/ Language: Deutsch / Genre:love_contemporary

Unreife Herzen

Marie Fischer


Unreife Herzen

Marie Louise Fischer

1983

Ein Glücklichsein ohne Ende, das ist es, was Gina, die blutjung den Mann ihrer Träume geheiratet hat, vom Leben zu zweit erwartet. Aber da ist die elegante Vivian, eine egoistische Schwiegermutter, ein falscher Freund; da werden aus unwichtigen Kleinigkeiten geährliche Krisen. Wird Gina sie überstehen?

Ein typischer Marie Louise Fischer-Roman: lebensnah und spannend von der ersten bis zur letzten Zeile.

Inhaltsverzeichnis

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Die Orgel rauschte auf mit einer Bachschen Fuge, als Gina, siebzehn Jahre, geleitet von ihrem Vater, dem Tierarzt Dr. Lowitzer, die wunderschöne Barockkirche auf der »Wies« betrat.

Gina hob die Augen, um sie gleich darauf wieder, geblendet von all dem Glanz, zu senken — der riesige ovale Kirchenraum schien geradezu im Licht zu schwimmen. Die Symphonie der Farben, der überirdische Strom von Tönen, das überwältigende Glücksgefühl in ihrem Herzen überfiel die junge Braut wie ein Schwindel. Sie mußte sich am Arm ihres Vaters festklammern, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Dies alles war so traumhaft schön, so ganz und gar unwirklich — und doch war es Wahrheit! Sie, Gina Lowitzer, vor wenigen Wochen noch Unterprimanerin, ein Mädchen — unter vielen, hatte es erreicht: sie war die Braut des Mannes geworden, den sie liebte.

Mit gesenkten Augen, feierlich Schritt für Schritt, ging Gina am Arm ihres Vaters auf den prächtigen Hochaltar zu. Tausend Gedanken und Gefühle durchzuckten in diesem einmaligen, unwiederbringlichen Augenblick ihren Kopf und ihr Herz; doch alle wiesen sie nur auf ein Ziel hin: auf Thomas, Rechtsanwalt Dr. Thomas Miller, der in dieser Stunde ihr Ehemann werden würde.

Gina hatte die Nacht zuvor kaum geschlafen, noch auf der Fahrt zum Standesamt hatte sie nicht gewagt, ihrem Glück ganz zu vertrauen, bis zum letzten Moment hatte sie immer noch gefürchtet, daß etwas dazwischen kommen würde, obwohl sie tapfer versucht hatte, ihre Ängste wegzulachen.

Aber das Glück war so übermächtig, so innig herbeigesehnt, so leidenschaftlich erkämpft, daß sie es einfach nicht ganz zu fassen wagte. Sie wußte selber nicht, was sie eigentlich fürchtete, oder doch: daß Thomas es sich in der letzten Minute anders überlegt haben könnte, daß ihr Vater die Erlaubnis zurücknahm, daß irgendeine fremde feindliche Macht sich zwischen sie drängen und für immer auseinanderreißen könnte.

Doch jetzt war alles vorbei, jetzt endlich endlich hatte sie es geschafft!

Gina atmete tief und hob die Augen — ihr Blick fiel auf — die beiden hohen Säulen rechts und links des Tabernakels in festlich aufleuchtendem Rot, die goldenen Kapitäle, den blauseidenen Baldachin über dem Lamm Gottes und auf die verspielte Anmut der barocken Engelkinder, die überall waren, lächelnd, unbeschwert, voll seliger himmlischer Freude.

Mit einem Atemzug, der wie ein Seufzer klang, glitt ihr Blick herab und zur Seite — sie sah Hanna und Ute, ihre Schulfreundinnen und Brautjungfern, reizend anzusehen in ihren zartrosa Kleidchen, die sie selber ausgesucht hatten, und die sich doch nicht im entferntesten mit ihrem eigenen herrlichen Brautkleid vergleichen ließen, einem Traum aus weißer Brüsseler Spitze. Sie sah ihren Bruder Wolfgang im schwarzen, schon ein wenig ausgewachsenen Anzug, ein törichtes Grinsen um den knabenhaften Mund, hinter dem er Verlegenheit mit Rührung zu verbergen suchte. Sie sah ihre Mutter, deren Gesicht leicht verzerrt war, als ob sie gleich anfangen wollte zu weinen, und dann sah sie ihn — Thomas, den Bräutigam, der, geleitet von seinem Sozius Dr. Jahn, von der anderen Seite des Langschiffs her auf sie zukam, um sich mit ihr vor dem Altar zu treffen.

Gina scheute sich, ihn voll anzusehen, beobachtete ihn nur verstohlen unter ihren langen, sanft gebogenen Wimpern heraus — sein männliches, jetzt vor lauter Feierlichkeit fast ausdrucksloses Gesicht, die braunen schön geschnittenen Augen, das schwarze, dicht an den Kopf gebürstete Haar.

Thomas, jubelte es in ihr, oh, Thomas!

Am liebsten hätte sie sich, als er jetzt dicht vor ihr stand, in seine Arme geworfen, hätte seine hohen Backenknochen, seine schmale Stirn mit zärtlichen Händen berührt — ihre Augen trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, und sie spürte mit leisem Erschauern, daß in seinem Blick dieselbe Liebe lag wie in ihrem Herzen.

Gleichzeitig machten beide die kleine Wendung zum Altar hin, knieten nebeneinander auf dem samtbezogenen Schemel nieder.

Noch durchdröhnten die Klänge der Bachschen Fuge die wundervolle spätbarocke Wallfahrtskirche des Baumeisters Dominikus Zimmermann, drangen mit lebendiger Kraft in alle Herzen.

Gina preßte die Hände gegeneinander. — Lieber Gott, betete sie, ich danke dir, ich danke dir, ich danke dir! Daß du Thomas und mich zusammengeführt hast, daß du mir seine Liebe geschenkt hast, daß ich seine Frau werden darf! Beschütze uns, beschütze ihn und mich, segne unsere Ehe!

Mit einem mächtigen Akkord verebbten die Orgelklänge, die Hochzeitszeremonie begann. Die junge starke Stimme des Traupfarrers hallte durch die Kirche, die Ministranten antworteten im Wechselgespräch. Gina war viel zu aufgeregt, um irgend etwas von dieser feierlichen und ausgewogenen Zeremonie tatsächlich bewußt in sich aufzunehmen.

Erst als Thomas, der Mann an ihrer Seite, aufgerufen wurde, kehrte ihr fieberhaft erregter Geist in die Wirklichkeit zurück.

»Thomas, ich frage dich«, sagte der Pfarrer, »hast du vor Gott dein Gewissen geprüft und bist du frei und ungezwungen hierher gekommen, mit dieser deiner Braut die Ehe einzugehen?«

»Ja!« Die Stimme des Bräutigams klang klar und fest.

»Bist du gewillt, deine künftige Gattin zu lieben, zu ehren und ihr die Treue zu halten, bis der Tod euch scheidet?«

»Ja.«

»Bist du bereit, die Kinder, die Gott euch schenken will, aus seiner Hand anzunehmen und zu erziehen, wie es Pflicht eines christlichen Vaters ist?«

»Ja.«

Jetzt kam der Augenblick, dem Gina seit Minuten entgegengezittert hatte. Der Priester wandte sich ihr zu.

»Regina, ich frage auch dich: Hast du vor Gott dein Gewissen geprüft und bist du frei und ungezwungen hierher gekommen, um mit diesem deinem Bräutigam die Ehe ‘ einzugehen?«

Gina fand vor Aufregung kaum Atem. Ihr »Ja« kam heiser, kaum hörbar heraus. Sie hätte sich gerne geräuspert, aber sie wagte es nicht.

»Bist du gewillt, deinen künftigen Gatten zu lieben, zu ehren und ihm die Treue zu halten, bis der Tod euch scheidet?«

»Ja!« Diesmal gelang es ihr schon besser.

»Bist du bereit, die Kinder, die euch Gott schenken will, aus seiner Hand anzunehmen und zu erziehen, wie es Pflicht einer christlichen Mutter ist?«

»Ja.«

»Da ihr also beide zu einer wahren christlichen Ehe entschlossen seid, so stecket einander den Ring der Treue an und sprechet mir nach: Im Namen des Vaters und des, Sohnes und des Heiligen Geistes: Trag diesen Ring als Zeichen deiner Treue!«

Gina sah auf Thomas Millers schmale, sensible Hände, die ihr den flachen Goldreif über den Finger streiften, wagte ein ganz kleines, schüchternes Lächeln zu ihm, das ihm entging, da er damit beschäftigt war, alles richtig und ohne Fehler zu machen. Sie betrachtete ihre Hand, die jetzt plötzlich verändert schien, erwachsen, die Hand einer Frau, besann sich gerade noch rechtzeitig, daß sie jetzt an der Reihe war, ihm seinen Ring überzustreifen.

»Nun schließt den Bund der heiligen Ehe«, forderte der Priester sie auf. »Reichet einander die rechte Hand!«

Ginas Hand legte sich in die ihres Mannes, als ob sie in seinem Griff Schutz und Geborgenheit suchte. Der Priester umschlang ihre vereinigten Hände mit seiner Stola.

»Und sprecht mir nach«, ertönte die Stimme des Priesters: »Vor Gottes Angesicht nehme ich dich, Regina, zu meiner Ehefrau!«

Ginas Stimme klang ganz klar und leicht, als sie die Worte des Pfarrers nachsprach: »Vor Gottes Angesicht nehme ich dich, Thomas, zu meinem Ehemann!«

Ihr Herz erbebte, als der Traupfarrer die uralte Confirmatio sprach: »Im Namen der Kirche bestätige ich den Bund, den ihr geschlossen, und segne ihn: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.«

Wie von weit her hörte sie das Schluchzen ihrer Mutter, als er sich an die Gemeinde wandte und mit kraftvoller Stimme rief: »Euch aber, die ihr hier gegenwärtig seid, nehme ich zu Zeugen dieses heiligen Bundes: Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen!«

[2]

Nachher kamen die Küsse, die Glückwünsche, die Tränen der Mutter und der Tanten, die bemüht witzigen Bemerkungen der Freundinnen — Gina, die dies alles schon zum zweiten Mal an diesem Tag über sich ergehen lassen mußte, hatte keinen anderen Wunsch, als endlich mit Thomas allein zu sein.

Aber es war noch lange nicht so weit.

In dem großen Gasthof, zweihundert Meter von der »Wies« entfernt, war das Hochzeitsessen gerichtet. Die kleine Gesellschaft schlenderte hinüber, Gina fast auf Zehenspitzen, ängstlich darauf bedacht, ihre weißen Seidenpumps nicht zu beschmutzen. Der vorhin noch leuchtend blaue Oktoberhimmel hatte begonnen, sich bedrohlich zu verdüstern. Gina blickte erschrocken hoch, als sie einen Tropfen auf ihrer Nase spürte.

Aber auch die anderen hatten es schon bemerkt.

»Regen am Hochzeitstag bedeutet Tränen!« rief Ute, fast frohlockend.

»Unsinn!« widersprach Onkel Ludwig, ein Bruder von Dr. Lowitzer lachend. »Das ist der Segen des Himmels!«

Für Gina war der Regen weder ein gutes, noch ein böses Vorzeichen. Ihr war es nur wichtig, ihr kostbares Kleid in Sicherheit zu bringen, und unwillkürlich fiel sie in einen Laufschritt. Wie auf ein Kommando setzten auch die anderen sich in Trab, atemlos, mit zerzaustem Haar und leuchtenden Augen erreichte man die Türe zum Gasthof.

Gina warf noch einen Blick zurück auf die wunderbare Kirche, in der ihr Glück besiegelt worden war — hell und harmonisch hob sie sich gegen die herbstlich bunten Wälder und den dunklen Himmel ab.

Nur eine Sekunde dauerte diese letzte stille Einkehr, dann wurde sie von dem Strom der Gesellschaft mit in das langgestreckte Extrazimmer geschoben, in dem die Hochzeitstafel gedeckt war. Dabei geschah es, daß sie von Thomas getrennt wurde. Wolfi, ihr Bruder, war plötzlich an ihrer Seite.

»Gina«, flüsterte er, »ich muß dich unbedingt sprechen …«

»Jetzt?«

»Ja. Komm mit nach draußen. Bis die sich alle gesetzt haben, vergeht massenhaft Zeit!«

Gina zögerte. Aber als sie sah, daß Thomas in ein Gespräch mit ihrem Vater vertieft war, entschloß sie sich, Wolfi zu folgen.

»Warte draußen!« raunte sie ihm zu, dann lief sie zu Vater und Ehemann, sagte: »Ich bin gleich wieder da …ich will mich nur ein bißchen frisch machen!« Dann zog sie sich, so unauffällig wie möglich, zurück.

Wolfi stand in der hintersten Ecke des dunklen, ein wenig zugigen Flurs. Gina ging rasch auf ihn zu.

»Also … was ist?« fragte sie ungeduldig.

»Kannst du dir das nicht denken?«

»Keine Ahnung!«

»Das hätte ich mir denken können«, sagte er bitter, das frische Jungengesicht trotzig verdüstert.

»Willst du mir Rätsel aufgeben? Also, dazu habe ich jetzt wirklich weder Zeit noch Lust!«

»Du hast es sehr eilig, wieder zu Thomas zu kommen, wie?«

Gina spürte die Eifersucht des jüngeren Bruders, aus der seine Liebe sprach. Sie zwang sich zur Freundlichkeit. »Komm, komm«, sagte sie, »sei nicht gleich wieder eingeschnappt. Was willst du also?«

»Dich an dein Versprechen erinnern!«

Gina mußte nachdenken. Sie wußte im Augenblick tatsächlich nicht, was Wolfi von ihr wollte.

»Tu doch nicht so, als wenn du alles vergessen hättest!« sagte er wild. »Hundertmal hast du mir gesagt: wenn ich erst mal verheiratet bin, werde ich dir helfen, daß du dein Moped bekommst!«

»Ach so! Davon redest du!«

»Ja, genau. Also was ist … krieg ich es nun oder nicht?«

Sie holte tief Atem. »Hör mal, Wolfi, mir scheint, du bist total verrückt geworden! Damit kommst du mir ausgerechnet jetzt?!«

»Wann denn sonst? Heute abend gehst du auf die Hochzeitsreise … und wer weiß, wann ich dich dann überhaupt noch sehe!«

»In vierzehn Tagen sind wir zurück. Von München aus werde ich sofort anrufen, und ich verspreche dir, ich werde mit Vater reden …«

»Versprechen! Versprechen! Das ist alles, was du kannst! Tu doch endlich auch mal etwas. Oder sind wir dir jetzt, wo du verheiratet bist, auf einmal alle gleichgültig geworden?«

»Hör mal, jetzt will ich dir mal etwas sagen … du hast einen ausgewachsenen Vogel!« Gina wandte sich von Wolfi ab und ging auf den großen Flurspiegel zu.

Er kam hinter ihr her, packte sie beim Handgelenk. »Du mußt mit Vater reden, noch heute! Du mußt es einfach, Gina!«

Sie sah ihn über die Schulter weg an. »Warum tust du es nicht selbst. Verrückt genug dazu wärst du ja!«

»Ich will mein Recht … weiter nichts als mein Recht!«

»Au, du tust mir ja weh!« rief Gina empört.

»He, was ist denn hier los?« Hanna, die eine der Brautjungfern, war aus dem Hochzeitszimmer gekommen und trat zu den Geschwistern. »Alle warten drinnen auf dich, Gina!«

Wolfi ließ Gina los, zog sich brummend zurück.

»Ich komm ja schon!« Gina betrachtete ihr Bild, das der dämmrige Spiegel bleich und ganz unwirklich wieder gab. Sie hob beide Arme, steckte eine ihrer widerspenstigen blonden Locken unter den kleinen, kokett abstehenden Schleier.

»Was wollte denn dein Bruder von dir?« fragte Hanna mit einem Blick zur Türe hin, durch die sich Wolfi verzogen hatte.

»Ein Moped«, erklärte Gina trocken.

»Phantastisch! Ausgerechnet heute an deinem Hochzeitstag kommt er dir mit so etwas? So ein Spinner.«

Gina hatte sofort das Bedürfnis, ihren Bruder in Schutz zu nehmen. »Er kämpft schon wer weiß wie lange darum«, sagte sie entschuldigend.

»Soll er doch! Was geht dich das an?« Hanna trat näher, berührte bewundernd Ginas Spitzenkleid. »Phantastisch! Menschenskind, ich bin mal gespannt, ob sich mein Vater später auch so in Unkosten stürzen wird!«

Gina zuckte die Achseln, machte noch einen Schritt auf ihr Spiegelbild zu, aber sie konnte in der schlechten Beleuchtung nur die Konturen ihres weichen Gesichtchens erkennen.

Sie wandte sich Hanna zu. »Wie sehe ich aus?«

»Wie ein Engel aus Himmels Höhen!«

»Ich meine … ist alles in Ordnung?«

»Und ob! Überhaupt, ganz ehrlich, ich bewundere dich … wie du bei dem allen so ruhig sein kannst!«

»Ich? Hast du eine Ahnung! Hast du nicht gemerkt, daß ich in der Kirche vor lauter Aufregung kaum ein Wort hervorgebracht habe?«

»Das meine ich nicht. Nicht das ganze Drum und Dran. Davor hätte ich auch keine Angst.« Hanna trat sichtlich verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Aber das, was später kommt!« Sie druckste. »Heute nacht!«

Eine Blutwelle schoß in Ginas helles Gesicht, aber die behauptete mit fester Stimme: »Daran denke ich jetzt noch gar nicht! Und überhaupt, wenn man sich liebt …«

»Phantastisch!« Hanna merkte gar nicht, daß sie ihr Lieblingswort jetzt schon zum dritten Mal in den letzten Minuten angewandt hatte. »Du bist wirklich phantastisch, Gina …«

Gina ging an ihr vorbei auf die Tür zum Hochzeitszimmer zu.

Hanna lief wie ein Hündchen neben ihr her. »Aber du wirst uns doch alles schreiben, nicht wahr? Genau, wie es gewesen ist? Du weißt doch, was wir ausgemacht haben …«

»Ja, natürlich«, versprach Gina, aber sie wußte schon im gleichen Augenblick, daß das eine Lüge war. Sie würde über das, was nur sie und Thomas anging, weder etwas schreiben noch etwas erzählen und am allerwenigsten den beiden neugierigen Freundinnen. Noch vor wenigen Wochen waren sie zusammen zur Schule gegangen, hatten manchen Spaß und manchen Streit miteinander gehabt — aber Gina erkannte ganz klar, daß die Trennung zwischen ihnen endgültig vollzogen war. Sie war aufgebrochen, während die anderen am Ufer zurückblieben und ihr nur neidvoll nachblicken konnten.

[3]

Gina öffnete die Türe zum Extrazimmer. Lachen und Geplauder schlugen ihr entgegen. Einen Augenblick lang stand sie fast verloren auf der Schwelle, dann hatte Thomas sie entdeckt.

Er rief ihr über die Köpfe der anderen hinweg zu: »Komm schnell, Gina, setz dich! Wir haben alle auf dich gewartet!«

Er kam ihr entgegen, reichte ihr den Arm und führte sie zum Kopfende der langen Tafel. Honiggelbe Kerzen brannten, die Plätze der Brautleute waren mit roten Rosen geschmückt.

»Der große Moment ist gekommen«, sagte Onkel Ludwig.

»Jetzt kann’s endlich losgehen!« rief Ute, seine Tischdame.

»Was ist?« wandte sich Gina leise an Thomas. »Wovon sprechen sie?«

»Von den Telegrammen. Ich soll sie vorlesen.«

Aber es kam noch nicht sogleich dazu.

Als Gina und Thomas Platz genommen hatten, erhob sich Dr. Jahn und brachte in netten und freundschaftlichen Worten den ersten Toast auf das junge Paar aus. Alle verließen ihre Sitze und gingen in einer langen Prozession an Gina und Thomas vorbei, um mit ihnen anzustoßen. Gina lächelte, dankte, lächelte, dankte, ohne sich später an ein einziges Gesicht erinnern zu können. Sie war froh, als es endlich soweit war, und ihr Vater Thomas den Stoß Glückwunschtelegramme herüberreichte.

Während Thomas sie vorlas — immer wieder von Gelächter und Beifall unterbrochen — waren Ginas Gedanken weit fort. Sie dachte an die Nacht, die kommen, die sie in den Armen ihres Mannes finden würde. Bisher hatte sie sich das ganz selbstverständlich vorgestellt. Aber jetzt hatten Hannas neugierige Worte Unbehagen in ihr erweckt, das wuchs und wuchs und ihr die Kehle zusämmenschnürte.

Sie musterte Thomas mit scheuen Blicken von der Seite sein gut geschnittenes Profil mit der sehr geraden Nase, der leicht vorgeschobenen Unterlippe, sie betrachtete ihn, zum erstenmal, seit sie ihn kannte, wie einen Fremden.

War er nicht ein Fremder für sie? Vor fünf Monaten waren sie sich zum ersten Mal begegnet, als er seinen Urlaub in ihrer Heimatstadt Garmisch-Partenkirchen verbrachte. Sie hatte sich sofort und ohne Besinnung rasend in ihn verliebt, hatte ihn sozusagen im Sturm erobert, sich über den Widerstand ihrer Eltern bedenkenlos hinweggesetzt — und jetzt war sie mit ihm verheiratet. Mit Schaudern stellte Gina fest, wie wenig sie von ihm wußte, nichts, als daß er 27 Jahre alt war, ein angesehener junger Rechtsanwalt mit ausreichendem Einkommen war — sonst hätte ihr Vater ihr die Einwilligung in die Ehe bestimmt nicht gegeben — und daß er bisher als Junggeselle mit seiner Mutter zusammen gelebt hatte.

Seine Mutter — warum war sie eigentlich nicht zur Hochzeit erschienen? Thomas hatte behauptet, daß sie durch ihre Übersiedlung nach Düsseldorf in die Familie seiner Schwester zu schwer in Anspruch genommen wäre — aber war das wirklich eine Entschuldigung? Auch nur eine Erklärung? Mit plötzlicher Hellsicht begriff Gina, daß Frau Miller sie als Schwiegertochter ablehnte, sie vielleicht sogar haßte, weil sie ihr den Sohn genommen hatte. Aber sie schüttelte diesen unbehaglichen Gedanken mit der ganzen Unbekümmertheit ihrer Jugend von sich ab — was scherte sie seine Mutter, wenn sie nur seine Liebe besaß!

Ihre kleine Hand bewegte sich langsam zu ihm hin. Es war, als wenn er ihre Angst und ihr Verlangen spürte. Er umfaßte ihre Finger mit festem, zuverlässigen Druck, zog sie an die Lippen — und plötzlich löste sich der Kloß in ihrer Kehle auf, alles Unbehagen war verschwunden, ja, schon vergessen. Nichts mehr war übrig geblieben, als das überwätigende Glück, mit dem Mann ihrer Liebe verheiratet zu sein.

»Mutter und ich«, las Thomas, »sind in Gedanken heute bei dir, lieber Thomas, und deiner jungen Frau und wünschen euch von Herzen alles Glück und alles Liebe! Deine Schwester Angela.«

Es wurde geklatscht.

»Deine Mutter ist also nicht böse auf mich?« fragte Gina ganz erleichtert.

»Schäfchen!« Er lächelte ihr zu. »Wer könnte auf dich böse sein!«

Er legte das Telegramm seiner Schwester beiseite, überflog das nächste. »Geliebter Thomas«, begann er, steckte, knickte das Telegramm zusammen und ließ es mit gerunzelter Stirn in der Tasche seiner Smokingjacke verschwinden.

»Ein geschmackloser Scherz«, sagte er, halb zu Gina, halb zu den anderen gewandt.

»Von wem?« fragte Gina, plötzlich beunruhigt.

Er könnte schon wieder lächeln. »Das werde ich dir später erklären!«

Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Zu viele Eindrücke stürmten an diesem Tag auf Gina ein. Als sich endlich eine Gelegenheit gab, mit Thomas zu sprechen, hatte sie den kleinen Zwischenfall längst vergessen.

Thomas Miller war froh darüber. Es wäre ihm sehr unangenehm gewesen, ihr gestehen zu müssen, daß das Telegramm von einer Frau kam, die er einmal geliebt hatte und die sich immer noch einbildete, ein Recht auf ihn zu besitzen — genauso unangenehm, wie Gina schon gleich am Hochzeitstag zu belügen.

[4]

Zur selben Zeit, als im Gasthof »Auf der Wies« der erste Gang des Hochzeitsessens aufgetragen wurde, saßen die Journalistin Vivian Geron und der Modefotograf Henry Horn in der Bar des Hotels »Bayerischer Hof« in München und tranken schwarzen Kaffee und einen Cognac.

Vivian Geron war eine schöne junge Frau Ende zwanzig, mit einem ebenmäßigen bräunlichen Gesicht unter lack-schwarzem Haar, schillernden mandelförmigen Augen und einer so damenhaften Haltung, wie sie nur durch langjährige, ganz bewußte Übung erworben werden kann.

Henry Horn, ein breitschultriger, sehr attraktiver Mann betrachtete sie mit belustigtem Wohlgefallen. »Du hast ihm also tatsächlich ein Telegramm geschickt?« sagte er. »Allerhand, Vivian, du traust dich was!«

»Und warum nicht?« sagte sie kampfbereit. »Auf wen hätte ich Rücksicht nehmen sollen?«

Er zeigte lächelnd sehr schöne starke Zähne. »Rücksicht! Was für ein ungewöhnliches Wort in deinem Munde!«

»Ach, hör auf«, sagte sie ärgerlich, »tu nicht so, als wenn ich eine Bestie wäre!«

»Bist du es etwa nicht?«

»Nein. Ich hasse es einfach, daß man mich abschiebt, als ob ich …«

Sie suchte nach dem richtigen Wort. »…als ob ich ein lästiges Insekt wäre! Lach nicht so albern! Genauso hat Thomas es mit mir gemacht das heißt, er hat es versucht! Denn noch ist nicht aller Tage Abend.«

Er ließ ein goldenes Etui aufschnappen, bot ihr eine Zigarette an. »Was hast du also vor?«

»Das weiß ich noch nicht genau!« Vivian ließ sich Feuer geben, blies den Rauch durch die Nase. »Aber irgend etwas wird mir schon einfallen.«

Henry Horn hattesich selber eine Zigarette angesteckt, ließ sein Etui offen auf dem Tisch liegen. »Davon bin ich überzeugt.« Er nahm einen Schluck Cognac. »Ich bin weit entfernt, mir ein Urteil über deine Einstellung anzumaßen, aber du wirst mir wenigstens erlauben, daß ich mich wundere …«

»Worüber?«

»Nun, ich hatte dich bisher immer für eine sehr selbständige, vernünftige junge Frau gehalten — eher kalt als heiß, möchte ich sagen. Ich wäre nie im Traum darauf gekommen, daß du darauf aus warst, diesen jungen Rechtsanwalt einzufangen.«

Sie hob die sorgfältig ausrasierten Augenbrauen. »Du sprichst von einfangen? Ich fürchte, wir reden verschiedene Sprachen.«

»Willst du etwa leugnen, daß du im Grunde genommen doch vorhattest, dich von ihm heiraten zu lassen?«

Sie blähte verächtlich die Nasenflügel. »Was für eine absurde Idee! Traust du mir so eine Geschmacklosigkeit etwa allen Ernstes zu?«

»Geschmacklos könnte ich diesen Wunsch eigentlich gar nicht finden. Höchstens natürlich. Ihr Frauen seid doch alle darauf aus, Nestchen zu bauen. Früher oder später überkommt es jede.«

»Tut mir leid, mein Lieber!« Vivian streifte mit einer unbeherrschten Bewegung die Asche ihrer Zigarette ab. »Du hast völlig danebengetippt. Was mich mit Thomas Miller verbunden hat, war nichts als eine gute Freundschaft!«

»Na, na, na!« sagte er ironisch.

Sie sah ihn herausfordernd an. »Mit allen Konsequenzen versteht sich. Er war nicht der erste Mann in meinem Leben, und ich hatte niemals damit gerechnet, daß er der letzte sein würde.«

»Wenn die Dinge so stehen weshalb regst du dich dann so über seine Heirat auf?«

»Das habe ich dir schon einmal gesagt weil ich es nicht liebe, abgeschoben zu werden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie er sich mir gegenüber benommen hat, nein, du kannst es nicht. Er fuhr in diesem Frühsommer nach Garmisch in Urlaub wir hatten eigentlich gemeinsam verreisen wollen, aber dann mußte ich zu dieser Modereportage nach Palm Beach. Wir trennten uns in bestem Einvernehmen …ohne Streit, ohne Spannungen, ohne die Spur einer Entfremdung … und dann, als ich zurückkam, eröffnete er mir ganz kalt, daß es aus zwischen uns sein müßte! Nun sag einmal selber …«

»Scheußlich für dich«, erklärte er, aber sein Mitgefühl klang nicht ganz echt. »Ich nehme an, du hast ihm daraufhin eine Szene gemacht, daß die Wände wackelten.«

Ihre schillernden Augen verengten sich. »Du kennst mich schlecht, Henry, verdammt schlecht. Ich bin völlig ruhig geblieben, habe seine Eröffnung hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken.«

»Bravo! Ein Meisterstück!«

»Wieso?!« Sie zuckte die schönen Schultern. »Ich habe noch niemals versucht, einen Mann mit Kampf an mich zu fesseln. Reisende soll man nicht aufhalten, das war von jeher meine Devise.«

Er ließ sich nicht täuschen. »Aber du warst überzeugt, er würde zurückkommen?«

»Ja«, gestand sie nach einem kleinen Zögern.

»Und dann? Weiter? Hör mal, diese Geschichte ist unerhört spannend, ich merke, daß man immer noch was dazu lernen kann.«

»Dann erfuhr ich, daß ein Kind dahinter steckte …«

»Ein Kind?«

»Na, eben dieses Mädchen, das er heute geheiratet hat. Sechzehn oder siebzehn Jahre alt, Schülerin. Er hat die Kleine in seinem Urlaub in Garmisch kennengelernt…hältst du so etwas für menschenmöglich?«

»Es überrascht mich« sagte er augenzwinkernd, »aber daß es möglich war, beweist ja, daß es geschehen ist!«

»Hör auf mit deinen Spitzfindigkeiten. Das weiß ich natürlich auch. Aber es ist unglaublich, einfach unausdenkbar … mich wegen eines Teenagers abzuschieben!«

»Da hättest du eigentlich früher kommen müssen. Ist das alles nicht jetzt schon zu spät? Du scheinst zu übersehen, daß die beiden inzwischen verheiratet sind!«

»Na, wenn schon«, erklärte Vivian Geron mit einem bösen Lächeln. »Schließlich kann man sich scheiden lassen!«

[5]

Frau Miller saß im Wohnzimmer der kleinen Düsseldorfer Neubauwohnung, eine elegante zierliche Frau, mit sorgfältig zurechtgemachtem Gesicht und wohl frisiertem, bläulich getöntem Haar. Sie hielt ein Buch in den Händen, aber sie las nicht, sondern starrte durch das Fenster in den verdämmernden Tag hinaus.

Ihre Gedanken waren weit fort, bei Thomas, ihrem Sohn, den sie heute für immer verloren hatte.

Als ihre Tochter ins Zimmer trat, zuckte sie zusammen, wie ertappt.

Angela war mit zwei Schritten mitten im Raum, knipste die Stehlampe an, die das Zimmer sofort mit goldenem Licht überflutete. »Aber, Mama«‘ sagte sie, »warum sitzt du denn im Dunkeln? Du wirst dir die Augen verderben!«

»Meine Augen sind immer noch sehr gut«, erwiderte Frau Miller, gereizt über die unerwünschte Störung.

Angela sah die Mutter halb mitleidig, halb bewundernd an. »Aber daran zweifle ich ja gar nicht, Mama.«

»Dann mach mir, bitte, auch nicht dauernd Vorhaltungen!«

»Dauernd? Nur weil ich mir zu sagen erlaubte…« Angela unterbrach sich. »Schon gut, Mama, entschuldige. Ich weiß, du hast heute einen schweren Tag.«

Angela ging zum Fenster, zog die Vorhänge zu. Sie war eine schlanke, sehr sportliche Frau mit breiten Schultern, kräftigen, aber außerordentlich gepflegten Händen, denen man die Arbeit in Haushalt und Küche nicht ansah. Sie trug das starke braune Haar jungenhaft kurz geschnitten, und die Tatsache, daß sie zu Hause fast ständig in Hosen ging — grade jetzt mit einem bunten schwedischen Cocktailschürzchen vorgebunden — betonte noch die sehr sachliche und selbstbewußte Art ihres Auftretens.

»Ich werde uns jetzt einen Tee aufbrühen, Mama«, sagte sie mit gewollter Unbefangenheit. »Oder möchtest du lieber einen Cocktail?«

»Danke. Sehr lieb von dir. Aber ich werde mich jetzt zurückziehen.«

Angela blieb vor ihrer Mutter stehen. »Warum denn das?«

»Weil dein Mann gleich nach Hause kommt.«

»Na und? Deshalb brauchst du doch nicht zu fliehen. Schließlich bist du ja jetzt hier zu Hause.«

»Nett, daß du das sagst. Aber dein Mann …«

»Hans ist abgespannt, wenn er heimkommt. Das ist doch klar. Er will erst mal seine Ruhe haben, nichts weiter. Glaubst du, er hat mir gegenüber sonst den glänzenden Gesellschafter gespielt? Du erwartest zuviel von den Menschen, Mama, das ist dein Fehler.«

»Er scheint eine seltsame Auffassung von Ruhe zu haben. Das Indianergeheul deiner Kinder läßt ihn jedenfalls immer völlig ungerührt.«

»Aber er freut sich doch, sie zu sehen. Und wenn sie ein bißchen laut sind … du lieber Gott, Kinder sind nun einmal so. Waren Thomas und ich etwa anders?«

»Ja, Angela. Ihr wart von klein auf gut erzogen.«

»Danke«‘ sagte Angela und versuchte ihr Unbehagen mit einem Lachen abzuschütteln. »Ich sehe, du bist wieder einmal in deiner liebenswürdigsten Laune. Ich könnte dir jetzt sagen, daß die Erinnerung dir einen Streich spielt … aber wozu? Ich bitte dich für meine unmögliche Familie um Entschuldigung. Mehr kann ich leider nicht tun.«

Frau Miller erhob sich mit steinernem Gesicht und wollte zur Tür.

Angela lief ihr nach, legte den Arm um ihre Schulter. »Mama, bitte, wollen wir nicht versuchen uns zu vertragen? Ich weiß ja, du meinst es gar nicht so. Es bedrückt dich, daß Thomas heiratet und du nicht dabei bist!«

»Unsinn«, sagte Frau Miller scharf, »daran habe ich nicht einmal gedacht!«

»Aber Mama, warum versuchst du denn, mir etwas vorzumachen? Thomas war immer dein Lieblingssohn, und er hat so an dir gehangen. Da ist es doch geradezu unnatürlich, daß du ausgerechnet an diesem Tag nicht bei ihm bist.«

»Meine Anwesenheit würde bedeuten, daß ich diese völlig undiskutable Verbindung gutheifs’e. Und das werde ich niemals tun. Nicht heute und nicht morgen und auch nicht auf dem Sterbebett.«

Angela sah ihre Mutter ganz erschrocken an. »Wie kannst du nur so unerbittlich sein!«

»Thomas weiß genau, welch schweres Leid er mir mit diesem Schritt zügefügt hat«, sagte die alte Frau starrsinnig.

»Unsinn! Er hat einfach das getan, was jeder junge Mann eines Tages tut. Oder hattest du etwa erwartet, er würde immer dein kleiner Junge bleiben? Du mußtest doch damit rechnen, daß er früher oder später heiraten würde.«

»Aber nicht, ohne mir seine Braut wenigstens vorher vorzustellen.«

»Als wenn er das nicht gewollt hätte! Du warst es ja, Mama, die sich geweigert hat …«

»Stimmt. Ja. Ich habe mich geweigert, ein Schulmädchen als Schwiegertochter zu akzeptieren. Willst du mir daraus etwa einen Vorwurf machen? Thomas hat sich von mir losgesagt, als er sich für dieses Kind und gegen seine eigene Mutter entschied!«

»Was für Ideen! Thomas wollte dich bestimmt nicht kränken. Wahrscheinlich hat er sogar gehofft, du würdest nett zu Gina sein, dich mit ihr verstehen …«

»Ich?! Mit diesem verdorbenen Ding?«

»Verdorben?« sagte Angela, ehrlich erstaunt. »Wie kommst du denn darauf?«

»Zumindest frühreif. Eine Siebzehnjährige, die es fertig bringt, einen erwachsenen Mann einzufangen, ihn gegen seine Mutter aufzuhetzen, kann nichts taugen.«

»Ich hätte niemals gedacht, daß du dich so an Vorurteile klammern würdest, Mama. Schön, Gina ist siebzehn. Aber was besagt das schon? In drei Jahren ist sie zwanzig. Kommt es wirklich darauf an? Du hättest sie dir wenigstens einmal ansehen sollen. Wahrscheinlich ist sie reizend … sicher ist sie das, sonst hätte Thomas sie doch niemals geheiratet.«

»Es sind nicht die besten Frauen, die am schnellsten geheiratet werden, Angela. Thomas ist viel zu gut. Er kennt die Welt nicht …«

»Als Rechtsanwalt?« warf Angela ein.

»Jedenfalls nicht die Frauen«, sagte Frau Miller hitzig. »Er war ihren Tricks noch nie gewachsen. Versuch nicht, mich umzustimmen, Angela. Ich weiß Bescheid. Diese Ehe ist ein schreckliches Unglück. Nicht nur für mich …ich bin eine alte Frau, auf mich kommt es ja nicht mehr an. Aber für Thomas. Dieses Mädchen wird ihn zugrunde richten, wenn er sich nicht rechtzeitig von ihr löst!«

Angela mußte plötzlich lachen. »Jetzt weiß ich, was mit dir los ist, Mama! Hans hat doch mal wieder recht gehabt … du bist einfach eifersüchtig!«

Wortlos, mit hocherhobenem Kopf, verließ Frau Miller das Zimmer.

[6]

Gina und Thomas konnten bei der Hochzeitstafel kaum einen Bissen hinunterbringen.

Gina war viel zu aufgeregt. Ihre Wangen glühten wie im Fieber, Thomas mußte sie immerzu anschaun.

Sie war eine wunderschöne Braut. Das Oberteil ihres schneeweißen Spitzenkleides war ganz eng gearbeitet, der Rock fiel in zahllosen Falten nach unten weit auseinander. Ein Krönchen hielt den kleinen Schleier auf ihrem ungebärdigen hellen Haar, die klaren grauen Augen strahlten.

Thomas hätte sie am liebsten vor allen Leuten in die Arme genommen. Aber das war unmöglich. Er begann ungeduldig zu werden. Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr auf all die Reden und Glückwünsche konzentrieren, die auf ihn einprasselten, hatte nur den einen Wunsch, mit seiner jungen Frau allein zu sein.

Aber er mußte sich bis zum Abend gedulden. Dann erst, als die Musiker auf dem kleinen Podium Platz genommen und Gina und Thomas mit einem langsamen Walzer den Tanz eröffnet hatten, winkte Dr. Lowitzer ihnen verstohlen zu. Thomas nahm Gina bei der Hand und zog sie rasch durch eine Seitentür ins Treppenhaus.

In einem der oberen Gastzimmer hatte Gina schon ihr Tweedkostüm für die Reise zurecht gelegt. Rasch zog sie sich mit Hilfe ihrer Mutter um, während Thomas nur einen sportlichen Mantel über den Smoking warf. Frau Lowitzer weinte, als sie sich mit Küssen von ihrer Tochter verabschiedete.

»Aber, Mutti«, sagte Gina, »Du tust grade so, als ob mir etwas Schreckliches bevorstünde! Ich habe doch nur geheiratet, da ist doch nichts dabei! Ich bin glücklich so glücklich wie noch nie!«

»Bleib es, mein Liebling«, schluchzte Frau Lowitzer, »ach, ich wünsche dir so sehr, daß du es immer bleibst!«

»Puh«, sagte Gina unsentimental, als sie endlich neben Thomas im Fond von Dr. Lowitzers Auto saß, »das hätten wir geschafft!«

Aber die Flucht war doch nicht ganz gelungen. Die Hochzeitsgäste hatten den plötzlichen Aufbruch bemerkt, jetzt stürmten sie ins Freie, jubelten, riefen Scherzworte, ließen Konfetti und Reiskörner über das Auto rieseln.

»Bitte, Vati, fahr zu!« rief Gina.

Dr. Lowitzer ließ den Motor an, wendete den Wagen.

Hanna kam ganz dicht an das Fenster, rief: »Den Brautstrauß … bitte, Gina, bitte!«

Gina zögerte. Es fiel ihr schwer, sich von dem Bukett blutroter, eben erblühter Rosen zu trennen. Aber da griff Thomas schon über sie hinweg, kurbelte das Fenster nieder.

»Wirf ihn hinaus, Gina«, flüsterte er, »sonst kommen wir nie hier weg. Wirf ihn so weit wie möglich!«

Mit Schwung warf Gina den Strauß in die lärmende Gesellschaft hinein, sie sah nicht mehr, wer ihn auffing, denn jetzt hatte das Auto Fahrt gewonnen und brauste davon.

Wolfi, der vorne, neben dem Vater saß, bog sich vor Lachen, er konnte sich gar nicht wieder beruhigen.

»Warum lachst du so blöd!« fuhr ihn sein Vater an. »Hast du etwa zuviel getrunken?«

Wolfi verstummte schlagartig, kroch ganz in sich zusammen.

Gina kannte ihren Bruder. Sie beugte sich vor, legte sanft ihre schmale Hand auf seine Schulter. »Warum hast du so gelacht, Wolfi? Weil sie wissen wollten, wer die nächste Braut ist?«

Wolfi schüttelte den Kopf.

»Also sag’s schon … mach es nicht so geheimnisvoll!«

»Wenn du es unbedingt wissen willst«, sagte er und fing unvermittelt wieder an zu prusten, »sie haben ein Schild hinten an den Wagen gemacht …›Eben geheiratet‹!«

»Typisch«, sagte Dr. Lowitzer, »ich werde gleich anhalten und es abmontieren.«

»Warum?« fragte Gina. »Das stört doch nicht!«

»Aber, Gina!« Thomas Miller legte den Arm um seine junge Frau. »Möchtest du wirklich, daß alle Leute uns nachstarren?«

»Natürlich nicht«, murmelte Gina, aber sie fühlte plötzlich, wie sich Enttäuschung, fast Trauer auf ihr Herz legte. Der wunderschöne Tag war schnell, viel zu schnell vorbei gewesen. Warum hatte es nicht noch ein ganz klein bißchen länger dauern können?

[7]

Eine Stunde später stand sie am geöffneten Fenster ihres Schlafwagenabteils, beide Arme voller Blumen, und lächelte unter Tränen ihrem Vater und ihrem jüngeren Bruder zu, die auf dem Bahnsteig standen und zu ihr hinaufblickten.

»Denk an mein Moped!« schrie Wolfi.

Der Vater warf ihm einen Blick zu, unter dem er verstummte.

Dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Gina ließ die Blumen auf das untere Bett gleiten, winkte mit ihrem Taschenmeh hinaus, bis Thomas sie in die Arme nahm und das Fenster schloß.

Er holte tief Atem und sah lächelnd auf sie nieder. »So«, sagte er, »endlich ist’s überstanden. Weißt du eigentlich selber, warum du weinst?«

»Ich … weil …« stammelte sie, »ich glaube, weil ich so durcheinander bin!«

Er tupfte ihr behutsam mit seinem blütenweißen Taschentuch die Tränen aus den Augen, bevor er sie küßte.

Sie merkten nicht, wie die Tür des Schlafwagenabteils geöffnet wurde.

Erst als eine beherrschte Stimme sagte: »Oh, Entschuldigung, es tut mir leid, wenn ich gestört habe …« fuhren sie auseinander.

Eine junge Frau in tadellos sitzendem moosgrünen Kostüm hatte die Tür hinter sich zugezogen und machte, im Gegensatz zu ihren Worten, keine Anstalten, sie allein zu lassen.

»Vivian … du!?« sagte Thomas verstört.

Die junge Frau blieb ganz kühl. »Ein seltsamer Zufall, nicht wahr?« sagte sie. »Du fährst auch nach Rom? Wie nett. Aber warum machst du mich nicht mit deiner Begleiterin bekannt?«

»Vivian Geron«, sagte Thomas steif, »Gina, meine Frau …«

»Ah, das freut mich!« Vivian Geron streckte Gina die Hand mit den spitzen organgerot lackierten Nägeln entgegen. »Sie sind also das Wunderkind, das es fertig gebracht hat, unseren Thomas zum Altar zu schleppen?!«

»Vivian!« sagte Thomas scharf.

Gina hatte benommen den fast schmerzhaft kräftigen Händedruck der anderen erwidert.

»Na, ist es etwa nicht wahr?« rief Vivian mit gespielter Unbefangenheit. »Hast du mir nicht selber gesagt, daß die Kleine dich einfach nicht losläßt? Daß du keine Möglichkeit siehst, dich zurückzuziehen?«

»Das ist nicht wahr!« rief Gina empört.

»Aber warum regen Sie sich auf, Kind?« sagte Vivian zuckersüß. »Es ist doch keine Schande, einen Mann zu kapern … im Gegenteil, es gehört einige Geschicklichkeit dazu. Sie haben das wirklich ausgezeichnet gemacht.«

»Vivian«, sagte Thomas, weiß bis an die Lippen, »wenn du jetzt nicht sofort den Mund hältst …«

»Oh!« Vivian tat erschrecken. »Habe ich aus der Schule geplaudert? Entschuldige, Thomas …verzeihen Sie mir, Frau Miller! Ich hätte daran denken sollen, daß ihr noch in dem Stadium seid, wo man sich gegenseitig etwas vormacht … aber besser wäre es schon, ihr würdet anfangen, der Wahrheit ins Auge zu sehen!«

Thomas trat dicht auf Vivian Geron zu. »Hinaus!« brüllte er.

Gina stieß ihn fast zur Seite. »Bleiben Sie nur!« rief sie mit blitzenden Augen. »Jetzt will ich es genau wissen! Was hat Thomas über mich erzählt? Wer sind Sie überhaupt? Wie stehen Sie zu Thomas? Was …?«

»Aber Kindchen, warum denn so aufgeregt? Lassen Sie sich das alles von unserem Thomas erklären. Er tut es bestimmt mit Vergnügen, wie ich ihn kenne … zartfühlend ist er ja nie besonders gewesen! Bye, bye!« Vivian schlüpfte lächelnd auf den Gang hinaus.

Thomas und Gina blieben allein zurück. Es war, als ob sie sich plötzlich mit anderen Augen sähen. Sie standen sich gegenüber wie zwei wildfremde Menschen.

[8]

In dieser Nacht, die ihre Hochzeitsnacht sein sollte, lag die junge Gina weinend auf ihrem schmalen Schlafwagenbett.

Der D-Zug ratterte durch die nächtliche Landschaft. Wälder und Berge, vom Mondlicht scharf umrissen, erleuchtete Dörfer, Bahnwärterstationen sausten an dem unverhängten Fenster vorüber.

Gina achtete nicht darauf. Sie spürte nur ihren Schmerz und ihre grenzenlose Enttäuschung.

Thomas, der im Oberbett lag, warf sich unruhig von der einen zur anderen Seite. Sie hoffte inständig, daß er wenigstens zu ihr herunterschauen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Ganz im Gegenteil, ihr schien es, als wenn die Atemzüge ihres Mannes allmählich tiefer und gleichmäßiger würden.

War er etwa im Begriff einzuschlafen?

Ginas Tränen versiegten. Sie setzte sich kerzengerade im Bett hoch, stieß sich den Kopf und schrie leise auf — ihr Verdacht verstärkte sich, Thomas reagierte in keiner Weise.

Sie konnte es nicht fassen. Er schlief? Nein, das war einfach nicht möglich, das war ausgeschlossen nach allem, was geschehen war!

Sie hatten den ersten Streit in ihrer jungen Ehe gehabt, einen wilden unvernünftigen verbitterten Streit, bei dem sie sich unverantwortliche Dinge an den Kopf geworfen hatten. — »Du bist ein völlig hirnloses Geschöpf!« — hatte er gebrüllt, und sie, sie hatte gesagt: »Ich bereue, daß ich dich geheiratet habe!«

Eine Welt war für sie zusammengestürzt — und er, er sollte trotz allem schlafen können?

Behutsam schwang Gina die Beine aus dem Bett, kletterte ein paar Sprossen auf der kleinen Leiter nach oben. Im blauen Licht der Nachtlampe war sein Gesicht deutlich zu erkennen. Er hatte die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet — schlief er wirklich?

Das schwarze Haar, das er tagsüber immer streng zurückgebürstet trug, hatte sich gelöst und fiel ihm in wirren Locken in die Stirn. Er sah aus wie ein kleiner Junge, ein geliebter, kleiner Junge, und ohne daß Gina recht begriff, was in ihr vorging, beugte sie sich über ihn und drückte ihm einen zarten Kuß auf den Mund.

Sie war überrascht, aber gar nicht erschrocken, als sich seine starken Arme um sie schlangen.

»Gibst du zu, daß du dich schlecht benommen hast?« flüsterte er, ganz nahe an ihrem Ohr.

»Ja«, hauchte sie, »ja…« Aber dann, um ihre Unterwerfung nicht vollständig zu machen, fügte sie rasch hinzu: »Du aber auch.«

»Ich weiß«, sagte er, »bitte, verzeih mir.«

»Ach, Thomas«, sagte sie erleichtert, »ich bin froh, daß wir uns wieder versöhnt haben! Ich dachte schon …«

»Sprich nicht soviel. Komm unter die Decke. Du bist ja ganz kalt.«

»Thomas«, sagte sie und kuschelte sich eng in seine Arme, »bitte, sei ehrlich … ist es wahr?«

»Was meinst du?«

»Das mit Vivian? War sie wirklich deine …« Sie scheute sich, das Wort auszusprechen, »deine … na, du weißt schon was.«

»Wir waren gut befreundet.«

»Nicht mehr?«

»Bitte, Gina, hör auf damit! Du bist einfach zu jung, um solche Dinge richtig zu verstehen.«

»Zu jung? Ich bin verheiratet … ich bin deine Frau!«

»Was auch immer mit Vivian war«, sagte er, »es hat mit dir nichts zu tun. Es hat aufgehört, als ich dich kennen lernte.«

»Und vorher? Hast du sie geliebt?«

Er zögerte mit der Antwort, nur den Bruchteil einer Sekunde, aber sie merkte es doch. »Nein«, sagte er dann, »nein…geliebt habe ich sie nicht. Sie war ein guter Kamerad, eine der Frauen, mit denen man Pferde stehlen kann …die nichts verlangen, aber immer bereit sind zu geben. Jedenfalls bis zum heutigen Abend habe ich geglaubt, daß sie so war. Niemals hätte ich ihr die Geschmacklosigkeit zugetraut, in unser Abteil einzudringen.«

»Wußte sie, daß du heiraten wolltest?«

Er drehte sich auf die Seite, was in dem schmalen Bett gar nicht so einfach war. »Natürlich. Ich habe es ihr geschrieben. Aber nun kein Wort mehr davon. Ich wünsche, daß du den Namen Vivian nie wieder erwähnst.«

Zum erstenmal wurde sie sich seiner männlichen Nähe voll bewußt, und ihre Stimme klang plötzlich unsicher, als sie fragte: »Wovon soll ich denn reden?«

»Überhaupt nicht«, sagte er, und dann spürte sie seine Lippen auf ihrem Mund, zärtlich, drängend, fordernd.

Sie versuchte noch einmal, sich aus seiner Umarmung zu befreien, aber dann vergaß sie alles über seiner zärtlichen Leidenschaft, über ihrer eigenen aufflammenden Liebe.

Erst viel später fragte sie; »Thomas, ganz ehrlich wenn ich nun nicht zu dir heraufgekommen wäre? Was hättest du getan?«

Er lächelte in die Dunkelheit hinein. »Ich wäre hinuntergestiegen … was denn sonst? Glaubst du, ich hätte dich unversöhnt einschlafen lassen? Ausgerechnet auf unserer Hochzeitsreise?«

»Bitte, Thomas«, sagte sie und bedeckte sein Gesicht mit kleinen zärtlichen Küssen,. »bitte, tu es nie! Willst du mir das versprechen? Auch wenn wir uns noch einmal zanken sollten … bitte, laß uns nie zerstritten schlafengehen. Ich ich könnte es nicht vertragen. Ich liebe dich viel zu sehr.«

[9]

Sie trafen am frühen Nachmittag des nächsten Tages auf dem Bahnhof Termini in Rom ein.

Thomas Miller hatte ein Doppelzimmer mit Bad im Hotel »Colomba« bestellt, das auf einer der Prachtstraßen zwischen Petersplatz und Tiber liegt. Sie fuhren mit einem Taxi hin, packten gemeinsam ihre Koffer aus, begannen sich umzuziehen.

Gina war noch dabei, die vielen Kleinigkeiten — Nähzeug und Kopfwehtabletten, Fleckenpaste, Kleiderbürste und Reiselektüre — einzuordnen, als das Telefon klingelte.

Sie zögerte, den Anruf entgegenzunehmen, denn sie fürchtete sich, am Telefon italienisch sprechen zu müssen.

»Thomas«, rief sie, »das Telefon!«

Es klingelte wieder.

»Geh du ‘ran«, sagte er undeutlich.

Sie nahm den Hörer ab, sagte unsicher: »Hallo!«

Niemand meldete sich. Aber es war auch kein Freizeichen in der Leitung.

»Hallo«, sagte Gina, und noch einmal, seltsam beunruhigt: »Hallo!«

Es kam keine Antwort, aber es war ihr, als hörte sie fremde Atemzüge. Dann gab es ein leises Knacken, und die Leitung war tot.

Gina runzelte die glatte Stirn und hängte ein.

»Wer war es?« rief Thomas vorn Badezimmer herüber.

»Niemand.«

»Na, dafür hat es aber reichlich lang gedauert.«

Gina trat in die Verbindungstüre. »Ich hatte gehofft, der Anrufer würde sich doch noch melden … es war jemand in der Leitung, ganz bestimmt.«

»Ach, Unsinn«, sagte er, »wer sollte denn …!?« Er brach ab, sagte unbehaglich: »Wir sind beide nicht richtig ausgeschlafen. In so einem Zustand bildet man sich die merkwürdigsten Dinge ein.« Er stöpselte seinen elektrischen Rasierapparat aus, begann ihn zu säubern.

Sie war nahe daran gewesen, den Namen, an den sie beide dachten, auszusprechen. Aber sie wollte sich und ihm den ersten Tag in Rom nicht verderben. Deshalb sagte sie nur: »Vielleicht hast du recht …«

[10]

Zehn Minuten später fuhr Thomas Miller mit dem Lift hinunter. Gina htte noch ein Bad nehmen und sich umziehen wollen.

Als er die kühle, marmorverkleidete Halle betrat, sah er Vivian Geron. Obwohl er es fast erwartet hatte, traf es ihn wie ein Schlag.

Sie saß in einem der tiefen Ledersessel, die schlanken Beine übereinandergeschlagen, und blickte ihm mit einem ironischen Augenbrauenzucken entgegen. Sie wirkte sehr elegant in einem Kleid von matter, grauer Seide, schwarzem großen Hut und dreireihiger schwarzer Perlenkette.

Thomas Miller wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Er versuchte, mit flüchtigem Gruß an ihr vorüber zu gehen.

Aber sie winkte ihm mit einem kleinen Lächeln zu sich heran, rief gedämpft, aber doch laut genug, daß die anderen Gäste in der Halle es hören konnten: »Hallo, Thomas …wie nett, dich hier zu sehen.«

Wohl oder übel mußte er zu ihr treten.

Sie reichte ihm die schmale, sehr gepflegte Hand mit den langen, perlmutt getönten Fingernägeln. »Setz dich doch … oder hast du es eilig?«

Er berührte ihre Hand so flüchtig, als ob er fürchtete, sich zu verbrennen. »Vivian, was soll das! Meine Frau kann jeden Augenblick herunter kommen.«

»Oh, nein, das glaube ich nicht. Auf der Hochzeitsreise braucht man besonders viel Zeit, um sich schön zu machen.«

»Was willst du von mir?«

»Wenn du dich setzen würdest, könnte ich es dir leichter erklären.«

Er machte keine Anstalten, ihrer Aufforderung zu folgen. »Also warst du es wirklich, die eben angerufen hat«, sagte er, »was versprichst du dir von diesen kindischen Mätzchen?«

»War es nicht sehr taktvoll von mir?« fragte sie. »Daß ich meinen Namen nicht genannt habe? Es hätte deiner jungen Frau vielleicht die Laune verderben können.«

»Taktvoll wäre es, wenn du mich und Gina in Ruhe ließest.«

»Ich verstehe, daß du ärgerlich bist«, sagte sie sanft und holte ein Zigarettenpäckchen aus ihrer schwarzen Krokodillederhandtasche, »ich gebe zu, ich habe mich gestern im Schlafwagen unverzeihlich gehenlassen.« Sie klopfte eine Zigarette auf, und als er sich nicht rührte, ließ sie ihr eigenes Feuerzeug aufflammen. »Es tut mir ehrlich leid«, sagte sie und nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette, »könntest du nicht versuchen, es zu vergessen?«

»Schon geschehen«, sagte er kühl, »sonst noch was?«

»Ich hatte es nicht vorgehabt«, sagte sie, »ganz bestimmt nicht. Es kam einfach über mich. Als ich dich und deine junge Frau in Rosenheim einsteigen sah … das glückliche junge Hochzeitspaar ich war einfach außer mir. Ich wußte nicht mehr, was ich tat.«

»Ich hatte dir geschrieben, daß ich heiraten würde.«

»Sicher. Aber es ist eben doch ein Unterschied ob etwas auf dem Papier steht, oder ob man es mit eigenen Augen sieht.«

»Warum machst du dir Vorwürfe?« fragte er, »jeder kann mal die Nerven verlieren … Hauptsache, wenn es bei dem einen Mal bleibt.« Er sah unruhig zum Lift, glaubte, jeden Augenblick Gina in die Halle treten zu sehen.

»Weißt du noch, wie wir beide in Rom waren?« fragte Vivian. »Erinnerst du dich an unsere zauberhaften Abende in Trastevere? Wie wir auf der Terasse am Tibet getanzt haben!«

»Wenn ich geahnt hätte, daß du uns verfolgen würdest, hätte ich niemals daran gedacht, mit Gina nach Rom zu fahren.«

»Du irrst dich. Ich bin hier, um über die neue Kollektion von Schuberth zu schreiben.«

»Dann tu das«, sagte er brüsk, »und laß uns in Ruhe.« Er drehte sich um und ging zu der großen Schwingtüre, die auf die Straße führte.

»Thomas!« Sie kam ihm nach. »Thomas … ist dir meine Gegenwart denn wirklich so unangenehm?«

»Ja! Wenn du es genau wissen willst … ja, ja, ja! Was erwartest du denn von mir? Daß ich aufjubele, wenn du versuchst, meine Flitterwochen zu durchkreuzen? Aber du hast dich verrechnet. Ich liebe Gina, und ich werde sie nicht unglücklich machen lassen …auch von dir nicht. Wenn du es darauf anlegst, auch das letzte Fünkchen Gefühl, das ich noch für dich hatte, zu ersticken …«

Sie unterbrach ihn. »Weiß sie von mir?«

»Dafür hast du ja selber gesorgt.«

»Ich meine weiß sie alles?«

»Daß wir befreundet waren …ja.«

»Warum ist es dir dann peinlich, wenn sie uns zusammensieht? Sie weiß, daß wir uns etwas bedeutet haben, und sie weiß auch, daß es aus ist. Was ist schon dabei, wenn wir uns zufällig in der Hotelhalle begegnen und ein paar Worte miteinander wechseln?«

»Warum mußt du mich so quälen?«

»Qual nennst du das? Hast du dir auch nur eine Sekunde überlegt, was ich durchgemacht habe?«

Er seufzte. »Vivian«, sagte er, »gut, zugegeben … vielleicht habe ich mich dir gegenüber wirklich nicht ganz korrekt benommen. Aber du kannst doch nicht leugnen, zwischen uns war von Heirat nie die Rede. Wie hätte ich ahnen können, daß meine Liebe zu Gina dich so umwerfen würde? Also, sei vernünftig! Du warst doch immer ein vernünftiges Mädchen … ich habe es Gina auch erzählt … eine, mit der man Pferde stehlen konnte. Es paßt gar nicht zu dir, daß du jetzt so ein Theater machst. Was versprichst du dir denn davon?«

»Ja, Vivian, das vernünftige Mädchen!« Sie zog eine Grimasse. »Wie sehr du dich täuschst. Wie sehr ihr euch alle getäuscht habt. Ich habe es satt, vernünftig zu sein. Alles habe ich mir mit meiner verdammten Vernunft verpatzt alles!«

»Vivian«, sagte er, »bitte sei wenigstens leise.« Er blickte über seine Schulter hinweg wieder einmal nervös zum Lift und — fuhr herum, als er Gina kommen sah.

Diesmal war sie es wirklich. Sie sah sehr jung und sehr bezaubernd aus in einem gerade geschnittenen weißen Kleid mit halblanger weißer Jacke. Das helle, schimmernde Haar fiel ihr in einer ungebärdigen Welle bis auf die Schultern, ihre klaren hechtgrauen Augen wirkten noch größer unter den sorgfältig nachgetuschten Wimpern, ihre nackten braunen Beine steckten in weißen, hochhackigen Riemchensandalen mit bleistiftdünnen Absätzen.

Einige Herren am Empfangstisch wandten sich ihr bewundernd zu, und eine Welle von Glück und zärtlichem Stolz durchflutete Thomas Millers Herz; für eine Sekunde vergaß er sogar Vivian an seiner Seite, die sich nicht von der Stelle rührte.

Noch hatte Gina sie nicht entdeckt. Sie sah sich suchend in der geräumigen Halle um.

»Verschwinde«, sagte er leise zu Vivian, »rasch, bevor sie dich sieht.«

»Ich denke nicht daran«, erwiderte Vivian Geron hart, »ich bin ja kein Verbrecher, daß ich mich verbergen müßte.«

Ohne ihr eine Antwort zu geben, ging er seiner Frau mit großen Schritten entgegen, küßte ihr zärtlich die Hand. »Gina«, sagte er, »du siehst wunderbar aus.«

Sie lächelte unbefangen. »Gefalle ich dir? Ein schickes Kleid, nicht wahr? Wenn ich die Jacke ausziehe …« Dann entdeckte sie Vivian, die langsam und sehr gelassen auf sie zukam, und stockte mitten im Satz.

Vivian trat zu ihnen.

Thomas Miller räusperte sich, überlegte, wie diese Situation am besten zu meistern war, entschloß sich, den Stier bei den Hörnern zu nehmen. »Fräulein Geron möchte sich bei dir entschuldigen, Gina«, sagte er, »es tut ihr leid, daß sie sich gestern abend im Schlafwagen so aufgeführt hat … das war es doch, was du auf dem Herzen hast, Vivian, nicht wahr?«

Sie lächelte kühl. »Das und einiges mehr.« Sie reichte Gina die Hand. »Aber auf gewisse Weise hat unser Thomas recht«, sagte sie, »ich möchte mich wirklich wegen gestern abend entschuldigen.«

Gina nahm die Hand der anderen nicht entgegen, ihr Gesicht war ganz unbewegt, sie sagte kein Wort.

Vivian zog die dunklen, sorgfältig ausgezupften Augenbrauen zusammen. »Es tut mir leid, mehr kann ich nicht sagen … oder verlangen Sie etwa, daß ich einen Kniefall vor Ihnen mache?«

»Vivian«, sagte Thomas, »bitte …«

Jetzt öffnete Gina den Mund. »Was Sie tun und lassen, ist mir gänzlich gleichgültig«, sagte sie mühsam, »auch was Sie vor meiner Ehe mit Thomas gehabt haben. Es ist jetzt vorbei, bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Es ist aus. Für immer.«

»Großartig, daß Sie so denken«, sagte Vivian mit gespielter Begeisterung, »natürlich, Sie haben vollkommen recht. Ich bin sehr froh darüber. Ziehen wir einen dicken Strich unter die Vergangenheit. Nichts hindert uns also daran, gute Freunde zu werden …alle drei. Ist das nicht wunderbar?«

Thomas riß das Gespräch an sich. »Wir würden deinen Enthusiasmus gerne teilen, Vivian, aber wir haben heute noch einiges vor. Ich möchte Gina wenigstens noch ein Stückchen von Rom zeigen.«

»Ach ja, natürlich, ich vergaß ganz … Sie waren sicher noch nie hier, Frau Miller? Thomas und ich …« Sie fing seinen warnenden Blick auf, verbesserte sich und sagte: »Thomas kennt Rom wie seine Westentasche. Sie können sich ganz auf ihn verlassen.«

»Das tue ich, Fräulein Geron«, sagte Gina mit erzwungener Ruhe, »und zwar in jeder Beziehung.«

»Na, dann viel Spaß!« sagte Vivian, und unvermittelt, als wenn es ihr eben erst einfiel, fügte sie hinzu: »Wie wäre es, wenn wir uns heute abend treffen würden? Ihr wollt doch sicher ein bißchen bummeln gehen? Ich kenne da ein bezauberndes Nachtlokal ganz nahe der Via Veneto …«

»Ich fürchte, wir sind zu müde, um heute noch lange aufzubleiben.«

»Ah, ich vergaß«, sagte Vivian mit einem vieldeutigen Lächeln, »mein Fehler. Aber wie wäre es mit morgen … oder übermorgen? Irgendwann werdet ihr doch sicher ausgeschlafen sein?«

»Hör mal, Vivian…« begann Thomas unbehaglich.

Aber Gina ließ ihn nicht zu Ende sprechen. »Warum nicht?« sagte sie kalt. »Machen wir doch gleich einen Treff aus … sagen wir morgen abend. Und wo?«

»Wir können uns zum Essen treffen in der ›Zisterne‹? Du kennst sie ja, Thomas. Ich schlage vor, um neun Uhr … vorher ist in Rom noch nirgends etwas los.«

»Wir kommen«, sagte Gina mit einem kleinen hochmütigen Lächeln, »bis morgen also!« Sie nickte Vivian zu und ging.

Thomas folgte ihr dicht auf dem Fuß.

Auf der Straße drehte sie sich zu ihm um. »Ich hoffe, du bist mir nicht böse«, sagte sie, »natürlich lege ich nicht den geringsten Wert darauf, mit dieser Frau auszugehen aber ich hatte das Gefühl, es blieb uns nichts anderes übrig.«

»Sie hätte uns nicht zwingen können.«

»Wirklich nicht? Ach, Thomas, du weißt genau so gut wie ich, wie die Dinge stehen. Sie wohnt im selben Hotel wie wir und kann es mit Leichtigkeit so einrichten, daß sie uns fünfmal am Tag begegnet. Wenn wir versuchen, ihr auszuweichen, wird sie das nur anspornen, uns noch ärger zu verfolgen.«

»Wir können abreisen.«

Gina blieb stehen und sah ihn an. »Ist das dein Ernst? fliehen? Ihretwegen? Nein, Thomas. Das kommt nicht in Frage ich habe mich so auf Rom gefreut. Und überhaupt.«

»Gina«, sagte er, »ich muß dir etwas gestehen …«

»Ja?«

»Das letzte Mal, als ich in Rom war, war ich nicht allein.«

»Ich weiß es. Sie hat es ja deutlich genug zu verstehen gegeben. Trotzdem bin ich froh, daß du es mir selber sagst.« Sie nahm seinen Arm und schlenderte langsam weiter. »Ganz ehrlich, Thomas, ich verstehe diese Frau nicht. Was will sie eigentlich? Begreift sie denn nicht, daß du mich liebst?«

»Nur dich, Gina«, sagte er sehr ernst, »dich und keine andere. Solange du das nicht vergißt, kann uns nichts und niemand etwas anheben.«

[11]

Dr. Lowitzer saß am Schreibtisch und arbeitete seine allmonatliche Umsatzsteuererklärung aus, als seine Frau ins Zimmer trat. Zögernd kam sie auf ihn zu, blieb stehen.

»Georg«, sagte sie, »ich möchte nur fragen hast du noch lange zu tun?«

Erst jetzt hob er den Kopf. »Nanu?! Ich dachte, du wolltest fernsehen.«

»Ach, die reden doch nur wieder über Politik. Du weißt, daß mich das nicht interessiert.«

»Dann nimm dir ein gutes Buch.« Dr. Lowitzer vertiefte sich wieder in seine Arbeit.

»Du darfst nicht denken, daß ich nichts zu tun hätte«, sagte sie, »ganz im Gegenteil …aber ich bin so unruhig heute abend.«

Er murmelte eine Zahlenreihe vor sich hin.

Sie nahm einen neuen Anlauf. »Georg«, sagte sie, »ganz ehrlich … findest du nicht auch, daß es schrecklich still bei uns geworden ist, seit Gina fort ist?«

Er legte den Kugelschreiber aus der Hand und sah sie aufmerksam an.

Sie errötete unter seinem Blick. »Ich meine ja nur, Georg, bitte, sei mir nicht böse … natürlich weiß ich, daß da nichts mehr rückgängig zu machen ist. Aber seit sie fort ist, kommt es mir einfach so vor, als ob …« Sie konnte ihre Erregung nicht länger unterdrücken. »Wir hätten es nicht zulassen dürfen, Georg, um keinen Preis! Sie ist ja noch viel zu jung so völlig ahnungslos! Ich darf gar nicht darüber nachdenken … unsere kleine Gina jetzt ganz allein mit diesem jungen Rechtsanwalt in einer fremden großen Stadt … Gina, die noch nie für längere Zeit allein von zu Hause weg gewesen ist!«

Wortlos war Dr. Lowitzer aufgestanden, ging an den kleinen eingetäfelten Wandschrank, nahm eine Flasche Cognac und zwei Gläser heraus, schenkte ein. »Da, nun trink mal einen Schluck«, sagte er, »dann wird dir gleich wieder besser werden.«

»Du glaubst doch nicht etwa …« versuchte sie zu protestieren.

»Doch«, sagte er ruhig, »es sind die Nerven. Sonst könntest du so krauses Zeug gar nicht erzählen. Wenn du ehrlich vor dir selber bist, wirst du zugeben müssen, daß Gina alles andere als ahnungslos ist … sie ist so aufgeklärt, wie die meisten ihrer Generation, wesentlich aufgeklärter als du es zum Beispiel bei unserer Hochzeit warst. Dabei warst du damals zwei volle Jahre älter als Gina es heute ist. Und was diesen jungen Rechtsanwalt betrifft …ich nehme an, du meinst damit Thomas … so ist er ihr Ehemann, vor dem Gesetz und vor Gott. Sie hat sich für ihn entschieden und muß sein Schicksal mit ihm teilen so ist es nun mal. Schließlich ist Gina wahrhaftig nicht das erste Mädchen, das sein Elternhaus verlassen hat, um zu heiraten.«

Sie nippte an ihrem Glas. »Du hast recht, Georg, natürlich«, sagte sie, aber es klang nicht sehr überzeugend, »trotzdem, wir hätten auf einer gewissen Bedenkzeit bestehen sollen.«

»Aber wir haben es nicht getan …basta. Aus.« Dr. Lowitzer kippte sein Glas mit einem Zug, schenkte sich gleich noch einmal ein. »Es hat gar keinen Zweck, wenn wir uns jetzt darüber Vorwürfe machen … wir hatten ja einfach keine Wahl. Niemand kann behaupten, wir hätten uns diesen Entschluß nicht reiflich überlegt. Wir waren ja gezwungen, unsere Zustimmung zu geben, wenn wir Schlimmeres verhüten wollten.«

»Schlimmeres!« sagte sie. »Was kann schlimmer sein, als sich auf alle Zeiten an einen Menschen zu binden, der … ich meine … den man eigentlich gar nicht kennt?«

Er hob lächelnd den Zeigefinger. »Anna, Anna … was sind das für Ideen! Von dieser Seite hast du dich mir eigentlich noch nie gezeigt!«

»Du willst mich nicht verstehen«, sagte sie und nahm einen größeren Schluck Cognac, »begreifst du denn nicht, daß ich mir ernsthafte Sorgen mache?«

»Nein«, sagte er erstaunt, »warum?«

»Wenn Thomas wirklich so zuverlässig und gewissenhaft wäre, wie er sich uns gegenüber gestellt hat, dann … dann hätte er doch wenigstens telegrafieren können.«

»Was?«

»Daß sie heil und gesund in Rom angekommen sind.«

Dr. Lowitzer lachte. »Anna! Warum sollten sie? Wenn der Zug entgleist wäre, hätten wir es doch ganz bestimmt in der Zeitung gelesen.«

»Mach dich nur über mich lustig«, sagte sie mit einer Bitterkeit, die ihr halbes Lächeln nur schlecht verbarg, »ich weiß ja, alles klingt dumm, was ich sage ich kann es nicht richtig ausdrücken, weil es eben gar nicht zu beschreiben ist. Aber ich habe Angst um Gina. Ich mache mir schreckliche Sorgen. Nicht davor, daß der Zug entgleisen könnte es ist etwas ganz anderes, das mich bedrückt. Ob sie glücklich werden wird … ob sie der Ehe überhaupt gewachsen ist. Ich habe so ein Gefühl … ein ganz ungutes Gefühl … als wenn ein drohendes Unheil auf sie zukäme.«

»Das bildest du dir alles nur ein, Anna«, sagte er und bot ihr eine Zigarette an, »und selbst wenn du recht hättest …« Er gab ihr Feuer. »Du darfst dich nicht verrückt machen lassen. Gina hat sich unserer Verantwortung entzogen, wir können ihr beim besten Willen nicht mehr helfen. Außerdem ist sie wesentlich selbständiger und wesentlich unsentimentaler als du glaubst. Sie wird schon mit ihrem Schicksal fertig werden. Vergiß nicht, sie hat es sich selber gewählt.«

»Alles, was du sagst, klingt riesig vernünftig, aber …«

»Hör mal, nun laß mich erst mal meine Umsatzsteuer fertig machen. Nachher stehe ich dir zur Verfügung. Wo ist Wolfi? Schaut er sich das Fernsehen an?«

»Nein. Er ist fort. Gleich nach dern Abendbrot ist er gegangen.«

»Wohin?«

»Er hat irgend etwas vor sich hingemurmelt. Du weißt ja, Wie er ist. Ich nehme an, er ist mit seinen Freunden zusammen.«

»Siehst du, das solltest du ganz genau wissen. Kümmere dich mehr um den Jungen. Wolfi ist jetzt in einem gefährlichen Alter. Gerade in den Jahren, wo man sich selber nicht ausstehen kann. Gib acht auf den Jungen …ich mache mir wesentlich mehr Gedanken um ihn als um Gina.«

[12]

Als Gina erwachte, glaubte sie, noch halb im Traum versunken, zu Hause in ihrem schmalen Bett in der kleinen Kammer unter dem Dach zu liegen. Der Wecker hatte nicht geklingelt — oder hatte sie ihn überhört?

Sie öffnete die Augen, setzte sich hoch. Vor Erleichterung hätte sie beinahe laut aufgelacht.

Sie war nicht mehr Gina Lowitzer, das Schulmädchen, sie war eine verheiratete Frau auf der Hochzeitsreise. Sie war erwachsen.

Behaglich ließ sie sich wieder in die Kissen zurücksinken, streckte und dehnte sich wie ein Kätzchen, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lächelte in sich hinein. Was für ein herrlicher Tag war gestern gewesen. Sie war mit Thomas durch die römische Altstadt geschlendert, sie hatten Münzen in das schimmernde Wasser der Fontana di Trevi geworfen, sie waren die Spanische Treppe hinauf und hinunter gelaufen, Thomas hatte ihr bei den Blumenständen einen wunderbaren Strauß dunkelroter Rosen geschenkt, sie waren durch die Via Veneto gebummelt, hatten die Auslagen in den eleganten Läden bestaunt – sie waren glücklich gewesen. Und keiner von ihnen hatte auch nur mit einem Wort Vivian Geron erwähnt.

Vivian Geron! Der Gedanke an die Rivalin löschte das Lächeln auf Ginas Gesicht.

Warum hatte Thomas ihr nie von dieser Frau erzählt? Ob er sie geliebt hatte, wirklich geliebt? Nein, das war unmöglich, es war — einfach nicht auszudenken.

Gina richtete sich auf dem Ellbogen auf, wandte sich zu Thomas hinüber, der, das braune Haar zerzaust, in den weißen Kissen lag und schlief. Er wirkte viel jünger als sonst, gelöster und irgendwie fremd, ganz anders als der Thomas, den sie kannte. Er lächelte im Traum, ein kleines zärtliches Lächeln. Galt es ihr? Oder — träumte er von Vivian?

Plötzlich ertrug Gina es nicht länger. Sie beugte sich über Thomas, küßte ihn auf die Nasenspitze, auf die geschlossenen Lider und, als er immer noch nicht erwachte, mitten auf den Mund.

Er öffnete schlaftrunken die Augen. »Gina!« sagte er, streckte die Arme aus und zog sie an seine Brust. »Du bist schon wach?«

Sie kuschelte sich an ihn. »Gott sei Dank! Rat mal, wovon ich geträumt habe!«

»Vom schiefen Turm zu Pisa.«

»Ganz falsch!«

»Also, erzähl’s mir schon!«

»Ich habe geträumt, ich hätte den Wecker überhört, und ich hatte furchtbare Angst, daß ich zu spät zur Schule käme!« Sie lachte.

»Hör mal«, sagte er, »das bringt mich auf einen Verdacht … hast du mich etwa nur geheiratet, damit du nicht mehr in die Schule zu gehen brauchst?«

»Fragst du das im Ernst?«

»Ja. Die Schlußfolgerung liegt doch sehr nahe.«

»Du alberner Kerl.« Sie biß ihn zärtlich ins Ohrläppchen. »Ich habe dich geheiratet, weil … weil …«

»Na, jetzt bin ich aber mal gespannt!«

»Weil ich in der ersten Sekunde, als ich dich sah, wußte …diesen oder keinen!«

»Und wenn es nicht geklappt hätte? Ich hätte ja abfahren und nichts mehr von mir hören lassen können und außerdem sah es ja lange Zeit so aus, als ob deine Eltern nie und nimmer einwilligen würden!«

»Dann hätte ich überhaupt nicht geheiratet! Lach nur, es ist doch so. Ich wäre zwar nicht in ein Kloster gegangen, aber ich wäre Juggesellin geblieben. Ehrenwort.«

»Du Kindskopf! Du hättest mich bestimmt vergessen.«

»Das ist nicht wahr! Aber jetzt will ich dich mal etwas fragen was hast du dir gedacht, als du mich das erste Mal sahst? Du weißt doch noch, das war in diesem Gartenlokal am Eibsee es war eine herrliche Nacht! All die Lampions … und die schicke Kapelle …«

»… und du in deinem weißen Kleidchen! Ich habe gedacht: Was für ein reizendes Schulmädchen! Ob die Kleine wohl schon vierzehn ist?«

Gina lachte. »Hast du mich deshalb gleich zum Tanz aufgefordert? Und dich den ganzen Abend bloß um mich gekümmert? Alter Schwindler, du!«

Er bemühte sich, ein ernsthaftes Gesicht zu machen. »Ich spreche die lautere Wahrheit!«

»Dann finde ich es aber sehr merkwürdig von dir, daß du mich gleich am ersten Abend geküßt hast!«

»Habe ich das wirklich?«

»Nun tu bloß nicht so, als wenn du das vergessen hättest … unten am Ufer, in dem alten morschen Kahn! Ich hatte Angst, daß er jeden Augenblick absacken könnte, und dann die Mücken…am nächsten Tag sah ich aus, als ob ich die Masern hätte.«

Er zog sie enger an sein Herz. »Aber es war trotzdem schön, nicht wahr?«

»Ja«, sagte sie verträumt, »damals wußte ich noch nicht …« Sie stockte.

Aber er begriff sofort, daß sie an Vivian Geron dachte, beugte sich über sie und küßte sie innig. »Ich liebe nur dich, dich allein, Gina … glaubst du mir? Du mußt es mir glauben!«

»Ja«, flüsterte sie, »ja, Thomas!«

[13]

Als sie mit Thomas das Gelände des Forum Romanum durchstreifte, dachte Gina zum erstenmal seit ihrer Abreise wirklich bewußt an ihre Eltern und an zu Hause.

Das Forum machte auf sie einen überwältigenden Eindruck. Noch die Trümmer, die zerbrochenen Säulen, die geborstenen Skulpturen und die Tempel, von denen zum Teil kaum mehr als die Grundmauern vorhanden sind, gaben ihr einen Begriff der ehemaligen Größe Roms.

»Wenn ich das hier früher gekannt hätte«, rief sie begeistert, »hätte ich bestimmt mit Vergnügen Latein gelernt! Von hier muß ich Wolfi’ unbedingt eine Ansichtskarte schicken, damit er sieht, wo sie den alten Cäsar in den Iden des März umgebracht haben!«

»Wenn wir hinausgehen«, sagte er, »werden wir ein paar Amichtskarten kaufen.«

»Ach ja, bitte! Ich möchte auch den Eltern eine schicken, und Ute und Hanna … und du mußt auch deiner Mutter schreiben, Thomas!«

»Das habe ich schon getan.«

»Ach ja?« sagte sie und war plötzlich ein wenig ernüchtert.

Er spürte es nicht. »Ich habe ihr heute morgen einen langen Brief geschrieben, als ich in der Hotelhalle auf dich gewartet habe.«

Sie versuchte tapfer ihre Eifersucht zu überwinden. »Hoffentlich lebt sie sich gut in Düsseldorf ein«, sagte sie und nahm seinen Arm, »was meinst du?«

»Na ja, mit Angela hat Mama nie besonders gestanden, aber es wird schon gehen. Du solltest dir deswegen wirklich keine Gedanken machen, Gina!«

Sie blickte zu ihm auf. »Das tue ich aber! Schließlich … ich bin schuld, daß sie von München fort ist, nicht wahr?«

Er gab ihr einen raschen Kuß auf die Stirn. »Gina«, sagte er gerührt, »ich liebe dich sehr!«

Sie strahlte ihn an. »Ich dich auch!«

»Hör mal«, sagte er, »ich glaube, ich habe eine glänzende Idee. Wie wäre es, wenn wir heute abend nach Frascati hinausführen? Du weißt, ich wollte dir immer schon die Weinhöhlen…«

Sie unterbrach ihn. »Als ob du vergessen hättest, daß wir verabredet sind.«

»Oh, ich könnte Vivian anrufen und ihr sagen …na, eben irgend etwas. Mich bei ihr entschuldigen. Die Verabredung absagen … oder auch nur verschieben.«

Sie sah ihn an, und alle Kindlichkeit war aus ihrem klaren Gesicht wie weggewischt. »Du hast schreckliche Angst, mich mit Vivian zusammenzubringen, nicht wahr?« Sie hatte sich auf einem der großen sonnendurchglühten Steine niedergelassen und sah zu ihm auf.

»Sie ist … ich fürchte, sie kann sehr boshaft sein«, gab er zu. »Und ich mag nicht, daß man dich verletzt.«

»Es ist dir unangenehm, wenn sie mir etwas von … von früher ‘erzählt von euch beiden. Aber mach dir bloß keine Gedanken darüber. Ich bin nicht so empfindlich wie du glaubst.«

»Ich weiß gar nicht, warum wir uns auf diese Verabredung eingelassen haben. Wenn ich mir vorstelle, wie mit dir und Vivian…eine alberne Situation.«

Sie stand auf, strich sich ihren Rock glatt. »Wir müssen es durchstehen, Thomas ,…anders werden wir sie nie los.« Sie begann, die überhohen steinernen Stufen hinabzuturnen.

Er nahm ihren Arm, spürte Zärtlichkeit, als er ihre glatte, seidige Haut fühlte. »Ich fürchte, du hast recht«, sagte er, »warum sind wir bloß nach Rom gefahren! Es gibt so viele andere wunderbare Orte auf der Welt, wo wir miteinander hätten allein sein können.«

»Ich glaube nicht«, sagte sie, »sie wäre uns überall hin gefolgt, unter diesem oder jenem Vorwand. Und weißt du warum? Weil sie dich immer noch liebt. Sie ist verrückt vor Eifersucht. Eigentlich müßte sie uns leid tun.«

»Tut sie dir leid?«

»Nein«, sagte sie, und sie dachte: Ich könnte sie umbringen. — Aber sie sprach diesen Gedanken nicht aus, denn sie erschrak vor sich selber.

So sicher sie sich auch gab, so graute ihr doch mindestens genau so sehr vor dem bevorstehenden Abend wie ihrem Mann. Sie wollte es nicht zugeben, aber sie wußte in ihrem tiefsten Inneren genau, daß sie Vivian Geron nicht gewachsen war. Vivian war so elegant, so bewußt, so selbstsicher, zehn Jahre älter als sie selber und hundertmal lebenserfahrener. Ihre Waffen waren sehr ungleich, und dennoch spürte sie instinktiv, daß sie sich diesem Kampf stellen mußte, wenn sie sich nicht von vornherein geschlagen geben wollte.

Sie zog sich für den Abend mit ungewohnter Sorgfalt um, bürstete ihr helles ungebärdiges Haar, bis es schimmerte, tuschte ihre Wimpern, zog die Augenbrauen behutsam nach, legte sich einen zarten hellblauen Strich über die Lider. Ihr voller Mund war schön geschnitten, sie brauchte nur die Umrisse ihrer Lippen nachzuziehen, es gab nichts zu verbessern.

»Gefall ich dir?« fragte sie und drehte sich zu Thomas um, der hinter ihr vor dem großen Spiegel stand und sich den Schlips band.

»Du siehst wunderbar aus«, sagte er anerkennend.

Aber sie selber war nicht mit sich zufrieden. Noch im letzten Augenblick, bevor sie das Zimmer verließen, wischte sie mit Watte und Creme die Farbe von ihren Lippen.

»Warum tust du das?« fragte er erstaunt.

»Damit sie sieht, daß ich es noch nicht nötig hab, mich zu schminken.«

Sie trafen Vivian in der Hotelhalle. »Das ist lustig«, sagte sie, »da können wir gleich zusammen losfahren oder wollt ihr lieber gehen? Es ist ein schöner Abend.«

Sie einigten sich darauf, bis zum nahen Petersplatz zu schlendern, um dort eine »Carrozza« zu mieten, eine jener schwarzen, von mageren Pferden gezogenen Kutschen, die gegenüber den Springbrunnen in langer Reihe zu warten pflegen.

Thomas ließ den Damen den Platz auf dem Rücksitz, klappte sich selber einen der kleinen Notsitze heraus. Als das Pferdchen lostrabte und die Kutsche sich in Bewegung setzte, warf Gina noch einen Blick zurück — auf den Petersdom mit seiner wunderbaren Kuppel, die großzügig geschwungenen Arkaden, die Springbrunnen, die ihre schäumenden Fontänen in den herbstlichblauen Himmel warfen, den schlanken Obelisken mitten auf dem riesigen Platz. Alles war voller Schönheit, und sie hätte glücklich sein können, wenn sie mit Thomas allein gewesen wäre. Statt dessen mußte sie mit Vivian Geron, die sie haßte, eine albeme Konversation führen, alberne Dinge sagen, lächeln, Haltung bewahren. Sie fühlte sich wie eine Marionette auf einer Bühne, und sie sah Thomas an, um herauszufinden, ob er ebenso empfand wie sie selber. Aber er brachte es anscheinend fertig, sich ganz zwanglos mit Vivian zu unterhalten.

Ganz plötzlich überfiel Gina das Gefühl einer so übermächtigen Einsamkeit, daß sich ihr das Herz in der Brust förmlich zusammenzog. Sie fühlte, wie ihr Gesicht starr wurde, versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen; aber es war unmöglich.

Dann streckte Thomas seine Hand aus und berührte ihren Arm, und es war ihr, als wenn mit dieser leichten Berührung das Leben wieder in sie zurückflösse. Sie lächelte ihm dankbar zu, spürte wie ungewollte Tränen ihr in die Augen stiegen und wandte rasch das Gesicht ab.

Vivian Geron zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie war heiter, charmant, liebenswürdig, machte weder während der Fahrt noch später in der »Zisterne« die geringste Anspielung privater Art; Gina gegenüber gab sie sich freundschaftlich, ohne gönnerhaft zu sein, erzählte einige interessante Begebenheiten aus ihrer Arbeit als Modejournalistin, bemühte sich aber ansonsten nur solche Themen zu berühren, bei denen Gina mitsprechen konnte.

Langsam wich der Alpdruck von Ginas Seele. Sie wurde wieder ihr eigenes, kindhaft glückliches Selbst. Voller Staunen sah sie sich in dem gemütlichen, volkstümlich eingerichteten Lokal um, betrachtete die Kellner, die wie mittelalterliche Schankknechte herausstaffiert waren, die italienischen Familien, die laut und fröhlich miteinander zu Abend speisten.

Sie trank mit Thomas und Vivian den roten Weiß, aß eingelegte Artischockenböden, gratinierte grüne Nudeln, ein heißes, mit viel Knoblauch gewürztes Lammgericht.

Gina wirkte ganz unbefangen. Dennoch vergaß sie keinen Augenblick, daß Vivian in ihr eine Rivalin sah; sie war in jeder Sekunde auf der Hut.

Was aber dann wirklich geschah, kam ganz unerwartet.

Der Kellner hatte gerade den blank gescheuerten braunen Tisch abgeräumt und drei Tassen Espresso gebracht, Thomas bot den Damen Zigaretten an, als Henry Horn eintrat.

Er war so hoch gewachsen, daß er den Kopf einziehen mußte, um sich nicht zu stoßen. Nicht nur Gina fiel er sofort auf. Groß und blond, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, sehr helle Augen in dem braun gebrannten, gut geschnittenen Gesicht, war er es gewohnt, alle Blicke auf sich zu ziehen.

Es dauerte ein Paar Sekunden, bis Gina selber merkte, daß sie ihn neugierig und ganz selbstvergessen angestarrt hatte. Sie schlug verlegen die Augen nieder.

Da kam er auch schon auf ihren Tisch zu, sagt: »Hei, Vivian…gut gespeist?«

Vivian Geron gab sich überrascht. »Henry«, sagte sie, »na so etwas. Ich glaube langsam, man kann in Rom nirgends ausgehen, ohne dich zu treffen.«

Der große Mann sagte gar nichts, lächelte nur und sah Gina an, mit einem unverschämt ruhigen Blick, der sie irritierte.

Thomas war aufgestanden.

»Darf ich bekannt machen«, sagte Vivian, »Henry Horn …«

»Wir kennen uns«, erklärte Thomas.

»Stimmt«, sagte der andere, »lassen Sie mich nachdenken … nein, helfen Sie mir nicht! Du bist blaß, Luise … jetzt weiß ich’s wieder! Sie sind Doktor Miller, arbeiten mit Rechtsanwalt Doktor Jahn zusammen, was? Ihr habt mich ganz fein herausgepaukt damals, als ich die Geschichte mit meinem Wagen hatte.«

»Gina«, sagte Thomas, »das ist Henry Horn, ein bekannter Münchner Modefotograf meine junge Frau, Herr Horn.«

Er streckte ihr eine riesige braune Franke hin, in der ihre kleine Hand völlig verschwand. »Freut mich sehr«, sagte er, »freut mich wirklich ungemein …«

»Willst du dich nicht zu uns setzen?« fragte Vivian.

Er zögerte. »Eigentlich nicht. Habe nur mal reingeschaut, ob ich ein bekanntes Gesicht sehe, wollte ein bißchen auf die Pauke hauen heute nacht.«

Vivian strahlte. »Hast du deinen Wagen da? Na wunderbar. Warte noch fünf Minuten, dann kannst du uns mitnehmen. Wir sind ausgezogen, der kleinen Gina das Nachtleben von Rom zu zeigen.«

»Ausgezeichnet. Ganz meine Masche.« Henry Horn zog sich nun doch einen Stuhl herbei. »An was hattet ihr zuerst gedacht?«

Niemand sah, daß Ginas klare Augen sich verdunkelt hatten. Es war alles so harmlos Vivians‘ Vorschlag und Henry Horns Einstimmung schienen so natürlich — und dennoch!

Gina hatte das unbehagliche Gefühl, daß es ein abgekartetes Spiel war, ein Spiel, bei dem die anderen die Trümpfe in der Hand hatten.

Ihre Hand, die das Täßchen mit dern Espresso zum Munde führte, zitterte so, daß das kohlschwarze Getränk überschwappte.

[14]

»Il Fissaggio«, das erst kürzlich eröffnete Nachtlokal nahe der Via Veneto, unterscheidet sich in Aufmachung und Einrichtung kaum von anderen Tanzbars gleichen Charakters in Paris, New York und Düsseldorf — auf Gina, siebzehn Jahre alt, behütete Tochter aus gut bürgerlichem Haus, machte es einen ungeheuren Eindruck.

Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Ausruf der Begeisterung. Die gedämpfte Beleuchtung, die goldenen Seidentapeten, die gläserne, von unten erleuchtete Tanzfläche, die Negerband in ihren weißen Smokingjacken, das elegante internationale Publikum, diese ganze faszinierende Szenerie versetzte Gina fast in einen kleinen Rausch. Sie fühlte sich aus dem Alltag herausgehoben, in eine Welt versetzt, die bisher nur im Kino und in ihren Träumen existiert hatte.

Am liebsten hätte sie zu ihrem Mann gesagt: »Kneif mich, Thomas, damit ich merke, ob ich wirklich wach bin!« — aber da streifte sie ein ironischer Blick aus Vivian Gerons dunklen Augen, und sie war mit einem Schlag ernüchtert.

Für eine Sekunde hatte sie vergessen, daß auch der Besuch im »II Fissaggio« nicht zu ihrem Vergnügen arrangiert worden war, sondern zu einem ausgeklügelten Plan gehörte, den Gina nicht kannte, von dem sie nur wußte, daß er gegen sie und ihre Liebe gerichtet war. Sie begriff, daß sie sich nicht ihrem Vergnügen hingehen durfte, sondern auf der Hut sein mußte.

Den blonden Kopf hoch erhoben, das junge Gesicht eine ernste Maske, folgte sie den anderen. Sie bemerkte nicht die vielen bewundernden Männerblicke, die auf sie gerichtet waren.

Henry Horn hatte ganz selbstverständlich die Führung übernommen. Gleich bei ihrem Eintritt hatten sich zwei beflissene Kellner auf den hochgewachsenen breitschultrigen Mann gestürzt. Er hatte mit ihnen eine kurze, halblaute Unterhaltung in italienischer Sprache geführt, und nun begleiteten die beiden rot befrackten Kellner die kleine Gesellschaft zu einem Tisch in einer erhöhten Nische im Hintergrund des großen Raumes, von dem der eine mit einer diskreten Handbewegung das Schild entfernte, auf dem in drei Sprachen zu lesen stand, daß dieser Tisch reserviert war.

Schon im Hinsetzen ließ Vivian Geron die golddurchwirkte Stola von ihren schmalen braunen, Schultern gleiten, die sich schimmernd und verführerisch von dem Weiß ihres ärmellosen Brokatkleides abhoben. Gina fühlte sich neben so viel selbstsicherer Eleganz sehr mädchenhaft und sehr unbedeutend.

Das Gespräch ging über sie hinweg. Vivian Geron sprach von gemeinsamen Münchner Bekannten, von denen nur Gina nie etwas gehört hatte, und die sie auch nicht interessierten. Sie nippte an dem blutroten Wein, den Thomas bestellt hatte, lauschte der Musik, beobachtete die Rivalin.

Als Henry Horn, der bisher noch kein Wort mit ihr gewechselt hatte, sich plötzlich erhob und sich vor ihr verbeugte, geschah das so unvermittelt, daß Gina im ersten Augenblick gar nicht begriff, um was es ging.

Henry Horn lächelte amüsiert auf sie hinunter: »Darf ich um diesen Tanz bitten, gnädige Frau?« Mit einer leichten Verbeugung zu Thomas hin fügte er hinzu: »Natürlich nur, wenn Ihr Gatte es gestattet …«

Gina wurde über und über rot und sagte mit einer Heftigkeit, die über ihre Befangenheit hinwegtäuschen sollte: »Nein, danke. Ich tanze nur mit meinem Mann.«

Vivian Geron lachte belustigt auf, und Thomas sagte irritiert: »Aber, Gina, sag doch sowas nicht! Wenn man dich hört, könnte man mich ja für einen eifersüchtigen Wüterich halten.«

»So habe ich es doch nicht gemeint«, versuchte Gina sich zu verteidigen, »nur … ich möchte wirklich nur mit dir tanzen.«

Vivian lachte wieder, und Gina hätte sie in diesem Augenblick ermorden mögen.

»Mein Pech«, sagte Henry Horn gelassen, »aber zu einem Drink in die Bar werde ich Sie doch wohl einladen dürfen?«

Gina warf einen hilfesuchenden Blick zu ihrem Mann, aber Vivian Geron hatte sich gerade eine Zigarette genommen, und Thomas war so damit beschäftigt, ihr Feuer zu geben, daß er Ginas stumme Frage übersah.

»Ja, bitte«, sagte Gina unsicher und stand auf, fügte, zu Thomas gewandt fast entschuldigend hinzu: »Ich bin gleich wieder da.«

Henry Horn schob seinen Arm unter ihren nackten Ellbogen und dirigierte sie mit weltmännischer Sicherheit zwischen den gut besetzten Tischen und dem Rand der Tanzfläche vorbei in den Barraum. Er half ihr auf den hohen Hocker, schwang sich neben sie, bestellte, ohne sie erst zu fragen, beim Barmann einen Champagnercocktail und einen doppelten Whisky und bot ihr eine Zigarette an.

Es schoß ihr durch den Kopf, wie sehr jede einzelne aus ihrer früheren Schulklasse sie beneiden würde, wenn sie sie hier sitzen sehen könnte — in einem Nachtlokal in Rom, in der exclusiven Bar, neben einem so auffallend gut aussehenden und männlichen Mann wie Henry Horn. Sie begriff selber nicht, warum sie diese Stunde nicht hinnehmen und genießen konnte. Sie fühlte sich unbehaglich, ja unglücklich.

»Sie hätten nicht heiraten sollen«, sagte Henry Horn und beobachtete amüsiert die Wirkung dieser unverschämten und ungeheuerlichen Worte.

Gina war viel zu überrumpelt, als daß sie ihn kühl hätte zurechtweisen können. »Ich …« stammelte sie, »aber…ich liebe meinen Mann!«

»Wie alt sind Sie?« fragte er gelassen.

»Was geht Sie das an?!«

Ihre Empörung prallte an ihm ab. »Jedenfalls war es eine irrsinnige Torheit von Ihnen, Ihr Leben in einem Moment zu beschließen, wo es eigentlich erst anfangen sollte. Hat Sie denn niemand gewarnt?«

Gina holte tief Atem. »Herr Horn …« begann sie.

Er unterbrach sie sofort: »Nennen Sie mich ruhig Henry, wie alle meine Freunde … und gestatten Sie mir, daß ich Sie Gina nenne, wenigstens wenn wir allein sind.«

»Nein!«

»Interessant!« Er betrachtete sie, als wäre sie ein Insekt unter einem Vergrößerungsglas. »Sie spüren also selber gar nicht, daß die. Anrede ›Gnädige Frau‹ ein wenig … zu hochtrabend für Sie ist?«

»Ich habe niemals verlangt, daß Sie mich so anreden«, sagte sie, und ihre Augen funkelten vor Zorn, »nennen Sie mich so, wie ich heiße … Frau Miller.«

In seinem braunen scharf geschnittenen Gesicht rührte sich keine Muskel. »Nun wohl, Frau Miller also …« Er betonte die Anrede, daß sich Gina selber albern, ja, geradezu idiotisch vorkam. »Ihr Wunsch ist mir Befehl. Was wollten Sie vorhin sagen?«

»Jetzt haben Sie mich ganz draus gebracht«, sagte Gina, wütend und kläglich zugleich.

»Darf ich Sie erinnern, Frau Miller? Ich drückte mein Bedauern darüber aus, daß Sie sich allzu unüberlegt und voreilig in die Ehe gestürzt haben.«

»Ich glaube, das kann ich besser beurteilen als Sie.«

»Sie irren, Frau Miller. Sie sind viel zu befangen. Offensichtlich haben Sie ja in einem Zustand blinder Verliebtheit gehandelt, der … aber da kommen unsere Drinks.« Er hob sein Whiskyglas. »Cheerio!«

Der Champagnercocktail schmeckte wundervoll, herb und erfrischend. Gina nippte erst, dann tat sie einen tiefen Zug. »Wunderbar«, sagte sie ehrlich, als sie das Glas abstellte.

»Ich freue mich sehr, daß ich ihren Geschmack getroffen habe, Frau Miller«, sagte er grinsend.

»Wenn Sie noch einmal Frau Miller zu mir sagen … so, mit dieser unverschämten Betonung … dann stehe ich auf und gehe an unseren Tisch zurück.«

»Sie können keinen Spaß verstehen, wie?«

»Nicht, wenn es um Dinge geht, die mir sehr viel bedeuten.«

»Wie Ihre Ehe zum Beispiel?«

»Ja, wie meine Ehe.« Sie drückte ihre Zigarette aus. »Ich liebe Thomas …«

»Das sagten Sie bereits.«

»Und wenn ich es schon hundertmal gesagt hätte … es ist die Wahrheit.«

»Liebe Gina!« Sein Ton klang plötzlich ganz verändert, sehr ernst und sehr herzlich. »An Ihrer Liebe habe ich nie gezweifelt … wie käme ich auch dazu. Dennoch bleibt es schade, daß Sie sich so früh gebunden haben. Bitte, widersprechen Sie jetzt nicht gleich wieder, lassen Sie mich erst einmal ausreden. Sicher haben Sie in Ihrem Leben doch schon einige Romane gelesen, nicht wahr? Ist Ihnen niemals aufgefallen, daß die Hochzeit fast immer am Ende steht? Alle wichtigen und wirklich entscheidenden Dinge im Leben eines Menschen geschehen vor der Ehe. Wenn man erst einmal verheiratet ist, ist Schluß … Schluß mit der Freiheit, der Entwicklung, Schluß mit dem Abenteuer und den Hoffnungen, Schluß sogar mit den Träumen …«

Gina konnte nicht länger an sich halten. »Aber …das ist doch einfach nicht wahr!« rief sie. »Ein Leben zu zweien ist bestimmt genauso aufregend und interessant … viel viel lustiger, als wenn man immerzu von Vater und Mutter am Gängelband herumgeführt wird.«

»Ach«, sagte er, »haben Ihre Eltern das getan?«

Sie runzelte die glatte Stirn. »Nein«, sagte sie, »ich weiß nicht … ich habe nie darüber nachgedacht, aber vielleicht haben Sie recht. Ich habe zu Hause niemals das tun dürfen, was ich wollte.«

»Das erklärt manches«, sagte er und bot ihr eine neue Zigarette an; als sie ablehnte, gab er sich selber Feuer. »Sie haben sich also in die Ehe geflüchtet.«

Sie sah ihn an. »Was sind Sie nur für ein Mensch! Sie drehen einem ja das Wort im Mund herum. Ich habe aus Liebe geheiratet …«

»Sie betonen das ein bißchen zu oft, finden Sie nicht selber?«

»Ach«, sagte sie wütend und verzweifelt, »ich mag mich schon gar nicht mehr mit Ihnen unterhalten. Was wollen Sie überhaupt von mir? Zu was haben Sie mich hierher gelockt? Um mich zu quälen und zu beleidigen? Oder …« Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihr auf. »… damit Vivian Geron mit Thomas unter vier Augen sprechen kann? Haben Sie es deshalb getan?«

Er sah sie kopfschüttelnd an. »Sagen Sie, schämen Sie sich denn eigentlich gar nicht? Sie sind doch wahrhaftig das mißtrauischste kleine …« Sie wollte von ihrem Hocker rutschen, aber er umfaßte ihr Handgelenk mit eisernem Griff. »Halt, hiergeblieben. Ich verlange von Ihnen, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihre Frage zu beantworten.«

»Ich will es gar nicht wissen«, sagte sie wütend.

»Das könnte Ihnen so passen. Erst Beleidigungen ausstoßen und dann verschwinden.« Er ließ sie so unvermittelt los, daß sie beinahe vom Hocker gefallen wäre. »Um ganz ehrlich zu sein ich hatte gehofft, Sie wären gar nicht verheiratet.«

»Was?« Sie riß die klaren grauen Augen auf und starrte ihn entgeistert an.

Er grinste unverfroren. »Es soll schon vorgekommen sein, daß junge Leute miteinander verreisen, ohne sich vorher vom Vater Staat die Erlaubnis zu holen!«

»Ja«, sagte sie, »ich weiß. So weltfremd, wie Sie tun, bin ich schließlich auch nicht.«

»Bravo! Kluges Mädchen. Dann dürfen Sie mir auch nicht böse sein, daß ich es gehofft hatte ich hatte es gehofft, in Ihrem und in meinem Interesse. Ich hätte nämlich etwas aus Ihnen machen können. Ich habe das auf den ersten Blick gesehen. Sie gehören zu den ganz wenigen, die das Zeug dazu haben…« Er leerte sein Glas, schob es dem Barmann hin, sagte: »Noch einen doppelten, bitte.«

Ginas Neugier war geweckt. »Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden?«

»Sie sind zu schade für die Ehe«, sagte er, »viel zu schade. Sie gehören nicht an den Kochherd. Sie sind für ein anderes Leben geschaffen. Verdammt, daß ich Ihnen nicht früher begegnet bin ich hätte Sie zum Covergirl gemacht, die Welt hätte Ihnen zu Füßen gelegen. Sie hätten Karriere machen können, das garantiere ich Ihnen. Mit einem entsprechenden Management hätten Sie es zum Weltstar gebracht.«

Sie nahm einen Schluck ihres Champagnercocktails, drehte das Glas auf dem gläsemen Bartisch, bevor sie fragte: »Und jetzt … jetzt kann ich es nicht mehr?«

»Nein«, sagte er hart, »mit einer verheirateten Frau fange ich so etwas nicht an. Niemand täte das. Das Risiko ist viel zu groß. Außerdem …glauben Sie, daß der verehrte Doktor Miller für solche Pläne Verständnis hätte?«

[15]

»Langsam beginne ich dich zu verstehen, Thomas«, sagte Vivian Geron und zog mit dem spitz gefeilten langen Nagel ihres Zeigefingers unsichtbare Linien über das schimmernde Damasttuch, »Gina ist wirklich ein reizender kleiner Kerl.«

Er schwieg.

Als sie ihn verstohlen unter den langen, grün getuschten Wimpern anblickte, sah sie, daß sein Gesicht sehr verschlossen war.

»Habe ich wieder etwäs Falsches gesagt?« fragte sie nervös.

»Ich wundere mich nur«, sagte er; »es würde mir nie im Traum einfallen, die Bezeichnung Kerl im Zusammenhang mit Gina zu brauchen.«

»Mein Gott, sei doch nicht so überempfindlich! Als ob du nicht wüßtest, daß ich dir nur etwas Nettes habe sagen wollen …«

»Danke, Vivian. Ich weiß die gute Absicht zu schätzen. Aßer du strapazierst dich ganz ünnötig.«

Sie sah ihn an, und in ihren schönen dunklen Augen spiegelte sich ein ganz echter, fast kreatürlicher Schmerz. »Thomas«, sagte sie, »warum willst du mich nicht verstehen?! Ich … ich möchte doch nichts als gutmachen, dich versöhnen! Wenn du mich schon nicht mehr liebst…wenn du mir schon dieses kleine Mädchen vorgezogen hast …warum können wir dann nicht wenigstens gute Freunde bleiben? Weshalb darf ich nicht in deiner Nähe sein? An deinem Leben teilnehmen?«

»Als was? Als meine …«

»Nicht«, sagte sie rasch, »nicht! Sprich es nicht aus! Es bringt dir keine Ehre, mich zu beleidigen.«

»Wenn die Wahrheit eine Beleidigung ist …«

»Bitte Thomas, sei fair. Ich bin doch nicht nur eine Frau … ich bin doch ein Mensch, ein Mensch, von dem du vor noch nicht sehr langer Zeit viel gehalten häst. Du kannst doch jetzt nicht, nur weil du verheiratet bist, all deine alten Freunde von dir stoßen … es gibt doch nicht nur dich und Gina auf der Welt.«

»Ich weiß. Es gibt zum Beispiel auch einen Henry Horn.«

»Aber Thomas!« Vivian zwang sich zu einem unnatürlichen kleinen Lachen. »Was soll das? Henry Horn hat mir niemals das Geringste bedeutet …«

»Glaubst du im Ernst, daß mich das noch treffen würde?«

»Nicht?! Dann begreife ich wahrhaftig nicht, auf was du anspielst.«

»Du bist eine schlechte Lügnerin, Vivian. Aber immerhin, das spricht für dich. Bildest du dir wirklich ein, ich hätte auch nur eine Sekunde geglaubt, daß Henry Horn aus reinem Zufall in der Zisterne aufgekreuzt ist? Nein, meine Liebe, so dumm bin ich wahrhaftig nicht. Ich kenne dich, und ich kenne den Ruf dieses Herrn Münchens Playboy Numero eins! Du hast ihn in die Zisterne bestellt, weil er Gina kennenlernen sollte, und er sollte sie kennenlernen, um ihr den Kopf zu verdrehen …«

»Du mußt verrückt sein, so etwas zu behaupten!« unterbrach sie ihn scharf. »Mir scheint wahrhaftig, du bist verrückt verrückt vor Eifersucht! Wenn du fürchtest, daß dir dieser kleine Teenager mit dem ersten besten Mann davonlaufen köhnte …«

»…hätte ich sie nicht ausgerechnet mit Henry Horn allein gelassen!«

»Du mußtest es, wenn du dich nicht blamieren wolltest. Aber du leidest Höllenqualen, du zitterst, sie zu verlieren … ach, Thomas, Thomas, wie konntest du nur ausgerechnet dieses Kind heiraten! Begreifst du denn nicht, daß sie nicht zu dir paßt, nicht in deine Welt gehört?«

Er erhob sich. »Ich begreife nur, daß du eine böse Person bist«, sagte er kalt, »und ich bereue, daß ich mich je mit dir eingelassen habe!«

»Thomas!«

Er verbeugte sich steif. »Guten Abend!«

Sie sprang auf, mit ganz undamenhafter Hast, so daß der Tisch ins Schwanken geriet und der Inhalt ihres Glases überschwappte. »Wo willst du hin?!«

»Zu meiner Frau. Ich habe das Bedürfnis nach der Gesellschaft eines sauberen Menschen.«

Sie stand mit flammenden Augen und erhobenen Fäusten vor ihm, achtete nicht auf die Aufmerksamkeit, die sie an den Nebentischen erregte. »Du Philister«, zischte sie, »du Verdammter Philister! Ja, sitz jetzt nur auf dem hohen Roß, aber warte nur, du fällst auch wieder herunter. Es wird dir noch leid tun, daß du mich so behandelt hast. Wenn du erst selber drauf kommst, daß deine Ehe ein Reinfall ist …«

Er drehte sich wortlos um und ließ sie stehen.

Als er in die Bar trat, sah er von Gina nur den Rücken, ihren geradezu jungen Rücken in dem Kleid aus resedagrüner Seide und das ungebändige blonde Haar, das sie sich für diesen Abend hochgesteckt hatte. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und schien andächtig auf das zu lauschen, was Henry Horn ihr erzählte.

Thomas Miller spürte ganz plötzlich eine jähe Wallung schmerzhafter Eifersucht.

Nein, dachte er, das ist doch nicht möglich, das darf doch nicht wahr sein. Ich weiß doch, daß sie mich liebt … nur mich!

Dennoch mußte er sich räuspern, bevor er sie ansprach: »Gina«, sagte er so gleichmütig, wie es ihm eben möglich war, »hallo!«

»Oh, Thomas!« Sie erkannte seine Stimme sofort, rutschte von ihrem Barhocker herunter und lief auf ihn zu wie ein verwirrtes, schutzsuchendes Kind.

»Na, hast du dich gut unterhalten?«

»Ja, sehr«, sagte sie mit einem unsicheren Blick zu Henry Horn hinauf, der die kleine Szene grinsend beobachtet hatte. »Wo ist Vivian?«

Er beantwortete ihre Frage nicht. »Wollen wir tanzen?«

»Bitte!« Sie hängte sich bei ihm ein.

»Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen meine Frau entführe …« sagte Thomas zu Henry Horn, bevor er mit Gina den Barraum verließ.

Sie merkte, daß etwas nicht in Ordnung war. »Hat Vivian dich geärgert?«

»Ja«, erwiderte er kurz.

»Wirklich?« fragte sie und lächelte ihn zärtlich an. »Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen.«

»Ich verstehe dich nicht …«

»Ach, Thomas, tu doch nicht so! Die ganze Zeit, als ich in der Bar war, habe ich gezittert, daß sie recht lieb und nett sein könnte. Ich war sicher, daß sie alles darauf anlegen würde, dich wieder einzufangen. Aber wenn sie dich statt dessen gekränkt hat … was hat sie denn gesagt?«

»Ach, nichts Besonderes. Der ganze Ton war widerlich.«

Sie waren jetzt bei der Tanzfläche angekommen. Sie schmiegte sich in seine Arme, überließ ihren Körper dem weichen Rhythmus eines Blues.

»Was hast du denn mit diesem Herrn Horn geredet?« fragte er.

»Ach, allerhand, ich weiß schon gar nichts mehr…bestimmt nichts Wichtiges.«

»Er wird dir doch Komplimente gemacht haben …«

Sie lachte unbekümmert. »Schon. Aber nennst du das wichtig?«

»Du hast ihm jedenfalls sehr gespannt zugehört.«

»Nein, gar nicht. Ich habe die ganze Zeit bloß an dich gedacht.« Sie legte ihren Kopf an seine Brust. Ihr junger frischer Geruch stieg ihm in die Nase. »Ach, Thomas, ich bin so froh, daß wir es überstanden haben. Jetzt brauchen wir sie nie mehr wiederzusehen, nicht wahr? Keinen von beiden.«

»Henry Horn wird bestimmt gar keinen Wert darauf legen«, sagte er, »oder hat er dir etwa seine Telefonnummer gegeben?«

Sie richtete sich kerzeng’erade auf und wich ein wenig von ihm zurück. »Was hast du bloß immer mit diesem Henry Horn? Er geht uns doch gar nichts an …oder?«

»Er ist ein sehr gut aussehender Mann … und berühmt für seine Erfolge bei Frauen. Es könnte doch sein, daß er auf dich Eindruck gemacht hat …«

»Nein«, sagte sie ernsthaft, »das hat er nicht. Und wenn du es genau wissen willst ich habe ihm gesagt, daß er mich mit seinem Gerede in Ruhe lassen soll. Weil ich nur dich liebe … nur dich, Thomas! Zweifelst du etwa daran?«

»Nein«, sagte er, plötzlich beschämt, »nein, Gina. Natürlich nicht. Ich weiß selber nicht, was eben mit mir los war. Verzeih mir, bitte, ich war ein Narr.«

Sie sah ihn aus strahlenden Augen an. »Ich bin so glücklich, Thomas …«

[16]

Als sie in das Hotel zurückkamen und Thomas am Empfangstisch um die Zimmerschlüssel bat, sagte der Hotelsekretär an der Rezeption: »Doktor Miller? Einen Augenblick. Bitte ich habe eine Nachricht für Sie!« Er zog einen gelben Umschlag aus einem der Postfächer, reichte ihn Thomas über den Tisch. »Ein Telegramm.«

»Woher?« fragte Gina und versuchte, Thomasüber die Schulter zu sehen.

Die Hotelhalle war schon abgedunkelt, und er beugte sich über den Empfangstisch, um besser sehen zu können. »Aus Düsseldorf«, sagte er, »seltsam …« Er zögerte einen Augenblick, als fürchtete er sich, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Er las mit schmerzlich zusammengezogenen Augenbrauen.

»Was ist?« fragte Gina. »Etwas Unangenehmes?«

»Leider ja, ich fürchte, wir müssen abreisen.« Thomas wandte sich an den Pförtner. »Können Sie mir vielleicht sagen, wann morgen früh der erste Zug nein, warten Sie, es wäre besser, wir nehmen ein Flugzeug.«

»Aber was ist denn geschehen?!« rief Gina, ganz außer sich.

»Meine Mutter ist verunglückt.«

»Schlimm?!«

»Ich weiß nicht. Verunglückt, mehr hat meine Schwester nicht telegrafiert.«

»Aber Thomas, ich bitte dich … und bloß daraufhin willst du Hals über Kopf abreisen? Vielleicht ist es gar nicht so schlimm … vielleicht ist sie längst wieder aus aller Gefahr … vielleicht …« Ohne es selber zu wissen, hatte sie sich an ihn geklammert.

Er schüttelte sie mit einer ungeduldigen Bewegung ab. »Es ist meine Mutter … begreifst du das denn nicht?«

»Doch, und ich verstehe auch, daß du in Sorge um sie bist … in großer Sorge. Ich meine nur, es hat doch keinen Zweck, einfach drauflos zu fahren …« Ihr kam ein Gedanke. »Warum rufst du nicht wenigstens vorher mal an?!«

Thomas sah Gina mit leeren Augen an. »Gut. Du hast recht. Dann wissen wir es sofort.« Er wandte sich an den Pförtner, der noch immer in Kursbüchern und Flugplänen blätterte. »Bitte, versuchen Sie eine Verbindung mit Düsseldorf zu bekommen ich schreibe Ihnen die Telefonnummer auf … wir gehen jetzt nach oben. Bitte, legen Sie das Gespräch auf mein Zimmer. Und suchen Sie mir auf alle Fälle auch die nötigen Verbindungen heraus. Wahrscheinlich muß ich noch morgen früh nach Düsseldorf fliegen.«

»Und ich?« fragte Gina, als sie im Lift nach oben fuhren. »Du sprichst immer nur von dir … du willst nach Düsseldorf fliegen! Wo soll ich denn bleiben?«

»Du kommst natürlich mit. Oder hast du einen anderen Vorschlag?«

»Nein«, sagte sie leise, »nur …« Ihr Instinkt warnte sie noch rechtzeitig, den Satz zu Ende zu sprechen. Sie hatte ihn fragen wollen, ob er denn ganz vergessen hatte, daß dies ihre Hochzeitsreise war, ob er sich nicht vorstellen konnte, wie unglücklich sie war, weil er nach Deutschland zurück mußte gerade jetzt, wo es doch erst anfangen sollte, wirklich schön zu werden.

Aber sie sagte nichts von alledem. Schweigend folgte sie Thomas auf ihr Zimmer, schweigend schlüpfte sie aus ihrem Kleid und zog sich ihren Morgenmantel über.

Er hatte sich an den kleinen, weißlackierten Schreibtisch gesetzt und sich eine Zigarette angezündet. Als sie nach zwanzig Minuten aus dem Bad zurückkam, saß er noch immer, wie sie ihn verlassen hatte, aber das Zimmer war blau von Zigarettenqualm, und der Aschenbecher lag voller Stummel.

»Thomas«, sagte Gina vorsichtig, »meinst du nicht, du solltest dich auch ein wenig hinlegen? Wer weiß denn, wann das Gespräch durchkommt.«

»Bildest du dir etwa ein, ich könnte ausgerechnet jetzt schlafen?«

»Nur ausstrecken habe ich gedacht.«

»Nein. Dazu habe ich keine Ruhe.« Er sah sie an. »Du solltest dich auch nicht hinlegen. Fang lieber an zu packen. Ich möchte die nächste Gelegenheit wahrnehmen, von hier fortzukommen.«

»Aber du weißt doch noch nicht einmal …«

»Gina!« sagte er so böse und ungeduldig, wie er noch nie mit ihr gesprochen hatte. »Tu endlich, was ich dir gesagt habe! Oder legst du es etwa darauf an, allein in Rom zu bleiben?!«

»Ohne dich?« Sie sah ihn ganz entgeistert an. »Ach, Thomas, wie kannst du so etwas denken!« Sie lief auf ihn zu, schlang die Arme um seinen Hals und preßte ihre Wange an sein Gesicht.

Er spürte, wie sie zitterte, streichelte sie mechanisch — aber seine Gedanken und sein Herz waren bei der Mutter.

Das Telefon klingelte. Er streckte den Arm aus, nahm den Hörer ab, meldete sich. Dann deckte er die Sprechmuschel ab, sagte zu Gina: »Es ist Düsseldorf … bitte!«

Sie begriff, daß sie ihn störte, ließ ihn los und richtete sich auf. Sie fühlte sich verloren.

»Angela«, sagte Thomas, »ich habe gerade eben dein Telegramm bekommen …« Er lauschte, sagte: »Natürlich komme ich es war sehr richtig, daß du mich sofort verständigt hast. Ich werde sehen, daß ich gleich morgen einen Platz im Flugzeug bekomme meine Frau? Ich weiß noch nicht. Vielleicht bringe ich sie mit.« Er lauschte wieder. »Ja, ich verstehe. Wahrscheinlich hast du recht. Bis morgen also. Ich werde meine genaue Ankunft noch telegrafieren.«

Er legte den Hörer auf, zündete sich eine neue Zigarette ein.

Sie wagte nichts zu fragen, und es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder zu ihr sprach. »Es sieht nicht gut aus, Gina«, sagte er mit gepreßter, mühsam beherrschter Stimme. »Mutter ist im Treppenhaus gestürzt …eine schwere Gehirnerschütterung und verschiedene Knochenbrüche…«

»Das tut mir leid«, sagte sie und spürte selber, wie lahm das klang.

»Wie lange wirst du zum Packen brauchen?«

Sie sah sich unsicher im Zimmer um. »Ich weiß nicht genau …«

»Am besten fängst du gleich an. Du kannst dich dann nachher schlafen legen.« Er stand auf. »Ich gehe inzwischen hinunter und spreche noch einmal mit dern Portier. ES ist oft gar nicht so einfach, von einer Stunde auf die andere Flugkarten zu bekommen.« In der Türe wandte er sich zu ihr um. »Pack für mich einen kleinen Koffer extra. Nur mit dern Nötigsten … Waschzeug, Rasierapparat, Schlafanzug, ein paar Hemden…«

»Nimmst du mich nicht mit?«

»Nein«, sagte er, »du mußt jetzt sehr vernünftig sein. Ich weiß, das alles ist scheußlich für dich, aber Angelas Kinder haben die Masern und …«

»Aber was hat das mit mir zu tun?!«

»Bitte, Gina, nimm dich zusammen. Mach mir nicht alles noch schwerer. Ich … ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Du kannst mir nicht helfen in Düsseldorf … begreifst du das denn nicht? Ich werde mich um meine Mutter kümmern müssen und gar keine Zeit für dich haben …«

»Aber wo soll ich bleiben? Allein in der Wohnung?«

»Warum nicht? Du bist doch schließlich kein Kind mehr. Hast du etwa Angst, allein zu bleiben?«

»Nein, das nicht! Aber warum? Warum?!« rief sie. »Ich begreife das alles nicht. Erklär mir doch wenigstens …«

Er verlor die Geduld. »Herrgott, muß ich denn für jede Entscheidung, die ich treffe, Rechenschaft ablegen!?«

»Nein«, sagte sie, »Thomas, nein …«

Aber er hatte sich schon, ohne sie anzuhören, umgedreht und war aus dem Zimmer gegangen. Die Türe fiel hinter ihm ins Schloß.

Sie stand mitten im Raum, mit hängenden Armen. Ein aufsteigendes Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu. Sie fühlte sich so unglücklich wie nie zuvor in ihrem jungen Leben.

[17]

Sie flogen am nächstenNachmittag vom Flugplatz Fiumicino aus nach München zurück.

Thomas hatte vorher noch einmal mit Düsseldorf telefoniert und erfahren, daß seine Mutter aus der Bewußtlosigkeit erwacht war. Dennoch hielt seine Sorge an. Er war nervös, achtete kaum auf das, was Gina sagte, drängte zum Aufbruch.

Zwei Stunden nach ihrem Abflug landeten sie in München-Riem. Es war kalt und regnerisch; Herbstwetter.

Thomas begleitete Gina durch den Zoll, übergab ihre Koffer einem Träger, bat den Taxichauffeur, ihr das Gepäck in die Wohnung zu bringen und verabschiedete sich von seiner jungen Frau.

Gina warf sich in seine Arme, umklammerte ihn, küßte ihn mit wilder Zärtlichkeit.

»Sei nicht traurig, mein Liebling, ich komme bald …sehr bald!« sagte er.

Aber sie spürte, daß er in Gedanken schon nicht mehr bei ihr war. Er löste sich sanft aus ihren Armen, drehte sich um und ging.

Sie wäre ihm am liebsten nachgelaufen, hätte ihn angefleht, sie nicht allein zu lassen. Aber sie spürte, daß sie ihn nicht noch mehr belasten durfte, hielt sich mit Anstrengung zurück.

Sie starrte ihm nach, noch lange, nachdem er durch die gläserne Schwingtür im Plughafengebäude verschwunden war — seine Maschine nach Düsseldorf startete in zehn Minuten — und fand erst in die Wirklichkeit zurück, als der Chauffeur sie anrief.

Sie hatte sich den Einzug in ihr neues Heim anders vorgestellt.

Alles schien ihr unwirklich. Sie fühlte sich nicht wie sie selber, sondern kam sich wie eine Schauspielerin vor, die eine Rolle in einem schlechten Stück hatte übernehmen müssen.

»Kopernikus dreiundzwanzig …« sagte der Fahrer, als er in einer Straße des Münchner Stadtteils Bogenhausen hielt. »Ist es hier richtig, Fräulein?«

Gina schrak zusammen, riß die Augen auf, starrte auf das fremde Haus. »Ich glaube ja«, sagte sie zögernd.

Sie öffnete die Wagentür, stieg aus, durchquerte den kleinen, nicht eingezäunten Vorgarten, hatte Mühe, die Haustür aufzuschließen.

Sie war vor ihrer Ehe einige Male hier gewesen, immer in Begleitung ihrer Mutter, hatte ihre Wäsche in die Einbauschränke geräumt, die Aufstellung des neuen Schlafzimmers begutachtet und sich sehr erwachsen dabei gefühlt.

Jetzt schien ihr Thomas Millers Wohnung mit einemmal ganz fremd.

In den Tagen seiner Abwesenheit war nicht gelüftet worden, es roch muffig, auf der Flurgarderobe lag Staub.

Gina bedankte sich bei dem Chauffeur, der ihre Koffer in die kleine Diele gebracht hatte, und bezahlte ihn. Als die Tür hinter ihm zufiel, fühlte sie sich schrecklich verlassen.

Es dauerte eine ganze .Weile, bis sie sich endlich dazu aufraffte, ihren Mantel auszuziehen. Sie sah sich in den Spiegel und der Anblick ihres eigenen, frischen Gesichtes gab ihr wieder Mut. Sie ging durch die ganze Wohnung, von einem Zimmer zum anderen, knipste alle Lampen an, öffnete die Fenster, drehte die Heizkörper auf.

Ganz allmählich fühlte sie sich besser.

Sie trat zum Telefon, nahm den Hörer ab, lauschte auf das Freizeichen.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Thomas konnte noch nicht in Düsseldorf sein. Außerdem würde er bestimmt zuerst ins Krankenhaus fahren und dann erst in die Wohnung seiner Schwester.

Gina stöpselte den Fernsehapparat ein, knipste ihn an um sich so wenigstens die Illusion zu verschaffen, nicht ganz allein zu sein. Aber das Gespräch über den Grünen Plan und die Wünsche der Bauern, das gerade auf dem Fernsehschirm stattfand, konnte sie auch nicht trösten.

Plötzlich hielt sie es nicht länger aus. Sie schlug das Telefonbuch auf, suchte die Vorwahlnummer von Garmisch heraus, rief in ihrem Elternhaus an.

Frau Lowitzer kam an den Apparat. »Du!?« sagte sie, mehr erschreckt als erfreut. »Ja, aber Gina ich hoffe doch nicht … ist denn etwas passiert?«

Gina erklärte ihr ganz rasch die Situation.

»Dein Mann hat dich also allein gelassen?« sagte die Mutter. »Einfach in München abgesetzt? Also, ich muß schon sagen, das kann ich beim besten Willen nicht richtig finden! Hast du ihm denn nicht klar gemacht …«

»Aber, Mutter, verstehst du denn nicht? Er mußte doch nach Düsseldorf, seine …«

»Ja, ja, ich weiß. Aber er hätte dich doch mitnehmen können, schließlich geht dich die Sache doch auch etwas an … oder?«

Frau Lowitzer sprach genau das aus, was Gina im geheimen gedacht hatte; gerade deshalb sagte sie sehr ungeduldig und sehr gereizt: »Ach, Mutter, das verstehst du nicht!«

»Findest du das Verhalten deines Mannes etwa ganz in Ordnung?« fragte Frau Lowitzer höchst erstaunt.

»Ja, ja und noch einmal ja! Misch dich, bitte, nicht in meine Angelegenheiten, Mutter! Thomas weiß genau, was er tut!«

»Wie schön!« sagte Frau Lowitzer ruhig. »Ich freue mich, daß du so denkst.«

Es entstand eine lange Pause.

Gina hatte ihre Mutter bitten wollen, nach München zu kommen, um ihr zu helfen und Gesellschaft zu leisten, jetzt wagte sie es nicht mehr.

»Ist Vater noch nicht zu Hause?« fragte sie statt dessen.

»Nein. Er ist auf Visite. Soll ich ihm etwas ausrichten?«

»Schöne Grüße.«

»Ja. Ich werde daran denken.«

»Ich wollte euch nur wissen lassen, daß wir wieder zurück sind.«

»Ich verstehe …«

Gina nahm einen Anlauf. »Mutter«, sagte sie, »ich…ich wollte dich nicht kränken. Du bist mir doch hoffentlich nicht böse?«

»Bestimmt nicht, Gina, nur … ich kann mich so schwer daran gewöhnen, daß du so…erwachsen geworden bist. Aber natürlich, du hast ganz recht … du mußt jetzt allein mit deinem Leben fertig werden.«

»Ja, Mutter«, sagte Gina heiser.

Dann legte sie rasch den Hörer auf, denn sie fühlte, daß sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten konnte.

[18]

In dieser Nacht schlief Gina sehr schlecht. Sie wartete auf einen Anruf ihres Mannes. Aber das Telefon blieb stumm.

Erst in den frühen Morgenstunden, als alle Hoffnung entschwunden war, fiel sie endlich in einen tiefen Schlummer.

Sie stand spät auf, machte sich eine Tasse Neskaffee in der Küche, fand ein paar Kekse in einer Dose. Den Eisschrank hatte Thomas beim Verlassen der Wohnung abgestellt. Er war leer.

Gina spürte einen gesunden Hunger. Ihr Mut wurde wieder lebendig. Bei Tageslicht sah alles ganz anders aus. Draußen vor dem Fenster lag goldener Herbstsonnenschein, drinnen war es warm und gemütlich. Die Wohhung war modern und geschmackvoll eingerichtet, und es war ihre Wohnung, ihr Heim, in dem sie hausen und wirtschaften durfte, wie sie wollte.

Gina faßte den Entschluß, sich zuerst einmal anzuziehen und einkaufen zu gehen. Alles andere sollte später an die Reihe kommen.

Sie stand schon in der kleinen Diele und war im Begriff, sich ihren Regenmantel anzuziehen, als, es an der Haustür klingelte.

Einen Augenblick stutzte sie, dann betätigte sie den Drücker. — Das ist bestimmt ein Telegramm von Thomas, schoß es ihr durch den Kopf.

Sie riß die Wohnungstür auf — ihr Bruder stand vor ihr.

»Wolfi?« rief sie erfreut, dann erst begriff sie, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. »Wolfi, was ist los?« fragte sie und zog ihn in die Wohnung. »Wie kommst du überhaupt nach München? Müßtest du nicht eigentlich in der Schule sein?«

Er starrte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Ich brauche Geld, Gina …«

»Wozu?«

»Ich habe ein Moped zusammengefahren … nun schau mich bloß nicht gleich so an, als wenn ich ein Ungeheuer wäre! Sowas kann doch schließlich jedem passieren! Oder liest du etwa nicht die Zeitung? Verkehrsunfälle kommen jeden Tag vor und …«

»Wessen Moped war’s?«

»Das von Frieder Ullmann. Er war damit zur Schule gekommen, und in der Pause habe ich bloß so zum Spaß …«

»Hatte er es dir gestattet?«

Wolfi senkte den Kopf, tat, als wenn er angelegentlich damit beschäftigt wäre, in den Taschen seines Anoraks nach Zigaretten zu suchen. »Nein.«

Gina sagte nichts.

»Ich könnte mich ja selber ohrfeigen«, sagte Wolfi zerknirscht, »so ein Wahnsinn. Mich ausgerechnet mit Ullmann anzulegen … du weißt doch, wie er ist. Er genießt es geradezu, daß er mich jetzt in der Hand hat. Wenn ich ihm den Schaden nicht bezahle, will er Anzeige erstatten.«

»Wieviel brauchst du?«

»Zweihundert Mark.«

Gina tat einen tiefen Atemzug. »Schauderhaft. Zweihundert Mark … soviel habe ich nicht. Du mußt es Vater sagen.«

»Niemals.«

Gina sah ihren Bruder voller Mitgefühl an. »Ich weiß, wie dir zumute ist, Wolfi, aber ich kann dir nicht helfen. Ich sehe einfach keinen anderen Ausweg. Oder … warte mal … ich werde einfach mit Thomas darüber sprechen.«

»Mit deinem Mann?«

»Ja, Er hat das Geld bestimmt. Außerdem ist er Rechtsanwalt, er könnte …«

Wolfi stand auf. »Niemals habe ich gedacht«, sagte er voll Verachtung, »daß du so gemein sein könntest.«

»Aber Wolfi! Ich…«

»Warum lügst du mich an? Sag mir doch einfach, daß du mir nicht helfen willst, du bist ja nicht dazu verpflichtet.« Er griff in Ginas Handtasche, die halboffen auf der Küchenbar lag, holte ein Bündel Lire-Scheine daraus hervor, blätterte es vor sie hin. ‘

»Ist das da etwa kein Geld?!«

»Aber Wolfi, das sind doch die Lire, die Thomas übrig behalten hat, die muß ich auf sein Konto einzahlen, die gehören mir doch gar nicht.«

»Quatsch. Es liegt dir bloß nichts mehr an mir.«

»Ich kann doch nicht einfach etwas von diesem Geld nehmen«, sagte sie verzweifelt, »wie soll ich Thomas denn erklären …« ‘

»Überhaupt nicht. Du bist ja seine Frau. Was ihm gehört, gehört auch dir … hast du etwa Angst vor ihm?« Er packte sie bei den Schultern. »Gina, du mußt mir das Geld geben … du mußt! Wenn diese Geschichte herauskommt, das würde ich nicht überleben … glaub bloß nicht, daß ich Witze mache. Da käme ich einfach nicht drüber weg.«

Gina kämpfte mit sich. »Gut«, sagte sie endlich, »du sollst das Geld haben!«

[19]

Frau Miller lag mit geschlossenen Augen in dem schmalen eisernen Krankenhausbett, als ihr Sohn eintrat, einen, Strauß langstieliger flammender Gladiolen in der Hand.

Thomas hatte schon den Mund geöffnet, um sie zu begrüßen, mit jener gekünstelten, leicht verlegenen Heiterkeit, aber er brachte plötzlich kein Wort mehr über die Lippen. Zum erstenmal erkannte er, daß seine Mutter eine alte, vom Leben erschöpfte Frau war.

Sie war nicht allein in dern schmucklosen Zimmer; eine sehr dicke rotgesichtige Frau und ein noch kindhaft junges Mädchen lagen im selben Raum. Die Luft war dick von den Ausdünstungen der Kranken und dem scharfen Geruch der Medikamente.

Frau Miller war nicht mehr die überlegene, gepflegte, selbstsichere Dame, als die er sie sein ganzes Leben gesehen hatte. Aller Schmelz, den Kosmetik und Gymnastik einer alternden Frau verleihen können, war von ihr abgefallen. Das Haar hatte seinen sanften bläulichen Schimmer verloren, wirkte grau und stumpf, das Gesicht klein, spitz und eingefallen, die Lippen waren ein dünner, farbloser Strich.

»Mutter«, sagte er mühsam.

Sie schlug die Augen auf, ihr Blick schien aus weiter Ferne zu kommen, sich nur schwer zurecht zu finden.

»Mutter«, sagte er noch einmal, »erkennst du mich denn nicht? Ich bin’s, Thomas!«

»Doch«, sagte sie mit dem herzzerreißenden Versuch eines Lächelns, »ich sehe dich schon … nur, ich dachte, es wäre ein Traum!«

Er legte die Gladiolen auf;ihren Nachttisch, setzte sich auf den Bettrand, streichelte ihre zerbrechliche Hand. »Ich bin’s wirklich, Mama!«

»Aber, ich dachte … oder habe ich mir das nur eingebildet?« Sie sah ihn ratlos an. »Mein Kopf es ist alles drinnen ein bißchen durcheinander geschüttelt. Warst du nicht … auf einer großen Reise?«

»Auf meiner Hochzeitsreise.«

»Also doch. Ich wußte doch, daß da irgend etwas war.« Ihre Finger krampften sich plötzlich um seine Hand, in ihren Augen stand Entsetzen. »Thomas, mein Junge«, flüsterte sie eindringlich, »sei ehrlich zu mir …« Sie versuchte sich aufzurichten. »Muß ich sterben?«

Er drückte sie sanft wieder in ihre Kissen zurück. »Aber nein, Mama, was sind das für dumme Gedanken! Ich habe eben mit Professor Bender gesprochen. Es ist alles in Ordnung so gut, wie es den Umständen nach nur sein kann.«

»Du lügst«, sagte sie wimmernd. »Ihr lügt alle! «

»Bestimmt nicht, Mama, du tust mir Unrecht. Ich begreife, daß du dich sehr elend fühlst, aber du solltest trotzdem nicht solche Sachen sagen.«

»Du weißt es genau!« sie sah ihn an, und in ihren Augen flackerte Angst. »Sonst wärst du doch gar nicht gekommen, wenn du nicht wüßtest, daß ich …«

Er unterbrach sie, sagte fast erleichtert: »Da sieht man mal wieder, daß du mich ganz falsch einschätzt. Angela rief mich in Rom an und teilte mir mit, daß du im Treppenhaus gestürzt seist und bewußtlos wärest … das warst du doch, nicht wahr?«

Sie nickte, beobachtete voller Mißtrauen jede Regung seines Gesichtes.

»Daraufhin habe ich sofort beschlossen, nach Düsseldorf zu fliegen du kannst Gina fragen. Ich bin bei diesem Entschluß auch geblieben, als ich erfuhr, daß du außer Gefahr bist. Bildest du dir etwa ein, du mußt erst im Sterben liegen, damit ich mich um dich kümmere?«

»Du hast mich aus der Wohnung gedrängt …«

»Aber, aber, Mama! letzt bist du wirklich ungerecht! Ich habe dich ja gebeten zu bleiben … du warst es, die fort wollte.«

»Du hättest dieses Mädchen nicht heiraten dürfen.«

Er zog seine Hand zurück. »Aber ich habe es getan«, sagte er, härter, als er selber gewollt hatte, »und ich bereue es keinen Augenblick. Es ist unfair von dir, wenn du deinen Unfall und meine Heirat in einen Zusammenhang miteinander bringen willst unfair und unlogisch. Das eine hat mit dem anderen nicht das Geringste zu tun.« Er beugte sich zu ihr nieder, sagte sehr herzlich: »Mama! Du weißt doch, wie sehr wir dich lieben. Du hast uns durch deinen Sturz einen schönen Schrecken eingejagt, mach es bitte nicht noch schlimmer.«

Sie schwieg eine ganze Weile, sagte dann mit jenem Unterton von Spott in der Stimme, den er in gesunden Zeiten so gut bei ihr gekannt hatte: »Ich bin wohl sehr unausstehlich, mein Junge?«

»Nun, leicht machst du es uns gerade nicht.«

»Ich weiß. Aber ich kann nichts dafür. Ich fühle mich … sehr schlecht. Vielleicht liegt es daran, daß ich soviel Blut verloren habe. Und dann … mein Kopf …«

»Stören dich die Blumen so nahe beim Bett? Sie duften ziemlich stark. Ich werde hach der Schwester klingeln …«

»Tu’s nicht«, sagte sie rasch, »ich kenne diese Schwestern. Sie würden bestimmt wieder sagen, daß ich nicht soviel reden soll. Das sagen sie immer. Sie würden dich nach Hause Schicken. Und ich möchte doch, daß du noch bleibst.«

»Ja, Mama.«

Er drückte ihre kraftlose Hand, und sie sahen sich an, voller Liebe, voller Erschütterung und doch mit wachsender Befangenheit. Sie wußten auf einmal nichts mehr miteinander zu reden.

»Wie geht es Gina?« fragte Frau Miller endlich.

»Danke. Alles in Ordnung.«

»Hast du sie mitgebracht?«

»Nein. Sie ist in München.«

»Ist sie sehr wütend auf mich?«

»Wütend? Warum sollte sie wütend sein?«

»Weil ich euch die Hochzeitsreise verdorben habe.«

»Du schätzt Gina ganz falsch ein, Mama. Sie ist ein guter Mensch, sie sie war ganz dafür, daß ich zu dir fuhr. Sie hat sofort begriffen, daß ich sonst keine ruhige Minute gehabt hätte.«

»Grüß sie von mir.«

»Ja, Mama.«

»Wie lange kannst du bleiben?«

Er zögerte. »In der Kanzlei habe ich mir ja frei genommen«, sagte er, »aber bitte, sei mir nicht böse, Mama …ich möchte Gina doch nicht länger als möglich allein lassen, noch dazu in der fremden Wohnung. Unsere Wohnung ist ja fremd für sie, und dann … sie kennt in München keinen Menschen.« Mit einem raschen Lächeln fügte er hinzu: »Du siehst, von sterben ist bei dir keine Rede … sonst würde ich natürlich bleiben.«

»Es ist sehr lieb, daß du gekommen bist.«

Wieder schwiegen sie lange.

»Du fühlst dich doch wohl bei Angela?« fragte er dann.

»Oh, ja«, sagte sie dann, aber es klang nicht sehr überzeugend, »ganz bestimmt.«

»Ich habe mich nur gewundert, daß sie dich auf zweite Klasse hat legen lassen. Ich habe übrigens schon mit den Leuten von der Verwaltung gesprochen. In den allernächsten Tagen kriegst du ein Einzelzimmer.«

»Aber das ist doch nicht nötig…«

»Ich finde doch. Möglicherweise mußt du noch Wochen im Krankenhaus bleiben … du siehst, ich beschönige nichts … da sollst du es wenigstens so bequem und angenehm haben, wie es wirklich möglich ist.«

»Aber die Versicherung zahlt doch nur …«

»Darauf kommt es nicht an. Den Rest kratzen wir auch noch irgendwie zusammen.«

»Du bist ein guter Junge«, sagte sie und drückte seine Hand.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich fürchte, ich muß jetzt gehen, Mama, sonst mache ich mich hier unbeliebt. Fünf Minuten hatte mir der Professor zugestanden, und jetzt bin ich schon über eine Viertelstunde hier …« Er stand auf, beugte sich über sie und drückte einen K(uß auf ihre Stirn, die sich kühl und ein wenig feucht anfühlte.

»Mußt du wirklich …?« fragte sie bedauernd.

»Ich komme heute nachmittag wieder, ganz bestimmt.«

Er richtete sich auf. »Soll ich jetzt nach der Schwester klingeln?«

»Ach nein. Nicht extra wegen der Blumen, die Schwestern haben so viel zu tun. Stell sie nur vorne ins Waschbecken und laß Wasser ein, so machen es alle.« Als er sich schon zum Gehen wandte, sagte sie noch einmal: »Grüß Gina von mir … du wirst sie doch anrufen?«

»Ja, gleich wenn ich nach Hause komme. Von Angeles Wohnung aus.«

[20]

Wolfi Lowitzer war allein in der Wohnung, als das Telefon klingelte. Er war in der Küche und hatte Pellkartoffeln aufgesetzt, wie seine Schwester ihm aufgetragen hatte. Gina war auf die Bank gegangen, um die Lire auf das Konto ihres Mannes zu zahlen und 32 000 für ihren Bruder umzuwechseln.

Das Schrillen des Telefons irritierte den Jungen. Er wußte sehr gut, daß es Unsinn war, sich zu melden. Er mußte sich tot stellen, einfach so tun, als ob er nicht da wäre — aber plötzlich hielt er es nicht mehr aus.

Wenn es nun Gina war, die anrief? Wenn irgend etwas schief gegangen war? Wenn sie ihn brauchte?

Er lief ins Wohnzimmer und zum Schreibtisch, nahm den Hörer ab, sagte: »Hallo!«

Eine winzige Stille entstand, in der er die Atemzüge des anderen hören konnte.

»Hallo, wer ist denn da?« fragte er ungeduldig.

»Doktor Thomas Miller. Ich möchte meine Frau sprechen.«

Wolfi ließ den Hörer auf die Gabel fallen, als wenn er sich verbrannt hätte. Er stand mit hochrotem Kopf Und zusammengepreßten Lippen. Er spürte, wie das Blut ihm in den Schläfen pochte.

Ich Idiot, dachte er verzweifelt, ich Hornochse, ich Rindvieh!

Das Telefon schrillte wieder — in den Ohren des Jungen klang es gereizt, angriffslustig, bösartig.

Er zögerte eine Sekunde, dann drehte er sich um, lief in die Küche hinaus und schloß die Türe fest hinter sich.

Aber auch hier war die elektrische Glocke zu hören, und es nutzte nichts, daß er sich die Ohren zuhielt — er hörte es immerzu, äuch als sie tatsächlich schon längst verstummt war.

Er begriff, daß er etwas Törichtes angestellt hatte — er hätte sich niemals melden dürfen, und nachdem es geschehen war, hätte er den Hörer nicht einfach auf die Gabel knallen dürfen, sonderh erklären müssen — aber was? Daß er die Schule geschwänzt, daß er von seiner Schwester Geld verlangt hatte, daß sie auf die Bank gegangen war, um es ihm zu verschaffen — nein, das konnte er niemandem anvertrauen, am wenigsten seinem Schwager. Für ihn war Thomas Miller ein wildfremder Erwachsener, der es darauf angelegt hatte, ihm die Schwester zu entfremden. Er hatte nicht ein Fünkchen Vertrauen zu ihm.

Das schlechte Gewissen machte Wolfi zu jeder vernünftigen Überlegung unfähig. Er brachte es nicht einmal über sich, Gina, als sie eine Viertelstunde später zurückkam, von dem Zwischenfall zu erzählen. Er hatte inzwischen Pellkartoffeln gekocht und abgezogen, aber er verzichtete darauf, mit ihr zusammen zu essen.

»Hast du denn keinen Hunger?« fragte sie enttäuscht. »Das ist aber wirklich nicht nett, daß du mich jetzt einfach allein läßt«

Er drehte die Geldscheine, die sie ihm gegeben hatte, unruhig zwischen den Fingern. »Ich … ich möchte das erst in Ordnung bringen«, sagte er, »verstehst du …«

»Ja, natürlich. Aber essen könntest du doch vorher noch …«

Er schüttelte den Kopf. »Nö. Lieber nicht. Aber wenn du mir eine Zigarette mitgeben würdest … nur eine, ich möchte nicht damit auffallen.«

Sie gab sie ihm, und er steckte sie in die äußere Tasche seines Anoraks. »Tschüs«, sagte er verlegen, »dank auch schön …«

»Komm bloß nicht nochmal mit sowas«, sagte sie, »ich bin nicht deine Kinderschwester.«

»Keine Bange, sowas Blödes passiert einem nur zweimal im Leben einmal zum ersten und einmal zum letzten Mal!«

»Wollen wir’s hoffen.«

Gina hörte, wie die Wohnungstür und wenig später die Haustür hinter ihm zufiel. Sie hatte ein ungutes Gefühl dabei. Schon in dem Augenblick, in dem sie ihm das Geld gegeben hatte, hatte sie es bereut. Auf was hatte sie sich da bloß eingelassen!

Und doch wußte sie in ihrem innersten Herzen, daß sie, noch einmal vor dieselbe Entseheidung gestellt, genau so gehandelt hätte. Sie hatte, solange sie denken konnte, immer mit ihrem Bruder zusammen gehalten, gegen die Eltern, gegen die Kamerden, gegen eine feindliche Umwelt. Sie hatte keine andere Wahl gehabt. Sie konnte ihn jetzt nicht einfach im Stich lassen, nur weil sie verheiratet war.

Aber sie konnte Thomas alles gestehen!

Bei diesem Gedanken atmete Gina auf. Natürlich, daß sie nicht gleich darauf gekommen war! Alles war ja ganz einfach. Sie würde ihren Mann unter dem Siegel der Verschwiegenheit ins Vertrauen ziehen. Bestimmt würde Thomas sie verstehen und bereit sein, den Eltern gegenüber reinen Mund zu halten.

Gina fühlte sich mit einem Mal viel besser. Sie begann leise vor sich hin zu singen. Dabei ging sie in die Küche, packte ihre Einkäufe aus — ein Pfund Butter, fünf Semmeln, fünf Eier, fünf Apfelsinen, Zucker, Büchsenmilch und eine Tafel Schokolade. Sie stellte den Eisschrank an, tat Butter, Eier, Apfelsinen und Büchsenmilch hinein, zog die Stime kraus, weil er immer noch ziemlich leer aussah.

Dann stellte sie eine Platte des elektrischen Herdes an, suchte lange, bis sie eine Pfanne fand, stellte sie auf, tat ein Stück Butter hinein und schnitt Kartoffeln dazu. Ein paar Minuten lang blieb sie geduldig neben dem Herd stehen, drehte die Kartoffelscheiben mit einem Messer wieder und wieder um. Aber dann dauerte es ihr zu lange. Sie hatte den Eindruck, als hätte sie schon eine Ewigkeit am Herd gestanden, ohne daß ihre Kartoffeln auch nur eine Spur von Bräune zeigten. Sie entschloß sich, zwischendurch etwas anderes zu tun.

Ihr fielen die Koffer ein. Sie hatte gestern abend nur die Anzüge und Kleider heraus gehängt. Jetzt war eine gute Gelegenheit, alles andere auszupacken.

Sie ging ins Wohnzimmer, kniete sich vor die geöffneten Koffer auf den Boden und begann die gebrauchte von der sauberen Wäsche zu sortieren. Zum erstenmal schien es ihr, als ob eine frühzeitig abgebrochene Hochzeitsreise auch etwas Gutes für sich hatte — der größte Teil aller Sachen war noch nicht benutzt und konnte, so wie er war, weggeräumt werden.

Nachdem Gina die schmutzige Wäsche ins Badezimmer gebracht und in die Waschmaschine gesteckt hatte, schleppte sie einen der halb geleerten Koffer nach dem anderen ins Schlafzimmer und begann einzuräumen. Es war ein wunderbares Gefühl, die eigenen und die Sachen ihres Mannes in den doppeltürigen, funkelnagelneuen Kleiderschrank zu ordnen, ein Nachthemd für sich selber, einen Schlafanzug für Thomas auf die Betten zu legen, Pantoffeln in die Nachtkästchen zu räumen, Cremedosen, Lidschminke, Lippenstift, Kamm und Bürste auf dem kleinen Toilettentisch mit dem dreiteiligen Spiegel zu ordnen.

Gina arbeitete vergnügt, mit heißen Wangen und leuchtenden Augen. Zwischendurch stellte sie das Radio an. Das Mittagskonzert dröhnte durch die kleine Wohnung.

Das erste Mal, als das Telefon klingelte, glaubte Gina sich getäuscht zu haben. Die Musik war so laut. Aber sie hob doch den Kopf und spitzte die Ohren — da, wieder!

Sie ließ alles stehen und liegen, raste ins Wohnzimmer, nahm den Hörer ab, meldete sich. »Thomas, du!?« rief sie begeistert. Sie hielt sich das freie Ohr zu, um besser verstehen zu können.

»Was ist denn bei dir für ein Lärm?« fragte er.

»Das Radio … entschuldige bitte!«

»Stell ab. Man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen.«

Gina legte den Hörer auf den Schreibtisch, lief zum Radioapparat, knipste ihn aus. »Bist du noch da?« fragte sie atemlos, nachdem sie den Hörer wieder aufgenommen hatte.

»Natürlich.«

»Wunderbar, daß du anrufst!« sagte sie. »Ich habe gestern den ganzen Abend …«

Er fiel ihr ins Wort: »Hast du Besuch?«

»Besuch? Ich?« fragte sie erstaunt. »Was sollte ich denn für einen Besuch haben?«

»Das frage ich dich.«

»Nein, ich bin ganz allein.«

»Aber du hattest Besuch.«

»Nein. Wie kommst du darauf?« Im Augenblick, wo sie es gesagt hatte, fiel ihr ein, daß er nur Wolfi gemeint haben konnte. Aber da war es schon zu spät.

»Ich habe schon einmal angerufen vor etwa einer Stunde…«

»Ich war einkaufen, Thomas«, sagte sie hastig, »und habe das Geld auf die Bank gebracht …«

»Du willst also behaupten, daß du gar nicht da warst?«

Sein Ton machte sie wütend. »Glaubst du, ich lüge?«

»Ich bin doch kein Idiot. Es hat sich ein Mann gemeldet, als ich vorhin anrief … und dann, als ich meinen Namen nannte, sofort abgelegt.«

»Das ist unmöglich«, sagte sie schwach.

»Wer war der Mann?!«

Auch wenn sie jetzt gesagt hätte: »Mein Bruder!« — er hätte ihr bestimmt nicht mehr geglaubt, oder er hätte eine große Untersuchung angestellt, bei der alles herausgekommen wäre.

Gina wußte nicht, wie sie sich verteidigen sollte, und so wählte sie instinktiv den Angriff. »Du scheinst sehr wenig Vertrauen zu mir zu haben«, sagte sie.

»Ich will die Wahrheit wissen!«

Gina holte tief Atem. »Thomas«, sagte sie, »bitte, nun nimm doch Vernunft an! Selbst wenn ein Mann hier in der Wohnung gewesen wäre … glaubst du, ich hätte ihn zum Telefon gehen lassen? So blöd kann doch wahrhaftig kein erwachsener Mensch sein. Oder bildest du dir ein, ich will dich absichtlich eifersüchtig machen? Großer Quatsch.«

»Es wird dir nicht gelingen, mir etwas auszureden, was ich mit eigenen Ohren gehört habe«, sagte er stur.

»Wahrscheinlich, weil du ein schlechtes Gewissen hast«, platzte sie heraus.

»Was!?«

»Weil du unsere Hochzeitsreise abgebrochen und mich einfach hier abgesetzt hast, darum!«

»Gina«, sagte er, »aber du weißt doch genau …«

»Daß deine Mutter verunglückt ist, ja! Und das tut mir furchtbar leid! Aber du hättest mich trotzdem nach Düsseldorf wenigstens mitnehmen können ich habe dich nicht gebeten, mich allein zu lassen! Wenn einer das Recht hat, dem anderen Vorwürfe zu machen, dann bin ich es!«

»Aber, Gina, ich dachte doch, du hättest begriffen … du wärst ganz einverstanden gewesen …«

»Du hast mich ja nicht ein einziges Mal gefragt!«

»Gina!«

»Wenn es doch wahr ist. Und jetzt wirfst du mir noch vor …also, das ist wirklich eine Gemeinheit …«

»Aber ich bitte dich, kannst du mir den erklären …«

»Nein! Und ich denke auch gar nicht daran! Entweder hast du Vertrauen zu mir oder du hast es nicht! Mich zu verdächtigen, bloß weil du eine falsche Nummer gewählt hast…«

»Falsche Nummer? Wie kommst du denn darauf?«

»Weil sich ein Mann gemeldet hat! Und hier bei mir ist nie ein Mann gewesen!«

Eine Weile blieb es still, dann sagte Thomas mit veränderter, sehr beherrschter Stimme: »Also gut. Ich habe dich nur angerufen, um dir zu sagen … ich werde zusehen, daß ich einen Schlafwagenplatz bekomme. Dann bin ich morgen früh in München.«

»Oh, Thomas, wie wundervoll!« rief sie begeistert.

»Und deine Mutter?«

»Es ist alles in Ordnung. Bis morgen dann!«

Sie wollte noch etwas sagen, aber er hatte schon eingehängt.

Aus der Küche drang ein brenzliger Geruch. Sie lief hin. Beißender Rauch erfüllte den ganzen Raum. Sie öffnete das Fenster und die Türe zum Küchenbalkon, warf dann erst einen Blick auf die Pfanne. Die Bratkartoffeln waren schwarz verbrannt, glichen Kohlenstückchen.

Gina schob die Pfanne auf eine kaltePlatte, drehte den Schalter ab. Sie regte sich nicht auf. Der Appetit auf Bratkartoffeln war ihr sowieso vergangen.

Sie suchte eine Weile herum, bis sie eine Zigarettenpackung auf dem Wohnzimmertisch entdeckte, zog eine Zigarette heraus, steckte sie zwischen die Lippen und zündete sie an.

Ohne es selber zu merken, seufzte sie tief.

Sie hatte Thomas angelogen, zum ersten Mal, seit sie sich kannten. Sie hatte gelogen, ganz ohne Sinn und Verstand; denn tatsächlich war es doch durchaus kein Verbrechen, daß sie ihren eigenen Bruder in der Wohnung gelassen hatte.

Wolfi, dieser Hornochse! Warum hatte er ihr bloß nicht gesagt, daß Thomas während ihrer Abreise angerufen hatte? Sie hätte sich gleich denken können, daß er ein schlechtes Gewissen hatte, als er so schnell abschwirrte. — Wenn er sich mal wieder blicken läßt, dachte sie wütend, dem werde ich aber mal tüchtig Bescheid stoßen! Mich in solch eine Situation zu bringen! — Sie ballte unwillkürlich die Fäuste, obwohl sie wußte, daß aller Zorn auf den Bruder die Dinge nicht mehr besser machen konnte.

Wenn sie geahnt hätte, daß Thomas etwas wußte, hätte sie natürlich sofort die Wahrheit gesagt. Aber sie hatte geglaubt, Thomas wollte nur auf den Busch klopfen und außerdem — sie hatte im Moment Wolfis Besuch selber total vergessen gehabt.

Nun war alles verfahren. Thomas glaubte ihr nicht, und wenn dazu noch die Sache mit dem Geld aufkam — nicht auszudenken!

Gina rauchte nachdenklich und nervös, wobei sie sich zugeben mußte, daß ihr die Zigarette überhaupt nicht schmeckte. Bei den Eltern zu Hause hatte sie immer nur heimlich rauchen dürfen — in der Schule auf der Toilette, mit ihren Freundinnen auf einer versteckten Bank am See, abends auf ihrem Zimmer, wenn sie sicher war, daß niemand mehr heraufkommen würde — damals war es ihr immer ein Hochgenuß gewesen. Aber jetzt, da niemand mehr da war, der es ihr verbot, begann auch das Rauchen seinen Reiz zu verlieren.

Gina war sehr unglücklich.

Sie begriff, daß es nur eine Möglichkeit gab, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen — Thomas mußte die Wahrheit erfahren, die ganze Wahrheit.

Aber wie? Am Telefon konnte sie es ihm unmöglich sagen, er würde es falsch verstehen. Morgen, wenn er wieder zu Hause war? Sie fühlte, wie sie schon bei dem Gedanken an eine solche Aussprache der Mut verließ.

Das Beste würde sein, ihm zu schreiben. Aufsätze waren immer ihre Stärke gewesen. In einemBrief traute sie sich zu, alle Dinge richtigzustellen und so zu berichten, daß er begreift, daß sie keine Schuld traf.

Aber selbst wenn sie jetzt sofort schrieb, konnte der Brief ihn unmöglich, noch in Düsseldorf erreichen. Es war also sinnlos.

Gina stand auf. Sie spürte einen dicken Kloß in der Kehle. Sekundenlang überfiel sie der panische Wunsch, ihre Koffer zu packen und zurück zu ihren Eltern zu fahren.

Mit hängenden Schultern ging sie in die Küche, kippte den Inhalt des Aschenbechers in den Mülleimer. Sie suchte sich aus einer der Küchenschubladen ein stumpfes Messer und begann, die verbrannten Kartoffeln aus der Pfanne zu kratzen. Das war nicht gerade eine Arbeit, bei der sich ihre Laune bessern konnte.

Dann klingelte das Telefon.

Sie stellte die Pfanne aus der Hand, rannte ins Wohnzimmer, nahm den Hörer ab und meldete sich atemlos.

»Ich bin’s noch einmal Thomas«, sagte die Stimme ihres Mannes am anderen Ende der Leitung.

»Du?!«

»Ja. Ich möchte mich entschuldigen. Es scheint, ich habe dir vorhin Unrecht getan. Wahrscheinlich habe ich tatsächlich eine falsche Nummer gewählt.«

»Oh, Thomas, und ich …«

»Ich begreife, daß du dich aufgeregt hast. Ich hätte sowas nicht denken sollen.«

»Bestimmt nicht, Thomas, glaube mir du hast mir wirklich Unrecht getan.«

»Ich weiß, Kleines … tut mir leid. Entschuldige bitte.« Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Das kommt bloß daher, daß ich dich so sehr liebe!«

Nachher, als das Gespräch zu Ende war, brach Gina in Tränen aus. Sie weinte vor Erleichterung und vor Glück.

Thomas glaubte ihr, Thomas liebte sie! Wie gut, daß sie ihm nichts gestanden hatte! Nun brauchte er nie ein Wort von der ganzen blöden Geschichte zu erfahren. Das mit den fehlenden Liren, das würde sie auch noch in Ordnung bringen — Hauptsache war, daß Thomas Vertrauen zu ihr hatte.

Sie liebte ihn so sehr.

[21]

Angela Herrmann, Thomas Millers verheiratete Schwester, trat, das Kaffeetablett in beiden Händen, in das Wohnzimmer ihrer kleinen Neubauwohnung und lächelte Thomas, der sich im Schaukelstuhl niedergelassen hatte, mechanich zu.

»Na, alles in Ordnung zu Hause?« fragte sie, während sie Tassen, Untertassen, Zuckerdose und Sahnekännchen auf bunten Sefs anordnete, und ohne eine Antwort von Thomas abzuwarten, fügte sie in einem Atemzug hinzu: »Der Kaffee ist in fünf Minuten so weit.«

»Danke«, sagte Thomas, ohne selber zu wissen, ob sich diese Amwort auf den ersten oder den zweiten von Angelas Sätzen bezog.

Angela dachte nicht darüber nach, sie war ganz mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. »Der Doktor sagt, die Kinder dürfen morgen aufstehen, wenn sie heute den ganzen Tag ohne Fieber bleiben … na, du kannet dir denken, was das für eine gute Nachricht für mich ist! Als es ihnen sehr schlecht ging, war es schon schlimm genug…aber jetzt, wo sie sich allmählich besser fühlen, ist es einfach nicht mehr zum Aushalten.« Sie zündete die Kerze in dem Küpferstövchn an, sagte, während sie die Deckplatte wieder auflegte: »Na, hoffentlich lassen sie uns wenigstens in Ruhe Kaffee trinken. Jedenfalls habe ich es dunkel im Kinderzimmer gemacht und gedroht …«

Wie auf’s Stichwort wurde eine helle fordernde Kinderstimme laut, und Angela unterbrach sich. »Entschuldige mich bitte einen Moment, Thomas!« Sie eilte aus dem Zimmer.

Wenige Minuten später kam sie, die Kaffeekanne in der Hand, ins Wohnzimmer zurück. »Nichts von Bedeutung«, sagte sie, »Angi hat sich nur eingebildet, daß sie aufs Klo müßte, aber als sie darauf saß, konnte sie natürlich nicht. Ich hoffe nur, daß beide tatsächlich einschlafen werden, die Krankheit hat sie doch sehr geschwächt.«

Angela setzte sich Thomas gegenüber, goß sich selber und ihrem Bruder Kaffee ein, stellte die Kanne auf das Stövchen, bot Zucker und Sahne an.

»Ich bin übrigens ganz deiner Meinung, daß es angenehmer für Mutter ist, im Krankenhaus ein Zimmer für sich zu haben, aber ich wußte nicht, ob die Versicherung …«

»Das ist doch in so einem Fall ganz egal. Notfalls müssen wir eben etwas drauflegen«, sagte Thomas nervös.

»Wenn du dir das erlauben kannst …«

»Du etwa nicht?«

»Seit Angi auf die Welt gekommen ist, arbeite ich nicht mehr. Ich verdiene also seit Jahren keinen Pfennig.«

»Ach, hör doch auf damit. Glaubst du, ich weiß etwa nicht, wie gut Otto sich steht? Du hast mir doch selber gestern abend erzählt, daß ihr ein Grundstück gekauft habt? …«

»Ja, wir wollen bauen. Und gerade darum haben wir keinen Pfennig über« Sie griff in die Zigarettenschachtel, die Thomas ihr anbot. »Für das neue Haus habe ich mir sogar das Rauchen abgewöhnt … ich rauche jetzt nur noch zu besonderen Gelegenheiten, das heißt, wenn ich wo eine Zigarette schnorren kann.«

»Du hast dir immer schon in der Rolle der Märtyrerin gefallen.«

»Und du hast es von jeher geliebt, den Großzügigen auf anderer Leute Kosten zu spielen.« Ihr Ton war unversehens sehr gereizt geworden; sie merkten es beide gleichzeitig, blickten sich fast erschrocken an.

»Entschuldige, bitte, Thomas, ich habe es nicht so gemeint …« versicherte Angela, »warum muß man bloß immer seinen nächsten Menschen gegenüber so ekelhaft sein?«

»Weil die Distanz fehlt«, sagte er trocken. »Du willst dich also nicht an den eventuellen Mehrkosten beteiligen?«

»Ich kann es nicht.«

»Gut. Bitte. Von mir aus. Dann werden Gina und ich uns eben einschränken müssen.«

»Tut mir leid, Thomas …«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.« Er nahm einen Schluck Kaffee, stand auf, und begann, die Hände auf dem Rücken, in dem langgestreckten Raum auf und ab zu gehen.

»Thomas«, sagte sie.

»Ja?« Er blieb vor ihr stehen.

»Es gibt noch etwas, das ich mit dir besprechen möchte. Ich weiß, es ist vielleicht nicht eben der günstigste Augenblick …aber wer weiß, wann wir uns wiedersehen.«

»Los«, sagte er ungeduldig, »mach’s nicht so spannend!«

»Möchtest du dich nicht, bitte, wieder setzen? Deine Herumlauferei ist nicht gerade sehr angenehm für mich.«

Er ließ sich wieder in den Schaukelstuhl sinken. »Jetzt zufrieden?« Sie drückte ihre Zigarette aus, goß sich eine zweite Tasse Kaffee ein, nahm Zucker und Sahne — alles sehr bedachtsam mit dem kaum verborgenen Wunsch, Zeit zu gewinnen. »Ich möchte mit dir …über Mutter sprechen!« sagte sie schließlich.

»Der Arzt sagt …«

Sie unterbrach ihn. »Das meine ich nicht. Sicher wird sie wieder ganz gesund, daran zweier ich nicht … aber was dann?«

»Ich verstehe dich nicht …«

Sie nahm sich unaufgefordert eine zweite Zigaretteh;. wartete nicht, bis er ihr Feuer gab, sondern bediente sich selber. »Ich habe, ehrlich gestanden, nicht das Gefühl gehabt, daß sie sich bei uns sehr wohl gefühlt hat.«

»Wieso nicht? Mir hat Mamaimmer sehr sehr zufrieden geschrieben.«

»Möglich. Aber ich glaube nicht, daß sie es wirklich war.« Angela beugte sich vor und sah ihren Bruder eindringlich an. »Sieh mal, Thomas, was hat sie denn schon hier in Düsseldorf? Alle ihre Bekannten, ihre alten Freundinnen, die Geschäftsleute, die sie kennt, leben in München … aber das ist noch nicht das Schlimmste. Du siehst ja selber, wie klein unsere Wohnung ist. Wir konnten ihr nur die Kammer einräumen … eine Kammer für Mama! Dazu ist das ganze. Hatis so hellhörig und …«

»Aber ihr wollt ja sowieso bauen«, sagte er, »euer Aufenthalt hier ist also nur ein … Übergang.«

Sie überhörte seinen Einwurf. »Thomas, verstehst du denn nicht, wie quälend das alles ist. Für meine Familie und für Mama? Die Kinder müssen dauerrid still sein, sozusagen auf Zehenspitzen gehen, um die Großmutter nicht zu stören wenn wir abends Gäste haben, Menschen unseres Alters, ja, wie können wir da Mama dazu einladen? Tun wir es, ist der ganze Abend verdorben, denn sie paßt einfach nicht dazu tun wir es nicht, ist es noch schlimmer. Du glaubst doch nicht, es könnte irgendeine Stimmung aufkommen, wenn wir wissen, daß Mama in ihrer Kammer sitzt und grollt? Wenn sie aus dem Krankenhaus zurückkommt, wird alles noch schlimmer, denn dann wird sie doch bestimmt pflegebedürftig sein … und wer soll sich kümmern? Ich etwa? Ich habe mit dem Haushalt und den Kindern wahrhaftig genug zu tun. Bis jetzt konnte sie wenigstens einkaufen gehen und mich so ein bißchen entlasten, aber jetzt, nachdem sie im Treppenhaus gestürzt ist…«

Er unterbrach seine Schwester, fragte kalt: »Was willst du eigentlich, Angela? Mama abschieben? Wohin?«

»Nun, es gibt doch sehr nette … na, wie soll ich sagen … Institute …«

»Altersheime meinst du wohl.«

»Aber nein! Doch so etwas nicht! Ich stelle mir ein … ein nettes Damenstift vor. In Golzheim ist zum Beispiel eines … wunderbar, da würde Mama sich bestimmt wohl fühlen. Mit allem Komfort und sehr reizenden alten Damen.«

»Hast du schon mal mit Mutter darüber gesprochen?«

»Nein.«

»Warum erzählst du es mir dann? Das ist eine Sache, die nur Mama allein entscheiden kann.«

Angela nahm einen langen Zug aus ihrer Zigarette. »Thomas«, sagte sie, »du warst immer Mamas Liebling! Nein, das soll kein Vorwurf sein, wirklich nur eine Feststellung. Ich kann nicht mit ihr darüber sprechen. Bei mir würde sie es sofort in den falschen Hals kriegen. Tu du es, Thomas bitte, tu es für mich!«

»Nein«, sagte er entschlossen, »ich hätte dir gerne geholfen. Angela … aber das kann ich nicht.«

»Bist du zu feige?«

»Nein, ich halte es einfach für falsch. Mama soll nicht in ein Altersheim bitte, nenn es Damenstift, aber es ist doch im Prinzip dasselbe! Solange wir leben, sollte sie so etwas wirklich nicht nötig haben.«

»Bitte, von mir aus. Aber spiel nicht nur den Edelknaben …tu etwas! Hol Mama nach München zurück falls deine junge Frau damit einverstanden ist.«

»Bildest du dir etwa ein, ich müßte Gina deswegen um Erlaubnis fragen?«

»Müssen vielleicht nicht. Aber ich an deiner Stelle würde das schon tun. Die Hauptbelastung bei so einem Arrangement trägt ja doch immer die Hausfrau. Ihr Männer seid immer unterwegs … was wißt ihr denn schon!«

[22]

Für die Rückreise nach Garmisch hatte der junge Wolfgang Lowitzer — dank Ginas Hilfe — den Zug nehmen können.

Er traf eine halbe Stunde vor Ankunft des Bummelzuges ein, mit dern die Schüler am Samstag mittag aus Traunstein heimzukehren pflegten. Da er seine Angelegenheit mit Frieder Ullmann in Ordnung bringen und außerdem vermeiden wollte, durch eine vorzeitige Heimkehr die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erwecken, bummelte er auf dem Bahnhofsgelände herum, rauchte im Wartesaal seine Zigarette, die er sich bis jetzt aufgespart hatte, holte sich seine Schulmappe, die er in der Frühe bei einem Mädchen am Bahnhofsbüffet, das er von frühester Kindheit her kannte, zur Aufbewahrung gegeben hatte. Als der Schülerzug einlief, mischte er sich so unauffällig wie möglich unter die herausströmenden Jungen und Mädchen.

Frieder Ullmann kam, wie fast immer, allein. Er war nicht beliebt bei seinen Kameraden — warum, hätte wohl niemand genau zu sagen gewußt, man mochte ihn einfach nicht. Ullmanns Eltern waren erst vor drei Jahren zugezogen, er was als letzter in eine geschlossene Klassengemeinschaft gekommen, er sprach ohne den bayrischen Anklang der anderen — das allein genügte den Jungen, ihn abzulehnen. Ullmann, weit davon entfernt, sich um Sympathie zu bemühen, versuchte sich durch ein besonders herausforndes Auftreten und boshaften Witz dafür zu rächen. Er war ein glänzender Schüler, und auch das verübelte man ihm.

Als Wolfi Lowitzer ihn jetzt wenige Schritte vor sich hergehen sah, klein und geschmeidig, mit hochgezogenen Schultern, die ihn selbst von hinten arrogant erscheinen ließen, fühlte er die Wut in sich hochsteigen. Er war wütend auf Frieder Ullmann, weil er seinetwegen in eine solch unangenehme Klemme geraten war, gab innerlich - dem anderen die Schuld für den eigenen Unfall.

Er schritt rascher aus, um Ullmann einzuholen, legte von hinten, ohne ihn anzureden, die Hand auf seine Schulter und spürte mit Genugtuung, wie er zusammenzuckte.

Ullmanns leichtes Erschrecken verwandelte sich in Sekundenschnelle wieder in seine gewohnte spöttische Überlegenheit. »Lowitzer du!« sagte er und musterte den Klassenkameraden mit hochgezogenen Augenbrauen. »Na, alles in Ordnung?«

»Du wirst lachen … ja.«

»Dein Glück.«

Wolfi holte die zusammengefalteten Scheine aus der Brusttasche seines Anoraks, sagte: »Hier ist das Geld. Aber ich brauche eine Quittung.«

»Zu was?«

»Ich möchte nicht zweimal bezahlen müssen.«

»Sie einmal an!« Ullmann grinste. »Du machst dich!« Er öffnete seine Schulmappe, riß eine leere Seite aus dem Mathematikheft, schraubte seinen Kugelschreiber auf. »Also was soll ich schreiben?«

»D-Mark einhundertsiebenundachtzigfünfzig …soviel war es doch, nicht wahr? … zur Reparatur meines Mopeds erhalten zu haben bescheinigt Unterschrift und Datum.«

»Wenn’s weiter nichts ist! Bück dich mal, daß ich auf deinem Buckel schreiben kann.«

Wolfi tat es. »Na, vielleicht könntest du noch hinzufügen … damit sind meine sämtlichen Ansprüche an Wolfgang Lowitzer erfüllt.«

»Bitte, von mir aus.« Frieder Ullmann schrieb. »Man soll mir nicht nachsagen können, daß ich kleinlich bin.« Er hielt Wolfi den ausgeschriebenen Text unter die Nase. »So in Ordnung?«

Wolfi überflog ihn. »Hm«, sagte er, »kannst du wechseln?«

»Gib her!«

Wolfi reichte Ullmann die Scheine. Es waren, nach Abzug der Eisenbahnkarte, noch 190 DM.

»Ich weiß nicht, was du willst!« Ullmann steckte das Geld gelassen ein. »Das stimmt doch genau!«

»Aber …« Wolfi schnappte nach Luft.

»Der Rest ist Schmerzensgeld«, sagte Ullmann lächelnd, »… oder Schweigegeld, wenn dir das lieber ist.«

Wolfi stieg das Blut zu Kopf, er ging mit geballten Fäusten auf den anderen los. »Du … du, Schuft! Du gemeiner …«

Ullmann wich keinen Schritt. »Vorsicht, Lowitzer«, sagte er kalt, »du möchtest doch wohl nicht, daß alle Welt auf unseren kleinen Handel aufmerksam wird … oder? Ich kann jeder Zeit erklären, weshalb ich das Geld von dir verlangen mußte … aber du? Ich möchte wetten, du kannst noch nicht einmal sagen, woher du es hast.«

»Glaubst du etwa ich habe es geklaut?«

»Wahrscheinlich. Aber reg dich nicht auf. Mich interessiert das nicht. Ich bin kein Spitzel.« Ullmann weidete sich an Wolfis Zorn. »Übrigens, fast hätte ich es vergessen … du kannst dich zu Hause auf. einiges gefaßt machen. Dein Vater wollte dich von der Schule abholen, und da habe ich ihm natürlich sagen müssen, daß du heute gar nicht da warst. Am besten denkst du dir gleich eine plausible Erklärung aus.«

»Und das sagst du mir erst jetzt!?«

»Na klar. Wie ich dich kenne, hättest du versucht, mit dem bißchen Geld in der Tasche auf und davon zu gehen …vor dieser Blamage wollte ich dich bewahren. Sei dankbar!«

Frieder Ullmann grüßte ironisch mit erhobener Hand, wandte sich auf dem Absatz um und schritt, die Hände in den Hosentaschen, mit hochgezogenen Schultern gelassen davon. Zurück blieb Wolfi Lowitzer, wütend, verzweifelt und völlig durcheinander.

Am liebsten wäre er noch in dieser Minute auf und davon gegangen, hätte der Heimatstadt, dem Elternhaus, der ungeliebten Schule ein für allemal den Rücken gekehrt. Aber ein Rest von Vernunft hielt ihn vor diesem letzten Schritt zurück. Ohne Geld würde er kaum weit kommen, und er kannte seinen Vater. Da er jetzt schon wußte, daß er nicht in der Schule gewesen war, würde er bestimmt noch diesen Nachmittag die Polizei alarmieren, wenn er nicht rechtzeitig nach Hause kam.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Heimweg zu machen und es wieder einmal mit sturem Leugnen zu versuchen, eine Taktik, die von ihm und seiner Schwester in der Vergangenheit oft mit Erfolg angewandt worden war. Eine Erklärung oder gar Entschuldigung für sein Schuleschwänzen wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen.

»Hallo, Mammutschka«, sagte er mit gespielter Ahnungslosigkeit und warf seine Schulmappe unter die Flurgarderobe, als Frau Lowitzer ihm die Haustüre öffnete, »hast du mir schon was wann gemacht? Ich habe einen Mordshunger!«

»Wo warst du?«

»Ich?« Wolfi riß die Augen auf. »In der Schule natürlich. Wo denn sonst?«

»Eben das würde deinen Vater interessieren. Zieh dir den Anorak aus und geh hinein. Vater wartet auf dich.«

Wolfi tat verwirrt. »Sag mal … was ist denn eigentlich los? Du bist so komisch. Habe ich etwa was ausgefressen?«

»Geh nur hinein. Du wirst es schon erfahren.«

Dr. Lowitzer erhob sich hinter seinem Schreibtisch, als der Junge eintrat, kam ihm ein paar Schritte entgegen.

»Hallo, Vater!« Wolfis Stimme klang beklommen.

»Komm, setz dich!« Dr. Lowitzer wies seinem Sohn einen der Sessel an dem runden Tisch an. »Ich denke, du hast mir einiges zu erzählen.«

»Ich …dir?!«

»Ja, Wolfi. Ich hoffe es jedenfalls.«

»Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst … auch Mutter war schon so komisch … was ist denn los?«

»Weißt du es wirklich nicht?«

Wolfis Gesicht hellte sich auf. »Bist du etwa wütend wegen dem blöden Witz den der Ullmann gemacht hat? Er hat dir gesagt, daß ich heute nicht in der Schule war, wie? Aber das hast du doch nicht geglaubt.«

»Doch, Wolfi«, sagte Dr. Lowitzer ruhig.

»Doch? Aber, Vater …«

»Du bist ein glänzender Komödienspieler, Junge!« Dr. Lowitzer schnitt bedächtig die Spitze seiner hellen Zigarre ab. »Aber du verschwendest dein Talent, oder anders ausgedrückt, du kämpfst auf verlorenem Posten. Ich gebe dir noch eine letzte Chance ich hoffe, du wirst dich doch noch entschließen, die Wahrheit zu sagen.«

Aber Wolfi hatte sich schon zu sehr verrannt; er konnte nicht mehr zurück »Warum sollte ich denn lügen?« sagte er dumm.

Dr. Lowitzer hatte sich seine Zigarre angezündet, paffte ein paar runde, bläuliche Wölkchen in die Luft. »Ich habe mit deinem Klassenlehrer gesprochen«, sagte er beherrscht, »du warst nicht in der Schule.«

Wolfi schwieg, zog mit der Schuhspitze das Muster des Teppichs nach.

»Möchtest du dich nicht jetzt endlich zu einem Geständnis bequemen?«

»Ich weiß nicht, was ihr alle gegen mich habt«, sagte Wolfi mürrisch.

Mit Dr. Lowitzers Geduld war es zu Ende. Er sprang auf, warf die eben erst angezündete Zigarre in die Aschenschale, brüllte: »So, das weißt du nicht?! Du schwänzt die Schule und weißt nicht, weshalb ich dich dafür zur Rechenschaft ziehen muß?!«

»Nein, wirklich nicht, Vater«, sagte Wolfi unsicher, »ich weiß gar nicht, was du von mir wissen willst es ist einfach so passiert.«

»Passiert?«

»Ja. Sowas kann doch mal vorkommen. Heute früh bin ich zu spät zum Zug gekommen, und weil ich es doch nicht mehr rechtzeitig schaffen konnte, habe ich mir gedacht … also, ich hatte einfach mal keine Lust, zur Schule zu gehen.«

»Und wo hast du den ganzen Vormittag gesteckt?«

»Och, mal hier, mal da … genau weiß ich das gar nicht mal mehr.«

Dr. Lowitzer nahm seine Zigarre auf, die Glut war erloschen, er mußte ein neues Streichholz nehmen. »Und wie oft ist sowas schon vorgekommen?« fragte er und sah seinen Sohn über die Flamme hinweg forschend an.

»Noch nie!« Wolfi war ganz erleichtert, daß er endlich die Wahrheit sagen durfte. »Also wirklich nie, nie, Vater! Da kannst du fragen, wen du willst.«

»Um so besser für dich. Damit es aber auch tatsächlich das erste und letzte Mal bleibt, muß ich dir leider einen Denkzettel erteilen. Du bleibst heute und morgen auf deinem Zimmer, das Essen bringt dir die Mutter hinauf …«;

Wolfi sprang auf. »Nein!«

»Du weigerst dich?«

»Ja, weil es einfach eine Gemeinheit ist! Ihr könnt mich doch nicht das ganze Wochenende einsperren, nur weil ich …« Er stockte.

»Na, sprich es nur aus! Weil du einen ganzen Schultag versäumt und dazu noch mit dreister Stirn gelogen hast! Scheint dir das zu wenig? Dann sind wir verschiedener Meinung. Mein Vater hätte mir für soviel Verantwortungslosigkeit eine tüchtige Tracht Prügel verpaßt, ich halte nichts von solchen Maßnahmen. Aber zwei Tage absolute Ruhe werden dir unbedingt gut tun. Du kannst da mal darüber nachdenken, was du deinen Eltern und deiner Mitwelt schuldig bist.« Und als Wolfi mitten im Raum stehenblieb und verstockt an ihm vorbei sah; fügte er hinzu, heftiger, als er gewollt hatte: »Geh jetzt! Ich will dich nicht mehr sehen.«

Wolfi wandte sich ab, verließ das Zimmef und ging, ohne den fragenden Blick seiner Mutter zu erwidern, die Treppe hinauf. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Wut loszuheulen.

Er fühlte sich unverstanden und schlecht behandelt.

[23]

Der D-Zug aus Düsseldorf lief am Sonntagmorgen kurz nach sechs Uhr früh auf dem Hauptbahnhof München ein.

Gina Miller hatte schon seit einer halben Stunde hinter der Sperre gewartet. Sie fror erbärmlich, denn der Herbstmorgen war kühl und ein wenig dunstig. Sie hatte in der Nacht zuvor nur unruhig geschlafen, war, noch in der Dunkelheit, mit nüchternen Magen aus dem Haus gestürzt, um Thomas nur ja nicht zu verpassen.

Dabei wußte sie nicht einmal; ob er mit diesem Zug kam. Sie hatte es nur vermutet, weil er von einem Schlafwagenplatz gesprochen hatte, und sie hatte so große Sehnsucht nach ihm, daß sie unter keinen Umständen länger als nötig von ihm getrennt sein wollte.

Jetzt, da der Zug endlich einlief, ballte sie vor Erregung die Hände. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Strom der ankommenden Reisenden besser übersehen zu können — eine Gruppe unnatürlich lustiger junger Burschen, einige Herren, grau, übernächtig, mit schweren Aktentaschen unter dem Arm, wahrscheinlich Vertreter, eine Dame mit einem kleinen Mädchen, ein älterer Herr in einem Ulster mit Pelzkragen, und dann endlich — ihr Mann.

»Thomas!« rief sie so laut, daß die Umstehenden sie teils mißbilligend, teils belustigt ansahen.

Es kümmerte sie nicht. »Thomas!« rief sie noch einmal und vergaß ganz, daß sie eine verheiratete Frau war; sie sprang ungeduldig und begeistert von einem Fuß auf den anderen.

Jetzt hatte er sie entdeckt. Der Schimmer eines Lächelns erhellte sein männliches, verschlossenes Gesicht, er winkte ihr kurz mit der behandschuhten Rechten.

Die Sekunden, die vergingen, bis er hinter den anderen Reisenden die Sperre passiert hatte, schienen ihr eine Ewigkeit. Sie warf sich in seine Arme, spürte den rauhen Stoff seines Mantels an ihrer Wange, schnupperte seinen herben frischen Geruch.

Er strich ihr zärtlich und doch leicht verlegen über das blonde ungebärdige Haar, von dem ihr das seidene Tuch gerutscht war, sagte unbeholfen und sehr gerührt: »Na, na, na, Kleines du tust ja, als käme ich von einer Weltreise zurück.«

Sie hob den Kopf, und er sah, daß in ihren schönen grauen Augen Tränen glänzten. »Ich habe solche Sehnsucht nach dir gehabt!«

»Ich auch nach dir«, sagte er und versuchte behutsam, sich aus ihrer Umarmung zu befreien, »aber jetzt sind wir ja wieder beisammen … zu Hause haben wir Zeit genug, Wiedersehen zu feiern!«

»Aber auf dem Bahnhof ist es doch am schönsten!« Sie lächelte unter Tränen und in ihren bräunlichen Wangen erschienen jene winzigen Grübchen, die ihn seit ihrer ersten Begegnung immer wieder entzückt hatten.

Sie hakte sich bei ihm ein. »Weißt du, sowas kommt so oft im Kino vor … Paare, die sich auf dem Bahnhof nach langer langer Zeit endlich wieder in die Arme sinken dürfen. Ich habe immer ein bißchen dabei weinen müssen … aber natürlich nur so, daß niemand es merkte. Meine Freundinnen hätten mich nicht schlecht ausgelacht.«

»Kindskopf«, sagte er und gab ihr von der Seite einen raschen Kuß auf die Nase, »deine Liebespaare im Kino hatten bestimmt nie Hunger, was? Und mir knurrt der Magen.«

»Ich könnte jetzt auch was vertragen«, gab sie zu, »ich habe noch nicht gefrühstückt.«

»Verschlafen?«

Sie sah ihn mit einem großen Augenaufschlag an. »Was du denkst! Ich wäre viel zu aufgeregt gewesen, um was herunterzubringen. Überhaupt …« Sie schob die Unterlippe vor und machte einen Schmollmund.

»Na … was denn?«

»Du bist kein bißchen überrascht, daß ich dich vom Zug abhole. Dabei hattest du mir nicht einmal gesagt, wann du kommst. Ich dachte, du würdest platt umfallen vor Freude und statt dessen …«

»Ich bin platt umgefallen«, sagte er lächelnd und drückte ihren Arm fester an sich, »jedenfalls innerlich. Ich bin immer noch ganz weg vor Überraschung, ich kann mir so etwas nicht so anmerken lassen. Aber als ich dich vorhin sah, da war es mir …« Er stockte.

»Wie?« fragte sie, begierig, ein Kompliment zu hören.

»Na, ich dachte mir sehr unvernünftig von den Eltern, daß sie dieses reizende kleine Schulmädel in aller Herrgottsfrühe allein auf den Bahnhof lassen!«

»Schuft!« Sie puffte ihn in die Rippen, sagte ernsthaft: »Das kommt nur, weil ich heute früh Schuhe mit flachen Absätzen angezogen habe, damit wirke ich gleich ein paar Zentimeter kleiner und …« Sie unterbrach sich. »Jetzt habe ich wieder einmal das Wichtigste vergessen wie geht es deiner Mutter?«

»Danke«, sagte Thomas, »der Arzt hofft, sie ist über den Berg.«

»Gott Sei Dank.«

Sie waren in der Bahnhofshalle angekommen, sie wollte die Richtung zum Hauptausgang einschlagen, aber er dirigierte sie mit fester Hand nach rechts.

»Was hast du vor?« fragte sie erstaunt.

»Wirst du gleich sehen.« Beim Blumenkiosk erstand er ihr sieben eben erblühte Rosen, und sie errötete vor Glück.

Er überreichte sie ihr mit einer feierlichen kleinen Verbeugung. »Ist das für’s Frühaufstehen?« fragte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

»Nein«, sagte er und sah ihr lächelnd in die Augen, »Ich hatte eigentlich vor, dir diese Rosen ans Bett zu bringen.«

»Da ist mir ja fast etwas entgangen«, sagte sie, aber das Leuchten ihrer Augen Strafte ihre Worte Lügen.

Sie kauften am Bahnhof noch frische Semmeln, durchwachsenen Speck und ungarische Salami und fuhren in einer Taxe nach Hause. Thomas ließ es sich nicht nehmen, selber das Frühstück zu richten, während Gina das Schlafzimmer in Ordnung brachte.

»Na, was hast du für einen Gatten?« fragte er stolz, als er sie zwanzig Minuten später an die gedeckte Küchenbar rief.

Er hob den Deckel von der Pfanne, und sie schnupperte genüßlich den Duft von gebratenen Eiern und Speck.

»Prima«, sagte sie anerkennend und zog sich den Hocker an die Bar, »aber immerhin … Spiegeleier braten kann ich auch.« Sie tat sich ein Stück Zucker in die Kaffeetasse. »Und Neskaffee kochen ist schließlich auch keine Kunst.«

»Bravo«, sagte er belustigt, »und da wir gerade dabei sind was kannst du sonst noch? Ich denke nicht an Mathematik oder Latein … ich meine natürlich im Haushalt!«

»Bratkartoffeln«, sagte sie und dachte voll Unbehagen an die verkohlte Mahlzeit von gestern, »Rührei und Pfannenkuchen …«

»Ist das alles?«

»Warte. Mir wird schon noch was einfallen.« Sie steckte sich ein tüchtiges Stück Ei und gebratenen Speck in den Mund, sagte, als sie es hinuntergeschluckt hatte: »Überhaupt kochen kann man doch lernen. Jeder hat mal klein angefangen.«

»Stimmt. Aber ob eine Ehe nun gerade der richtige Übungsplatz ist?«

Sie ließ die Tasse sinken, die sie gerade an die Lippen hatte setzen wollen, und sah ihn aus großen Augen an: »Aber das hast du doch gewußt … ich habe doch nie behauptet, daß ich von der Hausarbeit viel verstehe!«

Er streckte seine Hand über den Tisch, sagte beruhigend. »So habe ich es ja nicht gemeint, Gina … ich will dir doch keinen Vorwurf machen. Nur … mir scheint, jetzt ist doch der Moment gekommen wo wir uns ernsthaft mit diesem Problem befassen müssen.«

»Jetzt? Beim Frühstück? Wo du gerade erst nach Hause gekommen bist?«

Er war sofort bereit einzurenken. »Entschuldige, bitte, vielleicht hast du recht. Verschieben wir es also auf später. Möchtest du noch ein Ei?«

»Nein, danke.«

»Wirklich nicht? Dann werde ich es nämlich essen. Es hat keinen Zweck, die Dinger kalt werden zu lassen.«

»Iß nur«, sagte sie geistesabwesend.

»Um auf etwas anderes zu kommen«, sagte er und stippte ein Stück Semmel in das Eigelb, »da unsere Hochzeitsreise ja nun einmal geplatzt ist, habe ich mir überlegt … wahrscheinlich ist es das Beste, ich gehe so bald wie möglich wieder in die Kanzlei zurück …« Er sah sie prüfend an.

»Wie du meinst«, sagte sie ausdruckslos.

»… und wir holen unsere Flitterwochen nach. Nächstes Frühjahr. Oder wir fahren zum Wintersport. Überleg dir das mal.«

»Sehr schön«, sagte sie.

»Was? Eine Frühjahrsreise? Oder Wintersport?«

»Das mußt du entscheiden.«

Er runzelte die dunklen Augenbrauen. »Was ist los mit dir? So kenne ich dich ja gar nicht! Schlechte Laune?«

»Nein«, sagte sie, »nur … du hast da vorhin was angeschnitten, und ich möchte es jetzt ganz genau wissen. Wieso ist es auf einmal ein Problem, daß ich noch nicht sehr im Haushalt bewandert bin? Bisher hast du noch nie etwas dabei gefunden.«

»Ich finde auch jetzt nichts dabei.«

»Warum redest du dann so komisch?«

»Gina, bitte, ich dachte nur … ich will dir ja nur helfen!«

»Das ist sehr lieb von dir«, sagte sie steif, »aber ich hoffe, daß ich es auf die Dauer schon allein schaffe.«

»Sicher, Gina, ich weiß, daß du sehr tüchtig sein kannst, wenn du willst. Aber ich sehe nicht ein, warum du es dir unnötig schwermachen willst, wenn es auch anders geht.«

»Wie anders?«

»Gina«, sagte er, »wahrscheinlich ist es falsch, daß ich dich jetzt damit überfalle, aber ich mag einfach keine Geheimnisse vor dir haben. Kannst du das verstehen?«

»Ja«, sagte sie beklommen.

»Na also. Nun paß mal auf ich habe mit meiner Schwester Angela gesprochen. Über Mutter. Und es sieht leider ganz so aus … ich habe das natürlich nie geahnt … daß meine Mutter sich nicht sehr wohl in Düsseldorf gefühlt hat. Jetzt kommt noch dazu, daß sie nach ihrem Unglück schonungsbedürftig ist … Angela wohnt im fünften Stock, und es gibt keinen Lift im Haus … man kann Mama kaum zumuten, täglich diese Treppen zu gehen. Kurz und gut … glaub mir, ich habe mir die Sache die ganze Nacht überlegt … ich bin zu der Einsicht gekommen, daß es das Beste sein wird … das Beste auch für dich, Gina … wenn wir Mama zu uns nehmen.« Er machte eine kleine Pause und sah sie erwartungsvoll an.

Eine Weile saß sie? ganz stumm, dann sagte sie: »Bitte, gib mir eine Zigarette!«

Er reichte ihr das Päckchen über den Tisch, gab ihr Feuer.

Sie nahm einen tiefen Zug. »Wie würde es dir gefallen«, fragte sie dann, »wenn ich dir vorschlüge, meine Mutter zu uns zu nehmen?«

»Wenn wir aus irgendwelchen Gründen uns in eurem Haus in Garmisch einquartieren müßten, würde ich natürlich nicht daran denken, deine Eltern zu vertreiben.«

»Ich …habe …also …deine…Mutter …vertrieben?« fragte sie, jedes einzelne Wort betonend.

»Sie ist deinetwegen gegangen.«

»Aber die Wohnung gehört ihr?«

»Im Grunde genommen ja. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Es geht nicht um die Wohnung, sondern darum, daß sie meine Mutter ist und daß ich mich verpflichtet fühle, für sie zu sorgen … nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern wirklich … als Sohn. Ich liebe meine Mutter sehr, Gina …«

»Mehr als mich?«

Er stieß seinen Teller zurück, nahm sich jetzt ebenfalls eine Zigarette. »Worauf willst du hinaus?« fragte er stirnrunzelnd.

»Ich fürchte, du wirst dich entscheiden müssen.« Sie konnte das Zittern ihrer Stimme nicht verbergen. »Zwischen deiner Mutter und mir.«

»So«, sagte er, »jetzt will ich dich mal etwas fragen … hättest du mich denn nicht geheiratet, wenn du von Anfang an gewußt hättest, daß Mama hier bleiben würde?«

Ganz unvermittelt brach sie in Tränen aus. Sie schlug die Arme vor das Gesicht, warf ihren Kopf auf die Platte der Küchenbar, ihr junger Körper wurde von Schluchzen geschüttelt.

»Gina?« sagte er erschrocken, stand auf und kam auf ihre Seite. »Gina, bitte, wein doch nicht … du weißt doch, wie sehr ich dich liebe! Du bist doch meine Frau!«

»Ach, Thomas«, stammelte sie unter Tränen, »und ich hatte mir alles so schön vorgestellt …wir beide ganz allein! Nur wir beide! Es hätte alles so wunderbar werden können … und jetzt …«

Er zog sie ganz fest in seine Arme. »Ich weiß ja, Gina, ich weiß glaubst du nicht, daß es mir selber schwer genug fällt? Aber wir müssen es tun, ich habe keine Wahl, oder ich müßte mich selber verachten.« Er küßte ihr die Tränen von den Wangen. »Weine doch nicht, Gina, bitte, weine nicht … vielleicht kommt es ja gar nicht dazu! Ich habe mit Mama noch gar nicht darüber gesprochen … wer weiß denn, ob sie überhaupt will!«

[24]

Die Eröffnung, daß ihre Schwiegermutter wahrscheinlich zu ihnen ziehen würde, war für Gina ein schwerer und gänzlich unerwarteter Schlag gewesen. Aber mit der Elastizität ihrer jungen Jahre überwand sie ihn bald.

Schließlich hatte Thomas ja gesagt, daß seine Mutter voraussichtlich noch Monate im Krankenhaus bleiben mußte, und überhaupt war es ja noch gar nicht sicher, ob sie auf seinen Vorschlag überhaupt einging — auf alle Fälle, bis es soweit war, konnte noch viel passieren.

Wichtiger und vordringlicher war es, die Sache mit den fehlenden 32 000 Liren in Ordnung zu bringen, über die sie mit Thomas noch nicht hatte sprechen können. Sie traute sich durchaus zu, ihn auch in diesem Punkt glaubhaft anzuschwindeln, aber sie wollte es nicht. Sie hatte sich so fest vorgenommen, eine gute Ehe zu führen, und sie war überzeugt, daß es ohne gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Offenheit nicht ging.

Sie begriff, daß es ein schwerer Fehler gewesen war, ihm einzureden, daß er bei seinem Anruf aus Düsseldorf eine falsche Nummer gewählt hätte. Sie war zu verwirrt gewesen. Sein Mißtrauen, der Wunsch, sich zu verteidigen und ihren Bruder zu decken waren stärker gewesen, als ihr Wille zur Aufrichtigkeit. Aber noch war es nicht zu spät, die ganze Wahrheit zu sagen.

Aber es war schwer, sehr schwer, den Anfang zu finden. Thomas gab ihr keine Gelegenheit. Es fiel ihm auf, daß sie sehr bedrückt war, aber er schob es natürlich auf ihre Angst vor dem Zusammenleben mit der Schwiegermutter.

»Komm«, sagte er zärtlich, »nimm es nicht zu schwer, lächle ein bißchen! Hauptsache ist doch, wir beide haben uns lieb, nicht wahr?«

Sie holte tief Luft. »Thomas, ich muß dir etwas sagen …«

Das Telefon klingelte und sie brach ab.

Thomas ging an den Apparat, meldete sich, sagte ein paar Worte, gab dann den Hörer an Gina weiter.

»Wer ist es?« fragte sie.

»Deine Mutter.«

Gina nahm ihm den Hörer aus der Hand. »Wie lieb, daß du anrufst, Mutter …« sagte sie, leicht verlegen, weil Thomas im Raum war und ihr Gespräch mit anhörte.

»Ich hatte gedacht, du wärst noch allein«, hörte sie die Stimme der Mutter. »Deshalb wollte ich dich fragen, ob du nicht zum Essen oder wenigstens zum Kaffee zu uns kommen wolltest. Aber jetzt, wo Thomas wieder da ist …«

»Sehr lieb von dir, Mutter, aber ich glaube wirklich … weißt du, Thomas ist erst seit heute früh zurück und da möchte ich ihn nicht in der Gegend herum jagen!«

»Du hast natürlich recht, Gina. Dann ein andermal.«

»Wir kommen bestimmt bald, Mutter, alle beide. Wie geht’s denn Vater?«

»Er ist zum Frühschoppen in den ›Kronprinzen‹ gegangen.« Frau Lowitzer dämpfte unwillkürlich ihre Stimme, als wenn sie fürchtete, belauscht zu werden. »Es hat schweren Ärger gegeben, Gina, wegen Wolfi.«

»Ach …« sagte Gina und drehte sich unwillkürlich so, daß Thomas ihr Gesicht nicht sehen konnte.

»Zufällig hat Vater herausbekommen, daß Wolfi am Samstag die Schule geschwänzt hat. Er war sehr wütend. Wolfi darf übers Wochenende sein Zimmer nicht verlassen. Schon deshalb hatte ich gehofft, du würdest …«

Gina ließ ihre Mutter nicht zu Ende sprechen. »Weshalb?« fragte sie. »Ich meine weshalb war er nicht in der Schule?«

»Das haben wir nicht herausbekommen. Du weißt, wie verstockt Wolfi sein kann.«

»Wahrscheinlich hatte er einfach keine Lust.«

»Ja, genauso stellt er es dar. Aber Vater glaubt ihm nicht. Er denkt, es steckt etwas Schlimmeres dahinter.«

»Vater!« sagte Gina ironisch.

»Ja, so ist er nun mal. Aber er hat euch beide sehr lieb und hat immer nur das Beste für euch gewollt.«

»Natürlich, Mutter«, sagte Gina rasch, »das weiß Wolfi ja auch!«

»Was war?« fragte Thomas, als sie eingehängt hatte.

»Nichts Besonderes«, sagte Gina und sah ihn gedankenabwesend an. In dieser Minute faßte sie ihren Entschluß sie konnte und wollte ihren Bruder nicht noch mehr hineinreißen.

»Du siehst ja … ganz betroffen aus!« sagte er.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Wieso? Das kommt dir nur so vor. Mir ist nur gerade eingefallen …habe ich dir schon den Kassenzettel gegeben? Ich meine, die Bankquittung für die Lire, die ich auf dem Konto eingezahlt habebe? Nein? Siehst du, ich wußte doch … warte, ich hole ihn dir.«

»Das eilt doch nicht«, sagte er.

Aber Gina wollte es hinter sich haben.

Sie holte ihre Handtasche aus dem Schlafzimmer, zog die Quittung heraus, gab sie Thomas. »Da, bitte«, sagte sie.

Er sah sich den Kassenbeleg an, las ihn dann noch einmal, sehr aufmerksam, mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Wie kommt denn das?« sagte er. »Ich hatte dir doch achtzehntausendzweihundert gegeben und hier sind nur siebzehntausend angeführt.«

»Keine Ahnung«, sagte Gina scheinbar ohne Arg, »hätte ich sie nachzählen müssen? Ich habe sie so, wie sie waren, zur Kasse gegeben.«

»Na, das ist aber blöd.«

»Von mir?«

»Nein, nein, natürlich nicht von dir«, sagte er rasch, »ich meine überhaupt. Daß ich mich so geirrt haben soll. Ich begreife das gar nicht.«

»Wahrscheinlich waren es noch soviel, als du sie das letzte Mal gezählt hast«, sagte sie, »und nachher hattest du dann doch noch Ausgaben.«

»Schon möglich; Du bist sicher, daß sich die Scheine nicht in deiner Handtasche verirrt haben?«

Sie reichte ihm sofort die Tasche über den Tisch. »Sieh selber nach! Das ist genau die Tasche, in die du sie mir im Flugzeug gesteckt hast.«

Es war eine schmale, sehr elegante Tasche aus weichem weißem Leder. Thomas zog ein mit Lippenstift verschmiertes Taschentuch heraus, einen Taschenkamm, Portemonnaie, Schlüsselbund, eine Anzahl von Fahrscheinen und Eintrittskarten, die Gina sich zur Erinnerung aufbewahrt und noch nicht herausgenommen hatte, Lippenstift, Lidstift, Spiegel und Wimperntusche. Dann öffnete er die Tasche weit — es fielen ein paar Krümel heraus, ein Zehnpfennigstück, Sicherheitsnadeln.

»Na siehst du«, sagte Gina. »Kein Trick, kein doppelter Boden.«

Er zog aus einem Seitenfach eine schmale weiße Karte, hielt sie zwischen die Fingerspitzen, betrachtete sie mit zusammengepreßten Lippen.

Sie ahnte nichts. Nur sein Gesichtsausdruck machte sie stutzig.

»Weißt du das wirklich nicht?«

»Nein! Keine Ahnung!«

»Die Visitenkarte eines Verehrers.«

Sie beugte sich über seine Schulter, las: »Henry Horn!« lachte und sagte: »Ach so! Die muß er mir damals an der Bar hineingeschmuggelt haben!«

Er drehte die Karte wortlos um. Ihre Augen wurden weit, als sie las, was Henry Horn in zügiger, mühsam gebändigter Schrift auf die weiße Rückseite geschrieben hatte. »Tel. 773701. Denk daran, was du mir versprochen hast! Ich werde auf dich warten! Henry Horn.«

»Aber das muß ein Irrtum sein!« stammelte Gina ganz verblüfft.

»Daß du mir die Tasche gegeben hast? Ja, das war wohl ein Irrtum.«

»Aber, Thomas!« Sie packte ihn bei den Schultern, schüttelte ihn. »Ich schwöre dir, ich habe diese Karte nie gesehen! Glaubst du mir denn nicht?«

Er drehte sich um und sah ihr in die Augen. »Was hast du diesem Kerl versprochen?«

»Nichts! Gar nichts! Was denkst du denn?!«

»Was jeder Mann in dieser Situation denken würde.«

Es wurde ein verdorbener Sonntag, und Gina spürte mit Entsetzen, daß man auch in der Nähe des Menschen, den man liebt, sehr einsam sein kann.

Auch Thomas war erschüttert. Er erschrak vor seinem eigenen Mißtrauen. Er hätte Gina so gerne geglaubt, aber es kam zuviel zusammen. Henry Horns offensichtliches Interesse für Gina damals in Rom, die Tatsache, daß sich bei seinem Anruf aus Düsseldorf ein Mann am Apparat gemeldet und dann so eilig aufgelegt hatte, und jetzt diese Visitenkarte mit der unmißverständlichen Mitteilung.

Die Warnungen seiner Mutter fielen ihm ein. Hatte sie nicht am Ende doch recht gehabt? War es ein Fehler gewesen, so überstürzt zu heiraten? Kannte er Gina überhaupt? Was wußte er wirklich von ihr, außer daß sie sehr jung, sehr schön und sehr begehrenswert war?

Thomas Miller hatte in seinem Beruf als Rechtsanwalt allzu frühe und allzu tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele bekommen. Sein zur Skepsis erzogener Verstand vergrößerte noch die Verwirrung seines Herzens. Er wäre gerne allein gewesen, hätte in Ruhe über alles nachgedacht.

Aber Gina war bei ihm. In der Enge der kleinen Wohnung konnten sie sich nicht aus dem Wege gehen. Er spürte, daß auch sie litt und zwang sich, die Angelegenheit zu bagatellisieren.

So kam es zu einer Versöhnung, an der nichts echt war — nicht die Küsse, nicht die Blicke, nicht die Worte. Sie bemühten sich beide ehrlich, alles was zwischen ihnen stand, wegzuschieben, zu vergessen. Aber es gelang nicht. Die Wunden waren noch zu frisch, das einmal erwachte Mißtrauen ließ sich nicht so leicht wieder einschläfern.

Gina war froh, als der quälend lange Tag und die von Schatten erfüllte Nacht vorbei war und Thomas nach einem flüchtig bereiteten und flüchtig eingenommenen Frühstück die Wohnung verließ, um in seine Kanzlei zu fahren.

Sie war entschlossen zu handeln.

Thomas würde ihr nie mehr wirklich glauben, wenn sie nicht ihre Unschuld beweisen konnte, darüber war sie sich klar. In den schlaflosen Stunden der Nacht hatte sie sich einen Plan gemacht. Sie mußte Henry Horn zur Rede stellen.

Sie hatte ihn zwar in Rom zuletzt gesehen, aber das besagte gar nichts. Er konnte sich genauso gut schon wieder in München, wie auch in Berlin oder Paris aufhalten.

Sie stülpte den Papierkorb um, suchte die Visitenkarte heraus, die sie gestern achtlos zerknüllt und weggeworfen hatte, glättete sie sorgfältig und wählte die Nummer.

Das Preizeichen ertönte, und sie Wartete mit klopfendem Herzen.

Es war nicht Henry Horn, der sich meldete, sondern eine sehr liebenswürdige und geschäftsmäßige weibliche Stimme. »Guten Tag. Hier Atelier Henry Horn …«

Gina mußte schlucken. »Ich möchte gerne Herrn Horn sprechen …«

»Wen darf ich, bitte, melden?«

Gina zögerte den Bruchteil einer Sekunde. Dann sagte sie: »Vivian Geron …«

»Einen Moment, bitte…«

Noch ehe die Verbindung zustande kam, legte Gina ein. Sie hatte erfahren, was sie wissen wollte. Henry Horn war tatsächlich in München. Das genügte ihr. Sie hatte nicht die geringste Lust, sich mit ein paar Redensarten am Telefon abspeisen zu lassen.

Sie schlug das Telefonbuch auf, fand seine Adresse. Atelier und Privatwohnung des Fotografen lagen in der Sonnenstraße.

Gina nahm sich nicht die Zeit, das Frühstücksgeschirr zu spülen oder die Betten zu machen. Sie war noch in Schlafanzug und Morgenrock. Jetzt zog sie sich in fliegender Eile um. Sie wählte ein kleines marineblaues Jerseykostüm mit weißen Manschetten- und Kragenblenden, steckte ihr blondes Haar am Hinterkopf hoch, machte reichlich Gebrauch von Lippenstift und Wimperntusche. Dann war sie mit ihrem Aussehen zufrieden. Sie wirkte nicht mehr so jung und verletzbar, sondern älter, härter, selbstbewußter, und gerade das war es, was sie erreichen wollte. Sie war sich darüber klar, daß Henry Horn es ihr nicht leichtmachen würde.

Sie schlüpfte in ihren Kamelhaarmantel, schloß die Wohnung hinter sich ab und verließ das Haus. Eine Sekunde schoß es ihr durch den Kopf, was Thomas denken würde, wenn er auf die Idee kam, sie anzurufen, und niemand sich in der Wohnung meldete. Aber das mußte sie riskieren. Um das Glück ihrer Ehe zu retten, war kein Preis zu hoch.

Sie stand schon an der Straßenbahnhaltestelle, als ihr einfiel, daß sie ja keine Ahnung hatte, in welchem Stadtteil die Sonnenstraße lag. Sie fragte eine ältere Dame danach, die mit ihr wartete.

»Da stehen Sie hier ganz richtig«, sagte die Dame freundlich, »Sie können gleich mit der nächsten Bahn fahren … allerdings nur eine Station, bis zum Max-Weber-Platz. Da müssen Sie umsteigen und Richtung Stadtmitte bis zum Karlsplatz fahren die Münchner nennen ihn Stachus, aber das kommt auf dasselbe heraus. Verpassen können Sie ihn bestimmt nicht, und von dort aus … na, da fragen Sie am besten noch einmal.«

Gina überlegte, ob sie nicht doch besser daran tat, eine Taxe zu nehmen. Aber sie wußte nicht, wieviel es kosten würde, und sie scheute sich, neuen Ärger heraufzubeschwören.

Dann kam schon die Straßenbahn, und Gina stieg hinter der alten Dame ein. Gina kannte München. Sie hatte des öfteren mit ihren Eltern ein Wochenende hier verbracht. Dennoch hätte die Fahrt durch die Stadt, die fremden Gesichter und Gespräche um sie herum, die Geschäftsstraßen mit dem vielfältigen Verkehr ein prickelndes Abenteuer sein können. So aber war alles für sie überschattet von Angst, dem Gefühl der Einsamkeit und des Entwurzeltseins.

Als sie endlich das moderne riesige Bürohaus in der Sonnenstraße, in dessen oberstem Stock Henry Horn sein Atelier hatte, gefunden hatte, fühlte sie sich erschöpft und benommen.

Sie fuhr mit dem Lift nach oben und sah sich zwei Etagentüren gegenüber — die eine führte ins Atelier, die andere in die Privatwohnung des Modefotografen.

Nach kurzem Zögern klingelte sie am Eingang zum Atelier.

Der Summer ertönte, sie drückte die Tür auf, trat in eine kleine Diele, in der ein junges Mädchen mit karottenrot gefärbtem Haar hinter einem Schreibtisch saß und mit schlanken Fingern auf einer Schreibmaschine tippte. Sie sah nur flüchtig auf, als Gina herein kam, tippte dann eifrig weiter.

»Ich möchte …« begann Gina und trat näher.

»Moment!« Das rothaarige Mädchen ließ sich nicht in seiner Arbeit stören, dann erst, als sie die Seite beendet und aus der Maschine gezogen hatte, fragte sie: »’Schon mal dagewesen?«

»Nein«, sagte Gina verblüfft.

»Dann müssen Sie einen Fragebogen ausfüllen.« Das rothaarige Mädchen zog eine Schreibtischschublade auf und entnahm ihr ein doppelseitiges vorgedrucktes Formular.

Gina nahm es mechanisch entgegen. »Aber wozu?« sagte sie. »Ich möchte doch nur Herrn Horn sprechen.«

»Eben drum.«

Gina las den Vordruck, während das rothaarige Mädchen die Kohlepapiere aus den fertigen Blättern zog und einen neuen Stoß zusammenlegte.

»Name: …Künstlername: …Haarfarbe: …Gewicht:…Taille: … Brustumfang: …«, las sie und runzelte die glatte junge Stirn; dann plötzlich begriff sie. »Ach so«, sagte sie, »Sie glauben, ich will als Fotomodell arbeiten. Aber das stimmt nicht. Ich möchte bloß Herrn Horn sprechen privat.«

Die Rothaarige tippte sich mit ihrem sehr langen, blutrot lackierten Fingernagel gegen das Kinn und sah sie nachdenklich an. »Ich glaube nicht, daß Herr Horn Besuch erwartet«, sagte sie.

Gina war nahe daran, die Nerven zu verlieren. »Nein«, sagte sie heftiger, als es nötig gewesen wäre, »er erwartet mich sicher nicht. Aber ich muß ihn trotzdem sprechen. Melden Sie ihm das, bitte.« Und dann erst fiel ihr ein, daß sie sich noch gar nicht vorgestellt hatte, und sie sagte: »Ich heiße Gina Miller.«

»Wie Sie wollen«, sagte die Rothaarige nicht eben sehr freundlich, »ich kann’s ja versuchen.«

Sie nahm den Hörer des resedafarbenen Telefons ab, sagte: »Hallo … hallo, Chef! Ja, ich weiß, tut mir leid … aber hier ist ein Fräulein Miller, das Sie unbedingt sprechen möchte …«

»Nicht Fräulein … Frau!« sagte Gina rasch und hielt ihr den Ehering unter die Nase.

»Eine Frau Miller«, verbesserte sich die Rothaarige, sie lauschte einen Augenblick, wandte sich dann an Gina und fragte: »Um was handelt es sich?«

»Um eine Privatangelegenheit.«

»Um eine Privatangelegenheit«, wiederholte die Rothaarige in den Apparat. »Ja«, sagte sie dann, »danke. Ich habe es mir schon gedacht.« Sie hängte auf. »Herr Horn ist sehr beschäftigt«, erklärte sie Gina, »er bedauert sehr, aber er ist ganz außerstande, Sie jetzt zu empfangen. Vielleicht könnten wir einen Termin ausmachen …«

Gina begriff, daß man sie abwimmeln wollte. Das Blut stieg ihr zu Kopf. »Nein«, sagte sie, »es muß jetzt sein. Jetzt sofort. Es ist … wichtig für mich, begreifen Sie denn nicht? Ungeheuer wichtig.«

»Tut mir leid!« Die Rothaarige legte sich das Stenogramm zurecht und begann, Ohne Gina noch eines Blickes zu würdigen, erneut mit rasender Geschwindigkeit zu tippen.

Gina war den Tränen nahe. Sie fühlte sich zurückgestoßen und gedemütigt. Daß Henry Horn sie nicht empfangen würde, hätte sie sich nicht einmal in ihren bösesten, Träumen vorgestellt.

Sie blieb zögernd und hilflos mitten im Raum stehen, konnte sich nicht entschließen, so einfach unverrichteter Dinge abzuziehen.

Aus der Diele, einem kleinen, sehr intim eingerichteten Raum mit erdbeerrot und weiß gestreifter Tapete und schwarzen lederbezogenen Möbeln, führten verschiedene Türen in die umliegenden Räume. Wenn Gina geahnt hätte, in welchem Zimmer sich Henry Horn aufhielt, hätte sie es vielleicht gewagt, einfach einzudringen. Aber sie kannte sich nicht aus.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Wahrscheinlich hatte Henry Horn am Telefon gar nicht begriffen, wer sie war. Wenn es ihr gelänge, ihm klar zu machen …

Sie öffnete hastig ihre Handtasche, wühlte darin und fand tatsächlich Henry Horns zerknüllte und wieder geglättete Visitenkarte, die sie gedankenlos eingesteckt hatte.

Sie trat näher an den Schreibtisch, fragte: »Bitte, haben Sie einen Umschlag?« Sie mußte ihre Frage zweimal wiederholen, ehe die Rothaarige endlich den Kopf hob.

»Einen Umschlag?«

»Ja, bitte.«

Der Blick, den die Rothaarige ihr unter grün getönten Lidern her zuwarf, war alles andere als freundlich, aber sie rückte den Umschlag heraus, und das war für Gina die Hauptsache. Rasch steckte sie die Visitenkarte hinein, klebte ihn zu, reichte ihn über den Schreibtisch und sagte: »Bitte, bringen Sie das Herrn Horn!«

Die Rothaarige hob die Augenbrauen und schien eine ablehnende Antwort auf den Lippen zu haben, dann aber, als sie das verzweifelte Flehen in Ginas Augen sah, sagte sie nur: »Moment!« Sie drückte auf einen Knopf und wenig später erschien ein hemdärmeliger junger Mann, dem sie den geschlossenen Umschlag gab. »Für den Chef«, sagte sie und wendete sich ohne ein weiteres Wort wieder ihrer Schreibarbeit zu.

Gina ließ sich auf einen der schwarzen Stühle sinken. Die Streifen der rotweiß gestreiften Tapete verschwammen vor ihren Augen. Sie hatte das Gefühl, daß sich in diesen Sekunden ihr Schicksal entschied, ohne daß sie noch das Geringste dazu beitragen konnte.

Sie konnte nichts mehr tun als warten.

[25]

An seinem vertrauten Schreibtisch in dem kleinen Arbeitsraum in der Kanzlei »Dr. Jahn und Dr. Miller, Rechtsanwälte«, wie es auf dem Emailschild an der Eingangstür hieß, fand Thomas allmählich sein seelisches Gleichgewicht wieder.

Dr. Jahn hatte er noch nicht persönlich begrüßen können, da sein Sozius an diesem Morgen auf dem Amtsgericht zu tun hatte. Aber seine Sekretärin, Frau Bornhom, eine glücklich verheiratete Frau mit einer kleinen bürobekannten Schwäche für ihn, hatte ihn mit einem strahlenden Erröten empfangen, und Referendar Keilhammer hatte ihm, eine halbe Stunde nach seiner Rückkunft, einen dicken Stoß Akten auf den Schreibtisch geknallt, sehr erleichtert, die Verantwortung los zu sein.

Thomas Miller mochte den jungen Mann mit den porzellanblauen Augen und dem immer lachbereiten großen Mund. »Na«, sagte er lächelnd, »wieviel Prozesse haben Sie während meiner Abwesenheit zu einem guten Ende geführt, Keilhammer?«

Der Referendar zog eine komische Grimasse. »Um ehrlich zu sein …ich habe mich nicht mal durchgearbeitet. Ein Glück, daß Sie wieder da sind, Herr Doktor!«

»Hat’s was Neues gegeben in meiner Abwesenheit?«

»Nicht viel. In dem Schadenersatzprozeß Bünger contra Rebheim ist es zu einem Vergleich gekommen, den Termin Liebrecht hat Doktor Jahn selber wahrgenommen…na, und dann natürlich, das wird Sie besonders interessieren, in der Scheidungssache Ellmann gegen Ellmann liegt das Material der Detektei vor.«

»Na und? Haben Sie etwas herausbekommen?«

»Was glauben Sie?«

Dr. Thomas Miller runzelte ganz leicht die Augenbrauen. »Ich hoffe, Sie wollen mir jetzt nicht eine Wette vorschlagen, Herr Keilhammer!«

Der Referendar nahm den Tadel ungerührt hin. »Wäre unfair, Herr Doktor«, sagte er, »schließlich kenne ich ja schon das Ergebnis …«

Er suchte eine Akte aus dem Stoß, schlug sie weit hinten auf.

»Ich habe den Bericht gleich eingeheftet. Da, lesen Sie!«

Der Scheidungsprozeß Ellmann war einer jener Fälle, den Thomas Miller nur mit innerem Vorbehalt übernommen hatte, weil von Anfang an nur zu offensichtlich war, daß das menschliche und moralische Recht nicht auf Seiten seines Klienten stand. Heinrich Ellmann mochte ein tüchtiger Geschäftsmann sein, in seinem Beruf vielleicht sogar bis zu einer gewissen Grenze korrekt, in privater Hinsicht, und nur darum ging es in diesem Prozeß, war er jedoch alles andere als ein Ehrenmann. Er hatte gar keinen Hehl daraus gemacht, daß er seine Frau Jahre hindurch vernachlässigt, gedemütigt und betrogen hatte, bis sie endlich, als er es nicht einmal mehr für nötig hielt, den Schein zu wahren, die Geduld verloren und die Scheidungsklage eingereicht hatte. Daraufhin war Heinrich Ellmann bei Thomas Miller erschienen, um sich vertreten zu lassen, und zwar wollte er sofort mit einer Gegenklage antworten, weil er fest überzeugt war, daß seine Frau ihn betrog.

»Die hat einen Freund«, hatte er behauptet, »da gibt es gar nichts. Sonst wäre ihr nie der Gedanke gekommen, mich rauszuschmeißen!«

»Haben Sie Beweise?« hatte Thomas mechanisch gefragt.

»Nee. Wo denken Sie hin. Ich habe doch keine Zeit, ihr nachzulaufen. Das müssen Sie herausbringen, das ist doch Ihr Beruf.«

Sie hatten sich dann geeinigt, die Detektei Rameau zu Beauftragen, mit der Dr. Jahn und Dr. Miller schon vielfach sehr gut zusammengearbeitet hatten.

Und jetzt lag der Bericht der Detektei vor — ein Bericht, der für das Schicksal einer Ehe, einer Familie und einer schwer geprüften Frau entscheidend war.

Thomas Miller warf noch einen kurzen Blick auf das Foto, das Heinrich Ellmann der Detektei zur Verfügung gestellt und das jetzt an den abschließenden Bericht angeheftet war — es zeigte eine blasse, nicht mehr junge Frau mit einem schmalen Mund und traurigen Augen: Edith Ellmann, vierzehn Jahre verheiratet, drei unmündige Kinder.

Es ist ausgeschlossen, dachte er, völlig ausgeschlossen, daß diese Frau einen Liebhaber hat!

Wenige Minuten später war er froh, es nicht ausgesprochen zu haben. — Auf der zweiten Seite des Berichtes stand in dürren Worten zu lesen, daß »die fragliche Person« am Freitag, den 22. Oktober nachmittags zwei Uhr 35 die Wohnung eines gewissen Herrn Herbert Schumachers, Freyenstraße 27, betreten und dort bis kurz nach 17 Uhr geblieben sei. Sie habe für diesen Besuch auffällige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, das Taxi einen ganzen Block vor ihrem Ziel verlassen, sich häufig umgedreht und versucht, den rückwärtigen Verkehr in den spiegelnden Schaufenstem zu kontrollieren. Befragung der Hausbewohner Freyenstraße 27 habe ergeben, daß eine Frau, die aufgrund der Fotografie einwandfrei als »die fragliche Person« identifiziert wurde, des öfteren und immer zu verschiedenen Zeiten die Wohnung Schumachers aufgesucht habe. Herbert Schumacher sei Staubsaugervertreter, seit einigen Jahren geschieden und als ein sehr liebenswürdiger Mensch geschildert, der amourösen Abenteuern nie abgeneigt gewesen sei.

»Na, das haut hin, was?« sagte Keilhammer, als Thomas Miller die Akte aus der Hand legte. »Unser lieber Heinrich wird sich freuen.«

Thomas Miller konnte die Anwesenheit des jungen Mannes plötzlich nicht mehr ertragen. Er sah mit einer nervösen Bewegung auf seine Armbanduhr, hob den Telefonhörer ab, sagte heiser: »Lassen Sie mich jetzt, bitte, allein … ich habe zu arbeiten!« Er spürte selber, daß diese Aufforderung schroff, ja, verletzend geklungen hatte und versuchte, sie durch ein Lächeln zu mildern, das aber kläglich mißlang.

Referendar Keilhammer starrte ihn verblüfft, mit halboffenem Mund an, dann machte er auf der Stelle kehrt und verließ das Zimmer.

Thomas Miller saß, den Telefonhörer in der Hand, und spürte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er den Hörer nicht nur abgenommen hatte, um den jungen Mann zu vertreiben, sondern daß er wirklich hatte telefonieren wollen.

Er hatte die Detektei anrufen und beauftragen wollen, Gina überwachen zu lassen.

Er warf den Hörer auf die Gabel zurück, sprang auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn. War er denn wahnsinnig geworden? Kaum eine Woche verheiratet und schon hielt er es für möglich, daß seine junge Frau ihn betrog! Gina, die junge unschuldige Gina, die er von der Schulbank weg geheiratet hatte.

Nein, es war nicht ihre Schuld. All die Verdachtsgründe, die sich gegen sie angesammelt hatten, ließen sich bestimmt ganz harmlos aufklären. Sein Mißtrauen, seine krankhafte Eifersucht war es, die aus ein paar merkwürdigen Zufällen eine Tragödie machten.

Ja, er war krank, er war nicht mehr normal — nie zuvor war ihm so etwas geschehen, nie hatte er sich so aufgeführt.

Er dachte an die Frauen, die er vor seiner Ehe gekannt hatte — Vivian Geron zum Beispiel, die elegante selbstbewußte Vivian Geron. Wie oft war sie ohne ihn ausgegangen, allein verreist — und niemals hatte er auch nur eine Funken von Eifersucht gespürt. Und jetzt auf einmal

Arme Gina! Zärtliche Liebe strömte wie eine mächtige Woge in sein Herz. Arme, geliebte Gina! Er spürte plötzlich das Bedürfnis sie vor sich zu sehen, sie in seine Arme zu nehmen oder wenigstens ihre kindliche, ein wenig heisere Stimme zu hören.

Schon hatte er den Telefonhörer wieder in der Hand, wollte seine eigene Nummer wählen — aber er tat es nicht. Vielleicht würde Gina es falsch auffassen, würde glauben, er wollte ihr nur nachspionieren — nein, so ging es nicht. Er würde ihr heute mittag etwas mitbringen. Blumen? Nein. Etwas Persönlicheres. Handschuhe, einen Schal, vielleicht ein kleines Schmuckstück — nur so konnte er ihr zeigen, wie sehr er seine unvernünftige Eifersucht bereute, wie fest er entschlossen war, daß von nun an alles anders, besser werden sollte.

Dr. Thomas Miller atmete tief durch, setzte sich wieder an den Schreibtisch und zündete sich eine Zigarette an. Er schlug die Akte Ellmann gegen Ellmann auf, las den Bericht noch einmal und spürte mit unendlicher Erleichterung, daß er nichts mehr dabei empfand — nichts, gar nichts. Es war ein Fall unter vielen anderen, der sein Herz nichts anging, sondern nur seinen Verstand und sein juristisches Wissen beanspruchte.

Gina, Seine Liebe, seine Ehe hatten nichts damit zu tun.

[26]

»Ich bin untröstlich«, sagte Henry Horn und legte seine Hand mit einer sehr selbstverständlichen, fast besitzergreifenden Bewegung unter Ginas Arm, »können Sie mir noch einmal verzeihen? Aber wie hätte ich auch ahnen können …«

Er schob sie in einen großen, sehr luxuriös eingerichteten, aber überaus unordentlichen Raum — auf einem wunderbaren Gobelinsessel lagen halb aufgerollte Stoffballen kreuz und quer durcheinander, auf einer gotischen Truhe Stöße von leicht zerfledderten Zeitschriften, Fotografien gab es überall, selbst auf dem Fußboden, der mit einem riesigen bizarr bemusterten Teppich bedeckt war. In einer großen kupfernen Schale häuften sich Zigarettenstummel zum Teil mit korall- und zyklamroten Lippenabdrücken. Sie sah aus, als ob sie seit mindestens einer Woche nicht mehr geleert worden wäre. In einer Kristallvase stand, statt Blumen, ein zierlicher Damenregenschirm.

Er half ihr aus dem Mantel, legte ihn über eine Sessellehne.

»Setzen Sie sich, Gina«, sagte Henry Horn und wischte mit einer achtlosen Handbewegung ein paar herrliche Seidenschals von einem Schaukelstuhl, »machen Sie es sich bequem!« Er selber hockte sich auf einen niedrigen, reich geschnitzten Schemel und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Wie geht’s Ihnen denn? Sie sehen blendend aus, Kindchen. Seit wann sind Sie aus Rom zurück?« Er sah in einem überfallenden weißen Hemd aus grobem blauen Leinen unverschät gut und selbstsicher aus.

»Sie wissen …« sagte Gina, aber ihre Stimme klang gebrochen, so daß sie sich räuspern und noch einmal beginnen mußte: »Sie wissen, warum ich gekommen bin.«

Er zwinkerte belustigt mit den Augen. »Sie haben meine kleine Aufforderung gefunden.«

»Nicht ich«, sagte Gina, und ihre Hände krampften sich um ihre Handtasche, »mein Mann!«

Er tat einen langen Pfiff. »Au wei!«

Gina schluckte. »Warum haben Sie das getan?«

»Ich wollte Sie gerne wiedersehen. Ist das so unverständlich?«

»Sie lügen! Ich habe Ihnen niemals irgendein Versprechen gegeben, das wissen Sie ganz genau. Und Sie hatten auch kein Recht, mich zu duzen!«

»Na, na, na«, sagte er ungerührt, »das sind harte Worte!« Er zog ein zerknülltes Zigarettenpäckchen aus der Hosentasche, hielt es ihr hin.

Sie hätte gerne geraucht, aber sie wollte nicht friedfertig erscheinen. Sie schüttelte stumm den Kopf.

Er zeigte sich nicht getroffen. »Sie überschätzen mich«, sagte er grinsend, »noch bin ich nicht so weit, daß ich die Damen, die mich besuchen, mit präparierten Zigaretten betäube.« Er steckte sich eine zwischen die Lippen und zündete sie sich mit einem Tischfeuerzeug an.

Sie saß sehr aufrecht, die schlanken Beine nebeneinander gestellt und sah ihn unverwandt an.

»Also, wenn Sie es genau wissen wollen«, sagte er und strich sich einen Tabakkrümel von der Lippe, »es sollte ein Spaß sein. Ich dachte, es würde Sie amüsieren, wenn Sie meine Karte fänden.«

»Ich kann nicht den geringsten Witz bei dieser Sache entdecken«, sagte sie kalt, »anscheinend haben Sie einen makabren Humor.«

Er lachte, ganz herzlich und unbefangen. »Sie sind ein Goldstück, wahrhaftig! Wahrscheinlich ahnen Sie nicht einmal, wie süß Sie sind.«

Plötzlich begriff sie, daß alles gar keinen Zweck hatte. Er lebte in einer anderen Welt, er konnte sie nicht verstehen. Die Belastung für ihre Nerven war zu groß. Wenn sie noch eine Sekunde länger blieb, würde sie in Tränen ausbrechen.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte sie, stand hölzern auf und ging zu ihrem Mantel.

Mit einem Satz war er auf den Beinen. »Kindchen, was ist mit Ihnen?« fragte er, plötzlich ehrlich erschrocken.

Ihre Lippen zitterten. »Ich möchte gehen.«

»Aber warum denn? Habe ich Sie etwa beleidigt? Verdammt nochmal, machen Sie nicht so ein Gesicht, das ist ja nicht zu ertragen…«

»Herr Horn«, sagte Gina, »ich bin nicht gekommen, um Ihnen eine Szene zu machen. Lassen Sie mich lieber gehen, bevor ich anfange zu schreien …«

»Aber warum denn? Warum? Was habe ich Ihnen getan?«

»Sie haben meine Ehe zerstört … nur so zum Spaß, rein aus Vergnügen! Und da fragen Sie mich noch, was Sie mir getan haben?«

»Aber … ich konnte doch nicht wissen, ich konnte doch nicht ahnen.«

Sie verlor die Fassung. »Hören Sie auf, mich anzulügen!« schrie sie. »Es tut ihnen ja noch nicht einmal leid!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht, ihr junger Körper bebte vor Schluchzen.

Er wollte sie in die Arme hehmen, aber sie stieß ihn heftig und voller Zorn zurück.

Er rauchte, die linke Hand in der Hosentasche, seine Zigarette zu Ende wartete, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte.

Dann erst, als sie nach einem Taschentuch zu suchen begann, sagte er: »Sie irren sich. Es tut mir leid. Es tut mir sogar verdammt leid. Es war ein übler Streich. Ich weiß nur nicht, ob Ihnen mit dem Ausdruck meines Bedauerns gedient ist.«

»Bitte«, sagte Gina und sah ihn flehend an, »bitte, sprechen Sie mit meinem Mann! Erzählen Sie ihm, wie es wirklich war! Machen Sie ihm klar, daß ich gar nichts dafür konnte!«

Er überlegte kurz, dann sagte er entschieden: »Nein, Gina, das hat keinen Zweck!« Er hob die Hand, als sie ihm widersprechen wollte. »Ich würde es tun, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen damit helfen könnte. Aber es geht nicht. Was für einen Grund hätte Ihr Mann, ausgerechnet mir zu glauben? Nein, er würde es nur für ein abgekartetes Spiel halten. Ich kann Ihnen nicht helfen … beim besten Willen nicht!«

»Aber … Sie könnten es doch wenigstens versuchen.«

»Es würde Ihre Situation nur verschlimmern.« Er nahm ihr das Taschentuch aus der Hand, sagte: »So, nun halten sie mal ganz still«, und begann, behutsam ihre Augen abzutupfen. »Da!« Er zeigte ihr das Tuch, auf dem die Wimperntusche schwarze Spuren hinterlassen hatte. »Jetzt sehen Sie wieder menschlich aus.« Er öffnete ihre Handtasche, steckte das Tuch hinein. »Wenn Ihr Mann Ihnen nicht glaubt, zu wem sollte er dann Vertrauen haben?«

»Was soll ich bloß tun?« fragte sie verzweiflungsvoll.

»Am besten gar nichts. Gehen Sie hübsch ruhig nach Hause. Seien Sie nett und lieb zu Ihrem Mann, versuchen Sie, sich ganz natürlich zu benehmen. Das dürfte Ihnen ja nicht schwer fallen, denn tatsächlich haben Sie ja ein blütenreines Gewissen. Sie werden sich wundern, wie schnell diese ganze dumme Geschichte vergessen sein wird. Ihr Mann liebt Sie doch, nicht wahr?«

»Nicht mehr. Ich meine, ich weiß nicht, ob er mich noch liebt.«

»Dann wäre er ein schöner Esel. Kopf hoch, Kindchen, und wenn alle Stricke reißen, Sie wissen ja, Henry Horn ist immer für Sie da. Ohne Witz. Sie sind ein Typ, aus dem man etwas machen kann. Also, wenn Sie es nicht mehr aushalten können, wenden Sie sich getrost an mich, aber erst mal telefonisch, wenn’s geht, damit wir nicht wieder so eine Panne erleben wie heute morgen.«

»Danke«, sagte sie, obwohl sie wußte, daß es im Grunde genommen überhaupt keinen Grund gab, sich zu bedanken, »aber ich hoffe, so weit wird es nie kommen.«

»Na, sehen Sie!« lächelte er gönnerhaft, »ich freue mich, daß Sie das einsehen. Ein kleiner Ehekrach ist noch lange kein Grund zum Verzweifeln. Im Gegenteil, sowas frischt die Liebe nur noch auf. Und noch ein Rat, es gibt in der Ehe Situationen, in denen man seinem Partner alles, aber auch alles beibringen kann, kapiert? Sie wissen schon …«

Sie unterbrach ihn kühl. »Danke«, sagte sie und schlüpfte, ehe er ihr noch helfen konnte, in ihren Kamelhaarmantel, »leben Sie wohl!« Als er ihr die Hand küssen wollte, zog sie sie rasch zurück. Er brachte sie in den Vorraum.

An der Eingangstür klingelte es, und das rothaarige Mädchen drückte auf.

Vivian Geron trat ein, sehr elegant in einem tabakgrauen Wildlederkostüm und kleinem dunkelgrünen Jacqueline-Kennedy-Hut.

Unwillkürlich stellte sich Henry Horn schützend vor Gina. Aber Vivian Geron hatte sie schon gesehen.

»Gina, Liebste!« sagte sie frohlockend. »Was für eine reizende Überraschung! Aber ich war wahrhaftig nicht gefaßt, wieso sind Sie überhaupt schon in München? Ich hatte gedacht …«

»Frau Miller war gerade im Begriff zu gehen«, sagte Henry Horn entschlossen und führte Gina zur Etagentür, »ich danke Ihnen nochmals für Ihren Besuch, gnädige Frau und, bitte, grüßen Sie Ihren Gatten recht herzlich von mir!« — Erst als die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war, drehte er sich zu Vivian um.

»Hast du dich etwa in die Kleine verguckt?« fragte Sie ironisch. »Du tust ja gerade so, als wenn ich sie fressen möchte.«

Er ging vor ihr her in den Aufnahmeraum. »Du würdest es tun, wenn du sie damit aus dem Leben deines Doktor Millers entfernen könntest.«

»Na, erlaube mal!«

»Hör auf, mir etwas vorzumachen.« Er schloß die Türe sehr sorgfältig hinter ihr. »Du bist wütend, daß du ihn nicht hast halten können. Und statt einzusehen, daß es dir wahrscheinlich doch an weiblichen Qualitäten mangelt, versuchst du, das Glück dieses Kindes zu vernichten. Ich schäme mich, daß ich mich jemals für deine Ziele habe einspannen lassen. Jawohl, ich schäme mich. Aber jetzt ist Schluß damit. Endgültig. Du wirst mich nicht noch einmal einwickeln, verlaß dich drauf.«

»Also doch«, sagte sie ruhig und zündete sich eine Zigarette an.

Er starrte sie mißtrauisch an. »Was soll das heißen?«

»Nichts Besonderes. Du hast Feuer gefangen. Aber das weißt du wohl am besten selber.«

»Auch wenn es so wäre«, sagte er wütend. »dich geht es nichts an.«

»Darf ich mich nicht wenigstens darüber freuen? Ich gratuliere, Henry. Ich wußte immer, daß du einen ausgezeichneten Geschmack hast, und ich wünsche dir von ganzen Herzen Erfolg.«

»Du kennst mich sehr schlecht«, sagte er kalt, »von mir hat dieses Kind nichts zu befürchten. Ich wünsche ihr, daß sie glücklich wird. Auch wenn es dich noch so ärgert.«

»Warten wir’s ab«, sagte sie ruhig und drückte ihre Zigarette aus. »Es hat keinen Zweck, daß wir uns streiten. Kann ich die römischen Fotos sehen? Ich hoffe, du hast sie schon entwickelt.«

[27]

»Thomas«, sagte Gina atemlos vor Glück, als sie das kleine Päckchen öffnete, das er ihr beim Heimkommen mit einem beinahe schüchternen Lächeln in die Hand gedrückt hatte, »Thomas, das habe ich wirklich nicht verdient.«

Vor ihr lag, auf blauem Samt, eine zauberhafte kleine goldene Schleife.

»Doch«, sagte er, »du hast …«

»Nein«, sagte sie, und Tränen des Glücks stiegen ihr in die Augen, »nein, wirklich nicht, Thomas! Wo ich noch nicht einmal geputzt und gar nichts zu Mittag gekocht habe!«

»Schlimm, schlimm«, sagte er und setzte eine übertrieben finstere Miene auf, »dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als auswärts zu essen.«

Sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust. »Bist du mir wirklich nicht mehr böse?«

»Nein«, sagte er, »es war meine Schuld. Ich habe mich wie ein Idiot benömmen, wie ein eifersüchtiger Narr.« Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, sah ihr in die klaren grauen Augen. »Gina, kannst du mir verzeihen?«

»Ja«, sagte sie atemlos, »alles, alles, was du willst!«

Sie küßten sich lange, und die Glut, die wie eine Welle in ihnen aufstieg und sie beide mit sich fortriß, schwemmte alle bösen Gedanken, alles Mißtrauen, alle Feindseligkeit mit sich fort.

»Gina«, flüsterte er sehr dicht an ihrem Ohr, »eigentlich habe ich gar keinen Hunger.«

Sie lächelte ihn an, Tränen des Glücks in den Augen. »Ich auch nicht, Thomas, nicht ein bißchen!« Sie schmiegte sich noch fester in seine Arme. »Nur auf Liebe, auf deine Liebe.«

Aber später entschlossen Gina und Thomas sich doch noch essen zu gehen.! Einen Häuserblock weiter war ein kleines, gut bürgerliches Lokal, das Thomas früher nur aufgesucht hatte, wenn seine Mutter verreist war. Jetzt liefen sie Hand in Hand hinüber, glücklich wie die Kinder »Bestell etwas Rasches«, mahnte Thomas, als sie an einem Ecktisch, der eben frei geworden war, Platz genommen hatten. »Du weißt, ich muß in einer halben Stunde wieder in der Kanzlei sein.«

»Das schaffst du nie!«

»Stimmt! Und wer ist schuld daran? Du kleine Hexe.« Er zauste ihr zärtlich in der honigblonden Mähne. »Aber immerhin will ich versuchen, mit so wenig Verspätung wie nur möglich anzutanzen.«

»Ich könnte dir auch einen Entschuldigungsbrief schreiben«, neckte sie ihn.

»Ach, wirklich?« Er lachte. »Und wie würdest du ihn abfassen? Mein Mann Thomas konnte nicht rechtzeitig im Dienst sein, weil er einer unvorhergesehenen Verführung zum Opfer gefallen ist?«

Sie ergriff seine Hand. »Sag lieber Versöhnung! Wir haben uns jetzt doch versöhnt, Thomas, nicht wahr? Es ist alles wieder in Ordnung?«

»Ja, Gina, ja!«

»Und du glaubst mir, daß an dieser Sache mit Henry Horn gar nichts dran war?«

Er wurde plötzlich ernst. »Ich möchte nie wieder darüber sprechen!«

»Aber ich muß, Thomas, ich muß dir noch etwas sagen!«

Thomas war es gelungen, die Kellnerin herbeizulocken. Er bestellte für sich und Gina das erste Menü. »Und zwei Fläschchen Johannisbeersaftl« sagte er. »Aber schnell, bitte, Fräulein Lotte, wir müssen gleich wieder fort!«

»Es geht ganz fix, Herr Doktor«, versprach die Serviererin.

»Du bist hier wohl sehr gut bekannt?« fragte Gina mit aufsteigendem Unbehagen.

Er sah sie mit einem sonderbaren Ausdruck an. »Willst du etwa versuchen, den Spieß umzudrehen? Zu deiner Orientierung: Fräulein Lotte arbeitet in diesem Lokal seit drei Jahren. Es wäre also ein Wunder, wenn sie mich nicht kennen würde. Obwohl ich nur höchst selten hier gegessen habe.«

»Ach so«, sagte Gina, weniger von seinen Worten, als von dem Ton, in dem er sie gesprochen hatte, überzeugt.

»Also, was wolltest du mir sagen?«

Gina wagte nicht ihn anzusehen. »Ich war bei Henry Horn.«

»Was!?« Er reagierte noch heftiger, als sie befürchtet hatte.

»Ja, Thomas, bitte, bitte, versteh das nicht falsch! Ich wollte, ich habe einfach versucht, die Sache mit der Visitenkarte klarzustellen.«

»Wann?«

»Bitte, gib mir erst einmal eine Zigarette!«

»Jetzt vor dem Essen?« sagte er mechanisch. Aber gleichzeitig zog er schon sein Päckchen aus der Tasche, bot es Gina an, gab ihr Feuer und bediente sich selber.

Sie tat ein paar tiefe Züge. »Heute morgen«, sagte sie.

»Vorher nicht?«

»Thomas!«

»Entschuldige, bitte.«

Sie fühlte sich plötzlich in diesem gemütlichen kleinen Lokal, inmitten all den Menschen, an der Seite ihres jungen Ehemannes, so entsetzlich einsam, wie nie zuvor in ihrem Leben. Schauernd zog sie die Schultern zusammen.

»Was hast du?« fragte er. »Ist dir nicht gut?«

»Es hat alles keinen Zweck«, sagte sie tonlos, »du glaubst mir nicht, es hat gar keinen Zweck, dir irgend etwas zu erklären.«

»Gina«, sagte er bestürzt, »du weißt doch, wie sehr ich dich liebe.«

Sie sah ihn an, aus Augen, die plötzlich nicht mehr jung, sondern ernst und sehr wissend waren. »Was ist Liebe ohne Vertrauen?«

»Verzeih mir, ich will dir ja glauben, Gina. Ich will es versuchen, wirklich!«

Fräulein Lotte brachte die Suppe, aber weder Gina noch Thomas drückten ihre Zigarette aus.

»Henry Horn behauptete, das Ganze wäre nichts als ein dummer Witz gewesen«, sagte sie gepreßt, »aber ich bin sicher, Vivian Geron steckt dahinter. Sie hat es von Anfang an darauf angelegt, uns auseinanderzubringen.«

»Gina, ich bitte dich!«

»Als wenn du das nicht selber wüßtest! Henry Horn hat es ja auch zugegeben. Nur, er wollte mit dir nicht darüber sprechen. Ich habe ihn darum gebeten. Ja, deshalb bin ich doch überhaupt zu ihm gegangen. Aber er sagte, das würde alles nur noch schlimmer machen. Du würdest ihm bestimmt nicht glauben.« Sie schwieg.

»Ist das alles?«

»Alles, was Henry Horn betrifft.«

»Aber es gibt da noch etwas anderes?«

Er unterbrach sie, weil Fräulein Lotte wieder an den Tisch getreten war: »Sie können die Suppe wegnehmen«, sagte er.

Gina wartete, bis die Serviererin sich zurückgezogen hatte, dann bekannte sie mit Überwindung: »Als ich gerade gehen wollte, kam Vivian Geron.«

»Und?«

»Nichts weiter. Sie wird dir bestimmt heute noch alles erzählen. Von ihrer Warte. Sie wird versuchen, mich bei dir zu verdächtigen oder lächerlich zu machen.«

Er drückte seine Zigarette aus. »Hast du mir nur deshalb von diesem Besuch etzählt?«

»Ja«, sagte sie ehrlich.

Eine Pause entstand, eine schwere lastende Pause.

»Na schön«, sagte er schließlich, »ich glaube dir.«

Sofort leuchtete ihr junges Gesicht wieder voll Hoffnung auf. »Ehrlich, Thomas?«

»Ja. Sonst müßte ich ja verzweifeln.«

»Es war so, Thomas, genau wie ich erzählt habe. Ganz bestimmt. Mir liegt an diesem blöden Henry Horn gar nichts, nicht das Geringste, nur, ich war so verzweifelt. Ich mußte einfach etwas unternehmen, um dir meine Unschuld zu beweisen. Aber, ich habe einfach immer Pech.«

»Du hast sehr unbedacht gehandelt, Gina.«

»Jetzt weiß ich das auch! Aber ist das wirklich noch wichtig, wenn du’mir glaubst?«

»Nein«, sagte er, und endlich stand wieder das Lächeln in seinen dunklen Augen, das sie so sehr an ihm liebte, »nichts ist wichtig, Gina, außer dir und mir!«

»Ich bin ja so froh!« Sie nahm seine Hand, schmiegte ihre Wange hinein. »Oh, Thomas, ich bin ja so glücklich!« Tatsächlich war ihr, als wenn sie eine schwere Last von der Seele gewälzt hätte. Sie hätte laut singen mögen vor lauter Erleichterung.

Der Hauptgang wurde gebracht — Kalbsbraten mit Erbsen, Möhren und Kartoffelpüree — und er beobachtete mit Rührung, wie sie sich mit dern Heißhunger eines Schulmädchens auf das Essen stürzte. Er verstand sich selber nicht mehr — wie hatte er Gina, seine unschuldsvolle kindliche kleine Gina nur so verdächtigen können? Er liebte sie doch, und er wußte, daß er der einzige Mann in ihrem Leben war. Es war, als wenn ein böser Geist ihnen diese Liebe und ihr junges Glück nicht gönnte, als ob der Teufel selber im Spiel wäre.

»Thomas«, sagte Gina, kaum daß sie den letzten Bissen in den Mund gesteckt hatte, »ich muß dir noch etwas beichten.«

»Nicht schon wieder!«

»Doch! Ich, ich will einfach keine Geheimnisse mehr vor dir haben! Ich habe dich nämlich angelogen! Bitte, bitte, sei mir nicht böse! Es war ein Mann in der Wohnung, als du von Düsseldorf anriefst, und ich habe dir Geld geklaut!« Und dann erzählte sie ihm alles — von Wolfis überraschendem Besuch, von ihrer Verwirrung, dem Wunsch, ihm zu helfen, ihrer Angst, die Wahrheit zu sagen.

»So«, schloß sie tapfer, wenn auch mit zitternder Stimme, »nun weißt du alles, wirklich alles. Jetzt kannst du mir eine Watschen geben, wenn du willst, oder Hausarrest oder sonst irgendwas! Das ist dein gutes Recht. Ich wäre trotzdem froh, weil ich nun kein schlechtes Gewissen mehr zu haben brauche!«

»Gina, Gina«, sagte er »was bist du bloß für ein Kindskopf! Ich bin doch nicht dein Lehrer, der dich für eine Dummheit bestrafen möchte. Ich bin doch dein Mann!«

»Verzeihst du mir?« fragte sie rasch.

»Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Aber eines mußt du mir versprechen, ganz fest! Daß du nie mehr solche Streiche machst!«

»Ich habe dir doch erzählt, wie alles gekommen ist!« sagte sie, fast empört. »Ich wollte es ja gar nicht!«

»Ein erwachsener Mensch muß einfach wissen, was er tut; und er muß auch die Folgen seiner Handlungsweise voraussehen.« Er seufzte. »Versprich mir also etwas anderes, das ist viel einfacher, daß du mir in Zukunft immer die Wahrheit sagen wirst. Immer. Und nicht erst nach ein paar Wochen, sondern sofort.«

»Ja, Thomas«, sagte sie, »das will ich tun.«

Er glaubte ihr, und er war sehr froh, daß er ihr wieder glauben konnte. Die ganze törichte Geschichte mit Wolfis Mopedunfall und dem Geld, um das es gegangen war, hatte ihn mehr als alles andere davon überzeugt, daß sie ganz unschuldig und ohne bösen Willen gehandelt hatte. Nur ein unverbildeter junger Mensch war zu solchen Dummheiten fähig.

Er hatte ja gewußt, daß er ein Schulmädchen heiratete, und er, nur er, war für sie verantwortlich. Er nahm sich fest vor, sie vor allen Unbillen des Lebens zu beschützen — Gina, seine liebe junge Frau.

[28]

Am Nachmittag hatte er gerade eine Besprechung mit einem Klienten, der in einen Fall von Hehlerei verwickelt war, als das Telefon klingelte und seine Sekretärin ihm mitteilte, daß Fräulein Vivian Geron ihn zu sprechen wünschte.

»Stellen Sie durch!« sagte er kurz, und dann, zu seinem Klienten: »Entschuldigen Sie, bitte!«

»Hallo, Thomas!« sagte Vivian mit gemachter Unbefangenheit. »Ich wollte mich mir mal erkundigen, wie es dir geht, und wie du mit deiner jungen Ehe zu Rande kommst!«

»Du solltest wissen, daß ich im Augenblick …«

»Ja, natürlich. Wahrscheinlich bist du nicht allein. Wie wäre es, wenn wir uns nachher treffen würden?«

»Vivian, ich…«

»Ich habe dir etwas Interessantes zu erzählen!«

Er hätte sie am liebsten angeschrien, aber er bekämpfte diesen Impuls. Er wußte, daß es so nicht ging. Er müßte Vivian seinen Standpunkt ein für alle Mal und mit unmißverständlicher Deutlichkeit klarmachen, Wenn er in Zukunft Ruhe vor ihr haben wollte.

»Also gut«, sagte er beherrscht, »gegen sechs bin ich fertig! Was schlägst du vor?«

»Ach, komm doch einfach zu mir! Dann brauche ich nicht irgendwo auf dich zu warten, und wir können in aller Ruhe miteinander sprechen.«

»Wie du meinst. Aber ich kann nicht lange bleiben. Du weißt, Gina…«

»Ach, was Gina betrifft«, sagte sie leichthin, »wäre es wohl wirklich besser, du kämest einmal unerwartet früher nach Hause!«

Er verstand sie sehr gut und war froh, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. »Wie meinst du das?« fragte er dennoch.

»Das werde ich dir nachher erklären. Also, bis später!«

Sie hängte auf, bevor er noch etwas fragen oder sagen konnte.

Er wußte, daß dies eine wohl berechnete Taktik von ihr war, und kalte Wut stieg in ihm auf. Welch fürchterliche Zweifel hätte sie in ihm erweckt, in welch einen entsetzlichen Verdacht hätte sie ihn gestürzt, wenn Gina ihm nicht schon vorher alles gebeichtet hätte!

Er hatte Vivian Geron immer für einen vernünftigen, ständigem eher ein wenig nüchternen Menschen gehalten!

Wie sehr er sich getäuscht hatte. Oder kam es einfach daher, daß sie eine Frau war? Waren alle Frauen zu solchen Handlungen fähig, wenn es galt, um eine verlorene Liebe zu kämpfen?

Auf jeden Fall mußte er Gina mitteilen, daß er zu Vivian ging Er durfte neuen Mißverständnissen keine Nahrung geben.

Es fiel Thomas minutenlang schwer, sich auf seinen Klienten und dessen Anliegen zu konzentrieren. Aber dann siegte sein beruflicher Ehrgeiz und sem Pflichtgefühl. Er schob alle privaten Gedanken energisch beiseite.

[29]

Vivian Gerons Appartement war mit erlesenem Geschmack eingerichtet. Es wirkte, als ob es geradewegs aus der Wohnungsseite einer exclusiven Frauenzeitschrift herausgesprungen wäre. Hier gab es alles, was man der modernen Junggesellin zu empfehlen pflegte — einen weißen runden Tisch, der, wie die dazugehörigen Sessel, auf einem einzigen mittleren Bein stand, eine mit scharzem Leder bezogene Couch, Blumen in altmodische Krüge gepflanzt, Bilder, deren Wert ihre Bedeutung als berechnend gesetzte Farbflecken hatten.

Thomas Miller war dies alles vertraut, denn er war, bevor er Gina kennenlernte, mehr als einmal hier gewesen. Was ihn überraschte, war nur Vivian selber — sie trug nicht den gewohnten, eher sportlichen Hausanzug, sondern ein reizvolles, sehr weibliches Negligé aus fließender zartgrüner Seide mit einem Besatz von cremefarbenen Spitzen. Sie trug das lackschwarze Haar hochtoupiert, hatte die schillernden Augen durch geschickte Lidstriche geheimnisvoll vergrößert.

Ein erregender Reiz ging von ihr aus, und Thomas spürte Unbehagen, seltsam gemischt mit Begehren, als sie in einer Wolke von duftendem Parfüm auf ihn zuschwebte. Er verachtete sich selber, weil es ihm schwer fiel, hart zu bleiben.

»Probst du für ein Kostümfest?« fragte er grob.

Der Hieb hatte gesessen. Sie wurde biaß unter der bräunlichen Haut. Aber sie hatte ihre Stimme ganz in der Gewalt. »Ach, weißt du, ich habe es mir bequem gemacht«, sagte sie unbefangen, »willst du dich nicht setzen?«

»Muß sehr bequem sein, in so einem bühnenreifen Kostüm herumzuwedeln«, sagte er spöttisch.

Aber sie hätte sich schon wieder gefaßt, tat, als ob sie seine Ironie überhört hätte. »Was möchtest du trinken?« fragte sie. »Gin, Whisky, Wodka?«

»Danke. Gar nichts.«

»Ach, verzeih. Ich habe vergessen, daß du seit neuestem unter dem Pantoffel stehst. Wenn ich dir ein Glas kalte Milch anbieten darf?«

»Laß das Theater. Ich dachte, du wolltest mit mir sprechen.«

»Vielleicht gestattest du, daß ich mir wenigstens einschenke.« Sie trat an ihre kleine schimmernde Hausbar, goß Sich zwei Finger breit Whisky ein, ließ klirrend zwei Eiswürfel in das Glas fallen und kam zum Tisch zurück.

»Du siehst nicht gut aus, Thomas«, sagte sie, »ziemlich ermattet.«

»Hör auf damit!«

»Willst du nicht doch etwas trinken?«

Er sah auf seine Armbanduhr. »Ich habe genau zehn Minuten Zeit. Wenn du mir also etwas zu sagen hast, solltest du es schnell tun.«

Sie setzte sich ihm gegenüber in einen der schalenförmigen einbeinigen Sessel, schlug die Beine übereinander, so daß ihr grünseidenes Negligé auseinanderfiel, ließ nachdenklich die Eiswürfel in ihrem Glas kreisen. »Ich überlege ernsthaft, ob es überhaupt richtig ist, dir alles zu sagen.«

»Wahrscheinlich nicht«, erwiderte er ruhig; »wahrscheinlich wäre es besser, du würdest dich endlich ‘raushalten. Aber da du dazu nicht fähig bist, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als dich anzuhören.«

Sie nahm einen Schluck Whisky. »Ich weiß, es klingt lächerlich. Aber ich fühle mich dir immer noch verbunden. Dabei sollte ich doch eigentlich genug von dir haben. Nach allem, was du mir angetan hast.«

»Sprich dich ruhig aus.«

Sie zog die Zigarettendose zu sich heran. »Es fällt mir furchtbar schwer zu reden«, sagte sie mit einem kleinen hilflosen Lächeln. Sie nahm sich eine Zigarette, wartete darauf, daß er ihr Feuer geben würde, aber er rührte sich nicht.

»Rüpelhaftigkeit«, sagte sie, »hat nichts mit Männlichkeit zu tun. Wenn du glaubst, daß du mich durch schlechtes Benehmen strafen kannst.« Sie ließ das Tischfeuerzeug aufspringen, zündete sich ihre Zigarette an.

Er spürte, daß seine Nerven dieser Belastung nicht mehr lange gewachsen sein würden. »Komm endlich zur Sache«, sagte er rauh.

»Neugierig bist du also doch?«

»Ja. Das bin ich. Ich möchte endlich wissen, was dein verschrobenes kleines Hirn nun wieder ausgebrütet hat.«

Sie steckte mit betonter Umständlichkeit ihre Zigarette in die Spitze. »Sehr sicher scheinst du deiner jungen Frau nicht zu sein.«

»Man kann keiner Frau ganz sicher sein.«

»Ich bin froh, daß du es so siehst!« Sie beobachtete ihn durch eine Wolke grauen Rauches. »Dann wird dich das, was ich dir zu sagen habe, vielleicht gar nicht allzu sehr erschrecken.«

»Nach all diesen Vorbereitungen bestimmt nicht mehr.«

Sie strich die Asche ihrer Zigarette ab, sagte ganz ohne Betonung, während sie ihn aus den Augenwinkeln beobachtete: »Gina betrügt dich.«

Er zuckte mit keiner Wimper, denn gerade diese Eröffnung hatte er erwartet. »So?« sagte er nur sehr ruhig.

Es wurde ihr schwer, ihre Enttäuschung zu verbergen.

»Das wundert dich gar nicht?«

»Nicht, wenn du es behauptest.«

»Mein lieber Thomas, glaube nicht, daß es mir Spaß macht, dir so etwas sagen zu müssen.«

»O doch, das glaube ich. Du hast selten eine Szene so genossen. Gib es doch zu.«

»Du verkennst mich. Aber das wundert mich nicht. Du hast mich immer verkannt.«

»Wollten wir nicht über Gina sprechen? Ich nehme an, du hast Beweise für deine Anschuldigung.«

»Ich habe es mit eigenen Augen gesehen«, sagte sie langsam, jedes einzelne Wort betonend.

»Hast du hinter einem Vorhang in Henry Horns Schlafzimmer gestanden?« fragte er mit unverhohlenem Spott.

»Wie kommst du auf Henry Horn?«

»Halte mich, bitte, nicht für zu schwer von Begriff, liebe Vivian! Um welchen anderen Mann könnte es sich sonst wohl handeln?«

»Du mußt das verstehen, Thomas«, sagte sie mit geheuchelter Güte, »Gina ist jung, sehr jung noch, fast ein Kind, und Henry Horn ein ganz besonders attraktiver Mann. Außerdem ist er durchaus skrupellos. Ich könnte mir vorstellen, daß ihm jedes Mittel recht war.«

»Wie dir!«

»Willst du mit etwa die Schuld an Ginas Ehebruch in die Schuhe schieben?«

»Gina hat sich nichts zuschulden kommen lassen.« Er sprang auf. »Du, nur du warst es, die es von Anfang an darauf angelegt hatte, uns auseinanderzubringen!«

Sie blieb mit gespielter Ruhe sitzen. »Ach was! Willst du etwa behaupten, ich hätte sie narkotisiert und zu Henry Horn verschleppt?«

»Nein! Aber du hast ihn angestiftet, ihr seine Visitenkarte mit der verfänglichen Aufforderung in die Handtasche zu schmuggeln.«

»Der sie aber doch nachgekommen ist!«

»Nein! Sie ist zu ihm gegangen, weil ich die Karte gefunden hatte, um ihn zu bitten, den Fall aufzuklären! Und als sie von ihm wegging, hast du sie gesehen!«

Jetzt erst begriff sie. Sie nahm einen Schluck Whisky, um sich zu fassen, aber das Glas zitterte in ihrer Hand, so daß die Eisstücke klirrten. »Sie hat es dir also gesagt.«

»Ja. Alles. Und versuch jetzt nur nicht, mir einzureden, daß sie gelogen hätte. Es gibt nur eine Person, die lügt, und das bist du. Nur du! Jede Intrige und jede Lüge ist dir recht, die dazu beitragen kann, Gina in meinen Augen schlecht zu machen. Aber du hast dir nur selbst geschadet. Als ich dich Ginas wegen verließ, tatest du mir leid. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen dir gegenüber. Aber jetzt, jetzt danke ich dem Himmel, daß ich dich losgeworden bin, und zwar endgültig. Versuch nie, nie wieder, dich in meine Ehe zu mischen. Es ist aus, aus und vorbei. Und zwar endgültig.«

Er drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer, froh endlich wieder an die frische Luft zu kommen. Er redete sich ein, daß er erleichtert war, Vivian die Meinung gegagt sich endlich ganz von ihr gelöst zu haben.

Aber er hätte kein Mann sein müssen, wenn er sich im Unterbewußtsein nicht doch durch ihre Hartnäckigkeit geschmeichelt gefühlt hätte. Sie hatte mit unfairen Mitteln gekämpft, daran bestand kein Zweifel, aber sie hatte es seinetwegen getan.

Noch ehe er seine Wohnung erreicht hatte, hatte er ihr innerlich schon wieder verziehen.

___________

Thomas erzählte Gina alles, zwar nicht, was er gefühlt, aber doch, was er gesagt hatte. Und sie vertraute ihm. Sie hätte sich gar nicht vorstellen können, daß er Vivians Vorgehen nicht für genauso verabscheuungswürdig hielt, wie sie selber.

Die nächsten Tage wurden zu einer Zeit reinsten Glücks. Sie verlebten sozusagen einen zweiten Honigmond, hatten beide das Gefühl erst jetzt, nachdem die erste Ehekrise überstanden war, ganz zueinander gefunden zu haben.

Gina schrubbte und putzte mit Begeisterung den ganzen Vormittag in der Wohnung herum, versuchte, einfache kleine Gerichte mit Hilfe des Kochbuches zuzubereiten, was ihr auch meistens einigermaßen gelang.

Wenn sie mit strahlendem Stolz ein leicht angebranntes Schnitzel oder eine etwas hart gewordene Leber auf den Tisch setzte, hatte Thomas nicht das Herz, sie auf irgendeinen Mangel hinzuweisen. Er spürte, wieviel Liebe in dieser unerfahrenen Kocherei steckte und er verbot es sich, an die glänzenden Kochkünste seiner Mutter zu denken. Tatsächlich schmeckte ihm das Essen wirklich, weil es ja gar nicht wichtig war, was er aß — wichtig war nur, in ihr leuchtendes junges Gesicht zu sehen, ihrem unbefangenen Geplauder zu lauschen, ihre große unschuldige Liebe zu spüren.

Dann kam der Tag, wo sie ihn nicht mehr mit strahlendem, sondern mit sorgenvollem Gesicht empfing. Er ahnte nichts Böses, mußte lachen.

»Was ist denn los, Kleines? Du siehst aus, als wenn du eine Lateinarbeit verpatzt hättest.«

Sie zwang sich zu einem Lächeln. ‘ »Der Vergleich stimmt sogar fast.«

»Wieso? Du brauchst doch jetzt keine Arbeiten mehr zu schreiben.«

»Das nicht, aber«, sie stockte, überwand sich. »Ich bin mit dem Wirtschaftsgeld am Ende.«

»Was!? Das ist doch nicht möglich! Wir haben doch erst den Achtzehnten.«

»Ja. Leider.«

Er legte ihr die Hand unters Kinn. »Nun mal ganz ehrlich, Gina, was hast du dir gekauft? Ein Hütchen? Einen Pullover? Eine Handtasche?«

»Ich? Gar nichts. So etwas würde ich doch niemals tun.«

»Na, na, na.«

»Bestimmt nicht. Nicht ohne dich zu fragen.«

»Hat Wolfi dich wieder mal angepumpt?«

»Auch nicht.«

»Also dann stehe ich vor einem Rätsel. Ich habe dir genausoviel Wirtschaftsgeld gegeben wie meiner Mutter. Und Mama ist immer glänzend damit ausgekommen. Sie hat sogar immer noch kleine Extras davon bestreiten können.«

»Ich bin eben nicht deine Mamal« sagte sie, heftiger, als es nötig gewesen wäre.

Er sah in ihr erregtes junges Gesicht und begriff, sehr er sie verletzt hatte. »Komm, komm!« sagte er und legte behutsam seinen Arm um ihre Schultern, »Wir wollen doch keine Tragödie daraus machen. Ich wäre dir bloß dankbar, wenn du mir erklären könntest …«

»Das kann ich eben nicht! Ich habe bloß das Wichtigste gekauft, das weißt du selber, und trotzdem ist das Geld alle.«

Er versuchte, ihr eine Brücke zu bauen. »Ist es nicht möglich, daß du etwas verloren hast?«

»Nein! Ich wäre ja froh, wenn es so wäre! Aber ich habe ja gemerkt, wie das Geld jeden Tag weniger geworden ist.«

Sie mußte darum kämpfen, ihre Stimme in der Gewalt zu behalten. »Deshalb hat es ja auch gestern und vorgestern nur Konserven gegeben.«

Er sah sie ehrlich erstaunt an. »Hälst du Konserven etwa für billig?«

Sie erwiderte seinen Blick voller Arglosigkeit. »Sind sie es etwa nicht?«

»Aber, Gina! Rechnen mußt du doch wenigstens in der Schule gelernt haben!«

»Jedenfalls sind sie billiger als Fleisch! Weißt du überhaupt, wieviel Schweinefleisch jetzt kostet?« Ihr war ein Gedanke gekommen, und schon begannen sich die Schatten auf ihrem jungen Gesicht wieder zu verflüchtigen. »Jetzt hab ich’s! Ja, ich weiß, woran es liegt! Als deine Mama dir den Haushalt geführt hat, war ja alles noch viel billiger. Die Preise steigen ja jeden Tag, wirf bloß mal einen Blick in die Zeitung! Mir kännst du an dieser Entwicklung wirklich keine Schuld geben.«

»Nein, Gina, mach dir nichts vor. Mama hat mir ja ganz andere Sachen auf den Tisch gesetzt«, entfuhr es ihm unbedacht.

Ginas Gesicht wurde ganz starr. »Was willst du damit sagen?«

»Aber Gina! Bitte, entschuldige, ich habe wirklich nicht gemeint…«

»Doch. Das hast du! Du versuchst mir einzureden, daß du bei deiner Mutter besser versorgt gewesen bist als bei mir! Dabei weißt du genau, wieviel Mühe ich mir gebe.«

Er fiel ihr ins Wort. »Ja, ja, natürlich, Gina, und du machst deine Sache großartig. Aber es wäre doch einfach unnatürlich, wenn du dich genauso gut auf den Haushalt verstündest wie Mama!«

»Unnatürlich?«

»Ja! Denk doch mal nach! Mama hat seit vierzig Jahren gewirtschafiet, und du stehst ja noch ganz am Anfang.«

Sie wandte sich ab. »Wenn du die Dinge so siehst«, sagte sie tief gekränkt, »wäre es wohl besser gewesen, du wärest bei deiner Mama«, sie spuckte das Wort geradezu aus, »geblieben.«

»Vom hauswirtschaftlichen Standpunkt gesehen«, sagte er, jetzt auch erbittert, »wäre das bestimmt richtiger gewesen!«

Sie fuhr herum. »Thomas!«

»Entschuldige«, sagte er und tat einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen, »aber du hast mich herausgefordert!« Er machte einen raschen Schritt auf sie zu. »Gina, über was streiten’wir uns überhaupt? Das ist doch alles Wahnsinn. Du bildest dir doch nicht etwa ein, daß ich dich geheiratet habe, weil ich dich für eine perfekte Hausfrau hielt? Oder?«

»Natürlich nicht«, sagte sie schwach.

Er nahm sie in seine Arme. »Mach nicht so ein Gesicht, Gina, bitte nicht, schau nicht so unglücklich drein! Ich liebe dich doch. Ich liebe dich von ganzem Herzen!« Er berührte ihr honigblondes Haar mit den Lippen. »Auch wenn ich deine Schnitzel nicht gerade hervorragend finde!«

Sie klammerte sich ganz fest, wie eine Ertrinkende, an ihn. »Und ich habe mir soviel Mühe gegeben!«

»Ich weiß ja, Liebling, ich weiß. Bitte, bitte, weine nicht. Es ist ja halb so schlimm. Habe ich mich denn jemals beklagt?«

»Aber es hat dir trotzdem nicht geschmeckt, als ob ich das nicht gemerkt hätte!«

Er legte seine Hand unter ihr Kinn, zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Nun einmal Hand aufs Herz, Kleines. Willst du etwa behaupten, daß du selber nie und nirgends besser gegessen hast?«

Sie mußte unter Tränen lächeln. »Nein«, sagte sie kläglich.

»Na, siehst du! Du hast also gar keinen Grund, die Beleidigte zu spielen!«

»Ich bin nicht beleidigt. Ich ärgere mich einfach. Über mich selber. Daß ich ein solcher Versager bin!«

»Ach, Unsinn! Das stimmt doch gar nicht!« Er zog ein Taschentuch aus der Brusttasche, tupfte ihr die Tränen ab. »Du hast deine Sache sehr gut gemacht. Besser hätte es gar nicht gehen können.«

Ihre großen grauen Augen blickten ihn unschuldsvoll an. »Ist das dein Ernst?«

»Ja. Mein Ehrenwort drauf. Du hast dich wunderbar gehalten.«

»Aber«, sagte sie, Schon halb getröstet, »wo ist bloß all dies verflixte Geld geblieben?«

»Das werden wir auch noch herausbekommen. Jetzt wollen wir erst einmal essen, für einen Happen wird es ja wohl doch noch gereicht haben. Und heute abend setzen uns in aller Ruhe zusammen und versuchen, der Sache auf die Spur zu kommen. Ein Ausgabenbuch hast du wohl nicht geführt?«

»Hätte ich das sollen?«

»Nicht unbedingt. Aber natürlich wäre es ganz gut gewesen, wenn wir jetzt alle Unterlagen hätten. Hast du wenigstens die Rechnungen aufbewahrt?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie zögernd, »das heißt, weggeworfen habe ich nichts. Ein paar sind bestimmt noch in einem Portemonnaie oder in meiner Handtasche.«

»Gut. Dann such alles zusammen, was du finden kannst. Heute abend werden wir dann gemeinsam unsere Köpfe anstrengen, bis es raucht. Es wäre‘doch gelacht, wenn wir nicht rausbekommen könnten, wo die Fehlerquelle liegt!«

[30]

Kurz nach drei Uhr nachmittags — Gina war gerade dabei, Taschen und Schubladen nach Rechnungen zu durchwühlen — klingelte es an der Wohnungstür. Sie lief in die Diele, betätigte den Drücker, steckte den Kopf ins Treppenhaus.

Der Briefträger grüßte lächelnd hinauf. Er war gerade dabei, die Post in die einzelnen Fächer des Hausbriefkastens zu verteilen.

»Für mich etwas dabei?« rief Gina.

»Ich hab’ schon eingeworfen.«

»Danke!« Gina lief in die Wohnung zurück, holte ihre Schlüssel, rannte die wenigen Stufen zur Haustür hinunter.

Der Briefträger war schon wieder auf die Straße hinausgegangen.

Gina schloß den Briefkasten mit der Aufschrift »Dr. Th. Miller« auf, fuhr mit der Hand hinein, erwischte Drucksachen — daß es Drucksachen waren, fühlte sie, ohne hinzusehen, gleich an dem glatten Papier — und einem Brief.

Sie betrachtete den Brief, noch bevor sie das Fach wieder abschloß, aber ihre jähe Freude erlosch sofort. Er kam aus Düsseldorf und war an Thomas gerichtet. Sie drehte ihn um, las den Absender — er kam von Angela Fischer, ihrer verheirateten Schwägerin.

Voll Unbehagen und Mißtrauen, eine steile Falte auf der glatten Stirn, hielt sie ihn in Händen. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß es wieder um die Mutter ihres Mannes ging.

Für ihr Leben gerne hätte Gina gewußt, was Angela geschrieben hatte. Aber durfte sie den Brief öffnen?

Sehr nachdenklich schloß Gina das Fach des Hausbriefkastens, stieg, Angelas Brief in der einen, die Drucksachen in der anderen Hand, die wenigen Stufen zur Wohnung hinauf, stieß die angelehnte Tür auf und trat ein.

Mit Überwindung legte sie Drucksachen und Brief auf den Garderobentisch, trat ins Wohnzimmer, warf sich der Länge nach auf die Couch und starrte zur Decke.

Seit langem war zwischen Thomas und ihr nicht mehr die Rede davon gewesen, seine Mutter nach München zurückzuholen. Aber sie kannte ihren Mann inzwischen gut genug, um zu wissen, daß er diesen Plan, trotz seines Schweigens, noch nicht aufgegeben hatte. Und Angela wollte die alte Dame loswerden, das war ganz klar.

Wenn sie ihm nun wieder deswegen schrieb — und das war doch unbedingt anzunehmen — würde Thomas dann nicht doch weich werden und nachgehen? Würde ihm Ginas Versagen im Haushalt nicht ein willkommener Anlaß sein, die Mutter einzuladen? Und welchen Grund hatte sie, Gina, dagegen zu stimmen?

Keinen.

Er würde ihr verhalten, daß sie alleine mit dem Haushalt nicht fertig wurde und dankbar sein müßte, daß seine Mutter ihr die Last der Verantwortung abnahm. Er würde nicht verstehen, wieviel ihr daran lag, endlich selbständig wirtschaften zu dürfen, wie überzeugt sie war, daß sie es mit ein bißchen Geduld von seiner Seite in kürzester Zeit schaffen würde.

Nein, er verstand sie nicht. Er begriff nicht, warum sie sich so dagegen sträubte, seine Mutter aufzunehmen, daß sie mit ihm allein sein wollte, um jeden Preis.

Um jeden Preis?

Ginas Gedanken hakten ein. War sie nicht wieder einmal dabei, sich selber etwas vorzumachen? Um jeden Preis. Dabei wagte sie nicht einmal, diesen Brief zu öffnen, um sich wenigstens Gewißheit zu verschaffen.

Mit plötzlichem Entschluß schwang sie beide Beine auf den Boden, stand auf und lief zur Garderobe hinaus. Als sie den Brief in die Hand nahm, spürte sie ein nervöses Kribbeln. Sie mußte ihn öffnen, mußte wissen, was er enthielt. Es war ihr unmöglich, den ganzen Nachmittag mit diesem Brief, dessen bedrohliche Ausstrahlung sie geradezu körperlich Zu fühlen glaubte, in der gleichen Wohnung zu verbringen.

Aber noch zögerte sie. Irgend etwas hielt sie zurück. Wäre es nicht richtig gewesen, Thomas anzurufen und ihn zu bitten, den Brief lesen zu dürfen? Nein. Unmöglich. Bestimmt würde er verlangen, daß sie ihn gleich am Telefon vorlas. Und das hätte sie nicht fertiggebracht.

Sollte sie ihn heimlich öffnen, über Wasserdampf, und ihn nachher wieder zukleben? Der Gedanke schien bestechend. Dann aber fiel ihr ein, daß sie einmal ihre Mutter im Verdacht gehabt hatte, das mit einem Brief von Thomas getan zu haben — in jener Zeit, als die Eltern noch ganz und gar gegen diese Verbindung eingestellt waren.

Sie erinnerte sich mit bildhafter Deutlichkeit, wie zornig sie damals gewesen war, wie schäbig und unwürdig sie das Verhalten ihrer Mutter gefunden hatte.

Nein. So ging es also auch nicht. So tief durfte wollte sie nicht sinken.

Viel besser war es, den Brief einfach aufzumachen. Schließlich war sie Thomas’ Frau und hatte ein Recht zu erfahren — oder doch nicht? Jedenfalls, mehr als Vorwürfe konnte es deswegen nicht geben, und darauf kam es nun auch nicht mehr an.

Gina lief zum Schreibtisch ihres Mannes, nahm den Brieföffner und riß den Umschlag mit einem energischen Ruck auf. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse, als sie den Bogen herausnahm. Sie überflog die ersten Zeilen, die Belanglosigkeiten enthielten, schon glaubte sie, sich vor Gespenstern gefürchtet zu haben, aber dann kam es — das, was Gina erwartet hatte.

Angela schrieb: »Ende nächster Woche wird Mama aus der Klinik entlassen. Ich habe heute mit dem Professor gesprochen. Er ist mit ihrem Zustand ganz zufrieden.

Natürlich, lieber Thomas, kann und soll Mama die anschließenden Wochen bei uns verbringen. Etwas anderes wäre ja auch mit Rücksicht auf ihre angegriffene Gesundheit gar nicht möglich. Aber wir müssen uns trotzdem ernsthaft überlegen, was weiter mit ihr geschehen soll.

Bei uns kann sie auf die Dauer nicht bleiben, das habe ich dir schon bei unserer letzten Begegnung in Düsseldorf gesagt, und daran hat sich inzwischen nichts geändert und wird sich auch nichts ändern. Mama kann sich nicht in unsere Familie einfügen, und sie fühlt sich auch nicht wohl bei uns. Da du sie auch nicht bei dir haben willst — das soll kein Vorwurf sein, Thomas, im Gegenteil, ich verstehe das sehr gut — bleibt ja nur noch die eine Möglichkeit: das Altersheim.

Es gibt hier in Dusseldorf-Golzheim ein sehr vornehmes Stift für alte Damen, vielleicht könnten wir sie dort einkaufen. Wenn du sie aber lieber in deiner Nähe haben möchtest — wie ich Mama kenne, würde sie das bestimmt vorziehen — mußt du dich einmal selber in Bayern umtun. Das alles klingt grausam, ich weiß, aber, glaub mir, es wäre die beste Lösung für uns alle.

Ich habe schon versucht, Mama schonend auf eine solche Entwicklung vorzubereiten, aber du kennst sie ja. Wenn sie etwas nicht will, hat sie ein ganz besonderes Talent, sich auf beiden Ohren taub zu stellen. Aber sie wird sich den Tatsachen beugen müssen. Für uns ist sie wirklich nur eine Belastung, für deine junge Ehe wäre ihre Anwesenheit das Allerverkehrteste, und um ganz allein zu leben ist sie nicht mehr selbständig genug. Also überleg dir die Sache gut und teile mir deinen Entschluß mit — aber wirklich bald, denn lange läßt es sich nicht mehr hinausschieben.«

Als Gina den Brief zu Ende gelesen hatte, empfand sie im ersten Augenblick nichts als eine ungeheure, geradezu atemberaubende Erleichterung. — Die Gefahr war gebannt! Thomas’ Mutter würde nicht zu ihnen ziehen, sondern sie sollte ins Altersheim!

Sie war schon nahe daran, den Telefonhörer abzunehmen und Thomas die sensationelle Neuigkeit mitzuteilen. Dann aber hielt sie mitten in der Bewegung inne. Nüchterne Überlegung machte ihrem impulsiven Überschwang Platz.

Sie konnte doch unmöglich Angelas Vorschlag Thomas als eine Art Freudenbotschaft mitteilen. Woher wußte sie denn, wie er das aufnahm?

Gina suchte nach einer Zigarette, zündete sie sich an, schwang sich auf die Schreibtischkante und las Angelas Brief noch einmal, diesmal ganz kritisch und bewußt, Wort für Wort, und plötzlich begriff sie, daß sich an der bestehenden Situation nichts, aber auch gar nichts geändert hatte.

Angela wollte die Mutter abschieben, und wenn Thomas sie nicht bei sich aufnehmen wollte, sollte sie ins Altersheim. Aber das würde Thomas nicht zulassen, nie — oder jedenfalls nicht gerade jetzt. Noch war ihre junge Ehe viel zu ungefestigt, als daß er einsehen würde, daß sie viel besser ohne die Mutter zurechtkamen. Wenn sie ihm jetzt diesen Brief vorlas oder ihn ihm heute abend zeigte, würde er bestimmt denken: Was für ein Glück! Wenn Mama zurückkommt, werde ich wieder so bekocht und verwöhnt, wie ich es gewohnt bin. Gina schafft es ja doch nicht.

Bei diesem Gedanken wäre Gina beinahe in Tränen ausgebrochen. Aber sie nahm sich zusammen. Schon als Kind hatte sie die Erfahrung gemacht, daß es unnütz war zu weinen, wenn es niemanden gab, der trösten und die Tränen trocknen konnte. Sie mußte jetzt ihre ganze Kraft zusammennehmen und überlegen, was zu tun war.

Thomas durfte diesen Brief nicht bekommen — jedenfalls nicht gerade jetzt, wo sie sich mit dern Wirtschaftsgeld so blamiert hatte. Sie brauchte Zeit, um ihm zu beweisen, daß sie den Haushalt doch gewachsen war. In ein paar Monaten, in ein paar Wochen, ja, vielleicht sogar in ein paar Tagen würde er anders über den Fall denken.

Warum mußte dieser blöde Brief auch gerade heute kommen? Gestern wäre es nicht so schlimm gewesen, und auch morgen würde der Eindruck ihres Versagens nicht mehr ganz so frisch sein.

Ob sie ihn einfach ein paar Tage lang zurückhalten sollte? Aber das ging nicht. Da war das Datum des Briefes und auch der Poststempel. Nein, der Brief mußte ganz und gar verschwinden, das war die einzige Möglichkeit.

Thomas konnte und würde es nicht bemerken. Der Briefträger, der sie gesehen hatte, hatte viel zu viel zu tun, um sich ausgerechnet an diesen Brief zu erinnern. Niemand würde ihr beweisen können, daß sie ihn je erhalten hatte. Angela würde jetzt sicher erst mal eine Woche auf Antwort warten und dann noch einmal schreiben. In einer Woche konnte viel geschehen. Natürlich würde sie sich wundern, daß Thomas auf diesen Brief gar nicht reagierte. Aber Briefe konnten schließlich verlorengehen. So etwas kam vor. Auch die Post war nicht unfehlbar.

Gina hielt den Bogen noch immer vor sich. Jetzt legte sie ihre Zigarette entschlossen in den Aschenbecher, riß ihn mit beiden Händen entzwei, einmal kreuz und einmal quer, noch einmal und noch einmal, ließ die Schnipsel in den Papierkorb flattern. Uff, es war geschehen! Sie nahm den Umschlag, um ihn denselben Weg gehen zu lassen, dann erst wurde ihr klar, daß dieses Verfahren allzu dilettantisch war.

Sie nahm den Papierkorb, lief damit ins Bad, schüttete den Inhalt in das Waschbecken, entzündete das Papier mit ihrem Feuerzeug, warf den Umschlag dazu, als die Flammen schon aufloderten.

Voll tiefer Befriedigung beobachtete sie, wie das Feuer sehr rasch das blütenweiße Papier in grauschwarze Asche verwandelte, Dann drehte sie den Wasserhahn auf und spülte alles hinunter.

Erst als sie das Becken sauberwischte, wurde ihr siedenheiß bewußt, daß sie ihr Versprechen Thomas gegenüber gebrochen hatte — schon wieder hatte sie ein Geheimnis vor ihm, schon wieder mußte sie eine Lüge vor ihm verbergen, konnte ihm nicht die Wahrheit sagen.

Aber es gelang ihr, ihr Gewissen zu beschwichtigen. »Was sollte ich denn anderes tun«, dachte sie, »ich mußte einfach! Es war Notwehr! Eines Tages werde ich es Thomas gestehen, und er wird alles begreifen. Daß ich es nur für ihn getan habe, nur um unsere Ehe zu retten. Aus Liebe.«

[31]

»Ist keine Post gekommen?« fragte Thomas arglos, als er am Abend nach Hause kam.

»Nein«, sagte Gina, sehr damit beschäftigt, seinen Mantel aufzuhängen, »das heißt, ich habe nicht nachgeschaut.«

»Bist du denn gar nicht neugierig?«

Sie sah in den Garderobenspiegel, tat, als müßte sie ihr Haar ordnen. »Wer soll mir schon schreiben?«

»Na, eine von deinen Freundinnen zum Beispiel!«

»Ach, das ist doch uninteressant!«

Er war schon wieder die Wohnung hinaus, lief die wenigen Stufen zum Hausbriefkasten hinunter. Als er wieder heraufkam, beobachtete sie ihn verstohlen, dachte, wie gut es war, daß sie die Drucksachen in den Briefkasten zurückgelegt hatte. Er wirkte enttäuscht, aber keineswegs beunruhigt.

»Nichts«, sagte er, »nur Makulatur!« Er warf die Prospekte achtlos in den Papierkorb.

»Das habe ich mir gleich gedacht«, sagte sie.

»Wieso?«

»Na, sonst hätte der Postbote doch geklingelt. Das tut er immer, wenn ein richtiger Brief dabei ist.«

»Kluges Kind«, meinte er lächelnd und gab ihr einen kleinen zärtlichen Kuß.

Damit war das Thema »Post« erledigt. Gina atmete auf. Sie hatte zwar gewußt, daß er nichts merken konnte — aber dennoch! Es war gut, daß es überstanden war.

»Wie wäre es mit einem Aperitif?« schlug sie vor.

»Können wir uns den denn noch leisten?« fragte er neckend.

»Da er aus der Kasse des sparsamen und ach so umsichtigen Haushaltungsvorstandes bestritten wird, ja.«

»Dann bring mal herein. Allerdings fürchte ich, daß diese Kasse jetzt auch in Anspruch genommen werden muß.«

Gina lief in die Küche, kam mit einem Tablett mit zwei gefüllten Gläsern wieder, wartete gespannt, bis er einen Schluck genommen hatte.

»Richtig so?«

»Großartig.« Er setzte sein Glas ab. »Wenn du so gut kochen wie mixen könntest.«

»Mußt du mich immer ärgern?«

»Nein«, sagte er zerknirscht, »ich weiß selber nicht, woher das kommt. Mir scheint, du forderst dazu heraus.«

»Fein«, sagte sie und setzte sich auf seinen Schoß, »also einigen wir uns darauf. Ich bin mal wieder schuld!« Sie fuhr ihm zärtlich durch das dichte dunkle Haar. »Hast du einen anstrengenden Tag gehabt?«

»Wie immer. Ich habe mich tunlichst geschont, um unserer geplanten Rechnerei gewachsen zu sein.«

»Weißt du, Thomas« sagte sie und küßte ihn zärtlich auf die Nasenspitze, »ich habe mit inzwischen überlegt«, sie zögerte, weiterzusprechen.

»Ja?« fragte er ermunternd.

»Warum müssen wir das eigentlich? Ich meine, das Geld ist weg, und wenn wir jetzt auch noch soviel rechnen, wiederkriegen tun wir es dadurch doch nicht.«

Er nahm ihre Hand, küßte sie zärtlich. »Nein, nein, versuch’s nur nicht so herum, Liebling, das zieht bei mir nicht. Hopp!« Er stellte sie auf die Beine, gab ihr einen kleinen Klaps. »Die Rechnungen her, damit wir es hinter uns bringen!«

Gina zögerte immer noch. »Ich habe gar nicht soviel gefunden, wie ich geglaubt habe.«

»Schade. Dann wirst du wohl von nun an Buch führen müssen.«

Das wirkte. »Nur nicht!« rief Gina mit übertriebenem, aber durchaus nicht nur gespieltem Entsetzen und sauste davon. Was sie anbrachte, war ein kleiner Stoß ziemlich zerknitterter, aber immerhin doch vorhandener Belege.

»Na also«, sagte er befriedigt, »das ist doch schon etwas. Zünde mir eine Zigarette an, bitte!«

Sie tat, wie er gesagt hatte, steckte ihm die brennende Zigarette zwischen die Lippen. Er dankte mit einem Kopfnicken, ganz damit beschäftigt, die Rechnungen zu studieren. Sie nahm sich ebenfalls eine Zigarette, setzte sich ihm gegenüber und beobachtete ihn angstvoll.

»Eins steht schon mal fest«, sagte er schließlich, »du kaufst viel zu viel Konserven, aber das habe ich dir ja schon gesagt.«

»Aber, es gibt doch jetzt kein Gemüse!«

»Doch. Kohl gibt es immer. Auch Hülsenfrüchte. So etwas hast du noch nie gekocht.«

Das kann ich nicht! hätte sie beinahe gesagt. Sie stoppte sich gerade noch rechtzeitig. »Ab morgen«, versprach sie.

Er nahm einen anderen Zettel zur Hand. »Wieso ist diese Wäscherechnung so hoch?«

»Das sind alles bloß Sachen von dir!« sagte sie triumphierend. »Ich trage sowieso nur Perlonwäsche und wasch mir alles selber.«

»Wenn ich mich recht erinnere, haben wir doch eine Waschmaschine.«

»Die benutze ich ja auch! Bloß die Bettwäsche habe ich ’rausgegeben und deine Oberhemden.«

»Ach so«, sagte er.

»Aber wenn du lieber möchtest, daß ich sie selber bügle!?«

»Bestimmt nicht«, sagte er rasch und sah sich schon mit ansengtem Kragen in die Kanzlei gehen, »das laß mal ber, obwohl«, er stockte.

»Oh, ich weiß schon!« rief sie aufgebracht. »Obwohl deine Mama sie immer selber gebügelt hat. Das wolltest du doch sagen!«

»Nicht im entferntesten«, behauptete er, »obwohl es sehr teuer ist!«

Darauf wußte sie nichts zu sagen, zog heftig an ihrer Zigarette.

Etwas anderes war ihm aufgefallen. »Hier eine Metzgerrechnung. Ein Kilo Kalbsschulter! Wann haben wir das denn gegessen?«

»Überhaupt nicht«, gab sie zu.

Er sah sie an. »Jetzt verstehe ich nichts mehr!«

»Aber das ist doch so einfach! Ich wollte dir einen schönen Kalbsbraten machen. Ist das etwa ein Verbrechen?«

»Bestimmt nicht. Bloß ich habe ihn nie bekommen.«

»Weil er mir mißlungen ist. Ich weiß auch nicht, wie es passiert ist, ich schwöre dir, ich habe mir soviel Mühe gegeben, ihn dauernd begossen und gedreht! Aber erst dauerte es unendlich lange, und er bekam überhaupt keine Farbe, und dann, ganz plötzlich«, Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ganz plötzlich war er verbrannt.«

Er sah sie an, als hätte sie gerade gestanden, silberne Löffel gestohlen zu haben. »Und nichts mehr zu retten?«

»Ein bißchen schon. Das Innere. Das habe ich dann zu dem Büchsengulasch getan. Deshalb schmeckte es ja auch so … so …« »…angebrannt«, vollendete er herzlos ihren Satz. »Also weißt du, Gina.«

»Bitte, bitte«, flehte sie, »bitte, Thomas, sei mir nicht böse! Wenn du dir nur vorstellen könntest, wie scheußlich das Ganze für mich war. Der verbrannte Braten, und die Küche voller Rauch und immer die Angst, du würdest gleich nach Hause kommen und alles merken! Es war schauderhaft. Wirklich, glaub mir, ich bin gestraft genug.«

Er konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. »Was soll man da sagen?!«

»Nicht schimpfen, bitte, nicht! Das macht ja auch nichts besser!«

»Du hast recht«, sagte er resignierend. »Was geschehen ist, läßt sich nicht ändern. Aber wie soll es weitergehen?«

»Oh«, sagte sie eifrig, »deswegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Ich habe mein Lehrgeld gezahlt! In Zukunft werde ich mich zusammennehmen. Ganz bestimmt.« Mit heroischer Selbstüberwindung fügte sie hinzu: »Wenn du willst, werde ich auch ein Ausgabenbuch führen. Dann kannst du immer alles kontrollieren und…«

Er fiel ihr ins Wort. »Aber davon lernst du auch nicht kochen!«

Sie sprang auf, so ungestüm, daß sie ihr Cocktailglas umwarf und die bräunliche Flüssigkeit über die hübsch gestickte Decke ergoß. »Wie gemein du bist!« rief sie. »Oh, wie gemein!«

»Aber, Gina, ich will doch nur«, aber es war sinnlos geworden, weiterzusprechen. Gina war schon aus dem Zimmer gestürzt.

Thomas blieb allein zurück, in einer Stimmung, die weit davon entfernt war, heiter zu sein. Er machte sich ernsthafte Sorgen, und dennoch war er Gina nicht böse.

Sie hatte das Beste gewollt, wollte immer nur das Beste, darüber war er sich völlig klar. Daß trotzdem alles schief ging, lag nicht an ihr, sondern nur an ihrer völligen Unerfahrenheit.

Wenn jemand schuld an dieser Situation hatte, dann war es nur er selber. Er hätte Gina nicht von der Schulbank weg heiraten dürfen. Alle hatten ihn gewarnt — seine Freunde, seine Mutter, Ginas Eltern. Aber er war all diesen Mahnungen gegenüber taub geblieben, weil er nur von dem einen Wunsch besessen gewesen war, sie ganz zu besitzen.

Er hatte es erreicht, sie war seine Frau — tat es ihm leid?

Thomas saß ganz reglos und versuchte sich über seine Gefühle klar zu werden. Wenn er jetzt noch einmal alles rückgängig machen könnte, würde er es tun?

Nein, und noch einmal nein! Er liebte Gina, und er war glücklich‘ daß sie bei ihm war!

Mit einem Satz war er auf den Beinen, lief in die Küche, um sie zu suchen. Aber dort war sie nicht. Der Wasserkessel stand auf dem Herd, ohne Pfeife, und stieß dichte Dampfwolken aus. Mit einer kleinen Grimasse stellte er die Flamme aus, rief: »Gina! Gina!«

Keine Antwort. Er lief zum Schlafzimmer, die Türe war abgeschlossen. Er klopfte, rief, trommelte mit beiden Fäusten gegen das Holz. Nichts rührte sich.

Na, warte! dachte er und mußte über sich selber und seine törichte Rolle als erzieherischer Ehemann schon lächeln.

Er lief in die Küche zurück, auf den Balkon hinaus und kletterte durch das andere Fenster ins Schlafzimmer.

Gina lag auf dem Bett, schluchzend, den Kopf mit dem honigblonden Haar in das Kissen vergraben. Er kam auf sie zu, sein Lächeln war zärtlich geworden, setzte sich auf den Bettrand, nahm sie in die Arme.

»Gina, mein armer, armer Liebling!«

Sanft strich er ihr über das Haar, küßte sie auf das Ohrläppchen, auf den Hals, flüsterte ihr kleine zärtliche Worte zu. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich endlich umdrehte und ihm ihr rührend junges, tränennasses Gesicht zuwandte.

»Ach, Thomas, ich bin ja so unglücklich!«

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Bist du das?« fragte er. »Bist du das wirklich?«

Er küßte sie innig auf den Mund, so lange, bis ihre Verkrampfung sich löste und sie beide Arme um seinen Hals schlang.

»Immer noch?« fragte er.

»Nicht, wenn ich fühle, daß du mich lieb hast«, hauchte sie.

Und dann verschwanden für eine Weile alle Sorgen und aller Ärger hinter dem wunderbaren Bewußtsein, daß sie einander ganz und für alle Zeiten gehörten.

[32]

Zwei Tage später empfing Gina ihren Mann mittags mif einem seltsamen Gesichtsausdruck.

Er bemerkte es sofort. »Was ist los?« fragte er. »Wieder etwas angebrannt?«

»Nein. Gar nicht. Es gibt einen Resteauflauf. Dabei kann doch nichts passieren.«

»Um so besser!« er hängte Hut und Mantel auf.

»Du, Thomas«, sagte sie unsicher, »Frau Dr. Jahn hat angerufen.«

»Wirklich? Wie nett von ihr.«

»Ja. Sie hat mich eingeladen. Zu irgend so einem Alte-Damen-Kränzchen. Ich wußte gar nicht, was ich dazu sagen sollte.«

»Aber wieso denn?« fragte er verstandmslos. »Das ist doch famos!«

»Ich fand es auch sehr nett, daß sie an mich gedacht hat«, sagte Gina zögernd. »Aber ich brauche doch wohl nicht hinzugehen?«

Er lachte. »Nun tu nur nicht so. Meinst du nicht, ich hätte es schon längst gemerkt, daß es dir leid ist, immer nur hier herumzusitzen?«

»Ich sitze nicht herum«, sagte sie heftig, »ich arbeite.«

»Na, dann arbeitest du eben mal einen Nachmittag nicht. Das wird dir nur gut tun.«

Sie begriff, daß es richtig war, die Aussprache über dieses Thema jetzt besser fallenzulassen, ging in die Küche, um sich um ihren Auflauf zu kümmern.

Diesmal hatte sie Glück. Der Auflauf, den sie kräftig und ein wenig wahllos gewürzt hatte, war wirklich gelungen, und Thomas war froh, ihr endlich einmal ein aufrichtiges Lob spenden zu können.

»Siehst du!« sagte sie strahlend. »Ich habe dir ja gesagt, ich werde es schaffen! Paß nur auf, bald werde ich so perfekt sein, daß és dir unheimlich ist!«

Er hätte manches darauf sagen können, aber er schwieg, um ihr die Freude nicht zu verderben.

Sie räumte ab, ging in die Küche, um Kaffee zu filtern. Er benutzte die Pause, um einen Blick in die Tageszeitung zu werfen. Nach zehn Minuten brachte sie das Kaffeetablett herein, deckte um.

Sie wartete, bis er die erste Tasse getrunken und sie sich beide eine Zigarette angesteckt hatten, dann erst kam sie auf Frau Dr. Jahns Einladung zurück.

»Du meinst also, ich muß wirklich hingehen?« fragte sie.

»Unbedingt. Du scheinst gar nicht zu begreifen, daß diese Einladung eine Ehre für dich ist.«

»Aber kein Vergnügen.«

»Rede nicht so töricht daher!« sagte er ärgerlich. »Frau Jahn ist eine reizende Frau, das weißt du selber, und ihrem Gatten habe ich viel zu verdanken. Wenn er mich nicht in seine Kanzlei aufgenommen hätte, wäre ich heute noch lange nicht so weit, daß ich ans Heiraten auch nur denken könnte.«

Sie war wenig beeindruckt. »Das willst du mir nur einreden! Du bist doch so tüchtig, daß du leicht …«

»Sprich nicht von Dingen, von denen du nichts verstehst«, unterbrach er sie hart.

Sie schwieg eingeschnappt, bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen, konnte aber nicht verhindern, daß ihr das Blut ins Gesicht stieg.

»Komm, jetzt spiel nicht die beleidigte Schönheit«, sagte er versöhnlich, »warum glaubst du mir nicht einfach, was ich dir sage? Ich habe gar keinen Grund, dir etwas vorzumachen.«

Er wartete, um ihr Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, aber sie schwieg beharrlich. Er hielt es für besser, ihre schlechte Laune zu übersehen.

»Die Einladungen von Frau Erika Jahn sind berühmt«, sagte er, »und für dich wird es ganz besonders interessant dort sein, denn da hast du die beste Gelegenheit, einige Kollegenfrauen kennenzülernen.«

»Wozu?« fragte Gina erbittert.

»Na, endlich sprichst du wieder!« sagte er lachend. »Ich dachte schon, dir hätte es ein für allemal die Sprache verschlagen!«

»Wozu soll ich Kollegenfrauen kennenlernen?« wiederholte sie, ohne ihn anzusehen.

»Aus gesellschaftlichen Gründen. Damit du selber eine gewissen Ansprache hier in München hast. Und dann auch, um mir zu helfen. Weißt du, es kommt öfters mal vor, daß ein Rechtsanwalt dem anderen einen Auftrag zuschiebt. Deshalb ist es wichtig, unter den Kollegen nicht mir angesehen, sondern auch beliebt zu sein. Eine junge Frau wie du kann viel dazu beitragen.«

Das leuchtete ihr ein. »Meinst du wirklich?«

»Ja. Es ist wichtig für mich, wenn du dorthin gehst. Ich bitte dich darum, Gina. Du wirst mich doch nicht im Stich lassen?«

»Natürlich nicht!«

»Das habe ich doch gewußtl« Er berührte dankbar ihre Hand. »Wann soll denn das große Ereignis stattfinden?«

»Donnerstag naehmittag.«

»Sehr schön. Dann werden wu heute abend eine kleine Modenschau veranstalten, um auszusucheh, was du zu dieser Gelegenheit am besten anziehst.«

[33]

Am Donnerstag, kurz vor vier, läutete Gina beklommen und klopfenden’Herzens an der Gartentür von Dr. Jahns kleiner Villa in Bogenhausen.

Zwei Minuten später wurde aufgedrückt und sie schritt den kiesbedeckten Weg auf die Treppe zum Haustor zu. Eine Hausangestellte — sehr dekorativ in schwarzem Kleid, weißem Schürzchen und Häubchen — hatte schon geöffnet. Sie war nur wenig älter als Gina selber, und der jungen Frau des Rechtsanwaltes schien es merkwürdig, sich aus dem Mantel helfen zu lassen.

Sie bemühte sich nervös, das Papier von den sieben ausgesucht schönen Nelken zu entfernen, die Thomas Frau Dr. Jahn besorgt hatte.

»Darf ich Ihnen helfen, Frau Doktor?« fragte das Mädchen nett.

»Ja, bitte. Aber«, fügte sie entschlossen hinzu, »nennen Sie mich nicht Frau Doktor. Mein Mann hat den Titel erworben, nicht ich.«

»Wie Sie wünschen, gnädige Frau.«

Das klang noch feierlicher, aber Gina wußte nicht, sie gegen diese Anrede einwenden sollte.

Bevor sie ihre Nelken wieder entgegennahm, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Auf Thomas’ Anraten trug sie ihr schwarzes französisches Kostüm mit einer weißen Spitzenbluse. Das honigblonde Haar hatte sie mühsam zu einer Hochfrisur gebändigt, um nur ja nicht so jung auszusehen, wie sie war. Sie hätte mit ihrem Spiegelbild durchaus zufrieden sein können, denn sie sah zauberhaft aus — aber sie war es doch nicht, weil sie selber spürte, daß ihr die Würde der verheirateten Frau fehlte.

Sie schnitt sich selber eine kleine Grimasse, sagte burschikos: »Na, dann wollen wir mal!«, nahm ihre Nelken und folgte dem Mädchen, das sie in einen eleganten kleinen Salon führte.

Frau Jahn, sehr elegant in einem grauen Seidenkleid, das genau mit dem Ton ihres sehr vornehm getönten Haares harmonierte, kam ihr mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Meine kleine Gina! Ich darf Sie doch so nennen? Wie freue ich mich, Sie zu sehen! Und diese wundervollen Nelken! Bitte, Leni, tun Sie sie in eine Vase, ja?«

Gina sah sich unbehaglich um. Außer ihr war noch niemand von den Gästen erschienen. »Bin ich zu früh dran?« fragte sie.

»Aber durchaus nicht«, versicherte Frau Jahn, »ich finde es sehr schön, daß Sie als erste gekommen sind. Dann haben wir doch noch Gelegenheit, ein bißchen miteinander zu plaudern.«

Sie nahm auf dem wunderschönen alten Maria-Theresia-Sofa Platz, streckte die Hand aus und zog Gina neben sich.

»Jetzt erzählen Sie mir, wie fühlen Sie sich in Ihrer junggen Ehe?«

»Sehr gut«, erwiderte Gina steif.

»Sind Sie zufrieden mit Ihrem Thomas?«

»Oh, ja.«

»Noch keine Wolken am Ehehimmel?«

»Wir verstehen uns sehr gut.«

»Na, das ist ja wunderbar. Und wie geht es Frau Miller? Ich hoffe, sie hat sich von ihrem Unfall erholt?«

Gina wurde noch vorsichtiger. »Sie liegt noch in der Klinik.«

»Was für ein entsetzliches Unglück! Der arme Thomas, er hat immer so an seiner Mama gehangen. Soll ich einmal ganz ehrlich sein?«

Lieber nicht, hätte Gina beinahe ausgerufen, aber sie nahm sich zusammen, sagte: »Ja?«

»Ich hätte nie geglaubt, daß er überhaupt heiraten würde! Wir haben oft über ihn geredet, wir Damen unter uns. Und alle waren wir der Meinung, daß er zum Junggesellen wie geschaffen wäre, umsorgt und verwöhnt von seiner Mama. Jetzt lachen Sie, nicht wahr? Ich gebe ja zu, daß wir alle uns getäuscht haben.«

Gina war es durchaus nicht zum Lachen zumute. Sie wußte überhaupt nicht, was sie zu dieser Eröffnung sagen sollte, zermarterte sich den Kopf, ohne daß ihr auch nur das belangloseste Wort eingefallen wäre.

Frau Jahn schien die Verlegenheit ihres jungen Gastes gar nicht zu merken. »Es war natürlich ein Schock für Frau Miller! Wir alle haben so mit ihr gefühlt. Aber, nun ja, so etwas bleibt keiner Mutter erspart. Und ich bin überleugt, wenn das erste Enkelchen auf der Welt sein wird.« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, sah Gina prüfend an.

Gina hatte die Anspielung verstanden, wurde über über rot.

»Aber, Kindehen, deswegen brauchen Sie sich doch nicht zu genieren! ‘Wir sind ja unter uns! Ist es etwa schon soweit?«

»Nein«, sagte Gina mühsam.

»Ich verstehe, ihr wollt erst eure junge Ehe ganz für euch allein genießen! Sehr vernünftig, ich sage immer …«

Plötzlich konnte Gina es nicht länger ertragen. »Ich finde, das ist etwas, das niemanden angeht, außer uns ganz alleine!« sagte sie heftig, mit zitternder Stimme. »Das ist wirklich eine Privatangelegenheit!«

Frau Jahn sah sie an, als ob sie sich plötzlich, vor ihren Augen, in ein Ungeheuer verwandelt hätte.

Ein peinliches Schweigen entstand.

Dann sagte Frau Jahn; sehr damenhaft und sehr kalt: »Entschuldigen Sie, bitte, Frau Miller. Wahrscheinlich habe ich eine solche Zurechtweisung verdient.«

»Oh, nein, nein!« rief Gina bestürzt. »Nur, ich bin so nervös, und über diese Dinge kann ich wirklich nicht reden!«

Sie war erleichtert, als in diesem Augenblick Leni den nächsten Gast hereinführte, die Frau des Rechtsanwalts Heinrich, eine sehr gepflegte und gut erhaltene Vierzigerin mit fülliger Figur und einen schmalen Pelz um die Schultern ihres Kostüms.

Die Begrüßung war sehr herzlich, Frau Jahn machte Gina und Frau Heinrich miteinander bekannt. Frau Heinrich setzte sich in einen der Biedermeiersessel, sagte: »Also Sie sind die junge Frau Miller, von der ich schon soviel gehört habe! Wie geht es mit der jungen Ehe?«

Gina, die spürte, daß all die Fragen, die sie schon einmal ungern beantwortet hatte, wieder auf sie zukamen, wand sich vor Verlegenheit. Sie war dankbar, daß Frau Jahn ihr zu Hilfe kam.

»Die jungen Millers leben noch in den Flitterwochen«, sagte sie lächelnd, »etwas ausgedehnte Flitterwochen, aber immerhin. Ich glaube, wir sollten Gina nicht in Verlegenheit bringen.«

»In Verlegenheit?« fragte Frau Heinrich erstaunt, sah in Ginas brennendes Gesicht und fügte schnell hinzu: »Oh, ich verstehe, aber ja, natürlich.«

Doch offensichtlich verstand sie gar nichts, denn sie begann, fast in einem Atemzug von ihren eigenen Schwierigkeiten zu erzählen, ohne die intimsten Einzelheiten auszulassen.

Gina mußte sich das alles anhören, und es half auch nichts, wegzudenken, denn Frau Heinrichs schrille Stimme hatte die Eigenschaft, jede innere Abschirmung zu durchdringen, eine Tatsache, mit der sich ihr Mann längst abgefunden hatte.

Dann kamen, eine nach der anderen, die übrigen Damen. Gina hörte neue Namen, sah neue Gesichter, wurde von allen betont herzlich begrüßt und fühlte sich doch von Sekunde zu Sekunde mehr fehl am Platz. Keine einzige der anwesenden Frauen war jünger als dreißig, und Gina mit ihren siebzehn fühlte sich genauso unbehaglich wie früher, wenn ihre Mutter Freundinnen zu Besuch gehabt und sie Grüß Gott hatte sagen müssen. Damals wurde sie nach ihren Schulleistungen gefragt und lächelnd ausgeforscht, ob sie schon einen Freund hätte. Heute war es gar nicht viel anders, nur daß man ihren hausfraulichen Kenntnissen auf den Grund kommen und sich nach dem Zustand ihrer Ehe erkundigen wollte.

Gina antwortete mit ja und nein, zwang sich zu lächeln. So kam es, daß man bald das Interesse an ihr verlor und sich den eigenen Sorgen zuwandte.

Gina saß stocksteif auf dem schönen Maria-Theresia-Sofa, nippte an ihrem Tee, führte hie und da ein Stückchen der wirklich köstlichen Törtchen zum Mund, ohne wirklich etwas zu schmecken. Sie langweilte sich tödlich.

Lange wurde über das Dienstmädchenproblem gesprochen und wie schwer es war, auch nur eine wirklich tüchtige Putzfrau zu finden. Man beneidete Frau Jahn um ihre Leni,