/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Stirb ewig

Peter James


Stirb ewig

Peter James

2004

1

»Michael sah hoch, seine Nase berührte beinahe den Deckel. Im Licht der Taschenlampe war er von elfenbeinfarbenem Satin umschlossen. Er trat mit den Beinen, sie fanden keinen Spielraum. Er wollte die Arme ausstrecken. Auch kein Platz. Als er begriff, wo er sich befand, wurde er vorübergehend wieder nüchtern.«

Seit Tagen ist Michael Harrison spurlos verschwunden. Lebendig begraben. Auf irgendeinem gottverlassenen Acker. Kleiner Spaß seiner Freunde beim Junggesellenabend. Die sich diesen Scherz erlaubt haben, sind jetzt tot. Bis auf seinen besten Freund, der zu spät kam…

Inhaltsverzeichnis

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Danksagung

VON EIN PAAR KLEINIGKEITEN ABGESEHEN, funktionierte Plan A bis jetzt ganz ausgezeichnet. Zum Glück, denn eigentlich hatten sie keinen Plan B …

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… Sie hatten sich darauf verlassen, an einem Maiabend um halb neun noch etwas Tageslicht zu haben. Gestern war es jedenfalls so gewesen, als sie zu fünft dieselbe Strecke gefahren waren, mit vier Spaten bewaffnet und einem leeren Sarg. Doch als sie nun in einem weißen Ford Transit über die Landstraße in Sussex schossen, fiel aus einem Himmel, der wie ein verschwommenes Negativ wirkte, nebliger Nieselregen.

»Sind wir bald da?«, fragte Josh mit Kinderstimme.

»Der große Guru sagt, da, wo ich hingehe, werde ich sein«, entgegnete Robbo, der am Steuer saß und fast so betrunken wie die Übrigen war. In drei Pubs in den letzten anderthalb Stunden — vier weitere sollten noch vor ihnen liegen — hatte er sich an eine Mischung aus Bier und Limo gehalten. Aber irgendwie waren auch ein paar Pints Harveys Bitter dazwischengeraten — um einen klaren Kopf fürs Autofahren zu kriegen, wie er sagte.

»Da wären wir!«, verkündete Josh.

»Sag ich doch.«

Ein Wildwechsel-Schild blitzte auf und verschwand, als die Scheinwerfer über den glänzend schwarzen Asphalt glitten, der sich bis zum Wald in der Ferne erstreckte. Sie kamen an einem kleinen, weißen Cottage vorbei.

Michael, der im Laderaum auf einer Karodecke lag mit dem Kopf auf einem Kreuzschlüssel, fühlte sich angenehm benebelt. »Brauch noch waschhh zu trinken«, nuschelte er.

Hätte er seine fünf Sinne beisammen gehabt, wäre ihm aufgefallen, dass mit seinen Freunden etwas nicht stimmte. Er trank meist wenig, hatte an diesem Abend aber mehr Pubs besucht, als gut für ihn war, und seinen Verstand irgendwo zwischen den zahllosen leeren Bier- und Wodkagläsern verloren.

Sie waren alle seit ihrer Teenagerzeit befreundet, und Michael Harrison war immer der geborene Anführer gewesen. Falls das Geheimnis des Lebens darin bestand, seine Eltern klug auszuwählen, hatte Michael das große Los gezogen. Von seiner Mutter hatte er das gute Aussehen, von seinem Vater den Charme und Unternehmergeist geerbt, wobei ihm die selbstzerstörerischen Gene, die seinen Vater letztlich das Leben gekostet hatten, erspart geblieben waren.

Michael war zwölf gewesen, als sich sein Vater in der Garage mit Auspuffgasen vergiftet und einen Berg Schulden hinterlassen hatte. Er wurde schnell erwachsen, trug Zeitungen aus, um seine Mutter zu unterstützen, und arbeitete später in den Schulferien in der Fabrik. Er lernte frühzeitig, wie schwer es war, Geld zu verdienen — und wie leicht man es wieder verlieren konnte.

Mit achtundzwanzig war er ein smarter, anständiger Mann, wenn auch ein wenig zu vertrauensselig und bei besonderen Gelegenheiten mit einem Hang zu albernen Streichen. Letzterer sollte ihm zum Verhängnis werden. Und zwar richtig.

Doch davon ahnte er noch nichts.

Er sank wieder in seliges Vergessen, dachte nur an angenehme Dinge, vor allem an seine Verlobte Ashley. Das Leben war schön. Seiner Mutter ging es, nach dem Tode seines Vaters, wieder gut, seine jüngere Schwester Carly trampte ein Jahr durch Australien, und die Geschäfte liefen unglaublich gut. Vor allem aber würde er in drei Tagen die Frau heiraten, die er liebte. Und vergötterte. Seine Seelengefährtin.

Ashley.

Er achtete nicht auf den Spaten, der bei jedem Schlagloch klapperte, während die Reifen über den nassen Asphalt summten und der Regen zunehmend heftiger aufs Wagendach prasselte. Und auch nicht auf die Gesichter seiner beiden Freunde, die mit ihm hinten saßen, hin und her schwankten und atonal Rod Stewart begleiteten, der aus einem knisternden Radio »I am sailing« krächzte. Der ganze Wagen stank nach Benzin aus einem lecken Kanister.

»Isch liebe sie«, nuschelte Michael. »Iiisch liebe Ashley.«

»Ein tolles Mädchen«, stimmte Robbo zu, der grundsätzlich seiner Meinung war. Es lag in seiner Natur. Unbeholfen gegenüber Frauen, ein bisschen plump, mit rotem Gesicht, strähnigen Haaren, Bierbauch unter dem T-Shirt, hing Robbo der Gang ständig am Rockzipfel und wollte sich unentbehrlich machen. Heute Abend war er zur Abwechslung mal wirklich unentbehrlich.

»Ja, ist sie.«

»Jetzt gleich«, warnte Luke.

Robbo bremste, als sie die Abzweigung erreichten, und zwinkerte Luke im dunklen Wagen zu.

»Isch meine, isch lieb sie wirklich. Wisst ihr, was isch meine?«

»Wir wissen genau, was du meinst«, sagte Pete.

Josh lehnte sich von hinten gegen den Fahrersitz, einen Arm um Petes Schulter gelegt, nahm einen Schluck Bier und reichte die Flasche an Michael weiter. Schaum quoll aus dem Flaschenhals, als der Lieferwagen scharf bremste. Er rülpste. »Tschuldigung.«

»Was zum Teufel gefällt Ashley bloß an dir?«, fragte Josh.

»Mein Schwanz.«

»Nicht dein Geld? Oder dein Aussehen? Oder dein Charme?«

»Das auch, aber vor allem mein Schwanz.«

Der Lieferwagen schlingerte, als sie scharf nach rechts abbogen, ratterte über ein Viehgitter, dann über das nächste und rollte auf den Feldweg. Robbo spähte durch die beschlagene Scheibe und lenkte den Wagen in die tiefen Furchen. Ein Kaninchen schoss über den Weg und tauchte ins Unterholz. Die Scheinwerfer zuckten hin und her, beleuchteten flüchtig die dichten Nadelbäume, die den Weg säumten. Als Robbo herunterschaltete, veränderte sich Michaels Stimme, eine leise Furcht schwang darin mit.

»Wohin fahren wir?«

»In ein Pub.«

»Okay, super.« Dann: »Isch hab Ashley versprochen, dass isch nicht — nicht — zu viel trinke.«

»Hör mal, du bist noch nicht mal verheiratet und lässt dir schon Vorschriften machen. Noch bist du ein freier Mann. Noch drei Tage.«

»Dreieinhalb«, fügte Robbo bereitwillig hinzu.

»Habt ihr keine Mädchen organisiert?«, wollte Michael wissen.

»Bist du geil?«, erkundigte sich Robbo.

»Isch bleib treu.«

»Dafür sorgen wir schon.«

»Schweinehunde!«

Der Lieferwagen hielt an, setzte zurück, bog noch einmal rechts ab. Dann blieb er wieder stehen. Robbo stellte den Motor ab und damit auch Rod Stewart. »Da wären wir! Nächste Wasserstelle! Zum lustigen Bestatter!«

»Zum nackten Thai-Girl wär mir lieber«, meinte Michael.

»Die haben wir auch dabei.«

Jemand öffnete die hintere Tür, wer, wusste Michael nicht so genau. Unsichtbare Hände packten seine Fußgelenke. Robbo nahm einen Arm, Luke den anderen.

»Hey!«

»Mann, bist du schwer«, meinte Luke.

Schon plumpste Michael in seinem Lieblingsjackett und seiner besten Jeans (nicht gerade eine kluge Wahl für einen Junggesellenabend, warnte ein leises Stimmchen in seinem Kopf) auf die durchweichte Erde. Es war stockdunkel, bis auf die roten Hecklichter des Lieferwagens und den weißen Strahl einer Taschenlampe. Regennadeln stachen ihm in die Augen, seine Haare klebten nass an der Stirn.

»Meine — Sachen —«

Dann rissen sie ihm die Arme beinahe aus den Achseln, hoben ihn hoch und legten ihn in etwas, das trocken und mit weißem Satin ausgekleidet war und sich eng an seinen Körper schmiegte.

»Hey«, sagte er noch einmal.

Vier betrunkene Schattengesichter grinsten ihn von oben an. Jemand drückte ihm eine Zeitschrift in die Hand. Im Schein der Taschenlampe erhaschte er einen Blick auf eine nackte Rothaarige mit gigantischen Brüsten. Sie legten ihm eine Whiskyflasche, eine kleine Taschenlampe und ein Walkie-Talkie auf den Bauch.

»Was —?«

»Wir haben den Kanal schon eingestellt«, erklärte Robbo. »Du willst doch nicht mit Fremden plaudern.«

Jemand schob ihm einen übel schmeckenden Gummischlauch, wie sie im Krankenhaus verwendet werden, in den Mund. Als Michael ihn ausspuckte, hörte er ein Kratzen, dann verdeckte etwas die Gesichter. Alle Geräusche verstummten. Der Geruch von Holz, Stoff und Kleber drang in seine Nase. Einen Moment lang fühlte er sich warm und geborgen. Dann kam Panik auf.

»Hey, Leute — was —«

Robbo nahm einen Schraubenzieher zur Hand, während Pete die Taschenlampe auf den Sargdeckel richtete.

»Du schraubst ihn doch nicht fest, oder?«, fragte Luke.

»Und ob!«, meinte Pete.

»Meint ihr wirklich?«

»Ihm geht’s gut«, sagte Robbo. »Er hat doch den Schlauch zum Atmen.«

»Ich finde, wir sollten ihn nicht festschrauben!«

»Natürlich — sonst kann er ja raus!«

»Hey —«, sagte Michael.

Doch niemand konnte ihn hören. Und er selbst hörte auch nichts außer einem leisen Schaben über sich.

Robbo nahm sich alle vier Schrauben vor. Es war ein erstklassiger handgefertigter Teakholzsarg mit verzierten Messinggriffen, den er sich im Bestattungsinstitut seines Onkels ausgeliehen hatte, in dem er nun nach einigen beruflichen Umwegen eine Ausbildung zum Einbalsamierer machte. Gute, solide Messingschrauben. Sie ließen sich mühelos anziehen.

Michael sah hoch, seine Nase berührte beinahe den Deckel. Im Licht der Taschenlampe war er von elfenbeinfarbenem Satin umschlossen. Er trat mit den Beinen, sie fanden keinen Spielraum. Er wollte die Arme ausstrecken. Auch kein Platz.

Als er begriff, wo er sich befand, wurde er vorübergehend wieder nüchtern.

»Hey, ihr wisst doch, ich hab Angst vor engen Räumen — das ist nicht witzig! Hey!« Seine Stimme kam als gedämpftes Echo zurück.

Pete öffnete die Wagentür, beugte sich hinein und schaltete die Scheinwerfer ein. Wenige Meter vor ihnen befand sich das Loch, das sie am Vortag ausgehoben hatten, daneben ein Haufen Erde, Seile lagen bereit. Dazu noch eine Wellblechplatte und zwei der Spaten, die sie benutzt hatten.

Die vier Freunde traten an den Rand und spähten hinein. Plötzlich wurde ihnen klar, dass nichts im Leben je so hundertprozentig abläuft, wie man es geplant hat. Das Loch wirkte tiefer, dunkler, mehr wie ein — nun ja, wie ein Grab.

Der Boden glitzerte im Schein der Taschenlampe.

»Da steht Wasser«, meinte Josh.

»Nur ein bisschen Regenwasser«, sagte Robbo.

Josh runzelte die Stirn. »Na, wenn das mal kein Grundwasser ist.«

»Scheiße«, warf Pete ein. Auch in der Freizeit sah er immer wie ein BMW-Verkäufer aus, Stoppelschnitt, schicker Anzug, selbstsicher. Nun wirkte er nicht mehr ganz so selbstsicher.

»Das ist nichts, nur ein paar Zentimeter«, beschwichtigte ihn Robbo.

»Haben wir wirklich so tief gegraben?«, fragte Luke, ein frisch gebackener Anwalt, der erst vor kurzem geheiratet hatte. Er fühlte sich noch nicht ganz erwachsen, akzeptierte aber allmählich die neue Verantwortung.

»Es ist schließlich ein Grab, oder? Wir hatten uns für ein Grab entschieden«, meinte Robbo.

Josh blinzelte in den Regen, der immer stärker fiel. »Aber wenn das Wasser nun steigt?«

»Scheiße, Mann, wir haben es gestern gegraben, und in vierundzwanzig Stunden ist es nur um ein paar Zentimeter gestiegen. Kein Grund also zur Sorge.«

Josh nickte nachdenklich. »Und wenn wir ihn nicht wieder rauskriegen?«

»Klar kriegen wir ihn raus«, sagte Robbo. »Wir müssen nur den Deckel abschrauben.«

»Na los, machen wir weiter, okay?«, meinte Luke.

»Er hat es verdient«, versicherte Pete seinen Freunden. »Luke, weißt du noch, was er bei deinem Junggesellenabend angestellt hat?«

Das würde Luke nie vergessen. Er war im Nachtzug nach Edinburgh aus einem Alkoholrausch aufgewacht und am nächsten Nachmittag mit vierzig Minuten Verspätung vor den Altar getreten.

Auch Pete erinnerte sich nur zu gut. Am Wochenende vor seiner Hochzeit war er in Spitzenunterwäsche und mit umgeschnalltem Dildo an die Clifton-Gorge-Hängebrücke gefesselt worden und musste von der Feuerwehr befreit werden. Beide Scherze gingen auf Michaels Konto.

»Typisch Mark, dieser Verpisser«, sagte Pete. »Hat die Sache organisiert, und jetzt ist er verdammt noch mal nicht da …«

»Der kommt. Er wartet im nächsten Pub, er kennt die Strecke.«

»Ach ja?«

»Er hat angerufen und ist unterwegs.«

»Nebel in Leeds, wer’s glaubt«, meinte Robbo.

»Er wartet im Royal Oak auf uns.«

»Verpisser«, sagte Luke. »Der will bloß die harte Arbeit nicht machen.«

»Dabei verpasst er den ganzen Spaß«, gab Pete zu bedenken.

»Macht das etwa Spaß?«, fragte Luke. »Im Regen in einem beschissenen Wald rumzustehen? Das versteht ihr unter Spaß? Gott, seid ihr trostlos. Er sollte verflucht noch mal besser herkommen und uns helfen, Michael wieder da rauszuholen.«

Sie hievten den Sarg hoch und wankten damit zum Rand des Grabes, wo sie ihn unsanft auf die quer liegenden Seile fallen ließen. Sie kicherten, als ein dumpfes »Autsch« von innen ertönte.

Dann ein lauter Rums.

Michael hämmerte mit der Faust gegen den Deckel. »Hey, es reicht!«

Pete holte das Walkie-Talkie aus der Tasche und schaltete es ein. »Test!«, rief er, »Test!«

Petes Stimme hallte im Sarg wider.

»Der Spaß ist vorbei!«

»Entspann dich, Michael. Viel Spaß!«

»Lasst mich raus, ihr Schweinehunde! Ich muss pissen!«

Pete schaltete das Walkie-Talkie aus und steckte es in die Tasche seiner Barbour-Jacke. »Also, wie funktioniert das jetzt genau?«

»Wir heben die Seile an, zwei an jeder Seite«, erklärte Robbo.

Pete holte das Walkie-Talkie wieder hervor und schaltete es ein. »Jetzt wirst du abgeseilt, Michael!«

Die vier lachten, dann griff jeder nach einem Seilende.

»Eins … zwei … drei«, zählte Robbo.

»Mann, ist der schwer«, sagte Luke, als sich die Seile mühsam spannten und den Sarg anhoben. Langsam und ruckend wie ein leckes Schiff senkte sich der Sarg in die tiefe Grube. Als er den Boden erreichte, konnten sie ihn kaum noch sehen. Pete leuchtete mit der Taschenlampe in die Grube. Der Atemschlauch hing schlaff aus dem Loch im Deckel.

Robbo griff nach dem Walkie-Talkie. »Hey, Michael, dein Schwanz guckt raus. Hast du Spaß an dem Heft?«

»Leute, der Spaß ist vorbei. Lasst mich raus!«

»Wir gehen jetzt zum Table Dance. Schade, dass du nicht mitkommen kannst!« Robbo schaltete das Gerät aus, bevor Michael noch etwas sagen konnte. Er steckte es ein, griff sich einen Spaten und begann Erde über den Rand zu schaufeln. Begleitet von seinem dröhnenden Gelächter prasselte die Erde auf den Sargdeckel.

Mit einem lauten Juchzen nahm Pete den nächsten Spaten und legte los. Sie schaufelten weiter, vom Alkoholrausch getrieben, bis der Deckel nicht mehr zu sehen war. Der Atemschlauch ragte nur wenige Zentimeter aus der Erde heraus.

»Hey«, rief Luke, »hört auf damit! Je mehr ihr jetzt da reinschaufelt, desto mehr Arbeit haben wir hinterher, wenn wir ihn in zwei Stunden wieder ausgraben müssen.«

»Es ist ein Grab!«, versetzte Robbo. »Und in einem Grab bedeckt man den Sarg mit Erde.«

Luke riss ihm den Spaten aus der Hand. »Es reicht«, sagte er entschieden. »Ich will heute Abend saufen, nicht schaufeln, klar?«

Robbo nickte, er wollte niemanden verärgern. Pete warf schwitzend seinen Spaten weg. »Beruflich könnte ich das jedenfalls nicht machen.«

Sie zogen das Wellblech über die Grube und traten schweigend einen Schritt zurück. Der Regen trommelte auf das Metall.

»Okay«, sagte Pete, »nichts wie weg hier.«

Luke vergrub die Hände in den Taschen. Er wirkte mit einem Mal skeptisch. »Wollen wir das wirklich machen?«

»Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass wir ihm eine Lektion erteilen«, sagte Robbo.

»Und wenn er an seiner eigenen Kotze erstickt, oder so?«

»So betrunken ist er nun auch wieder nicht«, meinte Josh. »Lasst uns fahren.«

Josh kletterte in den Laderaum, Luke schloss die Türen. Dann quetschten sich die drei Übrigen vorne auf die Sitze, und Robbo ließ den Motor an. Sie fuhren einen knappen Kilometer Feldweg entlang und bogen dann nach rechts auf die Hauptstraße.

Er schaltete das Walkie-Talkie ein. »Wie sieht’s aus, Michael?«

»Hört mal zu, Leute, ich finde das wirklich nicht witzig.«

»Ehrlich nicht?«, fragte Robbo. »Wir schon!«

Luke nahm das Funkgerät. »Rache ist süß, Michael!«

Die vier grölten vor Lachen. Nun war Josh an der Reihe. »Hey, Michael, wir fahren in einen fantastischen Club, wo es tolle Frauen mit nackten Hintern gibt, und sie rutschen an Stangen rauf und runter. Versteh ich gut, dass du sauer bist!«

Michaels nuschelnde Stimme klang ein wenig bittend. »Können wir jetzt bitte aufhören? Das macht wirklich keinen Spaß.«

Robbo sah eine Baustelle vor sich und die grüne Baustellenampel davor. Er trat aufs Gas.

»Hey, Michael, entspann dich, in ein paar Stunden sind wir ja wieder da!«, rief Luke über Joshs Schulter.

»Was soll das heißen, in ein paar Stunden?«

Die Ampel sprang auf Rot. Keine Zeit zum Bremsen. Robbo gab noch mehr Gas und schoss daran vorbei. »Gib mir das Ding«, sagte er, griff nach dem Funkgerät und lenkte das Fahrzeug mit einer Hand in eine lange Kurve. Im schwachen Licht der Armaturenbrettbeleuchtung schaute er hinunter und drückte die Sprechtaste.

»Hey, Michael —«

»ROBBO!«, schrie Luke.

Scheinwerfer. Sie kamen genau auf sie zu.

Blendeten sie.

Dann das lange, tiefe, gefährlich klingende Dröhnen einer Hupe.

»ROOOOOBBBBBBOOOOO!«, brüllte Luke.

Robbo trat in wilder Panik auf die Bremse und ließ das Walkie-Talkie fallen. Das Lenkrad ruckte heftig, als er nach einem Ausweg suchte. Rechts Bäume, links die Baustelle, ein paar Scheinwerfer genau vor der Windschutzscheibe, schmerzhaft grell, die wie eine Lokomotive aus dem strömenden Regen auf ihn zuschossen.

2

WIE DURCH EINEN NEBEL hörte Michael die Schreie, dann einen scharfen Rums, als hätte jemand das Walkie-Talkie fallen lassen.

Dann Stille.

Er drückte die Sprechtaste. »Hallo?«

Nur leeres Rauschen.

»Hallo? Hey, Jungs!«

Immer noch nichts. Er konzentrierte sich auf das Funkgerät. Es war ein rundliches Teil aus schwarzem Plastik mit einer kurzen und einer längeren Antenne, auf dem Sprechteil stand der Name Motorola. Es gab einen Ein-Aus-Schalter, Lautstärkeregler, Kanalsuchlauf und ein winziges grünes Lämpchen, das hell aufleuchtete. Dann starrte er auf den weißen Satin, der nur Zentimeter von seinen Augen entfernt war, bekämpfte die aufsteigende Panik, sein Atem ging schneller und schneller. Er musste pinkeln, und zwar furchtbar dringend.

Wo zum Teufel war er nur? Wo steckten Josh, Luke, Pete und Robbo? Standen sie kichernd um die Ecke? Oder waren die Schweinehunde wirklich in einen Club gefahren? Dann überwältigte ihn wieder der Alkoholrausch, die Panik legte sich. Seine Gedanken wurden bleiern, alles verschwamm. Er schloss die Augen und glitt sanft hinüber in den Schlaf.

Als er wieder wach wurde, blickte er wie durch einen Weichzeichner auf den weißen Satin. Eine Welle der Übelkeit stieg in ihm auf, warf ihn hoch und ließ ihn wieder fallen. Und auf. Und nieder. Er schluckte, ihm war flau, er schloss die Augen und schwamm hin und her, trieb dahin. Das Pinkelbedürfnis ließ nach. Auf einmal war die Übelkeit gar nicht mehr so schlimm. Gemütlich hier drinnen. Einfach nur sanft dahintreiben. Wie in einem großen Bett!

Ihm fielen die Augen zu, und er schlief wie ein Stein.

3

ROY GRACE SASS IN SEINEM altersschwachen Alfa Romeo im Stau, der Regen trommelte aufs Dach, seine Finger aufs Lenkrad, und er achtete kaum auf die CD von Dido, die gerade lief. Er war angespannt. Ungeduldig. Trübsinnig.

Er fühlte sich beschissen.

Morgen würde er vor Gericht erscheinen müssen. Und das bedeutete immer Schwierigkeiten.

Er nahm einen Schluck Evian, schraubte die Flasche zu und steckte sie in die Türablage. »Na, komm schon!«, sagte er und trommelte fester. Er kam bereits vierzig Minuten zu spät zu seiner Verabredung. Er hasste es, zu spät zu kommen, fand es ausgesprochen unhöflich, als wollte man damit sagen: Meine Zeit ist wichtiger als deine, also lasse ich dich warten

Wäre er eine Minute früher aus dem Büro gegangen, wäre er jetzt nicht so spät dran. Jemand anders hätte den Anruf entgegengenommen, und ein Kollege würde sich mit dem Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft in Brighton herumschlagen, den zwei völlig zugedröhnte Punks begangen hatten. Dies gehörte zum Berufsrisiko — Kriminelle hielten sich leider nicht an feste Dienstzeiten.

Eigentlich hätte er heute Abend zu Hause bleiben und sich auf morgen vorbereiten sollen. Er zog die Flasche wieder heraus, trank noch etwas. Sein Mund war wie ausgedörrt. In seinem Magen zuckten bleierne Schmetterlinge.

Seine Freunde hatten ihn in den letzten Jahren wiederholt zu Blind Dates genötigt, und er war jedes Mal als Nervenbündel dort erschienen. Heute Abend war es noch schlimmer als sonst, und er fühlte sich noch zusätzlich unwohl, weil keine Zeit zum Duschen und Umziehen gewesen war. Er hatte sich genau überlegt, was er anziehen wollte, doch dann hatten die Punks alle Pläne durchkreuzt.

Einer von ihnen hatte — zum Glück aus größerer Entfernung — mit einer abgesägten Schrotflinte auf einen Polizisten geschossen, der gar nicht im Dienst und nur zufällig in der Nähe des Juweliergeschäfts war. Roy hatte leider nur zu oft erlebt, was eine Schrotflinte Kaliber 12 aus nächster Nähe mit einem menschlichen Körper anrichten konnte — Gliedmaßen abtrennen oder fußballgroße Löcher reißen. Der Detective namens Bill Green, den Grace kannte, weil sie in derselben Mannschaft Rugby gespielt hatten, war aus etwa dreißig Metern durchsiebt worden. Auf diese Entfernung hätte man höchstens einen Fasan oder ein Kaninchen töten können, nicht aber einen fünfundneunzig Kilo schweren Rugbystürmer in Lederjacke. Bill Greens Jacke hatte den Körper geschützt, aber mehrere Schrotkörner waren in sein Gesicht, darunter in sein linkes Auge, geflogen.

Als Grace zum Tatort kam, waren die Punks bereits verhaftet, nachdem sie sich mit ihrem Fluchtjeep überschlagen hatten. Er war fest entschlossen, sie nicht nur wegen bewaffneten Raubüberfalls, sondern auch wegen versuchten Mordes dranzukriegen. Er fand es entsetzlich, dass immer mehr Kriminelle in Großbritannien zu Schusswaffen griffen und die Polizei zunehmend zwangen, ebenfalls bewaffnet zu gehen. Zu Zeiten seines Vaters wären bewaffnete Polizisten undenkbar gewesen. Heute hatten sie in manchen Städten schon routinemäßig Waffen im Kofferraum. Grace war kein rachsüchtiger Mensch, doch wenn es nach ihm ging, sollte man alle Leute aufhängen, die auf Polizisten oder unbeteiligte Zivilisten schossen.

Auf der Straße rührte sich immer noch nichts. Er warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett, sah hinaus in den Regen, wieder auf die Uhr, auf die leuchtend roten Rücklichter des Wagens vor ihm — der Idiot blendete ihn mit seiner Nebelschlussleuchte. Dann schaute er auf seine Armbanduhr, weil er hoffte, die Uhr im Wagen möge vorgehen. Aber nein, in den letzten zehn Minuten hatte er sich keinen Meter von der Stelle gerührt. Auch aus der Gegenrichtung kam kein einziger Wagen.

Blaue Blitze zuckten im Rückspiegel und in den Seitenspiegeln. Dann ertönte eine Sirene. Ein Streifenwagen schoss vorbei. Dann ein Krankenwagen. Noch ein Streifenwagen, gefolgt von zwei Feuerwehrautos.

Scheiße. Vor ein paar Tagen hatte er hier eine Baustelle gesehen und vermutet, dass sich der Verkehr deswegen staute. Nun aber wurde ihm klar, dass es ein Unfall sein musste, und zwar ein schlimmer, wenn die Feuerwehr herbeigerufen wurde.

Ein weiteres Feuerwehrauto brauste vorbei. Dann noch ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene. Gefolgt von einem Abschleppwagen.

Wieder schaute er auf die Uhr. Viertel nach neun. Er hätte sie vor einer Dreiviertelstunde in Tunbrige Wells abholen sollen, das auch ohne Stau noch zwanzig Minuten entfernt war.

Terry Miller, ein frisch geschiedener Detective Inspector aus seiner Abteilung, hatte ständig mit seinen Internet-Eroberungen geprahlt und Grace gedrängt, sich ebenfalls auf der Seite registrieren zu lassen. Roy hatte sich geweigert, doch als er plötzlich zweideutige E-Mails bekam, stellte er wutentbrannt fest, dass Terry Miller ihn ohne sein Wissen auf einer Seite namens U-Date angemeldet hatte.

Er konnte sich noch immer nicht erklären, warum er auf eine Mail tatsächlich geantwortet hatte. Einsamkeit? Neugier? Trieb? Er wusste es selbst nicht genau. In den vergangenen acht Jahren hatte er ruhig von Tag zu Tag gelebt. Manchmal versuchte er zu vergessen, dann wieder fühlte er sich schuldig, weil er nicht an sie dachte.

Sandy.

Und nun hatte er plötzlich Gewissensbisse wegen der Verabredung. Sie sah toll aus — jedenfalls auf dem Foto. Ihr Name gefiel ihm auch: Claudine. Klang französisch, irgendwie exotisch. Und das Bild war wirklich heiß! Bernsteinfarbenes Haar; ernstes, hübsches Gesicht; enge Bluse, und Brüste, für die man einen Waffenschein gebraucht hätte. Sie saß im Minirock auf einer Bettkante und ließ erahnen, dass sie spitzenbesetzte Strümpfe und womöglich kein Höschen trug.

Sie hatten nur einmal miteinander telefoniert, wobei sie ihn praktisch durch die Leitung hindurch verführt hatte. Neben ihm lag ein Blumenstrauß, den er an einer Tankstelle gekauft hatte. Rote Rosen, ziemlich kitschig, aber er war nun mal ein unverbesserlicher Romantiker. Die Leute hatten Recht, er musste irgendwie weiterleben. Die Verabredungen, die er in den letzten acht Jahren gehabt hatte, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen. Er wollte einfach nicht glauben, dass es noch einmal die Richtige für ihn geben, dass eine Frau es je mit Sandy aufnehmen könnte.

Vielleicht würde sich das heute Abend ändern.

Claudine Lamont. Netter Name, nette Stimme.

Mach deine verdammte Nebelschlussleuchte aus!

Er roch den süßen Blumenduft. Hoffte, dass er selber auch gut roch.

Er schaute im Dämmerlicht des Armaturenbretts und der Rücklichter vor ihm in den Spiegel, ohne zu wissen, was genau er dort zu sehen erwartete. Es war Traurigkeit.

Du musst weiterleben.

Er trank einen Schluck Wasser.

In zwei Monaten wurde er neununddreißig. Und noch ein anderer Jahrestag rückte damit drohend näher. Am 26. Juli wäre Sandy zehn Jahre verschwunden. Spurlos, an seinem neunundzwanzigsten Geburtstag. Ohne Brief. Alles, was ihr gehörte, war noch im Haus, alles, bis auf ihre Handtasche.

Nach sieben Jahren konnte man jemanden offiziell für tot erklären lassen. Alle hatten ihm dazu geraten — seine Mutter im Hospiz, wenige Tage bevor sie an Krebs starb; seine Schwester, seine engsten Freunde, sein Seelenklempner.

Undenkbar.

John Lennon hatte einmal gesagt: Leben ist, was geschieht, wenn du gerade etwas ganz anderes vorhast. Und damit hatte er verdammt Recht.

Er war immer davon ausgegangen, dass er mit neununddreißig eine Familie haben würde. Er hatte von drei Kindern geträumt, am liebsten zwei Jungs und ein Mädchen, und am Wochenende würde er ganz viel mit ihnen unternehmen. Familienurlaub. Ausflüge zum Strand oder in Vergnügungsparks wie Alton Towers. Ballspiele. Reparaturen. Die Kinder baden. Ihnen später bei den Hausaufgaben helfen. All die gemütlichen Dinge, die er mit seinen Eltern gemacht hatte. Stattdessen nagte eine innere Unruhe an ihm, die nur selten von ihm abließ, selbst wenn sie ihn nicht am Schlafen hinderte. War sie lebendig oder tot? Er hatte sieben Jahre und zehn Monate nach ihr gesucht und war der Wahrheit keinen Schritt näher gekommen.

Sein Leben jenseits der Arbeit war leer. Er konnte oder wollte bislang keine neue Beziehung beginnen. Alle Verabredungen waren katastrophal geendet. Manchmal kam es ihm vor, als wäre sein Goldfisch Marlon sein einziger echter Gefährte. Er hatte den Fisch vor neun Jahren an einer Kirmesschießbude gewonnen, und dieser hatte bislang sämtliche Gefährten aufgefressen, die Roy in sein Aquarium setzte. Marlon war ein mürrisches, unsoziales Geschöpf. Vermutlich mochten sie einander deshalb. Sie waren sich ähnlich geworden.

Manchmal wünschte er sich, er hätte einen anderen Beruf, in dem er pünktlich um fünf Uhr Schluss machen, ins Pub und dann nach Hause gehen konnte, um vor dem Fernseher die Füße hochzulegen. Ein normales Leben. Doch er konnte nicht anders. Er besaß eine angeborene Sturheit, die schon seinen Vater geprägt hatte, und sie trieb ihn dazu, ruhelos Fakten zu prüfen und nach der Wahrheit zu suchen. Diese angeborene Sturheit hatte ihn nach oben gebracht, sodass er relativ früh zum Detective Superintendent befördert worden war. Seinen Seelenfrieden hatte er dabei nicht gefunden.

Sein Gesicht schaute ihn aus dem Spiegel an. Er schnitt sich selbst eine Grimasse, seiner platten, schiefen Nase, die er sich bei einer Prügelei gebrochen hatte und die ihm das Aussehen eines Preisboxers verlieh.

Sandy hatte bei der ersten Verabredung gesagt, er habe Augen wie Paul Newman, das hatte ihm unheimlich gefallen. Es war eines von einer Million Dingen, die er an ihr mochte. Wie die Tatsache, dass sie alles an ihm bedingungslos geliebt hatte.

Roy Grace wusste, dass er nicht besonders eindrucksvoll aussah. Mit eins siebenundsiebzig lag er kaum über der für die Polizei vorgeschriebenen Mindestgröße. Doch obwohl er gerne trank und beim Rauchen immer wieder rückfällig wurde, hatte er durch hartes Training im polizeieigenen Fitnessstudio einen kraftvollen Körper entwickelt und hielt sich in Form. Er lief dreißig Kilometer in der Woche und spielte gelegentlich noch Rugby — meist als Außendreiviertel.

Zwanzig nach neun.

Verdammte Scheiße.

Er wollte wirklich nicht lange wegbleiben. Das konnte er sich nicht leisten. Auf keinen Fall. Morgen musste er vor Gericht erscheinen und brauchte seinen Schlaf. Der Gedanke an das bevorstehende Kreuzverhör bereitete ihm Unbehagen. Für die Anklage auszusagen, war anstrengend genug. Dass die Verteidigung mit einer Vorladung drohte, war noch viel schlimmer. Er wusste nicht genau, worum es ging, hatte aber so eine Vorahnung.

Plötzlich breitete sich von oben her ein Lichtkegel aus, und er hörte das Knattern eines Hubschraubers. Dann bewegte sich das Licht nach vorn, und er sah die Lichter des landenden Helikopters.

Er wählte auf dem Handy eine Nummer.

»Hallo, hier Detective Superintendent Grace. Ich stecke im Stau auf der A26 südlich von Crowborough, scheint ein Unfall zu sein — können Sie mir etwas darüber sagen?«

Er wurde mit der Leitstelle verbunden. Eine Männerstimme meldete sich: »Hallo, Detective Superintendent, es gab einen schweren Unfall. Wir haben Berichte über Tote und Eingeschlossene. Die Straße wird noch eine Weile blockiert sein — Sie drehen am besten und nehmen eine andere Strecke.« Roy Grace bedankte sich und hängte ein. Dann zog er sein Blackberry aus der Hemdtasche, suchte Claudines Nummer und schickte ihr eine SMS. Sie antwortete umgehend, er solle sich keine Sorgen machen und kommen, sobald es möglich sei.

Das machte sie noch sympathischer.

Und half ihm, nicht an morgen zu denken.

4

SOLCHE FAHRTEN ERLEBTE ER NUR SELTEN, aber wenn, fand Davey sie ganz toll! Er saß angeschnallt auf dem Beifahrersitz neben seinem Dad, als das Polizeiauto auf der falschen Straßenseite an ihnen vorbeiraste, mit blinkendem Blaulicht, einer Sirene, die wup, wup, wup machte und den ganzen Stau einfach überholte. Mann, das war mindestens so toll wie die Karussells, auf denen er mit seinem Dad gewesen war, sogar wie die in Alton Towers, und das waren die besten überhaupt!

»Juuhuu!«, schrie er übermütig. Davey war süchtig nach amerikanischen Polizeiserien und sprach gern mit amerikanischem Akzent. Manchmal war er aus New York. Oder aus Missouri. Dann wieder aus Miami. Meistens aber aus L.A.

Phil Wheeler, ein Trumm von einem Mann mit ansehnlichem Bierbauch, der seine Arbeitskleidung trug — brauner Overall, abgenutzte Stiefel und schwarze Strickmütze — lächelte seinem Sohn zu. Vor Jahren war seine Frau unter der Last, sich um Davey kümmern zu müssen, zusammengebrochen und hatte ihn verlassen. Siebzehn Jahre lang hatte er ihn allein aufgezogen.

Der Streifenwagen fuhr jetzt langsamer, kam an einer Reihe von Baufahrzeugen vorbei. Auf den Türen des Abschleppwagens und den bernsteinfarbenen Leuchten auf dem Dach war WHEELER’S ABSCHLEPPDIENST zu lesen. Vor ihnen erhellten die zahllosen Scheinwerfer zuerst das zermalmte Vorderteil eines Lieferwagens, das noch halb unter der vorderen Stoßstange des Betonmischers klemmte, und dann den Rest des Fahrzeugs, das platt gequetscht wie eine Coladose in einer zerstörten Hecke lag.

Blaue Lichter zuckten über den nassen Asphalt und das glitzernde Gras am Straßenrand. Löschzüge, Streifenwagen und ein Krankenwagen waren noch vor Ort, überall standen Feuerwehrleute und Polizisten in reflektierenden Westen. Ein Polizist fegte Glassplitter von der Straße.

Die Kamera des Polizeifotografen blitzte. Zwei Ermittler rollten ein Maßband aus. Überall glitzerte Metall und Glas. Phil Wheeler sah einen Kreuzschlüssel, einen Turnschuh, einen Teppich, eine Jacke herumliegen.

»Sieht aber verdammt übel aus, Dad!« Heute Abend also Missouri.

»Und wie.«

Phil Wheeler war im Laufe der Jahre abgehärtet worden, ihn konnte nichts so leicht schockieren. Er hatte so ziemlich alle Tragödien gesehen, die bei Verkehrsunfällen denkbar waren. Zu seinen lebhaftesten Erinnerungen gehörte ein enthaupteter Geschäftsmann, noch in Anzugsjacke, Hemd und Krawatte, der angeschnallt in den Trümmern seines Ferrari saß.

Davey, der gerade sechsundzwanzig geworden war, trug seine Kappe von den New York Yankees mit dem Schirm nach hinten, dazu eine Fleecejacke, Karohemd, Jeans und schwere Stiefel. Davey kleidete sich gern wie die Amerikaner im Fernsehen. Er war auf dem geistigen Stand eines Sechsjährigen und würde es auch bleiben, besaß aber geradezu übermenschliche Kräfte, die seinem Dad oft zugute kamen. Davey konnte mit bloßen Händen Metallblech biegen. Einmal hatte er ganz allein das vordere Ende eines Pkw von einem Motorrad gehoben.

»Sehr übel«, bekräftigte er.

»Meinst du, da sind tote Leute, Dad?«

»Hoffentlich nicht, Davey.«

»Meinst du denn?«

Ein Verkehrspolizist mit Schirmmütze und gelb fluoreszierender Weste trat an den Wagen. Phil kurbelte das Fenster hinunter und erkannte den Beamten.

»’n Abend, Brian. Sieht schlimm aus.«

»Wir warten auf einen Kranwagen für den Lkw. Kannst du den Lieferwagen übernehmen?«

»Kein Problem. Was ist passiert?«

»Frontalzusammenstoß, Lieferwagen und Lkw. Wir brauchen den Wagen am Abstellplatz.«

»Wird erledigt.«

Davey nahm seine Taschenlampe und stieg aus der Fahrerkabine. Während sein Dad mit dem Polizisten redete, beleuchtete er mit der Lampe die Ölspuren und den Schaum auf der Straße. Dann spähte er neugierig zu dem hohen, eckigen Krankenwagen hinauf, dessen Innenbeleuchtung durch die geschlossenen Vorhänge drang, und fragte sich, was wohl dort drinnen passierte.

Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie alle Teile des Transits aufgeladen und festgekettet hatten. Sein Dad und Brian, der Verkehrspolizist, gingen ein kurzes Stück und zündeten sich mit dem Sturmfeuerzeug seines Vaters eine Zigarette an. Davey drehte sich mit einer Hand eine Zigarette und zündete sie mit seinem Zippo an. Der Krankenwagen und die meisten anderen Notfallfahrzeuge waren bereits abgefahren, und ein großer Kranwagen zog mit einer Winde das Vorderteil des Betonmischers hoch, bis die Vorderräder — der Reifen auf der Fahrerseite war platt, das Rad verbogen — in der Luft schwebten.

Der Regen ließ nach, durch einen Spalt in den Wolken drang der Dachsmond. Sein Dad und Brian redeten jetzt übers Angeln — welche Köder man um diese Jahreszeit für Karpfen nehmen sollte. Da Davey sich langweilte und überdies pinkeln musste, schlenderte er die Straße hinunter, zog an seiner Selbstgedrehten und hielt Ausschau nach Fledermäusen. Er mochte Fledermäuse, Ratten, Maulwürfe, Mäuse und so. Eigentlich mochte er alle Tiere. Die lachten ihn nie aus, wie die Leute es getan hatten, als er noch in der Schule war. Vielleicht würde er zum Dachsbau gehen, wenn sie zu Hause waren. Er saß gern im Mondlicht da und sah ihnen beim Spielen zu.

Der Lichtstrahl hopste vor ihm her, als er ans Gebüsch trat, den Reißverschluss öffnete und seine Blase in ein Brennnesseldickicht entleerte. Als er gerade fertig war, hörte er unmittelbar vor sich eine Stimme, die ihn fast zu Tode erschreckte.

»Hey, hallo?«

Eine knisternde, körperlose Stimme.

Davey zuckte zusammen.

Dann hörte er die Stimme wieder.

»Hallo?«

»Scheiße!« Er leuchtete ins Unterholz, doch es war niemand zu sehen. »Hallo?«, rief er zurück. Bald darauf erklang die Stimme von neuem.

»Hallo? Hey, hallo? Josh? Luke? Pete? Robbo?«

Davey schwang die Lampe nach links und rechts, dann weiter nach vorn. Ein Rascheln, ein Kaninchenschwanz lugte hervor und verschwand. »Hallo, wer ist da?«

Schweigen.

Atmosphärisches Rauschen. Knistern. Dann erklang die Stimme etwa einen Meter rechts von ihm. »Hallo? Hallo? Hallo?«

Unter einem Busch schimmerte etwas. Er kniete sich hin. Ein Funkgerät mit Antenne. Als er es näher untersuchte, stellte er aufgeregt fest, dass es sich um ein Walkie-Talkie handelte. Davey richtete den Lichtstrahl darauf und betrachtete es, traute sich kaum, es anzufassen. Dann hob er es auf. Das Gerät war schwerer, als es aussah, kalt und nass. Unter einer großen, grünen Taste stand Sprechen.

Er drückte sie und sagte: »Hallo!«

Die Stimme stieß hervor: »Wer ist da?«

Dann rief jemand aus größerer Entfernung seinen Namen.

Sein Dad.

»Ich komme schon!«

Als er auf die Straße trat, drückte er erneut die grüne Taste. »Ich bin Davey. Wer bist du?«

»DAAAVEEEY!«

Wieder sein Dad.

Er ließ vor lauter Panik das Gerät fallen. Es prallte auf die Straße, das Gehäuse zerbrach, die Batterien rollten umher.

»Ich komme schon!«, brüllte er, kniete sich hin, hob das Walkie-Talkie auf und stopfte es in die Tasche. Die Batterien steckte er ebenfalls ein.

»Komme schon, Dad! Musste nur mal pinkeln!«

Er schob die Hand in die Tasche, damit man die Ausbuchtung nicht sah, und lief zurück zum Abschleppwagen.

5

MICHAEL DRüCKTE DIE SPRECHTASTE. »Davey?«

Stille.

Er drückte erneut. »Davey? Hallo? Davey?«

Weiße, satinglatte Stille. Völlige, undurchdringliche Stille, die von oben kam, anschwoll, ihn von allen Seiten bedrängte. Er wollte die Arme bewegen, doch so sehr er auch drückte, nichts rührte sich. Auch versuchte er, die Beine zu spreizen, traf aber auf dieselben unnachgiebigen Wände. Er legte das Walkie-Talkie auf seiner Brust ab und drückte gegen das Satindach, das sich ganz knapp vor seinen Augen befand. Es war, als drückte er gegen Beton.

Dann richtete er sich so weit wie möglich auf und blinzelte durch den roten Gummischlauch, nichts. Umschloss ihn mit den Fingern, führte ihn an die Lippen und versuchte hineinzupfeifen — das Ergebnis war jämmerlich.

Er ließ sich zurücksinken. In seinem Kopf hämmerte es, er musste immer noch dringend Wasser lassen. Wieder betätigte er die Taste. »Davey! Davey, ich muss pinkeln. Davey!«

Immer noch Stille.

Er segelte seit vielen Jahren und hatte Erfahrung mit Funkgeräten. Versuchs mit einem anderen Kanal, dachte er. Er fand den Kanalsuchlauf, doch der Schalter rührte sich nicht. Er drückte fester, nichts. Dann sah er auch warum — jemand hatte ihn festgeklebt, damit er den Kanal nicht wechseln konnte — unmöglich also, Kanal 16, den internationalen Notrufkanal, zu erreichen.

»Hey! Das reicht, ihr Schweine, ich bin am Ende!«

Er hielt das Walkie-Talkie ans Ohr und wartete.

Nichts.

Er legte es wieder auf seine Brust und tastete mühsam mit der rechten Hand nach unten, bis er die Tasche seiner Lederjacke erreicht hatte. Er holte das Handy heraus. Drückte die Taste, das Display glomm auf. Neue Hoffnung keimte in ihm — bis er sah, dass er keinen Empfang hatte.

»Scheiße.«

Er ging das Telefonbuch durch, bis er auf den Namen seines Geschäftspartners Mark stieß.

Marks Handy.

Trotz des fehlenden Empfangssignals drückte er die Wähltaste.

Nichts geschah.

Mit wachsender Verzweiflung versuchte er es bei Robbo, Pete, Luke und Josh. Dann drückte er wieder die Sprechtaste am Walkie-Talkie. »Leute, könnt ihr mich hören? Verdammt, ich weiß, ihr könnt mich hören!«

Nichts.

Das Handy-Display zeigte dreizehn Minuten nach elf.

Er hob die linke Hand, bis er seine Uhr sehen konnte. Elf Uhr vierzehn. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte. Es war mindestens zwei Stunden her. Er schloss die Augen. Grübelte, was genau geschehen sein mochte. Im hellen, beinahe blendenden Licht der Taschenlampe sah er neben sich die Flasche und das Herren-Hochglanzmagazin. Er zog es bis über sein Gesicht, sodass er fast unter den riesigen, glänzenden Brüsten erstickte, die ihm vor den Augen verschwammen.

Ihr Arschlöcher!

Noch einmal drückte er die Sprechtaste. »Sehr witzig. Lasst mich jetzt bitte raus!«

Nichts.

Wo zum Teufel war Davey?

Seine Kehle war wie ausgedörrt. Er musste was trinken. Ihm war schwindlig. Er wollte nach Hause, zu Ashley ins Bett. Sie würden in ein paar Minuten kommen. Er musste nur warten. Morgen würde er sie erreichen. Die Übelkeit von vorhin kehrte zurück. Er schloss die Augen. Alles schwamm. Er trieb dahin. Glitt in den Schlaf.

6

ZUM BESCHISSENEN ABSCHLUSS eines beschissenen Fluges ließ ein lautes Krachen die ganze Maschine erzittern, als die Räder mit exakt fünfeinhalb Stunden Verspätung auf den Asphalt prallten. Während der Flieger gewaltsam abbremste, warf Mark Warren, müde und genervt im zu engen Sitz, dessen Gurt schmerzhaft in seinen Bauch schnitt, der gegen zu viele Brezeln und eine ekelhafte Moussaka rebellierte, auf die er besser verzichtet hätte, einen letzten Blick auf die Fotos des Ferrari 360 aus dem Fahrbericht seines Automagazins.

Ich will dich, Baby, dachte er, irgendwann gehörst du mir! Die Lichter der Landebahn, die im peitschenden Regen verschwammen, zuckten an seinem Fenster vorbei, als das Flugzeug Rollgeschwindigkeit erreicht hatte. Der Pilot meldete sich ganz charmant und zerknirscht über den Lautsprecher und gab dem Nebel die Schuld.

Verdammter Nebel. Verdammtes englisches Wetter. Mark träumte von einem roten Ferrari, einem Haus in Marbella, einem Leben in der Sonne und einer ganz besonderen Frau, mit der er es teilen konnte. Falls er den Immobiliendeal, über den er in Leeds verhandelt hatte, abschloss, wäre er dem Haus und dem Ferrari schon einen Schritt näher. Die Sache mit der Frau stand auf einem anderen Blatt.

Müde löste er den Gurt, zog die Aktentasche unter dem Sitz hervor und stopfte die Zeitschrift hinein. Dann stand er auf, mischte sich unter das gemeine Volk in der Kabine, holte den Regenmantel aus der Ablage und ließ die Krawatte auf Halbmast. Mittlerweile war es ihm egal, wie er aussah.

Ganz anders als sein Geschäftspartner, der sich immer nachlässig kleidete, legte Mark gewöhnlich größten Wert auf sein Erscheinungsbild. Doch seine Kleidung wie auch seine Frisur wirkten zu adrett und konservativ für einen Achtundzwanzigjährigen. Was er trug, sah meistens aus wie frisch von der Stange. Er betrachtete sich gern als aristokratisch angehauchten Unternehmer, doch in Wirklichkeit fiel er immer auf, weil er aussah, als wollte er den Leuten etwas verkaufen.

Elf Uhr achtundvierzig. Er schaltete sein Handy ein, doch bevor er einen Anruf tätigen konnte, piepste der Akku, und das Display erlosch. Er steckte das Handy wieder ein. Zu spät, verdammt noch mal, es war viel zu spät. Er wollte nur noch nach Hause ins Bett.

Eine Stunde später parkte er seinen silbernen BMW X5 auf seinem Stellplatz in der Tiefgarage des Van Alen Building. Dann fuhr er mit dem Aufzug in den fünften Stock und betrat seine Wohnung.

Der Kauf der Wohnung hatte seine Mittel strapaziert, doch bedeutete er einen Aufstieg in der Welt. Außer ihm wohnten auch einige VIPs in dem imposanten, im modernen Art-Déco-Stil erbauten Haus an der Seepromenade von Brighton. Das Haus hatte Klasse. Wer im Van Alen wohnte, war wichtig. Und wenn man wichtig war, galt man als reich. Sein ganzes Leben lang hatte Mark nur ein Ziel verfolgt — reich zu werden.

Der Anrufbeantworter blinkte, als er in den großen, offenen Wohnbereich trat, doch er stellte zunächst einmal die Aktentasche ab, schloss das Handy ans Ladegerät an, trat an die Hausbar und goss sich einen ordentlichen Balvenie-Whisky ein. Dann ging er ans Fenster und schaute hinunter auf die Promenade, auf der es trotz des Wetters und der späten Stunde noch von Menschen wimmelte. Dahinter sah er die hellen Lichter des Palace Pier und die tintenschwarze See.

Plötzlich gab das Handy ein schrilles Piepsen von sich. Er ging hin und schaute aufs Display. Scheiße. Vierzehn neue Nachrichten! Er ließ das Handy am Ladegerät und wählte die Nummer der Mailbox. Die erste Nachricht war um sieben Uhr von Pete gekommen, er wollte wissen, wo Mark steckte. Die zweite um Viertel vor acht kam von Robbo, sie seien unterwegs zum nächsten Pub, dem Lamb in Ripe. Die dritte war um halb neun von einem ziemlich abgefüllten Luke und von Josh gekommen, während Robbo sich im Hintergrund zu Wort meldete. Sie zögen vom Lamb ins Dragon an der Uckfield Road.

Die nächsten beiden Nachrichten stammten von dem Immobilienmakler, der wegen des Deals in Leeds anrief, und von dessen Firmenanwalt. Die sechste war um elf Uhr fünf von einer ziemlich besorgten Ashley gekommen. Ihr Tonfall erstaunte ihn, da sie gewöhnlich ruhig und unerschütterlich wirkte.

»Mark, bitte, bitte, bitte, ruf mich an, sobald du das abhörst«, drängte sie mit ihrem weichen nordamerikanischen Akzent. Er zögerte und hörte dann die nächste Nachricht ab. Wieder Ashley. In Panik. Und die nächste und übernächste waren ebenfalls von ihr, sie hatte im Abstand von zehn Minuten angerufen. Die zehnte Nachricht kam von Michaels Mutter. Auch sie klang bestürzt.

»Mark, ich habe auch bei dir zu Hause eine Nachricht hinterlassen. Bitte ruf mich sobald wie möglich an, egal wie spät.«

Mark hielt die Mailbox an. Was zum Teufel war passiert?

Der nächste Anruf kam wieder von Ashley. Sie klang beinahe hysterisch. »Mark, es hat einen schrecklichen Unfall gegeben. Pete, Robbo und Luke sind tot. Josh liegt auf der Intensivstation. Und niemand weiß, wo Michael ist. O Gott, Mark, ruf mich bitte ganz dringend an.«

Mark hörte die Nachricht noch einmal ab, weil er seinen Ohren nicht traute. Dann ließ er sich schwer auf die Sofalehne fallen. »Mein Gott.«

Er hörte die beiden übrigen Nachrichten ab. Noch einmal Ashley und Michaels Mutter. Ruf an. Ruf an. Ruf bitte an.

Er trank seinen Whisky aus, goss sich nach, trat ans Fenster. Durch sein geisterhaftes Spiegelbild schaute er auf die Promenade hinunter, dann hinaus aufs Meer. Am Horizont konnte er zwei winzige Lichtpunkte ausmachen, sicher ein Tanker oder Frachter, der den Kanal überquerte.

Wenn mein Flug pünktlich gegangen wäre, hätte ich auch in dem Auto gesessen, dachte er.

Und dachte noch weiter.

Er trank den Whisky aus und setzte sich aufs Sofa. Schon wieder das Telefon. Er starrte aufs Display. Ashleys Nummer. Es klingelte viermal und verstummte. Dann ging sein Handy. Wieder Ashley. Er zögerte und drückte dann die Taste zum Beenden des Gesprächs, um es an die Mailbox weiterzuleiten. Er schaltete das Handy aus und setzte sich wieder, lehnte sich nach hinten, die Füße auf den Hocker, das Glas in beiden Händen.

Die Eiswürfel klapperten; er merkte, dass seine Hände zitterten. Er zitterte am ganzen Körper. Er ging zur Bang-und-Olufsen-Anlage und legte eine Mozart-CD ein. Mozart half ihm beim Nachdenken. Plötzlich gab es eine Menge, über das er nachdenken musste.

Er setzte sich wieder und starrte in den Whisky, konzentrierte sich auf die Eiswürfel, als wären sie Runen, die sein Schicksal verrieten. Erst nach über einer Stunde nahm er das Telefon und wählte.

7

DIE KRäMPFE KAMEN JETZT HäUfiGER. Michael konnte gerade noch verhindern, dass er in die Hose machte, indem er die Oberschenkel zusammenpresste, die Luft anhielt und die Augen zukniff. Undenkbar, er hätte ihr Gelächter nicht ertragen, wenn die Schweinehunde zurückkamen und ihn mit nasser Hose vorfanden.

Allmählich überfiel ihn die Klaustrophobie. Der weiße Satin um ihn herum drängte näher und näher an sein Gesicht heran.

Im Licht der Taschenlampe sah Michael, dass es zwei Uhr siebenundvierzig war. Scheiße.

Was hatten die verdammt noch mal vor? Zwei Uhr siebenundvierzig. Wo zum Teufel steckten sie? Irgendwo total besoffen in einem Nachtklub?

Er starrte auf den weißen Satin, mit hämmerndem Kopf, ausgedörrtem Mund, zusammengepressten Beinen, unterdrückte die Schmerzen, die von seiner Blase ausstrahlten. Er wusste nicht, wie lange er den Drang noch aufhalten konnte.

Frustriert schlug er mit den Knöcheln gegen den Deckel und brüllte »Hey, ihr Schweinehunde!«

Schaute wieder aufs Handy. Kein Signal. Er klickte sich bis zu Lukes Nummer durch und wählte trotzdem. Ein scharfes Piepsen, auf dem Display erschienen die Worte kein Empfang.

Er tastete nach dem Walkie-Talkie, schaltete es ein und rief erneut die Namen seiner Freunde. Und dann die andere Stimme, an die er sich schwach erinnerte.

»Davey? Hallo, Davey?«

Nur atmosphärisches Rauschen.

Er lechzte verzweifelt nach Wasser, sein Mund war trocken und pelzig. Hatten sie ihm etwas zu trinken dagelassen? Er hob den Kopf, so weit es ging, sah die Flasche aufschimmern, griff nach unten. Famous Grouse Whiskey.

Enttäuscht riss er das Siegel auf, schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck. Einen Moment lang tat die Flüssigkeit ungeheuer gut, verwandelte sich dann in Feuer und brannte in Mund und Kehle. Dennoch fühlte er sich besser. Trank noch einmal. Genoss es, nahm einen dritten Schluck und schraubte die Flasche wieder zu.

Er schloss die Augen. Seine Kopfschmerzen waren einen Tick besser geworden. Das Pinkelbedürfnis ließ nach.

»Schweinehunde …«, murmelte er.

8

ASHLEY SAH AUS WIE EIN GESPENST. Ihr langes, braunes Haar umrahmte ein Gesicht, das ebenso farblos wirkte wie die Gesichter der Patienten in den Betten hinter ihr, die an Infusionsschläuche, Beatmungsgeräte und Monitore angeschlossen waren. Sie lehnte an der Empfangstheke der Intensivstation des Sussex County Hospital und kam Mark in ihrer ganzen Verletzlichkeit noch schöner vor als sonst.

Er war noch benommen von der schlaflosen Nacht, trug aber einen eleganten Anzug und makellose schwarze Gucci-Slipper. Er ging auf sie zu und umarmte sie fest, wobei er über ihre Schulter auf einen Verkaufsautomaten, einen Wasserspender und ein Münztelefon unter einer durchsichtigen Plastikkuppel blickte. In Krankenhäusern wurde ihm immer ganz flau, seit er seinen Vater nach einem beinahe tödlichen Herzanfall besucht und erlebt hatte, wie aus dem ehemals so starken Mann eine zerbrechliche, erbarmungswürdige, nutzlose und verängstigte Erscheinung geworden war. Er drückte Ashley auch, um sich selber Mut zu machen. Neben ihrem Kopf blinkte ein Cursor auf einem grünen Computerbildschirm.

Sie klammerte sich an ihn, als wäre er eine rettende Planke im sturmgepeitschten Ozean. »Oh, Gott, Mark, ich bin so froh, dass du hier bist.«

Eine Krankenschwester telefonierte; es klang, als spräche sie mit einem Angehörigen. Die andere tippte gerade etwas in den Computer ein.

»Das ist furchtbar«, sagte Mark, »unfassbar.«

Ashley nickte und schluckte mühsam. »Ohne deinen Termin wärst du —«

»Ich weiß. Ich muss dauernd dran denken. Wie geht es Josh?«

Ashleys Haar roch frisch gewaschen, in ihrem Atem schwang ein Hauch von Knoblauch mit. Die Mädchen hatten am Vorabend in einem italienischen Restaurant ihren Junggesellinnenabschied gefeiert.

»Nicht gut. Zoe ist bei ihm.« Er folgte mit den Augen ihrem ausgestreckten Finger, quer über mehrere Betten, vorbei an zischenden und klickenden Beatmungsgeräten und blinkenden Digitalanzeigen bis ganz zum Ende der Station, wo er Joshs Frau gebückt auf einem Stuhl sitzen sah. Sie trug ein weißes T-Shirt, Joggingjacke und Schlabberhose, die wirren blonden Locken fielen ihr ins Gesicht.

»Michael ist immer noch nicht aufgetaucht. Wo ist er, Mark? Du musst es doch wissen.«

Als die Krankenschwester das Telefonat beendete, piepste der Apparat erneut. Sie meldete sich.

»Keine Ahnung«, sagte er. »Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

Ashley sah ihn eindringlich an. »Aber ihr habt das doch seit Wochen geplant — Lucy sagte, ihr wolltet Michael all die Streiche heimzahlen, die er den Jungs vor der Hochzeit gespielt hat.« Sie wich einen Schritt zurück, schob sich das Haar aus dem Gesicht, und Mark sah, dass ihre Wimperntusche zerlaufen war.

»Vielleicht haben die Jungs es sich in letzter Minute anders überlegt«, meinte er. »Klar, die hatten alle möglichen Ideen, wollten ihm was in die Drinks tun und ihn in irgendeinen Flieger setzen, aber das konnte ich ihnen dann doch noch ausreden — dachte ich jedenfalls.«

Sie lächelte dankbar.

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß, dass du Angst hattest, wir könnten etwas Dummes anstellen.«

»Stimmt, ich war total verzweifelt.« Sie warf einen Blick auf die Schwester und zog die Nase hoch. »Wo ist er also?«

»Er war definitiv nicht im Wagen?«

»Auf gar keinen Fall. Ich hab die Polizei angerufen — sie sagen — sie sagen — sie —« Sie brach in Tränen aus.

»Was haben sie gesagt?«

»Dass sie nichts unternehmen«, platzte sie zornig heraus. Dann schluchzte sie weiter, rang um Fassung.

»Sie sagen, er schläft vermutlich irgendwo seinen Rausch aus.«

Mark wollte warten, bis sie sich beruhigt hatte, doch sie weinte weiter. »Vielleicht haben sie ja Recht.«

Ashley schüttelte den Kopf. »Er hatte mir versprochen, sich nicht zu betrinken.«

Mark sah sie fragend an.

»Es war sein Junggesellenabschied. Das macht ihr doch bei solchen Feiern, oder? Euch sinnlos besaufen.«

Mark schaute hinunter auf die grauen Teppichfliesen. »Gehen wir zu Zoe.«

Ashley folgte ihm mit einigem Abstand. Zoe war eine schlanke Schönheit und wirkte noch schlanker, als er ihr die Hand auf die Schulter legte und die Knochen unter dem weichen Stoff der Designer-Joggingjacke spürte.

»Mein Gott, Zoe, es tut mir so Leid.«

Sie zuckte leicht die Achseln.

»Wie geht es ihm?« Mark hoffte, die Sorge in seiner Stimme möge überzeugend klingen.

Zoe drehte sich um und sah ihn an, mit rot geweinten Augen und Tränen auf den ungeschminkten Wangen, die beinahe durchscheinend wirkten. »Sie können nichts für ihn tun. Sie haben ihn operiert, jetzt können wir nur abwarten.«

Mark stand reglos da und schaute auf Josh hinunter, der mit geschlossenen Augen dalag. Sein Gesicht war mit Blutergüssen und Risswunden übersät, das Bett von medizinischen Geräten umgeben. Ein Infusionsschlauch führte in seine Hand, ein undurchsichtiger Schlauch in seine Nase. Sein Mund war von einem dicken Beatmungsschlauch geweitet. Drähte ragten unter der Decke und aus seinem Kopf hervor, die mit Digitalanzeigen und krakeligen Kurven verbunden waren. Das bisschen Haut, das zu sehen war, wirkte alabasterweiß. Sein Freund sah aus wie ein Versuchstier im Labor.

Doch Mark schaute Josh kaum an, sondern betrachtete die Anzeigen, wollte sie deuten. Er dachte daran, wie er in demselben Raum neben seinem sterbenden Vater gestanden hatte, und versuchte sich zu erinnern, wo EKG, Sauerstoffsättigung und Blutdruck angezeigt wurden und was das alles bedeutete.

Und er überlegte. Josh hatte es immer leicht gehabt. Er sah gut aus, hatte reiche Eltern. Er redete über Versicherungen, rechnete andauernd, alles war vorgezeichnet, er kam ihnen ständig mit Fünfjahresplänen, Zehnjahresplänen, Lebenszielen. Er hatte als Erster geheiratet, weil er früh Kinder wollte, damit er sein Leben noch genießen könnte, wenn sie größer wären. Er fand in der süßen, reichen Zoe die perfekte Frau, die zudem fruchtbar war und ihm half, seinen Plan zu verwirklichen, indem sie in schneller Folge zwei ebenso perfekte Babys lieferte.

Mark sah sich auf der Station um, musterte Schwestern und Ärzte, merkte sich ihre Positionen und ließ seinen Blick zu dem Infusionsschlauch wandern, der in Joshs Handrücken führte. Gleich neben dem Plastikband mit seinem Namen. Seine Augen wanderten zum Beatmungsgerät, dann zum EKG. Wenn der Herzschlag zu langsam wurde oder die Sauerstoffsättigung nicht mehr in Ordnung war, erklang ein Warnton.

Falls Josh überlebte, hätte er ein Problem — das hatte Mark fast die ganze Nacht beschäftigt, und er war zögernd zu dem Schluss gelangt, dass er dieses Risiko nicht eingehen konnte.

9

DER GERICHTSSAAL 1 des Crown Court in Lewes schien Roy Grace eigens dazu entworfen worden zu sein, um die Leute einzuschüchtern und zu beeindrucken, obwohl er im Grunde kein größeres Gewicht als die übrigen Säle im Gebäude besaß. Der georgianische Raum hatte eine hohe, gewölbte Decke, eine Besuchergalerie, alte Eichentäfelung, Sitzbänke und Anklagebank aus dunklem Holz und einen Zeugenstand mit hölzerner Balustrade. Den Vorsitz führte Richter Driscoll mit seiner Perücke, der das Verfallsdatum längst überschritten hatte und in seinem leuchtend roten Stuhl zu schlafen schien, über sich das Wappen mit der Inschrift Dieu et mon droit. Der ganze Raum sah aus wie eine Theaterkulisse und roch wie ein altes Klassenzimmer.

Als Grace in den Zeugenstand trat — wie immer, wenn er vor Gericht erscheinen musste, adrett in blauem Anzug, weißem Hemd, mit dezenter Krawatte und polierten schwarzen Schnürschuhen — sah er besser aus, als er sich tatsächlich fühlte. Zum Teil war dies auf Schlafmangel wegen seiner Verabredung vom Vorabend zurückzuführen, die sich als katastrophal erwiesen hatte, aber er war auch schlichtweg nervös. Er rasselte, die Bibel in der Hand, zum vielleicht tausendsten Mal den Eid herunter und schwor bei Gott, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, wobei er sich verstohlen umsah.

Die Geschworenen glichen wie immer einem Haufen Touristen, der auf einem Busbahnhof gestrandet ist. Eine unordentliche, wild zusammengewürfelte Gruppe mit farbenfrohen Pullovern, offenen Hemden und zerknitterten Blusen, darüber ein Meer aus leeren, weißen Gesichtern in Zweierreihen, vor sich Wasserkaraffen, Gläser und einen Wust aus Notizblöcken und losen Blättern. Neben dem Richter stand ein Turm, bestehend aus einem Videorekorder, einem Diaprojektor und einem riesigen Tonbandgerät. Die Stenographin spähte streng hinter einer Batterie elektronischer Apparate hervor. Auf einem Stuhl drehte sich ein Ventilator träge hin und her, ohne die stickige Nachmittagsluft wesentlich zu verbessern. Auf der Besuchergalerie drängten sich Presse und Publikum, nichts lockte die Leute mehr an als ein Mord. Und dies war der Lokalprozess des Jahres.

Der große Triumph von Roy Grace.

Auf der Anklagebank saß Suresh Hossain, ein fleischiger Mann mit pockennarbigem Gesicht und ölig zurückgekämmtem Haar, der einen braunen Nadelstreifenanzug und eine purpurne Satinkrawatte trug. Er folgte dem Verfahren mit lakonischem Blick, als gehörte ihm der ganze Saal und als diente der Prozess einzig seiner persönlichen Unterhaltung. Kotzbrocken, Arschloch, Slum-Vermieter. Seit über zehn Jahren war Roy Grace hinter ihm her und hatte ihn nun endlich vor Gericht gezerrt. Mordverschwörung. Das Opfer war ein ebenso unappetitlicher Konkurrent, Raymond Cohen. Wenn dieser Prozess wie erhofft lief, würde Hossain zu einer Strafe verdonnert, die über der seiner Lebenserwartung lag, und mehrere hundert Bürger von Brighton and Hove würden das Leben in Wohnungen genießen, die vom hässlichen Schatten seiner Handlanger befreit waren, die ihnen das Leben zu Hölle gemacht hatten.

In Gedanken wanderte er zurück zum letzten Abend. Claudine. Claudine Lamont, so ein Mist. Sicher, es war nicht hilfreich gewesen, dass er mit eindreiviertel Stunden Verspätung zum Rendezvous erschien. Aber es war auch nicht hilfreich gewesen, dass ihr Foto auf der Webseite gut zehn Jahre alt war und sie vergessen hatte, sich als abstinente, vegane Polizistenhasserin zu outen, deren einziger Lebenssinn in der Sorge für ihre neun Katzen zu bestehen schien.

Grace mochte Hunde. Er hatte auch nichts gegen Katzen, konnte aber keinen Draht zu ihnen finden, während er mit Hunden sofort Freundschaft schloss. Nach zweieinhalb Stunden in einem schäbigen veganen Restaurant in Guildford, in dem sie ihn abwechselnd über den freien Geist der Katzen, die Unterdrückung durch die britische Polizei und durch Männer, die Frauen ausschließlich als Sexobjekte betrachteten, belehrt hatte, trat er nur zu gern die Flucht an.

Er hatte schlecht geschlafen und den ganzen Tag im Gericht herumgehangen, bis man ihn aufrief, und nun sollte er sich den nächsten Sermon anhören. Es regnete noch, die Luft war warm und feucht. Grace spürte, wie ihm ein Rinnsal den Rücken hinunterlief.

Nun folgte der Auftritt des Kronanwalts der Verteidigung, der ihn überraschend als Zeugen geladen hatte. Arrogante Haltung, graue Perücke, wallende schwarze Seidenrobe, die Lippen zu einem bemühten Grinsen verzogen — Richard Charwell, Queen’s Counsel. Grace war ihm schon einmal begegnet, und es waren keine glücklichen Stunden gewesen. Er verabscheute Anwälte. Für sie war das alles ein Spiel. Sie mussten nie ihr Leben riskieren, um die Schurken zu fangen. Und sie kümmerten sich keinen Deut um die Verbrechen, die ihre Mandanten begangen hatten.

»Sind Sie Detective Superintendent Roy Grace, Sussex Police Headquarters?«, fragte der Kronanwalt.

»Ja.« Seine Stimme klang nicht selbstsicher, sondern eher wie ein heiseres Krächzen.

»Und Sie waren mit diesem Fall betraut?«

»Ja.« Wieder der trockene, erstickte Tonfall.

»Ich werde nun den Zeugen befragen.«

Pause. Niemand sagte etwas. Richard Charwell, Queen’s Counsel, war die Aufmerksamkeit des ganzen Saales sicher. Ein vollendeter Schauspieler, distinguiert, gut aussehend, der absichtlich innehielt, bevor er weitersprach und einen gänzlich anderen Tonfall anschlug, der beweisen sollte, dass er urplötzlich der beste Freund von Roy Grace geworden war.

»Detective Superintendent, ich wüsste gern, ob Sie uns in einer bestimmten Angelegenheit weiterhelfen können. Ist Ihnen bekannt, dass ein Schuh in diesem Fall eine Rolle gespielt hat? Ein brauner Slipper aus Krokodilleder mit Goldkette?«

Grace funkelte ihn an, bevor er antwortete. »Ja, das ist mir bekannt.« Plötzlich überkam ihn leichte Panik. Noch bevor der Verteidiger die nächsten Worte sprach, ahnte er, wohin dies führen würde.

»Können Sie uns etwas über die Person sagen, der Sie diesen Schuh weggenommen haben, oder möchten Sie, dass ich es aus Ihnen heraushole?«

»Sir, ich bin mir nicht sicher, worauf Sie hinauswollen.«

»Detective Superintendent, Sie wissen nur zu gut, worauf ich hinauswill.«

Richter Driscoll mischte sich übellaunig ein wie jemand, den man aus dem Schlaf aufgeschreckt hat. »Mr Charwell, würden Sie bitte auf den Punkt kommen, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Selbstverständlich, Euer Ehren«, erwiderte der Kronanwalt glatt und wandte sich wieder an Grace. »Detective Superintendent, ist es nicht so, dass Sie sich an einem wichtigen Beweisstück in diesem Fall zu schaffen gemacht haben? Nämlich an diesem Schuh?«

Der Kronanwalt nahm den Schuh von dem Tisch, auf dem die Beweisstücke lagen, und hob ihn hoch wie eine Trophäe, damit der ganze Saal ihn sehen konnte.

»Ich würde nicht sagen, dass ich mir daran zu schaffen gemacht habe«, erwiderte Grace, den die Arroganz des Mannes auf die Palme brachte. Zugleich jedoch war ihm bewusst, dass der Anwalt ihn vorführen wollte.

Charwell legte den Schuh nachdenklich beiseite. »Verstehe, Sie sind also der Meinung, Sie hätten sich nicht daran zu schaffen gemacht.« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort. »Ich werfe Ihnen vor, dass Sie Ihre Position missbraucht haben, um ein Beweisstück zu entfernen und es zu einer Person zu bringen, die mit Schwarzer Magie herumdilettiert.«

An den Richter gewandt erklärte er: »Euer Ehren, ich möchte diesem Gericht darlegen, dass die DNA-Beweise, die von diesem Schuh stammen, nicht aussagekräftig sind, weil Detective Superintendent Grace das Beweisstück zwischenzeitlich entfernt und dadurch eine mögliche Kontaminierung des wichtigen Beweisstücks verursacht hat.«

Er wandte sich an Grace. »Es trifft doch zu, Detective Superintendent, dass Sie am Donnerstag, dem 9. März dieses Jahres, den Schuh zu einem so genannten Medium in Hastings gebracht haben, einer gewissen Mrs Stempe. Und werden wir nun von Ihnen hören, dass dieser Schuh in eine andere Welt gereist ist? In eine andere Sphäre?«

»Ich habe eine sehr hohe Meinung von Mrs Stempe«, warf Grace ein. »Sie —«

»Einspruch, Euer Ehren«, sagte der Kronanwalt. »Hier geht es nicht um die Meinungen von Detective Superintendent Grace, sondern einzig und allein um Fakten.«

Doch die Neugier des Richters schien geweckt. »Ich halte seine Meinung in dieser Frage für durchaus relevant.«

Nach kurzem Schweigen zwischen Verteidiger und Richter, nickte Charwell widerwillig.

»Mrs Stempe hat mir schon bei einigen Ermittlungen geholfen. Vor drei Jahren erhielt ich von Mary Stempe ausreichende Informationen, um einen Mordverdächtigen zu finden. Sie führten unmittelbar zu dessen Verhaftung und nachfolgender Verurteilung.«

Er zögerte, spürte die durchdringenden Blicke aus dem Saal, und sagte dann zu Charwell: »Was nun Ihre Bedenken bezüglich der Entfernung des Beweisstücks betrifft, Sir, hätten Sie nur die Akten lesen und die Verpackung ansehen müssen, was Ihnen durchaus zusteht. Das Etikett weist aus, wann ich das Beweisstück an mich genommen und zurückgegeben habe. Der Verteidigung war dieses Beweisstück, das man am Abend seines Verschwindens vor Mr Cohens Haus fand, von Anfang an bekannt. Sie hat nie darum ersucht, es zu überprüfen.«

»Sie suchen als leitender Polizeibeamter also regelmäßig Hilfe in Schwarzer Magie?«

Ein hörbares Kichern ertönte im Saal.

»Als Schwarze Magie würde ich es nicht bezeichnen«, meinte Grace. »Ich nenne es eine alternative Ermittlungsmethode. Die Polizei hat die Pflicht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ein Verbrechen aufzuklären.«

»Also könnte man mit Recht behaupten, dass Sie ein Anhänger des Okkulten sind? Dass Sie an das Paranormale glauben?«

Grace schaute den Richter an, der ihn ansah, als stünde er nun selbst vor Gericht. Er suchte verzweifelt nach einer passenden Erwiderung, warf einen Blick zu den Geschworenen, dann zur Besuchergalerie und wandte sich wieder dem Kronanwalt zu. Und plötzlich hatte er sie gefunden.

Seine Stimme gewann an Nachdruck, klang nun schärfer und selbstsicherer. »Was verlangt das Gericht als Erstes von mir, wenn ich in den Zeugenstand trete?«

Bevor der Kronanwalt reagieren konnte, beantwortete Grace die Frage selbst. »Auf die Bibel zu schwören.« Er ließ seine Worte wirken. »Gott ist ein übernatürliches Wesen — das übernatürliche Wesen schlechthin. Es wäre schon eigenartig, wenn ein Gericht von Zeugen verlangte, einen Eid auf ein übernatürliches Wesen abzulegen, wenn niemand in diesem Saal an das Übernatürliche glaubte.«

»Keine weiteren Fragen«, sagte der Kronanwalt und setzte sich.

Der Staatsanwalt, ebenfalls in Perücke und Robe, stand auf und wandte sich an Richter Driscoll. »Euer Ehren, diese Angelegenheit würde ich gern noch einmal unter vier Augen besprechen.«

»Sie ist ungewöhnlich«, sagte der Richter, »doch ich bin der Ansicht, dass sie zufriedenstellend geklärt wurde. Allerdings«, fuhr er mit einem Blick auf Grace fort, »möchte ich hoffen, dass die nächsten Fälle in meinem Gericht auf Beweisen und nicht auf irgendwelchem Hexengemurmel beruhen.«

Das Gelächter hallte im ganzen Saal wider.

Der Prozess wurde fortgesetzt und ein weiterer Zeuge der Verteidigung aufgerufen. Es handelte sich um einen Handlanger des Toten namens Rubiro Valiente. Roy Grace hörte zu, wie der Kleinkriminelle einen Haufen Lügen auftischte, die vom Staatsanwalt binnen Minuten zerpflückt wurden. Bis zur Mittagspause war das Gericht so fassungslos angesichts der dreisten Lügen, dass Roy Grace schon hoffte, sie würden die Sache mit dem Schuh verdrängen.

Doch die Hoffnung zerplatzte, als er in die Lewes High Street trat, um frische Luft zu schnappen und ein Sandwich zu kaufen. Gegenüber schrie es das Werbebanner des Argus, der Lokalzeitung, bereits heraus:

POLIZEIBEAMTER GESTEHT OKKULTE PRAKTIKEN!

Plötzlich brauchte er ganz dringend einen Drink und eine Kippe.

10

DER HUNGER WOLLTE NICHT VERGEHEN, so sehr Michael ihn auch zu verdrängen suchte. Ein steter dumpfer Schmerz, als nagte etwas von innen an seinem Magen. Sein Kopf war seltsam leicht, seine Hände zitterten. Er dachte ständig an Essen, an saftige Burger mit knusprigen Pommes und Ketchup. Als er dieses Bild beiseite schob, trat der Geruch von gegrillten Flusskrebsen an dessen Stelle; dann folgten gedünstete Maiskolben, Grillchampignons und gebratene Eier mit Würstchen. Krosser Speck.

Der Deckel schien ihn niederzudrücken, und er geriet wieder in Panik, schnappte nach Luft, sog sie gierig durch den Schlauch ein. Er schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, alles sei gut, er schaukle auf einer Jacht im warmen Mittelmeer. Doch die Seiten des Sarges kamen immer näher. Es wurde enger und enger. Er tastete nach der Taschenlampe auf seiner Brust und schaltete sie ein. Die Batterie ließ nach, das Licht wurde schwächer. Vorsichtig und mit zitternden Fingern schraubte er die Whiskyflasche auf und setzte sie an die Lippen. Dann nahm er einen winzigen Schluck, ließ die Flüssigkeit in seinem ausgedörrten, klebrigen Mund kreisen, kostete jeden Tropfen aus, genoss jede Sekunde. Die Panik legte sich, sein Atem ging wieder ruhiger.

Als sich einige Minuten später das warme Brennen in Kehle und Magen gelegt hatte, konzentrierte er sich darauf, die Flasche wieder zuzuschrauben. Noch halb voll. Ein Schluck, immer zur vollen Stunde.

Ein fester Ablauf.

Er schaltete die Lampe aus, um die restliche Energie zu sparen. Jede Bewegung strengte ihn aufs Äußerste an. Seine Gliedmaßen waren steif, er zitterte vor Kälte, dann wieder brach ihm klammer, fiebriger Schweiß aus. Sein Kopf hämmerte unablässig — er sehnte sich verzweifelt nach Paracetamol. Nach Geräuschen von oben, nach Stimmen. Nach Freiheit.

Nach Essen.

Wie durch ein Wunder enthielt das Walkie-Talkie die gleichen Batterien wie die Taschenlampe. Also eine Reserve. Endlich etwas Positives, an dem er sich festhalten konnte. Und daran, dass er in einer Stunde den nächsten Schluck Whisky trinken durfte.

Der feste Ablauf half ihm, die Panik zu unterdrücken.

Man blieb bei Verstand, wenn man sich an einen festen Ablauf halten konnte. Vor fünf Jahren war er auf einer Zwölf-Meter-Schaluppe quer über den Atlantik von Chichester nach Barbados geschippert. Siebenundzwanzig Tage auf See. Davon zwei Wochen in einem Sturm, der nie unter Stärke sieben fiel und manchmal Stärke zehn oder elf erreichte. Fünfzehn Tage in der Hölle. Wachwechsel im Vierstundenrhythmus. Wenn sich das Schiff gewaltsam hob und senkte, erschütterten die Wellen seinen ganzen Körper, alle Ketten rasselten, die Schäkel schlugen gegen Deck und Takelage, Messer und Gabeln klirrten im Schrank. Mit Hilfe eines festen Ablaufs hatten sie es durchgestanden. Indem sie jeden Tag in Abschnitte von mehreren Stunden einteilten. Und diese mit kleinen Belohnungen versüßten. Mit einem Schokoriegel. Einem Schluck zu trinken. Einigen Seiten in einem Roman. Blicken auf den Kompass. Abwechselndem Lenzen.

Der feste Ablauf gab einem Halt. Der Halt verlieh neue Perspektiven. Und mit einer Perspektive sah man auch den Horizont.

Und wenn man den Horizont sah, wurde man ruhiger.

Nun maß er jede Stunde mit einem kleinen Schluck Whisky. Noch eine halbe Flasche, und als Horizont diente der Stundenzeiger seiner Uhr. Der Uhr, die Ashley ihm geschenkt hatte, eine silberne Longines mit leuchtenden römischen Ziffern. Die edelste Uhr, die er je besessen hatte. Ashley hatte wirklich Geschmack. Und Klasse. Alles an ihr hatte Klasse, der Schwung ihres langen, braunen Haars, ihr Gang, ihr Selbstvertrauen, ihr klassisch schönes Gesicht. Wie er es liebte, einen Raum mit ihr zu betreten. Sie zog alle Blicke auf sich. Gott, wie er das liebte! Sie war etwas ganz Besonderes. Einzigartiges.

Das hatte seine Mutter auch gesagt, die meist wenig von seinen Freundinnen hielt. Aber Ashley war anders. Sie hatte seine Mutter becirct. Auch das liebte er an ihr, mit ihrem Charme konnte sie jeden becircen. Selbst die unausstehlichsten Kunden. Er hatte sich in sie verliebt, als sie zu einem Vorstellungsgespräch in das Büro gekommen war, das er sich mit Mark teilte. Und heute, nur acht Monate danach, waren sie so gut wie verheiratet.

Sein Schritt und die Oberschenkel juckten wie verrückt. Wie bei einem Wickelkind. Er hatte den Kampf gegen seine Blase längst aufgegeben. Mittlerweile waren sechsundzwanzig Stunden vergangen.

Etwas musste passiert sein, aber was? Sechsundzwanzig verdammte Stunden, in denen er ins Walkie-Talkie gebrüllt, Nummern mit dem Handy gewählt und immer die gleiche verdammte Meldung erhalten hatte: kein Empfang.

Ashley wollte, dass der Junggesellenabend nicht unmittelbar vor der Hochzeit stattfand. Du betrinkst dich und fühlst dich beschissen. So sollst du dich an unserem Hochzeitstag aber nicht fühlen. Also mach es rechtzeitig, damit du dich erholen kannst.

Zum hundertsten Mal drückte er mit den Händen gegen den Deckel. Vielleicht war es auch das zweihundertste Mal. Oder das tausendste. Es war ohnehin egal. Er hatte bereits versucht, mit dem Handy, dem einzigen Gegenstand aus Metall, ein Loch in den Deckel zu bohren. Doch das Gehäuse war nicht hart genug.

Wieder schaltete er das Walkie-Talkie ein. »Hallo? Jemand da? Hallo?«

Nur das atmosphärische Rauschen antwortete ihm.

Dann stahl sich ein finsterer Gedanke herbei. War Ashley etwa eingeweiht? Hatte sie deshalb darauf bestanden, den Junggesellenabschied schon dienstags zu feiern? War er deshalb schon über vierundzwanzig Stunden hier eingeschlossen, ohne dass ihn jemand zu vermissen schien?

Nie im Leben. Sie wusste, dass er unter Klaustrophobie litt, und Grausamkeit war ihr völlig fremd. Sie dachte immer zuerst an andere. Seine Mutter war sprachlos gewesen angesichts der vielen liebevoll ausgesuchten Geschenke. Ihr Lieblingsparfum. Die Jazz-CD von Sidney Bechet, dem Lieblingssänger seiner Mutter, und der Kaschmirpulli, den sie sich so sehnlichst gewünscht hatte. Woher wusste Ashley das alles, wie hatte sie es in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft herausfinden können? Es war eine Gabe, eine der vielen wunderbaren Eigenschaften, die sie so außergewöhnlich machten.

Und ihn zum glücklichsten Mann der Welt.

Der Strahl der Taschenlampe wurde nun deutlich schwächer. Er schaltete sie aus, um die Batterie zu schonen, und lag still im Dunkeln. Hörte, wie sein Atem sich beschleunigte.

Und wenn sie nicht zurückkamen?

Fast elf Uhr dreißig. Er wartete auf ein albernes Kichern, das ihm verraten würde, dass seine Freunde wieder da waren. Verdammt, wenn er erst draußen wäre, würde ihnen das noch Leid tun. Er sah wieder auf die Uhr. Fünf nach halb elf. Sie würden jeden Moment kommen.

Sie mussten kommen.

11

SANDY STAND GRINSEND üBER IHM und verdeckte die Sonne, um ihn zu ärgern. Das blonde Haar fiel ihr ins sommersprossige Gesicht und strich über seine Wangen.

»Hey, ich muss den Bericht lesen — ich —«

»Mann, Grace, bist du langweilig, ewig musst du lesen!« Sie küsste ihn auf die Stirn. »Lesen, lesen, lesen, Arbeit, Arbeit, Arbeit!« Noch ein Kuss auf die Stirn. »Gefalle ich dir etwa nicht mehr?«

Sie trug ein offenherziges Strandkleid, aus dem ihre Brüste hervorquollen. Er erhaschte einen Blick auf ihre langen, gebräunten Beine unter dem hoch gerutschten Saum und wurde plötzlich ausgesprochen geil.

Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen, zog sie zu sich herunter, blickte in ihre vertrauensvollen, blauen Augen, erfüllt von einer unglaublich tiefen Liebe.

»Ich vergöttere dich«, sagte er.

»Ehrlich, Grace?« Sie flirtete. »Mehr als deine Arbeit?« Sie neigte den Kopf nach hinten und verzog den Mund zu einem nachdenklichen Schmollen.

»Ich liebe dich mehr als alles —«

Dunkelheit. Als hätte jemand den Stecker herausgezogen.

Grace hörte seine Stimme in der kalten, leeren Luft.

»Sandy!« Der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Das Sonnenlicht verblasste zu einem schwachen Glühen; Straßenlaternen, die durch die Vorhänge schienen.

Die Digitaluhr zeigte 03.02 Uhr.

Er lag schwitzend und mit aufgerissenen Augen da, sein Herz tanzte in der Brust wie eine Boje im Sturm. Er hörte einen Mülleimer scheppern, sicher eine streunende Katze oder ein Fuchs. Dann knatterte ein Dieselmotor — vermutlich sein Nachbar drei Türen weiter, der nachts Taxi fuhr.

Er verharrte reglos. Schloss die Augen, bis sein Atem ruhiger ging, wollte in den Traum zurück, klammerte sich an die Erinnerung. Wie all die wiederkehrenden Träume von Sandy war auch dieser ungeheuer lebensecht gewesen. Als wären sie noch zusammen, wenn auch in einer anderen Dimension. Als müsste er nur den Eingang finden, die Kluft überbrücken, damit sie wieder beisammen wären, beisammen und glücklich.

So verdammt glücklich.

Nun überkam ihn eine ungeheure Traurigkeit. Die sich in Furcht verwandelte, als die Erinnerung zurückkehrte. Die Zeitung. Die Schlagzeile im Argus. Alles war wieder da. Oh Gott, was würde nur in den Morgenzeitungen stehen? Mit Kritik konnte er umgehen, Spott war schwerer zu ertragen. Schon jetzt machten sich einige Kollegen über ihn lustig, weil er sich mit dem Übernatürlichen beschäftigte. Der frühere Chief Constable, obwohl selbst zutiefst fasziniert von paranormalen Phänomenen, hatte ihn gewarnt, dass es seiner Karriere abträglich sei, wenn seine Interessen öffentlich bekannt würden.

»Alle wissen, dass du ein Sonderfall bist, Roy — weil du Sandy verloren hast. Niemand wird dich kritisieren, wenn du die ganze Welt nach ihr absuchst. Das würden wir an deiner Stelle auch machen. Aber es darf nicht deine Arbeit beeinflussen.«

Manchmal glaubte er, darüber hinweg zu sein, neue Kraft gefunden zu haben. Doch es gab auch Momente wie diesen, in denen er begriff, dass er praktisch keine Fortschritte gemacht hatte. Er wünschte sich verzweifelt, den Arm um sie legen, sich an sie zu kuscheln und mit ihr über seine Probleme reden zu können. Sie war eine geborene Optimistin mit scharfem Verstand. In seiner Anfangszeit bei der Kriminalpolizei hatte sie ihm ein Disziplinarverfahren durchstehen geholfen, das seine Karriere bedrohte. Die Beschwerdestelle hatte ihm vorgeworfen, bei der Verhaftung eines Straßenräubers übertriebene Gewalt angewendet zu haben. Man hatte ihn vor allem deshalb freigesprochen, weil er Sandys Ratschlägen gefolgt war. Und auch diesmal hätte sie genau gewusst, was zu tun war.

Manchmal fragte er sich, ob Sandy — von wo auch immer — über diese Träume Kontakt zu ihm aufnehmen wollte.

Seine Schwester sagte, es sei an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen und zu akzeptieren, dass Sandy tot war, ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter zu löschen, ihre Kleider aus dem Schrank und die Sachen aus dem Badezimmer zu entfernen, kurzum, nicht mehr in einem Schrein für Sandy zu leben, sondern einen Neuanfang zu wagen.

Doch wie sollte das gehen? Wenn Sandy nun am Leben war und von einem Irren gefangen gehalten wurde? Er musste weitersuchen, die Akten offen lassen, ihre Fotos überarbeiten, jedes Gesicht mustern, das er auf der Straße oder in einer Menschenmenge sah. Er würde weitermachen, bis …

Bis zum Schluss.

Am Morgen seines neunundzwanzigsten Geburtstags hatte Sandy ihm ein Tablett ans Bett gebracht, auf dem sich ein winziger Kuchen mit einer Kerze, ein Glas Champagner und eine ausgesprochen schweinische Glückwunschkarte befanden. Er hatte die Geschenke ausgepackt, sie hatten miteinander geschlafen. Er war etwas später als sonst, um Viertel nach neun, aus dem Haus gegangen, und um kurz nach halb zehn im Büro erschienen, wodurch er zu spät zu einer Besprechung in einem Mordfall kam. Er hatte Sandy versprochen, zeitig Feierabend zu machen, weil sie mit einem anderen Paar — seinem besten Freund, dem Ermittler Dick Pope, und dessen Frau Leslie, mit der Sandy sich gut verstand — essen gehen wollten. Leider wurde es ein hektischer Tag, und er kam fast zwei Stunden später als geplant nach Hause. Keine Spur von Sandy.

Zuerst hatte er gedacht, sie sei wütend auf ihn und wolle ihm eins auswischen. Das Haus war aufgeräumt, ihr Auto und ihre Handtasche waren weg, es gab keine Anzeichen eines Kampfes.

Vierundzwanzig Stunden später fand man ihren Wagen auf dem Kurzzeitparkplatz am Flughafen Gatwick. Ihre Kreditkarte war am Morgen ihres Verschwindens zweimal belastet worden: £7,50 bei Boots, £16,42 an der Tankstelle des örtlichen Tesco-Supermarktes. Sie hatte weder Kleidung noch sonst etwas mitgenommen.

Seine Nachbarn in der ruhigen Wohnstraße nahe des Strandes hatten nichts bemerkt. Auf einer Seite wohnte eine überaus freundliche griechische Familie, die in der Stadt einige Cafés besaß, zurzeit jedoch verreist war. Auf der anderen Seite lebte eine ältere, schwerhörige Witwe, die bei laut plärrendem Fernseher schlief. Selbst jetzt, um Viertel nach drei, konnte er durch die Trennwand zwischen den Doppelhaushälften die Geräuschkulisse eines amerikanischen Fernsehkrimis hören. Schüsse, quietschende Reifen, jaulende Sirenen. Sie hatte nichts gesehen.

Noreen Grinstead von gegenüber war die einzige, die etwas hätte bemerken können. Eine scharfäugige, nervöse Frau Mitte sechzig, die über sämtliche Nachbarn Bescheid wusste. Wenn sie sich nicht gerade um ihren Mann Lance kümmerte, dessen Alzheimer-Erkrankung sich laufend verschlimmerte, lief sie in gelben Gummihandschuhen herum und wusch ihren alten silbernen Nissan, spritzte und schrubbte den Gehweg ab oder putzte die Fenster. Sie schleppte sogar Sachen aus dem Haus, um sie in der Einfahrt zu reinigen.

Ihren Blicken entging nur wenig. Doch selbst sie hatte Sandys Verschwinden nicht bemerkt.

Er schaltete das Licht ein und stand auf, wobei sein Blick auf das Foto von sich und Sandy fiel, das auf seinem Nachttisch stand. Es war nur wenige Monate vor ihrem Verschwinden, bei einer Konferenz zum Thema genetische Fingerabdrücke in Oxford aufgenommen worden. Er rekelte sich in Anzug und Krawatte auf einer Chaiselongue. Sandy mit Abendkleid und blonden Ringellocken lehnte sich an ihn und schenkte dem Kellner, der das Foto gemacht hatte, ihr übliches unwiderstehliches Grinsen.

Er hob das Foto hoch, küsste es und stellte es wieder hin. Er ging ins Bad, um Wasser zu lassen. Mitten in der Nacht aufstehen und pinkeln zu müssen war ein lästiger Nebeneffekt, seit er einem Gesundheitsplan folgte und täglich mindestens acht Gläser Wasser trank. Dann tappte er, nur im T-Shirt, nach unten.

Sandy hatte einen guten Geschmack. An sich war das Haus bescheiden wie alle Häuser in der Straße, Pseudo-Tudor-Stil, vier Zimmer, in den dreißiger Jahren erbaut, aber sie hatte es schön eingerichtet. Sie liebte die Sonntagsbeilagen, Frauen- und Designmagazine, riss Seiten heraus und zeigte sie ihm. Sie verbrachten Stunden damit, Tapeten abzulösen, Böden zu schmirgeln, zu polieren und zu streichen.

Sandy interessierte sich für Feng Shui und legte einen kleinen Wassergarten an. Füllte das Haus mit Kerzen. Kaufte so oft wie möglich Biokost. Sie dachte über alles nach, stellte alles in Frage, interessierte sich für alles, und er fand es wunderbar. Das waren die guten Zeiten gewesen, in denen sie ihre Zukunft, ihr gemeinsames Leben planten.

Sie war auch eine ausgezeichnete Gärtnerin, verstand sich auf Blumen, Pflanzen, Büsche und Bäume. Wusste, wohin man etwas pflanzte und wie man es beschnitt. Grace mähte gern den Rasen, zu mehr war er nicht in der Lage. Der Garten wirkte jetzt vernachlässigt, was ihm ein schlechtes Gewissen bereitete, und er fragte sich manchmal, was sie wohl bei ihrer Rückkehr dazu sagen würde.

Ihr Auto stand noch in der Garage. Der Erkennungsdienst hatte es gründlich untersucht, dann war er damit nach Hause gefahren. Jahrelang überprüfte er in regelmäßigen Abständen die Batterie, falls … So wie er auch ihre Pantoffeln neben dem Bett, ihren Morgenmantel am Haken, ihre Zahnbürste im Becher ließ. Wo sie auf ihre Rückkehr warteten.

Hellwach setzte er sich in den weißen Sessel im weiß gehaltenen Wohnzimmer mit dem Holzboden und drückte die Taste der Fernbedienung. Er zappte durch drei Filme und mehrere Satellitensender, doch nichts konnte ihn länger als ein paar Minuten fesseln. Er hörte Musik, wechselte ruhelos von den Beatles zu Miles Davis und Sophie Ellis Bextor, dann herrschte Stille.

Er nahm eines seiner Lieblingsbücher, The Occult von Colin Wilson, aus dem Regal, das reihenweise Werke zu paranormalen Themen enthielt, setzte sich hin und blätterte lustlos darin herum, konnte sich aber nur auf wenige Absätze konzentrieren.

Dieser verdammte Verteidiger, dieses aufgeblasene Arschloch namens Richard Charwell, ließ ihn nicht los, stolzierte noch immer in seinem Kopf herum. Er hatte Grace überlistet. Ausmanövriert und überlistet. Das tat richtig weh.

Wieder griff er nach der Fernbedienung und schaltete auf Videotext. Lauter Nachrichten, die seit einigen Tagen kursierten und allmählich schal wurden. Keine handfesten politischen Skandale, keine Terroranschläge, kein Flugzeugabsturz. Er wünschte niemandem etwas Schlimmes, hatte aber auf eine Sensationsmeldung gehofft, die Schlagzeilen machen würde. Auf etwas, das den Mordprozess gegen Suresh Hossain von den vorderen Seiten verdrängte.

Pech gehabt.

12

ZWEI GROSSE BOULEVARDBLäTTER und eine Tageszeitung berichteten auf der Titelseite lang und breit über den Mordprozess gegen Suresh Hossain, und die übrigen Morgenzeitungen brachten Artikel im Innenteil.

Sie waren nicht am Prozess als solchem interessiert, sondern an den Bemerkungen, die Detective Superintendent Grace im Zeugenstand geäußert hatte. Er stand in diesem Augenblick vor seiner Chefin Alison Vosper und kam sich vor, als hätte man die Zeit um dreißig Jahre zurückgedreht und er fände sich als zitternder Junge vor seiner Schuldirektorin wieder.

Ein Kollege von Grace hatte ihr den Spitznamen »Nr. 27« gegeben, und der war hängen geblieben. »Nr. 27« war ein süßsaures Gericht im örtlichen China-Imbiss. Bestellten die Kollegen das Gericht, orderten sie stets einmal Alison Vosper, denn sie war genau das — süßsauer.

Und an diesem Morgen war Assistant Chief Constable Alison Vosper — Anfang vierzig, blond, mit einem konservativen Kurzhaarschnitt, der ihr strenges, aber attraktives Gesicht betonte — definitiv sauer. Selbst der intensiv blumige Duft, den sie trug, roch ein wenig beißend.

Ihr makellos aufgeräumtes Büro befand sich im Erdgeschoss des Polizeipräsidiums. Vom Fenster aus blickte man auf einen gepflegten Rasen. Alison Vosper thronte in einem schwarzen Businesskostüm mit weißer Bluse hinter ihrem ausladenden Schreibtisch aus poliertem Rosenholz, auf dem sich lediglich eine schlanke Kristallvase mit drei purpurnen Tulpen, gerahmten Fotos ihres Mannes (ebenfalls Polizeibeamter, mehrere Jahre älter, aber einige Rangstufen unter ihr) und ihrer beiden Kinder, ein Stifthalter aus einem Ammoniten und die Morgenzeitungen befanden. Sie lagen aufgefächert wie ein siegreiches Blatt beim Poker.

Grace fragte sich immer, wie es seinen Vorgesetzten gelang, ihre Büros und Schreibtische derart ordentlich zu halten. In seinem ganzen Arbeitsleben waren seine Büros die reinsten Müllhalden gewesen, die überquollen von Akten, unbeantworteten Briefen, verlorenen Stiften, Spesenquittungen und von Ausgangsfächern, die schon lange nicht mehr mit dem Arbeitsaufkommen aus den Eingangsfächern Schritt halten konnten. Um ganz nach oben zu kommen, benötigte man wohl etwas Geschick im Umgang mit Papierkram, für das er genetisch nicht gerüstet war.

Es gab Gerüchte, Alison Vosper habe sich drei Jahre zuvor einer Brustkrebsoperation unterzogen, doch Grace wusste, dass es immer ein Gerücht bleiben würde, da sie eine Mauer um sich herum errichtet hatte. Dennoch verbarg sich hinter ihrem harten Panzer eine gewisse Verletzlichkeit, die ihm gefiel. Manchmal fand er sie sogar ganz attraktiv. Bisweilen blitzte in ihren durchdringenden braunen Augen Humor auf, und dann und wann meinte er zu spüren, dass sie auf einen Flirt aus war. Nicht so an diesem Morgen.

Kein Händeschütteln. Keine Begrüßung. Nur ein knappes Nicken, mit dem sie ihn aufforderte, auf einem der hochlehnigen Stühle vor ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann ging sie geradewegs in die Offensive, und ihr Blick verriet eine Mischung aus Vorwurf und Zorn.

»Was zum Teufel soll das, Roy?«

»Tut mir Leid.«

»Wie bitte?«

Er nickte. »Ich — wissen Sie, wenn man es aus dem Zusammenhang reißt —«

Sie fiel ihm ins Wort. »Ist Ihnen bewusst, dass es den ganzen Fall gefährden kann?«

»Ich glaube, wir haben ihn unter Kontrolle.«

»Ich hatte heute Morgen schon an die zwanzig Anrufe von überregionalen Zeitungen. Sie haben sich lächerlich gemacht. Und wir stehen wie ein Haufen Idioten da. Warum haben Sie das getan?«

Grace schwieg eine Weile. »Sie ist eine außergewöhnliche Frau, sie hat uns schon öfter geholfen. Ich hätte nie damit gerechnet, dass es jemand herausfindet.«

Vosper lehnte sich zurück und schaute Grace kopfschüttelnd an. »Ich hatte große Hoffnungen in Sie gesetzt, die Beförderung verdanken Sie mir. Dabei habe ich mich ganz schön aus dem Fenster gelehnt. Und das wissen Sie, oder?«

Was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber für Haarspaltereien war jetzt keine Zeit. »Ja, und ich weiß es zu schätzen.«

Sie deutete auf die Zeitungen. »Und zeigen es mir auf diese Art und Weise?«

»Bitte, Alison, immerhin habe ich Ihnen Hossain geliefert.«

»Und bieten seinem Verteidiger eine offene Flanke, die so groß ist, dass er mit Kutsche und Pferden durchfahren könnte.«

»Nein«, sagte Grace, der allmählich in Rage geriet, »der Schuh war beim Erkennungsdienst, war aus- und eingetragen. Die können mir nicht vorwerfen, ich hätte ein Beweisstück kontaminiert. Sie mögen zwar meine Methoden angreifen, aber es hat keine ernsthaften Auswirkungen auf den Fall.«

Vosper untersuchte ihre manikürten Finger. Roy bemerkte, dass die Spitzen mit Druckerschwärze verfärbt waren. Ihr Parfümduft schien sich zu verstärken, als wäre sie ein Tier, das Gift ausscheidet. »Sie sind der leitende Beamte, es ist Ihr Fall. Wenn Sie sich diskreditieren, beeinflusst es sehr wohl auch den Ausgang des Prozesses. Warum verdammt noch mal haben Sie das gemacht?«

»Wir haben einen Mordprozess, nur leider keine Leiche. Aber wir wissen, dass Hossain Raymond Cohen ermorden ließ, stimmt’s?«

Sie nickte. Grace hatte eindrucksvolle und zwingende Beweise zusammengetragen.

»Aber die fehlende Leiche ist ein Schwachpunkt.« Er zuckte die Achseln. »In der Vergangenheit haben wir gelegentlich mit Medien gearbeitet, so wie jede Polizeidienststelle im ganzen Land es schon einmal getan hat. Ich denke zum Beispiel an Leslie Whittle.«

Der Fall Leslie Whittle war berühmt. 1975 war die siebzehnjährige Erbin entführt worden und blieb spurlos verschwunden. Da die Polizei keinerlei Hinweise fand, suchte sie letztlich Rat bei einer Hellseherin, die mit einer Wünschelrute arbeitete und sie zu einem Kanalisationsschacht führte, in dem die gefesselte Leiche des bedauernswerten Mädchens aufgefunden wurde.

»Leslie Whittle war nicht gerade ein Triumph polizeilicher Ermittlungsmethoden.«

»Es gibt noch andere Fälle«, konterte er.

Sie schaute ihn schweigend an. Dann erschienen Grübchen in ihren Wangen, als gäbe sie ein wenig nach, doch ihre Stimme blieb kalt und streng. »Die Erfolge mit Hellsehern können Sie an den Fingern einer Hand abzählen.«

»Das stimmt nicht, das wissen Sie genau.«

»Roy, ich weiß, dass Sie ein intelligenter Mann sind. Dass Sie sich mit paranormalen Phänomenen beschäftigt haben und daran glauben. Ich kenne die Bücher in Ihrem Büro und respektiere jeden Polizisten, der über seinen Tellerrand blickt. Aber wir sind der Öffentlichkeit verpflichtet. Was hinter verschlossenen Türen geschieht, ist eine Sache. Das Bild, das wir den Leuten präsentieren, eine andere.«

»Die Leute glauben daran, Alison. 1925 gab es eine Umfrage unter Wissenschaftlern, wer von ihnen an Gott glaube. Das Ergebnis lag bei dreiundvierzig Prozent. 1998 führte man die gleiche Befragung noch einmal durch. Und was soll ich Ihnen sagen? Es waren nach wie vor dreiundvierzig Prozent. Nur gab es eine Verschiebung, da heute weniger Biologen und dafür mehr Mathematiker und Physiker gläubig sind. Erst letztes Jahr fand eine Umfrage statt, wie viele Menschen schon einmal übersinnliche Erlebnisse gehabt hatten. Die Zahl lag bei neunzig Prozent!« Er beugte sich vor. »Neunzig Prozent!«

»Roy, die Masse möchte aber glauben, dass die Polizei ihre Steuergelder dafür ausgibt, um mit den herkömmlichen Methoden Verbrechen aufzuklären und Kriminelle zu fangen. Sie möchte glauben, dass wir das Land nach Fingerabdrücken und DNA-Spuren durchkämmen, die in Labors von Wissenschaftlern untersucht werden. Dass wir Feld und Wald durchsuchen, Seen trocken legen, an Türen klopfen und Zeugen befragen. Was sie nicht wollen, ist, dass wir mit Madame Arcata vom Brighton-Pier reden, in Kristallkugeln starren oder umgedrehte Gläser über Buchstabenreihen auf irgendwelchen blöden Ouija-Brettern wandern lassen! Sie wollen nicht, dass wir unsere Zeit damit verschwenden, Tote herbeizurufen. Sie wollen nicht, dass ihre Polizeibeamten wie Hamlet auf den Zinnen einer Burg stehen und mit Geistern sprechen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?«

»Ja, das tue ich. Aber ich bin anderer Meinung. Wir haben die Aufgabe, Verbrechen aufzuklären. Und zwar mit allen verfügbaren Methoden.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wir werden niemals alle Verbrechen aufklären, das sollten Sie einfach akzeptieren. Aber wir müssen der Öffentlichkeit Vertrauen einflößen. Damit sich die Leute zu Hause und auf der Straße sicher fühlen.«

»Das ist Scheiße«, meinte Grace, »das ist Ihnen doch klar! Sie wissen nur zu gut, dass man die Verbrechensstatistik beliebig zurechtbiegen kann.« Sofort bereute er seine Worte.

Sie bedachte ihn mit einem dünnen, eisigen Lächeln. »Wenn uns die Regierung hundert Millionen im Jahr zusätzlich bewilligt, wird es in Sussex keine Verbrechen mehr geben. Ohne diese Gelder können wir unsere Mittel nur so verteilen und strecken wie irgend möglich.«

»Medien sind billig.«

»Nicht, wenn sie unserer Glaubwürdigkeit schaden.« Sie sah auf die Zeitungen hinunter. »Wenn sie eine Verurteilung gefährden, ist die Zusammenarbeit zu teuer erkauft. Verstanden?«

»Es war laut, wenn auch nicht deutlich.« Er konnte sich die unverschämte Bemerkung nicht verkneifen. Vosper reizte ihn. Und irgendein chauvinistischer Zug in ihm machte die Standpauke durch eine Frau noch viel unerträglicher.

»Ich sage es Ihnen noch einmal ganz deutlich. Sie haben Glück, dass Sie noch hier sind. Der Chief ist gar nicht glücklich. Um ehrlich zu sein ist er so wütend, dass er damit droht, Sie aus dem Verkehr zu ziehen und bis ans Ende Ihrer Laufbahn an den Schreibtisch zu ketten. Würde Ihnen das gefallen?«

»Nein.«

»Dann hören Sie auf zu spinnen und werden Sie wieder ein Polizeibeamter.«

13

ZUM ERSTEN MAL, seit er zur Polizei gegangen war, fragte sich Roy Grace, ob er wirklich den richtigen Beruf ergriffen hatte. Von Kindheit an wollte er immer nur Polizist werden, und hatte auch als Teenager eigentlich gar keinen anderen Beruf in Betracht gezogen.

Sein Vater Jack hatte es bis zum Detective Inspector gebracht, und die älteren Kollegen sprachen noch immer mit großer Zuneigung von ihm. Grace hatte ihn als Kind vergöttert, seine Geschichten geliebt, war unheimlich gern mit ihm im Streifenwagen gefahren oder auf die Wache gegangen. Damals war ihm das Leben seines Vaters abenteuerlich und glanzvoll erschienen, ganz anders als der öde Alltag bei den Vätern seiner Freunde.

Grace war süchtig nach Fernsehkrimis gewesen, nach Büchern über Detektive und Polizisten jeglicher Couleur — von Sherlock Holmes bis Ed McBain. Er verfügte über ein nahezu fotografisches Gedächtnis, liebte Rätsel und war körperlich kräftig. Ihm gefielen Kameradschaft und Teamarbeit, die er aus den Geschichten seines Vaters kannte.

Doch an Tagen wie diesem wurde ihm klar, dass ein Polizeibeamter nicht unbedingt das tat, was er am besten konnte, sondern sich an ein vorgeschriebenes Mittelmaß zu halten hatte. In der modernen, politisch korrekten Welt konnte aus einem Polizeibeamten auf dem Höhepunkt seiner Karriere ganz schnell ein politisches Bauernopfer werden.

Mit seiner letzten Beförderung war er zum zweitjüngsten Detective Superintendent von Sussex avanciert, doch nun zeigte sich die Kehrseite der Medaille.

Er hatte von der geschäftigen Wache mitten in Brighton, wo die meisten seiner Freunde arbeiteten, in die ruhig gelegene ehemalige Fabrik umziehen müssen, die in einem Gewerbegebiet am Stadtrand lag und erst vor kurzem renoviert und zur Zentrale der Kriminalpolizei von Sussex umgebaut worden war.

Man konnte nach dreißig Dienstjahren mit voller Pension in den Ruhestand gehen. Egal, wie schlimm es sich entwickelte, er würde noch sieben Jahre aushalten müssen, bis er diese Sicherheit im Rücken hatte. Doch so ging er normalerweise nicht an seine Arbeit und Karriere heran.

Normalerweise nicht, heute schon. Der heutige Tag war ein echter Tiefpunkt. Ein Zusammenstoß mit der Realität. Die Umstände ändern sich, dachte er, als er gebückt am Schreibtisch hockte und die ständig eingehenden E-Mails ignorierte. Er kaute auf einem Sauerteigsandwich mit Ei und Kresse und starrte auf die Protokolle des Prozesses gegen Suresh Hossain. Das Leben stand nicht still. Manchmal gab es Veränderungen zum Besseren, manchmal wurde es auch schlechter. Nächstes Jahr würde er vierzig. Ergraute allmählich.

Und sein neues Büro war zu klein.

Die drei Dutzend altertümlichen Feuerzeuge, eine Sammlung, auf die er stolz war, lagen dicht beieiander auf der Fensterbank, und seine Aussicht ging nicht auf den Rasen, sondern auf den Parkplatz und das dahinter liegende Gefängnis hinaus. Die Wand hinter ihm wurde von einer großen, runden Holzuhr beherrscht, einem Requisit der Polizeiwache aus The Bill. Sandy hatte sie ihm zum sechsundzwanzigsten Geburtstag geschenkt.

Darunter hing eine ausgestopfte, sieben Pfund schwere Forelle, die er vor ein paar Jahren in Irland gefangen hatte. Er scherzte gern mit seinen Untergebenen über die Verbindung von Geduld und großen Fischen, die einem ins Netz gehen konnten.

Zu beiden Seiten hingen gerahmte Urkunden und ein Gruppenbild mit der Unterschrift Polizeiakademie Bramshill. Ermittlung bei schweren Verbrechen und Serientätern, 1997. Daneben zwei Karikaturen von ihm, gezeichnet von einem Kollegen, der offenkundig den Beruf verfehlt hatte. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich Aktenschränke und Bücherregale, die sich unter der Last der Werke zu okkulten Themen bogen.

Auf seinem L-förmigen Schreibtisch drängten sich Computer, die überquellenden Ein- und Ausgangsfächer, der Blackberry, Stapel mit Korrespondenz, einige ordentlich, die anderen weniger, und die neueste Ausgabe von Fingerprint Whorld. Über dem Chaos thronte ein gerahmtes Zitat:

»Wenn wir nicht unser Bestes geben, müssen die schlechtesten Entschuldigungen herhalten.«

Den Rest des Raums füllten Fernseher und Videorekorder, ein runder Tisch, vier Stühle, stapelweise Akten und lose Blätter, sein lederner Spurensicherungskoffer. Die Aktentasche stand offen auf dem Tisch, daneben lagen Handy, Diktiergerät und ein Haufen Protokolle, die er am Vorabend mit nach Hause genommen hatte.

Er ließ das halbe Sandwich in den Papierkorb fallen. Kein Appetit. Er trank Kaffee, ging die E-Mails durch, loggte sich auf der Seite der Sussex Police ein und betrachtete die Liste der Akten, die er durch seine Beförderung geerbt hatte.

Jede Akte, deren Inhalt hier einsehbar war, stand für einen ungelösten Mordfall und entsprach zwanzig Kisten mit Unterlagen, die sich in irgendeinem Büro stapelten, aus Schränken herausquollen oder in einer feuchten Polizeigarage der zuständigen Wache vor sich hin schimmelten. Jedes Aktenzeichen stand für Fotos vom Tatort, gerichtsmedizinische Berichte, Beweisstücke, Zeugenaussagen und Gerichtsprotokolle, die ordentlich gebündelt und mit farbigem Band verschnürt waren. Es gehörte zu seinem neuen Aufgabenbereich, die ungelösten Mordfälle zu durchforsten, mit der zuständigen Kriminalpolizei Kontakt aufzunehmen und nach möglichen Veränderungen zu suchen, die eine Wiederaufnahme rechtfertigten.

Er kannte den Inhalt der meisten Akten auswendig — dank seines Gedächtnisses, das ihm in der Schule und bei der Polizei durch alle Prüfungen geholfen hatte. Für ihn bedeutete jede Datei mehr als ein geraubtes Menschenleben und einen Mörder, der nach wie vor auf freiem Fuß war — sie stand für etwas, das ihm persönlich nahe ging. Eine Familie konnte die Vergangenheit nicht ruhen lassen, weil ein Rätsel nie gelöst, der Gerechtigkeit nie Genüge getan worden war. Und da manche Fälle dreißig Jahre zurücklagen, war er vermutlich die einzige Hoffnung für die Opfer und ihre Angehörigen.

Richard Ventnor, ein homosexueller Tierarzt, vor zwölf Jahren in seiner Praxis zu Tode geprügelt. Susan Downey, ein wunderschönes Mädchen, vor fünfzehn Jahren vergewaltigt, erwürgt und auf einem Friedhof abgelegt. Pamela Chisholm, eine reiche Witwe, tot in ihrem demolierten Wagen aufgefunden — aber mit den falschen Verletzungen. Die skelettierten Überreste von Pratap Gokhale, einem neunjährigen Inder, den man unter den Dielenbrettern eines mutmaßlichen Pädophilen fand, der längst untergetaucht war. Und das waren nur einige der Fälle, an die Grace sich erinnerte.

Obwohl sie längst begraben oder ihre Asche zerstreut worden war, hatten sich auch für die Opfer die Umstände geändert. Neue Technologien, darunter die DNA-Analysen, erbrachten neue Beweise und neue Verdächtige. Das Internet bot ungeahnte Kommunikationsmöglichkeiten. Loyalitäten veränderten sich. Neue Zeugen tauchten auf. Ehen wurden geschieden. Freunde entzweiten sich. Jemand, der vor zwanzig Jahren nicht gegen seinen Kumpel ausgesagt hätte, hasste ihn heute. Mordakten wurden nie geschlossen. Die langsamen Fälle nannte man sie.

Das Telefon klingelte. Es war die Managementassistentin, die er sich mit dem Assistant Chief Constable, seiner unmittelbaren Vorgesetzten, teilte. Sie erkundigte sich, ob er den Anruf eines Ermittlers entgegennehmen wolle. Die Geschichte mit der politischen Korrektheit, die innerhalb der Polizei besonders stark ausgeprägt war, ging ihm zunehmend auf die Nerven. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte es Sekretärinnen gegeben und keine verdammten Managementassistentinnen.

Er bat sie, den Anruf durchzustellen, und schon erklang eine vertraute Stimme. Glenn Branson, ein begabter Detective Sergeant, mit dem er mehrere Fälle bearbeitet hatte — ungeheuer ehrgeizig, scharfer Verstand, eine wandelnde Filmenzyklopädie. Und vermutlich sein engster Freund, der ihm viel bedeutete.

»Wie geht’s, Roy? Du warst ja in der Zeitung.«

»Hör auf mit dem Scheiß. Was willst du?«

»Mir geht’s gut. Dir auch?«

»Nein.«

»Hast du gerade viel zu tun?«

»Was verstehst du unter viel?«

»Schon mal eine Frage mit etwas anderem als einer Gegenfrage beantwortet?«

Grace lächelte. »Und du?«

»Hör mal, ich werde von einer Frau gelöchert — wegen ihres Verlobten. Sieht aus, als wäre ein Junggesellenabschied ganz schön schief gelaufen, der Bursche wird seit Dienstagabend vermisst.«

Mittlerweile war es Donnerstagnachmittag. »Und?«

»Ich dachte, du bist heute wieder im Gericht. Dein Handy war ausgeschaltet.«

»Ich esse gerade. Richter Driscoll hat die Verhandlung vertagt, weil die Verteidigung neue Vorlagen eingebracht hat.«

Einer der Nachteile von Strafprozessen war die Zeit, die sie in Anspruch nahmen. Als leitender Ermittler musste Grace die ganze Zeit im Gericht anwesend sein oder sich zumindest bereithalten. Das Verfahren gegen Hossain würde mindestens drei Monate dauern — und er würde die meiste Zeit herumhängen und warten, dass man ihn aufrief.

»Ich habe das Gefühl, das ist keine normale Vermisstengeschichte, und würde gern deine Meinung dazu hören. Hast du heute Nachmittag zufällig Zeit?«

Grace hätte jeden anderen abgewiesen, aber er wusste, dass Glenn Branson seine Zeit nicht verschwendete — außerdem war er selbst bei diesem Scheißwetter froh über jeden Grund, das Büro verlassen zu können. »Klar, das geht in Ordnung.«

»Super.« Kurze Pause, dann schlug Branson vor: »Wir könnten uns in der Wohnung von diesem Typen treffen — es wäre hilfreich, wenn du es dir selber anschaust — ich besorge den Schlüssel.« Branson nannte ihm die Adresse.

Grace sah auf die Uhr, dann in den Terminkalender in seinem Blackberry. »Wie wäre es mit halb fünf? Wir könnten danach noch etwas trinken gehen.«

»Du brauchst keine drei Stunden, um — ach so, in deinem Alter muss man es langsam angehen lassen. Bis nachher.«

Grace stöhnte. Er wurde nicht gern an den drohenden runden Geburtstag erinnert. Die Vorstellung, vierzig zu werden, gefiel ihm gar nicht. In diesem Alter zogen die meisten Menschen Bilanz. Er hatte irgendwo gelesen, dass die Situation, in der man sich mit vierzig befand, den Rest des Lebens prägen würde. Achtunddreißig zu sein war irgendwie okay, neununddreißig schon so gut wie vierzig. Und vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er Vierzigjährige uralt gefunden. Scheiße.

Wieder betrachtete er die Liste der Aktenzeichen auf dem Bildschirm. Manchmal fühlte er sich diesen Menschen näher als sonst jemandem. Zwanzig Mordopfer, denen er allein Gerechtigkeit verschaffen konnte. Zwanzig Geister, die ihn tagsüber heimsuchten — und manchmal auch in der Nacht.

14

ER KONNTE ZWAR EINEN DIENSTWAGEN NUTZEN, fuhr aber lieber mit seinem eigenen Alfa Romeo 147. Grace mochte den Wagen: die harten Sitze, das straffe Fahrwerk, die geradezu spartanische Funktionalität des Innenraums, den munter knatternden Auspuff, das Gefühl von Präzision und die helle, sportliche Anzeige des Armaturenbretts. Der ganze Wagen hatte etwas Exaktes, das seinem eigenen Wesen entsprach.

Die breiten Wischer schoben den Regen von der Scheibe, die Reifen zischten auf dem nassen Asphalt, begleitet von einem wilden Elvis-Costello-Song. Die Umgehungsstraße führte über einen Hügelkamm und ins Tal hinunter. Durch den Regendunst konnte er die Gebäude von Brighton and Hove erkennen. Hinter dem einzigen verbliebenen Schornstein des alten Shoreham-Kraftwerks schimmerte ein grauer Streifen auf, der kaum vom Himmel zu unterscheiden war. Der Ärmelkanal.

Hier war er aufgewachsen, er kannte die Straßen und die Verbrecher, die sich in ihnen herumtrieben. Sein Vater konnte alle Namen aufzählen: die Familien, die mit Drogen handelten, die Massagesalons und hochkarätigen Antiquitätenschwindler, die gestohlenen Schmuck und Möbel verkauften, und die kleinen Hehler, die sich auf Fernseher und CD-Spieler verlegt hatten.

Früher war es ein Schmugglerdorf gewesen. Dann hatte sich George IV. nur wenige hundert Meter vom Haus seiner Geliebten entfernt einen Palast gebaut, doch Brighton hatte seine kriminelle Vergangenheit wie auch den Ruf als Ort für anrüchige Wochenenden nie so ganz abstreifen können. Andererseits unterschied sich Brighton and Hove dadurch von den übrigen Badeorten in England. Grace setzte den Blinker und verließ die Umgehungsstraße.

Grassmere Court war ein etwa dreißig Jahre altes Mehrfamilienhaus aus rotem Backstein, das in Hove, dem eleganteren Stadtviertel, gelegen war. Es stand an einer Hauptstraße, grenzte hinten an einen Tennisklub und wurde hauptsächlich von berufstätigen Singles zwischen zwanzig und vierzig und wohlhabenden Rentnern bewohnt. Ein Makler hätte es vermutlich als bevorzugte Wohnlage angepriesen.

Glenn Branson wartete vor der Tür und sprach in sein Handy. In seinem formlosen Parka wirkte er groß, schwarz und kahl wie ein Meteorit und hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Dealer als mit einem Polizisten. Grace lächelte: die kräftige, muskulöse Figur, die Branson sich mit jahrelangem Bodybuilding erarbeitet hatte, erinnerte ihn an die Worte, mit denen der Komiker Clive James einmal Arnold Schwarzenegger beschrieben hatte: ein Kondom, gefüllt mit Walnüssen.

»Hallo, weiser alter Mann!«, begrüßte ihn Branson.

»Hör auf, ich bin nur sieben Jahre älter als du. Warte, bis du in mein Alter kommst, dann findest du es gar nicht mehr witzig.« Er grinste. Sie klatschten ab, dann meinte Branson stirnrunzelnd: »Du siehst furchtbar aus. Ehrlich.«

»Diese Art von Publicity bekommt mir nicht.«

»Na ja, sogar ich habe gemerkt, dass du dich heute Morgen in die Boulevardpresse gedrängt hast …«

»Du und alle anderen auf diesem Planeten.«

»Mann, für einen Oldtimer bist du ganz schön dämlich.«

»Dämlich?«

»Du wirst einfach nicht klug, Grace. Irgendwann schießt dir einer die Rübe ab, wenn du dich ständig aus dem Fenster lehnst. An manchen Tagen kommst du mir vor wie der größte Dickkopf auf Erden.«

Er schloss die Haustür auf.

Grace folgte ihm in den Flur. »Danke, das hebt meine Stimmung beträchtlich.« Er rümpfte die Nase. Den Geruch alternder Mietshäuser erkannte er mit verbundenen Augen. Es war der allgegenwärtige Geruch schäbiger Teppiche, blätternder Farbe und von Gemüse, das hinter verschlossenen Türen zerkochte. »Wie geht’s deiner besseren Hälfte?«, fragte Grace, als sie auf den Fahrstuhl warteten.

»Toll.«

»Und den Kindern?«

»Sammy ist unglaublich. Remi das pure Grauen.« Sie gingen hinein, Branson drückte die Taste.

Grace zögerte und sagte dann: »Glenn, es war anders, als es in den Zeitungen dargestellt wurde.«

»Mann, das weiß ich, ich kenne dich doch. Die Presse kennt dich aber nicht, und selbst wenn, wäre es ihnen scheißegal. Sie wollen ihre Story, und du warst blöd genug, ihnen eine zu liefern.«

Sie stiegen im vierten Stock aus. Die Wohnung lag am Ende des Flurs. Branson schloss auf.

Die Wohnung bestand aus Wohn- und Esszimmer, einer kleinen Küche mit Arbeitsplatte aus Granit und runder Stahlspüle und zwei Räumen, von denen einer als Arbeitszimmer diente. Auf dem Schreibtisch stand ein iMac, den restlichen Platz nahmen Regale voller Taschenbücher ein.

Die Wohnung wirkte frisch und modern und bildete einen starken Gegensatz zur öden Fassade und den schäbigen Fluren des Hauses. Die Wände waren weiß mit einem ganz leichten Graustich, die Möbel modernistisch mit japanischem Flair. Es gab niedrige Sofas, schlichte Drucke an den Wänden, einen Fernseher mit Flachbildschirm, darunter einen DVD-Player und eine hochklassige HiFi-Anlage mit hohen, schlanken Boxen. Im Schlafzimmer befanden sich ein ungemachtes Futonbett, ein Kleiderschrank mit schönen Jalousientüren und kleine Nachttische mit ultramodernen Lampen. Davor stand ein Paar Nike-Turnschuhe.

Grace und Branson sahen sich an. »Nette Bude«, meinte Grace.

»Hm, La vita è bella.«

Grace schaute ihn fragend an.

»Hab ich im Kino verpasst. Kam dann auf Sky Channel. Unglaublicher Film — mal gesehen?«

Grace schüttelte den Kopf.

»Spielt in einem Konzentrationslager. Es geht um einen Vater, der seinem Sohn einredet, alles wäre nur ein Spiel. Wenn sie gewinnen, kriegen sie einen echten Panzer. Ich sag dir, der ging mir mehr an die Nieren als Schindlers Liste und Der Pianist.«

»Nie davon gehört.«

»Manchmal frage ich mich, auf welchem Planeten du eigentlich lebst.«

Grace betrachtete das gerahmte Foto neben dem Bett. Ein gut aussehender Mann Ende zwanzig mit langem, blondem Haar, schwarzem T-Shirt und Jeans, der den Arm um eine ziemlich attraktive dunkelhaarige Frau im gleichen Alter gelegt hatte.

»Ist er das?«

»Mit ihr. Michael Harrison und Ashley Harper. Nettes Paar, was?«

Grace nickte.

»Sie wollen am Samstag heiraten. Das hatten sie jedenfalls vor.«

»Und?«

»Falls er bis dahin auftaucht. Sieht momentan nicht gut aus.«

»Du meinst, er wurde seit Dienstagabend nicht mehr gesehen?«

Grace schaute aus dem Fenster, hinunter auf die breite, regengepeitschte Straße, auf der sich der Verkehr staute. Ein Bus kam in Sicht. »Was weißt du über ihn?«

»Ein Junge von hier, der es zu etwas gebracht hat. Bauunternehmer. Double-M Properties. Hat einen Geschäftspartner namens Mark Warren. Sie trimmen zurzeit ein altes Lagerhaus am Hafen von Shoreham auf schick. Sechzehn Wohnungen. Gewinn über zwei Millionen. Sie sind seit fünf Jahren in der Branche, haben viel in der Gegend gearbeitet, Umbauten und Neubauten. Die Kleine ist Michaels Sekretärin, kluges Kind, sieht klasse aus.«

»Meinst du, er hat die Fliege gemacht?«

Branson schüttelte den Kopf. »Nie im Leben.«

Grace nahm das Foto und schaute es näher an. »Verdammt, die würde ich auch heiraten.«

»Sag ich doch.«

Grace runzelte die Stirn. »Tut mir Leid, war ein langer Tag.«

»Du würdest sie heiraten! Ich würde sie heiraten, wenn ich noch zu haben wäre. Jeder, der bei Verstand ist, würde sie heiraten, oder?«

»Sie ist wirklich sensationell.«

»Ja, das ist sie.«

Grace sah ihn ausdruckslos an.

Branson fragte mit gespieltem Spott: »Mein Gott, Alter, bist du völlig von der Rolle?«

»Vielleicht. Worauf willst du hinaus?«

Branson schüttelte den Kopf. »Würdest du die Fliege machen, wenn du am Samstag dieses Mädchen heiraten könntest?«

»Ich müsste völlig bescheuert sein.«

»Und wo bitte ist er, wenn er nicht die Fliege gemacht hat?«

Grace überlegte. »Am Telefon hast du etwas von einem Streich beim Junggesellenabschied erzählt, der schief gelaufen sei.«

»Das meint seine Verlobte. War auch mein erster Gedanke. Solche Abende können ganz schön brutal sein. Das dachte ich auch noch, als er gestern nicht auftauchte. Aber zwei Nächte?«

»Vielleicht hat er kalte Füße bekommen. Oder eine andere Frau ist im Spiel.«

»Schon möglich, aber ich will dir was zeigen.«

Grace folgte ihm ins Wohnzimmer. Branson setzte sich an den PC und tippte drauflos. Er hatte ein Händchen für Computer. Grace verstand auch etwas von Technik und konnte mit der modernen Entwicklung Schritt halten, aber Branson war ihm um Lichtjahre voraus.

Ein Passwortfenster erschien. Branson gab etwas ein, und binnen Sekunden füllte sich der Bildschirm mit Daten.

»Wie hast du das geschafft?«, wollte Grace wissen. »Woher kanntest du das Passwort?«

Branson sah ihn flüchtig an. »Es gibt kein Passwort. Die meisten Leute meinen, sie müssten etwas eintippen, wenn so ein Fenster aufgeht. Aber wozu braucht er ein Passwort, wenn nur er den PC nutzt?«

»Hut ab, du bist der geborene Hacker.«

Branson ignorierte die Bemerkung. »Ich möchte, dass du dir das hier mal näher ansiehst.«

Grace gehorchte und setzte sich vor den Bildschirm.

15

NUR WENIGE KILOMETER ENTFERNT hockte Mark Warren ebenfalls vor seinem Computer. Die Uhr auf dem Flachbildschirm zeigte zehn nach sechs. Er hatte die Hemdärmel aufgerollt und neben sich einen vergessenen Cappuccino von Starbucks, dessen Milchschaum sich in eine runzlige Haut verwandelt hatte. Sein gewöhnlich aufgeräumter Schreibtisch in dem Büro, das er seit fünf Jahren mit Michael teilte, ertrank in Papierstapeln.

Double-M Properties befand sich im dritten Geschoss eines schmalen, fünfstöckigen Stadthauses im Regency-Stil, das nicht weit vom Bahnhof entfernt war. Ihr erstes gemeinsames Renovierungsprojekt. Neben dem Büro gab es ein Besprechungszimmer für Kunden, einen kleinen Empfangsbereich und eine Küchenzeile. Alles war modern und funktionell gehalten. An den Wänden hingen Fotos der drei Rennjachten, die ihnen gemeinsam gehörten und an denen ihr wachsender geschäftlicher Erfolg abzulesen war — zuerst hatten sie die Nicholson 27 gekauft, dann die ansehnlichere Contessa 33 und zuletzt die eindeutig hochklassige Oyster 42, ihr gegenwärtiges Spielzeug.

Dazu gab es Fotos von ihren Bauprojekten. Das Lagerhaus am Hafen von Shoreham, das sie zu sechzehn Wohnungen umgebaut hatten. Ein altes Regency-Hotel mit Seeblick in Kemp Town, aus dem sie zehn Wohneinheiten gemacht hatten. Auch die ehemaligen Stallungen wurden genutzt. Und ihr jüngstes und ehrgeizigstes Projekt in Gestalt einer künstlerischen Zeichnung, auf der ein Waldgebiet zu sehen war, in dem sie laut Baugenehmigung zwanzig Häuser errichten durften.

Marks Augen schmerzten nach zwei schlaflosen Nächten. Er sah aus dem Fenster, um ihnen einen Moment Ruhe zu gönnen. Gegenüber befanden sich eine Kanzlei und ein Bettendiscounter. An sonnigen Tagen konnte man sich die hübschen Mädchen auf der Straße ansehen, doch im Augenblick prasselte der Regen nieder, die Leute eilten unter Schirmen oder in Regenmänteln mit hochgestellten Kragen vorbei, die Hände in den Taschen vergraben. Mark wollte auch an gar nichts anderes als die anstehende Aufgabe denken.

Alle paar Minuten wählte er Michaels Handynummer, schon den ganzen Tag über, und jedes Mal sprang sofort die Mailbox an. Was bedeutete, dass das Handy entweder ausgeschaltet, der Akku leer oder Michael noch immer dort unten war. Niemand hatte von ihm gehört. Zog man den Unfallzeitpunkt in Betracht, hatten sie ihn vorgestern Abend irgendwann vor neun Uhr begraben. Vor etwa fünfundvierzig Stunden.

Es klingelte auf der Hauptleitung. Mark hörte das gedämpfte Trillern und sah, wie das Licht für seine Durchwahl blinkte. Er ging ran, wobei er versuchte, das nervöse Zittern in seiner Stimme zu verbergen.

»Double-M Properties.«

Eine Männerstimme. »Hallo, ich rufe wegen des Bauprojekts im Ashdown Forest an. Haben Sie eine Broschüre oder Preisliste?«

»Leider noch nicht, Sir, das wird noch ein paar Wochen dauern. Auf unserer Webseite gibt es einige Informationen — ach, die haben Sie schon gesehen. Sie können gern Ihren Namen hinterlassen, wir melden uns wieder bei Ihnen.«

Normalerweise hätte er sich über eine so frühe Anfrage gefreut, aber im Moment stand ihm nicht der Sinn nach Geschäften.

Vor allem durfte er nicht in Panik geraten. Er hatte genügend Krimis gelesen und gesehen, um zu wissen, dass die Jungs geschnappt wurden, sobald sie in Panik gerieten. Man musste Ruhe bewahren.

Die E-Mails löschen.

Eingang. Ablage. Papierkorb. Alle übrigen Ordner.

Natürlich konnte man die Mails nicht völlig eliminieren, sie waren irgendwo im Cyberspace gespeichert, aber wer würde sich schon so viel Mühe bei der Suche geben?

Er tippte ein Schlüsselwort nach dem anderen ein und führte eine detaillierte Suche durch. Michael. Junggesellenabend. Josh. Pete. Robbo. Luke. Ashley. Pläne! Operation Vergeltung! Er prüfte jede Mail, löschte, was gelöscht werden musste. Ging kein Risiko ein.

Josh lag auf der Intensivstation, sein Zustand war kritisch, er hatte allem Anschein nach schwere Hirnschäden erlitten. Würde vermutlich nur noch dahinvegetieren, falls er überlebte. Mark schluckte, sein Mund war trocken. Er hatte Josh in der Varndean School kennen gelernt, als sie dreizehn waren. Luke und Michael auch. Pete und Robbo kamen später dazu, sie hatten sich an einem feuchtfröhlichen Abend in einem Pub in Brighton getroffen. Wie Mark handelte auch Josh ehrgeizig und überlegt. Und sah gut aus. Er war ein Frauentyp wie Michael. Manche Leute wurden so geboren, andere mussten ihr Leben lang um Erfolge kämpfen. Doch selbst mit neunundzwanzig wusste Mark bereits, dass nichts so blieb, wie es war. Mit Geduld konnte jeder einmal eine Glückssträhne erwischen. Die erfolgreichsten Raubtiere waren die mit der größten Geduld und Ausdauer.

Mark würde nie den Tierfilm über eine Fledermaushöhle in Südamerika vergessen. Ein winziger Mikroorganismus ernährte sich von dem Fledermauskot, der sich am Höhlenboden sammelte; eine Larve fraß den Mikroorganismus, ein Käfer die Larve, eine Spinne den Käfer, eine Fledermaus die Spinne. Die perfekte Nahrungskette. Die Fledermaus war klug, sie musste nur kacken und abwarten.

Sein Handy klingelte. Michaels Mutter, zum dritten Mal an diesem Nachmittag. Er hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie insgesamt angerufen hatte. Er blieb unverändert höflich und freundlich. Es gebe noch keine Neuigkeiten von Michael, erklärte er. Es sei furchtbar, er habe keine Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte, sie hätten lediglich eine Sauftour geplant, er habe keinen Schimmer, wo Michael stecke.

»Meinst du, er ist bei einer anderen Frau?«, fragte Gill Harrison mit ihrer schüchternen, rauen Stimme. Er kam gut mit ihr aus, sofern dies möglich war. Ihr Mann hatte sich umgebracht, und Michael sagte, sie habe sich damals in einen Panzer zurückgezogen und sei darin geblieben. Die Fotos, die im Haus hingen, zeigten sie als schöne junge Frau, als blonde Sexbombe. Sie war auch jetzt noch eine schöne Frau, wenn auch vor der Zeit gealtert.

»Ich glaube, alles ist möglich, Mrs Harrison«, entgegnete Mark. Die nächsten Worte wählte er mit Bedacht. »Aber er hat Ashley vergöttert.«

»Sie ist ein reizendes Mädchen.«

»Das ist sie, ich könnte sie hier gut gebrauchen — die beste Sekretärin, die wir je hatten.« Er spielte mit der Maus, ließ den Cursor ziellos über den Bildschirm wandern. »Aber wenn sie betrunken sind, tun Männer manchmal ganz verrückte Dinge —«

Sofort bedauerte er die Bemerkung. Hatte Michael ihm nicht erzählt, sein Vater sei betrunken gewesen, als er sich das Leben nahm?

Langes Schweigen, dann sagte sie sanft: »Ich glaube, er hatte Zeit genug, um nüchtern zu werden. Michael ist ein guter und treuer Mann. Was immer er im betrunkenen Kopf getan haben mag, er würde Ashley niemals wehtun. Ihm muss etwas zugestoßen sein, sonst hätte er angerufen. Ich kenne meinen Sohn.« Sie zögerte. »Ashley ist in einem furchtbaren Zustand. Passt du ein bisschen auf sie auf?«

»Mach ich.«

Wieder eine Pause. Dann: »Wie geht es Josh?«

»Unverändert. Zoe ist bei ihm. Ich fahre nachher hin und setze mich zu ihr — sobald ich hier fertig bin.«

»Rufst du mich an, wenn du etwas hörst?«

»Natürlich.«

Er hängte ein, schaute auf den Schreibtisch und hob ein Dokument hoch. Dann sah er etwas darunter liegen. Seinen Palm Pilot.

Eisige Furcht durchströmte ihn. Oh Scheiße, dachte er. Scheiße, Scheiße, Scheiße.

16

NACHDEM ER SICH von Detective Superintendent Grace verabschiedet hatte, stieg Glenn Branson in seinen Dienstwagen, einen blauen Vauxhall, der nach Desinfektionsmittel stank — beim letzten Einsatz hatte jemand gekotzt oder geblutet. Er parkte ihn hinter dem reizlosen Gebäude, in dem die Polizeiwache von Brighton untergebracht war, ging durch den Hintereingang und die Treppe hinauf in das Großraumbüro, das er sich mit zehn anderen Ermittlern teilte.

Es war zwanzig nach sechs. Offiziell endete sein Dienst in dieser Woche jeden Tag um sechs, aber er steckte nach einer größeren Drogenrazzia am Montag bis zum Hals in Papierkram und hatte die Genehmigung, Überstunden zu machen — das Geld konnte er gut gebrauchen. Heute würde er jedoch nur eine Stunde länger bleiben. Ari besuchte einen weiteren ihrer Selbstverwirklichungskurse. Montags hatte sie englische Literatur, donnerstags Architektur. Nach der Geburt ihrer Tochter Remi war sie in Panik geraten, weil es ihr angeblich an Bildung mangelte und sie fürchtete, später nicht die Fragen ihrer eigenen Kinder beantworten zu können.

Obwohl die meisten Monitore ausgeschaltet waren, wirkten die Schreibtische alles andere als aufgeräumt. Die Arbeitsplätze, die durch Trennwände abgeteilt waren, sahen aus, als hätten sich die Besitzer eilig davongemacht und würden jeden Moment zurückkehren.

Nur zwei Kollegen waren noch bei der Arbeit: DC Nick Nicholas, Ende zwanzig, lang und dünn wie eine Bohnenstange, ein leidenschaftlicher Ermittler und schneller Fußballstürmer, und DS Bella Moy, fünfunddreißig, mit fröhlichem Gesicht unter wirrem, braunem Haarschopf.

Sie grüßten ihn nicht. Er ging an Nick Nicholas vorbei, der konzentriert die Lippen schürzte wie ein Kind bei der Klassenarbeit, während er mit Kugelschreiber in Blockschrift einen Vordruck ausfüllte. Bella starrte gebannt auf den Bildschirm, wobei sie mit der linken Hand wie unter Zwang in eine Malteser-Tüte griff und die süßen Kugeln zum Mund führte. Sie war schlank, obwohl Glenn Branson noch nie einen Menschen erlebt hatte, der so viel essen konnte.

Er setzte sich an seinen Platz. Die Lampe, die eingegangene Nachrichten anzeigte, blinkte wie üblich. Aus dem Bilderrahmen auf dem Tisch lächelten ihn seine Frau Ari, sein achtjähriger Sohn Sammy und die dreijährige Remi an.

Er sah auf die Uhr. Ari würde ausflippen, wenn er wieder zu spät kam und sie den Anfang ihres Kurses verpasste. Außerdem war es kein Opfer, da ihm sehr viel daran lag, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Da piepte das Telefon.

Der Empfang. Eine Frau warte seit einer Stunde auf ihn und wolle einfach nicht gehen. Ob er kurz mit ihr sprechen könne? Alle anderen seien beschäftigt.

»Ich etwa nicht?«, fragte Glenn in gereiztem Ton. »Was will sie denn?«

»Es hat mit dem Unfall vom Dienstag zu tun — der vermisste Bräutigam.«

Sofort wurde er freundlicher. »Gut, ich komme runter.«

Trotz ihres bleichen Gesichts sah Ashley Harper in natura genauso schön aus wie auf dem Foto, das er in Michael Harrisons Wohnung entdeckt hatte. Sie trug eine Designerjeans mit poppiger Gürtelschnalle und eine teure Handtasche. Er führte sie in ein Verhörzimmer, besorgte Kaffee, schloss die Tür und setzte sich ihr gegenüber. Der Raum war klein und fensterlos wie alle Verhörzimmer, die Wände in einem öden Erbsengrün gestrichen, dazu ein brauner Teppich, graue Metallstühle mit passendem Tisch. Es stank nach abgestandenem Rauch.

Sie stellte die Handtasche auf den Boden. Wunderschöne graue Augen mit zerlaufener Wimperntusche, die ihn aus einem blassen, traurigen Gesicht anschauten. Ein paar Haarsträhnen rutschten ihr ins Gesicht, der Rest fiel glatt auf die Schultern. Ihre Nägel waren perfekt gepflegt, als käme sie gerade von der Maniküre. Sie sah makellos aus, was ihn ein wenig überraschte. Leute in ihrem Zustand achteten gewöhnlich nicht auf ihr Äußeres, sie aber war tadellos gekleidet.

Andererseits wusste er, wie schwer es war, Frauen zu verstehen. Als er und Ari eine schwierige Zeit durchmachten, hatte sie ihm das Buch Mars sucht Venus. Venus sucht Mars zu lesen gegeben. Es hatte ihm ein wenig (wenn auch nicht richtig) geholfen, die Kluft zwischen Männern und Frauen zu begreifen.

»Sie sind schwer zu erwischen«, sagte sie und strich sich die Haare schwungvoll aus dem Gesicht. »Ich habe vier Nachrichten hinterlassen.«

»Tut mir Leid. Zwei Leute aus meinem Team sind krank, zwei andere in Urlaub. Ich kann verstehen, wie Sie sich fühlen.«

»Tatsächlich? Können Sie das wirklich? Ich wollte am Samstag heiraten, und mein Verlobter ist seit Dienstag verschwunden. Mit der Kirche ist alles abgesprochen, meine Schneiderin kommt zur Anprobe, zweihundert Gäste sind eingeladen, die Hochzeitsgeschenke rollen an. Und Sie können verstehen, wie ich mich fühle?«

Tränen rollten über ihre Wangen. Sie schniefte und zog ein Taschentuch hervor.

»Es tut mir wirklich Leid. Ich bearbeite seit heute Morgen das Verschwinden Ihres Verlobten.«

»Und?« Sie betupfte sich die Augen.

Er umschloss seinen Kaffeebecher, der noch abkühlen musste, mit den Händen. »Leider kann ich noch nichts Neues berichten.« Was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber er wollte erst hören, was sie zu sagen hatte.

»Was machen Sie eigentlich genau?«

»Wie ich Ihnen heute Morgen bereits erklärte, ist das gewöhnliche Verfahren, wenn jemand vermisst wird —«

Sie fiel ihm ins Wort. »Ich will nicht wissen, was gewöhnlich passiert. Michael wird seit Dienstagabend vermisst. Wenn wir nicht zusammen sind, ruft er mich mindestens fünf- bis zehnmal täglich an. Jetzt habe ich seit zwei Tagen gar nichts von ihm gehört. Herrgott noch mal, zwei ganze Tage!«

Branson forschte in ihrem Gesicht nach verdächtigen Anzeichen, fand aber nichts. Nur eine junge Frau, die verzweifelt auf Nachricht von dem Mann hoffte, den sie liebte. Oder eine gute Schauspielerin, dachte der Zyniker in ihm. »Hören Sie mich bitte an. Zwei Tage sind normalerweise nicht genug, um Maßnahmen einzuleiten. Ich gebe aber zu, dass die Situation eigenartig ist.«

»Ihm muss etwas passiert sein. Das ist kein normaler Vermisstenfall. Seine Freunde haben etwas mit ihm angestellt, ihn irgendwo hingebracht, ich weiß nicht, was zum Teufel sie mit ihm gemacht haben — ich —« Sie senkte den Kopf, als wollte sie ihre Tränen verbergen, tastete nach ihrer Tasche, holte ein frisches Taschentuch hervor und tupfte sich kopfschüttelnd die Augen ab.

Glenn war gerührt. »Wir tun alles, um Michael zu finden«, erklärte er sanft.

»Was zum Beispiel? Was tun Sie denn?«

Ihre Trauer verschwand vorübergehend, als hätte sich ein Schleier gehoben. Dann folgten neue Tränen und tiefes, keuchendes Schluchzen.

»Wir haben die unmittelbare Unfallstelle abgesucht, und es sind noch immer Leute vor Ort. Manchmal verlieren Unfallopfer die Orientierung, daher durchkämmen wir die ganze Gegend und haben alle Polizeidienststellen informiert. Ebenso die Flug- und Seehäfen.«

Wieder unterbrach sie ihn. »Meinen Sie, er ist ins Ausland geflohen? Mein Gott, warum sollte er das tun?«

Nun griff er zu einer subtilen Technik, die er von Roy Grace gelernt hatte und mit der man feststellen konnte, ob jemand log. »Was haben Sie heute zu Mittag gegessen?«

Sie sah ihn überrascht an. »Was ich heute zu Mittag gegessen habe?«

»Ja.« Er sah, wie sie die Augen schloss. Sie bewegten sich nach rechts. Schalteten auf Gedächtnis.

Menschliche Gehirne sind in eine linke und eine rechte Hemisphäre unterteilt. Die eine ist für das Langzeitgedächtnis zuständig, die andere für kreative Prozesse. Wenn man eine Frage stellt, bewegen sich die Augen des Menschen beinahe unweigerlich zu der Hemisphäre, die gerade benutzt wird. Bei manchen befindet sich das Gedächtnis in der rechten, bei anderen in der linken Hemisphäre; die kreative ist jeweils gegenüber gelagert.

Wenn Menschen die Wahrheit sagen, wandern die Augen zur Gedächtnishemisphäre, lügen sie, bewegen sie sich zur kreativen Hemisphäre. Branson hatte gelernt, mit einer einfachen Kontrollfrage wie der nach dem Mittagessen, bei der keine Lüge notwendig war, herauszufinden, wo das Gedächtnis untergebracht war.

»Ich habe heute nichts zu Mittag gegessen.«

Nun hielt er die Zeit für gekommen. »Wie viel wissen Sie über die Geschäfte Ihres Verlobten, Miss Harper?«

»Ich bin seit acht Monaten seine Sekretärin. Ich glaube, es gibt wenig, das ich nicht weiß.«

»Also kennen Sie auch die Firma auf den Cayman Islands?«

Echte Überraschung. Ihre Augen schossen nach links. Schalteten auf Erfinden. Sie log. »Cayman Islands?«

»Er und sein Partner —« Glenn hielt inne und blätterte in seinem Notizbuch. »Mark Warren. Ist Ihnen diese Firma bekannt? HW Properties International?«

Sie schaute ihn verwirrt an. »HW Properties International?«

»Ja.«

»Nein, davon weiß ich nichts.«

Ihr Tonfall hatte sich kaum merklich verändert. Dank seiner Ausbildung bei Roy Grace war ihm klar, was das bedeutete. »Was wissen Sie darüber?«

»Nicht viel, ich hatte gehofft, etwas von Ihnen zu erfahren.«

Wieder schossen ihre Augen nach links. Erfanden die Antwort. »Nein, tut mir Leid.«

»Vermutlich hat es ohnehin nichts zu bedeuten. Wer möchte nicht dem Finanzamt ein Schnippchen schlagen?«

»Michael ist schlau, ein cleverer Geschäftsmann. Aber er würde nichts Ungesetzliches tun.«

»Das habe ich auch nicht gemeint, Miss Harper. Ich wollte nur demonstrieren, dass Sie vielleicht nicht alles über den Mann wissen, den Sie heiraten wollen.«

»Was soll das heißen?«

Er hob abwehrend die Hände. Es war fünf vor sieben. Er musste los. »Möglicherweise gar nichts. Aber wir müssen uns diese Tatsache vor Augen halten.« Er lächelte.

Sie nicht.

17

DAVEY SCHAUTE SICH in einem altersschwachen Fernseher die amerikanische Polizeiserie Law and Order — Die Aufrechten an. Er saß in dem chaotischen Bürocontainer, der an das Haus seines Vaters am Stadtrand von Lewes angebaut war und von dem aus man den Blick auf den Schrottplatz genießen konnte. Seine Lieblingsfigur, ein cleverer Cop namens Detective Reynaldo Curtis, funkelte gerade einen Gauner an, den er mit der Faust am Hals gepackt hatte. »Kapierst du jetzt, was ich sage?«, knurrte Reynaldo Curtis.

Davey, der Baggy-Jeans und Baseballkappe trug, lehnte sich auf dem durchgesessenen Sofa zurück und mampfte einen Twinkie-Riegel aus dem Vorrat, den er sich jede Woche aus den Staaten schicken ließ. »Ja, du Saftsack! Kapierst du jetzt, was ich sage?«, rief er begeistert.

Auf den sich ablösenden Teppichfliesen lagen zwischen anderem Schrott, den er bei der Arbeit mit seinem Vater abgestaubt hatte und der nahtlos Boden, Regale und Tisch bedeckte, die Reste eines Viertelpfünders mit Pommes.

Neben sich hatte er die Einzelteile des Walkie-Talkies liegen, das er vor ein paar Tagen gefunden hatte. Er wollte es eigentlich reparieren, doch es hatte noch nicht richtig geklappt. Gelangweilt hob er das größte Teil auf und beäugte es.

Das Gehäuse hatte einen ziemlichen Sprung. Daneben gab es noch ein loses Plastikteil und zwei AAA-Batterien, die er auf der Straße aufgesammelt hatte, nachdem ihm das Gerät hingefallen war. Er wollte es eigentlich zusammensetzen, hatte es aber vergessen. Er vergaß eine Menge. Sobald ihm etwas in den Sinn kam, war es auch schon wieder verschwunden.

Lauter Zeug.

Dauernd dachte er Zeug, das keinen Sinn ergab.

Das Leben war ein Puzzle, bei dem ständig Teile fehlten. Die wichtigen Teile. Jetzt hatte er vier Teile, die zu dem Walkie-Talkie-Puzzle gehörten. Das gesprungene Gehäuse, zwei Batterien und das Teil, das wie ein Deckel aussah.

Er aß sein Twinkie auf und warf das Papier auf den Boden.

»Kapierst du jetzt, was ich sage?«, wiederholte er ins Blaue. Dann beugte er sich vor, hob die Styroporverpackung des Burgers auf und rührte mit dem Finger im Ketchup. »Hey, kapierst du jetzt, was ich sage?«

Er lachte glucksend. Nun kam die Werbepause. Ein öliger Schwachkopf, der übers Bausparen redete. Davey wurde ungeduldig. »Komm schon, Baby, die Show geht weiter.«

Stattdessen folgte der nächste Spot. Ein Baby krabbelte über einen Teppich und sprach mit Männerstimme. Davey sah gebannt zu und fragte sich, wie ein Baby so sprechen konnte. Dann wanderten seine Augen wieder zu dem Walkie-Talkie. Es hatte eine Teleskopantenne, die er so weit wie möglich auszog und wieder hineinschob. »Kawazomm!«, sagte er. Und noch einmal: »Kawazomm!«

Er deutete damit auf den Fernseher, zielte wie mit einem Gewehr. Die Serie ging weiter.

Er sah auf seine nagelneue Uhr, die er gestern von seinem Dad zum Geburtstag bekommen hatte. Sie war als Stoppuhr für Autorennen gedacht und hatte alle möglichen Knöpfe, Wählscheiben und Digitalanzeigen, deren Anleitung er noch nicht ganz kapiert hatte. Sein Dad hatte versprochen, sie mit ihm zu lesen und die schwierigen Wörter zu erklären. Bis Sonntag musste sie funktionieren, da kam der Große Preis von Deutschland, das war wichtig.

Es klopfte an die Tür, dann wurde sie einen Spalt geöffnet. Sein Dad stand da in Jagdmütze mit Ohrenklappen, einer verschlissenen Windjacke und Gummistiefeln. »Noch fünf Minuten, Davey.«

»Oooch, ich gucke gerade Law and Order. Kann ich nicht noch fünfzehn?«

Rauch wehte in den Raum. Davey sah die Zigarette rot aufglühen, als sein Vater daran zog. »Wenn du mit zur Kaninchenjagd willst, müssen wir in fünf Minuten fahren. Du hast doch schon alle Folgen von Law and Order gesehen.«

Davey legte den Finger an die Lippen. Phil Wheeler grinste resigniert und trat den Rückzug an. »Fünf Minuten.« Die Tür ging zu.

»Zehn!«, rief Davey ihm mit amerikanischem Akzent nach. »Kompromiss! Kapierst du jetzt, was ich sage?«

Dann konzentrierte er sich wieder auf das Walkie-Talkie. Es wäre cool, es mit auf Kaninchenjagd zu nehmen. Er spähte ins Batteriefach, überlegte und schob die Batterien hinein. Dann drückte er eine der beiden Tasten an der Seite. Nichts geschah. Er versuchte es mit der zweiten Taste, sofort erklang atmosphärisches Rauschen.

Er hielt den Lautsprecher ans Ohr. Rauschen. Und dann plötzlich eine Männerstimme, die so laut war, als befände sie sich im selben Zimmer.

»Hallo?«

Erschreckt ließ Davey das Walkie-Talkie auf den Boden fallen.

»Hallo? Hallo?«

Davey schaute freudestrahlend auf das Gerät hinunter. Dann klopfte es wieder an der Tür. Sein Vater rief: »Los jetzt, ich hab dein Gewehr!«

Auf einmal hatte er Angst, sein Vater könnte wütend werden, wenn er das Walkie-Talkie sah. Eigentlich durfte er nichts von dem mitnehmen, was um die Autowracks herum auf dem Boden lag. Davey kniete sich hin, drückte die andere Taste, die wohl zum Sprechen da war, und zischte verstohlen mit seinem amerikanischen Akzent: »Sorry, kann jetzt nicht reden, er ist hier — kapierst du jetzt, was ich sage?«

Dann stopfte er das Walkie-Talkie unters Bett und eilte hinaus, wobei er den Fernseher anließ. Detective Reynaldo Curtis musste irgendwie ohne ihn klarkommen.

18

»HEY, HALLO! HALLO! HALLO! Bitte helfen Sie mir!«

Schluchzend drückte Michael mehrfach die Sprechtaste. »Bitte, helfen Sie mir, helfen Sie mir!«

Nur atmosphärisches Rauschen.

»Sorry, kann jetzt nicht reden, er ist hier — kapierst du jetzt, was ich sage?«

Eine seltsame Stimme wie die eines miesen Schauspielers, der einen amerikanischen Gangster darstellt. Gehörte das etwa noch zum Streich? Michael hob ein wenig den Kopf und ließ die salzigen Tränen auf seine Lippen rinnen. Einen flüchtigen, verlockenden Moment lang genoss er die Feuchtigkeit, bevor seine Zunge sie wie Löschpapier aufsog.

Er sah auf die Uhr. Die Zeit verging. Zehn vor neun. Wie viele Stunden sollte dieser Albtraum denn noch dauern? Wie konnten sie damit durchkommen? Ashley, seine Mutter, einfach alle würden den Jungs doch die Hölle heiß machen. Er war hier unten seit — seit —

Plötzlich geriet er in Panik. War es zehn vor neun morgens oder abends?

Der Nachmittag war doch noch nicht so lange vorbei. Er hatte jede Stunde auf die Uhr gesehen. Gewiss konnten ihm keine geschlagenen zwölf Stunden entgangen sein. Es musste noch Abend sein, nicht der nächste Morgen.

Beinahe achtundvierzig Stunden.

Was zum Teufel macht ihr alle?

Er drückte die Hände auf den Boden, schob sich kurz hoch, um die Blutzirkulation in seinem tauben Rücken anzuregen. Seine Schultern schmerzten von der gebückten Haltung, der ganze Körper tat weh vor lauter Bewegungsmangel. Die Gefahren der Dehydrierung kannte er vom Segeln. Sein Kopf hämmerte unerbittlich. Er konnte den Schmerz vorübergehend stoppen, indem er die Daumen in die Schläfen bohrte, doch dann kehrte er unweigerlich zurück.

»Himmel, ich heirate am Samstag, ihr Schwachköpfe! Holt mich hier raus!«, brüllte er so laut er konnte und schlug mit Händen und Füßen gegen Deckel und Wände.

Diese Idioten. Morgen war Freitag. Der Tag vor der Hochzeit. Er brauchte seinen Anzug. Musste zum Friseur. Am Samstagabend würden sie in die Flitterwochen nach Thailand fliegen — vorher war noch eine Menge im Büro zu erledigen. Er musste seine Rede aufsetzen.

Kommt schon, Jungs, ich hab so viel zu tun! Touché, ihr habt es mir heimgezahlt. War das für den Mist, den ich mit euch angestellt habe? Den habt ihr mir wirklich doppelt und dreifach heimgezahlt. Schön für euch.

Er griff zwischen seine Beine und schaltete für wenige kostbare Sekunden die Taschenlampe ein. Der weiße Satin schien heranzurücken. Beim letzten Mal hatte er noch etwa fünfzehn Zentimeter über sich gehabt, jetzt kam es ihm vor wie sieben oder acht, so als würde sich der Sarg immer enger um ihn schließen.

Er griff nach dem Schlauch, der schlaff vor seiner Nase baumelte, blinzelte hinein, sah nichts. Dann prüfte er, ob er die richtige Taste am Walkie-Talkie gedrückt hatte. Er probierte die erste. Hörte Rauschen, drückte auf Sprechen und schrie, so laut er konnte. Drückte auf Hören. Nichts.

»Nada«, sagte er laut. »Kein beschissener Ton.«

Dann kam ihm das Bild einer Bratpfanne in den Sinn, die bei seiner Mutter auf dem Herd stand. Einer Bratpfanne voller Würstchen, Eier, Speck, Tomaten, es zischte, knackte, spritzte. Er konnte das Essen riechen, sogar das Brot, das in einer anderen Pfanne briet, dazu die Dose mit gebackenen Bohnen, die sie gerade aufwärmte.

Gott, bin ich hungrig.

Er zwang sich, nicht ans Essen zu denken, nicht an den Schmerz in seinem Bauch, der sich anfühlte, als fräße sich die Magensäure durch die Wände. Tief in seinem hämmernden Kopf erinnerte sich sein Gehirn an etwas, das er gelesen hatte; es ging um eine Froschart — es konnten auch Kröten sein —, die ihre Babys im Magen austrug. Aus irgendeinem Grund nahmen die Jungen durch die Magensäure keinen Schaden.

Was hindert uns Menschen daran, unsere eigenen Mägen zu verdauen?, dachte er plötzlich. Seine Gedanken rasten, ihm gingen die unmöglichsten Dinge durch den Kopf.

Dann fiel ihm eine Theorie über zirkadianische Biorhythmen ein, von der er einmal gelesen hatte. Alle lebenden Organismen auf der Erde unterlagen einem Vierundzwanzig-Stunden-Rhythmus, nur der menschliche Biorhythmus lag bei etwa fünfundzwanzigeinhalb Stunden. Man hatte Experimente durchgeführt, bei denen Menschen wochenlang in dunklen Räumen ohne Uhr untergebracht wurden. Alle glaubten, sie seien kürzere Zeit darin gewesen, als dies tatsächlich der Fall war.

Na super, ich bin zum Versuchskaninchen verkommen.

Sein Mund war so trocken, dass seine Lippen aneinander klebten. Es tat weh, sie zu öffnen; es war, als zerrisse dabei die Haut.

Dann leuchtete er mit der Taschenlampe senkrecht nach oben, betrachtete die immer tiefer werdende Furche, die er ins Holz geschabt hatte, nahm seinen Gürtel und rieb erneut mit der Metallschnalle über das Teakholz. Dass es Teak war, merkte er, und er wusste auch, dass es ungefähr das härteste Holz überhaupt war. Er schloss die Augen, als Sägemehl herunterrieselte, die Schnalle wurde heißer und heißer, bis er innehalten und sie abkühlen lassen musste. Dann kratzte er weiter.

»Sorry, kann jetzt nicht reden, er ist hier — kapierst du jetzt, was ich sage?«

Michael runzelte die Stirn. Wer zum Teufel steckte hinter dieser pseudoamerikanischen Stimme?

Wie konnten die das nur komisch finden? Was in Gottes Namen hatten sie Ashley erzählt? Und seiner Mutter?

Nach einigen Minuten hörte er erschöpft auf zu kratzen. Aber er musste weitermachen. Dehydrierung macht müde. Er musste dagegen ankämpfen. Um jeden Preis raus aus dieser Scheißkiste. Raus und die Schweinehunde finden, das würde ihnen noch Leid tun.

Er mühte sich noch ab, kratzte mit zugekniffenen Augen weiter, schürfte sich die Handknöchel auf, bis er nicht mehr konnte. Seine Hand fiel herab, die angespannten Nackenmuskeln lockerten sich, sein Kopf sank nach hinten.

Er schlief ein.

19

AM ABEND WURDE ES ungewöhnlich früh dunkel. Mark parkte unmittelbar hinter einer Bushaltestelle und wartete einen Moment. Die breite Straße glänzte im herabströmenden Regen wie Lack, vereinzelt fuhren Autos vorbei. Niemand schien zu Fuß unterwegs zu sein; niemand würde ihn bemerken.

Er zog sich die Baseballkappe ins Gesicht und schlug den Kragen seines Anoraks hoch, bevor er zu Michaels Haus eilte, wobei er einen Blick in jeden Wagen warf. Michael sagte den Leuten immer, Mark sei in ihrem Team der Mann fürs Spezielle. Dann schränkte er dies mit einer Bemerkung ein, die Mark zutiefst hasste. Mark ist unglaublich anal fixiert.

Aber Mark wusste, dass er Recht hatte und Double-M Properties nur deshalb so erfolgreich war, weil er die eigentliche Arbeit erledigte. Er hatte die Aufgabe, die Kostenvoranschläge der Baufirmen minuziös zu prüfen, vor Ort zu sein, sämtliche Baumaterialien zu genehmigen, die Zeitpläne zu überwachen und die Wirtschaftlichkeit bis auf den letzten Penny durchzurechnen. Während Michael die halbe Zeit umherstolzierte, Frauen anmachte und alles nicht so ernst nahm. Mark war davon überzeugt, dass der geschäftliche Erfolg allein sein Verdienst sei. Dennoch besaß Michael die Mehrheit an der Firma, nur weil er bei der Gründung mehr Kapital eingebracht hatte.

Er hatte die Wahl unter zweiundvierzig Türklingeln. Er drückte einen Knopf, der zu einer anderen Etage gehörte. Keine Reaktion. Dann versuchte er es bei »Maranello«.

Nach einer Weile meldete sich eine knisternde Männerstimme mit starkem italienischem Akzent: »Hallo? Ja? Hallo?«

»Eine Lieferung«, rief Mark.

»Was für Lieferung?«

»FedEx. Aus Amerika, für Maranello.«

»Sie haben was? Lieferung? Ich nicht — nicht —«

Stille. Dann sprang der elektrische Schnappriegel mit einem Summton zurück.

Mark drückte die Tür auf und ging geradewegs zum Aufzug, mit dem er in den vierten Stock fuhr. Michael hatte einen Ersatzschlüssel unter der Matte, falls er sich — was schon einmal vorgekommen war — nackt und betrunken aussperrte. Zu Marks Erleichterung lag er noch da, ein einzelner Yale-Schlüssel voller Staubflocken.

Mark klingelte vorsichtshalber und wartete ab, schaute den Flur hinunter und hoffte, dass ihn niemand entdeckte. Dann schloss er auf, schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich zu. Er holte eine kleine Taschenlampe hervor. Michaels Wohnung ging auf die Straße hinaus, gegenüber befand sich ebenfalls ein Wohnhaus. Vermutlich hätte er auch das Licht einschalten können, wollte aber kein Risiko eingehen.

Er zog die nasse Kappe und die Jacke aus, hängte beides an die Garderobe, lauschte nervös. Durch die Wand hörte er Marschmusik aus einem zu laut aufgedrehten Fernseher. Dann begann er seine Suche.

Zuerst ging er ins Wohn-Ess-Zimmer, leuchtete alle Oberflächen mit der Taschenlampe ab. Er betrachtete das schmutzige Geschirr auf dem Sideboard, die zugekorkte halb volle Flasche Chianti, den Couchtisch, auf dem die TV-Fernbedienung neben einer Glasschale mit einer großen angebrannten Kerze lag. Ein Stapel Zeitschriften — GQ, FHM, Yachts and Yachting. Das rote Licht des Anrufbeantworters blinkte aufgeregt.

Er hörte die Nachrichten ab. Eine war erst vor einer Stunde eingegangen, Michaels Mutter, mit nervöser Stimme.

»Hallo, Michael, ich wollte nur hören, ob du wieder da bist.«

Eine von Ashley, die sich anhörte, als riefe sie über Handy an und einen schlechten Empfang hätte. »Michael, Liebling, ich rufe nur an, falls du inzwischen zurück sein solltest. Bitte, bitte melde dich, sobald du das abhörst. Ich liebe dich so.«

Die nächste stammte von einem Verkäufer, der den Kartenkunden von Barclays Bank ein neuartiges Darlehensprogramm anbieten wollte.

Mark hörte sämtliche Nachrichten ab, doch es war nichts Interessantes dabei. Er prüfte beide Sofas, die Stühle, die Beistelltische und ging dann ins Arbeitszimmer.

Außer dem iMac befanden sich auf dem Schreibtisch nur Tastatur, Funkmaus, ein fluoreszierendes Mousepad, ein herzförmiger Briefbeschwerer aus Glas, ein Taschenrechner, ein Ladegerät fürs Handy und ein schwarzer Behälter mit Stiften. Aber nicht das, was er suchte. Und es lag auch auf keinem Bücherregal oder sonst irgendwo in Michaels unordentlichem Schlafzimmer.

Scheiße.

Verfluchte Scheiße.

Er verließ die Wohnung über die Feuertreppe und gelangte durch den Hinterausgang auf den dunklen Parkplatz.

Das ist übel, dachte er bei sich, als er zu seinem Wagen zurückkehrte. Das ist wirklich übel.

___________

Eine Viertelstunde später fuhr er mit seinem BMW X5 Geländewagen die steile Straße neben dem Sussex County Hospital hinauf und parkte vor der Notfallambulanz. Er eilte an einigen Rettungswagen vorbei in den hell erleuchteten Aufnahme- und Wartebereich.

Er kam an zahlreichen Menschen vorbei, die verloren auf Plastikstühlen hockten, über ihnen ein Schild: WARTEZEIT — DREI STUNDEN, durch eine Reihe von Fluren, bis er den Aufzug erreichte und in den vierten Stock fuhr.

Er folgte den Hinweisschildern zur Intensivstation, während ihm der Geruch von Desinfektionsmitteln und Krankenhausessen in die Nase stieg. Er kam an den Verkaufsautomaten und dem Münztelefon vorbei. Zwei Schwestern standen hinter der Empfangstheke der Intensivstation, eine telefonierte, die andere sprach mit einer verzweifelt wirkenden älteren Frau.

Er kam an vier belegten Betten vorbei, dann stand er in der Ecke, an der am Vorabend Zoe bei Josh gewacht hatte. Doch im Bett lag ein verschrumpelter alter Mann mit wirrem, weißem Haar, eingesunkenem Gesicht, leberfleckigen Wangen, voller Kanülen und Schläuchen, neben sich ein Beatmungsgerät.

Mark musterte die übrigen Betten, keine Spur von Josh. Panik stieg in ihm hoch. Wenn sie ihn nun verlegt hatten, weil sich sein Zustand gebessert hatte? Er eilte zur Rezeption und baute sich vor der Schwester auf, die noch immer telefonierte. Sie war eine dralle, fröhlich wirkende Frau um die dreißig mit Topfschnitt und einem Schild, auf dem MARIGOLD WATTS, PflEGESCHWESTER, INTENSIVSTATION stand. Sie schien mit ihrem Freund zu plaudern.

Er wartete ungeduldig, stützte die Hände auf den Tresen, starrte auf die schwarz-weißen Bildschirme, auf denen jedes einzelne Bett zu sehen war, und die farbigen Displays darunter. Er trat von einem Fuß auf den anderen, um sie auf sich aufmerksam zu machen, doch sie schien nur an ihrem Abendessen interessiert.

»Chinesisch, ich hätte Lust auf Chinesisch. Pekingente. Eins, in dem man Pekingente bekommt, mit Pfannkuchen und —«

Endlich schien sie ihn zu bemerken. »Hör mal, ich muss Schluss machen. Ich ruf noch mal an. Ich dich auch.« Lächelnd wandte sie sich Mark zu. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Josh Anderton.« Er deutete zur Station hinüber. »Er lag da drüben — gestern noch. Ich wüsste gern, wohin man ihn verlegt hat.«

Ihr Gesicht erstarrte, als hätte man ihr eine Überdosis Botox gespritzt. Auch ihre Stimme klang auf einmal anders, scharf und defensiv. »Sind Sie ein Angehöriger?«

»Nein, sein Geschäftspartner.« Sofort bereute er, dass er sich nicht als Joshs Bruder ausgegeben hatte. Es wäre ihr gar nicht aufgefallen.

»Bedauere«, sagte sie, als täte es ihr Leid, dass sie deswegen ihr Gespräch unterbrochen hatte. »Wir dürfen solche Informationen nur an Angehörige weitergeben.«

»Können Sie mir denn nicht sagen, wohin er verlegt wurde?«

Ein Summer ertönte. Sie schaute zu den Bildschirmen hoch, neben einem blinkte eine rote Lampe. »Tut mir Leid, ich muss gehen.«

Sie eilte zu den Betten.

Mark holte sein Handy hervor, dann sah er das große Schild. IN DIESEM KRANKENHAUS IST DIE BENUTZUNG VON MOBILTELEFONEN STRENGSTENS UNTERSAGT.

Er wich zurück, eilte zum Aufzug und fuhr ins Erdgeschoss. Von Angst getrieben, rannte er durch ein Labyrinth von Fluren, bis er den Haupteingang erreichte.

Auf dem Weg zum Empfang hörte er plötzlich eine laute, hysterische Stimme und entdeckte Zoe, die Augen rot verweint, mit wirrem Haar.

»Du und dein Freund Michael und eure blöden Scheißstreiche«, kreischte sie. »Saublöde, unreife Arschlöcher.«

Schweigend starrte er sie an. Dann brach sie schluchzend in seinen Armen zusammen. »Er ist tot, Mark, er ist eben gestorben. Er ist tot. Josh ist tot. O Gott, er ist tot, bitte hilf mir, was soll ich nur machen?«

Mark umschlang sie fest. »Ich — ich dachte, es geht ihm besser, dass er durchkommt«, sagte er unbeholfen.

»Sie haben gesagt, sie konnten nichts mehr für ihn tun. Er hätte nur noch vor sich hin vegetiert. O Gott, o Gott, bitte hilf mir, Mark. Was soll ich den Kindern sagen? Dass ihr Daddy nie mehr nach Hause kommt? Was soll ich ihnen sagen?«

»Möchtest du — einen Tee — oder so?«

Unterbrochen von tiefen Schluchzern stieß sie hervor: »Nein, ich will keinen Scheißtee, ich will meinen Josh zurück. O Gott, sie haben ihn in die Leichenhalle gebracht. Mein Gott, was soll ich nur machen?«

Mark stand schweigend da, hielt sie fest, streichelte ihr den Rücken und hoffte, dass sie ihm nicht anmerkte, wie erleichtert er war.

20

MICHAEL ERWACHTE MIT EINEM RUCK aus einem wirren Traum, wollte sich aufsetzen und prallte schmerzhaft gegen den Sargdeckel. Er schrie auf, versuchte die Arme zu bewegen, stieß links und rechts gegen die unnachgiebigen Satinwände. Geriet in Panik und warf sich verzweifelt herum.

»Holt mich hier raus!« Er brüllte, trat um sich, rang nach Luft, schwitzte und fror zugleich.

»Holt mich doch bitte hier raus!«

Seine Stimme erstarb. Es nutzte nichts, sie war ebenso gefangen wie er. Er tastete nach der Taschenlampe, konnte sie vor lauter Panik zuerst nicht finden. Dann hatte er sie, schaltete sie ein und leuchtete die Wände seiner Zelle ab. Sah auf die Uhr. Elf Uhr fünfzehn.

Abends?

Morgens?

Abends, es musste noch Abend sein, Donnerstagabend.

Schweiß rann an ihm herunter. Bildete unter seinem Körper eine Lache. Eine Lache — er streckte die Hand aus, leuchtete, das Licht spiegelte sich. Wasser.

Mindestens zwei, drei Zentimeter.

Entsetzt schaute er an sich herunter. Undenkbar, dass er so geschwitzt hatte.

Drei, wenn nicht vier Zentimeter.

Wieder tastete er. Leuchtete. Streckte den kleinen Finger wie einen Messstab aus. Das Wasser reichte bis zum zweiten Glied. Das war kein Schweiß. Er schöpfte etwas mit der Hand und trank gierig, achtete nicht auf den schlammigen Geschmack. Er trank mehr und mehr, schien durstiger zu werden, je mehr er trank.

Als er endlich fertig war, drängte sich ein neuer Gedanke auf. Das Wasser stieg. Er nahm die Gürtelschnalle und schabte wieder wie wahnsinnig am Deckel, doch bald war sie so heiß, dass er sich die Finger verbrannte.

Scheiße.

Er nahm die Whiskyflasche. Noch zu einem Drittel voll. Er schlug damit heftig gegen das Holz über seinem Kopf. Nichts passierte. Wieder versuchte er es, hörte den dumpfen Aufprall. Ein winziger Glassplitter brach ab. Zu schade drum. Er setzte die Flasche an, nahm einen Schluck von der brennenden Flüssigkeit. Es tat gut. Er legte sich zurück, steckte die Öffnung in den Mund und ließ es einfach laufen, schluckte, schluckte, schluckte, bis er nicht mehr konnte.

Er hielt die Flasche blinzelnd hoch, alles verschwamm ihm vor den Augen. Nur ein winziger Schluck war übrig. Nur …

Ein dumpfer Laut über seinem Kopf. Der Sarg bewegte sich!

Noch ein Rums.

Wie ein Schritt.

Als stünde jemand auf dem Sarg!

Neue Hoffnung durchzuckte ihn. Mein Gott, endlich!

»Okay, ihr Schweinehunde!«, brüllte er, schwächer als erhofft. Er holte tief Luft, hörte ein Kratzen über sich. Endlich, verdammte Scheiße!

»Warum kommt ihr erst jetzt?«

Nichts.

Er hämmerte mit der Faust gegen den Deckel. »Hey, warum kommt ihr erst jetzt? Josh? Luke? Pete? Robbo? Das ist nicht witzig, ehrlich nicht. Könnt ihr mich hören?«

Nichts.

Michael horchte.

Hatte er sich alles nur eingebildet?

»Hallo! Hey, hallo!«

Nichts.

Er konnte sich das unmöglich eingebildet haben. Da waren Schritte gewesen. Ein Tier? Nein, sie hatten schwerer geklungen. Menschlich.

Er hämmerte wie wahnsinnig mit der Flasche gegen den Deckel, dann mit den Fäusten.

Plötzlich und lautlos, wie bei einer Zaubershow im Fernsehen, glitt der Atemschlauch nach oben und verschwand.

Durch das Loch fielen ein paar Krümel Erde auf ihn herunter.

21

MARK KONNTE KAUM ETWAS SEHEN. Der rote Nebel der Panik, die ihn durchflutete, ließ alles vor seinen Augen verschwimmen und umwölkte sein Gehirn. O Gott, er hatte Michaels Stimme gehört, Michaels gedämpfte Stimme.

Er schloss die Wagentür. Umgeben von dunklem Wald und peitschendem Regen, tastete er nach dem Zündschloss. Seine Stiefel waren schwer von Lehm, Wasser rann ihm von der Baseballkappe ins Gesicht.

Er drehte den Schlüssel um, und die Scheinwerfer flammten grell auf, als der Motor ansprang. Er konnte das Grab und die Bäume sehen. Ein Tier huschte ins Unterholz, die Äste wogten im Wind und glichen einen Moment lang surrealen Wasserpflanzen.

Er starrte auf das Grab, auf das Wellblech, das er behutsam wieder darüber gedeckt hatte, auf die Zweige, die er aus der Erde gerissen hatte, um es zu tarnen. Dann entdeckte er den zweiten Spaten, der noch im Boden steckte, und fluchte. Er stieg wieder aus, holte ihn und warf ihn in den Kofferraum. Dann knallte er von innen die Tür zu, warf noch einen Blick aus dem Fenster.

Er überlegte. Die Bauarbeiten würden erst in einem Monat beginnen, es waren noch Planungsarbeiten zu erledigen. Es gab für niemanden einen Grund, hierher zu kommen. Der Bauausschuss hatte die Prüfung durchgeführt, alle warteten nur noch auf die offizielle Genehmigung.

Er zitterte unkontrolliert, als er den ersten Gang einlegte und zum Weg rollte, über die beiden Viehgitter, die vermutlich von der Forstbehörde dort angebracht worden waren, damit kein Wild auf die Straße lief.

Er schaltete das Radio ein, drückte einen Knopf nach dem anderen, suchte Musik. Es gab Nachrichten. Gerede. Einen Werbespot. Er drückte den CD-Knopf, aber die CDs passten nicht zu seiner Stimmung. Er schaltete das Gerät aus.

Als er Minuten später um eine Kurve bog, sah er im Scheinwerferlicht einige Kränze am Straßenrand. Sein Magen krampfte sich zusammen. Scheinwerfer kamen ihm entgegen, huschten vorbei. Weitere Scheinwerfer. Er umklammerte das Lenkrad, sein Kopf schwamm, er bemühte sich, konzentriert und klar zu denken. Dann kam eine weitere, noch schärfere Kurve, er fuhr viel zu schnell. Er bremste panisch, zu heftig, der Wagen bebte, als das ABS aktiviert wurde, sodass der Atemschlauch vom Beifahrersitz rutschte.

Irgendwie schaffte er die Biegung, entdeckte eine Haltebucht und fuhr hinein. Er drückte die Eingabetaste für das Navigationssystem und gab Arlington-Staubecken ein. Schon verkündete die körperlose Frauenstimme: »Die Strecke wird berechnet.«

Fünfundzwanzig Minuten später erreichte er den hölzernen Anleger des Jachtklubs an dem acht Kilometer langen Staubecken, der um diese Uhrzeit verlassen dalag, und schaltete den Motor aus. Mit der Taschenlampe stieg er aus und horchte ins Dunkel. Nichts zu hören außer dem Knattern der Takelage der Boote. Kein Licht. Im Klubhaus regte sich nichts. Er warf einen Blick auf die Uhr. Zehn nach zwölf.

Er holte den Atemschlauch aus dem Wagen, nahm die beiden Spaten aus dem Kofferraum und ging zum Ende des Anlegers. Hier hatten er und Michael als Kinder mit dem Segeln begonnen, bevor sie abenteuerlustiger wurden und sich aufs Meer hinaus wagten. Das Wasser war etwa sechs Meter tief. Nicht ideal, aber es würde reichen. Schlauch und Spaten sanken unter die tintenschwarze, kabbelige Oberfläche und verschwanden. Dann zog er die Stiefel aus und warf sie hinterher. Weg.

Er tappte zurück zum Wagen, zog die Mokassins an, die er dabeihatte, und machte sich auf den Heimweg. Er war todmüde, fuhr daher langsam. Bloß nicht geblitzt werden oder die Aufmerksamkeit der Polizei erregen.

Am Morgen würde er als Erstes zu der Waschanlage beim Bahnhof von Hove fahren. Dort war viel los, die örtlichen Taxifahrer fuhren dorthin, und es gab immer eine Warteschlange, sodass niemand auf einen vor Dreck starrenden BMW X5 achten würde.

22

GRACE NAHM DEN GLIMMENDEN ZIGARRENSTUMMEL aus dem Mund, gähnte und steckte ihn wieder hinein. Kaute konzentriert darauf herum, als er seine fünf Karten vom verknitterten, grünen Bezug des Spieltischs nahm. In der Mitte lag ein Häufchen Fünfzig-Pence-Chips, die Einsätze der Spieler. Der Tisch war voller Gläser mit Whisky und Wein, Geld und Jetons, überquellenden Aschenbechern, dazwischen lagen Chips- und Sandwichkrümel. Dichter Rauch hing im Raum. Von außen peitschten Wind und Regen gegen die hohen Fenster, die auf den Ärmelkanal hinausgingen.

Bei ihnen durfte der Geber das Spiel auswählen, und Bob Thornton, ein seit langem pensionierter Detective Inspector, entschied sich wie immer für Draw — die Pokervariante, die Grace am wenigsten mochte. 00.38 Uhr. Traditionsgemäß begann bei ihren Pokerabenden, die jeden Donnerstag stattfanden, die letzte volle Runde um halb eins. Er würde nur noch zwei Blätter bekommen.

Es war nicht sein Abend gewesen; trotz seiner türkisen Glückssocken und des blaugestreiften Glückshemds hatte er ständig lausige Karten bekommen, ein paar Mal schlecht angesagt und sich bei einem Bluff erwischen lassen, der ihn teuer zu stehen gekommen war. Das Spiel war so übel gelaufen wie die ganze letzte Woche. Bis jetzt war er mit hundertfünfzig Mäusen in den Miesen, und die letzte Runde schien besonders tückisch.

Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Karten, während er sich darauf konzentrierte, wie seine fünf Kollegen auf ihr Blatt reagierten. Seine Stimmung hob sich. Drei Zehnen, die ersten anständigen Karten seit mindestens zwei Stunden. Auch gefährlich — zu gut, um sie nicht zu spielen, aber auch kein Volltreffer.

Bob Thornton war schwer zu durchschauen. Mitte siebzig, mit einem Raubvogelgesicht und altersfleckigen Händen, die an ein Reptil erinnerten, groß und energiegeladen, spielte er noch immer regelmäßig Squash. Er trug eine grüne Strickjacke, ein offenes Karohemd, Cordhosen und Tennisschuhe. Er war bei weitem der Älteste der zehn Spieler, die immer donnerstags für eine Pokerrunde zusammenkamen, die im Wechsel bei einem von ihnen zu Hause stattfand.

Die Runde hatte schon lange bestanden, als Grace zur Polizei gekommen war. Bob hatte ihnen mehr als einmal erzählt, dass er, als er vor Jahrzehnten dazustieß, der jüngste Spieler gewesen sei. Wenn Grace an seinen nahenden 39. Geburtstag dachte, fragte er sich, ob auch er irgendwann der alte Sack der Truppe sein würde.

Doch das Alter hatte auch eindeutige Vorteile. Bob war schwer durchschaubar, ein gerissener, äußerst aggressiver Spieler. Grace konnte sich an kaum einen Abend erinnern, an dem Bob nicht mit einem Gewinn nach Hause gegangen wäre — und auch jetzt hatte er einen Haufen Chips und Bargeld vor sich. Grace sah, wie er mit hängenden Schultern seine Karten prüfte und ordnete, sie nah vor die Brust hielt und mit wachem, gierigem Blick durch die Brille beäugte. Dann öffnete er den Mund und leckte sich blitzschnell die Lippen, wobei er Grace an eine züngelnde Schlange erinnerte. Grace wusste sofort, dass er sich um Bobs Blatt keine Sorgen machen musste — außer der Bursche hatte noch Glück beim Tauschen.

Grace musste die Runde eröffnen. Er betrachtete seine Mitspieler. Tom Allen, vierunddreißig, Ermittler bei der Kripo in Brighton, ernstes, jungenhaftes Gesicht und dichtes Kraushaar. Trug ein Sweatshirt über dem T-Shirt und schaute ungerührt auf seine Karten. Grace wurde meist nicht schlau aus ihm.

Neben Tom saß Chris Croke, ein Motorradpolizist bei der Verkehrsstreife. Er sah gut aus, schlank und drahtig, mit kurzem blondem Haar, blauen Augen und sprühendem Charme, hatte Erfolg bei Frauen und schien eher das Leben eines Playboys als das eines Polizisten zu führen. Er war an diesem Abend Gastgeber und hatte sie in seine todschicke Wohnung im fünften Stock des Van Alen Building eingeladen, das als coolstes Mehrfamilienhaus von Brighton galt. Normalerweise hätte ein Cop, der solchen Luxus pflegte, Misstrauen erregt, aber es war allgemein bekannt, dass Crokes Ex-Frau ungeheuer reich war, da sie ein riesiges Vermögen geerbt hatte, das irgendwie mit Fußballtoto zusammenhing.

Croke hatte sie kennen gelernt, als er sie wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung anhielt, und er prahlte noch heute damit, dass sie ihn trotz des Strafzettels geheiratet hatte. Ob wahr oder nicht, es war vorbei, doch hatte er zweifellos von der Ehe profitiert. Als sie endlich genug von seinen unregelmäßigen Arbeitszeiten hatte, die jede Polizistenfrau erdulden musste, hatte sie ihm die Trennung immerhin vergoldet.

Croke war leichtsinnig und unberechenbar. Obwohl Grace bereits sieben Jahre mit ihm spielte, fand er seine Körpersprache schwer zu deuten. Es schien ihm völlig egal zu sein, ob er gewann; es war sehr viel leichter, Menschen zu durchschauen, die etwas zu verlieren hatten.

Grace konzentrierte sich auf Trevor Carter, einen ruhigen Mann mit schütterem Haar, der in der Computerabteilung der Polizei von Brighton arbeitete. Er trug ein konservatives, graues Hemd mit aufgerollten Ärmeln, eine langweilige, braune Hose und eine altmodisch große Brille. Er war ein bescheidener Familienmensch, der spielte, als hinge das Wohl und Wehe seiner vier Kinder davon ab. Er bluffte selten, erhöhte selten den Einsatz und ging daher selten mit einem Plus nach Hause. Carter verriet sich durch ein nervöses Zucken im rechten Auge — ein todsicheres Zeichen, dass er ein gutes Blatt hatte. Und es zuckte gerade.

Zuletzt blieb sein Blick an Geoff Panone hängen, Ermittler beim Rauschgiftdezernat, der ein schwarzes T-Shirt, weiße Jeans und Sandalen trug. Sein schwarzes Haar fiel ihm auf die Schultern, er trug einen goldenen Ohrring und paffte eine billige Zigarre. Grace hatte beobachtet, dass Panone beim Draw Poker systematisch die Karten neu ordnete, aber nur, wenn er ein gutes Blatt hatte. Was leider der Fall zu sein schien.

»Du sagst an, Roy«, erklärte Bob Thornton.

Das Limit war immer der Pot auf dem Tisch. Niemand durfte höher gehen, damit die Einsätze erschwinglich blieben. Wenn sie zu sechst spielten und jeder insgesamt drei Pfund setzte, war das Limit erreicht. Da Grace nichts verraten und dennoch alle bei der Stange halten wollte, eröffnete er mit einem Pfund. Alle gingen mit, bis Trevor Carter auf drei Pfund erhöhte, wobei sein Auge noch stärker zuckte als zuvor.

Geoff warf zwei Pfund dazu. Bob Thornton zögerte einen Sekundenbruchteil, was Grace verriet, dass sein Blatt bis jetzt nicht allzu gut war und er auf Risiko spielte, weil es die letzte Runde war. Er beschloss, die Chance zu nutzen, und erhöhte um weitere drei Pfund.

Alle sahen ihn an. Sie wussten, es war nicht sein Abend gewesen, und er hatte sich ungewollt verraten. Zu spät.

Tom legte sein Blatt hin und schüttelte den Kopf. Chris überlegte und warf fünf Pfund auf den Tisch. Trevor und Geoff gingen ebenfalls mit. Bob Thornton tat es ihnen nach.

»Wie viele Karten?«, wollte Bob wissen.

Wenn er zwei tauschte, würden die anderen wissen, dass er einen Dreier hatte. Andererseits hätte er mit zwei Karten eine bessere Chance. Er tauschte seine Kreuz Drei ab, behielt die Pik Sieben und bekam eine Herz Sieben dazu.

Sein Herz machte einen Sprung. Full House! Nicht das Höchste, aber wirklich gut, mit Zehn und Sieben. Jetzt war er wieder im Spiel!

Da er sicher war, dass er das beste Blatt hatte, beschloss er, alles auf eine Karte zu setzen. Zu seinem Schrecken passten die nächsten drei Spieler, er hatte sich zu weit vorgewagt. Trevor Carter hingegen ging zu seiner Erleichterung mit und erhöhte noch.

Grace holte seine Brieftasche heraus und erhöhte ebenfalls. Trevor erhöhte mehrmals in Folge, bis Grace die Nerven verlor, noch ein paar Scheine auf den Tisch legte und sehen wollte.

Er paffte nervös an seiner Zigarre, als Carter nacheinander seine Karten umdrehte.

Scheiße, Scheiße, Scheiße.

7, 8, 9, 10 und ein Bube dazu — Straight Flush.

»Gut gespielt«, rief Bob Thornton. »Mein Gott, ich hab dir wirklich nichts angemerkt.«

»Die hab ich so bekommen«, rief Trevor Carter nahezu ekstatisch. »Die hab ich einfach so auf die Hand bekommen!«

Grace lehnte sich betroffen zurück. So was kam einmal in einer Million vor — vielleicht noch seltener. Unmöglich, das vorherzusehen. Und doch hätte er Trevors untypisch kühnen Einsätzen anmerken müssen, dass er in dieser Runde unschlagbar war.

»Ich schätze, deine übernatürlichen Kräfte haben dich im Stich gelassen, Roy«, witzelte Croke.

Alle lachten.

»Schnauze«, sagte er gutmütiger, als er sich eigentlich fühlte. Assistant Chief Constable Alison Vosper hatte Recht. Die Menschen lachten tatsächlich über ihn. Hier unter seinen Freunden war es ein unbekümmertes Gelächter, aber es gab auch Kollegen, die es nicht so scherzhaft meinten. Wenn er nicht aufpasste, würde er auf dem Abstellgleis landen.

Und er hatte fast dreihundert Pfund verloren.

Als die drei übrigen Spiele zu Ende waren, war es Grace gelungen, seinen Verlust sogar auf vierhundertzweiundzwanzig Pfund und fünfzig Pence zu schrauben.

Er war alles andere als glücklich, als er den Aufzug in die Tiefgarage nahm. Auf dem Weg zu seinem Alfa Romeo, der im Besucherbereich parkte, war er noch immer so wütend auf sich selbst und seine Freunde, dass er kaum den schlammverschmierten BMW X5 bemerkte, der gerade in die Tiefgarage fuhr.

23

»YEE-HA!« Davey schloss die Tür seines Baucontainers auf, trat dagegen und marschierte tropfnass hinein. »Yee-ha!«, begrüßte er den laufenden Fernseher, und alle seine Freunde darin. Er blieb stehen, während ihm das Wasser von Baseballkappe, Ölzeug und verdreckten Gummistiefeln rann. Mal sehen, wer gerade da war. James Spader saß in einem Büro und redete mit einer Puppe, die er nicht kannte.

»Sperr die Ohren auf, wir haben zweihundert von den verdammten Viechern platt gemacht«, sagte Davey in seinem besten Südstaatenakzent zu James Spader.

Aber Spader beachtete ihn gar nicht und sprach weiter mit der Puppe. Davey nahm die Fernbedienung vom Bett und richtete sie auf den Fernseher. »Hey, ich kann auf dich verzichten, kapiert?« Er schaltete um. Jetzt sah er zwei Typen, die er nicht kannte, sie blickten sich in die Augen und stritten. Klick.

James Gandolfini schritt durch einen Mercedes-Benz-Laden, eine attraktive Frau mit langem, schwarzem Haar schien ihn zu erwarten.

Davey zappte ihn weg.

Er surfte durch die Sender, doch niemand schien Lust auf ein Gespräch zu haben. Also ging er zum Kühlschrank. »Ich hol mir ‘n Bier aus der Minibar«, verkündete er, öffnete die Coke mit einer Hand, trank die halbe Dose leer und setzte sich rülpsend aufs Bett. Zwei Uhr einundzwanzig.

Er war hellwach. Wollte mit jemandem reden, von den ganzen Kaninchen erzählen, die er und sein Dad totgeschossen hatten.

»Das ist der Hit«, sagte Davey und rülpste erneut. Er tastete in den Taschen seines Ölzeugs, zog einige Schrotpatronen heraus und hängte das Ölzeug an den Türhaken. Er hockte sich erschöpft auf die Bettkante, wie Clint es tat, bevor er die Stiefel auszog, und ließ die Gummistiefel nacheinander auf den Boden plumpsen.

Dann streichelte er zärtlich die verbliebenen Patronen. »Da steht dein Name drauf«, erklärte er Sean Penn, der auf ihn zukam. Doch selbst Sean Penn war nicht zum Reden aufgelegt.

Dann fiel es Davey wieder ein. Es gab doch jemanden, der mit ihm reden wollte. Er kniete sich hin, holte das Walkie-Talkie unter dem Bett hervor und zog die Antenne so weit wie möglich heraus. Kawazomm!

Er schaltete es ein, horchte — atmosphärisches Rauschen. Dann versuchte er es mit Sprechen.

24

MICHAEL WAR HELLWACH und weinte. Er wusste nicht, was er tun sollte, kam sich unendlich hilflos vor. Es war kurz nach zwei, Freitagmorgen, er wollte am nächsten Tag heiraten. Es waren noch tausend Dinge zu erledigen.

Wer oder was zum Teufel hatte den Atemschlauch herausgezogen? Vielleicht ein Dachs, der ihn in seinen Bau geschleppt hatte? Aber was wollte ein Dachs mit einem Gummischlauch? Außerdem hatten die Schritte zu schwer geklungen. Keine Frage, es war ein Mensch gewesen.

Wer?

Wieso?

Wo war Ashley, seine geliebte, wunderbare, besorgte Ashley? Was dachte sie gerade, was mochte in ihrem Kopf vorgehen?

Er hatte die ganze Zeit gehofft, das alles wäre ein entsetzlicher Albtraum, aus dem er erwachen und sich neben Ashley im Bett wiederfinden würde. Es ergab einfach keinen Sinn.

Plötzlich hörte er ein scharfes Zischen, klar und deutlich. Das Walkie-Talkie!

Dann eine Stimme mit starkem Südstaatenakzent: »Hast du ‘ne Ahnung, was die Dinger anrichten? Hä? Irgendeinen Schimmer?«

Panisch tastete er im Dunkeln nach der Taschenlampe.

Die Stimme sprach weiter: »Die meisten Leute haben nämlich keine Ahnung. Scheißumweltschützer, wollen den wilden Tieren helfen, aber die Jungs haben nur Scheiße im Kopf, kapiert?«

Michael fand die Taschenlampe und das Walkie-Talkie und drückte die Sprechtaste. »Hallo? Hallo?«

»Ha, ich rede mit dir. Wetten, du hast keinen Schimmer?«

»Hallo, bist du Davey?«

»Hey, Alter, mein Name geht dich nichts an. Fünf Kaninchen fressen fast so viel Gras wie ein Schaf. Irre.«

Michael umklammerte verwirrt das schwarze Gerät und fragte sich, ob er halluzinierte. »Kann ich mit Mark sprechen? Oder Josh? Oder Luke? Oder Pete? Oder Robbo?«

Schweigen.

»Hallo? Bist du noch da?«

»Ich geh nirgendwohin, Alter.«

»Wer bist du, Davey?«

Schweigen.

»Hör mal, das ist jetzt nicht mehr witzig. Schon lange nicht mehr. Bitte hol mich hier raus.«

»Zweihundert Kaninchen sind ‘ne Menge, was?«

Michael starrte das Walkie-Talkie an. Hatten denn alle den Verstand verloren? War das etwa der Irre, der gerade eben den Atemschlauch herausgezogen hatte? Michael bemühte sich verzweifelt, klar zu denken.

»Hör mal, ein paar Freunde haben mich aus Spaß hier eingegraben. Kannst du mich bitte rausholen?«

»Sitzt du in der Scheiße?«, fragte die amerikanische Stimme.

Michael verstand das Spiel nicht ganz, sagte aber: »Und wie ich in der Scheiße sitze.«

»Was sagst du zu zweihundert Kaninchen?«

»Was soll ich denn zu zweihundert Kaninchen sagen?«

»Na ja, Kumpel, dass ein Typ, der zweihundert Kaninchen plättet, ein cooler Typ ist, kapiert?«

»Völlig. Bin ganz deiner Meinung.«

»Okay, wir sind auf einer Welle, super.«

»Klar doch. Super.«

»Cooler geht’s nicht, oder?«

»Nein. Vielleicht könntest du den Deckel abschrauben und von Angesicht zu Angesicht mit mir darüber sprechen.«

»Ich bin jetzt müde. Hau mich aufs Ohr und nehm ‘ne Mütze Schlaf, kapiert?«

Panisch rief Michael: »Hey, nein, bitte nicht, lass uns weiterreden. Du hast nicht zufällig ein paar Aspirin gegen meine hundsgemeinen Kopfschmerzen?«

»Aspirin?«

»Ja.«

Schweigen. Und atmosphärisches Rauschen.

»Hallo?«, fragte Michael. »Bist du noch da?«

Glucksendes Lachen. »Aspirin?«

»Bitte hol mich hier raus.«

Nach längerem Schweigen sagte die Stimme: »Kommt drauf an, wo hier ist.«

»Ich liege in einem gottverdammten Sarg.«

»Verarsch mich nicht.«

»Ehrlich.«

Glucksen. »Ehrlich, Sherlock, was?«

»Ehrlich.«

»Ich muss jetzt los, ist schon spät. Ich muss ‘ne Mütze Schlaf nehmen.«

»Hey, bitte warte — bitte —«

Das Walkie-Talkie verstummte.

Im ersterbenden Licht der Taschenlampe bemerkte Michael, dass das Wasser in der vergangenen Stunde beträchtlich gestiegen war. Er prüfte es mit der Hand. Vor einer Stunde hatte es den Knöchel seines Zeigefingers erreicht.

Jetzt bedeckte es die ganze Hand.

25

ROY GRACE SASS IN WEISSEM KURZARMHEMD und mit gelockerter Krawatte in seinem Büro am Computer und las stirnrunzelnd eine SMS:

Muss dauernd an dich denken! Claudine xx

Claudine?

Es war kurz nach neun. Ständig gingen neue E-Mails ein, er war hundemüde, hatte furchtbare Kopfschmerzen und fror. Es schüttete wie aus Eimern, ein eisiger Lufthauch zog durch den Raum. Er sah zu, wie das Wasser an den Scheiben herunterrann, starrte auf die öde Gasse vor dem Fenster. Dann öffnete er die Mineralwasserflasche, die er an einer Tankstelle gekauft hatte, wühlte in einer Schublade und holte ein Päckchen Aspirin heraus. Er drückte zwei Tabletten aus der Folie, schluckte sie und sah nach, wann die SMS eingegangen war. 2.14 Uhr morgens.

Claudine.

Dann fiel der Groschen.

O Gott, sein polizistenhassendes, veganes Blind Date vom Dienstagabend. Die Frau war entsetzlich gewesen, der Abend katastrophal, und jetzt schickte sie ihm eine SMS. Na super.

Er überlegte noch, ob er antworten oder die Nachricht einfach löschen sollte, als Branson hereinmarschierte. Er trug einen adretten, braunen Anzug, eine schrille Krawatte, zweifarbige Schuhe in Braun und Creme und hielt einen Starbucks-Kaffee und zwei Papiertüten in der Hand.

»Tag, Alter«, begrüßte er Grace munter und ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen. Kaffee und Tüten landeten auf dem Schreibtisch. »Wie ich sehe, haben sie dir das letzte Hemd gelassen.«

»Sehr witzig.«

»Hast du gestern Abend gewonnen?«

»Nein, hab ich nicht, du Arsch.« Grace litt noch unter dem Verlust. Vierhundertzwanzig Mäuse. Er hatte weder Geldprobleme noch Schulden, hasste es aber zu verlieren, vor allem in solchen Dimensionen.

»Du siehst Scheiße aus.«

»Danke.«

»Nein, ehrlich. Total Scheiße.«

»Nett, dass du extra hergekommen bist, um mir das zu sagen.«

»Mal Cincinnati Kid gesehen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Mit Steve McQueen. Wurde beim Kartenspiel vernichtet. Tolles Ende — du weißt schon, der Bursche in der Gasse fordert ihn zu einer Wette heraus, und er wirft ihm seine letzte Münze hin.« Branson nahm den Deckel von dem Becher, dass der Kaffee auf den Schreibtisch spritzte, und holte ein Mandelcroissant aus einer Tüte, von dem ein Zuckerfaden unmittelbar neben die Kaffeepfütze tropfte. »Mal beißen?«

Grace schüttelte den Kopf. »Du solltest gesünder frühstücken.«

»Ach ja? Damit ich so aussehe wie du? Was hattest du denn? Bio-Weizenkleie?«

Grace zeigte ihm die Packung mit den Kopfschmerztabletten. »Mehr brauche ich nicht. Was treibt dich eigentlich her?«

»Ich muss in zehn Minuten zum Chief. Bin jetzt im Drogenausschuss.«

»Glückspilz.«

»Hast du nicht gesagt, man müsse sich profilieren? Für die Vorgesetzten präsent bleiben?«

»Braver Junge, hast gut zugehört.«

»Eigentlich bin ich aber aus einem anderen Grund hier, Alter.« Branson holte aus der zweiten Tüte eine Geburtstagskarte und schob sie ihm hin. »Alle sollen unterschreiben — ist für Mandy.«

Mandy Walker arbeitete in Brighton beim Kinderschutz, Grace und Branson hatten schon mit ihr zu tun gehabt.

»Hört sie auf?«

Branson nickte und deutete einen dicken Bauch an. »Ich dachte, du wärst heute im Gericht.«

»Wurde auf Montag vertagt.« Er unterschrieb die Karte. Plötzlich rochen Kaffee und Teilchen sehr verlockend. Als Branson in sein Croissant biss, schnappte Grace sich das andere und biss genüsslich hinein. Er kaute langsam und betrachtete dabei Bransons Krawatte, deren geometrisches Muster ihn beinahe schwindlig machte.

»Roy, wir waren doch am Mittwoch in dieser Wohnung.«

»Ja, und?«

»Eins kapiere ich nicht und würde gern deine Meinung dazu hören. Hast du ein paar Minuten Zeit?«

»Was bleibt mir anderes übrig?«

Branson fuhr fort: »Die Sache ist die.« Er biss wieder in sein Croissant, wobei Zuckerguss und Krümel auf Anzug und Krawatte rieselten. »Fünf Typen beim Junggesellenabschied, okay? Dann —«

Es klopfte, und Roys Managementassistentin Eleanor Hodgson trat mit einem Stapel Akten und Papieren ein. Sie war eine recht förmliche, aber effiziente Frau mittleren Alters mit gepflegtem, schwarzem Haar und unauffälligem, ein wenig altmodischem Gesicht. Gerade starrte sie entnervt auf Bransons Krawatte.

»Guten Morgen, Roy. Guten Morgen, DS Branson.«

»Morgen«, erwiderte Glenn.

Sie legte die Sachen auf Roys Schreibtisch. »Der gerichtsmedizinische Bericht, auf den Sie gewartet haben, ist aus Huntingdon gekommen.«

»Tommy Lytle?«

»Ja. Und hier sind noch die Tagesordnung und die Notizen für die Haushaltssitzung um elf.«

»Danke.« Er ging den Stapel flüchtig durch und legte den gesuchten Bericht zuoberst. In Huntingdon in Cambridge befand sich eines der gerichtsmedizinischen Zentren, mit denen die Sussex Police zusammenarbeitete. Tommy Lytle war Grace’ ältester »langsamer Fall«. Vor siebenundzwanzig Jahren war Tommy an einem Februarnachmittag von der Schule nach Hause gegangen und nie wieder aufgetaucht. Die einzige Spur war ein Morris-Minor-Lieferwagen gewesen, dessen Kennzeichen ein geistesgegenwärtiger Zeuge notiert hatte. Doch die Polizei konnte keine Verbindung zum Halter herstellen, einem absonderlichen Eigenbrötler, der wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen vorbestraft war. Vor zwei Monaten nun war der Lieferwagen durch puren Zufall wieder aufgetaucht, als der gegenwärtige Besitzer, ein Oldtimerfan, wegen Trunkenheit am Steuer angehalten wurde.

Die Gerichtsmedizin hatte sich in den vergangenen siebenundzwanzig Jahren in Quantensprüngen entwickelt. Die Fachleute prahlten nicht zu Unrecht, sie könnten mit modernen DNA-Methoden beweisen, ob ein Mensch sich je in einem bestimmten Raum aufgehalten habe, egal wie lange es her sei. Eine Hautzelle, die dem Staubsauger entgangen war, ein Haar oder eine Textilfaser würde genügen. Selbst etwas, das hundertmal kleiner als ein Stecknadelkopf war, konnte eine Spur hinterlassen.

Jetzt besaßen sie den Lieferwagen. Der ursprüngliche Verdächtige war noch am Leben. Und die Gerichtsmediziner hatten das Fahrzeug mit Mikroskopen durchkämmt.

Obwohl er Branson mochte, wäre Grace ihn am liebsten auf der Stelle losgeworden, damit er den Bericht lesen konnte. Wenn er hiermit Erfolg hatte, wäre es landesweit der älteste ungelöste Fall, der noch aufgeklärt würde.

Branson steckte den Rest des Croissants in den Mund und sagte kauend: »Fünf Typen beim Junggesellenabschied, okay? Der Bräutigam ist ein echter Scherzkeks — hat den Jungs samt und sonders üble Streiche gespielt. Das eine arme Schwein wurde mit Handschellen im Nachtzug nach Edinburgh an eine Sitzbank gefesselt, obwohl er am nächsten Nachmittag in Brighton heiraten sollte.«

»Netter Mensch«, bemerkte Grace.

»Ja, genau der Witzbold, den man gern zum Freund hätte. Also — was haben wir: Fünf fahren los. Unterwegs geht ihnen der Bräutigam Michael Harrison verloren. Sie haben einen Unfall, drei sind sofort tot, der vierte fällt ins Koma und stirbt gestern Abend. Michael bleibt verschwunden, niemand hat von ihm gehört. Jetzt haben wir Freitagmorgen, und er müsste eigentlich in etwas über vierundzwanzig Stunden vor den Altar treten.«

Branson trank einen Schluck Kaffee, stand auf und lief umher. Dann starrte er auf das Flipchart, auf dem jemand mit blauer Tinte einen Dienstplan skizziert hatte. Er klappte es um, nahm einen Stift und begann zu schreiben.

»Wir haben Michael Harrison.« Er kreiste den Namen ein. »Wir haben vier tote Kumpel.« Zweiter Kreis. »Und die Verlobte Ashley Harper.« Dritter Kreis. »Den Geschäftspartner Mark Warren.« Vierter Kreis. »Und …«

Grace sah ihn fragend an.

»Was haben wir gestern aus seinem Computer gefischt?«

»Ein Konto auf den Cayman Islands.«

Branson setzte sich, Stift in der Hand, wieder an den Tisch.

»Du sagst, der Geschäftspartner war nicht bei dem Junggesellenabend.«

Branson war immer aufs Neue beeindruckt, wie gut sich Grace an Details erinnerte. »Korrekt.«

»Weil sein Flug Verspätung hatte.«

»Sieht so aus.«

»Was hat er denn ausgesagt? Wo vermutet er Michael Harrison? Hat er sich auf die Caymans abgesetzt?«

»Roy, du hast doch den süßen Käfer gesehen. Und wir waren beide der Meinung, dass kein Typ so blöd sein würde, sie sitzen zu lassen — eine Wahnsinnsfrau und obendrein klug. Und …« Branson schürzte die Lippen.

»Und was?«

»Ich habe sie gefragt, ob sie vom Konto auf den Cayman Islands wüsste, was sie verneinte. Ich habe deinen Trick mit den Augen ausprobiert. Sie hat gelogen.«

»Vermutlich will sie ihren Chef schützen — und ihrem Verlobten den Arsch retten.« Grace wurde flüchtig von einer eingehenden Mail abgelenkt. »Was vermutest du denn?«

»Es gibt folgende denkbare Szenarien: Seine Kumpel wollen es ihm heimzahlen und sperren ihn irgendwo gefesselt ein. Oder er hatte einen Unfall. Oder er hat kalte Füße bekommen und die Fliege gemacht. Oder es hat irgendwas mit den Caymans zu tun.«

Grace öffnete eine Mail von seiner Chefin Alison Vosper, die als dringend gekennzeichnet war. Sie erkundigte sich, ob er um halb eins für eine kurze Besprechung zur Verfügung stünde. Er bestätigte den Termin. »Der Geschäftspartner müsste doch wissen, ob die ihn an einen Baum gefesselt haben oder so.«

»Miss Harper sagt, sie hätten etwas geplant, sie wisse aber nichts Näheres.«

»Hast du die Pubs überprüft, in denen sie waren?«

»Kommen heute dran.«

»Material von Überwachungskameras?«

»Damit fangen wir jetzt auch an.«

»Hast du den Lieferwagen gecheckt?«

Die plötzliche Panik in Bransons Gesicht verriet Grace, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte.

»Warum denn nicht? Da sieht man doch zuerst nach.«

»Du hast ja Recht. Ich bin noch nicht richtig in dem Fall drin.«

»Hast du sämtliche Häfen benachrichtigt?«

»Ja, das Foto wird heute Morgen rumgeschickt. Wir haben eine Vermisstenmeldung herausgegeben.«

Grace war, als hätte sich eine dunkle Wolke über ihn geschoben. Vermisstenmeldung. Das Wort ließ ihn nie kalt, riss alte Wunden auf. Er dachte an diese Ashley, die Branson ihm beschrieben hatte. Einen Tag vor der Hochzeit verschwindet ihr Bräutigam. Wie musste sie sich jetzt fühlen?

»Glenn, du sagtest, der Typ sei ein Scherzkeks — wäre es denkbar, dass er alle auf den Arm nimmt und morgen mit einem breiten Grinsen aus der Versenkung auftaucht?«

»Wenn vier seiner besten Freunde tot sind? Ganz schön krank.« Branson sah auf die Uhr. »Was machst du heute Mittag?«

»Falls Julia Roberts mich nicht einlädt, habe ich frei — vorausgesetzt, Nr. 27 beansprucht mich nicht länger als eine halbe Stunde.«

»Wie geht es der entzückenden Alison Vosper?«

Grace sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Eher sauer als süß.«

»Je daran gedacht, sie zu vögeln?«

»Ja, etwa eine Nanosekunde lang — oder eine Femtosekunde — ist das nicht die kleinste existierende Zeiteinheit?«

»Könnte deiner Karriere förderlich sein.«

»Da hätte ich bessere Ideen.«

»Zum Beispiel?«

»Den Chief Assistant Constable nicht zu vögeln.«

»Hast du mal Susan Sarandon in Moonlight Mile gesehen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Sie erinnert mich an Susan Sarandon in dem Film. Hat mir gefallen, ehrlich. Sollen wir heute Mittag zum Abstellplatz fahren und dabei ein bisschen reden? Ich geb dir ein Pint und ein leckeres Sandwich aus.«

»Lunch auf dem Abstellplatz? Ich ahnte es schon, als ich deine Krawatte sah — du hast wirklich Stil.«

26

MICHAEL HATTE AUSGERECHNET, dass das Wasser pro Stunde etwa einen Zentimeter stieg. Es reichte ihm bis knapp unter die Ohren. Er zitterte vor Kälte, fühlte sich fiebrig.

Er hatte die Nacht hindurch wie ein Wilder gearbeitet, mit dem Glas am Deckel geschabt und benutzte nun die letzte verbliebene Scherbe. Seine Arme schmerzten vor Erschöpfung. Er hatte eine tiefe Kerbe ins Holz getrieben, war aber noch nicht durch.

Er hatte sich einen Zeitplan aufgestellt, zwei Stunden Arbeit, zwei Stunden Ruhe, wie beim Segeln. Aber er würde es nicht schaffen. Das Wasser stieg schneller, als die Ritze sich vergrößern ließ. Sein Kopf würde unter Wasser sein, bevor er sich hindurchzwängen konnte.

Alle fünfzehn Minuten drückte er die Sprechtaste am Walkie-Talkie. Hörte immer nur das Rauschen.

Jetzt war es elf Uhr drei. Am Freitag.

Er kratzte weiter, pulverisiertes Glas und nasse Erde rieselten herab, die letzte Scherbe schrumpfte immer weiter, und er grübelte, grübelte unablässig. Wenn das Glas weg war, blieb ihm noch die Gürtelschnalle. Und danach? Die Taschenlampe? Die Batterien? Sein Handy?

Das Walkie-Talkie erwachte mit einem scharfen Zischen zum Leben, dann ertönte wieder der pseudoamerikanische Akzent: »Hi, Kumpel, wie steht’s?«

Michael drückte die Sprechtaste. »Davey? Bist du das?«

»Ich gucke gerade Nachrichten. Da ist das Autowrack, wo ich am Dienstag mit meinem Dad gewesen bin! Mann, war das ein Unfall! Alle tot — und ein Typ wird vermisst!«

Michael umklammerte das Gerät. »Was war da los, Davey? Was für ein Wagen?«

»Ein Ford Transit. Mann, war der platt!«

»Erzähl mir noch was darüber, Davey.«

»Ein Typ hing in der Windschutzscheibe, dem fehlte der halbe Kopf. Junge, da kam das Gehirn raus. Wusste sofort, dass der hinüber war. Nur ein Überlebender, aber der ist auch gestorben.«

Michael begann unkontrolliert zu zittern. »Weißt du, wer der Typ ist, den sie vermissen?«

»Hä?«

»Weißt du, wer das ist?«

»Ich muss gleich los, meinem Dad helfen.«

»Hör zu, Davey, die könnten mich damit meinen.«

»Willst du mich verarschen?«

»Wie heißt er, Davey?«

»Keine Ahnung. Sie sagen nur, er soll eigentlich morgen heiraten.«

Michael schloss die Augen. Um Gottes Willen, nein. »Davey, war dieser Unfall — war der so gegen neun Uhr am Dienstagabend?«

»Kommt ungefähr hin.«

Michael presste das Walkie-Talkie an den Mund. »Davey, der Typ bin ich! Ich bin der Mann, der morgen heiraten will!«

»Willst du mich verarschen?«

»Nein, Davey. Hör mir gut zu.«

»Ich muss los — wir reden später.«

»DAVEY, GEH NICHT, BITTE GEH NICHT, DU BIST DER EINZIGE, DER MICH RETTEN KANN!«, brüllte er.

Schweigen. Nur das Rauschen verriet ihm, dass Davey noch da war.

»Hallo?«

»Ich muss los, kapiert?«

»Davey, du musst mir helfen. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der das kann. Willst du mir helfen?«

Wieder Schweigen. »Wie heißt du noch mal?«

»Michael Harrison.«

»Sie haben gerade deinen Namen im Fernsehen gesagt!«

»Hast du ein Auto, Davey? Kannst du fahren?«

»Mein Dad hat einen Laster.«

»Kann ich mit deinem Dad reden?«

»Weiß nicht. Hat viel zu tun, wir müssen wieder raus, ein Autowrack abschleppen.«

Michael überlegte verzweifelt, wie er zu diesem Typen durchdringen könnte. »Möchtest du ein Held sein, Davey? Und ins Fernsehen kommen?«

Die Stimme wurde albern. »Ich im Fernsehen? Du meinst, wie ein Filmstar?«

»Ja, du könntest ein Filmstar werden! Lass mich mit deinem Dad reden, dann sage ich ihm, wie du das werden kannst. Hol ihn doch, und gib ihm das Walkie-Talkie. Wie wär’s?«

»Weiß nicht.«

»Davey, hol bitte deinen Dad.«

»Da gibt es ein Problem. Mein Dad weiß nicht, dass ich das Walkie-Talkie habe. Er wäre ganz schön sauer, wenn er es sieht.«

Michael erwiderte: »Ich glaube, er wäre stolz, wenn er wüsste, dass sein Sohn ein Held ist.«

»Ehrlich?«

»Ganz bestimmt.«

»Ich muss jetzt los. Bis dann! Over and out!«

Das Gerät verstummte.

»Davey, bitte, Davey, lass mich nicht allein, bitte hol deinen Dad, bitte, Davey!«, flehte er aus tiefster Seele.

Aber Davey war gegangen.

27

ASHLEY HARPER SASS NIEDERGESCHLAGEN in einem tiefen, alten Sessel im winzigen Wohnzimmer des Bungalows, der Michaels Mutter gehörte, und starrte mit tränenverschleierten Augen vor sich hin. Sie trug eine braune Schlabberjeans und ein ausgeleiertes, weißes T-Shirt und betrachtete lustlos den unberührten Teller mit Plätzchen auf dem Couchtisch. Von dort aus wanderte ihr Blick zu dem Farbfoto, das auf dem Sims über dem unechten Kaminfeuer stand — Michael mit zwölf auf seinem Fahrrad — , und weiter durch die Stores auf die regennasse Straße und die Sportplätze unterhalb der Rennbahn von Brighton.

»Die Schneiderin kommt um zwei«, sagte sie. »Was soll ich nur machen?« Sie trank einen Schluck Kaffee und betupfte sich die Augen mit einem Taschentuch. Bobo, Gill Harrisons winziger weißer Malteser, dessen Kopf eine Schleife zierte, schaute zu Ashley auf und jaulte jämmerlich, weil er ein Plätzchen haben wollte. Sie kraulte sein weiches Bauchfell.

Gill Harrison saß ihr gegenüber auf der Sofakante. Sie trug ein formloses T-Shirt, Jogginghose und billige, aber makellos saubere weiße Turnschuhe. Von ihrer Zigarette stieg ein dünner Rauchfaden auf. Ein diamantener Verlobungsring, dessen Stein viel zu groß war, um echt zu sein, funkelte neben dem schmalen, goldenen Trauring. Ein Rivière-Armband baumelte lose vom Handgelenk.

Ihre raue Stimme, die von einem starken Sussex-Dialekt gefärbt war, klang angespannt. »Er ist ein guter Junge. Er würde niemals jemanden im Stich lassen — das habe ich auch der Polizei gesagt. Es passt einfach nicht zu Michael.« Sie schüttelte den Kopf und zog an ihrer Zigarette. »Er macht gern Witze —«, sie stieß ein trockenes Lachen aus. »Als Kind hat er uns Weihnachten mal mit so einem blöden Furzkissen genervt. Hat Leuten immer Angst eingejagt. Aber so was würde er nicht tun, Ashley.«

»Ich weiß.«

»Ihm muss was passiert sein. Die Jungs haben was angestellt. Oder er hatte auch einen Unfall. Verlassen hat er dich nicht. Er war am Sonntagabend noch da, zum Essen. Er hat noch erzählt, wie sehr er dich liebt, wie glücklich er ist. Du hast ihn auch so glücklich gemacht. Er hat von dem Haus auf dem Land gesprochen, das du kaufen möchtest, von seinen Plänen damit.« Sie zog wieder an der Zigarette und hustete. »Er ist ein einfallsreicher Junge.« Sie schürzte die Lippen, und Ashley merkte, wie schwer ihr die Worte fielen. »Seit sein Dad — hat er dir davon erzählt?«

Ashley nickte.

»Er hat die Stelle von seinem Dad eingenommen. Ohne Michael hätte ich es nicht geschafft. Er war so stark. Ein Fels für mich und Carly — Carly wird dir gefallen. Er hat ihr das Geld für das Flugticket nach Australien geschickt, damit sie zur Hochzeit hier sein kann. Sie müsste jeden Moment ankommen. Hat mich vor ein paar Stunden vom Flughafen aus angerufen.« Sie schüttelte verzweifelt den Kopf.

Ashley lächelte ihr zu. »Ich freue mich darauf, sie kennen zu lernen.«

»Ein anständiges Mädchen.«

»Das muss sie sein, wenn sie deine Tochter ist!«

Gill Harrison beugte sich vor und drückte die Zigarette aus. »Weißt du, Ashley, Michael hat sein ganzes Leben lang schwer gearbeitet. Als Kind hat er schon Zeitungen ausgetragen, um mir und Carly zu helfen. Dann kam das Geschäft mit Mark. Niemand weiß das zu schätzen. Mark ist ein netter Junge, aber —«

»Aber was?«

Gill schüttelte den Kopf.

»Verrätst du’s mir?«

»Ich kenne Mark, seit er ein Kind war. Er und Michael waren unzertrennlich. Aber Mark hat ihm immer an den Fersen geklebt. Manchmal glaube ich, er ist ein bisschen eifersüchtig auf Michael.«

»Ich dachte, sie sind ein gutes Team.«

»Ich hab ihn immer vor Mark gewarnt. Michael ist zu vertrauensselig.«

»Wie meinst du das?«

»Du hast einen guten Einfluss auf Michael. Versprich mir, dass du auf ihn Acht gibst?«

Wieder jaulte Bobo nach einem Plätzchen. Ashley beachtete ihn nicht und entgegnete: »Michael ist stark. Es geht ihm bestimmt gut.«

»Ja, natürlich.« Gills Augen huschten zum Telefon auf dem Ecktischchen. »Es geht ihm gut. Er kann jeden Moment anrufen. Die armen Jungs, sie gehörten einfach zu Michaels Leben. Ich kann es einfach nicht glauben —«

»Ich auch nicht.«

»Du bist doch mit deiner Schneiderin verabredet, Liebes, ich würde sie nicht versetzen. Das Leben geht weiter. Michael wird wieder auftauchen, das glaubst du doch auch, oder?«

»Natürlich«, erwiderte sie nach kurzem Zögern.

»Wir reden später weiter.«

Sie stand auf und umarmte ihre zukünftige Schwiegermutter herzlich. »Alles wird gut.«

»Du bist das Beste, was ihm je passiert ist, Ashley, du bist ein wunderbarer Mensch. Ich war so glücklich, als Michael mir erzählte, dass — dass —« Sie kämpfte mit den Tränen. »Dass ihr beide —«

Ashley küsste sie auf die Stirn.

28

GRACE SASS MIT ZUSAMMENGEPRESSTEN LIPPEN neben Branson in dem blauen Ford und umklammerte die Kanten des Beifahrersitzes. Nervös betrachtete er die Landstraße, die durch Scheibenwischer und starken Regen kaum zu erkennen war. Glenn Branson achtete nicht auf die Ängste seines Beifahrers und sauste in sportlichem Tempo durch die Kurven, um die Früchte des kürzlich besuchten Geschwindigkeitstrainings für Polizisten zu demonstrieren. Das Radio war auf einen Rap-Sender eingestellt und für Roys Verhältnisse viel zu laut.

»Ist doch richtig, oder?«

»Hm, klar«, bestätigte Grace. Je weniger er sprach, desto weniger lenkte er Branson ab, was sich durchaus positiv auf ihrer beider Lebenserwartung auswirken würde. Dann drehte er das Radio leiser.

»Jay-Z«, meinte Branson. »Irre, was?«

»Irre.«

Sie bogen in eine lang gestreckte Rechtskurve. »Sie sagen, man soll ganz links bleiben, damit man eine bessere Sicht hat. Guter Tipp, was?«

Nun folgte eine Linkskurve, in die sie nach Grace’ Dafürhalten viel zu schnell hineinfuhren. »Toller Tipp«, knurrte er.

Nach der Kurve ging es in eine Senke.

»Hast du Angst?«

»Bisschen.«

»Weichei. Muss am Alter liegen. Erinnerst du dich an Bullitt?«

»Mit Steve McQueen?«

»Beste Verfolgungsjagd aller Zeiten.«

»Sie endete in einer üblen Karambolage.«

»Brillanter Film«, sagte Branson, der Grace’ Einwand bewusst ignorierte.

Sandy fuhr auch gern schnell, es war wohl ihr angeborener Leichtsinn. Er fürchtete, sie könnte irgendwann einen schlimmen Unfall haben, weil sie einfach nicht begreifen wollte, dass physikalische Gesetze darüber entschieden, ob ein Auto eine Kurve packte oder nicht. Und doch hatte sie sich in den sieben Jahren, die sie zusammen waren, nicht die kleinste Beule eingefangen.

Erleichtert sah er den mit Stacheldraht eingezäunten Abstellplatz Bolney auftauchen. Ein Schild warnte vor Wachhunden. Branson bremste scharf, bog ab und rollte auf den Hof eines großen, modernen Lagerhauses.

Er holte einen Regenschirm aus dem Kofferraum und eilte mit Grace zu der grauen Tür mit Klingel und Sprechanlage. Sofort öffnete ein untersetzter Mann um die dreißig mit fettigem Haar, der einen blauen Overall über seinem schmutzigen T-Shirt trug. In einer tätowierten Hand hielt er ein angebissenes Sandwich.

»Detective Sergeant Branson und Detective Superintendent Grace«, verkündete Branson. »Wir haben telefoniert.«

Der Typ starrte ihn kauend an. Hinter ihm im Lagerhaus waren einige demolierte Pkw und Lieferwagen zu erkennen. Dann verdrehte er nachdenklich die Augen. »Der Transit, oder?«

»Genau.«

»Weiß? Wurde am Dienstag von Wheeler gebracht.«

»Stimmt.«

»Steht draußen.«

Sie trugen sich ins Register ein und folgten dem Mann durch eine Seitentür auf ein großes, umzäuntes Gelände — Autowracks, so weit das Auge reichte. Einige waren mit Planen abgedeckt, die meisten jedoch Wind und Wetter ausgesetzt.

Grace stand unter dem Regenschirm und musterte einen Lieferwagen von Rentokil, der nach einem schlimmen Frontalzusammenstoß ausgebrannt war — kaum zu glauben, dass jemand darin überlebt hatte. Dann fiel sein Blick auf einen Porsche, der auf halbe Länge zusammengedrückt war. Und einen Toyota, dem das komplette Dach fehlte.

Hier wurde ihm immer ganz flau im Magen. Grace hatte nie bei der Verkehrspolizei gearbeitet, als Streifenpolizist aber zahlreiche Unfälle miterlebt, die ihm an die Nieren gegangen waren. Es konnte jeden treffen. Menschen brachen fröhlich zu einer Reise auf, und Augenblicke später, in Sekundenbruchteilen, womöglich ohne eigenes Verschulden, verwandelte sich ihr Wagen in ein Ungeheuer, das sie zerschmetterte, ihnen Gliedmaßen abtrennte oder sie bei lebendigem Leib röstete.

Er schauderte. Alle Fahrzeuge, die hier hinter Schloss und Riegel landeten, waren an schweren oder tödlichen Unfällen beteiligt gewesen. Sie wurden sichergestellt, bis die Ermittler der Unfallabteilung, manchmal auch vom Erkennungsdienst, alle erforderlichen Informationen gesammelt hatten. Danach wurden die Wagen verschrottet.

Der fette Mann im Overall deutete auf einen verbogenen, weißen Metallhaufen, dem ein Teil des Daches und die Windschutzscheibe fehlten. Fahrerkabine und Laderaum waren auseinander gerissen, der Innenraum größtenteils mit weißer Folie ausgekleidet. »Der ist es.«

Schweigend betrachteten Grace und Branson das Wrack. Einen unbehaglichen Moment lang war Grace wie gelähmt von dem entsetzlichen Anblick. Dann gingen sie um den Wagen herum. Schlamm auf den Radkappen, noch mehr zäher Schlamm an Türschwellen, Dreckspritzer bis hinauf zum Lack, die nun langsam im Regen zerliefen.

Er gab Branson den Schirm und zerrte an der verzogenen Fahrertür, wobei ihn der widerliche Gestank von sich zersetzendem Blut überfiel. Egal, wie oft er so etwas erlebte, es war immer wieder furchtbar. Es roch wie der Tod selbst.

Er hielt den Atem an und riss die Folie weg. Man hatte das Lenkrad abgesägt und den Fahrersitz nach hinten umgelegt. Sitze, Boden und Armaturenbrett waren mit Blutflecken übersät.

Grace deckte sie wieder ab und stieg ein. Es war dunkel und unnatürlich still. Gruselig. Der Motor war teilweise in den Innenraum gedrückt worden, die Pedale ragten zu weit vor. Er griff ins Handschuhfach und holte das Bordbuch, ein Päckchen Parkgutscheine, Tankquittungen und einige unbeschriftete Musikkassetten heraus. Er gab sie Glenn.

»Hör lieber mal rein.«

Branson steckte sie ein.

Grace bückte sich, damit er sich nicht an dem gezackten Riss im Dach verletzte, und stieg in den Laderaum. Seine Schritte hallten auf dem gewölbten Metallboden. Er öffnete eine Hintertür, um mehr Licht zu haben. Ein Benzinkanister aus Kunststoff, ein Ersatzreifen, ein Kreuzschlüssel und ein Strafzettel im Plastiktütchen, der mehrere Tage vor dem Unfall ausgestellt worden war. Er reichte ihn an Branson weiter. Dann fanden sich noch ein einsamer linker Adidas-Turnschuh und eine Bomberjacke aus Nylon. Er tastete die Taschen ab, holte ein Päckchen Zigaretten, ein Plastikfeuerzeug und eine Quittung von einer Reinigung in Brighton heraus. Branson tütete alles ein.

Grace sah sich noch einmal sorgfältig um, damit er auch nichts übersah. Er kletterte hinaus, schlüpfte unter den Schirm und fragte: »Wem gehört der Wagen?«

»Houlihan’s, dem Bestatter in Brighton. Einer der Jungs hat da gearbeitet — die Firma gehört seinem Onkel.«

»Vier Begräbnisse — das gibt Mengenrabatt«, sagte Grace erbittert.

»Manchmal bist du wirklich krank.«

Grace überlegte. »Hast du mit den Leuten bei Houlihan’s gesprochen?«

»Ich habe mich gestern Nachmittag mit dem Besitzer, Mr Sean Houlihan, unterhalten. Er ist sehr erschüttert. Sein Neffe sei ein fleißiger, hilfsbereiter Mensch gewesen.«

»Sind sie das nicht alle? Und er hat ihm erlaubt, den Wagen zu nehmen?«

Branson schüttelte den Kopf. »Nein. Er sagt, es passe gar nicht zu ihm, dass er ihn einfach genommen hat.«

Roy Grace dachte nach. »Wofür wurde der Lieferwagen normalerweise benutzt?«

»Um Leichen abzuholen. In Krankenhäusern, Hospizen, Altenheimen, überall da, wo sie keinen Leichenwagen sehen möchten. Hast du Hunger?«

»Jetzt nicht mehr.«

29

ZEHN MINUTEN SPäTER saßen sie an einem wackligen Ecktisch in einem menschenleeren Pub und warteten auf ihr Essen. Grace hatte ein Pint Guinness vor sich, Branson eine Cola light. Neben ihnen befand sich ein höhlenartiger Kamin voller Holzscheite, die nicht brannten, und an den Wänden hing eine Sammlung landwirtschaftlicher Artefakte. Grace mochte diese urwüchsigen Pubs auf dem Land, die ihm sehr viel lieber waren als neumodische Kneipen mit unecht klingenden Namen, die zur wachsenden Charakterlosigkeit der Städte beitrugen.

»Hast du sein Handy überprüft?«

»Der Bericht kommt heute Nachmittag.«

»Nr. 12?«

Grace schaute hoch zu der Kellnerin, die ein Tablett herantrug. Steak-und-Nieren-Pudding für ihn, Schwertfisch mit Salat für Branson.

Grace schnitt mit seinem Messer in den weichen Teig, worauf Dampf und Bratensoße hervorquollen.

»Das ist Herzinfarkt auf Raten«, schalt ihn Branson. »Weißt du, was da drin ist? Rindertalg. Igitt.«

Grace schaufelte sich Senf auf den Teller. »Nicht das Essen ist das Problem, sondern der Kopf, den man sich darum macht. Das Grübeln bringt dich um.«

Da Branson auf seinem Fisch kaute, fuhr Grace fort: »Ich habe gelesen, dass der Quecksilbergehalt von Seefisch sehr hoch ist. Man sollte ihn nicht öfter als einmal pro Woche essen.«

Branson kaute langsamer, er schien sich etwas unbehaglich zu fühlen. »Wo hast du das denn her?«

»Aus Nature, glaube ich. Das ist so ungefähr die angesehenste wissenschaftliche Zeitschrift der Welt.« Grace lächelte, genoss den Gesichtsausdruck seines Freundes.

»Scheiße, wir essen so ziemlich jeden Abend Fisch. Quecksilber?«

»Du endest noch als Thermometer.«

»Das ist nicht witzig — ich meine —« Zwei laute Piepser ließen ihn verstummen.

Grace holte sein Handy aus der Tasche und schaute aufs Display.

Warum antwortest du nicht, Big Boy? Claudine xx

»Gott, die hat mir gerade noch gefehlt«, stöhnte er. »Die geile Kaninchenkocherin.«

Branson hob die Augenbrauen. »Gesundes Fleisch. Nicht aus Massentierhaltung.«

»Die hier ist nicht gesund, und Fleisch isst sie auch nicht. Ich dachte eigentlich an den Film mit Glenn Close.«

»Eine verhängnisvolle Affäre? Michael Douglas und Anne Archer, 1987. Toller Film, lief am Samstag auf Sky.«

Grace zeigte ihm die SMS.

Branson grinste. »Big Boy, was?«

»So weit ist es nicht gekommen und wird es auch nie kommen.«

Dann klingelte Bransons Handy. »Hallo? Gut, ich bin in einer Stunde da.« Er beendete das Gespräch und legte das Telefon auf den Tisch. »Wir haben eben die Verbindungsnachweise von Michael Harrison bekommen. Willst du mitkommen und mir helfen?«

Grace überlegte und schaute in seinen elektronischen Terminkalender. Er hatte sich den Nachmittag freigehalten, um Papierkram im Zusammenhang mit dem Hossain-Prozess zu erledigen, mit dem ihn Alison Vosper bei ihrer Besprechung beauftragt hatte. Außerdem musste er den Bericht über Tommy Lytle lesen. Andererseits hatte der Fall siebenundzwanzig Jahre gewartet, da machte ein Tag mehr auch keinen Unterschied. Während die Suche nach Michael Harrison dringlich war. Er fühlte mit den beteiligten Personen, vor allem der Verlobten, wenngleich er sie nicht kannte; er wusste genau, wie es war, wenn ein geliebter Mensch verschwand. Wenn er ihnen helfen konnte, würde er es tun.

»Natürlich.«

Branson aß seinen Salat, ohne den Fisch noch einmal anzurühren, während Grace genießerisch den Steak-und-Nieren-Pudding verzehrte. »Vor einer Weile habe ich gelesen, dass die Franzosen mehr Rotwein trinken als die Engländer und trotzdem älter werden«, sagte er dann. »Die Japaner essen mehr Fisch als wir, trinken weniger Wein und leben ebenfalls länger. Die Deutschen essen mehr rotes Fleisch als wir und trinken mehr Bier, und auch sie leben länger. Kennst du die Moral von der Geschichte?«

»Nein.«

»Nicht das Essen oder Trinken bringt uns um — sondern die englische Sprache.«

Branson grinste. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich mag. Du schaffst es immer, mir ein schlechtes Gewissen zu machen.«

»Lass uns Michael Harrison finden, dann kannst du dein Wochenende genießen.«

Branson schob seinen Fisch beiseite und trank die Cola aus.

»Voller Aspartam, die Brühe«, bemerkte Grace missbilligend. »Ich habe mal von einer Theorie gelesen, nach der man davon Lupus bekommen kann.«

»Was bitte ist Lupus?«

»Auf jeden Fall ist es schlimmer als Quecksilber.«

»Danke, Big Boy.«

»Höre ich da etwa Eifersucht heraus?«

___________

Als sie durch den Hintereingang das unscheinbare, zweistöckige Gebäude betraten, in dem die Polizeiwache von Brighton untergebracht war, spürte Grace eine leise Sehnsucht. Die Wache stand im Ruf, die hektischste in ganz Großbritannien zu sein. Alles summte und brummte vor Aktivität, er hatte hier fünfzehn Jahre lang mit großer Begeisterung gearbeitet. Genau dieses Durcheinander fehlte ihm in seiner jetzigen Dienststelle.

Als sie die Betontreppe hinaufgingen, zu beiden Seiten blaue Wände und die vertrauten Anschlagbretter, die von Veranstaltungen und Verfahren kündeten, roch er förmlich die Aktivität dieser Wache. Es roch nicht nach Krankenhaus, Schule oder Verwaltung, sondern nach purer Energie.

Sie kamen durch den dritten Stock, in dem er sein Büro gehabt hatte, und gingen in der darüber liegenden Etage durch einen Flur, in dem ein großes Schild verkündete: AUFKLäRUNGSRATE INSGESAMT — APRIL: 27,8%. Er folgte Branson in das lange, schmale Büro, das sein Kollege als Einsatzraum für den Fall Harrison ausgewählt hatte. Sechs Schreibtische, sechs PCs. Zwei waren von Ermittlern besetzt, die er kannte und schätzte — DC Nick Nicholas und DS Bella Moy. Auf einer Staffelei stand ein Flipchart, daneben hingen eine weiße Tafel und eine großformatige Karte von Sussex, die mit bunten Stecknadeln markiert war.

»Kaffee?«, fragte Branson.

»Im Moment nicht.«

Sie blieben an Bellas Tisch stehen, der mit ordentlichen Papierhäufchen bedeckt war. Mitten drin lag eine Tüte Malteser. Bella deutete auf die Papiere: »Das sind Michael Harrisons Verbindungsnachweise von Dienstagmorgen bis neun Uhr heute früh. Ich habe die Nachweise der anderen vier gleich mitgeordert.«

»Gute Idee«, lobte Branson.

Sie deutete auf die Landkarte auf ihrem Computerbildschirm: »Hier habe ich die Sendemasten der Mobilfunknetze markiert, die die fünf Männer benutzt haben — Orange, Vodafone und T-Mobile. Orange und T-Mobile haben eine höhere Frequenz als Vodafone, das Michael Harrison benutzt. Das letzte Signal seines Mobiltelefons kam von der Basisstation am Sendemast Pippingford Park an der A22. Aber ich habe festgestellt, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass dieser am nächsten dran ist. Wenn das Netz überlastet ist, werden die Signale an den nächsten verfügbaren Mast weitergeleitet.«

Die Frau wird es noch weit bringen, dachte Grace. Er betrachtete die Karte und sagte: »Wie groß ist die Entfernung zwischen den Masten?«

»In Städten etwa fünfhundert Meter. Auf dem Land können es mehrere Kilometer sein.«

Grace wusste aus Erfahrung, dass die Mobilfunkunternehmen ein Netz von Sendemasten nutzten, die so genannte Beacon-Signale empfingen. Egal, ob sich Handys im Standby- oder Sprechmodus befanden, sie sendeten ständig Signale an den nächsten Mast. Daher war es einfach, die Bewegungen eines Mobilfunknutzers nachzuvollziehen, zumindest in Städten. Auf dem Land würde es schwieriger werden.

Bella ging zu der Landkarte an der Wand. Sie zeigte auf die blaue Stecknadel in der Stadtmitte von Brighton, die von einer grünen, roten, gelben und weißen Nadel umgeben war. »Ich habe Michael Harrisons Handy mit blauen Nadeln markiert. Die anderen vier haben die übrigen Farben.«

Grace folgte ihrem Finger mit den Augen. »Hier sehen wir, dass alle fünf Nadeln von sieben Uhr bis neun Uhr abends zusammen geblieben sind.« Sie deutete auf drei verschiedene Stellen. »Da befindet sich jeweils ein Pub. Nun wird es interessant.« Sie deutete auf eine Stelle ein Stück nördlich von Brighton. »Alle fünf Nadeln eng beieinander. Dann nur noch vier. Genau hier.«

»Grün, rot, gelb und weiß. Aber keine blaue.«

»Exakt.«

»Gab es danach noch irgendwelche Bewegungen der blauen Nadel?«

»Keine.«

»Also haben sie sich getrennt«, warf Grace ein. »So gegen acht Uhr fünfundvierzig?«

»Außer er hat sein Handy irgendwo verloren.«

»Natürlich.«

»Wir sprechen also über einen Radius von etwa acht Kilometern etwa fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Brighton?«, erkundigte sich Branson.

»Sendet sein Handy noch Signale aus?«, fragte Grace, ein wenig abgelenkt durch Bellas Kombination aus gutem Aussehen und klugem Kopf. Er war ihr schon begegnet, hatte sie aber bisher nicht richtig wahrgenommen. Sie war wirklich hübsch und hatte, falls sie ihren BH nicht auspolsterte, ausgesprochen große Brüste — was ihn schon immer angemacht hatte. Er zwang sich, wieder an die Arbeit zu denken, warf aber noch einen verstohlenen Blick auf ihre Hand. Ein Saphirring, aber nicht am rechten Ringfinger. Das musste er sich merken.

»Das letzte Signal kam am Dienstagabend um acht Uhr fünfundvierzig. Danach nichts mehr.«

»Was halten Sie davon, Bella?«, fragte Grace.

Sie überlegte und fixierte ihn mit wachen, blauen Augen, in denen er jedoch nichts als den nüchternen Respekt vor einem Vorgesetzten las. »Ich habe mit einem Techniker der Telefongesellschaft gesprochen. Er sagt, entweder ist das Handy seit Dienstagabend ausgeschaltet oder es befindet sich in einer Gegend ohne Empfang.«

Grace nickte. »Dieser Michael Harrison ist ein ehrgeiziger und aktiver Geschäftsmann. Er soll morgen heiraten, eine überaus schöne Frau, wie es heißt. Zwanzig Minuten vor dem tödlichen Verkehrsunfall, bei dem vier seiner besten Freunde sterben, geht sein Handy aus. Er hat im vergangenen Jahr heimlich Firmengelder auf die Cayman Islands transferiert — mindestens eine Million Pfund. Und sein Geschäftspartner, der an dem fatalen Junggesellenabend hätte teilnehmen sollen, war aus irgendwelchen Gründen nicht dabei. Ist das so weit richtig?«

»Ja«, bestätigte Glenn Branson.

»Also könnte er auch tot sein. Oder er hat sich auf geniale Weise aus dem Staub gemacht.«

»Wir müssen die Gegend überprüfen, die Bella abgesteckt hat. Alle Pubs aufsuchen, in denen er gewesen sein könnte. Mit allen reden, die ihn kennen.«

»Und dann?«

»Fakten, Glenn, wir müssen erst einmal Fakten sammeln. Wenn die uns nicht zu ihm führen, können wir immer noch spekulieren.«

Bellas Telefon klingelte. Sie hob ab, und ihr Gesicht verriet ihnen, dass es wichtig war.

»Sind Sie sicher? Seit Dienstag? Genau wissen Sie es nicht? Und niemand sonst könnte ihn genommen haben?« Nach einer Pause sagte sie: »Nein, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Vielen Dank, das könnte wirklich von Bedeutung sein. Darf ich mir Ihre Nummer notieren?«

Grace sah, wie sie den Namen Sean Houlihan und die Rufnummer auf einen Notizblock schrieb. »Vielen Dank, Mr Houlihan, wir melden uns wieder bei Ihnen.«

Sie hängte ein und sah Grace und Branson an. »Das war Mr Houlihan, der Besitzer des Bestattungsinstituts, in dem sein Neffe Robert Houlihan gearbeitet hat. Er hat soeben entdeckt, dass ihm ein Sarg fehlt.«

30

»WIE, IHM FEHLT EIN SARG?«, fragte Glenn Branson.

»Nicht gerade das, was man so stiehlt, oder?«, bemerkte Bella Moy.

Grace schwieg einen Moment, abgelenkt von einer Schmeißfliege, die lärmend durchs Zimmer summte und gegen ein Fenster prallte. Ein Stockwerk tiefer befand sich die Gerichtsmedizin. Blutbefleckte Kleidungsstücke und Beweismittel zogen Schmeißfliegen magisch an. Grace hasste die Viecher, sie waren die Geier der Insektenwelt. »Dieser Robert Houlihan leiht sich also ohne zu fragen den Lieferwagen seines Onkels. Denkbar, dass er sich dabei auch gleich einen Sarg ausgeliehen hat.« Er schaute Branson, Bella und Nick Nicholas fragend an. »Sollten wir es hier mit einem ganz üblen Scherz zu tun haben?«

»Du meinst, seine Kumpel haben ihn in einen Sarg verfrachtet?«, sagte Branson.

»Hast du eine bessere Idee?«

Branson lächelte nervös. »Ich arbeite noch dran, okay?«

Grace sah Bella an und dachte flüchtig, wie attraktiv sie doch war. »Wie sicher ist sich dieser Houlihan, dass sein Sarg entwendet und nicht nur irgendwie verlegt wurde?«

»Leute verlegen ihre Hausschlüssel, aber keine Särge«, meinte Branson ein wenig gereizt.

Bella unterbrach ihn. »Er ist sich sehr sicher. Es war sein teuerster Sarg im Programm, indisches Teakholz, hält angeblich Jahrhunderte. Nur hatte dieser hier eine Macke — das Holz hatte sich verworfen oder so — war von unten her nicht ganz dicht. Darum gab es auch Krach mit den Herstellern in Indien.«

»Nicht zu fassen, dass wir Särge aus Indien importieren! Gibt es in England etwa keine Schreiner mehr?«, rief Branson fassungslos.

Grace beschrieb mit dem Finger einen Kreis auf der Landkarte. »Ganz schön großes Gebiet.«

»Wie lange kann jemand in einem Sarg überleben?«, fragte Bella.

»Wenn der Deckel richtig drauf ist, käme es auf eine mögliche Luftzufuhr, Wasser und Nahrung an. Ohne Luft überlebt man nicht lange. Ein paar Stunden, höchstens einen Tag«, meinte Grace.

»Es sind schon drei Tage.«

Grace fiel ein, wie sein Vater von Menschen erzählt hatte, die man aus den Trümmern des Grand Hotel in Brighton gerettet hatte, das die IRA Mitte der achtziger Jahre in die Luft gesprengt hatte. Und erst kürzlich hatte er von einem Opfer gelesen, das man zwölf Tage nach einem Erdbeben in der Türkei aus den Überresten seines Hauses befreit hatte. »Mit Luft vielleicht eine Woche, vielleicht auch länger«, fuhr er fort. »Wir müssen davon ausgehen, dass sie, so blöd der Scherz auch sein mag, für Luftzufuhr gesorgt haben. Wenn nicht, suchen wir nach einer Leiche.«

Er sah die Mitglieder des Teams an. »Ich nehme an, ihr habt schon mit Mark Warren, dem Geschäftspartner, gesprochen.«

»Er ist gleichzeitig auch sein Trauzeuge«, erklärte Nicholas. »Angeblich hat er keine Ahnung, was passiert ist. Sie wollten eine Sauftour machen, und er konnte nicht mit, weil er mit dem Flugzeug festsaß.«

Grace sah stirnrunzelnd auf die Uhr. Ihnen lief die Zeit weg. »Normalerweise nimmt man keinen Sarg mit, wenn man auf Sauftour geht. So etwas entscheidet auch keiner spontan, oder?« Er sah sie eindringlich an.

Alle drei schüttelten den Kopf.

»Hat jemand mit den Ehefrauen und Freundinnen gesprochen?«

»Ich«, antwortete Bella. »Es ist nicht einfach, weil alle noch unter Schock stehen, aber eine war sehr wütend — Zoe …« Sie nahm ihren Notizblock zur Hand und blätterte darin. »Zoe Walker, die Witwe von Josh Walker. Sie sagte, Michael habe den anderen immer blöde Streiche gespielt, und sie sei sicher, dass sie sich dafür rächen wollten.«

»Und der Trauzeuge soll nichts davon gewusst haben? Das kaufe ich ihm nicht ab«, warf Grace ein.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nichts weiß. Aus welchem Grund sollte er denn lügen?«, gab Nicholas zu bedenken.

Grace fand die Naivität des jungen Ermittlers besorgniserregend, andererseits sollte der Nachwuchs zeigen, was er konnte. Er ließ es vorerst durchgehen, nahm sich aber vor, später noch einmal darauf zurückzukommen.

»Ein verdammt großes Gebiet zum Durchkämmen«, meinte Branson. »Dicht bewaldet, da könnten hundert Leute tagelang suchen.«

»Wir müssen es eingrenzen«, erwiderte Grace und nahm einen blauen Textmarker von Bellas Tisch, mit dem er einen Kreis auf die Karte zeichnete. »Nick, wir brauchen eine Liste sämtlicher Pubs in dieser Gegend. Damit müssen Sie anfangen.« Dann wandte er sich an Branson. »Hast du Fotos von den Jungs aus dem Lieferwagen?«

»Ja.«

»Braver Junge. Zwei Sätze?«

»Ein ganzes Dutzend.«

»Wir teilen uns auf. DS Branson und ich übernehmen die eine Hälfte der Pubs, Sie beide die andere. Mal sehen, ob wir den Hubschrauber kriegen können. Bei dem dichten Baumbestand sind die Chancen aus der Luft womöglich besser.«

___________

Eine Stunde später parkte Glenn Branson auf dem verlassenen Vorplatz des Pubs The King’s Head an der Straße nach Uckfield. Sie stiegen aus und gingen zur Tür, über der sich ein Schild mit der Aufschrift »Inh. John und Margaret Hobbs« befand.

Die Bar war verlassen, ebenso der freudlos wirkende Restaurantbereich zur Linken. Es roch nach Möbelpolitur und schalem Bier. In einer Ecke blinkte ein Spielautomat, daneben hing eine Dartscheibe.

»Hallo!«, rief Branson.

Grace beugte sich über die Theke und entdeckte eine offene Bodenklappe. Er ging hinter die Theke, kniete sich hin und rief in den Keller hinunter, der von einer schwachen Glühbirne erleuchtet wurde: »Hallo? Jemand da unten?«

»Bin gleich da«, erwiderte eine knurrige Stimme.

Er hörte ein Rumpeln, aus der Klappe tauchten kräftige, verschmutzte Hände auf, die ein graues Bierfass von Harvey’s hielten. Dann erschien ein bulliger Mann mit rotem Gesicht, der Jeans und ein weißes T-Shirt trug und stark schwitzte. Er hatte die Gestalt und die typische gebrochene Nase des Ex-Boxers. »Die Herren?«

Branson zeigte seinen Ausweis. »Detective Sergeant Branson und Detective Superintendent Grace von der Sussex Police. Wir suchen den Wirt. Sind Sie Mr Hobbs?«

»Der bin ich«, keuchte der Mann und richtete sich auf. Er stank unglaublich nach Schweiß.

»Würden Sie sich bitte diese Fotos ansehen und uns sagen, ob Sie jemanden erkennen. Möglicherweise waren die Männer am vergangenen Dienstag hier.« Branson legte die Fotos auf die Theke.

John Hobbs sah sich alle aufmerksam an und schüttelte dann den Kopf. »Nein, noch nie gesehen.«

»Waren Sie am Dienstagabend hier?«, erkundigte sich Grace.

»Ich bin jeden beschissenen Abend hier, sieben Tage die Woche. Dank Leuten wie Ihnen.«

»Leuten wie uns?«

»Ich meine Ihre Verkehrspolizei. Ist nicht einfach, von einem Pub auf dem Land zu leben, wenn eure Kollegen rumschleichen und meine Gäste dauernd blasen lassen.«

Grace ignorierte die Bemerkung. »Sind Sie ganz sicher, dass Sie niemanden erkennen?«

»Ich kann von Glück sagen, wenn mitten in der Woche zehn Leute kommen. Wenn sie hier gewesen wären, hätte ich sie gesehen. Ich erkenne keinen. Sollte ich?«

In solchen Momenten war Roy Grace wütend auf die Verkehrspolizei. Die meisten Menschen hatten nur Kontakt mit der Polizei, wenn sie geblitzt wurden oder blasen mussten. Daher betrachteten sie die Polizei auch nicht als Freunde und Ordnungshüter, sondern als Feind.

»Sehen Sie fern? Lesen Sie Zeitung?«, wollte Grace wissen.

»Nein, keine Zeit. Ist das ein Verbrechen?«

»Vier von diesen Männern sind tot«, sagte Glenn Branson, den die Haltung des Mannes allmählich ärgerte. »Sie starben am Dienstagabend bei einem Verkehrsunfall.«

»Und Sie kommen hier rein wie Graf Rotz und wollen einem armen Wirt die Schuld geben, weil er ihnen was zu trinken verkauft hat?«

»Das habe ich nicht gesagt«, entgegnete Grace. »Und das ist auch nicht meine Absicht. Ich suche nach dem Mann, der bei ihnen war.« Er deutete auf das Foto von Michael Harrison.

Der Wirt schüttelte den Kopf. »War nicht hier.«

Branson schaute nach oben. »Haben Sie eine Überwachungskamera?«

»Soll das ein Witz sein? Meinen Sie, ich hätte Geld für technische Spielereien? Wissen Sie, was meine Überwachungskamera ist? Das hier.« Er zeigte auf seine Augen. »Genau das. Ist sogar umsonst. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muss das Fass anschlagen.«

Branson und Grace gingen schweigend hinaus.

31

MICHAEL ZITTERTE. Etwas krabbelte durch seine Haare, arbeitete sich in Richtung Stirn vor. Es fühlte sich wie eine Spinne an.

Voller Panik ließ er die Gürtelschnalle los und fuhr sich wie wild durchs Haar. Seine Finger waren ganz wund vom Kratzen am Deckel. Dann lief es ihm übers Gesicht, huschte über Wange, Mund, Kinn.

»Hau ab, du Scheißvieh!« Er schlug sich mit beiden Händen ins Gesicht, fühlte etwas Kleines, Klebriges. Immerhin war es tot. Er wischte die Reste ab, spürte die dichten Bartstoppeln.

Mit Tieren hatte er nie Probleme gehabt, außer mit Spinnen. Als Kind hatte er in der Zeitung von einem Obsthändler gelesen, der von einer Tarantel gebissen worden war, die sich in einem Bündel Bananen versteckt hatte. Der Mann wäre beinahe gestorben.

Die Taschenlampe schien jetzt sehr schwach, tauchte den Sarg in einen dunklen Bernsteinton. Er musste den Kopf hoch halten, damit ihm das Wasser nicht in Augen und Mund stieg. Ein Insekt hatte ihn in den Knöchel gebissen, die Stelle juckte.

Er schüttelte die Lampe, worauf sie ganz ausging. Dann glomm noch einmal ein winziges Lichtfädchen auf.

Ihm war eiskalt. Nur das Kratzen am Deckel verhinderte, dass er ganz erstarrte. Noch immer kein Durchbruch. Er musste, musste es schaffen, bevor das Wasser — er wollte das Undenkbare verdrängen, doch es gelang ihm nicht. Das Wasser stieg weiter, bedeckte seine Beine und einen Teil der Brust. Das Walkie-Talkie hielt er schützend zwischen Brust und Sargdeckel.

Mit dem Wasser stieg auch die Verzweiflung. Daveys Worte kreisten in seinem Gehirn.

Ein Typ hing in der Windschutzscheibe, dem fehlte der halbe Kopf. Junge, da kam das Gehirn raus. Wusste sofort, dass der hinüber war. Nur ein Überlebender, aber der ist auch gestorben.

Der Wagentyp passte, Zeitpunkt und Ort ebenfalls. Pete, Luke, Josh, Robbo — waren sie wirklich alle tot? Und hatte ihn deswegen niemand herausgeholt? Aber Mark musste doch wissen, was sie vorhatten, immerhin war er sein Trauzeuge, Himmelherrgott noch mal! Er führte doch sicher einen Suchtrupp an, oder? Außer natürlich, ihm war auch etwas zugestoßen. Vielleicht war er im nächsten Pub zu ihnen gestoßen und hatte mit im Wagen gesessen?

Es war zehn nach vier am Freitagnachmittag. Michael versuchte sich auszumalen, was vorging. Was machte Ashley gerade? Seine Mutter? Taten alle noch so, als würde die Hochzeit wie geplant stattfinden?

Er hob den Kopf um kostbare Zentimeter an den Deckel und rief, wie er es regelmäßig tat: »Hilfe! Helft mir! Hilfe!«

Nur betäubendes Schweigen.

Ich muss hier raus.

Ein Zischen, ein Knistern, dann ertönte das vertraute Rauschen. Die körperlose Südstaatenstimme fragte: »Meinst du ehrlich, ich komm ins Fernsehen?«

»Davey?«

»Hey, Kumpel, wir sind gerade zurück — Mensch, was für ein Wrack! In dem Auto hättest du nicht sitzen wollen, das kannst du mir glauben. Haben zwei Stunden gebraucht, um den Fahrer rauszuschneiden, sah übel aus. Aber besser als die Frau in dem anderen Wagen, kapiert?«

»Ja, kapiert«, erwiderte Michael, damit er zufrieden war.

»Da bin ich mir nicht so sicher. Ich will sagen, sie war tot. Klaro?«

»Tot? Ja, alles klar.«

»Man sieht ihnen einfach an, ob sie’s packen oder nicht. Aber auch nicht immer. Aber, Mensch, ich sag dir was!«

»Davey, weißt du noch, wie viele junge Männer in dem Autowrack waren, das du am Dienstag gesehen hast?«

Nach kurzem Schweigen sagte er: »Ich zähl immer die Krankenwagen. Bei schlimmen Unfällen haben sie einen für jeden. Einer fuhr weg, als wir kamen, einer war noch da.«

»Davey, hast du zufällig die Namen der Opfer gehört?«

Zu Michaels großer Überraschung rasselte Davey die Namen prompt herunter. »Josh Anderton, Luke Smithson, Peter Waring, Robert Houlihan.«

»Du hast ein gutes Gedächtnis, Davey«, ermutigte er ihn. »Sonst noch jemand? War auch ein Mark Warren in dem Wagen?«

Davey lachte. »Ich vergesse nie einen Namen. Wenn Mark Warren drin gewesen wär, wüsste ich es. Ich weiß jeden Namen, den ich mal gehört hab, und auch wann.«

»Kam dir im Geschichtsunterricht sicher zugute.«

»Kann sein«, erwiderte Davey unbestimmt.

Michael bezwang den Drang, ihn aus lauter Frust anzubrüllen, und sagte geduldig: »Weißt du, wo genau der Unfall passiert ist?«

»A 26. Drei Komma acht Kilometer südlich von Crowborough.«

Michael spürte einen Hoffnungsschimmer. »Ich glaube, ich bin hier ganz in der Nähe. Kannst du fahren, Davey?«

»Ein Auto?«

»Genau das meine ich.«

»Kommt drauf an, was du mit fahren meinst.«

Michael schloss die Augen. Irgendwie musste er doch zu diesem Typen durchdringen. Aber wie? »Davey, ich brauche Hilfe, ganz dringend. Magst du Spiele?«

»Computerspiele? Klar! Hast du eine PlayStation 2?«

»Ich hab sie gerade nicht dabei.«

»Können wir vielleicht online spielen?«

Michael schwappte Wasser in den Mund, das er in Panik ausspie. Gott, stieg das schnell. »Davey, wenn ich dir eine Telefonnummer gebe, rufst du dann für mich an? Du musst jemandem sagen, wo ich bin. Könntest du jemanden in der Leitung halten, während du mit mir sprichst?«

»Houston, wir haben ein Problem.«

»Welches Problem?«

»Das Telefon ist nämlich im Haus von meinem Dad. Er weiß nicht, dass ich das Walkie-Talkie hab — ich darf das eigentlich nicht. Ist unser Geheimnis.«

»Okay, ich kann ein Geheimnis für mich behalten.«

»Mein Dad wär ganz schön wütend.«

»Meinst du nicht, er wäre noch wütender, wenn du mich sterben lässt, obwohl du mir das Leben hättest retten können? Ich glaube, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der weiß, wo ich bin.«

»Okay, ich sag es keinem.«

Wieder schwappte ihm Wasser in den Mund — dreckiges, brackiges Wasser. Er spuckte es aus. Die Muskeln in Armen und Hals schmerzten, weil er den Kopf krampfhaft hoch halten musste. »Davey, ich sterbe, wenn du mir nicht hilfst. Du könntest ein Held werden. Willst du ein Held werden?«

»Ich muss los. Mein Dad ist draußen — er braucht mich.«

Michael verlor die Beherrschung und brüllte los. »Nein, Davey, du rennst jetzt nirgendwo hin. Du musst mir helfen. SCHEISSE, DU MUSST MIR EINFACH HELFEN!«

Langes Schweigen, und Michael fürchtete schon, er wäre zu weit gegangen. »Davey?«, fragte er sanfter. »Bist du noch da?«

»Ich bin noch da.« Seine Stimme klang jetzt kleinlaut wie die eines Jungen, der etwas ausgefressen hat.

»Davey, ich gebe dir jetzt eine Telefonnummer. Schreib sie auf, und ruf für mich an. Sag, dass ich mit den Leuten über das Walkie-Talkie sprechen muss — und dass es sehr, sehr dringend ist. Tust du das für mich?«

»Okay. Sagen, dass es sehr, sehr dringend ist.«

Michael nannte ihm die Nummer. Davey sagte, er werde anrufen und sich wieder melden.

Fünf quälende Minuten später hörte Michael wieder seine Stimme. »War nur eine Mailbox dran.«

Michael ballte die Fäuste. »Hast du eine Nachricht hinterlassen?«

»Nein. Davon hast du nichts gesagt.«

32

DIE WIRTIN von The Friars in Uckfield war eine hoch gewachsene Blondine Ende vierzig mit Stachelhaar, die wirkte, als hätte sie schon einiges von der Welt gesehen. Sie begrüßte Grace und Branson mit einem freundlichen Lächeln und betrachtete eingehend die Fotos, die sie ihr auf den Tresen legten.

»Hm, die waren hier, alle fünf«, bestätigte sie dann. »Mal überlegen … das war so gegen acht am Dienstag.«

»Sicher?«, fragte Branson.

Sie zeigte auf das Foto von Michael Harrison. »Er sah ein bisschen fertig aus, war aber ganz süß.« Dann kam Josh an die Reihe. »Er hat die Drinks bestellt, eine Runde Bier, glaube ich, und ein paar Kurze. Der Typ hier« — sie deutete auf Michael — »sagte, er würde am Samstag heiraten. Ich sei die schönste Frau, der er je begegnet sei, und wenn er mich früher getroffen hätte, wäre ich die Glückliche gewesen.«

Sie grinste Branson an und warf Grace ein aufreizendes Lächeln zu. Sie wusste, wie man mit der Polizei umging, dachte er. Die örtlichen Beamten fraßen ihr zweifellos aus der Hand, sodass sie sich keine Sorgen um die Sperrstunde machen musste.

»Haben Sie zufällig gehört, was die Männer vorhatten?«, fragte Grace.

»Nein, Schätzchen, aber sie waren bester Stimmung. Es war ziemlich leer, sie haben da drüben in der Ecke gesessen.« Sie zeigte auf eine Nische mit Tisch und Stühlen, über denen Zierplaketten von alten Pferdegeschirren hingen. »Ich habe nicht weiter auf sie geachtet, weil ein Stammgast von seinen Eheproblemen erzählte. Sie kennen das ja.«

»Klar«, bestätigte Grace.

»Also wissen Sie nicht, wohin sie danach wollten?«, erkundigte sich Branson.

Sie schüttelte den Kopf. »Sah nach einer mittelschweren Sauftour aus. Kippten die Drinks runter und verschwanden wieder.«

»Haben Sie hier eine Überwachungskamera?«

Sie bedachte Grace mit einem weiteren koketten Lächeln. »Nein, Schätzchen, tut mir Leid.«

Als sie das Pub verließen und durch den strömenden Regen zu ihrem Wagen eilten, hörte Grace in der Ferne einen Hubschrauber. Er sah hoch, konnte aber nichts erkennen. Sie stiegen ein und knallten die Türen zu, dann rief Grace Bella und Nick an.

»Wie läuft es?«

»Übel«, entgegnete Nicholas. »Nichts Brauchbares. Zwei Pubs haben wir noch. Und bei Ihnen?«

»Noch drei.«

Branson ließ den Motor an. »Ganz schön flott, die Lady«, sagte er zu Grace. »Die wäre nicht abgeneigt.«

»Danke, nach dir.«

»Ich bin glücklich verheiratet. Aber du solltest nicht so wählerisch sein.«

Roy Grace schaute auf sein Handy und dachte an die SMS von Claudine, der polizistenhassenden Veganerin aus Guildford. »Du hast Glück. Mir scheint, die Hälfte aller unverheirateten Frauen ist übergeschnappt.«

Er schwieg einen Moment. »Der Unfall passierte um kurz nach neun. Womöglich war es das letzte Pub, bevor sie ihn in den Sarg legten.«

»Eins hätte zeitlich noch dazwischen gepasst.«

Sie suchten die nächsten drei Pubs auf, doch konnte sich niemand an die jungen Männer erinnern. Nick und Bella stießen auf einen einzigen Wirt, der sie gesehen hatte. Sie waren gegen acht Uhr dreißig gegangen und alle sehr betrunken gewesen. Das Pub lag etwa acht Kilometer entfernt, was Grace ziemlich mutlos machte. Nach all der Mühe waren sie der Frage, wo Michael Harrison stecken konnte, keinen Schritt näher gekommen.

»Wir sollten mit seinem Partner sprechen«, schlug Grace vor. »Wenn er Trauzeuge ist, muss er etwas wissen, meinst du nicht auch?«

»Ich finde, wir sollten die Gegend systematisch durchsuchen.«

»Ja, aber wir müssen das Gebiet eingrenzen.«

Branson ließ den Motor an. »Du hast mal gesagt, du kennst einen Typen, der irgendwas mit einem Pendel macht.«

Grace sah ihn erstaunt an. »Ja, und?«

»Ich weiß den Namen nicht mehr. Du hast gesagt, er kann verloren gegangene Dinge finden, indem er ein Pendel über einer Landkarte schwingen lässt.«

»Ich dachte, du glaubst nicht an so was. Du behauptest doch immer, ich sei ein Idiot, weil ich mich mit solchen Dingen abgebe. Und nun schlägst du vor, wir sollen zusammen hingehen?«

»Ich bin verzweifelt, Roy, mir fällt nichts Besseres ein.«

»Wir machen weiter wie bisher.«

»Vielleicht ist es ja einen Versuch wert.«

Grace lächelte. »Ich habe dich immer für einen Skeptiker gehalten.«

»Bin ich auch. Aber wir suchen einen Burschen, der morgen um zwei Uhr vor den Altar treten soll, und haben —« er sah auf die Uhr »nur noch zweiundzwanzig Stunden, um ihn dorthin zu schaffen. Und etwa achtzig Quadratkilometer Wald, den wir durchkämmen müssten. Und nur noch vier Stunden Tageslicht. Was sagst du dazu?«

Insgeheim war Grace der Ansicht, dass Harry Frame einen Versuch lohnte, bezweifelte aber angesichts des Fiaskos im Gerichtssaal, ob er wirklich seine Karriere dafür aufs Spiel setzen wollte. »Wir sollten zunächst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen, okay?«

»Angst vor dem Boss?«, neckte ihn Branson.

»Wenn du so alt bist wie ich, sorgst du dich auch um deine Pension.«

»Erinnere mich in dreißig Jahren noch mal dran.«

33

ASHLEY HARPER WOHNTE in einem winzigen viktorianischen Reihenhaus in der Nähe einer Bahnlinie. Die Gegend war früher das Arbeiterviertel von Hove gewesen, galt nun aber als zunehmend trendige — und kostspielige — Enklave für Singles und Leute, die ihr erstes Eigenheim kauften. Davon zeugten auch die Autos und die eleganten Haustüren.

Grace und Branson stiegen aus und gingen an einem Golf GTI und einem Renault Cabrio vorbei zum Haus Nr. 119, vor dem ein silberner Audi TT parkte.

Auf ihr Klingeln hin öffnete eine wunderschöne Frau Ende zwanzig die Tür und bedachte Branson mit einem traurigen Lächeln des Wiedererkennens.

»Hallo, Ashley«, sagte er. »Darf ich Ihnen meinen Kollegen Detective Superintendent Grace vorstellen? Wir würden gern mit Ihnen sprechen.«

»Kommen Sie doch herein. Gibt es etwas Neues?«

Grace war verblüfft über den Unterschied zwischen Fassade und Innenleben des Hauses, das von einem kühlen Minimalismus geprägt war. Weißer Teppich, weiße Möbel, graue Metalljalousien, an der Wand ein großer gerahmter Druck von Jack Vettriano, auf dem vier Typen in schicken Anzügen zu sehen waren. Auf einer HiFi-Anlage an der Wand tanzten bunte Lichtpunkte. Die schlichte, ziffernlose Wanduhr zeigte zwanzig nach sechs.

Sie bot ihnen etwas zu trinken an. Branson bekam ein Mineralwasser in geschmackvollem Glas; Grace, der neben ihm auf einem langen Sofa Platz genommen hatte, einen schwarzen Kaffee im eleganten weißen Keramikbecher.

»Man hat Ihren Verlobten am Dienstagabend in drei verschiedenen Pubs im Gebiet um Ashdown Forest gesehen«, erklärte Branson. »Die Zeugen haben auch bestätigt, dass er in Begleitung von vier Männern dort war — die Ihnen bekannt sein dürften. Aber uns liegen keine Informationen darüber vor, was sie planten, außer sich zu betrinken.«

»Michael ist kein großer Trinker«, sagte sie trostlos und umklammerte ihr Rotweinglas mit beiden Händen.

»Erzählen Sie mir von ihm«, bat Grace und sah sie aufmerksam an.

»Was denn?«

»Alles. Wie haben Sie ihn kennen gelernt?«

Ashley lächelte und wirkte sichtlich entspannter. »Ich hatte ein Vorstellungsgespräch bei ihm und seinem Partner.«

»Mark Warren?«

Ein kaum merkliches Zögern, das Grace nicht entging. »Ja.«

»Und wo haben Sie vorher gearbeitet?«

»Bei einer Immobilienfirma in Toronto. Ich war gerade erst nach England zurückgekehrt, als ich die Stelle bekam.«

»Zurückgekehrt?«

»Ich bin gebürtige Engländerin — hier sind meine Wurzeln.« Sie lächelte.

»Bei welcher Firma in Toronto?«

»Kennen Sie sich dort aus?«, fragte sie ein wenig überrascht.

»Ich habe vor etwa zehn Jahren eine Woche bei der Royal Canadian Mounted Police verbracht — im Kriminallabor.«

»Also, es war eine kleine Firma, sie gehörte zum Bay-Konzern.«

Grace nickte. »Demnach haben Michael Harrison und Mark Warren Sie gemeinsam eingestellt.«

»Hm, ja.«

»Und?«

»Der Job war toll — gut bezahlt — und ich wollte alles über das Immobiliengeschäft in England lernen. Außerdem schienen sie wirklich nett zu sein. Ich — hm — ich«, sie errötete, »ich fand Michael sehr attraktiv, war aber überzeugt, dass er verheiratet war oder eine Freundin hatte.«

»Verzeihen Sie, wenn ich persönlich werde, aber wann wurden Sie und Michael ein Paar?«, erkundigte sich Grace.

Nach kurzer Pause entgegnete sie: »Sehr schnell — nach einem Monat, glaube ich. Aber wir mussten es geheim halten, weil Michael sich Sorgen machte, Mark könnte es herausfinden. Er dachte, es würde schwierig für Mark, wenn er — na ja — etwas mit mir hatte.«

Grace nickte. »Und wann hat Mark es herausgefunden?«

Sie wurde rot. »Eines Tages kam er ins Büro, als wir nicht mit ihm gerechnet hatten.«

Grace lächelte. Er fühlte mit ihr, sie besaß eine verletzliche Ausstrahlung, die wohl in allen Männern ein Schutzbedürfnis weckte. Auch er empfand bereits so, obwohl er sie erst ein paar Minuten kannte. »Und dann?«

»Eine Weile war es irgendwie unangenehm. Ich schlug Michael vor zu kündigen, aber er wollte nichts davon wissen.«

»Und Mark?«

Grace bemerkte ein winziges Zucken, ein kaum merkliches Anspannen der Gesichtsmuskeln. »Er kam damit klar.«

»Also hat es Ihre berufliche Beziehung nicht beeinträchtigt?«

»Nein.«

Grace behielt ihre Augen genau im Blick. »Wussten Sie etwas von einer Offshore-Firma auf den Cayman Islands?«

Sie blickte rasch zu Branson und wieder zu Grace. »Nein — ich — davon weiß ich nichts.«

»Hat Michael je mit Ihnen über Steueroasen für sich und Mr Warren gesprochen?«

Plötzlich wirkte sie unerwartet zornig. »Was soll das? Sind Sie von der Polizei oder vom Finanzamt?«

»Wenn wir Ihren Verlobten finden sollen, müssen Sie uns helfen, ihn näher kennen zu lernen. Sagen Sie uns bitte alles, auch das, was Ihnen unwichtig erscheint.«

»Ich will nur, dass Sie ihn finden. Lebend. Bitte.«

»Hat Ihr Verlobter nicht mit Ihnen über den Junggesellenabschied gesprochen?«, fragte Grace und erinnerte sich, wie er selbst damals Sandy mit einer detaillierten Reiseroute versorgt und sie ihn in den frühen Morgenstunden gerettet hatte, nachdem man ihn nackt bis auf die Socken auf einem Briefkasten in einer Nebenstraße von Brighton ausgesetzt hatte.

Sie schüttelte den Kopf. »Sie wollten nur einen trinken.«

»Was werden Sie tun, wenn er bis zur Hochzeit morgen nicht auftaucht?«, fragte Branson.

Tränen liefen über ihre Wangen. Sie verließ das Zimmer und kam mit einem bestickten Taschentuch zurück, mit dem sie sich die Augen betupfte. Dann begann sie zu schluchzen. »Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Bitte, finden Sie ihn, ich liebe ihn so sehr. Ich halte das nicht mehr aus.«

Nachdem sie sich beruhigt hatte, sagte Grace wieder mit Blick auf ihre Augen: »Sie haben für beide als Sekretärin gearbeitet. Hat Mark Ihnen denn nicht gesagt, was sie vorhatten?«

»Es war doch bloß ein Männerabend. Ich war ja auch mit den Mädels unterwegs, Sie wissen schon. Das war alles.«

»Ist Ihnen bekannt, dass Michael einen gewissen Ruf als Scherzbold genoss?«

»Michael hat wirklich Humor — das liebe ich ja so an ihm.«

»Ist Ihnen etwas über einen Sarg bekannt?«

Sie setzte sich abrupt auf und verschüttete beinahe ihren Wein. »Einen Sarg? Was soll das heißen?«

Branson erklärte es behutsam. »Einer seiner Freunde, ein gewisser Robert Houlihan — kennen Sie ihn?«

»Ich bin ihm ein paar Mal begegnet. Ein Verlierer.«

»Tatsächlich?«

»Das hat M — Michael jedenfalls gesagt. Er hat sich an die Clique gehängt, gehörte aber nie richtig dazu.«

»Aber wohl doch genug, um am Junggesellenabschied teilzunehmen?«, beharrte Branson.

»Michael wollte niemandem wehtun. Ich glaube, er war der Meinung, sie könnten Robbo nicht einfach außen vor lassen.«

Grace trank einen Schluck Kaffee. »Und Sie hatten keinen Streit mit Michael? Nichts, weswegen er kalte Füße bekommen haben könnte?«

»Mein Gott, nein. Definitiv nicht. Ich — er —«

»Wo wollen Sie die Flitterwochen verbringen?«

»In Thailand. Michael hat ein tolles Hotel gebucht — er liebt Wassersport, Segeln, Tauchen. Es sieht paradiesisch aus.«

»Wir suchen bereits mit einem Hubschrauber nach ihm und haben eine Hundertschaft Spezialisten beantragt. Falls er bis heute Abend nicht auftaucht, startet eine großflächige Suche in der Gegend, in der man ihn zuletzt gesehen hat. Allerdings möchte ich vermeiden, hunderte kostbarer Arbeitsstunden unserer Polizisten zu verschwenden, falls er auf den Cayman Islands auf Kosten der britischen Steuerzahler in der Sonne brät. Verstehen Sie das?«

Ashley nickte. »Nur zu gut. Es geht ums liebe Geld und nicht darum, Michael zu finden«, sagte sie erbittert.

»Nein«, entgegnete Grace in milderem Ton. »Es geht nicht nur ums Geld. Wir werden alle nur denkbaren Maßnahmen ergreifen, um Michael zu finden.«

»Dann fangen Sie bitte sofort damit an.« Sie kauerte mit hängenden Schultern da und starrte in ihr Weinglas. »Über Sie gab es doch jetzt gerade einen Artikel im Evening Argus. Und gestern in der Daily Mail. Die wollten Sie lächerlich machen, weil Sie bei einem Medium waren, oder?«

»Ja.«

»Ich glaube auch daran. Kennen Sie jemanden? Sie wissen schon, Sie haben doch Verbindungen. Gibt es keine Medien, die verschwundene Menschen finden können?«

Grace warf Branson einen Blick zu und sah Ashley an. »Doch, die gibt es.«

»Könnten Sie nicht jemanden — oder mir jemanden empfehlen, den Sie kennen?«

Grace dachte gründlich nach. »Haben Sie etwas hier, das Michael gehört?« Er spürte Glenn Bransons bohrende Blicke.

»Was denn?«

»Egal was, irgendeinen Gegenstand. Ein Kleidungsstück, Schmuck, etwas, das er berührt hat.«

»Ich werde etwas suchen. Es dauert nur ein paar Minuten.«

»Kein Problem.«

34

»HAST DU NICHT MEHR ALLE TASSEN IM SCHRANK?«, fragte Branson im Auto.

Grace hielt ein Kupferarmband in der Hand, das er von Ashley Harper bekommen hatte. »Es war deine Idee.« Aus dem Radio dröhnte ein tiefer Bass, er drehte die Musik leiser.

»Klar, aber du solltest nicht sie danach fragen.«

»Hättest du lieber was bei ihm zu Hause geklaut?«

»Ausgeliehen. Mann, du lebst wirklich gefährlich. Wenn sie nun mit der Presse redet?«

»Du hast mich gebeten, dir zu helfen.«

Branson schaute ihn von der Seite an. »Was hältst du nun von ihr?«

»Sie weiß mehr, als sie sagt.«

»Also will sie seinen Arsch retten?«

Grace drehte das Armband in den Fingern. Drei dünne aneinander geschmiedete Kupferreifen, die jeweils in einer Scheibe mündeten. »Was meinst du?«

»Na bitte, das Übliche — du beantwortest eine Frage mit einer Gegenfrage.«

Eine Weile dachte Grace schweigend nach, ging im Geiste die Begegnung mit Ashley Harper durch. Ihre Sorge, die Antworten auf seine Fragen. Sechzehn Jahre Berufserfahrung hatten ihn vieles gelehrt, vor allem, dass die Wahrheit nicht immer gleich erkennbar war. Ashley Harper wusste mehr, als sie sagte, dessen war er sich sicher. Ihre Augen sprachen eine deutliche Sprache. Natürlich war es denkbar, dass sie sich sorgte, Michael Harrisons mögliche Steuerhinterziehung mit der Firma auf den Cayman Islands könnte ans Licht kommen. Doch er spürte, dass mehr dahinter steckte.

___________

Zwanzig Minuten später parkten sie auf einer gelben Linie an der Kemp Town Promenade, die hoch über dem Strand und dem Kanal verlief.

Der Regen prasselte noch immer, und bis auf einen verschwommenen, grauen Fleck am Horizont, der ein Tanker oder Frachter sein mochte, wirkte das Meer verlassen. Ein steter Strom von Autos und Lkw floss an ihnen vorbei. Rechts sah Grace den Palace Pier mit seinen weißen Kuppeln, schrillen Lichtern und dem Karussell, das am Ende wie eine Säule aufragte.

Auf der Marine Parade, dem breiten Boulevard, der an den hübschen Regency-Fassaden mit Meerblick entlangführte, staute sich der Verkehr in beide Richtungen.

Das Van Alen war eines der wenigen modernen Gebäude, sechs Stockwerke Art Déco zwischen einem Parkhaus und einem Schwulen-Nachtklub. Sie drückten die Klingel von Wohnung 407 an der Sprechanlage, die von höchsten Sicherheitsvorkehrungen zeugte, worauf sich sofort eine Stimme meldete. »Hallo?«

»Mark Warren?«

»Ja, wer ist dort?«

»Die Polizei — wir würden gern mit Ihnen über Michael Harrison sprechen.«

»Sicher doch, kommen Sie rauf. Vierter Stock.« Ein scharfer Summton, Grace stieß die Tür auf.

»Komischer Zufall«, sagte er zu Branson, als sie den hochmodernen Aufzug aus blickdichtem, blauem Material mit berührungsempfindlichen Bedientasten betraten. »Ich war gestern Abend zum Pokern hier.«

»Wen kennst du denn hier?«

»Chris Croke.«

»Den Typen von der Verkehrspolizei?«

»Er ist okay.«

»Wie kann er sich so was leisten?«

»Reich geheiratet — besser gesagt, reich geschieden. Seine Frau hatte Geld, ihr Vater hat wohl mal in der Lotterie gewonnen. Und er hatte einen guten Scheidungsanwalt.«

»Schlauer Hund.«

Sie stiegen im vierten Stock aus und gingen durch einen Flur mit dickem Teppich und blauen Halogenlampen, die das Farbthema des Aufzugs wieder aufnahmen. Branson klingelte an der Tür von 407.

Ein Mann Ende zwanzig in weißem, krawattenlosem Businesshemd, Nadelstreifenhose und schwarzen Slippern mit Goldkettchen machte ihnen auf. »Kommen Sie herein, meine Herren«, sagte er freundlich.

Grace sah ihn an, meinte ihn zu kennen. Er hatte den Mann schon einmal gesehen, und es war gar nicht lange her. Aber wo?

Branson zeigte ihm den Ausweis, den Mark Warren kaum zur Kenntnis nahm. Sie folgten ihm durch einen schmalen Flur in einen riesigen offenen Wohnraum, in dem zwei rote Sofas ein großes L bildeten und ein niedriger schwarzer Lacktisch als Grenze zum Küchen- und Essbereich diente.

Die Wohnung wirkte ähnlich minimalistisch wie Ashley Harpers Haus, war aber weitaus kostspieliger eingerichtet. Auf einem Sockel in der Ecke thronte eine afrikanische Maske. An den Wänden hingen hochkarätige, wenn auch unverständliche abstrakte Gemälde, und das Aussichtsfenster ging direkt aufs Meer hinaus. Auf dem Flachbildfernseher von Bang & Olufsen lief ein Nachrichtenprogramm ohne Ton.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte Mark Warren und knetete dabei die Hände.

Grace beobachtete aufmerksam seine Körpersprache, lauschte auf den Tonfall der Stimme. Der Mann verströmte pure Angst. Kein Wunder. Grace wusste aus Erfahrung, dass Überlebende einer Katastrophe mit großen Schuldgefühlen zu kämpfen hatten.

»Nein, danke. Wir möchten Sie auch nicht lange aufhalten, es sind nur ein paar Fragen.«

»Gibt es etwas Neues von Michael?«

Grace berichtete von der Suche in den Pubs und dem fehlenden Sarg. Aber die Art und Weise, wie Warren darauf reagierte, ließ bei Grace ein Warnlicht aufleuchten. Vorläufig war es nur ein kleines, doch es war ein Signal.

»Das glaube ich keinesfalls, dass die Jungs einen Sarg mitgenommen haben«, meinte Mark Warren.

»Eigentlich müssten Sie es ja wissen«, versetzte Grace. »Ist es nicht die Aufgabe des Trauzeugen, den Junggesellenabschied zu organisieren?«

Mark nickte.

Grace runzelte die Stirn. »Aber Sie waren trotzdem nicht an der Planung beteiligt?«

Mark wirkte nervös. Seine Stimme zitterte, wurde aber schnell wieder ruhiger. »Ich — nein, das meine ich nicht. Ich will sagen — Sie wissen schon — wir — Luke — wollte eine Stripperin buchen, aber das ist so einfallslos — wir wollten etwas Originelleres machen.«

»Um es Michael Harrison für all seine Streiche heimzuzahlen?«

»Ja, darüber haben wir auch gesprochen«, entgegnete Warren fahrig.

»Von einem Sarg war aber nicht die Rede?«, fragte Roy Grace mit durchdringendem Blick.

»Definitiv nicht.« Warren klang geradezu gekränkt.

»Einem Teakholzsarg.«

»Ich — ich weiß nichts von einem Sarg.«

»Sie wollen mir also weismachen, dass Sie zwar sein Trauzeuge sein sollten, aber nichts von den Plänen für seinen Junggesellenabschied wussten?«

Langes Zögern. Mark Warrens Augen schossen von einem zum anderen. »Ja«, antwortete er schließlich.

»Tut mir Leid, aber das kaufe ich Ihnen nicht ab«, sagte Grace. Sofort bemerkte er Warrens aufflackernden Zorn.

»Sie werfen mir vor, ich würde lügen? Bedauere, meine Herren, damit ist das Gespräch beendet, ich muss mit meinem Anwalt reden.«

»Ist das wichtiger, als Ihren Geschäftspartner zu finden?«, fragte Grace. »Er wollte morgen heiraten. Sind Sie sich dessen bewusst?«

»Ich bin sein Trauzeuge.«

Plötzlich fiel Grace ein, wo er Warren schon einmal gesehen hatte. Das glaubte er jedenfalls. »Was für einen Wagen fahren Sie?«

»Einen BMW.«

»Welches Modell? 3er? 5er? 7er?«

»Einen X-5.«

»Das ist eine Art Geländewagen, oder? Mit Allradantrieb.«

»Ja, das stimmt.«

Grace nickte gelassen, doch in seinem Kopf brodelte es.

35

ALS SIE VOR DEM AUFZUG WARTETEN, warf Branson einen Blick auf Warrens Wohnungstür. Als er sah, dass sie zu war, fragte er: »Was sollte das eben mit dem Auto?«

Sie betraten den Aufzug, und Grace drückte den Knopf für den Keller. Er war so in Gedanken versunken, dass er die Frage gar nicht beachtete.

»Mit dem Kerl stimmt was nicht.«

Keine Reaktion.

»Wir müssen im Erdgeschoss raus, da sind wir auch reingekommen.«

Gefolgt von Branson trat Grace in die Tiefgarage. Sie war trocken, schwach beleuchtet, es roch ein wenig nach Motoröl. Sie kamen an einem Ferrari, einem Jaguar, einem Mazda-Sportwagen und einer kleinen Fordlimousine vorbei. Ein paar leere Stellplätze, dann blieb Grace vor einem silbern glänzenden BMW-X-5-Geländewagen stehen. Schaute sich den Wagen genau an. Vom Lack perlten noch Wassertropfen.

»Cooles Teil«, meinte Branson. »Aber wenig Platz auf der Rückbank. Der Range Rover und der Cayenne sind größer.«

Grace betrachtete die Räder, kniete sich hin und schaute unter eine Türschwelle. »Als ich gestern Abend hier war und gegen Viertel vor eins zu meinem Wagen ging, fuhr dieser BMW herein. Schlammbedeckt. Er fiel mir auf, weil man in Zentrum von Brighton selten schmutzige Geländewagen sieht. Die meisten werden doch von Müttern zum Einkaufen gefahren.«

»Und du bist dir sicher, dass es dieser Wagen war?«

Grace tippte sich an den Kopf. »Das Kennzeichen.«

»Ach ja, fotografisches Gedächtnis — und das in deinem fortgeschrittenem Alter …«

»Funktioniert einwandfrei.«

»Wie willst du vorgehen?«

»Und du?«

»Ein fehlender Sarg. Ein Wald. Ein schlammbedeckter Wagen. Ein Trauzeuge, der als Einziger überlebt und mit seinem Anwalt sprechen will. Ein Bankkonto auf den Cayman Islands. Da ist was faul.«

»Und wie.«

»Was jetzt?«

Grace holte das Kupferarmband hervor und hielt es hoch. »Das hier.«

»Meinst du wirklich?«

»Hast du einen besseren Vorschlag?«

»Mark Warren zum Verhör vorladen.«

Grace schüttelte den Kopf. »Der Typ ist schlau. Wir müssen schlauer sein.«

»Ist es wirklich so viel schlauer, einen windigen Pendelschwinger zu fragen?«

»Vertrau mir.«

36

ER MUSSTE WACH BLEIBEN. Nur so konnte er überleben. Die Unterkühlung machte ihn schläfrig, und wenn er einschliefe, würde er ins Koma fallen und sterben.

Michael zitterte, war dem Delirium nahe. Es war kalt, so kalt; er hörte Stimmen, Ashley flüsterte ihm ins Ohr, er griff hoch, um sie zu berühren, doch seine Knöchel trafen nur auf hartes Holz.

Wasser schwappte ihm gegen den Mund, er spuckte es aus. Sein Gesicht war an den Sargdeckel gequetscht. Die Taschenlampe tat es nicht mehr, und er versuchte noch, das Walkie-Talkie über Wasser zu halten, doch sein Arm schmerzte so sehr, dass er nicht mehr lange durchhalten würde.

Er hatte sein nutzloses Handy in die Gesäßtasche seiner Jeans gesteckt. Damit gewann er ein paar Zentimeter Höhe. Aber wozu? Er würde sterben, auch wenn er nicht wusste, wie viel Zeit ihm noch blieb. Lange würde es nicht mehr dauern.

»Ashley«, hauchte er schwach, »Ashley, mein Liebling.«

Dann drang ihm Wasser in den Mund.

Er rieb mit der Taschenlampe an der Kerbe im Deckel, die stetig breiter und tiefer wurde. Er dachte an die Hochzeit. Seine Mutter hatte ihm das Kleid gezeigt, das sie sich gekauft hatte, dazu den Hut, die Schuhe und die neue Handtasche. Sie wartete auf seine Zustimmung, wollte wissen, ob sie an diesem ganz besonderen Tag gut aussehen würde, er sollte stolz auf sie sein und Ashley auch. Er erinnerte sich an den Anruf seiner kleinen Schwester, die so aufgeregt war, weil er ihr den Flug von Australien bezahlte. Sie war inzwischen da, wartete bei seiner Mutter und machte sich fertig.

Sein Nacken tat so weh, dass er den Schmerz kaum ertragen konnte. Gleich musste er ihn entspannen, sich zurücksinken lassen, den Atem anhalten, sich erneut aus dem Wasser hochstemmen. Was bald auch nicht mehr möglich wäre.

Er weinte vor Hilflosigkeit und Angst, schlug gegen den Deckel, hämmerte dagegen. Drückte wieder den Sprech-Knopf. »Davey! Davey! Hey, Davey!«

Er spuckte Wasser.

Jede Zelle in seinem Körper zitterte vor Kälte.

Rauschen.

Seine Zähne klapperten. Er schluckte einen Mundvoll schlammiges Wasser, dann noch einen. »Bitte, bitte, helft mir, helft mir doch.«

Er versuchte, sich zu beruhigen, an seine Rede zu denken. Er musste sich bei den Brautjungfern bedanken. Einen Toast aussprechen. Zuerst aber musste er seiner Mutter danken. Der Toast für die Brautjungfern kam zuletzt. Komische Geschichten zum Besten geben. Pete hatte ihm einen tollen Witz erzählt. Von einem Paar, das in die Flitterwochen fährt und —

Flitterwochen.

Alles war gebucht. Sie würden morgen um neun Uhr fliegen, nach Thailand. Erster Klasse — das wusste Ashley nicht, das war die besondere Überraschung.

Holt mich raus, ihr Idioten, ich verpasse meine Hochzeit, meine Flitterwochen. Kommt schon! Sofort!

37

DIE UHR AM ARMATURENBRETT DES FORD zeigte dreizehn Minuten nach sieben. Branson und Grace fuhren an den eleganten Stadthäusern aus der Regency-Ära von Kemp Town vorbei, bogen dann ab auf eine Straße, die hoch über die Klippen führte, vorbei an den kolossalen neogotischen Gebäuden des Mädcheninternats Roedean und dem Art-Déco-Bau des St. Dunstan’s-Blindenheims. Der Regen peitschte gegen die Scheibe, der Wind rüttelte den Wagen förmlich durch. Es regnete seit Tagen. Branson schaltete das Radio ein, um das Knistern des Polizeifunks zu übertönen, und wiegte sich im Rhythmus eines Songs der Scissors Sisters.

Grace tolerierte die Musik vorübergehend, bevor er die Lautstärke wieder herunterdrehte.

»Was ist los, Mann — die Band ist total cool.«

»Toll.«

»Wenn du dir jemanden an Land ziehen willst, musst du mit der Zeit gehen.«

»Mit dir als Kultur-Guru, oder wie?«

Branson warf ihm einen Seitenblick zu. »Ich sollte mich auch als Stil-Guru betätigen. Ich kenne da einen Friseur — Ian Habbin bei The Point. Er soll dir ein paar Fransen schneiden — du siehst wirklich aus wie von vorgestern.«

»Und fühle mich wie von morgen«, versetzte Grace. »Du hast mich nämlich zum Mittagessen eingeladen. Jetzt ist die Teezeit vorbei, wir sind kurz vor dem Abendessen. Wenn wir so weitermachen, können wir sogar zusammen frühstücken.«

»Seit wann hast du denn ein Leben neben der Arbeit?«, fragte Branson und bereute seine Frage sofort. Er spürte den Schmerz seines Freundes, ohne ihn ansehen zu müssen. »Tut mir Leid, Mann.«

Sie fuhren durch das schicke Dorf Rottingdean, das oben auf den Klippen thronte, einen Hang hinauf, durch eine Senke, vorbei an den wuchernden Vororten von Salthaven und Peacehaven.

»Die nächste links«, sagte Grace. Er lotste Branson durch ein Labyrinth von hügeligen Sträßchen, in denen sich Bungalows und kleine Reihenhäuser drängten, und ließ ihn vor einem schäbigen Bungalow parken, vor dem ein noch schäbiger wirkendes Wohnmobil stand.

Sie eilten durch den Regen unter das winzige Vordach, an dem ein tönendes Windspiel hing, und drückten die Klingel. Ein winziger, drahtiger Mann, der ein Ziegenbärtchen, einen langen grauen Pferdeschwanz, Kaftan und Arbeitshose und ein Medaillon mit dem ägyptischen Ankh-Symbol trug und Mitte siebzig sein mochte, begrüßte sie mit hoher Stimme und griff überschwänglich nach Grace’ Hand, als hätte er einen lang vermissten Freund wiedergefunden. »Detective Superintendent Grace! Wie schön, Sie zu sehen.«

»Ganz meinerseits. Das ist DS Branson. Glenn, darf ich dir Harry Frame vorstellen?«

Harry Frame umfasste Bransons Hand mit einer Kraft, die weder zu seinem Alter noch zu seiner Größe passte, und schaute ihn mit durchdringenden grünen Augen an. »Was für eine Freude, Sie kennen zu lernen, kommen Sie doch herein.«

Sie folgten ihm in einen schmalen Flur, der von einer schwachen Birne in einer Hängelaterne beleuchtet wurde, im maritimen Stil eingerichtet war und unter anderem mit einem großen Bullauge aus Messing aufwartete. Im Wohnzimmer bogen sich die Regale unter zahlreichen Buddelschiffen. Es gab eine graubraune, dreiteilige Polstergarnitur, deren Lehnen mit Sofaschonern abgedeckt waren, einen Fernseher und am Fenster einen runden Eichentisch mit vier Holzstühlen. An der Wand registrierte Branson einen kitschigen Druck von Anne Hathaways Cottage und einen gerahmten Sinnspruch. »Hat sich ein Geist erst einmal entfaltet, kann er nie in seine ursprünglichen Grenzen zurückkehren.«

»Tee, meine Herren?«

»Danke«, sagte Grace.

Branson sah Grace an, als suchte er nach dem richtigen Stichwort. »Das wäre sehr nett.«

Harry Frame eilte geschäftig aus dem Zimmer. Branson betrachtete eine einsame weiße Kerze, die in einem Glasleuchter auf dem Tisch brannte, und sah Grace an, als wollte er fragen: Was soll der Mist?

Grace lächelte zurück. Nur Geduld.

Nach einigen Minuten brachte eine fröhliche, untersetzte Frau mit grauem Haar ein Tablett mit drei Bechern Tee und einem Teller Schokoplätzchen herein und stellte es auf den Tisch.

»Hallo, Roy«, begrüßte sie Grace und sagte dann augenzwinkernd zu Branson. »Ich bin Maxine und führe hier den Oberbefehl.«

»Nett, Sie kennen zu lernen. Detective Sergeant Branson.«

Dann kam ihr Mann mit einer Landkarte ins Zimmer.

Grace nahm sich einen Becher, wobei er die wässrig-grüne Farbe der Flüssigkeit und Bransons skeptischen Blick konstatierte.

»So, meine Herren«, sagte Frame und nahm ihnen gegenüber Platz, »Sie haben eine vermisste Person?«

»Michael Harrison.«

»Die jungen Männer aus dem Argus? Furchtbarer Unfall. So jung hinübergerufen zu werden.«

»Hinübergerufen?«, fragte Branson.

»Offenbar haben die Geister nach ihnen verlangt.«

Branson warf Grace einen Blick zu, den dieser geflissentlich ignorierte.

Frame schob Kekse und Kerze beiseite und breitete eine Vermessungskarte von East Sussex auf dem Tisch aus.

Branson aß einen Keks, während Grace dem Medium das Kupferarmband überreichte. »Sie hatten mich gebeten, etwas mitzubringen, das dem Vermissten gehört.«

Frame umschloss das Armband und machte die Augen zu. Die Polizisten starrten ihn an. Er hielt die Augen mehr als eine Minute geschlossen und begann irgendwann zu nicken. »Hm, ja, hm, ja.« Dann riss er die Augen unvermittelt auf und sah die beiden Männer an, als wäre er überrascht, sie noch im Zimmer vorzufinden. Er rückte näher an die Landkarte heran und holte eine Schnur mit einem kleinen Bleigewicht aus der Hosentasche.

»Mal sehen, was sich machen lässt. Ja, das werden wir tun. Ist der Tee in Ordnung?«

Grace nippte daran. Er war heiß und schmeckte leicht säuerlich. »Perfekt.« Auch Branson trank pflichtschuldig. »Gut.«

Harry Frame strahlte sie aufrichtig an. »Nun denn …« Er stützte die Ellbogen auf den Tisch, vergrub das Gesicht in den Händen, als betete er, und begann vor sich hin zu murmeln. Grace wich Bransons Blick aus.

»Yarummm«, brabbelte Frame. »Yarummm. Brnnnn. Yarummm.«

Dann setzte er sich abrupt auf, hielt die Schnur zwischen Daumen und Zeigefinger über die Karte und ließ das Bleigewicht wie ein Pendel schwingen. Er schürzte konzentriert die Lippen, ließ es in einer engen Runde kreisen und suchte die Karte Zentimeter für Zentimeter ab.

»Uckfield? Crowborough? Ashdown Forest?« Er sah die Männer fragend an. Beide nickten.

Doch Harry Frame schüttelte daraufhin den Kopf. »Nein, in dieser Gegend kann ich nichts erkennen. Ich werde es mit einem kleineren Maßstab versuchen.«

»Wir sind uns ziemlich sicher, dass er sich in dem Gebiet befindet«, erklärte Roy Grace.

Wieder schüttelte Frame entschlossen den Kopf. »Nein, das Pendel sagt mir nichts dergleichen. Wir müssen uns in einem weiteren Radius umsehen.«

Grace spürte Bransons skeptischen Blick wie ein Brennen. Er schaute auf die neue Landkarte, die ganz East und West Sussex zeigte und über der das Pendel nun einen engen Bogen um Brighton beschrieb.

»Da ist er«, murmelte Frame.

»In Brighton? Das glaube ich nicht.«

Frame holte einen Stadtplan von Brighton hervor und ließ das Pendel darüber schwingen. Schon kreiste es über Kemp Town. »Ja, genau hier ist er.«

Grace schaute Branson an, als wäre er nun seiner Meinung. »Sie müssen sich irren, Harry.«

»Ich glaube nicht, Roy. Ihr Mann befindet sich genau hier.«

Grace schüttelte den Kopf. »Wir kommen gerade aus Kemp Town, wir haben mit seinem Geschäftspartner gesprochen. Vielleicht hat Sie das irgendwie abgelenkt.«