber nach. Dann kroch er hoch, legte die Arme um Anne und schmiegte sein rotes kleines Gesicht an ihre Schulter.

»Anne, magst du mich denn nicht ein bisschen, auch wenn ich nicht so brav bin wie Paul?«

»Sicher mag ich dich«, sagte Anne ehrlich. Irgendwie musste man Davy einfach mögen. »Aber ich könnte dich noch besser leiden, wenn du nicht so ungezogen wärst.«

»Ich . . . hab heute noch was angestellt«, fuhr Davy mit gedämpfter Stimme fort. »Jetzt tut’s mir Leid, aber ich hab schreckliche Angst davor, es dir zu erzählen. Du ärgerst dich doch nicht so furchtbar, oder? Und du erzählst es nicht Marilla, oder?«

»Ich weiß nicht, Davy. Vielleicht sollte ich es ihr erzählen. Aber ich verspreche dir, es nicht zu tun, wenn du mir versprichst, dass du es nie wieder tust, um was immer es sich auch handeln mag.«

»Nein, ich tu’s nie wieder. Wo es sowieso ziemlich unwahrscheinlich ist, dass ich dies Jahr noch mehr davon finde. Diese eine hab ich auf den Kellerstufen gefunden.«

»Davy, was hast du angestellt?«

»Ich hab Marilla eine Kröte ins Bett gelegt. Du kannst ja hingehen und sie rausnehmen, wenn es dir nichts ausmacht. Aber sag selbst, Anne, wäre es nicht lustig, sie drinzulassen?«

»Davy Keithl«, Anne löste sich aus Davys Armen, sprang auf und stürzte den Flur entlang zu Marillas Zimmer. Das Bett war ein wenig zerwühlt. In nervöser Hast warf sie die Decken zurück - und tatsächlich, da war die Kröte, die sie unter einem Kissen hervor anblinzelte. »Womit kann ich dieses widerliche Ding nur nach draußen befördern?«, sagte Anne schaudernd. Die Feuerschaufel bot sich da an. Anne schlich nach unten, um sie zu holen, währenddessen Marilla sich in der Küche zu schaffen machte. Anne hatte so ihre Schwierigkeiten, als sie die Kröte nach unten trug, denn sie hüpfte dreimal von der Schaufel, einmal dachte Anne, sie hätte sie im Flur verloren. Als sie sie schließlich im Kirschgarten abgesetzt hatte, holte sie vor Erleichterung tief Luft und sagte: »Wenn Marilla es wüsste, würde sie ihr Lebtag nicht mehr ruhigen Gefühls ins Bett gehen können. Ich bin heilfroh, dass der kleine Übeltäter noch beizeiten Reue gezeigt hat. Diana gibt mir von ihrem Fenster aus Zeichen. Ein Segen ... ich brauche dringend etwas Abwechslung, denn Anthony Pye in der Schule und Davy Keith hier haben meine Nerven wirklich mehr strapaziert, als man an einem Tag verkraften kann.«

09 - Eine Frage der Farbe

»Heute war diese alte Nervensäge Rachel Lynde wieder hier und hat auf mich eingeredet wegen einer Spende für einen Teppich für die Sakristei«, sagte Mr Harrison grimmig. »Ich hasse diese Frau mehr als sonstwas. Sie versteht es, einem in nur sechs Worten eine ganze Predigt, den Bibeltext, die Auslegung und die praktische Anwendung vorzuhalten und wie einen Ziegelstein vor die Füße zu werfen.« Anne, die an der Ecke der Veranda saß und den milden Westwind genoss, der an diesem grauen Novemberabend über das frisch gepflügte Feld blies und in den eng stehenden Tannen unterhalb des Gartens eine hübsche kleine Melodie erklingen ließ, sah verträumt über die Schulter.

»Der Haken ist nur, dass Sie und Mrs Lynde einander nicht verstehen«, erklärte sie. »Das ist immer der springende Punkt, wenn Leute sich nicht leiden können. Ich mochte Mrs Lynde zuerst auch nicht. Aber als ich sie erst einmal verstand, änderte sich das.«

»Mrs Lynde mag ja nach mancher Leute Geschmack sein ... aber mir hat man auch mal gesagt, ich würde schon auf den Geschmack von Bananen kommen, wenn ich sie nur weiter äße«, knurrte Mr Harrison. »Und ich mag bis heute keine Bananen. Verständnis hin oder her, so viel steht fest: Überall muss sie ihre Finger drinhaben und das habe ich ihr auch gesagt.«

»Das muss sie sehr getroffen haben«, sagte Anne vorwurfsvoll. »Wie konnten Sie das nur sagen! Ich habe vor langer Zeit auch einmal so hässliche Dinge zu Mrs Lynde gesagt, aber da war ich wütend. Ich konnte gar nicht überlegen, was ich sagte.«

»Es war die Wahrheit. Ich halte es nun einmal für richtig, jedem die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.«

»Aber Sie sagen nicht die ganze Wahrheit«, wandte Anne ein. »Sie sagen nur das Unangenehme. Mir haben Sie schon ein dutzendmal gesagt, dass ich rote Haare habe, aber nicht ein einziges Mal, dass ich eine schöne Nase habe.«

»Das wissen Sie selbst, also muss ich es nicht extra noch betonen«, lachte Mr Harrison.

»Ich weiß auch, dass ich rote Haare habe — obwohl es schon viel dunkler ist als früher -, also brauchen Sie das auch nicht zu betonen.«

»Hm, schon gut, ich werde mich bemühen und es nicht noch mal erwähnen, wenn Sie so empfindlich sind. Sie müssen entschuldigen, Anne. Ich habe nun mal die Angewohnheit und nehme kein Blatt vor den Mund. Man darf sich eben nichts daraus machen.«

»Aber man macht sich etwas daraus. Ich glaube auch nicht, dass es etwas nützt, wenn man weiß, dass das eine Angewohnheit von Ihnen ist. Was würden Sie von jemand halten, der den Leuten unablässig Nadeln ins Fleisch bohrt und sagt: Entschuldigen Sie, Sie müssen sich nichts daraus machen - es ist nur so eine Angewohnheit von mir.< Sie würden so jemand für verrückt halten, nicht wahr? Was Mrs Lynde und ihre Betriebsamkeit angeht - vielleicht haben Sie Recht. Aber haben Sie ihr auch gesagt, dass sie ein weites Herz hat und immer den Armen hilft? Dass sie auch nie ein Wort darüber verloren hat, als Timothy Cotton ein Fass Butter aus ihrer Milchkammer gestohlen und seiner Frau erzählt hat, er hätte die Butter von Mrs Lynde gekauft? Mrs Cotton hat ihr das nächste Mal, als sie sich trafen, sogar vorgeworfen, die Butter schmecke nach Steckrüben. Mrs Lynde hat nur gesagt, es täte ihr Leid, dass die Butter verdorben gewesen wäre.«

»Mag schon sein, dass sie ein paar gute Eigenschaften hat«, räumte Mr Harrison widerstrebend ein. »Haben die meisten. Ich selbst auch, auch wenn Sie das nie vermutet hätten. Trotzdem, für diesen Teppich gebe ich nichts. Ständig wird man von den Leuten hier um Geld angebettelt, so kommt es mir jedenfalls vor. Wie geht es mit Ihrem Plan, den Saal zu streichen, voran?«

»Prächtig. Letzten Freitagabend hatten wir ein Treffen vom D.V.V. und haben festgestellt, dass wir genügend Geld zusammen haben, um den Saal streichen und das Dach decken zu lassen. Die meisten Leute haben sehr großzügig gespendet, Mr Harrison.«

Anne war ein entzückendes Mädchen, aber wenn die Gelegenheit es forderte, konnte sie mit der unschuldigsten Miene giftig sein. »Welche Farbe soll er bekommen?«

»Wir haben uns für ein sehr hübsches Grün entschieden. Das Dach wird natürlich dunkelrot. Mr Roger Pye besorgt die Farbe heute in der Stadt.«

»An wen wurde die Arbeit vergeben?«

»An Mr Joshua Pye aus Carmody. Das Dach ist schon fast fertig. Wir mussten die Arbeit an ihn vergeben, weil sämtliche Pyes - bekanntlich gibt es vier davon - sagten, sie würden nicht einen Cent spenden, wenn nicht Joshua den Auftrag bekäme. Sie hatten sich untereinander auf eine Spende von zwölf Dollar geeinigt und so viel Geld wollten wir nicht aufs Spiel setzen, obwohl manche Leute meinen, wir hätten den Pyes nicht nachgeben sollen. Mrs Lynde sagt, sie würden sich alles unter den Nagel reißen.«

»Hauptsache, dieser Joshua macht seine Arbeit gut. Wenn ja, weiß ich nicht, was es zur Sache tut, ob er nun Pye oder Pudding heißt.«

»Angeblich leistet er gute Arbeit, auch wenn die Leute sagen, er sei sehr merkwürdig. Er ist nicht sehr gesprächig.«

»Dann ist er allerdings merkwürdig«, sagte Mr Harrison trocken. »Zumindest in den Augen der Leute hier. Ich war auch nie sonderlich gesprächig, bis ich nach Avonlea kam. Hier musste ich mich mit Händen und Füßen zur Wehr setzen, sonst hätte Mrs Lynde behauptet, ich sei stumm, und eine Spendenaktion gestartet, um mir die Zeichensprache beizubringen. Sie gehen doch noch nicht, Anne?«

»Doch. Ich muss noch ein paar von Doras Sachen ausbessern. Außerdem macht Davy inzwischen bestimmt irgendwelchen Unfug und fällt Marilla auf die Nerven. Heute morgen war seine erste Frage: Wohin verschwindet die Nacht, Anne? Das will ich wissen.« Ich sagte ihm, sie wandere auf die andere Seite der Erde. Aber nach dem Frühstück verkündete er, das stimme nicht - sie tauche in den Brunnen hinab. Marilla sagt, sie habe ihn heute schon viermal dabei erwischt, wie er sich über den Brunnenrand beugte und versuchte, bis zur Nacht hinabzureichen.«

»Er ist ein Schlawiner«, erklärte Mr Harrison. »Gestern war er hier und hat Ginger sechs Federn aus dem Schwanz gerupft, noch ehe ich schnell genug aus der Scheune hier war. Seither sitzt der Vogel apathisch da. Diese Kinder machen euch bestimmt noch einen Haufen Sorgen.«

»Alles, was lohnt, dass man es hat, bereitet auch Sorgen«, sagte Anne, die insgeheim entschlossen war, Davy sein nächstes Vergehen, was immer es auch sein mochte, zu verzeihen, weil er sie an Ginger gerächt hatte.

Mr Roger Pye brachte an dem Abend die Farbe für den Saal mit und Mr Joshua Pye, ein griesgrämiger, wortkarger Mann, begann am nächsten Tag mit dem Streichen. Er wurde bei seiner Arbeit nicht gestört. Der Saal lag an der so genannten »unteren« Straße. Im Spätherbst war diese Straße mit schöner Regelmäßigkeit schlammig und voller Pfützen. Alle, die nach Carmody wollten, nahmen die weitere »obere« Straße. Der Saal war so dicht von Tannen umstanden, dass man ihn erst sah, wenn man davorstand. Mr Joshua Pye malte allein und ungestört vor sich hin, wie es ihm in seiner ungeselligen Art am liebsten war.

Freitagnachmittag war er fertig und kehrte zurück nach Carmody. Kurz nach seiner Abfahrt fuhr Mrs Rachel Lynde am Saal vorbei. Sie hatte sich wacker durch die schlammige untere Straße gekämpft und war neugierig, wie der Saal wohl aussah in dieser neuen Farbe. Als sie um die Kurve des Fichtenwaldes bog, sah sie es.

Der Anblick, der sich ihr bot, fuhr Mrs Lynde in alle Knochen. Sie ließ die Zügel sinken, riss die Hände hoch und sagte: »Gütiger Himmel!« Sie starrte darauf, als könne sie ihren Augen nicht trauen. Dann brach sie in ein fast hysterisches Lachen aus.

»Da muss etwas schief gelaufen sein ... kann gar nicht anders sein. Ich wusste gleich, diese Pyes machen Pfusch.«

Mrs Lynde fuhr nach Hause. Auf dem Weg traf sie mehrere Leute, denen sie sofort von der Sache mit dem Saal erzählte. Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Gilbert Blythe, der zu Hause saß und ein Lehrbuch studierte, erfuhr es von dem Jungen, den sein Vater am selben Tag eingestellt hatte. Atemlos rannte er nach Green Gables; auf dem Weg schloss sich ihm Fred Wright an. Am Tor von Green Gables, unter den ausladenden kahlen Weiden, stießen sie auf Diana Barry, Jane Andrews und Anne Shirley, die personifizierte Verzweiflung.

»Ist das wirklich wahr, Anne?«, rief Gilbert.

»Es ist wahr«, erwiderte Anne und sah aus wie die Muse der Tragödie. »Mrs Lynde ist auf dem Rückweg von Carmody vorbeigekommen, um es mir zu berichten. Oh, es ist einfach schrecklich! Wozu strengen wir uns überhaupt noch an.«

»Was ist schrecklich?«, fragte Oliver Sloane, der in diesem Augenblick mit der Hutschachtel erschien, die er für Marilla in der Stadt besorgt hatte.

»Hast du es noch nicht gehört?«, fragte Jane düster. »Joshua Pye ist allen Ernstes hingegangen und hat den Saal blau statt grün gestrichen - ein dunkles, leuchtendes Blau, den Farbton, den man sonst für Lastkarren und Schubkarren verwendet. Und Mrs Lynde sagt, es ist die scheußlichste Farbe, die sie je bei einem Gebäude gesehen hat und die man sich nur vorstellen kann, vor allem, wenn das Ganze dann auch noch ein rotes Dach hat. Man hätte mich mit dem kleinen Finger umstupsen können, als ich es hörte. Es bricht einem das Herz, nach all dem Ärger, den wir uns deswegen eingehandelt hatten.«

»Wie um alles auf der Welt konnte das passieren?«, jammerte Diana. Die Schuld für dieses grauenvolle Unglück war möglicherweise der Ungeschicklichkeit der Pyes zuzuschreiben. Die Verschönerer hatten entschieden, Morton-Harris-Farbe zu verwenden. Die Morton-Harris-Farbtöpfe waren nach einer Farbkarte nummeriert. Der Käufer suchte sich den Farbton anhand dieser Farbkarte aus und gab die Bestellung entsprechend der Nummer auf. 147 war die Nummer des gewünschten Grüns. Als Mr Roger Pye durch seinen Sohn, John Andrew, den Verschönerern ausrichten ließ, dass er in die Stadt führe und ihnen die Farbe besorgen könnte, sagten sie zu Andrew, er solle seinem Vater ausrichten, es handle sich um die Nummer 147. John Andrew behauptete steif und fest, genau das hätte er ihm ausgerichtet, aber Mr Roger Pye erklärte ebenso steif und fest, John Andrew hätte ihm die Nummer 157 genannt; und das ist der Stand der Dinge bis heute.«

An jenem Abend herrschte in allen Häusern, in denen ein Verschönerer wohnte, blankes Entsetzen. Auf Green Gables herrschte so düstere Stimmung, dass sogar Davy davon berührt war. Anne weinte und war untröstlich.

»Ich kann nicht anders, auch wenn ich bald siebzehn bin, Marilla«, schluchzte sie. »Diese Demütigung! Es ertönt das Grabgeläut unseres Vereins - und dann das vernichtende Gelächter!«

Im Leben jedoch, wie in Träumen, kehrt sich oft etwas ins Gegenteil. Die Bewohner von Avonlea lachten nicht, dazu waren sie viel zu verärgert. Ihr Geld war für das Streichen des Saals gedacht gewesen, also waren sie auch mächtig entrüstet über den Fehler. Die allgemeine Empörung richtete sich gegen die Pyes. Bei Roger Pye und John Andrew lag der Fehler. Und was Joshua Pye anging, er musste ein geborener Narr sein, dass er nicht darauf kam, dass da etwas nicht stimmte, als er die Farbtöpfe öffnete und die Farbe sah. Joshua Pye, um das noch festzustellen, hielt dem entgegen, dass der Farbgeschmack der Leute von Avonlea ihn nichts anginge, seine private Meinung hin oder her. Er sei mit dem Streichen des Saals beauftragt worden und nicht, um darüber seine Meinung abzugeben. Er bestehe darauf, dafür sein Geld zu bekommen.

Die Mitglieder zahlten ihm voll Bitterkeit das Geld, nachdem sie Mr Peter Sloane, der Richter war, um Rat gefragt hatten.

»Ihr müsst ihn bezahlen«, sagte Peter. »Ihr könnt ihn nicht für den Fehler verantwortlich machen, weil er behauptet, man hätte ihm nicht gesagt, in welcher Farbe der Saal gestrichen werden solle. Man hätte ihm nur die Farbtöpfe überreicht und gesagt, er solle sich an die Arbeit machen.«

Die unglücklichen Verschönerer erwarteten, dass ganz Avonlea mehr denn je Vorurteile gegen sie hegen würden. Aber stattdessen standen alle auf ihrer Seite. Die Leute fanden, dass der eifrigen, begeisterten kleinen Gruppe, die sich so für die Sache eingesetzt hatte, übel mitgespielt worden war. Mrs Lynde spornte sie an weiterzumachen und den Pyes zu zeigen, dass es auf der Welt noch Menschen gab, die keinen Pfusch betrieben. Mr Major Spencer teilte ihnen mit, dass er sämtliche Baumstümpfe entlang der Straße vor seiner Farm ausreißen und auf eigene Kosten dort Gras aussäen würde. Mrs Hiram Sloane kam eines Tages bei der Schule vorbei und winkte Anne wichtigtuerisch hinaus auf die Veranda, um ihr zu sagen, dass, wenn der Verein im Frühling an der Kreuzung ein Geranienbeet anlegen wolle, sie sich wegen ihrer Kuh keine Gedanken machen müssten. Sie würde dafür sorgen und das plündernde Tier im Zaum halten. Sogar Mr Harrison lachte und zeigte vollste Sympathie.

»Mach dir nichts draus, Anne. Die meisten Farben verblassen und werden von Jahr zu Jahr hässlicher, aber dieses Blau ist von vornherein so hässlich wie irgendwas, also kann es nur schöner werden. Und das Dach ist doch ganz ordentlich gedeckt. Die Leute können sich jetzt im Saal aufhalten, ohne dass ihnen Wasser auf den Kopf tropft. Ihr habt also schon eine ganze Menge zuwege gebracht.«

»Aber der blaue Saal von Avonlea wird in sämtlichen Nachbarorten zum Gespött der Leute werden«, sagte Anne verbittert.

Und genauso war es.

10 - Davy auf der Suche nach einem Abenteuer

An einem Novembernachmittag, als Anne auf dem Nachhauseweg von der Schule den Birkenpfad entlangging, hatte sie wieder einmal das Gefühl, dass das Leben herrlich war. Es war ein erfreulicher Tag gewesen; in ihrem kleinen Königreich war alles gut verlaufen. St. Claire Donnell hatte sich nicht mit einem anderen Jungen wegen seines Namens angelegt; Prillie Rogersons Gesicht war vor Zahnweh so geschwollen, dass sie nicht ein einziges Mal den Versuch unternahm, den Jungen in ihrer Nähe kokette Blicke zuzuwerfen. Barbara Shaw war lediglich ein Missgeschick passiert - indem sie ein wenig Wasser auf dem Boden verschüttete — und Anthony Pye war nicht in der Schule gewesen.

»Was für ein schöner Monat dieser November war!«, sagte Anne, die noch immer nicht ihre kindliche Angewohnheit, Selbstgespräche zu führen, überwunden hatte. »Normalerweise ist der November ein schrecklicher Monat - so als hätte das Jahr plötzlich gemerkt, dass es sich seinem Ende zuneigt, und als könnte es sich nur noch darüber grämen und weinen. Dieses Jahr wird mit Anstand alt - wie eine stattliche alte Dame, die weiß, dass sie auch mit grauen Haaren und Runzeln anmutig sein kann. Es waren wunderschöne Tage mit herrlichen Abenddämmerungen. Die letzten vierzehn Tage waren so friedlich und auch Davy hat sich alles in allem ganz manierlich benommen. Er hat sich wirklich gebessert. Wie ruhig es heute im Wald ist -nicht einmal ein Rauschen, bis auf den sanften Wind, der durch die Baumwipfel streicht! Es klingt wie die Brandung an einem fernen Strand. Wie herrlich die Bäume doch sind! Ihr schönen Bäume! Ihr seid wie Freunde.«

Anne blieb stehen, um den Arm um eine schlanke junge Birke zu legen und ihren cremeweißen Stamm zu küssen. Diana, die um die Wegbiegung kam, sah sie und lachte.

»Anne Shirley, du tust doch nur so, als seist du erwachsen. Ich glaube, wenn du allein bist, bist du noch immer wie ein kleines Mädchen.«

»Tja, man kann die Gewohnheit, ein kleines Mädchen zu sein, nicht von heute auf morgen ablegen«, sagte Anne fröhlich. »Verstehst du, ich war vierzehn Jahre lang klein, erst seit drei Jahren werde ich langsam erwachsen. Im Wald werde ich mich bestimmt immer wie ein Kind fühlen. Diese Wanderungen von der Schule nach Hause - das ist fast die einzige Zeit, die mir zum Träumen bleibt, bis auf die halbe Stunde oder so vor dem Schlafengehen. Ich bin so beschäftigt mit Unterrichten, Lernen und Marilla mit den Zwillingen helfen, dass das der einzige Augenblick ist, um meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Du ahnst nicht, was für herrliche Abenteuer ich jeden Abend nach dem Zubettgehen oben im Ostgiebel erlebe. Ich stelle mir immer vor, ich wäre eine herausragende, erfolgreiche, berühmte Persönlichkeit - eine großartige Primadonna, eine Rot-Kreuz-Schwester oder eine Königin. Gestern Abend war ich eine Königin. Man hat seinen Spaß ohne irgendwelche Unannehmlichkeiten zu haben. Man kann aufhören eine Königin zu sein, wann immer man will, was man im wirklichen Leben nicht könnte. Aber hier im Wald stelle ich mir am liebsten ganz andere Dinge vor - ich bin eine Dryade, die in einer alten Kiefer wohnt, oder eine kleine braune Waldelfe, die sich unter einem raschelnden Laubblatt versteckt. Diese weiße Birke, der ich einen Kuss gegeben habe, ist meine Schwester. Der einzige Unterschied ist, dass sie ein Baum ist und ich ein Mädchen, aber das macht eigentlich keinen Unterschied. Wohin gehst du, Diana?«

»Zu den Dickinsons. Ich habe Alberta versprochen, ihr beim Zuschneiden ihres neuen Kleides zu helfen. Kannst du nicht heute Abend hinkommen und mit mir zusammen nach Hause gehen, Anne?«

»Kann ich - jetzt wo Fred Wright unten in der Stadt ist«, sagte Anne mit fast übertrieben unschuldiger Miene.

Diana wurde rot, warf den Kopf in den Nacken und ging weiter. Sie sah jedoch nicht beleidigt aus.

Anne hatte fest vor, an dem Abend zu den Dickinson zu gehen, aber daraus wurde nichts. Als sie auf Green Gables ankam, fand sie eine Situation vor, die jeden Gedanken daran aus ihrem Kopf verbannte. Marilla kam ihr mit wildem Blick auf dem Hof entgegen.

»Anne, Dora ist verschwunden!«

»Dora! Verschwunden!« Anne musterte Davy, der auf dem Hoftor hin und her schwang, und sah den Schalk in seinen Augen. »Davy, weißt du, wo sie ist?«

»Nein, keine Ahnung«, sagte Davy fest. »Ich habe sie seit dem Mittagessen nicht mehr gesehen, Ehrenwort.«

»Ich war seit ein Uhr weg«, sagte Marilla. »Thomas Lynde ist plötzlich krank geworden. Rachel bat mich sofort zu kommen. Als ich fortging, hat Dora mit der Puppe in der Küche gespielt. Davy hat hinter der Scheune Matschkuchen gebacken. Ich bin erst vor einer halben Stunde zurückgekommen - und weit und breit keine Dora. Davy behauptet, er hätte sie nicht mehr gesehen, seit ich weggegangen bin.«

»Hab ich auch nicht«, erklärte Davy ernst.

»Sie muss irgendwo hier in der Nähe sein«, sagte Anne. »Allein würde sie nie und nimmer weit Weggehen, so ängstlich, wie sie ist. Vielleicht ist sie in einem der Zimmer eingeschlafen.«

Marilla schüttelte den Kopf.

»Ich habe das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Aber vielleicht ist sie irgendwo in der Scheune.«

Sie suchten gründlich alles ab. Jeder Winkel in Haus, Hof und Scheunen wurde von den beiden, die schrecklich beunruhigt waren, durchsucht. Anne durchkämmte den Obstgarten und den Geisterwald, wobei sie immer wieder Doras Namen rief. Marilla nahm eine Kerze und durchforstete den Keller. Davy schloss sich abwechselnd mal der einen, mal der anderen an und nannte einfallsreich jede Menge Stellen, wo Dora stecken konnte. Schließlich fanden sie sich wieder im Hof ein.

»Ein Rätsel«, seufzte Marilla.

»Wo sie bloß steckt?«, sagte Anne elend.

»Vielleicht ist sie in den Brunnen gepurzelt«, meinte Davy fröhlich. Anne und Marilla sahen einander angsterfüllt an. Der Gedanke war ihnen während ihrer Suche auch durch den Kopf gegangen, aber keine von beiden hatte sich getraut ihn auszusprechen.

»Es... es wäre möglich«, flüsterte Marilla.

Anne, der ganz schwach zumute war, ging zum Brunnen und spähte über den Rand. Der Eimer stand innen auf dem Sims. Tief unten schimmerte schwach das unbewegte Wasser. Der Brunnen der Cuthberts war der tiefste von ganz Avonlea. Wenn Dora . . . aber Anne mochte sich das nicht ausmalen. Schaudernd wandte sie sich ab. »Lauf hinüber und hol Mr Harrison«, sagte Marilla händeringend.

»Mr Harrison und John Henry sind nicht da, sie sind heute in die Stadt gefahren. Ich hole Mr Barry.«

Anne kam zusammen mit Mr Barry wieder, der ein aufgerolltes Seil bei sich trug, an dem eine hakenähnliche Vorrichtung befestigt war, die einmal der Hauptbestandteil einer Hacke gewesen war. Marilla und Anne standen frierend und zitternd vor Entsetzen und Angst da, während Mr Barry den Brunnen absuchte. Davy, der rittlings auf dem Tor saß, betrachtete die drei mit einem Ausdruck größten Vergnügens.

Schließlich schüttelte Mr Barry erleichtert den Kopf.

»Da unten ist sie nicht. Aber es ist schon sehr rätselhaft, wohin sie verschwunden ist. He, junger Mann, weißt du wirklich nicht, wo deine Schwester steckt?«

»Ich habe schon x-mal gesagt, dass ich es nicht weiß«, sagte Davy mit gekränkter Miene. »Vielleicht ist ja ein Landstreicher vorbeigekommen und hat sie mitgenommen.«

»Unsinn«, sagte Marilla scharf, die sich von der panischen Angst, Dora könnte im Brunnen stecken, erholt hatte. »Anne, meinst du, sie könnte zu Mr Harrison hinübergelaufen sein? Seit du sie das eine Mal mitgenommen hast, hat sie dauernd von dem Papagei geredet.«

»Dora würde sich bestimmt nicht allein den weiten Weg bis dahin trauen, aber ich gehe nachsehen«, sagte Anne.

Niemand warf in dem Moment einen Blick auf Davy, sonst hätten sie einen entschiedenen Wandel in seinem Gesichtsausdruck bemerken können. Er glitt leise vom Tor und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, zur Scheune.

Anne lief ohne große Hoffnung über die Felder zu Mr Harrisons Haus. Das Haus war verriegelt, die Fensterläden geschlossen. Es gab nirgends ein Lebenszeichen. Sie stand auf der Veranda und rief laut nach Dora.

Ginger in der Küche hinter ihr begann plötzlich wütend zu krächzen und zu fluchen. Aber zwischen dem Gekreische hörte Anne einen jämmerlichen Laut aus dem kleinen Gebäude auf dem Hof, das Mr Harrison als Geräteschuppen diente. Anne stürzte an die Tür, riegelte sie auf und nahm die tränenüberströmte Dora in die Arme. Sie saß einsam und verlassen auf einer umgedrehten Nagelkiste.

»Oh, Dora, Dora, wir haben solche Angst um dich gehabt! Wie kommst du hierher?«

»Davy und ich wollten Ginger besuchen«, schluchzte Dora, »aber das ging ja nicht. Davy hat ihn nur zum Kreischen gebracht, weil er mit dem Fuß gegen die Tür gestoßen hat. Dann hat mich Davy hier reingebracht, ist rausgerannt und hat die Tür verriegelt. Und ich war eingesperrt. Ich hab gerufen und gerufen, ich hatte solche Angst. Außerdem hab ich schrecklichen Hunger und friere so. Ich dachte schon, du würdest überhaupt nie kommen, Anne.«

»Davy?« Anne konnte nichts mehr sagen. Niedergeschlagen trug sie Dora nach Hause. Ihre Freude, dass sie Dora gesund und munter gefunden hatte, verging ihr vor Kummer über Davys Betragen. Davys plötzlichen Einfall, Dora einzusperren, konnte man ihm leicht verzeihen. Aber Davy hatte gelogen - hatte kaltblütig gelogen. Das war das Gemeine daran und Anne konnte nicht die Augen davor schließen. Vor bloßer Enttäuschung hätte sie sich hinsetzen und losheulen mögen. Sie hatte Davy wirklich lieb gewonnen - wie lieb, hatte sie bis zu diesem Augenblick nicht geahnt und es tat ihr unerträglich weh, feststellen zu müssen, dass er bewusst gelogen hatte.

Marilla hörte Anne in einem Schweigen zu, das nichts Gutes für Davy verhieß. Mr Barry lachte und empfahl, sich Davy kurzerhand vorzuknöpfen. Als er nach Hause gegangen war, tröstete Anne die schluchzende, zitternde Dora und wärmte sie auf. Sie gab ihr zu essen und brachte sie ins Bett. Dann kam sie in eben dem Augenblick wieder in die Küche, als auch Marilla hereinkam und den sich sträubenden, von oben bis unten mit Spinnweben überzogenen Davy hineinführte, oder besser gesagt hineinzerrte, den sie soeben in der finstersten Ecke des Stalls entdeckt hatte, wo er sich versteckt hatte.

Sie zog ihn auf die Matte mitten im Zimmer und setzte sich an das Ostfenster. Anne saß schlaff am Westfenster. Zwischen ihnen stand der Sünder. Er stand mit dem Rücken zu Marilla - demütig, unterwürfig voller Angst. Sein Gesicht war Anne zugewandt, und auch wenn er etwas unverschämt dreinsah, lag in Davys Augen etwas Verschwörerisches, so als wüsste er, dass er etwas Falsches getan hatte und dafür bestraft werden würde, aber auch so, als könnte er damit rechnen, dass Anne und er später zusammen darüber lachen würden.

Doch nicht einmal ein Anflug eines Lächelns in Annes Augen konnte ihn hoffen lassen, er hätte nur eine Dummheit begangen. Da war etwas anderes, etwas Ablehnendes und Abweisendes.

»Wie konntest du das tun, Davy?«, fragte sie bekümmert.

Davy wand sich verlegen.

»Es war nur so aus Spaß. Die ganze Zeit schon war alles so ruhig hier. Ich dachte, es wäre ganz lustig, wenn ich euch einen großen Schrecken einjage. Und das war’s ja auch.«

Trotz seiner Angst und seiner Gewissensbisse grinste Davy bei dem Gedanken daran.

»Aber du hast die Unwahrheit gesagt, Davy«, sagte Anne betrübter denn je.

Davy schaute verwirrt.

»Was ist eine Unwahrheit? Meinst du schwindeln?«

»Ich meine damit eine Lügengeschichte.«

»Klar, das hab ich getan«, sagte Davy offen heraus. »Hätte ich es nicht getan, hättet ihr keinen Schrecken gekriegt. Ich musste die Unwahrheit sagen.«

Anne spürte, welche Angst sie ausgestanden und welche Kraft es sie gekostet hatte. Davys verstocktes Verhalten gab ihr den Rest. Zwei dicke Tränen traten ihr in die Augen.

»Oh, Davy, wie konntest du nur?«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Weißt du denn nicht, dass das nicht richtig war?«

Davy war entgeistert. Anne weinte - er hatte Anne zum Weinen gebracht! Wie von einer Welle wurde sein warmes kleines Herz von einem Strom echter Reue durchflutet und förmlich verschlungen. Er stürmte zu Anne, kletterte auf ihren Schoß, schlang seine Arme um sie und brach in Tränen aus.

»Ich wusste nicht, dass es falsch ist zu schwindeln«, schluchzte er. »Woher meinst du, hätte ich das auch wissen sollen? Wo Mr Sprotts Kinder regelmäßig jeden Tag geschwindelt und auch immer ihr Ehrenwort gegeben haben. Paul Irving schwindelt bestimmt nie. Ich hab mich ganz toll angestrengt, so zu sein wie er. Jetzt magst du mich bestimmt nie mehr. Ich finde, du hättest es mir sagen müssen, dass es nicht richtig ist. Es tut mir schrecklich Leid, dass ich dich zum Weinen gebracht habe, Anne. Ich werde nie wieder schwindeln.« Davy vergrub sein Gesicht an Annes Schulter und weinte heftig. Anne hielt ihn plötzlich verständnisvoll fest und sah über seinen Wuschelkopf hinweg Marilla an.

»Er wusste nicht, dass man nicht die Unwahrheit sagen darf, Marilla. Ich meine, in dem müssen wir ihm diesmal noch verzeihen, wenn er verspricht, nie wieder zu lügen.«

»Ich tu’s nie wieder. Jetzt wo ich weiß, dass es schlimm ist«, versprach Davy unter Schluchzen. »Wenn du mich noch mal beim Schwindeln erwischst, darfst du ...« Davy suchte nach einer geeigneten Strafe, »darfst du mir bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren ziehen, Anne.«

»Sag nicht immer >schwindeln<, Davy ... es heißt lügen«, sagte die Lehrerin in Anne.

»Warum?«, fragte Davy, der es sich bequem machte und mit tränennassen, forschendem Blick aufsah. »Warum ist schwindeln nicht genauso gut wie lügen? Das will ich wissen. Es ist nur ein anderes Wort.«

»Es ist aus der Gaunersprache. Und kleine Jungen sollen keine Gaunersprache gebrauchen.«

»Da gibt’s so furchtbar viel, was man nicht sollte«, sagte Davy mit einem Seufzer. »Ich hätte das nie für möglich gehalten. Ich finde es schade, dass man nicht schwin ... lügen darf, weil das ein viel schöneres Wort ist. Aber auch wenn es das ist, ich werde es nie mehr sagen. Was für eine Strafe kriege ich diesmal dafür? Das will ich wissen.« Anne sah Marilla flehend an.

»Ich will nicht zu hart mit dem Kind verfahren«, sagte Marilla. »Gewiss hat ihm bisher noch kein Mensch gesagt, dass man nicht lügen darf. Diese Sprott-Kinder waren nicht der richtige Umgang für ihn. Die gute Mary war zu krank, um ihn richtig zu erziehen. Von einem sechs Jahre alten Kind kann man wohl nicht erwarten, dass es solche Sachen instinktiv weiß. Wir müssen wohl einfach davon ausgehen, dass er nichts wirklich weiß, und ganz von vorn beginnen. Aber er muss eine Strafe dafür bekommen, dass er Dora eingesperrt hat. Ich weiß mir da keinen anderen Rat, als ihn wie schon so oft ohne Essen ins Bett zu schicken. Oder fällt dir etwas anderes ein, Anne? Eigentlich müsste es das, bei deiner Phantasie.«

»Strafen sind was Scheußliches und ich stelle mir lieber nur schöne Dinge vor«, sagte Anne und drückte Davy an sich. »Es gibt ohnehin schon so viele unschöne Dinge auf der Welt, dass man nicht auch noch welche dazuerfinden muss.«

Zu guter Letzt wurde Davy wie üblich bis zum nächsten Mittag ins Bett geschickt. Allem Anschein nach hatte er über einiges nachgedacht, denn als Anne etwas später hinaus in ihr Zimmer trat, saß er aufrecht im Bett, die Ellbogen auf die Knie gelegt und das Kinn auf die Hände gestützt.

»Anne«, sagte er ernsthaft, »darf niemand schwin ... lügen? Das will ich wissen.«

»Nein.«

»Ein Erwachsener auch nicht?«

»Nein.«

»Dann«, sagte Davy bestimmt, »ist Marilla ein schlechter Mensch, weil sie lügt. Sie ist noch schlimmer als ich, weil ich nicht wusste, dass man das nicht darf, aber sie weiß es.«

»Davy Keith, Marilla hat ihr Lebtag noch keine Lügengeschichten erzählt«, sagte Anne entrüstet.

»Doch. Letzten Dienstag hat sie zu mir gesagt, dass mir ein Unglück zustoßen würde, wenn ich nicht jeden Abend bete. Das hab ich seit über einer Woche nicht mehr getan, nur um herauszufinden, was passieren würde - und nichts ist passiert«, schloss Davy anklagend. Anne hätte am liebsten losgelacht, unterdrückte es jedoch in dem Wissen, dass ein Lachen verhängnisvoll gewesen wäre. Dann machte sie sich ernsthaft daran, Marillas Ruf zu retten.

»Wieso, Davy Keith«, sagte sie ernst, »an eben diesem Tag ist dir doch etwas Schreckliches passiert.«

Davy schaute skeptisch.

»Du meinst, weil ich ohne Essen ins Bett geschickt wurde?«, sagte er spöttisch. »Das ist nicht schrecklich. Klar, es passt mir nicht, aber ich wurde schon so oft ins Bett geschickt, seit ich hier bin, dass ich mich langsam daran gewöhne. Und sparen tut ihr dadurch auch nichts, weil ich zum Frühstück immer doppelt so viel esse.«

»Dass du ins Bett geschickt wurdest, meine ich nicht. Ich meine deine Lüge. Und Davy?«, Anne lehnte sich über das Fußende des Bettes und drohte dem Übeltäter mit dem Finger, »wenn ein Junge Lügengeschichten erzählt, ist das fast das Schlimmste, was passieren kann, fast das Allerschlimmste. Du siehst also, Marilla hat die Wahrheit gesagt.«

»Aber ich dachte, das Schlimme wäre aufregend«, sagte Davy beleidigt.

»Marilla hat keine Schuld an dem, was du denkst. Schlimme Dinge sind nicht immer aufregend. Sie sind meist nur hässlich und dumm.«

»Es war aber schrecklich lustig mit anzusehen, wie du und Marilla in den Brunnen geschaut habt«, sagte Davy und umfasste seine Knie. Anne verzog keine Miene — erst als sie unten war und sich auf das Sofa im Wohnzimmer fallen ließ, lachte sie, bis sie Seitenstechen bekam.

»Was gibt es zu lachen?«, sagte Marilla ein wenig grimmig. »Ich habe heute noch nicht viel zu lachen gehabt.«

»Wenn du das hörst, wirst du lachen«, versicherte Anne. Und Marilla lachte, was zeigte, welche Fortschritte sie seit Annes Adoption gemacht hatte. Aber gleich darauf seufzte sie.

»Ich hätte das besser nicht zu ihm gesagt, auch wenn ich mal gehört habe, wie ein Pfarrer es zu einem Kind sagte. Aber er hat mich so geärgert. Es war an dem Abend, an dem du im Konzert in Carmody warst und ich Davy ins Bett gebracht habe. Er sagte, er sehe im Beten keinen Sinn, bis er so groß wäre, dass er für Gott von einer Wichtigkeit wäre. Anne, ich weiß nicht, was wir mit diesem Kind anstellen sollen. Er übersteigt alles, was ich bisher kenne. Ich bin schlichtweg verzweifelt.«

»Oh, sag so was nicht, Marilla. Erinnere dich nur einmal daran, wie schlimm ich war, als ich hierher kam.«

»Anne, du warst nicht schlimm, niemals. Das wird mir jetzt klar, wo ich sehe, was schlimm heißt. Du hast dich dauernd in die Nesseln gesetzt, das stimmt, aber bei dir steckte immer eine gute Absicht dahinter. Davy ist einfach aus lauter Spaß an der Freude schlimm.«

»Oh nein, er ist nicht durch und durch schlecht«, sagte Anne verteidigend. »Er hat nur Unfug im Sinn. Und hier ist wenig für ihn los, verstehst du. Es gibt keine anderen Jungen zum Spielen und er muss seine Gedanken mit irgendwas beschäftigen. Dora ist immer so sauber und adrett, dass sie sich als Spielkameradin für einen Jungen nicht eignet. Ich glaube wirklich, es wäre besser, sie würden in die Schule gehen, Marilla.«

»Nein«, sagte Marilla bestimmt, »mein Vater hat immer gesagt, ein Kind sollte frühestens mit sieben in die vier Wände einer Schule eingesperrt werden; Mr Allan sagt dasselbe. Die Zwillinge können zu Hause ein paar Unterrichtsstunden bekommen, aber zur Schule geschickt werden sie erst mit sieben.«

»Nun, dann müssen wir Davy zu Hause Manieren beibringen«, sagte Anne heiter. »Trotz all seiner Fehler ist er ein liebes Kerlchen. Ich hab ihn einfach gern. Marilla, auch wenn es sich schlimm anhört, aber ehrlich, ich mag Davy lieber als Dora, weil sie immer so artig ist.«

»Hm, so geht es mir auch«, gestand Marilla. »Irgendwie ist es ungerecht, denn Dora macht uns nie Sorgen. Sie ist ein Musterkind, man merkt kaum, dass sie da ist.«

»Dora ist zu brav«, sagte Anne. »Sie würde sich genauso benehmen, wenn kein Mensch da wäre und ihr sagte, was sie zu tun und zu lassen hat. Sie kam schon erwachsen auf die Welt, also braucht sie uns nicht. Und ich glaube«, schloss Anne und traf damit den Nagel auf den Kopf, »dass wir die Menschen, die uns brauchen, immer am liebsten haben. Davy braucht uns dringend.«

»Zumindest eins braucht er«, stimmte Marilla zu. »Rachel würde sagen, er braucht eine gehörige Tracht Prügel.«

11 - Tatsachen und Wunschvorstellungen

»Unterrichten ist hochinteressant«, schrieb Anne an eine Stubengenossin vom Queen’s College. »Jane findet es eintönig, ganz im Gegensatz zu mir. Fast jeden Tag passiert etwas Lustiges und die Kinder erzählen amüsante Sachen. Jane bestraft ihre Schüler, wenn sie lustige Ausdrücke gebrauchen, deshalb ist für sie die Schule vielleicht auch langweilig. Heute Nachmittag sollte der kleine Jimmy Andrews >gesprenkelt< buchstabieren und brachte es nicht fertig. >Na ja<, sagte er schließlich, >ich kann es nicht buchstabieren, aber ich weiß, was es bedeutet.<«

»Was denn?« fragte ich.

»St. Clair Donnells Gesicht ist so, Miss.«

St. Clair ist zweifellos >gesprenkelt<, aber ich will nicht, dass die anderen dazu ihre Kommentare abgeben - ich hatte früher selbst auch Sommersprossen und kann mich nur zu gut daran erinnern. Aber St. Clair macht es, glaube ich, nichts aus. Dass St. Clair Jimmy auf dem Nachhauseweg von der Schule vertrimmt hat, lag allerdings daran, dass Jimmy ihn >St. Clair< genannt hat. Mir ist die Sache zu Ohren gekommen, aber nicht offiziell, also werde ich einfach nicht darauf eingehen.

Gestern habe ich versucht, Lottie Wright die Addition beizubringen. Ich sagte: >Angenommen, du hast drei Bonbons in der einen Hand und zwei in der anderen, wie viel hast du dann zusammen?< - >Einen Mund voll<, sagte Lottie. Im Naturkundeunterricht, als ich die Klasse aufforderte, mir vernünftige Gründe zu nennen, weshalb man Frösche nicht töten soll, hat mir Benjie Sloane in vollem Ernst geantwortet: >Weil es dann am nächsten Tag Regen gibt.<

Man kann sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen, Stella. Ich muss damit immer warten, bis ich zu Hause bin. Marilla macht es schon ganz nervös, dass sie dauernd ohne ersichtlichen Grund ungestüme Lachanfälle im Ostgiebel hört. Sie sagt, früher einmal wäre ein Mann aus Grafton durchgedreht und genauso hätte es bei ihm auch angefangen.

Das Schwierigste, aber auch das Interessanteste am Unterrichten ist, finde ich, den Kindern ihre geheimsten Gedanken zu entlocken. An einem stürmischen Tag letzte Woche habe ich sie um die Mittagszeit zusammengerufen und versucht, mich mit ihnen wie mit ihresgleichen zu unterhalten. Ich fragte die Schüler, was sie sich am sehnlichsten wünschten. Einige Antworten waren ziemlich banal: Puppen, Pferde, Schlittschuhe. Andere waren ausgesprochen originell. Hester Boulter wünschte sich, >jeden Tag ihr Sonntagskleid tragen und im Wohnzimmer essen zu dürfen<. Hannah Bell möchte >gut in der Schule sein, ohne sich groß anstrengen zu müssen<. Margory White, zehn Jahre alt, wäre gern eine Witwe. Als ich sie fragte, warum, sagte sie ernst, dass die Leute einen, wenn man nicht verheiratet war, eine altejungfer nennen. Ist man aber verheiratet, kommandierte einen der Ehemann herum. Aber wenn man Witwe ist, bestünde weder die eine noch die andere Gefahr. Den bemerkenswertesten Wunsch hatte Sally Bell. Sie wünschte sich >Flitterwochen<. Ich fragte sie, ob sie wüsste, was das wäre. Sie antwortete darauf, es wäre ein besonders schönes Fahrrad, weil ihr Cousin aus Montreal in die Flitterwochen gefahren sei, nachdem er geheiratet hatte, und der hätte schon immer den neuesten Schrei an Fahrrädern besessen!

An einem anderen Tag bat ich die Schüler, mir von ihren größten Dummheiten zu erzählen. Die älteren Schüler ließen sich nicht dazu bewegen, aber die dritte Klasse gab frank und frei Auskunft. Eliza Bell hatte das Wollgarn ihrer Tante in Brand gesteckt. Eines der Kinder fragte sie, ob sie das mit Absicht getan hätte, und sie sagte: >Nicht ganz.< Sie hätte nur ein kurzes Ende angesteckt, um zu sehen, ob es brennt, und im Nu ging das ganze Knäuel in Flammen auf. Emerson Gillis hatte zehn Cents für Süßigkeiten ausgegeben, statt sie in seine Missions-Spardose zu tun. Annetta Beils schlimmste Untat war, dass sie von den Blaubeeren gegessen hatte, die auf dem Friedhof wuchsen.

Willie White war mit seinen Sonntagshosen vom Schafstalldach gerutscht. >Aber ich wurde dafür bestraft und musste den ganzen Sommer lang zur Sonntagsschule geflickte lange Hosen anziehen, und wenn man für etwas bestraft wird, muss man es nicht bereuen<, verkündete Willie.

Ich wünschte, Du könntest ein paar von den Aufsätzen lesen - das wünsche ich so sehr, dass ich Dir ein paar abschreibe und einfach mitschicke.

Letzte Woche gab ich den Schülern der vierten Klasse die Aufgabe auf, sie sollten mir über ein beliebiges Thema einen Brief schreiben. Der Brief könne von einem Ort handeln, an dem sie einmal gewesen waren, oder von einem interessanten Erlebnis oder Menschen. Sie sollten den Brief auf richtigem Briefpapier schreiben, in einen Umschlag stecken, verschließen und ihn an mich adressieren - alles ohne jede fremde Hilfe. Letzten Freitagmorgen lag ein Stapel Briefe auf meinem Tisch und beim Durchlesen am Abend wurde mir wieder einmal klar, dass die Schule ihre leidvollen, aber auch vergnüglichen Seiten hat. Diese Briefe wiegen vieles auf. Hier nun Ned Clays Brief -Adresse, Schreibweise und Grammatik sind originalgetreu wiedergegeben:

Miss Lehrerin Shirley 

Green Gabels 

wohnh. Island Kan

Vögel

Liebe Lehrerin ich schreibe Ihnen etwas über Vögel. Vögel ist sehr nützliche Tiere, meine Katze fängt Vögel. Er heißt William, aber Pa nennt ihn tom. er istgansgestreift, und lezten Winter hat ersieh ein Ohr abgefroren, nur damit er eine gutaussehende Katze ist. Mein Onckel hat eine Katze adoptiert. Sie kam eines Tages zu sein Haus und wollte nich mehr Weggehen, und mein Onkel sagt, sie hat die meisten Leute vergessen, die sie mal gekennt hat, er lässt sie in seinem Schaukelstuhl schlafen, und meine Tante sagt, er denkt mehr an die Katze als an die Kinder, das ist nicht richtig. Wir sollten nett zu Katzen sein und ihnen frische Milch geben, aber wir sollten nicht netter zu ihnen sein als zu unsern Kindern, mehr fällt mir jetzt nicht ein, soviel als von

Edward blake Clay

St. Clair Donnell fasste sich, wie üblich, kurz und bringt die Sache auf den Punkt. Er verschwendet nie viel Worte. Ich glaube nicht, dass er aus böser Absicht sein Thema ausgewählt oder den Nachsatz hinzugefügt hat. Er hat nur keine große Phantasie und ist nicht sehr taktvoll.

Liebe Miss Shirley,

Sie haben uns die Aufgabe gestellt, über etwas Merkwürdiges zu berichten. Ich möchte über den Avonlea-Saal schreiben. Er hat zwei Türen, eine Innen-und eine Außentür. Er hat sechs Fenster und einen Schornstein. Er hat zwei Enden und zwei Seiten. Er ist blau gestrichen. Das verleiht ihm auch sein merkwürdiges Aussehen.

Er steht an der unteren Straße nach Carmody. Er ist das drittwichtigste Gebäude von Avonlea. Die anderen wichtigen sind die Kirche und die Schmiede. Man hält darin Debattierclubs ab und Lesungen und Konzerte.

Hochachtungsvoll 

Jacob Donnell

PS: Der Saal ist in einem sehr grellen Blau gestrichen.

Annetta Beils Brief war ziemlich lang, was mich überraschte, denn Aufsätze sind nicht ihre Stärke. Normalerweise fasst sie sich ebenso wie St. Clair sehr kurz.

Annetta ist ein ruhiges Mädchen und ein Musterbeispiel an gutem Benehmen, aber sie besitzt nicht die Spur Originalität. Hier nun ihr Brief:

Liebste Lehrerin,

ich schreibe Ihnen, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich Sie liebe. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all meinen Gedanken - so sehr, wie ich jemanden nur lieben kann -, und ich möchte auf ewig die Ihre sein. Das wäre mir die höchste Ehre. Deswegen strenge ich mich in der Schule auch so an und lerne meine Hausaufgaben.

Sie sind so schön, meine liebe Lehrerin. Ihre Stimme ist wie Musik und Ihre Augen wie mit Tau bedeckte Stiefmütterchen. Sie sind wie eine große würdevolle Königin. Ihr Haar ist wie dahinßießendes Gold. Anthony Pye sagt, es ist rot, aber Sie brauchen auf Anthony nicht zu hören.

Ich kenne Sie erst seit ein paar Monaten, aber ich kann mir die Zeit ohne Sie nicht mehr vorstellen - eine Zeit, als Sie noch nicht in mein Leben getreten waren und es beglückt und verschönt haben. Ich werde stets auf dieses Jahr als das wundervollste in meinem Leben zurückblicken, weil es mir Sie gebracht hat. Außerdem ist es das Jahr, in dem wir von Newbridge nach Avonlea gezogen sind. Meine Liebe zu Ihnen hat mein Leben sehr bereichert und mich von vielem Bösen abgehalten. Ich habe dies alles nur Ihnen zu verdanken, meine liebste Lehrerin.

Ich werde nie vergessen, wie süß Sie letztens in dem schwarzen Kleid und mit den Blumen im Haar ausgesehen haben. So werde ich Sie immer vor mir sehen, auch wenn wir beide alt und grau sind. Für mich bleiben Sie ewig jung und hübsch, liebste Lehrerin. Ich denke die ganze Zeit an Sie... ob am Morgen, am Mittag oder am Abend. Ich liebe Sie, wenn Sie lachen und wenn Sie seufzen - und auch, wenn Sie verärgert dreinschauen. Ich habe Sie nie ärgerlich gesehen, obwohl Anthony Pye sagt, Sie würden ständig ärgerlich aussehen, aber mich wundert nicht, dass Sie ihn ärgerlich anschauen, denn er verdient es. Ich liebe Sie, gleichgültig, welches Kleid Sie anhaben ... Sie sehen in jedem neuen nur noch entzückender aus.

Liebste Lehrerin, gute Nacht. Die Sonne ist untergegangen und die Sterne leuchten - Sterne, so strahlend und schön wie Ihre Augen. Ich küsse Ihre Hände und Ihr Gesicht, meine Liebe. Möge Gott Sie beschützen und Sie vor allem Unglück bewahren.

Ihre Sie liebende Schülerin 

Annetta Bell

Dieser ungewöhnliche Brief verwirrte mich einigermaßen. Ich wusste, dass sie, so wenig wie sie fliegen kann, diese Zeilen geschrieben hatte. Tags darauf in der Schule nahm ich sie in der Pause mit auf einen Spaziergang an den Bach und bat sie, mir die Wahrheit zu sagen. Annetta begann zu weinen und gab freimütig alles zu. Sie hätte noch nie einen Brief geschrieben und wüsste nicht, wie das ginge und was sie schreiben solle, aber in der obersten Schreibtischschublade ihrer Mutter läge ein Bündel Liebesbriefe von einem ihrer früheren Verehren.

»Sie stammen nicht von meinem Vater«, schluchzte Annetta, »sie stammen von einem, der studierte und Pfarrer werden wollte. Daher verstand er sich auch darauf, so reizende Briefe zu schreiben, aber Ma hat ihn schließlich doch nicht geheiratet. Sie sagt, sie wäre nicht aus ihm schlau geworden. Aber ich fand die Briefe schön. Deshalb habe ich einfach hier und da ein paar Stellen abgeschrieben und an Sie geschickt. Wo >Dame< stand, habe ich >Lehrerin< eingesetzt, und ein paar Wörter habe ich ausgetauscht. Für >Stimmung< habe ich >Kleid< eingesetzt. Ich wusste nicht genau, was >Stimmung< bedeutet, aber ich dachte, es wäre was zum Anziehen. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie den Unterschied kennen. Ich verstehe nicht, wie Sie herausgefunden haben, dass nicht alles von mir stammt. Sie müssen ganz schön klug sein.«

Ich sagte zu Annetta, dass es sich nicht gehört, anderer Leute Briefe abzuschreiben und so zu tun, als stamme es von ihr. Aber ich fürchte, Annetta hat nur Leid getan, dass ich ihr auf die Schliche gekommen bin.

»Aber ich liebe Sie wirklich«, schluchzte sie. »Es hat alles gestimmt, auch wenn es eigentlich der Pfarrer geschrieben hat.«

Ich brachte es nicht über mich, mit ihr zu schimpfen.

Hier nun Barbara Shaws Brief. Die Tintenkleckse des Originals kann ich nicht wiedergeben.

Liebe Lehrerin,

Sie sagten, wir könnten über einen Besuch schreiben. Ich habe nur einmal einen Besuch gemacht. Das war letzten Winter bei meiner Tante Mary. Meine Tante Mary ist eine ganz besondere Frau und versteht sich auf Hauswirtschaft. Gleich am ersten Abend beim Tee hab ich eine Kanne umgestoßen und kaputtgemacht. Tante Mary sagte, sie hätte die Kanne seit ihrer Heirat und bisher hätte sie noch niemand zerbrochen. Als wir aufstanden, bin ich auf ihr Kleid getreten und alle Fäden gingen aus dem Saum. Am nächsten Morgen, als ich aufstand, bin ich mit dem Wasserkrug gegen das Waschbeckengestoßen und hab beides zerdeppert. Beim Frühstück hab ich eine Tasse Tee auf dem Tischtuch verschüttet. Als ich Tante Mary beim Abwasch half, hab ich einen Teller fallen lassen, der auch zerbrach. Am Abend bin ich die Treppe runtergefallen, hab mir den Fuß verstaucht und musste eine Woche im Bett bleiben. Ich hörte, wie Tante Mary zu Onkel Joseph sagte, was für ein Glück, sonst hätte ich noch alles in dem Haus kaputtgemacht.

Als es mir besser ging, musste ich schon wieder nach Hause fahren. Ich mache nicht gern Besuche. Ich gehe lieber zur Schule, vor allem seit ich nach Avonlea gekommen bin.

Mit vorzüglicher Hochachtung 

Barbara Shaw.

Willie Whites Brief begann folgendermaßen:

Sehr geehrte Miss,

ich möchte Ihnen von meiner Sehr Mutigen Tante erzählen. Sie lebt in Ontario. Eines Tages ging sie nach draußen und entdeckte auf dem Hof einen Hund. Der hatte dort nichts verloren, also holte sie einen Stock, prügelte ihn durchjagte ihn in die Scheune und sperrte ihn ein. Bald danach tauchte ein Mann auf und suchte einen trainierten Löwen (Frage: Willie meinte wohl einen dressierten Löwen?), der aus dem Zirkus weggelaufen war. Es stellte sich heraus, dass der Hund ein Löwe war, und meine Sehr Mutige Tante hatte ihn mit einem Stock in die Scheune gejagt. Es ist ein Wunder, dass sie nicht aufgefresst worden war, aber sehr mutig war sie gewesen. Emerson Gillissagt, wenn sie ihn für einen Hund gehalten hat, war sie nicht mutiger, als wenn es wirklich ein Hund gewesen wäre. Aber Emerson ist neidisch, weil er keine Sehr Mutige Tante hat, sondern nur Onkel.

Das Beste habe ich bis zum Schluss aufgehoben. Du machst Dich über mich lustig, weil ich Paul für ein Genie halte, aber ich bin sicher, dieser Briefwird Dich davon überzeugen, dass er ein sehr ungewöhnliches Kind ist. Paul wohnt weiter unten am Ufer bei seiner Großmutter und er hat keine Spielkameraden - keine richtigen Spielkameraden. Du erinnerst Dich, dass unser Professor uns gesagt hat, wir dürften keinen der Schüler »bevorzugen*, aber bei Paul Irving kann ich mir nicht helfen, er ist einfach mein Lieblingsschüler. Das ist bestimmt nicht weiter schlimm, denn alle mögen ihn, sogar Mrs Lynde, die es nie für möglich gehalten hätte, dass sie einen Yankee so gern haben könnte. Bei den anderen Jungen in der Schule ist er auch beliebt. Trotz seiner Träumereien und Einfälle wirkt er nicht schwächlich oder mädchenhaft. Er ist geradezu mannhaft und setzt sich bei allen Spielen durch. Neulich hat er mit St. Clair gekämpft, weil er behauptete, der Union Jack als Flagge würde besser ersetzt durch das Sternenbanner. Der Kampf ging unentschieden aus und endete mit dem gegenseitigen Übereinkommen, in Zukunft den Patriotismus des anderen zu respektieren. St. Clair sagt, er könne am härtesten zuschlagen, aber Paul Irving lande die meisten Treffer.

Pauls Brief:

Liebe Lehrerin,

Sie sagten, wir könnten Ihnen über die interessantesten Leute, die wir kennen, schreiben. Die interessantesten, die ich kenne, sind meine Felsen-Menschen und von denen will ich Ihnen erzählen. Bis jetzt habe ich nur Großmutter und Vater davon erzählt, aber ich möchte, dass Sie von ihnen erfahren, weil Sie es verstehen. Die meisten verstehen es sowieso nicht, also hat es keinen Sinn, denen davon zu erzählen.

Meine Felsen-Menschen leben an der Küste. Vor Anbruch des Winters habe ich sie fast jeden Abend besucht. Jetzt kann ich sie erst wieder im Frühling besuchen, aber sie werden da sein, weil es ihnen gefällt, wenn alles beim Alten bleibt - das ist das Schöne an ihnen. Nora habe ich als Erste kennen gelernt, deshalb mag ich sie, glaube ich, auch am liebsten. Sie wohnt in Andrews Höhle, hat schwarze Haare und schwarze Augen und weiß alles über Seejungfern und Wassergeister. Sie sollten sie einmal erzählen hören! Dann sind da die Zwillingssegler. Sie wohnen nirgends, sie segeln die ganze Zeit umher, aber sie kommen oft an den Strand und unterhalten sich mit mir. Sie sind zwei lustige Teerjacken und haben die ganze Welt gesehen - und noch mehr. Wissen Sie, was der jüngste Zwillingssegler einmal erlebt hat? Er segelte so dahin und geradewegs in den Widerschein des Mondes. Ein Widerschein ist die Spur, die der Vollmond aufs Wasser zeichnet, wenn er aus dem Meer aufsteigt. Also, der jüngste Zwillingssegler segelte im Widerschein, bis er beim Mond ankam, und dort gab es eine kleine, goldene Tür. Er öffnete sie und segelte geradewegs hindurch. Auf dem Mond erlebte er sagenhafte Abenteuer, aber der Brief würde zu lang werden, wollte ich sie alle erzählen. Dann ist da noch die Goldene Frau der Höhle. Eines Tages machte ich unten am Strand eine Höhle ausfindig und kletterte hinein und nach einer Weile entdeckte ich die Goldene Frau. Ihr goldenes Haar reicht ihr bis auf die Füße, ihr Kleid glitzert und glänzt wie Gold, das lebt. Sie hat eine goldene Harfe und spielt darauf den lieben, langen Tag - man kann die Musik hören, wenn man sorgsam lauscht, aber die meisten würden es nur für Wind halten, der zwischen den Felsen hindurchstreicht. Nora habe ich nie von der Goldenen Frau erzählt. Ich hatte Angst, es könnte sie kränken. Sogar schon, wenn ich mich zu lange mit den Zwillingsseglern unterhielt, war sie beleidigt.

Ich habe mich mit den Zwillingsseglern immer bei den Gestreiften Felsen getroffen. Der jüngere Zwillingssegler ist sehr gutmütig, aber der ältere kann manchmal schrecklich böse dreinschauen. Ich habe da so meine Vermutungen über den älteren Zwilling. Ich glaube, wenn er sich getraute, würde er unter die Piraten gehen. Er hat wirklich etwas Geheimnisvolles. Einmal hat er geflucht und ich sagte zu ihm, wenn er es noch einmal täte brauchte er nicht mehr ans Ufer zu kommen und sich mit mir zu unterhalten. Ich hatte meiner Großmutter versprochen, ich würde mich mit jemand, der flucht, nicht abgeben. Da bekam er einen ganz schönen Schrecken, das kann ich Ihnen sagen. Wenn ich ihm verzeihen würde, so versprach er, würde er mich mit zum Sonnenuntergang nehmen. Als ich also am Abend darauf bei den Gestreiften Felsen saß, kam der ältere Zwilling in einem bezauberndem Boot über das Meer gesegelt und ich kletterte hinein. Das Boot war ganz perlmuttartig und regenbogenfarbig, wie das Innere einer Muschelschale, und das Segel war wie Mondschein. Wir segelten geradewegs hinüber zum Sonnenuntergang. Stellen Sie sich das vor, Miss, ich war im Sonnenuntergang. Und was meinen Sie, wie es dort ist? Der Sonnenuntergang ist ein Land voller Blumen, wie ein großer Garten, und die Wolken sind die Blumenbeete. Wie segelten in einen großen Hafen, der ganz goldfarben war.

Ich stieg aus dem Boot und ging auf eine Wiese, die übersät war mit Butterblumen so groß wie Rosen.

Ich blieb dort eine Ewigkeit. Es kam mir fast wie ein Jahr vor, aber der ältere Zwilling behauptet, es wären nur ein paar Minuten gewesen. Sie sehen also, im Land des Sonnenuntergangs vergeht die Zeit scheinbar viel langsamer als hier bei uns.

Ihr Sie liebender Schüler 

Paul Irving

PS: Natürlich ist das alles nicht wahr, Miss Shirley.

P.l.

12 - Ein rabenschwarzer Tag

Eigentlich begann der rabenschwarze Tag mit der vor bohrenden Zahnschmerzen schlaf- und ruhelosen Nacht davor. Als Anne an dem trüben, bitterkalten Wintermorgen aufstand, kam ihr das Leben fade, schal und sinnlos vor.

Sie machte sich, alles andere als gut aufgelegt, auf den Weg zur Schule.

Ihre Backe war geschwollen und das Gesicht tat ihr weh. Das Schulzimmer war kalt und rauchig, weil das Feuer nicht brennen wollte, und die Kinder hatten sich in Grüppchen zitternd aneinander gedrängt. Anne schickte sie in einem schärferen Ton als je zuvor auf ihre Plätze. Anthony Pye stolzierte mit seinem üblichen unverschämten Gehabe auf seinen Platz. Sie sah, wie er seiner Sitznachbarin etwas zuflüsterte und sie dann mit einem Grinsen anschaute.

Noch nie, so kam es Anne vor, hatte es so viele quietschende Stifte gegeben wie an diesem Morgen. Und als Barbara Shaw mit einer Rechenaufgabe nach vorn ans Pult kam, stolperte sie über einen Kohleeimer - was verheerende Folgen nach sich zog. Die Kohle rollte in alle Ecken und Winkel des Zimmers, ihre Tafel zerbrach in tausend Teile. Als sie sich wieder aufrappelte und die Jungen ihr mit Kohlestaub verschmiertes Gesicht sahen, brachen sie in brüllendes Gelächter aus.

Anne wandte sich von der zweiten Klasse ab, die sie im Lesen prüfte. »Herrje, Barbara«, sagte sie eisig, »wenn du dich nicht vom Platz bewegen kannst, ohne über irgendwas zu fallen, dann bleib gefälligst auf deinem Platz sitzen. Es ist wirklich eine Schande für ein Mädchen deines Alters.«

Die arme Barbara stolperte an ihren Tisch zurück. Ihr von Tränen und Kohlestaub verschmiertes Gesicht bot einen wahrhaft grotesken Anblick. Nie zuvor hatte ihre geliebte, verständnisvolle Lehrerin in diesem Ton und in einer solchen Weise mit ihr gesprochen. Es brach Barbara das Herz. Anne hatte Gewissensbisse, aber das machte ihre Verwirrung nur noch größer. Die Schüler der zweiten Klasse erinnern sich noch heute an diese Unterrichtsstunde, ebenso wie an die dann folgende grausame Rechenstunde. Als Anne gerade die Aufgaben einsammelte, erschien völlig außer Atem St. Clair Donnell.

»Du kommst eine halbe Stunde zu spät, St. Clair«, begrüßte Anne ihn eisig. »Warum?«

»Bitte, Miss, ich musste meiner Mutter zum Mittagessen einen Pudding zubereiten helfen, weil wir Besuch erwarten, und Clarice Almira ist krank«, lautete St. Clairs höchst respektvolle Antwort, die aber dennoch unter seinen Mitschülern große Heiterkeit auslöste.

»Setz dich! Zur Strafe rechnest du die sechs Aufgaben im Buch auf Seite 45«, sagte Anne. St. Clair sah einigermaßen verwundert drein ob ihres Tonfalls, ging aber gehorsam an seinen Platz und holte die Tafel hervor. Dann reichte er heimlich Joe Sloane quer über den Gang ein kleines Päckchen. Anne erwischte ihn dabei auf frischer Tat und zog aus dem Muster des Einpackpapiers voreilig einen verhängnisvollen Schluss. Mrs Hiram Sloane hatte sich vor kurzem auf das Backen und Verkaufen von »Nusskuchen« verlegt, um damit ihr dürftiges Einkommen aufzubessern. Die Kuchen stellten vor allem für kleinejungen eine besondere Versuchung dar. Seit einigen Wochen hatte Anne deswegen erheblichen Ärger gehabt. Auf dem Weg zur Schule gaben die Jungen ihr spärliches Taschengeld bei Mrs. Hiram aus, brachten die Kuchen mit zur Schule, verspeisten sie womöglich in den Schulstunden und verteilten sie an ihre Freunde. Anne hatte ihnen gedroht, die Kuchen zu beschlagnahmen, wenn sie weiterhin welche mit zur Schule brächten. Und doch ging St. Clair Donnell eiskalt hin und reichte ein Stück Kuchen weiter, eingepackt in Mrs. Hirams blauweiß gestreiftes Papier - und das vor ihren Augen. »Joseph«, sagte Anne ruhig, »bring das Papier her.«

Joe, verdutzt und beschämt, gehorchte. Er war ziemlich dick und wurde jedes Mal rot und fing an zu stottern, wenn er Angst hatte. Nie sah jemand schuldbewusster aus als Joe in diesem Augenblick.

»Wirf es ins Feuer«, sagte Anne.

Joe schaute fassungslos.

»B-b-b-bitte, M-M-Miss«, begann er.

»Tu, was ich dir sage.Joseph, und kein Wort mehr.«

»A-a-a-ber, M-M-Miss, e-e-e-es sind ...«, keuchte Joe verzweifelt. »Joseph, gehorchst du jetzt oder nicht?«, sagte Anne.

Auch ein mutigerer und selbstbewussterer Junge als Joe Sloane wäre von dem Ton und dem gefährlichen Funkeln in ihren Augen eingeschüchtert gewesen. Dies war eine neue Anne, wie ihre Schüler sie noch nie erlebt hatten. Joe ging mit einem gequälten Blick auf St. Clair zum Ofen, öffnete die große viereckige vordere Ofenklappe und warf das blauweiß gestreifte Papier hinein, noch ehe St. Clair, der aufgesprungen war, etwas sagen konnte. Dann machte Joe gerade noch rechtzeitig einen Satz zur Seite.

Einen Augenblick lang wussten die erschrockenen Schüler und ihre Lehrerin nicht, ob sie ein Erdbeben oder einen Vulkanausbruch überlebt hatten. Das unschuldig aussehende Papier, in dem Anne vorschnell Mrs Hirams Nusskuchen vermutet hatte, enthielt in Wirklichkeit Kracher und Feuerräder. Warren Sloane war am Vortag von St. Clair Donnels Vater extra deswegen in die Stadt geschickt worden. Sie waren für eine Geburtstagsfeier an diesem Abend gedacht. Die Kracher gingen mit einem Donnerknall los, die Feuerräder schossen aus dem Ofen und sausten zischend und spuckend wild durch den Raum. Anne sank bleich vor Entsetzen in ihren Stuhl, alle Mädchen kletterten kreischend auf die Tische. Joe Sloane stand wie gelähmt inmitten des Tumults, St. Clair, der sich vor Lachen nicht halten konnte, bewegte sich taumelnd im Gang auf und ab. Prillie Rogerson fiel in Ohnmacht, Annetta Bell bekam einen Schreikrampf.

Es schien wie eine Ewigkeit, in Wirklichkeit jedoch waren es nur ein paar Minuten, bis das letzte Feuerrad erlosch. Anne, die sich wieder gefasst hatte, riss Tür und Fenster auf, um den Gestank und den Rauch im Raum loszuwerden. Dann half sie den Mädchen, die ohnmächtige Prillie auf den Flur hinauszutragen, wo Barbara Shaw, in dem verzweifelten Wunsch, sich nützlich zu machen, Prillie einen Eimer voll eisigkaltem Wasser über Gesicht und Schulter schüttete, noch ehe sie jemand daran hindern konnte.

Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis wieder Ruhe herrschte -aber dann herrschte eine Stille, die förmlich zum Greifen war. Allen wurde klar, dass auch die Explosion die geistige Verfassung der Lehrerin nicht wieder hergestellt hatte. Niemand, außer Anthony Pye, traute sich auch nur zu flüstern. Ned Clay quietschte beim Rechnen versehentlich mit dem Füller, zog so Annes Aufmerksamkeit auf sich und wünschte, der Boden würde sich auftun und ihn verschlucken. Die Erdkunde-Klasse wurde in einem Tempo durch einen Kontinent gehetzt, dass ihr ganz schwindlig war. Die Sprachlehre-Klasse wurde nach Strich und Faden auseinander genommen und auf Herz und Nieren geprüft. Chester Sloane, der »duftend« mit zwei »f« buchstabierte, bekam das Gefühl, dass diese Schande nie in Vergessenheit geraten würde, weder in dieser Welt noch im Jenseits.

Anne wusste, dass sie sich zum Gespött gemacht hatte und dass über den Zwischenfall noch an so manchen Tischen an diesem Abend gelacht werden würde, aber das Wissen darum machte sie nur umso wütender. In einer ruhigen Gemütsverfassung hätte sie gelacht und so die Situation gerettet, aber jetzt war das unmöglich. Also ging sie in eisiger Verachtung darüber hinweg.

Als Anne nach dem Mittagessen in die Schule zurückkehrte, saßen alle Kinder wie üblich an ihren Plätzen und hielten voller Fleiß die Köpfe über die Tische gebeugt, bis auf Anthony Pye. Er schaute mit seinen vor Neugier und Spott funkelnden schwarzen Augen über das Buch hinweg Anne an. Anne zog, auf der Suche nach Kreide, die Schublade ihres Tischs auf - und da kam unter ihren Händen eine Maus herausgesprungen, rannte über den Tisch und sprang auf den Boden!

Anne schrie und machte einen Satz rückwärts, so als wäre es eine Schlange, und Anthony Pye brach in lautes Lachen aus.

Dann trat Stille ein — eine unheimliche, bedrohliche Stille. Annetta Bell schwankte, ob sie einen Schreikrampf bekommen sollte oder nicht, vor allem, da sie nicht wusste, wohin die Maus verschwunden war. Aber sie überlegte es sich anders. Wem konnte ein Schreikrampf nützen, wo schon die Lehrerin mit kreidebleichem Gesicht und weit aufgerissenen Augen vor einem stand?

»Wer hat die Maus in die Schublade getan?«, sagte Anne. Sie sprach ziemlich leise, aber Paul Irving lief es kalt den Rücken hinunter. Sie sah Joe Sloane an, der sich von den Haarwurzeln bis in die Fußspitzen schuldig fühlte, aber nur wild stotterte: »I-i-ich n-n-nicht, M-M-Miss, i-i-ich n-n-nicht.«

Anne schenkte dem bedauernswerten Joseph keinerlei Beachtung. Sie sah Anthony Pye an. Anthony erwiderte ihren Blick unerschrocken und nicht beschämt.

»Anthony, warst du es?«

»Ja«, sagte Anthony frech.

Anne nahm ihren Zeigestock vom Tisch. Es war ein langer, kräftiger Zeigestock aus hartem Holz.

»Komm her, Anthony.«

Es war längst nicht die schlimmste Strafe, die Anthony Pye bisher erlebt hatte. Anne, so aufgebracht sie in diesem Augenblick auch war, hätte es nicht fertig gebracht, ein Kind grausam zu bestrafen. Aber der Zeigestock tat ganz schön weh und schließlich schwand Anthonys Heldentümelei. Er zuckte zusammen und Tränen traten ihm in die Augen.

Anne, von Gewissensbissen gepeinigt, ließ den Zeigestock sinken und befahl Anthony an seinen Platz zu gehen. Sie setzte sich beschämt, voller Reue und bitterlich gedemütigt an ihren Tisch. Ihr heftiger Zorn war verraucht. Sie hätte viel darum gegeben, hätte sie sich einfach hinsetzen und ihren Tränen freien Lauf lassen können. Dahin war es mit all ihrer Großtuerei gekommen - sie hatte tatsächlich einen ihrer Schüler verprügelt. Welch ein T riumph für Jane! Und wie Mr Harrison lachen würde! Aber was noch schlimmer war als das, der bitterste Gedanke überhaupt - sie hatte ihre letzte Chance vertan, Anthony Pye für sich einzunehmen. Niemals würde er sie jetzt noch mögen.

Anne hielt mit, wie jemand es genannt hatte, »herkulesähnlicher Anstrengung« die Tränen zurück, bis sie am Abend zu Hause ankam. Sie schloss sich im Ostgiebel ein und weinte all ihre Beschämung, Reue und Enttäuschung in ihr Kopfkissen - weinte so lange, bis Marilla sich Sorgen machte, ins Zimmer kam und wissen wollte, welchen Kummer sie hatte.

»Ich habe etwas auf dem Gewissen«, schluchzte Anne. »Oh, war das ein rabenschwarzer Tag, Marilla. Ich schäme mich so. Ich bin in Wut geraten und habe Anthony Pye geschlagen.«

»Das höre ich gern«, sagte Marilla entschieden. »Das hättest du schon längst tun sollen.«

»0 nein, nein, Marilla. Ich weiß nicht, wie ich den Kindern je wieder ins Gesicht sehen kann. Ich habe mich selbst aufs Tiefste gedemütigt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend und hasserfüllt und scheußlich ich war. Paul Irvings Blick will mir nicht mehr aus dem Sinn - er schaute so verwundert und enttäuscht zugleich. Marilla, ich habe mir solche Mühe gegeben, nicht die Geduld zu verlieren und Anthonys Zuneigung zu gewinnen - und jetzt war alles umsonst.«

Marilla strich mit ihrer kräftigen, abgearbeiteten Hand zärtlich über Annes glänzendes, zerzaustes Haar. Als Anne schließlich aufhörte zu weinen, sagte sie sehr sanft zu ihr: »Du nimmst dir alles zu sehr zu Herzen, Anne. Wir alle machen Fehler, aber die Leute vergessen sie. Und rabenschwarze Tage erlebt jeder. Was Anthony Pye angeht, wozu machst du dir Gedanken, wenn er dich nicht mag? Er ist der Einzige, der dich nicht leiden kann.«

»Ich kann mir nicht helfen, ich möchte, dass alle mich mögen. Es tut mir weh, wenn jemand mich nicht mag. Anthony wird mich nun nie mehr mögen. Ich habe mich heute selbst zum Trottel gemacht, Manila. Ich erzähle dir die ganze Geschichte ...«

Marilla hörte sich alles an, und wenn sie über die eine oder andere Passage lachte, so bemerkte Anne es nicht. Als Anne zu Ende war, sagte Marilla lebhaft: »Mach dir nichts daraus. Heute ist vorbei und morgen ist ein neuer Tag, ein blütenreiner Tag, wie du selbst immer sagst. Komm nach unten und iss zu Abend. Du wirst sehen, eine gute Tasse Tee und die Pflaumen-Windbeutel, die ich heute gebacken habe, werden dich aufmuntern.«

»Pflaumen-Windbeutel helfen nicht gegen eine kranke Seele«, sagte Anne untröstlich. Aber Marilla sah es als ein gutes Zeichen an, dass sie sich soweit wieder erholt hatte und es mit dieser Bemerkung quittierte.

Die heitere Versammlung am Abendbrottisch mit den strahlenden Gesichtern der Zwillinge und Marillas unvergleichlichen Pflaumen-Windbeuteln - von denen Davy vier aß - munterten sie schließlich doch auf. In dieser Nacht schlief sie gut, und als sie am Morgen aufwachte, war sie selbst und die Welt wie umgewandelt. Es hatte die ganze Nacht hindurch in leichten dicken Flocken geschneit. Die weiße Pracht, die im kalten Sonnenschein glitzerte, sah aus wie der Mantel der Nächstenliebe, der alle Fehler und Demütigungen der Vergangenheit verhüllte.

»Jeder Morgen ist ein neuer Anfang,

Jeden Morgen ist die Welt wie neu«, sang Anne, als sie sich anzog.

Wegen des Schnees musste sie zur Schule den Weg über die Straße nehmen. Sie hielt es zweifellos für einen gemeinen Zufall, dass sie auf Anthony traf, der sich ebenfalls mühsam den Weg bahnte, als sie aus dem Hohlweg bog. Sie fühlte sich so schuldbewusst, als hätten sie ihre Positionen gewechselt. Aber zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen zog Anthony nicht nur die Mütze - was er noch nie getan hatte sondern sagte leichthin: »Ist schlecht zum Laufen, nicht wahr? Darf ich die Bücher für Sie tragen, Miss?«

Anne reichte ihm die Bücher und fragte sich, ob sie womöglich träumte. Anthony setzte schweigend den Weg fort, und als sie bei der Schule ankamen und Anne die Bücher an sich nahm, lächelte sie ihn an - es war nicht das abgedroschene »freundliche« Lachen, das sie ihm so hartnäckig vorgetäuscht hatte, sondern ein plötzliches Aufleuchten einer echten Kameradschaft. Anthony lächelte - nein, um die Wahrheit zu sagen -, Anthony grinste zurück. Ein Grinsen ist im Allgemeinen nicht ein Ausdruck des Respekts. Und doch spürte Anne plötzlich, dass sie zwar nicht Anthonys Zuneigung gewonnen hatte, aber seinen Respekt genoss.

Mrs Rachel Lynde kam am folgenden Samstag vorbei und bestätigte es. »Na, Anne, du hast also Anthony Pyes Zuneigung gewonnen. Er sagt, irgendwie wärst du ganz in Ordnung, auch wenn du ein Mädchen bist. Er meint, die Trächt Prügel, die du ihm verpasst hast, könnte es mit einer von einem Mann aufnehmen.«

»Trotzdem, ich hatte nie vor, ihn durch eine Tracht Prügel für mich einzunehmen«, sagte Anne ein wenig traurig und fühlte, dass ihre Ideale ein falsches Spiel mit ihr getrieben hatten. »Es stimmt nicht. Ich bin sicher, meine Theorie von der Freundlichkeit kann nicht falsch sein.«

»Nein, aber die Pyes stellen in jeder Beziehung eine Ausnahme dar«, verkündet Mrs Rachel überzeugt.

Als Mr Harrison es hörte, sagte er: »Hab's doch gleich gewusst.« Und auch Jane rieb es ihr unbarmherzig unter die Nase.

13 - Das traumhafte Picknick

Anne war auf dem Weg nach Orchard Slope und traf Diana, die ihrerseits auf dem Weg nach Green Gables war, an der alten moosbewachsenen Holzbrücke, die über den Teich im Geisterwald führte. Sie setzten sich an den Rand des Nymphenteichs, wo winzig kleine Farnblätter sich entrollten wie lockenköpfige grüne Elfen, die aus einem Schläfchen erwachen.

»Ich wollte gerade zu dir und dich zum Geburtstag am Samstag einladen«, sagte Anne.

»Zu deinem Geburtstag? Aber du hattest doch im März Geburtstag!«

»Das ist nicht meine Schuld«, lachte Anne. »Hätten meine Eltern mich gefragt, wäre es anders gekommen. Ich hätte mir natürlich den Frühling ausgesucht. Es muss herrlich sein, zusammen mit den Maiglöckchen und Veilchen das Licht der Welt zu erblicken. Man würde sich wie ihre Schwester fühlen. Aber da ich nicht zu der Zeit geboren bin, feiere ich meinen Geburtstag eben im Frühling. Priscilla und Jane kommen auch. Alle vier streifen wir durch den Wald und verbringen einen herrlichen Tag, an dem wir den Frühling kennen lernen. Keine von uns kennt ihn bisher wirklich, aber wir werden ihn kennen lernen, wie wir es sonst nirgends können. Ich will sowieso all die Felder und abgeschiedenen Stellen erforschen. Bestimmt gibt es da viele wunderschöne Fleckchen, die noch niemand wirklich gesehen hat, auch wenn er sie sich angeschaut hat. Wir werden Freunde mit dem Wind, dem Himmel und der Sonne und tragen den Frühling in unserem Herzen mit nach Hause.«

»Es klingt wunderbar«, sagte Diana mit leisen Zweifeln an Annes Zauberworten. »Aber ist es nicht noch sehr nass?«

»Oh, wir ziehen Gummistiefel an«, lautete Annes Zugeständnis an die praktischen Seiten des Lebens. »Es wäre lieb, wenn du Samstag früh kommen und mir bei der Vorbereitung des Picknicks helfen würdest. Ich werde die erlesensten Sachen machen - Sachen, die zum Frühling passen, verstehst du -, kleine Geleetörtchen und Löffelbiskuits und Tropfteigplätzchen überzogen mit rosa und gelbem Zuckerguss. Und Sandwiches brauchen wir auch, auch wenn sie nicht sehr poetisch sind.«

Der Samstag erwies sich als ein idealer Tag für ein Picknick. Der Himmel war blau, es war warm und sonnig, eine leichte beschwingte Brise wehte über die Wiesen und Gärten. Auf jedem sonnenbeschienenen Hügel und Feld lag ein zartes, blütenübersätes Grün.

Mr Harrison, der sich an der Rückseite seines Farmhauses abplagte und im gesetzten Blut seiner reiferen Jahre ebenfalls die Zauberkraft des Frühlings spürte, sah vier mit Körben beladene Mädchen über das andere Ende seines Feldes hüpfen, das von einem Wald aus Birken und Tannen gesäumt wurde. Ihre fröhlichen Stimmen und ihr Lachen schallten bis zu ihm herüber.

»Nichts ist leichter, als an einem Tag wie diesem glücklich zu sein, nicht wahr?«, sagte Anne mit typischer Anne’scher Weitsicht. »Lasst uns einen traumhaften Tag daraus machen, einen Tag, an den wir immer gern zurückdenken. Wir müssen nach dem Schönen Ausschau halten, alles andere übersehen wir. >Fort mit dir, du dumpfe Sorge!< Jane, du denkst an etwas, das gestern in der Schule schief gelaufen ist.«

»Woher weißt du das?«, fragte Jane erstaunt.

»Ich kenne den Gesichtsausdruck - ich habe ihn oft genug an mir selbst gespürt. Aber verscheuche den Gedanken aus dem Kopf, sei so gut. Die Schule fängt erst Montag wieder an. Oh, seht nur diese Veilchen! Das wird mir als Bild immer in Erinnerung bleiben. Wenn ich achtzig bin - falls ich je achtzig werde —, werde ich die Augen schließen und diese Veilchen genauso vor mir sehen, wie ich sie jetzt sehe. Das ist das erste schöne Geschenk, dass uns dieser Tag bereitet hat.«

»Könnte man einen Kuss sehen, ich glaube, er würde aussehen wie ein Veilchen«, sagte Priscilla.

Anne glühte.

»Ich bin froh, dass du den Gedanken ausgesprochen hast, Priscilla, statt ihn nur zu denken und für dich zu behalten. Diese Welt wäre viel interessanter, wenn die Menschen ihre wahren Gedanken aussprechen würden.«

»Da würden manche förmlich darauf brennen«, bemerkte Jane weise. »Kann sein, aber wenn sie hässliche Dinge denken, wäre das ihre eigene Schuld. Wir jedenfalls können heute alle unsere Gedanken aussprechen, weil wir nur Schönes denken. Wir können alles, was uns in den Sinn kommt, frei heraus sagen. Das ist Unterhaltung. Hier ist ein kleiner Pfad, den ich noch nie gesehen habe. Kommt, wir erkunden ihn.«

Der Pfad schlängelte sich in engen Windungen dahin, sodass sie hintereinander gehen mussten, aber auch dann noch streiften die Tannenzweige ihre Gesichter. Unter den Tannen waren samtene Mooskissen und tiefer im Wald, wo die Bäume kleiner waren und weniger dicht standen, war der Boden übersät mit den verschiedensten Pflanzen.

»Wieviele Elefantenohren hier wachsen«, rief Diana. »Ich pflücke einen großen Strauß, sie sind so hübsch.«

»Wie kommen diese anmutigen Pflanzen nur zu einem so scheußlichen Namen?«, fragte Priscilla.

»Weil derjenige, der ihnen den Namen gegeben hat, entweder überhaupt keine oder zu viel Phantasie hatte«, sagte Anne. »Oh, seht doch nur das da!«

»Das« war ein seichter Waldsee inmitten einer kleinen grasbewachsenen Lichtung, wo der Pfad endete. Später im Jahr würde er ausgetrocknet und mit ausladendem Farn bewachsen sein. Aber jetzt war es eine glitzernde, friedliche Waldfläche, rund wie eine Untertasse und klar wie Kristall. Schlanke junge Birken umstanden den See und an seinen Rändern wuchs niedriger Farn.

»Wie schön!«, sagte Jane.

»Lasst uns drum herum tanzen wie Waldnymphen«, rief Anne, setzte den Korb ab und streckte die Hände aus.

Aber aus dem Tanz wurde nichts, weil der Boden sumpfig war und Janes Gummistiefel stecken blieben.

»Mit Gummistiefeln an den Füßen kann man keine Waldnymphe sein«, entschied sie.

»Wir müssen diesem Ort einen Namen geben, bevor wir ihn verlassen«, sagte Anne. »Jeder schlägt einen Namen vor und wir losen einen aus. Diana?«

»Birkenteich«, schlug Diana sofort vor.

»Kristallsee«, sage Jane.

Anne, die hinter den beiden stand, warf Priscilla flehende Blicke zu, nicht noch einen solchen Namen zu verbrechen, und Priscilla wurde dem gerecht mit »Glitzerweiher«. Annes Wahl fiel auf »Elfenspiegel«.

Die Namen wurden mit einem Stift, den Jane aus ihrer Tasche zog, auf Birkenrindenstreifen geschrieben und in Annes Hut gelegt. Dann machte Priscilla die Augen zu und zog einen Streifen. »Kristallsee«, las Jane triumphierend. Auf Kristallsee war das Los gefallen. Auch wenn Anne fand, dass der Zufall dem Teich einen gemeinen Streich gespielt hatte, so sagte sie es nicht.

Die Mädchen bahnten sich ihren Weg durch das Unterholz hinter dem See und kamen bei Mr Silas Sloanes mit jungem Grün bewachsener hinterer Weide heraus. Quer gegenüber entdeckten sie einen Weg, der in den Wald führte. Sie einigten sich darauf, ihn ebenfalls zu erkunden. Sie wurden mit vielen herrlichen Überraschungen belohnt. Als Erstes kamen sie entlang Mr Sloanes Weide an eine in voller Blüte stehende Allee aus wilden Kirschbäumen. Die Mädchen schwangen ihre Hüte und steckten sich die weichen flaumigen Blüten ins Haar. Dann bog der Weg im rechten Winkel ab und mündete in einen so dicht wachsenden, dunklen Fichtenwald, dass sie wie in Abenddämmerung dahinwanderten, ohne ein Stückchen Himmel oder Sonnenlicht zu sehen.

»Hier hausen die bösen Waldelfen«, flüsterte Anne. »Sie sind boshaft und arglistig, aber sie können uns nichts antun, weil sie im Frühling nichts Böses tun dürfen. Da hat eine hinter der alten krummen Tanne hervorgelugt. Und habt ihr das Grüppchen auf dem großen, getüpfelten Blätterpilz gesehen, an dem wir gerade vorbeigekommen sind? Die guten Elfen wohnen immer an sonnigen Plätzen.«

»Ich wünschte, da wären wirklich Elfen«, sagte Jane. »Wäre das nicht schön, wenn man drei Wünsche frei hätte - oder wenigstens einen? Was würdet ihr euch wünschen? Ich würde mir wünschen, reich, klug und schön zu sein.«

»Ich würde mir wünschen, groß und schlank zu sein«, sagte Diana. »Ich würde mir wünschen, berühmt zu sein«, sagte Priscilla.

Anne dachte an ihre Haare und ließ den Gedanken als unwürdig fallen.

»Ich würde mir wünschen, dass in den Herzen aller Menschen auf ewig Frühling wäre«, sagte sie.

»Aber«, sagte Priscilla, »das wäre ja, als wünschte man sich den Himmel auf Erden.«

»Nur ein Stückchen Himmel. Ansonsten würde es Sommer und Herbst geben - ja, und auch ein bisschen Winter. Ich glaube, ich wünsche mir auch im Himmel ab und zu glitzernde, schneebedeckte Felder und Raureif. Du dir nicht, Jane?«

»Ich ... ich weiß nicht«, sagte Jane unbehaglich. Jane war ein liebes Mädchen, versuchte gewissenhaft ihrem Beruf gemäß zu leben und glaubte alles, was man sie gelehrt hatte. Aber sie dachte nie mehr als nötig über den Himmel nach.

»Minnie May hat mich neulich gefragt, ob wir im Himmel unsere Sonntagskleider tragen«, lachte Diana.

»Und du hast nicht gesagt, dass das stimmt?«, fragte Anne.

»Jesses nein! Ich habe zu ihr gesagt, dass wir uns dort über Kleider überhaupt keine Gedanken mehr machen.«

»Oh, ich glaube schon ... ein bisschen«, sagte Anne ernst. »In der Ewigkeit hat man viel Zeit dazu, ohne wichtigere Sachen zu vernachlässigen. Ich glaube, wir werden schöne Kleider tragen - das heißt, Kleidung ist wohl der passendere Ausdruck. Die ersten paar Jahrhunderte möchte ich etwas Rosafarbenes tragen - so lange würde es dauern, bis ich es leid wäre. Mir gefällt Rosa so, und auf dieser Welt kann ich nie rosa Kleider anziehen.«

Hinter den Fichten führte der Weg hinab auf eine sonnige kleine Lichtung, wo eine Holzbrücke einen Bach überspannte. Vor ihnen lag in vollem Glanz ein sonnenbeschienener Buchenwald. Die Luft schien wie durchsichtiger goldener Wein, die Blätter waren frisch und grün und auf dem Waldboden bildeten die vibrierenden Sonnenstrahlen ein Mosaik. Hier standen noch mehr wilde Kirschbäume und da war eine kleine Senke mit mächtigen Tannen. Schließlich kamen sie an einen so steilen Hügel, dass die Mädchen ganz außer Atem kamen, als sie hinaufkletterten. Aber als sie die Spitze und offenes Gelände erreichten, erwartete sie die schönste aller Überraschungen. Dahinter erstreckten sich die rückwärtig der Farmen gelegenen Felder, die bis an die höher gelegene Carmody-Straße reichten. Direkt vor ihnen, von Buchen und Tannen umschlossen, aber nach Süden hin offen, war ein kleiner Garten - oder was einmal ein Garten gewesen war. Eine mit Moos und Gras bewachsene verfallene Steinmauer umschloss den Garten. Entlang der Ostseite stand, weiß wie eine einzige Schneewehe, eine Reihe von Kirschbäumen. Man konnte noch die alten Pfade erkennen, in der Mitte standen in einer Zweierreihe Rosensträucher. Aber alles Übrige war übersät mit gelben und weißen Narzissen in ihrer zartesten, verschwenderischsten, über das üppige Grün der Gräser im Winde sich wiegenden Pracht.

»Oh, wie wunderschön!«, riefen drei zugleich aus. Anne schaute nur in beredtem Schweigen.

»Wie um alles auf der Welt ist es möglich, dass hier einmal ein Garten war?«, sagte Priscilla verwundert.

»Es muss Hester Grays Garten sein«, sagte Diana. »Meine Mutter hat einmal davon erzählt, aber ich habe ihn noch nie gesehen und ich hätte nicht gedacht, dass es ihn noch gibt. Du kennst die Geschichte, Anne?«

»Nein, aber der Name kommt mir bekannt vor.«

»Du hast ihn bestimmt auf dem Friedhof gesehen. Sie liegt hinten in der Ecke bei den Pappeln begraben. Du kennst doch diesen kleinen braunen Grabstein mit den sich öffnenden Toren darauf, auf dem in Stein gemeißelt steht: >Zum Gedenken an Flester Gray, 22Jahre.< Jordan liegt rechts von ihr begraben, aber er hat keinen Grabstein. Mich wundert, dass Marilla dir nie davon erzählt hat, Anne. Naja, es ist vor dreißig Jahren geschehen und in Vergessenheit geraten.«

»Nun, dann lass uns die Geschichte hören«, sagte Anne. »Setzen wir uns in die Narzissen, hier gibt’s Hunderte davon, sie haben sich ja überall verbreitet. Es sieht aus, als hätte der Garten einen Teppich aus Mond- und Sonnenschein zugleich. Das war eine lohnenswerte Entdeckung. Das muss man sich mal vorstellen, da lebe ich seit sechs Jahren keine Meile von hier entfernt und habe ihn noch nie gesehen! Also, Diana, jetzt erzähle.«

»Vor langer Zeit«, begann Diana, »gehörte diese Farm dem alten Mr David Gray. Er wohnte nicht hier; er wohnte dort, wo jetzt Silas Sloane wohnt. Er hatte einen Sohn,Jordan, und der ging eines Winters nach Boston, um dort zu arbeiten. Er verliebte sich in ein Mädchen namens Hester Murray. Sie arbeitete in einem Laden und hasste ihre Arbeit. Sie war auf dem Land aufgewachsen und wollte immer dorthin zurückkehren. Als Jordan um ihre Hand anhielt, sagte sie, sie würde ihn heiraten, wenn er mit ihr an irgendein ruhiges Fleckchen ziehen würde, wo es weit und breit nichts als Felder und Wälder gab. Also nahm er sie mit nach Avonlea. Mrs Lynde sagt, er wäre ein großes Risiko eingegangen, dass er eine Yankee heiratete, und es stimmte, dass Hester sehr schwächlich war und so gut wie nichts von Hauswirtschaft verstand. Aber meine Mutter sagt, dass sie sehr hübsch und reizend war und Jordan sie regelrecht anbetete. Jedenfalls, Mr Gray überließ Jordan diese Farm und der baute hier hinten ein kleines Haus, in dem Jordan und Hester viele Jahre lang lebten. Sie ging nur selten außer Haus, und außer Mrs Lynde und meiner Mutter kam sie kaum einmal jemand besuchen. Jordan legte für sie diesen Garten an. Sie werkelte begeistert darin herum und verbrachte die meiste Zeit hier. Sie war keine gute Hausfrau, aber sie hatte ein Händchen für Blumen. Dann wurde sie krank. Meine Mutter meint, sie wäre schon krank gewesen, bevor sie hierher kam. Sie hat nie wirklich das Bett hüten müssen, aber sie wurde immer schwächer. Jordan hatte niemanden, der sie hätte pflegen können. Er hat sich ganz allein um sie gekümmert. Meine Mutter sagt, er war so sanft und gütig wie eine Frau. Tag für Tag hat er sie in ihr Tuch gewickelt und sie nach draußen in den Garten gebracht. Sie hätte ganz glücklich auf einer Bank gelegen. Man sagt, Jordan hätte sich jeden Abend und jeden Morgen neben sie hinknien und mit ihr zusammen darum beten müssen, dass sie, wenn ihre Zeit kam, draußen im Garten sterben möge. Ihr Gebet wurde erhört. Eines Tages trugjordan sie nach draußen auf die Bank, pflückte alle blühenden Rosen ab und bedeckte Hester über und über mit ihnen. Sie lächelte ihn nur an . . . schloss die Augen . . . Und das«, sagte Diana leise, »war das Ende.«

»Was für eine hübsche Geschichte«, seufzte Anne und wischte sich die Tränen ab.

»Was wurde aus Jordan?«, fragte Priscilla.

»Nach Hesters Tod verkaufte er die Farm und kehrte nach Boston zurück. Mr Jabez Sloane kaufte die Farm und baute das kleine Haus weiter oben an der Straße wieder auf. Jordan starb ungefähr zehn Jahre später, wurde nach Hause überführt und neben Hester begraben.«

»Ich verstehe nicht, warum sie so abgeschieden leben wollte«, sagte Jane.

»Oh, das kann ich gut verstehen«, sagte Anne nachdenklich. »Obwohl ich selbst nicht so leben wollte, weil ich, sosehr ich die Wälder und Felder liebe, auch die Menschen liebe. Aber bei Hester kann ich es verstehen. Sie hatte den Lärm der Großstadt und das Gewimmel von Menschen satt, von denen sich nicht einer um sie scherte. Sie wollte dem entfliehen an einen friedlichen Ort, wo sie ihre Ruhe hatte. Hier fand sie, was sie suchte, was wohl nicht vielen Menschen im Leben vergönnt ist. Sie verlebte vier wundervolle Jahre, ehe sie starb —vier Jahre vollkommenen Glücks. Darum wurde sie wohl auch mehr beneidet als bemitleidet. Und dann seine Augen schließen und von Rosen bedeckt entschlafen und der, den man über alles geliebt hat, lächelt einem zu . . . ich glaube, es war schön!«

»Sie hat die Kirschbäume da drüben angepflanzt«, sagte Diana. »Sie hat meiner Mutter erzählt, sie hätte nie auch nur eine einzige Kirsche gegessen, aber sie wolle in dem Wissen sterben, dass etwas, das sie gepflanzt hatte, weiterlebte und dazu beitrug, die Welt zu verschönern.«

»Ich bin ja so froh, dass wir diesen Weg eingeschlagen haben«, sagte Anne mit glänzenden Augen. »Heute ist mein Wunsch-Geburtstag, wie ihr wisst, und dieser Garten und seine Geschichte ist mein Geschenk. Hat deine Mutter dir je erzählt, wie Hester Gray ausgesehen hat, Diana?«

»Nein, nur dass sie hübsch war.«

»Da bin ich aber froh, weil ich mir vorstellen kann, wie sie ausgesehen hat, ohne dass mir Tatsachen den Blick verstellen. Bestimmt war sie sehr schlank und schmal, hatte leicht gewelltes dunkles Haar und große, hübsche, schüchterne, braune Augen und ein ernstes blasses Gesicht.«

Die Mädchen ließen die Körbe in Hesters Garten stehen, streiften den ganzen Nachmittag durch den Wald, kamen an Feldern entlang und entdeckten viele hübsche abgeschiedene Fleckchen und Pfade. Als sie Hunger bekamen, hielten sie an der schönsten Stelle überhaupt ihr Picknick - am steilen Ufer eines gurgelnden Baches, wo weiße Birken aus langem fiedrigem Gras emporragten. Die Mädchen ließen sich nieder und machten sich über Annes Köstlichkeiten her. Auch die »unpoetischen« Sandwiches wurden angesichts des herzhaften Appetits der vier, angeregt von der vielen Bewegung in der frischen Luft, dankbar angenommen. Anne hatte Gläser und Limonade für ihre Gäste mitgenommen, aber sie selbst trank kühles Wasser aus dem Bach aus einer aus Birkenrinde geformten Tasse. Die Tasse leckte und das Wasser schmeckte nach Erde, wie Wasser aus einem Bach im Frühling eben schmeckt.

»Schaut mal, seht ihr das Gedicht?«, sagte sie plötzlich und zeigte auf etwas.

»Wo?« Jane und Diana schauten, als erwarteten sie, in Runenschrift geschriebene Verse an den Birken zu entdecken.

»Da, unten im Bach, das alte moosbewachsene Stück Holz, über das in sanften, sich brechenden Wellen das Wasser fließt. Und dieser einzelne Sonnenstrahl, der schräg darauf fällt und bis tief in den Bach scheint. Oh, das ist das schönste Gedicht, das ich je gesehen habe.«

»Ich würde es eher als ein Bild bezeichnen«, sagte Jane. »Ein Gedicht besteht aus Zeilen und Versen.«

»Du lieber Himmel, nein!« Anne schüttelte entschieden ihren mit weichen wilden Kirschblüten bekränzten Kopf. »Zeilen und Verse sind nur die äußere Verkleidung eines Gedichts, sie sind nicht das Eigentliche, so wenig deine Rüschen und Krausen dich ausmachen, Jane. Das eigentliche Gedicht ist die Seele, die darin steckt - und das Schöne dort ist die Seele eines ungeschriebenen Gedichts. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man eine Seele zu sehen bekommt - auch nicht die eines Gedichts.«

»Wie eine Seele, eine Menschenseele, wohl aussehen mag?«, fragte Priscilla verträumt.

»So wie das da, denke ich«, antwortete Anne und deutete auf das strahlende Sonnenlicht, das durch eine Birke drang. »Natürlich mit einem Körper und Gesichtszügen. Ich stelle mir gern vor, dass Seelen aus Licht bestehen. Und manche sind voller rosenroter Punkte . . . und manche glitzern sanft wie Mondschein auf dem Meer... und manche sind matt und durchsichtig wie Dunst in der Morgendämmerung.«

»Ich habe irgendwo einmal gelesen, Seelen wären wie Blumen«, sagte Priscilla.

»Dann ist deine Seele eine goldene Narzisse«, sagte Anne, »und Dianas ist wie eine rote, rote Rose. Janes ist eine Apfelblüte, rosa wie ein Apfel und süß im Geschmack.«

»Und deine ist ein weißes Veilchen mit purpurroten Streifen in der Mitte«, sagte Priscilla.

Jane flüsterte Diana zu, sie verstünde wirklich nicht - konnte sie das? -, worüber sich die beiden unterhielten.

Die Mädchen gingen im stillen goldenen Licht des Sonnenuntergangs nach Hause. Ihre Körbe hatten sie gefüllt mit Narzissen aus Hesters Garten, von denen Anne am nächsten Tag einige mit zum Friedhof nahm und auf Hesters Grab legte. Rotkehlchen pfiffen in den Tannen ihr Lied und im Sumpf quakten die Frösche. Die Täler waren in topasfarbenes und smaragdenes Licht getaucht.

»Nun, es war doch ein herrlicher Tag«, sagte Diana, so als hätte sie das kaum erwartet, als sie sich auf den Weg machten.

»Es war wirklich ein traumhafter Tag«, sagte Priscilla.

»Ich mag die Wälder sehr«, sagte Jane.

Anne sagte nichts. Sie blickte in die Ferne und nach Westen in den Himmel und dachte an die kleine Hester Gray.

14 - Eine Gefahr wird abgewendet

An einem Freitagabend war Anne auf dem Nachhauseweg vom Postamt, als Mrs Lynde, die sich wie üblich mit anderer Leute Angelegenheiten befasste, sich ihr anschloss.

»Ich war gerade bei Timothy Cotton, um zu sehen, ob Alice Louise mir nicht ein paar Tage zur Hand gehen kann«, sagte sie. »Sie hat mir letzte Woche geholfen, und auch wenn sie nicht eine der schnellsten ist, immer noch besser als gar keine Hilfe. Aber sie ist krank und kann nicht kommen. Timothy sitzt auch da und hustet und jammert. Er liegt schon seit zehn Jahren im Sterben und er wird auch die nächsten zehn Jahre noch im Sterben liegen. Die Sorte Mensch kann nicht einmal sterben und es gut sein lassen - die kann einfach nichts bis zu Ende durchhalten, nicht einmal eine Krankheit. Es ist eine furchtbar träge Familie und was aus ihr werden soll, ich weiß es nicht, Gott mag es wissen.«

Mrs Lynde seufzte, als ob sie das in diesem Fall doch anzweifelte. »Manila war am Dienstag wieder wegen ihrer Augen beim Spezialisten, nicht wahr? Was hat er gemeint?«, fuhr sie fort.

»Er war sehr angetan«, strahlte Anne. »Es wäre viel besser geworden und es bestünde nicht mehr die Gefahr, dass sie ihr Augenlicht ganz verliert. Aber sie darf nicht wieder viel lesen oder feine Handarbeiten machen. Wie geht es mit den Vorbereitungen für den Basar voran?« Das Familienhilfswerk traf Vorbereitungen für einen Basar und für ein Abendessen und Mrs Lynde hielt alle Fäden in der Hand.

»Ganz gut... das erinnert mich an was. Mrs Allan fände es schön einen Stand zu machen, der aussieht wie eine alte Küche, und zum Abendessen gebackene Bohnen, Krapfen, Pastete und so weiter zu servieren. Wir sammeln überall altertümliche Küchengeräte. Mrs Simon Fletcher borgt uns die geflochtenen Teppiche ihrer Mutter aus und Mrs. Levi Boulter ein paar alte Stühle. Tante Mary Shaw leiht uns ihren Küchenschrank mit den Glastüren. Manila gibt uns doch ihre Messingkerzenständer? Und wir brauchen möglichst viel altes Geschirr. Mrs. Allan ist vor allem ganz erpicht darauf, eine richtige Servierplatte aus Porzellan zu bekommen, falls wir eine auftreiben können. Aber niemand scheint eine zu besitzen.«

»Mrs Josephine Barry hat eine. Ich schreibe ihr und frage sie, ob sie sie uns für diese Gelegenheit ausborgt«, sagte Anne.

»Oh, wenn du das tun könntest. Das Abendessen soll in vierzehn Tagen stattfinden. Onkel Abe Andrew hat für die Zeit Regen und Sturm vorhergesagt. Das ist ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür, dass wir schönes Wetter haben werden.«

Dem besagten »Onkel Abe«, das sollte vielleicht erwähnt werden, erging es wie anderen Propheten - er galt nichts im eigenen Lande. Er war geschätzt wie ein bewährter alter Witz, denn nur wenige seiner Wettervorhersagen waren je eingetroffen. Mr Elisha Wright bemerkte dazu immer, dass niemand in Avonlea je auf die Idee käme, einen Blick in die Wettermeldungen der Charlettetown-Nachrichten zu werfen. Nein, sie fragten einfach Onkel Abe, wie das Wetter am nächsten Tag werden würde, und nahmen das Gegenteil an. Onkel Abe ließ sich davon nicht beirren und machte auch weiterhin seine Vorhersagen.

»Der Basar soll noch vor Beginn der Wahlen stattfinden«, fuhr Mrs Lynde fort. »Die Kandidaten haben fest zugesagt zu kommen und verschwenden ohnehin jede Menge Geld. Die Konservativen bestechen die Rechten und die Linken, also sollte man ihnen einmal eine Chance geben ihr Geld ehrenwert auszugeben.«

Anne war aus Treue zu Matthew eine glühende Konservative, aber sie sagte nichts. Sie war nicht so dumm und veranlasste Mrs Lynde sich über Politik auszulassen.

Sie hatte einen Brief für Marilla, der in einer Stadt in British Columbia abgestempelt war.

»Vielleicht ist er vom Onkel der Zwillinge«, sagte sie aufgeregt, als sie zu Hause ankam. »Oh, Marilla, ich bin gespannt, was er schreibt.«

»Das Beste wäre wohl den Brief aufzumachen und nachzusehen«, sagte Marilla kurz. Ein genauer Beobachter hätte vielleicht bemerkt, dass sie auch aufgeregt war, aber sie wäre eher gestorben, als es zu zeigen.

Anne riss den Brief auf und überflog den schlampig geschriebenen dürftigen Inhalt.

»Er schreibt, er kann die Kinder dieses Frühjahr nicht zu sich nehmen. Er war fast den ganzen Winter krank und seine Heirat ist verschoben. Er fragt, ob wir die Kinder bis zum Herbst hier behalten können. Er versucht alles und nimmt sie dann. Das tun wir doch, nicht wahr, Marilla?«

»Ich wüsste nicht, was uns anderes übrig bleibt«, sagte Marilla ziemlich grimmig, obwohl sie insgeheim erleichtert war. »Sie machen ja auch nicht mehr so viel Ärger wie am Anfang ... oder wir haben uns daran gewöhnt. Davy hat große Fortschritte gemacht.«

»Sein Benehmen ist wirklich viel besser geworden«, sagte Anne vorsichtig, so als wollte sie sich nicht groß über seine Tugendhaftigkeit auslassen.

Als Anne am Abend zuvor von der Schule nach Hause gekommen war, war Marilla bei einem Treffen des Hilfsvereins gewesen. Dora hatte auf dem Küchensofa geschlafen. Davy hatte im Wandschrank im Wohnzimmer gesteckt und sich voller Wonne ein Glas von Manilas berühmten Pflaumenkompott einverleibt. »Gäste-Kompott«, nannte Davy es. Er durfte es nicht anrühren und sah sichtlich schuldbewusst drein, als Anne ihn schnappte und aus dem Schrank scheuchte.

»Davy Keith, du weißt genau, dass du das Kompott nicht essen sollst, dass du überhaupt in dem Schrank nichts verloren hast.«

»Ja, ja, ich weiß, es war falsch«, gab Davy verlegen zu, »aber Pflaumenkompott schmeckt so lecker, Anne. Ich hab nur mal hineingeguckt und es hat so verlockend ausgesehen, dass ich nur ein ganz klein bisschen probieren wollte, ich hab den Finger hineingesteckt...«Anne stöhnte,»... und ihn abgeleckt. Und es war viel leckerer als ich gedacht hatte. Da hab ich mir einen Löffel geholt und hab mich drüber hergemacht.«

Anne hielt ihm eine ernste Standpauke von wegen Pflaumenkompott stibitzen. Davy bekam Gewissensbisse und versprach unter reuevollen Küssen, es nie wieder zu tun.

»Na ja, im Himmel gibt es jede Menge Kompott, wenigstens ein Trost«, sagte er zufrieden.

Anne verkniff sich das Lachen.

»Vielleicht, wenn man welches möchte«, sagte sie. »Aber wie kommst du darauf?«

»Das steht doch im Katechismus«, sagte Davy.

»0 nein, davon ist im Katechismus nicht die Rede, Davy.«

»Aber wenn ich’s dir doch sage«, beharrte Davy. »Es kommt in der Frage vor, die Marilla mir letzten Sonntag beigebracht hat. Warum wollen wir Gott ehren?« Es heißt: >Weil Er uns vor dem Verderben schützt und bewahrt.< Vor dem Verderben schützen, ist nur ein frommer Ausdruck für Kompott - Kompott wird auch eingemacht, um es vor dem Verderben zu schützen.«

»Ich muss einen Schluck Wasser trinken«, sagte Anne schnell. Als sie wieder kam, kostete es sie einige Zeit und Mühe, Davy zu erklären, dass der bestimmte Ausdruck in der besagten Katechismus-Frage eine völlig andere Bedeutung hatte.

»Hm, es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein«, seufzte er schließlich enttäuscht. »Außerdem hab ich nicht verstanden, wie Er Zeit dazu hat, Kompott zu machen, und dann in einem Kirchenlied von einem ewig währenden Sonntag die Rede ist. Ich komme lieber nicht in den Himmel. Gibt es denn im Himmel wenigstens Samstage, Anne?«

»Doch, Samstage und jede Menge andere schöne Tage. Im Himmel ist ein Tag schöner als der andere, Davy«, versicherte Anne und war heilfroh, dass Marilla nicht dabei war, die entgeistert gewesen wäre. Marilla, selbstredend, erzog die Zwillinge nach den guten alten Bräuchen der Theologie und missbilligte jede phantastische Spekulation. Davy und Dora mussten jeden Sonntag ein Kirchenlied, eine Frage aus dem Katechismus und zwei Bibelverse lernen. Dora lernte fleißig und ratterte es herunter, ohne es zu begreifen und ohne jede Teilnahme, so als wäre sie eine Maschine. Davy hingegen zeigte eine lebhafte Neugier und stellte oft Fragen, die Marilla um seine Zukunft fürchten ließen.

»Chester Sloane sagt, wir tun im Himmel nichts anderes, als in weißen Kleidern herumzuspazieren und Harfe zu spielen. Er hofft, dass er erst als alter Mann in den Himmel kommt, weil es ihm dann vielleicht besser gefällt. Und er findet es scheußlich Kleider zu tragen und ich finde das auch. Warum dürfen Engel-Jungen nicht Hosen anziehen, Anne? Chester Sloane interessiert sich für solche Sachen, weil er Pfarrer werden soll. Er muss Pfarrer werden, weil seine Großmutter das Geld, das sie hinterlassen hatte, dafür bestimmt hat, um ihn aufs College zu schicken, und er bekommt es erst, wenn er Pfarrer ist. Sie meinte, ein Pfarrer in der Familie wäre sehr ehrenwert. Chester ist das ziemlich egal - obwohl er lieber Schmied werden würde -, aber er will es sich so lustig wie möglich machen, solange er noch kein Pfarrer ist, weil er hinterher bestimmt nicht mehr groß Spaß hat. Ich will nicht Pfarrer werden. Ich will Ladenbesitzer werden, so wie Mr Blair, und Haufen von Süßigkeiten und Bananen auf Lager haben. Und ich würde lieber in deinen Himmel kommen, wenn man mich Mundharmonika spielen lässt statt Harfe. Meinst du, sie erlauben das?«

»Ja, ich glaube schon, wenn du es möchtest«, war alles, was Anne sich zu sagen getraute.

Der D.V.V. traf sich an dem Abend bei Mr Harmon Andrews. Man hatte um vollzähliges Erscheinen gebeten, da es eine wichtige Angelegenheit zu besprechen gab. Der Verein florierte und hatte bereits wahre Wunder vollbracht. Gleich zu Frühjahrsanfang hatte Mr Major Spencer sein Versprechen eingelöst und entlang der Straße vor seiner Farm sämtliche Baumstümpfe entfernt, alles eingeebnet und neu eingesät. Ein Dutzend andere waren seinem Beispiel gefolgt. Einige wurden dazu angespornt, weil sie sich nicht von einem Spencer überflügeln lassen wollten, anderen hatten die Verschönerer einen Besuch abgestattet und sie dazu angestachelt. Das Ergebnis war, dass dort, wo ehedem Gestrüpp und Gebüsch gestanden hatte, jetzt in langen Streifen samtenes weiches Gras wuchs. Die Vorderseiten der Farmen, die nicht verschönert worden waren, sahen im Vergleich dazu so übel aus, dass sich deren Besitzer insgeheim derart schämten, dass sie im kommenden Frühjahr ebenfalls etwas unternehmen wollten. Das Dreieck an der Kreuzung war gesäubert und neu eingesät worden und mitten drin, ohne Schaden von einer plündernden Kuh fürchten zu müssen, war bereits Annes Geranienbeet angelegt worden.

Alles in allem kamen die Verschönerer also recht ordentlich voran, auch wenn Mr Levi Boulter, den eine sorgsam zusammengestellte Abordnung taktvoll wegen des alten Hauses auf seiner oberen Farm ansprach, ihnen barsch ins Gesicht sagte, dass sie sich da nicht einzumischen hätten.

Bei diesem Treffen wollten sie ein Gesuch an die Schulbehörde abfassen mit der bescheidenen Bitte, um den Schulhof einen Zaun ziehen zu dürfen. Außerdem sollte das Vorhaben besprochen werden, bei der Kirche ein paar Ziersträucher anzupflanzen, sofern die Geldmittel des Vereins dies erlaubten. Denn, so sagte Anne, es hätte wenig Sinn, eine weitere Spendenaktion zu starten, solange der Saal blau gestrichen blieb. Die Mitglieder hatten sich im Wohnzimmer der Andrews’ versammelt. Jane war bereits dabei, ein neues Komitee zusammenzustellen, das sich über den Preis der besagten Bäume erkundigen und darüber Bericht erstatten sollte, als mit viel Getöse Gertie Pye hereingefegt kam. Gertie kam stets mit Verspätung-»des wirkungsvollen Auftritts wegen«, wie Spötter sagen. In diesem Augenblick verfehlte ihr Auftritt in der Tat nicht seine Wirkung, denn sie blieb dramatisch mitten im Zimmer stehen, warf die Hände hoch, rollte mit den Augen und rief aus:

»Mir ist gerade etwas Furchtbares zu Ohren gekommen. Stellt euch vor! Mr Judson Parker will seinen gesamten Zaun längs der Straße an eine allseits bekannte Arzneimittelfirma vermieten, die Reklame darauf malen will.«

Dieses eine Mal erregte Gertie Pye das Aufsehen, das sie sich wünschte. Hätte sie eine Bombe unter die Verschönerer geworfen, sie hätte kein größeres Aufsehen erregen können.

»Das darf nicht wahr sein!«, sagte Anne fassungslos.

»Genau das habe ich auch gesagt, als ich es hörte, ja.«, sagte Gertie, die sich ungemein gefiel. »Ich sagte, das darf doch nicht wahr sein .. .Judson Parker kann doch nicht die Stirn haben, das zu tun, ja! Aber mein Vater hat ihn heute Nachmittag getroffen und ihn danach gefragt und er sagte, es wäre wahr. Denkt nur! Seine Farm liegt direkt an der Newbridge-Straße, und wie scheußlich, den ganzen Weg entlang auf Pillen und Pflästerchen zu schauen, könnt ihr euch das vorstellen?«

Die Verschönerer konnten sich das nur zu gut vorstellen. Selbst der Phantasieloseste konnte sich den grotesken Anblick eines eine halbe Meile langen Bretterzauns vorstellen, den solche Reklame zierte. Angesichts dieser neuen Gefahr war jeder Gedanke an Kirche und Schule wie weggeblasen. Jede parlamentarische Regel und Vorschrift wurde über Bord geworfen und Anne gab verzweifelt jeden Versuch auf Protokoll zu führen. Alle redeten zugleich und es gab ein fürchterliches Durcheinander.

»Jetzt regt euch nicht so auf«, flehte Anne, die am aufgeregtesten von allen war. »Wir kennen doch Judson Parker. Für Geld würde er alles tun. Er hat nicht einen Funken Gemeinsinn oder Sinn für Schönheit.« Die Aussichten waren nicht eben viel versprechend. Judson Parker und seine Schwester waren die einzigen Parkers in Avonlea, also konnte man auch keine Familienbeziehungen spielen lassen. Martha Parker war eine Dame in vorgerücktem Alter, der die jungen Leute im Allgemeinen und die Verschönerer im Besonderen missfielen. Judson war ein jovialer, schmeichlerischer, stets gleichbleibend freundlicher Mann, sodass man verwundert war, wie wenig Freunde er hatte. Vielleicht hatte er die Leute schon zu oft übers Ohr gehauen - was sich selten günstig auf die Beliebtheit auswirkt. Er galt als »gewieft« und als »ein Mann ohne Grundsätze«.

»Wenn Judson Parker die Gelegenheit hat, >ehrlich sein Geld zu verdienen<, wie er es selbst nennt, dann lässt er sich das nicht entgehen«, verkündete Fred Wright.

»Gibt es niemanden, der Einfluss auf ihn hat?«, fragte Anne verzweifelt.

»Er macht Louisa Spencer von White Sands den Hof.«, sagte Carrie Sloane. »Vielleicht kann sie ihn überreden, den Zaun nicht zu vermieten.«

»Die nicht«, sagte Gilbert nachdrücklich. »Dafür kenne ich Louisa Spencer zu gut. Sie hält nichts von Dorfverschönerungs-Vereinen, aber sie hält viel von Dollars und Cents. Sie würde Judson eher noch dazu drängen, als ihm abzuraten.«

»Dann können wir nur eine Abordnung einsetzen, die ihm einen Besuch abstattet und Protest anmeldet«, sagte Julia Bell. »Und zwar müssen Mädchen zu ihm geschickt werden, denn Jungen gegenüber würde er sich kaum freundlich zeigen - aber ich gehe nicht hin, also braucht mich gar nicht erst jemand vorzuschlagen.«

»Dann schicken wir besser Anne allein hin«, sagte Oliver Sloane. »Wenn er sich überhaupt überreden lässt, dann von ihr.«

Anne protestierte. Sie war bereit hinzugehen und das Reden zu übernehmen. Aber »zur moralischen Unterstützung« müssten andere mitkommen. Man entschied sich für Diana und Jane als moralische Stützen. Die Verschönerer beendeten die Sitzung und schwirrten empört auseinander wie verärgerte Bienen.

Anne machte sich so viel Gedanken, dass sie erst am frühen Morgen einschlief. Dann träumte sie, dass die Schulbehörde einen Zaun um die Schule errichtet und überall »Nehmen Sie unsere Purpur-Pillen« darauf gemalt hatte.

Die Abordnung ging am nächsten Tag zu Judson Parker. Anne brachte überzeugende Argumente gegen sein schändliches Vorhaben vor und Jane und Diana leisteten ihr tapfer moralische Schützenhilfe. Judson war aalglatt, verbindlich, schmeichlerisch, er machte ihnen Komplimente so schön wie Sonnenblumen; es tue ihm wirklich Leid, solch bezaubernde junge Damen abzuweisen . . . aber Geschäft sei Geschäft, er könne es sich nicht leisten, in diesen schlechten Zeiten Rücksicht auf Gefühle zu nehmen.

»Aber eines werde ich tun«, sagte er mit einem Funkeln in seinen hellen Augen. »Ich mache dem Agenten zur Auflage, dass er nur schöne, geschmackvolle Farben verwenden darf - Rot und Gelb und so. Ich sage ihm, dass er die Reklame auf keinen Fall in Blau malen lassen darf.«

Die geschlagene Abordnung zog sich zurück und hatte unrechtmäßige Gedanken, die man besser nicht ausspricht.

»Wir haben getan, was in unseren Kräften stand. Alles andere könnten wir nur Gott überlassen«, sagte Jane und ahmte dabei unbewusst Mrs Lyndes Tonfall und Gebaren nach.

»Vielleicht könnte Mr Allan etwas erreichen«, überlegte Diana.

Anne schüttelte den Kopf.

»Nein, es hat keinen Zweck, Mr Allan damit zu behelligen, vor allem jetzt, wo das Baby so krank ist. Judson würde sich ihm genauso aalglatt entwinden wie uns, obwohl er in letzter Zeit ziemlich regelmäßig in die Kirche geht. Aber das tut er nur, weil Louisa Spencers Vater Kirchenältester und in diesen Dingen sehr heikel ist.«

»Judson Parker ist der Einzige in ganz Avonlea, dem auch nur im Traum einfallen konnte, seinen Zaun zu vermieten«, sagte Jane entrüstet. »Nicht einmal Levi Boulter oder Lorenzo Wright würden sich dazu hergeben, so geizig sie auch sind. Sie hätten zu großen Respekt vor der öffentlichen Meinung.«

Die Öffentlichkeit fiel in der Tat über Judson Parker her, als es sich herumsprach, aber das änderte auch nicht viel an der Sache. Judson lachte sich ins Fäustchen und strafte sie mit Verachtung. Die Verschönerer freundeten sich schon mit dem Gedanken an, dass der schönste Abschnitt der Newbridge-Straße von Reklame verunstaltet wurde - da stand Anne mitten in der Versammlung ruhig auf und verkündete, dass Judson Parker ihr aufgetragen habe, den Verein darüber in Kenntnis zu setzen, dass er den Zaun nicht an die Arzneimittelfirma vermieten werde.

Jane und Diana schauten, als könnten sie ihren Ohren nicht trauen. Die parlamentarischen Spielregeln, die beim D.W. immer striktestens eingehalten wurden, untersagten ihnen, sofort neugierig Fragen zu stellen. Aber nachdem der Verein sich vertagt hatte, wurde Anne stürmisch um Erklärungen angegangen. Anne hatte keine Erklärung. Judson Parker hatte sie am Abend zuvor auf der Straße überholt und ihr mitgeteilt, er wäre genau wie der D.V.V. entschieden gegen jede Arzneimittelreklame. Das war alles, was Anne jetzt und auch später dazu sagen konnte und es war schlicht die Wahrheit. Als Jane Andrews auf dem Nachhauseweg Oliver Sloane erklärte, sie sei fest davon überzeugt, dass hinter Judson Parkers geheimnisvollem Sinneswandel nichts weiter steckte, als Anne offenbart habe, sagte auch sie die Wahrheit.

Anne hatte am Abend zuvor einen Besuch bei der alten Mrs Irving unten an der Uferstraße gemacht. Auf dem Rückweg hatte sie eine Abkürzung genommen, die sie zunächst über die tief gelegenen Uferfelder und dann durch den Buchenwald unterhalb von Robert Dickinsons Anwesen geführt hatte, über einen kleinen Fußweg, der genau oberhalb des Sees der glitzernden Wasser - phantasielosen Leuten als Barrys Teich bekannt - in die Hauptstraße mündete.

Zwei Männer in ihren Kutschen kamen vorbei, lenkten die Pferde an die Straßenseite, genau vor der Einmündung in den Weg. Der eine war Judson Parker, der andere Jerry Corcoran, ein Mann aus Newbridge, dem, wie Mrs Lynde es in beredten Worten ausgedrückt haben würde, noch nie etwas Zweifelhaftes nachgewiesen worden war. Er handelte mit landwirtschaftlichen Geräten und war eine prominente politische Persönlichkeit. Er hatte den Finger - manche behaupteten alle Finger - in jeder politischen Angelegenheit, die gerade ausgekocht wurde. Da Kanada am Abend vor der Wahl stand, war Jerry Corcoran ein seit Wochen viel beschäftigter Mann gewesen, der auf Stimmenwerbung für die Kandidaten seiner Partei durch den Wahlkreis gezogen war.

Als Anne eben unter den überhängenden Buchenzweigen hervor auftauchte, hörte sie Corcoran sagen:»Wenn Sie Amesbury wählen, Parker ... na ja, dann hätte ich da noch ein Scheinchen für die Eggen, die Sie im Frühjahr bekommen haben. Sie hätten doch nichts dagegen, das Geld zurückzubekommen, was?«

»Hm... tja, wenn Sie das so sehen«, sagte Judson gedehnt und mit einem Grinsen, »das ließe sich schon machen, ln diesen schlechten Zeiten muss man sehen, wo man bleibt.«

In diesem Augenblick sahen sie Anne und die Unterhaltung endete abrupt. Anne grüßte kühl, ging weiter und streckte das Kinn noch weiter vor als sonst. Bald überholte Judson Parker sie.

»Willst du mitfahren, Anne?«, fragte er freundlich.

»Danke, nein«, erwiderte Anne höflich, aber mit einer feinen Verachtung in der Stimme, die selbst den nicht sehr empfindsamen Judson Parker wie Nadelstiche traf. Er wurde rot und drehte wütend die Zügel in den Händen. Aber im nächsten Augenblick besann er sich eines anderen. Er sah Anne beunruhigt an, wie sie weiterging und nicht nach links und nach rechts schaute. Hatte sie Corcorans unmissverständliches Angebot und sein allzu bereites Eingehen darauf gehört? Zum Teufel mit diesem Corcoran! Wenn er seine Absichten nicht in weniger gefährliche Worte kleiden konnte, würde er über kurz oder lang noch Ärger bekommen. Und zum Teufel mit rothaarigen Lehrerinnen, die aus Buchenwäldern auftauchen, in denen sie nichts zu suchen hatten. Wenn Anne es gehört hatte, so jedenfalls glaubte Judson Parker, der andere Leute nach seinen eigenen Maßstäben beurteilte, würde sie es überall herum erzählen. Nun, Judson Parker gab, wie sich gezeigt hat, nicht übermäßig viel auf die öffentliche Meinung. Aber als jemand dazustehen, der Bestechungsgeld angenommen hatte, wäre eine höchst unangenehme Sache. Und wenn es je Isaac Spencer zu Ohren kam, dann ade mit all den Hoffnungen auf Louisa Jane und ihren beruhigenden Einkünften als Erbin eines wohlhabenden Farmers. Judson Parker wusste, dass Mr Spencer ihn ohnehin etwas misstrauisch beäugte. Er konnte es sich nicht leisten ein Risiko einzugehen.

»Ähm ... Anne, ich hatte dich sowieso noch aufsuchen wollen wegen dieser Sache, über die wir neulich gesprochen haben. Ich habe mich nun doch entschieden, den Zaun der Firma nicht zur Verfügung zu stellen. Einen Verein mit Zielen, wie ihr sie verfolgt, sollte man unterstützen.«

Anne ließ sich überhaupt nicht aus der Reserve locken.

»Vielen Dank«, sagte sie.

»Und . . . und ... du brauchst diese kleine Unterhaltung mit Jerry ja nicht laut werden zu lassen.«

»Das habe ich nicht vor«, sagte Anne eisig, denn eher hätte sie sämtliche Zäune von Avonlea mit Reklame bemalen lassen, als sich auf einen Handel mit einem Mann, der seine Stimme verkaufte, einzulassen.

»Recht so . . . recht so«, stimmtejudson zu und fand, dass sie einander bestens verstanden. »Das hätte ich von dir auch nicht angenommen. Natürlich habe ich Jerry nur an der Nase herumgeführt - er hält sich für verteufelt klug und gescheit. Ich denke nicht daran, für Amesbury zu stimmen. Ich wähle wie immer Grant - das kannst du bei der Wahl selbst feststellen. Ich habe Jerry nur dazu verlockt, um zu sehen, ob er tatsächlich so weit geht. Und das mit dem Zaun geht so in Ordnung ... du kannst es den Verschönerern ausrichten.«

»Es gibt eben alle möglichen Sorten von Menschen auf der Welt, wie man so schön sagt, aber manche könnte man entbehren«, sagte Anne an dem Abend im Ostgiebel zu sich im Spiegel. »Ich hätte die schändliche Sache sowieso keiner Menschenseele gegenüber erwähnt, also habe ich in dem Punkt ein reines Gewissen. Ich weiß wirklich nicht, wem oder was sein Sinneswandel zu verdanken ist. Ich jedenfalls habe ihn nicht bewerkstelligt und es ist kaum anzunehmen, dass bei Politikern wiejudson Parker und Jerry Corcoran Gott seine Hände im Spiel hat.«

15 - Ferienbeginn

An einem ruhigen, strahlendhellen Nachmittag schloss Anne die Schultür zu. Der Wind summte in den Fichten auf dem Schulhof und die Bäume am Waldrand warfen lange, unbewegte Schatten. Sie steckte den Schlüssel mit einem zufriedenen Seufzer in die Tasche. Das Schuljahr war um, und da alle mit ihr zufrieden waren, war sie für das nächste wieder eingestellt worden - nur Mr Harmon Andrews hatte gesagt, sie solle öfter den Stock benutzen. Jetzt winkten ihr zwei herrliche Monate wohlverdienter Ferien. Anne war im Einklang mit sich und der Welt, als sie mit ihrem Korb voll Blumen in der Hand den Hügel hinunterging. Seit die ersten Frühlingsblumen blühten, hatte Anne nicht ein einziges Mal ihren allwöchentlichen Gang zu Matthews Grab versäumt. Alle in Avonlea, außer Marilla, hatten bereits den stillen, schüchternen, unbedeutenden Matthew Cuthbert vergessen. Aber in Anne war die Erinnerung an ihn lebendig und würde es immer bleiben. Sie konnte diesen guten Mann nicht vergessen, der ihr all die Liebe und Zuneigung gegeben hatte, nach der sie sich in ihrer Kindheit so gesehnt hatte.

Am Fuße des Hügels saß im Schatten der Fichten ein Junge auf dem Zaun - ein Junge mit großen, verträumten Augen und einem schönen ausdrucksstarken Gesicht. Er schwang sich hinunter und schloss sich lächelnd Anne an. Aber er hatte geweint.

»Ich habe auf Sie gewartet, weil ich mir dachte, dass Sie auf den Friedhof gehen«, sagte er und schob seine Hände in ihre. »Ich gehe auch dahin. Ich will diesen Strauß Geranien von Großmutter auf Großvater Irvings Grab legen. Und schauen Sie, diesen Strauß weiße Rosen lege ich zum Gedenken an meine Mutter neben Großvaters Grab, weil ich ihr Grab nicht besuchen kann. Aber meinen Sie nicht auch, sie weiß es trotzdem?«

»Ja, ganz bestimmt, Paul.«

»Verstehen Sie, genau heute vor drei Jahren ist meine Mutter gestorben. Das ist eine lange, lange Zeit, aber es tut noch immer genauso weh ... und ich vermisse sie noch genauso. Manchmal kommt es mir vor, als könnte ich es nicht aushalten, so weh tut es.«

Pauls Stimme und seine Lippen zitterten. Er sah auf die Rosen und hoffte, dass seine Lehrerin die Tränen in seinen Augen nicht bemerkte.

»Und doch«, sagte Anne sehr sanft, »würdest du nicht wollen, dass es aufhört weh zu tun. Du würdest deine Mutter nicht vergessen wollen, selbst wenn du es könntest.«

»Nein, bestimmt nicht, genauso empfinde ich es auch. Sie verstehen immer alles so gut, Miss. Bei niemand sonst ist das so, nicht einmal bei meiner Großmutter, obwohl sie sehr gut zu mir ist. Höchstens noch bei meinem Vater, aber trotzdem habe ich nie viel mit ihm über meine Mutter geredet, weil ihm dann so elend zumute wurde. Wenn er sich die Hand vors Gesicht legte, wusste ich schon immer, dass ich besser aufhöre damit. Armer Vater, er muss sich schrecklich allein fühlen ohne mich. Aber verstehen Sie, er hat jetzt nur die Haushälterin und er meint, Haushälterinnen eignen sich nicht dafür, kleinejungen aufzuziehen, vor allem, wo er aus geschäftlichen Gründen sooft von zu Hause weg ist. Großmütter eignen sich besser, sie kommen gleich nach den Müttern. Eines Tages, wenn ich groß bin, gehe ich zurück zu meinem Vater und wir werden uns nie wieder voneinander trennen.«

Paul hatte ihr so viel von seiner Mutter und seinem Vater erzählt, dass es Anne vorkam, als würde sie sie kennen. Seine Mutter musste ihm im Temperament und im Charakter sehr ähnlich gewesen sein. Und Stephen Irving stellte sie sich ziemlich zurückhaltend, tiefgründig und empfindsam vor, was er vor allen ängstlich verbarg.

»Mit meinem Vater wird man nicht so leicht warm«, hatte Paul einmal gesagt. »Ich habe ihn erst richtig kennen gelernt, nachdem meine Mutter gestorben war. Aber wenn man ihn erst einmal richtig kennt, ist er großartig. Ihn mag ich am liebsten von allen auf der Welt, dann Großmutter Irving und dann Sie. Ich würde Sie gleich nach meinem Vater am liebsten mögen, wenn es nicht meine Pflicht wäre, erst Großmutter zu mögen, weil sie so viel für mich tut. Sie verstehen schon. Allerdings wünschte ich, sie würde mir die Kerze dalassen, bis ich eingeschlafen bin. Sie nimmt sie immer gleich, wenn sie mich zugedeckt hat, mit hinaus und sagt, ich solle nicht so ein Angsthase sein. Ich habe keine Angst, aber trotzdem hätte ich gern eine Kerze. Meine Mutter hat sich immer zur mir ans Bett gesetzt und meine Hand gehalten, bis ich eingeschlafen war. Bestimmt hat sie mich verwöhnt. Mütter tun das manchmal, wissen Sie.«

Nein, das wusste Anne nicht, obwohl sie es sich vorstellen konnte. Sie dachte traurig an ihre »Mutter«, die Mutter, die sich Anne als eine »vollkommene Schönheit« vorgestellt hatte und die vor so langer Zeit gestorben und neben ihrem noch so jungen Ehemann in dem Grab weit weg, das niemand besuchte, begraben worden war. Anne hatte an ihre Mutter keine Erinnerung und sie beneidete Paul fast darum. »Nächste Woche habe ich Geburtstag«, sagte Paul, als sie den weiten roten Hügel hinaufgingen, der von der Junisonne erwärmt wurde. »Mein Vater hat mir geschrieben, dass er mir etwas schicken würde, über das ich mich wie verrückt freuen würde. Es muss schon angekommen sein, weil Großmutter die Schublade im Bücherschrank abgeschlossen hat und das hat sie noch nie getan. Als ich sie danach fragte, tat sie nur geheimnisvoll und sagte, kleine Jungen sollten nicht so neugierig sein. Ein Geburtstag ist aufregend, nicht wahr? Ich werde elf Jahre alt. Das hätten Sie nicht gedacht, nicht wahr? Großmutter findet, ich wäre für mein Alter sehr klein. Es käme nur daher, weil ich nicht genug Porridge äße. Ich tue mein Bestes, aber Großmutter lädt den Teller immer randvoll - geizig ist Großmutter nicht, das kann ich Ihnen sagen. Seit Sie und ich uns damals auf dem Nachhauseweg von der Sonntagsschule über das Beten unterhalten haben - wo Sie sagten, man müsste all seine Sorgen ins Gebet einschließen -, seither hab ich jeden Abend gebetet, dass Gott mir gnädig sein und mir die Kraft geben möge, dass ich morgens meine Porridge bis auf den letzten Krümel aufessen kann. Aber bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft. Ob das nun daran liegt, dass Gott mir nicht gnädig ist oder weil es einfach zu viel Porridge ist, das kann ich wirklich nicht sagen. Großmutter behauptet, mein Vater wäre mit Porridge groß gezogen worden und in seinem Fall hat es ja auch prima geklappt. Sie sollten mal sehen, was der für Schultern hat! Aber irgendwann«, sagte Paul mit einem Seufzer und nachdenklicher Miene, »bringt mich dieses Porridge noch um.«

Da Paul sie nicht ansah, lächelte Anne in sich hinein. Ganz Avonlea wusste, dass die alte Mrs Irving ihren Enkelsohn nach dem altbewährten Methoden der Ernährung und Erziehung aufzog. »Hoffentlich nicht, mein Lieber«, sagte sie fröhlich. »Wie geht es deinen Felsen-Menschen? Benimmt sich der älteste Zwilling noch anständig?«

»Das muss er«, sagte Paul bestimmt. »Er weiß, dass ich mich mit ihm nicht abgebe, wenn er sich nicht ordentlich benimmt. Er ist ein böser Bursche, finde ich.«

»Hat Nora schon die Sache mit der Goldenen Frau herausgefunden?«

»Nein, aber ich glaube, sie hat Verdacht geschöpft. Ich bin mir fast sicher, dass sie mich das letzte Mal, als ich zur Höhle ging, beobachtet hat. Mir macht es nichts aus, wenn sie dahinterkommt - ich möchte es nur ihretwegen nicht, um sie nicht zu kränken. Aber wenn sie es unbedingt herausfinden will, ist ihr auch nicht zu helfen.«

»Wenn ich abends einmal mit dir ans Ufer gehen würde, meinst du, ich könnte die Felsen-Menschen auch sehen?«

Paul schüttelte ernst den Kopf.

»Nein, ich glaube nicht, dass Sie meine Felsen-Menschen sehen könnten. Ich als Einziger kann sie sehen. Aber Sie könnten Ihre eigenen Felsen-Menschen finden. Sie gehören zu der Sorte Mensch, die das kann. Wir gehören beide zu der Sorte. Sie verstehen schon«, fügte er hinzu und drückte ihr freundschaftlich die Hand. »Ist es nicht großartig, zu der Sorte Mensch zu gehören?«

»Großartig«, stimmte Anne zu und grüne strahlende Augen sahen in blaue strahlende Augen. Anne und Paul wussten beide:

»So schön auch das Land, nur Phantasie öffnet den Blick hinein.«

Und beide kannten den Weg in dieses glückliche Land. Dort blühten in den Tälern und an den Flüssen immerwährende Glücksrosen; keine Wolke verdunkelte den strahlenden Himmel; nie ertönte ein Misston von den süß klingenden Glocken; und verwandte Seelen gab es in Hülle und Fülle. Das Wissen, wo dieses Land »östlich der Sonne, westlich des Mondes« liegt, ist unschätzbar und gibt es auf keinem Markt zu kaufen. Es muss ein Geburtstagsgeschenk der guten Feen sein und die Jahre können es nicht verunstalten und es einem nicht nehmen. Es ist mehr wert, es zu besitzen, mag man auch in einer Dachkammer wohnen, als in einem Palast zu wohnen und es nicht zu besitzen.

Der Friedhof von Avonlea war wie eh und je mit Gras bewachsen und lag abgeschieden da. Gewiss, die Verschönerer kümmerten sich darum und Priscilla hatte vor dem letzten Treffen des Vereins einen Aufsatz über Friedhöfe gelesen, ln nächster Zukunft wollte der Verein den mit Flechten bewachsenen wackligen alten Bretterzaun durch einen ordentlichen Drahtzaun ersetzen, das Grün mähen und die umgekippten Grabsteine aufrichten lassen.

Anne legte die mitgebrachten Blumen auf Matthews Grab und ging dann hinüber zu der kleinen von Pappeln beschatteten Ecke, wo Hester Gray begraben lag. Seit jenem Frühjahr-Picknick hatte sie jedes Mal, wenn sie Matthews Grab besuchte, auch Blumen auf Hesters Grab gelegt. Am Abend zuvor war sie zu dem kleinen abgeschiedenen Garten im Wald gewandert und hatte welche von Hesters eigenen weißen Rosen gepflückt.

»Ich dachte, sie gefallen Ihnen besser als irgendwelche anderen, meine Liebe«, sagte sie leise.

Anne saß noch immer dort, als ein Schatten auf das Gras fiel. Sie sah auf und erblickte Mrs Allan. Zusammen gingen sie nach Hause.

Mrs Allans Gesicht war nicht mehr das der jungen Braut, die der Pfarrer vor fünf Jahren mit nach Avonlea gebracht hatte. Es hatte an rosiger Frische und Jugendlichkeit verloren, um Augen und Mund zeigten sich feine Linien. Ein kleines Grab auf eben diesem Friedhof war schuld daran, ein paar neue Fältchen waren hinzugekommen, als ihr Sohn krank geworden war. Inzwischen allerdings hatte er alles heil überstanden. Aber Mrs Allans Grübchen zeigten sich so unvermutet und waren so niedlich wie eh und je, wie ihre Augen hell und strahlend und aufrichtig waren.

»Du freust dich sicher auf die Ferien, Anne?«, sagte sie, als sie den Friedhof verließen.

Anne nickte.

»Ja, das Wort zergeht mir auf der Zunge wie ein Leckerbissen. Es wird bestimmt ein herrlicher Sommer. Denn im Juli kommt Mrs Morgan auf die Insel und Priscilla und sie wollen uns besuchen. Beim bloßen Gedanken daran überläuft mich wie früher eine Gänsehaut.«

»Ich hoffe, du verlebst eine schöne Zeit, Anne. Du hast im vergangenen Jahr hart gearbeitet und einiges erreicht.«

»Ach, ich weiß nicht. Ich habe so viele Ziele nicht erreicht. Ich habe längst nicht das geschafft, was ich mir vorgenommen habe, als ich letzten Herbst in der Schule anfing. Ich bin meinen Idealen nicht gerecht geworden.«

»Das gelingt keinem«, sagte Mrs Allan mit einem Seufzer. »Du weißt auch, Anne, was Lowell dazu sagt: >Nicht das Scheitern, sondern zu niedrig gesteckte Ziele sind ein Vergehen.< Wir brauchen Ideale und müssen sie zu erreichen versuchen, auch wenn uns das nie ganz gelingt. Ohne Ideale wäre das Leben traurig. Ideale machen es großartig und grandios. Halte an deinen Idealen fest, Anne.«

»Ich werde es versuchen. Aber ich habe fast alle meine Theorien sausen lassen«, sagte Anne und lachte ein wenig. »Ich hatte die schönsten Theorien, die man sich nur vorstellen kann, als ich in der Schule anfing, aber eine nach der anderen erwies sich, wenn es darauf ankam, als ein Fehlschlag.«

»Auch die von der Prügelstrafe«, neckte Mrs Allan sie.

Aber Anne wurde rot.

»Ich werde mir nie verzeihen, dass ich Anthony geschlagen habe.«

»Unsinn, Liebes, er hatte es verdient. Es hat ihm gut getan. Seither hast du keinen Ärger mehr mit ihm gehabt und er findet dich einmalig. Mit Freundlichkeit hast du seine Zuneigung gewonnen und ihm seine dumme Idee >ein Mädchen taugt nichts< ein für alle Mal ausgetrieben.«

»Vielleicht hatte er es verdient, aber das ist nicht der Punkt. Hätte ich ruhig und überlegt entschieden, ihm eine Tracht Prügel zu geben, weil ich es für eine angemessene Strafe hielt, dann würde ich jetzt anders darüber denken. Aber die Wahrheit ist, Mrs Allan, dass ich in Wut geraten bin und ihn deshalb verprügelt habe. Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob es richtig oder falsch ist... auch wenn er es nicht verdient gehabt hätte, hätte ich ihn verprügelt. Das ist das Niederschmetternde.«

»Wir machen alle Fehler, meine Liebe, vergiss es also. Wir sollten unsere Fehler bedauern und aus ihnen lernen, aber sie nicht weiter mit uns herumschleppen. Da fahrt Gilbert Blythe mit dem Fahrrad ... wohl auch auf dem Nachhauseweg in die Ferien. Wie kommt ihr mit dem Lernen voran?«

»Ganz gut. Heute Abend wollen wir den Vergil abschließen. Es sind nur noch zwanzig Zeilen. Dann fangen wir erst im September wieder an zu lernen.«

»Meinst du, du gehst irgendwann noch einmal aufs College?«

»Ich weiß nicht.« Anne blickte verträumt in die Ferne zum opalfarbenen Horizont. »Mit Marillas Augen wird es nicht besser; wir können schon froh sein, dass es nicht noch schlechter wird. Und dann sind da die Zwillinge - irgendwie glaube ich nicht so recht, dass ihr Onkel sie zu sich holen wird. Vielleicht liegt das College ja hinter der Biegung in der Straße, aber bis jetzt bin ich nicht zur Biegung gelangt und denke nicht weiter darüber nach, damit ich nicht unzufrieden werde.«

»Ich fände es gut, wenn du aufs College gingest, Anne. Aber wenn nichts daraus wird, sei nicht traurig. Irgendwie leben wir unser Leben, wo auch immer. Das College ermöglicht uns nur ein bequemeres Leben. Je nachdem, was wir daraus machen, ist es ein erfülltes oder ein unerfülltes Leben. Man kann hier, überall, ein reiches und erfülltes Leben leben, wenn man nur lernt, sein Herz voll und ganz dem Reichtum und der Fülle zu öffnen.«

»Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen«, sagte Anne nachdenklich. »Da ist so viel, wofür ich dankbar bin, so viel - meine Arbeit, Paul Irving, die lieben Zwillinge und alle meine Freunde. Wissen Sie, ich bin so dankbar für Freundschaft. Sie verschönt das Leben.«

»Wahre Freundschaft ist in der Tat sehr hilfreich«, sagte Mrs Allan. »Man sollte sie in Ehren halten und niemals durch Unaufrichtigkeit oder Unehrlichkeit trüben. Ich fürchte, Freundschaft wird oft mit einer Art Vertrautheit verwechselt, die nichts mit wirklicher Freundschaft zu tun hat.«

»Ja, wie bei Gertie Pye und Julia Bell. Sie tun sehr vertraut und unternehmen alles zusammen. Aber Gertie zieht hinter Julias Rücken dauernd über sie her und alle denken, sie wäre eifersüchtig auf sie, weil sie sich immer so freut, wenn jemand an Julia etwas auszusetzen hat. Eine Schande, so was als Freundschaft zu bezeichnen. Man sollte in seinen Freunden nur das Beste sehen und ihnen sein Bestes geben, meinen Sie nicht? Dann ist Freundschaft das Schönste auf der Welt.«

»Freundschaft ist etwas Schönes«, lächelte Mrs Allan, »aber eines Tages . ..«

Dann brach sie abrupt ab. In dem zarten hellen Gesicht an ihrer Seite mit den aufrichtigen Augen und ausdrucksvollen Zügen lag noch viel mehr von einem Kind als von einer Frau. Anne war voller Träume von Freundschaft und hehren idealen. Mrs Allan wollte ihr nicht ihre jugendliche Unverdorbenheit nehmen. Also brach sie den Satz ab, um ihn erst in einigen Jahren zu vervollständigen.

16 - Hoffnung und was daraus werden kann

»Anne«, sagte Davy anklagend und kletterte auf das glänzende Ledersofa in der Küche von Green Gables, auf dem Anne saß und einen Brief las. »Anne, ich habe schrecklichen Hunger. Du machst dir keine Vorstellung.«

»Ich mache dir gleich ein Butterbrot«, sagte Anne abwesend. Der Brief enthielt offensichtlich einige aufregende Neuigkeiten, denn ihren Wangen waren so rot wie die Strauchrosen draußen und ihre Augen strahlten, wie nur Annes Augen strahlen konnten.

»Aber ich habe keinen Butterbrot-Hunger«, sagte Davy angewidert. »Ich hab Pflaumenkuchen-Hunger.«

»Oh«, lachte Anne, legte den Brief beiseite, nahm Davy in den Arm und drückte ihn. »Dann wirst du dich noch eine Weile gedulden müssen, Davy-Junge. Du kennst Manilas Grundsatz, dass du zwischen den Mahlzeiten höchstens ein Butterbrot essen darfst.«

»Na gut, dann gibt mir eins... bitte.«

Davy war endlich beigebracht worden, »bitte« zu sagen, aber meist setzte er es wie einen nachträglichen Einfall ans Ende. Er sah zustimmend auf die großzügige Scheibe, die Anne ihm bald darauf brachte. »Du schmierst immer so schön dick Butter drauf, Anne. Marilla streicht immer nur ziemlich dünn Butter drauf. Mit viel Butter flutscht es viel besser hinunter.«

Das Butterbrot »flutschte« bestens hinunter, so schnell wie es verschwunden war. Davy rutschte kopfvoran vom Sofa, schlug zwei Purzelbäume auf dem Teppich, setzte sich dann auf und verkündete bestimmt: »Anne, das mit dem Himmel hab ich mir überlegt. Ich will nicht dahin.«

»Warum nicht?«, fragte Anne ernst.

»Weil der Himmel auf Simon Fletchers Speicher ist und Simon Fletcher kann ich nicht leiden.«

»Der Himmel auf . . . Simon Fletchers Speicher?«, sagte Anne, schnappte nach Luft und konnte vor Verwunderung nicht einmal lachen. »Davy Keith, wie kommst du auf die Idee?«

»Milty Boulter hat das gesagt und zwar am letzten Sonntag nach der Sonntagsschule. Die Unterrichtsstunde drehte sich um Elia und Elisa. Ich bin aufgestanden und hab Miss Rogerson gefragt, wo der Himmel ist. Sie war sowieso schon ärgerlich, weil, als sie uns gefragt hatte, was Elia Elisa hinterließ, nachdem er in den Himmel gekommen war, sagte Milty Boulter: >Sein altes Zeugs.< Wir anderen haben gar nicht nachgedacht und haben alle gelacht. Ich wollte, man könnte erst überlegen, bevor man etwas tut, weil dann würde man es nicht tun. Aber Milty wollte nicht frech sein. Ihm fiel dies Dings nur nicht ein. Miss Rogerson sagte, der Himmel sei dort, wo Gott sei. Ich solle gefälligst nicht solche Fragen stellen. Milty stupste mich an und flüsterte mir zu: >Der Himmel ist auf Onkel Simons Speicher, ich erklär dir das auf dem Weg nach Hause.< Also hat er es mir auf dem Weg nach Hause erklärt. Milty ist ganz groß im Erklären. Sogar wenn er von einer Sache überhaupt keine Ahnung hat, lässt er sich einen Haufen Zeug einfallen und so kriegt man es doch erklärt. Seine Mutter ist die Schwester von Mrs Simon und mit ihr ist er zur Beerdigung gegangen, als seine Cousine Jane Ellen gestorben ist. Der Pfarrer sagte, sie sei im Himmel, aber Milty behauptet, dass sie direkt vor ihnen im Sarg lag und dass sie den Sarg hinterher auf den Speicher bringen würden. Naja, als Milty und seine Mutter nach der Beerdigung nach oben gingen, um den Hut von seiner Mutter zu holen, fragte er sie, wo der Himmel wäre, in dem Jane Ellen sei. Sie zeigte genau auf die Decke und sagte: >Da oben!< Milty war klar, dass da über der Decke nichts anderes als der Speicher war. So hat er es herausgefunden. Seitdem hat er jedes Mal eine fürchterliche Angst davor, zu Onkel Simon zu gehen.«

Anne zog Davy auf ihre Knie und gab sich alle Mühe, diesen Wirrwarr theologischer Fragen zu entwirren. Sie eignete sich für diese Aufgabe viel besser als Marilla, denn sie rief sich ihre eigene Kindheit in Erinnerung und verstand instinktiv, welch seltsame Vorstellungen Siebenjährige manchmal von Dingen haben, die Erwachsenen natürlich ganz klar und verständlich sind. Sie hatte Davy mit Erfolg klarmachen können, dass der Himmel nicht auf Simon Fletchers Dachboden ist, bis Marilla aus dem Garten kam, wo sie zusammen mit Dora Erbsen gepflückt hatte. Dora war ein fleißiges Persönchen. Nichts machte sie glücklicher, als wenn sie bei verschiedenen kleinen Arbeiten, die sie mit ihren pummeligen Händen erledigen konnte, »helfen« konnte. Sie fütterte die Hühner, spülte das Geschirr und erledigte kleinere Besorgungen. Sie war gefällig, gewissenhaft und aufmerksam. Man musste ihr nie etwas zweimal sagen, sie vergaß nie eine ihrer kleinen Pflichten. Davy dagegen war ziemlich unachtsam und vergesslich. Aber er hatte von Natur aus etwas Einnehmendes und nach wie vor mochten Anne und Marilla ihn lieber.

Während Dora stolz die Erbsen palte und Davy aus den Schoten Boote anfertigte, mit Masten aus Streichhölzern und Segeln aus Papier, berichtete Anne Marilla von der wundervollen Nachricht in dem Brief.

»Oh, Marilla, denk doch nur! Priscilla hat mir einen Brief geschrieben. Sie schreibt, dass Mrs Morgan auf der Insel ist. Wenn am Donnerstag gutes Wetter ist, wollen sie nach Avonlea kommen und so gegen zwölf Uhr hier sein. Sie verbringen den Nachmittag bei uns und gehen am Abend ins Hotel in White Sands, weil dort einige von Mrs Morgans amerikanischen Freunden absteigen. Oh, Marilla, ist das nicht wunderbar? Ich kann kaum glauben, dass es kein Traum ist.«

»Mrs Morgan ist auch nicht viel anders als andere Leute«, sagte Marilla trocken, obwohl sie auch ein kleines bisschen aufgeregt war. Mrs Morgan war eine berühmte Frau und ein Besuch von ihr, das kam nicht alltäglich vor. »Dann werden sie also zum Mittagessen hier sein?«

»Ja, und Marilla, darf ich alles allein vorbereiten? Ich möchte mich der Verfasserin des Rosenknospen-Gartens erkenntlich zeigen - und sei es nur, dass ich ein Mittagessen für sie koche. Du hast doch nichts dagegen, nicht wahr?«

»Ach je, ich bin nicht versessen darauf, im Juli an einem heißen Feuer zu stehen und zu kochen. Es macht mir nichts aus, wenn jemand mir die Arbeit abnimmt. Du darfst gern übernehmen.«

»0 danke«, sagte Anne, so als hätte Marilla ihr soeben einen Riesengefallen erwiesen. »Ich stelle gleich jetzt das Menu zusammen.«

»Du solltest es besser nicht allzu vornehm machen«, warnte Marilla, die der hochtrabende Ausdruck »Menu« in leichte Unruhe versetzte. »Nachher handelst du dir noch ganz schön Ärger ein.«

»Ich werde es überhaupt nicht >vornehm< machen, wenn du damit andere Sachen meinst, als wir zu festlichen Angelegenheiten sonst auch machen«, versicherte Anne. »Das wäre Heuchelei. Mag ja sein, dass ich nicht so vernünftig und beständig bin, wie man mit siebzehn und als Lehrerin sein sollte - doch so dumm bin ich auch wieder nicht. Aber alles soll so köstlich und lecker schmecken wie nur möglich. Davy, Junge, lass die Erbsenhülsen nicht da auf den Treppenstufen liegen, jemand könnte darauf ausrutschen. Als Vorspeise gibt es eine leichte Suppe - du kennst doch meine phantastische Zwiebelcremesuppe - und dann gibt es Brathuhn. Ich brauche dafür die zwei weißen Hühner. Ich habe sie zwar ins Herz geschlossen - sie waren wie Haustiere, seit die graue Henne die zwei ausgebrütet hat, diese kleinen gelben Daunenkugeln. Aber eines Tages müssten sie sowieso geschlachtet werden und welche Gelegenheit eignet sich dazu besser als diese! Aber, Marilla, ich bringe es nicht über mich, sie zu schlachten - nicht einmal Mrs Morgan zuliebe. Ich muss John Carter bitten, dass er es macht.«

»Ich mache es«, bot sich Davy freiwillig an, »wenn Marilla sie an den Beinen festhält, weil ich ja beide Hände brauche, um das Beil zu halten. Es ist schrecklich lustig zuzusehen, wie sie umhertaumeln, wenn die Köpfe abgeschlagen sind.«

»Als Gemüse gibt es Erbsen, Bohnen, Kartoffelpürree und grünen Salat«, fuhr Anne fort, »und zum Nachtisch Zitronentörtchen mit Schlagsahne und Kaffee und Käse und Löffelbiskuits. Die Kuchen und die Löffelbiskuits backe ich morgen und ich richte mein Musselinkleid her. Ich muss es gleich heute Diana erzählen, denn sie wollte auch ihr Kleid herrichten. Mrs Morgans Heldinnen tragen fast immer weiße Musselinkleider und Diana und ich haben abgemacht, dass wir auch weiße Musselinkleider anziehen für den Fall, dass wir Mrs Morgan kennen lernen. Das ist ein wirklich schönes Kompliment, findest du nicht? Davy-Schatz, du sollst keine Erbsenhülsen in die Ritzen stecken. Außerdem muss ich Mr und Mrs Allan und Miss Stady zum Mittagessen einladen, weil sie Mrs Morgan auch unbedingt kennen lernen wollen. Es ist wirklich ein Gücksfall, dass sie gerade jetzt herkommt, wo Mrs Stacy da ist. Davy-Schatz, lass die Erbsenhülsen nicht im Wassereimer herumschwimmen, geh damit nach draußen zum Wassertrog. Oh, hoffentlich ist Donnerstag schönes Wetter. Bestimmt ist es das, denn Onkel Abe hat gestern Abend gesagt, als er bei Mr Harrison vorbeischaute, dass es fast die ganze Woche regnen würde.«

»Das ist ein gutes Omen«, stimmte Marilla zu.

Am Abend lief Anne hinüber nach Orchard Slope, um Diana, die auch ganz aufgeregt wurde, all die Neuigkeiten zu berichten. Sie besprachen die Angelegenheiten in der Hängematte unter den großen Weiden im Barry’schen Garten.

»Oh, Anne, darf ich dir nicht beim Kochen helfen?«, flehte Diana. »Du weißt, ich kann phantastischen Salat machen.«

»Sicher darfst du das«, sagte Anne selbstlos. »Und du könntest mir auch beim Schmücken helfen. Das Wohnzimmer soll aussehen wie eine einzige Blütenstube und den Esstisch will ich mit wilden Rosen schmücken. Ich hoffe nur, dass alles glatt verläuft. Mrs Morgans Heldinnen setzen sich nie in die Nesseln oder geraten in eine peinliche Lage. Sie sind immer so selbstbeherrscht und unglaublich gute Hauswirtschafterinnen. Sie scheinen geborene Hauswirtschafterinnen zu sein. Du erinnerst dich doch an diese Gertrude, in Gefährliche Zeiten«, die mit ganzen acht Jahren ihrem Vater den Haushalt führt. Als ich acht Jahre alt war, hatte ich keine Ahnung von nichts, außer wie man Kinder aufzieht. Mrs Morgan muss eine Autorität in Bezug auf Mädchen sein, wo sie so viel über sie geschrieben hat. Sie soll auch von uns einen guten Eindruck bekommen. Ich habe mir alles schon auf ein Dutzend verschiedene Arten ausgemalt — wie sie aussehen wird und was sie sagen wird und was ich sagen werde. Ich mache mir die ganze Zeit Gedanken wegen meiner Nase. Wie du siehst, sind sieben Sommersprossen darauf. Beim Picknick habe ich sie bekommen, als ich ohne Hut in der Sonne herumlief. Vielleicht ist es undankbar, dass ich mir deswegen Gedanken mache, wo ich dankbar sein kann, dass ich nicht wie früher im ganzen Gesicht welche habe. Aber ich wollte wirklich, ich hätte keine bekommen. Mrs Morgans Heldinnen sehen allesamt einfach vollkommen aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur eine mit Sommersprossen darunter wäre.«

»Sie fallen kaum auf«, tröstete Diana. »Reibe sie heute Nacht einfach mit ein wenig Zitronensaft ein.«

Am nächsten Tag backte Anne die Törtchen und die Löffelbiskuits, richtete ihr Kleid her und fegte sämtliche Zimmer und wischte Staub -ein völlig unnötiges Unterfangen, denn Green Gables war dank Marilla wie immer tipptopp sauber. Aber Anne hielt ein Körnchen Staub in einem Haus, das mit einem Besuch von Charlotte E. Morgan beehrt wurde, für eine Schande. Sie räumte sogar den Schrank »für alles Mögliche« unter der Treppe auf, obwohl nicht die geringste Möglichkeit bestand, dass Mrs Morgan ihn zu Gesicht bekam.

»Aber ich will das Gefühl haben, dass er bestens aufgeräumt ist, auch wenn sie ihn nicht zu sehen bekommt«, sagte Anne zu Marilla. »Weißt du, in ihrem Buch >Goldene Schlüssel< lässt sie ihre beiden Heldinnen nach dem Motto von Longfellows Vers handeln:

>Wenn ehedem ein Kunstwerk entstand, 

der Baumeister vorging mit sorgsamer Hand, 

in jedem Augenblick und in jedem Zimmer,

Denn die Gottheiten, sie sehen es immer.<

Also haben sie die Kellerstufen stets geschrubbt und sie fegten auch immer unter den Betten. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich wüsste, das der Schrank nicht aufgeräumt ist, wenn Mrs Morgan im Haus ist. Seit Diana und ich letzten April >Goldene Schlüssel< gelesen haben, haben wir den Vers auch zu unserem Motto gemacht.«

Am Nachmittag schlachteten John Henry Carter und Davy die beiden weißen Hühner. Anne rupfte sie - wie immer eine unangenehme Arbeit, die sich in ihren Augen angesichts der Bestimmung der fetten Vögel jedoch verklärte.

»Ich hasse es, Hühner zu rupfen«, sagte sie zu Marilla, »aber ist es nicht ein Glück, dass man nicht mit dem Herzen bei dem sein muss, was die Hände tun? Mit den Händen habe ich Hühner gerupft, aber in Gedanken bin ich durch die Milchstraße gewandert.«

»Du hast mehr Federn als normal auf dem Fußboden verstreut«, bemerkte Marilla.

Dann brachte Anne Davy ins Bett und nahm ihm das Versprechen ab, dass er sich am nächsten Tag tadellos benehmen würde.

»Wenn ich mich morgen den ganzen Tag lang so gut es nur geht benehme, darf ich mich dann übermorgen den ganzen Tag lang so schlecht es nur geht benehmen?«, fragte Davy.

»Das kann ich nicht zulassen«, sagte Anne vorsichtig. »Aber wenn du dich gut benimmst, nehme ich dich und Dora mit auf eine Bootsfahrt, und bei den Sanddünen gehen wir an Land und picknicken.«

»Abgemacht«, sagte Davy. »Ich werde brav sein, und ob! Eigentlich wollte ich zu Mr Harrison gehen und mit meinem neuen Schießgewehr mit Erbsen auf Ginger schießen, aber das geht auch an einem anderen Tag. Ich schätze, es wird wie sonntags, aber ein Picknick am Ufer macht das wieder wett.«

17 - Ein Unglück kommt selten allein

Anne wachte dreimal in der Nacht auf und ging jedes Mal ans Fenster, um sich zu vergewissern, dass Onkel Abes Vorhersage nicht eintraf. Endlich dämmerte klar und strahlend der Morgen. Der Himmel schimmerte silbrig glänzend, der herrliche Tag war angebrochen. Diana erschien kurz nach dem Frühstück mit einem Korb voll Blumen über dem einen Arm und ihrem Musselinkleid über dem anderen -sie würde es erst anziehen können, wenn alle Vorbereitungen für das Mittagessen erledigt waren. Solange trug sie ihr rosafarbenes Baumwollkleid und eine Batistschürze mit wundervollen Rüschen und Krausen; adrett, hübsch und rosig sah sie aus.

»Du siehst einfach süß aus«, sagte Anne bewundernd.

Diana seufzte.

»Aber ich musste schon wieder sämtliche Kleider weiter machen. Seit Juli habe ich vier Pfund zugenommen. Wo soll das noch enden, Anne? Mrs Morgans Heldinnen sind allesamt groß und schlank.«

»Vergessen wir die Sorgen und denken wir lieber an unser Glück«, sagte Anne fröhlich. »Mrs Allan sagte, immer wenn einen etwas quält, soll man auch an etwas Nettes denken, was man dem entgegensetzen kann. Du bist vielleicht ein wenig zu dick, aber dafür hast du niedliche Grübchen. Ich habe zwar Sommersprossen auf der Nase, aber dafür habe ich eine sehr schöne Nase. Meinst du, der Zitronensaft hat etwas geholfen?«

»Ja, ich denke schon«, sagte Diana abwägend. Aufgemuntert ging Anne voran in den Garten, der voll luftiger Schatten und flimmernden goldenen Lichts war.

»Als Erstes schmücken wir das Wohnzimmer. Wir haben viel Zeit.

Priscilla meinte, sie würde um zwölf, spätestens um halb eins hier sein, also essen wir um eins zu Mittag.«

Mag sein, dass es in dem Augenblick irgendwo in Kanada oder den Staaten zwei glücklichere und aufgeregtere Mädchen gab, aber ich bezweifle es. Mit jedem Schnippeln der Schere, als Rosen, Pfingstrosen und Glockenblumen abgeschnitten wurden, schien es zu zwitschern: »Heute kommt Mrs Morgan.« Anne fragte sich, wie Mr Harrison es fertig brachte und in aller Seelenruhe auf dem Feld jenseits des Wegs Weiterarbeiten konnte, so als wäre nichts.

Das Wohnzimmer von Green Gables war ein ziemlich schlichter dunkler Raum mit stabilen, mit Rosshaar gepolsterten Sitzmöbeln, steifen Spitzengardinen und weißen Sofaschonern, die stets tadellos ausgelegt waren, außer wenn irgendein Pechvogel mit dem Knopf daran hängen blieb. Anne hatte das Zimmer nie schöner gestalten dürfen, denn Marilla duldete keine Veränderungen. Aber was kann man mit Blumen nicht alles bewirken, wenn man sie nur richtig zur Geltung bringt. Als Anne und Diana mit dem Zimmer fertig waren, war es nicht wieder zu erkennen: Auf dem blank gewischten Tisch stand eine große Vase mit Schneebällen. Der glänzende schwarze Kaminsims war überhäuft mit Rosen und Farnblätter. Auf jedem Brett des Bücherschranks stand ein Sträußchen Glockenblumen. Die dunklen Ecken an beiden Seiten des Kamins wurden aufgehellt von Krügen voll leuchtend roter Pfingstrosen, der Kamin selbst war entflammt mit gelbem Mohn. All die Blütenpracht, die Farben und das Sonnenlicht, das durch die vielen Blätter der Geißblattreben vor den Fenstern fiel und tanzende Schatten auf Wände und Fußboden warf, verwandelten den sonst düsteren Raum in die »Laube« aus Annes Vorstellung. Er rang sogar Marilla Bewunderung ab, die hereinkam, um ihn sich kritisch zu betrachten, und dann voll des Lobes war.

»Jetzt müssen wir den Tisch decken«, sagte Anne wie eine Priesterin, die im Begriff ist, eine heilige Handlung zu Ehren einer Gottheit vorzunehmen. »Wir stellen eine große Vase mit wilden Rosen in die Mitte, eine einzelne Rose vor jeden Teller, und einen extra Strauß mit noch nicht aufgeblühten Rosen für Mrs Morgan — als Anspielung auf den >Rosenknospen-Garten<, verstehst du.«

Sie deckten den Tisch im Wohnzimmer mit Marillas feinstem Tischtuch und bestem Porzellan, Gläsern und Silberbesteck. Jedes Teil, das auf den Tisch kam, war poliert und so blank geputzt, dass es nur so glitzerte und glänzte.

Dann gingen die Mädchen in die Küche. Sie war erfüllt vom appetitanregenden Duft, der aus dem Ofen strömte, in dem bereits die Hühner herrlich vor sich hin brutzelten. Anne setzte die Kartoffeln auf, Diana die Erbsen und Bohnen. Dann bereitete Anne, deren Wangen bereits glühten, die Maissoße zu den Hühnern, hackte die Zwiebeln für die Suppe und schlug am Schluss die Sahne für die Zitronentörtchen, während Diana sich in die Speisekammer einschloss und den Salat fertig machte.

Und was war mit Davy? Hielt er sein Versprechen und war brav? Ja. Natürlich bestand er darauf, in der Küche zu bleiben, um seine Neugierde zu befriedigen und alles zu verfolgen. Da er ruhig in der Ecke saß und emsig damit beschäftigt war, die Knoten aus dem Fischnetz zu machen, das er von seinem letzten Ausflug ans Meer mitgebracht hatte, hatte niemand etwas dagegen.

Um halb zwölf war der Salat fertig, die goldgelben Törtchen waren mit Schlagsahne verziert, alles, was brutzeln und brodeln sollte, brutzelte und brodelte vor sich hin.

»Wir gehen uns jetzt besser umziehen«, sagte Anne. »Vielleicht kommen sie ja schon um zwölf. Punkt eins müssen wir zu Mittag essen, denn die Suppe muss, sobald sie fertig ist, sofort serviert werden.« Sie gingen in den Ostgiebel und zogen sich festlich an. Anne betrachtete besorgt ihre Nase und stellte hocherfreut fest, dass die Sommersprossen, entweder dank des Zitronensafts oder dank ihrer ungewöhnlich roten Wangen, überhaupt nicht auffielen. Als sie sich umgezogen hatte, sahen sie genauso adrett, schmuck und mädchenhaft aus wie »Mrs Morgans Heldinnen«.

»Hoffentlich bringe ich wenigstens ab und zu ein Wort über die Lippen und sitze nicht die ganze Zeit stumm da«, sagte Diana besorgt.

»Wo Mrs Morgans Heldinnen immer so gekonnt Konservation betreiben. Aber ich fürchte, ich bringe kein Wort heraus und sitze dämlich da. Und bestimmt sage ich wieder >verstehste<. Seit Miss Stacy hier unterrichtet hat, sage ich es nicht mehr ganz so oft. Aber wenn ich aufgeregt bin, platzt es mir bestimmt wieder heraus. Anne, wenn ich in Gegenwart von Mrs Morgan >verstehste< sage, schäme ich mich zu Tode. Es wäre fast noch schlimmer, als wenn ich keinen Ton sage.«

»Ich befürchte einiges«, sagte Anne, »aber ich habe keine Bange, dass ich kein Wort herausbringe.«

Anne verhüllte ihre Musselin-Pracht mit einer großen Schürze und ging nach unten, um die Suppe zuzubereiten. Marilla hatte sich und die Zwillinge umgezogen und sah aufgeregter aus, als man es je an ihr gesehen hatte. Um halb eins kamen die Allans und Miss Stacy. Alles verlief reibungslos, aber Anne wurde allmählich nervös. Es war längst an der Zeit, dass Priscilla und Mrs Morgan eintrafen. Sie ging des Öfteren an die Pforte und sah so gespannt den Weg hinunter, wie ihre Namensschwester in der Blaubart-Geschichte aus dem Turmfenster spähte.

»Angenommen, sie kommen überhaupt nicht?«, sagte sie kläglich. »Nimm es lieber nicht an. Es wäre ein Jammer«, sagte Diana, die langsam ungute Befürchtungen hegte.

»Anne«, sagte Marilla, die aus dem Wohnzimmer kam. »Miss Stacy möchte sich Miss Barrys Servierplatte ansehen.«

Anne eilte an den Wohnzimmerschrank, um sie zu holen. Wie sie es Mrs Lynde versprochen hatte, hatte sie an Miss Barry in Charlottetown geschrieben und sie gebeten, ihnen die Servierplatte auszuborgen. Miss Barry und Anne kannten sich seit langem und sie hatte die Servierplatte prompt hergeschickt zusammen mit einem Brief, in dem sie Anne dringend bat, gut darauf Acht zu geben, denn die Platte hätte 20 Dollar gekostet. Die Servierplatte hatte auf dem Hilfsbasar ihren Zweck erfüllt und war wieder auf Green Gables in den Schrank gestellt worden. Anne mochte sie niemand anvertrauen, der sie in die Stadt zurückbrachte.

Sie ging vorsichtig mit der Servierplatte zur Vordertür, wo die Gäste die kühle Brise genossen, die vom Meer herüberwehte. Die Platte wurde in Augenschein genommen und bewundert. Gerade hatte Anne sie wieder an sich genommen, da ertönte aus der Speisekammer ein grauenvolles Krachen und Klirren. Marilla, Diana und Anne rannten hin. Anne hielt nur kurz an, um die kostbare Servierplatte auf der zweiten Treppenstufe abzustellen.

Als sie bei der Speisekammer ankamen, bot sich ihren Augen ein wahrhaftig herzzerreißender Anblick: Davy kletterte schuldbewusst vom Tisch, das frische Baumwollhemd voller gelber Flecken. Auf dem Tisch lagen die zermantschten Überreste dessen, was einmal zwei ansehnliche Zitronentörtchen mit Sahne gewesen waren.

Davy hatte das Fischnetz entwirrt und es zu einem Ball aufgerollt. Dann war er in die Speisekammer gegangen und hatte es auf das Bord über dem Tisch legen wollen, wo er schon eine ganze Reihe ähnlicher Kugeln aufbewahrte, die, soweit das zu beurteilen war, außer dem reinen Vergnügen, sie zu besitzen, keinem nützlichen Zweck dienten. Davy musste, um daran zu kommen, auf den Tisch klettern und von einer gefährlichen Position aus auf das Regal langen - was Marilla ihm verboten hatte, weil er dabei schon einmal ziemlichen Schaden angerichtet hatte. Das Ergebnis diesmal war verheerend. Davy war ausgerutscht und mitten auf den Zitronentörtchen gelandet. Sein frisches Hemd war fürs Erste hinüber - die Zitronentörtchen waren ein für alle Mal hinüber. Was jedoch des einen Unglück, ist des ändern Glück; in dem Fall profitierte das Schwein von Davys Missgeschick.

»Davy Keith«, sagte Marilla und schüttelte ihn an den Schultern, »habe ich dir nicht verboten, auf den Tisch zu klettern? Hast du verstanden?«

»Ich hab’s vergessen«, wimmerte Davy. »Du hast mir so viele Sachen verboten, dass ich mir nicht immer alle merken kann.«

»Du gehst nach oben und bleibst dort bis nach dem Essen. Vielleicht ist es dir bis dahin wieder eingefallen. Nein, Anne, du brauchst gar nicht Fürsprache für ihn einzulegen. Ich bestrafe ihn nicht, weil er deine Kuchen ruiniert hat - das war ein Versehen. Ich bestrafe ihn, weil er ungehorsam war. Geh, Davy, jetzt gleich!«

»Bekomme ich nichts zu essen?«, jammerte Davy.

»Du kannst nach dem Essen herunterkommen und in der Küche essen.«

»In Ordnung«, sagte Davy ein wenig getröstet. »Anne hebt bestimmt ein paar schöne Hühnchenknochen für mich auf, nicht wahr, Anne? Weil du weißt, dass ich nicht absichtlich auf die Kuchen gefallen bin. Sag mal, Anne, jetzt wo sie sowieso hinüber sind, kann ich da nicht ein paar mit nach oben nehmen?«

»Nein, Davy«, sagte Marilla und schob ihn Richtung Flur.

»Was essen wir jetzt zum Nachtisch?«, fragte Anne und sah kummervoll auf die Überreste und die Verwüstung.

»Hol einen Topf von den eingemachten Erdbeeren«, sagte Marilla tröstend. »Da in der Schüssel ist noch genügend Schlagsahne.«

Es wurde ein Uhr, aber keine Spur von Priscilla und Mrs Morgan. Anne litt Qualen. Alles war gerade durchgebraten, die Suppe war genau so, wie eine Suppe sein sollte - aber nicht mehr lange.

»Ich glaube nicht, dass sie überhaupt noch kommen«, sagte Marilla ärgerlich.

Anne und Diana sahen einander trostsuchend an.

Um halb zwei tauchte Marilla wieder aus dem Wohnzimmer auf. »Mädchen, wir müssen jetzt essen. Alle haben Hunger, es hat keinen Zweck, noch länger zu warten. Priscilla und Mrs Morgan kommen nicht, das ist sicher. Warten nützt da auch nichts.«

Anne und Diana machten sich ohne jede Begeisterung daran, das Essen aufzutragen.

»Ich bringe keinen Bissen hinunter«, sagte Diana traurig.

»Ich auch nicht. Hoffentlich schmeckt es wenigstens Miss Stacy und den Allans«, sagte Anne lustlos.

Als Diana die Erbsen in die Schüssel gab, kostete sie sie und verzog das Gesicht.

»Anne, hast du Zucker an die Erbsen getan?«

»Ja«, sagte Anne und zerstampfte die Kartoffeln mit einer Miene wie jemand, der nur seine Pflicht erledigt. »Ich habe einen Löffel voll Zucker hineingetan. Wir geben immer Zucker hinzu. Magst du es nicht?«

»Ich habe auch einen Löffel voll hineingetan, als ich sie aufs Feuer setzte«, sagte Diana.

Anne ließ den Stampfer sinken und kostete ebenfalls. Dann zog sie eine Grimasse.

»Wie scheußlich! Nicht im Traum wäre ich darauf gekommen, dass du Zucker zugeben würdest, weil ich weiß, dass deine Mutter nie Zucker zugibt. Wie durch ein Wunder habe ich zufällig daran gedacht - ich vergesse es mit schöner Regelmäßigkeit -, also habe ich einen Löffel voll hineingetan.«

»Zu viele Köche . . .«, sagte Marilla, die der Unterhaltung ziemlich schuldbewusst gelauscht hatte. »Ich hatte mir nicht träumen lassen, dass du an den Zucker denkst, Anne. Du hast noch nie Zucker hineingetan - also habe ich einen Löffel voll hineingegeben.«

Die Gäste im Wohnzimmer vernahmen aus der Küche ein ums andere Mal schallendes Gelächter, aber sie hatten keine Ahnung, was der Grund dafür war. Jedenfalls standen an dem Tag keine Erbsen auf dem Tisch.

»Na ja«, seufzte Anne und riss sich wieder zusammen, »wir haben ja den Salat und bei den Bohnen wird wohl auch nichts schief gelaufen sein. Tragen wir die Sachen auf und bringen es hinter uns.«

Man kann nicht behaupten, dass das Essen sehr gesellig verlief. Die Allans und Miss Stacy bemühten sich redlich die Situation zu retten. Marilla ließ sich nicht aus ihrer gewohnten Ruhe bringen. Aber Anne und Diana, hin und her gerissen zwischen Enttäuschung und Erschöpfung von den Aufregungen des Vormittags, konnten weder reden noch essen. Anne mühte sich und beteiligte sich den Gästen zuliebe hin und wieder am Gespräch. Doch im Augenblick war jeder Funke in ihr erloschen. Trotz aller Liebe zu den Allans und Miss Stacy musste sie unaufhörlich denken, wie schön es wäre, wenn sie alle nach Hause gingen und sie ihre Erschöpfung und Enttäuschung in den Kissen im Ostgiebel vergessen konnte.

Es gibt eine alte Redensart, die manchmal nur zu wahr ist: »Ein Unglück kommt selten allein.« Das Maß der Widerwärtigkeiten an diesem Tag war noch nicht voll. Gerade als Mr Allan das Tischgebet beendete, ertönte auf der Treppe ein merkwürdiges, unheilverkündendes Geräusch, so als würde ein harter schwerer Gegenstand von Stufe zu Stufe poltern. Mit einem gewaltigen Krach landete es auf dem Boden. Alle rannten hinaus auf den Flur. Anne schrie entsetzt auf.

Am Fuße der Treppe lag zwischen Scherben, die einmal Miss Barrys Servierplatte gewesen waren, eine große rosa Muschel. Oben an der Treppe kniete der erschrockene Davy und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Verwüstung.

»Davy«, sagte Marilla drohend, »hast du die Muschel mit Absicht hinuntergeworfen?«

»Nein, ehrlich nicht«, wimmerte Davy. »Ich hab nur ganz still hier gekniet, um euch durch das Geländer zu beobachten. Da bin ich mit dem Fuß gegen dieses alte Ding gestoßen und es ist heruntergefallen. Ich hab einen Bärenhunger. Und lieber bekäme ich eine Tracht Prügel und damit basta, statt immer nach oben geschickt zu werden, wo ich alles verpasse!«

»Schimpf nicht mit Davy«, sagte Anne und sammelte mit zitternden Fingern die Scherben auf. »Es war mein Fehler. Ich habe die Platte dort abgestellt und ganz vergessen. Das ist die verdiente Strafe für meine Nachlässigkeit. Aber, oje, was wird Miss Barry sagen?«

»Sie hat sie sich gekauft, also ist es nicht so schlimm, als wenn es ein Erbstück wäre«, versuchte Diana sie zu trösten.

Bald darauf gingen die Gäste in dem Gefühl, dass das am taktvollsten war. Anne und Diana spülten das Geschirr, wobei sie weniger denn je sprachen. Dann machte sich Diana gemartert auf den Heimweg. Anne ging gemartert in den Ostgiebel. Sie blieb dort so lange, bis Marilla bei Sonnenuntergang mit einem Brief von Priscilla, den sie tags zuvor geschrieben hatte, vom Postamt nach Hause kam. Mrs Morgan hatte sich so schlimm den Fuß verstaucht, dass sie keinen Schritt aus ihrem Zimmer tun konnte.

»Anne, Liebes«, schrieb Priscilla, »es tut mir so Leid, aber wir können diesmal nicht nach Green Gables kommen. Bis Tantchens Fuß wieder in Ordnung ist, muss sie zurück nach Toronto. Sie muss bis zu einem bestimmten Datum wieder dort sein.«

»Tja«, seufzte Anne und legte den Brief auf die rote Steinstufe der hinteren Veranda, auf der sie saß, und sah in die Abenddämmerung. »Ich habe gleich gedacht, es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn Mrs Morgan tatsächlich kommen würde. Na . .. das klingt so pessimistisch wie Miss Eliza Andrews. Ich schäme mich dafür. Es war nicht zu schön, um wahr zu sein, schließlich werden bei mir dauernd ebenso schöne und noch viel schönere Dinge wahr. Die Sache hat auch ihre lustige Seite. Vielleicht können Diana und ich darüber lachen, wenn wir alt und grau sind. Aber früher werde ich nicht darüber lachen können, denn es war eine wirklich bittere Enttäuschung.«

»Du wirst vermutlich noch viel mehr und viel schlimmere Enttäuschungen erleben«, sagte Manila, die aufrichtig glaubte, dass Anne das trösten würde. »Mir scheint, Anne, dass du noch immer dein Herz viel zu sehr an etwas hängst und vor Verzweiflung am Boden zerstört bist, wenn es nicht in Erfüllung geht.«

»Ich weiß«, stimmte Anne traurig zu. »Wenn etwas Schönes ins Haus steht, fliege ich regelrecht darauf. Als Erstes stelle ich dann fest, dass ich - Rums! - wieder auf dem Boden lande. Aber, Manila, das Fliegen an sich ist einfach herrlich - so als segelte man durch den Sonnenuntergang. Es entschädigt einen fast für den Fall.«

»Hm, vielleicht«, gab Marilla zu. »Ich bleibe lieber auf dem Boden und verzichte sowohl aufs Fliegen als auch auf den Fall. Aber jeder macht es auf seine Weise. Früher dachte ich, es gäbe nur einen richtigen Weg, doch seit ich dich und die Zwillinge aufziehe, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Was willst du wegen Miss Barrys Servierplatte unternehmen?«

»Ihr die zwanzig Dollar geben, die sie dafür bezahlt hat, denke ich. Ich bin heilfroh, dass es kein kostbares Erbstück war, dann könnte kein Geld der Welt sie ersetzen.«

»Vielleicht findest du eine, die gleich aussieht, und kannst sie ihr besorgen.«

»Ich furchte, nein. Solche alten Servierplatten gibt es nur noch sehr wenige. Mrs Lynde konnte schon für das Abendessen nirgends eine auftreiben. Ich wollte, ich fände eine, denn Miss Barry wäre jede recht, Hauptsache sie ist genauso alt und echt. Marilla, sieh dir nur den großen Stern über Mr Harrisons Ahornwäldchen an und die heilige Stille des silbrigen Himmels drum herum. Das ist wie ein Gebet. Solange man Sterne und einen Himmel wie diesen betrachten kann, da können einem kleine Enttäuschungen und Missgeschicke gar nicht so viel ausmachen, nicht wahr?«

»Wo steckt Davy?«, fragte Marilla und sah gleichgültig auf den Stern. »Im Bett. Ich habe Dora und ihm versprochen, sie morgen zu einem Picknick ans Meer mitzunehmen. Natürlich hatten wir ursprünglich ausgemacht, dass er brav sein muss. Aber er hat es nicht mit Absicht getan. Ich habe es nicht übers Herz gebracht ihn zu enttäuschen.«

»Ihr werdet noch ertrinken - im Boot übers Meer zu rudern«, brummte Marilla. »Ich lebe seit zwanzig Jahren hier und bin noch nicht ein einziges Mal auf dem Meer gerudert.«

»Dazu ist es nie zu spät«, sagte Anne verschmitzt. »Wie wäre es, wenn du morgen mitkämst? Wir schließen Green Gables ab, verbringen den ganzen Tag am Meer und vergessen die Welt.«

»Nein, danke«, sagte Marilla betont entrüstet. »Ich würde einen netten Anblick bieten, nicht wahr, wie ich in einem Boot übers Meer rudere! Ich höre Rachel schon. Da fährt Mr Harrison. Meinst du, an dem Gerede ist etwas daran, Mr Harrison wolle Isabella Andrews heiraten?«

»Nein, bestimmt nicht. Er war nur einmal abends in einer geschäftlichen Angelegenheit bei Harmon Andrews. Mrs Lynde hat ihn gesehen und gesagt, bestimmt würde er ihr den Hof machen, weil er ein weißes Hemd anhatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mr Harrison je heiraten wird. Er scheint etwas gegen das Heiraten zu haben.«

»Na ja, bei diesen alten Junggesellen weiß man nie. Aber wenn es stimmt, gebe ich Rachel Recht, dass das verdächtig ist, denn vorher hat man ihn noch nie in einem weißen Hemd gesehen.«

»Das hat er bestimmt nur angezogen, weil er mit Harmon Andrews ein Geschäft abschließen wollte«, sagte Anne. »Er hat einmal gesagt, das wäre der einzige Anlass für einen Mann, besonderen Wert auf sein Äußeres zu legen, weil, wenn man wohlhabend aussieht, würde die Gegenpartei einen nicht so schnell übers Ohr zu hauen versuchen. Mr Harrison tut mir richtig Leid. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seinem Leben zufrieden ist. Er muss sich sehr einsam fühlen, wo er niemanden hat, um den er sich kümmern muss, außer dem Papagei, meinst du nicht auch? Aber Mr Harrison mag nicht bemitleidet werden. Das mag niemand, könnte ich mir vorstellen.«

»Da kommt Gilbert den Weg hoch«, sagte Manila. »Falls ihr vorhabt, eine Bootsfahrt zu machen, denk daran, Mantel und Gummistiefel anzuziehen. Es ist sehr frisch heute Abend.«

18 - Das Erlebnis in der Tory-Straße

»Anne«, sagte Davy, richtete sich im Bett auf und stützte das Kinn in die Hände. »Anne, wo ist der Schlaf? Jeden Abend legen die Leute sich schlafen. Natürlich weiß ich, dass der Schlaf da ist, wo sich meine Träume abspielen. Aber ich will wissen, wo das ist und wie man dahin und wieder zurückkommt, ohne dass man etwas davon merkt. Und die Nacht - wohin verschwindet die?«

Anne kniete am Fenster im Westgiebel und betrachtete den Sonnenuntergang, der wie ein großer Krokus aussah, mit einem Blütenkranz und in der Mitte ein feuriges Gelb. Bei Davys Frage wandte sie den Kopf und sagte verträumt:

Ȇber den Bergen des Mondes,

Im Tale des Schattens.«

Paul Irving hätte den Sinn verstanden oder, wenn nicht, sich selbst einen Reim darauf gemacht. Aber der praktisch denkende Davy, der, wie Anne oft verzweifelt feststellte, nicht ein Fünkchen Phantasie besaß, war nur verwirrt und verärgert.

»Anne, eben redest du Unsinn.«

»Natürlich, mein Lieber. Weißt du nicht, dass nur die Dummen dauernd etwas sagen, das einen Sinn ergibt?«

»Also ich finde, du könntest auf eine vernünftige Frage auch eine vernünftige Antwort geben«, sagte Davy beleidigt.

»Ach, um das zu verstehen, bist du noch zu klein«, sagte Anne. Aber sie schämte sich, dass sie das gesagt hatte. Denn hatte sie nicht, in bitterer Erinnerung an ähnliche schroffe Abfertigungen in ihrer eigenen Kindheit, feierlich geschworen, nie wieder zu einem Kind zu sagen, es sei noch zu klein, um es zu verstehen? Und doch sagte sie es - so weit klaffen Theorie und Praxis manchmal auseinander. »Naja, ich tue mein Bestes, um größer zu werden«, sagte Davy, »aber das kann man nicht beschleunigen. Wäre Marilla nicht so geizig mit ihrem Kompott, würde ich bestimmt schneller wachsen.«

»Marilla ist nicht geizig, Davy«, sagte Anne streng. »Du bist undankbar, so was zu sagen.«

»Es gibt ein anderes Wort, das dasselbe bedeutet und viel besser klingt, aber es fällt mir jetzt nicht ein«, sagte Davy und runzelte angestrengt nachdenkend die Stirn. »Marilla hat es neulich selbst von sich gesagt.«

»Wenn du haushälterisch meinst, das ist etwas ganz anderes als geizig. Haushalten ist eine gute Eigenschaft. Wäre Marilla geizig, hätte sie Dora und dich nicht aufgenommen, als eure Mutter starb. Hättest du bei Mrs Wiggins leben wollen?«

»Jetzt bitte ich dich aber, nein!«, sagte Davy mit Nachdruck. »Und zu Onkel Richard will ich auch nicht. Ich bleibe viel lieber hier, auch wenn Marilla dieses langschwänzige Wort ist, wenn es sich um Kompott dreht. Weil du hier bist, Anne. Sag mal, Anne, willst du mir nicht vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählen? Aber kein Märchen. Für Mädchen mögen sie sich ja eignen, aber ich mag lieber aufregende Geschichten - wo viel mit Morden und Schießen drin vorkommt, ein brennendes Haus und mehr so interessante Sachen.«

Zu Annes Glück rief ihr in dem Augenblick Marilla von ihrem Zimmer aus zu: »Anne, Diana gibt ganz schnell hintereinander Zeichen. Du siehst am besten nach, was sie will.«

Anne lief in den Ostgiebel und sah durch das Dämmerlicht, wie Diana von ihrem Fenster aus jeweils fünfmal hintereinander Lichtzeichen gab. Nach ihrem alten Code bedeutete das: »Komm sofort her. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.« Anne schlang sich das weiße Tuch um den Kopf und rannte durch den Geisterwald und über Mr Beils Weide nach Orchard Sloap.

»Ich habe gute Nachrichten für dich, Anne«, sagte Diana. »Meine Mutter und ich sind gerade aus Carmody zurückgekommen, ln Mr Blairs Laden habe ich Mary Sentner aus Spencervale getroffen. Sie sagt, dass die Copp-Fräuleins an der Tory-Straße eine Servierplatte haben, die genauso aussieht wie die beim Abendessen. Sie meinte, sie würden sie bestimmt verkaufen, weil Martha Copp noch nie etwas behalten hat, das sie verscherbeln konnte. Sollten sie sie aber nicht verkaufen, dann gibt es eine bei Wesley Keyson in Spencervale, von der sie mit Sicherheit weiß, dass sie sie verkaufen. Sie kann nur nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es genau die gleiche wie Tante Josephines ist.«

»Ich gehe gleich morgen nach Spencervale«, sagte Anne entschieden. »Du musst mitkommen. Mir würde ein Stein vom Herzen fallen, denn übermorgen muss ich zu ihr in die Stadt und wie stehe ich vor deiner Tante Josephine da ohne eine Servierplatte? Es wäre noch schlimmer als damals, als ich zugeben musste, dass ich auf dem Gästezimmerbett herumgehüpft war.«

Bei der Erinnerung daran lachten beide - dazu jedoch, muss ich, falls einer meiner Leser es nicht weiß und es wissen will, auf die frühere Geschichte um Anne verweisen.

Am nächsten Tag machten sich die beiden auf die Servierplatten-Expedition. Nach Spencervale waren es zehn Meilen. Es war kein besonders angenehmer Tag zum Reisen. Es war heiß und windstill und auf den Straßen lag so viel Staub, wie es nach sechs Wochen ohne Regen zu erwarten stand.

»Wenn es nur bald Regen geben würde«, seufzte Anne. »Alles ist ganz verdorrt. Ich habe direkt Mitleid mit den armen Feldern und die Bäume scheinen fröhlich ihre Hände auszustrecken und um Regen zu flehen. Was meinen Garten angeht, es tut mir jedes Mal weh, wenn ich ihn mir ansehe. Aber ich sollte wohl nicht um meinen Garten jammern, wo das Getreide der Farmer so unter der Hitze zu leiden hat. Mr Harrison sagt, seine Weiden sind so versengt, dass die armen Kühe kaum noch etwas zu fressen finden. Die Tiere tun ihm richtig Leid.«

Nach einer ziemlich ermüdenden Fahrt erreichten die Mädchen Spencervale und bogen in die Tory-Straße ein — ein einsamer Weg, wo der Grasstreifen zwischen den Rädern anzeigte, dass er nur wenig befahren war. Der längste Teil des Weges war von dichten jungen Fichten bestanden, die sich bis auf den Fahrweg vorschoben. Hier und da war eine Lichtung, wo das Feld einer Spencervale-Farm bis an einen Zaun heranreichte oder eine ausgedehnte Fläche mit Bäumen zu sehen war, an denen in voller Blüte stehendes Kreuzkraut und duftende Goldruten prankten.

»Warum heißt die Straße Tory-Straße?«, fragte Anne.

»Mr Allan sagt, dass man einen Platz grundsätzlich deshalb >Wäldchen< nennt, weil nicht ein Baum darauf steht«, sagte Diana. »Entlang dieser Straße wohnt außer den Copp-Fräuleins und dem alten Martin Bovyer am anderen Ende nicht ein Liberaler. Die Tory-Regierung hat die Straße durchgesetzt, als sie an der Macht war, nur um zu zeigen, dass sie etwas auf die Beine stellt.«

Dianas Vater war ein Liberaler, weshalb sie und Anne auch nie über Politik sprachen. Die Bewohner von Green Gables waren von alters her Konservative.

Schließlich kamen sie zu dem alten Copp’schen Gehöft, einem so makellos sauberen Anwesen, dass selbst Green Gables im Vergleich dazu schlecht abgeschnitten hätte. Das altmodische Haus stand an einem Hang, weshalb man es an einem Ende hatte unterkellern müssen. Das Haus und die Nebengebäude waren allesamt makellos weiß gestrichen. In dem pieksauberen Küchengarten mit seiner weißen Umzäunung stand nicht ein Stängelchen Unkraut.

»Alle Läden sind geschlossen«, sagte Diana niedergeschlagen. »Da ist bestimmt niemand zu Hause.«

Dianas Befürchtung erwies sich als richtig. Die Mädchen sahen einander perplex an.

»Jetzt bin ich ratlos«, sagte Anne. »Wenn ich sicher wäre, dass es die richtige Platte ist, würde ich warten, bis sie nach Hause kommen. Wenn es aber nicht die richtige ist, dann ist es vielleicht zu spät, um hinterher noch zu Wesley Keyson zu gehen.«

Diana sah auf ein kleines quadratisches Fenster oberhalb des Kellergeschosses.

»Das ist das Speisekammerfenster, da bin ich mir sicher«, sagte sie. »Dies Haus ist genauso wie das von Onkel Charles in Newbridge und das ist das Speisekammerfenster. Der Laden ist nicht geschlossen. Wenn wir also auf das Dach des kleinen Hauses klettern würden, könnten wir einen Blick in die Speisekammer werfen und vielleicht die Servierplatte sehen. Meinst du, das wäre schlimm?«

»Nein, das glaube ich nicht«, entschied Anne nach reiflicher Überlegung. »Wir tun es ja nicht aus bloßer Neugier.«

Nachdem dieser wichtige ethische Grundsatz geklärt war, machte Anne sich bereit, das besagte »kleine Haus« hinaufzuklettern. Es war aus Latten gezimmert, hatte ein spitz zulaufendes Dach und hatte früher als Entenstall gedient. Die Copp-Fräuleins hielten keine Enten mehr-»weil Enten furchtbar viel Dreck machen«. Seit einigen Jahren war es nicht mehr in Gebrauch, außer als Unterkunft für Hühner, die dort ihre Gelege hatten. Es war zwar tadellos weiß gestrichen, aber es schwankte ziemlich. Anne spürte unsicheren Boden unter den Füßen, als sie von einem günstigen Punkt aus, einem Fass auf einer Kiste, hinaufkletterte.

»Ich fürchte, es hält mein Gewicht nicht«, sagte sie, als sie vorsichtig auf das Dach stieg.

»Lehn dich aufs Fensterbrett«, empfahl Diana. Anne folgte dem Rat.

Zu ihrer großen Freude entdeckte sie, als sie durch die Scheibe spähte, auf einem Regal am Fenster eine Servierplatte, genau so eine, wie sie suchte - da brach die Katastrophe herein. Vor lauter Freude achtete Anne nicht auf den wackligen Stand unter den Füßen, lehnte sich unvorsichtigerweise nicht auf das Fensterbrett und machte vor Wonne aufgeregt einen kleinen Hopser - und im nächsten Augenblick war sie bis zu den Achselhöhlen durch das Dach gekracht. Da hing sie, außer Stande, sich selbst zu befreien. Diana stürzte in den Entenstall, packte ihre unglückliche Freundin an der Taille und versuchte sie herunterzuziehen.

»Au . . . nicht! Die Splitter!!«, schrie die arme Anne vor Schmerzen. »Die bohren sich durchs Kleid. Sieh nach und stelle etwas unter meine Füße. Vielleicht kann ich mich dann selbst hochziehen.«

Diana zog schnell das besagte Fass herein. Anne stellte fest, dass es gerade eben hoch genug war, dass sie festen Halt unter den Füßen hatte.

»Kann ich dich herausziehen, wenn ich darauf steige?«, schlug Diana vor.

Anne schüttelte hoffnungslos den Kopf.

»Nein, die Splitter tun zu weh. Aber wenn du eine Axt findest, kannst du mich vielleicht herausschlagen. Oh, Diana, ich glaube langsam wirklich, dass ich unter einem schlechten Stern geboren wurde.« Diana suchte gewissenhaft, aber es ließ sich keine Axt auftreiben. »Ich muss Hilfe holen«, sagte sie, als sie zu der Gefangenen zurückkehrte.

»Nein, das tust du nicht«, sagte Anne heftig. »Dann erfährt alle Welt die Geschichte und ich kann mich nirgends mehr blicken lassen. Nein, wir müssen warten, bis die Copp-Fräuleins nach Hause kommen und sie zur Verschwiegenheit verpflichten. Sie wissen, wo die Axt ist, und werden mich befreien. Solange ich mich nicht rühre, ist es gar nicht so schlimm ... tut es nicht so schlimm weh, meine ich. Auf wie viel die Copp-Fräuleins dies Haus wohl schätzen. Ich werde für den Schaden aufkommen müssen. Aber das macht mir nichts aus, wenn ich nur sicher wäre, dass sie Verständnis dafür haben, dass ich in ihr Speisekammerfenster gelugt habe. Mein einziger Trost ist, dass die Servierplatte genau die Sorte ist, die ich suche. Wenn Miss Copp sie mir verkauft, finde ich mich mit dem anderen schon ab.«

»Was, wenn die Copp-Fräuleins erst heute Abend zurückkommen .. . oder morgen?«, fragte Diana.

»Wenn sie bis Anbruch der Dunkelheit nicht zurück sind, musst du wohl jemand anderes zur Hilfe holen«, sagte Anne widerstrebend. »Aber erst, wenn uns nichts anderes übrigbleibt. Oh, ist das eine missliche Lage. Mir würden meine Missgeschicke nicht so viel ausmachen, wenn sie romantisch wären oder so wie bei Mrs Morgans Heldinnen, aber sie sind einfach nur lächerlich. Stell dir vor, was die Copp-Fräuleins sagen werden, wenn sie in den Hof fahren und einen Mädchenkopf aus dem Dach ihres Schuppens ragen sehen. Horch mal... ist das nicht eine Kutsche? Nein, Diana, es ist Donner.« Ohne jeden Zweifel, es war Donner. Diana ging schnell einmal ums Haus, kam wieder und verkündete, dass von Nordwesten her sehr schnell eine tiefschwarze Wolke herankam.

»Ich glaube, es gibt einen heftigen Gewitterschauer«, rief sie entsetzt. »Oh, Anne, was sollen wir tun?«

»Wir müssen Vorbereitungen treffen«, sagte Anne ruhig. Im Vergleich zu dem, was bereits geschehen war, schien ein Gewitterschauer eine Lappalie. »Pferd und Wagen stellst du am besten in den offenen Schuppen. Ein Glück, in der Kutsche liegt mein Sonnenschirm. Hier, nimm meinen Hut. Marilla hat gesagt, ich wäre ein Esel, für den Besuch in der Tory-Straße meinen besten Hut aufzusetzen. Und wie immer hatte sie Recht.«

Diana band das Pferd los und fuhr genau in dem Augenblick in den Schuppen, als die ersten dicken Tropfen fielen. Da saß sie nun und betrachtete den einsetzenden heftigen Regenguss, durch den hindurch sie Anne kaum sehen konnte, die sich tapfer den Sonnenschirm über den Kopf hielt. Es war nur ein kurzes Gewitter, aber fast eine Stunde lang regnete es munter vor sich hin. Gelegentlich hielt Anne den Sonnenschirm schräg und winkte ihrer Freundin aufmunternd zu. Aber eine Unterhaltung war bei der Entfernung und unter den Umständen unmöglich. Endlich hörte es auf zu regnen, die Sonne kam zum Vorschein. Diana wagte sich über die Pfützen auf dem Hof.

»Bist du sehr nass geworden?«, fragte sie besorgt.

»1 wo«, erwiderte Anne fröhlich. »Kopf und Schultern sind halbwegs trocken und mein Kleid ist nur an den Stellen etwas nass, wo der Regen durch die Latten getropft ist. Du brauchst mich nicht zu bemitleiden. Diana, mir hat es überhaupt nichts ausgemacht. Ich habe die ganze Zeit über daran gedacht, wie gut der Regen tut und wie mein Garten sich darüber freut. Ich habe mir vorgestellt, was die Blumen wohl gedacht haben, als die ersten Tropfen fielen. Ich habe mir eine höchst interessante Unterhaltung zwischen den Astern, den Wicken, den wilden Kanarienvögeln im Fliederbusch und den Geisterwächtern des Gartens ausgemalt. Zu Hause will ich es gleich aufschreiben. Hätte ich nur jetzt Stift und Papier zur Hand, weil ich die schönsten Passagen bestimmt wieder vergessen habe, bis ich zu Hause ankomme.«

Diana, gewissenhaft wie sie war, hatte einen Stift dabei und entdeckte im Wagenkasten ein Stück Packpapier. Anne klappte den tropfenden Sonnenschirm zusammen, setzte ihren Hut auf, breitete das Papier auf einem Dachziegel aus, den Diana ihr hochreichte, und schrieb ihr idyllisches Gartengedicht auf, unter Bedingungen, die kaum als der Literatur förderlich zu bezeichnen waren. Nichtsdestotrotz war das Ergebnis durchaus hübsch. Diana war »entzückt«, als Anne es ihr vorlas.

»Oh, Anne, es ist hübsch, einfach hübsch. Du musst es unbedingt an die Kanadische Frau schicken.«

Anne schüttelte den Kopf.

»O nein, es würde sich ganz und gar nicht eignen. Es enthält keine Handlung. Es ist nur eine Aneinanderreihung von Gedanken. Ich schreibe gern so etwas, aber es eignet sich natürlich nicht, um es zu veröffentlichen. Verleger wollen eine Handlung, das sagte Priscilla jedenfalls. Oh, da ist Miss Sarah Copp. Bitte, Diana, geh hin und erkläre es ihr.«

Miss Sarah Copp war klein von Statur, trug abgetragene schwarze Kleider und einen Hut, den sie weniger der eitlen Zier als der Qualität wegen ausgesucht hatte. Sie sah erwartungsgemäß sehr verwundert drein, als sie den seltsamen Anblick auf dem Hof gewahrte. Aber nachdem Diana ihr alles erklärt hatte, zeigte sie volles Verständnis. Schnell schloss sie die hintere Tür auf, brachte eine Axt zum Vorschein und befreite Anne mit ein paar gekonnten Hieben. Anne, ziemlich erschöpft und steif, tauchte in das Innere ihres Gefängnisses hinab und sah sich noch einmal dankbar in die Freiheit entkommen. »Miss Copp«, sagte sie ernst, »ich schwöre, ich habe nur deshalb einen Blick in Ihre Speisekammer geworfen, um zu sehen, ob Sie eine Servierplatte haben. Sonst habe ich nichts gesehen - nach etwas anderem habe ich überhaupt nicht Ausschau gehalten.«

»Oh, ist schon in Ordnung«, sagte Miss Sarah liebenswürdig. »Mach dir keine Gedanken - es ist ja weiter kein Schaden angerichtet worden. Gott sei Dank können wir Copps unsere Speisekammer jederzeit und jedem vorzeigen. Und was diesen alten Entenstall betrifft, bin ich froh, dass er eingekracht ist. Jetzt hat Martha vielleicht nichts mehr dagegen, ihn abzureißen. Vorher wäre sie nie und nimmer damit einverstanden gewesen aus Angst, er käme uns vielleicht irgendwann einmal noch zustatten, jedes Frühjahr musste ich ihn streichen. Aber man kann genauso gut mit einem Pfahl streiten wie mit Martha. Sie ist in der Stadt, ich habe sie zum Bahnhof gefahren. Du willst also meine Servierplatte kaufen. Hm, wieviel willst du denn dafür geben?«

»Zwanzig Dollar«, sagte Anne, die es in puncto Geschäftstüchtigkeit nicht mit einer Copp aufnehmen konnte, sonst hätte sie nicht gleich ihren Preis genannt.

»Nun, mal sehen«, sagte Miss Sarah vorsichtig. »Die Servierplatte gehört zum Glück mir, sonst hätte ich mich nie und nimmer getraut sie zu verkaufen, wenn Martha nicht hier ist. So wie die Dinge liegen, hätte sie ein Riesentheater veranstaltet. Martha ist hier der Herr im Hause, das kann ich euch sagen. Ich bin es leid, unter ihrer Fuchtel zu stehen. Aber kommt herein, kommt herein. Ihr müsst sehr müde und hungrig sein. Ich kann euch einen guten Tee kochen, aber ansonsten kann ich euch nur ein paar Butterbrote und Gurken anbieten. Martha hat den Kuchen, den Käse und das Kompott weggeschlossen, bevor sie fortging. Das tut sie immer, weil ich angeblich zu verschwenderisch damit bin, wenn Besuch kommt.«

Die Mädchen waren hungrig und hätten dankbar egal was angenommen. Sie ließen sich Miss Sarahs ausgezeichnete Butterbrote und die Gurken schmecken. Als sie fertig gegessen hatten, sagte Miss Sarah: »Ich will die Servierplatte schon verkaufen. Aber sie ist fünfundzwanzig Dollar wert. Es ist nämlich eine sehr alte Servierplatte.«

Diana stieß Anne unter dem Tisch sanft mit dem Fuß, was bedeutete: »Stimme nicht zu! Sie überlässt sie dir für zwanzig, wenn du sie hinhältst.« Aber Anne wollte wegen der kostbaren Platte kein Risiko eingehen. Sie war mit fünfundzwanzig Dollar sofort einverstanden. Miss Sarah sah aus, als täte es ihr Leid, nicht dreißig verlangt zu haben.

»Nun, ich denke, du kannst sie haben. Das Geld hätte ich gern gleich. Denn«, Miss Sarah hob bedeutungsvoll den Kopf, mit vor Stolz roten Wangen, »ich werde heiraten, und zwar Luther Wallace. Er wollte mich schon vor zwanzig Jahren zur Frau. Ich mochte ihn wirklich gern, aber damals war er arm und mein Vater hat ihn weggeschickt. Ich hätte ihn wirklich nicht so widerspruchslos gehen lassen sollen, aber ich war schüchtern und hatte Angst vor meinem Vater. Außerdem hatte ich keine Ahnung, dass Männer eine so heikle Angelegenheit sind.«

Als die Mädchen in sicherer Entfernung waren - Diana fuhr, Anne hielt die heiß begehrte Platte sorgsam auf dem Schoß - war auf der vom Regen erfrischten einsamen Tory-Straße das immer wieder anschwellende Lachen der Mädchen zu hören.

»Morgen werde ich deine Tante Josephine mit dem denkwürdigen Ereignis< dieses Nachmittags amüsieren. Das war ganz schön anstrengend, aber jetzt ist es überstanden. Ich habe die Platte bekommen und der Regen hat den Staub gelöscht. Also: Ende gut, alles gut.«

»Wir sind noch nicht zu Hause«, sagte Diana düster. »Wer weiß, was bis dahin noch alles passieren kann. Dir passieren laufend irgendwelche Missgeschicke, Anne.«

»Bei manchen Leuten ist das eben so«, sagte Anne heiter. »Entweder man hat die Gabe oder man hat sie nicht.«

19 - Ein rundum traumhafter Tag

»Eigentlich sind die schönsten und herrlichsten Tage nicht die, an denen etwas Großartiges, Wundervolles oder Aufregendes geschieht, sondern die, die einem still und leise ein paar kleine Freuden bringen, wie Perlen, die von einer Schnur gleiten«, hatte Anne einmal zu Marilla gesagt.

Das Leben auf Green Gables bescherte ihr viele solcher Tage, denn Annes Erlebnisse und Missgeschicke geschahen nicht alle auf einmal, sondern waren wie bei jedem anderen auch über das Jahr verteilt. Dazwischen gab es unbeschwerte Tage, erfüllt mit Arbeit, Träumen, Lachen und Lernen. Genau so einen Tag gab es gegen Ende August. Am Vormittag ruderten Anne und Diana mit den begeisterten Zwillingen übers Meer zu den Dünen, um »Ruchgras« zu pflücken und in der Brandung zu planschen, über die hinweg der Wind ein uraltes Harfenlied aus den Anfängen der Erde spielte.

Am Nachmittag ging Anne hinunter zu den Irvings, um Paul zu besuchen. Er lag ausgestreckt auf dem grasbedeckten Wall neben dem dichten Tannenwald, der an der Nordseite dem Haus Schutz bot, und war in ein Märchenbuch vertieft. Als er Anne bemerkte, sprang er freudestrahlend auf.

»Schön, dass Sie kommen«, begrüßte er sie ungeduldig. »Großmutter ist nämlich nicht da. Sie bleiben doch zum Tee? Es ist so einsam, ganz allein Tee zu trinken. Sie verstehen schon. Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich Mary Joe frage, ob sie mir Gesellschaft leistet, aber Großmutter wäre das nicht recht. Sie sagt, diese Franzosen müssen die Schranken gewiesen bekommen. Und überhaupt man kann sich nicht gut mit ihr unterhalten. Sie kichert immer nur und so was stelle ich mir nicht unter einer Unterhaltung vor.«

»Ich bleibe gern zum Tee«, sagte Anne fröhlich. »Ich habe mir sehnlichst gewünscht, dazu eingeladen zu werden. Seit ich einmal hier zu Besuch war, läuft mir bei dem Gedanken an den Butterkuchen von deiner Großmutter jedes Mal das Wasser im Mund zusammen.«

Paul verzog keine Miene.

»Wenn es nach mir ginge«, sagte er, steckte die Hände in die Taschen und sah Anne plötzlich bekümmert an, »könnten Sie liebend gern Butterkuchen bekommen. Aber es geht nach Mary Joe. Großmutter hat zu ihr gesagt, ehe sie fortging, sie solle mir keinen Kuchen geben, er läge kleinen Jungen zu schwer im Magen. Aber vielleicht schneidet Mary Joe Ihnen ein Stück ab, wenn Sie versprechen, dass ich nichts davon abbekomme. Hoffen wir das Beste.«

»Ja«, stimmte Anne zu, »und wenn Maryjoe hartherzig bleibt und mir keinen Butterkuchen gibt, macht das auch nichts. Also brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen.«

»Es macht Ihnen bestimmt nichts aus?«, fragte Paul besorgt. »Überhaupt gar nichts, mein Herz.«

»Dann zerbreche ich mir nicht den Kopf«, sagte Paul und holte vor Erleichterung tief Luft. »Maryjoe lässt sich bestimmt nicht erweichen. Nicht dass sie von Natur aus so vernünftig wäre, aber sie weiß aus Erfahrung, dass man sich Großmutters Anordnungen besser nicht widersetzt. Großmutter ist prima, wenn man tut, was sie sagt. Sie hatte heute Morgen ihre helle Freude an mir, weil ich endlich einen ganzen Teller voll Porridge aufgegessen habe. Es war eine Riesenanstrengung, aber es hat geklappt. Großmutter meint, sie schafft es doch noch, einen Mann aus mir zu machen, ich muss Sie etwas Wichtiges fragen. Sie werden ehrlich antworten, ja?«

»Ich werde es versuchen«, versprach Anne.

»Meinen Sie, ich wäre nicht ganz richtig im Kopf?«, fragte Paul, so als hinge sein Leben von ihrer Antwort ab.

»Du meine Güte, Paul«, rief Anne erstaunt. »Natürlich bist du das. Wer hat dich denn darauf gebracht?«

»Mary Joe, aber sie weiß nicht, dass ich es mitbekommen habe. Gestern Abend hat Mrs Peter Sloanes Mädchen, Veronica, Mary Joe besucht. Als ich über den Flur ging, habe ich gehört, wie sie sich in der Küche unterhielten. Mary Joe sagte: >Dieser Paul ist der merkwürdigste Junge der Welt. Er redet so eigenartiges Zeug. Ich glaube, er ist nicht ganz richtig im Kopf.< Ich konnte deswegen heute Nacht lange nicht einschlafen und habe mich gefragt, ob Mary Joe Recht hat. Großmutter mag ich nicht fragen. Da habe ich beschlossen, Sie zu fragen. Ich bin ja so froh, dass Sie meinen, ich ticke doch richtig.«

»Natürlich tust du das, Mary Joe ist ein albernes dummes Mädchen. Du brauchst dir über ihr Geschwätz keine Gedanken zu machen«, sagte Anne entrüstet und beschloss Mrs Irving heimlich einen Wink zu geben, Mary Joe täte gut daran, ihre Zunge im Zaum zu halten. »Da fällt mir ein Stein vom Herzen«, sagte Paul. »Jetzt bin ich rundum glücklich — dank Ihnen. Es wäre nicht gerade schön, nicht ganz richtig im Kopf zu sein, nicht wahr? Ich glaube, Mary Joe kommt darauf, weil ich ihr manchmal erzähle, was ich so denke.«

»Das ist allerdings eine gefährliche Angewohnheit«, stimmte Anne aus ureigenster Erfahrung zu.

»Ich erzähle Ihnen nachher, was ich Mary Joe erzählt habe. Dann können Sie selbst urteilen, ob es merkwürdige Geschichten sind«, sagte Paul. »Aber ich warte damit, bis es dunkel wird. Dann kann ich es immer kaum noch aushalten und muss erzählen. Wenn niemand sonst da ist, muss ich sie eben Mary Joe erzählen. Aber ab jetzt werde ich das nicht mehr tun, wo sie mich für nicht ganz richtig im Kopf hält.«

»Wenn du es gar nicht mehr aushalten kannst, kommst du nach Green Gables und erzählst sie mir«, schlug Anne in vollem Ernst vor, weshalb die Kinder, die so gern ernst genommen sein wollen, sie auch ins Herz schlossen.

»Ja, aber hoffentlich ist Davy nicht da, wenn ich komme, weil er mir immer Grimassen schneidet. Sehr viel macht es mir nicht aus, weil er noch so klein ist und ich schon größer bin, aber schön ist es auch nicht. Und was für Grimassen er einem schneidet! Manchmal habe ich Angst, sein Gesicht bleibt so verzerrt. Er schneidet mir auch immer in der Kirche Grimassen, wo ich eigentlich an fromme Dinge denken sollte. Dora kann ich gut leiden, sie mich auch. Aber ich kann sie nicht mehr so gut leiden wie früher, weil sie zu Minnie May Barry gesagt hat, dass sie mich heiraten will, wenn ich groß bin. Vielleicht heirate ich ja mal, aber jetzt bin ich noch viel zu jung dazu, um mir darüber Gedanken zu machen, finden Sie nicht auch?«

»Ziemlich jung«, stimmte Anne zu.

»Wo wir gerade vom Heiraten sprechen, das erinnert mich an etwas, was mich neulich beschäftigt hat«, fuhr Paul fort. »Mrs Lynde hat irgendwann letzte Woche Großmutter zum Tee besucht. Großmutter wollte, dass ich ihr ein Bild von meiner Mutter zeige - das, welches mein Vater mir zum Geburtstag geschickt hat. Eigentlich wollte ich es Mrs Lynde nicht zeigen. Mrs Lynde ist eine gute und nette Frau, aber sie gehört nicht zu den Menschen, denen man das Bild seiner Mutter zeigen möchte. Sie verstehen schon. Natürlich habe ich Großmutter gehorcht. Mrs Lynde sagte, meine Mutter sähe sehr hübsch aus, aber auch etwas aufgedonnert, und dass sie ein ganzes Stück jünger gewesen sein müsste als mein Vater'. Dann sagte sie noch: irgendwann wird dein Vater sicher wieder heiraten. Was hältst du von einer Stiefmutter, Paul?< Allein bei der Vorstellung blieb mir fast die Luft weg. Aber das habe ich mir Mrs Lynde gegenüber nicht anmerken lassen. Ich habe ihr offen ins Gesicht gesehen — genau so — und gesagt: >Mrs. Lynde, mein Vater hat es ganz ordentlich gemacht, als er meine Mutter ausgesucht hat. Ich vertraue ihm, dass er auch beim zweiten Mai eine ebenso gute Wahl trifft.< Ich kann ihm vertrauen, Miss Shirley. Aber trotzdem, falls ich je eine Stiefmutter bekomme, hoffe ich, dass er mich rechtzeitig um meine Meinung fragt. Da kommt Mary Joe, um uns zum Tee zu rufen. Ich gehe hin und befrage sie wegen des Butterkuchens.«

Das Ergebnis der »Befragung« war, dass Mary Joe den Kuchen aufschnitt und noch einen Teller mit Kompott dazustellte. Anne goss Tee ein. Die beiden hielten fröhlich Mahlzeit in dem dunklen alten Wohnzimmer, in dem die Fenster offen standen und Meerwind hereinwehte. Sie redeten so viel »Unsinn«, dass Mary Joe ganz schockiert war und am nächsten Abend Veronica erzählte, die Lehrerin sei genauso merkwürdig wie Paul. Nach dem Tee nahm Paul Anne mit in sein Zimmer, um ihr das Bild von seiner Mutter zu zeigen, das geheimnisvolle Geburtstagsgeschenk, das Mrs Irving im Bücherschrank aufbewahrt hatte. Pauls kleines niedriges Zimmer war erfüllt vom rötlichen Licht der Sonne, die über dem Meer unterging, und von tanzenden Schatten von den Tannen, die dicht neben dem viereckigen tief liegenden Fenster standen. In diesem sanften Schein und Zauber erstrahlte ein schönes Mädchengesicht mit zärtlichen mütterlichen Augen auf einem Bild an der Wand über dem Fußende des Bettes.

»Das ist meine Mutter«, sagte Paul liebevoll und stolz. »Ich habe Großmutter gebeten, es so aufzuhängen, dass ich es gleich morgens beim Aufwachen sehe. Jetzt macht es mir nichts mehr aus, dass ich abends beim Zubettgehen keine Kerze habe, weil es mir vorkommt, als wäre meine Mutter hier bei mir. Vater wusste, was ich mir zum Geburtstags wünschte, obwohl er mich nie gefragt hat. Ist es nicht toll, was Väter ahnen?«

»Deine Mutter war hübsch, Paul. Du hast Ähnlichkeit mit ihr. Aber ihre Augen und Haare sind dunkler als deine.«

»Ich habe dieselbe Augenfarbe wie mein Vater«, sagte Paul, stürmte durchs Zimmer und legte sämtliche Kissen auf einen Haufen unterhalb des Fensters. »Aber mein Vater hat graue Haare. Er hat dichtes Haar, aber er ist grau. Er ist fast fünfzig, müssen Sie wissen. Das ist ein reifes Alter, nicht wahr? Aber er ist nur äußerlich alt. Innerlich ist er jung wie nur was. So, Miss Shirley, bitte setzen Sie sich hierhin. Ich setze mich zu Ihren Füßen. Darf ich den Kopf an Ihr Knie lehnen? So haben meine Mutter und ich immer dagesessen. Ah, so ist es schön.«

»Jetzt würde ich gern die Geschichte hören, die Mary Joe so merkwürdig fand«, sagte Anne und streichelte Pauls Lockenkopf. Paul musste nie dazu überredet werden, seine Gedanken mitzuteilen - jedenfalls nicht von einer verwandten Seele.

»Ich habe mir die Geschichte eines Abends im Tannenwäldchen ausgedacht«, sagte er verträumt. »Natürlich habe ich sie nicht geglaubt, aber ausgemalt habe ich sie mir. Sie verstehen schon. Ich wollte sie jemandem erzählen, aber niemand war da, außer Mary Joe. Mary Joe war in der Speisekammer und backte Brot. Ich habe mich auf die Bank gesetzt und gesagt: >Mary Joe, weißt du, was ich denke? Ich denke, der Abendstern ist ein Leuchtturm im Land, in dem die Feen wohnen.< Mary Joe sagte: >Du bist merkwürdig. Es gibt keine Feen.< Ich war ganz ärgerlich. Sicher wusste ich, dass es keine Feen gibt, aber deswegen kann ich mir doch vorstellen, es gäbe sie. Sie verstehen schon. Geduldig versuchte ich es noch einmal. >Also, Mary Joe, weißt du, was ich denke? Ich denke, dass nach Sonnenuntergang ein Engel über die Erde geht - ein riesengroßer weißer Engel mit silbrigen zusammengefalteten Flügeln - und die Blumen und Vögel in den Schlaf singt. Kinder können ihn hören, wenn sie es nur verstehen, ihm zu lauschen.< Da hob Mary Joe die ganz mit Mehl bedeckten Hände und sagte: >Hm, du bist ein seltsamer Junge. Du machst mir Angst.< Sie sah wirklich ganz verängstigt aus. Ich ging hinaus und erzählte flüsternd alle meine Gedanken dem Garten. Im Garten stand eine kleine absterbende Birke. Großmutter sagt, es käme von der salzigen Gischt. Aber ich glaube, die Dryade, die darin wohnte, war so dumm, ging hinaus in die Welt und verschwand. Der kleine Baum war so einsam, dass er an gebrochenem Herzen starb.«

»Und wenn die dumme kleine Dryade die Welt satt hat und zu ihrem Baum zurückkommt, wird es ihr das Herz brechen«, sagte Anne.

»Ja, aber wenn Dryaden so dumm sind, müssen sie auch mit den Folgen leben, so wie die Menschen«, sagte Paul ernst. »Wissen Sie, was ich über den Neumond denke? Ich denke, er ist ein goldenes Boot voller Träume.«

»Und wenn er eine Wolke berührt, werden ein paar Träume verschüttet und fallen in deinen Schlaf.«

»Genau! Oh, Sie verstehen das. Und Veilchen sind kleine Schnipsel vom Himmel, die heruntergefallen sind, als die Engel Löcher hineinschnitten, durch die hindurch die Sterne leuchten. Und Butterblumen bestehen aus altem Sonnenschein. Und Erbsen verwandeln sich im Himmel zu Schmetterlingen. Nun, finden Sie meine Einfälle merkwürdig?«

»Nein, mein Kleiner, sie sind überhaupt nicht merkwürdig. Sie sind ungewöhnlich und schön für einen kleinen jungen. Also halten Leute, denen selbst nie so etwas einfallen könnte, und wenn sie es hundertjahre lang versuchten, sie für merkwürdig. Aber lass dich nicht davon abbringen, Paul, eines Tages wirst du bestimmt noch ein Dichter.«

Als Anne zu Hause ankam, wartete ein völlig anders gearteter Junge darauf, ins Bett gebracht zu werden. Davy schmollte. Als Anne ihn ausgezogen hatte, sprang er ins Bett und vergrub das Gesicht in den Kissen.

»Davy, du hast vergessen zu beten«, wies Anne ihn zurecht.

»Nein, hab ich nicht vergessen«, sagte Davy trotzig, »ich bete nicht mehr. Ich strenge mich auch nicht mehr an, brav zu sein, weil du Paul Irving sowieso lieber magst, egal wie brav ich bin. Also kann ich mich genauso gut schlecht benehmen und hab wenigstens meinen Spaß.«

»Ich mag Paul Irving nicht lieber«, sagte Anne ernst. »Ich habe dich genauso gern, nur auf eine andere Art.«

»Aber ich will, dass du mich auf dieselbe Art gern hast«, sagte Davy schmollend.

»Man kann verschiedene Menschen nicht auf dieselbe Art mögen. Du hast Dora und mich auch nicht auf dieselbe Art gern, nicht wahr?« Davy setzte sich auf und dachte nach.

»N-n-nein«, gestand er schließlich. »Dora mag ich, weil sie meine Schwester ist, dich mag ich, weil du du bist.«

»Ich mag Paul, weil er Paul ist, und Davy, weil er Davy ist«, sagte Anne vergnügt.

»Hm, dann hätte ich wohl besser doch gebetet«, sagte Davy überzeugt von dieser Logik. »Aber es ist zu lästig, jetzt extra noch mal aufzustehen. Dafür bete ich morgen früh zweimal, Anne. Geht das nicht genauso gut?«

Nein, Anne wusste entschieden, dass das nicht genauso gut ging. Also kroch Davy aus dem Bett und kniete sich neben sie hin. Nachdem er sein Gebet aufgesagt hatte, lehnte er sich auf seine bloßen braunen Fersen zurück und sah zu ihr hoch.

»Anne, ich hab mich gebessert im Vergleich zu früher.«

»Ja, das stimmt, Davy«, sagte Anne, die mit Lob nicht geizte, wenn ein Lob am Platze war.

»Ich weiß es«, sagte Davy überzeugt, »ich sag dir auch, wieso. Heute hat Manila mir zwei Scheiben Brot mit Marmelade gegeben, eine für mich und eine für Dora. Die eine war viel größer. Marilla hat nicht gesagt, welche für mich ist. Also ich habe die größere Scheibe Dora gegeben. Das war doch gut von mir, nicht wahr?«

»Sehr gut und sehr anständig, Davy.«

»Klar«, gab Davy zu, »Dora hat keinen großen Hunger. Sie hat nur eine halbe Scheibe gegessen und mir den Rest gegeben. Aber das konnte ich ja vorher nicht wissen, also war es gut von mir, Anne.«

In der Dämmerung schlenderte Anne an den Nymphenteich und sah Gilbert Blythe den finsteren Geisterwald entlangkommen. Plötzlich wurde ihr klar, dass Gilbert kein Schuljunge mehr war. Wie erwachsen er aussah - ein großer, offenherziger Mann mit klaren, aufrichtigen Augen und breiten Schultern. Anne fand Gilbert durchaus ansehnlich, auch wenn er nichts mit ihrem Traummann gemein hatte. Vor langer Zeit hatten Diana und sie sich überlegt, wie ihr Traummann sein müsste. Sie hatten genau gleiche Vorstellungen gehabt. Er musste groß sein, blendend aussehen, melancholische, unergründliche Augen und eine weiche, sympathische Stimme haben. Gilbert hatte weder etwas Melancholisches noch Unergründliches, aber bei einer bloßen Freundschaft spielte das natürlich keine Rolle!

Gilbert streckte sich im Farn neben dem Teich aus und sah Anne zustimmend an. Hätte man Gilbert nach seiner Traumfrau gefragt, seine Beschreibung hätte Punkt für Punkt auf Anne zugetroffen - auch auf die sieben winzigen Sommersprossen, die Anne abscheulicherweise immer noch Verdruss bereiteten. Gilbert hatte noch immer etwas Jungenhaftes. Und ein Junge hat wie jeder andere auch seine Träume. Gilbert träumte stets von einem Mädchen mit großen graugrünen Augen und einem Gesicht so fein und zart wie eine Blume. Er hatte sich entschieden und wollte sich der Angebeteten würdig zeigen. Sogar im ruhigen Avonlea sah man sich Versuchungen ausgesetzt. Die Jugendlichen von White Sands waren ein »flottes Völkchen« und Gilbert war überall beliebt. Aber er wollte sich Annes Freundschaft erhalten - und eines fernen Tages vielleicht ihre Liebe. Erwachte so eifersüchtig auf jedes Wort, jeden Gedanken und jede Handlung, als ob ihr ungetrübter Blick ein Urteil darüber ablegte. Sie übte unbewusst auf ihn den Einfluss aus, wie ihn jedes Mädchen mit hohen und hehren Idealen auf seine Freunde ausübt. Ein Einfluss, der so lange währen würde, wie sie ihren Idealen treu blieb und den sie so gewiss verlieren würde, war sie auch nur ein einziges Mal unaufrichtig ihnen gegenüber. Gilbert war von Anne vor allem deswegen angezogen, weil sie sich nicht wie so viele andere Mädchen in Avonlea zu irgendwelchen Tändeleien hergab - kleine Eifersüchteleien, kleine Ränkeleien und Rivalitäten, all die unverkennbaren Bemühungen um Gunst. Anne hielt sich von alldem fern, nicht bewusst oder absichtlich, sondern einfach weil es ihrer offenen gefühlsbetonten Natur - kristallklar in ihren Beweggründen und ihrem Bestreben -völlig fremd war.

Aber Gilbert fasste seine Gedanken nicht in Worte, denn er wusste nur allzu gut, dass Anne kühl und gnadenlos jeden Versuch, über ihre Gefühle zu sprechen, im Keim ersticken würde - oder ihn auslachte, was zehnmal schlimmer war.

»Du siehst wie eine richtige Dryade aus, wie du so unter der Birke liegst«, neckte er sie.

»Ich mag Birken«, sagte Anne und legte auf ihre natürliche Art die Wange anmutig liebkosend an den cremefarbenen schlanken Baumstamm.

»Dann wirst du mit Freude vernehmen, dass Mr Major Spencer an der ganzen Vorderseite entlang seiner Farm eine Reihe Weißbirken pflanzen will, um damit den D.V.V. zu unterstützen«, sagte Gilbert. »Er hat es mir heute erzählt. Major Spencer hat den größten Gemeinsinn und ist am fortschrittlichsten von allen in ganz Avonlea. Mr. William Bell will entlang der Vorderseite seiner Farm und den Weg zu ihm hinauf eine Hecke anpflanzen. Unser Verein macht prächtige Fortschritte, Anne. Wir sind aus der Versuchsphase heraus und werden akzeptiert. Die älteren Leute fangen auch an, sich dafür zu interessieren, und die Bewohner von White Sands überlegen, ob sie nicht auch einen Verein gründen sollen. Sogar Elisha Wright lenkt ein, seit die Amerikaner aus dem Hotel unten am Strand gepicknickt haben. Sie waren voll des Lobes über unsere Wegränder und sagten, sie wären viel schöner als sonst wo auf der Insel. Wenn die anderen Farmer Mr. Spencers gutem Beispiel folgen und Zierbäume und Hecken entlang der Straßen anpflanzen, wird Avonlea der schönste Ort der ganzen Provinz.«

»Das Hilfswerk will sich vielleicht um den Friedhof kümmern«, sagte Anne. »Ich hoffe es, denn dazu müssen sie eine Spendenaktion starten. Nach der Saalgeschichte hätte es keinen Zweck, wenn wir das übernähmen. Aber sie wären nie darauf gekommen, hätten wir sie nicht darauf gebracht. Die Bäume, die wir bei der Kirche gepflanzt haben, gedeihen, und die Schulbehörden haben zugesagt, dass sie nächstes Jahr einen Zaun um die Schule errichten werden. Wenn sie das Versprechen wahrmachen, werde ich einen Baumpflanztag abhalten, an dem jeder Schüler einen Baum pflanzt. In der Ecke zur Straße hin legen wir einen Garten an.«

»Wir haben bisher mit fast allen unseren Vorhaben Erfolg gehabt, bis auf den Abriss des alten Boulter’schen Hauses«, sagte Gilbert. »In dem Fall habe ich alle Hoffnung aufgegeben. Levi reißt es nicht ab, nur um uns zu ärgern. Alle Boulters sind störrisch und er ganz besonders.«

»Julia Bell will eine Abordnung zu ihm schicken, aber ich halte es für besser, ihn einfach links liegen zu lasen«, sagte Anne klug.

»Und auf Gottes Fügung zu vertrauen, wie Mrs Lynde zu sagen pflegt«, lächelte Gilbert. »Völlig richtig, keine weiteren Abordnungen hinschicken. Das bringt ihn nur auf die Palme. Julia Bell meint, mit einer Abordnung könne man alles erreichen. Nächstes Frühjahr, Anne, müssen wir eine neue Kampagne für gepflegte Grünflächen und Anlagen starten. Wir müssen rechtzeitig diesen Winter einsäen. Ich habe hier einen Bericht über Grünflächen und wie man sie anlegt. Ich werde zu dem Thema demnächst etwas ausarbeiten. Tja, unsere Ferien sind fast um. Montag fängt die Schule an. Hat Ruby Gillis die Stelle an der Schule in Carmody bekommen?«

»Ja, Priscilla hat geschrieben, dass sie an ihrer Heimatschule eine Stelle bekommen hat. Also hat die Schulbehörde von Carmody Ruby die Stelle angeboten. ich finde es schade, dass Priscilla nicht wieder herkommt. Aber da es nicht geht, freue ich mich für Ruby. Sie kommt samstags nach Hause. Es ist wie in alten Zeiten, jetzt, wo Ruby, Jane, Diana und ich wieder zusammen sind.«

Marilla, die gerade von Mrs Lynde zurückkam, setzte sich mit Anne auf die Stufe der hinteren Veranda, als Anne zum Haus zurückkehrte. »Rachel und ich haben für morgen unseren Stadtbummel geplant«, sagte sie. »Mr Lynde geht es diese Woche besser. Sie möchte in die Stadt fahren, bevor er wieder krank wird.«

»Ich will morgen ganz früh aufstehen, weil ich viel vorhabe«, sagte Anne. »Zum einen will ich die Federn aus meinem alten Bett in das neue füllen. Ich hätte das schon längst tun sollen, aber ich habe es dauernd vor mir hergeschoben - ich hasse diese Arbeit. Es ist wirklich eine schlechte Angewohnheit, Unangenehmes aufzuschieben. Ich werde es auch nicht wieder tun, wie kann ich es sonst ruhigen Gewissens von meinen Schülern verlangen. Das beißt sich. Zum anderen will ich einen Kuchen für Mr Harrison backen, meine Ausarbeitung für den D.V.V. über Gärten fertig stellen, an Stella schreiben, mein Musselinkleid waschen und stärken und Dora die neue Schürze nähen.«

»Davon schaffst du nicht die Hälfte«, sagte Marilla pessimistisch. »Ich habe noch nie groß vorher Pläne gemacht, weil mir sowieso immer etwas dazwischenkommt.«

20 - Durchkreuzte Pläne

Am nächsten Morgen stand Anne in aller Herrgottsfrühe auf und hieß fröhlich den neuen Tag willkommen. Die Strahlenbanner der aufgehenden Sonne leuchteten triumphierend am perlmuttfarbenen Himmel. Green Gables war in ein Meer von Sonnenschein getaucht, gesprenkelt von den tanzenden Schatten der Pappeln und Weiden. Jenseits des Wegs lag Mr Harrisons Weizenfeld, eine riesige, vom Wind gekräuselte Fläche weißlichen Goldes. Die Welt war so wunderschön, dass Anne zehn selige Minuten lang untätig an der Gartenpforte lehnte und die Schönheit in sich aufsog.

Nach dem Frühstück machte sich Marilla fertig für die Fahrt. Dora durfte mit, weil sie ihr das schon seit langem versprochen hatte. »Also, Davy, sei brav und lass Anne in Ruhe«, befahl sie ihm streng. »Wenn du brav bist, bring ich dir aus der Stadt einen rotweiß gestreiften Spazierstock aus Zucker mit.«

Ach je, hatte sich Marilla doch wieder einmal dazu herabgelassen, ihn zu bestechen, dass er sich anständig aufführte!

»Ich benehme mich nicht absichtlich schlecht, aber mal angenommen, es passiert mir aus Versehen?«, wollte Davy wissen.

»Hüte dich«, warnte Marilla ihn. »Anne, wenn Mr Shearer heute kommt, serviere ihm eine ordentliche Portion Kartoffeln und Fleisch. Ansonsten musste du für morgen Mittag ein Huhn schlachten.« Anne nickte.

»Ich mache mir nicht die Arbeit und koch nur für Davy und mich etwas zu Mittag«, sagte sie. »Der kalte Braten reicht als Mittagessen. Für dich brate ich etwas Fleisch für den Fall, dass du heute Abend spät nach Hause kommst.«

»Ich helfe Mr Harrison heute Vormittag auf dem Feld«, verkündete Davy. »Er hat mich darum gebeten. Schätzungsweise bittet er mich auch zum Mittagessen dazubleiben. Mr Harrison ist furchtbar nett. Er ist wirklich umgänglich. Wenn ich groß bin, möchte ich so sein wie er. Ich meine, so sein wie er, so aussehen wie er will ich nicht. Aber da besteht wohl keine Gefahr, denn Mrs Lynde sagt, ich wäre hübsch. Meinst du, dass ich das bleibe, Anne? Das will ich wissen.«

»Ich denke doch«, sagte Anne ernst. »Du bist hübsch, Davy« - Manilas missbilligende Blicke sprachen Bände -, »aber du musst dich auch dementsprechend aufführen, musst genauso nett sein, wie du aussiehst, und dich wie ein Gentleman benehmen.«

»Aber zu Minnie May Barrie hast du neulich gemeint, als sie geheult hat, weil jemand gesagt hat, sie wäre hässlich, wenn sie nett, freundlich und liebenswert wäre, wäre den Leuten egal, wie sie aussieht«, sagte Davy unbefriedigt. »Kommt mir ganz so vor, dass einem so oder so nichts anderes übrig bleibt, als anständig zu sein. Man muss ganz einfach anständig sein.«

»Willst du das denn nicht?«, fragte Marilla, die eine Menge gelernt hatte, aber noch nicht gelernt hatte, wie zwecklos solche Fragen waren.

»Doch, aber nicht übertrieben anständig«, sagte Davy vorsichtig. »Man muss auch nicht besonders anständig sein, um Leiter der Sonntagsschule zu werden. Mr Beil ist der Leiter und er ist ganz und gar nicht anständig.«

»Das ist er sehr wohl«, sagte Marilla ungehalten.

»Ist er nicht, das sagt er selbst«, beteuerte Davy. »Er hat es letzten Sonntag in seinem Gebet in der Sonntagsschule gesagt. Er sagte, er sei eine niederträchtige Kreatur, ein elender Wurm und habe sich der schlimmsten Sünden schuldig gemacht. Was hat er Schlimmes getan, Marilla? Hat er jemanden umgebracht? Oder die Kollekte gestohlen? Das will ich wissen.«

Zum Glück kam in diesem Augenblick Mrs Lynde den Weg hinaufgefahren. Marilla machte sich aus dem Staub in dem Gefühl, der Falle entkommen zu sein. Sie wünschte inbrünstig, Mr Bell würde sich beim Gebet einer weniger bildreichen Sprache bedienen, vor allem bei kleinen Jungen, die immer alles »wissen wollen«.

Anne war allein in ihrem Reich und machte sich eifrig ans Werk. Der Flur war gefegt, die Betten gemacht, die Hühner gefüttert und das Musselinkleid gewaschen, das jetzt draußen auf der Leine hing. Dann machte sie sich daran, die Federn umzufüllen. Sie stieg auf den Speicher und zog das erstbeste Kleid an, das ihr in die Hände fiel - ein marineblaues Kaschmirkleid, das sie mit vierzehn getragen hatte. Es war viel zu kurz und »zerlumpt« wie all das halbwollene Zeug, das Anne bei ihrem Antrittsbesuch auf Green Gables getragen hatte. Zu guter Letzt band Anne sich noch ein rotweiß gepunktetes Taschentuch um den Kopf, das Matthew gehört hatte. Dann ging sie in das Zimmer über der Küche, in das Marilla ihr vor der Abfahrt das Federbett hatte tragen helfen.

Neben dem Fenster hing ein kaputter Spiegel. Unglücklicherweise warf Anne einen Blick hinein. Da waren diese sieben Sommersprossen auf ihrer Nase, die mehr denn je auffielen, oder jedenfalls sah es in dem grellen Licht an dem verdunkelten Fenster so aus.

»Oh, ich habe gestern Abend vergessen mir die Nase einzureiben«, dachte sie. »Am besten, ich laufe schnell in die Speisekammer und hole es jetzt nach.«

Anne hatte schon einiges über sich ergehen lassen, um die Sommersprossen loszuwerden. Einmal war die ganze Haut von der Nase abgepellt, aber die Sommersprossen blieben. Einige Tage zuvor hatte sie in einer Zeitschrift eine Anleitung für Sommersprossen-Lotion entdeckt und, soweit sie die Zutaten zur Hand hatte, sie sofort zusammengemixt - zum großen Entsetzen von Marilla, die der Ansicht war, wenn Gott einen mit Sommersprossen auf der Nase ausgestattet hatte, man sie gefälligst auch zu belassen habe. Anne lief nach unten in die Speisekammer, in der es, sonst ohnehin ziemlich düster wegen der großen Weide dicht am Fenster, jetzt fast dunkel war, weil der Laden geschlossen war, damit keine Fliegen hereinkamen. Anne schnappte die Flasche mit der Lotion vom Regal und rieb ihre Nase mit einem eigens für diesen Zweck bestimmten Schwamm reichlich damit ein. Nachdem diese wichtige Angelegenheit erledigt war, machte sie sich wieder an die Arbeit.

Jeder, der schon einmal Federn von einem Inlett in ein anderes umgefüllt hat, kann sich vorsteilen, wie Anne danach aussah. Ihr Kleid war weiß vor Daunen und Flaum, die Stirnhaare, die unter dem Taschentuch herausschauten, schmückte ein wahrer Heiligenschein aus Federn, in diesem günstigen Augenblick klopfte jemand an die Küchentür.

»Das muss Mr Shearer sein«, dachte Anne. »Ich sehe furchtbar aus, aber ich muss, so wie ich bin, nach unten gehen. Er hat es immer so eilig.«

Anne stürmte nach unten an die Küchentür.

Auf der Stufe standen Priscilla, strahlend schön in einem Seidenkleid, eine kleine, korpulente, grauhaarige Dame in einem Tweedkostüm und eine große, stattliche, wundervoll gekleidete Frau mit einem schönen, vornehmen Gesicht und großen, veilchenblauen Augen mit schwarzen Wimpern, die Anne »instinktiv«, wie sie es früher genannt hatte, für Mrs Charlotte E. Morgan hielt.

Vor Entsetzen kam Anne in ihrer Verwirrung nur ein Gedanke in den Sinn, an den sie sich klammerte wie an den sprichwörtlichen Strohhalm. Wenn Mrs Morgans Heldinnen für etwas bekannt waren, dann dafür, dass sie »sich einer Lage gewachsen zeigten«, ln welchen Schwierigkeiten sie auch steckten, sie waren stets Herr der Lage und meisterten alle Widrigkeiten des Lebens. Also hielt Anne es ebenfalls für ihre Pflicht, sich der Lage gewachsen zu zeigen. Das gelang ihr so gut, dass Priscilla hinterher erklärte, sie hätte Anne Shirley nie mehr bewundert als in diesem Augenblick. Welch schändliche Gefühle sie auch hegte, sie zeigte sie nicht. Sie begrüßte Priscilla, wurden deren Begleiterinnen vorgestellt und blieb so ruhig und gelassen, als wäre sie in Purpur und feines Leinen gekleidet. Gewiss, es war schon irgendwie ein Schock, feststellen zu müssen, dass die Dame, die sie instinktiv für Mrs Morgan gehalten hatte, gar nicht Mrs Morgan war, sondern eine unbekannte Mrs Pendexter. Die korpulente, untersetzte, grauhaarige Frau war Mrs Morgan. Aber angesichts des größeren Schocks verlor der kleinere an Gewicht. Anne führte ihre Gäste ins Empfangszimmer und von dort aus ins Wohnzimmer. Sie ließ sie dort allein, um nach draußen zu eilen und Priscilla beim Abschirren des Pferdes zu helfen.

»Es tut mir Leid, dass wir dich so überrumpeln«, entschuldigte sich Priscilla. »Aber bis gestern Abend hatte ich selbst keine Ahnung davon. Tante Charlotte fährt am Montag wieder ab. Sie wollte heute eigentlich eine Freundin in der Stadt besuchen. Gestern Abend rief ihre Freundin sie an und sagte, sie könne nicht kommen, weil sie Scharlach hätte. Also habe ich vorgeschlagen, stattdessen hierherzufahren, weil ich ja wusste, wie sehnlichst gern du sie kennen lernen wolltest. Wir haben im Hotel in White Sands angerufen und Mrs Pendexter abgeholt. Sie ist eine Freundin meiner Tante und kommt aus New York. Ihr Mann ist Millionär. Wir können nicht lange bleiben, weil Mrs Pendexter gegen fünf wieder im Hotel sein muss.«

Mehrfach, während sie das Pferd wegfuhrten, ertappte Anne Priscilla dabei, wie sie sie verstohlen und bestürzt ansah.

»Sie braucht mich gar nicht anzustarren«, dachte Anne leicht gereizt. »Wenn sie schon nicht weiß, was es heißt, ein Federbett umzufüllen, dann kann sie es sich wenigstens einmal vorstellen.«

Als Priscilla ins Wohnzimmer gegangen war - noch ehe Anne nach oben entfliehen konnte -, trat Diana in die Küche. Anne packte die erstaunte Freundin am Arm.

»Diana Barry, wer, glaubst du, sitzt in eben diesem Augenblick dort im Wohnzimmer? Mrs Charlotte E. Morgan. Und die Frau eines New Yorker Millionärs. Und ich stehe ohne etwas da — wir haben nichts zum Mittagessen im Haus außer kalten Braten, Diana!«

Da fiel Anne auf, dass Diana sie genauso bestürzt ansah, wie Priscilla sie angeschaut hatte. Das war wirklich zu viel.

»0 Diana, starre mich nicht so an«, flehte sie. »Du zumindest müsstest wissen, dass auch der ordentlichste Mensch der Welt nicht Federn von einem Bett in ein anderes umfüllen kann und hinterher noch genauso ordentlich aussieht wie vorher.«

»Es . . . es . . . ist nicht wegen der Federn«, sagte Diana zögernd. »Es ... es ist wegen deiner Nase, Anne.«

»Meine Nase? Oh, Diana, damit stimmt doch alles?«

Anne stürzte an den kleinen Spiegel über dem Spülbecken. Ein Blick enthüllte die verheerende Wahrheit. Ihre Nase leuchtete scharlachrot!

Anne setzte sich aufs Sofa, ihre Unerschrockenheit schwand dahin.

»Was ist mit dir passiert?«, fragte Diana. Ihre Neugierde war stärker als der Takt.

»Ich dachte, ich reibe sie mit meiner Sommersprossen-Lotion ein, aber ich muss diese rote Farbe erwischt haben, womit Marilla die Muster auf ihre Teppiche zeichnet«, lautete die verzweifelte Antwort. »Was soll ich nur tun?«

»Sie abwaschen«, sagte Diana vernünftig.

»Vielleicht lässt sie sich nicht abwaschen. Erst färbe ich mir die Haare, dann die Nase. Als ich mir die Haare gefärbt hatte, hat Marilla sie mir abgeschnitten. Aber das Mittel lässt sich in dem Fall wohl nicht anwenden. Tja, das ist die Strafe für Eitelkeit. Ich habe sie wohl verdient — auch wenn das kein großer Trost ist. Allmählich glaube ich, ich werde vom Pech verfolgt, obwohl Mrs Lynde sagt, so etwas gäbe es nicht, weil alles vorherbestimmt sei.«

Zum Glück ließ sich die Farbe leicht abwaschen. Anne ging halbwegs getröstet in den Ostgiebel, während Diana nach Hause rannte. Nach kurzer Zeit kam Anne umgezogen und gut gelaunt wieder herunter. Das Musselinkleid, das sie so gern angezogen hätte, hing munter flatternd draußen auf der Leine. Also musste sie sich mit ihrem schwarzen Batistkleid zufriedengeben. Sie hatte das Feuer angezündet und den Tee aufgebrüht, als Diana mit einer zugedeckten Schüssel wieder kam. Wenigstens sie trug ihr Musselinkleid.

»Das schickt meine Mutter«, sagte sie und nahm das Tuch herunter. Anne erblickte dankbar ein fertig zubereitetes Huhn. Dazu gab es frisches Weißbrot, köstlichen Käse und Butter, von Marillas Früchtekuchen und eine Schüssel voll eingemachter Pflaumen, die im goldenen Saft schwammen wie in eingefrorenem Sommersonnenschein. Außerdem stand zur Dekoration eine große Vase mit rosaweißen Astern auf dem Tisch. Aber im Vergleich zu dem vollendeten früheren Essen, das sie für Mrs. Morgan zubereitet hatten, erschien das Mahl ausgesprochen armselig.

Annes hungrige Gäste jedoch schienen nichts zu vermissen und verspeisten die einfachen Köstlichkeiten mit sichtlichem Genuss. Bald verschwendete Anne keinen Gedanken mehr daran, was oder was nicht auf dem Tisch stand. Mrs Morgans Erscheinung war alles in allem etwas enttäuschend, was selbst ihre treuen Verehrerinnen einander eingestehen mussten. Aber sie erwies sich als einen reizende Unterhalterin. Sie war weit herumgekommen und konnte wunderbar Geschichten erzählen. Sie hatte viele Frauen und Männer kennen gelernt und schilderte ihre Erlebnisse in geistreichen kurzen Sätzen und Epigrammen, was ihren Zuhörerinnen das Gefühl vermittelte, als lauschten sie einer Figur aus einem gescheiten Buch. Aber in ihren vor Geist sprühenden Erzählungen spürte man unterschwellig eine starke Aufrichtigkeit, das Verständnis einer Frau und eine Gutherzigkeit, von der man so leicht in Bann gezogen wurde, wie man ihrer Brillanz Bewunderung zollte. Auch drehte sich die Unterhaltung nicht nur um sie. Sie konnte andere so geschickt aus der Reserve locken, wie sie selbst zu erzählen verstand. Anne und Diana plauderten freimütig mit ihr. Mrs Pendexter sprach wenig. Sie lächelte nur mit ihren hübschen Augen und Lippen und aß Huhn, Kuchen und Pflaumen mit so feiner Anmut, dass sie den Eindruck vermittelte, als äße sie Götterspeise und Honigmelasse. Aber schließlich, wie Anne später zu Diana sagte, brauchte eine so himmlische Schönheit wie Mrs Pendexter nicht zu reden, es reichte, wenn sie nur da war.

Nach dem Mittagessen machten sie einen Spaziergang durch die Liebeslaube, das Veilchental, den Birkenpfad und dann zurück durch den Geisterwald zum Nymphenteich. Dort ließen sie sich nieder und unterhielten sich eine herrliche letzte halbe Stunde. Mrs Morgan wollte wissen, wie der Geisterwald zu seinem Namen käme. Sie brüllte regelrecht vor Lachen, als sie die Geschichte erfuhr und über Annes dramatische Schilderung von jenem denkwürdigen Spaziergang durch den Wald in der Geisterstunde der Dämmerung.

»Das war wirklich ein überschäumendes Fest, nicht wahr?«, sagte Anne, als die Gäste gegangen und sie und Diana wieder allein waren. »Ich weiß nicht, was ich mehr genossen habe - Mrs Morgan zu lauschen oder Mrs Pendexter anzuschauen. Es war schöner, als wenn sie ihren Besuch angekündigt hätten. Dann wären wir dauernd mit Essen auftragen beschäftigt gewesen. Du musst zum Tee hier bleiben, Diana, wir bereden das Ganze noch einmal.«

»Priscilla hat erzählt, die Schwester von Mrs Pendexters Mann ist mit einem englischen Grafen verheiratet und trotzdem hat sie sich noch eine zweite Portion von den Pflaumen genommen«, sagte Diana, so als wären die beiden Tatsachen unvereinbar.

»Selbst der englische Graf persönlich hätte über Marillas Pflaumen nicht seine aristokratische Nase gerümpft«, sagte Anne stolz.

Das Unglück mit ihrer Nase erwähnte Anne nicht, als sie am Abend Marilla den Tag schildert. Aber sie nahm die Flasche mit der Sommersprossen-Lotion und schüttete sie aus dem Fenster.

»Ich werde nie mehr Schönheitstinkturen verwenden«, sagte sie finster entschlossen. »Bei vorsichtigen und besonnenen Leuten mag es ja klappen. Aber für jeden, der wie ich ein so hoffnungsloses Talent besitzt, dauernd irgendwelche Fehler zu machen, heißt es das Schicksal unnötig herauszufordern.«

21 - Die liebenswerte Miss Lavendar

Die Schule begann. Anne nahm ihre Arbeit mit weniger Theorien im Kopf, aber entschieden mehr Erfahrung wieder auf. Sie hatte mehrere neue Schüler, die zwischen sechs und sieben Jahren alt waren und mit großen runden Augen in die Welt schauten. Unter ihnen waren auch Davy und Dora. Davy saß neben Milty Boulter, der bereits seit einem Jahr die Schule besuchte und also schon ein Mann von Welt war. Dora hatte sonntags zuvor in der Sonntagsschule mit Lily Sloane abgemacht, dass sie nebeneinander sitzen wollten. Aber da Lily Sloane am ersten Schultag nicht in die Schule kam, wurde Dora einstweilen der Platz neben Mirabel Cotton zugewiesen; sie war zehn Jahre alt und gehörte in Doras Augen daher schon zu »den großen Mädchen«.

»Die Schule macht riesigen Spaß«, erzählte Davy Marilla, als er am Nachmittag nach Hause kam. »Du hast gemeint, es würde mir schwer fallen stillzusitzen. Es war schwer - du hast fast immer mit allem Recht, fällt mir auf. Aber man kann unter dem Tisch mit den Beinen zappeln, das hilft eine ganze Menge. Prima ist, dass man so viele Jungen zum Spielen hat. Ich sitze neben Milty Boulter, der ist nett. Er ist größer als ich, aber dafür bin ich dicker, ln den hinteren Bänken zu sitzen ist schöner, aber da bekommt man erst einen Platz, wenn die Beine lang genug sind und den Fußboden berühren. Milty hat auf seine Tafel ein ganz hässliches Bild von Anne gemalt. Ich habe zu ihm gesagt, wenn er weiter solche Bilder von Anne malt, würde ich ihn in der Pause versengen. Zuerst hatte ich vor, ihn mit Hörnern und Schwanz zu malen, aber dann wäre er vielleicht beleidigt gewesen. Wo Anne doch immer sagt, man solle niemals jemanden beleidigen. Das scheint was ganz Schlimmes zu sein. Man schlägt besser einen Jungen zu Boden, als dass man ihn beleidigt, wenn man schon eins von beiden tun muss. Milty behauptet, er hätte keine Angst vor mir, aber mir zu Gefallen könnte er auch einen anderen Namen unter das Bild schreiben. Also hat er Annes Namen ausgewischt und Barbara Shaw darunter gesetzt. Milty kann Barbara nämlich nicht ausstehen, weil sie ihn süß findet. Einmal hat sie ihm sogar den Kopf getätschelt.«

Dora sagte artig, dass ihr die Schule gefiele. Aber selbst für ihre Verhältnisse war sie sehr schweigsam. Als Marilla sie bei Einbruch der Dunkelheit ins Bett schicken wollte, zögerte sie und fing an zu weinen.

»Ich ... ich habe Angst«, schluchzte sie. »Ich ... ich mag nicht allein im Dunkeln nach oben gehen.«

»Was spukt dir jetzt im Kopf herum?«, fragte Marilla. »Du bist doch den ganzen Sommer allein ins Bett gegangen und hast keine Angst gehabt.«

Dora hörte nicht auf zu weinen. Anne nahm sie hoch, drückte sie mitfühlend und sagte leise: »Erzähl es mir Dora, Herzchen. Wovor hast du Angst?«

»Vor... vor Mirabel Cottons Onkel«, schluchzte Dora. »Mirabel Cotton hat mir heute in der Schule ihre ganze Familiengeschichte erzählt. Fast alle in ihrer Familie sind gestorben - alle Großmütter und Großväter und ganze viele Tanten und Onkel. Sie sterben alle weg, sagt Mirabel. Sie ist furchtbar stolz darauf, so viele tote Verwandte zu haben. Sie hat mir erzählt, woran sie gestorben sind, was sie gesagt und wie sie in ihren Särgen ausgesehen haben. Einer ihrer Onkel wurde gesehen, wie er nach seiner Beerdigung ums Haus schlich. Ihre Mutter hat ihn gesehen. Das andere macht mir weiter nichts aus, ich muss nur dauernd an diesen Onkel denken.«

Anne ging mit Dora nach oben und setzte sich neben sie ans Bett, bis sie eingeschlafen war. Am nächsten Tag in der Pause rief sie Mirabel zu sich und gab ihr »freundlich, aber entschieden« zu verstehen, dass es bedauerlich sei, einen Onkel zu haben, der unbeirrt weiter um anderer Leute Häuser wanderte, nachdem er in aller Form begraben worden war, und dass es geschmacklos sei, mit der viel jüngeren Tischnachbarin über diesen wunderlichen Herrn zu sprechen. Mirabel traf das hart. Die Cottons hatten nichts, womit sie hätten prahlen können. Wie konnte sie ihr Ansehen unter ihren Mitschülern wahren, wenn man ihr verbat, aus ihrem Familiengeist Kapital zu schlagen? Der September verstrich und ging über in den goldenen, alles rot färbenden anmutigen Oktober. Eines Freitags abends kam Diana vorbei.

»Ich habe heute einen Brief von Ella Kimbell bekommen, Anne. Sie möchte, dass wir morgen Nachmittag zum Tee kommen, damit wir ihre Cousine Irene Trent aus der Stadt kennen lernen. Aber wir können keines unserer Pferde nehmen, weil sie morgen alle gebraucht werden, und euer Pferd lahmt, also fällt der Besuch ins Wasser.«

»Warum gehen wir nicht zu Fuß?«, schlug Anne vor. »Wenn wir direkt hinten durch den Wald gehen, stoßen wir nicht weit von den Kimballs auf die West-Grafton-Straße. Ich habe letzten Winter den Weg genommen und kenne mich aus. Es sind nicht mehr als vier Meilen. Zurück müssen wir nicht laufen, denn Oliver Kimball fährt uns bestimmt. Er wird sich freuen über die Ausrede, weil er Carrie Sloane besuchen will; angeblich überlässt ihm sein Vater höchst selten einmal ein Pferd.«

Also vereinbarten sie zu Fuß zu gehen. Am folgenden Nachmittag machten sie sich auf den Weg. Sie nahmen den Weg durch die Liebeslaube entlang der Rückseite der Cuthbert-Farm. Dort gelangten sie an einen Pfad, der geradewegs zu den schimmernden Buchen und in den Ahornwald führte, der wunderbar rot und golden glühte und in herrlichem Purpur still und friedlich dalag.

»Es ist, als ob sich das Jahr in einer riesigen Kathedrale erfüllt von zart getöntem Licht zum Gebet niederkniete, nicht wahr?«, fragte Anne verträumt. »Es ist nicht richtig, so hindurchzueilen. Es ist respektlos, wie wenn man in einer Kirche herumrennt.«

»Wir müssen uns aber beeilen«, sagte Diana und sah auf die Uhr. »Wir sind ohnehin schon spät dran.«

»Gut, ich beeile mich, aber verlange nicht von mir, dass wir uns unterhalten«, sagte Anne und beschleunigte den Schritt. »Ich möchte die Schönheit dieses Tages in mich aufnehmen - mir ist, als würde sie zu mir geführt wie ein Glas durchsichtigen Weins, an dem ich bei jedem Schritt nippe.«

Vielleicht lag es daran, dass Anne voll und ganz mit »In-sich-Aufnehmen« beschäftigt war, dass sie an der Gabelung die falsche Abzweigung einschlug. Sie hätte die rechte nehmen müssen, aber hinterher rechnete sie diesen Irrtum stets zu den schönsten Fehlern ihres Lebens. Sie gelangten schließlich an einen einsamen, grasbewachsenen Weg. Entlang des Wegs war weit und breit nichts zu sehen als junge Fichten.

»Nanu, wo sind wir?«, rief Diana verwundert. »Das ist nicht die West-Grafton-Straße.«

»Nein, es ist die Hauptstraße von Middle Grafton«, sagte Anne ziemlich beschämt. »Ich muss an der Gabelung die falsche Abzweigung genommen haben. Ich habe keine Ahnung, wo genau wir sind, aber wir müssen noch ganze drei Meilen von den Kimballs entfernt sein.«

»Dann kommen wir bis fünf nicht mehr dort an, jetzt ist es schon halb fünf«, sagte Diana mit einem hoffnungslosen Blick auf die Uhr. »Wir kämen erst nach dem Tee an, dann müssten sie sich die Arbeit machen und noch einmal für uns Tee kochen.«

»Wir kehren besser um und gehen nach Hause«, schlug Anne kleinlaut vor. Diana lehnte das nach einiger Überlegung ab.

»Nein, wir können genauso gut noch eine Weile weitergehen, wo wir schon so weit gelaufen sind.«

Kurz darauf kamen sie erneut an eine Gabelung.

»Welchen Weg nehmen wir?«, fragte Diana unschlüssig.

Anne schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht und noch einen Irrtum können wir uns nicht leisten. Da ist ein Tor und ein Weg, der direkt in den Wald führt. Am anderen Ende des Wegs muss ein Haus sein. Lass uns hingehen und nach dem Weg fragen.«

»Was für ein romantischer Weg!«, sagte Diana, als sie um die Biegungen und Windungen gingen. Er führte unter uralten Tannen hindurch, deren Zweige einander berührten und den Boden in ewiges Dämmerlicht tauchten, in dem nur Moose gediehen. An beiden Seiten war brauner Waldboden, auf den nur hier und da ein Sonnenstrahl fiel. Es war sehr still und abgeschieden, so als wären die Welt und alle Sorgen weit weg.

»Mir kommt es vor, als wanderten wir durch einen Zauberwald«, sagte Anne leise. »Meinst du, wir finden je wieder zurück in die wirkliche Welt, Diana? Wir kommen bestimmt gleich zu einem Palast mit einer verzauberten Prinzessin.«

Hinter der nächsten Biegung erblickten sie nicht gerade einen Palast, aber ein kleines Haus, das so verwunschen aussah, wie einen in dieser Gegend mit den üblichen Holzhäusern ein Palast verwundert hätte. Es ähnelte sehr einem Palast. Anne blieb verzückt stehen. Diana rief: »Ah, jetzt weiß ich, wo wir sind. Das ist das kleine Steinhaus, in dem Miss Lavendar Lewis wohnte - Echo Lodge nennt sie es, soweit ich weiß. Ich habe schon oft davon gehört, aber es noch nie gesehen. Ist es nicht ein romantisches Fleckchen?«

»Es ist der schönste und hübscheste Ort, den ich je gesehen oder mir vorgestellt habe«, sagte Anne entzückt. »Er könnte aus einem Märchenbuch oder einem Traum sein.«

Das Haus hatte tief herabgezogene Dachrinnen und war aus unbehauenen roten Sandsteinblöcken gebaut, wie es sie auf der Insel gab. Es hatte ein kleines spitzes Dach mit zwei großen Schornsteinen und zwei Giebelfenster mit kunstvoll gearbeiteten hölzernen Hauben darüber. Das ganze Haus war mit üppig wachsendem Efeu bedeckt, der an dem rauen Mauerwerk guten Halt fand und sich bei Herbstfrösten in die wunderschönsten bronzenen und weinroten Farbtöne verfärbte.

Vor dem Haus war ein rechteckiger Garten, in dem vom Weg her ein Tor führte, an dem die Mädchen standen. An der einen Seite wurde der Garten vom Haus begrenzt. An den drei anderen Seiten wurde er von einer alten Steinmauer eingefasst, die so mit Moos, Gras und Farn überwuchert war, dass sie aussah wie ein hoher grüner Wall. Rechts und links vom Haus standen mächtige dunkle Fichten und breiteten ihre palmenähnlichen Zweige darüber. Unterhalb davon waren kleine Wiesen übersät mit grünem Klee, die schräg abfielen zum blau sich dahinschlängelnden Fluss. Weit und breit war kein anderes Haus oder eine Lichtung zu sehen — soweit das Auge reichte, nichts als Hügel und Täler mit jungen Tannen.

»Was Miss Lewis wohl für ein Mensch ist?«, überlegte Diana, als sie das Gartentor öffnete. »Man hält sie ja für sonderbar.«

»Dann ist sie interessant«, sagte Anne entschieden. »Sonderlinge sind zumindest interessant, was immer sie sonst sind oder nicht sind. Habe ich dir nicht gleich gesagt, wir kämen an einen verzauberten Ort? Ich wusste, dass die Feen nicht umsonst den Weg verzaubert haben.«

»Aber Miss Lavendar Lewis ist wohl kaum eine verzauberte Prinzessin«, lachte Diana. »Sie ist eine alte Jungfer. Sie ist fünfundvierzigjahre alt und schon ziemlich grau, hat man mir erzählt.«

»Das ist nur ein Teil des Zaubers«, erklärte Anne überzeugt. »Im Herzen ist sie jung geblieben und noch schön. Wenn wir nur wüssten, wie man den Zauber löst, dann würde sie wieder strahlend und hübsch sein. Aber wir wissen es nicht - das weiß einzig und allein der Prinz. Und Miss Lavendars Prinz ist noch nicht gekommen. Vielleicht ist ihm ein verhängnisvolles Unglück zugestoßen - obwohl das gegen alle Regeln eines Märchens wäre.«

»Ich fürchte, er kam einmal vor langer Zeit und ging wieder«, sagte Diana. »Man sagt, sie wäre in jungen Jahren mit Stephen Irving, Pauls Vater, verlobt gewesen. Aber sie haben sich zerstritten und sich getrennt.«

»Pssst«, wies Anne sie an. »Die Tür ist offen.«

Die Mädchen blieben auf der Veranda unter den Efeuranken stehen und klopften an die offene Tür. Im Haus waren Schritte zu hören. Eine ziemlich merkwürdige kleine Gestalt kam zum Vorschein — ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren mit Sommersprossen, einer Stupsnase, einem großen Mund, der wirklich aussah, als reichte er »von einem Ohr zum anderen«, und zwei langen blonden Zöpfen mit zwei riesigen blauen Schleifen.

»Ist Miss Lewis zu Hause?«, fragte Diana.

»Ja, meine Damen. Kommen Sie herein, meine Damen . . . hier entlang ... nehmen Sie doch Platz, meine Damen. Ich sage Miss Lavendar Bescheid, dass Sie da sind, meine Damen. Sie ist oben, meine Damen.«

Damit huschte die Kleine hinaus. Die beiden allein gelassenen Mädchen sahen sich entzückt um. Das wundervolle Haus war innen genauso interessant wie außen.

Das Zimmer hatte eine niedrige Decke und zwei viereckige Fenster mit kleinen Scheiben und Gardinen mit Musselinrüschen. Die Möbel waren altmodisch, aber so fein gearbeitet, dass sie wunderschön wirkten. Ehrlicherweise muss jedoch zugegeben werden, dass die zwei gesunden Mädchen, die soeben vier Meilen durch die Herbstluft gewandert waren, am meisten ein Tisch anzog, der mit blauem Porzellan gedeckt und überladen war mit Köstlichkeiten. Kleine goldfarbene Farnblätter auf dem Tischtuch verliehen dem Ganzen, wie Anne es genannt hätte, »ein festliches Aussehen«.

»Miss Lavendar erwartet wohl Besuch zum Tee«, flüsterte sie. »Da ist für sechs Personen gedeckt. Was für ein lustiges Dienstmädchen sie hat. Sie hat ausgesehen wie ein Botschafterin aus dem Land der Feen. Sie hätte uns bestimmt den Weg erklären können, aber ich war gespannt auf Miss Lavendar. Sch .. . Seht... sie kommt.«

Da stand Miss Lavendar Lewis auch schon in der Tür. Die Mädchen waren so überrascht, dass sie alle ihre guten Manieren vergaßen und sie nur anstarrten. Unbewusst hatten sie aus alter Erfahrung die übliche Sorte alter Jungfer erwartet — eine ziemlich eckige Gestalt mit ordentlich gekämmten grauen Haaren und einer Brille. Eine dem unähnlichere Person als Miss Lavendar hätte man sich nicht vorstellen können.

Sie war klein und hatte schneeweißes, schön gewelltes dickes Haar, das sorgfältig zu weichem Haarrollen frisiert war. Sie hatte ein fast mädchenhaftes Gesicht, rote Wangen, schön geformte Lippen, große sanfte braune Augen und Grübchen - tatsächlich Grübchen. Sie trug ein sehr elegantes Kleid aus cremefarbenem Musselin mit hellen Rosen darauf - ein Kleid, das an den meisten Frauen ihres Alters lachhaft jugendlich gewirkt hätte, das aber Miss Lavendar so gut stand, dass einem der Gedanke gar nicht erst kam.

»Charlotta die Vierte sagt, dass Sie mich zu sprechen wünschen«, sagte sie mit einer Stimme, die zu ihrem Äußeren passte.

»Wir wollten uns nach dem Weg nach West Grafton erkundigen«, sagte Diana. »Wir sind bei den Kimballs zum Tee eingeladen. Wir haben im Wald den falschen Weg genommen und sind an der Middle-Grafton-Straße herausgekommen statt an der West-Grafton-Straße. Müssen wir am Tor an der Straße nach links oder nach rechts abbiegen?«

»Nach links«, sagte Miss Lavendar mit einem unschlüssigen Blick auf den Teetisch. Dann rief sie, als hätte sie plötzlich einen Entschluss gefasst: »Ach, wollen Sie nicht bei mir zum Tee bleiben? Bitte. Die Kimballs werden längst mit dem Tee fertig sein, bis Sie dort eintreffen. Charlotta die Vierte und ich würden uns schrecklich freuen, wenn Sie bleiben würden.«

Diana sah Anne stumm und fragend an.

»Wir bleiben gern«, sagte Anne sofort, denn sie hatte beschlossen, dass sie mehr über Miss Lavendar wissen wollte. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Aber Sie erwarten Gäste, nicht wahr?«

Miss Lavendar sah erneut zum Teetisch und wurde rot.

»Sie werden mich sicher für schrecklich albern halten«, sagte sie. »Es ist albern und ich schäme mich, wenn man dahinterkommt. Ich erwarte niemanden, ich habe nur so getan als ob. Verstehen Sie, ich war so allein. Ich habe gern Gesellschaft - das heißt angenehme Gesellschaft. Es verschlägt nur selten einmal jemanden hierher, weil das Haus so weit ab vom Weg liegt. Charlotta die Vierte fühlte sich auch einsam. Also habe ich so getan, als gäbe ich eine Party. Ich habe gekocht, den Tisch geschmückt, ihn mit dem Hochzeitsgeschirr meiner Mutter gedeckt und mich fein gemacht.«

Diana hielt Miss Lavendar insgeheim für so sonderbar, wie sie es sich den Gerüchten nach ausgemalt hatte. Eine Frau von fünfundvierzig Jahren, die sich damit die Zeit vertrieb, so zu tun, als erwarte sie Besuch! Wie ein kleines Mädchen! Aber Anne strahlte und rief erfreut: »Oh, Sie stellen sich auch Sachen vor?«

Das »auch« verriet Miss Lavendar die verwandte Seele.

»Ja«, gab sie beherzt zu. »Natürlich ist es für eine alte Frau wie mich albern. Aber was tut es zur Sache, wenn man schon eine ungebundene alte Jungfer ist, nach Lust und Laune verrückte Dinge zu tun, wo es sowieso niemandem schadet? Der Mensch braucht seinen Ausgleich. Manchmal könnte ich ohne das gar nicht leben, glaube ich. Aber ich werde nur selten dabei ertappt und Charlotta die Vierte verrät es nicht. Aber jetzt freue ich mich, dass ich ertappt wurde, denn Sie sind wirklich und wahrhaftig da. Der Tee ist schon fertig. Seien Sie so nett und gehen Sie ins Wohnzimmer und legen Sie Ihre Hüte ab. Dahinten durch die weiße Tür oben an der Treppe. Ich muss schnell in die Küche und schauen, dass Charlotta die Vierte nicht den Tee kochen lässt. Charlotta die Vierte ist ein liebes Mädchen, aber immer lässt sie den Tee kochen.«

Miss Lavendar verschwand in die Küche. Die Mädchen fanden den Weg zur Garderobe allein, ein Raum, genauso weiß wie die Tür, in den durch ein efeuverhangenes Giebelfenster Licht fiel und der aussah, so sagte Anne, wie ein Ort, an dem schöne Träume wachsen. »Das ist ein regelrechtes Abenteuer, nicht wahr?«, sagte Diana. »Ist Miss Lavendar nicht süß, auch wenn sie sonderbar ist? Sie sieht überhaupt nicht wie eine alte Jungfer aus.«

»Sie sieht aus wie Musik, finde ich«, antwortete Anne.

Als sie nach unten gingen, brachte Miss Lavendar die Teekanne herein. Ihr folgte, hocherfreut, Charlotta die Vierte mit einem Teller voll heißer Krapfen.

»So, nun müssen Sie mir sagen, wie Sie heißen«, sagte Miss Lavendar. »Wie schön, dass Sie jung sind. Ich mag junge Mädchen, ln Gesellschaftjunger Mädchen fällt es mir leicht, so zu tun, als wäre ich selbst auch ein junges Mädchen. Ich hasse die Vorstellung«, sie verzog ein wenig das Gesicht, »ich sei alt. Also, wie heißen Sie? Diana Barry? Und Anne Shirley? Darf ich so tun, als würde ich Sie schon eine Ewigkeit kennen und Sie einfach Anne und Diana nennen?«

»Ja«, sagten beide wie aus einem Munde.

»Dann machen wir es uns doch bequem und essen«, sagte Miss Lavendar glücklich. »Charlotta, du setzt dich ans Tischende und bedienst die Mädchen. Was für ein Glück - ich habe den Biskuitkuchen und die Krapfen gebacken! Wie albern, sie für eingebildete Gäste zu backen - Charlotta die Vierte hat das gedacht, nicht wahr, Charlotta? Aber du siehst, wie gut es war. Natürlich wäre das nicht vergeudet gewesen, denn Charlotta die Vierte und ich hätten die Krapfen in den nächsten Tagen schon aufgegessen. Aber Biskuitkuchen schmeckt frisch am besten.«

Es war ein fröhliches und denkwürdiges Beisammensein. Als sie fertig gegessen hatten, gingen sie hinaus und setzten sich im Zauber des Sonnenuntergangs in den Garten.

»Sie haben es wunderschön hier«, sagte Diana und schaute sich voller Bewunderung um.

»Warum nennen Sie das Haus Echo Lodge?«, fragte Anne. »Charlotta«, sagte Miss Lavendar, »hole das kleine Zinnhorn, das über dem Bord mit der Uhr hängt.«

Charlotta lief ins Haus und kam mit dem Horn wieder.

»Blase hinein, Charlotta«, befahl Miss Lavendar.

Charlotta blies hinein. Ein ziemlich rauer, schriller Ton erklang. Einen Augenblick lang war Stille - dann schallte vom Wald jenseits des Flusses ein vielfaches zauberhaftes Echo herüber, lieblich, schwer bestimmbar, silberhell, so als bliesen alle »Hörner aus dem Land der Feen« in den Abendhimmel. Anne und Diana riefen voll Wonne: »Jetzt lach, Charlotta, lach laut!«

Charlotta, die vermutlich auch gehorcht hätte, wenn Miss Lavendar ihr befohlen hätte, einen Kopfstand zu machen, kletterte auf die Steinbank und lachte laut und herzhaft. Das Echo hallte wider, als ahmte eine Schar von Feen ihr Lachen in dem rötlichen Wald und in den Tannen nach.

»Die Leute bewundern mein Echo immer sehr«, sagte Miss Lavendar, so als gehörte ihr das Echo. »Mir selbst gefällt es auch. Es leistet mir Gesellschaft - mit ein wenig Phantasie. An ruhigen Abenden sitzen Charlotta die Vierte und ich oft hier draußen und vertreiben uns damit die Zeit. Charlotta, nimm das Horn und hänge es vorsichtig wieder an seinen Platz.«

»Warum nennen Sie sie Charlotta die Vierte?«, fragte Diana, die wegen des Namens vor Neugierde fast platzte.

»Nur damit ich sie nicht mit den anderen Charlottas verwechsle«, sagte Miss Lavendar ernst. »Sie sehen sich alle so ähnlich, dass man sie gar nicht auseinander halten kann. Eigentlich heißt sie gar nicht Charlotta. Sie heißt, wartet mal, wie heißt sie doch? Ich glaube Leonora, ja, Leonora. Wisst ihr, das kam so. Als vor zehn Jahren meine Mutter starb, konnte ich nicht allein hier wohnen bleiben. Aber ich hatte nicht das Geld, um ein erwachsenes Dienstmädchen zu bezahlen. Also kam die kleine Charlotta Bowman gegen Kost und Logis zu mir. Sie hieß wirklich Charlotta - sie war Charlotta die Erste. Sie war gerade dreizehn Jahre alt und blieb bei mir, bis sie sechzehn wurde. Dann ging sie nach Boston, weil sie dort mehr verdienen konnte. Danach kam ihre Schwester zu mir. Sie hießjulietta - Mrs Bowman hatte wohl eine Schwäche für phantasievolle Namen. Aber sie sah genauso aus wie Charlotta, sodass ich sie immer Charlotta nannte. Ihr machte das nichts aus. Ich gab es auf, mich an ihren richtigen Namen zu erinnern. Sie war Charlotta die Zweite. Nach ihr kam Evelina. Sie war Charlotta die Dritte. Jetzt ist Charlotta die Vierte bei mir. Aber mit siebzehn - jetzt ist sie vierzehn - will sie auch nach Boston gehen, und was ich dann tue, das weiß ich wirklich nicht. Charlotta die Vierte ist die jüngste von den Bowman-Mädchen und die beste. Die anderen Charlottas haben es mich immer spüren lassen, wie albern sie es fanden, wenn ich so tat als ob. Charlotta die Vierte tut das nie, was auch immer sie insgeheim davon halten mag. Mich kümmert es nicht, was die Leute über mich denken, solange sie es mich nicht spüren lassen.«

»Nun«, sagte Diana und sah voll Bedauern in die untergehende Sonne, »wir müssen aufbrechen, wenn wir noch vor Anbruch der Dunkelheit bei den Kimballs sein wollen.«

»Wollt ihr mich nicht wieder mal besuchen kommen?«, bat Miss Lavendar.

Anne, groß gewachsen wie sie war, legte den Arm um die kleine Frau. »Das tun wir ganz bestimmt«, versprach sie. »Jetzt, wo wir Sie ausfindig gemacht haben, werden wir das nächste Mal länger bleiben. Ja, wir müssen gehen -, >wir müssen uns losreißen<, wie Paul Irving immer sagt, wenn er nach Green Gables kommt.«

»Paul Irving?«, Miss Lavendars Stimme klang leicht verändert. »Wer ist das? Ich dachte, in Avonlea gäbe es niemand mit diesem Namen.« Anne ärgerte sich über ihre Unbesonnenheit. Sie hatte Miss Lavendars frühere Romanze völlig vergessen, als ihr Pauls Name herausrutschte.

»Er ist ein Schüler von mir«, erklärte sie behutsam. »Er kam letztes Jahr aus Boston hierher und wohnt bei seiner Großmutter, bei Mrs Irving an der Uferstraße.«

»Ist er Stephen Irvings Sohn?«, fragte Miss Lavendar und beugte sich über den Lavendel, sodass ihr Gesicht verborgen war.

»Ja.«

»Ich gebe euch beiden einen Strauß Lavendel mit«, sagte Miss Lavendar strahlend, als hätte sie die Antwort auf ihre Frage nicht gehört. »Er ist schön, findet ihr nicht? Meine Mutter mochte ihn immer sehr. Sie hat diese Randbeete vor langer Zeit angepflanzt. Mein Vater hat mir deshalb auch den Namen Lavendar gegeben. Er hat meine Mutter kennen gelernt, als er sie und ihren Bruder zu Hause in East Grafton besuchte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie haben ihn die Nacht über im Gästezimmer einquartiert. Die Betttücher dufteten nach Lavendel. Er hat die ganze Nacht wach gelegen und an meine Mutter gedacht. Seither mochte er Lavendel — und deshalb hat er mir auch den Namen gegeben. Vergesst nicht, mich bald einmal wieder zu besuchen, Mädchen. Wir erwarten euch, Charlotta die Vierte und ich.«

Sie öffnete das Tor unter den Tannen und ließ sie hinaus. Plötzlich sah sie alt und müde aus. Das Glühen und Strahlen war aus ihrem Gesicht verschwunden. Ihr Abschiedslächeln war so unverändert jugendlich süß wie eh und je, aber als die Mädchen an der ersten Wegbiegung einen Blick zurückwarfen, sahen sie sie auf der alten Steinbank unter der Silberpappel mitten im Garten sitzen, den Kopf müde auf die Hand gestützt.

»Sie sieht einsam aus«, sagte Diana. »Wir müssen sie oft besuchen.«

»Ihre Eltern haben ihr den einzig richtigen Namen gegeben«, sagte Anne. »Wären sie so dumm gewesen und hätten sie Elizabeth oder Nellie oder Muriel genannt, sie müsste trotzdem Lavendar heißen. Der Name erinnert an süßen Duft, Schnörkel und >Seidenkleider<. Mein Name dagegen klingt nach Brot und Butter, Flickendecke und täglicher Hausarbeit.«

»Das finde ich nicht«, sagte Diana. »Anne klingt richtig vornehm und nach Königin. Aber mir würde auch Kerrenhappuch gefallen, falls du zufällig so hießest. Die Leute machen ihre Namen schön oder hässlich, je nachdem wie sie selbst sind. Ich kann die Namen Josie und Gertie nicht mehr ausstehen. Bevor ich die Pye-Mädchen kennen lernte, fand ich es richtig schöne Namen.«

»Das ist eine wundervolle Idee, Diana«, sagte Anne begeistert. »So zu leben, dass man den Namen verschönt, auch wenn er eigentlich nicht schön ist... ihn in den Köpfen der Leute zu etwas Schönem und Angenehmen zu machen, sodass sie über den Namen an sich gar nicht mehr nachdenken. Danke, Diana.«

22 - Dieses und jenes

»Ihr wart also zum Tee im Steinhaus bei Miss Lavendar Lewis?«, sagte Marilla am nächsten Morgen beim Frühstück. »Wie sieht sie denn aus? Es ist über fünfzehn Jahre her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe. Es war an einem Sonntag in der Kirche in Grafton. Sie hat sich bestimmt sehr verändert. Davy Keith, wenn du etwas möchtest und nicht heranreichst, bitte darum, dass man es dir gibt, und lange nicht einfach so über den Tisch. Hast du das je bei Paul Irving gesehen, wenn er zum Essen hier war?«

»Aber Paul hat längere Arme als ich«, brummte Davy. »Seine hatten schon elf Jahre Zeit zu wachsen, meine erst sieben. Außerdem hab ich ja gefragt, aber Anne und du wart so ins Gespräch vertieft, dass ihr nicht zugehört habt. Überhaupt war Paul noch nie zum Essen hier, nur zum Tee, und beim Tee höflich zu sein ist leichter als beim Frühstück höflich zu sein. Du bist ja nicht halb so hungrig wie ich. Zwischen Abendessen und Frühstück liegt immer schrecklich viel Zeit. Hm, Anne, der Löffel voll ist nicht größer als letztes Jahr, aber ich bin ganz viel größer geworden.«

»Bestimmt, aber ich weiß ja nicht, wie Miss Lavendar früher ausgesehen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich nicht viel verändert hat«, sagte Anne, nachdem sie Davy, nur um ihn zufrieden zu stellen, zwei Löffel voll Ahornsirup gegeben hatte. »Sie hat schneeweißes Haar, aber ein junges, mädchenhaftes Gesicht und die hübschesten braunen Augen - in so einem schönen Braunton mit einem leichten goldenen Glitzern. Und ihre Stimme erinnert einen an weißen Satin, klares Wasser und Zauberglocken zugleich.«

»Als Mädchen war sie eine große Schönheit«, sagte Marilla. »Ich habe sie nicht sonderlich gut gekannt, aber soweit ich sie kannte, mochte ich sie. Manche hielten sie auch damals schon für sonderbar. Davy, wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dann bekommst du erst zu essen, wenn alle anderen fertig sind.«

Die meisten Unterhaltungen in Gegenwart der Zwillinge wurden von solchen Verweisen gegen Davy unterbrochen. In diesem Fall, das muss bedauerlicherweise gesagt werden, hatte Davy sein Problem, die letzten Tropfen seines Sirups nicht mit dem Löffel auslöffeln zu können, gelöst, indem er seinen Teller in beide Hände genommen und ihn mit seiner kleinen roten Zunge abgeleckt hatte. Anne sah ihn so entsetzt an, dass der kleine Übeltäter rot wurde und halb beschämt, halb trotzig sagte: »So wird nichts vergeudet.«

»Leute, die anders sind, hält man für merkwürdig«, sagte Anne. »Miss Lavendar ist zweifellos anders, obwohl nur schwer zu sagen ist, worin ihre Andersartigkeit besteht. Vielleicht weil sie zu den Menschen gehört, die nicht älter werden.«

»Alle werden älter«, erklärte Marilla ziemlich harsch. »Wenn es nicht so wäre, gehörte man auch nirgends dazu. So wie ich es sehe, hat sich Lavendar Lewis von allem zurückgezogen. Sie wohnt schon so lange in diesem gottverlassenen Haus, dass alle Welt sie vergessen hat. Das Steinhaus gehört zu den ältesten Häusern auf der Insel. Der alte Mr Lewis hat es vor achtzig Jahren gebaut, als er aus England kam. Davy, hör auf, Dora am Ellenbogen zu stupsen. Ich habe es genau gesehen! Du brauchst gar nicht so unschuldig dreinzusehen. Was ist bloß heute mit dir los, dass du dich so aufführst? Ich frage mich schon all die Jahre, was zwischen Stephen Irving und Lavendar Lewis schief gelaufen ist«, fuhr Marilla fort und beachtete Davy nicht weiter. »Vor fünfundzwanzig Jahren waren sie verlobt und plötzlich war Schluss. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber es muss etwas Schlimmes gewesen sein, denn er ging in die Staaten und ist seither nicht einmal wieder zu Hause gewesen.«

»Vielleicht war es nichts wirklich Schlimmes. Ich glaube, die kleinen Dinge im Leben machen einem manchmal mehr Ärger als die großen«, sagte Anne in einem ihrer Anflüge plötzlicher Erkenntnis, die auch Erfahrung nicht hätte erschüttern können. »Marilla, bitte, erzähle Mrs Lynde nichts von meinem Besuch bei Miss Lavendar. Sie würde garantiert tausend Fragen stellen. Es wäre mir nicht recht -Miss Lavendar auch nicht, wenn sie es erführe, da bin ich mir sicher.«

»Rachel würde platzen vor Neugier«, stimmte Marilla zu. »Obwohl sie nicht mehr so viel Zeit hat wie früher, ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Sie ist ans Haus gefesselt wegen Thomas. Sie ist ganz niedergeschlagen, weil sie allmählich alle Hoffnung aufgegeben hat, dass es ihm je noch einmal besser geht. Rachel säße ziemlich allein da, wenn ihm etwas zustieße, wo alle ihre Kinder fortgezogen sind, bis auf Eliza in der Stadt. Und die hasst ihren Mann.« Marilla betrieb in diesem Punkt üble Nachrede, denn Eliza hatte ihren Mann sehr gern.

»Rachel meint, wenn er nur den Kopf nicht hängen ließe und seine ganze Willenskraft aufböte, dann würde es mit ihm schon bergauf gehen. Aber wozu einem Waschlappen sagen, er solle die Ohren steifhalten?«, fuhr Marilla fort. »Thomas Lynde hat nie Willenskraft besessen. Seine Mutter führte das Regiment, bis er heiratete. Dann gab Rachel den Ton an. Es grenzt an ein Wunder, dass er sich überhaupt getraut hat, krank zu werden, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Aber, na ja, ich sollte nicht so daherreden. Rachel war ihm eine gute Frau. Ohne sie hätte er es zu rein gar nichts gebracht, das steht fest. Er ist ein geborener Pantoffelheld. Man kann von Glück sagen, dass er einer klugen, tüchtigen Frau wie Rachel in die Hände gefallen ist. Ihre Art lag ihm. Er ersparte sich damit den Ärger, je selbst einmal eine Entscheidung treffen zu müssen. Davy, hör auf, dich wie ein Aal zu winden.«

»Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll«, wandte Davy ein. »Hunger hab ich keinen mehr und dir und Anne beim Essen zuzusehen, macht keinen Spaß.«

»Na los, ihr zwei, ab nach draußen mit euch! Füttert die Hühner«, sagte Marilla. »Und versuch nicht wieder dem weißen Hahn Federn aus dem Schwanz zu rupfen!«

»Ich brauche ein paar für einen Indianerfederschmuck«, sagte Davy düster. »Milty Boulter hat einen tollen aus den Federn, die seine Mutter ihm gegeben hat, als sie den alten weißen Truthahn geschlachtet hat. Ein paar könnte ich doch ausrupfen. Der Hahn hat sowieso viel zu viele, mehr als er braucht.«

»Du kannst den alten Feder-Staubwedel vom Speicher haben«, sagte Anne. »Ich färbe dir die Federn grün, rot und gelb.«

»Du verwöhnst den Jungen viel zu sehr«, sagte Marilla, als Davy mit strahlendem Gesicht Dora brav nach draußen gefolgt war. Marillas Erziehung hatte in den vergangenen sechs Jahren große Fortschritte gemacht. Aber sie hatte sich noch immer nicht von der Vorstellung freimachen können, es schade einem Kind, wenn man ihm in zu vielen Wünschen nachgab.

»Alle Jungen in seiner Klasse haben einen Indianerfederschmuck. Davy möchte auch einen«, sagte Anne. »Ich weiß, wie man sich da fühlt — ich würde nie vergessen, wie sehnlichst ich mir Puffärmel wünschte, als alle anderen Mädchen Kleider mit Puffärmeln hatten. Davy ist nicht verwöhnt. Er macht von Tag zu Tag Fortschritte. Bedenke nur einmal, wie er sich herausgemacht hat, seit er vor einem Jahr hierher kam.«

»Seit er zur Schule geht, heckt er längst nicht mehr so viel aus«, gab Marilla zu. »Er tobt sich bestimmt an den anderen Jungen aus. Aber ich frage mich langsam, warum wir nichts mehr von Richard Keith gehört haben. Seit dem letzten Mai - kein Wort mehr.«

»Ich hätte Angst davor«, seufzte Anne und begann den Tisch abzuräumen. »Falls ein Brief kommen sollte, hätte ich Angst, Richard Keith würde die Zwillinge wollen.«

Einen Monat später kam tatsächlich ein Brief. Aber er stammte nicht von Richard Keith. Einer seiner Freunde schrieb, dass Richard Keith vierzehn Tage zuvor gestorben sei. Der Verfasser des Briefes war der Testamentsvollstrecker. Laut Testament wurden zweitausend Dollar Miss Marilla Cuthbert für David und Dora Keith zu treuen Händen übergeben, bis die Kinder das entsprechende Alter erreichten oder heirateten. Bis dahin sollte das Geld für ihren Unterhalt aufgewendet werden.

»Es ist doch schrecklich, dass man sich über etwas freut, wo erst einer sterben muss«, sagte Anne traurig. »Es tut mir Leid um Mr Keith, aber ich bin froh, dass wir die Zwillinge behalten.«

»Das Geld kommt uns schon sehr gelegen«, sagte Marilla vernünftig. »Ich wollte sie auch gern behalten, aber ich wusste wirklich nicht, wie ich dafür das Geld aufbringen sollte, vor allem wenn sie größer werden. Die Pacht für die Farm reicht gerade für den Haushalt und ich musste mich verpflichten, nicht einen Cent von deinem Geld für sie auszugeben. Du tust ohnehin schon viel zu viel für sie. Dora braucht diesen neuen Hut, den du ihr gekauft hast, so wenig wie eine Katze zwei Schwänze. Aber jetzt ist alles geklärt, jetzt ist für sie vorgesorgt.«

Davy und Dora waren begeistert, als sie hörten, dass sie »für immer« auf Green Gables bleiben durften. Der Tod eines Onkels, den sie nie gesehen hatten, berührte sie nicht. Aber Dora hatte eine Befürchtung.

»Wurde Onkel Richard begraben?«, flüsterte sie Anne zu.

»Ja, mein Schatz, natürlich.«

»Er ... er... ist aber nicht wie Mirabel Cottons Onkel, nicht wahr?«, flüsterte sie noch beunruhigter. »Er schleicht doch nicht um anderer Leute Haus, nachdem er beerdigt wurde, nicht wahr, Anne?«

23 - Miss Lavendars Romanze

»Ich werde heute Abend einen Spaziergang nach Echo Lodge machen«, sagte Anne an einem Freitag Nachmittag im Dezember.

»Es sieht nach Schnee aus«, sagte Marilla zweifelnd.

»Ich werde da sein, bevor es zu schneien anfängt. Ich will die Nacht über dort bleiben. Diana kann nicht mitkommen, sie hat Besuch. Miss Lavendar erwartet mich bestimmt heute. Es ist schon zwei Wochen her, seit ich das letzte Mal dort war.«

Anne hatte seit jenem Tag im Oktober viele Besuche in Echo Lodge gemacht. Manchmal fuhren Diana und sie über die Straße dorthin, manchmal wandelten sie durch den Wald. Konnte Diana nicht mitkommen, ging Anne allein. Zwischen Miss Lavendar und ihr hatte sich eine lebendige, hilfreiche Freundschaft entwickelt, wie es nur zwischen einer Frau, die sich im Herzen die jugendliche Frische bewahrt hat, und einem Mädchen, das zwar nicht Erfahrung, aber Phantasie und Einfühlungsvermögen besitzt, möglich ist. Anne hatte in Miss Lavendar eine »verwandte Seele« gefunden. Dafür kehrten mit Anne und Diana in Miss Lavendars einsames, zurückgezogenes Leben voller Träume die wohltuende Freude und Heiterkeit der Welt von draußen ein, an der Miss Lavendar »weltvergessen, von der Welt vergessen«, schon lange nicht mehr teilhatte. Sie brachten frischen Wind und Wirklichkeitssinn in das kleine Steinhaus. Charlotta die Vierte begrüßte sie stets mit dem breitesten Lächeln - Charlotta lächelte in der Tat von einem Ohr zum anderen - und mochte die beiden ihrer verehrten Miss Lavendar als auch um ihrer selbst wegen. Nie zuvor hatte es in dem kleinen Steinhaus solche »Übermütigkeit« gegeben wie in dem schönen, sich lange hinziehenden Herbst, in dem der November wie ein zweiter Oktober war und sogar noch der Dezember den Sonnenschein und die Dunstschleier des Sommers nachzuahmen versuchte.

Aber an diesem Tag schien es, als ob sich der Dezember daran erinnerte, dass es Zeit für den Winter war. Plötzlich war es trübe und trist geworden, wie Ruhe vor dem Sturm lag Schnee in der Luft. Trotzdem genoss Anne ihren Spaziergang durch den großen düsteren Irrgarten des Buchenwalds sehr. Auch allein kam er ihr nie einsam vor. In ihrer Phantasie war der Pfad mit munteren Weggefährten belebt, mit denen sie im Geiste lebhafte Unterhaltungen führte. Sie waren geistreicher und faszinierender als Unterhaltungen im wirklichen Leben meist sind, da so mancher leider nicht die Gabe dazu hat. In einer »eingebildeten« Versammlung ausgewählter Seelen sagt jede das, was man ihr in den Mund legt, und man hat Gelegenheit, das zu sagen, was man gern loswerden möchte. Begleitet von dieser unsichtbaren Gesellschaft durchquerte Anne den Wald und erreichte in eben dem Augenblick den Tannenweg, als es in großen federleichten Flocken sanft zu schneien anfing.

An der ersten Biegung stieß sie auf Miss Lavendar, die unter einer mächtigen, ausladenden Tanne stand. Sie trug ein Kleid in einem warmen satten Rot, Kopf und Schultern waren in einen silbergrauen Seidenschal gehüllt.

»Sie sehen aus wie die Königin der Tannenwaldfeen«, rief Anne vergnügt.

»Ich dachte mir doch, dass du heute kommst, Anne«, sagte Miss Lavendar und ging voraus. »Es freut mich umso mehr, als Charlotta die Vierte nicht da ist. Ihre Mutter ist krank, Charlotta musste die Nacht über nach Hause. Ich wäre sehr allein gewesen, wenn du nicht gekommen wärst - auch die Träume und das Echo hätten mir nicht ausreichend Gesellschaft leisten können. Oh, Anne, wie hübsch du bist«, setzte sie plötzlich hinzu und sah zu dem großen schlanken Mädchen mit dem vom Laufen leicht geröteten Gesicht auf. »Wie hübsch und wie jung! Siebzehn ist ein herrliches Alter, nicht wahr? Ich beneide dich«, sagte Miss Lavendar offen.

»Aber im Herzen sind Sie auch erst siebzehn«, lächelte Anne.

»Nein, ich bin alt oder jedenfalls mittelalt, was noch viel schlimmer ist«, seufzte Miss Lavendar. »Manchmal bilde ich mir ein, es stimme nicht, dann wiederum bin ich mir dessen klar bewusst. Anders als die meisten Frauen, die es einfach hinnehmen, kann ich mich nicht damit abfinden. Ich lehne mich noch genauso dagegen auf wie damals, als ich mein erstes graues Haar entdeckte. Na, Anne, schau nicht drein, als würdest du es verstehen. Mit siebzehn kann man es nicht verstehen. Ich tue trotzdem einfach so, als wäre ich auch siebzehn. Jetzt, wo du da bist, gelingt es mir. Du bringst immer wie ein Geschenk die Jugend mit. Wir werden uns einen netten Abend machen. Zuerst gibt es Tee - was möchtest du zum Tee? Überleg dir etwas Leckeres, Herzhaftes.«

An dem Abend war das kleine Steinhaus von Stimmen und Fröhlichkeit erfüllt. Hätte ein Fremder das Kochen, den Festschmaus, das Konfektmachen, das Lachen und das »So-tun-als-ob« beobachtet, so hätte er gewiss gefunden, dass Miss Lavendar und Anne sich ganz und gar nicht würdevoll benahmen, wie es sich für eine alte Jungfer von fünfundvierzig Jahren und eine gesittete Lehrerin gehörte. Als die beiden müde wurden, setzten sie sich auf den Teppich vor dem Kamin im Wohnzimmer. Es wurde nur von dem sanften Feuerschein erhellt und roch herrlich nach Miss Lavendars Rosen auf dem Kaminsims. Der Wind hatte zugenommen und pfiff ächzend und heulend ums Dach. Schneeflocken schlugen leise gegen die Fenster, so als würden Hunderte von Sturmfeen anklopfen und um Einlass bitten. »Ich bin ja so froh, dass du da bist, Anne«, sagte Miss Lavendar und biss ein Stück von ihrem Konfekt. »Wärst du nicht da, wäre ich traurig, sehr traurig, tieftraurig. Träume und Einbildungen sind am Tage und bei Sonnenschein gut und schön, aber wenn es Nacht wird und stürmt, genügen sie einem nicht. Dann verlangt es einen nach wirklichen Dingen. Aber davon verstehst du nichts - mit siebzehn versteht man davon nichts. Mit siebzehn gibt man sich mit Träumen zufrieden, weil man meint, die wirklichen Dinge würden einen später noch erwarten. Als ich siebzehn war, Anne, habe ich mir nicht vorgestellt, dass ich mit fünfundvierzig eine weißhaarige altejungfer sein würde, die nur mit Träumen ihr Leben füllt.«

»Aber Sie sind keine alte Jungfer«, sagte Anne und sah lächelnd in Miss Lavendars aufgeweckte braune Augen. »Alte Jungfern werden geboren - sie werden nicht dazu.«

»Manche sind geborene alte Jungfrauen, manche werden zu alten Jungfern und manche sind es gezwungenermaßen«, sagte Miss Lavendar scherzhaft und schrullig.

»Dann gehören Sie zu denen, die es geworden sind«, lachte Anne. »Und das haben Sie so gut gemeistert, dass, wenn alle alten Jungfern wie Sie wären, es Mode werden könnte.«

»Ich tue eben immer mein Bestes«, sagte Miss Lavendar nachdenklich. »Da aus mir nun mal eine alte Jungfer werden musste, wollte ich eine nette altejungfer sein. Die Leute halten mich für merkwürdig. Aber das liegt nur daran, dass ich meinen eigenen Weg gehe und nicht das herkömmliche Bild einer alten Jungfer abgebe. Anne, hat dir je jemand von Stephen Irving und mir erzählt?«

»Ja«, sagte Anne ehrlich, »dass Sie beide einmal verlobt waren.«

»Das waren wir, vor fünfundzwanzig Jahren, vor einer Ewigkeit. Im Frühjahr darauf hatten wir heiraten wollen. Ich hatte mein Hochzeitskleid fertig, aber das wussten nur meine Mutter und Stephen. Man könnte sagen, wir waren fast von klein auf miteinander verlobt.

Als Stephen noch ein kleiner Junge war, brachte seine Mutter ihn mit, wenn sie meine Mutter besuchte. Das zweite Mal, als er kam - er war neun, ich sechs -, sagte er draußen im Garten zu mir, dass er sich endgültig entschieden hatte und mich heiraten wolle, wenn er groß sei. Ich erinnere mich, dass ich sagte: >Danke<. Als sie gegangen waren, erzählte ich meiner Mutter ganz ernst, dass mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre, weil ich jetzt keine Angst mehr haben müsse, eine alte Jungfer zu werden. Wie meine Mutter gelacht hat!«

»Und was ist schief gelaufen?«, fragte Anne atemlos.

»Wir hatten einen dummen, albernen, banalen Streit. Einen so banalen Streit, ob du es glaubst oder nicht, dass ich mich nicht einmal mehr erinnere, wie es dazu kam. Ich weiß kaum mehr, wer mehr schuld daran war. Stephen hat angefangen, aber ich habe ihn durch irgendeine Dummheit dazu gebracht. Es gab da den einen oder anderen Rivalen, verstehst du. Ich war eitel und kokett und machte mir einen Spaß daraus, ihn ein wenig zu necken. Er war sehr empfindlich. Wir sind im Zorn auseinander gegangen. Ich dachte, es würde sich wieder einrenken. Es hätte sich auch wieder eingerenkt, wäre Stephen nicht allzu bald wieder gekommen. Anne, meine Liebe, es ist nun mal so«, Miss Lavendar senkte die Stimme, so als wäre sie im Begriff einen Mord einzugestehen, »dass ich entsetzlich leicht einschnappe. Oh. du brauchst nicht zu lachen, es ist nur zu wahr. Ich schnappe leicht ein. Stephen kam, aber ich war noch immer beleidigt. Ich hörte ihm nicht zu und ich verzieh ihm nicht. Also ging er ein für allemal. Er hatte zu viel Stolz, um noch einmal zu kommen. Dann war ich eingeschnappt, weil er nicht kam. Ich hätte ihn herbitten können, aber dazu wollte ich mich nicht herablassen. Ich hatte genau wie er meinen Stolz - Stolz und Trotz sind eine üble Mischung, Anne. Aber für einen anderen habe ich mich nie interessiert und wollte es auch nicht. Ich wollte tausendmal lieber eine alte Jungfer werden, als jemand anderen als Stephen Irving zu heiraten. Tja, jetzt kommt es mir wie ein Traum vor. Du schaust so anteilnehmend, Anne - so mitfühlend, wie man nur mit siebzehn dreinsehen kann. Aber übertreibe es nicht. Trotz meines gebrochenen Herzens bin ich glücklich und zufrieden. Es hat mir das Herz gebrochen, ja, als mir klar wurde, dass Stephen Irving nicht zurückkommen würde. Aber, Anne, ein gebrochenes Herz im wirklichen Leben ist nicht halb so schlimm, wie es in Büchern steht. Es ist so ähnlich wie Zahnweh - auch wenn das nicht gerade ein romantischer Vergleich ist. Man verspürt hin und wieder einen Schmerz, hat ab und zu eine schlaflose Nacht, aber ansonsten genießt man sein Leben, seine Träume, sein Echo und Erdnussbonbons, als hätte man weiter nichts. Jetzt bist du enttäuscht. Du findest mich nicht mehr halb so interessant wie noch vor fünf Minuten, als du annahmst, ich litte dauernd unter der tragischen Erinnerung, tapfer versteckt unter einem Lächeln. Das ist das Schlimmste - oder Schönste - im wirklichen Leben, Anne. Es lässt einem nicht elend zumute sein. Es setzt alles daran, einen aufzumuntern, und zwar mit Erfolg, selbst wenn man unter allen Umständen unglücklich und romantisch sein will. Schmeckt das Konfekt nicht lecker? Ich habe schon viel mehr gegessen, als gut für mich ist, aber ich esse unbekümmert weiter.«

Nach kurzem Schweigen sagte Miss Lavendar unvermittelt: »Es war wie ein Schock, als du bei eurem allerersten Besuch Stephen Irvings Sohn erwähntest, Anne. Ich konnte nicht mit dir darüber reden. Aber ich will alles über ihn wissen. Was ist er für ein Junge?«

»Er ist der liebste und süßeste Junge von der Welt, Miss Lavendar. Er stellt sich auch Sachen vor, genau wie Sie und ich.«

»Ich würde ihn gern kennen lernen«, sagte Miss Lavendar leise, so als redete sie zu sich selbst. »Ich möchte wissen, ob er Ähnlichkeit mit dem kleinen Traumjungen hat, der hier bei mir wohnt. . . mit meinem Traumjungen.«

»Dann bringe ich ihn einmal mit hierher«, sagte Anne.

»Gern ... aber nicht allzu bald. Ich muss mich mit dem Gedanken vertraut machen. Vielleicht tut es eher weh, als dass es eine Freude ist — wenn er Stephen zu ähnlich sieht oder wenn er zu wenig Ähnlichkeit mit ihm hat. Sagen wir in einem Monat.«

Wie abgemacht gingen Anne und Paul einen Monat später durch den Wald zum Steinhaus. Sie trafen Miss Lavendar auf dem Weg. Sie hatte noch nicht mit ihnen gerechnet und wurde blass.

»Das ist also Stephens Sohn«, sagte sie mit leiser Stimme, nahm Pauls Hand und betrachtete ihn, wie er hübsch und kess vor ihr stand in seinem netten kleinen Pelzmantel und der Mütze. »Er... er sieht seinem Vater sehr ähnlich.«

»Alle sagen, ich wäre ihm wie aus dem Gesicht geschnitten«, bemerkte Paul ungezwungen.

Anne, die das kleine Schauspiel verfolgt hatte, atmete erleichtert auf. Miss Lavendar und Paul waren sichtlich voneinander »angetan«, es würde also nicht gezwungen oder steif zugehen. Miss Lavendar war durchaus vernünftig, trotz ihrer Träume und ihrer Romantik. Sie überwand ihre anfängliche Unsicherheit und plauderte so lebhaft und natürlich mit Paul, als wäre er der Sohn von irgendjemand, der ihr einen Besuch abstattete. Zusammen verbrachten sie einen lustigen Nachmittag und verspeisten zum Abendessen einen wahren Festschmaus fetter Köstlichkeiten, dass die alte Mrs Irving vor Entsetzen, Pauls Verdauung wäre ein für allemal ruiniert, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte.

»Komm wieder, mein Kleiner«, sagte Miss Lavendar und schüttelte ihnen die Hände.

»Wenn Sie wollen, können Sie mir einen Kuss geben«, sagte Paul ernst.

Miss Lavendar beugte sich herunter und gab ihm einen Kuss. »Woher wusstest du, dass ich das gern wollte?«, flüsterte sie.

»Weil Sie mich angeschaut haben wie meine Mutter, wenn sie mir einen Kuss geben wollte. Normalerweise mag ich es nicht. Jungen mögen es nicht. Sie verstehen schon, Miss Lewis. Aber bei Ihnen mag ich es. Bestimmt komme ich Sie wieder besuchen. Wenn Sie nichts dagegen haben, können wir ja Freunde sein.«

»Ich . . . dagegen habe ich nichts«, sagte Miss Lavendar. Sie drehte sich um und ging schnell ins Haus. Aber gleich darauf winkte sie ihnen vom Fenster aus zum Abschied fröhlich lächelnd zu.

»Ich mag Miss Lavendar«, verkündete Paul, als sie durch den Buchenwald gingen. »Ich mag, wie sie mich angeschaut hat, und ihr Haus und Charlotta die Vierte. Ich wünschte Großmutter Irving hätte eine Charlotta die Vierte anstelle von Maryjoe. Charlotta die Vierte würde bestimmt nicht denken, ich wäre nicht ganz richtig im Kopf, wenn ich ihr meine Geschichte erzählte. War das nicht ein sagenhaftes Essen? Großmutter sagt, ein Junge muss essen, was auf den Tisch kommt. Aber wenn ich richtig hungrig bin, spielt es schon eine Rolle, was es gibt. Miss Lavendar würde bestimmt nicht von einem verlangen, dass man zum Frühstück Porridge isst, wenn man Porridge nicht mag. Sie würde einem Sachen machen, die einem schmecken. Aber«, Paul war da sehr aufrichtig, »das bekäme einem vielleicht gar nicht. Doch zur Abwechslung tut es gut. Sie verstehen schon.«

24 - Ein Prophet in seinem eigenen Land

An einem Tag im Mai waren die Bewohner von Avonlea einigermaßen bestürzt über gewisse »Avonlea-Mädchen«, unterzeichnet mit »Ein Beobachter«, in den Täglichen Nachrichten von Charlottetown. Man hielt Charlie Sloane für den Verfasser, zum einen, weil besagter Charlie in der Vergangenheit ähnliche Ergüsse von sich gegeben hatte, zum anderen, weil eine der Meldungen eine spöttische Bemerkung über Gilbert Blythe enthielt. Die Jugendlichen von Avonlea hielten Gilbert Blythe und Charlie Sloane hinsichtlich der Gunst eines gewissen jungen Mädchens mit graugrünen Augen und viel Phantasie hartnäckig für Rivalen.

Die Gerüchte trafen wie üblich nicht zu. Gilbert Blythe hatte zusammen mit Anne die Meldungen verfasst und die Meldung über sich sogar selbst hinzugefügt. Nur zwei der Meldungen sind hier von Belang.

»Es geht das Gerücht, dass hier bei uns im Ort eine Hochzeit stattfinden wird, noch ehe die Gänseblümchen blühen. Ein neu zugezogener, hoch angesehener Bürger wird eine unserer meistgeschätzten Damen zum Hochzeitsaltar fuhren.«

»Onkel Abe, unser allseits bekannter Wetterprophet, hat für den 23.

Mai, Punkt 7 Uhr abends, einen schweren Gewittersturm vorhergesagt. Fast die gesamte Provinz wird von dem Sturm betroffen sein. Reisende sollten sich an dem Abend möglichst mit Schirm und Regenmantel ausrüsten.«

»Onkel Abe hat tatsächlich für irgendwann dies Frühjahr Sturm vorhergesagt«, sagte Gilbert. »Aber meinst du im Ernst, Mr Harrison will isabella Andrews heiraten?«

»Nein«, sagte Anne lächelnd, »er spielt höchstens mit Mr Harmon Andrews Dame. Aber Mrs Lynde meint, Isabella Andrews würde bestimmt heiraten, die sei dies Frühjahr in so blendender Stimmung.« Onkel Abe war ziemlich entrüstet über die Meldung. Er vermutete, der »Beobachter« wollte sich über ihn lustig machen. Erbost stritt er ab, je einen bestimmten Tag für den Sturm genannt zu haben, aber niemand glaubte ihm.

Das Leben in Avonlea ging seinen ruhigen, gleichförmigen Gang weiter. Das »Anpflanzen« war erfolgt; die Verschönerer feierten einen Baumpflanztag. Jedes Mitglied pflanzte eigenhändig fünf Bäume oder beauftragte jemand damit. Da der Verein inzwischen vierzig Mitglieder hatte, waren es im Ganzen zweihundert junge Bäume. Auf den roten Äckern grünte der erste Hafer, Apfelbäume streckten ihre großen blühenden Zweige über die Farmhäuser und die »Schneekönigin« schmückte sich als Braut für ihren Bräutigam. Anne schlief gern bei offenem Fenster und ließ sich den Duft der Kirschbäume übers Gesicht wehen. Sie fand das sehr poetisch. Marilla fand, sie setze ihr Leben aufs Spiel.

»Erntedank sollte im Frühjahr gefeiert werden«, sagte Anne eines Abends zu Marilla, als sie auf der Stufe an der Vordertür saßen und dem Quaken der Frösche lauschten. »Es wäre viel schöner als im November, wenn alles abgestorben ist und ruht. Dann muss man sich erst wieder ins Gedächtnis rufen, dankbar zu sein. Im Mai dagegen kann man gar nicht anders als dankbar sein . . . einfach, weil alles lebt. Ich fühle mich, wie Eva sich im Paradies gefühlt haben muss, bevor der Ärger losging. Ist das Gras dort in der Senke grün oder golden? Mir scheint, Marilla, dass ein Tag wie dieser, an dem Blumen blühen und der Wind schier verrückt vor Wonne nicht weiß, aus welcher Richtung er als Nächstes wehen soll, fast wie ein Tag im Himmel ist.«

Marilla schaute empört und sah sich besorgt um, dass auch ja nicht die Zwillinge in Hörweite waren. Gerade eben kamen sie um die Hausecke.

»Duftet es nicht toll heute?«, sagte Davy, schnupperte verzückt und schwang die Hacke mit seinen schmutzigen Händen. Er hatte in seinem Garten gewerkelt. Im Frühjahr hatte Marilla, um Davys Leidenschaft, in Matsch und Schlamm herumzuwühlen, in nützliche Bahnen zu lenken, Dora und ihm ein kleines Eckchen für einen Garten überlassen. Beide hatten sich auf die ihnen eigene Art und Weise ans Werk gemacht. Dora pflanzte, jätete Unkraut, goss sorgfältig - kurzum, sie ging nüchtern und sachlich vor. Ihr Beet war also bereits grün, mit sauberen geordneten Reihen Salat und Sommergemüsen. Davy dagegen ging eher mit Hingabe als mit Umsicht zu Werke. Er grub, hackte, rechte, goss und pflanzte so energisch um, dass die Pflänzchen keine Überlebenschance hatten.

»Wie geht es mit deinem Garten voran, Davy-Junge?«, fragte Anne. »Etwas langsam«, sagte Davy mit einem Seufzer. »Ich verstehe nicht, warum das Zeug nicht schnellerwächst. Milty Boulter sagt, ich hätte bei Mondfinsternis einsäen müssen. Daran liegt es. Er behauptet, man darf niemals säen oder ein Schwein schlachten oder sich die Haare schneiden oder sonstwas Wichtiges, wenn der Mond falsch steht. Stimmt das, Anne? Das will ich wissen.«

»Würdest du nicht jeden zweiten Tag die Pflanzen samt Wurzeln herausreißen, um nachzusehen, wie sie >am anderen Ende< wachsen, würden sie auch besser gedeihen«, sagte Marilla bissig.

»Nur sechs Stück habe ich herausgerupft«, wandte Davy ein. »Ich wollte nachsehen, ob an den Wurzeln Maden sind. Milty Boulter hat gesagt, wenn es nicht am Mond läge, müssten Maden schuld sein. Aber ich hab nur eine Made gefunden, eine riesig große, saftige, sich ringelnde Made. Ich hab sie auf einen Stein gelegt, einen anderen Stein genommen und sie platt gemacht. Das gab einen schönen Brei, kann ich euch sagen. Schade, dass es nicht mehr Maden gab. Dora hat ihren Garten zur selben Zeit eingesät wie ich und ihr Zeug wächst gut. Es kann nicht am Mond liegen«, sagte Davy nachdenklich. »Marilla, sieh dir den Apfelbaum an«, sagte Anne. »Als ob er lebte. Er streckte seine langen Arme aus, um elegant seine Röcke hochzuheben, damit wir ihn bewundern.«

»Die Gelben Duchesse tragen immer gut«, sagte Marilla zufrieden. »Der Baum wird dieses Jahr ganz überladen sein. Das freut mich richtig, die Sorte eignet sich prima für Kuchen.«

Aber weder Marilla noch Anne noch sonst jemand sollte in dem Jahr dazu kommen, mit gelben Duchesse-Äpfeln Kuchen zu backen.

Der 23. Mai kam - ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag, was niemand mehr auffiel als Anne und ihrem kleinen Bienenschwarm von Schülern, die in der Schule von Avonlea schwitzend über Bruchrechnen und Satzlehre standen. Den ganzen Vormittag über wehte ein heißer Wind. Nach Mittag legte er sich zu einer drückenden Stille. Um halb vier hörte Anne ein leises Donnergrollen. Sofort schickte sie die Schüler nach Hause, damit sie möglichst noch bevor der Sturm losbrach, zu Hause ankamen.

Als sie hinausgingen auf den Schulhof, nahm Anne trotz strahlenden Sonnenscheins eine gewisse Dunkelheit und Düsternis wahr. Annetta Bell griff nervös ihre Hand.

»Sehen Sie nur die düstere Wolke!«

Anne sah hin und stieß entsetzt einen Schrei aus. Aus Nordwesten kam rasend schnell eine gewaltige Wolke herangerollt, eine Wolke, wie sie sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Sie war tiefschwarz, außer an den wallenden, zerfetzten Rändern, wo sich ein grausiges fahles Weiß zeigte. Es sah unbeschreiblich bedrohlich aus, wie sie düster am klaren blauen Himmel aufragte. Hin und wieder schoss ein Blitz darüber, gefolgt von einem wütenden Grollen. Die Wolke hing so tief, dass sie fast die Spitzen der bewaldeten Hänge berührte.

Mr Harmon Andrews kam in seinem Wagen den Hügel hinuntergeholpert und trieb seine beiden Grauschimmel zu höchstem Tempo an. Gegenüber von der Schule hielt er an.

»Scheint, dass Onkel Abe das erste Mal in seinem Leben einen Treffer gelandet hat, Anne«, rief er. »Sein Sturm kommt etwas vor der Zeit. Hast du je so eine Wolke gesehen? Los, alle Kleinen, die in meine Richtung müssen, steigen ein. Alle anderen, die weiter als eine Viertelmeile haben, stellen sich am Postamt unter, bis das Gewitter vorüber ist.«

Anne nahm Davy und Dora an die Hand und rannte, so schnell wie die kurzen Beinchen der Zwillinge es zuließen, den Hügel hinunter, den Birkenpfad entlang, durchs Veilchental und Willowmere. Sie kamen gerade eben rechtzeitig auf Green Gables an. Marilla empfing sie an der Tür. Sie hatte die Enten und Hühner in den Stall gescheucht. Als sie in die Küche stürzten, wurde es dunkel, so als wäre die Sonne von einem gewaltigen Atem ausgeblasen worden. Die dräuende Wolke schob sich vor die Sonne, eine Finsternis wie in der späten Abenddämmerung legte sich über die Erde. Im selben Augenblick prasselte unter krachendem Donner und einem blendend grellen Blitz Hagel nieder und hüllte die Welt in ein einziges weißes Toben. Durch den tosenden Sturm hörte man dumpf zerfetzte Äste auf dem Haus aufschlagen. Glas klirrte. Binnen drei Minuten waren in den West- und Nordfenstern sämtliche Scheiben zertrümmert. Der Hagel drang durch die Löcher. Der Fußboden war mit Hagelkörnern bedeckt, das kleinste war hühnereigroß. Eine Dreiviertelstunde lang tobte der Sturm unvermindert weiter und niemand, der ihn erlebte, vergaß ihn je wieder. Marilla, die dies eine Mal in ihrem Leben vor bloßem Entsetzen die Fassung verlor, kniete neben ihrem Schaukelstuhl in einer Ecke der Küche und keuchte und schluchzte bei den ohrenbetäubenden Donnerschlägen. Anne, weiß wie eine Wand, hatte das Sofa vom Fenster weggezerrt und saß da, die Zwillinge neben sich. Davy hatte beim ersten Krachen geheult: »Anne, Anne, ist das das Jüngste Gericht? Anne, Anne, ich war nie mit Absicht ungezogen!« Dann vergrub er seinen Kopf in Annes Schoß und verharrte so; er zitterte am ganzen Körper. Dora, ein bisschen blass, aber ziemlich gefasst, saß da und hielt ruhig und regungslos Annes Hand umklammert. Zweifellos hätte selbst ein Erdbeben Dora nicht aus der Ruhe gebracht.

Dann legte sich der Sturm so plötzlich, wie er losgebrochen war. Es hörte auf zu hageln, das Donnergrollen zog rollend und grummelnd nach Osten hin ab. Strahlend kam die Sonne zum Vorschein und beschien eine völlig veränderte Welt. Es war fast absurd, wie sich innerhalb einer knappen Dreiviertelstunde alles gewandelt hatte.

Marilla stand schwach und zitternd auf und sank in ihren Schaukelstuhl. Sie schaute verstört und sah um zehn Jahre gealtert aus. »Haben wir es alle heil überstanden?«, fragte sie ernst.

»Na klar«, piepste Davy fröhlich und war wieder ganz der alte. »Ich habe überhaupt keine Angst gehabt... nur ganz am Anfang. Es kam so plötzlich. Ich hatte mir kurz überlegt, dass ich am Montag nicht wie abgemacht gegen Teddy Sloane kämpfen würde. Aber jetzt hab ich es mir anders überlegt. Sag mal, Dora, hast du Angst gehabt?«

»Ja, ein bisschen«, sagte Dora artig, »aber ich habe mich an Annes Hand fest gehalten und die ganze Zeit nur gebetet.«

»Naja, wenn ich daran gedacht hätte, hätte ich auch gebetet«, sagte Davy. »Aber«, fügte er triumphierend hinzu, »ich hab es, ohne zu beten, genauso gut überstanden wie du.«

Anne brachte Marilla ein Glas voll von ihrem starken Johannisbeerwein - wie stark er war, wusste Anne aus früheren Zeiten nur allzugut. Dann gingen sie an die Tür, um sich das Schauspiel anzusehen. So weit das Auge reichte, war die Erde von einem knietiefen, weißen Teppich aus Hagelkörnern bedeckt. Ganze Berge lagen zusammengeweht unter den Dachrinnen und auf den Stufen. Als nach drei, vier Stunden die Hagelkörner zu schmelzen begannen, war das ganze Ausmaß der Verwüstung erst richtig zu sehen. Jedes Grün in Feld und Garten war vernichtet. Nicht nur waren sämtliche Blüten von den Apfelbäumen dahin, sondern gute Zweige und Äste waren heruntergerissen worden. Die meisten der von den Verschönerern gepflanzten Bäume waren umgestürzt oder zerfetzt.

»Ist das noch dieselbe Welt wie vor einer Stunde?«, sagte Anne wie betäubt. »In so kurzer Zeit - diese Verwüstung!«

»So etwas hat es auf Prince Edwards Island noch nicht gegeben«, sagte Marilla. »Noch nie. Als ich ein Mädchen war, hat es mal einen schlimmen Sturm gegeben, aber im Vergleich hierzu war das nichts. Wir werden bestimmt noch von furchtbaren Zerstörungen hören.«

»Hoffentlich hat es keins der Kinder erwischt«, murmelte Anne besorgt. Wie sich später herausstellte, waren alle Kinder mit heiler Haut davongekommen, weil alle diejenigen, die eine ziemliche Strecke zu laufen hatten, Mr Andrews’ guten Rat befolgt und beim Postamt Schutz gesucht hatten.

»Da kommt John Henry Carter«, sagte Marilla.

John Henry kam verstört grinsend durch die Hagelkörner gewatet. »Oh, ist das nicht schrecklich, Miss Cuthbert? Mr Harrison schickt mich, um zu schauen, ob Sie es heil überstanden haben.«

»Wir sind alle noch am Leben«, sagte Marilla grimmig, »und das Haus wurde auch nicht getroffen. Ich hoffe, ihr habt es auch gut überstanden.«

»Ja. Nein, nicht so ganz. Wir wurden vom Blitz getroffen. Er ist in den Küchenschornstein eingeschlagen, kam durch den Kamin, hat Gingers Käfig umgestürzt, hat ein Loch in den Fußboden gerissen und ist in den Keller geschossen. Ja.«

»Hat Ginger etwas abbekommen?«, erkundigte sich Anne.

»Ja. Ziemlich viel. Er ist tot.«

Später ging Anne zu Mr Harrison, um ihn zu trösten. Er saß am Tisch und streichelte mit zitternder Hand das bunte Gefieder des toten Ginger.

»Armer Ginger, er wird dich nicht mehr beschimpfen, Anne«, sagte er traurig.

Anne hätte nie geglaubt, dass sie um Ginger weinen würde, aber ihr traten Tränen in die Augen.

»Er war meine einzige Gesellschaft, Anne, und jetzt ist er tot. Ach ja, ach ja, ich bin ein alter Narr, dass ich mir so viel daraus mache. Ich tu so, als ob es mir nichts ausmacht. Ich weiß, dass du mir dein Beileid aussprechen wirst, sobald ich aufhöre zu reden. Aber tu’s nicht. Wenn du was sagst, heule ich wie ein kleines Kind. War das nicht ein furchtbarer Sturm? Nie wieder werden die Leute über Onkel Abes Vorhersagen lachen. Scheint, dass all die Stürme, die er in seinem Leben schon vorhergesagt hat und nicht eingetroffen sind, alle zugleich gekommen sind. Das schlägt alles, wie er den richtigen Tag getroffen hat, nicht wahr? Sieh dir das Durcheinander hier an. Ich muss mich durchkämpfen und ein paar Bretter holen, um das Loch im Fußboden auszubessern.«

Die Bewohner von Avonlea waren tags darauf ausschließlich damit beschäftigt, einander zu besuchen und die Schäden zu vergleichen. Die Straßen waren für Wagen unpassierbar, also ging man zu Fuß oder nahm das Pferd. Die Zeitung kam sehr spät und meldete aus der ganzen Provinz schlimme Verwüstungen, ln Häuser war der Blitz eingeschlagen, es gab Tote und Verletzte. Das gesamte Telefon- und Telegraphennetz war zerstört, die Neuaussaat vernichtet worden. Onkel Abe bahnte sich früh am Morgen den Weg hinaus zum Laden und brachte den ganzen Tag dort zu. Das war Onkel Abes Stunde des Triumphs. Er genoss es in vollen Zügen. Man täte ihm Unrecht, wollte man behaupten, er hätte sich über den Sturm gefreut. Aber da es nun einmal dazu gekommen war, war er froh, dass er ihn vorhergesagt hatte ... noch dazu genau auf den Tag. Onkel Abe vergaß, dass er geleugnet hatte, je den Tag genannt zu haben. Dass die genaue Uhrzeit unbedeutend abwich, das galt nichts.

Am Abend kam Gilbert nach Green Gables und traf Marilla und Anne dabei an, wie sie emsig damit beschäftigt waren, Wachstuchstreifen über die zerborstenen Fenster zu nageln.

»Gott mag wissen, wann wir dafür Glas bekommen«, sagte Marilla. »Mr Barry war heute in Carmody, aber nicht für Geld und gute Worte war eine Scheibe aufzutreiben. Lawson und Blair waren schon um zehn Uhr ausverkauft, alles an die Leute aus Carmody. War es in White Sands schlimm mit dem Sturm, Gilbert?«

»Das kann man wohl sagen. Ich saß mit allen Kindern in der Schule gefangen und dachte, einige würden vor Angst durchdrehen. Drei fielen in Ohnmacht, zwei Mädchen bekamen einen Schreikrampf und Tommy Blewett hat die ganze Zeit geheult.«

»Ich hab nur einmal geheult«, sagte Davy stolz, »ln meinem Garten liegt alles platt am Boden«, fuhr er traurig fort. »Aber in Doras auch«, fügte er in einem Tonfall hinzu, der erkennen ließ, dass das für ihn wie Balsam war.

»Oh, Gilbert, weißt du schon das Neueste? Mr Levi Boulters altes Haus wurde vom Blitz getroffen und ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. Ich komme mir richtig schlecht vor, dass ich mich darüber freue, wo so viel verwüstet wurde. Mr Boulter glaubt, der D.V.V. hätte den Sturm heraufbeschworen.«

»Naja, eins ist sicher«, sagte Gilbert lachend. »Der >Beobachter< hat Onkel Abe den Ruf eines Wetterpropheten verschafft. >Onkel Abes Sturm< wird in die Dorfgeschichte eingehen. Es ist schon ein seltener Zufall, dass er an genau dem Tag kam, den wir ausgesucht haben. Ich fühle mich direkt schuldig, so als hätte ich ihn wirklich >heraufbeschworen<. Wir können uns doch freuen, dass das alte Haus verschwunden ist, denn was unsere jungen Bäume angeht, da gibt es nichts zum Freuen. Keine zehn haben den Sturm heil überstanden.«

»Ja, dann müssen wir nächstes Frühjahr eben wieder neue pflanzen«, sagte Anne weise. »Wenigstens etwas Gutes gibt es auf der Welt -der nächste Frühling kommt bestimmt.«

25 - Skandal in Avonlea

An einem freundlichen Juni morgen, zwei Wochen nach Onkel Abes Sturm, kam Anne mit zwei kaputten weißen Narzissen in der Hand langsam aus dem Garten und über den Hof von Green Gables. »Schau mal, Marilla«, sagte sie betrübt und hielt die Blumen der grimmig dreinsehenden Marilla unter die Augen, die ein grünes Gingham-Kopftuch trug und mit einem gerupften Huhn ins Haus ging. »Das sind die einzigen Blumen, die vom Sturm verschont geblieben sind und auch sie sind nicht mehr ganz heil. Schade, ich wollte ein paar für Matthews Grab pflücken. Ihm haben Narzissen immer so gefallen.«

»Ich vermisse sie auch ein wenig«, gestand Marilla. »Obwohl man sich darüber wohl nicht beklagen sollte, wo viel Schlimmeres geschehen ist - all das Korn und die Früchte, die vernichtet worden sind.«

»Die Farmer haben neuen Hafer eingesät«, sagte Anne tröstend. »Mr Harrison meint, wenn wir einen schönen Sommer haben, wird er schon noch reif, wenn auch ein bisschen spät. Meine einjährigen Pflanzen sprießen auch wieder. Aber nichts kann die Narzissen ersetzen. Die arme Hester Gray bekommt auch keine mehr. Ich bin gestern ganz bis zu ihrem Garten gelaufen, aber da war nicht eine. Bestimmt vermisst sie sie.«

»Du sollst so etwas nicht sagen, Anne, wirklich«, sagte Manila streng. »Hester Gray ist seit dreißig Jahren tot und ihre Seele hoffentlich im Himmel.«

»Ja, aber bestimmt liebt sie ihren Garten noch immer und erinnert sich daran«, sagte Anne. »Egal wie lange ich schon im Himmel wäre, ich würde gern herunterschauen und sehen, wie jemand Blumen auf mein Grab legt. Hätte ich einen Garten wie Hester Gray, ich würde mehr als dreißig Jahre brauchen, auch im Himmel, um mein Heimweh danach zu überwinden.«

»Dass das nicht die Zwillinge hören«, wandte Marilla schwach ein, als sie das Huhn ins Haus brachte.

Anne steckte sich die Narzissen ins Haar und ging zum Tor am Weg, wo sie eine Weile stehen blieb und sich in der Junisonne sonnte. Dann ging sie ins Haus und erledigte ihre Aufgaben für Samstagmorgen. Die Welt wurde wieder schöner. Mutter Natur tat ihr Bestes, um die Spuren des Sturms zu tilgen. Auch wenn es noch Monate dauern würde, bis die letzten Spuren getilgt waren, sie vollbrachte wahre Wunder.

»Am liebsten würde ich heute den ganzen Tag lang faulenzen«, erzählte Anne einem Rotkehlchen, das auf einem Weidenast saß, sang und hin und her wippte. »Aber eine Lehrerin, die noch dazu Zwillinge großziehen hilft, kann nicht dem Nichtstun frönen, Vögelchen. Wie schön du singst, kleiner Vogel. Du drückst mit deinem Lied meine Gefühle viel besser aus, als ich es selbst könnte. Nanu, wer kommt denn da?«

Ein Transportwagen, auf dem vorn zwei Leute saßen und hinten ein großer Koffer stand, kam den Weg entlanggeholpert. Als er näher kam, erkannte Anne in dem Fahrer den Sohn des Bahnhofsvorstehers von Bright River. Seine Begleiterin war eine Fremde - eine ältere Frau, die am Tor flink aus der Kutsche sprang, fast noch ehe das Pferd zum Halten kam. Sie war klein und hübsch, an die fünfzig, hatte rosige Wangen, funkelnde schwarze Augen und glänzendes schwarzes Haar. Sie trug einen prachtvoll mit Blumen und Federn versehenen Hut. Obwohl sie acht Meilen auf einer staubigen Straße hinter sich hatte, sah sie, dem Sprichwort gemäß, wie aus dem Ei gepellt aus. »Wohnt hier Mr James A. Harrison?«, fragte sie resolut.

»Nein, Mr Harrison wohnt dort drüben«, sagte Anne baff.

»Nun, ich dachte mir gleich, das Gehöft sieht zu gepflegt aus - viel zu gepflegt, als dass James A. hier wohnen würde. Oder aber er müsste sich gewaltig geändert haben«, zwitscherte die Frau. »Stimmt es, dass James A. sich mit einer Frau hier aus dem Ort verheiraten will?«

»Nein, o nein«, rief Anne und wurde rot vor schlechtem Gewissen. Die Fremde musterte sie neugierig, so als verdächtige sie sie irgendwelcher Heiratsabsichten hinsichtlich Mr Harrison.

»Aber es stand in einer Zeitung von der Insel«, sagte die Unbekannte. »Eine Freundin hat mir die Ausgabe geschickt und den Artikel angekreuzt - Freundinnen sind zu solchen Diensten stets gern bereit. James A.’s Name stand unter der Rubrik >Neuzugezogener<.«

»Oh, das war nur ein Scherz«, sagte Anne und schnappte nach Luft. »Mr Harrison hat nicht die Absicht, überhaupt zu heiraten. Bestimmt nicht.«

»Da bin ich aber froh«, sagte die blühend aussehende Dame und stieg behende wieder auf den Sitz. »Denn zufällig ist er schon verheiratet. Ich bin seine Frau. Oh, da bist du überrascht. Vermutlich hat er sich als Junggeselle ausgegeben und sich als wahrer Herzensbrecher aufgespielt. So, James A.«, sagte sie und nickte heftig mit dem Kopf in Richtung des länglichen weißen Hauses hinter den Feldern, »der Spaß hat ein Ende. Hier bin ich, obwohl ich mir nicht die Mühe gemacht hätte herzukommen, wenn du nicht etwas im Schilde führtest.

Dieser Papagei«, sie wandte sich Anne zu, »flucht wohl noch genau wie eh und je?«

»Sein Papagei... ist tot... glaube ich«, keuchte die arme Anne, die in diesem Augenblick nicht einmal mehr ihren eigenen Namen mit Bestimmtheit kannte.

»Tot. Dann ist alles in Ordnung«, rief die Dame glücklich. »Mit James A. werde ich schon fertig, wenn mir nur dieser Vogel nicht mehr dazwischenfunkt.«

Mit diesen rätselhaften Worten machte sie sich auf den Weg, während Anne zur Küchentür stürzte, an der Marilla stand.

»Anne, wer war die Frau?«

»Marilla«, sagte Anne ernst, aber mit blitzenden Augen, »sehe ich aus, als wäre ich verrückt?«

»Nicht mehr als sonst«, sagte Marilla, ohne sarkastisch sein zu wollen.

»Gut, meinst du, ich träume?«

»Anne, was redest du für einen Unsinn. Wer war die Frau, habe ich gefragt?«

»Marilla, wenn ich nicht verrückt bin und auch nicht träume, dann muss es sie wirklich geben. So einen Hut hätte ich mir auch nie und nimmer in meiner Phantasie ausmalen können. Sie sagt, sie sei Mr Harrisons Frau, Marilla.«

Marilla starrte sie an.

»Seine Frau! Anne Shirley! Wieso hat er dann gesagt, er sei nicht verheiratet?«

»Das hat er nie ausdrücklich gesagt«, sagte Anne gerechterweise. »Er hat nie gesagt, er wäre nicht verheiratet. Die Leute haben es nur selbstverständlich angenommen. Oh, Marilla, was Mrs Lynde wohl dazu sagen wird?«

Was Mrs Lynde dazu sagen wird, fanden sie bei ihrem Besuch am selben Abend heraus. Mrs Lynde verwunderte es überhaupt nicht! Mrs Lynde hatte schon immer irgend so etwas erwartet! Mrs Lynde hatte gleich geahnt, dass es irgendwas mit Mr Harrison auf sich hatte!

»Seine Frau im Stich zu lassen!«, sagte sie empört. »Davon liest man nur in den Staaten. Wer hätte so was hier in Avonlea für möglich gehalten?«

»Aber wir wissen doch gar nicht, ob er seine Frau verlassen hat«, protestierte Anne und war fest entschlossen, so lange an die Unschuld ihres Freundes zu glauben, bis seine Schuld bewiesen war. »Wir wissen überhaupt nicht, wie es wirklich war.«

»Nun, das werden wir bald wissen. Ich gehe gleich hin«, sagte Mrs Lynde, die nie gelernt hatte, dass es im Lexikon ein Wort wie Takt gab. »Von ihrer Ankunft weiß ich angeblich ja nichts. Mr Harrison wollte heute aus Carmody Medizin für Thomas mitbringen, also habe ich einen guten Vorwand. Ich werde der Sache auf den Grund gehen, auf dem Rückweg vorbeikommen und euch berichten.«

Mrs Lynde stürmte los, wo Anne Angst gehabt hätte, auch nur einen Schritt zu unternehmen. Nichts hätte Anne dazu bewegen können, zu Mr Harrison zu gehen. Aber sie hatte ebenfalls eine natürliche, normale Neugier und war insgeheim froh, dass Mrs Lynde hingehen und das Rätsel lösen würde. Sie und Marilla warteten sehnsüchtig auf ihre Rückkehr, aber sie warteten vergebens. Mrs Lynde tauchte an dem Tag nicht wieder auf Green Gables auf. Davy, der um neun Uhr von den Boulters zurückkam, erklärte, warum.

»Ich hab im Hohlweg Mrs Lynde und eine fremde Frau getroffen«, sagte er. »Lieber Himmel, wie sie aufeinander einschwatzten! Von Mrs Lynde soll ich ausrichten, es täte ihr Leid, aber es wäre zu spät, um noch einmal vorbeizukommen. Anne, ich bin schrecklich hungrig. Wir haben um vier Uhr bei Milty Tee getrunken, und ich glaube, Mrs Boulter ist wirklich geizig. Sie hat uns kein Kompott und keinen Kuchen gegeben. Und das Brot schmeckte auch komisch.«

»Davy, wenn du bei jemand auf Besuch bist, sollst du nicht am Essen herummäkeln«, sagte Anne scharf. »Das gehört sich nicht.«

»Schon gut, ich denke es ja nur im Stillen«, sagte Davy munter. »Gib mir doch was zum Abendessen, Anne.«

Anne sah Marilla an, die ihr in die Speisekammer folgte und sorgsam die Tür schloss.

»Du kannst ihm Brot mit etwas Kompott geben, Anne. Ich weiß, was Tee bei Levi Boulter heißt.«

Davy nahm die Scheibe Brot mit Kompott seufzend entgegen.

»Die Welt ist enttäuschend«, bemerkte er. »Milty hat eine Katze, die Anfälle kriegt - sie hatte drei Wochen lang jeden Tag einen Anfall. Milty findet es schrecklich lustig, ihr dabei zuzusehen. Ich bin heute extra deswegen hingegangen, aber das gemeine Vieh bekam keinen Anfall, es war putzmunter. Milty und ich haben den ganzen Nachmittag auf der Lauer gelegen und gewartet. Aber macht nichts.« Davys Laune besserte sich, da ihm Bissen für Bissen das Pflaumenkompott Seelentrost spendete. »Vielleicht kriege ich es ja ein andermal zu sehen. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass die Anfälle plötzlich aufhören, wo sie sonst immer welche hatte, oder? Das Kompott schmeckt prima.«

Davy hatte keine Sorgen, die nicht mit Pflaumenkompott hätten kuriert werden können.

Der Sonntag war so verregnet, dass man nicht aus dem Haus gehen konnte. Aber am Montag kannte jeder eine andere Fassung der Harrison-Geschichte. In der Schule gab es ein einziges Getuschel. Davy kam mit jeder Menge Neuigkeiten zu Hause an.

»Marilla, Mr Harrison hat eine neue Frau. Naja, nicht so ganz neu, aber sie sind schon eine ganze Weile nicht mehr verheiratet gewesen, sagte Milty. Ich hab immer gedacht, einmal verheiratet, immer verheiratet. Aber Milty sagt, das stimmt nicht, man kann damit aufhören, wenn es einem nicht mehr gefällt. Milty sagt, eine Möglichkeit wäre, einfach zu verschwinden und die Frau sitzen zu lassen und das hätte Mr Harrison getan. Milty sagt außerdem, Mr Harrison hätte seine Frau verlassen, weil sie mit Gegenständen nach ihm geworfen hätte - mit schweren Gegenständen. Arty Sloane meint, er hätte sie verlassen, weil sie ihm das Rauchen verboten hätte. Ned Clay behauptet, es läge daran, weil sie ständig mit ihm geschimpft hätte. Wegen so was würde ich meine Frau nicht verlassen, ich würde nur hart durchgreifen und sagen: >Mrs Davy, du hast zu tun, was mir gefällt, denn ich bin der Herr im Haus!< Das würde sie schnell zum Schweigen bringen, schätze ich. Aber Annetta Clay behauptet, sie hätte ihn verlassen, weil er sich an der Tür nicht die Stiefel abputzt. Sie gibt nicht ihr die Schuld. Ich gehe auf der Stelle zu Mr. Harrison, um sie mir anzusehen.

Davy kam bald einigermaßen enttäuscht wieder.

»Mrs Harrison war nicht da. Sie ist mit Mrs Rachel Lynde nach Carmody gefahren, um neue Tapeten fürs Wohnzimmer zu besorgen. Mr Harrison möchte, dass Anne vorbeikommt, er will mit ihr reden. Stellt euch vor, der Fußboden ist geschrubbt und Mr Harrison war rasiert, obwohl gestern doch gar keine Kirche war.«

Die Harrison’sche Küche kam Anne ganz fremd vor. Der Boden war tatsächlich gewienert, ebenso alle Möbel. Der Ofen war auf Hochglanz poliert, sodass sie sich darin spiegeln konnte. Die Wände waren gestrichen, die Fensterscheiben glänzten im Sonnenlicht. Mr Harrison saß in seiner Arbeitskleidung am Tisch. Am Freitag hatte sie noch etliche Risse und Löcher gehabt, jetzt war sie ordentlich geflickt und gebürstet. Er war glatt rasiert, sein schütteres Haar war sorgfältig gekämmt.

»Setz dich, Anne, setz dich«, sagte Mr Harrison in einem Ton, wie ihn die Bewohner von Avonlea sonst bei Beerdigungen anschlugen. »Emily ist mit Rachel Lynde in Carmody. Sie hat mit ihr schon eine Freundschaft fürs Leben geschlossen. Wie gegensätzlich Frauen und Männer doch sind. Tja, Anne, meine schönen Zeiten sind vorbei — ein für allemal. Der Rest meines Lebens besteht nur noch aus Ordnung und Sauberkeit.«

Mr Harrison gab sich alle Mühe, traurig zu klingen, aber ein nicht zu unterdrückendes Zwinkern in seinen Augen verriet ihn.

»Mr Harrison, Sie sind doch froh, dass Ihre Frau zurückgekommen ist«, rief Anne und wies drohend mit dem Finger auf ihn. »Sie brauchen gar nicht so zu tun, als stimmte das nicht, ich sehe es Ihnen an.« Mr Harrison entspannte sich und zeigte ein dämliches Grinsen.

»Hm ... na ja ... ich werde mich daran gewöhnen«, räumte er ein. »Ich habe es nicht gerade bedauert Emily zu sehen. In einem Ort wie diesem, wo man nicht einmal mit einem Nachbarn Dame spielen kann, ohne dass man verdächtigt wird, dessen Schwester heiraten zu wollen - was dann auch noch in die Zeitung gesetzt wird -, kann ein Mann wirklich jemanden brauchen.«

»Niemand hätte behauptet, dass Sie Isabella Andrews heiraten wollen, wenn Sie nicht so getan hätten, als wären Sie nicht verheiratet«, sagte Anne scharf.

»Das habe ich nicht. Hätte mich jemand gefragt, ob ich verheiratet bin, dann hätte ich es zugegeben. Aber man ist einfach davon ausgegangen, ich wäre nicht verheiratet. Ich wollte nicht unbedingt darüber reden. Es war ein wunder Punkt. Für Mrs Lynde wäre die Welt zusammengebrochen, wenn sie gewusst hätte, dass meine Frau mich verlassen hat, nicht wahr?«

»Aber manche behaupten, Sie hätten Ihre Frau verlassen.«

»Sie hat angefangen, Anne, sie hat angefangen. Ich erzähle dir die ganze Geschichte. Du sollst nicht schlechter von mir denken als ich es verdiene - von Emily auch nicht. Aber lass uns nach draußen auf die Veranda gehen. Hier drinnen ist alles so furchtbar ordentlich, dass ich sozusagen Heimweh bekomme. Nach einer Weile werde ich mich wohl daran gewöhnen, aber ich sehe lieber auf den Hof hinaus. Den Hof zu säubern, hatte Emily noch nicht die Zeit.«

Als sie es sich auf der Veranda bequem gemacht hatten, begann Mr Harrison mit seiner Leidensgeschichte.

»Bevor ich hierher kam, Anne, wohnte ich in Scottsford, New Brunswick. Meine Schwester führte mir den Haushalt. Mit ihr war ich recht zufrieden. Sie war ganz passabel ordentlich, ließ mich in Ruhe und verwöhnte mich, behauptet Emily. Aber vor drei Jahren starb sie. Sie machte sich Gedanken, was aus mir werden sollte, bis sie mir schließlich das Versprechen abnahm zu heiraten. Sie riet mir zu Emily Scott, weil Emily Geld hatte und eine vorbildliche Hauswirtschafterin war. Ich sagte: >Emily Scott würde mich keines Blickes würdigen< Genau das sagte ich. >Frage sie, dann wirst du sehen<, sagte meine Schwester. Nur um ihrer Seelenruhe willen versprach ich sie zu fragen und das habe ich getan. Emily sagte, sie würde mich nehmen. Ich war mein Lebtag nicht so überrascht, Anne - eine so kluge, hübsche Frau und ich alter Knabe! Zuerst, kann ich dir sagen, war ich glücklich. Na ja, wir heirateten und machten eine zweiwöchige Hochzeitsreise nach St. John, dann fuhren wir nach Hause. Wir kamen um zehn Uhr abends an. Und das schwöre ich dir, Anne, keine halbe Stunde und diese Frau machte sich ans Putzen. Ah, ich weiß, du meinst, mein Haus hatte es nötig. Das steht dir im Gesicht geschrieben, Anne. Aber mein Haus hatte es nicht nötig, jedenfalls nicht so gründlich. In meiner junggesellenzeit war alles ein bisschen durcheinander, das gebe ich zu, aber vor meiner Heirat kam eine Frau und hat aufgeräumt. Es wurde ziemlich viel neu gestrichen und repariert. Ich sage dir, wenn du Emily in einen brandneuen blitzblanken Marmorpalast führen würdest, sie würde anfangen zu schrubben, so schnell könnte sie gar nicht in ihr altes Kleid schlüpfen. Tja, sie putzte bis ein Uhr nachts. Um vier stand sie auf und machte sich wieder ans Werk. So ging es weiter - soweit ich es sehe, hat sie nie mehr damit aufgehört. Es war ein ewiges Scheuern, Fegen und Staubwischen, außer sonntags, dann sehnte sie sich nach dem Montag, um von vorn anzufangen. Es machte ihr Spaß. Ich hätte mich ja damit abgefunden, wenn sie mich in Ruhe gelassen hätte. Aber das tat sie nicht. Sie wollte mich umkrempeln, aber ich war schon zu alt, als sie sich mich schnappte. Ich durfte nicht ins Haus gehen, solange ich an der Tür nicht meine Stiefel ausgezogen und Pantoffeln angezogen hatte. Ich durfte um nichts auf der Welt meine Pfeife rauchen, außer in der Scheune. Und ich drückte mich nicht fein genug aus. Emily war früher Lehrerin gewesen, das hat sie nie überwunden. Dann konnte sie nicht ausstehen, wenn sie sah, wie ich mit dem Messer aß. Naja, es war ein einziges Gekeife und Gezeter. Aber, Anne, um ehrlich zu sein, ich war auch giftig. Ich habe mich gar nicht bemüht, mich zu bessern. Ich wurde nur wütend und gemein, wenn sie einen Fehler entdeckte. Eines Tages sagte ich zu ihr, sie hätte sich ja auch nicht über meine Ausdrucksweise beklagt, als ich ihr den Heiratsantrag machte. Das war nicht gerade taktvoll. Ja, so ging es mit dem Gezanke weiter. Es war nicht schön, aber wir hätten uns schon zusammengerauft, wäre da nicht Ginger gewesen. Ginger war die Klippe, an der wir gescheitert sind. Emily mag Papageien nicht, aber dieses Lästermaul von Ginger hasste sie regelrecht. Ich hing an dem Vogel, meinem Bruder, dem Seemann, zuliebe. Als wir noch klein waren, war mein Bruder, der Seemann, mir das Liebste auf der Welt. Bevor er starb, hat er mir Ginger geschickt. Wie sollte ich mich über sein Fluchen aufregen. Es gibt nichts Schlimmeres als Menschen, die fluchen. Aber ein Papagei wiederholt nur das, was er, ohne es zu begreifen, aufgeschnappt hat, wie wenn ich Chinesisch reden würde. Emily sah es anders. Sie versuchte Ginger das Fluchen abzugewöhnen, aber sie hatte damit nicht mehr Erfolg, als mir abzugewöhnen >verstehste< zu sagen und >alles diese Sachen<. Mir kam es vor, dass es mit Ginger, genau wie mit mir, umso schlimmer wurde, je mehr sie sich abmühte.

So gab eins das andere. Alle beide wurden wir immer giftiger — dann kam der Gipfel. Emily lud unseren Pfarrer mit seiner Frau und einem anderen Pfarrerehepaar, das bei den Ersteren zu Besuch war, zum Tee ein. Ich hatte versprochen, Ginger an einen sicheren Platz zu stellen, wo niemand ihn hören konnte. Emily hätte den Käfig um nichts in der Welt angerührt. Ich hatte das auch wirklich vor. Ich wollte nicht, dass die Pfarrer in meinem Haus unflätig beschimpft würden. Aber ich vergaß es. Emily lag mir dauernd in den Ohren von wegen eines sauberen Kragens und meiner Ausdrucksweise, dass es einen nicht zu wundern braucht - ich dachte erst wieder an diesen elenden Papagei, als wir beim Tee saßen. Gerade als Pfarrer Nummer eins mitten in seinem Tischgebet war, fing Ginger, der draußen auf der Veranda vor dem Esszimmerfenster stand, an zu krächzen. Der Puter lief auf dem Hof herum. Der Anblick eines Puters hatte schon immer eine verheerende Wirkung auf Ginger. Diesmal übertraf er sich selbst. Du hast gut lachen, Anne, und ich kann es nicht abstreiten, ich habe hinterher auch schon so manches Mal darüber gelacht. Doch in dem Augenblick war ich wie versteinert, genau wie Emily. Ich ging hinaus und brachte Ginger in die Scheune. Ich kann nicht behaupten, dass ich das Essen genoss. Ein Blick auf Emily und ich sah, dass sich über Ginger und James A. ein Ungewitter zusammenbraute. Als der Besuch aufbrach, machte ich mich auf den Weg zur Kuhweide und dachte nach. Emily tat mir Leid. Ich war nicht gerade rücksichtsvoll mit ihr umgegangen. Außerdem fragte ich mich, ob die Pfarrer annahmen, Ginger hätte die Wörter von mir gelernt. Kurzum, ich beschloss, dass Ginger leider fortgeschafft werden musste. Nachdem ich die Kühe in den Stall getrieben hatte, ging ich ins Haus, um es Emily zu sagen. Aber da war keine Emily. Da lag nur ein Brief auf dem Tisch - wie in einem Roman. Emily schrieb, ich müsse mich entscheiden, sie oder Ginger. Sie wäre nach Hause zurückgekehrt und würde dort bleiben, bis ich käme und ihr sagte, ich wäre diesen Papagei los. Ich war ganz aufgebracht, Anne, und sagte, da könne sie bis zum Jüngsten Tag warten. Dabei blieb ich. Ich packte ihre Sachen und schickte sie ihr nach. Gab das eine Gerede - in Scottsford ist es in dem Punkt fast so schlimm wie in Avonlea. Alle hielten zu Emily. Das machte mich nur noch wütender, gereizter und mürrischer. Ich musste dort weg oder ich hätte nie mehr meine Ruhe gehabt. Ich beschloss auf die Insel zu ziehen. Als Junge war ich einmal hier gewesen, es hatte mir gefallen. Aber Emily hatte immer gesagt, sie wolle nicht an einem Ort leben, wo die Leute sich im Dunkeln nicht mehr aus dem Haus trauten aus Angst, eine Klippe hinunterzustürzen. Aus reiner Widerborstigkeit zog ich hierher. So verhält es sich. Ich hatte nie mehr ein Wort von oder über Emily gehört, bis ich am Samstag vom Feld kam und über sie stolperte, als sie den Fußboden scheuerte. Aber es gab auch das erste anständige Mittagessen, das fertig auf dem Tisch stand, seit sie mich verlassen hat. Ich solle erst essen, dann können wir reden, sagte sie - woraus ich schloss, dass Emily eine ganze Menge dazugelernt hat, wie man mit einem Mann umgeht. Nun ist sie da und wird bleiben, jetzt wo Ginger tot ist und sie festgestellt hat, dass die Insel größer ist, als sie gedacht hatte. Da kommen Mrs. Lynde und Emily. Nein, geh nicht, Anne. Bleib noch und mach dich mit Emily bekannt. Du bist ihr ja schon ein Begriff - sie wollte wissen, wer das hübsche rothaarige Mädchen beim Nachbarhaus gewesen wäre.«

Mrs Harrison begrüßte Anne strahlend und bestand darauf, dass sie zum Tee blieb.

»James A. hat mir alles von dir erzählt und wie nett es von dir war, ihm Kuchen und andere Sachen zu bringen«, sagte sie. »Ich möchte so schnell wie möglich alle Nachbarn kennen lernen. Mrs Lynde ist eine liebe Frau, nicht wahr? So was Nettes.«

Als Anne an diesem lauen Juniabend nach Hause ging, begleitete Mrs Harrison sie über die Felder, auf denen Glühwürmchen leuchteten. »Ich nehme an«, sagte Mrs Harrison, »James A. hat dir unsere Geschichte erzählt?«

»Ja.«

»Dann brauche ich es nicht zu tun. James A. ist ehrlich und erzählt die Wahrheit. Es war bestimmt nicht seine Schuld. Jetzt begreife ich das. Ich war noch keine Stunde wieder in meinem Haus und ich wünschte, ich hätte die Sache nicht so überstürzt. Aber nachgeben wollte ich auch nicht. Heute weiß ich, dass ich zu viel verlangt hatte. Seine Ausdrucksweise zu bekritteln war einfach dumm. James A. und ich werden jetzt richtig glücklich werden. Ich wüsste nur zu gern, wer der >Beobachter< ist. Ich bin ihm wirklich Dank schuldig.«

Anne behielt es für sich. Mrs Harrison erfuhr nie, dass ihr Dank bei der richtigen Adresse angekommen war. Anne war ziemlich verblüfft über die weit reichenden Folgen dieser albernen »Meldungen«. Sie hatten dazu geführt, dass sich ein Mann und eine Frau aussöhnten und hatten jemanden zum Propheten gemacht.

Mrs Lynde saß in der Küche von Green Gables und hatte Marilla die ganze Geschichte erzählt.

»Nun, wie gefällt dir Mrs Harrison?«, fragte sie Anne.

»Sehr. Sie ist wirklich nett.«

»Ja, das ist sie«, sagte Mrs Rachel mit Nachdruck. »Wie ich gerade schon zu Marilla sagte, ich meine, wir sollten ihr zuliebe über Mr Harrisons Eigenheiten hinwegsehen und ihr das Gefühl geben, dass sie hier zu Hause ist. So, ich muss gehen. Thomas wird schon auf mich warten. Seit Eliza da ist, bin ich nur selten außer Haus gewesen. Die letzten Tage ist Thomas viel besser auf dem Damm, aber ich mag ihn nicht lange allein lassen. Ich habe gehört, Gilbert Blythe hat in White Sands aufgehört. Er wird also wohl im Herbst aufs College gehen?«

Mrs Rachel sah Anne durchdringend an, aber Anne beugte sich über den schlafenden Davy, der auf dem Sofa eingenickt war, und wurde nicht ein bisschen rot. Sie trug Davy ins Bett und drückte ihr ovales mädchenhaftes Gesicht an Davys strohblonden Lockenkopf. Als sie die Treppe hinaufgingen, legte Davy halb im Schlaf einen Arm um Anne, umarmte sie herzlich und gab ihr einen feuchten Kuss.

»Du bist schrecklich lieb, Anne. Milty Boulter hat das heute auf seine Tafel geschrieben und es Jennie Sloane gezeigt:

>Rosen sind rot, sind rot immerzu,

Zucker ist süß, und so bist auch du.<

Genau das drückt mein Gefühl für dich aus, Anne.«

26 - Hinter der Biegung in der Straße

Thomas Lynde entschlief so sanft und leise, wie er gelebt hatte. Seine Frau war ihm eine geduldige, unermüdliche Krankenpflegerin bis zum Schluss. Manchmal war sie zu ihrem Thomas in seinen gesunden Zeiten ein wenig hart gewesen, wenn er begriffsstutzig oder zu nachgiebig war. Aber als er krank wurde, war keine Stimme leiser, keine Hand sanfter und geschickter, kein Wachen an seinem Bett klagloser gewesen.

»Du warst mir eine gute Frau, Rachel«, sagte er eines Nachts schlicht, als sie bei ihm saß und ihre abgearbeitete Hand seine magere, fahle alte Hand hielt. »Eine gute Frau. Es tut mir Leid, dass ich dich mit so wenig zurücklassen muss. Die Kinder werden sich um dich kümmern. Sie sind klug und tüchtig, genau wie ihre Mutter. Eine gute Mutter... eine gute Frau.«

Dann war er entschlafen. Als am nächsten Morgen über den Tannenwipfeln in der Senke weiß der Morgen dämmerte, ging Marilla leise in den Ostgiebel und weckte Anne.

»Anne, Thomas Lynde ist gestorben. Der Dienstjunge hat eben Bescheid gegeben. Ich gehe gleich zu Rachel.«

Am Tag nach Thomas Lyndes Beerdigung wanderte Marilla mit einem seltsam gedankenverlorenen Blick auf Green Gables umher. Hin und wieder sah sie Anne an, so als wollte sie etwas sagen, dann schüttelte sie den Kopf und machte den Mund wieder zu. Nach dem Tee besuchte sie Mrs Rachel. Als sie wiederkam, ging sie in den Ostgiebel, wo Anne Schulhefte korrigierte.

»Wie geht es Mrs Lynde heute?«, fragte Anne.

»Sie ist ruhiger und gelassener«, antwortete Marilla und setzte sich auf Annes Bett - was ihre ungewöhnliche innere Unruhe verriet, denn in Marillas Vorstellung von Haushaltsführung war es unverzeihlich, sich auf ein gemachtes Bett zu setzen. »Aber sie ist sehr allein. Eliza musste heute nach Hause zurückkehren. Ihr Sohn ist krank, sie konnte nicht länger bleiben.«

»Wenn ich hiermit fertig bin, laufe ich hinüber und plaudere ein Weilchen mit Mrs. Lynde«, sagte Anne. »Ich wollte eigentlich ein bisschen Latein lernen, aber das kann warten.«

»Gilbert Blythe wird im Herbst wohl aufs College gehen«, sagte Marilla plötzlich. »Würdest du auch gern gehen, Anne?«

Anne schaute verwundert auf.

»Sicher, Marilla. Aber es ist ausgeschlossen.«

»Es lässt sich schon machen. Ich fand schon immer, du solltest gehen. Der Gedanke, dass du meinetwegen darauf verzichtest, belastet mich.«

»Aber, Marilla, ich habe es nicht einen Augenblick bedauert, zu Hause zu bleiben. Ich war so glücklich. Die zwei vergangenen Jahre waren einfach herrlich.«

»0 ja, das weiß ich schon. Aber das ist nicht der Kern der Sache. Du solltest dich weiterbilden. Du hast genügend Ersparnisse, die für das erste Jahr in Redmond reichen. Die Zinsen würden für das zweite Jahr reichen, du könntest Stipendien gewinnen.«

»Ja, aber es geht nicht, Marilla. Deine Augen haben sich zwar gebessert, aber ich kann dich mit den Zwillingen nicht allein sitzen lassen. Man muss ständig ein Auge auf sie haben.«

»Ich würde ja nicht allein mit ihnen sein. Das ist der Punkt, den ich mit dir besprechen will. Ich habe mich heute lange mit Rachel unterhalten, Anne, es geht ihr in vielerlei Hinsicht gar nicht gut. Sie hat nicht viel Geld. Vor acht Jahren haben sie eine Hypothek auf die Farm aufgenommen, um dem jüngsten Sohn im Westen einen Neubeginn zu ermöglichen. Seither haben sie gerade die Zinsen abbezahlen können. Dann hat natürlich Thomas’ Krankheit eine Menge Geld verschlungen. Die Farm muss verkauft werden. Rachel meint, bis alle Rechnungen beglichen sind, wird kaum noch etwas übrig sein. Sie wird die Farm verlassen und zu Eliza ziehen müssen. Der Gedanke, aus Avonlea weg zu müssen, bricht ihr das Herz. Eine Frau in ihrem Alter mache nicht mehr so leicht neue Bekanntschaften. Als sie mir das erzählte, Anne, ging mir durch den Kopf, dass ich sie fragen könnte, hier bei mir zu wohnen. Aber bevor ich es ihr anbiete, wollte ich es mit dir bereden. Wenn Rachel hier wohnen würde, könntest du aufs College gehen. Wie findest du das?«

»Das kommt mir vor, als hätte mir jemand ... den Mond vom Himmel geholt. . . und ich weiß nicht... was ich damit anfangen soll«, sagte Anne wie benommen. »Aber was Mrs Lynde angeht, das musst du entscheiden, Manila. Meinst du ... bist du sicher... du willst es? Mrs Lynde ist eine herzensgute Frau und nette Nachbarin, aber . .. aber. ..«

»Aber sie hat ihre Fehler, wolltest du sagen?Ja, gewiss. Doch ich würde noch viel eher schlimmere Fehler hinnehmen können, als Rachel aus Avonlea Weggehen zu sehen. Ich würde sie schrecklich vermissen. Sie ist meine einzige enge Freundin hier am Ort. Ohne sie wäre ich verloren. Seit funfundvierzig Jahren sind wir Nachbarinnen und hatten nie Streit - obwohl es kurz davor war, als du damals auf Mrs Rachel losgingst, weil sie dich ein hässliches, rothaariges Mädchen nannte. Erinnerst du dich, Anne?«

»0 ja«, sagte Anne reuevoll. »So was vergisst man nicht. Wie ich die arme Mrs Rachel in dem Augenblick gehasst habe!«

»Und dann deine >Entschuldigung<. Naja, du warst wirklich eine Nervensäge, Anne. Ich wusste einfach nicht, wie ich dich anpacken sollte. Matthew verstand das besser.«

»Matthew verstand alles«, sagte Anne sanft, wie sie stets von ihm sprach.

»Nun, jedenfalls konnte die Sache bereinigt werden, sodass Rachel und ich nicht aneinander rasselten. Wenn zwei Frauen unter einem Dach nicht miteinander auskommen, liegt das ohnehin meist daran, dass sie gemeinsam in der Küche herumfuhrwerken und einander in die Quere kommen. Würde Rachel also herkommen, könnte sie im Nordgiebel ihr Schlafzimmer einrichten und das Gästezimmer als Küche. Das Gästezimmer brauchen wir sowieso nicht. Sie könnte ihren Herd dort aufstellen und die Möbel, die sie behalten will. Sie könnte es sich richtig gemütlich machen und wäre unabhängig. Natürlich würde sie genug zum Leben haben - dafür würden ihre Kinder sorgen. Ich würde ihr nur ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellen. Ja, Anne, was mich angeht, mir würde es gefallen.«

»Dann frage sie«, sagte Anne sofort. »Mir würde es auch Leid tun, wenn Mrs Rachel fortginge.«

»Wenn sie einverstanden ist«, fuhr Marilla fort, »kannst du gut aufs College gehen. Sie leistet mir Gesellschaft und erledigt für die Zwillinge, was ich nicht tun kann. Also gibt es keinen plausiblen Grund, weshalb du nicht gehen könntest.«

An dem Abend stand Anne lange am Fenster und dachte nach. Freude und Bedauern kämpfte in ihr. Sie war schließlich doch, plötzlich und unerwartet, zur Biegung ihrer Straße gelangt. Das College lag hinter der Biegung, mit hundert regenbogenfarbigen Hoffnungen und Träumen. Aber Anne war sich auch darüber im Klaren, dass sie viel Schönes hinter sich ließ, wenn sie um die Biegung ging - all die einfachen Pflichten und die Freundschaften, die ihr in den vergangenen zwei Jahren so ans Herz gewachsen waren und die sie durch ihre Begeisterung zu etwas Schönem und Freudigem gemacht hatte. Sie würde die Schule aufgeben müssen - und sie hatte alle ihre Schüler gern, auch die dummen und ungezogenen. Sie brauchte nur an Paul Irving zu denken und sie fragte sich, ob Redmond sie überhaupt reizen konnte.

»Ich habe in den letzten Jahren viele kleine Wurzeln geschlagen«, erzählte Anne dem Mond. »Wenn ich nun entwurzelt werde, tut das sehr weh. Aber es muss sein, denke ich. Und, wie Marilla sagt, es gibt keinen plausiblen Grund, nicht zu gehen.«

Am nächsten Tag schickte Anne die Kündigung ab. Mrs Rachel nahm nach einem offenen und ehrlichen Gespräch mit Marilla dankbar das Angebot an auf Green Gables zu wohnen. Den Sommer über jedoch wollte sie in ihrem Haus bleiben. Die Farm würde erst im Herbst verkauft werden, dafür gab es noch etliche Absprachen zu treffen.

»Ich wollte nie so weit ab von der Straße wohnen«, sagte sie seufzend zu sich. »Aber so aus der Welt, wie es mir immer vorkam, ist Green Gables auch wieder nicht. Anne hat viele Freunde und die Zwillinge bringen Leben ins Haus. Überhaupt würde ich lieber am Brunnengrund leben, als aus Avonlea Weggehen.«

Diese zwei Beschlüsse verbreiteten sich in Windeseile und verdrängten Mrs Harrison als Thema Nummer eins von der Tagesordnung. Viele schüttelten den Kopf über Manilas überstürzte Entscheidung, Mrs Rachel bei sich aufzunehmen. Die Leute meinten, die beiden würden nicht miteinander auskommen. Sie hätten beide »ihren eigenen Kopf«. Es wurden jede Menge düstere Vorhersagen gemacht, wovon sich die beiden jedoch nicht beirren ließen. Sie hatten sich klar und entschieden hinsichtlich ihrer zukünftigen Pflichten und Rechte geeinigt und wollten sich auch daran halten.

»Ich mische mich nicht in deine Angelegenheit ein und du dich nicht in meine«, hatte Mrs Rachel bestimmt gesagt. »Was die Zwillinge angeht, tue ich gern alles, was in meinen Kräften steht. Aber auf Davys Fragerei lasse ich mich nicht ein. Ich bin kein Lexikon und auch keine Rechtsgelehrte, die sich in allen Tricks und Kniffs auskennt. In dem Punkt wird Anne dir fehlen.«

»Manchmal sind Annes Antworten fast so merkwürdig wie Davys Fragen«, sagte Marilla trocken. »Die Zwillinge werden sie vermissen, ohne Zweifel. Aber sie kann nicht ihre Zukunft Davys Wissensdurst opfern. Ich kann seine Fragen nicht beantworten und sage ihm nur, Kinder müssen aus sich selbst heraus lernen. So wurde ich großgezogen und der Weg war auch nicht schlechter als diese neumodischen Methoden der Kindererziehung.«

»Hm, Annes Methoden scheinen bei Davy ganz gut funktioniert zu haben«, sagte Mrs Lynde lächelnd. »Er ist wie umgewandelt.«

»Er ist nicht durch und durch schlecht«, räumte Marilla ein. »Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Kinder je so gern haben würde. Davy kann einen ganz schön auf Trab halten. Dora dagegen ist ein artiges Kind, aber sie ist... na ja, ein bisschen ...«

»Langweilig? Genau«, ergänzte Mrs Rachel. »Wie ein Buch, in dem eine Seite der ändern gleicht.«

»Aus Dora wird eine gute, verlässliche Frau, aber sie wird niemals das Meer entflammen. Die Sorte Mensch kann man gut um sich haben, auch wenn sie nicht so interessant ist wie die andere Sorte.«

Gilbert Blythe war vielleicht der Einzige, der Annes Kündigung mit ungetrübter Freude aufnahm. Für ihre Schüler war es die reinste Katastrophe. Annetta Bell brach auf dem Nachhauseweg in Tränen aus. Anthony Pye focht ohne ersichtlichen Grund regelrechte Schlachten gegen zwei andere Jungen, um sich so Erleichterung zu verschaffen. Barbara weinte die ganze Nacht lang. Paul Irving sagte trotzig zu seiner Großmutter, sie brauche gar nicht damit zu rechnen, dass er die nächsten Wochen seinen Porridge anrühren würde.

»Ich kann nicht, Großmutter«, sagte er. »Ich bringe nicht einen Bissen hinunter. Es ist, als hätte ich einen riesigen Kloß im Hals. Auf dem Nachhauseweg von der Schule hätte ich am liebsten geheult, wenn Jake Donnell mich nicht beobachtet hätte. Ich glaube, ich werde heute Abend im Bett weinen. Das sieht man morgen meinen Augen doch nicht an, nicht wahr? Es wäre eine große Erleichterung. Porridge jedenfalls kann ich nicht essen. Ich brauche meine ganze Kraft, um das durchzustehen, Großmutter. Da habe ich keine Kraft mehr übrig, um mich noch mit dem Porridge auseinander zu setzen. Oh, Großmutter, ich weiß nicht, was ich tun soll, jetzt, wo meine liebe Lehrerin weggeht. Milty Boulter sagt, er gehe jede Wette ein, dass Jane Andrews die Stelle bekommt. Miss Andrews mag ja ganz nett sein. Aber von Sachen, wie Miss Shirley sie versteht, hat sie keine Ahnung.«

Auch Diana sah die Sache sehr düster.

»Nächsten Winter wird es hier schrecklich einsam sein«, sagte sie traurig eines Abends in der Dämmerung, als die Mädchen im Ostgiebel hockten und sich unterhielten. Das Mondlicht fiel zart und silbern durch die Kirschzweige und erfüllte den Ostgiebel mit einem weichen, traumgleichen Glanz. Anne saß in dem niedrigen Schaukelstuhl am Fenster, Diana mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett. »Du und Gilbert seid nicht mehr da und die Allans auch nicht. Man hat Mr Allan die Stelle in Charlottetown angeboten. Er will sie annehmen. Es ist einfach schrecklich. Die Stelle hier wird wohl den ganzen Winter über unbesetzt bleiben und wir müssen endlos vielen Bewerbern lauschen, wovon die Hälfte sowieso nichts taugt.«

»Hoffentlich berufen sie nicht Mr Baxter aus East Grafton«, sagte Anne bestimmt. »Er möchte gern die Stelle haben, aber er hält immer so düstere Predigten. Mr Bell sagt, er sei ein Geistlicher der alten Schule. Aber Mrs Lynde meint, er leide einzig und allein an Verdauungsstörungen. Seine Frau ist scheinbar keine gute Frau. Mrs Lynde sagt, wenn ein Mann von drei Wochen zwei Wochen lang nichts als Sauerbrot zu essen bekommt, könnte er ja gar nicht richtig ticken. Mrs Allan zieht ungern von hier weg. Alle wären vom ersten Tag an, als sie als junge Braut hierher kam, so nett zu ihr gewesen. Ihr wäre zumute, als würde sie uralte Freunde zurücklassen. Außerdem, weißt du, ist da das Grab ihres Babys. Sie mag ihr Kind gar nicht zurücklassen. Es war ein so niedliches kleines Wurm, erst drei Monate alt. Bestimmt würde es seine Mutter vermissen. Obwohl sie es natürlich besser weiß und das auch nie Mr Allan gegenüber sagen würde. Sie hat erzählt, dass er fast jeden Abend durch den Birkenwald hinter dem Pfarrhaus zum Friedhof gegangen ist und dem Baby ein Schlaflied gesungen hat. Das hat sie mir an dem Abend erzählt, als ich ein paar von den ersten wilden Rosen auf Matthews Grab gelegt habe. Ich habe ihr versprochen, solange ich in Avonlea bin, würde ich Blumen auf das Grab ihres Kindes legen, und wenn ich fort bin, würde bestimmt. .. «

» . . . ich es übernehmen«, vollendete Diana den Satz. »Ja, natürlich. Und dir zuliebe lege ich auch Blumen auf Matthews Grab, Anne.«

»Oh, danke. Ich wollte dich schon darum bitten. Auf Hester Grays Grab auch? Bitte vergiss ihres nicht. Verstehst du, ich habe so oft an sie gedacht und von ihr geträumt, dass sie mir, so eigenartig es sein mag, wirklich vorkommt. Ich stelle sie mir in dem kühlen, stillen, grünen Gärtchen vor. Ich bilde mir ein, wie ich eines Abends im Frühling zur verzauberten Stunde zwischen Tag und Nacht dort hinhusche und auf Zehenspitzen so leise den Buchenhügel hinaufgehe, dass meine Schritte ihr keine Angst einflößen. Dann würde ich den Garten vorfinden, wie er früher war - voller Narzissen, wilder Rosen und das winzige Haus dahinter voller Weinranken. Hester Gray mit ihren freundlichen Augen würde da sein, der Wind würde durch ihr dunkles Haus streichen. Sie würde umhergehen, mit den Fingerspitzen die Narzissenkelche berühren und den Rosen Geheimnisse zuflüstern. Ich würde ganz leise auf sie zugehen, die Hände ausstrecken und sagen: >Liebe Hester Gray, darf ich deine Spielkameradin sein, weil ich die Rosen auch mag?< Sie würde sich auf die alte Bank setzen. Wir würden ein wenig plaudern, uns etwas ausmalen oder einfach nur still dasitzen. Dann würde der Mond aufgehen. Ich würde mich umschauen - aber da gäbe es keine Hester Gray, nicht das von Weinreben berankte Haus und keine Rosen, sondern nur einen alten Garten voller Narzissen im Gras. Der Wind würde sachte durch die Kirschbäume streichen. Und ich würde nicht wissen, ob es wirklich gewesen war oder ob ich das alles nur geträumt hatte.«

Diana kletterte höher und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Kopfende des Bettes. Wenn einem die Gefährtin der Zauberstunde der Dämmerung solche gespenstischen Dinge erzählte, war man sich selbst nicht mehr sicher, ob hinter einem nicht doch etwas war.

»Ich fürchte, der D.V.V. wird einschlafen, wenn Gilbert und du fort seid«, bemerkte sie traurig.

»Ach was, keine Angst«, sagte Anne flink und kehrte aus dem Traumland zurück zu den praktischen Dingen des Lebens. »Dafür steht er schon auf viel zu festen Füßen, vor allem, seit die älteren Leute sich so dafür begeistern. Denk nur mal, was sie den Sommer alles wegen der Anlagen und Wege in Angriff nehmen wollen. Außerdem werde ich in Redmond nach Anregungen Ausschau halten, es nächsten Winter aufschreiben und herschicken. Sieh nicht alles so düster, Diana. Verdirb mir jetzt nicht den Spaß und die Freude. Später, wenn ich fort muss, werde ich mich sowieso nicht sehr glücklich fühlen.«

»Du hast allen Grund dich zu freuen. Du gehst aufs College, verlebst eine schöne Zeit und lernst einen Haufen netter neuer Leute kennen.«

»Hoffentlich«, sagte Anne nachdenklich. »Die Möglichkeit dazu zu haben, das macht das Leben faszinierend. Aber wie viele ich auch kennen lerne, sie werden mir nie so lieb sein wie meine alten Freunde. Vor allem nicht wie ein gewisses Mädchen mit schwarzen Augen und Grübchen. Kannst du dir denken, wer, Diana?«

»Aber in Redmond gibt es so viele gescheite Mädchen«, seufzte Diana. »Ich bin nur ein dummes Mädchen vom Lande, das manchmal >verstehste< sagt, auch wenn ich es besser weiß. Sicher, die letzten zwei Jahre waren einfach zu schön, sodass sie noch länger andauern könnten. Jedenfalls kenne ich jemanden, den es freut, dass du nach Redmond gehst. Anne, ich muss dir eine Frage stellen, eine ernste Frage. Ärger dich nicht darüber, sondern antworte ernsthaft. Machst du dir etwas aus Gilbert?«

»So viel wie aus jedem anderen Freund auch. Aber nicht, was du meinst«, sagte Anne ruhig und bestimmt - und das war aufrichtig gemeint.

Diana seufzte. Irgendwie wünschte sie, Annes Antwort wäre anders ausgefallen.

»Vielleicht. . . eines Tages .. . wenn ich den Richtigen treffe«, sagte Anne und lächelte verträumt in den Mondschein.

»Aber woher weiß man, dass es der Richtige ist?«, beharrte Diana. »Oh, ich würde es wissen ... ich würde es irgendwie spüren. Du kennst meine Traumvorstellung, Diana.«

»Die kann sich ändern.«

»Meine nicht. Ich könnte mir aus keinem Mann etwas machen, der sie nicht erfüllt.«

»Was, wenn du den Richtigen nicht triffst?«

»Dann sterbe ich als alte Jungfer«, lautete die fröhliche Antwort. »Das ist durchaus nicht der schlimmste Tod.«

»Ach, das Sterben dürfte nicht das Schlimmste sein, aber mir würde ein Leben als alte Jungfer nicht gefallen«, sagte Diana, ohne spaßig sein zu wollen.

»Obwohl es mir so viel auch wieder nicht ausmachen würde, vorausgesetzt, ich wäre wie Miss Lavendar. Aber wie sie würde ich nie sein. Ich werde mit fünfundvierzig kugelrund sein. Eine schlanke alte Jungfer mag ja noch etwas Romantisches haben - eine dicke nicht. Oh, stelle dir vor, Nelson Atkins hat vor drei Wochen Ruby Gillis einen Heiratsantrag gemacht. Ruby hat es mir erzählt. Sie sagte, sie hätte nicht im Traum daran gedacht, ihn zu heiraten, weil seine zukünftige Frau mit zu seinen Eltern ziehen müsse. Aber er hätte ihr einen so wundervollen, romantischen Antrag gemacht, dass sie ganz hin und her gerissen war. Sie wollte nichts überstürzen, also bat sie ihn um eine Woche Bedenkzeit. Zwei Tage später war sie bei einem Treffen des Nähzirkels bei seiner Mutter zu Hause. Da lag ein Buch mit dem Titel >Wie benehme ich mich richtig< auf dem Wohnzimmertisch. Ruby sagte, sie könne nicht beschreiben, wie ihr zumute war, als sie ein Kapitel mit der Überschrift >Alles über Heiratsanträge und Heiraten< las und Wort für Wort Nelsons Heiratsantrag wieder erkannte. Sie ging nach Hause und schrieb ihm eine vernichtende Absage. Seither würden ihn seine Eltern abwechselnd im Auge behalten aus Angst, er könnte sich im Fluss ertränken. Aber Ruby meint, da brauchten sie keine Angst zu haben. Denn in >Alles über Heiratsanträge und Heiraten< stünde, wie sich ein verschmähter Liebhaber verhält. Von Ertrinken jedenfalls sei darin keine Rede. Und sie sagt, Wilbur Blair verginge buchstäblich nach ihr, aber dem könne sie wirklich nicht helfen.«

Anne machte eine ungeduldige Bewegung.

»Ich sage das nicht gern. Es klingt so untreu. Aber, hm, ich kann Ruby Gillis nicht mehr leiden. Als wir noch zusammen zur Schule und aufs Queen’s College gingen, da mochte ich sie gern - natürlich nicht so wie dich und Jane. Aber seit dem letzten Jahr in Carmody ist sie ganz verändert. . . so . . .«

»Ich weiß«, nickte Diana. »Die Gillis in ihr kommt durch. Sie kann nichts dafür. Sie redet nur über Jungen, was für Komplimente sie ihr machen und dass in Carmody alle verrückt nach ihr seien. So seltsam es auch ist, sie sind wirklich verrückt nach ihr. ..«, gab Diana ärgerlich zu. »Als ich sie gestern in Mr Blairs Laden traf, flüsterte sie mir zu, sie hätte gerade eine neue >Flamme<. Ich wollte sie nicht fragen, um wen es sich drehte, weil sie förmlich danach schmachtete, gefragt zu werden. Naja, es ist wohl das einzige, was Ruby im Kopf hat. Du erinnerst dich, dass sie schon als kleines Mädchen immer sagte, wenn sie groß wäre, wolle sie Dutzende Verehrer haben und sich die schönste Zeit ihres Lebens machen, ehe sie sich häuslich niederlasse. Sie ist ganz anders als Jane, nicht wahr? Jane ist so ein nettes, vernünftiges Mädchen.«

»Die gute Jane ist ein Schatz«, stimmte Anne zu. Dann fuhr sie fort, wobei sie sich vorbeugte und sanft die kräftige Hand mit den Grübchen auf ihrem Kissen streichelte: »Aber keine ist wie meine Diana. Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem wir uns das erste Mal trafen, Diana, und uns in eurem Garten ewige Freundschaft >schworen<? Wir haben unseren Schwur gehalten. Wir haben uns nie gestritten, es gab nicht einmal so etwas wie Kühle zwischen uns. Ich werde nie vergessen, wie mich ein Schauer überlief, als du mir sagtest, du magst mich. Ich hatte mich meine ganze Kindheit hindurch so einsam und allein gefühlt. Mir wird erst jetzt klar, wie einsam und allein ich war. Niemand interessierte sich für mich oder wollte sich mit mir abgeben. Mir wäre so elend zumute gewesen, hätte ich nicht mein kleines Traumleben gehabt, in dem ich mir all die Freundschaften und die Zuneigung ausmalte, nach denen ich mich so sehnte. Als ich nach Green Gables kam, wurde alles anders. Und dann lernte ich dich kennen. Du ahnst gar nicht, was deine Freundschaft mir bedeutete. Ich möchte dir heute dafür danken, meine Liebe, für die warme, aufrichtige Zuneigung, die du mir gegeben hast.«

»Und dir immer geben werde«, schluchzte Diana. »Ich werde nie jemanden, kein Mädchen, halb so gern haben wie dich. Sollte ich je einmal heiraten und ein kleines Mädchen haben, dann werde ich es Anne nennen.«

27 - Ein Nachmittag im Steinhaus

»Du hast dich so fein gemacht, Anne, wohin gehst du?«, wollte Davy wissen. »Das Kleid steht dir mordsmäßig gut.«

Anne war in einem blassgrünen Musselinkleid zum Mittagessen heruntergekommen - es war das erste Mal nach Matthews Tod, dass sie ein farbiges Kleid trug. Es passte gut zu ihr und brachte die feinen, blumengleichen Farbtöne ihres Gesichts und den Glanz und Schimmer ihres Haars voll zur Geltung.

»Davy, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst das Wort nicht gebrauchen«, ermahnte sie ihn. »Ich gehe nach Echo Lodge.«

»Nimm mich mit«, bettelte Davy.

»Wenn ich fahren würde, würde ich dich mitnehmen. Aber ich gehe zu Fuß und für deine kurzen Beine ist der Weg zu weit. Außerdem kommt Paul mit. Das würde dir sowieso alles vermiesen.«

»Oh, ich kann Paul schon viel besser leiden«, sagte Davy und begann fürchterlich in seinem Pudding herumzustochern. »Seit ich mich gebessert habe, macht es mir nichts mehr aus, dass er noch viel besser ist. Wenn ich durchhalte, hole ich ihn eines Tages ein, sowohl in der Beinlänge als auch im Bravsein. Übrigens ist Paul sehr nett zu uns Jungen aus der zweiten Klasse. Er lässt nicht zu, dass die großenjungen sich mit uns anlegen, und er zeigt uns viele Spiele.«

»Wie kam es, dass Paul gestern Mittag in den Bach gefallen ist?«, fragte Anne. »Er stand tropfnass auf dem Schulhof. Ich habe ihn gleich nach Hause geschickt, damit er sich trockene Sachen anzieht, ohne nachzufragen, wie es passiert ist.«

»Naja, teils war es ein Versehen«, erklärte Davy. »Den Kopf hat er absichtlich hineingesteckt, aber ganz hineingefallen ist er versehentlieh. Wir waren alle unten am Bach. Prillie Rogerson war wegen irgendwas ganz rasend auf Paul. Sie ist sowieso gemein und fies und wenn sie noch so hübsch ist. Sie sagte, seine Großmutter würde ihm jeden Abend die Haare mit Lockenwickler aufdrehen. Paul machte sich nichts daraus. Aber Gracie Andrews fing an zu lachen, da lief Paul rot an. Weil Gracie seine Freundin ist, wisst ihr. Er ist total in sie verschossen - bringt ihr Blumen mit und trägt die ganze Uferstraße lang die Bücher für sie. Er bekam eine knallrote Rübe und sagte, das stimme nicht, er wäre mit Locken auf die Welt gekommen. Dann legte er sich aufs Ufer und steckte den Kopf ins Wasser, damit sie es selbst sehen konnten. Oh, nicht an der Quelle, aus der wir trinken«, sagte er, als er Marillas entsetzten Blick sah, »an der kleineren weiter unten. Das Ufer ist sehr glitschig. Paul landete direkt im Wasser. Ich kann euch sagen, das gab einen mordsmäßigen Platscher! Oh, Anne, Anne, das wollte ich nicht sagen ... es ist mir nur so herausgerutscht. Das gab einen phantastischen Platscher! Er sah furchtbar komisch aus, als er herauskletterte, er war triefnass und voller Schlamm. Die Mädchen konnten sich nicht mehr halten vor Lachen, bis auf Gracie. Ihr tat es Leid. Gracie ist nett, aber sie hat eine Stupsnase. Wenn ich groß genug bin, um eine Freundin zu haben, will ich keine mit einer Stupsnase. Ich suche mir eine, die eine genauso schöne Nase hat wie du, Anne.«

»Einen jungen, der sich beim Puddingessen das Gesicht mit Sirup bekleckert, den sehen Mädchen nicht einmal an«, sagte Marilla streng. »Bevor ich mir eine Freundin suche, wasche ich mir das Gesicht«, wandte Davy ein und versuchte die Flecken abzuwischen, indem er sich mit dem Handrücken übers Gesicht rieb. »Ich wasch mir auch die Ohren, ohne dass man es mir sagen muss. Heute Morgen hab ich auch daran gedacht, Marilla. Ich vergesse es nur mehr halb so oft wie früher. Aber«, seufzte Davy, »man hat so viele versteckte Ecken an sich, dass man fast nicht an alle denken kann. Also, wenn ich nicht mit zu Miss Lavendar darf, gehe ich Mr Harrison besuchen. Mrs Harrison ist furchtbar nett, kann ich euch sagen. In der Speisekammer hat sie für kleine Jungen ein Glas mit Bonbons stehen. Außerdem darf ich immer die Reste aus der Schüssel kratzen, in der sie Pflaumenkuchen zubereitet. An den Seiten kleben immer noch ganz viele Pflaumen, müsst ihr wissen. Mr Harrison war auch immer nett, aber seit er wieder verheiratet ist, ist er noch mal so nett. Heiraten macht die Leute scheint’s netter. Warum heiratest du nicht, Marilla? Das will ich wissen.«

Dass sie nicht verheiratet war, war nie ein heikles Thema für Marilla gewesen. Also antwortete sie liebenswürdig, wobei sie mit Anne viel sagende Blicke austauschte, das läge wohl daran, dass niemand sie hätte heiraten wollen.

»Vielleicht hast du ja auch nie jemanden gefragt, ob er dich heiraten will«,wandte Davy ein.

»Oh, Davy«, sagte Dora artig, die vor Schock etwas sagte, ohne dass sie gefragt worden war, »der Mann muss einen fragen.«

»Warum immer die Männer«, brummte Davy. »Als ob alles auf der Welt die Männer erledigen müssen. Kann ich noch etwas Pudding haben, Marilla?«

»Du hast schon mehr als genug gehabt«, sagte Marilla, aber sie gab ihm noch eine bescheidene Portion.

»Ich wollte, man könnte sich von Pudding ernähren. Warum eigentlich nicht, Marilla? Das will ich wissen.«

»Weil man bald keinen Pudding mehr sehen könnte.«

»Das würde ich gern ausprobieren«, sagte Davy zweifelnd. »Aber immer noch besser an Festtagen und wenn Besuch da ist, Pudding zu bekommen als gar nicht. Bei Milty Boulter gibt’s nie welchen. Milty sagt, wenn Freunde ihn besuchen, gibt seine Mutter ihnen Käse, den sie selbst aufschneidet. Eine Scheibe für jeden und eine extra für gutes Benehmen.«

»Wenn Milty Boulter so von seiner Mutter spricht, brauchst du es ihm noch lang nicht nachzumachen«, sagte Marilla scharf.

»Du meine Güte«, - den Ausdruck hatte Davy von Mr Harrison und benutzte ihn mit Vorliebe -, »Milty hat es als Komplott gemeint. Er ist schrecklich stolz auf seine Mutter, weil alle sagen, sie könnte auf dem Trockenen sitzen und würde trotzdem was zu essen beschaffen.«

»Die verflixten Hühner sind doch schon wieder in meinem Stiefmütterchenbeet«, sagte Marilla, stand auf und ging schnell hinaus.

Die verflixten Hühner waren nicht im Stiefmütterchenbeet. Marilla warf nicht einmal einen Blick hin. Stattdessen setzte sie sich auf die Kellerklappe und lachte, bis sie sich über sich selbst schämte.

Als Anne und Paul am Nachmittag beim Steinhaus ankamen, waren Miss Lavendar und Charlotta die Vierte im Garten. Sie jäteten, rechten, schnitten und stutzten zurecht, als ginge es ums liebe Leben. Miss Lavendar, die kess und hübsch aussah in ihren geliebten Rüschen und Spitzen, ließ die Gartenschere fallen und lief freudig ihrem Besuch entgegen. Charlotta die Vierte grinste fröhlich. »Willkommen, Anne. Ahnte ich es doch, dass du heute kommst. Du machst diesen Nachmittag komplett. Dinge, die zusammengehören, kommen auch zusammen. Welchen Ärger sich manche ersparen könnten, wenn ihnen das klar wäre. Aber sie wissen es nicht und verschwenden viel Energie darauf, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um zusammengehörige Dinge zusammenzubringen. Und du, Paul... nanu, bist du groß geworden! Du bist um einen halben Kopf gewachsen, seit du das letzte Mal hier warst.«

»Ja, ich schieße in die Höhe wie Gänsefuß bei Nacht, wie Mrs Lynde immer sagt«, sagte Paul ehrlich erfreut über die Tatsache. »Großmutter sagt, das Porridge wirke endlich. Vielleicht stimmt es. Weiß der Himmel«, Paul seufzte tief, »ich habe so viel davon gegessen, dass es jeden zum Wachsen bringen würde. Hoffentlich wachse ich jetzt so lange weiter, bis ich so groß bin wie mein Vater. Er ist über einen Meter achtzig groß, wissen Sie, Miss Lavendar.«

Ja, das wusste Miss Lavendar. Ihre hübschen Wangen wurden noch ein wenig röter. Sie nahm Paul an die eine und Anne an die andere Hand und ging schweigend aufs Haus zu.

»Ist heute ein guter Tag für die Echos, Miss Lavendar?«, fragte Paul gespannt. Bei seinem ersten Besuch war Paul sehr enttäuscht gewesen, weil es zu windig gewesen war.

»Ja, der beste Tag überhaupt«, antwortete Miss Lavendar und riss sich aus ihren Träumen. »Aber zuallererst gehen wir hinein und essen etwas. Ihr zwei seid den ganzen Weg hierher gelaufen und seid bestimmt hungrig. Charlotta die Vierte und ich könnten Tag und Nacht essen - wir haben mächtig Appetit. Wir plündern schnell einmal die Speisekammer. Zum Glück ist sie hübsch voll. Ich hatte so eine Ahnung, dass ich heute Besuch bekommen würde. Charlotta die Vierte und ich haben dafür gesorgt.«

»Sie gehören zu denen, die immer nette Sachen auf Vorrat in der Speisekammer haben«, verkündete Paul. »Genau wie Großmutter. Aber kleine Imbisse zwischen den Mahlzeiten, das gibt es bei ihr nicht. Ich frage mich«, fügte er nachdenklich hinzu, »ob ich die kleinen Imbisse nicht woanders zu mir nehmen sollte, wo sie nun mal dagegen ist.«

»Nach einem langen Spaziergang würde sie bestimmt eine Ausnahme machen. Dann ist es etwas anderes«, sagte Miss Lavendar und warf Anne über Pauls braunen Lockenkopf hinweg belustigte Blicke zu. »Kleine Imbisse sind ausgesprochen ungesund. Wir halten es genau entgegengesetzt. Charlotta die Vierte und ich, wir leben entgegen aller Regeln der Ernährung. Wir essen zu jeder Tages- und Nachtzeit alle möglichen schwer verdaulichen Sachen und gedeihen wie Bäume am Wasser. Wir nehmen uns immer vor, uns zu bessern. Wenn wir in der Zeitung einen Artikel lesen, in dem vor einer unserer Lieblingsspeisen gewarnt wird, schneiden wir ihn aus und hängen ihn zur Erinnerung an die Küchenwand. Aber irgendwie denken wir erst wieder daran, wenn wir besagtes Essen verspeist haben. Bis jetzt haben wir es heil überstanden. Aber Charlotta die Vierte hatte einmal Alpträume, nachdem wir Krapfen, gefüllte Pastete und Früchtekuchen vor dem Zubettgehen gegessen hatten.«

»Großmutter gibt mir vor dem Zubettgehen immer nur ein Glas Milch und eine Scheibe Butterbrot zu essen. Nur sonntags streicht sie Marmelade aufs Brot«, sagte Paul. »Also freue ich mich immer auf Sonntagabend - aber nicht nur aus dem Grund. Die Sonntage an der Uferstraße sind immer so langweilig. Großmutter kommen sie zu kurz vor. Vater hätte als kleiner Junge Sonntage nicht langweilig gefunden, sagt sie. Ich würde sie auch nicht langweilig finden, wenn ich mich mit meinen Felsen-Menschen unterhalten könnte, aber an Sonntagen hat Großmutter es mir verboten. Also denke ich über dies und jenes nach. Es sind mehr weltliche Gedanken. Großmutter sagt, am Sonntag solle man nur über religiöse Dinge nachdenken. Die Lehrerin hat einmal gesagt, jeder schöne Gedanke wäre fromm, egal, worum es sich handelt oder an welchem Tag man ihn denkt. Großmutter meint, dass man sich nur bei Predigten und in den Unterrichtsstunden in der Sonntagsschule wirklich fromme Gedanken macht. Weil meine Großmutter und die Lehrerin verschiedener Auffassung sind, weiß ich nicht, woran ich bin. Im Innern«, Paul legte die Hand auf die Brust und sah mit seinen ernsten blauen Augen in Miss Lavendars verständnisvolles Gesicht, »stimme ich mit der Lehrerin überein. Andererseits, verstehen Sie, hat Großmutter Vater nach ihren Auffassungen erzogen und das war ein voller Erfolg. Die Lehrerin hat bisher noch niemanden großgezogen, allerdings hilft sie Davy und Dora aufzuziehen. Aber man weiß nicht, was aus ihnen wird, wenn sie erwachsen sind. Manchmal finde ich es sicherer, mich an Großmutters Ansichten zu halten.«

»Das solltest du auch«, stimmte Anne ihm ernst zu. »Wenn deine Großmutter und ich der Sache allerdings auf den Grund gingen, würde sich bestimmt herausstellen, dass wir beide dasselbe meinen und es nur in anderen Worten ausdrücken. Richte dich lieber nach deiner Großmutter, sie spricht aus Erfahrung. Man muss abwarten, was aus den Zwillingen wird, ehe feststeht, dass mein Weg ebenso gut ist.« Nach dem Essen gingen sie wieder in den Garten, wo Paul staunend und voller Wonne das Echo ausprobierte. Anne und Miss Lavendar setzten sich auf die Steinbank unter der Pappel und unterhielten sich.

»Du gehst also im Herbst fort?«, sagte Miss Lavendar gedankenvoll. »Für dich freut es mich, aber was mich angeht, finde ich es schrecklich schade. Ich werde dich sehr vermissen. Manchmal finde ich es direkt sinnlos, Freundschaften zu schließen. Die Freunde verschwinden nach einer Weile und hinterlassen eine Wunde, die schlimmer ist als die Leere, bevor sie in meinem Leben auftauchten.«

»Das klingt nach Miss Eliza Andrews, nicht nach Miss Lavendar«, sagte Anne. »Nichts ist schlimmer als Leere. Aber ich verschwinde ja nicht aus Ihrem Leben. Es gibt so was wie Briefe und Ferien. Sie sehen blass und müde aus, meine Liebe.«

»Huh ... huuuhh ... huuuhhh«, machte Paul, der auf der Steinmauer saß und fleißig Geräusche machte - nicht sehr melodiöse Geräusche, die aber golden und silberhell widerhallten, verwandelt von den Feen jenseits des Flusses. Miss Lavendar machte mit ihrer hübschen Hand eine ungeduldige Geste.

»Ich bin alles leid, sogar das Echo. Mein ganzes Leben besteht nur aus Echos - Echos vergangener Hoffnungen, Träume und Freuden. Das Echo ist schön und spöttisch. Ach, Anne, ich sollte dir gegenüber nicht so reden. Ich werde eben alt und kann mich nicht damit abfinden. Mit sechzig werde ich unausstehlich sein. Vielleicht brauche ich auch nur eine Pillenkur.«

In dem Augenblick tauchte Charlotta die Vierte, die nach dem Essen verschwunden war, wieder auf und verkündete, dass die Nordostecke von Mr Kimballs Weide über und über rot mit ersten Erdbeeren sei. Ob Miss Shirley nicht Lust hätte, ein paar zu pflücken. »Erdbeeren zum Tee!«, rief Miss Lavendar. »Ich bin doch noch nicht so alt, wie ich dachte. Ach was, Pillen! Mädchen, sammelt Erdbeeren! Wenn ihr zurück seid, trinken wir hier draußen unter der Silberpappel Tee. Ich bereite alles vor. Es gibt selbst geschöpfte Sahne.«

Anne und Charlotta die Vierte gingen zu Mr Kimballs Weide. Die Luft war samtweich, duftete nach Veilchen und leuchtete golden wie Bernstein.

»Wie herrlich frisch es hier ist!«, sagte Anne und sog die Luft ein. »Ich fühle mich, als würde ich im Sonnenschein baden.«

»Ja, Miss, so fühle ich mich auch. Genauso fühle ich mich auch«, stimmte Charlotta die Vierte zu, die genau dasselbe geantwortet hätte, hätte Anne gesagt, sie komme sich vor wie ein Pelikan in der Wüste. Nach jedem ihrer Besuche in Echo Lodge war Charlotta die Vierte in ihr kleines Zimmer über der Küche gegangen und hatte vor dem Spiegel geübt wie Anne zu sprechen, wie sie zu schauen und sich wie sie zu bewegen. Das war ihr nie ganz gelungen. Aber Übung macht den Meister, hatte Charlotta in der Schule gelernt. Sie hoffte inständig, dass sie irgendwann auf den Dreh kam, wie man so zart das Kinn hob, schnell und funkelnd die Augen aufschlug und sich wie ein Zweig im Wind zu bewegen. Wenn man sie so sah, konnte man meinen, es wäre ganz leicht. Charlotta die Vierte bewunderte Anne von ganzem Herzen. Nicht dass sie sie für besonders schön hielt. Diana Barry mit ihren rosigen Wangen und schwarzen Locken gefiel ihr viel besser als Anne mit ihren leuchtend graugrünen Augen und den blassen, ständig die Farbe wechselnden rosa Wangen.

»Aber ich würde lieber so aussehen wie Sie, statt hübsch zu sein«, sagte sie ernst zu Anne.

Anne lachte, genoss das Kompliment wie Honig und warf den Stachel fort. Sie betrachtete Komplimente stets mit gemischten Gefühlen. Man war sich nie einig über ihr Aussehen. Manche, die sie vom Hörensagen für hübsch gehalten hatten, lernten sie kennen und waren enttäuscht. Andere, die sie für unscheinbar gehalten hatten, sahen sie und fragten sich, ob manche Leute keine Augen im Kopf hatten. Anne selbst hielt sich nie für schön. Sah sie in den Spiegel, schaute sie in ein kleines blasses Gesicht mit sieben Sommersprossen auf der Nase. Ihr Spiegel enthüllte ihr nie das schwer bestimmbare Wechselspiel ihrer Gefühle, das wie eine leuchtende Flamme über ihr Gesicht huschte, noch den Reiz ihrer Phantasie und das Lachen, das in ihren großen Augen aufleuchtete.

War Anne streng genommen nicht schön, so besaß sie doch einen gewissen, schwer zu beschreibenden Charme, ein auffallendes Äußeres, eine angenehme Mädchenhaftigkeit, aber zugleich auch eine innere Stärke, was im Betrachter ein Gefühl von Zufriedenheit hinterließ. Annes engste Freunde spürten, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass ihre größte Anziehungskraft in ihrer gestalterischen Kraft lag. Sie verbreitete um sich eine Atmosphäre, in der alles geschehen konnte.

Beim Erdbeerpflücken vertraute Charlotta die Vierte Anne ihren Kummer wegen Miss Lavendar an. Das warmherzige kleine Dienstmädchen machte sich ernstlich Sorgen um die von ihr bewunderte Frau des Hauses.

»Miss Lavendar geht es nicht gut, Miss Shirley, gar nicht gut. Obwohl sie sich nie beklagt. Das geht jetzt schon eine ganze Weile so, seit Sie und Paul das erste Mal hier waren. An dem Abend hat sie sich eine Erkältung geholt. Als sie beide gegangen waren, war sie noch lange draußen im Dunkeln im Garten. Sie hatte nur ein dünnes Tuch um. Bestimmt hat sie da gefroren. Seitdem wirkt sie lustlos und hat an nichts Interesse. Sie tut auch nicht mehr so, als erwarte sie Besuch. Sie macht sich nicht mehr fein und gar nichts, Miss. Nur wenn Sie kommen, ist sie ein bisschen munterer. Das Schlimmste ist, Miss Shirley«, Charlotta die Vierte senkte die Stimme, als hätte sie höchst seltsame, schlimme Krankheitsanzeichen zu vermelden, »dass sie sich nicht mal aufregt, wenn ich Sachen kaputtmache. Stellen Sie sich vor, Miss Shirley, gestern hab ich ihre grüngelbe Schale zerdeppert, die immer auf dem Bücherregal stand. Ihre Großmutter hat sie ihr aus England mitgebracht. Miss Lavendar war immer ganz heikel damit. Ich hab sie behutsam wie immer abgestaubt, Miss Shirley. Da ist sie mir weggerutscht. Ich konnte sie nicht mehr auffangen, sie zerbrach in tausend Millionen Teile. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Leid es mir getan hat. Aber ich hatte solche Angst, Miss. Ich dachte, Miss Lavendar würde furchtbar mit mir schimpfen. Das wäre mir immer noch lieber gewesen, als wie sie es dann hinnahm. Sie kam ins Zimmer, schaute kaum hin und sagte: >Macht nichts, Charlotta. Sammle die Scherben auf und wirf sie weg.< Das war alles, Miss Shirley. >Sammle die Scherben auf und wirf sie weg<, so als wäre es gar nicht die Schale, die ihre Großmutter ihr aus England mitgebracht hat. Oh, es geht ihr gar nicht gut und mir ist auch nicht wohl dabei zumute. Wo sie nur mich hat, die sich um sie kümmert.«

Charlotta der Vierten traten Tränen in die Augen. Anne streichelte ihre kleine braune Hand, in der sie die rosa Erdbeerschüssel mit dem Sprung hielt.

»Miss Lavendar würde ein Tapetenwechsel gut tun, Charlotta. Sie ist zu viel allein. Können wir sie nicht dazu überreden, eine kleine Reise zu machen?«

Charlotta mit ihren buschigen Augenbrauen schüttelte unglücklich den Kopf.

»Das glaube ich nicht, Miss Shirley. Miss Lavendar hasst es auf Besuch zu gehen, ln ihrem ganzen Leben hat sie nur drei ihrer Verwandten besucht. Sie sagt, sie tut es nur aus familiärer Verpflichtung. Als sie von ihrem letzten Besuch zurückkam, hat sie gemeint, das wäre das allerletzte Mal gewesen. >Allein zu Hause und sicher unter meinem Dach ist mir immer noch lieber, Charlotta<, sagte sie zu mir. >Meine Verwandten behandeln mich wie eine alte Jungfer, das bekommt mir ganz und gar nicht.< Genau das hat sie gesagt, Miss Shirley. >Das bekommt mir ganz und gar nicht.< Also hätte es wohl keinen Sinn, sie dazu zu überreden.«

»Dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen«, sagte Anne entschieden, als sie die letzte Erdbeere, die noch hineinpasste, in die rosa Schüssel legte. »Sobald ich Ferien habe, komme ich für eine Woche her. Wir machen jeden Tag ein Picknick, malen uns alles Mögliche aus und versuchen Miss Lavendar ein wenig aufzuheitern.«

»Das ist es, Miss Shirley«, rief Charlotta die Vierte begeistert. Sie freute sich für Miss Lavendar und auch für sich. Eine ganze Woche, in der sie Anne studieren konnte - da würde sie bestimmt lernen, sich wie sie zu bewegen und zu benehmen.

Als sie nach Echo Lodge zurückkehrten, hatten Miss Lavendar und Paul den kleinen viereckigen Tisch aus der Küche in den Garten gestellt und alles vorbereitet. Nichts hatte je so köstlich geschmeckt wie diese Erdbeeren mit Sahne, die sie unter dem weiten blauen Himmel mit den weichen weißen Wölkchen, den langen Schatten der Bäume und dem Lispeln und Rauschen des Windes aßen. Anschließend half Anne Charlotta in der Küche beim Abwasch, während Miss Lavendar mit Paul auf der Steinbank saß und seinen Geschichten über seine Felsen-Menschen zuhörte. Sie war eine gute Zuhörerin, die liebe Miss Lavendar. Doch dann fiel Paul auf, dass sie sich plötzlich nicht mehr für seine Zwillings-Segler interessierte.

»Miss Lavendar, warum sehen Sie mich so an?«, fragte er ernst.

»Wie sehe ich dich denn an, Paul?«

»So, als würden Sie durch mich durch sehen und als würde ich Sie an jemand erinnern«, sagte Paul, der manchmal so unvermittelt geradezu unheimliche Erkenntnisse hatte, dass man in solchen Augenblicken besser keine Geheimnisse vor ihm hatte.

»Du erinnerst mich an jemand, den ich vor langer Zeit einmal kannte«, sagte Miss Lavendar verträumt.

»Als Sie jung waren?«

»Ja, als ich jung war. Findest du mich sehr alt, Paul?«

»Ich weiß nicht so recht«, sagte Paul vertraulich. »Ihre Haare wirken alt - ich habe noch nie jemand gekannt, der noch so jung war und schon weiße Haare hatte. Aber wenn Sie lachen, sind Ihre Augen so jung wie die von meiner Lehrerin. Wissen Sie was, Miss Lavendar?« Pauls Stimme und Miene waren so ernst wie die eines Richters. »Sie wären bestimmt eine prima Mutter. Ihre Augen haben genau den passenden Ausdruck dafür - wie bei meiner Mutter. Ich finde es schade, dass Sie keine eigenen Jungen haben.«

»Ich habe einen kleinen Traumjungen, Paul.«

»Oh, wirklich? Wie alt ist er?«

»Ungefähr so alt wie du. Eigentlich müsste er schon älter sein, denn ich habe ihn mir erträumt, lange bevor du geboren wurdest. Aber ich lasse ihn nicht älter als elf, zwölf Jahre werden. Sonst wäre er nämlich plötzlich erwachsen und dann würde ich ihn verlieren.«

»Ich verstehe«, nickte Paul. »Das ist das Schöne an Traum-Menschen -sie bleiben so alt, wie man möchte. Sie, meine liebe Lehrerin und ich sind die Einzigen auf der Welt, die ich kenne, die Traum-Menschen haben. Ist es nicht lustig und herrlich, dass wir uns kennen gelernt haben? Aber ich glaube, solche Leute finden zueinander. Großmutter hat keine Traum-Menschen, Mary hält mich wegen meiner Traum-Menschen sogar für nicht ganz richtig im Kopf. Aber mir gefällt es. Sie verstehen schon, Miss Lavendar. Erzählen Sie mir von Ihrem Traumjungen.«

»Er hat blaue Augen und einen Lockenkopf. Er kommt jeden Morgen in mein Zimmer gehuscht und weckt mich mit einem Kuss. Dann spielt er den ganzen Tag hier im Garten und ich spiele mit ihm. Alles Mögliche. Wir machen Wettrennen, reden mit dem Echo und ich erzähle ihm Geschichten. Wenn es dunkel wird ...«

»Ich weiß schon«, unterbrach Paul ungeduldig. »Dann kommt er her und setzt sich neben Sie, so, weil er mit zwölf natürlich viel zu alt ist, um auf Ihren Schoß zu klettern. Er lehnt den Kopf an Ihre Schulter, so. Sie legen den Arm um ihn, halten ihn fest, ganz fest und legen Ihre Wangen an seinen Kopf, ja, genau so. Oh, Sie verstehen das, Miss Lavendar.«

Anne kam aus dem Haus und sah die beiden dort sitzen. Als sie Miss Lavendar betrachtete, tat es ihr Leid, die beiden stören zu müssen. »Ich fürchte, Paul, wir müssen gehen, wenn wir vor Anbruch der Dunkelheit zu Hause sein wollen. Miss Lavendar, ich möchte mich demnächst für eine Woche nach Echo Lodge einladen.«

»Ich werde dich zwei dabehalten«, drohte Miss Lavendar.

28 - Der Prinz kehrt zurück in das Zauberschloss

Der letzte Schultag brach an. Die »Halbjahres-Prüfung« wurde abgehalten, bei der Annes Schüler glänzend abschnitten. Bei Schulabschluss überreichte man ihr eine Dankschrift. Alle anwesenden Mädchen und Damen weinten. Einige der Jungen hatten später auch geweint, obwohl sie es abstritten.

Mrs Harmon Andrews, Mrs Peter Sloane und Mrs William Bell gingen zusammen nach Hause und beredeten das Ganze noch einmal.

»Was für ein Jammer, dass Anne fortgeht, wo die Kinder so an ihr hängen«, seufzte Mrs Sloane, die bei allem und jedem seufzte und selbst ihre Witze mit einem Seufzer beendete. »Sicher«, fügte sie schnell hinzu, »im nächsten Schuljahr bekommen wir auch eine gute Lehrerin.«

»Jane wird gewissenhaft ihre Arbeit tun«, sagte Mrs Andrews ziemlich scharf. »Gewiss wird sie den Kindern nicht so oft Märchen erzählen oder so ausgiebig mit ihnen durch die Wälder streifen. Immerhin steht sie auf der Schulehrenliste und die Eltern in Newbridge sind ganz außer sich, dass sie fortgeht.«

»Ich freue mich für Anne, dass sie aufs College geht«, sagte Mrs Bell. »Das war immer ihr Wunsch, für sie ist das eine feine Sache.«

»Na, ich weiß nicht.« Mrs Andrews war an dem Tag nicht gewillt, einer von beiden voll und ganz Recht zu geben. »Mir will nicht in den Kopf, wozu Anne noch weiter studieren will. Wahrscheinlich heiratet sie sowieso Gilbert Blythe, gesetzt den Fall, er liebt sie noch, bis er mit dem College fertig ist. Wozu braucht sie dann Latein und Griechisch? Wenn man auf dem College beigebracht bekäme, wie man mit einem Mann umgeht, dann hätte es vielleicht ja noch Sinn.«

Mrs Harmon Andrews, so jedenfalls sagte man in Avonlea, hatte nie gelernt, mit ihrem Mann umzugehen. Folglich waren die Andrews nicht gerade ein Musterbeispiel häuslichen Glücks.

»Mr Allan will man an die Kirche nach Charlottetown berufen«, sagte Mrs Bell. »Das würde heißen, dass wir ihn bald verlieren.«

»Sie ziehen erst im September weg«, sagte Mrs Sloane. »Es ist ein großer Verlust für die Gemeinde - obwohl Mrs Allan als Frau eines Pfarrers nun wirklich immer eine Spur zu auffällig angezogen war. Aber kein Mensch ist vollkommen. Ist euch aufgefallen, wie schmuck und adrett Mr Harrison heute aussah? Er ist wie umgewandelt. Er geht jeden Sonntag in die Kirche und hat für das Pfarrersgehalt gespendet.«

»Ist dieser Paul Irving nicht groß geworden?«, sagte Mrs Andrews. »Als er hierherkam, war er sehr klein für sein Alter. Ich hätte ihn heute kaum wieder erkannt. Er sieht seinem Vater immer ähnlicher.«

»Er ist ein hübsches Kerlchen«, sagte Mrs Bell.

»Ja, das schon«, Mrs Andrews senkte die Stimme, »aber er erzählt merkwürdige Sachen. Gracie kam irgendwann letzte Woche mit dem unmöglichsten wirren Zeug nach Hause. Paul hatte ihr irgendwas erzählt von Menschen, die unten am Meer leben - Geschichten, an denen nicht ein wahres Wort ist, versteht ihr? Ich sagte zu Gracie, sie solle es nicht glauben. Das wäre auch gar nicht Pauls Absicht, gab sie mir zur Antwort. Aber wozu erzählt er es ihr dann?«

»Anne hält Paul für ein Genie«, sagte Mrs Sloane.

»Mag sein. Bei diesen Amerikanern weiß man ja nie«, sagte Mrs Andrews. Dass Mrs Andrews das Wort »Genie« überhaupt geläufig war, lag daran, dass man jeden, der merkwürdige Ideen hatte, gern als »verrücktes Genie« bezeichnete. Wahrscheinlich dachte sie, genau wie Mary Joe, dass damit ein Mensch gemeint war, bei dem im Kopf nicht alles stimmte.

Anne saß genau wie an ihrem ersten Schultag vor zwei Jahren allein im Klassenzimmer am Tisch, den Kopf auf die Hand gestützt, und blickte sehnsüchtig aus dem Fenster zum See der Glitzernden Wasser. Die Trennung von ihren Schülern machte ihr so zu schaffen, dass einen Augenblick lang das College all seinen Reiz verlor. Noch immer spürte sie Annetta Beils Umarmung und hörte sie jammern: »Nie werde ich eine Lehrerin so gern haben wie Sie, Miss Shirley, nie, niemals.«

Zwei Jahre lang hatte sie ernst und gewissenhaft ihre Arbeit getan, hatte Fehler gemacht und daraus gelernt. Sie war belohnt worden. Sie hatte ihren Schülern einiges beigebracht und sie das Wichtigste überhaupt gelehrt — Güte, Selbstdisziplin, klaren Verstand und Aufrichtigkeit. Vielleicht hatte sie ihre Schüler nicht zu großartigen Leistungen »anspornen« können. Aber sie hatte ihnen mehr durch ihre eigene Ausstrahlung als durch gründliches Pauken beigebracht, ein anständiges Leben zu leben, aufrichtig zu sein, sich ordentlich aufzuführen und sich von allem fern zu halten, das unaufrichtig, niederträchtig oder gemein war. Vielleicht war ihnen das gar nicht bewusst. Doch sie würden sich daran erinnern und sich noch daran halten, wenn ihnen das Kapitel Afghanistan und die Daten der Rosenkriege längst entfallen waren.

»Wieder ist ein Kapitel meines Lebens abgeschlossen«, sagte Anne laut, als sie das Pult abschloss. Sie war traurig darüber, aber die romantische Vorstellung vom »abgeschlossenen Kapitel« tröstete sie ein wenig.

Anne verbrachte die ersten beiden Ferienwochen in Echo Lodge. Sie verlebten eine herrliche Zeit.

Sie nahm Miss Lavendar mit auf einen Einkaufsbummel in die Stadt und überredete sie, sich ein neues Organdy-Kleid zu nähen. Anschließend kam das aufregende Zuschneiden und dann heftete Charlotta die Vierte es zuerst lose zusammen und steckte es dann ab. Miss Lavendar hatte geklagt, das sie an rein gar nichts mehr Spaß hätte. Aber als sie in dem hübschen Kleid dastand, war wieder das alte Funkeln in ihren Augen.

»Was bin ich doch für eine alberne dumme Gans«, seufzte sie. »Ich schäme mich ja so, dass mich ein neues Kleid - auch wenn es ein traumhaft schönes Organdy-Kleid ist - so aufheitert. Ein reines Gewissen und eine extra Spende für die Mission bringen das nicht zuwege.«

Nach der ersten Woche ging Anne für einen Tag nach Green Gables, um Strümpfe zu stopfen und Davy, der überquoll vor Fragen, Rede und Antwort zu stehen. Am Abend besuchte sie Paul unten an der Uferstraße. Als sie am niedrigen Irving’schen Wohnzimmer vorbeiging, sah sie, wie Paul bei jemand auf dem Schoß saß. Im nächsten Augenblick kam er schon den Flur entlanggesaust.

»Miss Shirley«, rief er aufgeregt, »stellen Sie sich vor, was passiert ist. Etwas ganz Tolles. Vater ist da . . . stellen Sie sich das vor! Vater ist da! Kommen Sie herein. Vater, das ist meine liebe Lehrerin. Du weißt schon, Vater.«

Stephen Irving ging lächelnd auf Anne zu. Er war ein großer ansehnlicher Mann mittleren Alters mit eisengrauen Haaren, tief liegenden dunklen Augen und einem markanten, traurigen Gesicht. »Er sieht genau richtig aus als Held einer Liebesgeschichte«, dachte Anne und bekam tief befriedigt eine Gänsehaut. Hatte jemand, den man sich als Helden auserkoren hatte, eine Glatze, einen Buckel oder nicht die Spur Männlichkeit, so war das enttäuschend. Anne hätte es entsetzlich gefunden, wenn Miss Lavendars Angebeteter anders ausgesehen hätte.

»Das ist also die >liebe Lehrerin<, von der ich schon so viel gehört habe«, sagte Mr Irving und schüttelte ihr herzlich die Hand. »Pauls Briefe handeln fast nur von Ihnen, Miss Shirley, sodass ich Sie schon ganz gut kenne. Ich möchte Ihnen Pauls wegen danken. Jemand wie Sie hat er gebraucht. Meine Mutter ist eine liebe, gute Frau. Aber energisch und sachlich, wie sie nun mal ist, packt sie den Jungen manchmal nicht richtig an. Was ihr fehlt, haben Sie ihm gegeben. So war Paul geradezu ideal hier aufgehoben, das Beste, was einem Kind, das keine Mutter mehr hat, passieren kann.«

Lob hört jeder gern. Bei Mr Irvings Lobgesang stand Anne regelrecht wie »eine Blume in leuchtend roter Blüte«. Der viel beschäftigte, erschöpfte Mann von Welt sah sie an. Noch nie hatte er ein aufrichtigeres und hübscheres Mädchen als diese »Neuenglische« Lehrerin mit den roten Haaren und den schönen Augen gesehen.

Paul saß wonnestrahlend zwischen ihnen.

»Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Vater kommt«, sagte er und strahlte sie an. »Großmutter wusste auch nichts davon. Es war eine Riesenüberraschung. Normalerweise«, Paul schüttelte ernst seinen braunen Lockenkopf, »kann ich Überraschungen nicht ausstehen. Dann ist die ganze Vorfreude hin. Aber in diesem Fall ist das schon in Ordnung. Vater kam gestern Abend an, als ich schon schlief. Nachdem Großmutter und Mary Joe die erste Überraschung verwunden hatten, kamen Großmutter und er nach oben, nur um mich anzuschauen, nicht um mich aufzuwecken. Aber ich war gleich hellwach und sah meinen Vater. Ich kann Ihnen sagen, ich habe mich regelrecht auf ihn gestürzt.«

»Mit einer Riesenumarmung«, sagte Mr Irving und legte lächelnd den Arm um Paul. »Ich habe meinen jungen kaum wieder erkannt, so groß und kräftig ist er geworden und so braun gebrannt.«

»Schwer zu sagen, wer sich mehr gefreut hat, Großmutter oder ich«, fuhr Paul fort. »Großmutter hat den ganzen Tag in der Küche gewerkelt und ihm alle seine Lieblingsspeisen gekocht. Das wollte sie nicht Maryjoe überlassen, hat sie gemeint. So zeigt sie eben, dass sie sich freut. Ich sitze am liebsten einfach nur da und rede mit Vater. Aber ich muss Sie kurz allein lassen. Ich muss für Maryjoe die Kühe in den Stall treiben. Das gehört zu meinen täglichen Pflichten.«

Als Paul hinausgesaust war, um seine »tägliche Pflicht« zu erledigen, unterhielten sich Anne und Mr Irving über dies und jenes. Aber Anne spürte, dass er insgeheim mit den Gedanken nicht bei der Sache war. Schließlich konnte er es nicht mehr für sich behalten.

»Paul hat in seinem letzten Brief geschrieben, Sie wollten zusammen eine alte ... Freundin von mir besuchen ... Miss Lewis im Steinhaus in Grafton. Kennen Sie sie gut?«

»Ja, sehr gut sogar, sie ist eine meiner besten Freundinnen«, sagte Anne nüchtern. Ihr war nicht anzumerken, dass sie bei Mr Irvings Frage von Kopf bis Fuß ein Schauer überlief. Anne »spürte instinktiv«, dass da die Liebe um die Ecke lugte.

Mr Irving stand auf, ging ans Fenster und schaute auf das weite, golden schimmernde, wogende Meer, über das ein scharfer Wind fegte. Einige Augenblicke lang herrschte Stille in dem kleinen dunklen Zimmer.

Dann drehte er sich um und sah mit einem halb neugierigen, halb liebevollen Lächeln Anne an.

»Was wissen Sie darüber?«, sagte er.

»Alles«, erwiderte Anne sofort. »Verstehen Sie«, erklärte sie hastig, »Miss Lavendar und ich kennen uns sehr gut. Sie würde es nicht jedem anvertrauen. Wir sind verwandte Seelen.«

»Ja, das glaube ich auch. Nun, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. Ich würde Miss Lavendar gerne besuchen, wenn sie nichts dagegen hat. Würden Sie sie fragen?«

Und ob sie sie fragen würde! Ja, das war wahre Liebe, wie in all den Gedichten, Geschichten und Träumen. Vielleicht kam sie ein wenig spät, wie eine Rose, die statt im Juni im Oktober blüht. Aber dennoch eine Rose mit all ihrem süßen Duft und einem golden schimmernden Kelch. Nie hatte Anne lieber einen Botengang gemacht. Am nächsten Morgen ging sie durch den Buchenwald nach Grafton. Miss Lavendar war im Garten. Anne war schrecklich aufgeregt. Ihre Hände waren kalt, ihre Stimme zitterte.

»Miss Lavendar, ich muss Ihnen etwas ausrichten - etwas sehr Wichtiges. Können Sie sich denken, worum es geht?«

Anne hatte nicht geglaubt, dass Miss Lavendar sich das denken konnte, aber die wurde kreidebleich und sagte mit unbewegter, leiser Stimme, ohne jede Munterkeit wie sonst: »Stephen Irving ist da?«

»Woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen erzählt?«, rief Anne enttäuscht vor Ärger, dass ihr jemand zuvorgekommen war.

»Niemand. Ich habe es dir an der Stimme angemerkt.«

»Er möchte Sie besuchen«, sagte Anne. »Darf er kommen?«

»Ja, sicher«, sagte Miss Lavendar aufgeregt. »Warum nicht? Er ist schließlich nur ein alter Freund.«

Darüber war Anne anderer Ansicht. Sie stürzte ins Haus, um am Tisch die Nachricht aufzuschreiben.

»Wie im Märchen«, dachte sie fröhlich. »Es wird, es muss natürlich gut enden und Paul hätte wieder eine Mutter ganz nach seinem Wunsch und alle sind glücklich. Aber Mr Irving wird Miss Lavendar mitnehmen. Was wird dann mit dem kleinen Steinhaus? Also hat das Ganze wie immer auch eine Kehrseite.«

Die wichtige Nachricht war geschrieben. Anne ging höchstpersönlich zum Postamt in Grafton, wo sie den Postboten abfing und ihn bat, den Brief auf dem Postamt in Avonlea abzugeben.

»Es ist etwas ganz Wichtiges«, versicherte Anne ihm besorgt. Der Postbote war ein ziemlich mürrischer alter Mann, der nichts von seiner Rolle als Amors Bote ahnte. Anne war sich keineswegs sicher, dass man sich auf sein Gedächtnis verlassen konnte. Aber er sagte, er würde sich alle Mühe geben daran zu denken, und damit musste sich Anne zufrieden geben.

Charlotta die Vierte spürte, dass ein Geheimnis in der Luft lag - ein Geheimnis, von dem sie ausgeschlossen war. Miss Lavendar wanderte aufgewühlt durch den Garten. Anne war ebenfalls von einer teuflischen Unruhe besessen und ging auf und ab und hin und her. Charlotta die Vierte hielt es eine Weile aus, dann riss ihr der Geduldsfaden. Als Anne das dritte Mal ziellos durch die Küche wanderte, ging Charlotta die Vierte auf sie zu.

»Bitte, Miss Shirley«, sagte Charlotta die Vierte und sah sie entrüstet mit ihren dunklen Augen an, »Sie und Miss Lavendar verheimlichen mir etwas, das ist nicht zu übersehen. Entschuldigen Sie, wenn ich das so offen sage - aber ich finde es gemein, es mir nicht zu erzählen, Miss Shirley. Wo wir die ganze Zeit so dicke Freundinnen waren.«

»Oh, Charlotta, ich hätte es dir längst erzählt, wenn es mein Geheimnis wäre - aber es ist Miss Lavendars Geheimnis, verstehst du. Jedenfalls, so viel kann ich verraten - aber wenn nichts aus der Sache wird, darfst du nie auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verlauten lassen. Nun, der Zauberprinz ist gekommen. Er kam einmal vor langer Zeit, doch in einem unglücklichen Augenblick ging er fort, wanderte weit weg und vergaß den Zauberpfad zum Zauberschloss, in dem die Prinzessin wohnte und sich die Augen nach ihm ausweinte. Schließlich erinnerte er sich wieder daran. Die Prinzessin jedoch wartet noch immer - weil niemand anderer als ihr geliebter Prinz sie herausholen kann.«

»Oh, Miss Shirley, was heißt das im Klartext?«, fragte Charlotta verwirrt.

Anne lachte.

»Im Klartext heißt das: Ein alter Freund von Miss Lavendar kommt sie heute besuchen.«

»Sie meinen, ein früherer Verehrer?«, fragte Charlotta nüchtern.

»So kann man es nennen - im Klartext«, antwortete Anne ernst. »Es dreht sich um Pauls Vater, Stephen Irving. Es steht in den Sternen, was daraus wird, aber hoffen wir das Beste, Charlotta.«

»Ich hoffe, er heiratet Miss Lavendar«, lautete Charlottas eindeutige Antwort. »Bei manchen ist von vornherein klar, dass sie alte Jungfern werden. Ich fürchte, zu denen gehöre ich auch, Miss Shirley, weil ich keine Geduld mit den Menschen habe. Miss Lavendar war da immer ganz anders. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, was um alles auf der Welt sie tun würde, wenn ich alt genug bin und nach Boston muss. Ich bin diejüngste in unserer Familie und nicht auszudenken, wenn sie eine Fremde nähme, die sie vielleicht wegen ihrer Einbildungen auslachen, die Sachen nicht an ihren Platz stellen würde und nicht Charlotta die Fünfte genannt werden wollte. Vielleicht bekäme sie auch eine, die nicht so ein Pechvogel ist wie ich und dauernd Geschirr zerdeppert. Aber nie und nimmer fände sie eine, die sie so gern haben würde.«

Wie üblich tranken sie ihren Tee, aber niemand hatte groß Appetit. Nach dem Tee ging Miss Lavendar in ihr Zimmer und zog ihr neues sagenhaftes Organdy-Kleid an. Anne frisierte sie. Beide waren furchtbar aufgeregt. Aber Miss Lavendar tat so, als wäre sie die Ruhe selbst und als ginge sie das alles nichts an.

»Morgen muss ich aber endlich das Loch in der Gardine nähen«, sagte sie und besah es sich, als wäre das im Augenblick das Allerwichtigste. »Sie hat nicht besonders lange gehalten, wenn man bedenkt, wie teuer sie war. Jesses, Charlotta hat schon wieder vergessen das Treppengeländer abzustauben. Ich muss wirklich ein ernstes Wort mit ihr reden.«

Anne saß auf den Eingangsstufen, als Stephen Irving den Weg entlang und durch den Garten kam.

»Hier steht die Zeit still«, sagte er und sah sich erfreut um. »Alles ist noch so wie vor fünfundzwanzig Jahren. Da fühlt man sich wieder jung.«

»An einem verzauberten Ort bleibt immer die Zeit stehen«, sagte Anne ernst. »Nur wenn der Prinz kommt, ändert sich das.«

Mr Irving lächelte ein wenig traurig und sah in Annes junges, erwartungsvolles Gesicht.

»Manchmal kommt der Prinz zu spät«, sagte er. Er hatte Anne nicht gebeten, ihre Bemerkung im Klartext zu wiederholen. Wie alle verwandten Seelen »verstand« er.

»0 nein, nicht wenn der wahre Prinz zur wahren Prinzessin kommt«, sagte Anne und schüttelte entschieden ihren roten Haarschopf, als sie die Wohnzimmertür öffnete. Als er eingetreten war, zog sie die Tür fest hinter ihm zu, drehte sich um und sah sich Charlotta gegenüber, die im Flur stand, mit dem Kopf nickte, Zeichen gab und gewunden lächelte.

»Miss Shirley«, wisperte sie, »ich habe durchs Küchenfenster gelugt - er sieht blendend aus und passt auch vom Alter her genau zu Miss Lavendar. Miss Shirley, meinen Sie, es wäre schlimm, wenn ich an der Tür lausche?«

»Abscheulich, Charlotta«, sagte Anne bestimmt. »Gehen wir, damit du erst gar nicht in Versuchung kommst.«

»Tun kann ich nichts und diese Warterei ist fürchterlich«, seufzte Charlotta. »Angenommen, er macht ihr keinen Heiratsantrag, Miss Shirley? Bei Männern kann man da nie sicher sein. Meine älteste Schwester, Charlotta die Erste, hat mal gedacht, sie wäre mit einem verlobt. Aber er war da ganz anderer Ansicht. Seither traut sie keinem Mann mehr, sagt sie. Dann habe ich noch von einem Fall gehört, wo ein Mann ganz versessen auf ein Mädchen war. Zu guter Letzt stellte sich heraus, dass er die ganze Zeit die Schwester des Mädchens gemeint hatte. Wenn ein Mann nicht weiß, was er will, Miss Shirley, wie kann die arme Frau es dann wissen?«

»Wir gehen in die Küche und putzen die Silberlöffel«, sagte Anne. »Dabei muss man zum Glück nicht denken - denn ich kann heute einfach nicht denken. Und die Zeit vergeht schneller.«

Eine Stunde verging. Als Anne gerade den letzten geputzten Löffel hinlegte, hörten sie, wie die Vordertür zugemacht wurde. Sie sahen einander Trost suchend an.

»Oh, Miss Shirley«, rief Charlotta entsetzt, »wenn er jetzt schon wieder geht, dann wird nie und nimmer etwas daraus.«

Sie stürzten ans Fenster. Mr Irving war gar nicht im Gehen begriffen. Miss Lavendar und er schlenderten gemächlich den mittleren Pfad entlang zur Steinbank.

»Oh, Miss Shirley, er hat ihr den Arm um die Taille gelegt«, flüsterte Charlotta die Vierte entzückt. »Er muss ihr doch einen Antrag gemacht haben, sonst hätte sie das nie erlaubt.«

Anne legte Charlotta der Vierten den Arm um die Taille und tanzte mit ihr durch die Küche, bis beide außer Atem waren.

»Oh, Charlotta«, rief sie fröhlich, »ich bin keine Wahrsagerin und auch nicht die Tochter einer Wahrsagerin und doch prophezeie ich: Noch bevor die Ahornblätter sich rot färben, findet in diesem alten Steinhaus eine Hochzeit statt. Soll ich dir das im Klartext sagen, Charlotta?«

»Nein, das habe ich verstanden«, sagte Charlotta. »Eine Hochzeit ist Klartext. Aber, Miss Shirley, Sie weinen ja! Warum denn?«

»Weil alles so schön ist, so märchenhaft, so romantisch ... und traurig«, sagte Anne und blinzelte, dass die Tränen aus den Augen kullerten. »Es ist wundervoll, aber irgendwie auch ein bisschen traurig.«

»Sicher, eine Heirat ist immer ein Risiko«, räumte Charlotta die Vierte ein. »Aber letzten Endes, Miss Shirley, gibt es viel Schlimmeres.«

29 - Poesie und Klartext

Den folgenden Monat lebte Anne, so hätte man in Avonlea gesagt, in einem Wirbel von Aufregungen. Die Vorbereitungen für ihre bescheidene Ausstattung für Redmond waren zweitrangig. Miss Lavendars Hochzeit stand bevor. Im Steinhaus wurde beraten, geplant und diskutiert. Charlotta die Vierte hielt sich dabei begeistert und staunend lang und breit bei den weniger wichtigen Dingen auf. Dann kam die Schneiderin und sie hatten ihren Spaß - aber auch die Qual der Wahl -, als sie das Kleid aussuchten und anpassten.

Anne und Diana brachten viel Zeit in Echo Lodge zu. So manche Nacht konnte Anne nicht schlafen, weil sie sich fragte, ob es richtig war, Miss Lavendar für die Reise zu einem braunen statt marineblauen Kleid und für die Hochzeit zu dem grausilbernen geraten zu haben.

Alle waren glücklich. Paul Irving kam gleich, nachdem sein Vater ihm die Neuigkeit erzählt hatte, nach Green Gables gerannt, um sie Anne zu berichten.

»Ich wusste doch, dass ich mich auf Vater verlassen kann und er eine nette Stiefmutter für mich aussucht«, sagte er stolz. »Es ist wunderbar einen Vater zu haben, auf den man sich verlassen kann. Miss Lavendar mag ich sehr. Großmutter freut sich auch. Sie ist richtig froh, dass Vater als zweite Frau keine Amerikanerin heiratet, weil, auch wenn es sich beim ersten Mal als ganz gut herausgestellt hat, das noch lange nicht beim zweiten Mal auch so sein muss. Mrs Lynde sagt, sie wäre sehr für die Heirat, weil Miss Lavendar dann bestimmt ihre komischen Ideen aufgibt und normal wird. Ich hoffe das nicht, Miss Shirley. Mir gefallen ihre komischen Ideen. Sie soll nicht normal werden. Normale Leute gibt es schon wie Sand am Meer. Sie verstehen schon.«

Charlotta die Vierte strahlte ebenfalls vor Freude.

»Oh, Miss Shirley, alles hat sich zum Besten gewendet. Wenn Mr Irving und Miss Lavendar von der Hochzeitsreise zurück sind, gehe ich mit ihnen nach Boston. Dabei bin ich erst fünfzehn. Die anderen durften alle erst mit sechzehn nach Boston. Ist Mr Irving nicht großartig? Er vergöttert sie regelrecht. Manchmal, wenn ich sehe, wie er sie anschaut, wird mir ganz schwummerig. Mir fehlen die Worte, Miss Shirley. Wie ich mich freue, dass sie sich so gut leiden können! Letzten Endes ist es so am besten, auch wenn manche da ganz anderer Ansicht sind. Eine meiner Tanten war dreimal verheiratet. Sie sagt, das erste Mal hätte sie aus Liebe geheiratet, die beiden anderen Male aus reinen Vernunftgründen. In allen drei Ehen wäre sie glücklich gewesen, außer bei den Beerdigungen. Aber ein Risiko ist sie schon eingegangen, Miss Shirley.«

»Ist das alles romantisch«, sagte Anne an dem Abend zu Marilla. »Hätte ich damals, als wir zu den Kimballs wollten, den anderen Weg eingeschlagen, hätte ich Miss Lavendar nie kennen gelernt. Hätte ich sie nie kennen gelernt, hätte ich Paul nicht mitgenommen - und der hätte nie seinem Vater, der nach San Francisco fahren wollte, von dem geplanten Besuch bei Miss Lavendar geschrieben. Mr Irving sagt, als er den Brief bekam, hätte er seinen Geschäftspartner nach San Francisco geschickt, er wäre stattdessen hierher gekommen. Seit fünfzehn Jahren hatte er nichts mehr von Miss Lavendar gehört. Jemand hatte ihm erzählt, sie wäre verheiratet. Das hatte er geglaubt und nie mehr nach ihr gefragt. Jetzt hat alles seine Ordnung. Und ich hatte die Hände im Spiel. Vielleicht hat Mrs Lynde Recht, dass alles vorherbestimmt ist und es so kommen musste. Trotzdem, es ist ein schöner Gedanke, dass ich ein Werkzeug der Vorhersehung war. Ja, doch, es ist sehr romantisch.«

»Was ist daran romantisch?«, fragte Marilla ziemlich harsch. Marilla fand, Anne machte viel zu viel Theater darum, vernachlässigte ihre Vorbereitungen für das College und »latschte« stattdessen dauernd nach Echo Lodge, um Miss Lavendar zur Hand zu gehen. »Erst bekommen sich zwei Grünschnäbel in die Haare und sind eingeschnappt. Stephen Irving geht in die Staaten, heiratet dort bald und ist rundum glücklich. Danach stirbt seine Frau. Nach einer angemessenen Zeit kommt er nach Hause und sagt sich, mal sehen, ob meine erste große Liebe mich noch will. Sie hat all die Jahre allein gelebt, weil ihr wohl niemand Nettes über den Weg gelaufen ist. Die beiden treffen sich und heiraten schließlich. Na, was ist daran romantisch?«

»Wenn du es so siehst, ist es nicht romantisch!« Anne schnappte nach Luft, so als hätte ihr jemand einen Eimer kaltes Wasser übergegossen. »So mag es sich im Klartext anhören. Aber wenn man es poetisch betrachtet - und ich«, Anne fasste sich wieder, machte die Augen auf und wurde rot, »sehe es lieber poetisch.«

»Wann findet die Hochzeit statt?«, fragte Marilla nach einer Pause. »Am letzten Mittwoch im August. Sie werden im Garten unter den Geißblattspalieren heiraten - genau an der Stelle, an der Mr Irving vor fünfundzwanzigjahren um ihre Hand angehalten hat. Marilla, das ist romantisch, sogar im Klartext. Nur Mrs Irving, Paul, Gilbert, Diana, Miss Lavendars Cousinen und ich werden dabei sein. Mit dem Sechs-Uhr-Zug machen sie sich auf die Hochzeitsreise an den Pazifik. Nach ihrer Rückkehr im Herbst nehmen sie Paul und Charlotta mit nach Boston. Auf Echo Lodge bleibt alles wie es ist, außer dass sie natürlich die Hühner und Kühe verkaufen und die Fenster vernageln werden.Jeden Sommer werden sie dort verbringen. Ich bin ja so froh. Es hätte mir das Herz gebrochen, nächsten Winter in Redmond zu sein und mir dieses einsame, verlassene Steinhaus mit seinen leeren Zimmern vorzustellen - oder was noch schlimmer gewesen wäre, wenn andere Leute darin wohnen würden. Aber so ist alles bestens. Ich kann glücklich auf den Sommer warten und wieder Leben und Lachen ins Haus bringen.«

Es gab noch mehr Romanzen auf der Welt als die zwischen den beiden Verliebten in dem Steinhaus. Anne entdeckte die andere zufällig, als sie eines Abends durch die Waldschneise nach Orchard Slope ging und beim Garten der Barrys herauskam. Diana Barry und Fred Wright standen unter der großen Weide. Diana lehnte sich an den grauen Baumstamm und hatte die Augenlider gesenkt. Fred, der sich mit dem Gesicht zu ihr beugte, hielt ihre Hand und flüsterte ihr leise und ernst etwas zu. In dem verzauberten Augenblick gab es nur sie beide. Sie bemerkten Anne nicht, die wie benommen begriff, sich umdrehte und leise, ohne auch nur einmal anzuhalten, durch den Fichtenwald zurück und in den Ostgiebel lief. Völlig außer Atem setzte sie sich ans Fenster und versuchte ihre verwirrten Sinne zu ordnen.

»Diana und Fred sind verliebt«, keuchte sie. »Wie... wie ... wie hoffnungslos erwachsen!«

Anne hatte erst vor kurzem Diana in Verdacht gehabt, dass ihre Trauer um den Byron’schen Helden aus ihren früheren Träumen nicht echt war. Aber da »etwas, was man mit eigenen Augen gesehen hat, beweiskräftiger ist als etwas, das man nur vom Hörensagen weiß oder annimmt«, stand sie völlig verdattert vor der Tatsache. Dann fühlte sie sich seltsam allein gelassen, so als wäre Diana in eine neue Welt eingetreten, hätte das Tor geschlossen und Anne draußen stehen lassen.

»Alles ändert sich so beängstigend schnell«, dachte Anne ein wenig traurig. »Zwischen Diana und mir wird es wohl auch nicht mehr wie früher sein. Ich kann ihr keine Geheimnisse mehr anvertrauen - sie könnte sie Fred erzählen. Was findet sie eigentlich an ihm? Er ist nett und lustig, aber er ist und bleibt Fred Wright.«

Das ist immer ein Rätsel - was findet man an jemand? Aber was für ein Glück ist es, wie es ist. Wenn alle gleich aussähen ... na ja, dann würde, wie der alte Indianer sagt: »Jeder meine Squaw wollen.« Diana fand ganz offensichtlich etwas an Fred, egal wie Anne das sah. Am Abend darauf kam Diana nach Green Gables - sie wirkte wie eine nachdenkliche, schüchterne junge Dame - und erzählte Anne die ganze Geschichte im dämmrigen, abgeschiedenen Ostgiebel. Beide vergossen ein paar Tränen, gaben sich einen Kuss und lachten.

»Ich bin so glücklich«, sagte Diana, »aber dass ich verlobt bin, kommt mir direkt albern vor.«

»Wie fühlt man sich als Verlobte?«, fragte Anne gespannt.

»Naja, das hängt ganz davon ab, mit wem man verlobt ist«, antwortete Diana mit diesem Ausdruck von Überlegenheit, der einen verrückt machte, ein Ausdruck, wie ihn die, die verlobt sind, denjenigen gegenüber, die nicht verlobt sind, nun mal an den Tag legen. »Mit Fred verlobt zu sein, ist einfach wundervoll - mit jemand anders verlobt zu sein, muss die wahre Hölle sein.«

»Das ist für alle Übrigen nur ein schwacher Trost, schließlich gibt es nur einen Fred«, lachte Anne.

»Oh, Anne, du hast mich nicht verstanden«, sagte Diana verärgert. »So habe ich es nicht gemeint. Es ist schwer zu erklären. Mach dir nichts daraus, irgendwann, wenn es dir selbst so ergeht, wirst du es verstehen.«

»Ach, herzallerliebste Diana, ich verstehe es schon. Wozu hat man Phantasie, wenn nicht dazu, um mit den Augen anderer die Welt zu sehen?«

»Du musst meine Brautjungfer sein, Anne. Versprich es mir, egal wo du dich auch gerade aufhältst.«

»Ich würde auch vom anderen Ende der Welt anreisen«, versprach Anne feierlich.

»Es ist natürlich noch längst nicht soweit«, sagte Diana und wurde rot. »Frühestens in drei Jahren. Ich bin erst achtzehn. Meine Mutter will nicht, dass eine von uns vor einundzwanzig heiratet. Außerdem will Freds Vater Abraham Fletchers Farm für ihn kaufen und Fred muss zwei Drittel abbezahlen, ehe sein Vater sie auf ihn überschreibt. Außerdem sind drei Jahre auch nicht gerade mehr viel Zeit, um sich um die Aussteuer zu kümmern. Ich habe bislang noch nicht ein einziges Deckchen gehäkelt. Aber gleich morgen fange ich damit an. Myra Gillis hatte siebenunddreißig Deckchen, als sie heiratete. So viel will ich auch.«

»Mit nur sechsunddreißig Deckchen kann man ausgeschlossen einen Haushalt fuhren«, stimmte Anne ernst, aber mit blitzenden Augen zu. Diana war gekränkt.

»Das hätte ich nicht von dir gedacht, dass du dich über mich lustig machst, Anne«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Meine Liebe, ich habe mich nicht lustig gemacht«, rief Anne bedauernd. »Ich wollte dich nur ein bisschen necken. Aus dir wird bestimmt die beste Hausfrau der Welt. Ich finde es wundervoll, dass du schon jetzt Pläne schmiedest für dein trautes Heim.«

Anne hatte noch nie den Ausdruck »trautes Heim« gebraucht. Schon stellte sie es sich vor und begann sich ihr eigenes trautes Heim auszumalen. Natürlich wohnte darin ihr Traummann, ein dunkler Typ, stolz und melancholisch. Seltsamerweise trieb sich auch Gilbert darin herum, half ihr beim Bilderaufhängen, legte den Garten an und erledigte tausend andere Sachen, die der stolze melancholische Traummann offensichtlich für unter seiner Würde hielt. Anne versuchte Gilbert aus ihrem Schloss in Spanien zu verbannen, aber irgendwie ließ er sich nicht verscheuchen, sodass Anne es aufgab und weiter an ihrem Luftschloss baute, bis ihr »trautes Heim« fertig eingerichtet war und Diana wieder etwas sagte.

»Du findest es bestimmt komisch, Anne, dass Fred mir gut gefällt, wo der doch so ganz anders aussieht als mein Traummann, so ein großer schlanker Typ. Aber irgendwie würde mir Fred groß und schlank nicht gefallen - weil er, verstehst du doch, dann nicht Fred wäre. Sicher«, fügte Diana ziemlich traurig hinzu, »wir geben ein etwas klein geratenes Paar ab. Aber das sieht immer noch besser aus als wenn einer von uns beiden klein und dick und der andere groß und dürr wäre, wie Mr Morgan Sloane und seine Frau. Mrs Lynde sagt, sie würde sich jedes Mal fragen, wenn sie sie zusammen sieht, ob sie überhaupt zusammenpassen.«

»Tja«, sagte Anne zu sich, als sie sich am Abend vor dem gold gefassten Spiegel die Haare kämmte, »es freut mich, dass Diana glücklich und zufrieden ist. Aber wenn es mir passiert - falls es mir passiert dann hoffe ich, dass es etwas aufregender ist. Aber Diana hat das auch mal gedacht. Ich höre sie noch, wie sie sagte, sie würde sich nicht auf eine so langweilige, gewöhnliche Art verloben - er müsste sich schon etwas Tolles einfallen lassen, um sie für sich zu gewinnen. Sie hat sich verändert. Vielleicht verändere ich mich auch. Aber nein . . . nein, ich nicht. So eine Verlobung bringt einen ganz schön durcheinander, wenn es die beste Freundin trifft.«

30 - Die Hochzeit im Steinhaus

Die letzte Augustwoche brach an. Miss Lavendars Hochzeit stand bevor. ln zwei Wochen würden Anne und Gilbert aufs Redmond-College gehen. In einer Woche würde Mrs Rachel Lynde nach Green Gables ziehen und sich im ehemaligen Gästezimmer niederlassen, das bereits für sie hergerichtet worden war. Sie hatte alle überflüssigen Haushaltsgegenstände verkauft und vergnügte sich derweil damit, mit der ihr eigens geschäftigen Art den Allans beim Packen zu helfen. Mr Allan musste für den kommenden Sonntag seine Abschiedspredigt vorbereiten. Alles musste schnell Neuem weichen, wie Anne trotz aller Aufregung und Freude ein wenig traurig feststellte.

»Veränderungen sind nicht immer angenehm, aber sie tun gut«, sagte Mr Harrison klug. »Wenn zwei Jahre lang alles beim Alten bleibt, dann reicht das. Würde sich dann immer noch nichts verändern, würden die Dinge womöglich Moos ansetzen.«

Mr Harrison saß auf der Veranda und rauchte. Seine Frau hatte ihm selbstaufopferungsvoll erlaubt, im Haus am Fenster zu rauchen. Mr Harrison belohnte dieses Zugeständnis, indem er bei gutem Wetter immer nur draußen rauchte. Also herrschte gutes Einvernehmen. Anne wollte Mrs Harrison um ein paar von ihren gelben Dahlien bitten. Diana und sie wollten am Abend nach Echo Lodge gehen und Miss Lavendar und Charlotta der Vierten bei ihren letzten Vorbereitungen für die Hochzeit am nächsten Tag helfen. Miss Lavendar hatte keine Dahlien. Sie gefielen ihr nicht und sie hätten auch nicht in ihren schönen altmodischen Garten gepasst. Aber Blumen jedweder Art waren in Avonlea und den Nachbarorten Onkel Abes Sturm wegen rar. Anne und Diana fanden, dass sich der cremefarbige Steinkrug, der normalerweise für Krapfen diente, voll mit gelben Dahlien in der dunklen Ecke an der Treppe vor den roten Tapeten gut machen würde.

»ln zwei Wochen gehst du also aufs College?«, fuhr Mr Harrison fort. »Hm, Emily und ich, wir werden dich vermissen. Sicher, dafür ist dann Mrs Lynde da. Aber Ersatz ist Ersatz.«

Mr Harrisons ironischer Tonfall lässt sich kaum wiedergeben. Trotz der Freundschaft seiner Frau mit Mrs Lynde konnte man auch unter dem neuen Regiment von Mrs Lynde und Mr Harrisons Beziehung höchstens von einer bewaffneten Neutralität sprechen.

»Ja«, sagte Anne. »Vom Verstand her freue ich mich, vom Gefühl her bedaure ich es.«

»Du wirst schon all die Auszeichnungen einheimsen, die es in Redmond gibt.«

»Vielleicht die eine oder andere«, stimmte Anne zu. »Aber ich mache mir nicht mehr so viel daraus wie vor zwei Jahren. Was ich auf dem College lernen will, ist, wie man sein Leben gestalten und das Beste daraus machen kann. Ich will andere und mich selbst besser verstehen lernen und anderen dazu verhelfen.«

Mr Harrison nickte.

»Genau. Dazu sollte ein College da sein, statt jede Menge Studierte hervorzubringen, vollgestopft mit Bücherwissen und unwichtigen Dingen, die keinen Platz mehr für etwas anderes lassen. Du hast Recht. Das College kann dir nicht schaden, denke ich.«

Diana und Anne fuhren nach dem Tee nach Echo Lodge und nahmen die Blumenausbeute mit, die verschiedene Raubzüge in ihre und die benachbarten Gärten eingebracht hatten. Im Steinhaus ging es aufgeregt zu. Charlotta die Vierte sauste voller Elan hin und her, sodass sie überall zugleich zu sein schien. Wie der Helm von Navarra steckte Charlotta mit ihren blauen Schleifen stets mitten im größten Gefecht.

»Gott sei Dank, dass Sie da sind«, sagte sie inbrünstig. »Es gibt jede Menge zu tun . . . der Zuckerguss auf dem Kuchen da will einfach nicht hart werden .. . das Silber muss noch geputzt werden . . . der Koffer muss noch gepackt werden ... und die Hühner für den Hühnersalat laufen noch krähend dahinten am Hühnerstall herum, Miss Shirley. Miss Lavendar kann man nicht zumuten, dass sie mit anpackt. Ich war froh, als vor ein paar Minuten Mr Irving kam und sie mit auf einen Spaziergang in den Wald nahm. Heiraten ist ja recht, Miss Shirley, aber wenn man sich auch noch ums Kochen und Putzen kümmern soll, ist es einem vermiest. Das ist meine Meinung, Miss Shirley.«

Anne und Diana halfen kräftig mit, sodass gegen zehn Uhr sogar Charlotta die Vierte zufrieden war. Sie flocht ihr Haar zu unzähligen Zöpfen und legte sich erschöpft ins Bett.

»Aber ich werde kein Auge zutun, Miss Shirley, aus Angst, in allerletzter Minute könnte noch etwas schief gehen - die Sahne wird nicht steif- oder Mr Irving trifft der Schlag.«

»Das ist aber doch sonst nicht seine Angewohnheit, nicht wahr?«, sagte Diana, wobei ihre Mundwinkel zuckten. Für Diana war Charlotta die Vierte nicht gerade eine Schönheit, aber sie war stets für einen Scherz gut.

»So was macht man sich nicht zur Angewohnheit«, sagte Charlotta die Vierte würdevoll, »so was passiert einfach, so ist das. Es kann jeden treffen. Das muss man nicht lernen. Mr Irving sieht einem Onkel von mir ähnlich, den der Schlag traf, als er sich gerade zum Abendessen an den Tisch setzen wollte. Aber vielleicht läuft ja auch alles glatt. Man muss einfach immer das Beste hoffen, auf das Schlimmste vorbereitet sein und hinnehmen, wie es kommt.«

»Ich befürchte nur, morgen könnte schlechtes Wetter sein«, sagte Diana. »Onkel Abe hat für Mitte der Woche Regen vorhergesagt. Seit dem großen Sturm glaube ich seinen Vorhersagen.«

Anne, die über Onkel Abes Sturm besser Bescheid wusste als Diana, beunruhigte das nicht weiter. Sie schlief rechtschaffen müde tief und fest und wurde zu einer unmöglich frühen Zeit von Charlotta der Vierten geweckt.

»Oh, Miss Shirley, es ist gemein, Sie so früh zu wecken«, drang es wimmernd durch das Schlüsselloch. »Aber da ist noch so viel zu tun. Außerdem, Miss Shirley, sieht es nach Regen aus. Es wäre lieb, wenn Sie aufstehen und mich in puncto Wetter beruhigen würden.«

Anne stürzte ans Fenster und hoffte, Charlotta die Vierte hatte das nur gesagt, um sie endgültig wach zu bekommen. Aber leider verhieß der Morgen nichts Gutes. Miss Lavendars Garten lag dunkel und windstill da, statt in einem jungfräulich reinen Sonnenlicht. Der Himmel über den Tannen war von schweren Wolken verhangen.

»Ist das nicht ein Jammer?«, sagte Diana.

»Hoffen wir das Beste«, sagte Anne bestimmt. »Solange es nur nicht richtig regnet, ist so ein kühler perlgrauer Tag wirklich viel schöner, als wenn die Sonne vom Himmel brennt.«

»Es wird regnen«, sagte Charlotta die Vierte und schlich in ihr Zimmer - sie sah aus wie eine Witzfigur mit ihren vielen um den Kopf gedrehten Zöpfen. Die mit weißen Bändern umwickelten Enden standen in alle Richtungen ab. »Bestimmt fängt es erst im letzten Augenblick an, und dann gießt es in Strömen. Alle werden klatschnass, überall im Haus sind Dreckspuren, sie können nicht unter dem Geißblatt getraut werden und es bringt Unglück, wenn bei einer Hochzeit keine Sonne scheint, da können Sie mir nichts erzählen, Miss Shirley. Ich habe ja geahnt, dass bisher alles zu glatt verlief.«

Charlotta die Vierte schien wirklich Miss Eliza Andrews nachzueifern. Es regnete nicht, obwohl es die ganze Zeit nach Regen aussah. Gegen Mittag waren die Zimmer geschmückt, der Tisch wunderschön gedeckt. Oben wartete die Braut, herausgeputzt für ihren Bräutigam. »Sie sehen hübsch aus«, sagte Anne entzückt.

»Wunderhübsch«, echote Diana.

»Alles ist vorbereitet, Miss Shirley, und noch ist nichts Schlimmes passiert«, stellte Charlotta fröhlich fest, als sie sich in ihr kleines Zimmer begab, um sich umzuziehen. Sie löste die Zöpfe. Das wilde Gekräusel wurde zu zwei Zöpfen geflochten und statt mit zwei mit ganzen vier brandneuen leuchtend blauen Schleifen versehen. Die zwei oberen Schleifen sahen aus wie zu groß geratene Flügel, die aus Charlottas Nacken wuchsen, etwa wie der Erzengel Raphael.

Aber Charlotta der Vierten gefielen sie sehr. Nachdem sie sich das weiße Kleid angezogen hatte, betrachtete sie sich höchst zufrieden im Spiegel - eine Zufriedenheit, die jedoch nur so lange währte, bis sie hinaus auf den Flur ging und im Gästezimmer einen Blick auf ein großes Mädchen erhaschte, in einem leicht fallenden strahlend weißen Kleid und wie Sterne Blumen im sanft gewellten Haar.

»Ich werde nie so aussehen wie Miss Shirley«, dachte die arme Charlotta verzweifelt. »Man muss so auf die Welt kommen. Übung hilft da nichts.«

Gegen ein Uhr waren alle Gäste da, einschließlich Mrs und Mr Allan. Mr Allan musste die Trauung vornehmen, da der Pfarrer aus Grafton Urlaub hatte. Die Feier hatte nichts Steifes. Miss Lavendar kam die Treppe herunter und wurde am Fuße der Treppe von ihrem Bräutigam in Empfang genommen. Als er ihre Hand nahm, sah sie ihn mit ihren großen blauen Augen an - ein Blick, bei dem Charlotta der Vierten schwummeriger als je zuvor wurde. Sie gingen nach draußen zu dem Geißblattspalier, wo Mr Allan sie erwartete. Anne und Diana standen an der alten Steinbank, Charlotta die Vierte in ihrer Mitte, die ihre kahlen, zitternden Hände in ihre schob.

Mr Allen schlug sein Buch auf, die Zeremonie begann. Gerade in dem Augenblick, als Miss Lavendar und Stephen Irving zu Mann und Frau erklärt wurden, geschah etwas wunderbar Symbolisches. Plötzlich brach die Sonne durch den grauen Himmel und schien strahlend auf die glückliche Braut. Der Garten war voll tanzender Schatten und flackernden Lichts.

»Welch wundervolles Omen«, dachte Anne, als sie zur Braut lief und ihr einen Kuss gab. Dann ließen die drei Mädchen die Gäste und das Brautpaar lachend im Garten zurück und rannten ins Haus, um nachzuschauen, dass alles für das Festessen bereit war.

»Ich bin so froh, dass es vorbei ist, Miss Shirley«, flüsterte Charlotte die Vierte. »Sie sind verheiratet, egal was auch geschieht. Die Tüten mit Reis stehen in der Speisekammer, die alten Schuhe sind hinter der Tür und die Sahne steht auf der Kellerstufe.«

Um halb drei machten sich Mrs und Mr Irving auf den Weg. Alle begleiteten sie nach Bright River, um sie am Nachmittagszug zu verabschieden. Als Miss Lavendar-Verzeihung, Mrs. Irving - über die Türschwelle des Hauses trat, streuten Gilbert und die Mädchen Reis. Charlotta die Vierte warf so zielsicher einen alten Schuh, dass er Mr Allan fast am Kopf getroffen hätte. Paul machte ihnen das allerschönste Abschiedsgeschenk. Er erschien in der Tür und schlug wie wild eine große alte kupferne Tischglocke, die auf dem Kaminsims im Esszimmer gestanden hatte. Paul wollte nur mächtig Lärm machen. Aber als das Dröhnen verhallte, schallte von überall her über den Fluss klar, lieblich und immer schwächer werdend das Glockenspiel der »Feen-Hochzeitsglocken«, so als entböten Miss Lavendars geliebte Echos einen Gruß und Lebewohl. Unter diesen süßen Klängen fuhr Miss Lavendar aus ihrem früheren Leben aus Träumen und Phantasien in ein erfullteres Leben aus Realitäten.

Zwei Stunden später kehrten Anne und Charlotta die Vierte zurück zum Steinhaus. Gilbert musste in West Grafton etwas besorgen, Diana musste zu Hause etwas besorgen. Anne und Charlotta wollten aufräumen und dann das kleine Steinhaus verriegeln. Der Garten war wie ein Meer aus Sonnenschein, Schmetterlinge flatterten umher, Bienen summten. Aber das Haus wirkte bereits einsam und verlassen, wie es nach großen Festlichkeiten immer der Fall ist.

»Ach ja, ist es nicht öde?«, schluchzte Charlotta die Vierte, die den ganzen Nachhauseweg vom Bahnhof geweint hatte. »Eine Hochzeit ist fast so traurig wie eine Beerdigung, Miss Shirley.«

Es gab viel zu tun. Der Zimmerschmuck musste abgenommen, das Geschirr gespült, die restlichen Köstlichkeiten für Charlottas Bruder zu Hause eingepackt werden. Anne gab keine Ruhe, bis alles in schönster Ordnung war. Nachdem sich Charlotta mit ihrer Habe auf den Nachhauseweg gemacht hatte, ging Anne in die still daliegenden Zimmer und fühlte sich wie jemand, der allein durch einen verlassenen Bankettsaal wandelt. Dann schloss sie die Läden. Anschließend verriegelte sie die Tür und setzte sich unter die Silberpappel, um auf Gilbert zu warten. Sie war sehr erschöpft, aber sie hing noch immer endlos vielen Gedanken nach.

»Woran denkst du, Anne?«, fragte Gilbert, der den Weg entlangkam. Er hatte Pferd und Wagen an der Straße stehen lassen.

»An Miss Lavendar und Mr Irving«, antwortete Anne verträumt. »Ist es nicht schön, wie nun alles gekommen ist - dass sie nach all den Jahren der Trennung und Missverständnisse wieder zusammengefunden haben?«

»Ja«, sagte Gilbert und schaute Anne unverwandt an. »Aber wäre es nicht noch schöner, Anne, wäre es nicht zu der Trennung und den Missverständnissen gekommen, wenn sie Hand in Hand durchs Leben gegangen wären und auf gemeinsame Erinnerungen zurückblicken könnten?«

Einen Augenblick lang hatte Anne ein seltsames Herzflattern. Zum ersten Mal wurde sie unter Gilberts Blicken unsicher, ihr sonst blasses Gesicht überzog eine leichte Röte. Es war, als wäre ein Schleier gelüftet worden, was ihr einen Blick auf unvermutete Gefühle und Realitäten gestattete. Vielleicht kam die Liebe nicht mit Pomp und Getöse wie ein klirrend dahinreitender Ritter daher. Vielleicht stahl sie sich auf leisen Sohlen zu einem, wie ein alter Freund. Vielleicht kam sie einem sehr prosaisch vor, bis sie plötzlich von einem Lichtstrahl erhellt wurde und alles zum Klingen brachte. Vielleicht.. .vielleicht ... entwickelte sich aus einer wunderbaren Freundschaft eine Liebe, wie eine innen goldene Rose, die aus ihrer grünen Hülle entspringt.

Dann fiel der Schleier wieder. Aber die Anne, die nun den dunklen Weg entlangging, war nicht mehr diesselbe Anne, die am Abend zuvor fröhlich hierher gefahren war. Im Buch war von unsichtbaren Fingern eine Seite umgeblättert worden: Sie war kein Mädchen mehr. Vor ihr aufgeschlagen lag eine neue Seite: Sie war eine Frau, mit all dem Reiz und den Geheimnissen, den Freuden und Nöten.

Gilbert sagte klugerweise nichts mehr. Aber im Geiste las er die Geschichte der nächsten vier Jahre und sah, wie Anne bei der Erinnerung daran errötete. Vier Jahre ernsthafter und glücklicher Arbeit -und der Lohn dafür war das neu erworbene Wissen und die Liebe eines Mädchens.

Hinter ihnen im Garten lag im Schatten das kleine Steinhaus. Es war verlassen, aber nicht aufgegeben. Es hatte noch nicht alles Lachen, alle Träume und Freuden des Lebens erlebt. Ihm standen noch mehr Sommer bevor; solange konnte es warten. Und jenseits des Flusses warteten in ewigem Purpur die Echos auf ihre Zeit.