/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Auferstehung

Leo Tolstoj


Auferstehung

Leo Tolstoj

1899

1

Vorwort

Die Uebersetzung von Tolstojs Meisterwerk “Auferstehung,” direkt aus dem Manuskript des Dichters, ist von den Unterzeichneten als eine in hohem Grade ehrende Aufgabe übernommen worden. Sie stehn nicht an, das vorliegende Buch zu betrachten als die kraftvollste, überzeugendste Verurteilung einer absterbenden Kulturwelt; als die freieste, kühnste Zusammenfassung alles dessen, was die liebende und leidende Seele der Menschheit an ethischen Werten geschaffen, und dessen, was sie für erstrebenswert hält in der Zukunft; als den mächtigsten Zuruf des scheidenden Jahrhunderts an das kommende.

Dieses Buch der grossen Ideen in seiner schlichten, allen verständlichen und zugänglichen Form, in der es der Dichter geschrieben, ebenso treu und schlicht im Deutschen wiederzugeben, das war unsere Aufgabe, die wir keinen Augenblick aus dem Gesicht verloren.

Der deutsche Leser sollte eben auch von der Sprache Tolstojs, von seiner Diktion, das annährend treueste Bild erhalten, das zu erhalten war. Denn diese Sprache, nicht irgend ein allgemeines Deutsch, war das Wertvolle, diese Sprache durfte durch keinen Zusatz, keine Weglassung — nicht einmal die eines Wortes — geändert werden.

Das russische Buch — so eminent russisch in seinen Ideen — es konnte kein deutsches Buch werden, ohne seinen charakteristischen Duft, ohne seinen Heimatstempel zu verlieren.

Der Kennter und Verehrer Tolstojs, dem jedes Wort von ihm teuer ist, wird hier Tolstoj finden; we ihn nicht kennt, kann ihn hier kennen lernen. Mit Treue und Bescheidenheit haben wir einzig ihn selber reden lassen.

Zürich.

Ilse Frapan.

W. Tronin.

Inhaltsverzeichnis

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Motto

»Da trat Petrus zu ihm, und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der wider mich sündigt, verzeihen? Bis auf siebenmal?

Jesus antwortete ihm: Ich sage dir, nicht bis auf siebenmal, sondern bis auf siebenzigmal sieben.«

(Ev. Matthäi, XVIII, 21-22)

»Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, des Balkens aber in deinem Auge achtest du nicht?«

(Ev. Matthäi, VII, 3.)

»…Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.«

(Ev. Johannis, VIII, 7.)

»Der Jünger ist nicht über seinen Meister; jeder Vollkommene aber wird wie sein Meister sein.«

(Ev. Lucä, VI, 40.)

Teil I

1

1

Wie sehr die Menschen sich mühten, nachdem sich ihrer einige Hunderttausend auf einem kleinen Raume angesammelt hatten, die Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten; wie sehr sie den Boden mit Steinen zurammelten, damit nichts darauf wüchse, wie eifrig sie ihn von jedem hervorbrechenden Gräschen reinigten, wie sehr sie mit Steinkohlen, mit Naphtha dunsteten, wie immer sie die Bäume beschnitten, alle Tiere und Vögel verjagten, — der Frühling war Frühling, sogar in der Stadt. Die Sonne wärmte, das neu auflebende Gras wuchs, grünte überall, wo immer man es nicht weggekratzt hatte, nicht nur auf den Rasenstücken der Boulevards, sondern auch zwischen den Steinplatten; Birken, Pappeln, Traubenkirschen ließen ihre klebrigen, duftigen Blätter sich entfalten; die Linden schwellten ihre berstenden Knospen; Dohlen, Spatzen und Tauben bereiteten schon frühlingshaft-fröhlich ihre Nester; Bienen und Fliegen summten, von der Sonne etwärmt, an den Wänden. Fröhlich waren die Pflanzen, die Vögel, die Insekten, die Kinder. Nur die Menschen, die großen erwachsenen Menschen hörten nicht auf, sich und einander zu betrügen und zu quälen. Die Menschen glaubten, daß nicht dieser Frühlingsmorgen heilig und wichtig sei, nicht diese Schönheit der Gotteswelt, die zum Heil aller Wesen gegeben ist, — die Schönheit, die zum Frieden, zur Eintracht, zur Liebe geneigt macht, sondern heilig und wichtig war das, man sie selbst ausgedacht hatten, um über einander zu herrschen.

So wurde in dem Büreau des Gouvernementsgefängnisses nicht für heilig und wichtig gehalten, daß allen Tieren und Menschen die Rührung und die Freude des Frühlings gegeben ist, sondern für heilig und wichtig ward gehalten, daß abends zuvor ein mit Nummer, Siegel und Ueberschrift versehenes Papier eingegangen war, darüber, daß zu 9 Uhr morgens an diesem Tage des 28. April drei sich in Untersuchung befindende und im Gefängnis gehaltene Arrestanten — zwei Frauen und ein Mann — vorgeführt werden sollten. Eine dieser Frauen mußte als die wichtigere Verbrecherin abgesondert vorgeführt werden. Und nun kam auf Grund dieser Vorschrift um 8 Uhr morgens am 28 April der Oberaufseher in den stinkenden Korridor der weiblichen Abteilung herein. Gleich hinter ihm her kam in den Korridor eine Frau mit zerquältem Gesicht und mit grauen, sich träufelnden Haaren, die in eine Jacke mit gallonierten Aermeln gekleidet und mit einem Gürtel mit blauem Vorstoß gegürtet war. Es war die Aufseherin.

»Wollen Sie die Maslowa haben?« fragte sie, indem sie sich mit einem déjournierenden Aufseher einer den Kammerthüren näherte, die sich in den Korridor öffneten.

Der Ausseher schloß, mit dem Eisen rasselnd, das Schloß auf, und nachdem er die Thür der Kammer geöffnet hatte, aus welcher eine noch übler riechende Luft strömte, als die im Korridor, schrie er:

»Maslowa, vor Gericht!« und er machte die Thür wieder zu und wartete.

Sogar auf dem Gefängnishofe war frische, belebende, vom Winde in die Stadt getriebene Luft. Im Korridor aber herrschte eine niederdrückende typhöse Luft, die vom Geruch der Ausleerungen, von Teer und Fäulnis gesättigt war und jeden Neuangekommenen sogleich in Niedergeschlagenheit und Betrübnis versetzte. Das erfuhr an sich selbst die vom Hofe gekommene Aufseherin, trotzdem sie an die schlechte Luft gewöhnt war. Sie empfand plötzlich, da sie in den Korridor eingetreten, Müdigkeit und wurde schläfrig.

In der Kammer hörte man ein hastiges Getriebe, weibliche Stimmen und Schritte nackter Füße.

»Immer fix! Du da rühr’ Dich! Maslowa, sag’ ich,« schrie der Oberaufseher in die Kammerthür.

Nach etwa zwei Minuten kam aus der Thür mit munterem Schritt ein nicht hochgewachsenes und sehr vollbusiges junges Frauenzimmer im grauen Schlafrock über einer weißen Jacke und einem weißen Rock. Sie drehte sich rasch um und stellte sich neben den Aufseher. An den Beinen trug das Frauenzimmer Strümpfe and Leinwand, darüber Gefängnispantoffeln; der Kopf war mit einem weißen Halstuch umbunden, unter welchem die Ringel der krausen schwarzen Haare augenscheinlich mit Absicht hängen gelassen waren. Das ganze Gesicht des Frauenzimmers war von der besonderen Weiße, die sich auf den Gesichtern von Menschen einzustellen pflegt, die lange Zeit hinter Schloß und Riegel zugebracht haben, und die an Kartoffelkeime im Keller erinnert. Ebenso sahen auch die kleinen breiten Hände aus und der volle weiße Hals, der aus dem großen Kragen des Schlafrocks hervorguckte.

In diesem Gesicht überraschten besonders bei der matten Blässe die sehr schwarzen, glänzenden, etwas geschwollenen, aber sehr lebhaften Augen, von denen eins ein wenig schielte. Sie hielt sich sehr grade, indem sie die volle Brust herausdrückte. Nachdem sie auf den Korridor herausgetreten, sah sie, ihren Kopf etwas zurückwerfend, dem Aufseher grade in die Augen und blieb stehen, voller Bereitwilligkeit, alles zu erfüllen, was man von ihr verlangen würde.

Schon wollte der Aufseher die Thür zuschließen, als sich daraus das runzelige, blasse und strenge Gesicht einer barhäuptigen grauen Alten hervorstreckte. Die Alte begann der Maslowa etwas zu sagen. Aber der Aufseher drückte die Thür gegen den Kopf der Alten, und der Kopf verschwand.

Laut lachte in der Kammer eine weibliche Stimme. Auch die Maslowa lächelte und drehe sich um nach dem Gitterfensterchen in der Thür.

Von der andern Seite drängte sich die Alte an das Fensterchen, und mit heiserer Stimme sagte sie:

»Vor allem eins: sag nicht zu viel aus, sag’ immer überein, und damit Hopp und Holla!«

»Wäre nur ein Ende, — schlimmer wird es wohl nicht sein,« sagte die Maslowa, den Kopf schüttelnd.

»Ein Ende gewiß, aber nicht zwei,« bemerkte der Oberaufseher mit obrigkeitsmäßiger Ueberzeugtheit von seinem Witz. »Mir nach, marsch!«

Das durch das Fensterchen sichtbare Auge der Alten verschwand, und die Maslowa ging nach der Mitte des Korridors; mit raschen kleinen Schritten ging sie dem Oberaufseher auf dem Fuße nach, und so stiegen sie die steinerne Treppe hinunter und gingen an den noch mehr als die Frauenkammern stinkenden und lärmenden Männerkammern vorbei, aus welchen sie überall die Augen in den Guckfenstern der Thüren begleiteten, und in das Büreau, wo schon zwei Eskortesoldaten mit Gewehren standen. Der Schreiber, welcher dort saß, gab einem der Soldaten ein von Tabaksgeruch durchdrungenes Papier, und indem er auf die Arrestantin zeigte, sagte er: »Nimm sie in Empfang.« Der Soldat, ein Bauer aus dem Gouvernement Rischnij-Nowgorod, mit rotem, von den Pocken zerwühltem Gesicht, steckte das Papier hinter den Aermelaufschlag seines Mantels, und lächelnd blinzelte er von der Arrestantin seinem Kameraden zu, einem Tschuwaschen mit starken Backenknochen. Dann stiegen die Soldaten mit der Arrestantin die Treppe hinunter und gingen zum Hauptausgang.

In der Thür des Hauptausganges öffnete sich ein Pförtchen, und nachdem die Soldaten mit der Arrestantin die Schwelle des Pförtchens in den Hof überschritten, gingen sie aus den Mauern hinaus und marschierten durch die Stadt, in der Mitte der gepflasterten Straßen.

Die Droschkenkutscher, Krämer, Köchinnen, Arbeiter, Beamte blieben stehen und betrachteten voll Neugier die Arrestantin; einige schüttelten die Köpfe und dachten: sieh, wohin es führt, wenn man sich schlecht, — nicht so wie wir — beträgt! Die Kinder sahen mit Entsetzen auf die Räuberin; es beruhigte sie nur, daß hinter ihr die Soldaten gingen, und daß sie jetzt schon niemand mehr etwas anthun konnte. Ein Bauer vom Dorf, der Kohlen verkauft und in einem Wirtshaus Thee getrunken hatte, näherte sich ihr, bekreuzte sich und reichte ihr einen Kopeken. Die Arrestantin errötete, neigte den Kopf und sagte etwas.

Während sie die auf sich gerichteten Blicke fühlte, schielte sie unmerklich, ohne den Kopf zu drehen, auf diejenigen, die sie ansahen, und die auf sie gerichtete Aufmerksamkeit freute sie. Es freute sie auch die im Vergleich zum Gefängnis reine Frühlingsluft, aber es that weh, mit ihren vom Gehen entwöhnten und mit ungefügen Arrestantenpantoffeln beschuhten Füßen auf die Steine zu treten, und sie sah auf den Weg unter ihren Füßen und bemühte sich, möglichst leicht zu treten. Während sie an einer Mehlhandlung vorbeiging, vor welcher Tauben, von niemand behelligt, ein wenig schaukelnd auf und abspazierten, berührte sie fast mit dem Fuß einen Blautauber; aufflatternd und mit den Flügeln bebend, flog der Vogel hart am Ohr der Arrestantin vorbei und überschauerte sie mit Wind. Sie lächelte, und dann seufzte sie schwer, indem sie ihrer Lage gedachte.

2

Die Geschichte der Arrestantin Maslowa war eine sehr gewöhnliche Geschichte:

Die Maslowa war die Tochter einer unverheirateten Leibeigenen, die mit ihrer Mutter auf dem Dorfe von zwei Fräulein, Schwestern, Gutsbesitzerinnen, als Stallmagd lebte. Dieses unverheiratete Frauenzimmer gebar jedes Jahr, und — wie es auf den Dörfern gewöhnlich gemacht wird — man taufte das Kind, doch nachher ernährte die Mutter das unerwünscht erschienene, unnötige und die Arbeit störende Kleine nicht, und bald starb es vor Hunger.

So starben ihr fünf Kinder. Alle waren sie getauft, nachher ernährte man sie nicht, und sie starben. Das sechste Kind — erzeugt von einem vorbeifahrenden Zigeuner — war ein Mädchen und ihr Schicksal wäre dasselbe gewesen, wenn es sich nicht begeben hätte, daß eins der beiden alten Fräulein auf den Viehhof gekommen wäre, um der Stallmagd einen Verweis wegen des nach der Kuh riechenden Rahms zu geben. In der Wohnung der Stallmägde lag die Wöchnerin mit ihrem schönen gefunden Säugling. Das alte Fräulein erteilte sowohl für den Rahm, als auch dafür einen Verweiß, daß man eine Wöchnerin auf dem Viehhof zugelassen und wollte schon weggehen, als sie das Kind erblickte. Sie ward gerührt und bot sich an, Taufmutter des Kindes zu sein. Sie hielt es auch über die Taufe; nachher dann, das Patchen bedauernd, gab sie der Mutter Milch und Geld, und das Mädchen blieb am Leben. Die alten Fräulein nannten sie denn auch: »Die Gerettete«.

Das Kind war drei Jahre alt, als die Mutter erkrankte und starb. Seiner Großmutter, der Stallmagd, war die Enkelin zur Last, und dann nahmen die alten Fräulein das Mädchen zu sich. Daß schwarzäugige Madchen wurde ungewöhnlich lebhaft und zierlich und war den alten Fräulein ein Trost.

Es gab zwei alte Fräulein: eine jüngere, etwas gutmütigere, Sophia Iwanowna, — dieselbe, welche das Kind über die Taufe gehalten, — und eine ältere, etwas strengere — Maria Iwanowna. Sophia Iwanowna putzte das Mädchen, lehrte es lesen und wollte aus ihm eine Ziehtochter machen. Maria Iwanowna sagte, das man aus dem Mädchen eine Arbeiterin, ein gutes Stubenmädchen machen müsse, und daher war sie anspruchsvoll, strafte und schlug sogar hier und da das Mädchen, wenn sie schlechter Laune war. So wuchs das Mädchen, zwischen zwei verschiedenen Einflüssen, halb als Stubenmädchen, halb als Ziehkind auf. So nannte man es denn auch weder Katjka2 , noch Katenjka3 , sondern zwischen beidem: Katjuscha. Sie nähte, räumte die Zimmer auf, besorgte die kleine Wäsche, röstete, mahlte und servierte den Kaffee, putzte die Heiligenbilder4 mit Kreide und saß bisweilen bei den Fräulein und las ihnen vor.

Sie hatte Bewerber, wollte aber keinen nehmen, da sie fühlte, wie das Leben mit jenen arbeitenden Leuten, die um sie ftreiten, schwer sein würde für sie, die durch die Süße des Herrenlebens verwöhnt war.

So lebte sie bis zu ihrem sechzehnten Jahr. Als sie aber sechzehn Jahre alt geworden, kam zu den Fräulein ihr Neffe, ein Student und reicher Fürst, und Katjuscha verliebte sich in ihn, ohne daß sie wagte, es sich selbst, geschweige denn ihm zu gestehn. Dann fuhr dieser selbe Neffe nach zwei Jahren auf dem Wege in den Krieg bei den Tantchen vorbei, brachte vier Tage bei ihnen zu, und am Vorabend seiner Abreise verführte er Katjuscha. Darauf drückte er ihr am letzten Tage einen Hundertrubelschein in die Hand und reiste ab. Fünf Monate nach seiner Abreise wußte sie bestimmt, daß sie schwanger sei.

Von der Zeit an ward ihr alles gleichgültig, und sie dachte nur darüber nach, wie sie der Schande, die sie erwartete, entgehen könne. Nicht nur begann sie unwillig und schlecht den Fräulein zu dienen, sondern plötzlich brach sie los und ohne selbst zu wissen, wie es geschah, sagte sie den Fräulein Grobheiten, die sie selbst später bereute, und bat, sie zu entlassen. Die Fräulein, die sehr unzufrieden mit ihr geworden, entließen sie.

Als Stubenmädchen kam sie von ihnen zu einem Stanowoji5 , aber sie konnte dort nur drei Monate bleiben, weil der Stanowoj, der fünfzigjährige Alte, zudringlich wurde. Einmal, als er besonders unternehmungslustig geworden, erhitzte sie sich, hat ihn Dummkopf und alter Teufel genannt, hat ihm einen solchen Stoß vor die Brust gegeben, daß er hinfiel und ist der Grobheit wegen weggejagt worden. Wieder in einen Dienst zu treten, hatte nun keinen Zweck; bald sollte sie gebären, und so ließ sie sich bei einer Witwe, der Dorfhebamme nieder, die mit Branntwein handelte. Die Niederkunft war leicht. Aber die Hebamme, welche eine kranke Frau auf dem Doff accouchierte, hat sie mit dem Wochenbettfieber angesteckt, und das Kind, den Knaben, hat man ins Findelhaus gebracht, wo er sogleich nach der Ankunft verstarb, wie die Alte, die ihn weggeführt hatte, erzählte.

Geld hatte Katjuscha, als sie sich bei der Hebamme niederließ, im ganzen hundertsiebenundzwanzig Rubel; siebenundzwanzig davon verdient und hundert, die ihr der Verführer gegeben hatte. Als sie aber von ihr wegging, blieben ihr nur sechs Rubel übrig. Sie verstand nicht, Geld zu sparen, sie brauchte es für sich und gab es anderen, jedem der bat. Die Hebamme nahm ihr für die Unterkunft, Kost und Thee für zwei Monate vierzig Rubel ab; fünfundzwanzig Rubel gingen fur die Absendung des Kindes darauf; vierzig Rubel hatte sich die Hebamme leihweise ausgebeten, für eine Kuh, etwa zwanzig Rudel sind so — für Kleider, für Geschenke fortgegangen, sodaß Katjuscha, als sie gesund geworden, kein Geld mehr hatte und eine Stelle suchen mußte. Diese Stelle fand sich bei einem Förster. Der Förster war ein verheirateter Mann, aber ebenso wie den Stanowoj begann er vom ersten Tage an sich der Katjuscha aufzudrängen. Er war ihr widerwärtig, und sie hat sich bemüht, ihn zu meiden, aber er war erfahrener und schlauer als sie; die Hauptsache aber war, daß er, als Hausherr, sie hinschicken konnte, wohin er wollte; so hat er eine günstige Minute abgepaßt und sich ihrer bemächtigt. Die Frau hat es erfahren und als sie ihren Mann einmal allein mit Katjuscha im Zimmer überraschte, stürzte sie los, um sie zu schlagen. Katjuscha ergab sich nicht und es entstand eine Prügelei, weswegen man sie aus dem Hause gejagt, ohne ihr den verdienten Lohn zu bezahlen. Darauf fuhr Katjuscha in die Stadt und hielt sich bei ihrer Taute auf. Der Mann der Tante war ein Buchbinder und lebte früher gut; hatte aber jetzt nach und nach alle Kunden verloren und sich dem Trunk ergeben, indem er alles, was ihm unter die Hand kam, vertrank.

Die Tante indes hatte eine kleine Wäscherei, ernährte damit sich und ihre Kinder und unterhielt auch den verlorenen Mann. Sie hat der Maslowa vorgeschlagen, bei ihr als Wäscherin einzutreten. Aber die Maslowa sah, was für ein schweres Leben die Waschfrauen hatten, die bei ihrer Tante dienten, und sie zögerte und suchte in den Vermittelungsbüreaux eine Stelle als Dienstmädchen. Sie fand einen Platz bei einer Frau, die mit ihren beiden Söhnen, Gymnasiasten, zusammen wohnte. Acht Tage nach ihrem Antritt hörte der älteste, schnurtbärtige Gymnasiast der sechsten Klasse auf zu lernen und ließ der Maslowa in seiner Zudringlichkeit keine Ruhe. Die Mutter gab an allem der Maslowa Schuld und kündigte ihr. Eine neue Stelle fand sich nicht, aber es traf sich, daß die Maslowa, als sie in das Stellenvermittelungsbüreau kam, dort einer Dame mit Fingerringen und Bracelets an den aufgedunsenen nackten Armen begegnete. Nachdem die Dame die Lage der stellesuchenden Maslowa erfahren, hat sie ihr ihre Adresse gegeben und sie zu sich eingeladen. Die Maslowa ging zu ihr. Die Dame empfing sie freundlich, bewirtete sie mit Pastetchen und süßem Wein und hat dann ihr Stubenmädchen mit einem Zettel irgendwohin geschickt. Abends kam in das Zimmer ein hochgewachsenet Mann mit langen ergrauenden Haaren und grauem Bart. Dieser Greis rückte sogleich der Maslowa näher und begann sie, lächelnd und mit den Augen glänzend, zu betrachten und mit ihr zu scherzen. Die Hausfrau hat ihn hinaus in ein anderes Zimmer gerufen, und die Maslowa hörte sie sagen: »eine ganz Frische, vom Dorfe.« Dann rief die Hausfrau die Maslowa heraus und sagte, das sei ein Schriftsteller, der sehr viel Geld habe und nicht sparen werde, wenn sie ihm gefiele. Sie hat gefallen, und er gab ihr fünfundzwanzig Rubel und versprach, sie oft wieder zu sehen. Bald ging das Geld drauf für Bezahlung der Kost bei der Tante und für ein neues Kleid, einen Hut und Bänder. Nach einigen Tagen schickte der Schriftsteller wieder nach ihr. Sie ging. Er gab ihr noch fünfundzwanzig Rubel und schlug ihr vor, in eine besondere Wohnung zu ziehen.

Während die Maslowa in dem von dem Schriftsteller gemieteten Quartier wohnte, gemann sie einen lustigen Kommis lieb, der auf demselben Hof logierte. Sie hat das selber dem Schriftsteller erklärt und eine abgesonderte kleine Wohnung bezogen. Der Kommis aber, der sie zu heiraten versprochen, reiste, ohne ihr etwas davon zu sagen, nach Nischnij; er hatte sie augenscheinlich verlassen; die Maslowa blieb allein. Sie wollte nun für sich in dem Quartier wohnen, aber das hat man ihr nicht erlaubt. Der Polizeioffiziant teilte ihr mit, sie könne nur so leben, nachdem sie einen roten Schein bekommen und sich einer medizinischen Untersuchung gestellt habe. Darauf ging sie wieder zu ihrer Tante.

Als die Tante ihr Modekleid erblickte, den Umhang und den Hut, empfing sie sie achtungsvoll und wagte schon nicht mehr, ihr vorzuschlagen, Wäscherin zu werden, da sie glaubte, daß sie eine höhere Lebensstufe betreten habe. Für die Maslowa existierte jetzt nicht mehr die Frage, ob sie Wäscherin werden solle oder nicht. Sie blickte jetzt mit Mitleid auf das Galeerenleben, das die blassen Waschfrauen mit den mageren Armen, — einige der Frauen waren schon schwindsüchtig — in den vorderen Zimmern führten, indem sie bei dreißig Grad im Seifendampf und dazu bei, im Sommer wie im Winter, geöffneten Fenstern wuschen und plätteten, und sie ergrauste bei dem Gedanken, daß auch sie in solche Galeerenarbeit eintreten sollte. Und zu dieser Zeit, die für die Maslowa besonders kummervoll war, weil sie keinen Beschützer fand, wurde sie von einer Vermittlerin aufgesucht, die ein Toleranzhaus mit Mädchen versorgte.

Die Maslowa rauchte schon längst; in der letzten Zeit aber ihres Verhältnisses mit dem Kommis, und nachdem er sie verlassen, gewöhnte sie sich immer mehr und mehr ans Trinken. Der Branntwein zog sie nicht nur an, weil er schmackhaft schien, sondern und hauptsächlich deshalb, weil er ihr die Möglichkeit, alles Schwere, das sie erlebt hatte, zu vergessen verlieh, und er verlieh ihr Ungezwungenheit und eine feste Ueberzeugung von ihrer Würde, welche sie ohne Branntwein nicht hatte. Ohne Branntwein schämte sie sich immer und war niedergeschlagen. Die Vermittlerin bewirtete die Tante, und nachdem sie die Maslowa betrunken gemacht, schlug sie ihr vor, in eine gute — in die beste Anstalt der Stadt einzutreten, indem sie ihr alle Vorteile und Vorzüge dieser Stellung vor Augen führte. Die Maslowa hatte die Wahl vor sich: entweder die erniedrigende Lage einer Dienstmagd, wo es ganz sicher Verfolgungen von seiten der Männer und zeitweilige geheime Ehebrüche geben würde, oder die gesicherte, ruhige, gesetzliche Stellung und der offene, vom Gesetz erlaubte, gut bezahlte, beständige Ebebruch, und sie wählte das letztere. Außerdem glaubte sie damit an ihrem Verführer und an dem Kommis — an allen Leuten, die ihr Böses gethan, Rache zu nehmen. Dabei verführte sie noch, und eines der Motive ihrer definitiven Entscheidung war, daß die Vermittlerin ihr sagte, sie könne so viele Kleider bestellen, wie sie nur wünsche; aus Samt, aus Seide, Ballkleider, die Schultern und Arme nackt lassen. Und als sich die Maslowa vorstellte, — sie im hellgelben dekolletierten Seidenkleide, besetzt mit schwarzem Samt, — da konnte sie nicht widerstehen und gab ihren Patz ab.

Und noch an demselben Abend nahm die Vermittlerin eine Droschke und führte sie in das berühmte Haus der Kitajewa.

Und so begann von dieser Zeit an für die Maslowa jenes Leben des chronischen Vergehens gegen göttliche und menschliche Gebote, das von Hunderten und Hunderten von Frauen geführt wird, nicht nur mit Erlaubnis, sondern unter der Gönnerschaft der regierenden Gewalt, die mit dem Wohl ihrer Bürger betraut ist, und das für neun von zehn mit qualvollen Krankheiten, mit vorzeitiger Altersschwäche und Tod endigt. —

Morgens und am Tage der schwere Schlaf nach den nächtlichen Orgien. Um drei, vier Uhr das müde Aufstehn vom schmutzigen Bette, Selterwasser nach der Völlerei, Kaffee — dann das faule Herumschlendern durch die Zimmer, in Peignoirs, Jacken, Schlafröcken; das Schauen aus den Fenstern, verborgen hinter den Vorhängen; das träge Schelten untereinander; dann das Abwaschen, Beschmieren, Parfümieren des Leibes, der Haare; das Anbrobieren der Kleider; das Streiten darüber mit der Wirtin; das Betrachten im Spiegel, dad Schminken der Gesichts, der Augenbrauen; die süße fette Mahlzeit; dann das Anziehen des hellen, seidenen, den Körper entblößenden Kleides; das Hinaustreten in den aufgeputzten, hell beleuchteten Saal, die Ankunft der Gäste —; Musik, Tanz, Bonbons, Wein, Rauchen, Ehebrüche mit den Jungen, mit Leuten mittleren Alters, mit halben Kindern, mit sich ruinierenden Greisen, mit Ledigen, mit Verheirateten, mit Kaufleuten, mit Kommis, mit Armeniern, mit Juden, mit Tataren, mit Reichen, Armen, Gesunden, Kranken, Betrunkenen, Nüchternen, Groben, Zarten, mit Militärs, mit Zivilisten, mit Studenten, mit Gymnasiasten — mit allen möglichen Klassen, Altersstufen, Charakteren. Und Geschrei und Späße, und Prügel und Musik, und Tabak und Wein, und Wein und Tabak, und Musik vom Abend die zum Tagesanbruch. Und nur am Morgen Erlösung und schwerer Schlaf. Und so jeden Tag, die ganze Woche. Am Ende der Woche aber die Fahrt in die Staatsanstalt, — das Kreisbüreau, wo die im Staatsdienst stehenden Beamten, — Aerzte — Männer — diese Frauen unterrichten; und manchmal ernst und streng, manchmal mit scherzhafter Lustigkeit, die von der Natur zum Schutz gegen Verbrechen nicht nur den Menschen sondern selbst den Tieren veliehene Scham vernichteten, und dann ihnen das Patent gaben zur Fortsetzung derselben Verbrechen, welche diese Frauen im Lauf der Woche mit ihren Mitgenossen begingen. Und wieder ebensolche Woche. Und so jeden Tag, — im Sommer, im Winter, am Werktag wie am Feiertag.

So lebte die Maslowa sieben Jahre hindurch. Während dieser Zeit hat sie zweimal das Haus gewechselt, und einmal war sie im Hospital. Im siebenten Jahre ihres Aufenthalts im Toleranzhause und im zehnten Jahre nach ihrem ersten Fall, als sie siebenundzwanzig Jahre alt mar, geschah mit ihr das, wofür man sie ins Gefängnis gesetzt und jetzt vor das Gericht führte, nach sechsmonatlicher Haft im Gefängnis mit Diebinnen und Mörderinnen.

3

Zu gleicher Zeit, da die Maslowa, von dem langen Gange ermüdet, mit ihrer Bewachung an das Gerichtsgebäude herangekommen mar, lag jener selbe Neffe ihrer Erzieherinnen, Fürst Dmitrij Iwanowitsch Nechljudow, der sie verführt, auf seinem hohen, zerwühlten Springfederbett mit der Daunenmatratze, knöpfte den Kragen seines sauberen Nachthemdes von holländischer Leinwand mit den an der Brust festgebügelten Fältchen auf, und rauchte eine Cigarette. Er sah mit starren Augen vor sich hin und dachte darüber nach, was ihm heute zu thun bevorstehe, und was gestern gewesen.

Sich des gestrigen Abends entsinnend, welchen er bei Kortschagins zugebracht, reichen und berühmten Leuten, deren Tochter er, wie von allen angenommen wurde, heiraten sollte, seufzte er, warf die ausgerauchte Cigarette fort und wollte aus der silbernen Cigarettendose eine neue nehmen; — besann sich jedoch anders, ließ seine glatten weißen Beine vom Bett herab, fand mit ihnen die Pantoffeln, warf einen seidenen Schlafrock über die breiten Schultern und ging mit raschen Schritten in das ans Schlafgemach stoßende Ankleidezimmer, das ganz von dem fürstlichen Geruch der Elixiere, des Eau de Cologne, der Bartpomaden und Parfüms durchdrungen war. Dort putzte er mit einem besonderen Pulver seine an vielen Stellen plombierten Zähne, spülte sie mit einem aromatischen Mundwasser, fing dann an, sich allerseits zu waschen und mit verschiedenen Handtüchern abzureiben. Nachdem er sich die Hände mit parfümierter Seife gewaschen, putzte er sorgfältig mit Bürsten die langgewachsenen Nägel, wusch sich an dem großen marmornen Waschtisch das Gesicht und den starken Hals und trat noch in ein drittes Zimmer neben dem Schlafgemach, wo eine Douche hergerichtet war. Als er dann mit kalten Wasser den muskulösen, mit Fett belegten weißen Leib gewaschen und sich mit dem rauhhaarigen Laken abgerieben hatte, zog er die saubere, geglättete Wäsche, die wie ein Spiegel geputzten Schuhe an, setzte sich vor die Toilette, um mit zwei Bürsten den kleinen, schwarzen krausen Bart and die auf dem vorderen Teil des Kopfes ziemlich dünn gewordenen, krauslichen Haare zu bearbeiten. Alle Sachen, deren er sich bediente, — das Toilettenzubehör, die Wäsche, die Kleider, die Fußbekleidung, die Halsbinden, die Hemdknöpfe, die Stecknadeln — waren von der allerersten teuersten Sorte, unauffällig, einfach, dauerhaft und kostbar.

Nachdem Nechljudow aus einem Dutzend Krawatten und Vorstecknadeln die ersten, die ihm unter die Hände kamen, genommen — einst war dies neu und unterhaltend, jetzt war es ihm vollständig gleichgültig, — zog er die gebürsteten und auf dem Stuhle vorbereiteten Kleider an und ging, wenn auch nicht vollkommen frisch, so doch sauber und duftend, in das lange Speisezimmer mit dem gestern von drei Bauern gewichsten Parquetboden, dem ungeheuer großen Eichenbuffet und dem ebenso großen, zum Ausziehen eingerichteten Tische, der mit seinen breit andeinandergestellten, in der Form von Löwenklauen geschnitzten Füßen etwas Feierliches hatte.

Auf diesem Tische mit der feinen, gestärkten, mit großen Namenszügen versehenen Decke stand eine silberne Kaffeekanne mit dunftendem Kaffee, eine ebensolche Zuckerdose, eine Rahmkanne mit gekochter Sahne und ein Korb mit frischem Kalatsch (Semmel), kleinen Zwiebacken und Biskuits. Neben dem Gedeck lagen die eingetroffenen Briefe, Zeitungen und ein neuer Band, die »Revue des deux mondes«.

Eben nur wollte sich Nechljudow an seine Briefe machen, als aus der Thür, die in den Korridor lührte, eine wohlbeleibte und ziemlich bejahrte Frau in Trauer, mit einem Spitzenaufsatz auf dem Kopfe, der den auseinandergegangenen Haarscheitel verdeckte, herangeschwommen kam. Es war das Kammermädchen der seligen, vor kurzem in dieser selben Wohnung verstorbenen Mutter Nechljudows, Agrafena Petrowna, die jetzt bei dem Sohn als Haushälterin geblieden war.

Agrafena Petrowna hatte etwa zehn Jahre — zu verschiedenen Zeiten — mit Nechljudows Mutter im Auslande verbracht und hatte das Aussehn und die Manieren einer Dame.

Von Kindheit an wohnte sie im Hause der Nechljudows und kannte Dmitrij Iwanowitsch als er noch Mitenjka war.

»Guten Morgen, Dmitrij Iwanomitsch!«

»Ich grüße Sie, Agrafena Petrowna; — was giebt’s Neues?« fragte Nechljudow scherzend.

»Ein Brief entweder von der Frau Fürstin oder vom fürstlichen Fräulein; das Zimmermädchen hat ihn schon längst gebracht, wartet bei mir,« sagte Agrafena Petrowna und übergab den Brief, bedeutungsvoll lächelnd.

»Schön, sogleich,« sagte Nechljudow, indem er den Brief nahm, und da er Agrafena Petrownas Lächeln bemerkte, zog er ein finstres Gesicht. Das Lächeln der Agrafena Petrowna bedeutete, daß der Brief den der jungen Fürstin Kortschagina war, die Nechljudow, nach Agrafena Petrownas Meinung, heiraten sollte. Und diese durch ihr Lächeln ausgedrückte Voraussetzung Agrafena Petrownas war Nechljudow unangenehm.

»Also ich sage ihr, daß sie etwas warten soll.« Und Agrafena Petrowna nahm das nicht an seinem Ort liegende Bürstchen zum Abfegen des Tisches, legte es an einen andern Ort und schwamm aus dem Speisezimmer hinweg.

Als Nechljudow den duftenden Brief, den ihm Agrafena Petrowna gereicht, erbrochen, begann er ihn zu lesen.

’Indem ich die auf mich genommene Pflicht erfülle,’ stand auf dem einen Bogen des dicken grauen Papiers mit den ungleichen Rändern, in einer scharfen aber weiten Handschrift geschrieben, ‘erinnere ich Sie daran, daß Sie heute, den 28. April, im Geschworenengericht sein müssen und daher unmöglich mit uns und mit Herrn Kolossow fahren können, um Bilder zu besehen, wie Sie dies gestern mit dem Ihnen eigentümlichen Leichtsinn versprachen, á moins que vous ne soyez disposé á payer á la cour d’assise les 300 roubles d’amende, que vous vous refusez pour votre cheval, dafür, daß Sie nicht zur rechten Zeit erscheinen. Es fiel mir gestern ein, als Sie eben fortgegangen waren. Also vergessen Sie es nicht.

Fürstin M. Kortschagina.’

Auf der anderen Seite war hinzugefügt: ‘Maman vous fait dire, que votre couvert vous attendra jusqu’a á la nuit. Venez absolument, á quelle heure que cela soit.

M. R.’

Nechljudow runzelte die Stirn. Der Zettel war die Fortführung jener geschickten Arbeit, die schon seit zwei Monaten an ihm von der jungen Fürstin Kortschagina ausgeführt wurde, und die darin bestand, daß sie ihn mit unmerklichen Fäden immer mehr und mehr mit ihr verknüpfte. Unterdessen aber hatte Nechljudow, außer jener, bei den nicht mehr jungen und nicht leidenschaftlich verliebten Leuten gewöhnlichen Unentschlossenheit vor der Ehe, noch einen wichtigen Grund, aus dem er, selbst wenn er sich entschlösse, doch nicht sogleich seinen Antrag machen könnte. Dieser Grund bestand nicht darin, daß er bald vor zehn Jahren Katjuscha verführt und sie verlassen hatte, das war von ihm vollständig vergessen worden, und er hielt das für kein Hindernis zum Heiraten; der Grund lag darin, daß er um dieselbe Zeit mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis hatte, das — obgleich von seiner Seite zerrissen — ihrerseits noch nicht als zerrissen anerkannt wurde.

Nechljudow war sehr schüchtern den Frauen gegenüber. Aber eben seine Schüchternheit hatte in dieser verheirateten Frau die Lust erweckt, ihn zu erobern. Diese Frau war die Gemahlin des Adelsmarschalls jenes Kreises, zu dessen Wahl Nechljudow gefahren war. Und die Frau zog ihn in ein Verhältnis hinein, das für Nechljudow mit jedem Tage hinreißender und zu gleicher Zeit auch immer mehr und mehr abstoßend wurde. Anfangs hatte Nechljudow der Verführung nicht widerstehen können, dann, weil er sich vor ihr schuldig fühlte, konnte er dies Verhältnis nicht ohne ihre Einwilligung zerreißen. Und hier eben lag die Ursache, aus welcher Nechljudow glaubte, daß er kein Recht habe, auch wenn er es wünschte, der Kortichagina seinen Heiratsantrag zu machen.

Auf dem Tische lag gerade ein Brief von dem Manne dieser Frau. Als Nechljudow die Handschrift und den Stempel sah, errötete er und empfand sogleich jenen Energieaufschwung, den er immer heim Nahen der Gefahr fühlte. Aber seine Aufregung war überflüssig; der Mann, den Adelsmarschall desselben Bezirks, in dem die Hauptbesitztümer Nechljudows lagen, berichtete ihm, daß zu Ende Mai eine außerordentliche Versammlung des Semstwo anberaumt worden, und bat Nechljudow, auf alle Fälle zu erscheinen ‘et donner un coup d’épaule’ in den bevorstehenden wichtigen Fragen der Semstwo-Versammlung über die Schulen und die Anfahrtsbahnen, bei denen man starken Widerstand der reaktionären Partei erwartete.

Den Adelsmarschall war ein liberaler Mann, der zusammen mit einigen Gleichgesinnten gegen die unter Alexander III. angebrochene Reaktion kämpfte und so ganz von diesem Kampf absorbiert ward, daß er nichts von seinem unglücklichen Familienleben wußte.

Nechljudow vergegenwärtigte sich all die qualvollen Minuten, die er durchlebt, in Beziehung auf diesen Mann; er vergegenwärtigte sich, wie er einmal geglaubt, der Mann wisse alles, und wie er sich zum Duell mit ihm vorbereitete, bei welchem er in die Luft schießen wollte; und die furchtbare Scene mit ihr, als sie in Verzweiflung in den Garten hinauslief, zum Teich, mit den Absicht, sich zu ertränken, und er lief, sie zu suchen.

»Ich kann jetzt nicht fahren, ich kann nichts unternehmen, so lange sie mir nicht antwortet,« dachte Nechljudow. Vor einer Woche hatte er ihr einen entscheidenden Brief geschrieben, in welchem er sich als schuldig und zu jeder beliebigen Art von Genugthuung bereit erkannte, aber dennoch hielt er das Verhältnis und zmar zu ihrem besten, für beendigt auf immer. Und eben auf diesen Brief erwartete er Antwort und bekam keine. Daß er keine Antwort enhielt, war zum Teil ein gutes Zeichen. Wenn sie auf den Bruch nicht eingehen wollte, so hätte sie schon längst geschrieben oder wäre sogar selber gekommen, wie sie es früher tat. Nechljudow hatte gehört, daß gegenwärtig dort irgend ein Offizier war, der ihr den Hof machte, und das quälte ihn mit Eifersucht und freute ihn zugleich, als Hoffnung auf Befreiung von der ihn peinigenden Lüge.

Den andere Brief wan von dem Oderverwalter der Besitzungen. Der Verwalter schrieb ihm, daß er, Nechljudow, selber kommen müsse, um seine Erbschaft anzutreten, und außerdem, um die Frage zu entscheiden, wie die Wirtschaft fortzuführen sei: ob so, wie sie von der Seligen geführt worden, oder so, wie er es auch der seligen Fürstin vorgeschlagen und jetzt dem jungen Fürsten vorschlage, nämlich, das Inventarium zu vermehren, und alles Land, das jetzt den Bauern in Pacht gegeben war, selber zu bewirtschaften. Der Verwalter schrieb, daß eine solche Exploitation viel vorteilhafter sein würde. Dabei entschuldigte sich der Verwalter wegen Verspätung der Zusendung der laut Verordnung zum Ersten des Monats fälligen 3000 Rubel. Dieses Geld würde mit den nächsten Post abgesandt. Die Zusendung habe sich deswegen verzögert, weil er das Geld durchaus nicht bei den Bauern einsammeln konnte, deren Gewissenlosigkeit einen solchen Grad erreicht habe, daß es nötig gewesen, sich an die Autorität zu wenden, um sie zu betreiben. Dieser Brief war Nechljudow angenehm und unangenehm. Er war angenehm, seine Macht über ein großes Eigentum zu fühlen und unangenehm, daß er zur Zeit seiner ersten Jugend ein begeisterter Anhänger Herbert Spencers gewesen und als Großgrundbesitzer selber besonders dunch seinen Satz in den »Social Statics« getroffen war, ‘daß die Gerechtigkeit den Privatgrundbesitz nicht zulasse.’ Zu der Gradheit und Entschlossenheit der Jugend sagte er damals nicht nur, daß der Boden nicht Gegenstand des Privateigentums sein könne, und schrieb nicht nur in der Universität eine Abhandlung darüber, sondern er hatte um jene Zeit auch in der That ein kleines Landstück, das nicht seiner Mutter, sondern durch Erbschaft vom Vater ihm persönlich gehörte, damals den Bauern abgegehen, da er das Land nicht gegen seine Ueberzeugung besitzen wollte.

Jetzt, da er durch die Erbschaft ein großer Grundbesitzer geworden, mußte er eins von beidem: entweder auf sein Eigentum verzichten, wie er es vor zehn Jahren hinsichtlich der zweihundert Desjatinen Land von seinem Vater gemacht, oder in stillschweigendem Eingeständnis all seine früheren Gedanken als fehlerhaft und falsch anerkennen.

Das erstere konnte er nicht thun, weil er außer dem Landbesitz keine Mittel zur Existenz hatte. Dienen wollte er nicht, wohl aber hatte er inzwischen die Gewohnheiten eines luxuriösen Lebens angenommen, von denen er glaubte, sich nicht losmachen zu können. Aber es hatte auch keinen Zweck, denn er besaß schon nicht mehr weder jene Ueberzeugungskraft, noch jene Entschlossenheit, noch jene Eitelkeit und Lust, in Verwunderung zu setzen, die ihm in der Jugend eigen gewesen.

Das zweite aber, Widerruf jener klaren und unwiderlegbaren Beweisgründe von der Unrechtmäßigkeit des Grundbesitzes, die er damals aus der »Sozialen Statik« von Spencer geschöpft und deren glänzende Bestätigung er dann viel später in den Werken von Henry George gefunden hatte, war ihm durchaus nicht möglich.

Und unangenehm war ihm deswegen der Brief des Verwalters.

4

Nachdem Nechljudow seinen Kaffee getrunken, ging er ins Kabinet, um im Vorladungsschreiben nachzusehen, um wie viel Uhr man im Gericht sein müsse und um die Antwort an die Fürstin zu schreiben. Ins Kabinet mußte man durch das Atelier gehen. Im Atelier stand eine Staffelei mit einem angefangenen Bilde, das umgedreht war, auch waren Studien aufgehängt. Der Anblick dieses Bildes, an welchem er sich zwei Jahre lang abgequält, der Anblick der Studien und des ganzen Ateliers mahnten ihn an das in letzter Zeit mit besonderer Schärfe empfundene Gefühl seines Unvermögens, in der Malerei weiter zu kommen. Er erklärte diese Empfindung durch sein zu fein entwickeltes ästhetisches Gefühl, aber dennoch was diese Empfindung sehr unangenehm.

Vor sieben Jahren hatte er den Dienst aufgegeben, da er entschied, daß er einen Beruf zur Malerei habe, und von der Höhe der künstlerischen Thätigkeit sah er etwas verächtlich auf alle anderen Thätigkeiten herab. Jetzt ergab es sich, daß er dazu kein Recht hatte. Und darum war jede Erinnerung daran unangenehm. Mit schwerem Gefühl blickte er auf alle diese prachtvollen Einrichtungen des Ateliers hin, und in mißmutiger Laune ging er in dae Kabinet hinein. Das Kabinet war ein sehr großes, hohes Zimmer mit allen Arten von Zierrat, Vorrichtungen und Bequemlichkeiten.

Nachdem er sogleich in der Schieblade des kolossalen Schreibtisches unter der Abteilung »Terminsachen« das Vorladungeschreiben gefunden, in welchem es hieß, daß man um elf im Gericht sein müsse, setzte sich Nechljudow, um der Fürstin ein Billet zu schreiben, daß er für die Einladung danke und sich bemühen werde, zum Mïttagessen du zu sein. Aber nachdem er ein Billet geschrieben, riß er es entzwei: es war zu intim; er schrieb ein anderes, — es war kalt, fast beleidigend. Er riß es wieder entzwei und drückte auf den Knopf in der Wand. In die Thür kam in grauer Kalikoschürze ein bejahrter Lakai von finsterem Aussehen mit einem Backenbart, sonst ausrasiert.

»Bitte, schicken Sie nach dem Kutscher.«

»Zu Befehl.«

»Und sagen Sie, hier wartet jemand von Kortschagins, ich ließe danken, ich würde mich bemühen zu kommen.«

»Zu Befehl.«

‘Unhöflich, aber ich kann nicht schreiben. Ich werde sie doch heute sehen’, dachte Nechljudow und ging sich anzukleiden.

Als er sich dann angekleidet hatte und auf die Treppe hinauskam, wartete schon auf ihn sein bekannter Mietkutscher mit der Gummiräderdroschke.

»Gestern waren Sie eben vom Fürsten Kortschigan weggefahren,« sagte der Mietkutscher, den starken verbrannten Hals im weißen Hemdkragen halbumwendend, »als ich vorgefahren bin, der Schweizer aber sagte: ‘Grade weg!’«

Der Mietkutscher wußte, daß er Kortschagins besuchte und war gekommen, um ihn abzuholen.

‘Sogar die Mietkutscher wissen um mein Verhältnis zu Kortschagins,’ dachte Nechljudow, und es regte sich in ihm die unentschiedene Frage, die ihn in der letzten Zeit beständig beschäftigte: sollte er die Kortschagina heiraten, oder nicht; er konnte diese Frage, wie die meisten Fragen, die sich ihm um diese Zeit aufdrängten, durchaus nicht entscheiden, weder auf die eine, noch auf die andere Weise.

Zu Gunsten der Ehe überhaupt sprach erstens der Umstand, daß die Heirat, außer den Annehmlichkeiten des häuslichen Herdes, indem sie die Unregelmäßigkeit des Geschlechtslebens beseitigte, die Möglichkeit eines moralischen Lebenes bot; zweitens der Umstand, und dieser war die Hauptsache, daß Nechljudow hoffte, Familie und Kinder würden seinem jetzt inhaltslosen Leben einen Sinn geben. Das war für das Heiraten überhaupt. Gegen das Heiraten überhaupt sprach aber erstens die allen nicht jungen Junggesellen gemeinsame Furcht, ihre Freiheit einzubüßen, und zweitens, die unbewußte Furcht vor dem geheimnisvollen Wesen der Frau.

Zu Gunsten aber der Ehe, speziell mit Missi — Fräulein Kortschagina hieß Marie, und wie in allen Familien eines gewissen Kreises gab man ihr einen Beinamen — war erstens zu sagen, daß sie von guter Rasse war, und daß sie in allem, von der Kleidung bis zur Manier zu sprechen, zu gehen, zu lachen, sich vor einfachen Leuten auszeichnete; sie zeichnete sich nicht durch etwas Außerordentliches aus, sondern durch »Korrektheit«; er kannte keinen anderen Ausdruck für diese Eigenschaft und wertete diese Eigenschaft sehr hoch; und zweitens schätzte sie ihn höher als alle anderen Menschen, also, nach seinen Begriffen, verstand sie ihn. Und dieses Verstehen, das heißt das Anerkennen seiner hohen Qualitäten, zeugte von ihrem Verstand und von der Richtigkeit ihres Urteils. Gegen die Heirat, speziell mit Mïssi, war erstens, daß man, sehr wahrscheinlich, ein Fräulein finden konnte, welches noch viel mehr gute Eigenschaften als Missi hatte, und welches darum mehr seiner wert wäre; zweitens, daß sie schon 27 Jahre alt war, und darum hatte sie sicher schon früher geliebt; und dieser Gedanke war für Nechljudow qualvoll. Sein Stolz konnte sich nicht damit aussöhnen, daß sie selbst in der Vergangenheit nicht ihn lieben gekonnt. Versteht sich, sie konnte nicht wissen, daß sie ihn treffen werde, aber der Gedanke allein, daß sie irgend jemand frïher lieben gekonnt, beleidigte ihn. So daß der Beweggründe ebenso viele für die Ehe, wie gegen sie waren; wenigstens waren ihrer Kraft nach diese Beweggründe gleich, und Nechljudow, über sich selbst lachend, nannte sich Buridans Esel. Und dennoch fuhr er fort, einer zu sein, weil er nicht mußte, zu welchem von beiden Bündeln er sich wenden solle.

‘Uebrigens, ohne Antwort von Maria Wassiljewna — der Frau des Adelsmarschalls, — ohne damit vollständig zu Ende zu sein, kann ich nichts unternehmen,’ sagte er zu sich selbst.

Und dies Bewußtsein, daß er mit der Entscheidung zögern könne und müsse, war ihm angenehm. ‘Uebrigens werde ich alles das nachher überlegen,’ sagte er sich selbst, als seine Droschke schon ganz geräuschlos zur Asphaltausfahrt des Gerichtbgebäudes hinanrollte. ‘Jetzt muß man gewissenhaft, — wie ich es immer thue und für meine Schuldigkeit halte, seine öffentliche Pflicht erfüllen. Zudem aber pflegt es oft interessant zu sein,’ sagte er zu sich und ging an dem Schweizer vorbei in den Flur des Gerichtsgebäudes hinein.

5

In den Korridoren des Gerichtes war eine starke Bewegung, da Nechljudow hereintrat.

Die Wächter gingen bald rasch, bald sogar im Trab, ja, sie huschten vorüber ohne die Füße vom Boden zu heben, und liefen, kaum Atem holend, hin und her mit Aufträgen und Akten. Die Gerichtskommissäre, Advokaten, Gerichtsbeamten gingen bald hin, bald her; die Supplikanten und die Angeklagten ohne Bewachung strichen verzagt an den Wänden herum oder saßen voll Erwartung.

»Wo ist das Bezirksgericht?« fragte Nechljudow bei einem der Wächter.

»Zu welchem wollen Sie? Es giebt eine Civilabteilung, es giebt das Appellationsgericht.«

»Ich bin Geschworener.«

»Also Kriminalabteilung. So hätten Sie auch sagen müssen. Hier rechts, dann links und die zweite Thür.«

Nechljudow ging.

Neben der genannten Thür standen zwei Männer und warteten; einer war ein großer dicker Kaufmann, ein gutmütiger Mensch, der in Vorbereitung zu seinem Dienst ein Glas getrunken und einen Imbiß genommen hatte und in der heitersten Gemütsverfassung war. Der andere war ein Kommis von jüdischer Herkunft. Sie sprachen vom Preise der Wolle, als der eben angelangte Nechljudow herankam und fragte, ob dies das Zimmer der Geschworenen sei.

»Hier, mein Herr, hier. Auch einer von uns Geschworenen?« fragte lustig zwinkernd der gutmütige Kaufmann.

»Nun, also werden wir uns zusammen etwas anstrengen,« fuhr er auf die bejahende Antwort Nechljudows fort. »Baklaschow von der zweiten Gilde,« sagte er, seine weiche, breite Hand — sie war so dick, daß sie sich nicht ballen ließ — reichend, »man muß sich etwas Mühe geben. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Nechljudow nannte seinen Namen und ging in das Zimmer der Geschworenen.

In dem kleinen Zimmer der Geschworenen waren etwa zehn Mann verschiedener Sorte. Alle waren eben angekommen: einige saßen, andere gingen, indem sie einander betrachteten und sich bekannt machten. Der eine war ein abgedankter Militär in Uniform, die anderen waren in Gehröcken, in Joppen, und nur der eine im Kaftan.

Alle zeigten, trotzdem viele sich von der Arbeit losgerissen hatten und sagten, daß es sie belästige, — alle zeigten den Ausdruck eines gewissen Vergnügenes im Bewußtsein der Erfüllung einer wichtigen öffentlichen Thätigkeit.

Die Geschworenen, die teils mit einander bekannt geworden, teils aber nur vermuteren, wer wer sei, sprachen mit einander vom Wetter, vom frühen Frühling, von den bevorstehenden Geschäften. Diejenigen, welche mit Nechljudow nicht bekannt waren, beeilten sich, mit ihm bekannt zu werden, weil sie augenscheinlich es für eine besondere Ehre hielten. Und Nechljudow nahm es, wie immer unter Unbekannten, als das ihm Gebührende entgegen. Würde man ihn gefragt haben, warum er sich für höher, als die meisten Leute hielt, so hätte er nicht antworten können, weil sein ganzes Leben keine besonderen Verdienste offenbarte. Und daß er das Englische, Französische und Deutsche schön aussprach, daß er Wäsche, Kleider, Halstuch und Hemdknöpfe von den allerbesten Lieferanten dieser Waren hatte, das, verstand er selber, konnte keineswegs Ursache der Anerkennung seiner Ueberlegenheit sein. Inzwischen aber erkannte auch er unzweifelhaft diese seine Ueberlegenheit an, nahm die ihm erwiesenen Zeichen der Achtung, als das ihm Gebührende entgegen und fühlte sich beleidigt, wenn sie ausblieben. Im Zimmer der Geschworenen mußte er grade dieses unangenehme Gefühl ihm bezeugter Nichtachtung erfahren. Unter der Zahl der Geschworenen fand sich ein Bekannter von Nechljudow. Es war Peter Gerassimowitsch, — Nechljudow kannte nie seinen Familiennamen und prahlte sogar ein wenig damit, daß er seinen Namen nicht kenne, — der ehemalige Lehrer der Kinder seiner Schwester. Peter Gerassimowitsch hatte die Universitätskurse beendet und war jetzt Gymnasiallehrer. Er war immer unerträglich für Nechljudow durch seine Familiarität, durch sein selbstzufriedenes Lachen, überhanpt durch ‘seine kommunistischen Manieren,’ wie die Schwester Nechljudows zu sagen pflegte.

»So, Sie müssen auch dran glauben,« empfing Peter Geraffimowitsch mit lautem Lachen den Nechljudow, »konnten sich nicht drücken.«

»Aber ich dachte ja nicht daran, mich zu drücken,« sagte streng und traurig Nechljudow.

»Nun, das ist aber Bürgertugend! Warten Sie nur, wenn Sie Hunger verspüren und man Sie nicht schlafen läßt, werden Sie anders singen!« fing noch lauter lachend Peter Gerassimowitsch an.

’Dieser Oberpriesterssohn wird mich sogleich ‘Du’ nennen,’ dachte Nechljudow, und indes sich auf seinem Gesicht eine Trauer ausprägte, die nur in dem Fall natürlich gewesen wäre, wenn er soeben den Tod seiner sämtlichen Verwandten erfahren hätte, ging er von ihm weg und näherte sich einer Gruppe, die sich um einen glattrasierten, hochgewachsenen, ansehnlichen Herrn bildete, der mit Lebhaftigkeit etwas erzählte. Dieser Herr sprach von dem Prozeß, der eben in der Civilgerichtsabteilung verhandelt worden, wie von einer ihm gut bekannten Sache, indem er die Richter und die berühmten Advokaten mit Vor- und Zunamen nannte. Er erzählte von der wunderbaren Wendung, welche der berühmte Advokat der Sache zu geben verstanden, und nach welcher eine der Parteien, die alte Dame, obgleich sie vollständig im Recht sei, um nichts der Gegenpartei eine große Summe werde zahlen müssen.

»Der geniale Advokat,« sagte er.

Man hörte ihm mit Achtung zu, und einige bemühten sich, eigene Bemerkungen einfließen zu lassen, aber er schnitt allen das Wort ab, als ob nur er allein alles gehörig wissen könne.

Trotzdem Nechljudow zu spät vorgefahren, mußte er lange warten. Die Sache wurde aufgehalten durch ein Gerichtsmitglied, das bis jetzt nicht angelangt war.

6

Der Vorsitzende kam früh ins Gericht gefahren. Es war ein hoher, starker Mann mit großem, ergrauendem Backenbart. Er war verheitatet, führte aber ein sehr lockeres Leben, ebensa wie seine Frau. Sie störten einander nicht. Heute früh hatte er einen Zettel von der Gouvernante, einer Schweizerin, welche im Sommer bei ihnen im Hause gelebt und jetzt vom Süden nach Petersburg durchfuhr, erhalten, daß sie ihn in der Stadt im Gasthofe »Italie« zwischen drei und sechs Uhr erwarten werde. Daher hatte er Lust, die Verhandlung des heutigen Tages früher anzufangen und zu beenden, damit er bis sechs Uhr Zeit hätte, diese rothaarige Klara Wassiljewna zu besuchen, mit welcher er im vorigen Sommer auf dem Lande einen Roman angeknüpft hatte.

Nachdem er ins Kabinet eingetreten, riegelte er die Tür zu, holte aus dem Schrank mit Papieren von dem unteren Brett zwei Hanteln und machte zwanzig Bewegungen nach oben, nach vorwärts, nach rükwärts, nach unten und dann ließ er sich leicht dreimal nieder, indem er die Hanteln über dem Kopfe hoch hielt.

‘Nichts erhält einen so, wie das Begießen mit Wasser und die Gymnastik,’ dachte er, mit der linken Hand, die einen goldenen Ring auf dem Ringfinger trug, den angespannten Biceps des rechten Armes betastend. Ihm blieb noch übrig, einen »Moulinet« zu machen, — er pflegte diese zwei Bewegungen immer vor den langen Sitzen der Verhandlung auszuführen, — als die Thür erzitterte. Jemand wollte sie aufmachen. Der Vorsitzende legte eilig die Gewichte auf ihre Stelle und öffnete die Thür.

»Verzeihen Sie,« sagte er.

In das Zimmer kam eins der Gerichtsmitglieder mit goldener Brille, ein nicht hochgewachsener Mann mit aufgezogenen Schultern und einem finsteren Gesicht.

»Wieder ist Matwej Nikititsch nicht da,« sagte das Gerichtsmitglied unzufrieden.

»Noch nicht,« antwortete der Vorsitzende, die Uniform anziehend. »Immer verspätet er sich.«

»Erstaunlich, schämt er sich denn gar nicht?« sagte das Mitglied und setzte sich voll Unwillen, indem es Cigaretten aus der Tasche holte.

Dieses Gerichtsmitglied, ein sehr pünktlicher Mann, hatte heute früh einen unangenehmen Zusammenstoß mit seiner Frau gehabt, weil sie das ihr für einen Monat gegebene Geld vorzeitig verbraucht hatte. Sie hatte ihn gebeten, ihr Vorschuß zu geben, aber er sagte, daß er sich nicht darauf einlassen könne. Es erfolgte eine Scene. Die Frau sagte, wenn es so sei, so würde man auch kein Mittagessen haben, er möge ja zu Hause kein Mittagessen erwarten. Damit fuhr er weg und fürchtete, daß sie ihre Drohung wahr machen werde, weil man bei ihr auf alles gefaßt sein mußte, ’Da soll nun einer ein gutes, moralisches Leben führen,’ dachte er, indem er den strahlenden, gesunden, munteren und gutmütigen Vorsitzenden ansah, der mit seinen schönen, weißen Händen, indem er die Ellbogen breit auseinanderstellte, seinen dichten, langen, ergrauenden Backenbart zu beiden Seiten des gestickten Kragens ausbreitete, ‘er ist immer zufrieden und lustig, ich aber quäle mich.’

Es kam der Sekretär herein und brachte irgend welche Prozeßakten mit.

»Meinen besten Dank,« sagte der Vorsitzende, und rauchte eine Cigarette an. »Welchen Prozeß nehmen wir zuerst?«

»Ich glaube wohl die Vergiftung,« sagte scheinbar gleichgültig der Sekretär.

»Nun gut, wenn es die Vergiftung sein soll, so sei es die Vergiftung,« sagte den Vorsitzende, nachdem er überlegt, daß dies ein Prozeß sei, welchen man bis vier Uhr beenden könne, um nachher wegzufahren. »Und ist Matwej Nikititsch noch nicht da?«

»Immer noch nicht.«

»Und Herr Breve, ist er hier?«

»Hier,« autwortete der Sekretär.

»So sagen Sie ihm, wenn Sie ihn sehen, daß wir mit der Vergiftung anfangen.«

Breve war derjenige Staatsanwalt, welcher bei dieser Verhandlung die Anklage führen sollte.

Als er in den Korridor hinausging, traf der Sekretär den Breve an.

Mit hochaufgezogenen Schultern in nicht zugeknöpfter Uniform schritt er rasch, mit einem Portefeuille unter dem Arm, fast laufend und mit den Absätzen klopfend den Korridor entlang, indem er so mit dem freien Arm schwenkte, daß die Fläche der Hand zu der Richtung seines Ganges perpendikulär war.

»Michail Petrowitsch wünscht zu erfahren, ob Sie fertig sind?« fragte ihn der Sekretär.

»Versteht sich, ich bin immer fertig,« sagte der Staatsanwalt, »welcher Prozeß ist der erste.«

»Die Vergiftung.«

»Das ist schön,« sagte der Staatsanwalt, aber er fand es gar nicht schön; er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Es war ein Abschiedsschmaus zu Ehren eines Kameraden, man hatte viel getrunken und bis zwei Uhr gespielt, und nachher fuhr man zu den Frauen in dasselbe Haus, in welchem noch vor sechs Monaten die Maslowa war, sodaß er gerade die Prozeßakten von der Vergiftung zu lesen keine Zeit gehabt, und sie jetzt flüchtig durchsehen wollte. Der Sekretär aber hatte absichtlich dem Vorsitzenden geraten, diesen Prozeß, als ersten, vorzunehmen, da er wußte, daß jener die betreffenden Akten nicht gelesen hatte. Der Sekretär war von liberaler, ja sogar radikaler Denkungsart. Breve aber war konservativ und selbst, wie alle in Rußland dienenden Deutschen, besonders dem orthodoxen Glauben ergeben, und der Sekretär hatte ihn nicht gern und beneidete ihm seine Stellung.

»Nun, und wie ist es mit dem Prozeß der Skopzen?«

»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht kann,« sagte der Staatsanwalt, »der Abwesenheit der Zeugen wegen, ich werde das auch dem Gericht erklären.«

»Aber es ist ja ganz gleich…«

»Kann nicht,« sagte der Staatsanwalt, und auf die gewohnte Weise mit der Hand schwenkend, lief er in sein Kabinet.

Er schob den Prozeß der Skopzen ab wegen der Abwesenheit eines gar nicht wichtigen und für den Prozeß nicht nötigen Zeugen, nur darum, weil dieser Prozeß, wenn er vor einem Gericht vor sich gehen würde, wo der Bestand der Geschworenen intelligent war, mit Freisprechung endigen konnte. Im Einverständnis mit dem Vorsitzenden, sollte dieser Prozeß auf eine Session in einer Bezirksstadt verlegt werden, wo es mehr Bauern und darum mehr Chancen für die Verurteilung geben würde.

Die Bewegung auf dem Korridor verstärkte sich immer noch. Am meisten Leute waren neben dem Saal der Civilabteilung, wo diejenige Verhandlung vor sich ging, von der der ansehnliche Herr, der Liebhaber von Gerichtssachen, den Geschworenen gesprochen hatte.

Während der Unterbrechung kam aus diesem Saal jenes selbe alte Mütterchen, welchem der geniale Advokat verstanden, ihr Vermögen zu Gunsten des Profitmachers wegzunehmen, der auf dieser Vermögen kein Recht hatte. Das wußten auch die Richter und noch mehr der Supplikant und sein Advokat; aber der von ihnen ausgedachte Zug war solcher Art, daß es unmöglich war, dem alten Mütterchen sein Vermögen nicht wegzunehmen und es dem Profitmacher nicht abzugeben.

Das alte Mütterchen war eine dicke Frau in einem schmucken Kleide mit kolossalen Blumen auf dem Hute. Nachdem es aus der Thür herausgekommen, blieb es in dem Korridor stehen und seine dicken und kurzen Arme ausbreitend, wiederholte es immer, sich an seinen Advokaten wendend: »Was soll denn das sein? Haben Sie die Gnade! Was ist denn das?« Der Advokat betrachtete die Blumen auf ihrem Hut und hörte nicht zu, indem er etwas überlegte.

Gleich nach dem alten Mütterchen kam rasch aus der Thür des Saals der Civilabteilung, mit dem Plastron seiner weit geöffneten Weste und mit dem selbstzufriedenen Gesichte glänzend, eben jener berühmte Advokat heraus, der es so gewendet, daß das alte Mütterchen mit den Blumen das Nachsehen hatte, der Profitmacher aber, der ihm zehntausend Rubel gegeben, mehr als hunderttausend bekam. Alle Augen wandten sich auf den Advokaten, und er fühlte daß und sein ganzes Auftreten schien zu sagen: ‘es sind keine Aeußerungen der Ergebenheit nötig,’ und er ging rasch an allen vorbei.

7

Endlich kam auch Matwej Nikititsch angefahren, und der Gerichtskommissär, ein magerer Mensch mit langem Halse und schrägem Gang und mit ebenso schräg vorgeschobener Unterlippe trat in das Geschworenenzimmer. Dieser Gerichtskomissär war ein ehrlicher Mann mit Universitätsbildung, konnte sich aber nirgends auf seinem Posten behaubten, weil er periodisch trank. Vor drei Monaten hatte eine Gräfin, eine Beschützerin seiner Frau, ihm diese Stelle besorgt, und er hielt sich bis jetzt auf derselben und freute sich dessen.

»Wie ist’s, meine Herren, sind Sie alle versammelt?« sagte er, indem er seinen Zwicker aufsetzte und über denselben hinwegsah.

»Alle, scheint es,« sagte der lustige Kaufmann.

»Wollen die Probe machen,« der Gerichtskommissär holte aus der Tasche die Liste hervor und fing an, indem er die Aufgerufenen bald über, bald durch den Zwicker anblickte, aufzurufen.

»Staatsrat L. M. Nikisorow!«

»Ich,« sagte der ansehnliche Herr, der alle Gerichtssachen kannte.

»Oberst außer Diensten Iwan Semjonowitsch Iwanow.«

»Hier!« gab der magere Mann in der Uniform der Abgedankten zur Antwort.

»Der Kaufmann der zweiten Gilde, Peter Baklaschow.«

»Hier ist er!« sagte der gutmütige Kaufmann, mit dem ganzen Munde lächelnd, »wir sind bereit!«

»Der Gardeleutnant, Fürst Dmitrij Nechljudow.«

»Ich,« antwortete Nechljudow.

Der Gerichtskommissär verneigte sich besonders höflich und angenehm, indem er über den Zwicker hinweg blickte, als ob er ihn auf diese Weise vor den anderen auszeichnen wolle.

»Der Kapitän Jurij Dimitriewitsch Dantschenko,« »der Kaufmann Grigorij Jesemowitsch Kuleschow« u. s. w., u. s. w. Alle, außer zweien, waren versammelt.

»Jetzt bitte, meine Herren, in den Saal einzutreten,« sagte der Gerichtskommissär, indem er mit einer angenehmen Geste auf die Thür zeigte.

Alle rührten sich und einander in der Thür durchlassend gingen sie in den Korridor hinaus und aus dem Korridor in den Saal der Verhandlung.

Den Gerichtssaal war ein großes langes Zimmer. Ein Ende desselben ward von einer Erhöhung eingenommen, zu welcher drei Stufen hinanführten. Auf der Erhöhung, in der Mitte, stand ein Tisch, bedeckt mit grünem Tuch mit dunklerer grüner Franse.

Hinter dem Tische standen drei Lehnstühle mit sehr hohen, eichenen, geschnitzten Rückenlehnen; und hinter den Lehnstühlen hing in goldenem Rahmen ein grelles Porträt des Kaisers in Lebensgröße, in Uniform und Ordensband mit vorgesetztem Fuß, die Hand am Degen. In der rechten, Ecke hing ein Heiligenschrein mit dem Bilde Christi in der Dornenkrone und stand ein Chorpult, und ebenfalls an der rechten Seite stand das Schreibpult des Staatsanwalts. An der linken Seite. dem Schreibpult gegenüber, war im Hintergrunde das Tischchen des Sekretärs, und näher zum Publikum befand sich eine eichene gedrechselte Barriere; hinter derselben die noch nicht besetzte Bank der Angeklagten. Auf der rechten Seite, auf der Erhöhung, standen in zwei Reihen Stühle gleichfalls mit hohen Rückenlehnen, für die Geschworenen, hinten die Tische für die Advokaten. Alles das war im vordenen Teil des Saales, welcher durch die Barriere in zwei Stücke geteilt wurde. Der hintere Teil war ganz mit Bänken besetzt, welche, eine Reihe über der anderen, hin zur hinteren Wand reichten. In diesem hinteren Teil des Saals, auf den vorderen Bänken, saßen vier Frauen, in der Art wie Fabrikarbeiterinnen oder Zimmermädchen, und zwei Mannspersonen auch aus dem Arbeiterstande; sie schienen von der Großartigkeit der Saaleinrichtung erdrückt zu werden und flüsterten einander furchtsam zu.

Bald nach den Geschworenen trat der Gerichtskommissär mit seinem einseitigen Gang in die Mitte vor und schrie mit lauter Stimme, als ob er damit die Anwesenden erschrecken wolle:

»Das Gericht kommt!«

Alle standen auf, und auf die Erhöhung des Saales traten die Richter. Der Vorsitzende mit den Muskeln und dem schönen Backenbart. Dann das finstre Gerichtsmitglied in goldner Brille, das jetzt noch finsterer war, weil es grade vor der Sitzung seinen Schwager, den Gerichtsamtskandidaten, getroffen hatte, der ihm mitteilte, daß er bei der Schwester gewesen, und daß sie ihm erklärt habe, es werde kein Mittagessen geben.

»So daß wir also, wie es scheint, in ein Kneipchen fahren müssen,« — sagte der Schwager lachend.

»Da ist nichts zu lachen,« sagte das finstre Gerichtsmitglied und wurde noch finstrer.

Endlich dann trat das dritte Gerichtsmitglied heraus, derselbe Mattwej Nikititsch, welcher sich immer verspätete; es war ein bärtiger Mann mit großen nach abwärts gezogenen guten Augen. Dieses Gerichtsmitglied litt an Magenkatarrh und hatte vom heutigen Morgen ab auf den Rat des Doktors ein neues Regime begonnen. Und dies neue Regime hatte ihn heute noch länger als gewöhnlich zu Hause aufgehalten. Jetzt, als er auf die Erhöhung heraustrat, hatte er ein konzentriertes Aussehn, da er die Gewohnheit hatte, bei allen Fragen, die er sich stellte, auf alle mögliche Weise das Orakel zu befragen. Jetzt machte er bei sich aus: wenn die Zahl der Schritte von der Thür des Kabinets hin zum Lehnstuhl ohne Rest durch drei teilbar sein wird, so wird das neue Regime ihn vom Katarrh heilen; wenn sie aber nicht teilbar ist, so wird es ihn nicht heilen. Es waren sechsundzwanzig Schritte, aber er machte einen kleinen Schritt, und mit dem siebenundzwanzigsten erreichte er den Lehnstuhl.

Die Figuren den Vorsitzenden und der Mitglieder, die in ihren Uniformen mit den goldgestickten Kragen auf die Erhöhung heraustraten, waren sehr imposant. Sie fühlten das selber, und alle drei, wie über ihre eigene Herrlichkeit bestürzt, setzten sich, indes sie die Augen eilig und bescheiden sinken ließen, auf ihre geschnitzten Lehnstühle, hinter dem mit grünem Tuch bedeckten Tische, auf welchem sich ein dreieckiges Instrument mit einem Adler,6 ferner Glasvasen, in welchen Bonbons in den Büffets zu sein pflegen, erhoben, und auf dem ein Tintenfaß stand und Schreibfedern, reines Papier und neu gespitzte Bleistifte verschiedener Größe sich befanden. Gleichzeitig mit den Richtern kam auch der Staatsanwalt.

Er ging ebenso eilig mit dem Portefeuille unterm Arm und ebenso mit dem Arm schwenkend zu seinem Platz beim Fenster hin und versank sogleich in daß Lesen und Durchsehn der Akten, jede Minute benutzend, um sich zum Prozesse vorzubereiten. Dieser Staatsanwalt führte Anklage zum vierten Male. Er wahr sehr ehrgeizig und fest entschlossen, Karrière zu machen; daher hielt er es für notwendig, in allen Prozessen, wo er die öffentliche Anklage hatte, nach der Verurteilung zu streben. Das Wesentliche des Prozesses von der Vergiftung kannte er in allgemeinen Zügen, und den Plan der Rede hatte er schon gemacht; aber nötig waren ihm noch einige Daten, und eben diese schrieb er jetzt eilig aus den Akten aus.

Der Sekretär saß am entgegengesetzten Ende der Erhöhung, und nachdem er alle diejenigen Papiere, welche zum Vorlesen nötig sein konnten, bereit gelegt, sah er einen verbotenen Artikel durch, welchen er sich gestern verschafft und gelesen hatte. Er wünschte, über diesen Artikel mit dem Gerichtsmitglied mit dem großen Bart zu sprechen, das seine Ansichten teilte; und vor dem Gesprach wollte er sich mit dem Aufsatz vertraut machen.

8

Nachdem der Vorsitzende die Akten durchgesehen, stellte er einige Fragen an den Gerichtskommissär und an den Sekretär, und als er bejahende Antworten bekommen, ordnete er die Vorführung der Angeklagten an.

Sogleich öffnete sich die Thür hinter der Barriere, es kamen zwei Gendarmen mit Mützen und bloßen Säbeln, und hinter ihnen zuerst der eine Angeklagte, ein rothaariger Mann mit Sommersprossen, und zwei Frauen. Der Mann war mit einem für ihn zu weiten und zu langen Arrestantenschlafrock bekleidet. Als er den Gerichtssaal betrat, hielt er seine Arme mit den ausgespreizten Daumen mit Anstrengung an den Hosennähten, indem er durch diese Haltung die zu lang herabhängenden Ärmel zurückhielt. Ohne die Richter und die Zuschauer anzusehen, betrachtete er aufmerksam die Bank, welche er umging. Nachdem er sie umgangen, setzte er sich auf dieselbe akkurat am Rande, um den anderen Platz zu lassen; das Auge auf den Vorsitzenden geheftet, fing er an, die Muskeln der Wangen zu bewegen, als ob er etwas flüstere. Nach ihm trat eine nicht junge Frau herein, auch im Arrestantenschlafrock.

Der Kopf den Arrestantin war mit einem Arrestantenhalstuch umbunden, ihr Gesicht war grauweiß, ohne Augenbrauen und Wimpern, aber mit roten Augen. Diese Frau schien vollkommen ruhig.

Als sie auf ihren Platz ging, hakte sich ihr Schlafrock an etwas an; sie löste ihn sorgfältig und ohne Eile ab und setzte sich.

Die dritte Angeklagte war die Maslowa.

Sodald sie hereintrat, wandten sich die Augen aller Männer, die im Saal waren, auf sie, und lange blieben sie auf ihrem weißen Gesicht mit den schwarzen glänzenden Augen und auf ihrem unter dem Schlafrock hervortretenden hohen Busen haften. Sogar der Gendarm, an dem sie vorüber mußte, sah sie an, ohne die Augen von ihr abzuwenden, solange sie vorbeiging und sich hinsetzte, und dann, als sie sich placiert hatte, wandte er sich eilig ab, als ob er sich seiner Schuld bewußt würde und sich schüttelnd, begann er das Fenster sich grade gegenüber anzustarren.

Der Vorsitzende wartete, bis die Angeklagten ihre Plätze eingenommen, und sodald die Maslowa sich hingesetzt, wandte er sich an den Sekretär.

Es begann die gewöhnliche Prozedur: das Zählen der Geschworenen, die Beratungen über die nichterschienenen, die Belegung derselben mit Strafen, die Entscheidung über diejenigen, welche um Urlaub gebeten, und die Kompletierung der fehlenden durch die vorrätigen. Dann legte der Vorsitzende die Loose zusammen und in die Glasvase hinein und fing an, nachdem er die gestickten Ärmel der Uniform ein wenig herausgestreift und seine stark behaarten Arme entblößt hatte, mit den Gesten eines Taschenspielers ein Zettelchen nach dem andern herauszuziehen, zu entrollen und zu lesen. —

Dann streifte der Vorsitzende die Aermel hinunter und schlug dem Geistlichen vor, den Geschworenen den Eid abzunehmen.

Der alte Geistliche mit dem aufgedunsenen gelblich-blassen Gesicht, in dem zimmetfarbigen Talar, mit dem goldenen Kreuz auf der Brust und mit irgendwelchem kleinen Orden, der seitwärts am Talar angesteckt war — kam, langsam unter dem Talar seine angeschwollenen Beine bewegend, an das Chorpult heran, welches unter dem Heiligenbilde stand.

Die Geschworenen standen auf und drängten sich in einem Haufen gegen das Chorpult.

»Ich bitte,« sagte der Geistliche, die Annäherung aller Geschworenen abwartend, indem er mit der geschwollenen Hand sein Kreuz auf der Brust betastete.

Dieser Geistliche bekleidete sein Priesteramt seit 46 Jahren und wollte nach 4 Jahren sein Jubiläum feiern; sowie es der Domoberpriester neulich gefeiert. In dem Bezirksgericht aber diente er seit Eröffnung der Gerichte und war sehr stolz darauf, daß er einigen zehntausend Menschen den Eid abgenommen, und daß er auch im vorgeschrittenen Alter fortfuhr, zum Wohl der Kirche, des Vaterlandes und der Familie zu arbeiten, welch letzterer er außer einem Hause ein Kapital von nicht weniger als Dreißigtausend in Wertpapieren hinterlassen würde. Daß aber seine Arbeit im Gericht, welche darin bestand, den Leuten den Eid aufs Evangelium, wo der Eid grade verboten wird, abzunehmen, keine gute Arbeit war, kam ihm nie in den Kopf, und er fühlte sich nicht nur dadurch nicht belästigt, sondern liebte diese gewohnte Beschäftigung, da er oft dabei Bekanntschaft mit noblen Herren machte. Jetzt machte er nicht ohne Vergnügen die Bekanntschaft des berühmten Advokaten, welcher ihm große Achtung einflößte, da er nur für diesen einen Prozeß des alten Mütterchens mit den kolossalen Blumen auf dem Hut 10,000 Rubel bekommen hatte.

Als alle Geschworenen über die Stufen zur Erhöhung hinaufgegangen, neigte der Geistliche seinen kahlen grauen Kopf auf die Seite, fuhr mit ihm in das schmierige Loch des Epitrachilions,7 und nachdem er seine dünnen Haare geordnet, wandte er sich an die Geschworenen: »Heben Sie die rechte Hand auf, und legen Sie die Finger auf diese Weise zusammen,« sagte er langsam mit greisenhafter Stimme, indem er seine geschwollene Hand mit dem Grübchen auf jedem Finger erhob und diese Finger zu einer Priese zusammenlegte. »Jetzt sprechen Sie mir nach,« sagte er und fing an: »Ich verspreche und schwöre bei Gott dem Allmächtigen, vor seinem heiligen Evangelium und vor dem lebenschaffenden Kreuz des Herrn, daß ich in dem Prozeß, in welchem…« sprach er, mit Unterbrechungen nach jeder Phrase. »Lassen Sie Ihre Hand nicht sinken, halten Sie sie so,« wandte er sich an einen jungen Mann, der seine Hand sinken ließ, »daß ich in dem Prozeß, in welchem …« Der ansehnliche Herr mit dem Backenbart, der Oberst, der Kaufmann und die andern hielten ihre Hände mit den zusammengelegten Fingern so wie er der Geistliche verlangte, und wie mit besonderem Vergnügen, sehr entschieden und hoch, die anderen aber — wie ungern und unbestimmt. Die einen sprachen die Worte zu laut, mit einer Art Ereiferung und mit einem Ausdruck, welcher besagte: aber ich werde und werde doch sprechen; die anderen wieder flüsterten nur, blieben hinter dem Geistlichen zurück, und dann wie erschrocken, holten sie zur unrechten Zeit nach; die einen hielten ihre Priesen mit herausfordender Geste fest, als ob sie etwas fallen zu lassen fürchteten, die anderen ließen ihre Finger auseinander und thaten sie wieder zusammen. Allen was es ungemütlich, nur das Alterchen, der Geistliche allein was unzweifelhaft überzeugt, daß er eine sehr nützliche und wichtige That vollbringe. Nach der Eidesleistung schlug der Vorsitzende den Geschworenen vor, einen Obmann zu wählen. Die Geschworenen standen auf und drängten sich in das Beratungszimmer durch, wo fast alle sogleich Cigaretten hervorholten und an zu rauchen fingen. Irgend jemand schlug als Obmann den ansehnlichen Herrn vor, und alle waren sogleich einverstanden; sie löschten die Cigarettenstümpfchen, warfen sie fort und kehrten in den Saal zurück. Der erwählte Obmann erklärte dem Vorsitzenden, daß er zum Obmann gewählt worden, und alle placierten sich, einander über die Füße schreitend wieder auf den Stühlen mit den hohen Rückenlehnen.

Alles ging ohne Aufenthalt, rasch und nicht ohne Feierlichkeit vor sich, und diese Regelmäßigkeit, Folgerichtigkeit und Feierlichkeit machte augenscheinlich den Teilnehmern Vergnügen und bestärkte in ihnen das Bewußtsein, daß sie eine ernste und wichtige öffentliche Handlung vollbrächten. Dieses Gefühl empfand auch Nechljudow.

Sobald die Geschworenen sich hingesetzt, hielt ihnen der Vorsitzende eine Rede über ihre Rechte, Pflichten und ihre Verantwortlichkeit. Während seiner Rede änderte der Vorsitzende beständig seine Stellung: bald stützte er sich auf die linke, bald auf die rechte Hand, bald auf die Rückenlehne, bald auf die Arme des Lehnstuhls, bald glich er die Ränder des Papiers aus, bald streichelte er das Falzbein, bald betastete er den Bleistift.

Die Rechte der Geschworenen bestanden, seinen Worten nach, darin, daß sie an die Angeklagten durch den Vorsitzenden Fragen stellen durften, daß sie Papier und Bleistift haben und die corpora delicti besehen konnten. Ihre Pflicht aber bestand darin, daß sie nicht falsch, sondern gerecht richten sollten. Ihre Verantwortlichkeit bestand darin, daß sie im Falle der Nichtbeobachtung des Beratungsgeheimnisses und im Falle des in Verkehrtretens mit Fremden einer Strafe unterlägen.

Alle hörten mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu. Der Kaufmann, der um sich herum einen Branntweingeruch verbreitete und ein geräuchvolles Aufstoßen zu unterdrücken suchte, nickte beifällig zu jedem Satz mit dem Kopfe.

9

Nach der Beendigung seiner Rede wandte sich der Vorsitzende zu einem der Angeklagten.

»Simon Kartinkin, stehen Sie auf,« sagte er.

Nervös sprang Simon auf; die Muskeln der Wangen fingen an, sich noch schneller zu bewegen.

»Ihr Name?«

»Simon Petrow Kartinkin,« sagte er rasch her, mit knisternder Stimme, augenscheinlich im voraus zur Antwort vorbereitet.

»Ihr Stand?«

»Bauern«

»Welches Gouvernement? Welcher Kreis?«

»Gouvernement Tula, Kreis Krapivinsk, Gemeinde Kupjanski, Pfarrdorf Borok.«

»Wie alt find Sie?«

»Im vierunddreißigsten; geboren eintausendachthundert…«

»Welcher Konfession?«

»Vom russischen orthodoxen Glauben.«

»Verheiratet?«

»Durchaus nicht.«

»Womit beschäftigen Sie sich?«

»Wir waren auf dem Korridor im Gasthaus ‘Mauritanien’ beschäftigt.«

»Waren Sie je früher vor Gericht?«

»Nie war ich vor Gericht, — denn da wir früher lebten…«

»Vor Gericht waren Sie nicht?«

»Gott bewahre, nie.«

»Eine Kopie der Anklageakte haben Sie erhalten?«

»Haben wir erhalten.«

»Setzen Sie sich. Euphemia Iwanowna Botschkowa,« wandte sich der Vorsitzende an die folgende Angeklagte.

Aber Simon fuhr fort zu stehen und versperrte der Botschkowa den Weg.

»Kartinkin, setzen Sie sich!« Kartinkin blieb stehen.

»Kartinkin, setzen Sie sich!« Aber Kartinkin blieb immer noch stehen und setzte sich erst, als der hinzugelaufene Gerichtskommissär, während er den Kopf auf die Seite neigte und die Augen unnatürlich weit öffnete, mit tragischer Stimme zu ihm sagte: »Sitzen! Sitzen!«

Kartinkin setzte sich ebenso rasch, wie er aufgestanden war, und den Rock zusammenschlagend fing er an, wieder lautlos die Wangen zu bewegen.

»Wie ist Ihr Name?« Mit einem Seufzer der Ermüdung wandte sich der Vorsitzende zu der zweiten Angeklagten, ohne sie anzublicken, indem er in einem vor ihm liegenden Papier nachsah. Die Beschäftigung war für den Vorsitzenden eine so gewohnte, daß er zur Beschleunigung des Prozeßverfahrens zwei Dinge auf einmal thun konnte.

Die Botschkowa war dreiundvierzig Jahre alt, ihr Stand: Kleinbürgerin von Kolomna, ihre Beschäftigung: Korridormädchen in demselben Gasthaus »Mautitanien«. Vor dem Gericht und in Untersuchung war sie noch nicht gewesen, die Kopie der Anklageakte hatte sie erhalten. Ihr Antworten gab die Botschkowa außerordentlich keck und mit solchen Intonationen, als ob sie zu jeder Antwort hinzusetzte: »Jawohl! Euphemia und Botschkowa, und die Kopie habe ich erhalten und hin stolz darauf, und über mich zu lachen, werde ich niemandem erlauben.« Ohne zu warten, daß man ihr sagte sich zu setzen, setzte sich die Botschkowa sogleich, nachdem die Fragen zu Ende waren.

»Ihr Name?« wandte sich, irgendwie besonders entgegenkommend der weiberfreundliche Vorsitzende zu der dritten Angeklagten. »Man muß aufstehn,« fügte er weich und freundlich hinzu, als er bemerkte, daß sie noch saß.

Die Maslowa stand mit rascher Bewegung auf, und mit einem Ausdruck von Bereitwilligkeit, ihren hohen Busen herausdrückend, sah sie, ohne zu antworten, gerade in das Gesicht des Vorsitzenden mit ihren lächelnden, ein wenig schielenden schwarzen Augen.

»Zu nennen wie?«

»Ljubowj,« sagte sie rasch.

Inzwischen blickte Nechljudow, den Zwicker auf der Nase, die Angeklagten an, wie man sie der Reihe nach verhörte.

»Aber— das kann ja nicht sein,« dachte er, ohne die Augen vom Gesichte der Angeklagten abzuwenden. ‘Aber wieso denn Ljubowj?’ dachte er, als er ihre Antwort hörte.

Der Vorsitzende wollte weiter fragen, aber das Gerichtsmitglied mit der Btille, das ihm ärgerlich etwas zugeflüstert hatte, hielt ihn auf. Der Vorsitzende machte mit dem Kopfe ein zustimmendes Zeichen und wandte sich an die Angeklagte.

»Wieso Ljubowj?« sagte er; »Sie sind anders eingeschrieben.« Die Angeklagte schwieg.

»Ich frage Sie, wie ist Ihr eigentlicher Name?«

»Wie sind Sie getauft?« sagte das ärgerliche Mitglied.

»Früher nannte man mich Katharina.« ‘Aber das kann ja nicht sein,’ fuhr Nechljudow fort, mit sich zu sprechen, und inzwischen wußte er schon ohne jeden Zweifel, daß es sie war, das nämliche Mädchen, die Pflegetochter, das Zimmermädchen, in welches er eine Zeit lang verliebt gewesen, ja gradezu verliebt; das er dann in einem tollen Rausch verführt und verlassen hatte und dessen er nachher nie gedacht, weil diese Erinnerung zu peinlich war, zu offenbar ihn anklagte und ihm zeigte, daß er, der auf seine Korrektheit so stolz war, nicht nur nicht korrekt, sondern gradezu niederträchtig an diesem Weibe gehandelt hatte.

Ja, sie war es. Er sah jetzt klar jene ausschließliche, geheimnisvolle Besonderheit, die jedes Gesicht von einem andern unterscheidet, die es zu einem eigentümlichen, einzigen, unwiederholbaren macht. Trotz der unnatürlichen Weiße und Fülle des Gesichts war diese Eigentümlichkeit da, die schöne, ausschließliche Eigentümlichkeit in diesem Gesicht, in den Lippen, in den ein wenig schielenden Augen, und hauptsächlich in diesem naiven, lächelnden Blick und in dem Ausdruck der Bereitwilligkeit, nicht nur in dem Gesicht, sondern auch in der ganzen Gestalt.

»So hätten Sie auch sagen sollen,« bemerkte wiederum besonders weich der Vorsitzende.

»Der Vatersname — — wie?«

»Ich bin unehelich,« sagte die Maslowa.

»Dennoch — nach dem Taufvater — wie nannte man Sie?«

»Michajlowa.«

‘Und was hat sie verüben können?’ fuhr Nechljudow inzwischen fort zu denken, kaum Atem holend.

»Wie ist Ihr Familienname? Ihr Zuname?« fuhr der Vorsitzende fort.

»Man hat mich nach der Mutter ‘Maslowa’ geschrieben.«

»Stand?«

»Kleinbürgerin.«

»Rechtgläubiger Konfession?«

»Rechtgläubig.«

»Beschäftigung? Womit haben Sie sich beschäftigt?«

Die Maslowa schwieg.

»Womit haben Sie sich beschäftigt?« wiederholte der Vorsitzende.

»In der Anstalt war ich,« sagte sie.

»In welcher Anstalt,« fragte streng das Mitglied mit der Brille.

»Sie wissen selber in welcher,« sagte die Maslowa, lächelte, und sogleich, nach raschem Umblicken, richtete sie ihr Auge wieder gerade auf den Vorsitzenden.

Es war etwas so Ungewöhnliches in dem Ausdruck ihres Gesichts, etwas so Schreckliches, so Klägliches in der Bedeutung der von ihr gesprochenen Worte, in diesem Lächeln und in diesem raschen Blick, den sie dabei im Saal herumwarf, daß der Vorsitzende seine Augen niederschlug; auf eine Minute entstand im Saale vollständige Stille. Die Stille ward durch irgend jemandes Lachen aus dem Publikum unterbrochen. Jemand fing an zu zischen. Der Vorsitzende erhob den Kopf und fuhr mit Fragen fort.

»Vor Gericht und in Untersuchung waren Sie noch nicht?«

»War ich nicht,« sagte die Maslowa leise, seufzend.

»Die Kopie der Anklageakte haben Sie erhalten?«

»Ich habe sie erhalten.«

»Setzen Sie sich.«

Die Angeklagte hob mit jener Bewegung, mit der die aufgeputzten Frauen ihre Schleppe in Ordnung bringen, den Rock hinten ein wenig auf und setzte sich hin, die kleinen weißen Hände in den Aermeln des Schlafrocks, ohne die Augen von dem Vorsitzenden abzuwenden.

Ea begann die Ueberzählung der Zeugen, die Entfernung derselben, die Entscheidung über den ärztlichen Experten und die Einladung derselben in den Sitzungssaal.

Dann stand der Sekretär auf und fing an, die Anklageakte zu verlesen. Er las verständlich und laut, aber so rasch, daß seine Stimme, die L und R nicht korrekt aussprach, in einen unaufhörlichen, einschläfernden dumpfen Ton verschmolz.

Die Richter stützten die Ellenbogen bald auf einen, bald auf den anderen Lehnstuhlarm, bald auf den Tisch, bald auf die Rückenlehne, bald schlossen sie die Augen, bald machten sie sie auf und flüsterten mit einander. Einer der Gendarmen hielt einige Male einen beginnenden Gähnkrampf zurück.

Unter den Angeklagten bewegte Kartinkin ohne Aufhören die Wangen; die Botschkowa saß vollständig ruhig und gerade, nur daß sie von Zeit zu Zeit ihren Kopf unter dem Halstuch kratzte.

Die Maslowa saß bald unbeweglich, indem sie dem Vorleser zuhörte und grade auf ihn sah, bald fuhr sie zusammen und wollte gleichsam erwidern, ward rot und seufzte dann schwer, änderte die Lage der Hände, und wieder sich umblickend, richtete sie ihre Augen auf den Vorleser.

Nechljudow saß in der ersten Reihe auf seinem hohen Stuhle, der zweite vom Rande, und ohne den Zwicker abzunehmen, sah er auf die Maslowa, und in seiner Seele ging eine komplizierte und qualvolle Arbeit vor.

10

Die Anklageakte lautete folgendermaßen:

Im Jahre 188…den 17. Januar wurde von dem Besitzer des in der Stadt befindlichen Gasthauses »Mauritanien« der in seinem Etablissement erfolgte plötzliche Tod des dort abgestiegenen sibirischen Kaufmanns der zweiten Gilde Therapoint Smeljkow bei der Polizei angezeigt. Nach dem Zeugnis des Arztes des vierten Beziks erfolgte der Tod des Smeljkrow am Herzschlag, hervorgerufen durch übermäßigen Genuß geistiger Getränke, und die Leiche Smeljkows wurde am dritten Tage der Erde übergeben. Unterdessen kehrte am vierten Tage nach Smeljkows Tode sein Landsmann und Kamerad, der sibirische Kaufmann Timochin aus Petersburg zurück, welcher, nachdem er vom Tode seines Kameraden Smeljkow und von den Umständen, unter welchen der Tod eingetreten, erfahren hatte, seinen Verdacht anzeigte, daß der Tod Smeljkows kein natürlicher gewesen, sondern daß er von übelgesinnten Leuten vergiftet worden, die das in Smeljkows Besitz befindliche und bei der Aufnahme seines Vermögens nicht mehr vorgefundene Geld und einen Diamantring entwendet hatten. Infolge dessen wurde eine Untersuchung angeordnet, welche Folgendes an den Tag gebracht hat: Erstens die Thatsache, die auch dem Besitzer der Gasthauses »Mauritanien« und dem Kommis des Kaufmannes Starikow, mit dem Smeljkow nach seiner Ankunft in der Stadt zu schaffen hatte, bekannt war, daß in Smeljkows Besitz 3800 Rubel Geld sein mußten, welches er aus der Bank erhalten hatte; indessen aber wurden in dem, nach dem Tode Smeljkows versiegelten Koffer und in seiner Brieftasche nur 312 Rubel 16 Kopeken gefunden. Zweitens, daß Smeljkow den ganzen seinem Tode vorangehenden Tag und die ganze Nacht mit einer Prostituierten Ljubka, die zwei Mal bei ihm im Zimmer gewesen, zugebracht hatte. Und drittens, daß von dieser Prostituierten der Diamantring, welcher dem Smeljkow gehörte, ihrer Wirtin verlauft worden war. Viertens, daß das Korridormädchen Euphemia Botschkowa am anderen Tage nach dem Tode des Kaufmanns Smeljkow, in die Kommerzbank 1800 Rubel auf laufende Rechnung gebracht hatte. Fünftens, daß, nach Aussage der Prostituierten Ljubka, der Korridorbediente Simon Kartinkin der Prostituierten Ljubka ein Pulver übergab, indem er ihr riet, das Pulver in Wein zu schütten und dem Kaufmann Smeljkow zu geben, was die Prostituierte Ljubka, ihrem eigenen Geständnis nach, auch ausgeführt hat.

Die als Angeklagte verhörte Prostituierte, Ljubka genannt, sagte aus, daß sie während der Anwesenheit des Kaufmanns Smeljkow in dem Toleranz-Hause, in welchem sie, nach ihrem Ausdruck, arbeitete, von dem Kaufmann Smeljkow in der That in das Zimmer des Gasthauses »Mauritanien« geschickt worden, um dem Kaufmann sein Geld zu holen, und daß, nachdem sie dort mit dem ihr übergebenen Schlüssel den Koffer des Kaufmanns geöffnet, sie daraus 40 Rubel, wie ihr befohlen worden, mitgenommen, mehr Geld aber nicht genommen habe, wofür als Zeugen Simon Kartinkin und Euphemia Botschkowa dienen können, in deren Anwesenheit sie den Koffer auf- und zugeschlossen und das Geld mitgenommen hatte.

Was aber die Vergiftung Smeljkows anbelangt, so hat die Prostituierte Ljubow ausgesagt, daß sie bei ihrem zweiten Kommen in das Zimmer des Kaufmanns Smeljkow auf Anraten des Simon Kartinkin ihm in den That in Cognak irgend welches Pulver zu trinken gegeben, das sie für einschläfernd hielt, damit der Kaufmann einschliefe und sie eher gehen ließe, daß sie das Geld aber nicht genommen habe, daß den Ring Smeljkow ihr selber geschenkt habe, nachdem er sie geschlagen und sie habe von ihm wegfahren wollen. Die als Angeklagten vom Untersuchungsrichter verhörten Euphemia Botschkowa und Simon Kartinkin sagten Folgendes aus: Euphemia Botschkowa sagte aus, daß sie nichts von dem verloren gegangenen Gelde wisse, und daß sie in das Zimmer des Kaufmanns nicht hineingegangen, sondern daß Ljubka dort allein gewirtschaftet habe. Und daß, wenn dem Kaufmann etwas entwendet worden, Ljubka dies habe begehen müssen, als sie mit des Kaufmanns Schlüssel des Geldes wegen angefahren gekommen sei…

An dieser Stelle der Vorlesung erzitterte die Maslowa und blickte sich mit geöffnetem Munde nach der Botschkowa um.

Als aber der Euphemia Botschkowa ihr Bankschein im Werte von 1800 Rubel vorgezeigt worden, fuhr der Sekretär fort zu lesen, und als dieselbe gefragt wurde, woher sie solches Geld habe, sagte sie aus, daß dieses Geld im Laufe der achtzehn Jahre von ihr mit Simon zusammen, welchen sie zu heiraten im Begriff war, verdient worden.

Der als Angeklagter verhörte Simon Kartinkin hat in seiner ersten Aussage gestanden, daß er mit der Botschkowa auf Anraten der Maslowa, die aus dem Toleranz-Hause mit dem Schlüssel angefahren kam, das Geld entwendet und es zwischen sich selbst, der Maslowa und der Botschkowa geteilt habe; er hat auch gestanden, daß er der Maslowa zur Einschläferung des Kaufmannes ein Pulver gegeben; in einer abermaligen Aussage aber hat er seine Teilnahme an der Entwendung des Geldes und die Uebergabe des Pulvers an die Maslowa geleugnet, indem er alles dessen die Maslowa beschuldigte.

Vom Gelde aber, welches von der Botschkowa in die Bank eingelegt worden, sagte er ebenso aus, wie diese, nämlich daß sie dieses Geld mit Kartinkin zusammen durch achtzehnjährigen Dienst von Herren als Trinkgeld für die Bedienung erworben.

Zur Aufklärung des Thatbestandes wurde die Untersuchung der Leiche des Kaufmanns Smeljkow für notwendig befunden, und dazu wurde eine Anordnung wegen Ausgrabung des Leichnams Smeljkows und wegen Untersuchung des Inhaltes seiner Eingeweide, sowie der Veränderungen, die im Organismus stattgefunden, gemacht.

Die Untersuchung der Eingeweide hat gezeigt, daß der Tod des Kaufmanns Smeljkow in der That durch Vergiftung stattgefunden. Hierauf folgten in der Anklageakte die Beschreibungen der Konfrontationen, die Aussagen der Zeugen.

Der Schluß der Anklageakte war der folgende: Der Kaufmann der zweiten Gilde, Smeljkow, der Trunkenheit und Lüderlichkeit ergeben, schickte, nachdem er mit der Prostituierten, Ljubka genannt, im Toleranz-Hause von Litajewa in ein Verhältnis getreten und für dieselbe eine Leidenschaft gefaßt, am 17. Jannuar 18…, während er in dem Toleranz-Hause von Kitajewa war, mit seinem Schlüssel vom Koffer in das von ihm bewohnte Zimmer die obengenannte Prostituierte Ljubka, damit sie dort aus seinem Koffer ihm das zur Bewirtung nötige Geld, 40 Rubel, hole. Im Gasthaus angekommen, trat Katharina Maslowa, während sie dieses Geld herausnahm, mit der Botschkowa und Kartinkin in ein Einverständnis, alles Geld und die kostbaren Sachen des Kaufmanns Smeljkow zu entwenden und dieselben unter einander zu teilen, was von ihnen auch ausgeführt worden ist — (wieder erzitterte die Maslowa, sie sprang fast auf, wurde sogar purpurrot) — dabei wurde der Maslowa der Diamantring gegeben, fuhr der Sekretär fort zu lesen, und wahrscheinlich eine kleine Summe Geldes, die von ihr entweder verborgen oder verloren worden ist, weil die Maslowa in dieser Nacht in betrunkenem Zustande war. Um aber die Spuren des Verbrechens zu verbergen, wurde von den Mitschuldigen beschlossen, den Kaufmann Smeljkow wieder in das Gasthaus heranzuziehen und ihn dort mit dem bei Kartinkin befindlichen Arsenik zu vergiften. Zu diesem Zweck war die Maslowa in das Toleranz-Haus zurückgekehrt, und dort beredete sie den Kaufmann Smeljkow, mit ihr in das Gasthaus »Mauritanien« zurückzufahren. Nachdem aber Smeljkow in das Gasthaus zurückgekehrt war und die Maslowa von Kartinkin das von ihm gebrachte Pulver erhalten, schüttete sie es in den Cognak, und gab diesen Cognak dem Smeljkow zu trinken, wodurch der Tod Smeljkows auch wirklich erfolgte.

In Anbetracht alles eben Dargelegten werden den Bauer des Dorfes Borki, Simon Kartinkin, 33 Jahre alt, die Kleinbürgerin Euphemia Iwanowna Botschkowa, 43 Jahre alt, und die Kleinbürgerin Katharina Michajlowa Maslowa, 27 Jahre alt, dahin angeklagt, daß sie gemeinschaftlich am 17. Januar im Jahre 188…, nachdem sie das Geld des Kaufmanns Smeljkow, in Summa 2500 Rubel entwendet, und um die Spuren des Verbrechens zu verbergen, den Plan gefaßt, ihn des Lebens zu berauben, dem Kaufmann Smeljkow Gift zu trinken gegeben haben, wodurch dann auch Smeljkows Tod erfolgte. —

Dieses Verbrechen ist im Artikel 1455 des Strafgesetzbuches vorgesehen. Infolgedessen und auf Grund des Artikels so und so des Reglements des Kriminalverfahrens unterliegen der Bauer Simon Kartinkin, Euphemia Botschkowa und die Kleinbürgerin Katharina Maslowa dem Urteil des Kreisgerichts mit Teilnahme der Geschworenen.

So beendete der Sekretär die Verlesung der langen Anklageakte, und nachdem er die Bogen zusammengelegt, setzte er sich, mit beiden Händen seine langen Haare in Ordnung bringend, auf seinen Platz. Alle seufzten erleichtert im angenehmen Bewußtsein dessen, daß jetzt die Untersuchung begonnen habe, und gleich alles klar sein und die Gerechtigkeit befriedigt sein werde. Nechljudow allein empfand dieses Gefühl nicht; er war überwältigt von Entsetzen über das, was jene Maslowa, die er vor zehn Jahren als unschuldiges und reizendes Mädchen gekannt, hatte begehen können.

11

Als die Vorlesung der Anklageakte zu Ende war, wandte sich der Vorsitzende, nach einer Beratung mit den Mitgliedern, zu dem Angeklagten Kartinkin mit einem Ausdruck, welcher offenbar sagte: jetzt werden wir schon alles und sicher und auf die ausführlichste Weise erfahren.

»Bauer Simon Kartinkin,« fing er an, sich auf die linke Seite neigend.

Simon Kartinkin stand auf, die Hände an der Hosennaht und mit dem ganzen Körper vorwärts strebend, während er, ohne aufzuhören, lautlos die Wangen bewegte.

»Sie sind angeklagt, am 17. Januar 188…in Gemeinschaft mit Euphemia Botschkowa und Katharina Maslowa, aus dem Koffer des Kaufmanns Smeljkow ihm gehöriges Geld entwendet zu haben; dann haben Sie Arsenik mitgebracht und Katharina Maslowa beredet, das Gift dem Kaufmann Smeljkow in Cognak zu trinken zu geben, wodurch der Tod Smeljkows erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?« sagte er her und neigte sich nach rechts.

»Durchaus unmöglich, denn unsere Sache ist, die Gäste zu bedienen…«

»Sie werden das später sagen. Bekennen Sie sich schuldig?«

»Durchaus nicht. Ich habe nur…«

»Später werden Sie das sagen. Bekennen Sie sich schuldig?« wiederholte ruhig aber fest der Vorsitzende.

»Das kann ich nicht thun, weil eben…«

Wieder sprang der Gerichtskommissär zu Kartinkin heran und hieß ihn mit tragischer Stimme aufhören.

Der Vorsitzende legte mit einem Ausdruck, als ob diese Sache jetzt zu Ende sei, den Ellbogen des Arms, in welchem er das Papier hielt, auf eine andere Stelle und wandte sich an Euphemia Botschkowa.

»Euphemia Botschkowa, Sie sind angeklagt, am 17. Januar 188…im Gasthause ›Mauritanien‹ gemeinschaftlich mit Simon Kartinkin und Katharina Maslowa dem Kaufmann Smeljkow aus seinem Koffer Geld und einen Ring entwendet und das Entwendete mit einander geteilt zu haben; ferner haben Sie zur Verbergung Ihres Verbrechens den Kaufmann Smeljkow Gift trinken lassen, von welchem sein Tod erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?«

»Schuldig bin ich in garnichts,« fing die Angeklagte flink und sicher zu sprechen an. »Ich bin nicht einmal in seine Nummer hinein gegangen. Aber so gut wie diese Unflätige hineinging, so gut hat sie auch die Sache gethan.«

»Sie werden das später sagen,« fiel wieder ebenso weich und sicher der Vorsitzende ein.

»Also bekennen Sie sich nicht schuldig?«

»Nicht ich habe daß Geld genommen, und nicht ich habe ihm zu trinken gegeben; ich bin ja nicht einmal in der Nummer gewesen. Wenn ich da gewesen wäre, würde ich sie hinausgeworfen haben.«

»Sie bekennen sich nicht schuldig?«

»Nie.«

»Sehr gut.«

»Katharina Maslowa,« begann der Vorsitzende, sich an die dritte Angeklagte wendend, »Sie sind angeklagt, aus dem Toleranz-Hause in die Nummer des Gasthauses ‘Mauritanien’ mit dem Schlüssel des Kaufmanns Smeljkow gekommen zu sein, Geld und einen Fingerring entwendet zu haben,« — sprach er herunter wie eine auswendig gelernte Lektion, indem er sein Ohr unterdessen zu dem Mitglied links neigte, das sagte, nach dem Register der comora delicti fehle ein Gläschen;…»Geld und einen Fingerring entwendet zu haben« wiederholte der Vorsitzende, »und nachdem Sie das Entwendete geteilt haben und dann wieder mit dem Kaufmann Smeljkow in das Gasthaus ›Mauritanien‹ gekommen sind, haben Sie dem Smeljkow Cognak mit Gift zu trinken gegeven, von welchem sein Tod erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?«

»Garnicht schuldig bin ich,« fing sie rasch zu sprechen an, »wie ich früher gesagt habe, so sage ich auch jetzt, ich habe nichts genommen, nichts genommen, und nichts genommen! Nichts habe ich genommen, den Ring aber hat er selber mir gegeben.«

»Sie bekennen sich nicht der Entwendung der 2500 Rubel Geld schuldig?« sagte der Vorsitzende.

»Ich sage, nichts habe ich genommen, außer 40 Rubeln.«

»Nun, aber dessen, daß Sie dem Kaufmann Smeljkow Pulver im Cognak gegeben haben, bekennen Sie sich schuldig?«

»Ich bekenne es. Nur dachte ich, wie man mir gesagt hat, daß es einschläfernd sei, daß danach nichts passieren würde. So etwas glaubte ich nicht und wollte es nicht. Bei Gott, sage ich, ich wollte es nicht.«

»Also, Sie bekennen sich nicht schuldig der Entwendung des Geldes und Fingerringes des Kaufmanns Smeljkow,« sagte der Vorsitzende. »Aber Sie erkennen an, daß Sie ihm Pulver gegeben haben?«

»Das erkenne ich also an, nur habe ich gedacht, das Pulver sei einschläfernd. Ich habe es ihm gegeben, damit er nur einschliefe. Ich wollte es nicht und glaubte es nicht.«

»Sehr gut,« sagte der Vorsitzende, augenscheinlich mit den erzielten Resultaten zufrieden. »Dann erzählen Sie, wie die Sache war,« sagte er, sich gegen die Rückenlehne stützend und beide Arme auf den Tisch legend. »Erzählen Sie alles, wie er war, Sie können durch ein aufrichtiges Gestündnis Ihee Lage erleichtern.«

Die Maslowa schwieg, indem sie immer ebenso grade auf den Vorsitzenden sah.

»Erzählen Sie, wie die Sache war.«

»Wie es war?« fing die Maslowa plötzlich rasch an. »Ich kam in das Gasthaus gefahren, man hat mich in die Nummer geführt. Dort war Er und schon sehr betrunken.« Sie sprach das Wort ‘Er’ mit einem besonderen Ausdruck des Schreckens, indem sie ihre Augen groß machte. »Ich wollte wegfahren, Er hat es nicht zugelassen…«

Sie schwieg, als ob sie den Faden verlöre, oder sich an etwae anderes erinnere.

»Nun, aber dann?«

»Was denn dann? Eine Zeitlang blieb ich, dann aber fuhr ich nach Hause.«

Um diese Zeit erhob sich zur Hälfte der Staatsanwalt, indem er sich affektiert auf einen Ellenbogen stützte.

»Sie wollen eine Frage thun,« sagte der Vorsitzende, und auf die bejahende Antwort des Staatsanwalts zeigte er demselben mit einer Geste an, daß er fragen könne.

»Ich möchte die Frage vorlegen, ob die Angeklagte früher mit Simon Kartinkin bekannt war?« sagte der Staatsanwalt, ohne die Maslowa anzusehen. Und nach der Frage preßte er die Lippen zusammen und machte ein finsteres Gesicht.

Der Vorsitzende wiederholte die Frage, die Maslowa starrte den Staatsanwalt erschrocken an.

»Mit Simon? Ich war es,« sagte sie.

»Ich möchte jetzt wissen, worin diese Bekanntschaft der Angeklagten mit Kartinkin bestand? Ob sie einander oft gesehen haben?«

»Worin die Bekanntschaft bestand? Er lud mich zu den Gästen ein, aber eine Bekanntschaft war es nicht,« antwortete die Maslowa, indem sie ihre Augen unruhig dem Staatsanwalt zu dem Vorsitzenden und zurück wandern ließ.

»Ich möchte wissen, warum Kartinkin zu den Gästen ausschließlich die Maslowa einlud und keine andern Mädchen,« sagte, die Augen schließend, aber mit einem leichten schlauen Mephistolächeln der Staatsanwalt.

»Ich weiß es nicht. Wie kann ich das wissen?« antwortete die Maslowa, erschrocken um sich sehend, und ihr Auge blieb für einen Moment auf Nechljudow haften. »Wen er wollte, den lud er ein.«

’Hat sie mich denn wirklich erkannt?’ dachte Nechljudow mit Entsetzen, indem er fühlte, wie daß Blut ihm ins Gesicht strömte; aber die Maslowa, ohne ihn von den andern zu unterscheiden, wandte sich sogleich ab und starrte wieder mit erschrockenem Ausdruck den Staatsanwalt an.

»Die Angeklagte leugnet also, daß sie irgend welch nahes Verhältnis zu Kartinkin hatte. Sehr gut. Weiter habe ich nichts zu fragen.«

Der Staatsanwalt nahm sogleich den Ellbogen vom Schreibtisch weg und begann etwas aufzuschreiben. In Wirklichkeit schrieb er nichts auf, er fuhr nur mit der Feder den Buchstaben seines Zettels nach, aber er hatte geschen, wie die Staatsanwälte thun: nach einer gewandten Frage schreiben sie in ihre Rede eine Bemerkung hinein, welche den Gegner zerknirschen soll.

Der Vorsitzende wandte sich nicht sogleich an die Angeklagte, weil er um diese Zeit das Mitglied mit der Brille fragte, ob er mit der Aufstellung der Fragen einverstanden sei, welche schon im voraus vorbereitet und aufgeschrieben worden.

»Was war denn weiter?« fragte der Vorsitzende sodann.

»Ich kam nach Hause,« fuhr die Maslowa schon etwas kühner fort, indem sie allein den Vorsitzenden ansah, »ich gab daß Geld der Wirtin ab und legte mich zu Bette. Eben, da ich eingeschlafen bin, weckt mich unser Mädchen Bertha. ‘Geh’, dein Kaufmann ist wieder da.’ Ich wollte nicht hinausgehen aber die Madame hat es befohlen. Da nun gab er,« sie sprach dieseo Wort ‘Er’ wieder mit sichtbarem Schrecken aus, »er unsern Mädchen immer Wein zu trinken; dann wollte er noch Wein holen lassen, aber all sein Geld war schon ausgegeben. Die Wirtin wollte ihm nicht trauen. Dann schickte er mich zu sich in die Nummer. und er sagte, wo daß Geld sei, und wieviel zu nehmen sei. Und ich fuhr.«

Der Vorsitzende und das Mitglied links flüsterten um diese Zeit einander zu, und der Vorsitzende hörte nicht, was die Maslowa sagte, aber um zu zeigen, daß er alles gehört, wiederholte er ihre letzten Worte.

»Sie fuhren. Nun, und was dann?« sagte er.

»Ich kam angefahren, that alles, wie er geheißen hatte,« sagte die Maslowa, »ging in die Nummer. Nicht allein ging ich in die Nummer; ich rief Simon Michajlowitsch und sie,« sagte sie, auf die Botschkowa zeigend.

»Sie lügt, nicht einmal gedacht habe ich daran, hineinzugehen…« wollte die Botschkowa anfangen, aber sie wurde unterbrochen.

»In ihrem Beisein nahm ich vier rote Scheinchen…«8 fuhr die Maslowa, das Gesicht verziehend, ffort ohne die Botschkowa anzusehen.

»Nun aber, hat die Angeklagte nicht bemerkt, als sie 40 Rubel herausnahm, wie viel Geld dort lag?« fragte wieder der Staatsanwalt. Die Maslowa fuhr zusammen, als der Staatsanwalt sich an sie wandte; sie wußte nicht wie und was, aber sie fühlte, daß er Böses gegen sie im Sinne habe.

»Ich habe nicht gezählt, habe nur gesehen, daß da Hundertrubelscheine waren.«

»Die Angeklagte hat Hundertrubelscheine gesehen, — mehr habe ich nicht zu fragen.«

»Nun wie denn? Haben Sie das Geld mitgebracht?« fuhr der Vorsitzende fort zu fragen, indem er auf die Uhr sah.

»Ich habe es mitgertacht.«

»Nun, und dann?« fragte der Vorsitzende.

»Dann aber hat mich Er wieder mit sich genommen,« sagte die Maslowa.

»Nun, und wie haben Sie ihm denn daß Pulver in Cognak gegeben,« fragte der Vorsitzende.

»Wie hab’ ich es gegeben? Ich hab’ es in Cognak hineingeschüttet und ihm gegeben.«

»Warum denn haben Sie es ihm gegeben?«

Sie seufzte schwer und tief, ohne zu antworten.

»Er ließ mich immer nicht weg,« sagte sie nach einigem Schweigen, »ich wurde bei ihm totmüde, ging in den Korridor hinaus und sagte dem Simon Michajlowitsch, wenn er mich nur wegließe. Müde bin ich. — Simon Michajlowitsch aber sagt: Und wir sind seiner auch überdrüssig. Wie wollen ihm ein einschläferndes Pulver geben; er wird einschlafen, dann gehst du weg. Ich sage: gut. Ich habe gemeint, daß es ein unschädliches Pulver sei. Und er gab mir ein Papierchen. Ich kam hinein, er aber lag hinter dem Verschlag, und sogleich hieß er mich ihm Cognak geben, Ich nahm vom Tische eine Flasche fine Champagne, goß zwei Gläser voll — mir und ihm; in sein Glas aber schüttete ich das Pulver hinein und gab es ihm. So dachte ich ja eben…Würde ich es ihm denn gegeben haben, wenn ich das gewußt hätte?«

»Nun, wie aber geriet der Fingerring in Ihren Besitz?« fragte der Vorsitzende.

»Den Fingerring hat er mit selber geschenkt.«

»Wann denn hat er ihn Ihnen geschenkt!«

»Als ich mit ihm in die Nummer kam, wollte ich weggehen, er aber schlug mich an den Kopf und zerbrach mir den Kamm. Ich wurde böse und wollte wegfahren. Er nahm den Ring vom Finger und schenkte ihn mir, damit ich nicht wegliefe,« sagte sie.

Um diese Zeit erhob sich der Staatsanwalt wieder ein wenig; immer mit demselben verstellt-naiven Aussehen bat er um Erlaubnis, noch einige Fragen thun zu dürfen; nachdem et die Erlaubis bekommen, neigte er seinen Kopf über den gestickten Kragen und fragte:

»Ich möchte wissen, wieviel Zeit die Angeklagte im Zimmer des Kaufmanns Smeljkow zugebracht hat?«

Wieder überfiel die Maslowa Furcht, und unruhig mit den Augen vom Staatsanwalt zum Vorsitzenden schweifend, sagte sie eilig her:

»Ich erinnere mich nicht, wie lange Zeit.«

»Nun, aber erinnert sich die Angeklagte nicht, ob sie in dem Gasthause irgendwo hineingegangen, nachdem sie von dem Kaufmann Smeljkow fortgegangen war?«

Maslowa dachte ein wenig nach. »In die Kammer daneben, in das leere Zimmer bin ich gegangen.«

»Wozu sind Sie dort hineingegungen?« sagte der Staatsanwalt hingerissen und sich direkt an sie wendend.

»Ich bin hineingegangen, um mich zurecht zu machen, und ich wartete auf einen Mietkutscher.«

»Und Kartinkin, war der mit der Angeklagten im Zimmer oder nicht?«

»Er ist auch hereingekommen.«

»Warum ist denn er hereingekommen?«

»Von dem Kaufmann blieb fine Champagne übrig, wir haben ihn zusammen ausgetrunken.«

»So, ihr habt ihn zusammen ausgetrunken? Sehr gut. Und hat die Angeklagte ein Gespräch mit Simon gehabt und worüber?«

Die Maslowa runzelte plötzlich die Stirn, wurde purpurrot und sagte rasch:

»Was habe ich gesprochen? Aber mehr weiß ich nicht, machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich bin unschuldig, und das ist alles. Nichts habe ich gesprochen. Was war, das habe ich alles erzählt.«

»Mehr habe ich nicht zu fragen,« sagte der Staatsanwalt zu dem Vorsitzenden. Und mit affektiert aufgezogenen Schultern fing er an, in den Konspekt seiner Rede rasch das eigene Geständnis der Angeklagten einzutragen, daß sie mit Simon in die leere Zimmer hineingegangen sei.

Es trat Schweigen ein.

»Sie haben nichts mehr zu sagen?«

»Ich habe alles gesagt,« erwiderte sie seufzend und setzte sich.

Gleich darauf schrieb der Vorsitzende etwas auf sein Papier, und nachdem er die Mitteilung, welche das Mitglied von links ihm zugeflüstert, angehört, kündigte er für zehn Minuten eine Unterbrechung der Sitzung an; eilig stand er auf und ging aus dem Saal.

Die Beratung zwischen dem Vorsitzenden und dem Mitglied von links, dem hohen, bärtigen, mit den großen, guten Augen, fand statt darüber, daß dieses Mitglied eine leichte Magenstörung empfand und wünschte, sich eine Massage zu machen und Tropfen zu nehmen. Eben das hat er dem Vorsitzenden mitgeteilt, und auf seine Bitte wurde die Unterbrechung gemacht. Gleich nach den Richtern erhoben sich auch die Geschworenen, die Advokaten, die Zeugen, und im Bewußtsein des angenehmen Gefühls, daß schon ein Teil der wichtigen Sache vollbracht sei, fingen sie an, sich hin und her zu bewegen.

Nechljudow ging in dass Zimmer der Geschworenen hinaus und setzte sich dort ans Fenster.

12

Ja, es war Katjuscha.

Die Beziehungen Nechljudows zu Katjuscha waren folgendergestalt:

Zum ersten Male hat Nechljudow Katjuscha gesehen, als er im sechsten Semester der Universität stehend, während er seinen Aufsatz über den Grundbesitz vorbereitete, den Sommer bei seinen Tantchen zubrachte. Gewöhnlich wohnte er mit seiner Mutter und Schwester auf dem großen Gut der Mutter unterhalb Moskau. In diesem Jahre aber verheiratete sich seine Schwester, und seine Mutter begab sich in einen Kurort, ins Ausland. Nechljudow aber mußte den Aufsatz schreiben, und er entschloß sich, den Sommer bei den Tantchen zuzubringen.

Bei ihnen, in ihrer Abgelegenheit, war es still; keine Zersreuungen waren da, die Tantchen aber liebten ihren Neffen und Erben zärtlich, und er liebte sie; er liebte ihr altmodisches Wesen und die Einfalt ihres Lebens.

Nechljudow durchlebte in diesem Sommer bei den Tantchen den begeisterungsvollen Zustand, wo der Jüngling zum ersten Male nicht nach fremden Anweisungen, sondern selbständig die ganze Schönheit des Lebens und die ganze Bedeutsamkeit der Aufgabe, welche dem Menschen ins Leben angewiesen ist, erkennt, wann er die Möglichkeit der unendlichen Vervollkommnung sowohl seiner selbst, wie auch der ganzen Welt sieht, und sich dieser Vervollkommnung nicht nur in Hoffnung ergiebt, sondern in voller Ueberzeugung an die Erreichbarkeit all der Vollkommenheit, welche er sich vorstellt. In diesem Jahre hat er noch in der Universität ‘Die soziale Statik’ von Spencer gelesen, und Spencers Auseinandersetzungen über den Grundbesitz machten auf ihn einen großen Eindruck, besonders da er selber der Sohn eines Großgrundbesitzers war. Sein Vater war nicht reich, die Mutter aber hatte etwa zehntausend Deßjatinen Land als Mitgift bekommen. Er hat damals zuerst die ganze Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes begrissen, und als einer derjenigen Menschen, für welche das Opfer im Namen moralicher Forderungen den höchsten geistigen Genuß bildet, entschloß er sich, von seinem Eigentumsrechte auf den Boden keinen Gebrauch zu machen und das Land, welches er vom Vater geerbt, sogleich an die Bauern abzugeben. Ueber dasselbe Thema schrieb er auch seine Abbandlung.

Sein Leben verlief in diesem Sommer auf dem Lande bei den Tantchen folgendermaßen: Er stand sehr früh auf, manchmal um 8 Uhr und ging vor Sonnenaufgang zum Baden in dem Flusse unterhalb des Berges, manchmal schon im Morgennebel, und kehrte zurück, wenn der Tau noch auf dem Grase und auf den Blumen lag. Manchmal setzte er sich am Morgen, nachdem er Kaffee getrunken, an seine Abhandlung oder an die Ouellen für die Abbandlung, aber sehr oft ging er, anstatt zu lesen und zu schreiben wieder aus dem Hause weg, und streifte durch die Felder und Wälder.

Vor dem Mittagessen schlief er irgendwo im Garten ein, dann, beim Mittagessen, belustigte er die Tantchen und brachte sie zum Lachen durch seine Munterkeit; dann ritt er oder fuhr im Boot spazieren, und abends las er wieder, oder er saß mit den Tantchen beim Patiencelegen. Oft konnte er in der Nacht, besonders in den mondhellen Nächten, nicht schlafen, einzig darum, weil er eine zu große, aufregende Freude des Lebens empfand, und anstatt zu schlafen, ging er zuweilen bis zum Tagesanbruch mit seinen Träumen und Gedanken im Garten hin und her.

So glücklich und ruhig lebte er den ersten Monat seines Aufenthaltes bei den Tantchen, ohne irgend welche Aufmerksamkeit der schwarzäugigen, schnellfüßigen Katjuscha, die halb Stubenmädchen, halb Pflegetochter war, zu schenken. Um diese Zeit was Nechljudow, unter den Flügeln der Mutter erzogen, 19 Jahre alt und ein vollständig unschuldiger Jüngling. Er träumte vom Weibe als Gattin. Alle Weiber aber, welche, nach seinem Begriff, nicht seine Frau sein konnten, waren für ihn keine Weiber, sondern Menschen. Aber es geschah, daß in diesem Sommer am Himmelfahrtstage eine Nachbarin zu den Tantchen angefahren kam mit den Kindern: zwei Fräulein, einem Gymnasiasten, und einem jungen Künstler aus dem Bauernstande, der bei ihnen zu Gast war. Nach dem Thee fing man an, auf dem schon abgemähten Wieschen vor dem Hause ein Fangspiel zu spielen. Man nahm auch Katjuscha mit. Nachdem einige Paare gewechselt hatten, trug es sich zu, daß Nechljudow mit Katjuscha laufen sollte. Es war dem Nechljudow immer angenehm, Katjuscha zu sehen, aber es kam ihm nicht einmal in den Kopf, daß zwischen ihr und ihm irgend welches besondere Verhältnis sein könne.

»Nun, diese jetzt wird man um nichts in der Welt fangen können,« sagte der haschende lustige Künstler, der auf seinen kurzen und krummen, aber starken Bauernbeinen sehr schnell lief.

»Falls sie nicht etwa stolpern…«

»So einer, wie Sie, und der sollte nicht fangen?«

»Eins, zwei, drei!« klatschte man dreimal in die Hände.

Kaum das Lachen verhaltend tauschte Katjuscha rasch ihren Platz gegen den Nechljudows, sie drückte mit ihrer rauhen kleinen Hand seine große und stürmte vorwärts, nach links, mit dem gestärkten Rock raschelnd.

Nechljudow konnte schnell laufen, und er mochte sich nicht von dem Künstler fangen lassen, er stürzte also aus allen Kräften los. Als er sich umblickte, sah er den Künstler Katjuscha verfolgen; sie aber, flink ihre elastischen jungen Füße rührend, ergab sich ihm nicht und entfernte sich nach links. Vorn war ein Beet mit Springensträuchern, hinter welches niemand lief, aber Katjuscha sah sich nach Nechljudow um und gah ihm mit dem Kopf ein Zeichen, um sich mit ihm hinter dem Beet zu vereinigen.9

Er verstand sie und lief hinter die Sträucher. Aber dort, hinter den Sträuchern war ein ihm unbekannter kleiner Graben, mit Brennnesseln zugewachsen: er stolperte hinein, indem er sich die Hände an den Brennnessein verbrannte, und sie mit dem gegen Abend gefallenen Tau anfeuchtete, aber sogleich über sich selbst lachend, richtete er sich auf und lief auf den freien Platz hinaus.

Katjuscha, mit ihrem Lächeln und ihren schwarzen, wie feuchte Johannisbeeren strahlenden Augen, flog ihm entgegen. Sie liefen zusammen und faßten einander an den Händen.

»Verbrannt, glaube ich,« sagte sie, indem sie mit der freien Hand ihren in Unordnung geratenen Zopf ordnete und sah schwer atmend und lächelnd von unten nach oben gerade zu ihm auf.

»Das wußte ich ja gar nicht, daß da ein kleiner Graben ist,« sagte er, ebenso lächelnd, und ohne ihre Hand los zu lassen. Sie rückte zu ihm heran, und er, ohne selber zu wissen, wie es geschah, näherte sich ihr mit dem Gesichte; sie entfernte sich nicht, er drückte stark ihre Hand und küßte sie auf die Lippen.

»Aber, du mein!« sagte sie; mit rascher Bewegung entriß sie ihm ihre Hand und lief von ihm weg. Zu einem Syringenstrauch laufend, brach sie von ihm zwei Zweige der schon abgefallenen weißen Syringe; sie schlug damit ihr erhitztes Gesicht, sah sich nach ihm um, und rasch mit den Händen vor sich hin und her fuchtelnd, ging sie zurück zu den Spielenden.

Von der Zeit an änderte sich das Verhältnis zwischen Nechljudow und Katjuscha, und es bildete sich jenes besondere, wie es zwischen einem unschuldigen jungen Mann und einem ebenso unschuldigen Mädchen, die sich zu einander hingezogen fühlen, zu sein pflegt.

Sobald Katjuscha ins Zimmer kam, oder sobald Nechljudow sogar nur von weitem ihre weiße Schürze sah, wurde alles für ihn wie von der Sonne beleuchtet, alles wurde für ihn interessanter, lustiger, bedeutender; das Leben wurde freudevoller. Dasselbe empfand auch sie. Aber nicht nur die Gegenwart und die Nähe der Katjuscha thaten auf Nechljudow diese Wirkung; diese Wirkung brachte für ihn allein das Bewußtsein hervor, daß sie, diese Katjuscha da sei, und für sie, daß Nechljudow existiere. Ob Nechljudow einen unangenehmen Brief von seiner Mutter bekam, oder ob seine Abhandlung nicht recht klappen wollte, oder ob er einen jugendlichen grundlosen Gram empfand, so genügte es nur, sich daran zu erinnern, daß es eine Katjuscha giebt, und daß er sie sehen wird — und alles zerstreute sich.

Katjuscha hatte viel zu thun im Haushalt; aber sie wurde mit allem fertig, und in den freien Minuten las sie; und Nechljudow gab ihr Dostojewski und Turgenjew, die er selber eben erst durchgelesen hatte. Am meisten gefiel ihr »Das Stillleben« von Turgenjew. Gespräche gab es zwischen ihnen nur gelegentlich, der Begegnungen auf dem Korridor, auf dem Balkon, auf dem Hofe und zuweilen im Zimmer des alten Zimmermädchens der Tantchen, Matrjona Pawlowna, mit welcher Katjuscha zusammen wohnte. In ihr Stübchen kam manchmal Nechljudow um Thee zu trinken, wobei man den Zucker abbiß.10 Und diese Gespräche in Gegenwatt Matrjona Pawlownas waren die angenehmsten. Zu reden mit einander, wenn sie allein waren, war schlimmer. Sogleich fingen die Augen an, etwas ganz anderes, der weitem Wichtigeres zu sprechen als das, was der Mund sprach; die Lippen zogen sich zusammen, es wurde ihnen vor etwas unheimlich, und sie gingen eilig auseinander. Ein derartiges Verhältnis bestand zwischen Nechljudow und Katjuscha während der ganzen Zeit seines ersten Aufenthaltes bei den Tantchen. Die Tantchen bemerkten dies Verhältnis; sie erschraken und schrieben sogar darüber ins Ausland der Fürstin Helena Iwanowna, der Mutter Nechljudows. Das Tantchen Maria Iwanowna befürchtete, daß Dmitrij in ein nahes Verhältnis zu Katjuscha treten könne. Aber sie befürchtete dies umsonst; Nechljudow, ohne es selber zu wissen, liebte Katjuscha, wie alle unschuldigen Leute lieben, und seine Liebe war der Hauptschutz gegen den Fall, sowohl für ihn, wie auch für sie. Er hatte nicht nur keinen Wunsch, sie physisch zu besitzen, sondern er entsetzte sich vor dem Gedanken an die Möglichleit eines solchen Verhältnisses zu ihr. Die Befürchtungen aber der poetischen Sophia Iwanowna davor, daß Dmitrij mit seinem entschlossenen Charakter, aus einem Gusse, nachdem er ein Mädchen lieb gewonnen, sich vornähme, es zu heiraten, ohne auf ihre Herkunft und ihre Lage zu achten, — diese Befürchtungen waren weit stichhaltiger.

Wenn dem Nechljudow seine Liebe zu Katjuscha damals klar zum Bewußtsein gekommen wäre, und besonders, wenn man ihn hätte überzeugen wollen, daß er keinenfalls sein Schicksal mit dem jenes Mädchens vereinigen könne und dürfe, so hätte es sehr leicht passieren können, daß er mit seinem gradlinigen Wesen in allem entschieden hätte, es gäbe keine Gründe ein Mädchen nicht zu heiraten, wer immer sie sein möge, wenn man sie nur liebe. — Aber die Tantchen sagten ihm nichts über ihre Befürchtungen, und so reiste er ab, ohne sich seiner Liebe zu Katjuscha bewußt zu werden.

Er war überzeugt, daß sein Gefühl für Katjuscha eine der damals sein ganzes Wesen erfüllenden Offenbarungen der Lebensfreude sei, die von diesem lieben, lustigen Mädchen geteilt worden.

Als er aber abreiste und Katjuscha, auf der Treppe mit den Tantchen stehend, ihn mit iheen schwarzen, thränenvollen und ein wenig schielenden Augen begleitete, empfand er doch, daß er etwas Schönes, Teueres, das sich nie mehr wiederholen würde, hinter sich lasse. Und er wurde sehr betrübt.

»Leb’ wohl Katjuscha, ich danke für alles,« sagte er über die Haube der Sophia Iwanowna hinweg, während er in die Kalosche einstieg.

»Leben Sie wohl, Dmitrij Iwanowitsch,« sagte sie mit ihrer angenehmen, liebkosenden Stimme, und die Thränen zurückdrängend, lief sie in den Hausflur, wo sie frei weinen konnte.

13

Seit damals hatten sich Nechljudow und Katjuscha während dreier Jahre nicht gesehn. Und erst dann sah er sie wieder, als er, eben erst zum Offizier befördert, auf dem Wege in die Armee bei den Tantchen angefahren tam, aber schon als ein ganz anderer Mensch, denn der war, welcher bei ihnen vor drei Jahren den Sommer zugebracht hatte.

Damals war er ein ehrlicher selbstverleugnender Jüngling, der sich jeder guten Sache hinzugeben bereit war; jetzt war er ein raffinierter Egoist, der nur seinen Genuß liebte. Damals erschien ihm die Gotteswelt als ein Geheimnis, welches er freudig und begeistert zu enträtseln suchte, — jetzt war alles im Leben einfach und klar und wurde durch die Lebensbedingungen bestimmt, in welchen er sich befand. Damals war nötig und wichtig für ihn der Verkehr mit der Natur und mit Menschen, die vor ihm gelebt, gedacht und gefühlt hatten, Philosophie, Poesie — jetzt waren nötig und wichtig menschliche Einrichtungen und der Verkehr mit den Kameraden. Damals erschien ihm daß Weib als ein geheimnisvolles und reizendes — eben durch das Geheimnis reizendes Wesen; — jetzt war die Bedeutung des Weibes, jedes Weibes, die eigenen Familienangehörigen und die Frauen der Freunde ausgeschlossen, fest bestimmt; das Weib war eins der besten Werkzeuge des schon erfahrenen Genusses. Damals brauchte man kein Geld, und man konnte nicht einmal den dritten Teil dessen verbrauchen, was die Mutter hergab; man konnte auf das Vatererbe verzichten und es den Bauern abtreten. — Jetzt aber waren ihm die 1500 Rubel monatlich, die ihm die Mutter gab, nicht hinreichend, und es kamen schon unangenehme Gespräche wegen des Geldes mit ihr vor. Damals hielt er für sein wirkliches Ich sein geistiges Wesen, jetzt hielt er sein gesundes, munteres, animalisches Ich für sein Ich.

Und diese ganze furchtbare Veränderung rührte bei ihm nur davon her, daß er sich selbst zu glauben aufgehört und anderen zu glauben angefangen hatte. Sich selbst zu glauben aber hatte er aufgehört und den anderen zu glauben angefangen, weil es zu schwer war zu leben, indem man sich selbst glaubte: denn indem man sich selbst glaubte, mußte man jede Frage nicht zu Gunsten seiner animalischen, leichte Freuden suchenden Ichs entscheiden, sondern fast immer gegen dasselbe; glaubte man den anderen, so war nichts zu entscheiden, alles war schon entschieden, und er war immer gegen das geistige und zu Gunsten des animalischen Ichs entschieden. — Außerdem, — glaubte er sich selbst, so war er immer der Mißbilligung, dem Tadel der Leute ausgesetzt; glaubte er den andern, so hatte er Beifall von den ihn umgebenden Leuten.

Wenn also Nechljudow über Gott, über die Wahrheit, über Reichtum und Armut nachdachte, las, sprach, so hielten alle ihn umgebenden dies für unpassend und zum Teil für lächerlich, und die Mutter und die Tante nannten ihn mit gutmütiger Ironie: »notre cher philosophe«; wenn er aber Romane las, skabröse Anekdoten erzählte, ins französische Theater zu lustigen Baudebilles ging und sie lustig wiedererzählte, so lobten ihn alle und ermunterten ihn. Wenn er es für nötig bielt, seine Bedürfnisse einzuschränken und den alten Mantel trug und keinen Wein trank, — so hielten dies alle für eine Absonderlichkeit und für eine Art prahlerischer Sonderlingsspielerei; wenn er aber große Summen für die Jagd, für die Einrichtung eines ungewöhnlich prachtvollen Kabinets ausgab, so lobten alle seinen Geschmack und schenkten ihm kostbare Sachen. Als er ein reiner Junggeselle war und bis zur Ehe ein solcher bleiben wollte, fürchteten seine Verwandten für seine Gesundheit, und sogar die Mutter wurde nicht betrübt, sondern freute sich eher, als sie erfuhr, daß er ein wirklicher Mann geworden und seinem Kameraden irgend eine französische Dame abspenstig gemacht hatte. An die Episode mit Katjuscha aber, daran daß ihm der Gedanke beifallen konnte, sie zu heiraten, vermochte sich die Fürstin-Mutter nicht ohne Grauen zu erinnern. Und ebenso, als er nach Erreichung der Volljährigkeit jenes kleine Gut, das er vom Vater ererbt, den Bauern übergeben hatte, weil er es für ungerecht hielt, Land zu besitzen, da erfüllte diese seine Handlung seine Mutter und die Verwandten mit Entsetzen, und immer war sie der Gegenstand des Vorwurfs und des Spottes über ihn von seiten aller seiner Verwandten.

Man erzählte ihm unaufhörlich davon, daß die Bauern, die das Land erhielien, nicht nur nicht reicher geworden, sondern daß sie verarmten und ganz und gar aufhörten zu arbeiten. Als aber Nechljudow, nachdem er in die Garde eingetreten war, mit seinen hochgestellten Kameraden soviel verbrauchte und verspielte, daß Helena Iwanowna Geld vom Kapital nehmen mußte, da betrübte sie sich fast nicht, in der Meinung, daß es natürlich und sogar gut sei, wenn diese Pocken in der Jugend und in guter Gesellschaft geimpft werden.

Anfangs kämpfte Nechljudow, aber es war zu schwierig, zu kämpfen, weil all das, was er, wenn er sich glaubte, für gut hielt, von den anderen für schlecht gehalten wurde; umgekehrt wurde all das, was er, wenn er sich glaubte, für schlecht hielt, von anderen für gut gehalten. Und das Ende war, daß Nechljudew sich ergab; — er hörte auf, sich zu glauben und schenkte den anderen Glauben. In der ersten Zeit war diese Selbstverleugnung unangenehm, aber dieses unangenehme Gefühl dauerte gar nicht lange, und sehr schnell, indem er zu gleicher Zeit zu rauchen und Wein zu trinken begonnen, hörte Nechljudow auf, diese unangenehme Empfindung zu haben, ja er fühlte sogar große Erleichterung.

Und Nechljudow ergab sich mit der Leidenschaftlichkeit seiner Natur ganz diesem neuen, von allen ihn Umgebenden gebilligten Leben und erstickte in sich vollständig die Stimme, welche etwas anderes verlangte. Das wurde in Petersburg nach der Uedersiedelung begonnen und mit dem Eintritt in den Militärdienst vollendet.

Der Militärdienst verderbt überhaupt die Menschen, da er die Eintretenden unter die Bedingungen vollständigen Müßigganges stellt, das heißt unter die Bedingungen der Abwesenheit einer vernünftigen und nützlichen Arbeit, und da er sie von den allgemein menschlichen Pflichten befreit und als Ersatz für dieselben nur die konventionelle Ehre des Regiments, der Uniform und der Fahne hinstellt. Einerseits die grenzenlose Macht über andere Menschen, andererseits aber die sklavische Unterwürfigkeit gegen die Vorgesetzten.

Aber wenn sich zu dieser verderblichen Wirkung des Militärdienstes überhaupt, mit seiner Ehre der Uniform und der Fahne, mit seiner Erlaubnis zur Gewalttätigkeit und Tötung noch die verderbliche Wirkung der Reichtums und der Nähe des Verkehrs mit der kaiserlichen Familie gesellt, wie es der Fall ist inmitten der auserwählten Garderegimenter, wo nur die reichen und vornehmen Offiziere dienen, so erreicht diese Verderbnis bei den Leuten, welche ihr verfallen sind, den Zustand einer völligen Verrrücktheit des Egoismus.

Und in solcher Verrücktheit des Egosmus befand sich Nechljudow seit der Zeit, als er in den Militärdienst einegetreten war, und als er anfing, so zu leben, wie seine Kameraden lebten.

Man hatte nichts zu thun, außer in einer ausgezeichnet genähten und ausgebürsteten — nicht von ihm selbst, sondern von anderen Leuten genähten und gebürsteten — Uniform, in einem Helm, mit der Waffe, die auch von anderen Leuten gemacht, geputzt und dargereicht wurde, auf einem schönen, auch von anderen erzogenen, zugerittenen und gefütterten Pferde zum Exerzieren oder zur Parade zu reiten mit ebensolchen Leuten wie er, zu galoppieren und die Säbel zu schwingen, zu schießen und dies andere Menschen zu lehren. Eine andere Beschäftigung gab es nicht, und die höchstgestellten Personen, die jungen, die alten, der Zar und die ihm zunächst Stehenden billigten nicht nur diese Beschäftigung, sondern lobten sie und dankten für dieselbe.

Außer diesem wurden Zusammenkünfte für gut und richtig gehalten, wo man das Gott weiß woher erhaltene Geld verschleudert, um zu essen und besonders um zu trinken, in den Offizierklubs oder in den teuersten Wirtschaften, dann Theater, Bälle, Frauen, und dann wieder Pferdereiten, Säbelschwingen, Galoppieren und wieder Geldverschleudern, Wein, Karten, Frauen.

Besoders verderblich wirkt solches Leben auf das Militär, weil, wenn ein Nichtmilitär solch ein Leben führt, er nicht umhin kann, sich in der Tiefe seiner Seele seines Lebens zu schämen. Die Militärs aber glauben, daß es so sein müsse; sie prahlen damit, sie sind stolz auf ein solches Leben, besonders zur Zeit der Krieges, wie es mit dem Nechljudow der Fall war, der nach der Kriegserklärung an die Türckei in den Militärdienst eingetreten.

‘Wir sind bereit, unser Leben im Kriege zu opfern, und darum ist ein solch sorgloses, lustiges Leben nicht nur verzeihlich, sondern auch für uns notwendig. Und wir führen es.’ So dachte, nicht ganz klar, Nechljudow in dieser Periode seines Lebens, aber er fühlte während dieser ganzen Zeit das Entzücken der Befreiung von allen moralischen Schranken, welche er sich früher gesetzt, und ununterbrochen befand er sich im chronischen Zustande der Egoismusverrücktheit.

In solchem Zustand war er auch, als er nach drei Jahren zu den Tantchen angefahren kam.

14

Nechljudow kehrte zu den Tantchen ein, da ihr Gut auf dem Wege zu seinem Regiment lag, welchen ihm vorausmarschierte, dann auch weil sie ihn sehr darum gebeten hatten; hauptsächlich aber um Katjuscha zu sehen. Vielleicht hatte er schon in der Tiefe der Seele die schlimme Absicht gegen Katjuscha, die ihm der jetzt zügellose animalische Mensch zuflüsterte; aber er war sich dieser Absicht nicht bewußt, und er wünschte einfach den Ort zu besuchen, wo es ihm so wohl gewesen; die ein wenig lächerlichen, aber lieben und gutmütigen Tantchen zu sehen, die ihn immer, unmerklich für ihn, mit einer Atmosphäre der Liebe und des Entzückens umgaben, und die liebe Katjuscha zu sehen, von welcher ihm eine so angenehme Erinnerung geblieben war.

Er kam Ende März an, am Charfreitag, zur Zeit der schlechtesten Wege, unter einem Gußregen, so daß er bis zum letzten Faden durchnäßt und durchfroren anfuhr, aber munter und angeregt, wie er sich immer um diese Zeit fühlte.

»Ist sie noch bei ihnen?« dachte ee, als er auf den bekannten, mit dem von den Dächern herabgefallenen Schnee vollgeschütteten, altertümlichen, mit einer niederen Ziegelwand umzäunten, gutsherrlichen Hof der Tantchen einfuhr.

Er erwartete, daß sie auf die Treppe herauslaufen werde, wenn sie die Glocke seines Gefährts höre. Aber es kamen auf den Dienstbotenflur zwei barfüßige, aufgeschürzte Weider mit Eimern heraus, die augenscheinlich den Boden im Hause wuschen. Sie war auch auf dem Paradeflur nicht; es kam nur Tichon, ein Lakai, heraus, in der Schürze, wahrscheinlich auch er mit Putzen beschäftigt. In das Vorzimmer kam Sophia Iwanowna im seidenen Kleid und in der Haube.

»Aber das ist lieb, daß Du gekommen bist!« sprach Sophia Iwanowna, ihn küssend.

»Maschenjka ist ein wenig unwohl, von der Kirche ermüdet. Wir haben das Abendmahl genossen.«

»Ich gratuliere, Tantchen Sonja,« sprach Nechljudow indem er die Hand der Sophia Iwanowna küßte, »verzeihen Sie, ich habe Sie naß gemacht.«

»Geh in Dein Zimmer, Du bist ganz durchnäßt. Und einen Schnurbart hast Du schon…Katjuscha! Katjuscha! schnell Kaffee für ihn!«

»Sogleich!« wiederhallte das bekannte, angenehme Stimmchen aus dem Korridor, und das Herz Nechljudows zog sich freudig zusammen. »Hier!« Und es war ihm, als ob die Sonne aus den Wolken hervorguckte.

Nechljudow begab sich fröhlich mit Tichon in sein früheres Zimmer, um sich umzukleiden. Er wünschte Tichon über Katjuscha zu befragen: ‘Wie geht es ihr? Wie lebt sie? Heiratet sie nicht bald?’ Aber Tichon war so ehrerbietig und zugleich streng, und so fest bestand er darauf, daß er ihm selber Wasser aus dem Handwaschbecken auf die Hände gießen müsse, daß Nechljudow sich nicht entschließen konnte, ihn über Katjuscha zu befragen; er fragte ihn nur nach seinen Enkeln, nach dem alten Hengst, den sie Brüderchenshengst nannten, nach dem Hofhund Polkan. Alle waren am Leben und gesund, außer dem Polkan, der im vorigen Jahre toll geworden.

Als Neschludow alles Nasse abgeworfen hatte und eben sich auszuziehen begann, hörte er rasche Schritte, und es klopfte an die Thür. Neschljudow erkannte sowohl die Schritte, als auch das Klopfen. So ging und klopfte nur sie. Er warf sich den nassen Mantel um und trat zur Thür.

»Herein!«

Das war sie — Katjuscha. Immer dieselbe, noch holder als früher. Ebenso von unten nach oben sahen ihre lächelnden, naiven, ein ganz klein wenig schielenden schwarzen Augen. Sie war auch wie früher in einer sauberen weißen Schürze. Sie hat ihm ein eben erst vom Papier befreites, aromatisches Stück Seife und zwei Handtücher gebracht: ein großes russisches und ein rauhhaariges. Und die unangerührte Seife mit den abgedruckten Buchstaben und die Handtücher und sie selbst — alles das war gleich rein, frisch, unangetastet, angenehm. Ihre lieblichen, festen, schönen Lippen spitzten sich bei seinem Anblick, ebenso wie früher immer, in nicht zurückzuhaltender Freude.

»Ich wünsche Ihnen Glück, Dmitrij Iwanowitsch, zu Ihrer Ankunft!« brachte sie mit Mühe hervor, und Röte übergoß ihr ganzes Gesicht.

»Ich grüße Dich …ich grüße Sie,« er wußte nicht, ob er sie ‘Du’ oder ‘Sie’ nennen sollte und wurde ebenso rot wie sie. »Sind Sie am Leben? Sind Sie gesund?«

»Gottlob. Hier haben die Tantchen Ihre Lieblingsseife, die Rosaseife, geschickt,« sagte sie, indem sie die Seife auf den Tisch und die Handtücher auf die Lehnstuhlarme legte.

»Sie haben Ihre eigene Seife,« sagte, die Selbständigkeit des Gastes verteidigend, Tichon, indem er stolz auf das geöfnete, große Necessär Nechljudows mit den silbernen Deckeln und den ungeheueren Quantitäten von Fläschchen, Bürstchen, Schnurrbartpomaden, Parfüms und allerlei Toilleten-Instrumenten zeigte.

»Sagen Sie dem Tantchen meinen Dank. Und wie froh bin ich, daß ich gekommen bin,« sagte Nechljudow, indem er fühlte, daß es in seiner Seele ebenso licht und hold wurde, wie es früher manchmal gewesen.

Sie lächelte nur zur Erwiderung auf diese Worte und ging hinaus.

Die Tantchen, die den Nechljudow ja immer lieb hatten, haben ihn dieser Mal noch freudiger als gewöhnlich empfangen. Dmitrij fuhr in den Krieg, wo er verwundet, getötet werden konnte. Das rührte die Tantchen.

Nechljudow hatte seine Reise so eingerichtet, daß er bei den Tantchen nur vierundzwanzig Stunden verweilen wollte, aber als er Katjuscha sah, willigie er ein, den Ostersonntag bei den Tantchen zu feiern, der nach zwei Tagen sein sollte, und er telegraphierte seinem Freund und Kameradn Schenbock, mit dem er in Odessa zusammentreffen sollte, daß auch er bei den Tantchen anfahren solle.

Vom ersten Tage, ja als er der Katjuscha nur gewahr ward, empfand er das frühere Gefühl für sie. Jetzt wie früher konnte er nicht ohne Gemütsbewegung die weiße Schürze Katjuschas sehen; er konnte nicht ohne Freude ihren Gang, ihre Stimme, ihr Lachen hören, er konnte nicht ohne Rührung in ihre wie feuchte Johannisbeeren schwarzen Augen sehen, besonders, wenn sie lächelte; und die Hauptsache, er konnte nicht ohne Bestürzung sehen, wie sie bei der Begegnung mit ihm errötete. Er fühlte, daß er verliebt sei, aber nicht so, wie früher, als diese Liebe für ihn ein Geheimnis war, als er sich nicht entschloß, sich selbst zu gestehen, daß er liebe, und als er überzeugt war, daß man nur einmal lieben könne. Jetzt aber war er verliebt und wußte das und freute sich darüber, während er halb klar sich bewußt war, worin diese Liebe besteht und was dabei herauskommen kann, obgleich et es vor sich selber verbarg.

In Nechljudow waren, wie in allen Leuten, zwei Menschen; einer — der geistige, der für sich nur solch ein Heil begehrt, das auch anderen Menschen zum Heil wäre, und ein anderer — der animalische Mensch, der nur für sich das Heil sucht, und bereit ist für dieses Heil das Heil der ganzen Welt zu opfern. In dieser Periode seiner Egoismus-Verrücktheit, welche bei ihm durch das petersburgische, militärische Leben hervorgerufen worden, herrschte in ihm der animalische Mensch, und er unterdrückte vollständig den geistigen. Aber als er Katjuscha sah und wieder das empfand, was er damals für sie empfunden hatte, erhob der geistige Mensch sein Haupt und fing an, sein Recht zu verlangen. Und während dieser zwei Tage bis Ostern ging in Nechljudow ununterbrochen ein innerer für ihn unbewußter Kampf vor sich. In der Tiefe der Seele wußte er, daß er abreisen müsse, und daß es keinen Zweck habe, bei den Tanten zu bleiben; er wußte, daß nichts Gutes dabei herauskommen könne; aber es war so freudig und angenehm, daß er sich dies nicht sagte und blieb.

Am Samstag vor dem Ostersonntag abends kam der Priester mit dem Diakon und dem Küster angefahren, um die Frühmesse zu lesen, nachdem sie, wie sie erzählten, mit Not und Mühe die drei Werst, welche die Kirche vom Hause der Tantchen trennten, im Schlitten durch Pfützen und über die bloße Erde gemacht hatten. Nechljudow hörte mit den Tantchen und dem Gesinde die Frühmesse zu Ende, indem er unaufhörlich Katjuscha ansah, die bei der Thür stand und das Rauchfaß darreichte. Er küßte sich mit dem Geistlichen und mit den Tantchen und wollte schon schlafen gehen, als er im Korridor die Vorbereitungen der Maria Pawlowna, des alten Zimmermädchens der Maria Iwanowna, wahrnahm, die mit Katjuscha zusammen in die Kirche geben wollte, um Osterbröte und Osterkuchen weihen zu lassen. »Ich will auch hin,« dachte er.

Es gab keinen Weg die zur Kirche, weder im Schlitten nach auf Rädern; darum befahl Nechljudow, der bei den Tantchen wie zu Hause war und über alles verfügte, daß Reitpferd, den sogenannten »Brüderchenshengst« zu satteln, und anstatt zu Bett zu gehen, kleidete er sich in eine glänzende Uniform mit dichtanliegenden Reithosen, legte dann den Mantel um und ritt auf dem fett und schwerfällig gewordenen, ohne aufhören wiehernden alten Hengst in der Dunkelheit durch die Pfützen und den Schnee zur Kirche.

15

Nachher, sein ganzes Leben hindurch, blieb diese Frühmesse für Nechljudown eine der hellsten und stärksten Erinnerungen.

Als er in der schwarzen, nur hie und da vom weißschimmernden Schnee erleuchteten Dunkelheit durch das Wasser platschend, in den Hof der Kirche hineinritt, während sein Hengst die Ohren spitzte beim Anblick der rings um die Kirche angezünderen Lampen, hatte der Gottesdienst schon begonnen.

Die Bauern, die den Neffen der Maria Iwanowna erkannten, begleiteten ihn aufs Trockne, wo er absteigen konnte; sie nahmen sein Pferd, um es anzubinden und führten ihn in die Kirche. Die Kirche war voll des feiernden Volkes.

An der rechten Seite — die Bauern; die alten in den zu Hause gemachten Kaftans, mit Bastschuhen und weißen Fußlappen; die jungen in neuen Kaftans von Tuch, mit grellfarbigen Leibgürteln gegürtet, in Stiefeln.

Links — die Frauen, in roten seidenen Tüchern, im Kamisol von Baumwollensammt mit hellroten Aermeln, mit blauen, grünen, roten, bunten Röcken, in Halbstiefeln mit Schuheisen. Hinter ihnen standen die bescheidenen alten Mütterchen in weißen Tüchern und grauen Kaftans und altertümlichen Panewas,11 dazu in Lederschuhen oder neuen Bastschuhen. Und zwischen diesen wie jenen standen die geputzten Kinder mit butterbeschmierten Köpfen.

Die Bauern bekreuzten und verneigten sich, die Haare zurückschüttelnd; die Frauen, besonders die alten, die ihre verblichenen Augen auf ein Heiligenbild richteten, drückten die zusammengelegten Finger stark an daß Kopftuch auf der Stirn, an die Schulter und auf den Leib, und sie bogen sich im Stehen vornüber oder fielen auf die Kniee. Die Kinder, die Großen nachahmend, beteten eifrig, wenn man sie ansah. Die goldene Heiligenwand brannte von Lichtern, die von allen Seiten die großen, goldumwundenen Kerzen umgaben. Der Kronleuchter war mit Kerzen besetzt, von den Chören ließen sich die allerlustigsten Weisen der freiwilligen Sänger hören, mit brüllenden Bässen und den hohen Diskantstimmen der Knaben.

Nechljudow ging nach vorne durch.

In der Mitte stand die Aristokratie, der Gutsbesitzer mit seiner Frau und dem Sohn, der eine Matrosenjacke trug; der Stanowoj, der Telegraphist, der Kaufmann in Schaftstiefeln, der Schulze mit einer Medaille; rechte aber vom Tritt vor dem Altar, hinter der Gutsbesitzerin, stand Matrjona Pawlowna in einem schillernden lila Kleide und einem Shawl mit weißem Saum, und Katjuscha im weißen Kleide, mit Fältchen auf der Taille, mit einem blauen Gürtel und einer kleinen roten Bandschleife auf dem schwarzen Kopf.

Alles war festlich, feirlich, lustig und schön; die Priester in den silbernen Gewändern mit goldenen Kreuzen, und der Diakon und der Küster in den festlichen silbernen Chorröcken, und die geputzten, freiwilligen Sänger mit den mit Butter beschmierten Haaren und die lustigen Tanzweisen der festlichen Lieder und die unaufhörliche Segnung des Volks durch die Geistlichen mit den mit Blumen geschmückten Kerzen auf den dreiarmigen Leuchtern, mit dem immer und immer wiederholten Ausruf: Christus ist auferstanden! Christus ist auferstanden! Alles war schön, aber das Beste von allem war Katjuscha in dem weißen Kleide und dem blauen Gürtel, mit der kleinen roten Bandschleife auf dem schwarzen Kopf und mit den vor Entzücken glänzenden Augen.

Nechljudow fühlte, daß sie ihn sah, ohne sich umzuschauen. Er sah das, als er nahe bei ihr zum Altar hinging. Er hatte ihr nichts zu sagen, aber er sann etwas aus und sagte ihr, während er an ihr vorbeischritt:

»Tantchen hat gesagt, daß sie nach der Spätmesse die Fasten brechen wird.« Das junge Blut übergoß wie immer bei seinem Anblick ihr ganzes liebes Gesicht, und die schwarzen Augen lachten und freuten sich und blieben, naiv von unten nach oben sehend, auf Nechljudow haften.

»Ich weiß,« sagte sie lächelnd.

Zu dieser Zeit ging der Küster, der sich mit einer kupfernen Kanne durch das Volk drängte, an Katjuscha vorbei, und ohne sie anzusehen, streifte er sie mit den Schößen seines Chorrocks. Augenscheinlich streifte der Küster Katjuscha, weil er den Nechljudow aus Achtung vor ihm umging. Den Nechljudow aber nahm es wunder, wie nun er, dieser Küster, nicht versteht, daß alles, was existiert, wie hier so überall in der Welt, nur der Katjuscha wegen existiert; daß man alles in der Welt vernachlässigen kann, nur nicht sie, weil sie das Zentrum von allem ist. Ihretwegen glänzte das Gold der Heiligenwand und brannten alle diese Kerzen auf dem Kronleuchter, auf den Standleuchtern, ihretwegen erklangen diese freudevollen Melodien: »Des Herrn Ostern, freut euch, ihr Menschen!« Und alles Gute, das nur in der Welt war, alles war ihrertwegen da. Und Katjuscha schien ihn zu verstehen, daß alles das ihretwegen sei. So schien es dem Nechljudow, wenn er ihre wohlgebildete Gestalt im weißen Kleide mit den Fältchen und ihe konzentriert freudiges Gesicht anblickte, an dessen Ausdruck er sah, daß ganz und gar dasselbe, was in seiner Seele singt, auch in ihrer Seele singt.

In der Zwischenzeit — zwischen Früh- und Spätmesse — ging Nechljudow aus der Kirche. Das Volk trat vor ihm auseinander und grüßte ihn. Die einen erkannten ihn, die andern fragten: »Wer ist das?« In der Vorhalle blieb er stehen. Die Bettler umringten ihn; er verteilte die kleinen Münzen, die er in der Geldbörse hatte und stieg die Stufen der Treppe hinunter.

Es hatte schon so weit getagt, daß man sehen konnte, die Sonne war aber noch nicht aufgegangen. Das Volk ließ sich überall auf den Gräbern nieder. Katjuscha blieb in der Kirche, und Nechljudow blieb an der Kirche stehn und wartete auf sie.

Immerfort kamen die Leute heraus, und mit den Stiefelnägeln auf die Fliesen klopfend, stiegen sie die Stufen hinunter und zerstreuten sich auf dem Hof der Kirche und auf dem Friedhof.

Ein hochbetagter Greis, der Konditor der Maria Iwanowna, mit zitterndem Kopf, hielt den Nechljudow an und küßte ihn, und seine Frau, ein alten Mütterchen mit runzeligem Kehlkopf unter dem seidenen Halstuch, gab ihm ein gelbes, mit Safran gefülltes Ei, welches sie aus dem Tuche genommen hatte. Zugleich kam auch ein junger, lächelnder, muskulöser Bauer in einem neuen Kaftan und im grünen Gürtel heran.

»Christus ist erstanden!« sagte er, mit den Augen lächelnd, und als er Nechljudow erreicht, überschauerte er ihn mit dem besonderen, angenehmen Bauerngeruch, und ihn mit seinem traufen Bärtchen kitzelnd, küßte er ihn gerade auf die Mitte des Mundes dreimal mit seinen starken frischen Lippen.

Zu gleicher Zeit, da Nechljudow sich mit dem Bauer küßte und von ihm ein dunkelbraunes Ei nahm, erschien das schillernde Kleid der Matronja Pawlowna und ein holdes schwarzes Köpfchen mit kleiner roter Schleife.

Sie erblickte ihn sogleich über die Köpfe der vor ihr Gehenden hinweg, und er sah, wie ihr Gesicht aufstrahlte.

Sie kam mit Matronja Pawlowna in die Vorhalle und den Bettlern Almosen austeilend, blieden sie stehn. Ein Bettler mit einem verheilten Schorf anstatt der Nase trat an Katjuscha heran. Sie nahm etwas aus dem Tuche, reichte es ihm, und dann näherte sie sich ihm, ohne den geringsten Widerwillen zu äußern; im Gegenteil, eben so freudig mit den Augen strahlend, küßte sie ihn dreimal.

Und zu gleicher Zeit, da sie sich mit dem Bettler küßte, begegneten ihre Augen dem Blick Nechljudows. Es schien, als ob sie ihn frage: ‘ist es gut? thu ich recht?’ ‘Ja, ja, Geliebte, alles ist gut, alles ist schön, ich liebe Dich.’

Sie stiegen die Treppe hinab; er kam zu ihr heran. Er wollte sie nicht küssen, er wollte nur näher bei ihr sein.

»Christus ist auferstanden!« sagte Matronja Pawlowna, ihren Kopf neigend und lächelnd, mit einer Intonation, welche besagte, daß heute alle gleich seien, und nachdem sie den Mund mit dem zu einem Mäuschen zusammengewickelten Tuche abgewischt, näherte sie ihm ihre Lippen.

»In Wahrheit,« antwortete Nechljudow, während sie sich küßten. Er sah sich nach Katjuscha um. Sie errötete, und in derselben Minute näherte sie sich ihm.

»Christus ist auferstanden, Dmitrij Iwanowitsch.«

»In Wahrheit ist er auferstanden,« sagte er. Sie küßten sich zweimal und schienen in Nachdenken zu geraten: ist es nach einmal nötig? Und wie mit dem Entschlusse, daß ed nötig sei, küßten sie sich zum dritten Mal, und beide lächelten.

»Wollen Sie nicht zum Geistlichen gehen?« fragte Nechljudow.

»Nein, Dmitrij Iwanawitsch, wir wollen hier ein wenig sitzen,« sagte Katjuscha, schwer wie nach freudiger Arbeit, aus voller Brust, aufatmend, indem sie mit ihren ergebenen, jungfräulichen, liebenden, kaum — kaum schielenden Augen ihm grade in die Augen sah.

In der Liebe zwischen Mann und Frau giebt es immer eine Minute, wann diese Liebe ihren Zenith erreicht, wo sie nichts Bewußtes, Verstandesmäßiges und nichts Sinnliches hat. Eine solche Minute war für Nechljudow diese Nacht der hellen Auferstehung Christi. Wenn er jetzt an Katjuscha dachte, so verhüllte diese Minute alle übrigen Lagen, in welchen er sie gesehn.

Das schwarze, glatte, glünzende Köpfchen, das weiße, jungfräulich ihre wohlgebildete Taille und ihre nicht hohe Brust umhüllende Kleid mit den Fältchen, und diese Röte, und diese zarten, glänzenden, schwarzen Augen, und in ihrem ganzen Wesen zwei Hauptzüge: die Reinheit der jungfräulichen Liebe nicht nur zu ihm, — er wußte das — sondern der Liebe zu allen und zu allem, nicht nur dem Schönen, Guten, das es in der Welt giebt, sondern auch zu jenem Bettler, welchen sie geküßt hatte.

Er wußte, daß in ihr diese Liebe war, weil er sich desselben Gefühls während dieser Nacht und dieses Morgens bewußt worden, und er war sich bewußt, daß er in dieser Liebe mit ihr in eins zusammenklang.

»Ach, wenn alles bei dem Gefühl dieser Nacht stehn geblieben wäre! Ja, diese ganze, schreckliche Sache geschah schon nach dieser Nacht der hellen Auferstehung Christi!« dachte er jetzt, als er am Fenster im Zimmer der Geschworenen saß.

16

Nach seiner Rückkehr aus der Kirche nahm Nechljudow mit den Tantchen die Osterspeisen ein, und um sich zu stärken, trank er nach der im Regiment angenommenen Gewohnheit Branntwein und Wein und ging in sein Zimmer, wo er sogleich in den Kleidern einschlief. Es weckte ihn ein Klopfen an der Thür. Er erkannte an dem Klopfen, daß es sie sei, und er erhob sich, die Augen reibend und sich reckend.

»Kathjuscha. bist Du’s? Komm herein,« sagte er, aufstehend.

Sie öffnete ein wenig die Thür.

»Man ruft Sie zum Essen,« sagte sie.

Sie war in demselben weißen Kleide, aber ohne die Bandschleife in den Haaren. Ihm in die Augen blickend, strahlte sie auf, als ab sie ihm etwas ungewöhnlich Freudiges erklärte.

»Ich gehe gleich,« antwortete er, indem er den Kamm nahm, um seine Haare zu kämmen.

Sie blieb einen Augenblick länger stehen. Er merkte das, warf den Kamm hin und begab sich zu ihr. Aber sie drehte sich in demselben Augenblick schnell um und ging mit ihren leichten und raschen Schritten auf dem gestreiften Teppich des Korridors hinaus.

»So ein Dummkopf bin ich,« sagte Nechljudow zu sich selbst, »warum denn habe ich sie nicht aufgehalten?« und er holte sie laufend im Korridor ein.

Was er von ihr wollte, wußte er selber nicht. Ihm schien es aber, daß er, als sie in das Zimmer zu ihm trat, etwas thun müßte, das alle in solchem Fall thun, daß er aber nicht gethan.

»Katjuscha, warte,« sagte er.

Sie blickte sich um.

»Was haben Sie?« sagte sie ein wenig zögernd.

»Nichts, nur…« Er wußte, wie in solchen Fällen alle Leute in seiner Lage handeln, und sich zwingend, faßte er Katjuscha um die Taille.

Sie blieb stehen und sah ihm in die Augen.

»Bitte nein, Dmitrij Iwanawitsch, bitte nein,« sagte sie bis zu Thränen errötend, und mit ihrer rauhen, kräftigen Hand entfernte sie den sie umfassenden Arm.

Nechljudow ließ sie los und wurde auf einen Augenblick nicht nur verlegen, sondern er fühlte sich beschämt und hatte Abscheu vor sich selbst. Er hätte sich glauben sollen, aber er begriff nicht, daß diese Verlegenheit, diese Scham die besten Gefühle seiner Seele waren, die sich zu äußern strebten; im Gegenteil! Ihm schien es, daß so die Dummheit in ihm spräche, und daß man so thun müsse, wie alle thun. Er halte sie noch einmal ein, umarmte sie wieder und küßte sie auf den Hals.

Dieser Kuß was schon nicht mehr solcher Art, wie jene zwei ersten Küsse: der eine, der unbewußte, hinter dem Syringenstrauch und der andere heute früh in der Kirche. Dieser war schrecklich, und sie empfand das.

»Was thun Sie denn?« schrie sie mit einer Stimme auf, als ob er etwas unendlich Kostbares unwiederbringlich zerstört habe, und sie lief im Trabe von ihm fort.

Es kam in das Speisezimmer. Die herausgeputzten Tantchen, der Doktor und eine Nachbarin standen bei dem Tisch mit den kalten Speisen, Alles war so gewöhnlich, aber in der Seele des Nechljudow war ein Sturm. Er verstand nichts von dem, war man zu ihm sprach, antwortete unpassend und dachte nur an Katjuscha, indem er sich die Empfindungen dieses letzten Kusses, als er sie in dem Korridor einholte, vergegenwärtigte. An nichte anderes konnte er denken. Wenn sie in das Zimmer trat, so fühlte er ihre Gegenwart, ohne sie anzusehen mit seinem ganzen Wesen, und er mußte Anstrengungen machen, um sie nicht anzusehen.

Nach dem Mittagessen begab er sich sogleich in sein Zimmer und ging darin lange hin und her in großer Aufregung, indem er aufmerksam auf alle Töne horchte und ihre Schritte erwartete. Jener animalische Mensch, der in ihm wohnte, erhob jetzt nicht nur sein Haupt, sondern er trat unter seine Füße den geistigen Menschen, welcher er bei seiner ersten Ankunft und sogar noch heute früh in der Kirche gewesen, und dieser fürchterliche animalische Mensch beherrschte jetzt allein seine Seele. Trotzdem Nechljudow nicht aufhörte, auf Katjuscha zu lauern, gelang es ihm doch kein einziges Mal an diesem Tage, sie unter vier Augen zu treffen. Es ist wahrscheinlich, daß sie ihn mied. Aber gegen Abend trug es sich zu, daß sie in das Zimmer neben dem, welches er einnahm, gehen mußte. Der Doktor wollte hier über Nacht bleiben, und sie mußte für den Gast das Bett herrichten. Nechljudow, als er ihre Schritte vernahm, kam mit leisen Tritten und den Atem anhaltend, als ob er ein Verbrechen beabsichtigte, ihr nach hinein.

Indem sie mit beiden, in den frischen Ueberzug gesteckten Händen das Kissen an den Ecken hielt, blickte sie sich nach ihm um und lächelte, aber es war kein fröhliches und freudiges, wie früher, sondern ein erschrockenes und bedauerndes Lächeln. Dieses Lächeln sagte ihm, wie es schien, daß das, was er thue, schlecht sei. Er blieb auf eine Minute stehen.

Jetzt war die Möglichkeit des Kampfes noch vorhanden. Wenn auch schwach, war doch die Stimme der wahren Liebe zu ihr hörbar, die ihm von ihr, von ihren Gefühlen, von ihrem Leben sprach. Die andere Stimme aber sagte: paß auf, du wirst dein Vergnügen, dein Glück versäumen. Und diese zweite Stimme übertönte die erste. Er trat entschieden an sie heran. Und das fürchterliche, unaufhaltsame, animalische Gefühl bemächtigte sich seiner.

Ohne sie aus seinen Umarmungen zu lassen, setzte Nechljudow sie auf das Bett und fühlend, daß man noch etwas thun müsse, ließ er sich neben ihr nieder.

»Dmitrij Iwanowitsch, Lieber, lassen Sie mich, bitte« — sprach sie mit kläglicher Stimme — »Matronja Pawlowna kommt!« schrie sie auf, sich losreißend, und wirklich näherte jemand sich der Thüre.

»Ich komme also nachts zu Dir,« sagte Nechljudow. »Du bist ja allein?«

»Was denken Sie? Um nichts in der Welt. — Bitte nein,« sprach sie nur mit den Lippen, ihr ganzes aufgeregtes, verwirrtes Wesen aber sprach etwas anderes. Die an die Thür Gekommene war wirklich Matrjona Pawlowna. Sie trat in das Zimmer mit der Bettdecke in der Hand, sie blickte vorwurfsvoll auf den Nechljudow und verwies der Katjuscha ärgerlich, daß sie nicht die richtige Decke genommen habe.

Nechljudow ging schweigend hinaus. Er schämte sich nicht einmal. Er sah an dem Gesichtsausdruck der Matrjona Pawlowna, daß sie ihn mißbilligte, und daß sie recht hatte, ihn zu mißbilligen, er mußte, daß das, was er thue, schlecht sei; aber das animalische Gefühl, welches sich von dem früheren Gefühl der guten Liebe zu ihr losgemacht, hatte sich seiner bemächtigt und herrschte allein, ohne etwas anderes anzuerkennen. Er wußte jetzt, was für die Befriedigung des Gefühls zu thun sei, und suchte das Mittel dazu aus.

Den ganzen Abend war er außer sich, bald kam er zu den Tantchen, bald ging er von ihnen zu sich und auf den Flur und dachte einzig darüber nach, wie er sie allein sehen könne; aber sie mied ihn, und Matrjona Pawlowna bemühte sich, sie nicht aus den Augen zu lassen.

17

So verging der ganze Abend, und es kam die Nacht. Der Doktor ging schlafen. Die Tantchen legten sich auch zu Bette, Nechljudow wußte, daß Matrjona Pawlowna jetzt im Schlafzimmer bei den Tantchen sei, und daß Katjuscha allein in dem Mädchenzimmer bleibe. Er ging wieder in den Flur hinaus. Draußen war es dunkel, feucht, warm, und der weiße Nebel, welcher im Frühling den letzten Schnee wegtreibt, ober welcher sich von dem schmelzenden letzten Schnee verbreitet, erfüllte die ganze Luft. Van dem Flusse, der hundert Schritte entfernt unter dem Abhang vor dem Hause floß, waren seltsame Töne hörbar; das Eis ging auf.

Nechljudow stieg die Treppe hinunter, und über die Pfützen auf dem zu Eis gefrorenen Schnee schreitend, ging er zu dem Fenster des Mädchenzimmers herum. Sein Herz klopfte in der Brust so sehs, daß er es hörte; der Atem wurde ihm bald benommen, bald löste er sich in einem schweren Seufzer. In dem Mädchenzimmer brannte eine kleine Lampe, Katjuscha saß beim Tisch, allein, in Nachdenken versunken und sah vor sich hin. Nechljudow betrachtete sie lange, ohne sich zu rühren, er wollte erfahren, was sie thue, während sie glaubte, daß niemand sie sehe. Eiwa zwei Minuten saß sie regungslos, dann erhob sie die Augen, lächelte, schüttelte, wie im Selbstvorwurf, den Kopf und, ihre Lage ändernd, legte sie stürmisch beide Arme auf den Tisch und richtete ihre Augen in den Raum vor sich.

Er stand und sah sie an, und unwillkürlich horchte er zugleich auf daß Klopfen seines Herzens und auf die seltsamen Töne, welche von dem Flusse kamen. Dort auf dem Flusse im Nebel ging irgend welche rastlose, langsame Arbeit vor sich, und bald schnaubte, bald krachte erwas, bald schüttete es sich ab, bald klangen die dünnen Eisschollen wie Glas.

Er stand, sah auf das nachdenkliche, durch die innere Arbeit gequälte Gesicht der Katjuscha und bedauerte sie, dieses Bedauern aber verstärkte nur seltsamerweise seine Begierde nach ihr. Das Verlangen beberrschte ihn ganz.

Er klopfte an das Fenster. Sie erzitterte am ganzen Körper, wie von einem elektrischen Schlag, und Entsetzen zeigte sich auf ihrem Gesichte. Dann sprang sie auf, kam zum Fenster und näherte ihr Gesicht der Glasscheibe. Der Ausdruck des Entsetzens verließ ihr Gesicht auch dann nicht, als sie, nachdem sie die beiden Handflächen wie Scheuklappen an die Augen gesetzt, ihn erkannte. Ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst: er hatte es nie so gesehen. Sie lächelte erst dann, als et lächelte; sie lächelte, als ab sie sich nur ihm unterwürfe, in ihrer Seele aber war kein Lächeln, dort war Angst. Er gab ihr mit der Hand ein Zeichen, indem er sie zu sich auf den Hof kommen hieß. Aber sie schüttelte den Kopf; nein, sie wollte nicht hinausgehen; sie blieb beim Fenster stehen. Er näherte sein Gesicht noch einmal der Glasscheibe und wollte ihr rufen, daß sie herauskommen solle, aber sie wandte sich in dieser Zeit zur Thür um. Jemand hatte sie augenscheinlich gerufen. Nechljudow entfernte sich vom Fenster. Der Nebel war so schwer, daß man in der Entfernung von fünf Schritten vom Hause die Fenster nicht mehr sehen konnte; und sichtbar war nur eine schwarze Masse, aus welcher daß rote, ungeheuer groß erscheinende Licht der Lampe leuchtete. Auf dem Flusse ging immer dasselbe seltsame Schnauben, Rauschen, Krachen und Klingen des Eises vor sich. Nicht weit, aus dem Nebel auf dem Hofe schrie ein Hahn, ihm antwoerteten in der Nähe die anderen, und aus der Ferne vom Dorfe ließen sich einander übertönende und in eins verschmelzende Hahnenrufe hören. Alles übrige aber rund herum, außer dem Flusse, war vollkommen still. Dies war schon der zweite Hahnenruf.

Nachdem Nechljudow hinter der Hausecke ein paarmal hin und her gegangen und einige Male mit dem Fuße in die Pfütze geraten, kam er wieder zum Fenster des Mädchenzimmers. Die Lampe brannte noch immer, und Katjuscha saß wieder allein am Tische, als ab sie in Unentschlossenheit wäre. Kaum war er an daß Fenster gekommen, als sie auf ihn blickte. Er klopfte, Und ohne genau hinzusehen, wer klopfte, lief sie sogleich aus dem Mädchenzimmer hinaus, und er hörte, wie die Ausgangsthür sich wie mit einem Schmatzen ablöste und dann knarrte. Er erwartete sie schon an der Freitreppe und umarmte sie sogleich schweigend. Sie schmiegte sich an ihn, hob ihren Kopf empor und empfing mit den Lippen seinen Kuß. Sie standen hinter der Flurecke auf einer aufgetauten, trockenen Stelle, er war voll von quälendem, unbefriedigtem Verlangen. Plötzlich schmatzte die Ausgangsthür wieder ebenso, sie knarrte mit demselben Ton, und es ließ sich die ärgerliche Stimme der Matrjona Pawlowna hören: »Katjuscha!«

Sie riß sich von ihm los und kehrte in das Mädchenzimmer zurück. Er hörte, wie die Thürangel zugeschlagen ward. Gleich danach wurde alles still; das rote Auge verschwand aus dem Fenster; es blieb allein der Nebel und das Treiben auf dem Fluß. Nechljudow kam zum Fenster; es war niemand zu sehen. Er klopfte; nichts bekam er zur Antwort. Er kehrte durch den Hauptflur in das Haus zurück, aber er schlief nicht ein. Er zog seine Stiefel aus und ging barfuß durch den Korridor zu ihrer Thür, neben dem Zimmer der Matrjona Pawlowna. Anfangs hörte er, wie ruhig Matrjona Pawlowna schnarchte, und er wollte schon eintreten, aber plötzlich fing sie an zu husten und drehte sich auf dem knarrenden Bette um. Er erstarrte, und blieb so etwa fünf Minuten lang stehen. Als alles wieder still wurde und wieder ruhiges Schnarchen hörbar ward, ging er weiter, indem er sich bemühte, auf die Dielenbretter zu treten, welche nicht knarrten, und er kam dicht an ihre Thür. Es war alles still, sie schlief augenscheinlich nicht, weil ihr Atem nicht hörbar war. Kaum hatte er geflüstert: »Katjuscha!«, so sprang sie auf, kam an die Thür heran, und ärgerlich, wie es ihm schien fing sie an, ihn zu bereden, wegzugeben.

»Was soll das heißen? Nun schickt sich das? Die Tantchen werden es hören,« sagten ihre Lippen, ihr ganzes Wesen aber sagte: »ich bin ganz Dein.« Und dies nur verstand Nechljudow.

»Nun, auf einen Augenblick mach auf. Ich flehe zu Dir,« sprach er, sinnlose Worte. Sie wurde still, dann hörte er das Geräusch der Hand, die die Thürangel suchte. Die Thürangel knackte, und er drang durch die offene Thür.

Er packte sie, so wie sie im groben, tauben Hemd mit entblößten Armen war, er hob sie auf und trug sie.

»Ach, was machen Sie?« flüsterte sie. Aber er gab nicht Acht auf ihre Worte und trug sie zu sich.

»Ach, bitte nein, lassen Sie,« sprach sie, sie selber aber schmiegte sich an ihn — — — — —

Nachdem sie, die Zitternde und Schweigende, ohne auf seine Reden zu antworten, von ihm weggegangen war, ging er auf die Treppe hinaus und blieb stehen, indem er sich bemühte, die Bedeutung alles dessen zu begreifen, was geschehen war.

Auf dem Hofe war es heller; das Krachen und Klingen und Schnauben unten auf dem Flusse verstärkte sich noch, und zu den früheren Tönen gesellte sich nach ein Rieseln. Der Nebel fing an, sich niederzulassen, und hinter der Nebelwand schmamm der abnehmende Mond hervor und beleuchtete etwas Schwarzes und Schreckliches.

»Was ist denn das? Ist mir ein großes Glück oder ein großes Unglück begegnet?« fragte er sich. »Immer geht es so, alle thun so,« sagte er zu sich und ging schlafen.

18

Am anderen Tage kehrte der glänzende, lustige Schenbock bei den Tantchen ein, um Nechljudow abzuholen, und er nahm sie durch seine Eleganz, durch seine Liebenswürdigkeit, Lustigkeit, Freigebigkeit und Liebe zu Dmitrij vollstündig gefangen. Obgleich seine Freigebigkeit den Tantchen sehr gefiel, versetzte sie sie durch ihre Uebertriebenheit in ein gewisses Bedenken. Den blinden Bettlern, die angekommen waren, gab er einen Rubel. Der Dienerschaft verteilte er als Trinkgeld fünfzehn Rubel; und als Sfüsetka, dab Schoßhündchen der Sophia Iwanowna, sich in seiner Gegenwart einen Fuß blutig abschindete, bot er sich an, ihr einen Verband anzulegen, und ohne sich einen Augenblick zu besinnen, zerriß er sein Battistschnupftuch mit den Randstreifchen, (Sophia Iwanowna wußte, daß solche Taschentücher nicht weniger als fünfzehn Rubel per Dutzend kosten) und machte daraus die Binden für Sfüsetka. Die Tantchen hatten nach nie solche Leute gesehen und wußten nicht, daß dieser Schenback zweihunderttausend Rubel Schulden hatte, welche nie bezahlt werden würden, und er wußte, daß fünfundzwanzig Rubel mehr aber weniger deswegen für ihn keinen Unterschied machten. Schenback blieb nur einen Tag, und in der folgenden Nacht reiste er mit dem Nechljudow zusammen ab. Sie konnten nicht länger bleiben, weil der letzte Termin für ihr Erscheinen beim Regiment angebrochen war. Während dieses letzten bei den Tantchen zugebrachten Tages, wo die Erinnerung an die Nacht frich war, erhoben sich und kämpften mit einander zwei Gefühle in der Seele des Nechljudow; das eine — die brennenden sinnlichen Erinnerungen an die animalische Liebe, obgleich sie bei weitem nicht das gegeben, was sie versprochen, und eine gewisse Selbstzufriedenheit wegen des erreichten Zwecks; das andere — das Bewußtsein dessen, daß von ihm etwas sehr Böses gethan worden, daß man dieses Böse wieder gut machen müsse und zwar gut machen nicht ihrerwegen, sondern für sich seldst.

In jenem Zustand der Egoismusverrücktheit, in welchem er sich befand, dachte Nechljudow nur über sich selber nach, darüber, ob man ihn tadeln würde und inwiefern, wenn man davon erführe, wie er gegen sie gehandelt habe, und nicht darüber, was sie empfindet, und was mit ihr sein wird.

Er dachte, daß Schendock sein Verhältnis zu Katjuscha errate, und dies schmeichelte seinor Eigenliebe.

»Aha, darum hast Du plötzlich Deine Tantchen so lieb gewonnen,« sagte ihm Schenhock, als er Katjuscha sah, »daß Du eine Woche bei ihnen verbringst. Aber ich würde an Deiner Stelle auch nicht wegfahren. Sie ist reizend!«

Er dachte auch noch darüber nach, daß, wenn es auch schade sei, jetzt wegzufahren, ohne die Liebe mit ihr vollkommen genossen zu haben, diese Notwendigkeit der Abreise deswegen vorteilhaft sei, weil sie mit einemmal die Beziehungen zerreiße, welche es schwer wäre, zu unterhalten. Auch darüber dachte er nach, daß man ihr Geld geben müsse, nicht ihretwegen, nicht darum, daß dieses Geld ihr nötig sein könne, sondern weil man immer so thut, und weil man ihn für einen unehrlichen Menschen halten würde, wenn er, nachdem er sie sich zu nutze gemacht hatte, dafür nicht bezahlen würde. Und er gab ihr Geld, so viel, wie er seiner und ihrer Lage für geziemend hielt.

Am Tage der Abreise, nach dem Mittagessen, wartete er sie im Flur ab. Sie errötete, als sie ihn sah, und wollte vorbeigehen, indem sie mit den Augen auf die offene Thür des Mädchenzimmers zeigte, aber er hielt sie zurück.

»Ich wollte Abschied nehmen,« sagte er, indem er ein Couvert mit einem Hundertrubelschein in seiner Hand zerknitterte, »hier, ich…«

Sie erriet, ihr Gesicht runzelte sich, sie schüttelte mit dem Kopf und stieß seine Hand weg.

»Nein, nimm,« murmelte er, steckte das Couvert ihr in den Busen, und als ob er sich verbrannt, lief er, stirnrunzelnd und stöhnend, in sein Zimmer. Und lange darauf ging er immer in seinem Zimmer auf und ab, und er krümmte sich und sprang sogar in die Höhe und ächzte laut, wie vor physischem Schmerz, sobald er sich dieser Scene erinnerte. — Aber was ist denn zu thun? Immer ist es so. So war es mit Schenbock und der Gouvernante, von welcher er erzählte; so war es mit dem Onkel Grischa, so war es mit dem Vater, als er im Dorfe lebte, und ihm wurde von einen Bäuerin jener uneheliche Sohn Mitenjka geboren, der noch jetzt lebt. Und wenn alle so thun, so muß man, folglich, so thun. So suchte er sich zu trösten, und doch konnte er sich durchaus nicht trösten. Diese Erinnerung brannte sein Gewissen.

In den Tiefe, in den tiefsten Tiefe seinen Seele, erkannte er, daß er scheußlich, gemein, grausam gehandelt hatte, daß er mit dem Bewußtsein dieser Handlung hinfort unmöglich — nicht nun seinerseits jemand mißbilligen könne, — sondern er könne sogar nicht den Leuten ins Gesicht sehen, geschweige denn sich für einen schönen, edlen, großmütigen jungen Mann halten, für welchen er sich bis jetzt gehalten: er mußte aber sich für einen solchen halten, um wie bisher munter und lustig weiter zu leben. Und dazu gab es nur ein einziges Mittel: nicht denken darüber. Und so that er auch.

Das Leben, in welchen er eintrat: die neuen Orte, die Kameraden, der Krieg — haben dazu geholfen. Und je länger er lebte, desto mehr vergaß er, und er hat es wirklich ganz vergessen.

Nur ein Mal, als er nach dem Kriege bei den Tantchen mit der Hoffnung, sie zu sehen, eingekehrt war und dabei erfuhr, daß Katjuscha nicht mehr da sei, daß sie bald nach seiner Abreise von ihnen fortgegangen sei, um zu gebären, daß sie irgendwo geboren habe, und wie die Tantchen gehört hatten, ganz verdorben sei, wurde ihm die Brust beklemmt. Der Zeit nach konnte das Kind, das sie geboren, sein Kind sein, aber es konnte auch nicht das seine sein. Die Tantchen sagten, daß sie verdorben sei, und daß sie eine lüderliche Natur, ebenso wie ihre Mutter gewesen wäre. Und dieses Urteil der Tantchen war ihm angenehm, weil es ihn scheinbar rechtfertigte. Anfangs wollte er dennoch sie und ihr Kind aufsuchen; nachher aber gab er sich nicht die nötige Mühe zu ihrer Auffindung, und gerade, weil es ihm in der Tiefe seiner Seele zu sehr weh that, und weil er sich zu sehr schämte vor sich selbst, darüber nachzudenken, so vergaß er noch mehr seine Sünde und hörte auf, daran zu denken.

Aber nun erinnerte ihn diese wunderbare Zufälligkeit an alles, und sie verlangte von ihm die Anerkennung seiner Herzlosigleit, Grausamkeit, Gemeinheit, welche es ihm unmöglich gemacht, diese zehn Jahre mit solcher Sünde auf dem Gewissen ruhig zu leben. Aber er war noch weit entfernt von solcher Anerkennung, und gegenwärtig dachte er nur darüber nach und fürchtete nur, daß man alles das jetzt erfahren, daß sie oder ihr Verteidiger alles erzählen und ihn vor allen in Schande bringen würde.

19

In solcher Gemütsverfassung war Nechljudow, seit er aus dem Gerichtssaal in das Geschworenenzimmer hinausgegangen. Er saß am Fester, hörte die Gespräche, die um ihn herum geführt wurden und rauchte ohne aufzuhören.

Der lustige Kaufmann fühlte, augenscheinlich, dem Kaufmann Smeljkow in seinem Zeitvertreib von ganzer Seele nach.

»Nun, Bruder, der hat aber ordentlich gelumpt, nach sibirischer Art; der wußte auch, wie Honig schmeckt: was für ein Mädel hat er für sich gewonnen!«

Der Obmann äußerte irgendwelche Erwägungen, daß die Untersuchung durch die Sachverständigen die Hauptsache sei. Peter Gerassimowitsch scherzte ein wenig mit dem Kommis, dem Juden, und sie fingen an, über etwas zu lachen. Nechljudow antwortete auf die an ihn gerichteten Fragen einsilbig; er wünschte nur eins, — daß man ihn in Ruhe lasse.

Als der Gerichtskommissär mit dem schiefen Gang die Geschworenen wieder in den Saal einlud, empfand Nechljudow eine Angst, als ob nicht er zu richten gehe, sondern als ob man ihn selbst vor Gericht führe. In der Tiefe seiner Seele fühlte er schon, daß er ein Taugenichts sei, welcher sich schämen müsse, den Leuten ins Gesicht zu sehen; inzwischen aber kam er auf die Erhöhung mit, seiner Gewohnheit nach, selbstgewissen Bewegungen und setzte sich auf seinen Platz, als der zweite nach dem Obmann, legte ein Bein über das andere und spielte mit dem Zwicker.

Die Angeklagten hatte man auch irgend wo hinaus geführt, und eben führte man sie wieder herein.

Im Saale waren neue Personen — die Zeugen, und Nechljudow bemerkte, daß die Maslowa einige Male hin sah, als ob sie ihren Blick von einer sehr herausgeputzten, dicken Frau in Sammt und Seide, nicht abwenden könne, die in hohem Hut mit großer Schleife und mit einem eleganten Ridikül auf dem die zum Ellbogen nackten Arm in der ersten Reihe vor der Barriere saß. Das war, wie er nachher erfuhr, eine Zeugin, die Wirtin der Anstalt, in welcher die Maslowa gewohnt hatte.

Es begann das Verhör der Zeugen: Name, Konfession und so weiter. Dann, nach Befragung der Parteien, wie sie verhören wollten, ob vereidigt oder nicht, kam, wieder mit Mühe die Beine bewegend, derselbe alte Priester, und wieder ebenso das goldene Kreuz auf der seidenen Brust zurecht legend, nahm er mit derselben Ruhe und Ueberzeugung, daß er eine vollständig nützliche und wichtige Sache thue, den Zeugen und dem Experten den Eid ab.

Als die Eidesleistung zu Ende war, führte man alle Zeugen weg, und nur eine hieß man bleiben, nämlich die Kitajewa, die Wirtin der Toleranzhauses. Man befragte sie darüber, was sie von dieser Sache wisse. Die Kitajewa erzählte es mit affektiertem Lächeln und deutschem Accent ausführlich und zusammenhängend, indem sie bei jeder Phrase mit dem Kopf in den Hut tauchte. Erstlich mal kam in ihre Anstalt der bekannte Korridordiener Simon angefahren, um ein Mädchen für einen reichen sibirischen Laufmann zu holen. Sie schickte Ljubascha mit. Nach einiger Zeit kehrte Ljubascha mit dem Kaufmann zusammen zurück. »Der Kaufmann war schon in Extase,« sprach die Kitajewa, leicht lächelnd, »auch bei uns fuhr er fort zu trinken und die Mädchen zu bewirten; aber da sein Geld nicht ausreichte, so schickte er in sein Zimmer dieselbe Ljudascha, für welche er eine ‘Prediletzierung’ gefaßt.« sagte sie mit einem Blick auf die Angeklagte.

Dem Nechljudow schien es, daß die Maslowa dazu lächelte, und dieses Lächeln kam ihm widerwärtig vor. Ein seltsames unbestimmtes Gefühl der Ekels, gemischt mit Mitleid, erhob sich in ihm.

»Und welche Meinung haben Sie von der Maslowa gehabt?« fragte errötend und zaghaft der vom Gericht ernannte Vergteidiger der Maslowa, ein Gerichtsamtskandidat.

»Den allerbesten,« antwortete die Kitajewa, »das Mädchen ist gebildet und chikvoll. Sie wurde in gute Familie erzogen und konnte französisch lesen. Sie trank manches Mal bißchen viel, aber nie nich vergaß sie sich. Ein ganz gut’ Mädel.« —

Katjuscha sah auf die Wirtin, dann aber wendete sie plötzlich die Augen auf die Geschworenen, ließ sie auf dem Nechljudow ruhen, und ihr Gesicht wurde ernst und sogar streng. Das eine ihrer strengen Augen schielte. Ziemlich lange waren auf den Nechljudow diese zwei seltsam sehenden Augen gerichtet, und trotz der Furcht, die ihn ergriff, konnte er seinen Blick nicht von diesen schielenden Augen mit dem hellen Weiß abwenden. Ihm kam jene furchtbare Nacht in den Sinn mit dem aufgehenden Eis, mit dem Nebel und hauptsächlich mit jenem abnehmenden, umgekehrten Mond, der gegen Morgen aufging und etwas Schwarzes und Fürchterliches beleuchtete. Diese zwei schwarzen Augen, welche auf ihn und an ihm vorbeisahen, erinnerten ihn an dieses schwarze und fürchterliche Etwas.

»Sie hat mich erkannt,« dachte er. Und Nechljudow zog sich gleichsam zusammen, einen Schlag erwartend. Aber sie erkannte ihn nicht. Sie seufzte ruhig, und wieder begann sie den Vorsitzenden anzusehen. Nechljudow seufzte auch. ’Ach, wenn es doch nur schneller aus wäre,’ dachte er. Er empfand jetzt ein Gefühl, ähnlich dem, welches er auf der Jagd gewöhnlich hatte, wenn es ihm zukam, einen verwundeten Vogel zu Tode zu schlagen, — es ist eklig und bedauerlich und ärgerlich. Der nicht ganz getötete Vogel schlägt sich in der Jagdtasche, — es ist widrig, und es thut einem leid, und man möchte ihn bälder zu Tode schlagen und vergessen.

Ein solch gemischtes Gefühl empfand jetzt Nechljudow, indem er dem Verhör der Zeugen zuhörte.

20

Aber gleichsam ihm zum Trotz dauerte die Verhandlung lange; nach dem Verhör den einzelnen Zeugen und des Experten, und nach allen, wie gewöhnlich mit bedeutsamem Aussehen gestellten, unnötigen Fragen von seiten des Staatsanwalts und von seiten der Verteidiger, schlug der Vorsitzende den Geschworenen vor, die corpora delitci zu besichtigen, die aus einem Fingerring von ungeheuren Dimensionen mit einer Rosette von Brillanten, der augenscheinlich an dem dicksten Zeigefinger gesteckt hatte, und aus einem Filter, auf welchem das Gift untersucht worden, bestanden Die Sachen waren versiegelt und mit Etiketten versehen.

Die Geschworenen waren schon im Begriff, diese Gegenstände zu betrachten, als der Staatsawalt sich wieder erhob und verlangte, vor der Besichtigung der corpora delicti die medizinische Untersuchung des Leichnams zu verlesen.

Der Vorsitzende, der die Verhandlung möglichst schnell vorwärts jagte, um bei Zeiten zu seiner Schweizerin zu kommen, konnte dies dennoch nicht veweigern, und er gab seine Bewilligung, obgleich er sehr gut wußte, daß die Verlesung dieser Akte keine andere Folge haben konnte als Langeweile und die Hinausschiebung des Mittagessens, und daß der Staatsanwalt nur darum diese Verlesung verlange, weil er wußte, daß er sie zu verlangen ein Recht habe. Der Sekretär nahm die Akten und fing wieder an mit seiner traurigen, bei den Buchstaben L und R schnarrenden Stimme zu lesen.

Bei der äußeren Besichtigung ergab sich, daß:

Der Wuchs des Therapont Smeljkow 2 Arschin 12 Werschock war.

»Aber, aber der Mann war stark,« flüsterte besorglich der Kaufmann dem Nechljudow ins Ohr.

Sein Alter ist dem äußeren Aussehen nach auf ungefähr vierzig Jahre zu bestimmen.

Der Leichnam sah aufgedunsen aus.

Die Farbe der Haut ist überall grünlich und stellenweise mit dunklen Fleckchen besprenkelt.

Die Epidermis auf der Körperoberfläche hob sich in Blasen von verschiedener Größe ab, stellenweise aber löste sie sich und hing in der Art wie große Lappen.

Die Haare sind dunkelbraun, sie lösen sich leicht bei der Berührung von der Haut.

Die Augen sind aus den Orbiten hervorgetreten, und die Hornhaut ist trübe geworden.

Aue den Nasenöffnungen, und den beiden Ohren fließt eine schäumende blutig-eiterige Flüssigkeit, der Mund ist hald geöffnet.

Den Hals sicht man fast gar nicht, infolge der Aufblähung des Gesichtes und der Brust.

u. s. w., u. s. w.

Auf diese Weise folgte auf vier Seiten und in 27 Punkten die Beschreibung aller Einzelheiten des äußeren Befundes des schrecklichen, ungeheuer großen, dicken und noch angeschwollenen Leichnams des Kaufmanns, der sich in der Stadt lustig gemacht. Das Gefühl unbestimmten Ekels, welches Nechljudow empfand, wurde bei dem Vorlesen dieser Beschreibung des Leichnams noch verstärkt. Das Leben der Katjuscha, und der aus den Nasenlöchern fließende Bluteiter, und die aus den Orbiten hervorgetretenen Augen, und sein Betragen gegen sie, alles das, schien ihm, waren Gegenstände einer und derselben Ordnung. Und er war von allen Seiten von diesen Gegenständen umgeben und absorbiert. Als endlich das Verlesen des äußeren Befundes beendet war, seufzte der Vorsitzende schwer und hob seinen Kopf empor, voller Hoffnung, daß die Sache zu Ende sei, aber der Sekretär fing sogleich an, die Beschreibung der inneren Untersuchung zu lesen.

Der Vorsitzende ließ seinen Kopf wieder hängen, und ihn mit der Hand stützend, machte er seine Augen zu. Der Kaufmann, der neben dem Nechljudow saß, konnte sich kaum des Schlafes erwehren und schwankte hie und da; die Angeklagten saßen, ebenso wie die Gendarmen hinter ihnen, unbeweglich.

Bei der inneren Untersuchung ergab sich, daß:

Die häutigen Schädeldecken sich leicht von den Schädelknochen ablösten, und daß keine Blutmäler irgend wo konstatiert worden.

Die Schädelknochen sind von mittlerer Dicke und unversehrt.

Auf der harten Hirnhaut sind zwei nicht große pigmentierte Flecken — ungefähr vier Zoll groß — vorhanden, die Hirnhaut selbst erscheint von bleich-matter Farbe u. s. w. u. s. w. noch 18 Punkte.

Weiter folgten die Namen der Zeugen, die Unterschriften und darauf die Schlußfolgerung des Arztes, aus welcher ersichtlich war, daß die bei der Obduktion vorgefundenen und im Protokoll eingertagenen Veränderungen im Magen und teilweise im Darm und in den Nieren daß Recht geben, mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu schließen, daß der Tod Smeljkows durch Vergiftung erfolgte, mit einem Gift, das ihm in den Magen zugleich mit den Spirituosen geraten; — was für ein Gift in den Magen eingeführt worden, ist schwer zu sagen, den im Magen und im Darm vorhandenen Veränderungen nach; daß das Gift aber mit Spirituosen in den Magen geraten, muß man daher annehmen, weil im Magen des Smeljkow eine große Quantität Spirituosen vorgefunden worden.

»Der, scheint’s, verstand sich aufs Trinken;« flüsterte wieder der zu sich gekommene Kaufmann.

Das Vorlesen dieses Protokolls, das cirka eine Stunde dauerte, stellte den Staatsanwalt dennoch nicht zufrieden. Nachdem das Protokoll zu Ende gelesen, wandte sich der Vorsitzende an ihn:

»Ich glaube, daß es überflüssig ist, die Akten über die Eingeweideuntersuchung zu lesen.«

»Ich möchte bitten, auch diese Untersuchung zu verlesen,« sagte der Staataantoalt streng, ohne auf den Vorsitzenden zu sehen; dahei erhob er sich ein wenig schief und gab durch den Ton seiner Stimme zu verstehen, daß das Verlangen dieses Verlesens sein Recht sei, und daß er dieses Recht nicht preisgeben werde, und daß die Nichtbewilligung ein Grund zur Kassation sein würde.

Das Gerichtsmitglied mit dem großen Bart und den guten, nach unten gezogenen Augen, das an Katarrh litt, wandte sich an den Vorsitzenden, weil es sich sehr geschwächt fühlte.

»Und wozu braucht man das zu lesen? Man zieht nur die Sache in die Länge. Diese neuen Besen kehren nicht besser, sondern länger.« —

Das Mitglied mit der goldenen Brille sagte nichts; es sah aber finster und entschieden vor sich bin, indem es weder von seiner Frau nach vom Leben etwas Gutes erwartete.

Das Verlesen der Akte begann:

»Im Jahre 18.., am 15. Februar habe ich, Unterzeichneter, im Auftrage der medizinischen Abteilung unter der Nr. 688,« fing der Sekretär mit Entschlossenheit an, indem er die Stimme erhöhte, als ob er den alle Anwesenden niederdrückenden Schlaf vertreiben wolle, »in Anwesenheit des medizinischen Unterinspektors eine Untersuchung der Eingeweide angestellt:

Der rechten Lunge und des Herzens (in einem sechspfündigen Glas).

Des Mageninhalts (in einem sechspfündigen Glas).

Des Magens selbst (in einem sechspfündigen Glas).

Der Leber, der Milz und der Nieren (in einem dreipfündigen Glas).

Der Gedärme (in einem sechspfündigem Thongefäß).

« Der Vorsitzende beugte sich im Beginn der Vorlesung zu einem der Mitglieder und flüsterte etwas, dann zu einem anderen, und nachdem er eine bejahende Antwort bekommen, unterbrach er die Vorlesung an dieser Stelle.

»Das Gericht erklärt das Verlesen der Akte für überflüssig,« sagte er.

Der Sekretär verstummte, indem er die Papiere zusammenlegte. Der Staatsanwalt fing zornig an, etwas aufzuschreiben.

»Die Herren Geschworenen können die corpora delicti besichtigen,« sagte der Vorsitzende.

Der Obmann und einige der Geschworenen erhoben sich und kamen, voller Verlegenheit wegen der Bewegungen oder der Lage, welche sie ihren Händen geben sollten, an den Tisch und betrachteten nach der Reihe den Fingerring, das Gläschen und den Filter. Der Kaufmann probierte sogar den Fingerring auf seinem Finger an.

»Ja, das war ein Finger,« sagte er, nachdem er auf seinen Platz zurückgekehrt war. »Wie eine gute Gurke,« fügte er hinzu, sich augenscheinlich ergötzend an der Vorstellung eines Recken gleichsam, die er sich von dem vergifteten Kaufmann gebildet hatte.

21

Als die Besichtigung der corpora delicti beendigt war, erklärte der Vorsitzende die gerichtliche Untersuchung für geschlossen, und ohne Unterbrechung, weil er mit der Sache bälder zu Ende sein wollte, überließ er das Wort dem öffentlichen Ankläger, voller Hoffnung, daß derselbe auch ein Mensch sei, und Lust habe zu rauchen und zu Mittag zu essen, und daß er mit ihnen Erbarmen haben werde. Aber der Staatsanwalt erbarmte sich weder seiner selbst noch ihrer. Der Staatsanwalt wahr von Natur sehr dumm, aber außerdem hatte er das Unglück gehabt, das Gymnasium mit der goldenen Medaille zu absolvieren und in der Universität einen Preis für seine Arbeit über die Servitute, nach dem römichen Recht, zu erhalten; deswegen war er im höchsten Grade selbstvertrauend und selbstzufrieden, (was seine Erfolge bei den Damen noch mehr begünstigten) und also war er außerordenlich dumm. Als ihm das Wort überlassen worden, richtete er sich langsam auf, indem er seine graziöse Figur in der gestickten Uniform hervortreten ließ, und beide Hände auf dem Schreibpult, und leicht den Kopf neigend, sah er sich im Saal um, wobei er die Blicke der Angeklagten mied, und fing an:

»Die Thatsache, welche Ihnen, meine Herren Geschworenen, vorliegt,« begann er seine, während der Vorlesung der Protokolle und der Akten vorbereiteten Rede, »ist, wenn man sich so ausdrücken darf, ein charakteristisches Verbrechen.«

Die Rede des Staatsanwaltes sollte seiner Meinung nach eine soziale Bedeutung haben, ähnlich jenen berühmten Reden, welche die berühmt gewordenen Advokaten gehalten hatten. Es ist war, daß unter der Zahl der Zuschauer nur drei Frauen waren: eine Schneiderin, eine Köchin und die Schwester des Simon, dann noch ein Kutscher, aber das bedeutete nichts. Auch jene Berühmtheiten fingen so an. Die Regel aber des Staatsanwalts bestand darin, daß er immer auf der Höhe der Situation sein sollte, d. h. er sollte in die Tiefe der psychologischen Bedeutung des Verbrechens eindringen und die Wunden der Gesellschaft bloßlegen.

»Sie sehen vor sich, meine Herren Geschworenen, wenn man sich so ausdrücken darf, ein charakteristisches Verbrechen, fin du siècle, das an sich die, so zu sagen, spezifischen Züge dieser traurigen Erscheinung der Auflösung trägt, welcher in unserer Zeit jene Elemente unserer Gesellschaft unterliegen, die sich unter den besonders, so zu sagen, brennenden Strahlen dieses Prozesses befinden…«

Der Staatsanwalt sprach sehr lange, einerseits sich bemühend, sich aller jener klugen Sachen zu erinnern, welche er zuvor erdacht hatte, andererseits, und das war die Hauptsache, sich Mühe gebend, nicht einmal für einen Augenblick stecken zu bleiben, und so zu machen, daß seine Rede sich, ohne zu verstummen, während fünf Viertelstunden ergoß. Nur ein Mal blieb er stecken und ziemlich lange schluckte er Speichel, aber dann was er damit fertig und holte diese Verzögerung durch verstärkte Beredtsamkeit nach. Er sprach bald mit zarter, einschmeichelnder Stimme, von einem Fuß auf den anderen tretend und auf die Geschworenen sehend, bald in ruhigem, geschäftsmäßigem Ton, in sein Heft blickend, bald mit lauter überführender Stimme, indem er sich dann an die Zuschauer, dann an die Geschworenen wandte. Nur auf die Angeklagten, die ihn mit den Augen verschlangen, blickte er kein einziges Mal. In seiner Rede war alles Allerletzte, was damals in seinem Kreise im Gange war, und was für das letzte Wort der wissenschaftlichen Weisheit galt und noch jetzt gilt. Es war darin die Vererbungstheorie und das angeborene Verbrechertum, und Lombroso und Tard und die Evolution und der Kampf ums Dasein und der Hypnotismus und die Suggestion, und Charcot und das Dekadententum.

Der Kaufmann Smeljkow war, nach der Definition des Staatsanwaltes, ein Typus des mächtigen, ungebrochenen russischen Menschen mit seiner breiten Natur, der infolge seiner Zutraulichkeit und seiner Großmut als Opfer der tief verdorbenen Persönlichkeiten gefallen, in deren Macht er geraten. Simon Kartinkin war das atavistische Produkt der Leibeigenschaft, ein verschüchterter Mensch, ohne Bildung, ohne Prinzipien, sogar ohne Religion. Euphemia war sein Schatz und ein Opfer der Verehrung. In ihr waren alle Merkmale einer degenerierenden Persönlichkeit zu bemerken. Die eigentliche treibende Kraft aber des Verbrechens war verkörpert in der Maslowa, die die Erscheinung des Dekadententums in seinen niedrigsten Vertretern darstellte. »Diese Frau hat,« sprach der Staatsanwalt, ohne auf sie zu sehen, »Bildung genossen, — wir haben hier vor dem Gericht die Aussagen ihrer Wirtin gehört. Sie versteht nicht nur zu lesen und zu schreiben, sondern sie kann auch französisch; sie ist eine Waise, die in sich wahrscheinlich die Keime des Verbrechens trägt; sie ward in einer intelligenten, adeligen Familie erzogen und hätte können von ehrlicher Arbeit leben; aber sie verläßt ihre Wohlthäter, ergiebt sich ihren Leidenschaften, und um dieselben zu befriedigen, tritt sie in das Toleranzhaus, wo sie sich vor ihren Genossinnen durch ihre Bildung auszeichnet, und hauptsächlich, wie Sie alle hier, meine Herren Geschworenen, von ihrer Wirtin gehört haben, durch die Fähigkeit, vermittelst jener geheimnisvollen, in letzter Zeit von der Wissenschaft besonders von der Schule Charcot’s erforschten Eigenschaft auf die Besucher einzuwirken, die unter dem Namen der Suggestion bekannt ist. Durch diese selbe Eigenschaft bemächtigt sie sich dieses russichen Recken, des gutmütigen, zutraulichen Sfadko,12 des reichen Gastes, und sie braucht sein Zutrauen dazu, um ihn erst zu bestehlen und nachher erbarmungslos des Lebens zu berauben.«

»Nun, das scheint mir schon zu weitläufig gefaselt,« sagte der Vorsitzende lächelnd, indem er sich zu dem strengen Gerichtsmitglied neigte.

»Ein fürchterlicher Dummkopf,« sagte das strenge Mitglied.

»Meine Herren Geschworenen,« fuhr inzwischen der Staatsanwalt fort, sich mit der schlanken Taille graziös schlängelnd, »in Ihrer Macht liegt das Schicksal dieser Personen, aber in Ihrer Macht liegt ja teilweise auch das Schicksal der Gesellschaft, auf welche Sie durch Ihr Urteil einwirken. Dringen Sie in die Bedeutung dieses Verbrechens ein, in die Gefahr, welche der Gesellschaft bevorsteht seitens solcher, so zu sagen, pathologischer Individuen wie es die Maslowa ist, und schützen Sie dieselbe vor der Ansteckung, schützen Sie die unschuldigen, kräftigen Elemente dieser Gesellschaft vor der Ansteckung und oft vor der Verderbnis.«

Und gleichsam selber von der Wichtigkeit des bevorstehenden Urteils erdrückt, ließ sich der Staatsanwalt auf seinen Stuhl nieder, augenscheinlich bis zum äußersten Grade von seiner Rede entzückt.

Der Sinn seiner Rede, abgesehen von den Blumen der Beredtsamkeit, war der, daß die Maslowa den Kaufmann hypnotisierte, indem sie sich in sein Vertrauen einschmeichelte, und als sie des Geldes wegen mit dem Kofferschlüssel angefahren kam, alles für sich selber nehmen wollte, aber, da sie von Simon und Euphemia überrascht worden, mit ihnen teilen mußte. Nachher aber, um die Spuren des Verbrechens zu verbergen, kam sie mit dem Kaufmann abermals in das Gasthaus gefahren, und dort vergiftete sie ihn.

Nach den Rede des Staatsanmaltes stand von der Advokatenbank ein Mann von mittlerem Alter auf, in einem Frack, mit dem breiten Halbzirkel der weißen gestärkten Brust, und er hielt flink eine Rede zur Verteidigung des Kartinkin und der Botschkowa. Das war den von ihnen für 300 Rubel gemietete vereidigte Rechtsanwalt. Er rechtfertigte sie beide, und die ganze Schuld schob er auf die Maslowa. Er verwarf die Aussage der Maslowa darüber, daß Botschkowa und Kartinkin mit ihr zusammen waren, als sie das Geld nahm, darauf bestehend, daß ihre Aussage, als die einer überführten Giftmischerin, kein Gewicht haben könne. Das Geld, 2500 Rubel, sagte den Advokat, könne von zwei arbeitsamen und redlichen Menschen, die manchmal an einem Tage drei bis fünf Rubel von den Besuchern bekamen, verdient worden sein. Das Geld des Kaufmannes ward von der Maslowa entwendet und jemandem übergeben, oder sogar verloren, weil sie nicht in normalem Zustand war. Die Vergiftung vollbrachte die Maslowa allein.

Darum bat er die Geschworenen, den Kantinkin und die Botschkowa der Entwendung für unschuldig anzuerkennen; wenn sie aber sie der Entwendung für schuldig anerkennen würden, so doch ohne Teilnahme an der Vergiftung und ohne vorgefaßte Absicht.

Zum Schluß bemerkte der Advokat mit einem Stich gegen den Staatsanwalt, daß die glänzenden Auseinandersetzungen des Herrn Staatsanwalts über die Vererbung, obschon sie die Frage den Vererbung wissenschaftlich erklären, in diesem Falle doch unpassend seien, weil die Botschkowa die Tochter unbekannter Eltern sei.

Der Staatsanwatn schrieb böse und gleichsam zähneknirschend etwas auf sein Papier und zuckte in verächtlicher Verwunderung die Achseln.

Darauf erhob sich der Verteidiger der Maslowa, und schüchtern, stotternd brachte er seine Verteidigungsrede vor.

Ohne abzuleugnen, daß die Maslowa an der Geldentwendung teilgenommen, bestand er nur darauf, daß sie keine Absicht gehabt, den Smeljkow zu vergiften, und daß sie ihm das Pulver gab, damit er einschliefe. Er wollte auch etwas Beredtsamkeit entwickeln, indem er eine Schilderung zu geben gedachte, wie die Maslowa von einem Mann ins Verderben hineingezogen worden, der straflos geblieben, während sie die ganze Schwere ihres Falles tragen mußte; aber dieser Exkurs in das Gebiet der Psychologie gelang ihm ganz und gar nicht, sodaß alle sich beschämt fühlten. Als er von der Grausamkeit der Männer und von der Hilflosigleit der Frauen muffelte, bat ihn der Vorsitzende, indem er seine Lage lindern wollte, sich näher an das Wesen der Sache zu halten.

Nach diesem Vergteidiger erhob sich wieder der Staatsanwalt und verteidigte seinen Satz über die Vererbung gegen den ersten Verteidiger damit, daß die Gewißheit der Vererbungslehre, wenn auch die Botschkowa die Tochter unbekannter Eltern sei, durch diesen Umstand nicht entkräftet werde, weil das Gesetz der Vererbung soweit von der Wissenschaft festgestellt sei, daß wir nicht nur aus der Vererbung das Verbrechen ableiten können, sondern auch die Vererbung aus dem Verbrechen. Was aber die Vorraussetzung des Verteidigers anbetrift, daß die Maslowa von einem erdichteten (das Wort »erdichteten« hat er besonders giftig gesagt) Verführer verdorben worden, so sprechen alle Data eher dafür, daß sie eine Verführerin vieler und vieler Opfer, die ihre Hände passiert hatten, war. Nachdem er das gesagt hatte, ließ er sich siegreich nieder.

Darauf wurde den Angeklagten vorgeschlagen, sich zu rechtfertigen.

Euphemia Botschkowa wiederholte, daß sie nichts wüßte und an nichts teilgenommen hätte, aber hartnäckig wies sie auf die Maslowa bin, als auf die Urheberin alles dessen. Simon hat nur einige Male wiederholt:

»Es steht bei Ihnen, aber nur schuldlos, umsonst.«

Die Maslowa aber sagte gar nichts.

Auf den Vorschlag des Vorsitzenden, das zu sagen, was sie zu ihrer Verteidigung anzuführen habe, hob sie nur die Augen zu ihm auf, blickte sich nach allen um, wie ein gehetztes Tier, und sogleich ließ sie die Blicke sinken und fing an zu weinen, laut und schluchzend.

»Was haben Sie?« fragte der Kaufmann der neben dem Nechljudow saß, als er den seltsamen Ton hörte, den plötzlich Nechljudow von sich gab. Dieser Ton war ein unterdrücktes Schluchzen. Nechljudow verstand noch immer nicht die ganze Bedeutung seiner gegenwärtigen Lage, und er schrieb das kaum verhaltene Schluchzen und die ihm in die Augen getretenen Thränen der Schwäche seiner Nerven zu. Er setzte den Zwicker auf, um die Thränen zu verbergen, dann nahm er das Taschentuch und fing an, die Nase zu schnäuzen.

Die Furcht vor der Schande, mit welcher er sich bedecken würde, wenn alle hier im Gerichtssaal seine That erführen, übertäubte die in ihm vor sich gehende innere Arbeit; diese Furcht war in dieser ersten Zeit das Gewaltigste von allem in ihm.

22

Nach dem letzten Worte der Angeklagten, und nach den Besprechungen der Parteien über die Form der Fragestellung, die noch ziemlich lange Zeit dauerten, waren die Fragen gestellt worden, und der Vorsitzende begann sein Résumé.

Vor der Darstellung des Thatbestandes erklärte er sehr lange den Geschworenen mit angenehmer, familiärer Intonation, daß Raub Raub sei, aber Diebstahl sei Diebstahl, und daß Entwendung aus einem verschlossenen Raum eine Entwendung aus einem verschlossenen Raume sei; Entwendung aber aus einem nicht verschlossenen Raum sei eine Entwendung aus einem nicht verschlossenen Raum. Und indem er das erklärte, blickte er besonders häufig auf den Nechljudow, als ob er vor allem wünschte, ihm diesen wichtigen Umstand beizubringen, in der Hoffnung, daß er, nachdem er ihn begriffen, ihn auch seinen Kollegen klar machen werde. Dann, als er annahm, daß die Geschworenen schon genug von diesen Wahrheiten durchdrungen wären, begann er eine andere Wahrheit darüber zu entwickeln, daß Todschlag eine Handlung heißt, durch welche der Tod eines Menschen erfolgt, daß Vergiftung daher auch ein Todschlag sei. Und als auch diese Wahrheit, seiner Meinung nach, von den Geschworenen aufgenommen worden, erklärte er ihnen, daß, wenn ein Diebstahl und ein Todschlag zusammen verübt worden sind, den Bestand des Verbrechens in diesem Falle ein Diebstahl und ein Todschlag ausmachen.

Trotzdem er selber Lust hatte, etwas früher mit der Sache fertig zu sein, und trotzdem die Schweizerin schon auf ihn wartete, war er an seine Veschäftigung so gewöhnt, daß er, als er einmal zu reden angefangen, schon nicht mehr aufhören konnte und daber die Geschworenen belehrte, daß sie das Recht haben, wenn sie die Angeklagten schuldig finden, sie für schuldig zu erklären; wenn sie sie aber unschuldig finden, so haben sie daß Recht, sie für unschuldig zu erklären; wenn sie aber sie des einen Verbrechens schuldig und des anderen unschuldig finden, so haben sie das Recht, sie der einen schuldig, der anderen aber unschuldig zu erklären. Darauf setzte er ihnen noch auseinander, daß sie, ungeachtet dieses Recht ihnen zuerkannt sei, von demselben in vernünftiger Weise Gebrauch machen müßten. Er wollte ihnen auch erklären, daß, wenn sie auf die gestellte Frage eine bejahende Antwort gäben, sie durch diese Antwort alles das, was in der Frage enthalten sei, anerkennen, und daß, wenn sie nicht alles, was in der Frage enthalten sei, anerkennen, sie eine Klausel machen müßten über das, was sie nicht anerkennten. Aber er blickte auf die Uhr und als er sah, daß es schon fünf Minuten weniger drei Uhr war, entschloß er sich, sogleich zur Darlegung des Thatbestandes überzugehen.

»Der Thatbestand dieser Sache ist folgender,« fing er an und wiederholte alles das, war schon mehrere Male gesagt worden, von den Vergteidigern sowohl, wie von dem Staatsanwalt und von den Zeugen.

Der Vorsitzende sprach, aber die Mitglieder zu seinen Seiten hörten ihn mit tiefsinnigem Ausdruck an und blickten hier und da auf die Uhr, indem sie seine Rede, obschon sehr gut, d. h. so, wie sie sein muß, aber etwas zu lang fanden. Eben solcher Meinung war auch der Staatsanwalt, wie überhaupt alle Gerichtsangehörigen und alle in dem Saal Anwesenden. Der Vorsitzende beendete seine Zusammenfassung.

Es schien, alles war gesagt worden. Aber der Vorsitzende konnte sich nicht von seinem Recht, zu sprechen, trennen — so angenehm war es ihm, die eindringlichen Intonationen seiner Stimme zu hören, — und er fand er nötig, nach einige Worte zu sagen von der Wichtigkeit jenes Rechts, welches den Geschworenen gegeben worden, darüber, wie sie es mit Aufmerksamkeit und Vorsicht benutzen und nicht mißbrauchen müssen, darüber, daß sie einen Eid geleistet haben, daß sie das Gewissen der Gesellschaft sind, und daß das Geheimnis des Beratungszimmers heilig sein muß u. s. w., u. s. w.

Seitdem der Vorsitzende zu sprechen angefangen, sah ihn die Maslowa an, ohne die Augen abzuwenden, als ob sie besorgte, ein Wort zu verlieren; darum fürchtete Nechljudow nicht, ihr mit den Augen zu begegnen und sah sie ohne Unterbrechung an. Und in seiner Vorstellung ging jene gewöhnliche Erscheinung vor sich, daß das seit langem nicht gesehene Gesicht einen geliebten Menschen, nachdem er zuerst mit seinen äußerlichen Veränderungen, welche während der Zeit der Abwesenheit stattgefunden haben, frappiert hatte, nach und nach wieder vollkommen dasselbe wird, wie es vor vielen Jahren gewesen; alle stattgefundenen Veränderungen verschwinden, und vor dem geistigen Auge tritt nur der Hauptausdruck der ausschließlichen, unwiederholbaren, geistigen Persönlichkeit hervor. Eben dasselbe ging im Nechljudow dar sich. —

Ja, trotz dem Arrestantenschlafrock, dem ganzen breiter gewordenen Körper, der ausgewachsenen Brust, trotz dem inzwischen auseinander gegangenen unteren Teil der Gesichtes, trotz den Fältchen auf der Stirn und an den Schläfen, und trotz den etwas angeschwollenen Augen — war das unzweifelhaft dieselbe Katjuscha, welche am Ostersonntag ihn, den von ihr geliebten Menschen, mit ihren verliebten, vor Freude und Fülle des Lebens lachenden Augen so unschuldig von unten nach oben angesehen.

‘Und ein so merkwürdiger Zufall. Und mußte es sich so treffen, daß der Prozeß gerade auf meine Session fällt; daß ich, ohne ihr seit zehn Jahren irgend wo zu begegnen, sie hier auf der Bank der Angeklagten treffe. Und womit wird das alles enden? Wäre es schneller, ach schneller zu Ende!’

Er unterwarf sich noch immer nicht jenem Gefühl der Reue, welches anfing, in ihm zu reden. Ihm deuchte, daß es ein Zufall sei, der vorübergehen werde, ohne sein Leben zu zerstören. Er fühlte sich in der Lage jenes Hündchens, das sich im Zimmer schlecht aufgeführt hat, und welches der Herr am Nacken packt mit mit der Nase in diejenige Abscheulichkeit, die es gemacht hat, hineinstößt. Das Hündchen winselt, zieht sich zurück, um möglichst weit von den Folgen seines Betragens wegzugehen, um sie zu vergessen, aber der unerbittliche Herr läßt es nicht fort. Ebenso fühlte auch Nechljudow die ganze Abscheulichleit dessen, war er vollbracht, fühlte auch die mächtige Hand des Herrn, aber er verstand noch immer nicht die Bedeutung dessen, was er gethan hatte, erkannte den Herrn nicht. Er wollte immer noch nicht daran glauben, daß das, was vor ihm war, sein Werk sei. Aber die unerbittliche, unsichtbare Hand hielt ihn, und er ahnte schon, daß er sich nicht werde drücken können. Er spielte noch den Tapferen, und angenommener Gewohnheit nach, ein Bein über das andere gelegt, saß er, nachlässig mit dem Zwicker spielend, in selbstgewisser Haltung auf seinem zweiten Stuhl der ersten Reihe. Unterdessen aber fühlte er schon in der Tiefe seiner Seele die ganze Grausamkeit, Niederträchtigkeit, nicht nur dieser seiner That, sondern seines ganzen müßigen, lockeren, grausamen und selbstherrlichen Lebens, und jener furchtbare Vorhang, meiches durch irgend ein Wunder während dieser ganzen Zeit, alle diese zehn Jahre hindurch, vor ihm dies sein Verbrechen und sein ganzes folgendes Leben verborgen hatte, schwankte schon, und er blickte schon hie und da hinter denselben.

23

Endlich schloß der Vorsitzende seine Rede, hob mit graziöser Bewegung die Frageliste in die Höhe und übergab sie dem zu ihm herangetretenen Obmann. Die Geschworenen standen auf, und froh, weggehen zu dürfen, gingen sie, ohne zu wissen, was sie mit ihren Händen thun sollten, als ob sie sich vor etwas schämten, einer nach dem andern in das Beratungszimmer. Sobald die Thür hinter ihnen geschlossen worden, kam an diese Thür ein Gendarm; er riß den Säbel aus der Scheide, legte ihn an die Schulter und blieb an der Thür stehen.

Die Richter erhoben sich und gingen fort. Die Angeklagten wurden auch hinausgeführt.

Nachdem die Geschworenen in das Beratungszimmer eingetreten, hatten sie in erster Linie Cigaretten hervor, wie auch früher, und fingen an zu rauchen. Die Unnatürlichkeit und das Falsche ihrer Lage, die sie in mehr oder weniger hohem Grade empfanden, als sie in dem Saal an ihren Plätzen saßen, war vorbei, sobald sie in das Beratungszimmer eingetreten waren und Cigaretten angeraucht hatten. Sie haben sich mit dem Gefühl der Erleichterung dort placiert, und sogleich begann ein lebhaftes Gespräch.

»Das Dirnlein ist unschuldig, es hat sich verwickelt,« sagte der gutmütige Kaufmann, »man muß ihm mildernde Umstände geben.«

»Wollen wir also eben das jetzt erwägen,« sagte der Obmann.

»Wir müssen nicht unseren persönlichen Eindrücken nachgeben.«

»Eine gute Zusammenfassung hat der Vorsitzende geliefert,« bemerkte der Oberst.

»Ja, gut! Ich bin beinah eingeschlafen.«

»Die Hauptsache ist, daß die Dienstboten nichts von dem Gelde wissen konnten, wenn die Maslowa nicht mit ihnen einverstanden gewesen wäre,« sagte der Kommis von jüdischem Typus.

»Also, was ist denn? Hat sie, Ihrer Meinung nach, gestohlen?« fragte einer der Geschworenen.

»Um nichts in der Welt würde ich dies glanben,« schrie der gutmütige Kaufmann, »aber alles hat diese rotäugige Schelmin ausgefressen«

»Die sind alle gut,« sagte der Oberst.

»Aber sie sagt ja, daß sie nicht in die Nummer hineingegangen«

»So, glanben Sie ihr nur! Ich würde diesem Luder in meinem Leben nicht glauben.«

»Aber was macht das? Es liegt ja nicht viel dran, daß Sie ihr nicht glauben würden,« sagte der Kommis.

»Den Schlüssel hatte sie.«

»Und was bedeutet das, daß sie ihn hatte?« erwiderte der Kaufmann.

»Und der Fingerring?«

»Aber sie hat es ja erzählt,« schrie der Kaufmann wieder. »Der Kaufmann war ja charaktervoll, und dazu noch angetrunken, hat sie durchgeprügelt. Nun, nachher aber, es ist eine bekannte Sache, bedauerte er sie: ‘Hier, nimm, nur weine nicht.’ Was für ein Mensch er war, hast Du wohl gehört; zwölf Werschok13 und so was wie acht Pud!«

»Nicht das ist die Hauptsache,« unterbrach ihn Peter Gerassimowitsch, »die Frage besteht darin: hat sie die ganze Sache angestiftet oder die Dienstboten?«

»Die Dienstboten allein können es nicht gethan haben. Den Schlüssel hatte sie.«

Die zusammenhanglose Unterhaltung ging eine ziemlich lange Zeit vor sich.

»Aber erlauben Sie, meine Herren,« sagte der Obmann. »wollen wir uns an den Tisch setzen und die Sache erwägen. Bitte,« sagte er, sich auf den Präsidentenplatz setzend.

»Ein scheußliches Gesindel diese Dirnen,« sagte der Kammis, und um die Meinung zu bekräftigen, daß die Maslowa die Hauptschuldige sei, erzählte er, wie eine solche seinem Kameraden auf dem Boulevard die Uhr gestohlen habe.

Der Oberst fing an, bei dieser Gelegenheit einen noch frappanteren Fall, den Diebstahl eines silbernen Samowars zu erzählen.

»Meine Herren, ich bitte, den Fragen nach,« sagte der Obmann, indem er mit dem Bleistift auf den Tisch klopfte.

Alle schwiegen.

Diese Fragen waren folgendermaßen ausgedrückt:

Ist der Bauer des Dorfes Borki, Bezirk Krapiwensk, Simon Petrow Kartinkin, 33 Jahre alt, dessen schuldig, daß er am 17. Jannuar 188. in der Stadt N., nachdem er den Kaufmann Smeljkow ums Leben zu bringen beabsichtigt mit dem Vorsatz, ihn zu berauben, im Einverständnis mit einer anderen Person, ihm Gift im Cognat gegeden hat, wodurch der Tod des Smeljkow erfolgte; und daß er demselben Geld, etwa 2500 Rubel und einen Brillantring entwendet?

Ist die Euphemia Iwanowna Botschkowa, 43 Jahre alt, des in der ersten Frage beschriebenen Verbrechens schuldig?

Ist die Kleinbürgerin Katharina Michajlowa Maslowa, 27 Jahre alt, des in der ersten Frage beschriebenen Verbrechens schuldig?

Wenn die Angeklagte Euphemia Botschowa nach der ersten Frage unschuldig ist, ist sie dann nicht etwa dessen schuldig, am 17. Januar 188. in der Stadt N., während sie im Gasthause »Mauritanien« in Dienst stand, heimlich bei einem Logirgast, dem Kaufmann Smeljkow, aus dem verschlossenen Koffer, der sich in seinem Zimmer befand, Geld, 2500 Rubel, entwendet zu haben, wozu sie den Koffer auf der Stelle, wo er sich befand, mit einem mitgebrachten falschen Schlüssel aufgeschlossen?

Der Obmann las die erste Frage vor.

»Nun, wie ist es denn, meine Herren!«

Diese Frage wurde sehr schnell beantwortet. Alle kamen überein zu antworten: ‘ja, schuldig’, indem man Kartinkin als Mitthäter sowohl an der Entwendung als auch an der Vergiftung erkannte. Nicht einverstanden, den Kartinkin für schuldig zu erklären, war nur der alte Artelschtschik allein, der auf alle Fragen im Sinne der Rechtfertigung antwortete.

Der Obmann dachte, daß er nicht verstehe und erklärte ihm, wie es nach allem unzweifelhaft sei, daß Kartinkin und Botschkowa schuldig seien; der Artelschtschik aber antwortete, daß er verstehe, aber es sei doch besser, Mitleid mit ihnen zu haben. »Wie sind ja selber keine Heiligen.« Und so blieb er auch bei seiner Meinung. Auf die zweite Frage, die Botschkowa betreffend, hat man nach langen Unterredungen und Erklärungen, geantwortet: nicht schuldig, weil keine offenbaren Beweise für ihre Teilnahme an der Vergiftung vorlagen, was ihr Advokat besonders betonte.

Der Kaufmann, der die Maslowa rechtfertigen wollte, bestand darauf, daß die Botschkowa die Hauptanstifterin von allem sei. Viele Geschwoerne stimmten ihm zu; aber der Obmann, der streng legal sein wollte, sagte, daß es keinen Grund gäbe, sie als Teilnehmerin an der Vergiftung zu erklären.

Nach langen Streitigkeiten triumphierte die Meinung des Obmanns.

Auf die vierte Frage, auch betreffs der Botschkowa, hat man geantwortet: »ja, schuldig,« und auf Anhalten des Artelschschiks fügte man hinzu, »aber sie verdient mildernde Umstände.«

Die dritte Frage aber über die Maslowa rief einen erbitterten Streit hervor. Der Obmann bestand darauf, daß sie des Raubes und der Vergiftung schuldig sei; der Kaufmann war damit nicht einverstanden und mit ihm zusammen der Oberst, der Kommis und der Artelschtschik nicht, — die übrigen schienen zu schwanken; aber die Ansicht des Obmanns begann vorzuherschen, besonders, weil die Geschwoernen ermüdet waren und sich bereitwilliger an die Meinung anschloßen, die versprach, sie schneller zu vereingen und darum alle zu befreien.

Nach alledem, was bei der gerichtlichen Untersuchung vor sich gegangen, und nach dem, wie Nechljudow die Maslowa kannte, war er überzeugt, daß sie weder an der Entwendung, noch an der Vergiftung schuldig sei, und anfangs war er sicher, daß alle das anerkennten; aber er mußte einsehen, daß die Entscheidung sich infolge verschiedener Umstünde zu Gunsten der Verurteilung zu neigen anfing. Da war erstens die ungeschickte Verteidigung durch den Kaufmann, die augenscheinlich darauf begründet war, daß die Masloma ihm physisch gefiel, was er auch nicht verhehlte, da war der Widerstand des Obmanns, eben dieses Grundes wegen; da war hauptsächlich die allgemeine Ermüdung der Beteiligten. Nechljudow wollte etwas einwenden, aber er fürchtete, für die Maslowa zu sprechen; es schien ihm, daß alle sogleich sein Verhältnis zu ihr erfahren würden. Inzwischen aber fühlte er, daß er die Sache nicht so lassen könne, daß er Einwände erheben müsse. Er wurde rot, er wurde blaß, und eben wollte er anfangen zu sprechen, als Peter Gerassimowitsch, der die dahin stillgeschwiegen, augenscheinlich durch den autotitären Ton des Odmanns empört, plötzlich anfing, diesen zu widerlegen und dasselbe zu sagen, was Nechljudow hatte sagen wollen.

»Erlauben Sie,« rief er, »Sie sagen, daß die Maslowa des Diebstahls schuldig sei, weil sie den Schlüssel besaß, aber konnten denn die Korridorbedienten nicht nach ihr den Koffer mit einem falschen Schlüssel aufschließen?«

»Ja ja! Ja ja!« bestätigte der Kaufmann.

»Und Geld konnte sie ja nicht nehmen, weil sich in ihrer Lage nichts damit anfangen läßt.«

»Das ist’s ja, was ich sage! Ganz dasselbe,« bestätigte der Kaufmann.

»Wahrscheinlich ist, daß sie durch ihre Ankunft den Korridordienern den Gedanken eingegeben hat, und die haben dann die Gelegenlheit benutzt und nachher alles auf die Maslowa gewälzt.«

Peter Gerassimowitsch sprach mit gereizter Stimme, und seine Gereiztheit teilte sich dem Obmann mit, der infolge dessen mit besonderer Hartnäckigkeit seine entgegengesetzte Meinung zu verteidigen begann; aber Peter Gerassimowitsch sprach zu überzeugend, daß die Mehrheit ihm zustimmte, indem sie anerkannten, daß die Maslowa an der Geldentwendung nicht Teil genommen habe, daß der Fingerring ihr geschenkt worden sei.

Als aber das Gespräch aus ihre Teilnahme an der Vergiftung überging, sagte ihr heißer Verteidiger, der Kaufmann, daß man sie unschuldig erkennen solle. Der Obmann sagte aber, daß es unmöglich sei, sie für unschuldig zu erklären, da sie selbst bekannt habe, ihm das Pulver gegeben zu haben.

»Gegeben, aber sie dachte, daß es Opium sei,« sagte der Kaufmann.

»Sie konnte ihn auch mit Opium der Lebens berauben,« sagte der Oberst, der sich gern in Abschweifungen einließ; und er fing bei dieser Gelegenheit an, davon zu erzählen, daß die Frau seiner Schwagers sich mit Opium vergiftet habe, und auch gestorben sein würde, wäre nicht der Doktor in der Nähe gewesen und wären nicht rechtzeitig Maßregeln getroffen worden. Der Oberst erzählte so eindringlich, selbstbewußt und mit solcher Würde, daß niemand den Mut hatte,ihn zu unterbrechen. Nur der Kommis, von seinem Beispiel angesteckt, entschloß sich, ihm dazwischen zu fahren, um seine Geschichte zu erzählen:

»Manche gewöhnen sich so stark daran daß sie vierzig Tropfen einnehmen können, ich habe einen Vermandten, der…«

Aber der Oberst ließ sich nicht unterbrechen und setzte seine Erzählung von den Folgen der Einwirkung des Opiums auf die Frau seines Schwagers fort.

»Aber es ist schon über vier Uhr, meine Herren,« sagte einer der Geschworenen.

»Also, wie ist’s denn, meine Herren?« wandte sich der Obmann an die Geschworenen, »wollen wir sie schuldig erklären? Aber ohne Vorsatz zu berauben, und Eigentum hat sie nicht entwendet. Ist es so?«

Peter Gerassimowitsch, der mit seinem Siege zufrieden war, willigte ein.

»Aber sie verdient mildernde Umstände,« fügte der Kaufmann hinzu.

Alle waren einverstanden. Nun der Artelschtschik beharrte darauf, daß man sagen solle: »nein, nicht schuldig.«

»Aber das kommt ja auf dasselbe hinaus,« etklärte der Obmann, »ohne Vorsatz zu berauben, und das Eigentum entwendete sie nicht, also ist sie nicht schuldig.«

»Los und drauf, so! Und Nachsicht verdient sie, um sie von allem, was ihr nach anklebt, zu reinigen.«

Alle waren so ermüdet, hatten sich so in Streitigkeiten verwickelt, daß es niemandem eingefallen, zu der Antwort hinzuzufügen: ja, aber ohne den Vorsatz, des Lebens zu berauben.

Nechljudow war so aufgeregt, daß er dies nicht bemerkte. Also wurden die Antworten in dieser Form niedergeschrieben und in den Gerichtssaal getragen.

Rabelais schreibt, daß ein Jurist, zu welchem man kam, um sich seinem Urteil zu unterziehen, nach einem Hinweis auf alle möglichen Gesetze und nach Verlesung den zwanzig Seiten sinnlosen juristischen Lateins den Streitenden vorgeschlagen habe, zu würfeln: grade oder ungrade. Wenn grade — so hat der Supplikant recht, wenn ungrade — so hat der Beklagte recht.

So war es auch hier. Diese oder jene Entscheidung wurde nicht etwa angenommen, weilu alle zu einem Einverständnis gekommen waren, sondern erstens, weil der Vorsitzende, der so lange Zeit zu seinem Résumé gebraucht, diesmal vergessen hatte, das zu sagen, was er immer sagte, nämlich; daß die Geschworenen in Beantwortung der Schuldfrage sagen könntent: »ja — schuldig, aber ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben,« und zweitens, weil der Oberst sehr breit und sehr langweilig die Geschichte seiner Schwägerin erzählt hatte, drittens, weil Nechljudow o aufgeregt war, daß er die Weglassung der Klausel ‘aber ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben’, nicht bemerkte, sondern dachte, daß die Klausel ‘ohne vorgefaßte Absicht zu berauben’ schon die Anklage vernichte; viertens, weil Peter Gerassimowitsch nicht im Zimmer war; er war hinausgegangen, gerade um die Zeit, wo der Obmann die Fragen und Antworten las; vornehmlich aber, weil alle ermüdet waren, — weil alle Lust hatten, möglichst schnell los zu kommen, und daher derjenigen Entscheidung zustimmten, bei melcher alles am raschesten zu Ende ist.

Die Geschworenen klingelten. Der Gendarm, der mit bloßem, gezogenem Säbel an der Thür stand, steckte den Säbel in die Scheide und trat auf die Seite, die Richter setzten sich auf ihre Plätze, und die Geschworenen kamen einer nach dem andern herein.

Der Obmann trug mit feierlichem Aussehn den Fragebogen. Er trat an den Vorsitzenden heran und reichte ihm denselben. Der Vorsitzende durchlas ihn, und augenscheinlich erstaunt, breitete er die Arme aus und wandte sich beratschlagend an seine Kollegen. Der Vorsitzende war erstaunt, weil die Geschworenen, nachdem sie die erste Klausel: ‘ohne Vorbedacht zu berauben’, vorbehalten, die zweite Klausel: ‘ohne Absicht, des Lebens zu berauben’, nicht vorbehalten hatten. Aus der Entscheidung der Geschworenen ergab sich, daß die Maslowa weder gestohlen nach geraubt habe, — zugleich aber hatte sie einen Menschen ohne jeglichen ersichtlichen Zweck vergiftet

»Sehn Sie mal, war für ein ungereimtes Zeug die gebracht haben,« sagte der Vorsitzende zu dem Mitgliede links. »Das bedeutet ja: Zwangsarbeit; sie ist aber unschuldig.«

»Nun, wieso unschuldig?« fragte das erste Mitglied.

»Aber einfach unschuldig. Meiner Meinung nach haben wir hier Artikel 817 in Anwendung zu bringen.« (Der Artikel 817 lautet darin, daß, wenn das Gericht das Urteil ungerecht findet, es die Entscheidung der Geschworenen aufheben kann.) »Wie meinen Sie?« wandte sich der Vorsitzende an das gute Mitglied. Das gute Mitglied antortete nicht sogleich; es blickte auf die Nummer der vor ihm liegenden Akte, addierte die Ziffern zusammen; — sie mit drei zu dividieren gelang nicht. Er hatte so bei sich ausgemacht: ist die Ziffer dividierbar, so werde ich beistimmen; aber obgleich sie nicht dividierbar war, stimmte er aus Güte bei.

»Ich glaube auch, daß man es müßte,« sagte er.

»Und Sie?« wandte sich der Vorsitzende an das ärgerliche Mitglied.

»Auf keinen Fall,« — antwortete er entschieden. »Auch sonst sagen die Zeitungen, daß die Geschworenen die Verbrecher freisprechen, was sollen sie denn sagen, wenn das Gericht sie freispricht? Ich bin in keinem Falle einverstanden.«

Der Vorsitzende blickte auf die Uhr. »Er ist schade, aber was ist zu thun?« Und er reichte den Fragebogen dem Obmann zum Vorlesen.

Alle standen auf, und der Obmann, verlegen von einem Fuß auf den andern tretend, räusperte sich und las die Fragen und Antworten vor. Alle Gerichtsbeamten: der Sekretär, die Advokaten und sogar der Staatsanwalt drückten ihr Erstaunen aus.

Die Angeklagten saßen teilnahmslos, da sie augenscheinlich die Bedeutung der Antworten nicht verstanden. Alle setzten sich wieder, und der Vorsitzende fragte den Staatsanwalt, welchen Strafen glaube er die Angeklagten unterwerfen zu sollen? Der Staatsanwalt, erfreut durch den unerwarteten Erfolg in Bezug auf die Maslowa, — denn er schrieb diesen Erfolg seiner Beredtsamkeit zu, — sah in irgend einem Buche nach, erhob sich etwas und sagte:

»Den Simon Kartinkin möchte ich glauben auf Grund des Artikels 1452, ⩀93, die Euphemia Botschkowa auf Grund des Artikels …und Katharina Maslowa auf Grund des Artikels 1454 den dort angedrohten Strafen unterwerfen zu müssen.«

All diese Strafen waren die strengsten, die man nur auferlegen konnte.

»Das Gericht entfernt sich, um die Entscheidung zu treffen,« sagte der Vorsitzende, aufstehend. Alle erhoben sich nach ihm, und mit dem erleichterten und angenehmen Gefühl einer vollbrachten guten That fingen sie an, hinauszugeben oder sich im Saal hin und her zu bewegen.

»Aber, Väterchen, wie haben ja etwas Schändliches zusammen gelogen,« sagte Peter Gerassinowitsch, an den Nechljudow herantretend, welchem der Obmann etwas erzählte. »Wir haben sie ja zu Zwangsarbeit verdonnert.«

»Was sagen Sie?« schrie Nechljudow auf, obne diesmal die unangenehme Familiarität des Lehrers zu bemerken.

»Nicht anders,« sagte der. »Wie haben in der Antwort nicht gesetzt: schuldig, aber ohne Absicht, des Lebens zu berauben. Der Sekretär hat mir eben gesagt, daß der Staatsanwalt fünfzehn Jahre Zwangsarbeit über sie verhängen will.«

»Aber man hat ja so entschieden,« sagte der Obmann.

Peter Gerassimowitsch fing an zu streiten; es sei selbstverständlich, sagte er, daß, wenn sie kein Geld genommen, sie auch die Absicht nicht haben konnte, ihn des Lebens zu berauben.

»Aber ich habe ja die Antworten vorgelesen, bevor wir hinausgingen,« rechtfertigte sich der Obmann. Niemand erwiderte etwas.

»Ich war um die Zeit aus bem Zimmer gegangen,« sagte Peter Gerassimowitsch. »Abet wie haben Sie das verpassen können?«

»Ich habe durchaus nicht daran gedacht,« sagte Nechljudow.

»Nicht gedacht …aber jetzt ist es so.«

»Aber man kann das noch gut machen,« sagte Nechljudow.

»O nein, — jetzt ist es schon aus.«

Nichljudow sah die Angeklagten an. Sie, deren Schicksal vor der Entscheidung stand, saßen immer ebenso unbeweglich hinter ihrem Gitter, vor den Soldaten. Die Maslowa lächelte über irgend etwas. Und in Nechljudows Seele regte sich ein schlechtes Gefühl.

Vorher, als er vorausgesetzt, daß man sie frei sprechen und in der Stadt bleiben lassen werde, war er unentschlossen, wie er sich gegen sie verhalten solle; und das Verhalten gegen sie war schwer. Die Zwangsarbeit und Sibirien vernichteten auf einmal die Möglichkeit jeglichen Verhältnisses zu ihr. Der nicht ganz getötete Vogel würde aufhören, in der Jagdtasche zu schlagen und an sich zu erinnern.

24

Die Vermutungen des Peter Gerassinowitsch waren richtig.

Als der Vorsitzende aus dem Beratungszimer zurückkehrte, nahm er das Papier und las vor:

Im Jahre 188…am 28. April laut Ukas Seiner Kaiserlichen Majestät Kr…hat das Bezirksgericht, in der Strafgerichtsabteilung, kraft der Entscheidung der Herren Geschworenen auf Grund ⩀3 Artikel 771, ⩀3 Artikel 766 und Artikel 777 des Reglements des Kriminalverfahrens erkannt:

den Bauer Simon Kartinkin, 33 Jahre alt, und die Kleinbürgerin Katharina Maslowa, 27 Jahre alt, nach Entziehung aller bürgerlichen Rechte, in Zwangsarbeit zu verschicken: den Kartinkin für acht Jahre und die Maslowa für vier Jahre, beide mit den Folgen laut Artikel 25 des Strafgesetzbuches;

die Kleinbürgerin Euphemia Botschkowa aber, 43 Jahre alt, nach Entziehung aller besonderen, persönlichen, dem Stande nach ihr zukommenden Rechte und Gerechtsame für die Zeit von drei Jahren ins Gefängnis einzuschließen, mit den Folgen laut Artikel 48 des Strafgesetzbuches;

die Gerichtskosten für diesen Prozeß sind den Verurteilten zu gleichen Teilen aufzuerlegen, und im Falle der Zahlungsunfähigkeit auf Rechnung des Fiskus zu setzen;

die betreffenden corpora delicti sind zu verkaufen, der Fingerring ist zurückzuerstatten, die Gläser sind zu vernichten.

Kartinkin stand ebenso gerade aufgereckt, indem er die Hände mit gespreizten Fingern an den Hosennähten hielt und die Wangen bewegte. Die Botschkowa schien vollständig ruhig zu sein. Die Maslowa wurde purpurrot, als sie das Urteil hörte.

»Nicht schuldig bin ich, nicht schuldig!« schrie sie plötzlich über den ganzen Saal hin. »Es ist eine Sünde. Nicht schuldig hin ich. Ich wollte es nicht, ich dachte es nicht. Wahrhaft rede ich! Wahrhaft.« Und sie ließ sich auf die Bank nieder und brach in lautes Weinen aus.

Als Kartintin und die Botschkowa hinausgegangen waren, blieb sie noch immer auf ihrem Platz sitzen und weinte, so daß der Gendarm sie am Aermel der Schlafrockes berühren mußte.

»Nein, es ist unmöglich, es so zu lassen, sagte zu sich selbst Nechljudow; er hatte sein schlechtes Gefühl vollständig vergessen. Er wußte selber nicht warum, er eilte in den Korridor, um sie noch einmal zu sehen. In den Thüren drängte sich ein lebhafter Haufen von hinausgehenden Geschworenen und Advokaten, die mit der Beendigung der Verhandlung zufrieden waren; so daß er sich einige Minuten in der Thür aufgehalten fand. als er in den Korridor hinaus kam, war sie schon weit. Mit raschen Schritten, und ohne an die Aufmerksamkeit zu denken, die er auf sich zog, holte er sie ein, ja überholte sie und blieb stehen. Sie hörte schon auf zu weinen und schluchzte nur noch in Stößen auf, indem sie ihr stellenweise rot gewordenes Gesicht mit dem Ende des Halstuches abwischte, und ging an ihm vorbei, ohne sich umzusehen.

Nachdem er sie vorbeigehen lassen, kehrte er eilig zurück, um den Vorsitzenden zu sehen, aber der Vorsitzende war schon weg; er hat ihn erst im Vorzimmer eingeholt.

›Herr Vorsitzender,‹ sagte Nechljudow, indem er sich ihm in dem Augenblick näherte, als derselbe seinen hellen Ueberzieher schon ausgezogen hatte und den Stock mit dem silbernen Knopf nahm, den ihm der Schweizer reichte, ›kann ich mit Ihnen über den Prozeß sprechen, der soeben entschieden worden? Ich bin ein Geschworener.‹

›Ja, versteht sich, Fürst Nechljudow! Sehr angenehm, wir sind uns schon begegnet,‹ sagte der Vorsitzende, ihm die Hand drückend und sich mit Vergnügen erinnernd, wie schön und lustig, besser als alle jungen Leute, er tanzte an jenem Abend, als er dem Nechljudow begegnete.

›Womit kann ich Ihnen dienen?‹

›Es ist ein Mißverständnis passiert in der Antwort bezüglich der Maslowa. Sie ist unschuldig an der Vergiftung, unterdessen aber hat man sie zur Zwangsarbeit verurteilt,‹ sagte Nechljudow mit konzentriert-finsterem Aussehen.

›Das Gericht hat das Urteil auf Grund der ja von Ihnen abgegebenen Antworten gefällt,‹ sagte der Vorsitzende, sich der Ausgangsthür nähernd, ›obgleich die Antworten auch den Richtern nicht vollständig als der Sache entsprechend erschienen.‹ Er erinnerte sich, wie er den Geschworenen erklären wollte, daß ihre Antwort; ›ja, schuldig,‹ — ohne die Verneinung der Absicht des Todschlags den Todschlag mit Vorbedacht bestätige, aber da er sich beeilt zu schließen, hatte er das nicht gethan.

›Ja, aber kann man denn nicht den Fehler korrigieren?‹

›Ein Grund zur Kassation wird sich immer finden. Man muß sich an die Advokaten wenden,‹ sagte der Vorsitzende, seinen Hut etwas schief aufsetzend, indem er fortfuhr, sich zum Ausgang zu bewegen.

›Aber es ist ja schrecklich.‹

›Nun, sehen Sie, für die Maslowa stand eine von beiden bevor,‹ sagte der Vorsitzende, der augenscheinlich möglichst angenehm und höflich mit dem Nechljudow sein wollte; nachdem er seinen Backenbart über den Ueberzieherkragen ausgebreitet, nahm er Nechludow leicht unter den Arm, und ihn zur Ausgangsthür lenkend, fuhr er fort: ›Sie gehen doch auch?‹

›Jawohl,‹ sagte Nechljudow, sich eilig anziehend und ging mit ihm. Sie gingen an die helle lustige Sonne hinaus, und sogteich mußte man lauter sprechen wegen des Rasselns der Räder auf dem Pflaster.

›Die Lage ist, Sie sehen es wohl seltsam,‹ fuhr der Vorsitzende fort, die Stimme erhebend, ›ihr, dieser Maslowa, stand eine von beiden bevor: entweder beinah eine Rechtfertigung, eine Gefängnisstrafe, für welche auch das angerechnet werden konnte, daß sie schon gesessen hatte, sogar nur ein Arrest, oder — Zwangsarbeit, ein Mittelding giebt’s nicht. Wenn Sie die Worte hinzugefügt hätten: ‘aber ohne die Absicht den Tod herbeizuführen,’ so wäre sie freigesprochen worden.‹

›Ich habe das unverzeihlich übersehen,‹ sagte Nechljudow.

›Das ist eben die Sache,‹ sagte lächelnd der Vorsitzende, indem er auf die Uhr sah. Es blieben nur drei Viertelstunden bis zum letzten Termin übrig, der ihm von Klara bestimmt worden war.

›Jetzt, wenn Sie wollen, wenden Sie sich an die Advokaten. Man muß einen Grund zur Kassation finden. Den kann man immer finden. Nach der Dworjanskajastraße,‹ antwortete er dem Mietskutscher, ›dreißig Kopeten, mehr zahle ich nie.‹

›Bitte Excellenz.‹

›Mein Kompliment. Wenn ich mit etwas dienen kann, — Dwornikows Haus, auf den Dworjanskaja — es ist leicht zu behalten.‹ Und freundlich sich verbeugend, fuhr er weg.

25

Das Gespräch mit dem Vorsitzenden und die reine Luft haben den Nechljudow etwas beruhigt. Er dachte jetzt, daß das von ihm empfundene Gefühl infolge des ganzen unter so ungewohnten Bedingungen zugebrachten Morgens von ihm übertrieben worden. ‘Versteht sich, es ist ein merkwürdiges und frappantes Zusammentreffen. Und es ist notwendig, alles Mögliche zu thun, um ihr Schicksal zu mildern, und es möglichst schnell zu thun. Sogleich. Ja, man muß hier im Gericht erfahren, wo der Fanarin oder der Mikischin wohnt.’ Er erinnerte sich der zwei berühmten Advokaten.

Nechljudow kehrte in das Gerichtsgebäude zurück, zog den Ueberzieher aus und ging nach oben. Aber schon im ersten Korridor stieß er auf den Fanarin. Er hielt ihn auf und sagte, daß er etwas mit ihm zu thun habe. Fanarin kannte ihn von Ansehen und dem Namen nach und sagte, daß er sehr froh sei, alles zu thun, was ihm, dem Nechljudow, angenehm sei.

›Obgleich ich müde bin…aber wenn es nicht lange dauert, so sagen Sie mir Ihre Sache, — wollen mit hineingehn.‹

Und Fanarin führte den Nechljudow in ein Zimmer, wahrscheinlich daß Kabinet irgend eines Richters. Sie setzten sich an den Tisch.

›Nun, was haben Sie?‹

›Vor allem bitte ich Sie,‹ sagte Nechljudow, ›niemand wissen zu lassen, daß ich an dieser Sache beteiligt bin.‹

›Nun, das ist selbstverständlich…Also…‹

›Heute war ich Geschworener, und wie haben eine Frau zur Zwangsarbeit verurteilt, — eine Unschuldige. Das quält mich.‹ Nechljudow wurde, für sich selbs unerwartet, rot und blieb stecken. Fanarin blinkte mit den Augen zu ihm auf und ließ sie wieder sinken, während er zuhörte.

›Und?‹ sagte er nur.

›Wir haben eine Unschuldige verurteilt, und ich möchte das Urteil kassieren und den Prozeß einer höheren Instanz übertragen.‹

›Dem Senat,‹ berichtigte Fanarin.

›Und nun bitte ich Sie, das auf sich zu nehmen.‹

Nechljudow wollte das Schwerste möglichst schnell beenden, und darum sagte er auch sogleich: ›Die Entschädigung, die Kosten dieses Prozesses nehme ich auf mich; welche sie auch sein möchten,‹ sagte er errötend.

›Nun, das werden mit mit Ihnen verabreden,‹ sagte der Advokat, nachsichtig über seine Unerfahrenheit lächelnd.

›Worin besteht denn die Sache?‹

Neschludow erzählte.

›Schön, morgen lasse ich mir den Prozeß geben und gehe ihn durch; übermorgen, nein, am Donnerstag, kommen Sie zu mir um 6 Uhr abends, und ich werde Ihnen die Antwort geben. Nicht wahr? Nun, jetzt wollen wie gehn. Ich habe hier noch Erkundigungen einzuziehn.‹

Nechljudow nahm von ihm Abschied und ging hinaus.

Die Unterhaltung mit dem Advokaten und der Umstand, daß er schon Maßregeln zur Verteidigung der Maslowa getroffen, beruhigten ihn noch mehr. Er trat ins Freie, das Wetter war schön, er atmete freudig die Frühlingsluft. Die Mietskutcher boten ihre Dienste an, aber er ging zu Fuß, und sogleich begann ein ganzen Schwarm von Gedanken und von Erinnerungen an Katjuscha und an sein Betragen gegen sie in seinem Kopfe zu wirbeln. Und ihm wurde traurig, und alles erschien ihm finster. Nein, das will ich nachher überlegen, sagte er zu sich, jetzt aber muß man im Gegenteil sich von den schweren Eindrücken zerstreuen.

Er erinnerte sich an das Mittagessen der Kortschagins und blickte auf die Uhr. Es war noch nicht zu spät, und er konnte noch zum Mittagessen da sein. Es klingelte ein Tramway vorbei. Er setzte sich in Trab und sprang hinein. Auf dem Platze sprang er hinaus, nahm einen guten Mietkutscher, und in zehn Minuten war er an der Auffahrt des großen Hauses den Kortschagins.

26

›Bitte schön, Ew. Erlaucht sind erwartet,‹ sagte der freundliche, beleibte Schweizer des großen Hauses der Kortschagins, indem er die sich auf den englischen Thürbändern geräuschlos bewegende Eichenthür der Auffahrt öffnete. ›Man speist. Nur Sie hat man befohlen, herein zu bitten.‹

Der Schweizer näherte sich der Treppe und zog die Klingel für den oberen Stock.

›Ist sonst jemand da?‹ sagte Nechljudow, indem er ablegte.

›Herr Kolossow und Michail Sergejewitsch, sonst aber nur — die unsrigen,‹ antwortete der Schweizer.

Von der Treppe herab guckte ein schöner Lakai im Frack und weißen Handschuhen.

›Bitte schön, Ew. Erlaucht,‹ sagte er. ›Es ist befohlen, Sie herein zu bitten.‹

Nechljudow ging die Treppe hinauf und durch den bekannten prachtvollen und geräumigen Saal in das Speisezimmer. Im Speisezimmer saß bei Tische die ganze Familie, mit Ausnahme der Mutter, Fürstin Sophie Wassiljewna, die nie ihr Kabinet verließ. Oben am Tische saß der alte Kortschagin, neben ihm, zur linken Seite — der Doktor, zur anderen Seite — der Gast, Iwan Iwanowitsch Kolossow, der gewesene Gouvernements-Adelsmarschall, jetzt Mitglied der Bankverwaltung, ein liberaler Kamerad des Kortschagin; weiter zur linken Seite saß Miß Reder, die Gouvernante der kleinen Schwester Missis und das vierjährige Mädchen selbst; zur rechten gegenüber, — der Bruder Missis, der einzige Sohn der Kortschagins, ein Gymnasiast der sechsten Klasse, Petja, wegen dessen die ganze Familie in der Stadt blieb, um seine Examina abzuwarten, und noch ein Student, sein Repetitor; dann links — Katharina Alexejewna, ein vierzigjähriges Fräulein, eine Slavophilin; gegenüber — Michail Sergejewitsch, oder Mischa Teljegin, Missis Vetter, — unten am Tische saß Missi selber, und neben ihr war ein unangerührtes Couvert.

›Ha, das ist schön. Setzen Sie sich, wir sind nur erst bei dem Tisch,‹ sagte mit Mühe und vorsichtig mit seinen eingesetzen Zähnen kauend, der alte Kortschagin, während er die blutunterlaufenen Augen ohne sichtbare Augenlider zu Nechljudow erhob.

›Stepan,‹ wandte er sich mit vollem Munde an den dicken, großartigen Vorschneider, indem er mit den Augen auf das leere Gedeck wies. Obgleich Nechljudow den alten Kortschagin gut kannte und ihn viele Male auch beim Mittagessen gesehen, frappierte ihn heute irgendwie besonders unangenehm dieses tote Gesicht mit den sinnlichen schmatzenden Lippen über der hinter die Weste gesteckten Serviette, und der fette Hals, überhaupt diese ganze gemästete, militärische Generalsfigur. Nechljudow erinnerte sich unwillkürlich dessen, was er von der Grausamkeit dieses Menschen wußte, der, als er Provinzbefehlshaber war, der liebe Gott weiß wozu — da er ja reich und vornehm war, und sich nicht hinaufzudienen brauchte, — die Leute durchpeitschte und sogar aufhängte.

›Es wird augenblicklich aufgetragen, Ew. Erlaucht,‹ sagte Stepan, während er aus dem mit silbernen Vasen voll besetzten Buffet einen großen Vorlegelöffel holte und mit dem Kopf dem schönen Lakai mit dem Backenbart winkte, der sogleich anfing, das unangerührte Couvert neben Missi, das mit der geschickt zusammengelegten, gestärkten Serviette mit dem Prangenden Namenszug bedeckt war, zu ordnen. Nechljudow umging den ganzen Tisch und drückte allen die Hände. Alle, außer dem alten Kortschagin und den Damen, standen auf, als er sich ihnen näherte. Und dies Umwandern des Tisches und der Händedruck mit allen Anwesenden, obgleich er mit den meisten von ihnen nie sprach, erschien ihm besonders unangenehm und lächerlich. Er entschuldigte sich, daß er sich verspätet, und wollte sich auf dem leeren Platz am Ende des Tisches zwischen Missi und Katharina Alexejewna niederlassen, aber der alte Kortschagin verlangte, daß er, wenn er schon nicht Branntwein trinke, dennoch an dem Tische, auf welchem Hummer, Kaviar, verschiedene Käsearten, Heringe standen, einen Imbiß nehme. Nechljudow glaubte nicht, daß er so hungrig sei, aber, nachdem er angefangen, Brot mit Käse zu essen, konnte er nicht aufhören und aß gierig.

›Nun, was ist denn, haben Sie die Grundlagen untergraben?‹ sagte Kolossow, ironisch den Ausdruck einer retrograden Zeitung gebrauchend, die sich gegen das Gericht der Geschworenen erhob. ›Haben Sie die Schuldigen gerechtfertigt und die Unschuldigen verurteilt, ja?‹

›Die Grundlagen untergraben…Die Grundlagen untergraben…‹ wiederholte lachend der Fürst, der ein unbegrenztes Vertrauen an dem Verstand und zu der Gelehrsamkeit seines liberalen Kameraden und Freundes hegte.

Nechljudow, riskierend, unhöflich zu sein, antwortete dem Kolossow nicht, und sich zu der aufgetragenen dampfenden Suppe setzend, fuhr er fort zu kauen.

›Aber lassen Sie ihn essen,‹ sagte lächelnd Missi, indem sie mit diesem Pronomen ’ihn’ an ihre nahe Stellung zu ihm erinnerte.

Kolossow erzählte inzwischen lebhaft und laut den Inhalt des Artikels gegen das Geschworenengericht, der ihn empört hatte. Ihm stimmte Michail Sergejewitsch, der Neffe, zu, und er erzählte den Inhalt eines anderen Artikels derselben Zeitung.

Missi war wie immer sehr ‘distinguée’ und schön, unauffällig schön gekleidet.

›Sie sind gewiß furchtbar müde, hungrig,‹ sagte sie zu Nechljudow, nachdem sie abgewartet, daß er ausgekaut hatte.

›Nein, nicht besonders. Und Sie? Fuhren Sie hin, um die Bilder zu besehen?‹ fragte er.

›Nein, wie haben es aufgeschoben. Wie sind aber zum Lawn tennis bei Salamatows gewesen. Und wirklich spielt Mister Krooks erstaunlich.‹

Nechljudow kam hierher gefahren, um sich zu zerstreuen, und immer pflegte es ihm in diesem Hause wohl zu sein; nicht nur wegen jener Pracht von gutem Ton, welcher auf seine Sinne angenehm wirkte, sondern auch infolge dieser Atmosphäre schmeichelnder Freundlichkeit, die ihn unmerklich umgab. Heute aber, es ist eine wunderbare Sache, war alles in diesem Hause ihm widerwärtig, alles, von dem Schweizer, der breiten Treppe, den Blumen, den Lakaien, der Tafeleinrichtung bis zu Missi selbst, die ihm heute nicht anziehend und unnatürlich schien. Unangenehm war ihm auch dieser selbstvertrauende abgeschmackte, liberale Ton des Kolossow, unangenehm war die selbstbewußte, sinnliche Ochsenfigur des alten Kortschagin, unangenehm waren die französischen Phrasen der Slavophilin Katharina Alexejewna, unangenehm waren die befangenen Gesichter der Gouvernante und des Repetitors; besonders unangenehm war das von ihm gesagte Pronomen ‘ihn’. Nechljudow schwankte immer zwïchen zweierlei Verhalten gegen sie: bald sah er in ihn gleichsam kleine Augen machend, oder wie beim Mondschein, alles Schöne; sie schien ihm frisch und schön, und klug und natürlich …Bald aber sah er, wie beim hellen Sonnenschein plötzlich, — ja er konnte nicht umhin, eb zu sehen — alles das, was ihr fehlte. Heute war für ihn ein solcher Tag. Heute sah er alle Runzelchen auf ihrem Gesicht, er sah, wie ihre Haare toupiert waren, er sah die Spitzigkeit der Ellbogen, und hauptsächlich sah er den breiten Nagel des Daumens, der an eben solchen Nagel beim Vater erinnerte.

›Das allerlangweiligste Spiel,‹ sagte Kolossow vom ‘tennis’ ›bei weitem lustiger war die ‘Lapta’14 , die wie in der Kindheit spielten.‹

›Nein, Sie haben das nicht probiert. Es ist furchtbar hinreißend,‹ erwiderte Missi, besonders unnatürlich das Wort ‘furtchtbar’ aussprechend, wie es dem Nechljudow schien.

Und es begann ein Streit, an welchem sowohl Michail Sergejewitsch, als Katharina Alexejewna teilnahmen. Nur die Gouvernante, der Repetitor und die Kinder schwiegen und langweilten sich sichtbar.

›Ewig streiten sie!‹ sagte laut lachend der alte Kortschagin; indem er die Serviette aus der Weste hervorzog und mit dem Stuhl scharte, den sogleich der Lakai auffing, stand er vom Tische auf. Nach ihm standen auch alle übrigen auf und kamen an das Tischchen heran, wo die Spültassen standen und warmes duftendes Wasser eingegossen war; und den Mund ausspülend, setzten sie das für niemand interessante Gespräch fort.

›Nicht wahr?‹ wandte sich Missi an den Nechljudow, ihn zur Bestätigung ihrer Meinung herausfordernd, daß nirgend der Charakter des Menschen so ersichtlich sei, wie im Spiel. Sie sah auf seinem Gesicht jenen konzentrierten und, wie ihr schien, verurteilenden Ausdruck, welchen sie an ihm fürchtete, und sie wollte erfahren, wodurch er hervorgerufen worden.

›Bei Gott, ich weiß nicht, ich habe nie darüber nachgedacht,‹ antwortete Nechljudow.

›Wollen Sie zu Mama gehen?‹ fragte Missi.

›Ja, ja,‹ sagte er, eine Cigarette herausnehmend und mit einem Ton, der klar besagte, daß er wenig Lust zu gehen hätte.

Sie blickte ihn schweigend und fragend an, und er schämte sich. ‘In der That, zu den Leuten kommen, um ihnen Langeweile zu verursachen…,’ dachte er den sich selbst, und sich bemühend, liebenswürdig zu sein, sagte er, daß er mit Vergnügen gehen werde, wenn die Fürstin ihn empfangen würde.

›Ja, ja, Mama wird froh sein. Rauchen können Sie auch dort. Und Iwan Iwanowitsch ist da.‹

Die Hausherrin, Fürstin Sophia Wassiljewna war eine liegende Dame. Seit acht Jahren lag sie in Gegenwart der Gäste in Spitzen und Bändern, mitten unter Samt, Vergoldung, Elfenbein, Bronze, Firnis, Blumen, fuhr nirgends hin und empfing, wie sie sagte, nur ‘ihre Freunde,’ das heißt alles das, was ihrer Meinung nach, sich irgendwie vor dem Haufen auszeichnete. Nethljudow war in die Zahl dieser Freunde aufgenommen worden, weil er für einen klugen jungen Mann gehalten ward, weil seine Mutter die nächste Freundin der Familie war, und weil es gut gewesen wäre, wenn Missi ihn geheiratet hätte.

Das Zimmer der Fürstin Sophia Wassiljewna war hinter dem großen und dem kleinen Empfangszimmer. Im großen Empfangszimmer blieb Missi, die dem Nechljudow voranging, entschieden stehen, und die Rückenlehne eines kleinen vergoldeten Stuhls anfassend, sah sie ihn an.

Missi hatte große Lust, ihn zu heiraten, und Nechljudow war eine gute Partie. Außerdem gefiel er ihr, und sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß er der ihrige sein werde, nicht sie die seinige, sondern er der ihrige. Sie verfolgte ihr Ziel mit unbewußter, aber hartnäckiger Schlauheit, mit einer Schlauheit, wie sie bei Geisteskranken vorkommt; sie fing an, jetzt mit ihm zu sprechen, um ihn zu Erklärungen zu veranlassen.

›Ich sehe, daß Ihnen etwas passiert ist,‹ sagte sie, ›was haben Sie?‹

Er entsann sich seiner Begegnung im Gericht, er ward finster und rot.

›Ja. es ist etwas passiert,‹ sagte er, da er aufrichtig sein wollte, ›eine seltsame, ungewöhnliche, wichtige Begebenheit.‹

›Was denn? Sie können nicht sagen was?‹

›Ich kann es nicht jetzt. Erlauben Sie mir, nicht darüber zu sprechen. Es ist etwas geschehen, das ich noch nicht Zeit gehabt, vollständig zu überlegen,‹ sagte er und errötete noch mehr.

›Und Sie sagen es mir nicht?‹ Ein Muskel ihres Gesichts erzitterte, und sie schob den kleinen Stuhl von sich, den sie angefaßt hatte.

›Nein, ich kann nicht,‹ antwortete er, und er fühlte, daß, indem er ihr so antwortete, er sich selbst antwortete und anerkannte, daß ihm wirklich etwas sehr Wichtiges geschehen sei.

›Nun, dann wollen wie gehen.‹ Sie schüttelte den Kopf, als ab sie unnötige Gedanken verjagen wollte und ging vorwärts mit rascheren Schritten, als gewöhnlich.

Ihm schien es, daß sie den Mund auf unnatürliche Weise zusammendrückte, um sich der Thränen zu enthalten. Er schämte sich, und es that ihm weh, daß er sie betrübte, aber er wußte, daß die kleinste Schwäche ihn zu Grunde richten, das heißt binden werde. Heute aber fürchtete er sich vor diesem mehr als vor allem, und schweigend ging er mit ihr bis zum Kabinet der Fürstin.

27

Die Fürstin Sophia Wassiljewna hatte ihr sehr feines und sehr nahrhaftes Mittagessen beendet, welches sie immer allein aufzuessen pflegte, damit niemand sie der dieser unpoetischen Fuktion sähe. Neben ihrer Couchette stand ein Tischchen mit Kaffee, und sie rauchte eine Pachitos. Die Fürstin Sophia Wassiljewna war eine magere, lange, immer noch sich jung machende Brünette mit langen Zähnen und großen schwarzen Augen.

Man sprach Schlimmes über ihr Verhältnis zum Doktor. Nechljudow vergaß dies früher; heute aber erinnerte er sich nicht nur dessen, sondern als er den Doktor mit seinem pomadisierten, glänzenden, geteilten Bart neben ihrem Lehnstuhl sah, wurde ihm furchtbar widerwärtig.

Neben der Sophia Wassiljewna saß auf einem niedrigen weichen Lehnstuhl Kolossow an dem Tischchen, und hie und da rührte er seinen Kaffee um. Auf dem Tischchen stand ein kleines Glas Likör.

Missi kam zusammen mit dem Nechljudow zur Mutter herein, aber sie blieb nicht im Zimmer.

›Wenn Mama müde wird und Sie wegjagt, so kommen Sie zu mir,‹ sagte sie, sich an Kolossow und Nechljudow wendend mit einem Ton, als ob nichts zwischen ihnen passiert wäre und, nachdem sie lustig gelächelt, schritt sie lautlos auf dem dicken Teppich aus dem Zimmer hinaus.

›Nun, ich grüße Sie, mein Freund, setzen Sie sich und erzählen Sie,‹ sagte die Fürstin Sophia Wassiljewna mit ihrem geschickten, verstellten, aber dem natürlichen vollständig ähnlichen Lächeln, welches ihre schönen, langen, außerordentlich geschickt gemachten, auf ein Haar den echten ähnlichen Zähne aufdeckte. ›Man sagt mir, daß Sie aus dem Gericht sehr finster gestimmt zurückgekommen. Ich glaube, daß es sehr schwer ist für Leute von Herz,‹ sagte sie französisch.

›Ja, das ist wahr,‹ sagte Nechljudow, ›man fühlt oft seine Un…, man fühlt, daß man kein Recht hat, zu richten…‹

›Comme c’est vrai,‹ rief sie, gleichsam von der Richtigkeit seiner Bemerkung frappiert, und, indem sie, wie immer, ihrem Gesellschafter geschickt schmeichelte.

›Nun, aber wie steht es mit Ihrem Bild? Es interessiert mich sehr,‹ fügte sie hinzu, wäre nicht mein Unvermögen, so würde ich schon lange bei Ihnen gewesen sein.«

»Ich habe es ganz aufgegeben,« antwortete Nechljudow trocken, da ihm heute die Unwahrhaftigkeit ihrer Schmeichelei ebenso augenscheinlich war, wie das von ihr verborgene Alter. Er konnte sich durchaus nicht in eine Stimmung versetzen, um liebenswürdig zu sein.

»Schade! Wissen Sie, Rjepin selbst hat mir gesagt, er sei entschieden ein Talent,« sagte sie, sich an Kolossow wendend.

‘Wie schämt sie sich nicht, so zu lügen,’ dachte Nechljudow, stirnrunzelnd.

Nachdem Sophia Wassiljewna sich überzeugt hatte, daß Nechljudow bei schlechter Laune und es unmöglich sei, ihn in ein angenehmes und kluges Gespräch hineinzuziehen, wandte sie sich an Kolossow mit der Frage nach seiner Meinung über ein neues Drama, in einem Ton, als ob diese Meinung des Kolossow alle Zweifel entscheiden und jedes Wort dieser Meinung verewigt werden müßte. Kolossow verurteilte das Drama und sprach bei dieser Gelegenheit sein Urteil über die Kunst aus.

Die Fürstin Sophia Wassiljewna staunte über die Nichtigkeit seiner Urteile; sie versuchte, den Autor des Dramas zu verteidigen, aber sogleich ergab sie sich, oder fand etwas Vermittelndes. Nechljudow sah und hörte, aber er hat nicht das gesehen und gehört, war vor ihm war.

Indem er bald Sophia Waissljewna, bald Kolossow hörte, sah er erstens, daß sowohl Sophia Wassiljewna als auch Kolossow sich weder für das Drama nach für einander interessierten; wenn sie sprechen, so thun sie er nur der Befriedigung der physiologichen Bedürfnisses wegen, nach dem Essen die Muskeln der Zuge und der