/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary / Series: Kay Scarpetta

Trübe Wasser sind kalt

Patricia Cornwell


Trübe Wasser sind kalt & Der Keim des Verderbens

Patricia Cornwell

1996, 1997

1

Trübe Wasser sind kalt

Ausgerechnet an Silvester wird die Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta zu einem besonders traurigen Fall gerufen, denn sie kannte den Toten: Ted Edding, ein junger Reporter. Als sich kurz darauf seltsame Vorfälle in Scarpettas Umfeld ereignen, ahnt sie, daß Teds Tod nur der Anfang des Unheils war…

Der Keim des Verderbens

Eine schreckliche Mordserie gibt Dr. Kay Scarpette Rätsel auf: Die Leichen werden ohne Kopf und Gliedmaßen gefunden, und die Opfer führen einen unbekannten tödlichen Virus in sich. Fieberhaft arbeitet Scarpetta, um den Erreger zu identifizieren und eine Verbreitung der Seuche zu verhindern, da nimmt der Täter Kontakt zu ihr auf…

Inhaltsverzeichnis

I  Trübe Wasser sind kalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

II  Der Keim des Verderbens

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

 Epilog

Teil I

Trübe Wasser sind kalt

Für Susanne Kirk

weitblickende Lektorin und Freundin

Er aber sprach zum dritten Mal zu ihnen:

Was hat denn dieser Übles getan?

Ich finde nichts an ihm,

das des Todes schuldig wäre.

Lukas 23,22

Kapitel 1

Noch vor Anbruch des letzten Tages im blutigsten Jahr, das Virginia seit dem Bürgerkrieg erlebt hatte, machte ich Feuer und setzte mich an das dunkle Fenster, das mir nach Sonnenaufgang das Meer zeigen würde. Ich saß im Morgenmantel im Schein der Lampe und sah die Jahresstatistik meiner Behörde über die Verkehrsunfälle, Prügeleien, Schießereien und Messerstechereien durch, als um Viertel nach fünf das Telefon aufdringlich klingelte.

»Verdammt«, brummte ich, denn meine Bereitschaft, an Dr. Philip Mants Telefon zu gehen, ließ spürbar nach. »Schon gut, schon gut.«

Sein verwittertes Cottage in der kleinen Gemeinde Sandbridge direkt an der Küste Virginias zwischen dem Marinestützpunkt und dem Naturschutzgebiet Back Bay lag versteckt hinter einer Düne. Mant war mein Leichenbeschauer für den Bezirk Tidewater. Seine Mutter war bedauerlicherweise an Heiligabend gestorben. Unter normalen Umständen hätte seine Reise nach London, wo er die Familienangelegenheiten regeln mußte, keine Notlage in der Gerichtsmedizin Virginias geschaffen, aber die stellvertretende forensische Pathologin war im Mutterschaftsurlaub, und der Leichenschauhaus-Aufseher hatte gerade gekündigt.

»Bei Dr. Mant«, meldete ich mich. Vor den Fensterscheiben zauste der Wind die dunklen Umrisse der Kiefern.

»Hier ist Officer Young von der Polizei Chesapeake«, sagte jemand, der wie ein im Süden geborener und aufgewachsener Weißer klang. »Könnte ich bitte Dr. Mant sprechen?«

»Er ist verreist«, entgegnete ich. »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Sind Sie Mrs. Mant?«

»Ich bin Dr. Kay Scarpetta, Chief Medical Examiner. Ich vertrete Dr. Mant.«

Der Anrufer zögerte und fuhr dann fort: »Wir haben einen Hinweis auf einen Todesfall bekommen. Einen anonymen Anruf.«

»Wissen Sie, wo es sich ereignet haben soll?« Ich hatte mir schon Stift und Papier bereitgelegt.

»Auf dem Schiffsfriedhof der Marine.«

»Wie bitte?« Ich blickte auf. Er wiederholte seine Worte.

»Um wen handelt es sich, einen Navy-SEAL?« Ich war verblüfft, denn meines Wissens hatten nur diese speziell ausgebildeten Marinetaucher im Manövereinsatz Zugang zu den in der Werft vertäuten, ausrangierten Schiffen.

»Wir wissen nicht, wer es ist, aber er könnte nach Überbleibseln aus dem Bürgerkrieg gesucht haben.«

»Im Finstern?«

»Ma’am, das Gelände ist militärischer Sicherheitsbereich. Aber das hat die Leute schon früher nicht davon abgehalten, sich da herumzutreiben. Sie stehlen sich in Booten hin, und das geht immer nur im Dunkeln.«

»So etwas hat der anonyme Anrufer angedeutet?«

»So ziemlich.«

»Klingt ja interessant.«

»Das dachte ich auch.«

»Und die Leiche ist noch nicht gefunden worden«, sagte ich, denn ich wunderte mich immer noch, warum dieser Officer es für nötig gehalten hatte, zu so früher Stunde einen Gerichtspathologen zu verständigen, wenn nicht einmal eindeutig feststand, daß es eine Leiche gab oder daß überhaupt jemand vermißt wurde.

»Wir sind auf der Suche danach, und die Navy schickt ein paar Taucher, da kriegen wir die Sache in den Griff, wenn alles gutgeht. Ich wollte Sie lediglich darauf aufmerksam machen. Und richten Sie Dr. Mant mein Beileid aus.«

»Ihr Beileid?« rätselte ich, denn wenn er von Dr. Mants Situation wußte, warum hatte er dann nach ihm gefragt.

»Ich habe gehört, seine Mutter ist gestorben.«

Ich setzte die Spitze meines Stifts auf das Blatt Papier.

»Würden Sie mir bitte Ihren vollen Namen nennen, und wie Sie zu erreichen sind?«

»S. T. Young.« Er gab mir eine Telefonnummer, und wir legten auf.

Ich starrte in das schwache Feuer im Kamin und fühlte mich unbehaglich und einsam, als ich aufstand, um Holz nachzulegen. Ich wäre viel lieber in Richmond gewesen, in meinem eigenen Haus mit Kerzen in den Fenstern und der mit altem Christbaumschmuck dekorierten Fräser-Tanne. Ich wollte Mozart und Händel hören statt des schrill ums Dach pfeifenden Winds, und ich wünschte, ich hätte Mants freundliches Angebot, in seinem Haus statt in einem Hotel zu wohnen, nicht angenommen. Ich machte weiter mit der Überprüfung der Statistik, aber meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Ich stellte mir das schlammige Wasser des Elizabeth River vor, das zu dieser Jahreszeit wohl eine Temperatur von weniger als 15 Grad hatte, und die Sicht betrug bestenfalls einen halben Meter.

Gut, manche tauchten im Winter in der Chesapeake Bay nach Austern oder fuhren dreißig Meilen auf den Atlantik hinaus, um einen versunkenen Flugzeugträger oder ein deutsches U-Boot zu erkunden oder andere Wunderdinge, wonach zu tauchen sich lohnte. Aber im Elizabeth River, wo die Navy ihre ausrangierten Schiffe hinbrachte, schien es wenig Verlockendes zu geben, egal bei welchem Wetter. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß jemand dort im Winter nach Einbruch der Dunkelheit allein tauchen sollte, um nach altem Gerümpel oder so zu suchen, und glaubte, der anonyme Hinweis würde sich als pures Spinnertum erweisen.

Ich stand aus dem Lehnstuhl auf und ging ins Schlafzimmer, wo meine Habseligkeiten fast über den ganzen kühlen, kleinen Raum verbreitet waren. Ich zog mich rasch aus und duschte hastig, denn ich hatte schon am ersten Tag hier entdeckt, daß der Boiler nicht viel hergab. Offen gestanden fühlte ich mich überhaupt nicht wohl in Dr. Mants zugigem Haus mit der knorrigen, hellen Kieferntäfelung und den dunkelbraun gestrichenen Böden, auf denen jedes Stäubchen zu sehen war. Mein britischer Deputy Chief schien in einem düsteren Windfang zu leben, und ich fror ständig in seiner spärlich möblierten Bleibe. Zudem verstörten mich hier unidentifizierbare Geräusche, weswegen ich manchmal aus dem Schlaf hochfuhr und nach meiner Waffe griff.

In einen Morgenmantel gehüllt, das Haar mit einem Handtuch umwickelt, kontrollierte ich Gästezimmer und Bad, um mich zu vergewissern, daß alles für die Ankunft meiner Nichte Lucy am Mittag bereit war. Dann warf ich einen Blick in die Küche, die im Vergleich zu meiner eigenen erbärmlich war. Es schien, als hätte ich bei meiner gestrigen Einkaufsfahrt nach Virginia Beach nichts vergessen, aber ich würde ohne Knoblauchpresse, Spaghettimaschine, Mixer und Mikrowellenherd auskommen müssen. Ich fragte mich schon ernsthaft, ob Mant jemals zu Hause aß oder sich überhaupt hier aufhielt. Wenigstens hatte ich daran gedacht, mein eigenes Besteck und Kochgeschirr mitzubringen, und solange ich gute Messer und Töpfe hatte, würde ich schon zurechtkommen.

Ich las noch ein wenig, schlief dann aber im Schein der Stehlampe wieder ein. Wieder riß mich das Telefon hoch, und ich griff nach dem Hörer, während sich meine Augen erst noch an das Sonnenlicht gewöhnen mußten, das mir nun ins Gesicht fiel.

»Hier Detective C. T. Roche, Chesapeake«, sagte eine andere, mir unbekannte männliche Stimme. »Soviel ich weiß, vertreten Sie Dr. Mant, und wir brauchen unbedingt sofort eine Antwort von Ihnen. Es sieht so aus, als hätte es auf dem Marine-Schiffsfriedhof einen Todesfall beim Tauchen gegeben. Wir müssen uns an die Bergung der Leiche machen.«

»Ich nehme an, es handelt sich um den Fall, von dem mich einer Ihrer Beamten vorhin schon unterrichtet hat?«

Auf langes Schweigen folgte die eher defensive Bemerkung: »Soweit ich weiß, bin ich der erste, der Sie benachrichtigt.«

»Ein Officer Young rief mich heute früh um Viertel nach fünf an. Einen Augenblick.« Ich sah auf meinen Notizzettel. »Initialen S wie Sam und T wie Tom.«

Wieder Sendepause, dann sagte er im gleichen Ton: »Also, ich habe keine Ahnung, von wem Sie reden, bei uns ist niemand mit diesem Namen.«

Mein Adrenalinpegel stieg, während ich mir Notizen machte. Es war dreizehn Minuten nach neun. Ich war verblüfft über das, was er gesagt hatte. Wenn der erste Anrufer nicht von der Polizei war, wer war er dann, warum hatte er angerufen, und woher kannte er Mant?

»Wann wurde die Leiche gefunden?« fragte ich Roche.

»Gegen sechs Uhr bemerkte ein Wachmann einen Kahn, hinter einem der Schiffe vertäut. Ein langer Schlauch führte ins Wasser, als würde dort jemand tauchen. Und als sich nach einer Stunde nichts gerührt hatte, wurden wir gerufen. Ein Taucher ist hinuntergeschickt worden, und, wie schon gesagt, da war eine Leiche.«

»Ist sie identifiziert?«

»Wir haben im Boot eine Brieftasche gefunden. Der Führerschein ist auf einen Theodore Andrew Eddings ausgestellt.«

»Der Reporter?« sagte ich ungläubig. »Der Ted Eddings?«

»Weiß, zweiunddreißig Jahre alt, braunes Haar und blaue Augen, dem Foto nach. Er wohnt in der West Grace Street in Richmond.«

Der Ted Eddings, den ich kannte, war ein preisgekrönter Reporter für Associated Press. Es verging kaum eine Woche, in der er nicht wegen irgend etwas anrief. Einen Augenblick lang konnte ich fast nicht denken.

»Wir haben aus dem Boot auch eine Neun-Millimeter-Pistole geborgen«, sagte er.

Als ich wieder sprach, klang ich sehr entschieden. »Seine Identität darf auf keinen Fall der Presse oder sonst wem bekanntgegeben werden, bevor sie nicht bestätigt ist.«

»Das habe ich allen bereits gesagt. Keine Bange.«

»Gut. Und niemand hat eine Ahnung, warum diese Person auf dem Schiffsfriedhof getaucht haben könnte?« fragte ich.

»Er könnte nach irgendwelchem Zeug aus dem Bürgerkrieg gesucht haben.«

»Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?«

»Eine Menge Leute suchen in den Flüssen hier nach Kanonenkugeln und solchen Sachen«, meinte er. »Okay. Wir machen also weiter und holen ihn raus, damit er nicht länger als notwendig dort unten bleibt.«

»Ich möchte nicht, daß er berührt wird, und wenn er noch etwas länger im Wasser bleibt, macht das auch nichts mehr.«

»Was haben Sie vor?« Er klang wieder abwehrend.

»Das weiß ich erst, wenn ich dort bin.«

»Also, ich glaube nicht, daß Ihre Anwesenheit notwendig…«

»Detective Roche«, unterbrach ich ihn, »ob es notwendig ist, daß ich zum Tatort komme, und was ich dort tue, darüber zu entscheiden, liegt nicht in Ihrem Ermessen.«

»Nun ja, ich hab da all die Leute warten, und heute nachmittag soll es schneien. Niemand will sich da draußen an der Pier die Beine in den Bauch stehen.«

»Nach dem in Virginia gültigen Recht bin ich für die Leiche zuständig, und nicht sie oder irgend jemand anderes, ob von der Polizei, der Feuerwehr, der Rettung oder einem Beerdigungsinstitut. Niemand berührt die Leiche, bis ich es erlaube.« Ich sprach mit gerade soviel Schärfe, daß er merkte, ich konnte auch streng sein.

»Wie schon gesagt, dann werde ich all den Leuten auf dem Gelände mitteilen müssen, daß sie sich zu gedulden haben, und das wird sie nicht freuen. Die Navy setzt mir bereits ganz schön zu, ich soll das Gelände verlassen, bevor Reporter auftauchen.«

»Das ist kein Fall der Navy.«

»Das müssen Sie denen sagen. Es sind ihre Schiffe.«

»Das werde ich ihnen gern sagen. In der Zwischenzeit teilen Sie allen mit, daß ich unterwegs bin«, sagte ich, bevor ich auflegte. Da mir klar war, daß ich erst in ein paar Stunden wieder zu dem Cottage zurückkehren würde, heftete ich an die Haustür eine Nachricht mit verschlüsselten Anweisungen für Lucy, wie sie in meiner Abwesenheit ins Haus gelangen konnte. Ich versteckte einen Schlüssel so, daß nur sie ihn finden konnte, und packte dann meine Arzttasche und die Tauchausrüstung in den Kofferraum meines schwarzen Mercedes. Um Viertel vor zehn war die Temperatur auf drei Grad angestiegen, und meine Versuche, Captain Pete Marino in Richmond zu erreichen, hatten bisher zu nichts geführt.

»Gott sei Dank«, murmelte ich, als endlich mein Autotelefon klingelte.

Ich schnappte es. »Scarpetta.«

»Hi.«

»Du hast deinen Piepser an. Das schockiert mich«, sagte ich.

»Wenn du so schockiert bist, warum zum Teufel rufst du dann an?« Er klang erfreut, von mir zu hören. »Was ist los?«

»Erinnerst du dich an den Reporter, den du überhaupt nicht leiden magst?« Ich achtete darauf, keine Details preiszugeben, weil wir über Funk sprachen und abgehört werden konnten.

»Welcher denn?«

»Der für AP arbeitet und immer bei mir im Büro vorbeischaut.« Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Worum geht’s denn? Hast du einen Termin mit ihm?«

»Bedauerlicherweise ja. Ich bin unterwegs zum Elizabeth River. Chesapeake hat gerade angerufen.«

»Augenblick mal. Nicht die Art von Termin.« Er hörte sich besorgt an.

»Ich fürchte, doch.«

»Ach du Scheiße.«

»Wir haben bisher nur einen Führerschein. Wir können also noch nicht sicher sein. Ich werde runtergehen und ihn mir anschauen, bevor wir ihn rausholen.«

»Jetzt halt, zum Teufel noch mal, die Luft an«, sagte er. »Warum mußt du unbedingt so was machen? Können das nicht andere erledigen?«

»Ich muß ihn sehen, bevor er bewegt wird«, wiederholte ich.

Marino war sehr ungehalten, weil er stets viel zu besorgt war um mich. Er brauchte gar kein Wort mehr zu sagen, um mir das zu vermitteln.

»Ich habe mir bloß gedacht, du könntest eventuell seine Wohnung in Richmond überprüfen«, sagte ich ihm.

»Ja ja. Das mache ich todsicher.«

»Ich weiß nicht, was uns erwartet.«

»Also ich wünschte mir, du würdest die das zuerst rausfinden lassen.«

In Chesapeake nahm ich die Ausfahrt Elizabeth River und bog nach links auf die High Street ab, wo ich an Kirchen, Gebrauchtwagenangeboten und Wohnwagensiedlungen vorbeikam. Hinter dem örtlichen Gefängnis und dem Polizeirevier verlor sich die Marinekaserne in weiträumigem, deprimierendem Schrottgelände, das von einem stacheldrahtbewehrten, rostigen Zaun umgeben war. Inmitten dieser riesigen Fläche, wo überall Metall herumlag und das Unkraut nur so wucherte, befand sich ein Kraftwerk, das anscheinend Müll und Kohle verbrannte, um den Schiffsfriedhof mit Energie für sein trostloses und träges Geschäft zu versorgen. Schornsteine und Gleisanlagen waren heute nicht in Betrieb, alle Kräne am Trockendock standen still. Schließlich war Silvester. Ich fuhr auf das Hauptquartier zu, einen Bau aus langweiligen, rotgrauen Hohlblocksteinen, hinter dem sich lange, gepflasterte Kais erstreckten. Am Wachtor trat ein junger Mann in Zivilkleidung und mit Schutzhelm aus seinem Häuschen. Ich ließ das Fenster herunter. Am windgepeitschten Himmel wirbelten die Wolken vorbei.

»Dies ist militärischer Sicherheitsbereich.« Er verzog keine Miene.

»Ich bin Dr. Kay Scarpetta, Chief Medical Examiner«, sagte ich und hielt meine Messingplakette hoch, das Symbol dafür, daß ich bei jedem plötzlichen, unbeobachteten, unerklärlichen oder gewaltsamen Todesfall im Bundesstaat Virginia juristisch zuständig war.

Er beugte sich vor und studierte meine Beglaubigung. Ein paarmal blickte er mir ins Gesicht und starrte auf meinen Wagen.

»Sie sind der Chief Medical Examiner?« fragte er. »Wie kommt es dann, daß Sie keinen Leichenwagen fahren?«

Ich hatte das schon öfter gehört und antwortete geduldig: »Leute, die in Bestattungsunternehmen arbeiten, fahren Leichenwagen. Ich arbeite nicht in einem Bestattungsunternehmen. Ich stelle die Todesursache fest.«

»Ich brauche noch einen anderen Ausweis von Ihnen.«

Ich gab ihm meinen Führerschein und hatte keine Zweifel mehr daran, daß solche Art von Einmischung nicht aufhören würde, nachdem ich eine Durchfahrtsgenehmigung bekommen hatte. Er trat ein paar Schritte von meinem Auto zurück und hob ein Funkgerät an die Lippen.

»Einheit elf an Einheit zwei.« Er drehte sich von mir weg, als würde er gleich eine Geheimsache durchgeben.

»Zwei«, kam krächzend die Antwort.

»Ich hab eine Dr. Scaylatta hier.« Er sprach meinen Namen so falsch wie kaum jemand.

»Ten-four. Bereit.«

»Ma’am«, sagte der Wachtposten zu mir, »fahren Sie einfach geradeaus, dann kommt rechts ein Parkplatz.« Er deutete mit der Hand in die Richtung. »Sie stellen Ihren Wagen dort ab und gehen zur Pier Zwei, wo sie Captain Green erwartet. An den müssen Sie sich wenden.«

»Und wo finde ich Detective Roche?« fragte ich.

»Sie müssen sich an Captain Green wenden«, sagte er noch einmal.

Ich kurbelte das Fenster wieder hoch, während er ein Tor öffnete, auf dem Schilder mir verkündeten, daß ich nun Gelände betrat, wo Gefahr drohte von Farbsprühfilm, Sicherheitsausrüstung verlangt und Parken nur auf eigenes Risiko erlaubt war. In der Ferne ragten graue Frachter, Panzerlandungsschiffe, Minensucher, Fregatten und Tragflächenboote bedrohlich in den kalten Himmel. Auf der zweiten Pier hatten sich Rettungswagen, Polizeiautos und einen kleine Menschengruppe eingefunden.

Ich stellte meinen Wagen wie befohlen ab und schritt dann forsch auf sie zu. Sie starrten mir entgegen. Ich hatte meine Arzttasche und die Tauchausrüstung im Auto gelassen und lieferte ihnen so das Bild einer Frau mittleren Alters mit leeren Händen, in Wanderstiefeln, Wollhose und armeegrünem Mantel. Kaum hatte ich den Kai betreten, schnitt mir ein kultiviert aussehender, uniformierter Mann mit grauen Schläfen den Weg ab, als wäre ich unbefugt auf das Gelände eingedrungen. Ohne den Anflug eines Lächelns trat er mir entgegen.

»Kann ich Ihnen helfen?« fragte er in einem Ton, der mir Halt gebot. Der Wind hatte seine Haare aufgerichtet und seine Wangen gerötet.

Ich erklärte noch einmal, wer ich war.

»Ah gut.« Er klang eindeutig nicht so, als meinte er dies. »Ich bin Captain Green vom Navy Investigative Service. Wir müssen wirklich mit der Sache vorankommen. Hör zu«, er wandte sich von mir ab und sprach zu jemand anderem. »Wir müssen diese KDs wegschaffen…«

»Entschuldigen Sie? Sie sind vom NIS?« schaltete ich mich ein, denn das mußte sofort geklärt werden. »Ich war der Meinung, daß dieses Gelände nicht der Navy gehört. Wenn es Navy-Gelände ist, dann ist meine Anwesenheit nicht erforderlich. Dann ist das ein Navy-Fall, und die Autopsie sollte ein Pathologe der Navy vornehmen.«

»Ma’am«, sagte er, als wollte ich seine Geduld strapazieren, »dieses Gelände untersteht einem Zivilunternehmen und gehört deshalb nicht der Navy. Aber wir haben ein naheliegendes Interesse, weil offenbar jemand unbefugt bei unseren Schiffen getaucht ist.«

»Haben Sie eine Vermutung, warum jemand das getan haben könnte?« Ich blickte mich um.

»Ein Paar Schatzjäger meinen, sie würden im Wasser hier Kanonenkugeln, alte Schiffsglocken und was weiß ich noch alles finden.«

Wir standen zwischen dem Frachter El Paso und dem U-Boot Exploiter, beide glanzlos und starr im Fluß. Das Wasser sah wie Cappuccino aus, und mir wurde klar, daß die Sicht noch schlechter sein würde, als ich befürchtet hatte. Neben dem U-Boot war eine Tauchplattform. Aber ich sah nichts, was auf das Opfer hindeutete, keine Rettungs-oder Polizeitrupps, die diesen Todesfall bearbeiten sollten. Ich fragte Green danach, während der vom Wasser wehende Wind mir das Gesicht taub werden ließ, und statt einer Antwort bekam ich wieder den Rücken zugedreht. »Hör mal, ich kann nicht den ganzen Tag auf Stu warten«, sagte er zu einem Mann in einem Overall und einer schmutzigen Skijacke.

»Wir könnten Bo herpfeifen, Captain«, lautete die Antwort.

»Zwecklos, José«, sagte Green, der diese Werftarbeiter gut zu kennen schien. »Bringt nichts, den Kerl herzurufen.«

»Zum Teufel«, sagte ein Mann mit einem langen, krausen Bart. »Wir wissen doch alle, daß er so spät am Vormittag nicht mehr nüchtern ist.«

»Also, wenn da nicht ein Esel den anderen Langohr schimpft«, ließ sich Green vernehmen, und alle lachten.

Der bärtige Mann hatte ein Gesicht wie rohes Hackfleisch. Er beäugte mich verstohlen, derweil er sich eine Zigarette anzündete, mit seinen groben, bloßen Händen den Wind abhaltend.

»Ich hab seit gestern nichts mehr getrunken. Nicht mal Wasser«, schwor er, worauf seine Kumpel wieder lachten. »Verdammt, hier ist es lausig kalt.« Er schlang die Arme um den Körper. »Ich hätte ‘nen dickeren Mantel anziehen sollen.«

»Ich sag dir mal, was hier kalt ist: der da unten«, meinte ein anderer Arbeiter, mit klappernden Zähnen. Er sprach von dem toten Taucher. »Der Kerl ist echt kalt.«

»Der spürt nichts mehr.«

Ich zügelte meinen aufsteigenden Unmut, als ich zu Green sagte: »Ich weiß, Sie sind scharf darauf anzufangen, und ich bin es genauso. Aber ich sehe keine Rettungsmannschaften oder Polizisten. Ich habe auch noch nicht das Boot oder den Flußabschnitt gesehen, wo die Leiche sein soll.«

Ich spürte ein halbes Dutzend Augenpaare auf mich gerichtet und musterte die gegerbten Gesichter dieser Männer, die leicht als Piraten in modernem Gewand hätten durchgehen können. Ich war nicht in ihren Geheimbund aufgenommen und fühlte mich an die frühen Jahre erinnert, als Grobheit und Mißachtung mir noch Tränen in die Augen getrieben hatten.

Green antwortete endlich. »Die Polizisten sind drinnen an den Telefonen. Im Hauptgebäude dort drüben, mit dem großen Anker darauf. Die Taucher sind wahrscheinlich auch da drinnen und halten sich warm. Das Rettungsteam ist auf einem Anlegeplatz auf der anderen Flußseite und wartet dort auf Ihre Ankunft. Und es dürfte Sie interessieren, daß an diesem Anleger die Polizei gerade einen Lkw mit Anhänger gefunden hat, der, glauben sie, dem Verstorbenen gehörte. Wenn Sie mir folgen wollen. Ich zeige Ihnen die Stelle, die Sie interessiert. Soviel ich weiß, haben Sie vor, mit den anderen Tauchern nach unten zu gehen.«

»Das stimmt.« Ich schritt neben ihm die Pier entlang.

»Mir ist völlig unklar, was Sie sich davon erwarten.«

»Ich habe schon lange gelernt, keine Erwartungen zu haben, Captain Green.«

Als wir an den alten, müden Schiffen vorbeikamen, fielen mir die vielen dünnen Drähte auf, die davon ins Wasser führten. »Was ist das?« fragte ich.

»KDs -Kathodendrähte«, antwortete er. »Sie sind elektrisch geladen, um die Korrosion zu bremsen.«

»Ich hoffe doch, daß jemand sie ausgeschaltet hat.«

»Ein Elektriker ist schon unterwegs. Er wird die ganze Pier abschalten.«

»Da könnte der Taucher also an die KDs geraten sein. Ich bezweifle, daß sie gut zu sehen waren.«

»Das hätte keine Rolle gespielt. Die Spannung ist sehr gering«, sagte er, als wüßte das jeder. »Das ist so wie ein Schlag von einer Neun-Volt-Batterie. Die KDs haben ihn nicht getötet. Das können Sie schon mal von Ihrer Liste streichen.«

Wir standen am Ende des Kais, wo das Heck des teilweise unter Wasser liegenden U-Boots gut zu sehen war. Keine zehn Meter davon entfernt ankerte der dunkelgrüne Aluminiumkahn mit dem langen schwarzen Schlauch, der vom Kompressor wegführte und auf der Passagierseite in einer Ummantelung steckte. Der Boden des Bootes war mit Werkzeugen, Tauchausrüstung und anderen Gegenständen übersät, die, wie ich vermutete, jemand ziemlich nachlässig untersucht hatte. Mir wurde eng ums Herz, denn ich war wütender, als ich nach außen hin zeigen wollte.

»Er ist womöglich einfach ersoffen«, sagte Green gerade. »Beinahe jeder Tauchertod, den ich zu Gesicht bekommen habe, ist durch Ertrinken verursacht worden. Man kann selbst in so seichtem Wasser sterben.«

»Auf jeden Fall finde ich seine Ausrüstung ungewöhnlich.« Ich ignorierte seine Anmaßung in medizinischen Fragen.

Er blickte auf den Kahn, der von der Strömung kaum bewegt wurde. »Eine hookah, ein Niederdrucktauchgerät. Ja ja, das ist hier ungewöhnlich.«

»Lief sie, als das Boot gefunden wurde?«

»Kein Benzin mehr.«

»Was können Sie mir darüber sagen? Eigenbau?«

»Handelsüblich«, sagte er. »Ein 5-PS-Kompressor mit Benzinmotor, der die Außenluft durch einen Niederdruckschlauch ansaugt, der mit einem Stufenregler verbunden ist. Er hätte vier, fünf Stunden unten bleiben können. So lange, wie das Benzin reichte.« Er blickte immer noch von mir weg.

»Vier oder fünf Stunden? Wofür? Das würde mir einleuchten, wenn jemand auf Hummer oder Abalonen scharf ist.«

Er schwieg.

»Was ist da unten?« fragte ich. »Und sagen Sie jetzt nicht, Bürgerkriegsrelikte, weil wir beide wissen, daß die hier nicht zu finden sind.«

»In Wahrheit ist nicht die Bohne da unten.«

»Aber er hat gedacht, da wäre was«, meinte ich.

»Unglücklicherweise hat er sich geirrt. Sehen Sie bloß diese Wolken da. Es wird uns ganz bestimmt erwischen.« Er stellte den Mantelkragen hoch. »Ich nehme an, Sie haben einen Tauchschein.«

»Seit vielen Jahren.«

»Sie werden ihn mir vorzeigen müssen.«

Ich blickte hinüber zu dem Kahn und dem nahegelegenen U-Boot, während ich mich fragte, wie unkooperativ diese Leute wohl noch sein würden.

»Sie müssen ihn bei sich haben, wenn Sie da runtergehen wollen«, sagte er. »Ich dachte, Sie wissen das.«

»Und ich dachte, diese Anlage untersteht nicht dem Militär.«

»Ich kenne die Bestimmungen. Wem sie untersteht, ist nicht maßgeblich.« Er schaute mich an.

»Verstehe.« Ich starrte zurück. »Und vermutlich brauche ich eine Genehmigung, wenn ich mein Auto hier auf diesem Kai abstellen will, damit ich meine Tauchausrüstung nicht einen halben Kilometer schleppen muß.«

»Sie brauchen allerdings eine Genehmigung, um auf dem Kai zu parken.«

»Die habe ich aber nicht. Ich habe meine offizielle Zulassung zum Rettungstauchen oder mein Tauchbuch nicht dabei. Und auch nicht meine Bescheinigungen, daß ich in Virginia, Maryland und Florida als Ärztin tätig sein darf.«

Ich sprach sehr sanft und leise, und weil er mich nicht aus der Ruhe bringen konnte, wurde er nur um so entschiedener. Er blinzelte ein paarmal, und ich konnte seinen Haß spüren.

»Ich werde Sie jetzt ein letztes Mal bitten, mir die Ausübung meines Berufs zu gestatten«, fuhr ich fort. »Es hat hier einen unnatürlichen Todesfall in meinem Zuständigkeitsbereich gegeben. Wenn Sie nicht kooperieren wollen, kann ich gerne die Staatspolizei, den U.S. Marshal oder das FBI anrufen. Die Wahl überlasse ich Ihnen. In zwanzig Minuten kann ich wahrscheinlich jemanden hierherbekommen. Ich habe mein Handy hier in der Tasche.« Ich klopfte darauf.

»Sie wollen tauchen« — er zuckte mit den Achseln — »dann tun Sie das. Aber Sie werden eine Verzichtserklärung unterschreiben müssen, womit Sie den Anlagenbetreiber von aller Verantwortung freisprechen, sollte Ihnen ein Unglück zustoßen. Und ich bezweifle ernsthaft, daß es hier Formblätter dafür gibt.«

»Verstehe. Jetzt muß ich etwas unterschreiben, was Sie nicht haben.«

»Stimmt.«

»Na fein«, sagte ich. »Dann werde ich für Sie eine Verzichtserklärung aufsetzen.«

»Das müßte ein Anwalt machen, und es ist Feiertag.«

»Ich bin Anwältin und arbeite an Feiertagen.«

Seine Kiefer verkrampften sich. Ich wußte, er würde sich nicht mehr mit Formblättern abgeben, da er nun eines bekommen konnte. Wir gingen wieder zurück, und mein Magen zog sich vor Unbehagen zusammen. Ich wollte gar nicht tauchen und mochte auch die Leute nicht, die ich an diesem Tag getroffen hatte. Gewiß hatte ich mich schon früher im bürokratischen Stacheldraht verheddert, wenn die Regierung oder große Firmen mit den Fällen zu tun hatten. Aber das hier war anders.

»Sagen Sie mir eines.« Green sprach wieder in seinem verächtlichen Ton. »Tauchen Leichenbeschauer immer persönlich nach Leichen?«

»Selten.«

»Dann erklären Sie mir, warum Sie es diesmal für nötig halten.«

»Der Schauplatz ist nicht mehr derselbe, wenn die Leiche bewegt worden ist. Ich glaube, die Umstände sind ungewöhnlich genug, um einen Blick darauf zu werfen, solange ich es noch kann. Und im Augenblick betreue ich gerade den Bezirk Tidewater und war zufällig anwesend, als der Anruf kam.«

Er schwieg kurz und raubte mir den letzten Nerv, als er sagte: »Es hat mir wirklich leid getan, als ich das von Dr. Mants Mutter erfuhr. Wann ist er wieder zurück?«

Ich versuchte, mich an den Anruf von heute morgen zu erinnern und an den Mann, der sich Young nannte, mit seinem auffälligen Südstaatenakzent. Green klang nicht wie ein Südstaatler, aber das tat ich auch nicht, was noch lange nicht hieß, daß einer von uns die Sprechweise nicht nachahmen konnte.

»Ich bin nicht sicher, wann er zurückkehrt«, erwiderte ich vorsichtig. »Aber ich frage mich, woher Sie ihn kennen.«

»Manchmal überschneiden sich Fälle, wohl oder übel.«

Ich war mir nicht sicher, worauf er anspielte.

»Dr. Mant ist so klug, sich nicht einzumischen«, fuhr Green fort. »Mit solchen Leuten läßt es sich gut arbeiten.«

»In was mischt er sich nicht ein, Captain Green?«

»In die Fälle der Navy zum Beispiel, oder wenn es darum geht, ob dieser oder jener zuständig ist. Es gibt viele verschiedene Arten, sich einzumischen. Und das ist jedesmal problematisch und kann Schaden anrichten. Zum Beispiel dieser Taucher. Er hat sich wo rumgetrieben, wo er nichts zu suchen hatte, und Sie sehen ja, was mit ihm passiert ist.«

Ich blieb stehen und starrte ihn ungläubig an. »Es muß an meiner Einbildungskraft liegen«, sagte ich, »aber ich glaube, Sie wollen mir drohen.«

»Holen Sie Ihr Zeug. Sie können hier in der Nähe parken, an dem Zaun dort drüben«, sagte er und ging.

Kapitel 2

Green war schon lange in dem Gebäude mit dem Anker verschwunden, und ich saß auf der Pier und bemühte mich, den dicken Taucheranzug über meinen Unterzieher zu streifen. Nicht weit von mir machten einige Rettungstaucher ein Boot mit flachem Boden bereit, das an einem Pfahl vertäut war. Arbeiter vom Schiffsfriedhof liefen neugierig herum, und auf der Tauchplattform prüften zwei Männer in königsblauem Neopren Funkgeräte und schienen sehr gründlich die Tauchausrüstung, einschließlich meiner eigenen, zu inspizieren.

Ich sah, daß die Taucher miteinander redeten, aber ich konnte kein Wort verstehen, als sie Schläuche abschraubten und Bleigürtel anlegten. Von Zeit zu Zeit blickten sie in meine Richtung, und ich war überrascht, als einer von ihnen sich entschloß, die Leiter zu meinem Kai hochzuklettern. Er kam auf mich zu und setzte sich neben mich auf das kalte Pflaster.

»Ist der Platz hier noch frei?« Er war ein hübscher junger Schwarzer mit der Statur eines Olympiaschwimmers.

»Es gibt eine Menge Anwärter darauf, aber ich weiß im Moment nicht, wo sie sind.« Ich mühte mich immer noch mit dem Taucheranzug ab. »Verdammt. Ich hasse diese Dinger.«

»Stellen Sie sich doch einfach vor, Sie würden sich einen Luftschlauch überstülpen.«

»Ja, das hilft ungemein.«

»Ich muß mit Ihnen über die Unterwasserkommunikationsgeräte reden. Haben Sie so was schon mal benutzt?« fragte er.

Ich blickte in sein ernstes Gesicht: »Sind Sie von der Polizei?«

»Nee, bloß von der guten alten Navy. Und ich weiß nicht, wie das mit Ihnen ist, aber so habe ich mir Silvester garantiert nicht vorgestellt. Ich habe keine Ahnung, warum jemand in diesem Fluß tauchen will, es sei denn, er hat die fixe Idee, daß er eine blinde Kaulquappe in einer Schlammpfütze ist. Oder er hat vielleicht Eisenmangel und glaubt, der ganze Rost da drin könnte ihm helfen.«

»Von dem ganzen Rost kriegen Sie bloß Tetanus.« Ich blickte mich um. »Wer tritt sonst noch von der Navy gegen die Polizei an?«

»Die beiden im Rettungsboot sind von der Polizei. Ki Soo da unten auf der Plattform ist der einzige andere von der Navy, außer unserem beherzten Ermittler von der NIS. Ki ist gut. Er ist mein Kumpel.«

Er gab Ki Soo ein Okay-Zeichen, und der gab ihm ein Okay zurück. Ich fand das alles ziemlich interessant und ziemlich anders als meine bisherigen Erfahrungen.

»Jetzt hören Sie mal zu.« Mein neuer Bekannter sprach, als arbeite er schon jahrelang mit mir zusammen. »Die Kommunikationsgeräte können problematisch werden, wenn Sie sie noch nie benutzt haben. Die können echt gefährlich werden.« Sein Gesicht blieb ernst.

»Ich bin damit vertraut«, versicherte ich ihm, unbekümmerter, als mir zumute war.

»Na, Sie müssen mehr als nur vertraut damit sein. Sie müssen sie wie einen Freund sehen, denn wie Ihr Tauchgefährte können sie Ihr Leben retten.« Er schwieg kurz. »Die können Sie auch töten.«

Ich hatte erst einmal eine Unterwasserkommunikationsausrüstung benutzt und war noch nervös, daß mein Mundstück mit Absperrventil durch eine fest versiegelte Maske mit einem Mundstück ohne Spülventil ersetzt werden sollte. Ich hatte Angst, daß Wasser in meine Maske dringen könnte und ich sie abreißen müßte, während ich wie verrückt nach der alternativen Luftversorgung oder gar einem Oktopus griff. Aber das würde ich nicht erwähnen, nicht hier.

»Ich schaff das schon«, versicherte ich ihm erneut. »Großartig. Ich habe gehört, Sie sind ein Profi«, sagte er. »Übrigens, ich heiße Jerod, und ich weiß bereits, wer Sie sind.« Er saß im Schneidersitz da, warf Kiesel ins Wasser und schien von den sich langsam ausdehnenden Kreisen fasziniert zu sein. »Ich hab ‘ne Menge toller Sachen über Sie gehört. Und wenn meine Frau rausfindet, daß ich Sie kennengelernt habe, wird sie eifersüchtig werden.«

Mir war nicht klar, warum ein Navy-Taucher irgend etwas über mich gehört haben sollte, über das hinaus, was in den Nachrichten war, und das war nicht immer freundlich. Aber seine Worte waren Balsam in meiner aufgewühlten Stimmung, und ich wollte ihm das gerade sagen, als er auf seine Uhr schaute, dann auf die Plattform starrte und Ki Soos Blick auffing.

»Dr. Scarpetta.« Jerod stand auf. »Ich glaube, wir sind bereit zu einem Tänzchen. Wie steht’s mit Ihnen?«

»Ich bin soweit fertig.« Ich stand ebenfalls auf. »Was ist der beste Zugang?«

»Der beste, eigentlich der einzige, ist der, seinem Schlauch nach unten zu folgen.«

Wir gingen zum Rand des Kais, und er deutete auf den Kahn. »Ich bin schon einmal unten gewesen, und wenn Sie nicht dem Schlauch folgen, werden Sie ihn nie finden. Mußten Sie schon mal ohne Licht durch einen Abwasserkanal waten?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, da können Sie einen Scheiß sehen. Und das hier ist genauso.«

»Soweit Sie wissen, hat niemand etwas an der Leiche verändert«, sagte ich.

»Außer mir ist niemand in ihre Nähe gekommen.« Er sah zu, wie ich meine Weste aufhob und eine Lampe in meine Tasche steckte.

»Damit würde ich mich nicht herumplagen. Unter den Bedingungen ist Ihnen eine Taschenlampe nur im Weg.« Aber ich wollte sie dennoch mitnehmen, weil ich jeden nur möglichen Vorteil nutzen wollte. Jerod und ich stiegen die Leiter zur Tauchplattform hinunter, um die Vorbereitungen abzuschließen. Ich ignorierte das Starren der Leute am Kai, als ich mir Cremespülung ins Haar rieb und die Neoprenhaube überstreifte. Ich schnallte mir ein Messer an die Innenseite des rechten Unterschenkels und griff dann nach beiden Enden des fünfzehn Pfund schweren Bleigürtels, den ich rasch um die Hüfte schnallte. Ich überprüfte die Sicherheitsventile und streifte die Handschuhe über.

»Bereit«, sagte ich zu Ki Soo.

Er brachte die Kommunikationsgeräte und mein Mundstück. »Ich schließe Ihren Luftschlauch an die Gesichtsmaske an.« Er sprach akzentfrei. »Soviel ich weiß, haben Sie so ein Gerät schon mal benutzt.«

»Das stimmt«, erwiderte ich.

Er hockte sich neben mich und senkte die Stimme, als wären wir Verschwörer. »Sie, Jerod und ich sind über die Sprechgeräte in ständigem Kontakt.«

Sie sahen wie rote Gasmasken aus und hatten fünf Gurte zum Anlegen. Jerod stellte sich hinter mich und half mir beim Überziehen der Weste und der Tauchflasche, während sein Kumpel weitersprach.

»Wie Sie wissen«, sagte Ki Soo gerade, »atmen Sie normal und verwenden den Druckknopf am Mundstück zum Sprechen, wenn Sie etwas mitteilen wollen.« Er führte es vor. »Jetzt müssen wir das ordentlich und sicher über Ihr Kopfteil tun und anlegen. Jetzt stopfen wir die herausspitzenden Haare noch rein, und lassen Sie mich noch einmal zur Sicherheit überprüfen, daß es hinten richtig fest sitzt.«

Ich haßte die Sprechgeräte am meisten, wenn ich nicht im Wasser war, weil das Atmen so schwerfiel. Ich saugte, so gut ich konnte, Luft ein, während ich durch das Plastik auf diese beiden Taucher spähte, denen ich gerade mein Leben anvertraut hatte.

»Zwei Rettungsmänner sind in einem Boot und überwachen uns mit einem Energieumwandler, der ins Wasser gelassen wird. Alles, was Sie sagen, wird von allen gehört, die an der Oberfläche lauschen. Haben Sie verstanden?« Ki Soo sah mich an, und ich wußte, daß ich gerade eine Warnung erhalten hatte.

Ich nickte. Mein Atem klang laut und angestrengt in meinen Ohren.

»Wollen Sie jetzt Ihre Flossen anziehen?«

Ich schüttelte den Kopf und deutete aufs Wasser.

»Dann gehen Sie erst rein, und ich werfe sie Ihnen zu.«

Mit mindestens achtzig Pfund mehr Gewicht als vorher bewegte ich mich vorsichtig an den Rand der Tauchplattform und überprüfte noch einmal den Sitz meiner Maske am Kopfteil. Kathodendrähte hingen wie Welsbarten von den riesigen, schlafenden Schiffen, der Wind kräuselte das Wasser. Ich stählte mich für den zermürbendsten Riesenschritt, den ich jemals gemacht hatte.

Die Kälte war zuerst ein Schock, und mein Körper brauchte eine Weile, bis er das in meine Gummihaut dringende Wasser erwärmte, als ich meine Taucherflossen anzog. Schlimmer noch war, daß ich meine Computerkonsole und meinen Kompaß nicht sehen konnte. Ich konnte nicht einmal die Hand vor den Augen sehen und verstand erst jetzt, warum es sinnlos war, eine Taschenlampe mitzunehmen. Das schwebende Sediment schluckte das Licht wie ein Löschblatt und zwang mich, häufig aufzutauchen, um mich zu orten, als ich auf den Fleck zuschwamm, wo der Schlauch vom Kahn wegführte und im Fluß verschwand.

»Ten-four?« Ki Soos Stimme ertönte in dem an meinen Schädelknochen gedrückten Empfangsgerät.

»Ten-four«. Ich sprach ins Mundstück und versuchte, mich zu entspannen, während ich knapp unter die Oberfläche paddelte. »Sind Sie am Schlauch?« Diesmal sprach Jerod.

»Ich habe ihn jetzt in den Händen.« Er kam mir seltsam straff vor, und ich achtete darauf, ihn so wenig wie möglich zu verändern.

»Folgen Sie ihm nach unten. Vielleicht zehn Meter. Er sollte direkt über dem Grund schweben.«

Ich begann meinen Abstieg und hielt in Abständen inne, um den Druck in den Ohren auszugleichen, während ich versuchte, nicht in Panik zu geraten. Ich konnte nichts sehen. Mein Herz klopfte, als ich mit aller Willenskraft versuchte, mich zu entspannen und tief durchzuatmen. Einen Augenblick hielt ich an und schwebte, während ich meine Augen schloß und langsam atmete. Ich folgte weiter dem Schlauch, doch dann bekam ich es wieder mit der Angst zu tun, als ein dickes, rostiges Kabel plötzlich vor mir auftauchte.

Ich versuchte, darunter durchzutauchen, aber ich konnte nicht sehen, wo es herkam und wo es hinführte, und außerdem trieb ich mehr ab, als mir lieb war, und hätte mehr Gewicht in meinem Gürtel oder in den Taschen meiner Weste brauchen können. Das Kabel erwischte mich von hinten, stieß hart an mein Sperrventil. Ich spürte ein Ziehen an meinem Lungenautomaten, als würde mich jemand von hinten packen, und der gelockerte Tank glitt an meinem Rücken hinab und zog mich mit sich. Ich riß die Klettverschlüsse meiner Weste auf und entledigte mich ihrer rasch, während ich versuchte, mich nur auf das zu konzentrieren, was ich für so einen Fall zu tun gelernt hatte.

»Ten-four?« ertönte Ki Soos Stimme in meiner Maske. »Technisches Problem«, sagte ich.

Ich bugsierte den Tank zwischen meine Beine, so daß ich auf ihm treiben konnte, als ritte ich im kalten, dunklen All auf einer Rakete. Ich brachte die Gurte wieder an und bekämpfte meine Angst.

»Brauchen Sie Hilfe?«

»Nein. Muß auf Kabel aufpassen«, sagte ich.

»Sie müssen auf alles mögliche aufpassen«, hörte ich wieder seine Stimme.

Es kam mir in den Sinn, daß es viele Arten gab, hier unten zu sterben, während ich mit den Armen in die Weste schlüpfte. Ich machte eine Rolle rückwärts und klinkte mich wieder fest ein.

»Ten-four?« ertönte wieder Ki Soos Stimme.

»Ten-four. Es gibt Unterbrechungen.«

»Zu viele Interferenzen. All die großen Kähne. Wir sind gleich hinter Ihnen. Sollen wir näher kommen?«

»Noch nicht«, sagte ich.

Sie hielten klug Abstand, weil Sie wußten, daß ich die Leiche sehen wollte, ohne abgelenkt oder gestört zu werden. Wir mußten einander nicht ins Gehege kommen. Langsam ließ ich mich tiefer sinken, und schon beinahe am Grund erkannte ich, daß der Schlauch eingeklemmt sein mußte, weshalb er so straff war. Ich war mir nicht sicher, wohin ich mich wenden sollte, und versuchte, etwas weiter nach links zu gelangen, wo mich etwas streifte. Ich drehte mich um, und da hatte ich ihn direkt vor mir, den toten Mann, dessen Körper torkelte und schwankte. Ich schreckte unwillkürlich zurück. Träge schaukelte und schwebte er am Ende seiner Leine, die gummiumkleideten Arme wie ein Schlafwandler ausgestreckt, als ich durch meine Bewegung ihn hinter mir herzog.

Ich ließ ihn nahe herantreiben, und er schwankte und torkelte noch immer, aber nun hatte ich keine Angst mehr, weil ich nicht mehr überrascht war. Es war so, als versuchte er, meine Aufmerksamkeit zu erregen oder mit mir durch die höllische Dunkelheit des Flusses zu tanzen, der sich ihn geholt hatte. Ich hielt mich in neutraler Schwebe, bewegte kaum die Flossen, weil ich nicht den Grund aufwühlen oder mich an rostigem Schrott schneiden wollte.

»Ich hab ihn. Oder vielleicht sollte ich sagen, er hat mich.« Ich drückte auf den Sprechknopf. »Können Sie mich verstehen?«

»Kaum. Wir sind etwa vier Meter über Ihnen. Warten.«

»Warten Sie noch ein paar Minuten. Dann geht’s los.«

Ich probierte für alle Fälle ein letztes Mal die Taschenlampe aus, aber sie blieb nutzlos, und mir war klar, daß ich diese Szenerie mit meinen Händen sehen mußte. Ich steckte die Lampe wieder in die Weste und hielt die Computerkonsole fast direkt an meine Maske. Ich konnte gerade noch erkennen, daß ich mich in fast zehn Meter Tiefe befand und noch mehr als einen halben Tank Luft hatte. Ich schwebte am Kopf des Toten und konnte durch die Düsternis die vagen Konturen seines Gesichts erkennen und die Haare, die um seine Maske trieben.

Während ich ihn an den Schultern festhielt, befühlte ich seine Brust und ertastete den Schlauch. Er war durch seinen Bleigürtel gesteckt, und ich folgte ihm zu der Stelle, wo er festklemmte. In knapp drei Metern tauchte eine rostige Schiffsschraube vor meinen Augen auf. Ich berührte das muschelverkrustete Metall der Schiffswand und versuchte, mich auf der Stelle zu bewegen, um nicht näher heranzutreiben. Ich wollte nicht unter ein Ungetüm von der Größe eines Spielfelds geraten und mich blind nach draußen tasten müssen, bevor mir die Luft ausging.

Der Schlauch war verhakt, und ich fühlte an ihm entlang, um festzustellen, ob er so geknickt oder eingedrückt war, daß die Luftzufuhr abgeschnitten war, fand aber keine Anzeichen dafür. Tatsächlich stellte ich fest, daß es gar nicht schwer war, ihn von der Schraube zu lösen. Ich konnte keinen Grund erkennen, warum der Taucher sich nicht selbst hätte befreien können, und mich beschlich der Verdacht, daß sein Schlauch sich erst nach seinem Tod verfangen hatte.

»Sein Luftschlauch hat sich verheddert«, meldete ich mich wieder. »An einem der Schiffe. Ich weiß nicht, welchem.«

»Brauchen Sie Hilfe?« Das war Jerod.

»Nein, ich hab ihn. Sie können ihn rausholen.«

Ich spürte, wie der Schlauch sich bewegte.

»Okay. Ich werde ihn hinaufgeleiten«, sagte ich. »Ziehen Sie weiter, aber ganz langsam.«

Ich klammerte mich mit den Armen von hinten an die Leiche und konnte wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit statt mit den Oberschenkeln nur mit Knöcheln und Knien paddeln. »Vorsichtig«, sprach ich warnend ins Mikrofon, denn ich konnte pro Sekunde nur dreißig Zentimeter hochsteigen. »Langsam, langsam.«

In Abständen schaute ich nach oben, konnte aber nicht sehen, wo ich war, bis wir die Wasseroberfläche durchstießen. Dann war auf einmal der Himmel mit schiefergrauen Wolken überzogen, und das Rettungsboot schaukelte in der Nähe. Ich ließ Luft in meine Weste und in die des Toten, dann drehte ich ihn auf den Bauch und löste seinen Bleigürtel, den ich beinahe fallen ließ, so schwer fühlte er sich an. Aber ich schaffte es, ihn den Rettungsmännern zu geben, die Taucheranzüge trugen und zu wissen schienen, was sie in ihrem alten flachen Boot taten.

Jerod, Ki Soo und ich mußten unsere Masken noch aufbehalten, weil wir noch zur Plattform zu schwimmen hatten. Und so verständigten wir uns über die Sprechgeräte und atmeten die Luft aus den Flaschen ein, während wir die Leiche in einen feinmaschigen Korb bugsierten. Wir schoben ihn direkt ans Boot und halfen dann den Rettungsleuten, ihn hochzuheben.

»Wir müssen ihm die Maske abnehmen«, sagte ich und deutete auf die Rettungsleute.

Sie kamen mir verwirrt vor, und wo auch immer der Energieumwandler sein mochte, bei ihnen war er eindeutig nicht. Sie konnten kein Wort verstehen.

»Brauchen Sie Hilfe beim Abnehmen der Maske?« schrie einer und langte nach mir.

Ich winkte ab und schüttelte den Kopf. Dann griff ich nach der Bootskante und zog mich so weit nach oben, daß ich den Korb erreichte. Ich nahm dem Toten die Maske ab, leerte das Wasser aus und legte sie neben seinen Kopf mit dem wirren, langen, nassen Haar. Da erkannte ich ihn dann, trotz der ovalen Druckstellen um seine Augen. Ich kannte die gerade Nase und den dunklen Bart um seinen vollen Mund. Ich erkannte den Reporter, der mir gegenüber immer so fair gewesen war.

»Okay?« Einer der Rettungsmänner zuckte mit den Achseln.

Ich signalisierte ihnen okay, obwohl mir klar war, daß sie die Bedeutung meiner Handlung nicht verstanden. Der Grund war rein kosmetischer Natur, denn je länger die Maske Druck auf rasch erschlaffendes Gewebe ausübte, desto geringer war die Chance, daß die Einkerbungen wieder zurückgingen. Für Ermittler und Sanitäter war das nicht von Belang, um so mehr aber für die Angehörigen, die Ted Eddings’ Gesicht noch einmal sehen wollten.

»Bin ich zu verstehen?« fragte ich dann Ki Soo und Jerod, als wir im Wasser auf und ab tanzten.

»Prima. Was soll mit dem Schlauch geschehen?« fragte Jerod.

»Schneiden Sie ihn in zirka drei Meter Entfernung von der Leiche durch, und klemmen Sie das Ende ab«, sagte ich. »Versiegeln Sie das und sein Mundstück in einem Plastiksack.«

»Ich habe einen Bergungssack bei mir«, bot Ki Soo an.

»Fein. Nehmen wir den.«

Nachdem wir unser möglichstes getan hatten, ruhten wir uns einen Augenblick lang aus, wobei wir in der Schwebe blieben und über das schlammige Wasser zu dem Boot mit der hookah schauten. Als ich guckte, wo ich gewesen war, stellte ich fest, daß die Schraube, an der sich Eddings’ Schlauch verfangen hatte, zur Exploiter gehörte. Das U-Boot war, wie es aussah, nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden, vielleicht um die Zeit des Korea-Kriegs, und ich fragte mich, ob es ausgeschlachtet und als Schrott verkauft werden sollte. Ich fragte mich auch, ob Eddings aus einem bestimmten Grund dort getaucht hatte oder ob er nach seinem Tod dorthin getrieben worden war.

Das Rettungsboot war auf halbem Weg zu dem Anleger auf der anderen Flußseite, wo ein Krankenwagen darauf wartete, den Toten ins Leichenschauhaus zu schaffen. Jerod gab mir ein Okay-Zeichen, und ich signalisierte zurück, obwohl sich alles überhaupt nicht okay anfühlte. Die Luft rauschte aus unseren Rettungswesten, und wir tauchten wieder unter. Das Wasser hatte die Farbe alter Münzen.

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Eine Leiter führte aus dem Wasser auf die Tauchplattform, und von da ging eine weitere auf die Pier. Mit zitternden Beinen kletterte ich hoch, denn ich war nicht so stark wie Jerod und Ki Soo, die ihre ganze Ausrüstung trugen, als wiege sie kaum schwerer als ihre Haut. Doch ich entledigte mich allein meiner Weste und meiner Tauchflasche und bat nicht um Hilfe. Ein Polizeiwagen rumpelte zu meinem Auto, und jemand zog Eddings’ Kahn über den Fluß zum Steg. Er müßte identifiziert werden, aber für mich gab es da keine Zweifel.

»Na, was glauben Sie?« fragte plötzlich eine Stimme von oben.

Als ich aufblickte, stand Captain Green mit einem großen, schlanken Mann auf der Pier. Green hatte jetzt offenbar ritterliche Anwandlungen, denn er streckte mir eine Hand entgegen. »Hier«, sagte er, »geben Sie mir Ihre Flasche.«

»Ich werde erst nach der Untersuchung Genaueres wissen«, sagte ich und hob erst den Tank und dann die übrige Ausrüstung hoch. »Danke. Das Boot sollte mit dem Schlauch und allem direkt ins Leichenschauhaus gebracht werden«, fügte ich hinzu.

»Was haben Sie damit vor?« fragte er.

»Die hookah muß auch zur Autopsie.«

»Sie werden Ihr Zeug sehr gründlich abspülen müssen«, sagte der Schlanke, als kenne er sich besser aus als Jacques Cousteau; seine Stimme kam mir bekannt vor. »Da drin ist alles voller Öl und Rost.«

»Wohl wahr.« Ich kletterte auf den Kai.

»Detective Roche«, stellte er sich vor. Er trug Jeans und eine alte Lederjacke. »Ich habe gehört, wie Sie sagten, sein Schlauch habe sich irgendwo verfangen.«

»Ja, aber ich frage mich, wann Sie mich das haben sagen hören.« Ich stand jetzt auf der Pier und konnte mich nicht mit der Idee anfreunden, mein nasses, schmutziges Zeug wieder zum Auto zu tragen.

»Wir haben selbstverständlich die Bergung der Leiche überwacht.« Das war wieder Green. »Detective Roche und ich haben im Gebäude mitgehört.«

Mir fiel Ki Soos Warnung wieder ein, und ich schaute auf die Plattform, wo er und Jerod mit ihren eigenen Geräten herumhantierten.

»Der Schlauch war verhakt«, antwortete ich. »Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wann das geschehen ist. Vielleicht vor, vielleicht auch nach seinem Tod.«

Roche schien das nicht zu interessieren, denn er starrte mich weiter auf eine Art und Weise an, die mich befangen machte. Er war sehr jung und beinahe hübsch, mit zarten Gesichtszügen, üppigen Lippen und kurzen, dunklen Locken. Nur seine Augen gefielen mir nicht, ich fand seinen Blick stechend und selbstgefällig. Ich zog mir das Kopfteil ab und fuhr mir mit den Fingern durch mein öliges Haar, und er sah zu, wie ich meinen Taucheranzug öffnete und das Oberteil bis zur Hüfte herabzog. Die letzte Schicht war mein Unterzieher. Wasser war durchgedrungen, und meine Haut kühlte rasch ab. Bald würde mir unerträglich kalt sein. Meine Fingernägel waren bereits blau.

»Einer vom Rettungsteam sagt, daß sein Gesicht ganz rot aussieht«, meinte der Captain, während ich mir die Ärmel des Taucheranzugs um die Hüften band. »Ich frage mich, ob das was zu bedeuten hat.«

»Kälteflecken«, erwiderte ich.

Er sah mich erwartungsvoll an.

»Wenn Leichen Kälte ausgesetzt sind, verfärben sie sich hellrot«, sagte ich und fing schon an zu zittern.

»Ach so. Also heißt es nicht…«

»Nein«, schnitt ich ihm das Wort ab, weil mir viel zu ungemütlich war, als daß ich ihnen weiter zuhören wollte. »Das hat nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Sagen Sie, gibt es hier eine Toilette, wo ich mich umziehen kann?« Ich schaute mich um und entdeckte nichts, was danach aussah.

»Dort drüben.« Green deutete auf einen kleinen Bauwagen neben dem Verwaltungsgebäude. »Möchten Sie, daß Detective Roche Sie begleitet und Ihnen alles zeigt?«

»Das ist nicht nötig.«

»Hoffentlich ist nicht zugesperrt«, fügte Green hinzu.

Das wäre mein Glück, dachte ich. Aber dem war nicht so, und drinnen war es schrecklich, nur Toilette und Waschbecken, und nichts schien in letzter Zeit gereinigt worden zu sein. Eine Tür zum Männerklo auf der anderen Seite war durch ein Vorhängeschloß mit einer dicken Kette gesichert, als wäre das eine oder das andere Geschlecht um seine Tugend besorgt.

Es gab auch keine Heizung. Ich zog mich aus, nur um festzustellen, daß es nicht einmal warmes Wasser gab. Ich säuberte mich notdürftig und zog mir schnell einen Trainingsanzug, Moon-Boots und eine Mütze über. Mittlerweile war es halb zwei, und Lucy befand sich wahrscheinlich schon in Mants Haus. Ich hatte noch nicht mal mit der Tomatensoße angefangen. Ich sehnte mich nach einer langen heißen Dusche oder einem Bad.

Green ließ sich nicht abwimmeln und ging mit zu meinem Auto und half mir, meine Tauchausrüstung im Kofferraum zu verstauen. Mittlerweile war das Boot auf einen Anhänger geladen worden und unterwegs zu meinem Büro in Norfolk. Ich sah weder Jerod noch Ki Soo, und es tat mir leid, daß ich mich nicht von ihnen verabschieden konnte.

»Wann führen Sie die Autopsie durch?« fragte mich Green.

Ich sah ihn an, er gab das typische Bild eines schwachen Mannes ab, der zu Macht oder Ansehen gekommen war. Er hatte alles Mögliche versucht, um mich einzuschüchtern, und als das zu nichts führte, hatte er beschlossen, Freundschaft zu schließen.

»Jetzt.« Ich ließ den Wagen an und drehte die Heizung auf.

Er sah überrascht aus. »Das Leichenschauhaus ist heute offen?«

»Ich hab’s gerade geöffnet«, sagte ich.

Ich hatte die Tür noch nicht zugemacht, und er stützte die Arme auf den Rahmen und starrte zu mir herab. Er war so dicht vor mir, daß ich die geplatzten Aderchen auf seinen Wangen und Nasenflügeln und die Pigmentveränderungen von der Sonne erkennen konnte.

»Geben Sie mir Ihren Bericht durch?«

»Wenn Todesursache und Todesart klar sind, werde ich das mit Ihnen besprechen«, sagte ich.

»Die Todesart?« Er runzelte die Stirn. »Meinen Sie, es bestehen noch Zweifel an einem Unfalltod?«

»Die können und werden immer da sein, Captain Green. Das gehört zu meinem Job.«

»Nun, wenn Sie ein Messer oder eine Kugel in seinem Rücken finden, rufen Sie mich hoffentlich zuerst an«, sagte er mit leiser Ironie und gab mir seine Karte.

Ich fuhr los, suchte mir die Nummer von Mants Assistenten heraus und hoffte, ihn zu Hause zu erreichen.

»Danny, hier Dr. Scarpetta«, sagte ich.

»Oh, ja, Ma’am«, sagte er überrascht.

Weihnachtslieder erklangen im Hintergrund, und ich hörte erregte Stimmen. Danny Webster war Anfang Zwanzig und wohnte noch bei seinen Eltern.

»Tut mir leid, Sie an Silvester zu stören«, sagte ich, »aber wir haben eine Leiche, die unverzüglich obduziert werden muß. Ich bin jetzt unterwegs zum Büro.«

»Brauchen Sie mich?« Er klang nicht abgeneigt.

»Wenn Sie mir helfen könnten, würde ich Ihnen das ungeheuer hoch anrechnen. Ein Boot und eine Leiche sind unterwegs.«

»Kein Problem, Dr. Scarpetta«, sagte er fröhlich. »Ich bin gleich da.«

Ich probierte es bei meiner derzeitigen Unterkunft, aber Lucy nahm nicht ab, und so gab ich den Code ein, um den Anrufbeantworter abzuhören. Es waren zwei Nachrichten darauf, beide von Freunden Dr. Mants, die ihr Beileid bekundeten. Mittlerweile fiel Schnee vom bleiernen Himmel, auf der vollen Interstate fuhren die Leute schneller, als gut für sie war. Ich fragte mich, ob meine Nichte aufgehalten worden war und warum sie nicht angerufen hatte. Lucy war dreiundzwanzig und hatte gerade ihren Abschluß an der FBI-Academy hinter sich. Ich machte mir immer noch Sorgen um sie, so als ob sie meinen Schutz brauchte.

Das Bezirksbüro Tidewater befand sich in einem kleinen, voll ausgenutzten Anbau auf dem Gelände des Sentara Norfolk General Hospital. Wir mußten uns das Gebäude mit der Gesundheitsbehörde teilen, wozu unglücklicherweise das Büro zur Untersuchung der Fischqualität gehörte. Bei dem Gestank verwesender Leichen und verrottender Fische war der Parkplatz zu jeder Tages- und Jahreszeit kein besonders angenehmer Aufenthaltsort. Dannys uralter Toyota stand schon da, und als ich den Lagerraum aufsperrte, war zu meiner Freude auch der Kahn bereits eingetroffen.

Ich zog das Tor hinter mir wieder zu und schaute mich um. Der lange Niederdruckschlauch war sauber zusammengerollt, und wie ich es gewünscht hatte, war das eine abgeschnittene Ende mit dem Lungenautomaten daran in Plastik gehüllt. Das andere Ende war noch mit dem kleinen Kompressor verbunden, an dem der Ansaugschlauch angeschlossen war. Daneben befanden sich noch eine Gallone Benzin und das zu erwartende Sortiment an Tauch- und Bootsausrüstung, darunter zusätzliche Gewichte, ein Tank mit Preßluft, ein Paddel, ein Rettungsring, eine Taschenlampe, eine Decke und eine Leuchtpistole.

Eddings hatte auch einen zusätzlichen 5-PS-Schleppmotor angebracht, den er eindeutig dazu benutzt hatte, in den Sicherheitsbereich einzudringen, wo er gestorben war. Der 35-PS-Hauptmotor war hochgeklappt und abgeschlossen, so daß der Propeller nicht im Wasser war, und ich erinnerte mich, daß er in dieser Stellung war, als ich den Kahn am Tatort gesehen hatte. Mehr als alles andere interessierte mich aber ein Behälter aus Hartplastik, der offen auf dem Boden stand. In der Schaumstoffauskleidung lagen Kamerazubehör und Schachteln mit 100-ASA-Kodakfilmen. Aber ich sah keine Kamera und kein Blitzgerät, und so dachte ich mir, daß sie für immer auf dem Grund des Elizabeth River verloren waren.

Ich ging eine Rampe hoch und sperrte eine weitere Tür auf. Da, in dem weiß gekachelten Gang lag Ted Eddings in seinem Sack auf einer Bahre neben dem Röntgenraum. Seine steifen Arme drückten gegen das schwarze Vinyl, als wollte er sich gewaltsam daraus befreien, und Wasser tropfte langsam auf den Boden. Ich wollte gerade nach Danny schauen, als er mit einem Stapel Lappen um die Ecke humpelte. Um sein rechtes Knie trug er eine knallrote Manschette, nach einer Verletzung beim Fußball hatte sein vorderes Kreuzband geflickt werden müssen.

»Wir sollten ihn schleunigst in den Autopsieraum bringen«, sagte ich. »Sie wissen, wie mir zumute ist, wenn Leichen unbeaufsichtigt im Vorraum bleiben.«

»Ich hatte Angst, jemand könne ausrutschen«, sagte er, während er mit den Lappen das Wasser aufwischte.

»Nun, die einzigen hier sind heute Sie und ich.« Ich lächelte ihm zu. »Aber danke für die Aufmerksamkeit, ich will keinesfalls, daß Sie ausrutschen. Wie geht’s dem Knie?«

»Ich glaube, es wird nie wieder gut. Es sind jetzt schon drei Monate, und ich kann immer noch kaum eine Treppe hinuntergehen.«

»Nur Geduld, machen Sie mit Ihrer Physiotherapie weiter, und dann wird’s schon besser werden«, wiederholte ich meine Worte von früher. »Haben Sie ihn schon geröntgt?«

Danny hatte schon mit Tauchopfern zu tun gehabt. Er wußte, es war höchst unwahrscheinlich, daß wir nach Projektilen oder gebrochenen Knochen suchen würden, aber beim Röntgen könnten ein Pneumothorax oder eine Mittelfellverlagerung sichtbar werden, verursacht durch aus der Lunge ausgetretene Luft infolge eines Barotraumas.

»Ja, Ma’am. Der Film ist im Entwickler.« Er hielt inne, seine Miene verfinsterte sich. »Und Detective Roche von der Polizei Chesapeake ist auf dem Weg hierher. Er will bei der Autopsie dabeisein.«

Auch wenn ich Detectives ansonsten dazu ermunterte, bei Autopsien zuzusehen, wollte ich gerade Roche nicht unbedingt dabei haben.

»Kennen Sie ihn?« fragte ich.

»Er war schon mal hier. Machen Sie sich selbst ein Urteil von ihm.«

Er richtete sich auf und bündelte sein Haar wieder zu einem Pferdeschwanz, weil einzelne Strähnen ihm in die Augen hingen. Schlank und grazil sah er wie ein junger Cherokee aus, mit einem strahlenden Grinsen. Ich fragte mich oft, warum er hier arbeiten wollte. Ich half ihm, die Leiche in den Autopsieraum zu rollen. Während er sie wog und vermaß, verschwand ich im Umkleideraum und duschte. Als ich gerade meine Arbeitskleidung anzog, meldete sich Marino über meinen Piepser.

»Was gibt’s?« fragte ich, als ich ihn am Telefon hatte.

»Er ist’s, wie wir geglaubt haben, stimmt’s?« fragte er.

»Ein vorsichtiges Ja.«

»Obduzierst du ihn jetzt?«

»Ich wollte gerade anfangen«, sagte ich.

»Gib mir fünfzehn Minuten. Ich bin schon fast da.«

»Du kommst her?« sagte ich erstaunt.

»Ich spreche über Autotelefon. Wir reden später. Ich bin gleich da.«

Ich fragte mich zwar, was das alles sollte, aber gleichzeitig war mir klar, daß Marino in Richmond etwas gefunden haben mußte. Sonst machte es keinen Sinn, daß er nach Norfolk kam. Ted Eddings’ Tod fiel nicht in Marinos Zuständigkeit, es sei denn, das FBI war bereits involviert, aber das würde ebenfalls keinen Sinn ergeben.

Marino und ich waren beide Berater für das FBI-Programm zur Ermittlung und Analyse von Verbrechen, besser bekannt als die Spezialeinheit zur Erstellung von Täterprofilen, welche die Polizei bei ungewöhnlich grausigen und schwierigen Fällen unterstützte. Wir wurden routinemäßig zu Fällen außerhalb unseres Zuständigkeitsbereiches hinzugezogen, aber nur auf Anforderung, und daß Chesapeake das FBI eingeschaltet hatte, dafür schien es mir ein bißchen früh.

Detective Roche traf vor Marino ein. Er hatte eine Papiertüte dabei und bestand darauf, daß ich ihm Kittel, Handschuhe, Gesichtsschild, Mütze und Schuhschoner gab. Während er sich im Umkleideraum mit seiner Rüstung abmühte, machten Danny und ich Fotos und sahen uns Eddings an, so wie er bei uns eingeliefert worden war, nämlich noch im Taucheranzug, von dem noch immer langsam Wasser auf den Boden tropfte.

»Er ist schon eine Weile tot«, sagte ich. »Ich habe so das Gefühl, daß ihm schon kurz, nachdem er runtergegangen ist, etwas zugestoßen ist.«

»Wissen wir, wann das war?« fragte Danny, während er den Skalpellhaltern neue Klingen einpaßte.

»Wir nehmen an, irgendwann nach Einbruch der Dunkelheit.«

»Er sieht noch ziemlich jung aus.«

»Zweiunddreißig.«

Er blickte auf Eddings’ Gesicht, und er sah betrübt aus. »Das ist so, als wenn Kinder hier eingeliefert werden, oder dieser Basketballspieler, der neulich in der Turnhalle tot umgefallen ist.« Er sah mich an. »Geht Ihnen das manchmal ans Gemüt?«

»Das darf ich nicht zulassen, weil ich hier meinen Job einwandfrei erledigen muß«, sagte ich, während ich mir Notizen machte.

»Und wenn Sie damit fertig sind?« Er blickte auf.

»Wir sind nie damit fertig, Danny«, sagte ich. »Unsere Herzen bleiben gebrochen für den Rest unseres Lebens, und wir werden nie mit den Menschen fertig, die hier herkommen.«

»Weil wir sie nicht vergessen können.« Er kleidete einen Eimer mit einem Organbeutel aus und stellte ihn neben mir auf den Boden. »Zumindest ich kann’s nicht.«

»Wenn wir sie vergessen, dann stimmt mit uns was nicht«, sagte ich.

Roche tauchte aus dem Umkleideraum auf. Mit dem Gesichtsschild und dem Papieranzug sah er wie ein Astronaut aus. Er hielt Abstand zur Bahre, mir aber rückte er so nahe wie nur möglich.

Ich sagte zu ihm: »Ich habe einen Blick ins Boot geworfen. Welche Gegenstände haben Sie entfernt?«

»Seine Waffe und seine Brieftasche. Ich habe beides bei mir«, erwiderte er. »Dort drüben im Beutel. Wieviel Paar Handschuhe haben Sie an?«

»Keine Kamera, kein Film oder ähnliches?«

»Es war sonst nichts im Boot. Sieht aus, als hätten Sie mehr als ein Paar Handschuhe an.« Er beugte sich zu mir, seine Schulter preßte sich gegen meine.

»Ich trage zwei Paar.« Ich trat einen Schritt von ihm weg.

»Ich schätze, ich brauche noch ein Paar.«

Ich zog den Reißverschluß von Eddings’ nassen Taucherstiefeln auf und sagte: »Die Handschuhe sind drüben im Schrank.«

Mit einem Skalpell trennte ich Taucheranzug und Unterzieher an den Säumen auf, weil sie von der vollkommen starren Leiche zu schwer abzuziehen gewesen wären. Während ich ihn vom Neopren befreite, konnte ich sehen, daß seine Haut durch die Kälte ganz und gar rosig geworden war. Ich zog ihm die knappe Badehose aus, und Danny und ich hoben ihn auf den Autopsietisch, wo wir ihm die erstarrten Arme brachen und weitere Fotos machten.

Eddings hatte keine Verletzungen, bis auf ein paar alte Narben, hauptsächlich an den Knien. Aber die Biologie hatte ihm sehr früh schon einen bösen Streich gespielt; er hatte eine Hypospadie, was bedeutete, daß seine Harnröhrenöffnung an der Unterseite seines Penis statt in der Mitte war. Dieser an sich geringfügige Makel mußte ihm erheblichen Kummer bereitet haben, besonders als Junge. Als Mann mochte er sich so sehr geschämt haben, daß er Scheu vor Sex hatte.

Er war gewiß nie schüchtern oder zurückhaltend gewesen bei beruflichen Treffen. Eigentlich hatte ich ihn immer ziemlich selbstsicher und charmant gefunden, obwohl ich mich von Charme kaum beeindrucken ließ, am wenigsten bei einem Journalisten. Aber ich wußte auch, daß der äußere Schein nichts darüber verriet, wie sich zwei Menschen benahmen, wenn sie allein waren, und dann verbot ich mir weitere Gedanken.

Ich wollte nicht an Ted Eddings, wie ich ihn gekannt hatte, erinnert werden, während ich Bemerkungen und Maße in die Diagramme auf meinem Klemmbrett eintrug. Aber ein Teil meines Gedächtnisses kämpfte mit meinem Willen, und ich dachte an das letzte Mal, das ich ihn gesehen hatte. Es war in der Woche vor Weihnachten gewesen, und ich war in meinem Büro in Richmond, mit dem Rücken zur Tür, und sortierte Dias in ein Karussell. Ich hatte ihn hinter mir nicht gehört, bis er sprach, und als ich mich umdrehte, stand er in der Tür mit einer Topfpaprika, die üppige knallrote Früchte trug.

»Darf ich hereinkommen?« fragte er. »Oder wollen Sie, daß ich damit wieder zu meinem Auto zurückgehe?«

Ich begrüßte ihn und dachte frustriert an mein Empfangspersonal. Sie wußten, daß sie ohne meine Zustimmung keine Reporter hinter die kugelsichere Trennwand in der Lobby lassen durften, aber vor allem die weiblichen Angestellten hatten Eddings ein bißchen zu gern. Er trat ein und stellte die Pflanze auf den Teppich neben meinen Schreibtisch, und er strahlte übers ganze Gesicht.

»Ich habe nur gedacht, hier gehört etwas Lebendiges und Fröhliches hin.« Seine blauen Augen fixierten mich.

»Hoffentlich ist das keine Kritik an meiner Person.« Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

»Können wir ihn jetzt umdrehen?«

Das Diagramm auf meinem Klemmbrett wurde wieder scharf, und ich merkte, daß Danny mit mir sprach.

»Entschuldigung«, brummelte ich.

Er beäugte mich besorgt, während Roche herumwanderte, als wäre er noch nie in einem Leichenschauhaus gewesen, in Glasschränke schaute und immer wieder in meine Richtung blickte. »Alles in Ordnung?« fragte Danny auf seine feinfühlige Art.

»Wir können ihn jetzt umdrehen«, sagte ich.

Meine Gedanken flackerten hin und her, wie eine kleine, heiße Flamme. Eddings hatte an jenem Tag eine Khakihose und einen schwarzen Militärsweater getragen, und ich versuchte, mich an den Ausdruck in seinen Augen zu erinnern. Ich fragte mich, ob irgend etwas darin gewesen war, das an das hier hätte denken lassen können.

Der vom Wasser ausgekühlte Körper fühlte sich eisig an, und ich entdeckte allmählich weitere Kleinigkeiten an ihm, die das vertraute Bild verzerrten, und das verstörte mich noch mehr. Das Fehlen der vorderen Backenzähne wies auf eine zahnorthopädische Behandlung hin. Er hatte teure, sehr teure Porzellankronen und trug Kontaktlinsen, deren Tönung seinen ohnehin lebhaften Augenausdruck hatten verstärken sollen. Auffälligerweise war die rechte Linse nicht ausgeschwemmt worden, als seine Maske mit Wasser vollief, und sein trüber Blick war verstörend asymmetrisch, als würden zwei Tote aus schläfrigen Lidern starren.

Ich war mit der äußeren Untersuchung beinahe fertig, es blieb nur noch der intimste Teil, der aufdringlichste, denn bei jedem unnatürlichen Tod war es notwendig, nach Hinweisen auf die sexuellen Praktiken des Opfers zu suchen. Selten erhielt ich ein so offensichtliches Zeichen wie eine Tätowierung, welche die eine oder die andere Orientierung offenbarte, und in der Regel würde sich auch niemand, mit dem das Opfer intim gewesen war, freiwillig mit Auskünften melden. Aber es hätte ohnehin keine Rolle gespielt, was mir wer erzählte. Ich würde dennoch nach Spuren von Analverkehr suchen.

»Wonach suchen Sie?« Roche kehrte zum Tisch zurück und stellte sich hinter mich.

»Mastdarmentzündung, kleine Fissuren, Verdickung des Epithels durch Verletzung«, erwiderte ich, während ich weitermachte.

»Sie nehmen also an, er war schwul.« Er spähte mir über die Schulter.

Dannys Wangen verfärbten sich, und aus seinen Augen blitzte Zorn.

»Der Schließmuskel und das Epithel sind unauffällig«, sagte ich und machte mir Notizen. »Mit anderen Worten, er hat keine Verletzung, die zu einem aktiven homosexuellen Leben passen würde. Und, Detective Roche, Sie werden mir ein bißchen mehr Platz machen müssen.« Ich spürte seinen Atem im Nacken.

»Sie wissen, daß er in dieser Gegend viele Interviews gemacht hat.«

»Was für Interviews?« Er ging mir allmählich ernsthaft auf die Nerven.

»Das weiß ich nicht.«

»Wen hat er interviewt?«

»Letzten Herbst hat er etwas über den Schiffsfriedhof gemacht. Captain Green könnte Ihnen wahrscheinlich mehr erzählen.«

»Ich war gerade bei Captain Green, und er hat mir nichts davon gesagt.«

»Die Geschichte erschien im Virginian Pilot, vergangenen Oktober, glaube ich. Keine große Sache. Bloß das übliche Feature«, sagte er. »Meiner persönlichen Meinung nach hat er beschlossen, noch einmal zurückzukommen, um wegen einer größeren Geschichte herumzuschnüffeln.«

»Und was könnte das gewesen sein?«

»Fragen Sie mich nicht. Ich bin kein Reporter.« Er blickte über den Tisch auf Danny. »Ich persönlich hasse die Medien. Sie kommen immer mit diesen wilden Theorien an und versuchen um jeden Preis, sie zu beweisen. Und der Kerl ist hier in der Gegend einigermaßen berühmt, ein bedeutender Reporter für AP und so. Es geht das Gerücht, wenn er mit Mädchen zusammen war, dann war das nur Fassade. Wenn man dahinterschaute, war da nichts, wenn Sie wissen, was ich meine.« Er hatte ein grausames Lächeln im Gesicht, und ich konnte kaum fassen, wie sehr ich ihn verachtete, obwohl ich ihn heute erst kennengelernt hatte.

»Woher haben Sie Ihre Informationen?« fragte ich.

»Mir kommt so einiges zu Ohren.«

»Danny, wir brauchen Proben von Haaren und Fingernägeln«, sagte ich.

»Wissen Sie, ich nehme mir die Zeit, mit den Leuten auf der Straße zu reden«, fügte Roche hinzu. Er streifte meine Hüfte.

»Soll ich von seinem Bart auch etwas abzupfen?« Danny holte sich von einem Instrumentenwagen eine Pinzette und Beutel.

»Meinetwegen.«

»Ich vermute, Sie wollen ihn auch auf HIV testen.« Roche streifte mich wieder.

»Ja«, erwiderte ich.

»Dann glauben Sie also, er könnte eine Tunte gewesen sein.« Ich hörte mit meiner Arbeit auf, weil ich genug hatte.

»Detective Roche« — ich wandte mich zu ihm um, und meine Stimme war hart — »wenn Sie sich in meinem Leichenschauhaus aufhalten, dann müssen Sie mir Raum zum Arbeiten geben. Sie werden aufhören, sich an mich zu pressen, und Sie werden meine Patienten mit Respekt behandeln. Dieser Mann hat nicht darum gebeten, hier nackt und tot auf dem Tisch zu liegen. Und ich mag das Wort Tunte nicht.«

»Also, egal, wie Sie es nennen, seine sexuelle Orientierung könnte irgendwie wichtig sein.« Er war verblüfft, wenn nicht gar erfreut über meine Gereiztheit.

»Ich weiß nicht mit Sicherheit, ob dieser Mann schwul war oder nicht«, sagte ich. »Aber ich weiß mit Sicherheit, daß er nicht an Aids gestorben ist.«

Ich griff mir ein Skalpell vom Instrumentenwagen, und Roches Betragen änderte sich abrupt. Er trat zurück, bekam auf einmal schwache Nerven, weil ich mit dem Schneiden anfangen wollte, und nun hatte ich auch noch mit diesem Problem zu kämpfen.

»Haben Sie schon bei einer Autopsie zugesehen?« fragte ich ihn.

»Bei einigen.« Er sah aus, als müsse er sich gleich übergeben. »Warum setzen Sie sich nicht dort drüben hin«, schlug ich nicht gerade freundlich vor, während ich mich fragte, warum Chesapeake ihn mit diesem oder mit irgendeinem Fall betraute. »Oder Sie gehen in den Lagerraum.«

»Es ist bloß heiß hier.«

»Wenn Ihnen schlecht wird, gehen Sie zum nächsten Abfallkübel.« Danny mußte sich mit aller Kraft bemühen, nicht loszulachen.

»Ich setze mich dort drüben eine Weile hin.« Roche ging zu dem Schreibtisch bei der Tür.

Ich führte rasch den Y-Schnitt durch, zog die Klinge von den Schultern zum Brustbein und zum Becken. Als das Blut mit der Luft in Berührung kam, vermeinte ich, einen Geruch wahrzunehmen, der mich sofort innehalten ließ.

»Wissen Sie, bei Lipshaw gibt es einen echt guten Schleifapparat, den ich mir für hier wünsche«, sagte Danny. »Er schleift und wetzt mit Wasser, so daß wir nur die Messer reinstecken und sonst nichts mehr tun müssen.«

Der Geruch war eindeutig, aber ich konnte es nicht glauben. »Ich hab mir erst neulich den Katalog angesehen«, fuhr er fort. »Machen mich ganz verrückt, all die tollen Sachen, die wir uns nicht leisten können.«

Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. »Danny, machen Sie die Türen auf«, sagte ich mit leiser Dringlichkeit, was ihn verblüffte.

»Was ist?« fragte er voll Schreck.

»Wir brauchen viel Luft hier drin. Und zwar sofort«, sagte ich.

Er bewegte sich schnell trotz seines verletzten Knies und öffnete die Doppeltüren, die in die Eingangshalle führten.

»Was ist los?« Roche richtete sich auf.

»Dieser Mann verströmt einen sonderbaren Geruch.« Ich wollte meinen Verdacht jetzt nicht äußern, besonders nicht vor ihm.

»Ich rieche nichts.« Er stand auf und blickte sich um, als wäre dieser mysteriöse Geruch etwas, das er sehen könnte.

Das Blut von Eddings hatte einen Bittermandelgeruch, und es überraschte mich nicht, daß weder Roche noch Danny ihn wahrnahmen. Die Fähigkeit, Zyankali zu riechen, ist eine geschlechtsgebundene, rezessiv vererbte Eigenschaft, die nur weniger als dreißig Prozent der Bevölkerung erben. Ich gehörte zu den wenigen Glücklichen.

»Vertrauen Sie mir.« Ich hob die Haut von den Rippen ab, wobei ich darauf achtete, nicht die Zwischenrippenmuskeln zu durchtrennen. »Er riecht äußerst sonderbar.«

»Und was heißt das?« wollte Roche wissen.

»Das werde ich erst nach Durchführung von Tests beantworten können«, sagte ich. »In der Zwischenzeit werden wir seine ganze Ausrüstung untersuchen, um sicherzugehen, daß alle Geräte funktionierten und er zum Beispiel keine Abgase in seinen Schlauch bekommen hat.«

»Kennen Sie sich mit solchen Geräten aus?« fragte mich Danny, der wieder an den Tisch getreten war, um zu helfen.

»Ich habe nie eines benutzt.«

Ich stieß seitlich unter den mittleren Brusteinschnitt. Indem ich das Gewebe abhob, formte ich eine Hauttasche, die Danny mit Wasser füllte. Dann steckte ich meine Hand hinein und stieß die Skalpellklinge zwischen zwei Rippen. Ich prüfte, ob Blasen aufstiegen, die auf einen Tauchunfall hindeuten würden, bei dem Luft in den Brustkorb ausgetreten war. Aber es kamen keine.

»Schaffen wir die hookah und den Schlauch aus dem Boot und bringen sie her«, entschied ich. »Es wäre gut, wenn wir einen Tauchexperten als Gutachter herbekommen könnten. Kennen Sie jemanden hier, den wir an einem Feiertag erreichen könnten?«

»In der Hampton Road ist ein Taucherladen, den Dr. Mant manchmal konsultiert.«

Er beschaffte sich die Nummern und rief an, aber der Laden war an diesem verschneiten Silvestertag geschlossen, und der Besitzer schien nicht zu Hause zu sein. Dann ging Danny in den Lagerraum, und als er kurze Zeit später zurückkehrte, hörte ich eine vertraute Stimme laut mit ihm sprechen, und schwere Schritte dröhnten über den Flur.

»Sie würden es Ihnen nicht erlauben, wenn Sie ein Cop wären«, drang Pete Marinos Stimme in den Autopsiesaal.

»Ich weiß, aber ich versteh’s nicht«, sagte Danny.

»Na ja, ich kann Ihnen einen verdammt guten Grund nennen. Bei so langen Haaren wie Ihren haben die Arschlöcher zusätzlich etwas zum Hinlangen. Ich? Ich würde es abschneiden. Außerdem würden die Mädchen Sie mehr mögen.«

Er war gerade rechtzeitig gekommen, um beim Hereintragen der hookah und der Schlauchschlingen zu helfen, und erteilte Danny eine väterliche Lektion. Es war mir nie schwergefallen zu verstehen, warum Marino enorme Probleme mit seinem eigenen erwachsenen Sohn hatte.

»Weißt du etwas über hookahs?« fragte ich Marino, als er hereinkam. Er blickt ausdruckslos auf die Leiche. »Was? Hat er irgendeine Spinnerkrankheit?«

»Was du da trägst, nennt sich eine hookah«, erklärte ich. Er stellte mit Danny die Ausrüstung auf einen leeren Stahltisch neben meinem.

»Sieht so aus, als wären die Tauchergeschäfte für die nächsten paar Tage geschlossen«, fügte ich hinzu. »Aber der Kompressor kommt mir ziemlich simpel vor — eine von einem 5-PS-Motor getriebene Pumpe, die Luft durch ein Einlaßventil mit Filter saugt und dann durch einen Niederdruckschlauch, der mit dem nachgeschalteten Drosselventil verbunden ist. Der Filter sieht in Ordnung aus. Die Benzinleitung ist intakt. Das ist alles, was ich dir sagen kann.«

»Der Tank ist leer«, bemerkte Marino.

»Ich glaube, ihm ist erst nach dem Tod das Benzin ausgegangen.«

»Warum?« Roche war zu uns gekommen und starrte so intensiv auf mich und die Vorderpartie meines Arbeitsanzugs, als wären wir beide die einzigen Menschen im Raum. »Woher wissen Sie, daß er nicht das Zeitgefühl verloren hat und ihm der Treibstoff ausgegangen ist?«

»Weil er immer noch genügend Zeit hatte, an die Oberfläche zu kommen, selbst wenn die Luftversorgung den Geist aufgab. Er war nur in zehn Meter Tiefe«, sagte ich.

»Das ist ein langer Weg mit einem Schlauch, der sich irgendwo verfangen hat.«

»Sicher. Aber in seiner Lage hätte er den Bleigürtel fallenlassen können.«

»Ist der Geruch verschwunden?« fragte er. »Nein, aber er ist nicht mehr so überwältigend.«

»Was für ein Geruch?« wollte Marino wissen. »Sein Blut hat einen sonderbaren Geruch.«

»Meinst du so was wie Alkohol?«

»Nein, das nicht gerade.«

Er schnupperte einige Male und zuckte mit den Achseln, als Roche an mir vorbeiging, den Blick abgewandt von dem, was auf dem Tisch lag. Es war nicht zu fassen, aber er streifte mich wieder, obwohl genug Platz war und ich ihn schon gewarnt hatte. Marino, groß und fast kahlköpfig, in einem schaffellgefütterten Mantel, folgte ihm mit den Blicken.

»Und wer ist das?« fragte er mich.

»Ach ja, ich habe euch beide einander ja noch nicht vorgestellt«, sagte ich. »Detective Roche von Chesapeake, das ist Captain Marino, Richmond.«

Roche sah sich die hookah sehr genau an, und das Geräusch vom Nebentisch, wo der junge Danny mit einer Knochenschere Rippen durchtrennte, setzte ihm zu. Sein Gesicht hatte wieder die Farbe von Milchglas angenommen, seine Mundwinkel hingen nach unten.

Marino zündete sich eine Zigarette an, und an seiner Miene konnte ich sehen, daß er über Roche sein Urteil gefällt hatte und es ihm nicht vorenthalten würde.

»Ich weiß nichts über Sie«, sagte er zu dem Detective, »aber eines habe ich schon früher entdeckt: Wer einmal in diesen Schuppen gekommen ist, der sieht Leber mit anderen Augen an. Passen Sie auf.« Er steckte das Feuerzeug in seine Hemdtasche. »Ich hab sie mit viel Zwiebeln gemocht.« Er blies Rauch aus. »Jetzt könnten Sie mich nicht mal unter Androhung der Todesstrafe dazu bringen, Leber anzurühren.«

Roche beugte sich tiefer über die hookah, vergrub sein Gesicht fast darin, als wäre der Geruch von Gummi und Benzin das Gegengift, das er brauchte. Ich nahm meine Arbeit wieder auf. »He, Danny«, fuhr Marino fort, »haben Sie je so ‘n Zeug wie Nieren oder Hirn gegessen, seit Sie hier arbeiten?«

»Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so was gegessen«, sagte er, als wir das Brustbein entfernten. »Aber ich weiß, was Sie meinen. Wenn ich Leute sehe, die in Restaurants große Scheiben Leber bestellen, muß ich fast zur Tür stürzen. Besonders, wenn sie so gerade noch rosa ist.«

Der Geruch verstärkte sich, als die Organe freigelegt wurden, und ich beugte mich zurück.

»Riechen Sie es?« fragte Danny.

»Oh ja«, sagte ich.

Roche zog sich in die entfernteste Ecke zurück, und da Marino nun seinen Spaß mit ihm gehabt hatte, kam er her und stellte sich neben mich.

»Du glaubst also, er ist ertrunken?« fragte Marino rasch.

»Im Augenblick glaube ich das nicht. Aber ich werde das sicherlich überprüfen«, sagte ich.

»Was kannst du tun, um herauszufinden, daß er nicht ertrunken ist?«

Marino war mit dem Tod durch Ertrinken nicht vertraut, da die Menschen selten einen Mord auf die Art begingen, und so war er ungeheuer neugierig. Er wollte alles verstehen, was ich tat.

»Eigentlich tue ich bereits eine ganze Menge«, sagte ich, während ich weiterarbeitete. »Ich habe bereits seitlich in der Brust eine Hauttasche gebildet, sie mit Wasser gefüllt und eine Klinge in den Thorax gestoßen, um nach Bläschen zu schauen. Ich werde den Herzbeutel mit Wasser füllen und eine Nadel ins Herz einführen, wieder um zu sehen, ob sich Bläschen bilden. Und ich werde das Gehirn auf Blutungen aus den Kapillaren untersuchen und am weichen Gewebe des Mediastinums nach extraalveolärer Luft schauen.«

»Was soll dabei herauskommen?« fragt er.

»Möglicherweise Pneumothorax oder Luftembolie, was in weniger als fünf Meter Wassertiefe eintreten kann, wenn der Taucher nicht richtig atmet. Es kommt daher, daß übermäßiger Druck in den Lungen zu kleinen Rissen an den Lungenbläschen führen kann, was Blutungen und den Austritt von Luft in den Brustraum verursacht.«

»Und das könnte einen schätzungsweise umbringen«, sagte er.

»Ja«, meinte ich. »Das könnte es ganz bestimmt.«

»Was ist, wenn einer zu schnell aufsteigt oder abtaucht?« Er war auf die andere Seite des Tisches getreten, damit er zusehen konnte.

»Druckveränderungen oder Barotrauma beim Auf- oder Abstieg sind in der Tiefe, in der er sich befand, nicht sehr wahrscheinlich. Und wie du sehen kannst, ist sein Gewebe nicht schwammig, wie ich es erwarten würde, wenn er an Barotrauma gestorben wäre. Willst du Schutzkleidung haben?«

»Damit ich wie ein Kammerjäger aussehe?« Marino blickte in Roches Richtung.

»Beten Sie nur, daß Sie nicht Aids kriegen«, sagte Roche matt von seinem Platz aus.

Marino legte Schürze und Handschuhe an, während ich die einschlägigen Negativbefunde erklärte, die ich benötigte, um auch Tod durch Druckabfall, Caissonkrankheit oder Ertrinken auszuschließen. Als ich dann eine Achtzehner-Nadel in die Luftröhre einführte, um eine Probe für den Zyankalitest zu bekommen, entschied sich Roche zu gehen. Er schritt schnell durch den Raum, und Papier raschelte, als er seine Tüte mit dem Beweismaterial von einem Tisch nahm.

»Wir werden also erst etwas wissen, wenn Sie die Tests durchführen«, sagte er von der Tür her.

»Richtig. Einstweilen sind Ursache und Art des Todes noch nicht geklärt.« Ich hielt inne und schaute ihn an. »Sie erhalten eine Kopie meines Berichts, sobald er vollständig ist. Und ich möchte seine persönlichen Habseligkeiten sehen, bevor Sie gehen.« Er wollte nicht näher kommen, denn ich stand mit blutigen Händen da.

Ich sah Marino an. »Würdest du vielleicht?«

»Mit dem größten Vergnügen.«

Er ging zu ihm, nahm die Tüte und sagte schroff: »Kommen Sie. Wir werden das in der Vorhalle durchsehen, damit Sie etwas Luft schnappen können.«

Sie gingen nur hinter die Tür, und als ich weiterarbeitete, raschelte wieder Papier. Ich hörte, wie Marino das Magazin aus einer Pistole nahm, den Schlitten öffnete und sich laut beschwerte, daß die Waffe nicht gesichert war.

»Ich kann’s nicht fassen, daß Sie das Ding geladen mit sich herumtragen«, dröhnte Marinos Stimme. »Himmelherrgott! Sie wissen doch, das ist kein verdammtes Lunchpaket.«

»Das Ding ist noch nicht auf Fingerabdrücke untersucht worden.«

»Na, dann ziehen Sie eben Handschuhe an und schmeißen die Munition raus, wie ich es Ihnen gerade vorgemacht habe. Und dann leeren Sie die Kammer, wie ich jetzt. Wo kommen Sie denn her? Von der Polizeiakademie der Keystone Cops, wo Sie auch Ihre feinen Manieren her haben?«

Marino war jetzt in Fahrt, und nun war klar, warum er Roche in den Vorraum geführt hatte, jedenfalls nicht wegen der frischen Luft. Danny blickte mich über den Tisch an und grinste.

Gleich darauf kam Marino kopfschüttelnd wieder herein, Roche war weg. Ich war deutlich erleichtert.

»Guter Gott«, sagte ich. »Was hat der wohl?« »Er denkt mit dem Kopf, den Gott ihm gegeben hat«, meinte Marino. »Dem zwischen seinen Beinen.«

»Ich hab’s ja gesagt«, wiederholte sich Danny, »er ist schon ein paarmal hier gewesen und hat Dr. Mant wegen irgendwelcher Sachen belästigt. Aber ich habe vergessen zu erwähnen, daß er mit ihm immer oben gesprochen hat. Er wollte nie runter in die Leichenhalle kommen.«

»Ich bin geschockt«, sagte Marino im Spaß.

»Ich habe gehört, daß er sich auf der Polizeiakademie an dem Tag krank gemeldet hat, als sie hierher zu einer Autopsievorführung kommen sollten«, fuhr Danny fort. »Außerdem ist er gerade erst von der Abteilung für Jugenddelikte in die Mordkommission versetzt worden. Er ist also erst seit zwei Monaten dabei.«

»Na fein«, meinte Marino. »Genau der Kerl, den wir für so etwas brauchen.«

Ich fragte ihn: »Kannst du das Zyankali riechen?«

»Nee. Momentan rieche ich bloß meine Zigarette, und genau das will ich auch.«

»Danny?«

»Nein, Ma’am.« Er klang enttäuscht.

»Bislang kann ich keine Beweise für einen Tauchunfall erkennen. Keine Bläschen im Herz oder im Brustraum. Keine Emphyseme. Kein Wasser im Magen oder in den Lungen. Ich kann nicht sagen, ob er einen Blutstau hat.« Ich schnitt etwas vom Herz weg. »Nun ja, er hat Blutandrang im Herz. Aber kommt das davon, daß die linke Herzhälfte vor der rechten versagt hat — also schlicht vom Sterben, mit anderen Worten? Und er hat Rötungen im Magen, was zu Zyankali paßt.«

»Doc«, sagte Marino, »wie gut kennst du ihn?«

»Persönlich eigentlich gar nicht.«

»Also dann will ich dir mal erzählen, was in der Tüte war, weil Roche nicht wußte, was er vor sich hatte, und ich wollte es ihm nicht sagen.«

Endlich schlüpfte er aus seinem Mantel und sah sich nach einem sicheren Ort um, wo er ihn ablegen konnte. Er entschied sich für eine Stuhllehne. Dann zündete er sich noch eine Zigarette an.

»Verdammt, diese Böden sind tödlich für meine Füße«, sagte er, als er zu dem Tisch ging, wo hookah und Schlauch abgelegt waren, und lehnte sich an die Kante. »Das muß doch auch tödlich für Ihr Knie sein«, sagte er zu Danny.

»Absolut tödlich.«

»Eddings hat eine Neun-Millimeter-Browning in einer sandfarbenen Birdsong-Ausführung.«

»Was ist Birdsong?« Danny legte die Galle in eine Hängewaage.

»Der Rembrandt der Pistolenveredler. Mr. Birdsong ist derjenige, dem du deine Waffe schickst, wenn du sie wasserdicht und so angemalt haben willst, daß sie mit der Umgebung verschmilzt«, antwortete Marino. »Im Grunde zerlegt er sie, strahlt sie ab und besprüht sie dann mit Teflon, das aufgebacken wird. Alle Pistolen des HRT sind Birdsong-Ausführungen.«

Das HRT war das Hostage Rescue Team des FBI, das Geiselrettungsteam. Ich war mir sicher, daß Eddings bei der Menge von Artikeln, die er über Gesetzeshüter geschrieben hatte, mit der FBI-Academy in Quantico und ihren am besten ausgebildeten Agenten in Kontakt gekommen sein mußte.

»Klingt so, als würden Navy-SEALs auch solche haben«, überlegte Danny.

»Die, SWAT-Teams, Terroristenbekämpfer, Leute wie ich.« Marino sah sich wieder die Benzinleitung der hookah und die Einsaugventile an. »Und die meisten von uns haben auch die Novak-Visiere, die er hat. Aber wir haben nicht die KTW-Munition, die durch Metall dringt, auch bekannt als Copkiller.«

»Er hat teflonbeschichtete Munition?« Ich blickte auf.

»Siebzehn Patronen, eine in der Kammer. Alle mit rotem Lack um das Zündhütchen zur wasserdichten Versiegelung.«

»Also die Munition, die Panzerungen durchschlägt, hat er hier nicht bekommen. Zumindest nicht legal, weil die seit Jahren in Virginia gesetzlich verboten ist. Und was die Ausführung der Pistole betrifft, bist du sicher, es ist Birdsong, dieselbe Firma, die das FBI benutzt?«

»Sieht mir nach Birdsongs magischer Berührung aus«, erwiderte Marino. »Freilich gibt es andere Firmen, die ähnliche Arbeit liefern.«

Ich öffnete Eddings’ Magen, während sich mein eigener Magen wie eine Faust zusammenzog. Eddings hatte sich als Polizeifan ausgegeben. Ich hatte gehört, daß er oft mit der Polizei mitfuhr, zu ihren Picknicks und ihren Bällen ging. Er war mir nie als Waffennarr aufgefallen, und ich war verblüfft, daß er eine Pistole mit illegaler Munition geladen hatte, Munition, die berüchtigt dafür war, daß sie zur Ermordung und Verstümmelung genau der Leute benutzt wurde, die seine Informanten und wohl auch seine Freunde waren.

»Der Mageninhalt besteht nur aus einer kleinen Menge bräunlicher Flüssigkeit«, fuhr ich fort. »Er hat in den letzten Stunden vor dem Tod nicht gegessen, was ich auch nicht erwartet hätte, wenn er vorhatte zu tauchen.«

»Irgendeine Chance, daß er Abgase erwischt haben könnte, sagen wir, wenn der Wind richtig blies?« Marino studierte weiter die hookah. »Könnte ihn das nicht auch so rosig aussehen lassen?«

»Sicher, wir werden auch auf Kohlenmonoxyd testen. Aber das erklärt nicht, was ich rieche.«

»Und du bist dir sicher?«

»Ich weiß, was ich rieche«, sagte ich.

»Sie glauben, es ist Mord, nicht wahr?« sagte Danny zu mir.

»Davon sollten wir nicht sprechen.« Ich zog ein Kabel von einer Spule über den Tisch und steckte die Stryker-Säge ein. »Nicht zur Chesapeake-Polizei. Zu niemand. Nicht, bis alle Tests abgeschlossen sind und ich eine offizielle Verlautbarung herausgegeben habe. Ich weiß nicht, was hie r vorgeht. Ich weiß nicht, was am Tatort vor sich ging. Und so müssen wir mehr Vorsicht als sonst walten lassen.«

Marino schaute Danny an. »Wie lange arbeiten Sie schon in dieser Bude?«

»Acht Monate.«

»Sie haben gehört, was sie gerade gesagt hat, ja?«

Danny blickte auf, von Marinos Wechsel im Tonfall überrascht.

»Sie können Ihren Mund halten, ja?« fuhr Marino fort. »Kein Prahlen vor den Jungs, kein Versuch, Ihre Eltern oder Ihre Freundin zu beeindrucken. Kapiert?«

Danny hielt seinen Zorn zurück, während er unten am Hinterkopf einen Einschnitt von Ohr zu Ohr machte.

»Also, wenn irgendwas durchsickert, werden ich und der Doc hier wissen, wo es herkommt«, fuhr Marino in seinem Angriff fort, zu dem niemand ihn provoziert zu haben schien.

Danny klappte die Kopfhaut zurück. Er zog sie über die Augen nach vorn, um den Schädel freizulegen, und Eddings’ Gesicht fiel zusammen, traurig und schlaff, als wüßte er, was passierte, und grämte sich. Ich schaltete die Säge ein, und der Raum war erfüllt vom Sirren des Sägeblatts, das durch Knochen drang.

Kapitel 3

Um halb vier war die Sonne tief hinter einen grauen Schleier gesunken, und Schnee lag mehrere Zentimeter hoch und hing wie Rauch in der Luft. Marino und ich folgten Dannys Fußspuren über den Parkplatz, denn der junge Mann war schon gegangen, und ich hatte Gewissensbisse.

»Marino«, sagte ich, »du kannst mit den Leuten nicht so reden. Mein Personal weiß, was Diskretion ist. Danny hat nichts getan, was deine Grobheiten gerechtfertigt hätte, und ich finde das nicht gut.«

»Er ist noch ein Kind«, meinte er. »Wenn du ihn dir richtig erziehst, wird er sich dir gegenüber anständig benehmen. Wir müssen doch an Disziplin glauben.«

»Es ist nicht deine Aufgabe, meine Leute zu erziehen. Und ich habe nie Probleme mit ihm gehabt.«

»Ach ja? Und vielleicht kannst du gerade dieses Mal keine Probleme mit ihm gebrauchen«, erwiderte er.

»Ich würde es wirklich sehr schätzen, wenn du nicht versuchen würdest, mein Büro zu leiten.«

Ich war müde und mißgelaunt, und Lucy ging noch immer nicht ans Telefon in Mants Haus. Marino hatte neben mir geparkt. Ich machte meine Fahrertür auf.

»Na, was macht Lucy über Neujahr?« fragte er, als kenne er meine Sorgen.

»Verbringt es hoffentlich mit mir. Aber ich habe noch nichts von ihr gehört.« Ich stieg ins Auto.

»Der Schnee ist von Norden gekommen, da hat’s Quantico zuerst erwischt«, sagte er. »Vielleicht ist sie steckengeblieben. Du weißt doch, wie es auf der 95 zugehen kann.«

»Sie hat ein Autotelefon. Außerdem kommt sie von Charlottesville«, sagte ich.

»Wieso das?«

»Die Academy hat beschlossen, sie wieder an die UVA zu schicken, zu einem weiteren Graduiertenseminar.«

»In was? Raketenkunde für Fortgeschrittene?«

»Anscheinend besucht sie einen Spezialkurs über virtuelle Realität.«

»Ach, vielleicht ist sie irgendwo zwischen hier und Charlottesville hängengeblieben.« Er wollte nicht, daß ich wegfuhr.

»Sie hätte eine Nachricht hinterlassen können.«

Er blickte sich auf dem Parkplatz um. Der Parkplatz war leer bis auf den dunkelblauen, inzwischen schneebedeckten Leichenwagen. Flocken fingen sich in Marinos strähnigen Haaren, und auf seinem kahl werdenden Kopf fühlten sie sich vermutlich kühl an, aber ihm schien es nichts auszumachen.

»Hast du Silvester etwas vor?« Ich ließ den Motor an und betätigte dann die Scheibenwischer, um den Schnee von der Windschutzscheibe zu fegen.

»Ein paar von uns Jungs werden wahrscheinlich Poker spielen und Chili essen.«

»Das klingt nach Spaß.« Ich sah zu seinem großen, geröteten Gesicht hoch, während er weiterhin den Blick abgewandt hielt. »Doc, ich hab Eddings’ Apartment drüben in Richmond durchsucht und wollte das vor Danny nicht zur Sprache bringen. Ich glaube, du solltest es dir auch mal ansehen.«

Marino wollte reden. Er wollte weder bei den Jungs noch allein sein. Er wollte mit mir zusammensein, aber das würde er nie zugeben. In all den Jahren, die wir uns kannten, konnte er sich zu seinen Gefühlen für mich nicht bekennen, egal, wie offensichtlich sie sein mochten.

»Mit einer Runde Poker kann ich nicht konkurrieren«, sagte ich zu ihm und schnallte mich an, »aber ich wollte heute abend Lasagne machen. Und es sieht nicht so aus, als würde Lucy kommen. Wenn du also…«

»Es sieht auch nicht so aus, als wäre es besonders toll, nach Mitternacht heimzufahren«, unterbrach er mich. Schnee wirbelte in kleinen Böen über den Asphalt.

»Ich habe ein Gästezimmer«, fuhr ich fort.

Er sah auf die Uhr und beschloß, daß es an der Zeit war, eine zu rauchen.

»Außerdem ist jetzt heimzufahren auch keine tolle Idee«, sagte ich. »Und es sieht aus, als müßten wir miteinander reden.«

»Ja ja, schön, du hast wahrscheinlich recht«, sagte er.

Als wir langsam hintereinander her nach Sandbridge fuhren, hatte allerdings keiner von uns damit gerechnet, daß bei unserer Ankunft Rauch aus dem Kamin steigen würde. Lucys grüner Suburban stand schneebedeckt in der Einfahrt, sie war also schon eine Weile hier.

»Ich versteh’s nicht«, sagte ich zu Marino, als wir die Wagentüren zuschlugen. »Ich habe dreimal angerufen.«

»Vielleicht sollte ich wieder fahren.« Er stand an seinem Ford und wußte nicht, was er machen sollte.

»Das ist doch lachhaft. Komm schon. Wir finden schon etwas. Es gibt noch eine Couch. Lucy wird begeistert sein, dich zu sehen.«

»Hast du deine Tauchsachen dabei?« fragte er.

»Im Kofferraum.«

Wir holten sie zusammen raus und schleppten sie zu Dr. Mants Haus, das bei diesem Wetter noch kleiner und verlorener aussah. Auf der Rückseite war eine vergitterte Veranda, und dort legten wir meine Ausrüstung auf den Holzboden. Lucy öffnete die Küchentür, und der Duft von Tomaten und Knoblauch umfing uns. Sie sah verblüfft aus, als sie Marino und die Taucherausrüstung erblickte.

»Was zum Teufel geht hier vor?« sagte sie.

Ich sah ihr an, daß sie enttäuscht war. Das hätte ein Abend nur für uns werden sollen, und wir hatten in unserem komplizierten Leben nicht viele solcher Abende.

»Das ist eine lange Geschichte.« Ich begegnete ihrem Blick.

Wir folgten ihr nach drinnen, wo ein großer Topf auf dem Herd simmerte. Auf der Anrichte daneben war ein Schneidbrett, und Lucy hatte, als wir ankamen, offenbar gerade Peperoni und Zwiebeln geschnitten. Sie trug einen FBI-Trainingsanzug und Skisocken und sah kerngesund aus, aber ich merkte ihr an, daß sie nicht viel Schlaf bekommen hatte.

»In der Kammer ist ein Schlauch, und gleich bei der Veranda neben einem Wasserhahn ist ein leerer Plastikkübel«, sagte ich zu Marino. »Wenn du den füllst, können wir mein Zeug einweichen.«

»Ich helfe euch«, sagte Lucy.

»Auf keinen Fall.« Ich drückte sie an mich. »Nicht bevor wir uns erst einmal richtig begrüßt haben.«

Wir warteten, bis Marino draußen war, dann zog ich sie an den Herd und hob den Deckel vom Topf. Ein köstlicher Duft stieg auf, und ich war glücklich.

»Das kann ich gar nicht glauben«, sagte ich. »Gott segne dich.«

»Als du um vier noch nicht zurück warst, habe ich mir gedacht, ich sollte lieber schon mal die Soße machen, sonst bekommen wir heute Abend keine Lasagne.«

»Da sollte noch ein bißchen mehr Rotwein dran. Und vielleicht noch etwas Basilikum und eine Prise Salz. Ich wollte Artischocken statt Fleisch verwenden, obwohl Marino darüber nicht glücklich sein wird, aber er kann ja noch Prosciutto essen. Wie findest du das?« Ich tat den Deckel wieder auf den Topf.

»Tante Kay, warum ist er hier?« fragte sie.

»Hast du meinen Zettel gesehen?«

»Klar. So bin ich ja reingekommen. Aber da stand nur drauf, daß du zu einem Tatort gefahren bist.«

»Ja, leider. Aber ich habe ein paarmal angerufen.«

»Ich wollte in einem fremden Haus nicht ans Telefon gehen«, sagte sie. »Und du hast keine Nachricht hinterlassen.«

»Ich habe mir eben gedacht, du wärst nicht hier, und so habe ich Marino eingeladen. Ich wollte nicht, daß er bei dem Schnee nach Richmond zurückfährt.«

In ihren intensiv grünen Augen flackerte Enttäuschung auf. »Kein Problem. Solange er und ich nicht im selben Zimmer schlafen müssen«, bemerkte sie trocken. »Aber ich verstehe nicht, was er überhaupt in Tidewater zu tun hatte.«

»Wie gesagt, eine lange Geschichte«, antwortete ich. »Der Fall hat eine Verbindung nach Richmond.«

Wir gingen auf die kalte Veranda hinaus und schwenk ten Flossen, Unterzieher, Tauchanzug und anderes Zeug im eisigen Wasser. Dann trugen wir alles auf den Boden, wo nichts gefrieren würde, und legten es auf mehrere Lagen Handtücher. Ich duschte so lange, wie der Warmwasserboiler es zuließ, und es kam mir unwirklich vor, daß Lucy, Marino und ich an einem verschneiten Silvesterabend zusammen in diesem Cottage an der Küste waren.

Als ich aus dem Schlafzimmer kam, tranken sie in der Küche italienisches Bier und beschäftigten sich mit einem Rezept zum Brotbacken.

»Also gut«, sagte ich zu ihnen, »nun übernehme ich.«

»Nimm dich in acht«, sagte Lucy.

Ich scheuchte sie aus dem Weg und gab Mehl, Hefe, ein wenig Zucker und Olivenöl in eine große Schüssel. Ich stellte den Backofen auf niedrige Temperatur und öffnete eine Flasche Còte Rôtie, für die Köchin. Zum Essen würde ich einen Chianti servieren.

»Hast du Eddings’ Brieftasche durchsucht?« fragte ich Marino, während ich Steinpilze schnitt.

»Wer ist Eddings?« fragte Lucy.

Sie saß auf einer Anrichte und trank Peroni. In den Fenstern hinter ihr schraffierte der Schnee die einbrechende Dunkelheit. Ich erklärte etwas ausführlicher, was heute geschehen war, und sie stellte keine weiteren Fragen, sondern schwieg, als Marino sprach.

»Mir ist nichts in die Augen gesprungen«, sagte er. »Eine MasterCard, eine Visa, AmEx, Versicherungsbescheinigung. So ein Kram. Und ein paar Quittungen. Sehen nach Restaurantbelegen aus, aber das überprüfen wir. Darf ich mir noch so ein Bier holen?« Er warf seine leere Flasche in den Müll und öffnete den Kühlschrank. »Was sonst noch?« Glas klirrte. »Er hatte nicht viel Bargeld. Siebenundzwanzig Dollar.«

»Was ist mit Fotos?« fragte ich, während ich auf der mehlbestäubten Arbeitsplatte Teig knetete.

»Nichts.« Er machte den Kühlschrank zu. »Und du weißt ja, daß er nicht verheiratet war.«

»Wir wissen nicht, ob er nicht eine Beziehung mit jemandem hatte«, sagte ich.

»Das könnte sein, weil wir jedenfalls verteufelt wenig wissen.« Er sah Lucy an. »Weißt du, was Birdsong ist?«

»Meine Sig hat eine Birdsong-Veredelung.« Sie sah zu mir herüber. »Und die Browning von Tante Kay auch.«

»Nun, der Typ hatte eine Neunmillimeter-Browning, wie deine Tante, in einer sandfarbenen Birdsong-Ausführung. Außerdem ist seine Munition teflonbeschichtet und hat roten Lack auf dem Zündhütchen. Ich meine, damit könnte einer in einem verdammten Wolkenbruch zwölf Telefonbücher durchlöchern.«

Sie war überrascht. »Was macht ein Journalist mit so etwas?«

»Manche Leute sind eben Waffennarren«, sagte ich. »Aber ich wußte nicht, daß Eddings einer war. Er hat es mir gegenüber nie erwähnt — was er nicht unbedingt hätte tun müssen.«

»Ich hab noch nie KTW in Richmond gesehen«, sagte Marino, auf den Hersteller der teflonbeschichteten Patronen anspielend. »Legal oder sonstwie.«

»Hätte er die nicht bei einer Waffenbörse bekommen können?« fragte ich.

»Vielleicht. Eines ist sicher. Der Typ hat einige davon besucht. Ich hab dir noch nicht von seiner Wohnung erzählt.«

Ich deckte ein feuchtes Tuch über den Teig und stellte die Schüssel bei niedrigster Stufe in den Backofen.

»Ich biete euch jetzt nicht die ganze Tour«, fuhr er fort, »bloß das Wichtigste, angefangen bei dem Zimmer, wo er offensichtlich seine eigene Munition geladen hat. Wo er bloß all diese Kugeln verschossen hat, wer weiß. Aber er hat eine Menge Pistolen zur Auswahl, dazu noch ein paar andere Handfeuerwaffen, eine AK-47, eine MP5 und eine M16. Nicht gerade das, was einer zur Ungezieferbekämpfung benutzt. Außerdem hatte er eine ganze Anzahl von Survival-Magazinen abonniert, darunter Soldier of Fortune, U.S. Cavalry Magazine und Brigade Quartermaster. Schließlich« — Marino trank einen Schluck Bier — »haben wir einige Videos mit Lehrgängen für Scharfschützen gefunden. Weißt du, spezielle Kampfausbildung und so ‘n Scheiß.«

Ich vermischte Ricotta mit Eiern und Parmesan.

»Irgendein Hinweis, worin er verwickelt gewesen sein könnte?« fragte ich, derweil das Geheimnis des toten Mannes immer unergründlicher wurde und mich noch mehr aus der Fassung brachte.

»Nein, aber er ist todsicher hinter etwas her gewesen.«

»Oder etwas hinter ihm«, sagte ich.

»Er war in Panik«, sagte Lucy, als wisse sie Bescheid. »Niemand geht in der Dunkelheit tauchen und hat eine wasserdichte Neunmillimeter mit Panzerknacker-Munition dabei, wenn er nicht in Panik ist. So benimmt sich doch nur einer, der glaubt, er steht auf der Abschußliste.«

Da erst erzählte ich ihnen von meinem seltsamen frühmorgendlichen Anruf von einem Officer Young, der anscheinend nicht existierte. Ich erwähnte Captain Green und beschrieb sein Benehmen.

»Warum sollte er anrufen, wenn er der Täter war?« Marino runzelte die Stirn.

»Er hat mich eindeutig nicht am Tatort haben wollen«, sagte ich. »Und vielleicht hätte ich, wenn mir die Polizei ausführliche Informationen gegeben hätte, bloß gewartet, bis die Leiche eingeliefert wird, wie ich es gewöhnlich tue.«

»Also für mich klingt das, als solltest du eingeschüchtert werden«, sagte Lucy.

»Ich glaube, darauf lief es hinaus«, stimmte ich zu.

»Hast du es unter der Telefonnummer probiert, die dieser nichtexistierende Officer Young dir gegeben hat?« fragte sie.

»Nein«, sagte ich.

»Wo ist sie?«

Ich holte sie ihr, und sie wählte.

»Es ist die Nummer des lokalen Wetterberichts«, sagte sie und legte auf.

Marino zog einen Stuhl unter dem mit einem karierten Tuch bedeckten Frühstückstisch hervor und setzte sich verkehrt herum darauf, die Arme über die Lehne gefaltet. Eine Weile sprach niemand, während wir im Kopf die Daten durchgingen, die von Minute zu Minute seltsamer wurden.

»Hör mal, Doc.« Marino ließ seine Fingergelenke knacken. »Ich muß unbedingt eine rauchen. Darf ich hier drin, oder muß ich rausgehen?«

»Draußen«, sagte Lucy, wies mit dem Daumen zur Tür und sah bissiger aus, als sie in Wirklichkeit war.

»Und wenn ich in eine Schneewehe falle, du kleines Biest?« sagte er.

»Es liegen da draußen nur zehn Zentimeter Schnee. Die einzige Schneewehe, in die du fällst, ist die in deinem Kopf.«

»Morgen gehen wir an den Strand und schießen auf Dosen«, sagte er. »Hin und wieder brauchst du einen kleinen Dämpfer, Special Agent Lucy.«

»Ihr werdet ganz gewiß auf gar nichts schießen an diesem Strand«, sagte ich zu beiden.

»Ich schätze, wir könnten Pete erlauben, das Fenster zu öffnen und den Rauch rauszublasen«, sagte Lucy. »Aber da sieht man nur mal wieder, wie süchtig du bist.«

»Solange du schnell rauchst«, sagte ich zu ihm. »In diesem Haus ist es schon kalt genug.«

Das Fenster war störrisch, aber Marino war hartnäckiger. Nach heftigem Zerren kriegte er es auf. Er zog den Stuhl ans Fenster, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch durchs Gitter. Lucy und ich trugen Silberbesteck und Servietten ins Wohnzimmer, da wir beschlossen hatten, es wäre gemütlicher, vor dem Kaminfeuer zu essen statt in Dr. Mants Küche oder im vollgestopften, zugigen Eßzimmer.

»Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie es dir geht«, sagte ich zu meiner Nichte, als sie sich mit dem Feuer beschäftigte.

»Mir geht’s großartig.«

Funken sprühten in den rußigen Schlund des Kamins, als sie Holz nachlegte, und an ihren Händen stachen die Adern hervor, ihre Rückenmuskeln dehnten sich. Ihre Begabung lag in Computertechnik und seit neuestem in Robotronik, das hatte sie am MIT studiert. Mit diesem Fachwissen war sie sehr attraktiv für das Hostage Rescue Team des FBI, aber von ihr wurde Gehirnarbeit, keine körperliche Leistung erwartet. Keine Frau hatte bisher die mörderischen Anforderungen des HRT erfüllt, und ich machte mir Sorgen, daß sie ihre Grenzen nicht akzeptieren wollte.

»Wie oft trainierst du?« fragte ich sie.

Sie hakte das Funkengitter ein, setzte sich auf den Kaminrand und sah mich an. »Ziemlich oft.«

»Wenn du noch mehr abnimmst, bist du nicht mehr gesund.«

»Ich bin sehr gesund und habe eigentlich zuviel Fett.«

»Wenn du magersüchtig wirst, werde ich nicht den Kopf in den Sand stecken, Lucy. Ich weiß, daß Eßstörungen tödlich sein können. Ich habe die Opfer gesehen.«

»Ich habe keine Eßstörung.«

Ich ging zu ihr und setzte mich neben sie; das Feuer wärmte uns den Rücken.

»Ich schätze, ich muß dir glauben.«

»Gut.«

»Hör zu« — ich klopfte ihr aufs Bein — »du bist dem HRT als technische Beraterin zugeteilt. Niemand verlangt von dir, daß du dich von Hubschraubern abseilen und mit den Männern die Meile in vier Minuten laufen sollst.«

Sie sah mich mit blitzenden Augen an. »Du mußt gerade von Grenzen reden. Ich sehe nicht, daß du dich je aufgrund deines Geschlechts von irgend etwas abhalten läßt.«

»Ich kenne meine Grenzen sehr genau«, wandte ich ein. »Und ich umgehe sie mit meinem Verstand. So habe ich überlebt.«

»Weißt du«, sagte sie aufgebracht, »ich bin es leid, Computer und Roboter zu programmieren, und immer wenn etwas Großes passiert — wie der Bombenanschlag in Oklahoma City —, brechen die Kerle zum Luftwaffenstützpunkt Andrews auf, und mich lassen sie zu Hause. Und selbst wenn ich mit darf, sperren sie mich irgendwo in ein Kämmerchen ein, als wäre ich bloß ein Fachidiot. Ich bin verdammt nochmal kein Fachidiot. Ich will keine Agentin zweiter Klasse sein.«

In ihren Augen schimmerten plötzlich Tränen, und sie drehte sich von mir weg. »Ich schaffe jeden Hinderniskurs, auf den sie mich schicken. Ich kann mich abseilen, aus dem Hinterhalt schießen und tauchen. Und was noch wichtiger ist, ich kann es aushalten, wenn sie sich wie Schweine benehmen. Weißt du, nicht alle sind glücklich darüber, mich dabeizuhaben.«

Daran zweifelte ich nicht. Lucy war immer ein Wesen, das die Leute extrem polarisierte, weil sie hochbegabt war und so schwierig sein konnte. Sie war auch eine Schönheit mit klaren, strengen Zügen, und ich wunderte mich, offen gestanden, wie sie überhaupt in einem Sondereinsatzkommando mit fünfzig Männern überleben konnte, von denen sie mit keinem jemals ausgehen würde.

»Wie geht’s Janet?« fragte ich.

»Sie ist ins Washingtoner Büro versetzt worden, um Fälle von Wirtschaftskriminalität zu bearbeiten. Zumindest ist sie so nicht allzu weit weg.«

»Das muß gerade erst gewesen sein.« Ich war verblüfft.

»Ja, gerade.« Lucy stützte ihre Unterarme auf die Knie.

»Und wo ist sie heute abend?«

»Ihre Eltern haben eine Wohnung in Aspen.«

Mein Schweigen bedeutete eine Frage, und sie klang gereizt, als sie die Antwort darauf gab. »Nein, ich bin nicht eingeladen. Und nicht, weil Janet und ich zerstritten sind. Es war einfach keine gute Idee.«

»Verstehe.« Ich zögerte, bevor ich hinzufügte: »Dann wissen es ihre Eltern noch nicht?«

»Verdammt, wer weiß es schon? Meinst du, wir verbergen es bei der Arbeit nicht? Sogar so weit, daß wir gemeinsam irgendwohin gehen, und die eine von uns beiden darf zusehen, wie die andere von Männern angemacht wird. Das ist ein besonderes Vergnügen«, meinte sie verbittert.

»Ich weiß, wie es bei der Arbeit ist«, sagte ich. »Ich habe dir nichts anderes vorausgesagt. Ich bin mehr an Janets Familie interessiert.«

Lucy starrte auf ihre Hände. »Es liegt hauptsächlich an ihrer Mom. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, daß es ihrem Dad etwas ausmachen würde. Er wird nicht annehmen, es käme daher, daß er etwas falsch gemacht hat, wie meine Mutter meint. Bloß glaubt die, es kommt daher, daß du etwas falsch gemacht hast, da du mich ja hauptsächlich großgezogen hast und meine eigentliche Mutter bist, wie sie sagt.«

Es hatte nicht viel Sinn, mich gegen die ignoranten Vorstellungen meiner einzigen Schwester Dorothy zu wehren, die unglücklicherweise Lucys Mutter war.

»Und Mutter hat jetzt noch eine andere Theorie. Sie sagt, du seist die erste Frau gewesen, in die ich mich verliebt habe, und irgendwie erkläre das alles«, fuhr Lucy in ironischem Ton fort. »Egal, ob das nun Inzest genannt wird und du hetero bist. Denk dran, sie schreibt diese verständnisvollen Kinderbücher und ist deshalb eine Expertin in Psychologie, und offensichtlich ist sie auch noch eine Sextherapeutin.«

»Es tut mir leid, daß du zu allem anderen auch noch das durchmachen mußt«, sagte ich mitfühlend. Ich wußte nie genau, was ich tun sollte, wenn wir solche Gespräche führten. Sie waren für mich immer noch neu, und in gewisser Hinsicht machten sie mir auch Angst.

»Weißt du« — sie stand auf, als Marino ins Wohnzimmer kam — »mit einigen Dingen mußt du einfach leben.«

»Also, ich habe gute Nachrichten für euch«, verkündete Marino. »Der Wetterbericht sagt, das ganze Zeug schmilzt. Morgen früh sollten wir alle von hier wegkommen.«

»Morgen ist Neujahr«, sagte Lucy. »Ich will mich nicht streiten, aber warum sollten wir weg von hier?«

»Weil ich deine Tante zu Eddings’ Bude bringen muß.« Er schwieg, dann fuhr er fort: »Und Benton muß sich auch dorthin auf die Socken machen.«

Ich ließ mir nichts anmerken. Benton Wesley war der Leiter des FBI-Programms für Ermittlung und Analyse, und ich hatte gehofft, ihn während der Feiertage nicht sehen zu müssen.

»Was soll das heißen?« sagte ich leise.

Er setzte sich aufs Sofa und betrachtete mich eine Weile nachdenklich. Dann beantwortete er meine Frage mit einer Gegenfrage. »Eines interessiert mich, Doc. Wie kann man jemand unter Wasser vergiften?«

»Vielleicht ist es nicht unter Wasser passiert«, schlug Lucy vor. »Vielleicht hat er vor dem Tauchen Zyankali geschluckt.«

»Nein. So ist es nicht gewesen«, sagte ich. »Zyankali ist sehr ätzend, und hätte er es oral zu sich genommen, dann hätte ich eine erhebliche Schädigung seines Magens gesehen. Wahrscheinlich auch noch von Mund und Speiseröhre.«

»Was kann also geschehen sein?« fragte Marino.

»Ich glaube, er hat Blausäuregas eingeatmet.«

Er sah verdutzt aus. »Wie? Durch den Kompressor?«

»Der saugt Luft durch ein Einlaßventil an, das mit einem Filter versehen ist«, erinnerte ich ihn. »Jemand hätte dann nur ein bißchen Salzsäure mit einer Zyankalitablette vermischen und das Fläschchen nahe genug an das Einlaßventil halten müssen, damit das Gas eingesaugt wird.«

»Wenn Eddings Blausäuregas eingeatmet hat, während er unten war«, sagte Lucy, »was wäre geschehen?«

»Ein Anfall, dann der Tod. In Sekunden.«

Ich dachte an den verhakten Luftschlauch und fragte mich, ob Eddings bei der Schraube der Exploiter gewesen war, als er plötzlich Blausäuregas durch seinen Atemautomaten inhalierte. Das könnte die Position erklären, in der ich ihn gefunden hatte.

»Kannst du die hookah auf Zyankalispuren untersuchen?« fragte Lucy.

»Na ja, wir können es probieren«, sagte ich, »aber ich denke nicht, daß ich etwas finde, es sei denn, die Zyankalitablette wurde direkt an den Filter des Ventils gehalten. Aber selbst dann könnte jemand an dem Zeug herumgemacht haben, bis ich hinkam. Mehr Glück könnten wir mit dem Abschnitt des Schlauchs haben, der seinem Körper am nächsten war. Ich werde morgen toxikologische Tests durchführen, wenn ich jemanden dazu bewegen kann, an einem Feiertag ins Labor zu kommen.«

Meine Nichte ging zu einem Fenster und sah hinaus. »Es kommt immer noch ganz schön viel Schnee herunter. Erstaunlich, wie es die Nacht erhellt. Ich kann den Ozean sehen. Er ist diese schwarze Mauer«, sagte sie nachdenklich.

»Was du siehst, ist eine Mauer«, sagte Marino. »Die Backsteinmauer am Ende des Gartens.«

Sie sprach eine Weile nicht, und ich dachte, wie sehr ich sie vermißte. Zwar hatte ich sie während ihres Studiums an der UVA schon wenig gesehen, aber nun sahen wir uns noch seltener, denn selbst wenn ich wegen eines Falls nach Quantico kam, gab es nie eine Garantie, daß wir die Zeit für ein Treffen fanden. Es betrübte mich, daß ihre Kindheit vorbei war, und ein Teil von mir wünschte, sie hätte sich ein Leben und eine Laufbahn ausgesucht, die weniger hart wären.

Dann dachte sie laut nach, während sie noch durch die Scheibe blickte. »Also, da haben wir einen Reporter, der sich mit Survival-Waffen beschäftigt. Irgendwie wird er mit Zyanidgas vergiftet, während er nachts in einem Sperrgebiet an ausrangierten Schiffen taucht.«

»Das ist bloß eine Möglichkeit«, erinnerte ich sie. »Der Fall ist noch offen. Wir sollten das nicht aus den Augen verlieren.«

Sie drehte sich um. »Wo ließe sich Zyankali beschaffen, wenn du jemand vergiften willst? Wäre das schwer?«

»Du könntest es von einer Vielzahl industrieller Einrichtungen bekommen«, sagte ich.

»Zum Beispiel?«

»Na ja, zum Beispiel wird es benutzt, um Gold aus Erz zu extrahieren. Es wird auch beim Galvanisieren verwendet und als Desinfektionsmittel und zur Herstellung von Phosphorsäure aus Knochen«, sagte ich. »Mit anderen Worten könnte jeder, vom Juwelier über einen Industriearbeiter bis zum Kammerjäger, Zugang zu Zyankali haben. Noch dazu sind Zyankali und Salzsäure in jedem Chemielabor zu finden.«

Marino ergriff das Wort. »Also, wenn jemand Eddings vergiftet hat, dann mußte er wissen, daß er mit seinem Boot rausfahren würde. Er mußte wissen, wo und wann.«

»Dieser Jemand mußte vieles wissen«, stimmte ich zu. »Zum Beispiel hätte er wissen müssen, welchen Typ von Atmungsgerät Eddings verwenden wollte, denn wenn er mit einer Flasche statt einer hookah getaucht wäre, hätte der Modus operandi vollkommen anders sein müssen.«

»Ich wünschte bloß, wir wüßten, was zum Teufel er dort unten gemacht hat.« Marino öffnete das Kamingitter, um das Feuer zu schüren.

»Was es auch war«, sagte ich, »jedenfalls hatte er Fotos machen wollen. Und aufgrund der Kameraausrüstung, die er dabei hatte, sieht es so aus, als wäre es eine ernste Geschichte gewesen.«

»Aber es wurde keine Unterwasserkamera gefunden«, sagte Lucy.

»Nein«, sagte ich. »Die Strömung hätte sie überallhin mitreißen können, oder sie könnte im Schlick begraben sein. Dummerweise ist die Ausrüstung, die er offenbar hatte, nicht an die Oberfläche getrieben.«

»Ich würde wahnsinnig gern den Film in die Finger kriegen.« Sie blickte noch immer in die Schneenacht hinaus, und ich fragte mich, ob sie an Aspen dachte.

»Eines ist verdammt sicher, er hat keine Fische fotografiert.« Marino schob einen dicken Holzscheit hinein, der etwas zu grün war. »Bleiben eigentlich nur noch Schiffe. Und ich glaube, er war an einer Story dran, von der jemand anderer nicht wollte, daß sie bekannt wird.«

»Er könnte an einer Story gearbeitet haben«, pflichtete ich bei, »aber das heißt nicht, daß sie mit seinem Tod etwas zu tun hat. Jemand könnte die Gelegenheit genutzt haben, um ihn aus einem anderen Grund umzubringen.«

»Wo hast du das Anmachholz?« Er gab es auf mit dem Feuer.

»Draußen unter einer Plane«, antwortete ich. »Dr. Mant will es nicht im Haus haben. Er hat Angst vor Termiten.«

»Na, er sollte mehr Angst vor den Feuern und dem Wind in diesem Moderloch haben.«

»Hinten, gleich bei der Veranda«, sagte ich. »Danke, Marino.«

Er zog sich Handschuhe an, aber keinen Mantel, und ging hinaus, während das Feuer hartnäckig qualmte und der Wind in dem Backsteinkamin ein geisterhaftes ächzendes Geräusch verursachte. Ich sah meiner Nichte zu, die immer noch am Fenster stand.

»Wir sollten uns ans Abendessen machen, meinst du nicht?« sagte ich zu ihr.

»Was macht er denn?« sagte sie mit dem Rücken zu mir.

»Marino?«

»Ja. Der große Tolpatsch hat sich verirrt. Schau, er ist ganz da draußen an der Mauer. Halt mal. Jetzt seh ich ihn nicht mehr. Er hat die Taschenlampe ausgeschaltet. Das ist aber seltsam.«

Bei ihren Worten sträubten sich mir die Nackenhaare. Ich sprang auf, rannte ins Schlafzimmer und schnappte mir meine Pistole vom Nachttisch. Lucy folgte mir auf den Fersen.

»Was ist denn?« rief sie.

»Er hat keine Taschenlampe.«

Kapitel 4

In der Küche riß ich die Tür zur Veranda auf und prallte mit Marino zusammen. Wir rannten einander fast über den Haufen. »Was zum Teufel…« schrie er hinter einem Armvoll Holz.

»Da draußen ist jemand«, sagte ich mit leisem Nachdruck. Das Feuerholz polterte laut auf den Boden, und er rannte wieder in den Garten, die Pistole gezückt. Mittlerweile hatte auch Lucy ihre Waffe geholt und kam nach draußen. Wir waren gerüstet, mit einem Aufstand fertig zu werden.

»Schaut euch ums Haus herum um«, ordnete Marino an. »Ich gehe dort rüber.«

Ich holte Taschenlampen, und eine Weile gingen Lucy und ich um das Cottage herum, sperrten Augen und Ohren auf, aber nichts war zu sehen oder zu hören, bis auf das Knirschen unserer Schuhsohlen, während wir Spuren im Schnee hinterließen. Ich hörte, wie Marino den Hahn seiner Pistole entspannte, als wir im tiefen Schatten bei der Veranda wieder zusammentrafen.

»Da an der Mauer sind Spuren«, sagte er. Sein Atem bildete eine weiße Fahne. »Das ist wirklich merkwürdig. Sie führen hinunter zum Strand und verschwinden dann einfach am Wasser.« Er blickte sich um. »Hast du irgendwelche Nachbarn, die vielleicht einen Spaziergang gemacht haben?«

»Ich kenne Dr. Mants Nachbarn nicht«, erwiderte ich. »Aber sie sollten sich wohl kaum auf seinem Grundstück herumtreiben. Und wer würde bei diesem Wetter am Strand entlanglaufen, wenn er einigermaßen bei Trost ist?«

»Wo führen denn die Fuß spuren auf diesem Grundstück hin?« fragte Lucy.

»Sieht so aus, als wäre er über die Mauer gekommen und noch zwei Meter in den Garten gegangen, bevor er wieder umkehrte«, antwortete Marino.

Ich dachte an Lucy, die vor dem Fenster gestanden hatte, vom Feuer und den Lampen angestrahlt. Vielleicht hatte der Eindringling sie entdeckt und war abgeschreckt worden.

Dann fiel mir etwas anderes ein. »Woher wissen wir, daß die Person ein Er war?«

»Wenn nicht, dann tut mir eine Frau mit solchen Kähnen leid«, sagte Marino. »Die Schuhgröße entspricht etwa meiner.«

»Schuhe oder Stiefel?« fragte ich, während ich auf die Mauer zuging.

»Ich weiß es nicht. Sie haben so ein Profil mit Schraffierung.« Er folgte mir.

Die Abdrücke, die ich sah, lösten noch mehr Besorgnis in mir aus. Sie kamen nicht von typischen Stiefeln oder Turnschuhen. »Mein Gott«, sagte ich. »Ich glaube, die Person hat Taucherstiefel oder etwas ähnliches in Mokassin-Form getragen. Schaut.«

Ich wies Lucy und Marino auf das Muster hin. Sie hatten sich neben mir gebückt. Das Licht meiner Taschenlampe fiel schräg auf die Fußspuren.

»Kein Spann«, bemerkte Lucy. »Das sieht eindeutig nach Taucherstiefeln oder Wasserschuhen aus. Das ist ziemlich bizarr.«

Ich erhob mich und starrte über die Mauer auf dunkles, wogendes Wasser. Es schien unfaßbar, daß jemand aus dem Meer gekommen sein könnte.

»Kannst du von denen hier Fotos machen?« fragte ich Marino.

»Klar. Aber ich hab nichts, um Abgüsse zu machen.«

Dann kehrten wir ins Haus zurück. Er klaubte das Holz auf und trug es ins Wohnzimmer, während Lucy und ich unsere Aufmerksamkeit wieder dem Abendessen zuwandten. Ich war mir gar nicht mehr sicher, ob ich etwas essen konnte, so angespannt war ich. Ich goß mir noch ein Glas Wein ein und versuchte, den Eindringling als zufälligen Gast abzutun, jemand, der harmlos umherirrte, weil er Schnee oder gar nächtliches Tauchen liebte.

Aber ich wußte es besser, behielt meine Waffe in Reichweite und schaute häufig aus dem Fenster. Ich fühlte mich bedrückt, als ich die Lasagne in den Backofen schob. Ich nahm den Parmesan aus dem Kühlschrank und rieb ihn. Danach legte ich Feigen und Melonenscheiben auf die Teller und dazu ordentlich Prosciutto für Marino. Lucy machte Salat, und eine Zeitlang werkelten wir stumm vor uns hin.

Als sie schließlich zu reden anfing, klang sie nicht glücklich. »Du bist da echt in etwas hineingeraten, Tante Kay. Warum passiert dir immer so etwas?«

»Wir dürfen unserer Fantasie nicht die Zügel schießen lassen«, sagte ich.

»Du bist hier draußen allein in einer gottverlassenen Gegend, ohne Alarmanlage und mit Schlössern, die so schwach wie Dosenblech sind…«

»Hast du den Champagner schon kalt gestellt?« unterbrach ich. »Es ist bald Mitternacht. Die Lasagne braucht nur etwa zehn Minuten, vielleicht fünfzehn, wenn Dr. Mants Herd nicht so wie alles andere hier funktioniert. Dann könnte es bis nächstes Jahr um diese Zeit dauern. Ich habe nie verstanden, warum die Leute Lasagne stundenlang brutzeln lassen. Und dann wundern sie sich, daß alles zäh wie Leder ist.«

Lucy blickte mich an, ließ ihr Zwiebelmesser neben eine Salatschüssel sinken. Sie hatte genügend Sellerie und Karotten geschnitten, um ein Orchester zu bewirten.

»Eines Tages werde ich wirklich mal Lasagne coi carciofi für dich machen. Mit Artischocken, und statt Marinara kommt Béchamel rein…«

»Tante Kay«, schnitt sie mir ungeduldig das Wort ab. »Ich mag es nicht, wenn du so was tust. Und ich lasse es auch nicht zu. Momentan kümmert mich die Lasagne einen Dreck. Du hast heute früh einen seltsamen Anruf erhalten. Dann gab es einen bizarren Todesfall, und Leute haben dich am Tatort verdächtig behandelt. Und heute nacht hattest du einen Eindringling, der womöglich einen verdammten Taucheranzug getragen hat.«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Kerl zurückkommt. Wer es auch war. Es sei denn, er will es mit uns dreien aufnehmen.«

»Tante Kay, du kannst hier nicht bleiben«, sagte sie.

»Ich muß Dr. Mants Bezirk mit übernehmen, und das kann ich nicht von Richmond aus«, sagte ich zu ihr, während ich wieder aus dem Fenster über der Spüle blickte. »Wo ist Marino? Fotografiert er noch draußen?«

»Er ist schon vor einer Weile reingekommen.« Ihre Enttäuschung war so spürbar wie ein aufziehendes Gewitter.

Ich ging ins Wohnzimmer und sah, daß er auf der Couch eingeschlafen war, doch das Feuer loderte. Meine Augen wanderten zu dem Fenster, aus dem Lucy geschaut hatte, und ich ging dorthin. Hinter kaltem Glas schimmerte der verschneite Garten schwach wie unter einem fahlen Mond und war mit elliptischen Schatten, die unsere Füße hinterlassen hatten, betüpfelt. Die Mauer war dunkel, und ich konnte nicht über sie hinaussehen, wo grober Sand ins Meer strudelte.

»Lucy hat recht«, ertönte Marinos verschlafene Stimme in meinem Rücken.

Ich wandte mich um. »Ich dachte, dich hätte es umgehauen.«

»Ich höre und sehe alles, auch wenn es mich umgehauen hat«, sagte er. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

»Mach, daß du schleunigst von hier wegkommst. Das ist mein Rat.« Er richtete sich mühsam auf. »Es geht nicht, daß du hier in diesem Kasten mutterseelenallein bleibst. Wenn etwas passiert, hört niemand dich schreien.« Seine Augen fixierten mich. »Bis dich jemand findet, bist du gefriergetrocknet. Wenn dich nicht vorher noch ein Hurrikan aufs Meer hinausweht.«

»Genug«, sagte ich.

Er nahm seine Waffe vom Teetisch, stand auf und steckte sie sich hinten in die Hose. »Du könntest doch einen deiner anderen Ärzte hierherschicken und ihn Tidewater übernehmen lassen.«

»Ich bin die einzige, die keine Familie hat. Ich bin beweglicher, besonders um diese Jahreszeit.«

»Was für ein Riesenschwachsinn. Du brauchst dich nicht dafür zu entschuldigen, daß du geschieden bist und keine Kinder hast.«

»Ich entschuldige mich nicht.«

»Es geht ja auch nicht darum, daß du jemanden bittest, für sechs Monate umzuziehen. Außerdem bist du verdammt noch mal die Chefin. Du solltest andere Leute hierherschicken, Familie hin oder her. Du solltest in deinem eigenen Haus sein.«

»Ich hatte ursprünglich nicht gedacht, daß mein Aufenthalt hier so unerfreulich wird«, sagte ich. »Manche Leute zahlen viel Geld, um in einem Cottage am Ozean zu wohnen.«

Er streckte sich. »Hast du irgendwas Amerikanisches zu trinken hier?«

»Milch.«

»Ich hab eher an so etwas wie ein kühles Miller gedacht.«

»Ich möchte wissen, warum du Benton hinzuziehst. Ich persönlich glaube, es ist zu früh, das FBI einzuschalten.«

»Und ich persönlich glaube nicht, daß du das objektiv beurteilen kannst.«

»Reiz mich nicht«, warnte ich. »Es ist schon sehr spät, und ich bin müde.«

»Ich sag nur, wie es ist.« Er klopfte eine Marlboro aus der Packung und steckte sie sich zwischen die Lippen. »Und er wird nach Richmond kommen. Daran zweifle ich nicht. Er und seine Frau sind über die Feiertage nicht weggefahren, also ist er meiner Vermutung nach gerade jetzt bereit zu einem kleinen Außeneinsatz. Und das wird ein guter sein.«

Ich konnte seinem Blick nicht standhalten und ärgerte mich, daß er wußte, warum.

»Außerdem«, fuhr er fort, »bittet auch nicht Chesapeake das FBI um irgendwas. Ich tue es, und ich bin dazu befugt. Falls du es vergessen hast, ich bin Leiter des Reviers, in dem sich Eddings’ Wohnung befindet. Wenn du mich nun fragst, so ist dies eine Ermittlung, die unter mehrere Zuständigkeiten fällt.«

»Der Fall gehört Chesapeake, nicht Richmond«, sagte ich. »In Chesapeake ist die Leiche gefunden worden. Du kannst dir nicht wie ein Bulldozer deinen Weg in ihren Zuständigkeitsbereich bahnen, das weißt du. Du kannst das FBI nicht in ihrem Namen einladen.«

»Schau mal«, fuhr er fort, »nachdem ich Eddings’ Wohnung durchsucht und das gefunden…«

Ich unterbrach ihn. »Was gefunden? Du redest dauernd von dem, was du gefunden hast. Meinst du sein Waffenarsenal?«

»Ich meine mehr als das. Ich meine Schlimmeres. Wir sind dazu noch nicht gekommen.« Er sah mich an und nahm die Zigarette aus dem Mund. »Es läuft darauf hinaus, daß Richmond Grund hat, an diesem Fall Anteil zu nehmen. Betrachte dich also als eingeladen.«

»Ich fürchte, das war ich schon, als Eddings in Virginia starb.«

»Tön jetzt nicht so, als hättest du dich heute früh so wahnsinnig erwünscht gefühlt, als du auf dem Schiffsfriedhof warst.«

Ich sagte nichts, weil er recht hatte.

»Vielleicht ist heute nacht ein Gast auf dein Grundstück gekommen, damit du merkst, wie unerwünscht du bist«, fuhr er fort. »Ich möchte das FBI jetzt hier dabei haben, weil es um mehr geht als um einen Kerl in einem Kahn, den du aus dem Wasser hast fischen müssen.«

»Was hast du noch in Eddings’ Wohnung gefunden?« fragte ich ihn.

Ich konnte seinen Widerwillen erkennen, als er versuchte wegzuschauen, verstand ihn aber nicht.

»Ich serviere erst das Abendessen, dann reden wir«, sagte ich.

»Wenn das bis morgen warten könnte, wäre es besser.« Er blickte zur Küche, als sei er besorgt, daß Lucy mithörte.

»Marino, seit wann hast du Bedenken, mir etwas zu erzählen?«

»Das ist anders.« Er rieb sich mit den Händen das Gesicht. »Ich glaube, Eddings hat sich mit den Neuen Zionisten angelegt.«

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Die Lasagne war ausgezeichnet, weil ich frischen Mozzarella in Tüchern ausgewrungen hatte, damit der Käse während des Backens nicht zuviel Wasser abgab, und natürlich war die Pasta selbstgemacht. Ich hatte die Lasagne weich serviert, statt sie zu knusprig werden zu lassen, und am Tisch darübergestreuter Parmesan hatte das Ganze abgerundet.

Marino aß praktisch alles Brot, dick mit Butter bestrichen, mit mehreren Lagen Prosciutto belegt und mit Tomatensoße übergossen, während Lucy in der kleinen Portion auf ihrem Teller herumstocherte. Der Schneefall war heftiger geworden, und Marino erzählte uns von der Bibel der Neuen Zionisten, die er gefunden hatte, als plötzlich in Sandbridge Feuerwerk zu hören war.

Ich schob meinen Stuhl zurück. »Es ist Mitternacht. Wir sollten den Champagner aufmachen.«

Ich war verstörter, als ich zugeben mochte, denn was Marino erzählte, war schlimmer, als ich befürchtet hatte. Im Lauf der Jahre hatte ich ziemlich viel von Joel Hand und seinen faschistischen Gefolgsleuten gehört, die sich die Neuen Zionisten nannten. Sie wollten eine neue Ordnung errichten, ein ideales Land schaffen. Ich hatte schon immer befürchtet, daß sie sich hinter den Mauern ihrer Ansiedlung in Virginia so mucksmäuschenstill verhielten, weil sie etwas Verheerendes ausheckten.

»Wir müßten auf der Farm dieses Arschlochs eigentlich eine Razzia machen«, sagte Marino, als er vom Tisch aufstand. »Das hätte schon vor langer Zeit passieren sollen.«

»Welchen plausiblen Grund gäbe es dafür?« sagte Lucy. »Das fragst du mich, bei Schweinen wie ihm braucht es keinen plausiblen Grund.«

»Oh, gute Idee. Das solltest du Gradecki vorschlagen«, sagte sie schnippisch, auf die Justizministerin anspielend.

»Hör mal, ich kenne einige Leute in Suffolk, wo Hand lebt, und die Nachbarn sagen, dort gehen ein paar wirklich beschissene, merkwürdige Dinge vor.«

»Nachbarn denken immer, merkwürdige, beschissene Dinge gehen bei ihren Nachbarn vor«, sagte sie.

Marino holte den Champagner aus dem Kühlschrank, während ich Gläser bereitstellte.

»Was für merkwürdige Dinge?« fragte ich ihn.

»Barkassen fahren den Nansemond River hinauf und laden Kästen aus, die so groß sind, daß sie Kräne dafür brauchen. Niemand weiß, was dort vorgeht, aber Piloten haben nachts große Feuer entdeckt, als fänden dort okkulte Rituale statt. Die Leute aus dem Ort schwören, daß sie die ganze Zeit Gewehrschüsse hören, und es seien Morde auf seiner Farm geschehen.«

Ich ging ins Wohnzimmer, wir würden später abspülen.

Ich sagte: »Ich weiß über die Morde in diesem Bundesstaat Bescheid, und ich habe nie etwas von einer Verbindung zu den Neuen Zionisten gehört — und auch nicht in Zusammenhang mit irgendeinem anderen Verbrechen. Bloß von Außenseiterpolitik und abwegigem Extremismus. Sie scheinen Amerika zu hassen und wären wahrscheinlich glücklich, wenn sie irgendwo ihr eigenes kleines Land hätten, wo Hand König sein könnte. Oder Gott. Oder was immer er für sie ist.«

»Soll ich den Korken knallen lassen?« Marino hielt den Champagner hoch.

»Das neue Jahr wird nicht mehr jünger«, sagte ich. »Jetzt muß ich das erst auf die Reihe kriegen.« Ich ließ mich auf der Couch nieder. »Eddings hatte Verbindungen zu den Neuen Zionisten?«

»Nur weil er eine ihrer Bibeln hatte, wie ich dir schon gesagt habe«, meinte Marino. »Ich habe sie gefunden, als ich sein Haus durchsuchte.«

»Und die sollte ich nicht zu Gesicht bekommen?« Ich sah ihn spöttisch an.

»Heute abend ja«, sagte er. »Weil ich eher besorgt bin, daß sie es sieht, wenn du es wissen willst.« Er blickte zu Lucy.

»Pete«, sagte meine Nichte sehr vernünftig, »du brauchst mich nicht mehr zu beschützen, auch wenn ich so etwas schätze.«

Er schwieg.

»Was für eine Bibel?« fragte ich ihn. »Keine, die du je zur Messe mitnehmen würdest.«

»Satanisch?«

»Nein, das kann man so nicht sagen. Zumindest sieht sie nicht aus wie die, die ich gesehen habe, weil es nicht um die Verehrung Satans geht und nicht die Art von Symbolen darin ist, die man damit verbindet. Aber es ist todsicher nicht das, was du vor dem Einschlafen lesen möchtest.« Er schaute wieder zu Lucy.

»Wo ist sie?« Ich wollte es wissen.

Er wickelte die Folie vom Flaschenhals und löste den Draht. Der Korken knallte laut, und er goß den Champagner so ein, wie er Bier einschenkte, hielt die Gläser schräg, damit kein Schaum entstand.

»Lucy, könntest du meine Aktentasche holen? Sie ist in der Küche«, sagte er. Als sie aus dem Zimmer war, schaute er mich an und senkte die Stimme. »Ich hätte sie nicht hergebracht, wenn ich gedacht hätte, daß ich Lucy hier treffen würde.«

»Sie ist eine erwachsene Frau. Sie ist FBI-Agentin, verdammt noch mal«, sagte ich.

»Ja ja, und manchmal dreht sie durch, und das weißt du auch. Sie muß sich so ein gespenstisches Zeug nicht ansehen. Ich sag dir, ich hab sie gelesen, weil ich es mußte, und mir ist es kalt über den Rücken gelaufen. Mir war danach, zur Messe zu gehen, und wann hast du mich das je sagen hören?« Sein Gesicht war angespannt.

So etwas hatte ich noch nie von ihm gehört, und deshalb war ich betroffen. Lucy hatte schwere Zeiten hinter sich, in denen ich mich ernsthaft um sie geängstigt hatte. Sie war selbstzerstörerisch und labil gewesen.

»Ich habe nicht das Recht, sie zu behüten«, sagte ich, als sie ins Wohnzimmer zurückkam.

»Hoffentlich redet ihr nicht über mich« sagte sie und reichte Marino die Aktentasche.

»Ja, doch, wir haben von dir geredet«, sagte er, »weil ich der Meinung bin, du solltest da nicht reinschauen.«

Der Verschluß schnappte auf.

»Es ist euer Fall.« Ihr Blick war ruhig, als sie sich mir zuwandte. »Er interessiert mich, und ich möchte helfen, wenn ich kann, selbst wenn es nur ein ganz geringer Beitrag ist. Aber ich gehe aus dem Zimmer, wenn ihr wollt.«

Seltsamerweise war dies eine der schwersten Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, denn wenn ich ihr Einblick in Ermittlungsunterlagen gestattete, vor denen ich sie eigentlich schützen wollte, bedeutete dies eine Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenz. Während der Wind an den Fenstern rüttelte und ums Dach heulte, ein Geräusch wie von verzweifelten Geistern, rückte ich auf der Couch ein Stück zur Seite.

»Du kannst dich neben mich setzen, Lucy«, sagte ich. »Wir schauen es uns zusammen an.«

Die Bibel der Neuen Zionisten hieß in Wirklichkeit Book of Hand, denn ihr Verfasser war von Gott inspiriert und hatte das Buch bescheiden nach sich selbst benannt. Es war in Renaissance auf Dünndruckpapier gesetzt, in geprägtes Leder gebunden, das abgenutzt und fleckig war und auf dem ein mir unbekannter Name eingetragen war. Über eine Stunde lehnte Lucy sich an mich, und wir lasen, während Marino herumtigerte, noch mehr Holz heranschaffte und rauchte. Seine Unruhe war so spürbar wie der flackernde Feuerschein.

Wie in der Heiligen Bibel war ein Großteil der Aussage des Werks in Parabeln, Prophezeiungen und Sprichwörter gefaßt, was den Text bildhaft und menschlich machte. Das war einer der vielen Gründe, warum das Lesen so schwerfiel. Die Seiten waren mit Menschen und Metaphern bevölkert, die an tiefere Bewußtseinsschichten drangen. Das Hand-Buch, wie wir es in diesen ersten Stunden des neuen Jahres einfach nannten, führte in prägnanten Details die Kunst des Tötens, des Verstümmelns, der Einschüchterung, der Gehirnwäsche und der Folter vor. Der ausführliche Abschnitt über die Notwendigkeit von Pogromen, sogar mit Illustrationen, ließ mich erschauern.

Mich erinnerte die Brutalität an die Inquisition, und es wurde sogar erklärt, daß die Neuen Zionisten hier auf Erden seien, um gewissermaßen eine neue Inquisition ins Leben zu rufen.

»Wir leben in einer Zeit, in der die Missetäter aus unserer Mitte getilgt werden müssen«, hatte Hand geschrieben, »und wenn wir das tun, müssen wir laut und auffällig wie Zimbeln sein. Wir müssen ihr minderwertiges Blut kühl auf unserer blanken Haut spüren, wenn wir uns an ihrer Vernichtung weiden. Wir müssen dem Einen in die Herrlichkeit folgen und sogar in den Tod.«

Ich las von Ruin und Runen und überflog merkwürdige Passagen, die sich mit Brennelementen und Benzin beschäftigten, welche dazu benutzt werden könnten, das Gleichgewicht im Land zu stören. Nach Beendigung der Lektüre schien eine schreckliche Finsternis mich und das ganze Haus eingehüllt zu haben. Ich fühlte mich besudelt und krank von der Vorstellung, daß es Menschen in unserer Mitte gab, die so denken mochten.

Schließlich begann Lucy zu sprechen, denn unser Schweigen hatte mehr als eine Stunde gedauert. »Da wird von dem Einem und ihrer Treue zu ihm gesprochen«, sagte sie. »Ist das eine Person oder so etwas wie eine Gottheit?«

»Es ist Hand, der sich verdammt noch mal wahrscheinlich für Jesus Christus hält«, sagte Marino, während er Champagner nachschenkte. »Weißt du noch, wie wir ihn vor Gericht gesehen haben?« Er schaute zu mir.

»Das vergesse ich so schnell nicht mehr«, sagte ich.

»Er ist mit seinem Anhang hereingekommen, darunter ein Anwalt aus Washington mit einer großen goldenen Taschenuhr und einem Stock mit versilbertem Knauf«, berichtete er Lucy. »Hand trägt einen modischen Designeranzug, und er hat langes blondes Haar, zu einem Pferdeschwanz gebunden, und Frauen warten vor dem Gerichtsgebäude, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, als wäre er Michael Bolton oder sonst wer, wenn du das in deinen Kopf kriegst.«

»Weswegen stand er vor Gericht?« Lucy sah mich an. »Er hat Antrag auf Herausgabe von Akten gestellt, was der Staatsanwalt ablehnte, und so kam die Geschichte vor Gericht.«

»Was hat er gewollt?« fragte sie.

»In erster Linie hat er versucht, mich zur Herausgabe von Kopien des Totenscheins von Senator Len Cooper zu zwingen«, sagte ich.

»Warum?«

»Er hat behauptet, der verstorbene Senator sei von politischen Feinden vergiftet worden. Tatsächlich ist Cooper an einer akuten Blutung eines Gehirntumors gestorben. Das Gericht hat Hands Antrag abgelehnt.«

»Ich schätze, Joel Hand mag dich nicht besonders«, sagte sie.

»Wahrscheinlich nicht.« Ich schaute auf das Buch auf dem Teetisch und fragte Marino: »Dieser Name auf dem Einband. Weißt du, wer Dwain Shapiro ist?«

»Darauf wollte ich gerade kommen«, sagte er. »Alles, was wir dem Computer haben entlocken können, ist, daß er in der Siedlung der Neuen Zionisten in Suffolk gelebt hat, aber letzten Herbst abgehauen ist. Etwa einen Monat später ist er bei einem Autoüberfall in Maryland umgekommen.«

Wir schwiegen eine Weile, und die dunklen Fenster des Landhauses kamen mir wie große, viereckige Augen vor. Dann fragte ich: »Irgendwelche Verdächtigen oder Zeugen?«

»Keine bekannt.«

»Wie ist Eddings an Shapiros Bibel gekommen?« sagte Lucy.

»Das ist offensichtlich die Zwanzigtausend-Dollar-Frage«, erwiderte Marino. »Vielleicht hat Eddings irgendwann mit ihm oder mit seinen Angehörigen gesprochen. Das hier ist nicht irgendeine Kopie, und es heißt auch gleich am Anfang, daß keiner sein Buch jemals aus der Hand geben soll. Und wenn einer mit dem Buch eines anderen erwischt wird, kann er sein Testament machen.«

»Das ist ziemlich genau das, was Eddings passiert ist«, sagte Lucy. Ich wollte das Buch nicht in der Nähe haben und wünschte, ich hätte es ins Feuer werfen können. »Ich mag das nicht«, sagte ich. »Mir gefällt das ganz und gar nicht.«

Lucy schaute mich seltsam an. »Du wirst mir doch nicht abergläubisch, oder?«

»Diese Leute sind im Pakt mit dem Bösen«, sagte ich. »Und ich bin mir bewußt, daß es das Böse in der Welt gibt, und das sollte man nicht zu leicht nehmen. Wo genau in Eddings’ Haus hast du dieses scheußliche Buch gefunden?« fragte ich Marino.

»Unter seinem Bett«, sagte er.

»Im Ernst?«

»Ich bin völlig ernst.«

»Und es steht fest, daß Eddings allein gelebt hat?« fragte ich.

»Sieht so aus.«

»Und was ist mit der Familie?«

»Vater tot, ein Bruder ist in Maine, und die Mutter lebt in Richmond. Sogar ganz in der Nähe deines Hauses.«

»Hast du mit ihr gesprochen?« fragte ich.

»Ich habe kurz bei ihr vorbeigeschaut und ihr die traurige Nachricht überbracht und gefragt, ob wir das Haus ihres Sohnes gründlicher durchsuchen dürfen, was wir morgen auch tun werden.« Er blickte auf die Uhr. »Oder besser gesagt, heute.«

Lucy stand auf und ging zum Kamin. Sie stützte einen Ellbogen aufs Knie und legte das Kinn in die Hand. Hinter ihr glühten die Scheite in einem tiefen Aschenbett.

»Woher weißt du, daß diese Bibel ursprünglich von den Neuen Zionisten kam?« sagte sie. »Mir scheint, du weißt nur, daß sie von Shapiro kam, und wie können wir sicher sein, wo er sie her hatte?«

Marino sagte: »Shapiro war bis vor drei Monaten ein Neuer Zionist. Ich habe gehört, daß Hand nicht gerade Verständnis dafür hat, wenn Leute ihn verlassen wollen. Ich frage dich nur eines. Wie viele ehemalige Neue Zionisten kennst du?«

Lucy konnte es nicht sagen. Und ich genausowenig.

»Er hat seit mindestens zehn Jahren seine Jünger. Und nie hören wir etwas davon, daß einer ihn verläßt?« fuhr er fort. »Wie zum Teufel sollen wir wissen, wen er alles auf seiner Farm beerdigt hat?«

»Wie kommt es, daß ich nie etwas von ihm gehört habe?« wollte sie wissen.

Marino stand auf, um uns Champagner nachzuschenken.

Er sagte: »Weil sie am MIT und an der UVA keine Vorlesungen über ihn halten.«

Kapitel 5

Im Morgengrauen blickte ich vom Bett aus auf Mants hinteres Grundstück. Es lag hoher Schnee, und hinter der Düne warf die aufgehende Sonne ihren Glanz auf das Meer. Ich schloß noch einmal die Augen und dachte an Benton Wesley. Ich fragte mich, was er über meinen derzeitigen Aufenthaltsort sagen würde und was wir einander zu sagen hätten, wenn wir uns später am Tag trafen. Wir hatten seit der zweiten Dezemberwoche nicht mehr miteinander gesprochen, als wir beschlossen hatten, daß wir unsere Beziehung beenden mußten.

Ich drehte mich auf die Seite und zog mir die Decke über die Ohren, als ich leise Schritte hörte. Dann spürte ich, wie Lucy sich auf die Bettkante setzte.

»Guten Morgen, liebste Nichte auf der Welt«, murmelte ich. »Ich bin deine einzige Nichte auf der Welt.« Sie sagte, was sie immer sagte. »Und wie hast du gewußt, daß ich es bin?«

»Gut, daß du es bist. Allen anderen könnte es übel ergehen.«

»Ich habe dir Kaffee gebracht«, sagte sie. »Du bist ein Engel.«

»Das sagen alle.«

»Ich wollte nur nett sein.« Ich gähnte.

Sie beugte sich zu mir, um mich in den Arm zu nehmen, und ich roch die englische Seife, die ich in ihr Badezimmer gelegt hatte. Ich spürte Lucys Stärke und Spannkraft und fühlte mich alt. »Wenn ich dich sehe, fühle ich mich ganz scheußlich.« Ich drehte mich auf den Rücken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

»Warum sagst du so etwas?« Sie trug einen meiner weiten Flanellpyjamas und sah verdutzt drein.

»Weil ich glaube, daß ich nicht mal mehr die Yellow Brick Road ’ schaffen würde.« Das war der Hinderniskurs in Quantico.

»Ich habe noch nie gehört, daß jemand sie leicht genannt hätte.«

»Für dich ist sie es aber.«

Sie zögerte. »Na ja, inzwischen schon. Aber du mußt ja nicht beim HRT Dienst schieben.«

»Dafür bin ich dankbar.«

Sie schwieg kurz und fügte dann mit einem Seufzer hinzu: »Weißt du, zuerst war ich sauer, als die Academy beschlossen hat, mich für einen Monat wieder auf die UVA zu schicken. Aber schließlich könnte es eine Erholung sein. Ich kann im Labor arbeiten, Fahrrad fahren und auf dem Campus joggen — wie ein normaler Mensch.«

Lucy war kein normaler Mensch und würde es nie sein. Ich hatte irgendwann beschlossen, daß Individuen mit einem IQ der so hoch war wie ihrer, sich leider in vieler Hinsicht genauso sehr von anderen unterschieden wie geistig Behinderte. Sie sah aus dem Fenster, und der Schnee wurde hell. Ihr Haar leuchtete im scheuen Morgenlicht rosagold, und ich war erstaunt, daß eine so schöne Person mit mir verwandt sein konnte.

»Es mag eine Befreiung sein, gerade jetzt nicht in Quantico zu sein.« Sie hielt inne, ihr Gesicht war sehr ernst, als sie sich mir wieder zuwandte. »Tante Kay, da ist etwas, das ich dir sagen muß. Ich bin nicht sicher, ob du das wirklich gern hören willst. Oder vielleicht wäre es für dich leichter, wenn du es nicht hörst. Ich hätte es dir gestern gesagt, wenn Marino nicht dagewesen wäre.«

»Ich höre.« Sofort fühlte ich mich angespannt.

Sie schwieg wieder kurz. »Besonders, da du Wesley heute triffst, glaube ich, du mußt es wissen. Es geht das Gerücht im FBI, daß er und Connie sich getrennt haben.«

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. »Ob es stimmt, kann ich freilich nicht sagen«, fuhr sie fort. »Aber ich habe so einiges gehört. Und etwas davon betrifft auch dich.«

»Warum sollten irgendwelche Gerüchte mich betreffen?« sagte ich ein wenig zu rasch.

»Ach, komm.« Unsere Blicke begegneten sich. »Es hat schon Vermutungen gegeben, seit du angefangen hast, so viele Fälle mit ihm zu bearbeiten. Einige Agenten denken, daß du nur deshalb zugestimmt hast, als Beraterin tätig zu sein. Damit du bei ihm sein, mit ihm reisen konntest, weißt du.«

»Das ist ganz offensichtlich die Unwahrheit«, sagte ich erbost, während ich mich aufsetzte. »Ich habe zugesagt, als beratende forensische Pathologin zu arbeiten, weil der Direktor Benton gefragt hat, der mich wiederum gebeten hat, nicht umgekehrt. Ich assistiere bei Fällen, ich tue dem FBI einen Gefallen, und…«

»Tante Kay«, unterbrach sie mich. »Du brauchst dich nicht zu verteidigen.«

Aber ich wollte mich nicht besänftigen lassen. »Das ist absolut ungeheuerlich, wenn das jemand sagt. Ich habe nie zugelassen, daß eine Freundschaft meine berufliche Integrität beeinträchtigt.«

Lucy blieb still, sprach dann aber wieder. »Wir reden hier nicht von bloßer Freundschaft.«

»Benton und ich sind sehr gute Freunde.«

»Ihr seid mehr als befreundet.«

»Im Augenblick nicht. Und das geht dich auch nichts an.«

Sie stand ungeduldig vom Bett auf. »Du hast kein Recht, auf mich böse zu werden.«

Sie schaute mich an, aber ich konnte nicht sprechen, weil ich den Tränen nahe war.

»Ich habe doch nichts anderes getan, als dir zu erzählen, was ich gehört habe, damit du es nicht am Ende von jemand anderem hörst«, sagte sie.

Ich sagte immer noch nichts, und sie wollte gehen.

Ich griff nach ihrer Hand. »Ich bin nicht böse auf dich. Bitte versuch zu verstehen. Ich kann es nicht verhindern, daß ich darauf reagiere, wenn ich so etwas höre. Ich bin mir sicher, dir ginge es genauso.«

Sie entzog sich mir. »Wie kommst du darauf, daß ich nicht reagiert habe, als ich es hörte?«

Ich sah frustriert zu, wie sie aus dem Zimmer stolzierte, und hielt sie für den schwierigsten Menschen, den ich kannte. Unser ganzes Leben lang hatten wir miteinander gekämpft. Sie gab nie nach, bis ich nicht so lange gelitten hatte, wie sie es für richtig hielt, und sie mitbekam, wie sehr sie mir am Herzen lag. Es war so unfair, sagte ich mir, als ich meine Füße auf den Boden setzte.

Ich fuhr mir mit den Fingern durchs Haar, während ich mich innerlich rüstete, aufzustehen und mich dem Tag zu stellen. Etwas lag mir schwer auf dem Gemüt, dunkle Schatten von Träumen, die sich zwar schon wieder verflüchtigt hatten, aber von meinem Gefühl her sonderbar gewesen waren. Sie handelten von Wasser und grausamen Leuten, und ich hatte nichts ausrichten können und war verängstigt gewesen. Ich ging ins Badezimmer, duschte, griff mir einen Bademantel vom Haken und zog meine Hausschuhe an. Marino und meine Nichte saßen bereits angezogen in der Küche, als ich schließlich auftauchte. »Guten Morgen«, verkündete ich, als hätte ich Lucy heute noch nicht gesehen.

»Der Morgen hat schon gut angefangen.« Marino sah aus, als wäre er die ganze Nacht aufgewesen und fühlte sich nun abscheulich.

Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich zu ihnen an den Frühstückstisch. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, der Schnee schien Feuer zu fangen.

»Stimmt etwas nicht?« fragte ich; meine Nervenanspannung stieg.

»Erinnerst du dich an die Spuren draußen an der Mauer letzte Nacht?« Sein Gesicht war glühend rot.

»Natürlich.«

»Nun, jetzt haben wir noch ein paar mehr.« Er stellte seine Kaffeetasse ab. »Bloß sind sie diesmal bei unseren Autos und stammen von gewöhnlichen Stiefeln mit Vibram-Profil. Und rate mal, Doc?« fragte er, als mir bereits eine bange Ahnung kam. »Wir drei fahren heute nirgendwohin, ehe nicht ein Abschleppwagen kommt.«

Ich schwieg.

»Jemand hat unsere Reifen aufgeschlitzt.« Lucys Miene war versteinert. »Jeden einzelnen verdammten Reifen. Mit irgendeiner breiten Klinge, wie es aussieht. Ein großes Messer oder eine Machete vielleicht.«

»Die Moral von der Geschichte ist, daß todsicher kein irregeleiteter Nachbar oder nächtlicher Taucher auf dem Grundstück hier war«, fuhr er fort. »Ich glaube, hier hat jemand einen Auftrag. Und nachdem wir ihn verscheucht haben, ist er oder jemand anderes zurückgekommen.«

Ich holte mir Kaffee. »Wie lange wird es dauern, unsere Autos in Ordnung bringen zu lassen?«

»Heute?« sagte er. »Ich glaube nicht, daß jemand eure Karren heute repariert.«

»Es muß gehen«, meinte ich nüchtern. »Wir müssen von hier weg, Marino. Wir müssen zu Eddings’ Haus. Und gerade jetzt scheint es in diesem Haus hier nicht besonders sicher zu sein.«

»Das nenne ich eine treffende Einschätzung«, sagte Lucy. Ich trat dicht an das Fenster über der Spüle und konnte deutlich unsere Wagen sehen; die Reifen sahen wie schwarze Pfützen im Schnee aus.

»Sie sind an der Seite und nicht am Profil aufgeschlitzt und können nicht geflickt werden«, sagte Marino.

»Also, was sollen wir dann tun?« fragte ich.

»Richmond hat ein Hilfsabkommen auf Gegenseitigkeit mit anderen Polizeidezernaten, und ich habe bereits mit Virginia Beach gesprochen. Sie sind unterwegs.«

Sein Wagen brauchte Polizeireifen und -felgen, während Lucys und mein Auto Goodyears und Michelins benötigten, weil wir, im Gegensatz zu Marino, mit unseren Privatwagen hier waren. Ich führte ihm das alles vor Augen.

»Es ist schon ein Abschleppwagen für euch unterwegs«, sagte er, als ich mich wieder hinsetzte. »Irgendwann in den nächsten paar Stunden werden sie deinen Benz und Lucys Scheißkiste aufladen und sie zum Bell Tire Service am Virginia Beach Boulevard karren.«

»Das ist keine Scheißkiste«, sagte Lucy.

»Warum zum Teufel hast du so ein Ding gekauft, das die Farbe von Papageienscheiße hat? Kommen da deine Miami-Wurzeln zum Vorschein, oder was?«

»Nein, da kommt mein Budget zum Vorschein. Ich hab das Ding für neunhundert Dollar bekommen.«

»Was machen wir in der Zwischenzeit?« fragte ich. »Du weißt, sie werden es nicht eilig haben. Es ist Neujahr.«

»Da hast du recht«, sagte er. »Und ganz einfach, Doc. Wenn du nach Richmond willst, fährst du mit mir.«

»Fein.« Ich wollte mich nicht mit ihm streiten. »Dann erledigen wir mal soviel wie möglich, damit wir aufbrechen können.«

»Dann fang mit dem Packen an«, sagte er zu mir. »Meiner Meinung nach solltest du hier gleich endgültig das Feld räumen.«

»Ich habe keine andere Wahl, als hierzubleiben, bis Dr. Mant aus London zurückkehrt.«

Doch ich packte, als käme ich in diesem Leben nicht wieder in sein Haus. Dann führten wir die forensische Untersuchung durch, so gut es uns möglich war, denn das Aufschlitzen von Reifen war ein Vergehen, und wir wußten, daß die örtliche Polizei unseren Fall nicht allzu begeistert bearbeiten würde. Da wir für das Abnehmen von Abgüssen nicht ausgerüstet waren, machten wir einfach maßstabsgerechte Fotos von den Fußspuren um unsere Autos, obwohl ich den Verdacht hatte, im besten Fall ließe sich daraus nur schließen, daß der Verdächtige groß war und einen handelsüblichen Stiefel oder Schuh mit einem Vibram-Zeichen im Spann der profilstarken Sohle trug.

Als am späten Vormittag ein jugendlicher Polizist namens Sanders und ein roter Abschleppwagen eintrafen, nahm ich zwei ruinierte Gürtelreifen und schloß sie in den Kofferraum von Marinos Wagen. Eine Zeitlang sah ich den Männern in Arbeitsoveralls und Daunenjacken zu, die in verblüffendem Tempo Seilwinden abspulten, während die Vorderfront des Ford hoch in die Luft gehoben wurde, als würde Marinos Auto gleich losfliegen. Officer Sanders von der Virginia Beach-Polizei fragte mich, ob meine Stellung als Chief Medical Examiner etwas damit zu tun haben könne, was unseren Fahrzeugen angetan worden war. Ich sagte ihm, daß ich das nicht glaubte.

»Hier wohnt mein Stellvertreter«, erklärte ich. »Dr. Philip Mant. Er ist für etwa einen Monat in London. Ich vertrete ihn nur.«

»Und es weiß niemand, daß Sie hier sind?« fragte Sanders, der nicht auf den Kopf gefallen war.

»Sicher wissen das einige Leute. Ich hab seine Anrufe entgegengenommen.«

»Also meinen Sie nicht, daß dies mit Ihrer Person oder Ihrer Tätigkeit zu tun hat, Ma’am.« Er machte sich Notizen.

»Momentan habe ich keinen Beweis für eine solche Verbindung«, erwiderte ich. »Tatsächlich können wir noch gar nicht sagen, ob der Täter nicht einfach ein Jugendlicher war, der in der Silvesternacht Dampf abgelassen hat.«

Sanders schaute immer wieder zu Lucy, die neben unseren Autos mit Marino sprach. »Wer ist sie?« fragte er.

»Meine Nichte. Sie ist beim FBI«, antwortete ich und buchstabierte ihren Namen.

Während er mit ihr sprach, machte ich einen letzten Ausflug ins Haus. Die Luft war vom Sonnenlicht erwärmt, das durch die Scheiben blitzte, die Möbel fahl erscheinen ließ, und ich konnte immer noch den Knoblauch von unserem nächtlichen Mahl riechen. In meinem Schlafzimmer schaute ich mich noch einmal um, öffnete Schubladen und kramte in den im Schrank hängenden Kleidern herum. Die Entzauberung betrübte mich. Anfangs hatte ich gedacht, mir würde es hier gefallen.

Ich überprüfte das Zimmer am Ende des Flurs, wo Lucy geschlafen hatte, ging dann weiter ins Wohnzimmer, wo wir bis in den frühen Morgen gesessen und das Book of Hand gelesen hatten. Die Erinnerung daran verstörte mich wie mein Traum, und ich bekam eine Gänsehaut auf den Armen. Die Angst steckte mir in den Knochen, und auf einmal konnte ich keinen Augenblick länger in der schlichten Wohnung meines Kollegen bleiben. Ich rannte zu der abgeschirmten Veranda und durch die Hintertür in den Garten. Im Sonnenlicht fühlte ich mich wieder sicher, und als ich zum Meer blickte, weckte die Mauer nochmals mein Interesse.

Der Schnee drang mir bis an die Stiefelschäfte, als ich darauf zuging. Die Fußabdrücke waren verschwunden. Der Eindringling, dessen Taschenlampe Lucy gesehen hatte, war über die Mauer geklettert und dann schnell abgehauen. Aber er mußte später wieder aufgetaucht sein, oder vielleicht war es auch ein anderer, weil die Spuren um unsere Autos eindeutig erst entstanden waren, nachdem es aufgehört hatte zu schneien, und sie stammten nicht von Taucherstiefeln oder Surferschuhen. Ich schaute über die Mauer zu dem breiten Strand hinter der Düne. Schnee war wie Zuckerwatte aufgehäuft, daraus ragten Strandgräser wie zerzauste Federn. Das Wasser kräuselte sich dunkelblau, und ich sah keine Spur von einem Menschen, als mein Blick die Küste entlangstrich, so weit wie nur möglich.

Ich schaute lange Zeit so hinaus, völlig in Spekulationen und Sorgen versunken. Als ich mich zum Gehen wandte, bemerkte ich zu meinem Schreck Detective Roche so dicht hinter mir, daß er mich hätte packen können.

»Mein Gott«, entfuhr es mir. »Schleichen sie sich nie wieder so an mich heran.«

»Ich bin in ihren Spuren gelaufen. Deswegen haben Sie mich nicht gehört.« Er hatte einen Kaugummi im Mund und die Hände in den Taschen seines Ledermantels. »Ich bin gut darin, leise zu sein, wenn ich es darauf anlege.«

Ich starrte ihn an, während meine Abneigung gegen ihn neue Dimensionen erreichte. Er trug eine dunkle Hose und Stiefel, und ich konnte seine Augen hinter der Pilotenbrille nicht sehen. Aber das machte nichts. Ich wußte, was Detective Roche im Sinn hatte. Diesen Typ kannte ich gut.

»Ich habe von dem Vandalismus gehört und bin hergekommen, um zu schauen, ob ich helfen kann«, sagte er.

»Mir war nicht bewußt, daß ich die Polizei von Chesapeake gerufen hatte«, erwiderte ich.

»Virginia Beach und Chesapeake haben eine Leitung zur gegenseitigen Unterstützung, und so habe ich von Ihrem Problem erfahren«, sagte er. »Ich muß gestehen, das erste, was mir in den Sinn kam, war, daß es eine Verbindung geben könnte.«

»Was für eine Verbindung?«

»Zu unserem Fall.« Er trat dichter heran. »Sieht aus, als hätte jemand wirklich ein Ding mit ihren Autos gedreht. Klingt wie eine Warnung. Wissen Sie, als würden Sie Ihre Nase in irgend etwas reinstecken, wo sie nach Meinung eines anderen nicht hingehört.«

Mein Blick wanderte zu seinen Füßen, zu seinen Gore-Tex-Schnürstiefeln aus leberbraunem Leder, und ich sah die Abdrücke, die sie im Schnee hinterlassen hatten. Roche hatte große Füße und Hände und trug Vibram-Sohlen. Ich blickte wieder in ein Gesicht, das hübsch gewesen wäre, wenn der Geist dahinter nicht so klein und gemein gewesen wäre. Ich sagte eine Weile kein Wort, aber dann wurde ich sehr direkt.

»Sie klingen ganz wie Captain Green. Darum sagen Sie mir, bedrohen Sie mich auch?«

»Ich gebe nur eine Beobachtung weiter.«

Er trat noch dichter an mich heran, und nun stand ich mit dem Rücken zur Mauer. Der darauf angehäufte schmelzende Schnee tropfte mir in den Mantelkragen, während mein Blut heiß aufwallte.

»Übrigens«, fuhr er fort, sich noch dichter herandrückend, »was gibt’s Neues in unserem Fall?«

»Bitte treten Sie einen Schritt zurück«, sagte ich zu ihm. »Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob Sie mir alles erzählen. Ich glaube, Sie haben eine sehr klare Vorstellung, was mit Ted Eddings passiert ist, und halten Informationen zurück.«

»Wir werden jetzt weder diesen noch irgendeinen anderen Fall diskutieren«, sagte ich.

»Sehen Sie? Da stehe ich aber gar nicht gut da, denn ich muß auch Leuten Rechenschaft ablegen.« Ich konnte es nicht fassen, als er mir eine Hand auf die Schulter legte und hinzufügte: »Ich weiß, Sie möchten mir keine Schwierigkeiten machen.«

»Fassen Sie mich nicht an«, warnte ich ihn. »Treiben Sie es nicht zu weit.«

»Ich glaube, Sie und ich müssen uns einmal zusammensetzen, damit wir unser Kommunikationsproblem überwinden.« Er ließ seine Hand, wo sie war. »Vielleicht können wir uns an einem ruhigen, gemütlichen Plätzchen mal ein Abendessen gönnen. Mögen Sie Meeresfrüchte? Ich kenne ein wirklich intimes Lokal am Sund.«

Ich schwieg, während ich mich fragte, ob ich ihm die Finger in die Luftröhre rammen sollte.

»Seien Sie nicht schüchtern. Vertrauen Sie mir. Es ist schon in Ordnung. Das ist nicht die Hauptstadt der Konföderierten mit all diesen versnobten, abgetakelten Alten, wie ihr sie in Richmond habt. Unsere Devise ist leben und leben lassen. Wissen Sie, was ich meine?«

Ich versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er packte mich am Arm.

»Ich rede mit Ihnen.« Er klang allmählich verärgert. »Sie gehen nicht einfach weg, wenn ich mit Ihnen rede.«

»Lassen Sie mich los«, verlangte ich.

Ich versuchte, mich loszureißen, aber er war überraschend stark.

»Egal, wie viele schicke Titel Sie haben, Sie sind mir nicht gewachsen«, sagte er. Sein Atem roch nach Kaugummi.

Ich starrte in seine Ray-Ban-Gläser.

»Nehmen Sie jetzt sofort die Hände von mir«, sagte ich mit lauter, harter Stimme. »Sofort!« rief ich aus, als würde ich ihn augenblicklich töten.

Roche ließ mich plötzlich los, und ich stiefelte zielstrebig durch den Schnee, während mein Herz raste. Als ich vor dem Haus ankam, blieb ich atemlos und benommen stehen.

»Im Garten hinten sind Fußabdrücke, die fotografiert werden sollten«, sagte ich. »Detective Roches Fußabdrücke. Er ist gerade dahinten gewesen. Und ich möchte meine ganzen Habseligkeiten aus dem Haus haben.«

»Was zum Teufel soll das heißen, er war gerade dahinten?« sagte Marino.

»Wir hatten eine Unterredung.«

»Wie zum Teufel ist er dorthin gekommen, ohne daß wir ihn gesehen haben?«

Ich ließ meinen Blick über die Straße schweifen und sah kein Auto, das Roche gehören könnte. »Ich weiß nicht, wie er dahingekommen ist«, sagte ich. »Ich schätze, er ist über ein anderes Grundstück gegangen. Oder vielleicht ist er vom Strand hoch gekommen.«

Lucy wußte nicht, was sie denken sollte, als sie mich ansah. »Du wirst nicht mehr hierherkommen?« fragte sie mich. »Überhaupt nicht mehr?«

»Nein«, sagte ich, »ich komme nicht mehr hierher, wenn es nach mir geht.«

Sie half mir beim Packen meiner restlichen Sachen, und ich berichtete von dem eben Geschehenen erst, als wir in Marinos Auto schnell über die 64 West nach Richmond fuhren.

»Scheiße«, rief er. »Der verdammte Bastard hat sich an dir vergriffen. Verflucht noch mal. Warum hast du nicht geschrien?«

»Ich glaube, er sollte mich auf Geheiß eines anderen belästigen«, sagte ich.

»Ist mir doch egal, was er sollte. Er hat sich trotzdem an dir vergriffen. Du solltest einen Haftbefehl erwirken.«

»Jemanden zu belästigen ist nicht gegen das Gesetz«, sagte ich.

»Er hat dich begrabscht.«

»Und deshalb soll ich ihn verhaften lassen, weil er mich am Arm gegrabscht hat?«

»Er hätte überhaupt nichts angrabschen sollen.« Er fuhr aggressiv. »Du hast ihm gesagt, er soll dich loslassen, und er hat’s nicht getan. Das ist Entführung. Und zumindest ist das ein einfacher Übergriff. Verdammt, das geht nicht mit rechten Dingen zu.«

»Du mußt ihn der Abteilung für interne Angelegenheiten melden«, sagte Lucy vom Vordersitz, wo sie am Frequenzsuchknopf herumfummelte, weil sie ihre Hände nicht stillhalten konnte. »He, Pete, das Rauschen darf nicht sein«, sagte sie zu ihm. »Und auf Kanal drei ist nichts zu hören. Das ist das dritte Revier, nicht wahr?«

»Was erwartest du denn, wenn ich so verteufelt nah an Williamsburg dran bin? Glaubst du, ich bin von der Staatspolizei?«

»Nein, aber wenn du mit einem von denen reden willst, kann ich das womöglich hinkriegen.«

»Ich bin sicher, du kannst hier sogar das verdammte Space Shuttle reinkriegen«, bemerkte er gereizt.

»Wenn du das kannst«, sagte ich zu ihr, »wie wär’s, wenn du mich da raufbeamst?«

Kapitel 6

Wir kamen um halb drei in Richmond an, und ein Mann vom Sicherheitsdienst ließ uns in das bewachte Viertel, in das ich erst vor kurzem gezogen war. Es hatte hier nicht geschneit, das war typisch für diese Ecke Virginias, und von den Bäumen tropfte es heftig, weil der Regen sich in der Nacht in Eis verwandelt hatte. Und nun waren die Temperaturen gestiegen.

Mein Haus lag etwas abseits der Straße auf einem Steilufer, von dem aus man auf eine felsige Biegung des James River blickte. Das baumbestandene Grundstück war von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben, durch dessen Gitterstäbe sich Nachbarskinder nicht hindurchzwängen konnten. Ich kannte keinen Menschen in meiner Umgebung und hatte auch nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.

Ich hatte die Probleme nicht vorausgesehen, als ich zum ersten Mal in meinem Leben daran dachte zu bauen, aber ob es nun das Schieferdach oder die Farbe meiner Haustür waren, jeder schien etwas daran auszusetzen zu haben. Als es schließlich soweit gekommen war, daß die frustrierten Anrufe meines Bauleiters mich im Leichenschauhaus störten, hatte ich der Anwohnervereinigung mit einem Prozeß gedroht. Natürlich waren die Einladungen zu Festen in dieser Gegend nicht gerade zahlreich.

»Ich bin sicher, deine Nachbarn werden sich freuen, daß du wieder zu Hause bist«, meinte meine Nichte trocken, als wir ausstiegen.

»Ich glaube nicht, daß sie mir noch viel Aufmerksamkeit widmen.« Ich kramte nach meinen Schlüsseln.

»Quatsch«, sagte Marino. »Du bist die einzige Person hier, die ihre Tage an Mordschauplätzen und mit dem Aufschneiden von Leichen zubringt. Wahrscheinlich schauen sie die ganze Zeit, wenn du daheim bist, aus ihren Fenstern. Was weiß ich, die Wächter rufen wahrscheinlich alle nacheinander an, um ihnen mitzuteilen, wenn du wieder im Anrollen bist.«

»Besten Dank«, sagte ich und schloß die Haustür auf. »Und ich war gerade dabei, mich hier ein bißchen mehr aufgehoben zu fühlen.«

Die Alarmanlage summte laut ihre Warnung, daß ich besser rasch die entsprechenden Tasten drückte, und ich blickte mich wie üblich um, weil mir mein Heim immer noch fremd vorkam. Ich fürchtete, das Dach wäre undicht, Putz würde herunterbröckeln oder etwas anderes versagen, und als alles in Ordnung war, empfand ich eine ungeheure Freude an dem, was ich erreicht hatte. Mein Haus war zweistöckig und sehr hell, mit Fenstern, die jedes Photon Licht einfingen. Das Wohnzimmer hatte eine Glasfront, die mir einen grandiosen Blick auf den James River bot, und spät am Tag konnte ich den Sonnenuntergang über den Bäumen am Flußufer beobachten.

Neben meinem Schlafzimmer war ein Büro, das mir endlich genügend Arbeitsraum bot, und ich schaute erst einmal nach, ob irgendwelche Faxe eingetroffen waren. Es lagen vier da.

»Irgendwas Wichtiges?« fragte Lucy, die mir gefolgt war, während Marino Kisten und Taschen holte.

»Sie sind alle für dich, von deiner Mutter.« Ich reichte sie ihr.

Sie runzelte die Stirn. »Warum sollte sie mir hierher faxen?«

»Ich habe ihr nie gesagt, daß ich kurzfristig nach Sandbridge ziehen würde. Du etwa?«

»Nein. Aber Großmutter sollte doch wissen, wo du bist, nicht?« sagte Lucy.

»Natürlich. Aber meine Mutter und deine kommen nicht immer miteinander klar.« Ich schaute auf das, was sie las. »Alles in Ordnung?«

»Sie ist komisch. Weißt du, ich habe ihr ihren Computer mit einem Modem und CD-ROM aufgerüstet und ihr gezeigt, wie man das benutzt. Mein Fehler. Jetzt hat sie andauernd Fragen. In jedem einzelnen dieser Faxe geht es um eine Computerfrage.« Sie ging irritiert die Seiten durch.

Ich verstand mich mit ihrer Mutter Dorothy auch nicht besonders gut. Sie war meine einzige Schwester, aber sie konnte sich nicht einmal dazu durchringen, ihrem einzigen Kind ein frohes Neues Jahr zu wünschen.

»Sie hat sie heute geschickt«, fuhr meine Nichte fort. »Es ist Feiertag, und sie schreibt wieder an einem ihrer dämlichen Kinderbücher.«

»Nur um der Gerechtigkeit willen«, sagte ich, »ihre Bücher sind nicht dämlich.«

»Ja ja, schon recht. Ich weiß nicht, wo sie ihre Recherchen angestellt hat, jedenfalls nicht da, wo ich aufgewachsen bin.«

»Ich wünschte mir, ihr würdet euch nicht so in den Haaren liegen.« Diesen Kommentar gab ich schon Lucys ganzes Leben lang von mir. »Eines Tage s wirst du dich mit ihr aussöhnen müssen. Spätestens, wenn sie stirbt.«

»Du denkst immer an den Tod.«

»Das tue ich, weil ich ihn kenne, und der Tod ist die andere Seite des Lebens. Du kannst ihn nicht ignorieren, genausowenig wie die Nacht. Du wirst mit Dorothy zurechtkommen müssen.«

»Nein, muß ich nicht.« Sie schwang meinen Ledersessel herum und setzte sich mir gegenüber. »Das hat keinen Sinn. Sie hat mich noch nie auch nur ein bißchen verstanden.«

Das stimmte vermutlich.

»Du kannst gern meinen Computer benutzen«, sagte ich.

»Es dauert nur eine Minute.«

»Marino holt uns um vier ab«, sagte ich.

»Ich wußte gar nicht, daß er weg ist.«

»Nur kurz.«

Tasten klapperten, als ich in mein Schlafzimmer ging und mit dem Auspacken und Planen begann. Ich brauchte einen Wagen und fragte mich, ob ich einen mieten sollte, und ich mußte die Kleider wechseln, wußte aber nicht, was ich anziehen sollte. Es grämte mich, daß ich bei dem Gedanken an Wesley immer noch in Verlegenheit geriet, was ich anziehen sollte, und als die Minuten verstrichen, bekam ich richtig Angst, ihn zu sehen.

Marino holte uns zur vereinbarten Zeit ab. Er hatte irgendwo eine Waschanlage gefunden, die offen hatte, und getankt. Wir fuhren die Monument Avenue Richtung Osten in das Viertel, das The Fan genannt wurde, wo Herrenhäuser historische Prachtstraßen anmutig säumten und Collegestudenten alte Häuser mit Leben erfüllten. Beim Denkmal für Robert E. Lee bog er in die Grace Street, wo Ted Eddings in einem weißen Duplex im spanischen Stil gewohnt hatte. Ein rotes Weihnachtsbanner hing über einer Holzveranda mit einer Schaukel. Leuchtgelbe Tatortabsperrungen gingen von Pfosten zu Pfosten, morbide Parodie einer weihnachtlichen Verpackung. In fetten schwarzen Buchstaben wurden Neugierige davor gewarnt, sich dem Haus zu nähern.

»Unter den gegebenen Umständen wollte ich keinen hier drin haben, und ich wußte nicht, wer noch einen Schlüssel hat«, erklärte Marino, als er die Haustür aufschloß. »Ich kann keinen naseweisen Vermieter brauchen, der sein verdammtes Inventar überprüfen will.«

Es war noch keine Spur von Wesley zu sehen, und ich kam schon zu dem Entschluß, daß er nicht auftauchen würde, als ich das Geräusch seines grauen BMW hörte. Er parkte am Straßenrand, und ich sah, wie die Antenne eingefahren wurde, als er den Motor abstellte.

»Doc, ich warte auf ihn, wenn du schon reingehen willst«, sagte Marino zu mir.

»Ich muß mit ihm reden.« Lucy kam die Treppe wieder herunter.

»Ich bin drinnen«, sagte ich, als würde ich Wesley nicht kennen, und streifte mir Baumwollhandschuhe über.

Ich betrat Eddings’ Flur, und seine Präsenz überwältigte mich, wohin ich auch blickte. Seine penible Art war zu spüren an dem minimalistischen Mobiliar, den indianischen Teppichen und polierten Böden, seine Wärme war zu ahnen angesichts der sonnig gelben Wände mit den gewagten Drucken. Feine Staubschichten hatten sich gebildet, die überall dort aufgewirbelt waren, wo die Polizei vor kurzem Schränke oder Schubladen geöffnet hatte. Begonien, Ficus, Kriechfeige und Alpenveilchen schienen den Verlust ihres Herrn zu betrauern, und ich schaute mich nach einer Gießkanne um. Als ich in der Wäschekammer eine fand, füllte ich sie und begann, die Pflanzen zu gießen, weil ich es für unsinnig hielt, sie sterben zu lassen. Ich hörte Benton Wesley nicht hereinkommen.

»Kay?« Seine Stimme war leise hinter mir.

Ich drehte mich um, und er bekam Besorgnis mit, die nicht ihm galt.

»Was machst du da?« Er sah zu, wie ich Wasser in einen Topf goß.

»Genau das, wonach es ausschaut.«

Er verstummte, sah mich aber weiter an.

»Ich kannte ihn, kannte Ted«, sagte ich. »Nicht besonders gut. Aber er war beliebt bei meinen Leuten. Er hat mich oft interviewt, und ich habe ihn respektiert… Also…« Ich verlor den Faden.

Wesley war dünn, wodurch seine Züge noch schärfer hervortraten. Sein Haar war mittlerweile völlig weiß, obwohl er nicht viel älter war als ich. Er sah müde aus, aber alle, die ich kannte, sahen müde aus, und die Trennung war ihm nicht ins Gesicht geschrieben. Er sah nicht elend aus, weil er nicht mehr mit seiner Frau oder mit mir zusammen war.

»Pete hat mir das mit euren Autos erzählt«, sagte er.

»Ziemlich unglaublich«, sagte ich, während ich weiter die Pflanzen goß.

»Und der Detective. Wie heißt er noch? Roche? Ich muß mit seinem Chef reden. Wir warten zwar immer, bis die anderen anrufen, aber sobald wir in Verbindung sind, werde ich etwas sagen.«

»Dazu brauche ich dich nicht.«

»Mir macht es garantiert nichts aus«, sagte er.

»Mir wäre lieber, du würdest nichts unternehmen.«

»Na gut.« Er hob ergeben die Hände und sah sich im Zimmer um. »Er hatte Geld und war viel unterwegs«, sagte er.

»Jemand hat sich um seine Pflanzen gekümmert«, erwiderte ich.

»Wie oft?« Er betrachtete sie.

»Um die Grünpflanzen mindestens einmal die Woche, um die blühenden jeden zweiten Tag. Hängt davon ab, wie warm es hier drin wird.«

»Und die hier sind eine Woche lang nicht gegossen worden?«

»Oder länger«, sagte ich.

Inzwischen waren Lucy und Marino ins Haus und den Flur entlang gekommen.

»Ich möchte mir die Küche ansehen«, fügte ich hinzu, als ich die Gießkanne hinstellte.

»Gute Idee.«

Die Küche war klein und sah aus, als wäre sie seit den Sechzigern nicht mehr renoviert worden. In den Schränken fand ich altes Geschirr und Dutzende von Büchsen, Thunfisch und Suppen, und kleine Snacks, Brezeln und so. Im Kühlschrank hatte Eddings hauptsächlich Bier. Mich aber interessierte eine einzelne Flasche Champagner, Louis Roederer Cristal, die mit einer großen roten Schleife versehen war.

»Was gefunden?« Wesley schaute unter die Spüle.

»Vielleicht.« Ich spähte immer noch in den Kühlschrank. »Die kostet dich in einem Restaurant etwa hundertfünfzig Dollar, vielleicht hundertzwanzig im Laden.«

»Wissen wir, wieviel dieser Kerl verdient hat?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich vermute, es war nicht gerade viel.«

»Da unten hat er eine Menge Schuhcreme und Reinigungsmittel, und das ist schon alles«, sagte Wesley und stand auf. Ich drehte die Flasche um und las das Preisschild auf dem Etikett. »Hundertdreißig Dollar, aber nicht hier gekauft. Soweit ich weiß, gibt es in Richmond keinen Weinladen mit dem Namen The Wine Merchant.«

»Vielleicht ein Geschenk. Würde die Schleife erklären.«

»Wie war’s mit D.C.?«

»Ich weiß nicht. Ich kaufe in letzter Zeit wenig Wein in D. C.«, sagte er.

Ich machte die Kühlschranktür zu, insgeheim erfreut, denn er und ich hatten immer gern Wein getrunken. Früher hatten wir uns gern einen guten Wein gegönnt, während wir eng nebeneinander auf der Couch oder im Bett saßen.

»Er hat nicht viel eingekauft«, sagte ich. »Es sieht nicht danach aus, als hätte er je hier gegessen.«

»Es sieht mir nicht einmal danach aus, als sei er überhaupt je hier gewesen«, meinte er.

Ich spürte seine Nähe, als er zu mir trat, und es war fast nicht auszuhalten. Sein Rasierwasser duftete immer dezent nach Zimt und Holz, und immer wenn ich es irgendwo roch, war ich einen kurzen Augenblick gebannt, so wie jetzt.

»Geht es dir gut?« fragte er in einem Ton, der nur für mich bestimmt war, als er im Türrahmen stehenblieb.

»Nein«, sagte ich. »Das ist alles ziemlich schrecklich.« Ich schloß eine Schranktür ein wenig zu energisch.

Er trat in den Flur. »Nun, wir müssen uns seine Finanzen sehr genau anschauen, um zu sehen, wo er das Geld für Restaurants und teuren Champagner her hatte.«

Die Unterlagen waren in seinem Büro, und die Polizei hatte sie noch nicht durchgesehen, weil es offiziell kein Verbrechen gegeben hatte. Ungeachtet meiner Vermutungen über Eddings’ Tod und der seltsamen Ereignisse im Gefolge, hatten wir im Augenblick, rechtlich gesehen, noch keinen Mordfall.

»Ist jemand schon an seinem Computer gewesen?« fragte Lucy, die den 486er auf seinem Schreibtisch ansah.

»Nee«, sagte Marino, der Akten in einem grünen Metallschrank durchging. »Einer der Leute hat gesagt, wir kämen nicht rein.«

Sie betätigte die Maus, und ein Paßwortfenster tauchte auf dem Bildschirm auf.

»Okay«, sagte sie. »Er hat ein Paßwort, was nichts Ungewöhnliches ist. Sonderbar ist aber, daß er keine Diskette in seinem Laufwerk hat. He, Pete? Habt ihr irgendwelche Disketten hier gefunden?«

»Ja, schon, da oben ist eine ganze Schachtel.« Er deutete auf ein Regal mit Büchern über den Bürgerkrieg und einer umfangreichen, in Leder gebundenen Enzyklopädie.

Lucy holte die Schachtel herunter und öffnete sie.

»Nein. Da sind Programmdisketten für WordPerfect.« Sie sah uns an. »Ich will damit bloß sagen, daß die meisten Leute ihre Texte nochmal abspeichern, vorausgesetzt, er hat zu Hause an etwas gearbeitet.«

Das konnte keiner sagen. Wir wußten nur, daß Eddings in dem AP-Büro in der Fourth Street angestellt war. Wir wußten nicht, was er zu Hause machte, bis Lucy seinen Computer neu startete, herumzauberte und irgendwie in die Programmdateien gelangte. Sie setzte den Bildschirmschoner außer Funktion und suchte dann in den WordPerfect-Ordnern herum, die alle leer waren. Eddings hatte keine einzige Datei.

»Scheiße«, sagte sie. »Das ist ziemlich bizarr, es sei denn, er hat seinen Computer nie benutzt.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte ich. »Selbst wenn er in der Innenstadt arbeitete, muß er doch zu Hause bestimmt ein Büro gehabt haben.«

Sie tippte noch etwas herum, während Marino und Wesley verschiedene Abrechnungen durchgingen, die Eddings ordentlich in einer Ablage in einer Schublade seines Aktenschranks aufbewahrt hatte.

»Ich hoffe bloß, er hat nicht sein ganzes Unterverzeichnis gelöscht«, sagte Lucy, die nun im Betriebssystem war. »Das kann ich ohne Backup nicht wiederherstellen, und er scheint kein Backup zu haben.«

Ich sah ihr zu, wie sie undelete*.* eintippte und die Enter-Taste drückte. Wie durch Zauber erschien eine Datei namens killdrug.old, und als sie dies bestätigte, folgte ein weiterer Name. Als sie fertig war, hatte sie sechsundzwanzig Dateien wiederhergestellt, während wir verblüfft zusahen.

»Das ist das Tolle an DOS 6«, sagte sie nur, als sie den Drucker startete.

»Können Sie sagen, wann sie gelöscht wurden?« fragte Wesley. »Zeit und Datum auf den Dateien sind alle gleich«, erwiderte sie. »Verdammt. 31. Dezember, zwischen ein Uhr eins und ein Uhr fünfunddreißig. Da ist er vermutlich doch schon tot gewesen.«

»Das hängt davon ab, wann er nach Chesapeake gefahren ist«, sagte ich. »Sein Boot ist erst um sechs Uhr entdeckt worden.«

»Übrigens ist die Uhr auf dem Computer richtig eingestellt. Also sollten diese Zeiten stimmen«, fügte sie hinzu.

»Würde es länger als eine halbe Stunde dauern, so viele Dateien zu löschen?« fragte ich. »Nein. Das ginge in Minuten.«

»Dann dürfte sie jemand gelesen haben, bevor er sie löschte«, sagte ich.

»Das machen viele Leute. Wir brauchen mehr Papier für den Drucker. Wartet, ich klaue mir was vom Faxgerät.«

»Wo wir gerade davon reden«, sagte ich, »können wir davon einen Sendebericht haben?«

»Sicher.«

Sie produzierte eine Liste mit bedeutungslosen Faxdiagnosen und Telefonnummern, die ich später überprüfen wollte. Aber zumindest wußten wir mit Sicherheit, daß um die Zeit, da Eddings starb, jemand in seinen Computer eingedrungen und jede einzelne Datei gelöscht hatte. Wer dafür verantwortlich war, konnte nicht schrecklich gewieft gewesen sein, erklärte Lucy, weil ein Computerexperte auch das Dateien-Unterverzeichnis entfernt hätte, so daß sie den Befehl zum Wiederherstellen nicht mehr hätte ausführen können.

»Das ergibt keinen Sinn«, sagte ich. »Ein Autor sichert seine Texte doch, und offensichtlich war er keinesfalls nachlässig. Was ist mit seinem Waffensafe?« fragte ich Marino. »Hast du dort Disketten gefunden?«

»Nee.«

»Wobei immer noch offen bleibt, ob nicht jemand da drangegangen oder überhaupt ins Haus gekommen ist«, sagte ich.

»Wenn ja, dann muß der Betreffende die Kombination des Safes und den Code für die Alarmanlage gekannt haben.«

»Sind die identisch?« fragte ich.

»Ja. Er verwendet für alles sein Geburtsdatum.«

»Und wie hast du das herausgefunden?«

»Seine Mutter«, sagte er.

»Wie sieht’s mit Schlüsseln aus?« sagte ich. »Bei der Leiche waren keine. Er muß welche gehabt haben, um seinen Transporter zu fahren.«

»Roche meinte, da wären keine«, sagte Marino, und ich fand das ebenfalls auffällig.

Wesley schaute sich den Ausdruck der wiederhergestellten Dateien an. »Das sieht alles nach Zeitungsartikeln aus«, sagte er.

»Veröffentlichten?« fragte ich.

»Einige davon sind wahrscheinlich veröffentlicht, weil sie ziemlich alt aussehen. Das Flugzeug, das auf das Weiße Haus gestürzt ist, zum Beispiel. Und Vince Fosters Selbstmord.«

»Vielleicht hat Eddings bloß aufgeräumt«, schlug Lucy vor.

»Oh, jetzt geht’s los.« Marino überprüfte einen Kontoauszug. »Am 10. Dezember wurden dreitausend Dollar auf sein Konto überwiesen.« Er öffnete einen weiteren Umschlag. »Im November das gleiche.«

Das traf auch für den Oktober und den Rest des Jahres zu, und aufgrund anderer Unterlagen mußte Eddings eindeutig ein zusätzliches Einkommen gehabt haben. Seine Hypothekenrate betrug tausend Dollar im Monat, seine monatlichen Kreditkartenabrechnungen waren teilweise genauso hoch, doch sein Jahresgehalt betrug knapp fünfundvierzigtausend Dollar.

»Scheiße. Mit dem ganzen zusätzlichen Geld hatte er beinahe achtzigtausend im Jahr«, sagte Marino. »Nicht übel.«

Wesley kam vom Drucker zu mir und gab mir wortlos eine Seite in die Hand.

»Der Nachruf auf Dwain Shapiro«, sagte er. »Washington Post vom 16. Oktober letzten Jahres.«

Der Artikel war kurz und berichtete schlicht, daß Shapiro Mechaniker bei einem Ford-Händler in Washington gewesen war und bei einem Autoüberfall erschossen wurde, als er spät in der Nacht von einer Bar heimfuhr. Seine Angehörigen lebten nicht in Virginia, und die Neuen Zionisten wurden nicht erwähnt.

»Das hat Eddings nicht geschrieben«, sagte ich. »Das war ein Reporter der Post.«

»Aber wie ist er dann an das Buch gekommen?« sagte Marino. »Und wie zum Teufel kam es unter sein Bett?«

»Vielleicht hat er darin gelesen«, antwortete ich einfach. »Und vielleicht wollte er nicht, daß jemand anderes, eine Haushälterin etwa, es sah.«

»Jetzt kommen Aufzeichnungen.« Lucy hing vor dem Bildschirm, öffnete eine Datei nach der anderen und gab den Druckbefehl ein. »Okay, jetzt kommen wir zu den interessanten Sachen. Verdammt.« Sie wurde immer aufgeregter, als weiterer Text erschien und der LaserJet summte und klickte. »Irre.« Sie hielt in ihrer Tätigkeit inne und drehte sich zu Wesley um. »Er hat all das Zeug über Nordkorea und, dahineingestreut, Infos über Joel Hand und die Neuen Zionisten.«

»Was ist mit Nordkorea?« Er las gerade einige Seiten durch, während Marino noch eine Schublade inspizierte.

»Die Probleme, die unsere Regierung vor einiger Zeit mit denen hatte, als die versucht haben, waffenfähiges Plutonium in einem ihrer Atomkraftwerke herzustellen.«

»Vermutlich ist Hand sehr interessiert an Fusion, Energie, so Sachen«, sagte ich. »Im Buch wird darauf Bezug genommen.«

»Okay«, sagte Wesley, »dann ist das vielleicht ein großer Bericht über ihn. Oder, besser gesagt, die Rohfassung einer großen Geschichte über ihn.«

»Warum sollte Eddings die Datei eines Artikels löschen, den er noch nicht beendet hat?« wollte ich wissen. »Und ist es Zufall, daß er das in der Nacht seines Todes getan hat?«

»Das könnte auf jemanden zutreffen, der Selbstmord begehen wollte«, sagte Wesley. »Und wir können nicht wirklich sicher sein, daß er das nicht getan hat.«

»Gut«, sagte Lucy. »Er löscht all seine Texte, damit nach seinem Ableben niemand etwas sieht, was er nicht sehen soll. Dann inszeniert er seinen Tod wie einen Unfall. Vielleicht war ihm sehr daran gelegen, daß die Leute nicht glauben, er habe Selbstmord begangen.«

»Eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit«, pflichtete Wesley ihr bei. »Er hätte in irgend etwas verwickelt sein können, wo er nicht mehr herauskam. Damit würden die monatlichen Überweisungen auf sein Konto einen Sinn ergeben. Oder er könnte unter Depressionen gelitten oder einen schweren persönlichen Verlust erlebt haben, von dem wir nichts wissen.«

»Ein anderer könnte doch die Dateien gelöscht und alle Speicherdisketten oder Ausdrucke mitgenommen haben«, sagte ich. »Die Person könnte es getan haben, nachdem Eddings bereits tot war.«

»Dann hatte diese Person einen Schlüssel, kannte die Codes und Kombinationen«, sagte er. »Und wußte, daß Eddings nicht daheim war und auch nicht nach Hause kommen würde.« Er sah mich an.

»Ja«, sagte ich.

»Das klingt ziemlich kompliziert.«

»Der Fall ist äußerst kompliziert«, sagte ich, »aber ich kann dir mit Sicherheit sagen, daß Eddings, wenn er unter Wasser mit Blausäuregas vergiftet worden ist, das nicht selbst zustande gebracht haben kann. Und ich möchte wissen, warum er so viele Waffen besaß. Ich möchte wissen, warum die, die er im Boot gehabt hat, eine Birdsong-Veredelung hatte und mit KTWs geladen war.«

Wesley sah mich wieder an, und es traf mich, daß er völlig ungerührt war. »Sicherlich ließen sich seine Survival-Neigungen als Anzeichen von Instabilität interpretieren«, sagte er.

»Oder Angst, ermordet zu werden«, sagte ich.

Dann gingen wir in sein Zimmer. In einem Gestell an der Wand waren Maschinengewehre, Pistolen und Revolver, und Munition befand sich in dem Browning-Safe, den die Polizei heute früh geöffnet hatte. Ted Eddings hatte ein kleines Schlafzimmer mit einer Bolzenpresse, einer Digitalwaage, einem Kapselschneider, einem Ladestock und allem anderen ausgestattet, was zur Versorgung mit Patronen notwendig war. Kupferhülsen und Zündhütchen lagerten in einer Schublade. Schießpulver war in einer alten Militärtruhe, und es schien, als wäre er in Laservisiere und Zielfernrohre vernarrt gewesen.

»Ich glaube, das zeigt eine abseitige Geistesverfassung.« Das sagte Lucy, als sie sich vor den Safe hockte und Waffenkisten aus Hartplastik öffnete. »Ich würde das alles mehr als nur ein bißchen paranoid nennen. Er muß gedacht haben, eine Armee sei im Anmarsch.«

»Paranoia ist ganz gesund, wenn wirklich jemand hinter dir her ist«, sagte ich.

»Also ich glaube allmählich, der Kerl war übergeschnappt«, erwiderte Marino.

Mich fochten ihre Theorien nicht an. »Ich habe Zyankali im Leichenschauhaus gerochen«, erinnerte ich sie, denn mein Geduldsfaden wurde immer dünner. »Er hat sich nicht selbst vergast, bevor er in den Fluß ist, sonst wäre er schon beim Eintauchen tot gewesen.«

»Du hast Zyankali gerochen«, sagte Wesley betont, »aber sonst niemand, und wir haben noch keinen toxikologischen Befund.«

»Worauf willst du hinaus? Daß er sich ertränkt hat?« Ich starrte ihn an.

»Ich weiß es nicht.«

»Ich habe nichts gesehen, was auf Ertrinken hindeutet«, sagte ich.

»Siehst du immer Anzeichen, wenn jemand ertrunken ist?« fragte er mit gutem Grund. »Ich habe gedacht, Tod durch Ertrinken sei notorisch schwer festzustellen, was erklärt, warum oft Sachverständige aus Süd-Florida eingeflogen werden, um bei solchen Fällen zu helfen.«

»Ich habe meine Laufbahn in Süd-Florida begonnen und gelte als Sachverständige bei Tod durch Ertrinken«, sagte ich scharf. Wir diskutierten draußen auf dem Gehsteig vor seinem Auto weiter, weil ich wollte, daß er mich nach Hause fuhr, damit wir die Auseinandersetzung beenden konnten. Der Mond war fahl, die nächste Straßenlampe einen Block entfernt, und wir konnten einander nicht besonders gut sehen.

»Um Himmels willen, Kay, ich habe nicht andeuten wollen, daß du dein Handwerk nicht verstehst«, sagte er gerade.

»Das hast du aber.« Ich stand an der Fahrertür, als ob das Auto mir gehörte und ich gleich wegfahren würde. »Du hackst auf mir herum. Du benimmst dich wie ein Arschloch.«

»Wir untersuchen einen Todesfall«, sagte er mit seiner beherrschten Stimme. »Das sind nicht die Zeit und der Ort, etwas persönlich zu nehmen.«

»Dann laß dir sagen, Benton, daß Menschen keine Maschinen sind. Sie nehmen Dinge persönlich.«

»Und darum geht es in Wirklichkeit.« Er trat neben mich und schloß die Tür auf. »Du reagierst persönlich meinetwegen. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gute Idee war.« Knöpfe sausten hoch. »Vielleicht hätte ich heute nicht herkommen sollen.« Er glitt auf den Fahrersitz. »Aber ich habe es für wichtig gehalten. Ich wollte das Richtige tun und dachte, du würdest das auch machen.«

Ich ging auf die andere Seite und stieg ein, wobei ich mich fragte, warum er mir nicht wie sonst die Tür aufgehalten hatte. Plötzlich fühlte ich mich ziemlich fertig und hatte Angst, in Tränen auszubrechen.

»Es ist wichtig, und du hast das Richtige getan«, sagte ich. »Ein Mann ist tot. Ich glaube nicht nur, daß er ermordet wurde, sondern meine auch, er war in etwas Größeres verwickelt, etwas sehr Häßliches, wie ich befürchte. Ich glaube nicht, daß er seine eigenen Computerdateien gelöscht und alle gespeicherten Daten beseitigt hat, denn das würde nahelegen, daß er von seinem bevorstehenden Tod wußte.«

»Ja. Das würde auf Selbstmord deuten.«

»Was es nicht ist.«

Wir blickten uns im Dunkeln an.

»Ich glaube, jemand ist spät in der Nacht seines Todes in sein Haus eingedrungen.«

»Jemand, den er kannte.«

»Oder jemand, der wieder einen kannte, der Zugang hatte. Zum Beispiel ein Kollege oder guter Freund oder sonst jemand, der wichtig für ihn war. Denn was die Schlüssel angeht, so fehlen seine.«

»Du meinst, das Ganze hat mit den Neuen Zionisten zu tun.« Er wurde allmählich milder gestimmt.

»Ich befürchte es. Und jemand warnt mich, ich soll mich da raushalten.«

»Das würde die Chesapeake-Polizei miteinbeziehen.«

»Vielleicht nicht die ganze Abteilung«, sagte ich. »Vielleicht nur Roche.«

»Wenn das stimmt, was du sagst, dann spielt er dabei nur eine oberflächliche Rolle, eine weit vom eigentlichen Kern entfernte Randfigur. Sein Interesse an dir ist ein Fall für sich, vermute ich.«

»Sein einziges Interesse ist einzuschüchtern und zu drangsalieren«, sagte ich. »Und deshalb, vermute ich, besteht ein Zusammenhang.«

Wesley verstummte und blickte durch die Windschutzscheibe. Für einen Augenblick gestattete ich mir, ihn anzuschauen.

Dann wandte er sich mir zu. »Kay, hat Dr. Mant jemals etwas gesagt, er werde bedroht?«

»Nicht zu mir. Aber ich weiß nicht, ob er überhaupt etwas sagen würde. Besonders, wenn er Angst hatte.«

»Wovor? Das kann ich mir schwer vorstellen«, sagte er, als er den Wagen anließ und aus der Parklücke fuhr. »Wenn Eddings Verbindungen zu den Neuen Zionisten hatte, was könnte das wohl mit Dr. Mant zu tun haben?«

Ich wußte es nicht und schwieg, während er fuhr.

Er redete wieder. »Irgendeine Möglichkeit, daß dein britischer Kollege einfach aus der Stadt abgehauen ist? Weißt du sicher, daß seine Mutter gestorben ist?«

Ich dachte an meinen Leichenschauhaus-Aufseher, der vor Weihnachten ohne Vorwarnung oder Begründung gekündigt hatte. Dann war Mant auch plötzlich weggewesen.

»Ich weiß nur, was er mir gesagt hat«, meinte ich. »Aber ich habe keinen Anlaß zu glauben, daß er mich angelogen hat.«

»Wann kommt deine andere Stellvertreterin wieder, die im Mutterschaftsurlaub ist?«

»Sie hat gerade erst ihr Baby bekommen.«

»Also, das läßt sich ein bißchen schwer vortäuschen«, sagte er.

Wir kamen nach Malvern, und der Regen hinterließ winzige Nadelstiche auf den Scheiben. Mir drängten sich Worte auf, die ich nicht äußern konnte, und als wir in die Cary Street einbogen, überkam mich Verzweiflung. Ich wollte Wesley sagen, daß wir die richtige Entscheidung getroffen hatten, aber daß das Ende einer Beziehung nicht gleich das Ende der Gefühle bedeutet. Ich wollte mich nach Connie, seiner Frau, erkundigen. Ich wollte ihn, so wie früher, zu mir ins Haus einladen und ihn fragen, warum er mich nicht mehr anrief. Die Old Locke Lane war nicht beleuchtet, als wir ihr zum Fluß folgten, und er fuhr langsam in einem niedrigen Gang.

»Fährst du heute abend zurück nach Fredericksburg?« fragte ich.

Er schwieg erst, sagte aber dann: »Connie und ich lassen uns scheiden.«

Ich sagte nichts.

»Es ist eine lange Geschichte, und vermutlich wird es eine verworrene, sich lang hinziehende Sache werden. Gott sei Dank sind die Kinder wenigstens schon fast erwachsen.« Er ließ das Seitenfenster herunter, und der Wächter winkte uns durch.

»Das tut mir leid, Benton«, sagte ich. Sein BMW dröhnte laut auf meiner leeren, nassen Straße.

»Nun, man könnte wahrscheinlich sagen, ich habe bekommen, was ich verdient habe. Sie hat sich seit fast einem Jahr mit einem anderen Mann getroffen, und ich hatte keine Ahnung davon. Was bin ich doch für ein Psychologe.«

»Wer ist es?«

»Ein Bauunternehmer aus Fredericksburg, der etwas am Haus gemacht hat.«

»Weiß sie von uns?« Die Frage fiel mir schwer, denn ich hatte Connie immer gemocht und war sicher, sie würde mich hassen, wenn sie die Wahrheit erfuhr.

Wir bogen in meine Einfahrt ein, und er antwortete nicht, bis wir vor der Haustür geparkt hatten.

»Ich weiß nicht.« Er holte tief Luft und schaute auf seine Hände, die auf dem Steuer lagen. »Sie hat wahrscheinlich Gerüchte gehört, aber sie hört eigentlich nicht auf Gerüchte, noch weniger glaubt sie daran.« Er verstummte. »Sie weiß, daß wir viel Zeit miteinander verbracht, Reisen gemacht haben, solche Sachen. Aber ich gehe davon aus, sie glaubt, das wäre einzig wegen der Arbeit gewesen.«

»Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei dem Ganzen.«

Er sagte nichts.

»Wohnst du noch zu Hause?« fragte ich.

»Sie wollte ausziehen«, erwiderte er. »Sie hat sich eine Wohnung genommen, wo sie sich vermutlich regelmäßig mit Doug treffen kann.«

»Das ist der Bauunternehmer.«

Sein Gesicht war hart, er starrte durch die Windschutzscheibe. Ich griff sanft nach seiner Hand.

»Hör mal«, sagte ich leise. »Ich möchte dir, so gut ich kann, helfen. Aber du mußt mir sagen, was ich tun kann.«

Er schaute mich an, und einen Sekundenbruchteil glänzten seine Augen vor Tränen, die, wie ich glaubte, ihr galten. Er liebte seine Frau immer noch, und obwohl ich das verstand, wollte ich es nicht sehen.

»Deine Hilfe kann ich kaum in Anspruch nehmen.« Er räusperte sich. »Gerade jetzt nicht. Für die meiste Zeit des nächsten Jahres. Der Kerl, mit dem sie zusammen ist, mag Geld und weiß, daß ich ein bißchen Geld habe, von meiner Familie. Ich möchte nicht alles verlieren.«

»Ich sehe nicht, wieso du das solltest, nach alldem, was sie getan hat.«

»Es ist kompliziert. Ich muß vorsichtig sein. Ich möchte, daß meine Kinder mich immer noch mögen, mich achten.« Er schaute mich an und entzog mir seine Hand. »Du weißt, wie mir zumute ist. Bitte versuch, alles erst einmal auf sich beruhen zu lassen.«

»Hast du im Dezember über sie Bescheid gewußt, als wir beschlossen, unsere…«

Er unterbrach mich. »Ja, hab ich.«

»Verstehe.« Meine Stimme klang angespannt. »Ich wünschte, du hättest es mir gesagt. Es hätte alles etwas leichter gemacht.«

»Ich glaube nicht, daß irgend etwas es leichter gemacht hätte.«

»Gute Nacht, Benton«, sagte ich und stieg aus. Ich sah ihm nicht nach, als er wegfuhr.

Drinnen hatte Lucy Melissa Etheridge aufgelegt, und ich war froh, daß meine Nichte hier war und Musik im Haus ertönte. Ich zwang mich, nicht an ihn zu denken, so als könne ich mich in eine andere Kammer meines Gemüts begeben und ihn aussperren. Lucy war in der Küche, und ich zog meinen Mantel aus und legte mein Notizbuch auf die Anrichte.

»Alles in Ordnung?« Sie machte den Kühlschrank mit der Schulter zu und trug Eier zur Spüle.

»Eigentlich ist alles ganz schön furchtbar«, sagte ich. »Du brauchst jetzt etwas zu essen, und zum Glück koche ich gerade etwas.«

»Lucy« — ich lehnte mich an die Anrichte — »wenn jemand versucht, Eddings’ Tod als Unfall oder Selbstmord zu tarnen, dann kann ich verstehen, daß spätere Drohungen oder Intrigen gegen mein Büro in Norfolk einen Sinn machen. Aber warum sind Leute, die für mich arbeiten, schon vorher bedroht worden? Du bist gut darin, Schlußfolgerungen zu ziehen. Erklär mir das.«

Sie schlug Eischnee in einer Schüssel und taute ein Bagel in der Mikrowelle auf. Ihre Ernährungsgewohnheiten waren deprimierend, und ich verstand nicht, wie sie ihre fettfreie Diät einhalten konnte.

»Du weißt doch nicht sicher, daß jemand schon früher bedroht wurde«, sagte sie nüchtern.

»Mit ist klar, daß ich es nicht weiß, zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nicht.« Ich machte mir einen Kaffee. »Aber ich versuche nur, das vernünftig aufzuarbeiten. Ich suche nach einem Motiv und stehe mir leeren Händen da. Warum gibst du nicht ein paar Zwiebeln, ein bißchen Petersilie und gemahlenen Pfeffer dazu? Eine Prise Salz kann auch nicht schaden.«

»Soll ich dir etwas machen?« fragte sie, während sie die Eier schlug.

»Ich bin nicht besonders hungrig. Vielleicht esse ich später.«

Sie sah mich an. »Tut mir leid, daß alles so schrecklich ist.«

Ich wußte, das bezog sich auf Wesley, aber sie wußte auch, daß ich über ihn nicht sprechen wollte.

»Die Mutter von Eddings wohnt hier in der Nähe«, sagte ich. »Ich glaube, ich sollte mit ihr reden.«

»Heute abend? So spät noch?« Der Schneebesen schlug leicht an den Schüsselrand.

»Vielleicht will sie sehr wohl heute abend reden, so spät noch«, sagte ich. »Man hat ihr gesagt, daß ihr Sohn tot ist, und das war auch schon alles.«

»Ja, ja«, murmelte Lucy. »Frohes Neues Jahr.«

Kapitel 7

Ich brauchte niemanden nach einer Meldeliste oder Telefonnummer zu fragen, weil die Mutter des toten Reporters die einzige Person mit dem Namen Eddings war, die in Windsor Farms wohnte. Laut Adreßbuch wohnte sie in der hübschen, von Bäumen gesäumten Sulgrave Street, die bekannt war wegen der Luxusvillen und der Tudor-Häuser, mit Namen wie Virginia House und Agecroft, die in den zwanziger Jahren in Kisten aus England herübergeschifft worden waren. Die Nacht war gerade erst angebrochen, als ich anrief, aber die Frau am Telefon klang, als hätte sie geschlafen.

»Mrs. Eddings?« sagte ich und nannte ihr meinen Namen.

»Verzeihen Sie, ich fürchte, ich bin kurz eingenickt.« Sie klang ängstlich. »Ich sitze hier im Wohnzimmer und schaue fern. Meine Güte, ich weiß nicht einmal, was jetzt läuft. Vorher gab es My Brilliant Career auf PBS. Haben Sie das gesehen?«

»Mrs. Eddings«, hob ich wieder an, »ich habe ein paar Fragen über Ihren Sohn Ted. Ich bin die für diesen Fall zuständige Gerichtspathologin. Und ich hatte gehofft, wir könnten reden. Ich wohne nur ein paar Blocks von Ihnen entfernt.«

»Das hat man mir schon gesagt.« Ihre Stimme mit dem schweren Südstaatenakzent klang noch schleppender, tränenschwer. »Daß Sie in der Nähe wohnen.«

»Würde es Ihnen jetzt gleich passen, Mrs. Eddings?« fragte ich nach einer Pause.

»Ja, das wäre mir sehr recht. Und mein Name ist Elizabeth Glenn«, sagte sie und begann zu weinen.

Ich erreichte Marino zu Hause. Sein Fernseher lief so laut, daß ich nicht verstand, wie er noch irgend etwas anderes hören konnte. Er hatte noch jemanden in der anderen Leitung und wollte diesen Anrufer eindeutig nicht warten lassen.

»Sicher, guck, was du herausfinden kannst«, sagte er, als ich ihm von meinem Vorhaben berichtete. »Ich selber stecke gerade bis zum Hals in einer Geschichte drin. Ich habe in Mosby Court eine Situation, die sich zu einem Aufstand entwickeln könnte.«

»Hat uns gerade noch gefehlt«, sagte ich. »Ich bin auf dem Weg dorthin. Sonst würde ich mitkommen.«

Ich legte auf und zog mich dem Wetter entsprechend an, weil ich ja noch immer kein Auto hatte. Lucy telefonierte von meinem Büro aus mit Janet, wie ich aufgrund ihrer angespannten Haltung und ihres leisen Tonfalls vermutete. Ich winkte ihr vom Flur aus zu und deutete auf meine Uhr, daß ich in etwa einer Stunde zurück sei. Als ich das Haus verließ und in die kalte, feuchte Dunkelheit aufbrach, verkrochen sich meine Lebensgeister allmählich, wie eine Kreatur, die sich verstecken will. Nach einer Tragödie die Angehörigen zu treffen, blieb eine der grausamsten Begleiterscheinungen meines Berufs.

Im Lauf der Jahre hatte ich die unterschiedlichsten Reaktionen erfahren, war schon zum Sündenbock gemacht worden, oder Familien hatten gebettelt, daß ich den Tod irgendwie ungeschehen machte. Ich hatte Menschen weinen, klagen, lärmen, toben oder überhaupt nicht reagieren sehen, und bei allem war ich immer die Ärztin, stets angemessen leidenschaftslos, aber freundlich, denn so hatte ich es gelernt.

Meine eigenen Gefühle mußte ich für mich behalten. Niemand bekam sie zu sehen, auch nicht während meiner Ehe, als ich eine Kunst daraus gemacht hatte, meine Stimmung zu verbergen oder unter der Dusche zu weinen. Ich erinnerte mich, daß ich einmal im Jahr einen großen Ausbruch hatte und Tony erzählte, ich sei allergisch gegen Pflanzen, Schalentiere, das Sulfid in Rotwein. Mein früherer Ehemann blieb ganz unbekümmert, weil er es nicht hören wollte.

Windsor Farms lag in unheimlicher Stille, als ich vom Fluß her dorthin kam. Nebel hing um die viktorianischen Eisenlaternen, die an England erinnerten, und obwohl in den meisten der herrschaftlichen Anwesen die Fenster erleuchtet waren, schien es so, als sei niemand auf. Laub lag wie feuchtes Zeitungspapier auf dem Pflaster, während der Regen herabklatschte und zu gefrieren begann. Erst jetzt fiel mir ein, daß ich dummerweise keinen Regenschirm mitgenommen hatte.

Als ich die Adresse in der Sulgrave erreicht hatte, war sie mir vertraut, weil ich den Richter kannte, der nebenan wohnte; ich war auf vielen seiner Parties gewesen. Das Eddings-Anwesen war dreistöckig, im Konföderierten-Stil, mit Zwillingsschornsteinen, halbrunden Giebelfenstern und einer Lünette über der holzgetäfelten Haustür. Links von der Eingangstreppe war noch immer der steinerne Löwe, der schon seit Jahren hier Wache hielt. Ich ging die glatten Stufen hinauf und mußte zweimal klingeln, bevor hinter der dicken Holztäfelung schwach eine Stimme ertönte.

»Ich bin’s, Dr. Scarpetta«, sagte ich, und die Tür ging langsam auf.

»Ich habe mir gedacht, daß Sie es sind.« Ein ängstliches Gesicht spähte heraus. »Bitte kommen Sie herein, und wärmen Sie sich auf. Eine fürchterliche Nacht.«

»Es wird ziemlich eisig«, sagte ich beim Eintreten.

Mrs. Eddings war attraktiv auf eine wohlerzogene, eitle Weise, sie hatte feine Gesichtszüge und feines weißes Haar, das aus der hohen, glatten Stirn gekämmt war. Sie trug ein schwarzes Kostüm und einen Kaschmirpullover, als hätte sie den ganzen Tag Besuch empfangen. Aber ihre Augen konnten den unwiderruflichen Verlust nicht verbergen, und als sie vor mir herging, war ihr Gang unsicher, und ich hatte den Verdacht, daß sie getrunken hatte.

»Ein wunderschönes Haus«, sagte ich, als sie mir den Mantel abnahm. »Ich bin schon so oft daran vorbeigegangen oder vorbeigefahren, ohne eine Ahnung zu haben, wer hier wohnt.«

»Und wo wohnen Sie?«

»Dort drüben. Westlich von Windsor Farms.« Ich deutete in die Richtung. »Mein Haus ist neu. Ich bin erst letzten Herbst eingezogen.«

»Ach ja, ich weiß, wo das ist.« Sie schloß die Tür des Garderobenschranks und führte mich in die Halle. »Ich kenne ziemlich viele Leute dort drüben.«

Der Salon war ein Museum mit Perserteppichen, Tiffanylampen und Biedermeiermöbeln. Ich setzte mich auf eine schwarz bezogene Couch, die hübsch, aber steif war, und fragte mich schon, wie gut die Mutter mit dem Sohn ausgekommen war. Die Einrichtung ihrer beider Wohnungen vermittelte das Bild von Menschen, die starrköpfig und einzelgängerisch sein konnten.

»Ihr Sohn hat mich ein paarmal interviewt«, begann ich das Gespräch, nachdem wir Platz genommen hatten.

»Ach ja?« Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Gesichtszüge entgleisten.

»Es tut mir leid. Ich weiß, es ist schwer«, sagte ich sanft, als sie in ihrem roten Ledersessel versuchte, die Fassung zu bewahren. »Ted gehörte zu den Leuten, die ich ziemlich gern hatte. Meine Angestellten mochten ihn auch.«

»Alle mögen Ted«, sagte sie. »Vom ersten Tag an konnte er die Menschen bezaubern. Ich erinnere mich an das erste große Interview, das er in Richmond machte.« Sie starrte ins Feuer, die Hände fest ineinander verschränkt. »Mit Gouverneur Meadows, Sie kennen ihn sicher noch. Ted hat ihm zum Reden gebracht, alle anderen hatten das nicht geschafft. Das war, als es überall hieß, der Gouverneur nehme Drogen und gebe sich mit unmoralischen Frauen ab.«

»O ja«, erwiderte ich, als wäre das gleiche nicht schon von anderen Gouverneuren behauptet worden.

Sie blickte mit Verzweiflung im Gesicht von mir weg, und die Hand, mit der sie ihr Haar zurückstrich, zitterte. »Wie konnte das geschehen? Mein Gott, wieso ist er ertrunken?«

»Mrs. Eddings, ich glaube nicht, daß er ertrunken ist.«

Sie starrte mich mit großen Augen an. »Was ist dann geschehen?«

»Ich bin noch nicht sicher. Es müssen noch Tests durchgeführt werden.«

»Was könnte es sonst sein?« Sie tupfte sich die Tränen mit einem Papiertaschentuch ab. »Der Polizist, der mich aufsuchte, hat gesagt, es sei unter Wasser geschehen. Ted tauchte mit seiner Vorrichtung im Fluß.«

»Da gäbe es eine Reihe von Ursachen«, antwortete ich. »Beispielsweise ein Defekt des Atemgeräts, das er benutzte. Er könnte Abgase inhaliert haben. Im Augenblick weiß ich es nicht.«

»Ich habe ihm gesagt, er soll das Ding nicht benutzen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich ihn gebeten habe, nicht mit diesem Gerät zum Tauchen zu gehen.«

»Dann hat er es früher schon benutzt.«

»Er hat sehr gern nach Reliquien aus dem Bürgerkrieg gesucht. Er ist fast überall mit so einem Metalldetektor getaucht. Ich glaube, letztes Jahr hat er ein paar Kanonenkugeln im James River gefunden. Komisch, daß Sie das nicht wußten. Er hat mehrere Geschichten über seine Abenteuer geschrieben.«

»Im allgemeinen haben Taucher einen Begleiter dabei, einen Kumpel«, sagte ich. »Wissen Sie, mit wem er normalerweise tauchen ging?«

»Na ja, ab und zu hat er wohl mal jemanden mitgenommen. Ich weiß es wirklich nicht, weil er mit mir nicht sehr viel über seine Freunde sprach.«

»Hat er Ihnen etwas davon gesagt, daß er im Elizabeth River tauchen wollte, um nach Bürgerkriegsandenken zu suchen?« fragte ich.

»Ich weiß gar nichts davon, daß er dorthin wollte. Er hat es mir gegenüber nie erwähnt. Ich dachte, er würde heute herkommen.« Sie schloß die Augen, runzelte die Stirn, und ihr Busen hob und senkte sich mächtig, als ob nicht genug Luft zum Atmen in dem Zimmer wäre.

»Was ist mit den Stücken, die er gesammelt hat?« fragte ich weiter. »Wissen Sie, wo er sie aufgehoben hat?«

Sie antwortete nicht.

»Mrs. Eddings«, fuhr ich fort, »wir haben nichts dergleichen in seinem Haus gefunden. Nicht einen Knopf, keine Gürtelschnalle oder Kanonenkugel. Und wir haben auch keinen Metalldetektor gefunden.«

Sie schwieg. Ihre Hände, die das Papiertaschentuch umklammerten, zitterten.

»Wir müssen unbedingt herausbekommen, was Ihr Sohn auf dem Schiffsfriedhof in Chesapeake getan haben könnte«, redete ich ihr zu. »Er tauchte in einem militärischen Sicherheitsbereich bei ausrangierten Marineschiffen, und niemand scheint zu wissen, warum. Es ist schwer vorstellbar, daß er dort nach Überbleibseln aus dem Bürgerkrieg gesucht hat.«

Sie starrte ins Feuer und sagte mit beinahe unbeteiligter Stimme: »Ted macht so Phasen durch. Einmal hat er Schmetterlinge gesammelt. Als er zehn war. Dann hat er sie alle verschenkt und angefangen, Edelsteine zu sammeln. Ich weiß noch, daß er an den merkwürdigsten Orten zum Goldwaschen ging und Granate mit einer Pinzette vom Straßenrand aufklaubte. Dann verlegte er sich auf Münzen, aber die hat er meist ausgegeben, weil die Cola-Maschine nicht merkt, ob der Vierteldollar aus reinem Silber ist oder nicht. Baseballkarten, Briefmarken, Mädchen. Er ist nie lange bei einer Sache geblieben. Er hat mir einmal gesagt, daß er den Journalismus mag, weil er immer etwas anderes zu bieten hat.«

Sie sprach weiter, tiefbewegt.

»Ich glaube, er hätte seine Mutter gegen eine andere eingetauscht, wenn sich das hätte machen lassen.« Eine Träne kullerte ihr über die Wange. »Er muß mich ziemlich satt gehabt haben.«

»So sehr, daß er auf Ihre finanzielle Unterstützung verzichtete, Mrs. Eddings?« sagte ich behutsam.

Sie hob das Kinn. »Jetzt werden Sie, glaube ich, ein bißchen zu persönlich.«

»Ja, und ich bedauere, daß ich Sie dem aussetzen muß. aber ich bin Ärztin, und nun ist Ihr Sohn mein Patient. Es ist meine Pflicht, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um herauszufinden, was ihm geschehen sein kann.«

Sie holte tief Luft, sie zitterte und fingerte am obersten Knopf ihrer Jacke herum. Sie kämpfte die Tränen nieder.

»Ich habe ihm jeden Monat Geld geschickt. Sie wissen ja, wie die Erbschaftssteuern sind, und Ted war es gewohnt, über seine Verhältnisse zu leben. Ich schätze, daran sind sein Vater und ich schuld.« Sie konnte kaum fortfahren. »Das Leben war für meine Söhne nicht besonders hart, nicht hart genug. Ich denke, für mich war es auch nicht sehr schwer. Bis Arthur starb.«

»Was hat Ihr Mann gemacht?«

»Er war in der Tabakbranche. Wir haben uns während des Krieges kennengelernt, als die meisten Zigaretten auf der Welt hier in der Gegend hergestellt wurden, und kaum eine war aufzutreiben, genausowenig wie Strümpfe.«

Die Erinnerung besänftigte sie, und ich unterbrach sie nicht.

»Eines Abends ging ich auf ein Fest im Offiziersclub im Jefferson Hotel. Arthur war Captain in einer Armee-Einheit, die sich Richmond Grays nannte, und er konnte tanzen.« Sie lächelte. »Oh, er konnte tanzen, als hätte er die Musik mit der Muttermilch eingesogen, als hätte er sie in seinen Adern, und ich habe ihn gleich entdeckt. Unsere Blicke brauchten sich nur einmal zu begegnen, und schon waren wir unzertrennlich.«

Sie schaute weg, und das Feuer knisterte und flackerte, als hätte es etwas Bedeutendes mitzuteilen.

»Das war freilich ein Teil des Problems«, fuhr sie fort. »Arthur und ich waren immer vollkommen aufeinander fixiert, und ich glaube, die Jungen hatten manchmal das Gefühl, im Weg zu sein.« Sie schaute mich nun direkt an. »Ich habe nicht einmal gefragt, ob Sie Tee möchten, oder vielleicht etwas Stärkeres.«

»Nein, danke. Stand Ted seinem Bruder sehr nahe?«

»Ich habe dem Polizisten bereits Jeffs Nummer gegeben. Wie hieß er noch? Martino oder so ähnlich. Ich fand ihn eigentlich ziemlich grob. Wissen Sie, ein kleiner Goldschlager tut gut an so einem Abend.«

»Nein, vielen Dank.«

»Den habe ich durch Ted entdeckt«, sprach sie mit brüchiger Stimme weiter, während ihr plötzlich Tränen die Wangen hinabliefen. »Er hat ihn entdeckt, als er Ski fahren war im Westen, und brachte eine Flasche mit. Er schmeckt wie flüssiges Feuer, mit einer Prise Zimt. Das hat er gesagt, als er ihn mir schenkte. Er hat mir immer irgend etwas mitgebracht.«

»Hat er Ihnen je Champagner mitgebracht?«

Sie schneuzte sich dezent.

»Sie sagten, er wollte Sie heute besuchen«, erinnerte ich sie.

»Er sollte zum Mittagessen kommen«, sagt sie.

»In seinem Kühlschrank steht eine nette Flasche Champagner. Mit einer Schleife darum, und ich frage mich, ob er sie Ihnen zum Mittagessen mitbringen wollte.«

»Ach Gott.« Ihre Stimme zitterte. »Das muß für eine andere Feier gewesen sein. Ich trinke keinen Champagner. Davon bekomme ich Kopfschmerzen.«

»Wir suchen nach seinen Computerdisketten«, sagte ich. »Wir suchen nach allen möglichen Aufzeichnungen im Zusammenhang mit seinen letzten Geschichten. Hat er Sie je gebeten, etwas für ihn hier aufzubewahren?«

»Ein Teil von seiner Sportausrüstung ist auf dem Boden, aber die ist so alt wie Methusalem.« Sie mußte sich räuspern. »Und Papiere aus der Schulzeit.«

»Wissen Sie vielleicht, ob er ein Bankschließfach hatte?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf.

»Könnte er diese Sachen einem Freund anvertraut haben?«

»Ich weiß nichts von seinen Freunden«, sagte sie, während gefrierender Regen gegen die Scheiben klirrte. »Und er hat nie etwas von irgendwelchen Liebesgeschichten erzählt? Sie sagen, er hatte keine?«

Sie preßte die Lippen fest zusammen.

»Bitte sagen Sie es mir, wenn ich etwas falsch verstanden habe.«

»Da war ein Mädchen, vor ein paar Monaten hat er sie einmal mitgebracht. Ich schätze, es war im Sommer, und offenbar ist sie irgendeine Wissenschaftlerin.« Sie hielt inne. »Anscheinend war er an einer Story dran, so haben sie sich kennengelernt. Wir hatten ihretwegen eine kleine Meinungsverschiedenheit.«

»Warum?«

»Sie war attraktiv und so ein akademischer Typ. Vielleicht eine Professorin. Ich weiß nicht mehr, aber sie kommt irgendwo aus Übersee.«

Ich wartete, aber sie hatte nichts mehr zu sagen.

»Worum ging es bei Ihrer Meinungsverschiedenheit?« fragte ich.

»Ich wußte vom ersten Augenblick an, daß sie keinen guten Charakter hatte, und sie durfte mir nicht mehr ins Haus kommen«, erwiderte Mrs. Eddings.

»Wohnt sie hier in der Gegend?« fragte ich.

»Anzunehmen, aber ich wüßte nicht, wo.«

»Aber er hat sich immer noch mit ihr getroffen?«

»Ich habe keine Ahnung, mit wem Ted sich getroffen hat«, sagte sie, und ich war sicher, daß sie log.

»Mrs. Eddings«, sagte ich, »allem Anschein nach hielt sich Ihr Sohn nicht allzuhäufig zu Hause auf.«

Sie sah mich bloß an.

»Hatte er eine Haushälterin? Jemand, der sich um seine Pflanzen kümmerte?«

»Ich habe meine Haushälterin hingeschickt, wenn es nötig war«, sagte sie. »Corian. Manchmal bringt sie ihm Essen. Ted hält nicht viel vom Kochen.«

»Wann ist sie zuletzt dort gewesen?«

»Ich weiß nicht«, meinte sie, und ich merkte, daß sie der Fragen müde war. »Irgendwann vor Weihnachten, glaube ich, weil sie die Grippe bekam.«

»Hat Corian Ihnen je erzählt, was er in seinem Haus hatte?«

»Ich nehme an, Sie meinen seine Waffen«, sagte sie. »Auch wieder so etwas, das er zu sammeln anfing, vor einem Jahr oder so. Das war das einzige, was er zum Geburtstag wollte — einen Geschenkgutschein für einen dieser Waffenläden hier. Als ob eine Frau sich je in so einen Laden wagen würde.«

Es war sinnlos, weiter nachzuforschen, denn sie hatte nichts als den Wunsch, daß ihr Sohn noch am Leben wäre. Darüber hinaus war jede Anstrengung oder Nachfrage schlicht eine Belästigung, der sie unbedingt ausweichen wollte. Kurz vor zehn machte ich mich auf den Heimweg und rutschte zweimal beinahe aus auf den leeren Straßen, wo es zu finster war, um etwas zu erkennen. Die Nacht war bitterkalt und voll scharfer Geräusche, Eis überzog die Bäume und ließ den Boden gefrieren.

Ich fühlte mich entmutigt, weil es nicht so aussah, als würde jemand Eddings mehr als oberflächlich oder nicht nur aus seiner Vergangenheit kennen. Ich hatte erfahren, daß er Münzen und Schmetterlinge sammelte und immer reizend gewesen war. Er war ein ehrgeiziger Reporter mit einem begrenzten Aufmerksamkeitsrahmen, und ich fand es merkwürdig, daß ich bei diesem Wetter durch sein altes Viertel ging, um über diesen Mann zu reden. Ich fragte mich, was er wohl von mir erwartet hätte, und ich fühlte mich sehr traurig.

Ich wollte mit niemandem reden, als ich nach Hause kam, und ging deshalb gleich in mein Zimmer. Ich wärmte mir die Hände unterm heißen Wasser und wusch mir das Gesicht, als Lucy in der Tür auftauchte. Ich wußte sofort, daß sie einen ihrer Durchhänger hatte.

»Hast du genug gegessen?« Ich schaute in ihr Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken.

»Ich krieg nie genug zu essen«, erwiderte sie gereizt. »Ein gewisser Danny aus deinem Büro in Norfolk hat angerufen. Er hat gesagt, der Auftragsdienst hat sich wegen unserer Autos gemeldet.«

Einen Augenblick lang fühlte ich völlige Leere im Kopf. Dann fiel es mir wieder ein. »Ich habe der Abschleppfirma die Büronummer gegeben.« Ich trocknete mir das Gesicht mit einem Handtuch ab. »Deshalb hat der Auftragsdienst wohl Danny zu Hause erreicht.«

»Egal. Er will, daß du zurückrufst.« Sie starrte mich im Spiegel an, als hätte ich etwas falsch gemacht.

»Was ist?« Ich starrte ausdruckslos zurück.

»Ich muß bloß von hier weg.«

»Ich werde versuchen, die Autos morgen herzubekommen«, sagte ich leicht säuerlich.

Ich ging aus dem Badezimmer, und sie folgte mir.

»Ich muß wieder an die UVA.«

»Natürlich, Lucy«, sagte ich.

»Du verstehst das nicht. Ich habe so viel zu tun.«

»Ich habe nicht gewußt, daß du schon mit deiner Studie angefangen hast.« Ich ging ins Wohnzimmer und steuerte die Bar an.

»Es spielt keine Rolle, ob ich schon damit angefangen habe. Ich muß einen Haufen vorbereiten. Und ich begreife nicht, wie du die Autos herbekommen willst. Vielleicht kann Marino mich mitnehmen, damit ich meines holen kann.«

»Marino ist sehr beschäftigt, und das alles ist ganz einfach«, sagte ich. »Danny bringt meinen Wagen nach Richmond, und er hat einen zuverlässigen Freund, der deinen Suburban fahren wird. Dann nehmen Danny und sein Freund den Bus zurück nach Norfolk.«

»Wann?«

»Das ist der einzige Haken. Ich kann Danny nur gestatten, das nach Dienstschluß zu machen, weil er meinen Privatwagen nicht während der Dienstzeit herbringen kann.« Ich öffnete eine Flasche Chardonnay.

»Mist«, sagte Lucy ungeduldig. »Also habe ich morgen immer noch keinen fahrbaren Untersatz?«

»Ich fürchte, ich auch nicht«, sagte ich.

»Und was machst du dann?«

Ich reichte ihr ein Glas Wein. »Ich werde ins Büro gehen und wahrscheinlich viel Zeit am Telefon verbringen. Kannst du vielleicht irgend etwas in eurem Büro hier erledigen?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Ich kenne ein paar Leute, die mit mir auf der Academy waren.«

Zumindest konnte sie sich von einem anderen Agenten ins Fitneßstudio mitnehmen lassen, damit sie ihre schlechte Laune ausschwitzte, wollte ich gerade sagen, hielt meine Zunge aber im Zaum.

»Ich mag keinen Wein.« Sie stellte das Glas auf die Bar. »Ich glaube, ich werde erst mal ein Bier trinken.«

»Warum bist du so aufgebracht?«

»Ich bin nicht aufgebracht.« Sie holte sich ein Beck’s Light aus dem kleinen Kühlschrank und öffnete es.

»Willst du dich nicht hinsetzen?«

»Nein«, sagte sie. »Übrigens, ich habe das Buch, also reg dich nicht auf, wenn du es nicht in deiner Aktentasche findest.«

»Was soll das heißen, du hast es?« Ich sah sie unbehaglich an.

»Ich habe darin gelesen, während du mit Mrs. Eddings gesprochen hast.« Sie trank einen Schluck Bier. »Ich habe gedacht, es wäre gut, es noch einmal durchzugehen, falls wir etwas übersehen haben sollten.«

»Ich denke, du hast es dir lange genug angesehen«, sagte ich schlicht. »Wir alle haben das.«

»Da ist eine Menge alttestamentarisches Zeug drin. Ich meine, es ist eigentlich nicht wirklich Satanskult oder so.«

Ich beobachtete sie schweigend, während ich mich fragte, was wirklich in diesem unglaublich komplizierten Hirn vorging.

»Ich finde es eigentlich ziemlich interessant und glaube, es hat nur Macht über dich, wenn du ihm diese Macht zugestehst. Das tue ich nicht, also macht es mir keine Bange«, sagte sie.

Ich stellte mein Glas ab. »Aber irgendwas beunruhigt dich schon.«

»Das einzige, was mich beunruhigt, ist, daß ich hier gestrandet und müde bin. Deshalb werde ich wohl einfach ins Bett gehen«, sagte sie. »Ich hoffe, du kannst schlafen.«

Das konnte ich nicht. Statt dessen saß ich vor dem Feuer und machte mir Sorgen um sie, denn ich kannte meine Nichte vermutlich besser als irgendein anderer. Vielleicht hatten Janet und sie einfach Streit gehabt, und am Morgen würde alles wieder in Ordnung kommen, oder vielleicht hatte sie wirklich zuviel zu tun, und daß sie nicht nach Charlottesville zurückkehren konnte, war ein größeres Problem, als ich annahm.

Ich ließ das Feuer ausgehen und überprüfte noch einmal die Alarmanlage, um sicher zu sein , daß sie angeschaltet war, dann ging ich wieder in mein Schlafzimmer und schloß die Tür. Ich konnte immer noch nicht schlafen, also setzte ich mich unter die Lampe und lauschte auf den Regen, während ich den Ausdruck von Eddings’ Faxgerät durchsah. In den vergangenen zwei Wochen waren achtzehn Nummern angewählt worden, und alle ließen darauf schließen, daß er auf jeden Fall zumindest einen Teil der Zeit zu Hause gewesen war und dort gearbeitet hatte.

Aber wenn er zu Hause gearbeitet hatte, das fiel mir gleich auf, hätte es einige Faxe an das AP-Büro geben müssen. Seit Mitte Dezember jedoch hatte er nur zweimal sein Büro angefaxt, von dem Gerät zumindest, das wir im Haus gefunden hatten. Das ließ sich halbwegs leicht feststellen, weil er eine Kurzwahl eingegeben hatte, und deshalb tauchte »AP DESK« in der Empfängerspalte des Ausdrucks auf, zusammen mit weniger offensichtlichen Kürzeln wie »NVSE«, »DRMS«, »CPT« und »LM«. Drei dieser Adressen hatten mir bekannte Vorwahlnummern aus der näheren Umgebung, während die Vorwahl für DRMS die von Memphis, Tennessee war.

Ich versuchte einzuschlafen, aber Informationen tanzten vor meinen Augen, Fragen stellten sich, weil ich sie nicht ausblenden konnte. Ich fragte mich, wen Eddings in diesen Orten zu erreichen versucht hatte oder ob das überhaupt eine Rolle spielte. Aber am allerwenigsten konnte ich von dem Ort seines Todes loskommen. Ich konnte noch immer seinen im trüben Wasser des Flusses treibenden Körper sehen, von einem nutzlosen Schlauch an eine rostige Schiffsschraube gebunden. Ich konnte seine Starre spüren, als ich ihn in den Armen hielt und ihn mit mir hochzog. Schon bevor ich die Wasseroberfläche erreicht hatte, war mir klar gewesen, daß er seit vielen Stunden tot war.

Um drei Uhr früh setzte ich mich im Bett auf und starrte in die Dunkelheit. Das Haus war still bis auf die üblichen vagen Geräusche, aber ich konnte meinen Verstand einfach nicht abschalten. Widerstrebend stand ich auf, mein Herz schlug heftig, als wäre es verblüfft, daß ich mich um diese Zeit noch rührte. In meinem Büro schloß ich die Tür und schrieb einen kurzen Brief:

An alle, die es angeht:

Ich weiß, dies ist eine Faxnummer, sonst würde ich persönlich anrufen. Ich benötige Ihre Identität, da Ihre Nummer in dem Sendebericht des Faxgeräts einer kürzlich verstorbenen Person aufgetaucht ist. Bitte setzen Sie sich möglichst schnell mit mir in Verbindung. Wenn Sie sich die Authentizität dieser Mitteilung bestätigen lassen wollen, wenden Sie sich an Captain Pete Marino von der Polizei Richmond.

Ich gab die Telefonnummern an und setzte meinen Titel und meinen Namen darunter. Dann faxte ich den Brief an alle in Eddings’ Liste aufgeführten Kurzwahlnummern, außer, natürlich, an Associated Press. Ich blieb noch eine Weile am Schreibtisch sitzen und starrte vor mich hin, als könnte mein Faxgerät diesen Fall augenblicklich lösen. Aber es blieb still, während ich las und wartete. Zu halbwegs christlicher Zeit, um sechs Uhr, rief ich Marino an.

»Es hat also keine Unruhen gegeben«, sagte ich, nachdem der Hörer schepperte und herunterfiel und seine Stimme verschlafen über die Leitung kam. »Gut, daß du wach bist«, setzte ich hinzu.

»Wieviel Uhr ist es?« Er klang, als wäre er völlig benommen.

»Zeit für dich, aus den Federn zu kommen.«

»Wir haben ungefähr fünf Leute eingelocht. Die anderen haben sich danach beruhigt und zurückgezogen. Wieso bist du schon wach?«

»Ich bin immer wach. Und außerdem brauchte ich heute eine Fahrgelegenheit zur Arbeit, und ich brauche auch ein paar Lebensmittel.«

»Na, dann setz mal Kaffee auf«, sagte er. »Schätze, daß ich rüberkomme.«

Kapitel 8

Als Marino eintraf, lag Lucy noch im Bett, und ich machte gerade Kaffee. Ich ließ ihn rein, völlig verzagt, nachdem ich einen Blick auf meine Straße geworfen hatte. Über Nacht war Richmond eine Stadt aus Glas geworden. Ich hatte schon in den Nachrichten gehört, daß herabstürzende Äste und Bäume in verschiedenen Gegenden der Stadt Stromleitungen zerstört hatten.

»Hattest du Schwierigkeiten?« fragte ich und schloß die Haustür.

»Hängt davon ab, was du meinst.« Marino stellte die Einkaufstüte ab, zog seinen Mantel aus und gab ihn mir.

»Beim Fahren.«

»Ich habe Ketten. Aber ich war bis nach Mitternacht unterwegs und bin höllisch müde.«

»Du kriegst gleich einen Kaffee.«

»Aber nicht so ein bleifreies Gesöff.«

»Der hat genug Koffein für dich.«

»Wo ist die Kleine?«

»Schläft.«

»Ja. Muß was Schönes sein.« Er gähnte wieder.

Ich machte in meiner Küche einen Fruchtsalat. Durch die Fenster sah der Fluß wie zähflüssiges Zinn aus. Die Felsen waren wie mit Zuckerguß überzogen, die Bäume funkelten im fahlen Morgenlicht wie in einem Märchenwald. Marino nahm sich Kaffee und dazu viel Zucker und Sahne.

»Magst du auch einen?« fragte er.

»Schwarz, bitte.«

»Ich glaube, das brauchst du mir mittlerweile nicht mehr zu sagen.«

»Ich verlasse mich nie auf irgendwelche Annahmen«, sagte ich, während ich Teller aus dem Schrank holte. »Und besonders nicht bei Männern, die haben per Mendelsches Gesetz keine Erinnerung an Details, die für Frauen wichtig sind.«

»Schon gut, aber ich könnte dir eine lange Liste all der Dinge nennen, die Doris nie behalten hat. Angefangen damit, daß sie meine Werkzeuge benutzt und nie wieder zurückgelegt hat.« Er redete von seiner Ex-Frau.

Ich stand an der Anrichte, während er sich umschaute, als wolle er rauchen. Das würde ich nicht zulassen.

»Ich schätze, Tony hat dir nie Kaffee gemacht«, sagte er.

»Tony hat nie viel gemacht, außer daß er versucht hat, mich zu schwängern.«

»Dann hat er da auch nicht viel gebracht, es sei denn, du wolltest keine Kinder.«

»Nein, nicht von ihm.«

»Und wie ist das jetzt?«

»Ich will immer noch keine von ihm. Hier.« Ich reichte Marino einen Teller. »Setzen wir uns.«

»Augenblick mal. Das ist alles?«

»Was willst du sonst noch?«

»Verdammt, Doc. Das ist kein Essen. Und was zum Teufel sind diese kleinen grünen Scheiben mit den schwarzen Punkten?«

»Die Kiwis, die du mir besorgt hast. Ich bin sicher, du hast die schon mal gegessen«, sagte ich geduldig. »Ich hab Bagels im Eisfach.«

»Oh ja, das klingt gut. Mit Cream Cheese. Und hast du vielleicht Mohnsamen?«

»Wenn du heute einen Drogentest machten müßtest, würden sie bei dir Morphine nachweisen.«

»Und komm mir nicht mit dem fettarmen Zeug. Das schmeckt doch wie Pappe.«

»Nein«, sagte ich. »Pappe schmeckt besser.«

Ich ließ die Butter weg, da ich entschlossen war, ihn noch eine Weile am Leben zu halten. Mittlerweile waren Marino und ich mehr als Partner oder Freunde. Wir waren voneinander abhängig auf eine Art, die keiner von uns erklären konnte.

»Nun erzähl mir mal, was du alles gemacht hast«, sagte er, als wir vor einem der großen Fenster am Frühstückstisch saßen. »Ich weiß, daß du die ganze Nacht auf gewesen bist.« Er biß herzhaft in sein Bagel und langte nach seinem Saft.

Ich erzählte ihm von meinem Besuch bei Mrs. Eddings und von dem Fax, das ich geschrieben und an die Nummern geschickt hatte, die zu irgendwelchen Anschlüssen gehörten, die ich nicht kannte.

»Es ist schon komisch, daß er überallhin gefaxt hat, bloß nicht an sein Büro.«

»Er hat zwei Faxe ans Büro geschickt«, erinnerte ich ihn.

»Ich muß mit den Leuten reden.«

»Viel Glück. Denk dran, es sind Reporter.«

»Das macht mir ja gerade Angst. Für diese Schmarotzer ist Eddings’ Tod bloß eine weitere Story. Die sind doch bloß daran interessiert, was sie mit der Nachricht anfangen können. Je schrecklicher sein Tod ist, um so besser gefällt es ihnen.«

»Na ja, ich weiß nicht. Aber ich habe den Verdacht, wer auch immer mit ihm in diesem Büro zu tun hatte, wird äußerst genau auf seine Worte achten. Und ich kann sie nicht unbedingt verurteilen. Ermittlungen in einem Todesfall sind immer beängstigend für Leute, die nicht darum gebeten haben, hineingezogen zu werden.«

»Wie sieht’s mit dem toxikologischen Befund aus?« fragte Marino.

»Kommt hoffentlich heute«, sagte ich. »Gut. Wenn sich dein Verdacht auf Zyankali bestätigt, dann können wir den Fall vielleicht bearbeiten, wie es sich gehört. Im Augenblick versuche ich, dem Leiter der Sondereinheit abergläubische Vorstellungen zu erklären und frage mich, was zum Teufel ich mit diesen Kindergarten-Cops in Chesapeake machen soll. Und wenn ich Wesley sage, es war Mord, verlangt er Beweise, weil er auch in den Startlöchern ist.«

Die Erwähnung seines Namens verstörte mich, und ich schaute aus dem Fenster auf nicht mehr schiffbares Wasser, das sich zäh zwischen den großen, dunklen Felsen bewegte. Die Sonne erhellte graue Wolken im Osten, und ich hörte das Geräusch der Dusche im hinteren Teil des Hauses, wo Lucy sich aufhielt.

»Klingt, als wäre Dornröschen erwacht«, sagte Marino. »Sollen wir sie in die Stadt mitnehmen?«

»Ich glaube, sie hat heute irgend etwas mit dem Außenbüro zu erledigen. Wir sollten los«, fügte ich hinzu, denn die Dienstbesprechung in meinem Büro war immer um halb neun.

Er half mir, das Geschirr in die Spüle zu stellen. Minuten später stand ich im Mantel, mit meiner Arzttasche und dem Aktenkoffer in der Hand da, als meine Nichte im Flur auftauchte, das Haar noch naß, den Morgenmantel eng um sich geschlungen.

»Ich habe geträumt«, sagte sie mit niedergeschlagener Stimme. »Jemand hat uns im Schlaf erschossen. Eine Neunmillimeter gegen den Hinterkopf. Es sollte wie ein Raubüberfall aussehen.«

»Ach, wirklich?« fragte Marino, derweil er seine fellgefütterten Handschuhe anzog. »Und wo war meine Wenigkeit? Denn so was passiert nicht, wenn ich im Haus bin.«

»Du warst nicht da.«

Er sah sie sonderbar an, als er merkte, daß sie es ernst meinte. »Was zum Teufel hast du gestern abend gegessen?«

»Es war wie im Kino. Und es muß Stunden gedauert haben.« Sie sah mich an, ihre Augen waren verquollen und trüb.

»Möchtest du mit mir ins Büro kommen?« fragte ich.

»Nein, nein. Ist schon in Ordnung. Das letzte, was ich um mich haben möchte, ist ein Haufen Leichen.«

»Triffst du dich mit einem der Agenten, die du hier kennst?« fragte ich unsicher.

»Ich weiß nicht. Wir sollten eine Übung mit Sauerstoffgeräten machen, aber ich glaube nicht, daß mir danach ist, einen Taucheranzug anzuziehen und mich in einem Hallenschwimmbad herumzutreiben, das nach Chlor stinkt. Ich glaube, ich werde hier einfach auf meinen Wagen warten und dann abhauen.«

Marino und ich redeten nicht viel während der Fahrt in die Stadt. Die mächtigen Reifen seines Autos frästen sich mit rasselnden Ketten durch die vereisten Straßen. Ich wußte, er machte sich Sorgen um Lucy. So sehr er über sie herzog, er wäre jedem anderen, der dies versuchte, mit seinen großen bloßen Händen an die Gurgel gefahren. Er hatte sie schon als Zehnjährige gekannt. Und Marino hatte ihr beigebracht, einen Fünf-Gang-Transporter zu fahren und eine Waffe zu benutzen.

»Doc, ich muß dich was fragen«, sagte er endlich, als der Rhythmus der Schneeketten sich vor dem Mauthäuschen verlangsamte. »Meinst du, daß es Lucy gutgeht?«

»Jeder hat mal Alpträume«, sagte ich.

»He, Bonita«, rief er der Kassiererin zu, als er ihr durchs Fenster seinen Dienstausweis reichte, »wann unternehmen Sie endlich etwas gegen dieses Wetter?«

»Schieben Sie nicht mir die Schuld zu, Captain.« Sie gab ihm den Ausweis zurück, und die Schranke ging auf. »Sie haben mir gesagt, Sie sind zuständig.«

Ihre fröhliche Stimme folgte uns, und ich dachte, wie traurig es doch war, daß wir in einer Zeit lebten, wo sogar Mautkassiererinnen Plastikhandschuhe tragen mußten, um nicht mit der Haut eines anderen in Berührung zu kommen. Ich fragte mich, ob es noch so weit kommen würde, daß wir alle in Kunststoffblasen leben müßten, damit wir nicht am Ebola-Virus oder an Aids starben.

»Ich meine nur, daß sie sich ein bißchen seltsam aufführt.« Marino kurbelte das Seitenfenster hoch. Nach einer Pause fragte er: »Wo ist Janet?«

»Bei ihren Eltern in Aspen, glaube ich.«

Er blickte starr geradeaus.

»Nach alldem, was in Dr. Mants Haus passiert ist, kann ich es Lucy nicht übelnehmen, daß sie ein bißchen durcheinander ist«, fügte ich hinzu.

»Zum Teufel, normalerweise ist sie diejenige, die Gefahr sucht«, sagte er. »Sie gerät nicht so leicht in Verwirrung. Deshalb läßt das FBI sie beim HRT mitmachen. Man darf einfach nicht in Verwirrung geraten, wenn man sich mit weißen Herrenmenschen und Terroristen abgibt. Man meldet sich nicht krank, bloß weil man einen bösen Traum gehabt hat.«

Er nahm die Ausfahrt an der 7. Straße und bog in die alten Kopfsteinpflasterstraßen von Shockoe Slip ein und nach links in die 14. Straße, wo ich jeden Tag zur Arbeit ging, wenn ich in der Stadt war. Der Sitz des Chief Medical Examiner von Virginia war ein flacher Zementblock mit winzigen, dunklen Fenstern, die mich an abstoßende, argwöhnische Augen erinnerten. Sie blickten auf Slums im Osten und das Bankenviertel im Westen, und darüber schwebten Highways und Bahngleise, die den Himmel durchschnitten.

Marino steuerte den hinteren Parkplatz an, wo angesichts der Straßenverhältnisse schon eine beeindruckende Zahl von Autos stand. Ich stieg vor dem verschlossenen Tor aus, wo die Leichen eingeliefert wurden, und öffnete eine Seitentür. Ich folgte der Rampe für die Bahren und betrat das Leichenschauhaus. Am Ende des Flurs konnte ich die Geräusche arbeitender Menschen hören. Der Autopsieraum war hinter dem Kühlraum, und die Türen standen weit offen. Ich trat ein, als Fielding, mein Stellvertreter, gerade zahlreiche Schläuche und einen Katheter aus der Leiche einer jungen Frau auf den zweiten Tisch entfernte.

»Sind Sie auf Schlittschuhen gekommen?« fragte er und schien gar nicht überrascht, mich zu sehen.

»Fast. Ich muß wahrscheinlich heute den Kombi ausleihen. Im Augenblick habe ich kein Auto.«

Er beugte sich dichter über seine Patientin, runzelte etwas die Stirn, als er die Klapperschlangen-Tätowierung studierte, die sich um die schlaffe linke Brust der Toten ringelte; das geöffnete Maul der Schlange schnappte nach ihrem Nippel.

»Sagen sie mir bloß einmal, warum sich jemand so etwas machen läßt«, meinte Fielding.

»Ich würde sagen, der Tätowierkünstler hat am meisten davon gehabt«, sagte ich. »Schauen Sie auf der Innenseite der Unterlippe nach. Sie hat dort wahrscheinlich auch eine Tätowierung.« Er zog ihr die Unterlippe herunter, und da stand in großen, krummen Buchstaben Fuck You.

Fielding sah mich erstaunt an. »Woher haben Sie das gewußt?«

»Die Tätowierungen sind Amateurarbeit, sie sieht wie eine Motorradbraut aus, und ich nehme an, daß ihr das Gefängnis nicht fremd war.«

»In allen Punkten richtig.« Er schnappte sich ein sauberes Handtuch und wischte sich übers Gesicht.

Mein athletischer Arbeitskollege sah immer so aus, als würde er seinen Kittel sprengen, und er schwitzte, während uns anderen nie ganz warm wurde. Aber er war ein kompetenter forensischer Pathologe. Er war angenehm und aufmerksam, und ich hielt ihn für loyal.

»Wahrscheinlich eine Überdosis«, erklärte er, während er die Tätowierung auf eine Karteikarte skizzierte. »Ich schätze, ihr Silvester war ein bißchen zu ausgelassen.«

»Jack«, sagte ich zu ihm, »wie oft hatten Sie mit der Polizei von Chesapeake zu tun?«

Er zeichnete weiter. »Nicht allzu oft.«

»In letzter Zeit nicht?« fragte ich.

»Ich glaube, wirklich nicht. Warum?« Er blickte zu mir auf.

»Ich hatte eine ziemlich seltsame Begegnung mit einem der Beamten dort.«

»In Zusammenhang mit Eddings?« Er fing an, die Leiche abzuspritzen, und langes, dunkles Haar schlängelte sich über glänzenden Stahl. »Genau.«

»Wissen Sie, das ist komisch, aber Eddings hat mich erst vor kurzem angerufen. Es muß einen Tag vor seinem Tod gewesen sein«, sagte Fielding, während er mit dem Schlauch hantierte.

»Was hat er gewollt?« fragte ich.

»Ich habe hier unten gerade einen Fall bearbeitet und deshalb gar nicht mit ihm gesprochen. Nun wünschte ich, ich hätte es getan.« Er stieg auf eine Trittleiter und machte Aufnahmen mit einer Polaroidkamera. »Sind Sie länger in der Stadt?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich.

»Also, wenn Sie mich in Tidewater brauchen, ich helfe Ihnen gerne aus.« Das Blitzlicht erlosch, und er wartete auf das Foto. »Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen gesagt habe, aber Ginny ist wieder schwanger und würde womöglich gern ein bißchen aus dem Haus kommen. Und sie liebt das Meer. Sagen Sie mir den Namen des Detectives, der Ihnen Sorgen macht, und ich werde mich um ihn kümmern.«

»Ich wünschte, das täte jemand«, sagte ich.

Das Blitzlicht flammte wieder auf, und ich dachte an Mants Cottage und konnte mir nicht vorstellen, Fielding und seine Frau, dorthin oder auch nur in die Nähe zu versetzen.

»Es spricht jedenfalls einiges dafür, daß Sie hier bleiben«, fügte er hinzu. »Und hoffentlich bleibt Dr. Mant nicht ewig in England.«

»Danke«, sagte ich erleichtert zu ihm. »Vielleicht könnten Sie einfach ein paarmal in der Woche pendeln.«

»Kein Problem. Könnten Sie mir die Nikon geben?«

»Welche?«

»Die N-50 mit der Spiegelreflexlinse. Ich glaube, sie ist in dem Schrank dort drüben.« Er deutete mit dem Finger in die Richtung.

»Wir werden einen Zeitplan ausarbeiten«, sagte ich, während ich ihm die Kamera holte. »Aber Sie und Ginny sollen nicht in Dr. Mants Haus wohnen, in diesem Punkt müssen sie mir einfach vertrauen.«

»Gab es da irgendwelche Schwierigkeiten?« Er zog eine weitere Aufnahme heraus und reichte sie mir.

»Für Marino, Lucy und mich hat das neue Jahr mit aufgeschlitzten Reifen begonnen.«

Er senkte die Kamera und sah mich erschrocken an. »Scheiße. Glauben Sie, es war Zufall?«

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte ich.

Ich nahm den Aufzug zum nächsten Stock, und als ich mein Büro aufschloß, traf mich der Anblick von Eddings’ Weihnachtsgeschenk wie ein Schlag. Ich konnte die Paprika nicht auf dem kleinen Tisch stehen lassen, und so hob ich sie auf und wußte nicht, wohin ich sie stellen sollte. Eine Weile ging ich verwirrt und irritiert damit umher, bis ich sie schließlich wieder an ihren alten Platz stellte, weil ich sie nicht hinauswerfen konnte oder ein anderes Mitglied meiner Abteilung diesen Erinnerungen aussetzen wollte.

Als ich in Roses Zimmer nebenan blickte, war ich nicht überrascht, daß sie nicht da war. Meine Sekretärin war schon in leicht vorgerücktem Alter und fuhr nicht einmal an sehr schönen Tagen gern in die Stadt. Als ich meinen Mantel aufgehängt hatte, sah ich mich sorgfältig um, zufrieden, daß alles in Ordnung schien, bis auf die Putzarbeiten, die nach Dienstschluß erledigt wurden. Aber von den Reinigungstechnikern, wie sie offiziell genannt wurden, wollte keiner in diesem Gebäude arbeiten. Nur wenige blieben lang, und niemand wollte nach unten gehen, ins Leichenschauhaus.

Ich hatte mein Büro vom vorigen Chef geerbt, aber bis auf die Täfelung war nichts mehr so wie in jenen zigarrenrauchgeschwängerten Tagen, als forensische Pathologen wie Cagney mit Cops und Bestattungsunternehmern zusammensaßen, Bourbon tranken und die Leichen mit bloßen Händen anfaßten. Mein Vorgänger hatte sich nicht viel um Lichtquellen und DNS gekümmert.

Ich erinnerte mich daran, wie ich zum erstenmal sein Reich betreten hatte, nach seinem Tod, als ich zu einem Vorstellungsgespräch hier war. Ich hatte mir die Macho-Memorabilien angesehen, die er stolz ausgestellt hatte, und als ich das Silikon-Brustimplantat einer Frau erblickte, die vergewaltigt und ermordet worden war, hatte ich großes Verlangen verspürt, in Miami zu bleiben.

Ich glaubte nicht, daß der frühere Chief sein Büro jetzt mögen würde, denn Rauchen war verboten, und Mißachtung und Angebertum hatten leider draußen zu bleiben. Die Eichenmöbel waren nicht Staatseigentum, sondern gehörten mir, und ich hatte den Fliesenboden mit einem persischen Gebetsteppich bedeckt, der zwar maschinell hergestellt, aber farbenfroh war. Da waren Maispflanzen und ein Ficus, aber mit Kunst hatte ich nichts zu schaffen, denn ich wollte wie ein Psychiater nichts Provokantes an den Wänden, und offen gestanden brauchte ich soviel Platz wie möglich für Aktenschränke und Bücher. Was Trophäen anbelangte, so wäre Cagney nicht besonders beeindruckt gewesen von den Spielzeugautos, den Lastwagen- und Zugmodellen, die ich dazu benutzte, Ermittlern bei der Rekonstruktion von Unfällen zu helfen.

Ich brauchte einige Minuten, um den Eingangskorb durchzusehen, der gefüllt war mit rotgeränderten Totenscheinen für die Fälle, die uns betrafen, und mit grüngeränderten für die anderen, die nicht in unseren Verantwortlichkeitsbereich fielen. Einige Berichte mußten abgezeichnet werden, und auf meinem Computerbildschirm war eine Meldung, ich solle meine Mailbox überprüfen. Das alles konnte warten, dachte ich, und ging wieder auf den Flur, um zu schauen, wer noch da war. Nur Cleta, entdeckte ich, als ich das Eingangsbüro erreichte, aber gerade sie mußte ich sprechen.

»Dr. Scarpetta«, sagte sie verblüfft. »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind.«

»Ich dachte, es sei eine gute Idee, gerade jetzt nach Richmond zurückzukehren«, sagte ich und zog mir einen Stuhl an ihren Schreibtisch. »Dr. Fielding und ich werden den Bezirk Tidewater von hier aus betreuen.«

Cleta stammte aus Florence, South Carolina, und trug ihr Make-up immer zu dick auf, und ihre Röcke waren zu kurz, weil sie glaubte, das Glück winke nur den Hübschen — zu denen sie nie gehören würde. Sie saß kerzengerade auf ihrem Stuhl und war vollkommen damit beschäftigt, abschreckende Fotos nach Fallnummern zu sortieren. Sie hatte ein Vergrößerungsglas in der Hand und eine Brille mit Bifokalgläsern auf der Nase. Auf einer Serviette lag ein Salami-Sandwich, das sie sich wahrscheinlich aus der Cafeteria nebenan geholt hatte, und sie trank Wasser.

»Also ich glaube, auf den Straßen taut es«, ließ sie mich wissen.

»Gut.« Ich lächelte. »Ich bin froh, daß Sie hier sind.«

Sie schien sich zu freuen und nahm weitere Fotos aus der flachen Schachtel.

»Cleta«, sagte ich, »Sie erinnern sich doch an Ted Eddings, nicht wahr?«

»Oh ja, Ma’am.« Sie sah auf einmal aus, als würde sie gleich weinen. »Er war immer so nett, wenn er hierher kam. Ich kann’s noch immer nicht glauben.« Sie biß sich auf die Unterlippe.

»Dr. Fielding sagt, Eddings hätte Ende letzter Woche hier angerufen«, sagte ich. »Erinnern Sie sich noch daran?«

Sie nickte. »Ja, Ma’am, natürlich. Der Anruf geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf.«

»Hat er mit Ihnen gesprochen?«

»Ja.«

»Wissen Sie noch, was er gesagt hat?«

»Also er hat mit Dr. Fielding sprechen wollen, aber dessen Leitung war besetzt. Also habe ich ihn gefragt, ob ich ihm etwas ausrichten könne, und wir haben ein bißchen herumgealbert. Sie wissen ja, wie er war.« Ihre Augen leuchteten auf, und ihre Stimme flatterte. »Er hat mich gefragt, ob ich immer noch so viel Ahornsirup essen würde, weil ich ‘ne Menge davon gegessen haben müßte, um so zu reden. Und er wollte mit mir ausgehen.«

Ich hörte zu und merkte, daß sie rot wurde.

»Natürlich hat er das nicht so gemeint. Wissen Sie, er hat immer gefragt, wann gehen wir mal zusammen aus. Er hat’s nicht so gemeint«, sagte sie wieder.

»Es wäre schon in Ordnung gewesen«, sagte ich freundlich zu ihr.

»Aber er hatte schon eine Freundin.«

»Woher wissen Sie das?«

»Er hat gesagt, er würde sie irgendwann mal mitbringen, und ich hatte den Eindruck, es war ihm ziemlich ernst mit ihr. Ich glaube, ihr Name war Loren, aber sonst weiß ich nichts über sie.«

Wenn Eddings solch persönliche Gespräche mit meinem Personal geführt hatte, war es noch weniger erstaunlich, daß er leichter Zugang zu mir erhielt als die meisten Reporter. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob eben dieses Talent zu seinem Ende beigetragen hatte, was ich stark vermutete.

»Hat er Ihnen gegenüber erwähnt, worüber er mit Dr. Fielding sprechen wollte?« sagte ich und stand auf.

Sie dachte einen Moment angestrengt nach und kramte abwesend in den Bildern herum, die nie an die Öffentlichkeit gelangen sollten. »Augenblick mal. Oh, ich weiß es wieder. Es ging um Strahlung. Was die Befunde wären, wenn jemand daran stirbt.«

»Welche Art von Strahlung?« fragte ich.

»Also ich hab mir gedacht, er schreibt einen Artikel über Röntgengeräte. Wissen Sie, in letzter Zeit ist da viel in den Nachrichten gewesen, weil die Leute alle Angst vor so Sachen wie Briefbomben haben.«

Ich konnte mich nicht erinnern, in Eddings’ Haus etwas gesehen zu haben, daß auf Recherchen in dieser Richtung hinwies. Ich ging wieder in mein Büro, um den Papierkram und die Rückrufe zu erledigen. Stunden danach nahm ich ein spätes Mittagessen an meinem Schreibtisch ein, als Marino hereinspazierte.

»Wie sieht’s draußen aus?« sagte ich, überrascht, ihn zu sehen. »Magst du ein halbes Thunfischsandwich?«

Er schloß beide Türen und setzte sich im Mantel hin. Sein Gesichtsausdruck erschreckte mich. »Hast du mit Lucy gesprochen?« sagte er.

»Nicht, seit ich das Haus verlassen habe.« Ich legte das Sandwich hin. »Warum?«

»Sie hat mich angerufen« — er blickte auf seine Uhr — »so etwa vor einer Stunde. Wollte wissen, wie sie Danny erreichen kann, wegen ihres Autos. Und sie klang betrunken.«

Ich schwieg eine Weile, hielt meine Augen auf ihn gerichtet. Dann sah ich weg. Ich fragte ihn nicht, ob er sicher sei, weil Marino sich in solchen Dingen auskannte und ihm Lucys Vergangenheit vertraut war.

»Sollte ich nach Hause?« fragte ich leise.

»Nee. Ich denke, sie ist in so einer Stimmung und läßt Dampf ab. Wenigstens hat sie kein Auto zur Verfügung.«

Ich holte tief Luft.

»Ich glaube, im Moment ist sie sicher. Aber ich dachte, du solltest es wissen, Doc.«

»Danke«, sagte ich bedrückt.

Ich hatte gehofft, meine Nichte hätte ihren Hang zum Alkohol überwunden, denn seit jenen selbstzerstörerischen Phasen in der Vergangenheit, als sie betrunken Auto gefahren war und beinahe gestorben wäre, hatte ich keine besorgniserregenden Anzeichen mehr wahrgenommen. Allein ihr seltsames Benehmen heute früh und Marinos Enthüllung von eben machten mir klar, daß etwas überhaupt nicht stimmte. Ich war nicht sicher, was ich tun sollte.

»Nur noch eines«, fügte er hinzu, als er aufstand. »Du solltest sie in dem Zustand nicht wieder zur Academy lassen.«

»Nein«, sagte ich. »Natürlich nicht.«

Er ging und eine Weile blieb ich hinter geschlossenen Türen, in Depressionen versunken, in Gedanken, träge, wie der Fluß hinter meinem Haus. Ich war mir nicht klar, ob ich zornig oder voller Angst war, aber als ich daran dachte, wie ich Lucy Wein angeboten oder ihr ein Bier gegeben hatte, fühlte ich mich betrogen. Dann war ich beinahe verzweifelt, als ich überlegte, was sie alles erreicht und was sie zu verlieren hatte, und plötzlich suchten mich noch andere Bilder heim. Ich sah schreckliche Szenen vor mir, von einem Mann niedergeschrieben, der Gott sein wollte, und ich wußte, daß meine Nichte bei all ihrem Scharfsinn diese dunklen Mächte nicht verstand. Sie verstand das Böse nicht, wie ich es verstand.

Ich zog mir Mantel und Handschuhe über, weil ich wußte, wohin ich zu gehen hatte. Ich wollte gerade beim Empfang Bescheid sagen, als mein Telefon klingelte. Ich nahm in der Hoffnung ab, daß es Lucy sei. Aber es war der Polizeichef von Chesapeake, der mir sagte, er heiße Steels und sei gerade von Chicago hierher gezogen.

»Ich bedauere die Umstände, unter denen wir uns kennenlernen«, sagte er, und es klang aufrichtig. »Aber ich muß mit Ihnen über Detective Roche sprechen.«

»Ich muß auch mit Ihnen über ihn reden«, sagte ich. »Vielleicht können Sie mir erklären, was sein Problem ist.«

»Ihm zufolge sind Sie das Problem«, sagte er.

»Das ist lachhaft«, sagte ich, unfähig, meinen Zorn zurückzuhalten. »Um es kurz zu machen, Mr. Steels, Ihr Detective ist unfähig, unprofessionell und behindert diese Ermittlungen. Er darf mein Leichenschauhaus nicht mehr betreten.«

»Ihnen ist klar, daß dies von der Abteilung für innere Angelegenheiten gründlich untersucht werden wird«, sagte er, »und ich muß Sie irgendwann hierherbestellen, damit wir mit Ihnen reden können.«

»Wie genau lautet die Anschuldigung?«

»Sexuelle Belästigung.«

»So etwas ist heutzutage sehr beliebt«, sagte ich ironisch. »Mir war jedenfalls nicht bewußt, daß ich Macht über ihn besaß, da er für Sie arbeitet, nicht für mich, und per definitionem geht es bei sexueller Belästigung um Machtmißbrauch. Aber es scheint so, als wären die Rollen hier vertauscht. Ihr Detective ist derjenige, der sexuelle Annäherungen gemacht hat, und als sie nicht erwidert wurden, ist er ausfällig geworden.«

Steels sagte nach einer Pause: »Dann klingt das so, als stünde Ihre Aussage gegen seine.«

»Nein, es klingt eher nach einem Haufen Scheiße. Und wenn er mich noch einmal anfaßt, werde ich einen Haftbefehl erwirken und ihn einsperren lassen.«

Er schwieg.

»Mr. Steels«, fuhr ich fort, »ich glaube, im Augenblick hat eine sehr beängstigende Lage in ihrem Zuständigkeitsbereich vorrangige Bedeutung. Können wir einen Augenblick über Ted Eddings reden?«

Er räusperte sich. »Sicher.«

»Sie sind mit dem Fall vertraut?«

»Absolut. Ich bin gründlich unterrichtet und vollkommen vertraut damit.«

»Gut. Dann werden Sie mir sicher zustimmen, daß wir die Ermittlungen nach unseren besten Kräften führen sollten.«

»Nun, ich glaube, wir sollten uns jeden Todesfall sehr genau anschauen, aber im Fall Eddings ist für mich die Antwort ziemlich klar.«

Ich lauschte, während ich immer aufgebrachter wurde. »Es dürfte Ihnen bekannt sein oder auch nicht, daß er sich mit Zeug aus dem Bürgerkrieg beschäftigt hat, eine Sammlung hatte und so. Offensichtlich haben einige Gefechte nicht weit von der Stelle, wo er getaucht hat, stattgefunden, und es könnte sein, daß er nach Kanonenkugeln oder so etwas gesucht hat.«

Roche mußte mit Mrs. Eddings gesprochen haben, oder vielleicht hatte der Chief einige Zeitungsartikel gesehen, die Eddings angeblich über seine Schatzsuche unter Wasser geschrieben hatte. Ich war keine Historikerin, wußte aber genug, um zu erkennen, wo bei dieser sich herausschälenden, lachhaften Theorie der Knackpunkt lag.

Ich sagte zu Steels: »Die größte Schlacht auf dem Wasser oder am Wasser in Ihrem Gebiet war die zwischen der Merrimac und der Monitor. Und das war meilenweit weg in Hampton Roads. Ich habe noch nie von irgendwelchen Gefechten in dem Teil des Elizabeth River gelesen, wo der Schiffsfriedhof liegt.«

»Aber Dr. Scarpetta, wir wissen es doch wirklich nicht, oder?« sagte er nachdenklich. »Könnte doch sein, daß damals irgend etwas abgefeuert wurde, irgendein Müll hineingeschmissen und irgendwer an irgendeinem Platz getötet wurde. Damals gab es ja keine Fernsehkameras oder Reporterschwärme überall. Bloß Mathew Brady, und übrigens bin ich ein Geschichtsfan und habe viel über den Bürgerkrieg gelesen. Ich persönlich glaube, daß dieser Eddings in diesem Schiffsfriedhof getaucht ist, damit er den Grund des Flußes nach Reliquien durchkämmen konnte. Er hat Gase aus seiner Maschine eingeatmet und ist gestorben, und was er auch immer in Händen gehabt hat -einen Metalldetektor zum Beispiel —, ist im Schlick verlorengegangen.«

»Ich behandele diesen Fall als möglichen Mordfall«, sagte ich nachdrücklich.

»Da stimme ich mit Ihnen nicht überein, aufgrund dessen, was mir berichtet wurde.«

»Ich nehme an, die Staatsanwältin ist meiner Meinung, wenn ich mit ihr rede.«

Darauf sagte der Chief nichts.

»Ich darf wohl annehmen, daß Sie nicht vorhaben, das FBI hinzuzuziehen«, fügte ich noch hinzu. »Da Sie ja entschieden haben, daß wir es mit einem Unfall zu tun haben.«

»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehe ich weit und breit keinen Grund, das FBI zu behelligen. Und das habe ich denen auch gesagt.«

»Also für mich gibt es jede Menge Gründe«, antwortete ich. Das war alles, was ich noch tun konnte, bevor ich auflegte.

»Verdammt, verdammt, verdammt!« brummelte ich, packte wütend meine Sachen und marschierte zur Tür hinaus.

Unten in der Leichenhalle nahm ich einen Schlüsselbund von der Wand und ging auf den Parkplatz hinaus. Ich schloß die Fahrertür des dunkelblauen Kombis auf, den wir manchmal benutzten, um Leichen zu transportieren. Er fiel nicht so auf wie ein Leichenwagen, war aber auch nicht gerade das, was man in der Einfahrt des Nachbarn erwartete. Er war sehr groß, hatte getönte Scheiben, die mit Jalousien, ähnlich wie bei offiziellen Leichenwagen, verdunkelt waren, und wo sonst die Rücksitze waren, lag eine Sperrholzplatte, in die Halterungen eingelassen waren, damit Bahren während des Transports nicht verrutschten. Mein Leichenhallenaufseher hatte Raumdeodorants an den Rückspiegel gehängt, und der Geruch nach Zedern war widerlich.

Ich öffnete mein Fenster ein Stück und fuhr auf die Main Street, dankbar, daß mittlerweile die Straßen nur noch naß waren und der Stoßverkehr nicht zu schlimm war. Die feuchte, kühle Luft tat mir gut, und ich wußte, was ich zu tun hatte.

Es war schon eine Weile her, daß ich auf dem Heimweg bei einer Kirche angehalten hatte, denn ich dachte nur daran, wenn ich in einer Krise steckte, wenn das Leben mich mal wieder an die Grenze getrieben hatte. An der Ecke Three Chopt Road und Grove Avenue fuhr ich auf den Parkplatz der St. Bridget’s Church, ein Gebäude aus Backstein und Schiefer, dessen Türen abends nicht mehr wie früher unverschlossen waren, seit die Welt so geworden war, wie sie war. Aber um diese Zeit trafen sich die Anonymen Alkoholiker dort, und ich wußte immer, wie ich unbehelligt hineinkommen konnte.

Ich ging durch eine Seitentür hinein, besprengte mich mit Weihwasser und schritt dann ins Kirchenschiff mit seinen Heiligenstatuen und den Kreuzigungsszenen in leuchtendem Bleiglas. Ich ging in die letzte Reihe, und ich hätte mir Kerzen gewünscht, aber dieses Ritual hatte hier mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufgehört. Während ich niederkniete, betete ich für Ted Eddings und seine Mutter. Ich betete für Marino und Wesley. In meinem privaten, dunklen Refugium betete ich auch für meine Nichte. Dann saß ich stumm, mit geschlossenen Augen da und spürte, wie die Spannung allmählich von mir wich.

Es war schon fast sechs Uhr, als ich mich wieder aufmachte, aber in der Vorhalle hielt ich inne, weil ich am Ende eines Gangs die erleuchtete Türöffnung der Bibliothek sah. Ich wußte nicht, was mich in diese Richtung lenkte, aber mir fiel ein, daß ein böses Buch durch ein heiliges in Bann gehalten werden könnte. Einige Augenblicke mit dem Katechismus wären genau das, was der Priester verschreiben würde. Als ich eintrat, war da eine ältere Frau, die Bücher in die Regale räumte.

»Dr. Scarpetta?« fragte sie und schien zugleich überrascht und erfreut.

»Guten Abend.« Ich schämte mich, daß mir ihr Name nicht mehr einfiel.

»Ich bin Mrs. Edwards.«

Ich erinnerte mich, daß sie die sozialen Dienste der Kirche leitete und Konvertiten Unterricht im Katholizismus gab. Eines Tages, dachte ich, würde auch ich dazugehören, da ich so selten zur Messe ging. Sie war klein und etwas pummelig, und sie war nie im Kloster gewesen, flößte mir aber dennoch das gleiche Schuldgefühl ein wie die guten Nonnen, als ich ein Kind war.

»Ich sehe Sie nicht oft hier zu dieser Stunde«, sagte sie. »Ich bin bloß vorbeigekommen«, antwortete ich. »Nach der Arbeit. Ich habe leider das Abendgebet versäumt.«

»Das war am Sonntag.«

»Natürlich.«

»Aber ich freue mich, daß ich Sie auf dem Weg nach draußen noch getroffen habe.« Ihr Blick verweilte auf meinem Gesicht, und ich wußte, daß sie meine Not spürte.

Ich sah die Bücherregale durch.

»Kann ich Ihnen helfen, suchen Sie etwas Bestimmtes?« fragte sie.

»Eine Ausgabe des Katechismus«, sagte ich.

Sie durchquerte den Raum, zog eine aus dem Regal und gab sie mir. Es war ein großer Band, und ich fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, denn ich war im Augenblick sehr müde und bezweifelte, ob Lucy in der Verfassung war, so etwas zu lesen.

»Vielleicht kann ich Ihnen mit noch etwas behilflich sein.« Ihre Stimme klang gütig.

»Wenn ich vielleicht einen Augenblick mit dem Priester sprechen könnte, das wäre gut«, sagte ich.

»Pater O’Connor macht Krankenbesuche.« Ihre Augen forschten weiter. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Vielleicht ja.«

»Wir können uns hier hinsetzen«, schlug sie vor. Wir zogen Stühle unter einem schlichten Holztisch hervor, der mich an die Tische erinnerte, an denen ich als Mädchen in Miami in der Gemeindeschule gesessen hatte. Plötzlich fielen mir die Wunder ein, die mich auf den Seiten jener Bücher erwartet hatten, denn ich liebte es zu lernen, und jede geistige Flucht von daheim war ein Segen gewesen. Mrs. Edwards und ich saßen einander wie alte Freundinnen gegenüber, aber es fiel mir schwer, die Worte herauszubringen, da ich selten so offen sprach.

»Ich kann nicht sehr ins Detail gehen, weil mein Problem mit einem Fall zu tun hat, an dem ich gerade arbeite«, hob ich an.

»Ich verstehe.« Sie nickte.

»Aber soviel kann ich sagen, daß ich an so etwas wie eine satanische Bibel gekommen bin. Nicht Teufelsanbetung an sich, aber etwas Böses.«

Sie reagierte nicht, sondern schaute mir weiter in die Augen.

»Und Lucy ebenfalls, meine dreiundzwanzigjährige Nichte. Sie hat das Buch auch gelesen.«

»Und deshalb haben Sie Probleme?« fragte Mrs. Edwards.

Ich holte tief Luft und fühlte mich ziemlich töricht. »Ich weiß, das klingt seltsam.«

»Natürlich nicht«, sagte sie. »Wir dürfen die Macht des Bösen nie unterschätzen, und wir sollten es, wenn wir können, vermeiden, damit in Berührung zu kommen.«

»Ich kann das nicht immer vermeiden«, sagte ich. »Das Böse bringt mir üblicherweise die Patienten ins Haus. Aber selten muß ich mir Dokumente wie das ansehen, von dem ich gerade spreche. Ich habe Alpträume gehabt, und meine Nichte benimmt sich unberechenbar und hat viel Zeit mit dem Buch verbracht. Ich bin tatsächlich ihretwegen besorgt. Deshalb bin ich hier.«

»›Doch fahre fort in dem, was du gelernt hast und dessen Du Dir sicher bist‹«, zitierte sie. »Es ist wirklich so einfach.« Sie lächelte.

»Ich bin nicht sicher, ob ich das begriffen habe«, antwortete ich. »Dr. Scarpetta, für das, was Sie mir eben anvertraut haben, gibt es kein Heilmittel. Ich kann nicht Hand auflegen und Ihnen die Dunkelheit und die schlimmen Träume vertreiben. Und Pater O’Connor kann das genausowenig. Wir haben kein Ritual und keine Zeremonie, die da helfen. Wir können für Sie beten, und das werden wir tun. Aber Sie und Lucy müssen jetzt einfach zu Ihrem Glauben zurückkehren. Sie müssen das tun, was Ihnen in der Vergangenheit Kraft gegeben hat.«

»Deswegen bin ich heute hergekommen«, sagte ich wieder.

»Gut. Sagen Sie Lucy, sie soll wieder in die Gemeinde zurückkehren und beten. Sie sollte in die Kirche gehen.«

Was für ein Tag, dachte ich auf der Heimfahrt, und meine Ängste verstärkten sich nur noch, als ich zur Haustür hereinkam. Es war noch nicht ganz sieben, und Lucy war schon im Bett.

»Schläfst du schon?« Ich setzte mich im Dunkeln neben sie und legte ihr die Hand auf den Rücken. »Lucy?«

Sie antwortete nicht, und ich war dankbar, daß unsere Autos noch nicht eingetroffen waren. Sie hätte vielleicht versucht, zurück nach Charlottesville zu fahren. Ich hatte solche Angst, sie würde jeden schrecklichen Fehler von einst wiederholen.

»Lucy?« sagte ich nochmal.

Sie drehte sich langsam zu mir herum. »Was?«

»Ich wollte nur wissen, was mit dir ist«, sagte ich in gedämpftem Ton.

Ich sah, wie sie sich die Augen rieb, und erkannte, daß sie nicht schlief, sondern weinte.

»Was hast du denn?« sagte ich.

»Nichts.«

»Ich weiß, daß du was hast. Und es wird Zeit, daß wir miteinander reden. Du warst nicht ganz bei dir, und ich möchte helfen.«

Sie wollte nicht antworten.

»Lucy, ich werde so lange hier sitzen bleiben, bis du mit mir sprichst.«

Sie schwieg noch eine Weile, und ich konnte die Bewegung ihrer Augenlider sehen, während sie zur Decke starrte. »Janet hat es ihnen gesagt«, meinte sie. »Sie hat es ihren Eltern gesagt. Sie haben sich mit ihr gestritten, als wüßten sie mehr über ihre Gefühle als Janet selber. Als täuschte sie sich über sich selber.«

Ihre Stimme wurde zorniger, und sie richtete sich auf und stopfte sich Kissen hinter den Rücken.

»Sie wollen, daß sie zu einer Beratung geht«, fügte sie hinzu.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich weiß nicht so genau, was ich sagen soll, außer daß das Problem bei ihnen liegt und nicht bei euch beiden.«

»Ich weiß nicht, was sie tun wird. Es ist schon schlimm genug, daß wir uns Sorgen darüber machen müssen, daß das FBI etwas herausbekommt.«

»Du mußt stark und treu dir selbst gegenüber bleiben.«

»An manchen Tagen weiß ich echt nicht mehr, wer ich bin.« Sie wurde noch aufgebrachter. »Ich hasse das. Es ist so schwer. Es ist so unfair.« Sie lehnte den Kopf an meine Schulter. »Warum habe ich nicht so werden können wie du? Warum konnte es nicht leicht sein?«

»Ich bin nicht sicher, ob du wie ich sein willst«, sagte ich. »Mein Leben ist sicher nicht einfach, und nichts, was wirklich zählt, ist leicht. Du und Janet, ihr könnt das doch klären, wenn ihr es wirklich wollt. Und wenn ihr euch wirklich liebt.«

Sie holte tief Luft und atmete langsam wieder aus.

»Kein destruktives Benehmen mehr.« Ich stand im Schatten ihres Zimmers vom Bett auf. »Wo ist das Buch?«

»Auf dem Schreibtisch«, sagte sie.

»In meinem Büro?«

»Ja. Ich hab’s dort hingelegt.«

Wir sahen einander an, und ihre Augen glänzten. Sie schniefte laut und schneuzte sich.

»Verstehst du, warum es nicht gut ist, sich auf so etwas länger einzulassen?« fragte ich.

»Vergiß nicht, womit du dich die ganze Zeit abgeben mußt. Da fällt das doch nicht ins Gewicht.«

»Nein«, sagte ich, »was ins Gewicht fällt, ist das Wissen, wo man steht und wo man nicht stehen soll. Du mußt die Macht eines Feindes in dem Maße respektieren, wie du sie verachtest. Sonst wirst du verlieren, Lucy. Das solltest du lieber im Kopf behalten.«

»Ich verstehe«, sagte sie leise und griff nach dem Katechismus, den ich ans Fußende gelegt hatte. »Was ist das, muß ich das alles heute nacht lesen?«

»Das habe ich in der Kirche für dich mitgenommen. Ich dachte, du würdest da vielleicht gern mal reinschauen.«

»Vergiß die Kirche«, sagte sie.

»Warum?«

»Weil sie mich vergessen hat. Die Kirche hält Leute wie mich für anormal, als müßte ich für meine Orientierung in die Hölle oder ins Gefängnis. Davon rede ich. Du kennst nicht das Gefühl, isoliert zu sein.«

»Lucy, ich bin die meiste Zeit meines Lebens isoliert gewesen. Du weißt doch erst, was Diskriminierung ist, wenn du eine von nur drei Frauen in deinem Medizinseminar bist. Oder wenn beim Jurastudium die Männer dir nicht ihre Mitschriften zur Verfügung stellen wollen, wenn du krank warst und die Vorlesung versäumt hast. Deshalb werde ich nicht krank. Deshalb betrinke ich mich nicht und verstecke mich nicht im Bett.« Ich schlug einen scharfen Ton an, weil ich wußte, das war notwendig.

»Das ist was anderes«, sagte sie.

»Ich glaube, du willst dir einreden, es sei etwas anderes, damit du Ausflüchte machen und dich selbst bemitleiden kannst«, sagte ich. »Mir scheint, wenn hier jemand vergißt und abweist, dann bist du es. Es ist nicht die Kirche. Es ist nicht die Gesellschaft. Es sind nicht einmal Janets Eltern, die es einfach nicht begreifen mögen. Ich dachte, du wärst stärker.«

»Ich bin stark.«

»Also, mir reicht’s«, sagte ich. »Du kommst hierher, besäufst dich und ziehst dir die Decke über den Kopf, so daß ich mir den ganzen Tag Sorgen um dich mache. Und wenn ich dir dann helfen will, stößt du mich und alle anderen weg.«

Sie sah mich schweigend an. Endlich sagte sie: »Bist du wirklich meinetwegen in die Kirche gegangen?«

»Ich bin meinetwegen hin«, sagte ich. »Aber du bist das Hauptgesprächsthema gewesen.«

Sie schlug die Bettdecke zurück. »›Das höchste Ziel eines Menschen ist, Gott ewiglich zu rühmen und zu preisen‹«, sagte sie, als sie aufstand.

Ich wartete im Türrahmen.

»Katechismus. Ich hatte an der UVA ein Religionsseminar. Magst du zu Abend essen?«

»Was hättest du denn gern?«

»Was schnell geht.« Sie kam zu mir und drückte mich an sich. »Tante Kay, es tut mir leid«, sagte sie.

In der Küche öffnete ich erst die Gefriertruhe, sah aber nichts Verlockendes. Dann schaute ich in den Kühlschrank, aber mein Appetit hatte sich mit meinem Seelenfrieden verflüchtigt. Ich aß eine Banane und machte eine Kanne Kaffee. Um halb neun meldete sich unvermutet das Funkgerät auf der Anrichte.

»Einheit sechshundert an Basisstation eins«, ertönte Marinos Stimme.

Ich nahm das Mikrophon und antwortete ihm: »Basisstation eins.«

»Kannst du mich anrufen?«

»Gib mir die Nummer«, sagte ich. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Es war denkbar, daß die von meinem Büro benutzte Funkfrequenz eventuell abgehört wurde, und immer wenn ein Fall besonderes Fingerspitzengefühl verlangte, versuchten die Detectives, uns alle aus dem Funkverkehr herauszuhalten. Die Nummer, die mir Marino gab, war ein öffentlicher Fernsprecher.

Als er sich meldete, sagte er: »Entschuldige, ich hatte kein Kleingeld.«

»Was ist los?« Ich verschwendete keine Zeit. »Ich übergehe gerade den diensthabenden Pathologen, weil ich wußte, du möchtest, daß wir dich zuerst informieren.«

»Was ist?«

»Scheiße, Doc, es tut mir echt leid. Aber wir haben Danny.«

»Danny?« sagte ich bestürzt.

»Danny Webster. Aus deinem Büro in Norfolk.«

»Was soll das heißen, ihr habt Danny?« Furcht ergriff mich. »Was hat er getan?« Ich stellte mir vor, daß er in meinem Auto festgenommen worden war. Oder vielleicht hatte er es zu Schrott gefahren.

Marino sagte nur: »Doc, er ist tot.«

Dann herrschte Schweigen auf beiden Enden der Leitung.

»Oh Gott.« Ich lehnte mich an die Anrichte und schloß die Augen. »Oh, mein Gott«, sagte ich. »Was ist geschehen?«

»Hör zu, das beste wär, glaub ich, du kommst hierher.«

»Wo bist du?«

»Sugar Bottom, bei dem alten Eisenbahntunnel. Dein Wagen ist einen Häuserblock entfernt oben am Libby Hill Park.«

Ich stellte keine Fragen mehr, sondern sagte Lucy, ich müsse weg und käme wahrscheinlich erst spät wieder heim. Ich griff nach meiner Arzttasche und meiner Pistole, denn ich kannte das Kneipenviertel der Stadt, wo sich der Tunnel befand, konnte mir aber nicht vorstellen, was Danny dorthin gelockt haben könnte. Er und sein Freund hätten mein Auto und Lucys Suburban zu meinem Büro fahren sollen, wo mein Verwalter sie treffen und zur Bushaltestelle hätte fahren sollen. Church Hill war gewiß nicht weit vom Büro entfernt, aber ich konnte mir nicht vorstellen, warum Danny in meinem Mercedes irgendwo andershin hätte fahren sollen als zum vereinbarten Treffpunkt. Er schien mir nicht der Typ zu sein, der mein Vertrauen mißbrauchte.

Ich fuhr eilig die West Cary Street hinunter, vorbei an großen Backsteinhäusern mit kupfer-oder schiefergedeckten Dächern und Einfahrten, die von hohen, schwarzen Toren aus Schmiedeeisen versperrt waren. Mir kam es surreal vor, im Wagen des Leichenschauhauses durch diesen vornehmen Stadtteil zu fahren, während einer meiner Angestellten getötet worden war, und es quälte mich, daß ich Lucy wieder hatte allein lassen müssen. Ich konnte mich nicht erinnern, ob ich beim Weggehen die Alarmanlage eingeschaltet und die Sensoren ausgeschaltet hatte. Meine Hände zitterten, und ich sehnte mich nach einer Zigarette.

Libby Hill Park, einer von Richmonds sieben Hügeln, lag in einer Gegend, die mittlerweile als beste Wohnlage galt. Hundert Jahre alte Reihenhäuser und Gebäude im neoklassizistischen Stil waren glänzend restauriert worden, von Leuten, die mutig genug waren, einen historischen Teil der Stadt dem Verfall und dem Verbrechen zu entreißen. Für die meisten Anwohner hatte sich das Risiko gelohnt, aber ich wußte, daß ich nicht in der Nähe von Sozialwohnungen und heruntergekommenen Vierteln leben könnte, wo Drogen den Haupterwerbszweig bildeten. Ich wollte keine Fälle aus meiner Nachbarschaft zu bearbeiten haben.

Streifenwagen mit rot und blau blinkenden Lichtern säumten beide Seiten der Franklin Street. Es war ansonsten stockfinster, und ich konnte kaum den achteckigen Musikpavillon oder den Bronzesoldaten auf seinem hohen Podest gegenüber dem James River ausmachen. Um meinen Mercedes standen Polizisten und ein Fernsehteam, und die Leute waren auf ihre großen Veranden getreten, um zu gaffen. Als ich langsam vorbeifuhr, konnte ich nicht erkennen, ob mein Wagen beschädigt war, aber die Fahrertür war offen und das Innenlicht angeschaltet.

Hinter der 29. Straße führte die Fahrbahn in eine Senke, die Sugar Bottom hieß, benannt nach den Prostituierten, die einstmals den feinen Herren Virginias zu Diensten gewesen waren, oder vielleicht auch nach einer Schwarzbrennerei. Ich kannte mich in der Überlieferung nicht so aus. Restaurierte Häuser wichen abrupt den Wohnungen von Ghetto-Miethaien und schiefen Wellblechhütten, und jenseits des Gehsteigs, auf halbem Weg den steilen Hang hinab, befand sich ein dichter Wald, wo in den zwanziger Jahren der Eisenbahntunnel eingefallen war.

Mir fiel ein, daß ich einmal in einem Hubschrauber der Staatspolizei über diese Gegend geflogen war, wo die schwarze Tunnelöffnung zwischen den Bäumen klaffte, das Gleisbett eine schlammige Narbe, die zum Fluß führte. Ich dachte an die Eisenbahnwagen und die Arbeiter, die da drinnen vermutlich noch begraben waren. Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, warum Danny hier freiwillig hergekommen sein könnte. Wenn schon aus keinem anderen Grund, dann hätte er sich auf jeden Fall um sein verletztes Knie Sorgen gemacht. Ich parkte so dicht wie möglich bei Marinos Ford und wurde augenblicklich von Reportern entdeckt.

»Dr. Scarpetta, stimmt es, daß das da oben am Hang Ihr Wagen ist?« fragte eine Journalistin. »Soviel ich weiß, ist der Mercedes auf Sie angemeldet. Welche Farbe hat er? Schwarz?« beharrte sie, als ich keine Antwort gab.

»Können Sie erklären, wie er hierhergekommen ist?« Ein Mann hielt mir ein Mikrophon unter die Nase.

»Sind Sie darin gefahren?« fragte ein anderer.

»Ist er Ihnen gestohlen worden? Hat das Opfer ihn entwendet? Glauben Sie, es geht um Drogen?«

Stimmen überlagerten sich, da niemand wartete, bis er dran war, und ich nicht sprechen wollte. Als einige Uniformierte bemerkten, daß ich eingetroffen war, intervenierten sie lautstark.

»Zurücktreten.«

»Sofort, haben Sie nicht gehört.«

»Lassen Sie die Dame durch.«

»Kommen Sie schon. Wir haben hier am Tatort zu tun. Sie haben hoffentlich nichts dagegen.«

Marino hatte sich plötzlich bei mir untergehakt. »Elendes Pack«, sagte er und glotzte sie an. »Paß gut auf, wo du hintrittst. Wir müssen fast durch den ganzen Wald bis zum Tunnel. Was hast du für Schuhe an?«

»Es wird schon gehen.«

Ein langer, steiler Pfad führte von der Straße hinab zum Tunnel. Scheinwerfer waren aufgestellt worden, um den Weg zu beleuchten, und sie zogen eine Lichterschnur wie der Mond auf einer gefährlichen Bahn. Am Rand verlor sich der Wald in der Schwärze, wo sich leise der Wind regte.

»Paß bloß auf«, sagte er und noch einmal. »Es ist schlammig, und überall liegt Dreck herum.«

»Was für Dreck?« fragte ich.

Ich schaltete meine Taschenlampe ein und richtete sie direkt auf den schmalen, schlammigen Pfad mit Glassplittern, verrottendem Papier und weggeworfenen Schuhen, der unter dem Dorngestrüpp und den nackten Bäumen in verwaschenem Weiß glitzerte und glänzte.

»Die Anwohner haben versucht, das hier in eine Müllhalde zu verwandeln«, sagte er.

»Er wäre mit seinem bösen Knie da gar nicht hinuntergegangen«, sagte ich. »Wie kommen wir am besten dorthin?«

»An meinem Arm.«

»Nein. Ich muß mir das allein ansehen.«

»Also allein wirst du da nicht runtergehen. Wir wissen nicht, ob irgendeiner noch irgendwo dort unten ist.«

»Da ist Blut.« Ich schwenkte die Taschenlampe auf die Stelle. In etwa zwei Meter Entfernung glitzerten einige große Tropfen auf altem Laub.

»Davon ist hier oben eine Menge.«

»Und an der Straße?«

»Nein. Es sieht so aus, als hätte es wohl genau hier angefangen. Aber wir haben den ganzen Pfad entlang bis zu der Stelle, wo er liegt, Blut entdeckt.«

Die Polizei hatte gelbes Band von Baum zu Baum geschlungen, um soviel Gelände wie möglich abzusichern, denn im Augenblick wußten wir noch nicht, wie groß dieser Tatort war. Ich konnte die Leiche nicht sehen, bis ich aus dem Wald auf eine Lichtung trat, wo das alte Gleisbett zum Fluß südlich von mir führte und in der gähnenden Öffnung des Tunnels im Westen verschwand. Danny Webster lag halb auf dem Rücken, halb auf der Seite, Arme und Beine ungewöhnlich verrenkt. Unter seinem Kopf hatte sich eine große Blutlache gebildet. Ich ließ den Lichtstrahl langsam über ihn wandern und sah an seinem Pullover und seiner Jeans überall Schmutz und Gras. Laubreste und anderer Unrat hatten sich in seinem blutverkrusteten Haar verfangen.

»Er ist den Hang hinabgerollt«, sagte ich, als mir auffiel, daß einige Halterungen an seiner roten Knieschiene aufgegangen waren und Unrat im Klettverschluß hing. »Er war bereits tot oder beinahe tot, als er hier liegenblieb.«

»Ja ja, ich glaube, es ist ziemlich eindeutig, daß er dort oben erschossen wurde«, sagte Marino. »Meine erste Frage war, ob er geblutet hat, während er zu entkommen versuchte. Und er schafft es etwa bis dahin, bricht dann zusammen und rollt den Rest der Strecke.«

»Oder vielleicht wurde er in dem Glauben gelassen, er hätte eine Chance zu entkommen.« Gefühl schlich sich in meine Stimme. »Siehst du seine Knieschiene? Kannst du dir ungefähr vorstellen, wie langsam er sich bewegt haben muß, als er versuchte, den Pfad hinabzugelangen? Weißt du, wie es ist, mit einem maroden Bein sich hier runterzuquälen?«

»Da hat irgendein Arschloch auf Fische in der Tonne geschossen«, sagte Marino.

Ich antwortete ihm nicht, sondern richtete den Lichtstrahl auf Gras und Müll am Hang zur Straße. Blutstropfen glitzerten dunkelrot auf einem plattgedrückten Milchkarton, der schon von Wind und Wetter ausgebleicht war.

»Was ist mit seiner Brieftasche?« fragte ich.

»Die war in seiner Gesäßtasche. Elf Dollar und Kreditkarten noch drin«, sagte Marino, dessen Augen in ständiger Bewegung waren.

Ich machte Aufnahmen, kniete mich dann neben die Leiche und drehte sie so, daß ich mir Dannys zerschmetterten Hinterkopf besser ansehen konnte. Ich befühlte seinen Nacken, der noch warm war. Das Blut unter ihm gerann noch. Ich öffnete meine Arzttasche.

»Hier.« Ich entfaltete eine Plastikplane und gab sie Marino. »Halt das mal, während ich seine Temperatur messe.«

Er schützte die Leiche vor fremden Blicken, während ich Jeans und Unterhose herunterstreifte, wobei ich feststellte, daß beide besudelt waren. Obwohl es nicht ungewöhnlich war, daß Menschen im Augenblick des Todes urinierten und defäkierten, so reagierte der Körper damit manchmal auch auf entsetzliche Angstzustände.

»Hast du eine Ahnung, ob er mit Drogen herumgemacht hat?« fragte Marino.

»Ich habe keinen Anlaß zu dieser Vermutung«, sagte ich. »Aber keine Ahnung.«

»Sah es bei ihm zum Beispiel so aus, als würde er über seine Verhältnisse leben? Ich meine, wieviel hat er verdient?«

»Er hat etwa einundzwanzigtausend Dollar im Jahr verdient. Ich weiß nicht, ob er über seine Verhältnisse gelebt hat. Er hat noch zu Hause gewohnt.«

Die Körpertemperatur betrug 35 Grad, und ich plazierte das Thermometer auf meine Tasche, um auch die Temperatur der umgebenden Luft zu messen. Ich bewegte Arme und Beine; die Totenstarre hatte erst in kleinen Muskeln eingesetzt, an Fingern und Augen. Danny war noch warm und beweglich wie zu Lebzeiten, und als ich mich dicht über ihn beugte, konnte ich immer noch sein Rasierwasser riechen und wußte, ich würde es auf ewig wiedererkennen. Ich vergewisserte mich, daß die Plane völlig unter ihm lag, dann drehte ich ihn auf den Rücken, und als ich nach anderen Wunden suchte, trat noch Blut aus.

»Wann bist du angerufen worden?« fragte ich Marino, der sich langsam auf den Tunnel zubewegte, das wirre Gestrüpp aus Ranken und Büschen mit der Lampe ausleuchtend.

»Einer der Anwohner hat einen Schuß in dieser Gegend gehört und um neunzehn Uhr fünf die Polizei verständigt. Wir haben dein Auto und ihn etwa fünfzehn Minuten später gefunden. Es handelt sich also um etwa zwei Stunden. Stimmt das mit deinen Erkenntnissen überein?«

»Die Temperatur ist nahe dem Gefrierpunkt. Er ist dick angezogen und hat nur etwa zwei Grad verloren. Ja, das kommt hin. Könntest du mir mal die Tüten da reichen? Wissen wir, was mit dem Freund passiert ist, der Lucys Suburban fahren sollte?«

Ich stülpte mir die braunen Papiertüten über die Hände und befestigte sie mit Gummis an den Gelenken, um fragile Beweismaterialien zu erhalten, wie Schmauchspuren oder Fasern unter den Fingernägeln, falls er mit seinem Angreifer gerungen hatte. Aber das hielt ich nicht für wahrscheinlich. Was auch geschehen war, ich vermutete, daß Danny genau das getan hatte, was ihm befohlen worden war.