/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Schatten über den Weiden

Nora Roberts


Schatten über den Weiden

Nora Roberts

1995

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Atemberaubende Spannung, faszinierende Schauplätze und einfühlsam gezeichnete Charaktere, das ist das Erfolgsgeheimnis der amerikanischen Bestsellerautorin Nora Roberts. Schatten über den Weiden ist die spannende Geschichte um Liebe und Haß, Habsucht und tödliche Intrigen vor der idyllischen Kulisse der weiten Landschaft Virginias. Im Mittelpunkt steht die sechsundzwanzigjährige Kelsey Byden, die mit der Trennung von ihrem Mann einen Strich unter ihr bisheriges Leben zieht. Als sie der Brief ihrer totgesagten Mutter erreicht, gerät auch der Rest ihres Welt- und Lebensbildes ins Wanken. Kelsey, die auf der Suche nach neuen Impulsen für ihr Leben ist, beschließt, sofort zu ihrer Mutter nach Virginia zu reisen. Diese widmet sich seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis auf ihrem Gestüt wieder der Zucht von Rennpferden. Schon nach kurzer Zeit spürt Kelsey, daß auch sie dort ihre Wurzeln hat - mehr als in der gutsituierten, bürgerlichen Familie ihres Vaters. Sie entdeckt ihre Begeisterung für Pferde und Rennen, ihre Liebe zur Landschaft Virginias - und schließlich ihre Zuneigung zu Gabe Slater, dem Spieler, der das Nachbargestüt mit Gewinnen aus dem Jackpot erworben hat. Kelsey, die sich auf dem Gestüt mehr und mehr zu Hause fühlt, beginnt in der Vergangenheit zu graben, vor allem in den Geschehnissen um den mysteriösen Mord, der ihrer Mutter zur Last gelegt wurde. Zu ihrem Erschrecken muß sie feststellen, daß sich die Ereignisse von damals zu wiederholen scheinen …

Inhaltsverzeichnis

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Für Phyllis Grann und Leslie Gelbman

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Als Kelsey den Brief aus ihrem Briefkasten nahm, konnte sie nicht ahnen, daß er von einer Toten stammte. Das cremefarbene Briefpapier, die ordentlich von Hand geschriebene Adresse und der Poststempel des Staates Virginia erschienen ihr so alltäglich, daß die den Brief einfach mitsamt der restlichen Post auf den alten Teetisch unter ihrem Wohnzimmerfenster legte, während sie aus ihren Schuhen schlüpfte

Dann ging sie in die Küche und schenkte sich ein Glas Wein ein. Das wollte sie in aller Ruhe genießen, ehe sie ihre Post öffnete. Nicht daß sie den Drink gebraucht hätte, um sich für das Lesen der Post in dem schmalen Umschlag, die Reklamesendungen, die Rechnungen oder die bunte Postkarte, die ihr eine Freundin von einer Urlaubsreise in die Karibik geschickt hatte, zu wappnen.

Das kleine Päckchen, das den Absender ihres Rechtsanwaltes trug, hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Es konnte nur ihre Scheidungsunterlagen enthalten; die offizielle Urkunde, die Kelsey Monroe wieder in Kelsey Byden, eine verheiratete Frau, in eine alleinstehende, geschiedene Frau verwandelte.

Sie wußte, daß es töricht war, so zu denken. Schließlich war sie die letzten zwei Jahre mit Wade nur auf dem Papier verheiratet gewesen, fast ebensolange wie ihre Ehe gedauert hatte.

Doch das Dokument besiegelte das Scheitern ihrer Verbindung mit einer lähmenden Endgültigkeit; viel mehr, als dies die tränenreichen Auseinandersetzungen, die Trennung, die Anwaltsgebühren und die juristischen Formalitäten vermocht hatten.

Bis daß der Tod uns scheidet, dachte sie erbittert und nippte an ihrem Wein. Was für ein Unsinn! Wenn dem so wäre, hätte sie im Alter von sechsundzwanzig Jahren dahinscheiden müssen. Statt dessen war sie ausgesprochen lebendig und munter, bei guter Gesundheit und für den Markt der Singles wieder verfügbar.

Allein der Gedanke ließ sie schaudern.

Vermutlich war Wade ausgegangen und feierte zusammen mit seiner hübschen, stets nach der neuesten Mode gekleideten Kollegin Lari aus der Werbeagentur das Ende seiner Ehe. Mit derselben Kollegin, mit der er eine Affäre gehabt hatte; eine Affäre, die, wie er seiner überraschten und vor Wut kochenden Frau erklärte, nichts mit ihr oder ihrer Ehe zu tun hatte.

Seltsamerweise hatte Kelsey die Dinge anders gesehen. Zwar dachte sie weder selbst das Zeitliche zu segnen noch Wade ins Jenseits zu befördern, um eine Trennung zu ermöglichen, doch hatte sie ihr Ehegelübde sehr ernstgenommen. Und Treue stand dabei an erster Stelle.

Nein, nach Kelseys Meinung hatte die lebhafte, zierliche Lari mit dem aerobicgestylten Körper und dem süßen Lächeln sogar ziemlich viel mit ihr zu tun.

Eine zweite Chance hatte es für Wade nicht gegeben. Sein Ausrutscher, wie er es zu formulieren beliebte, sollte sich nicht wiederholen. Kelsey war auf der Stelle aus dem schönen Stadthaus in Georgetown ausgezogen und hatte alles, was sie im Laufe ihrer Ehe zusammen angeschafft hatten, zurückgelassen.

Zwar empfand sie es als demütigend, in das Haus ihres Vaters und ihrer Stiefmutter zurückkehren zu müssen, doch auch ihrem Stolz waren Grenzen gesetzt. Genau wie ihrer Liebe. Und diese Liebe war in dem Moment erloschen, in dem sie Wade und Lari in einer Hotelsuite in Atlanta überrascht hatte.

Eine nette Überraschung, dachte Kelsey höhnisch. Nun, alle drei Beteiligten waren unangenehm berührt gewesen, als sie mit einer Reisetasche und der lächerlich romantischen Vorstellung, das Wochenende mit Wade zu verbringen und ihm so seine Geschäftsreise zu versüßen, in die Suite hereingeschneit war.

Vielleicht war sie ja wirklich streng, unnachgiebig und hartherzig — alles Eigenschaften, derer Wade sie beschuldigt hatte, als sie sich weigerte, die Scheidungsklage zurückzuziehen. Aber dennoch war sie im Recht gewesen, wie Kelsey sich selbst bestärkte.

Sie leerte ihr Glas und ging in das makellos aufgeräumte Wohnzimmer zurück. Nicht ein einziger Stuhl, nicht eine einzige Kerze in dem sonnendurchfluteten Raum stammte aus dem Haus in Georgetown. Eine klare, saubere Trennung. Das hatte sie gewollt, und das hatte sie auch bekommen. Die kühlen Farben hatte sie gewählt, und die Kunstdrucke, von denen sie nun umgeben war, gehörten ausschließlich ihr allein.

Um Zeit zu gewinnen, schaltete sie die Stereoanlage ein und legte eine CD auf. Beethovens Pathétique erfüllte den Raum. Ihr Vater hatte ihre Liebe zur klassischen Musik geweckt; eine ihrer zahlreichen gemeinsamen Interessen. Gemeinsam war ihnen beiden vor allem ein unstillbarer Wissensdurst, und Kelsey wußte, daß sie auf dem besten Wege gewesen war, zur ewigen Studentin zu werden, bis sie ihre erste feste Stelle bei Monroe Associates angetreten hatte.

Sogar während dieser Zeit konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, eine Vielzahl von Kursen, angefangen bei Anthropologie bis hin zur Zoologie, zu belegen. Wade hatte sie ausgelacht, offenbar fasziniert und belustigt zugleich über ihre ruhelose Sprunghaftigkeit, die sie von Kurs zu Kurs, von Job zu Job trieb.

Nach der Hochzeit hatte sie bei Monroe gekündigt. Ihr Treuhandvermögen und Wades Einkommen machten einen festen Job überflüssig. Lieber widmete sie sich voll und ganz dem Umbau und der Renovierung ihres neu erworbenen Hauses. Sie hatte Farbe abgekratzt, Fußböden poliert, in staubigen Antiquitätenläden herumgestöbert, um das passende Möbelstück für eine bestimmte Stelle zu finden — und jede Stunde genossen. Den kleinen Hof in einen typischen englischen Garten zu verwandeln bereitete ihr das reinste Vergnügen. Binnen eines Jahres hatte sie das Haus in ein Schmuckstück verwandelt; Zeugnis ihres Geschmacks, ihrer Anstrengungen und ihrer Geduld.

Nun war es nichts weiter als ein Vermögenswert, der zwischen ihr und Wade aufgeteilt werden mußte.

Kelsey ging zurück an die Universität, jenen akademischen Hafen, wo es ihr möglich war, den Alltag für einige Stunden zu vergessen. Nun arbeitete sie dank ihrer kunstgeschichtlichen Kenntnisse halbtags in der National Gallery.

Dabei hatte sie es nicht nötig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Treuhandfonds ihres Großvaters väterlicherseits ermöglichte ihr ein sorgenfreies Leben, so daß es ihr freistand, ihren ständig wechselnden Interessen nachzugehen.

Jetzt war sie also eine unabhängige Frau. Jung, dachte Kelsey, und, mit einem Blick auf den Stapel Post, alleinstehend, mit vielfältigen Kenntnissen, aber ohne fundierte Ausbildung. Wofür sie ihrer Meinung nach die besten Voraussetzungen mitbrachte, nämlich für eine gute Ehe, hatte sich als völliger Fehlschlag erwiesen.

Kelsey atmete vernehmlich aus, ging langsam zu dem Tischchen und tippte mit den Fingerspitzen auf das amtlich aussehende Päckchen. Sie hatte lange, schlanke Finger; Finger, die Klavier spielen und zeichnen konnten. Finger, die gelernt hatten, eine Schreibmaschine zu bedienen, köstliche Mahlzeiten zuzubereiten und einen Computer zu programmieren, und an einem dieser Finger hatte einst ein Ehering gefunkelt.

Kelsey überging den dicken Umschlag und ignorierte die kleine Stimme in ihrem Kopf, die ihr das Wort Feigling zuzischelte. Statt dessen griff sie nach einem Brief, dessen Umschlag eine ihrer eigenen verblüffend ähnliche Handschrift trug, kühn geschwungen und gut leserlich. Ohne übergroße Neugier riß sie ihn auf.

Liebe Kelsey, du bist bestimmt überrascht, von mir zu hören.

Als sie weiterlas, verwandelte sich ihr flüchtiges Interesse in Schrecken, der Schrecken in Ungläubigkeit und die Ungläubigkeit in eine Empfindung, die Angst am nächsten kam.

Sie hielt die Einladung von einer Toten in der Hand. Und diese Tote war ihre Mutter.

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Solange Kelsey zurückdenken konnte, hatte sie sich in Krisenzeiten stets an ihren Vater gewandt. Die Liebe und das Vertrauen, das die ihm entgegenbrachte, waren das einzig Beständige an ihrer sonst so unbeständigen Natur. Er war immer für sie da, weniger als ein rettender Hafen im Sturm, sondern eher als jemand, bei dem sie Halt fand, bis der Sturm abebbte.

Ihre frühesten Kindheitserinnerungen galten ihm, seinem angenehmen, ernsten Gesicht, seinen sanften Händen, seiner ruhigen, geduldigen Stimme. Er hatte Schleifen in ihr langes, glattes Haar geflochten oder die hellblonden Strähnen ausgekämmt, während Musik von Bach oder Mozart aus der Stereoanlage klang. Er war es gewesen, der Pflaster auf ihre aufgeschürften Knie klebte, der ihr Lesen und Fahrradfahren beibrachte, der ihre Tränen trocknete.

Kelsey betete ihren Vater an und war ungeheuer stolz auf ihn, als er zum Dekan der Englischen Fakultät der Georgetown University ernannt wurde.

Als er wieder heiratete, verspürte sie keinerlei Eifersucht. Damals war sie achtzehn und froh, daß er jemanden gefunden hatte, den er liebte und mit dem er sein Leben teilen wollte. So räumte sie Candace einen Platz in ihrem Heim und ihrem Herzen ein, heimlich stolz auf ihre Reife und ihr Verständnis. Wer hätte schon so ohne weiteres eine Stiefmutter und einen Stiefbruder im Teenageralter akzeptiert?

Wahrscheinlich hatte sie tief in ihrem Inneren immer gewußt, daß nichts und niemand das Band zwischen ihr und ihrem Vater zerreißen konnte.

Nichts und niemand, dachte sie nun, außer ihrer Mutter, die sie für tot gehalten hatte.

Sie kämpfte sich durch den dichten Berufsverkehr zu dem palastähnlichen Landsitz in Potomac, Maryland. In ihr stritt der Schock über den Betrug ihres Vaters mit einer kalten, nagenden Wut. Sie war ohne Mantel aus ihrem Apartment gestürzt und hatte nicht einmal die Heizung in ihrem Spitfire aufgedreht, doch sie spürte die Kälte des Februarabends kaum. Die innere Erregung hatte ihr Farbe ins Gesicht getrieben und ihre porzellanbleichen Wangen rosig überhaucht.

Kelsey trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad, während sie an einer Ampel wartete und ihre ganze Willenskraft darauf konzentrierte, das rote Licht zum Umspringen zu bewegen. Ihre von Natur aus vollen Lippen waren schmal und weiß vor Zorn.

Es brachte nichts, sich mit quälenden Gedanken zu zermürben. Besser, sie dachte gar nicht daran, daß ihre totgeglaubte Mutter am Leben war und nur eine knappe Stunde von ihr entfernt in Virginia lebte. Wenn sie jetzt darüber nachgrübelte, müßte sie wahrscheinlich laut schreien.

Aber als sie die von majestätischen Bäumen gesäumte Straße, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, entlangfuhr und in die Einfahrt des dreistöckigen, im Kolonialstil erbauten Hauses, in dem sie aufgewachsen war, einbog, zitterten ihre Hände.

Das Haus strahlte die Ruhe und den Frieden einer Kirche aus, die Fenster blinkten, die Fassade leuchtete in makellosem Weiß. Kleine, gekräuselte Rauchwolken, die von einem abendlichen Kaminfeuer zeugten, stiegen aus dem Schornstein empor, und die ersten Krokusse kamen zaghaft neben der alten Ulme in vorderen Hof aus dem Boden hervor.

Ein perfektes Haus, inmitten einer perfekten Nachbarschaft, hatte sie stets gedacht. Eine Oase des guten Geschmacks, geschützt und unantastbar, nur wenige Autominuten von Washington, D.C., mit seinem reichhaltigen Angebot an Kultur und Zerstreuungsmöglichkeiten, entfernt. Und mit dem sorgfältig gepflegten Image respektablen Wohlstands.

Kelsey sprang aus dem Wagen, lief zur Vordertür und stieß sie auf. In diesem Haus brauchte sie nicht vorher zu läuten. Als sie durch die in Weiß gehaltene Halle stürmte, kam Candace aus einem Zimmer.

Wie üblich war sie untadelig gekleidet. In ihrem konservativen blauen Wollkleid bot sie das perfekte Bild einer Akademikergattin. Das hellbraune Haar trug sie aus der Stirn gekämmt, und in den Ohrläppchen schimmerten schlichte Perlenohrringe.

≫Kelsey, war für eine nette Überraschung! Ich hoffe, du bleibst zum Essen. Wir erwarten Gäste, einige Kollegen von der Universität, und ich kann immer Hilfe …≪

≫Wo ist er?≪ unterbrach Kelsey sie schroff.

Verblüfft über den barschen Tonfall zuckte Candace zusammen. Kelsey hatte offenbar wieder eine ihrer Launen. In einer Stunde würde sie das Haus voller Gäste haben, und das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war einer der berüchtigten Wutausbrüche ihrer Stieftochter. Unwillkürlich wich sie ein Stück zurück.

≫Stimmt etwas nicht?≪

≫Wo ist Dad?≪

≫Du bist ja ganz außer dir. Wieder Probleme mit Wade?≪ Candace winkte ab. ≫Eine Scheidung ist zwar unerfreulich, Kelsey, aber noch lange kein Weltuntergang. Komm setz dich erst mal.≪

≫Ich will mich nicht setzen, Candace. Ich will mit meinem Vater reden.≪ Ihre Hände verkrampften sich. ≫Also sagst du mir jetzt, wo er ist, oder muß ich ihn suchen?≪

≫Hi, Schwesterchen!≪ Channing schlenderte die Treppe herunter. Sein Äußeres war ebenso wie das seiner Mutter, doch seine Abenteuerlust hatte er nach Meinung seiner Mutter nicht von ihr. Obwohl er bereits vierzehn war, als Candace Philip Byden heiratete, hatten seine Gutmütigkeit und sein Sinn für Humor die Situation sehr erleichtert. ≫Was ist los?≪ fragte er.

Kelsey zwang sich, tief durchzuatmen, um nicht loszubrüllen. ≫Wo ist Dad, Channing?≪

≫Der Prof. hat sich mit dem Vortrag, an dem er gerade feilt, in seinem Arbeitszimmer vergraben.≪

Channing hob die Augenbrauen. Auch ihm entgingen die Anzeichen aufkeimender Wut nicht — die blitzenden Augen, die glühenden Wangen seiner Stiefschwester. Manchmal versuchte er in solchen Fällen die Wogen zu glätten, manchmal goß er sogar noch Öl ins Feuer.

≫Hey, Kel, du willst doch wohl nicht den ganzen Abend bei diesen Bücherwürmern rumhängen, oder? Wie wär’s, wenn wir einen Zug durch ein paar Kneipen machen würden?≪

Kelsey schüttelte nur den Kopf und marschierte durch die Halle auf das Arbeitszimmer ihres Vaters zu.

≫Kelsey!≪ rief Candace scharf und verärgert. ≫Mußt du deine schlechte Laune so deutlich zeigen?≪

O ja, dachte Kelsey, als sie die Tür zum Heiligtum ihres Vaters aufriß. Und ob!

Ohne einen Ton zu sagen schlug sie die Tür hinter sich zu. In ihrem Inneren brodelte es, böse, bittere Worte der Anklage würgten ihre Kehle. Philip saß an seinem geliebten Eichenholzschreibtisch, hinter aufgestapelten Büchern und Akten nahezu verborgen, und hielt einen Stift in seiner knochigen Hand. Von jeher vertrat er die Ansicht, daß man nur dann etwas Sinnvolles produzieren konnte, wenn man den Bezug zum Handschriftlichen nicht verlor, und er weigerte sich daher beharrlich, einen Computer zu benutzen.

Seine Augen hinter der silbergerahmten Brille zeigten jenen eulenhaften Ausdruck, den sie immer annahmen, wenn er der Welt vollkommen entrückt war. Das Licht der Schreibtischlampe glänzte auf seinem kurzgeschnittenen silbergrauen Haar.

≫Da ist ja mein Mädchen. Du kommst rechtzeitig, um den Entwurf meiner Abhandlung über Yeats Korrektur zu lesen. Ich fürchte, er ist ein wenig weitschweifig ausgefallen.≪

Wie normal, wie alltäglich er wirkt, dachte Kelsey. Als ob nichts wäre, so saß er da, umgeben von seinen Werken der Dichtkunst, in seinem Tweedjacket und der ordentlich gebundenen Krawatte.

Ihre Welt dagegen, deren Mittelpunkt er bildete, war in tausend Stücke zersprungen.

≫Sie ist am Leben≪, sprudelte es aus Kelsey hervor. ≫Sie ist am Leben, und du hast mich die ganze Zeitbelogen.≪

Er wurde sehr blaß und wandte den Blick von ihr ab. Doch für einen Augenblick, Bruchteile von Sekunden nur, hatte Kelsey Furcht und Entsetzen in seinen Augen gesehen.

≫Wovon redest du eigentlich, Kelsey?≪ sagte er, aber er wußte es bereits, wußte es nur zu gut, und er mußte all seine Selbstbeherrschung aufbieten, um den bitteren Tonfall aus seiner Stimme zu verbannen.

≫Lüg mich jetzt nicht an!≪ schrie sie und stürzte auf seinen Schreibtisch zu. ≫Lüg mich nicht an! Meine Mutter lebt, und du wußtest es! Du wußtest es die ganze Zeit, während du mir weisgemacht hast, sie sei tot.≪

Panik durchfuhr Philip. ≫Wer hat dich denn auf die Idee gebracht?≪

≫Sie selbst≪. Kelsey griff in die Tasche und zog den Brief heraus. ≫Meine Mutter. Wirst du mir jetzt die Wahrheit sagen?≪

≫Darf ich mal sehen?≪

Kelsey starrte ihn an mit einem Blick, der bis in sein Innerstes zu dringen schien. ≫Ist meine Mutter tot?≪

≫Nein. Darf ich den Brief mal sehen?≪

≫Mehr hast du dazu nicht zu sagen?≪ Die Tränen, die sie mühsam zurückgehalten hatte, drohten ihr jetzt in die Augen zu steigen. ≫Nichts weiter als nein? Nach all den Jahren, all den Lügen?≪

Nur eine einzige Lüge, dachte er, und bei weitem nicht genug Jahre. ≫Ich werde mein Möglichstes tun, um dir alles zu erklären, Kelsey. Aber laß mich zuerst den Brief lesen.≪

Wortlos reichte sie ihrem Vater den Brief, und da sie es nicht ertragen konnte, ihn zu beobachten, drehte sie sich um und sah durch das schmale Fenster, wie die hereinbrechende Nacht die Dämmerung vertrieb.

Philips Hand zitterte so stark, daß er den Brief auf den Schreibtisch legen mußte. Die Handschrift war unverkennbar. Furchteinflößend. Sorgfältig, Wort für Wort las er das Schreiben.

Liebe Kelsey,

Du bist bestimmt überrascht, von mir zu hören. Aber es schien mir unklug, oder zumindest unfair, schon früher Kontakt mit Dir aufzunehmen. Obwohl ein Anruf persönlicher gewesen wäre, wollte ich Dir Zeit geben. Ein Brief gibt Dir mehr Zeit, Dir über Deine Absichten klarzuwerden.

Als du noch sehr klein warst, hat man Dir erzählt, ich sei gestorben. In gewisser Hinsicht traf das zu, und ich erklärte mich einverstanden, um Dich zu schonen. Doch nun sind zwanzig Jahre vergangen, und Du bist kein Kind mehr. Ich denke, Du hast ein Recht zu erfahren, daß Deine Mutter am Leben ist. Vielleicht wird Dir diese Neuigkeit nicht gefallen. Wie dem auch sein, ich habe mich entschlossen, Kontakt mit Dir aufzunehmen, und ich bereue diese Entscheidung nicht.

Wenn Du mich sehen willst oder einfach nur Fragen hast, die der Klärung bedürfen, dann bist Du herzlich willkommen. Ich lebe auf der Three-Willows-Farm, etwas außerhalb von Bluemont, Virginia. Diese Einladung gilt unbegrenzt, und wenn Du Dich entschließen solltest, ihr zu folgen, würde ich mich freuen, Dich bei mir zu haben, so lange Du willst. Wenn ich nichts von Dir höre, entnehme ich daraus, daß Du keinen Kontakt mit mir wünschst. Ich hoffe aber, daß die Neugier, die Dich schon als Kind angetrieben hat, dazu bringt, mit mir zu sprechen.

Deine

Naomi Chadwick

Naomi. Philip schloß die Augen. Großer Gott, Naomi.

Beinahe dreiundzwanzig Jahre war es her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, doch er konnte sich mit schmerzhafter Deutlichkeit an sie erinnern. An das Parfüm, das sie benutzt hatte und das ihn immer an dunkles Moos und Gräser denken ließ, an ihr helles, ansteckendes Lachen, das seine Wirkung auf andere Menschen nie verfehlte, an ihr silbrigblondes Haar, das ihr wie ein Wasserfall den Rücken hinunterfloß, an die dunklen Augen und den schlanken Körper.

Die Erinnerung war so lebhaft, daß Philip meinte, sie leibhaftig vor sich zu sehen, als er die Augen wieder öffnete. Sein Magen zog sich zusammen, teils vor Furcht, teils vor lang unterdrücktem Verlangen.

Aber es war Kelsey, die hochaufgerichtet vor ihm stand und ihm den Rücken zukehrte.

Wie war es nur möglich, daß er Naomi vergessen hatte, fragte er sich, wo er doch nur ihre Tochter ansehen mußte, um ihr Ebenbild vor sich zu haben.

Philip erhob sich und schenkte sich aus einer Kristallkaraffe einen Whisky ein, der eigentlich nur für Besucher gedacht war. Er selbst rührte kaum etwas Stärkeres an als ein kleines Glas Brombeerwein. Doch jetzt brauchte er einen Whisky, um seine zitternden Hände zu beruhigen.

≫Was hast du nun vor?≪ wollte er von seiner Tochter wissen.

≫Ich habe mich noch nicht entschieden.≪ Sie wandte ihm weiterhin den Rücken zu. ≫Das hängt zum großen Teil davon ab, was du mir erzählst.≪

Philip wünschte, er könnte zu ihr gehen und sie in den Arm nehmen. Aber im Moment würde sie diese Geste nicht zulassen. Er wünschte, er könnte in seinen Stuhl sinken und das Gesicht in den Händen vergraben, doch das wäre nutzlos und zudem ein Zeichen von Schwäche.

Am meisten jedoch wünschte er, er könnte die Zeit um dreiundzwanzig Jahre zurückdrehen und etwas, irgend etwas tun, um den unaufhaltsamen Lauf des Schicksals, das jetzt sein Leben zerstörte, abzuwenden.

Doch auch das war unmöglich.

≫Es ist nicht einfach, Kelsey.≪

≫Lügengewebe sind meistens kompliziert.≪

Kelsey drehte sich um, und Philips Finger schlossen sich unwillkürlich fester um das Kristallglas. Sie sah Naomi so ähnlich mit ihrem nachlässig gebundenem hellen Haar, den dunklen Augen, der vor Erregung geröteten Haut ihres zarten Gesichts. Manche Frauen sahen dann am besten aus, wenn sie ihr Temperament kaum noch zügeln konnten.

Naomi hatte zu diesen Frauen gehört. Genau wie ihre Tochter.

≫In all den Jahren hast du mich angelogen, nicht wahr, Vater?≪ fuhr Kelsey fort. ≫Du hast gelogen, Großmutter hat gelogen, sie hat gelogen.≪ Sie deutete auf den Brief auf dem Schreibtisch. ≫Und wenn dieser Brief nicht gekommen wäre, dann hättest du mich auch weiterhin angelogen.≪

≫Das ist richtig. Solange ich es für das beste für dich gehalten hätte.≪

≫Das beste für mich? Wie könnte es das beste für mich sein, meine Mutter für tot zu halten? Wie kann überhaupt eine Lüge das beste für jemanden sein?≪

≫Du warst dir schon immer so sicher, was richtig und was falsch ist, Kelsey. Eine bemerkenswerte Eigenschaft.≪ Er hielt inne und trank einen Schluck. ≫Und eine sehr erschreckende. Schon als Kind hattest du fest umrissene Moralvorstellungen. Für gewöhnliche Sterbliche ist es schwierig, da mitzuhalten.≪

In Kelseys Augen loderte es. Das ähnelte stark dem, was ihr auch Wade immer vorgeworfen hatte. ≫Also ist es meine Schuld?≪

≫Nein, nein.≪ Er schloß die Augen und rieb sich geistesabwesend die Stirn. ≫Nichts davon ist deine Schuld, aber du warst der Anlaß für alles.≪

≫Philip!≪ Nach kurzem Klopfen öffnete Candace die Tür zum Arbeitszimmer. ≫Die Dorsets sind da.≪

Er zwang sich zu einem gequälten Lächeln: ≫Kümmere du dich um sie, Liebes. Ich habe noch etwas mit Kelsey zu besprechen.≪

Candace warf ihrer Stieftochter einen Blick zu, in dem sowohl Mißbilligung als auch Resignation lag. ≫Na gut, aber bitte nicht so lange. Um sieben Uhr ist das Essen fertig. Kelsey, soll ich noch ein Gedeck auflegen?≪

≫Nein, danke, Candace. Ich bleibe nicht.≪

≫Gut, aber halte bitte deinen Vater nicht so lange auf.≪ Sachte zog sie die Tür hinter sich zu.

Kelsey holte tief Atem und straffte sich. ≫Weiß sie Bescheid?≪

≫Ja. Ich mußte es ihr sagen, ehe wir heirateten.≪

≫Du mußtest es ihr sagen≪, wiederholte Kelsey, ≫mir aber nicht.≪

≫Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Keinem von uns ist sie leichtgefallen. Aber sowohl Naomi als auch deine Großmutter und ich wollten das Beste für dich. Du warst erst drei Jahre alt, Kelsey. Fast noch ein Baby.≪

≫Ich bin schon seit einiger Zeit erwachsen, Dad. Ich war inzwischen verheiratet und bin geschieden.≪

≫Du ahnst ja gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht.≪ Philip setzte sich wieder und drehte das Glas in seiner Hand. Er hatte gehofft, daß dieser Augenblick niemals kommen würde. Sein Leben verlief in ruhigen Bahnen, und er wollte sich nicht wieder einem Wechselbad der Gefühle aussetzen. Doch er erinnerte sich gut, daß Naomi nicht viel für ein geregeltes Leben übriggehabt hatte.

Genausowenig wie Kelsey. Und nun war die Stunde der Wahrheit gekommen.

≫Ich habe dir ja schon erzählt, daß deine Mutter zu meinen Studenten gehörte. Sie war jung, bildhübsch und sprühte vor Leben. Ich habe nie so richtig begriffen, was sie eigentlich an mir fand. Alles ging sehr schnell. Sechs Monate nachdem wir uns kennengelernt hatten, heirateten wir. Keiner von uns beiden konnte in dieser kurzen Zeit feststellen, wie grundverschieden wir waren. Wir lebten in Georgetown. Beide kamen wir, wie man so schön sagt, aus gutem Hause, aber in ihr brannte ein Freiheitsdrang, der mir fremd war. Eine Art ungebändigter Lebensgier, ein Hunger nach Menschen, Dingen, Orten. Und dann gab es da natürlich ihre Pferde.≪

Um die schmerzliche Erinnerung zu lindern, trank er einen weiteren Schluck. ≫Ich glaube, es waren in erster Linie die Pferde, die zwischen uns standen, uns entfremdeten. Nach deiner Geburt wollte sie um jeden Preis zurück auf die Farm in Virginia. Sie wollte, daß du dort aufwächst. Meine Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft lagen hier. Ich schrieb damals an meiner Doktorarbeit und hatte bereits den Dekansposten der Englischen Fakultät im Auge. So schlossen wir einen Kompromiß, und ich fuhr eine Zeitlang jedes freie Wochenende nach Virginia, doch das war zuwenig. Man könnte sagen, wir lebten uns auseinander.≪

Vorsichtig umschrieben, dachte er, und starrte in sein Glas, mit Sicherheit eine weniger schmerzhafte Formulierung. ≫Wir beschlossen, uns scheiden zu lassen. Sie wollte dich bei sich in Virginia haben. Ich aber fand, du gehörtest nach Georgetown, zu mir. Ich verstand weder die Leute, mit denen sie verkehrte, die Pferdenarren und die Jockeys, noch interessierten sie mich. Wir fochten einen erbitterten Kampf aus und schalteten schließlich Anwälte ein.≪

≫Ein Sorgerechtsprozeß?≪ Überrascht schaute Kelsey ihren Vater an. ≫Ihr habt um das Sorgerecht gestritten?≪

≫Eine häßliche Geschichte, viel schmutzige Wäsche wurde dabei gewaschen. Daß zwei Menschen, die sich einmal geliebt und ein Kind miteinander haben, zu Todfeinden werden können, spricht nicht gerade für den menschlichen Charakter.≪ Wieder schaute er hoch und blickte ihr schließlich voll ins Gesicht. ≫Nicht daß ich auf mein Handeln stolz bin, Kelsey, doch ich fühlte mit Bestimmtheit, daß du bei mir besser aufgehoben warst als bei ihr. Sie traf sich bereits mit anderen Männern, und man erzählte, daß einer von ihnen Verbindungen zum organisierten Verbrechen habe…Eine Frau wie Naomi zog Männer unwiderstehlich an. Es kam mir so vor, als ob sie mit ihren Galanen angeben wollte, mit den Partys, mit ihrer Lebensweise, um mich und den Rest der Welt herauszufordern. Man sollte ruhig schlecht von ihr denken, sie tat jedenfalls, was sie wollte.≪

≫Du hast also gewonnen≪, entgegnete Kelsey ruhig. ≫Du hast den Prozeß gewonnen, mich dazu, und dann hast du dich entschlossen, mir zu sagen, sie sei tot.≪ Wieder wandte sie sich ab und blickte in das dunkle Fenster, in dem sie den Geist ihrer selbst erkennen konnte. ≫In den siebziger Jahren haben sich noch mehr Menschen scheiden lassen. Kinder sind damit fertig geworden. Es gibt so etwas sie Besuchsrecht. Man hätte mir erlauben müssen, sie zu sehen.≪

≫Sie wollte das nicht. Ich ebensowenig.≪

≫Warum? Weil sie mit einem ihrer Kerle durchgegangen ist?≪

≫Nein.≪ Philip setzte vorsichtig sein Glas auf einem dünnen Silbertablett ab. ≫Weil sie einen von ihnen umgebracht hat, und weil sie wegen Mordes zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.≪

Ganz langsam drehte Kelsey sich um. ≫Mord? Du willst mir erzählen, daß meine Mutter eine Mörderin ist?≪

≫Ich hatte gehofft, daß ich das nie tun müßte.≪ Er stand auf, überzeugt, daß in der plötzlichen Stille das Knacken seiner Knochen zu hören war. ≫Du warst bei mir. Gott sei Dank warst du in der Nacht, in der es passierte, bei mir und nicht auf der Farm. Sie erschoß ihren Liebhaber, einen Mann namens Alec Bradley. In ihrem Schlafzimmer kam es zu einer Auseinandersetzung, da nahm sie eine Pistole aus ihrer Nachttischschublade und tötete ihn. Damals war sie sechsundzwanzig, so alt wie du jetzt. Sie wurde des Totschlags für schuldig befunden. Das letzte Mal sah ich sie im Gefängnis. Sie sagte, es sei ihr lieber, du würdest sie für tot halten, und wenn ich mich damit einverstanden erklärte, würde sie nie wieder Kontakt zu dir suchen. Bis heute hat sie ihr Wort gehalten.≪

≫Ich verstehe das alles nicht.≪ Kelsey wurde schwindlig, und sie preßte die Hände gegen die Augen.

≫Ich hätte dir das gern erspart.≪ Liebevoll faßte Philip ihre Handgelenke und drückte ihre Hände nach unten, damit er ihr ins Gesicht sehen konnte. ≫Wenn es falsch war, dich beschützen zu wollen, gut, dann war ich vielleicht im Unrecht, aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen. Ich liebte dich, Kelsey. Dafür kannst du mich doch nicht hassen.≪

≫Nein, ich hasse dich ja nicht.≪ Aus alter Gewohnheit lehnte sie den Kopf an seine Schulter und blieb so stehen, während sich die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen. ≫Ich muß nachdenken. Es erscheint mir alles so unwirklich. Ich kann mich noch nicht einmal an sie erinnern, Dad.≪

≫Du warst noch zu klein≪, murmelte er erleichtert. ≫Aber glaub mir, du siehst ihr unwahrscheinlich ähnlich. Es ist beinahe gespenstisch. Deine Mutter war eine lebenssprühende, faszinierende Frau, trotz all ihrer Fehler.≪

Wozu unter anderem ein Gewaltverbrechen gehörte, dachte Kelsey. ≫Ich habe noch so viele Fragen. Ich kann einfach keinen klaren Gedanken fassen.≪

≫Bleib doch über Nacht hier. Sobald ich mich loseisen kann, reden wir weiter.≪

Der Gedanke war verlockend, sich in die Geborgenheit ihres alten Zimmers zurückzuziehen und sich von ihrem Vater den Kummer und die Sorgen vertreiben zu lassen, so, wie er es von jeher getan hatte.

≫Nein, ich will nach Hause≪, sagte sie und wandte sich ab, um nicht doch noch schwach zu werden. ≫Ich muß eine Weile allein sein. Candace ist schon nicht gut auf mich zu sprechen, weil ich dich von euren Gästen fernhalte.≪

≫Sie wird das verstehen.≪

≫Natürlich. Du kümmerst dich jetzt besser um deine Gäste. Ich gehe lieber hinten raus, ich möchte keinem in die Arme laufen.≪

Die hitzige Röte ihrer Wangen war verblaßt, und ihr Gesicht wirkte jetzt bleich und abgespannt. ≫Kelsey, ich wünschte, du würdest hierbleiben≪, sagte ihr Vater.

≫Es geht mir gut, wirklich. Ich muß das alles nur erst verarbeiten. Wir reden später darüber. Schau du jetzt nach deinen Gästen.≪ Als Zeichen der Vergebung gab sie ihrem Vater einen Kuß. Als sie allein im Zimmer war, ging sie zum Schreibtisch und schaute nachdenklich auf den Brief, faltete ihn dann zusammen und steckte ihn wieder in ihre Tasche.

Welch ein Tag, dachte sie. Sie hatte einen Ehemann verloren und eine Mutter gewonnen.

2

Manchmal war es am besten, einem Impuls zu folgen. Nun, vielleicht nicht gerade am besten, korrigierte sich Kelsey, als sie die Route 7, die durch die Berge Virginias führte, westwärts fuhr — aber äußerst befriedigend.

Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, noch einmal mit ihrem Vater zu reden, alles noch einmal gründlich zu überdenken. Doch Kelsey hatte sich entschieden, einfach ins Auto zu steigen und zur Three-Willows-Farm zu fahren, um die Frau zur Rede zu stellen, die sich zwei Jahrzehnte lang totgestellt hatte.

Meine Mutter, dachte Kelsey, die Mörderin.

Um das häßliche Bild zu verscheuchen, drehte sie das Radio auf; Rachmaninoff erklang. Es war ein herrlicher Tag für eine Autofahrt, hatte sie sich immer wieder eingeredet, seit sie am Morgen eilig ihr einsames Apartment verlassen hatte. Und auch als sie die Karte studierte, um den schnellsten Weg nach Bluemont zu finden, hatte sie sich das Ziel ihrer Fahrt nicht eingestanden.

Niemand wußte, daß sie kam. Niemand wußte, wo sie hingefahren war.

Das war Freiheit! Sie trat das Gaspedal durch, genoß die Geschwindigkeit, den kühlen Windzug, der durch die Fenster wehte, und die kraftvolle Musik. Sie konnte tun, was sie wollte, mußte niemandem Rede und Antwort stehen. Jetzt war es an ihr, Fragen zu stellen.

Allerdings hatte sich sich entschieden sorgfältiger gekleidet, als es ein Ausflug aufs Land erforderte. Der pfirsichfarbene Seidenblazer mit dazu passender Hose schmeichelte ihrem Teint, und der schmale Schnitt unterstrich ihre schlanke Figur.

Schließlich wollte sie, wenn sie ihre Mutter traf, gut aussehen. Sie hatte ihr Haar zu einem komplizierten Zopf geflochten und mehr Zeit als sonst auf ihr Make-up verwandt.

All diese Vorbereitungen hatten ihr geholfen, sich etwas zu beruhigen. Doch je näher sie Bluemont kan, desto nervöser wurde sie.

Noch konnte sie ihre Meinung ändern, sagte sich Kelsey, als sie vor einem kleinen Laden anhielt. Nach dem Weg nach Three Willows zu fragen hieß noch lange nicht, daß sie auch dorthin fahren mußte. Wenn sie wollte, brauchte sie nur zu wenden, um nach Maryland zurückzukehren.

Oder sie konnte einfach weiterfahren, Virginia durchqueren und sich in westlicher Richtung halten. Oder vielleicht östlich, zur Küste. Sie mochte es, aus einer Laune heraus ins Auto zu springen und loszufahren, immer der Nase nach. So hatte sie einmal kurz entschlossen ein Wochenende in einer kleinen Pension an der Ostküste verbracht, nachdem sie Wade verlassen hatte.

Dort könnte sie wieder hinfahren, überlegte sie. Ein Anruf bei ihrem Arbeitgeber, ein Stopp an einem Einkaufszentrum, um sich ein paar Kleider zu besorgen, das genügte schon.

Schließlich lief sie ja vor nichts davon, sie brauchte einen Tapetenwechsel.

Aber warum kam es ihr dann so vor, als würde sie davonlaufen?

Der kleine Laden war mit Regalen, Milchkannen und Werkzeugen, die an der Wand hingen, derart vollgestopft, daß drei Kunden kaum Platz gehabt hätten. Hinter der Theke stand ein alter Mann, kahl wie eine Billardkugel, mit einer qualmenen Zigarette im Mundwinkel. Durch eine Rauchwolke schielte er zu Kelsey.

≫Können Sie mir sagen, wie ich zur Three-Willows-Farm komme?≪

Mit vom Rauch geröteten Augen musterte er sie einen Augenblick lang fragend: ≫Woll’n Sie zu Miß Naomi?≪

Kelsey schaute ihn mit einem Blick an, den ihre Großmutter immer angewandt hatte, wenn sie den Fragesteller in seine Schranken weisen wollte, und wiederholte: ≫Ich suche die Three-Willows-Farm. Sie muß hier in der Nähe liegen.≪

≫Allerdings.≪ Der Mann grinste sie an, wobei seine Zigarette im Mundwinkel kleben blieb, und sagte: ≫Sie fahren diese Straße ein Stück weiter, sagen wir mal, zwei Meilen. Da steht’n weißer Zaun, wo Sie links abbiegen müssen, auf die Chadwick Road. Dann fahr’n Sie noch mal fünf Meilen oder so, an Longshot vorbei. Könn’ Sie gar nicht verfehlen, hat so’n großes Eisentor, wo der Name draufsteht. An der nächsten Abzweigung steh’n zwei Steinpfosten mit sich aufbäumenden Pferden drauf. Das ist Three Willows.≪

≫Vielen Dank.≪

Er sog den Rauch tief ein und stieß ihn dann wieder aus. ≫Sie heißen nicht zufällig Chadwick, oder?≪

≫Zufällig nicht.≪ Kelsey verließ den Laden und ließ die Tür hinter sich zufallen. Sie spürte förmlich die Blicke des Alten in ihrem Rücken und war erleichtert, als sie wieder im Auto saß.

Verständlich, dachte sie. In einer kleinen Stadt wurden Fremde immer neugierig betrachtet. Trotzdem hatte ihr die Art, wie der Mann sie angestarrt hatte, nicht gefallen.

An dem weißen Zaun bog sie links ab und fuhr aus der Stadt heraus. Die Gegend wurde ländlicher, die Häuser standen weiter voneinander entfernt, und auf den Hügeln hatte sich bereits das erste Grün des Frühlings gegen den Winter behauptet. Pferde mit im Wind wehenden Mähnen grasten auf der Weide, Stuten mit dickem Winterfell knabberten genüßlich an den Halmen, während ihre Fohlen auf spindeldürren Beinen um sie herumtobten. Hier und da waren bereits Felder für die Frühsaat umgepflügt; braune Flecken inmitten der grünen Landschaft.

Bei Longshot verlangsamte sie ihre Fahrt. Longshot war keine Straße, wie sie vermutet hatte, sondern eine Farm. Der Name an dem geschwungenen Eisentor stach einem förmlich ins Auge. Dahinter führte ein langgezogener Schotterweg zu einem aus Zedernholz und Stein erbauten Haus, das mitten auf einem Hügel stand. Es war ein schönes Haus, das das Gebiet beherrschte, in dem es stand, und von den Terrassen mußte man einen atemberaubenden Blick über das Land haben.

Den Weg säumten Ulmen, die sicher älter waren als das Haus, das, geradezu anmaßend modern, seine Umgebung zu beherrschen schien.

Kelsey blieb eine Weile still im Auto sitzen. Nicht weil sie die reizvolle Architektur oder die schöne Landschaft bewundern wollte, sondern weil sie wußte, daß es kein Zurück mehr geben würde, wenn sie dieser Straße weiter folgte.

Longshot war also eine Art Grenzpunkt. Eine angemessene Bezeichnung, fand Kelsey, schloß die Augen und zwang sich zur Ruhe. Sie mußte sich vernünftig verhalten. Es würde kein Zusammentreffen geben, bei dem sie sich ihrer totgeglaubten Mutter weinend in die Arme warf.

Sie waren Fremde, die Zeit brauchten, um zu entscheiden, ob sich das ändern sollte. Nein, berichtigte Kelsey sich, sie würde diese Entscheidung treffen. Sie wollte keine Zuneigung, sie wollte noch nicht einmal Entschuldigungen hören. Sie war nur hier, um Antworten auf brennende Fragen zu bekommen.

Und die bekäme sie nicht, ermahnte sich Kelsey selbst, wenn sie nicht weiterfuhr.

Feigheit war noch nie eine ihrer Charaktereigenschaften gewesen, sagte sich Kelsey, als sie den Wagen startete. Dennoch waren ihre Hände eiskalt, als sie das Steuer umklammerte und den Wagen zwischen den steinernen Pfosten hindurch die Auffahrt entlang zum Haus ihrer Mutter lenkte.

Im Sommer schirmten die drei hohen Weiden, nach denen die Farm benannt worden war, das Haus ab. Jetzt zeigte sich ein erstes zaghaftes Grün, Bote des nahen Frühlings, auf den gebogenen Zweigen. Dahinter sah Kelsey weiße dorische Säulen, Dachträger einer großen Veranda, die sich vor dem dreistöckigen Gebäude im alten Plantagenstil befand. Sehr feminin, dachte Kelsey, fast einer Königin würdig und bezaubernd wie die Epoche, in deren Stil das Anwesen gebaut war.

In einigen Wochen würde der Garten in einem Farbenmeer explodieren. Kelsey sah das Bild vor sich, hörte das Summen der Bienen und das Zwitschern der Vögel und roch sogar fast den Duft von Flieder und Glyzinien.

Unwillkürlich richtete sie den Blick auf die Fenster des oberen Stockwerks. Welcher Raum ist es, fragte sie sich, in dem der Mord begangen worden war.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie den Motor abstellte. Ursprünglich hatte sie direkt zur Vordertür gehen und energisch anklopfen wollen, doch statt dessen ging sie langsam zu einer Seite des Hauses, von dem hohe Glastüren in einen gepflasterten Hof führten.

Von hier aus konnte sie einige Nebengebäude sehen; gepflegte Stallungen und eine Scheune, die beinahe so stattlich wie das Haus wirkte. In der Ferne, wo sich die Berge über das Land erhoben, erkannte sie grasende Pferde und das schwache Glitzern von Wasser in der Sonne.

Auf einmal schob sich eine andere Szene über dieses Bild. Bienen summten, Vögel sangen, die Sonne brannte, und der süße, intensive Duft von Rosen hing in der Luft. Jemand schwang sie lachend hoch und immer höher, bis sie den starken, sicheren Rücken eines Pferdes unter sich spürte.

Kelsey preßte eine Hand vor den Mund, um einen leisen Schreckenslaut zu unterdrücken. Sie erinnerte sich nicht an diesen Ort, konnte sich gar nicht daran erinnern. Ihre Fantasie ging mit ihr durch, das war alles. Fantasie gepaart mit Nervosität.

Dennoch hätte sie schwören können, ein Lachen gehört zu haben, ein wildes, freies Lachen.

Wärmesuchend schlang sie die Arme um ihren Körper und trat einen Schritt zurück. Sie sollte ihren Mantel anziehen, sagte sie sich. Sie mußte lediglich ihren Mantel aus dem Auto holen. Doch in diesem Moment kamen ein Mann und eine Frau um die Ecke, Arm in Arm.

Die beiden in Sonnenlicht getauchten Gestalten wirkten so überirdisch schön, daß Kelsey einen Augenblick lang meinte, sie seien gleichfalls ein Produkt ihrer Fantasie.

Der Mann war hochgewachsen und bewegte sich mit jener geschmeidigen Anmut, die manchen Männern eigen war. Sein dunkles windzerzaustes Haar kräuselte sich ungebärdig über dem Kragen eines ausgeblichenen Flanellhemdes. Seine dunkelblauen Augen in dem kantigen Gesicht weiteten sich kurz in einem Anflug leiser Überraschung.

≫Naomi≪, seine Stimme klang tief und leicht gedehnt, ≫du hast Besuch.≪

Die Beschreibungen ihres Vaters hatten sie in keiner Weise auf das vorbereitet, was sie nun sah. Ihr war, als blickte sie in einen Spiegel und sähe ihr gealtertes Ebenbild. Einen Augenblick lang glaubte sie, ohnmächtig zu werden.

Naomis Hand schloß sich fest um den Arm ihres Begleiters; eine automatische Reaktion, derer sie sich nicht bewußt war. ≫Ich dachte nicht, daß ich so schnell von dir hören würde, geschweige denn, daß ich dich leibhaftig vor mir sehen würde.≪ Die Jahre hatten sie gelehrt, wie nutzlos Tränen sein konnten, und so blieben ihre Augen trocken, als sie ihre Tochter ansah. ≫Wir wollten gerade Tee trinken. Laß uns hineingehen.≪

≫Ich komme später noch einmal wieder≪, sagte Naomis Begleiter, Gabriel Slater, doch Naomi klammerte sich an ihm fest, als sei er ihr Schutzschild.

≫Das ist nicht nötig.≪ Wie aus weiter Ferne hörte Kelsey ihre eigene Stimme, ≫ich kann nicht lange bleiben.≪

≫Dann komm wenigstens rein. Wir wollen deine Zeit nicht verschwenden.≪

Naomi führte sie durch die Terrassentüren in ein Wohnzimmer, das genauso hübsch und gepflegt war wie seine Bewohnerin. Ein kleines Feuer flackerte im Kamin, um die winterliche Kälte zu vertreiben.

≫Setz dich doch, mach’s dir gemütlich. Ich kümmere mich gleich um den Tee≪, sagte Namoi, warf Gabe einen raschen Blick zu und verließ schnell den Raum.

Der Mann hatte offenbar gelernt, schwierige Situationen zu beherrschen. Er setzte sich, zog eine Zigarre hervor und schenkte Kelsey ein charmantes Lächeln. ≫Naomi ist ein bißchen verwirrt.≪

Kelsey hob eine Braue. Die Frau war ihr eher kühl und gefaßt vorgekommen. ≫Ist sie das?≪

≫Nur zu verständlich, würde ich sagen. Sie haben ihr einen Schock versetzt. Ich selbst dachte, mich trifft der Schlag.≪ Er zündete sich die Zigarre an und fragte sich, ob sich Kelsey trotz der angespannten Nervosität, die er in ihren Augen las, hinsetzen würde. ≫Ich bin Gabe Slater, ein Nachbar. Und Sie sind Kelsey.≪

≫Woher wollen Sie das wissen?≪

Wie eine Königin, die mit einem Untertan spricht, dachte er. Ein Tonfall, der normalerweise jeden Mann reizen mußte, besonders einen wie Gabriel Slater. Doch er ließ es ihr durchgehen.

≫Ich weiß, daß Naomi eine Tochter namens Kelsey hat, die sie schon eine ganze Zeit lang nicht mehr gesehen hat. Und für ihre Zwillingsschwester sind Sie ein bißchen zu jung.≪ Er streckte die Beine in den Reitstiefeln aus und legte die Füße übereinander. Beide wußten, daß er langsam den Blick von ihr abwenden sollte. Und er wußte, daß er es nicht tun würde.

≫Sie könnten die Hoheitsvolle noch viel wirkungsvoller spielen, wenn sie sich setzen und ganz entspannen würden.≪

≫Ich stehe lieber.≪ Kelsey ging zum Feuer, in der Hoffnung, es würde sie ein wenig wärmen.

Gabe zuckte nur mit den Achseln und lehnte sich zurück. Schließlich ging ihn das Ganze nichts an. Es sei denn, sie würde Naomi verletzen. Aber im allgemeinen konnte sich Naomi ganz gut selbst helfen. Noch nie hatte er eine so tatkräftige, unverwüstliche Frau kennengelernt. Dennoch hatte er sie zu gern, um zuzulassen, daß irgend jemand, und sei es ihre eigene Tochter, ihr weh tat.

Auch interessierte es ihn wenig, daß Kelsey offenbar entschlossen war, seine Anwesenheit zu ignorieren. Lässig zog er an seiner Zigarre und genoß ihren Anblick. Die abweisende Haltung verdarb den angenehmen Gesamteindruck keinesfalls, er fand, daß sie sogar einen reizvollen Gegensatz zu den langen, schlanken Beinen und dem herrlichen Haar bildeten. Gabe fragte sich, wie leicht sie wohl aus dem Gleichgewicht zu bringen sei und ob sie lange genug bliebe, damit er sie auf die Probe stellen konnte.

≫Der Tee kommt gleich.≪ Etwas gelassener kam Naomi wieder ins Zimmer. Ihr Blick ruhte auf ihrer Tochter, und ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. ≫Das alles muß furchtbar unangenehm für dich sein, Kelsey.≪

≫Nicht jeden Tag steht die Mutter von den Toten auf. War es wirklich notwendig, mich in dem Glauben zu lassen, du seiest tot?≪

≫Damals schien es mir so. Ich befand mich in einer Situation, in der mein eigenes Überleben Vorrang hatte.≪ Naomi nahm Platz. In ihrem maßgeschneiderten, sandfarbenen Reitkostüm wirkte sie kühl und gefaßt. ≫Ich wollte nicht, daß du mich im Gefängnis besuchst. Außerdem hätte dein Vater das nie zugelassen. Also mußte ich mich damit abfinden, zehn oder fünfzehn Jahre von deinem Leben ausgeschlossen zu sein.≪

Ihr Lächeln wirkte plötzlich spröde. ≫Wie hätten denn die Eltern deiner Freunde reagiert, wenn du ihnen erzählt hättest, daß deine Mutter wegen Mordes im Gefängnis sitzt? Ich glaube nicht, daß du sehr beliebt gewesen wärst. Oder sehr glücklich.≪

Naomi hörte auf zu sprechen und blickte zur Tür, durch die eine Frau mittleren Alters in einer grauen Uniform mit weißer Schürze einen Teewagen hereinschob. ≫Da ist ja Gertie. Du erinnerst dich doch noch an Kelsey, Gertie?≪

≫Sicher, Ma’am.≪ Die Augen der Frau füllte sich mit Tränen. ≫Das letzte Mal waren Sie fast noch ein Baby. Sie bettelten immer um Plätzchen.≪

Kelsey schwieg. Was sollte sie der Fremden mit den feuchten Augen auch erwidern? Naomi legte eine Hand über die Gerties und drückte sie liebevoll. ≫Wenn Kelsey das nächste Mal kommt, mußt du welche backen. Danke, Gertie, ich schenke selbst ein.≪

≫Ja, Ma’am.≪ Schniefend wandte sich Gertie ab, doch dann drehte sie sich noch einmal um. ≫Sie sieht aus wie Sie, Miß Naomi. Ganz genauso.≪

≫Ja≪, bestätigte Naomi weich und blickte zu ihrer Tochter. ≫Das tut sie.≪

≫Ich erinnere mich nicht an sie.≪ Kelseys Stimme klang feindselig, als sie zwei Schritte auf ihre Mutter zutrat. ≫Und an dich auch nicht.≪

≫Damit habe ich auch nicht gerechnet. Möchtest du Zucker? Zitrone?≪

≫Soll das eine Filmszene werden?≪ fauchte Kelsey, ≫Mutter und Tochter versöhnen sich beim Tee. Erwartest du von mir, daß ich einfach hier sitze und mit dir Assamtee schlürfe?≪

≫Es ist Earl Grey, glaube ich. Und um die Wahrheit zu sagen, Kelsey, ich weiß nicht, was ich erwarte. Wut vermutlich. Du hast ein Recht, wütend zu sein. Anschuldigungen, Forderungen, Schuldzuweisungen.≪ Mit überraschend ruhigen Händen reichte Naomi Gabe eine Tasse. ≫Ehrlich gesagt, glaube ich, daß alles, was du sagst oder tust, gerechtfertigt ist.≪

≫Warum hast du mir geschrieben?≪

Um ihre Gedanken ordnen zu können, füllte Naomi eine weitere Tasse. ≫Das hatte viele Gründe, einige davon sind egoistisch, andere nicht. Ich hoffte, du wärst neugierig genug, mich sehen zu wollen, du warst schon als Kind neugierig, und außerdem wußte ich, daß du gerade eine schwierige Zeit durchmachst.≪

≫Wie kannst du irgend etwas über mein Leben wissen?≪

Naomis Blick war ebenso unergründlich wie der Rauch, der vom Kaminfeuer aufstieg. ≫Du hast mich für tot gehalten, Kelsey, ich dagegen wußte, daß du quicklebendig warst. Also habe ich dein Leben verfolgt. Das war mir sogar vom Gefängnis aus möglich.≪

In Kelsey stieg nackte Wut hoch, und sie mußte den Drang niederkämpfen, den Teewagen mit dem zarten Porzellan durch den Raum zu stoßen. Welche Wonne ihr das bereiten würde! Aber gleichzeitig würde sie sich zum Narren machen, und nur dieser Gedanke hielt sie davon ab, einen Tobsuchtsanfall zu bekommen.

Gabe nippte an seinem Tee und schaute zu, wie sie um Selbstbeherrschung rang. Reizbar, entschied er, leidenschaftlich, aber klug genug, sich zurückzuhalten. Vielleicht war sie ihrer Mutter ähnlicher, als beide ahnten.

≫Du hast mir nachspioniert.≪ Kelsey schleuderte ihr die Worte förmlich entgegen. ≫Wen hast du dazu angeheuert? Einen Privatdetektiv?≪

≫Es war bei weitem nicht so melodramatisch. Mein Vater hat dein Leben verfolgt, solange er konnte.≪

≫Dein Vater.≪ Kelsey ließ sich niedersinken. ≫Mein Großvater.≪

≫Ja. Vor fünf Jahren ist er gestorben. Deine Großmutter starb ein Jahr nach deiner Geburt, und ich war ein Einzelkind. Somit sind dir Tanten, Onkel und Neffen erspart geblieben. Nun weiter. Was für Fragen du auch hast, ich werde sie dir beantworten, aber bitte laß uns beiden noch ein wenig Zeit, ehe du dir ein Urteil über mich bildest.≪

Kelsey konnte nur an eine einzige Frage denken, die ständig in ihrem Kopf hämmerte. ≫Hast du diesen Mann getötet? Hast du Alec Bradley umgebracht?≪

Naomi schwieg einen Moment, dann hob sie die Tasse an die Lippen. Über den Rand hinweg sah sie Kelsey fest an, ehe sie die Tasse lautlos wieder absetzte.

≫Ja≪, antwortete sie schlicht, ≫ich habe ihn umgebracht.≪

_____

≫Entschuldige Gabe.≪ Naomi stand am Fenster und sah ihrer davonfahrenden Tochter nach. ≫Es war wirklich unentschuldbar, dir das zuzumuten..≪

≫Ich habe deine Tochter kennengelernt, weiter nichts.≪

Müde lächelnd kniff Naomi die Augen zusammen. ≫Du warst schon immer ein Meister der Untertreibung, Gabe.≪ Sie drehte sich um, so daß sie im vollen Sonnenlicht stand. Daß es die feinen Linien um ihre Augen deutlich hervorhob, erste Anzeichen des Alters, kümmerte sie wenig. Zu lange hatte sie das Tageslicht entbehren müssen. ≫Ich hatte Angst, und als ich sie sah, wurde ich wieder an vieles erinnert. Einiges habe ich mir vorstellen können, anderes nicht. Alleine wäre ich mit der Situation nicht fertiggeworden.≪

Gab erhob sich, ging zu ihr und legte beruhigend die Hand auf ihre verkrampften Schultern. ≫Wenn ein Mann einer schönen Frau nicht mehr gern behilflich ist, dann ist er so gut wie tot.≪

≫Du bist ein guter Freund.≪ Sie ergriff seine Hand und drückte sie. ≫Einer der wenigen, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann.≪ Ihre Lippen verzogen sich leicht. ≫Vielleicht kommt das daher, daß wir beide eine Zeitlang im Gefängnis gesessen haben.≪

Seine Mundwinkel zuckten belustigt. ≫Nichts verbindet so sehr wie das Knastleben.≪

≫Knastleben, soso. Obwohl ein Streit in Jugendjahren bei einer Pokerrunde harmlos ist gegenüber Totschlag.≪

≫Da hast du’s. Du hast mich schon wieder übertroffen.≪

Naomi lachte. ≫Wir Chadwicks sind schrecklich ehrgeizig.≪ Sie wandte sich von ihm ab und rückte eine Vase mit Narzissen auf dem Tisch zurecht. ≫Was hältst du von ihr, Gabe?≪

≫Sie ist bildhübsch. Dein Ebenbild.≪

≫Ich dachte, ich wäre darauf vorbereitet. Mein Vater beschrieb sie mir, ich sah die Fotos. Trotzdem hat es mich aus der Fassung gebracht, sie anzuschauen und mich selbst zu sehen. Ich kann mich an sie als Kind so gut erinnern, und sie nun als Erwachsene zu sehen …≪ Über sich selbst verärgert schüttelte Naomi den Kopf. Die Jahre vergingen, keiner wußte das besser als sie. ≫Aber davon mal abgesehen.≪ Flüchtig blickte sie über die Schulter. ≫Was hältst du von ihr?≪

Er war nicht sicher, ob er ihr seine Gedanken erläutern konnte — oder wollte. Kelsey hatte ihn aus der Fassung gebracht, und er war wirklich kein Mann, den man leicht beeindrucken konnte. In seinem Leben hatte er Scharen schöner Frauen gekannt, er hatte sie bewundert, sie begehrt und mit ihnen gespielt. Doch als er Kelsey Byden das erste Mal sah, hatte ihm der Atem gestockt.

Später würde er sich mit diesem interessanten Phänomen eingehender auseinandersetzen, aber jetzt wartete Naomi auf eine Antwort. Und er wußte, daß seine Antwort von Bedeutung war.

≫Sie war nervös, konnte ihr Temperament kaum zügeln. Sie hat nicht soviel Selbstbeherrschung wie du.≪

≫Ich hoffe, die wird sie auch nie brauchen≪, murmelte Naomi.

≫Sie war aufgebracht, aber klug — und neugierig — genug, sich zurückzuhalten, bis sie das Terrain sondiert hatte. Wäre sie ein Pferd, würde ich sagen, ich muß ihre Gangarten sehen, um zu beurteilen, ob sie über Mut, Ausdauer und Anmut verfügt. Aber die Blutsverwandtschaft ist unverkennbar, Naomi. Deine Tochter hat Stil.≪

≫Sie hat mich geliebt.≪ Naomi bemerkte das Zittern in ihrer Stimme kaum, ebensowenig wie die ersten Tränen, die ihr aus den Augen quollen und über die Wangen rannen. ≫Wie soll man jemandem, der selbst keine Kinder hat, diese reine, kompromißlose Liebe, die ein Kind seinen Eltern entgegenbringen kann, begreiflich machen? Kelsey empfand so für mich — und für ihren Vater. Philip und ich haben versagt. Unsere Liebe reichte nicht aus, um diese Einheit zusammenzuhalten. Und so habe ich meine Tochter verloren.≪

Naomi tupfte eine Träne mit der Fingerspitze ab und betrachtete sie wie etwas Exotisches. Seit dem Tode ihres Vaters hatte sie nicht mehr geweint. Nichts hatte sie seitdem so stark berührt.

≫Niemand wird mich je wieder so lieben.≪ Sie schnippte die Träne fort und vergaß sie. ≫Ich glaube, bis zum heutigen Tag habe ich das nie richtig begriffen.≪

≫Überstürz die Dinge nicht, Naomi. Das sieht dir gar nicht ähnlich. Du hast sie gerade einmal eine Viertelstunde gesehen.≪

≫Hast du ihren Gesichtsausdruck gesehen, als ich ihr sagte, ich hätte Alec umgebracht?≪ Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie sich zu Gabe umdrehte; doch es war ein hartes, sprödes Lächeln. ≫Diesen Ausdruck habe ich bei Dutzenden von anderen Menschen beobachtet. Eine Art beherrschter Abscheu — anständige Menschen töten nicht.≪

≫Die Menschen, ob nun anständig oder nicht, tun das, was sie tun müssen, um zu überleben.≪ Diese Erfahrung hatte er am eigenen Leibe gemacht.

≫Sie denkt da anders. Vom Äußeren her mag sie ja mir ähneln, aber sie hat dieselben heren Grundsätze wie ihr Vater. Und der Himmel weiß, es gibt keinen anständigeren Menschen als Dr. Philip Byden.≪

≫Oder keinen größeren Narren. Schließlich hat er dich gehen lassen.≪

Ihr Lachen klang befreit, als sie ihn fest auf den Mund küßte. ≫Wo warst du bloß vor fünfundzwanzig Jahren?≪ Dann schüttelte sie seufzend den Kopf. ≫Da hast du wohl noch mit deinen Buntstiften gespielt.≪

≫Ich kann mich nicht erinnern, jemals damit gespielt zu haben. Eher habe ich sie verwettet. Da wir gerade vom Wetten sprechen: Ich wette 100 Dollar, daß mein Pferd deins garantiert beim Mai-Derby um Längen schlägt.≪

Sie hob die Brauen. ≫Wie stehen denn die Chancen?≪

≫Sie haben die gleichen Chancen.≪

≫Die Wette gilt. Wie wär’s, wenn du jetzt mitkommst und dir meine preisgekrönte Jährlingsstute ansiehst? In einigen Jahren läßt sie jeden Gegner hinter sich.≪

≫Wie hast du sie genannt?≪

Ihre Augen glitzerten, als sie die Terrassentür öffnete. ≫Naomi’s Honor.≪

_____

Sie war so gefaßt gewesen, dachte Kelsey, als sie die Tür zu ihrem Appartement aufschloß, so gelassen. Naomi hatte den Mord so zugegeben, wie eine andere Frau eingestehen würde, daß sie sich das Haar färbt.

Was für eine Frau war ihre Mutter nur?

Wie konnte sie es fertigbringen, Tee zu servieren und Konversation zu betreiben? So höflich, so beherrscht, so furchtbar distanziert. Kelsey lehnte sich gegen die Tür und rieb sich die schmerzenden Schläfen. Alles kam ihr wie ein böser Traum vor, das prächtige, große Haus, die geschmackvolle Einrichtung, die Frau, die ihre, Kelseys, Gesichtszüge trug, der Mann der so viel Kraft ausstrahlte.

Naomis neuester Liebhaber? Schliefen sie in demselben Raum, in dem ein anderer Mann gestorben war? Er sah aus, als wäre er dazu imstande, dachte sie. Er sah aus, als wäre er zu allem imstande.

Erschauernd stieß Kelsey sich von der Tür ab und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen.

Warum nur hatte Naomi diesen Brief geschrieben, grübelte sie. Weder hatte es große Gefühle gegeben, noch ein besonderes Willkommen für die verlorene Tochter. Noch nicht einmal verzweifelte Entschuldigungen für all die verlorenen Jahre — nur eine höfliche Einladung zum Tee. Und ein Schuldgeständnis, das ruhig und ohne Zögern abgegeben worden war.

Als das Telefon klingelte, sah sie das Lämpchen ihres Anrufbeantworters blinken. Kelsey ignorierte beides und wandte sich ab. In zwei Stunden begann ihr Dienst im Museum, und sie wollte vorher mit niemandem sprechen.

Jetzt mußte sie sich nur davon überzeugen, daß ihre Mutter, die so unverhofft wieder in ihr Leben getreten war, dies nicht auch noch verändern würde. Sie konnte genauso weitermachen wie bisher — mit ihrem Job, ihren Kursen, ihren Freunden.

Kelsey ließ sich auf das Sofa sinken. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Ihr Job war nicht mehr als ein Hobby, die Kurse besuchte sie eher aus Langeweile, und ihre Freunde … Die meisten stammten noch aus ihrer Zeit mit Wade und hatten daher, wie es bei vielen Scheidungen der Fall war, entweder Partei ergriffen oder sich vorsichtig zurückgezogen. Ihr Leben war ein einziges Chaos. Als es an der Tür klopfte, reagierte sie nicht.

≫Kelsey.≪ Ein weiteres ungeduldiges Klopfen folgte. ≫Machst du jetzt auf, oder muß ich den Hausmeister holen, damit er mir die Tür öffnet?≪

Resigniert erhob sich Kelsey und öffnete die Tür. Draußen stand ihre Großmuter.

In Erwartung des üblichen Kusses hielt Milicent Byden ihrer Enkelin die Wange hin. Wie stets war sie makellos gekleidet und frisiert. Ihr kastanienbraun gefärbtes Haar war aus dem Gesicht gekämmt, und bei flüchtiger Betrachtung hatte man sie auf sechzig statt achtzig Jahre geschätzt. Der Figur merkte man strenge Diät und tägliche Gymnastik an. Unter ihrem Nerzmantel trug sie ein hellblaues Chanelkostüm mit den passenden Handschuhen, die sie auf ein Tischchen fallen ließ, ehe sie den Nerz über einen Stuhl legte.

≫Du enttäuschtst mich. Schließt dich in deinem Zimmer ein und schmollst wie ein Kind.≪ Mit ihren mandelfarbenen Augen betrachtete sie ihre Enkelin, als sie sich setzte und die Beine übereinanderschlug. ≫Dein Vater macht sich furchtbare Sorgen um dich. Sowohl er als auch ich haben heute mindestens ein halbes Dutzend Mal bei dir angerufen.≪

≫Ich war unterwegs. Und Dad hat gar keinen Grund, sich Sorgen zu machen.≪

≫Ach nein?≪ Milicent tippte mit einem ihrer lackierten Fingernägel gegen die Armlehne des Stuhls. ≫Erst hast du ihn gestern nacht mit der Nachricht überfallen, daß sich diese Frau bei dir gemeldet hat, und dann verschwindest du einfach und gehst nicht einmal ans Telefon.≪

≫Diese Frau, wie du es ausdrückst, ist meine Mutter, und du wie auch Vater habt gewußt, daß sie noch lebt. Dies führte zu einer heftigen Auseinandersetzung, die du vielleicht als geschmacklos werten würdest; ich allerdings hielt sie für gerechtfertigt.≪

≫Sprich nicht in diesem Ton mit mir!≪ Milicent beugte sich vor. ≫Dein Vater hat alles getan, um dich zu beschützen, dir eine anständige Erziehung und stabile Familienverhältnisse zu bieten. Und zum Dank dafür machst du ihm Vorwürfe.≪

≫Vorwürfe?≪ Kelsey schlug die Hände über dem Kopf zusammen, wohl wissend, daß dieser Ausbruch ihr Minuspunkte eintragen würde. ≫Ich habe ihn zur Rede gestellt, habe Antworten verlangt und wollte die Wahrheit wissen.≪

≫Und nun, da du sie erfahren hast, bist du nun zufrieden?≪ Milicent neigte leicht den Kopf. ≫Für dich, nein, für uns alle wäre es besser gewesen, wenn du deine Mutter weiterhin für tot gehalten hättest. Aber diese Person war schon immer egoistisch, dachte nur an sich.≪

Aus Gründen, die sie niemals hätte erklären können, nahm Kelsey den Fehdehandschuh auf. ≫Hast du sie schon immer so gehaßt?≪

≫Ich habe mich nie täuschen lassen. Philip war von ihrem Äußeren, von dem, was er für Lebensfreude und Schwung hielt, geblendet. Und er hat für seinen Fehler teuer bezahlt.≪

≫Und ich sehe aus wie sie≪, meinte Kelsey sanft, ≫was auch erklärt, warum du mich immer so angeschaut hast, als könnte ich jeden Augenblick ein furchtbares Verbrechen begehen — oder zumindest einen unverzeihlichen Bruch der Etikette.≪

Seufzend lehnte Milicent sich zurück. Sie würde dies nicht abstreiten, denn dafür gab es keinen Grund. ≫Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wieviel du wohl von ihr geerbt hast. Du bist eine Byden, Kelsey, und die meiste Zeit hast du der Familie Ehre gemacht. Aber jeder Fehler, den du machtest, trug ihren Stempel.≪

≫Ich ziehe es vor, meine ganz persönlichen Fehler zu machen.≪

≫So wie diese Scheidung≪, erwiderte Milicent scharf. ≫Wade stammt aus einer guten Familie. Sein Großvater mütterlicherseits ist Senator, und seinem Vater gehört eine der größten und angesehensten Werbeagenturen des Ostens.≪

≫Und Wade ist ein Ehebrecher.≪

Ungeduldig hob Milicent die Hand, an der ihr diamantenbesetzter Ehering wie Eis glitzerte. ≫Du gibst natürlich ihm die Schuld, und nicht dir oder der Frau, die ihn verführt hat.≪

Beinahe belustigt lächelte Kelsey. ≫Das ist richtig. Ich gebe ihm die Schuld. Die Scheidung ist endgültig und abgeschlossen, Großmutter. In diesem Punkt verschwendest du deine Zeit.≪

≫Und dir gebührt die zweifelhafte Ehre, in der Familiengeschichte der Bydens die zweite zu sein, die sich scheiden läßt. Im Falle deines Vaters ließ es sich nicht vermeiden. Du dagegen hast das getan, was dir schon zur zweiten Natur geworden ist. Du hast überreagiert. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Jetzt will ich wissen, was du hinsichtlich des Briefes zu unternehmen gedenkst.≪

≫Meinst du nicht, daß das nur mich und meine Mutter etwas angeht?≪

≫Dies ist eine Familienangelegenheit, Kelsey. Dein Vater und ich sind deine Familie.≪ Wieder tippte sie mit dem Finger gegen die Lehne, bemüht, ihre Worte sorgfältig zu wählen. ≫Philip ist mein einziges Kind. Sein Glück und Wohlergehen standen für mich immer an erster Stelle. Und du bist sein einziges Kind.≪ Mit echter Zuneigung griff sie nach Kelseys Hand. ≫Ich will doch nur dein Bestes.≪

Was sollte die darauf antworten? Sosehr die starren Verhaltensregeln ihrer Großmutter an ihren Nerven zerrten, wußte Kelsey doch, daß sie sie trotz allem liebte. ≫Das weiß ich, und ich will mich auch nicht mir dir streiten, Großmutter.≪

≫Und ich mich nicht mit dir.≪ Zufrieden streichelte Milicent Kelseys Hand. ≫Du warst immer ein gutes Kind, Kelsey. Keiner, der dich und Philip kennt, könnte an der Zuneigung zwischen euch zweifeln. Ich weiß, daß du nichts tun würdest, was ihn verletzt. Daher halte ich es für das Sinnvollste, wenn du mir diesen Brief gibst und mich diese Angelegenheit für dich regeln läßt. Es ist absolut nicht nötig, daß du dich mit ihr in Verbindung setzt oder dich in diesen Strudel der Gefühle hineinziehen läßt.≪

≫Ich habe mich bereits mit Mutter in Verbindung gesetzt. Ich habe sie heute morgen besucht.≪

≫Du hast …≪ Milicents Hand zuckte hoch. ≫Du hast sie besucht? Du bist zu ihr gefahren, ohne das vorher mit uns zu besprechen?≪

≫Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt, Großmutter. Naomi Chadwick ist meine Mutter, und ich brauche niemanden um Erlaubnis zu fragen, wenn ich sie besuchen will. Entschuldige, wenn ich dich aufgeregt haben sollte, aber ich habe getan, was ich tun mußte.≪

≫Was du tun wolltest≪, berichtigte sie Milicent, ≫ohne dabei einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden.≪

≫Nenn es, wie du willst, doch die Konsequenzen muß schließlich ich tragen. Ich hatte angenommen, Dad und du, ihr würdet meine Handlungsweise verstehen. Daß es nicht leicht für euch ist, leuchtet mir ein, aber warum wirst du so wütend?≪

≫Ich bin nicht wütend.≪ Das war sie aber, sie kochte sogar vor Wut. ≫Ich mache mir Sorgen, weil ich nicht möchte, daß du dich von irgendwelchen dummen Gefühlen beeinflussen läßt. Du kennst sie nicht, Kelsey. Du hast keine Ahnung, wie gerissen und rachsüchtig sie ist.≪

≫Ich weiß, daß sie das Sorgerecht für mich beantragt hatte.≪

≫Damit wollte sie deinen Vater verletzen, weil er sie durchschaut hatte. Du warst nur das Werkzeug. Sie trank, sie hatte andere Männer, und sie machte aus all ihren Schwächen nie einen Hehl, so sicher war sie, daß sie am Ende gewinnen würde. Und wie endete das alles? Sie hat einen Mann getötet.≪ Milicent holte tief Atem. Allein der Gedanke an Naomi brachte sie in Rage. ≫Vermutlich wollte sie dir einreden, daß sie in Notwehr gehandelt hat, um ihre Ehre zu verteidigen. Ihre Ehre.≪

Milicent konnte nicht länger stillsitzen und sprang erregt auf. ≫Oh, sie war schlau, und sie war schön. Wenn die Beweislast gegen sie nicht so erdrückend gewesen wäre, hätte sie die Geschworenen vielleicht sogar zu einem Freispruch bewegen können. Aber wenn eine Frau einen Mann nachts in ihrem Schlafzimmer empfängt, und nur mit einem dünnen Morgenmantel bekleidet, dann ist es sehr unglaubwürdig, hinterher von Vergewaltigung zu reden.≪

≫Vergewaltigung?≪ wiederholte Kelsey schockiert, doch sie brachte nur ein Flüstern zustande, und Milicent verstand es nicht.

≫Einige glaubten ihr natürlich, denn es gibt immer Leute, die dieser Art Frau Glauben schenken.≪ Milicent nahm ihre Handschuhe vom Tisch und schlug sie nervös gegen ihre Hand. ≫Aber letztendlich wurde sie schuldig gesprochen und verurteilt. Sie verschwand aus Philips und deinem Leben — bis jetzt. Kannst du wirklich so störrisch und egoistisch sein und ihr wieder einen Platz in deinem Leben einräumen? Deinem Vater diesen Kummer bereiten?≪

≫Es ist doch aber nicht so, als ob ich zwischen ihr und Vater wählen müßte, Großmutter.≪

≫Doch, genau darauf läuft es hinaus.≪

≫Für dich, nicht für mich. Ich will dir eins sagen: Bevor du kamst, war ich mir nicht sicher, ob ich sie wiedersehen wollte. Jetzt weiß ich, daß ich das tun werde. Und willst du auch wissen, warum? Weil sie sich mir gegenüber nicht verteidigt hat. Sie forderte mich nicht auf zu wählen. Ich werde sie noch einmal treffen und dann meine Entscheidung fällen.≪

≫Egal, wen du damit verletzt?≪

≫Soweit ich das beurteilen kann, bin ich hier die einzige, die ein Risiko eingeht.≪

≫Du irrst dich, Kelsey, und begehst einen schweren Fehler. Sie ist schlecht und hinterhältig.≪ Milicent strich ihre Handschuhe Finger für Finger glatt. ≫Wenn du darauf bestehst, diese Verbindung aufrechtzuerhalten, dann wird sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um dich und deinen Vater zu entzweien.≪

≫Das würde keinem gelingen!≪

Milicent blickte sie an, und ihre Augen waren dabei kalt wie Eis. ≫Du kennst Naomi Chadwick nicht.≪

3

Es stimmte, Kelsey kannte Naomi Chadwick nicht, aber sie beabsichtigte, sie kennenzulernen.

Ihre Hochschuljahre waren keine Zeitverschwendung gewesen. Wenn es etwas gab, das sie beherrschte, war es das Sammeln von Hintergrundinformationen. Egal zu welchem Thema. Und auch Naomi bildete da keine Ausnahme.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte Kelsey größtenteils in der öffentlichen Bibliothek und in Zeitungsarchiven, wo sie eifrig Mikrofilme studierte. Zuerst fand sie in der Gesellschaftsspalte die Verlobungsanzeige von Naomi Anne Chadwick, einundzwanzig, Tochter von Matthew und Louise Chadwick, wohnhaft Three-Willows-Farm in Bluemont, Virginia, und Professor Philip James Byden, vierunddreißig, Sohn von Andrew und Milicent Byden aus Georgetown. Die Hochzeit sollte im Juni stattfinden.

Dann entdeckte Kelsey die Heiratsanzeige mit einem Foto. Es versetzte ihr einen regelrechten Schock, ihren Vater so jung, sorglos und glücklich zu sehen, eine Rosenknospe im Knopfloch und Hand in Hand mit Naomi. Sie fragte sich, ob die Rose wohl weiß oder vielleicht sonnengelb gewesen war.

Neben Philip stand eine strahlende Naomi. Sogar das unscharfe Zeitungsfoto vermittelte den Glanz, den sie ausstrahlte. Ihr Gesicht wirkte unwahrscheinlich jung und schön, und ihre Augen blitzten, als würde sie jeden Moment in ein Lachen ausbrechen.

Die beiden sahen aus, als könnten sie es mit der ganzen Welt aufnehmen.

Der Anblick schmerzte Kelsey, und sie ermahnte sich, daß es unsinnig sei, sich über eine Scheidung zu grämen, die ohne ihr Wissen erfolgt war. Doch diese beiden jungen lebensfrohen Menschen waren ihre Eltern, und nun war der eine für den anderen nicht mehr als eine schmerzliche Erinnerung.

Kelsey fotokopierte die wichtigsten Dinge und machte sich zusätzlich Notizen wie für einen Bericht. Als sie ihre eigene Geburtsanzeige fand, schwankte sie zwischen Belustigung und Verwirrung.

Danach kam nicht mehr viel, hier und da eine kurze Meldung über einen Ballbesuch oder die Teilnahme an einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Offenbar hatten ihre Eltern während ihrer kurzen Ehe ein zurückgezogenes Leben geführt.

Dann folgte der Sorgerechtsstreit; ein knapper Artikel, der sein Erscheinen in der Washington Post vermutlich Kelseys Großvater väterlicherseits, einem hohen Beamten des Finanzministeriums, verdankte. Mit gemischten Gefühlen las sie die Namen — ihren eigenen, den von Naomi und den ihres Vaters. Die Post hatte diesen familiären Zwistigkeiten keine allzu große Aufmerksamkeit gewidmet.

Ab und zu war ein Artikel über Three Willows und Galopprennen erschienen. Einer davon berichtete über den tragischen Unfall eines vielversprechenden Hengstes, der während eines Rennens zusammengebrochen war und erschossen werden mußte. Ein Foto zeigte Naomis schönes, mit Tränen überströmtes Gesicht.

Doch dann kamen Berichte über den Mord.

Solchen Ereignissen wurde mehr Platz eingeräumt, zumindest waren sie immer gut für fette Schlagzeilen.

STREIT EINES LIEBESPAARES ENDETE IN EINER TRAGÖDIE BRUTALER MORD IM IDYLLISCHEN VIRGINIA

Ihre Mutter wurde beschrieben als eine von ihrem Mann, einem in Georgetown ansässigen Professor für Englisch, getrennt lebende Frau und Tochter eines bekannten Züchters von Vollblutpferden, das Opfer wurde als ein Playboy mit Verbindungen zur Rennsportszene bezeichnet.

Die Ereignisse sprachen für sich. Alec Bradley wurde in einem Schlafzimmer auf der Three-Willows-Farm erschossen. Die Tatwaffe gehörte Naomi Chadwick Byden, die die Polizei benachrichtigt hatte. Zur Zeit des Mordes hatte sie sich mit Bradley allein im Haus befunden. Die Polizei hatte die Ermittlungen aufgenommen.

Die in Virginia erschienenen Zeitungen lieferten genauere Informationen. Naomi hatte nie bestritten, den tödlichen Schuß abgegeben zu haben, und ließ durch ihren Anwalt erklären, Bradley habe sie angegriffen, und sie habe in Notwehr zur Waffe gegriffen.

Der Artikel ging noch auf die freundschaftliche Beziehung zwischen Naomi und Bradley ein, die seit Wochen häufig zusammen gesehen worden waren, und natürlich auf die Tatsache, daß Naomi zur selben Zeit einen erbitterten Rechtsstreit um das Sorgerecht für ihre dreijährige Tochter ausfocht.

Eine Woche nach dem Mord gab es neue Schlagzeilen.

NAOMI CHADWICK UNTER MORDVERDACHT FESTGENOMMEN Neue Beweise lassen Zweifel an Notwehr aufkommen

Und diese Beweise waren erdrückend. Kelsey gefror das Blut in den Adern, als sie von einem Foto las, das ein von den Anwälten ihres Vaters beauftragter Detektiv aufgenommen hatte. Der Detektiv, der Beweise für Naomis angeblich lockeren Lebenswandel sammeln sollte, war dabei Zeuge des Verbrechens geworden. Davon hatte er ein Foto gemacht.

Der Detektiv hatte auch bei dem Prozeß ausgesagt. Kelsey zwang sich zum Weiterlesen. Zeugen hatten unter Eid zu Protokoll gegeben, daß Naomi und Bradley in der Öffentlichkeit sehr vertraut miteinander umgegangen seien. Daß Naomi eine ausgezeichnete Schützin sei; daß sie Partys, Champagner und die Aufmerksamkeit der Männer liebte; daß sie und Bradley am Abend des Mordes eine heftige Auseinandersetzung gehabt hätten wegen seines Flirts mit einer anderen Frau.

Dann wurde Charles Rooney, ein im Staat Virginia zugelassener Privatdetektiv, in den Zeugenstand gerufen. Er hatte dutzendweise Fotos von Naomi geschossen; auf der Rennbahn, auf der Farm, bei zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen, und seine Berichte über die Beschattung waren minutiös dokumentiert.

Es entstand das Bild einer rücksichtslosen, leichtfertigen Frau, die nur ihr Vergnügen suchte und es kaum erwarten konnte, die Fesseln ihrer Ehe mit einem älteren Mann abzuschütteln. Sie hatte das Opfer in der Mordnacht zu sich eingeladen. Sie war allein im Haus und nur mit einem Negligé bekleidet gewesen.

Rooney konnte zwar nicht beschwören, was die beiden miteinander gesprochen hatten, doch die Fotos und seine Beobachtungen sprachen Bände. Demnach hatte das Paar sich zunächst umarmt, es war Brandy geflossen, und bald waren die beiden in Streit geraten. Naomi war nach oben gestürmt und Bradley ihr gefolgt.

Pflichteifrig war Rooney auf den nächsten Baum geklettert, um sein Teleobjektiv auf das Schlafzimmerfenster zu richten. Dort wurde der Streit heftiger, Naomi schlug Bradley ins Gesicht, und als sich dieser zum Gehen wandte, zog sie eine Pistole aus ihrer Nachttischschublade. Die Kamera hatte das Entsetzen auf seinem und die Wut auf Naomis Gesicht genau eingefangen.

Kelsey starrte das Foto und die Schlagzeile, die SCHULDIG! schrie, lange an. Dann fotokopierte sie die Seiten, ordnete ihre Notizen, ging zum Telefon und wählte eine Nummer, ehe ihr Verstand Oberhand über ihre Gefühle gewinnen konnte.

≫Three Willows.≪

≫Naomi Chadwick bitte.≪

≫Wer spricht denn dort?≪

≫Kelsey Byden.≪

Am anderen Ende hörte sie kurz einen überraschten Laut. ≫Miß Naomi ist bei den Ställen unten. Ich sage ihr Bescheid.≪

Einige Sekunden später wurde ein anderer Hörer abgehoben, und Kelsey hörte Naomis kühle, beherrschte Stimme. ≫Hallo, Kelsey, schön, dich zu hören.≪

≫Ich möchte noch einmal mit dir sprechen.≪

≫Sicher. Wann immer du willst.≪

≫Jetzt. Ich bin ein einer Stunde da, und es wäre mir lieber, diesmal mit dir allein zu sein.≪

≫Gut. Ich warte auf dich.≪

Naomi legte auf und wischte die feuchten Hände an ihren Jeans ab. ≫Meine Tochter kommt, Moses.≪

≫Das dachte ich mir.≪ Moses Whitetree, Naomis Trainer, Vertrauter und langjähriger Liebhaber, las weiter in seinen Zuchtberichten. Er war halb Jude, halb Choctaw-Indianer und hatte diese Mischung nie als selbstverständlich hingenommen. Das Haar hing ihm in einem grau werdenden Zopf den Rücken hinunter, und auf seiner Brust glitzerte ein silberner Davidstern.

Es gab nichts, was er nicht über Pferde wußte. Und bis auf wenige Ausnahmen zog er sie den Menschen vor.

≫Sie wird Fragen stellen.≪

≫Ja.≪

≫Was soll ich ihr antworten?≪

Moses mußte Naomi nicht erst anschauen, um ihre Stimmung beurteilen zu können. Er kannte sie in- und auswendig. ≫Versuch’s mal mit der Wahrheit.≪

≫Was hat mir die Wahrheit schon gebracht?≪

≫Sie ist dein Fleisch und Blut.≪

Für Moses war alles so einfach, dachte Naomi ungeduldig. ≫Sie ist eine erwachsene Frau, und ich hoffe, sie hat ihre eigene Meinung. Sie wird mich nicht einfach akzeptieren, nur weil wir blutsverwandt sind, Moses. Ich wäre auch sehr enttäuscht, wenn sie das täte.≪

Moses legte seine Papiere beiseite und erhob sich. Er war ein kleiner Mann, nur ein paar Pfund zu schwer und ein paar Zentimeter zu groß, um als Jockey arbeiten zu können — einst sein heimlicher Traum. ≫Du willst, daß sie dich liebt, aber so wie du dir das vorstellst. Du hast schon immer zuviel verlangt, Naomi.≪

Liebevoll streichelte sie seine Wange, die vom Wetter gegerbt war. Sie konnte ihm nie ernsthaft böse sein; er war der Mann, der auf sie gewartet hatte, der keine Fragen stellte und der sie immer geliebt hatte.

≫Das hast du mir schon oft vorgeworfen. Aber bis zu dem Zeitpunkt, als ich sie wiedersah, wußte ich nicht, wie sehr ich sie brauchte, Moses. Ich wußte nicht, daß sie mir so viel bedeuten würde.≪

≫Und nun wünschst du, daß es nicht so wäre.≪

≫O ja.≪

Das konnte er gut verstehen. Fast sein ganzes Leben lang hatte er sich gewünscht, er würde Naomi nicht lieben. ≫In meinem Volk gibt es ein Sprichwort.≪

≫In welchem Volk?≪

Er mußte lächeln. Beide wußten sie, daß er die Hälfte der Sprichwörter, die er als Kommentare abgab, erfand und die andere Hälfte so auslegte, daß sie zu seinen Absichten paßte. ≫Nur Narren verschwenden ihre Wünsche. Gib dich so, wie du bist, das wird genügen.≪

≫Moses.≪ Ein Pferdepfleger schaute ins Büro und tippte an seinem Hut, als er Naomi sah. ≫Miß. Mir gefällt es nicht, wie Serenity ihr rechtes Vorderbein schont. Leicht geschwollen ist es auch.≪

≫Heute morgen ist sie gut gelaufen.≪ Moses zog die Brauen zusammen. Er war seit dem Morgengrauen auf den Beinen, um das Training zu beobachten. ≫Dann schauen wir doch mal.≪

Moses’ Büro befand sich neben den vorderen Ställen. Es war ein kleiner, vollgestopfter, unangenehm nach Pferdeurin stinkender Raum, den er aber dem luftigen Zimmer in dem weißgetünchten Gebäude bei der westlichen Weide, das sein Vorgänger benutzt hatte, vorzog.

Seine ständige Redensart lautete, der kräftige Geruch nach Pferden sei ihm angenehmer als jedes französische Parfüm, und er wolle an Ort und Stelle des Geschehens sein.

Die Ställe funkelten fast so wie die Halle eines Luxushotels, nur ging es hier lebhafter zu. Die betonierte Gasse zwischen den Stallreihen war makellos sauber geschrubbt, und an jeder Box waren Emailleschilder angeschraubt, die in goldenen Lettern den Namen des Pferdes trugen, das dort stand. Naomis Vater hatte dies eingeführt, und als Naomi die Leitung der Farm von ihrem Vater übernahm, hatte sie es beibehalten.

Es roch nach Pferden, Heu, Getreide und Leder — eine Mischung, die Naomi während der Jahre im Gefängnis schmerzlich vermißt hatte und deshalb heute um so mehr zu schätzen wußte.

Für sie war es der Geruch von Freiheit.

Als Moses vorbeiging, steckten einige Pferde die Köpfe aus ihren Ställen. Auch er verbreitete einen Geruch, den sie kannten. Und egal wie schnell er die betonierte Gasse zwischen den Ställen entlangging, er hatte immer Zeit für eine kurze Liebkosung, ein gemurmeltes Wort für die Tiere.

Die Stallburschen arbeiteten weiter wie gewohnt, nur daß Striegel und Heugabeln vielleicht etwas eifriger geschwungen wurden, wenn Moses in Sicht war.

≫Ich wollte sie gerade auf die Koppel führen, als ich merkte, daß sie vorsichtig auftritt.≪ Der Pfleger blieb bei Serenitys Stallbox stehen. ≫Dann hab’ ich die Schwellung gesehen und dachte, du solltest selbst mal einen Blick darauf werfen.≪

Moses gab ein unverständliches Grunzen von sich und strich mit der Hand über das schimmernde kastanienfarbene Fell. Er sah der jungen Stute in die Augen, schnupperte an ihrem Maul und sprach beruhigend auf sie ein, während er ihr Bein abtastete.

Genau über der Fessel war das Bein geschwollen und fühlte sich heiß an. Als Moses vorsichtig auf die Stelle drückte, zuckte die Stute zurück und ließ ein warnendes Schnauben hören. ≫Sieht aus, als hätte sie sich böse gestoßen.≪

≫Reno hat sie heute morgen geritten.≪ Naomi erinnerte sich, daß der Jockey extra wegen des Trainings zur Farm gekommen war. ≫Sieh nach, ob er noch da ist.≪

≫Ja, Ma’am.≪ Der Pfleger eilte davon.

≫Sie ist heute morgen gut gelaufen.≪ Naomi bückte sich neben Moses und untersuchte selbst das lahme Bein. Sanft bewegte sie es hin und her, um zu prüfen, ob die Schulter in Mitleidenschaft gezogen war. ≫Sieht nach einer Prellung aus≪, murmelte sie. Das Bein hatte sich verfärbt, Zeichen eines Blutgerinnsels unter der Haut. Vermutlich ist der Knochen verletzt, dachte sie. Mit etwas Glück aber nicht gebrochen. ≫Sie sollte nächste Woche in Saragota an den Start gehen.≪

≫Vielleicht schafft sie’s noch.≪ Doch Moses zweifelte daran. Nicht mit diesem Bein. ≫Wir können die Schwellung lindern, sollten aber trotzdem den Arzt rufen. Eine Röntgenaufnahme kann nicht schaden.≪

≫Ich kümmere mich darum und werde mit Reno sprechen.≪ Naomi richtete sich auf und legte der Stute den Arm um den Hals. Die Pferde waren zwar Kapitalanlage, ein Geschäft, doch das tat ihrer Liebe zu ihnen keinen Abbruch. ≫Sie hat das Herz eines Siegers, Moses. Ich will nicht hören, daß sie nie wieder Rennen laufen kann.≪

_____

Eine knappe Stunde später beobachtete Naomi grimmig, wie die verletzte Stute behandelt wurde. Die Wunde war bereits mit Wasser gekühlt worden, und nun massierte Moses selbst das Bein mit einer Mixtur aus Essig und kaltem Wasser. Der Tierarzt stand im Stall und zog eine Spritze auf.

≫Wann kann sie das Training wiederaufnehmen, Matt?≪

≫In einem Monat, sechs Wochen Pause wären noch besser.≪ Matt Gunner blickte zu Naomi. Er hatte ein angenehmes, längliches Gesicht und freundliche Augen. ≫Der Knochen und das Gewebe sind verletzt, Naomi, aber zum Glück ist nichts gebrochen. Haltet sie im Stall, massiert sie, macht leichte Bewegungsübungen mit ihr, dann kommt sie wieder in Ordnung.≪

≫Wir sind scharf geritten≪, warf Reno ein, der vor der Box stand und zusah. Er hatte seine Arbeitskleidung gegen einen seiner gutgeschnittenen Anzüge, die er mit Vorliebe trug, vertauscht. Die Rennbahn war sein Lebensinhalt, und für ihn wie auch für seine Kollegen gab es nichts Wichtigeres als die empfindlichen Beine eines Vollbluts. ≫Ich habe keinen Tempowechsel bemerkt.≪

≫Ich auch nicht≪, bestätigte Naomi. ≫Reno sagt, sie ist nicht gestolpert. Ich habe das Rennen heute morgen gesehen, und mir wäre so etwas aufgefallen. Diese Stute hat ein ausgeglichenes Temperament, die gehört nicht zu den Pferden, die im Stall ausschlagen.≪

≫Jedenfalls hat sie einen ziemlich heftigen Schlag oder Stoß abgekriegt≪, meinte Matt. ≫Und wenn dein Pfleger nicht so aufmerksam gewesen wäre, dann hätte es viel schlimmer enden können. So, das hier wird die Schmerzen lindern. Na komm, mein Mädchen, ganz ruhig.≪ Er drückte Serenity direkt über der Wunde die Nadel ins Fleisch. Die Stute rollte die Augen und schnaubte, hielt aber still. ≫Sie ist gesund und kräftig≪, sagte Matt. ≫Sie wird wieder an Rennen teilnehmen können. Moses, ich kann dir nichts zur Weiterbehandlung sagen, was du nicht schon wüßtest. Ruf mich an, wenn sie Fieber bekommt. Sonst …≪ Erbrach ab und starrte über Naomis Schulter.

≫Entschuldigung.≪ Kelsey war gekommen, ihre Handtasche und einen Schnellhefter fest in der Hand. ≫Ich wollte nicht stören. Im Haus hat man mir gesagt, daß ich dich hier finden würde.≪

≫Oh≪, zerstreut fuhr sich Naomi mit der Hand durchs Haar. ≫Ich habe die Zeit vollkommen vergessen. Wir haben hier ein kleines Problem. Matt, das ist meine Tochter Kelsey. Kelsey Byden, Matt Gunner, unser Tierarzt.≪

Matt streckte die Hand aus, merkte, daß er noch immer die Spritze festhielt, und zog sie errötend zurück. ≫Tut mir leid. Hallo.≪

Trotz ihrer Nervosität mußte Kelsey lächeln. ≫Nett, Sie kennenzulernen.≪

≫Und das ist Moses Whitetree≪, fuhr Naomi fort, ≫unser Trainer.≪

Moses massierte weiterhin das Bein der Stute und nickte nur knapp.

≫Reno Sanchez, einer der besten Jockeys im Umkreis.≪

≫Der beste≪, meinte Reno augenzwinkernd. ≫Sehr erfreut.≪

≫Gleichfalls≪, erwiderte Kelsey automatisch. ≫Ihr habt zu tun. Ich kann warten.≪

≫Nein, ich kann hier nichts mehr tun. Danke, daß du so schnell gekommen bist, Matt. Tut mir leid, daß ich dir den Feierabend verdorben habe, Reno.≪

≫Kein Problem. Bis zum nächsten Start hab’ ich noch viel Zeit.≪ Mit unverhohlener Bewunderung blickte er wieder zu Kelsey. ≫Sie müssen mal zur Rennbahn kommen und mir beim Reiten zusehen.≪

≫Das würde ich gern tun.≪

≫Moses, ich komme später noch mal wieder und sehe nach ihr. Laß uns ins Haus gehen, Kelsey.≪ Sorgsam jegliche Berührung vermeidend, wies Naomi ihr den Weg zum Hinterausgang.

≫Ist das Pferd krank?≪

≫Verletzt, leider. Wir müssen sie von den Rennen der nächsten Wochen abmelden.≪

≫So ein Jammer.≪

Kelsey blickte zu einer Koppel hinüber, wo ein Jährling an der Longe die Gangarten durchexerzierte. Ein anderes Tier, diesmal mit Reiter, wurde von einem Betreuer gerade zum Übungsplatz geführt. Ein Pferdepfleger wusch einen schimmernden Braunen, während andere ihre Pferde einfach nur im Kreis herumführten.

≫Ganz schöner Betrieb hier≪, murmelte Kelsey, die sich bewußt war, daß viele Augen auf sie gerichtet waren.

≫Ja, die Hauptarbeit ist morgens, aber am Nachmittag, wenn die Rennbahn schließt, wird’s hier wieder lebhaft.≪

≫Habt ihr heute ein Rennen?≪

≫Irgendein Rennen findet immer statt≪, erwiderte Naomi abwesend. ≫Aber im Augenblick haben wir noch einige trächtige Stuten, so daß auch noch Arbeit in der Nacht anfällt.≪ Sie lächelte leise. ≫Fohlen kommen offenbar am liebsten mitten in der Nacht.≪

≫Mir war gar nicht klar, daß du so ein Riesengestüt hast.≪

≫Innerhalb der letzten zehn Jahre sind wir zu einem der führenden Vollblutgestüte hier im Staat aufgestiegen. Eines unserer Pferde ist sogar bei den letzten drei Derbys gestartet. Hat in St. Leger und Belmont gewonnen. Seit zwei Jahren halten wir den Breeder’s Cup, und bei den letzten Olympischen Spielen holte eine unserer Stuten Gold.≪ Lachend brach Naomi ab. ≫Wenn ich erst anfange… Ich bin schlimmer als eine Großmutter mit einer Brieftasche voller Schnappschüsse.≪

≫Ist schon in Ordnung, es interessiert mich wirklich.≪ Mehr, dachte Kelsey, als sie geahnt hatte. ≫Als Kind hatte ich Reitstunden. Ich glaube, die meisten Mädchen machen diese pferdenärrische Phase durch. Dad war entschieden dagegen, aber …≪ Sie schwieg einen Augenblick, da ihr plötzlich klar wurde, warum ihr Vater über diese schon fast traditionelle Mädchenschwärmerei so unglücklich gewesen war.

≫Natürlich≪, lächelte Naomi dünn. ≫Das ist nur zu verständlich. Aber du hattest trotzdem Reitstunden?≪

≫Ja, ich habe sie ihm abgebettelt.≪ Kelsey blieb stehen und sah ihrer Mutter direkt in die Augen. Ihr fielen nun die ersten leichten Anzeichen des Alterns auf, die sie bei ihrem ersten Treffen vor lauter Nervosität nicht bemerkt hatte. Feine Linien umgaben die Augen, andere, Sorgenfalten vielleicht, zeigten sich auf der hohen Stirn. ≫Es muß schwer für ihn gewesen sein, mich Tag für Tag zu sehen≪, sagte Kelsey.

≫Das glaube ich nicht. Was auch immer Philip von mir hielt, dich hat er vergöttert.≪ Naomi wandte den Blick ab. Es war leichter, auf die Berge zu schauen. Ein helles, freudiges Wiehern ertönte, für Naomi der schönste Ton der Welt. ≫Ich habe dich noch gar nicht nach ihm gefragt. Wie geht es ihm?≪

≫Es geht ihm gut. Er ist jetzt Dekan der Englischen Fakultät an der Universität von Georgetown. Seit sieben Jahren schon.≪

≫Er hat einen glänzenden Kopf. Außerdem ist er ein guter Mann.≪

≫Aber nicht gut genug für dich.≪

Naomi hob eine Augenbraue. ≫Liebe Kelsey, ich war nie gut genug für ihn. Da kannst du fragen, wen du willst.≪ Sie warf ihr Haar zurück und ging weiter. ≫Wie ich höre, hat er wieder geheiratet.≪

≫Ja, als ich achtzehn war. Sie sind sehr glücklich miteinander. Ich habe auch noch einen Stiefbruder, er heißt Channing.≪

≫Und du magst deine Familie?≪

≫Sehr.≪

Wie bei ihrem ersten Besuch öffnete Naomi ihr die Terrassentür. ≫Was kann ich dir anbieten? Kaffee, Tee? Oder vielleicht ein Glas Wein?≪

≫Danke, das ist nicht nötig.≪

≫Ich hoffe, du machst Gertie die Freude. Als sie hörte, daß du kommst, hat sie bergeweise Plätzchen gebacken. Ich weiß, daß du dich nicht mehr an sie erinnerst, aber du hast ihr viel bedeutet.≪

Gefangen in der Falle aus Höflichkeit und Mitgefühl, sagte Kelsey: ≫Also gut, dann Tee und Plätzchen, bitte.≪

≫Ich werde es ihr sagen. Setz dich doch.≪

Kelsey blieb stehen. Sie hielt es für gerechtfertigt, sich die Umgebung, in der ihre Mutter lebte, genauer anzusehen. Auf den ersten Blick wirkte der, Raum unauffällig elegant. Ein kleines Feuer im Kamin brannte, und die rosafarbenen Vorgänge waren zurückgezogen, um die Sonne ins Zimmer zu lassen. Ihre Strahlen fielen auf ein gutes Dutzend wunderschöner Kristallpferde, die wie Edelsteine im hellen Licht funkelten. Auf dem glänzenden Parkettboden lag ein farblich auf die Vorhänge und das cremefarbene Sofa abgestimmter orientalischer Läufer.

Nichts wirkte protzig oder übertrieben. Die Wände waren mit Waschseide bespannt, die im selben Elfenbeinton wie die Polstermöbel schimmerte. Doch die riesigen abstrakten Gemälde an der Wand, in leuchtenden Farben gehalten, schienen vor Kelseys Augen förmlich zu explodieren. Es waren kraftvolle, von Leidenschaft und Zorn bestimmte Arbeiten, und ein Zucken ging durch ihren Körper, als sie bemerkte, daß alle Gemälde mit einem blutroten N. C. signiert waren.

Naomis Werke? Niemand hatte je erwähnt daß ihre Mutter malte. Und diese Bilder stammten beileibe nicht von einem Stümper, sondern von jemandem, der über großes Talent verfügte.

In diese Umgebung hätten die Gemälde eigentlich einen Mißton bringen müssen. Statt dessen belebten sie den Raum.

Kelsey entdeckte noch weitere Objekte in diesem Zimmer. Eine Frauenstatue, deren alabasterfarbenes Gesicht unvorstellbaren Schmerz ausdrückte, ein blaßgrünes Glasherz mit einem gezackten Sprung in der Mitte, ein kleines, mit bunten Steinen gefülltes Glas.

≫Die haben Ihnen gehört.≪

Schuldbewußt ließ Kelsey einen Stein ins Glas zurückfallen und drehte sich um. Gertie hatte den Teewagen hereingeschoben und blieb neben ihr stehen. ≫Wie bitte?≪

≫Sie haben schon immer gern schöne Steine gesammelt. Ich habe sie für Sie aufgehoben, als Sie …≪ Ihre Stimme schwankte. ≫Als Sie fortgingen.≪

≫Oh.≪ Was sollte sie darauf sagen? ≫Dann arbeitest du schon lange hier?≪

≫Ich kam schon als junges Mädchen nach Three Willows. Meine Mutter hat für Mr. Chadwick den Haushalt geführt, und als sie sich zur Ruhe setzte, habe ich ihren Platz eingenommen. Hier sind Schokoladenplätzchen, die mochten Sie immer am liebsten.≪

Die Frau verschlang Kelsey nahezu mit den Blicken, und die Freude, die in ihren Augen leuchtete, war Kelsey fast unangenehm. ≫Ich esse sie auch heute noch gerne≪, brachte sie mühsam hervor.

≫Setzen Sie sich und greifen Sie zu. Miß Naomi telefoniert, aber sie kommt sofort.≪ Vor Freude summend, goß Gertie Tee ein und ordnete die Plätzchen auf einer Platte. ≫Ich wußte, daß Sie zurückkommen. Immer hab’ ich’s gewußt. Miß Naomi, die glaubte nicht daran, zermürbte sich immer mehr. Aber ich hab’ zu ihr gesagt: ‘Sie ist Ihre Tochter, und sie kommt zurück zu ihrer Mama.’ Und recht hatte ich! Jetzt sind Sie hier.≪

≫Ja.≪ Kelsey zwang sich, sich hinzusetzen und eine Tasse Tee zu nehmen — ≫jetzt bin ich hier.≪

≫Und so erwachsen!≪ Unfähig, sich zurückzuhalten, strich Gertie kurz über Kelseys Haar, ≫Sie sind eine erwachsene Frau.≪ Sie schien den Tränen nahe. Schnell ließ sie wieder die Hand fallen, wandte sich rasch ab und eilte aus dem Zimmer.

≫Entschuldige bitte≪, sagte Naomi, die nur kurz danach hereinkam. ≫Gertie reagiert sehr emotional. Es muß peinlich für dich sein.≪

≫Schon gut.≪ Kelsey nippte an ihrem Tee. Assam diesmal, konstatierte sie, leicht lächelnd. Naomi mußte lachen.

≫Das ist mein hintergründiger Sinn für Humor.≪ Sie schenkte sich selbst ein und nahm Platz. ≫Ich war mir nicht sicher, ob du wiederkommst.≪

≫Ich mir auch nicht. Vielleicht wäre ich nicht gekommen, zumindest nicht so schnell, wenn Großmutter es mir nicht strikt verboten hätte.≪

≫Ach ja, Milicent.≪ Bemüht, sich zu entspannen, streckte Naomi ihre langen Beine aus. ≫Sie hat mich von Anfang an verabscheut. Nun ja≪, fügte sie achselzuckend hinzu, ≫das beruhte auf Gegenseitigkeit. Sag mir, hast du es geschafft, ihren hohen Ansprüchen zu genügen?≪

≫Nicht ganz.≪ Kelsey lächelte unsicher. Es erschien ihr nicht richtig, an diesem Ort über ihre Großmutter zu sprechen.

≫Familienehre≪, nickte Naomi verständnisvoll. ≫Du hast vollkommen recht. Ich sollte dich nicht zu indirekter Kritik an Milicent bewegen. Außerdem sollte nicht ich es sein, die hier die Fragen stellt.≪

≫Wie kannst du dich bloß so gelassen geben?≪ Kelsey setzte ihre Tasse mit einem vernehmlichen Klirren ab. ≫Wie kannst du bloß so ruhig dasitzen?≪

≫Ich habe im Gefängnis vieles gelernt, unter anderem, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Jetzt bist du am Zuge, Kelsey. Ich hatte viel Zeit, über alles nachzudenken, und bevor ich mich mit dir in Verbindung setzte, hatte ich mir geschworen, alles zu akzeptieren, was auch geschehen mag.≪

≫Warum hast du so lange gewartet? Du bist doch schon vor einiger Zeit aus dem Gefängnis entlassen worden.≪

≫Vor zwölf Jahren, acht Monaten und zehn Tagen. Ehemalige Häftlinge sind da noch genauer als ehemalige Raucher, und ich bin beides.≪ Wieder lächelte sie. ≫Doch das ist keine Antwort auf deine Frage. Schon am Tag meiner Entlassung dachte ich daran, mich bei dir zu melden. Ich bin sogar zu deiner Schule gefahren. Eine Woche lang saß ich jeden Tag im Auto und beobachtete dich von dort auf dem Schulhof. Sah, wie du mit den anderen Kindern spieltest. Einmal bin ich sogar ausgestiegen und wollte über die Straße gehen. Und da habe ich mich gefragt, ob man mir wohl anmerkt, daß ich aus dem Gefängnis komme. Ich dachte, jeder müsse es sehen, so, als trüge ich ein Kainsmal auf der Stirn.≪

Naomi hob die Schultern und nahm sich ein Plätzchen. ≫Also stieg ich wieder in mein Auto und fuhr davon. Du warst glücklich, du wurdest behütet, und du hattest keine Ahnung, daß es mich gibt. Dann wurde mein Vater krank. Die Jahre vergingen, Kelsey. Jedesmal, wenn ich daran dachte, zum Telefon zu greifen oder dir zu schreiben, schien es mir der falsche Zeitpunkt zu sein.≪

≫Und warum gerade jetzt?≪

≫Ich hielt die Zeit für gekommen. Jetzt bist du nicht so glücklich, nicht so behütet, und ich dachte, es sei an der Zeit, daß du von meiner Existenz erfährst. Deine Ehe ist gescheitert, und du stehst an einem Scheideweg. Vielleicht denkst du, ich kann nicht nachempfinden, wie du dich fühlst, aber glaub mir, ich kann es.≪

≫Du weißt über Wade Bescheid?≪

≫Ja. Und über deinen Job und dein Studium. Du hattest Glück, daß du die Intelligenz deines Vaters geerbt hast. Ich war immer eine miserable Studentin. Wenn du die Plätzchen nicht ißt, steck wenigstens ein paar ein, ja? Gertie merkt es bestimmt nicht.≪

Seufzend nahm sich Kelsey eines und biß hinein. ≫Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Und ich weiß nicht, was ich von dir halten soll.≪

≫Die Realität ist selten so, wie es einem die Seifenopern im Fernsehen weismachen wollen≪, meinte Naomi lakonisch. ≫Tränenreiche Wiedervereinigung von Mutter und Tochter. Alles vergeben und vergessen. Ich verlange ja gar nicht, daß alles vergeben und vergessen sein soll, Kelsey. Ich hoffe nur, daß du mir eine Chance gibst.≪

Kelsey nahm den Schnellhefter, den sie neben sich auf das Sofa gelegt hatte. ≫Ich habe einige Nachforschungen angestellt.≪

Das muß die Hölle gewesen sein, dachte Naomi und griff nach einem weiteren Plätzchen. ≫Das habe ich mir schon gedacht. Zeitungsberichte über den Prozeß?≪

≫Unter anderem.≪

≫Ich kann dir eine Abschrift des Protokolls besorgen.≪

Kelseys Finger schlossen sich um den Schnellhefter. ≫Ein Protokoll?≪

≫Wäre ich an deiner Stelle, wollte ich es sehen. Die Verhandlung war öffentlich, Kelsey. Selbst wenn ich etwas geheimhalten wollte, wäre es mir nicht möglich.≪

≫Als ich das letzte Mal hier war, fragte ich dich, ob du schuldig bist, und du sagtest ja.≪

≫Du fragtest, ob ich Alec getötet habe, und ich bejahte das.≪

≫Warum hast du mir nicht gesagt, daß du in Notwehr gehandelt hast?≪

≫Was macht das für einen Unterschied? Ich wurde verurteilt, habe meine Strafe abgesessen und bin, wie man so schön sagt, rehabilitiert.≪

≫Also war es eine Lüge? War es nur eine Ausrede, als du ausgesagt hast, daß du ihn erschießen mußtest, weil er dich vergewaltigen wollte?≪

≫Die Geschworenen waren dieser Ansicht.≪

≫Ich frage aber dich≪, schoß Kelsey zurück. ≫Ich will ein einfaches Ja oder Nein.≪

≫Jemanden zu töten ist niemals einfach, egal unter welchen Umständen.≪

≫Und welche Umstände waren das? Du hast ihn ins Haus, in dein Schlafzimmer gelassen.≪

≫Ich ließ ihn ins Haus≪, berichtigte Naomi. ≫Er kam in mein Schlafzimmer.≪

≫Er war dein Liebhaber.≪

≫Das war er nicht.≪ Mit eiskalten Händen schenkte Naomi Tee nach. ≫Vielleicht wäre er es irgendwann einmal geworden, aber damals habe ich nicht mit ihm geschlafen.≪ Ihr Blick heftete sich auf ihre Tochter. ≫Auch das haben die Geschworenen nicht geglaubt. Ich fand ihn anziehend und hielt ihn für einen charmanten, harmlosen Dummkopf.≪

≫Du hast dich wegen einer anderen Frau mit ihm gestritten.≪

≫Ich bin sehr besitzergreifend≪, entgegnete Naomi nüchtern. ≫Er sollte bis über beide Ohren in mich verliebt sein, und das hieß, daß ich mit anderen flirten durfte, er aber nicht. Und da er begann, mich zu langweilen und mir lästig zu werden, beschloß ich, die Beziehung zu beenden. Alec war damit keineswegs einverstanden. Wir hatten einen Streit, in aller Öffentlichkeit, Später, als wir allein waren, stritten wir weiter. Er gebärdete sich wie rasend, beschimpfte mich auf übelste Weise und versuchte dann, durch Grobheit sein Ziel zu erreichen. Ich sagte, er solle verschwinden.≪

Trotz aller Bemühungen, die Ruhe zu bewahren, zitterte ihre Stimme, als sie an diese Nacht zurückdachte. ≫Statt dessen folgte er mir nach oben, nannte mich Gott weiß was und wurde gewalttätig. Vermutlich wollte er mir zeigen, was ich verpaßt hatte, als er mich mit Gewalt ins Bett zerren wollte. Ich war wütend und hatte Angst. Als mir klar wurde, daß er genau das tun würde, was er mir angedroht hatte, wehrte ich mich, riß mich los, griff nach meiner Pistole und erschoß ihn.≪

Wortlos schlug Kelsey den Schnellhefter auf und nahm die Kopie des Zeitungsfotos heraus. Als Naomi es sah, verriet nur ein Zucken im Mundwinkel ihre Gefühle.

≫Nicht sehr schmeichelhaft, weder für ihn noch für mich, nicht wahr? Allerdings wußten wir damals nicht, daß wir Zuschauer haben.≪

≫Er berührt dich gar nicht. Er hat die Hände erhoben.≪

≫Vermutlich hätte man selbst an Ort und Stelle sein müssen, um die Situation richtig beurteilen zu können.≪ Naomi reichte ihrer Tochter das Foto zurück. ≫Ich verlange ja nicht, daß du mir glaubst, Kelsey. Warum solltest du auch? Wie auch immer die Umstände gewesen sein mochten, ich bin nicht ohne Schuld. Doch ich habe dafür bezahlt, und die Gesellschaft hat mir noch eine Chance gegeben. Und mehr verlange ich auch nicht von dir.≪

≫Warum hast du mich in dem Glauben gelassen, du seist tot? Warum hast du das zugelassen?≪

≫Weil es in gewisser Weise zutraf. Ein Teil von mir war tot. Und egal welches Verbrechen ich auch begangen habe, dich habe ich geliebt. Ich wollte nicht, daß du in dem Wissen aufwächst, daß ich in einem Käfig sitze. Ansonsten hätte ich diese zehn Jahre nicht überstanden. Und ich mußte überleben.≪

Dutzende von Fragen schwirrten Kelsey im Kopf umher, doch sie wußte nicht, ob sie die Antworten ertragen konnte. ≫Ich kenne dich nicht≪, sagte sie schließlich. ≫Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas für dich empfinden werde.≪

≫Dein Vater hat dir doch sicher Sinn für Gerechtigkeit beigebracht. Und wenn nicht er, dann Milicent. Ich will an diesen Gerechtigkeitssinn appellieren und dich bitten, hierherzukommen und ein paar Wochen zu bleiben. Einen Monat vielleicht.≪

Für einen Augenblick verschlug es Kelsey die Sprache. ≫Ich soll hier leben?≪ stieß sie schließlich hervor.

≫Nennen wir es einen ausgedehnten Besuch, Kelsey. Ein paar Wochen deines Lebens gegen die Zeit, die ich verloren habe.≪

Sie wollte nicht betteln. O Gott, sie wollte nicht betteln, doch sie würde es tun, wenn es sein mußte. ≫Es mag ja egoistisch und unfair sein, aber ich will diese Chance.≪

≫Das ist zu viel verlangt.≪

≫Das ist es wohl. Aber ich verlange es trotzdem. Ich bin deine Mutter, das kannst du nicht leugnen. Du kannst mir zwar aus dem Weg gehen, wenn du das willst, aber ich bin und bleibe deine Mutter. Wir werden in Ruhe herausfinden können, wie wir zueinander stehen. Wenn sich gar kein Gefühl zwischen uns entwickelt, kannst du gehen. Aber ich wette, du bleibst.≪ Naomi beugte sich vor. ≫Aus welchem Holz bist du geschnitzt, Kelsey? Hast du genug Chadwick-Blut in den Adern, um eine Herausforderung anzunehmen?≪

Kelsey rieb sich ihr Kinn. Es war eine Herausforderung, aber darauf war sie eher bereit einzugehen als auf eine Bitte. ≫Einen ganzen Monat kann ich dir nicht versprechen, aber ich werde kommen.≪ Überrascht bemerkte sie, daß Naomis Lippen leicht zitterten, ehe sie sich zu ihrem üblichen kühlen Lächeln verzogen.

≫Ausgezeichnet. Wenn ich dich schon nicht unterhalten kann, Three Willows kann’s bestimmt. Dann werden wir sehen, wieviel du in deinen Reitstunden gelernt hast.≪

≫Ich lasse mich nicht leicht abwerfen.≪

≫Ich auch nicht.≪

4

Das Dinner im Familienkreis war von jeher eine äußerst zivilisierte Angelegenheit. Stilvoll wurde dabei ausgezeichnetes Essen serviert — wie eine Henkersmahlzeit, dachte Kelsey, als sie ihre Lauchsuppe löffelte. Sie wollte den Abend im Hause ihre Vaters weder als Verpflichtung noch, was schlimmer war, als Verhör betrachten. Doch sie wußte, daß beides zutraf.

Philip betrieb beiläufig Konversation, doch sein Lächeln wirkte aufgesetzt. Seit Kelsey ihm von ihrem bevorstehenden Besuch auf Three Willows erzählt hatte, ließ ihn die Vergangenheit nicht mehr los. Obwohl er es Candace gegenüber als illoyal empfand, konnte er kaum an etwas anderes denken als an seine erste Frau. Nachts wälzte er sich schlaflos von einer Seite auf die andere, da ihn seine Erinnerungen peinigten. Obwohl er sich selbst sagte, daß er sich wie ein Narr verhielt, quälte ihn der Gedanke, er könne das Kind verlieren, um das er so erbittert gekämpft hatte.

Doch dieses Kind war inzwischen zur Frau gereift. Er brauchte sie nur anzusehen, um sich dessen bewußt zu werden. Und doch, wenn er die Augen schloß, sah er das Kind vor sich. Und fühlte sich schuldig.

Milicent wartete, bis das gegrillte Hähnchen serviert wurde. Normalerweise vermied sie es, während der Mahlzeit unerfreuliche Themen anzuschneiden, doch diesmal würde ihr wohl keine andere Wahl bleiben.

≫Du fährst morgen fort, wie ich hörte?≪

≫Ja.≪ Kelsey nahm einen Schluck aus ihrem Wasserglas und sah zu, wie die dünne Zitronenscheibe darin auf und ab tanzte. ≫Gleich morgen früh.≪

≫Und dein Job?≪

≫Ich habe gekündigt.≪ Herausfordernd hob Kelsey eine Augenbraue. ≫Es war sowieso nicht viel mehr als eine ehrenamtliche Tätigkeit. Wenn ich zurückkomme, kann ich mich ja immer noch bei der Smithsonian Institution bewerben.≪

≫Für jemanden, der kommt und geht, wie es ihm beliebt, dürfte es schwierig sein, eine Stelle zu finden.≪

≫Mag sein.≪

≫Die Gesellschaft für Geschichte kann immer Hilfe gebrauchen≪, warf Candace ein. ≫Vielleicht kann ich ein gutes Wort für dich einlegen.≪

≫Danke, Candace.≪ Der reinste Friedensengel, dachte Kelsey. ≫Ich werde es mir überlegen.≪

≫Vielleicht befällt dich ja auch das Rennfieber.≪ Channing zwinkerte seiner Stiefschwester zu. ≫Dann legst du dir einen feurigen Hengst zu und reist von Rennen zu Rennen.≪

≫Das wäre sowohl unpassend als auch unklug.≪ Milicent betupfte die Lippen mit ihrer Serviette. ≫Für jemanden deines Alters mag das ja romantisch und aufregend klingen, aber Kelsey ist alt genug, um es besser zu wissen.≪

≫Ich stell mir das toll vor. Sich in den Ställen herumzutreiben, hier und da eine kleine Wette zu riskieren … Ich hätte nichts dagegen, ein paar Wochen auf dem Land zu verbringen.≪

≫Du könntest mich besuchen kommen. Ich würde mich freuen.≪

≫Ist das alles, woran du denken kannst?≪ Aufgebracht legte Milicent ihre Gabel beiseite. ≫An dein persönliches Vergnügen? Hast du eigentlich eine Ahnung, was du deinem Vater antust?≪

≫Mutter …≪

Doch Milicent wischte Philips Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. ≫Nach all dem Kummer, den uns diese Person bereitet hat, muß sie jetzt nur mit den Fingern schnippen, und Kelsey kommt angerannt. Es ist unfaßbar.≪

≫Sie hat keineswegs einfach nur mit den Fingern geschnippt.≪ Unter dem Tisch ballte Kelsey die Fäuste. Fahr nicht aus der Haut, ermahnte sie sich. ≫Sie bat mich um einen Besuch, und ich war einverstanden. Es tut mir leid, wenn du dich verletzt fühlst, Dad.≪

≫Es ist eher so, daß ich mir Sorgen um dich mache, Kelsey.≪

≫Ich frage mich …≪ In der Hoffnung, Milicent zu beschwichtigen und wenigstens den Rest des Abends zu retten, meldete Candace sich zu Wort. ≫Mußt du denn wirklich dort wohnen, Kelsey? Schließlich liegt die Farm nur eine Stunde von hier. Du könntest es langsamer angehen lassen und ab und zu über’s Wochenende hinfahren.≪ Sie blickte zu Philip, um seine Reaktion zu sehen, dann lächelte sie Kelsey bittend an. ≫Das erscheint mir wesentlich vernünftiger.≪

≫Wenn sie nur einen Funken Verstand hätte, wäre sie nie dorthin gefahren.≪

Kelsey verbiß sich ein Seufzen und lehnte sich zurück. ≫Es ist ja nicht so, als ob ich einen Vertrag unterschrieben hätte. Ich kann jederzeit wieder gehen. Aber ich will hinfahren.≪ Das galt ihrem Vater. ≫Ich will herausfinden, wer sie wirklich ist.≪

≫Kann ich verstehen≪, stimmte Channing mit vollem Mund zu. ≫Wenn ich erfahren hätte, daß meine totgeglaubte Mutter noch am Leben ist und ’ne Zeitlang gesessen hat, würde ich auch so handeln. Hast du sie gefragt, wie’s im Bau so ist? Ich liebe diese Filme, die von Frauen im Knast handeln.≪

≫Channing!≪ flüsterte Candace entsetzt. ≫Du bist geschmacklos!≪

≫Ich bin bloß neugierig.≪ Er spießte eine goldgelbe Frühkartoffel auf die Gabel. ≫Ich wette, der Fraß im Gefängnis ist ätzend.≪

Kelsey lachte laut auf. ≫Ich verspreche dir, sie danach zu fragen. Sagt mal, sind Channing und ich hier die einzigen, denen das Ganze nicht wie eine Szene aus einem Rührstück vorkommt? Seid doch froh, daß ich meinen Schock nicht auf der Couch eines Psychiaters verarbeite oder in Alkohol ertränke. Ich bin schließlich diejenige, die die neue Situation am stärksten belastet, aber ich tue mein Bestes, um damit fertig zu werden.≪

≫Du denkst nur an dich≪, zischte Milicent mit zusammengekniffenen Lippen.

≫Ganz recht. Ich denke an mich.≪ Was zuviel war, war zuviel, entschied Kelsey und stand vom Tisch auf. ≫Vielleicht interessiert es dich ja, daß sie kein einziges böses Wort über dich verloren hat≪, sagte sie zu ihrem Vater. ≫Es gibt keine hinterhältige Verschwörung, die mich gegen dich aufwiegeln soll. Das wäre auch gar nicht möglich.≪ Sie beugte sich zu ihrem Vater und küßte ihn auf die Wange. ≫Danke für das Essen, Candace. Ich muß jetzt wirklich nach Hause und packen. Channing, ruf mich an, wenn du ein freies Wochenende hast. Gute Nacht, Großmutter.≪

Sie eilte hinaus. Als die Tür hinter ihr zufiel, holte sie tief Luft. Der Geruch der Freiheit, dachte sie, und sie würde sie genießen.

_________

Als Kelsey am nächsten Morgen in Three Willows ankam, öffnete Gertie die Tür. ≫Da sind Sie ja!≪ Sie nahm Kelsey den Koffer aus der Hand, ehe sie protestieren konnte. ≫Miß Naomi ist bei den Ställen. Wir wußten nicht genau, wann Sie kommen, aber ich soll ihr sagen, wenn Sie da sind.≪

≫Nein, laß nur. Sie ist sicher beschäftigt. Ich nehme dir den Koffer ab, er ist schwer.≪

≫Ach wo, ich bin kräftig wie ein Pferd.≪ Gertie hob den Koffer an. ≫Ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer.≪

So klein und dünn sie auch war, mühelos stieg Gertie die Stufen empor, munter weiterschwatzend. ≫Alles ist vorbereitet. Es tut gut, wieder etwas zu tun zu haben. Miß Naomi kümmert sich wenig ums Haus. Braucht mich eigentlich gar nicht.≪

≫Das kann ich nicht glauben.≪

≫Oh, als Gesellschafterin schon. Aber sie ißt wie ein Spatz und macht fast alles selbst, ehe ich es ihr abnehmen kann.≪ Gertie führte den Gast durch eine geräumige Diele, die mit einem rosengemusterten Teppich ausgelegt war. ≫Manchmal hat sie Leute da, aber es ist nicht mehr so wie früher. Damals hatten wir ständig Gäste.≪

Sie öffnete eine Tür, trat ins Zimmer und legte den Koffer auf ein elegantes Himmelbett.

Durch die hohen, schmalen Fenster, die zum Garten hinausgingen, fiel helles Sonnenlicht in das Zimmer. Die kräftigen Farben und die geschmackvoll arrangierten Blumen verliehen dem Raum eine elegante, beinahe europäische Note.

≫Wie hübsch!≪ Kelsey trat zu einer Frisierkommode aus Kirschholz, auf der eine Kristallvase mit frischen Tulpen stand. ≫Als ob man in einem Garten schliefe.≪

≫Früher war das Ihr Zimmer. ’türlich anders eingerichtet, ganz in Weiß und Rosa. — wie ein Bonbonladen.≪ Gertie biß sich auf die Lippen, als sie Kelseys überraschten Blick auffing. ≫Miß Naomi sagte, wenn Ihnen das Zimmer nicht gefällt, können Sie auch den Raum gegenüber nehmen.≪

≫Nein, es gefällt mir gut.≪ Kelsey verharrte einen Augenblick, wartete darauf, jeden Moment von Erinnerungen überflutet zu werden. Doch sie empfand lediglich Neugier.

≫Ihr Badezimmer ist hier.≪ Dienstbeflissen öffnete Gertie eine Tür. ≫Wenn Sie noch Handtücher brauchen, sagen Sie’s nur. Oder wenn Sie sonst noch etwas wünschen. Ich gehe und hole Miß Naomi.≪

≫Nein.≪ Kurz entschlossen drehte Kelsey sich um. ≫Ich gehe sie selbst suchen. Auspacken kann ich ja später.≪

≫Ich mach’ das schon für Sie. Sie sehen sich um und genießen Ihren Besuch. Bald gibt’s Lunch. Knöpfen Sie Ihre Jacke zu, es ist kühl draußen.≪

Kelsey verkniff sich ein Grinsen. ≫Okay. Zum Lunch bin ich wieder da.≪

≫Bringen Sie Ihre Mama mit. Sie muß etwas essen.≪

≫Ich werd’s ihr ausrichten≪, sagte Kelsey und ließ Gertie mit dem Koffer allein.

Die Verlockung, sich das Haus genauer anzusehen, den Kopf in jeden Raum zu stecken und den letzten Winkel zu erforschen, war groß. Doch das hatte Zeit. Ein Hauch von Winter lag zwar noch in der Luft, doch schien die Sonne strahlend hell vom Himmel. Ein gutes Omen, hoffte Kelsey, als sie das Haus verließ.

Sie wollte nicht gleich zu Beginn ihres Besuches den Schatten der Vergangenheit nachjagen. Auf lange Sicht war das natürlich unvermeidlich. Doch es konnte nicht schaden, einen unbeschwerten Tag auf dem Lande zu verbringen, den Duft der ersten Frühlingsblumen und des jungen Grases zu genießen und die Berge, Pferde und den blauen Himmel zu bewundern. Zumindest vorerst konnte sie ihren Aufenthalt hier als Kurzurlaub betrachten. Erst als sie ihren Koffer gepackt hatte, war ihr bewußt geworden, wie dringend sie es nötig hatte, dem Alltagstrott zu entfliehen. Bloß weg aus ihrem leeren Apartment, weg von dem Job und der nervenzermürbenden Aufgabe, sich an das Singleleben zu gewöhnen.

Außerdem, dachte sie, als ihr der Geruch nach Pferden in die Nase stieg, konnte sie auch hier noch etwas lernen. Sie verstand überhaupt nichts vom Pferderennsport, kannte sich in dieser Welt überhaupt nicht aus und hatte nur wenig Ahnung von Pferden.

Also würde sie sich jetzt bemühen, soviel wie möglich darüber herauszufinden. Sie hatte das Gefühl, daß der Schlüssel zum Wesen ihrer Mutter in dem Umfeld lag, in dem sie lebte.

Wie schon bei ihrem letzten Besuch herrschte bei den Ställen reges Treiben. Pferde wurden herumgeführt oder gestriegelt, Männer wie Frauen schleppten Futtersäcke heran oder schoben Schubkarren mit Mist fort. Kelsey ignorierte die neugierigen Blicke und ging hinein.

In der ersten Box bandagierte ein Pfleger einer Stute das Bein. Kelsey zögerte, als er zu ihr aufschaute. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. Sein Gesicht erschien ihr steinalt und seine Haut erinnerte an von der Sonne ausgedörrtes Leder.

≫Entschuldigung. Ich suche Miß Chadwick.≪

≫Groß geworden, nich’ wahr?≪ Der Mann schob einen Priem Kautabak in den Mund. ≫Hab’ schon gehört, daß Sie kommen. So, Süße, das wär’s.≪

Kelsey brauchte einen Moment, um zu begreifen, daß diese Bemerkung nicht ihr, sondern der Stute galt. ≫Fehlt ihr etwas?≪ wollte sie wissen.

≫Nur’ne leichte Verstauchung. Alt ist sie, aber das Rennen hat sie noch nicht verlernt. Du erinnerst dich noch an die alten Zeiten, was, mein Mädchen? Hat ihr erstes und ihr letztes Rennen gewonnen, und’ne ganze Reihe dazwischen. Fünfundzwanzig ist sie jetzt. War’n munteres Fohlen, als Sie sie das letzte Mal gesehen haben.≪ Er schenkte ihr ein zahnloses Grinsen. ≫Nehm’ an, Sie erinnern sich weder an sie noch an mich. Boggs heiß’ ich. Hab’ Sie auf Ihr erstes Pony gesetzt, aber vermutlich ham’ Sie vergessen, wie das geht.≪

≫Nein, ich kann reiten.≪ Kelsey streckte vorsichtig die Hand aus, um die alte Stute zu streicheln. ≫Wie heißt sie denn?≪

≫Queen Vanity Fair. Ich nenn’ sie einfach Queenie.≪

Die Stute schnaubte leise, und ihre sanften braunen Augen richteten sich auf Kelsey. ≫Sie ist zu alt, um noch beim Rennen zu starten≪, murmelte Kelsey.

≫Und auch zum Fohlen, Queenie ist im Ruhestand. Aber manchmal denkt sie, sie wär noch’n junges Ding, so tobt sie ’rum. Wenn ich’n Sattel mitbringen täte, was meinen Sie, wie sie dann die Ohren spitzen würde≪.

≫Man kann sie also noch reiten?≪

≫Wenn’s der richtige Reiter ist. Ihre Ma’ ist hinten im Schuppen, auf der linken Seite. Große Dinge geh’n heute hier vor.≪

≫Oh. Vielen Dank auch, äh, …≪

≫Boggs. Willkommen zu Hause.≪ Der Mann drehte sich um und strich mit seiner knorrigen, verarbeiteten Hand zart über das Bein der Stute. ≫Besser, Sie zieh’n beim nächsten Mal Stiefel an.≪

≫Ja≪, Kelsey sah auf ihre weichen italienischen Pumps hinab. ≫Da haben Sie recht.≪

Sie durchquerte die Ställe und blieb, nach einem prüfenden Blick über ihre Schulter, bei Serenitys Box stehen. Die Stute belohnte sie mit einem freundschaftlichen Schnauben und knabberte dann an ihrer Hand.

Draußen, bei dem Gebäude zu ihrer Linken, herrschte hektischer Betrieb. Sie erkannte Gabe und fragte sich einen Moment lang hingerissen, wer wohl prachtvoller aussah, er oder der sich aufbäumende braune Hengst, den er zu bändigen versuchte. Er hielt das Tier am kurzen Zügel und stemmte mit aller Kraft die Beine in den Boden, während der Hengst am ganzen Leibe zitterte und laut wieherte.

Gabe, dessen Haar vom Wind zerzaust wurde, warf lachend den Kopf zurück. ≫Du hast Angst, was? Kann ich verstehen. Nichts bringt das Blut so sehr in Wallung, wie eine schöne, liebesbereite Stute. Hallo, Kelsey.≪ Ohne sich umzudrehen hielt er weiterhin den Hengst im Zaum. Er hatte ihre Anwesenheit gespürt, fast meinte er, ihren Duft wahrgenommen zu haben, so wie der Hengst die Stute roch. ≫Da sind Sie gerade rechtzeitig zum großen Ereignis gekommen. Sie sind doch nicht empfindlich, oder?≪

≫Nein, bin ich nicht.≪

≫Wunderbar. Naomi wartet drinnen mit der Stute. Longshot und Three Willows sind im Begriff, gemeinsam einen Champion hervorzubringen.≪

Kelseys Blick wanderte über das Pferd. Mehrere Helfer standen bereit, Gabe im Notfall zur Hand zu gehen. Das Tier bot einen herrlichen Anblick, sein Fell glänzte bereits vor Schweiß, die Muskeln spielten unter der Haut, und seine Augen glühten.

≫Den wollen Sie auf eine arme, nichtsahnende Stute loslassen?≪

Gabe grinste. ≫Glauben Sie mir, sie wird mir dankbar sein.≪

≫Furchtbare Angst wird sie haben≪, widersprach Kelsey und betrat den Stall. Ihre Mutter und Moses beruhigten die Stute, die offenbar genauso aufgeregt war wie der Hengst. Auch sie war braun und sah prächtig aus wie der ihr zugeteilte Partner. Man hatte ihr Fußfesseln angelegt und ihren Nacken mit einem dicken Ledertuch geschützt.

≫Kelsey≪, Naomi wischte sich über das schweißbedeckte, schmutzverschmierte Gesicht, ≫Gertie sollte mir doch Bescheid geben.≪

≫Ich hab’ ihr gesagt, sie soll sich nicht bemühen. Bin ich im Weg?≪

≫Nein …≪ Zweifelnd blickte Naomi zu Moses hinüber. ≫Aber hier wird es gleich ziemlich wüst zugehen.≪

≫Ich bin schon ein wenig aufgeklärt≪, meinte Kelsey trocken.

≫Bleiben Sie hier≪, fügte Moses hinzu, ≫dann lernen Sie noch was dazu.≪ Und zu einem seiner Männer sagte er: ≫Sie ist soweit.≪

≫Bleib außer Reichweite≪, warnte Naomi ihre Tochter. ≫Das wird kein gemütliches Schäferstündchen.≪

Sex lag in der Luft. Als Gabe und seine Helfer den Hengst hereinführten, verstärkte sich der beißende Geruch noch. Die Stute wieherte, ob aus Protest oder Zustimmung, konnte Kelsey nicht entscheiden, und der Hengst antwortete mit einem Laut, der ihr durch und durch ging.

Es wurden rasche Befehle gegeben, als der Hengst mit einem einzigen kraftvollen Satz die Stute bestieg. Mit weit aufgerissenen Augen sah Kelsey zu, wie Moses bei der Paarung technische Hilfestellung leistete. Dann sah sie, warum die Stute den ledernen Nackenschutz trug, und ihr stockte der Atem. Wahrscheinlich hätte der Hengst ihr sonst seine Zähne bis auf die Knochen ins Fleisch gegraben. In seiner Raserei wirkte er beinahe menschlich.

Ohne daß es ihr bewußt wurde, kam Kelsey näher, fasziniert von diesem leidenschaftlichen Deckakt. Ihr Herz schlug wild vor Erregung, ihr Blut schien in den Adern zu kochen.

Unwillkürlich blickte sie Gabe an. Schweiß lief ihm über das Gesicht, die Muskeln spannten sich unterm T-Shirt. Er schaute ihr voll ins Gesicht. Zu ihrem Entsetzen sah sie an ihm ihre eigene Reaktion; die kurze Vorstellung, genauso wild und kraftvoll genommen zu werden wie die Stute.

Gabe lächelte, arrogant und anziehend zugleich. Er lächelte, durchfuhr es Kelsey, als ob er ihre Gedanken lesen konnte.

≫Unglaublich, nicht wahr?≪ Ihre Mutter kam zu ihr. Die Braune war schon die dritte Stute, die an diesem Morgen gedeckt wurde, und Naomis ganzer Körper schmerzte vor Anstrengung.

≫Tut ihr das …≪ Kelsey räusperte sich. ≫Tut ihr das weh?≪

≫Ich glaube, sie würde Schmerzen kaum bemerken.≪ Naomi zog ein blaues Tuch aus der Gesäßtasche und wischte sich damit den Schweiß ab. ≫Manche Hengste decken sehr vorsichtig, fast so wie ein scheuer Liebhaber.≪ Grinsend deutete sie auf die keuchenden Pferde. ≫Der da ist alles andere als sanft. Ein richtiger Draufgänger. Und welche Frau hätte nicht ab und zu mal gern einen Draufgänger.≪ Bei diesen Worten schielte sie zu Moses.

Ich muß mich beruhigen, dachte Kelsey, denn ihr Puls raste immer noch. Besser, und sicherlich klüger wäre es, sich auf den wissenschaftlichen Aspekt der Sache zu konzentrieren. ≫Nach welchen Kriterien sucht ihr denn den passenden Hengst für eine Stute aus?≪ fragte sie.

≫Das kann vom Stammbaum, von den Erbanlagen, den Qualitäten, ja sogar von der Farbe abhängen. Wir erstellen eine Art genetisches Diagramm, und dann können wir nur noch die Daumen drücken. Herrjeh, ich weiß, daß ich in Klischees rede, aber ich könnte eine Zigarette vertragen. Laß uns an die Luft gehen. Hier gibt’s kaum noch etwas zu tun.≪

Naomi kramte einen Streifen Kaugummi aus ihrer Hosentasche. ≫Möchtest du auch eins?≪

≫Nein, danke.≪

≫Ein armseliger Ersatz für Tabak.≪ Seufzend schob sie sich den Kaugummi in den Mund. ≫Aber jeder Ersatz ist irgendwie armselig.≪ Mit geneigtem Kopf musterte sie ihre Tochter. ≫Du siehst müde aus, Kelsey. Hast du schlecht geschlafen?≪

≫Das auch.≪

Naomi seufzte erneut. Früher hatte ihre Tochter ihr alles anvertraut, was sie auf dem Herzen hatte, doch diese Zeiten waren vorbei — wie so vieles andere. ≫Wenn du mir nicht antworten willst, dann sag es, aber ich wüßte trotzdem gern, ob Philip gegen deinen Besuch hier ist.≪

≫Ich würde es so ausdrücken: Ihn hat meine Entscheidung, deiner Einladung Folge zu leisten, tief getroffen.≪

≫Verstehe.≪ Naomi blickte nachdenklich zu Boden, dann nickte sie. ≫Ich würde ja vorschlagen, mit ihm zu reden, um ihn zu beruhigen, aber ich fürchte, das würde die Sache nur noch schlimmer machen.≪

≫Das glaube ich allerdings auch.≪

≫Na gut. Dann wird er sich eben ein paar Wochen lang nicht wohl in seiner Haut fühlen.≪ Als sie wieder hochblickte, waren ihre Augen hart. Verdammt, sie hatte es verdient — einen kurzen Monat Zusammensein nach so vielen Jahren. ≫Aber er wird es überleben. Ich kann mich ja nicht totstellen, nur weil es einigen Leuten lieber wäre.≪ Sie sah zu Gabe hinüber, der gerade den schweißtriefenden Hengst aus dem Schuppen führte, und ihr Gesicht wurde weicher. ≫Meinst du, es hat geklappt?≪

≫Wenn nicht, liegt es jedenfalls nicht am mangelnden Einsatz.≪ Er klopfte dem Hengst auf den Hals, ehe er einem Stallburschen die Zügel übergab. ≫Das erste Fohlen von vielen, hoffe ich. Nun, Kelsey, für Sie war das eine interessante Einführung in das Leben auf einer Pferdefarm. Wenn Sie bis ungefähr Januar nächsten Jahres hierbleiben, können Sie das Ergebnis des heutigen Ereignisses laufen sehen.≪

≫Ereignis, das ist wohl eine ziemliche Untertreibung für das, was da drinnen vor sich gegangen ist. Die Stute schien dabei ja keine Wahl zu haben.≪

≫Er aber auch nicht.≪ Grinsend nahm sich Gabe eine Zigarre. ≫Bei so einem Urereignis hat keiner eine Wahl. Moses wird mir Bescheid geben, falls die Vorstellung wiederholt werden muß≪, wandte er sich an Naomi, ≫aber ich hab’ so ein Gefühl, daß es nicht nötig sein wird.≪

≫Ich würde ja eine Wette darauf abschließen, aber diesmal vertraue ich deinem Gefühl. Entschuldigt mich eine Minute, ich muß kurz nach der Stute schauen.≪

Kelsey blickte zu dem Hengst, der gerade trockengerieben wurde. ≫Sollten Sie nicht mit ihm ein Männergespräch unter vier Augen führen? Ihn vielleicht einmal an Ihrer Zigarre ziehen lassen?≪

≫Gespräche dieser Art habe ich schon in der High-School vermieden. Mache ich Sie nervös, Kelsey, oder liegt das nur an der Atmosphäre?≪

≫Weder noch.≪ Doch in Wahrheit übte er einen ganz besonderen Reiz auf sie aus. Aber das war ihr Problem. ≫Ihnen gehört also die Nachbarfarm, Longshot?≪

≫Richtig.≪

≫Ich habe Ihr Haus von der Straße aus bewundert. Es fällt in der Umgebung etwas aus dem Rahmen.≪

≫Genau wie ich. Der altehrwürdige Prachtbau, der auf dem Hügel stand, als ich die Farm übernahm, hat mir nicht gefallen. Also ließ ich ihn abreißen.≪ Er stieß eine Rauchwolke aus. ≫Sie müssen mal rüberkommen und das Haus besichtigen.≪

≫Gern, aber zuerst will ich Three Willows erkunden.≪

≫Sie finden an der ganzen Ostküste keinen besseren Betrieb als meinen.≪ Hinter ihm war ein Schnaufen zu hören. Gabe drehte sich um und sah Moses. ≫Natürlich hätte ich das beste Gestüt im ganzen Land, wenn ich Naomi Whitetree abspenstig machen könnte. Ich biete das Doppelte von dem, was sie dir zahlt, Moses.≪

≫Behalte dein Geld, mein Junge. Kauf dir lieber einen schicken Anzug.≪ Moses übergab die Stute einem Pfleger. ≫Besitzer wie du sind Eintagsfliegen.≪

≫Das hast du vor fünf Jahren auch schon gesagt, Moses.≪

≫Und das sage ich auch heute noch. Gib mir eine Zigarre.≪

≫Du bist eine harte Nuß, Whitetree.≪

≫So ist es.≪ Moses steckte sich die Zigarre für später in die Tasche. ≫Dein Pferdepfleger, der mit der gebrochenen Nase, roch nach Gin.≪

Gabes vergnügtes Lächeln verschwand sofort, seine Augen wurden schmal, und er sagte: ≫Ich kümmere mich darum.≪

≫Sag doch deinem Trainer, er soll sich darum kümmern≪, gab Moses zurück. ≫Das ist doch sein Job.≪

≫Aber es sind meine Pferde≪, korrigierte ihn Gabe. ≫Entschuldigt mich.≪ Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zu dem Transporter, in den der Hengst gerade verladen wurde.

≫Der wird’s nie lernen≪, brummte Moses.

≫Bei Gabe gibt es keine Hierarchie≪, kopfschüttelnd beobachtete Naomi, wie Gabe den Mann zur Rede stellte. ≫Du hättest seinen Trainer informieren sollen, Moses.≪

≫Und Jamison sollte sich nicht an mich wenden müssen, um ihn darauf zu stoßen, was unter seiner Nase vorgeht.≪

≫Moment mal.≪ Kelsey hob eine Hand. ≫Würde wohl jemand so liebenswürdig sein, mir zu erklären, worüber hier eigentlich geredet wird≪.

≫Gabe feuert einen seiner Männer≪, antwortete Naomi.

≫Einfach so?≪

≫Bei der Arbeit wird nicht getrunken≪, zischte Moses durch die Zähne, als die wütende Stimme des Pferdepflegers zu ihnen herüberscholl. ≫Rennstallbesitzer sollten sich aus dem Betrieb raushalten.≪

≫Warum?≪ wollte Kelsey wissen.

≫Weil sie die Besitzer sind.≪ Mit einem unwilligen Kopfschütteln drehte sich Moses um und lief zu den Ställen.

≫Hier gibt’s keine Minute Langeweile.≪ Naomi berührte Kelsey am Arm. ≫So, und jetzt … Mist!≪

≫Wie bitte?≪ Kelsey schaute sich gerade noch rechtzeitig um und sah, daß der Mann ausholte und nach Gabe schlug. Er wich aber geschickt aus.

Mit Mühe hielt sich Gabe zurück, den Kerl fertigzumachen. Der Mann ist ja nur ein jämmerlicher Wicht, dachte er, und er war nur halb so groß wie er selbst. Das Schlimmste war eigentlich, von Moses zu erfahren, daß ein Trinker sein Pferd betreute.

≫Hau ab und pack deine Sachen, Lipsky≪, wiederholte Gabe mit eisiger Ruhe, während der Mann mit geballten Fäusten vor ihm stand. ≫Du bist für Longshot erledigt.≪

≫Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?≪ Lipsky fuhr sich mit der Hand über den Mund. Noch war er nicht völlig betrunken, er hatte nur genügend Gin intus, um sich stark zu fühlen. ≫Ich weiß mehr über Pferde, als Sie je lernen werden. Sie sind doch nur durch Glück und Betrug was geworden, Slater. Jeder weiß das, und genauso weiß jeder, daß Ihr Alter ein elender Säufer ist.≪

Die Wut, die jetzt in Gabes Augen aufblitzte, ließ die Männer ein wenig zurückgehen, und in schweigender Übereinkunft bildeten sie einen Ring. Gleich würde es hier etwas zu sehen geben.

≫Du kennst meinen Vater, was, Lipsky? Wundert mich gar nicht. Tu dich doch mit ihm zusammen und sauf dich zu Tode. Aber erst packst du deine Sachen und holst dir deinen noch ausstehenden Lohn ab. Du bist gefeuert.≪

≫Jamison hat mich eingestellt. Ich bin seit zehn Jahren auf der Cunningham Farm, und ich werd’ auch noch hiersein, wenn Sie schon längst wieder an Ihrem Roulettetisch sitzen.≪

Über Lipskys Kopf hinweg bemerkte Gabe, daß zwei seiner Männer vielsagende Blicke tauschten. Wenn er jetzt einen Rückzieher machte, war sein Ansehen dahin.

≫Es gibt die Cunningham Farm nicht mehr. Für dich ist kein Platz mehr auf Longshot. Jamison mag dich ja eingestellt haben, aber ich unterschreibe deine Lohnschecks. Und ich bezahle keine Säufer. Wenn du noch einmal in die Nähe meiner Pferde kommst, dann kriegst du’s mit mir zu tun.≪

Gabe drehte sich um, und sein Blick fiel auf Kelsey, die mit seinen Leuten dastand und das Geschehen verfolgte. Einen Moment lang war sie froh, daß die Abscheu in Gabes Augen nicht ihr galt. Dann sah sie das Aufblinken von Stahl in der Sonne.

Sie wollte einen warnenden Laut ausstoßen, doch da wandte sich Gabe schon wieder seinem Gegner zu, und das Messer ritzte nur leicht seinen Arm, anstatt ihn in den Rücken zu treffen. Beim Anblick des Blutes wandelte sich das gespannte Interesse der Zuschauer in Aufregung.

≫Zurückbleiben≪, befahl Gabe, ohne den Schmerz in seinem Arm zu beachten, und verfluchte seine eigene Dummheit. Er hatte nicht damit gerechnet, daß sein betrunkener Gegner so weit gehen würde. ≫Jetzt willst du’s aber wissen, was, Lipsky?≪ Jeder Muskel seines Körpers war gespannt. Er war bereit, denn wenn man einem Kampf nicht mehr ausweichen konnte, mußte man sich so gut wie möglich behaupten. ≫Das Messer wirst du brauchen. Na los, komm schon.≪

Das Messer in Lipskys Hand zitterte. Einen Augenblick lang konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie es dorthin gelangt war. Doch nun war Blut geflossen. Sein Stolz, der durch den Gin noch verstärkt wurde, ließ es nicht zu, jetzt dem Kampf aus dem Wege zu gehen.

Er duckte sich, täuschte ab und umkreiste seinen Gegner.

≫Wir müssen etwas unternehmen!≪ schrie Kelsey mit vor Entsetzen zugeschnürter Kehle. ≫Ruf die Polizei.≪

≫Nein, keine Polizei.≪ Naomi, leichenblaß im Gesicht, sagte nur: ≫Keine Polizei.≪

≫Dann tu etwas! Um Gottes willen tu etwas!≪ Die glänzende Klinge stieß vor, und Lipsky verfehlte Gabe nur um Millimeter. Außer den beiden Kämpfenden rührte sich niemand, nur der Hengst begann, in seinem Hänger wild auszuschlagen. Das Tier spürte die unheilvolle Stimmung.

Ohne nachzudenken packte Kelsey eine an die Scheunenwand gelehnte Heugabel, hob sie hoch und rannte damit los, blieb aber wie angewurzelt stehen, als sie die Klinge wieder aufblitzen sah. In hohem Bogen flog das Messer durch die Luft, und Lipsky ging zu Boden.

Gabe schien sich kaum bewegt zu haben und stand nun breitbeinig über seinem Gegner, das Gesicht so unbeweglich, als sei es aus Stein, und musterte ihn kalt.

≫Laß Jamison wissen, wo du hingehst. Er schickt dir dann deine Sachen und dein Geld.≪ Mühelos riß er Lipsky am Kragen auf die Füße. Der Gestank nach Gin und Blut traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube, und unangenehme Erinnerungen stiegen in ihm auf. ≫Laß dich hier ja nie wieder sehen, ansonsten könnte ich mich dazu hinreißen lassen, dich zu Brei zu schlagen.≪

Er stieß den taumelnden Pferdepfleger wieder zu Boden und wandte sich an seine Leute. ≫Nehmt ihn mit und werft ihn irgendwo an der Straße raus. Er kann dann auf Schusters Rappen verschwinden.≪

≫Ja, Sir, Mr. Slater.≪ Beeindruckt wie Buben von einer Schulhofrauferei gingen die Männer auseinander. Einige von ihnen halfen Lipsky hoch und führten ihn fort.

≫Tut mit leid, Naomi.≪ Nachlässig strich sich Gabe das Haar aus dem Gesicht. ≫Ich hätte warten sollen, bis wir wieder auf Longshot sind, um ihn da zu feuern.≪

Naomi zitterte am ganzen Leib. ≫Dann hätte ich ja die Vorstellung versäumt.≪ Gezwungen lächelnd kam sie näher und bemerkte das Blut, das von seinem Arm tropfte. ≫Komm mit ins Haus. Wir müssen die Wunde verbinden.≪

≫Wie lautet die übliche Floskel? Es ist ja nur ein Kratzer.≪ Er blickte auf seinen Arm, dankbar dafür, daß es wirklich nur eine kleine Wunde war, auch wenn sie höllisch schmerzte. Mit den Worten: ≫Aber ich lasse mich gern von schönen Frauen verarzten≪, schaute er Kelsey an.

Sie hielt noch immer die Heugabel so fest umklammert, daß ihre Knöchel weiß hervortraten. Rote Flecken zeigten sich auf ihren Wangen, und in ihren Augen stand der Schock.

≫Ich glaube, die brauchen Sie jetzt nicht mehr.≪ Sachte nahm Gabe ihr die Heugabel, mit der sie ihn hatte verteidigen wollen, aus der Hand. ≫Aber ich weiß den Hilfsversuch zu schätzen.≪

Ihre Knie begannen zu zittern. ≫Sie lassen ihn einfach so gehen?≪

≫Was denn sonst?≪

≫Wegen versuchten Mordes werden Leute gewöhnlich festgenommen.≪ Sie drehte sich nach ihrer Mutter um und sah deren bitter zusammengepreßte Lippen. ≫Werden die Dinge hier anders geregelt?≪

≫Da mußt du Moses fragen≪, gab Naomi zurück. ≫Auf Three Willows ist er für Entlassungen zuständig.≪ Sie zog ihr kleines Halstuch aus der Tasche und tupfte damit Gabe das Blut ab. ≫Schade, daß ich keinen Unterrock habe, den ich zerreißen kann.≪

≫Das wäre noch besser.≪

≫Halt fest und drück das Tuch auf die Wunde≪, wies Naomi ihn an. ≫Und jetzt gehen wir ins Haus und legen dir einen Verband an.≪

Gabe verlangsamte seinen Schritt, bis Kelsey ihn eingeholt hatte. Grinsend wandte er ihr das Gesicht zu. ≫Willkommen zu Hause, Kelsey.≪

5

Kelsey überließ ihrer Mutter und der geschäftig herumwuselnden Gertie die Erste Hilfe. Sie hätte ja vorgeschlagen, in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu fahren, aber niemand schien an ihrer Meinung sonderlich interessiert zu sein.

Offenbar wurden Stichwunden hier mit solcher Ruhe hingenommen und selbst verarztet.

Sobald Gabes Arm gesäubert und verbunden war, wurde Hühnersuppe mit heißem Toast aufgetischt. Das Gespräch drehte sich ausschließlich um Pferde, Stammbäume, Rennen und Bestzeiten, für Kelsey Bücher mit sieben Siegeln. So beschränkte sie sich auf die Rolle der Zuhörerin und hing ihren eigenen Gedanken nach.

Aus Naomis Beziehung zu Gabriel Slater wurde sie immer noch nicht schlau, aber sie schienen sehr vertraut miteinander zu sein. So stand zum Beispiel er auf und schenkte Kaffee nach, nicht seine Gastgeberin. Und dann berührten sie sich ständig wie unabsichtlich, strichen mit den Fingerspitzen über den Arm des anderen, legten die Hände ineinander.

Das ging sie nun wirklich nichts an, mahnte sich Kelsey. Ihre Mutter und ihr Vater waren seit über zwanzig Jahren geschieden, also stand es Naomi frei, eine andere Beziehung einzugehen.

Seltsamerweise störte sie aber gerade diese Beziehung gewaltig.

Auf jeden Fall paßten die beiden gut zusammen. Es verband sie einerseits ihre Liebe zu Pferden, andererseits zeigten ihre Charaktere eine Art unterdrückter Gewalttätigkeit, die, wie sie von ihrer Mutter wußte und bei Gabe selbst gesehen hatte, durchaus tödlich sein konnte, wenn sie außer Kontrolle geriet.

≫Vielleicht hat Kelsey Lust, morgens einmal mit zur Rennbahn zu kommen und beim Training zuzuschauen≪, schlug Gabe vor, der sich seinen Kaffee schmecken ließ und Kelseys Anblick genoß. Er glaubte zu sehen, wie sich ihre Gedanken überschlugen.

≫Auf die Rennbahn?≪ Aus ihren Grübeleien gerissen blickte Kelsey interessiert hoch. ≫Ich dachte, die Pferde würden hier trainiert.≪

≫Wir machen beides≪, erklärte Naomi. ≫Aber das Training auf der Rennbahn soll den Pferden ein Gefühl für die Strecke vermitteln.≪

≫Und es gibt den Wettern die Chance, die Pferde zu beobachten, einzuschätzen und danach ihren Einsatz zu richten≪, warf Gabe ein. ≫Auf der Rennbahn findet sich immer ein buntes Völkchen ein, gerade am frühen Morgen, lange vor dem eigentlichen Start.≪

≫Und früher Morgen ist keine Übertreibung.≪ Naomi lächelte ihre Tochter an. ≫Vielleicht möchtest du deinen Tag nicht so früh beginnen?≪

≫Doch, ich würde gern sehen, wie das alles so abläuft.≪

≫Wie wär’s mit morgen?≪ Gabe zog herausfordernd die Brauen hoch.

≫Abgemacht.≪

≫Wir treffen uns auf der Rennbahn.≪ Naomi schaute auf die Uhr. ≫Ich muß noch mal zu den Ställen, der Hufschmied kommt gleich.≪ Beim Aufstehen legte sie Gabe die Hand auf die Schulter. ≫Trink in Ruhe deinen Kaffee aus. Kelsey leistet dir Gesellschaft, ja? Erzähl ihr, was sie morgen erwartet.≪ Sie schnappte sich eine Jeansjacke und eilte hinaus.

≫Lange kann sie nicht stillsitzen≪, murmelte Kelsey.

≫Zu Jahresbeginn fällt aber auch immer die meiste Arbeit an.≪ Gabe hatte die Kaffeetasse noch in der Hand und lehnte sich zurück. ≫So, soll ich Ihnen erzählen, was Sie zu sehen bekommen?≪

≫Ich lasse mich lieber überraschen.≪

≫Dann verraten Sie mir: Hätten Sie von der Heugabel Gebrauch gemacht?≪

Kelsey überlegte kurz. ≫Ich glaube, keiner von uns beiden kann darauf eine Antwort geben.≪

≫Ich wette, Sie hätten’s getan. Ein tolles Bild haben sie jedenfalls abgegeben, meine Liebe. Dieser Anblick war mehr als einen Kratzer am Arm wert.≪

≫Sie werden eine Narbe zurückbehalten, Slater. Freuen Sie sich, daß er nur Ihren Arm und nicht Ihr hübsches Gesicht getroffen hat.≪

≫Er hat auf meinen Rücken gezielt≪, erinnerte Gabe sie.

≫Ich habe Sie doch gar nicht gewarnt.≪

≫O doch. Ihr Gesichtsausdruck kam einem Schrei gleich.≪ Er langte in die Tasche, holte ein abgegriffenes Kartenspiel heraus und begann, die Karten lässig zu mischen. ≫Spielen Sie Poker?≪

Verwirrt runzelte sie die Stirn. ≫Ich kenne das Spiel, aber ich beherrsche die Regeln nicht.≪

≫Wenn Sie’s mal probieren sollten, versuchen Sie bloß nicht zu bluffen, sonst verlieren Sie Ihr letztes Hemd.≪

≫Sprechen Sie da aus Erfahrung?≪

≫Ich stand schon öfter kurz davor. Aber nach einer Weile riskiert man nicht mehr, als man sich leisten kann — wenn man klug ist.≪

≫Sind Sie eigentlich mehr an den Pferden oder den Wetten interessiert?≪

≫Sagen wir mal so: Ich habe sehr vielseitige Interessen.≪

≫Dazu gehört auch Naomi?≪

≫Dazu gehört auch Naomi.≪ Er nahm ihre Hand und stellte amüsiert fest, daß ihre Finger sich verkrampften. Ohne den Blick von ihr abzuwenden zog er die Hand an seine Lippen. ≫Wegen Lipsky schulde ich Ihnen noch etwas. Die Art und Weise der Zahlung können Sie sich aussuchen.≪

Lange vergessen geglaubte Gefühle wurden in Kelsey wach. Da sie sie nicht unterdrücken konnte, mußte sie damit fertig werden. ≫Es spricht nicht gerade für Ihre Manieren, mir in der Küche Avancen zu machen.≪

Wie er ihre mit heiserer Stimme hervorgebrachten Gemeinplätze liebte. ≫Schätzchen, das war noch gar nichts.≪ Er hielt ihre Hand fest und drehte die Handfläche nach oben. ≫Die Hände einer Lady≪, murmelte er, ≫wie geschaffen, um eine Teetasse zu halten. Ich hatte schon immer eine Schwäche für schmale, weiche Hände.≪

Er drückte seine Lippen in ihre Handfläche und streichelte gleichzeitig ihr Handgelenk. Unter seinem Daumen konnte er ihren hämmernden Puls fühlen. Über ihre Finger streichend sagte er: ≫So sehen Avancen aus. Sie gefallen mir. Vielleicht denken Sie mal darüber nach.≪

Er gab ihre Hand frei, schob die Karten wieder zusammen und erhob sich. ≫Ich sehe Sie dann morgen früh. Träumen Sie schön von mir.≪

Würde, dachte Kelsey, ist genauso wichtig wie Stolz. ≫Wenn ich träume, Slater, dann bestimmt nicht von Ihnen.≪

≫Tun Sie doch.≪ Er beugte sich zu ihr hinunter, bis sich ihre Gesichter beinahe berührten: ≫Ich habe Sie gewarnt. Bluffen Sie nicht, Kelsey, Sie verlieren.≪

Er ließ sie vor ihrem kalt gewordenen Kaffee sitzen. Es war doch wirklich jammerschade, dachte er mit Bedauern, daß er sich nicht seinen Tagträumen hingeben konnte. Aber auf ihn wartete noch viel Arbeit.

_________

Sowie Gabe nach Longshot zurückgekehrt war, machte er sich auf die Suche nach Jamison. Der Trainer hatte schon für Cunningham gearbeitet, und als Gabe die Farm übernahm, kostete es ihn nicht allzuviel Überredung, Jamison zum Bleiben zu bewegen, denn dessen Loyalität galt ohnehin mehr den Pferden als ihrem Besitzer.

Jamisons stattlicher Bauch zeigte, daß er ein Mann war, der Essen und Trinken zu schätzen wußte. Er hatte Generationen von Pferden ausgebildet, die ihren Besitzern reichlich Geld einbrachten. Trotzdem war er lange nicht so gut wie Moses Whitetree.

Als Kleinkind war er mit seinen Eltern aus der Grafschaft Kerry in Irland in die Vereinigten Staaten gekommen, und seine früheste Kindheitserinnerung war mit dem Geruch der Pferde verbunden, die sein Vater betreut hatte.

Jamison hatte sein bisheriges Leben mit Vollblütern verbracht. Jetzt war er zweiundsechzig und träumte manchmal davon, eine eigene kleine Farm und ein erstklassiges Pferd zu besitzen, das ihm genug einbrachte, um einen sorgenfreien Lebensabend zu verleben.

≫Nun, Gabe.≪ Er schob einige Unterlagen zur Seite und stand auf, als Gabe eintrat. ≫Ich habe Honest Abe nach Santa Anita und Reliance nach Pimlico geschickt. Hab’ das erste Rennen verpaßt.≪ Er lächelte matt. ≫Aber wie ich hörte, hattest du Probleme, und da dachte ich, du wolltest noch mit mir reden, ehe ich zur Rennbahn fahre.≪

≫Wie oft hast du Lipsky erwischt, daß er bei der Arbeit trinkt?≪

Bei Leuten wie Gabriel Slater halfen weder Ausflüchte noch beschönigende Worte, dachte Jamison. Da kannte er den Jungen nun seit zwanzig Jahren und verstand ihn immer noch nicht ganz. ≫Zweimal. Ich habe ihn verwarnt und ihm gesagt, daß er fliegt, wenn das noch mal vorkommt. Er ist ein guter Mann. Zugegeben, er guckt gern ins Glas, aber er arbeitet seit einem Jahrzehnt auf dieser Farm.≪ Seufzend blickte er auf den Verband an Gabes Arm. ≫Ich schwöre beim Leben meiner Mutter, ich hätte nie gedacht, daß er auf dich losgeht.≪

≫Trinker sind unzuverlässig, Jamie. Du weißt, wie ich darüber denke.≪

≫Allerdings.≪ Jamison faltete die Hände über dem Bauch. Anstatt hier seinen Brötchengeber zu besänftigen, sollte er eigentlich schon längst auf der Rennbahn sein. ≫Und vielleicht verstehe ich besser, als du ahnst, warum du für diese spezielle Schwäche kein Verständnis aufbringst. Aber für die Jungs bin ich zuständig, und es war meine Entscheidung, Lipsky einzustellen.≪

≫Deine Entscheidung war falsch.≪

≫Weiß ich.≪

≫Wenn ich einen von meinen Leuten, von dir bis zum kleinsten Stallburschen, noch mal während der Arbeit beim Trinken erwische, dann fliegt er. Ohne Ausnahme.≪

Verärgerung blitzte zwar in Jamisons Augen auf, doch er nickte: ≫Du bist der Boß, Gabe.≪

Zufrieden nahm Gabe einen Aktenordner vom Tisch und blätterte darin. ≫Ich werde von nun an mehr Zeit auf der Koppel und bei den Ställen verbringen≪, kündigte er an, ≫ich möchte nicht, daß du denkst, ich wollte dir auf die Finger schauen.≪

≫Es sind deine Ställe≪, erwiderte Jamie steif. ≫Das Gestüt gehört dir.≪

≫Allerdings. Und heute morgen wurde mir deutlich vor Augen geführt, daß mich meine Leute nicht ganz ernst nehmen. Sicher mein Fehler.≪ Er legte den Ordner wieder weg. ≫Die ersten Jahre, nachdem ich die Farm übernommen hatte, war ich viel zu sehr mit dem Bau des Hauses beschäftigt. Und damit, meine Aufnahme in den erlesenen Klub der Rennstallbesitzer durchzusetzen. Daher habe ich die praktische Seite des Betriebs dir überlassen, aber das wird sich ab sofort ändern. Du bist der Trainer, Jamie, und in allem, was die Pferde betrifft, werde ich deine Ratschläge befolgen. Aber ich mische jetzt wieder mit.≪

Diese Phase wird vorübergehen, dachte Jamison bei sich. Nur selten machte sich ein Rennstallbesitzer die Hände mit Arbeit schmutzig, sondern er legte eher Wert darauf, im Rampenlicht zu stehen und achtete darauf, daß der Rubel rollte. ≫Du mußt tun, was du für richtig hältst≪, sagte er.

≫Es ist lange her, seit ich das letzte Mal eine Heugabel zur Hand genommen habe.≪ Gabe erinnerte sich lächelnd daran, wie Kelsey aussah, als sie dieses Gerät wie einen Speer wurfbereit hochgehalten hatte. Dann schaute er auf die große Uhr, die in Jamisons Büro hing. ≫Wir können bis drei in Pimlico sein. Wen hast du mitgeschickt?≪

≫Carstairs. Torky reitet, und Lynette soll ihm zur Hand gehen.≪

≫Dann gehen wir und schauen mal, was für ein Team sie abgeben.≪

_____

Sich selbst überlassen, vertauschte Kelsey ihre Schuhe mit einem Paar fester Stiefel und verließ das Haus. Sie wollte nicht zu den Ställen zurückgehen, wo sie doch nur im Weg stand oder wie ein Wundertier bestaunt wurde. Statt dessen wanderte sie zu den Hügeln hinüber, wo die Pferde friedlich grasten.

Die Ruhe, die über dieser Szenerie lag, bildete einen willkommenen Gegensatz zu der Hektik am Morgen. Und trotzdem mußte sie eine innere Unrast bekämpfen, die sie dazu trieb, weiterzugehen, immer weiter, um zu sehen, was hinter der nächsten Biegung lag.

Wie war es möglich, daß sie sich nicht mehr an diesen Ort erinnerte? Kelsey empfand es als seltsam, daß die ersten drei Jahre ihres Lebens vollkommen aus ihrem Gedächtnis getilgt waren. Gerade in diesen frühen Jahren waren die Weichen für ihr Schicksal gestellt worden, und sie wollte diese Zeit zurückhaben, wollte selbst entscheiden können, was richtig und was falsch war.

An einem weißgestrichenen Zaun blieb sie stehen und sah drei Stuten zu, die wie auf Kommando losgaloppierten, ihre Fohlen immer hinterdrein. Eine vierte Stute stand geduldig grasend da, während ihr Fohlen trank.

Kelsey fand den Anblick sehr idyllisch. Ähnlich einem Postkartenbild, das mit der Realität wenig gemeinsam hatte. Und doch lächelte sie unwillkürlich, als sie zu dem Fohlen hinüberschaute. Sie bewunderte die langen grazilen Beine und den schön geformten Kopf. Wie das Tier wohl reagieren würde, wenn sie über den Zaun kletterte und versuchte, es zu streicheln?

≫Sind sie nicht großartig?≪ Naomi war plötzlich bei ihr. Der Wind fuhr durch ihr kinnlanges Haar; ein Schnitt, den sie weniger aus modischen als aus praktischen Gründen trug. ≫Es wird mir nie langweilig, ihnen zuzusehen, jeden Frühling, Jahr für Jahr. In diesem sich ewig wiederholenden Ablauf liegt etwas Beruhigendes.≪

≫Sie sind wunderschön, so unbeschwert. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sie einmal über eine Rennbahn jagen werden.≪

≫Diese athletische Rasse ist auf Geschwindigkeit gezüchtet, was du morgen mit eigenen Augen sehen wirst.≪ Naomi warf ihr Haar zurück und zog dann eine weiche Kappe aus der Jackentasche und setzte sie auf ihre widerspenstige Mähne. ≫Siehst du den Kleinen dort, der gerade trinkt? Er ist fünf Tage alt.≪

≫Fünf?≪ Überrascht drehte Kelsey sich um und nahm Mutter und Kind genauer unter die Lupe. Das kräftige, gutgebaute Fohlen schien sich auf der Weide schon ausgesprochen heimisch zu fühlen. ≫Kaum zu glauben≪.

≫Sie wachsen sehr schnell. Mit drei Jahren sind sie auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit. Was hier, oder besser gesagt, im Deckschuppen beginnt, endet einmal in der Startbox. Dann ist dieser kleine Kerl zum Beispiel ungefähr zwölfhundert Pfund schwer und dreht mit einem Jockey auf dem Rücken seine Runden. Ein herrlicher Anblick.≪

≫Aber der Weg dorthin ist nicht einfach≪, meinte Kelsey nachdenklich. ≫Es ist sicher nicht leicht, aus so einem zierlichen Geschöpf ein konkurrenzfähiges Rennpferd zu machen.≪

≫Nein.≪ Naomi lächelte. Ihre Tochter begann bereits zu begreifen. Das mußte ihr wohl im Blut liegen. ≫Es ist mit viel Arbeit verbunden und endet häufig mit einer Enttäuschung. Aber es ist die Mühe wert. Jedesmal.≪ Sie rückte ihre Kappe zurecht, so daß der Schirm ihr Gesicht beschattete. ≫Tut mir leid, daß ich dich so lange warten lassen mußte, aber der Hufschmied redet ohne Punkt und Komma. Er hat schon für meinen Vater gearbeitet und beschlägt die Pferde am liebsten hier.≪

≫Schon gut. Ich erwarte ja gar nicht, daß du mir dauernd Gesellschaft leistest.≪

≫Was erwartest du denn?≪

≫Nichts. Noch nichts.≪

Naomi musterte die säugende Stute und wünschte sich, so leicht auch ein Band zu ihrem Kind zu knüpfen. ≫Bist du wegen heute morgen noch böse?≪

≫Böse ist nicht das richtige Wort.≪ Kelsey riß sich vom Anblick der Pferde los und sah ihre Mutter ernst an. ≫Erstaunt trifft die Sache besser. Alle standen bloß herum, und keiner unternahm etwas.≪

≫Außer dir.≪ Grinsend schüttelte Naomi den Kopf. ≫Ich dachte, du würdest diese Schnapsdrossel einfach aufspießen. Ich beneide dich, Kelsey, weil du zu impulsiven Handlungen fähig bist und keine Angst hast. Oder du hast ein ausgeprägtes Ehrgefühl. Ich war wie erstarrt. Ich fürchte, ich habe zuviel Angst und längst nicht mehr genug Ehrgefühl. Vor langer Zeit hätte ich auch so gehandelt.≪

Sie schlang die Arme um den Körper und sah ihrer Tochter voll ins Gesicht. ≫Du wunderst dich, warum niemand die Polizei gerufen hat. Gabe hat das mir zuliebe nicht getan. Vielleicht — aber da bin ich mir nicht sicher — hätte er auf seinem Grund und Boden anders gehandelt. Aber hier … er weiß, daß ich es nur äußerst ungern noch einmal mit der Polizei zu tun bekommen möchte. Am liebsten nie wieder.≪

≫Das geht mich nichts an.≪

Naomi schloß die Augen. Es war an der Zeit, daß sie beide sich an eines gewöhnten: Alles, was sie anging, ging nun auch Kelsey etwas an. ≫Als sie kamen, um mich festzunehmen, da hatte ich noch keine Angst. Ich war mir so sicher, daß sie am Ende wie Narren dastehen würden — und ich als die große Heldin. Ich hatte auch keine Angst, als ich im Verhörzimmer saß, einem tristen grauen Raum mit harten Stühlen, auf denen man nicht richtig sitzen konnte. So wollen sie dich weichklopfen.≪ Sie schlug die Augen wieder auf. ≫Sie kriegten mich nicht klein. Am Anfang noch nicht, denn ich war schließlich eine Chadwick. Aber dann kriecht die Angst langsam in dir hoch, immer höher. Du kannst sie unterdrücken, aber nicht ausschalten. Und noch ehe ich diesen schrecklichen grauen Raum verließ, hatte ich auch Angst.≪

Naomi atmete tief durch und wurde sich bewußt, daß all das hinter ihr lag — bis auf die Erinnerungen. ≫Ich hatte während der gesamten Verhandlung Angst, aber ich wollte es nicht zeigen, denn die Vorstellung, jeder könne mir meine Angst ansehen, war mir zuwider. Und dann mußt du aufstehen, damit der Richter das Urteil verkünden kann. Deine Verurteilung. In diesem Moment kannst du die Angst nicht mehr unterdrücken. Sie schnürt dir die Kehle zu, daß du glaubst, nicht mehr atmen zu können. Du stehst da und gibst dich so gelassen und zuversichtlich wie möglich, denn du weißt, daß alle Blicke auf dir ruhen. Doch deine Knie werden weich wie Butter, und wenn du dann das Wort ‘Schuldig’ hörst, fühlst du plötzlich nur noch eine große Leere in dir.≪

Wieder holte sie tief Atem. ≫Jetzt kannst du sicher verstehen, daß ich es nie wieder mit der Polizei zu tun haben möchte.≪ Einen Moment lang schwieg sie, erwartete aber keine Antwort. Dann fuhr sie fort: ≫Weißt du, daß du als Kind immer hierhergekommen bist? Ich hab’ dich auf den Zaun gehoben, damit du die Fohlen besser beobachten konntest.≪

≫Es tut mir leid.≪ Plötzlich überkam Kelsey eine tiefe Trauer. ≫Ich kann mich nicht erinnern.≪

≫Macht ja nichts. Siehst du das Hengstfohlen da, das in der Sonne liegt, das kleine schwarze? Es ist ein Champion, das wußte ich schon bei seiner Geburt. Vielleicht wird das Pferd mal eines der besten aus der Three-Willows-Zucht.≪

Kelsey nahm das Fohlen genauer in Augenschein. Ein schönes Tier, gewiß, aber sie konnte keinen Unterschied zu den anderen herumtollenden Fohlen erkennen. ≫Woran siehst du das?≪

≫An seinen Augen. Wir wissen es beide.≪

Naomi lehnte sich an den Zaun und blickte Seite an Seite mit ihrer Tochter über die Weiden. Und für einen Moment fühlte sie sich beinahe glücklich.

_________

Spätnachts, als das Haus in tiefer Stille lag und nur der Wind leise durch die Läden pfiff, kuschelte sich Naomi enger an Moses. Es war ihr am liebsten, wenn er zu ihr kam, irgendwie verlieh es ihr ein Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit.

Nicht daß sie ihn ungern in seinem Zimmer über den Ställen besuchte. Das erste Mal — ihr erstes Mal — war sie einfach zu ihm gegangen und hatte ihn dabei überrascht, wie er in der Unterhose bei einem Bier saß und einige Papiere durchging.

Ihn zu verführen war nicht ganz leicht gewesen, erinnerte sie sich lächelnd, als sie mit der Hand über seinen muskulösen Brustkorb strich. Doch seine Augen hatten ihn verraten. Er begehrte sie, wie er sie seit je begehrt hatte, während sie sechzehn Jahre gebraucht hatte, um zu erkennen, daß sie ihn genauso wollte.

≫Ich liebe dich, Moses.≪

Wenn sie das sagte, versetzte es ihm jedesmal einen kleinen Schlag. Daran würde sich wohl auch nie etwas ändern. Er legte eine Hand auf ihre: ≫Ich liebe dich auch, Naomi. Sonst hättest du mich wohl kaum dazu überreden können, zu dir zu kommen, wo deine Tochter ein paar Zimmer weiter schläft.≪

Lachend küßte sie seinen Hals. ≫Kelsey ist erwachsen. Ich bezweifle, daß sie einen Schock fürs Leben bekommt, wenn sie erfährt, daß ich mit dir ins Bett gehe.≪

≫Wie soll ich mit dir streiten, wenn sich alle meine Gedanken auf einen einzigen Körperteil konzentrieren?≪ Wie er es oft zu tun pflegte, strich er mit den Händen über ihren schlanken Körper. ≫Du wirst von Tag zu Tag schöner, Naomi, jedes Jahr.≪

≫Das kommt dir so vor, weil deine Augen älter werden.≪

≫Nicht wenn sie dich ansehen.≪

Sie schmolz fast dahin. ≫Verdammt noch mal, wenn du sentimental wirst, nimmst du mir immer den Wind aus den Segeln. Ich brauche doch nur Kelsey anzusehen, um zu merken, wie sehr ich mich verändert habe. Trotzdem bin ich eitel genug, um dauernd in den Spiegel zu schauen — und jede gottverdammte Falte zu zählen.≪

≫Ich bin verrückt nach jeder einzelnen gottverdammten Falte.≪

≫Früher war mir mein Aussehen so wichtig. Schön zu sein schien mir fast eine Mission — eine heilige Verpflichtung. Dann bedeutete es mir jahrelang gar nichts, bis du kamst.≪

Lächelnd beugte sie sich zu ihm und berührte leicht mit ihren Lippen seine. ≫Und jetzt erzählst du mir, daß du Falten magst.≪

Moses schob eine Hand unter ihren Kopf und zog sie enger an sich, und sie küßten sich leidenschaftlich. Sie hob ihm die Hüften entgegen, und als er tief in sie eindrang, begann sie heiser zu stöhnen.

_________

Von der Diele aus hörte Kelsey die gedämpften Laute des Liebesspiels, das Quietschen des alten Bettes, das Keuchen und die gemurmelten Laute. Wie angewurzelt blieb sie stehen, eine Tasse Tee in der einen, ein Buch in der anderen Hand.

Nie hatte sie ihren Vater und Candace nachts gehört. Vermutlich waren beide zu höflich und wohlerzogen, um laute Geräusche zu machen. Was jetzt hinter der verschlossenen Tür am Ende der Diele zu hören war, klang alles andere als zurückhaltend.

Allerdings, sagte sie sich, war es auch nicht gerade höflich, zu lauschen. Sie drückte die Türklinke so hastig nieder, daß sie etwas Tee verschüttete.

Das waren vermutlich ihre Mutter und Gabe Slater. Die Gefühle, die seine Anwesenheit hinter dieser Tür bei ihr auslösten, wollte sie lieber nicht analysieren.

Als sie die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sich Kelsey tief durchatmend dagegen. Fast war ihr zum Lachen. Eine erwachsene Frau, die schockiert war, weil eine andere erwachsene Frau — zufällig ihre Mutter — noch ein aktives Sexualleben hatte.

Doch im Augenblick fand sie weder die Situation noch ihre eigene Reaktion darauf sehr erheiternd. Sie stellte Teetasse und Buch ab und ging zum Fenster. Der stille Garten, der unter ihr lag, war in silbernes Mondlicht getaucht. Romantisch, dachte sie, die Stirn gegen die Scheibe gepreßt. Geheimnisvoll. Wie vieles an Three Willows.

Sie wollte weder Romantik noch Geheimnisse. Sie war einzig und allein hier, um den Elternteil kennenzulernen, den man ihr so lange vorenthalten hatte.

Kelsey wandte sich ab und ging zu Bett. Doch sie konnte lange nicht einschlafen, erst als sie hörte, wie die Tür am Ende der Diele geöffnet und wieder geschlossen wurde und jemand leise an ihrer Zimmertür vorbei zur Treppe schlich, fiel sie in einen unruhigen Schlummer.

6

Die Rennbahn in der Morgendämmerung entsprach ganz und gar nicht Kelseys Erwartungen. Zur Welt des Pferderennsports gehörten ihrer Meinung nach Buchmacher und Wettende, dicke Zigarren und schlechtsitzende Anzüge, der Geruch nach schalem Bier und dem Schweiß der Verlierer.

Der betrunkene Pferdepfleger, den Gabe am Tag zuvor gefeuert hatte, paßte genau in ihr Bild von dieser Welt. Die Realität jedoch sah anders aus.

Die Rennbahn lag in dichtem Nebel, als sie mit Naomi dort ankam. Die Pferde waren schon früher eingetroffen, damit sie in Ruhe ausgeladen, gesattelt und auf die Trainingsläufe vorbereitet werden konnten. Es herrschte eine ruhige, beinahe heitere Atmosphäre; die Stimmen klangen gedämpft durch den Nebel, und die hier und da aufgetauchten Gestalten wirkten wie Geister. Am Geländer rund um die Bahn lehnten Männer und nippten an dampfenden Pappbechern.

≫Das sind Zeitnehmer≪, erklärte Naomi. ≫Sie bleiben stundenlang hier, messen die Zeiten, beurteilen das Gewichtshandicap der Pferde.≪ Sie lächelte. ≫Sie jagen sozusagen der Zeit hinterher. Irgendwie tun wir das alle. Wolltest du dir nicht zuerst einmal einen Überblick verschaffen?≪

≫Es ist alles … nun, ich finde es schön. Die Bäume im Nebel, die leeren Tribünen. Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt≪, sie wandte sich ihrer Mutter zu, ≫ganz anders.≪

≫Die meisten Menschen sehen nur die eine Seite der Medaille. Zwei Minuten um die Runde, und alles ist vorbei. Das ist sicher spannend. Manchmal geradezu gewaltig, und es kann mit einem Triumph oder einer Tragödie enden. Weißt du, oft werden Menschen nur nach ihrem äußeren Verhalten beurteilt, und man macht sich nicht die Mühe, den Hintergrund kennenzulernen.≪ In ihrer Stimme lag keine Bitterkeit, sondern sie drückte die schlichte Akzeptanz dieser Tatsache aus. ≫Jetzt werfen wir mal einen Blick hinter die Kulissen. Da spielt sich nämlich das Wesentliche ab.≪

Und dort entdeckte Kelsey die andere, den Zuschauern verborgene Seite des Pferderennsports. Alternde Jockeys, die mit ihrer Karriere kein Glück gehabt oder zu viel Gewicht angesetzt hatten, absolvierten mit den Pferden Trainingsrunden, um sich so vierzig Dollar pro Ritt zu verdienen. Andere, halbe Kinder noch, drängten sich in der Hoffnung, selbst einmal eine Chance zu bekommen, dazwischen. Man diskutierte über die Vorzüge der einzelnen Pferde und entwarf Strategien. Ein Pferdepfleger mit einem Tweedhut führte ein lahmendes Pferd in der Runde herum, auf das er dabei beruhigend einsprach.

Kein Hauch jener vibrierenden Spannung, die Kelsey sich ausgemalt hatte, war zu spüren. Nur Routine. Sie begriff, daß sich all dies Tag für Tag wiederholte. Währenddessen schliefen die meisten Menschen noch oder tranken ihren Frühstückskaffee.

Ihr Blick fiel auf einen Mann im hellblauen Anzug mit blankgewienerten Stiefeln, der in ein ernsthaftes Gespräch mit einem anderen Mann in schäbiger Strickjacke verwickelt zu sein schien. Ab und zu verlieh der Mann im Anzug seinen Worten mit heftigen Gesten Nachdruck. Ein protziger Diamantring in Form eines Hufeisens blitzte bei jeder Bewegung auf.

≫Bill Cunningham≪, erklärte Naomi, der Kelseys Interesse aufgefallen war.

≫Cunningham?≪ Kelsey durchforstete stirnrunzelnd ihr Gedächtnis. ≫Hat nicht der Mann, den Gabe gestern gefeuert hat, diesen Namen erwähnt?≪

≫Longshot hieß früher einmal Cunningham Farm. Bill hat sie geerbt, vor fünfundzwanzig Jahren, schätze ich.≪ Ein verächtlicher Unterton schwang in ihrer Stimme mit. ≫Er war auf dem besten Wege, sie herunterzuwirtschaften, ehe er sie an Gabe verlor. Jetzt ist er an einigen Pferden beteiligt und besitzt ein oder zwei mittelmäßige Galopper. Er lebt in Maryland. Er redet gerade mit seinem Trainer, Carmine, der für Bill und noch einige andere Pferdebesitzer arbeitet. Im Moment lauscht er ergeben Bills Anweisungen und erklärt sich mit allem einverstanden. Hinterher macht er doch, was er für richtig hält, denn er weiß, daß Bill ein Mistkerl ist. Oje.≪ Naomi stöhnte, ≫er hat uns entdeckt. Ich entschuldige mich schon mal im voraus.≪

≫Naomi.≪ Flotten Schrittes kam Cunningham auf sie zumarschiert. Seine Augen glänzten, als er Naomis Hände ergriff. ≫Welch ein schöner Anblick an diesem düsteren Morgen.≪

≫Bill.≪ Mit den Jahren hatte Naomi gelernt, sich im Umgang mit Dummköpfen in Geduld zu fassen, so hielt sie ihm nur ihre Wange hin. ≫Man sieht dich nicht oft bei den Trainingsläufen.≪

≫Hab’ mir ’n neues Pferd zugelegt, von ’nem Versteigerungsrennen in Hialeah. Bin gerade dabei, Carmine zu erklären, wie er sie reiten soll. Bloß nicht zu sehr schonen.≪

≫Natürlich nicht≪, lächelte Naomi süß. ≫Bill, das ist meine Tochter Kelsey.≪

≫Tochter?≪ Bill zeigte sich überrascht und blähte die Wangen auf. Wie jeder andere in der Umgebung auch, hatte er natürlich bereits von Kelsey erfahren. ≫Du meinst wohl Schwester. Nett, dich kennenzulernen, Häschen.≪ Er packte Kelseys Hand und schüttelte sie wild. ≫Willst wohl in die Fußstapfen deiner Ma treten, was?≪

≫Ich bin nur Zuschauerin.≪

≫Nun, hier gibt’s’ne Menge zu sehen. Bei Sonnenuntergang zappelt sie am Haken≪, fügte er, Naomi zuzwinkernd, hinzu. ≫Wenn du wetten willst, dann wende dich an mich, Kleine. Ich geb’ dir ein paar Tips.≪

≫Danke.≪

≫Für Naomis kleines Mädchen tu’ ich alles. Ich könnte ja schließlich dein Papa sein, wenn ich nicht kurz vorher gekniffen hätte.≪

≫Wovon träumt der bloß nachts?≪ brummte Naomi leise, als Bill ging, um seinem Trainer weiter auf die Nerven zu gehen. ≫Tut so, als wären wir ein Pärchen gewesen, dabei hat er’s nur einmal knapp geschafft, mir einen feuchten Kuß zu verpassen.≪

≫Einen so schlechten Geschmack hätte ich dir auch nicht zugetraut. Was zum Teufel hat er denn da von seinem Pferd erzählt?≪

≫Ach, das.≪ Naomi fing an zu lachen. ≫Bill spuckt immer große Töne. Denkt, er kann den Leuten weismachen, daß er Ahnung hat. Im Klartext: Die Stute hat ein Versteigerungsrennen gewonnen, Bill hat das Höchstgebot — viel zuviel vermutlich — abgegeben und will das Tier jetzt drillen. Das heißt, er will, daß sie schon im Training ihr Äußerstes gibt.≪ Sie schnitt hinter Bills Rücken eine Grimasse. ≫Er ist der Typ, der seinem Jockey für jeden Schlag mit der Gerte einen Bonus zahlt. Wenn ein Pferd nicht ins Ziel geprügelt wird, fehlt ihm etwas.≪

≫Ich habe mich nur gewundert, daß du so höflich zu ihm warst.≪

≫Das kostet mich ja nichts.≪ Sie zuckte die Achseln. ≫Und ich weiß, wie man sich als Außenseiter fühlt. Komm, Moses dürfte schon einen Reiter im Sattel haben.≪

Sie kamen an einem Platz vorbei, wo die Pferde für die Trainingsritte vorbereitet wurden. Ladjockeys, so werden die Jungen genannt, die die Pferde pflegen und sie auch im Training reiten dürfen, wurden in den Sattel gehoben, der, wie Kelsey staunend bemerkte, aus kaum mehr als einem schmalen Lederstreifen bestand. Die Jungs stellten sich in den Steigbügeln auf, und die Trainer ritten neben oder hinter ihnen her zur Bahn.

≫Das ist eins von unseren Pferden.≪ Naomi wies auf einen vorbeitrottenden Rotbraunen. ≫Er heißt Virginia’s Pride. Wenn dich heute das Wettfieber packt, solltest du ein paar Dollar auf ihn setzen. Er ist in Topform, und diese Bahn liegt ihm.≪

≫Wettest du auch?≪

≫Mmmh.≪ Naomis Blick ruhte auf Moses, der eine halbe Länge hinter dem Rotbraunen herritt. ≫Ich kann nur schwer widerstehen. Komm, wir wollen sehen, wie er läuft.≪

Andere Pferde befanden sich bereits auf der Bahn. Der Nebel lichtete sich, und die Tiere rasten vorbei. Kelsey stockte der Atem. Die mächtigen Pferde mit den sich duckenden schmächtigen Reitern donnerten mit vorgestrecktem Hals über die Bahn, daß der Staub nur so aufwirbelte.

≫Da!≪ Vor Aufregung versagte ihr beinahe die Stimme. ≫Da ist dein Pferd!≪

≫Ja, das ist es. Die Bahn ist heute schnell, aber ich nehme an, Moses hat den Jungen angewiesen, Pride knapp unter zwei Minuten zu halten.≪

≫Wie kann der Reiter das wissen?≪

≫Er hat sozusagen ein Uhrwerk im Kopf≪, ertönte hinter ihr Gabes Stimme. Obwohl Kelsey zusammenschrak, wandte sie den Blick nicht von dem dahinjagenden Pferd. ≫Er macht einen guten Eindruck, Naomi.≪

≫Beim Derby wird er einen noch besseren machen.≪ Ihre Augen wurden schmal. ≫Der da gehört dir, nicht wahr?≪

≫Das ist Double or Nothing.≪ Gabe lehnte sich über das Pferd. ≫Er wird im Mai noch besser aussehen.≪

Kelsey konnte sich nicht vorstellen, was die Pferde noch besser machen sollten. Sie schienen förmlich über die Bahn hinzufliegen, die Hufe wirbelnd und die Mähnen flatternd.

Stundenlang hätte sie hier stehenbleiben und den Tieren zusehen können, Runde für Runde. Zwar dauerte es nur eine oder zwei Minuten, und die Trainer standen mit ihren Stoppuhren an der Zielgeraden, doch für sie stand die Zeit still.

≫Haben Sie schon einen Favoriten ausgeguckt?≪ wollte Gabe wissen.

≫Nein.≪ Sie blickte ihn nicht an. Weder er noch die Erinnerung an die Geräusche, die sie in der Nacht gehört hatte, sollten ihr die Stimmung verderben. ≫Ich bin kein Spielertyp.≪

≫Dannn wollen Sie vermutlich auch nicht mit mir wetten, daß Sie am Wettschalter stehen, noch ehe der Nachmittag vorbei ist?≪

Sie zuckte die Achseln, doch dann konnte sie der Versuchung nicht widerstehen. ≫Bill Cunningham hat sich erboten, mir ein paar Tips zu geben.≪

≫Cunningham?≪ Gabe lachte dröhnend. ≫Dann kann ich nur hoffen, daß Sie ein gefülltes Portemonnaie haben, meine Liebe.≪ Er lehnte sich gegen den Zaun und überlegte, ober er sich eine Zigarre anzünden sollte, entschied sich aber dagegen. Lieber genoß er Kelseys angenehmen Duft, diesen Duft, der einem Mann die Sinne verwirren konnte, und der auch dann noch in der Luft hing, wenn sie schon längst verschwunden war.

≫Morgens ist noch die beste Zeit≪, murmelte Naomi, die eine Hand über die Augen legte, denn die Sonne, die langsam die Frühnebel auflöste, blendete sie. ≫Da macht man reinen Tisch.≪

Später gingen sie wieder zu den Stallungen zurück. Vor Anstrengung dampfende Pferde wurden abgesattelt und herumgeführt, die Beine sorgfältig nach Verletzungen untersucht. Ein Pfleger ölte seinem Schützling die Hufe ein, während ein Hufschmied mit langer Lederschürze und verbeultem Werkzeugkasten auf einem Hufeisen herumhämmerte.

≫Wirkt wie gemalt, nicht wahr?≪ sagte Gabe, als habe er Kelseys Gedanken gelesen.

≫Ja, wirklich.≪

Gabe nickte in die andere Richtung, wo ein Mann mit einer Reitkappe Moses hinterherlief und auf ihn einredete.

≫Wer ist das?≪

≫Ein Jockeyagent. Der hastet von Stall zu Stall und versucht, jeden davon zu überzeugen, daß er den nächsten Sieger vertritt.≪ Beiläufig strich er Naomi das Haar aus dem Gesicht. ≫Soll ich euch einen Kaffee besorgen?≪

≫Für mich gerne.≪

≫Was ist mit dir, Kelsey?≪

≫Ich mag auch einen. Darf ich mir dein Pferd genauer ansehen, während es herumgeführt wird?≪

≫Selbstverständlich, geh nur.≪

Naomi setzte sich auf einen umgedrehten Eimer. Die morgendliche Arbeit war fast getan, jetzt hieß es warten. Darin hatte sie mittlerweile einige Übung. Außerdem bereitete es ihr Freude, ihrer Tochter zuzuschauen, die mit dem Pfleger die Runden drehte und ihm vermutlich Löcher in den Bauch fragte. Das Kind hatte schon immer voller Fragen gesteckt, so zurückhaltend wie heute war sie früher allerdings nicht gewesen.

Heute morgen, als sie zusammen im Nebel standen und den ersten Pferden bei ihren Trainingsrunden zusahen, hatte sie einen Moment lang gedacht, die Spannung zwischen ihnen würde sich lockern. Doch dann war die Reserviertheit wieder da, zwar unterschwellig, aber nicht zu leugnen.

Kelsey lachte. Es war das erste Mal, daß Naomi sie von Herzen lachen hörte.

≫Sie amüsiert sich≪, bemerkte Gabe, als er Naomi einen Kaffeebecher reichte.

≫Es tut gut, das zu sehen. Weißt du, ich sitze hier und rede mir ein, daß unser Verhältnis bald nicht mehr so unpersönlich sein wird.≪ Sie trank einen Schluck vom heißen Kaffee, um ihre trockene Kehle zu beruhigen. ≫Ich möchte sie so gern berühren, sie nur einmal in den Arm nehmen. Aber ich kann nicht. Vielleicht würde sie es sogar zulassen, aber das wäre schlimmer als eine Zurückweisung.≪

≫Sie ist doch hergekommen.≪ Sanft strich Gabe über Naomis Haar und ihre Schulter. ≫Sie scheint mir nicht der Typ zu sein, der etwas tut, was er nicht will.≪

≫Ich erwarte ja gar nicht, daß sie mich liebt. Aber ich wünsche mir so, daß sie sich lieben läßt.≪ Naomi ergriff die Hand, die auf ihrer Schulter ruhte.

Kelsey, die gerade auf sie zukam, bemühte sich, die Intimität dieser Geste zu übersehen. Das ist nicht meine Angelegenheit, ermahnte sie sich. Gezwungen lächelnd nahm sie den Kaffee entgegen, den Gabe ihr reichte. ≫Danke. Man hat mir gerade den Sieger jedes Rennens genannt. Wenn ich wollte, könnte ich heute von hier mit einer dicken Brieftasche fortgehen.≪

≫Jimmy hat immer Tips auf Lager≪, meinte Naomi. ≫Und sie sind ebensooft richtig wie falsch.≪

≫O nein, da kann gar nichts schiefgehen.≪ Verschmitzt grinsend hob Kelsey ihren Becher. ≫Er hat geschworen, daß er Miß Naomis Tochter nur todsichere Tips gibt. Ich soll im ersten Rennen auf Necromancer setzen, weil das Feld langsam ist und er um Längen gewinnt.≪ Sie hob die Brauen. ≫Habe ich mich richtig ausgedrückt?≪

≫Niemand würde auf den Gedanken kommen, daß Sie heute zum erstenmal hier sind≪, entgegnete Gabe trocken.

≫Ich lerne schnell.≪ Kelsey blickte sich um und stellte fest, daß die Hektik merklich nachgelassen hatte. ≫Was passiert nun?≪

≫Jetzt warten wir.≪ Naomi stand auf und reckte sich. ≫Komm mit. Ich hole uns ein paar Doughnuts zum Kaffee.≪

_____

Der Renntag schien hauptsächlich aus Warten zu bestehen. Für die nicht für ein Rennen gemeldeten Pferde war der Arbeitstag um zehn zu Ende. Transporter kamen an und fuhren wieder weg. Die Rennbahn wurde aufbereitet.

Gegen Mittag begannen sich die Tribünen zu füllen, und in den Aussichtsrestaurants dahinter konnte man sich servieren lassen und das Rennen fern vom Lärm und Gestank der Menschenmassen genießen.

Die Pferde wurden in ihren Boxen erneut bereitgemacht. Geschwollene Beine wurden mit Eis gekühlt, und je nach der persönlichen Strategie ließ man die Tiere entweder in Ruhe oder hätschelte sie wie Babys.

Jetzt lag auch, ganz anders als am Morgen, Spannung in der Luft. Die Pferde, begierig, endlich loszugaloppieren, tänzelten hin und her. Einige beruhigten sich, sobald ihr Jockey in den Sattel gehoben wurde, andere scharrten weiter unruhig mit den Hufen.

Dann wurden sie in einer Reihe zum Vorführring geführt.

Jetzt belebten sich auch die Tribünen. Neulinge gesellten sich zu alten Hasen, aber alle hofften sie, heute möge ihr Glückstag sein. Die Rituale des Pferderennsports begannen mit der Vorstellung der Konkurrenten, die vor dem Publikum ihre Runden drehten. Wer wetten wollte, begutachtete Pferde und Jockeys und vertiefte sich in sein Programm. Jeder hoffte natürlich, seinen Einsatz für einen Sieger zu machen.

Wenn ein Pferd schwitzte, konnte das ein Zeichen von Nervosität sein. War das ein Vor- oder ein Nachteil? Da waren die Ansichten geteilt. Bedeutete ein bandagiertes Vorderbein Schwierigkeiten? Dort zerrte ein Pferd am Zaumzeug, es könnte heute schlecht unter Kontrolle zu halten sein — oder besonders schnell laufen. Ein anderes wieder sah aus, als könnte es siegen.

Kelsey spürte die Hoffnungen und Träume der Zuschauer und Jockeys, als sie am Geländer stand. Und plötzlich verstand sie, wie mächtig der Wunsch werden konnte, zu siegen.

≫Ich glaube, ich gebe mal meinen ersten Tip ab.≪

Naomi lachte, denn sie hatte es nicht anders erwartet. ≫Gehst du mit, Gabe? Niemand sollte beim ersten Mal allein am Wettschalter stehen.≪

≫Ich komme auch allein zurecht≪, wehrte Kelsey ab, als Gabe ihre Hand nahm.

≫Das denken alle.≪ Er bahnte sich einen Weg durch die Menge nach innen, wo sich vor den Wettschaltern bereits lange Schlangen gebildet hatten. ≫Lassen Sie mich kurz erklären, wie man auf Pferde wettet. Haben Sie sich schon überlegt, wieviel Einsatz Sie riskieren wollen?≪

Verärgert runzelte Kelsey die Stirn. ≫Hundert ungefähr.≪

≫Verdoppeln Sie’s. Wieviel Sie auch immer setzen wollen, verdoppeln Sie’s, und dann schreiben Sie’s ab. Haben Sie ihr Programm?≪

≫Ja.≪ Sie verstand zwar nicht, was dort stand, aber sie hatte es dabei.

≫Normalerweise müßten Sie sich für mehrere Stunden an ein ruhiges Plätzchen zurückziehen, um das Programm gründlich zu studieren, Leistungsprofile zu vergleichen, sich mit Plazierungen, Starts und so weiter zu beschäftigen. Man beschränkt sich am Ende am besten auf zwei oder drei Kandidaten. Haben Sie ein Fernglas dabei?≪

≫Nein, ich dachte nicht …≪

≫Macht nichts, ich leihe Ihnen meins.≪ Er schob sie in eine Reihe, den Arm freundschaftlich um ihre Schulter gelegt, und verkniff sich ein Lächeln. Sie hörte ihm mit der Aufmerksamkeit, mit der ein eifriger Student den Ausführungen seines Professors lauscht, zu. ≫Wollen Sie auf Sieg setzen?≪

≫Natürlich will ich das.≪

≫So ist es richtig — das bringt auch was. Alles andere ist für Weichlinge.≪ Es gab ihm eine gewisse Befriedigung, den Mann in der Schlange neben ihm zusammenzucken und die Schultern hochziehen zu sehen. ≫Haben Sie sich einen Überblick über die Quoten verschafft?≪

≫Nein≪, antwortete Kelsey, die sich mittlerweile ziemlich dumm vorkam.

≫Für Ihr Pferd steht es vier zu eins. Das ist in Ordnung. Nur Feiglinge setzen auf die Favoriten. Zu schade, daß Sie erzählt haben, Sie wären kein Spielertyp. Sonst hätte ich nicht zugelassen, daß Sie etwas essen oder trinken, ehe Sie Ihre Wette plazieren.≪

≫Wie bitte?≪

≫Niemals etwas essen oder trinken, bevor Sie wetten.≪

Ihre Augen verengten sich. ≫Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?≪

≫Nein. Das ist eine eiserne Regel.≪

_____

Jetzt mußte er grinsen, ≫und alles ganz großer Quatsch. Es ist ein Glücksspiel. Schließen Sie die Augen und tippen Sie auf eine Nummer. Pferde sind Hochleistungssportler und keine Maschinen. Sie sind unberechenbar.≪

≫Vielen Dank.≪ Belustigt trat sie an den Schalter. ≫Zehn Dollar auf Necromancer.≪ Sie warf Gabe einen Blick zu. ≫Auf Sieg.≪

Den Arm immer noch um ihre Schulter gelegt, angelte Gabe nach seiner Brieftasche. ≫Fünfzig auf Nummer drei, Sieg.≪

Kelsey hielt stirnrunzelnd ihren Wettschein fest. ≫Wer ist denn Nummer drei?≪

≫Keine Ahnung.≪ Er steckte den Schein in die Tasche.

≫Sie haben einfach so auf eine Nummer gesetzt?≪

≫War so eine Eingebung. Kleine Wette am Rande, daß mein Pferd als erstes durchs Ziel geht?≪

≫Noch mal zehn≪, antwortete Kelsey prompt.

≫Und Sie behaupten allen Ernstes, kein Spielertyp zu sein.≪

Er führte sie zur Bahn zurück; gerade rechtzeitig, denn die Pferde wurden in diesem Moment in die Startboxen gebracht. So verrückt es auch sein mochte, das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihre Handflächen wurden feucht. Als das Startsignal ertönte, beugte sie sich vor, ganz benommen von dem Farbenspiel.

≫Nummer drei schafft es,≪ flüsterte Gabe ihr ins Ohr.

Kelsey schüttelte ihn ab. ≫Sie sind doch gerade erst gestartet.≪

Sie hörte, wie die Jockeys Anfeuerungen oder Drohungen brüllten und dabei die Gerten knallen ließen. Als die Pferde in die Zielgerade einliefen, hatte Kelsey ihre Wette vollkommen vergessen. Die Spannung lag im Rennen selbst, im Rausch der Geschwindigkeit. Ein Pferd fing an das Feld aufzubrechen. Ohne daß es ihr bewußt wurde, drückte sie ihm innerlich die Daumen, beeindruckt von seinem Willen zu siegen.

Es schob sich schließlich an dem bislang führenden Pferd vorbei und gewann mit einer halben Länge Vorsprung.

≫Haben Sie das gesehen?≪ Lachend warf Kelsey den Kopf in den Nacken. ≫Er war großartig.≪

Gabe hatte nicht auf das Finish, sondern auf sie geachtet. Die Maske der Beherrschung war von ihr abgefallen und enthüllte die leidenschaftliche Energie, die sich dahinter verbarg. Er wollte diese Frau mehr, als er je einen Sieg gewollt hatte.

Naomi verzog leicht die Lippen, als sie Gabes leuchtende Augen bemerkte. Das war etwas, worüber sie nachdenken mußte. ≫Dein Pferd ist Fünfter geworden≪, sagte sie zu Kelsey.

≫Das macht nichts.≪ Kelsey holte tief Atem. ≫Das war mir die Sache wert. Hast du gesehen, wie er quasi aus dem Nichts aufgetaucht ist?≪

≫Nummer drei≪, sagte Gabe und wartete, bis sich ihre Aufmerksamkeit auf ihn richtete. ≫Meine Eingebung hat sich ausgezahlt.≪

≫Das war Nummer drei?≪ Sie drehte sich nach dem siegreichen Pferd um und schwankte zwischen dem Ärger, gegen Gabe verloren zu haben, und der Freude beim Anblick des Pferdes. ≫Heute ist wohl Ihr Glückstag?≪

≫Da könnten Sie recht haben.≪

≫Soso.≪ Kelsey schaute ihn an und lächelte dann. ≫Auf wen würden Sie denn im nächsten Rennen setzen?≪

_____

Am Nachmittag verschlang sie einen Hotdog und trank eine wäßrige Limonade dazu. Überraschenderweise war sie unbeschreiblich stolz, als Virginia’s Pride das Feld behauptete. Sogar für ihr ungeschultes Auge war es deutlich, daß sich keiner seiner Konkurrenten mit ihm messen konnte.

Sie hatte ein nicht so leicht zu analysierendes Gefühl, als Gabes Pferd als Erster durchs Ziel ging.

Bei Einbruch der Dämmerung waren die Tribünen mit alten Wettscheinen und Zigarettenkippen übersät, stumme Zeugen zerbrochener Träume.

≫Kann ich die beiden Damen mit einer Einladung zum Essen locken?≪

≫Wie?≪ Zerstreut knöpfte Naomi ihre Jacke zu. Sie hielt bereits nach Moses Ausschau. ≫Ich habe noch mindestens eine Stunde hier zu tun. Geh doch mit Kelsey.≪

Instinktiv wich Kelsey zur Seite. ≫Mir macht es nichts aus, auf dich zu warten.≪

≫Nein, geh nur und amüsier dich. Ich seh dich dann in ein paar Stunden zu Hause.≪

≫Wirklich …≪ Doch Naomi eilte bereits davon. ≫Danke für die Einladung, Gabe, aber …≪

≫Sie sind zu gut erzogen, um abzulehnen.≪ Er nahm sie beim Arm.

≫Keineswegs.≪

≫Dann sind Sie zu hungrig. Ein einziger Hotdog kann Ihnen unmöglich diese ganze Energie liefern. Außerdem kann ich Ihnen helfen, Ihren Gewinn zu zählen.≪

≫Ich glaube kaum, daß dazu besondere mathematische Kenntnisse erforderlich. sind.≪ Sie hatte tatsächlich einen Bärenhunger, also ließ sie sich von Gabe über den Parkplatz zu einem flaschengrünen Jaguar führen. ≫Ein schönes Auto≪, sagte sie.

≫Und schnell.≪

Das war nicht zu leugnen. Kelsey lehnte sich zurück und genoß die Fahrt durch die Abenddämmerung. Seit jeher liebte sie es, schnell zu fahren, und dabei das Radio voll aufzudrehen. Wade hatte ihr zahllose Vorträge über zulässige Höchstgeschwindigkeiten gehalten. Wie vernünftig und verantwortungsbewußt er doch gewesen war, dachte sie.

Er hatte nie verstanden, daß sie ab und zu mal über die Stränge schlagen, ihre Grenzen spüren mußte. Ständig hatte er ihr gepredigt, Maß zu halten, und sie hatte das auch getan — doch manchmal hielt sie das nicht aus. Ein impulsiver Einkaufsbummel, Strafzettel für zu schnelles Fahren oder ein Kurztrip auf die Bahamas waren dann das Ergebnis — und Ursache der meisten Streitereien zwischen ihnen gewesen.

Spießer hatte sie ihn in solchen Fällen genannt. Heute begriff sie, daß sie im Unrecht gewesen war. Was hatte ihr zum Beispiel der impulsive Besuch in Atlanta eingebracht?

Freiheit, sagte sie sich und zog energisch einen Schlußstrich unter das leidige Kapitel.

Als sie ihre Umgebung wieder wahrzunehmen begann, stellte sie fest, daß sie schon beinahe in Bluemont waren. ≫Ich dachte, wir gehen essen?≪

≫Das tun wir auch. Mögen Sie Fisch?≪

≫Gern. Gibt es hier ein Fischrestaurant?≪

≫Eins oder zwei. Aber wir essen bei mir. Ich habe vorhin zu Hause angerufen. Was halten Sie von gegrilltem Schwertfisch?≪

≫Hört sich gut an. Woher wußten Sie denn, daß ich zum Essen mitkomme?≪

≫Ich hatte eine Eingebung.≪ Er bog in die Einfahrt. ≫Sie können sich ja vor dem Essen das Haus ansehen.≪

Sein Gärtner hatte allerhand geleistet. Die Beete waren frisch gejätet, und wenige Narzissen hatten schon ihre gelben Köpfchen aus der Erde gestreckt.

Komisch, Kelsey hätte Gabe nie für einen Blumenfreund gehalten.

Um die Eingangstür herum zogen sich zu geometrischen Mustern angeordnete Glaspaneelen, die im Licht wie Diamanten funkelten. Ihr fiel wieder ein, daß seine Stallfarben sie gleichfalls an Diamanten erinnert hatten — ein auffallendes, leuchtendes Rot und Weiß.

≫Wie sind Sie eigentlich auf Ihre Stallfarben gekommen?≪

≫Durch einen Straight Flush in Karo.≪ Gabe öffnete die Tür. ≫Das ist ein Kartenspiel. Jeder wird Ihnen erzählen, daß ich auf diese Weise auch an mein Haus gekommen bin, daß ich es beim Kartenspiel gewonnen habe.≪

≫Und? Stimmt das?≪

≫Ja und nein.≪

Kelsey trat in eine riesige Eingangshalle mit schwindelerregend hohen Decken und bogenförmigen Fenstern. Überall hingen große Terrakottatöpfe, in denen üppige Grünpflanzen wucherten.

≫Die Größe ist ja überwältigend!≪ sagte sie beeindruckt.

≫Ich hasse es, mich eingeengt zu fühlen. Jetzt hole ich Ihnen erst einmal einen Drink.≪

≫Gern.≪ Sie folgte ihm durch einen hohen Türbogen, der zum Wohnbereich führte. In dem gemauerten Kamin prasselte ein Feuer, davor stand ein gedeckter Tisch. Für zwei, wie Kelsey bemerkte. Mit einem weißen Tischtuch, Kerzen und eisgekühltem Champagner.

≫Hatten Sie auch eine Eingebung, daß Naomi nicht mitkommen würde?≪

≫Nach einem Tag auf der Rennbahn hat sie normalerweise noch lange Besprechungen mit Moses.≪ Geschickt entkorkte Gabe die Flasche. ≫Wollen Sie erst das Haus besichtigen oder lieber erst essen?≪

≫Wenn ich schon mal hier bin, würde ich mir gern das Haus ansehen.≪ Sie nahm ihr Glas und stellte erstaunt fest, daß neben dem zweiten Gedeck kein Glas stand. ≫Wollen Sie nicht mit mir anstoßen?≪

≫Nein, ich trinke nicht. Wie wär’s, wenn wir oben anfangen?≪

Er führte sie eine geschwungene Treppe hinauf. Kelsey zählte nicht weniger als vier Gästeschlafzimmer, ehe sie über eine weitere kleine Treppe in den Hauptraum gelangten, ein kombiniertes Wohn- und Schlafzimmer mit einem steinernen Kamin, einem übergroßen französischen Bett und einem Dachfenster darüber, durch das man nachts in den Sternenhimmel schauen konnte.

Genau wie in den anderen Räumen des Hauses fand sich hier Antikes und Modernes in harmonischem Einklang. Auf einem Chippendale-Tisch stand eine abstrakte Skulptur aus Bronze und Kupfer, auf dem Boden lag ein schimmernder persischer Läufer unter einem kleinen Tisch aus poliertem Teakholz.

Eines der Gemälde erregte Kelseys Aufmerksamkeit. Sogar aus der Entfernung erkannte sie, daß es eine Arbeit des Künstlers war, der auch die Bilder im Haus ihrer Mutter gemalt hatte.

Dieses Übermaß an Leidenschaft, dachte sie, als sie den kraftvollen Pinselstrich und das grelle Nebeneinander der Farben betrachtete. ≫Ein ziemlich unruhiges Werk für ein Schlafzimmer.≪

≫Ich finde, es paßt gut hierher.≪

≫N. C.≪, murmelte Kelsey. ≫Hat das Naomi gemalt?≪

≫Ja. Wußten Sie nicht, daß sie malt?≪

≫Nein, niemand hat mir etwas davon gesagt. Sie hat Talent. Ich kenne einige Kunsthändler, die sich um ihre Gemälde reißen würden.≪

≫Damit würden Sie ihr keinen Gefallen tun. Ihre Malerei ist sehr persönlich.≪

≫Das ist Malerei eigentlich immer.≪ Kelsey wandte sich ab. ≫Malt sie schon lange?≪

≫Nein. Sie sollten sie am besten selbst fragen. Sie wird Ihnen alles sagen, was Sie wissen wollen.≪

≫Erst einmal muß ich mir darüber klarwerden, was das ist.≪ An ihrem Champagner nippend schlenderte sie durch den Raum. ≫Ich weiß ja nicht, wie der altehrwürdige Prachtbau ausgesehen hat, aber ich bezweifle, daß er sich mit diesem Haus messen konnte.≪ Ihre innere Anspannung ließ merklich nach. ≫Haben Sie die Nachbarschaft schockiert, als Sie ihn abreißen ließen?≪

≫Ich hab’ so ziemlich alle im Umkreis von zwanzig Meilen gegen mich aufgebracht.≪

≫Und jede Minute genossen.≪

≫Verdammt richtig. Man muß schließlich seinem Ruf gerecht werden.≪

≫Und was für einen Ruf haben Sie?≪

≫Einen sehr zweifelhaften, meine Liebe. Jeder wird Ihnen bestätigen, daß es den ersten Schritt zur ewigen Verdammnis bedeutet, mit mir allein in mein Schlafzimmer zu gehen.≪

≫Vom ersten Schritt bis zum Sündenfall ist es aber ein langer Weg.≪

≫Nicht so lang, wie Sie vielleicht denken.≪

Achselzuckend leerte Kelsey ihr Glas. ≫Erzählen Sie mir von besagtem Kartenspiel?≪

≫Beim Essen.≪ Er reichte ihr die Hand. ≫Das ist die richtige Atmosphäre dazu.≪

Kelseys Neugier war geweckt, sie nahm seine Hand und sagte: ≫Das klingt aber keineswegs anrüchig, Slater.≪

≫Ich fange ja auch gerade erst an.≪

Unten füllte er ihr Glas nach. Ein unsichtbarer dienstbarer Geist hatte bereits zwei mit Silberhauben abgedeckte Platten aufgetragen, die Kerzen entzündet und Musik angestellt. Zu den Klängen von Gershwin setzten sie sich zu Tisch.

≫Das Kartenspiel?≪

≫Na gut. Was verstehen Sie von Poker?≪

≫Ich weiß, welche Karte welche schlägt. Glaube ich jedenfalls.≪ Sie probierte den köstlich zubereiteten Fisch und schloß die Augen. ≫Dies übertrifft die kulinarischen Genüsse auf der Rennbahn bei weitem.≪

≫Ich werde es dem Koch ausrichten. Also weiter im Text. Vor fünf Jahren spielte ich um das große Geld. Es war ein echter Pokermarathon, mit enorm hohen Einsätzen.≪

≫Hier in der Gegend?≪

≫Nein, hier in diesem altehrwürdigen Prachtbau.≪

Kelseys Augen wurden schmal. ≫Ist Glücksspiel in diesem Staat nicht gesetzlich verboten?≪

≫Sie können’s ja noch der Polizei melden. Wollen Sie nun die Geschichte hören oder nicht?≪

≫Will ich. Sie nahmen also an einem illegalen Pokerspiel teil. Und dann?≪

≫Cunningham hatte eine Pechsträhne. Nicht nur in diesem Spiel, sondern schon seit Monaten. Seine Pferde liefen schlecht, seit einem Jahr hatte er keine Preisgelder mehr geholt. Seine Schulden wuchsen ihm über den Kopf, und wie viele in dieser Situation dachte er, er müsse nur einmal einen großen Treffer landen.≪

≫Deshalb die Pokerrunde.≪

≫Genau. Ich war an einem Pferd beteiligt, das ausgesprochen gut lief. Also war ich …≪, er lächelte, ≫… flüssig. Ich hatte mir schon immer eine Farm wie diese gewünscht. Na ja, und da dachte ich, mit etwas Glück könnte ich genug gewinnen, um in ein zweites Pferd zu investieren. Mich sozusagen hocharbeiten.≪

≫Klingt vernünftig, je nachdem, wie man es betrachtet.≪ Rücksichtslos traf eher zu, dachte sie. Aber auch Rücksichtslosigkeit konnte man bewundern. ≫Offenbar haben Sie mehr gewonnen als nur ein Pferd.≪

≫Ich konnte gar nicht verlieren. Ich hatte eine Glückssträhne, in der mir alles gelang. Hatte er einen Drilling, hatte ich ein Full House, hatte er einen Straight Flush, hatte ich einen Royal Flush. Seine eigentlichen Probleme fingen erst an, als er nicht aufhören konnte. Er stand schon so mit sechzig, fünfundsechzig in der Kreide.≪

≫Hundertern?≪

Von ihrer Naivität bezaubert nahm er ihre Hand und küßte sie leicht. ≫Tausendern, Schätzchen. Und er hatte das Geld nicht, bar jedenfalls nicht. Also erhöhte er den Einsatz und wollte kein Nein gelten lassen.≪

≫Und Sie taten natürlich Ihr Bestes, um ihn zur Vernunft zu bringen.≪

≫Ich sagte ihm, daß er einen Fehler macht, aber er wollte nicht hören.≪ Gabe zuckte mit den Achseln. ≫Sollte ich mich mit ihm streiten? Zu diesem Zeitpunkt waren wir nur noch vier Spieler, und wir saßen seit fünfzehn Stunden am Tisch. Das sollte die letzte Runde werden. Sie wurde mit fünftausend eröffnet, und nach oben gab es kein Limit.≪

≫Das waren zwanzigtausend auf dem Tisch des Hauses, ehe Sie richtig angefangen haben.≪

≫Und mehr als hundertfünfzigtausend, als alle außer Cunningham und mir ausgestiegen waren.≪

Kelsey führte gerade die Gabel zum Mund: ≫Hundertfünfzigtausend?≪

≫Er dachte, er hätte alle Trümpfe in der Hand, und so wollte er den Einsatz hochtreiben. Ich legte noch fünfzig drauf, weil ich dachte, er würde endlich aussteigen, aber er hielt mit.≪

Kelsey hob ihr Glas und trank in kleinen Schlucken. Sie sah die Szene so deutlich vor sich, als sei sie dabeigewesen. Ein kleines Vermögen, das an ein paar Karten hing.

≫Das wäre dann eine Viertelmillion Dollar.≪

Er grinste. ≫Gut gerechnet. Er tat mir zwar leid, aber ich kann nicht sagen, daß ich den Moment bedauerte, wo ich meinen Straight Flush auf den Tisch legte. Er hatte nur drei Könige und kein Geld.≪ Gabe schenkte ihr Champagner nach. ≫Gerade mal die Vermögenswerte. Also machten wir ein Geschäft. Cunningham hat buchstäblich Haus und Hof verspielt.≪

≫Sie haben ihn an die Luft gesetzt?≪

Gabe musterte sie mit geneigtem Kopf. ≫Was hätten Sie denn getan?≪

≫Ich weiß es nicht≪, erwiderte sie nach einem Augenblick. ≫Aber ich glaube nicht, daß ich einen Mann aus seinem eigenen Haus vertreiben könnte.≪

≫Auch nicht, wenn er Geld verspielt, das er nicht hat?≪

≫Auch dann nicht.≪

≫Sie haben eben ein weiches Herz. Wir schlossen einen Handel ab≪, wiederholte Gabe, ≫der uns beide zufriedenstellte. Und da ich auf Risiko gesetzt hatte, habe ich etwas gewonnen, was ich mir mein ganzes Leben lang gewünscht habe.≪

≫Das ist ja eine abenteuerliche Story. Vermutlich haben Sie den Unglücksraben Bill Cunningham auf der Rennbahn kennengelernt.≪

≫Nein. Ich habe einmal für ihn gearbeitet.≪

≫Hier?≪ Sie legte ihre Gabel nieder. ≫Sie haben hier gearbeitet?≪

≫Pferde gestriegelt, ausgemistet, Futter geschleppt. Drei Jahre lang war ich einer von Cunninghams Stallburschen. Damals ging es ihm ganz gut. Die Pferde haben ihn überhaupt nicht interessiert, sie sollten ihm nur Geld bringen, sie waren sein Kapital. Die Leute, die seine Tiere betreuten, interessierten ihn noch weniger. Unsere Unterkünfte ähnelten Gefängniszellen, so eng und schäbig waren sie. Aber Cunningham dachte nicht daran, sein Geld in Verbesserungen zu investieren.≪

≫Und deswegen hat es Sie auch nicht weiter berührt, ihn aus seinem Haus zu jagen.≪

≫Es hat mir jedenfalls keine schlaflosen Nächte bereitet. Als ich von hier fortging, arbeitete ich eine Zeitlang auf Three Willows. Das ist eine Farm! Der alte Chadwick hatte ein Händchen für Pferde, genau wie Ihre Mutter. Als ich diese Gegend dann endgültig verließ — damals war ich ungefähr siebzehn —, träumte ich davon, eines Tages zurückzukehren, die Taschen voller Geld, und mir selbst ein Gestüt aufzubauen.≪

≫Das haben Sie ja auch getan.≪

≫So kann man’s nennen.≪

≫Und was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?≪

≫Das ist eine andere Geschichte.≪

≫Ich hab’ schon verstanden.≪ Essen und Wein hatten ihre Stimmung gehoben. Sie stützte ihr Kinn auf die Hand. ≫Ich wette, Sie haben alles gehaßt an dem altehrwürdigen Prachtbau.≪

≫Jeden verdammten Stein des Gebäudes.≪

Lachend lehnte sich Kelsey zurück und nahm ihr Glas. ≫Ich fange an, Sie zu mögen. Sie haben mir das doch nicht alles vorgelogen?≪

≫Weshalb hätte ich das tun sollen? Möchten Sie einen Nachtisch?≪

≫Ich bin eigentlich satt.≪ Stöhnend stand Kelsey auf und ging im Zimmer umher. ≫Wissen Sie, als ich dieses Haus zum erstenmal sah, wirkte es auf mich herrisch, und ich hatte recht.≪ Einen Moment lang schloß sie die Augen. ≫Mein Grenzpunkt.≪

≫Wie bitte?≪

≫Nichts.≪ Sie trat ans Fenster. ≫Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man aus dem Fenster schaut und über sein eigenes Land blickt?≪

≫Wieso? Was sehen Sie denn von Ihrem Fenster?≪

≫Ein Restaurant, ein kleines Einkaufszentrum mit einer häßlichen Boutique und einer himmlischen Bäckerei. Die U-Bahn-Station liegt praktisch nebenan. Ich dachte immer, daß ich städtischen Komfort brauche.≪

Gabe legte ihr die Hände auf die Schultern und drehte sie zu sich um. ≫Den brauchen Sie aber nicht.≪

≫Nein.≪ Zu ihrer Überraschung begann sie zu zittern, als er mit der Hand über ihren Hals strich.

≫Was denn dann?≪

≫Ich weiß es noch nicht.≪

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und fuhr mit seinen Fingern durch ihr Haar. ≫Aber ich weiß es.≪

Er senkte seinen Mund auf ihren herab, zögernd zuerst, kaum mehr als der Hauch einer Berührung, so daß beide jederzeit wieder zurückweichen konnten.

Doch Kelsey warf sich an seine Brust, schlang die Arme um seinen Hals und suchte seine Lippen.

Sie hatte beinahe vergessen, was für ein Gefühl das war. Oder sie hatte es vielleicht niemals gekannt. In dieser Umarmung lag nichts Zaghaftes oder Zurückhaltendes, sondern sie war fordernd und wild. Dieses Verhalten wollte so gar nicht zu dem gedämpften Kerzenlicht und der sanften Musik passen.

Gabe konnte nur noch an sie denken. Für ihn gab es nichts anderes mehr auf der Welt. Das Gefühl ihres Körpers, der sich gegen seinen preßte, das Verlangen nach ihr ließ ihn alles vergessen. Er war jetzt nur noch ein Mann, der eine Frau begehrte.

Es mußte sie berühren. Seine Hände glitten mit verzweifeltem Hunger über ihren Körper, und er spürte, wie sie ihm entgegenkam, ihn ermutigte. Nur nicht nachdenken, nur nicht zur Besinnung kommen.

Dann strich er ihr mit einer Hand das Haar aus dem Gesicht, und blitzartig hatte sie das Bild vor Augen, wie er nur einige Stunden vorher mit der gleichen lässigen Geste durch das Haar ihrer Mutter gefahren war.

Schrecken und Scham überkamen sie. Sie schob Gabe fort, versuchte, sich loszureißen, sich Luft zu verschaffen. ≫Nein!≪ Als er nach ihr griff, wich sie zurück. ≫Fassen Sie mich nicht an!≪ Fast meinte sie, seine Lippen noch auf den ihren zu spüren, und ihr Verlangen nach ihm hatte nicht nachgelassen. ≫Wie konnten Sie das tun? Wie konnte ich das nur zulassen?≪

≫Ich will dich.≪ Gabe mußte sich mit aller Kraft beherrschen, um sich nicht mit Gewalt zu nehmen, was sie ihm beinahe freiwillig gegeben hätte. ≫Und du willst mich auch.≪

Das konnte sie nicht leugnen. Voller Scham über sich selbst wehrte sich Kelsey. ≫Ich bin keine Stute, die man festbindet. Und ganz bestimmt bin ich heute abend nicht hierhergekommen, damit Sie Mutter und Tochter vergleichen können!≪

Mühsam bremste sich Gabe. ≫Würdest du mir das bitte genauer erklären?≪

≫Ich will keine fadenscheinigen Entschuldigungen für mein Verhalten suchen, aber ich habe doch noch so viel Anstand, nicht bis zum Äußersten zu gehen. Doch Sie — Sie haben keinen Funken Anstand im Leib.≪ Kelsey strich über ihre zerzausten Haare. Wut, hervorgerufen durch ein stechendes Schuldgefühl, gab ihrer Stimme eine ungewohnte Schärfe. ≫Ist das für Sie vielleicht ein neues Spiel, Slater? Die Tochter zum Essen einladen, versuchen, sie ins Bett zu kriegen, nur um festzustellen, ob sie so gut ist wie die Mutter? Haben Sie etwa insgeheim eine kleine Wette abgeschlossen?≪

Gabe antwortete nicht gleich. Weder sein Gesicht noch seine Stimme verrieten seinen Zorn. ≫Denkst du, daß ich mit Naomi schlafe?≪

≫Ich weiß es.≪

≫Da fühle ich mich aber geschmeichelt.≪

≫Sie — was für ein Mensch sind Sie eigentlich?≪

≫Du hast keine Ahnung, Kelsey. Überhaupt keine. Ich bezweifle stark, daß dir in deiner geordneten kleinen Welt schon Leute wie ich über den Weg gelaufen sind.≪ Er trat auf sie zu und packte sie im Nacken, wohl wissend, daß dies ein kleinlicher, gemeiner Racheakt war. Doch er fühlte sich klein — und schmutzig.

Obwohl sich Kelsey um Haltung bemühte, zitterte sie doch am ganzen Leib. ≫Nehmen Sie Ihre Hände weg!≪

≫Du magst, wenn ich dich berühre≪, sagte er sanft. ≫Im Augenblick hast du zwar Angst und weißt nicht, was du tun sollst, wenn ich dich nach oben bringe. Aber warum sollte ich mir die Mühe machen? Der Boden hier tut’s auch.≪ Seine Stimme klang kühl und beherrscht, doch in seinen Augen loderte ein gefährliches Feuer. ≫Was würdest du denn tun, Kelsey, wenn ich jetzt hier mit dir schlafen würde?≪

Angst schnürte ihr die Kehle zu, so daß ihre Stimme gepreßt klang: ≫Ich sagte, Sie sollen Ihre Hände wegnehmen.≪

Die Panik, die sich auf ihrem Gesicht zeichnete, traf ihn. Sie blieb auch, als er sie freigab und einen Schritt zurücktrat. Er fühlte Abscheu vor sich selbst.

≫Ich entschuldige mich dafür. Aber nur dafür.≪ Er musterte sie einige Sekunden lang. Langsam kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück. ≫Du urteilst vorschnell, Kelsey. Aber da du dich bereits festgelegt hast, wollen wir unsere Zeit nicht damit verschwenden, dieses Thema weiterzuverfolgen. Ich bringe dich jetzt nach Hause.≪

7

Naomi zog gerade den Gürtel ihres Morgenmantels enger zu, als sie hörte, wie die Vordertür schlug. Der heftige Knall erschreckte sie, aber sie zögerte einen Moment, ehe sie in die Diele ging. War es richtig, überlegte sie, Kelsey nach den Erlebnissen des Abends zu fragen? Sie wußte es nicht. Wenn sie Kelseys Teenagerjahre miterlebt hätte, die Zeit der nächtlichen Gespräche und Diskussionen, der Probleme, Tragödien der Pubertät, dann wüßte sie, was zu tun wäre.

Aber sie hatte keine Erfahrung damit und konnte sich nur auf ihren Instinkt verlassen. Sie hörte Kelsey die Treppe hinaufstürmen und öffnete ihre Zimmertür. Sie würde möglichst unpersönlich sein, nicht fragen und sich nur auf ein flüchtiges ≫Na, wie war der Abend?≪ beschränken. Doch als sie das Gesicht ihrer Tochter sah, änderte sie ihre Absicht.

≫Was ist passiert?≪ Ohne nachzudenken faßte sie Kelseys Arm. ≫Ist alles in Ordnung?≪

Kelsey, deren Temperament bei dieser Frage wieder mit ihr durchging, ging augenblicklich zum Angriff über. ≫Wie kannst du dich nur mit ihm abgeben, und erst recht … O Gott, du hast mir auch noch zugeredet, den Abend mit ihm zu verbringen!≪

≫Gabe?≪ Naomis Finger schlossen sich um den Arm ihrer Tochter. Sie vertraute Gabe ohne Vorbehalt, doch nun beschlich sie ein Gefühl der Angst. ≫Was hat er getan?≪

≫Er hat mich geküßt≪, fauchte Kelsey, die bei dieser lächerlichen Untertreibung hochrot anlief.

≫Dich geküßt≪, wiederholte Naomi erleichtert und belustigt zugleich. ≫Und das ist alles?≪

≫Interessiert dich das nicht?≪ Erbost riß Kelsey sich los. ≫Ich sagte, er hat mich geküßt. Ich habe seinen Kuß erwidert, und wenn ich mich nicht erinnert hätte, wäre noch viel mehr daraus geworden.≪

Naomi seufzte. Wenn sie schon nicht wie Mutter und Tochter miteinander reden konnten, dann vielleicht von Frau zu Frau — für den Anfang. ≫Komm herein und setz dich.≪

≫Ich will mich nicht setzen.≪ Trotzdem folgte Kelsey Naomi ins Schlafzimmer.

≫Ich schon.≪ Naomi bemühte sich, klar und logisch zu denken, als sie sich vor ihre Frisierkommode setzte. ≫Kelsey, ich weiß, daß du noch unter deiner Scheidung leidest. Aber du bist nun einmal geschieden und damit frei, eine neue Beziehung einzugehen.≪

Kelsey hielt in ihrem rastlosen Aufundabgehen inne und schnappte hörbar nach Luft. ≫Ich bin frei? Hier geht es nicht um mich. Es geht um dich!≪

≫Um mich?≪

≫Verstehst du denn gar nichts?≪ Jetzt mischte sich ihre Wut noch mit Empörung darüber, daß diese Frau, in deren Adern ihr Blut floß, dermaßen oberflächlich sein konnte. ≫Hast du denn überhaupt keinen Stolz?≪

≫Tatsächlich≪, entgegnete Naomi langsam, ≫hat man mir schon oft gesagt, ich hätte zuviel davon. Aber ich verstehe nicht ganz, worum es hier geht.≪

≫Ich versuche dir mitzuteilen, daß dein Liebhaber mit mir ins Bett gehen wollte.≪

Um Naomis Mundwinkel zuckte es, als ihr langsam klar wurde, was Kelsey meinte. ≫Mein Liebhaber?≪

≫Daß du dich so täuschen läßt≪, tobte Kelsey weiter. ≫Du kennst ihn schon seit Jahren und müßtest mittlerweile wissen, wie er ist. Oja, er ist attraktiv und charmant — nach außen. Aber er kennt weder Skrupel noch Ehrgefühl, noch Loyalität.≪

Naomis Augen blitzten, und ihr Kinn spannte sich. ≫Von wem redest du eigentlich?≪

≫Von Slater.≪ Fast hätte Kelsey losgebrüllt. ≫Gabriel Slater. Wie viele Liebhaber hast du denn?≪

≫Nur einen.≪ Naomi faltete die Hände und atmete tief durch. ≫Und du glaubst, das ist Gabe?≪ Sie dachte einen Moment nach, fing an zu lächeln und lachte schließlich zu Kelseys Verblüffung schallend los. ≫Es tut mir leid, es tut mir wirklich leid. Ich bin sicher, du findest das gar nicht komisch.≪ Hilflos hielt sie sich den Bauch. ≫Aber das ist ja großartig, ehrlich. Ich fühle mich sehr geschmeichelt.≪

≫Das hat er auch gesagt≪, zischte Kelsey durch die Zähne.

≫Hat er das?≪ Kichernd wischte sich Naomi eine Träne aus dem Augenwinkel. ≫Du meinst, du hast ihn tatsächlich gefragt, ob er mit mir schläft? Du lieber Himmel, Kelsey, er ist um die Dreißig. Ich bin fast fünfzig.≪

≫Was macht das schon für einen Unterschied?≪

Sie konnte nicht an sich halten. Naomi grinste breit. ≫Jetzt fühle ich mich aber wirklich geschmeichelt. Glaubst du im Ernst, so ein toller Mann — und er ist ja wirklich hinreißend — wie Gabe könnte ein romantisches Interesse an mir haben?≪

Kelsey musterte Naomi so unbeteiligt, wie es ihr in ihrer Aufregung möglich war; die klassischen Gesichtszüge, den schlanken, feingliedrigen Körper in dem schlichten weißen Morgenmantel. ≫Von einer Romanze habe ich nicht gesprochen≪, sagte sie tonlos.

≫Ach so.≪ Naomi nickte verständnisvoll. ≫Nun denn. Du nimmst also an, daß Gabe und ich in eine, na, sagen wir mal, wilde sexuelle Affäre verstrickt sind?≪ Ihre Lippen verzogen sich. ≫Ich fühle mich von Minute zu Minute jünger.≪

≫Ehe du dich bemühst, alles abzustreiten, will ich dir zwei Dinge sagen.≪ Hocherhobenen Hauptes blickte Kelsey ihre Mutter an. ≫Erstens geht es mich nichts an, mit wem du schläfst — von mir aus kannst du dir zwanzig Liebhaber halten —, zweitens habe ich dich letzte Nacht gehört. Hier im Zimmer, mit ihm.≪

≫Oh.≪ Naomi sog die Luft ein. ≫Das ist mir aber peinlich.≪

≫Peinlich?≪ Das Wort klang wie eine Explosion. ≫Es ist dir peinlich?≪

Naomi, der klar wurde, daß sie sich etwas deutlicher ausdrücken mußte, hob eine Hand. ≫Nun mal der Reihe nach. Erstens habe ich im Gegensatz zu allem, was du denken oder gehört haben magst, nicht mit den Männern geschlafen, die man mir andichtet. Du wirst es nicht glauben, aber dein Vater war mein erster Mann. Und danach gab es niemanden mehr, erst zwei Jahre, nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen worden war, fand ich wieder einen Mann, und er ist bis heute mein einziger.≪ Sie erhob sich, so daß sie ihrer Tochter in die Augen sehen konnte.

≫Wenn das stimmt, ist es um so schlimmer. Stört es dich gar nicht, daß er dich so hintergeht?≪

≫Kein Mann betrügt mich mehr als einmal≪, sagte Naomi so bestimmt, daß Kelsey ihr nicht nur glaubte, sondern sie auch verstehen konnte. ≫Es war nicht Gabe, den du letzte Nacht hier gehört hast, es war Moses.≪

Kelsey verschlug es die Sprache, und sie ließ sich in einen Sessel sinken. ≫Moses, dein Trainer.≪

≫Ja, Moses, mein Trainer, mein Freund und mein Liebhaber.≪

≫Aber Gabe — er berührt dich doch ständig.≪

≫Auf das Risiko hin, daß ich mich jetzt eines Klischees bediene — wir sind sehr gute Freunde. Neben Moses ist Gabe mein bester Freund. Es tut mir leid, daß du das so mißverstanden hast.≪

≫Ach du lieber Gott!≪ Kelsey schloß die Augen und fühlte sich gedemütigt, als ihr alles, was sie Gabe an den Kopf geworfen hatte, wieder zu Bewußtsein kam. ≫Kein Wunder, daß er so wütend war. Was ich ihm alles gesagt habe!≪

Gefaßt darauf, zurückgewiesen zu werden, strich Naomi Kelsey übers Haar. ≫Vermutlich hast du dir nicht die Mühe gemacht, ihn einfach danach zu fragen.≪

≫Nein.≪ Ihre Worte schienen wie ein Bumerang auf sie zu prallen. ≫Nein, ich war mir so sicher, und dann habe ich mich furchtbar geschämt, daß er mich dazu gebracht hatte, mich derart zu vergessen, und sei es auch nur für eine Minute. Ich habe noch nie … mit Wade war es immer … ist ja auch egal≪, unterbrach sie sich rasch. ≫Jedenfalls fuhr ich aus der Haut und sagte ihm einige sehr häßliche Dinge.≪

≫Du warst ja auch in einem Zwiespalt. Ich werde ihn anrufen und ihm alles erklären.≪

≫Nein, ich gehe morgen früh zu ihm und entschuldige mich von Angesicht zu Angesicht.≪

≫Es ist schrecklich, sich entschuldigen zu müssen, nicht wahr?≪

≫Fast so schlimm wie wenn man im Irrtum ist.≪ Seit je fiel es Kelsey schwer, ihren Stolz zu überwinden. ≫Es tut mir leid.≪

≫Was mich betrifft, braucht es dir nicht leid zu tun. Du bist hier in eine fremde Welt geraten, Kelsey, und hast deinem Instinkt vertraut. Deine Moralvorstellungen und dein Sinn dafür, was richtig und was falsch ist, sind für deine Handlungsweise verantwortlich.≪

≫Suchst du nach Entschuldigungen für mich?≪

≫Ich bin deine Mutter≪, erwiderte Naomi ruhig. ≫Vielleicht werden wir beide uns bald daran gewöhnen. Jetzt versuch zu schlafen. Und wenn du morgen nicht allein in die Höhle des Löwen gehen willst, werde ich dich begleiten.≪

_____

Doch Kelsey ging allein, schon aus Selbstachtung. Zuerst hatte sie erwogen, mit dem Auto zu fahren, aber sie wollte Zeit gewinnen. Obwohl sie fast die ganze Nacht wachgelegen und gegrübelt hatte, wußte sie noch nicht genau, was sie sagen und wie sie es sagen sollte.

So entschied sie sich, ein Pferd zu nehmen und zur Farm hinüberzureiten, um sich zu beruhigen und einen klaren Kopf zu bekommen.

Sie traf Moses im Stall, wo er gerade den Hals eines Wallachs mit Salbe einrieb. Sie zögerte, wie sollte sie sich ihm gegenüber verhalten, nun, da sie wußte, daß er Naomis Liebhaber war?

Einen Augenblick blieb sie still stehen uns sah ihm zu. Seine Hände waren sanft, dunkel gebräunt und kräftig. Am Handgelenk trug er einen Armreif aus gehämmertem Kupfer. In seinem Zopf zeigten sich bereits ebenso viele graue wie schwarze Haare. Niemand hätte ihn als gut aussehend bezeichnet, doch sein Gesicht mit der Adlernase und der wettergegerbten Haut wirkte einnehmend.

Zwar war sein Körper durchtrainiert und drahtig, doch nicht zu vergleichen mit Gabes muskulöser Erscheinung.

≫Schwer vorstellbar, nicht?≪ In Moses’ Stimme klang eine unterschwellige Belustigung mit. Er mußte sich nicht erst zu Kelsey umdrehen, um ihre Gedanken lesen zu können. ≫Eine so schöne Frau wie sie, reich, gebildet und dann so ein häßlicher Gnom wie ich.≪ Er stellte die Salbe beiseite und griff nach einem Topf mit wäßrigem Haferschleim. ≫Ich kann es Ihnen nicht verdenken, daß Sie überrascht sind. Das bin ich auch, bis heute. Werd’s wohl nie begreifen.≪

≫Wie bitte?≪

≫Naomi hat mir erzählt, daß Sie über uns Bescheid wissen.≪

Kelsey zuckte zusammen und rieb sich über ihr Gesicht. Blieb ihr denn keine Demütigung erspart? ≫Mr. Whitetree …≪

≫Moses≪, unterbrach er sie in Anbetracht der Situation einfach, ≫Moses. Na komm schon, mein Junge.≪ Sanft auf ihn einredend, versuchte er den Wallach dazu zu bewegen, von dem Haferschleim zu fressen. ≫Versuch’s doch mal. Nur ein bißchen. Ich habe mich auf den ersten Blick in sie verliebt, als ich hier anfing, als Pferdepfleger zu arbeiten. Sie muß damals ungefähr achtzehn gewesen sein. Eine Frau wie sie hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich habe nicht erwartet, daß sie mich beachtet. Warum sollte sie auch?≪

Kelsey beobachtete, wie liebevoll er mit dem kranken Pferd umging, es sanft und behutsam fütterte. Sie betrat die Box und stellte sich neben ihn. ≫Was fehlt ihm denn?≪

≫Unser King Cole ist erkältet.≪

≫Erkältet? Pferde können sich erkälten? Woran erkennt man das denn?≪

≫Sehen Sie, hier?≪ Moses nahm ihre Hand und führte sie über den Hals des Tieres. ≫Fühlen Sie die Schwellung?≪

≫Ja. Du Armer.≪ Sie redete beruhigend auf das Pferd ein, während sie ihm sacht den Hals streichelte. ≫Ist es etwas Ernstes?≪

≫Kann man noch nicht sagen. Wenn sich die Luftröhre schließt, kann er ersticken.≪

≫Sie meinen, er stirbt daran?≪ Entsetzt drückte sie sich an den Wallach. ≫Es ist doch bloß eine Halsentzündung.≪

≫Das gilt für Menschen. Bei ihm ist es schlimmer. Aber es wird schon wieder, was, Kumpel? Richtig fressen kann er noch nicht, er bekommt nur Haferschleim und Leinsamentee.≪

Tee für ein Pferd, dachte Kelsey. ≫Sollte der Tierarzt ihn nicht untersuchen?≪

≫Nur, wenn es schlimmer wird. Wir halten ihn warm, lassen ihn Eukalyptusdämpfe inhalieren und reiben ihm dreibis viermal täglich Kampfer auf die Zunge. Er hustet nicht mehr, und das ist ein gutes Zeichen.≪

≫Behandeln Sie die Tiere immer selbst?≪

≫Matt wird nur gerufen, wenn wir nicht weiterwissen.≪

≫Ich dachte, ein Trainer bildet die Pferde nur aus.≪

≫Der Trainer ist für alles zuständig. Manchmal beanspruchen die Pferde ihn am wenigsten. Begleiten Sie mich mal einen Tag, dann verstehen Sie, was ich meine.≪

≫Gern.≪

Er hatte das einfach nur so dahingesagt und nicht erwartet, daß sie sofort darauf einging. Nachdenklich musterte er sie. ≫Ich fange im Morgengrauen an.≪

≫Das weiß ich. Wahrscheinlich bin ich Ihnen nur lästig. Aber ich habe schon überlegt, ob ich nicht irgend etwas tun kann, während ich hier bin. Ställe ausmisten oder Heu schaufeln. Ich erwarte ja gar nicht, daß man mir Pferde anvertraut, aber ich hasse Nichtstun.≪

Sie ist die Tochter ihrer Mutter, dachte Moses. ≫Hier gibt es immer was zu tun. Wann wollen Sie anfangen?≪

≫Heute nachmittag, vielleicht besser morgen, jetzt muß ich noch etwas erledigen.≪ Beim Gedanken daran sank ihre Stimmung. ≫Ich würde lieber Mist karren, aber es läßt sich nicht vermeiden.≪

≫Dann kommen Sie, sobald Sie können, okay?≪

≫Vielen Dank. Ich habe aber noch eine Bitte: Kannn ich mir für heute morgen ein Reitpferd ausleihen? Reiten kann ich.≪

≫Sie sind Naomis Tochter, und das bedeutet, sie müssen reiten und brauchen nicht um Erlaubnis fragen, wenn Sie ein Pferd möchten.≪

≫Ich frage aber lieber.≪

≫Dann satteln wir Justice≪, entschied Moses. ≫Er wird Ihnen gefallen.≪

_____

Der Wallach liebte es loszugaloppieren. Obwohl er seit drei Jahren nicht mehr aktiv an Rennen teilnahm, merkte man immer noch, daß er kein reines Reitpferd war.

Wie Moses Kelsey erklärte, war Justice auf der Rennbahn nie absolute Spitze gewesen, aber doch besser als der Durchschnitt, und er hatte während seiner Zeit als Galopper regelmäßig Preisgelder eingebracht.

Doch Kelsey war das egal, auch wenn er jedes Rennen verloren hätte, als er mit ihr auf dem Rücken geradezu über die Hügel flog.

Das Tier reagierte bereitwillig auf den leistesten Schenkeldruck und fiel gehorsam in flüssigen Galopp, als sei es ebenso glücklich wie seine Reiterin, den Morgen im Freien auf den Hügeln und Feldern verbringen zu dürfen.

Jetzt erst wurde Kelsey bewußt, was für ein Vergnügen sie sich seit Jahren versagt hatte. Von jetzt ab würde sie regelmäßig reiten, auch wenn sie einen furchtbaren Muskelkater bekäme. Und wenn sie nicht mehr auf Three Willows war, würde sie versuchen, diesen Sport weiterhin zu betreiben.

Vielleicht würde sie ja auch ihr Apartment aufgeben und aus der Stadt wegziehen. Es gab keinen Grund, warum sie sich nicht ein Häuschen im Grünen und ein Reitpferd zulegen sollte. Selbst wenn sie es in einem Reitstall unterstellen müßte, so etwas konnte man gut arrangieren. Wenn Moses ihr genug beibrächte, könnte sie sogar in einem Stall arbeiten.

Im Moment aber berauschte sie sich an der klaren, frischen Luft, dem Duft des Grases und der ersten Blumen. Was um alles in der Welt hatte sie nur bewegt, sich den ganzen Tag in einem Büro oder einer Galerie zu vergraben, wenn sie im Freien sein und etwas tun konnte, was ihr Spaß machte?

Lachend warf sie ihr Haar zurück, als sie über einen schmalen Bach hinwegflogen und die nächste Anhöhe hinaufrasten.

Dann sah sie die Gebäude von Longshot vor sich und zügelte Justice.

Kelsey beugte sich vor, tätschelte den Hals des Wallachs und sah sich um. Der Ritt hatte ihr zwar gutgetan, das eigentliche Problem aber nicht gelöst. Sie wußte nach wie vor nicht, wie sie mit Gabe ins reine kommen sollte.

≫Improvisation ist alles≪, murmelte sie in die Mähne des Pferdes und schnalzte mit der Zunge, um Justice in einem gemäßigtem Trab zu bringen.

Gabe sah Kelsey den Hügel herunterkommen, doch er blieb, wo er war, und beobachtete einen Jährling an der Longe. Er war jetzt weder ruhiger als am Abend vorher, noch hatte sein Verlangen nach ihr nachgelassen. Ihre schlanke Gestalt auf dem majestätischen Vollblüter wirkte ausgesprochen verführerisch.

Er zog noch einmal an seiner Zigarre, stieß lässig den Rauch aus — und wartete ab.

Kelsey hatte sich in ihrem Leben bestimmt schon unbehaglicher gefühlt, als sie abstieg und mit dem Wallach am Zügel auf Gabe zuging. Aber gelöste Probleme erschienen im Rückblick nie so unlösbar wie die, die man noch vor sich hatte.

≫Du reitest gut≪, bemerkte Gabe. ≫Ein alter Krieger wie der benötigt eine feste Hand.≪

≫Normalerweise habe ich die. Wenn du ein paar Minuten Zeit für mich hast, würde ich gern mit dir reden.≪

≫Schieß los.≪

Warum sollte er es ihr auch leichtmachen, dachte sie und unterdrückte ihren Stolz. ≫Allein, wenn es geht.≪

≫Gut.≪ Er nahm ihr die Zügel aus der Hand und winkte einen Pfleger heran. ≫Reib ihn ab, Kip.≪

≫Ja, Sir.≪

Gabe marschierte in Richtung Haus los, und Kelsey hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. ≫Ein schöner Betrieb, er erinnert mich an Three Willows.≪

≫Willst du Süßholz raspeln?≪

≫Nein.≪ Sie verwarf die Idee, höfliche Konversation zu machen wieder. ≫Wie ich sehe, bist du beschäftigt. Ich werde nicht viel von deiner kostbaren Zeit beanspruchen.≪ Dann schwieg sie, bis sie das Haus erreicht hatten und er eine Glastür an der Rückseite aufschob.

Sie fühlte sich in einen tropischen Garten versetzt. Wo sie auch hinsah, überall wucherten üppig blühende Pflanzen in Ampeln oder Körben. Durch das Glasdach fiel Sonnenlicht auf einen in der Mitte angelegten Swimmingpool, der verlockend tiefblau schimmerte.

≫Wie schön!≪ Kelsey strich über eine leuchtendrote Hibiskusblüte. ≫So weit sind wir gesten abend gar nicht gekommen.≪

≫Ich fand es nicht angebracht, die Führung fortzusetzen.≪ Er ließ sich auf einem gestreiften Gartenstuhl nieder und streckte die Beine aus. ≫Jetzt sind wir unter uns.≪

Kelsey schaute dem Rauch nach, der von seiner Zigarre aufstieg und von den sanft rotierenden Deckenventilatoren aufgelöst wurde. ≫Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen.≪ Die verhaßten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken.

Er hob lediglich eine Augenbraue. ≫Wofür?≪

≫Für mein Benehmen gestern abend.≪

Gabe drückte seine Zigarre in einem mit Sand gefüllten silbernen Eimer aus und tat so, als ob er überlegte. ≫Gestern abend ist einiges passiert. Könntest du dich etwas präziser ausdrücken?≪

Hilflos ging sie ihm in die Falle. ≫Du bist ein Ekel, Slater, ein arrogantes, überhebliches Ekel.≪

≫Das ist ja eine großartige Entschuldigung, Kelsey.≪

≫Ich habe mich entschuldigt. Es ist mir zwar verdammt schwer gefallen, aber ich habe mich entschuldigt. Und du hast noch nicht einmal den Anstand, diese Entschuldigung zu akzeptieren.≪

≫Wie du gestern sehr deutlich gemacht hast, fehlt es mir in jeder Hinsicht an Anstand.≪ Lässig schlug er die Beine übereinander. ≫Ich entnehme deinem plötzlichen Sinneswandel, daß du Naomi zur Rede gestellt hast und sie die Sache geklärt hat.≪

Sie konnte zu ihrer Verteidigung nur das Kinn vorstrecken. ≫Du hättest es ja abstreiten können.≪

≫Hättest du mir denn geglaubt?≪

≫Nein.≪ Schon wieder vor Wut schäumend wandte sie sich von ihm ab. ≫Aber du hättest es doch abstreiten können. Du wußtest, wie mir zumute war! Zu glauben, daß du und Naomi … wo ich mich beinahe …≪

≫Beinahe was?≪

≫Dir an den Hals geworfen hätte!≪ Kelsey warf ihm die Worte förmlich hin. ≫Ich gebe es ja zu, du hättest ein leichtes Spiel mit mir gehabt. Ich konnte nicht mehr klar denken. Stolz bin ich zwar nicht darauf, aber ich hatte nicht das Gefühl, daß es mir allein so ging. Auch ich habe Bedürfnisse, und — verdammt noch mal, ich bin nicht aus Stein!≪

Er war sich nicht sicher, was ihn mehr verblüffte, die Heftigkeit ihrer letzten Bemerkung oder die Tränen, die in ihren Augen glänzten. ≫Ich bin der letzte, den du davon überzeugen mußt. Warum steigerst du dich in etwas hinein, das es gar nicht gibt?≪

Kelsey kämpfte mit den Tränen. ≫Das ist nicht der Punkt≪, sagte sie. ≫Ich habe einen großen Fehler gemacht, das ist es. Ich habe dir Dinge gesagt, die du nicht verdient hast und die ich bedaure.≪ Sie fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, dann ließ sie sie sinken. ≫Gabe, ich habe geglaubt, du wärst die Nacht davor in ihrem Zimmer gewesen. Ich hörte …≪

≫Moses≪, führte er den Satz zu Ende.

Seufzend schloß sie die Augen. ≫Der Narr erfährt es immer als letzter. Ich dachte, du wärst bei ihr gewesen. Und die Vorstellung, daß du von ihr zu mir — daß ich beinahe zugelassen hätte …≪ Wieder brach sie ab. ≫Es tut mir leid.≪

Sie sah so bezaubernd aus. Ihr Haar schimmerte golden in der Sonne, und ihre Augen waren dunkel vor Kummer. Fast hätte er selbst geseufzt. ≫Weißt du, daß ich am liebsten weiter stinksauer auf dich sein würde? Ich dachte, das würde alles erleichtern, auf jeden Fall wäre es sicherer.≪ Er stand auf und sagte: ≫Du siehst müde aus, Kelsey.≪

≫Ich hatte eine schlechte Nacht.≪

≫Nicht nur du.≪ Er streckte die Hand aus, um ihre Wange zu berühren, doch sie wich zurück.

≫Nicht, bitte. Ich komme mir zwar wie ein Idiot vor, es zuzugeben, aber so ist es nun mal. Ich bin im Moment ziemlich leicht zu verletzen, und du hast offenbar die Macht dazu.≪

Gabe unterdrückte einen Seufzer. ≫Warum soll es dir besser gehen als mir? Mit diesem Wissen kann ich ruhiger schlafen. ‘Faß mich nicht an, Gabe, ich könnte mich dir sonst an den Hals werfen.’≪

Kelsey mußte lächeln. ≫So ist es ungefähr. Wie wär’s, wenn wir noch mal von vorn anfangen würden?≪ Sie streckte ihm die Hand hin: ≫Freunde?≪

Er schaute auf ihre Hand, dann in ihre Augen. ≫Ich glaube nicht.≪ Ohne sie aus den Augen zu lassen kam er vorsichtig näher.

≫Hör zu …≪ Sie spürte schon die Erregung, die in ihr hochstieg. ≫Ich will mich nicht voreilig auf etwas einlassen, denn jetzt ist für mich ein ganz schlechter Zeitpunkt.≪ Immer noch auf der Hut trat sie einen weiteren Schritt zurück.

≫Zu schade. Ich finde den Zeitpunkt ausgesprochen günstig.≪

≫Ich sage dir doch …≪ Ihr nächster Schritt nach hinten ging ins Leere. Sekunden, ehe das Wasser über ihr zusammenschlug, sah sie noch sein grinsendes Gesicht. Zwar war das Wasser angenehm kühl, doch sie erschrak trotzdem fürchterlich. Als sie wieder auftauchte und sich das nasse Haar aus dem Gesicht strich, blitzten ihre Augen. ≫Du Mistkerl!≪

≫Ich habe dich nicht gestoßen, aber kurz dran gedacht.≪ Hilfsbereit bot er ihr eine Hand, um sie herauszuziehen.

Kelsey griff danach und versuchte, sich daran hochzuziehen.

≫Nicht bluffen, Kelsey.≪ Da ließ er einfach ihre Hand los, und sie tauchte wieder unter. Diesmal nahm sie es gelassen, kletterte allein über den Rand und setzte sich. ≫Ein schöner Pool.≪

≫Mir gefällt er auch.≪ Er setzte sich im Schneidersitz neben sie. ≫Komm doch irgendwann mal her und schwimm richtig — aber im Badeanzug.≪

≫Das werde ich tun.≪

≫Im Winter ist es am besten, richtig gemütlich, wenn draußen der Schnee fällt.≪

Langsam drückte sie ihr Haar aus, und spritzte ihm Wasser ins Gesicht. ≫Erwischt!≪

Er packte einfach nur ihre Hand, preßte die nasse Handfläche gegen seine Lippen und sah ihr tief in die Augen. ≫Erwischt≪, wiederholte er.

Mit wild klopfendem Herzen stand Kelsey auf. ≫Ich muß zurück.≪

≫Du bist ja ganz naß.≪

≫Draußen ist es warm genug.≪ Kelsey widerstand der Versuchung, zurück ins Wasser zu springen, als er aufstand. ≫Ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch.≪

Er fragte sich, ob sie ahnte, wie begehrenswert sie in diesem Augenblick wirkte. ≫Ich fahre dich zurück.≪

≫Nein, wirklich nicht nötig. Ich möchte lieber reiten. Ich hatte schon fast vergessen, wieviel Spaß das macht, und deshalb will ich es ausnutzen, solange ich hier bin, und …≪ Sie preßte eine Hand auf ihren nervösen Magen. ≫Ich muß mich von dir fernhalten.≪

≫Keine Chance.≪ Er hakte einen Finger in den Bund ihrer Jeans und zog sie näher zu sich. ≫Ich will dich, Kelsey≪, flüsterte er, ≫Und früher oder später bekomme ich dich auch.≪

Kelsey zwang sich, tief durchzuatmen. ≫Vielleicht.≪

Er grinste: ≫Darauf kannst du wetten≪, und gab sie frei. ≫Ich hole dir aus den Ställen eine Jacke.≪

Kelsey verließ schnell das Haus, und zehn Minuten später galoppierte sie in Richtung Three Willows davon. Gabe blickte ihr nach, bis sie hinter dem ersten Hügel verschwand, dann wandte er sich ab.

≫Nettes Mädchen, die Kleine.≪

Die Stimme traf ihn wie ein Dolchstoß, wie ein Angriff aus dem Hinterhalt. Doch so leicht ließ er sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Gabes Gesicht blieb unbewegt, als er sah, daß es sein Vater war.

Keine augenfälligen Veränderungen, stellte er fest. Rich Slater hatte immer noch Stil. Zwar ähnelte sein Auftreten dem eines aufdringlichen Handelsvertreters, aber auch das war eine Art Stil. Er war groß und breitschultrig, sein eleganter Gabardineanzug spannte zwar ein wenig um den Brustkorb, aber die polierten Schuhe funkelten, und auf dem schwarzen, kurzgeschnittenen Haar saß ein modischer grauer Filzhut.

Der Mann war ein Blender, der sein gutes Aussehen — die schönen blauen Augen und das anziehende Lächeln — bewußt einsetzte. Fast sechs Jahre waren vergangen, seit Gabe seinen Vater das letztemal gesehen hatte, doch er wußte, auf welche Anzeichen er achten mußte.

Die tiefen Furchen im Gesicht, die keine noch so sorgfältige Pflege vertuschen konnte, die geplatzten Äderchen, die unnatürlich glänzenden Augen. Rich Slater war, wie schon vor sechs Jahren und wie die meiste Zeit seines Lebens, betrunken.

≫Was zum Teufel willst du hier?≪

≫Ist das eine Art, seinen Alten Herrn zu begrüßen?≪ Rich lachte herzlich und umarmte, so als ob Gabe froh wäre, ihn zu sehen, seinen Sohn. Sein Atem roch nach Pfefferminz, doch darunter lag der unverkennbare Geruch von Whisky. Eine Kombination, die Gabe seit je den Magen umdrehte.

≫Ich habe dich gefragt, was du willst.≪

≫Bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, wie’s dir geht, Sohn.≪ Er klopfte Gabe auf den Rücken, ehe dieser ausweichen konnte. Rich Slater schwankte nicht, und auch seiner Stimme war nichts anzumerken. Er konnte, ‘einen ziemlichen Stiefel’ vertragen, wie er zu sagen pflegte.

Bis zur zweiten Flasche, und die gab es immer.

≫Diesmal hast du’s geschafft, Gabe, das große Los gezogen. Steckst nicht mehr bis zum Hals in Schwierigkeiten, was, Sohn?≪

Gabe packte Rich am Arm und zog ihn beiseite. ≫Wieviel?≪

Obwohl seine Augen funkelten, spielte Rich den Beleidigten. ≫Nun, Gabe, kann denn ein Vater nicht einmal seinem eigenen Fleisch und Blut ohne Hintergedanken einen Besuch abstatten, ohne daß du denkst, er wäre auf ein Almosen aus? Mir geht es glänzend, das kannst du glauben. Hab’ ein hübsches Sümmchen gewonnen beim Spiel — wie du.≪ Wieder lachte er auf, während er insgeheim schon kalkulierte, wieviel alles hier wert sein mochte. ≫Aber ich würd’ nicht seßhaft werden wie du. Du kennst mich, Junge. Ich muß frei und ungebunden sein.≪

Er nahm sich eine Zigarre und ließ ein vergoldetes Feuerzeug mit seinem Monogramm darauf aufschnappen. ≫So, und wer war das blonde Häschen? Ganz schön sexy. Aber du hattest es ja schon immer mit den Weibern.≪ Er zwinkerte lustig. ≫Und sie mit dir. Ganz wie dein Alter Herr.≪

Gabe verlor fast die Geduld: ≫Wieviel willst du diesmal?≪

≫Ich sagte dir doch, keinen Cent.≪ Keinen Cent, dachte Rich, der zur nahe gelegenen Koppel blickte, wo der Jährling noch immer abgerichtet wurde. Mit ein paar Pferden wie diesem konnte ein Mann einen Haufen Geld machen, einen Haufen Geld. Er wollte keinen Cent, nein er wollte sehr viel mehr.

≫Ein schönes Tier ist das. Ich weiß noch, wie du früher den Pferden auf der Bahn mehr Aufmerksamkeit geschenkt hast als dem Wetter.≪

Und jedesmal hatte ihn dann sein Vater verprügelt, erinnerte sich Gabe. ≫Ich habe keine Zeit, um mit dir über meine Pferde zu diskutieren, ich muß nämlich arbeiten.≪

≫Wenn sich ein Mann so ins gemachte Nest gesetzt hat wie du hier, dann muß er nicht arbeiten.≪ Oder um sein Leben fürchten, dachte Rich bitter, oder mit kleinen Beträgen zufrieden sein. ≫Aber ich will dich wirklich nicht aufhalten. Tatsache ist, daß ich ein Weilchen in der Gegend bleiben will, um alte Freunde zu besuchen.≪ Lächelnd blies er Rauch in die Luft. ≫Und da ich nun schon einmal hier bin, hätte ich nichts dagegen, ein paar Tage in deinem schicken Haus zu Besuch zu sein.≪

≫Ich will dich weder in meinem Haus noch auf meinem Grundstück haben.≪

Richs Lächeln verlor sich. ≫Ich bin dir wohl nicht mehr gut genug, was? Meinst, du wärst ’n feiner Herr und willst nicht mehr dran erinnert werden, wo du herkommst. Ein Streuner, das bist du, Gabe.≪ Er bohrte seinem Sohn den Zeigefinger in die Brust. ≫Und das wirst du immer bleiben, auch wenn du jetzt in einem feinen Haus wohnst und feine Frauen vögelst. Du Strolch! Hast wohl vergessen, wer dir ein Dach über dem Kopf und Essen im Bauch besorgt hat?≪

≫Ich habe nicht vergessen, daß ich auf der Straße geschlafen und gehungert habe, weil du jeden Penny versoffen hast, den Mutter verdient hatte.≪ Er haßte diese Erinnerungen. ≫Ich habe auch nicht vergessen, daß wir mitten in der Nacht aus irgendeiner stinkenden kleinen Bude hinausgeworfen wurden, weil kein Geld für die Miete da war. Ich habe vieles nicht vergessen, und daß Mutter im Armenhaus starb, sich die Lunge aus dem Leib spuckte, das habe ich bestimmt nicht vergessen.≪

≫Ich habe immer mein Bestes getan!≪

≫Dein Bestes, daß ich nicht lache! Also, wieviel wird es mich kosten, wenn du hier verschwindest?≪

≫Ich muß irgendwo unterkriechen.≪ Richs Nerven begannen ihn im Stich zu lassen, und seine Stimme klang weinerlich. Dann verlor er die Beherrschung und zog seinen Flachmann aus der Tasche. ≫Nur für ein paar Tage.≪

≫Hier nicht. Für dich ist in diesem Haus kein Platz!≪

≫Um Himmels willen!≪ Rich nahm gierig einen Schluck, dann noch einen. ≫Ich sag’s, wie es ist, ich bin in Schwierigkeiten. Kleines Mißverständnis bei einem Spiel in Chicago. Ich hab’ mit ’nem Typen zusammengearbeitet, und der hat Mist gebaut.≪

≫Du bist also beim Falschspielen erwischt worden, und jetzt sind sie hinter dir her und wollen dir das Hirn wegpusten.≪

≫Du bist ein eiskalter Hurensohn≪, sagte Rich und nahm einen großen Schluck aus seinem Flachmann. ≫Du schuldest mir noch was, daß du’s nur nicht vergißt. Ich muß ein paar Wochen untertauchen, bis Gras über die Sache gewachsen ist.≪

≫Aber nicht bei mir.≪

≫Du wirfst mich raus? Läßt zu, daß man deinen Vater umbringt?≪

≫Nun übertreib nicht.≪ Kalt lächelnd musterte Gabe seinen Vater. ≫Aber ich gebe dir eine reelle Chance. Ich denke, daß Fünftausend genügen.≪

Rich sah sich um, registrierte die in Ordnung gehaltenen Gebäude, die gepflegten Pferde. Er war nie zu betrunken, um nicht einen Vorteil für sich herauszuschinden. ≫Das reicht nicht.≪

≫Es muß reichen. Halt dich vom Haus und meinen Pferden fern. Ich schreibe dir einen Scheck aus.≪

Als Gabe sich entfernte, setzte Rich erneut den Flachman an. Das reicht bei weitem nicht, dachte er, und der Whisky schmeckte ihm bitter. Der Junge hatte sein Glück gemacht, und er wollte auch seinen Anteil abhaben.

Und den würde er auch bekommen, schwor sich Rich. Er hatte den Jungen zu sanft angefaßt. Jetzt würde er die Spielregeln diktieren.

8

Er wußte, daß er sich wie ein Narr benahm. Dennoch schaute Philip ständig auf die Uhr, während er seinen Weißwein trank. Kelsey war nicht zu spät dran, er war zu früh.

Es war verrückt zu glauben, sie könne sich in den zwei Wochen, die sie nun schon fort war, irgendwie verändert haben. Ihn jetzt mit anderen Augen betrachten. Oder ihn für einen Schwächling halten — ein Vorwurf, den er sich selbst machte, seit er tatenlos zugeschaut hatte, wie man die Frau, die er einmal geliebt hatte, ins Gefängnis steckte.

Aber er hatte nichts dagegen unternehmen können. Doch sooft er sich das auch einredete, es half ihm nicht. Das seit Jahren an ihm nagende Schuldgefühl konnte er nur dadurch etwas mildern, daß er seiner Tochter besonders viel Liebe gab.

Sogar heute noch, nach zwei Jahrzehnten, sah er Naomis Gesicht klar und deutlich vor sich; so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum letztenmal besuchte.

Von Washington nach Alderson in West-Virginia zu gelangen hieß, eine sechsstündige Autofahrt in Kauf zu nehmen. Sechs Stunden Fahrt trennten die geordnete, zivilisierte Welt der Universität von der trostlosen, grauen Realität einer staatlichen Vollzugsanstalt. Beides eine in sich geschlossene Welt, doch die eine wurde von Hoffnung und Zuversicht bestimmt, die andere von Zorn und Verzweiflung.

Obwohl er meinte, auf alles gefaßt zu sein, traf es ihn wie ein Schlag, Naomi, seine lebenssprühende, vitale Naomi hinter der Trennscheibe zu sehen. Die vergangenen Monate hatten ihren Tribut gefordert. Ihr Körper hatte die frauliche Weichheit verloren, und sie wirkte in der formlosen Gefängniskleidung hager und eckig. Alles an ihr schien grau — ihre Kleider, ihre Augen, ihr Gesicht. Es hatte ihn seine ganze Kraft gekostet, ihrem ruhigen, unbewegten Blick nicht auszuweichen.

≫Naomi.≪ In Anzug und Krawatte, mit dem gestärkten weißen Kragen kam er sich fehl am Platze vor. ≫Ich war überrascht, daß du mich sehen wolltest.≪

≫Ich mußte dich sprechen. Wünsche zählen hier nichts, das gehört zu den ersten Dingen, die man im Gefängnis lernt.≪ Sie hatte erst drei Wochen von ihrer Strafe abgesessen und bereits aufgehört, die Tage abzuhaken — um nicht den Verstand zu verlieren. ≫Ich danke dir für deinen Besuch, Philip. Mir ist klar, daß du im Moment mit einigen Problemen zu kämpfen hast, aber ich hoffe, deine Position an der Universität ist nicht gefährdet.≪

≫Nein.≪ Seine Stimme klang flach. ≫Vermutlich werden deine Anwälte Berufung einlegen.≪

≫Ich habe nicht allzuviel Hoffnung.≪ Naomi verschränkte ihre unruhigen Hände ineinander. Hoffnung war die größte Bedrohung für ihren Geisteszustand, so hatte sie sich angewöhnt, nur noch mit dem Schlimmsten zu rechnen. ≫Ich habe dich hierhergebeten, Philip, um mit dir über Kelsey zu reden.≪

Er entgegnete nichts darauf. Die Angst, sie könne ihn bitten, Kelsey einen Besuch zu ermöglichen, ihn bitten, sein Kind an diesen Ort mitzubringen, lastete wie ein Alpdruck auf ihm.

Es war ihr gutes Recht. Tief in seinem Inneren wußte er, daß sie ein Recht darauf hatte, ihr Kind zu sehen. Aber er wußte auch, daß er bis zum letzten Atemzug darum kämpfen würde, Kelsey diese traumatische Erfahrung zu ersparen.

≫Wie geht es ihr?≪

≫Gut. Sie verbringt ein paar Tage bei meiner Mutter, damit ich diese … diese Reise machen konnte.≪

≫Ich bin sicher, Milicent ist entzückt, sie bei sich zu haben.≪ Sarkasmus schlich sich in Naomis Stimme, obwohl der Kummer sie zu überwältigen drohte. Entschlossen, das zu Ende zu führen, was sie begonnen hatte, fuhr sie fort: ≫Ich nehme an, du hast ihr noch nicht erklärt, wo ich bin?≪

≫Nein, ich dachte … nein. Sie glaubt, daß du jemanden besuchst, der sehr weit entfernt lebt.≪

≫Nun ja.≪ Der Abglanz eines Lächelns zeigte sich auf ihrem Gesicht. ≫Ich bin ja auch sehr weit weg, nicht wahr?≪

≫Naomi, sie ist doch noch ein Kind.≪ Zugegeben, es war unfair, doch er würde ihre Liebe zu Kelsey ausnutzen. ≫Ich wußte nicht, wie ich es ihr sagen sollte. Ich hoffe, daß ich nach einiger Zeit …≪

≫Ich mache dir keinen Vorwurf≪, unterbrach Naomi und beugte sich vor. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. ≫Ich mache dir keinen Vorwurf≪, wiederholte sie. ≫Nichts von alldem ist deine Schuld. Was ist nur mit uns geschehen, Philip? Ich weiß nicht, wo alles angefangen hat. Ich dachte, wenn ich einen bestimmten Zeitpunkt, ein bestimmtes Ereignis zugrunde legen könnte, fiele es mir leichter, die Folgen zu akzeptieren. Aber das kann ich nicht.≪ Gequält schloß sie die Augen und wartete, bis sie sich so weit gefaßt hatte, um normal weitersprechen zu können. ≫Ich weiß nicht, was ich alles falsch gemacht habe, aber ich weiß, was richtig war. Besonders was Kelsey betrifft. Ich muß ständig an sie denken.≪

Ein tiefes Mitleid mit ihr überkam ihn und stimmte ihn milde. ≫Sie fragt dauernd nach dir.≪

Naomis Blick wanderte durch das Besuchszimmer. Ganz in der Nähe hörte sie jemanden verzweifelt schluchzen. Aber Tränen waren an diesem Ort nichts Besonderes. Sie starrte auf die Wände, die Wächter, die Schlösser. Besonders auf die Schlösser.

≫Ich möchte nicht, daß sie erfährt, wo ich bin.≪

Das hätte er zu allerletzt von ihr erwartet. Vollkommen aus dem Konzept geraten wußte er nicht, ob er dankbar sein oder protestieren sollte. ≫Naomi …≪

≫Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, Philip. Zeit genug dazu hatte ich ja. Ich will nicht, daß sie erfährt, daß man mir alles genommen und mich in einen Käfig gesperrt hat.≪ Sie holte tief Atem. ≫Der Skandal wird bald abebben. Schließlich habe ich mich seit fast einem Jahr nicht mehr in deinen Kreisen bewegt. Das Gedächtnis der Leute ist kurz. Ich zweifle daran, daß mehr als ein vages Gerücht, wenn überhaupt, im Umlauf sein wird, wenn Kelsey zur Schule kommt. Und Virginia ist weit weg.≪

≫Das mag ja alles zutreffen, aber das löst nicht das augenblickliche Problem. Wie soll ich ihr erklären, daß du nicht mehr zurückkommst? Sie wird meine Ausreden nicht mehr lange hinnehmen, Naomi. Sie liebt dich.≪

≫Sag ihr, ich sei tot.≪

≫Um Gottes willen, Naomi, das kann ich nicht tun!≪

≫Du kannst.≪ Beschwörend preßte sie eine Hand gegen die Trennscheibe. ≫Um Kelseys willen mußt du es. Hör mir zu. Willst du, daß sie ihre Mutter an einem Ort wie diesem sieht? Wegen Mordes verurteilt?≪

≫Natürlich nicht. In ihrem Alter kann sie das noch gar nicht verstehen, geschweige denn verarbeiten. Aber …≪

≫Genau: Aber≪, stimmte Naomi zu. Ihre Augen waren wieder zum Leben erwacht und glühten vor leidenschaftlicher Willenskraft. ≫In einigen Jahren wird sie es verstehen — und damit leben müssen. Wenn ich etwas für sie tun kann, Philip, dann kann ich ihr das ersparen. Denk doch mal nach≪, beharrte sie. ≫Denk nach. Wenn ich hier herauskomme, ist sie ungefähr achtzehn. Die ganzen Jahre würde sie die Vorstellung begleiten, daß ihre Mutter eingesperrt ist. Vielleicht würde sie sich verpflichtet fühlen, mich zu besuchen. Ich will sie hier nicht haben!≪ Der mühsam aufrechterhaltene Panzer der Selbstbeherrschung fiel von ihr ab, und Tränen stiegen ihr in die Augen. ≫Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie mich so sieht. Welche Auswirkungen würde das auf sie haben? Welchen Schaden könnte sie nehmen? Ich werde es nicht zulassen, hörst du? Ich will sie davor bewahren, Philip. Es ist das letzte, was ich noch für sie tun kann.≪

Unwillkürlich streckte er die Hand aus, so daß sich ihre Fingerspitzen an der Scheibe trafen. ≫Ich kann es nicht ertragen, dich hier zu sehen.≪

≫Könnte einer von uns es verantworten, sie an deinem Platz sitzen zu sehen, mir gegenüber?≪

Nein. Er konnte es jedenfalls nicht. ≫Aber ihr zu sagen, du seist tot. Wir können nicht vorhersehen, wie sie das verkraftet. Wie sollen wir mit einer solchen Lüge leben?≪

≫So falsch ist diese Behauptung gar nicht.≪ Naomi zog ihre Finger zurück. Die Tränen waren versiegt. ≫Ein Teil von mir ist tot. Der Rest kämpft um jeden Preis ums Überleben. Ich könnte nicht überleben, wenn ich wüßte, daß Kelsey die Wahrheit kennt. Sie wird leiden, Philip. Sie wird trauern, aber du bist ja für sie da. In ein paar Jahren wird sie sich kaum noch an mich erinnern, und schließlich wird sie mich vergessen.≪

≫Und damit kannst du leben?≪

≫Ich muß. Ich werde weder Kontakt zu ihr aufnehmen noch irgendein Lebenszeichen vor mir geben. Ich werde dich auch nicht um einen weiteren Besuch bitten, und wenn du doch kommst, will ich dich nicht sehen. Für euch beide werde ich von nun an tot sein.≪ Naomi richtete sich auf. Die Besuchszeit war beinahe um. ≫Ich weiß, wie sehr du sie liebst und was für ein Mensch du bist. Du wirst für sie sorgen, ihr ein glückliches Leben ermöglichen. Schade ihr nicht, indem du sie mit der Wahrheit konfrontierst. Bitte, versprich es mir!≪

≫Und wenn du entlassen wirst?≪

≫Dann sehen wir weiter. Zehn bis fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, Philip.≪

≫Ja.≪ Der Gedanke daran lag ihm wie ein Stein im Magen. Er mußte sein Kind schützen. ≫Gut, Naomi, wir machen es so, um Kelseys willen.≪

≫Danke.≪ Sie erhob sich und kämpfte mit einer Übelkeit. ≫Auf Wiedersehen, Philip.≪

≫Naomi …≪

Sie ging schnurstracks auf den Wärter zu und verschwand durch die Tür. Sie drehte sich nicht mehr um.