/ Language: Deutsch / Genre:det_classic

Ripley's Game oder Der amerikanische Freund

Patricia Highsmith


Ripley’s Game

oder Der amerikanische Freund

Patricia Highsmith

1974

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Inhaltsverzeichnis

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»Es gibt keinen perfekten Mord«, sagte Tom abschließend zu Reeves. »Das ist doch nichts als Spielerei, wenn einer versucht, sich so was auszudenken. Ungelöste Mordfälle, die gibt’s natürlich haufenweise, aber das ist ganz was anderes.« Das Gespräch begann ihn zu langweilen. Er ging vor dem Kamin auf und ab, in dem ein kleines Feuer gemütlich prasselte. Seine Worte hatten etwas steif und anmaßend geklungen, das fand er selber; aber es war nun einmal so — er konnte Reeves diesmal nicht helfen und hatte ihm das auch schon auseinandergesetzt.

»Ja, ja, klar«, entgegnete Reeves. Er saß in einem der gelbseidenen Sessel, hager und vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knien verschränkt. Das knochige Gesicht mit dem hellbraunen Haar und den kalten grauen Augen hatte wenig Anziehendes, doch ohne die fünf Zoll lange Narbe, die von der rechten Schläfe über die Wange fast bis zum Mund verlief, hätte es ein gutaussehendes Gesicht sein können. Die Narbe hob sich hellrot von der Wange ab — sicher das Überbleibsel einer schweren Wunde, die schlecht oder gar nicht vernäht worden war. Tom hatte nie danach gefragt, aber Reeves hatte einmal unaufgefordert erklärt: »Ein Mädchen war das — mit ihrer Puderdose. Unglaublich, was?« (Tom glaubte es auch nicht.) Ein kurzes trauriges Lächeln hatte die Worte begleitet; daran entsann sich Tom, denn Reeves lächelte selten. Und ein andermal hieß es: »Ein Pferd hat mich abgeworfen — ein paar Meter hat mich der Gaul noch am Bügel mitgeschleift.« Das hatte Reeves einem Bekannten erzählt, aber Tom war dabei gewesen. In Wahrheit war vermutlich ein stumpfes Messer schuld, bei irgendeiner bösen Rauferei.

Heute war Reeves mit einem speziellen Wunsch gekommen: Tom sollte ihm jemanden bringen oder vorschlagen, der einen oder zwei »einfache Morde« übernehmen sollte, dazu vielleicht noch einen ebenso einfachen und ungefährlichen Diebstahl. Reeves war aus Hamburg nach Villeperce gekommen, um sich mit Tom über seinen Plan zu unterhalten; er wollte heute über Nacht bleiben und morgen in Paris mit einem dritten verhandeln; dann wollte er nach Hamburg, wo er wohnte, zurückkehren, vermutlich um weiter nachzudenken, wenn er nichts erreicht hatte. Reeves war in erster Linie Hehler, befaßte sich aber in letzter Zeit auch mit verbotenem Glücksspiel in Hamburg, und ebendiese Spieler dort wollte er schützen, so hatte er erklärt. Schützen — vor wem eigentlich? Na ja, vor italienischen Gaunern, die sich da einzudrängen versuchten. Einer der Italiener in Hamburg war ein Handlanger der Mafia, den sie vermutlich als Späher ausgeschickt hatten, und ein zweiter, aus einer anderen Mafia-Familie, konnte ebenfalls einer sein. Wenn man diese Eindringlinge — einen oder beide — liquidierte, so habe man damit, meinte Reeves, weiteren Versuchen der Bande die Spitze abgebrochen; auch werde auf diese Weise die Hamburger Polizei auf die Gefahr aufmerksam gemacht, und die Polizei werde dann den Rest übernehmen und die Mafia aus der Stadt entfernen. »Unsere Boys in Hamburg sind wirklich ganz ordentlich«, hatte Reeves überzeugend erklärt. »Na ja, sie haben ein paar private Kasinos laufen, das ist vielleicht verboten, aber als Spielklubs sind sie zugelassen, lassen, und was sie dabei für sich abschneiden, das hält sich in Grenzen. Nicht zu vergleichen mit Las Vegas, wo einfach alles von der Mafia kontrolliert wird, direkt unter den Augen der Polizei!«

Tom schob mit dem Feuerhaken die Glut zusammen; dann nahm er ein weiteres der sauber gespaltenen Holzscheite und legte es in den Kamin. Es war fast sechs, bald Zeit für Drinks. Warum eigentlich nicht jetzt schon? »Sag mal, hast du —«

Die Tür ging auf, und Mme. Annette, die Haushälterin, kam aus der Küche herein. »Entschuldigung, Messieurs — aber soll ich die Drinks schon bringen, M. Tome? Ich meine nur, weil der Herr keinen Tee wollte.«

»Sehr schön, Mme. Annette, gerade hatte ich auch daran gedacht. Bitten Sie doch auch meine Frau dazu, ja?« Heloise würde die Stimmung ein wenig auflockern, dachte Tom. Bevor er nachmittags um drei nach Orly gefahren war, um Reeves vom Flughafen abzuholen, hatte er ihr gesagt, Reeves habe etwas mit ihm zu besprechen; daher hatte sie sich heute nachmittag im Garten und oben im Haus zu tun gemacht.

»Tom, hör mal — du würdest es wohl nicht selber übernehmen?« fragte Reeves dringlich mit letzter Hoffnung, denn die Zeit wurde knapp. »Du hast keinerlei Verbindung mit uns, und genau das brauchen wir. Kein Risiko. Und das Geld ist ja auch nicht schlecht, meine ich. Sechsundneunzigtausend Dollar.«

Tom schüttelte den Kopf. »Ich habe Verbindung zu dir — das kann man doch wohl sagen.« Scheiße. Er hatte ein paar belanglose Sachen für Reeves Minot erledigt — gestohlene Kleinigkeiten weitergeschickt oder winzige Gegenstände aus Zahnpastatuben herausgeklaubt, in denen Reeves sie versteckt und die er dann, auf diese Weise getarnt, irgendeinem ahnungslosen Besucher mitgegeben hatte, Mikrofilmrollen oder so was; die hatte Tom dann weitergeleitet. »Was stellst du dir vor, wieviel an Moritaten ich mir noch leisten kann? Ich hab schließlich meinen Ruf zu wahren hier.« Tom hätte fast gelächelt bei diesen Worten, obgleich sein Herz etwas schneller schlug. Er reckte sich ein wenig und dachte an sein schönes Haus, an die sichere Existenz, die er heute hatte, sechs Monate nach der Derwatt-Affäre, bei der es beinahe zur Katastrophe gekommen wäre, aber er hatte dann doch noch Glück gehabt und war mit heiler Haut davongekommen, nur ein Hauch von Verdacht war vielleicht hängengeblieben. Sie war dünn, die Eisdecke, auf der er sich bewegte, aber gebrochen war sie nicht. Er war damals mit dem englischen Detective Inspector Webster und zwei forensischen Experten nach Salzburg gefahren, und sie hatten das Waldgebiet aufgesucht, wo er die Leiche — angeblich die Leiche des Malers Derwatt — verbrannt hatte. Der Inspektor hatte Tom gefragt, warum er den Schädel zertrümmert habe; und wenn Tom an das Gespräch dachte, fuhr ihm noch immer ein Schauer über den Rücken, denn er hatte es getan, um den Oberkiefer zu zerschlagen und die Zähne verstecken zu können. Der Unterkiefer war damals viel leichter herauszutrennen, den hatte er in einiger Entfernung vergraben. Aber die oberen Zähne … Einer der Männer fand dann mehrere und nahm sie mit; doch kein Zahnarzt in London besaß Unterlagen oder Abdrücke von Derwatts Gebiß, weil ja Derwatt angeblich die letzten sechs Jahre in Mexiko gelebt hatte. »Es paßte irgendwie zu der Einäscherung — ich meine zu der Vorstellung, ihn zu Asche werden zu lassen«, hatte er damals erwidert. Der Tote, den er da verbrannt hatte, war Bernard Tufts gewesen. Ja, ihn schauderte heute noch, sowohl bei dem Gedanken an jenen gefährlichen Augenblick des Gesprächs wie bei der Erinnerung an den gräßlichen Moment, als er mit einem schweren Stein auf den verkohlten Schädel einschlug. Aber wenigstens hatte er Bernard nicht getötet. Bernard hatte Selbstmord begangen.

»Also ich weiß nicht«, sagte er jetzt zu Reeves, »du kennst so viele Leute, da wirst du doch einen auftreiben können, der das übernimmt.«

»Ja, und dann ist die Verbindung da — viel deutlicher als mit dir. Die Leute, die ich kenne, sind leider alle keine unbeschriebenen Blätter.« Reeves’ Stimme verriet seine Niedergeschlagenheit. »Du kennst doch eine Menge hochachtbarer Leute, Tom. Ich meine so Leute, die über jeden Verdacht erhaben sind, weißt du.«

Tom lachte. »Und wie willst du die zu so was überreden? Das verrate mir mal. Manchmal redest du wirklich wie nicht gescheit, Reeves.«

»Nein — du weißt schon, was ich meine. Ich dachte an einen, der es für Geld macht — für nichts als Geld. Braucht gar kein Profi zu sein, die Vorarbeit übernehmen wir. Es wäre so eine Art — eine Art offizielle Tötung, verstehst du. Und es muß jemand sein, dem man so etwas niemals zutrauen würde.«

Mme. Annette kam herein und schob den Barwagen ins Zimmer. Der silberne Eisbehälter schimmerte. Beim Fahren quietschte der Wagen leise; seit Wochen hatte Tom vorgehabt, ihn zu ölen. Er hätte das Hinundhergerede mit Reeves fortsetzen können, denn die gute Annette verstand kein Englisch, aber das Thema langweilte ihn allmählich, und er war froh über die Unterbrechung. Mme. Annette war über sechzig, mit klaren Zügen und von kräftigem Körperbau. Sie stammte aus der Normandie und war in jeder Hinsicht eine Perle von Wirtschafterin. Kaum vorstellbar, wie das Haus ohne sie hätte auskommen sollen.

Jetzt kam auch Heloise aus dem Garten herein, und Reeves erhob sich. Heloise trug weite rosa-weiß gestreifte Hosen, alle Streifen waren von oben nach unten mit dem Aufdruck LEVI versehen. Das lange blonde Haar fiel ihr lose auf den Rücken und glänzte im Widerschein des Feuers. Unschuldig rein, dachte Tom bei ihrem Anblick; was haben wir dagegen für Pläne gewälzt! Das Licht in ihrem Haar schimmerte wie Gold und ließ ihn an Geld denken. Er hatte jetzt eigentlich genug Geld, er brauchte nicht mehr, selbst wenn der Verkauf der Derwatt-Bilder, an dem er beteiligt war, in absehbarer Zeit zu Ende ging, weil es weitere Bilder nicht gab. Er war außerdem noch am Verkauf der Derwatt-Kunstartikel beteiligt, und der ging ja weiter. Dann war da noch sein nicht sehr großes, aber langsam steigendes Einkommen aus den Greenleaf-Wertpapieren; die waren ihm durch ein Testament zugefallen, das er eigenhändig gefälscht hatte. Und schließlich, nicht zu vergessen: der sehr anständige Zuschuß von Heloises Vater. Man brauchte also nicht zu knausern. Und Mord, solange er nicht zwingend notwendig schien, war Tom verhaßt.

»Nun — haben Sie alles besprochen?« fragte Heloise auf englisch und ließ sich graziös auf das gelbe Sofa fallen.

»Ja, danke schön«, erwiderte Reeves.

Die Unterhaltung wurde französisch fortgesetzt, denn Heloise war im Englischen nicht ganz zu Hause. Reeves sprach nur einigermaßen Französisch, konnte sich aber behelfen, und zudem drehte sich das Gespräch um Belanglosigkeiten, um den Garten und den milden Winter, der jetzt anscheinend vorbei war, denn es war nun Anfang März, und die Narzissen fingen schon an zu blühen. Tom füllte Heloises Glas mit Sekt aus einer der kleinen Flaschen, die auf dem Wagen standen.

»Und was macht Hamburg?« fragte Heloise noch einmal auf Englisch, und Tom sah einen lustigen Funken in ihren Augen aufblitzen, als Reeves sich um eine konventionelle französische Antwort bemühte. In Hamburg, berichtete er, sei es jetzt auch nicht mehr kalt, und er habe ebenfalls einen Garten, sein »petite maison« liege nahe der Alster, einer Art See mitten in der Stadt. Viele Hamburger besäßen ein Hausam Wasser und manchmal auch ein kleines Boot.

Tom wußte, Heloise mochte Reeves Minot nicht. Sie traute ihm nicht, er war der Typ, den sie sich für ihren Mann nicht gerade wünschte. Befriedigt sagte sich Tom, daß er heute abend Heloise offen und ehrlich erzählen konnte, er habe sich geweigert, Reeves’ Wünschen nachzukommen. Heloise machte sich oft Gedanken, was ihr Vater wohl zu manchen Dingen sagen würde, wenn er sie erführe. Jacques Plissot war Fabrikant von Pharmazeutika, Millionär und Gaullist: der untadelige französische Bürger, wie er im Buche stand. Und er hatte Tom eigentlich nie gemocht. Häufig warnte Heloise ihren Mann und sagte: »Viel wird mein Vater sich nicht mehr bieten lassen!« — wobei es Tom klar war, daß es ihr mehr um seine Sicherheit ging, als um den finanziellen Zuschuß, den sie von ihrem Vater erhielt und den er, wie sie behauptete, oft zu sperren drohte. Einmal in der Woche, meistens am Freitag, aß sie bei ihren Eltern in Chantilly. Tom wußte: wenn der Vater tatsächlich den Zuschuß einstellte, konnten sie Belle Ombre, ihr Haus in Villeperce, nicht halten.

Zum Dinner gab es zunächst kalte Artischocken mit einer speziell von Mme. Annette erfundenen Sauce, und als Hauptgericht Medaillons de bœuf. Heloise hatte sich umgezogen, sie trug jetzt ein einfaches blaßblaues Kleid. Sicher spürte sie schon, daß Reeves den Zweck seines Besuches nicht erreicht hatte.

Vor dem Schlafengehen vergewisserte sich Tom, daß sein Gast alles hatte, was er brauchte, und fragte ihn, ob und zu welcher Zeit er morgens gern Tee oder Kaffee hätte. Kaffee um acht, erwiderte Reeves. Man hatte ihm das Gästezimmer oben links eingeräumt und dazu das Bad, das sonst zu Heloises Zimmer gehörte. Die Zahnbürste hatte Mme. Annette schon hinübergebracht in Toms Bad, das neben seinem Schlafzimmer lag.

»Du, ich bin froh, daß er morgen abreist. Warum ist er bloß so — so gehemmt?« Heloise stand am Waschtisch und bürstete sich die Zähne.

»Ach, so ist er immer.« Tom stellte die Dusche ab, trat aus der Badewanne und wickelte schnell das große gelbe Laken um sich. »Vielleicht ist er deshalb so dünn.« Sie sprachen englisch, mit Tom allein hatte Heloise keine Hemmungen.

»Wo hast du ihn eigentlich kennengelernt?«

Das wußte Tom nicht mehr. Und wann? Ach — vor fünf oder sechs Jahren. In Rom —? Wer hatte ihn denn bekannt gemacht? Tom war zu müde zum Nachdenken, und es war ja auch nicht weiter wichtig. Er hatte noch mehr Bekannte dieser Art und hätte nicht sagen können, wie und wo er jeden kennengelernt hatte.

»Was wollte er denn heute von dir?«

Tom legte den Arm um ihre Hüfte und drückte das weiche Nachthemd fest an den Körper. Er küßte sie auf die kühle Wange und sagte: »Ach, etwas Unmögliches. Ich hab Nein gesagt, das hast du wohl gemerkt, nicht wahr? Und nun ist er enttäuscht.«

In dieser Nacht hörte man mehrmals ein einsames Käuzchen rufen, das nicht weit entfernt im Pinienwald hinter dem Hause saß. Tom hatte den linken Arm unter Heloises Nacken geschoben und lag ruhig neben ihr, hellwach. Sie war eingeschlafen, ihr Atem ging weich und langsam. Tom seufzte tiefsinnend, doch seine Gedanken nahmen nicht den richtigen logischen Verlauf. Der zweite Kaffee nach dem Essen ließ ihn nicht einschlafen. Er dachte an eine Party in Fontainebleau, vor einem Monat etwa, eine zwanglose Geburtstagsparty für eine junge Frau — wie hieß sie noch? Es war der Nachname, der ihm nicht einfallen wollte, ein englischer Name — gleich mußte er ihn haben. Ihr Mann, der Gastgeber, war Anfang dreißig, und sie hatten einen kleinen Sohn. Das Haus war einfach und schmucklos, zweistöckig, in einer Wohngegend von Fontainebleau; hinten war ein kleiner Garten. Der Mann stellte Bilderrahmen her, deshalb war Tom von Pierre Gauthier mitgenommen worden. Gauthier hatte ein Geschäft für Kunstgewerbeartikel in der Rue Grande, und Tom kaufte seine Farben und Pinsel bei ihm. Gauthier hatte ihn gedrängt: »Kommen Sie doch mit, M. Reepley, und bringen Sie auch Ihre Frau mit! Wirklich, er freut sich, wenn viele kommen, er ist ein bißchen deprimiert, wissen Sie… und wo er doch Bilderrahmen macht — vielleicht können Sie ihm mal was zukommen lassen.«

Tom blinzelte im Dunkeln und schob den Kopf etwas zurück, damit die Augenlider Heloises Schulter nicht berührten. Er sah einen großen blonden Engländer vor sich, den er irgendwie nicht mochte, denn in der Küche — sie war halbdunkel, das Linoleum abgetreten, die Decke rauchgeschwärzt mit Stuck aus dem vorigen Jahrhundert — hatte der Mann — hieß er Trewbridge? Tewksbury? — zu Tom etwas unfreundlich, beinahe höhnisch gesagt: »O ja, von Ihnen habe ich schon gehört.« Tom hatte vorher noch gar nicht mit ihm gesprochen; alles, was er gesagt hatte, war: »Ich bin Tom Ripley, ich wohne in Villeperce.« Er hatte ihn dann fragen wollen, wie lange er schon in Fontainebleau wohnte, es war doch denkbar, daß ein Engländer der mit einer französischen Frau sich freute, einen Amerikaner mit einer französischen Frau kennenzulernen; aber auf seine Worte folgte dann diese unhöfliche Erwiderung. Trevanny — ja, so hieß er doch? Blond, glattes Haar, ähnlich wie ein Holländer, aber Engländer und Holländer hatten ja oft eine gewisse Ähnlichkeit.

Jetzt fiel Tom noch etwas ein, und zwar eine Bemerkung von Gauthier, etwas später am gleichen Abend. »Er ist deprimiert, wissen Sie — er meint das gar nicht so. Er ist nämlich krank — eine Blutkrankheit, Leukämie, glaube ich, jedenfalls was Ernstes. Sie sehen es ja auch dem Haus an, so sehr gut geht’s ihnen nicht.« Gauthier hatte ein Glasauge von merkwürdigem Grüngelb, offenbar sollte es in der Farbe zu dem lebenden Auge passen, und das war nicht gelungen. Das falsche sah aus wie das Auge einer toten Katze. Man versuchte immer, nicht hinzusehen, aber es zog die Blicke geradezu hypnotisch an. Deshalb hatten Gauthiers trübe Worte, zusammen mit dem Glasauge, bei Tom einen starken Eindruck vom Tode hinterlassen, den er nicht vergessen hatte.

O ja, von Ihnen habe ich schon gehört. Was meinte er bloß? Bedeutete es, daß Trevanny oder wie er hieß, die Gerüchte um Tom Ripley kannte und der Ansicht war, Tom habe den Tod von Bernard Tufts und auch den von Dickie Greenleaf verschuldet? Oder war dieser Trevanny einfach jedem Menschen gegenüber verbittert, weil er krank war — vergrätzt, wie einer mit einem Magenleiden? Jetzt erinnerte sich Tom auch an die Ehefrau: nicht gerade hübsch, aber nett anzusehen, kastanienbraunes Haar, ein offenes und freundliches Gesicht. Sie hatte sich viel Mühe gemacht mit der Party in dem kleinen Wohnzimmer und der Küche, wo es nur wenige Stühle gab und niemand sich hingesetzt hatte.

Tom wurde nachdenklich; langsam stieg eine Idee in ihm auf und nahm Gestalt an. Ob dies vielleicht ein Mann war, der so eine Aufgabe übernehmen würde, wie Reeves sie im Sinne hatte? Nicht ausgeschlossen, überlegte er; und bei diesem Engländer bot sich vielleicht eine Kontaktmöglichkeit, ein Weg, der auch bei anderen Leuten gangbar wäre, wenn man den Boden etwas vorbereitete, doch in diesem Falle war er bereits vorbereitet. Trevanny machte sich ernste Sorgen um seine Gesundheit. Na ja — die Idee war im Grunde nichts als ein Scherz. Zugegeben: ein schlechter Scherz, aber der Mann war ja auch reichlich unfreundlich zu ihm gewesen. Außerdem würde der Scherz vermutlich nach zwei oder drei Tagen platzen, sobald nämlich Trevanny seinen Arzt aufgesucht hatte.

Die Idee machte Tom allmählich Spaß. Behutsam löste er sich von Heloise, damit sie nicht aufwachte, wenn er lachen mußte. Man stelle sich bloß mal vor, daß Trevanny tatsächlich auf Reeves’ Plan einging und ihn ausführte wie ein Soldat oder wie ein Schlafwandler. Ob sich der Versuch wirklich lohnte? Ja, er lohnte sich. Tom hatte nichts zu verlieren und Trevanny erst recht nicht. Im Gegenteil, Trevanny hatte viel zu gewinnen, und Reeves hatte ebenfalls zu gewinnen, wie er behauptete, aber das war seine Sache. Was Reeves eigentlich mit dieser ganzen Angelegenheit bezweckte, das war Tom ebenso unklar wie Reeves’ Getue mit den Mikrofilmen, bei denen es sich vermutlich um internationale Spionage handelte. Ob die hohen Herren in den Regierungen wohl eine Ahnung hatten, wie verrückt sich manche ihrer Agenten aufführten? Sinnlos jagten sie mit Pistolen und Mikrofilmen von Bukarest nach Moskau und Washington — erwachsene Männer, die sich gewiß mit der gleichen Begeisterung und demselben Energieaufwand dem internationalen Kriegsgeschehen an den Briefmarkenbörsen oder der Beschaffung geheimer Pläne von Miniatureisenbahnen widmen könnten.

2

So kam es, daß Jonathan Trevanny — wohnhaft in Fontainebleau, Rue St-Merry — zehn Tage später, am 22. März, einen seltsamen Brief von seinem guten Freund Alan McNear erhielt. Alan war der Pariser Manager einer englischen Firma für elektronische Geräte; den Brief hatte er kurz vor seiner Abreise nach New York, wo er geschäftlich zu tun hatte, geschrieben, eigenartigerweise nachdem er gerade am Tag vorher noch bei den Trevannys in Fontainebleau gewesen war, an einer Abschiedsparty, die sie für ihn gegeben hatten. Jonathan hätte eher einen kurzen Dankbrief für die Party erwartet (oder vielmehr gar nicht erwartet), und Alan schrieb auch ein paar Worte des Dankes, aber dann hieß es weiter:

»Jon, ich war ganz entsetzt, als ich hörte, daß deine alte Krankheit sich verschlimmert hat; ich hoffe immer noch, daß es nicht stimmt. Man sagte mir, du wüßtest Bescheid, wolltest aber deine Freunde nicht damit behelligen. Nun sag mir bloß: Wozu hat man denn Freunde? Du kannst doch nicht annehmen, zwischen uns würde sich etwas ändern, weil wir meinten, du würdest nun nur noch Trübsal blasen? Deine Freunde, zu denen ich mich ganz gewiß zähle, sind immer und jederzeit für dich da. Ich kann das schriftlich nicht so ausdrücken, du mußt mir bitte glauben. Aber ich werd’s nachholen, wenn wir uns in ein paar Monaten wiedersehen, falls ich einen Urlaub herausschlagen kann. Bitte verzeih diese unzureichenden Worte.«

Was um Himmels willen meinte Alan damit? War es denkbar, daß Dr. Perrier, der Hausarzt, zu Jonathans Freunden etwas gesagt hatte, das er ihm, dem Patienten, verschwieg? Irgend etwas in der Richtung, daß er nicht mehr lange zu leben habe? Auf der Abschiedsparty war Dr. Perrier nicht gewesen, aber vielleicht hatte er zu irgend jemand etwas gesagt? Möglicherweise sogar zu Simone? Und Simone behielt es womöglich auch für sich und sagte ihrem Mann nichts davon?

Das alles ging Jonathan durch den Kopf, als er um halb neun Uhr morgens in seinem kleinen Garten stand. Ihn fröstelte trotz des Pullovers, und die Hände trugen Spuren von Gartenerde. Am besten suchte er Dr. Perrier gleich heute auf. Mit Simone zu reden hatte keinen Zweck; wer weiß, sie würde sich vielleicht verstellen. Aber Liebling, wie kommst du darauf? Ganz sicher war Jon nicht, daß er sie durchschauen würde.

Und Dr. Perrier — ob er dem glauben durfte? Der war wie ein Luftballon, immer erfüllt von fröhlichem Optimismus: wunderbar bei harmlosen Wehwehs, man fühlte sich dann sofort besser, manchmal geradezu schon geheilt. Aber Jon wußte, bei ihm war es keine Belanglosigkeit. Er litt an myeloischer Leukämie, das war ein Überschuß an weißen Blutkörperchen im Knochenmark. Sobald die Schwäche ihn überkam, mußte er seinen Arzt aufsuchen oder im Krankenhaus in Fontainebleau eine Bluttransfusion vornehmen lassen. Nur hatte Dr. Perrier, ebenso wie ein Pariser Spezialist, ihm nicht verschwiegen, daß eines Tages die Verschlechterung sich vermutlich beschleunigen werde, und dann sei mit Transfusionen nicht mehr viel zu machen. Das wußte Jonathan, er hatte viel über seine Krankheit gelesen. Bis heute gab es kein Mittel gegen myeloische Leukämie. In den meisten Fällen dauerte es sechs bis zwölf Jahre bis zum Ende, manchmal auch nur sechs bis acht Jahre. Er war jetzt im sechsten Jahr.

Jonathan stellte die Harke in den kleinen ummauerten Raum, der früher als Außentoilette gedient hatte und heute zum Geräteschuppen umgewandelt worden war. Er ging hinüber zur hinteren Treppe, blieb mit einem Fuß auf der ersten Stufe stehen und sog in tiefen Zügen die frische Morgenluft ein. Wie viele solcher Morgen werd ich noch erleben? dachte er. Aber das hatte er sich auch im letzten Frühling gefragt. Kopf hoch — er wußte ja seit sechs Jahren, daß er vielleicht keine fünfunddreißig werden würde. Mit festen Schritten stieg er die acht eisernen Stufen hinauf. Jetzt war es 8.52 Uhr. Um neun oder kurz nach neun mußte er in seinem Laden sein.

Simone war mit Georges auf dem Weg zur Ecole Maternelle; das Haus war leer. Jonathan wusch sich die Hände am Küchenausguß und benutzte dazu die Gemüsebürste, was Simone nicht gern sah, aber er ließ die Bürste sauber liegen. Der einzige andere Waschtisch war oben im Badezimmer. Telefon hatten sie nicht. Sobald er im Laden war, wollte er bei Dr. Perrier anrufen.

Jonathan verließ das Haus und ging bis zur Rue de la Paroisse; hier bog er links ab und schritt die Straße hinunter bis zur Kreuzung der Rue des Sablons. In seinem Geschäft wählte er Dr. Perriers Nummer, er wußte sie auswendig. Die Sprechstundenhilfe meldete sich; der Doktor sei besetzt. Das hatte Jonathan erwartet.

»Es ist dringend, wirklich. Und es dauert bestimmt nicht lange — ich will ihn bloß etwas fragen, etwas sehr Wichtiges. Ich muß ihn sprechen.«

»Ist es die Schwäche, M. Trevanny?«

»Ja«, sagte Jonathan sofort.

Sie gab ihm einen Termin: zwölf Uhr mittags. Eine unheilvolle Zeit, dachte er.

Jonathan war Bilderrahmer. Er schnitt Glas und Pappe zurecht und fertigte den Rahmen an; für unentschlossene Kunden suchte er Rahmen aus seinem Vorrat heraus, und in seltenen Glücksfällen, wenn er auf Auktionen oder bei Althändlern alte Rahmen einhandelte, fand er auch ein Bild, das zu dem Rahmen paßte. Das konnte er dann säubern und zum Verkauf in sein Schaufenster stellen. Doch das Geschäft ging nicht besonders; sie lebten von der Hand in den Mund. Vor sieben Jahren hatte er noch einen Partner gehabt, ebenfalls Engländer, aus Manchester war er: sie hatten in Fontainebleau ein Antiquitätengeschäft aufgemacht, meistens war es alter Kram, den sie aufpolierten und dann verkauften. Aber für zwei war das nicht genug zum Leben gewesen, deshalb war Roy ausgeschieden und hatte in der Nähe von Paris eine Stellung als Automechaniker in einer Garage angenommen. Bald darauf hatte dann ein Pariser Arzt zu Jonathan das gleiche gesagt, was er von einem Londoner Arzt erfahren hatte: »Neigung zur Anämie, Ich rate Ihnen, sich häufig zur Kontrolle untersuchen zu lassen. Möglichst keine schwere Arbeit.« So hatte er den Umgang mit Schränken und Sofas aufgegeben und war zu Bilderrahmen und Glas übergegangen, das war leichter. Vor seiner Heirat hatte er Simone gesagt, er werde vielleicht nur noch sechs Jahrezu leben haben, denn gerade als sie sich kennenlernten, hatten ihm zwei Ärzte bestätigt, die Ursache seiner periodischen Schwächeanfälle sei myeloische Leukämie.

Langsam und ruhig begann Jonathan seinen Tag. Seine Gedanken waren bei Simone. Wenn er jetzt starb, könnte sie wieder heiraten. Sie arbeitete jede Woche an fünf Nachmittagen von halb drei bis halb sieben in einem Schuhgeschäft in der Avenue Franklin Roosevelt, das war wicht weit von zu Hause, man konnte zu Fuß hingehen. Aber sie tat das erst seit einem Jahr, seit Georges alt genug war, um in der französischen Abart eines Kindergartens untergebracht zu werden. Sie brauchten eben die zweihundert Francs, die Simone wöchentlich verdiente; trotzdem war es Jonathan unbehaglich bei dem Gedanken an Brezard, ihren Chef; das war ein Casanova, der seine Verkäuferinnen gern mal in den Po kniff und sein Glück sicher auch im Hinterzimmer versuchte, das als Lager diente. Smone war zwar eine verheiratete Frau, und Brezard wußte das sehr gut, es gab also wohl eine Grenze, die er nicht überschreiten durfte, aber das hinderte so einen ja nicht daran, es immer mal wieder zu versuchen. Simone war alles andere als ein Flirt — im Gegenteil, sie war eher schüchtern, es sah aus, als glaube sie, für Männer nicht attraktiv zu sein. Jonathan liebte diese Eigenschaft an ihr; fr sein Gefühl knisterte sie geradezu vor Sex-Appeal — allerdings war es vielleicht eine Art von Sex-Appeal, auf die nicht jeder Mann ansprach, und es ärgerte ihn besonders, daß dieser Wühleber, dieser Brezard, die ganz spezielle Art von Anziehung an Simone offenbar bemerkt hatte und daß er daran teilhaben wollte. Nicht daß Simone viel won ihm sprach; sie hatte bisher nur einmal erwähnt, daß er es mit seinen Verkäuferinnen versuchte — es gab noch zwei außer ihr. Einen Augenblick lang stellte sich Jonathan, während er einer Kundin ein gerahmtes Aquarell vorführte, Simone vor, wie sie nach angemessenem Zögern ihrem odiösen Chef nachgab — er war immerhin Junggeselle und finanziell besser gestellt als Jonathan. Ach, Blödsinn, dachte er gleich darauf. Simone konnte diesen Typ nicht ausstehen.

»Wunderhübsch, wirklich! Genau richtig!« sagte die junge Frau in dem hellroten Mantel erfreut und hielt das Bild auf Armeslänge von sich.

Ein Lächeln erschien zögernd auf Jonathans langem, ernsthaftem Gesicht, als sei eine kleine private Sonne durch die Wolken hervorgebrochen und leuchte nun von innen heraus. Sie war so ehrlich entzückt! Er kannte sie gar nicht; sie holte nur das Bild ab, das eineältere Dame-vielleicht ihre Mutter — ihm neulich gebracht hatte. Der Preis war eigentlich zwanzig Francs höher, als er zunächst geschätzt hatte, denn der Rahmen war nicht der, den die andere Dame ausgesucht hatte (davon war nicht genug auf Lager gewesen), aber er sagte jetzt nichts davon und nahm die vereinbarten achtzig Francs dankend entgegen.

Etwas später holte er einen Besen und säuberte den Holzfußboden; die drei oder vier Bilder in dem kleinen Schaufenster wurden mit dem Staubwedel abgestaubt. Heute morgen fiel ihm auf, wie schäbig der Laden war. Nirgends ein bißchen Farbe; Rahmen jeder Größe standen an die ungestrichenen Wände gelehnt, Musterleisten hingen von der Decke herab, und auf dem Ladentisch lagen Auftragsbuch, Lineal und Bleistifte. Weiter hinten gab es einen langen Holztisch, an dem Jonathan mit der Gehrungslade, Sägen und Glasschneidern arbeitete. Dort lagen auch die sorgsam geschützten Bogen für die Passe-partouts sowie eine dicke Rolle mit braunem Papier, Bindfaden, Draht, Leimtöpfe, Kästchen mit Nägeln verschiedener Größe, und über dem Tisch an der Wand hingen Gestelle mit Messern und Hammern. Im Grunde liebte Jonathan die altertümliche Atmosphäre des neunzehnten Jahrhunderts, das Fehlen jeglichen kommerziellen Gehabes. Sein Geschäft sollte aussehen, als gehöre es einem guten, soliden Handwerker, und das war ihm auch wohl gelungen. Er forderte niemals überhöhte Preise und hielt stets die Termine ein; wenn er sich einmal verspätete, so schickte er dem Kunden eine Karte oder rief ihn.an. Sie wußten das zu schätzen, das hatte er festgestellt.

Um elf Uhr fünfunddreißig hatte er zwei kleine Bilder gerahmt und mit den Namen der Eigentümer versehen. Jetzt stand er am Ausguß und wusch sich Gesicht und Hände mit kaltem Wasser, fuhr mit dem Kamm durch die Haare, streckte sich und nahm sich vor, auf das Schlimmste gefaßt zu sein. Dr. Perriers Praxis war nicht weit, in der Rue Grande. Jonathan drehte sein Türschild um, auf dem »Ouvert à 14.30 heures« stand, schloß die Tür ab und machte sich auf den Weg.

Im Vorzimmer mit dem staubig-kränklichen Lorbeerbaum mußte er warten. Niemals blühte der Baum, er wuchs nicht und starb nicht und veränderte sich niemals. Im stillen verglich Jonathan sich selber mit der Pflanze; er versuchte, an anderes zu denken, doch immer wieder wanderten seine Augen zu ihr hinüber. Ein paar Hefte PARIS MATCH lagen auf dem ovalen Tisch, alt und zerfleddert; Jonathan fand sie noch trübseliger als den Lorbeer. Er hielt sich im stillen vor, daß Dr. Perrier ja auch noch als Krankenhausarzt in dem großen Hôpital de Fontainebleau angestellt war; sonst wäre es unsinnig gewesen, sein Leben und die Antwort auf die Frage, ob man bald sterben müsse, in die Hände eines Arztes zu legen, der in einer so schäbigen kleinen Behausung praktizierte.

Die Sprechstundenhilfe kam heraus und ließ ihn eintreten.

»Nun, wie geht’s denn meinem interessanten Patienten?« Dr. Perrier rieb sich die Hände und streckte Jonathan die Rechte entgegen.

Jonathan schüttelte die Hand. »Danke schön, ich fühle mich ganz wohl. Aber was ist mit — ich meine die Tests, die wir vor zwei Monaten gemacht haben? Wie ich höre, sind sie nicht sehr günstig ausgefallen — —?«

Dr. Perrier blickte ihn verständnislos an, und Jonathan beobachtete ihn scharf. Dann lächelte der Arzt, wobei unter dem nachlässig getrimmten Schnurrbart gelbliche Zähne sichtbar wurden.

»Nicht sehr günstig — wieso? Sie haben doch die Resultate gesehen.«

»Ja, schon — aber ich bin ja kein Fachmann. Vielleicht — ich meine, vielleicht verstehe ich sie nicht richtig.«

»Aber ich hab sie Ihnen doch erklärt! Also was gibt’s denn nun heute — ist es wieder die alte Müdigkeit?«

»Nein, eigentlich nicht.« Jonathan merkte, der Arzt war in Eile, er wollte zum Mittagessen, deshalb sagte er hastig:

»Offen gesagt, ein Freund von mir hat irgendwie erfahren, daß — daß mir eine Krise bevorsteht. Oder daß ich vielleicht nicht mehr lange zu leben habe. Ich habe natürlich angenommen, der Bescheid müsse von Ihnen stammen.«

Dr. Perrier schüttelte den Kopf und lachte, er hüpfte ein paarmal wie ein Vogel und blieb dann stehen, die mageren Arme auf die Glasplatte des Bücherschränkchens gelegt.

»Mein lieber M. Trevanny — erstens hätte ich das, wenn es stimmte, keinem Menschen gesagt. Das gehört sich nicht für einen Arzt. Zweitens trifft es, soweit es den letzten Test betrifft, ja gar nicht zu. Möchten Sie gern, daß wir heute noch einen Test machen? Vielleicht heute nachmittag im Krankenhaus, da könnte ich —«

»Nein, das ist nicht nötig. Ich wollte nur eins wissen: Stimmt es? Oder wollen Sie es mir nur nicht sagen, vielleicht, um mich zu schonen?« Jonathan lachte unsicher.

»Aber woher denn! Halten Sie mich für so einen Arzt?«

Ja, das tue ich, dachte Jonathan und blickte Perrier in die Augen. Und Gott segne ihn dafür, in manchen Fällen; aber er selber war eben nicht so ein Patient: mit ihm sollte man offen sprechen, er wußte mit Tatsachen fertig zu werden. Jonathan biß sich auf die Lippen. Er konnte natürlich das Labor in Paris aufsuchen und darauf bestehen, noch einmal mit Dr. Moussu, dem Spezialisten, zu sprechen. Und er konnte auch versuchen, heute beim Lunch etwas aus Simone herauszukriegen.

Dr. Perrier klopfte ihm freundschaftlich auf den Arm. »Ich will ja nicht fragen, wer Ihr Freund ist, aber entweder irrt er sich, oder er ist kein guter Freund, meine ich. Also Sie kommen zu mir, wenn Sie wieder müde werden — das ist jetzt die Hauptsache, nicht wahr?«

Zwanzig Minuten später stieg Jonathan die Stufen zu seiner Haustür hinauf. Er hatte eine Apfeltorte und ein langes Weißbrot bei sich. Er schloß die Tür auf und ging den Flur entlang bis zur Küche, wo es nach Bratkartoffeln roch: ein Duft, der ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ und der stets Lunch bedeutete, nicht Dinner. Simone schnitt die Kartoffeln immer in lange schmale Streifen, nicht in kleine Stücke wie die Chips-Verkäufer in England. Warum mußte er jetzt an England denken?

Simone stand am Herd, sie hatte eine Schürze um und eine lange Gabel in der Hand. »Hallo, Jon. Du bist spät heute.«

Jonathan legte den Arm um sie und küßte sie auf die Wange, dann hielt er den Karton in die Höhe und zeigte ihn Georges, der, den blonden Kopf gebeugt, am Tisch saß und aus einer leeren Cornflakeschachtel Figuren für sein Mobile ausschnitt.

»Oh, Kuchen? Was für Kuchen?« fragte Georges begierig.

»Apfel.« Jonathan stellte den Karton auf den Tisch.

Sie setzten sich zu Tisch. Für jeden gab es ein kleines Steak, grünen Salat und die köstlichen, duftenden Bratkartoffeln.

»Brezard fängt mit der Inventur an«, erzählte Simone. »Nächste Woche kommen die Sommersachen, deshalb macht er Freitag und Samstag Ausverkauf. Kann sein, daß ich heute abend etwas später komme.«

Sie hatte den Apfelkuchen auf dem Asbestteller gewärmt. Jonathan wartete ungeduldig darauf, daß Georges ins Wohnzimmer ging, wo er einen Teil seiner Spielsachen hatte, oder hinaus in den Garten. Als er endlich draußen war, sagte Jonathan:

»Ich bekam heute einen komischen Brief von Alan.«

»Von Alan? Wieso komisch?«

»Er hat ihn geschrieben, gerade bevor er nach New York ging. Er hatte offenbar gehört —« Ob er ihr den Brief zeigen sollte? Sie konnte Englisch gut lesen. Er beschloß, weiterzureden. »Er hat irgendwo gehört, daß es mir schlechter geht, daß eine ernste Krise bevorsteht oder so was. Weißt du irgendwas davon?« Er beobachtete ihre Augen.

Simone sah ehrlich überrascht auf. »Wieso ich — nein, natürlich nicht, Jon. Ich könnte es doch nur von dir hören.«

»Ich habe eben mit Dr. Perrier gesprochen, deshalb kam ich etwas später. Er sagt, er weiß nichts von einem Wechsel in meinem Befund, aber du kennst ja Perrier!« Jonathan lächelte; sein Blick ließ sie nicht los. »Hier ist der Brief.«Er zog ihn aus der hinteren Tasche und übersetzte ihr den Absatz.

»Mon dieu! Woher kann er das gehört haben?«

»Das frage ich mich auch. Ich werde ihm schreiben und ihn fragen, meinst du nicht?« Wieder lächelte Jonathan, diesmal war es ein offenes Lächeln, denn er war sicher, daß Simone nichts wußte.

Mit einer zweiten Tasse Kaffee ging Jonathan hinüber in das kleine Wohnzimmer, wo Georges mit seinen Figuren ausgestreckt auf dem Boden lag. Jonathan setzte sich an den kleinen Schreibtisch, an dem er sich immer wie ein Riese vorkam, es war ein zierlicher französischer ecritoire, ein Geschenk von Simones Verwandten. Jonathan achtete darauf, sich nicht zu schwer auf die Platte zu stützen, und Segann einen Luftpostbrief an Alan McNear im Hotel New Yorker. Der Anfang geriet ihm ganz munter, dann kam der zweite Absatz.

»Ich weiß nicht recht, was du mit der schlimmen Nachricht meinst, die dich so erschreckt hat. Mir geht es durchaus gut. Heute morgen habe ich meinen Arzt hier gefragt, ich wollte wissen, ob er mir die Wahrheit sagt. Er behauptet, von einer Verschlimmerung nichts zu wissen. Deshalb wüßte ich sehr gern, von wem du es gehört hast, lieber Alan. Könntest du mir das wohl recht bald kurz mitteilen? Es hört sich nach einem Mißverständnis an, und ich möchte es natürlich gerne aus der Welt schaffen; du kannst sicher verstehen, daß ich sehr gern wissen möchte, woher du es hast.«

Den Brief warf er auf dem Weg zu seinem Geschäft in einen gelben Kasten. Sicher konnte er erst in einer Woche mit Alans Antwort rechnen.

An diesem Nachmittag war Jonathans Hand so ruhig und sicher wie je, als er das Messer am Rand des stählernen Lineals entlangzog. Er dachte an den Brief, der wohl heute abend oder morgen früh auf den Weg zum Flughafen Orly gebracht wurde. Er dachte an sein Alter, vierunddreißig Jahre, und wie kläglich wenig er im Leben erreicht hatte, wenn er jetzt in ein paar Monaten sterben sollte. Er hatte einen Sohn gezeugt, das war gewiß etwas, aber kaum etwas besonders Verdienstvolles. Er würde Simone nicht sehr gut versorgt zurücklassen;und ihren Lebensstandard hatte er eher etwas gesenkt als gehoben. Ihr Vater war zwar nur Kohlenhändler, aber im Laufe der Jahre hatte die Familie es doch zu bescheidenem Wohlstand gebracht; sie hatten zum Beispiel ein Auto und waren gut eingerichtet. Im Juni oder Juli mieteten sie für den Urlaub ein Haus unten im Süden, und im letzten Jahr hatten sie die Miete für einen weiteren Monat bezahlt, so daß Jonathan und Simone mit Georges hatten hinfahren können. Jonathan hatte es nicht so weit gebracht wie sein Bruder Philip, der zwei Jahre älter war und schwächlicher aussah und der sein Leben lang ein langweiliger Streber gewesen war. Heute war er Professor für Anthropologie an der Universität Bristol: sicher nicht gerade ein Genie, aber ein zuverlässiger Beamter mit einer soliden Laufbahn und einer Frau und zwei Kindern. Jonathans verwitwete Mutter lebte sehr zufrieden in Oxfordshire bei ihrem Bruder und seiner Frau, wo sie das Haus und den großen Garten versorgte. Er selber, dachte Jonathan, war eigentlich der Versager in der Familie, sowohl gesundheitlich wie beruflich. Mit achtzehn hatte er Schauspieler werden wollen und hatte zwei Jahre lang eine Schauspielschule besucht. Sein Gesicht paßte nicht schlecht dafür, fand er; kein wirklich schönes Gesicht mit der großen Nase und dem breiten Mund, aber hübsch genug für jugendliche Helden und gleichzeitig auch markant genug für das schwere Heldenfach später. Ach, es war bei den Luftschlössern geblieben; er hatte kaum zwei kleine Rollen gehabt in den drei Jahren, als er sich in London und Manchester an den Theatern herumtrieb und daneben natürlich, um zu leben, immer noch andere Jobs hatte annehmen müssen, einmal sogar als Gehilfe bei einem Tierarzt. »Sie brauchen so viel Platz und sind dabei noch unsicher«, hatte ein Regisseur einmal zu ihm gesagt. Und als er dann bei einer dieser Gelegenheitsarbeiten für einen Antiquitätenhändler tätig war, fand er, das Antiquitäten-Geschäft müßte ihm eigentlich liegen. Er hatte soviel wie möglich von seinem Boss, Andrew Mott, gelernt. Dann kam der große Schritt, die Übersiedlung nach Frankreich mit seinem Freund Roy Johnson; auch er brachte viel Begeisterung und wenig Kenntnisse mit für den Aufbau eines Antiquitätengeschäfts aus dem Althandel. Jonathan erinnerte sich gut an seine Visionen von Ruhm und Abenteuer in einem neuen Land, an die Träume von Freiheit und Erfolg in Frankreich. Und wie hatte die Wirklichkeit ausgesehen? Weder Erfolge noch intellektuelle Freundinnen, noch Kontakte mit Bohemiens oder sonst einer Schicht der französischen Gesellschaft, die er sich vorgestellt hatte, die aber vielleicht gar nicht existierte — nichts von alledem. Er hatte weiterstolpern müssen und war nicht besser dran gewesen als zu der Zeit, da er sich um Bühnenrollen bemühte und jede Art Broterwerb hatte annehmen müssen.

Das einzige wirkliche Glück seines Lebens war seine Ehe mit Simone. Die Nachricht von seiner Krankheit war damals im gleichen Monat gekommen, in dem er Simone Foussadier kennenlernte. Er hatte sich manchmal merkwürdig schwach gefühlt und hatte das erst auf die Verliebtheit, auf romantische Gefühle geschoben. Aber auch als er sich etwas mehr Ruhe gönnte, war es nicht besser geworden, einmal war er auf einer Straße in Nemours ohnmächtig geworden und hatte daraufhin einen Arzt aufgesucht, Dr. Perrier in Fontainebleau; der hatte es für eine Veränderung im Blutbild gehalten und hatte ihn an einen Dr. Moussu in Paris verwiesen, einen Spezialisten. Moussu hatte nach zweitägiger Untersuchung den Befund bestätigt — myeloische Leukämie — und erklärt, er habe noch etwa sechs bis acht Jahre zu leben, vielleicht, wenn er Glück habe, auch zwölf. Die Milz werde sich vergrößern; das war auch bereits eingetreten, nur hatte Jonathan davon nichts bemerkt. Der Heiratsantrag, den er Simone in ungelenken Worten machte, war daher gleichzeitig eine Liebes- und eine Todeserklärung gewesen, und die meisten jungen Frauen hätte das gewiß abgeschreckt oder zu einer Bitte um Bedenkzeit veranlaßt, aber Simone hatte nur gesagt, ja, sie liebe ihn auch. »Auf Liebe kommt es an, nicht auf Zeit«, hatte sie gesagt. Keinerlei Rechnen und Überlegen, wie Jonathan es bei den Franzosen und überhaupt bei Südländern immer vorausgesetzt hatte. Mit ihrer Familie habe sie schon gesprochen, hatte Simone gesagt — und dabei kannten sie sich erst zwei Wochen. Jonathan fühlte sich plötzlich in eine feste Welt versetzt — fester und sicherer, als er sie je gekannt hatte. Liebe, wirkliche Liebe und nicht nur romantisches Gefühl, Liebe, die außerhalb seiner Kontrolle lag, hatte ihn wie durch ein Wunder gerettet, gewissermaßen vom Tode errettet. Was er damit meinte, war: sie hatte dem Tod seinen Schrecken genommen. Und nun kam der Tod, nach sechs Jahren, wie Dr. Moussu in Paris vorausgesagt hatte. Vielleicht. Jonathan wußte nicht mehr, was er glauben sollte.

Er mußte wohl Moussu noch einmal aufsuchen. Vor drei Jahren war bei Jonathan unter Dr. Moussus Anleitung in einem Pariser Krankenhaus ein vollständiger Blutaustausch vorgenommen worden. Man hoffte, der Überschuß an weißen Bestandteilen werde in dem ausgetauschten Blut nicht wieder auftreten, doch nach acht Monaten hatte man wiederum einen weißen Überschuß festgestellt.

Aber bevor er sich bei Dr. Moussu meldete, wollte Jonathan den Antwortbrief von Alan McNear abwarten. Ganz sicher würde Alan sofort schreiben, darauf konnte man sich verlassen.

Bevor er seinen Laden verließ, warf Jonathan noch einen Blick rings auf den Raum, der ein bißchen aussah wie bei Dickens. Es war nicht richtig schmutzig, nur die Wände müßten frisch gestrichen werden. Ob er anfangen sollte, das Ganze etwas aufzupolieren, seine Kunden hochzunehmen, wie es andere Leute taten, Messingkram zu hohen Preisen verkaufen? Er wand sich bei dem Gedanken. Nein — für so was war er einfach nicht der richtige Mann.

Das war Mittwoch gewesen. Am Freitag, als sich Jonathan mit einer hartnäckigen Schraube abmühte, die seit etwa hundertfünfzig Jahren in einem Eichenholzrahmen festsaß und sich nicht lösen ließ, mußte er plötzlich die Zange fallen lassen und nach einem Sitz tasten — einer Holzkiste, die an der Wand stand. Er erhob sich gleich wieder und netzte sich am Ausguß das Gesicht mit kaltem Wasser, wobei er sich so tief wie möglich bückte. Nach etwa fünf Minuten war die Schwäche vorbei, und mittags hatte er sie schon vergessen. Solche Anfälle traten alle zwei oder drei Monate auf; er war froh, wenn es nicht auf der Straße passierte.

Am Dienstag, sechs Tage nachdem er seinen Brief an Alan eingesteckt hatte, kam die Antwort aus dem Hotel New Yorker.

Samstag, 25. März

Lieber Jon,

ich bin sehr froh, daß du mit dem Arzt gesprochen hast und der Bescheid so gut ist! Der Mann, der mir erzählte, es ginge dir schlechter, war ein kleiner Kahlkopf mit Schnurrbart und Glasauge, etwa Anfang vierzig. Er schien echt besorgt zu sein, vielleicht solltest du es ihm nicht allzu übelnehmen, er kann es ja von jemand anderem gehört haben.

Mir geht es sehr gut — schade, daß ihr beide nicht hier seid, zumal ich auf Spesen lebe …

Der Mann, den Alan meinte, war Pierre Gauthier, er hatte ein Geschäft für Kunstgewerbeartikel in der Rue Grande; nicht eigentlich ein Freund, eher ein Bekannter. Er schickte oft Kunden zu Jonathan, die Bilder einzurahmen hatten. Gauthier war bei der Abschiedsparty für Alan dabeigewesen, das wußte Jonathan noch genau;er mußte an diesem Abend mit Alan gesprochen haben. Es war ganz ausgeschlossen, daß Gauthier das aus Bosheit erzählt hatte. Immerhin, es war erstaunlich, daß Gauthier überhaupt wußte, daß Jonathan an einer Blutkrankheit litt, aber so etwas sprach sich wohl herum. Das beste war sicher, Gauthier einfach zu fragen, von wem er es gehört hatte.

Es war jetzt zehn Minuten vor neun; Jonathan hatte — ebenso wie gestern morgen — zu Hause auf die Post gewartet. Am liebsten hätte er sich sofort zu Gauthier auf den Weg gemacht, aber das war vielleicht übertrieben eilig; es war wohl besser, er beruhigte sich erst mal, ging ins Geschäft und begann den Tag wie immer.

Da ihn mehrere Kunden aufhielten, konnte er erst um 10 Uhr 25 eine Pause machen. Er steckte die weiße Karte an die Tür, die besagte, er werde um elf zurück sein, und machte sich auf den Weg.

Bei Gauthier waren zwei Kundinnen im Laden. Jonathan tat so, als stöbere er zwischen den Pinselgestellen herum, bis Gauthier frei war; dann streckte er Gauthier die Hand entgegen und sagte:

»M. Gauthier — wie geht es Ihnen?«

Gauthier nahm sie in seine beiden Hände und erwiderte mit herzlichem Lächeln: »Und Ihnen, lieber Freund?«

»Vielen Dank, recht gut. Ecoutez, ich will Sie nicht lange stören, aber ich möchte Sie gern etwas fragen.«

»Ja, gern — was denn?«

Jonathan machte eine Handbewegung, und Gauthier trat von der Tür zurück, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Der kleine Laden war nicht sehr geräumig. »Ich bekam heute einen Brief von einem Freund — von meinem Freund Alan, Sie erinnern sich vielleicht. Der Engländer, auf der Party bei uns, vor ein paar Wochen.«

»Ja, natürlich! Ihr Freund, der Engländer. Alain.« Gauthier wußte, wen Jonathan meinte, und sah ihn aufmerksam an.

Jonathan versuchte, das Glasauge unbeachtet zu lassen und sich nur auf das andere Auge zu konzentrieren. »Ja, also — Sie haben offenbar Alan erzählt, Sie hätten gehört, ich sei sehr krank und hätte vielleicht nicht mehr lange zu leben.«

Gauthiers freundliches Gesicht nahm einen feierlichen Ausdruck an. Er nickte. »Ja, M’sieur, das hatte ich gehört, und ich hoffe, es stimmt nicht. Ich erinnere mich an Alain, Sie hatten uns bekannt gemacht und gesagt, er sei Ihr bester Freund, deshalb nahm ich an, er wüßte es. Vielleicht hätte ich lieber nichts sagen sollen — es tut mir leid, vielleicht war es taktlos von mir. Ich nahm an, Sie versuchten, Haltung zu bewahren, sozusagen, wie es in England üblich ist.«

»Es ist nicht weiter schlimm, M. Gauthier, denn soviel ich weiß, stimmt es gar nicht. Ich bin gerade beim Arzt gewesen, und —«

»Ah, bon! Ja, das ist dann ja was anderes. Da bin ich aber sehr froh, M. Trevanny! Haha!« Gauthier lachte wie erlöst, als sei ein Gespenst verschwunden und nicht nur Jonathan, sondern er selbst sei wieder unter den Lebenden.

»Bloß — ich wüßte gern, woher Sie es gehört haben. Wer hat Ihnen erzählt, ich sei krank?«

»Ah ja. Ja.« Gauthier legte einen Finger an die Lippen und dachte nach. »Wer war das noch? Ja — ein Mann. Natürlich, ja!« Es war ihm offenbar eingefallen, aber er schwieg.

Jonathan wartete.

»Er hat aber gesagt, er sei nicht ganz sicher. Er hatte es gehört. Eine unheilbare Blutkrankheit, sagte er noch.«

Jonathan wurde es, wie mehrmals in der letzten Woche, warm vor Anspannung. Er befeuchtete die Lippen. »Wer denn bloß? Woher wußte er es — hat er das nicht gesagt?«

Wieder zögerte Gauthier. »Wo es nun gar nicht stimmt — wäre es da nicht besser, wir vergessen die ganze Sache?«

»War es jemand, den Sie näher kennen?«

»Nein, näher nicht, das kann ich Ihnen versichern.«

»Ein Kunde von Ihnen?«

»Ja. Ja, ein Kunde. Sehr netter Herr — ein Gentleman. Und da er ja extra sagte, er sei nicht ganz sicher — ich meine, M’sieur, Sie sollten es ihm nicht nachtragen. Glauben Sie mir, ich kann es Ihnen nachfühlen, wie unangenehm eine solche Bemerkung für Sie sein muß.«

»Da läuft es also nun auf die Frage hinaus, wie dieser Herr erfahren haben will, daß ich so krank wäre.« Auch Jonathan lachte jetzt.

»Ja, genau. Nun, die Hauptsache ist ja, daß es gar nicht stimmt. Darauf kommt es ja nur an, nicht wahr?«

Jonathan spürte in Gauthier die sehr französische Höflichkeit, die Unlust, einen Kunden zu vergrämen, und — wie zu erwarten — die Abneigung, über den Tod zu sprechen. »Ja, Sie haben recht, das ist die Hauptsache.«

Jonathan schüttelte Gauthier die Hand und verabschiedete sich. Beide lächelten jetzt.

Am gleichen Tag fragte Simone beim Lunch, ob Jonathan von Alan gehört habe. Er bejahte.

»Es war Gauthier, der das zu Alan gesagt hat.«

»Gauthier? Der mit dem Laden?«

»Ja.« Jonathan zündete sich zum Kaffee eine Zigarette an. Georges war im Garten. »Ich war heute morgen bei ihm und habe ihn gefragt, woher er es hatte. Er sagte, von einem Kunden. Komisch, nicht? Er wollte mir nicht sagen, wer es war, und das kann ich verstehen. Es ist natürlich ein Mißverständnis, das weiß Gauthier auch.«

»Aber das ist doch ganz schrecklich«, sagte Simone.

Jonathan lächelte. Er merkte, wirklich schrecklich fand sie es gar nicht, da sie wußte, daß Dr. Perrier sich günstig geäußert hatte. »Weißt du, im Englischen sagt man, bloß keinen Elefanten aus einer Mücke machen.«

Eine Woche später stieß Jonathan mittags in der Rue Grande auf Dr. Perrier; der Arzt war in Eile auf dem Weg zur Bank, die um Punkt zwölf schloß. Trotzdem blieb er stehen und fragte nach Jonathans Befinden.

»Danke schön, ganz gut«, sagte Jonathan. Seine Gedanken waren bei der Saugpumpe für die Toilette, die er in einem hundert Meter entfernten Laden besorgen wollte; auch der Laden wurde um zwölf geschlossen.

»M. Trevanny —« der Arzt war stehengeblieben, eine Hand auf dem großsen Türknauf am Eingang der Bank. Er trat einen Schritt zur Seite, näher zu Jonathan. »Sie wissen was wir neulich besprachen — da kann natürlich kein Arzt hundertprozentig sicher sein, bei einem Befund wie dem Ihren. Ich wollte nicht, daß Sie annehmen, ich könnte Ihnen nun vollkommene Gesundheit garantieren, ich meine, daß Sie jahrelang immun sind — das nicht. Sie wissen selber —«

»O nein, das habe ich auch nicht angenommen«, unterbrach ihn Jonathan.

»Schön, dann haben Sie mich also verstanden.« Dr. Perrier lächelte, nickte grüßend und verschwand in der Bank.

Jonathan ging weiter. Die Saugpumpe — es war gar nicht die Toilette, sondern der Küchenausguß, der verstopft war, das fiel ihm jetzt ein. Simone hatte ihre Pumpe vor Monaten einer Nachbarin geliehen, aber die — jetzt waren seine Gedanken bei dem, was Dr. Perrier eben gesagt hatte. Wußte er nun doch etwas, hatte er vielleicht nach dem letzten Test einen Verdacht, der noch so vage war, daß er nicht darüber reden wollte?

Am Eingang zur Drogerie traf Jonathan ein freundlich lächelndes dunkelhaariges Mädchen, das gerade im Begriff war, abzuschließen und die äußere Türklinke abzunehmen.

»Tut mir leid, aber es ist fünf Minuten nach zwölf«, sagte sie.

3

In der letzten Märzwoche war Tom damit beschäftigt, ein lebensgroßes Porträt von Heloise — liegend auf dem gelben Satinsofa — anzufertigen. Heloise fand sich nur selten zu einer Sitzung bereit. Immerhin, das Sofa hielt still, das hatte Tom nun glücklich auf die Leinwand gebannt. Von Heloise hatte er bisher sieben oder acht Skizzen gemacht: den Kopf auf die linke Hand gestützt, die Rechte auf einem großen Bildband ruhend. Er behielt die beiden besten Blätter; die andern warf er weg.

Reeves Minot hatte ihm inzwischen geschrieben und gefragt, ob Tom noch etwas Neues eingefallen sei — ein Jemand, meinte Reeves. Der Brief war zwei Tage nach einem Gespräch gekommen, das Tom mit Gauthier geführt hatte — er kaufte gewöhnlich seine Farben bei Gauthier. Tom hatte Reeves geantwortet: »Ich bin noch beim Überlegen, aber wenn dir etwas einfällt, warte nicht auf mich.« Das »ich bin noch beim Überlegen« war nur eine Höflichkeitsfloskel, es stimmte gar nicht, wie so viele Phrasen, die das Räderwerk der Gesellschaft ölen sollen. Finanziell wurde Toms Haus von Reeves jedenfalls kaum geölt; die kleinen Beträge, die er Tom für gelegentliche Dienste als Mittler und Hehler zukommen ließ, hätten kaum die Kosten der Kleiderreinigung gedeckt. Aber es konnte nie schaden, freundliche Beziehungen aufrechtzuerhalten. Reeves hatte Tom damals einen falschen Paß verschafft und expreß nach Paris geschickt, als Tom ihn brauchte, um seine Aussage im Falle Derwatt zu stützen. Wer weiß, vielleicht hatte er Reeves irgendwann noch mal nötig.

Die Sache mit Jonathan Trevanny war für Tom nichts als eine Spielerei; mit Reeves’ Interessen und Plänen hatte sie gar nichts zu tun. Überdies hatte Tom für Glücksspiel nichts übrig, und er hielt auch nicht viel von Leuten, die ganz oder teilweise davon lebten. Es war für ihn nicht mehr als Zuhälterei. Den Gag mit Trevanny hatte er aus reiner Neugier eingefädelt, und weil Trevanny ihm damals eine so höhnische Antwort gegeben hatte. Er war gespannt, ob sein ziellos abgegebener Schuß unerwarteterweise vielleicht doch ins Schwarze traf und Jonathan Trevanny (den Tom für spießig und selbstgerecht hielt) für eine Weile hübsch in Bangen versetzte. Dann konnte Reeves seinen Köder auswerfen und mußte dabei natürlich unterstreichen, daß Trevanny ja doch bald sterben werde. Tom bezweifelte, daß Trevanny anbeißen würde, aber er geriet erst mal eine Weile in Unruhe, das war wohl sicher. Leider hatte Tom keine Ahnung, wie schnell das Gerücht Trevanny zu Ohren kommen würde. Gauthier klatschte zwar gern, aber selbst wenn er es mehreren Leuten erzählte, so war es möglich, daß keiner den Mut aufbrachte, mit Trevanny selber darüber zu reden.

So kam es, daß Tom — der zwar wie immer beschäftigt war mit seiner Malerei, der Frühjahrsarbeit im Garten, seinen deutschen und französischen Studien (er war jetzt bei Schiller und Moliere) und dazu noch mit der Überwachung eines Teams von drei Maurern, die an der rechten Rasenseite hinten im Garten ein kleines Treibhaus bauten — weiterhin die Tage zählte und sich ausmalte, was sich seit jenem Nachmittag Mitte März ereignet haben konnte, als er Gauthier erzählt hatte, er habe gehört, Trevanny habe nicht mehr lange zu leben. Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß Gauthier darüber mit Trevanny selber sprach — außer wenn sie sich näherstanden, als Tom annahm. Gauthier hatte es vermutlich jemand anderem weitererzählt. Tom rechnete mit der Tatsache (denn es war ganz sicher eine Tatsache), daß ein bevorstehender Todesfall für die meisten Menschen ein interessantes Gesprächsthema war.

Etwa alle zwei Wochen fuhr Tom nach Fontainebleau, das zwölf Meilen von Villeperce entfernt war. Fontainebleau war günstiger als Moret, wenn die Wildledermäntel zu reinigen waren und wenn man Radiobatterien oder die etwas ausgefallenen Sachen besorgen wollte, die Mme. Annette für die Küche brauchte. Jonathan Trevanny hatte Telefon in seinem Laden, das hatte Tom im Telefonbuch festgestellt, offenbar aber nicht in seinem Haus in der Rue St-Merry. Tom hatte versucht, die Hausnummer herauszufinden, aber er würde das Haus auch so wiedererkennen, wenn er es sah. Gegen Ende März wurde er neugierig, er wollte Trevanny sehen — natürlich aus der Entfernung; und so beschloß er eines Freitags morgens, als Markt war und er in Fontainebleau zwei runde Blumenschalen aus Terracotta gekauft und im Kofferraum des Renault-Kombiwagens verstaut hatte, durch die Rue des Sablons zu gehen, wo sich Trevannys Geschäft befand. Es war kurz vor Mittag.

Der Laden konnte einen neuen Anstrich gebrauchen, er sah etwas deprimierend aus, fand Tom, so als gehöre er einem alten Mann. Tom hatte nie zu Trevannys Kunden gehört; in Moret, das näher lag, gab es einen recht guten Bilderrahmer. Das kleine Geschäft lag in einer Reihe von Läden — eine Schnellwäscherei, ein Schuhmacher, ein bescheidenes Reisebüro —, links war die Tür und rechts ein quadratisches Schaufenster mit einem Sortiment Rahmenleisten und einigen Bildern mit handgeschriebenen Preisschildern. Tom ging lässig über die Straße, warf einen Blick in den Laden und sah Trevannys große nordische Gestalt in zwanzig Fuß Entfernung hinter dem Ladentisch wehen; er zeigte einem Kunden ein Stück Leiste, mit dem er sich beim Reden auf den Handballen klopfte. Jetzt blickte er auf und sah Tom, gab jedoch kein Zeichen des Erkennens und sprach weiter zu dem Kunden.

Tom schlenderte weiter. Trevanny hatte ihn sicher nicht erkannt. Tom bog in die Rue de France ein, die wichtigste Straße nach der Rue Grande, und ging weiter bis zur Rue St-Merry, wo er sich nach rechts wandte. Oder lag Trevannys Haus links? Nein, rechts. Da war es ja schon: grau, schmal, engbrüstig, mit schwarz-dünnem Geländer an der Vordertreppe. Das kleine Geviert zu beiden Seiten der Stufen war zementiert, es sah leer und nackt aus ohne jeden Blumenschmuck. Aber hinten war ein Garten, daran erinnerte sich Tom. Die Fenster waren zwar blankgeputzt, aber die Gardinen hingen etwas schlaff herunter. Ja, dies war das Haus, in dem er sich an jenem Februarabend auf Einladung von Gauthier eingefunden hatte. Links am Haus entlang führte ein schmaler Gang, vermutlich zum Hintergarten. Ein grüner Müllkübel aus Kunststoff stand vor der abgeschlossenen Eisenpforte zum Garten; sicher benutzten die Trevannys meistens die hintere Küchentür, die Tom an dem Abend damals auch gesehen hatte, wenn sie in den Garten wollten.

Tom ging jetzt langsam die andere Straßenseite entlang, aber er bemühte sich, den Eindruck zu vermeiden, als halte er sich hier absichtlich länger auf. Es war immerhin möglich, daß Trevannys Frau oder sonst jemand gerade aus einem der Fenster sah.

Mußte er noch irgendwas besorgen? Ja: Zinkweiß. Seins war fast alle. Und das bekam er bei Gauthier, der führte ja solche Sachen. Tom beschleunigte seine Schritte und gratulierte sich zu dem Einfall, denn das Zinkweiß brauchte er tatsächlich, er konnte also bei Gauthier als echter Kunde auftreten und trotzdem vielleicht seine Neugierde befriedigen.

Gauthier war allein im Geschäft.

»Bonjour, M. Gauthier«, sagte Tom.

»Bonjour, M. Reepley«, gab Gauthier mit freundlichem Lächeln zurück. »Wie geht es Ihnen?«

»Sehr gut, danke, und Ihnen? Ich hätte gern etwas Zinkweiß.«

»Zinkweiß.« Gauthier zog eine flache Schublade aus dem Wandschrank. »Das haben wir hier. Und Sie nehmen gern das von Rembrandt, ich weiß.«

Das stimmte. Auch Derwatt-Zinkweiß und andere Derwatt-Farben lagen da bereit, jede Tube trug die kühne, etwas nach unten geneigte Unterschrift von Derwatt in Schwarz auf dem Etikett, doch Tom war es unangenehm, wenn er zu Hause malte und nach einer Tube griff, jedesmal auf den Namen Derwatt zu stoßen. Er bezahlte jetzt, und als er das Wechselgeld und die kleine Tüte mit dem Zinkweiß in Empfang nahm, sagte Gauthier:

»M. Reepley, Sie erinnern sich vielleicht an M. Trevanny, den Bilderrahmer aus der Rue St-Merry?«

»Ja, natürlich«, sagte Tom, der schon überlegt hatte, wie er das Gespräch auf Trevanny bringen konnte.

»Ja — das Gerücht, das Sie gehört hatten, ich meine, daß er bald sterben müsse, das stimmt überhaupt nicht.«

»Nein? Das ist ja schön, wirklich. Ich freue mich, das zu hören.«

»Ja. Er ist sogar deshalb zum Arzt gegangen. Ich glaube, es hat ihn doch beunruhigt — das ist ja auch verständlich, nicht wahr? Haha. — Aber Sie sagten doch, jemand habe es Ihnen erzählt, M. Reepley?«

»Ja. Ein Mann, der auch auf der Party war, damals im Februar. Als M. Trevanny Geburtstag hatte. Deshalb nahm ich an, es sei Tatsache und jeder wüßte es.«

Gauthier sah nachdenklich aus.

»Haben Sie mit M.Trevanny darüber gesprochen?« sagte Tom.

»Nein, das nicht. Aber mit seinem besten Freund habe ich eines Abends gesprochen — das war ein anderer Abend, als wir mal bei Trevannys waren, vor kurzem. Offenbar hat der es dann Trevanny erzählt. Wie so etwas herumkommt!«

»Sein bester Freund?« fragte Tom unschuldig.

»Ja, ein Engländer, Alain Soundso. Er wollte am nächsten Tag nach Amerika fliegen. Aber ich — wissen Sie vielleicht noch, wer es Ihnen erzählt hat, M. Reepley?«

Langsam schüttelte Tom den Kopf. »Nein — ich komm nicht mehr auf den Namen. Ich wüßte nicht mal mehr, wie er ausgesehen hat. An dem Abend. waren eine Menge Leute da.«

»Ja, nämlich —« Gauthier beugte sich vor, als wäre noch ein Dritter im Raum. »Er hat mich nämlich gefragt, wer es mir gesagt hätte, und ich hab natürlich nicht gesagt, daß Sie es waren. Solche Sachen werden leicht falsch ausgelegt, und ich wollte Ihnen doch keine Unannehmlichkeiten machen! Haha.« Das blanke Glasauge lachte nicht, es starrte geradezu verwegen aus dem Gesicht heraus, als sei dahinter ein zweites Gehirn verborgen, ein Computergehirn, das im Nu jede Frage beantworten könnte, sobald jemand auf den richtigen Knopf drückte.

»Das ist sehr nett von Ihnen, vielen Dank. Sie haben recht, es ist nicht schön, über den Gesundheitszustand anderer Menschen etwas zu sagen, was gar nicht stimmt, nicht wahr?« Tom lachte freundlich, er war im Begriff zu gehen und fügte hinzu: »Aber sagten Sie nicht, mit seinem Blut sei irgendwas los?«

»Ja, das stimmt. Leukämie, glaube ich. Aber damit lebt er schon lange — er hat mir mal erzählt, er habe das schon jahrelang.«

Tom nickte. »Jedenfalls freut es mich, daß keine Gefahr besteht. A bientôt, M. Gauthier. Vielen Dank.«

Tom ging zu seinem Wagen zurück. Der Schock, den Trevanny gehabt haben mußte, hatte vielleicht nur ein paar Stunden gedauert, bis er seinen Arzt aufsuchte, aber er mußte doch seinem Selbstvertrauen einen kleinen Riß beigebracht haben. Mehrere Leute, vielleicht sogar er selber, hatten angenommen, er habe nur noch ein paar Wochen zu leben. Und zwar deshalb, weil diese Möglichkeit für einen Mann mit seiner Krankheit durchaus nicht ausgeschlossen war. Schade, daß er jetzt wieder beruhigt war; aber vielleicht war dieser feine, fadendünne Riß alles, was Reeves brauchte. Dann konnte jetzt der zweite Akt des Spiels beginnen. Trevanny würde wahrscheinlich Reeves’ Vorschlag ablehnen. Dann war damit das Spiel zu Ende. Andererseits: Reeves würde ja, wenn er mit ihm Verbindung aufnahm, so tun, als stehe es fest, daß Trevanny nur noch wenige Wochen zu leben habe. Sehr komisch, die Vorstellung, daß Trevanny doch vielleicht schwach wurde.

Heloise hatte heute Besuch von ihrer Pariser Freundin Noelle, die über Nacht blieb. Nach dem Lunch verließ Tom die Damen und tippte auf der Schreibmaschine einen Brief an Reeves.

28. März 19—

Lieber Reeves,

ich habe eine Idee, falls du den Gesuchten noch nicht gefunden hast. Der Mann heißt Jonathan Trevanny, Anfang dreißig, Engländer, macht Bilderrahmen, verheiratet mit einer Französin, ein kleiner Sohn. [Hier fügte Tom Trevannys private und Geschäftsadresse und die Telefonnummer ein.] Er macht den Eindruck, als könne er Geld gebrauchen. Vielleicht ist er nicht genau der Typ, den du suchst, aber er sieht aus wie die verkörperte Anständigkeit und Unschuld. Wichtig für dich ist aber vor allem, daß er nur noch wenige Monate oder Wochen zu leben hat, das habe ich festgestellt, er hat nämlich Leukämie und hat gerade eben erst erfahren, wie schlecht es um ihn steht. Vielleicht wäre er bereit, einen gefährlichen Job anzunehmen, um jetzt noch ein bißchen Geld zu verdienen.

Ich kenne ihn nicht persönlich und brauche auch wohl nicht zu betonen, daß mir nicht daran liegt, seine Bekanntschaft zu machen oder daß du meinen Namen erwähnst. Wenn du es mit ihm versuchen willst, schlage ich vor, daß du nach F’bleau kommst, in dem reizenden »Hôtel de l’Aigle Noir« für ein paar Tage ein Zimmer nimmst, Trevanny zunächst in seinem Laden anrufst, einen Termin vereinbarst und dann alles mit ihm besprichst. Daß du nicht gerade deinen richtigen Namen angibst, brauche ich wohl nicht zu empfehlen.

Tom sah das Projekt plötzlich in rosigem Licht. Bei der Vorstellung, wie Reeves mit seiner entwaffnenden scheinbaren Zaghaftigkeit, die so täuschend ehrlich wirkte, den Plan vor Trevanny ausbreitete — Trevanny mit der Lauterkeit eines Heiligen! — mußte Tom lachen. Ober es wagen konnte, in der Bar oder im Speisezimmer des Hôtel de l’Aigle Noir ebenfalls einen Tisch zu nehmen, wenn Reeves dort mit Trevanny verabredet war? Nein, lieber nicht, das wäre zu riskant. Dabei fiel ihm ein anderer Punkt ein, und er fügte seinem Brief noch einige Zeilen hinzu:

Wenn du nach F’bleau kommst, nimm bitte unter keinen Umständen, weder telefonisch noch brieflich, Verbindung mit mir auf. Zerreiß meinen Brief, bitte.

Herzlichst

Tom

4

An Freitag, 31. März, klingelte nachmittags das Telefon in Jonathans Laden. Er war gerade dabei, ein großes Bild mit einer Rückwand aus braunem Papier zu versehen und suchte hastig nach passenden Gewichten — einen Stein mit der Aufschrift LONDON, den Leimtopf, einen hölzernen Hammer —, bevor er den Hörer abnehmen konnte.

»Hallo –?«

»Bonjour, M’sieur. M. Trevanny? … Sie sprechen sicher Englisch, nicht wahr. Hier ist Stephen Wister, W-i-s-t-e-r. Ich halte mich ein paar Tage in Fontainebleau auf und würde Sie gern einen Augenblick sprechen. Es handelt sich um eine Sache, die Sie interessieren könnte, glaube ich.«

Der Mann hatte einen amerikanischen Akzent. »Ich kaufe keine Bilder«, sagte Jonathan. »Ich mache nur Bilderrahmen.«

»Nein, es handelt sich um etwas anderes, mit Ihrer Arbeit hat es nichts zu tun. Aber am Telefon kann ich das nicht erklären. Ich wohne im Aigle Noir.«

»Ja –?«

»Ob Sie vielleicht heute abend nach Ladenschluß ein paar Minuten Zeit hätten? Um sieben oder halb sieben, ginge das? Wir könnten ein Glas Wein zusammen trinken oder einen Kaffee.«

»Ja, aber — ich möchte gern wissen, worum es sich handelt.« Eine Kundin hatte den Laden betreten — wie hieß sie noch: Mme. Tissot — Tissaud? Jonathan lächelte ihr entschuldigend zu.

»Das muß ich Ihnen erklären, wenn wir uns treffen«, gab die sanfte, ernste Stimme zurück. »Es dauert nicht mehr als zehn Minuten. Hätten Sie heute um sieben vielleicht etwas Zeit?«

Jonathan machte eine unruhige Bewegung. »Halb sieben wäre besser.«

»Gut. Ich treffe Sie unten in der Halle. Ich trage einen graukarierten Anzug. Aber ich sage dem Portier Bescheid, dann geht das in Ordnung.«

Gewöhnlich machte Jonathan etwa um halb sieben den Laden zu. Heute stand er um viertel nach sechs am Kaltwasserhahn und bürstete sich die Hände. Es war mildes Wetter, und er trug einen Rollkragenpullover miteiner alten beigen Cordjacke, eigentlich nicht elegant genug für den Aigle Noir; und wenn er seinen zweitbesten Regenmantel anzog, machte das auch nicht viel aus. Ach was — wieso sollte ihn das kümmern? Der Mann wollte ihm irgendwas verkaufen, um etwas anderes konnte es sich nicht handeln.

Der Weg nahm nur fünf Minuten in Anspruch. Das Hotel hatte vorn an der Straße einen kleinen, von hohen eisernen Gitterstäben eingerahmten Hof, einige Stufen führten hinauf zur Eingangstür. Ein schlanker Mann mit kurzgeschnittenem Haar und gespanntem Blick kam etwas unsicher auf Jonathan zu. Jonathan fragte:

»Mr. Wister?«

»Ja.« Wisters Mundwinkel zuckte bei der Andeutung eines Lächelns, er streckte die Hand aus. »Wollen wir hier in der Bar etwas trinken, oder möchten Sie lieber woanders hingehen?«

Die Bar des Hotels sah ruhig und freundlich aus. Jonathan zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen.« Jetzt erst sah er die gräßliche Narbe in Wisters Gesicht.

Sie traten an die breite Eingangstür zur Hotelbar. Drinnen war es fast leer, nur ein Mann und eine Frau saßen an einem kleinen Tisch. Wister wandte sich ab, als störe ihn die Stille, und sagte:

»Ach, lassen Sie’s uns woanders versuchen.«

Sie traten auf die Straße und wandten sich nach rechts. Jonathan kannte das nächste Lokal, das Café du Sport oder ähnlich: um diese Zeit lärmten dort junge Leute an den Spielautomaten und Arbeiter an der Theke. Wister blieb an der Schwelle stehen, als sehe er sich plötzlich vor einem Schlachtfeld in voller Aktion.

»Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir hinaufgingen in mein Zimmer?« fragte Wister und wandte sich ab. »Da ist es jedenfalls ruhig, und wir können uns irgendwas raufschicken lassen.«

Sie kehrten ins Hotel zurück, stiegen eine Treppe nach oben und betraten ein einladendes Zimmer in spanischem Stil: schwarzes Gußeisen, himbeerrote Bettdecke, blaßgrüner Teppich. Daß der Raum bewohnt war, sah man nur an dem Koffer, der auf dem Gestell stand. Wister war ohne Schlüssel hereingekommen.

»Was trinken Sie — Scotch?« Wister war ans Telefon getreten.

»Ja, sehr gut.«

Wister gab die Bestellung in ungeschicktem Französisch auf. Die Flasche sollte heraufgebracht werden, mit reichlich Eis dazu.

Dann folgte Schweigen. Warum war der Mann so nervös, fragte sich Jonathan, der aus dem Fenster geblickt hatte und dort stehen geblieben war. Offenbar wollte Wister nicht reden, bevor die Drinks gekommen waren. Jetzt hörte man ein diskretes Klopfen an der Tür.

Ein Kellner in weißer Jacke trat mit freundlichem Lächeln ins Zimmer. Stephen Wister füllte die Gläser bis zum Rand und fragte, als der Kellner das Zimmer verlassen hatte:

»Wären Sie daran interessiert, eine größere Geldsumme zu verdienen?«

Jonathan lächelte. Er saß in einem bequemen Sessel und hatte das mächtige Glas mit geeistem Whisky in der Hand.

»Wer wäre das wohl nicht?«

»Ich suche einen Mann, der eine gefährliche Aufgabe übernimmt. Eine wichtige Aufgabe wäre vielleicht besser gesagt. Ich würde ihn gut bezahlen.«

Rauschgift, dachte Jonathan. Der Mann brauchte vermutlich einen, der den Stoff übernahm oder ablieferte. »Was ist Ihr Geschäft?« fragte er höflich.

»Oh, ich habe mehrere. Im Moment befasse ich mich gerade mit — nun ja, Glücksspiel. Spielen Sie, Mr. Trevanny?«

»Nein«, erwiderte Jonathan lächelnd.

»Ich auch nicht. Aber darum handelt es sich auch gar nicht.« Wister stand von der Bettkante auf und begann, langsam im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich wohne in Hamburg.«

»Ach —?«

»Innerhalb der Stadtgrenzen ist Glücksspiel verboten, aber in privaten Klubs wird natürlich doch gespielt. Aber es geht nicht darum, ob es verboten ist oder nicht. Mir liegt daran, daß eine Person liquidiert wird, vielleicht auch zwei, und möglicherweise kommt noch ein Diebstahl dazu. Und damit habe ich meine Karten auf den Tisch gelegt.« Das Gesicht, das er Jonathan zuwandte, trug einen ernsten und hoffnungsvollen Ausdruck.

Umgebracht meint er, dachte Jonathan erschreckt, doch dann lächelte er und schüttelte den Kopf. »Wer hat Ihnen bloß meinen Namen genannt?«

Stephen Wister lächelte nicht. »Ach, das ist ja egal.« Immer noch ging er hin und her, das Glas in der Hand; die grauen Augen wanderten hinüber zu Jonathan und dann wieder fort. »Läge Ihnen nicht vielleicht etwas an sechsundneunzigtausend Dollar? Das sind vierzigtausend Pfund, ungefähr vierhundertachtzigtausend Francs — neue Francs. Dafür ist nichts zu tun, als einen Mann, oder vielleicht zwei, umzubringen, wir müssen sehen, wie es läuft. Und es wird so gemacht, daß für Sie keinerlei Risiko damit verbunden ist.«

Wieder schüttelte Jonathan ablehnend den Kopf. »Ich weiß gar nicht, wo Sie erfahren haben wollen, daß ich so ein Typ bin. Sie müssen mich verwechselt haben.«

»O nein, keineswegs.«

Jonathans Lächeln verschwand unter dem starren Blick. »Es muß aber ein Irrtum sein — würden Sie mir vielleicht sagen, wieso Sie gerade mich angerufen haben?«

»Nun, Sie sind doch —« die Frage schien Wister überaus peinlich zu sein. »Sie haben doch nur noch ein paar Wochen zu leben, das wissen Sie selber. Sie haben eine Frau und ein kleines Kind, nicht wahr? Möchten Sie denen nicht etwas hinterlassen, wenn Sie nicht mehr da sind?«

Jonathan fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Woher wußte der Mann so viel? Und dann erkannte er, daß alles zusammenhing, daß derjenige, der zu Gauthier von seinem baldigen Tod gesprochen hatte, auch diesen Mann kannte und in irgendeiner Beziehung zu ihm stand. Jonathan wollte Gauthier jetzt nicht erwähnen. Gauthier war ein redlicher Mann, und dieser hier war ein Gauner. Auf einmal schmeckte der Whisky nicht mehr. »Ich — da war kürzlich so ein dummes Gerücht, ich weiß —«

Jetzt schüttelte Wister langsam den Kopf. »Das war kein dummes Gerücht. Vielleicht hat Ihnen der Arzt nicht die Wahrheit gesagt.«

»Und Sie wollen mehr wissen als mein Arzt? Mein Arzt lügt mir nichts vor. Daß mein Blut nicht in Ordnung ist, das stimmt, aber — mir geht es absolut nicht schlechter als —« Er brach ab. »Lassen wir das. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen, Mr. Wister.«

Wister biß sich auf die Unterlippe. Die lange Narbe schlängelte sich wie ein ekler Wurm.

Jonathan wandte den Blick ab. Ob ihn Dr. Perrier vielleicht doch belogen hatte? Es war wohl das beste, morgen früh das Pariser Labor anzurufen und einige Fragen zu stellen. Oder er fuhr einfach nach Paris und ließ sich nochmals den Sachverhalt erklären.

»Es tut mir leid, Mr. Trevanny, hier sind offenbar Sie nicht informiert. Aber Sie wußten von dem Gerücht, Sie haben es nicht jetzt erst von mir gehört. Natürlich liegt die Entscheidung bei Ihnen, aber unter diesen Umständen ist doch so ein Betrag, meine ich, nicht zu verachten. Sie könnten aufhören zu arbeiten, das Leben genießen — ich meine, Sie könnten zum Beispiel mit Ihrer Familie eine Reise um die Welt machen und trotzdem Ihrer Frau noch einiges hinterlassen …«

Jonathan wurde schwach; er stand auf und holte tief Atem. Es war gleich vorüber, aber er blieb doch lieber stehen. Wister redete weiter, doch Jonathan hörte kaum noch zu.

»… meine Idee. Ich weiß ein paar Männer in Hamburg, die würden die sechsundneunzigtausend Dollar aufbringen. Der Mann oder die Männer, die aus dem Weg geräumt werden müssen, gehören zur Mafia.«

Jonathan hatte sich erst halb erholt. »Danke, nein, ich bin kein Killer. Darüber brauchen wir nicht länger zu reden.«

Wister sprach ruhig weiter. »Aber wir suchen eben einen, der keine Verbindung mit uns hat, oder mit Hamburg. Der erste Mann ist bloß ein Handlanger, der muß in Hamburg erschossen werden. Weil wir nämlich wollen, daß die Polizei denkt, daß zwei Mafiabanden sich in Hamburg bekriegen. Wir möchten die Polizei auf unserer Seite haben.« Er ging immer noch im Zimmer auf und ab und wandte kaum den Blick vom Fußboden. »Der erste soll im Gedränge erschossen werden, in einer Menschenmenge an der U-Bahn. Das ist die Untergrundbahn bei uns, die bei Ihnen Subway heißt. Die Pistole fällt sofort auf den Boden, der — der Täter geht in der Menge unter und verschwindet. Eine italienische Waffe, ohne jeden Fingerabdruck. Keinerlei Spuren.« Er ließ die Hände sinken wie ein Dirigent am Schluß des Stückes.

Jonathan ging zum Sessel zurück; ein paar Sekunden lang brauchte er einen Halt. »Tut mir leid. Nein.« Sobald er sich kräftig genug fühlte, wollte er zur Tür gehen.

»Ich bin morgen den ganzen Tag hier — vermutlich noch bis zum späten Nachmittag am Sonntag. Vielleicht überlegen Sie sich’s noch mal. Noch ein Scotch? Tut Ihnen vielleicht gut.«

»Danke, nein.« Jonathan kam aus dem Sesselhoch. »Ich möchte jetzt gehen.«

Wister nickte. Man sah ihm die Enttäuschung an.

»Vielen Dank für den Drink.«

»Nicht der Rede wert.« Wister öffnete ihm die Tür, und Jonathan verließ das Zimmer. Er hatte erwartet, daß Wister ihm ein Kärtchen mit Namen und Adresse in die Hand drücken werde. Er war froh, daß das nicht geschehen war.

In der Rue de France brannten jetzt, um 7.22 Uhr, alle Straßenlaternen. Hatte Simone ihn nicht gebeten, etwas mitzubringen? Vielleicht Brot? Er ging in eine Bäckerei und kaufte ein langes Meterbrot. Der kleine vertraute Einkauf gab ihm Trost.

Zum Abendessen gab es Gemüsesuppe, ein paar restliche Scheiben fromage de tête und Tomaten-Zwiebel-Salat. Simone erzählte vom Tapetenausverkauf in einem Laden nahe bei ihrer Arbeitsstelle. Hundert Francs würden reichen, um das Schlafzimmer zu tapezieren; sie hatte eine wunderhübsche Tapete mit grün-lila Muster gesehen, ganz hell und art nouveau.

»Mit dem einen Fenster ist das Zimmer wirklich sehr dunkel, weißt du, Jon.«

»Ja. Klingt nicht schlecht, vor allem wenn es ein Ausverkauf ist«, meinte Jonathan.

»Es ist einer. Aber ein richtiger — nicht diese dämliche Art Ausverkauf, wo irgendwas fünf Prozent runtergesetzt wird. Wie es mein geiziger Chef macht. « Sie tauchte Brotkrumen in ihre Salatsauce und schob sie sich in den Mund. »Hast du Kummer, Jon? Ist irgendwas passiert heute?«

Jonathan mußte plötzlich lächeln. Nein, er hatte keinerlei Kummer. Er war froh, daß Simone seine Verspätung und den starken Drink, den er sich einverleibt hatte, nicht bemerkte. »Nein, mein Liebes, passiert ist nichts. Vielleicht ist es das Ende der Woche. Beinahe das Ende, jedenfalls.«

»Bist du müde?«

Eine Frage, wie der Arzt sie stellte; sie war schon Routine geworden. »Nein … Ich muß heute abend noch einen Kunden anrufen, zwischen acht und neun.« Es war jetzt 8.37 Uhr. »Am besten gehe ich jetzt gleich. Vielleicht trinke ich nachher noch eine Tasse Kaffee, mein Herz.«

»Darf ich mit?« fragte Georges. Er legte die Gabel hin und lehnte sich zurück, um mit einem Satz vom Stuhl springen zu können.

»Nein, heute nicht, mon petit vieux. Ich habe nicht viel Zeit. Und du willst ja auch bloß am Spielautomaten drehen, ich kenne dich doch.«

»Hollywood Chewing Gum!« schrie Georges fröhlich. Er sprach es französisch aus, es klang wie: »Ollyvoo chevan gom!«

Jonathan schüttelte sich, während er im Flur seine Jacke vom Haken nahm. Der Kaugummi in der grünweißen Packung, die häufig im Rinnstein und zuweilen auch in Jonathans Garten zu finden war, hatte für französische Kinder eine schwer erklärliche Anziehungskraft. »Oui, Monsieur«, sagte Jonathan und ging hinaus.

Dr. Perriers Privatnummer stand im Telefonbuch; hoffentlich war er zu Hause. Ein kleiner Tabakladen, wo man telefonieren konnte, lag näher als Jonathans Geschäft. Er fühlte, wie wachsende Unruhe in ihm aufstieg. Zwei Straßen weiter sah man die schräg-rote zylindrische Leuchte über dem Tabac, und er beschleunigte seine Schritte. Er mußte jetzt die Wahrheit erfahren. Er nickte dem jungen Mann hinter dem Ladentisch, den er flüchtig kannte, einen Gruß zu und wies auf den Apparat und auf das Regal, wo die Telefonbücher lagen. »Fontainebleau!« rief er laut. Es ging lärmend zu in dem kleinen Laden, auch die Musikbox war in vollem Gang. Jonathan suchte die Nummer heraus und wählte.

Dr. Perrier meldete sich, er erkannte Jonathans Stimme.

»Ich wollte Sie bitten, einen neuen Test zu machen. Möglichst heute abend noch. Jetzt gleich — wenn Sie eine Probe nehmen könnten.«

»Jetzt — heute abend?«

»Ja. Ich könnte sofort kommen. In fünf Minuten.«

»Haben Sie — ist es die Schwäche?«

»Ja, ich — ich dachte, wenn der Test morgen nach Paris gehen könnte —« Jonathan wußte, dafs Dr. Perrier gewöhnlich am Samstag morgen seine Testampullen nach Paris schickte. »Wenn Sie vielleicht heute abend oder morgen früh eine Probe nehmen könnten —«

»Morgen früh habe ich keine Sprechstunde, da muß ich Besuche machen. Wenn Sie so unruhig sind, kommen Sie nur her zu mir, jetzt gleich.«

Jonathan bezahlte das Gespräch. Als er schon an der Tür war, fiel ihm der Kaugummi ein, er kaufte zwei Päckchen Hollywood Chewing Gum und steckte sie in die Rocktasche. Perrier wohnte drüben am Boulevard Maginot, zu Fuß etwa zehn Minuten entfernt. Jonathan machte sich eilig auf den Weg.

Das Haus war groß und düster, und die Concierge war eine alte knochige Frau, langsam und umständlich, sie hockte in ihrem kleinen Glaskasten mit vielen künstlichen Blumen und starrte auf den Fernsehschirm. Während Jonathan vor dem Fahrstuhl stand und wartete, daß der wacklige Drahtkäfig herunterkam, kam die Concierge ins Treppenhaus und fragte neugierig:

»Ihre Frau kriegt ’n Kind, Monsieur?«

»Nein, nein«, gab er lächelnd zurück. Richtig, Dr. Perrier war ja praktischer Arzt. Der Fahrstuhl kam, und Jonathan fuhr nach oben.

»Nun — was gibt’s?« fragte Dr. Perrier und forderte seinen Besucher mit einer Handbewegung auf, ihm durch ein Eßzimmer in den nächsten Raum zu folgen. »Hier, bitte.«

Die Wohnung war spärlich erleuchtet. Irgendwo war ein Fernsehapparat eingeschaltet. Der Raum, in den sie jetzt traten, glich einem kleinen Büro; die Regale waren mit medizinischen Büchern gefüllt, und auf dem Schreibtisch stand die schwarze Arzttasche.

»Mon dieu — Sie sehen aus wie kurz vor einem Kollaps — so rote Backen, und gelaufen sind Sie offenbar auch noch. Sagen Sie bloß nicht, Sie hätten wieder ein Gerücht gehört, daß Sie am Rand des Grabes stehen!«

Jonathan bemühte sich, ruhig zu antworten. »Ich möchte bloß wissen, woran ich bin, das ist alles. Ehrlich gesagt, es geht mir nicht allzu gut. Ja, ich weiß, der letzte Test ist erst zwei Monate her, aber — der nächste ist Ende April fällig, da macht es doch vielleicht nichts —« Er brach ab und hob die Schultern. »Es ist ja nicht weiter schwierig, etwas Mark abzunehmen, nicht wahr, und wenn es dann morgen früh abgeschickt werden kann —« Er merkte, er drückte sich ungeschickt aus, er fand nicht die richtigen französischen Worte, und vor allem war ihm das gräßliche Wort moelle, Mark, zuwider, bei dem er immer an das eigene, abnorm weiße Knochenmark denken mußte. Und Dr. Perrier, das spürte er, fand es ratsam, seinem Patienten den Willen zu tun.

»Schön, ja, die Probe kann ich nehmen. Das Resultat wird wahrscheinlich das gleiche sein wie beim letztenmal. Absolute Gewißheit gibt es nun mal bei Medizinern nicht, M. Trevanny …« Der Arzt redete weiter, während Jonathan seinen Pullover auszog, dem Wink des Arztes nachkam und sich auf dem alten Ledersofa ausstreckte. Der Arzt führte die Nadel zur Betäubung ein. »Aber ich habe durchaus Verständnis für Ihre Unruhe«, sagte er einige Sekunden später, während er leicht auf die Spritze klopfte, die in Jonathans Brustbein eindrang.

Das knirschende Geräusch war Jonathan verhaßt; den leichten Schmerz fand er ganz erträglich. Vielleicht erfuhr er diesmal doch etwas Definitives. Bevor er sich verabschiedete, konnte er es nicht lassen, noch einmal zu sagen: »Ich muß die Wahrheit wissen, Dr. Perrier. Halten Sie es für möglich, daß das Labor uns keinen ganz richtigen Gesamtbericht gibt? Die Zahlen sind ja sicher richtig, das glaube ich schon —«

»Und so einen Gesamtbericht oder eine ganz genaue Prognose, die bekommen Sie eben nicht, mein Bester.«

Jonathan ging nach Hause. Er hatte vorgehabt, Simone zu erzählen, er sei bei Perrier gewesen, er habe sich wieder mal Sorgen gemacht; aber er brachte es nicht fertig. Simone hatte genug mit ihm durchgemacht. Was konnte sie schon sagen, wenn er es ihr erzählte? Sie würde sich nur noch etwas mehr angstigen, genau wie er.

Georges war schon oben im Bett, und Simone las ihm vor: natürlich wieder Asterix. Georges lag in seine Kissen gelehnt, und Simone saß auf einem niedrigen Hocker unter der Lampe: ein Bild häuslichen Glücks wie aus dem Jahre 1880, dachte Jonathan, nur Simones Slacks paßten Bucht ganz dazu. Georges Haar schimmerte maisgelb im Lampenlicht.

»Le chevan gom?« fragte Georges und lachte seinen Vater an. Jonathan lächelte und holte ein Päckchen aus der Tasche. Das zweite mochte auf eine andere Gelegenheit warten.

»Du warst lange fort«, sagte Simone.

»Ja. Ich hab noch ein Bier getrunken«, gab er zurück.

Am nächsten Tag rief Jonathan, wie ihn Dr. Perrier angewiesen hatte, zwischen halb fünf und fünf das Ebber-Valent-Laboratorium in Neuilly an, nannte und buchstabierte seinen Namen und sagte, er sei ein Patient von Dr. Perrier in Fontainebleau. Dann wartete er darauf, mit der richtigen Abteilung verbunden zu werden. Er hörte das automatische blup im Apparat, das die verstrichenen Einheiten zählte. Papier und Bleistift hielt er bereit. Jemand fragte, ob er bitte noch einmal seinen Namen buchstabieren würde. Jetzt kam eine Frauenstimme, die den Bericht vorzulesen begann, und Jonathan schrieb eilig die Zahlen mit. Hyperleukozytose 190 000. War das nicht jöher als das letztemal?

»Natürlich geht der schriftliche Bericht an Ihren behandelnden Arzt. Er wird am Dienstag dort sein.«

»Dieser Bericht ist nicht so günstig wie der letzte, nicht wahr?«

»Ich habe den letzten Bericht nicht vor mir, Monsieur.«

»Ist denn vielleicht ein Arzt dort? Könnte ich vielleicht mit einem Arzt sprechen, bitte?«

»Ich bin Arzt, Monsieur.«

»Ach. Dann ist dieser Bericht — egal ob Sie den letzten vor sich haben oder nicht —, ich meine, es ist kein günstiger Bericht, nicht wahr?«

Es klang wie der Text aus einem Lehrbuch, als sie jetzt sagte: »Der Zustand ist nicht ganz ungefährlich, die Widerstandskraft ist herabgesetzt …«

Jonathan hatte das Gespräch in seinem Geschäft geführt. Er hatte das Schild an der Tür auf die Seite umgedreht, auf der Fermé stand, und hatte auch die Gardine an der Tür zugezogen, obgleich man ihn durch das Fenster sehen konnte. Als er jetzt das Schild wegnehmen wollte, sah er, daß er gar nicht abgeschlossen hatte. Da heute nachmittag niemand zu erwarten war, der ein Bild abholen wollte, konnte er es sich wohl leisten, jetzt schon zu schließen. Es war vier Uhr fünfundfünfzig.

Er ging zu Dr. Perriers Sprechstunde. Sicher mußte er mindestens eine Stunde warten; sonnabends war es immer voll, da arbeiteten die meisten Leute nicht und hatten Zeit, zum Arzt zu gehen. Drei Patienten kamen vor Jonathan, aber die Schwester kam und fragte ihn, ob er den Arzt lange in Anspruch nehmen werde, und als Jonathan das verneinte, schob sie ihn ein und entschuldigte sich bei dem nächsten Patienten. Vielleicht geschah das auf Dr. Perriers Anweisung —?

Als Dr. Perrier Jonathans gekritzelte Notizen sah, hob er die Augenbrauen und sagte: »Das ist nicht vollständig.«

»Ja, ich weiß, aber man kann doch etwas daraus entnehmen, nicht wahr? Es ist etwas schlechter, nicht wahr?«

»Also wirklich — Sie tun, als wollten Sie es gern schlechter haben!« sagte der Arzt mit seiner üblichen heiteren Zuversicht, der Jonathan jetzt nicht mehr recht traute. »Ganz offen gesagt, ja, es ist etwas schlechter, aber nur sehr wenig — nicht gravierend.«

»In Prozenten — würden Sie sagen zehn Prozent schlechter?«

»M. Trevanny, Sie sind kein Auto. Und es wäre unsinnig, wenn ich irgend etwas sagen wollte, bevor ich am Dienstag den ganzen Bericht in Händen habe.«

Langsam ging Jonathan nach Hause. Er nahm den Weg über die Rue des Sablons für den Fall, daß er jemand sah, der zu ihm in den Laden wollte. Es war aber niemand da. Nur in der Wäscherei ging es lebhaft zu, im Eingang stießen die Leute mit ihren Wäschebündeln aufeinander. Jetzt war es fast sechs. Simone kam heute erst kurz nach sieben aus ihrem Geschäft, später als sonst, denn ihr Chef Brezard wollte noch den letzten Franc mitnehmen, bevor der Laden bis Montag geschlossen wurde. Und Wister wohnte immer noch im Aigle Noir. Ob er wohl nur auf ihn, Jonathan, wartete und hoffte, er werde seinen Entschluß ändern und Ja sagen? Wäre es nicht wahnsinnig komisch, wenn Dr. Perrier mit Stephen Wister unter einer Decke steckte, wenn die beiden gemeinsam den Bericht des Ebberle-Valent-Labors manipuliert hätten, damit er möglichst schlecht ausfiel? Und wenn auch noch Gauthier zu der Kumpanei gehörte, der Überbringer der bösen Nachricht? Wie ein Alptraum war das, in dem sich die seltsamsten Elemente verbündeten — gegen den Träumenden. Aber Jonathan wußte, er träumte nicht. Er wußte, Perrier war nicht in Stephen Wisters Sold, und ebensowenig das Labor. Und es war auch kein Traum, daß sein Zustand sich verschlimmert hatte, daß der Tod ein wenig näher war, als er gedacht hatte. Aber das traf schließlich auf jeden Menschen zu, der noch einen einzigen Tag erlebte, sagte er sich. Jonathan dachte an den Tod und an den Prozeß des Älterwerdens; das war in jedem Falle ein Abstieg, buchstäblich ein abwärts führender Pfad. Die meisten Menschen hatten die Chance, es langsam angehen zu lassen. Sie konnten etwa mit fünfundfünfzig anfangen, oder wann sonst sie das Tempo verlangsamten, und dann weiter hinabsteigen, bis siebzig oder was immer ihr letztes Jahr sein sollte. Sein Tod, das sah er jetzt, war wie der plötzliche Sturz von der Klippe. Wenn er versuchte, sich »vorzubereiten« auf das Ende, so machte sein Kopf nicht mit, die Gedanken scheuten zurück und suchten auszuweichen. Er war eben im Geist erst vierunddreißig und wollte noch leben — leben.

Nirgends in seinem Haus, das in der Dämmerung fast graublau aussah, brannte Licht. Es war eigentlich ein düsteres Haus, und als Jonathan und Simone es vor fünf Jahren kauften, hatte sie das amüsiert. »Das Sherlock-Holmes-Haus« hatte Jonathan es immer genannt, als sie sich noch nicht entschieden hatten und dieses Haus mit einem anderen in Fontainebleau verglichen. »Ich mag das Sherlock-Holmes-Haus aber doch lieber«, hatte er einmal gesagt, er hörte es noch. Das Haus sah nach 1890 aus, es erinnerte an Gaslampen und blankpolierte Treppengeländer, obgleich nirgends im Haus das Holz blankpoliert war, als sie dann einzogen. Aber man hatte den Eindruck, es lasse sich etwas daraus machen, vielleicht ein Haus mit dem speziellen Charme der Jahrhundertwende. Die Räume waren klein, aber interessant geschnitten, der Garten war ein Rechteck voll verwilderter Rosen, aber die Rosenbüsche waren jedenfalls da, und der Garten mußte nur mal gelichtet und aufgeräumt werden. Die kleine Glasveranda hinten am Haus mit dem ausgezackten Glasdach hatte Jonathan an Vuillard und Bonnard erinnert. Jetzt fiel es ihm auf, daß das Haus, in dem sie nun seit fünf Jahren wohnten, nichts von seinem düsteren Charakter verloren hatte. Eine neue Tapete würde das Schlafzimmer auffrischen, ja, aber das war ja nur ein einziges Zimmer. Das Haus war noch nicht bezahlt, sie hatten noch drei Jahre an der Hypothek zu tilgen. Eine Wohnung, wie sie sie in Fontainebleau im ersten Jahr ihrer Ehe gehabt hatten, wäre billiger gewesen, doch Simone war an ein Haus mit kleinem Garten gewöhnt — ihr Leben lang hatte sie in Nemours einen Garten gehabt, und Jonathan, der Engländer, liebte Gärten ebenfalls. Ihm tat es niemals leid, daß das Haus ein so tiefes Loch in ihr Einkommen fraß.

Woran er jetzt dachte, als er die Stufen zur vorderen Haustür hinaufstieg, war weniger die restliche Hypothek als die Tatsache, daß er vermutlich in diesem Hause sterben werde. Sehr wahrscheinlich war es ihm nicht mehr vergönnt, in einem helleren, fröhlicheren Haus mit Simone zu wohnen. Das Sherlock-Holmes-Haus, dachte er, war schon Jahrzehnte alt, bevor er geboren wurde, und würde sicher noch weitere Jahrzehnte existieren, wenn er schon längst tot war. Es war sein Schicksal gewesen, sich dieses Haus auszusuchen. Eines Tages trug man ihn, die Füße voran, aus diesem Hause heraus, vielleicht noch lebend, aber dem Tode nahe, und dann kam er nicht mehr mehr zurück.

Zu seiner Überraschung war Simone in der Küche und spielte am Tisch eine Art Kartenspiel mit Georges. Mit fragendem Lächeln blickte sie auf, dann merkte er, was ihr eingefallen war: er hatte ja heute nachmittag das Pariser Labor anrufen sollen. Das konnte sie aber nicht erwähnen, wenn das Kind dabei war.

»Der Alte hat heute früh zugemacht«, erzählte sie. »Es war nichts los im Geschäft.«

»Primal!« sagte Jonathan. »Und was wird hier gespielt in dieser Spielhölle?«

»Ich gewinne!« rief Georges auf französisch.

Simone stand auf und folgte ihrem Mann in den Flur, wo er seinen Mantel aufhängte. Fragend sah sie ihn an.

»Kein Grund zur Sorge«, sagte Jonathan, doch sie machte eine Handbewegung und ging den Flur hinunter bis zum Wohnzimmer. »Es scheint eine Kleinigkeit schlimmer zu sein, aber es geht mir ja nicht schlechter, also was soll’s. Ich hab jetzt genug davon. Komm, wir trinken einen Cinzano.«

»Du hast dir Sorgen gemacht wegen der dummen Klatscherei, nicht wahr, Jon?«

»Ja, das stimmt.«

»Ich möchte bloß wissen, wer das in die Welt gesezt hat.« Ihre Augen wurden schmal vor Bitterkeit. »Eine scheußliche Sache so was. Hat Gauthier dir nicht gesagt, wer es ihm erzählt hat?«

»Nein. Er sagt, es war irgendwo ein Mißverständnis oder eine Übertreibung.« Jonathan wiederholte, was er Simone schon einmal gesagt hatte. Aber er wußte, es war kein Mißverständnis; die ganze Geschichte war genau kalkuliert und geplant worden.

5

Johathan stand am Schlafzimmerfenster im ersten Stock und sah zu, wie draußen Simone die Wäsche auf die Leine hängte: Kissenbezüge, Georges’ Schlafanzüge, ein Dutzend Paar Socken, die Jonathan und Georges gehörten, zwei weiße Nachthemden, Büstenhalter, Jonathans beige Arbeitshosen — alles bis auf die Bettlaken, die Simone in die Wäscherei gab, weil sie Wert auf gutgebügelte Laken legte.

Sie trug heute Tweedhosen und einen dünnen roten Pullover, der eng am Körper lag. Der Rücken wirkte stark und geschmeidig, als sie sich jetzt über den ovalen Wäschekorb beugte, um die Tischtücher herauszunehmen. Es war ein sonnigwarmer Tag; der Wind brachte die erste Ahnung vom Sommer.

Jonathan hatte sich heute gedrückt vor der Fahrt nach Nemours, wo Simones Eltern, die Foussadiers, ihre Kinder zum Lunch erwarteten. Gewöhnlich fuhr er jeden zweiten Sonntag mit Simone hin. Wenn ihr Bruder Gérard sie nicht mit dem Wagen abholte, nahmen sie den Bus nach Nemours. Es folgte ein großes Essen bei den Eltern, auch Gérard, seine Frau und die beiden Kinder waren dabei; sie wohnten ebenfalls in Nemours. Daß Georges mitkam, war für die Eltern jedesmal eine große Freude, immer hatten sie irgendein Geschenk für ihn. Gegen drei Uhr stellte dann der Vater, Jean-Noel, den Fernsehapparat an. Jonathan langweilte sich häufig dabei, aber er ging mit, weil es sich nun mal so gehörte und er auch beeindruckt war von dem engen Familienleben der Franzosen.

»Geht’s dir auch gut?« hatte Simone gefragt, als Jonathan sagte, er wollte nicht mitfahren.

»Ja, Liebes — ich bin nur heute nicht recht in Stimmung, das ist alles. Und dann möchte ich auch gern im Garten das Stück für die Tomaten vorbereiten. Fahr du doch heute mal allein mit Georges, ja?«

Simone und Georges fuhren also ohne ihn mit dem Zwölf-Uhr-Bus. Simone hatte den Rest des gestrigen bœuf bourguignon in einen kleinen roten Topf getan und auf den Herd gestellt, so daß Jonathan ihn nur aufzuwärmen brauchte, wenn er hungrig war.

Jonathan lag daran, eine Weile allein zu sein. Er dachte immer noch an den geheimnisvollen Stephen Wister und seinen Plan. Er hatte nicht etwa die Absicht, ihn heute im Augle Noir anzurufen, obgleich er keinen Augenblick vergessen konnte, daß Wister noch dort war, keine dreihundert Meter entfernt. Er hatte nicht vor, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, obwohl ihn die Vorstellung merkwürdig beunruhigte; es war wie ein Blitz aus heiterem Himmael, dieses Projekt, wie ein kühner Farbstrich in seisem monotonen Alltagsleben, und er wollte sich noch ein bißchen daran freuen, ihn sozusagen genießen. Außerdem hatte er das Gefühl (es hatte sich schon häufig bestätigt), daß Simone seine Gedanken lesen konnte oder daß sie jedenfalls wußte, wenn ihn etwas stark beschäftigte. Wenn er an diesem Sonntag seinen Gedanken nachhing, so wollte er nicht, daß Simone das merkte und ihn fragte, was los sei. Deshalb nahm er sich energisch das Beet vor und träumte im Garten weiter. Vierzigtausend Pfund. Damit sonnte man den ganzen Rest der Hypothek ablösen, ein paar Sachen, die sie auf Abzahlung gekauft hatten, begleichen, das Haus innen streichen, wo es notwendig war, einen Fernsehapparat kaufen, eine Reserve für Georges’ Ausbildung zurücklegen, ein paar Kleidungsstücke für Simone und ihn selber — o Gott, welche Erleichterung. Keine Sorgen mehr! Ein Mann von der Mafia, oder auch zwei — schwarzhaarige untersetzte Schurken, die, von einem Schuß getroffen, die Arme hochwarfen und zu Boden sackten. Was Jonathan sich absolut nicht vorstellen konnte, als er den Spaten in die lockere Gartenerde stieß, war, daß er selber es war, der mit einer Schußwaffe auf den Rücken eines Mannes zielte und dann abdrückte. Interessanter und geheimnisvoller, vielleicht auch gefährlicher, war der Gedanke, wie Wister gerade auf ihn gekommen war. Es gab offenbar ein Komplott gegen ihn in Fontainebleau, das bis nach Hamburg reichte. Eine Verwechslung war ausgeschlossen, denn Wister hatte ja von Jonathans Krankheit, seiner Frau und dem Kind gesprochen. Es mußte da jemanden geben, den Jonathan bisher für einen Freund oder guten Bekannten gehalten hatte und der es keineswegs gut mit ihm meinte.

Wister verließ Fontainebleau wahrscheinlich heute nachmittag gegen fünf. Um drei Uhr hatte Jonathan zu Mittag gegessen und im Wohnzimmer die Schublade des runden Mitteltisches, die alte Papiere und Quittungen enthielt, aufgeräumt. Dann nahm er — frohgelaunt, denn er war überhaupt nicht müde — Besen und Kehrschaufel zur Hand und machte sich daran, Ofenrohr und Fußboden rund um den Ölofen zu säubern.

Kurz nach fünf, als Jonathan in der Küche am Ausguß stand und sich den Ruß von den Händen bürstete, kam Simone mit Georges, ihrem Bruder Gérard und seiner Frau Yvonne an, und alle nahmen einen Drink in der Küche. Die Großeltern hatten Georges eine runde Schachtel mit Östereiern geschenkt, darin lagen ein Osterei in Goldpapier, ein Schokoladenhäschen und farbige Gummidrops, alles unter gelbem Zellophan und noch ungeöffnet, denn Simone hatte ihm verboten, es zu öffnen, weil er in Nemours schon andere Süßigkeiten gegessen hatte. Georges lief mit den Foussadier-Kindern hinaus in den Garten.

»Tritt nicht auf die weiche Erde, Georges!« rief Jonathan ihm nach. Er hatte alles geharkt und die Steine liegen lassen, damit Georges sie aufsammelte; sicher ließ er sich dabei jetzt von seinen Vettern helfen, damit der kleine rote Wagen gefüllt wurde, für den er von seinem Vater jedesmal fünfzig Centimes bekam, wenn der Wagen voll war. Er war niemals richtig voll, meist war nur der Boden bedeckt.

Es begann zu regnen. Vor wenigen Minuten hatte Jonathan die Wäsche hereingeholt.

»Wunderbar sieht der Garten aus«, sagte Simone. »Schau mal, Gérard!« Sie stand auf der kleinen hinteren Veranda und machte eine Handbewegung zu ihrem Bruder hinüber.

Jetzt sitzt Wister sicher schon im Zug von Fontainebleau nach Paris, dachte Jonathan. Vielleicht nahm er auch unfach ein Taxi von Fontainebleau nach Orly, er schien ja genug Geld zu haben. Oder er war jetzt schon in der Luft, auf dem Wege nach Hamburg. Simones Anwesenheit, die Summen von Schwager und Schwägerin, löschten Wister langsam aus, verwandelten ihn in ein Phantasiebild. Ein kleiner Triumph stieg in Jonathan auf: er hatte Wister nicht angerufen. Es war, als habe er dadurch so etwas wie einen Sieg erfochten oder zumindest einer Versuchung widerstanden.

Gérard Foussadier war Elektriker, ein solider korrekter Mann, etwas älter als Simone, mit hellerem Haar und sorgfältig gestutztem braunem Schnurrbart. Er hatte ein Hobby, Seegeschichte, und er baute Fregatten nach dem 19. und 20. Jahrhundert, die er mit winzigen elektrischen Birnen ausrüstete, so daß er von einem Schalter in seinem Wohnzimmer aus das Schiff ganz oder teilweise erleuchten konnte. Er lachte selber über den Anachronismus — elektrisches Licht in alten Fregatten! — doch die Wirkung war wirklich hübsch, wenn es überall im Hause dunkel war und die acht oder zehn Schiffe im Wohnzimmer wie über ein dunkles Meer segelten.

»Simone sagt, du machst dir Sorgen — um deine Gesundheit«, sagte Gérard ernst. »Das tut mir leid, Jon.«

»Ach, nichts Besonderes. Ich hatte gerade wieder eine Untersuchung, und der Bericht war ungefähr derselbe.« Jonathan war an diese Klischees schon gewöhnt, sie bedeuteten nicht mehr als die Antwort: »Danke, sehr gut«, wenn einer sich nach dem Befinden erkundigte. Gérard war offenbar zufrieden mit seiner Antwort, Simone hatte also wohl nicht viel gesagt.

Simone und Yvonne unterhielten sich über Linoleum. Der Linoleumbelag in der Küche war vor dem Herd und dem Ausguß durchgetreten; er war nicht mehr neu gewesen, als sie das Haus kauften.

»Geht’s dir wirklich gut, Lieber?« fragte Simone, als die Verwandten sich verabschiedet hatten.

»Mehr als gut, mein Herz. Ich hab sogar den Boilerraum in Angriff genommen, den Ruß«, sagte Jonathan lächelnd.

»Verrückt. Aber heute abend bekommst du ein anständiges Dinner, paß mal auf. Mama hat keine Ruhe gegeben, ich mußte drei paupiettes vom Lunch für dich mitnehmen. Sie schmecken wunderbar.«

Kurz vor elf, als sie gerade zu Bett gehen wollten, wurde Jonathan von einer plötzlichen Schwäche befallen; es war, versinke er mit den Beinen, mit dem ganzen Körper in einer weichen Masse, als bewege er sich nur mühsam vorwärts, bis zu den Hüften im Schlamm. Müdigkeit? Es schien ihm mehr psychisch als physisch zu sein. Er war froh, als er im Bett lag und das Licht ausgeschaltet war; jetzt konnte er sich entspannen, die Arme um Simone geschlungen und ihre Arme um ihn, wie sie immer lagen vor dem Einschlafen. Seine Gedanken waren schon wieder bei Stephen Wister (ob das sein richtiger Name war?), der sich jetzt auf dem Flug nach Osten befand, die lange Gestalt im Flugzeugsessel ausgestreckt. Er stellte sich Wisters Gesicht mit der rosa Narbe vor, angespannt nachdenkend; aber Wister dachte sicher nicht mehr an Jonathan Trevanny, der dachte bestimmt jetzt an jemand anderen. Zweifellos hatte er noch zwei oder drei andere in petto.

Am nächsten Morgen war es kalt und neblig. Gleich nach acht verließ Simone mit Georges das Haus und brachte den Kleinen in die Ecole Maternelle, und Jonathan stand in der Küche und wärmte sich die Finger an einem zweiten Schüsselchen mit café au lait. Die Heizung im Haus war nicht ausreichend. Den Winter hatten sie wieder mal so einigermaßen hinter sich gebracht, doch selbst jetzt im Frühling war das Haus morgens kalt. Der Heizkessel, den sie beim Kauf des Hauses mit übernommen hatten, genügte zwar für die fünf Heizkörper im Parterre, nicht aber für die zusätzlichen fünf, die sie hoffnungsvoll im ersten Stock eingebaut hatten. Man hatte sie gewarnt, daran erinnerte er sich, doch ein neuer Heizkessel hätte dreitausend Francs gekostet, und die hatten sie nicht.

Drei Briefe waren durch den Schlitz in der Haustür auf den Boden gefallen. Einer war die Rechnung der Elektrizitätswerke. Den nächsten Umschlag, weiß und quadratisch, drehte Jonathan um und sah auf der Rückseite den Aufdruck Hôtel de l’Aigle Noir. Er öffnete ihn, und eine Geschäftskarte fiel heraus. Er hob sie auf und las »Stephen Wister, bei« handschriftlich über den Kopf des Aufdrucks gesetzt:

Reeves Minot

Hamburg 39

Agnesstraße 59

Tel. 97.29.57.

Auch ein Brief war dabei.

1. April 19—

Lieber Mr. Trevanny,

sehr schade, daß ich bis heute nachmittag nichts von Ihnen gehört habe. Für den Fall, daß Sie Ihren Entschluß doch noch ändern, lege ich eine Karte mit meiner Hamburger Adresse bei. Sollten Sie sich meinen Vorschlag überlegen wollen, so rufen Sie bitte jederzeit mit R-Gespräch bei mir zu Hause an. Oder kommen Sie einfach nach Hamburg, dann können wir die Sache besprechen. Sobald ich von Ihnen höre, werde ich telegrafisch eine Rückflugkarte anweisen lassen.

Vielleicht wäre es übrigens keine schlechte Idee, daß Sie in Hamburg einen Spezialisten wegen Ihrer Krankheit konsultieren, damit Sie eine zweite Diagnose haben. Das könnte Sie möglicherweise beruhigen.

Sonntag abend fahre ich nach Hamburg zurück.

Mit freundlichen Grüßen

Stephen Wister

Der Brief überraschte, amüsierte und ärgerte Jonathan — alles auf einmal. Beruhigen. — Wieso? Wister war doch sicher, daß Jonathan bald sterben werde. Wenn der Hamburger Spezialist sagte: »Ja — Sie haben leider nur noch einen oder zwei Monate« — würde ihn das beruhigen? Jonathan schob den Brief und die Karte in die hintere Hosentasche. Eine Gratisreise nach Hamburg. Wister strengte sich wirklich an, das mußte man sagen. Ganz interessant, daß er den Brief Samstag abend abgeschickt hatte, damit er Montag morgen ankam, obwohl ihn doch Jonathan irgendwann am Sonntag hätte anrufen können. Aber sonntags wurden die Briefkästen in der Stadt nicht geleert.

Es war jetzt 8.52 Uhr. Was lag an Arbeit vor? Er brauchte weißes Papier, das lieferte eine Firma in Melun. Mindestens zwei Kunden mußte er eine Postkarte schreiben, ihre Bilder waren seit mehr als einer Woche fertig. Jonathan ging meistens auch montags in seinen Laden, kramte und räumte auf, obwohl das Geschäft geschlossen blieb, denn in Frankreich durfte kein Ladengeschäft sechs Tage in der Woche geöffnet sein.

Um Viertel nach neun war Jonathan in seinem Geschäft, zog die grüne Jalousie an der Tür zurück und schloß wieder ab. Das Schild Fermé ließ er im Eingang stecken. Er machte sich an seinem Arbeitstisch zu schaffen, in Gedanken immer noch in Hamburg. Vielleicht war es keine schlechte Idee, die Ansicht eines Spezialisten einzuholen. Vor zwei Jahren hatte Jonathan einen Spezialisten in London konsultiert. Sein Bericht stimmte mit dem des französischen Arztes überein, und das war in Ordnung, dann mußte die Diagnose stimmen. Vielleicht waren die Deutschen noch etwas gründlicher oder eher up to date? Wenn er nun auf Wisters Vorschlag einging und die Flugkarte akzeptierte? (Er nahm eine Postkarte und schrieb sich die Adresse ab.) Aber dann war er Wister verpflichtet. Jonathan erkannte, daß er schon mit der Idee spielte, einen Menschen für Wister umzubringen — nein, nicht für Wister, sondern des Geldes wegen. Einen Mafioso. Waren das nicht sowieso alles Verbrecher? Natürlich, hielt er sich vor, konnte er Wister das Geld, wenn er die Flugkarte annahm, immer noch zurückzahlen. Die Sache war nur die: er konnte den Betrag nicht einfach jetzt vom Konto holen, es war nicht genug da. Wenn er tatsächlich Gewißheitüber seinen Zustand haben wollte, dann war Deutschland — oder auch die Sch weiz — die beste Instanz. Die hatten doch immer noch die besten Ärzte der Welt, oder? Jonathan legte die Karte mit der Adresse des Papierlieferanten in Melun neben das Telefon, damit er morgen daran dachte, ihn anzurufen; heute war dort geschlossen. Ob Stephen Wisters Vorhaben am Ende doch ausführbar war? Sekundenlang sah sich Jonathan im Kreuzfeuer der deutschen Polizei: sie hatten ihn gestellt, nachdem er gerade den Italiener erschossen hatte. Aber selbst wenn er, Jonathan, tot war, würden Simone und Georges die vierzigtausend Pfund bekommen. Jonathan kam in die Wirklichkeit zurück. Er würde keinen Menschen umbringen, ausgeschlossen. Aber eine Reise nach Hamburg war doch wunderbar, eine große Sache, selbst wenn sie schlechte Neuigkeiten brachte. Jedenfalls würde er Tatsachen erfahren. Und wenn Wister das jetzt bezahlte, so konnte Jonathan ihm das Geld in drei Monaten zurückzahlen, wenn er alles zusammenkratzte, keinerlei Kleidung kaufte und auf jedes Glas Bier verzichtete. Ihm graute etwas davor, Simone von der Sache zu erzählen; natürlich hatte sie nichts dagegen, es ging ja darum, einen neuen Arzt — vermutlich eine Autorität auf ärztlichem Gebiet — aufzusuchen. Das Geld mußte er aus eigener Tasche zusammensparen.

Gegen elf Uhr vormittags meldete Jonathan ein Gespräch mit Wister in Hamburg an, aber ein normales, kein R-Gespräch. Nach drei oder vier Minuten klingelte das Telefon, und die Verbindung war da, klar und viel deutlicher als die meisten Gespräche mit Paris.

»Ja — hier Wister«, sagte die helle, angespannte Stimme.

»Ich habe heute morgen Ihren Brief bekommen«, begann Jonathan. »Das mit meinem Flug nach Hamburg —«

»Ja, warum nicht?« meinte Wister leichthin.

»Ich meine, wenn ich einen Spezialarzt aufsuchen könnte —«

»Das Geld geht sofort an Sie ab, telegrafisch. Sie können es auf dem Postamt in Fontainebleau abholen — in zwei Stunden oder so müßte es da sein.«

»Ja — danke, das ist sehr freundlich. Wenn ich dann da bin —«

»Können Sie heute schon kommen? Heute abend? Ein Zimmer habe ich für Sie.«

»Heute schon? Das weiß ich nicht recht.« Immerhin — warum eigentlich nicht?

»Rufen Sie mich wieder an, wenn Sie die Flugkarte haben. Sagen Sie mir dann, wann Sie ankommen. Ich bin den ganzen Tag zu Hause.«

Jonathans Herz schlug etwas schneller, als er den Hörer auflegte.

Als er mittags zu Hause war, ging er nach oben ins Schlafzimmer, um nachzusehen, ob sein Koffer in Ordnung war. Ja, da stand er, oben auf dem Schrank. Seit dem letzten Urlaub vor fast einem Jahr, in Arles, hatte er dort gestanden.

Zu Simone sagte er: »Liebes, ich muß dir etwas Wichtiges sagen. Ich habe beschlossen, nach Hamburg zu fahren und einen Spezialisten aufzusuchen.«

»Nach Hamburg? Hat Perrier das vorgeschlagen?«

»Nein — es war eigentlich meine eigene Idee. Ich hätte gern die Ansicht eines deutschen Arztes, das ist es. Natürlich ist es eine teure Sache.«

»Ach, Jon, teuer! Hast du denn heute morgen etwas gehört? Der Laborbericht kommt doch erst morgen, nicht wahr?«

»Ja. Aber was die hier sagen, ist immer dasselbe. Ich möchte hören, was ein neuer Arzt sagt.«

»Und wann willst du fahren?«

»Bald. Diese Woche.«

Kurz vor fünf ging Jonathan zum Postamt in Fontainebleau. Das Geld war angekommen. Er legte seinen Personalausweis vor und nahm zwölfhundert Franc in Empfang. Dann ging er zum Reisebüro auf der Place Franklin Roosevelt, ein paar Straßen weiter, und erstand ein Rückflugticket nach Hamburg für eine Maschine, die am gleichen Abend um 9.25 Uhr vom Flughafen Orly abflog. Er mußte sich beeilen, das wußte er und tat es gern, es ließ ihm keine Zeit zum Überlegen und Zögern. Er ging in sein Geschäft und rief Hamburg an, diesmal mit R-Gespräch.

Auch jetzt war Wister am Telefon. »Ausgezeichnet. Um elf Uhr fünfundfünfzig also. Dann nehmen Sie den Flughafenbus bis zur Endstation in der Stadt, ja? Dort hole ich Sie ab.«

Jonathan rief noch einen Kunden an, der ein wichtiges Bild abzuholen hatte, und teilte ihm mit, der Laden sei Dienstag und Mittwoch »aus Familiengründen« geschlossen. Das war die übliche Redewendung; er mußte ein Schild mit entsprechender Aufschrift für ein paar Tage an der Tür stecken lassen. So etwas war nicht weiter wichtig; viele Läden in der Stadt waren ab und zu aus dem einen oder anderen Grunde geschlossen. Einmal hatte Jonathan ein Schild mit der Aufschrift »Wegen Katzenjammer geschlossen« an einer Ladentür gesehen.

Er schloß ab und ging nach Hause, um zu packen. Mehr als zwei Tage würde er nicht fortbleiben, überlegte er, außer wenn man in der Hamburger Klinik darauf bestand, daß noch weitere Tests gemacht wurden; dann mußte er bleiben. Er hatte die Züge nach Paris nachgesehen, einer ging um sieben, das paßte gut. Er mußte erst nach Paris fahren und dann nach Les Invalides, um von dort aus den Bus nach Orly zu nehmen. Als Simone mit Georges nach Szuse kam, hatte er den Koffer schon unten.

»Heute abend?« fragte Simone.

»Ja, Liebes, je eher, je besser. Das war so ein Einfall von mir, weißt du. Mittwoch bin ich zurück, vielleicht auch schon morgen abend.«

»Ja, aber — wo kann ich dich erreichen? Hast du ein Hotelzimmer bestellt?«

»Nein. Ich muß dir telegrafieren, mein Kleines. Mach dir keine Sorgen.«

»Hast du denn alles mit dem Arzt abgemacht? Wer ist überhaupt der Arzt?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur das Krankenhaus.« Jonathan ließ seinen Paß fallen, als er versuchte, ihn in die innere Rocktasche zu stecken.

»So hab ich dich noch nie gesehen«, sagte Simone langsam.

Jonathan lächelte ihr zu. »Nun, jedenfalls bin ich nicht dem Zusammenbruch nahe!«

Simone wollte mit ihm zum Bahnhof Fontainebleau-Avon fahren und mit dem Bus zurückkommen, aber Jonathan bat sie, im Hause zu bleiben.

»Ich schick dir sofort ein Telegramm«, versprach er.

»Wo ist das, Hamburg?« fragte Georges zum zweitenmal.

»Allemagne — Deutschland«, sagte Jonathan.

Er hatte Glück und erwischte ein Taxi in der Rue de France; der Zug fuhr ein, als er am Bahnhof Fontainebleau-Avon ankam, und er hatte gerade Zeit genug, eine Fahrkarte zu lösen und eilig einzusteigen. In Paris nahm er dann ein Taxi vom Gare de Lyon bis Les Invalides. Etwas Geld war noch übrig von den zwölfhundert Franc, und eine Weile wollte er sich jetzt um Geld keine Sorgen machen.

Im Flugzeug döste er vor sich hin, eine Zeitschrift auf den Knien. Er stellte sich vor, jemand anderes zu sein. Es war, als schöbe der schnelle Flug den neuen Menschen immer weiter fort von dem Mann, der im dunklen grauen Haus in der Rue St-Merry zurückgeblieben war. Ein anderer Jonathan war gerade dabei, Simone in der Küche beim Geschirrspülen zu helfen, und schwatzte mit ihr über alltägliche Dinge, was das Linoleum für den Küchenboden wohl kosten würde und dergleichen mehr.

Die Maschine setzte zur Landung an. Hier war die Luft schärfer und viel kälter. Es folgte die Fahrt über eine lange, erleuchtete Autostraße, dann die Stadtstraßen mit mächtigen Häusern, die hoch in den nächtlichen Himmel ragten. Die Straßenbeleuchtung war in Form und Farbe anders als die in Frankreich.

Und da stand Wister. Lächelnd und mit ausgestreckter rechter Hand kam er auf Jonathan zu. »Willkommen, Mr. Trevanny! War der Flug angenehm? Mein Wagen steht hier um die Ecke. Hoffentlich hat es Ihnen nichts ausgemacht, mit dem Bus bis hierher zu fahren. Mein Fahrer — er ist nicht mein Fahrer, aber ich nehme ihn manchmal — war bis vor ein paar Minuten anderweitig besetzt.«

Sie gingen auf die Straße. Wister redete immer weiter mit seinem amerikanischen Akzent. Außer der langen Narbe deutete nichts an ihm auf Gewalt. Er war eher zu ruhig, zu gelassen, fand Jonathan, was vom psychiartrischen Standpunkt aus vielleicht bedenklich war. Oder ob er vielleicht ein Magengeschwür hatte? Jetzt blieb Wister neben einem schimmernd schwarzen Mercedes stehen. Ein älterer Mann ohne Mütze ergriff Jonathans mittelgroßen Koffer und hielt ihm und Wister die Tür offen.

»Das ist Karl«, sagte Wister.

»Guten Abend«, sagte Jonathan.

Karl lächelte und murmelte etwas auf Deutsch.

Die Fahrt war lang. Wister zeigte Jonathan das Rathaus, »sehr alt, und die Bomben haben es verschont« — und dann eine große Kirche oder Kathedrale, den Namen verstand Jonathan nicht. Er saß neben Wister im Rücksitz. Sie fuhren jetzt durch ein Stadtviertel mit etwas ländlichem Charakter, dann kam noch eine Brücke und danach eine dunklere Straße.

»Da sind wir. Hier wohne ich«, sagte Wister.

Der Wagen war in eine leicht ansteigende Einfahrt eingebogen und hielt nun vor einem großen Haus. Mehrere Fenster und auch die breite Eingangstür waren hell erleuchtet.

»Das Haus ist alt, es hat jetzt vier Wohnungen. Eine gehört mir«, erklärte Wister. »In Hamburg gibt es viele solcher Häuser, alle umgebaut in Wohnungen. Schöne Aussicht auf die Alster von meiner Wohnung aus. Das hier ist die große, die Außenalster. Sie werden sie morgen besser sehen können.«

Sie fuhren in einem modernen Lift nach oben. Karl trug Jonathans Koffer. Oben drückte Karl auf den Klingelknopf, und eine ältere Frau in schwarzem Kleid und weißer Schürze öffnete freundlich lächelnd die Wohnungstür.

»Dies ist Gaby«, sagte Wister zu Jonathan, »meine Haushälterin — stundenweise. Sie arbeitet noch bei einer anderen Familie hier im Haus, und dort schläft sie auch, aber heute hatte ich ihr gesagt, wir hätten gern noch etwas zu essen heute abend. Gaby, dies ist Herr Trevanny aus Frankreich.«

Die Frau begrüßte Jonathan zuvorkommend und nahm ihm den Mantel ab. Mit ihrem runden Gesicht sah sie aus wie die verkörperte Zuverlässigkeit.

»Wenn Sie sich die Hände waschen wollen, das können Sie hier«, sagte Wister und wies auf ein Badezimmer, wo das Licht brannte. »Ich mache Ihnen einen Whisky zurecht. Haben Sie Hunger?«

Als Jonathan aus dem Badezimmer kam, brannten in dem großen, quadratischen Wohnraum alle vier Lampen, und Wister saß, eine Zigarre rauchend, auf einem grünen Sofa. Vor ihm auf einem Tischchen standen zwei Whiskys. Gaby kam gleich darauf herein mit einem Tablett mit Sandwiches und einem hellgelben runden Käse.

»Oh, vielen Dank, Gaby«, sagte Wister und fuhr dann, zu Jonathan gewandt, fort: »Dies ist eigentlich spät für Gaby, aber als ich ihr sagte, ich erwarte einen Gast, bestand sie darauf, sie wollte dableiben und die Sandwiches servieren.« Es war eine heitere Bemerkung, doch Wister lächelte nicht dabei; er zog sogar angespannt die geraden Augenbrauen zusammen, während Gaby die Teller und Bestecke auf dem Tisch ordnete. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte er: »Wie fühlen Sie sich — ist alles in Ordnung? Die Hauptsache ist jetzt zunächst der Besuch beim Spezialarzt. Ich kenne da einen sehr guten Mann, Dr. Heinrich Wentzel, er ist Hämatologe am Eppendorfer Krankenhaus, das ist die Universitätsklinik hier. Weltbekannt. Ich habe Sie für morgen um zwei bei ihm angemeldet, wenn Ihnen das recht ist.«

»Ja, natürlich. Vielen Dank«, erwiderte Jonathan.

»Dann können Sie vorher erst mal ausschlafen. Hoffentlich hat Ihre Frau nichts dagegen gehabt, daß Sie sich so kurzfristig zu der Reise entschlossen —? Schließlich ist es ja nur vernünftig, bei ernsthafter Erkrankung mehr als einen Arzt zu befragen, nicht wahr?«

Jonathan hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war verwirrt, beunruhigt, und außerdem lenkte ihn der Gedanke an seine Umgebung ab, die Tatsache, daß dies alles deutsch sein sollte und daß er in Deutschland war, zum erstenmal. Die Einrichtung war konventionell und eher modern als antik, nur an der gegenüberliegenden Wand stand ein hübscher Biedermeier-Schreibtisch. An allen Wänden standen niedrige Bücherregale, an den Fenstern hingen lange grüne Vorhänge, und die Lampen in den Zimmerecken verbreiteten freundliches Licht. Ein rötlicher Holzkasten stand geöffnet auf der Glasplatte des niedrigen Tischchens und bot in verschiedenen Fächern Zigarren und Zigaretten. Vor dem weißen Kamin lag das Messingzubehör, doch brannte jetzt kein Feuer. Über dem Kamin hing ein interessantes Bild, das aussah wie ein Derwatt. Und wo war eigentlich Reeves Minot? Wahrscheinlich war Wister Minot, dachte Jonathan. Ob Wister ihm das jetzt mitteilen würde, oder nahm er an, daß Jonathan es erraten hatte? Jonathan dachte gerade an zu Hause: er und Simone müßten eigentlich ihr ganzes Haus innen weiß tapezieren oder streichen. Von der Idee mit der art-nouveau-Tapete im Schlafzimmer müßte er Simone abbringen. Wenn sie hellere Räume erreichen wollten, wäre doch Weiß das logische —

»… haben Sie vielleicht auch an die andere Sache gedacht«, sagte Wister mit seiner sanften Stimme. »Was ich Ihnen in Fontainebleau vorschlug, meine ich.«

»Ich fürchte, da kann ich Ihnen heute nichts anderes sagen als neulich«, gab Jonathan zurück. »Und das bedeutet — also deshalb schulde ich Ihnen jetzt zwölfhundert Franc.« Jonathan zwang sich zu einem Lächeln. Er spürte die Wirkung des Whiskys, und sobald ihm das klar wurde, trank er nervös einen weiteren Schluck. »Ich kann es Ihnen in drei Monaten zurückzahlen. Für mich ist dieser Spezialarzt jetzt die Hauptsache. Alles zu seiner Zeit.«

»Selbstverständlich«, sagte Wister. »An eine Rückzahlung brauchen Sie nicht zu denken. Das ist Unsinn.«

Jonathan wollte ihm nicht widersprechen, doch fühlte er eine leise Scham in sich aufsteigen. Vor allem fühlte er sich merkwürdig — als ob er träume oder gar nicht er selber sei. Das liegt nur an der Fremdheit ringsum, dachte er.

»Der Italiener, den wir liquidieren wollen, der hat einen ganz normalen Job.« Wister hatte die Hände hinter dem Kopf gefaltet und blickte zur Decke empor. »Ha — sehr komisch — er tut nämlich nur so, als ob er da bestimmte Arbeitszeiten hätte. Er treibt sich in den Klubs in der Reeperbahngegend herum und tut so, als machte er sich was aus dem Spiel, und er tut auch so, als ob er eine Stellung als Weinprüfer hätte, er hat bestimmt irgendeinen Kumpan in der — in dieser Weinfirma oder so was. Da geht er jeden Nachmittag hin, aber abends ist er immer in irgendeinem der privaten Klubs, da spielt er ein bißchen und sieht zu, wen er da treffen kann. Vormittags schläft er, weil er die ganze Nacht auf ist. Es ist also so —« Wister setzte sich auf, »jeden Nachmittag nimmt er die U-Bahn nach Hause bis zu seiner Wohnung, die hat er gemietet. Der Mietvertrag läuft auf sechs Monate, und die Anstellung bei den Weinleuten ist auch für sechs Monate, damit alles seine Ordnung hat. — Bitte nehmen Sie doch!« Wister reichte den Teller über den Tisch, als habe er gerade erst gemerkt, daß die Platte mit den Sandwiches dort stand.

Jonathan nahm ein Sandwich mit Zunge. Es gab auch Salat und kleine Gurken.

»Die Hauptsache ist Folgendes: jeden Nachmittag etwa um Viertel nach sechs steigt er an der U-Bahn-Station Steinstraße aus, allein. Er sieht aus wie jeder gewöhnliche Angestellte, der aus dem Büro kommt. Das ist die Zeit für uns, dann müssen wir ihn kriegen.« Wister breitete die knochigen Hände aus, mit dem Handrücken nach oben. »Wenn Sie ihn mitten in den Rücken treffen, so brauchen Sie nur einmal zu schießen — vielleicht sicherheitshalber zweimal, das ist alles. Dann lassen Sie die Pistole fallen und fertig. Bob’s your uncle, sagt man glaube ich im Englischen, was?«

Ja, Jonathan kannte die Redensart, vor langer Zeit hatte er sie gehört. »Wenn es so einfach ist, wozu brauchen Sie mich dann?« Er brachte ein höfliches Lächeln zustande. »Ich bin doch ein absoluter Amateur, milde gesagt. Bei mir würde das bestimmt schiefgehen.«

Wister schien ihn gar nicht gehört zu haben. »Die Leute vor der U-Bahn wird man vielleicht festhalten. Oder nur einige, das kann man nicht wissen. Vielleicht dreißig oder vierzig im ganzen, wenn die Cops schnell genug da sind. Es ist ein sehr großer Bahnhof mit direkter Verbindung zum Hauptbahnhof, wo die Fernzüge halten. Kann sein, man durchsucht Sie. Und wenn schon —« Wister zuckte die Achseln. »Die Waffe haben Sie längst fallen lassen. Sie hatten einen dünnen Strumpf über die Hand gezogen, und den Strumpf haben Sie gleich nach dem Schuß ebenfalls weggeschmissen. Keine Pulverspuren bei Ihnen, und keine Fingerabdrücke an der Waffe. Sie haben keinerlei Beziehung zu dem toten Mann. Aber so weit kommt es ja gar nicht. Ein Blick auf Ihren französischen Personalausweis — und dann noch Ihre Verabredung mit Dr. Wentzel — und Sie sind raus. Woran mir liegt — uns liegt, das ist vor allem das eine: wir wollen jemand, der keinerlei Verbindung zu uns oder zu den Klubs hat …«

Jonathan hörte sich das alles an und sagte nichts dazu. Am Tage der Tat, dachte er, mußte er in einem Hotel wohnen, er konnte nicht gut Wisters Logiergast sein, falls irgendein Polizist ihn fragte, wo er wohne. Und Karl und die Haushälterin, wie stand es mit denen? Wußten sie etwas, und waren sie zuverlässig? Ist ja alles Blödsinn, dachte Jonathan und wollte lächeln, aber er lächelte nicht.

»Sie sind müde«, sagte Wister. »Soll ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen? Gaby hat Ihren Koffer schon hingebracht.«

Fünfzehn Minuten später stand Jonathan nach einer heißen Dusche im Schlafanzug in seinem Zimmer. Das Fenster ging zur Straße hinaus, wie das Wohnzimmer, wo beide Fenster an der Straßenfront lagen, und Jonathan blickte auf eine Wasserfläche und sah Lichter am nahen Ufer und rote und grüne Lampen auf den festgemachten Booten. Es sah dunkel, friedlich und weiträumig aus. Ein Scheinwerferstrahl fuhr schützend über den Himmel. Das Bett im Zimmer war breit, die Bettdecke adrett zurückgeschlagen. Auf dem Nachttisch stand ein Glas mit Flüssigkeit, die wie Wasser aussah, daneben lag ein Päckchen mit Gitane-Zigaretten — seine Marke — mit Aschbecher und Streichhölzern. Er nahm das Glas und trank einen Schluck. Es war tatsächlich Wasser.

6

Jonathan saß auf dem Bettrand und trank schluckweise den Kaffee, den Gaby gerade gebracht hatte. Der Kaffee war so, wie er ihn gern mochte: stark, mit einem Schuß fetter Sahne. Jonathan war schon um sieben aufgewacht und dann wieder eingeschlafen, bis Wister um halb elf an die Tür klopfte.

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen — ich freue mich, daß Sie gut geschlafen haben«, sagte Wister. »Gaby hat schon den Kaffee fertig, oder hätten Sie lieber Tee?«

Er hatte hinzugefügt, er habe für Jonathan ein Zimmer im Hotel Victoria bestellt; vor dem Lunch wollten sie hinfahren. Jonathan dankte ihm. Mehr wurde über das Hotel nicht gesprochen. So fing es also an, dachte Jonathan; das mit dem Hotel hatte er ja schon gestern abend überlegt. Wenn er Wisters Plan ausführte, durfte er nicht bei ihm wohnen. Er war auch froh, in wenigen Stunden nicht mehr unter Wisters Dach zu sein.

Mittags erschien ein Freund oder Bekannter von Wister namens Rudolf Soundso: jung und schlank, mit glattem schwarzem Haar, höflich und etwas rastlos. Ein Medizinstudent, gab Wister an. Er sprach offenbar nicht viel Englisch. Er erinnerte Jonathan an Fotos von Franz Kafka. Alle drei stiegen in den Wagen, Karl saß am Steuer, und sie fuhren in Jonathans Hotel. Alles ringsum sah so neu aus, fand Jonathan, und dann sagte er sich, daß Hamburg ja von Bomben zerstört worden war. In einer Geschäftsstraße hielt der Wagen. Da war das Hotel Victoria.

»Im Hotel sprechen sie alle Englisch«, sagte Wister. »Wir warten hier.«

Jonathan ging hinein. An der Tür nahm ein Page ihm den Koffer ab. Er füllte die Anmeldung aus und holte seinen Paß aus der Tasche, um die Nummer richtig einzusetzen. Er bat, den Koffer in sein Zimmer hinaufbringen zu lassen, so hatte Wister es ihm geraten. Das Hotel gehörte zur mittleren Kategorie, das sah er.

Dann fuhren sie in ein Restaurant zum Lunch, an dem Karl nicht teilnahm. Vor dem Essen tranken sie eine Flasche Wein, und Rudolf wurde zusehends aufgeschlossener. Er erzählte auf Deutsch ein paar Scherze, die Wister übersetzte. Jonathan dachte an den Termin um zwei Uhr in der Klinik.

»Reeves —«, sagte Rudolf zu Wister. Jonathan meinte, es schon einmal gehört zu haben, und diesmal irrte er sich nicht. Wister oder Reeves Minot nahm es so gelassen auf wie Jonathan.

»Anämie«, sagte Rudolf zu Jonathan.

»Schlimmer«, gab Jonathan lächelnd zurück. Reeves übersetzte das englische Wort und sprach weiter Deutsch zu Rudolf. Es hörte sich, fand Jonathan, so ungeschickt an wie sein eigenes Französisch, aber er kam vermutlich ebensogut damit durch.

Das Essen war ausgezeichnet und die Portionen enorm groß. Reeves hatte seine eigenen Zigarren mitgebracht, doch bevor sie sie zu Ende geraucht hatten, mußten sie aufbrechen.

Das Krankenhaus, ein Konglomerat aus vielen Gebäuden, lag in einem Grüngelände voller Bäume und blumengesäumter Wege. Wieder hatte Karl sie gefahren. Der Flügel, den Jonathan aufsuchen mußte, glich einem Zukunftslabor — die Zimmer lagen wie im Hotel zu beiden Seiten des Ganges, nur hatten sie verchromte Stühle oder Betten und wurden von farbigen oder buntschillernden Lampen erleuchtet. Es roch hier nicht nach Desinfektionsmitteln, sondern nach irgendeinem merkwürdigen Gas, es erinnerte Jonathan etwasan den Geruch unter dem Röntgenapparat vor fünf Jahren, der ihm bei der Leukämie so gar nichts genützt hatte. Dies war ein Ort, an dem sich der Laie willenlos dem allwissenden Arzt überließ, dachte Jonathan. Er merkte, wie ihn die Schwäche überkam, fast eine Ohnmacht. Er schritt neben Rudolf einen scheinbar endlosen Korridor mit schalldichtem Fußboden entlang. Rudolf sollte dolmetschen, wenn es nötig war. Reeves war mit Karl im Wagen zurückgeblieben. Jonathan wußte nicht, ob sie auf ihn warten wollten. Er hatte auch keine Ahnung, wie lange die Untersuchung dauern würde.

Dr. Wentzel war ein großer starker Mann mit grauem Haar und Schnauzbart; er sprach etwas Englisch, bemühte sich aber gar nicht um ausführliche Sätze. »Wie lange?« Sechs Jahre. Jonathan wurde auf die Waage gestellt, gefragt, ob er in der letzten Zeit an Gewicht verloren habe, der Oberkörper wurde freigemacht und die Milz abgetastet. Währenddessen murmelte der Arzt kurze deutsche Sätze, und die Schwester machte Notizen. Der Blutdruck wurde gemessen, die Augenlider betrachtet, Urin- und Blutproben genommen, und schließlich nahm der Arzt eine Knochenmarkprobe aus dem Brustbein, und zwar mit einer Art Drucksonde, die schneller und weniger unangenehm funktionierte als das Instrument bei Dr. Perrier. Die Resultate, so hieß es, würden morgen früh vorliegen. Die ganze Untersuchung hatte nur drei viertel Stunden in Anspruch genommen.

Jonathan und Rudolf gingen hinaus. Der Wagen stand ein paar Meter entfernt auf einem Parkplatz, zusammen mit anderen Wagen.

»Wie war’s? Wann erfahren Sie es?« fragte Reeves. »Möchten Sie zu mir zurückkommen oder lieber ins Hotel fahren?«

»Ich glaube, lieber ins Hotel, danke schön«, erwiderte Jonathan und ließ sich erleichtert in die Ecke des Wagens fallen.

Rudolf berichtete offenbar in den höchsten Tönen von Dr. Wentzel, bis sie vor dem Hotel hielten.

»Zum Dinner holen wir Sie ab«, sagte Reeves mit heiterer Stimme. »Um sieben also.«

Jonathan holte sich den Schlüssel und fuhr hinauf in sein Zimmer. Er zog das Jackett aus und ließ sich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett fallen. Nach einigen Minuten raffte er sich auf und trat an den Schreibtisch. In der Schublade lag Briefpapier. Er setzte sich hin und schrieb:

4. April 19-

Meine liebste Simone,

gerade habe ich die Untersuchung hinter mir, morgen früh erfahre ich die Resultate. Ausgezeichnetes Krankenhaus. Der Arzt sah aus wie Kaiser Franz Josef, er soll der beste Hämatologe der Welt sein, stell dir vor! Egal wie das Resultat ausfällt, mir ist schon leichter zumute, wenn ich es nur weiß. Wenn ich Glück habe, bin ich morgen schon zu Hause, bevor du dies bekommst, außer wenn Dr. Wentzel noch weitere Tests machen will.

Ich werde dir jetzt gleich ein Telegramm schicken, nur damit du weißt, daß es mir gut geht. Du fehlst mir, ich denke sehr an dich und an Cailloux.

Alles Liebe und à bientôt!

Jon

Jonathan hängte seinen besten Anzug — den dunkelblauen — in den Kleiderschrank, ließ die übrigen Sachen im Koffer und ging nach unten, um den Brief einzustecken.. Gestern abend hatte er im Flughafen einen Reisescheck über zehn Pfund (aus einem alten Scheckbuch, das noch drei oder vier Schecks enthielt) in deutsches Geld umgewechselt. Er setzte ein kurzes Telegramm an Simone auf, das besagte, es gehe ihm gut und ein Brief sei unterwegs. Dann trat er aus dem Hotel, merkte sich den Straßennamen und das Aussehen der umliegenden Gebäude, wobei ihm eine enorme Bierreklame besonders auffiel, und machte sich zu einem Spaziergang auf.

Überall war lebhafter Verkehr. Leute, die Einkäufe machten, Fußgänger mit Hunden an der Leine, Obst- und Zeitungsverkäufer füllten die Gehwege. Jonathan besah sich ein Schaufenster mit sehr schönen Strickwaren und Pullovern; vor dem Hintergrund aus weißen Schafspelzen hing ein eleganter blauseidener Hausmantel. Jonathan versuchte, den Preis in Francs umzurechnen, und gab es auf, es interessierte ihn zu wenig. Er überquerte eine lebhafte breite Straße mit Autobussen und Straßenbahnen, stand dann vor einem Kanal mit schmaler Brücke und beschloß, nicht hinüberzugehen. Ein Kaffee wäre nicht schlecht jetzt. Er kam an eine freundlich aussehende Konditorei mit Kuchen im Schaufenster, einem Ladentisch und kleinen Kaffeetischchen im Innern; doch als er davorstand, brachte er es nicht fertig hineinzugehen. Er wußte auch, woran es lag: er hatte Angst vor dem Bericht morgen früh. Plötzlich überkam ihn das alte Gefühl der Ausgehöhltheit, es war, als sei er dünn wie Seidenpapier, und die Stirn fühlte sich kühl an, als sei das Leben selbst im Begriff, daraus zu entweichen.

Was Jonathan ebenfalls wußte oder doch argwöhnte, war, daß man ihm morgen früh einen falschen Bericht aushändigen werde. Rudofts Anwesenheit bei der Untersuchung war ihm verdächtig. Medizinstudent —? Er war keine Hilfe gewesen, denn man hatte ihn gar nicht gebraucht. Die Assistentin des Arztes hatte Englisch gesprochen. Vielleicht fertigte Rudolf heute abend einen unechten Bericht an, der dann morgen früh irgendwie unterschoben wurde. Wer weiß, vielleicht hatte er sich sogar nachmittags heimlich Briefpapier aus der Klinik beschafft? — Oder er selber, sagte sich Jonathan mahnend, war nicht mehr recht bei Verstand.

Er wandte sich um und ging zurück zum Hotel, wobei er den kürzesten Weg wählte. Er holte seinen Schlüssel an der Rezeption ab und ging hinauf in sein Zimmer. Dann zog er die Schuhe aus, ging ins Badezimmer, hielt ein Handtuch ins Wasser und legte sich hin, mit der Kompresse über Stirn und Augen. Er war nicht müde, nur seltsam war ihm zumute. Reeves Minot war komisch: einem völlig Fremden zwölfhundert Franc auszuzahlen, ihm diesen irrsinnigen Vorschlag zu machen und mehr als vierzigtausend Pfund zu versprechen. Es konnte nicht wahr sein. Reeves Minot würde das Geld niemals auszahlen, er lebte in einer Phantasiewelt. Er war vielleicht kein Gauner, aber irgendwas war mit ihm los, er war nicht ganz dicht, er warein Typ, der sich an Träumen von Macht und Stärke berauschte.

Das Klingeln des Telefons weckte Jonathan. Eine Männerstimme sagte auf englisch:

»Unten wartet ein Herr auf Sie.«

Jonathan blickte auf seine Uhr: es war eben nach sieben. »Bitte sagen Sie ihm, ich bin in zwei Minuten unten.«

Er wusch sich das Gesicht, zog einen Rollkragenpullover und ein Jackett an. Auch den Mantel nahm er mit.

Karl war mit dem Wagen da, allein. »Hatten Sie einen netten Nachmittag, Sir?« fragte er auf englisch.

Bei der leichten Unterhaltung stellte Jonathan fest, daß Karls Wortschatz im Englischen gar nicht gering war. Wie viele fremde Gäste er wohl schon für Reeves Minot herumgefahren hatte? Was mochte Karl von Reeves halten und von seinen Geschäften? Vielleicht war es ihm ganz gleichgültig. Was war eigentlich Reeves’ angeblicher Beruf?

Karl hielt den Wagen auch diesmal in der ansteigenden Einfahrt an, und heute fuhr Jonathan allein mit dem Lift in den zweiten Stock.

An der Tür begrüßte ihn Reeves Minot in grauer Flanellhose und Pullover. »Kommen Sie, kommen Sie. Haben Sie sich etwas ausgeruht heute nachmittag?«

Sie tranken einen Whisky. Der Tisch war für zwei gedeckt, es wurde also wohl kein weiterer Gast erwartet heute abend.

»Ich möchte, daß Sie sich ein Bild von dem Mann ansehen, den wir im Auge haben.« Reeves hievte seine lange Gestalt vom Sofa hoch und trat an den Biedermeierschreibtisch, wo er etwas aus einer Schublade nahm: zwei Fotos von einem Mann, eins en face, das andere im Profil in einer Gruppe von mehreren Leuten, die sich über einen Tisch beugten.

Ein Roulettetisch, das sah Jonathan. Er besah sich das von vorn aufgenommene Bild; es war klar und deutlich wie ein Paßfoto. Der Mann mußte etwa vierzig sein, er hatte das kantig-fleischige Gesicht vieler Italiener. Von den Nasenflügeln zogen sich Falten bis hinunter zu den dicken Lippen. In den dunklen Augen lag ein argwöhnischer, fast erschrockener Ausdruck, doch das halbe Lächeln schien zu fragen: »Na, was könnt ihr mir schon anhaben?« Er hieße Salvatore Bianca, sagte Reeves.

»Das da —« Reeves wies auf das Gruppenbild, »wurde vor einer Woche in Hamburg aufgenommen. Er spielt gar nicht selber, er schaut nur zu. Das ist selten, daß er auf das Rad blickt, so wie hier … Er hat wahrscheinlich selber ein halbes Dutzend Menschen umgelegt, sonst hätte er’s bei der Mafia nicht mal so weitgebracht, wie er heute ist. Aber als Mafioso ist er unwichtig. Leicht zu ersetzen. Man muß bloß irgendwo anfangen, nicht wahr …« Reeves redete weiter, während Jonathan seinen Whisky austrank und Reeves ihm das Glas von neuem füllte. »Er geht nie ohne Hut — draußen, meine ich. Einen Homburg. Und meistens einen Tweedmantel …«

Reeves hatte einen Plattenspieler, und Jonathan hätte gern Musik gehört, aber er fand, es wäre unhöflich, darum zu bitten, obwohl Reeves sicher zum Apparat gestürzt wäre und genau das Gewünschte aufgelegt hätte. Endlich unterbrach ihn Jonathan. »Ein unauffälliger Mann, Hut in die Stirn und Kragen hochgeschlagen, und den soll man aus einer Menschenmenge herausfinden, wenn man nichts gesehen hat als diese beiden Fotos?«

»Ein Freund von mir wird im selben Zug fahren; er steigt am Rathaus ein, wo Bianca auch einsteigt, und fährt bis Messberg mit, das ist die nächste Station. Dann kommt schon Steinstraße. Hier, sehen Sie!«

Wieder folgte ein Redestrom, und dabei zeigte Reeves Jonathan eine Straßenkarte von Hamburg, die sich wie ein Akkordeon zusammenfalten-ließ und die U-Bahn-Stationen in blauen Kreisen zeigte.

»Sie steigen am Rathaus mit Fritz in die Bahn. Fritz kommt heute abend her, nach dem Essen.«

Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, wollte Jonathan sagen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Reeves so lange in dem Glauben gelassen hatte, er werde mitmachen. Oder war es gar nicht so? Nein, so war es nicht. Reeves hatte sich eben auf ein verrücktes Wagnis eingelassen; vermutlich war das so üblich bei ihm, und er, Jonathan, war nicht der erste, an den Reeves herantrat. Jonathan hätte ihn gern danach gefragt, aber Reeves redete immer weiter.

»Ich will Ihnen nichts vormachen: es ist durchaus möglich, daß wir noch einen umlegen müssen …«

Jonathan war froh, daß jetzt die Schattenseite zur Sprache kam. Reeves hatte alles reichlich rosig ausgemalt, dem kinderleichten Schuß folgte gleich ein Haufen Geld, herrliches Leben in Frankreich oder sonstwo, eine Weltreise, von allem das Beste für Georges (auch nach dem Namen seines Sohnes hatte Reeves sich erkundigt), Sicherheit für Simone. Mein Gott, wie soll ich ihr bloß all das Geld erklären, dachte Jonathan.

»Dies ist Aalsuppe«, verkündete Reeves und nahm seinen Löffel zur Hand. »Hamburger Spezialität, wissen Sie. Gaby ist darin Meisterin.«

Die Suppe schmeckte sehr gut. Dazu gab es einen hervorragenden kühlen Mosel.

»Hamburg hat einen berühmten zoologischen Garten, wissen Sie: Hagenbecks Tierpark in Stellingen. Hübsche Fahrt, vielleicht können wir morgen vormittag hinfahren. Das heißt —« eine Sorgenfalteterschien plötzlich auf Reeves’ Gesicht — »wenn mir nichts dazwischenkommt. Ich rechne halbwegs mit einer Sache. Das erfahre ich aber heute abend oder morgen früh.«

Es klang, als ob der Tierpark wer weiß wie wichtig sei. Jonathan sagte: »Morgen früh soll ich die Resultate von der Klinik bekommen. Ich soll um elf dort sein.« Verzweiflung ergriff ihn, als ob elf Uhr seine Todesstunde bedeute.

»Ach ja, natürlich. Na ja, zu Hagenbeck können wir auch noch nachmittags fahren. Die Tiere sind da in ihrer natürlichen — natürlichen Umgebung, wissen Sie …«

Sauerbraten und Rotkohl.

Es klingelte. Reeves blieb sitzen, und gleich darauf erschien Gaby und teilte mit, Herr Fritz sei gekommen.

Fritz hatte eine Mütze in der Hand und trug einen etwas schäbigen Mantel. Er war ungefähr fünfzig.

»Dies ist Paul, Fritz«, sagte Reeves zu Fritz und wies auf Jonathan. »Ein Engländer. Dies ist Fritz.«

»Guten Abend«, sagte Jonathan.

Fritz machte eine grüßende Handbewegung zu Jonathan hin. Ein ziemlich harter Kerl, dachte Jonathan, aber er sieht freundlich aus.

»Setz dich, Fritz«, sagte Reeves. »Glas Wein oder Whisky?« Er sprach deutsch und fügte dann englisch hinzu: »Paul ist unser Mann.« Er reichte Fritz ein hohes Stielglas mit Weißwein.

Fritz nickte.

Jonathan mußte innerlich lachen. Das übergroße Weinglas sah aus wie das Requisit einer Wagneroper. Reeves saß jetzt seitwärts auf seinem Stuhl.

»Fritz ist Taxifahrer«, sagte Reeves. »Hat Bianca schon oft abends nach Hause gefahren, was, Fritz?«

Fritz murmelte etwas und lächelte dabei.

»Nein, nicht oft — zweimal«, verbesserte sich Reeves. »Wir wollen keine —« er zögerte, als wisse er nicht, in welcher Sprache er fortfahren solle, und sprach dann englisch weiter zu Jonathan. »Bianca wird wahrscheinlich Fritz nicht wiedererkennen. Und wenn er ihn erkennt, macht es auch nichts, weil Fritz ja schon am Meßberg aussteigt. Worauf es ankommt, ist, daß Sie sich morgen abend mit Fritz draußen vor der Station Rathaus treffen. Dann wird Ihnen Fritz den — unseren Bianca zeigen.«

Fritz nickte, er schien jedes Wort verstanden zu haben.

Morgen also. Jonathan hörte schweigend zu.

»Sie beide steigen also an der Haltestelle Rathaus ein, und zwar ungefähr um Viertel nach sechs. Seien Sie lieber schon etwas vor sechs da, Bianca könnte ja aus irgendeinem Grund mal früher kommen, obgleich er ziemlich regelmäßig um sechs Uhr fünfzehn einsteigt. Karl fährt Sie hin, Paul, da ist also weiter keine Schwierigkeit. Sie und Fritz kommen sich beide nicht nahe, aber es kann sein, daß Fritz in den Zug einsteigen muß, in denselben wie Bianca, damit er ihn Ihnen ganz eindeutig zeigen kann. Jedenfalls steigt Fritz an der nächsten Haltestelle, Meßberg, wieder aus.« Dann sagte Reeves ein paar deutsche Worte zu Fritz und streckte die Hand aus.

Aus seiner Innentasche zog Fritz eine kleine schwarze Pistole hervor und gab sie Reeves. Reeves warf einen Blick zur Tür, als sei er in Sorge, daß Gaby hereinkommen könne, doch groß schien die Sorge nicht zu sein, und die Waffe war kaum größer als seine Handfläche. Er hantierte einen Augenblick damit, öffnete sie und besah sich die Zylinder.

»Geladen — hat aber ’ne Sicherung. Verstehen Sie was von Schußwaffen, Paul?«

Jonathan hatte nur eine blasse Ahnung. Unter Mithilfe von Fritz erklärte ihm Reeves die Waffe. Das wichtigste war die Sicherung. Und so drückte man ab. Dies war die italienische Waffe, die Reeves erwähnt hatte.

Fritz mußte gehen. Er verabschiedete sich, nickte Jonathan zu und sagte: »Bis morgen also. Um sechs!«

Reeves brachte ihn an die Tür. Er kam mit einem bräunlichen Tweedmantel — nicht neu — zurück und sagte:

»Hier, der ist sehr weit. Probieren Sie ihn mal an.«

Jonathan hatte wenig Lust, doch er stand auf und zog den Mantel an. Die Ärmel waren reichlich lang. Er steckte die Hände in die Taschen und stellte fest, was ihm Reeves jetzt auch mitteilte: daß die rechte Manteltasche durchgeschnitten war. Er sollte die Pistole in der Jackentasche tragen und durch die Manteltasche danach langen, möglichst nur einmal feuern und die Waffe fallen lassen.

»Sie sehen die Menschen vor sich«, sagte Reeves belehrend. »Paar hundert Leute. Sie treten dann zurück, genau wie alle anderen, weil die Explosion Sie erschreckt hat.« Reeves machte es vor, der Körper lehnte sich zurück, und er machte ein paar Schritte rückwärts.

Zum Kaffee tranken sie Steinhäger. Reeves fragte nach Jonathans Zuhause, nach Simone und Georges. Sprach Georges auch Englisch oder nur Französisch?

»Er lernt jetzt Englisch«, gab Jonathan zur Antwort. »Ich bin da im Nachteil, weil ich nicht so viel mit ihm zusammen bin.«

7

As nächsten Morgen kurz nach neun rief Reeves Jonathan im Hotel an und sagte, Karl werde ihn um zwanzig vor elf mit dem Wagen abholen und ins Krankenhaus fahren. Auch Rudolf werde mitkommen. Das hatte sich Jonathan schon gedacht.

»Viel Glück also«, sagte Reeves. »Wir sehen uns später.«

Jonathan war unten in der Halle und las in der Times, als Rudolf ein paar Minuten vor der verabredeten Zeit hereinkam. Er lächelte — ein scheues, mausartiges Lächeln — und sah Kafka noch ähnlicher als zuvor.

»Morgen, Herr Trevanny«, sagte er.

Jonathan und Rudolf nahmen hinten im Wagen Platz.

»Viel Glück mit dem Bericht«, sagte Rudolf liebenswürdig.

»Ich möchte auch mit dem Arzt sprechen«, gab Jonathan ebenso liebenswürdig zurück. Er war überzeugt, daß Rudolf ihn verstanden hatte, obgleich er etwas verwirrt sagte: »Wir werden versuchen —«

Jonathan betrat das Krankenhaus mit Rudolf zusammen. Rudolf hatte vorher gesagt, er könne den Bericht ja abholen und dabei feststellen, ob der Arzt frei war. Karl hatte bereitwillig übersetzt, so daß Jonathan alles verstand. Karl kam ihm dabei neutral vor und war es wohl auch. Aber die ganze Atmosphäre schien seltsam, als ob jeder nur schauspielerte, und zwar schlecht, auch er selber. Rudolf sprach mit einer Schwester am Empfangstisch in der Haupthalle und fragte nach dem Bericht für Herrn Trevanny. Die Schwester suchte in einem Kasten, der verschlossene Umschläge in verschiedenen Größen enthielt, und zog einen geschäftsmäßig aussehenden Umschlag hervor, der Jonathans Namen trug.

»Wie ist es mit Dr. Wentzel — kann ich ihn sprechen?« fragte Jonathan die Schwester.

»Dr. Wentzel?« Sie schlug einen Ordner mit Klarsichtregister auf, drückte auf eine Taste und hob den Hörer ab. Eine Minute lang sprach sie deutsch in die Sprechmuschel, dann legte sie auf und sagte auf englisch zu Jonathan: »Dr. Wentzel ist heute den ganzen Tag besetzt, sagt die Assistentin. Möchten Sie einen Termin abmachen für morgen früh um zehn Uhr dreißig?«

»Ja, das möchte ich«, sagte Jonathan.

»Gut, das notiereich dann. Aber die Assistentin sagt, in dem Bericht werden Sie vieles an — vieles an Information schon finden.«

Sie gingen zum Wagen zurück. Rudolf war enttäuscht, dachte Jonathan, oder kam es ihm nur so vor? Nun, jedenfalls hatte Jonathan den dicken Umschlag jetzt in Händen. Den echten Bericht.

Im Wagen sagte Jonathan »Entschuldigung« zu Rudolf und öffnete den Umschlag. Er enthielt drei maschinengeschriebene Seiten, und Jonathan sah schon auf den ersten Blick, daß viele der Worte mit den französischen und englischen Termini übereinstimmten, die er so gut kannte. Nur auf der letzten Seite standen zwei lange Absätze auf Deutsch. Das lange Wort für die weißen Blutkörperchen war auch hier dasselbe. Er erschrak ein wenig, als er 210 000 Leukozyten las, das war höher als in dem letzten französischen Bericht, höher als es jemals gewesen war. Mit der letzten Seite gab er sich nicht ab. Als er die Bogen zusammenfaltete, sagte Rudolf ein paar Worte, sehr höflich, und streckte die Hand aus, und Jonathan reichte ihm den Bericht — ungern, aber was blieb ihm anderes übrig? Und so wichtig war es auch wieder nicht.

Rudolf sagte zu Karl, er solle fahren. Jonathan blickte aus dem Fenster. Er hatte keine Lust, Rudolf um irgendeine Erklärung zu dem Bericht zu bitten; lieber wollte er sich ein Wörterbuch vornehmen oder Reeves fragen. In seinen Ohren begann es zu sausen, er lehnte sich zurück und versuchte, tief zu atmen. Rudolf warf ihm einen Blick zu und ließ sofort ein Fenster herunter.

»Meine Herren«, sagte Karl jetzt über die Schulter, »Herr Minot erwartet Sie beide zum Lunch. Später dann vielleicht zu Hagenbeck.«

Rudolf lachte und antwortete auf deutsch.

Jonathan hätte gern gesagt, man möge ihn ins Hotel zurückbringen. Aber was sollte er da? Sich den Kopf über den Bericht zerbrechen, von dem er nicht alles verstand? Rudolf wollte aussteigen; Karl setzte ihn an einem Kanal ab, und Rudolf streckte die Hand aus und schüttelte Jonathans Rechte mit kräftigem Druck. Dann fuhr Karl weiter zu Reeves Minot. In der Alster spiegelte sich die Sonne, kleine verankerte Kanus schaukelten auf dem Wasser, und mehrere Boote segelten glatt und weiß wie neue Kinderschiffchen über die weite Wasserfläche.

Gaby machte Jonathan die Tür auf. Reeves sprach gerade am Telefon, war aber bald fertig.

»Tag, Jonathan! Was gibt’s Neues?«

»Ach, nicht viel Gutes«, sagte Jonathan blinzelnd; das Sonnenlicht in dem weißen Raum blendete ihn.

»Und der Bericht — wie ist es damit? Kann ich ihn sehen? Verstehen Sie denn alles?«

»Nein — alles nicht.« Jonathan reichte ihm den Umschlag.

»Haben Sie auch den Arzt gesprochen?«

»Nein, er hatte keine Zeit.«

»Nun setzen Sie sich erst mal hin, Jonathan. Ein Drink wird Ihnen guttun.« Reeves trat an das Regal, auf dem die Flaschen standen.

Jonathan setzte sich aufs Sofa und lehnte den Kopf zurück. Ihm war leer zumute, leer und mutlos, aber jedenfalls im Augenblick nicht zum Umfallen.

»Ist der Bericht schlechter als der, den Sie in Frankreich bekommen hatten?« fragte Reeves, als er mit Whisky und Soda zurückkam.

»Ja, das kann man sagen«, erwiderte Jonathan.

Reeves besah sich die letzte Seite. »Sie sollen sich vor kleinen Verletzungen in acht nehmen. Ganz interessant.«

Und nicht gerade neu, dachte Jonathan. Er blutete leicht. Er wartete auf Reeves’ Kommentar; er hatte angenommen, Reeves werde die Seite übersetzen.

»Hat Ihnen Rudolf dies nicht übersetzt?«

»Nein. Aber ich hab ihn auch nicht darum gebeten.«

»… ob sich der Zustand verschlimmert hat, kann ich nicht sagen, da mir der letzte Bericht … Diagnose — in Anbetracht der langen Zeit keineswegs ungefährlich — und so weiter. Ich kann es Ihnen auch wörtlich übersetzen, wenn Sie wollen«, erbot sich Reeves. »Bei einem oder zwei Ausdrücken werd ich ein Wörterbuch brauchen, für diese zusammengesetzten Dinger, aber die Hauptsache ist mir klar.«

»Dann sagen Sie mir nur die Hauptsache.«

»Die hätten das ja nun wirklich auch auf englisch für Sie ausfertigen können«, meinte Reeves unzufrieden und vertiefte sich von neuem in die Seite. »… beträchtliche Granulation der Zellen sowie der weißen Bestandteile. Da Sie schon Röntgenbestrahlung gehabt haben, wird eine Wiederholung im Augenblick nicht empfohlen, weil die kranken Zellen resistent werden können …«

Reeves las noch eine Weile weiter. Eine zeitliche Voraussage enthielt der Bericht nicht. Keine Andeutung von Schlußlicht, nirgends.

»Sie haben ja nun Dr. Wentzel heute nicht gesprochen — soll ich versuchen, für morgen früh einen Termin für Sie zu bekommen?« Reeves klang ehrlich besorgt.

»Vielen Dank, aber ich habe schon einen Termin abgemacht. Um halb elf soll ich dort sein.«

»Sehr schön. Und da die Schwester dort Englisch spricht, brauchen Sie also auch Rudolf nicht. Warum legen Sie sich nicht einen Augenblick hin?« Reeves zog ein Kissen in die Sofaecke.

Jonathan lehnte sich zurück, einen Fuß auf dem Boden, der andere baumelte über dem Sofarand. Er fühlte sich schwach und müde, so als ob er stundenlang schlafen könnte. Reeves schlenderte auf das sonnige Fenster zu und plauderte vom Tiergarten. Er sprach von einem seltenen Tier — Jonathan hörte den Namen und vergaß ihn sofort wieder —, das kürzlich aus Südamerika geschickt worden war. Zwei waren es. Die wollten sie ansehen, sagte Reeves. Jonathans Gedanken waren bei Georges, der seinen kleinen Wagen voller Steine hinter sich her zog. Cailloux. Jonathan wußte, er würde Georges nicht mehr viel älter werden sehen, jedenfalls niemals richtig groß, mit Stimmbruch. Er setzte sich plötzlich auf, biß die Zähne zusammen und versuchte gewaltsam, seine Kraft zurückzugewinnen.

Gaby trat ein mit einem großen Tablett.

»Gaby hat einen kalten Lunch vorbereitet, damit wir essen können, wann Sie Lust haben«, erklärte Reeves.

Lachs mit Mayonnaise. Viel konnte Jonathan nicht essen, doch das braune Brot, Butter und Wein schmeckten ihm gut. Reeves redete von Salvatore Bianca, von der Verbindung der Mafiosi zur Prostitution, daß sie häufig Prostituierte in ihren Spielsälen anstellten und den Mädchen neunzig Prozent ihrer Einnahmen wegnahmen. »Erpressung!« sagte Reeves. »Geld ist ihr einziges Ziel, und das Mittel dazu ist Terror. Sehen Sie sich Las Vegas an! Aber die Hamburger Boys zum Beispiel, die wollen keine Prostituierten.« Aus Reeves’ Stimme klang moralische Entrüstung. »Sie haben auch ein paar Mädchen da, zugegeben. An der Bar zum Beispiel. Vielleicht sind sie auch zu haben, schon möglich, aber bestimmt nicht dort im Hause.« Jonathan hörte kaum zu, seine Gedanken waren weit weg. Er stocherte auf dem Teller herum; das Blut stieg ihm in die Wangen, lautlos focht er einen Kampf mit sich selber aus. Er wollte es versuchen mit dem Schießen. Und zwar nicht, weil er glaubte, er müsse doch bald sterben, in ein paar Tagen oder Wochen — nein, einfach weil er das Geld brauchte, weil er es für Simone und Georges haben wollte. Vierzigtausend Pfund oder sechsundneunzigtausend Dollar, oder vielleicht auch nur die Hälfte, wenn das zweite Mal nicht notwendig war oder wenn sie ihn schon beim erstenmal schnappten.

»Aber Sie werden es doch tun, nicht wahr?« fragte Reeves und wischte sich die Lippen mit der frischgestärkten weißen Serviette.

»Wenn mir etwas zustößt«, sagte Jonathan, »können Sie dann dafür sorgen, daß meine Frau das Geld bekommt?«

»Ja, aber —« Reeves’ Narbe zuckte, als er jetzt lächelte. »Was sollte Ihnen zustoßen? Ja, gewiß, ich werde dafür sorgen, daß Ihre Frau das Geld bekommt.«

»Wenn aber doch was passiert — wenn es nur einmal dazu kommt — zum Schießen, meine ich —«

Reeves preßte die Lippen zusammen, als beantworte er die Frage nur ungern. »Dann wird nur die Hälfte gezahlt. Aber ganz offen gesagt, es werden sicher zwei. Und nach dem zweiten wird der Gesamtbetrag bezahlt. — Nun, das ist wirklich sehr schön.« Er lächelte — zum erstenmal sah Jonathan ein echtes Lächeln auf seinem Gesicht. »Sie werden sehen, wie einfach es ist, heute abend. Und nachher feiern wir dann, wenn Sie Lust haben.« Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, was Jonathan für ein Zeichen der Begeisterung nahm, aber es war das Signal für Gaby, die gleich darauf hereinkam und die Teller abräumte.

Zwanzigtausend Pfund, dachte Jonathan. Keine phantastische Summe, aber immerhin besser als ein toter Mann und dazu die Bestattungskosten.

Kaffee. Dann die Fahrt zum Zoo. Die Tiere, die Reeves ihm hatte zeigen wollen, waren zwei kleine bärenartige Viecher, braungelb wie Rahmbonbons. Eine kleine Menschenmenge stand davor, Jonathan gelang es nicht, sie richtig zu sehen. Aber er war auch nicht sehr interessiert. Er sah statt dessen mehrere Löwen in scheinbarer Freiheit herumgehen. Reeves war besorgt um Jonathan, er durfte nicht müde werden. Es war jetzt fast vier Uhr.

Als sie wieder in Reeves’ Wohnung waren, bestand Reeves darauf, daß Jonathan eine kleine weiße Tablette einnahm, »ein mildes Beruhigungsmittel«, wie er sagte.

»Ich brauche doch gar keins«, protestierte Jonathan. Er war völlig ruhig und fühlte sich ganz wohl.

Jonathan schluckte also die Pille. Reeves bat ihn, sich ein paar Minuten im Gästezimmer hinzulegen. Er schlief nicht ein, und um fünf kam Reeves herein und sagte, es sei bald Zeit für Karl, ihn ins Hotel zu fahren. Der Mantel war im Hotel. Reeves brachte ihm noch eine Tasse Tee mit Zucker, sie schmeckte gut und ganz normal, es war also wohl nichts darin als Tee. Dann gab ihm Reeves die Pistole und erklärte ihm noch einmal die Sicherung. Jonathan steckte sie in die Hosentasche.

»Dann also bis heute abend!« sagte Reeves heiter.

Karl fuhr Jonathan ins Hotel; er werde im Wagen warten, sagte er. Jonathan fuhr hinauf in sein Zimmer; fünf oder zehn Minuten hatte er wohl noch. Er putzte sich die Zähne (mit Seife, die Zahnpasta hatte er für Simone und Georges zu Hause gelassen, und neue hatte er noch nicht gekauft) und blieb einen Augenblick am Fenster stehen, ohne etwas zu sehen oder auch nur an irgendwas zu denken, dann trat er an den Kleiderschrank und nahm den Mantel heraus, der ihm etwas zu groß war. Er war getragen, aber nicht viel. Wem er wohl gehört hatte … Eigentlich war das ganz richtig so; er konnte nun so tun, als stehe er auf der Bühne, in den Kleidern eines anderen, und die Pistole war auch nur eine Attrappe in irgendeinem Bühnenstück. Aber tief innerlich war ihm alles sehr klar: er wußte genau, was er vorhatte. Er fühlte kein Mitleid für den Mafioso, den er — hoffentlich — töten würde, und auch für sich selber nicht. Tod war Tod. Biancas Leben und seins waren nichts mehr wert, aus ganz verschiedenen Gründen. Interessant war nur die Tatsache, daß Jonathan Geld dafür bekam, wenn er Bianca umbrachte. Er nahm die Waffe und den Nylonstrumpf und steckte beides in die Rocktasche. Er konnte den Strumpf, wie er feststellte, mit den Fingern einer Hand über dieselbe Hand ziehen. Unruhig wischte er mit den bestrumpften Fingern echte und eingebildete Fingerabdrücke von der Waffe ab. Wenn er den Schuß abfeuerte, mußte er den Mantel etwas zur Seite halten, sonst schoß er ein Loch in den Stoff. Einen Hut hatte er nicht. Komisch — daran hatte Reeves’ nicht gedacht. Jetzt war es zu spät.

Jonathan verließ sein Zimmer und zog die Tür fest hinter sich ins Schloß.

Unten stand Karl neben dem Wagen, und als Jonathan herantrat, hielt er ihm die Tür offen. Wieviel wohl Karl wußte? Womösglich alles? Jonathan beugte sich vor, um Karl zu sagen, er sollte zur U-Bahn-Station Rathaus fahren, als Karl über die Schulter sagte:

»Sie treffen sich mit Fritz an der U-Bahn Rathaus — das stimmt doch, nicht wahr?«

»Ja«, gab Jonathan erleichtert zurück. Er lehnte sich in die Ecke zurück und fingerte an der Pistole. Die Sicherung ließ sich vor- und rückwärts schieben. Vorwärts, das hieß aus.

»Herr Minot meinte, hier wäre es am besten, Sir. Da drüben ist der Eingang.« Karl öffnete die Tür, stieg aber nicht aus wegen des dichten Verkehrs an Fufßgängern und Wagen. »Ich soll Sie um halb acht im Hotel abholen.«

»Ja, danke.« Einen Augenblick kam sich Jonathan verloren vor, als die Wagentür hinter ihm zufiel. Er sah sich nach Fritz um. An der breiten Straßenkreuzung mündete die Große Johannisstraße hier in die Rathausstraße. Es war wie in London, Piccadilly Circus; auch hier schien die U-Bahn mindestens vier Eingänge zu haben wegen der vielen Kreuzungen. Jonathan suchte mit den Augen nach der untersetzten Gestalt mit der Mütze in der Hand. Eine Gruppe von Männern, die aussahen wie Fußballer, hastete die Stufen hinunter, und jetzt wurde Fritz sichtbar, der ruhig am Metallgeländer der Treppe stand. Jonathans Herz tat einen Sprung, als habe er bei einem heimlichen Rendezvous endlich sein Mädchen erspäht. Fritz machte eine Handbewegung zur Treppe und stieg selber hinab.

Jonathan bemühte sich, die Mütze im Auge zu behalten, obgleich jetzt mehr als fünfzehn Leute zwischen ihnen waren. Fritz trat etwas zur Seite. Offenbar war Bianca noch nicht erschienen, und sie mußten auf ihn warten. Ringsum war deutsches Stimmengewirr und Gelächter, eine laute Stimme rief: »Wiedersehen, Max!«

Fritz stand etwa vier Meter entfernt an einer Wand, und Jonathan ließ sich langsam in die gleiche Richtung treiben, hielt sich jedoch in sicherer Entfernung, und bevor er die Wand erreichte, sah er, wie Fritz nickte und diagonal von der Wand auf einen Schalter zuging. Jonathan kaufte eine Fahrkarte. Fritz schob sich in der Menge vorwärts. Die Fahrkarten wurden gelocht. Fritz, das stand fest, hatte jetzt Bianca erblickt, aber Jonathan sah ihn noch nicht.

Auf dem Bahnsteig stand ein Zug. Als Fritz auf ein bestimmtes Abteil zueilte, folgte ihm Jonathan. Das Abteil war mäßig voll; Fritz blieb stehen und hielt sich an einer verchromten Stange fest. Er zog eine Zeitung aus der Tasche und nickte jetzt nach vorn, sah aber Jonathan nicht an.

Da stand der Italiener, näher bei Jonathan als bei Fritz: ein dunkler Mann mit eckigem Gesicht; er trug einen eleganten grauen Mantel mit braunen Lederknöpfen und einen grauen Hut und starrte verdrossen und gedankenverloren vor sich hin. Jonathan blickte zu Fritz hinüber, der so tat, als lese er die Zeitung; als er den Blick auffing, nickte er leicht und lächelte bestätigend.

An der nächsten Haltestelle, Meßberg, stieg Fritz aus. Jonathan blickte wieder zu dem Italiener hinüber, ganz kurz, obwohl sich Bianca mit seinem starren Blick ins Leere gar nicht ablenken ließ. Wenn er nun an der nächsten Haltestelle gar nicht ausstieg, sondern immer weiterfuhr bis zu irgendeinem Bahnhof, wo kaum jemand den Zug verließ?

Doch als der Zug die Fahrt verlangsamte, schob sich Bianca zur Tür. Steinstraße — Jonathan hatte Mühe, hinter ihm zu bleiben, ohne jemanden anzustoßen. Jetzt kam eine breite Treppe. Die Menge, etwa achtzig bis hundert Menschen, schob sich vor der Treppe dichter zusammen und begann dann, die Stufen hinaufzusteigen. Der graue Mantel des Italieners war zum Greifen nahe vor Jonathan, noch ein paar Meter von der Treppe entfernt. Jonathan sah einzelne graue Haare unter den schwarzen an seinem Hinterkopf. Am Hals hatte er eine kleine gezackte Vertiefung wie von einer Furunkelnarbe.

Jonathan hatte die Pistole aus der Jackettasche genommen und hielt sie in der rechten Hand. Er schob die Sicherung hoch, hielt den Mantel zur Seite, zielte auf den grauen - Mantel und drückte ab.

Es klang wie ein heiseres »Ka-booumm«.

Jonathan blieb stehen, ließ die Pistole fallen und wich ein wenig nach links zurück. Ein erschrecktes »Oo-h-h-« kam aus der Menschenmenge. Er war einer der wenigen, die keinen Laut von sich gaben.

Bianca war zusammengesackt und lag auf dem Boden, eine kleine ungewisse Leere um sich. »Pistole « — »… erschossen « hörte man aus der Menge. Die Pistole lag auf dem Steinboden; jemand wollte sie aufheben und wurde von drei anderen daran gehindert, sie zu berühren. Viele der Vorübergehenden schritten uninteressiert oder in Eile vorüber und stiegen die Treppe hinauf. Jonathan trat ein wenig nach links und ging an der Gruppe um Bianca vorbei bis zur Treppe. Jemand rief nach der Polizei. Jonathan beschleunigte seinen Schritt, ging aber nicht schneller als die anderen Leute, die jetzt nach oben zum Ausgang stiegen.

Dann war er oben angelangt und ging weiter, einfach geradeaus, ohne Ziel. Er ging mäßig schnell, als wisse er, wohin er gehe, aber er hatte keine Ahnung. Rechts sah er einen mächtigen Bahnhof liegen; den hatte Reeves erwähnt, das wußte er. Er hörte keine Schritte hinter sich, niemand schien ihm zu folgen. Er löste die Finger der rechten Hand von dem Strumpf, aber er wollte ihn nicht so nahe der U-Bahn wegwerfen.

»Taxi!« Das Taxi, das da vorüberfuhr, war frei, vermutlich auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Der Wagen hielt, und Jonathan stieg ein und nannte den Straßennamen seines Hotels. Erleichert ließ er sich zurückfallen, hatte jedoch keine Ruhe: immer wieder blickte er links und rechts aus dem Fenster, als erwarte er, einen gestikulierenden Schutzmann zu sehen, der auf den Wagen zeigte und den Fahrer anhalten wollte. Unsinn. Er war vollkommen sicher.

Aber als er das Victoria-Hotel betrat, überkam ihn das gleiche Gefühl — als habe die Polizei irgendwie seine Adresse ausfindig gemacht und warte nun unten in der Halle auf ihn. Natürlich war niemand da, er ging gelassen in sein Zimmer und schloß die Tür. In der Tasche suchte er nach dem Strumpf. Er war weg, irgendwo mußte er ihn verloren haben.

Es war zwanzig Minuten nach sieben. Jonathan zog den Mantel aus, ließ ihn auf einen Sessel fallen und griff nach den Zigaretten, die er vergessen hatte mitzunehmen. Tief atmete er den tröstenden Rauch der Gitane ein. Dann ging er ins Badezimmer, legte die Zigarette auf den Wannenrand und wusch sich Gesicht und Hände. Darauf zog er sich bis zum Gürtel aus und wusch sich noch einmal mit heißem Wasser und Seifenlappen.

Als er den Pullover anzog, klingelte das Telefon.

»Herr Karl wartet hier unten«, meldete die Rezeption.

Jonathan ging hinunter, den Mantel über dem Arm. Er wollte ihn Reeves zurückgeben; tragen wollte er ihn nicht mehr.

»Guten Abend, Sir.« Karl strahlte, als habe er gehört, was passiert war und fände es gut.

Im Wagen zündete sich Jonathan noch eine Zigarette an. Heute war Mittwoch — er hatte zu Simone gesagt, er sei vielleicht schon heute abend zurück, aber seinen Brief bekam sie sicher erst morgen. Ihm fiel ein, daß er noch zwei Bücher aus der Volksbibliothek nahe der Kirche von Fontainebleau zu Hause hatte, die eigentlich am Sonnabend zurückgegeben werden mußten.

Wieder stand er in Reeves’ gemütlicher Wohnung. Er reichte Reeves, nicht Gaby, den Mantel. Ihm war seltsam zumute.

»Wie geht’s, Jonathan?« fragte Reeves unruhig, und als Gaby hinausgegangen war, erkundigte er sich gespannt: »Wie war’s?« Sie standen im Wohnzimmer.

»Alles in Ordnung, glaube ich«, gab Jonathan zurück.

Reeves lächelte — das kleine Lächeln brachte sein Gesicht zum Strahlen. »Sehr gut. Großartig. Ich habe noch gar nichts gehört, wissen Sie. Darf ich Ihnen ein Glas Sekt anbieten? Oder lieber einen Whisky?«

»Ja, lieber Whisky.«

Reeves stand über die Flaschen gebeugt und fragte leise: »Wie oft — wieviel Schuß, Jonathan?«

»Einer.« Und wenn er nun gar nicht tot war, fiel es Jonathan plötzlich ein. Das war doch immerhin möglich? Er nahm den Whisky, den Reeves ihm reichte.

Reeves hielt ein Stielglas mit Sekt in der Hand, das er jetzt erhob. Er nahm einen tiefen Schluck und fragte: »Keine Schwierigkeiten? Mit Fritz klappte auch alles?«

Jonathan nickte und warf einen Blick auf die Tür, durch die Gaby eintreten mußte, wenn sie zurückkam. »Hoffentlich ist er tot. Mir fiel gerade ein — vielleicht ist er gar nicht tot.«

»Ach, dies genügt, selbst wenn er nicht tot ist. Haben Sie ihn fallen sehen?«

»O ja«, sagte Jonathan mit tiefem Seufzer. Er merkte erst jetzt, daß er minutenlang kaum zu atmen gewagt hatte.

»Vielleicht wissen sie es jetzt schon in Mailand«, meinte Reeves gutgelaunt. »Italienisches Geschoß — sie benutzen bei der Mafia zwar nicht immer italienische Waffen, aber es paßte doch ganz hübsch, finde ich. Er gehörte zur Familie Di Stefano. Es gibt hier noch die Familie Genotti, von der sind jetzt auch ein paar Leute in Hamburg, und wir hoffen, daß die beiden Familien jetzt anfangen, sich gegenseitig umzubringen.«

Das hatte Reeves schon mal gesagt. Jonathan setzte sich auf das Sofa, während Reeves hochbeglückt im Zimmer auf und ab ging.

»Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir heute abend hier und tun gar nichts weiter«, sagte Reeves. »Wenn jemand anruft, sagt Gaby einfach, ich bin nicht zu Hause.«

»Gaby und Karl — wieviel wissen die?«

»Gaby weiß gar nichts, und Karl — bei dem macht es nichts, wenn er was weiß. Er ist nicht interessiert, wissen Sie. Er arbeitet noch für andere Leute und wird gut bezahlt. Es liegt in seinem Interesse, nichts zu wissen, verstehen Sie.«

Ja, das verstand Jonathan, aber es trug nicht zu seiner Beruhigung bei. »Ja, übrigens — ich möchte morgen nach Hause fahren.« Das bedeutete zweierlei: erstens sollte Reeves ihm heute abend das Geld geben oder das Nötige zur Zahlung veranlassen, und zweitens müßte ein eventueller zweiter Auftrag noch heute abend besprochen werden. Jonathan hatte die Absicht, jeden weiteren Auftrag abzulehnen, egal wie die Sache finanziell aussah; aber die Hälfte der vierzigtausend Pfund stand ihm für das, was er getan hatte, doch wohl zu.

»Wenn Sie wollen — warum nicht«, meinte Reeves. »Aber Sie haben ja noch den Termin beim Arzt morgen früh.«

Jonathan hatte jedoch nicht vor, noch einmal zu Dr. Wentzel zu gehen. Unschlüssig fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. Der Befund war schlecht und sein Zustand noch schlechter. Und es kam noch etwas hinzu: Dr. Wentzel mit dem großen Schnauzbart verkörperte ein Amt, eine Behörde, und Jonathan hatte das undeutliche Gefühl, es könne gefährlich sein, wenn er dem Arzt noch einmal gegenübertrat. Er wußte, das war nicht logisch gedacht, aber das Gefühl wurde er nicht los. »Ich weiß eigentlich nicht, warum ich noch mal hingehen soll — ich bleibe ja nicht in Hamburg. Ich werde den Termin morgen früh absagen. Die Rechnung kann er mir nach Fontainebleau schicken, er hat meine Adresse.«

»Französisches Geld können Sie ihm nicht schicken.« Reeves lächelte. »Wegen der Rechnung machen Sie sich nur keine Gedanken. Schicken Sie sie mir, wenn Sie sie haben.«

Darauf ging Jonathan nicht weiter ein, aber er wußte: Reeves’ Unterschrift auf einem Scheck an den Arzt, das wollte er unter keinen Umständen. Zur Sache jetzt, mahnte er sich, und mit der Sache meinte er das Geld, das er von Reeves zu bekommen hatte. Zur Sache also. Statt dessen lehnte er sich zurück und fragte interessiert: »Was tun Sie hier — ich meine, was arbeiten Sie?«

»Oh, arbeiten —« Reeves zögerte einen Moment, aber die Frage schien ihn durchaus nicht in Verlegenheit zu bringen. »Verschiedenes. Ich arbeite zum Beispiel für ein paar Kunsthändler in New York. Die Bücher dadrüben —« Er zeigte auf das unterste Regal in einem Bücherbord. »Das sind alles Kunstbücher, hauptsächlich deutsche Kunst, mit Namen und Adressen der Leute, denen die Sachen gehören. In New York sind deutsche Maler sehr gefragt. Dann sehe ich mich hier unter den jungen Malern um und empfehle sie an Kunstgalerien und Käufer in Amerika. Sie würden sich wundern, wieviel zum Beispiel nach Texas geht.«

Erstaunt hörte ihm Jonathan zu. Wenn das alles stimmte, mußte Reeves Minot in der Lage sein, Gemälde mit der kalten Objektivität eines Geigerzählers zu schätzen. Ob er tatsächlich ein guter Kenner war? Über dem Kamin hing ein Bild, eine Szene in rötlichen Tönen; sie zeigte ein Bett, j in dem ein alter Mensch — Mann oder Frau? — offenbar im Sterben lag, und Jonathan hatte erkannt, daß das tatsächlich ein Derwatt war. Ein sehr wertvolles Stück, und offensichtlich Reeves’ Eigentum.

»Neuerwerbung«, sagte Reeves, der Jonathans Blicken gefolgt war. »Ein Geschenk — von einem Freund, als Dank sozusagen.« Er sah aus, als habe er noch mehr sagen wollen und sich dann eines Besseren besonnen.

Beim Dinner wollte Jonathan wieder die Geldsache zur Sprache bringen, und wieder brachte er es nicht fertig. Reeves fing an, von anderen Dingen zu reden: Schlittschuhlaufen auf der Alster im Winter und Eissegeln mit Booten, die schnell waren wie der Wind und manchmal aufeinanderprallten. Erst eine Stunde später, als sie beim Kaffee auf dem Sofa saßen, sagte Reeves:

»Heute abend kann ich Ihnen nicht mehr als fünftausend Franc geben, das ist natürlich lächerlich. Taschengeld, mehr nicht.« Er ging zum Schreibtisch und zog eine Schublade hervor. »Aber es ist wenigstens in Francs.« Er kam mit den Scheinen in der Hand zurück. »In Mark könnte ich Ihnen noch mal dasselbe geben.«

Jonathan wollte keine Mark. Die mußte er in Frankreich umwechseln, und das wollte er nicht. Das französische Geld war in Päckchen von je zehn Hundert-Franc-Noten gebündelt, wie die Banken in Frankreich sie immer ausgaben. Reeves legte die fünf Häufchen auf den niedrigen Tisch, aber Jonathan vermied es, sie zu berühren.

»Mehr habe ich jetzt nicht, bis alle bezahlt haben. Es sind vier oder fünf Leute«, erklärte Reeves. »Aber daß ich es kriege, in Mark, daran besteht kein Zweifel.«

Jonathan war in einem Handel dieser Art selber alles andere als geschickt; trotzdem hatte er das unsichere Gefühl, daß Reeves hier auf schwachem Boden stand, wenn er andere Leute um Geld ersuchte, nachdem die Tat vollbracht war. Seine Freunde hätten doch wohl vorher das Geld hinterlegen müssen, vielleicht treuhänderisch oder so, oder zumindest einen größeren Betrag. »Nein, danke, in Mark möchte ich es nicht«, sagte er.

»Ja, natürlich, das verstehe ich. Noch eins: Sie müßten Ihr Geld auf ein geheimes Schweizer Konto einzahlen, meinen Sie nicht? Sie wollen doch nicht, daß es auf Ihrem Konto in Frankreich erscheint. Und im Strumpf aufbewahren, wie es viele Franzosen tun, wollen Sie es doch auch nicht, oder?«

»Kaum. — Bis wann können Sie die Hälfte beschaffen?« fragte Jonathan, als sei er völlig sicher, daß das Geld kommen werde.

»In acht Tagen. Vergessen Sie nicht: es kann sein, daß noch eine zweite Sache zu erledigen ist — damit die erste überhaupt wirkt. Das müssen wir sehen.«

Jonathan fühlte eine gewisse Gereiztheit in sich aufsteigen und versuchte, sie zu verbergen. »Und wann wissen Sie das?«

»Auch in acht Tagen. Vielleicht auch schon in vier. Ich lasse von mir hören.«

»Ja, aber — offen gesagt — ich finde, es müßte jetzt mehr gezahlt werden als dies, das scheint mir nicht mehr als fair.« Er fühlte sein Gesicht warm werden.

»Ja, Sie haben ganz recht. Deshalb tut’s mir ja auch leid, daß es so wenig ist. Ich werde Ihnen was sagen, Jonathan. Ich werde mein möglichstes tun, und die nächste Nachricht, die Sie von mir bekommen, ist dann die hübsche Meldung von einem Schweizer Bankkonto mit Angabe des Betrages, der Ihnen gehört.«

Das klang schon besser. »Und wann?« fragte Jonathan.

»Bis in acht Tagen. Ehrenwort.«

»Wieviel — die Hälfte?«

»Ich bin nicht sicher, ob ich die Hälfte beschaffen kann, bevor — ich habe Ihnen doch erklärt, Jonathan, die Geschichte hier fährt auf zwei Geleisen. Die Boys, die das Geld bezahlen, die wollen Resultate sehen. Bestimmte Resultate.« Reeves blickte Jonathan an.

Jonathan sah die Frage in Reeves’ Augen. War er bereit zu der zweiten Tat oder nicht? Wenn nicht, so sagte er es besser jetzt gleich. »Ich verstehe«, sagte Jonathan. Ein wenig mehr, vielleicht ein Drittel der Gesamtsumme, das wäre nicht schlecht. Etwa vierzehntausend Pfund. Für die geleistete Arbeit war das ein hübscher kleiner Betrag. Jonathan beschloß, sich still zu verhalten und heute abend darüber nichts mehr zu sagen.

Am nächsten Tag flog er mit der Mittagsmaschine nach Paris zurück. Reeves hatte versprochen, den Termin bei Dr. Wentzel abzusagen, das hatte Jonathan ihm also überlassen. Er hatte ferner gesagt, er werde Jonathan übermorgen, am Samstag, in seinem Geschäft anrufen. Dann hatte er Jonathan zum Flughafen gebracht und ihm die Morgenzeitung gezeigt, die ein Foto von Bianca auf dem Bahnsteig der U-Bahn brachte. Reeves triumphierte innerlich, das sah man: nach dem Bericht gab es keinerlei Hinweise außer der italienischen Pistole; man nahm an, es handele sich bei dem Täter um einen Angehörigen der Mafia. Bianca wurde hier als Soldat der Mafia oder Handlanger bezeichnet. Jonathan hatte die Titelseiten der Zeitungen schon morgens an den Kiosken gesehen, als er sich Zigaretten besorgte, aber er hatte keine Lust, eine Zeitung zu kaufen. Jetzt im Flugzeug reichte ihm die Stewardeß mit freundlichem Lächeln ein Blatt. Er ließ es zusammengefaltet auf dem Schoß liegen und schloß die Augen.

Es war fast sieben Uhr, als Jonathan, nach einer Fahrt mit Zug und Taxi, zu Hause ankam und die Haustür aufschloß.

»Jon!« Simone kam im Flur auf ihn zu und begrüßte ihn. Er schloß sie in die Arme.

»Hallo, mein Liebes!«

»Ich hab dich schon erwartet — genau jetzt!« sagte sie lachend. »Was gibt’s Neues? Komm, zieh deinen Mantel aus. Heute morgen habe ich deinen Brief bekommen, wo du schreibst, du kämst vielleicht schon gestern abend. Bißchen verrückt geworden?«

Jonathan warf seinen Mantel über den Haken und hob Georges in die Höhe, der ihm gegen die Beine geprallt war. »Na — und was macht mein Unnütz? Was macht mein Cailloux?«

Er küßte den Kleinen auf die Wange. In dem Plastikbeutel, den er mitgebracht hatte, steckte ein kleiner Lastwagen mit Ladeklappe und ebenso eine Flasche Whisky. Der Lastwagen konnte warten, erst mal kam der Whisky; und er zog die Flasche hervor.

»Ah, quel luxe!« sagte Simone fröhlich. »Wollen wir sie gleich aufmachen?«

»Aber ganz bestimmt«, erwiderte Jonathan und ging mit ihr in die Küche. Simone trank ihren Whisky gern mit Eis; Jonathan war das nicht wichtig.

»Was haben die Ärzte gesagt — erzähl doch mal.« Simone trat mit dem Eisschälchen an den Ausguß.

»Ach — eigentlich dasselbe wie unsere Ärzte hier, weißt du. Aber sie wollen ein paar Mittel bei mir ausprobieren. Darüber bekomme ich noch Bescheid.« Diese Erklärung hatte sich Jonathan im Flugzeug zurechtgelegt. Sie hielt ihm den Weg offen, falls er noch einmal nach Deutschland fahren würde. Und was hatte es schon für einen Sinn, ihr zu sagen, daß der Zustand etwas schlechter war oder schlechter aussah? Sie konnte doch nichts dabei tun, als sich noch ein bißchen mehr Sorgen machen. Jonathans Optimismus war während des Fluges noch etwas gestiegen. Wenn er beim erstenmal glatt durchkam, dann gelang es ihm vielleicht auch beim zweitenmal.

»Heißt das, daß du noch mal hinfahren müßtest?« fragte sie.

»Ja, möglich.« Jonathan sah zu, wie sie die beiden Gläser nicht kleinlich füllte. »Aber sie wollen mich dafür bezahlen. Das soll ich alles noch erfahren.«

»Tatsächlich?« fragte Simone erstaunt.

»Ist das Whisky? Und was krieg ich?« sagte Georges auf Englisch und so deutlich, daß Jonathan in Lachen ausbrach.

»Möchtest du? Na komm, trink mal einen Schluck«, sagte Jonathan und hielt ihm das Glas hin.

Simone legte ihm die Hand auf den Arm. »Hier ist doch Orangensaft, Georgie!« Sie goß ihm den Saft ein. »Sie probieren eine bestimmte Heilkur aus, ist es das?«

Jonathan zog die Brauen zusammen; noch war er Herr der Lage. »Liebling, eine Kur gibt es doch nicht. Sie wollen — sie wollen neue Medikamente ausprobieren, weißt du. Mehr weiß ich auch nicht. Prost, mein Herz!« Eine leichte Euphorie hatte sich seiner bemächtigt: in seiner inneren Rocktasche steckten fünftausend Franc, und er war sicher, jedenfalls für den Augenblick, sicher im Schoße seiner Familie. Wenn alles gutging, dann waren die fünftausend nicht mehr als ein Taschengeld, wie Reeves Minot gesagt hatte.

Simone lehnte sich im Stuhl zurück. »Sie wollen dich bezahlen dafür? Dann ist es also mit Gefahr verbunden?«

»Nein, ich glaube nicht. Mit — mitgewissen Unannehmlichkeiten vielleicht. Zum Beispiel, daß ich noch mal nach Deutschland fahren muß. Ich meine, sie bezahlen mein Fahrgeld, das ist alles.« Er hatte das noch nicht im einzelnen überlegt; er konnte ja sagen, Dr. Perrier werde ihm die Spritzen verabfolgen und die Pillen verschreiben. Im Augenblick sagte er doch wohl das Richtige.

»Meinst du — meinst du, sie halten dich für einen besonderen Fall?«

»Ja, in gewisser Weise schon. Ich bin natürlich gar keiner«, sagte er lächelnd. Er war ja auch gar kein besonderer Fall, und Simone wußte das. »Es ist nur möglich, daß sie ein paar Tests ausprobieren wollen, weißt du. Mehr weiß ich noch nicht, mein Herz.«

»Du siehst jedenfalls richtig glücklich aus. Ich freue mich so, Lieber.«

»Komm, laß uns heute ausgehen zum Essen. In das Restaurant unten an der Ecke. Georges nehmen wir mit«, protestierte er, als sie Widerspruch erhob. »Nun komm schon, das können wir uns doch mal leisten.«

8

Jonathan nahm von dem Geld viertausend Franc und steckte sie in einen Umschlag. Hinten im Laden stand eine große Kommode mit acht Schubladen, und in eine dieser Schubladen legte er den Umschlag — es war die zweitunterste, und sie enthielt nichts als Drahtenden und Bindfaden und ein paar Anhänger mit verstärkten Löchern, lauter Krimskrams, den nur ein sehr sparsamer oder exzentrischer Mensch aufbewahren würde. Diese und die unterste Schublade (er hatte keine Ahnung, was die enthielt) öftnete er selten oder nie, und deshalb war es auch unwahrscheinlich, daß Simone sie je öffnete, wenn sie — was nicht oft vorkam — einmal im Laden aushalf. Die richtige Geldschublade war das obere rechte Fach unter dem Ladentisch. Die letzten tausend Franc zahlte er am Freitag morgen auf ihr gemeinsames Konto bei der Societe Generale ein. Es war durchaus möglich, daß Simone von diesen extra tausend erst in zwei oder drei Wochen etwas merkte; und sagen würde sie vielleicht nichts dazu, selbst wenn sie den Betrag im Scheckbuch sah. Und selbst wenn sie eine Bemerkung machte, konnte er immer noch sagen, ein paar Kunden hätten plötzlich ihre Schulden bezahlt. Er beglich die Haushaltsrechnungen gewöhnlich mit Scheck; das Scheckbuch lag immer in der Schublade des kleinen Schreibtisches im Wohnzimmer, außer wenn einer von ihnen es mitgenommen hatte, um irgendwas zu bezahlen, was vielleicht einmal im Monat vorkam.

Und Freitag nachmittag wußte Jonathan auch schon, was er mit einem Teil des Geldes machte: er kaufte in einem Geschäft in der Rue de France ein senffarbenes Tweedkostüm für Simone, Preis 395 Franc. Schon vor Tagen, bevor er nach Hamburg fuhr, hatte er das Kostüm gesehen und dabei an Simone gedacht, weil es wie für sie gemacht schien: der runde Kragen, der dunkelgelbe, braungefleckte Tweed, die vier quadratisch aufgesetzten braunen Knöpfe. Der Preis war ihm völlig irrsinnig erschienen, mehr als nur reichlich hoch, das wußte er noch. Jetzt kam es ihm geradezu billig vor; stolz und glücklich sah er zu, wie das schöne Stück sorgfältig in schneeweißes Seidenpapier gelegt und verpackt wurde. Und Simones strahlendes Gesicht beim Auspacken brachte die eigene Freude noch einmal zurück. Es war sicher seit zwei Jahren das erste neue Stück, das erste wirklich hübsche Kleid für sie. Die billigen Kleidchen vom Markt oder vom Prisunic zählten nicht.

»Aber es war gewiß wahnsinnig teuer, Jon!«

»Nein — nicht so schlimm. Die Ärzte in Hamburg haben mir einen Vorschuß gegeben, falls ich wiederkommen muß, weißt du. Ganz anständiger Betrag. Mach dir bloß keine Gedanken.«

Simone strahlte. Sie wollte sich gar keine Gedanken machen, das sah Jonathan ihr an. Jedenfalls nicht jetzt. »Ich nehm’s als ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk.«

Auch Jonathan lächelte jetzt. Seit ihrem letzten Geburtstag waren fast zwei Monate vergangen.

Am Samstag morgen klingelte das Telefon bei Jonathan. Es hatte heute morgen schon ein paarmal geklingelt, aber diesmal war es das unregelmäßige Scheppern eines Ferngesprächs.

»Hier ist Reeves. Wie geht’s Ihnen?«

»Danke, gut.« Jonathans Nerven spannten sich, er war auf einmal wachsam. Er hatte einen Kunden im Laden, der sich die Musterstücke für Rahmenholz, die an der Wand hingen, besah. Aber Jonathan sprach jetzt Englisch.

»Ich komme morgen nach Paris«, sagte Reeves, »und möchte Sie gern sprechen. Ich bringe Ihnen etwas mit — Sie wissen schon.« Seine Stimme klang gelassen wie immer.

Simone hatte Jonathan gebeten, morgen mit zu ihren Eltern nach Nemours zu kommen. »Geht es vielleicht abends, oder so um sechs herum? Mittags habe ich eine Verabredung, die länger dauern kann.«

»Ja, natürlich, das verstehe ich. Sonntagsessen in Frankreich! Gut, dann etwa um sechs. Ich wohne im Hotel Cayre, Boulevard Raspail.«

Von dem Hotel hatte Jonathan gehört. Er werde zwischen sechs und sieben dort sein, sagte er. »Sonntags fahren weniger Züge.«

Reeves erwiderte, das mache gar nichts. »Dann also bis morgen.«

Offenbar brachte er Geld mit. Jonathan wandte sich dem Kunden zu, der einen Rahmen ausgesucht hatte.

Simone sah in dem neuen Kostüm phantastisch aus, als sie sich am Sonntag auf den Weg machten. Jonathan hatte sie gebeten, bei ihren Eltern nichts davon zu sagen, daß die deutschen Ärzte ihn bezahlten.

»Ich bin doch nicht verrückt!« erklärte Simone so überzeugend scheinheilig, daß Jonathan lachen mußte. Simone gehörte doch viel stärker zu ihm als zu ihren Eltern, dachte er. Zuweilen schien es ihm umgekehrt zu sein.

Als sie bei den Eltern waren, erklärte Simone wichtig: »Sogar heute muß Jon nach Paris und dort mit einem Kollegen der deutschen Ärzte sprechen.«

Beim Essen ging es diesmal besonders vergnügt zu. Jonathan und Simone hatten eine Flasche Johnny Walker mitgebracht.

Da von St-Pierre-Nemours am Sonntag nachmittag kein passender Zug fuhr, nahm Jonathan den 4-Uhr-49-Zug von Fontainebleau und kam um halb sechs in Paris an, wo er die Métro nahm. Gleich neben dem Hotel war eine Haltestelle.

Reeves hatte an der Rezeption hinterlassen, man solle Jonathan zu ihm hinaufschicken. Er war in Hemdsärmeln und hatte offenbar auf dem Bett gelegen und Zeitungen gelesen. »Hallo, Jonathan, guten Tag! Wie geht’s denn? Kommen Sie, setzen Sie sich hin — irgendwo. Ich will Ihnen was zeigen.« Er trat an seinen Koffer. »Hier — für den Anfang.« Er hielt einen weißen Umschlag hoch und entnahm ihm einen maschinengeschriebenen Bogen, den er Jonathan reichte.

Es war ein englischer Brief an eine Schweizer Bank, unterschrieben von Ernst Hildesheim. Der Briefschreiber bat um Eröffnung eines Kontos im Namen von Jonathan Trevanny, Adresse Soundso in Fontainebleau (es war die Geschäftsadresse); ein Scheck über achtzigtausend Mark sei beigefügt. Der Brief war ein Durchschlag, war jedoch unterschrieben.

»Wer ist Hildesheim?« fragte Jonathan und überlegte gleichzeitig, daß eine Mark etwa 1,6 französische Franc wert war; achtzigtausend Mark waren umgerechnet also etwas über hundertzwanzigtausend Franc.

»Das ist ein Geschäftsmann in Hamburg, dem ich ab und zu mal einen Gefallen getan habe, wissen Sie. Er wird nicht überwacht, kein Mensch kümmert sich um ihn, und das Geld erscheint nicht in seinen Firmenbüchern, für ihn ist also alles in Ordnung. Er hat mir einen Barscheck gesandt. Also, Jonathan, für Sie ist die Hauptsache, daß der Betrag jetzt auf Ihren Namen eingezahlt worden ist, gestern ist er in Hamburg abgegangen, Sie werden nächste Woche Ihre Kontonummer erfahren. Hundertachtundzwanzigtausend Francs.« Reeves lächelte nicht, aber er sah zufrieden aus. Er langte nach einem Kästchen auf dem Nachttisch. »Das sind holländische Zigarren — mögen Sie? Sie sind recht gut.«

Zigarren — das war mal etwas anderes; lächelnd nahm Jonathan eine und ließ sich von Reeves Feuer geben. »Danke schön. Auch für das Geld.« Es war nicht mal ein Drittel, das war ihm klar. Und erst recht nicht die Hälfte. Nur sagen konnte er das nicht.

»Ja, der Anfang war gut. Die Kasino-Boys in Hamburg waren auch ganz zufrieden. Ein paar Mafiosi treiben sich da noch herum, die gehören zu der Genotti-Familie; sie behaupten, sie hätten keine Ahnung, daß Salvatore Bianca tot ist, aber das würden sie natürlich immer sagen. Der nächste für uns ist jetzt also ein Genotti, damit es aussieht wie eine Revanche für Bianca. Und zwar muß es ein großes Tier sein, ein Capo, das ist der Chef direkt unter dem Boss, wissen Sie. Es gibt da einen, der heißt Vito Marcangelo, er reist fast jedes Wochenende von München nach Paris, weil er da eine Freundin hat. Er ist in München der Chef des Rauschgiftrings — zumindest für seine Familie. Was Rauschgift angeht — da ist heute in München viel mehr los als in Marseille …«

Jonathan hörte nur halb zu; er wartete auf eine Pause, um erklären zu können, er wolle eine zweite Aufgabe nicht übernehmen. Er war unsicher; seine Anschauungen hatten sich gewandelt in den letzten achtundvierzig Stunden. Und seltsamerweise genügte schon Reeves’ Anwesenheit, um Jonathan jeden Wagemut zu nehmen und die Tat realer und nüchterner erscheinen zu lassen. Und außerdem: er hatte jetzt einen Betrag von einhundertachtundzwanzigtausend Francs in der Schweiz … Er setzte sich auf eine Sesselkante.

»… im fahrenden Zug, am Tage. Mozart-Expreß heißt er.«

Jonathan schüttelte den Kopf. »Bedaure, Reeves — nein. Ich glaube, das bringe ich wirklich nicht fertig.« Ihm fiel plötzlich ein, daß Reeves den Scheck sperren lassen konnte. Er brauchte bloß an Hildesheim zu telegrafieren. Na gut, nicht zu ändern.

Reeves war niedergeschmettert. »Ach. — Ja, dann — das bedaure ich ebenfalls. Sehr. Na, dann müssen wir jemand anders finden — wenn Sie es nicht übernehmen wollen. Und — ja, der andere wird dann leider auch den größeren Teil des Geldes kriegen.« Er schüttelte den Kopf, sog an seiner Zigarre und starrte einen Augenblick aus dem Fenster. Dann beugte er sich vor und packte Jonathan an der Schulter. »Jon — das erstemal ging doch so prima!«

Jonathan lehnte sich zurück, und Reeves ließ ihn los. Jonathan wand sich, wie jemand, der sich gezwungen sieht, eine Entschuldigung vorzubringen. »Aber im Zug — einen Mann im Zug erschießen?« Er sah sich im Geist in Polizeifäusten, noch am Ort der Tat gestellt, ohne eine Möglichkeit des Entkommens.

»Nein, nicht erschießen, das geht nicht im Zug. Zu laut. Ich dachte an Erdrosseln. Mit einer Schlinge.«

Jonathan glaubte, nicht recht gehört zu haben.

Reeves erklärte gelassen: »Bekannte Methode bei der Mafia. Eine Schlinge aus einer ganz dünnen Schnur. Lautlos. Man zieht sie fest zu — so. Das ist alles.«

Jonathan stellte sich vor, wie seine Finger einen warmen Hals berührten. Ekelhaft. »Vollkommen ausgeschlossen. Das kann ich nicht.«

Reeves holte tief Atem, wartete einen Augenblick und änderte die Tonart. »Der Mann wird streng bewacht — meistens zwei Leibwächter. Aber in der Eisenbahn — die Leute mögen nicht mehr stillsitzen, gehen im Gang auf und ab, gehen auch mal auf die Toilette oder in den Speisewagen, vielleicht auch allein. Kann sein, daß es nicht geht, daß Sie keine Gelegenheit finden, aber versuchen könnten Sie es. — Oder man könnte ihm einen Stoß geben, einfach aus der Tür rausstoßen. Die Türen in diesen Zügen lassen sich auch während der Fahrt öffnen. Aber er würde sicher schreien. Und vielleicht wäre er auch gar nicht tot, wenn er raustfliegt.«

Irrsinn, dachte Jonathan, doch ihm war nicht zum Lachen zumute. Reeves brütete schweigend weiter und starrte an die Decke. Jonathans Gedanken waren bei Simone. Wenn man ihn nach einem Mord oder versuchten Mord festnahm, würde sie das Geld bestimmt nicht anrühren. Sie wäre viel zu entsetzt, viel zu beschämt. »Ich kann Ihnen da wirklich nicht helfen«, sagte er und stand auf.

»Aber — Sie könnten doch wenigstens im Zug mitfahren, Jonathan. Wenn sich keine Gelegenheit ergibt, müssen wir uns eben was anderes einfallen lassen, vielleicht geht es dann mit einem anderen Capo oder auf andere Weise. Mensch, aber wir hätten gerade diesen so gern. Er will jetzt Rauschgift aufgeben und zu den Hamburger Kasinos überwechseln, wissen Sie; da will er was Neues organisieren, so habe ich jedenfalls gehört.« In anderem Ton setzte er leicht hinzu: »Wäre Ihnen eine Pistole lieber, Jon?«

Jonathan schüttelte den Kopf. »Um Himmels willen, das bringe ich nicht fertig. Im Zug? Nein.«

»Hier — sehen Sie sich dies an.« Rasch zog Reeves die linke Hand aus der Hosentasche. Eine dünne weiße Schnur kam zum Vorschein; das Ende war durch eine Schlinge gezogen, die sich bis zum Knoten am Seilende zuziehen ließ. Reeves warf die Schlinge über den Bettpfosten und riß die Schnur zur Seite.

»Sehen Sie? Nylon — fast so stark wie Draht. Ein Grunzer ist das höchste, was einer da noch von sich geben kann.«

Jonathan war entsetzt. Das Opfer mußte mit einer Hand festgehalten werden — gräßlich. Außerdem würde das doch sicher drei Minuten dauern?

Reeves schien aufzugeben, jedenfalls für den Augenblick. Er schlenderte zum Fenster hinüber und wandte sich um. »Überlegen Sie sich’s, Jonathan. Siekönnen mich anrufen, oder ich rufe Sie in zwei, drei Tagen an. Marcangelo fährt meistens am Freitag mittag von München ab. Es wäre ideal, wenn die Sache am nächsten Wochenende über die Bühne gehen könnte.«

Jonathan war aufgestanden und machte einen Schritt auf die Tür zu. Die Zigarre drückte er im Aschbecher auf dem Nachttisch aus.

Reeves musterte ihn nachdenklich; vielleicht blickte er auch an ihm vorbei und überlegte schon in Gedanken, wer sonst für den Job in Frage kam. Die lange Narbe sah — wie immer in einer bestimmten Beleuchtung — viel dicker aus, als sie tatsächlich war. Vielleicht hatte er wegen der Narbe einen Minderwertigkeitskomplex in bezug auf Frauen, dachte Jonathan. Wie lange mochte er sie schon haben? Vielleicht erst zwei, drei Jahre, das war schwer zu sagen.

»Möchten Sie unten etwas trinken?«

»Nein, danke«, sagte Jonathan.

»Ach, ich wollte Ihnen ja noch ein Buch zeigen!« Reeves ging noch einmal an seinen Koffer und zog ein Buch mit hellrotem Umschlag heraus. »Hier, sehen Sie mal. Sie können es behalten — großartige journalistische Arbeit — eine Dokumentation. Da haben Sie die Leute, mit denen wir es zu tun haben. Nur daß sie aus Fleisch und Blut sind, wie jeder Mensch. Verwundbar, das meine ich.«

Das Buch hieß Schnitter des Unheils: Anatomie des organisierten Verbrechens in Amerika.

»Ich rufe Sie Mittwoch an«, fuhr Reeves fort. »Dann könnten Sie Donnerstag nach München kommen, dort übernachten, ich bin im selben Hotel, und Freitag nachmittag fahren Sie mit dem Zug nach Paris zurück.«

Jonathans Hand lag auf dem Türknauf, den er jetzt umdrehte. »Tut mir leid, Reeves, aber diesmal geht’s nicht, glaube ich. Bye-bye.«

Jonathan trat aus dem Hotel und ging über die Straße zur Métro-Station. Während er auf dem Bahnsteig auf den Zug wartete, las er den Klappentext des Buches. Hinten auf dem Umschlag waren Polizeifotos, en face und im Profil, von sechs oder acht abstoßend aussehenden Männern mit herabgezogenen Mundwinkeln, die Gesichter schlaff und gleichzeitig böse, mit dunkel starrenden Augen. Seltsam war die Ähnlichkeit im Ausdruck bei allen, egal, ob sie mager oder rundlich waren. Das Buch enthielt fünf oder sechs Seiten Fotos. Die Kapitel trugen die Namen amerikanischer Städte: Detroit, New York, New Orleans, Chicago; und hinten fand sich neben dem Index eine Darstellung der Mafia-Familien, wie Stammbäume, nur waren dies alles Männer der Gegenwart: Bosse, Unterbosse, Leutnants, Handlanger. Bei der Familie Genovese, die Reeves auch genannt hatte, gab es fünfzig oder sechzig untere Grade. Die Namen waren echt, in vielen Fällen waren auch die Adressen in New York und New Jersey genannt. Auf der Fahrt nach Fontainebleau blätterte Jonathan weiter in dem Buch. Einer der Männer war als Ahlen-Willy Alderman aufgeführt. Reeves hatte in Hamburg von ihm erzählt: er brachte sein Opfer dadurch um, daß er sich über dessen Schulter beugte, als wolle er ihm etwas sagen, und ihm dann eine Ahle ins Trommelfell stieß. Diesen Mann sah man hier auf dem Bild, breit grinsend, inmitten der Spieler-Kumpanei von Las Vegas: ein halbes Dutzend Männer mit italienischen Namen, dazu ein Kardinal, ein Bischof und ein Monsignore (deren Namen ebenfalls genannt waren) mit dem Zusatz, daß der Geistlichkeit »ein Betrag von 7500 Dollar zugesagt worden war, der über fünf Jahre verteilt werden sollte«. Jonathan war eine Weile bedrückt von dem Gelesenen, er klappte das Buch zu und starrte ein paar Minuten aus dem Fenster, dann schlug er es wieder auf. Schließlich waren es Tatsachen, die das Buch enthielt. Interessante Tatsachen.

An der Station Fontainebleau-Avonnahm Jonathan den Bus bis zum Platz am Schloß, dann ging er die Rue de France hinauf zu seinem Laden. Den Schlüssel hatte er bei sich. Er ging hinein und legte das Mafia-Buch in die gleiche kaum benutzte Schublade, die auch das versteckte Geld enthielt. Dann schloß er den Laden ab und ging nach Hause.

9

Als Tom Ripley an einem Dienstag im April an Trevannys Geschäft vorbeikam, hatte er das Schild Fermeture provisoire pour raisons de famille gleich bemerkt. Vielleicht war Trevanny also tatsächlich nach Hamburg gefahren? Tom war gespannt, das zu erfahren, aber nicht genügend gespannt, um Reeves anzurufen. Am Donnerstag morgen gegen zehn ging dann das Telefon — es war Reeves in Hamburg, und man hörte seiner Stimme den unterdrückten Jubel an, als er sagte:

»Tom — es ist geschafft! Alles in — alles okay, Tom. Ich danke dir sehr!«

Diesmal fand Tom keine Worte. Trevanny hatte es tatsächlich erledigt? Da Heloise mit ihm im Wohnzimmer war, konnte er nicht viel sagen. »Gut. Freut mich sehr.«

»Den falschen Arztbericht brauchen wir gar nicht mehr. Alles tadellos. Gestern abend.«

»Ja, und — kommt er nun zurück nach Hause?«

»Ja. Heute abend.«

Tom wollte das Gespräch nicht lange ausdehnen. Reeves hatte vorgehabt, den Befund über Trevannys Gesundheitszustand durch einen falschen Bericht zu ersetzen, der ungünstiger war als der richtige. Tom hatte das im Scherz vorgeschlagen, aber Reeves war genau der Typ, der so was in die Tat umsetzte. Ein übler Trick und alles andere als komisch, dachte Tom. Und nun war es gar nicht mehr nötig. Tom lächelte in ungläubigem Erstaunen. Aus der freudigen Erregung in Reeves’ Stimme war eindeutig zu erkennen, daß sein Opfer tatsächlich tot war. Tot — und von Trevanny umgebracht. Tom war mehr als überrascht. Reeves hatte sehr deutlich von Tom ein Wort des Lobes für die Organisation der Sache erwartet; aber Tom konnte nichts sagen — Heloises Englisch war gar nicht so schlecht, und er hatte keine Lust, etwas zu riskieren. Ihm fiel plötzlich Mme. Annettes Pariser Zeitung ein, die sie jeden Morgen kaufte, Le Parisien Liberé; aber Mme. Annette war noch nicht vom Einkaufen zurück.

»Wer war das?« fragte Heloise. Sie saß am Couchtisch und sortierte alte Zeitschriften aus, die sie wegwerfen wollte.

»Reeves«, gab Tom zur Antwort. »Nichts Wichtiges.«

Reeves langweilte Heloise. Ihm fehlte jedes Talent zum Plaudern, und er sah aus, als mache ihm das Leben keinen Spaß.

Jetzt hörte Tom auf dem Kiesweg vor dem Haus die schnellen Schritte der Haushälterin. Er ging in die Küche. Sie kam durch die Seitentür herein und sah ihn freundlich lächelnd an.

»Hätten Sie gern noch Kaffee, M. Tome?« fragte sie und stellte den Korb auf den Küchentisch. Eine Artischocke rollte auf die Tischplatte.

»Nein, nein, vielen Dank, Mme. Annette, ich wollte bloß mal einen Blick in Ihren Parisien werfen, wenn ich darf. Die Rennen …«

Auf der zweiten Seite fand er, was er suchte. Ohne Foto. Ein Italiener namens Salvatore Bianca, achtundvierzig Jahre alt, war in einer U-Bahn-Station in Hamburg erschossen worden. Von dem Täter fehlte jede Spur; die Pistole, die am Tatort gefunden wurde, war italienisches Fabrikat. Der Tote gehörte, das war bekannt, zur Mafia-Familie Di Stefano in Mailand. Die Meldung war einspaltig und knapp zehn Zentimeter lang; aber — wer weiß — vielleicht war dies erst der Anfang, der zu größeren Dingen führte. Jonathan Trevanny, der harmlos aussehende, rechtschaffene Trevanny, war der Versuchung des Geldes erlegen (nur das konnte es sein) und hatte einen Mord ausgeführt — erfolgreich ausgeführt. Tom war einmal der gleichen Versuchung erlegen, im Falle Dickie Greenleaf. War es denkbar, daß Trevanny einer von uns war? Aber uns — das hieß für Tom einzig und allein Tom Ripley. Ein Lächeln zog über sein Gesicht.

Vorigen Sonntag hatte Reeves Tom von Orly aus angerufen, deutlich niedergeschlagen, und berichtet, Trevanny wolle nicht mitmachen. Wüßte Tom vielleicht noch irgend jemand anderen? Tom hatte die Frage verneint. Reeves hatte weiter gesagt, er habe Trevanny einen Brief geschrieben, der Montag morgen ankommen müsse, darin habe er ihn aufgefordert, zu einer ärztlichen Untersuchung nach Hamburg zu kommen. Darauf hatte Tom dann gesagt: »Wenn er kommt, kannst du ja dafür sorgen, daß der Befund ungünstig ist.«

Tom wäre vielleicht noch am Freitag oder Samstag nach Fontainebleau gefahren, um seine Neugier zu befriedigen und einen Blick auf Trevanny in seinem Laden zu werfen, vielleicht auch ein Bild zum Einrahmen zu bringen (wenn Trevanny nicht den Laden für den Rest der Woche geschlossen hielt, um sich zu erholen); außerdem hatte er vorgehabt, am Freitag bei Gauthier nach Keilrahmen zu fragen. Aber dann hatten sich Heloises Eltern für das Wochenende angesagt — sie blieben von Freitag bis Sonntag — und brachten damit am Freitag den ganzen Haushalt in Aufruhr. Mme. Annette machte sich — ganz unnötig — Sorgen wegen des Menüs: und wegen der Qualität der frischen moules, die es Freitag abend geben sollte; und nachdem sie das Gastzimmer blitzblank geputzt und hergerichtet hatte, mußte sie auf Heloises Wunsch Bettwäsche und Handtücher wieder umwechseln, weil sie alle Toms Monogramm TPR trugen und nicht das P der Familie Plissot. Die Plissots hatten nämlich den jungen Ripleys zur Hochzeit zwei Dutzend exquisite reine Leinenlaken aus dem Familienbestand geschenkt, und Heloise fand es sowohl höflich wie diplomatisch, diese Laken zu benutzen, wenn ihre Eltern zu Besuch kamen. Mme. Annette hatte daran im Moment nicht gedacht, woraus ihr selbstverständlich niemand einen Vorwurf machte. Tom wußte genau, Heloise hatte noch einen weiteren Grund für den Wechsel der Laken: sie wollte nicht, daß sein Monogramm ihre Eltern, wenn sie zu Bett gingen, daran erinnerte, daß ihre Tochter mit ihm verheiratet war. Die Eltern waren spießig und krittelten gern, und das wurde noch verstärkt durch die Tatsache, daß Arlene Plissot, eine schlanke und immer noch attraktive Frau von fünfzig, sich große Mühe gab, unbefangen und der Jugend gegenüber tolerant und aufgeschlossen zu sein; aber ihr fehlte einfach das Zeug dazu. Das Wochenende wurde zur Qual. Und dabei war ein besser geführter Haushalt als Belle Ombre kaum zu denken. Das silberne Teeservice (ebenfalls ein Hochzeitsgeschenk der Eltern) wurde von Mme. Annette stets spiegelblank poliert, selbst das Vogelhäuschen im Garten wurde täglich geputzt, als sei es ein Gästehaus en miniature. Jeder Holzgegenstand im Hause schimmerte und duftete nach dem Lavendelwachs, das Tom immer aus England mitbrachte. Und dann hatte Arléne, als sie im lila Hosenanzug auf dem Bärenfellvor dem Kaminlag und die nackten Füße wärmte, gesagt: »Bohnerwachs ist nicht genug für solche Fußböden, Heloise. Die muß man ab und zu mit Leinöl und weißem Spiritus behandeln — aber angewärmt, damit das Holz es besser einsaugt.«

Als die Eltern Sonntag nachmittag nach dem Tee das Haus verlassen hatten, hatte sich Heloise die Kappe vom Kopf gerissen und sie gegen die Glastür geschleudert. Es gab einen häßlich knackenden Ton, denn in der Kappe steckte eine schwere Nadel, aber das Glas war heil geblieben.

»Champagner!« rief Heloise, und Tom lief in den Keller und holte ihn. Er machte die Flasche auf und sie tranken, obgleich das Teegeschirr noch nicht abgeräumt war (ausnahmsweise hatte sich Mme. Annette ein Weilchen hingelegt), und dann hatte das Telefon geklingelt.

Es war Reeves Minot; seine Stimme klang niedergeschlagen. »Ich bin in Orly, gleich geht meine Maschine nach Hamburg. Ich habe unseren gemeinsamen Freund heute in Paris gesprochen, und er lehnt den nächsten — die nächste Sache ab, du weißt schon. Sagt nein, er will nicht. Es muß aber sein, das habe ich ihm erklärt. Einmal noch.«

»Hast du ihm schon was bezahlt?« Tom beobachtete Heloise, die mit dem Sektglas in der Hand im Zimmer herumtanzte und den Walzer aus dem Rosenkavalier dazu summte.

»Ja, ungefähr ein Drittel, das ist doch nicht schlecht, finde ich. Ich hab’s in der Schweiz für ihn eingezahlt.«

Tom glaubte sich an eine Summe von fast fünfhunderttausend Franc zu erinnern. Ein Drittel davon war nicht gerade fürstlich, aber doch wohl angemessen, dachte Tom. »Du meinst also noch ’ne Erschießung«, sagte er.

Heloise wirbelteim Zimmer umher undsang »La-da-da la-dee-dee …«

»Nein, das nicht.« Reeves Stimme klang hart. Leiser fügte er hinzu: »Erdrosseln. Im Zug. Ich glaube, deshalb will er nicht.«

Tom war entsetzt. Ganz klar, daß Trevanny sich da weigerte. »Wieso im Zug — muß das sein?«

»Ich habe einen Plan …«

Pläne hatte Reeves immer. Tom hörte höflich zu. Die Idee schien ihm unsicher und recht gefährlich. Schließlich unterbrach ihn Tom. »Vielleicht hat er jetzt erstmal genug.«

»Nein, ich glaube, er hätte schon Interesse. Aber er will nicht — er will nicht nach München kommen, und die Sache muß bis zum nächsten Wochenende erledigt sein.«

»Du hast schon wieder den Paten gelesen, Reeves. Überleg dir was anderes — irgendwas mit ’ner Pistole.«

»Zuviel Lärm.« In Reeves’ Stimme war nicht ein Funken Humor zu spüren. »Ich weiß noch nicht — entweder muß ich einen anderen finden, oder wir müssen eben Jonathan überreden.«

Der läßt sich nicht überreden, dachte Tom. Ungeduldig sagte er: »Dazu ist Geld das beste Mittel — wenn das nicht zieht, kann ich dir auch nicht helfen.« Das Gespräch erinnerte ihn unangenehm an den Besuch seiner Schwiegereltern. Hätten er und Heloise sich derartige Mühe gegeben, sich drei Tage lang so angestrengt, wenn sie auf die fünfundzwanzigtausend Francs verzichten könnten, die Jacques Plissot seiner Tochter jährlich aussetzte?

»Wenn ich ihm noch mehr gebe, steigt er vielleicht tatsächlich aus«, sagte Reeves. »Ich sage dir ja, es kann sein, daß ich es gar nicht kriege, ich meine den Rest, wenn er die zweite Sache nicht macht.«

Reeves kannte eben Trevanny nicht, dachte Tom. Er verstand ihn gar nicht. Wenn Trevanny die ganze Summe erhielt, dann würde er entweder die Sache übernehmen oder das Geld zurückgeben.

»Wenn dir wegen ihm noch irgendwas einfällt«, sagte Reeves langsam und mit einiger Mühe, »oder wenn du sonst jemand weißt, der es machen würde, ruf mich doch bitte an, ja? Morgen oder übermorgen, wenn’s geht.«

Tom war froh, als sie aufgelegt hatten. Er schüttelte schnell den Kopf und blinzelte. Reeves Minots Ideen gaben Tom oft das Gefühl, als hülle ihn ein nebelhafter Traum ein, der keine Spur von Wirklichkeit an sich hatte.

Heloise setzte mit einem Sprung über die Rückwand des gelben Sofas, wobei sie mit einer Hand leicht die Lehne berührte und in der anderen ihr Sektglas festhielt. Wortlos landete sie auf dem Sitz und hob ihm graziös das Glas entgegen. »Grace à toi, ce week-end etait très réussi, mon trésor!«

»Danke, meine Süße.«

Ja, das Leben war wieder schön, sie waren allein und konnten sich barfuß zu Tisch setzen, wenn sie Lust hatten. Ach, Freiheit!

Toms Gedanken waren bei Trevanny. Er hatte nicht allzu viel übrig für Reeves, der sich immer gerade so durchschlängelte oder sich im letzten Moment zu retten wußte, wenn die Situation brenzlig wurde. Aber Trevanany, den verstand er überhaupt nicht. Er überlegte, wie er Trevanny näher kennenlernen konnte. Es war etwas schwierig, denn er wußte, Trevanny mochte ihn nicht. Am einfachsten war es, wenn er ihm ein Bild zum Einrahmen brachte. Das mußte gehen.

Dienstag fuhr Tom nach Fontainebleau und ging zunächst zu Gauthier, um Keilrahmen zu besorgen. Vielleicht würde ihm Gauthier irgendwas Neues von Trevanny erzählen, über seine Reise nach Hamburg, denn offiziell war er janach Hamburg gefahren, um dort einen Arzt aufzusuchen. Tom erledigte seinen Einkauf bei Gauthier, der jedoch Trevanny nicht erwähnte. Im Hinausgehen fragte Tom:

»Wie geht es denn unserem Freund Trevanny?«

»Ach ja, der ist letzte Woche nach Hamburg gefahren, zu einem Spezialisten.« Gauthiers Glasauge starrte Tom an, während das lebende Auge glitzerte und leicht betrübt aussah. »Der Befund war nicht sehr gut, sagt er. Wohl etwas schlechter als der von seinem Arzt hier. Aber er ist ganz zuversichtlich. Sie kennen ja die Engländer, nicht! wahr — ihre wahren Gefühle zeigen sie nicht.«

»Das tut mir leid, daß es ihm schlechter geht«, sagte Tom.

»Ja — jedenfalls hat er es so erzählt. Aber er hat den Mut nicht verloren.«

Tom legte die Keilrahmen in seinen Wagen und nahm eine Aktentasche vom Rücksitz. Er hatte ein Aquarell mitgenommen, das er Trevanny zum Einrahmen geben wollte. Vielleicht brachte die Unterhaltung heute nicht allzuviel, aber er mußte ja irgendwann das Bild wieder abholen, damit hatte er die zweite Chance, ihn zu sehen. Tom ging zu Fuß in die Rue des Sablons und trat in den kleinen Laden. Trevanny unterhielt sich gerade mit einer Frau, er hatte ein Stück Rahmenleiste in der Hand und hielt es gegen einen Holzschnitt. Er streifte Tom mit einem Blick, und Tom war sicher, daß er ihn erkannt hatte.

»Es sieht jetzt vielleicht reichlich kräftig aus, aber mit einem weißen Passepartout —« sagte er zu der Kundin. Seine Aussprache war recht gut.

Tom sah Trevanny an und suchte nach einer Veränderung, irgendeinem Zeichen der Anspannung oder sonst etwas, aber er sah nichts. Dann kam er an die Reihe und sagte mit freundlichem Lächeln:

»Bonjour — guten Morgen. Ich bin Tom Ripley — ich war im Februar mal bei Ihnen — ich glaube jedenfalls, es war Februar. Ihre Frau hatte Geburtstag.«

»Ach ja.«

Tom sah deutlich, daß Trevannys Haltung ihm gegenüber immer noch die gleiche war wie damals im Februar, als er gesagt hatte: »Ach ja, von Ihnen habe ich schon gehört.« Tom nahm das Aquarell aus seiner Aktentasche und sagte: »Hier dieses Bild — meine Frau hat es gemalt, das hätte ich gern gerahmt. Vielleicht ein schmaler dunkelbrauner Rahmen und unten ein Passepartout, höchstens siebeneinhalb Zentimeter, dachte ich.«

Trevanny besah sich das Bild, das auf dem glatten, abgegriffenen Ladentisch zwischen ihnen lag. Es war hauptsächlich in Grün und rötlichem Blau gehalten, eine Skizze von der Ecke des Hauses mit dem Hintergrund winterlicher Kiefern. Nicht schlecht — Heloise wußte, wann sie aufhören mußte, dachte Tom. Sie hatte keine Ahnung, daß Tom das kleine Aquarell aufbewahrt hatte; wenn er es gerahmt nach Hause brachte, war das hoffentlich eine hübsche Überraschung.

»So etwas vielleicht«, sagte Trevanny jetzt und zog ein Stück Holz von einem Regal herunter, aus dem ein Haufen Leisten hervorragte. Er legte es über das Bild in einer Entfernung, die dem Kartonrand entsprach.

»Ja, das ist hübsch. Ja.«

»Wollen Sie das Passepartout in Weiß oder Eierschalen? So vielleicht?«

Tom entschied sich für eine Farbe, und Trevanny schrieb Toms Namen und Adresse sorgsam in Druckbuchstaben auf einen Block. Auch die Telefonnummer gab Tom an.

Was konnte man noch sagen? Trevannys Kühle war beinahe mit den Händen zu greifen. Er würde bestimmt ablehnen, aber Tom fand, er habe nichts zu riskieren, deshalb sagte er:

»Vielleicht kommen Sie mal mit Ihrer Frau auf einen Drink zu uns. Villeperce ist nicht weit. Bringen Sie auch Ihren Jungen mit.«

»Vielen Dank — ich habe aber keinen Wagen«, erwiderte Trevanny mit höflichem Lächeln. »Meine Frau und ich, wir gehen nicht viel aus.«

»Keinen Wagen, das ist kein Problem. Ich könnte Sie ja abholen. Und Sie müssen natürlich mit uns essen, klar«, sprudelte Tom heraus, fast ohne es zu wollen. Trevanny schob die Hände in die Taschen seines langen Pullovers und schaukelte einen Augenblick auf den Absätzen, als sei sein Entschluß schwankend geworden. Seine Neugier war geweckt, das spürte Tom.

»Meine Frau ist etwas schüchtern«, sagte Trevanny, und zum ersten Mal verzog sich sein Gesicht zu offenem Lächeln. »Sie kann nicht viel Englisch.«

»Ach — meine auch nicht, wissen Sie. Sie ist auch Französin. Aber — wenn es Ihnen zu weit ist, wie wäre es denn jetzt mit einem kleinen Pastis? Wollten Sie nicht gerade schließen?«

Das stimmte. Es war kurz nach zwölf.

Sie gingen in ein Lokal an der Ecke der Rue de France und der Rue St.-Merry. Unterwegs kaufte Trevanny noch Brot in der Bäckerei. Er bestellte ein Bier vom Faß, und Tom trank dasselbe und legte eine Zehn-Franc-Note auf den Schanktisch.

»Wie sind Sie nach Frankreich gekommen?« fragte Tom.

Trevanny berichtete von dem Antiquitätengeschäft, das er zusammen mit einem englischen Freund aufgemacht hatte. »Und Sie?« fragte er dann.

»Ich — ach, meiner Frau gefällt’s hier, und mir auch. Ich kann mir eigentlich kein besseres Leben vorstellen. Wenn ich Lust habe, kann ich reisen. Ich habe viel freie Zeit — Muße würden Sie sagen. Gartenarbeit, Malen — ich male eben wie ein Sonntagsmaler, aber es macht mir Spaß. Und wenn ich Lust habe, fahre ich ein paar Wochen nach London.« Damit hatte er seine Karten auf den Tisch gelegt, harmlos und naiv. Aber vielleicht fragte sich Trevanny im stillen, woher das Geld kam. Vermutlich hatte er irgendwo die Dickie-Greenleaf-Geschichte gehört und das meiste davon längst vergessen, wie viele andere auch, nur ein paar Einzelheiten blieben im Gedächtnis, etwa Dickie Greenleafs »geheimnisvolles Verschwinden«, obgleich man später seinen Selbstmord als Tatsache akzeptierte. Vielleicht wußte Trevanny sogar, daß Tom aus Dickie Greenleafs Testament ein Einkommen bezog (das Testament hatte Tom selber gefälscht), denn das hatte alles in den Zeitungen gestanden. Und dann war letztes Jahr noch die Sache Derwatt hinzugekommen; die französischen Zeitungen hatten allerdings weniger von Derwatt gesprochen als von dem merkwürdigen Verschwinden von Thomas Murchison, dem Amerikaner, der Gast in Toms Haus gewesen war.

»Hört sich hübsch an, so ein Leben«, meinte Trevanny trocken und wischte sich den Bierschaum von der Unterlippe.

Trevanny, das merkte Tom, wollte ihn etwas fragen. Was wohl? Tom überlegte, ob es denkbar war, daß Trevanny trotz seiner englischen Gelassenheit auf einmal seiner Frau die Sache beichtete oder zur Polizei ging und ein Geständnis ablegte? Nein — Tom war überzeugt, daß Trevanny seiner Frau nichts erzählt hatte und nichts erzählen würde von dem, was er getan hatte. Fünf Tage war es erst! her, daß Trevanny eine Pistole genommen und einen Mann erschossen hatte. Natürlich hatte Reeves den Boden vorbereitet und ihm alles mögliche erzählt von der Schlechtigkeit der Mafia und was für ein Segen für die Menschheit es wäre, wenn Trevanny oder sonst jemand einen aus der Bande ins Jenseits beförderte. Dann fiel Tom die Schlinge ein. Ausgeschlossen — Trevanny mit einer Schlinge in der Hand war einfach unvorstellbar. Wie er sich wohl fühlte, jetzt nach der Tat? Vielleicht hatte er noch gar keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Jetzt zündete er sich eine Zigarette an. Er hatte starke große Hände. Er war der Typ, derin alten Kleidern und ungebügelten Hosen herumlaufen konnte und doch immer wie ein Gentleman aussah. Ein gutgeschnittenes herbes Gesicht — er sah überhaupt gut aus, ganz ohne es zu wissen, dachte Tom.

Trevannys ruhige blaue Augen blickten Tom an. »Kennen Sie vielleicht zufällig einen Amerikaner namens Reeves Minot?« fragte er.

»Nein«, sagte Tom. »Wohnt der hier in Fontainebleau?«

»Nein. Aber ich glaube, er reist viel.«

»Nein, kenne ich nicht.« Tom trank sein Bier.

»Ja, ich muß nun wohl gehen. Meine Frau wartet.«

Sie verließen das Lokal und schlugen draußen verschiedene Richtungen ein.

»Danke für das Bier«, sagte Trevanny.

»Aber bitte sehr.«

Tom ging zu seinem Wagen, den er auf dem Parkplatz vor dem Hôtel de l’Aigle Noir abgestellt hatte, und fuhr nach Villeperce. Seine Gedanken waren bei Trevanny. Ein enttäuschter Mann, enttäuscht, weil er es nicht sehr weit gebracht hatte; er war sicher in der Jugend ehrgeizig gewesen. Tom entsann sich der Frau, eine attraktive junge Frau, solide und zuverlässig — eine Frau, die niemals ihren Mann antrieb oder an ihm herumnörgelte, damit er mehr Geld verdiente. Auf ihre Art war Trevannys Frau bestimmt ebenso aufrichtig und anständig wie ihr Mann. Und trotzdem war er auf Reeves Vorschlag eingegangen. Daraus war zu schließen, daß Trevanny ein Mann war, der — wenn man es klug anfing — sich in jede Richtung ziehen ließ.

Mme. Annette begrüßte Tom mit der Nachricht, daß Heloise sich etwas verspäten werde; sie hatte in einem Antiquitätengeschäft in Chilly-en-Biere eine englische Commode de bateau entdeckt, sie gekauft und mit einem Scheck bezahlt, aber sie hatte den Händler zur Bank begleiten müssen. »Sie kann jetzt jeden Augenblick kommen, mit der Kommode«, sagte Mme. Annette, und ihre blauen Augen strahlten. »Sie läßt Sie bitten, mit dem Essen auf sie zu warten, M. Tom.«

»Aber selbstverständlich«, gab Tom ebenso vergnügt zurück. Das Konto war dann etwas überzogen, deshalb hatte Heloise wahrscheinlich mit zur Bank gehen und dort mit einem der Angestellten reden müssen. Und das in der Mittagszeit, wenn die Bank geschlossen war? Wie sie das wohl bewerkstelligt hatte? Und Mme. Annette war voller Freude, denn es kam wieder ein neues Möbelstück ins Haus, an dem sie sich mit ihrem unermüdlichen Einwachsen und Polieren zu schaffen machen konnte. Seit Monaten hatte Heloise nach so einer seemännischen messingbeschlagenen Kommode für Tom gesucht. Es war ihre Idee, daß er so ein Möbel in seinem Zimmer haben mußte.

Tom beschloß, den günstigen Moment zu nützen und Reeves anzurufen. Er lief hinauf in sein Zimmer; es war jetzt zweiundzwanzig Minuten nach eins. Seit drei Monaten hatten sie zwei neue Apparate mit Wählscheiben im Haus, mit denen sie auch Ferngespräche selbst wählen konnten und keine Vermittlung mehr brauchten.

Reeves’ Haushälterin meldete sich. Tomsprach deutsch und fragte nach Herrn Minot. Ja, er war zu Hause.

»Hallo, Reeves! Hier ist Tom. Ich kann nicht lange sprechen, ich wollte dir nur schnell sagen, daß ich unseren Freund gesprochen habe. Wir haben ein Glas zusammen getrunken, vorhin … Ja, in Fontainebleau. Ich glaube —« Tom stand, den Hörer in der Hand, angespannt am Fenster und blickte auf die Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite und auf den blauen leeren Himmel. Er wußte nicht recht, was er noch sagen sollte, er wollte Reeves nur sagen, er solle weiter versuchen. »Ich weiß nicht recht, aber ich glaube, das wird noch was. Es ist nur so eine Idee von mir. Versuchs doch nochmal.«

»Meinst du wirklich?« fragte Reeves begierig. Er hing an Toms Worten wie an einem nie versagenden Orakel.

»Wann erwartest du ihn?«

»Nun ja, ich hoffe, er kommt Donnerstag nach München. Das ist übermorgen. Ich versuche, ihn dazu zu bringen, daß er dort auch noch einen Arzt aufsucht. Und dann — Freitag nachmittag geht der Zug so um zwei Uhr zehn von München ab nach Paris.«

Tom war einmal mit dem Mozart-Expreß gefahren; damals hatte er den Zug in Salzburg bestiegen. »Weißt du, ich würde es ihm überlassen, was er lieber will, die Kanone oder — das andere Zeug, aber von der Kanone würde ich ihm abraten.«

»Das habe ich ja versucht«, erwiderte Reeves. »Glaubst du denn wirklich, den kriegen wir noch rum?«

Tom hörte, wie ein Wagen, nein zwei Wagen auf den Kiesweg vor dem Hause auffuhren. Sicher Heloise mit dem Antiquitätenhändler. »Ich muß aufhören, Reeves, ja — jetzt sofort.«

Als er später in seinem Zimmer allein war, betrachtete Tom eingehend die hübsche Kommode, die zwischen den beiden Fenstern stand: Eichenholz, starke solide Arbeit, mit schimmernden Eckbeschlägen aus Messing und ebensolchen Griffen an den Schubladen. Das blanke Holz sah lebendig aus, gleichsam animiert von den Händen des Herstellers, oder von den Händen des Kapitäns oder der Offiziere, die es benutzt hatten. Zwei glänzende dunkle Kerben im Holz, das waren die Narben, die das Schicksal jedem im Laufe seines Lebens beibringt. Oben war eine ovale kleine silberne Plakette eingesetzt, darauf stand in verschlungenen Buchstaben: Capt. Archibald I. Partridge, Plymouth 1734, und in ganz kleinen Buchstaben der Name des Möbeltischlers. Handwerksstolz, dachte Tom, und der Gedanke gefiel ihm.

10

An Mittwoch rief Reeves wie vereinbart Jonathan im Geschäft an. Jonathan hatte gerade viel zu tun und mußte Reeves bitten, kurz nach zwölf noch einmal anzurufen.

Das geschah, und nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln fragte er, ob Jonathan am nächsten Tag nach München kommen könne.

»Auch in München gibt es gute Ärzte — sehr gute sogar. Ich denke da an einen bestimmten Internisten, Dr. Max Schroeder — ich habe mich erkundigt, der hätte am Freitag morgen Zeit für Sie, um acht ungefähr. Wenn es Ihnen recht ist — das brauche ich nur noch zu bestätigen. Wenn Sie —«

»Gut«, sagte Jonathan. Er hatte gewußt, daß die Unterhaltung so verlaufen würde, ganz genau so. »Ja, in Ordmung, Reeves. Ich werde mich also um die Flugkarte kümmern —-«

»Nur Hinflug, Jonathan. Na schön, das müssen Sie entscheiden.«

Das wußte Jonathan sehr wohl. »Wenn ich die Flugzeiten weiß, rufe ich zurück.«

»Nicht nötig, ich kenne den Flugplan. Die eine Maschine geht ab Orly um dreizehn Uhr fünfzehn, direkt mach München, wenn Sie die erreichen.«

»Allright, das werde ich versuchen.«

»Wenn ich nichts mehr höre, nehme ich an, daß Sie mit dieser Maschine kommen. Ich treffe Sie dann am Autobusbahnhof, wie neulich.«

In Gedanken versunken ging Jonathan zum Spülstein, strich sich über das Haar und griff dann nach seinem Regenmantel. Der Tag war kalt und regnerisch. Jonathan hatte seinen Entschluß schon gestern gefaßt. Er wollte alles so machen wie neulich, einen Arzt aufsuchen — diesmal in München — und dann den Zug besteigen. Das war weiter nicht schwierig. Zweifelhaft war ihm nur, ob er bei der Sache durchhalten werde. Wie weit würde er imstande sein zu gehen? Er verließ sein Geschäft und schloß die Tür ab. Auf dem Bürgersteig stieß er an einen Mülleimer und merkte, daß er dahinschuffelte, anstatt richtig zu gehen. Er hob den Kopf höher. Er würde sich von Reeves außer der Schlinge noch eine Pistole geben lassen, und wenn ihn bei der Schlinge der Mut verließ (womit er fest rechnete) und er dann zur Schußwaffe griff, dann war das eben nicht zu ändern. Er würde mit Reeves eine Vereinbarung treffen: wenn er die Pistole benutzte, würde man ihn natürlich sofort schnappen: dann wollte er die nächste Kugel — oder die nächsten beiden Kugeln — für sich selber verwenden. Auf diese Weise konnte er niemals Verrat üben an Reeves und den anderen Leuten um Reeves. Dafür mußte dann Reeves den Rest des Geldes an Simone auszahlen. Es war Jonathan klar, daß man seine Leiche nicht für die eines Italieners halten würde, aber es war ja wohl denkbar, daß der Clan Di Stefano auch einen nichtitalienischen Killer angeheuert haben konnte.

Zu Simone sagte Jonathan: »Heute morgen hat mich der Arzt aus Hamburg angerufen. Ich soll morgen nach München fahren.«

»Nanu — so bald schon?«

Ihm fiel jetzt ein, er hatte Simone gesagt, es könne vierzehn Tage dauern, bis die Ärzte ihn wieder kommen ließen. Dr. Wentzel, hatte er berichtet, habe ihm Tabletten gegeben und wollte das Ergebnis beobachten. Tatsächlich hatte er mit Dr. Wentzel auch über Tabletten gesprochen, aber der Arzt hatte ihm keine gegeben; bei Leukämie war gar nichts zu machen, man konnte mit Tabletten höchstens das Fortschreiten der Krankheit etwas verlangsamen. Sicher hätte Dr. Wentzel ihm welche gegeben, wenn er noch einmal zu ihm gegangen wäre. »In München ist noch ein anderer Arzt, Schroeder heißt — er. Dr. Wentzel möchte gern, daß ich den auch noch aufsuche.«

»Wo ist das, München?« fragte Georges.

»In Deutschland.«

»Wie lange wirst du fortbleiben?« fragte Simone.

»Wahrscheinlich bis — ja bis Samstag morgen«, gab Jonathan zur Antwort. Der Zug von München kam vielleicht abends so spät in Paris an, daß er den letzten Zug nach Fontainebleau nicht mehr erreichte.

»Was ist mit dem Geschäft? Soll ich morgen vormittag hingehen? Und Freitag morgen auch? Wann mußt du morgen weg?«

»Das Flugzeug geht um ein Uhr fünfzehn. Ja, mein Herz, es wäre mir lieb, wenn du morgen und Freitag früh hingehen könntest, selbst wenn es nur für eine Stunde ist. Ich habe ein paar Kunden, die ihre Bilder abholen wollen.« Behutsam spießte Jonathan mit dem Messer ein Stück Camembert auf, das er sich genommen hatte, aber nun nicht mehr mochte.

»Bedrückt dich etwas, Jon?«

»Nein, Liebes. Eigentlich im Gegenteil — wenn sie mir jetzt was Neues sagen, kann es nur etwas Besseres sein.«

Lauter munteres Geplauder, im Grund war das alles Unsinn. Gegen die Zeit konnten auch die Ärzte nichts ausrichten. Er warf einen Blick auf seinen Sohn, der etwas erstaunt aussah, aber nicht erstaunt genug, um weitere Fragen zu stellen. Jonathan wußte, Georges hatte solche Unterhaltungen mit angehört, seit er überhaupt Worte verstand. Man hatte ihm gesagt: Vater hat einen Bazillus — das ist so etwa wie eine Erkältung. Davon ist er manchmal müde. Es ist aber nicht ansteckend, für niemanden, auch für dich nicht.

»Schläfst du im Krankenhaus?« fragte Simone.

Jonathan verstand sie nicht gleich. »Nein. Der Arzt — seine Assistentin sagt, sie haben mir ein Hotelzimmer bestellt.«

Am nächsten Morgen verließ Jonathan das Haus kurz nach neun, um den Zug um neun Uhr zweiundvierzig nach Paris zu nehmen, der nächste wäre zu spät gewesen für den Anschluß nach Orly. Er hatte am Tag vorher noch seine Flugkarte besorgt, nur den Hinflug, hatte bei der Societe Generale weitere tausend Franc auf sein Konto eingezahlt und fünfhundert in seine Brieftasche gesteckt. Die Schublade im Laden enthielt jetzt noch zweitausend-fünfhundert Franc. Auch das Buch, Schnitter des Unbheils, hatte er herausgenommen und in seinen Koffer gesteckt, um es Reeves zurückzugeben.

Kurz vor fünf stieg Jonathan aus dem Bus, der ihn in München zur Endstation der Autobusse gebracht hatte. Es war ein warmer sonniger Tag. Er sah kräftige Männer mittleren Alters in Lederhosen und grünen Trachtenjacken. Auf dem Gehweg spielte ein Leierkasten. Jetzt erblickte er Reeves, der auf ihn zukam.

»Hallo, Jonathan — ich habe mich etwas verspätet, entschuldigen Sie! Wie geht es Ihnen?«

»Danke, ganz gut«, gab Jonathan lächelnd zurück.

»Ich habe ein Zimmer im Hotel für Sie genommen. Jetzt nehmen wir erstmal ein Taxi. Ich wohne in einem anderen Hotel, aber ich komme mit rauf zu Ihnen, da können wir reden.«

Sie bestiegen das Taxi, und Reeves redete von München. Er sprach, als ob er die Stadt gut kenne und sie gern habe, nicht als ob er aus Nervositätrede. Er hatte eine Karte mitgebracht und zeigte auf den Englischen Garten, wo das Taxi nicht vorbeifuhr, und auf den Stadtteil an der Isar, wo Jonathan morgen früh um acht den Arzt aufsuchen sollte. Beide Hotels, sagte Reeves, seien zentral gelegen. Jetzt hielt das Taxi, und ein Page in dunkelroter Uniform öffnete die Wagentür.

Jonathan füllte die Anmeldung aus. Die Halle ringsum war voller Farben, die Fenster aus buntem Glas, auf denen Ritter und Troubadoure dargestellt waren. Ihm war froh zumute, weil er sich ungewöhnlich wohl fühlte, daher sam auch die gute Stimmung. Ob dies der Auftakt für böse Nachrichten war, die ihm morgen bevorstanden — irgendeine Katastrophe? Im Grunde war es doch widersinnig, diese frohe Stimmung. Vorsicht, sagte er sich warnend, als sei er im Begriff, ein Glas zuviel zu trinken.

Reeves kam mit ihm nach oben. Der Page hatte den Koffer ins Zimmer gesetzt und schloß jetzt die Tür hinter sich. Jonathan hängte seinen Mantel, wie er es zu Hause tat, an einen Haken an der Garderobe.

»Wir könnten Ihnen morgen früh noch einen neuen Mantel besorgen — vielleicht auch noch heute nachmittag«, sagte Reeves und warf einen vorsichtigen Blick auf Jonathans Mantel.

»Ja —?« Er war tatsächlich ziemlich schäbig, das mußte Jonathan zugeben. Er lächelte freundlich. Wenigstens hatte er seinen guten Anzug und die einigermaßen neuen schwarzen Schuhe mitgebracht. Er hängte den Anzug in den Schrank.

»Ja, weil — sie fahren ja erster Klasse im Zug.« Reeves ging zur Tür und schob den Knopf nach unten; jetzt ließ sich die Tür von außen nicht öffnen. »Hier ist die Pistole — italienisches Fabrikat wie neulich, aber etwas anders. Einen Schalldämpfer konnte ich nicht kriegen, aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht, daß er viel ausmacht.«

Jonathan begriff. Er betrachtete die kleine handliche Waffe, die Reeves aus der Tasche gezogen hatte. Einen Augenblick überkam ihn ein Gefühl der Leere, des Stumpfsinns. Wenn er diese Pistole überhaupt benutzte, so hieß das, daß er sofort hinterher sich selber erschießen mußte. Eine andere Bedeutung hatte die Waffe für ihn nicht.

»Ja, und dann dieses hier.« Reeves zog die Schlinge aus der Tasche. Im Licht des Nachmittags sah sie bläßlich, fast fleischfarben aus.

»Versuchen Sie’s doch mal — hier an der Stuhllehne«, sagte Reeves halblaut.

Jonathan nahm die Schnur und ließ die Schlinge über einen vorstehenden Knauf der Lehne fallen. Nachlässig zog er daran, bis sie fest lag. Ihn schauderte gar nicht, sein Kopf war einfach leer. Wenn irgend jemand die Schnur bei ihm fand, in seiner Tasche oder sonstwo, würde er dann sofort wissen, wofür sie bestimmt war? Nein, wahrscheinlich nicht.

»Sie müssen sie natürlich stramm anziehen — mit einem Ruck«, sagte Reeves ernst, »und dann festhalten.«

Plötzlich fühlte Jonathan, wie Ärger in ihm aufstieg, er wollte eine heftige Antwort geben und nahm sich zusammen. Er löste die Schnur von der Stuhllehne und wollte sie auf das Bett fallen lassen, aber Reeves sagte:

»Behalten Sie’s in der Tasche oder stecken Sie’s in die Tasche des Anzugs, den Sie morgen tragen wollen.«

Jonathan war im Begriff, die Schnur in seine Hosentasche zu schieben; dann besann er sich und steckte sie in die Tasche des blauen Anzugs.

»Hier — die beiden Bilder wollte ich Ihnen noch zeigen.« Reeves zog einen Umschlag aus der inneren Jackentasche, er war nicht verschlossen und enthielt zwei Fotos, einen Glanzabzug in Postkartengröße und einen Zeitungsausschnitt, zweimal gefaltet. »Das ist Vito Marcangelo.«

Jonathan betrachtete das Glanzfoto, das an mehreren Stellen geknickt war: das Bild eines Mannes mit rundem Kopf und Gesicht, dicken geschwungenen Lippen und wellig-schwarzem Haar. Durch den hellgrauen Streifen an beiden Schläfen sah es aus, als steige Dampf aus dem Kopf.

»Er ist ungefähr einsachtundsechzig groß. Das Haar ist noch grau, er läßt es nicht tönen. Hier — da wird gefeiert.«

Das Zeitungsbild zeigte drei Männer und zwei Frauen, die hinter einem Tisch standen. Ein Pfeil, mit Tinte gezeichnet, wies auf einen untersetzten lachenden Mann mit hellgrauen Schläfen. Die Unterschrift war deutsch.

Reeves nahm die Bilder wieder an sich. »Kommen Sie, wir wollen den Mantel besorgen. Irgendwo wird schon noch was offen sein. Ja, übrigens — die Sicherung bei der Pistole ist die gleiche wie bei der anderen. Sie ist geladen, sechs Kugeln. Ich leg sie hier rein, ist das recht?« Reeves nahm die Pistole vom Fußende des Bettes und steckte sie in eine Ecke von Jonathans Koffer. »Brienner Straße — da gibt’s recht gute Läden«, sagte er, als sie im Fahrstuhl nach unten fuhren.

Sie gingen zu Fuß. Der alte Mantel war im Hotel geblieben.

Jonathan wählte einen dunkelgrünen Tweedmantel. Der Preis war jetzt wohl egal. Ihm kam der Gedanke, daß er den Mantel vielleicht nur vierundzwanzig Stunden tragen werde. Reeves bezahlte ihn, er bestand darauf, obgleich Jonathan erklärte, er könne ihm das Geld wiedergeben, sobald er etwas französisches Geld umgewechselt hatte.

»Aber nein, das ist meine Sache«, sagte Reeves und zuckte leicht mit dem Kopf, was bei ihm soviel wie ein Lächeln bedeutete.

Jonathan behielt den Mantel gleich an; sie verließen das Geschäft und schlenderten durch die Straßen. Reeves zeigte ihm im Vorbeigehen ein paar bekannte Stellen: den Odeonsplatz und den Anfang der Ludwigstraße, die bis nach Schwabing führte, wo Thomas Mann gewohnt hatte. Sie gingen zum Englischen Garten und nahmen dann ein Taxi, das sie zu einem Bierlokal brachte. Tee wäre Jonathan lieber gewesen. Er merkte, daß Reeves sich Mühe gab, damit er, Jonathan, sich entspannte; er kam sich aber völlig entspannt und gelöst vor. Er machte sich nicht mal Sorgen wegen Dr. Max Schroeder und seinem Befund morgen früh. Was Dr. Schroeder morgen sagte, hatte einfach keine Bedeutung mehr.

Sie aßen in einem lärmenden Restaurant in Schwabing zu Abend, und Reeves berichtete, daß hier praktisch jeder entweder »Künstler oder Schriftsteller« sei. Das amüsierte Jonathan — der Kopf schwamm ihm ein wenig von all dem Bier, und jetzt tranken sie Gumpoldskirchener.

Gegen Mitternacht stand Jonathan, nachdem er geduscht hatte, im Pyjama in seinem Hotelzimmer. Um Viertel nach sieben morgen früh sollte das Telefon ihn wecken; gleich darauf folgte dann das kontinentale Frühstück. Jonathan setzte sich an den Schreibtisch, nahm Briefpapier aus der Schublade und adressierte einen Umschlag an Simone. Jetzt fiel ihm ein, daß er übermorgen zurück sein werde, vielleicht sogar schon morgen abend spät. Er zerknüllte den Umschlag und warf ihn in den Papierkorb. Vorhin, beim Essen, hatte er Reeves gefragt: »Kennen Sie einen Mann namens Tom Ripley?« Reeves karte ihn verständnislos angesehen und erwidert: »Nein — warum?« Jonathan ging zu Bett. Er drückte auf den Knopf am Kopfende des Bettes, damit wurden alle Lichter gelöscht, auch das im Bad. Sehr praktisch. Hatte er heute abend seine Tabletten genommen? Ja, vor dem Duschen. Das Fläschchen mit den Tabletten hatte er in seine Jackentasche gesteckt, damit er es morgen Dr. Schroeder zeigen konnte, falls der sich dafür interessierte.

Reeves hatte ihn gefragt: »Haben Sie schon Nachricht von der Schweizer Bank?« Nein, das hatte er nicht, aber vermutlich war heute morgen ein Brief gekommen, ans Geschäft adressiert. Ob Simone ihn wohl öffnete? Möglich war es, etwa fifty-fifty; kam darauf an, wieviel sie im Laden zu tun hatte. Die Schweizer Bank würde ein Guthaben von achtzigtausend Mark bestätigen, und wahrscheinlich hatte man ihm auch Karten oder Formulare geschickt, die er unterschreiben sollte, damit sie seine Unterschrift hatten. Auf dem Briefumschlag war sicher kein Absender angegeben und auch sonst nichts, das auf eine Bank schließen ließ. Da er ja Samstag zurückkommen wollte, ließ Simone vielleicht alle Post ungeöffnet. Fifty-fifty, dachte er noch einmal und glitt sacht in den Schlaf.

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Die Atmosphäre im Krankenhaus am nächsten Morgen erschien Jonathan routinemäßig und trotzdem seltsam gelöst, fast formlos. Reeves war die ganze Zeit dabei, und obgleich die Unterhaltung auf deutsch geführt wurde, merkte Jonathan, daß Reeves dem Arzt nichts von der vorherigen Untersuchung in Hamburg mitteilte. Der Hamburger Bericht war an Dr. Perrier gegangen, der ihn jetzt sicher schon, wie versprochen, ans Ebberle-Valent-Laboratorium geschickt hatte.

Auch hier sprach eine der Schwestern perfekt Englisch. Dr. Max Schroeder war etwa fünfzig, das schwarze Haar war modern geschnitten und fiel ihm bis auf den Kragen.

»Er sagt also ungefähr«, übersetzte Reeves, »dies sei ein klassischer Fall, und die Aussicht für die Zukunft sei nicht gerade rosig.«

Nein, etwas Neues gab es auch hier nicht. Nicht mal die Mitteilung, daß der Untersuchungsbefund morgen früh zum Abholen bereitliegen werde.

Es war fast elf, als Jonathan und Reeves das Krankenhaus verließen. Sie gingen am Ufer der Isar entlang; man sah Babies in Kinderwagen, Wohnblocks, eine Apotheke, ein Gemüsegeschäft — alles, was zum täglichen Leben gehörte, und Jonathan hatte das Gefühl, überhaupt nicht daran teilzuhaben heute morgen. Selbst zum Atmen mußte er sich ermahnen. Heute war ein Tag des Mißlingens, dachte er. Er hätte sich gern in den Fluß gestürzt und w’are vielleicht ertrunken oder zum Fisch geworden. Reeves’ Gegenwart und sein sporadisches Gerede reizte ihn,; schließlich gelang es ihm, ihn nicht mehr zu hören. Heute brachte er es bestimmt nicht fertig, jemanden umzubringen, weder mit der Schlinge noch mit der Pistole.

»Ich muß doch noch meinen Koffer holen, wenn ich den Zug um zwei Uhr soundsoviel haben will«, unterbrach er Reeves.

Sie fanden ein Taxi und stiegen ein.

Dicht neben dem Hotel war ein Schaufenster mit lauter blanken Gegenständen, die wie Tannenbaumschmuck glitzerten. Jonathan trat näher. Die meisten waren Souvenirs für Tomristen, das erkannte er enttäuscht, doch dann sah er weiter hinten einen Kreiselkompaß, der schräg gegen den Kasten gestellt war.

»Ich will noch etwas für meinen Sohn kaufen«, sagte er und ging in den Laden, wo er auf den Kreisel wies und »Bitte.« sagte. Nach dem Preis fragte er nicht; er hatte morgens om Hotel zweihundert Francs gewechselt.

Der Koffer war bereits gepackt, er mußte ihn nur noch schließen und trug ihn dann selber hinunter. Reeves steckte einen Hundertmarkschein in die Hand, damit er die Hotelrechnung selbst bezahlte; es hätte auffallen können, wenn Reeves das tat. Geld war Jonathan jetzt ganz gleichgültig geworden.

Sie kamen zu früh zum Bahnhof. Jonathan wollte im Wartesaal nichts essen, nur Kaffee wollte er, und Reeves bestellte.

»Die Gelegenheit müssen Sie selbst finden, das ist mir klar, Jon«, sagte Reeves. »Kann sein, daß es gar nicht geht, ja — aber den Mann müssen wir haben … Bleiben Sie in der Nähe vom Speisewagen. Sie können zum Beispiel im nächsten Wagen auf dem Gang stehen, eine Zigarette rauchen, das müssen Sie sehen …«

Jonathan trank noch eine Tasse Kaffee. Reeves kaufte ihm einen Daily Telegraph und ein Taschenbuch für die Fahrt.

Dann fuhr der Zug ein, glatt und grau-blau ruckelte er sacht über die Schienen. Mozart-Expreß. Reeves spähte nach Marcangelo aus, der hier mit mindestens zwei Leibwächtern einsteigen sollte. Etwa sechzig Leute auf dem Bahnsteig waren im Begriff, den Zug zu besteigen, und ebenso viele stiegen aus. Reeves packte Jonathan am Arm und wies nach vorn. Jonathan stand mit dem Koffer in der Hand neben dem Wagen, in den er gerade einsteigen wollte: die Nummer war auf seiner Fahrkarte vermerkt. Jetzt sah er — ob sie das waren? — die Gruppe der drei Männer, die Reeves meinte: drei untersetzte Männer, jeder mit Hut, die zwei Wagen weiter nach vorn jetzt den Zug bestiegen.

»Das ist er. Ich hab sogar das Grau im Haar erkannt«, sagte Reeves. »Wo ist der Speisewagen?« Er trat zurück, um besser sehen zu können, ging weiter nach vorn und kam dann zurück. »Vorne — der Wagen vor dem von Marcangelo.«

Der Lautsprecher verkündete jetzt die Zugabfahrt auf französisch. »Haben Sie die Pistole in der Tasche?« fragte Reeves.

Jonathan nickte. Als er im Hotel seinen Koffer holte, hatte ihn Reeves daran erinnert, die Waffe in die Tasche zu stecken. »Sie sorgen dafür, daß meine Frau das Geld bekommt, ja? was auch mit mir passiert«, sagte er.

»Ich versprech’s Ihnen.« Jonathan drückte ihm den Arm.

Zum zweitenmal schrillte die Pfeife und die Türen wurden zugeschlagen. Jonathan stieg ein und blickte sich nicht mehr um; er wußte, daß Reeves ihm mit den Blicken folte. Jonathan fand seinen Platz, in dem Achtpersonenabteil saßen nur noch zwei andere Reisende. Die Sitze waren dunkelrot gepolstert. Jonathan stellte den Koffer ins Gepäcknetz und legte den neuen Mantel, zusammengefaltet und die Innenseite nach außen, oben drauf. Ein junger Mann kam ins Abteil und lehnte sich aus dem Fenster, wobei er sich auf deutsch mit jemandem auf dem Bahnsteig unterhielt. Die anderen Mitreisenden waren ein Mann mittleren Alters, der in Papiere vertieft war, offensichtlich geschäftliche Sachen, und eine zierliche Frau mit kleinem Hut, die einen Roman las. Jonathan saß neben dem Geschäftsmann, der den Fensterplatz in Fahrtrichtung hatte. Jonathan schlug seinen Telegraph auf. Es war zwei Uhr elf.

Draußen glitten die Vororte von München vorüber, Bürohäuser, Zwiebeltürme. An der Abteilwand gegenüber von Jonathan hingen drei eingerahmte Fotos — ein Schloß, ein See mit ein paar Schwänen, und ein Ausschnitt aus den schneebedeckten Alpen. Der Zug glitt sanft über die Schienen und schaukelte leise. Jonathan schloß halb die Augen, verschränkte die Finger und stützte die Ellbogen auf die Armlehnen, so konnte er beinahe einschlafen. Es war Zeit genug; er hatte Zeit, einen Entschluß zu fassen, ihn zu ändern, sich wieder umzubesinnen. Marcangelo fuhr wie er selber nach Paris, und dort kam der Zug erst eine Stunde vor Mitternacht, um elf Uhr sieben an. In Straßburg hatten sie kurzen Aufenthalt, etwa um halb sieben, hatte Reeves gesagt. Ein paar Minuten vergingen, dann wurde Jonathan wach und sah, daß sich hinter der Abteiltür ein dünner aber regelmäßiger Strom von Menschen auf dem Gang entlangschob. Ein Mann trat in die Abteiltür mit einem Tablett voller Brötchen, Wein und Bierflaschen. Der junge Mann im Abteil nahm ein Bier. Im Gang stand ein untersetzter Mann, der eine Pfeife rauchte; ab und zu drückte er sich gegen das Fenster um andere vorbeizulassen.

Man konnte ja mal an Marcangelos Abteil vorbeischlendern, als ob man in den Speisewagen wollte — nur um sich zu orientieren, dachte Jonathan, aber er brauchte mehrere Minuten, um den Entschluß auszuführen, und rauchte inzwischen eine Gitane. Die Asche ließ er in den Metallbehälter fallen, der unter dem Fenster angebracht war; er tat das sehr vorsichtig, um kein Flöckchen auf die Knie des Mannes mit den Geschäftspapieren fallen zu lassen.

Schließlich stand er auf und ging den Gang entlang nach vorne. Die Tür am Ende des Wagens ließ sich nur schwer öffnen. Es kamen noch zwei Türen, bevor er Marcangelos Wagen erreicht hatte. Er ging langsam, mit festen Schritten, weil der Zug sanft und unregelmäßig schwankte, und spähte unauffällig in jedes Abteil. Marcangelos Abteil war sofort zu erkennen, denn Marcangelo saß auf einem Mittelplatz, er schlief und hatte die Hände über dem Magen gefaltet, das Kinn war im Kragen versunken, und deutlich war auch der graue Streifen an der Schläfe zu sehen, der sich aufwärts nach hinten zog. Mit einem Blick nahm Jonathan auch die beiden anderen Männer wahr, offenbar ebenfalls Italiener; sie saßen zueinander vorgebeugt, redeten und gestikulierten. Sonst war, soviel Jonathan im Vorbeigehen sehen konnte, niemand im Abteil. Er ging zum Ende des Wagens und blieb vor der Wagentür stehen, wo er sich eine Zigarette anzündete und aus dem Fenster blickte. An diesem Wagenende befand sich eine Toilette, die runde Vertiefung über dem Türgriff war jetzt rot, das hieß also Besetzt. Am gegenüberliegenden Wagenfenster stand ein schlanker Mann mit Glatze, vielleicht wartete er ebenfalls, daß die Toilette frei wurde. Die Idee, hier jemanden umzubringen, war absurd — hier kamen dauernd Leute. Selbst wenn nur der Killer und das Opfer auf der kleinen Plattform waren, mußte doch in wenigen Sekunden jemand kommen. Der Zug war keineswegs laut, und wenn ein Mann aufschrie, selbst wenn er schon die Schlinge um den Hals hatte, mußten ihn nicht die Leute im nächsten Abteil unter allen Umständen hören?

Ein Mann und eine Frau kamen jetzt aus dem Speisewagen. Sie traten in den Gang und ließen die Tür hinter sich offen, die jedoch sofort von einem Kellner in weißer Jacke geschlossen wurde.

Jonathan ging den Gang zurück und blickte noch einmal in Marcangelos Abteil, diesmal ganz kurz. Der Italiener saß, fett vornübergeneigt, redete und rauchte eine Zigarette.

Wenn esgeschah, so mußte es vor Straßburg geschehen, überlegte Jonathan. Sicher stiegen in Straßburg viele Leute zu, die auch nach Paris wollten. Aber darin konnte er sich natürlich irren. In etwa einer halben Stunde mußte er seinen Mantel anziehen, hinausgehen, sich am Ende von Marcangelos Wagen aufstellen und warten, bis er kam. Und wenn er nun die Toilette am anderen Wagenende benutzte? An beiden Wagenausgängen war je ein WC. Und wenn er überhaupt nicht hinging? Auch das war möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Und wenn die Italiener nun einfach keine Lust hatten, zum Essen in den Speisewagen zu gehen? Nein, sie würden sicher gehen, aber dann alle drei zusammen. Wenn also nichts zu machen war, dann mußte sich Reeves etwas anderes einfallen lassen, einen besseren Plan machen. Fest stand nur eins: Marcangelo oder jemand gleichwertiges mußte umgebracht werden, und zwar von ihm, Jonathan, wenn er mehr Geld haben wollte.

Kurz vor vier Uhr zwang sich Jonathan aufzustehen und vorsichtig seinen Mantel vom Koffer herunterzunehmen, den er im Gang anzog. Die rechte Tasche war schwer. Dann ging er mit dem Taschenbuch den Gang hinauf und stellte sich vor die Wagentür am Ende des Wagens, in dem Marcangelo saßs.

11

Diesmal warf Jonathan keinen Blick in das Abteil der Italiener, als er vorbeiging, doch sah er aus dem Augenwinkel mehrere Männer im Abteil stehen, sie schienen einen Koffer herunterzuholen, oder sie balgten sich im Scherz. Er hörte sie lachen.

Einen Augenblick später stand Jonathan angelehnt gegen eine metallgerahmte Karte von Mitteleuropa, vor sich die halbverglaste Gangtür. Durch die Scheibe sah er, wie ein Mann näher kam und die Tür aufstieß. Er sah aus wie einer der Leibwächter, ein Dreißiger mit dunklem Haar, kräftiger Figur und dem mißmutigen Ausdruck, der darauf hindeutete, daß er eines Tages einer schlechtgelaunten Kröte gleichen würde. Jonathan dachte an die Fotos auf dem Schutzumschlag der Schnitter des Unheils. Der Mann ging auf die Toilette zu und trat ein. Jonathan blickte weiter in sein geöffnetes Buch. Nach ganz kurzer Zeit kam der Mann wieder heraus und ging in den Gang zurück.

Jonathan merkte, daß er den Atem angehalten hatte. Wenn das nun Marcangelo gewesen wäre, hätte er da nicht die einzigartige Gelegenheit gehabt, als kein Mensch aus dem Gang und aus dem Speisewagen vorbeikam? Er hätte ja genau so hier gestanden und so getan, als lese er, wenn es tatsächlich Marcangelo gewesen wäre. Seine rechte Hand in der Tasche schob den Sicherheitshebel auf und ab. Was hatte er schließlich zu riskieren? Was hatte er zu verlieren? Nicht mehr als sein eigenes Leben.

Marcangelo konnte jetzt jeden Augenblick kommen, die Gangtür aufstoßen, und dann — es konnte doch genau so vor sich gehen wie neulich in Hamburg, in der Untergrundbahnstation. Oder nicht? Und die nächste Kugel dann für sich selber. Oder auch anders: er sah sich Marcangelo erschießen und die Pistole sofort aus der Tür neben der Toilette hinauswerfen, oder aus dem Fenster — es sah aus, als ließe es sich öffnen — und dann ruhig in den Speisewagen gehen, einen Platz suchen und etwas bestellen.

Alles ganz unmöglich.

Ich werd erst mal was trinken, dachte er und ging in den Speisewagen, wo noch viele Tische frei waren. Auf der einen Seite standen Tische für vier, auf der anderen für zwei Personen. Jonathan nahm an einem der kleinen Tische Platz und bestellte, als der Keliner herantrat, ein Bier, das er gleich in Wein umänderte.

»Weißwein, bitte«, sagte er auf deutsch.

Eine Viertelflasche kühler Riesling erschien. Hier klang das klucke-di-kluck der Räder viel gedämpfter, luxuriöser. Das Fenster war größer und doch irgendwie privat, und der Wald draußen — war es der Schwarzwald? — sah durch diese Scheiben phantastisch grün und dicht aus, mit zahllosen hohen Tannen. Sie schienen in Deutschland so viel Wald und Holz zu haben, daß sie nichts zu schlagen brauchten. Nirgends sah man Papier herumliegen, und ebenso war kein Mensch zu sehen, der sich um Papier oder Abfälle kümmerte, was Jonathan erstaunte. Wer besorgte in Deutschland das Aufräumen und wann? Jonathan versuchte, sich mit dem Wein Mut anzutrinken. Irgendwo war ihm der Schwung abhanden gekommen, den mußte er nur zurückgewinnen. Er trank den Rest Wein, als sei es ein letzter pflichtgemäßer Schluck, zahlte und zog den Mantel wieder an, den er auf den gegenüberliegenden Stuhl gelegt karte. Los jetzt. Er ging jetzt hin und wartete am Wagenende, bis Marcangelo erschien, und dann feuerte er — egal ob der Mann allein kam oder mit zwei Leibwächtern.

Jonathan hielt vor der Tür zum Speisewagen und schob sie zurück. Wieder stand er in dem kleinen Vorraum, lehnte sich an die Landkarte und blickte in das dumme Taschenbuch … Ob Elaine etwas ahnte? dachte David. Verzweifelt ging er in Gedanken Jonathans Blicke wanderten über die Buchstaben wie die Augen eines Analphabeten. Ihm fiel etwas ein, an das er schon vor Tagen einmal gedacht hatte. Simone würde das Geld nicht annehmen, wenn sie erfuhr, wofür er es bekommen hatte, und das mußte sie ja erfahren, wenn er sich hier im Zuge erschoß. Oder ob Reeves oder sonst jemand sie vielleicht überreden, überzeugen konnte, daß das, was er getan hatte, eigentlich doch kein Mord war? Jetzt mußte er fast lachen — es war ganz hoffnungslos. Was machte er noch hier? Er konnte doch einfach weitergehen, zurück zu seimem Platz im Abteil.

Ein Mann kam den Gang herauf. Jonathan blickte auf und blinzelte ungläubig. Der Mann, der da auf ihn zukam, war Tom Ripley.

Tom schob die halbverglaste Tür auf und lächelte leicht. »Jonathan«, sagte er leise, »geben Sie mir das Ding her, ja? Die Schlinge meine ich.« Er stand neben Jonathan und blickte aus dem Fenster.

Der Schreck lähmte Jonathan. Auf welcher Seite stand Tom Ripley — auf Marcangelos? Er fuhr zusammen, als jetzt drei Männer im Gang erschienen. Tom schob sich erwas näher an Jonathan, um ihnen Platz zu machen.

Die Männer sprachen deutsch und gingen weiter in den Speisewagen.

Über die Schulter sagte Tom: »Die Schnur. Wir wollen es mal versuchen, einverstanden?«

Jonathan begriff, wenigstens teilweise. Ripley war ein Freund von Reeves; er kannte Reeves’ Plan. Jonathan hatte die Hand in der Hosentasche und knetete die Schnur zusammen, dann zog er die Hand heraus und schob die Schlinge in Toms bereitgehaltene Hand. Er sah Tom dabei nicht an und merkte, wie ein Gefühl der Erleichterung in ihm aufstieg.

Tom schob die Schlinge in seine rechte Jackentasche. »Bleiben Sie hier stehen, vielleicht brauche ich Sie.« Er ging zur Toilette hinüber, sah, daß sie frei war und trat ein. Innen schloß er die Tür ab und besah sich die Schnur — sie war nicht mal zur Schlinge gezogen. Er zog sie zurecht und steckte die fertige Schlinge vorsichtig in die rechte Jackentasche. Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Weiß wie ein Bettlaken war Jonathan geworden! Tom hatte vorgestern Reeves angerufen und von ihm erfahren, daß Jonathan kommen wollte, sich aber vermutlich für die Pistole entscheiden werde. Jonathan mußte also jetzt eine Pistole bei sich haben, und hier im Zug, in dieser Situation, hielt Tom eine Schußwaffe für ganz unmöglich.

Er trat auf das Pedal, hielt die Hände unter den Wasserstrahl, schüttelte sie und fuhr sich mit den Handflächen über das Gesicht. Jetzt wurde er selber nervös — sein erstes Unternehmen bei der Mafia!

Tom hatte gleich das Gefühl gehabt, daß Jonathan diese Sache womöglich verpatzen werde, und da er ihn dahinneingebracht hatte, war es wohl nicht mehr als billig, daß er ihm heraushalf. Er war also gestern nach Salzburg geflogen und war dort heute in den Zug eingestiegen. Er hatte Reeves obenhin gefragt, wie Marcangelo aussähe; Reeves würde wohl kaum annehmen, daß Tom im gleichen Zug saß, denn Tom hatte ihm auch noch gesagt, er halte seinen Plan für ganz hirnverbrannt, und ihm geraten, er solle Jonathan die Hälfte des Betrages zahlen und für den zweiten Teil jemand anderen finden, wenn ihm daran lag, daß es gelänge. Aber Aufgeben — das war nichts für Reeves: der war in dieser Beziehung wie ein kleiner Junge, der ein selbsterfundenes Spiel spielte, ein strenges Spiel mit strikten Regeln — für andere. Deshalb hatte sich Tom entschlossen, Trevanny zu helfen, und daß es dabei um die Mafia ging, war ihm besonders willkommen. Ha — ein großer Mafioso! Vieleicht sogar zwei Mafiosi!

Tom haßte die Mafia. Er haßte ihre Drohungen und Erpressungen, ihre Kirchenfrömmigkeit, die Feigheit, mit der sie die Drecksarbeit stets von den kleinen Leuten ausführen ließen, so daß das Gesetz die Großen niemals fassen konnte, weil ihnen nie etwas anderes als Steuerhinterziehung oder ähnlicher Kleinkram nachzuweisen war. Verglichen mit den Mafiosi kam sich Tom geradezu hochmoralisch vor. Bei diesem Gedanken mußte er laut auflachen; das Lachen hallte wider in dem kleinen mit Fliesen ausgekleideten Raum, in dem er stand. (Vielleicht wartete jetzt gerade Marcangelo draußen vor der Tür!) Ja, es gab viele Leute, die unehrlicher, korrupter und viel erbarmungsloser waren als Tom Ripley: nämlich die Mafiosi, dieser Schub von liebenswürdigen, ewig schwatzenden Familien, die angeblich gar nicht existierten, so behauptete jedenfalls die Italo-amerikanische Liga, die sie als Phantasieprodukt der Romanschriftsteller hinstellte. Selbst die Wunder der Kirche beim Fest von San Gennaro, wo das Blut aus den Wunden der Heiligenfiguren floß und kleine Mädchen die Jungfrau Maria leibhaftig vor sich sahen: das alles war angeblich wirklicher, realer als die Mafia! Ach, zum Teufel. Tom spülte sich den Mund, spuckte das Wasser ins Becken, spülte nach, schloß die Tür auf und trat hinaus.

Auf dem Platz vor der Tür stand kein Mensch außer Jonathan Trevanny; er rauchte eine Zigarette, die er jedoch sofort fallen ließ — wie ein Soldat, der sich unter den Augen des vorgesetzten Offiziers keine Nachlässigkeit erlaubt. Tom lächelte ihm beruhigend zu und stellte sich an das Fenster neben Jonathan.

»Sind sie jetzt gerade vorbeigekommen?« Tom hatte absichtlich nicht durch die beiden Türen in den Speisewagen geblickt.

»Nein.«

»Vielleicht müssen wir bis nach Straßburg warten, aber ich hoffe nicht.«

Eine Frau kam aus dem Speisewagen; sie konnte offenbar die Türen nur mit Mühe öffnen, und Tom sprang hinzu und öffnete ihr die zweite.

»Danke schön«, sagte sie, und Tom erwiderte:

»Bitte.« Er trat auf die andere Seite des Vorplatzes und zog eine Herald-Tribune aus der Tasche. Es war 5.11 Uhr; um 6.33 sollten sie in Straßburg ankommen. Vermutlich, dachte Tom, hatten die Italiener zum Lunch reichlich gegessen und gingen deshalb jetzt nicht in den Speisewagen.

Ein Mann kam und ging in die Toilette.

Jonathan tat wieder so, als lese er in seinem Taschenbuch, aber als er merkte, daß Tom ihn ansah, blickte er auf und sah, daß Tom lächelte. Als der Mann aus dem WC kam, trat Tom neben Jonathan. Ein paar Meter weiter unten im Gang standen zwei Männer und blickten aus dem Fenster, einer rauchte eine Zigarre, und keiner beachtete ihn und Jonathan.

»Ich werde versuchen, ihn da drinnen zu kriegen, im WC«, sagte Tom jetzt. »Dann müssen wir ihn da aus der Tür hieven.« Er deutete mit dem Kopf auf die Wagentür neben der Toilette. »Wenn ich mit ihm da drinnen bin, müssen Sie zweimal an die Tür klopfen, sobald die Luft rein ist, dann schmeißen wir ihn so schnell wie möglich raus.« Nachlässig zündete sich Tom eine Gauloise an, dann gähnte er betont langsam.

Jonathans Angst, die ihren Höhepunkt erreicht hatte, während Tom in der Toilette war, legte sich etwas. Tom wollte es also machen; den Grund dafür konnte sich Jonathan in diesem Augenblick nicht vorstellen. Vielleichtt— such das war möglich — hatte Tom vor, die Sache zu verpetzen und sie dann Jonathan in die Schuhe zu schieben. Nein —- wozu? Wahrscheinlich wollte er einen Teil des Geldes haben, vielleicht den ganzen Rest. Das war