/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Peter Høeg


Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Peter Høeg

1992

1

Grönländer, und seien es auch nur Halb-Grönländer, haben es in Dänemark nicht leicht. Smilla Jaspersen, Tochter einer grönländischen Jägerin, ist arbeitslos. Außerdem gilt sie als skurril, unfreundlich und unnahbar. Ihren einzigen Freund, den kleinen, etwas verwahrlosten Jesaja — ebenfalls mit dem Makel der »falschen Herkunft« behaftet — trifft ein weit schlimmeres Schicksal: gerade sechs Jahre alt, stürzt er im Kopenhagener Hafenviertel vom Dach eines Lagerhauses. Ist er tatsächlich gestürzt, oder hat jemand nachgeholfen? Schließlich hat der Junge eine panische Höhenangst und traut sich selbst auf der sicheren Treppe zu Hause kaum in den dritten Stock. Aber warum sollte jemand ein Kind in den Tod stoßen? Kann man so jung sein und schon »zuviel« wissen? Und was bedeuten die Spuren im Schnee? Solche Überlegungen lassen Smilla keine Ruhe. Die Polizei belastet sich nicht mit derartigen Skrupeln. Sie will die Akte trotz aller Ungereimtheiten schließen. Trifft Smillas Kommentar: »Für die war das eben bloß ein Scheißgrönländer« den Kern der Sache? Sie glaubt es nicht und stellt weitere Nachforschungen an, obwohl mit allen Mitteln versucht wird, sie daran zu hindern. Als sie in Jesajas Versteck im Keller eine Kasette findet, auf der in Mann in kaum verständlichem Eskimodialekt Wegbeschreibungen durch das ewige Eis abgibt, hat sie ihre erste Spur — und möglicherweise das in der Hand, hinter dem der oder die Unbekannten her sind.

Inhaltsverzeichnis

I  Die Stadt

I

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II

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III

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II  Das Meer

I

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II

 1

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III  Das Eis

I

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Teil I

Die Stadt

I

1

Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.

Das Dezemberdunkel kommt aus dem Grab, das grenzenlos wirkt wie der Himmel über uns. In dieser Dunkelheit sind unsere Gesichter nur noch blaß leuchtende Scheiben, aber trotzdem spüre ich die Mißbilligung des Pastors und des Kirchendieners, die sich gegen meine schwarzen Netzstrümpfe richtet und gegen Julianes Jammern, das noch dadurch verschlimmert wird, daß sie heute morgen ein paar Antabus genommen hat und der Trauer jetzt fast nüchtern begegnet. Sie denken, sie und ich hätten weder das Wetter noch die tragischen Umstände respektiert. Dabei sind die Strümpfe und die Tabletten auf ihre Weise ganz einfach eine Huldigung an die Kälte und an Jesaja.

Die Frauen um Juliane, der Pastor und der Kirchendiener, alle sind sie Grönländer, und als wir Guutiga, illimi singen, Du mein Gott, Julianes Beine unter ihr nachgeben, sie zu weinen anfängt, dieses Weinen langsam anschwillt und der Pastor schließlich auf westgrönländisch mit der Lieblingsstelle der Herrnhuter bei Paulus von der Erlösung durch das Blut anfängt, kann man sich bei nur leichter Zerstreutheit nach Upernavik, Holsteinsborg oder Qaanaaq versetzt fühlen.

Doch aus der Dunkelheit ragen wie ein Schiffssteven die Gefängnismauern von Vestre Fængsel, wir sind in Kopenhagen.

__________

Der Grönländerfriedhof ist ein Teil des Vestre Kirkegaard. Mit Jesaja in seinem Sarg ist eine Trauergemeinde hierhergekommen, die aus den Bekannten von Juliane, die sie jetzt stützen, aus dem Pastor und dem Kirchendiener, dem Mechaniker und einer kleinen Gruppe von Dänen besteht, von denen ich nur den amtlichen Pfleger und den Assessor erkenne.

Der Pastor sagt jetzt irgend etwas, das mich denken läßt, er müsse Jesaja tatsächlich einmal getroffen haben, obwohl Juliane, soweit mir bekannt ist, nie in die Kirche geht. Dann verschwindet seine Stimme, denn nun weinen die Frauen mit Juliane.

Viele sind gekommen, vielleicht zwanzig, und nun lassen sie sich von der Trauer wie von einem schwarzen Fluß durchströmen, in den sie eintauchen und von dem sie sich auf eine Weise mitreißen lassen, die kein Außenstehender verstehen kann und niemand, der nicht in Grönland aufgewachsen ist, und selbst das reicht vielleicht nicht aus. Ich kann ihnen auch nicht folgen.

Zum erstenmal schaue ich den Sarg genauer an. Er ist sechseckig. Zu einem bestimmten Zeitpunkt nehmen Eiskristalle diese Form an.

Nun senken sie ihn in die Erde. Er ist aus dunklem Holz und sieht sehr klein aus, es liegt bereits eine Schicht Schnee darauf. Die Flocken sind groß wie kleine Federn, so ist der Schnee nun mal, er ist nicht notwendigerweise kalt. In diesem Augenblick weint der Himmel um Jesaja, und die Tränen werden zu einem Frostflaum, der sich auf ihn legt. Es ist das All, das auf diese Weise eine Decke über ihn zieht, damit er nie mehr frieren muß.

__________

In dem Moment, als der Pastor Erde auf den Sarg geworfen hat und wir uns eigentlich umdrehen und gehen sollten, entsteht eine Stille, die endlos lang wirkt. In dieser Stille schweigen die Frauen, niemand rührt sich, es ist eine Stille, die darauf wartet, daß etwas zerbirst. Von mir aus gesehen geschehen zwei Dinge. Das erste ist, daß Juliane auf die Knie fällt, das Gesicht gegen die Erde preßt und die Frauen sie in Ruhe lassen.

Das zweite Ereignis ist ein innerliches, es ist in mir, und was da aufbricht, ist eine Einsicht.

Ich muß die ganze Zeit über ein weitreichendes Abkommen mit Jesaja gehabt haben: daß ich ihn nicht im Stich lassen werde, niemals, auch jetzt nicht.

2

Wir wohnen im Weißen Schnitt.

Auf einem Grundstück, das man der Wohnungsbaugesellschaft geschenkt hat, hat sie ein paar vorfabrizierte Schachteln aus weißem Beton aufeinandergestapelt, für die sie vom Verein zur Verschönerung der Hauptstadt eine Prämie erhalten hat.

Das Ganze, einschließlich Prämie, macht einen billigen und notdürftigen Eindruck; die Mieten allerdings haben nichts Kleinliches, sie sind so hoch, daß hier nur Leute wohnen können wie Juliane, für die der Staat aufkommt, oder wie der Mechaniker, der nehmen mußte, was er kriegen konnte, oder die eher marginalen Existenzen wie zum Beispiel ich.

Die Leute haben offenbar sehr gut begriffen, was Leukotomie ist. So ist der Spitzname für uns, die hier wohnen; das ist zwar verletzend, im großen und ganzen aber korrekt.

__________

Es gibt Gründe dafür, hier einzuziehen, und Gründe, hier auch wohnen zu bleiben. Mit der Zeit ist das Wasser für mich wichtig geworden. Der Weiße Schnitt liegt direkt am Kopenhagener Hafen. In diesem Winter konnte ich sehen, wie sich das Eis bildete.

Der Frost setzte im November ein. Ich habe Respekt vor dem dänischen Winter. Die Kälte — nicht die meßbare, die auf dem Thermometer, sondern die erlebte — hängt mehr von der Windstärke und vom Feuchtigkeitsgrad der Luft ab als davon, wie kalt es ist. Ich habe in Dänemark mehr gefroren als je in Thule. Sobald die ersten klammen Regenschauer mir und dem November ein nasses Handtuch ins Gesicht peitschen, begegne ich ihnen mit pelzgefütterten Capucines, schwarzen Alpakaleggings, langem Schottenrock, Pullover und einem Cape aus schwarzem Goretex.

Dann fällt die Temperatur allmählich. Irgendwann hat die Meeresoberfläche minus 1,8 Grad Celsius, die ersten Kristalle bilden sich, eine kurzlebige Haut, die der Wind und die Wellen zu frazil Eis zerschlagen, das zu dem seifigen Mus verknetet wird, das man Breieis, grease ice, nennt; es bildet allmählich freitreibende Platten, pancake ice, das dann an einem Sonntag in einer kalten Mittagsstunde zu einer zusammenhängenden Schicht gefriert.

Es wird kälter, und ich freue mich, denn ich weiß, daß der Frost jetzt zugelegt hat, das Eis bleibt liegen, und die Kristalle haben Brücken gebildet und das Salzwasser in Hohlräumen eingekapselt, die eine Struktur haben wie die Adern eines Baumes, durch die langsam die Flüssigkeit hindurchsickert; daran denkt kaum jemand, der zur Marineinsel Holmen hinüberschaut, es ist aber ein Argument für die Ansicht, daß Eis und Leben auf mehrfache Weise zusammenhängen.

Wenn ich auf die Knippelsbrücke komme, ist das Eis normalerweise das erste, wonach ich Ausschau halte. An diesem Tag im Dezember aber sehe ich etwas anderes. Ich sehe das Licht.

Es ist gelb, wie das meiste Licht in einer Winterstadt; es hat geschneit, und deshalb hat es, auch wenn es nur ein zartes Licht ist, einen starken Widerschein. Es scheint unten bei einem der Packhäuser, den Speichern, die sie, als sie unsere Wohnblocks bauten, in einem schwachen Moment beschlossen haben stehenzulassen. Auf der Giebelseite, zur Strandgade und nach Christianshavn zu, rotiert das Blaulicht eines Streifenwagens. Ich sehe einen Polizisten, Die provisorische Absperrung aus weiß-roten Plastikbändern. Das, was dort abgesperrt ist, kann ich als kleinen dunklen Schatten auf dem Schnee ausmachen.

Weil ich renne und es erst gut fünf Uhr und der Nachmittagsverkehr noch nicht vorbei ist, schaffe ich es, einige Minuten vor dem Krankenwagen dort zu sein.

Jesaja liegt mit angezogenen Beinen da, das Gesicht im Schnee und die Hände um den Kopf, als wollte er sich gegen den kleinen Scheinwerfer, der ihn beleuchtet, abschirmen, als sei der Schnee ein Fenster, durch das er tief unter der Erde etwas gesehen hat.

Der Polizist müßte mich sicher fragen, wer ich bin, meinen Namen und meine Adresse aufnehmen und überhaupt die Arbeit der Kollegen vorbereiten, die jetzt bald von Haus zu Haus gehen und klingeln müssen. Aber er ist ein junger Mann mit einem kranken Ausdruck in den Augen. Er vermeidet es, Jesaja direkt anzuschauen. Als er sich vergewissert hat, daß ich sein Absperrband nicht übertrete, läßt er mich stehen.

Er hätte ein größeres Stück absperren können. Doch das hätte keinen Unterschied gemacht. Die Packhäuser werden teilweise umgebaut. Menschen und Maschinen haben den Schnee hartgetrampelt wie einen Terrazzoboden.

Selbst im Tod hat Jesaja etwas Abgewandtes, als wollte er von Mitleid nichts wissen.

Hoch oben, außerhalb des Scheinwerferlichts, ahnt man einen Dachfirst. Das Packhaus ist hoch, sicher so hoch wie ein sieben- oder achtstöckiges Wohnhaus. Das angrenzende Haus wird umgebaut. An der Giebelseite, die auf die Strandgade hinausgeht, steht ein Gerüst. Dort gehe ich hin, während sich der Krankenwagen über die Brücke arbeitet und dann zwischen den Gebäuden durchwindet.

Das Gerüst deckt die Giebelseite bis zum Dach hinauf ein. Die untere Leiter ist heruntergeklappt. Die Konstruktion scheint immer zerbrechlicher zu werden, je höher man kommt.

Sie bauen ein neues Dach. Über mir türmen sich die dreieckigen Dachsparren. Sie sind mit einer Persenning zugedeckt, die über die halbe Gebäudelänge reicht. Die andere Hälfte, auf der Hafenseite, ist eine verschneite Fläche. Darauf sind die Spuren von Jesaja.

An der Schneekante hockt ein Mann, der seine Knie umklammert hält und sich hin und her wiegt. Selbst zusammengekauert wirkt der Mechaniker noch groß, und noch in dieser Haltung totaler Resignation wirkt er zurückhaltend.

Es ist so hell. Vor einigen Jahren hat man das Licht bei Siorapaluk gemessen. Von Dezember bis Februar, drei Monate, in denen die Sonne weg ist. Man stellt sich immer eine ewige Nacht vor, aber es sind Mond und Sterne da und ab und zu das Nordlicht. Und der Schnee. Man registrierte dieselbe Anzahl Lux wie außerhalb von Skanderborg in Jütland. Genau so erinnere ich meine Kindheit. Daß wir immer draußen spielten und daß es immer hell war. Damals war das Licht eine Selbstverständlichkeit. So viele Dinge sind für ein Kind selbstverständlich. Mit der Zeit fangt man dann an, sich zu wundern.

Jedenfalls fällt mir auf, wie hell das Dach vor mir ist. Als sei es die ganze Zeit über der in einer vielleicht zehn Zentimeter dicken Schicht liegende Schnee gewesen, der das Licht dieses Wintertages geschaffen hat, und als glühe es in punktweisem Glitzern wie kleine, graue, leuchtende Perlen immer noch nach.

Am Boden schmilzt der Schnee ein bißchen, selbst bei schwerem Frost, wegen der Wärme der Stadt. Hier oben jedoch liegt er locker, so wie er gefallen ist. Nur Jesaja hat ihn betreten.

Selbst wenn keine Wärme da ist, kein neuer Schnee, kein Wind, selbst dann verändert sich der Schnee. Als würde er atmen, als würde er sich verdichten, sich heben und senken und sich zersetzen. Jesaja hat Turnschuhe getragen, auch im Winter, und es ist seine Spur, die abgetretene Sohle seiner Basketballstiefel mit der gerade noch sichtbaren Zeichnung konzentrischer Kreise unter der Wölbung der Fußsohle, um die sich der Spieler drehen muß.

Er ist dort, wo wir stehen, in den Schnee hinausgetreten. Die Spuren laufen schräg auf die Dachkante zu und fuhren daran entlang weiter, vielleicht zehn Meter. Dann halten sie an. Um sich dann zur Ecke und zur Giebelseite hin fortzusetzen. Wo sie der Dachkante in einem Abstand von ungefähr einem halben Meter bis an die Ecke zum angrenzenden Packhaus hin folgen. Von dort aus ist er vielleicht drei Meter zur Mitte zurückgelaufen, um Anlauf zu nehmen. Dann führt die Spur direkt zur Kante, wo er gesprungen ist. Das andere Dach besteht aus glasierten schwarzen Ziegeln, die zur Dachrinne hin in so steilem Winkel abfallen, daß der Schnee nicht liegengeblieben ist. Es gab nichts zum Festhalten. So gesehen hätte er ebensogut direkt in den leeren Raum springen können.

Außer Jesajas Spuren gibt es keine anderen. Auf der Schneefläche ist außer ihm niemand gewesen.

»Ich habe ihn gefunden«, stellt der Mechaniker fest.

Es wird für mich nie leicht sein, Männer weinen zu sehen. Vielleicht, weil ich weiß, wie fatal das Weinen für ihre Selbstachtung ist. Vielleicht, weil es für sie so ungewohnt ist, daß es sie immer in ihre Kindheit zurückverfrachtet. Der Mechaniker ist in dem Stadium, wo er es aufgegeben hat, sich die Augen zu trocknen, sein Gesicht ist eine Maske aus Schleim.

»Putz dir die Nase«, sage ich. »Es kommen Leute.«

Die beiden Männer, die aufs Dach kommen, sind über unseren Anblick nicht sonderlich erfreut.

Der eine schleppt die Fotoausrüstung und ist außer Atem. Der andere erinnert ein wenig an einen verwachsenen Nagel, Flach und hart und voll ungeduldiger Gereiztheit.

»Wer sind Sie?«

»Die Nachbarin von oben«, sage ich. »Und der Herr ist der Mann von unten.«

»Gehen Sie bitte runter.« Dann sieht er die Spuren und ignoriert uns. Der Fotograf macht die ersten Bilder, mit Blitz und einer großen Polaroidkamera.

»Nur die Spuren des Verstorbenen«, sagt der Nagel. Er redet, als fertige er im Kopf bereits seinen Bericht an. »Die Mutter betrunken. Da hat er halt hier oben gespielt.« Dann fallt sein Blick erneut auf uns. »Gehen Sie jetzt bitte runter.«

Zu diesem Zeitpunkt sehe ich nichts klar, es geht alles durcheinander. Das allerdings so sehr, daß ich davon abgeben kann. Ich bleibe also stehen.

»Komische Art zu spielen, nicht wahr?«

Manche Leute meinen vielleicht, ich sei eitel. Das will ich eigentlich nicht abstreiten. Ich kann ja auch Gründe dafür haben. Jedenfalls ist es meine Kleidung, die ihn jetzt zuhören läßt. Der Kaschmir, die Pelzmütze, die Handschuhe. Er hat zwar Lust und auch das Recht, mich hinunterzuschicken. Aber er sieht, daß ich aussehe wie eine Dame. Auf den Dächern von Kopenhagen begegnet man nicht so vielen Damen. Einen Augenblick lang zögert er also.

»Wieso?«

»Als Sie in dem Alter waren«, sage ich, »und Vater und Mutter noch nicht aus dem Kohlenbergwerk zurück waren und Sie allein auf dem Dach der Obdachlosenbaracke gespielt haben, — sind Sie da in gerader Linie die Dachkante entlanggelaufen?«

Daran kaut er ein wenig.

»Ich bin in Jütland aufgewachsen«, sagt er dann. Doch sein Blick läßt mich nicht los, während er das sagt. Dann dreht er sich zu seinem Kollegen um.

»Wir brauchen Lampen hier oben. Und wenn du gleich noch die Dame und den Herrn runterbringen würdest.«

__________

Mir geht es mit der Einsamkeit wie anderen mit dem Segen der Kirche. Sie ist für mich ein Gnadenlicht. Ich mache nie hinter mir die Tür zu, ohne mir bewußt zu sein, daß ich damit für mich eine Tat der Barmherzigkeit vollbringe. Cantor veranschaulichte seinen Schülern den Unendlichkeitsbegriff, indem er erzählte, es sei einmal ein Mann gewesen, der ein Hotel mit einer unendlichen Zahl von Zimmern gehabt habe, und das Hotel sei voll belegt gewesen. Dann sei noch ein Gast gekommen. Der Wirt habe den Gast von Zimmer Nummer eins nach Nummer zwei, den von Nummer zwei nach Nummer drei, den von drei nach vier verlegt, und so fort. Damit sei das Zimmer Nummer eins für den neuen Gast frei geworden. Was mich an dieser Geschichte freut, ist die Tatsache, daß alle Beteiligten, die Gäste und der Wirt, es ganz in Ordnung finden, eine unendliche Anzahl von Operationen durchführen zu müssen, damit ein einzelner Gast in einem Zimmer für sich Ruhe und Frieden finden kann. Das ist eine große Verbeugung vor der Einsamkeit.

Im übrigen weiß ich, daß ich meine Wohnung wie ein Hotelzimmer eingerichtet habe. Ohne den Eindruck vermeiden zu können, daß diejenige, die hier wohnt, sich auf der Durchreise befindet.

Wenn ich mir das zuweilen selbst erklären muß, dann denke ich daran, daß die Familie meiner Mutter und auch sie selbst eine Art Nomaden waren. Als Entschuldigung ist das eine fadenscheinige Erklärung.

Aber ich habe zwei große Fenster zum Wasser hin. Ich sehe die Holmenskirche, das Gebäude der Seeassekuranz und die Nationalbank, deren Marmorfassade heute abend die gleiche Farbe hat wie das Eis im Hafen.

Ich habe mir gedacht, daß ich trauern will. Ich habe mit den Polizisten geredet, Juliane eine Schulter hingehalten, und sie zu Bekannten begleitet, dann bin ich zurückgekommen, und die ganze Zeit über habe ich die Trauer mit der linken Hand weggehalten. Jetzt muß ich wohl an der Reihe sein, jetzt muß ich unglücklich sein dürfen.

Doch es ist noch nicht soweit. Die Trauer ist ein Geschenk, etwas, um das man sich verdient machen muß. Ich habe mir eine Tasse Pfefferminztee gemacht und mich ans Fenster gestellt. Aber es stellt sich nichts ein. Vielleicht, weil noch eine Winzigkeit zu tun bleibt, weil noch etwas unfertig ist und den Gefühlsprozeß bremsen kann.

Ich trinke also meinen Tee, während der Verkehr auf der Knippelsbrücke spärlicher und zu vereinzelten roten Lichterstrichen in der Nacht wird. Allmählich überkommt mich eine Art Ruhe. Schließlich reicht es zum Einschlafen.

3

An einem Tag im August vor anderthalb Jahren begegne ich Jesaja zum erstenmal. Eine bleierne und feuchte Hitze hat Kopenhagen in eine Brutstätte des unmittelbar drohenden Wahnsinns verwandelt. Ich habe in der typischen Druckkochtopfatmosphäre eines Busses gesessen, in einem neuen Kleid aus weißem Leinen, mit tiefem Rückenausschnitt und Valenciennevolants. Es hat lange gedauert, bis ich sie mit dem Dampfbügeleisen zum Stehen gebracht habe, in der allgemeinen Depression jedoch haben sie sich wieder gelegt.

Es gibt Leute, die fahren in dieser Jahreszeit nach Süden. Runter in die Wärme. Ich persönlich bin nie südlicher als bis nach Køge gekommen. Ungefähr fünfzig Kilometer südlich von Kopenhagen. Und weiter werde ich auch nicht kommen, bis der Atomwinter Europa abgekühlt hat. Es ist so ein Tag, an dem man nach dem Sinn des Daseins fragen könnte und die Antwort bekommen würde, daß es keinen gibt. Und auf der Treppe, ein Stockwerk unter meiner Wohnung, kraucht irgend etwas herum.

Als in den dreißiger Jahren allmählich die ersten größeren Ladungen von Grönländern nach Dänemark kamen, schrieben sie mit als erstes nach Hause, die Dänen seien Schweine, sie hielten Hunde im Haus. Einen Moment lang glaube ich, daß auf der Treppe ein Hund liegt. Dann sehe ich, daß es ein Kind ist, und an diesem Tag ist das auch nicht sehr viel besser.

»Hau ab, Rotzzwerg«, sage ich.

Jesaja sieht auf.

»Peerit«, sagt er, »hau doch selber ab.«

Nur wenige Dänen sehen es mir an. Sie meinen, irgend etwas Asiatisches zu spüren, vor allem, wenn ich unter den Wangenknochen einen Schatten aufgelegt habe. Doch der Junge auf der Treppe sieht mich gerade an, mit einem Blick, der direkt trifft, was er und ich gemeinsam haben. Es ist ein Blick, wie ihn auch Neugeborene haben. Danach verschwindet er und kommt zuweilen bei sehr alten Menschen wieder. Mag sein, daß ich mein Leben nie mit Kindern beschwert habe, weil ich unter anderem zuviel darüber nachgegrübelt habe, weshalb die Menschen den Mut verlieren, sich direkt anzuschauen.

»Willst du mir vorlesen?«

Ich habe ein Buch in der Hand. Das hat seine Frage ausgelöst.

Man könnte sagen, er sieht aus wie ein Waldgeist. Aber da er dreckig ist, nur Unterhosen anhat und vor Schweiß glänzt, kann man auch sagen, er sieht aus wie ein Seehund.

»Verpiß dich«, sage ich.

»Magst du keine Kinder?«

»Ich fresse Kinder.«

Er tritt zur Seite.

»Salluvutit, du lügst«, sagt er, als ich vorbeigehe.

In diesem Moment sehe ich zwei Dinge, die mich in gewisser Weise an ihn fesseln. Ich sehe, daß er allein ist. Wie jemand im Exil es immer sein wird. Und ich sehe, daß er die Einsamkeit nicht fürchtet.

»Is ’n das für ’n Buch?« ruft er hinter mir her.

»Euklids Elemente«, sage ich und knalle die Tür zu.

__________

Es blieb bei Euklids Elementen.

Ich will sie mir noch am selben Abend vornehmen, als es an der Tür klingelt und er draußen steht, noch immer in Unterhosen, und mich einfach anstarrt. Ich trete zur Seite, und er tritt in die Wohnung und in mein Leben ein, um eigentlich nie mehr hinauszugehen. Ich nehme Euklids Elemente aus dem Regal. Wie um ihn wegzuscheuchen. Wie um sofort klarzumachen, daß ich keine Bücher habe, die ein Kind interessieren könnten, daß er und ich uns weder über einem Buch noch sonst irgendwie begegnen können. Wie um irgend etwas zu entgehen.

Wir setzen uns auf das Sofa. Er sitzt mit gekreuzten Beinen auf der Kante, so wie die Kinder aus Thule bei Inglefield, die im Sommer auf der Kante des Schlittens saßen, der im Zelt als Pritsche diente.

»‘Ein Punkt ist das, was sich nicht teilen läßt. Eine Linie ist eine Länge ohne Breite.«’

Es ist das Buch, das er nie kommentieren wird und auf das wir zurückkommen. Ich versuche es auch mal mit anderen Büchern. Einmal leihe ich in der Bibliothek Rasmus Klumpbär auf dem Inlandeis aus. Mit abgeklärter Ruhe hört er der Erläuterung der ersten Bilder zu. Dann legt er einen Finger auf Rasmus Klump.

»Wie schmeckt der?« fragt er.

»›Ein Halbkreis ist die Figur, die von einem Durchmesser und von der durch den Durchmesser abgeschnittenen Peripherie umschlossen wird.‹«

Für mich durchläuft die Lektüre an diesem ersten Abend im August drei Phasen. Zuerst nur die Gereiztheit über diese ganze unpraktische Situation. Dann die Stimmung, die mich bei dem bloßen Gedanken an dieses Buch packt, die Feierlichkeit. Die Gewißheit, daß es die Grundlage, die Grenze ist. Daß man, wenn man sich zurückarbeitet, vorbei an Lobatschewski und Newton und so weit zurück wie möglich, bei Euklid endet.

»‘Auf der größeren von zwei gegebenen ungleich großen geraden Linien…’.«

Irgendwann sehe ich dann nicht mehr, was ich lese. Irgendwann ist nur noch meine Stimme und das Sonnenuntergangslicht aus dem Südhafen im Raum. Und dann nicht einmal mehr die Stimme, dann sind nur noch ich und der Junge da. Irgendwann höre ich auf.

Wir sitzen einfach da und schauen vor uns hin, als sei ich fünfzehn und er sechzehn und wir am point of no return angelangt. Irgendwann geht er dann ganz still. Ich schaue in den Sonnenuntergang, der in dieser Jahreszeit drei Stunden dauert. Als habe die Sonne zum Abschied doch noch Qualitäten in der Welt entdeckt, die sie nur widerstrebend Abschied nehmen lassen.

__________

Natürlich hat ihn der Euklid nicht abgeschreckt. Natürlich war es nicht wichtig, was ich las. Ich hätte ebensogut aus dem Telefonbuch vorlesen können. Oder aus Lewis’ und Carrisas Detection and Classification of Ice. Er wäre trotzdem gekommen und hätte mit mir auf dem Sofa gesessen.

Zuweilen kam er jeden Tag. Dann wieder konnten vierzehn Tage vergehen, in denen ich ihn nur einmal sah, und auch das nur von weitem. Doch wenn er kam, dann gern beim Einbruch der Dunkelheit, wenn der Tag vorbei und Juliane sinnlos betrunken war.

Ab und zu steckte ich ihn in die Badewanne. Er mochte heißes Wasser nicht. Mit kaltem konnte man ihn aber nicht sauber kriegen. Ich stellte ihn in die Badewanne und drehte die Dusche auf. Er protestierte nicht. Er hatte es längst gelernt, sich mit Widerwärtigkeiten abzufinden. Doch nicht einen Moment lang wandte er seinen vorwurfsvollen Blick von meinem Gesicht ab.

4

In meinem Leben kommen einige Internate vor. Ich arbeite täglich daran, das zu verdrängen, und über lange Zeiträume hinweg gelingt es mir sogar. Nur momentweise schafft es vielleicht eine vereinzelte Erinnerung, sich ans Licht hochzuarbeiten. Wie jetzt die ganz spezielle Stimmung in einem Schlafsaal. In Stenhøj bei Humlebæk, nördlich von Kopenhagen, lagen wir in Schlafsälen. Einer war für Mädchen, einer für Jungs. In der Nacht mußten die Fenster offen sein. Und unsere Decken waren zu dünn.

In der Morgue, im Leichenschauhaus der Amtsgemeinde Kopenhagen, im Keller des Gerichtsmedizinischen Instituts des Reichskrankenhauses, schlafen die Toten in bis knapp über den Gefrierpunkt gekühlten Schlafsälen den letzten, kalten Schlaf.

Überall ist es sauber, modern und endgültig. Sogar im Schauraum, der wie ein Wohnzimmer gestrichen ist, in den man ein paar Stehlampen gestellt hat und wo eine Grünpflanze den Mut zu bewahren sucht. Über Jesaja liegt ein weißes Laken. Jemand hat einen kleinen Blumenstrauß daraufgelegt, als habe er versucht, die Topfpflanze zu unterstützen. Jesaja ist vollständig zugedeckt, doch an dem kleinen Körper und dem großen Kopf sieht man, daß er es ist. Die französischen Schädelmesser hatten in Grönland große Probleme. Sie arbeiteten mit der Theorie, daß zwischen der Intelligenz eines Menschen und seiner Schädelgröße ein kausaler Zusammenhang bestehe. Bei den Grönländern, die sie für eine Übergangsform der Affen hielten, fanden sie die größten Schädel der Welt.

Ein Mann in weißem Kittel hebt das Laken vom Gesicht. Jesaja sieht so intakt aus, als habe man ganz vorsichtig Blut und Farbe abgelassen und ihn schlafen gelegt.

Juliane steht neben mir. Sie ist in Schwarz und bereits den zweiten Tag nüchtern.

Als wir den Flur entlanggehen, ist der weiße Kittel bei uns.

»Sie sind Angehörige«, schlägt er vor. »Eine Schwester?«

Er ist nicht größer als ich, aber breit, und hat eine Haltung wie ein Widder, der zum Stoßen ansetzt.

»Arzt«, sagt er. Er zeigt auf seine Kitteltasche und merkt, daß dort kein Schild ist, das ihn ausweist.

»Tod und Hölle«, sagt er.

Ich gehe weiter. Er ist dicht hinter mir.

»Ich habe selber Kinder«, sagt er. »Wissen Sie, ob es ein Arzt war, der ihn gefunden hat?«

»Ein Mechaniker«, antworte ich.

Er fährt im Fahrstuhl mit hinauf. Plötzlich habe ich das Bedürfnis zu wissen, wer Jesaja angefaßt hat.

»Haben Sie ihn untersucht?«

Er antwortet mir nicht. Vielleicht hat er mich nicht gehört. O-beinig eiert er vor uns her. An der Glastür zieht er plötzlich ein Stück Pappe heraus, wie ein Exhibitionist, der den Mantel aufreißt.

»Meine Karte. Jean Pierre, wie der Flötist. Lagermann, wie die dänische Lakritze.«

__________

Juliane und ich haben kein Wort zueinander gesagt. Doch als sie sich in das Taxi gesetzt hat und ich gerade die Tür zumachen will, greift sie nach meiner Hand.

»Die Smilla«, sagt sie, als rede sie von einer nicht Anwesenden, »ist eine feine Dame. Hundertprozentig, verdammt noch mal.«

Das Auto fährt los, und ich richte mich auf. Es ist fast zwölf. Ich habe eine Verabredung.

__________

»Reichsobduzentur für Grönland« steht an der Glastür, auf die man stößt, wenn man den Frederik V.-Vej zurück und am Teilum-Gebäude und Gerichtsmedizinischen Institut vorbei zum neuen Trakt des Reichskrankenhauses gegangen ist und den Fahrstuhl genommen, die Stockwerke, in denen den Fahrstuhlknöpfen zufolge die Grönländische medizinische Gesellschaft, das Polarzentrum und das Institut für Arktische Medizin untergebracht sind, passiert hat und hinauffährt in den fünften Stock, eine Dachetage.

Heute morgen habe ich das Polizeipräsidium angerufen, das mich zur Abteilung A durchgestellt hat, die mich mit dem Nagel verbunden hat.

»Sie können ihn in der Morgue sehen«, sagt er.

»Ich will auch mit dem Arzt sprechen.«

»Loyen«, sagt er. »Sie können mit Loyen reden.«

Hinter der Glastür führt ein kurzer Flur zu einem Schild, an dem Professor steht und in kleineren Buchstaben J. Loyen. Unter dem Schild ist eine Tür, hinter der Tür eine Garderobe und dahinter ein kühles Büro mit zwei Sekretärinnen unter Fotoabzügen von Eisbergen auf blauem Wasser und in strahlender Sonne, dahinter fangt das richtige Büro an.

Hier drinnen haben sie keinen Tennisplatz angelegt. Nicht, weil kein Platz wäre, sondern sicher, weil Loyen ein paar in seinem Garten in Hellerup und zwei weitere am Dünenweg in Skagen hat. Und weil es die gewichtige Feierlichkeit des Raumes beeinträchtigt hätte.

Auf dem Fußboden liegt ein dicker Teppich, zwei Wände sind von Büchern bedeckt; Panoramafenster mit Aussicht über die Stadt und über den Fælledpark, ein in die Mauer eingelassener Safe, goldgerahmte Gemälde, ein Mikroskop über einem Lichttisch, eine Glasvitrine mit einer vergoldeten Maske, die aussieht, als käme sie aus einem ägyptischen Sarkophag, zwei Sofaecken, zwei abgeschaltete Bildschirme auf einem Sockel und noch immer so viel Platz, daß man, wenn man die Schreibtischhockerei satt hätte, einen Bürolauf machen könnte.

Der Schreibtisch ist eine große Mahagoniellipse, und von dorther erhebt er sich und kommt mir entgegen. Er ist zwei Meter groß und um die Siebzig, aufrecht, im weißen Kittel und sonnengebräunt wie ein Wüstenscheich, mit dem freundlichen Ausdruck von jemandem, der auf dem Kamel sitzt und zuvorkommend auf den Rest der Welt herabblickt, der unten im Sand vorbeikrabbelt.

»Loyen.«

Den Titel läßt er zwar weg, aber er klingt trotzdem mit. Der Titel und die Tatsache, die wir nicht vergessen dürfen, daß der Rest der Weltbevölkerung mindestens einen Kopf tiefer steht und es hier, unter seinen Füßen, jede Menge Ärzte gibt, die es nicht bis zum Professor gebracht haben; über seinem Kopf hat er nur die weiße Decke, den blauen Himmel und den lieben Gott, und vielleicht nicht einmal das.

»Nehmen Sie Platz, gnädige Frau.«

Er strahlt Zuvorkommenheit und Dominanz aus, und ich sollte glücklich sein. Andere Frauen vor mir sind glücklich gewesen, und viele andere werden es noch sein — kann man sich in den schweren Augenblicken des Lebens etwas Besseres zum Anlehnen wünschen als zwei Meter gutpolierte ärztliche Selbstsicherheit, und das auch noch in einer so geborgenen Umgebung wie hier?

Auf dem Tisch steht eine gerahmte Fotografie der Arztgattin, des Airedaleterriers und von Vatis drei großen Jungs, die sicher Medizin studieren und in allen Prüfungen, einschließlich der klinischen Sexologie, eine Eins kriegen.

Ich habe nie behauptet, ich sei vollkommen. Vor Menschen, die Macht haben, sie genießen und ausnutzen, werde ich ein anderer, minderwertigerer und schlechterer Mensch.

Aber ich zeige es nicht. Ich setze mich auf die Stuhlkante und lege die dunklen Handschuhe und den Hut mit dem dunklen Schleier an den Rand der Mahagoniplatte. Professor Loyen hat, wie so oft, eine schwarze, trauernde, fragende, unsichere Frau vor sich.

»Sie sind Grönländerin?«

Dank seiner fachlichen Erfahrung sieht er das.

»Meine Mutter kam aus Thule. Sie haben Jesaja… untersucht?«

Er winkt bestätigend.

»Was ich gerne wissen möchte: Woran ist er gestorben?«

Die Frage überrumpelt ihn etwas.

»Am Sturz.«

»Aber was heißt das, rein physisch?«

Einen Moment lang denkt er nach, er ist es nicht gewöhnt, das Selbstverständliche formulieren zu müssen.

»Er ist schließlich vom sechsten Stockwerk gefallen. Der Organismus als Ganzes bricht ganz einfach zusammen.«

»Aber er hat irgendwie so unbeschädigt ausgesehen.«

»Das ist bei Sturzunfällen normal, meine Liebe. Aber…«

Ich weiß, was er sagen will. ‘Nur, bis wir sie aufmachen. Dann ist alles nur noch Knochensplitter und innere Blutungen.’

»Aber sie sind es nicht«, vollendet er.

Er richtet sich auf. Er hat anderes zu tun. Das Gespräch nähert sich seinem Ende, ohne in Gang gekommen zu sein. Wie so viele Gespräche zuvor und danach.

»Hat es Spuren von Gewaltanwendung gegeben?«

Ich überrasche ihn nicht. In seinem Alter und seinem Beruf läßt man sich nicht so leicht überraschen.

»Nicht die geringste«, sagt er.

Ich bleibe ganz still sitzen. Es ist immer interessant, Europäer der Stille zu überlassen. Für sie ist sie eine Leere, in der die Spannung steigt und ins Unerträgliche wächst.

»Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?«

‘Meine Liebe’ hat er jetzt gestrichen. Ich überhöre die Frage.

»Wieso sind dieses Büro und diese Institution eigentlich nicht in Grönland?« frage ich.

»Das Institut ist erst drei Jahre alt. Vorher hat es keine Obduzentur für Grönland gegeben. Die Staatsanwaltschaft in Godthåb benachrichtigte gegebenenfalls das Gerichtsmedizinische Institut in Kopenhagen. Diese Stelle hier ist neu und zeitlich begrenzt. Das Ganze soll im Laufe des nächsten Jahres nach Godthåb verlegt werden.«

»Und Sie?« sage ich.

Er ist es nicht gewöhnt, verhört zu werden, gleich wird er aufhören zu antworten.

»Ich leite das Institut für Arktische Medizin. Ursprünglich bin ich jedoch Gerichtspathologe. In dieser Etablierungsphase fungiere ich als amtierender Leiter der Obduzentur.«

»Führen Sie alle gerichtsmedizinischen Obduktionen an Grönländern durch?«

Ich habe blind zugeschlagen. Aber es muß ein harter, flacher Ball gewesen sein, denn jetzt zucken seine Lider.

»Nein«, erwidert er und spricht nun sehr langsam, »aber ab und zu helfe ich der dänischen Staatsobduzentur. Sie haben jedes Jahr Tausende von Fällen aus dem ganzen Land.«

Ich denke an Jean Pierre Lagermann.

»Haben Sie die Obduktion allein gemacht?«

»Wir folgen, außer in ganz speziellen Fällen, einer festen Routine. Ein Arzt arbeitet mit einem Laborangestellten und manchmal auch mit einer Krankenschwester.«

»Kann man den Obduktionsbericht einsehen?«

»Sie würden ihn sowieso nicht verstehen. Und was Sie verstehen könnten, würden Sie nicht mögen!«

Einen kurzen Moment lang hat er die Selbstbeherrschung verloren. Sie ist jedoch sofort wieder da.

»Diese Berichte gehören der Polizei, die die Obduktionen offiziell bestellt. Und im übrigen auch bestimmt, wann,die Beerdigung stattfinden kann, da sie die Totenscheine unterschreibt. Das Gesetz über die Öffentlichkeit der Verwaltung gilt für zivilrechtliche Angelegenheiten, nicht für strafrechtliche.«

Er ist mittendrin im Match und ganz vorn am Netz. Seine Stimme nimmt einen beruhigenden Klang an. »Sie müssen schon verstehen, in einem Fall wie diesem, wo auch nur der geringste Zweifel an den Umständen des Unglücks aufkommen kann, ist die Polizei und sind wir an einem möglichst gründlichen Gutachten interessiert. Wir untersuchen alles. Und wir finden alles. In den Fällen, in denen jemandem etwas angetan worden ist, ist es so gut wie unmöglich, keine Spuren zu hinterlassen. Es gibt Fingerabdrücke, zerrissene Kleidung, das Kind verteidigt sich und hat Hautzellen unter den Nägeln. In diesem Fall nichts von alldem. Nichts.«

Das war der Satz- und Matchball. Ich erhebe mich und ziehe die Handschuhe an. Er lehnt sich zurück.

»Selbstverständlich sehen wir den Polizeibericht«, sagt er. »Aus den Spuren ging ja deutlich hervor, daß er allein auf dem Dach war, als es passierte.«

Ich wandere den langen Weg bis in die Mitte des Zimmers, und von dort aus schaue ich zu ihm zurück. Irgend etwas hatte ich zu fassen gekriegt, ich weiß nur nicht, was. Doch jetzt sitzt er wieder auf dem Kamel.

»Rufen Sie ruhig wieder an, gnädige Frau.«

Es dauert einen Augenblick, bis sich der Schwindel gelegt hat.

»Wir haben«, sage ich, »alle unsere Phobien. Irgend etwas, wovor wir richtig Angst haben. Ich habe meine, und Sie haben sicher auch Ihre, wenn Sie den schußsicheren Kittel ausziehen. Wissen Sie, was Jesajas Phobie war? Die Höhe. Er hüpfte bis zum ersten Stock, und von da ab kroch er, mit geschlossenen Augen und beiden Händen am Geländer. Stellen Sie sich das vor, jeden Tag, die Innentreppe hoch, Schweiß auf der Stirn, Wackelpudding in den Knien, fünf Minuten vom ersten bis zum dritten Stock. Seine Mutter hatte schon, bevor sie überhaupt eingezogen waren, darum gebeten, nach unten ziehen zu dürfen. Aber Sie wissen ja — wenn man Grönländer ist und Sozialhilfeempfänger …«

Es dauert geraume Zeit, bis er antwortet.

»Nichtsdestoweniger ist er dort oben gewesen.«

»Ja«, sage ich, »das ist er wohl. Aber sehen Sie, Sie hätten mit einem Wagenheber kommen können. Oder auch mit unserem berühmten Schwimmkran Herkules, und Sie hätten ihn trotzdem keinen Meter auf das Gerüst gebracht. Was mich wundert, was ich mich in den schlaflosen Nächten frage, ist, was ihn bei dieser Gelegenheit dahinauf gebracht hat.«

Noch immer sehe ich seine kleine Gestalt unten im Keller liegen. Ich schaue Loyen nicht einmal an. Ich gehe einfach.

5

Juliane Christiansen, die Mutter von Jesaja, ist eine warme Empfehlung für die heilsame Wirkung des Alkohols. Wenn sie nüchtern ist, ist sie steif, stumm und gehemmt. Wenn sie voll ist, ist sie quietschvergnügt und spritzig.

Da sie heute morgen Antabus genommen und nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus sozusagen auf die Tablette getrunken hat, tritt diese schöne Verwandlung natürlich durch den Schleier eines vergifteten Organismus zutage. Aber trotzdem geht es ihr spürbar besser.

»Smilla«, sagt sie, »ich liebe dich.«

Man sagt, in Grönland wird viel getrunken. Das ist eine vollkommen unsinnige Untertreibung. Es wird kolossal getrunken. Deshalb habe ich auch dieses spezielle Verhältnis zum Alkohol. Wenn ich Lust auf etwas Stärkeres als Kräutertee kriege, denke ich immer daran, was der freiwilligen Alkoholrationierung in Thule vorausging.

Ich bin schon öfter in Julianes Wohnung gewesen, aber wir haben immer in der Küche gesessen und Kaffee getrunken. Die eigenen vier Wände der Leute muß man respektieren. Vor allem, wenn ihr Leben ansonsten bloßliegt wie eine offene Wunde. Doch jetzt treibt mich das dringliche Gefühl, eine Aufgabe zu haben, ich spüre, daß irgend jemand etwas übersehen hat.

Ich stöbere also herum, und Juliane läßt mich machen, was ich will. Erstens hat sie ihren Apfelwein aus dem Supermarkt, und zweitens bezieht sie schon so lange Sozialhilfe und liegt schon so ewig unter dem Elektronenmikroskop der Behörden, daß sie sich schon gar nicht mehr vorstellen kann, daß man etwas ganz für sich haben kann.

Die Wohnung strahlt die spezielle Art von häuslicher Gemütlichkeit aus, die sich einstellt, wenn man lange genug mit Clogs auf den versiegelten Dielen herumgelaufen ist, genug brennende Zigaretten auf der Tischplatte vergessen und häufig seinen Rausch auf dem Sofa ausgeschlafen hat und der schwarze Fernseher, der so groß ist wie ein Konzertflügel, das einzig Neue und Funktionierende ist.

Die Wohnung hat ein Zimmer mehr als meine, das Zimmer von Jesaja. Ein Bett, ein niedriger Tisch und ein Schrank. Auf dem Fußboden ein Pappkarton. Auf dem Tisch zwei Stöcke, ein Stein zum Himmel-und-Hölle-Spielen, eine Art Saugnapf, ein Modellauto. Und alles farblos wie Strandsteine in einer Schublade. Im Schrank Regenmantel, Gummistiefel, Clogs, Pullover, Unterwäsche, Strümpfe, alles in wildem Durcheinander hineingestopft. Meine Finger tasten unter den Kleiderstapeln und auf dem Schrank. Doch da ist nur der Staub vom letzten Jahr.

Auf dem Bett in einer durchsichtigen Plastiktüte seine Sachen aus dem Krankenhaus. Regenschutzhosen, Turnschuhe, Sweat-shirt, Unterwäsche, Strümpfe. Aus seiner Hosentasche ein weißer, weicher Stein, der als Kreide gedient hat.

Juliane steht in der Tür und weint.

»Ich habe nur die Windeln weggeschmissen.«

Einmal im Monat, wenn auch seine Höhenangst zunahm, benutzte Jesaja ein paar Tage lang eine Windel. Einmal habe ich selbst welche für ihn gekauft.

»Wo ist sein Messer?«

Sie weiß es nicht.

Auf dem Fensterbrett steht, ein kostbarer Ausruf in die Gedämpftheit des Zimmers, ein Schiffsmodell. Auf dem Sockel steht: ‘Motorschiff Johannes Thomsen der Kryolithgesellschaft Dänemark’.

Ich habe noch nie versucht herauszubekommen, wie Juliane sich eigentlich über Wasser gehalten hat. Ich lege den Arm um ihre Schultern.

»Juliane«, sage ich. »Würdest du mir bitte deine Papiere zeigen.«

__________

Wir anderen haben eine Schublade, eine Mappe, eine Klarsichthülle. Juliane hat sieben fettige Briefumschläge, in denen sie die gedruckten Zeugnisse ihres Daseins aufbewahrt. Für viele Grönländer ist die schriftliche die schwerste Seite von Dänemark. Die staatsbürokratische Papierfront aus Anträgen, Formularen und Schriftwechseln mit der jeweils zuständigen Behörde. Die Tatsache, daß selbst eine fast analphabetische Existenz wie die von Juliane einen solchen Berg von Papier eingebracht hat, entbehrt nicht einer feinen und zarten Ironie.

Die kleinen Zettel mit den Terminen für das Alkoholambulatorium Sundholm, Geburtsurkunde, fünfzig Gutscheine vom Bäcker am Christianshavn Torv, die bei fünfhundert Kronen einen kostenlosen Kuchen einbringen. Kontrollkarten vom Rudolph-Bergh-Institut für sexuell übertragbare Krankheiten. Alte Steuerkarten, Kontoauszüge von der Sparkasse. Eine Fotografie von Juliane bei Sonnenschein im Kongens Have. Krankenversicherungskarte, Paß, Inkassoauszüge von den Elektrizitätswerken. Briefe von Ribers Kreditauskunftei. Ein Bündel dünne Blätter, die aussehen wie Gehaltsstreifen und aus denen hervorgeht, daß Juliane jeden Monat 9.400 Kronen Pension bezieht. Ganz unten in dem Haufen liegt ein Bündel Briefe. Ich habe es nie über mich bringen können, Briefe anderer Leute zu lesen. Die private Post überspringe ich also. Ganz unten liegen die offiziellen, maschinenschriftlichen Bescheide. Ich will sie schon zurücklegen, da sehe ich ihn.

Einen sonderbaren Brief. ‘Hiermit teilen wir Ihnen mit, daß der Aufsichtsrat der Kryolithgesellschaft Dänemark auf seiner letzten Sitzung beschlossen hat, Ihnen als Witwe von Norsaq Christiansen eine Witwenpension zuzuerkennen. Sie erhalten eine Pension von monatlich 9.000 Kronen, die an den Index der Lebenshaltungskosten angeglichen wird.’ Unterzeichnet ist der Brief im Namen des Aufsichtsrats mit ‘E. Lübing, Leiterin der Buchhaltung’.

Daran ist erst mal nichts Seltsames. Aber als der Brief fertig war, hat ihn jemand um neunzig Grad gedreht. Und mit Füller schräg an den Rand geschrieben: ‘Es tut mir so leid. Elsa Lübing’.

Aus den Randnotizen kann man etwas über seine Mitmenschen erfahren. Über Fermats verschwundenen Beweis wurde viel nachgegrübelt. In einem Buch, in dem es um die nie bewiesene Behauptung ging, daß man eine Quadratzahl oft in der Summe von zwei anderen Quadratzahlen auflösen könne, daß dies jedoch bei ganzzahligen Exponenten, die größer als zwei sind, nicht möglich sei, hatte Fermat am Rand hinzugefügt: ‘Für diesen Satz habe ich einen wirklich wunderbaren Beweis gefunden. Leider ist der Rand zu schmal dafür.’

Vor zwei Jahren hat im Büro der Kryolithgesellschaft Dänemark eine Dame gesessen und einen äußerst korrekten Brief diktiert. Er hält alle Formalitäten ein, enthält keine Tippfehler und ist überhaupt, wie es sich gehört. Danach hat man ihn ihr zum Durchlesen gegeben, sie hat ihn gelesen und unterschrieben. Dann hat sie einen Augenblick dagesessen. Und dann das Papier gedreht und geschrieben: ‘Es tut mir so leid.’

»Wie ist er gestorben?«

»Norsaq? Er war bei einer Expedition an die Westküste dabei. Es war ein Unfall.«

»Was für ein Unfall?«

»Er hat etwas gegessen, was er nicht vertragen hat. Glaube ich.«

Sie sieht mich hilflos an. Die Menschen sterben eben. Man kommt nicht weiter, wenn man darüber nachgrübelt, wie oder weshalb.

__________

»Für uns ist der Fall abgeschlossen.«

Ich habe den Nagel am Telefon. Ich habe Juliane ihren Gedanken überlassen, die sich jetzt wie Plankton in einem Meer aus süßem Wein bewegen. Vielleicht hätte ich bei ihr bleiben sollen. Aber ich bin keine Seelsorgerin. Ich kann ja kaum für mich selbst sorgen. Außerdem habe ich meine eigenen Zwangsvorstellungen, die mich das Polizeipräsidium haben anrufen lassen. Ich werde mit Abteilung A verbunden. Die mir erzählt, daß der Kriminalkommissar noch im Büro ist. Nach seiner Stimme zu urteilen, ist er das bereits viel zu lange.

»Der Totenschein ist heute nachmittag um vier unterschrieben worden.«

»Und die Spuren?« frage ich.

»Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, oder wenn Sie selber Kinder hätten, dann wüßten Sie, daß sie vollkommen unzurechnungsfähig und unberechenbar sind.«

Bei dem Gedanken an die Sorgen, die ihm seine Gören gemacht haben, geht seine Stimme in ein Knurren über.

»Hier geht es natürlich auch bloß um einen Scheißgrönländer«, sage ich.

Am anderen Ende wird es still. Der Kommissar ist ein Mann, der auch nach einem langen Arbeitstag noch genug Reserven hat, um den Thermostat auf schnelles Einfrieren stellen zu können.

»Nun will ich Ihnen verdammt noch mal was sagen. Wir machen keinen Unterschied, verstehen Sie? Ob da ein Pygmäe heruntergefallen ist oder ein siebenfacher Mörder oder ein Sittlichkeitsverbrecher, wir ziehen die Sache durch. Verstehen Sie? Ich habe mir den Bericht der Gerichtsmediziner geholt. Nichts spricht dafür, daß das hier kein Unglücksfall war. Ein tragischer, ja, aber einer von denen, wie wir sie hundertfünfundsiebzigmal im Jahr haben.«

»Ich werde mich beschweren.«

»Tun Sie das.«

Dann legt er auf. Ich habe natürlich nicht vor, mich zu beschweren. Aber ich habe schließlich auch einen harten Tag hinter mir. Ich weiß ja, daß die Polizei viel zu tun hat. Ich verstehe ihn schon. Alles, was er gesagt hat, habe ich sehr gut verstanden.

Bis auf eins. Als ich vernommen wurde, vorgestern, habe ich auf einige Fragen geantwortet und auf einige nicht. Eine davon war die nach dem ‘Personenstand’.

»Das geht Sie einen Dreck an«, habe ich zu dem Polizisten gesagt. »Es sei denn, Sie hätten Interesse an einer Verabredung.«

Demnach sollte die Polizei also eigentlich nichts über mein Privatleben wissen. Woher, frage ich mich, hat der Nagel nun gewußt, daß ich keine Kinder habe? Die Frage kann ich nicht beantworten.

Es ist nur eine kleine Frage. Aber wenn es sich um eine alleinstehende und wehrlose Frau handelt, will die ganze Welt sofort wissen, warum sie, wenn sie in meinem Alter ist, keinen Mann und ein paar bezaubernde kleine Purzel hat. Mit der Zeit wird man auf diese Frage allergisch.

Ich hole ein paar Blatt Unliniertes und einen Umschlag und setze mich an den Eßtisch. Ganz oben schreibe ich: ‘Kopenhagen, d. 19. Dezember 1993. An die Staatsanwaltschaft Kopenhagen. Mein Name ist Smilla Jaspersen. Ich bitte Sie, diesen Brief als Beschwerde zu behandeln.’

6

Er sieht aus wie Ende Vierzig, ist aber zwanzig Jahre älter. Er trägt einen schwarzen Thermotrainingsanzug, Spikes, eine amerikanische Baseballmütze und fingerlose Lederhandschuhe. Aus der Brusttasche holt er eine kleine braune Medizinflasche, die er mit einer geübten, fast diskreten Bewegung leert. Es ist Propranolol, ein Betablocker, der die Herzschlaggeschwindigkeit senkt. Er öffnet die eine Hand und sieht sie an. Sie ist groß und weiß, gepflegt und ganz ruhig. Er sucht sich einen Schläger Nummer eins heraus, einen Driver, taylormade, mit einem polierten, glockenförmigen Kopf aus Palisander. Er legt ihn an den Ball und holt aus. Als er zuschlägt, hat er alle Kraft und seine ganzen 85 Kilo auf einen Punkt von der Größe einer Briefmarke konzentriert, der kleine gelbe Ball scheint sich förmlich aufzulösen und zu verschwinden. Er kommt erst wieder zum Vorschein, als er auf dem Green landet, ganz außen, am Rand des Gartens, wo er sich gehorsam in die Nähe der Fahne legt.

»Caymanbälle«, sagt er. »Von McGregor. Früher habe ich immer Probleme mit den Nachbarn gehabt. Die hier machen nur die halbe Strecke.«

Der Mann ist mein Vater, diese Show hat er mir zu Ehren abgezogen, und ich durchschaue sie, sehe sie als das, was sie wirklich ist: die Bitte eines kleinen Jungen um Liebe. Ich denke nicht eine Sekunde lang daran, sie ihm zu schenken.

Von da aus betrachtet, wo ich stehe, gehört die ganze Bevölkerung Dänemarks zur Mittelschicht. Wirklich Arme und wirklich Reiche gibt es nur wenige, sie sind absolute Exoten.

Ich habe das Glück, einen Teil der Armen zu kennen, alldieweil ein Großteil von ihnen Grönländer sind. Zu den richtig Wohlhabenden gehört mein Vater.

Er hat im Hafen von Rungsted eine 67-Fuß-Swan mit drei Mann fester Besatzung liegen. Er hat seine eigene kleine Insel an der Einfahrt zum Isefjord, wo er sich in seine norwegische Blockhütte zurückziehen und zu unbefugt herumstrolchenden Touristen sagen kann, ab geht’s, verzieht euch. Er besitzt als einer der ganz wenigen in Dänemark einen Bugatti und hat einen Mann angestellt, der ihn poliert und die zwei Mal im Jahr, die er im Oldtimerrennen des Bugattiklubs an den Start geht, das Konsistenzfett in den Lagern mit einem Bunsenbrenner erhitzen muß. Den Rest des Jahres begnügt er sich damit, ab und zu die Platte aufzulegen, die der Klub herausgegeben hat und auf der man hört, wie eins von diesen herrlichen Fahrzeugen mit der Handkurbel gestartet und gehätschelt und dann das Gaspedal durchgetreten wird. Und er hat dieses Haus, das weiß wie Schnee ist, mit weißverputzten Zementziermuscheln, einem Dach aus Naturschiefer und einer gewundenen Treppe zum Eingang hinauf. Mit Rosenbeeten in einem Vorgarten, der zum Strandvej hin steil abfällt, und einem Garten hinter dem Haus, der für einen Neunlochübungsplatz groß genug gewesen ist und jetzt, wo er die neuen Bälle bekommen hat, gerade noch ausreicht.

Er hat sein Geld mit Spritzen verdient.

Er ist noch nie jemand gewesen, der irgendwelche Auskünfte über sich hat durchsickern lassen. Wen es interessiert, der kann im Blauen Buch, dem dänischen Who is Who, nachschlagen und nachlesen, daß er mit dreißig Chefarzt wurde, Dänemarks ersten Lehrstuhl für Anästhesiologie erhielt, als er eingerichtet wurde, und die Krankenhäuser fünf Jahre später verließ, um sich, wie es so schön heißt, seiner Privatpraxis zu widmen. Dann ist er mit seiner Berühmtheit auf Reisen gegangen. Nicht auf die Walz, sondern mit Privatflugzeugen. Er hat den Großen der Welt Spritzen verpaßt. Er hat bei den ersten, bahnbrechenden Herzoperationen in Südafrika für die Narkose gesorgt. Er war mit der amerikanischen Ärztedelegation in der Sowjetunion, als Breschnew starb. Ich habe jemanden sagen hören, es sei mein Vater gewesen, der mit seinen langen Kanülen gewedelt und in den letzten Wochen Breschnews Tod hinausgeschoben habe. Er sieht aus wie ein Hafenarbeiter und pflegt diesen Eindruck diskret, indem er ab und zu seinen Bart stehenläßt. Einen Bart, der jetzt grau ist, aber einmal blauschwarz war und noch immer zweimal am Tag eine Naßrasur braucht, um gepflegt auszusehen.

Seine Hände sind unfehlbar sicher. Mit ihnen kann er mit einer 15O-mm-Kanüle retroperitonal durch die Flanke und durch die tiefen Rückenmuskeln bis an die Aorta gehen. Dort klopft er mit der Nadelspitze leicht an die große Pulsader, um sicher zu sein, daß er dran ist, und geht dann dahinter und legt an dem großen Nervenplexus ein Depot aus Lidocain an. Das Zentralnervensystem steuert den Tonus der Blutadern. Er hat eine Theorie, daß er mit dieser Blockade etwas gegen die Kreislaufinsuffizienz in den Beinen übergewichtiger Reicher ausrichten kann.

Während der Injektion ist er so konzentriert, wie es ein Mensch überhaupt nur sein kann. Er denkt an nichts anderes, nicht einmal an die Rechnung über 10 000 Kronen, die seine Sekretärin gerade ausstellt und die vor dem 1. Januar zu begleichen ist, und frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr, der nächste, bitte.

Die letzten fünfundzwanzig Jahre hat er zu den zweihundert Golfspielern gehört, die um die letzten fünfzig Eurocards kämpfen. Er lebt mit einer Ballettänzerin zusammen, die dreizehn Jahre jünger ist als ich und ihn anschaut, als lebe sie nur in der Hoffnung, daß er ihr das Tüllröckchen und die Ballettschuhe vom Leibe reißt.

Mein Vater ist also ein Mann, der alles hat, was sich mit Händen greifen läßt. Und das meint er mir hier auf dem Platz denn auch zu zeigen. Daß er alles hat, was das Herz begehrt. Sogar die Betablocker, die er die letzten zehn Jahre genommen hat, um ruhige Hände zu haben, sind im großen und ganzen ohne Nebenwirkungen.

Wir gehen auf geharkten Kieswegen um das Haus, der Gärtner Sørensen hat die Rasenkanten im Sommer wieder mit der Friseurschere bearbeitet, und man muß aufpassen, daß man sich nicht die bloßen Füße daran schneidet. Ich trage einen Seehundspelz über einer Kombination aus bestickter Wolle mit Reißverschluß. Von außen betrachtet sind wir Vater und Tochter, voller Vitalität und strotzend vor Kraft. Bei näherem Hinsehen jedoch sind wir nur eine über zwei Generationen verteilte banale Tragödie.

__________

Das Wohnzimmer hat Dielen aus Mooreiche und eine in rostfreien Stahl gefaßte Spiegelglaswand, die auf das Vogelbad, die Rosensträucher und das soziale Gefälle bis hinunter zum Strandvej hinausgeht. Am Kamin steht in Trikot und dicken Wollsocken Benja, sie streckt ihre Fußmuskulatur und ignoriert mich. Sie ist blaß und hübsch und sieht ungezogen aus wie eine Elfe, die Stripperin geworden ist.

»Brentan«, sage ich.

»Wie bitte?«

Sie spricht betont deutlich, wie sie es an der Königlichen Theaterschule gelernt hat.

»Für die schlimmen Füße, mein Schatz, Brentan gegen Fußpilz. Gibt es jetzt ohne Rezept.«

»Das ist kein Pilz«, sagt sie kalt. »Den kriegt man ja wohl erst in deinem Alter.«

»Auch Minderjährige, mein Schatz. Vor allem Leute, die viel trainieren. Und er breitet sich leicht zum Schritt hin aus.«

Sie zieht sich fauchend in die angrenzenden Räume zurück. Sie hat viel bullige Kraft, aber sie hat auch eine behütete Jugend gehabt und schnell Karriere gemacht. Noch hat sie die Widrigkeiten des Daseins nicht erlebt, die notwendig sind, um eine Psyche zu entwickeln, die immer wieder kontern kann.

Señora Gonzales serviert den Tee an einem Sofatisch, der aus einer über einen glatten Marmorblock gelegten, siebzig Millimeter dicken Glasplatte besteht.

»Es ist lange her, Smilla.«

Er redet ein bißchen von seinen neuen Gemälden, von seinen Erinnerungen, an denen er schreibt, und davon, was er auf dem Flügel übt. Er schindet Zeit, um sich auf die Wucht des Schlages vorzubereiten, der auf ihn niedersausen wird, wenn ich ein Anliegen vorbringe, das nichts mit ihm zu tun hat. Er ist dankbar dafür, daß ich ihn reden lasse. In Wirklichkeit aber machen wir uns nichts vor.

»Erzähl mir von Johannes Loyen«, sage ich.

__________

Mein Vater war Anfang Dreißig, als er nach Grönland kam und meine Mutter kennenlernte.

Der Polareskimo Aisivak erzählte Knud Rasmussen, daß die Welt am Anfang nur von zwei Männern bewohnt gewesen sei, die beide große Zauberer waren. Da sie gern zahlreicher werden wollten, habe der eine seinen Körper so umgemodelt, daß er gebären konnte; und danach hätten die beiden viele Kinder gezeugt.

In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts registrierte der grönländische Katechet Hanseeraq im Tagebuch der Brüdergemeinde, Diarium Friedrichstal, mehrere Fälle von Frauen, die wie Männer jagten. Beispiele dafür gibt es auch in Rinks Sagensammlung und in den Nachrichten aus Grönland, Meddelelser fra Grønland. Besonders verbreitet war das wohl nie, doch es kam vor. Die Ursache waren Frauenüberschuß, Todesfälle, Not und das in Grönland selbstverständliche Wissen, daß beide Geschlechter das jeweils andere als Möglichkeit in sich tragen.

In der Regel aber mußten sich die Frauen dann wie Männer kleiden und auf ein Familienleben verzichten. Einen Geschlechtswechsel konnte das Kollektiv ertragen, einen fließenden Übergangszustand jedoch nicht. Bei meiner Mutter war das anders. Sie lachte, gebar ihre Kinder, tratschte hinter dem Rücken ihrer Freunde und reinigte die Felle wie eine Frau. Und zugleich schoß sie, fuhr Kajak und schleppte das Fleisch nach Hause wie ein Mann.

Als sie ungefähr zwölf war, ging sie mit ihrem Vater im April aufs Eis. Er schoß auf einen uuttoq, einen Seehund, der sich auf dem Eis sonnte. Er schoß vorbei. Bei anderen Männern hätte man sich für diesen Patzer verschiedene Gründe denken können. Bei meinem Großvater gab es nur einen. Daß sich etwas Nichtwiedergutzumachendes anbahnte. Es war die Verkalkung des Sehnervs. Nach einem Jahr war er vollkommen blind.

An diesem Tag im April, als ihr Vater weiterging, um nach einer Langleine zu sehen, blieb meine Mutter stehen. Auf dem Eis hatte sie Zeit, an ihren verschiedenen Zukunftsmöglichkeiten herumzukauen. Es gab die Sozialhilfe, die in Grönland zwar heute noch unter dem Existenzminimum liegt, damals aber ein unfreiwilliger Witz war. Oder den Hungertod, der keineswegs ungewöhnlich war. Oder ein Leben, bei dem man sich auf Verwandte stützen mußte, die selber nicht klarkamen.

Als der Seehund wieder hochkam, schoß sie ihn.

Bis dahin hatte sie mit der Pilkschnur Seeskorpione und schwarzen Heilbutt geangelt. Mit diesem Seehund wurde sie Robbenfängerin.

Ich glaube, daß sie nur selten einen Schritt zurücktrat und ihre Rolle von außen betrachtete. Einmal zelteten wir im Sommerlager bei Atikerluk, einem Fjäll, auf dem im Sommer Krabbentaucher einfallen, schwarze Vögel mit weißen Köpfen, und es sind so viele, daß man sich von der Menge nur einen Begriff machen kann, wenn man sie gesehen hat. Sie überschreitet alles Meßbare.

Wir waren, von Norden gekommen, wo wir von kleinen Dieselkuttern aus Narwale gefangen hatten. An einem Tag hatten wir acht Tiere erwischt, teils weil das Eis sie in ein begrenztes Gebiet eingeschlossen hatte, teils weil die drei Boote den Kontakt zueinander verloren hatten. Acht Narwale, das ist zu viel Fleisch, selbst für Hundefutter. Viel zuviel Fleisch.

Der eine Wal war ein schwangeres Weibchen. Die Brustwarze sitzt direkt über der Geschlechtsöffnung. Als meine Mutter mit einem einzigen Schnitt die Bauchhöhle öffnete, um die Eingeweide herauszunehmen, rutschte ein anderthalb Meter langes, engelweißes und vollständig fertiges Junges aufs Eis.

Ungefähr vier Stunden lang standen die Walfänger fast schweigend da, sahen in die Mitternachtssonne, die zu dieser Jahreszeit das Licht endlos macht, und aßen mattak, Walhaut. Ich bekam nicht einen Bissen hinunter.

Eine Woche später liegen wir beim Vogelfjäll und haben seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Man muß, das ist die Technik, mit der Landschaft verschmelzen, warten und den Vogel dann mit einem großen Kescher fangen. Beim zweiten Versuch erwischte ich drei.

Es waren Weibchen, die auf dem Weg zu ihren Jungen waren. Sie brüten in Löchern an den Steilhängen. Von dorther machen die Jungen einen höllischen Lärm. Die Mütter verstecken die Würmer, die sie finden, in einer Art Schnabeltasche. Man tötet sie, indem man ihnen aufs Herz drückt. Drei Vögel hatte ich.

Es war nicht das erste Mal, davor hatte es viele andere Male gegeben. So viele Vögel. Getötet, in Lehm gebacken und gegessen, es waren so viele, daß ich mich an die Zahl nicht mehr erinnern kann. Und trotzdem sehe ich jetzt plötzlich ihre Augen als Tunnel, an deren Ende die Jungen warten, und die Augen dieser Jungen sind ebenfalls Tunnel, an deren Ende das Narwaljunge ist, dessen Blick wiederum nach innen und weg fuhrt. Ganz langsam drehe ich den Kescher um, in einer kurzen Lärmexplosion steigen die Vögel in die Luft.

Meine Mutter sitzt ganz still direkt neben mir. Sie schaut mich an, als sähe sie etwas zum erstenmal. Ich weiß nicht, was mich zurückhielt. Mitleid ist in der Arktis keine Qualität, sondern eher eine Art Fühllosigkeit, das fehlende Gespür für die Tiere, die Umgebung und das jeweils Notwendige.

»Smilla«, sagt sie, »ich habe dich im amaat getragen.«

Es ist Mai, ihre Haut hat einen dunkelbraunen, tiefen Glanz, wie ein Dutzend Firnisschichten. Sie trägt goldene Ohrringe und um den Hals eine Kette mit zwei Kreuzen und einem Anker. Das Haar hat sie im Nacken zum Knoten aufgesteckt, sie ist groß und schön. Noch jetzt ist sie, wenn ich an sie denke, für mich die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Ich muß um die fünf Jahre alt sein. Ich weiß nicht genau, was sie damit sagen will, doch zum erstenmal verstehe ich, daß wir vom selben Geschlecht sind.

»Trotzdem«, sagt sie, »bin ich stark wie ein Mann.«

Sie hat ein rot-schwarz kariertes Baumwollhemd an, krempelt einen Ärmel auf und zeigt mir ihren Unterarm, der so breit und hart ist wie ein Paddel. Dann knöpft sie langsam das Hemd auf. »Komm, Smilla«, sagt sie ruhig. Sie küßt mich nie und faßt mich nur selten an. Doch in Augenblicken großer Vertrautheit läßt sie mich die Milch trinken, die immer noch da ist, unter der Haut ist wie das Blut. Sie spreizt die Beine, damit ich dazwischentreten kann. Wie die anderen Jäger trägt sie Bärenfellhosen, die nur notdürftig gegerbt sind. Sie liebt Asche, sie ißt sie zuweilen direkt aus dem Feuer und hat sich damit jetzt unter den Augen eingeschmiert. In diesem Duft aus verbrannter Kohle und Bärenfell gehe ich zu ihrer Brust, sie ist leuchtend weiß und hat eine große, zartrosa Areola, und ich trinke dann immuk, die Milch meiner Mutter.

Später hat sie mir einmal zu erklären versucht, daß in einem Monat dreitausend Narwale in derselben Bucht versammelt sind und das Wasser vor Leben kocht, und im nächsten Monat hat das Eis sie eingeschlossen, und sie sind erfroren. Daß es im Mai und im Juni so viele Krabbentaucher gibt, daß sie die Klippen schwarz färben, und im nächsten Monat eine halbe Million Vögel verhungert ist. Auf die ihr eigene Art und Weise will sie zeigen, daß dem Leben der arktischen Tiere schon immer eine extreme Fluktuation der Populationen zugrunde liegt. Und daß in diesem Auf und Ab das, was wir uns nehmen, weniger als nichts bedeutet.

Ich verstand sie, ich verstand jedes Wort. Damals und später. Doch es änderte nichts. Im Jahr darauf — es war das Jahr, bevor sie verschwand — wurde mir beim Fischen übel. Ich muß etwa sechs gewesen sein. Nicht alt genug, um über die Ursache nachzugrübeln. Aber alt genug, um zu verstehen, daß es sich um eine Naturentfremdung handelte. Daß mir ein Teil der Natur nicht mehr so selbstverständlich zugänglich war wie zuvor. Vielleicht fing ich bereits damals an, das Eis verstehen zu wollen. Verstehen wollen heißt, daß wir etwas zurückzuerobern versuchen, was wir verloren haben.

__________

»Professor Loyen …«

Er spricht den Namen mit dem Interesse und dem gewappneten Respekt aus, mit dem ein Brontosaurus den anderen betrachtet und immer betrachtet hat.

»Sehr tüchtiger Mann.«

Er läßt seine weiße Handfläche über Wange und Kinn gleiten. Es ist eine genau einstudierte Bewegung, die ein Geräusch macht, wie wenn man mit einer Schrubbfeile ein Stück Treibholz raspelt.

»Institut für Arktische Medizin, das hat er aufgebaut.«

»Und welches Interesse hat er an der Gerichtsmedizin? Er hat sich als Obduzent für Grönland einsetzen lassen.«

»Ursprünglich ist er Gerichtspathologe. Aber er nimmt alles mit, womit er sich verdient machen kann. Er meint wohl, daß das nach oben führt.«

»Was treibt ihn?«

Hier kommt eine Pause. Den größten Teil seines Lebens hat mein Vater den Kopf unter dem Arm getragen. Auf seine alten Tage jedoch beschäftigen ihn die Motive der Leute sehr.

»In meiner Generation gibt es drei Arten von Ärzten. Einmal die, die als Oberärzte hängenbleiben oder in einer Privatpraxis landen. Es sind viele großartige Leute darunter. Dann die, die sich habilitieren, was — wie du weißt — die willkürliche, lächerliche und vollkommen unzulängliche Bedingung dafür ist, daß man im System nach oben befördert wird. Diese Leute enden als Chefärzte. Alles kleine Könige in der jeweiligen medizinischen Lokalszene. Und dann gibt es noch die dritte Sorte. Das sind wir, die hochgeklettert und hoch hinaus gekommen sind.«

Er sagt das ohne jede Spur von Selbstironie. Man könnte meinen Vater durchaus dazu bringen, allen Ernstes zu erklären, eines seiner Probleme sei, daß er von sich nicht halb so eingenommen sei, wie er es mit guten Gründen hätte sein können.

»Diese letzten Schwimmzüge verlangen einem eine besondere Kraft ab. Es braucht dazu einen starken Willen, einen Ehrgeiz. Nach Geld. Oder Macht. Oder vielleicht Einsicht. In der Geschichte der Medizin hat man dieses Streben immer durch das Feuer abgebildet. Die ewige Flamme des Alchimisten unter der Retorte.«

Er sieht vor sich hin, als halte er eine Spritze in der Hand, als habe die Nadel ihre Stelle fast gefunden.

»Loyen«, sagt er, »der hat schon in seiner Studienzeit immer nur eins gewollt. Daneben ist alles andere Kleinkram. Er wollte als der Klügste auf seinem Gebiet anerkannt sein. Nicht als der Klügste in Dänemark, unter all den Bauerntrotteln. Als der Klügste im Universum. Der fachliche Ehrgeiz, das ist sein ewiger Bunsenbrenner. Aber auf dem brennt kein Gasflämmchen. Das ist ein Johannisfeuer.«

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Ich weiß nicht, wie sich mein Vater und meine Mutter begegnet sind. Ich weiß, daß er nach Grönland kam, weil dieses gastfreundliche Land schon immer ein Arbeitsfeld für wissenschaftliche Experimente abgegeben hat. Er entwickelte damals gerade eine neue Technik zur Behandlung der Trigeminusneuralgie, der Entzündung des Gesichtsnervs. Bis dahin hatte man das Leiden gelindert, indem man den Nerv mit Alkoholinjektionen abtötete, was zu einer teilweisen Gesichtslähmung führte und bewirkte, daß man das Gefühl für die Muskulatur der einen Mundhälfte verlor. Dann gab es die sogenannte Tropflippe. Sie kommt selbst in den besten und reichsten Familien vor, und das war auch der Grund, weshalb mein Vater Interesse dafür bekundete. Die Krankheit trat in Nordgrönland häufig auf. Und er war gekommen, um sie mit seiner neuen Technik — einer teilweisen Wärmedenaturierung des Schmerznervs — zu behandeln.

Es gibt Fotos von ihm. In Kastingstiefeln und Daunenanzug, mit Eispickel und Gletscherbrille steht er vor dem Haus, das man ihm auf der amerikanischen Base zur Verfügung gestellt hat. Die Hand auf der Schulter der beiden kleinen dunklen Männer, die für ihn dolmetschen sollen.

Für ihn war Nordgrönland wirklich das äußerste Thule. Keine Sekunde lang hatte er sich vorgestellt, sich länger als diesen einen notwendigen Monat in der windzerzausten Eiswüste aufzuhalten, in der man nicht mal für einen Golfplatz gesorgt hatte.

Eine vage Vorstellung von der weißglühenden Energie zwischen ihm und meiner Mutter kann man sich machen, wenn man bedenkt, daß er tatsächlich drei Jahre dort blieb. Er versuchte sie zu überreden, mit auf die Base zu ziehen, aber sie lehnte ab. Wie für alle, die in Nordgrönland geboren sind, war für meine Mutter auch nur der Anschein von Eingesperrtsein unerträglich. Statt dessen folgte er ihr in eine der Baracken aus Sperrholz und Wellblech, die hochgezogen wurden, als die Amerikaner die Eskimos aus dem Gebiet vertrieben, auf dem die Base gebaut wurde. Noch heute frage ich mich, wie er das wohl geschafft hat. Die Antwort lautet natürlich, daß er, solange sie lebte, seine Golfschläger und seine Tasche jederzeit hinter sich gelassen hätte, um ihr zu folgen, und sei es direkt in die schwarze, versengte Haupthölle.

»Sie bekommen ein Kind«, sagt man von Leuten, die Kinder kriegen. In diesem Fall wäre das nicht korrekt gewesen. Ich möchte sagen, meine Mutter bekam meinen kleinen Bruder und mich. Mein Vater, der Mann mit den Kanülen und den sicheren Händen, der Golfspieler Moritz Jaspersen, stand außerhalb dieses Szenarios, war anwesend, ohne richtig daran teilhaben zu können, gefährlich wie ein Eisbär, gefangen in einem Land, das er haßte, und von einer Liebe, die er nicht verstand, deren Opfer er nur war und auf die er — so empfand er es — nicht den geringsten Einfluß nehmen konnte.

Als ich drei Jahre alt war, ging er fort. Oder genauer gesagt: Er wurde von sich selbst vertrieben. Insgeheim wächst in jeder blinden, kopflosen Verliebtheit der Haß auf den Geliebten, der den einzigen Schlüssel zum Glück besitzt. Ich war, wie gesagt, erst drei Jahre alt, erinnere mich aber noch daran, wie er wegging. Er ging in einem Zustand siedender, verklemmter, schäumend fluchender Wut. Als Energieform betrachtet wurde dies nur durch das Verlangen übertroffen, das ihn wieder zurückschleuderte. Er hing an meiner Mutter mit einem für die Welt nicht sichtbaren Gummiband, das jedoch die Wirkung und die physische Realität eines Treibriemens besaß.

Mit uns Kindern hatte er nicht viel zu tun, wenn er da war. Aus meinen ersten sechs Jahren erinnere ich mich nur an seine Spuren. An den Duft der Latakiatabake, die er rauchte. An den Autoklav, in dem er seine Instrumente auskochte. An das Interesse, das er weckte, wenn er zuweilen die Pickelschuhe anzog, sich rausstellte und einen Eimer Bälle über das Neueis schlug. Und an die Stimmung, die er mitbrachte, die Summe der Gefühle, die er für meine Mutter hegte. Eine Hitze von derselben beruhigenden Art, die man sich in einem Kernreaktor vorstellt.

Welche Rolle hatte meine Mutter in der ganzen Sache? Ich weiß es nicht und werde es auch nie erfahren. Leute, die sich in so etwas auskennen, sagen, die beiden Parteien müßten einander schon behilflich sein, wenn eine Liebesbeziehung so richtig in die Brüche gehen und zu Kleinholz werden soll. Das ist schon möglich. Wie alle anderen habe auch ich meine Kindheit seit meinem siebten Lebensjahr kräftig mit Rauschgold übermalt, und ein bißchen hat sich wohl auch an meiner Mutter festgesetzt. Aber sie blieb, wo sie war, legte Robbennetze aus und flocht mir die Haare. Sie war da, groß und gegenwärtig, während Moritz mit seinen Golfschlägern, Bartstoppeln und Kanülen zwischen den Extrempolen seiner Liebe, der totalen Verschmelzung und dem gesamten Nordatlantik zwischen sich und der Geliebten, hin und her pendelte.

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Wer in Grönland ins Wasser fällt, kommt nicht wieder hoch. Das Meer hat unter vier Grad, und bei dieser Temperatur haben alle Verwesungsprozesse aufgehört. Deshalb gerät der Mageninhalt auch nicht in Gärung, die Selbstmördern in Dänemark normalerweise erneuten Auftrieb gibt und sie als Wasserleiche an die Küsten spült.

Sie fanden die Reste ihres Kajaks und schlossen daraus, daß es ein Walroß gewesen sein mußte. Ein Walroß ist unberechenbar. Es kann hypersensibel und scheu sein. Gerät es jedoch ein wenig weiter nach Süden und es ist ein Herbst mit wenig Fischen, verwandelt es sich in einen der schnellsten und gewissenhaftesten Killer des großen Meeres. Mit den beiden Hauern kann es eine Schiffsseite aus Eisenzement eindrücken. Ich habe einmal gesehen, wie Robbenfänger einem Walroß, das sie lebend gefangen hatten, einen Dorsch hinhielten. Es spitzte die Lippen zu einem Kußmäulchen und schlürfte das Fleisch des Fisches glatt von den Gräten.

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»Es wäre schön, wenn du Heiligabend rauskommen würdest, Smilla.«

»Weihnachten sagt mir nichts.«

»Willst du deinen Vater allein sitzenlassen?«

Das ist eine der anstrengenderen Seiten von Moritz, die er mit dem Alter entwickelt hat — die Mischung aus Perfidie und Sentimentalität.

»Kannst du es nicht mit dem Seemannsheim versuchen?«

Ich bin aufgestanden und er geht mir nach.

»Du bist verdammt herzlos, Smilla. Deshalb hast du auch nie einen Mann halten können.«

Näher kann er den Tränen nicht kommen.

»Vater«, sage ich. »Stell mir ein Rezept aus.«

Sofort und blitzschnell schlägt sein Gekränktsein in Besorgtheit um, wie gegenüber meiner Mutter.

»Bist du krank?«

»Sehr. Aber mit dem Stück Papier kannst du mir das Leben retten und deinen hippokratischen Eid halten. Mach es fünfstellig.«

Er windet sich, hier geht es ums Herzblut, jetzt sind wir bei den vitalen Organen, dem Portemonnaie und dem Scheckbuch.

Ich ziehe den Pelz an. Benja kommt nicht heraus, um mir auf Wiedersehen zu sagen. An der Tür reicht er mir den Scheck. Er weiß, daß diese Pipeline seine einzige Verbindungslinie zu meinem Leben ist. Selbst die fürchtet er zu verlieren.

»Soll Fernando dich nicht nach Hause fahren?«

Da fällt ihm plötzlich etwas ein.

»Smilla«, ruft er, »du fährst doch wohl nicht weg, oder?« Zwischen uns liegt ein Stück schneebedeckter Rasen. Es könnte ebensogut Inlandeis sein.

»Mir drückt was aufs Gewissen«, sage ich. »Wenn ich was dagegen tun will, kostet es Geld.«

»Dann fürchte ich wirklich«, sagt er, halb zu sich selbst, »daß der Scheck bei weitem nicht hoch genug ist.«

Damit hat er das letzte Wort. Der Klügere gibt schließlich nach.

7

Vielleicht ist es Zufall, vielleicht auch nicht, daß er kommt, als die Arbeiter zum Essen gegangen sind, so daß das Dach verlassen daliegt. Die Sonne scheint hell, mit einem Hauch von Wärme, blauer Himmel, weiße Möwen, Aussicht auf die Werft im schwedischen Limhamn und keine Spur von dem Schnee, der daran schuld ist, daß wir hier stehen. Ich und Herr Ravn, Assessor bei der Staatsanwaltschaft.

Er ist klein, nicht größer als ich, aber er hat einen sehr großen, grauen Mantel an. Die Schultern sind so wattiert, daß er aussieht wie ein Zehnjähriger, der in einem Musical über die Prohibition mitspielt. Sein Gesicht ist dunkel und ausgebrannt wie Lava und so mager, daß die Haut wie bei einer Mumie um den Schädel spannt. Doch seine Augen sind wach und aufmerksam.

»Ich dachte, ich sollte mal vorbeischauen«, sagt er.

»Zu freundlich. Sie schauen bei Beschwerden immer vorbei?«

»Ausnahmsweise. Normalerweise geht die Sache an den örtlichen Beschwerdeausschuß. Sagen wir, es ist wegen der Eigenart dieser Angelegenheit und wegen Ihres provozierenden Beschwerdeschreibens.«

Ich sage nichts. Ich lasse die Stille ein wenig auf den Assessor einwirken. Sie hat keinen sichtbaren Effekt. Seine sandfarbenen Augen ruhen ohne Unstetigkeit und Peinlichkeit auf mir. Er kann hier unbegrenzt stehenbleiben. Schon das macht ihn zu einem ungewöhnlichen Mann.

»Ich habe mit Professor Loyen gesprochen. Er hat mir erzählt, daß Sie ihn besucht haben. Daß Sie meinen, der Junge habe unter Höhenangst gelitten.«

Sein Platz in dieser Welt macht es mir unmöglich, wirklich Zutrauen zu ihm zu haben. Aber ich habe das Bedürfnis, etwas von dem, was mich quält, loszuwerden.

»Da waren die Spuren im Schnee.«

Nur wenige Menschen können zuhören. Ihre gehetzte Eile zieht sie aus dem Gespräch heraus, oder sie versuchen innerlich, die Situation zu verbessern, oder sie überlegen sich ihren Auftritt für den Moment, in dem man selber die Klappe hält, damit sie sich nun ihrerseits in Szene setzen können.

Mit dem Mann vor mir ist das anders. Wenn ich rede, hört er unzerstreut zu, was ich sage, und nichts sonst.

»Ich habe den Bericht gelesen und die Bilder gesehen …«

»Es gibt noch etwas anderes. Anderes und mehr.«

Jetzt bewegen wir uns auf das zu, was gesagt werden muß, sich aber nicht erklären läßt.

»Es waren Beschleunigungsspuren. Beim Absprung von Schnee oder Eis dreht sich das Fußgelenk. Wie wenn man barfuß durch Sand läuft.«

Ich versuche ihm die leicht nach außen drehende Bewegung mit dem Handgelenk vorzumachen.

»Wenn man die Bewegung zu schnell macht, nicht mit dem richtigen Gefühl, gibt es einen kleinen Rutscher nach hinten.«

»Wie bei jedem Kind, das spielt …«

»Wenn man daran gewöhnt ist, im Schnee zu spielen, macht man keine solchen Spuren, die Bewegung ist nämlich unökonomisch, wie wenn man beim Langlauf bergauf das Gewicht schlecht verlagert.«

Ich höre selber, wie unzulänglich das klingen muß. Ich erwarte eine höhnische Bemerkung. Doch sie bleibt aus.

Er schaut auf das Dach. Er hat keine Ticks, keine Angewohnheiten mit seinem Hut. Er zündet keine Pfeife an und tritt auch nicht von einem Fuß auf den anderen. Er zieht keinen Block heraus. Er ist nur ein sehr kleiner Mann, der zuhört und gründlich nachdenkt.

»Interessant«, sagt er schließlich. »Aber auch ein bißchen …vage. Einem Außenstehenden könnte man das nur schwer vorlegen. Schwierig, darauf etwas aufzubauen.«

Er hat recht. Schnee lesen ist wie Musik hören. Das Gelesene beschreiben heißt, die Musik schriftlich erklären.

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Wenn es zum erstenmal passiert, ist es, als würde man entdecken, daß man wach ist, während alle anderen schlafen. Zu gleichen Teilen Einsamkeit und Allmacht. Wir sind auf dem Weg von Qinnissut in die Inglefieldbucht hinunter. Es ist Winter, es ist stürmisch, und es ist beängstigend kalt. Wenn die Frauen austreten wollen, müssen sie unter einer Decke einen Primuskocher anzünden, um überhaupt die Hosen herunterziehen zu können, ohne sich sofort Erfrierungen zu holen.

Eine Zeitlang spüren wir bereits, daß Nebel aufzieht, doch als er dann kommt, kommt er augenblicklich, wie eine kollektive Blindheit. Selbst die Hunde kriechen enger zusammen. Doch für mich ist der Nebel eigentlich gar nicht da. Für mich ist da nur eine wilde, helle Aufgeräumtheit, weil ich absolut sicher weiß, in welche Richtung wir müssen.

Meine Mutter hört auf mich, und die anderen hören auf sie. Ich werde auf den ersten Schlitten gesetzt, und ich erinnere mich, daß ich das Gefühl habe, daß wir auf einem Silberdraht fahren, der zwischen mir und dem Haus in Qaanaaq gespannt ist. Eine Minute bevor der Giebel aus der Nacht hervortritt, weiß ich, daß er kommt.

Vielleicht war es nicht das erstemal. Aber so erinnere ich mich daran. Vielleicht ist es falsch, wenn wir uns an die Durchbrüche zu unserem eigenen Wesen so erinnern, als würden sie in einzelnen, einzigartigen Augenblicken stattfinden. Vielleicht haben die Verliebtheit, die durchdringende Gewißheit, daß wir selbst einmal sterben müssen, und die Liebe zum Schnee in Wirklichkeit nichts Plötzliches, vielleicht sind sie immer schon dagewesen. Vielleicht kommen sie einem nie wirklich abhanden.

Noch ein anderes Nebelbild, möglicherweise aus demselben Sommer. Ich bin nie viel mit dem Boot draußen gewesen. Ich kenne den Meeresboden nicht. Es bleibt ungewiß, weshalb sie mich mitgenommen haben. Doch ich weiß in jedem Augenblick, wo wir uns im Verhältnis zu den Landmarken befinden.

Von da an nehmen sie mich fast jedesmal mit.

Im Coldwater Laboratory des amerikanischen Militärs auf Bylot hatten sie Leute angestellt, die das Phänomen Ortssinn erforschen sollten. Dort habe ich dicke Bücher und lange Verzeichnisse von Aufsätzen gesehen, die beschreiben, daß richtungskonstante Winde um die Erde wehen, die den Eiskristallen einen bestimmten Winkel verleihen, an dem man selbst bei geringer Sicht die Himmelsrichtungen ablesen können soll. Daß weiter oben eine zweite, fast unmerkliche Brise bei Nebel der einen Gesichtshälfte eine bestimmte Kühlung verleiht. Daß das Bewußtsein unterschwellig selbst das normalerweise nicht spürbare Licht registriert. Es gibt eine Theorie, wonach das menschliche Gehirn in den arktischen Gebieten imstande sein soll, die kräftigen elektromagnetischen Turbulenzen des magnetischen Nordpols in der Nähe von Bucha Felix zu registrieren.

Mündliche Vorträge über das Musikerlebnis.

Mein einziger Bruder im Geiste ist Newton. Ich war tief bewegt, als man uns an der Universität die Stelle im ersten Buch der Pricipia Mathematica vorlegte, wo Newton einen Eimer voll Wasser ankippt und die schräge Wasserfläche als Argument dafür anführt, daß in der rotierenden Erde und um sie herum ebenso wie um die sich drehende Sonne und die tanzenden Fixsterne, die es unmöglich machen, im Dasein einen festen Ausgangspunkt, ein Inertialsystem und einen Haltepunkt zu finden, der absolute space, der Absolute Raum ist, das, was stillsteht, das, woran wir uns klammern können.

Ich hätte Newton küssen mögen. Später verzweifelte ich über Ernst Machs Kritik an dem Eimerexperiment, die den Ausgangspunkt für Einsteins Arbeiten bildete. Damals war ich jünger und leichter zu bewegen. Heute weiß ich, daß diese Arbeiten nur gezeigt haben, daß Newtons Argumentation unzulänglich war. Jede theoretische Erklärung ist eine Reduzierung der Intuition. Niemand hat an meiner und Newtons Gewißheit vom Absoluten Raum rütteln können. Niemand findet mit der Nase in Einsteins Schriften den Heimweg von Qaanaaq.

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»Was meinen Sie denn, was da passiert ist?«

Nichts ist so entwaffnend wie Hellhörigkeit.

»Ich weiß es nicht«, sage ich.

Das kommt der Wahrheit sehr nahe.

»Was sollen wir Ihrer Meinung nach denn tun?«

Hier, bei Tageslicht, wo der Schnee geschmolzen ist, das Leben über die Knippelsbrücke hin und her weitergeht und ein höflicher Mensch mit mir redet, wirken meine Einwände plötzlich fadenscheinig. Mir fällt keine Antwort ein.

»Ich werde die Sache von Anfang bis Ende noch mal durchgehen und sie mir im Lichte dessen, was Sie mir erzählt haben, anschauen.«

Wir steigen hinunter, und es ist ein doppelter Abstieg. Dort unten erwartet mich die Depression.

»Ich habe um die Ecke geparkt«, sagt er.

Und dann macht er seinen großen Fehler.

»Ich würde vorschlagen, daß Sie, solange wir die Sache noch mal durchgehen, Ihre Beschwerde zurückziehen. Damit wir unsere Arbeit in Ruhe machen können. Und aus demselben Grund noch etwas: Falls sich die Zeitungen an Sie wenden, finde ich, sollten Sie es ablehnen, sich zu der Angelegenheit zu äußern. Also auch nicht erwähnen, was Sie mir erzählt haben. Verweisen Sie sie an die Polizei, sagen Sie, daß die den Fall noch bearbeitet.«

Ich spüre, daß ich rot werde. Aber nicht aus Verlegenheit. Sondern vor Zorn.

Ich bin nicht vollkommen. Schnee und Eis sind mir lieber als die Liebe. Es fällt mir leichter, mich für die Mathematik zu interessieren, als meine Mitmenschen zu mögen. Aber ich bin im Dasein mit etwas verankert, das fest steht. Man kann das von mir aus Ortssinn nennen oder auch weibliche Intuition, von mir aus kann man es so nennen, wie es einem gerade einfällt. Ich stehe auf einem Fundament, und tiefer kann ich nicht fallen. Schon möglich, daß ich es nicht geschafft habe, mein eigenes Leben sonderlich clever einzurichten. Aber den Absoluten Raum halte ich immer fest — mindestens mit einem Finger.

Deshalb hat es seine Grenzen, wie weit die Welt aus den Fugen geraten kann, wieviel schiefgehen kann, bevor ich es entdecke. Ich weiß jetzt, ohne auch nur den Schimmer eines Zweifels, daß irgend etwas nicht stimmt.

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Ich habe keinen Führerschein. Und wenn man anständig angezogen ist, muß man zu viele Parameter im Griff haben, wenn man Fahrrad fahren, den Verkehr überblicken, seine Würde behalten und ein Jägerhütchen von Vagns Geschäft in der Østergade festhalten will. Deshalb laufe ich in der Regel oder nehme den Bus.

Heute laufe ich. Es ist der 20. Dezember, und es ist kalt und klar. Zuerst gehe ich zur Bibliothek des Geologischen Instituts in der Øster Voldgade.

Ein Satz gefällt mir wirklich sehr, Dedekinds Postulat von der linearen Komprimierung. Es besagt — in etwa —, daß man an jeder beliebigen Stelle einer Zahlenreihe innerhalb eines jeden beliebigen, verschwindend kleinen Intervalls auf die Unendlichkeit stößt. Als ich am Computer der Bibliothek die Kryolithgesellschaft Dänemark suche, spuckt er mir Lesestoff für ein ganzes Jahr aus.

Ich entscheide mich für Das weiße Gold. Es erweist sich als ein Buch von schillernder Humorigkeit. Die Arbeiter im Kryolithbruch haben den Schalk im Nacken, die Industrieherren, die den Kies verdienen, haben ihn, das grönländische Reinigungspersonal hat ihn, und die blauen, grönländischen Fjorde sind voller Reflexe und Sonnenstreifen.

Anschließend gehe ich an der S-Bahn Østerport vorbei und den Strandboulevard entlang. Bis zur Nummer 728, wo die Kryolithgesellschaft Dänemark — neben der Konkurrentin Kryolithgesellschaft Öresund — 500 Mitarbeiter, zwei Laborgebäude, die Rohkryolithhalle, die Sortierhalle, die Werkkantine und die Werkstätten hatte. Jetzt sind davon nur noch die Eisenbahngeleise, die Abrißfläche, ein paar Schuppen und Unterstände und eine große rote Backsteinvilla übrig. Von meiner Lektüre her weiß ich, daß die beiden großen Kryolithvorkommen bei Saqqaq in den sechziger Jahren erschöpft waren und die Gesellschaft im Laufe der siebziger Jahre zu anderen Aktivitäten überging.

Jetzt sind nur noch ein abgesperrtes Gebiet, eine Zufahrtsstraße und eine Gruppe Handwerker in weißen Arbeitsklamotten da. Sie genießen ein stilles Weihnachtsbier und bereiten sich auf das bevorstehende Fest vor.

Ein ausgeschlafenes und unternehmungslustiges Mädchen würde jetzt zu ihnen hingehen, grüßend an die Mütze tippen, Jargon reden und sie nach Frau Lübing fragen: wer sie war und was aus ihr geworden ist.

Diese Geradheit liegt mir nicht. Ich spreche Fremde nicht gern an. Dänische Handwerker in Gruppen kann ich nicht leiden. Um ehrlich zu sein, kann ich überhaupt Männer in Gruppen nicht leiden.

Während ich so weit gedacht habe, bin ich den ganzen Weg um den Block herumgegangen, die Handwerker haben mich gesehen, winken mich zu sich und erweisen sich als gewandte Gentlemen, die schon seit dreißig Jahren hier angestellt sind und jetzt die wehmütige Aufgabe haben, den Laden abzuwickeln. Sie wissen, daß Frau Lübing noch lebt, in Frederiksberg wohnt und im Telefonbuch steht, und warum mich das wohl interessiere?

»Sie hat mir mal einen Gefallen getan«, sage ich. »Jetzt möchte ich sie nach was fragen.«

Sie nicken und sagen, Frau Lübing habe vielen einen Gefallen getan und sie hätten selber eine Tochter in meinem Alter, und ich solle doch mal wieder vorbeischauen.

Ich gehe den Strandboulevard zurück und denke daran, daß es selbst im paranoidesten Argwohn ganz tief verborgen Mitmenschlichkeit und den Wunsch nach Kontakt gibt, die darauf warten, ausgebrütet zu werden.

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Niemand, der irgendwann einmal mit Tieren gelebt hat, die Platz haben, kann danach wieder in einen Zoo gehen. Einmal jedoch nehme ich Jesaja ins Zoologische Museum mit, um ihm dort den Raum mit den Seehunden zu zeigen.

Er findet, daß sie krank aussehen. Aber das Modell des Urochsen beschäftigt ihn. Auf dem Heimweg gehen wir durch den Fælledpark.

»Wie alt ist der noch mal?« fragt er.

»Vierzigtausendjahre.«

»Dann stirbt er sicher bald.«

»Sicher.«

»Wenn du stirbst, Smilla, kriege ich dann deine Haut?«

»In Ordnung«, sage ich.

Wir gehen über die Triangelkreuzung. Es ist ein warmer Herbst, die Luft ist diesig.

»Smilla, können wir nach Grönland fahren?«

Ich sehe keinen Grund, Kindern die unumgänglichen Wahrheiten zu ersparen. Sie müssen schließlich als Erwachsene dasselbe aushalten können wie wir anderen.

»Nein«, sage ich.

»In Ordnung.«

Ich habe ihm nie etwas versprochen. Ich kann ihm nichts versprechen. Kein Mensch kann einem anderen etwas versprechen.

» Aber wir können was über Grönland lesen.«

Er sagt ‘wir’ zum Vorlesen, er ist sich bewußt, daß er mit seiner Anwesenheit ebensoviel dazu beiträgt wie ich.

»In welchem Buch?«

»In Euklids Elementen…«

Als ich zu Hause bin, ist es dunkel. Der Mechaniker bringt gerade sein Fahrrad in den Keller.

Er ist sehr breit und bärenhaft, und wenn er richtig gerade gehen würde, wäre er imposant. Aber er hält den Kopf gesenkt, vielleicht um seine Größe zu entschuldigen, vielleicht um den Türrahmen dieser Welt auszuweichen.

Er gefällt mir. Ich habe eine Schwäche für Verlierer. Für Invalide, Ausländer, den Klassendicken, alle, mit denen nie jemand tanzt. Für sie schlägt mein Herz. Vielleicht, weil ich immer gewußt habe, daß ich irgendwie immer eine von ihnen sein werde.

Jesaja und der Mechaniker waren befreundet. Schon bevor Jesaja Dänisch gelernt hatte. Sie haben sicher nicht sehr viele Worte gebraucht. Der eine Handwerker hat den anderen erkannt. Zwei Männer, die irgendwie beide allein auf der Welt waren.

Als er das Fahrrad hinunterschiebt, gehe ich mit. Mir ist wegen des Kellers ein Gedanke gekommen.

Er hat einen Doppelraum als Werkstatt bekommen. Der Raum hat einen Zementboden, warme, trockene Luft und ein scharfes, gelbes elektrisches Licht. Der begrenzte Platz ist vollgestopft. An zwei Wänden ein Arbeitstisch. Fahrradräder und Schläuche an Haken. Eine Molkereikiste mit defekten Potentiometern. Eine Plastikschiene für Nägel und Schrauben. Ein Brett mit kleinen Isolierzangen für elektrische Arbeiten. Ein Bord mit Schraubenschlüsseln. Neun Quadratmeter Sperrholz mit Dingen, die aussehen, als sei hier das ganze Werkzeug der Welt versammelt. Lötkolben in Reih und Glied. Vier Regale mit Klempnerwaren, Malerdosen, ausrangierten Stereoanlagen, Steckschlüsseln, Schweißelektroden und der ganzen Serie elektrischer Metabo-Werkzeuge. An der Wand zwei große Flaschen für ein CO2-Schweißgerät und zwei kleine für einen Schneidbrenner. Außerdem eine zerlegte Waschmaschine. Eimer mit Mitteln gegen Hausschwamm. Fahrradrahmen. Eine Fußpumpe.

Hier sind so viele Gegenstände beisammen, daß es aussieht, als warteten sie nur auf den kleinsten Vorwand, um sich in ein Chaos zu verwandeln. Mir persönlich kommt es vor, als bräuchte man mich nur in diesen Raum zu schicken, um das Licht anzumachen, allein das würde zu einem Durcheinander führen, in dem man hinterher nicht einmal mehr den Schalter fände. Tatsächlich aber wird alles an seinem Platz festgehalten, und zwar von dem alles einbeziehenden, funktionellen Ordnungssinn eines Menschen, der sichergehen will, daß er findet, was er braucht.

Der Raum ist eine Doppelwelt. Oben der Arbeitstisch, das Werkzeug, der hohe Bürostuhl. Unter der Tischplatte wiederholt sich das Universum in halber Größe. Eine kleine Holzfaserplatte mit Laubsäge, Schraubenzieher, Stemmeisen. Ein kleiner Schemel. Eine Arbeitsplatte. Eine kleine Schraubzwinge. Eine Bierkiste. Eine Zigarrenkiste mit vielleicht dreißig Dosen Humbrol. Jesajas Sachen. Ich bin einmal hiergewesen, als sie gearbeitet haben. Der Mechaniker auf dem Stuhl, über eine Lupe in einer Halterung gebeugt, Jesaja auf dem Fußboden, in Unterhosen, der Welt abhanden gekommen. Es roch nach verbranntem Lötzinn und Epoxyhärter. Und noch etwas war in der Luft, etwas Stärkeres: die totale, selbstvergessene Konzentration. Ich stand vielleicht zehn Minuten still da. Sie schauten nicht ein einziges Mal auf.

Jesaja war für den dänischen Winter nicht gerüstet. Nur gelegentlich nahm sich Juliane zusammen und zog ihn warm genug an. Als ich ihn ein halbes Jahr kannte, hatte er innerhalb von zwei Monaten seine vierte schwere Mittelohrentzündung. Als er aus dem Penicillinrausch wieder auftauchte, war er schwerhörig. Seitdem saß ich vor ihm, wenn ich vorlas, damit er meine Mundbewegungen verfolgen konnte. In dem Mechaniker fand er einen Menschen, mit dem er anders als durch Sprache reden konnte. Seit einigen Tagen trage ich etwas in der Manteltasche mit mir herum, weil ich auf diese Begegnung gewartet habe. Jetzt zeige ich es ihm.

»Was ist das hier?«

Es ist der Saugnapf, den ich aus Jesajas Zimmer mitgenommen habe.

»Ein Saugheber. Glaser benutzen so etwas, wenn sie große Glasstücke transportieren.«

Ich nehme die Sachen aus der Bierkiste. Mehrere geschnitzte Holzstückchen. Eine Harpune, ein Beil. Ein Boot aus einer festen, irgendwie gesprenkelten Holzsorte, vielleicht Birne. Ein umiaq. Er ist außen glattgeschliffen und innen mit einem Hohleisen ausgehöhlt. Eine lange, mühselige, behutsam ausgeführte Arbeit. Dann ein Auto aus gebogenen und zusammengeleimten Aluminiumstreifen, die aus einer fast foliendünnen Platte ausgeschnitten worden sind. Farbige Rohglasstückchen, die man geschmolzen und über einer Glasflamme in die Länge gezogen hat. Mehrere Brillengestelle. Ein Walkman. Die Deckplatte ist verschwunden, aber er ist mit einer Plexiglasplatte und kleinen, angeschraubten Scharnieren kunstgerecht repariert worden. Er liegt in einem handgenähten Plastiketui. Das Ganze sieht aus wie ein Gemeinschaftsprojekt von einem Kind und einem Erwachsenen. Schließlich ein Stapel Kassetten.

»Wo ist sein Messer?«

Er zuckt die Achseln. Gleich darauf trottet er davon. Er ist der hundert Kilo schwere kleine Freund der ganzen Welt — und auch mit dem Hauswart ein Herz und eine Seele. Er hat einen Hauptschlüssel für die Keller und kann kommen und gehen, wie es ihm paßt.

Ich nehme den kleinen Schemel und setze mich an die Tür. Von dort aus kann ich den ganzen Raum überblicken.

Im Internat hatten wir jeder einen Schrank von dreißig mal fünfzig Zentimetern. Er hatte ein Schloß. Der Besitzer hatte einen Schlüssel dazu. Alle anderen knackten es mit einem Stahlkamm.

Die Ansicht, daß Kinder offen sind, daß ihr inneres Wesen sozusagen pur aus ihnen heraussickert, ist weit verbreitet. Das ist falsch. Niemand hält sich bedeckter als ein Kind, niemand muß es so sehr sein. Als Antwort auf eine Welt, die dauernd mit dem Büchsenöffner ankommt, um nachzuschauen, was es in sich hat, und festzustellen, ob es nicht vielleicht gegen eine gängigere Konserve eingetauscht werden sollte. Das erste Bedürfnis, das sich im Internat entwickelte, war — abgesehen von dem permanenten, nie richtig gestillten Hunger — das Bedürfnis nach Ruhe. In einem Schlafsaal herrscht nie Ruhe. Deshalb verlagert sich das Bedürfnis. Es wird zu dem Bedürfnis nach einem Versteck, nach dem Geheimfach.

Ich versuche mich in Jesajas Lage zu versetzen, mir vorzustellen, wo er überall hingekommen ist. Die Wohnung, den Block, den Kindergarten, den Stadtwall. Orte, die man nie gründlich würde absuchen können. Ich halte mich also an das Vorliegende.

Ich sehe mir den Raum an. Sehr gründlich. Ohne etwas zu finden. Außer die Erinnerung an Jesaja. Dann rufe ich mir ins Gedächtnis, wie er die beiden Male ausgesehen hat, als ich hier unten war. Das ist lange her.

Ich habe vielleicht eine halbe Stunde so dagesessen, als das Bild deutlicher wird. Vor einem halben Jahr ist das Gebäude auf Hausschwamm untersucht worden. Die Versicherungsgesellschaft kam mit einem Hund, der auf den Geruch trainiert war. Er fand zwei kleinere Myzellien, die abgeklopft wurden. Hinterher wurden die Stellen eingepinselt. Sie arbeiteten auch in diesem Raum. Sie öffneten die Mauer einen Meter über dem Fußboden. Sie haben sie wieder zugemauert, aber noch nicht, wie die übrige Wand, mit Mörtel verputzt. Unter dem Arbeitstisch, im Schatten, ist ein Quadrat aus sechs mal sechs Steinen.

Trotzdem kann ich es fast nicht finden. Er muß gewartet haben, bis die Arbeiter fertig waren. Dann ist er, als der Mörtel noch feucht war, herangegangen und hat einen der Steine ganz leicht nach innen geschoben. Danach hat er einen Augenblick gewartet und ihn wieder zurückgezogen. Das hat er gemacht, bis der Mörtel trocken war. Ruhig und bedächtig, den ganzen Abend lang, ist er alle Viertelstunde in den Keller geschlendert, um den Stein einen Zentimeter zu verrücken. Denke ich mir. Man kriegt keine Messerklinge zwischen den Stein und den Mörtel. Doch als ich drücke, rutscht der Stein nach innen. Erst verstehe ich nicht, wie er ihn herausbekommen hat, weil man ihn nicht richtig greifen kann. Dann hole ich den Saugnapf aus der Tasche und schaue ihn mir an. Ich kann den Stein nicht nach hinten schieben, denn dann würde er in den Hohlraum der doppelschaligen Mauer fallen. Doch als ich die schwarze Gummischeibe an den Stein ansetze und mit dem kleinen Handgriff einen Unterdruck herstelle, kommt mir der Stein ohne großen Widerstand entgegen. Als ich ihn draußen habe, verstehe ich, warum. Auf der Rückseite ist ein kleiner Stahlnagel eingeschlagen und mit einer dünnen Nylonschnur umwickelt. Auf die Nylonschnur und den Nagel hat Jesaja einen dicken Tropfen Araldit aufgetragen, der inzwischen steinhart ist. Die Schnur führt in die Hohlmauer. An ihrem Ende hängt eine flache, mit einem dicken Gummiband umwickelte Zigarrenkiste. Das Ganze ist wie ein Gedicht technischer Findigkeit.

Ich stecke die Kiste in die Manteltasche. Dann praktiziere ich den Stein wieder zurück.

Ritterlichkeit ist ein Archetypus. Als ich nach Dänemark kam, stellte der Bezirk Kopenhagen eine Klasse von Kindern zusammen, die in der Rugmarkschule bei den Einwandererbaracken der Sozialfürsorge in Sundby auf Amager Dänisch lernen sollten. Ich saß neben einem Jungen der Baral hieß. Ich war sieben und hatte kurzgeschnittene Haare. In den Pausen spielte ich mit den Jungen Ball. Nach vielleicht drei Monaten mußten wir in einer Stunde die Namen unserer Banknachbarn sagen.

»Und die neben dir, Baral, wie heißt die?«

»Er heißt Smilla.«

»Sie heißt Smilla. Smilla ist ein Mädchen.«

Baral sah mich stumm vor Erstaunen an. Nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, veränderte sich sein Verhalten zu mir für den Rest meines halben Jahres an dieser Schule eigentlich nur in einem Punkt wesentlich. Es erweiterte sich jetzt um eine angenehme, höfliche Hilfsbereitschaft.

Diese Hilfsbereitschaft fand ich auch bei Jesaja. Er konnte plötzlich ins Dänische wechseln, um Sie zu mir sagen zu können, als er den diesem Wort innewohnenden Respekt erst einmal begriffen hatte. In den letzten drei Monaten, in denen Julianes Selbstzerstörung zunahm und zielstrebiger war als vorher, kam es hin und wieder vor, daß er am Abend nicht wieder gehen wollte.

»Glauben Sie«, sagte er, »daß ich hier schlafen kann?«

Wenn ich ihn dann geduscht hatte, stellte ich ihn auf den Klodeckel und cremte ihn ein. Von da aus konnte er im Spiegel sein Gesicht sehen, das mißtrauisch dem Rosenduft von Elizabeth Ardens Nachtcreme nachschnüffelte.

Solange er wach war, hat er mich nie berührt. Er nahm nie meine Hand, erwies nie Zärtlichkeiten und bat auch nie darum. Doch im Laufe der Nacht rollte er ab und zu im Tiefschlaf zu mir hin und blieb ein paar Minuten so liegen. An meiner Haut hatte er eine Minierektion, die wie ein Kasperle hochschnellte und wieder verschwand.

In diesen Nächten schlief ich sehr leicht. Bei der kleinsten Veränderung seiner schnellen Atemzüge wachte ich auf. Oft lag ich einfach wach und dachte, die Luft, die ich jetzt einatme, hat er gerade ausgeatmet.

8

Bertrand Russell hat einmal geschrieben, die reine Mathematik sei der Themenbereich, bei dem wir nicht wüßten, wovon wir redeten oder inwieweit das, was wir sagen, wahr oder falsch sei.

So geht es mir mit dem Kochen.

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Meistens esse ich Fleisch. Fettes Fleisch. Von Gemüse und Brot wird mir nicht warm. Ich habe nie einen Überblick über meine Küche, über die Rohwaren und die Grundchemie des Kochens bekommen. Ich habe nur ein einziges Arbeitsprinzip. Ich koche immer warm. Das ist wichtig, wenn man allein ist. Es dient einem mentalhygienischen Zweck. Es erhält einen aufrecht.

Heute dient es noch einem anderen Zweck. Es verschiebt zwei Telefonate. Ich telefoniere nicht gern. Ich will sehen, mit wem ich rede.

Ich stelle Jesajas Zigarrenkiste auf den Tisch. Dann mache ich mich an den ersten Anruf.

Eigentlich hoffe ich, daß es zu spät ist, es ist bald Weihnachten, die Leute sind wahrscheinlich früh nach Hause gegangen.

Ich rufe die Kryolithgesellschaft an. Der Direktor ist noch im Büro. Er stellt sich nicht vor, ist nur eine Stimme, trocken, unverrückbar und abweisend, wie Sand, der durch ein Stundenglas rinnt. Er gibt mir die Auskunft, daß man beschlossen habe, sämtliche Akten dem Reichsarchiv zu übertragen, da der Staat mit im Aufsichtsrat sitze, die Gesellschaft abgewickelt und der Fonds umstrukturiert werde. Das Reichsarchiv bewahrt alle Dokumente zu behördlichen Beschlüssen auf. Einige davon — er kann mir nicht sagen, welche — fallen unter die Kategorie ‘Allgemeine Bestimmungen’ und sind fünfzig Jahre lang geschützt, andere dagegen — auch hier kann er, wie ich ja wohl begreifen könne, nichts sagen, welche — gelten als Personenauskünfte und genießen achtzig Jahre Schutz.

Ich versuche ihn zu fragen, wo die Papiere sind, die Papiere als solche.

Als physische Realität befanden sie sich noch immer im Gewahrsam der Gesellschaft, offiziell aber seien sie bereits in das Reichsarchiv aufgenommen worden, an das ich mich deshalb wenden müsse, und ob er sonst noch etwas für mich tun könne?

»Ja«, sage ich. »Scheren Sie sich zum Teufel!«

Ich ziehe die Gummibänder von Jesajas Kiste herunter.

Die Messer, die ich in der Wohnung habe, sind gerade noch so gefährlich, daß man damit Briefe öffnen kann. Eine Scheibe grobes Brot zu schneiden geht bereits über ihre Leistungsfähigkeit. Für mich brauchen sie auch nicht schlimmer zu sein. An schlechten Tagen verfalle ich sonst nämlich leicht auf den Gedanken, daß man sich ja jederzeit im Bad vor den Spiegel stellen und sich die Kehle durchschneiden kann. Bei solchen Gelegenheiten ist es ganz angenehm, wenn man die zusätzliche Sicherheit hat, daß man sich beim Nachbarn erst ein ordentliches Messer ausleihen muß.

Doch ich begreife die Liebe zu einer blanken Klinge. Irgendwann habe ich Jesaja einen Puma-Skinner gekauft. Er dankte mir nicht. Sein Gesicht verriet keine Überraschung. Er hob den kurzen, breitschneidigen Dolch aus dem grünen Filz, ganz behutsam, und fünf Minuten später ging er. Er wußte und ich wußte, und er wußte, daß ich wußte, daß er in den Keller gegangen war, um sich unter dem Tisch des Mechanikers um seine Neuerwerbung zu krümmen, und daß er Monate brauchen würde, um zu begreifen, daß das sein Messer war.

Jetzt liegt es vor mir, in der Scheide, in der Zigarrenkiste. Mit einem breiten, sorgfältig polierten Hirschhornschaft. In der Kiste sind noch vier andere Dinge. Eine Harpunenspitze, wie sie alle Kinder in Grönland an den verlassenen Siedlungsplätzen finden. Sie wissen, daß sie sie eigentlich für die Archäologen liegenlassen sollten, heben sie aber trotzdem auf und schleppen sie mit sich herum. Eine Bärenklaue, und wie immer grübele ich über die Härte, Schwere und Schärfe dieses einen Nagels nach. Eine Tonbandkassette ohne Hülle, die in eine verblichene grüne, mit Zahlen beschriebene Kladdenseite eingewickelt ist. Ganz oben steht in Blockbuchstaben das Wort ‘Niflheim’.

Dann eine Buskarte. Der Kontrollabschnitt ist herausgenommen worden, so daß die Hülle jetzt als Umschlag für ein Foto dient. Ein Farbfoto, sicher mit einer Instamatic aufgenommen. Im Sommer, und es muß in Nordgrönland sein, denn der Mann hat seine Jeans in die Kamiken gesteckt. Er sitzt in der Sonne, auf einem Stein. Sein Oberkörper ist nackt, am linken Arm trägt er eine große, schwarze Taucheruhr. Er lacht den Fotografen an, und in diesem Augenblick ist er mit jedem Zahn und jeder Lachfalte Jesajas Vater.

Es ist spät geworden. Doch es scheint eine Zeit zu sein, in der wir, die wir den Gesellschaftsapparat in Gang halten, vor Weihnachten noch einmal so richtig ranklotzen, um uns die Gratifikation zu verdienen, die in diesem Jahr aus einer tiefgefrorenen Ente und einem Ohrenküßchen vom Direktor besteht.

Ich schaue im Telefonbuch nach. Die Staatsanwaltschaft für das Amt Kopenhagen hat ihre Büros in der Jens-Kofods-Gade.

Ich weiß nicht genau, was ich Ravn sagen will. Vielleicht drängt es mich einfach nur, ihm zu erzählen, daß ich mich nicht habe überlisten lassen, daß ich nicht aufgegeben habe. Ich brauche ihm bloß zu sagen: Wissen Sie was, Sie kleiner Plumps, Sie sollen nur wissen, daß meine Augen auf Ihnen ruhen.

Ich bin auf jede Antwort vorbereitet.

Bloß nicht auf die, die ich bekomme.

»Hier arbeitet niemand, der so heißt«, sagt eine kalte Frauenstimme.

Ich setze mich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein wenig in den Hörer zu atmen, um die Zeit in die Länge zu ziehen.

»Mit wem spreche ich?« fragt sie.

Ich bin drauf und dran aufzulegen. Doch irgend etwas an der Stimme läßt mich dranbleiben. Sie hat so was Kommunalbürokratisches. So was Engstirniges und Neugieriges. Doch diese Neugierde bringt mich plötzlich auf eine Idee.

»Mit Smilla«, flüstere ich und versuche Zuckerwatte zwischen mich und die Membrane zu schieben. »Von ‘Smillas Saunaklub’. Herr Ravn hatte einen Massagetermin, den er gern ändern wollte …«

»Dieser Ravn, ist der klein und dünn?«

»Wie eine Hopfenstange, Schätzchen.«

»Trägt er große Mäntel?«

»Wie Wohnzelte.«

Ich höre, wie ihr Atem schneller wird. Ich weiß, daß sie blanke Augen hat.

»Das ist der von der Polizei für Wirtschaftskriminalität«, sagt sie.

Jetzt ist sie glücklich. Auf ihre eigene Art. Ich habe ihr das Weihnachtsmärchen des Jahres beschert, gerade passend zum Kaffee und Kuchen mit den Busenfreundinnen morgen früh.

»Sie haben mir wirklich den Tag gerettet«, sage ich. »Falls Sie selbst mal Massage haben möchten …«

Sie legt auf.

Ich nehme meinen Tee mit ans Fenster. Dänemark ist ein reizendes Land. Und die Polizei ist ganz besonders reizend. Und voller Überraschungen. Sie begleitet die Leibgarde zum Schloß Amalienborg. Sie geleitet verirrte Entenküken über die Straße. Und wenn ein kleiner Junge vom Dach fällt, kommt zuerst die Schutzpolizei. Und danach die Kriminalpolizei. Und schließlich läßt sich dann auch noch der Staatsanwalt für besondere Wirtschaftsvergehen vertreten. Das ist beruhigend.

__________

Ich ziehe den Telefonstecker heraus. Für heute habe ich genug telefoniert. Ich habe den Mechaniker irgend etwas mit einem Bananenstecker machen lassen, so daß ich auch die Türklingel abstellen kann. Dann setze ich mich aufs Sofa. Zuerst kommen die Bilder dieses Tages. Die lasse ich gehen. Danach kommen die Erinnerungen aus der Zeit, als ich klein war, mal leicht depressiv, mal schwach lustig, ich lasse sie den anderen hinterherziehen. Dann kommt die Ruhe. In der lege ich eine Platte auf. Dann sitze ich da und weine. Ich weine nicht über etwas oder jemanden. Mein Leben habe ich mir in gewisser Weise selber eingebrockt, und ich will es gar nicht anders haben. Ich weine, weil es im All etwas so Schönes gibt wie Kremer, wenn er Brahms’ Violinkonzert spielt.

9

Ein wissenschaftstheoretischer Standpunkt besagt, daß man genaugenommen nur die Existenz des selbst Erfahrenen als sicher betrachten kann. Folglich kann es nur sehr wenige Leute geben, die sicher sind, daß der Godthåbsvej um fünf Uhr morgens existiert. Jedenfalls sind die Fenster dunkel und leer, die Straßen sind leer, und die Linie 2 ist, bis auf den Fahrer und mich, ebenfalls leer.

Fünf Uhr morgens, das hat etwas Besonderes. Als ob der Schlaf dann seinen Tiefpunkt erreichen würde. Die Parabel der REM-Zyklen kehrt sich um und hievt die Schlafenden zu der Erkenntnis empor, daß es so nicht weitergeht. Die Menschen sind zu diesem Zeitpunkt ungeschützt wie Säuglinge. Da jagen die großen Raubtiere, und die Polizei treibt bei säumigen Zahlern die Knöllchen ein. Und ich nehme die Linie 2 nach Brønshøj, zum Kabbelejevej am Rande von Utterslev Mose, dem sumpfigen Erholungsgebiet um dem Gerichtsmediziner Lagermann einen Besuch abzustatten. Lagermann, wie die dänische Lakritze.

Er hat meine Stimme am Telefon erkannt, bevor ich mich habe vorstellen können, und stößt die Uhrzeit hervor, »halb sieben«, sagt er, »schaffen Sie das?«

Ich komme also kurz vor sechs. Der Mensch hält sein Leben durch die Zeit zusammen. Ändert man sie nur ein klein wenig, passiert fast immer etwas Spannendes.

Der Kabbelejevej ist dunkel. Die Häuser sind dunkel. Das Moor am Ende ist dunkel. Es ist eiskalt, der Bürgersteig ist hellgrau vom Reif, die geparkten Autos haben einen glitzernden weißen Pelz übergezogen. Das schlaftrunkene Gesicht des Gerichtsmediziners dürfte interessant werden.

Ein Haus ist erleuchtet. Nicht einfach nur erleuchtet, sondern illuminiert. Hinter den Fenstern bewegen sich Gestalten, als sei hier schon seit gestern abend Hofball, der noch nicht zu Ende ist. Ich klingele. Smilla, die gute Fee, der letzte Gast vor dem Morgengrauen.

Fünf Personen machen die Tür auf, und zwar auf einmal, und danach verkeilen sie sich in der Türöffnung. Fünf Kinder in der Größenordnung ganz klein bis mittel. Drinnen sind noch mehr. Sie sind für einen Raid angezogen, mit Skistiefeln und Tornister, damit sie die Hände frei haben, um jemandem eine schmieren zu können. Ihre Haut ist milchweiß, sie haben Sommersprossen und kupferrote Haare unter ihren Fußballmützen mit den Wackelohren und strahlen eine Aura von hyperaktivem Vandalismus aus.

Mitten zwischen ihnen steht eine Frau mit der Haut- und Haarfarbe der Kinder, doch von der Größe, der Schulter- und Rückenbreite her eignet sie sich für Rugby. Hinter ihr kommt der Gerichtsmediziner zum Vorschein.

Er ist einen halben Meter kleiner als seine Frau. Er ist fertig angezogen, verbissen und rotäugig morgenfrisch.

Er hebt nicht mal die Augenbrauen, als er mich sieht. Er senkt den Kopf, und wir pflügen uns durch die Zurufe und ein paar Räume, die aussehen, als seien die Völkerwanderung und die wilden Horden über sie hinweggefegt und auf dem Rückweg noch mal vorbeigekommen, dann durch eine Küche, in der man Brote für eine ganze Kaserne geschmiert hat, und durch eine Tür. Als sie zugemacht wird, ist es ganz still, trocken, sehr warm und neonfarbig.

Wir stehen in einem Treibhaus, das als eine Art Wintergarten an das Haus angebaut ist. Abgesehen von ein paar schmalen Pfaden, einer kleinen Plattform mit weiß gestrichenen Eisenmöbeln und einem Tisch gibt es hier nur Beete und Kakteentöpfe. Kakteen in allen Größen, von einem Millimeter bis zu zwei Metern. In allen Schattierungen der Kratzbürstigkeit. Beleuchtet von violetten und blauen Floralampen, die das Wachstum fördern.

»Aus Dallas«, sagt er. »Verdammt gutes Plätzchen, um eine Sammlung anzufangen. Sonst weiß ich allerdings nicht, ob ich es empfehlen kann, nee, wirklich nicht. An einem Samstagabend konnten wir bis zu fünfzig Tötungsdelikte haben. Oft mußte man unten neben der Unfallstation arbeiten. Die war so eingerichtet, daß wir dort gleich obduzieren konnten. Das war praktisch. Man lernte was über Schußwunden und Messerstiche. Meine Frau sagte, ich würde die Kinder nie sehen. Hat ja wirklich auch gestimmt, verdammt noch mal.«

Beim Sprechen schaut er mich unverwandt an.

»Sie kommen verteufelt früh. Nicht, daß es uns was ausmacht, wir sind sowieso auf. Meine Frau hat die Gören in den Kindergarten von Allerød gesteckt. Damit sie ein bißchen in den Wald rauskommen. Sie haben den kleinen Jungen gekannt?«

»Ich war eine Freundin der Familie. Besonders seine.«

Wir setzen uns einander gegenüber.

»Was wollen Sie?«

»Sie haben mir Ihre Karte gegeben.«

Das überhört er ganz einfach. Ich spüre, daß er ein Mensch ist, der zuviel gesehen hat, um sich noch allzuviel mit Umschweifen aufzuhalten. Wenn er etwas hergeben soll, will er Aufrichtigkeit.

Ich erzähle ihm also von Jesajas Höhenangst. Von den Spuren auf dem Dach. Von meinem Besuch bei Professor Loyen. Von Assessor Ravn.

Er zündet sich eine Zigarre an und betrachtet seine Kakteen. Vielleicht hat er nicht verstanden, was ich ihm erzählt habe. Ich bin nicht sicher, daß ich selber es verstanden habe.

»Wir haben das einzige richtige Institut«, erzählt er. »In den anderen sitzen vier Leute und knapsen und kriegen kein Geld für Pipetten und für die weißen Mäuse, denen sie ihre kleinen Zellproben einpflanzen wollen. Wir haben ein ganzes Haus. Wir haben die Pathologen, die Chemiker und Gerichtsgenetiker. Und den ganzen Laden im Keller. Die Lehrverpflichtungen. Wir haben 200 Mitarbeiter, verdammt noch mal. Wir kriegen jährlich 3.000 Akten auf den Tisch. Wenn man in Odense sitzt, hat man vielleicht vierzig Tötungsdelikte gesehen. Hier in Kopenhagen habe ich 1.500 gehabt. Und genauso viele in Deutschland und in den USA. Wenn es in Dänemark drei Leute gibt, die sich Gerichtsmediziner schimpfen dürfen, dann ist das viel. Und zwei, zwei davon, das sind Loyen und ich.«

Neben seinem Stuhl steht ein Kaktus, der eine Form wie ein blühender Baumstumpf hat. Aus dem grünen, langsamen, holzigen, dornigen Gewächs wuchert eine Explosion in Purpur und Orange.

»Am Morgen nach dem Tag, an dem man den Jungen eingeliefert hat, hatten wir viel zu tun. Alkohol am Steuer und Weihnachtsfeiern. Jeden Nachmittag um vier steht uns die Polizei auf den Zehen wegen des Berichts, verdammt noch mal. Um acht fange ich also mit dem Jungen an. Sie sind doch nicht etwa zimperlich, oder? Wir haben schließlich eine Routine. Es ist eine äußerliche Untersuchung. Wir suchen nach Zellgewebe unter den Nägeln, nach Sperma im Dickdarm, und dann machen wir auf und gucken uns die inneren Organe an.«

»Ist die Polizei dabei?«

»Nur in Sonderfallen, wenn zum Beispiel schwerer Mordverdacht besteht. Nicht bei so etwas. Das hier war Standard. Er hatte Regenschutzhosen an. Die halte ich hoch und denke, mit so was macht man normalerweise nicht gerade Weitsprung. Ich habe einen kleinen Trick. Wie man sie in allen Disziplinen entwickelt. Ich halte eine brennende elektrische Birne in die Hosenbeine. Helly Hansen. Solide Sache. Trage ich selber, wenn ich im Garten arbeite. Aber am Schenkel ist eine Perforierung. Ich schaue an dem Jungen nach. Reine Routine. Da sehe ich dann ein Loch. Das hätte mir schon bei der Oberflächenuntersuchung auffallen sollen, das sage ich Ihnen geradeheraus, aber zum Teufel, wir sind schließlich alle nur Menschen. Aber jetzt runzele ich doch die Brauen. Es hat nämlich keine Blutung gegeben, und das Gewebe hat sich nicht zusammengezogen. Wissen Sie, was das heißt?«

»Nein«, sage ich.

»Das heißt, was immer auch passiert ist, es ist passiert, nachdem sein Herz zu schlagen aufgehört hat. Jetzt schaue ich mir also den Regenschutz genauer an. Um das Loch ist ein kleiner Fleck, und irgendwie dämmert mir was. Ich hole eine Biopsienadel. Eine Art Kanüle, aber dick, die man an einen Griff montiert und ins Gewebe jagt, um eine Probe zu entnehmen. Wie Geologen Bohrkerne entnehmen. Werden vor allem drüben im August-Krogh-Institut von den Sportphysiologen massig benutzt. Sie paßt, verdammt noch mal. Der Kreis an dem Regenschutz könnte entstanden sein, weil jemand es eilig hatte und sie mit einem ordentlichen Ruck reingejagt hat.«

Er lehnt sich zu mir herüber.

»Ich fresse einen Besen, wenn da nicht jemand eine Muskelbiopsie an ihm vorgenommen hat.«

»Der Notarzt?«

»Habe ich auch gedacht. Das wäre zwar verdammt unerklärlich, aber wer sonst? Ich rufe an und erkundige mich. Ich spreche mit dem Fahrer. Und mit dem Arzt. Und mit dem Wachhabenden bei uns, der bei der Aufnahme dabei war. Die schwören bei ihrer Seligkeit, daß sie nichts Derartiges gemacht haben.«

»Weshalb hat Loyen mir das nicht erzählt?«

Einen Augenblick lang ist er drauf und dran, es mir zu sagen. Dann ist die Vertrautheit zwischen uns plötzlich unterbrochen.

»Das muß wirklich ein verdammter Zufall sein.«

Er macht die Floralampen aus. Wir sind auf allen vier Seiten von Nacht umgeben gewesen. Jetzt wird spürbar, daß trotz allem eine Art Tageslicht anbrechen wird. Das Haus ist jetzt still. Es japst lautlos, um Luft für das nächste Armageddon zu holen.

Ich mache auf den schmalen Pfaden eine kurze Runde. Kakteen haben etwas Trotziges an sich. Die Sonne will sie unten halten, und ebenso der Wüstenwind, die Trockenheit und der Nachtfrost. Trotzdem drängeln sie nach oben. Sie sträuben sich, verschanzen sich hinter einer dicken Schale. Und geben keinen Millimeter nach. Ich hege Sympathie für sie.

Lagermann erinnert an seine Pflanzen. Vielleicht sammelt er ja deswegen Kakteen. Ohne seine Lebensgeschichte zu kennen, sehe ich, daß er sich wohl durch einige Kubikmeter Schotter hat drücken müssen, um ans Licht zu kommen.

Wir stehen vor einem Beet mit grünen Seeigeln, die aussehen, als hätten sie in einem Sturm aus Baumwollwatte gestanden. »Pilocereus senilis«, sagt er.

Daneben steht eine Reihe von Töpfen mit kleineren grünen und violetten Gewächsen.

»Mescalin. Selbst die Großen — sagen wir der Botanische Garten von Mexico City oder das Cesar-Manrique-Kakteenmuseum auf Lanzarote — haben nicht mehr. Eine kleine Scheibe, und man ist weit, weit weg. Nicht gerade empfehlenswert. Ich bin ein Vernunftsmensch. Rationalist. Wir untersuchen das Gehirn. Schneiden eine Scheibe heraus. Hinterher legt unser Mitarbeiter den Knochen wieder an seinen Platz und zieht die Kopfhaut drüber. Nichts zu sehen. Ich habe Tausende von Gehirnen gesehen. Ist nichts Mystisches dran. Das Ganze ist wirklich bloß Chemie, verdammt noch mal. Wenn man nur genug darüber weiß. Was glauben Sie, warum ist er auf dem Dach herumgelaufen?«

Zum erstenmal habe ich Lust, eine ehrliche Antwort zu geben.

»Ich glaube, daß jemand hinter ihm her war.«

Er schüttelt den Kopf.

»Sieht einem Kind nicht ähnlich, so weit zu flüchten. Meine setzen sich hin und heulen. Oder schnappen ein.«

Der Mechaniker hat einmal für Jesaja ein Fahrrad überholt. Jesaja hatte in Grönland nicht Fahrrad fahren gelernt. Als er es konnte, zog er los. Der Mechaniker fand ihn zehn Kilometer weiter auf dem Gammel-Køge-Landevej, mit Stützrädern und mit Butterbroten auf dem Gepäckträger. Auf dem Heimweg nach Grönland. Er hatte die Richtung genommen, in die Juliane irgendwann mal im Delirium zum Krankenhaus von Hvidovre gebracht worden war.

Von meinem siebten Lebensjahr an, als ich zum erstenmal nach Dänemark kam, bin ich, bis ich dreizehn war und aufgab, öfter abgehauen, als ich mich erinnern kann. Zweimal kam ich bis Grönland, einmal weiter bis Thule. Man muß sich nur an eine Familie anhängen und aussehen, als säße die Mutti im Flugzeug fünf Sitze weiter vorn, oder sich ein bißchen weiter hinten in die Schlange stellen. Die Welt ist voller Räubergeschichten von entflogenen Papageien, entlaufenen Perserkatzen und französischen Bulldoggen, die wunderbarerweise zu Herrchen und Frauchen in der Frydenholms Allé zurückgefunden haben. Das ist nichts gegen die Kilometer, die Kinder auf ihrer Suche nach einem ordentlichen Leben zurückgelegt haben.

All das hätte ich Lagermann vielleicht erklären können. Aber ich tue es nicht.

Wir stehen im Flur zwischen Stiefeln, Schlittschuhschonern, Proviantresten und allen möglichen anderen Gegenständen, die die Kampftruppen zurückgelassen haben.

»Und was jetzt?«

»Ich suche«, sage ich, »nach dem logischen Zusammenhang, von dem Sie eben geredet haben. Bis ich den gefunden habe, will sich die Weihnachtsstimmung nicht so richtig einstellen.«

»Müssen Sie nicht zur Arbeit?«

Ich antworte nicht. Plötzlich zieht er alle Stacheln ein. Jetzt redet er, ohne zu fluchen.

»Ich habe haufenweise Familienangehörige erlebt, die in ihrer Trauer durchgedreht sind. Haufenweise Privattalente, die es besser machen wollten als wir und die Polizei. Ich habe mir ihre Ideen und ihre Hartnäckigkeit angeschaut und mir gesagt, ich gebe fünf Minuten Garantie. Bei Ihnen bin ich mir nicht so sicher …«

Ich versuche ein Lächeln, das seinen Optimismus erwidern soll. Aber es ist zu früh am Morgen, auch für mich.

Statt dessen entdecke ich plötzlich, daß ich mich zu ihm umgedreht und ihm eine Kußhand zugeworfen habe. Von Wüstenpflanze zu Wüstenpflanze.

__________

Ich bin kein Kenner von Automarken. Meinetwegen könnte man alle Autos der Welt durch eine hydraulische Presse jagen, sie aus der Stratosphäre rausdrücken und in Umlaufbahnen um den Mars schicken. Ausgenommen natürlich die Taxis, die zur Verfügung stehen müssen, wenn ich sie brauche.

Ich habe jedoch eine gewisse Vorstellung davon, wie ein Volvo 840 aussieht. Volvo hat während der letzten Jahre das Golfturnier ‘Europe Tour’ gesponsert und meinen Vater in verschiedenen Werbespots benutzt, in einer Kampagne mit Männern und Frauen, die es international geschafft haben. Auf einem Bild steht er mitten in einem Swing vor der Terrasse des Golfklubs von Søllerød, auf einem anderen sitzt er im weißen Kittel vor einem Instrumententablett und hat einen Ausdruck in den Augen, als wollte er sagen: Ich schaffe das schon, und wenn Sie von mir verlangen, daß ich Ihnen eine Blockade direkt, peng, in die Hypophyse spritze! Beide Male hatte er sie dazu gebracht, ihn genau aus dem Winkel aufzunehmen, aus dem er aussieht wie Picasso mit Toupet, und der Text lautete ‘Die Unfehlbaren’, oder so ähnlich. Drei Monate lang hat mich die Reklame an Bussen und in S-Bahnhöfen daran erinnert, was ich selber dem Text vielleicht hätte hinzufügen können. In meinem Kopf zerdrückte der Text das kantige und irgendwie geschrumpfte Profil eines Volvo 840.

Wenn die Temperatur vor Sonnenaufgang so steigt, wie sie das heute getan hat, verdunstet der Reif von den Autos zuletzt auf dem Dach und über den Scheibenwischern. Eine Banalität, die den wenigsten auffallt. Das Auto am Kabbelejevej, auf dem kein Reif liegt, weil er weggewischt worden oder das Auto erst vor kurzem unterwegs gewesen ist, ist ein blauer Volvo 840.

Man kann sich sicher viele gute Gründe dafür ausdenken, daß hier jemand zwanzig Minuten nach sechs parkt. Im Moment fällt mir allerdings keiner ein. Ich gehe also zu dem Auto, lehne mich über die Kühlerhaube und gucke durch die getönte Windschutzscheibe. Zuerst komme ich fast nicht ran. Aber wenn ich in eine Felge steige, bin ich in Höhe des Fahrersitzes. Dort sitzt ein Mann und schläft. Ich bleibe eine Zeitlang stehen, aber er wechselt seine Stellung nicht. Also steige ich schließlich wieder runter und trolle mich zum Brønshøj Torv.

Schlaf ist wichtig. Heute morgen hätte ich mir eigentlich auch ein paar Stunden mehr vorstellen können. Aber dazu hätte ich mir keinen Volvo am Kabbelejevej ausgesucht.

__________

»Mein Name ist Smilla Jaspersen.«

»Meine Einkäufe vom Lebensmittelladen?«

»Nein, Smilla Jaspersen.«

Es stimmt nicht ganz, daß Telefongespräche die schlechteste Kommunikation sind, die es gibt. Mit einer Gegensprechanlage sind wir dem Rekord doch noch ein bißchen näher. Damit sie dem Rest des hohen, silbergrauen und herrschaftlichen Hauses keine Schande macht, ist sie aus oxydiertem Aluminium und in Muschelform gegossen. Leider hat sie auch das Brausen der weiten Meere aufgesogen und legt es jetzt über unser Gespräch.

»Die Putzfrau?«

»Nein«, sage ich. »Auch nicht die Fußpflegerin. Ich habe ein paar Fragen über die Kryolithgesellschaft.«

Elsa Lübing gönnt sich eine Pause. Das kann man sich erlauben, wenn man am richtigen Ende der Gegensprechanlage steht. Dort, wo es warm ist und der Türsummer sitzt.

»Das kommt mir wirklich ungelegen. Sie müssen schon schreiben oder ein andermal wiederkommen.« Sie hat aufgehängt.

Ich trete einen Schritt zurück und schaue hoch. Das Haus steht für sich allein, im Vogelviertel von Frederiksberg, am Ende des Hejrevej. Es ist hoch. Elsa Lübing wohnt im sechsten Stock. Der Balkon im fünften hat gußeiserne Verzierungen, die von Blumenkästen verdeckt werden. Aus dem Namensschild geht hervor, daß es sich bei den Blumenliebhabern um das Ehepaar Schou handelt. Ich drücke kurz und autoritativ auf die Klingel.

»Ja?« Die Stimme ist mindestens achtzig.

»Der Bote vom Blumenhändler. Ich habe einen Strauß für Frau Lübing abzugeben, aber sie ist nicht zu Hause. Würden Sie mich bitte reinlassen?«

»Tut mir leid. Wir haben die strenge Auflage, für die anderen Wohnungen niemanden hereinzulassen.«

Mich bezaubern Leute, die noch mit achtzig strenge Auflagen erfüllen.

»Frau Schou«, sage ich. »Es sind Orchideen. Frisch aus Madeira eingeflogen. Die verschmachten hier unten in der Kälte.«

»Das ist ja schrecklich!«

»Gräßlich«, sage ich. »Aber ein kleiner Druck auf Ihr kleines Knöpfchen könnte sie in die Wärme bringen, wo sie hingehören.«

Sie drückt.

Der Fahrstuhl ist einer von der Sorte, bei der man Lust kriegt, einfach so sieben-, achtmal hoch und runter zu fahren, nur um das kleine eingebaute Plüschsofa, das polierte Palisanderholz, das goldene Gitter und die sandgestrahlten Putten der Glasscheiben zu genießen, hinter denen man das Kabel und das Gegengewicht in die Tiefe sinken sieht.

Die Tür der Lübing ist geschlossen. Unten hat Frau Schou ihre Tür aufgemacht, um zu hören, ob das mit den Orchideen vielleicht nur ein Vorwand für eine schnelle Weihnachtsvergewaltigung gewesen ist.

In meiner Tasche habe ich zwischen Geldscheinen und Mahnzetteln der Universitätsbibliothek ein Papier. Das lasse ich durch den Briefschlitz fallen. Danach warten Frau Schou und ich.

Die Tür hat einen Messingbriefschlitz, ein handgemaltes Namensschild und eine Füllung in Weiß und Grau.

Sie geht auf. Im Türrahmen steht Elsa Lübing.

Sie läßt sich viel Zeit, mich anzuschauen.

»Ja«, sagt sie schließlich, »zudringlich sind Sie ja.«

Sie tritt zur Seite. Ich gehe an ihr vorbei. In die Wohnung. Elsa Lübing hat die Farben des Hauses. Poliertes Silber und frische Sahne. Sie ist sehr groß, über einen Meter achtzig, und sie hat ein langes, einfaches weißes Kleid an. Ihre Haare trägt sie aufgesteckt, ein paar lose Löckchen ringeln sich wie eine Kaskade aus blankem Metall an ihren Wangen entlang. Kein Make-up, kein Parfüm und kein Schmuck, abgesehen von einem Silberkreuz, das direkt unter ihrem Hals hängt. Ein Engel. Einer von der Sorte, der man es beruhigt überlassen kann, irgend etwas mit einem Flammenschwert zu bewachen.

Sie schaut sich den Brief an, den ich ihr hineingeworfen habe. Es ist Julians Rentenbescheid.

»An diesen Brief erinnere ich mich sehr gut«, sagt sie.

An der Wand hängt ein Gemälde. Vom Himmel fließt ein Strom langbärtiger Greise, kleiner, fetter Kinder, von Obst, Füllhörnern, Herzen, Ankern, Königskronen und Kanonen auf die Erde herab, dazu ein Text, den man versteht, wenn man Latein kann. Dieses Bild ist der einzige Luxus. Ansonsten hat der Raum nackte weiße Wände, einen Parkettboden mit einem Wollteppich, einen Eichentisch, einen niedrigeren runden Tisch, ein paar hochlehnige Sessel, ein Sofa, ein hohes Bücherregal und ein Kruzifix.

Mehr ist nicht notwendig. Denn hier gibt es etwas anderes. Hier hat man eine Aussicht, die man sonst nur bekommt, wenn man Pilot ist, und nur aushalten kann, wenn man schwindelfrei ist. Die Wohnung scheint im wesentlichen aus einem einzigen, sehr großen und hellen Raum zu bestehen. Zum Balkon hin hat der Raum in seiner ganzen Breite eine Glaswand. Dahinter sieht man ganz Frederiksberg, Bellahøj und, weit weg, die Hochhäuser von Høje Gladsaxe. Durch die Scheibe fällt das Licht des Wintermorgens so hell und weiß, als seien wir draußen. Zur anderen Seite hat der Raum ein großes Fenster. Dahinter sieht man über endlose Reihen von Dächern hinweg die Türme von Kopenhagen. Hoch über der Stadt stehen wie in einer Glasglocke Elsa Lübing und ich und versuchen, uns aneinander heranzutasten.

Sie bietet mir einen Bügel für mein Cape an. Unwillkürlich ziehe ich die Schuhe aus. Irgend etwas in dem Raum fordert dazu auf. Wir setzen uns in zwei hochlehnige Sessel.

»Um diese Zeit«, bemerkt sie, »bete ich für gewöhnlich.«

Sie sagt das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als sei sie zu dieser Zeit für gewöhnlich mitten im Fitneßprogramm der Herzliga.

»Sie haben sich also — unwissentlich — eine ungelegene Zeit ausgesucht.«

»Ich habe in dem Brief Ihren Namen gelesen und Sie im Telefonbuch nachgeschlagen«, erwidere ich.

Sie schaut sich das Papier noch einmal an. Dann nimmt sie die schmale Lesebrille mit den dicken Gläsern ab.

»Ein tragisches Unglück. Vor allem für das Kind. Ein Kind muß beide Eltern um sich haben. Das ist einer der praktischen Gründe dafür, daß die Ehe heilig ist.«

»Das hätte Herr Lübing sicher gern gehört.«

Wenn ihr Mann tot ist, beleidige ich mit dem Konjunktiv niemanden. Wenn er noch lebt, ist das ein geschmackvolles Kompliment.

»Es gibt keinen Herrn Lübing«, sagt sie. »Ich bin eine Braut Jesu.«

Sie sagt das ernst und zugleich kokett, so als hätten sie vor ein paar Jahren geheiratet und die Beziehung sei sehr glücklich und anscheinend von Dauer.

»Das heißt jedoch nicht, daß die Liebe zwischen Mann und Frau für mich nicht etwas Göttliches ist. Aber eben doch nur ein Stadium auf dem Weg. Ein Stadium, das ich mir zu überspringen erlaubt habe, wenn ich das so sagen darf.«

Sie schaut mich an. Aus ihrem Blick spricht so etwas wie hintergründiger Humor.

»Wie wenn man in der Schule eine Klasse überspringt.«

»Oder«, sage ich, »wie wenn man bei der Kryolithgesellschaft Dänemark den Sprung von der Buchhalterin zur Leiterin der Buchhaltung macht.«

Als sie lacht, ist ihr Lachen so tief wie das eines Mannes.

»Liebes Fräulein«, sagt sie, »sind Sie verheiratet?«

»Nein, auch nie gewesen.«

Wir rücken einander näher. Zwei reife Frauen, die beide wissen, was es heißt, ohne Männer zu leben. Sie scheint das besser zu verkraften als ich.

»Der Junge ist tot«, sage ich. »Vor vier Tagen ist er von einem Dach heruntergefallen.«

Sie steht auf und geht zur Glaswand. Wenn man so gut und würdevoll aussehen könnte, müßte das Altwerden eigentlich ein Vergnügen sein. Ich lasse den Gedanken fallen. Allein schon die Mühe, die dreißig Zentimeter zu wachsen, die sie größer ist als ich.

»Ich habe ihn ein einziges Mal gesehen«, sagt sie. »Wer ihn kennengelernt hat, hat begriffen, warum geschrieben steht, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so wird euer nicht das Himmelreich. Ich hoffe, die arme Mutter findet zu Jesus Christus.«

»Nur, wenn er ganz unten in der Flasche anzutreffen ist.«

Sie sieht mich an, ohne zu lächeln.

»Er ist überall. Auch da unten.«

Anfang der sechziger Jahre hatte die christliche Mission in Grönland noch etwas von dem bebenden Nerv des Imperialismus. Die Zeit danach und vor allem Thule Airbase haben uns, die Grönländer, von den Außenposten der Religion mit Containern voller Pornohefte, Whisky und der Nachfrage nach Halbprostitution in einer Leere aus Staunen sitzenlassen. Ich habe das Gespür dafür verloren, wie man gläubige Europäer angeht.

»Wie haben Sie Jesaja kennengelernt?«

»Ich habe in der Gesellschaft meinen bescheidenen Einfluß geltend gemacht, um den Kontakt zu den Grönländern auszubauen. Unser Tagebau in Saqqaq war, genauso wie die Mine der Kryolithgesellschaft Öresund in Ivittuut, ein Sperrgebiet. Die Arbeitskräfte kamen aus Dänemark. Die einzigen Grönländer, die wir anstellten, waren die Putzfrauen, die kivfakker, wie man sie mit einer dänischen Verballhornung des grönländischen Die anderen dienen nannte. Nach der Eröffnung der Mine wurde sehr auf die strenge Trennung von Dänen und Eskimos geachtet. Ich habe in dieser Situation versucht, die Aufmerksamkeit auf das Gebot der Nächstenliebe zu lenken. In jahrelangen Abständen haben wir im Zusammenhang mit den geologischen Expeditionen dann auch mal Eskimos angestellt. Bei einer solchen Expedition ist Jesajas Vater umgekommen. Obwohl seine Frau ihn und das Kind verlassen hatte, trug er weiterhin zu ihrem Lebensunterhalt bei. Als der Aufsichtsrat die Rente bewilligt hatte, bat ich sie und das Kind ins Büro. Dort habe ich ihn gesehen.«

Bei dem Wort bewilligen fällt mir etwas ein.

»Warum hat man ihr eine Rente gegeben? War man rechtlich dazu verpflichtet?«

Sie zögert einen Augenblick.

»Verpflichtet wohl kaum. Ich kann nicht ausschließen, daß man sich dabei von meinem Rat hat beeinflussen lassen.«

Ich sehe noch eine Seite von Fräulein Lübing. Die Macht. So ist das vielleicht mit den Engeln. Vielleicht hat auch der liebe Gott im Paradies irgendwie unter Druck gestanden.

Ich bin neben sie getreten. Frederiksberg, das Viertel um den Platz der Wiedervereinigung, Brønshøj, der Schnee läßt alles wie ein Dorf aussehen. Der Hejrevej ist kurz und schmal. Er führt auf den Duevej. Auf dem Duevej stehen viele geparkte Autos. Eines davon ist ein blauer Volvo 840. Die Produkte der Volvofabriken kommen schließlich weit herum. Das müssen sie wohl auch, damit es sich der Konzern leisten kann, ‘Europe Tour’ zu sponsern. Und das Honorar zu bezahlen, mit dem mein Vater angibt. Er hat sich die Aufnahmen nämlich teuer bezahlen lassen.

»Woran ist Jesajas Vater denn gestorben?«

»Lebensmittelvergiftung. Sie interessieren sich für die Vergangenheit, Fräulein Jaspersen?«

Jetzt muß ich mich entschließen, ob ich sie mit einer frisierten Geschichte füttern will oder es mit dem mühsamen Weg der Wahrheit versuchen soll. Auf dem niedrigen Tisch liegt die Bibel. Ein grönländischer Katechet in der Sonntagsschule der Herrnhuter Mission war von den Schriftrollen vom Toten Meer fasziniert. Ich denke an den Klang seiner Stimme: ‘Und Jesus sagte: Ihr sollt nicht lügen.’ Ich lasse mir den Gedanken eine Warnung sein.

»Ich glaube, daß ihn jemand erschreckt hat, daß ihn jemand auf das Dach verfolgt hat, von dem er heruntergefallen ist.«

Ihr Gleichgewicht wankt keine Sekunde. Während der letzten Tage bewege ich mich ständig unter Menschen, die das, was mich am allermeisten erstaunt, mit der größten Gemütsruhe aufnehmen. »Der Teufel hat mannigfaltige Gestalten.«

»Nach einer dieser Gestalten suche ich.«

»Mein ist die Rache, sagt der Herr.«

»Diese Gerechtigkeit liegt mir in zu weiter Ferne.«

»Ich meine verstanden zu haben, daß man auf kürzere Sicht die Polizei hat.«

»Die hat den Fall abgeschlossen.«

Sie starrt mich an.

»Tee«, sagt sie. »Ich habe Ihnen noch gar nichts angeboten.« Auf dem Weg zur Küche dreht sie sich in der Tür um.

»Sie kennen das Gleichnis von den anvertrauten Talenten? Es geht dabei um die Loyalität. Es gibt eine Loyalität sowohl gegenüber dem Irdischen als auch dem Himmlischen. Ich bin fünfundvierzig Jahre lang bei der Kryolithgesellschaft angestellt gewesen. Verstehen Sie das?«

»Alle zwei oder drei Jahre schickte die Gesellschaft eine geologische Expedition nach Grönland.«

Wir trinken Tee, vom Trankebarservice, und aus einer Georg-Jensen-Kanne. Elsa Lübings Geschmack entpuppt sich bei näherem Hinsehen eher als einfach denn als demütig.

»Die Expedition im Sommer 1991 zum Gela Alta an der Westküste kostete 1 870 747 Kronen und 50 Öre. Davon wurde die eine Hälfte in Dänenkronen, die andere in ‘Cap York Dollars’ gezahlt, der Währung der Gesellschaft, die nach Knud Rasmussens Thuler Geschäft von 1910 benannt war. Das ist alles, was ich Ihnen erzählen kann.«

Ich setze mich mit Vorsicht. Ich habe mir bei Rohrmann am Ordrupvej in meine Feinlederhosen Seidenfutter einnähen lassen. Die Rohrmann macht das sehr ungern. Sie sagt, die Nähte reißen aus. Aber ich bestehe darauf. Mein Dasein beruht auf den kleinen Freuden. Ich will die seidige Vereinigung aus Kühle und Wärme an den Schenkeln spüren. Der Preis ist allerdings so, daß ich mich behutsam hinsetzen muß. Das Hin- und Herscheuern auf der Unterlage belastet die Nähte. Das ist mein kleines Problem bei diesem Gespräch. Fräulein Lübing hat ein größeres. Es steht geschrieben, so ungefähr jedenfalls, daß man aus seinem Herzen keine Mördergrube machen soll, und das weiß sie, und deshalb steht sie jetzt unter einem gewissen Druck.

»Ich bin 1947 zur Kryolithgesellschaft gekommen. Als mir Fabrikant Virl am 17. August mitteilte: Sie bekommen 240 Kronen im Monat, freies Mittagessen und drei Wochen Sommerferien, habe ich nichts gesagt. Aber insgeheim habe ich gedacht, es ist also wahr. Schau dir die Vögel des Himmels an. Sie säen nicht. Sollte er dann nicht auch für dich sorgen? Bei Grøn & Witzke am Kongens Nytorv, wo ich herkam, hatte ich 187 Kronen im Monat.«

Das Telefon steht neben der Eingangstür. Dazu sind zwei Dinge anzumerken. Erstens, daß der Stecker herausgezogen ist, und zweitens, daß daneben kein Block, kein Telefonverzeichnis und kein Bleistift liegt. Das habe ich schon beim Hereinkommen gesehen. Jetzt beginne ich zu begreifen, was sie mit den zufälligen Telefonnummern macht, die wir anderen an die Wand und auf den Handrücken schreiben oder der Vergessenheit anheimgeben. Sie steckt sie in ihr sagenhaftes Zahlengedächtnis.

»Seitdem hat meines Wissens niemand Grund gehabt, sich über die Großzügigkeit oder Offenheit der Gesellschaft zu beklagen. Und was vorher gewesen war, wurde korrigiert. Als ich kam, gab es sechs Kantinen. Eine Werkkantine für die Arbeiter, eine Kantine für die Büroangestellten, eine für die Handwerker, eine für die Bürovorsteher und den Leiter der Buchhaltung, eine für die wissenschaftlichen Mitarbeiter drüben in den Laborgebäuden und eine für den Direktor und den Aufsichtsrat. Aber das hat sich bald geändert.«

»Sie haben Ihren Einfluß geltend gemacht?« schlug ich vor.

»Wir hatten im Aufsichtsrat ja mehrere Politiker. Irgendwann auch unseren berühmten Sozialdemokraten Steincke. Da ich nun Zeuge eines Zustands war, der gegen mein Gewissen ging, ging ich zu ihm — am 17. Mai 1957, nachmittags um vier, an dem Tag, an dem ich zur Leiterin der Buchhaltung ernannt worden war. Ich sagte: ‘Ich weiß nichts über den Sozialismus, Herr Steincke. Aber ich höre, daß er in gewissen Zügen mit der Lebensführung der christlichen Urgemeinde übereinstimmt. Deren Mitglieder haben, was sie besaßen, den Armen gegeben und miteinander wie Brüder und Schwestern gelebt. Wie lassen sich diese Gedanken mit sechs Kantinen vereinbaren, Herr Steincke?’ Er antwortete mit der Bibel. Er sagte, man müsse Gott geben, was Gottes sei, aber auch dem Kaiser, was des Kaisers sei. Doch nach einigen Jahren gab es nur noch die Werkkantine.«

Als sie den Tee einschenkt, nimmt sie ein Sieb, um zu verhindern, daß Teeblätter durchrutschen. Unter der Tülle der Kanne klebt ein bißchen Watte, damit der Tee nicht auf den Tisch tropft. In ihrem Innern vollzieht sich etwas Ähnliches. Was sie ärgert, ist die ungewohnte Arbeit, aussieben zu müssen, was nicht zu mir durchtropfen darf.

»Wir sind — waren — ja teilweise staatlich. Nicht halbstaatlich wie die Kryolithgesellschaft Öresund. Aber der Staat war im Aufsichtsrat vertreten und hatte 33,33 Prozent der Aktien. Auch bei den Jahresbilanzen herrschte große Offenheit. Es wurden ja von allem Durchschläge auf altmodischem Durchschlagpapier gemacht.« Sie lächelt. »Das an das berühmte Toilettenpapier Nummer 00 erinnerte. Teile der Jahresbilanz wurden von der Rechnungsabteilung im Ministerium durchgesehen, der Institution, die am 1. Januar 1976 zum Reichsrechnungshof gemacht wurde. Das Problem war die Zusammenarbeit mit den Privatunternehmen. Mit der Svenska Diamantborrningsaktiebolag, mit Greenex und mit der Zeit auch mit der Grönländischen Gesellschaft für Geologische Untersuchungen. Es waren die halben und viertel Stellen. Das machte die Beziehungen kompliziert. Und es gab ja auch noch die Hierarchie. Die muß es freilich in jedem Unternehmen geben. Es gab Bereiche der Buchhaltung, zu denen nicht einmal ich Zugang hatte. Ich hatte meine Bücher in graues Moleskin mit rotem Druck gebunden. Wir haben sie in einem Tresor im Archiv. Aber es gab auch eine kleinere, vertrauliche Buchhaltung. Die muß es ja geben. Das kann in einem großen Unternehmen ja gar nicht anders sein.«

‘Haben sie im Archiv’. Das ist Gegenwart.

»Ich bin vor zwei Jahren pensioniert worden. Seitdem stehe ich als Buchhaltungsexpertin mit dem Unternehmen in Verbindung.«

Ich versuche es ein letztes Mal.

»An der Abrechnung für die Expedition vom Sommer 1991, war an der etwas Besonderes?«

Einen Augenblick bilde ich mir ein, fast an sie heranzukommen. Dann rutschen die Filter vor.

»Ich kann mich auf mein Gedächtnis nicht ganz verlassen.«

Ich dränge noch ein letztes Mal. Was taktlos und von vornherein zum Mißlingen verdammt ist.

»Kann ich das Archiv sehen?«

Sie schüttelt nur den Kopf.

Meine Mutter rauchte eine Shagpfeife aus alten Patronenhülsen. Sie log nie. Wenn sie jedoch eine Wahrheit verbergen wollte, kratzte sie die Pfeife aus, steckte das Ausgekratzte in den Mund, sagte mamartoq, herrlich, und tat danach so, als sei sie außerstande zu sprechen. Verschweigen ist auch eine Kunst.

__________

»War es«, frage ich, während ich mir die Schuhe anziehe, »für eine Frau nicht schwierig, in den fünfziger Jahren in einem großen Unternehmen für die Buchhaltung verantwortlich zu sein?«

»Der Herr hat mir seine Gnade erwiesen.«

Ich denke mir, daß der Herr in Elsa Lübing ein schlagkräftiges Instrument zur Durchsetzung seiner Gnade gehabt hat.

»Was läßt Sie annehmen, daß der Junge gejagt worden ist?«

»Auf dem Dach, von dem er heruntergefallen ist, lag Schnee. Ich habe die Spuren gesehen. Ich habe ein Gespür für Schnee.«

Sie sieht müde vor sich hin. Plötzlich ist ihre Gebrechlichkeit sichtbar.

»Der Schnee ist ein Bild für die Unbeständigkeit«, sagt sie. »Wie im Buch Hiob.«

Ich habe mein Cape angezogen. Ich bin keine Bibelkennerin. Doch am Fliegenfänger des Gehirns bleiben zuweilen sonderbare Bruchstücke der Kindergelehrsamkeit kleben.

»Ja«, sage ich. »Und für das Licht der Wahrheit. Wie in der Offenbarung. ‘Sein Haupt aber und sein Haar waren weiß wie der Schnee.’«

Sie sieht zerquält aus, als sie die Tür hinter mir schließt. Smilla Jaspersen. Der liebe Gast. Die Lichtspenderin. Wenn sie abzieht, herrschen blauer Himmel und blendende Laune.

Als ich auf den Hejrevej hinaustrete, knackt es in der Gegensprechanlage.

»Wären Sie so nett, noch mal heraufzukommen?«

Ihre Stimme ist heiser. Aber das liegt an dem Unterwassertelefon.

Ich nehme also noch einmal den Fahrstuhl. Und sie empfängt mich noch einmal an der Tür. Doch nichts ist wie zuvor, wie Jesus irgendwo sagt.

»Ich habe eine Angewohnheit«, sagt sie. »Ich schlage aufs Geratewohl die Bibel auf, wenn ich im Zweifel bin. Um einen Wink zu bekommen. Ein kleines Spielchen zwischen Gott und mir, wenn Sie wollen.« Bei einem anderen Menschen hätte diese Angewohnheit aussehen können wie eine der kleinen, punktuellen Funktionsstörungen, die Europäer überkommen, wenn sie zuviel allein sind. Aber nicht bei ihr. Sie ist nie allein. Sie ist mit Jesus verheiratet.

»Vorhin, als Sie die Tür zugemacht hatten, habe ich sie aufgeschlagen. Sie öffnete sich auf der ersten Seite der Offenbarung. Die Sie erwähnt hatten. ‘Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.’« Eine Weile lang stehen wir da und schauen uns an.

»Die Schlüssel des Totenreiches«, sagt sie. »Wie weit wollen Sie gehen?«

»Versuchen Sie’s!«

Einen Augenblick noch kämpft etwas in ihr.

»Es gibt im Keller unter der Villa am Strandboulevard ein doppeltes Archiv. Im ersten liegen die Bücher und der Schriftwechsel. In dieses Archiv kommen die Prokuristen, die Buchhalter, ich und manchmal auch die Bürovorsteher. Das zweite liegt hinter dem ersten. Dort werden die Expeditionsberichte aufbewahrt. Bestimmte mineralogische Proben. Und dort ist auch eine ganze Wand mit Meßtischblättern. Ein Stativ für Bohrkerne, für die geologischen Bohrungen, etwa von der Größe eines Narwalzahns. Dort hat man im Prinzip nur mit Erlaubnis des Aufsichtsrats oder des Direktors Zugang.«

Sie kehrt mir den Rücken zu.

Mir ist angemessen feierlich zumute. Sie ist dabei, eine der — zweifellos sehr wenigen — Regelverstöße ihres Lebens zu begehen.

»Ich kann Ihnen natürlich nicht sagen, daß die Schlüssel überall passen. Oder daß der Abloyschlüssel dort am Brett bei der Tür für die Haupttür ist.«

Ich drehe langsam den Kopf. Hinter mir hängen, an kleinen Messinghaken, drei Schlüssel. Einer davon ist ein Abloy.

»Die Villa als solche hat keine Alarmanlage. Der Schlüssel zum Kellerarchiv hängt im Safe im Büro. Einem elektrischen Safe mit einem sechsziffrigen Kode, dem Datum meiner Ernennung zur Leiterin der Buchhaltung. Der 17.05.57. Der Schlüssel paßt zum ersten und zweiten Kellerraum.«

Sie dreht sich um und stellt sich neben mich. Näher kann sie der Berührung eines Mitmenschen nicht kommen, vermute ich.

»Glauben Sie?« fragt sie.

»Ich weiß nicht, ob es Ihr Gott ist.«

»Das ist egal. Sie glauben an das Göttliche?«

»Es gibt Morgen, da kann ich nicht mal an mich selber glauben.«

Sie lacht zum zweitenmal an diesem Tag. Dann dreht sie sich um und geht zu ihrem Panorama.

Als sie den Raum halb durchquert hat, stecke ich den Schlüssel in die Tasche. Mit den Fingerspitzen versichere ich mich, daß Rohrmanns Futter jedenfalls in dieser Tasche nicht ausgerissen ist.

Dann gehe ich. Ich nehme die Treppe. Wenn es eine himmlische Vorsehung gibt, stellt sich die große Frage, wie direkt sie eingreift. Ob mich beispielsweise der liebe Gott höchstpersönlich auf dem Hejrevej 6 gesehen und gesagt hat: ‘Es breche auf’, und siehe, es brach auf. In einem seiner eigenen Engel.

Als ich beim Duevej um die Ecke biege, habe ich einen Kugelschreiber in der Hand. Ich habe Lust, mir ein bestimmtes Nummernschild auf dem Handrücken zu notieren. Dazu kommt es nicht. Als ich an die Ecke komme, steht da überhaupt kein Auto.

10

Erde zu Erde

Es kamen auch schon mal Jagdfalken, wenn wir Krabbentaucher fingen. Zuerst waren sie nur zwei Nadelstiche am Horizont. Dann sah es aus, als löse sich das Fjäll auf und steige zum Himmel empor. Wenn eine Million Krabbentaucher abhebt, verdunkelt sich für einen Augenblick das All, als sei für Momente der Winter zurückgekehrt.

Meine Mutter schoß Falken. Ein Jagdfalke schießt mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern in der Stunde herunter. In der Regel traf sie. Sie schoß mit einem vernickelten, kleinkalibrigen Projektil. Wir holten ihr die Vögel. Einmal war die Kugel durch das eine Auge eingedrungen und steckte in dem anderen, es sah aus, als schaue uns der tote Falke mit blitzendem, scharfsinnigem Blick an.

Ein Konservator der Base stopfte ihr die Vögel aus. Jagdfalken stehen unter strengem Naturschutz. Auf dem Schwarzmarkt in den USA oder in Deutschland kann man ein Falkenjunges für die Jagdaufzucht für 50 000 Dollar verkaufen. Niemand wagte zu denken, daß meine Mutter das Jagdverbot übertreten hatte. Sie verkaufte die Vögel nicht. Sie verschenkte sie. An meinen Vater, an einen Ethnographen, der sie aufsuchte, weil sie eine Frau und zugleich Robbenfängerin war, an einen der Offiziere von der Base. Die ausgestopften Falken waren ein grausames und zugleich strahlendes Geschenk. Sie überreichte sie feierlich und mit einer scheinbar grenzenlosen Großzügigkeit. Dann ließ sie eine Bemerkung fallen, ihr fehle eine Schneiderschere. Sie deutete an, daß sie 75 Meter Nylongarn brauche. Sie ließ durchblicken, daß wir Kinder gut zwei Garnituren Thermounterwäsche gebrauchen könnten.

Sie bekam, worum sie bat. Indem sie ihren Gast in einen Kokon aus grimmiger, gegenseitig verpflichtender Höflichkeit einspann.

Ich schämte mich deswegen, und zugleich liebte ich sie dafür. Das war ihre Antwort auf die europäische Kultur. Sie öffnete sich ihr mit der Höflichkeit der kühlen Berechnung. Und sie umschloß diese Kultur und kapselte ein, was sie gebrauchen konnte. Eine Schere, eine Rolle Nylongarn, die Spermatozoen von Moritz Jaspersen, die ihn in ihre Gebärmutter brachten.

Deshalb wird Thule nie zum Museum. Die Ethnographen haben den Traum von der Unschuld nach Nordgrönland gebracht. Den Traum davon, daß die inuit die o-beinigen, trommeltanzenden, sagenerzählenden, breit lächelnden Ausstellungsbilder bleiben würden, die sich die ersten Entdeckungsreisenden um die Jahrhundertwende einbildeten, südlich von Qaanaaq angetroffen zu haben. Meine Mutter gab ihnen einen toten Vogel. Und brachte sie dazu, ihr ein halbes Geschäft leer zu kaufen. Sie fuhr einen Kajak, der so gebaut war wie damals im 17. Jahrhundert, bevor die Kajakkunst aus Nordgrönland verschwand. Doch als Fangblase benutzte sie einen versiegelten Plastikkanister.

Asche zu Asche.

Ich sehe das Gelungene an anderen. Nur ich selber kann nicht gelingen.

Jesaja wäre fast gelungen. Er hätte ankommen können. Er hätte Dänemark in sich aufnehmen, es transformieren und Sowohl-Als-auch sein können.

Ich ließ ihm einen Anorak aus weißer Seide nähen. Sogar das Muster war durch europäische Hände gegangen. Mein Vater hatte es einmal von dem Maler Gitz-Johansen geschenkt bekommen, und der hatte es in Nordgrönland bekommen, als er das große Standardwerk über die grönländischen Vögel illustrierte. Ich zog Jesaja den Anorak über, kämmte den Jungen, hob ihn dann hoch und stellte ihn auf den Klodeckel.

Als er sich im Spiegel sah, passierte es. Das exotische Textil, die grönländische Andacht angesichts des Festgewands, die dänische Freude am Luxus, alles verschmolz. Vielleicht bedeutete es auch etwas, daß ich ihm den Anorak geschenkt hatte.

Im nächsten Augenblick mußte er niesen.

»Halt mir die Nase zu!«

Ich hielt ihm die Nase zu.

»Warum?« fragte ich ihn. Er schneuzte sich normalerweise in das Waschbecken.

Sobald ich den Mund aufmachte, fanden seine Augen im Spiegel meine Lippen. Oft sah ich, daß er den Sinn gesehen hatte, bevor er ausgesprochen war.

Wenn ich annoraaq qaqortoq, den vornehmen Anorak, anhabe, will ich keinen Rotz an den Fingern haben.

Staub zu Staube.

Ich versuche die Frauen um Juliane zu scannen, um herauszukriegen, ob eine von ihnen vielleicht schwanger ist. Mit einem Jungen, der Jesajas Namen bekommen könnte. Die Toten leben im Namen weiter. Vier Mädchen wurden nach meiner Mutter Ane genannt. Ich habe sie mehrmals besucht, bei ihnen gesessen und mit ihnen geredet, um durch die Frau vor mir oder hinter ihr einen Blick auf die zu erhaschen, die mich verlassen hat.

Sie ziehen die Seile aus den Sargösen. Einen kurzen Augenblick lang ist die Sehnsucht wie eine Eifersucht. Wenn sie nur einen kurzen Moment lang den Sarg öffnen und mich neben seinem kleinen, kalten Körper liegenlassen würden, in den jemand eine Nadel gestochen hat, den sie aufgemacht und fotografiert, von dem sie Scheiben abgeschnitten und den sie wieder zugemacht haben — wenn ich nur einmal noch seine Erektion an meinem Schenkel spüren könnte, diese Geste geahnter, endloser Erotik, diesen Flügelschlag von Nachtfaltern an meiner Haut, den dunklen Insekten des Glücks.

Es friert so stark, daß sie noch warten müssen, bis sie das Grab zuschaufeln können. Als wir gehen, liegt es offen hinter uns. Der Mechaniker und ich gehen nebeneinander.

Er heißt Peter. Es ist keine vierundzwanzig Stunden her, seit ich seinen Namen zum erstenmal ausgesprochen habe.

__________

Sechzehn Stunden zuvor ist es Mitternacht. Am Kalkbrænderivej. Ich habe zwölf große schwarze Plastiksäcke, vier Rollen Abdeckklebestreifen, vier Tuben Zehnsekundenkleber und eine Maglite-Taschenlampe gekauft. Ich habe die Säcke aufgeschnitten, sie doppelt gelegt und zusammengeklebt. Sie in meine Louis-Vuitton-Tasche gestopft.

Ich habe hohe Stiefel und einen roten Rollkragenpullover an, einen Seehundpelz von Groenlandia und einen Kiltrock von Scotch Corner. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sich alles leichter bemänteln läßt, wenn man anständig angezogen ist.

Was jetzt passiert, ist nicht unbedingt elegant.

Das gesamte Fabrikgelände umgibt ein dreieinhalb Meter hoher Zaun, den oben einfacher Stacheldraht krönt. Im Kopf geblieben ist mir eine Tür an der Rückseite, zum Kalkbrænderivej und zur Bahn hin. Die habe ich bereits gesehen.

Nicht gesehen habe ich dagegen das Schild, das verkündet, daß hier die Dänische Schäferhundzentrale Wache hält. Das braucht nichts zu bedeuten. Man hängt ja so viele Schilder auf, die nur den Zweck haben, die gute Stimmung aufrechtzuerhalten. Ich trete also versuchsweise gegen die Tür. Es vergehen keine fünf Sekunden, da steht ein Hund hinter dem Gitter. Es ist möglicherweise ein Schäferhund. Er sieht aus wie etwas, das vor der Tür gelegen hat und an dem sich die Leute die Füße abgetreten haben. Vielleicht erklärt das seine schlechte Laune.

Es gibt in Grönland Leute, die gut mit Hunden können. Meine Mutter zum Beispiel. Bevor in den siebziger Jahren die Nylonschnüre üblich wurden, benutzten wir als Zugleinen Koppelriemen aus Seehundfell. Die anderen Hundegespanne fraßen ihre Riemen. Unsere Hunde rührten sie nicht an. Meine Mutter hatte ein Verbot ausgesprochen.

Dann gibt es Leute, die werden mit der Angst vor Hunden geboren und überwinden sie nie. Zu denen gehöre ich. Ich gehe also zum Strandboulevard zurück und nehme ein Taxi nach Hause.

Ich gehe nicht zu mir hoch. Ich gehe zu Juliane. Aus ihrem Kühlschrank hole ich ein halbes Kilo Dorschleber. Die Leber, die aufgeplatzt ist, bekommt sie von einem Freund vom Fischmarkt gratis. In ihrem Bad kippe ich mir ein halbes Glas Rohypnoltabletten in die Tasche. Die hat sie erst vor kurzem von ihrem Arzt bekommen. Sie verkauft sie. Rohypnol ist unter Junkies eine gängige Ware. Das Geld nimmt sie für ihre eigene Medizin, die der Zoll banderoliert.

In Rinks Sammlung gibt es eine Geschichte aus Westgrönland von einem Schreckgespenst, das nicht einschlafen kann, sondern in alle Ewigkeit wachen muß. Das hat bloß noch nie Rohypnol genommen. Beim erstenmal versenkt einen eine halbe Tablette in ein tiefes Koma.

Juliane läßt es zu, daß ich mich verproviantiere. Sie hat fast alles aufgegeben, auch, mir Fragen zu stellen.

»Du hast mich vergessen!« ruft sie mir hinterher.

Ich nehme ein Taxi zurück zum Kalkbrænderivej. In dem Auto wird es später nach Fisch riechen.

Ich stehe im Licht unter dem Viadukt zum Freihafen und drücke die Tabletten in die Leber. Jetzt rieche ich selber nach Fisch.

Diesmal brauche ich den Hund nicht zu rufen. Er wartet schon und hat darauf gehofft, daß ich zurückkomme. Ich werfe die Leber über den Zaun. Man hört so viel über den verfeinerten Geruchssinn von Hunden. Ich befürchte, daß er die Tabletten riechen könnte. Meine Furcht wird beschämt. Er zieht sich die Leber rein wie ein Staubsauger.

Danach warten wir, der Hund und ich. Er wartet auf mehr Leber. Ich warte darauf zu sehen, was die Pharmaindustrie für die schlaflosen Tiere tun kann.

Dann kommt ein Auto. Ein Kombiwagen von der Dänischen Schäferhundzentrale. Am Kalkbrænderivej gibt es keine Stelle, wo man sich unsichtbar machen oder auch nur diskret zurückziehen könnte. Ich bleibe also stehen. Aus dem Auto steigt ein Mann in Uniform. Er mustert mich, kommt allerdings zu keiner befriedigenden Erklärung. Eine Dame im Pelz um ein Uhr nachts allein am äußersten Ende von Østerbro? Er schließt die Tür auf und nimmt den Hund an die Leine. Er holt ihn auf den Bürgersteig. Der Hund knurrt mich häßlich an. Doch plötzlich bekommt er Gummibeine und stolpert fast. Der Mann starrt ihn besorgt an. Der Hund schaut den Mann bittend an. Der öffnet die Rückklappe. Der Hund legt die Vorderpfoten in das Auto, doch das letzte Stück muß der Mann ihn schieben. Der Mann steht vor einem Rätsel. Dann fährt er weg. Und überläßt mich meinen Gedanken über die Arbeitsweise der Dänischen Schäferhundzentrale. Ich komme zu dem Schluß, daß sie die Hunde nur zur Stichprobe aussetzen, nur ab und zu, und überall nur für kürzere Zeit. Jetzt fährt er ihn an einen anderen Ort. Ich hoffe, es gibt dort etwas Weiches, worauf das arme Tier schlafen kann.

Ich stecke also den Schlüssel ins Schloß. Die Tür läßt sich damit jedoch nicht öffnen. Man sieht die Situation direkt vor sich: Elsa Lübing ist immer zur Arbeit gekommen, wenn ein Pförtner ihr aufmachen konnte. Deshalb weiß sie nicht, daß die Außeneingänge andere Schlösser haben.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als den Zaun zu nehmen. Das braucht lange. Und endet damit, daß ich zuerst meine Stiefel hinüberwerfen muß. Ein Stück Seehundfell bleibt auf der Strecke.

Ich brauche nur einmal auf eine Karte zu schauen, und schon hebt sich die Landschaft aus dem Papier. Das habe ich nicht gelernt. Die Nomenklatur, das Zeichensystem mußte ich mir selbstverständlich aneignen. Die gestrichelten Höhenkurven auf den Meßtischblättern des Geodätischen Instituts. Die grünen und roten Parabeln auf den Vereisungskarten des Militärs. Die scheibenförmigen, grauweißen Fotografien des X-Bandradars. Die multispektralen Scanningaufnahmen von LANDSAT 3. Die bonbonfarbene Sedimentkarte der Geologen. Die roten und blauen thermischen Fotografien. Aber genaugenommen war das, als würde man ein neues Alphabet lernen. Um es zu vergessen, sobald man lesen kann. Den Text vom Eis. In dem Buch im Geologischen Institut war eine Karte der Kryolithgesellschaft Dänemark. Eine Matrikelkarte, eine Luftaufnahme und ein Gebäuderiß. Als ich jetzt auf dem Platz stehe, weiß ich, wie es hier einmal ausgesehen hat.

Jetzt ist das Ganze eine Abbruchruine. Dunkel wie ein Loch, mit weißen Flecken, wo der Schnee zusammengeweht ist.

Ich bin an der Stelle hereingekommen, wo einmal die Rückseite der Rohkryolithhalle gestanden hat. Das Fundament ist noch da. Ein verlassener Fußballplatz aus gefrorenem Beton. Ich suche nach Eisenbahngleisen. Und stolpere im selben Moment über die Schwellen. Die Gleise der Bahn, die das Erz vom Kai der Gesellschaft hereinbrachte. Eine Silhouette in der Dunkelheit sind die Baubuden der Handwerker, wo einmal die Schmiede, die Maschinenstation und die Schreinerwerkstatt gelegen haben. Ein Keller voller Mauerbrocken war einmal der Keller unter der Werkkantine. Das Fabrikgelände durchschneidet die Svanekegade. Auf der anderen Straßenseite steht ein Wohnblock mit Unmengen von elektrischen Weihnachtssternen, Unmengen von Kerzen, Unmengen von Vätern, Müttern und Kindern. Und vor den Fenstern haben sie: die beiden länglichen Laborgebäude, die noch nicht abgerissen sind. Ist das ein Bild der Beziehung, die Dänemark zu seiner ehemaligen Kolonie hat — ein Bild für die Desillusionierung, die Resignation, den Rückzug? Für die Beibehaltung der letzten Verwaltungsklammer: die Verfügungsgewalt über die Außenpolitik, die Bodenschätze, die militärischen Interessen?

Die Villa vor mir sieht gegen das Licht des Strandboulevards aus wie ein Schlößchen.

Es ist ein Winkelbau. Der Eingang liegt oberhalb einer fächerförmigen Granittreppe in dem Flügel, der auf den Strandboulevard hinausgeht. Diesmal paßt der Schlüssel.

Die Tür führt in eine kleine quadratische Diele mit schwarzen und weißen Marmorfliesen und einer hallenden Akustik, egal, wie leise man sich bewegt. Von dort aus führt eine Treppe in die Dunkelheit und das Archiv hinunter und eine andere die fünf Stufen zu dem Niveau hinauf, von dem aus Elsa Lübing fünfundvierzig Jahre lang ihren Einfluß geltend gemacht hat.

Die Treppe führt zu einer französischen Doppeltür. Dahinter liegt ein großer Raum, der wahrscheinlich die gesamte Fläche dieses Flügels ausfüllt. Der Raum hat sechs Fenster zur Straße hin und acht Schreibtische, Archivschränke, Telefone, Textverarbeitungsanlagen, zwei Fotokopierer und Metallregale mit blauen und roten Plastikordnern. An der einen Wand eine Übersichtskarte von Grönland. Auf einem langen Tisch eine Kaffeemaschine und verschiedene Becher. In der Ecke ein großer elektrischer Safe, dessen kleine Scheibe ein closed in den Raum hinausglüht.

Ein Schreibtisch steht separat und ist etwas größer als die anderen. Auf dem Tisch liegt eine Glasplatte. Auf der Platte steht ein kleines Kruzifix. Hier gibt es für den Leiter der Buchhaltung kein eigenes Büro. Nur einen Schreibtisch in dem gemeinsamen pool. Wie in der christlichen Urgemeinde.

Ich setze mich auf ihren hochlehnigen Stuhl. Um zu verstehen, wie es ist, fünfundvierzig Jahre lang zwischen Postpapier und Radiergummis gesessen zu haben, während ein Teil des Bewußtseins sich in eine spirituelle Region aufschwingt, in der ein Licht brennt, und zwar mit einer Stärke, die einen dazu bringen kann, über die irdische Liebe nur freundlich die Achseln zu zucken. Die für uns andere eine Mischung aus dem Dom von Nuuk und der Möglichkeit eines dritten Weltkriegs ist.

Nach einer Weile stehe ich auf. Ohne schlauer geworden zu sein.

Die Fenster haben Jalousien. Das gelbe Licht, das vom Strandboulevard in den Raum fällt, hat Zebrastreifen. Ich gebe das Datum ein, an dem sie Leiterin der Buchhaltung wurde, den 17. Mai 1957.

Der Schrank summt, die Tür verschiebt sich nach außen. Kein Griff, nur eine breite Rille zum Anfassen, gegen die man sein Gewicht stemmen kann.

Auf schmalen Metallregalen stehen die Bilanzen der Kryolithgesellschaft. Sie reichen bis ins Jahr 1885 zurück, als die Gesellschaft durch staatliche Konzession von der ‘Öresund’ getrennt wurde. Etwa sechs Bücher für jedes Jahr. Hunderte von Foliobänden in grauem Moleskin mit rotem Aufdruck. Ein Stück Geschichte. Über die politisch und wirtschaftlich ergiebigste und bedeutendste Investition in Grönland.

Ich nehme einen Band mit der Aufschrift (1991) heraus und blättere aufs Geratewohl darin herum. ‘Löhne und Gehälter’ steht da, ‘Pensionen’, ‘Hafengebühren’, ‘Arbeitszulagen’, ‘Unterkunft und Verpflegung’, ‘Kraftfahrzeugsteuern’, ‘Wäsche und Reinigung’, ‘Reisekosten’, ‘Aktionärsdividende’, ‘Zahlungen an Struers chemisches Laboratorium’.

Rechts an der Schrankwand hängen verschiedene Reihen von Schlüsseln übereinander. Ich suche den, auf dem ‘Archiv’ steht.

Als ich die Safetür zuschiebe, verschwinden die Zahlen nacheinander, und als ich den Raum verlasse und in die Dunkelheit hinuntergehe, steht da erneut closed auf der Scheibe.

Der erste Raum des Kellerarchivs nimmt eine Längsseite des Gebäudes ein. Ein niedriger Raum mit endlosen Holzregalen, endlosen Mengen von Konzeptpapier in braunen Packpapierumschlägen und mit einer Papierwüstenluft, die müde macht und bar jeder Feuchtigkeit ist.

Der zweite Raum schließt sich im rechten Winkel an den ersten an. Er hat die gleichen Regale. Außerdem aber auch noch Archivschränke mit flachen Schubladen für Meßtischblätter. Ein Hängearchiv mit wiederum Hunderten von Karten, einige davon in Messingrohren. Eine verschlossene Holzkonstruktion, wie ein zehn Meter langer Sarg. Hier dürften wohl die Bohrkerne schlafen.

Der Raum hat unter der Decke zwei Fenster zum Strandboulevard und vier zum Fabrikgelände hin. Nun kommt meine Vorarbeit mit den Plastiksäcken zum Zug. Ich werde die Scheiben abdecken, damit ich Licht machen kann.

Es gibt Frauen, die streichen ihre attraktive Dachwohnung selber. Polstern ihre Möbel neu. Sandstrahlen ihre Fassaden.

Ich habe immer einen Handwerker angerufen. Oder alles bis zum nächsten Jahr liegenlassen.

Es sind große Fenster, innen mit Eisenstäben. Ich brauche eine Dreiviertelstunde, um die sechs Fenster zu verdunkeln.

Als ich fertig bin, traue ich mich doch nicht, das elektrische Licht einzuschalten, sondern begnüge mich mit meiner Taschenlampe.

In einem Archiv sollte eigentlich unerbittliche Ordnung herrschen. Das Archiv ist ganz einfach der auskristallisierte Wunsch nach einer geordneten Vergangenheit. Damit dynamische und gehetzte junge Leute hereinflitzen, sich eine bestimmte Akte, einen bestimmten Bohrkern aussuchen und mit genau diesem Ausschnitt der Vergangenheit wieder hinausflitzen können.

Dieses Archiv hier läßt allerdings einiges zu wünschen übrig. Die Regale haben keine Beschriftung. Das archivierte Material trägt auf dem Rücken weder Nummern noch Jahreszahlen oder Buchstaben. Als ich ein paarmal aufs Geratewohl zugreife, ziehe ich Coal petrographic analyses on seams from Ata (low group profiles), Nugssuaq, West Greenland, Über den Einsatz von verarbeitetem Rohkryolith bei der Herstellung von elektrischen Birnen und Grenzziehungen im Siedlungsplan von 1862 heraus.

Ich gehe nach oben und zu einem Telefon. Anrufen kommt einem immer falsch vor. Ganz besonders dann, wenn man vom Tatort aus anruft. Als hätte ich die direkte Nummer des Polizeipräsidiums gewählt, um mich selber anzuzeigen.

»Hier Elsa Lübing.«

»Ich stehe hier zwischen Bergen von Papier und versuche mich daran zu erinnern, wo geschrieben steht, daß selbst die Erwählten Gefahr laufen, in die Irre zu gehen.«

Erst wartet sie, dann lacht sie.

»Bei Matthäus. Aber vielleicht ist die richtige Stelle für diese Gelegenheit eher die bei Markus, wo Jesus sagt: ‘Irrt ihr nicht deshalb, weil ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes?«’

Wir kichern beide ein bißchen ins Telefon.

»Ich lehne jede Verantwortung ab«, sagt sie. »Ich bitte schon seit fünfundvierzig Jahren darum, daß aufgeräumt und systematisiert wird.«

»Freut mich, daß es etwas gibt, was Sie nicht durchgekriegt haben.«

Im Hörer ist es still.

»Wo?« frage ich.

»Über der Bank — dem langen Holzkasten — sind zwei Regalbretter. Dort stehen die Expeditionsberichte. Alphabetisch nach den Mineralien geordnet, nach denen man gesucht hat. Die Bände, die am nächsten beim Fenster stehen, enthalten die Reisen, die einen geologischen und einen historischen Zweck verfolgten. Der Bericht, den Sie suchen, müßte unter den letzten sein.«

Sie will gerade auflegen.

»Fräulein Lübing«, sage ich.

»Ja.«

»Sind Sie jemals einen Tag krank gewesen?«

»Der Herr hat seine Hand über mich gehalten.«

»Hab ich mir gedacht«, sage ich. »Hatte ich irgendwie im Gefühl.« Danach legen wir auf.

Ich brauche keine zwei Minuten, um den Bericht zu finden. Er ist in einer schwarzen Klemmappe abgeheftet. Er hat vierzig unten rechts numerierte Seiten.

Er paßt gerade noch in die Handtasche. Danach muß ich die Plastikverdunkelung entfernen und über den Kalkbrænderivej so spurlos verschwinden, wie ich gekommen bin.

Ich kann meine Neugierde nicht zähmen. Ich nehme den Bericht und setze mich am anderen Ende des Raums mit dem Rücken an ein Regal gelehnt auf den Fußboden. Es gibt unter meinem Gewicht nach. Es ist ein wackliges Holzregal. Sie haben nicht gewußt, daß das Archiv so groß sein würde. Daß Grönland so überraschend unerschöpflich ist. Sie haben einfach nachgeschoben. Die Spuren der Zeit auf ein schwaches Holzskelett.

‘Die geologische Expedition der Kryolithgesellschaft Dänemark nach Gela Alta, Juli-August 1991’, steht auf dem Titelblatt. Danach folgen zwanzig engbeschriebene Seiten Expeditionsbericht. Ich überfliege die ersten Seiten, die einleitungsweise berichten, daß der Zweck der Expedition gewesen sei, ‘das Vorkommen von Kornerupinkristallen auf dem Barrengletscher von Gela Alta zu untersuchen’. Der Text zählt auch die fünf europäischen Expeditionsteilnehmer auf. Unter anderem einen Professor für arktische Ethnologie, Dr. Andreas Fine Licht. Der Name erinnert mich entfernt an irgend etwas. Doch als ich versuche, dieser Erinnerung nachzuspüren, bricht die Spur ab. Ich vermute, daß seine Anwesenheit erklärt, warum unten auf der Seite steht, daß die Expedition vom ‘Institut für arktische Ethnologie’ unterstützt wurde.

Danach kommt ein Bericht mit einem englisch- und einem dänischsprachigen Teil. Auch in dem blättere ich ein bißchen. Es geht darin um eine Hubschrauberrettungsexpedition von Holsteinsborg zum Barrengletscher. Der Helikopter konnte wegen des durch den Motorlärm großen Lawinenrisikos nicht nah genug herankommen. Deshalb kehrte er um, und man schickte statt dessen eine Cherokee Six 3000. Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber da steht, daß sie auf dem Wasser landete und einen Piloten, einen Navigator, einen Arzt und eine Krankenschwester an Bord hatte. Es folgt ein kurzer Bericht der Rettungsmannschaft und ein ärztliches Attest des Krankenhauses. Es hat fünf Tote gegeben. Einen Finnen und vier Eskimos. Einer der Eskimos hieß Norsaq Christiansen.

Zwanzig Seiten Anlagen. Übersicht über die mitgebrachten mineralogischen Proben. Die Abrechnung. Eine lange Reihe von Schwarzweißaufnahmen, die vom Flugzeug aus aufgenommen worden sind und einen Gletscher zeigen, der sich teilt und um eine helle, abgeschnittene Kegelklippe herumtreibt.

Eine Plastikhülle enthält Kopien von ungefähr zwanzig Briefen, die alle den Transport der Leichen betreffen.

Am Ende der Abrechnung als Anlage eine gesonderte Berechnung der Vor- und Nachteile, die sich aus der Tatsache ergeben haben, daß die Expedition das Schiff Disko 3 von der Grönländischen Handelsgesellschaft gechartert hat.

Das Ganze sieht nüchtern und korrekt aus. Es ist tragisch, und dabei doch nur, was nun einmal passieren kann. Nichts, was erklären könnte, weshalb zwei Jahre später ein kleiner Junge in Kopenhagen vom Dach fällt. Der Gedanke meldet sich, daß ich Gespenster gesehen habe. Daß ich in die Irre gegangen bin. Daß das Ganze eine Gedankenspinnerei von mir ist.

Erst jetzt merke ich, wie vergangenheitsschwer der Raum um mich ist. Reihen von Tagen, Reihen von Zahlen, Reihen von Leuten, die jeden Tag, jahraus, jahrein in der Kantine ihre Brote gegessen und sich mit der Marie ein Bier geteilt haben, und nie mehr als eins, außer zu Weihnachten, wenn das Labor für die Weihnachtsfeier einen Ballon 96%igen Desinfektionsalkohol auf Kümmel angesetzt hat. Das Archiv ruft mir zu, daß sie zufrieden gewesen sind. Genau das stand auch in dem Bibliotheksbuch, und auch Elsa Lübing hat es gesagt: ‘Wir waren zufrieden. Es war ein guter Arbeitsplatz.’

Wie so oft verspüre ich einen Stich in der Brust, wäre gern dabei gewesen, hätte gern teilgenommen. In Thule und Siorapaluk hat niemand gefragt, was die Leute sind, denn alle waren Robbenfänger, alle haben mit angepackt. In Dänemark ist man Lohnabhängiger, es verleiht dem Dasein Fülle und Sinn, daß man weiß, jetzt krempelt man die Ärmel hoch, steckt sich den Bleistift hinters Ohr, zieht die Seestiefel hoch und geht zur Arbeit. Und wenn man frei hat, sieht man fern oder besucht Freunde oder spielt Badminton oder macht einen Computerkurs für Comal 80. In der Weihnachtszeit findet das Leben nicht mitten in der Nacht in einem Keller am Strandboulevard statt.

Solche Gedanken habe ich nicht zum ersten- und auch nicht zum letztenmal. Was bringt uns nur dazu, den Sturz in die Depression regelrecht zu suchen?

Als ich den Bericht zuklappe, kommt mir ein Gedanke. Ich schlage auf und blättere zu dem ärztlichen Bericht zurück. Dort sehe ich etwas. Und weiß, daß es die ganze Mühe wert gewesen ist. Ich habe Freundinnen in Grönland erlebt, die, nachdem sie entdeckt hatten, daß sie schwanger waren, mit sich plötzlich so vorsichtig umgingen wie nie zuvor. Dieses Gefühl durchläuft mich jetzt. Von jetzt an muß ich auf mich aufpassen.

Der Verkehr hat aufgehört. Ich trage keine Uhr, aber es könnte ungefähr drei sein.

Das Gebäude ist still. Doch in der Stille ist plötzlich ein falsches Geräusch. Zu nahe, um zur Straße zu gehören. Aber schwach wie ein Flüstern. Von meinem Platz aus ist die Türöffnung zum ersten Raum ein schwach leuchtendes, gräuliches Rechteck. Ich sehe es, und im nächsten Moment ist es weg. Jemand hat den Raum betreten, jemand, der mit seinem Körper das Licht aussperrt.

Wenn ich den Kopf drehe, kann ich eine Bewegung an den Regalen verfolgen. Ich ziehe meine Stiefel aus. Zum Laufen sind sie nicht gut. Ich stehe auf. Wenn ich den Kopf drehe, kriege ich die Gestalt in den schwach leuchtenden Rahmen der Tür.

Wir glauben, daß der Umfang der Angst eine Grenze hat. Das gilt nur, bis wir dem Unbekannten begegnen. Entsetzen haben wir alle in grenzenlosen Mengen.

Ich packe fest zu und kippe ein Regal zu ihm hin. Kurz bevor es schneller wird, fällt das erste Heft heraus. Das warnt ihn, er kriegt gerade noch die Hände hoch und bremst das Regal. Erst ein Geräusch, als würde es seine Unterarmknochen brechen. Dann fällt zu Boden, was wie fünfzehn Tonnen Bücher klingt. Er kann das Regal nicht loslassen. Aber es drückt sehr schwer auf ihn. Und langsam fangen seine Beine an nachzugeben.

Unter großen Teilen der Bevölkerung hat sich das Mißverständnis breitgemacht, daß Gewalt immer nur dem physisch Starken zum Vorteil gereicht. Das ist nicht richtig. Wie eine Schlägerei ausgeht, ist eine Frage der Geschwindigkeit auf den ersten Metern. Als ich nach einem halben Jahr Rugmarkschule in die Skovgirdsschule umgeschult wurde, begegnete ich zum erstenmal der klassischen dänischen Verfolgung der ‘anderen’. Dort, wo wir herkamen, waren wir allesamt Ausländer und im selben Boot gewesen. In meiner neuen Klasse war ich die einzige mit schwarzen Haaren und unbeholfenem Dänisch. Besonders ein Junge aus einer höheren Klasse war wirklich äußerst brutal. Ich bekam heraus, wo er wohnte. Dann stand ich früh auf und wartete auf ihn. An der Stelle, wo er über den Skovshovedvej mußte. Er hatte mir fünfzehn Kilo voraus. Er hatte keine Chance. Er bekam nie die paar Minuten, die er brauchte, um sich in Trance zu bringen. Ich schlug ihm mitten ins Gesicht und brach seine Nase. Danach trat ich ihm erst gegen die eine, danach gegen die andere Kniescheibe, um ihn auf eine handlichere Höhe zu kriegen. Zwölf Stiche waren nötig, um seine Nasenscheidewand wieder zurechtzurücken. Eigentlich hat nie jemand so recht daran geglaubt, daß ich das hätte gewesen sein können.

Auch diesmal bleibe ich nicht stehen, bohre nicht in der Nase und warte nicht auf Weihnachten. Ich nehme eines der Messingrohre mit fünfzig Meßtischblättern von der Wand und ziehe ihm, so fest ich kann, eins über den Nacken.

Er geht sofort zu Boden, auf ihn drauf fällt das Regal. Danach warte ich, um zu sehen, ob er vielleicht Freunde mithat. Oder einen kleinen Hund. Aber es sind nirgends andere Geräusche zu hören, nur sein Atem unter dreißig Regalmetern.

Ich leuchte ihm ins Gesicht. Es hat sich ein Teil Bücherstaub auf ihn gelegt. Der Schlag hat ihm die Ohrkante gespalten.

Er hat schwarze Trainingshosen, einen dunkelblauen Pullover, eine schwarze Wollmütze und dunkelblaue Seemannsschuhe an und ein schwarzes Gewissen. Es ist der Mechaniker.

»Peter«, sage ich. »Schwarzer Peter.«

Er kann wegen des Regals nicht antworten. Ich versuche es wegzuschieben, aber es ist unverrückbar.

Ich muß die professionellen Sicherheitsmaßnahmen fahrenlassen und das Licht anmachen. Ich mache mich daran, Papier, Bücher, Aktendeckel, Berichte und Bücherstützen aus massivem Stahl aus dem Regal zu schaufeln. Ich muß drei Meter räumen. Das dauert eine Viertelstunde. Danach kann ich es einen Zentimeter anheben, und der Mechaniker kann darunter hervorkriechen. Zur Wand, wo er sich hinsetzt und seinen Schädel befühlt.

Erst jetzt fangen meine Beine an zu zittern.

»Ich habe Sehstörungen«, sagt er. »Ich glaube, ich habe eine G-Gehirnerschütterung.«

»Ist ja man gut. So wissen wir, daß du ein Gehirn hast!«

Es vergeht eine Viertelstunde, bis er aufrecht stehen kann. Auch dann sieht er noch aus wie Bambi auf dem Eis. Eine weitere halbe Stunde brauchen wir, um das Regal hochzukriegen. Wir müssen erst alle Papiere herausnehmen, bevor wir es aufrichten können, und danach müssen wir sie alle wieder hineinstellen. Es wird so warm, daß ich meinen Rock ausziehen und in Strumpfhosen arbeiten muß. Er läuft barfuß und mit nacktem Oberkörper herum, bekommt immer wieder Hitzewallungen und Schwindelanfälle und muß sich ausruhen. Der Schock und die unbeantworteten Fragen hängen in der Luft, und das mit so viel Staub, daß man einen Sandkasten damit füllen könnte.

»Hier riecht es nach Fisch, Smilla.«

»Dorschleber«, sage ich. »Soll sehr gesund sein.«

Er sieht schweigend zu, wie ich den elektrischen Safe aufmache und den Schlüssel an seinen Platz hänge. Dann gehen wir. Er führt mich zu einer Zauntür an der Svanekegade. Sie ist offen. Als wir durch sind, beugt er sich über das Schloß. Es klickt.

Sein Auto steht in der nächsten Straße. Ich muß ihn mit einer Hand stützen. In der anderen habe ich einen Abfallsack, in dem andere Abfallsäcke stecken. Eine Polizeistreife fährt langsam an uns vorbei, hält aber nicht. Man sieht hier vor Weihnachten nachts auf den Straßen so viele sonderbare Gestalten. Sollen sich die Leute doch amüsieren, wie es ihnen paßt.

Der Mechaniker hat mir erzählt, daß er versucht, seinen Wagen in einem Oldtimermuseum unterzubringen. Es ist ein Morris 1000 von 1961. Hat er mir erzählt. Mit roten Ledersitzen, Klappverdeck und Holzarmaturenbrett.

»Ich kann nicht fahren«, sagt er.

»Ich habe keinen Führerschein.«

»Aber du bist schon mal gefahren?«

»Mit Raupenfahrzeugen auf dem Inlandeis.«

Das möchte er seinem Morris denn doch nicht antun. Er fährt also selbst. Sein großer Körper hat hinter dem Lenkrad kaum Platz. Das Verdeck hat Löcher, und wir frieren wie die jungen Hunde. Ich wünsche mir, daß es ihm schon längst gelungen wäre, den Wagen an ein Museum loszuwerden.

__________

Die Temperatur lag dicht unter dem Nullpunkt. Jetzt ist sie auf Frostniveau gesunken, und auf dem Heimweg fängt es an zu schneien. Qanik, feinkörnigen Pulverschnee.

Die gefährlichsten Lawinen sind Pulverschneelawinen. Sie werden durch winzige Energieverschiebungen ausgelöst, beispielsweise durch ein kräftiges Geräusch. Sie haben eine sehr geringe Masse, bewegen sich jedoch mit 200 Stundenkilometern und ziehen ein tückisches Vakuum nach sich. In Pulverschneelawinen hat es Leuten schon die Lunge aus dem Körper gesogen.

Im Kleinformat waren es diese Lawinen, die auf dem steilen, glatten Dach angerollt sind, von dem Jesaja heruntergefallen ist. Ich zwinge mich hochzusehen. Eines kann man unter anderem vom Schnee lernen: daß man die großen Kräfte und Katastrophen immer im Kleinformat im Alltag wiederfindet. Kein Tag in meinem Erwachsenenleben, an dem ich mich nicht darüber gewundert hätte, wie schlecht Dänen und Grönländer einander verstehen. Das ist natürlich am schlimmsten für die Grönländer. Es ist ungesund für den Seiltänzer, wenn er von dem, der das Seil hält, mißverstanden wird. Und das Leben der inuit ist in diesem Jahrhundert der reinste Seiltanz gewesen, auf einem Tau, das an einem Ende am schwerstbewohnbaren Land der Welt mit dem härtesten und wechselhaftesten Klima der Welt und auf der anderen Seite an der dänischen Verwaltung festgemacht war.

Das ist die große Perspektive. Die kleine, alltägliche ist, daß ich bereits seit anderthalb Jahren über dem Mechaniker wohne und unzählige Male mit ihm geredet habe. Er hat meine Türklingel in Ordnung gebracht und mein Fahrrad geflickt, und ich habe ihm geholfen, einen Brief an die Wohnungsbaugesellschaft auf Schreibfehler durchzusehen. Auf etwa achtundzwanzig Wörter kommen bei ihm ungefähr zwanzig. Er ist Legastheniker.

Eigentlich müßten wir jetzt duschen und den Staub, das Blut und die Dorschleber abspülen. Doch die letzten Ereignisse haben uns verbunden. Wir gehen also zusammen in seine Wohnung. Wo ich noch nie gewesen bin.

Im Wohnzimmer herrscht Ordnung. Möbel aus sandgescheuertem und abgelaugtem hellem Holz, Polster und Bezüge aus festem Wollstoff. Halter mit Kerzen, ein Bücherregal mit Büchern, eine Pinnwand mit Fotografien und Zeichnungen, die Kinder von Bekannten gemacht haben. ‘Für den großen Peter von Mara, fünf Jahre’, steht auf einer. Rosensträucher mit roten Blüten in Porzellantöpfen. Sie sehen aus, als würde jemand sie gießen, mit ihnen reden und ihnen versprechen, daß sie nie zu mir in die Ferien geschickt werden, wo das Klima für Grünpflanzen aus irgendeinem Grund unerquicklich ist.

»K-Kaffee?«

Kaffee ist Gift. Trotzdem kriege ich plötzlich Lust, mich im im Morast zu wälzen, und sage ja, bitte.

Ich stehe in der Tür und schaue zu, wie er den Kaffee macht. Die Küche ist ganz weiß. Er zentriert sich darin wie ein Badminton Spieler auf dem Platz, damit er sich sowenig wie möglich bewegen muß. Er hat eine kleine elektrische Mühle. Darin mahlt er erst mehrere helle Bohnen und danach welche, die klein, fast schwarz und so blank wie Glas sind. Er mischt sie in einem kleinen Metalltrichter, den er in eine Espressokanne montiert, die er auf eine Gasflamme stellt.

In Grönland nimmt man häßliche Kaffeegewohnheiten an. Ich kippe heiße Milch direkt in den Nescafe. Ich bin keineswegs darüber erhaben, das Pulver einfach in dem Wasser aufzulösen, das direkt aus dem Heißwasserhahn kommt.

Er gießt ein Drittel Rahm und zwei Drittel Vollmilch in zwei hohe Henkelgläser.

Der Kaffee, den er aus der Maschine zapft, ist schwarz und dick wie Rohöl. Er schäumt die Milch mit dem Dampfrohr auf und verteilt den Kaffee auf die beiden Gläser.

Wir nehmen ihn mit zum Sofa. Ich weiß es durchaus zu schätzen, wenn mir jemand etwas Gutes vorsetzt. Das Getränk in dem hohen Glas ist dunkel wie alte Eiche und hat einen überwältigenden, fast parfümierten tropischen Duft.

»Ich bin dir gefolgt«, sagt er.

Das Glas ist brühheiß. Der Kaffee kochend. Normalerweise verlieren heiße Getränke beim Umgießen ihre Temperatur. Aber hier hat das Dampfrohr das Glas zusammen mit der Milch auf 100 Grad erhitzt.

»Die Tür ist offen. Ich gehe also rein. Man konnte ja nicht w-wissen, daß du da im Dunkeln sitzen und w-warten würdest.«

Ich schlürfe vorsichtig über die Oberfläche. Das Getränk ist so stark, daß es mir das Wasser in die Augen treibt und ich plötzlich mein Herz spüre.

»Ich hatte über das nachgedacht, was du oben auf dem Dach gesagt hast. Über die Spuren.«

Er stottert nur ganz leicht. Ab und zu gar nicht.

»Wir waren ja Freunde. Er war so klein. Aber wir waren trotzdem Freunde. Wir reden nicht viel miteinander. Aber wir haben Spaß zusammen. Mensch, haben wir Spaß! Er sch-schneidet Grimassen. Er nimmt den Kopf in die Hände. Er kommt hoch und sieht aus wie ein alter, kranker Affe. Er versteckt ihn wieder. Kommt wieder hervor. Er sieht aus wie ein Kaninchen. Dann noch mal, und er sieht aus wie Frankensteins Monster. So daß ich auf den Knien liege und ihm schließlich sagen muß, daß er aufhören soll. Gib ihm einen Klotz und ein Stemmeisen. Gib ihm ein Messer und ein Stück Speckstein. Er sitzt da, knobelt und brummt wie ein kleiner Bär. Ab und zu sagt er etwas. Aber auf grönländisch. Zu sich selber. Wir arbeiten also. Jeder für sich und trotzdem zusammen. Ich denke bei mir, nur gut, daß er ein so feiner Mensch sein kann — bei der Mutter.«

Er macht eine lange Pause in der Hoffnung, daß ich übernehme. Aber ich komme ihm nicht zu Hilfe. Wir wissen beide, daß ich Anspruch auf eine Erklärung habe.

»Eines Abends sitzen wir also da wie immer. Da kommt Petersen, der Hauswart. Er hat seine Weinballons beim Wärmetauscher auf der Treppe stehen. Kommt, um sich seinen Aprikosenwein zu holen. Sonst ist er ja um diese Zeit nie hier. Ich höre also seine tiefe Stimme. Das Klappern seiner Holzpantinen. Und dann sehe ich auf den Jungen hinunter. Und der sitzt zusammengekrümmt da. Wie ein Tier. Das Messer, das du ihm geschenkt hast, hat er in der Hand. Zittert am ganzen Körper. Sieht lebensgefährlich aus. Auch nachdem er gesehen hat, daß es nur Petersen ist, zittert er immer weiter. Ich nehme ihn auf den Schoß. Zum erstenmal. Ich spreche auf ihn ein. Er will nicht nach Hause. Ich n-nehme ihn mit hier hoch. Lege ihn aufs Sofa. Ich denke daran, dich anzurufen, aber was soll man schon sagen. Man kennt sich ja nicht so gut. Er schläft hier. Ich wache hier beim Sofa. Alle Viertelstunde springt er hoch wie eine Feder, zittert und weint.«

Er ist kein großer Redner. In den letzten fünf Minuten hat er mehr zu mir gesagt als in den vergangenen anderthalb Jahren zusammen. Das ist eine derartige Selbstpreisgabe, daß ich ihn nicht direkt anschauen kann, sondern in den Kaffee gucke. Dort hat sich eine Fläche aus klaren, kleinen Blasen gebildet, die das Licht einfangen und es in Rot und Lila brechen.

»Von dem Tag an habe ich das Gefühl, daß er vor irgend etwas Angst hat. Was du über die Spuren gesagt hast, geht mir immer wieder im Kopf herum. Ich beobachte dich also ein bißchen. Du und der Baron, ihr versteht euch — habt euch verstanden.«

Jesaja war einen Monat vor meinem Einzug nach Dänemark gekommen. Juliane hatte ihm ein Paar Lackschuhe geschenkt. Lackschuhe sind in Grönland etwas Vornehmes. Seine Fächerzehen waren in die spitzen Modelle einfach nicht hineinzuzwängen, Juliane war es jedoch gelungen, ein Paar fußgerechte Schuhe zu finden. Seitdem nannte der Mechaniker Jesaja den Baron. Wenn ein Spitzname hängenbleibt, dann deshalb, weil er eine tiefere Wahrheit eingefangen hat. In diesem Fall war es Jesajas Würde. Die etwas damit zu tun hatte, daß er so selbstgenügsam war. Daß ihm die Welt nur so wenig zuführen mußte, damit er zufrieden war.

»Rein zufällig sehe ich, daß du zu Juliane hochgehst und dann bald wieder weg. Ich schleiche dir in meinem Morris hinterher. Sehe, wie du den Hund fütterst. Daß du rüberkletterst. Ich öffne die andere Zauntür.«

So hängt das also zusammen. Er hört etwas, sieht ein bißchen, er geht hinterher, öffnet eine Zauntür, kriegt etwas an den Kopf, und da sitzen wir nun. Keine Wunder, nichts Neues und Beunruhigendes unter der Sonne.

Er wirft mir ein schiefes Lächeln zu. Ich lächele zurück. Wir sitzen da, trinken Kaffee und lächeln uns an. Wir wissen, daß ich weiß, daß er lügt.

Ich erzähle ihm von Elsa Lübing. Von der Kryolithgesellschaft Dänemark. Von dem Bericht, der in einer Plastiktüte vor uns auf dem Tisch liegt.

Ich erzähle von Ravn. Der nicht genau dort arbeitet, wo er arbeitet, sondern woanders.

Er starrt vor sich hin, während ich spreche. Mit hochgezogenen Schultern, unbeweglich.

Es ist verborgen. Es liegt an der Außengrenze des Bewußtseins. Aber wir spüren beide, daß wir einen Tauschhandel eingehen. Daß wir in tiefem, gegenseitigem Mißtrauen die Informationen austauschen, die wir hergeben müssen, um etwas dafür zu bekommen.

»Dann ist da noch der A-Anwalt.«

Draußen, über dem Hafen, kommt das Licht, als hätte es in den Kanälen unter den Brücken geschlafen und steige jetzt von dorther zögernd auf das Eis, das sich ans Leuchten macht. In Thule kam das Licht im Februar zurück. Wochen vorher schon sahen wir die Sonne; während sie noch weit hinter den Bergen war und wir im Dunkeln lebten, fielen ihre Strahlen auf Pearl Island, hundert Kilometer weiter draußen im Meer, und ließen die Insel wie einen Kristall aus rosa Perlmutt erglühen. Da war ich mir ganz sicher, egal, was die Erwachsenen sagten, daß die Sonne im Meer ihren Winterschlaf gehalten hatte und nun langsam aufwachte.

»Es fängt damit an, daß ich in der Strandgade das Auto sehe, einen roten BMW.«

»Ja«, sage ich.

Mir kommt es so vor, als wechselten die Autos in der Strandgade jeden Tag.

»Einmal im Monat. Er holt den Baron. Wenn er zurückkam war er nicht ansprechbar.«

»Nein«, sage ich.

Man muß den langsamen Menschen alle Zeit der Welt lassen.

»Eines Tages mache ich also den Wagen auf und schaue ins Handschuhfach. Ich habe Werkzeug dafür. Rechtsanwalt. Ving heißt er.«

»Du hättest in das verkehrte Auto schauen können.«

»B-Blumen. Das ist wie bei Blumen. Wenn man Gärtner ist. Ich sehe ein Auto ein- oder zweimal und erinnere mich daran. So wie es dir mit Schnee geht. So wie es dir auf dem Dach gegangen ist.«

»Vielleicht habe ich mich geirrt.«

Er schüttelt den Kopf.

»Ich habe gesehen, wie du mit dem Baron das Hopsespiel gespielt hast.«

Mit diesem Spiel habe ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht. Oft spiele ich es noch im Schlaf weiter. Jemand hopst über eine saubere Schneefläche. Die anderen haben ihm dem Rücken zugekehrt und warten. Danach muß man — auf der Grundlage der Spuren — die Sprünge des Hopsers rekonstruieren. Jesaja und ich haben dieses Spiel oft gespielt. Oft habe ich ihn in den Kindergarten gebracht. Oft kamen wir anderthalb Stunden zu spät. Ich kriegte Krach. Bekam zu hören, daß ein Kindergarten nicht funktionieren kann, wenn die Kinder erst im Laufe des Tages eintrudeln. Aber wir waren glücklich.

»Er hüpfte wie ein Sack Flöhe«, sagt der Mechaniker träumerisch.

»Er war ja gerissen. Er wendet sich anderthalbmal in der Luft, landet auf einem Fuß und tritt dabei in seine eigene Spur zurück.«

Er schaut mich kopfschüttelnd an.

»Aber jedesmal, jedesmal hast du es erraten.«

»Wie lange blieben sie weg?«

Die Preßluftbohrer auf der Knippelsbrücke. Der anrollende Verkehr. Die Möwen. Der ferne Baßklang, eigentlich nur ein tiefes Vibrieren, des ersten Tragflächenboots. Die kurzen Sirenenstöße der Bornholmer Fähre, wenn sie vor dem Amaliegarten wendet. Es wird langsam Morgen.

»Vielleicht ein paar Stunden. Aber zurück brachte ihn ein anderes Auto. Ein Taxi. Er kam immer allein in einem Taxi zurück.«

Er macht uns ein Omelett, während ich an der Tür lehne und ihm vom Gerichtsmedizinischen Institut erzähle. Von Professor Loyen. Von Lagermann. Von den Spuren einer möglichen Muskelbiopsie, die man an einem Kind vorgenommen hat. Nachdem es gefallen war.

Er schneidet Zwiebeln und Tomaten, wendet sie in Butter, schlägt das Eiweiß steif, zieht die Dotter darunter und brät das Ganze auf beiden Seiten. Er nimmt die Pfanne mit zum Tisch. Wir trinken Milch dazu und essen schwarzes, saftiges Roggenbrot, das nach Teer duftet. Ich denke an meine Dosenmahlzeiten.

Wir essen schweigend. Wenn ich mit Fremden esse — so wie jetzt — oder großen Hunger habe — so wie jetzt —, kommt mir immer die rituelle Bedeutung der Mahlzeit in den Sinn. Dann erinnere ich mich an meine Kindheit, an das Verschmelzen des feierlichen Beisammenseins mit großen Geschmackserlebnissen. Den rosafarbenen, leicht schäumenden Walspeck, der aus einer Gemeinschaftsschüssel gegessen wurde. Das Gefühl, daß im großen und ganzen alles im Leben zum Teilen da ist.

Ich stehe auf.

Er steht an der Tür, als wollte er mir den Weg versperren.

Ich denke an die Unzulänglichkeit dessen, was er mir heute erzählt hat.

Er tritt beiseite. Ich gehe vorbei. Meine Stiefel und meinen Pelz in der Hand.

»Ich habe einen Teil des Berichts liegengelassen. Das ist eine gute Leseübung für deine Legasthenie.«

Sein Gesicht hat etwas Neckendes.

»Smilla. Wie kommt es, daß ein so zartes und zierliches Mädchen wie du eine so grobe Stimme hat?«

»Tut mir leid«, sage ich, »wenn ich den Eindruck mache, daß ich nur ein grobes Mundwerk habe. Ich gebe mir alle Mühe, überhaupt grob zu sein.«

Dann mache ich die Tür zu.

11

Ich habe den ganzen Vormittag geschlafen und bin ein bißchen spät aufgewacht, habe also nur anderthalb Stunden Zeit zum Duschen und Anziehen und für das Beerdigungs-Make-up gehabt, was viel zuwenig ist, wie jeder, der sich gern vorteilhaft präsentieren möchte, bestätigen kann. Ich bin deshalb noch ganz benommen, als wir in die Kapelle kommen, und nach der Feier geht es mir immer noch nicht besser. Als ich dann neben dem Mechaniker hergehe, ist mir, als hätte jemand meinen Deckel abgeschraubt und mit der großen Flaschenbürste ein paarmal hoch und runter geschrubbt.

Etwas Warmes legt sich um meine Schultern. Er hat seinen Mantel ausgezogen und ihn mir umgehängt. Er reicht mir bis zu den Füßen.

Wir bleiben stehen und schauen auf das Grab und unsere eigenen Spuren zurück. Seine großen, schiefgetretenen Absätze. Vermutlich ist er, für das Auge kaum sichtbar, ein ganz klein wenig O-beinig. Meine kleinen Löcher von den Hochhackigen. Könnten an Rehspuren erinnern. Eine schräge, nach unten rutschende Bewegung, und am Grund der Spur schwarze Flecken, wo die Hufe durch die Schneedecke bis zur Erde vorgedrungen sind.

Die Frauen gehen an uns vorbei. Ich sehe nur ihre Stiefel und Schuhe. Drei von ihnen tragen Juliane, ihre Schuhspitzen schleifen über den Schnee. Neben dem Talar steht ein Paar schwarze Stiefel aus besticktem Pelz. Über dem Tor zur Allee hängt eine Lampe. Als ich aufschaue, hebt die Frau ihren Kopf und macht eine Bewegung, so daß ihre langen Haare im Dunkel verschwimmen und ihr Gesicht das Licht einfangt, es ist ein weißes Gesicht mit großen Augen, wie dunkles Wasser in der Blässe. Sie hält den Pfarrer am Arm und spricht eindringlich auf ihn ein. Etwas an diesen beiden Gestalten nebeneinander läßt das Bild stocken und sich im Gedächtnis festsetzen.

»Fräulein Jaspersen.«

Es ist Ravn. Mit zwei Freunden. Zwei Männern. Ihre Mäntel sind so groß wie seiner, aber sie können sie ausfüllen. Darunter tragen sie einen blauen Anzug, weißes Hemd und Schlips und Sonnenbrillen, damit sie die Winterdunkelheit hier um vier Uhr nachmittags nicht blendet.

»Ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen reden.«

»Bei der Polizei für Wirtschaftskriminalität? Über meine Investitionen?«

Er nimmt das ausdruckslos entgegen. Er hat ein Gesicht, auf das sich im Laufe der Zeit so viel herabgesenkt hat, daß nichts mehr es richtig beeindruckt. Er macht eine Handbewegung zum Auto hin.

»Ich bin nicht sicher, ob ich im Moment Lust dazu habe.«

Er rührt sich keinen Millimeter vom Fleck. Aber seine beiden Logenbrüder sickern unmerklich näher heran.

»Smilla. W-wenn du keine Lust hast, brauchst du nicht mitzugehen, finde ich.«

Es ist der Mechaniker. Er hat den Männern den Weg vertreten.

Wenn Tiere — und im großen und ganzen alle gewöhnlichen Menschen — vor einer physischen Bedrohung stehen, wird in ihrem Körper etwas steif. Physiologisch betrachtet ist das unökonomisch, aber es ist ein Gesetz. Eisbären sind davon ausgenommen. Sie können vollendet entspannt zwei Stunden lang auf der Lauer liegen, ohne auch nur eine Sekunde den maximalen Bereitschaftstonus der Muskulatur zu lockern. Jetzt sehe ich, daß auch der Mechaniker davon ausgenommen ist. Seine Haltung ist fast locker. Doch in seiner Konzentration auf die Männer vor ihm liegt eine physische Gefährlichkeit, die mir erneut klarmacht, wie wenig ich über ihn weiß.

Auf Ravn hat sie keine sichtbare Wirkung. Aber sie läßt die beiden blauen Männer einen Schritt zurücktreten, wobei sie zugleich ihre Jacken aufknöpfen. Kann sein, daß ihnen zu warm ist. Kann sein, daß sie an derselben nervösen Zuckung leiden. Kann aber auch sein, daß sie beide einen Totschläger mit Bleikern haben.

»Werde ich zurückgefahren?«

»Bis vor die Tür.«

__________

Während der Fahrt sitze ich mit Ravn auf dem Rücksitz. Irgendwann lehne ich mich vor und nehme dem Fahrer die Sonnenbrille ab.

»Ich schweige wie ein Grab, Herzchen«, sage ich. »Mein Mund ist mit sieben Siegeln verschlossen. Von mir erfährt Ravn hier nicht, daß du im Dienst schläfst. Morgens um halb sieben am Kabbelejevej.«

Beim Polizeipräsidium biegen wir zwischen den roten Gebäuden ein, wo die Kfz-Sachverständigen ihre Büros haben. Wir fahren zu einer niedrigen roten Baracke, die zum Hafen hin liegt.

Vor dem Gebäude ist kein Schild. Wir begegnen keinem Menschen. Nirgendwo klappern Schreibmaschinen. Die Türen tragen keine Namensschilder. Hier herrschen nur Ruhe und Frieden. Wie in einem Lesesaal. Oder in der Morgue unter dem Gerichtsmedizinischen Institut.

Die beiden blauen Pagen sind abgefallen. Wir gehen in ein dunkles Büro. Die Fenster haben Jalousien. Durch die Jalousien sieht man das elektrische Licht, die Kais, das Wasser, Islands Brygge.

Am Tag muß der Raum ziemlich viel Licht kriegen. Ansonsten ist nichts weiter dran. Nichts an den Wänden. Nichts auf den Tischen. Nichts auf den Fensterbrettern.

Ravn macht das Licht an. In einer Ecke sitzt ein Mann auf einem Stuhl. Er hat hier im Dunkeln gewartet. Sehnig, kurzgeschnittene schwarze Haare, fast Bürstenschnitt, abwesende blaue Augen und ein harter Mund. Sorgfältig gekleidet.

Ravn setzt sich an den Schreibtisch.

»Smilla Jaspersen«, stellt er vor. »Kapitän Telling.«

Ich habe den Rücken zum Fenster und die beiden Männer vor mir.

Keine Zigaretten, kein Kaffee in Plastikbechern, kein Tonband und kein grelles elektrisches Licht, keine Verhörstimmung. Nur Wartezeit.

In dieser Wartezeit mache ich mich still.

Aus der Stille tritt eine Dame mit einem Tablett mit Tee, Zucker, Milch und Zitronenscheiben, alles auf weißem Porzellan. Danach verschluckt das verlassene Gebäude sie, und sie ist weg. Ravn schenkt ein.

Er holt einen Umschlag aus einer Schublade. Er ist rosa. Er liest langsam. Als wolle er es — noch einmal — zum erstenmal erleben.

»Smilla Qaavigaaq Jaspersen. Geboren am l6. Juni 1956 in Qaanaaq. Eltern: Robbenfängerin Ane Qaavigaaq und Arzt Jørgen Moritz Jaspersen. Volksschule in Grönland und Kopenhagen. Abitur 1976 an der Birkerød Statsskole. Studium am H.C.Ørsted-Institut und am Geographischen Institut in Kopenhagen. Gletschermorphologie, Statistik und mathematische Grundlagenprobleme. Reisen nach Westgrönland und Thule 1975, 1976 und 1977. Depotauslegungen für dänische und französische Expeditionen nach Nordgrönland 1978, 1979 und 1980. 1982 am Geodätischen Institut eingestellt. Von 1982 bis 1985 wissenschaftliche Teilnehmerin an Expeditionen zum Inlandeis, zum Polarmeer und zum Arktischen Nordamerika. In der Anlage verschiedene Empfehlungen. Eine von Major Guldbrandsen, dem Leiter der Siriuspatrouille in Grönland. Noch von 1979. Er beschwert sich darüber, daß Sie keinen Hundeschlitten fahren wollen. Sie haben Angst vor Hunden?«

»Reine Vorsicht.«

»Aber er fügt hinzu, daß er jeder zivilen Expedition empfehlen würde, Sie als Navigatorin mitzunehmen, und wenn man Sie auf dem Rücken mitschleppen müßte. Dann Ihre wissenschaftlichen Aufsätze. Ein Dutzend, mehrere davon im Ausland erschienen. Mit Titeln, die Kapitän Tellings und mein Verständnisvermögen übersteigen. Statistics on Glacial Graphology. Mathematical Models for Brine Drainage from Seawater Ice. Und ein Kompendium für Studenten, das Sie mal geschrieben haben. Grundzüge der nordgrönländischen Gletschermorphologie.«

Er klappt den Bericht zu.

»Dann haben wir hier noch mehrere andere Beurteilungen. Von Lehrern. Von Mitarbeitern am Cold Water Laboratory der amerikanischen Armee an einem Ort, der Pylot Island heißt. Aus allen geht übereinstimmend hervor, daß man sich mit Gewinn an Smilla Jaspersen wenden kann, wenn man etwas über Eis wissen will.«

Ravn zieht den Mantel aus. Darunter ist er spillerig wie ein Pfeifenreiniger. Ich ziehe die Schuhe aus und lege die Füße gekreuzt auf den Stuhl, so daß ich meine Zehen massieren kann. Sie sind vor Kälte gefühllos, und an den Strümpfen hängen noch Eisklumpen.

»Diese Auskünfte stimmen im großen und ganzen mit dem curriculum vitae überein, das Sie abgegeben haben, als das Norwegische Polarinstitut für seine Expedition zur Kennzeichnung von Eisbären den Antrag auf Einreisegenehmigung nach Nordgrönland stellte. Wir haben Sie ein bißchen genauer unter die Lupe genommen. Alle Informationen sind völlig korrekt. Von daher muß man, meine ich, den Eindruck gewinnen, daß man es mit einer jungen, sehr selbständigen Frau zu tun hat, die ungewöhnliche Fähigkeiten besitzt und sie mit Ehrgeiz und Begabung verwaltet hat. Meinen Sie nicht auch, daß man zu dieser Meinung gelangen muß?«

»Sie können sich genau die Meinung bilden, die Ihnen in den Sinn kommt«, sage ich.

»Ich habe allerdings auch noch einige andere Auskünfte.«

Der Umschlag ist sehr dünn, dunkelgrün.

»Das hier stimmt im großen und ganzen mit dem Bericht überein, den Kapitän Telling und sein Büro vorliegen hatten, als dort auf Ihren letzten Antrag auf Einreisegenehmigung nach Nordgrönland der Stempel ‘Abgelehnt’ gedrückt wurde. Zunächst werden da einige persönliche Angaben zusammengefaßt. Die Mutter wurde am 12. Juni 1963 als auf der Jagd vermißt gemeldet. Vermutlich umgekommen. Ein Bruder begeht im September 1981 in Upernavik Selbstmord. Die Eltern heiraten 1956, geschieden 1958. Das Sorgerecht geht nach dem Tod der Mutter auf den Vater über. Die diesbezügliche Beschwerde des Bruders der Mutter im Mai 1974 vom Justizministerium abgewiesen. Nach Dänemark im September 1963. Zwischen 1963 und 1971 sechsmal von der Polizei gesucht und gefunden, davon zweimal in Grönland.

Dänische Volksschule für Einwanderer 1963. Skovgårdsschule in Charlottenlund 1964 bis 1965. Von der Schule verwiesen. Internat Stenhøj in Humlebæk 1965 bis 1967. Rausschmiß. Danach kommen kürzere Aufenthalte an kleineren Privatschulen. Mittlere Reife als Externe nach Privatunterricht zu Hause. Danach Gymnasium. Letzte Klasse wiederholt. 1976 Abitur als Externe. Immatrikulation an der Universität Kopenhagen. 1984 ohne Abschluß exmatrikuliert. Dann ist da noch die politische Tätigkeit. Bei den Besetzungen des Umweltministeriums durch den Rat Junger Grönländer mehrmals inhaftiert. Aktiv an der Bildung von IA beteiligt, als sich der RJG spaltet.«

Er sieht fragend zu Telling hinüber.

»Inuit Ataqatigiit. ‘Die vorwärts wollen’. Aggressiv marxistisch.«

Es ist das erstemal, daß der Kapitän gesprochen hat.

»Verläßt die Partei noch im selben Jahr nach verschiedenen Unstimmigkeiten. Seither parteilos. Dann sind da noch ein paar kleinere Gesetzesübertretungen. Drei noch nicht abgeschlossene Verfahren wegen Übertretung der kanadischen Territorialgesetze im Pearysund. Warum?«

»Ich habe Eisbären gespürt. Bären können keine Karten lesen. Sie respektieren also keine Nationalgrenzen.«

»Ein paar kleine Verkehrsvergehen. Ein Urteil wegen Verleumdung in Verbindung mit einem Aufsatz über ‘Eisforschung und Profitinteressen in Dänemark im Zusammenhang mit der Ausbeutung von Ölvorkommen im Polarmeer’. In diesem Zusammenhang aus der Dänischen Gesellschaft für Gletscherkunde ausgeschlossen.«

Er blickt auf.

»Gibt es irgendeine Institution, die Sie nicht rausgeworfen hat, Fräulein Jaspersen?«

»Soweit ich weiß, bin ich beim Einwohnermeldeamt noch registriert«, sage ich.

»Des weiteren haben wir der Steuer- und Registerverwaltung über die Schulter geschaut. Durch Ihre Aufsätze, sporadische Anstellungen und die Arbeitslosenunterstützung kommt ein bißchen herein. Scheint jedoch nicht Ihrem Verbrauch zu entsprechen. Wir überlegen, ob Sie einen Sponsor haben. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?«

»Warm und ehrerbietig.«

»Das könnte einiges erklären. Kapitän Telling hat nämlich auch einen Blick in seine Einkommensteuererklärung geworfen.«

Für mich ist es nichts Neues, daß sie das wissen. Seit es die Airbase Thule gibt, ist die Zahl der zivilen Passagiere, die jede Maschine nach Grönland mitnehmen darf, begrenzt. Damit der Nachrichtendienst Zeit hat nachzuschauen, ob alle konfirmiert sind, aus guter Familie stammen, und bis vor kurzem auch noch kontrollieren konnte, ob sie gegen das rote Fieber aus dem Osten geimpft waren. Erstaunlich ist nur, daß sie mir hier erzählen, was sie wissen.

»Die Informationen vermitteln ein komplizierteres Bild. Sie zeichnen das Porträt einer Frau, die nie eine Ausbildung abgeschlossen hat. Die arbeitslos ist. Die ohne Familie ist. Die überall, wo sie sich aufgehalten hat, Konflikte ausgelöst hat. Die sich nie hat anpassen können. Die aggressiv ist. Und die um politische Extreme kreist. Trotzdem ist es Ihnen gelungen, in zwölf Jahren an neun Expeditionen teilzunehmen. Ich kenne Grönland nicht. Aber ich denke mir, daß man, wenn einem das Leben mißlungen ist, das auf dem Inlandeis besser verbergen kann.«

Kein Kommentar. Aber es kommt unter seinem Namen auf die schwarze Liste.

»Bei diesen Expeditionen haben Sie jedesmal als Navigatorin fungiert. Jedesmal wurden vertrauliches militärisches Kartenmaterial, Satelliten- und Radaraufnahmen und meteorologische Beobachtungen benutzt. Zwölfmal haben Sie in den letzten neun Jahren eine Erklärung unterschrieben, die Ihnen Schweigepflicht auferlegt. Alles Material, von dem wir eine Kopie haben.«

Allmählich habe ich das Gefühl zu wissen, worauf er hinauswill, was sein roter Faden ist.

»In einem kleinen Land wie dem unserem sind Sie ein heikler Punkt, Fräulein Jaspersen. Sie haben viel gehört und gesehen. Was man zwangsläufig tut, wenn man nach Nordgrönland reingelassen wird. Aber Sie haben eine Vergangenheit und einen Charakter, die — wenn Sie sich irgendwo anders auf dänischem Territorium befunden hätten — mit Sicherheit dazu geführt hätten, daß Sie überhaupt nichts zu hören oder zu sehen bekommen hätten.«

Der Blutkreislauf in meinen Füßen funktioniert allmählich wieder.

»Ich schäme mich«, sage ich. »Ich weine fast. Darf ich mir die Nase an Kapitän Tellings Schlips abwischen?«

»Wer auch nur einen ganz kleinen Rest von Vernunft hat, würde sich an Ihrer Stelle sehr bedeckt halten.«

»Haben Sie etwas gegen meine Kleidung? Gegen den Minirock?«

»Wir haben etwas gegen Ihren nutzlosen oder geradezu schädlichen Versuch, sich in die Untersuchung eines Falls einzumischen, der — das habe ich Ihnen doch versprochen — geprüft wird.«

Natürlich haben wir uns die ganze Zeit über auf diesen Punkt zubewegt.

»Ja«, sage ich. »Ich entsinne mich gut, daß Sie das versprochen haben. Damals, als Sie noch bei der Kopenhagener Staatsanwaltschaft gearbeitet haben.«

»Fräulein Smilla«, sagt er ganz sanft. »Wir können Sie jederzeit ins Kittchen stecken. Verstehen Sie mich? Wir können Sie in eine Einzelzelle — einen Isolationstank — stecken, wann immer uns das paßt. Kein Richter würde zögern, wenn er Ihr Führungszeugnis zu sehen bekäme.«

Bei dieser Unterredung muß es von Anfang an um Authentizität gegangen sein. Er hat mir zeigen wollen, was er kann. Daß er sich die Informationen beschaffen kann, die ich an die dänische Grönlandverwaltung und an das Militär geschickt habe. Daß er meine Bewegungen hat verfolgen können. Daß er Zugang zu allen Archiven hat. Und daß er jederzeit einen Nachrichtenoffizier herbeischaffen kann, um sechs Uhr abends und direkt vor Weihnachten. Und das alles hat er getan, damit ich auch nicht den geringsten Zweifel hege, daß er mich jederzeit in den Knast stecken kann.

Es ist ihm gelungen. Jetzt weiß ich, daß er kann. Daß er kriegt, was er haben will. Denn seine Drohung stützt sich auf tiefer liegende Wissensschichten. Die er jetzt ans Licht hebt.

»Eingesperrtsein«, sagt er langsam, »in einem kleinen schalltoten Raum ohne Fenster, ist, so habe ich mir sagen lassen, besonders unangenehm, wenn man in Grönland aufgewachsen ist.«

Er hat nichts Sadistisches an sich. Er weiß nur genau und vielleicht ein bißchen melancholisch über seine Druckmittel Bescheid.

In Grönland gibt es keine Gefängnisse. Der größte Unterschied zwischen der Gesetzgebung in Dänemark und in Nuuk besteht darin, daß man in Grönland Gesetzesübertretungen, für die man in Dänemark mit Haft oder Gefängnis bestraft wird, weit häufiger mit Geldbußen ahndet. Die grönländische Hölle ist nicht die schwefelschwappende europäische Klippenlandschaft. Die grönländische Hölle ist der geschlossene Raum. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als seien wir nie in Innenräumen gewesen. Es war undenkbar für meine Mutter, längere Zeit am selben Ort zu wohnen. Mir geht es mit meiner räumlichen Freiheit wie — nach meiner Beobachtung — Männern mit ihren Hoden. Ich wiege sie wie einen Säugling und bete sie an wie eine Göttin.

Mit der Untersuchung von Jesajas Tod bin ich am Ende.

Wir stehen auf. Wir haben unsere Tassen nicht angerührt. Der Tee ist kalt geworden.

II

1

Man kann eine Depression auf verschiedene Weise zu kaschieren versuchen. Man kann sich in der Erlöserkirche Bachs Orgelwerke anhören. Man kann mit der Rasierklinge auf dem Taschenspiegel eine Schneelinie ziehen und sie mit dem Strohhalm reinziehen. Man kann um Hilfe rufen. Zum Beispiel am Telefon, dann weiß man mit Sicherheit, wer es hört.

Das ist der europäische Weg. Darauf zu hoffen, daß man sich aus den Problemen herausarbeiten kann.

Ich nehme den grönländischen Weg. Der besteht darin, daß man in das schwarze Loch hineingeht. Seine Niederlage unter das Mikroskop legt und bei diesem Anblick verweilt.

Wenn es richtig schlimm ist — so wie jetzt —, sehe ich einen schwarzen Tunnel vor mir. Zu dem gehe ich. Ich lege meine schönen Sachen ab, meine Unterwäsche, meinen Sicherheitshelm und meinen dänischen Paß, und dann gehe ich in das Dunkel hinein.

Ich weiß, es kommt ein Zug. Eine Dampflokomotive mit Bleimantel, die Strontium 90 transportiert. Ich gehe ihr entgegen.

Das kann ich, weil ich siebenunddreißig Jahre alt bin. Ich weiß, daß im Tunnel, unter den Rädern, zwischen den Schwellen, ein kleiner Lichtpunkt ist.

Es ist Heiligabend, morgens. Seit einigen Tagen habe ich mich nach und nach von der Welt abgenabelt. Und bereite mich nun auf den endgültigen Abstieg vor. Der kommen muß. Weil ich mich von Ravn habe unterkriegen lassen. Weil ich jetzt Jesaja im Stich lasse. Weil ich meinen Vater nicht aus dem Kopf kriege. Weil ich nicht weiß, was ich dem Mechaniker sagen soll. Weil ich anscheinend nie klüger werde.

Ich habe mich vorbereitet, indem ich nicht gefrühstückt habe. Das fördert die Konfrontation. Ich habe die Tür abgeschlossen. Ich setze mich in den großen Sessel. Und rufe die schlechte Laune auf mich herab: Hier sitzt Smilla. Hungrig. Verschuldet. Am Heiligabend. Wo andere ihre Familie haben. Ihren Partner. Ihre B&O-Stereoanlage. Wo andere einander haben.

Das zeigt Wirkung. Ich stehe bereits vor dem Tunnel. Angealtert. Mißlungen. Verlassen.

Es klingelt. Es ist der Mechaniker. Ich höre es an der Art des Klingelns. Vorsichtig, tastend, als sei die Klingel direkt in den Schädel einer alten Dame eingeschraubt, die er nicht stören möchte. Ich habe ihn seit der Beerdigung nicht mehr gesehen. Nicht mehr an ihn denken wollen. Ich gehe in den Flur und ziehe den Bananenstecker heraus. Ich setze mich wieder.

In meinem Inneren lasse ich die Bilder aufmarschieren, als ich zum zweitenmal ausgerissen bin und Moritz mich in Thule holte. Wir standen auf der nicht überdachten Zementplattform, auf der man die letzten zwanzig Meter zum Flugzeug hinausgeht. Meine Tante jammerte. Ich atmete durch, so tief ich konnte. Ich dachte, daß es mir auf diese Weise gelingen würde, die klare, trockene und irgendwie süße Luft mit nach Dänemark zu nehmen.

Es klopft an die Küchentür. Es ist Juliane. Sie kniet sich hin und ruft durch den Briefschlitz.

»Smilla. Ich habe Fischteig angerührt!«

»Laß mich in Ruhe.«

Sie ist eingeschnappt. »Ich kippe ihn durch deinen Briefschlitz. «

Als wir ins Flugzeug steigen wollten, schenkte mir meine Tante ein Paar Hauskamiken. Allein für die Perlenstickerei hatte sie einen Monat gebraucht.

Das Telefon klingelt.

»Ich hätte mit Ihnen gern über etwas gesprochen.«

Es ist Elsa Lübings Stimme.

»Bedaure«, sage ich. »Erzählen Sie’s jemand anderem. Werfen Sie Ihre Perlen nicht vor die Säue.«

Ich ziehe den Stecker heraus. Sekundenweise fühle ich mich von dem Gedanken an Ravns Isolierzelle angezogen. Es ist ein Tag, an dem man nicht ausschließen kann, daß als nächstes jemand ans Fenster klopft. Im vierten Stock.

Es klopft an mein Fenster. Draußen steht ein grüner Mann. Ich mache auf.

»Ich bin der Fensterputzer. Ich wollte Sie bloß warnen. Damit Sie nicht plötzlich anfangen zu strippen.«

Er grinst von Ohr zu Ohr. Als würde er die Fenster putzen, indem er die Scheiben nacheinander in den Mund nimmt.

»Was zum Teufel meinen Sie? Wollen Sie damit andeuten, daß Sie keine Lust haben, mich nackt zu sehen?«

Sein Lächeln verblaßt. Er drückt auf einen Knopf, die Plattform, auf der er steht, bringt ihn außer Reichweite.

»Ich will keine Fenster geputzt haben«, rufe ich ihm nach. »In meinem Alter kann man sowieso kaum mehr rausschauen.«

Die ersten Jahre in Dänemark habe ich nicht mit Moritz gesprochen. Wir aßen zusammen Abendbrot. Das hatte er verlangt. Ohne ein Wort saßen wir aufrecht da, während wechselnde Haushälterinnen wechselnde Gerichte servierten. Frau Mikkelsen, Dagny, Fräulein Holm, Boline Hsu. Hacksteak, Hase in Rahmsauce, japanisches Gemüse, ungarische Spaghetti. Ohne ein Wort zu wechseln.

Wenn jemand davon redet, wie schnell Kinder vergessen, wie schnell sie vergeben und wie sensibel sie sind, dann geht mir das zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Kinder können jemanden, den sie nicht mögen, erinnern, aufleben und erfrieren lassen.

Ich war wohl etwa zwölf Jahre alt, als ich zum erstenmal auch nur ein klein wenig verstand, warum er mich nach Dänemark geholt hatte. Ich war aus Charlottenlund abgehauen. Ich trampte nach Westen. Ich hatte gehört, daß man nach Jütland käme, wenn man nach Westen fuhr. In Jütland gab es Frederikshavn. Von dort aus konnte man nach Oslo kommen. Von Oslo gingen regelmäßig Frachtschiffe nach Nuuk.

In der Nähe von Sorø wurde ich am späten Nachmittag von einem Förster mitgenommen. Er fuhr mich zu einem Forsthaus, gab mir Milch und ein Butterbrot und bat mich, einen Augenblick zu warten. Während er die Polizei anrief, hatte ich das Ohr an der Tür. Vor der Garage fand ich das Moped seines Sohnes. Ich nahm den Weg über die Acker. Der Förster lief mir nach, aber seine Hausschuhe blieben im Schlamm stecken.

Es war Winter. In einer Kurve an einem See rutschte ich, fiel, riß meine Jacke auf und verletzte mir die Hand. Ich ging einen Großteil der Nacht zu Fuß weiter. Zum Schlafen setzte ich mich in ein Wartehäuschen einer Bushaltestelle. Als ich aufwachte, saß ich auf einem Küchentisch, und eine Frau desinfizierte meine Hautabschürfungen am Brustkasten mit reinem Alkohol. Es war ein Gefühl, als würde man von einem Rammbock umgerannt.

Im Krankenhaus kratzten sie Asphalt aus der Wunde und gipsten die gebrochenen Handwurzelknochen ein. Dann kam Moritz und holte mich.

Er war sehr wütend. Als wir nebeneinander den Krankenhausflur entlanggingen, zitterte er.

Er hielt meinen Arm fest. Als er seinen Autoschlüssel herausnehmen wollte, ließ er mich los, und ich riß aus. Ich war ja auf dem Weg nach Oslo. Aber ich war nicht gerade in allerbester Form, und er war schon immer schnell. Golfspieler trainieren das Laufen, um die langen Entfernungen durchhalten zu können. Oft sind das zweimal 25 Kilometer, wenn sie in zwei Tagen zweiundsiebzig Löcher abgehen. Im nächsten Moment hatte er mich am Kragen.

Ich hatte eine Überraschung für ihn. Ein Chirurgenskalpell, das ich mir auf der Unfallstation in die Kapuze gesteckt hatte. Es geht durchs Fleisch, als sei es Butter, die in der Sonne gestanden hat. Doch weil meine rechte Hand eingegipst war, reichte es nur zu einem Schnitt über seine eine Handfläche.

Er sah die Hand an, und dann hob er sie, um mich zu schlagen. Ich war jedoch etwas zurückgeglitten, und so umkreisten wir einander, dort auf dem Parkplatz. Wenn physische Gewalt in einer Beziehung lange Zeit nur latent da ist, kann es manchmal geradezu erleichternd sein, wenn man zu ihr vorstößt. Plötzlich richtete er sich auf.

»Du bist wie deine Mutter«, sagte er. Und dann fing er an zu weinen.

In diesem Augenblick tat ich einen Blick in sein Inneres. Als meine Mutter auf Grund ging, muß sie etwas von Moritz mitgenommen haben. Oder, was noch schlimmer ist: etwas von seiner physischen Welt muß mit ihr ertrunken sein. Dort, auf dem Parkplatz, an diesem frühen Wintermorgen, wo wir uns ansahen, während sein Blut von der Hand heruntertropfte und einen kleinen roten Tunnel in den Schnee brannte, erinnerte ich mich an etwas. Ich erinnerte mich an ihn in Grönland, bevor meine Mutter starb. Ich erinnerte mich, daß es mitten in seinen lauernden, unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen auch eine Fröhlichkeit und Lebensfreude und möglicherweise auch sogar so etwas wie Wärme gegeben hatte. Diesen Teil der Welt hatte meine Mutter mit sich genommen. Sie war mit den Farben verschwunden. Seitdem war er in einer ausschließlich schwarzweißen Welt eingesperrt.

Nach Dänemark hatte er mich geholt, weil ich das einzige war, das ihn an das Verlorene erinnern konnte. Menschen, die verliebt sind, beten eine Fotografie an. Sie liegen vor einem Halstuch auf den Knien. Sie unternehmen eine Reise, um sich eine Hausmauer anzusehen. Sie machen alles, was die Glut, die sie wärmt und zugleich verbrennt, entfachen kann.

Bei Moritz war es noch schlimmer. Er war hoffnungslos in jemanden verliebt, dessen Moleküle in die große Leere hinausgesogen worden waren. Seine Liebe hatte die Hoffnung aufgegeben. Aber sie hatte sich an die Erinnerung geklammert. Und diese Erinnerung war ich. Unter großen Mühen hatte er mich geholt, jahrelang hatte er in einer Wüste aus Widerwillen eine endlose Serie von Zurückweisungen ertragen, um zu mir herübersehen und einen Augenblick bei dem innehalten zu können, was ihn an mir an die Frau erinnerte, die meine Mutter gewesen war.

Wir richteten uns auf. Ich warf das Skalpell ins Gebüsch. Wir gingen in die Unfallstation zurück und ließen ihn verbinden.

Es war das letztemal, daß ich auszureißen versuchte. Ich will nicht sagen, daß ich ihm verzieh. Ich werde immer mißbilligen, wenn Erwachsene den Druck der Liebe, den sie nicht haben loswerden können, an kleinen Kindern auslassen. Aber in gewisser Weise verstand ich ihn. Von meinem Stuhl aus sehe ich den Briefschlitz. Es ist der letzte Eingang, durch den sich die Welt draußen noch nicht durchzuzwängen versucht hat. Jetzt wird ein langer Streifen graue Pappe durchgeschoben. Er ist beschrieben. Ich lasse ihn eine Zeitlang liegen. Aber es ist schwer, eine Nachricht zu ignorieren, die fast einen Meter lang ist. ‘Alles ist besser als Selbstmord’ steht da. Jedenfalls sollte es da stehen. Es ist ihm gelungen, in dem kurzen Text zwei oder drei Schreibfehler unterzubringen.

__________

Seine Tür ist offen. Ich weiß, daß er sie nie abschließt. Ich klopfe an und gehe hinein.

Ich habe mir ein bißchen kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht. Es ist nicht auszuschließen, daß ich auch meine Haare gebürstet habe.

Er sitzt im Wohnzimmer und liest. Ich sehe ihn zum erstenmal mit Brille.

Draußen ist der Fensterputzer zugange. Als er mich sieht, beschließt er, ein Stockwerk tiefer weiterzumachen.

Der Mechaniker hat immer noch eine Wundklammer im Ohr. Doch es scheint zu heilen. Er hat schwarze Ränder unter den Augen. Aber er ist frisch rasiert.

»Es hat noch eine Expedition gegeben.«

Er klopft auf die Papiere, die er vor sich hat.

»Es war die Karte, die mich daraufgebracht hat.«

Ich setze mich neben ihn. Er riecht nach Shampoo und Knoblauch.

»Jemand hat etwas auf die Karte geschrieben.«

Ich schaue mir die Detailkarte des Gletschers zum erstenmal genauer an. Es ist eine Fotokopie. Auf dem Rand hat jemand mit Bleistift etwas notiert. Durch das Kopieren ist die Notiz deutlicher geworden. Es ist eine Mischung aus Englisch und Dänisch. ‘Revidiert accord. Carlsb. found. Expd. 1966’.

Er sieht mich erwartungsvoll an.

»Da s-sage ich mir, daß es also noch eine Expedition gegeben hat. Ich überlege einen Augenblick und gehe ins Archiv zurück.«

»Ohne Schlüssel?«

»Ich habe Werkzeug.«

Kein Grund, daran zu zweifeln. Er hat Werkzeug, mit dem man die Keller unter der Nationalbank öffnen könnte.

»Aber dann habe ich den Einfall, bei Carlsberg anzurufen. Das erweist sich als m-mühsam. Jemand stellt mich durch. Es stellt sich heraus, daß ich mit dem Carlsbergfonds reden muß. Dort bekomme ich die Auskunft, daß sie 1966 eine Expedition unterstützt haben. Aber keiner im Fonds hat schon damals dort gearbeitet. Und einen Bericht hatten sie nicht. Aber sie hatten etwas anderes.«

Das ist sein Trumpf.

»Sie hatten die Abrechnung und das Verzeichnis der Expeditionsteilnehmer und Mitarbeiter, an die sie Gehalt gezahlt hatten. Weißt du, was ich ihnen gesagt habe, woher ich a-anrufe? Vom Finanzamt. Sie haben die Auskünfte sofort herausgerückt. Und weißt du was? Es war einer von der ersten Expedition dabei.«

Er legt mir ein Blatt Papier vor. In Blockschrift steht da eine Reihe von Namen, von denen ich zwei kenne. Er zeigt auf den einen.

»Komischer Name, nicht wahr? Den vergißt man nicht, wenn man ihn einmal gehört hat. Er war beide Male dabei.«

‘Andreas Fine Licht’ steht da. ‘600 CYD 12/9’.

»Was bedeutet CYD?«

»Cap York Dollars. Die Währung der Kryolithgesellschaft in Grönland.«

»Ich habe das Einwohnermeldeamt angerufen. Die wollten Namen, Personenkennzeichen und die letzten bekannten Wohnanschriften haben. Ich mußte also noch mal beim Fonds anrufen. Aber dann habe ich sie gefunden. Da stehen zehn Namen, nicht wahr? Drei davon waren Grönländer. Von den sieben anderen leben nur noch zwei. 1966 ist a-allmählich schon lange her. Der eine ist Licht. Der andere ist eine Frau. Bei Carlsberg haben sie gesagt, sie sei für eine Übersetzung bezahlt worden. Sie konnten nicht sehen, was es war. Sie heißt Benedicte Clahn.«

»Da ist noch einer.«

Er sieht mich verständnislos an.

Ich lege ihm den medizinischen Bericht vor und zeige auf den Namen des Unterzeichners. Er buchstabiert ihn langsam. »Loyen.«

Dann nickt er.

»Der war 1966 auch dabei.«

__________

Er kocht für uns.

Es ist eine Art Gesetzmäßigkeit. Wenn man sich bei Leuten wohl fühlt, landet man in der Küche. In Qaanaaq wohnten wir in der Küche. Hier begnüge ich mich damit, in der Tür zu stehen. Seine Küche ist zwar geräumig, aber er füllt sie auch allein ganz gut aus.

Manche Frauen können Soufflé machen. Haben zufällig gerade ein Rezept für Mokkaparfait in ihrem Sport-BH. Können mit der einen Hand ihre Hochzeitstorte schichten und mit der anderen Pfeffersteak Nossi Bé machen.

Darüber sollten wir uns alle freuen. Solange das nicht heißt, daß wir anderen ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil wir noch nicht mal mit unserem elektrischen Toaster auf du und du sind. Er hat einen Berg von Fischen und einen Haufen Gemüse da. Lachs, Makrele, Dorsch, verschiedene Plattfische. Zwei große Krebse. Schwänze, Köpfe, Flossen. Außerdem Mohrrüben, Zwiebeln, Lauch, Wurzelpetersilie, Fenchel, Topinambur.

Er wäscht und kocht das Gemüse.

Ich erzähle von Ravn und Kapitän Telling.

Er setzt Reis auf. Mit Kardamom und Sternanis.

Ich erzähle ihm von den Vertraulichkeitsklauseln, die ich unterschrieben habe.

Von den Berichten, die Ravn hatte.

Er seiht das Gemüsewasser und kocht die Fischstücke.

Ich erzähle von den Drohungen. Davon, daß sie mich jederzeit verhaften können.

Er nimmt die Fischstücke nacheinander heraus. Von Grönland her erinnere ich mich gut daran. Aus der Zeit, als wir uns zum Essenkochen Zeit nahmen. Fisch hat ganz unterschiedliche Garzeiten. Dorsch ist sofort weich. Makrele später, Lachs noch später.

»Ich habe Angst vor dem Eingesperrtsein«, sage ich.

Die Krebse gibt er zuletzt hinein. Er läßt sie höchstens fünf Minuten mitkochen.

In gewisser Weise bin ich erleichtert darüber, daß er nichts sagt, mich nicht ausschimpft. Er ist der einzige, der weiß, wieviel wir wissen. Wieviel wir jetzt vergessen müssen.

Ich halte es für notwendig, ihm das mit der Klaustrophobie näher zu erklären.

»Weißt du, was hinter der Mathematik steckt?« frage ich. »Hinter der Mathematik stecken die Zahlen. Wenn mich jemand fragen würde, was mich richtig glücklich macht, dann würde ich antworten: die Zahlen. Schnee und Eis und Zahlen. Und weißt du, warum?«

Er knackt die Scheren mit einem Nußknacker und zieht das Fleisch mit einer gebogenen Pinzette heraus.

»Weil das Zahlensystem wie das Menschenleben ist. Zu Anfang hat man die natürlichen Zahlen. Das sind die ganzen und positiven. Die Zahlen des Kindes. Doch das menschliche Bewußtsein expandiert. Das Kind entdeckt die Sehnsucht, und weißt du, was der mathematische Ausdruck für die Sehnsucht ist?«

Er gibt Rahm und ein paar Tropfen Apfelsinensaft in die Brühe.

»Es sind die negativen Zahlen. Die Formalisierung des Gefühls, daß einem etwas abgeht. Und das Bewußtsein erweitert sich immer noch und wächst, das Kind entdeckt die Zwischenräume. Zwischen den Steinen, den Moosen auf den Steinen, zwischen den Menschen. Und zwischen den Zahlen. Und weißt du, wohin das führt? Zu den Brüchen. Die ganzen Zahlen plus die Brüche ergeben die rationalen Zahlen. Aber das Bewußtsein macht dort nicht halt. Es will die Vernunft überschreiten. Es fügt eine so absurde Operation wie das Wurzelziehen hinzu. Und erhält die irrationalen Zahlen.«

Er backt die Baguettes im Ofen auf und füllt Pfeffer in eine Mühle.

»Es ist eine Art Wahnsinn. Denn die irrationalen Zahlen sind endlos. Man kann sie nicht schreiben. Sie zwingen das Bewußtsein ins Grenzenlose hinaus. Und wenn man die irrationalen Zahlen mit den rationalen zusammenlegt, hat man die reellen Zahlen.«

Ich bin in die Küche getreten, um Platz zu haben. Man hat so selten die Möglichkeit, sich einem Mitmenschen zu erklären. In der Regel muß man darum kämpfen, zu Wort zu kommen. Und das hier liegt mir wirklich am Herzen.

»Es hört nicht auf. Es hört nie auf. Denn jetzt gleich, auf der Stelle, erweitern wir die reellen Zahlen um die imaginären, um die Quadratwurzeln der negativen Zahlen. Das sind Zahlen, die wir uns nicht vorstellen können, Zahlen, die das Normalbewußtsein nicht fassen kann. Und wenn wir die imaginären Zahlen zu den reellen Zahlen dazurechnen, haben wir das komplexe Zahlensystem. Das erste Zahlensystem, das eine erschöpfende Darstellung der Eiskristallbildung ermöglicht. Es ist wie eine große, offene Landschaft. Die Horizonte. Man zieht ihnen entgegen, und sie ziehen sich immer wieder zurück. Das ist Grönland, und das ist es, ohne das ich nicht sein kann! Deshalb will ich mich nicht einsperren lassen.«

Auf einmal bin ich vor ihm gelandet.

»Smilla«, sagt er. »Darf ich dich küssen?«

Wir machen uns wohl alle ein Bild von uns. Ich habe mich immer als Grobian mit großer Klappe gesehen. Jetzt weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ich habe das Gefühl, daß er mich verraten hat. Nicht so zugehört hat, wie er es hätte tun sollen. Daß er mich im Stich gelassen hat. Andererseits tut er ja nichts. Er behelligt mich nicht. Er steht vor den dampfenden Töpfen und schaut mich nur an.

Mir fällt keine Antwort ein. Ich stehe bloß da und habe keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll, der Augenblick ist da, und dann ist er glücklicherweise vorbei.

__________

»F-frohe Weihnachten.«

Wir haben gegessen, ohne ein Wort zu wechseln. Zum einen natürlich, weil das Ungesagte von vorhin immer noch im Raum ist. Vor allem aber, weil die Suppe das erfordert. Über die Suppe kann man nicht hinwegreden. Sie meldet sich aus dem Teller und will ungeteilte Aufmerksamkeit.

So war es auch mit Jesaja. Wenn ich ihm vorlas oder wir uns ‘Peter und der Wolf’ anhörten, passierte es schon mal, daß meine Aufmerksamkeit von etwas anderem gefesselt wurde, daß meine Gedanken mit mir durchgingen. Nach einer Weile räusperte er sich. Ein freundliches, ein belehrendes, ein vielsagendes Räuspern. Es hieß soviel wie: Smilla — du döst dich weg von mir.

Genauso ist es mit der Suppe. Ich esse sie von einem Suppenteller. Der Mechaniker trinkt sie aus einer großen Tasse. Sie schmeckt nach Fisch. Nach den Tiefen des Atlantiks, nach Eisbergen und nach Tang. Der Reis erinnert an die Tropen, an gefaltete Bananenpalmenblätter. An Burmas schwimmende Gewürzmärkte. Um mal der Phantasie freien Lauf zu lassen.

Wir trinken Mineralwasser. Er weiß, daß ich keinen Alkohol anrühre. Er hat nicht gefragt, wieso nicht. Er hat mich überhaupt nie richtig etwas gefragt. Abgesehen von dem einen, gerade eben.

Er legt den Löffel hin.

»Das Schiff«, sagt er. »Das Modellschiff im Zimmer vom Baron. Es sah teuer aus.«

Er legt mir ein Faltblatt vor.

»Die K-Kiste, die er in seinem Zimmer hatte. In der er sich die Höhle gebaut hatte, das war die Verpackung vom Schiff. Dort habe ich das da gefunden.«

Warum habe ich das nicht selber gesehen?

Auf der Titelseite steht: (Arktisches Museum. Motorschiff Johannes Thomsen der Kryolithgesellschaft Dänemark. Maßstab 1:5O’.

»Was ist das ‘Arktische Museum’?« frage ich.

Er weiß es nicht.

»Aber auf der Kiste war eine Adresse.«

Er hat etwas in der Hinterhand. Er hat die Adresse mit einem Messer aus dem Pappkarton ausgeschnitten. Sicher um Schreibfehler zu vermeiden. Jetzt legt er sie vor mich hin.

‘Anwaltsbüro Hammer und Ving’. Und eine Adresse in der Østergade, ganz hinten am Kongens Nytorv.

»Das war der, der den Baron mit dem Auto abgeholt hat.«

»Was sagt Juliane?«

»Sie hat solche Angst, daß sie zittert.«

__________

Er macht Kaffee. Mit zwei Sorten Bohnen, mit Mühle, Trichter und Maschine und derselben nichts überstürzenden Sorgfalt. Wir trinken ihn schweigend. Es ist Heiligabend. Für mich ist die Stille normalerweise ein Bundesgenosse. Heute verursacht sie mir leichten Druck auf den Ohren.

»Habt ihr einen Weihnachtsbaum gehabt, als du ein Kind; warst?« frage ich.

Eine Frage mit einer zuverlässigen Oberfläche. Aber gestellt, um zu erfahren, wer er ist.

»Jedes Jahr. Bis ich f-fünfzehn war. Dann ist die Katze reingesprungen. Und die hat Feuer gefangen.«

»Was hast du da gemacht? «

Erst als ich bereits gefragt habe, merke ich, daß ich wie selbstverständli