/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Der Pferdflüsterer

Nicholas Evans


Der Pferdeflüsterer

Nicholas Evans

1995

1

Sie leben in einer heilen Welt, mit großzügiger Wohnung am Central Park und einem Bauernhaus auf dem Land. Sie scheinen alles zu haben: Annie Graves eine Karriere als Top Journalistin, ihr Mann Robert eine erfolgreiche Anwalts praxis, die dreizehnjährige Tochter Grace ihr geliebtes Pferd Pilgrim. Doch dann geschieht an einem strahlend blauen Wintertag das Unfaßbare. Ein tragischer Reitunfall läßt Grace schwer verletzt und Pilgrim bösartig geworden zurück. Wie betäubt versuchen Annie und Robert, mit diesem Schicksalsschlag fertigzuwerden, aber sie müssen hilflos mitansehen, wie Grace sich hinter eine Mauer des Schweigens zurückzieht, ohnmächtig vor Trauer und Wut, traumatisch berührt von dem Schicksal ihres Pferdes. Bis ihre Mutter erfährt, daß es Männer gibt, die verstörten Pferden helfen können die »Pferdeflüsterer«.

Mit ihrer Tochter und dem fast nicht mehr zu bändigenden Pilgrim bricht Annie schließlich auf, quer durch den amerikanischen Kontinent zu Tom Booker. Doch niemand ahnt, daß diese Reise nach Montana das Leben der Familie Graves für immer verändern wird …

Inhaltsverzeichnis

I  EINS

1

2

3

4

5

II  Zwei

6

7

8

9

10

11

12

13

III  Drei

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

IV  Vier

28

29

30

31

32

33

34

35

V  Fünf

36

Danksagung

Teil I

EINS

1

Am Anfang war der Tod, und auch am Ende fand er sich wieder ein. Doch ob sein flüchtiger Schatten die Träume des Mädchens streifte und sie an jenem merkwürdigen Morgen weckte, sollte sie nie erfahren. Als sie die Augen öffnete, wußte sie nur, daß sich die Welt irgendwie verändert hatte.

Die rot schimmernden Zeiger des Weckers verrieten ihr, daß ihr noch eine halbe Stunde bis zur eingestellten Weckzeit blieb, und sie lag ganz still, bewegte den Kopf nicht und bemühte sich, der Veränderung auf den Grund zu gehen. Es war dunkel, doch nicht so dunkel, wie es hätte sein sollen. Deutlich war auf den vollgestopften Regalen des Schlaf zimmers der fahle Schimmer der Reittrophäen zu erkennen; darüber schwebten die Gesichter von Rockstars, von denen sie einst geglaubt hatte, daß sie ihr etwas bedeuten würden. Das Mädchen lauschte. Auch die Stille im Haus war anders, er wartungsvoll, wie die Pause zwischen Atemholen und Sprechen. Bald würde der Heizofen im Keller mit gedämpftem Fauchen an springen, und die Dielen im alten Bauernhaus würden wie jeden Tag ihre knarrende Klage anstimmen. Das Mädchen schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster.

Es hatte geschneit. Der erste Schnee des Jahres. Und an den Zaunpfosten am Teich erkannte das Mädchen, daß der Schnee fast knietief den Boden bedeckte. Kein Lufthauch hatte sich geregt, und der Schnee lag unberührt, ohne Verwehungen, zu komischen Proportionen auf den Zweigen der sechs Kirschbäume gehäuft, die ihr Vater letztes Jahr gepflanzt hatte. Ein einsamer Stern glitzerte im tiefblauen Keil zwischen den Wäldern. Das Mädchen ließ den Blick sinken und sah, daß sich am unteren Fensterrand eine Eisschicht gebildet hatte, und sie preßte einen Finger dagegen, taute ein Loch hinein. Das Mädchen zitterte nicht vor Kälte, sondern vor Aufregung bei dem Gedanken, daß diese verwandelte Welt ihr im Augenblick ganz allein gehörte. Sie drehte sich um und beeilte sich mit dem Anziehen.

Grace Maclean war am Abend zuvor mit ihrem Vater aus New York City gekommen, sie beide allein. Wie immer hatte ihr die Fahrt gefallen. Auf dem Taconic State Parkway hatte sie, geborgen im großen Mercedes, zweieinhalb Stunden lang Kassetten ge hört und mit ihrem Vater über die Schule oder über einen Fall geplaudert, an dem er gerade arbeitete. Sie hörte ihn gern reden, wenn er am Steuer saß, liebte es, wenn sie ihn für sich allein hatte und dabei zusehen konnte, wie er sich nach und nach in seinen alten Freizeitsachen entspannte. Ihre Mutter nahm mal wieder an einem offiziellen Dinner oder etwas dergleichen teil und würde erst heute morgen mit dem Zug nach Hudson fahren, was sie sowieso viel lieber tat. Der zähe Verkehr am Freitagabend machte sie nervös und ungehalten, so daß sie wie zum Ausgleich stets das Kommando übernahm und Robert, Graces Vater, befahl, langsamer zu fahren, Gas zu geben oder eine Abkürzung zu nehmen, um Staus zu vermeiden. Er machte sich nicht die Mühe, ihr zu wider sprechen, tat einfach, was sie ihm sagte, seufzte manchmal nur oder warf seiner auf den Rücksitz verbannten Tochter im Spiegel einen ironischen Blick zu. Die Beziehung ihrer Eltern war ihr seit langem ein Rätsel, eine komplizierte Welt, in der Macht und Unterwürfigkeit nie so ganz das waren, was sie zu sein schienen. Doch statt sich einzumischen, flüchtete sich Grace einfach in das Refugium ihres Walkmans.

Im Zug würde ihre Mutter pausenlos arbeiten, ungestört und ohne sich stören zu lassen. Grace hatte sie vor kurzem einmal begleitet, sie beobachtet und dabei erstaunt fest gestellt, daß ihre Mutter nicht ein einziges Mal aus dem Fenster sah, höchstens mit verhangenem, leerem Blick, wenn sich irgendein prominenter Autor oder einer ihrer eifrigen Assistenten über Funktelefon meldete.

Auf dem Treppenabsatz vor Graces Zimmer brannte noch Licht. Auf Zehenspitzen huschte das Mädchen an der halb geöffneten Tür zum Schlaf zimmer ihrer Eltern vorbei und blieb stehen. Sie konnte die Wanduhr im Flur ticken hören, dann das vertraute, leise Schnarchen ihres Vaters. Sie lief die Treppe hinunter in den Flur, dessen azurblaue Wände und Decken durch die unverhängten Fenster vom Widerschein des Schnees erhellt wurden. In der Küche trank sie mit einem einzigen langen Schluck ein Glas Milch aus, aß einen Schokoladenkeks und schrieb dabei ihrem Vater eine Nachricht auf den Notizblock am Telefon. »Bin reiten. Gegen zehn zurück. Kuß, G..«

Sie nahm sich noch ein Plätzchen und aß es auf dem Weg zum Flur am Hintereingang, wo sie ihre Mäntel aufhängten und die schmutzigen Stiefel abstellten. Sie griff nach ihrer Schaffelljacke und hüpfte, Keks im Mund, elegant auf einem Bein, während sie sich die Reitstiefel anzog. Sie schloß den Reißverschluß ihrer Jacke, zog sich die Handschuhe über, nahm den Reithelm vom Regal und fragte sich kurz, ob sie Judith anrufen sollte, um sie zu fragen, ob sie immer noch reiten wollte, obwohl es geschneit hatte. Aber eigentlich war das überflüssig. Judith war bestimmt genauso aufgeregt wie sie. Als Grace die Tür aufmachte und in die Kälte hinausging, hörte sie, wie unten im Keller der Heizofen ansprang.

___________

Wayne P. Tanner starrte trübsinnig über den Rand seiner Kaffeetasse auf die Reihen schneebedeckter Trucks, die vor der Raststätte parkten. Er haßte Schnee, aber vor allem haßte er Schwierigkeiten. Und im Verlauf weniger Stunden war er gleich zweimal in Schwierigkeiten geraten.

Diese New Yorker State Troopers hatten jede Sekunde genossen, diese aufgeblasenen Scheißyankees. Sie waren ihm erst auf gefallen, als sie hinter ihm einscherten, aus Spaß einige Meilen an ihm dran blieben und verdammt genau wußten, daß er sie gesehen hatte. Dann stellten sie das Blaulicht an, ließen ihn an den Straßenrand fahren, und dieser Klugscheißer, dieser Bubi mit seinem Stetson, kam daherstolziert wie ein dämlicher Kinocop. Er wollte den Fahrtenschreiber sehen, und Wayne bückte sich, griff danach, reichte ihn aus dem Fenster und sah zu, wie das Bürschchen die Eintragungen las.

»Atlanta, soso«, sagte er und besah sich die Diagrammscheibe. »Richtig«, antwortete Wayne. »Und dort ist es verdammt warm, das können Sie mir glauben.« Dieser Ton schlug bei Polizisten fast immer an, respektvoll, aber brüderlich, ein Hinweis auf die alte, kumpelhafte Brüderschaft der Landstraße. Aber das Bübchen blickte nicht einmal auf.

»Soso. Ich nehme an, Sie wissen, daß der Radardetektor da verboten ist, oder nicht?«

Wayne warf einen Blick auf den kleinen schwarzen, ans Armaturenbrett geschraubten Kasten und über legte kurz, ob er den Unwissenden spielen sollte. In New York waren diese »Radarspitzel« für Trucks ab neun Tonnen verboten. Er hatte ungefähr das Drei- bis Vierfache geladen.

Aber wenn er den Unwissenden mimte, machte das den kleinen Scheißer vielleicht noch bösartiger. Also drehte er sich mit gespielt reumütigem Lächeln wieder um, aber die Mühe hätte er sich sparen können, denn das Bübchen sah ihn immer noch nicht an. »Oder nicht?« fragte er noch einmal.

»Hm, ja, ich glaub schon.«

Das Bübchen reichte ihm den Fahrtenschreiber zurück und schaute ihn endlich an. »Also schön«, sagte er. »Und jetzt zeigen Sie mal den anderen her.«

»Wie bitteß«

»Den anderen Fahrtenschreiber. Den richtigen. Nicht dieses Lügenmärchen.« Irgend etwas schien Wayne plötzlich auf den Magen zu schlagen.

Seit fünfzehn Jahren benutzte er wie Tausende anderer Truckfahrer zwei Fahrtenschreiber, der eine gab die tatsächlichen Fahrzeiten, Meilen, Ruhepausen und so weiter an, der andere dagegen war ausschließlich für Situationen wie diese hier bestimmt, um nachweisen zu können, daß man die gesetzlichen Vorschriften eingehalten hatte. Und in all den Jahren war er auf seinen Fahrten von Küste zu Küste weiß Gott wie oft angehalten worden, aber so was war ihm noch nie passiert. Verflucht, alle Trucker hatten seines Wissens einen falschen Fahrtenschreiber, nannten ihn Comicheft. Herrgott noch mal, wenn man allein war und keinen Partner zum Abwechseln hatte, wie sollte man da die Lieferzeiten einhalten? Und wie zum Teufel sollte er sich seinen verdammten Lebensunterhalt verdienen? Verflucht! Die Firmen wußten alle Bescheid, sie drückten einfach ein Auge zu.

Er hatte noch versucht, die Sache eine Zeitlang hinauszuzögern, hatte den Unschuldigen gespielt und war sogar ein bißchen wütend geworden, obwohl er wußte, daß ihm das auch nicht mehr helfen würde. Der Partner des Bübchens, ein Riesenkerl, wollte sich den Spaß nicht entgehen lassen und stieg aus dem Streifenwagen. Sie wollten das Führerhaus durchsuchen, sagten sie, und er solle solange aussteigen. Da sie sich anscheinend vorgenommen hatten, ihm den ganzen Zug auseinanderzunehmen, beschloß er, lieber mit der Wahrheit rauszurücken, zog die Fahrtenscheibe aus dem Versteck unter der Koje und gab sie ihnen. Darin stand, daß er in vierundzwanzig Stunden über neunhundert Meilen gefahren war und dabei nur eine einzige Pause eingelegt hatte, und die war außerdem nur halb so lang gewesen wie die acht Stunden, die gesetzlich vorgeschrieben waren.

Also konnte er mit tausend, vielleicht sogar mit dreizehnhundert Dollar Strafe rechnen, mehr noch, wenn sie ihm den dämlichen Radardetektor anhängten. Unter Umständen verlor er sogar seinen Lkw-Führerschein. Die Polizisten gaben ihm eine Handvoll Papiere, fuhren bis zum Truckstopp hinter ihm her und ermahnten ihn, vor morgen früh lieber nicht an eine Weiterfahrt zu denken.

Er wartete, bis sie verschwunden waren, dann ging er zur Tankstelle und kaufte sich ein trockenes Truthahnsandwich und einen Sechserpack Bier. Die Nacht verbrachte er in der Koje hinten im Fahrerhaus. Sie war geräumig und bequem, und nach ein paar Bier fühlte er sich gleich besser, aber vor lauter Sorgen schlief er ziemlich unruhig. Und als er aufwachte und den Schnee sah, da wußte er, daß er schon wieder in Schwierigkeiten steckte.

Vor zwei Tagen hatte Wayne in der milden Morgenluft Georgias nicht daran gedacht, nach den Schneeketten zu sehen. Und als er sie heute morgen überprüfen wollte, waren die verdammten Dinger nicht mehr da. Es war einfach nicht zu fassen. Irgendein Vollidiot hatte sich offenbar die Ketten ausgeliehen oder sie gestohlen. Die Interstate würde kein Problem sein, das wußte Wayne, Schneepflüge und Streufahrzeuge waren bestimmt schon seit Stunden unterwegs. Aber er hatte zwei Riesenturbinen geladen, die zu einer Papierfabrik in einem kleinen Ort namens Chatham gebracht werden sollten, also mußte er runter von der Autobahn und über Land fahren. Der Weg war bestimmt voller Kurven und die Straße schmal und noch nicht geräumt. Wayne verfluchte sich noch einmal selbst, trank seinen Kaffee aus und legte einen Fünfdollarschein auf den Tisch.

Vor der Tür blieb er stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden und die Braves-Baseballmütze zum Schutz gegen die Kälte tiefer ins Gesicht zu ziehen. Er konnte das Brummen der Trucks hören, die bereits auf der Interstate unterwegs waren. Unter seinen Stiefeln knirschte der Schnee, als er über den Parkplatz zu seinem Laster ging.

Vierzig oder fünfzig Trucks standen auf dem Platz, einer neben dem anderen, alle Neunachser, so wie seiner, hauptsächlich Peterbilts, Freightliners und Kenworths. Waynes Zugmaschine war eine schwarz- und chromfarbene Kenworth Coventional, wegen der langen, abfallenden Schnauze auch »Ameisenbär« genannt. Vor einem normalen Kühlauflieger sah sie zwar besser aus als mit den beiden Turbinen auf dem Tieflader, aber trotzdem hielt Wayne sie im winterlichen Licht der Morgendämmerung immer noch für die schönste Maschine auf dem Platz. Einen Augenblick blieb er stehen, bewunderte sie und rauchte die Zigarette zu Ende. Anders als die jüngeren Fahrer, die heutzutage keinen Finger mehr krumm machten, sorgte er stets dafür, daß sein Schlepper vor Sauberkeit nur so glänzte. Er hatte vorm Früh stück sogar den Schnee abgewischt. Doch im Gegensatz zu ihm, mußte er plötzlich denken, hatten sie bestimmt ihre gottverdammten Schneeketten nicht vergessen. Wayne Tanner trat die Zigarette im Schnee aus und schwang sich auf den Fahrersitz.

___________

Ihre Spuren trafen sich vor der langgezogenen Auffahrt, die zu den Ställen führte. Mit untrüglichem Gefühl für den richtigen Zeitpunkt waren die beiden Mädchen fast gleichzeitig eingetroffen und zusammen den Hügel hinaufgegangen; ihr Lachen hallte nun hinab ins Tal. Die Sonne stand noch nicht am Himmel, doch der weiße Palisadenzaun, der ihre Spuren auf beiden Seiten säumte, wirkte vor dem Schnee bereits ein wenig schäbig, ebenso die Hindernisse auf dem Feld dahinter. Die Spuren der Mädchen führten den Hügel hinauf und verschwanden in einer Ansammlung niedriger Gebäude, die sich um eine riesige rote Scheune zu drängen schienen, in der die Pferde untergebracht waren.

Als Grace und Judith in den Hof einbogen, huschte eine Katze über den unberührten, ein wenig rutschigen Schnee davon. Sie blieben stehen und sahen zum Haus hinüber. Nichts rührte sich. Mrs. Dyer, der das Gestüt gehörte und die ihnen das Reiten beigebracht hatte, war um diese Zeit gewöhnlich schon auf den Beinen.

»Meinst du, wir sollten ihr sagen, daß wir ausreitenß« flüsterte Grace.

Die beiden Mädchen waren zusammen aufgewachsen und trafen sich, solange sie denken konnten, an den Wochenenden auf dem Land. Beide wohnten in der Upper Westside, gingen in der Eastside zur Schule und hatten beide einen Anwalt zum Vater. Trotzdem kamen sie nie auf den Gedanken, sich unter der Woche zu treffen. Ihre Freundschaft gehörte hierher und zu den Pferden. Judith war gerade vierzehn geworden, also fast ein Jahr älter als Grace, und in einer so schwerwiegenden Frage wie der, ob sie den Zorn der so leicht erregbaren Mrs. Dyer riskieren sollten, fügte sich Grace gern ihrem Urteil. Judith schniefte und zog die Nase kraus.

»Nee«, entschied sie. »Dann meckert sie uns doch nur an, weil wir sie geweckt haben. Komm schon.«

Die Luft in der Scheune war warm und schwer vom süßen Geruch nach Heu und Pferdedung. Als die Mädchen mit ihren Sätteln herein kamen und die Tür schlossen, drehten sich ein Dutzend Pferde in ihren Boxen nach ihnen um, stellten die Ohren auf und spürten geradeso wie Grace, da irgend etwas in der Dämmerung dort draußen anders war als sonst. Judiths Pferd, ein sanftäugiger, kastanienbrauner Wallach namens Gulliver, wieherte, als sie an seine Box trat, und streckte seinen Kopf vor, damit sie ihn streicheln konnte.

»Na, Kleiner«, sagte sie. »Wie geht’s dir heute?« Das Pferd wich behutsam von der Tür zurück, um Judith mit Sattel und Zaumzeug hereinzulassen.

Grace ging weiter. Ihr Pferd stand in der letzten Box am Ende der Scheune, und Grace redete im Vorbeigehen leise mit den anderen Pferden, grüßte sie mit Namen. Sie konnte Pilgrim sehen, der jeden ihrer Schritte reglos und mit hoch erhobenem Kopf verfolgte. Er war ein vierjähriger Morgan, ein Wallach von so dunklem Rotbraun, daß er unter bestimmtem Lichteinfall fast schwarz aussah. Ihre Eltern hatten ihr das Pferd letzten Sommer nach einigem Zögern zum Geburtstag geschenkt. Sie hatten gemeint, es sei zu groß und noch zu jung für Grace, viel zu feurig. Doch für Grace war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Sie waren nach Kentucky geflogen, um sich den Wallach anzuschauen, und als sie auf die Weide fuhren, kam er gleich an den Zaun getrabt, um Grace genauer in Augenschein zu nehmen. Er ließ sich nicht anfassen, schnüffelte nur an ihrer Hand, strich sanft mit den Nüstern darüber. Dann warf er den Kopf in den Nacken wie ein hochmütiger Prinz und galoppierte mit ge strecktem Schweif davon; sein Fell schimmerte in der Sonne wie poliertes Ebenholz. Die Frau, die ihn verkaufte, ließ Grace auf ihm reiten, und erst als sie auf seinem Rücken saß, tauschten die Eltern einen vielsagenden Blick, und sie wußte, daß sie ihn haben durfte. Ihre Mutter war seit ihrer Kindheit nicht mehr geritten, aber sie konnte immer noch ein Rassepferd erkennen, wenn sie eines sah. Und Pilgrim war ein Rassepferd, daran bestand kein Zweifel. Er war außerdem ziemlich temperamentvoll und ganz anders als die Pferde, die Grace bisher geritten hatte. Doch als Grace auf ihm saß und dieses Leben pochen fühlte, da wußte sie, daß er in tiefster Seele ein gutes Pferd und bestimmt nicht bösartig war und daß sie prima miteinander auskommen würden. Sie würden ein Team sein.

Sie wollte ihm einen stolzeren Namen geben, Cochise etwa oder Khan, aber ihre Mutter, stets die liberale Tyrannin, meinte, zwar sei dies natürlich allein Graces Entscheidung, aber es würde Unglück bringen, den Namen eines Pferdes zu ändern. Also blieb es bei Pilgrim.

»He da, Prachtkerl«, sagte sie, als sie vor seiner Box stand. »Wie geht’s uns heute?« Sie streckte die Hand aus, und er ließ sich das samtige Maul streicheln, wandte dann aber gleich wieder den Kopf ab und wich vor ihr zurück. »Du bist mir ja vielleicht ein Charmeur. Na komm, dann wollen wir dich mal fertig machen.«

Grace betrat die Box und nahm dem Pferd die Decke ab. Als sie ihm den Sattel überwarf, scheute Pilgrim ein wenig, wie er es immer tat, und sie befahl ihm mit fester Stimme, stillzuhalten. Sie erzählte ihm von der Überraschung, die draußen auf ihn wartete, schlang ihm den Gurt locker um und legte den Zaum an. Dann nahm sie einen Hufauskratzer aus der Tasche und entfernte sorgsam allen Dreck aus seinen Hufen. Als sie hörte, daß Gulliver bereits von Judith aus dem Stall gebracht wurde, zog sie rasch den Gurt an und dann konnte es losgehen. Sie führten die Pferde auf den Hof, und Judith schloß das Scheunentor. Sie ließen sich Zeit, damit die Pferde sich mit dem Schnee anfreunden konnten. Gulliver senkte den Kopf, schnupperte und kam rasch zu dem Schluß, daß dies dasselbe Zeug sein mußte, daß er schon x-mal zuvor gesehen hatte. Aber Pilgrim war völlig verblüfft. Behutsam setzte er einen Huf in den Schnee und war erstaunt, als er nachgab. Dann wollte er daran schnuppern, wie er es bei dem älteren Pferd gesehen hatte, sog aber die Luft zu kräftig ein und mußte so heftig niesen, daß die Mädchen sich vor Lachen schüttelten. »Vielleicht hat er noch nie Schnee gesehen«, sagte Judith.

»Sieht so aus. Gibt es denn keinen Schnee in Kentucky?«

»Weiß nicht. Glaub schon.« Sie warf einen Blick auf Mrs. Dyers Haus. »Komm, laß uns verschwinden, sonst wecken wir noch den alten Drachen auf.«

Sie führten die Pferde über den Hof zur oberen Weide, stiegen auf und trabten in einer weiten, langsam an steigenden Linie auf den Wald zu. Ihre Spur schnitt in einer exakten Diagonalen über das makellos weiße Rechteck der Weide. Als sie schließlich den Waldrand erreichten, brach die Sonne hervor und füllte das Tal in ihrem Rücken mit langen, schrägen Schatten.

___________

Zu den Dingen, die Graces Mutter an den Wochenenden am meisten haßte, zählten die Unmengen von Zeitungen, die sie zu lesen hatte. Wie drohende Lava häuften sie sich während der Woche an, und Annie stapelte rücksichtslos noch die Wochenzeitungen und jene Teile der New York Times dazu, die sie nicht fortzuwerfen wagte. Am Samstag wirkte der Haufen bereits viel zu beängstigend, um ihn noch länger ignorieren zu können, und da mit der New York Times vom Sonntag einige zusätzliche Tonnen Papier drohten wußte sie, wenn sie jetzt nichts dagegen unternahm, käme sie nicht mehr gegen die Papierflut an und würde von ihr begraben werden. All diese Worte, die auf die Welt losgelassen wurden. All diese Mühe. Und das nur, damit man sich schuldig fühlte. Annie warf wieder einen Packen auf den Boden und machte sich lustlos über die New York Post her.

Die Wohnung der Macleans lag im achten Stock eines prachtvollen alten Gebäudes am Central Park West. Annie saß mit angezogenen Knien auf dem gelben Sofa am Fenster. Sie trug schwarze Leggins und ein hell graues Sweatshirt. Ihr kurzes, nach hinten zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar leuchtete rostrot im Sonnenlicht, das ihren Schatten auf ein gleichfarbiges Sofa auf der anderen Wohnzimmerseite warf. Das Zimmer war lang gezogen und blaßgelb gestrichen. Eine Wand wurde von Büchern bedeckt, hier und da gab es ein wenig afrikanische Kunst, und dort stand ein Flügel, auf dessen schimmernder Oberfläche sich jetzt die schrägen Strahlen der Sonne brachen. Wenn Annie sich umdrehen würde, könnte sie Seemöwen über das zugefrorene Reservoir watscheln sehen. Trotz Schnee und früher Stunde waren an diesem Samstagmorgen bereits einige Jogger unterwegs und drehten ihre Runden, so wie Annie ihre Runden drehen würde, sobald sie die Zeitung gelesen hatte. Sie nippte an ihrem Becher Tee und wollte die Post schon wegwerfen, als sie ihn sah: einen kleinen, zwischen Klatsch spalten versteckten Artikel.

»Ich faß es nicht«, sagte sie laut. »Du miese Ratte!«

Sie knallte den Becher auf den Tisch und eilte wutentbrannt in den Flur, um das Telefon zu holen. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, hieb sie bereits auf die Tasten, stellte sich ans Fenster und wartete auf Antwort. Hinter dem Reservoir lief ein alter Mann Ski. Er trug einen lächerlich unförmigen Kopfhörer und glitt mit schwungvollen Schritten zu den Bäumen hinüber. Eine Frau schimpfte auf eine Schar winziger angeleinter Hunde ein, die farblich aufeinander abgestimmte Strickpullover trugen und deren Beine so kurz waren, daß sie nur hüpfend und rutschend im Schnee vorankamen.

»Anthonyß Hast du die Post gelesen?« Annie hatte ihren Assistenten offensichtlich aus dem Schlaf gerissen, dachte aber nicht daran, sich zu entschuldigen. »Da steht was über Fiske. Der kleine Scheißer behauptet, ich hätte ihn gefeuert und die neue Auflagenzahl frisiert.«

Anthony sagte etwas Mitfühlendes, aber Annie wollte kein Mitgefühl. »Hast du Don Farlows Wochenendnummer?« Er ging, um sie zu holen. Draußen im Park hatte die Hundefrau aufgegeben und zerrte die Kleinen zurück zur Straße. Anthony kam mit der Nummer, und Annie kritzelte sie auf ein Blatt Papier.

»Gut«, sagte sie. »Leg dich wieder schlafen.« Sie unterbrach die Verbindung und wählte gleich danach Farlows Nummer. Don Farlow war der Anwalt des Verlags und zuständig für knifflige Angelegenheiten. Er war ihr Verbündeter, wenn nicht gar ihr Freund geworden, seit man Annie Graves (beruflich hatte sie ihren Mädchennamen beibehalten) vor sechs Monaten zur Chefredakteurin ernannt hatte, um die Verlagszeitschrift, das Flaggschiff des Unternehmens, vor dem Untergang zu bewahren. Zusammen hatten sie sich daran gemacht, die alte Garde auszubooten. Blut war geflossen — neues herein, altes hinaus —, und die Medien hatten sich keinen Tropfen entgehen lassen. Einige aus der alten Garde, denen Annie und Farlow den Stuhl vor die Tür gesetzt hatten, waren Schriftsteller mit guten Verbindungen und hatten sich in den Klatschspalten der Zeitungen an ihnen gerächt. Die entsprechende Kolumne wurde unter dem Namen Graves Yard, also »Graves Friedhof« bekannt.

Annie konnte die Verbitterung verstehen. Manche von ihnen waren schon so lange beim Verlag gewesen, daß sie bereits geglaubt hatten, er gehöre ihnen. Gefeuert zu werden war beschämend genug. Doch von einer dreiundvierzigjährigen Frau gefeuert zu werden, noch dazu von einer Engländerin, war einfach die Höhe. In zwischen war die Säuberung fast abgeschlossen, und Annie und Farlow hatten in letzter Zeit einiges Geschick beim Aufsetzen von Abfindungsverträgen entwickelt, die ihnen das Schweigen der Entlassenen erkaufen sollten. Annie hatte geglaubt, eben dies auch mit Fenimore Fiske, dem ältlichen und unerträglichen Filmkritiker der Zeitschrift, getan zu haben, der jetzt in der Post über sie herzog. Diese Ratte. Doch während Annie noch darauf wartete, daß Farlow ans Telefon ging, tröstete sie sich mit dem Gedanken, daß Fiske ein großer Fehler unterlaufen war, als er behauptet hatte, daß die erhöhte Auflagenzahl erlogen sei. Das war sie nicht, und Annie konnte es beweisen.

Farlow war nicht nur wach, er hatte sogar den Artikel schon gelesen. Sie vereinbarten, sich in zwei Stunden in Annies Büro zu treffen. Sie würden den alten Dreckskerl auf jeden Penny verklagen, mit dem sie ihn abgefunden hatten. Annie rief ihren Mann in Chatham an, bekam aber nur ihre eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter zu hören. Sie sagte Robert, daß es Zeit zum Aufstehen sei, daß sie einen Zug später kommen würde und daß er nicht ohne sie zum Supermarkt gehen solle. Dann fuhr sie mit dem Fahrstuhl nach unten und lief hinaus in den Schnee, um sich den Joggern anzuschließen. Natürlich joggte Annie Graves nicht. Sie rannte. Und obwohl man diesen Unterschied auf den er sten Blick weder an ihrem Tempo noch an ihrer Technik er kennen konnte, war er für Annie so klar und belebend wie die kalte Morgenluft, in die sie jetzt hinausstürmte.

___________

Die Interstate war geräumt, genau wie Wayne Tanner es geahnt hatte. Allzuviel war nicht los an diesem Samstag, und er vermutete, daß er gut daran tat, auf der Siebenundachtziger zu bleiben, bis er die Neunziger kreuzte, und dann über den Hudson River zu fahren, um Chatham von Norden her anzusteuern. Er sah sich die Strecke auf der Karte an. Es war nicht gerade der direkteste Weg, aber so umfuhr er einige Landstraßen, die bestimmt noch nicht schneefrei waren. Ohne Ketten konnte er bloß hoffen, daß diese Zufahrt zur Fabrik, von der man ihm erzählt hatte, nicht nur so ein Sandweg war.

Als die Neunziger ausgeschildert wurde und Wayne Tanner ostwärts abbog, fühlte er sich allmählich besser. Die Landschaft glich dem Bild auf einer Weihnachtskarte, und mit Garth Brooks auf Kassette und den Sonnenstrahlen, die sich in der mächtigen Schnauze seines Kenworths spiegelten, kam ihm seine Lage schon nicht mehr so schlimm vor wie gestern abend. Verdammt, wenn es zum Schlimmsten kam und er seinen Führerschein verlor, konnte er jederzeit wieder als Automechaniker arbeiten, das hatte er schließlich gelernt. Sicher, er würde dann nicht mehr so viel verdienen. Es war schon ein gottverdammtes Elend, wie schlecht jemand bezahlt wurde, der eine jahrelange Ausbildung mitgemacht hatte und sich Werkzeug für zigtausend Dollar kaufen mußte. Aber in letzter Zeit war es ihm manchmal auch leid geworden, ständig so viel unterwegs zu sein. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, ein bißchen mehr Zeit daheim bei Frau und Kindern zu verbringen. Na ja, vielleicht. Wenigstens könnte er dann öfter Fischen gehen.

Auf einmal sah Wayne die Abfahrt nach Chatham vor sich auftauchen, und er machte sich an die Arbeit, hieb pumpend auf die Bremse und schaltete den Truck durch seine neun Gänge runter, so daß der vierhundertfünfundzwanzig PS-Cumminsmotor protestierend aufröhrte. Als Wayne von der Interstate abbog, drückte er auf den Schalter für Vierradantrieb und ließ die Vorderachse einrasten. Von hier aus waren es seiner Schätzung nach nur noch fünf oder sechs Meilen bis zur Fabrik.

___________

Hoch oben im Wald war es an diesem Morgen so still, als würde das Leben selbst sich eine Pause gönnen. Weder ein Vogel noch sonst ein Tier regte sich, und der einzige Laut war hin und wieder ein dumpfes Geräusch, wenn der Schnee von überladenen Zweigen fiel. In diese erwartungsvolle Leere drang durch Ahorn und Birke das ferne Lachen der Mädchen.

Sie ritten langsam den gewundenen Pfad zum Hügelrücken hinauf und überließen sich dem Tempo der Pferde. Judith führte. Sie drehte sich um, stützte sich mit einer Hand auf dem hinteren Sattelrand ab, schaute Pilgrim zu und lachte.

»Mit dem könntest du im Zirkus auftreten«, sagte sie. »Er ist wirklich der geborene Clown.«

Grace konnte vor lauter Lachen nicht antworten. Pilgrim hielt den Kopf gesenkt und schob seine Nase wie eine Schaufel durch den Schnee. Dann schleuderte er eine Handvoll in die Luft, nieste, trabte an und tat, als habe er Angst vor dem, was da auf ihn niederregnete.

»He da, jetzt reicht’s aber«, rief Grace, zog die Zügel an und brachte ihn wieder unter ihre Kontrolle. Pilgrim beruhigte sich, und die immer noch grinsende Judith schüttelte den Kopf und wandte sich wieder nach vorn. Gulliver hielt die Führung, gänzlich unbeeindruckt von dem Theater hinter ihm, und sein Kopf wippte auf und ab im Rhythmus seiner Schritte. Alle zehn Meter hingen leuchtend orangerote Plakate an den Bäumen und drohten jedem mit einer Strafanzeige, der beim Wildern, Fallenstellen oder unbefugten Betreten erwischt wurde.

Auf dem Hügelkamm, der die beiden Täler voneinander trennte, befand sich eine kleine, kreisrunde Lichtung, auf der man oft, wenn man sich ihr leise näherte, Hirsche oder wilde Truthähne sehen konnte. Doch als die Mädchen heute den Schutz der Bäume verließen und in die Sonne ritten, fanden sie nur einen blutigen Flügel. Er lag fast genau in der Mitte der Lichtung, beinahe wie eine Markierung auf einem grauenhaften Kompaß. Die Mädchen hielten an und betrachteten den Flügel.

»Was ist dasß Ein Fasan?« fragte Grace.

»Glaub schon. Jedenfalls war es mal ein Fasan, ein Stück von einem Fasan.«

Grace runzelte die Stirn. »Und wie ist das her gekommen?«

»Weiß nicht. Vielleicht ein Fuchs.«

»Das kann nicht sein. Dann müßte man Spuren sehen können.« Es gab keine, auch keine Anzeichen von einem Kampf. Fast schien es, als wäre der Flügel aus eigener Kraft hergeflogen. Judith zuckte die Achseln.

»Vielleicht wurde er angeschossen.«

»Und der restliche Fasan ist mit einem Flügel weitergeflogen?« Beide überlegten einen Augenblick. Dann nickte Judith weise. »Ein Falke. Ein Falke hat ihn fallen gelassen.«

Grace dachte darüber nach. »Hm, könnte stimmen.« Sie trieben ihre Pferde an.

»Oder ein Flugzeug.«

Grace lachte. »Genau«, sagte sie. »Er sieht fast so aus wie ein Flügel von dem Hühnchen, das uns letztes Jahr auf dem Flug nach London serviert wurde. Nur irgendwie besser.«

Wenn sie zum Hügelkamm hinaufritten, ließen sie meist die Pferde über die Lichtung galoppieren und bogen dann in einen Pfad ein, der sie zurück zum Stall führte. Doch der Schnee, die Sonne und die klare Morgenluft hatten in den Mädchen die Lust auf einen längeren Ausritt geweckt. Sie beschlossen, etwas zu unternehmen, was sie bislang erst einmal getan hatten, vor ein paar Jahren, als Grace noch Gypsy ritt, das stämmige kleine Palomino-Pony. Sie würden ins nächste Tal reiten, quer durch den Wald, und zurück den weiten Weg nehmen, am Fluß entlang und um den Hügel herum. Dann mußten sie zwar ein oder zwei Straßen überqueren, aber Pilgrim schien sich beruhigt zu haben, und außerdem war an diesem verschneiten Samstagmorgen bestimmt noch kein Mensch unterwegs.

Als sie die Lichtung verließen und wieder in den Wald ritten, verstummten Grace und Judith. Auf dieser Seite des Hügelkamms standen Hickorys und Pappeln, zwischen denen kein erkennbarer Pfad verlief, so daß die Mädchen oft ihre Köpfe einziehen mußten, um unter tief hängenden Zweigen durchreiten zu können, und der herab fallende Schneestaub bedeckte sie und die Pferde bald mit einer feinen Schicht. Gemächlich folgten sie auf ihrem Weg nach unten dem Lauf eines Flusses. Eiskrusten hingen mit gezackten Rändern über die Ufer und gaben nur gelegentlich einen kurzen Blick auf das darunter rauschende, dunkle Wasser preis. Der Abhang wurde immer steiler, und die Pferde tasteten sich behutsam vor, prüften sorgsam den Untergrund, bevor sie ihre Hufe aufsetzten. Einmal glitt Gulliver auf einem versteckten Fels aus, fing sich aber gleich wieder, ohne in Panik zu geraten. Sonnenlicht fiel in schrägen Strahlen durch die Bäume, malte bizarre Schatten auf den Schnee und beschien die Atemwolken, die aus den Nüstern der Pferde aufstiegen. Doch die Mädchen achteten nicht darauf. Sie brauchten ihre ganze Konzentration für den Abstieg und dachten an nichts anderes als an die Bewegungen der Tiere, auf deren Rücken sie saßen.

Erleichtert sahen sie schließlich den Kinderhook Creek durch die Bäume schimmern. Der Abstieg war schwerer als erwartet gewesen und erst jetzt wagten es die Mädchen, sich anzusehen. Sie grinsten.

»Nicht schlecht, he?« sagte Judith und zog sanft an Gullivers Zügeln.

Grace lachte. »Stimmt.« Sie beugte sich vor und rieb Pilgrims Hals. »Haben sich die beiden nicht prima gehalten?«

»Phantastisch.«

»Ich hatte ganz vergessen, wie steil der Abhang ist.«

»Er war damals auch nicht so steil. Wahrscheinlich sind wir einem anderen Bachlauf gefolgt. Ich schätze, wir sind ungefähr eine Meile weiter südlich, als wir eigentlich sein sollten.«

Sie wischten sich den Schnee von Helmen und Kleidern und spähten zwischen den Bäumen hindurch ins Tal. Hinter dem Wald senkte sich eine jungfräulich weiße Weide hinab zum Fluß. Am dies seitigen Ufer ließen sich gerade noch die Zaunpfosten der alten Straße erkennen, die zur Papierfabrik führte. Die Straße war stillgelegt, seit man eine breitere und kürzere Zufahrt zur Autobahn gebaut hatte, die kaum eine halbe Meile weit hinter dem Fluß verlief. Die Mädchen würden der alten Fabrikstraße folgen müssen, wenn sie wieder auf den Weg stoßen wollten, der nach Hause führte.

___________

Wie er befürchtet hatte, war die Straße nach Chatham noch nicht geräumt worden. Aber Wayne Tanner begriff bald, daß seine Sorgen unbegründet gewesen waren. Vor ihm hatten andere bereits die Straße befahren, und die achtzehn Allwetterreifen seines Kenworths griffen in ihren Spuren und fanden festen Halt. Letzten Endes hätte er die Ketten also gar nicht gebraucht. Ein Schneepflug fuhr auf der Gegenfahrbahn an ihm vorbei, und obwohl ihm das kaum etwas nutzte, war er so erleichtert, daß er dem Fahrer zuwinkte und fröhlich seine Fanfare ertönen ließ.

Wayne steckte sich eine Zigarette an und sah auf die Uhr. Er war früher dran als vereinbart. Nach seinem Stelldichein mit den Cops hatte er Atlanta angerufen und ihnen gesagt, sie sollten den Leuten von der Fabrik Bescheid geben, daß er die Turbinen erst am nächsten Morgen liefern könne. Keiner arbeitete gern an einem Samstag, also war er vermutlich nicht besonders beliebt, wenn er dort unten aufkreuzte. Aber das war nicht sein Problem. Er legte eine neue Garth-Brooks-Kassette auf und hielt Ausschau nach der Abzweigung zur Fabrik.

___________

Nach dem Abstieg durch den Wald kamen sie auf der alten Fabrikstraße leicht voran, und die Mädchen ritten Seite an Seite im Sonnenschein und entspannten sich. Zu ihrer Linken spielten einige Elstern in den Bäumen am Flußufer. Trotz ihres heiseren Gekrächzes und dem Rauschen des über die Felsen dahinschießenden Wassers konnte Grace ein Brummen hören, das von einem Schneepflug auf der Autobahn zu kommen schien.

»Na also«, sagte Judith und wies mit einem Kopf nicken nach vorn.

Es war die Stelle, die sie gesucht hatten. Eisenbahnschienen kreuzten hier erst die Fabrikstraße und dann den Fluß. Die Bahn war zwar schon vor vielen Jahren stillgelegt worden, aber die Brücke über den Fluß hatte man unbehelligt gelassen. Die Brücke über die Straße war allerdings abgerissen worden, nur die hohen Betonwände standen noch, ein Tunnel ohne Dach, durch den die Straße verlief, ehe sie hinter einer Kurve verschwand. Unmittelbar davor führte ein steiler Pfad die Böschung hinauf zu den Gleisen, und dort hinauf mußten die Mädchen, wenn sie über die Flußbrücke reiten wollten. Judith ritt voran und lenkte Gulliver auf den Pfad. Er ging einige Schritte, dann blieb er stehen.

»Komm schon, Kleiner. Keine Angst.«

Das Pferd scharrte vor sichtig mit einem Vorderhuf über den Schnee, als wollte er ihn untersuchen. Judith gab Gulliver die Hacken und drängte ihn weiter.

»Los doch, Faulpelz, rauf mit dir.«

Gulliver gab nach und begann wieder, die Böschung hinaufzusteigen. Grace wartete unten auf der Straße und sah zu. Ihr war vage bewußt, daß das Brummen des Schneepflugs auf der Autobahn lauter geworden war. Pilgrim zuckte mit den Ohren. Sie tätschelte seinen schweißnassen Hals.

»Geht’s?« rief sie zu Judith hinauf.

»Kein Problem. Aber sei vorsichtig.«

Es passierte, als Gulliver schon fast oben auf der Böschung war. Grace hatte mit dem Aufstieg begonnen, folgte der Spur so genau wie möglich und ließ Pilgrim viel Zeit. Sie war auf halber Höhe, als sie hörte, wie Gullivers Hufe übers Eis ratschten und Judith einen verängstigten Schrei ausstieß.

Wären die Mädchen in letzter Zeit einmal die Strecke abgeritten hätten sie gewußt, daß seit dem Spätsommer Wasser aus einem defekten Abzugskanal über den Abhang geströmt war, den sie jetzt hinaufritten. Der Schnee verbarg eine geschlossene Eisdecke.

Gulliver taumelte, versuchte, mit den Hinterläufen Halt zu finden und trat einen Schauer von Schnee und Eis splittern los. Doch als sein Hufe keinen Widerstand fanden, glitt er, Hinterteil voran, über die vereiste Böschung. Ein Vorderfuß rutschte seitlich weg, und Gulliver ging in die Knie. Judith schrie auf, als sie nach vorn geschleudert wurde und einen Steigbügel verlor. Aber sie konnte sich in der Mähne festkrallen und blieb im Sattel.

»Aus dem Weg!« gellte sie. »Grace!«

Grace war wie gelähmt. Das Blut dröhnte in ihrem Kopf und schien sie erstarren zu lassen, als hätte sie nichts mit dem zu tun, was vor ihr geschah. Doch als Judith zum zweitenmal aufschrie, wachte sie auf und wollte Pilgrim die Böschung wieder hinunterlenken. Das Pferd riß verängstigt den Kopf hoch und kämpfte gegen sie an. Es trippelte zur Seite und reckte den Hals hangaufwärts, bis es auch ins Rutschen geriet und vor Schreck wieherte. Es stand jetzt direkt in Gullivers Bahn. Grace schrie und zerrte an den Zügeln.

»Pilgrim, beweg dich! Lauf!«

In der seltsamen Stille jener Sekunde vor dem Zusammenprall mit Gulliver wußte Grace, daß das Dröhnen nicht allein vom Rauschen des Blutes in ihrem Kopf kam. Dieser Schneepflug fuhr nicht auf der Autobahn. Dafür war er zu laut. Er mußte irgendwo in der Nähe sein. Der Gedanke zerstob, als Gulliver mit dem Hinterteil gegen Pilgrim prallte. Er rammte ihn mit voller Wucht, knallte gegen Pilgrims Schulter und riß ihn herum. Grace dachte, sie würde aus dem Sattel gerissen und wie von einem Katapult die Böschung hinaufgeschleudert. Und hätte sie nicht mit einer Hand Gullivers Hinterteil erwischt, wäre sie vom Pferd gefallen. Aber sie blieb oben und wickelte eine Faust um Pilgrims seidige Mähne, als er den Abhang hinunterschlitterte.

Gulliver und Judith waren an ihr vorbeigedonnert, und Grace mußte mit ansehen, wie ihre Freundin hintenüber vom Pferd gefegt wurde wie eine leblose Puppe, dann zurückgerissen und hin und her geschleudert, da sie mit einem Fuß im Steigbügel hängengeblieben war. Judith schlug auf dem Boden auf, drehte sich um sich selbst, und als sie mit dem Hinterkopf aufs Eis krachte, verfing sich ihr Fuß mit einer weiteren Drehung im Steigbügel, verhakte sich unauflöslich, so daß Gulliver nun Judith hinter sich herschleifte. In einem einzigen wirren sich überschlagenden Durcheinander rasten die beiden Pferde mit ihren Reiterinnen auf die Straße zu.

Wayne Tanner sah sie, als er um die Ecke bog. Da man in der Fabrik damit gerechnet hatte, daß er von Süden kam, hatte niemand daran gedacht, ihm von der alten Zufahrtsstraße weiter nördlich zu erzählen. Wayne hatte die Abzweigung gesehen, war abgebogen und hatte erleichtert registriert, daß die Reifen seines Kenworths auf dem unberührten Schnee offenbar ebenso gut griffen wie auf der Autobahn. Als er um die Kurve fuhr, sah er etwa hundert Schritt voraus die Betonmauern der Brücke und dahinter, von ihnen umrahmt, irgendein Tier, ein Pferd, das etwas hinter sich herzog. Wayne drehte sich der Magen um.

»Was, zum Teufel …«

Er stieg auf die Bremse, aber nicht zu hart, denn wenn er zu rasch bremste, würden die Reifen blockieren, also zog er am Hydraulikventil am Steuer, um den Bremsschub auf den hinteren Reifen zu verringern. Keine Reaktion. Er würde mit dem Motor abbremsen müssen, also hieb er mit dem Handballen gegen den Schalthebel und ging zwei Gänge runter. Die sechs Zylinder des Cumminsmotors röhrten gequält. Verdammt, er war zu schnell. Jetzt waren zwei Pferde auf der Straße, auf einem saß ein Reiter. Was, zum Teufel, trieben die da? Warum machten sie nicht die Scheißstraße frei? Sein Herz raste, und er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, als er Bremsen und Schaltknüppel seines Schleppers bearbeitete und einen Rhythmus im Mantra fand, das ihm durch den Kopf ging: auf die Bremse, runterschalten; auf die Bremse, runterschalten.

Aber die Brücke kam viel zu rasch näher. Um Himmels willen, hörten die ihn denn nicht kommen? Konnten sie ihn nicht sehen? Sie konnten. Sogar Judith in ihrer Qual bekam ihn kurz zu Gesicht, während sie sich schreiend im Schnee wälzte. Beim Sturz vom Pferd war ihr Oberschenkelknochen gebrochen, und als sie auf die Straße herunterrutschten, waren beide Pferde auf sie getreten, hatten ihr die Rippen angeknackst und einen Unterarm zertrümmert. Mit dem ersten Stolperschritt hatte Gulliver sich die Kniescheibe gebrochen und die Sehne gezerrt. Schmerz und Angst zeigten sich im Weiß seiner Augen, als er über die Straße taumelte und versuchte, sich von diesem Ding zu befreien, das da an seiner Seite hing. Grace sah den Truck, als sie mit Pilgrim auf die Straße schlitterte. Ein Blick genügte. Irgendwie war es ihr gelungen, nicht vom Pferd zu fallen, also mußte sie jetzt dafür sorgen, daß sie alle die Straße räumten.

Wenn sie Gullivers Zügel zu fassen bekam, konnte sie ihn mit Judith im Schlepp in Sicherheit bringen. Aber Pilgrim war genauso verschreckt wie das ältere Pferd, und die bei den drehten sich wie verrückt im Kreis und schürten gegen seitig ihre Panik. Mit aller Kraft zerrte Grace an Pilgrims Trense und gewann für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit.

Sie trieb ihn zu Gulliver hinüber, beugte sich gefährlich weit aus dem Sattel und griff nach seinem Zaumzeug. Er wich vor ihr zurück, aber Grace blieb hart an ihm dran und reckte ihren Arm, bis sie ihn sich beinahe verrenkte. Sie konnte die Zügel schon fast mit den Fingern berühren, als der Fahrer auf die Hupe drückte.

Wayne sah, wie sich beide Pferde bei dem Klang aufbäumten und erkannte jetzt erst, was hinter dem reiterlosen Pferd hing.

»Verdammter Mist.«

Er sagte es laut und merkte im gleichen Moment, daß sich der Motor nicht weiter runterschalten ließ. Er fuhr bereits im ersten Gang, aber die Brücke und die Pferde kamen so schnell auf ihn zu, daß ihm keine Wahl blieb, er mußte es mit den Bremsen der Zugmaschine versuchen. Wayne murmelte ein Stoß gebet und trat fester aufs Bremspedal, als ratsam war. Einen Augenblick lang schien es zu klappen. Er spürte, wie die Hinterräder des Schleppers Halt fanden.

»Yeah! Braves Mädchen!«

Dann blockierten die Räder, und Wayne begriff, daß vierzig Tonnen Stahl haltlos ihrem Schicksal entgegensteuerten.

Gravitätisch donnerte der Kenworth mit zunehmendem Tempo zwischen den Brückenträgern durch, ohne auch nur im geringsten auf Waynes Bemühungen am Steuer zu reagieren. Wayne war jetzt nur noch Zuschauer, und er sah, wie der Kotflügel auf der Fahrerseite in einem anfangs nur flüchtigen Funkenkuß die Betonmauer berührte. Als aber dann das Eigengewicht des Aufliegers nachdrückte, brachte ein schrilles Knirschen und Reißen die Luft zum Vibrieren.

Wayne konnte jetzt sehen, daß sich das schwarze Pferd zu ihm umdrehte und daß die Augen der Reiterin, ein junges Mädchen, unter dem schwarzen Schirm des Reithelms schreckensweit aufgerissen waren.

»Nein, nein, nein!« schrie er immer wieder.

Doch das Pferd bäumte sich trotzig vor ihm auf. Das Mädchen wurde zurückgeworfen und fiel auf die Straße. Nur kurz berührten die Hufe den Boden, denn noch ehe der Truck das Tier überrollen konnte, sah Wayne, wie das Pferd den Kopf hob und sich erneut aufbäumte. Doch diesmal schien es ihn anzuspringen. Mit der ganzen Kraft seiner Hinterbeine warf sich das Pferd über die Schlepperschnauze und sprang über die starre Front des Kühlergrills, als wäre es ein Parcourshindernis. Es landete mit den Hufeisen auf der Motorhaube und schlitterte in einem Funkenregen über das Metall. Als ein Huf gegen die Windschutzscheibe prallte, gab es einen lauten Knall, das Glas zersprang zu einem wirren Netz von Splittern, und Wayne sah überhaupt nichts mehr. Wo war das Mädchenß Mein Gott, es mußte irgendwo unter ihm auf der Straße liegen.

Wayne hieb mit Faust und Unterarm gegen die Windschutzscheibe, und als sie zerbrach, sah er, daß das Pferd immer noch auf der Motorhaube hockte. Es hatte sich mit dem rechten Vorderbein in den Vförmigen Streben des Seitenspiegels verhakt und schrie ihn an. Es war mit Glassplittern übersät, Blut und Schaum standen ihm vor dem Maul. Das andere Pferd versuchte, vom Straßenrand fortzuhumpeln; seine Reiterin hing immer noch mit einem Bein im Steigbügel.

Und der Truck raste unaufhaltsam weiter. Der Auflieger war jetzt an der Brückenmauer vorbei, und da ihn seitlich nichts mehr aufhielt, stellte er sich langsam, aber unerbittlich quer, fegte mühelos den Zaun hinweg und schob eine Bugwelle Schnee vor sich her, als wäre er ein Ozeanriese.

Als der Schwung vom Auflieger so groß wurde, daß er die Zugmaschine überrollte und ihre Geschwindigkeit ab bremste, unternahm das Pferd auf der Motorhaube eine letzte verzweifelte Anstrengung. Es zerbrach die Streben des Seitenspiegels, rollte sich von der Haube und verschwand aus Waynes Blickfeld. Einen Augenblick lang herrschte jene erwartungsvolle Stille wie im Auge eines Hurrikans, und Wayne sah, daß sich der Auflieger an Zaun und Feldrand vor beischob und sich im weiten Bogen drehte, um ihm von vorn wieder entgegenzukommen. Eingepfercht im lautlos sich schließenden Winkel von Zugmaschine und Auflieger stand das zweite Pferd und schien zu überlegen, in welche Richtung es flüchten sollte. Wayne meinte, die Reiterin am Boden erkennen zu können, wie sie den Kopf hob, um ihn anzuschauen, ohne etwas von der Welle zu ahnen, die sich hinter ihr auf türmte. Dann war sie verschwunden. Der Auflieger pflügte über sie hinweg, schleuderte das Pferd vor die Zugmaschine, als wäre es leicht wie ein Schmetterling, und zermalmte es mit einem letzten, metallischen Knirschen.

___________

»Hallo? Gracie?«

Robert Maclean blieb mit zwei großen Tüten Lebensmitteln im Flur am Hintereingang stehen. Als ihm niemand antwortete, ging er in die Küche und stellte die Tüten auf den Tisch.

Er kaufte gern fürs Wochenende ein, ehe Annie eintraf. Falls er es nämlich nicht tat, würden sie zusammen in den Supermarkt gehen müssen, und das dauerte ewig, da Annie sich stundenlang über die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Marken aufhalten konnte. Es erstaunte ihn jedesmal aufs neue, wie jemand, der in seinem Arbeits leben blitzschnell Entscheidungen treffen mußte, in denen es um Tausende, gar Millionen Dollar ging, am Wochenende zehn Minuten mit der Frage zubringen konnte, welche Art von Pesto vorzuziehen war. Außerdem lebten sie viel billiger, wenn er allein einkaufte, da Annie sich letztlich doch nicht entscheiden konnte, welche Marke die bessere war, und am Ende alle drei Gläser kaufte.

Der Nachteil war natürlich die unvermeidliche Kritik, die ihn daheim erwartete, da er angeblich mal wieder die falschen Sachen eingekauft hatte. Doch mit jener juristischen Sachlichkeit, die er auf alle Bereiche seines Lebens anwandte, hatte Robert beide Seiten der Angelegenheit erwogen und dem Einkauf ohne seine Frau eindeutig den Vorzug gegeben.

Graces Notiz lag beim Telefon. Robert sah auf seine Uhr. Es war erst kurz nach zehn, und er konnte verstehen, daß die beiden Mädchen an einem solchen Morgen länger ausbleiben wollten. Er drückte auf die Wiedergabetaste des Anrufbeantworters, zog seinen Parka aus und räumte die Einkäufe fort. Es waren zwei Nachrichten auf Band. über die erste, die von Annie, mußte er lächeln. Offenbar hatte sie angerufen, als er gerade zum Supermarkt gefahren war. Zeit zum Aufstehen, das war mal wieder typisch. Die zweite Nachricht kam von Mrs. Dyer, der Besitzerin des Gestüts. Sie sagte nur, daß er sie bitte zurückrufen möchte. Aber irgend etwas in ihrer Stimme jagte Robert einen Schauder über den Rücken.

___________

Der Hubschrauber hing eine Weile über dem Fluß, als wollte er das Bild in sich aufnehmen, sackte ab, stieg über dem Wald wieder auf und füllte das Tal mit dem tiefen, vibrierenden Dröhnen seiner Rotoren. Der Pilot flog noch eine Kurve und sah dabei aus dem Fenster nach unten. Vor dem riesigen Schlepper mit quergestelltem Anhänger standen fächerförmig auf dem Feld verteilt Krankenwagen, Rettungsfahrzeuge und Streifenwagen der Polizei mit blinkendem Blaulicht. Man hatte einen Landeplatz für den Helikopter markiert, und ein Polizist gab mit weit ausladenden Armen völlig überflüssige Signale.

Sie hatten kaum zehn Minuten gebraucht, um von Albany herüberzufliegen. Die vier Sanitäter hatten während des ganzen Fluges ihre Instrumente routinemäßig überprüft. Jetzt waren sie fertig und schauten dem Piloten schweigend über die Schulter, als er eine letzte Runde flog und zur Landung ansetzte. Der Fluß blendete sie, als die Sonne sich in ihm spiegelte, dann folgte der Hubschrauber seinem eigenen Schatten über die Straßensperre und überholte einen roten Geländewagen, der sich ebenfalls auf dem Weg zum Unglücksort befand.

Durch das Fenster des Streifenwagens beobachtete Wayne Tanner den Hubschrauber über dem Landeplatz, sah, wie er langsam niederschwebte und einen Schneesturm um den einweisenden Polizisten aufwirbelte. Wayne saß auf dem Beifahrersitz, eingewickelt in eine Decke, in der Hand eine Tasse mit etwas Heißem, das er noch nicht probiert hatte. Das Treiben draußen ergab für ihn ebensowenig Sinn wie das barsche Geschnatter, das in unregelmäßigen Abständen über Funk zu hören war. Seine Schulter tat ihm weh, und er hatte einen kleinen Schnitt an der Hand. Eine Krankenpflegerin hatte darauf bestanden, die Wunde aufwendig zu verbinden. Das wäre nicht nötig gewesen. Fast schien es, als wollte sie nicht, daß er sich von dem allgemeinen Gemetzel dort draußen ausgeschlossen fühlte.

Wayne sah, wie sich der junge Deputy Koopman, in dessen Wagen er saß, drüben beim Truck mit Leuten von der Rettungsmannschaft unterhielt. Der kleine Trapper mit Pelzmütze, der den Alarm ausgelöst hatte, lehnte ganz in der Nähe an der Motorhaube eines alten blauen Pickups und hörte das Gespräch mit an. Er war oben in den Wäldern gewesen, hatte gesehen, wie der Truck gegen die Brückenmauer knallte und war sofort zur Fabrik gelaufen, von wo aus man den Sheriff angerufen hatte. Als Koopman eintraf, saß Wayne im Schnee auf dem Feld. Der Deputy war noch ziemlich jung und hatte noch nie zuvor einen derart schlimmen Unfall gesehen, bekam die Sache aber schnell in den Griff und wirkte fast ein wenig enttäuscht, als Wayne ihm sagte, daß er über Kanal neun auf seinem CB bereits einen Notruf ausgesandt hatte. Der Sender wurde von der Bundespolizei abgehört, die nur Minuten später eintraf. Inzwischen wimmelte es von Bundespolizisten, und Koopman schien ein wenig sauer, daß man ihm die Show gestohlen hatte.

Im Schnee unter dem Truck spiegelte sich das gleißende Licht der Schweißbrenner, mit denen sich die Männer vom Rettungsdienst durch das verkeilte Wrack von Sattelschlepper und Turbinen schnitten. Wayne senkte den Blick und kämpfte gegen die Erinnerung an jene langen Minuten, die anbrachen, nach dem der Schlepper zum Stehen gekommen war.

Erst hatte er nichts gehört. Garth Brooks sang unverzagt, und Wayne war so verblüfft, noch am Leben zu sein, daß er sich fragte, ob er selbst oder sein Geist es war, der da aus dem Fahrerhaus kletterte. Elstern zankten sich in den Bäumen, und zuerst dachte er, dieses Geräusch käme auch von hinten. Aber es klang zu verzweifelt, zu flehentlich, ein anhaltender, gequälter Schrei, und Wayne begriff, daß das Pferd unter dem Anhänger im Sterben lag, und er preßte seine Hände auf die Ohren und rannte hinaus aufs Feld.

Man hatte ihm bereits gesagt, daß ein Mädchen noch am Leben war, und er konnte sehen, wie die Sanitäter sich an der Trage zu schaffen machten, um die Kleine für den Flug im Hubschrauber vorzubereiten. Einer preßte ihr eine Maske über das Gesicht, ein anderer hielt zwei Plastikflaschen hoch, die durch Schläuche mit ihren Armen verbunden waren. Der Leichnam des anderen Mädchens war schon abtransportiert worden.

Ein roter Geländewagen fuhr soeben vor, und Wayne sah einen großen, bärtigen Mann aussteigen und hinten aus dem Wagen eine schwarze Tasche holen. Er warf sie sich über die Schulter und ging zu Koopman, der sich zu ihm umdrehte und ihn begrüßte. Sie sprachen kurz miteinander, dann führte ihn Koopman aus seinem Blickfeld, auf die andere Seite des Trucks, dorthin, wo die Schweißbrenner bei der Arbeit waren. Als sie wieder auftauchten, sah der Bärtige ziemlich grimmig drein. Sie gingen zu dem kleinen Trapper, der ihnen zuhörte, nickte und etwas aus dem Pickup holte, das wie eine Gewehrtasche aussah. Dann kamen alle drei auf ihn zu. Koopman öffnete die Wagentür.

»Alles in Ordnungß«

»Klar, alles okay.«

Koopman wies mit einem Kopfnicken auf den Bärtigen.

»Mr. Logan hier ist Tierarzt. Wir müssen das andere Pferd finden.« Durch die offene Tür konnte Wayne jetzt das Fauchen der Schweißbrenner hören. Bei dem Geräusch wurde ihm schlecht. »Irgendeine Ahnung, wo es hingelaufen sein könnte?«

»Nein. Aber weit ist es bestimmt nicht gekommen.«

»In Ordnung.« Koopman legte Wayne eine Hand auf die Schulter. »Wir lassen Sie hier bald rausholen, okay?«

Wayne nickte. Koopman schloß die Tür. Sie blieben vor dem Wagen stehen und unterhielten sich, aber Wayne konnte kein Wort verstehen. Hinter ihnen hob der Hubschrauber vom Boden ab und brachte das Mädchen fort. Irgend jemand verlor in dem plötzlichen Schneesturm seinen Hut. Aber Wayne nahm von alldem nichts wahr. Er sah nur den blutigen Schaum vor dem Maul des Pferdes und die Augen, die ihn über die zackigen Splitter der Windschutzscheibe hinweg anstarrten, geradeso, wie sie ihn noch lange Zeit in seinen Träumen anstarren würden.

___________

»Wir haben ihn, stimmt’s?«

Annie stand an ihrem Schreibtisch und sah Don Farlow über die Schulter, als er den Vertrag las. Er antwortete nicht, hob nur eine sandfarbene Augenbraue und las die Seite zu Ende.

»Es stimmt«, sagte Annie. »Ich weiß es.«

Farlow ließ den Vertrag sinken. »Tja, ich glaube, wir haben ihn wirklich.«

»Ha!« Annie stieß eine geballte Faust in die Luft, durchquerte das Büro und goß sich noch eine Tasse Kaffee ein.

Vor einer halben Stunde hatten sie sich getroffen. Annie war mit einem Taxi bis zur Dreiundvierzigsten, Ecke Sechste gefahren, im Verkehr steckengeblieben und die letzten zwei Häuserblocks zu Fuß gegangen. Die New Yorker Autofahrer reagierten auf den Schnee wie seit eh und je: Sie hupten und schrien sich an. Farlow wartete bereits in Annies Büro und hatte die Kaffeemaschine angestellt. Es gefiel ihr, daß er sich benahm, als wäre er hier zu Hause.

»Er wird natürlich abstreiten, jemals mit dir gesprochen zu haben«, sagte er.

»Das ist ein direktes Zitat, Don. Sieh dir doch die Details an. Er kann einfach nicht leugnen, daß er das gesagt hat.«

Annie nahm die Tasse und ging zurück an ihren Tisch, ein riesiges, asymmetrisches Ungeheuer aus Ulme und Walnuß, das ein Freund in England für sie vor vier Jahren angefertigt hatte, als sie — zur allgemeinen Überraschung das Schreiben aufgegeben hatte, um eine Stelle als Chefredakteurin anzunehmen. Der Tisch war ihr aus dem ersten Büro zu dieser weit bedeutenderen Zeitschrift gefolgt und hatte ihr augenblicklich die Mißbilligung des Innenarchitekten eingetragen, der für viel Geld engagiert worden war, damit er das Büro des einstigen Chefredakteurs nach Annies Geschmack umgestaltete. Er hatte sich auf geschickte Art gerächt und behauptet, da der Tisch nicht ins Zimmer passe, dürfe auch alles andere im Zimmer nicht zueinander passen. Das Resultat war ein Chaos aus Farbe und Form, das der Designer ohne allen Sinn für Ironie »eklektischen Dekonstruktivismus« nannte.

Stimmig waren höchstens einige abstrakte Farbtupfbilder, die Grace im Alter von drei Jahren ausgeführt hatte und die Annie (zum anfänglichen Stolz und zur späteren Verlegenheit ihrer Tochter) einrahmen ließ. Sie hingen an den Wänden zwischen Annies Auszeichnungen und all den Fotografien, die sie Seite an Seite mit irgendwelchen erlesenen Berühmtheiten zeigten. Auf dem Schreibtisch, ein wenig versteckt, so daß nur Annie sie sehen konnte, standen die Bilder von denen, die ihr wirklich wichtig waren Grace, Robert und ihr Vater.

Über diese Photos hinweg betrachtete Annie Don Farlow. Es war eigenartig, ihn ohne Anzug zu sehen; die alte Jeansjacke und die Turnschuhe hatten sie überrascht. Eigentlich hatte sie ihn eher der Sorte Brooks Brothers zugerechnet — Halbschuhe, Hose mit Bügelfalte und gelber Kaschmirpullover. Er lächelte. »Also willst du ihn verklagen?«

Annie lachte. »Natürlich will ich ihn verklagen. Er hat eine Abmachung unterschrieben, laut der er kein Wort mit der Presse reden darf, außerdem erfüllt seine Behauptung, daß ich die Auflagenzahl frisiert hätte, den Tatbestand der Verleumdung.«

»Eine Verleumdung, die man hundertfach wiederholt, wenn wir ihn verklagen, und die zu einer viel größeren Geschichte aufgeblasen wird.«

Annie runzelte die Stirn. »Willst du jetzt etwa kneifen, Don? Fenimore Fiske ist ein verbitterter, talentloser, gehässiger alter Molch.« Farlow hob grinsend die Hände.

»Laß es raus, Annie, sag mir, was du tatsächlich von ihm hältst.«

»Als er hier war, hat er nichts als Ärger gemacht, und jetzt ist er nicht mehr da und macht immer noch Ärger. Ich will ihm Feuer unter seinen runzligen Arsch machen.«

»Ist das eine englische Redewendung?«

»Nein, seine ältlichen vier Buchstaben erwärmen würden wir sagen.«

»Na ja, du bist der Boß.«

»Ganz genau.«

Ein Telefon auf dem Schreibtisch klingelte, und Annie nahm den Hörer ab. Es war Robert. Er berichtete ihr mit tonloser Stimme, daß Grace einen Unfall gehabt hatte. Sie sei ins Krankenhaus von Albany geflogen und auf die Intensivstation gebracht worden; sie war immer noch bewußtlos. Annie solle den Zug bis Albany nehmen. Er würde sie am Bahnhof abholen.

2

Annie war erst achtzehn, als sie Robert kennenlernte. Es war der Sommer des Jahres 1968, und statt direkt von der Schule nach Oxford zu gehen, wo ihr ein Studienplatz angeboten worden war, zog Annie es vor, ein Jahr auszusetzen. Sie trat einer Organisation namens Voluntary Scrvices Overseas bei und absolvierte einen zweiwöchigen Intensivkurs über das Unterrichten der englischen Sprache und darüber, wie man Malaria vermied und den Annäherungsversuchen der Ein heimischen widerstand (sag laut und deutlich »nein« und laß dich nicht beirren).

Derart vorbereitet flog sie nach Senegal und stieg nach kurzem Aufenthalt in der Hauptstadt Dakar in einen offenen, mit Menschen, Hühnern und Ziegen vollgestopften Bus, um zu einer staubigen, fünfhundert Meilen langen Fahrt in den Süden aufzubrechen, wo sie in einer kleinen Stadt die nächsten zwölf Monate verbringen sollte. Als der Abend des zweiten Tages anbrach, erreichten sie die Ufer eines großen Flusses. Die Nacht war heiß und feucht, der Lärm der Insekten erfüllte die Luft, und Annie konnte die Lichter der Stadt auf der anderen Wasserseite schimmern sehen. Doch die Fähre fuhr erst wieder am nächsten Morgen, und der Fahrer und die Passagiere, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hatte, fragten sich besorgt, wo Annie die Nacht verbringen sollte. Es gab kein Hotel. Sie selbst würden gewiß mühelos ein Plätzchen für die Nacht finden, aber die junge Engländerin brauchte eine wohnlichere Unterkunft.

Sie sagten ihr, daß ein »Tubab« in der Nähe wohne, der sie bestimmt beherbergen könne. Ohne auch nur zu ahnen, was ein Tubab sein könnte, wurde Annie von einem großen Aufgebot, das ihre Taschen trug, über einen gewundenen Dschungelpfad zu einem kleinen Lehmhaus unter Affenbrot und Papayabäumen geführt.

Der Tubab, der ihr die Tür öffnete — später sollte sie er fahren, daß »Tubab« weißer Mann bedeutet —, war Robert. Er hatte sich freiwillig zum Friedenskorps gemeldet und wohnte hier seit einem Jahr, unterrichtete Englisch und legte Brunnen an. Er war vierundzwanzig, ein Harvard-Absolvent und der klügste Mensch, den Annie je kennengelernt hatte. An diesem Abend kochte er ihr ein wundervolles Essen, gewürzten Fisch und Reis, dazu gab es kaltes Bier zum Nachspülen, und bei Kerzenschein redeten sie bis um drei Uhr in der Früh. Robert kam aus Connecticut und wollte Anwalt werden. Es sei angeboren, entschuldigte er sich, und seine Augen funkelten hinter der goldrandigen Brille. Solange man sich erinnern könne, habe es in seiner Familie nur Anwälte gegeben. Es sei der »Fluch der Macleans«.

Und wie ein Anwalt nahm er Annie ins Kreuzverhör, fragte sie über ihr Leben aus, drängte sie, es zu beschreiben und auf eine Weise zu analysieren, die es ihr selbst in neuem Licht darstellte. Sie erzählte ihm, daß ihr Vater Diplomat gewesen war und daß sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens von einem Land ins andere gereist sei. Sie und ihr jüngerer Bruder waren in Ägypten geboren, lebten in Malaysia, später in Jamaika. Dann starb ihr Vater über raschend an einem schweren Herzanfall. Annie konnte erst seit kurzem so darüber reden, daß die Unterhaltung nicht stockte und ihr Gegenüber plötzlich auf die Schuhe starrte. Ihre Mutter war nach England zurückgekehrt, hatte bald wieder geheiratet und sie und ihren Bruder in einem Internat untergebracht. Obwohl Annie diesen Teil ihrer Geschichte mit wenigen Worten abtat, erriet sie, daß Robert den tiefen, ungelinderten Schmerz dahinter spürte.

Am nächsten Morgen brachte Robert sie in seinem Jeep zur Fähre und lieferte sie anschließend wohlbehalten im katholischen Kloster ab, in dem sie ein Jahr unter dem nur gelegentlich mißbilligenden Blick der Oberin, einer freundlichen und zum Glück recht kurzsichtigen Frankokanadierin, wohnen und unterrichten sollte.

Im Verlauf der nächsten drei Monate traf Annie sich jeden Mittwoch mit Robert, wenn er in die Stadt kam, um Vorräte einzukaufen. Er sprach fließend Jola — die Sprache der Einheimischen — und gab ihr jede Woche eine Stunde Unterricht. Sie wurden Freunde, aber kein Liebespaar. Statt dessen verlor Annie ihre Jungfräulichkeit an einen schönen Senegalesen namens Xavier, zu dessen Annäherungsversuchen sie laut und ehrlich »ja« sagte.

Dann wurde Robert nach Dakar versetzt, und am Abend vor seiner Abreise fuhr Annie zu einem Abschiedsessen auf die andere Flußseite. Amerika wählte einen neuen Präsidenten, und mit wachsender Niedergeschlagenheit hörten sie aus dem knisternden Radio, daß Nixon einen Staat nach dem anderen gewann. Fast schien es, als wäre ein naher Verwandter von Robert gestorben, und Annie war sehr gerührt, als er ihr mit gequälter Stimme erzählte, was diese Wahl für sein Land und für den Krieg bedeutete, in dem viele seiner Freunde in Asien kämpften. Sie umarmte ihn, drückte ihn an sich und fühlte sich zum erstenmal nicht länger als Mädchen, sondern als Frau.

Erst als er fort war und sie andere Freiwillige vom Friedenskorps kennenlernte, begriff sie, was für ein ungewöhnlicher Mann er war. Seine Nachfolger waren zumeist Junkies oder Langweiler oder beides. Einer von ihnen hatte glasige, rot unterlaufene Augen, trug ein Stirnband und behauptete, seit einem Jahr high zu sein.

Sie traf Robert noch einmal im nächsten Juli, als sie über Dakar nach Hause flog. Hier sprachen die Einheimischen Wolof, und auch diese Sprache beherrschte er fließend. Er wohnte so nahe beim Flughafen, daß man nicht weiterreden konnte, wenn ein Flugzeug über das Haus flog. Um aus einer Not eine Tugend zu machen, hatte er sich ein riesiges Verzeichnis aller Flüge von und nach Dakar besorgt und es zwei Nächte lang studiert. Dann kannte er es auswendig. Sooft er danach ein Flugzeug hörte, sagte er den Namen der Fluggesellschaft, den Heimat flughafen, die Reiseroute und den Bestimmungsort auf. Annie lachte, und er schien ein wenig beleidigt. Sie flog in jener Nacht nach Hause, in der der erste Mensch den Mond betrat.

Sieben Jahre lang sahen sie sich nicht wieder. Annie schaffte ihr Studium in Oxford mit links, gründete eine radikale und unverschämt freche Studentenzeitung und schloß zum Entsetzen ihrer Freunde das Studium in Anglistik mit Auszeichnung ab, scheinbar ohne jemals einen Handschlag getan zu haben. Sie wurde Journalistin, weil sie sich das noch am besten vorstellen konnte, und arbeitete für eine Abendzeitung im Nordosten Englands. Ihre Mutter kam sie dort ein einziges Mal besuchen und fand die Landschaft und die mit einer Ruß schicht bedeckte Bruchbude, in der ihre Tochter hauste, derart deprimierend, daß sie auf dem Rückweg nach London nicht aufhören konnte zu weinen. Annie selber hielt es ein Jahr aus, dann packte sie ihre Siebensachen, flog nach New York und staunte über sich selbst, wie sie sich mit einigen Bluffs einen Job bei Rolling Stone verschaffte.

Sie spezialisierte sich auf schräge, knallharte Porträts von Berühmtheiten, die eher Bewunderung gewohnt waren. Ihre Kritiker und davon gab es viele prophezeiten, daß ihr bald die Opfer ausgehen würden, aber sie sollten sich irren. Der Strom der Interviewpartner riß nicht ab. Es wurde zu einer Art Statusfrage, einmal von Annie Graves erledigt und hingerichtet worden zu sein.

Eines Tages rief Robert sie in ihrem Büro an, und einen Moment lang wußte sie mit seinem Namen nichts anzufangen. »Der Tubab, der dir für eine Nacht im Dschungel ein Bett besorgt hat?« half er ihrem Gedächtnis nach.

Sie trafen sich auf einen Drink, und er sah viel besser aus, als Annie ihn in Erinnerung hatte. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, daß er jeden ihrer Artikel besser zu kennen schien als sie selbst. Inzwischen war er stellvertretender Staatsanwalt und unterstützte, soweit seine Arbeit dies zuließ, die Wahlkampagnen für Jimmy Carter. Er war Idealist und platzte vor Enthusiasmus, doch vor allem brachte er sie immer wieder zum Lachen. Außerdem war er sehr offen zu ihr und trug sein Haar kürzer als irgendein Mann, mit dem sie in den letzten fünf Jahren ausgegangen war.

Während Annies Garderobe vor schwarzen Ledersachen und Sicherheitsnadeln überquoll, fanden sich bei ihm aus schließlich dezente Hemden und Kordhosen. Wenn sie zusammen ausgingen konnte man glauben, L. L. Bean hätte die Sex Pistols getroffen. Und ohne daß sie ein Wort darüber verloren, genossen sie beide den Nervenkitzel dieser unkonventionellen Mischung.

Im Bett, diesem so lang ausgeklammerten Bereich ihrer Beziehung, vor dem Annie, ehrlich gesagt, ein wenig zurück schreckte, erwies sich Robert erstaunlich frei von jenen Hemmungen, die Annie bei ihm erwartet hatte. Eigentlich war er sogar weit einfallsreicher als die meisten drogenschlaffen, coolen Typen, mit denen sie seit ihrer Ankunft in New York hin und wieder das Bett geteilt hatte. Als sie Wochen später eine entsprechende Bemerkung machte, über legte Robert einen Augenblick, so wie er es früher stets getan hatte, ehe er eine Eintragung aus dem Flugverzeichnis von Dakar zum besten gab, und antwortete mit vollem Ernst, daß er schon immer der Ansicht gewesen sei, daß man den Sex ebenso wie das Gesetz mit angemessener Sorgfalt zu pflegen habe. Sie heirateten im nächsten Frühjahr, und Grace, ihr einziges Kind, wurde drei Jahre später geboren.

___________

Annie hatte sich nicht bloß aus Gewohnheit Arbeit für die Zugfahrt mitgenommen, sondern auch gehofft, sich damit ablenken zu können. Sie legte die Papiere hin, Fahnen eines längeren Artikels, von dem sie erwartete; daß er sich als wichtiger Bericht über die Befindlichkeit der Nation entpuppte und den sie gegen eine nicht gerade gering zu nennende Summe bei einem berühmten Schriftsteller in Auftrag gegeben hatte. Einer ihrer Starschreiber, wie Grace sagen würde. Annie hatte den ersten Abschnitt bereits dreimal gelesen.

Robert rief sie über ihr Funktelefon an. Er war im Krankenhaus. Graces Zustand war unverändert; noch immer war sie bewußtlos. »Das heißt, sie liegt im Koma?« fragte Annie, und ihr Ton forderte ihn auf, offen und ohne Umschweife mit ihr zu reden.

»Das sagt hier zwar keiner, aber ich denke, ja, das ist es.«

»Und sonst?« Robert schwieg. »Jetzt red doch um Himmels willen!«

»Ihr Bein sieht ziemlich schlimm aus. Offenbar ist der Truck darübergefahren.« Annie zuckte zusammen und schnappte nach Luft.

»Sie sehen es sich jetzt an. Hör zu, Annie, ich gehe lieber zurück. Ich hol dich am Zug ab.«

»Nein, tu das nicht. Bleib bei ihr. Ich nehme mir ein Taxi.«

»In Ordnung. Ich ruf dich wieder an, sobald ich etwas Neues weiß.« Er schwieg. »Sie wird’s schon schaffen.«

»Ja, ich weiß.« Sie drückte einen Knopf am Telefon und legte es hin. Draußen huschten sonnenbeschienene Felder von makellosem Weiß vorüber. Annie durchwühlte ihre Tasche nach der Sonnenbrille, setzte sie auf und lehnte sich zurück. Gleich mit Roberts erstem Anruf war ein Gefühl der Schuld in ihr auf gekommen. Sie hätte bei ihr sein sollen. Das hatte sie auch zu Don Farlow gesagt, sobald sie aufgelegt hatte. Er war sehr lieb gewesen, hatte einen Arm um sie gelegt und all die richtigen Dinge gesagt.

»Damit wäre niemandem geholfen gewesen, Annie. Du hättest es nicht verhindern können.«

»Doch, hätte ich wohl. Ich hätte ihr den Ausritt verbieten können. Was hat sich Robert nur dabei gedacht, sie an einem solchen Tag reiten gehen zu lassen?«

»Es ist ein wunderschöner Tag. Du hättest sie auch nicht zurückgehalten.«

Farlow hatte natürlich recht, aber das Schuldgefühl blieb, und sie wußte, daß es nicht darum ging, ob sie gestern abend besser mitgefahren wäre oder nicht. Sie sah die Spitze eines großen Eisberges der Schuld vor sich aufragen, der in den dreizehn Jahren seit der Geburt ihrer Tochter stetig angewachsen war.

Als Grace geboren wurde, hatte Annie sich sechs Wochen Urlaub genommen und jeden Augenblick dieser Tage genossen. Stimmt, eine Reihe der weniger liebenswerten Augenblicke hatte sie Elsa überlassen, ihrem jamaikanischen Kindermädchen, das bis auf den heutigen Tag die Stütze ihres häuslichen Lebens geblieben war. Wie so viele ehrgeizige Frauen ihrer Generation hatte Annie sich fest vorgenommen, den Beweis für die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere zu führen. Doch während andere Medienfrauen diese Einstellung gerne publik machten, hatte Annie nie damit angegeben und so viele Anfragen nach einem Foto mit ihr und Grace abschlägig beschieden, daß die Frauenzeitschriften sie bald nicht länger danach fragten. Erst vor kurzem hatte Annie Grace dabei überrascht, wie sie sich in einer Zeitschrift einen Artikel über eine Topmoderatorin ansah, die stolz ihr Neugeborenes präsentierte.

»Warum haben wir das nie gemacht?« hatte Grace ohne aufzublicken gefragt. Annie hatte ein bißchen schroff geantwortet, daß sie so etwas unmoralisch finde, fast wie Reklame für ein neues Produkt. Und Grace hatte nachdenklich genickt, immer noch ohne sie anzuschauen. »Hm«, hatte sie nüchtern gesagt und weitergeblättert. »Wahrscheinlich hält man dich für jünger, wenn du so tust, als hättest du noch gar kein Kind.«

Diese Bemerkung und die Tatsache, daß sie ohne alle Böswilligkeit geäußert worden war, versetzten Annie einen derartigen Schock, daß sie einige Wochen lang kaum an etwas anderes als an ihre Beziehung — oder an ihre mangelnde Beziehung, wie sie jetzt fand — zu Grace denken konnte.

Das war nicht immer so gewesen. Bis vor vier Jahren, als Annie die erste Redakteursstelle angenommen hatte, war sie eigentlich sogar stolz darauf gewesen, daß sie und Grace sich näherstanden als die meisten Mütter und Töchter in ihrem Bekanntenkreis. Als gefeierte Journalistin, die berühmter war als viele der Leute, über die sie schrieb, hatte sie bis dahin über ihre Zeit völlig frei verfügen können. Wenn ihr danach war, konnte sie daheim arbeiten oder sich einen Tag frei nehmen. Wenn sie Reisen unternehmen mußte, nahm sie Grace meistens mit. Einmal hatten sie beide fast eine Woche lang in einem berühmten Pariser Nobelhotel darauf gewartet, daß eine primadonnenhafte Modeschöpferin Annie ein versprochenes Interview gewährte. Jeden Tag waren sie meilenweit herumspaziert, hatten einen Einkaufsbummel nach dem anderen gemacht, sich die Stadt angesehen und die Abende vor dem Fernseher verbracht, an einandergekuschelt im vergoldeten Himmelbett wie zwei unartige Schwestern.

Das Leben als Chefredakteurin war völlig anders. Und bei all der Anstrengung und Begeisterung, ein spießiges, kaum gelesenes Blatt in die gefragteste Lektüre der Stadt zu verwandeln, wollte Annie sich anfangs einfach nicht eingestehen, welch hohen Preis sie dafür zu zahlen hatte. Sie und Grace verfügten nun über »Vorzugszeit«, wie Annie sich stolz ausdrückte. Doch schien ihr das Hauptmerkmal dieser Stunden nun vor allem in Zwängen zu bestehen.

Am Morgen verbrachten sie eine Stunde zusammen, in der sie Grace zwang, ihre Übungen am Klavier zu machen, und zwei Stunden am Abend, in denen sie Grace drängte, die Hausarbeiten zu erledigen. Bemerkungen, die von ihr als mütterliche Ratschläge gemeint waren, wurden unweigerlich als Kritik aufgefaßt. Am Wochenende sah es etwas besser aus, und das Reiten half, ein dünnes Band der Zuneigung zwischen ihnen zu knüpfen. Annie ritt zwar selbst nicht mehr, hatte aber im Gegensatz zu Robert Verständnis für die seltsame Welt der Pferdenarren und Springreiter. Es machte ihr Spaß, Grace und das Pferd zu den Veranstaltungen zu fahren. Doch selbst zu ihren besten Zeiten stellte sich zwischen ihnen nie jenes Vertrauen ein, das Grace mit Robert verband.

In abertausend Kleinigkeiten wandte sich das Mädchen immer zuerst an den Vater. Und Annie hatte sich inzwischen damit abgefunden, daß sich die Geschichte in diesem Fall unerbittlich zu wiederholen schien. Sie war selbst der Liebling ihres Vaters gewesen, da ihre Mutter über die goldene Gloriole nicht hinaus sehen konnte oder wollte, die ihrer Ansicht nach Annies Bruder umgab. Und Annie sah sich von mitleidlosen Genen getrieben, die gleiche Beziehungskonstellation mit Grace zu wiederholen.

In einer langen Kurve wurde der Zug langsamer und hielt in Hudson. Annie blieb reglos sitzen und sah hinaus auf den Bahnsteig mit seinen gußeisernen Säulen. Ein Mann stand genau dort, wo Robert gewöhnlich auf sie wartete. Er breitete die Arme aus und ging einer Frau mit zwei kleinen Kindern entgegen, die gerade aus dem Zug stiegen. Annie sah, wie er sie der Reihe nach umarmte und dann zum Parkplatz führte. Der Junge wollte unbedingt die schwerste Tasche selbst tragen, und der Mann lachte und ließ ihn gewähren. Annie wandte den Blick ab und war froh, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. In fünfundzwanzig Minuten würde sie in Albany sein.

___________

In einiger Entfernung von der Straße nahmen sie Pilgrims Spuren auf. Zwischen den Hufabdrücken waren im Schnee Blutflecken zu sehen. Der Trapper hatte sie zuerst entdeckt, und er ging ihnen nach und führte Logan und Koopman zwischen den Bäumen hindurch zum Fluß.

Harry Logan kannte das Pferd, nach dem sie suchten, allerdings nicht so gut wie das, dessen zermalmter Kadaver gerade aus dem Wrack des Lastwagens befreit worden war. Gulliver gehörte zu jenen Pferden in Mrs. Dyers Gestüt, die von ihm betreut wurden; die Macleans waren jedoch mit einer anderen Tierärztin befreundet und hatten sich immer an sie gewandt. Logan hatte einige Male den auffällig schönen Morgan vor dem Stall gesehen. Nach dem Blutverlust zu urteilen, mußte das Pferd ziemlich schwer verletzt sein. Logan war immer noch ziemlich mitgenommen von dem Anblick, der sich ihm geboten hatte, und er wünschte sich, er hätte früher an Ort und Stelle sein können, um Gulliver von seiner Qual zu erlösen. Aber dann hätte er vielleicht auch den Abtransport von Judiths Leichnam mit ansehen müssen, und das wäre ziemlich schlimm geworden. Sie war so ein nettes Mädchen. Es machte ihm schon zu schaffen, daß er das Mädchen der Macleans gesehen hatte, dabei kannte er die Kleine kaum.

Das Rauschen wurde lauter, und dann konnte er den Fluß zwischen den Bäumen sehen. Der Trapper blieb stehen und wartete auf sie. Logan stolperte über einen trockenen Ast und wäre beinahe hingefallen; der Trapper betrachtete ihn mit kaum verhohlener Verachtung. Kleiner Machoarsch, dachte Logan. Wie alle Trapper hatte ihm auch dieser Kerl schon auf den ersten Blick nicht gefallen. Hätte er ihm doch bloß geraten, das verdammte Gewehr im Wagen liegenzulassen.

Die Strömung war stark, das Wasser schoß gegen die Felsen und umschäumte eine Silberbirke, die von der Böschung herabgestürzt war. Die drei Männer sahen auf die Stelle, wo die Spur im Wasser verschwand.

»Hat bestimmt versucht, auf die andere Seite zu kommen«, meinte Koopman hilfsbereit. Aber der Trapper schüttelte den Kopf. Das gegenüberliegende Ufer war steil, und es führten keine Spuren hinauf. Sie schwiegen und folgten dem Uferlauf. Dann blieb der Trapper stehen und hob warnend die Hand.

»Da«, sagte er mit leiser Stimme und wies mit dem Kopf voraus.

Sie standen etwa zwanzig Schritte von der alten Eisenbahnbrücke entfernt. Logan schirmte seine Augen gegen das Sonnenlicht ab und starrte angestrengt nach vorn. Er konnte nichts erkennen. Dann war da eine Bewegung unter der Brücke, und schließlich sah er das Pferd. Es stand auf der anderen Seite im Schatten und blickte sie direkt an. Das Gesicht war feucht, und aus seiner Brust tropfte es dunkel ins Wasser.

Unterhalb des Nackenansatzes schien irgend etwas an ihm zu kleben, aber auf diese Entfernung konnte Logan nicht erkennen, was es war. Hin und wieder riß das Tier den Kopf nach unten oder zur Seite und blies blutroten Schaum in langen Fäden aus, die rasch flußabwärts getragen wurden und sich dann auflösten. Der Trapper nahm die Gewehrtasche von der Schulter und zog den Reißverschluß auf.

»Tut mir leid, Kumpel, aber der hat Schonzeit«, sagte Logan so beiläufig wie nur möglich und drängte sich an ihm vorbei.

Der Trapper sah nicht einmal auf, zog einfach nur das Gewehr hervor, eine elegante, deutsche Repetierbüchse Kaliber .308 mit einem Teleskop so dick wie eine Flasche. Koopman betrachtete sie mit bewundernden Blicken. Der Trapper nahm einige Kugeln aus einer Tasche und begann gelassen, das Gewehr zu laden.

»Das Vieh verblutet.«, sagte er.

»Ach nee?« sagte Logan. »Sind Sie auch Tierarzt?«

Der Kerl stieß ein kurzes, höhnisches Lachen aus. Er ließ eine Kugel in die Kammer gleiten und lehnte sich mit dem aufreizenden Gehabe eines Mannes zurück, der weiß, daß er am Ende recht behalten wird. Logan hätte ihn am liebsten erwürgt. Er drehte sich wieder zum Tier um und ging einige Schritte näher heran. Sofort scheute das Pferd und stand jetzt im Sonnenlicht am anderen Ende der Brücke. Nun konnte Logan erkennen, daß ein rosiger Hautlappen von einer fürchterlichen, etwa einen halben Meter langen und wie ein L geformten Wunde herabhing. Blut schoß aus dem offenen Fleisch und lief über die Brust ins Wasser. Logan sah jetzt auch, daß der Kopf des Pferdes feucht von Blut war. Und selbst aus dieser Entfernung war nicht zu übersehen, daß das Nasenbein des Pferdes eingedrückt war.

Logan schlug der Anblick auf den Magen. So ein verteufelt schönes Pferd. Er haßte die Vorstellung, es einschläfern zu müssen. Aber selbst wenn er nahe genug herankam, um die Blutung stillen zu können, würde das Pferd wahrscheinlich an seinen Verletzungen eingehen. Er ging noch einige Schritte näher heran, und Pilgrim wich wieder zurück, warf den Kopf herum und musterte den Fluchtweg stromaufwärts. Hinter ihm ertönte ein metallisches Klicken; der Trapper hatte den Abzugshahn an seinem Gewehr gespannt. Logan drehte sich zu ihm um.

»Nehmen Sie das verdammte Ding weg!«

Der Trapper gab keine Antwort, warf Koopman aber einen vielsagenden Blick zu. Logan lag daran, eine sich anbahnende Vertraulichkeit im Keim zu ersticken. Er stellte seine Tasche ab, hockte sich hin, entnahm ihr einige Dinge und redete dabei mit Koopman.

»Ich will versuchen, an ihn ranzukommen. Könnten Sie einen Bogen zum anderen Ende der Brücke schlagen und ihm da den Weg versperren?«

»Ja, Sir.«

»Am besten besorgen Sie sich einen Ast oder so was und wedeln damit herum, wenn er in Ihre Richtung fliehen will. Kann sein, daß Sie nasse Füße kriegen.«

»Ja, Sir.« Er verschwand bereits wieder zwischen den Bäumen. Logan rief ihm nach: »Rufen Sie, wenn Sie soweit sind. Und kommen Sie ihm nicht zu nah.«

Logan zog eine Spritze mit einem Beruhigungsmittel auf und stopfte sich ein paar Sachen, die er vielleicht gebrauchen konnte, in die Taschen seines Parkas. Er spürte, wie ihn der Trapper beobachtete, achtete jedoch nicht weiter auf ihn und stand auf. Pilgrim hielt den Kopf gesenkt, beobachtete aber jede Bewegung. Sie warteten, umgeben vom Tosen des Wassers. Dann hörten sie Koopman rufen, und als das Pferd sich zu ihm umdrehte, stieg Logan vorsichtig in den Fluß und verbarg die Spritze in seiner Hand so gut es ging.

Vereinzelte, von Schnee freigewaschene Felsbrocken ragten aus dem reißenden Strom, und Logan sprang von einem Stein zum nächsten. Pilgrim drehte sich wieder um und sah ihn herankommen. Er wurde unruhig, wußte nicht, wohin er flüchten sollte, hieb mit den Hufen auf das Wasser und schnaubte eine blutige Schaumfahne aus. Logan hatte den letzten Trittstein erreicht und wußte, daß er es nicht länger vermeiden konnte, naß zu werden. Er tastete sich mit einem Bein in den Fluß vor und spürte, wie die eisige Flut über seinen Stiefelrand spülte.

Das Wasser war so kalt, daß Logan vor Schreck nach Luft schnappte. Jetzt sah er Koopman in der Flußbiegung hinter der Brücke. Wie er selbst stand er bis zu den Knien im Wasser, und in einer Hand hielt er einen großen Birkenzweig.

Das Pferd blickte von einem zum anderen. Logan konnte die Angst in den Augen des Tieres erkennen, aber da war noch etwas zu sehen, und das machte ihm ein wenig Angst. Mit leiser, sanfter Stimme redete er auf das Pferd ein. »Ruhig, Kumpel. Ist alles okay.« Es waren noch etwa zehn Meter bis zum Pferd, und Logan fragte sich, wie er vorgehen sollte.

Wenn er den Zügel zu fassen bekam, konnte er Pilgrim die Spritze vielleicht in den Hals geben. Und für den Fall, daß etwas schiefging, hatte er mehr Sedativum aufgezogen, als nötig war. Konnte er die Spritze an einer Halsader ansetzen, brauchte er weniger, als wenn er in einen Muskel spritzen mußte. Er mußte nur darauf achten, daß das Tier nicht zuviel abbekam. Ein Pferd in einer derart schlechten Verfassung durfte auf keinen Fall das Bewußtsein verlieren. Er würde versuchen müssen, gerade so viel zu spritzen, daß das Pferd sich beruhigte und aus dem Fluß an einen sicheren Ort gebracht werden konnte.

Jetzt trennten ihn nur noch wenige Meter von Pilgrim, und Logan konnte die Brustwunde ein wenig genauer in Augenschein nehmen. Sie sah schlimmer aus, als er vermutet hatte, und er wußte, daß ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Der Blutfluß verriet ihm, daß das Pferd ungefähr vier Liter Blut verloren haben mußte.

»Ruhig, Kumpel. Ich tu dir ja nichts.«

Pilgrim schnaubte, wich zurück, ging einige Schritte auf Koopman zu und stolperte, so daß Wasser auf spritzte und die Sonne sich in allen Regenbogenfarben darin brach.

»Schwenken Sie den Ast!« schrie Logan.

Koopman gehorchte, und Pilgrim blieb stehen. Logan nutzte die Aufregung, um sich näher an ihn heranzupirschen, trat dabei aber in ein Loch und wurde bis zum Schritt hinauf naß. Gütiger Himmel, war das kalt. Das Pferd sah ihn mit weißumränderten Augen an und hielt wieder auf Koopman zu.

»Noch einmal!«

Der Ast verschreckte Pilgrim, und Logan sprang vor und griff zu.

Er bekam die Zügel zu fassen, wand sie sich ums Handgelenk und spürte, wie das Pferd alle Muskeln anspannte und sich zu ihm hindrehte. Logan versuchte, sich ihm an die Schulter zu stellen, um einen möglichst großen Abstand zu den Hinterhufen zu wahren, die bereits nach ihm ausschlugen, faßte rasch hoch und stach dem Pferd die Nadel in den Hals. Kaum spürte Pilgrim die Nadel, explodierte er. Er bäumte sich auf, schrie vor Entsetzen, und Logan blieb nur noch der Bruchteil einer Sekunde. Doch im selben Augenblick stieß ihn das Pferd mit solcher Wucht in die Seite, daß Logan die Balance verlor. Unwillkürlich spritzte er Pilgrim das ganze Beruhigungsmittel in den Hals. Jetzt wußte das Pferd, von welchem der beiden Männer die größte Gefahr ausging. Mit einem Satz sprang es auf Koopman zu. Da Logan die Zügel noch um die linke Hand gewickelt hielt, wurde er von den Füßen gerissen und kopfüber ins Wasser geschleudert. Das eisige Naß drang durch seine Kleider, als er durch den Fluß gezogen wurde. Außer Gischt konnte er nichts sehen. Die Zügel schnitten ihm ins Fleisch, und seine Schulter prallte gegen einen Felsen. Er schrie vor Schmerz. Dann bekam er seine Hand frei, hob den Kopf und holte tief Luft. Er sah, wie Koopman aus dem Weg hechtete und das Pferd an ihm vorbeispritzte und sich die Böschung hinaufkämpfte. Die Spritze hing noch immer an seinem Hals. Logan stand auf und sah dem Pferd nach, wie es zwischen den Bäumen verschwand. »Scheiße«, sagte er. »Alles in Ordnung?« fragte Koopman. Logan nickte bloß und begann, seinen Parka auszuwringen. Irgend etwas auf der Brücke erregte seine Aufmerksamkeit, und als er aufblickte, sah er den Trapper, wie er sich über die Brüstung beugte. Er hatte zugesehen und grinste nun von einem Ohr zum anderen.

»Warum, zum Teufel, verschwinden Sie nicht einfach«, sagte Logan.

___________

Sie entdeckte Robert, sobald sie durch die Schwingtür trat.

Am Ende des Flurs gab es einen Aufenthaltsbereich mit blaß grauen Sofas und einem niedrigen Tisch. Robert stand umflutet von Sonnenlicht an einem hohen Fenster und blickte nach draußen. Beim Klang ihrer Schritte drehte er sich um und mußte die Augen zusammenkneifen, um in der Dunkelheit des Flurs etwas erkennen zu können. Annie fand es rührend, wie verletzlich er in diesem kurzen Augenblick wirkte, ehe er sie erkannte, das Gesicht halb von der Sonne erleuchtet, die Haut so blaß, daß sie fast durchsichtig schien. Jetzt hatte er sie gesehen und kam mit schmalem, grimmigem Lächeln auf sie zu. Sie umarmten sich und blieben eine Weile wortlos stehen.

»Wo ist sie?« fragte Annie schließlich. Er faßte sie an den Armen und hielt sie ein wenig von sich ab, damit er sie anschauen konnte.

»Man hat sie nach unten gebracht. Sie wird gerade operiert.« Er sah ihr Stirnrunzeln und redete schnell weiter, ehe sie etwas sagen konnte. »Es wird alles wieder gut. Sie ist noch ohne Bewußtsein, aber man hat alle möglichen Untersuchungen gemacht, und es sieht nicht so aus, als ob ihr Hirn etwas abbekommen hat.«

Er hielt inne und schluckte. Annie wartete, beobachtete sein Gesicht. Er strengte sich so sehr an, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, daß das einfach noch nicht alles sein konnte.

»Und weiter?«

Er brachte es nicht fertig. Er begann zu weinen. Ließ einfach den Kopf hängen und stand da mit zuckenden Schultern. Er hielt Annie immer noch fest, und sie machte sich sanft von ihm los, um nun ihn in den Arm zu nehmen.

»Weiter. Erzähl’s mir.«

Er holte tief Luft, warf den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke hinauf, ehe er Annie wieder in die Augen sehen konnte. Er setzte an, brach wieder ab und stieß dann hervor:

»Sie nehmen ihr das Bein ab.«

Später sollte sich Annie über ihre Reaktion an diesem Nachmittag zugleich wundern und schämen. Sie hatte sich in Augenblicken der Krise nie für besonders unerschütterlich gehalten, außer wenn es sich um ihre Arbeit handelte; dort genoß sie diese Momente sichtlich. Normalerweise fiel es ihr auch nicht schwer, Gefühle zu zeigen. Vielleicht lag es einfach daran, daß Robert ihr die Entscheidung abnahm, als er zusammen brach. Er weinte, also weinte sie nicht. Irgend jemand mußte die Kontrolle behalten, oder sie würden alle den Boden unter den Füßen verlieren.

Annie zweifelte allerdings nicht daran, daß es ebensogut auch hätte anders kommen können. So aber durchfuhr sie die Mitteilung, was man ihrer Tochter in diesem Gebäude in eben diesem Augenblick antat, wie ein eisiger Dolch. Außer dem rasch unterdrückten Drang, aufschreien zu wollen, kam ihr nur eine Reihe von Fragen in den Sinn, die so vernünftig und praktisch waren, daß sie beinahe herzlos wirkten.

»Bis wohin?«

Er runzelte verwirrt die Stirn. »Was?«

»Ihr Bein. Bis wohin wird es abgenommen?«

»Von oberhalb …« Er verstummte, mußte sich zusammenreißen. Die Details schienen so entsetzlich. »Oberhalb des Knies.«

»Welches Bein?«

»Das rechte.«

»Wie hoch über dem Knie?«

»Verdammt, Annie! Was, zum Teufel, macht das schon?«

Er wich zurück, befreite sich von ihr und wischte sich mit dem Handrücken über das nasse Gesicht.

»Ich denke doch, daß das nicht ganz unwichtig ist.« Sie war über sich selbst erstaunt. Er hatte recht, natürlich war das im Augenblick unwichtig. Es war höchstens von akademischem Interesse, sogar ein bißchen makaber, aber sie konnte jetzt nicht aufhören. »Direkt über dem Knie oder verliert sie auch den Oberschenkel?«

»Direkt über dem Knie. Die genauen Maße kann ich dir nicht sagen, aber warum gehst du nicht nach unten? Es hat bestimmt niemand was dagegen, wenn du zusehen willst.«

Er drehte sich zum Fenster um, und Annie sah, wie er ein Taschentuch hervorzog, Rotz und Tränen abwischte und sich darüber ärgerte, daß er geweint hatte. Hinter ihr im Flur waren Schritte zu hören.

»Mrs. Maclean?«

Annie sah sich um. Eine junge, ganz in Weiß gekleidete Schwester warf einen raschen Blick auf Robert und entschied, sich an Annie zu wenden. »Ein Anruf für Sie.«

Die Schwester ging mit kleinen, raschen Schritten voran, ihre weißen Schuhe machten auf den glänzen den Fliesen kein Geräusch, so daß sie über den Flur zu schweben schien. Sie zeigte Annie das Telefon und stellte den Anruf vom Büro durch.

Es war Joan Dyer vom Gestüt. Sie entschuldigte sich für die Störung und fragte besorgt nach Grace. Annie sagte, sie liege noch im Koma. Über das Bein verlor sie kein Wort. Mrs. Dyer redete nicht lange um den heißen Brei herum. Der Grund ihres Anrufs war Pilgrim. Man hatte ihn aufgespürt, und Harry Logan hatte sie angerufen und gefragt, was er tun solle. »Wieso? Was meinen Sie?« fragte Annie.

»Das Pferd sieht ziemlich schlimm aus. Knochenbrüche, tiefe Fleischwunden, außerdem hat es eine Menge Blut verloren. Selbst wenn Pilgrim überlebt und alles getan wird, um ihn zu retten, wird er nie wieder so sein wie vorher.«

»Wo ist Liz? Kann sie nicht runterkommen?«

Liz Hammond war Pilgrims Tierärztin und eine Freundin der Familie. Sie hatte sie im letzten Sommer auch nach Kentucky begleitet, um sich Pilgrim vor dem Kauf mit ihnen anzusehen, und war von dem Pferd genauso begeistert wie sie alle. »Sie ist auf irgendeiner Konferenz«, sagte Mrs. Dyer, »und kommt erst am nächsten Wochenende zurück.«

»Will Logan das Pferd töten?«

»Ja. Tut mir leid, Annie. Pilgrim steht unter Beruhigungsmitteln, und Harry meint, daß er wahrscheinlich nicht durchkommt. Er hätte gern Ihre Einwilligung.«

»Um ihn zu erschießen, wollen Sie sagen.« Sie merkte, daß sie es schon wieder tat, daß sie auf unwichtigen Details beharrte, wie sie es gerade bei Robert getan hatte. Was, zum Teufel, machte es schon aus, wie das Pferd getötet wurde?

»Eine Spritze, denke ich.«

»Und wenn ich nein sage?«

Am anderen Ende war es still.

»Na ja, ich schätze, dann wird er Pilgrim irgendwo hinbringen müssen, wo man ihn operieren kann. Vielleicht nach Cornell.« Joan Dyer schwieg erneut. »Aber von allem anderen einmal ganz abgesehen, Annie, würde das letztlich weit mehr kosten, als die Versicherung abdeckt.«

Es war die Erwähnung von Geld, die die Frage für Annie entschied, denn der Gedanke mußte erst noch reifen, daß es eine Verbindung zwischen dem Leben dieses Pferdes und dem Leben ihrer Tochter geben mochte.

»Ist mir scheißegal, wie teuer es wird«, fauchte sie, und sie konnte beinahe spüren, wie die ältere Frau am anderen Ende zusammenzuckte. »Sagen Sie Logan, wenn er das Pferd umbringt, hat er einen Prozeß am Hals.«

Sie legte auf.

___________

»Weiter. So ist’s gut. Komm schon.«

Koopman ging rückwärts den Abhang hinunter und gab dem Fahrer mit beiden Armen Zeichen. Der Truck folgte ihm langsam unter die Bäume, und die Ketten an der Winde baumelten und schleppten beim Anfahren. Es war der Laster, mit dem die Fabrikarbeiter ihre neuen Turbinen hatten abladen wollen, aber Koopman hatte ihn mit samt den Arbeitern für diese neue Aufgabe beschlagnahmt. Dicht auf folgte ein Tieflader mit einem großen Lastwagen im Schlepp. Koopman sah sich nach Logan und der kleinen Schar von Hilfswilligen um, die neben dem Pferd auf dem Boden knieten. Pilgrim lag auf der Seite in einer riesigen Blutlache, die sich im Schnee bis unter die Knie jener Leute ausbreitete, die ihn zu retten versuchten. Bis hierher war er gekommen, als das Beruhigungsmittel zu wirken begann. Seine Vorderbeine waren eingesackt, und er war in die Knie gegangen. Einen Augenblick hatte er noch versucht, dagegen anzukämpfen, doch als Logan und Koopman bei ihm eintrafen, war er bereits außer Gefecht gesetzt.

Logan hatte Koopman gebeten, über sein Mobiltelefon Joan Dyer anzurufen. Er war froh, daß der Trapper nicht in der Nähe war und mit anhörte, wie er sie bat, die Erlaubnis der Besitzer einzuholen, das Pferd zu erschießen. Dann hatte er Koopman losgeschickt, Hilfe zu holen, hatte sich dann neben das Pferd gekniet und versucht, die Blutung zu stillen. Er griff tief in die dampfende Brustwunde, fuhr mit der Hand durch Schichten zerrissenen Gewebes und steckte bald bis zum Ellbogen in Blut. Er suchte nach der Ursache der Blutung und fand eine geplatzte Arterie, die zum Glück ziemlich klein war. Er spürte, wie ihm heißes Blut in die Hand spritzte und erinnerte sich an die Klemmen, die er sich in die Tasche gesteckt hatte. Er tastete mit der anderen Hand danach, setzte eine Klemme an, und das Blut hörte auf zu spritzen. Aber noch lief es rot aus hundert zerrissenen Venen, also riß sich Logan den nassen Parka vom Leib, leerte die Taschen aus und wrang mit aller Kraft Wasser und Blut aus dem Mantel. Dann rollte er ihn zusammen und stopfte ihn so behutsam wie möglich in die Wunde. Er fluchte laut. Transfusionen waren das, was er jetzt am dringendsten brauchte. Der Plastikbeutel mit Plasmaexpander war in seiner Tasche unten am Fluß. Er stand auf. Halb rannte er, halb taumelte er den Weg zurück, um den Beutel zu holen.

Als er zurückkam, waren die Rettungssanitäter da und deckten Pilgrim mit einer Plane zu. Einer von ihnen hielt ein Mobiltelefon in der Hand.

»Mrs. Dyer möchte Sie sprechen«, sagte er.

»Herrgott noch mal, ich kann jetzt nicht mit ihr reden«, sagte Logan. Er hing Pilgrim den Fünf-LiterBeutel mit Plasmaexpander um den Hals und gab ihm eine Spritze Steroide gegen den Schock. Der Atem ging flach und unregelmäßig, außerdem kühlten die Gliedmaßen rasch aus, und Logan schrie, sie sollten dem Pferd noch mehr Decken um die Beine wickeln, sobald sie die Wunden verbunden und die Blutung gestoppt hatten.

Ein Sanitäter der Rettungsmannschaft brachte ihm grüne Stoffbahnen aus dem Krankenwagen, und Logan zog behutsam seinen blutgetränkten Parka aus der Brustwunde und stopfte statt dessen den Stoff hinein. Außer Atem ging er in die Hocke und begann, eine Spritze mit Penicillin aufzuziehen. Sein Hemd hatte sich dunkelrot verfärbt, es war triefnaß, und Blut tropfte ihm über die Ellbogen, als er die Spritze hochhielt, um die Luftblasen auszuspritzen.

»Das hier ist völlig verrückt«, murmelte er.

Er spritzte Penicillin in Pilgrims Hals. Das Pferd war so gut wie tot. Die Brustwunde allein würde ausreichen, um ihn verenden zu lassen, aber das war noch längst nicht alles. Das Nasenbein war grausam eingedrückt, zweifellos waren einige Rippen gebrochen, über dem linken Sprungbein verlief ein häßlicher Riß und weiß Gott, wie viele kleine Schnittwunden und Prellungen das Tier hatte. An der Art, wie das Pferd den Abhang hinaufgelaufen war, hatte Logan auch erkennen können, daß es auf dem rechten Vorderbein lahmte. Das beste wäre, das arme Tier einfach von seiner Qual zu erlösen. Aber mittlerweile wollte er verdammt sein, wenn er diesem kleinen schießwütigen Dreckskerl von einem Trapper die Befriedigung gönnte, von Anfang an recht gehabt zu haben. Wenn das Pferd von selbst starb, nun gut, dann sollte es wohl so sein.

Koopman hatte jetzt den Fabriklaster und den Tieflader zu ihnen dirigiert, und Logan sah, daß sie irgend wo eine Leinentragschlinge aufgetrieben hatten. Der Sanitäter hielt ihm immer noch das Telefon hin, und Logan nahm den Apparat entgegen.

»Ja?« sagte er, hörte zu und wies stumm die Rettungsmannschaft an, wie sie die Schlinge anzubringen hatten. Als ihm die arme Mrs. Dyer mit möglichst schonenden Worten Annies Nachricht übermittelte, lächelte er nur und schüttelte den Kopf.

»Prima«, sagte er. »Wie nett von ihr.«

Er gab das Telefon zurück und half, die beiden Schlingengurte unter Pilgrims Brust hindurchzuziehen, die kaum mehr als ein roter Brei war. Die Männer standen auf, und Logan fand, daß sie mit ihren roten Knien komisch aussahen. Irgend je mand reichte ihm eine trockene Jacke, und zum erstenmal, seit er in den Fluß gefallen war, spürte er, wie kalt ihm war.

Koopman und der Fahrer hängten die Enden der Schlinge in die Ketten der Winde und traten zurück, als Pilgrim langsam in die Luft gehoben und wie ein Kadaver auf den Tieflader gehievt wurde. Logan kletterte mit zwei Sanitätern auf den Anhänger und schob die Beine zurecht, damit das Pferd schließlich wieder wie zuvor auf der Seite lag. Dann reichte Koopman Logan die Tasche, während die Sanitäter das Pferd zudeckten.

Logan gab dem Pferd noch eine Spritze mit Steroiden und schloß einen weiteren Beutel mit Plasmaexpander an. Er fühlte sich plötzlich sehr müde. Er konnte sich ausrechnen, daß das Pferd keine guten Chancen besaß, bei der Ankunft in der Klinik noch am Leben zu sein.

»Wir rufen an«, sagte Koopman, »damit die Klinik weiß, wann Sie ungefähr eintreffen.«

»Danke.«

»Alles soweit klar?«

»Ja, ich denk schon.«

Koopman schlug mit der flachen Hand gegen die Seitenwand des großen Lastwagens, den man an den Tieflader angehängt hatte, und rief dem Fahrer zu, er solle sich in Bewegung setzen. Langsam schob sich das Gefährt den Abhang wieder hinauf.

»Viel Glück«, rief Koopman ihnen noch nach, aber Logan schien ihn nicht mehr zu hören. Der junge Deputy wirkte ein wenig enttäuscht. Es war alles vorbei, und jeder ging wieder nach Hause. Hinter sich hörte er das Geräusch eines Reißverschlusses, und er drehte sich um. Der Trapper steckte sein Gewehr zurück in die Gewehrtasche.

»Danke für Ihre Hilfe«, sagte Koopman. Der Trapper nickte, warf sich die Tasche auf den Rücken und ging davon.

___________

Erschrocken fuhr Robert aus dem Schlaf auf und glaubte einen Moment lang, in seinem Büro zu sein. Der Computer spielte verrückt, grüne Linien tanzten über den Bildschirm, jagten einander über zerklüftete Gipfelketten. O nein, dachte er, ein Virus wütet durch meine Aufzeichnungen über den Fall des Dunford Sicherheitsdienstes. Dann sah er das Bett und die Decke, ein akkurat gefaltetes Zelt über dem, was vom Bein seiner Tochter übriggeblieben war, und er wußte wieder, wo er war.

Er sah auf seine Uhr. Es war kurz vor fünf Uhr früh. Das Zimmer war dunkel bis auf einen Kokon aus sanftem Licht, in den die Gelenklampe am Bett Graces Kopf und ihre nackten Schultern hüllte. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht sah so friedlich und gelassen aus, als würden sie all die Plastikschläuche nicht stören, die sich in ihren Körper drängten. Ein Respiratorschlauch steckte in ihrem Mund, ein zweiter Schlauch, durch den sie ernährt werden konnte, verschwand in ihrer Nase und endete im Magen. Weitere Schläuche baumelten von Flaschen und Plastikbeuteln herab, die über ihrem Bett hingen, und vereinten sich an ihrem Hals zu einem wirren Knäuel, als stritten sie sich untereinander darum, wer als erster an den Dreiwegehahn angeschlossen wurde, den man ihr in die Jugularvene gelegt hatte. Der Hahn wurde von einem fleischfarbenen Pflaster verdeckt, ebenso die Elektroden auf Stirn und Brust und das Loch, das man ihr über der linken Brust in den Körper geschnitten hatte, um ein kleines Glasfaserröhrchen ins Herz zu führen.

Ohne Reithelm, sagten die Ärzte, hätte das Mädchen tot sein können. Als der Kopf auf der Straße aufschlug, war der Helm und nicht der Schädel gebrochen. Bei einer zweiten Untersuchung hatte man allerdings eine kleine Blutung im Hirn festgestellt, so daß man ein winziges Loch in ihren Schädel gebohrt und etwas eingeführt hatte, was nun den Druck im Kopf maß. Der Respirator, hieß es, würde die Schwellung im Hirn abklingen lassen. Sein rhythmisches Zischen klang wie der Wellenschlag eines mechanischen Meeres auf einem Kieselstrand und hatte Robert in den Schlaf gelullt. Er hatte Graces Hand gehalten, und sie lag immer noch da, die Innenfläche nach oben, als sie ihm unabsichtlich entglitten war. Er umschloß sie jetzt wieder mit seinen beiden Händen und fühlte die so trügerisch beruhigende Wärme ihrer Haut.

Er beugte sich vor und drückte sanft ein Pflaster an, das sich von einer Kanüle an ihrem Arm gelöst hatte. Sein Blick wanderte zu der Batterie von Geräten. Robert hatte darauf bestanden, ihre genaue Funktion erklärt zu bekommen. Und so konnte er, ohne sich zu bewegen, eine systematische Überprüfung durchführen. Er kontrollierte jeden Bildschirm, die Katheter und die Infusionen, um sicherzugehen, daß sich während seines Schlafs nichts verändert hatte. Er wußte, daß sämtliche Geräte von Computern gesteuert und in der einige Schritte entfernten Überwachungs station ein Alarm ausgelöst wurde, wenn irgend etwas nicht stimmte, aber er mußte es mit eigenen Augen sehen. Er hielt immer noch Graces Hand, als er sich schließlich zufrieden zurücklehnte. Annie schlief am anderen Flurende in einem kleinen Zimmer, das man ihr zur Verfügung gestellt hatte. Sie hatte ihn zwar gebeten, sie um Mitternacht zu wecken, damit sie die zweite Hälfte der Nachtwache übernehmen konnte, aber da er selbst eingenickt war, beschloß Robert, sie schlafen zu lassen.

Er starrte Graces Gesicht an und dachte, daß es inmitten dieser brutalen Geräte wie das Gesicht eines Kindes wirkte, das erst halb so alt war wie Grace. Sie war immer so gesund gewesen. Von einer Schnittwunde am Knie einmal abgesehen, die nach einem Fahrradunfall vernäht werden mußte, war sie seit ihrer Geburt nicht mehr im Krankenhaus gewesen. Damals hatte sie allerdings auch soviel Theater gemacht, daß es für ein paar Jahre gereicht hatte. Sie war mit einem Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Nach zwölf Stunden Wehen hatte man Annie eine Rückenmarksanästhesie gesetzt, und da eine Weile nichts zu passieren schien, war Robert in die Cafeteria gegangen, um sich ein Sandwich und eine Tasse Kaffee zu holen. Als er eine halbe Stunde später auf die Station zurückkehrte, war die Hölle los. Es sah aus wie auf dem Deck eines Kriegsschiffes, überall rannte Krankenhauspersonal in grünen Kitteln herum, schob man Geräte hin und her und schrie Anweisungen. Während seiner Abwesenheit, erklärte man ihm, hatte der Kardiograph angezeigt, daß das Baby in Schwierigkeiten steckte. Wie ein Held aus einem Kriegsfilm der vierziger Jahre war der Gynäkologe in den Saal gestürmt und hatte seinen Truppen erklärt, daß er jetzt in die »Offensive« gehen würde.

Robert hatte immer angenommen, daß ein Kaiserschnitt eine friedvolle Angelegenheit sei. Kein Keuchen, Pressen und Schreien, nur ein einfacher Schnitt entlang einer vorgezeichneten Linie, und dann wurde das Baby mühelos herausgehoben. Deshalb war er überhaupt nicht auf den Ringkampf vorbereitet, der nun stattfand. Die Schlacht hatte bereits begonnen, als er in den Kreißsaal vorgelassen wurde und sich mit weit aufgerissenen Augen in eine Ecke stellte. Annie war jetzt vollständig betäubt, und Robert sah, wie diese fremden Männer in sie hineingriffen, die Arme bis zu den Ellbogen in Blut getaucht. Dann dehnten sie das Loch mit Metallhaken und grunzten und rissen und zupften, bis der eine, der Kriegsheld, es plötzlich in den Händen hielt und die anderen verstummten und zusahen, wie er dieses kleine, mit marmorweißer Käseschmiere bedeckte Etwas aus Annies klaffen dem Bauch hob. Er hielt sich auch noch für einen Komiker, dieser Mann, und meinte beiläufig zu Robert gewandt: »Vielleicht klappt’s beim nächstenmal besser. Es ist ein Mädchen.« Robert hätte ihn umbringen können. Doch nachdem man das Kleine rasch gewaschen und nachgesehen hatte, ob es die richtige Anzahl Finger und Zehen besaß, reichte man ihm das in eine weiße Decke gewickelte Kind, und Robert vergaß seine Wut und hielt die Kleine in den Armen. Dann legte er sie auf Annies Kissen, damit Grace das erste war, was Annie beim Aufwachen sah.

Vielleicht klappt’s beim nächstenmal besser. Es sollte kein nächstes Mal geben. Sie hatten sich beide noch ein Kind gewünscht, aber Annie erlitt vier Fehlgeburten, und die letzte verlief ziemlich gefährlich, da die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war. Man gab ihnen zu verstehen, daß es unklug wäre, es noch einmal zu probieren, aber das hätte man ihnen nicht mehr sagen müssen. Denn mit jedem Verlust vervielfachte sich der Schmerz, und letzten Endes sahen sich beide nicht mehr in der Lage, noch einmal all das durchzumachen. Nach der letzten Fehlgeburt vor vier Jahren wollte Annie sich sterilisieren lassen. Er ahnte, daß sie sich damit bestrafen wollte, und hatte sie gebeten, es nicht zu tun. Schließlich hatte Annie widerwillig nachgegeben, sich statt dessen eine Spirale einsetzen lassen und mit grimmigem Humor gemeint, daß die ja mit etwas Glück denselben Eftekt haben könnte.

Genau zu dieser Zeit wurde Annie ihr erster Redakteursposten angeboten, den sie dann, zu Roberts großem Erstaunen, auch annahm. Als er sah, wie aggressiv sie diese neue Aufgabe anging, begriff er, daß sie so ihre Wut und Enttäuschung kanalisierte und daß sie die Stelle angenommen hatte, um sich damit entweder abzulenken oder aber um sich zu bestrafen. Vielleicht sogar beides. Und so war er kein bißchen überrascht, als sie ihre Arbeit mit einem derartigen Erfolg bewältigte, daß fast jede größere Zeitschrift des Landes sie abwerben wollte.

Ihr gemeinsames Versagen, noch ein zweites Kind zeugen zu können, war ein Kummer, den sie beide nie ansprachen, doch er war stumm bis in die letzten Winkel ihrer Beziehung gedrungen.

Er hatte heute nachmittag unausgesprochen zwischen ihnen gestanden, als Annie ins Krankenhaus kam und er idiotischerweise zusammengeklappt war und geweint hatte. Er wußte, daß Annie annahm, er würde ihr Vorwürfe machen, weil sie ihm kein zweites Kind schenken konnte. Vielleicht hatte sie deshalb so schroff auf seine Tränen reagiert, weil sie in ihnen eine Spur dieses Vorwurfs entdeckte. Vielleicht hatte sie sogar recht. Denn dieses zarte Kind, verstümmelt vom Messer des Chirurgen, war alles, was ihnen blieb. Wie vorschnell, wie gemein von Annie, nur dieses Kind zu gebären. Glaubte er das wirklich? Bestimmt nicht. Aber wieso drängte sich dieser Gedanke dann so mühelos auf?

Robert war schon immer davon überzeugt gewesen, daß er seine Frau stärker liebte als sie ihn. Er zweifelte allerdings nicht daran, daß sie seine Liebe erwiderte. Ihre Ehe war gut, verglichen mit vielen anderen Ehen, die er kannte. Sowohl geistig wie auch körperlich hatten sie sich beide noch einiges zu geben. Kaum ein Tag in all den Jahren war vergangen, an dem er sich nicht glücklich pries, mit Annie verheiratet zu sein. Warum diese dynamische Frau einen Mann wie ihn hatte heiraten wollen, konnte ihn noch heute in Erstaunen versetzen.

Dabei litt Robert keineswegs an einem Gefühl der Minderwertigkeit. Objektiv gesehen und Objektivität war, wenn er es objektiv bedachte, seine Stärke war er einer der begabtesten Rechtsanwälte, die er kannte. Außerdem war er ein guter Vater, ein guter Freund den wenigen Freunden, die er hatte, und trotz der vielen heutzutage kursierenden Anwaltswitze ein Mann mit überaus moralischen Grundsätzen. Er hätte sich also niemals für einen Langweiler gehalten, und trotzdem wußte er, daß ihm Annies Funkeln fehlte. Nein, nicht ihr Funkeln, ihr Sprühen! Und das hatte ihn immer schon fasziniert, bereits in jener ersten Nacht in Afrika, als er die Tür öffnete und sie mit ihren Taschen vor ihm stand.

Er war sechs Jahre älter als sie, aber der Altersunterschied war ihm oft größer erschienen. Und bei all den namhaften, einflußreichen Menschen, die sie kennenlernte, schien es Robert ein kleines Wunder zu sein, daß sie mit ihm verheiratet bleiben wollte. Mehr noch, er war sich sogar sicher — soweit sich ein vernünttiger Mann in diesen Dingen sicher sein konnte —, daß sie ihn niemals betrogen hatte.

In letzter Zeit jedoch, seit Annie diesen neuen Job angenommen hatte, war das Leben anstrengend geworden. Die Säuberungswelle in ihrem Büro hatte sie gereizter werden lassen. Grace und sogar Elsa war der Unterschied aufgefallen, und sie rissen sich zusammen, wenn Annie im Haus war. Elsa wirkte jedesmal erleichtert, wenn er und nicht Annie als erster von der Arbeit nach Hause kam. Sie teilte ihm rasch alles Wissenswerte mit, zeigte ihm, was sie für das Abendessen vorbereitet hatte und verabschiedete sich schleunigst, ehe Annie eintraf.

Robert fühlte eine Hand auf seiner Schulter, blickte auf und sah Annie an seiner Seite stehen. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Er nahm ihre Hand und preßte sie an seine Wange.

»Hast du geschlafen?«

»Wie ein Baby. Du solltest mich doch aufwecken.«

»Ich bin auch eingeschlafen.«

Sie lächelte und betrachtete Grace. »Keine Veränderung?«

Er schüttelte den Kopf. Sie hatten leise miteinander gesprochen, als fürchteten sie, das Mädchen wecken zu können. Eine Zeitlang schauten sie auf ihr Kind. Annies Hand lag noch immer auf seiner Schulter, das Zischen des Respirators maß ihr Schweigen. Dann überlief Annie ein leises Zittern, und sie nahm ihre Hand fort. Sie zog die Wolljacke enger um sich und kreuzte die Arme vor der Brust.

»Weißt du, ich glaube, ich fahre nach Hause und besorg ihr ein paar Sachen«, sagte sie. »Damit sie vertraute Dinge sieht, wenn sie aufwacht.«

»Ich mach das. Du willst doch jetzt bestimmt nicht Auto fahren.«

»Nein, laß nur. Ich möchte es gern, wirklich. Kannst du mir deine Schlüssel geben?«

Er fand sie und gab sie ihr.

»Ich pack uns auch eine Tasche. Brauchst du was Bestimmtes?«

»Nur etwas zum Anziehen, vielleicht noch den Rasierer.«

Sie beugte sich zu ihm herunter und küßte ihn auf die Stirn.

»Fahr vorsichtig«, sagte er.

»Mach ich. Ich bleib nicht lang.«

Er sah ihr nach. An der Tür blieb sie stehen und sah sich noch einmal nach ihm um. Er merkte, daß sie ihm etwas sagen wollte.

»Was ist?« fragte er, aber sie lächelte nur und schüttelte den Kopf. Dann drehte sie sich um und war fort.

___________

Die Straßen waren geräumt und um diese Zeit bis auf ein oder zwei einsame Streufahrzeuge auch ziemlich verlassen. Annie fuhr auf der Achtundsiebzigsten nach Süden, dann ostwärts auf der Neunzigsten und nahm dieselbe Ausfahrt, die der Truck am Morgen zuvor genommen hatte.

Es hatte nicht getaut, und die Scheinwerfer des Mercedes beleuchteten die niedrigen Mauern aus verdrecktem Schnee entlang der Straße. Robert hatte Winterreifen aufziehen lassen, und sie dröhnten dumpf über den bestreuten Asphalt. Im Radio lief eine Sendung mit Höreranrufen, und eine Frau erzählte, daß sie sich Sorgen um ihren halbwüchsigen Jungen mache. Vor kurzem hatte sie sich einen neuen Wagen gekauft, einen Nissan, und der Junge schien sich in das Auto regelrecht verliebt zu haben. Stundenlang hockte er auf dem Fahrersitz, streichelte den Wagen, und als sie heute in die Garage ging, hatte sie ihn dabei ertappt, wie er es mit dem Auspuff trieb.

»Hat wohl ‘ne Fixierung, wie?« sagte der Moderator namens Melvin. Alle Hörersendungen schienen heutzutage einen rücksichtslosen Klugscheißer zum Moderator zu haben, und Annie begriff einfach nicht, warum die Leute trotzdem immer wieder anriefen, ob wohl sie doch wußten, daß man sie demütigen und bloßstellen würde. Vielleicht gerade deshalb. Diese Anruferin jedenfalls redete unverdrossen weiter.

»Tja, kann man wohl so nennen«, sagte sie. »Aber ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll.«

»Machen Sie gar nichts«, kreischte Melvin. »Der Trieb verpufft von selbst. Der nächste …«

Annie fuhr vom Highway ab und auf die Straße, die sich über den Hügelabhang bis zu ihrem Haus schlängelte. Glitzernder, festgedrückter Schnee bedeckte die Straße. Vorsichtig fuhr Annie durch den Tunnel aus Bäumen und bog in die Auffahrt ein, die Robert heute früh offenbar gefegt hatte. Die Scheinwerfer schwenkten über die weißen Dachschindeln ihres Hauses, dessen Giebel sich unter den turmhohen Buchen verlor. Es brannte kein Licht, aber der Flur leuchtete kurz blau auf, als ihn der Leuchtkegel der Scheinwerfer streifte. Als Annie zur Rückseite des Hauses fuhr und darauf wartete, daß sich die Tür zur Tiefgarage öffnete, ging automatisch eine Außenlampe an.

Die Küche sah noch genauso aus, wie Robert sie verlassen hatte. Schranktüren standen offen, und auf dem Tisch lagen zwei volle Einkaufstüten. Eiscreme war geschmolzen, über den Tisch gelaufen und in einer kleinen rosigen Pfütze auf den Boden getropft. Am Anrufbeantworter blinkte ein rotes Licht und meldete, daß jemand angerufen hatte. Aber Annie hatte keine Lust, die Nachrichten anzuhören. Sie sah die Notiz, die Grace Robert hinterlassen hatte, starrte sie an und traute sich irgendwie nicht, sie zu berühren. Dann wandte sie sich abrupt um und machte sich daran, die Reste der Eiscreme aufzuwischen und die unverdorbenen Lebensmittel fort zuräumen.

Als sie oben einige Sachen für sich und Robert einpackte, fand sie sich seltsam roboterhaft, als wäre jede ihrer Handlungen vorprogrammiert. Sie führte diese seltsame Benommenheit auf den Schock zurück, aber vielleicht lag es auch an einer Art Verweigerungshaltung. Jedenfalls ließ sich nicht bestreiten, daß Grace nach der Operation so fremd, so anders ausgesehen hatte, daß sie ihren Anblick nicht ertragen konnte. Sie hatte fast eifersüchtig auf den Schmerz reagiert, den Robert so offensichtlich litt. Sie hatte gesehen, wie seine Blicke über Graces Körper glitten, wie ihm jeder Eingriff, den man an ihr vorgenommen hatte, Qualen bereitete. Annie dagegen konnte sie einfach nur anstarren. Dieses neue Bild ihrer Tochter ergab für sie überhaupt keinen Sinn.

Ihre Kleider und ihr Haar rochen nach Krankenhaus, also zog sie sich aus und ging unter die Dusche. Sie ließ das Wasser eine Weile über ihren Körper laufen, dann drehte sie den Warmwasserhahn so heiß auf, daß sie es fast nicht mehr aus halten konnte. Sie langte nach dem Duschkopf und stellte einen möglichst harten Strahl ein, damit das Wasser wie heiße Nadeln auf sie niederprasselte. Sie schloß die Augen und hielt ihr Gesicht in den Strahl, bis sie vor Schmerz auf schrie. Aber sie zuckte nicht zurück, sie freute sich, daß es weh tat. Ja, das fühlte sie. Wenigstens etwas.

Das Bade zimmer war voller Dampf, als sie aus der Dusche stieg. Sie fuhr mit dem Handtuch über den Spiegel, wischte einen Streifen frei, trocknete sich dann ab und betrachtete das verschwommene Bild eines Körpers, der ihr nicht recht zu gehören schien. Sie war mit ihrer Figur immer zufrieden gewesen, auch wenn sie etwas fülliger war als die grazilen Mädchen, die den Modeteil ihrer Zeitschrift bevölkerten. Doch der beschlagene Spiegel warf ein verzerrtes, rosafarbenes Abbild ihrer selbst zurück, das einem Gemälde von Francis Bacon zu gleichen schien, und dieser Anblick verstörte Annie so sehr, daß sie das Licht ausmachte und rasch wieder ins Schlafzim mer ging.

Im Zimmer ihrer Tochter war alles noch so, wie Grace es am Morgen zuvor verlassen hatte. Ihr Nachthemd, ein langes T-Shirt, lag am Fußende des ungemachten Bettes. Eine Hose lag auf dem Boden, und Annie bückte sich, um sie aufzuheben. Es war die Jeans mit den zerfransten Löchern an den Knien, die Annie mit Fetzen von einem alten, blumenbedruckten Kleid geflickt hatte. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, daß sie Grace angeboten hatte, die Flicken aufzunähen, und wie verletzt sie gewesen war, als Grace ihr unbekümmert er klärte, daß es ihr lieber wäre, wenn Elsa das in die Hand nehmen würde. Mit ihrem üblichen Trick, einem kurzen, beleidigten Zucken der Augenbraue, sorgte Annie dafür, daß Grace sich schuldig fühlte.

»Tut mir leid, Mom«, sagte sie und nahm sie in den Arm. »Aber du weißt doch, daß du nicht nähen kannst.«

»Kann ich wohl«, sagte Annie trotzig und versuchte, mit Humor zu nehmen, was sie beide nicht lustig fanden.

»Mag schon sein. Aber nicht so klasse wie Elsa.«

»Nicht so gut wie Elsa, heißt das.« Annie mußte ständig an Graces Wortwahl herummäkeln und verfiel dabei unweigerlich in ihren hochnäsigsten Gouvernantenton. Grace konterte darauf jedes mal im breitesten Slang.

»Klar, Mom, voll in Ordnung, Mom. Is’ gebongt.«

Annie faltete die Jeans, räumte sie fort und machte das Bett. Dann stand sie da, sah sich im Zimmer um und überlegte, was sie ins Krankenhaus mitnehmen sollte. In einer Art Hängematte über dem Bett lagen mehrere Dutzend Kuscheltiere, ein ganzer Zoo; von Bären über Büffel bis zu Kätzchen und Killerwalen war alles vorhanden. Sie kamen aus allen Teilen der Erde, waren von Verwandten und Freunden hergebracht worden und lagen nun hier vereint und schliefen abwechselnd in Graces Bett. Jeden Abend suchte sie mit gewissenhafter Fairneß zwei oder drei von ihnen aus, je nach dem, wie groß sie waren, und setzte sie auf ihr Kissen. Gestern nacht war es ein Stinktier und irgendein grausiges Drachengeschöpf gewesen, das Robert ihr einmal aus Hongkong mitgebracht hatte. Annie legte die beiden zurück in die Hängematte und suchte nach Graces ältestem Freund, einem Pinguin namens Godfrey, der ihr von Roberts Arbeitskollegen am Tag ihrer Geburt ins Krankenhaus geschickt worden war. Ein Auge hatte inzwischen durch einen Knopf ersetzt werden müssen, und die vielen Ausflüge in die Wäscherei ließen ihn schlaff und blaß aussehen, aber Annie fischte ihn unter den übrigen Tieren hervor und stopfte ihn in ihre Tasche.

Sie ging zum Tisch am Fenster und packte Graces Walkman und das Kästchen mit Kassetten ein, das ihre Tochter stets mit auf Reisen nahm. Der Arzt hatte ihnen geraten, es mit Musik zu versuchen. Auf dem Tisch standen zwei gerahmte Fotografien. Die eine zeigte sie zu dritt in einem Boot, Grace in der Mitte, die Arme um die Schultern ihrer Eltern, und alle drei lachten. Das Bild war vor fünf Jahren auf Cape Cod gemacht worden, während eines wunderschönen Familienurlaubs. Annie steckte es in die Tasche und griff nach dem zweiten Foto. Es war Pilgrim, aufgenommen auf der Weide beim Gestüt, kurz nachdem sie ihn letzten Sommer gekauft hatten. Er war weder gesattelt noch aufgezäumt, trug nicht einmal einen Halfter, und sein Fell schimmerte in der Sonne. Das Bild zeigte ihn von hinten, aber er hatte den Kopf gewandt und blickte direkt in die Kamera. Annie hatte sich das Foto noch nie genauer angeschaut, und jetzt fand sie den unverwandten Blick des Pferdes ziemlich beunruhigend.

Sie hatte keine Ahnung, ob Pilgrim noch lebte. Durch eine Nachricht, die Mrs. Dyer gestern abend im Krankenhaus hinterlassen hatte, wußte sie nur, daß man ihn zum Haus des Tierarztes in Chatham transportiert hatte und daß er von dort nach Cornell gebracht werden sollte. Als sie jetzt das Bild betrachtete, meinte sie sich plötzlich Vorwürfen ausgesetzt zu sehen. Nicht, weil sie sein Schicksal nicht vorhergesehen hatte, nein, es ging um etwas anderes, etwas Bedeutsameres, das sie in diesem Augenblick noch nicht verstand. Sie legte das Bild in die Tasche, machte das Licht aus und ging nach unten.

Durch die hohen Fenster im Flur fiel schon die erste, fahle Tageshelle. Annie stellte die Tasche ab und ging in die Küche, ohne Licht zu machen. Bevor sie die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abhörte, wollte sie sich noch eine Tasse Kaffee aufbrühen. Während sie darauf wartete, daß das Wasser im alten Kupferkessel zu kochen begann, trat sie ans Fenster.

Draußen, nur wenige Schritte entfernt, stand eine Herde Weißwedelhirsche. Sie standen völlig reglos und starrten in ihre Richtung. Waren sie auf Futter aus? Nie zuvor hatte Annie so nah am Haus Wild gesehen, selbst im härtesten Winter nicht. Was hatte das zu bedeuten? Sie zählte die Tiere. Es waren zwölf, nein, dreizehn. Eins für jedes Lebensjahr ihrer Tochter. Sei nicht lächerlich, ermahnte sich Annie.

Der Kessel gab ein tiefes, zunehmend schriller werdendes Pfeifen von sich. Die Tiere fingen den Laut auf, warfen sich wie auf Kommando herum und stürmten davon. Ihre Schwänze wippten wie irrsinnig, als sie am Teich vorbei in den Wald flohen. Allmächtiger, dachte Annie, sie ist tot.

3

Harry Logan parkte seinen Wagen unter einem Schild, auf dem VIEHGROSSKLINIK stand und fand es merkwürdig, daß eine Universität keine Formulierung finden konnte, die etwas genauer besagte, ob nun das Vieh oder die Klinik groß war. Er stieg aus und stapfte durch die grauen Matschfurchen, die letzten Überreste des Schnees vom Wochenende. Drei Tage waren seit dem Unfall vergangen, und als Logan sich seinen Weg durch die Reihen geparkter Autos und Lastwagen suchte, dachte er daran, wie erstaunlich es doch war, daß das Pferd immer noch lebte.

Er hatte fast vier Stunden für die Brustwunde gebraucht. Sie war voller Glassplitter und schwarzer Lackpartikel vom Truck gewesen, die erst entfernt werden mußten. Dann hatte er die Wunde ausgespült, ihre zerfetzten Ränder mit der Schere gestutzt, die Arterie verklemmt und Drainagen gelegt. Und während seine Assistenten sich um die Narkose, die Sauerstoffversorgung und eine schon längst überfällige Bluttransfusion kümmerten, hatte sich Logan mit Nadel und Faden an die Arbeit gemacht.

Er mußte die Wunde in drei Schichten vernähen: zuerst die Muskeln, dann das Fasergewebe und schließlich die Haut, etwa siebzig Stiche für jede Schicht, wobei die beiden unteren Schichten mit Katgut vernäht wurden. Und all das für ein Pferd, das seiner Meinung nach nicht durchkommen würde. Aber der Teufelskerl hatte es geschafft. Es war unglaublich. Und nicht nur das, er zeigte auch noch fast ebensoviel Kampfgeist wie unten am Fluß. Als Pilgrim sich in der Krankenbox aufrappelte, konnte Logan nur beten, daß die Nähte nicht platzten. Er hätte es nicht ertragen, die ganze Arbeit noch einmal machen zu müssen.

Die ersten vierundzwanzig Stunden hatte man Pilgrim mit Sedativa ruhiggestellt, danach sollte er sich eigentlich so weit erholt haben, daß er die vierstündige Fahrt nach Cornell überstehen konnte.

Logan kannte sich in der Universität und ihrer Tierklinik gut aus auch wenn sie sich ziemlich verändert hatte, seit er in den sechziger Jahren als Student hier gewesen war. Dieser Ort weckte eine Menge schöner Erinnerungen, und fast alle drehten sich um Frauen. Herrje, waren das Zeiten gewesen. Besonders an den Sommerabenden, wenn man unter den Bäumen liegen und über den Cayugasee blicken konnte. Diese Universität hatte den schönsten Campus, den er kannte, auch wenn er heute nicht gerade danach aussah. Es war kalt und begann zu regnen, man konnte nicht mal den verdammten See erkennen. Außerdem fühlte er sich beschissen. Den ganzen Morgen mußte er schon niesen, bestimmt, weil er sich im Kinderhook Creek die Eier abgefroren hatte. Rasch trat er in die Wärme des von Glaswänden umstellten Empfangsraumes und fragte die junge Frau hinter dem Tresen nach Dorothy Chen, der Ärztin, die Pilgrim betreute.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde eine riesige neue Klinik gebaut. Während er wartete, musterte Logan die verkniffenen Gesichter der Bauarbeiter und fühlte sich gleich viel besser. Er empfand sogar etwas wie Aufregung bei dem Gedanken, Dorothy wiederzusehen. Ihr Lächeln war der Grund, weshalb es ihm nichts ausmachte, jeden Tag ein paar hundert Meilen zu fahren, um nach Pilgrim zu sehen. Sie war wie eine jungfräuliche Prinzessin aus einem dieser chinesischen Avantgardefilme, die seine Frau so toll fand. Außerdem hatte sie eine höllisch gute Figur und war so jung, daß er besser die Finger von ihr ließ. Er sah ihr Spiegelbild in der Tür näher kommen und drehte sich zu ihr um.

»Hallo Dorothy! Wie geht’s?«

»Mir ist kalt. Und auf dich bin ich nicht gerade gut zu sprechen.« Sie drohte ihm mit dem Finger und runzelte mit gespieltem Ärger die Stirn.

Logan hob abwehrend die Hän de. »Dorothy, ich fahre meilenweit für ein einziges Lächeln von dir, was habe ich nur falsch gemacht?«

»Du schickst mir so ein Ungeheuer, und ich soll dich anlächeln?« Aber sie tat es dennoch. »Komm schon. Die Röntgenbilder sind fertig.« Sie ging durch ein Labyrinth von Gängen voran, und Logan hörte ihren Erklärungen zu und versuchte, den verführerischen Schwung ihrer Hüften unter dem weißen Kittel zu ignorieren.

Es gab so viele Röntgenbilder, daß sie damit eine kleine Ausstellung eröffnen konnten. Dorothy heftete sie an den Lichtkasten, und gemeinsam betrachteten sie die Aufnahmen. Wie Logan vermutet hatte, gab es einige gebrochene Rippen, fünf insgesamt, und das Nasenbein war ein gedrückt. Die Rippen würden von selbst heilen, und am Nasenbein hatte Dorothy bereits operiert. Sie hatte den Knochen herausgestemmt, Löcher gebohrt und das Nasenbein in der ur sprünglichen Position wieder verdrahtet. Die Operation war gut verlaufen, nur die Tupfer in Pilgrims Stirnhöhle mußten noch entfernt werden.

»Da weiß ich doch, an wen ich mich wenden muß, wenn mit meiner Nase mal was nicht stimmt«, sagte Logan.

Dorothy lachte. »Wart’s ab, bis du ihn gesehen hast. Er wird eine Visage wie ein Preisboxer haben.« Logan hatte sich besorgt gefragt, ob Pilgrim sich nicht auch am rechten Vorderbein oder an der Schulter etwas gebrochen hatte, aber da war nichts zu sehen. Der ganze Bereich war vom Aufprall nur mit Schwellungen übersät, und das Adernetz, das für die Durchblutung des Beins sorgte, war ernstlich verletzt.

»Wie sieht die Brust aus?« fragte Logan.

»Gut. Du hast prima Arbeit geleistet. Wie viele Stiche?«

»An die zweihundert.« Er errötete wie ein Schuljunge. »Sollen wir ihn uns anschauen?«

Pilgrim stand in einer der Krankenboxen, und lange bevor sie ihn sahen, konnten sie ihn hören. Er schrie, und seine Stimme war heiser von all dem Lärm, den er geschlagen hatte, seit die Wirkung der letzten Dosis Beruhigungsmittel nach gelassen hatte. Die Wände der Box waren gut gepolstert, schienen aber trotzdem unter dem unablässigen Donner der Hufe zu beben. Ein paar Studenten standen in der Nachbarbox, und das Pony dort reagierte offensichtlich verstört auf Pilgrims Radau.

»Wollen Sie sich den Minotaurus ansehen?« fragte ein Student.

»Sicher«, sagte Logan. »Hoffentlich habt ihr ihn schon gefüttert.« Dorothy schob den Riegel beiseite, um die obere Türhälfte öffnen zu können. Kaum geschehen, verstummte der Lärm. Dorothy öffnete die Tür einen 5paltbreit. Pilgrim war bis in die letzte Ecke zurückgewichen, hielt den Kopf gesenkt, die Ohren angelegt und stierte sie an, als sei er einem Horrorcomic entsprungen. Jeder Teil seines Körpers schien in blutige Bandagen gewickelt zu sein. Er schnaubte sie an, dann hob er das Maul und bleckte die Zähne.

»Freue mich ebenfalls, dich wiederzusehen«, sagte Logan.

»Hast du jemals ein derartig ausgeflipptes Pferd gesehen?« fragte Dorothy. Er schüttelte den Kopf.

»Ich auch nicht.« Eine Zeit lang schauten sie ihn sich an. Was, um alles in der Welt, sollten sie nur mit dem Pferd anfangen, fragte sich Logan. Diese Maclean hatte ihn gestern zum erstenmal angerufen und war richtig nett gewesen. Wahrscheinlich schämte sie sich ein bißchen, überlegte er, für die Nachricht, die sie ihm durch Mrs. Dyer geschickt hatte. Logan war deshalb nicht sauer, und wenn er daran dachte, was ihrer Tochter zugestoßen war, tat ihm diese Frau eigentlich sogar leid. Wahrscheinlich hängte sie ihm doch noch einen Prozeß an den Hals, wenn sie das Pferd sah weil er es durchgebracht hatte.

»Wir wollten ihm noch ein Beruhigungsmittel verpassen«, sagte Dorothy. »Aber uns gehen die Freiwilligen aus. Ist nämlich eine ziemlich halsbbrecherische Angelegenheit.«

»Glaub ich. Aber man kann ihm das Zeug ja auch nicht ewig spritzen. Er hat jetzt so viel intus, daß man ein Schlachtschiff damit versenken könnte. Ich werde mal sehen, ob ich nicht einen Blick auf seine Brust werfen kann.«

Dorothy zuckte mit den Schultern. »Du hast hoffentlich dein Testament gemacht.« Sie begann, die untere Türhälfte zu öffnen.

Pilgrim sah Logan kommen, scharrte unruhig mit den Hufen und schnaubte. Doch kaum hatte Logan die Box betreten, fuhr das Pferd herum und holte mit den Hinterhufen nach ihm aus. Logan preßte sich an die Seitenwand und versuchte, an Pilgrims Schulter zu gelangen, aber davon konnte keine Rede sein. Das Tier stürzte nach vorn, zur Seite und schlug zugleich nach hinten aus. Logan stolperte, hielt einen raschen, würdelosen Rückzug für angemessen und brachte sich mit einem Satz in Sicherheit. Dorothy warf die Tür hinter ihm zu. Die Studenten grinsten. Logan stieß einen leisen Pfiff aus und klopfte sich den Mantel ab.

»Das hat man davon, wenn man einem das Leben rettet.«

___________

Es regnete acht Tage ohne Unterlaß. Das war kein Niselregen mehr wie er für Dezember typisch ist, sondern ein Regen mit Format. Dieser rauhe Nachkomme eines karibischen Hurrikans mit lieblichem Namen kam nach Norden gezogen, mochte es dort und blieb. Flüsse im Mittleren Westen traten über die Ufer, und die Nachrichtensendungen im Fernsehen wurden überschwemmt mit Bildern von Menschen, die auf Hausdächern kauerten, und von aufgequollenen Kadavern, die wie herrenlose Luftmatratzen über Swimminpoolfelder trudelten. Im Missouri war eine fünfköpfige Familie in ihrem Wagen ertrunken, während sie vor einem McDonalds-Drivein wartete, und der Prä sident flog zum Unglücksort und nannte das Hochwasser eine Katastrophe, doch das hatte sich so manch einer auf den Hausdächern auch schon gedacht.

Von alledem nichts ahnend, lag Grace Maclean, deren ramponierte Zellen sich stumm neu gruppierten, in der Abgeschiedenheit ihres Komas. Nach einer Woche hatte man ihr den Lungenschlauch aus der Kehle gezogen une statt dessen durch ein kleines Loch im Hals gesteckt. Sie erhielt eine milchig braune Flüssigkeit über den Schlauch in der Nase, der bis in den Magen führte. Und drei mal am Tag kam ein Physiotherapeut und arbeitete wie ein Puppenspieler mit ihren Armen und Beinen, damit ihre Muskeln nicht verkümmerten.

Nach der ersten Woche wechselten Annie und Robert sich an ihrem Bett ab, einer hielt Wache, während der andere entweder in die Stadt fuhr oder versuchte, in ihrem Haus in Chatham zu arbeiten. Annies Mutter bot sich an, aus London herüberzufliegen, war aber leicht von diesem Plan abzubringen. Statt dessen kam Elsa und bemutterte sie, kochte, nahm Anrufe entgegen und erledigte Botengänge zum Krankenhaus. Sie blieb auch bei Grace, als einmal Annie und Robert zur selben Zeit fort waren, am Morgen von Judiths Beerdigung. Auf dem nassen Rasen des Dorffriedhofs hatten sie neben all den anderen Trauergästen unter einem Himmel schwarzer Regenschirme gestanden und waren dann stumm wieder ins Krankenhaus zurückgefahren.

Roberts Partner in der Anwaltskanzlei hatten sich wie immer sehr verständ nisvoll gezeigt und entlasteten ihn weitgehend von seiner Arbeit. Crawford Gates, Annies Boss und Präsident des Verlagskonzerns, rief sie an, sobald er von dem Vorgefallenen erfahren hatte.

»Meine liebe, liebe Annie«, sagte er mit einer Stimme, die tragischer klang, als ihm zumute war — wie sie beide nur allzugenau wußten. »Ehe das kleine Mädchen nicht wieder hundertprozentig gesund ist, darfst du nicht einmal daran denken, hierher zurückzukommen, hast du mich verstanden?«

»Crawford«.

»Nein, Annie, ich meine es ernst. Grace ist jetzt das einzige, was zählt. Nichts in dieser Welt ist so wichtig wie sie. Wir kommen hier schon klar.«

Doch statt beruhigend zu wirken, versetzten sie seine Worte in eine derartige Panik, daß sie gegen den plötzlichen Drang ankämpfen mußte, der ihr riet, mit dem nächsten Zug in die Stadt zurückzufahren. Sie hatte den alten Fuchs gern schließlich hatte er sie angeworben und ihr den Job besorgt —, aber sie traute ihm keinen Zollbreit über den Weg. Gates war ein gewohnheitsmäßiger Ränkeschmied, er konnte nichts dafür.

Annie stand am Kaffeeautomaten im Flur vor der Intensivstatinn und betrachtete den Regen, der in breiten Schwaden über den Parkplatz fegte. ein alter Mann mühte sich mit einem widerspenstigen Regenschirm ab, und zwei Nonnen wurden wie Segelboote auf ihr Auto zugetrieben. Die Wolken hingen tief und wirkten so bedrohlich, als wollten sie ihnen auf den Kopf fallen.

Die Kaffeemaschine gab ein letztes Glucksen von sich, und Annie zog die Tasse aus dem Schacht und trank einen Schluck. Der Kaffee schmeckte genauso widerwärtig wie die aberhundert Tassen mit dieser Flüssigkeit, die sie bereits aus dem Automaten gezogen hatte. Aber wenigstens war er heiß und enthielt Koffein. Langsam ging sie zurück auf die Station und begrüßte eine der jüngeren Schwestern, deren Schicht gerade zu Ende gegangen war.

»Sie sieht heute schon viel besser aus«, sagte die Schwester im Vorbeigehen.

»Finden Sie?« Annie sah sie an. Die Schwestern kannten sie inzwischen gut genug, um so etwas nicht leichtfertig zu sagen.

»Ja, ich denke schon.« Sie war an der Tür stehengeblieben, und einen Augenblick schien es, als wollte sie noch etwas sagen. Doch dann änderte sie ihre Absicht, drückte die Tür auf und ging.

»Und immer schön Gymnastik mit ihr machen«, sagte sie.

Annie salutierte. »Ja wohl, Ma’am!«

Gut aussehen. Was heißt schon gut aussehen, fragte sich Annie, als sie an Graces Bett trat, wenn man seit elf Tagen im Koma liegt und die Glieder so schlaff wie ein toter Fisch sind. Eine andere Schwester wechselte den Verband an Graces Bein. Annie stand da und sah zu. Die Schwester blickte auf, lächelte und beugte sich wieder über Grace. Es war die einzige Arbeit, zu der Annie sich nicht überwinden konnte. Man ermunterte die Eltern und Verwandten, sich an der Pflege der Kranken zu beteiligen, und Annie und Robert waren schon ziemliche Experten in der Krankengymnastik und jenen anderen Dingen geworden, die getan werden mußten, etwa Graces Augen und Mund auswaschen oder ihren Urinbeutel wechseln, der am Bettrand hing. Doch allein der Gedanke an Graces Stumpf löste in Annie eine Art panischer Starre aus. Sie konnte ihn kaum ansehen, berühren schon gar nicht.

»Es verheilt prima«, sagte die Schwester. Annie nickte und zwang sich, den Blick nicht abzuwenden. Vor zwei Tagen waren die Fäden gezogen worden, und die lange, geschwungene Narbe leuchtete rosarot. Die Schwester sah den Ausdruck in Annies Augen.

»Ich glaube, die Kassette ist zu Ende«, sagte sie und deutete mit einem Kopfnicken auf Graces Walk man neben dem Kopfkissen.

Die Schwester bot ihr an, dem Anblick der Narbe zu entfliehen, und dankbar ergriff Annie die Gelegenheit. Sie nahm die abgelaufene Kassette heraus, einige Suiten von Chopin, und fand im Nachtschränkchen eine Oper von Mozart, »Die Hochzeit des Figaro«. Sie legte sie auf und rückte die Kopfhörer zurecht. Sie wußte, daß Grace mit ihrer Wahl nicht gerade einverstanden gewesen wäre. Sie hatte stets behauptet, Opern zu hassen. Aber Annie dachte nicht daran, eine der Kassetten einzulegen, die sich Grace immer im Auto anhörte. Wer wußte schon, wie Nirvana oder Alice in Chains auf ein derart verletztes Hirn wirkte? Hörte sie überhaupt etwas da drinnen? Und wenn, würde sie dann aufwachen und Opern lieben? Wahrscheinlich würde sie nur ihre Mutter noch ein bißchen mehr für diesen erneuten Akt der Tyrrannei hassen, dachte Annie.

Sie wischte einen Speichelfaden aus Graces Mundwinkel und schob ihr eine Locke aus dem Gesicht. Dann ließ sie die Hand sinken und betrachtete ihre Tochter. Nach einer Weile merkte sie, daß die Schwester mit dem Verbinden fertig war und sie ansah. Sie mußten beide lächeln. Doch in den Augen der Schwester schimmerte etwas, das gefährlich nah an Mitleid grenzte, und sofort durchbrach Annie das Schweigen.

»Turnstunde!« rief sie.

Sie krempelte ihre Ärmel auf und zog sich einen Stuhl ans Bett. Die Schwester sammelte ihre Sachen ein, und bald war Annie wieder mit Grace allein. Sie fing stets mit der linken Hand an und nahm sie auch jetzt zwischen ihre Hände und bearbeitete die Finger, einen nach dem anderen, dann alle zusammen. Vor und zurück, jedes Gelenk öffnen und schlißen, spüren, wie die Gelenke knackten, wenn sie sie zusammendrückte. Dann den Daumen, drehen, die Muskeln mit den Fingern pressen und kneten. Aus Graccs Kopfhörer drang der blecherne Klang der Mozartoper, und Annie fiel in einen Rhythmus, arbeitete im Takt und ging zum Handgelenk über.

Annie fand diese neue Intimität mit ihrer Tochter eigenartig sinnlich. Seit Grace ein Baby gewesen war, hatte sie diesen Körper nicht mehr so gut gekannt. Es war eine Offenbarung, fast wie eine Rückkehr in ein Land, das see vor langer Zeit einmal geliebt hatte. Da waren Makel, Leberflecken und Narben, von denen sie nichts geahnt hatte. Die Haut auf Graces Unterarm war ein Firmament aus winzigen Sommersprossen und von so weichem Flaum bedeckt, daß Annie ihn am liebsten mit ihrer Wange gestreift hätte. Sie drehte den Arm um und musterte die durchscheinende Haut an Graces Handgelenk und das darunter liegende Delta ihrer Venen.

Sie arbeitete sich zum Ellbogen vor, öffnete und schloß das Gelenk fünfzigmal und massierte dann die Muskeln. Es war anstrengend, und Annies Hände und Arme schmerzten nach jeder Gymnastikstunde. Gleich würde sie mit der anderen Seite beginnen. Annie ließ Graces Arm sanft auf das Bett sinken und wollte schon aufstehen, als sie etwas zu sehen meinte.

Es war so winzig und geschah so rasch, daß Annie dachte, sie hätte sich nur etwas eingebildet. Aber als sie Graces Hand ablegte, schien einer ihrer Finger kurz gezuckt zu haben. Annie saß da und wartete darauf, daß es sich wiederholte. Nichts. Also faßte sie noch einmal nach der Hand und drückte sie. »Grace?« sagte sie leise. »Gracie?«

Nichts. Graces Ge sicht blieb ausdruckslos. Nur ihre Brust bewegte sich, hob und senkte sich im Takt des Respirators. Vielleicht hatte Annie nur gesehen, wie die Hand unter ihrem eigenen Gewicht nachgab. Annies Blick wanderte vom Gesicht ihrer Tochter zu der Batterie von Beobachtungsgeräten. Annie kannte die einzelnen Aufgaben der Bildschirme immer noch nicht so gut wie Robert. Vielleicht vertraute sie einfach ihren eingebauten Alarmsystemen mehr als er. Aber sie wußte ziemlich genau, was die wichtigsten Geräte anzeigen sollten, jene, die Graces Herzschlag, ihre Hirnströme und ihren Blutdruck maßen. Auf dem Bildschirm für die Herztöne war ein kleines, orangefarbenes Digitalherz zu sehen, ein Motiv, das Annie seltsam rührend fand. Seit vielen Tagen hatte die Herzschlagrate konstant bei siebzig Schlägen gelegen, aber jetzt war sie gestiegen. Fünfundachtzig, doch noch während Annie zusah, sackte sie wieder auf vierundachtzig ab. Annie runzelte die Stirn. Sie blickte sich um. Es war keine Schwester zu sehen. Sie würde nicht in Panik geraten, wahrscheinlich hatte es nichts zu bedeuten. Wieder sah sie Grace an.

»Grace?«

Diesmal drückte sie Graces Hand, blickte auf und sah, wie der Herzmonitor verrückt spielte. Neunzig, hundert, hundertzehn…

»Gracie?«

Annie stand auf, drückte kräftig Graces Hand und beobachtete ihr Gesicht. Sie drehte sich um und wollte um Hilfe rufen, Doch das war nicht mehr notwendig, da eine Schwester und ein junger Assistenzarzt bereits hinter ihr standen. Die Veränderung war von den Bildschirmen auf der zentralen Überwachungsstation registriert worden.

»Sie hat sich bewegt«, sagte Annie. »Ich habe es gesehen. Ihre Hand…«

»Drücken Sie weiter«, sagte der Assistenzarzt. Er holte eine kleine Stablampe aus seiner Brusttasche, beugte sich über Grace und öffnete eins ihrer Augen. Er leuchtete hinein und wartete auf eine Reaktion. Die Schwester beobachtete die Monitore. Der Herzschlag hatte sich bei hundertzwanzig beruhigt. Der Assistenzarzt nahm Grace die Kopfhörer ab.

»Reden Sie mit ihr.«

Annie schluckte. Einen Augenblick lang fehlten ihr dummerweise die Worte. Der Assistenzarzt sah sie an.

»Einfach nur reden. Egal, was.«

»Gracie? Ich bin’s. Liebling, es ist Zeit zum Aufwachen. Bitte, wach jetzt auf.«

»Sehen Sie nur«, sagte der Assistenzarzt. Er hielt immer noch Graces Auge offen, und Annie konnte ein Flackern der Augenlider erkennen. Sie mußte plötzlich nach Luft schnappen.

»Ihr Blutdruck ist auf hundertfünfzig«, sagte die Schwester.

»Was bedeutet das?«

»Das heißt, daß sie reagiert«, sagte der Arzt. »Darf ich?«

Er nahm ihr Graces Hand ab und hielt mit seiner anderen Hand ihr Auge offen.

»Grace«, sagte er. »Ich drücke jetzt deine Hand, und ich möchte, daß du zurückdrückst, wenn du kannst. Drück so fest du kannst, okay?«

Er drückte und beobachtete dabei unablässig ihr Auge.

»Na bitte«, sagte er und gab Annie die Hand des Mädchens. »Jetzt möchte ich, daß du es noch einmal für deine Mutter machst.«

Annie holte tief Luft und drückte … und spürte Graces Antwort.

Es war wie das erste, schwache Zucken eines Fisches an der Angel. Dort unten in diesen dunklen, stillen Wassern schimmerte etwas und wollte an die Oberfläche.

___________

Grace steckte in einem Tunnel. Er erinnerte sie ein wenig an die U-Bahn, nur war er dunkler und mit Wasser geflutet, und sie schwamm darin. Das Wasser war überhaupt nicht kalt. Genaugenommen fühlte es sich nicht einmal wie Wasser an. Es war zu warm und zähflüssig. In der Ferne schimmerte ein Lichtkreis, und irgendwie wußte sie, daß sie entscheiden mußte, ob sie darauf zugehen oder sich umdrehen und in die andere Richtung gehen wollte, in der ebenfalls ein Licht leuchtete, wenn auch schwächer und nicht so einladend. Sie hatte keine Angst. Es war einfach eine Frage der Wahl. Beide Wege waren möglich.

Dann hörte sie Stimmen. Sie kamen aus der Richtung, in der das schwächere Licht leuchtete. Sie konnte zwar nicht sehen, wer dort draußen war, aber sie wußte, daß eine der Stimmen ihrer Mutter gehörte. Sie konnte auch die Stimme eines Mannes hören, aber es war nicht ihr Vater. Es war irgendein anderer Mann, ein Mann, den sie nicht kannte. Sie versuchte, ihnen durch den Tunnel entgegenzuschwimmen, aber das Wasser war zu zäh. Es war wie Klebstoff, sie schwamm in Klebstoff, und sie kam nicht durch. Der Klebstoff läßt mich nicht durch, der Klebstoff… Sie versuchte, um Hilfe zu rufen, aber ihre Stimme wollte ihr nicht gehorchen.

Sie schienen nicht zu wissen, daß sie da war. Wieso konnten sie sie nicht sehen? Ihre Stimmen klangen so fern, und plötzlich hatte Grace Angst, sie würden gehen und sie allein lassen. Doch jetzt, ja, jetzt rief der Mann sie beim Namen. Sie hatten sie entdeckt. Und obwohl sie immer noch niemanden sehen konnte, wußte sie, daß sie ihr helfen wollten. Und wenn sie nur eine letzte Anstrengung unternahm, einen letzten großen Kraftakt, dann würde der Klebstoff sie vielleicht durchlassen, und die da draußen konnten sie herausziehen.

4

Während Robert im Farmshop zahlte und hinausging, umwickelten die beiden Jungen den Baum bereits mit einer Schnur und luden ihn hinten auf den Geländewagen, einen Ford Lariat, den er sich letzten Sommer gekauft hatte, um Pilgrim aus Kentucky abzuholen. Grace und Annie waren ziemlich überrascht gewesen, als er an einem frühen Samstagmorgen mit passendem silberfarbenen Anhänger vorgefahren kam, und stürzten auf die Veranda, Grace begeistert, Annie eher empört. Aber Robert hatte nur die Achseln gezuckt, gelächelt und gesagt: Hab dich nicht so, man kann doch kein neues Pferd in einer alten Schachtel transportieren.

Er dankte den beiden Jungen, wünschte ihnen fröhliche Weihnachten und fuhr vom schlammigen, mit Schlaglöchern übersäten Parkplatz auf die Straße. Noch nie hatte er den Weihnachtsbaum so spät besorgt. Meistens holte er am Wochenende vor den Feiertagen zusammen mit Annie einen Baum, wartete aber immer bis Heiligabend, ehe er ihn zum Schmücken ins Haus brachte. Wenigstens war sie dabei und konnte schmücken helfen. Morgen war Heiligabend, und Grace kam nach Hause.

Die Ärzte zeigten sich nicht gerade erfreut. Schließlich war Grace erst vor zwei Wochen aus dem Koma erwacht, aber Robert und Annie hatten darauf bestanden, daß es ihr guttun würde, und schließlich siegte Gefühl über Vernunft: Grace durfte nach Hause, aber nur für zwei Tage. Sie konnten sie morgen nachmittag abholen. Er hielt vor der Bäckerei in Chatham, um ein Brot und einige Muffins zu kaufen. Das Frühstück in der Bäckerei war für sie zu einem Wochenendritual geworden, und die junge Frau hinter der Theke hatte manchmal auf Grace aufgepaßt.

»Wie geht’s Ihrem hübschen Mädchen?« fragte sie.

»Sie kommt morgen nach Hause.«

»Wirklich? Das ist ja prima!«

Einige Kunden hörten ihrem Gespräch zu. Alle schienen über den Unfall Bescheid zu wissen, und Menschen, mit denen Nobert nie zuvor geredet hatte, fragten ihn jetzt nach Grace. Ihm fiel allerdings auf, daß man nie über ihr Bein sprach.

»Grüßen Sie sie von mir.«

»Mach ich. Fröhliche Weihnachten.« Sie sahen ihm durch das Schaufenster nach, als er wieder in den Lariat stieg. Er fuhr an der Tierfutterfabrik vorbei, bremste ab, als er die Gleise überquerte und fuhr dann durch das Stadtzentrum zurück nach Hause. Weihnachtsgirlanden schmückten die Ladenfenster in der Main Street, und Käufer drängten sich über die schmalen Gehsteige. Robert winkte im Vorbeifahren einigen Bekannten zu. Die Krippe auf dem Markt sah hübsch aus ohne Frage eine etwas einseitige Auslegung der Religionsfreiheit, aber wenn schon, hübsch war sie trotz dem, und schließlich war Weihnachten. Nur das Wetter wußte offenbar nicht Bescheid.

Seit dem Tag, an dem der Regen aufgehört und Grace ihre ersten Worte gesprochen hatte, war es lächerlich warm. Medienklimatologen, deren Konten mit den Hurrikanfluten schon einen Rekordstand erreicht hatten, feierten ihre schönste Weihnacht seit Jahren. Die Welt wurde offiziell zum Treibhaus erklärt, zumindest war sie völlig verdreht.

Als er heimkam, steckte Annie in ihrem Arbeitszimmer und telefonierte mit ihrem Büro. Sie machte mal wieder jemanden zur Schnecke, bestimmt einen der stellvertretenden Herausgeber. Während Robert die Küche aufräumte, hörte er, daß der arme Kerl offenbar seine Einwilligung für ein längeres Interview mit einem Schauspieler gegeben hatte, den Annie widerlich fand.

»Ein Star?« fragte sie ungläubig. »Ein Star? Er ist das absolute Gegenteil von einem Star. Der Typ ist ein verdammtes Schwarzes Loch!«

Normalerweise hätee Robert über diesen Vergleich vielleicht gelächelt, aber die Aggression in ihrer Stimme vertrieb die weihnachtliche Vorfreude, mit der er nach Hause gekommen war. Er wußte, wie frustrierend es für Annie war, ein edles Großstadtmagazin von einem Bauernhaus oben im Norden aus führen zu müssen. Aber das war nicht der einzige Grund. Seit dem Unfall schien Annie so voller Wut zu stecken, daß er selbst beinahe Angst vor ihr bekam.

»Was? So viel wollen Sie ihm bezahlen?« tobte sie. »Sie sind ja verrückt! Oder gibt er das Interview vielleicht nackt?«

Robert stellte die Kaffeemaschine an und deckte den Frühstückstisch. Er hatte Annies Lieblingsmuffins geholt.

»Tut mir leid, John, mit mir nicht. Du wirst ihn anrufen und absagen … Ist mir völlig egal. … Ja, du kannst mir das Fax schicken. Okay.«

Er hörte, wie sie auflegte. Kein »Auf Wiederhören«, aber das bekam man von Annie selten zu hören. Doch als sie über den Flur ging, klangen ihre Schritte eigentlich nicht wütend, eher resigniert. Er sah auf und lächelte sie an, als sie in die Küche kam.

»Hungrig?«

»Nein. Ich hab schon Cornflakes gegessen.«

Er versuchte, sein enttäuschtes Gesicht zu verbergen. Sie entdeckte die Muffins auf dem Tisch.

»Tut mir leid.«

»Kein Problem. Bleibt mehr für mich übrig. Wie wär’s mit einem Kaffee?« Annie nickte, setzte sich an den Tisch und blätterte ohne allzu große Neugier in der Zeitung, die Robert gekauft hatte. Eine Weile sprachen beide kein Wort.

»Hast du den Baum geholt?« fragte sie.

»Na klar. Ist nicht so gut wie letztes Jahr, aber ganz hübsch.« Wieder verstummten sie. Er goß ihnen Kaffee ein und setzte sich zu ihr. Die Muffins schmeckten köstlich. Es war so still, daß er sich kauen hören konnte. Annie seufzte.

»Ich denke, wir bringen es am besten heute abend hinter uns«, sagte sie und nippte an ihrem Kaffee.

»Was?«

»Der Baum. Wir sollten ihn schmücken.«

Robert runzelte die Stirn.

»Ohne Grace? Warum? Sie ist bestimmt sauer, wenn sie nicht dabei sein kann.«

Mit lautem Klirren setzte Annie ihre Kaffeetasse ab.

»Sei nicht blöd. Wie zum Teufel soll sie auf einem Bein den Baum schmücken?«

Annie stand auf, ließ dabei den Stuhl über den Boden scharren und ging zur Tür. Einen Augenblick starrte Robert sie entsetzt an.

»Ich glaub schon, daß sie das schafft«, sagte er ruhig.

»Unsinn, natürlich schafft sie das nicht. Wie denn auch? Soll sie herumhüpfen? Himmel, sie kann doch selbst mit den Krücken kaum stehen.« Robert zuckte zusammen.

»Ach, Annie, hör auf…«

»Nein, du hörst jetzt auf«, sagte sie und wollte gehen, kam dann aber noch einmal zurück. »Du willst, daß alles so bleibt wie es war, aber es wird nie wieder so sein. Kapierst du das denn nicht?«

Einen Augenblick lang blieb sie stehen, umrahmt vom blauen Flur. Dann sagte sie, daß Arbeit auf sie warte und ging. Und ein dumpfer Schmerz tief in seiner Brust sagte Robert, daß sie recht hatte. Nie wieder würde es so sein wie früher.

___________

Wirklich geschickt, wie man dafür gesorgt hatte, daß sie dahinterkam, was mit ihrem Bein los war, dachte Grace. Denn wenn sie zurückdachte, konnte sie nicht sagen, wann genau sie es eigentlich erfahren hatte. Wahrscheinlich waren sie in diesen Dingen richtige Künstler und wußten genau, wieviel sie verraten durften, ohne daß die Patienten ausflippten. Noch ehe Grace reden oder sich wieder bewegen konnte, hatte sie gespürt, daß da unten etwas passiert war. Sie hatte so ein merkwürdiges Gefühl, und ihr fiel auf, daß die Schwestern sich um die Stelle da unten mehr als um alles andere kümmerten. Und als man sie aus dem Tunnel voller Klebstoff zog schien dieses Wissen wie so viele andere Fakten einfach in ihr Bewußtsein zu gleiten.

»Ab nach Hause?« Die große freundliche Frau, die immer fragte, was sie essen wollte, lehnte in der Tür. Grace lächelte und nickte.

»Soll welche geben, die tun das gern«, sagte die Frau. »Aber denk dran, du verpaßt mein Weihnachtsessen.«

»Sie können mir ja was aufheben. Ich komm übermorgen zu rück.« Ihre Stimme klang noch ziemlich heiser. Ein Heftpflaster an ihrem Hals klebte über dem Einschnitt, in dem der Respirationsschlauch gesteckt hatte. Die Frau zwinkerte ihr zu.

»Mach ich, Honey.« Sie ging, und Grace schaute auf die Uhr. Ihre Eltern kamen erst in zwanzig Minuten, aber sie saß schon angezogen und reisefertig auf dem Bett. Eine Woche nachdem sie aus dem Koma erwacht war, hatte man sie in dieses Zimmer gebracht und vom Respirator befreit, so daß sie wieder sprechen und die Worte nicht nur mit den Lippen an deuten konnte. Es war ein kleines Zimmer mit idyllischem Blick auf einen Parkplatz und in jener deprimierend blaßgrü nen Farbe gestrichen, die offenbar ausschließlich für Krankenhäuser hergestellt wurde. Aber wenigstens gab es einen Fernseher, und da sämtliche freie Flächen mit Blumen, Karten und Geschenken überladen waren, ließ es sich hier aushalten.

Sie sah auf ihr Bein, dahin, wo die Schwester die untere Hälfte ihrer grauen Jogginghose sorgfältig hochgesteckt hatte. Wenn einem ein Arm oder ein Bein amputiert wurde, hatte Grace mal gehört, war das fehlende Glied trotzdem nicht empfindungslos. Und das stimmte. Nachts juckte ihr Bein zum Verrücktwerden. Und jetzt juckte es auch. Unheimlich war nur, daß dieses komische halbe Bein, das man ihr gelassen hatte, selbst dann nicht ihr zu gehören schien, wenn sie es mit eigenen Augen sah. Es gehörte jemand anderem. Ihre Krücken lehnten an der Wand neben dem Nachttisch, dahinter hing das Foto von Pilgrim. Es war eins der ersten Dinge gewesen, die sie beim Aufwachen gesehen hatte. Ihrem Vater war aufgefallen, daß sie sich das Bild betrachtete, und er hatte gesagt, daß es dem Pferd gutgehe, und da hatte sie sich gleich besser gefühlt.

Judith war tot. Und Gully. Das hatten sie ihr ebenfalls erzählt. Und es war wie mit dem Bein; sie konnte die Nachricht nicht ganz fassen. Das Problem war nicht, daß sie ihnen nicht glaubte, warum sollten sie schließlich auch lügen? Sie hatte auch geweint, als ihr Vater es ihr beigebracht hatte, doch vielleicht waren daran die Drogen schuld, die man ihr gegeben hatte, jedenfalls hatte es sich nicht wie richtiges Weinen angefühlt. Fast hatte sie gemeint, sich selbst beim Weinen beobachten zu können. Und wann immer sie seither daran gedacht hatte (und es war wirklich erstaunlich, wie gut sie diesen Gedanken vermeiden konnte), schien die Tatsache, daß Judith tot war, in ihrem Kopf irgendwie aufgehoben zu sein, sorgsam weggepackt, so daß sie keinen allzu genauen Blick darauf werfen konnte.

Ein Polizist war letzte Woche gekommen, hatte ihr Fragen gestellt und sich Notizen über den Hergang der Ereignisse gemacht. Der arme Kerl war schrecklich nervös gewesen, und Robert und Annie waren für den Fall, daß sie sich aufregen sollte, in ihrer Nähe geblieben. Sie hätten sich keine Sorgen zu machen brauchen. Sie erzählte dem Polizisten, daß sie sich nur bis zu dem Moment erinnern konnte, wo sie die Böschung hinuntergerutscht war. Das stimmte nicht. Sie wußte, wenn sie wollte, könnte sie sich an viel, viel mehr erinnern. Aber sie wollte nicht.

Robert hatte ihr bereits erklärt, daß sie später noch eine weitere Erklärung abgeben mußte, eine eidesstattliche Aussage oder dergleichen, für die Leute von der Versicherung, aber darüber sollte sie sich erst Gedanken machen, wenn es ihr besser ging. Was immer damit gemeint war.

Grace starrte immer noch auf das Bild von Pilgrim. Sie hatte bereits entschieden, was zu tun war. Sie würde ihre Eltern bitten, Pilgrim wieder nach Kentucky zurückzubringen. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn in der näheren Umgebung zu verkaufen, so daß sie ihm eines Tages vielleicht mit einem anderen Reiter begegnete. Sie wollte ihn noch einmal sehen und sich von ihm verabschieden, aber das war dann auch alles.

___________

Pilgrim kam auch zu Weihnachten nach Hause, eine Woche früher als Grace, und niemand in Cornell weinte ihm eine Träne nach. Er hatte mehreren Studenten Zeichen seiner Zuneigung hinterlassen, ein halbes dutzend Schnittwunden etwa und viele blaue Flecke, eine Studentin trug sogar ihren Arm in Gips. Dorothy Chen, die sich eine Art Matadortechnik ausgedacht hatte, um ihm die täglichen Spritzen verabreichen zu können, behielt zur Belohnung einen perfekten Abdruck seiner Zähne auf ihrer Schulter.

»Ich kann sie nur im Badezimmerspiegel sehen«, erzählte sie Harry Logan. »Sie haben in allen Rottönen geleuchtet, die man sich nur vorstellen kann.«

Logan konnte sich sehr gut vorstellen, wie Dorothy Chen ihre nackte Schulter im Badezimmerspiegel begutachtete. O Mann!

Joan Dyer und Liz Hammond fuhren mit ihm, um das Pferd abzuholen. Logan hatte sich mit Liz immer gut verstanden, auch wenn sie sich mit ihren Praxen Konkurrenz machten. Liz war eine große, herzliche Frau, etwa in seinem Alter, und Logan war froh, sie dabei zu haben, denn er fand Joan Dyer immer ein bißchen anstrengend.

Er schätzte Joan auf Mitte Fünfzig; sie hatte eins dieser strengen, wettergegerbten Gesichter, die einem stets das Gefühl gaben, abgeurteilt zu werden. Joan saß am Steuer und hörte ihnen zu, während er sich mit Liz über berufliche Dinge unterhielt. Als sie in Cornell eintrafen, setzte Joan den Lieferwagen geschickt zurück und hielt direkt vor Pilgrims Box. Aber obwohl Dorothy ihm ein Beruhigungsmittel gab, brauchten sie trotzdem noch eine Stunde, bis sie ihn verladen hatten.

In den letzten Wochen war Liz sehr hilfsbereit gewesen. Gleich im Anschluß an ihre Konferenz war sie auf Bitten der Macleans nach Cornell gekommen, denen es offensichtlich lieber gewesen wäre, wenn sie die Betreuung von Pilgrim übernommen hätte ein Verzicht, der Logan nicht allzu schwergefallen wäre. Aber Liz berichtete den Macleans, daß Logan phantastische Arbeit geleistet hatte und daß sie ihn nicht von diesem Fall abziehen sollten. Als Kompromiß bot sie ihnen an, eine Art Kontrollfunktion auszuüben. Logan fühlte sich dadurch nicht bedroht. Er fand es angenehm, in einem derartig schwierigen Fall die Meinung einer Kollegin hören zu können. Joan Dyer, die Pilgrim seit dem Tag des Unfalls nicht mehr gesehen hatte, war entsetzt. Die Narben in seinem Gesicht und auf der Brust waren schlimm genug, aber eine derart wilde, fast wahnsinnige Feindseligkeit hatte sie noch nie zuvor bei einem Pferd beobachtet. Während der gesamten Rückfahrt konnten sie vier Stunden lang hören, wie er mit den Hufen gegen die Seitenwände der Box donnerte. Der ganze Wagen bebte, und Joan schien beunruhigt.

»Wo soll ich ihn bloß unterbringen?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Liz.

»Na ja, so kann ich ihn nicht wieder in die Scheune stellen. Das ist nicht sicher genug.«

Als sie das Gestüt erreichten, ließen sie Pilgrim im Lieferwagen stehen, während Joan und ihre beiden Söhne in einem Stall hinter der Scheune einen Verschlag saubermachten, der seit Jahren nicht mehr benutzt worden war. Eric und Tim waren Anfang Zwanzig und gingen ihrer Mutter bei der Arbeit auf dem Hof zur Hand. Während er ihnen zusah, fiel Logan auf, daß sie beide das lange Gesicht der Mutter und ihren sparsamen Umgang mit Worten geerbt hatten. Sobald sie den Verschlag vorbereitet hatten, fuhr Eric, der älter und etwas mürrischer als sein Bruder Tim war, den Lieferwagen rückwärts an den Stall heran. Aber das Pferd wollte nicht herauskommen.

Schließlich befahl Joan ihren Söhnen, sich dem Pferd mit Stöcken durch die Seitentür des Lieferwagens zu nähern, und Logan sah, wie sie auf das Pferd eindroschen und Pilgrim sich vor ihnen aufbäumte, ebenso erschrocken wie die beiden Jungen selbst. Ihr Vorgehen schien ihm nicht richtig, aber er hatte auch keine bessere Idee, und er fragte sich besorgt, ob die Brustwunde nicht wieder aufplatzen konnte. Zu guter Letzt wich das Pferd vor den Stöcken zurück, ging in den Stall, und die Jungen schlugen die Tür hinter ihm zu.

Als er an diesem Abend nach Hause zu seiner Frau und zu seinen Kindern fuhr, war Harry Logan ziemlich niedergeschlagen. Er mußte an den Trapper denken, diesen kleinen Kerl mit Pelzhut, der ihn von der Eisenbahnbrücke herunter angegrinst hatte. Der Widerling hatte recht gehabt. Sie hätten das Pferd einschläfern sollen.

___________

Das Weihnachtsfest begann nicht gut bei den Macleans und wurde immer schlechter. Sie fuhren mit Roberts Wagen heim, Grace saß hinten, die Beine hochgelegt auf dem Rücksitz. Und kaum hatten sie das Krankenhaus hinter sich gelassen, fragte Grace nach dem Tannenbaum.

»Können wir ihn schmücken, wenn wir nach Hause kommen?« Annie sah stur geradeaus und überließ es Robert, ihrer Tochter zu erklären, daß sie den Baum bereits geschmückt hatten, aber er erzählte ihr nichts von dem freudlosen Schweigen am späten gestrigen Abend, nichts von der aufs Äußerste gepannten Atmosphäre.

»Ich dachte, du würdest dich nicht fit genug fühlen«, sagte er. Annie wußte, daß sie gerührt oder dankbar für die selbstlose Art sein sollte, mit der Robert alle Schuld auf sich lud, und es irritierte sie, daß sie nichts dergleichen empfand. Beinahe verärgert wartete sie darauf, daß Robert die Wogen mit einem Scherz glättete.

»Nichts da, junge Dame«, fuhr er fort. »Dir bleibt genug Arbeit, wenn wir nach Hause kommen. Da ist noch Holz zu hacken, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen …«

Grace lachte gehorsam, und Annie ignorierte Roberts langen verstohlenen Blick während des anschließenden Schweigens.

Als sie daheim waren, gaben sie sich Mühe, ein wenig fröhlich zu sein. Grace behauptete, der Baum im Flur sähe wunderschön aus. Sie blieb einige Zeit allein auf ihrem Zimmer, legte Nirvana auf und drehte laut auf, damit sie wußten, daß alles okay war. Mit den Krücken war sie recht geschickt, kam sogar mit der Treppe zurecht und fiel nur einmal hin, als sie eine Tüte mit einigen kleinen Geschenken herunterbringen wollte, die die Schwestern auf ihre Bitte hin für ihre Eltern gekauft hatten.

»Alles in Ordnung«, sagte sie, als Robert zu ihr lief. Sie war mit dem Kopf heftig an die Wand geschlagen, und Annie, die aus der Küche auftauchte, konnte sehen, welche Schmerzen sie litt.

»Bist du sicher?« Robert betrachtete sie besorgt, aber Grace verzichtete weitestgehend auf seine Hilfe.

»Klar, Dad. Mir geht’s wirklich prima.«

Annie sah, wie Robert die Tränen kamen, als Grace ihre Geschenke unter den Tannenbaum legte. Der Anblick machte sie so wütend, daß sie sich rasch umdrehte und zurück in die Küche ging.

Sie schenkten sich jedes Jahr einen Weihnachtsstrumpf. Annie und Robert füllten gemeinsam Graces Strumpf, und dann jeder einen für den anderen. Am Morgen brachte Grace ihren Strumpf ins elterliche Schlafzimmer, setzte sich zu ihnen aufs Bett, und dann packten sie abwechselnd die Geschenke aus und machten Witze darüber, wie klug der Weihnachtsmann doch gewesen war, oder darüber, daß er vergessen hatte, das Preisschild abzumachen. Doch wie das Baumschmücken schien Annie dieses Ritual auch unerträglich geworden zu sein.

Grace ging früh zu Bett, und als Robert sicher wußte, daß sie schlief, schlich er sich auf Zehenspitzen mit dem Strumpf in ihr Zimmer. Annie zog sich aus und lauschte dem Ticken der Uhr unten im Flur. Sie war im Bad, als Robert zurückkam, dann hörte sie es rascheln und wußte, daß er nun den Strumpf unter ihr Bett schob. Was für ein Theater!

Er kam ins Bad, als sie sich die Zähne putzte. Er trug seinen gestreiften, englischen Pyjama und lächelte ihr im Spiegel zu. Annie spuckte und spülte sich den Mund aus.

»Du mußt mit dieser Heulerei aufhören«, sagte sie, ohne ihn anzuschauen.

»Was?«

»Ich habe dich beobachtet, als sie hinfiel. Hör auf damit, sie zu bedauern. Mitleid hilft ihr auch nicht weiter.« Er stand da und starrte sie an. Als sie sich umdrehte, um ins Schlafzimmer zu gehen, trafen sich ihre Blicke. Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

»Du bist unglaublich, Annie.«

»Danke.«

»Was ist bloß los mit dir?«

Statt zu antworten, ging sie an ihm vor bei ins Schlafzimmer. Sie legte sich ins Bett und machte ihr Licht aus, und sobald er im Bad fertig war, tat er es ihr nach. Sie drehten sich die Rücken zu, und Annie blickte auf das scharf geschnittene gelbe Rechteck, das die Lampe am Treppenabsatz auf den Schlafzimmerboden warf. Sie hatte nicht aus Wut geschwiegen, sondern nur, weil sie die Antwort nicht kannte. Wie hatte sie nur so etwas sagen können? Vielleicht reagierte sie so wütend auf seine Tränen, weil sie eifersüchtig darauf war. Sie hatte seit dem Unfall nicht ein einziges Mal geweint.

Sie drehte sich um, legte schuldbewußt ihre Arme um ihn und schmiegte sich an seinen Rücken.

»Tut mir leid«, murmelte sie und küßte seinen Nacken. Einen Augenblick verharrte Robert regungslos. Dann drehte er sich langsam auf den Rücken und legte einen Arm um sie. Annie kuschelte sich an seine Brust. Sie hörte, wie er einen tiefen Seufzer ausstieß, und lange blieben sie reglos liegen. Dann glitt ihre Hand langsam über seinen Bauch hinunter, berührte ihn sanft und spürte, wie er sich regte. Sie richtete sich auf, kniete sich über ihn, zog sich das Nachthemd über den Kopf und ließ es auf den Boden fallen. Er war jetzt hart, und als er, wie er es immer tat, zu ihren Brüsten hinauf griff, führte sie ihn in sich hinein und spürte, wie ein Beben durch seinen Körper lief. Sie sagten beide keinen Ton. Und sie sah in der Dunkelheit auf diesen guten Mann, der sie seit so langer Zeit kannte, und entdeckte in seinen Augen eine furchtbare, untröstliche und vom Verlangen verschleierte Traurigkeit.

___________

Am ersten Weihnachtstag wurde es kälter. Wie in einem Film, der vorgespult wird, rasten metallfarbene Wolken über die Wälder. Der Wind sprang nach Norden um und warf arktische Luftwirbel hinab ins Tal. Im Haus hörten sie auf das Heulen im Kamin, während sie vor einem mächtigen Feuer Scrabble spielten.

Beim Auspacken der Geschenke hatten sich am Morgen alle sehr zusammengerissen. Nie zuvor in ihrem Leben, auch nicht, als sie noch sehr klein war, hatte Grace jemals so viele Geschenke bekommen. Beinahe alle Bekannten hatten ihr etwas geschickt, und Annie kam zu spät auf den Gedanken, ihr einige Präsente für den nächsten Tag aufzuheben. Grace merkte bald die mildtätige Absicht hinter den Geschenken und ließ viele ungeöffnet liegen.

Annie und Robert hatten nicht gewußt, was sie ihr kaufen sollten. Früher war es immer eine Kleinigkeit für die Reiterei gewesen. Aber das einzige, was ihnen jetzt einfiel, wirkte allein deshalb schon aufgesetzt, weil es nichts mit dem Reiten zu tun hatte. Robert hatte ihr schließlich ein Aquarium voller tropischer Fische gekauft. Sie wußten, daß Grace sich ein Aquarium wünschte, aber Annie hatte Angst, daß sich selbst mit diesem Geschenk eine Botschaft verband: Setz dich hin und schau zu, schien es zu sa gen. Was bleibt dir auch anderes übrig. Robert hatte das Aquarium im hinteren Wohnzimmer aufgestellt und in Weihnachtspapier ein gewickelt. Sie führten Grace hinein und sahen, wie ihr Gesicht strahlte, als sie das Ge schenk auspackte.

»Wahnsinn!« rief sie, »Das ist einfach super.«

Als Annie am Abend das Essen abräumte, sah sie Grace und Robert im Dunkeln auf dem Sofa vor dem Aquarium liegen. Das Becken war erleuchtet, Blasen stiegen auf. Die beiden hatten den Fischen zugesehen und waren Arm in Arm einge schlafen. Die wogenden Pflanzen und die vorübergleitenden Fische warfen gespenstische Schatten auf ihre Gesichter.

Beim Frühstück am nächsten Morgen sah Grace sehr blaß aus.

Robert faßte nach ihrer Hand.

»Alles in Ordnung, Kleines?«

Sie nickte. Annie stellte einen Krug Orangensaft auf den Tisch und Robert ließ Graces Hand los. Annie sah ihrer Tochter an, daß sie etwas sagen wollte, was ihr nicht ganz leichtfiel.

»Ich habe über Pilgrim nachgedacht«, sagte sie mit tonloser Stimme. Es war das erste Mal, daß sie den Namen wieder erwähnte. Annie und Robert rührten sich nicht. Annie fand es beschämend, daß seit dem Unfall oder zumindest seit Pilgrims Rückkehr zu Mrs. Dyer noch niemand von ihnen nach dem Pferd gesehen hatte.

»Ähäm«, sagte Robert.

»Und?«

»Und ich denke, wir sollten ihn zurück nach Kentucky schicken.«

Sie schwiegen.

»Gracie«, sagte Robert. »Wir müssen jetzt noch keine Entscheidungen treffen. Vielleicht …« Grace unterbrach ihn.

»Ich weiß, du willst sagen, daß Menschen mit einer solchen Verletzung wieder mit dem Reiten angefangen haben, aber ich …« Sie schwieg einen Augenblick, riß sich dann aber zusammen. »Ich will nicht. Bitte.«

Annie schaute Robert an, und sie wußte, daß er ihren Blick spürte, daß sie ihn damit warnen wollte, auch nicht die Spur einer Träne zu zeigen.

»Ich weiß nicht, ob sie ihn wieder zurücknehmen«, fuhr Grace fort.

»Aber ich will nicht, daß ihn einer aus unserer Gegend kauft.«

Robert nickte langsam und zeigte ihr, daß er sie verstand, auch wenn er nicht derselben Meinung war. Doch Grace schien fest entschlossen.

»Ich will mich von ihm verabschieden, Daddy. Können wir ihn heute morgen besuchen? Bevor ich ins Krankenhaus zurück muß?«

___________

Annie hatte nur einmal mit Harry Logan gesprochen. Es war ein unangenehmes Telefongespräch gewesen, und obwohl sie beide kein Wort über Annies Drohung verloren, ihm den Prozeß zu machen, wurde doch jedes ihrer Worte davon überschattet. Logan hatte sehr charmant geklungen, und Annie war, zumindest im Tonfall, einer Entschuldigung so nahe gekommen, wie es ihr nur möglich war. Seither hatte sie alles Wissenswerte über Pilgrim durch Liz Hammond erfahren, aber die Tierärztin hatte ihre Sorgen nicht unnötig vermehren wollen und ihr einen ungefähren Eindruck von Pilgrims Genesung vermittelt, der ebenso beruhigend wie falsch war.

Die Wunden verheilten gut, sagte sie. Die Hautverpflanzungen am Sprungbein waren vom Körper angenommen worden. Die Nasenbeinkorrektur sah besser aus, als sie gehofft hatten. Das waren keine Lügen, und doch hatten sie Annie, Robert und Grace nicht auf das vorbereitet, was sie erwartete, als sie über die lange Auffahrt fuhren und vor Joan Dyers Haus parkten.

Mrs. Dyer kam aus dem Stall, ging ihnen über den Hof entgegen und wischte sich die Hände an der alten blauen Steppjacke ab, die sie tagein, tagaus trug. Der Wind peitschte ihr graue Haarsträhnen ins Gesicht, und sie lä chelte, als sie sich das Haar aus den Augen strich. Das Lächeln war so merkwürdig und ungewohnt, daß Annie sie verwirrt anschaute. Aber wahrscheinlich machte sie nur der An blick von Grace verlegen, der Robert beim Aussteigen mit den Krücken half.

»Hallo, Grace«, sagte Mrs. Dyer. »Wie geht’s dir, Liebes?«

»Sie hält sich prima, nicht wahr, Kleines?« sagte Robert. Warum kann er sie nicht selbst antworten lassen, dachte Annie. Grace lächelte tapfer.

»Klar, mir geht’s gut.«

»Hattest du eine schöne Weihnacht? Viele Geschenke?«

»Massenhaft«, sagte Grace. »Es war phantastisch, nicht wahr?« Sie blickte zu Annie auf.

»Phantastisch«, bestätigte Annie. Keiner schien zu wissen, was sie als nächstes sagen sollten, und einen Augenblick standen sie verlegen im kalten Wind herum. Wolken stürmten über ihren Köpfen dahin, und als die Sonne plötzlich hervorbrach, schienen die Wände der Scheune rot aufzuglühen.

»Grace möchte Pilgrim sehen«, sagte Robert.

»Ist er in der Scheune?«

Ein Schatten huschte über Mrs. Dyers Gesicht. »Nein. er steht hinten.«

Annie spürte, daß hier irgend etwas nicht stimmte, und Grace ging es offenbar ähnlich.

»Schön«, sagte Robert. »Können wir ihn uns anschauen?«

Mrs. Dyer zögere den Bruchteil einer Sekunde. »Natürlich.«

Sie drehte sich um und ging vom Hof. Die Macleans folgten ihr hinüber zu den alten Stallgebäuden.

»Passen Sie auf, wo Sie hintreten. Hier draußen ist es ein bißchen matschig.«

Mrs. Dyer sah sich nach Grace und ihren Krücken um, dann warf sie Annie einen Blick zu, als ob sie sie warnen wollte.

»Sie ist verdammt gut auf diesen Dingern, was meincn Sie, Joan?« sagte Robert. »Ich kann kaum mit ihr Schritt halten.«

»Ja, das sehe ich.« Mrs. Dyer lächelte flüchtig.

»Warum steht er hier hinten?« fragte Grace. Mrs. Dyer gab keine Antwort. Sie hatten jetzt die Ställe erreicht. Mrs. Dyer blieb vor der einzigen Tür stehen, die verschlossen war, und drehte sich zu ihnen um. Sie schluckte schwer und sah Annie an.

»Ich weiß nicht, was Harry und Liz Ihnen gesagt haben.«

Annie zuckte die Achseln.

»Na ja, er hat Glück, daß er noch lebt, soviel wissen wir«, sagte Robert. Sie schwiegen und warteten alle darauf, daß Mrs. Dyer fortfuhr, doch die schien noch nach den richtigen Worten zu suchen.

»Grace« sagte sie. »Pilgrim ist nicht mehr, wie er mal war. Die Ereignisse haben ihn sehr verstört.« Grace blickte plötzlich sehr besorgt drein, und Mrs. Dyer schaute sich hilfesuchend nach Annie und Robert um.

»Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob es so eine gute Idee ist, daß Ihre Tochter ihn zu Gesicht bekommt.«

»Warum? Was…?« begann Robert, doch Grace schnitt ihm das Wort ab.

»Ich will ihn aber sehen. Machen Sie die Tür auf.« Mrs. Dyer sah Annie an und wartete auf eine Entscheidung. Annie fand, sie waren schon zu weit gegangen, als daß sie jetzt noch umkehren könnten. Sie nickte.

Widerwillig zog Mrs. Dyer den Riegel von der oberen Türhälfte zurück. Im selben Moment brach im Stall ein Höllenlärm aus, der sie alle erschreckt zusammenfahren ließ. Dann war es still. Langsam öffnete Mrs. Dyer die obere Tür, und Grace starrte in den Stall. Annie und Robert standen hinter ihr.

Die Augen des Mädchens brauchten eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Dann sah sie ihn. Ihre Stimme klang so zart und zerbrechlich, daß die anderen sie kaum hörten.

»Pilgrim? Pilgrim?«

Dann stieß sie einen Schrei aus, drehte sich um, und Robert mußte sie rasch festhalten, sonst wäre sie hingefallen.

»Nein, Daddy! Nein!«

Er legte seine Arme um sie und führte sie fort. Ihr Schluchzen wurde vom Wind davongetragen.

»Es tut mir schrecklich leid, Annie«, sagte Mrs. Dyer. »Ich hätte es nicht erlauben dürfen.«

Annie starrte sie mit leerem Blick an, dann ging sie näher an die Stalltür heran. Plötzlich schlug ihr beißender Uringestank ins Gesicht, der Boden starrte vor Dreck und Pferdedung.

Pilgrim war in den Schatten der entferntesten Ecke zurückgewichen und beobachtete sie. Er hielt die Beine gespreizt und streckte den Hals so tief nach unten, daß sein Kopf kaum einen Fußbreit über der Erde hing.

Sein grotesk vernarbtes Maul reckte er nach oben, als wollte er sagen: Wag es ja nicht, dich zu rühren! Und er schnaubte in kurzen, unruhigen Stößen. Annie spürte, wie es ihr kalt über den Rücken lief, und das Pferd schien ähnlich zu empfinden, denn es legte die Ohren zurück und starrte sie heimtückisch und mit zähnefletschendem Grinsen an, gleichsam die schauderhafte Parodie einer Drohgebärde. Annie sah in das blutdurchschossene Weiß seiner Augen und verstand zum erstenmal in ihrem Leben, wieso es Menschen gibt, die an den Teufel glauben.

5

Die Konferenz schleppte sich nun schon über eine Stunde hin, und Annie langweilte sich. Überall in ihrem Büro hatten es sich Leute bequem gemacht, die in eine heftige Debatte darüber verwickelt waren, welche Pinkschattierung auf dem nächsten Cover am besten aussehen würde. Die diversen Entwürfe lagen vor ihnen ausgebreitet. Annie fand sie allesamt ziemlich gräßlich.

»Ich glaube einfach nicht, daß unsere Leser Leute sind, die derart phosphoreszierende Farben mögen«, sagte jemand. Der Chefgraphiker, der offensichtlich anderer Meinung war, fühlte sich immer stärker in die Defensive gedrängt.

»Das ist keine phosphoreszierende Farbe«, sagte er. »Das ist Lachsrosa.«

»Ich glaube auch nicht, daß sie Lachsrosa mögen. Das erinnert zu sehr an die Achtziger.«

»An die Achtziger? Das ist doch absurd!«

Normalerweise hätte Annie diese Debatte längst abgebrochen. Sie hätte ihnen einfach gesagt, was sie von alldem hielt, und damit wäre die Sache erledigt gewesen. Das Problem war nur, daß sie es beinahe unmöglich fand, sich zu konzentrieren, und daß es ihr noch schwerer fiel, diese Diskussion ernst zu nehmen.

So ging das schon den ganzen Morgen. Angefangen hatte es mit einem Frühstücksmeeting, auf dem sie Frieden schließen mußte mit dem Hollywoodagenten, der diesen Schauspieler vertrat, den Annie als »Schwarzes Loch« bezeichnet hatte und der sich entsetzlich darüber aufgeregt hatte, daß sein Porträt nicht veröffentlicht worden war. Dann hatte sie zwei Stunden lang die Leute von der Herstellung in ihrem Büro gehabt, die ihr et was über die steil anwachsenden Kosten der Zeitschrift vorgejammert hatten. Einer von ihnen benutzte ein dermaßen grauenhaftes Aftershave, daß Annie hinterher alle Fenster aufreißen mußte. Sie hatte den Geruch immer noch in der Nase.

In den letzten Wochen hatte sie sich immer srärker auf ihre Freundin und Stellvertreterin Lucy Friedman verlassen, die in allen Lifestyle-Fragen tonangebend war. Das Cover, über das sie im Moment diskutierten, spielte auf einen von Lucy in Auftrag gegebenen Artikel über Salonlöwen an und zeigte das Foto eines grinsenden, alternden Rockstars, dessen Falten vertragsgemäß vom Computer bereits fortretuschiert worden waren.

Lucy hatte zweifellos längst gemerkt, daß Annie mit ihren Gedanken woanders war, und stillschweigend die Leitung dieses Trefffens übernommen.

Sie war eine große, streitsüchtige Frau mit einem hintergründigen Sinn für Humor und einer Stimme wie ein rostiger Auspuff. Es machte ihr Spaß, die Dinge ein wenig durcheinanderzuwirbeln, und das tat sie auch nun, als sie ihre Meinung änderte und sagte, der Hintergrund des Covers sollte nicht pinkfarben, sondern von einem fluoreszierenden Lindgrün sein.

Als der Streit wieder aufflammte, ließ Annie ihre Gedanken erneut ziellos treiben. In einem Büro auf der anderen Straßenseite stand ein Mann mit Brille, Anzug und Schlips vor dem Fenster und führte eine Reihe von Tai-Chi-Bewegungen aus. Annie betrachtete den präzisen, dramatischen Schwung seiner Arme, die reglose Kopfhaltung und fragte sich, was diese Übungen wohl für ihn bewirken mochten.

Dann nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und sah Anthony, ihren Assistenten, durch das breite Glasfenster, wie er die Lippen bewegte und auf seine Uhr deutete. Es war fast Mittag, und sie war mit Robert und Grace in der orthopädischen Klinik verabredet.

»Was meinst du, Annie?« fragte Lucy.

»Entschuldige, Lucy, was hast du gesagt?«

»Lindgrün. Mit pinkfarbenem Titel.«

»Klingt gut«, sagte sie. Sie beugte sich vor und preßte ihre Hände flach auf den Tisch. »Hört mal, können wir für heute Schluß machen? Ich muß los.«

Draußen wartete ein Wagen. Sie gab dem Fahrer die Adresse und lehnte sich zurück, als sie Richtung Uptown zur East Side fuhren. Die Menschen draußen sahen ebenso grau und trostlos aus wie die Straßen. Die Jahreszeit des Trübsinns war angebrochen, denn das neue Jahr dauerte bereits so lange, daß alle wußten, es würde genau so schlecht wie das alte sein. Als sie vor einer Ampel warteten, sah Annie zwei Obdachlose, die sich in einen Hauseingang drängten, der eine deklamierte mit großen Gesten zum Himmel hinauf, der andere schlief. Ihre Hände waren kalt, und sie vergrub sie noch tiefer in den Manteltaschen.

Sie kamen in der 84. Straße am Café Lester vorbei, in das Robert seine Tochter vor der Schule manchmal zum Frühstück einlud. Sie hatten noch nicht über die Schule geredet, aber Grace mußte bald zurück und sich den Blicken der Mädchen stellen. Es würde nicht leicht sein, aber je länger sie es hinausschob, um so schwieriger wurde es. Wenn das neue Bein paßte, das Bein, das sie heute in der Klinik ausprobieren wollten, würde Grace bald wieder laufen können. Und sobald sie mit der Prothese zurechtkam, sollte sie wieder zur Schule.

Annie kam zwanzig Minuten zu spät, und Robert und Grace waren bereits bei Wendy Auerbach, der Orthopädietechnikerin. Annie verneinte, als die Empfangsdame ihr den Mantel abnehmen wollte, und wurde über einen schmalen weißen Gang zum Anpaßraum geführt. Sie konnte ihre Stimmen hören.

Die Tür stand offen, und niemand sah sie hereinkommen. Grace saß im Slip auf einem Bett. Sie sah auf ihre Beine, die Annie aber nicht sehen konnte, da Wendy Auerbach davor kniete und irgend etwas nachstellte. Robert stand daneben und schaute zu.

»Wie ist das?« fragte Wendy. »Besser?« Grace nickte. »Okey-dokey. Dann wollen wir mal sehen, wie es sich im Stehen anfühlt.«

Sie trat zur Seite, und Annie sah, wie Grace vor Anspannung die Stirn runzelte, langsam vom Bett aufstand und zusammenzuckte, als sie das künstliche Bein belastete. Dann sah sie auf und entdeckte Annie.

»Hi«, sagte sie und versuchte zu lächeln. Robert und die Orthopädietechnikerin drehten sich zu ihr um.

»Hi«, sagte Annie. »Na, wie geht’s?«

Grace zuckte die Achseln. Wie blaß sie aussieht, dachte Annie. Wie zerbrechlich.

»Die Kleine ist ein Naturtalent«, sagte Wendy Auerbach. »Nur schade, daß wir schon ohne ihre Mom anfangen mußten.«

Annie hob beschwichtigend die Hand. Die unbarmherzige Fröhlichkeit dieser Frau ärgerte sie.

»Okey-dokey« war schon schlimm genug, aber wer als Fremde sie »Mom« nannte, der forderte den Teufel heraus. Ihr fiel es schwer, den Blick von der Prothese abzuwenden, und sie spürte, daß Grace ihre Reaktion beobachtete. Das künstliche Bein war fleischfarben und bis auf Gelenk und Ventilloch am Knie dem linken Bein sogar ein wenig ähnlich. Annie fand, es sah schrecklich aus, richtig abscheulich. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Robert kam ihr zu Hilfe.

»Der neue Schaft paßt hervorragend.«

Nach der ersten Anprobe hatte man einen neuen Gipsabdruck von Graces Stumpf gemacht und diesen neuen, besseren Schaft angefertigt. Roberts Begeisterung für den technischen Vorgang machte es ein wenig einfacher. Er hatte Grace die Werkstatt gezeigt und so viele Fragen gestellt, daß er sich inzwischen wahrscheinlich gut genug auskannte, um selbst Orthopädiemechaniker werden zu können. Annie wußte, daß er nicht nur Grace sondern auch sie selbst damit von dem Schrecken des Vorgangs ablenken wollte. Es funktionierte auch, und Annie war ihm dankbar.

Man brachte ihnen einen Gehbock, und Robert und Annie sahen zu, wie Grace die Benutzung des Geräts gezeigt wurde. Sie würde den Bock nur ein oder zwei Tage brauchen, hieß es, bis sie ein Gefühl für das neue Bein habe. Dann dürfte ein Stock ausreichen, und ziemlich bald würde sie feststellen, daß sie selbst auf den verzichten konnte. Grace setzte sich wieder, und die Orthopädietechnikerin ratterte fröhlich eine Liste mit Gebrauchshinweisen und Hygienetips herunter. Sie wandte sich hauptsächlich an Grace, versuchte aber auch, die Eltern mit einzubeziehen. Sie beschränkte sich allerdings bald auf Robert, da er allein die Fragen stellte; außerdem schien sie Annies Abneigung zu spüren.

»Okey-dokey«, sagte sie schließlich und klatschte in die Hände. »Ich glaube, wir sind soweit.«

Sie begleitete sie bis zur Tür. Grace ließ das Bein umgeschnallt, ging aber auf Krücken. Robert trug den Gehbock und eine Tüte voller Mittelchen zur Beinpflege, die Wendy Auerbach ihnen mitgab. Er dankte ihr, und sie warteten, während Wendy die Tür öffnete und Grace noch einen letzten Ratschlag mit auf den Weg gab.

»Denk dran. Es gibt kaum etwas, das du vorher getan hast und jetzt nicht mehr machen kannst. Also ab mit dir, junge Dame, steig einfach möglichst schnell wieder auf deinen verflixten Gaul.« Grace sah zu Boden. Robert legte ihr eine Hand auf die Schulter. Annie scheuchte sie vor sich her durch die Tür.

»Sie will aber nicht«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen, als sie an Wendy Auerbach vorbeiging. »Und auch der verflixte Gaul nicht. Okey-dokey?«

___________

Pilgrim verfiel zusehends. Die gebrochenen Knochen und die Narben waren verheilt, aber die verletzten Schulternerven ließen ihn lahmen. Nur eine Kombination von Stallruhe und Physiotherapie konnte ihm helfen. Aber er explodierte jedes mal beim geringsten Anlaß derart, daß sich ihm kein Mensch nähern konnte, ohne Gefahr zu laufen, ernstlich von ihm verletzt zu werden. Also blieb ihm nur die Stallruhe. Im Gestank seiner düsteren Box hinter der Scheune wurde Pilgrim immer magerer und schwächer.

Harry Logan besaß weder den Mut noch die Geschicklichkeit, mit deren Hilfe Dorothy Chen ihre Spritzen verabreicht hatte. Und um ihm zu helfen, verfielen die Dyers auf einen üblen Trick. Die beiden Jungen sägten eine kleine Klappe in die untere Türhälfte, durch die sie Pilgrims Fressen und Wasser schoben. War eine Spritze fällig, hungerten sie ihn aus. Und wenn Logan dann die Spritze bereit hielt, stellten sie die Futtereimer vor die offene Klappe. Die Jungen bekamen oft richtige Lachanfälle, wenn sie sich versteckten und darauf warteten, daß Hunger und Durst Pilgrims Angst überwältigten. Kaum schob er zögernd das Maul vor, um an den Eimern zu schnuppern, rammten sie die Klappe zu und hielten seinen Kopf gerade so lange gefangen, daß Logan ihm die Spritze in den Hals jagen konnte. Logan haßte diesen Job, und das Lachen der Jungen haßte er ganz besonders.

Anfang Februar rief er Liz Hammond an, und sie trafen sich am Stall. Lange betrachteten sie Pilgrim durch die Stalltür, dann setzten sie sich in Liz’ Auto. Eine Weile schwiegen beide und sahen Tim und Eric zu, die den Hof abspritzten und herumalberten.

»Mir reicht’s«, sagte Logan. »Jetzt gehört er dir allein.«

»Hast du schon mit Annie geredet?«

»Ich habe sie bestimmt zehnmal angerufen. Ich habe ihr schon vor einem Monat gesagt, daß man das Pferd einschläfern lassen sollte. Sie hat mir gar nicht zugehört. Aber ich ertrag’s nicht länger. Diese beiden dämlichen Jungs machen mich verrückt. Ich bin Tierarzt, Lizzie. Ich soll Tiere von ihrem Leid erlösen, nicht es ihnen zufügen. Mir reicht’s.«

Einen Augenblick sagten beide kein Wort. Eric versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, aber Tim zielte immer wieder mit dem Schlauch auf ihn.

»Sie hat mich gefragt, ob es so etwas wie einen Pferdepsychiater gibt«, sagte Liz.

Logan lachte. »Das Pferd braucht keinen Seelenklempner, sondern eine Leukotomie.« Er kämpfte kurz mit sich. »Es gibt da diesen Chiropraktiker drüben in Pittsfield, aber der nimmt solche Fälle nicht an. Sonst fällt mir keiner ein. Dir vielleicht?«

Liz schüttelte den Kopf.

Teil II

Zwei

6

Amerika ist das Land, dessen Weiten zuerst die Pferde durchzogen. Eine Million Jahre vor der Geburt des ersten Menschen weideten sie auf den riesigen Prärien und zogen zu anderen Kontinenten über Felsbrücken, die bald unter dem Schmelzwasser der Gletscher verschwanden. Anfangs kannten die Pferde den Menschen nur, wie der Gejagte den Jäger kennt, denn lange bevor der Mensch sie zu Verbündeten in der Jagd auf andere Tiere machte, wurden sie selbst um ihres Fleisches willen getötet.

Höhlenbilder zeigen, wie dies geschah. Löwen und Bären stellen sich, um zu kämpfen, und das war der Augenblick, in dem der Mensch sie aufspießte. Aber das Pferd ist ein Geschöpf der Flucht, nicht des Kampfes, und mit einfacher, tödlicher Logik nutzte der Jäger diesen Trieb, um sie zu vernichten. Ganze Herden wurden von Klippen in den Tod getrieben. Davon zeugen Ansammlungen von abertausend gebrochenen Knochen. Und auch wenn der Mensch später vorgab, ein Freund der Pferde zu sein, blieb der Bund stets zerbrechlich, denn die Furcht, die er in ihren Herzen geweckt hatte, saß zu tief.

Seit jenem weit in die Steinzeit zurückliegenden Augenblick, als dem ersten Pferd ein Halfter angelegt wurde, gab es unter den Menschen einige wenige, die um diese Furcht wußten. Sie konnten in die Seele der Tiere schauen und ihren Schmerz lindern. Oft hielt man sie für Zauberer, und vielleicht waren sie das auch. Manche übten ihre Magie mit gebleichten Krötenknochen aus, die sie in mondhellen Nächten sammelten. Andere, so hieß es, konnten mit einem einzigen Blick die Hufe eines Gespanns an die zu pflügende Krume binden. Zigeuner und Schauspieler waren unter ihnen, Schamanen und Scharlatane. Und jene, die tatsächlich die Gabe besaßen, waren gut beraten, sich in acht zu nehmen, denn es hieß, wer den Teufel austreiben könne, der könne ihn auch hinein treiben. Vielleicht schüttelte der Besitzer eines Pferdes, das sie geheilt hatten, ihnen erst die Hand und tanzte dann um das Feuer, in dem man sie auf dem Dorfplatz verbrannte.

Und da sie Geheimnisvolles leise in gespitzte und geschundene Ohren flüsterten, nannte man sie die Flüsterer. Meistens schienen es Männer zu sein, und darüber wunderte sich Annie, als sie bei abgeschirmtem Lampenlicht im höhlenartigen Lesesaal der Bücherei davon las. Sie hatte angenommen, daß Frauer mehr von solchen Dingen verstünden als Männer.

Viele Stunden saß sie an den langen, glänzenden Mahagoniti schen, eingepfercht von den Büchern, die sie zu diesem Thema aufgetrieben hatte, und blieb bis die Bücherei schloß.

Sie las von einem Iren namens Sullivan, der vor zweihundert Jahren gelebt und wilde, verstörte Pferde gezähmt hatte, was viele Zeugen bestätigen konnten. Er führte die Tiere fort in eine abgedunkelte Scheune, und niemand wußte genau, was hinter dem verschlossenen Tor geschah. Er behauptete; einzig und allein die Worte einer indianischen Beschwörungsformel anzuwenden, die er einer hungrigen Reisenden um den Preis eines Mittagessens abgekauft hatte. Niemand wußte, ob er die Wahrheit sprach, denn er nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Die Zeugen wußten nur, wenn Sullivan die Pferde wieder aus der Scheune führte, war alle Wildheit verschwunden. Manche behaupteten, sie wirkten eingeschüchtert.

In Groveport in Ohio hatte es einen Mann namens John Soloma Rarey gegeben, der sein erstes Pferd im Alter von zwölf Jahren zähmte. Die Kunde seiner Gabe verbreitete sich, und im Jahr 1865 wurde er ins Windsor Castle nach England gerufen, um ein Pferd der Königin Viktoria zu heilen. Die Königin und ihr Gefolge sahen mit Erstaunen, wie Rarey dem Tier die Hände auflegte und ihm befahl, sich vor ihnen auf den Boden niederzulassen. Er legte sich daneben und barg seinen Kopf zwischen den Hufen. Die Königin gluckste vor Vergnügen und gab Rarey einhundert Dollar. Er war ein bescheidener, ruhiger Mann, doch nun war er berühmt, und die Presse verlangte nach weiteren Beweisen seiner Kunst. Man suchte nach dem wildesten Pferd in ganz England.

Es wurde bald gefunden.

Es war ein Hengst, der auf den Namen Cruiser hörte, einst das schnellste Rennpferd des Landes. Inzwischen jedoch war er, dem Bericht zufolge, in dem Annie las, der »leibhaftige Teufel« und trug einen acht Pfund schweren Maulkorb aus Eisen, damit er nicht allzuviele Stalljungen umbrachte. Seine Besitzer hielten ihn nur am Leben, um ihn für die Pferdezucht zu nutzen, und wollten ihn blenden, um den Umgang mit ihm zu erleichtern. Gegen allen Rat begab Rarey sich in den Stall, in den sich sonst niemand hineintraute, und schloß die Tür. Drei Stun den später tauchte er wieder auf und führte Cruiser ohne Maulkorb und sanft wie ein Lamm an der Leine. Die Besitzer waren so beeindruckt, daß sie ihm das Pferd schenkten, und Rarey kehrte mit ihm nach Ohio zurück, wo Cruiser am 6. Juli 1875 starb.

Annie verließ die Bibliothek und ging zwischen den steinernen Löwen, die die Treppe bewachten, zur Straße hinunter. Der Verkehr brauste an ihr vorbei, und der eisige Wind fegte durch die Häuserschluchten. Sie mußte noch für drei oder vier Stunden zurück ins Büro, aber sie wollte etwas zu Fuß gehen. Die kalte Luft würde vielleicht Ordnung in die Geschichten bringen, die ihr durch den Kopf wirbelten. Wie immer sie hießen, wo oder wann sie auch gelebt hatten, die Pferde in den Geschichten hatten alle dasselbe Gesicht: das von Pilgrim. In Pilgrims Ohren hatte der Ire geflüstert, und es waren Pilgrims Augen hinter dem eisernen Maulkorb gewesen.

Etwas ging mit Annie vor, was sie noch nicht verstand, irgend etwas tief in ihr. Im Verlauf des letzten Monats hatte sie ihre Tochter beobachtet, wie sie über die Flure ihrer Wohnung ging, zuerst mit dem Gehbock, dann mit dem Stock. Sie hatte, wie alle anderen auch, Grace bei der brutalen tagtäglichen Schinderei der Gymnastik geholfen, Stunde um Stunde, bis ihre Glieder ebenso schmerzten wie die von Grace. In körperlicher Hinsicht gab es eine Reihe winziger Triumphe. Aber Annie blieb nicht verborgen, daß gleichzeitig etwas in dem Mädchen verkümmert war.

Grace versuchte, es vor ihnen ihren Eltern, vor Elsa, ihren Freundinnen, selbst vor der Armee von Beratern und Therapeuten, die gut bezahlt wurden, um sich dieser Dinge anzunehmen mit einer gleichsam beharrlichen Fröhlichkeit zu verbergen. Aber Annie durchschaute sie, sah, wie sich Graces Gesicht veränderte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, sah das Schweigen, das ihre Tochter wie ein geduldiges Ungeheuer in seine Arme schloß.

Warum nun das Leben eines wahnsinnigen Pferdes, eingesperrt in einem verdreckten Stall auf dem Land, so entscheidend mit dem psychischen Verfall ihrer Tochter verknüpft sein sollte, konnte Annie nicht sagen. Es war einfach unlogisch. Sie respektierte Graces Entscheidung, nicht wieder reiten zu wollen, ihr gefiel nicht einmal der Gedanke, daß sie es tatsächlich noch einmal versuchen könnte. Und wenn Harry Logan und Liz ihr immer wieder sagten, daß es besser sei, Pilgrim einzuschlä fern, und daß sein Dahinvegetieren ein Elend für alle Beteiligten war, dann wußte sie, daß sie recht hatten. Warum also wehrte sie sich dagegen? Und warum hatte sie sich zwei Nachmittage frei genommen, um über irgendwelche Spinner nachzulesen, die Tieren etwas ins Ohr flüsterten? Weil sie eine Närrin war, schalt sie sich selbst.

Die meisten Menschen fuhren von der Arbeit nach Hause, als sie ins Büro zurückkehrte. Sie setzte sich an ihren Tisch, und Anthony reichte ihr eine Liste mit Nachrichten und er innerte sie an ein Frühstücksmeeting, das sie eigentlich ausfallen lassen wollte. Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und ließ sie allein. Annie erledigte eine Reihe von Telefonaten, die laut Anthony nicht warten konnten, und rief dann zu Hause an.

Robert erzählte ihr, daß Grace gerade ihre Übungen machte. Es gehe gut, sagte er. Das sagte er immer: Annie erzählte ihm, daß sie spät kommen würde und er mit dem Essen nicht auf sie warten sollte.

»Du klingst müde«, sagte er. »Einen schweren Tag gehabt?«

»Nein. Ich habe über Pferdeflüsterer nachgelesen.«

»Über wen?«

»Erzähl ich dir später.«

Sie begann, den Stapel Papiere durchzuarbeiten, den Anthony ihr dagelassen hatte, aber ihre Gedanken schweiften ab und verloren sich in weithergeholten Phantasien über das, was sie in der Bibliothek gelesen hatte. Vielleieht gab es irgendwo noch einen Ururenkel von John Rarey, der seine Gabe geerbt hatte und Pilgrim helfen konnte? Vielleicht sollte sie eine Anzeige in der Times aufgeben, um ihn ausfindig zu machen. Pferdeflüsterer gesucht.

Sie konnte hinterher nicht sagen, wie lange sie so dagesessen hatte, ehe sie eingeschlafen war, aber sie fuhr erschrocken auf, als ein Wachposten die Tür zu ihrem Büro öffnete, sich entschuldigte und sagte, er überprüfe routinemäßig alle Zimmer. Annie fragte ihn nach der Zeit und war entsetzt, als sie hörte, daß es bereits nach elf Uhr war.

Sie rief sich ein Taxi und starrte den ganzen Weg zum Central Park West trübsinnig vor sich hin. Das grüne Vordach über dem Eingang zum Wohnblock schien im gelben Licht der Straßenlampen farblos zu sein.

Robert und Grace waren beide zu Bett gegangen. Annie stand in der Tür zu Graces Zimmer und ließ ihren Augen Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Das künstliche Bein stand in der Ecke wie ein Spielzeugsoldat. Grace regte sich im Schlaf und murmelte etwas. Und dann kam Annie plötzlich der Gedanke, daß ihr dringlicher Wunsch, Pilgrim am Leben zu erhalten und jemanden zu finden, der sein gequältes Herz besänftigen konnte, gar nichts mit Grace zu tun hatte. Vielleicht ging es dabei um sie selbst.

Behutsam zog Annie die Decke über Graces Schultern und ging zurück über den Flur in die Küche. Robert hatte eine Nachricht auf den gelben Notizblock auf dem Tisch gekritzelt. Liz Hammond hat angerufen, stand dort. Sie hatte den Namen eines Mannes herausgefunden, der ihnen vielleicht helfen konnte.

7

Tom Booker wachte um sechs auf und sah sich beim Rasieren die Nachrichten im Fernsehen an. Ein Kerl aus Oakland hatte mitten auf der Golden Gate Bridge angehalten, seine Frau und seine beiden Kinder erschossen und war dann in die Tiefe gesprungen. Es kam zu einem riesigen Stau. Irgendwo in den östlichen Vororten hatte ein Berglöwe eine Frau getötet, die in den Hügeln hinter ihrem Haus joggte.

Das Licht über dem Spiegel ließ sein sonnenverbranntes Gesicht unter dem Rasierschaum grün aussehen. das Bad war winzig und schmutzig, und Tom mußte sich bücken, wenn er unter Der Dusche in der Wanne stand. Motels wie dieses schienen für irgendeine Miniaturrasse gebaut worden zu sein, der er noch nie begegnet war, Menschen mit winzigen, geschickten Fingern, die Seife in der Größe von Kreditkarten bevorzugten.

Er zog sich an, setzte sich aufs Bett, um seine Stiefel an zuziehen, und schaute über den kleinen Parkplatz, auf dem dicht an dicht die Pickups und Geländewagen der Kursteilnehmer standen. Gestern abend hatte es so ausgesehen, als würde er zwanzig in der Hengstfohlenklasse und zwanzig in der Reitklasse haben. Das waren eigentlich zu viele Teilnehmer, aber er schickte die Leute nur ungern wieder heim, wenn auch eher den Pferden als ihren Besitzern zuliebe. Er zog sich die grüne Strickjacke an, nahm seinen Hut und trat auf den engen Flur, der zur Rezeption führte.

Der junge chinesische Hoteldirektor stellte ein Tablett mit grauenhaft aussehenden Donuts neben die Kaffeemaschine. Er strahlte Tom an.

»Guten Morgen, Mr. Booker! Wie geht’s Ihnen?«

»Gut, danke«, sagte Tom. Er legte seinen Schlüssel auf den Tisch. »Und selbst?«

»Prima. Ein Donut auf Kosten des Hauses?«

»Nein, vielen Dank.«

»Alles klar für den Kurs?«

»Ach, wir wursteln uns schon irgendwie durch. Bis später.«

»Wiedersehn, Mr. Booker.«

Es war ein klammer, kalter Morgen, als er zu seinem Pickup ging, doch die Wolken standen hoch am Himmel, und Tom wußte, daß sich die Luft bis Mittag erwärmt haben würde. Daheim in Montana lag die Ranch noch immer unter zwei Fuß hohem Schnee, und als sie daher gestern abend ins Marin County gekommen waren, hatten sie gemeint, in den Frühling zu fahren. Kalifornien, dachte er. Die hatten hier unten wirklich alles im Griff, sogar das Wetter. Er konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen.

Er steuerte den roten Chevy auf den Highway und fuhr dann über die Hunderteins zum Reithof, der sich einige Meilen außerhalb der Stadt in ein sanft abfallendes, bewaldetes Tal schmiegte. Er hatte den Hänger gestern abend hergefahren und Rimrock auf die Weide gebracht, ehe er ins Motel gegangen war. Tom sah, daß bereits Pfeile entlang der Straße aufgestellt worden waren, auf denen BOOKERS PFERDFKURS stand, und er wünschte sich, man hätte es nicht getan. Wenn der Ort nicht leicht zu finden war, würden die Dümmsten vielleicht gar nicht erst auftauchen.

Er fuhr durch das Tor und parkte neben der großen Arena, in der man den Sand ordentlich geharkt hatte. Niemand war zu sehen. Rimrock entdeckte ihn vom anderen Weidenende aus, und noch ehe Tom über den Zaun klettern konnte, wartete sein Pferd bereits auf ihn. Es war ein acht Jahre altes braunes Quarterhorse mit einer Blesse im Gesicht und vier hübschen weißen Söckchen, die ihn so adrett aussehen ließen, als sei er auf dem Weg zu einer Tennisparty. Tom hatte ihn selbst gezüchtet und aufgezogen. Er tätschelte Rimrocks Hals und ließ sich von ihm das Gesicht beschnuppern.

»Dich erwartet heute eine ganze schöne Strapaze, alter Junge«, sagte Tom. Normalerweise zog er es vor, zwei Pferde zu einem Kurs mitzubringen, um die Arbeit unter ihnen aufteilen zu können, aber Bronty, seine Stute, würde bald fohlen, und deshalb hatte er sie in Montana gelassen. Ein weiterer Grund, weshalb er bald wieder nach Hause wollte.

Tom drehte sich um, lehnte sich an den Zaun und betrachtete gemeinsam mit Rimrock den leeren Platz, auf dem es in den nächsten fünf Tagen von nervösen Pferden und noch nervöseren Pferdehaltern nur so wimmeln würde. Nachdem sie beide mit ihnen gearbeitet hatten, würden die meisten etwas weniger nervös nach Hause fahren, und das allein war schon der Mühe wert. Allerdings war dies sein vierter Kurs in ebenso vielen Wochen, und es konnte verdammt anstrengend sein, dieselben dämlichen Probleme wieder und wieder auftauchen zu sehen.

Zum erstenmal seit zwanzig Jahren wollte er sich Frühjahr und Sommer freinehmen. Keine Kurse, keine Fahrerei. Hübsch daheim auf der Ranch bleiben, ein paar von seinen Jungpferden einarbeiten, seinem Bruder ein bißchen zur Hand gehen. Mehr nicht. Vielleicht wurde er langsam zu alt. Er war fünf undvierzig, fast sechsundvierzig. Als er mit den Kursen an fing, konnte er jede Woche einen Kurs abhalten und jeden Augenblick davon genießen. Wenn die Menschen doch nur genau so klug wären wie die Pferde.

Rona Williams, die Frau, der dieser Reithof gehörte und die jedes Jahr einen Kurs organisierte, hatte ihn entdeckt und kam ihm aus den Ställen entgegen. Sie war eine kleine, drahtige Frau mit den Augen einer Fanatikerin, die ihr Haar noch in zwei langen Zöpfen trug, obwohl sie auf die Vierzig zu ging. Ihr herber, männlicher Gang bildete einen deutlichen Kontrast zu dieser Mädchenhaftigkeit. Es war der Gang einer Frau, die es gewohnt war, daß man ihr aufs Wort gehorchte. Tom mochte sie. Sie hatte hart gearbeitet, um diesen Kurs zu einem Erfolg zu machen. Er tippte an seinen Hutrand, und sie lächelte, um dann zum Himmel aufzublicken.

»Wird schön heute«, sagte sie.

»Denk schon.« Tom wies mit einem Kopfnicken zur Straße. »Ich habe gesehen, daß ihr euch ein paar schöne neue Schilder an geschafft habt. Ich nehme an für den Fall, daß sich eins dieser vierzig verrückten Pferde verirren sollte.«

»Neununddreißig.«

»Ach? ist einer abgesprungen?«

»Von wegen. Neununddreißig Pferde und ein Esel.« Sie grinste.

»Der Typ mit dem Esel ist ein Schauspieler oder so was. Kommt aus Los Angeles.«

Er seufzte und warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

»Was bist du doch für eine herzlose Frau, Rona. Eines Tages läßt du mich noch mit Grizzlybären ringen.«

»Keine schlechte Idee.«

Sie gingen zusammen zur Arena und besprachen den Tagesab lauf. Er würde heute morgen mit den Jungpferden anfangen und sich eins nach dem anderen vornehmen. Bei zwanzig Tieren würde das so ziemlich den ganzen Tag dauern. Morgen gab es dann den Reitkurs, und später für diejenigen, die wollten, noch ein bißchen Vieharbeit.

Tom hatte neue Lautsprecherboxen gekauft und wollte eine Klangprobe machen, also half Rona ihm, die Boxen aus dem Chevy zu holen und sie neben der Zuschauertribüne aufzustellen. Eine Rückkopplung ließ die Boxen beim Einschalten aufjaulen, doch dann beruhigten sie sich und gaben nur noch ein drohendes, erwartungsvolles Summen von sich, als Tom über den Sand der Arena schritt und in das Funkmikrofon seines Kopfhörers sprach.

»Hallo Leute.« Seine Stimme dröhnte über die Bäume, die reg los in der windstillen Luft des Tales standen. »Dies ist die Rona-Williams-Show, und ich bin Tom Booker, Eselbändiger der Leinwandstars.«

Nachdem sie alles durchgeprüft hatten, fuhren sie in die Stadt zu dem Lokal, in dem sie immer gemeinsam frühstückten. Smoky und TJ, die beiden Jungs, die Tom aus Montana mitgebracht hatte, damit sie ihm bei den vier Kursen zur Hand gingen, saßen bereits am Tisch. Rona bestellte sich Granola, Tom wollte Rühreier, Weizentoast und einen großen Orangensaft.

»Habt ihr von der Frau gehört, die von einem Berglöwen beim Joggen gerissen wurde?« fragte Smoky.

»Der Löwe war auch joggen?« fragte Tom mit großen blauen Unschuldsaugen. Alle lachten.

»Warum nicht?« fragte Rona.

»Mensch, Leute, schließlich sind wir hier in Kalifornien.«

»Klar«, sagte TJ. »Es heißt, er hätte eine Radlerhose angehabt und so kleine Kopfhörer getragen.«

»Meinst du so einen Sony Killerman?« fragte Tom. Smoky blieb gelassen. Sie hatten es sich angewöhnt, ihn jeden Morgen zu foppen. Tom mochte ihn gern. Er war zwar kein Nobelpreisträger, aber wenn es um Pferde ging, hatte er einiges drauf. Wenn er hart arbeitete, würde er eines Tages ziemlich gut sein. Tom fuhr ihm liebevoll durchs Haar.

»Bist schon in Ordnung, Smoke«, sagte er.

___________

Ein Bussardpärchen kreiste träge am strahlend blauen Nach mittagshimmel. Es schwebte mit der aus dem Tal aufsteigenden Thermik immer höher hinauf und ließ hin und wieder im weiten Raum zwischen Baum und Hügelkuppe ein unheimliches Kreischen ertönen. Hundertfünfzig Meter unter ihnen entfaltete sich unter einer Staubwolke ein weiteres Drama der zwanzig Aufführungen dieses Tages. Die Sonne und vielleicht auch die Schilder an der Straße hatten eine so große Menschenmenge angelockt, wie Tom sie hier selten zu Gesicht bekommen hatte. Die Tribüne war bis auf den letzten Platz besetzt, und immer noch strömten die Menschen in Scharen zu Ronas Leuten am Tor, um ihre zehn Dollar zu bezahlen. Die Frauen am Erfrischungsstand machten ein gutes Geschäft, und der Geruch nach Barbecue hing in der Luft.

Mitten in der Arena befand sich ein kleiner Korral, etwa dreißig Schritt im Durchmesser, und hier arbeiteten Tom und Rimrock. Der Schweiß rann Tom in hellen Rinnsalen über das staubbedeckte Gesicht, und er wischte sich mit dem Ärmel des verwaschenen, blauen Hemdes die Stirn. Ihm war heiß unter den alten Lederchaps, die er über den Jeans trug. Mit elf Pferden war er bereits fertig, und dies nun war das zwölfte, ein wunderschönes, schwarzes Vollblut.

Tom redete zuerst immer ein Wort mit dem Besitzer, um die »Geschichte« des Pferdes herauszufinden, wie er es gern nannte. War es schon geritten worden? Gab es irgendwelche besonderen Probleme? Die gab es immer, aber meistens verriet sie das Pferd, nicht der Besitzer.

Dieses kleine Vollblut war dafür ein Paradebeispiel. Seine Besitzerin meinte, er sei ein bißchen bockig und hätte keine Lust zu galoppieren. Er sei faul, vielleicht sogar ein wenig verrückt, sagte sie. Doch als das Pferd in den Korral lief und Tom und Rimrock umkreiste, erzählte es eine andere Geschichte. Tom gab über Funkmikro einen fortlaufenden Kommentar ab, damit die Menge sein Tun verfolgen konnte. Er gab sich Mühe, die Besitzerin nicht für dumm zu verkaufen. Jedenfalls nicht für allzu dumm.

»Hier zeigt sich eine andere Geschichte«, sagte er. »Es ist immer interessant, die Sache aus der Sicht des Pferdes zu betrachten. Wäre es verrückt oder faul, wie Sie behaupten, würden wir es jetzt mit zuckendem Schweif und vielleicht auch mit angelegten Ohren vor uns sehen. Aber dies ist kein verstörtes Pferd, sondern ein verängstigtes. Sehen Sie, wie sehr es auf der Hut ist?«

Die Frau lehnte am Zaun des Korrals und schaute zu. Sie nickte. Rimrock piafierte auf flinken, weißen Söckchen, damit Tom das ihn umkreisende Vollbut immer im Blick hatte.

»Und wie es mir ständig die Hinterhand zeigt? Ich glaube, dieses Pferd galoppiert so ungern, weil es dann jedesmal Ärger bekommt.«

»Wissen Sie, beim Schrittwechsel ist er nicht besonders gut«, sagte die Frau. »Wenn er zum Beispiel vom Schritt in Trab übergehen soll.«

Wenn Tom solchen Unsinn hörte, mußte er sich zusammenreißen.

»Aha«, sagte er, »aber ich sehe hier etwas anderes. Vielleicht wollen Sie ja Trab reiten, aber ihr Körper sagt etwas anderes. Sie stellen dem Pferd zu viele Bedingungen. Sie sagen ›Los‹, aber ihr Körper signalisiert ›geh nicht!‹ Oder vielleicht auch ›Los, aber nicht zu schnell!‹ Es spürt, wie Sie sich fühlen. Ihr Körper kann nicht lügen. Haben Sie das Pferd schon mal getreten, um es anzutreiben?«

»Sonst rührt es sich gar nicht.«

»Und dann läuft es los, und Sie finden, es läuft zu schnell, also reißen Sie die Zügel zurück?«

»Na ja, manchmal.«

»Manchmal. Soso. Und dann bockt er.«

Sie nickte.

Eine Zeitlang sagte er kein Wort. Die Frau hatte seinen Fingerzeig verstanden und setzte eine trotzige Miene auf. Sie legte offensichtlich viel Wert auf ihr Äußeres, war wie Barbara Stanwyck mitsamt entsprechendem Schnickschnack heraus geputzt. Allein für den Hut hatte sie bestimmt an die drei hundert Dollar hingeblättert. Weiß der Himmel, was das Pferd gekostet hatte. Tom brachte das Vollblut dazu, sich völlig auf ihn zu konzentrieren. Er hatte ein zwanzig Meter langes Lasso dabei und warf dem Pferd jetzt die Schlinge an die Flanke, so daß es mit einem Satz in den Trab wechselte. Tom zog das Lasso wieder ein und wiederholte den Wurf. Immer wieder ließ er das Tier vom Schritt in den Trab wechseln, ließ es langsamer werden und trieb es dann wieder an.

»Ich will ihn soweit kriegen, daß die Übergänge ganz weich werden«, sagte er. »Langsam ahnt er was. Er ist längst nicht mehr so auf der Hut und angespannt wie am Anfang. Sehen Sie, wie sich die Hinterhand lockert? Und daß er den Schweif nicht mehr so einklemmt? Er merkt, daß es in Ordnung ist, wenn er lostrabt.«

Wieder warf er das Seil, und diesmal fiel der Wechsel zum Trab sehr weich aus. »Haben Sie das gesehen? Das nenne ich eine Veränderung. Er wird schon besser. Wenn Sie dran bleiben, wird er bald alle Schrittwechsel am lockeren Zügel machen.«

Und Schweine lernen fliegen, dachte er. Sie nimmt das arme Tier wieder mit nach Hause und wird es reiten wie bisher, und die ganze Arbeit war umsonst. Der Gedanke spornte ihn an. Wenn er das Pferd gründlich trainierte, konnte er das arme Ding vielleicht gegen die Dummheit und Angst seiner Be sitzerin wappnen. Das Vollblut griff jetzt gut aus, aber Tom hatte bislang nur die eine Seite bearbeitet, also ließ er es in die andere Richtung laufen und begann die ganze Arbeit von vorn.

Er brauchte fast eine Stunde. Das Vollblut war schweißbe deckt, als er aufhörte, wirkte aber fast ein wenig enttäuscht, als Tom schließlich von ihm abließ.

»Der könnte noch den ganzen Tag weiterspielen«, sagte Tom, und an die Besitzerin gewandt:

»Er ist ganz in Ordnung so lange Sie nicht an seinen Zügeln herumreißen.« Die Frau nickte und versuchte zu lächeln, aber Tom sah, wie geknickt sie war. Plötzlich hatte er Mitleid mit ihr. Er lenkte Rimrock zu ihr hinüber und stellte das Mikro ab, damit nur sie ihn hörte.

»Es ist eine Frage der Selbsterhaltung«, sagte er sanft. »Wissen Sie, Pferde haben so große Herzen, daß sie nichts lieber tun würden, als Ihnen zu gehorchen. Aber wenn die Befehle unklar sind, können die Tiere nur versuchen, sich selbst zu schützen.«

Er lächelte sie einen Augenblick an und sagte dann:

»Warum holen Sie nicht einfach Ihren Sattel und probieren es aus?«

Der Frau kamen fast die Tränen. Sie kletterte über den Zaun und ging auf ihr Pferd zu. Das kleine Vollblut beobachtete jeden Schritt. Er ließ sie an sich herankommen und rührte sich nicht, als sie seinen Hals streichelte. Tom sah ihr zu.

»Er ist Ihnen nicht böse, wenn Sie es nicht tun«, sagte er. »Pferde sind die versöhnlichsten Geschöpfe, die Gott je er schaffen hat.«

Sie führte das Pferd hinaus, und Tom lenkte Rimrock langsam zurück in die Mitte des Korrals und ließ das Schweigen noch eine Weile andauern. Er nahm den Hut ab, blinzelte zum Himmel hinauf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die beiden Bussarde hingen noch immer in der Luft. Tom dachte daran, wie kummervoll ihr Kreischen klang. Er setzte sich den Hut wieder auf und knipste das Mikro an.

»Okay, Leute. Wer ist der nächste?«

Es war der Kerl mit dem Esel.

8

Über hundert Jahre waren vergangen, seit Joseph und Alice Booker, Toms Urgroßeltern, in Richtung Westen aufgebrochen waren, angelockt, wie so viele tausend andere Menschen auch, vom verheißenen Land. Sie bezahlten die lange Fahrt mit dem Leben zweier Kinder, eines starb an Scharlachfieber, das andere ertrank, aber sie kamen bis zum Clark’s Fork River in Montana und steckten sich dort ein Gebiet von einhundertundsechzig fruchtbaren Morgen ab.

Als Tom geboren wurde, war die Ranch auf zwanzigtausend Morgen angewachsen. Daß der Hof den grausamen Wechsel von Dürre und Überflutung nicht nur überlebt hatte, sondern derart gut gediehen war, lag an Toms Großvater John. Es entbehrte daher nicht einer gewissen Logik, daß auch er es war, der die Ranch zugrunde richtete.

John Booker, ein Mann von großer körperlicher Kraft und noch größerer Sanftmut, hatte zwei Söhne. Hinter dem Ranchhaus, das schon lange die geteerte Siedlerhütte ersetzt hatte, erhob sich ein felsiger Vorsprung, auf dem die Jungen Versteck spielten und nach Pfeilspitzen suchten. Von der Anhöhe aus konnte man den Fluß sehen, der sich wie ein Burggraben um ihren Felsen wand, und in der Ferne erhoben sich die schneebedeckten Gipfel der Pryor und Beartooth Mountains. Manchmal saßen die Jungen dort Seite an Seite, ohne miteinander zu reden, und schauten über das Land ihres Vaters. Was der jüngere der beiden Brüder sah, bedeutete für ihn die ganze Welt. Daniel, Toms Vater, liebte die Ranch von ganzem Herzen, und wenn seine Gedanken je über ihre Grenzen hinauswanderten, dann nur, damit er um so deutlicher fühlen konnte, daß alles, was er begehrte, von ihnen umschlossen wurde. Die fernen Berge schienen tröstliche Wände zu sein, die vor jeglicher Unbill beschützten, was ihm lieb und teuer war. Für den um drei Jahre älteren Ned waren diese Wände ein Gefängnis. Er konnte es kaum erwarten, ihnen zu entfliehen, und als er sechzehn wurde, war er nicht mehr zu halten. Er ging nach Kalifornien, um sein Glück zu suchen, und brachte statt dessen das Vermögen einer Reihe leichtgläubiger Geschäftspartner durch.

Daniel blieb und half dem Vater auf der Ranch. Er heiratete ein Mädchen namens Ellen Hooper aus Bridger, und sie bekamen drei Kinder: Tom, Rosie und Frank. Zu dem Land, das John den ursprünglichen Morgen am Fluß hinzufügte, gehörte viel schlechtes Weideland und rauhe, salbeibewachsene Berge auf rotem, von schwarzem Vulkangestein durchzogenen Schlick. Die Arbeit mit dem Vieh geschah zu Pferde, und Tom konnte beinahe früher reiten als laufen. Seine Mutter erzählte gern, wie sie ihn einmal mit zwei Jahren schlafend in der Scheune gefunden hatte, zusammengerollt im Stroh zwischen den mächtigen Hufen eines Percheronhengstes. Es hätte ausgesehen, als ob das Pferd auf ihn aufpassen würde, pflegte sie zu sagen.

Im Frühjahr gewöhnten sie die Jährlinge an das Halfter, und der Junge saß auf der oberen Zaunlatte des Korrals und schaute zu. Sein Vater und sein Großvater hatten beide eine sanfte Art, mit Pferden umzugehen, und erst später sollte Tom feststellen, daß es noch andere Wege gab.

»Es ist, als wollte man eine Frau zum Tanz auffordern«, hatte der alte Mann immer gesagt. »Traust du dir nichts zu und hast Angst vor einem Korb, kommst heran geschlichen und starrst auf deine Stiefel, dann lehnt sie dich ganz sicher ab. Du kannst sie dir natürlich mit Gewalt schnappen und auf den Tanzboden zerren, aber dann werdet ihr beide nicht viel Vergnügen miteinander haben.«

Sein Großvater war ein toller Tänzer. Tom konnte sich noch gut daran erinnern, wie er jeweils am vierten Juli mit seiner Großmutter unter den bunten Lichterketten dahinglitt. Ihre Füße schienen keinen Boden zu berühren. Und wenn er ritt, war es ganz genauso.

»Tanzen und Reiten, das ist die gleiche verdammte Geschichte«, sagte er dann. »Es geht um Vertrauen und Verständnis. Man ist aufeinander angewiesen. Der Mann führt, aber er zerrt seine Dame nicht hinter sich her, er bietet sich ihr an, und sie spürt das und geht mit. Man bewegt sich in Harmonie und im wechselseitigen Rhythmus, man folgt einfach dem Gefühl.«

Aber das wußte Tom bereits, er wußte nur nicht, wieso er es bereits wußte. Er verstand die Sprache der Pferde auf die gleiche Art, wie er den Unterschied zwischen Farben oder Gerüchen verstand, und er konnte jederzeit sagen, was in den Köpfen der Tiere vor sich ging. Das galt auch umgekehrt. Mit kaum sieben Jahren begann er, mit seinem ersten Pferd zu arbeiten (nie sprach er von zureiten).

In dem Jahr, in dem Tom zwölf wurde, starben seine beiden Großeltern rasch hintereinander. John hinterließ Toms Vater die gesamte Ranch. Ned flog von Los Angeles herüber, um bei der Testamentseröffnung dabeizusein. Er kam nur selten, und Tom erinnerte sich vor allem an seine ausgefallenen, zwei farbigen Schuhe und den gehetzten Blick in seinen Augen. Onkel Ned nannte ihn immer »Freundchen« und brachte sinnlose Geschenke mit, irgendeine Verrücktheit, die die Stadt kinder gerade toll fanden. Diesmal verließ er sie ohne ein Wort. Dafür meldete sich kurz danach sein Anwalt.

Der Prozeß zog sich über drei Jahre hin. Tom hörte seine Mutter oft nachts weinen, und die Küche schien immer voll mit Anwälten, Maklern und Geld witternden Nachbarn zu sein. Tom kümmerte sich nicht darum und gab sich fast nur noch mit Pferden ab. Er schwänzte die Schule, um bei ihnen sein zu können, und seine Eltern waren so beschäftigt, daß sie nichts merkten; vielleicht war es ihnen auch egal.

In seiner Erinnerung an diese Jahre waren die drei Tage im Frühling, an denen sie das Vieh auf die Sommerweide trieben, die einzige Zeit, in der sein Vater glücklich zu sein schien. Seine Mutter, Frank und Rosie kamen mit, und alle fünf saßen den ganzen Tag auf den Pferden und schliefen unter freiem Himmel.

»Wenn dieser Augenblick doch nur ewig dauern könnte«, sagte Frank eines Nachts, während sie auf dem Rücken liegend einen riesigen Halbmond über dem dunklen Berghang aufsteigen sahen. Sie hatten alle geschwiegen und über seine Worte nachgedacht. Irgendwo, weit fort, heulte ein Kojote.

»Ich glaube, es gibt in alle Ewigkeit nichts anderes«, sagte sein Vater schließlich. »Nur eine lange Abfolge von Augenblicken. Und ich denke, man kann nur versuchen, jeden einzelnen Augenblick ganz für sich zu leben, ohne sich allzu viele Gedanken um den letzten oder den nächsten Augenblick zu machen.«

Tom fand das ein gutes Lebensrezept.

Nach drei Jahren Rechtsstreit war sein Vater ein gebrochener Mann. Die Ranch wurde an eine Ölgesellschaft verkauft, und nachdem die Anwälte und das Finanzamt sich ihren Anteil genommen hatten, wurde das restliche Geld durch zwei geteilt. Von Ned hörten sie nie wieder ein Wort. Daniel und Ellen zogen mit Tom, Rosie und Frank nach Westen. Sie kauften sich siebentausend Morgen und ein altes Ungetüm von einem Ranchhaus am Rande der Rocky Mountains, ein Ort, an dem die Prärie frontal auf eine hundert Millionen Jahre alte Kalksteinwand traf, eine herbe Schönheit, die Tom später lieben lernen sollte. Aber vorerst war er dazu noch nicht bereit. Sein eigentliches Zuhause war ihm unter den Füßen fortgerissen worden, und jetzt wollte er sein Leben allein in die Hand nehmen. Sobald er seinen Eltern geholfen hatte, sich auf der neuen Farm zurechtzufinden, machte er sich auf und davon.

Er ging nach Wyoming und verdingte sich als Hilfsarbeiter. Er sah, was er nie für möglich gehalten hätte. Cowboys, die mit Peitschen auf ihre Pferde einhieben und ihnen die Sporen gaben, bis sie bluteten. Auf einer Ranch in Sheridan sah er mit eigenen Augen, was es hieß, einem Pferd beim Zureiten »den Willen zu brechen«. Er beobachtete einen Mann, der einen Jährling eng an den Zaun band, die Hinterläufe fesselte und das Pferd dann mit einem Zinkrohr gefügig prügelte. Tom würde nie die Angst in den Augen des Tieres vergessen, auch nicht den stupiden Triumph im Blick des Mannes, als sich das Pferd viele Stunden später aus reinem Selbsterhaltungstrieb nicht länger gegen den Sattel wehrte. Tom schimpfte den Mann einen Narren und wurde auf der Stelle gefeuert.

Er zog nach Nevada und arbeitete dort auf einigen großen Farmen. Überall erklärte er sich stets bereit, die verstörtesten Pferde zu reiten. Die meisten Männer, die mit ihm zusammen ritten, hatten bereits in diesem Job gearbeitet, als er noch nicht einmal geboren war, und verspotteten ihn hinter vorgehaltener Hand, wenn er irgendein verrücktes Vieh bestieg, das selbst den besten Reiter der Ranch ein dutzendmal abgeworfen hatte. Aber sie schwiegen bald kleinlaut, wenn sie sahen, wie der Junge sich hielt und wie das Pferd sich veränderte. Tom konnte die Pferde bald nicht mehr zählen, die durch die Dummheit und Grausamkeit der Menschen verdorben worden waren, aber ihm war noch kein Pferd über den Weg gelaufen, dem er nicht hatte helfen können.

Fünf Jahre lang führte er dieses Leben. Er kam nach Hause, sooft er konnte, und versuchte immer dann dazusein, wenn sein Vater am meisten auf seine Hilfe angewiesen war. Ellen kamen diese Besuche wie eine Reihe von Schnappschüssen vor, die ihr die Entwicklung ihres Sohnes zum Mann zeigten. Er war groß und schlank und sah von ihren drei Kindern am besten aus. Sein sonnengebleichtes Haar trug er länger als früher, und sie schalt ihn deswegen, aber insgeheim gefiel es ihr. Selbst im Winter war sein Gesicht braungebrannt, so daß seine klaren, blaßblauen Augen um so lebhafter leuchteten.

Das Leben, von dem er seiner Mutter erzählte, schien ihr einsam zu sein. Er erwähnte einige Freunde, doch gab es da offenbar niemanden, der ihm wirklich nahezustehen schien. Er ging mit einigen Mädchen aus, aber mit keiner war es ihm ernst. Seinen eigenen Worten zufolge verbrachte er in seiner Freizeit die meiste Zeit mit Lesen und büffelte für einen Fernkurs, zu dem er sich angemeldet hatte. Ellen fiel auf, daß er ruhiger geworden war, daß er jetzt nur noch dann redete, wenn er etwas zu sagen hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater haftete dieser Stille aber nichts Trauriges an; sie glich eher einer Art in sich ruhender Stille.

Im Laufe der Zeit sprach sich sein Name herum, und wo er auch arbeitete, kam man zu ihm, um ihn zu bitten, sich dieses oder jenes Pferd anzuschauen, mit dem man mal wieder Ärger hatte.

»Was nimmst du eigentlich dafür?« fragte ihn sein Bruder Frank eines Abends beim Essen, als Tom daheim war, um beim Brandmarken der Rinder zu helfen. Rosie war auf dem College, und Frank mit seinen neunzehn Jahren arbeitete jetzt ganztägig auf der Ranch. Er besaß ein sicheres Gespür fürs Geschäft und führte die Ranch eigentlich fast allein, da sein Vater sich immer weiter in jene Schwermut zurückzog, die die Prozesse in ihm geweckt hatten.

»Ach, gar nichts«, sagte Tom.

Frank legte seine Gabel hin und blickte ihn an.

»Du machst es umsonst? Immer?«

»Ja.« Er aß ungestört weiter.

»Aber zum Teufel, warum denn? Diese Leute haben doch Geld oder etwa nicht?«

Tom dachte einen Augenblick nach. Die Blicke seiner Eltern waren auf ihn gerichtet. Scheinbar war diese Angelegenheit von allgemeinem Interesse.

»Ach, weißt du, ich mach’s ja nicht für die Leute. Ich mach’s für die Pferde.«

Sie schwiegen. Frank lächelte und schüttelte den Kopf. Offensichtlich hielt er ihn für ein wenig verrückt. Ellen stand auf und stapelte trotzig die Teller übereinander.

»Also ich finde das nett«, sagte sie.

Das brachte Tom ins Grübeln. Allerdings dauerte es noch einige Jahre, bevor die Idee mit den Kursen Gestalt annahm. Vorher überraschte er sie alle mit der Ankündigung, daß er nach Chicago an die Universität gehen würde.

Er belegte einige geistes und sozialwissenschaftliche Fä cher und hielt es achtzehn Monate aus. Und das auch nur, weil er sich in ein schönes Mädchen aus New Jersey verliebte, die in einem Studentenstreichquartett Cello spielte. Tom ging in fünf Konzerte, fand aber nicht den Mut, sie anzu sprechen. Sie trug eine Mähne aus schwerem, schimmerndem, schwarzem Haar, das ihr über die Schultern fiel, und silber ne Ohrreifen wie eine Folksängerin. Tom beobachtete ihre Bewegungen beim Spiel, die Musik schien durch ihren Körper zu schwimmen. Er hatte noch nie etwas derartig Aufregendes gesehen.

Beim sechsten Konzert schaute sie ihn unablässig an, und an schließend wartete er draußen auf sie. Sie kam heraus und hakte sich wortlos bei ihm unter. Sie hieß Rachel Feinerman, und später auf ihrem Zimmer glaubte Tom, er sei gestorben und in den Himmel aufgefahren. Er sah ihr zu, wie sie Kerzen anzündete und sich dann umdrehte, um ihn anzuschauen, als sie aus ihren Kleidern stieg. Er fand es seltsam, daß sie ihre Ohrringe anbehielt, doch ihm gefiel, daß sich das Kerzenlicht in ihnen spiegelte, als sie sich liebten. Sie schloß nicht ein einziges Mal ihre Augen, krümmte sich, um ihn tiefer in sich auf zunehmen, und schaute ihn unablässig an, schaute zu, wie seine Hände voller Erstaunen über ihren Körper strichen. Ihre Brustwarzen waren groß, von schokoladenbrauner Farbe, und das üppige Haardreieck unter ihrem Bauch glitzerte wie die Schwinge eines Raben.

Zum Erntedankfest nahm er sie mit nach Hause, und sie behauptete, sie hätte noch nie in ihrem Leben so gefroren. Sie verstand sich gut mit jedermann, selbst mit den Pferden, und hielt die Farm für den schönsten Ort, der ihr je vor Augen gekommen war. Tom brauchte seine Mutter nur anzusehen, um ihre Gedanken zu erraten. Daß diese junge Frau mit ihren unpassenden Schuhen und ihrer Religion nämlich verdammt noch mal keine Frau für einen Rancher war.

Als Tom kurz danach Rachel gestand, daß er von den Geisteswissenschaften und von Chicago genug habe und zurück nach Montana wolle, wurde sie fuchsteufelswild.

»Du willst zurück und Cowboy spielen?« fragte sie bissig. Tom meinte, ja, das sei in etwa, was er sich vorgestellt habe. Sie waren in seinem Zimmer, und Rachel wirbelte herum und schloß in ihre verzweifelte Geste all die übervollen Bücherregale ein.

»Und was ist damit?« sagte sie. »Bedeutet dir das gar nichts?«

Er dachte einen Augenblick nach, dann nickte er. »Doch«, sagte er. »Das bedeutet mir schon etwas. Das ist einer der Gründe, weshalb ich aufhören will. Als ich noch Hilfsarbeiter war, konnte ich abends gar nicht schnell genug zurück zu dem, was ich gerade las. Bücher besaßen eine Art Zauber. Aber die Lehrer hier mit all ihrem Gerede, na ja. Offenbar verliert sich der Zauber, wenn man zuviel über diese Dinge spricht, und dann bleibt eben bald nur noch Gerede übrig. Manche Dinge im Leben … sind nur.«

Sie betrachtete ihn einen Augenblick, den Kopf in den Nacken gelegt, dann schlug sie ihm hart ins Gesicht.

»Du blöder Idiot«, sagte sie. »Willst du mich denn gar nicht fragen, ob ich dich heiraten will?«

Also fragte er sie. Und in der darauffolgenden Woche fuhren sie nach Nevada, um sich trauen zu lassen, und beide wußten, daß sie wahrscheinlich einen Fehler machten. Rachels Eltern waren wütend, Toms Eltern einfach nur wie benommen.

Tom und Rachel wohnten fast ein Jahr bei der Familie im Ranchhaus, während sie das Cottage ausbesserten, ein altes, baufälliges Häuschen mit Blick über den Fluß. Es gab dort einen Brunnen mit einer alten, gußeisernen Pumpe, die Tom wieder in Gang setzte. Er mauerte auch die Umrandung und schrieb seine und Rachels Initialen in den feuchten Beton.

Sie zogen gerade noch rechtzeitig ein, so daß Rachel ihren Sohn bereits im Cottage zur Welt bringen konnte. Sie nannten ihn Hal.

Tom arbeitete mit seinem Vater und Frank auf der Ranch und sah, wie seine Frau immer schwermütiger wurde. Sie telefonierte stundenlang mit ihrer Mutter, weinte dann die ganze Nacht und erzählte ihm, wie einsam sie sich fühle und wie dumm das sei, da sie ihn und Hal doch so sehr liebe, daß es ihr eigentlich an nichts fehlen dürfte. Sie fragte ihn immer wieder, ob er sie liebe, weckte ihn manchmal sogar mitten in der Nacht auf, um ihm dieselbe Frage zu stellen, und dann nahm er sie in den Arm und sagte ja, ich liebe dich.

Toms Mutter meinte, so etwas könne schon mal passieren, wenn eine Frau ein Kind bekommen hatte, und vielleicht sollten sie eine Weile fortgehen, irgendwo Urlaub machen. Also ließen sie Hal in ihrer Obhut zurück und flogen für eine Woche nach San Francisco, und obwohl ein kalter Nebel über Frisco hing, begann Rachel wieder zu lachen. Sie gingen in Konzerte, ins Kino und in schicke Restaurants und taten all das, was Touristen so tun. Aber als sie nach Hause kamen, war es schlimmer als zuvor.

Der Winter kam, und es war der kälteste Winter seit zwanzig Jahren in Montana. Der Schnee trieb in die Täler hinab und ließ die riesigen Pyramidenpappeln am Bach wie Zwerge aussehen.

Rachels Cellokasten stand in der Ecke und sammelte Staub an. Als Tom sie fragte, warum sie nicht mehr spiele, antwortete Rachel, daß es hier keine Musik gäbe. Sie sei einfach verlorengegangen, sagte sie, verschluckt von all der Luft. Einige Tage später machte Tom morgens den Kamin sauber und entdeckte eine geschwärzte Metallsaite. Beim Durchsieben der Asche fand er die verkohlte Schnecke vom Cellohals. Er sah im Kasten nach, aber da stand nur noch der Bogen.

Als der Schnee schmolz, sagte Rachel, daß sie zusammen mit Hal zurück nach New Jersey gehen würde. Tom nickte nur, küßte sie und nahm sie in die Arme. Ihre Welten seien zu verschieden, sagte sie, aber das hatten sie beide schon immer gewußt, ohne es sich je einzugestehen. Sie konnte in dieser schmerzenden Weite ebensowenig leben wie auf dem Mond. Sie fühlten keine Verbitterung, nur eine dumpfe Traurigkeit. Und es war keine Frage, daß das Kind bei ihr bleiben würde. Tom schien es nur fair zu sein.

Es war am Morgen des Gründonnerstags, als er ihre Sachen auf den Pickup lud, um sie zum Flughafen zu bringen. Eine Wolkendecke verhüllte die Berge, und ein kalter Nieselregen trieb von der Prärie herüber. Tom hielt seinen in eine Decke gewickelten Sohn, den er kaum kannte und den er kaum je richtig kennenlernen würde, und sah Frank und seine Eltern unbehaglich vor dem Ranchhaus stehen, um Rachel Lebewohl zu sagen. Rachel umarmte sie alle nacheinander, seine Mutter zuletzt. Beide Frauen weinten.

»Es tut mir leid«, sagte Rachel.

Ellen drückte sie an sich und strich ihr über das Haar.

»Nein, Liebling. Mir tut es leid. Uns allen.«

Im folgenden Frühjahr hielt Tom Booker seinen ersten Pferdekurs in Elko, Nevada. Er wurde ein voller Erfolg.

9

Am Morgen nachdem sie die Nachricht erhalten hatte, rief Annie vom Büro aus Liz Hammond an.

»Ich habe gehört, daß du einen Flüsterer für mich gefunden hast«, sagte sie.

»Einen was?«

Annie lachte. »Ist schon in Ordnung. Ich habe da gestern nur so was gelesen. So hat man diese Leute früher genannt.«

»Flüsterer. Hm, gefällt mir. Aber dieser hier klingt mehr nach Cowboy. Lebt irgendwo in Montana.«

Sie erzählte Annie, wie sie von dem Mann erfahren hatte. Es war eine lange Geschichte: eine Freundin, die jemanden kannte, der sich daran erinnerte, wie jemand was über einen Typen erzählt hatte, der Probleme mit seinem Pferd gehabt und es zu jemandem nach Nevada gebracht hatte … Liz war der Spur gefolgt und hatte sich nicht abschütteln lassen.

»Mensch Liz, das muß dich ja ein Vermögen gekostet haben! Ich übernehme die Telefongebühren.«

»Ach, ist schon in Ordnung. Offenbar gibt es nur noch wenige Leute im Westen, die so was machen, aber es heißt, er sei der Beste. Jedenfalls habe ich mir seine Nummer besorgt.«

Annie schrieb sie auf und bedankte sich bei Liz.

»Kein Problem. Aber wenn er wie Clint Eastwood aussieht, gehört er mir, okay?«

Annie bedankte sich noch mal und legte auf. Sie starrte die Nummer auf ihrem gelben Notizblock an. Sie wußte nicht warum, aber plötzlich hatte sie Angst. Dann sagte sie sich, sei nicht verrückt, nahm den Hörer ab und wählte.

Am ersten Kursabend gab es bei Rona immer Barbecue. Es brachte etwas zusätzliches Geld ein, und das Essen war gut, also blieb Tom gern noch ein wenig länger, auch wenn er sich lieber das dreckige, verschwitzte Hemd ausgezogen und sich in eine Badewanne gelegt hätte.

Sie aßen an langen Tischen auf der Terrasse vor Ronas geräumigem Haus, und Tom fand sich neben der Frau wieder, der das kleine Vollblut gehörte. Er wußte, daß dies kein Zufall war, da sie schon den ganzen Abend hinter ihm her war. Sie hatte ihren Hut abgelegt und trug das Haar jetzt offen. Sie war Anfang Dreißig, eine gutaussehende Frau. Und sie wußte es. Sie starrte ihn wie gebannt mit ihren großen, dunklen Augen an, übertrieb es aber, stellte zu viele Fragen und hörte ihm zu, als hätte sie in ihrem Leben noch nie so einen unglaublich interessanten Typen wie ihn getroffen. Sie hatte ihm bereits verraten, daß sie Dale hieß, daß sie Maklerin war und ein Haus am Meer bei Santa Barbara besaß. Ach ja, und daß sie geschieden war.

»Ich kann es einfach nicht fassen, wie er sich angefühlt hat, als Sie mit ihm fertig waren«, sagte sie noch einmal.

»Er war, ich weiß nicht, wie gelöst oder so.«

Tom nickte und zuckte die Achseln. »Na ja, das passiert«, sagte er. »Er mußte einfach nur wissen, daß es okay war, und Sie mußten ihm nur ein bißchen aus dem Weg gehen.«

Brüllendes Gelächter scholl vom Nachbartisch herüber, und sie drehten sich um. Der Mann mit dem Esel gab irgendeinen Hollywoodklatsch über zwei Schauspieler zum besten, von denen Tom noch nie etwas gehört hatte und die man in einem Wagen überrascht hatte, als sie etwas taten, wovon er sich kein rechtes Bild machen konnte.

»Wo haben Sie das alles gelernt, Tom?« hörte er Dale fragen.

Er drehte sich wieder zu ihr um.

»Was denn?«

»Sie wissen schon, das mit den Pferden. Waren Sie bei einem Guru, einem Lehrer oder so?«

Er sah sie bedeutungsvoll an, als wollte er sie an seiner Weisheit teilhaben lassen.

»Ach, wissen Sie, Dale, was ist schon dabei. Keil und Hammer reichen doch völlig aus.«

Sie legte die Stirn in Falten. »Was soll das denn heißen?«

»Na ja, ist der Reiter behämmert, keilt das Pferd.«

Sie lachte viel zu laut und legte ihre Hand auf seinen Arm. Mein Gott, dachte er, so gut war der Witz nun auch wieder nicht.

»Nein«, sagte sie und schmollte. »Jetzt mal ernsthaft.«

»Das meiste kann man keinem beibringen. Man kann höchstens eine Situation schaffen, in der die Leute lernen können, wenn sie lernen wollen. Die besten Lehrer, die ich kennengelernt habe, sind die Pferde selbst.«

Sie schenkte ihm einen Blick, der offenbar zu gleichen Teilen eine Art religiöses Erstaunen über seinen großen Tiefsinn wie auch etwas eher Fleischliches vermitteln sollte. Es wurde Zeit aufzubrechen.

Er brachte irgendeine Entschuldigung vor, meinte, er müsse noch einmal nach Rimrock sehen, der schon lange gefüttert und auf die Weide gebracht worden war, stand auf und wünschte Dale eine gute Nacht. Sie wirkte ein wenig eingeschnappt, weil sie soviel Energie an ihn verschwendet hatte.

Es war wohl kein Zufall, überlegte er, als er wieder ins Motel fuhr, daß Kalifornien das bevorzugte Land für jede Art von Kult war, der Sex und Religion miteinander vermengte. Die Leute hier waren einfach umwerfend. Hätte sich dieser Verein in Oregon mit den orangefarbenen Kleidern und diesem Kerl mit seinen neunzig RollsRoyces in Kalifornien niedergelassen, dann hätten sie vielleicht immer noch regen Zulauf.

Frauen wie Dale hatte Tom im Laufe der Jahre auf seinen Kursen zu Dutzenden getroffen. Sie schienen alle etwas zu suchen, und für viele war dieses Etwas auf seltsame Weise mit Furcht verknüpft. Sie hatten sich ungestüme, teure Pferde gekauft und ängstigten sich vor ihnen. Sie suchten nach einer Möglichkeit, diese Angst zu überwinden, vielleicht auch die Furcht ganz allgemein. Sie hätten sich ebenso für Drachenfliegen, Bergsteigen oder einen Zweikampf mit einem Killerhai entscheiden können. Zufällig war es nun mal das Reiten.

Sie kamen zu seinen Kursen und sehnten sich nach Erleuchtung und Trost. Tom wußte nicht, wieviel Erleuchtung sie gefunden hatten, aber getröstet hatte er sie oft genug und sie ihn. Hätte Dale ihn vor zehn Jahren mit einem solchen Blick wie eben angeschaut, wären sie beide ins Motel gestürzt und hätten sich die Kleider vom Leib gerissen, noch ehe die Tür ins Schloß gefallen wäre.

Auch heute schlug er solche Gelegenheiten keineswegs immer aus, nur schien es ihm kaum noch der Mühe wert zu sein. Denn meistens gab es irgendwelchen Ärger. Allzuoft richteten sich unterschiedliche Erwartungen an solche Begegnungen. Tom hatte eine Weile gebraucht, um das zu begreifen und seine eigenen Erwartungen zu verstehen, von denen der Frauen ganz zu schweigen.

Er hatte sich nach Rachels Abreise eine Zeitlang Vorwürfe gemacht. Die Gegend war nicht allein schuld gewesen am Scheitern ihrer Beziehung, das wußte er. Rachel hatte sich etwas von ihm erhofft, was er ihr nicht geben konnte. Wenn er ihr gesagt hatte, daß er sie liebte, hatte er es auch so gemeint. Und als sie und Hal gingen, blieb eine Leere in ihm zurück, die er mit Arbeit allein nicht füllen konnte, sosehr er sich auch bemühte.

Er hatte die Gesellschaft von Frauen schon immer geschätzt und gemerkt, daß sich Sex oft wie von selbst ergab, ohne daß er danach suchen mußte. Und als die Kurse bekannter wurden und er Monat für Monat durch das Land zog, fand er auf diese Weise einigen Trost. Meist waren es kurze Affären, doch gab es ein oder zwei Frauen, die diese Dinge ebenso gelassen sahen wie er und die ihn auch heute noch, wenn er auf der Durchreise vorbeikam, in ihren Betten wie einen alten Freund willkommen hießen.

Doch das Schuldgefühl blieb. Bis er schließlich begriff, daß Rachel nichts anderes von ihm gebraucht hatte als das Gefühl, gebraucht zu werden. Sie wollte, daß er sie so sehr brauchte wie sie ihn. Aber Tom wußte, daß dies unmöglich war. Weder für Rachel noch für eine andere Frau würde er je mals etwas Derartiges empfinden. Denn ohne alle Überheblichkeit und ohne es in Worte gefaßt zu haben wußte er, daß er in seinem Leben eine Art natürliche Harmonie gefunden hatte, etwas, nach dem viele Menschen ihr Leben lang vergebens streben. Er kam gar nicht auf den Gedanken, daß dies etwas Besonderes sein könnte. Er empfand sich nur als Teil einer größeren Ordnung, eines Zusammenhalts von belebten und unbelebten Dingen, mit denen er durch Geist und Herkunft verbunden war.

Er lenkte den Chevy auf den Parkplatz des Motels und fand einen freien Platz direkt vor seinem Zimmer. Die Wanne war zu kurz für ein langes Bad; er hatte die Wahl zwischen kalten Schultern oder kalten Knien. Also stieg er aus der Wanne und trocknete sich vor dem Fernseher ab. Die Geschichte mit dem Berglöwen sorgte immer noch für beträchtlichen Wirbel. Man wollte ihn jagen und töten. Männer mit Gewehren und leuchtendgelben Jacken durchkämmten den Hügel. Tom fand es irgendwie rührend. Ein Berglöwe konnte diese Jacken aus hundert Meilen Entfernung sehen. Er legte sich aufs Bett, schaltete den Fernseher aus und rief daheim an.

Sein Neffe Joe, der älteste der drei Jungs von Frank, war am Apparat.

»Hi, Joe, wie geht’s dir?«

»Gut. Und selbst?«

»Ach, ich liege hier in einem gottverlassenen Motel in einem Bett, das fast einen halben Meter zu kurz ist. Wahrscheinlich muß ich mir doch noch Stiefel und Hut ausziehen.«

Joe lachte. Er war zwölf und ein stiller Junge, fast so wie Tom in seinem Alter. Außerdem konnte er ziemlich gut mit Pferden umgehen.

»Was macht die alte Brontosaurus?«

»Der geht’s gut. Sie ist richtig dick geworden. Dad glaubt, daß sie Mitte nächster Woche fohlt.«

»Vergiß nicht, deinem Alten zu zeigen, was er machen muß.«

»Mach ich. Willst du mit ihm reden?«

»Klar, wenn er in der Nähe ist.«

Er konnte hören, wie Joe seinen Dad rief. Der Fernseher im Wohnzimmer lief, und Franks Frau Diane fuhr mal wieder einen der Zwillinge an. Er fand es immer noch seltsam, daß sie in dem großen Ranchhaus wohnten. Für ihn blieb es stets das Haus seiner Eltern, obwohl beinahe drei Jahre vergangen waren, seit sein Vater gestorben und seine Mutter zu Rosie nach Great Falls gezogen war.

Nachdem Frank und Diane geheiratet hatten, zogen sie ins Haus am Bach, das Tom und Rachel kurze Zeit bewohnt hatten. Aber mit drei heranwachsenden Jungs wurde es bald ziemlich eng, und als seine Mutter auszog, bestand Tom darauf, daß sie zu ihm ins Ranchhaus kamen. Er war viel unterwegs, gab Pferdekurse, und wenn er daheim war, schien ihm das Haus viel zu groß und zu leer. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie einfach getauscht hätten und er zurück in das Haus am Bach gezogen wäre, aber Diane meinte, sie würden nur einziehen, wenn er im Haus bliebe, Platz sei schließlich genug für alle. Besucher, Verwandte wie Freunde, übernachteten oft im Haus am Bach, aber meistens stand es leer.

Tom konnte Franks Schritte hören.

»Heda, Bruderherz, wie geht’s dir da unten?«

»Kann nicht klagen. Rona versucht, den Weltrekord an Pferden pro Tag zu brechen, und das Motel wurde offenbar für die Sieben Zwerge gebaut, aber abgesehen davon ist alles okay.«

Eine Zeitlang sprachen sie über die Arbeit auf der Ranch. Es war gerade Kalbzeit, und sie mußten nachts zu den unmöglichsten Stunden aus dem Bett, um die Herde auf der Weide zu kontrollieren. Die Arbeit war hart, aber bisher hatten sie noch kein Kalb verloren, und Frank klang zufrieden. Er erzählte Tom, daß eine Menge Anrufer gefragt hatten, ob er seine Entscheidung, in diesem Sommer keine Kurse mehr abzuhalten, nicht noch einmal überdenken wollte.

»Und was hast du ihnen gesagt?«

»Ach, ich hab ihnen bloß erklärt, daß du langsam alt wirst und ziemlich abgeschlafft bist.«

»Danke, Kumpel.«

»Und dann war da noch ein Anruf von irgendeiner Engländerin aus New York. Sie wollte nicht sagen, um was es ging, nur daß es dringend sei. Hat mir ganz schön die Hölle heiß gemacht, als ich ihr deine jetzige Nummer nicht verraten wollte. Ich habe ihr gesagt, daß ich dich bitten würde, sie an zurufen.«

Tom griff nach dem kleinen Notizbuch auf dem Nachttisch und schrieb sich Annies Namen und die vier Telefonnummern auf, die sie hinterlassen hatte; eine davon gehörte zu einem Funkanschluß.

»Das ist alles? Nur vier Nummern? Und was ist mit dem Telefon in ihrer Villa in Südfrankreich?«

»Tja, das ist alles.«

Sie redeten noch eine Weile über Bronty, dann legten sie auf. Tom starrte auf den Notizblock. Er kannte nicht besonders viele Menschen in New York, eigentlich nur Rachel und Hal. Vielleicht hatte dies hier etwas mit ihnen zu tun, ob wohl diese Frau, wer immer sie auch war, das bestimmt gesagt hätte. Er sah auf seine Uhr. Es war halb elf, also halb zwei in New York. Er legte den Block zurück auf den Nachttiseh und machte das Licht aus. Er würde sie morgen anrufen.

___________

Er sollte keine Gelegenheit dazu finden. Es war immer noch dunkel, als das Telefon klingelte und ihn aufweckte. Er machte das Licht an, ehe er den Hörer abnahm. Es war erst Viertel nach fünf.

»Sind Sie Tom Booker?« Am Akzent erkannte er sofort, mit wem er es zu tun hatte.

»Ich glaub schon«, sagte er. »Ist noch ein bißchen zu früh, um mir da ganz sicher zu sein.«

»Ich weiß. Tut mir leid. Ich nahm an, daß Sie früh anfangen, und wollte Sie nicht verpassen. Ich heiße Annie Graves. Ich habe gestern mit Ihrem Bruder telefoniert. Vielleicht hat er Ihnen davon erzählt.«

»Ja, er hat’s mir erzählt. Ich hätte Sie heute noch angerufen. Er sagte, er hätte Ihnen diese Nummer nicht gegeben.«

»Hat er auch nicht. Ich habe sie von jemand anderem. Jeden falls rufe ich an, weil man mir sagte, daß Sie Leuten helfen, die Probleme mit ihren Pferden haben.«

»Nein, Mam, tu ich nicht.«

Am anderen Ende blieb es still. Tom wußte, daß es ihr die Sprache verschlagen hatte.

»Ach«, sagte sie. »Tut mir leid, ich dachte …«

»Eigentlich ist es eher anders herum. Ich helfe Pferden, die Probleme mit ihren Leuten haben.«

Das fing ja nicht gerade gut an, und Tom bedauerte bereits, sich als Klugschwätzer aufgeführt zu haben. Er fragte, was das Problem sei, und hörte ihr lange schweigend zu, als sie von ihrer Tochter und dem Pferd erzählte. Es war entsetzlich, erst recht, weil sie mit beherrschter, fast leidenschaftsloser Stimme redete. Er ahnte, daß sie ihre Gefühle tief vergraben und fest unter Kontrolle hatte.

»Das ist schrecklich«, sagte er, als Annie schwieg.

»Tut mir wirklich leid.«

Er hörte, wie sie tief Luft holte.

»Hm, ja. Werden Sie sich das Pferd ansehen?«

»Was, in New York?«

»Ja.«

»Ich fürchte, Mam …«

»Ich komme natürlich für die Kosten auf.«

»Ich wollte sagen, Mam, daß ich so etwas nicht mache. Ich tät’s nicht, selbst wenn Sie in der Nähe wohnen würden. Ich gebe Kurse. Und auch die in nächster Zeit nicht. Dies ist der letzte vor dem Herbst.«

»Also hätten Sie Zeit herzukommen, wenn Sie wollten.«

Das war keine Frage. Die Frau war ziemlich aufdringlich. Vielleicht lag es aber auch nur am Akzent.

»Wann ist Ihr Kurs zu Ende?«

»Am Mittwoch. Aber …«

»Könnten Sie am Donnerstag kommen?«

Es lag nicht nur am Akzent. Sie hatte sein leichtes Zögern bemerkt und gleich nachgehakt. Es war wie bei den Pferden: Nimm den Weg des geringsten Widerstandes und nutz ihn aus.

»Tut mir leid Ma’am«, sagte er bestimmt. »Ich bedaure sehr, was geschehen ist, aber ich muß zurück zu meiner Arbeit auf der Ranch. Ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Sagen Sie das nicht. Bitte, sagen Sie das nicht. Denken Sie drüber nach.« Das war wiederum keine Frage.

»Ma’am …«

»Ich muß jetzt los. Tut mir leid, daß ich Sie geweckt habe.«

Und ohne seine Antwort abzuwarten oder sich zu verabschieden, legte sie auf.

Als Tom am nächsten Morgen in die Rezeption trat, übergab ihm der Moteldirektor einen Eilbrief. Er enthielt das Foto eines Mädchens auf einem wunderschönen Morgan und ein Flugticket nach New York.

10

Tom legte seinen Arm über den plastikbezogenen Rücksitz und sah seinem Sohn zu, der hinter dem Tresen des Diners Hamburger briet. Wie er das Fleisch auf dem Grill wendete, es lässig hin und her schob und dabei mit einem Kellner schwatzte und lachte, schien es, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Dies hier war, versicherte ihm Hal, der coolste Diner in ganz Greenwich Village. Er jobbte hier drei bis viermal die Woche und wohnte dafür umsonst im Loft des Besitzers, einem Freund von Rachel. Wenn er nicht arbeitete, besuchte er die Filmhochschule. Er erzählte Tom von einem »Short«, den er gerade drehte.

»Es geht dabei um einen Mann, der Stück für Stück das Motorrad seiner Freundin ißt.«

»Klingt eisenhart.«

»Ist es auch. Eine Art Roadmovie, spielt aber alles an einem einzigen Ort.« Tom war sich zu neunzig Prozent sicher, daß dies ein Witz sein sollte. Er hoffte es jedenfalls. Hal fuhr fort:

»Sobald er mit dem Motorrad fertig ist, macht er sich über seine Freundin her.«

Tom dachte darüber nach und nickte: »Junge trifft Mädchen, Junge ißt Mädchen.«

Hal lachte. Er hatte das dichte schwarze Haar seiner Mutter und ihr dunkles, gutes Aussehen, seine Augen aber waren blau. Tom mochte ihn. Sie sahen sich nicht allzuoft, schrieben sich aber, und wenn sie sich trafen, verstanden sie sich prima. Hal war in der Stadt aufgewachsen, kam hin und wieder nach Montana, und ihm gefiel es auf dem Land. Er konnte so gar ziemlich gut reiten.

Es war einige Jahre her, seit Tom seine Mutter gesehen hatte, aber am Telefon unterhielten sie sich oft. Rachel erzählte ihm dann, wie Hal sich machte und daß er kein besonders schwieriger Junge war.

Sie hatte einen Kunsthändler namens Leo geheiratet und drei weitere Kinder bekommen, die jetzt im Teenageralter waren.

Hal war zwanzig und hatte offenbar eine glückliche Kindheit gehabt. Die Möglichkeit, ihn wiederzusehen, hatte letztlich den Ausschlag dafür gegeben, nach Osten zu fliegen und sich das Pferd dieser Engländerin anzusehen. Tom wollte sie am Nacbmittag treffen.

»So, das hätten wir. Ein Cheeseburger mit Bacon.«

Hal stellte den Teller vor Tom auf den Tisch, setzte sich ihm gegenüber und grinste ihn an. Er hatte sich nur einen Kaffee gemacht.

»Ißt du nichts?« fragte Tom.

»Ich mach mir später was. Probier mal.«

Tom nahm einen Bissen und nickte zustimmend.

»Nicht schlecht.«

»Ein paar von den Typen hier lassen den Burger einfach auf dem Grill liegen. Aber man muß sie hin und her schieben, dann verschließen sich die Poren und das Fleisch bleibt saftig.«

»Kriegst du keinen Ärger, wenn du jetzt eine Pause machst?«

»Ach was. Wenn es hektisch wird, leg ich wieder los.«

Es war erst kurz vor zwölf Uhr, und im Diner war noch nicht viel los. Tom nahm mittags eigentlich nur eine Kleinigkeit zu sich, und seit einiger Zeit aß er fast gar kein Fleisch mehr, aber Hal hatte ihm unbedingt einen Burger braten wollen, und deshalb hatte er so getan, als ob er hungrig wäre.

Am Nachbartisch saßen vier Männer in Anzügen und mit reichlich Schmuck am Handgelenk. Sie unterhielten sich lautstark über ein Geschäft, das sie gerade abgeschlossen hatten.

Nicht die typischen Gäste, hatte Hal ihm zugeflüstert, aber Tom hatte sie amüsiert beobachtet. Er war immer wieder beeindruckt von New Yorks Energie. Nur gut, daß er hier nicht wohnen mußte.

»Wie geht’s deiner Mutter?« fragte er.

»Großartig. Sie spielt wieder. Leo hat ein Konzert für sie arrangiert, am Sonntag in einer Galerie gleich hier um die Ecke.«

»Sehr schön.«

»Sie wollte heute vorbeikommen, um dich zu sehen, aber gestern abend hat es einen Riesenkrach gegeben. Der Pianist hat abgesagt, und jetzt sucht man voller Panik einen Ersatz. Ich soll dir liebe Grüße ausrichten.«

»Vergiß nicht, sie auch von mir zu grüßen.«

Sie sprachen über Hals Studium und seine Pläne für den Sommer. Er sagte, er würde gern für einige Wochen nach Montana kommen, und Tom hatte nicht den Eindruck, als sei das nur dahergesagt, um ihm zu schmeicheln. Tom berichtete ihm, wie er mit den Jährlingen und einigen älteren Pferden aus der eigenen Zucht arbeiten wollte. Als er davon erzählte, hätte er am liebsten gleich damit angefangen. Sein erster Sommer seit Jahren ohne Pferdekurse, keine Umherfahrerei, einfach nur in den Bergen bleiben und sehen, wie das Land im Sommer wieder zum Leben erwacht.

Allmählich wurde es voll im Diner, und Hal mußte wieder arbeiten. Er wollte von Tom kein Geld annehmen und begleitete ihn nach draußen. Tom setzte seinen Hut auf und bemerkte Hals Blick, als sie sich die Hände schüttelten. Hoffentlich war es dem Jungen nicht allzu peinlich, mit einem Cowboy gesehen zu werden. Tom fand, daß es immer etwas verkrampft zuging, wenn sie sich verabschiedeten. Vielleicht, dachte er, sollte er den Jungen umarmen, aber es war ihnen zur Gewohnheit geworden, sich einfach nur die Hand zu geben, und auch heute blieb es dabei.

»Viel Glück mit dem Pferd«, sagte Hal.

»Danke. Und dir viel Glück mit dem Film.«

»Ja. Ich schick dir eine Kassette.«

»Prima. Bis dann, Hal.«

»Mach’s gut.«

Tom entschloß sich, ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, ehe er sich ein Taxi nahm. Es war ein kalter, grauer Tag. Dampf quoll in wehenden Schwaden aus den Kanalschächten. Er ging an einem jungen Mann vorbei, der bettelnd in einer Ecke stand. Auf dem Kopf schien er ein verfilztes Gewirr von Rattenschwänzen zu tragen, und seine Haut hatte die Farbe von zerknittertem Pergament. Seine Finger staken in fadenscheinigen Wollhandschuhen, und da er keinen Mantel trug, hüpfte er von einem Bein aufs andere, um sich warm zu halten. Tom gab ihm einen Fünfdollarschein.

Man erwartete ihn um vier auf dem Gestüt, aber als er am Bahnhof eintraf, stellte er fest, daß es noch eine frühere Verbindung gab, und er beschloß, diesen Zug zu nehmen. Je mehr Tageslicht, um sich das Pferd ansehen zu können, desto besser. Außerdem konnte er das Pferd dann vielleicht ungestört in Augenschein nehmen. Es war immer einfacher, wenn einem der Besitzer nicht im Nacken saß. Meistens übertrug sich ihre Anspannung auf die Pferde. Und die Engländerin hatte bestimmt nichts dagegen.

___________

Annie hatte sich gefragt, ob sie Grace von Tom Booker erzählen sollte. Seit dem Tag, an dem sie Pilgrim im Stall gesehen hatte, war sein Name kaum noch gefallen. Einmal hatten Annie und Robert versucht, mit ihr über das Pferd zu reden, da sie es besser fanden, Grace mit Pilgrims Schicksal zu konfrontieren, aber Grace hatte sich schrecklich aufgeregt und war Annie ins Wort gefallen.

»Ich will nichts davon hören«, schrie sie. »Ich habe euch gesagt, was ich will. Ich will, daß er nach Kentucky zurück gebracht wird. Aber du mußt ja immer alles besser wissen, also entscheide auch.«

Robert hatte ihr besänftigend eine Hand auf die Schulter gelegt und wollte etwas sagen, aber Grace schüttelte seine Hand ab und schrie: »Nicht, Daddy!« Also beließen sie es da bei.

Letzten Endes aber entschlossen sie sich doch, ihr von dem Mann in Montana zu erzählen. Grace sagte nur, daß sie nicht in Chatham sein wollte, wenn er kam. Also einigten sie sich darauf, daß Annie allein fahren sollte. Sie nahm den Abendzug, verbrachte die Nacht im Farmhaus, erledigte einige Anrufe und versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren, der ihr über Modem aus dem Büro auf den Bildsehirm geschickt worden war.

Es war unmöglich. Das langsame Ticken der Wanduhr, das sie sonst so tröstlich fand, kam ihr heute beinahe unerträglich vor. Und mit jeder langen Stunde, die vorüberschlich, wurde sie unruhiger. Sie fragte sich verwirrt nach dem Grund und fand keine befriedigende Antwort. Am ehesten schien ihr noch das ebenso lebhafte wie irrationale Gefühl schuld zu sein, daß sich durch den Fremden heute auf irgendeine unerklärliche Weise nicht nur Pilgrims Los, sondern ihrer aller Schicksal Graces, Roberts und das ihre entscheiden würde.

___________

Es standen keine Taxis am Bahnhof in Hudson, als der Zug einfuhr. Es begann zu nieseln, und Tom wartete fünf Minuten unter dem von Eisensäulen getragenen Glasdach des Bahnsteigs, bis ein Wagen vorfuhr. Er stieg mit seiner Tasche hinten ein und nannte dem Fahrer die Adresse des Gestüts.

Hudson sah aus, als wäre es früher mal recht hübsch gewesen, aber jetzt wirkte es ziemlich deprimierend. Ehemals prächtige Gebäude wirkten verfallen, viele Geschäfte entlang der Straße, die Tom für die Hauptstraße hielt, waren mit Brettern vernagelt, und die Läden, die noch geöffnet waren, schienen nur Ramsch zu verkaufen. Wer über die Bürgersteige stapfte, zog zum Schutz vor dem Regen den Kopf ein.

Es war kurz nach drei, als das Taxi in Mrs. Dyers Auffahrt einbog und zum Gestüt auf der Anhöhe fuhr. Tom sah über die schlammigen Felder und betrachtete die im Regen stehenden Pferde. Sie spitzten die Ohren und beobachteten den vorbei fahrenden Wagen. Die Einfahrt in den Hof wurde von einem Anhänger versperrt. Tom bat den Fahrer, auf ihn zu warten, und stieg aus.

Als er sich durch den Spalt zwischen Mauer und Anhänger zwängte, konnte er Stimmen und das Klappern von Pferdehufen hören.

»Rein da! Rein mit dir, verdammt noch mal!«

Joan Dyers Söhne versuchten, zwei verschreckte Fohlen in den offenen Anhänger zu schieben. Tim stand auf der Ladefläche und wollte das erste Fohlen am Halfter in den Wagen zerren.

Es war ein Seilziehen, das er bestimmt verloren hätte, wäre Eric nicht hinter dem Tier gewesen, um es mit einer Peitsche anzutreiben. Er versuchte, den Hufen auszuweichen, und hielt an einem Seil das zweite Fohlen fest, das mittlerweile genauso verängstigt war wie das erste. Tom erfaßte die Lage mit einem Blick, als er hinter dem Anhänger auf den Hof trat.

»Heda, Jungs, was treibt ihr da?« rief er. Die beiden Jungen drehten sich um und sahen ihn einen Augenblick an. Keiner sagte ein Wort. Und als würde er nicht existieren, wandten sie den Blick wieder von ihm ab und machten da weiter, wo sie aufgehört hatten.

»Scheiße, das bringt nichts«, sagte Tim.

»Versuch’s zuerst mit dem anderen.« Er zerrte das erste Fohlen vom Anhänger fort, so daß Tom rasch an die Wand zurücktreten mußte, als sie vorbeikamen. Schließlich sah Eric ihn wieder an.

»Kann ich Ihnen helfen?« In seiner Stimme und in der Art, wie der Junge ihn ansah, lag eine derartige Verachtung, daß Tom nur lächeln konnte.

»Danke. Ich suche ein Pferd namens Pilgrim. Es gehört einer gewissen Mrs. Annie Graves.«

»Wer sind Sie?«

»Ich heiße Booker.«

Mit einem Kopfzucken wies Eric auf die Scheune. »Da reden Sie besser mit meiner Mom.«

Tom dankte ihm und ging zur Scheune. Er hörte einen der Jungen höhnisch kichern und etwas über Wyatt Earp sagen, drehte sich aber nicht noch mal um. Mrs Dyer trat im selben Moment aus der Scheune, als er das Tor öffnen wollte. Er stellte sich vor, und Mrs. Dyer gab ihm die Hand, nachdem sie sie an ihrer Jacke abgewischt hatte. Sie sah sich nach den Jungen auf dem Anhänger um und schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht gerade die feine Art«, sagte Tom.

»Ich weiß«, sagte sie müde, wollte sich aber offensichtlich nicht weiter darüber auslassen. »Sie sind früh dran. Annie ist noch nicht da.«

»Tja, tut mir leid. Ich bin einen Zug früher gekommen. Ich hätte Sie anrufen sollen. Haben Sie was dagegen, wenn ich ihn mir ansehe, bevor Mrs. Graves kommt?«

Sie zögerte. Er schenkte ihr ein verschwörerisches Lächeln und hätte beinahe noch mit den Augen gezwinkert, um ihr an zudeuten, daß sie sich doch mit Pferden auskenne und bestimmt verstehe, was er ihr sagen wolle.

»Sie wissen schon, manchmal ist’s irgendwie einfacher, sich ein Bild zu machen, wenn der Besitzer nicht dabei ist.«

Sie schluckte den Köder und nickte.

»Er steht da hinten.«

Tom folgte ihr um die Scheune herum zu einer Reihe alter Ställe. Als sie vor Pilgrims Tür standen, drehte sie sich zu Tom um. Plötzlich wirkte sie sehr aufgewühlt.

»Das Ganze war von Anfang an eine Katastrophe, das muß ich schon sagen. Ich weiß nicht, wieviel Annie Ihnen erzählt hat, aber die Wahrheit ist nun mal, daß alle sie ausgenommen schon lange der Meinung sind, daß man dieses Pferd endlich von seinem Elend erlösen sollte. Ich weiß nicht, warum die Tierärzte auf Annie gehört haben. Ehrlich gesagt, ich find es dumm und grausam, dieses Tier am Leben zu halten.«

Ihr eindringlicher Ton überraschte Tom. Er nickte langsam und schaute dann auf die verriegelte Tür. Die gelblich braune Flüssigkeit, die darunter hervorrann, hatte er bereits gesehen, und er konnte die Sauerei dahinter schon riechen.

»Ist er da drin?«

»Ja. Seien Sie vorsichtig.«

Tom zog den Riegel zurück und hörte gleich darauf ein lautes Krachen. Der Gestank war widerlich.

»Himmel, macht denn hier keiner sauber?«

»Wir haben einfach zuviel Angst«, sagte Mrs. Dyer leise.

Behutsam öffnete Tom die obere Türhälfte und beugte sich vor. Er sah das Pferd, das ihn mit angelegten Ohren und gebleckten gelben Zähnen aus dem Dunkel heraus anstarrte.

Plötzlich stürzte es vor, bäumte sich auf und schlug mit den Hufen nach ihm aus. Tom zog sich blitzschnell zurück. Die Hufe verfehlten ihn um wenige Zentimeter und krachten gegen die Untertür. Tom schloß die obere Hälfte und schob den Riegel ins Schloß.

»Wenn das ein Inspektor sieht, schließt er Ihnen den ganzen verda mmten Laden«, sagte er. Die stille, beherrschte Wut in seiner Stimme ließ M rs. Dyer zu Boden blicken.

»Ich weiß, ich habe ja versucht …«

Er schnitt ihr das Wort ab.

»Sie sollten sich schämen.«

Er drehte sich um und ging zurück zum Hof. Er hörte, wie ein Motor aufheulte, dann das verschreckte Wiehern eines Pferdes, als eine Autohupe ertönte. Kaum bog er um die Scheune, sah er, daß ein Fohlen bereits auf dem Anhänger festgebunden worden war. An der Hinterhand klebte Blut. Eric versuchte, das zweite Fohlen in den Wagen zu zerren, und hieb mit der Peitsche auf das Hinterteil ein, während sein Bruder in dem alten Pickup saß und das Pferd antrieb, indem er kräftig auf die Hupe drückte. Tom ging zum Wagen, riß die Tür auf, packte den Jungen am Genick und zerrte ihn heraus.

»Verdammt, was glauben Sie, wer Sie sind?« rief der Junge, schrie die letzten Worte aber schon mit einer Fistelstimme, denn Tom wirbelte ihn herum und schleuderte ihn zu Boden.

»Wyatt Earp«, sagte Tom, ließ ihn liegen und ging geradewegs auf Eric zu, der vor ihm zurückwich.

»He, Cowboy, hör mal …«, sagte er. Tom packte ihn an der Kehle, befreite das Fohlen und verdrehte dem Jungen die Hand, so daß er aufjaulte und die Peitsche fallen ließ. Das Fohlen raste über den Hof und brachte sich in Sicherheit. In einer Hand hielt Tom die Peitsche, mit der anderen umklammerte er immer noch Erics Kehle, so daß die Augen des verängstigten Jungen hervortraten. Tom zog ihn an sich heran, bis ihre Gesichter keinen Fußbreit mehr auseinander waren.

»Wenn es mir nicht viel zu anstrengend wäre«, sagte Tom, »würde ich dir dein verdammtes Fell grün und blau gerben!«

Er stieß ihn fort, und der Junge krachte mit dem Rücken gegen die Wand, daß ihm die Luft wegblieb. Tom blickte sich um und sah Mrs. Dyer auf den Hof kommen. Er wandte sich ab und ging um den Anhänger herum.

Als er sich durch die Lücke zwängte, sah er eine Frau aus einem silberfarbenen Lariat steigen, der neben dem wartenden Taxi hielt. Einen Augenblick stand er Annie Graves von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

»Mr. Booker?« fragte sie. Tom war ein wenig außer Atem und nahm eigentlich nur das rostrote Haar und die besorgten grünen Augen wahr. Er nickte.

»Ich bin Annie Graves. Sie sind etwas zu früh gekommen.«

»Nein, Ma’am. Viel zu spät.«

Er stieg ins Taxi, schloß die Tür und befahl dem Fahrer, ihn zurück zum Bahnhof zu bringen. Als sie das Ende der Auffahrt erreichten, merkte Tom, daß er noch immer die Peitsche in der Hand hielt. Er kurbelte das Fenster herunter und warf sie in den Graben.

11

Es war Roberts Vorschlag, endlich mal wieder im Lester’s zu frühstücken. Zwei Wochen hatte er gebraucht, um sich zu diesem Entschluß durchzuringen. Sie waren nicht mehr dort gewesen, seit Grace wieder zur Schule ging, und diese unausgesprochene Tatsache lastete schwer auf ihnen. Der Grund aber, weshalb sie nicht darüber redeten, war der, daß das Frühstück im Lester’s nur einen Teil des Rituals ausmachte. Der andere und ebenso wichtige Teil war die Busfahrt zum Café quer durch die Stadt.

Es gehörte zu jenen albernen Dingen, die angefangen hatten, als Grace noch kleiner war. Manchmal war Annie mitgekommen, aber meistens fuhren Robert und Grace allein. Sie taten dann so, als stürzten sie sich in ein großes Abenteuer, setzten sich hinten in den Bus und spielten flüsternd ein Spiel, in dem sie sich abwechselnd komplizierte Geschichten über die anderen Passagiere ausdachten. Der Fahrer war eigentlich ein androider Killer und die kleinen alten Damen verkleidete Rockstars. Seit einiger Zeit tratschten sie manchmal auch nur, doch seit dem Unfall hatte keiner von ihnen vorgeschlagen, wieder einmal den Bus zu nehmen. Außerdem wußten sie nicht, ob Grace mit dem Einsteigen zurechtkam.

Bislang war sie nur zwei bis drei Tage pro Woche zur Schule gegangen, und das auch nur am Vormittag. Robert brachte sie im Taxi hin, und Elsa holte sie mittags mit dem Taxi wieder ab. Robert und Annie versuchten, möglichst beiläufig zu fragen, wie ihr Tag gewesen war. Prima, sagte sie jedesmal. Alles war prima. Und wie ging es Becky und Cathy und Mrs. Shaw? Denen ging es auch prima. Robert sah ihr an, daß sie ganz genau wußte, was sie fragen wollten, aber nicht zu fragen wagten. Starrte man ihr Bein an? Wurde sie danach gefragt? Hatte sie andere darüber reden hören?

»Frühstück bei Lester’s?« fragte Robert an diesem Morgen in möglichst lässigem Ton. Annie war bereits unterwegs zu einer frühen Konferenz. Grace zuckte die Achseln und sagte: »Klar. Wenn du magst.«

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl nach unten und grüßten Ramon, den Türsteher.

»Soll ich Ihnen ein Taxi besorgen?« fragte er.

Robert zögerte, doch nur eine Sekunde lang.

»Nein. Wir nehmen den Bus.«

Während sie an zwei Häuserblocks vorbei zur Bushaltestelle gingen, schwatzte Robert drauflos und tat, als sei es völlig normal, so langsam zu laufen. Er wußte, daß Grace ihm nicht zuhörte. Ihr Blick war starr auf den Bürgersteig vor ihnen gerichtet. Sie suchte den Boden nach Stolperfallen ab, konzentrierte sich ganz darauf, wohin sie die Gummispitze ihres Gehstocks setzte, und schwang ihr Bein unter ihm durch. Als sie zur Bushaltestelle kamen, war Grace trotz der Kälte in Schweiß gebadet.

Als der Bus vorfuhr, stieg sie ein, als wäre sie es seit Jahren so gewohnt. Der Bus war voll, und eine Zeitlang standen sie nahe am Eingang. Ein alter Mann sah Graces Stock und bot ihr seinen Platz an. Sie dankte ihm und versuchte, sein Angebot abzulehnen, aber er wollte nichts davon hören. Robert hätte ihn am liebsten angeschrien, daß er seine Tochter in Ruhe lassen solle, aber er sagte nichts, und Grace wurde rot, gab nach und setzte sich. Sie sah zu Robert auf und schenkte ihm ein schmales, gedemütigtes Lächeln, das ihm das Herz zerriß.

Als sie ins Café gingen, überfiel Robert plötzlich der panische Gedanke, daß er womöglich anrufen und Lester hätte warnen sollen, damit kein unnötiges Aufsehen entstand und niemand peinliche Fragen stellte. Aber er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Vielleicht hatte jemand aus der Schule bereits Bescheid gesagt; Lester und die Kellner waren jedenfalls so eifrig und gut gelaunt wie eh und je.

Sie saßen an ihrem üblichen Platz am Fenster und bestellten sich, was sie sich immer bestellten, Bagel mit Philadelphia und geräuchertem Lachs. Während sie auf ihr Essen warteten, gab Robert sich alle Mühe, die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten zu lassen. Es war neu für ihn, dieses Schweigen zwischen ihnen überbrücken zu müssen. Sich mit Grace zu unterhalten, war immer so leicht gewesen. Ihm fiel auf, daß ihre Blicke immer wieder zu den Menschen draußen wanderten, die auf ihrem Weg zur Arbeit an ihnen vorbeigingen. Lester, ein adretter, kleiner Mann mit Bürstenschnauzer, hatte hinter dem Tresen das Radio angestellt, und ausnahmsweise war Robert für das unablässige Gedudel dankbar. Als die Bagel serviert wurden, rührte Grace sie kaum an.

»Möchtest du in diesem Sommer gern nach Europa fahren?« fragte er.

»Wieso? Meinst du im Urlaub?«

»Warum nicht? Ich dachte, wir könnten nach Italien fliegen. Uns ein Haus in der Toskana oder sonstwo mieten. Was hältst du davon?«

Sie zuckte die Achseln. »Okay.«

»Wir müssen nicht.«

»Doch. Wär ganz nett.«

»Und wenn du dich anständig benimmst, nehmen wir dich vielleicht mit nach England zu deiner Großmutter.« Wie auf ein Stichwort verzog Grace ihr Gesicht. Die Drohung, sie zu Annies Mutter zu schicken, war ein alter Familienwitz. Grace schaute aus dem Fenster und sah dann wieder Robert an.

»Ich glaube, ich geh jetzt, Dad.«

»Keinen Hunger?«

Sie schüttelte den Kopf. Er verstand. Sie wollte in der Schule sein, bevor der Hof vor glotzenden Mädchen nur so wimmelte. Hastig trank er den Kaffee aus und zahlte.

Grace wollte, daß er sich an der Ecke von ihr verabschiedete, statt sie bis zum Schuleingang zu begleiten. Er küßte sie zum Abschied und unterdrückte den Wunsch, sich noch einmal umzudrehen und Grace hineingehen zu sehen. Er wußte, wenn sie sah, wie er sich nach ihr umdrehte, würde sie seine Sorge vielleicht für Mitleid halten. Mit raschen Schritten ging er zurück zur Third Avenue und eilte dann weiter in Richtung Innenstadt zu seinem Büro.

___________

Während sie im Café gesessen hatten, war der Himmel aufgeklart. Offenbar würde es einer dieser klaren, eisigblauen Tage werden, die für New York so typisch waren und die Robert so sehr liebte. Es war das ideale Wetter für einen Spaziergang, also schritt er rasch aus und versuchte, das Bild der einsamen, zur Schule humpelnden Gestalt zu verdrängen, indem er an die Arbeit dachte, die auf ihn wartete.

Zuerst würde er wie jeden Tag den Anwalt anrufen, den sie beauftragt hatten, sich um das komplizierte juristische Theater zu kümmern, zu dem Graces Unfall sich zu entwickeln schien.

Nur ein vernünftiger Mensch konnte naiv genug sein zu glauben, daß sich der ganze Fall auf die Frage zuspitzen ließ, ob die Mädchen fahrlässig gehandelt hatten, als sie an jenem Morgen über die Straße ritten, oder ob der Fahrer fahrlässig gehandelt hatte, als sein Laster sie überfuhr. Statt dessen machte natürlich jeder jedem den Prozeß: die Krankenversicherungen der Mädchen dem Lastwagenfahrer, dessen Versicherung der Transportfirma in Atlanta, deren Versicherung jener Firma, die dem Fahrer den Lastwagen vermietet hatte, deren Versicherung wiederum den Herstellern des Lastwagens, den Fabrikanten der Lastwagenreifen, dem County, der Papierfabrik und der Eisenbahngesellschaft. Niemand hatte bislang einen Prozeß gegen Gott angestrengt, weil der es an dem Tag hatte schneien lassen, aber noch war nicht aller Tage Abend. Das Ganze war das reinste Paradies für Kläger und Verteidiger, und Robert fand es sehr seltsam, dem Vorgang einmal von der anderen Seite beiwohnen zu müssen.

Zum Glück war es ihnen wenigstens gelungen, Grace das meiste davon zu ersparen. Abgesehen von der Erklärung, die sie im Krankenhaus gemacht hatte, brauchte sie nur noch im Beisein einer Anwältin eine eidesstattliche Erklärung abzugeben. Grace hatte die Frau bereits einige Male bei gesellschaftlichen Anlässen getroffen und schien von dem Gedanken, den Unfall noch einmal durchgehen zu müssen, nicht sonderlich beunruhigt. Wieder sagte sie aus, daß sie sich nur bis zu dem Augenblick erinnern könne, als sie die Böschung hinabrutschten.

Anfang des Jahres hatte der Lastwagenfahrer einen Brief geschrieben und gesagt, daß es ihm leid täte. Robert und Annie hatten lange überlegt, ob sie Grace diesen Brief zeigen sollten oder nicht. Schließlich hatten sie entschieden, daß sie ein Recht darauf habe. Grace hatte den Brief gelesen, ihn zurückgegeben und nur gesagt, das fände sie nett von dem Fahrer. Für Robert lautete eine beinahe ebenso wichtige Frage, ob er diesen Brief seinem Anwalt zeigen sollte, der sich natürlich hämisch die Hände reiben und den Brief als Schuld geständnis werten würde. Der Anwalt in Robert riet ihm, den Brief vorzulegen; die menschliche Seite riet ihm, es nicht zu tun. Er ging auf Nummer Sicher und heftete den Brief in seinen Unterlagen ab.

Am Horizont konnte er jetzt den kalten Sonnenschein auf dem gläsernen Turm seines Bürogebäudes glitzern sehen.

Ein amputiertes Glied, hatte er kürzlich in irgendeiner juristischen Publikation gelesen, konnte heutzutage bis zu drei Millionen Dollar Schmerzensgeld wert sein. Er stellte sich das blasse Gesicht seiner Tochter vor, die aus dem Caféfenster nach draußen starrte. Was waren das doch für phantastische Experten, dachte er, die derartige Kosten errechnen konnten.

___________

In der Eingangshalle der Schule ging es lebhafter zu als gewöhnlich. Mit raschem Blick überflog Grace die Gesichter und hoffte, keine ihrer Klassenkameradinnen zu sehen. Beckys Mutter sprach mit Mrs. Shaw, aber beide schauten nicht zu ihr herüber, und von Becky war keine Spur zu sehen. Wahr scheinlich hockte sie schon vor einem der Computer in der Bücherei. Wäre alles so wie früher gewesen, so hätte Graces erster Weg auch dahin geführt. Sie wären herumgetobt und hätten sich per E-Mail witzige Nachrichten hinterlassen. Nach dem Klingeln wären sie alle die Treppe hinauf ins Klassenzimmer gestürmt, hätten gelacht und sich gegenseitig aus dem Weg geschubst.

Da Grace jetzt nicht mehr die Treppe hochkam, würden sie sich alle verpflichtet fühlen, mit ihr im Aufzug zu fahren, einem langsamen und uralten Apparat. Um ihnen diese peinliche Situation zu ersparen, machte sich Grace sofort allein auf den Weg zu ihrem Klassenzimmer, so daß sie schon an ihrem Tisch sitzen würde, wenn die anderen hereinkamen.

Sie ging zum Aufzug, drückte auf den Knopf und hielt den Blick zu Boden gerichtet, damit zufällig vorbeikommende Freundinnen Gelegenheit hatten, ihr ausweichen zu können.

Sie waren alle so nett zu ihr, seit sie wieder zur Schule ging. Aber gerade das war das Problem. Sie wollte doch einfach nur, daß sich alle wieder normal benahmen. Und da gab es noch mehr, was sich verändert hatte.

Während ihrer Abwesenheit schienen sich die Beziehungen ihrer Freundinnen unmerklich verändert zu haben. Becky und Cathy, ihre beiden besten Freundinnen, waren jetzt enger zusammen als früher. Vorher waren sie zu dritt unzertrennlich gewesen. Jeden Abend hatten sie am Telefon zusammen geschwatzt, sich geneckt, ihr Herz ausgeschüttet, gegenseitig getröstet. Sie waren ein ideales Kleeblatt gewesen. Jetzt gaben sich Becky und Cathy Mühe, sie in alles mit einzubeziehen, aber es war nicht mehr wie früher. Wie konnte es auch?

Der Fahrstuhl kam, und Grace ging hinein. Sie war froh, daß sie allein davor wartete und den Fahrstuhl für sich haben würde. Doch gerade als sich die Tür schloß, stürzten zwei jüngere Mädchen herein, die aufgeregt miteinander lachten und schnatterten. Doch kaum sahen sie Grace, verstummten sie.

Grace lächelte und sagte:

»Hallo.«

»Hallo.« Sie sagten es gleichzeitig und schwiegen dann. Verlegen standen sie zu dritt im Aufzug, während der alte Apparat seinen mühsamen, knarrenden Aufstieg begann. Grace merkte, wie die Blicke der beiden Mädchen über die nackten Wände und die Decke glitten, wie sie überall hinschauten, nur nicht auf das eine, von dem Grace wußte, daß sie es sich liebend gern ansehen würden: ihr Bein. Es war immer dasselbe.

Sie hatte mit der »Traumapsychologin« darüber gesprochen, einer weiteren Spezialistin, zu der sie ihre Eltern jede Woche schickten. Die Frau meinte es gut mit ihr und war wahrscheinlich eine Expertin auf ihrem Gebiet, aber Grace fand die Stunden mit ihr die reinste Zeitverschwendung. Wie konnte diese Fremde — wie konnte überhaupt jemand wissen, wie es für sie war?

»Sag ihnen, es ist in Ordnung, wenn sie es sich ansehen wollen«, hatte die Frau gesagt. »Sag ihnen, es ist in Ordnung, darüber zu reden.«

Aber darum ging es nicht. Grace wollte nicht, daß sie sich das Bein anschauten, sie wollte nicht, daß sie darüber redeten. Reden! Diese Seelenklempner schienen zu glauben, daß man mit Reden alles heilen konnte, aber das stimmte einfach nicht.

Gestern hatte die Frau versucht, mit ihr über Judith zu reden, aber das war wirklich das letzte, wozu sie Lust gehabt hatte.

»Wie fühlst du dich, wenn du an Judith denkst?«

Grace hätte am liebsten laut geschrien, statt dessen sagte sie kühl: »Sie ist tot, was glauben Sie, wie ich mich da fühle?« Schließlich hatte die Frau kapiert und das Thema fallengelassen.

Genauso war es vor einigen Wochen abgelaufen, als die Frau versucht hatte, mit ihr über Pilgrim zu reden. Pilgrim war ein Krüppel und nutzlos, so wie sie, und jedesmal, wenn sie an ihn dachte, sah sie diese schrecklichen Augen in einer Ecke dieses stinkenden Stalls der Mrs. Dyer vor sich. Wie um alles in der Welt sollte es helfen können, daran zu denken oder darüber zu reden?

Der Fahrstuhl hielt ein Stockwerk unter dem von Grace, und die beiden Mädchen stiegen aus. Grace hörte, wie sie über den Flur liefen und gleich wieder zu reden anfingen.

Wie sie gehofft hatte, war noch niemand da, als sie ihr Klassenzimmer betrat. Sie holte ihre Bücher aus der Tasche, verbarg den Stock sorgsam auf dem Boden unter ihrem Tisch und setzte sich langsam auf den harten Holzstuhl. Er war so hart, daß ihr Stumpf am Ende des Vormittags vor Schmerz pochen würde. Aber damit wurde sie fertig; die Art Schmerz war leicht zu ertragen.

___________

Es vergingen drei Tage, bevor Annie mit Tom Booker sprechen konnte. Sie hatte bereits eine ziemlich klare Vorstellung von dem, was an jenem Tag im Gestüt geschehen war. Nachdem sie verblüfft dem Taxi nachgesehen hatte, wie es die Auffahrt hinunterfuhr, ging sie in den Hof und konnte den größten Teil der Geschichte bereits von den Mienen der beiden Jungen ablesen. Mrs. Dyer erklärte Annie kühl, daß Pilgrim bis Montag aus ihrem Stall verschwunden sein müsse.

Annie rief Liz Hammond an, und gemeinsam fuhren sie zu Harry Logan. Er hatte gerade einer Chihuahua-Hündin den Uterus entfernt und trug noch seinen Operationskittel, als er die beiden Frauen sah, »o nein« sagte und tat, als wollte er sich verstecken. Hinter der Klinik gab es einige Pflegeboxen, und nach einigen tiefen Seufzern erklärte er sich bereit, Pilgrim in einer von ihnen unterzustellen.

»Aber nur für eine Woche«, sagte er und drohte ihr mit dem Finger.

»Zwei«, sagte Annie.

Er sah Liz an und verzog grinsend das Gesicht.

»Eine Freundin von dir? Also gut, zwei. Aber das ist das absolute Maximum. Bis sie etwas anderes gefunden hat.«

»Harry, du bist ein Schatz«, sagte Liz.

Er hob die Hände hoch.

»Ich bin ein Idiot. Dieses Pferd. Es beißt mich, tritt mich, schleift mich durch einen eiskalten Fluß, und was tu ich? Ich lad es in mein Haus ein.«

»Danke, Harry«, sagte Annie.

Zu dritt fuhren sie am nächsten Morgen zum Gestüt. Die Jungen waren nicht zu sehen, und Joan Dyer ließ sich nur kurz hinter einem Fenster im oberen Stock ihres Hauses blicken.

Nach zwei Stunden harter Arbeit, mehreren blauen Flecken und der dreifachen Dosis Beruhigungsmittel, die Harry für ratsam gehalten hatte, fuhren sie mit Pilgrim im Hänger zurück zur Klinik.

Einen Tag nach Tom Bookers Besuch in New York versuchte Annie, ihn in Montana anzurufen. Die Frau am Telefon — Bookers Frau vermutlich erklärte Annie, daß er erst am nächsten Abend zurückerwartet wurde. Die Frau klang nicht besonders freundlich, und Annie nahm an, daß sie wußte, was vorgefallen war. Die Frau sagte, daß sie Tom von ihrem Anruf berichten würde. Annie wartete zwei lange Tage, aber er meldete sich nicht. Am zweiten Abend, als Robert im Bett lag und las und Grace bereits schlief, rief sie nochmals an. Wieder war die Frau am Apparat. »Er ißt gerade zu Abend«, sagte sie.

Annie hörte eine Männerstimme fragen, wer dran sei, und das kratzende Geräusch, als sich eine Hand über die Sprechmuschel legte. Trotzdem konnte sie die Frau sagen hören:

»Es ist wieder diese Engländerin.« Dann folgte eine längere Pause. Annie merkte, wie sie den Atem anhielt und versuchte, sich zu beruhigen.

»Mrs. Graves? Hier ist Tom Booker.«

»Mr. Booker. Ich möchte mich für den Vorfall im Gestüt entschuldigen.« Am anderen Ende blieb es still, und so fuhr sie fort: »Ich hätte wissen müssen, was da vor sich geht, aber ich glaube, ich habe einfach die Augen davor verschlossen.«

»Ich kann Sie verstehen.« Sie nahm an, daß er weiterreden würde, aber er schwieg.

»Jedenfalls haben wir Pilgrim woanders hingebracht, an einen besseren Ort, und ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht …« Sie begriff, wie vergeblich, wie dumm ihre Bitte war, noch ehe sie sie ausgesprochen hatte.

»Ob Sie in Erwägung ziehen würden, noch einmal herzukommen und ihn sich anzuschauen.«

»Es tut mir leid. Ich kann das nicht machen. Selbst wenn ich die Zeit hätte, weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob es sinnvoll wäre.«

»Könnten Sie nicht ein oder zwei Tage opfern? Mir ist egal, was es kosten wird.« Sie hörte ihn leise lachen und bedauerte ihre letzte Bemerkung.

»Ma am, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich offen zu Ihnen bin, aber eines müssen Sie verstehen: Tiere können nur ein gewisses Maß an Leid ertragen. Und ich glaube, dieses Pferd hat inzwischen allzu lange im Dunkeln gelebt.«

»Ich soll ihn also einschläfern lassen? Ist es das, was Sie mir raten? So wie alle anderen?« Sie schwieg. »Wenn es Ihr Pferd wäre, Mr. Booker, würden Sie es einschläfern lassen?«

»Nun, Ma’am. Es ist nicht mein Pferd, und ich bin froh, daß es nicht meine Entscheidung ist. Aber wenn ich in Ihren Schuhen stecken würde, ja, dann würde ich das machen.«

Sie versuchte noch einmal, ihn umzustimmen, aber sie spürte, daß es keinen Sinn hatte. Er war höflich, ruhig und absolut nicht zu erweichen. Sie dankte ihm und legte auf, dann ging sie über den Flur ins Wohnzimmer.

Kein Licht brannte, und das Piano schimmerte schwach in der Dunkelheit. Sie ging langsam hinüber ans Fenster und starrte lange Zeit hinaus über die Baumwipfel und den Park zu den hoch aufragenden Wohnhäusern an der Ostseite. Der Anblick glich einem Bühnenbild, zehntausend winzige Fenster, steck nadelkopfgroße Lichtflecken, vor einem künstlichen Nachthimmel. Es war kaum zu glauben, daß sich hinter jedem Fenster ein anderes Leben abspielte mit seinen ureigenen Schmerzen und seinem jeweiligen Schicksal.

Robert war eingeschlafen. Sie nahm ihm das Buch aus den Hän den, knipste die Bettlampe aus und zog sich im Dunkeln aus. Lange lag sie neben ihm wach, lauschte auf seinen Atem und beobachtete die apfelsinenfarbenen Konturen, die das unter der Jalousie hervorquellende Licht der Straßenlampen an die Decke warf. Sie wußte bereits, was sie tun würde. Aber sie würde weder Robert noch Grace davon erzählen, bevor sie nicht alles vorbereitet hatte.

12

Sein Talent, junge und rücksichtslose Neulinge für sein mächtiges Imperium zu rekrutieren, hatte Crawford Gates unter vielen weit weniger schmeichelhaften Namen auch den Titel des »Herrn, der mit tausend Arschlöchern zu Mittag aß« eingebracht, weshalb es für Annie stets mit gemischten Gefühlen verbunden war, mit ihm in der Öffentlichkeit gesehen zu werden.

Er saß ihr gegenüber und aß seinen gegrillten Schwertfisch mit äußerster Präzision, ohne jedoch seinen Blick von ihr abzuwenden. Während sie auf ihn einredete, beobachtete Annie fasziniert, wie seine Gabel unfehlbar und wie von einem Magnet angezogen den nächsten Bissen fand und auf ihn nieder stieß. Vor fast einem Jahr hatte Crawford sie in dasselbe Restaurant eingeladen, um ihr die Chefredaktion anzubieten.

Sie wußte, daß ein Monat viel verlangt war, aber sie meinte, ihn sich verdient zu haben. Bis zum Unfall hatte sie kaum jemals frei genommen, und selbst danach waren es nicht gerade viele Tage gewesen.

»Ich bin über Telefon, Fax, Modem zu erreichen«, sagte sie. »Sie werden kaum spüren, daß ich nicht da bin.«

Sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Seit fünfzehn Minuten redete sie nun auf ihn ein und war in die völlig falsche Tonlage gerutscht. Es klang, als würde sie ihn um etwas bitten, dabei sollte sie aus einer Position der Stärke heraus reden, ihm direkt und unverblümt sagen, was sie vorhatte. Nichts in seinem Benehmen deutete an, daß er ihren Entschluß mißbilligte. Er hörte ihr einfach zu, während dieser verdammte Schwertfisch wie von selbst zu seinem Mund fand. Wenn sie nervös war, hatte sie diese dämliche Angewohnheit, zwanghaft die Pausen im Gespräch zu füllen. Also entschloß sie sich zu schweigen und auf eine Reaktion zu warten. Crawford Gates kaute, nickte und nippte langsam an seinem Perrier.

»Wollen Sie Robert und Grace auch mitnehmen?«

»Nur Grace. Robert hat zu viel zu tun. Und Grace muß einfach mal raus. Seit sie wieder zur Schule geht, läßt sie den Kopf etwas hängen. Eine Abwechslung würde ihr guttun.«

Sie sagte ihm allerdings nicht, daß bisher weder Grace noch Robert auch nur die geringste Ahnung von ihren Plänen hatten. Ihnen zu erzählen, was sie vorhatte, war fast das einzige, das ihr noch zu tun übrig blieb. Alles andere war, dank ihrem Assistenten Anthony, erledigt.

Sie hatte sich ein Haus in Choteau gemietet, der ersten Stadt von nennenswerter Größe, die in der Nähe von Tom Bookers Ranch lag. Annie hatte keine allzu große Auswahl gehabt, aber das Haus war möbliert und, den Unterlagen des Maklers nach zu urteilen, groß genug. Außerdem hatte sie in der Nähe eine Physiotherapeutin für Grace ausfindig gemacht sowie ein Gestüt, das bereit war, Pilgrim aufzunehmen, ob wohl Annie den Zustand des Pferdes nicht gerade offen und ehrlich beschrieben hatte. Am schwierigsten würde die Fahrt mit dem Hänger durch die sieben Bundesstaaten werden. Aber Liz Hammond und Harry Logan hatten einige Anrufe für sie gemacht und entlang der Strecke eine Reihe von Übernachtungsmöglichkeiten arrangiert.

Crawford Gates tupfte sich die Lippen ab.

»Annie, meine Liebe, ich habe es schon einmal gesagt und sage es jetzt wieder. Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt. Kinder sind kostbare, gottgegebene Geschöpfe, und wenn etwas schiefgeht, müssen wir ihnen einfach zur Seite stehen und tun, was für sie das Beste ist.«

Aus dem Munde eines Mannes, der vier Ehefrauen und doppelt so viele Kinder verlassen hatte, klang das für Annie etwas dick aufgetragen. Er hörte sich an wie Ronald Reagan am Ende eines schlechten Tages, und der salbungsvolle Hollywoodton bewirkte nur, daß sie sich noch mehr über ihren eigenen, elenden Auftritt ärgerte. Wahrscheinlich würde der alte Widerling morgen schon mit ihrem Nachfolger am selben Tisch zu Mittag essen. Halb hatte sie darauf gehofft, daß er gleich damit herausrücken und sie feuern würde.

Als sie in seinem absurd langen, schwarzen Cadillac zurück zum Büro rollten, beschloß Annie, Robert und Grace heute abend alles zu erzählen. Grace würde sie anschreien und Robert sie für verrückt erklären, aber schließlich würden sie nachgeben, so wie sie es letztlich immer taten.

Die einzige Person, die sie noch informieren mußte, war der Mensch, von dem alles abhing: Tom Booker. So mancher hätte es bestimmt seltsam gefunden, dachte sie, daß ihr diese Tatsache am wenigstens Sorge bereitete. Aber als Journalistin hatte Annie mit dieser Methode schon oft Erfolg gehabt.

Einmal war sie fünftausend Meilen weit zu einer Insel im Pazifik gereist, um vor der Tür eines berühmten Schriftstellers aufzukreuzen, der keine Interviews gab. Es endete da mit, daß sie zwei Wochen bei ihm wohnte, und der Artikel, den sie darüber schrieb, gewann mehrere Preise und wurde in die ganze Welt verkauft.

Wenn eine Frau — und das war in ihren Augen eine simple und unerschütterliche Lebenswahrheit — epische Entfernungen zu rücklegte, um sich der Gnade eines Mannes auszuliefern, dann würde dieser Mann sie nicht abweisen, ihm blieb gar keine