/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Der Ruf des Regenvogels

Patricia Shaw


Der Ruf des Regenvogels

Patricia Shaw

1994

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Inhaltsverzeichnis

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Nachwort

So viele Götter, so viele Glauben,

So viele Pfade, die verschlungen.

Nur die Kunst der Freundlichkeit sei ausbedungen,

zur Rettung dieser traur’gen Welt.

»The World’s Need«, E. W. Wilcox (1850-1919)

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Über den grauen Straßen hing ein dunkler, finsterer Himmel, rußiger Schneeregen fegte über die eilende Menschenmenge hinweg und ließ die Londoner, die ihre Ohren gegen die beißende Kälte verpackt hatten, eiligst schützende Unterstände aufsuchen.

Corby Morgan schlitterte über das schmierige Pflaster und kämpfte mit seinem Regenschirm. Er war verärgert, daß er keine Pferdedroschke gefunden hatte, fürchtete zu spät zu kommen und wußte, daß sein Vater die Tür öffnen und sagen würde: »Wie immer zu spät, Corby!«

Als er um eine Ecke bog, hinein in eine heftige Windböe, blähte sich sein Schirm nach außen, zersprungene Stangen und schwarzes Tuch flatterten und schlugen wie eine übel zugerichtete Krähe. Während er versuchte, den Schirm wieder zusammenzulegen, grinsten abgehärmte Gesichter und freuten sich an seiner mißlichen Lage, als sei er ein zu ihrem Vergnügen bestellter Spaßmacher. Corby errötete vor Verlegenheit. Er warf das nutzlose Gerät weg, mit grimmiger Befriedigung nahm er wahr, daß es zur Strafe unter den Rädern einer Kutsche zermalmt wurde. Ihm war kalt, er fühlte sich schlecht, und durchnäßt überquerte er die Straße zur Luton Street, auf dem Weg zum wichtigsten Treffen seines Lebens.

Corby Morgan, so sagte man, war nichts weiter als ein Träumer, einer jener desillusionierten jungen Engländer, die sich nach der sonnenüberfluteten, romantischen Lieblichkeit der Südsee sehnten, nach Utopia — ein Wahn, der offenbar viele von diesen verdorbenen Cambridge-Absolventen ergriff, für die das Gras immer irgendwo anders grüner war, sei es nun in Italien, Spanien oder, wie in seinem Fall, im Südpazifik. Genauer: in einer tropischen Idylle namens Trinity Bay.

Aber das stimmte nicht. Er biß die Zähne zusammen und bahnte sich seinen Weg. Er und Roger McLiver hatten diesen Schritt mit größter Sorgfalt vorbereitet und geplant. Sie hatten nicht die Absicht, ihr Leben und ihre Investitionen an einem öden Strand zu vergeuden. Sie hatten einen Ort gesucht, wo sie Geld verdienen und das gefällige Leben eines Gentlemans genießen konnten. Und, bei Gott, sie hatten ihn gefunden! Corby erinnerte sich noch gut an ihren Jubel, als Roger mit dem Zeitungsausschnitt der Times zu ihm kam. Genau das war es, wonach sie gesucht hatten! Sie waren so aufgeregt, daß sie zwei Flaschen Champagner tranken, bevor sie eine Antwort verfaßten. Und selbst dann waren sie vorsichtig, vernichteten den ersten Brief und bekundeten in einem zweiten lediglich ihr Interesse, statt sich von ihrem Enthusiasmus mitreißen zu lassen, was den Besitzer nur zu einem höheren Preis und Betrügereien veranlassen konnte.

Mit derselben Vorsicht hatten sie dann die angebotene Zuckerplantage in der Trinity Bay im Norden von Queensland, im fernen Australien, gekauft. Obwohl keiner von ihnen die Antipoden jemals gesehen hatte, konnten sie durch informierte Bankleute telegraphisch Näheres in Erfahrung bringen.

Man antwortete ihnen, daß Providence in der Tat eine etablierte Plantage unter renommierter Leitung und mit stabilen Exportzahlen war, nicht eine dieser Gelegenheiten, die von allen möglichen Gaunern angeboten wurden und schnelles Geld versprachen.

Bis gestern war alles unter Kontrolle gewesen. Allmächtiger Gott, er und Jessie hatten bereits gepackt, waren reisefertig, und dann das! Roger, sein Freund, sein Partner, hatte sein Wort gebrochen! Hatte ihn fallengelassen.

»Zum Teufel mit seinen Gründen!« murmelte Corby, während er seine behandschuhten Hände zusammenschlug. »Seine Frau und ihre Familie! Zur Hölle mit ihnen allen! Es wird ihm noch leid tun. Zuckerplantagen in dieser Gegend werfen eine Menge Geld ab. Ich werde ein reicher Mann sein, während er noch immer in London am Rockzipfel seiner Frau hängen wird.

Wenigstens unterstützt mich Jessie«, seufzte er. »Meine Frau hat genügend Verstand, um sich diese goldene Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Ich werde nicht aufgeben.«

Das war ein beunruhigender Gedanke. Er hatte keine andere Möglichkeit. Er hatte Abschied genommen, die Wohnung gekündigt, den Agenten bezahlt — und den Vertrag unterzeichnet. Rogers Anteil am Unternehmen hatte genau die Hälfte betragen. Da Corbys Mittel für den Kauf aufgewendet worden waren, wurde die andere Hälfte nun dringend für die Überfahrt, den Transport der Güter und für erste geschäftliche Ausgaben benötigt. Man hörte oft genug, daß Gentlemen Unternehmen erwarben und innerhalb weniger Monate scheiterten, weil ihnen Kapital für unvorhergesehene Aufwendungen fehlte.

Corby hatte sichergestellt, daß ihm das nicht passierte. Sie besaßen nun die Plantage, und er hatte sich auf Rogers Investition verlassen, um finanziell bis zur nächsten Ernte über die Runden zu kommen.

Aber nun war der Eigentümer von Providence völlig blank! Welch ein Abgang für Mr. und Mrs. Corby Morgan; Besitzer eines riesigen Anwesens, wenn sie die drei Monate nach Trinity Bay auf dem Zwischendeck verbringen sollten.

»Das Fell zieh’ ich ihm über die Ohren!« stieß Corby hervor. Sein Gesicht war naß vom Regen. »Sir!« rief eine Dame, die ihm entgegenkam, schockiert und stieß ihn zur Seite.

»Und Ihnen auch!« gab er zurück. Verdammt! Er hatte über Wichtigeres nachzudenken als diese hochnäsigen Damen. Wochenlang hatte er sich Sorgen gemacht, weil Roger seinen Anteil nicht aufbrachte, und den Freund bei seinem Vater dafür entschuldigt. »Er wird es aufbringen. Man kann sich auf ihn verlassen, es gibt nur einige Verzögerung bei der Überweisung der Mittel.«

»Scheint mir eher eine Verzögerung seitens der Gattin zu sein, die nicht recht mitzieht«, hatte Colonel Chester Morgan gegrummelt.

»Sie hat nichts damit zu tun.«

»Oho, mein Junge! Unterschätze die kleine Frau nicht. Du hättest sein Geld auf der Bank haben sollen, bevor du deines über Bord geworfen hast.«

»Ich habe es nicht über Bord geworfen. Mir gehört das Anwesen, und Eure Moralpredigten brauche ich nicht. Ich weiß, was ich tue.«

»Wenn du so genau weißt, was du tust, und scharf auf einen Bauernhof bist, dann hättest du diese Schaffarm in Surrey kaufen sollen.«

»Eine Plantage ist kein Bauernhof, Sir.«

»Es ist das gleiche. Man bestellt die Erde, ist auf das Wetter angewiesen und von Bediensteten abhängig, die heutzutage nicht mehr wissen, wo ihr Platz ist.«

Verzweifelt hatte es Corby seinem Vater zu erklären versucht: »Das ist das Schöne an meiner Plantage. Sie liegt in den Tropen, es gibt also keine Probleme mit dem Wetter, mit Frost und Schnee — in den Tropen ist das Wetter immer gleich. Und auf den Feldern arbeiten Eingeborene zu ihrem eigenen Unterhalt. Weiße können in dem Klima nicht arbeiten. Australien besitzt eine große Eingeborenenpopulation, die zur Arbeit wie geschaffen ist.«

»Wenn sie dir nicht einen Speer in den Leib jagen.«

»Sir, ich möchte mit Euch nicht streiten«, hatte Corby schließlich gesagt, »aber ich will noch einmal darauf hinweisen, daß Providence nur eine von vielen Zuckerplantagen in Queensland ist, die alle mit hervorragenden Ergebnissen Eingeborene beschäftigen.«

Und nun …stand Corby im Begriff, seinen Vater um Hilfe zu bitten. An wen sonst konnte er sich wenden? Er hoffte, daß Jessie rechtzeitig gekommen war. Der Colonel mochte sie, sie kamen gut miteinander aus. Corby hatte ihr die Aufgabe übertragen, ihm von Rogers Rückzug zu berichten.

Corby litt bereits jetzt unter der anstehenden Demütigung. Es war leichter, wenn ihm Jessie das Terrain bereitete. In der Zwischenzeit hatte er versucht, Freunde zur Teilnahme an dem Unternehmen zu überreden. Er blieb nicht ohne enthusiastische Reaktionen, aber keiner von ihnen besaß das notwendige Geld. Niemals würde er Roger seinen Verrat verzeihen. Niemals!

Als er den Salon betrat, stand sein Vater am prasselnden Kamin, in der Hand ein Glas Brandy, und grinste wie eine Cheshire-Katze. »Wie immer zu spät, Corby.«

Jessie kam besorgt auf ihn zu und nahm ihm den Mantel ab. »Liebling, du frierst ja. Komm ans Feuer, sonst holst du dir noch den Tod.«

»Unannehmlichkeiten«, intonierte eine Stimme aus dem tiefen Lehnstuhl. »Immer Unannehmlichkeiten.«

Jessies Vater! Lucas Langley! »Was macht er hier?« flüsterte er seiner Frau zu. Ihr bärtiger, exzentrischer alter Vater war der letzte, den er jetzt brauchen konnte. Chester Morgan konnte ihn nicht ausstehen. Er, der zackige pensionierte Offizier mit seinem Schatz an ehernen Überzeugungen, hatte nicht viel übrig für Professor Langley, der, wenn er etwas zu sagen hatte, immer anderer Meinung war. Corby hegte keine Abneigung gegen den alten Mann; er war ihm schlicht gleichgültig. Nur jetzt nicht, da er als störendes Element Corbys Chancen, dem Colonel die so dringend benötigten Gelder zu entlocken, nur schmälerte. Widerwillig warf er seinem Schwiegervater einen Gruß hin und wandte sich dann an Chester und die zu erwartende Bußpredigt.

Sein Vater enttäuschte ihn nicht. »Schwierigkeiten mit euch jungen Kerlen, die ihr glaubt, alles zu wissen.«

Corby ignorierte die Eröffnung und schenkte sich einen Brandy ein, um die notwendige Demütigung besser ertragen zu können. Er würde betteln, wenn es denn sein mußte, aber bis er dieses Stadium erreichte, bedurfte es noch einiger vernichtender Kommentare. Im Augenblick haßte er seinen Vater. Er haßte ihn und sein dank des Familienvermögens und einer unbedeutenden Karriere in der Armee verhätscheltes und selbstzufriedenes Leben.

Der Colonel hatte sich niemals um Geld kümmern müssen. Er ließ es sich gutgehen, besaß diese Wohnung in der Stadt, einen angenehmen Landsitz und seinen gottverdgunmten Club. Sein Sohn hatte eine kleine Erbschaft von einem Onkel erhalten, deren Reste für Providence aufgebraucht worden waren. Corby hatte Chester immer bitten müssen, wenn er Geld brauchte; niemals hatte er freiwillig einen Penny herausgerückt — schließlich würde sein Sohn sowieso alles erben, wie er behauptete. Oder das, was davon noch übrig war, wie er gerne hinzufügte. Corby fürchtete, sein Vater könnte hundert Jahre alt werden und ihm nur Rechnungen und Schulden hinterlassen.

»Es war ein schwerer Schlag für mich«, sagte er traurig. »Kaum zu glauben, daß ein Gentleman wie er mich so hängenläßt. Roger hat meine Pläne zunichte gemacht.«

»Ach ja.« Chester lächelte affektiert. »Du hast immer die Schuld anderen zugeschoben. Immer der andere. Niemals du selbst. Hab’ ich dir nicht gesagt, du sollst ihn festnageln? Hab’ ich dich nicht schon vor einem Monat gewarnt, daß du dich nicht auf ihn verlassen kannst, daß er schon beim ersten Kanonendonner in Deckung gehen wird? Aber hast du auf mich gehört? O nein! Und nun hat dich dein Kumpel verlassen, und du stehst mit einer Plantage da, die wahrscheinlich keinen Fingerhut wert ist, und hast kein Geld, um sie zu betreiben. Hast du überhaupt noch etwas, oder hast du alles den Antipoden in den Rachen geschmissen?«

»Ich habe etwas Geld, Sir.«

»Heraus mit der Sprache. Wieviel? Auf den Penny.«

»Wir haben etwas Geld«, sagte Jessie ruhig. »Ich besitze zweihundert Pfund als Notgroschen.«

Chesters Monokel strahlte. Er genoß seine Position. »Ah, schön. Das bringt euch wahrscheinlich um das Kap nach Tasmanien und vielleicht nach Sydney. Und was dann? Habt ihr vor, den Rest des Weges zu Fuß zu gehen?«

Der Professor fuhr mit seinem Pfeifenkopf durch die Luft und verkündete: »Vom Kap über den Indischen Ozean zur Torrésstraße und dann nach Süden zur Trinity Bay.«

»Was ist das?« fragte Chester herausfordernd.

»Ihre Route«, murmelte Lucas. »Die Zuckerroute.«

»Nun, wie auch immer«, tat ihn Chester ab. »Es ändert nichts an der Tatsache, daß du dich hast übers Ohr hauen lassen, Corby. Du kannst dir das Unternehmen nicht leisten, sag also dem Agenten, er soll die Plantage schleunigst verkaufen, und dann rechne deine Verluste ab.«

»Nein«, sagte Corby und versuchte, ruhig zu bleiben. »Ich kann es mir nicht leisten, mir diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Ihr könnt es Euch leisten, Vater. Warum wollt Ihr nicht als mein Partner einsteigen? Ihr werdet es nicht bereuen, das verspreche ich.« Das war der Satz, auf den sich sein Vater stürzen würde, aber er hatte keine andere Wahl.

»So. Jetzt brauchst du also für dein verrücktes Projekt mein Geld. Warum sollte ich meinen Sohn darin unterstützen, sich in der Südsee auf die faule Haut zu legen? Denn so enden sie doch alle.«

»Ihr bringt da einiges durcheinander«, rief Corby. »Das ist nicht die Südsee. Es ist eine zivilisierte britische Gemeinschaft.«

»Zivilisiert? Ich nenne sie dekadent. Ich weiß, worauf du aus bist. Du wolltest noch nie arbeiten.«

»Aber Ihr?«

»Ich habe mich immer der Disziplin untergeordnet. Ich kann dich förmlich vor mir sehen, wie du mit einem weißen Hut auf dem Kopf in einer Hängematte liegst und deine Aborigines anbrüllst.«

Der Professor schaute auf und blinzelte. »Auf den Plantagen in Queensland gibt es keine Aborigines, die arbeiten. Überhaupt nicht.«

Corby und sein Vater blickten sich an. Hier zumindest stimmten sie überein. Der alte Gentleman war senil, er wußte nicht, wovon er redete. Jeder wußte doch, daß auf den Plantagen die Eingeborenen arbeiteten.

Jessie kam Lucas zu Hilfe. »Es ist spät, Vater. Wir bringen dich bald nach Hause.«

Corby holte tief Luft. »Ich bitte Euch, Colonel, lehnt nicht ab. Ich bin so nahe dran. Ich brauche mindestens zweitausend Pfund. Roger wollte dreitausend aufbringen, aber zweitausend reichen. Ich weiß es. Ich biete Euch eine fünfzigprozentige Beteiligung für ein Drittel weniger, als Roger zahlen wollte.«

»Billiges Geld gibt es nicht«, erwiderte Chester. »Nur verzweifeltes. Und verzweifelte Investitionen sind gefährlich. Nein, deine Mutter und ich müssen leben, wir können es uns nicht leisten, unser gutes Geld zum Fenster hinauszuwerfen.«

»Wie könnt Ihr mich ablehnen?« schrie Corby. »Ihr bringt mich um! Ich verliere alles!«

»Dann hättest du besser auf mich hören sollen. Beende dieses Schlamassel, und dann helfe ich dir vielleicht mit der Schaffarm.«

»Ich will diese verdammte Schaffarm nicht!«

Der Professor zog an Jessies Ärmel. »Sag deinem Ehemann, daß wir investieren.«

»Wir?« fragte sie verwirrt.

»Ja.« Er lächelte und befeuchtete seine rosafarbenen Lippen. »Wir übernehmen zu dem von ihm genannten Preis die halbe Beteiligung.«

»Aber Vater, das kannst du dir nicht leisten.«

»Ich kann die Summe aufbringen«, flüsterte er.

Jessie war entsetzt; ihr Vater machte sich zum Narren und, schlimmer noch, mischte sich in die Probleme des armen Corby ein. Ein weiteres Beispiel der spontanen Herzlichkeit ihres Vaters, die mehr für sein Gefühl als für seinen Verstand sprach. Es war bekannt, daß er einem Bedürftigen seine Stiefel überließ und dann, ohne sich darüber Gedanken zu machen, in seinen Socken nach Hause kam. Eine Zeitlang hatte er Wilderer zum Sonntagsessen eingeladen. Es stand nicht zu erwarten, daß er als Botaniker Corbys finanzielle Transaktionen begriff, aber es war nett von ihm, das Angebot zu machen. »Keine Sorge, Vater, Corby wird es schon hinkriegen.«

Seine Augen waren traurig. »Ich bin noch nicht tot, Jessie. Aber seit dem Tod deiner Mutter scheint mich jeder abgeschrieben zu haben. Sie setzen mich in Stühle, die nach Westen zeigen, und alle warten auf meinen Sonnenuntergang. Sieh, das ist auch meine Chance.«

Jessie empfand Schuldgefühle. Sie wußte, daß ihre achtzehnjährige Schwester Sylvia sich nur ungern um ihren Vater kümmerte, seitdem Jessie das Zuhause verlassen hatte. Sylvia konnte kalt und hart mit ihm sein, aber als verheiratete Frau konnte Jessie wenig dagegen tun — hin und wieder konnte sie Sylvia vorsichtig zu verstehen geben, ein wenig mehr Geduld mit ihm aufzubringen; Kommentare, die allerdings wenig geschätzt wurden und die Situation wahrscheinlich nur verschlimmerten.

Er wurde lebhafter. »Sag es ihnen!« insistierte er. »Das ist meine Chance, Australien zu sehen. Ein neues Leben zu beginnen.«

»Du willst mitkommen?« Jessie war erstaunt.

»Ich hatte gehofft, daß du mich fragst, aber jetzt kann ich mich einkaufen. Ich werde gebraucht. Es gehört kein mathematisches Genie dazu, sich auf diesen Handel einzulassen. Sag ihm, daß wir das Angebot annehmen.«

Jessie zögerte noch immer. Aus ihm sprach der Brandy. Aber als der Konflikt zwischen Corby und dem Colonel in eine drückende Stille mündete, griff er ein. »Mr. Jess«, sagte er — eine Bezeichnung, die ihren Ehemann aufbrachte —, »kann ich mit Ihnen einige Worte wechseln?«

Bestürzt war Corby gezwungen, seinen Schwiegervater als Partner zu akzeptieren. Und dies im Angesicht des Colonels und seines amüsierten Spottes: für Chester Beweis genug, daß sein Sohn den letzten Strohhalm ergriff, um sich nur tiefer in den Bankrott zu stürzen. Auch Corby war verärgert, daß Lucas, der alte Schurke, die Situation ausgenutzt hatte. Es zeugte von verdammt schlechten Manieren, sich in eine private Unterhaltung einzumischen und dann die gleichen Bedingungen und mehr zu fordern. Wäre es Corby gelungen, seinen Vater zu überreden, dann wäre er als stiller Teilhaber in England geblieben. Nun überließ er dem alten Trottel halb Providence zu einem niedrigen Preis, und er hatte auch noch vor, mitzukommen. Wenn, dann war er nur ein weiteres Maul, das durchgefüttert werden mußte; Corby hatte bereits beschlossen, sich jede Einmischung seitens des Professors zu verbitten.

Sobald es ihm möglich war, setzte er Jessie und ihren Vater in eine Droschke und schickte sie fort, um sich und seine Gedanken zu sammeln.

Eine warme, laute Taverne bot ihm Zuflucht. Er fand eine schummrige Ecke, nach einigen Gläsern milderte sich seine Mutlosigkeit. Vielleicht war es möglich, daß Jessie den alten Jungen dazu überreden konnte, das Richtige zu tun. Wenn er zweitausend auftreiben konnte, dann konnte er auch dreitausend aufbringen und den vollen Preis zahlen — wie es sich für einen Gentleman gehörte. Ja, das mußte möglich sein. Aber da war noch diese andere Sorge. Corby war verärgert über Rogers Rückzug, aber es machte ihn auch sehr nervös, alleine zu reisen. Er hatte sich auf die Erfahrung seines Freundes verlassen, der zuletzt das große Anwesen seines Onkels im Norden verwaltet hatte. Corby hatte in dieser Hinsicht mit nichts anderem zu tun gehabt als einem Ententeich. Schon gut, daß ihm Roger seine Notizen und Bücher über Zuckeranbau gegeben hatte — gute Lektüre für die Reise, hatte er gesagt. Aber das war nicht der Punkt. Tief im Inneren hatte Corby gehofft, das Leben eines Gentlemans und Plantagenbesitzers zu genießen und Roger alle Entscheidungen zu überlassen. Nun aber lastete alle Verantwortung auf ihm; er spürte, wie sich leise Panik in ihm breitmachte.

Als er aus dem King’s Arms heraus schwankte, hatte er sich an den Gedanken gewöhnt, daß statt zweier begeisterter Ehepaare sich ein Trio nach Trinity Bay aufmachen würde — er, Jessie und der alte Schmarotzer Lucas Langley. Fast wünschte er sich, die beiden zurücklassen zu können. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, daß ihm wieder ein Elternteil über die Schultern blickte, nun, da er endlich dem abschätzigen Blick des Colonels entkommen war.

Aber das war nicht alles. Er hatte auch Sylvia vergessen. Nicht, daß sie sich bereitwillig auf die Reise begeben hätte.

»Ich kann nicht glauben, daß du mir das erzählst«, schrie sie Jessie an. »Du hast Vater dazu gebracht, euch sein Geld zu geben, um deinem Mann aus der Klemme zu helfen!«

»So war es nicht«, sagte Jessie. »Er will mitkommen. Es ist wichtig für ihn.«

»Ach ja? Und was soll mit mir geschehen? Jeden Penny, den er hat, steckt er in diesen Wahnsinn. Wo soll ich wohnen, wenn er das Haus verkauft?«

Jessie versuchte sie zu beruhigen. »Nimm es dir nicht so zu Herzen, Sylvia. Du glaubst doch nicht, daß wir ohne dich fahren? Stell dir nur vor, was alles vor uns liegt …eine wundervolle Seereise und dann unser eigenes Anwesen in einem schönen Klima. Du wirst es wunderbar finden.«

Dieser Gedanke war Sylvia noch nicht gekommen.

»Du willst, daß ich mitkomme? Daß ich London verlasse und in der Wildnis lebe?« Sie brach in Tränen aus. »Ich habe immer gesagt, daß du der egoistischste Mensch auf der Welt bist, und nun weiß ich, daß ich recht hatte. Du würdest alles tun, wenn es nur in deinen Kram paßt. Ich werde nicht mitkommen! Nein!«

»Ich fürchte, du hast keine andere Wahl«, sagte Jessie ruhig. »Es tut mir wirklich leid, daß dich das alles so trifft. Aber versuch doch, die positive Seite zu sehen. Es wird dir gutgehen, und Corby sagt, daß wir viel Geld verdienen werden. Du kannst immer wieder auf Besuch hierher zurückkommen, und außerdem weißt du noch gar nicht, wen wir auf unserer Reise alles kennenlernen werden.«

»Ich weiß, was ich kennenlernen werde. Schwarze und Schlangen.« Sylvia weinte heftig. »Ich werde nicht zulassen, daß du mein Leben ruinierst. Vater muß wieder zur Besinnung kommen. Er ist zu alt für so was!«

Sylvias Flehen und Betteln war umsonst. Der Professor nahm kaum Notiz von ihr, außer, daß er ihr auftrug, Moskitonetze mit in die Seekisten zu packen. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seine Bücher zu sortieren und Listen anzulegen; für ihn war das alles eine faszinierende botanische Exkursion.

Enttäuscht machte sich Sylvia ans Packen, widersetzte sich Jessies Angebot, ihr zu helfen, und am Tag der Abreise ging sie mit ihnen an Bord der Brigg Caroline und begab sich unverzüglich in ihre Kabine, um zu schmollen. Der Professor, der seinen Kopf kurz hineinsteckte, mißdeutete ihre Stimmung völlig. »Ah, mein Mädchen. Ich sehe, du bist gut untergebracht.« Und fort war er, um das Schiff zu erkunden.

Für Jessie allerdings war es das aufregendste Ereignis ihres Lebens, ein Tag, den sie niemals vergessen wollte.

Unter ihnen hob und senkte sich die dunkelgrüne See, über ihnen wölbten sich die Segel wie wilde Schwingen, die sie zu einem neuen und wundervollen Leben trugen. Sie klammerte sich an Corbys Arm und betrachtete sein gutgeschnittenes Gesicht. Noch immer befand sie sich im Zustand der Euphorie, daß sie dieser Mann, den sie so sehr liebte, geheiratet hatte. Im ersten Jahr ihrer Ehe hatten sie sich Sorgen gemacht, da Corbys Kapital mit alarmierender Geschwindigkeit zusammenschmolz und sie nicht wußten, wie sie überleben sollten. Aber sie hatte Vertrauen in ihn. Jessie konnte seinen Widerwillen verstehen, sich an Handelsgeschäften zu beteiligen, und sie verstand seine Weigerung, sich wie ein gewöhnlicher Arbeiter nach Beschäftigung umzusehen. Ewig dankbar war sie, daß er es abgelehnt hatte, in die Armee einzutreten. Sie hatte gewußt, daß er es irgendwie schaffen würde. Und als er und Roger mit dieser wunderbaren Idee der Zuckerplantage nach Hause kamen, hatte Jessie mit ihnen gefeiert. Später in jener Nacht konnte sie dann auch, da ihre Probleme ja nun gelöst waren, Corby ihre Neuigkeiten mitteilen; daß sie ein Kind in sich trug.

Er freute sich. »Schau! Alles fügt sich zusammen. Wir werden unsere Plantage haben, ein großes Anwesen, und einen Sohn, der den Familiennamen weiterträgt.«

»Und wenn es ein Mädchen ist?«

»Nein, du mußt einen Sohn haben. Ich habe gehört, wenn du dich nur darauf konzentrierst, dann kannst du das entsprechende Geschlecht hervorbringen.«

Jessie hatte gelacht, obwohl sie wußte, daß er es ernst meinte.

Nun, als Wind aufkam und die Segel sich blähten, wickelte sie sich fester in ihren dicken Umhang.

»Wie fühlst du dich?« fragte er sie.

»Wunderbar.« Sie lächelte. »Einfach wunderbar.«

»Das ist ein guter Anfang. Einige unserer Mitpassagiere sehen bereits ziemlich grün aus. Übrigens habe ich über den Namen unseres Sohnes nachgedacht. Wir werden ihn Bronte nennen. Bronte Wilcox Morgan, nach meinem verstorbenen Onkel.«

»Wie du wünschst, mein Lieber.« Sie küßte ihn. Sie war viel zu glücklich, um ihn nun belästigen zu wollen. So waren die Männer, nahm sie an. Immerhin konnte sie nun, nur für den Fall, einen Mädchennamen aussuchen.

2

Das aquamarinblaue Wasser der weiten Lagune schwappte träge über das hervorstehende Riff, trieb in die kristallklaren Tiefen zurück, verharrte dort und wartete auf die Flut. Der große Ozean draußen hatte bereits angefangen zu singen, bald würde er heranbranden und hoch über dem Riff donnernd in Wellenkämmen zusammenschlagen. Unter dem schwerelosen blauen Himmel summte die Lagune in der stechenden Sonne, diamantene Spitzen glitzerten auf dem Wasser vor dem langgezogenen Strand der Bucht. Der Sand blendete, ein Schauspiel, das so alt war wie das rosa-cremefarbene Innere der großen Seeschneckenschale, die am Rande des Dschungels lag.

Über den zerzausten grünen Palmen, die hoch über den Strand ragten, schwebten Seevögel. Auch sie warteten, ließen sich mühelos ins Blau hinauftragen und trieben in den heißen Aufwinden ihre gleitenden Spiele. Bald würde der Ozean die stille Lagune aufwühlen, fette silbrige Fische über das Riff werfen, und sie waren bereit für die Beute.

Aus dem Schatten tauchte ein Mann auf und schlenderte über den Strand, unter seinen Füßen knirschte der Sand. Es war Ratasali, der »große Mann« der Küstenbewohner dieser Gegend. Er war in der Tat ein großer Mann, auch der Statur nach, ein riesiger bronzefarbener Melanesier, dessen Körper vor Muskeln strotzte. Zu seiner Zeit war Ratasali ein ausgezeichneter Krieger gewesen. Sein Scharfsinn und seine Voraussicht hatten ihm seit langen Jahren schon die Macht über andere Sterbliche gegeben. Das und seine berühmte Freundschaft mit den Göttern, die seine Führung guthießen.

Ratasali achtete darauf, daß alle aus seinem Volk die Götter mit Respekt behandelten und nur die besten Opfergaben darreichten. So hatten sie zerstörerische Winde abgewehrt, große Haie waren in ihrer Lagune unbekannt, genügend Regen füllte ihre Wasserfälle und -becken, und, am wichtigsten vielleicht, seine Krieger waren mit Mut und Stärke gesegnet, um die ständigen Angriffe der Buschmänner, der Leute aus den Bergen und anderer Inselbewohner zurückzuschlagen. Die Männer von Malaita waren daher auf den Salomoninseln, ja, im ganzen Pazifik als Krieger gefürchtet, und ihr »großer Mann« war berüchtigt für seine harten Vergeltungsschläge.

Ratasali stand vor der Seeschneckenschale, die zu einem ganz bestimmten Zweck hier lag. Er stampfte auf, und die Palmblätter an den Handgelenken und Fußknöcheln raschelten. Er trug ein Stirnband aus Muscheln, das sein wolliges Haar zurückhielt, Nase und Ohren waren durchstochen, um Schmuckstücke aus menschlichen Knochen aufzunehmen An diesem Tag trug er seine liebste Halskette aus Menschenzähnen. Selbst in seinem alltäglichen Aufzug — der zeremonielle Kopfputz und die Schmuckstücke waren dann sorgfältig im Langhaus verstaut — war Ratasali mit seiner breiten Nase, dem eisernen Kinn, den weißen Zähnen und den täuschend sanften braunen Augen ein Mann, mit dem zu rechnen war.

Der richtige Zeitpunkt schien ihm gekommen, er nahm die Schneckenschale auf und blies hinein; ein Trompetensignal erscholl. Einige Minuten später schoß der hochgezogene, mit Schnitzwerk versehene Bug eines Kriegskanus in die Lagune hinaus und durchschnitt das stille Gewässer wie ein Wurfholz die Luft.

Vor Vergnügen tanzte Ratasali beim Anblick seines neuen tomaka, seines neuen Kriegsschiffes, das sich auf seiner ersten Fahrt zum Riff hinaus befand, und klatschte in die Hände. Mit geschwinder Präzision tauchten die vierzig Krieger die Paddel ein. Es war vollkommen! Wunderbar! Er rief ihnen zu und war von der Geschwindigkeit des Bootes begeistert. Als es zu ihm beidrehte, reckte ihm die geschnitzte Haimaske über der Wasserlinie die Zähne entgegen; sie trug Furcht in die Herzen der Feinde.

Er hob einen Arm, und als das Kanu über die Lagune zurückglitt, strahlte er vor Zufriedenheit. Das war das beste Boot, das sie jemals hatten; es war von den Handwerkern wunderbar geschnitzt und gebaut. Bevor er es der See anvertraute, hatte er es unter der Opfergabe zweier Frauen und eines fetten Kindes den Göttern geweiht. Zweifellos hatten die Götter es angenommen. Es mußte das schnellste Boot auf den Inseln sein.

Er strich sich über seinen Bauch. Nach peinlich genauer Durchführung der Zeremonien hatten die Opfer ein hervorragendes Mahl für sein Volk abgegeben.

Er signalisierte den Männern, mit der Übung fortzufahren, legte die Schneckenschale zurück und verließ den Strand. Er ging durch das Dorf zum Langhaus, um den Göttern zu danken.

Das strohgedeckte, mit Totenschädeln verzierte Gebäude war zu dieser nachmittäglichen Schlafenszeit leer. Ratasali kauerte sich mit gekreuzten Beinen auf seine Matte und dachte nach. Nun, da das neue tomaka in See gestochen war, gab es einige wichtige Dinge, mit denen er sich beschäftigen mußte. Jeden Tag konnten die Schiffe der Weißen kommen, die die Männer zur Arbeit auf den Zuckerplantagen auf den Fidschis oder in Queensland, im Norden des großen Landes Australien, rekrutierten. Ratasali wußte alles über die Zuckerrohrfelder. Als junger Mann war er von einer nahen Bucht entführt worden, um auf den Fidschis zu arbeiten. Drei aus seiner Sippe starben im Bauch des Schiffes an der Ruhr, noch bevor sie Land erreichten, und von den vierundvierzig Männern, die an diesem Tag von Malaita mitgenommen wurden, um drei Jahre lang für die weißen Plantagenbesitzer zu arbeiten, waren nur siebzehn nach Hause zurückgekehrt. Die anderen waren gestorben. Sie waren die schlechte Verpflegung und harte Arbeit nicht gewohnt, sie starben vor Erschöpfung in den Feldern oder wurden in ihren Hütten von Krankheiten dahingerafft.

Ratasali hatte nicht nur überlebt, er hatte seine Augen offengehalten und gelernt. Er hatte die Sprache der Weißen gelernt und entdeckt, daß die Briten Gesetze hatten, die die Rekrutierung und Beschäftigung der kanaka, das Wort der Insulaner für »Mensch«, regelten. Zuerst dachte er, es handelte sich dabei um ein Märchen. Er hatte darüber gelacht. »Stellt euch vor«, sagte er zu seinen Freunden, »Wir hätten in unserem Land Gesetze, um Männer zu stehlen! Oder Frauen! Sollten wir unsere Feinde um Erlaubnis fragen, wenn wir sie für unsere Opfer brauchen? Oder zum Essen, wenn es nicht genügend Schweine gibt? Diese Leute sind verrückt!«

Er war überrascht und erleichtert, als er herausfand, daß die Schiffe der Menschenhändler nur Männer zur Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern suchten.

Und es stimmte tatsächlich, daß diejenigen, die die drei Jahre überlebten, nach Hause zurückkehren durften. Die Pflanzer waren durch das Gesetz daran gebunden.

Dann erfuhr er von den »Mittelsmännern«: Insulaner, die für jeden, den sie auf den Schiffen ablieferten, zwei oder mehr Pfund erhielten. Geld, mit dem sie auf denselben Schiffen Vorräte oder Tand kaufen konnten. Einige Männer meldeten sich aus Abenteuerlust freiwillig, die meisten jedoch wurden wie er selbst an Bord gelockt und entführt.

Der Menschenhandel entwickelte sich auf beiden Seiten zu einem blutrünstigen Geschäft. Die Weißen erschossen Konkurrenten auf den Stränden und ermordeten widerspenstige Eingeborene an Bord der Schiffe, die Insulaner schlugen zurück und griffen jeden Weißen an, der ihnen in die Hände fiel …sogar die Missionare, die die Insulaner vor marodierenden Weißen zu schützen versuchten.

Am Ende seiner Fronzeit wurde Ratasali mit Tabak und Tee ausbezahlt. Der Kapitän des Schiffes jedoch, das ihn nach Malaita zurückbrachte, weigerte sich, auf die Kanus zu warten, die ihn aufnehmen sollten. Nachdem einige Schiffe von den Eingeborenen abgefackelt worden waren, fürchtete er einen Vergeltungsschlag. Er ließ Ratasali noch vor dem Riff über Bord werfen, und er mußte den Rest des Weges schwimmen.

Beschämt war er zu Hause angekommen. Während andere mit Geschenken für ihre Familien ankamen, hatte er nichts außer seiner Wut im Herzen.

Das erste, was er tat, war, sich ein Messer zu nehmen und den »Mittelsmann«, der ihn verkauft hatte und aus seiner Sippe stammte, zu töten. Er tat es nicht für sich, sondern für die drei, die gleich nach der Entführung gestorben waren. So sagte er es den Dorfbewohnern, die dieses Sühneopfer für die Götter akzeptierten. Dann ging er in die Berge, nahm zwei feindliche Krieger gefangen und überreichte sie den Familien der Toten. Es waren dankbare Verwandte, die noch immer um ihre Männer trauerten, die nicht mehr zurückkommen sollten. Sie konnten die Leute aus den Bergen als Opfer den Göttern darbieten, um den Verlust ihrer Söhne wiedergutzumachen.

Von diesem Tag an wurde Ratasali ein »Mittelsmann« für die Plantagen, der gerissenste auf den Salomonen, der für seine Freiwilligen bezahlt wurde und den Weißen, die ihre Abkommen nicht erfüllten, schnelle Strafe zukommen ließ. Keinem aus seinem Volk — denn schnell stieg Ratasali zum Häuptling auf – erlaubte er jedoch, auf den Fidschis zu arbeiten. Er wußte, daß in Queensland die Verhältnisse besser waren, denn Arbeiter, die nach Hause kamen, meldeten sich oft ein zweites Mal und halfen so, Ratasalis Reichtum zu mehren. Noch immer gab es Tote, viele überlebten nicht, aber wie jeder General sah sie Ratasali als vertretbare Verluste im Handelsgeschäft an.

Nun wartete er auf den Schoner Medusa aus der Trinity Bay in Queensland, der jeden Tag eintreffen mußte. Es gab jedoch Probleme. Er hatte Captain King zum vereinbarten Preis von zwei Pfund pro Person fünfzig Männer und sechs Frauen versprochen. Allerdings hatte er die erforderliche Anzahl noch nicht zusammen, und das würde den Kapitän sehr verärgern. Der Schiffsführer mußte die Quote für die begierigen Pflanzer erfüllen, ansonsten würde er die Kosten der Reise nicht decken können. Ratasali verstand dies und tat sein Bestes. Zu der Gruppe, die er zusammenhatte, gehörten neun erfahrene Arbeiter, die nach Queensland zurückkehren wollten. Nach ihrem dreijährigen Aufenthalt in der Welt der Weißen erschien ihnen das Leben auf den Inseln zu langweilig.

Ratasali verachtete sie. Er konnte nicht verstehen, daß sie gewillt waren, ihre Rücken zu beugen und für schlechten Lohn sechs Tage in der Woche in den dreckigen Zuckerrohrfeldern zu schuften. Auch nicht für die japanischen Frauen in den chinesischen Bordellen, die in Cairns aus dem Boden schossen. Während sie hier saubere Insulanerinnen umsonst haben konnten, mußten sie dort für diese kleinen braunen Frauen auch noch bezahlen. Es war ihm ein Rätsel. Er hatte jeden einzelnen Tag gehaßt, an dem er für magere drei Pfund im Jahr für die Weißen arbeiten mußte. Aber er war ja auch, überlegte er, von höherer Geburt als sie, denn es lag nicht in seiner Natur, sich vor irgend jemandem zu beugen. Niemals würde sich Ratasali in die Nähe dieser Schiffe begeben, nicht einmal in einem Kanu, um mit ihnen Gaben auszutauschen. Es war bekannt, daß die Menschenhändler die Kanus manchmal versenkten, um sich der neugierigen Insassen zu bemächtigen.

Er war vorsichtig geworden. Einige Male hatten Weiße versucht, Ratasali mit vorgehaltener Waffe zu ergreifen. Aber immer war er von Kriegern, die sich im Busch versteckt hielten, beschützt worden. Viele hatten dabei ihr Leben verloren, aber — er lächelte — die Entführer hatten es kein einziges Mal zurück zu ihren Schiffen geschafft.

Captain King war, soweit davon überhaupt die Rede sein konnte, ein legitimierter Anwerber, da er an Bord der Medusa einen Agenten der Regierung, Jock Bell, mit sich führte. Aber alle auf den Salomonen wußten, daß King mit Hilfe des großen rothaarigen Agenten überall, wo er nur konnte, Insulaner aufgriff, wenn er seine Quote plus einiger überzähliger Männer, die die Verluste während der Reise ausglichen, nicht erfüllen konnte. Um zu seinem Geld zu kommen und um Schwierigkeiten zu vermeiden, mußte Ratasali die vorgegebene Anzahl liefern.

Sein Freund Higimani kam zu ihm. »Das große Schiff Medusa wird erwartet«, sagte er, als er sich niederließ.

Ratasali nickte mürrisch.

»Laß mich gehen«, sagte Higimani. »Ich will zurück.«

Sein Häuptling war erstaunt. »Warum? Du bist seit zwei Jahren wieder hier. Warum willst du zurück?«

»Ah — wenn ich dort draußen vor dem Riff diese großen Schiffe mit ihren wunderlichen Segeln sehe, singt mein Herz vor Erregung. Ich sehne mich danach, auf ihnen wieder zu fahren.«

»Eingesperrt in den Dreck der Laderäume«, grummelte Ratasali.

»Nein, nein. Gute Jungen wie mich lassen sie auf das Deck.«

»Du bist kein Junge mehr, und du wirst arbeiten müssen.«

»Sie nennen uns alle Jungen. Die Arbeit macht mir nichts aus. Ich langweile mich hier.«

»Du bist verrückt. Du hast zwei Frauen. Was soll aus ihnen werden?«

»Ich nehme sie mit.«

Das interessierte Ratasali. Familien konnten nur schwer dazu überredet werden, ihre Frauen herzugeben. Er saß lange da und ließ sich seine Bitte durch den Kopf gehen. »Gut«, sagte er schließlich. »Neben den bereits einmal dagewesenen Arbeitern haben sich nur siebzehn unserer jungen Männer gemeldet. Ich brauche aber mehr.«

»Was ist mit den sechs Leuten aus den Bergen, die wir gefangen haben?«

»Ja, sie gehen mit, oder sie werden sterben«, erwiderte Ratasali beiläufig. »Aber es reicht trotzdem nicht. Bringe mir fünfzig Männer und sechs Frauen, und ich lasse dich gehen.«

Higimani war erfreut. »Ich werde sie finden«, versprach er. »Laß mich nur machen.«

Das gefiel dem Häuptling. Eine Aufgabe weniger für ihn. Das Fest der großen weißen Haie stand nächste Woche bevor, und er hatte viel zu tun. Es war das größte Fest überhaupt. Holzschnitzer arbeiteten an seinem neuen, mit Perlmuschelintarsien verzierten Thron, der auf der Klippe hoch über der See aufgestellt werden sollte, Frauen sammelten Nahrungsmittel. Neben dem eigenen Feuerwasser besaß Ratasali ein Faß mit Rum der weißen Menschen, den er an sein Volk verteilen wollte. Und wenn auf dem Höhepunkt der Zeremonie der volle Mond aufging, würden die Opferreichungen vom Steinaltar die aufregendsten sein, die sie seit Jahren erlebt hatten.

Seit Wochen hatten ausgewählte Männer jede Nacht unterhalb der Klippe die Haie gefüttert. Mehr und mehr dieser klugen Tiere waren während dieser Zeit gekommen und hatten sich um das Futter gestritten. In der besagten Nacht würden sie in solch großer Anzahl erscheinen, daß seine vom Grog und der Rede des Häuptlings berauschten Stammesgenossen in einen dem Blutrausch der Haie vergleichbaren Zustand der Raserei verfallen mußten, wenn die Opfer über die Klippe stürzten. Denn in dieser Nacht sollte Ratasali zu den Göttern erhoben werden. Fürsprachen, Bitten und Segnungen würden in Zukunft nicht mehr durch ihn, sondern an ihn gerichtet. Er würde der reichste Häuptling auf den Inseln sein. Sein Sohn Talua, der nun achtzehn war, sollte ebenfalls neben ihm am Altar stehen und mit Blut zum Gott gesalbt werden; seine Nachfolge war dadurch gesichert.

Ratasali grinste. Hier lag die Wahrheit, der wirkliche Grund für sein beinahe fanatisches Interesse an den diesjährigen Zeremonien, für seine Befehle, riesige Feuer aufzurichten und mehr Sänger und Tänzer zu bestellen, als jemals gesehen worden waren. Wenn Häuptlinge älter wurden, wurden sie von ehrgeizigen jungen Männern gestürzt. Ratasali hatte nicht die Absicht, als Haifutter zu enden. Er hatte viele Söhne, Talua aber war der beste — er war schön, mit starken Gliedern, besaß die Statur des Vaters und unverdorbene, gottähnliche Züge. Und einen schönen Charakter, er war dem Vater treu ergeben. Wenn es an der Zeit war, würde Ratasali zurücktreten und, gestützt durch eine Reihe hervorragender Krieger im Hintergrund, die Führung seinem Sohn übergeben. Dann und nur dann, unter dem Schutz Taluas, konnte er seinen Reichtum genießen und darauf hoffen, seine Enkelkinder noch zu sehen.

Es war ein herrlicher Plan, den er mit den Göttern durchgesprochen hatte. Sie waren erfreut, ihn aufzunehmen, denn auch sie waren Geister der Erde und des Meeres, die Unsterblichkeit erlangt hatten. Würde er erst einmal Gott sein, so plante Ratasali, viele Schreine für sich zu errichten, um überall als der größte Gott von allen verehrt zu werden.

___________

An Bord der Medusa gab Captain King den Befehl, vor der Manu Bay an der Ostküste Malaitas den Anker zu werfen. Sein Schoner legte sich sanft in die Brise. Die Abenddämmerung setzte ein, und sie sahen, wie auf einer Klippe ein großes Feuer entzündet wurde, ein flammendes Zeichen vor dem dunkler werdenden Himmel.

Er lachte und rief Jock Bell: »Schauen Sie! Das muß das Licht sein, das wir letzte Nacht in der Ferne sahen. Der alte Ratasali will unter keinen Umständen, daß wir ihn verpassen. Er entzündet Feuer, um uns willkommen zu heißen.«

»Ich trau’ ihm nicht«, sagte Bell. »Er ist zu schmierig, zu sehr darauf bedacht, zu gefallen. Das paßt nicht zu seinem Ruf als hingebungsvoller Kopfjäger.«

»Das ist ihr Geschäft«, sagte King. »Diese Inselbewohner sind doch alle gleich, sie bekämpfen sich, essen sich gegenseitig auf und behalten die Köpfe als Trophäen. Wir sind keine Missionare, wir sind hier, um Ladung aufzunehmen.«

»Kannibalenladung«, gab Bell zurück.

»Und? Wir liefern. Häuptling Ratasali will aus gutem Grund gefallen. Wir lassen ihn in Ruhe. Wir kommen, holen unsere Kanaken, zahlen und verschwinden wieder. Und er hat immer gute Arbeiter für uns, also machen Sie sich keine Sorgen. Der hier ist unser kleinstes Problem.«

Dennoch hielt sich King am nächsten Morgen an die üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Mit seinem Fernrohr betrachtete er sorgfältig die Küste. Er grinste, als er sah, daß sich Ratasali für das Treffen mit Federn und Farbe wie ein Weihnachtsbaum ausstaffiert hatte. Und erleichtert war er, daß Ratasali noch immer der Boß war; ein Häuptlingswechsel bedeutete manchmal Gefahr.

Dann befahl er, nicht ein, sondern zwei große Beiboote ins Wasser zu lassen. Das erste brachte ihn und den Agenten an die Küste, das zweite hatte eine andere Aufgabe. Vier Seeleute folgten in ihm, blieben aber, die Waffen auf den Strand gerichtet, vor der Küste; es bestand immer die Gefahr, daß ein feindlicher Stamm plötzlich angriff. Das, erinnerte sich der Kapitän, war das unvorhersehbare Moment dieser Operationen. Es zahlte sich aus, wachsam zu sein.

Als die Ruderer das Boot anlandeten, sprang King in das seichte Wasser und watete der weitarmigen Begrüßung des Häuptlings entgegen, die ihm fast die Luft nahm.

»Willkommen, mein guter Freund«, schrie Ratasali. »Du kommen nach langer gute Zeit. Alle Arbeiter viele hier.«

»Toller Bursche, Häuptling«, erwiderte King und ließ als Zeichen guten Willens einen Beutel mit Sovereigns klirren. Er trat zurück und betrachtete Ratasali. Sie waren beide von gleicher Größe, über einsachtzig, der Insulaner aber war stärker gebaut. »Bei Gott, Ratasali«, lachte der Captain, »du bist nun ein großer Mann. Die Leute sagen, daß du jetzt der höchste aller Häuptlinge bist, viel Essen, viele Frauen, eh?«

Ratasali strahlte vor Vergnügen und rief den respektvoll entlang des Strandes stehenden Eingeborenen die Übersetzung zu. Sie brüllten vor Freude und sprangen und stampften vor Begeisterung. Dann schoben sie einen schüchternen jungen Mann nach vorne, den der Häuptling als seinen Sohn Talua vorstellte.

»Dieser Mann nächster großer Häuptling, wenn ich niedersetze«, informierte Ratasali King, der dem jungen Mann sofort die nötige Ehrerbietung zukommen ließ. »Er spricht auch gut Englis«, fügte Ratasali an. Talua bohrte einen Zeh in den Sand und schien nicht gewillt zu sein, seine Sprachkenntnisse zu beweisen. King kümmerte es nicht; er wollte die Ladung aufnehmen und wieder verschwinden.

Sie setzten sich, wie es das Ritual erforderte, in den Sand und begannen die Unterhaltung, an der auch Jock Bell teilnehmen durfte. Bell hatte hier Gelegenheit, Ratasali über Inselprobleme zu befragen: welchen Häuptlingen konnte man sich nicht gefahrlos nähern, wo waren vermißte Seeleute oder Schiffe abgeblieben und dergleichen. Den Informationen Ratasalis konnte man gewöhnlich trauen.

Während die beiden redeten, blickte King zum Strand hinunter, wo eine große Gruppe von Insulanern ungeduldig wartete. Dies waren seine Kanaken; nach ihrem Aussehen zu schließen hatte er diesmal eine starke Truppe. Die Pflanzer würden gut zahlen.

Nun kam die übliche Einladung der Insulaner, zu einem Fest an Land zu bleiben — wenn Fleisch aufgetragen wurde, konnte es sich leicht um Menschenfleisch handeln, und es gehörte sich nicht, danach zu fragen —, ein Vergnügen, das King mit einer akzeptablen Entschuldigung abzulehnen wußte. Weitschweifig erklärte er Ratasali, daß er die Ebbe noch ausnützen mußte, wies seine Seeleute jedoch an, eine kleine Kiste mit Tabak, Tee und Perlen zu bringen, um die Unhöflichkeit ein wenig abzumildern.

Also zum Geschäft. Nachdem ihm Ratasali versicherte, daß die Zahl der Eingeborenen stimmte, zählte er die exakte Summe ab, steckte das Geld wieder in den Leinwandbeutel und überreichte ihn Ratasali, der daraufhin seinen Freund Higimani anwies, mit dem Verladen der Kanaka in das Großboot des Capitains zu beginnen.

»Dieser Mann kommen zuruck!« rief Higimani King zu

»Schön für dich!« Der Captain wandte sich wieder an Ratasali. »Du hast viele alte Arbeiter, die wieder mit mir kommen? Das sind gute Nachrichten. Erfahrene Männer, das macht es für alle leichter.«

»Ich schicke sie«, verkündete Ratasali. »Mehr bessere andere folgen, machen gute Arbeit. Nächste Mal, du zahlen drei Pfund für alte Arbeiter, eh?«

»Das ist nur fair«, sagte King.

Ratasali grinste vor Vergnügen und schlug seinem Gast auf die Schulter. »Du verdammt guter Mann, Cap’n. Und nächste Mal, du bringen diese Mann ein gut lebend Schaf, eh?«

»Ein Schaf?« fragte King erstaunt.

»Schaf«, insistierte Ratasali. »Diese Mann nicht mehr Häuptling, sondern Gott. Mehr Ehre, verstehen? Mein Sohn auch Gott.«

»Oh, ich verstehe. Ein Gott! Das sind große Neuigkeiten. Du zeigst mir besser, wie man mit einem Gott umgeht.«

Das Großboot war in See gestochen und fuhr mit den zusammengepferchten Eingeborenen zur Medusa zurück. Zwischen dem Agenten und Higimani schien es jedoch Schwierigkeiten zu geben, also sprach King weiter. »Ich habe noch niemals einen Gott kennengelernt. Zum Teufel, das sind wichtige Neuigkeiten für unsere Königin.«

Ratasali nickte abwesend. Auch er hatte bemerkt, daß etwas nicht stimmte. Er erhob sich vom Strand, lehnte sich auf seinen Speer und sah zu Kings zweitem Großboot, auf dem die ebenfalls aufgeschreckten Seeleute ihre Gewehre aus richteten. Er nahm die Schale einer Meeresschnecke und schlenderte, von King gefolgt, fort.

»Das ist eine Schweinerei!« schrie Bell. King hätte ihn erwürgen können. Der rothaarige Bastard mag in Cairns ein großes Tier sein, hier aber unter den Niggern war er ein wandelndes Desaster; total hilflos im Umgang mit ihnen.

»Beruhigen Sie sich«, sagte King. »Was ist los?«

»Die erste Ladung ist fort«, erzählte ihm Bell, »dann besah ich mir die restlichen. Die wollen hier Unbrauchbare einschmuggeln. Schauen Sie sich das an!« Er zog einen Jungen hervor. »Keine Schamhaare. Wir können ihn nicht nehmen, der ist zu jung.«

»Gut, lassen wir ihn hier«, lachte King und sah hilfesuchend zu Ratasali. »Kinder schleichen sich ein, nicht wahr, Häuptling?«

Aber aus Ratasalis Gesicht war das Lächeln gewichen. Verdrossen starrte er auf die Gruppe der Reisewilligen.

»Und was ist mit denen?« schrie Bell und zog andere heraus, die sich in der Menge versteckt gehalten hatten. »Sie sind wertlos. Keiner wird sie kaufen. Schauen Sie sich die beiden Frauen an, sie sind mit Geschwüren bedeckt.« Er stieß sie nach vorne. »Und hier hinten, klapprige alte Knochen, die keinen Penny wert sind. Haben Sie dafür bezahlt?«

Nacheinander zog er zwischen den gesunden Männern Eingeborene hervor, die sich unter seinem Griff krümmten.

Überrascht wandte sich King an Ratasali. »Du hast gute Arbeiter versprochen.«

Voller Wut sprang Ratasali mit dem Speer nach vorne. Sein Angriff aber galt nicht dem Schiffsführer.

Ihm war klargeworden, was geschehen war. Higimani hatte ihn in seinem Eifer, auf dem großen Schiff zu fahren, übers Ohr gehauen und zwischen den gesunden Männern Alte und Kranke versteckt, um die geforderte Anzahl zusammenzubringen. Ratasali stürzte sich auf den Mann, der einst sein Freund gewesen war und nun alles verdarb.

Sein Speer durchbohrte Higimanis Hals. Gleichzeitig gerieten die Seeleute in Panik und feuerten Schüsse ab. Das reichte, um Chaos ausbrechen zu lassen. Die leicht erregbaren Eingeborenen, die nicht getroffen wurden, stürzten sich in den Kampf. Der kleine, ruhige Strand war plötzlich in Aufruhr. In dem Glauben, die Ordnung wiederherstellen zu können, setzten die Seeleute auf dem Boot das Feuer fort.

Bell rannte zum Meer. Über die Schreie hinweg brüllte Captain King seinen Männern zu, das Feuer einzustellen. Ratasali, der fürchtete, daß ihm der erste Tag seiner Göttlichkeit niemals verziehen würde, wenn er nicht zurückschlug, rannte weg und blies lange und hart auf seiner Meeresmuschel. Augenblicklich schoß das herrliche Kriegskanu in die Bucht und nahm direkten Kurs auf die feuernden Seeleute.

King, der in die Kämpfe am Strand verwickelt wurde, die sich durch das Eingreifen der Sippe Higimanis noch verschlimmerten, ging mit einem Speer in der Schulter zu Boden. Vor Schmerz schrie er auf, als jemand den Speer herausriß und ihn zum Wasser zog. Während aller Augen auf das große Kriegskanu gerichtet waren, zerrte der weinende Talua den Kapitän, den Freund seines Vaters, in die Lagune und hinaus in die tieferen Gewässer des Riffs. Blut umströmte sie, als King zu schwimmen versuchte, Talua aber hielt ihn fest, zog ihn durch das warme Wasser und kämpfte sich durch die Wellenkämme der offenen See, bis sie von starken Händen ergriffen und an Bord der Medusa gezogen wurden.

In der Manu Bay sahen die Seeleute mit ihren Gewehren das große, furchterregende Kanu auf sich zukommen. Alle vier waren gute Schützen, aber um die vierzig Krieger zu stoppen, hätte es einer Kanone bedurft. Verzweifelt richtete einer von ihnen seinen letzten Schuß auf den Strand. Er suchte sich den Häuptling der Eingeborenen, der, wie er glaubte, seinen Kapitän getötet und auch den Tod über ihn gebracht hatte; die große braun-glänzende Gestalt konnte er kaum verfehlen, sorgfältig zielte er im schwankenden Boot und erschoß Ratasali, den Gott.

Das große Kriegskanu mit seinen wilden Zähnen kam über sie wie eine schreckliche Sturzsee.

Auch einige der eingeborenen Freiwilligen, entschlossen, nicht zurückgelassen zu werden, schwammen zur Medusa und kletterten an Bord, noch bevor die Mannschaft in Aktion trat. Der Erste Maat hatte den Gewaltausbruch durch sein Fernrohr beobachtet, und sobald King und der Agent sicher an Bord waren, ließ er Segel setzen. Fasziniert hatte er auf das Kriegskanu gestarrt, hilflos mußte er nun mit ansehen, wie seine vier bewaffneten Besatzungsmitglieder niedergemäht wurden. Nun kam es darauf an, die Medusa außer Reichweite zu bringen, bevor es der eingeborenen Kriegspartei einfiel, am Strand Feuerpfeile aufzunehmen und sie damit zu verfolgen.

Inmitten der Verwirrung, die auf dem Deck zwischen den hysterischen Eingeborenen und der beschäftigten Mannschaft herrschte, brachte Bell den Kapitän in seine Kabine. Um das Blut zu stillen, betupfte er die tiefe Wunde. »Wir müssen sie nähen«, sagte er.

King schüttelte den Kopf. Er wollte keine Zeit verlieren. »Nein, verbinden Sie sie nur fest. Ich muß sehen, was dort draußen los ist.«

»Nein, das müssen Sie nicht. Sie können nichts tun. Wir sind unter Segel.«

Neugierige Eingeborene, die längst unter Deck sein sollten, schauten durch die offene Luke zu ihnen hinein.

»Holt Talua«, schrie King. Nach wenigen Minuten wurde der junge Mann die Holztreppe hinabgestoßen. Vor Schmerz stöhnend hielt ihm der Captain die Hand hin. »Danke, Junge, du hast mir das Leben gerettet. Das werde ich dir nicht vergessen. In der nächsten Bucht werden wir dich absetzen, damit du zu deinem Vater zurückkehren kannst.«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, mischte sich Jock Bell ein. »Sie haben für fünfzig Männer bezahlt, und wir können von Glück sagen, wenn wir lausige dreißig hier haben. Wir haben das Recht, ihn zu behalten.«

Taluas große braune Augen blickten den Captain schmerzlich an. »Mein Vater tot. Männer sagen, Gewehre ihn getötet.«

»O Gott!« sagte King. »Was für ein blutiges Debakel! Das tut mir leid, Junge.«

»Er war selbst daran schuld«, warf Bell wütend ein. »Er wollte uns hereinlegen.«

»Nein, das wollte er nicht. Higimani versuchte uns zu betrügen. Ratasali war darüber genauso überrascht wie ich. Das mindeste, was wir tun können, ist, seinen Sohn freizulassen.«

Aber Talua schüttelte’ den Kopf. »Nicht zurückgegehen. Götter wütend. Viel Kampf nun, um neuen Häuptling zu finden.«

»Ist es gefährlich, wenn du nun zurückgehst?« fragte King.

Talua nickte. »Gut, er bleibt«, sagte Bell. Er schaffte den Jungen an Deck und begann, während der Schoner sich langsam von der Insel entfernte, die Eingeborenen zur Ordnung zu rufen, nahm ihre Namen auf und schickte sie unter Deck. Als er an Talua kam, starrte er ihn wütend an. »Wir haben hier vier weiße Männer verloren, vier gute Besatzungsmitglieder. Wir wollen nicht mehr an Ratasali und seine Familie erinnert werden. Dein Name ist nun Joseph. Verstanden?«

»Jo-seph.« Talua zuckte mit den Schultern. Der Verlust seines Vaters und die Ereignisse des Tages hatten ihn so sehr mitgenommen, daß ihm kaum bewußt war, was hier geschah. Demütig trottete er davon, hinab in den Laderaum, legte sich in eine feuchte Ecke und überließ sich seinem Schmerz. Unter sich spürte er das unruhige Stampfen des Schiffes.

3

Der schäbige Hafen von Cairns in der Trinity Bay kam niemals zur Ruhe. Das äußerste, was er erlaubte, war ein gelegentlicher Schlummer. Und das um drei Uhr nachmittags, wenn sich die Europäer der drückenden Hitze hingaben und die Chinesen, nun vor Anfeindungen geschützt, leise und eilig ihre Besorgungen machten. Aber die Morgendämmerung war wie ein Tollhaus. Beim ersten Anzeichen von Licht begannen die bis dahin in den hohen, weitausladenden Palmkronen verborgenen Vögel zu singen, dann pfiffen die Honigfresser, es erwachte unaufhörliches Gezwitschere, Singvögel fielen mit ihren flötenden Tönen ein, bis, wie ein verrückter Bläserchor, die Papageien einstimmten — alle Arten von Papageien, von den Buntsittichen und Kakadus bis zu den Tausenden bunter Loris — und der Lärmpegel sich zu einem ohrenbetäubenden Kreischen steigerte.

Und das waren nur die Hintergrundgeräusche. Mike Devlin wälzte sich unruhig in seinem Bett in dem völlig zu Unrecht so genannten Palace Hotel. Die Vögel gehörten zum Leben im Norden, er hörte sie kaum noch, aber was er hörte, waren die Schreie und Flüche der nächtlichen Krakeeler, die aus den Bars und Bordellen wankten.

»O Gott«, murmelte er, drehte sich auf die andere Seite, um noch etwas Schlaf zu erhaschen, als Schlägereien ausbrachen, Frauen aufschrien und fluchten und eine zornige Gattin ihren Mann beschimpfte. Pferde schnaubten und wieherten und wirbelten Staub auf, während sie sich in den Straßen aufbäumten, Staub, der die heiße Luft noch mehr verdickte und der sich dem Gestank frischen Pferdedungs und den allgegenwärtigen Ausdünstungen der weitläufigen Mangrovensümpfe von Trinity Bay hinzufügte.

»Ebbe«, kommentierte er grimmig. Der Gestank war noch schlimmer, wenn die schlammigen Abfälle zum Vorschein kamen.

Er hörte einige Schüsse, aber nicht einmal das brachte ihn in Bewegung. Betrunkene, denen der Zeigefinger locker saß, waren nichts Ungewöhnliches in dieser Ecke — Goldschürfer, Seeleute, Viehtreiber und Pflanzer waren rauhe Menschen. Er fragte sich, ob diese Stadt im Grenzland wohl jemals zur Ruhe kommen würde. Früher oder später mußte sie es, ging es ihm durch den Kopf. Providence, die Plantage, die er verwaltete, war von diesem Hafen abhängig.

Der Lärm draußen nahm zu; verschlafen beugte er sich über die Veranda, um auf die Straße hinabzublicken. Er war noch immer nicht sonderlich interessiert — es war noch nicht Sonntag. Da Sonntag ihr einziger freier Tag war, kamen Samstagnacht wagenweise Kanaka in die Stadt. Betrunken stellten sie ein wirkliches Problem dar. Meistens gelang es Mike, seine Arbeiter zu überreden, zu Hause zu bleiben, aber wenn sie darauf bestanden, die »hellen Lichter« zu besuchen, dann hatte er keine rechtliche Möglichkeit, sie davon abzuhalten. Alles, was er tun konnte, war, Sonntagnacht einen Wagen zu schicken, der die »Leichen« wieder aufsammelte; die meisten der armen Dummköpfe tranken sich bewußtlos.

»Was ist los?« schrie er den Mannern unter ihm zu.

»Ein Aufruhr!« brüllte einer. »Ein Aufruhr im alten Lagerhaus.«

»Großer Gott!« Er zog hastig seine Kleider an und rannte die wackelige Nebentreppe hinab und zum Kai. Der Schuppen war die erste Station für die neu eingetroffenen Kanaka, hier wurden sie von den Einwanderungsoffizieren registriert und ihre Namen aufgezeichnet. Immer eine verwirrende, manchmal auch lustige Prozedur, denn die wilden Kerle kamen hier zum ersten Mal mit europäischer Kleidung in Berührung: mit Hosen, Hemden, Stiefeln und Hüten. Die meisten von ihnen hatten vorher lediglich einen Lendenschurz getragen, ihr Kampf mit den Kleidern war daher für die Zuschauer und selbst für die fröhlichen Insulaner ein großes Vergnügen. Sogar die Unglücklichen, die entführt worden waren, fanden bei den scheinbar chaotischen Vorgängen einigen Spaß.

Und verwundert starrten sie um sich, wenn sie zum ersten Mal ein Dorf der Weißen erblickten. Alles setzte sie in Erstaunen, besonders die Pferde. Mit einem Dolmetscher an ihrer Seite standen sie aufgereiht und warteten, bis die Beamten sorgfältig Datum und ihren Bestimmungsort notierten. Nach dem Gesetz waren die Pflanzer verpflichtet, sie nach genau drei Jahren wieder auf ihre Heimatinseln zurückzuschicken. Die Zeitspanne sorgte oft für Probleme, denn viele der Freiwilligen waren nicht in der Lage, zwischen Monden und Jahren zu unterscheiden. Drei Monde fort zu sein war für viele ein Abenteuer, wenn sie aber herausfanden, daß sie sich für drei Jahre verkauft hatten, regten sie sich verständlicherweise auf. Furcht und Verzweiflung waren die gewöhnlichen Reaktionen — niemals aber Aufruhr.

Als Mike sich dem Schuppen, einem ehemaligen Lagerhaus, näherte, schien der plötzliche Aufstand mehr oder weniger niedergeschlagen zu sein. Übel zugerichtete Männer, Seeleute und Beamte, wanderten verwirrt am Kai herum, ihre Köpfe und Hemden waren mit Blut bedeckt. Einige Insulaner krümmten sich unter den Schlagstöcken der Polizisten, Blut floß aus Kopfwunden, und drei Soldaten bewachten mit Gewehren die Tür des Schuppens. Drinnen hämmerten die Eingeborenen noch immer gegen die Wellblechwände.

»Was zum Teufel ist passiert?« fragte Mike den Agenten Jock Bell.

»Woher soll ich das wissen«, gab Bell verärgert zurück. Sein vom Whisky gerötetes Gesicht war noch fleckig von der Anstrengung. »Wir haben sie gerade aussortiert, als sie Amok liefen.«

»Haben die Alkohol da drin?«

»Soweit ich weiß, nicht.«

»Es ist Ihre Aufgabe, das zu wissen«, sagte Mike wütend. »Ich habe gestern dreißig von den Jungs angeheuert und erwarte, sie in einem Stück zu bekommen, nicht zerschlagen und durchgeprügelt. Wo ist Captain King?« ’

»Noch immer an Bord. Hat sich ein Fieber eingefangen.«

Mike stürmte zu einem der Einwanderungsbeamten hinüber. »Was ist los, Charlie?« rief er ihm durch das Getöse hindurch zu.

Charlie saß schwer auf einer Kiste und rieb sich seinen Nacken. »Einer der verdammten Hunde hat mir einen Schlag verpaßt, hätte mir fast das Genick gebrochen.«

»Warum?«

»Keine Ahnung! Sie stellten sich der Reihe nach auf, und plötzlich fielen sie über uns her.«

»Wer hat sie Aufstellung nehmen lassen? Bell?«

»Ja, er und einige seiner Kumpel.«

»Seine Jungs mit den Stöcken?«

»Nun ja, du weißt, wie die Nigger sich anstellen. Jock hat ihnen nur ein wenig Zunder gemacht, nicht mehr als sonst auch.«

»Außer, daß es einem nicht gefiel«, sagte Mike. Er sah sich um. »Wo ist Solly Sam?«

Solly Sam war der Dolmetscher, ein Mischling von den Salomonen, der Sohn eines Missionars, wie es hieß, aber das war wahrscheinlich ein Witz. Mike brauchte ihn, um herauszufinden, ob sich unter seinen neu erworbenen Arbeitern ein Hitzkopf befand. Obwohl die Kanaka in ihrer Heimat als Wilde galten, paßten sie sich erstaunlich gut der Disziplin in den Zuckerrohrfeldern an; einer der Gründe, warum Pflanzer auf den Fidschis oder in Queensland sich um sie als Arbeitskräfte rissen. Weder die Bewohner der Fidschis noch australische Aborigines wollten auf den Feldern arbeiten, die letzteren verachteten die Kanaka und nannten sie die »Hunde der weißen Männer«. Um auf Providence den Frieden zu erhalten, wählte Mike seine neuen Arbeiter sorgfältig aus. Unruhestifter konnte er nicht gebrauchen.

Solly Sam hockte auf dem Boden, neben ihm ein halbes Dutzend Eingeborener, die aus dem Gemenge gezogen worden waren. »Verdammt guter Kampf«, grinste er. Er blinzelte Mike zu.

»Verdammt dummer Kampf«, gab Mike zurück.

»Wer hat angefangen?«

»Weiß nich’, Boß. Ging zu schnell. Bin ziemlich schnell durch dieses Fenster.«

»Was ist mit denen hier?« Mike zeigte auf die unter Arrest stehenden Insulaner.

»Ah, die wissen nichts.«

Solly Sam sah zu, wie Mr. Devlin zu den Soldaten hinüberging und nach einem lauten Wortwechsel die Erlaubnis erhielt, den Schuppen zu betreten.

»Geben Sie uns aber nicht die Schuld, wenn sie Ihnen den Kopf abreißen«, schrie ihm ein Soldat hinterher, nachdem Mike darauf bestanden hatte, ihnen unbewaffnet gegenüberzutreten.

Solly klopfte zwei Eingeborenen auf die Schulter und redete mit ihnen in ihrer Sprache. »Dieser Mann ist Mr. Devlin. Ein starker Mann, guter Boß. Ihr Jungs seid glücklich, ihr geht mit ihm.«

Sie blickten auf; sie sahen erbärmlich aus. Niemand hatte sich um sie gekümmert und ihre Wunden versorgt; in ihrem jetzigen Zustand waren sie alles andere als glücklich. Aber Solly lachte. »Keine Knochen gebrochen. Die Weißen können euch hier nichts tun, ihr seid für sie Geld wert. Aber wenn ihr auf die Plantagen kommt, dann müßt ihr aufpassen. Einige Bosse schlechte Männer. Nicht gut. Verhaltet auch also ruhig, arbeitet hart, oder sie erschießen euch und sagen den Häuptlingen, daß ihr an einer Krankheit gestorben seid.«

Der Krach im Schuppen verstummte, bald danach erschien Devlin mit einigen seiner Arbeiter. Solly erkannte manche Freunde, darunter Kwaika und Manasali, der auf den Feldern als Sal bekannt war.

Mike gab Kwaika zu verstehen, Männer von ihrer Insel Malaita aufzurufen. Als die Kanaka aus der fahlen Dunkelheit hervortraten, ging Jock Bell dazwischen. »Was tun Sie hier, Devlin? Nehmen sich wie immer die besten.«

»Nein, ich trenne sie nur. Der Aufruhr kann von Fehden zwischen den Inseln herrühren. Sagen Sie King daß ich sie zum Glockenturm bringen werde.«

Solly Sam hörte aufmerksam zu, als die Namen aufgerufen wurden und die Manner von Malaita vortraten. Natürlich wußte er, worum der Streit gegangen war. Die verletzten Insulaner hatten es ihm mit furchtsamen Stimmen erzählt, allerdings hütete er sich, die Informationen weiterzugeben, nicht einmal an Mike Devlin. Solly wußte, warum er sich aus Stammesangelegenheiten heraushielt. Dennoch trieb ihn die Neugierde nach vorne. Er bemerkte, wie Kwaika kurz innehielt, bevor er den Namen »Joseph« rief.

Es gab eine Verzögerung. Keinem der Weißen fiel etwas auf, aber finstere Blicke gingen von einem Insulaner zum anderen, als Joseph vortrat. Dann senkten sich ihre Augen, als wäre nichts Außergewöhnliches geschehen. Solly hielt vor Aufregung den Atem an. Niemals zuvor hatte er einen Gott gesehen. Das war nicht Joseph; das war, so hatte man ihm erzählt, Talua, der Sohn des großen Häuptlings und kürzlich ernannten Gottes Ratasali, der in den Himmel gegangen war, nachdem er seinen Sohn zu seinem Nachfolger gesalbt hatte.

Die Insulaner glaubten inzwischen, daß der Kampf am Strand von Manu Bay vorherbestimmt war, daß Ratasali von den anderen Göttern von seinem bevorstehenden Tod unterrichtet worden war und er dann, nach spektakulären Zeremonien, dahinging, um sich mit ihnen zu vereinigen. Es paßte alles zusammen, mußte Solly sich eingestehen: der Zeitpunkt der Zeremonien, das letzte Opfer, das Ratasali durch seinen besten Freund Higimani darbrachte, und seine Flucht in den Tod. Der Sohn Ratasalis, den Solly gut gekannt hatte, stand nun vor ihm. Er war ein prachtvoller junger Mann, prachtvoll selbst noch in dem zu engen Hemd und den zu kurzen Hosen.

Unterwürfig ging Talua mit den anderen — ganz anders als sein stolzer kriegerischer Vater. Solly wußte nicht, ob Talua nur Possen spielte oder wirklich von sanftmütigerer Natur war. »Aber der Vater wird erscheinen«, sagte er sich. »Ratasali wird einen klugen Gott abgeben. Er wird aufpassen. Und dieser Jock Bell ist ein gezeichneter Mann.«

Weise nickte er und genoß sein Geheimnis. Bell hatte Joseph beim Aufstellen geschlagen! Die Männer von Malaita waren außer sich, daß dieser Weiße es wagte, einen Gott zu schlagen. Gewalttätig und spontan brach es aus ihnen heraus. Um Talua zu schützen, griffen sie alle Weißen in ihrer Nähe an. Niemand Bestimmtes konnte für den Angriff verantwortlich gemacht werden, und keiner würde den Grund verraten. Es erfüllte sie mit großem Stolz, daß Talua unter ihnen war, Talua, den sie bereits als ihren Führer anerkannten, als ihren eigenen Gott, der über sie wachte und ihnen in diesem fremden Land Glück brachte.

Und welch ein fremdartiges Land es war! Als man sie vom Kai wegtrieb, versuchten die Jungs, wie man sie nun rief, ihre neue Umgebung zu begreifen, wurden aber von ihrer Kleidung daran gehindert. Sie schwitzten in den rauhen Hemden, zupften am Hintern, um die Einschnürung dieser Dinger, die man Hosen nannte, zu mildern, und zogen trotz der Warnungen der alten Arbeiter die Stiefel aus, weil sie Blasen hervorriefen.

»Stiefel schützen euch in den Zuckerrohrfeldern«, erzählte man ihnen. »Sie schützen vor den Schlangen.« Aber das alles ergab für sie keinen Sinn. Auch verwirrte sie, daß sie von diesen weißen Männern, dem Boß und den beiden anderen, plötzlich anders behandelt wurden; sie trugen keine Gewehre oder Stöcke, schlenderten neben ihnen her und reichten runde Wasserbeutel aus Leinwand herum.

Während sie im Schatten eines hohen Baumes ruhten, begann das Aufrufen der Namen erneut, diesmal ohne jeglichen Streit. Nahrungsbeutel wurden ausgegeben. Das Essen — Brot mit Fleischstreifen und viele Bananen — war besser als der verschimmelte Reis, den sie auf dem Schiff erhalten hatten.

Als sie in die Wagen kletterten, die sie in ihre neue Heimat, die Plantage Providence, bringen sollten, hatten die Insulaner einiges von ihrer Skepsis verloren, sie waren zufriedener, manche lachten sogar und drängelten sich ausgelassen auf die Wagen.

Die Kutscher der Rollwagen waren Weiße, Plantagenarbeiter, die für diese Aufgabe abgestellt wurden und keineswegs unglücklich waren, eine Nacht in der Stadt verbringen zu müssen.

»Ich muß in der Stadt bleiben, um die neuen Besitzer zu empfangen«, sagte ihnen Mike. »Die Caroline muß jeden Tag einlaufen. Behaltet die alten Arbeiter, Kwaika und Sal, vorne bei euch, das verleiht ihnen Autorität. Ihr solltet keine Probleme bekommen, aber sorgt dafür, daß ihr den Pferden beim Halfway Creek einige Stunden Ruhe gönnt.«

Erleichtert, daß die Kanaka sich beruhigt hatten, winkte er ihnen nach. Er hatte diesmal dreißig Männer angeheuert, keine Frauen. Einzelne Frauen verursachten zu viele Probleme. Er und Jake hatten darin von Anfang an übereingestimmt. Für das halbe Dutzend Kanaka, das ihre Frauen mitgebracht hatte, hatten sie kleine Ehequartiere errichtet; seither waren sechs Paare die übliche Zahl. Die übrigen Männer wohnten, eine halbe Meile vom Haupthaus entfernt, in langen Baracken, sorgsam getrennt von den Frauen. Die Ehefrauen kochten für alle Männer.

Auf dem Weg zur Bank, um das Geld für Captain King zu besorgen, dachte Mike an seinen Freund Jake Wallace. Er vermißte ihn und war alles andere als froh darüber, daß er nun neue Besitzer mit dem Land vertraut machen sollte. Wenn sie denn beschließen sollten, ihn weiterhin zu beschäftigen. Nach allem, was er wußte, brauchte ihn dieser Engländer, Corby Morgan, nicht unbedingt. Mike war mit seinen Vierzig kerngesund, er liebte die Arbeit auf Providence, ja, liebte die Plantage, auf der er die letzten sechs Jahre gearbeitet hatte.

Im Laufe der Zeit hatte er sich in Dutzenden von Jobs versucht. Einige Jahre lang war er von Hobart aus auf Walfängern ausgelaufen, was ihm eine wahre Abscheu vor faulen Gerüchen eingetragen hatte. Reine Luft war für ihn fast zur Obsession geworden. Die Plantage war, außer während des Abbrennens, wunderbar frisch und grün, und der Fluß, der an den Feldern vorbeifloß, führte kristallklares Wasser.

Daß er Jake Wallace kennenlernte, war reiner Zufall gewesen. Nach den Walfängern hatte Mike als Schafscherer gearbeitet, dann — er war in den Norden gezogen — als Arbeiter auf einer Rinderfarm, später als Treiber. Rastlos trieb er durch die Städte von Queensland und endete schließlich als Barmann in Brisbane. Und dort war es, wo er Jake und seinen Kumpel Tom Swallow kennengelernt hatte.

»Mr. Swallow stellt im Süden Kekse her«, hatte ihm Jake erzählt. Nach Art der Barmänner hatte er die Information höflich, doch ohne wirkliches Interesse aufgenommen.

Später, während Jake wie üblich seine Pints trank, führte er das Thema Tom Swallow weiter aus. »Ein raffinierter Kerl, dieser Tom. Hat im Norden, in der Nähe der Trinity Bay, einen Streifen Land gekauft, um Zucker anzubauen. Wie findest du das?«

»Sehr schön«, erwiderte er abwesend.

»Aber kapierst du nicht, Mike? Zucker. Kekse. Er hat nun alles unter einem Dach. Er besitzt eine Keksfabrik.«

»O ja, ich verstehe.« M1ke dachte nicht mehr daran, bis Monate später Jake wieder in die Bar kam und erzählte, daß er, nachdem Tom Swallow so gute Geschäfte machte, nun ebenfalls ins Zuckergeschäft eingestiegen war. Auf den Rat Swallows hin hatte Jake ein großes Anwesen in der gleichen Gegend erworben. »Eine unberührte Landschaft, herrlich, tropisch, ideal für Zucker. Natürlich muß ich es nach und nach roden, aber dieser verdammte Zucker wächst so schnell, es wird nicht lange dauern, und ich habe die erste Ernte.«

»Und dann?«

»Dann verkaufe ich soviel wie möglich hier und exportiere den Rest.«

»Klingt kompliziert.«

»Ist es aber nicht. Tom wird mir zeigen, wie es zu machen ist. Warte nur ab, bald habe ich eine der besten Plantagen im Norden. Und werde Millionär.«

»Wieviel Land hast du gekauft?«

»Zweihundertfünfzig Hektar.«

»Allmächtiger Gott! Ich hoffe, du weißt, was du tust.«

»Klar. Wegen der Goldvorkommen dort oben wächst die Stadt Cairns in der Trinity Bay. Und wenn das Gold einmal erschöpft ist, wird sie durch den Zucker am Leben gehalten.«

»Ich war noch nie so weit im Norden. Ich dachte, das sei Weideland für Rinder.«

»Nein, das liegt hinter den Bergen. An der Küste ist es zu feucht. Warum kommst du nicht einfach mit?«

»Was?«

»Du hast doch gehört. Schmeiß diesen Job hin und komm mit.«

»Was kostet mich das?«

»Es kostet dich nichts. Ich setz’ dich auf meine Lohnliste.«

»Wie weit ist Trinity Bay von Brisbane entfernt?« fragte Mike, der nun aufmerksam geworden war.

»O Gott, weiß ich nicht. Einige tausend Meilen, nehme ich an, Luftlinie. Das Schiff läuft morgen aus. Ich muß meine Pferde früh an Bord bringen. Du kannst mir dabei helfen.«

Mike zog seine Schürze aus, gab dem Kneipenbesitzer die Hand und ging mit Jake mit.

Während sie auf ein Kontingent Kanaka warteten, das in Cairns eintreffen sollte, ritten die beiden Männer die Grenzen von Jakes Land ab, das er Providence getauft hatte, untersuchten sorgfältig das Terrain, zeichneten Karten und entschieden, welche Teile sie als erste roden wollten. Dann machten sie sich mit dem Fluß vertraut, der das Anwesen durchzog.

Sie erkundeten den Oberlauf des Barron River und waren von der wilden Schönheit des Regenwaldes überwältigt. Sie durchquerten alte, mit Farnen und Orchideen überwachsene Felsschluchten und schlugen sich durch den Dschungel, der vor bunten Vögeln und Schmetterlingen wimmelte und in dem in der Nacht Kaskaden von phosphoreszierenden Pflanzen schimmerten. Als sie die mächtigen Wasserfälle, die Barron Falls, erreichten, war Jake außer sich vor Begeisterung. »Einfach schön, nicht? Verdammt! schön.«

Mike mußte ihm zustimmen. Auch wenn er sich vom Aufstieg müde und zerschlagen fühlte. Er hatte erwartet, daß die Gegend um die Trinity Bay der in Brisbane glich. Nichts hatte ihn auf dieses atemberaubende Naturereignis vorbereitet.

Wenn er nun von der Bucht in diese dampfenden grünen Berge hinaufblickte, stand ihm dieses Erlebnis wieder vor Augen. Es war, als wollte die Natur damit protzen, als wollte sie ihre überquellende Schönheit in fast dekadenter Fülle zur Schau stellen. Eine Dekadenz, die er noch unten in Providence spürte, die sich dort auf die fruchtbaren Niederungen legte und im Säuseln der Zuckerrohrfelder zu hören war, das so verführerisch klang wie die Flöte Pans.

Er lachte leise auf, als er sich an diese halsbrecherische Expedition erinnerte. Zwei Grünschnäbel, die völlig ahnungslos in das Land der Irukandji eingedrangen waren, in die Heimat einer der wildesten Aborigine-Stämme im Norden. Allerdings hatten sie Glück gehabt und nicht die Aufmerksamkeit der Schwarzen erregt. Trotz der andauernden Kriege zwischen den Aborigines, den Goldschürfern und den in das Landesinnere vordringenden Rinderzüchtern war Providence von ihren Streitigkeiten verschont geblieben. Einige Aborigine-Clans kampierten zwar noch immer auf der Seite des Flusses, die zur Plantage gehörte, aber meistens blieben sie für sich. Ihre kriegerischen Brüder blieben auf der westlichen Seite.

Jake ließ sie gewähren und gab ihrer Bitte nach, die Plantage durchqueren zu dürfen. Die Aborigines hielten an ihren alten Sitten fest; sie folgten den alten Pfaden, und wenn diese Pfade durch die Plantage führten, dann war es der Weg, den sie nehmen mußten. Auch wenn, nachdem die Gebäude errichtet waren, ein Pfad plötzlich einen Umweg machte und direkt an der Küche vorbeiführte, wo ihnen Essen gereicht wurde. Nein, die Schwarzen waren kein Problem in Providence. Aber auf die Kanaka mußte man aufpassen. Es kam öfters vor, daß sie Amok liefen und Kämpfe zwischen ihnen ausbrachen. Jake und Mike mußten ein straffes Regiment führen.

Schließlich waren die Kanaka angekommen, und sie hatten mit der Arbeit in Providence begonnen. Und wie sie schufteten, er und Jake, Seite an Seite mit fünfzig Kanaka. Sie rodeten das Land und pflanzten ein Zuckerrohrfeld nach dem anderen. Niemals zuvor hatte Mike so hart gearbeitet, und niemals zuvor hatte er es mehr genossen. Es war aufregend, die Schößlinge zu hohen Pflanzen emporwachsen zu sehen, wogende Felder mit Zuckerrohr. Und dann die Ernte einzubringen und die Arbeit des Jahres zu feiern.

Er ging an den vergitterten Fenstern der Bank von New South Wales vorbei und öffnete die schwere Tür. Der Eigentümerwechsel gefiel ihm nicht.

Er und Jake hatten Providence der Wildnis abgerungen, sie hatten die Baracken, die Ställe und das Herrenhaus gebaut. Und nach nur drei Jahren hatte Jakes Investition Profit abgeworfen. Und nun, da der Zucker boomte, übernahmen Fremde die Plantage.

»Ja, Mr. Devlin?« sprach ihn der Bankangestellte an. Mike überschlug schnell die Kosten. Zweihundertundzehn Pfund für Captain King.

Ein Pfund pro Kopf an die Einwanderungsbehörde für die dreißig Kanaka, dazu zehn Pfund pro Kopf für die Rückfahrt, die treuhänderisch verwaltet wurden um sicherzustellen, daß die Männer nach drei Jahrenwwieder zurückkehrten. Funfhundertundvierzig Pfund.

»Geben Sie nur sechshundert«, sagte er zu dem Angestellten und unterschrieb das Abbuchungsformular. Er hatte noch dreihundert Pfund ausstehen, doch das Providence-Konto war ziemlich leer. Erst nach der Ernte konnten sie wieder mit Einnahmen rechnen. Der neue Besitzer, der reiche Engländer, mußte das Konto sehr bald auffüllen.

Er steckte das Geld ein, trat hinaus in das gleißende Sonnenlicht und begab sich in die Saloonbar des Victoria Hotels, wo solche Transaktionen durchgeführt zu werden pflegten.

Noch immer fiel es ihm schwer zu glauben, daß Jake nicht mehr lebte. Der große, vor Leben strotzende Jake, der immer im Mittelpunkt gestanden hatte. Was hatten sie für Feste gefeiert! Nach einer dieser Partys — die Fiedler spielten, Freunde wandelten im Mondschein auf der Frontveranda — stürzte Jake die Verandatreppe hinab. Ein Schrei von Jake. Gelächter der Gäste. Dann Schweigen.

Er fiel nicht aus Betrunkenheit. Ein Herzinfarkt. Die erschütterten Männer und weinenden Frauen trugen ihn in das Haus, einige Minuten später verkündete Dr. Leary seinen Tod.

Es war typisch für Jake, daß er, der sich immer für unverwüstlich gehalten hat, kein Testament hinterlassen hatte. Providence fiel daher an seinen Sohn Tom, einen Pferdezüchter aus Brisbane. Nur wenige Tage nach der Beerdigung bot Tom die Plantage zum Kauf an.

Mike, der nicht abwarten wollte, daß er vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, handelte mit Tom aus, daß er bis zum Verkauf als Übergangsverwalter bleiben konnte. Unter der Bedingung, daß er sich auf dem Anwesen ein Gebäude für sich errichten durfte. Er konnte, wie er sagte, doch wohl kaum mit den neuen Eigentümern im Herrenhaus wohnen. Ein neues Quartier war daher unumgänglich.

»Sie werden es nicht besser wissen«, erklärte er Tom. »Ich will, daß sie die Unterkunft des Verwalters als etwas Selbstverständliches betrachten.«

»Und wenn sie Sie nicht übernehmen?«

»Dann habe ich Pech gehabt. Aber wenn, habe ich ein Haus für mich allein. Und glauben Sie mir, Tom! Wenn ich hier abhaue, dann wird das alles hier vor die Hunde gehen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie keinen anderen Verwalter finden, und schließlich wird nichts mehr dasein, was Sie verkaufen könnten.«

»Das ist nicht fair.«

»Das ist verdammt fair. Gehen Sie drauf ein, oder lassen Sie’s bleiben.«

Während Tom nach einem Käufer suchte — ohne Erfolg zunächst, da es weiter im Süden bessere Anlagemöglichkeiten gab und der Norden als zu heiß und zu gefährlich für Weiße galt —, baute sich Mike auf dem Hügel über dem Hauptgebäude ein kleines, niedriges Haus, von dem er das Tal überblicken konnte, und führte die Verwaltung der Plantage weiter. In seiner Verzweiflung inserierte Tom die Plantage schließlich in London, und Providence wurde verkauft. Zu einem lächerlichen Preis, wie Mike ihm erzählte, was Tom allerdings nicht kümmerte. Er wollte das Geld haben und nicht mehr länger auf ein besseres Angebot warten.

Nun wartete Mike. Die Caroline, die die neuen Eigentümer Mr. und Mrs. Corby Morgan brachte, mußte jeden Tag kommen.

Er ging ins Hotel und bestellte sich ein Pint. Und hoffte, daß das verdammte Schiff wie so viele andere auch auf seinem Weg von der Torresstraße auf ein Riff laufen möge.

4

McTavish, Kapitän der Caroline, ging kein Risiko ein. Dank seiner Gewissenhaftigkeit war die Reise ab London von Beginn an ein Bilderbuchunternehmen. Das Schiff befand sich in gutem Zustand, war gut ausgerüstet, die Mannschaft hatte er eigenhändig ausgesucht. Sie überquerten den Indischen Ozean und die nördlichen Tropen noch vor der Monsunzeit und ihren schrecklichen Wirbelstürmen und erreichten Batavia ohne Schaden. Nur einige Passagiere waren bis dahin, vor allem wegen der Langeweile an Bord, etwas reizbar geworden.

In Batavia gab er zum Schutz gegen die asiatischen Piraten, die in der Arafurasee und der Torresstraße den Schiffen auflauerten, an die Besatzung Waffen aus und verdoppelte die Wache. Nur einmal kam es zu einem Zusammentreffen mit diesen Herren, als ein großer Schoner unter holländischer Flagge das Seenotsignal setzte. Der Kapitän, der sie durch sein Fernrohr beobachtete, bemerkte, daß sie ebensowenig Holländer waren wie er ein Eskimo. Er setzte seinen großen Klipper unter Einsatz von Hilfsdampf auf Konfrontationskurs und hätte den Schoner beinahe gerammt. Nicht, daß er sich sonderlich Sorgen gemacht hätte, wenn er ihn versenkte — an Bug und Heck hatte er die kurzen Kanonen entdeckt, die unter dem Segeltuch hervorstanden.

Wohlmeinende Passagiere schrien etwas von »Skandal«, und drohten, ihn den maritimen Behörden zu melden. Er ignorierte sie und wandte seine Aufmerksamkeit dem Lotsen zu, den er in Batavia angeheuert hatte. Er war sein bester Coup. Der Lotse, ein Deutscher, führte das Schiff auf dem Weg nach Süden durch die Straßen, um die Spitze Australiens und durch die trügerische Sicherheit der Passage zwischen dem Kontinent und dem Great-Barrier-Riff. Das Riff war bereits vielen Schiffen zum Verhängnis geworden; McTavish war entschlossen, daß seine Caroline nicht dazugehören sollte.

Obwohl sie in einige gefährliche Situationen gerieten, machte der Lotse seine Sache gut. An einem sonnig-blauen Tag warf die Caroline am Eingang zum Trinity Inlet Anker, und die Mannschaft brachte auf den Kapitän ein dreifaches Hurra aus.

Bald danach kam der Prahm Bee hinaus, um zuerst einmal Passagiere und Fracht an Land zu bringen. McTavish stand an Deck und verabschiedete seine Gäste.

Corby Morgan, ein widerspenstiger Genosse, gab ihm die Hand. »Gut gemacht, Captain.«

McTavish lächelte. Morgan und seine Frau hatten auf dem Achterdeck eine Einzelkabine, aber selbst diese Position, vier Klassen über dem Zwischendeck, hatte ihn nicht davon abgehalten, herumzukritteln und sich zu beschweren. Als sie auf das Piratenschiff stießen, war Morgan jedoch auf der Seite des Kapitäns. McTavish verabschiedete sich von Mrs. Morgan, einer angenehmen Frau, und dem alten Professor. Aus vollem Herzen lächelte er jedoch, als er Miss Sylvia Langley zum letzten Mal sah. Sie hatte erst einem seiner Offiziere schöne Augen gemacht und dann ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf seinen Ersten Offizier, Lieutenant John Mansfield, gerichtet, was nicht nur zu Zwistigkeiten zwischen den beiden Männern führte, sondern auch unter den Passagieren für einen Skandal sorgte — Mansfield war ein verheirateter Mann. Mit ihren dunklen Locken, den fast kobaltblauen Augen und den langen Wimpern war sie eine sehr attraktive junge Frau, aber sonst von konfuser, ungestümer Natur. Unglücklicherweise hatte sie ihre Kabine mit Mrs. Lita de Flores geteilt, einer erfahrenen, weltklugen jungen Witwe, die zur Plantage ihrer Familie in der Trinity Bay zurückkehrte. Nicht gerade die ideale Gesellschaft für eine leicht empfängliche Miss wie Sylvia.

Aber nun war er sie los. Lita, in Australien geboren, kehrte in ihre Heimat zurück. Aber die Morgans begannen hier in den Tropen ein neues Leben. Gott mag ihnen beistehen, ging es ihm durch den Kopf. Hier waren sie den Gewalten ausgeliefert, den Menschen und der Natur, die sich von ihrer besten und schlimmsten Seite zeigen konnten.

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Mike erblickte sie am Ende des Kais, und ihn durchfuhr — als wirkten zwischen ihnen magnetische Kräfte — ein spürbarer Ruck. Sie bemerkte ihn nicht. Über ihrem weiten Kleid trug sie einen Staubmantel, auf dem üppigen Haarknoten einen imposanten Hut; sie starrte hinaus auf das Meer, als wollte sie es nur ungern verlassen. Aber es war die Stille, die sie umgab, welche seine Aufmerksamkeit erregte. Sie strahlte eine Klarheit und Ruhe aus, die in dieser turbulenten Stadt kaum anzutreffen waren.

Nicht ohne Überwindung riß er sich vom Anblick des ruhigen, attraktiven Gesichts los und begab sich zur Menge weiter unten am Kai. Die Passagiere der Caroline wurden angelandet, und inmitten der Neuankömmlinge und den auf sie Wartenden, den Hafenarbeitern, Schaulustigen und chinesischen Trägern, mußte er Mr. Morgan finden.

Lita de Flores hängte sich an seinen Arm, als er sich in das Gemenge schob. »Mike, Darling! Wie schön, dich zu sehen! O Gott, was bin ich froh, wieder zu Hause zu sein! Europa ist tödlich. Verdammt kalt. Du hast gehört, daß mein Mann gestorben ist?«

»Ja, tut mir leid, Lita. Mein Beileid.«

»Nun ja, es war seine Schuld. Er bestand darauf, nach Paris zu fahren, um seine Familie zu sehen. Er war schwach auf der Brust. Daddy hatte ihn gewarnt, aber du kennst ja de Flores. Verdammt dickschädelig, er mußte seinen Kopf durchsetzen.«

Er grinste. Lita, von sich überzeugt, glatt und gewandt, war das damenhafteste Schlitzohr, das ihm jemals begegnet war. »Na, das sagst gerade du«, kommentierte er.

»Ach, hör auf! Ich bin nicht dickköpfig! Darling, ich war vier Monate mit ihm in diesem trübseligen Schweizer Sanatorium, bis zum Ende. Mehr kann niemand verlangen! Und die ganze Zeit hatte ich Angst, daß ich mir die Krankheit ebenfalls einfange. Aber nun muß ich gehen, Daddy wartet schon. Du mußt mir versprechen, daß du und Jake sobald wie möglich zu uns nach Helenslea kommt.«

»Jake ist tot.«

Lita trat einen Schritt zurück und starrte ihn an. »Jake? Das kann nicht sein! Oh, wie schrecklich! Auf dem Schiff sagten mir Leute, daß sie von ihm Providence gekauft haben …«

»Von seinem Sohn.«

»Großer Gott! Und was machst du nun?«

»Ich hoffe, daß ich bleiben kann.«

»Sie müßten verrückt sein, wenn sie dich gehen ließen. Das dort drüben, der Mann in der grauen Jacke und dem Zylinder, ist Corby Morgan. Ein pedantisch-fader Mensch. Ich werde ein Wort für dich bei Daddy einlegen, Mike.«

Sie küßte ihn auf die Wange und eilte davon. Ihr weißer Rock bauschte sich im Wind, in dem eleganten Kleid und dem dazu passenden Schirm sah sie kühl und unnahbar aus. Mike lächelte. Für gewöhnlich trug sie Reithosen und Seidenhemden und ritt wie der Teufel über die Plantage; trotz der teuren Internate und ihres zweijährigen Europaaufenthalts war sie immer noch ein wildes Mädchen aus dem Busch.

Nun aber war es an der Zeit, den neuen Boß kennenzulernen. Ruhig ging er zu dem Gentleman hinüber, der besorgt zusah, wie sein Gepäck an Land geworfen wurde. »Mr. Morgan?«

»Ja?«

»Willkommen in Cairns, Sir. Ich bin Mike Devlin, der Verwalter von Providence.«

»Oh, Sie sind das? Schön. Ausgezeichnet. Ich habe darauf gehofft, daß wir uns begegnen. Ich muß sagen, Sie haben sich einen schönen Tag für uns ausgesucht.

Ein wenig warm, aber ich denke, das war zu erwarten.«

»Ja, unsere Winter sind mild«, erwiderte Mike.

Überrascht zwinkerte Morgan, dann lachte er. »Winter. Natürlich. Hier ist ja alles auf den Kopf gestellt, nicht wahr?«

»Auf den Kopf gestellt, ja«, sagte Mike, erleichtert, in Morgan einen anscheinend angenehmen Zeitgenossen gefunden zu haben, der erst in seinen Dreißigern war. Er hatte einen sehr viel älteren, ernsteren Gentleman erwartet. »Und Sie sind Mrs. Morgan?« fragte er lächelnd die junge Lady, die neben Morgan stand.

»Nein. Das ist Miss Langley, meine Schwägerin. Meine Frau scheint irgendwie verschwunden zu sein. Geh und suche sie, Sylvia. Und wo ist dein Vater?«

Das Mädchen ignorierte ihn und streckte Mike ihre gepflegte Hand entgegen. »Mr. Devlin, es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich habe meinen kleinen Hund in einen Käfig gesteckt, damit er nicht ins Wasser fällt. Aber ich fürchte, es ist zu heiß für ihn. Meinen Sie, sie könnten ihn nicht solange in den Schatten stellen, bis wir abfahrbereit sind?«

Ein Hund? Bestürzt starrte Mike auf den traurig blickenden Spaniel. Hatte ihnen denn niemand gesagt, was mit Hunden hier passierte? Bis auf einige buscherfahrende Dingos, die nur die Aborigines zähmen konnten, gab es in der Stadt keinen einzigen Hund mehr. Aber jetzt war nicht die Zeit für Erklärungen dieser Art. Er mußte die Leute bei Laune halten. Er nahm den Käfig und blickte sich hilflos um. In welchen Schatten? Auf einem Kai?

Glücklicherweise widerrief Morgan ihre Anweisung. »Wir sehnen uns alle nach Schatten, Sylvia. Wenn Sie einen Träger für uns finden, Mr. Devlin, dann können wir gehen.«

Mike war ihm gern zu Diensten, holte eine lange Schubkarre und schichtete darauf das von Morgan bezeichnete Kabinengepäck. Als er das letzte Stück auflegte, erschien auch der vermißte Vater, der ihm als Professor Langley vorgestellt wurde. Ein kleiner Mann mit flauschigem Backenbart und aufgeweckt blinzelnden Augen.

»Sie sind also der Verwalter unserer Plantage«, sagte er begeistert. Mike spürte, wie Morgan zusammenzuckte. Unsere Plantage? ging es ihm durch den Kopf. Ich dachte, Mr. Morgan sei der alleinige Besitzer. Ich nehme an, das wird sich mit der Zeit klären.

»Ja«, sagte er. »Und ich freue mich darauf, Sie herumführen zu dürfen.«

»Ich kann es kaum erwarten«, erwiderte der Alte . »Das ist alles sehr aufregend.«

»Können wir dann bitte gehen?« sagte Morgan. »Ich sehe, daß meine Frau uns schon vorausgegangen ist.«

Während er die Schubkarre über die unebenen Planken des Kais schob, sah Mike, daß die sanfte Frau mit dem liebenswerten Gesicht auf sie zukam. Er verspürte einen Anflug von Enttäuschung, als sie ihm als Morgans Frau vorgestellt wurde.

»Hast du vom Meer noch immer nicht genug?« fragte Corby. »Du starrst hinaus, als würdest du es vermissen.«

»O nein«, sagte sie. »Ich habe nur diese Bucht bewundert. Sie ist wirklich schön, die Farben sind so kräftig, mit diesen Bergen im Hintergrund.« Sie wandte sich an Mike. »Das Licht ist hier anders«, bemerkte sie, als sie nun neben ihm ging. »Es ist so klar, Mr. Devlin.«

Es schien sie nicht zu kümmern, daß ihr Ehemann, gefolgt von ihrer Schwester und ihrem Vater, vorausschritt. »Wie lange sind Sie schon in Providence, Mr. Devlin?«

»Vom ersten Tag an, Ma’am. Seit sechs Jahren.«

»Gott sei Dank. Mr. Morgan hat sich während der Reise mit dem Zuckeranbau beschäftigt, und ich bin mir sicher, daß seinem Unternehmen Erfolg beschieden ist. Aber er wird Ihnen und Ihrer Führung dankbar sein. Ich hoffe also, daß Sie bei uns bleiben, vorerst zumindest.«

Seine ersten Gefühle der Zuneigung für die Lady schwanden. Was meinte sie damit? Vorerst? Was hatten sie vor? Wollten sie sich seine Erfahrung zu eigen machen und ihn dann hinauswerfen? Den Teufel werden sie! Dennoch …langsam, langsam fängt man den Affen, dachte er. Ein Verwalter konnte jederzeit entlassen werden. Das beste würde es also sein, erst einmal stillzuhalten und diesem Ausbund an Schriftgelehrtheit Stück für Stück seines Wissens mitzuteilen. Sich unersetzlih machen.

»Wohin gehen wir nun?« fragte Morgan.

»Ich habe dafür gesorgt, daß Sie die nächsten Tage hier in der Stadt, im Victoria Hotel, verbringen«, erzählte ihnen Mike. »Dadurch haben Sie Gelegenheit, sich hier erst einmal zurechtzufinden. Es ist ein neues Hotel, erst vor sechs Monaten gebaut, mit einer ausgezeichneten Küche. Es sollte Ihnen also gefallen.«

»Warum müssen wir diese Ausgaben auf uns nehmen? Die Plantage ist unser Zuhause. Wir sollten sofort nach Hause gehen.«

»Ich kann Sie verstehen«, sagte Mike zuvorkommend. »Aber es gibt einige Leute in der Stadt, die Ihre Bekanntschaft zu machen wünschen. Sie kennen das …der Bankdirektor, Stadträte, andere Pflanzer. Ich dachte, ein Abendessen unter Gentlemen sei in Ordnung.«

»Und wer zahlt dieses Abendessen, Mr. Devlin?«

»Es geht auf Rechnung der Plantage. Jake gab viermal im Jahr ein Essen für die ersten Bürger der Stadt. Die sich natürlich dafür revanchierten.«

»Mit Jake, nehme ich an, meinen Sie den ehemaligen Besitzer, Mr. Devlin. Aber ich bin nicht Jake. Wir haben eine lange Reise um die halbe Welt hinter uns. Ich bin nicht in Stimmung und nicht darauf vorbereitet. Verzeihen Sie mir, ich will nicht undankbar erscheinen. Glauben Sie mir, ich schätze Ihre Gewissenhaftigkeit, und unter anderen Umständen wäre es eine großartige Idee, aber nicht jetzt.« Er nahm Mike beiseite. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin durchaus in der Lage, einen Herrenabend zu genießen. Aber ich muß erst die Familie unterbringen. Wir brechen sofort auf.«

»Kein Problem, das Dinner abzusagen«, ließ Mike verlauten, obwohl er wußte, daß er sich damit den Zorn von Clancy Ahearne zuzog, des Besitzers des Victoria Hotels. »Dennoch denke ich, daß Sie die Nacht hier verbringen sollten.«

»Warum?«

»Es ist keine besonders gute Idee, sich auf den Weg zu machen, wenn die Sonne hoch steht. Es ist jetzt fast elf Uhr. Es ist besser, frühmorgens aufzubrechen.«

Corby klopfte ihm auf die Schulter. »Kommen Sie, Mr. Devlin. Sehe ich aus wie ein Muttersöhnchen? Es ist ein herrlicher Tag. Was können Sie also für unseren Transport zur Verfügung stellen?«

Sein Verwalter zuckte mit den Schultern. »Ein Ochsengespann kann die schweren Kisten transportieren, die Sie sicherlich haben werden.«

»Die haben wir in der Tat.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann habe ich ein Pferd für Sie. Die Damen und Professor Langley können mit dem Kabinengepäck in einem Wagen fahren. Außerdem habe ich auch einige Packpferde besorgt.«

»Nun …das ist es doch. Überhaupt kein Problem. Und in Null Komma nichts sind wir zu Hause.«

»In sechs Stunden«, korrigierte ihn Mike. »Wenn alles gut läuft.«

Die Bestürzung in Morgans Gesicht entschädigte Mike für die ihm allmählich dämmernde Einsicht, daß es diesem Mann nicht gegeben war, einen Rat anzunehmen.

»Sechs Stunden, sagen Sie? Ich dachte, Providence läge viel näher.«

»Der Wagen hält uns auf. Zu Pferd geht es sehr viel schneller.« Und, um seine Position zu stärken und ihn zu verunsichern, fügte er an: »Das heißt, jetzt, in der Trockenzeit. In der Regenzeit kann es viel länger dauern — wenn wir dann nicht völlig abgeschnitten sind.«

»Dann bleibt uns eben nichts anderes übrig, nicht wahr?« erwiderte Corby fest.

»In der Tat«, sagte Mike mit einem Grinsen. Trotz der eleganten Kleidung und seinem uneinsichtigen Gebaren fehlte es dem Engländer offenbar nicht an Mut. Statt nachzugeben, focht er seine Entscheidung aus, wenn er sie erst einmal getroffen hatte. Mike schrieb ihm dies gut. Natürlich hatten sie einen langen Weg vor sich — die Reise nach Providence, obwohl nicht ungefährlich, war nur der Anfang. Providence selbst konnte sich als launisch erweisen, als fröhlich und grausig, vollkommen unberechenbar. Immer, wenn Mike einen Tag ohne Probleme oder dramatische Ereignisse überstand, hatte er das Gefühl, es gut gemacht zu haben. Es dürfte interessant werden zu beobachten, wie Morgan mit der physischen Anstrengung und dem Druck zurechtkam, den eine Arbeiterschaft von neunzig Kanaka ausübte.

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Obwohl er nicht mehr der Jüngste war — mindestens vierzig —, erschien Sylvia der Plantagenverwalter mit seinem schwarzen, hinten zusammengehaltenen Haar, den dunklen Augen, der gebräunten Haut und dem warmen Lächeln, das unter dem dicken Bart hervortrat, als gutaussehender Mann. Er trug, obwohl es sich für Gentlemen eigentlich gehörte, keine Jacke; unter dem altmodischen, langärmeligen Hemd, das am Hals aufreizend offen war, blieben sein breiter Brustkorb und die muskulösen Arme nicht verborgen.

»O-la-la!« sagte sie sich — das Wort hatte sie von Lita —, als sie ihn beim Abladen der Karre beobachtete. »Er sieht aus wie ein Pirat!« Fasziniert hatte sie mit angesehen, wie Lita ihn vor aller Augen auf die Wange geküßt hatte, und sein Lächeln, seine Reaktion darauf, als wäre er ihr Bruder, der er sicherlich nicht war. In den nächsten Tagen mußte sie von Lita alles über ihn herausfinden.

Es war grausam von Corby, daß er darauf bestand, auf der Stelle abzureisen. Mr. Devlin hatte versucht, ihr Leben ein wenig angenehmer zu gestalten, als er vorschlug, noch einige Tage im Hotel zu bleiben. Corby jedoch wollte es anders — natürlich war er zu geizig. Zumindest war ihr und Jessie erlaubt worden, im Foyer des Hotels den Morgentee anzunehmen, während die Männer bereits Reisevorbereitungen trafen.

»Das scheint ein ganz passables Hotel zu sein«, sagte sie zu Jessie. »Du solltest darauf bestehen, daß wir ein wenig länger bleiben, vor allem in deinem Zustand.«

»Was würde es denn ändern«, erwiderte Jessie. »Ob in meinem Zustand oder nicht, früher oder später müßte ich die Reise doch antreten. Außerdem fühle ich mich ganz wohl.«

Sylvia schwieg. Jessie war ein solcher Dummkopf. Was immer Corby auch sagen mochte, sie tat immer das, was man von ihr verlangte. Dennoch, dachte sie und machte sich an ihrem Haar zu schaffen, während sie zu den drei jungen Männern hinüberblickte, die sich an der Tür in ernsthafter Unterhaltung befanden, konnte Jessie von Glück sagen, daß sie Corby hatte gewinnen können — mit ihrem mausfarbenen Haar und ihren blassen Farben. Trotz seines herrischen Wesens sah er ganz gut aus und war immer elegant gekleidet — was man von seiner Frau nicht behaupten konnte. Für Mode interessierte sich Jessie nicht. Sie trug, im Gegensatz zu ihrer Schwester, die attraktive Stoffe bevorzugte, langweilig-korrekte Kleidung, die vor allem dazu gemacht schien, lange zu halten.

Corby schien nicht zu bemerken, wie langweilig seine Frau neben ihm wirkte. Sylvia war dies ein Rätsel, bis ihr Lita, ihre neue Freundin und Kabinengenossin, zuflüsterte: »Das ist ganz normal, Liebes. Viele Männer schätzen kleine, langweilige Frauen, die sich nicht trauen, den Mund aufzumachen. So erregen sie nicht die Aufmerksamkeit anderer Männer. Sie sind keine Konkurrenz. Wäre Ihre Schwester eine vor Geist sprühende Frau, hätte sie Mr. Morgan, der es vorzieht, selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, niemals geheiratet.« .

Von dem Zeitpunkt an, wo sie Lita begegnet war, hatte sich Sylvias Leben verändert. Hier war jemand, der ihr zuhörte, der verstand, daß es ungehörig war, eine junge Lady aus ihrer angestammten sozialen Umgebung zu reißen, und die vor allem so fröhlich war. Niemals schien sie etwas ernst zu nehmen, schon gar nicht ihre Rolle als Sylvias Anstandsdame, wenn sich die Familie zurückgezogen hatte. Sie, die selbst ausgiebig flirtete, hatte gegen Sylvias Schiffsromanzen nicht das geringste einzuwenden. Im Gegenteil, sie genoß es, alles darüber zu erfahren.

Natürlich hatte Corby gegen Mrs. de Flores Vorbehalte, aber das kümmerte Sylvia nicht. Sie vergötterte Lita fast, und sie war ihre Freundin. Als sie so am Fenster saß und diese fremdartigen und rauhen Leute durch den Ort gehen sah, hoffte Sylvia, daß Lita sie nun, da die Reise vorüber war, nicht vergessen würde. Sie hatte behauptet, daß es in der Gegend viele freundliche Leute gäbe, die erfreut wären, die Neuankömmlinge willkommen zu heißen, und hatte versprochen, in Verbindung zu bleiben.

»Wir sollten einen Spaziergang machen«, sagte sie zu Jessie, nachdem sie die Verzögerung zu langweilen begann.

»Nein. Corby hat uns gebeten, hier zu warten. Er will bestimmt nicht, daß er uns dann suchen muß. Möchtest du noch etwas Tee?«

»Danke, nein. Ich werde kurz vor die Tür gehen. Das wird deinen Ehemann doch sicherlich nicht stören!«

»Sei nicht so, Sylvia. Corby hat mit dir viel Geduld gezeigt …«

»Weswegen?«

»Das weißt du sehr gut. Dein Verhalten auf dem Schiff hat einiges zu wünschen übriggelassen. Ich rate dir, bring ihn nicht noch mehr gegen dich auf.«

»Er ist nicht mein Aufpasser«, blaffte sie zurück.

An der Tür begegnete ihr ihr Vater, der seinen Hut abnahm und sich den Schweiß vom Gesicht wischte. »O mein Gott, ist die Sonne heiß. Ich habe mich hier umgesehen. Hier entsteht ja eine richtige Stadt…ein neues Gerichtsgebäude, eine Post und eine Polizeistation …«

»Hoffentlich«, gab Sylvia zurück.

»Ja.« Er blinzelte. »Komm und trink mit mir eine Tasse Tee.« Mit einem Seufzer der Enttäuschung kehrte Sylvia mit ihm wieder um.

___________

Devlins Vorschlag, die Reise nicht in der prallen Sonne zu beginnen, fiel Corby ein, als er fassungslos feststellen mußte, daß die Frauen in einem schwerfälligen offenen Wagen reisen sollten. Er sorgte sich dabei weniger um Sylvia, doch Jessie war im siebten Monat schwanger und konnte unter der Hitze leiden.

»Es gibt sicherlich etwas Besseres als das«, sagte er. »Ich dachte an einen Landauer mit Dach, der mir für die Ladies angemessener erscheint.«

»Ich fürchte nicht. Wenn wir erst aus der Stadt sind, veschlechtert sich die Straße. In der Trockenzeit fühlt es sich an, als ob man über ein gepflügtes Feld fährt. Bei einem leichteren Wagen würden sie sich die Zähne ausschlagen. Der hier ist viel sicherer.«

Er stellte den Kutscher vor, einen grauhaarigen Eingeborenen. »Er hat Hände aus Eisen, er wird vorsichtig fahren, nicht wahr, Toby?«

»Ganz sicher, Boß.« Toby grinste. »Beide Gäule brave Kerle.«

Corby beaufsichtigte die Beladung des Wagens, Taschen mit Proviant wurden auf die Packpferde geschnallt. Zwei Chinesen kamen mit einem Essenskorb und drei Schirmen angerannt.

»Unsere Passagiere brauchen Schatten«, erklärte Devlin. »Und im Korb sind Lebensmittel für eine Mahlzeit unterwegs.«

»Sehr aufmerksam von Ihnen«, erwiderte Corby. Er fühlte sich sehr abenteuerlustig. Zwei Pferde waren für sie bereits gesattelt, und unter dem Kutschbock des Wagens befand sich, wie er bemerkte, ein Gewehr. Als sich auch Devlin mit einer Pistole bewaffnete und ein Gewehr in die Ledertasche an seinem Sattel steckte, wich seine Aufgeregtheit allerdings einem Gefühl der Unruhe. »Sind diese Gewehre wirklich nötig?«

»Man kann nie wissen«, sagte Devlin.

»Was kann man nicht wissen?«

»Schlangen«, erwiderte der Verwalter. Aber Corby ließ sich damit nicht abspeisen.

»Sie brauchen dieses Waffenarsenal, um sich gegegen Schlangen zu verteidigen?«

Der Verwalter zögerte. »Ich will Sie nicht beunruhigen. Aber die Aborigine-Stämme draußen im Busch können manchmal ein wenig Probleme bereiten. Es gibt jedoch Aufseher die aufpassen. Außerdem stellen wir nicht unbedingt ein Ziel für sie dar; gewöhnlich haben sie es auf Gold abgesehen.«

»Und Vorräte?« Corby zeigte auf die Packpferde.

»Möglich.«

»Dann würde ich es vorziehen, ebenfalls bewaffnet zu sein.« Corby wollte dem Kerl zu verstehen geben, daß er nicht nur einen Passagier abgeben wollte, sondern sich verantwortlich für die Expedition fühlte.

»Natürlich. Was wollen Sie? Ein Gewehr oder einen Revolver?«

Corby fragte sich, ob der Wortschatz des Kerls das Wort »Sir« beinhaltete. »Das letztere, bitte, und einen anständigen.« Er holte seine Geldbörse hervor. »Wieviel brauchen Sie?«

»Wir ziehen es von unserem Konto ab«, sagte Devlin. »Warten Sie hier, ich springe schnell rüber und besorge einen.«

Die Antwort erfreute und verärgerte Corby zugleich. Daß sie ein Konto besaßen, bedeutete, daß Geld vorhanden war und er seine mageren Finanzen nicht angreifen mußte. Andererseits beunruhigte ihn »unser« Konto. Er würde auf Devlin ein Auge werfen und darauf achten müssen, daß Devlin in der Stadt nicht Dinge kaufte, ohne vom wirklichen Boß, Corby Morgan, dazu ermächtigt worden zu sein. Gott weiß, was ihn diese lockere Handhabung kosten mochte. Während Devlins Abwesenheit wandte er sich dem jungen Stallburschen der an einem Zaun lehnte und sich um die Pferde kümmerte’ »Gehören alle diese Pferde zu Providence?«

»Ja. Mike hat immer einige Pferde in der Stadt, meistens ein halbes Dutzend oder so.«

»Es sind schöne Pferde.«

»O ja. Jake verstand was von Pferden. Das eine dort drüben …« Er zeigte auf eines der Packpferde, ein hohes, kastanienbraunes Tier mit weißer Mähne. »Das ist Prissy, die Schwester Ihres Hengstes Prince.« Er lachte. »Und sehen Sie nur, wie beleidigt sie ist mit ihrem Gepäck, auch wenn wir ihr nur wenig aufgeladen haben! Die Biester riechen das. Mike hat sie mitgebracht, weil er dachte, Ihre Missus würde gerne reiten. Und am nächsten Tag hörte er, sie is’ in anderen Umständen, da mußte er sich was anderes einfallen lassen, nich’?«

Angewidert von der beiläufigen Anspielung dieses Flegels auf den Zustand seiner Frau, drehte sich Corby weg. Wie sehr wünschte er sich, daß Roger und seine Frau hier wären, um ihm die Unterstützung zu geben, die er bräuchte, um mit diesen schrecklichen Leuten hier fertig zu werden.

Trotzdem konnte er einem Anflug von großtuerischem Stolz nicht widerstehen, als er die Hauptstraße hinaufmarschierte, um die Frauen und den Alten abzuholen — nun, da an seiner Hüfte ein Revolver hing und seine maßgeschneiderte Jacke offenstand. Keiner auf der Straße, einige der Männer trugen selbst Waffen, schien das allerdings zu bemerken; als ihn jedoch Sylvia erblickte, brach sie in schallendes Gelächter aus. »Mein Gott, Corby! Du siehst aus wie ein Revolverheld! Zieh oder stirb!«

Er ignorierte sie und nahm Jessie am Arm. »Sei nicht beunruhigt. Mir wurde mitgeteilt, daß man auf dem Land auf Schlangen stoßen könnte. Nun kommt, es ist an der Zeit.«

»Hättest du nicht deine Reitgarderobe anlegen sollen, Liebling?« fragte sie. Er schüttelte den Kopf.

»Wir gehen nicht auf die Jagd, Jessie. Ich besitze nicht diese rauhe Kluft, die sie hier tragen. Das hier muß genügen.«

Die Reise war entsetzlich. Die Männer trotteten in Sichtweite des Wagens einher, an dem hinten die Packpferde angebunden waren. Corby glaubte, sie würden es niemals vor Einbruch der Dunkelheit bis nach Providence schaffen; er sehnte sich nach einem schnelleren Fortkommen. Sie folgten einem schmalen Weg, der durch eine verdorrte, trockene Landschaft führte, die mit ihren Büschen und verkrüppelten Bäumen immer gleich aussah; Gehöfte waren nicht zu sehen. Wären nicht die Fliegenschwaden gewesen, die mit ihnen reisten, hätte Corby fürchten müssen, vor Langeweile von seinem Pferd zu fallen.

Es gab einige harsche Wortwechsel mit dem Professor, der vorne bei Toby saß und ihn jedesmal anhalten ließ, wenn er wieder eine außergewöhnliche Pflanze entdeckt hatte, die er seiner Sammlung hinzufügen wollte. Corby befahl Toby, auf die Launen des Alten nicht mehr weiter einzugehen, was den Aborigine jedoch nur verwirrte; er hielt weiterhin an, bis Mike mit ihm sprach und einige entschuldigende Worte an Corbys Schwiegervater richtete.

Sylvia, die die gesamte Seereise ohne die geringsten Anzeichen von Seekrankheit überstanden hatte, verlangte mehrmals anzuhalten, weil ihr vom Schaukeln und Rattern des Wagens übel wurde. Bei ihrem dritten Halt packte Devlin die Sandwiches aus und kochte in einem blechernen Henkelgefäß, das er Billy nannte, über offenem Feuer Tee, während Corby rauchte. Daneben hatte er Obstkuchen und zwei Flaschen Weißwein, die sie im Schatten genießen konnten. Es war heiß verdammt heiß! Corby war sich sicher, daß sein Scheiß die Kleidung ruinierte, an seiner Hüfte scheuerte der Revolver, als wäre er ein Brandeisen. Und dann wurde Sylvia, die zuviel Wein getrunken hatte, schlecht, und sie übergab sich aus dem offenen Wagen heraus.

Ein Alptraum, ein schreckhcher Alptraum! Corby kochte. Obwohl sich seine Frau nicht beschwerte — auch wenn ihr Gesicht in der Sonne brannte, weil sie den Schirm nicht mehr halten konnte —, schwor er sich, die beiden Frauen nicht mehr in die Stadt mitzunehmen, solange sie nicht reiten konnten. Auf gar keinen Fall! Sie machten ihn vor Devlin zum Narren. Devlin hingegen schien dies alles für völlig normal zu halten. Und um alles noch zu verschlimmern, führte Langley mit dem grinsenden schwarzen Kutscher eine angeregte Unterhaltung, gerade so, als hätten sich hier zwei alte Schulfreunde wiedergefunden.

Von der Straße aus hatten sie nur einige Häuser in der Ferne gesehen, schäbig aussehende, niedrige Hütten, die wahrscheinlich Pächtern gehörten. Und das erinnerte ihn an etwas. »Wie viele Pächter haben wir auf dem Anwesen?« fragte er Devlin, während sie nebeneinander herritten.

»Keine«, erwiderte Devlin. »Es ist praktischer, alles unter eigener Regie zu betreiben.«

»Aber sicherlich ist doch nicht der gesamte Grund kultiviert?«

»Nein, vieles muß noch gerodet werden, Teile des Landes sind zu feucht oder zu bergig, aber wir erweitern die Zuckerrohrfelder jedes Jahr.«

»Pachtgrundstücke wären dabei doch sehr nützlich. Und wenn die Pächter ihre eigenen Felder bearbeiteten, könnten wir uns einige Ausgaben sparen.«

»Betrachten Sie es als Fabrik«, erklärte ihm Mike.

»Es ist besser, eine eigene Fabrik zu besitzen, die Waren herstellt, als auf die zweifelhafte Qualität von Stückwerk angewiesen zu sein. Es ist wichtig, daß wir hochwertiges Zuckerrohr produzieren. Die Zuckerraffinerie in Brisbane prüft ständig neue Sorten, um das Zuckerrohr widerstandsfähiger und die Ernten ertragreicher zu machen. Oft schicken sie Zuckerrohrinspektoren, die uns beraten.«

»Wie lange dauert es, bis das Zuckerrohr heranreift?«

»Etwa zwölf Monate, dank des Klimas und der Regenfälle. Nach der ersten Ernte lassen wir sie sprossen, das Rohr wächst dann weitere drei Jahre, bis der Zuckergehalt zu niedrig wird. Aus jeder gepflanzten Zuckerrohrstaude erhalten wir also vier Ernten.«

Als sie den Kamm eines Hügels erreichten, staunte Corby nur. »Großer Gott! Das sind Zuckerrohrfelder?«

»Klar sind sie das.«

Vor ihnen, von den fernen Bergen überragt, erstreckten sich kilometerweit, wie eine wogende See, Zuckerrohrfelder. Corby war erstaunt und beeindruckt, und voller Stolz spürte er, daß er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Im Galopp schickte er sein Pferd den Hügel hinab zu den Zuckerrohren. Er war von ihrer Höhe überrascht, selbst auf dem Pferd überragten ihn die blättrigen Stauden. »Gehört das zu Providence?« rief er Devlin zu.

»Nein, unserer Nachbarplantage, Helenslea. Sie gehört Edgar Betts. Ein harter, alter Bursche. Sie haben, denke ich, auf dem Schiff seine Tochter getroffen Mrs. de Flores.«

»Ja«, sagte Corby schroff. »Ist Helenslea genauso wie Providence?«

»Nein, größer. Sie hat über achthundert Hektar, was zu unserem Vorteil ist, denn sie liefert so viel Zuckerrohr, daß es sich lohnt, eine gemeinsame Mühle zu betreiben.«

Die stechende Sonne, der stickige, staubige Beigeschmack der Zuckerrohre, selbst die Wolken an Insekten, die ihn umschwirrten, machten Corby nun nichts mehr aus. Er jagte die Straße entlang, um sein eigenes fabelhaftes Anwesen zu erblicken, zu berühren und sich daran zu erfreuen.

Devlin holte ihn ein, als sie eine seichte Furt durchquerten, dann einen kleinen Abhang hinauf. »Das ist Providence«, sagte er. »Dieser Weg führt direkt zum Haus.«

Auf der einen Seite lag der von hohen, lianenbewachsenen Eukalyptusbäumen und dichtem Buschwerk gesäumte Bach, auf der anderen die unzähligen Reihen der Zuckerrohrstauden, die Corby wie eine aufmarschierte Ehrenwache erschienen. Er war froh, den Wagen weit hinter sich gelassen zu haben; er wollte dieses Ereignis ganz für sich genießen, ohne von den anderen abgelenkt zu werden.

Als die Zuckerrohrfelder endlich aufhörten, sahen sie sich einer großen, ungepflegten Lichtung gegenüber, in deren Zentrum wieder eines dieser niedrigen Gebäude stand, ein geräumiges Holzhaus auf Stelzen mit einer breiten Frontveranda.

»Home sweet home«, bemerkte Devlin, als sie abstiegen. Corbys Enttäuschung beachtete er nicht. Das war kein Herrenhaus, das feste Haus aus Stein, das er erwartet hatte. Eine einfache Arbeiterunterkunft, die in die Lichtung gestellt worden war. Und niemand hatte versucht, seinen Anblick durch Gärten und Rasenflächen zu verschönern, auch wenn unter der Eingangstreppe einige kärgliche Sträucher hervorschauten.

Corby schob seine Enttäuschung beiseite und stellte sich vor das Haus. »Nun lassen Sie mich die Orientierung finden. Wir sind nach Süden geritten und dann in das Landesinnere abgebogen. Das heißt, daß das Meer dort rechts von mir liegt.«

»Nein«, sagte Devlin. »Der Weg zwischen den Zuckerrohrfeldern und dem Bach, der von der Straße abzweigt und nach Providence führt, geht nach Westen zum Fluß; er biegt rechts ab und führt direkt zum Haus. Obwohl er eine halbe Meile hinter diesem Buschwerk verborgen ist, blicken wir hier zum Fluß.«

»Wir blicken nicht zur Straße? Das ist seltsam.«

»Wir sind ein gutes Stück von der Straße entfernt«, erklärte der Verwalter. »Jake hatte vor, dieses Gebüsch vor uns bis zum Fluß hin abzuholzen und in Pferdekoppeln umzuwandeln.«

»Das klingt zivilisierter als das hier«, erwiderte Corby. »Wir scheinen Völlig von Wildnis umgeben zu sein.«

»Und Zuckerrohr«, fügte Devlin hinzu. »Aber es wäre wirklich schöner, einen freien Blick auf den Fluß und die Chance auf eine kühlende Brise zu haben.«

»Ist es ein großer Fluß?«

»O ja. Er entspringt weit im Nordwesten, wie ich erfahren habe, und zieht sich durch mehrere Plantagen. Wir haben so eine natürliche Grenze. Etwa vierzig Meilen weiter südlich mündet er ins Meer. Mehrere Bäche durchqueren das Anwesen, an Wasser manggelt es uns daher nicht, aber hinter dem Haus befindet sich trotzdem eine Regentonne für das Trinkwasser.«

»Verstehe«, sagte Corby. »Es sieht also so aus: Ich? blicke hier zum Fluß, demnach befindet sich die Küste in meinem Rucken.«

»Ja. Es sind ungefahr zwanzig Meilen zur Elbow Bay. Eine sehr schöne kleine Bucht.«

»Gibt es Straßen dorthin?«

»Nein, noch nicht.«

»Dann müssen wir uns eines Tages darum kümmern — Und lassen Sie auch diesen Urwald vor dem Haus fällen. Großer Gott, was ist das?« Eine buntscheckige, in alle möglichen Lumpen gekleidete Gruppe Schwarzer erschien schüchtern an der Ecke des Hauses.

»Das sind hiesige Eingeborene. Sie kampieren am Bach.« Mike führte Corby zu ihnen hinüber. »Das ist der neue Boß, Mr. Morgan.«

Begeistert grinsten sie ihn an. Corby zwang sich zu einem höflichen Gruß, obwohl sie bei näherer Betrachtung einen ziemlich wilden Haufen darstellten.

Devlin stellte ihm ein langes, schlankes Mädchen mit wirrem schwarzem Haar und großen, unruhigen Augen vor. »Das ist Elly, Ihr Hausmädchen.«

Dann drängten sich ein Chinese und eine winzige chinesische Frau durch die Menge; also mußte er auch sie kennenlernen. »Und das ist Tommy Ling, Ihr Koch, und Mae, seine Frau. Sie ist für den Gemüsegarten und die Wäsche zuständig.«

»Sehr erfreut«, sagte Corby und wich einen Schritt zurück, als sie sich, die Hände in weiten Ärmeln verbergen, vor ihm verbeugten.

Unheimlich, dachte er, ziemlich unheimlich, alle zusammen. Als er sich umdrehte, um sein neues Zuhause zu inspizieren, erschienen schwarze Stallburschen und übernahmen die Pferde.

Das Haus selbst war äußerst einfach, es fehlte ihm jeglicher Charme, und dennoch schien Devlin mit Stolz erfüllt zu sein, als er ihn durchführte. In der Mitte gab es einen Gang, auf der einen Seite davon befanden sich ein Gesellschafts- und ein Speisezimmer auf der anderen drei Schlafzimmer. Das war es! An die hintere Veranda waren eine große Küche und eine Toilette angebaut.

Der Verwalter zeigte auf die anderen Gebäude. »Hier sind die Gästezimmer, daneben die Waschstube.« Gegenüber dem harten, trockenen Hof befanden sich eine Käserei, ein Kühlraum und verschiedene Schuppen, während der Weg weiter zu Ställen führte, die hinter einer Ansammlung von Bäumen kaum zu sehen waren.

Corby überblickte alles ohne Kommentar. »Wo wohnen die Arbeiter?«

»Die Baracken der Kanaka liegen eine halbe Meile von hier entfernt.« ’

»Kanaka, nehme ich an, heißt Arbeiter?«

»Nein, so nennt man auf den Inseln die Menschen. Es ist hawaiianisch, sagte man mir.«

»Warum Inseln?«

Überrascht blickte ihn Devlin an. »Wir importieren unsere Arbeiter von den Salomoninseln.«

»Warum das, zum Teufel?« Corby war verblüfft. »Es gibt gibt hier doch genügend australische Eingeborene?«

Der Verwalter lachte. »Soviel Sie wollen. Aber sie arbeiten nicht auf den Feldern. Für sie ist es ein Hundeleben, und sie haben natürlich recht damit. Es ist eine verdammt harte Arbeit. Die Aborigines suchen sich ihr Essen selbst, sie sehen daher nicht ein, warum sie welches anbauen sollen. Die Stallburschen draußen das sind Aborigines. Sie lieben die Arbeit mit Pferden, aber mit dem Zuckerrohr wollen sie nichts zu tun haben.«

Trotz seiner Studien zur Zuckerherstellung war dies ein Aspekt, der Corby oder, was das anbelangte, auch Roger nicht untergekommen war. Allein die Idee beunruhigte ihn. Was mußte das alles kosten, Arbeiter zu importieren? Um seine Irritation zu verbergen, schlenderte er zur vorderen Veranda; in diesem Moment kam der Wagen in Sicht. »Das erste, was hier gemacht werden muß«, sagte er dem Verwalter, »sind Zäune. Ich verlange, daß das gesamte Gelände um das Haus eingezäunt wird und diese Leute ferngehalten werden. Alles hier ist so öde, deswegen muß ohne Verzögerung ein Garten angelegt werden.«

»Auf alle Fälle«, sagte Mike höflich. Morgan hatte recht, ein Garten wäre sehr schön. Er und Jake hatten daran kaum einen Gedanken verschwendet. Die Männer wurden immer für andere Arbeiten gebraucht.

Mike war auf die verschiedenen Reaktionen gespannt, jetzt, da die anderen Familienmitglieder angekommen waren. Mrs. Morgan war sehr müde und wünschte sich nur, auszuruhen, meinte allerdings, daß das Haus »schön und sauber« sei.

»Das ist Ellys Verdienst«, erzählte er ihr. »Sie ist zwar jung, aber ein gutes Hausmädchen.«

Ihre Schwester, Miss Langley, rümpfte die Nase. Sie schien Gefallen daran zu haben, ihren Schwager zu reizen. »Das ist also die Familienresidenz, Corby? Doch kaum ein angemessener Ort für einen Gutsherrn. Was dachtest du dir nur dabei, meine Schwester an solch einen Ort zu bringen?«

»Du nimmst das Zimmer am Ende«, sagte er verärgert. »Und dein Vater kann das mittlere haben.«

»O nein«, meldete sich Langley zu Wort, »Ich habe mich umgesehen. Ich ziehe das Gästezimmer draußen vor, wenn es erlaubt ist, Mr. Devlin.«

Mike zuckte mit den Schultern und sah zu Morgan. »Schlafen Sie, wo Sie wollen«, erwiderte dieser. »Mir kann es egal sein. Mr. Devlin, sagen Sie dem Koch, das wir sofort den Tee wünschen.«

Miss Langley kicherte. »Ein Chinese als Koch! Unglaublich! Versteht er denn überhaupt, Tee zu bereiten?«

»Das kann er.« Mike lächelte. Er fügte lieber nicht an, daß Tommy Ling, der nun schon seit einigen Jahren bei ihnen war, ein sehr launischer Koch war. Wenn es ihm beliebte, dann konnte er ausgezeichnete Dinner oder wunderbare chinesische Gerichte servieren; an anderen Tagen aber, meist, wenn er einen neuen Opiumvorrat erhalten hatte, verzeichnete er spektakuläre Mißerfolge.

»Und wo wohnen Sie, Mr. Devlin?« fragte das Mädchen und blickte ihn mit ihren blauen Augen an.

»Oben auf dem Hügel«, erwiderte er, sorgfältig darauf bedacht, auf ihren Flirt nicht einzugehen.

»Das müssen Sie mir morgen in der Früh zeigen«, sagte sie.

»Er wird morgen mit anderen Dingen beschäftigt sein«, sagte Corby zu ihr. »Geh nun und kümmere dich um deine Schwester.«

5

Mike hatte die ihm Anvertrauten ohne größere Probleme nach Providence gebracht, nun wollte er sie, um zu sehen, wie sich die neue Gruppe Kanaka eingelebt hatte, so schnell wie möglich loswerden. Normalerweise sammelte er die Kanaka am Hafen ein, brachte sie selbst nach Providence und gab ihnen einen Tag Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, bevor Sie zu Arbeitstrupps zusammengestellt wurden und mit der Arbeit beginnen konnten. Diesmal aber hatte er sie Ted Perry überlassen müssen, und das beunruhigte ihn. Ted war ein erfahrener, aber harter Aufseher. Es war wichtig, einen Aufseher zu haben, der alle Trupps unter Kontrolle hatte und sie zur Arbeit antrieb. Aber Ted war zu schnell mit der Peitsche zur Hand. Seit dem Tod von Jake hatte es viel zu viele Beschwerden über Teds Grausamkeiten gegeben. Einige der Kanaka waren so schwer verprügelt worden, daß sie nicht mehr arbeiten konnten. Ihr Sprecher hatte es Mike berichtet.

Jake hätte Perry auf der Stelle gefeuert, wahrscheinlich nachdem er ihm vorher selbst noch die Peitsche hätte spüren lassen. Alles, was Mike tun konnte, war, auf den Aufseher beschwichtigend einzuwirken. Da Perry jede Kritik zurückwies, wäre es fast zum Kampf zwischen den. beiden Männern gekommen; ihn zu entlassen war ihm jedoch nicht möglich, da Perry einen Vertrag hatte, den nur der neue Besitzer kündigen konnte. Tatsächlich, ging es Mike während der Fragen Morgans durch den Kopf, war Perry in einer besseren Position als er — er, der keinen Vertrag besaß. Um Perry loszuwerden, würde Corby Morgan ihn auszahlen müssen.

Nach dem mit Gebäck und Kuchen servierten Tee, einem von Tommys besseren Versuchen, entdeckte Corby erfreut, daß Mike den Schnapsschrank gut ausgestattet hatte. Er öffnete eine Flasche Brandy und lehnte sich in Jakes großen Lederstuhl zurück, um sich mit seinem Verwalter weiter zu besprechen. Mike, dem daran lag, den Eindruck zu erwecken, unter seiner Leitung sei auf der Plantage alles bestens bestellt, konnte nicht weg.

»Ich gehe nun lieber«, sagte er schließlich. »Gewöhnlich drehe ich um diese Stunde meine Runde und sehe nach, daß alles in Ordnung ist.«

»Für diese Aufgabe haben Sie doch einen Aufseher, oder? Nehmen Sie noch einen Drink.«

»Ja, aber ich habe auch darauf zu achten, daß er seine Arbeit verrichtet.« Er würde Morgan von den üblen Aktivitäten ihres Aufsehers ein anderes Mal berichten müssen.

»Ich kann nicht verstehen, warum ich einen Verwalter und einen Aufseher brauche«, sagte Corby gereizt.

»Die meisten Plantagen besitzen mehrere Aufseher«, erklärte Mike. »Wir können mit einem auskommen, aber es ist ein hartes Stück Arbeit. Das hier ist ein großes Unternehmen.«

»Dennoch scheinen Sie in den letzten Monaten das alles auch wunderbar ohne die Unterstützung des ehemaligen Besitzers geschafft zu haben. Warum also brauchen wir nun drei Männer? Ich bin nicht unbedingt nutzlos.«

O Gott, dachte Mike. Jake arbeitete wie ein Henker und ich halte den Laden gerade mal so am Laufen. Wenn, dann bräuchten wir mehr Kanaka. »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte er. »Aber es ist viel zu tun. Ich werde Ihnen morgen die Plantage zeigen.«

»Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß ich als Eigentümer auch die Aufgabe des Verwalters übernehmen kann, mit einem Aufseher der unter mir arbeitet. Das scheint mir am sinnvollsten.«

Wenn du Augen im Hinterkopf hast und bereit bist, den ganzen Tag auf dem Pferd zu sitzen, oder, wenn nötig, mitanzupacken, und den Schlaf vergißt und deinen wunderbaren Garten, dann sicherlich, dachte Mike. Und wenn dann die Regenzeit kommt, wirst du so verdammt durchnäßt sein, daß du dir wünschst, du seist tot. Aber er sagte nur: »Das liegt ganz bei Ihnen, Mr. Morgan. Ich bin hier, um für Sie alles am Laufen zu halten und das Zuckerrohr zur Mühle zu bringen. Ich fange immer morgens um vier Uhr dreißig an. Wann darf ich mit Ihnen rechnen?«

»Seien Sie mit einem Pferd pünktlich um neun Uhr zur Stelle, Devlin. Ich werde meine Inspektion frisch und früh beginnen.«

»Frisch und früh«, murmelte Mike, als er sich auf den Weg zu den Ställen machte. »Junge, mach dich auf was gefaßt, wenn du Verwalter sein willst.«

Er folgte dem Saumpfad durch offenes Buschwerk zu dem Lager, wie sie es nannten. Obwohl das Gebiet nicht eingezäunt war, standen hier einige barackenähnliche Gebäude und ein offenes, strohgedecktes Langhaus, das sich die Insulaner gebaut hatten und das ihnen als Versammlungs- und Speiseraum diente. Zu dieser Stunde war es normalerweise mit lebhaften Gesprächen und Gelächter erfüllt, nun aber begrüßte ihn unheilvolle Stille. Arbeitertrupps zogen zum Schuppen, um ihre Harken, Spaten und Pickel loszuwerden und sich dann zu den anderen im Langhaus zu gesellen.

Sogar die Frauen, die über offenem Feuer das Abendessen bereiteten, hatten statt ihrer sonstigen scherzhaften Fröhlichkeit leere, ausdruckslose Mienen. Es waren die Ehefrauen der Kanaka, plumpe, nußbraune Frauen, die selbstbewußt ihre bunten Sarongs trugen und niemals davor zurücksehreckten, mit ihren langen Holzlöffeln männliche Übergriffe zu ahnden.

Mike konnte ihnen sonst immer ein Lachen entlocken. Er band also sein Pferd an einen Baum und näherte sich ihnen. »Was habt ihr angestellt, Mädels? Den Kerlen Bauchweh gemacht?«

Sie schüttelten den Kopf und rührten weiter in den Töpfen mit Reis, Eintopf, gehacktem Fisch und Früchten — mit Mienen, die zum Fürchten waren. Keine von ihnen blickte ihn an.

»Hat die Katze eure Zunge gefressen?« witzelte er.

Pompeys Frau Tamba rollte mit den Augen. »Nein, Massa.«

»Wo ist Pompey?«

Er folgte ihrem Blick zu dem stämmigen Mann, der nicht aufzufallen versuchte. »Raus hier, auf der Stelle«, rief er. Zögernd, aller Augen waren nun auf ihn gerichtet, erhob sich Pompey und schlurfte ihm entgegen.

»Du bist Vorarbeiter, Pompey. Sag mir, was los ist.«

Pompey seufzte. »Nix los. Alles Ende. Alles fertig.«

Das beunruhigte Mike noch mehr. »Fertig« konnte alles bedeuten. »Fertig Ende« hieß oft tot. »Nichts ist zu Ende« sagte er. Und dann spürte er die Furcht, die sie unigab. »Warum haben diese Leute Angst?«

Pompey zuckte mit den Schultern. Er wollte nicht reden oder hatte Angst davor. Mike ging hinüber und gegen einen der großen Reistöpfe. Der Inhalt ergoß sich ins Feuer. »Kein Essen«, schrie er Pompey an, damit es die anderen ebenfalls hören konnten, »bis du mir sagst, was los ist.«

Pompey blickte, als wollte er jeden Moment auf ihn losgehen. Mike packte ihn am Arm und trat gegen einen weiteren Topf. Lautes Seufzen ging durch die Menge; die Insulaner liebten ihr Essen, und diese Verschwendung war für sie eine schreckliche Bestrafung.

»Hat es mit den Neuen zu tun?« fragte er. Er mußte an den Aufruhr im Hafen denken.

»Nein!« rief Pompey versteinert aus. »Alle gute Kerle; sie.«

»Wo haben sie gearbeitet?«

»Alle Busch roden in neu Abschnitt, weiter unten. Alle gut Arbeit, bis einer …« Pompey zögerte. »Er weh.«

»Wer?«

Doch Tamba wurde ungeduldig. »Sein Name Joseph. Er in Hospital.«

»Gut«, sagte Mike zu Pompey. »Gehen wir zu ihm.«

»Essen nun ausgeben?« fragte ihn Tamba. Mike nickte, und bevor er seine Meinung ändern konnte, stürzten sich alle auf die Blechteller.

Das Hospital war ein langes Gebäude mit Wänden aus Juteleinen, die bei Nässe nach unten gerollt werden konnten. Zwei der Frauen betätigten sich als Krankenschwestern und kümmerten sich um die Kranken. Im Notfall wurde der Arzt gerufen, falls er sich im Distrikt aufhielt. Die Patienten, die die harte Arbeit, das fremde Essen und Klima nicht gewohnt waren, litten an Erschöpfungszuständen, Durchfall oder Lungenentzündung, wenn sie nicht durch Unfälle oder Schlangenbisse verletzt wurden. Sie konnten jedoch nur hier behandelt werden. Kein weißes Krankenhaus hätte Farbige, ob von schwarzer, brauner oder gelber Hautfarbe, aufgenommen. Ein kleiner Friedhof auf dem Hügel zeugte von dem Mangel an medizinischen Einrichtungen. Jake hatte dem Stadtrat von Cairns vorgeschlagen, ein Krankenhaus nur für Farbige zu bauen; die Anfrage wurde so schnell abgelehnt, wie er sie vorgetragen hatte. Und selbst wenn der Stadtrat für diesen unpopulären Plan Mittel aufgebracht hätte, wäre kein Arzt bereit gewesen, in einer solchen Einrichtung zu arbeiten.

Wenigstens, sagte sich Mike, während sie den Hügel hinaufstiegen, waren alle Kanaka in Providence Freiwillige. Bevor er sie auswählte, fragte er sie, wenn nötig durch einen Dolmetscher, ob sie von Menschenhändlern entführt worden waren. Aber all das war ihm nur geringer Trost, wenn er mit ansehen mußte, wie die armen Kerle hoffnungslos dahingerafft wurden.

Er duckte sich, als er die Hütte betrat, und blieb bei jedem Lager stehen, um mit den Patienten und den Schwestern ein Wort zu wechseln. Es freute ihn, daß die Frauen ihr provisorisches Hospital so sauber hielten. Hinten am Ende sah er den neuen Mann, Joseph. Es war der große, stolze Junge, der ruhig bei den anderen gestanden und glücklich gelächelt hatte, als er ausgewählt wurde. Mike war sich sicher, daß er kein Unruhestifter war, und dennoch …sieh ihn dir nun an! Er lag flach auf seinem Gesicht, sein Rücken war von der Auspeitschung eine einzige blutige Masse.

»O Gott!« sagte er, als er vorsichtig das Gazetuch wegnahm, das die Fliegen abhalten sollte. »Hat Perry das getan?«

Pompey nickte.

»Dieser Bastard! Warum?«

»Perry neuen Kerl auspeitschen. Dieser Mann sagen: Laß ihn. Er tut sein Bestes.«

»Er spricht Englisch?«

»Ja«, fuhr Pompey fort. »Dann Perry wütend auf ihn. Dann bindet ihn an Baum für Gürtelpeitschen. Perry sagen, zeigen euch Exempel.«

»Ich werde ihm was zeigen«, grummelte Mike. Er ließ sich auf den Boden nieder und berührte Joseph an der Schulter. »Tut mir leid. Wir kümmern uns um dich. Ich sorge dafür, daß das nicht wieder vorkommt.«

Der Junge starrte ihn an, die ruhige Ergebenheit in seinen Augen erstaunte Mike. »Macht nichts«, sagte Joseph. Und dann richtete er an Mike eine Bitte. »Du großer Boß, mich nicht zurückschicken.«

»Natürlich nicht. Wenn es dir bessergeht, werden wir für dich eine andere Arbeit finden. Wenn du Englisch sprichst, bekommst du mehr Lohn.«

Joseph lächelte und schloß die Augen.

Perry war nicht in seiner Hütte. Mike suchte ihn überall, bis ihm einer der Kanaka sagte, daß der Aufseher zum neuen Boß gegangen war.

»Verdammt!« Er ritt an den Rand der Lichtung und sah Perry im Gespräch mit Mr. Morgan an der vorderen Veranda stehen. Zweifellos war er als erster die Geschichte losgeworden, wie es dazu kommen konnte, daß ein Kanaka derart ausgepeitscht wurde. Er war ein gewandter Redner und umgänglicher Mensch, wenn er sich nicht auf dem Zuckerrohrfeld befand. Nachdem er sich von Morgan für diesen Abend verabschiedet hatte, konnte Mike nun schlecht über ihn herfallen. Er lenkte seine Schritte daher zur Rückseite des Hauses, wo er Perrys Pferd entdeckte, das am Pferdetrog angebunden war.

Als der Aufseher schließlich über den Hof kam, fand er Mike vor, der sich gesetzt hatte und auf ihn wartete. »Ah, Devlin«, sagte er. »Ich habe dich schon gesucht. Wie wär’s mit einem Drink?«

»Nicht jetzt. Du hast mit Mr. Morgan gesprochen?«

Ted lachte. »Wenn man das so sagen kann. Er ist etwas durch den Wind, schätze ich.«

»Kein Wunder. Er hat eine lange Reise hinter sich. Ich nehme an, du hast ihm erzählt, daß du einen der neuen Kanaka krankenhausreif geprügelt hast?«

»Ach Gott, sie sind ein Haufen Faulpelze. Der Kerl hat nur bekommen, was er verdient hat. Außerdem hat das nichts mit dir zu tun. Ich beaufsichtige die Trupps, und du bist der erste, der schreit, wenn die Arbeit nicht getan ist.«

»Ich hab’ dir gesagt, mit dem Prügeln aufzuhören. Der Junge sieht fürchterlich aus …«

»Na und?« brauste Perry auf. »Ein verdammter Nigger bekommt Schläge, die anderen sehen es und machen sich wieder an die Arbeit. Schließlich sind sie hier nicht bei einem verdammten Picknick.«

»Der, den du ausgepeitscht hast, wird eine Woche lange nicht arbeiten können!«

»Oho. Das ist was anderes!« feixte Perry. »Du machst dir bloß Sorgen, daß die Butter nicht aufs Brot kommt. Ich werd’ ihm morgen ein Salzbad verpassen, das wird ihn kurieren.«

»Du bist ein verdammter Bastard«, sagte Mike. Doch Perry ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Komm runter, Devlin. Beruhige dich. Wenn einer dieser Kanaka hier nicht arbeiten will, dann laß ihn doch mit den Trupps von Helenslea tauschen. Der alte Edgar Betts zeigt ihnen schon, was es heißt, auf einer Plantage zu sein.«

Bevor Mike antworten konnte, kam Corby Morgan zu ihnen herüber. »Gentlemen. Meine Damen wollen sich gerade zum Abendessen begeben. Sie müssen dabei nicht Ihren lautstarken Wettbewerb vor ihrem Fenster hören. Seien Sie so freundlich und tragen Sie Ihren Streit woanders aus.«

Als sie fortritten, fühlte sich Mike wie ein zurechtgewiesener Schuljunge, Perry hingegen amüsierte sich köstlich. »Hast du das gehört? ›Seien Sie so freundlich und tragen Sie Ihren Streit woanders aus.‹« Er lachte. »Was für ein warmes Bürschchen. Der wird nicht lange bleiben.«

»Noch ist er der Boß«, warnte ihn Mike. »Ich würde ihn nicht unterschätzen. In seiner knochigen Gestalt verbirgt sich einiger Mumm.«

»Wie sind denn die Frauen? Ich habe sie überhaupt nicht zu Gesicht bekommen.«

»Sehr anständig. Du hältst dich besser von ihnen fern.«

»Wollen wir jetzt einen trinken?«

»Nein. Ich bin müde, ich will nach Hause.« Überrascht hatte er festgestellt, daß ihm das Leben allein in seinem Haus gefiel.

Anfangs hatte er sich einsam gefühlt, war umhergewandert und hatte mit sich und dem Abend nichts anzufangen gewußt.

Jahre hatte er in der Gesellschaft des unermüdlichen Jake verbracht, dem immer etwas einfiel, ob Kartenspiele, nächtliche Jagdzüge oder ein Spaziergang zu den Kanaka, wo sie mit ihnen herumhockten und mit ihnen ihr selbstgemachtes Gebräu schlürften. Oder sie saßen einfach über einigen Flaschen Rum auf der Veranda des Haupthauses und besprachen die Ereignisse des Tages. In den ruhigen Zeiten. Denn Jake liebte die Frauen.

Einige Zeit lang war Lita Betts seine Geliebte, sie blieb manchmal tagelang auf Providence und fühlte sich hier ganz zu Hause. Edgar, ihren Vater, kümmerte es nicht; seine Tochter tat, was sie wollte, und er hätte es gerne gesehen, wenn sie den Witwer und Besitzer von Providence geheiratet und so die beiden Anwesen zu einem verschmolzen hätte. Als sie einmal mit Mike ins Bett stieg — sie glaubte, Jake wäre zu betrunken, um es zu bemerken —, sorgte sie für den einzigen handfesten Krach zwischen ihm und Jake.

Denn Jake hatte es bemerkt! Wutschnaubend kam er mit der Pferdepeitsche hinterher, und während Mike Lita noch dazu überreden wollte, zu verschwinden, bekam er den ersten Schlag ab — er hatte die Narbe noch immer auf seinem Rücken.

»Aber Liebling«, sagte sie zu ihm, während sie auf der Bettkante saß und Jakes Wutgebrüll überhörte — es waren wirklich verrückte Tage gewesen —, »du bist doch viel interessanter als er. Jake braucht doch nur bei Vollmond eine Frau. Ist dir das noch nicht aufgefallen?«

Es endete damit, daß Lita und Jake darüber lachen konnten, während Mike nach Elly rief, um sich den Schnitt mit der uralten Methode der Salzkur behandeln zu lassen. Jake hatte sich dann bei seinem Freund entschuldigt.

Aber Lita hatte recht. An Vollmonden, wenn Lita auf einem ihrer Besuche in Brisbane war, lud Jake die anderen Pflanzer — ohne ihre Frauen — zu seinen »Wochenendkonferenzen«, bei denen dann die Creme der Huren aus Cairns anwesend war. Bei Gott, sie waren ein wilder Haufen, standen Jake an Ausgelassenheit in nichts nach und kosteten eine Unmenge. Die Gäste tranken alles und jedes, sie speisten das Beste was Jake ihnen vorsetzen konnte, und rauchten kubanische Zigarren, falls sie nicht Opium vorzogen.

Mike verliebte sich dabei in eine hübsche kleine Chinesin, die auf Drängen Jakes Mike auf den Kopf zusagte, daß er sie sich nicht leisten konnte. Das hatte gesessen. Kurz darauf ließ Lita Jake die gleiche Nachricht zukommen. Sie hatte in Brisbane einen jungen, reichen Portugiesen kennengelernt und geheiratet. Der Vater, auf dessen Klipper er um die Welt segelte, besaß Goldminen in Südafrika und erkundete nun mögliche Goldvorkommen auf Java; im Sommer hielt er auf den Bermudas hof, im Winter in Lausanne, eine Tatsache, die Lita faszinierte. Die Weltumsegelung allerdings diente zur Besserung der angeschlagenen Gesundheit des Sohnes.

Als Abschiedsgeschenk schickte Lita Jake ein vergoldetes Hufeisen, das er voller Abscheu sofort Mike überreichte. Es hing nun als Glücksbringer und Erinnerung an diese wilden Zeiten über der Eingangstür zu Mikes Haus.

Er berührte das Hufeisen, als er das Haus betrat, verstaute seine Sachen und die Waffen und ließ sich auf einem Stuhl nieder, um die Stiefel auszuziehen. Das hochgelegene Haus war kühl und ruhig — so ruhig, wie es hier angesichts des sanften Rauschens vom nahe gelegenen Felsbach und der unentwegt aus dem umliegenden Dschungel dringenden schrillen Schreie, des Kreischens und Wisperns nur werden konnte. In der ihm nun so angenehmen Ruhe zündete er eine Lampe an und blickte sich im geräumigen, komfortablen Raum um, der sein Wohn- und Eßzimmer und Büro in einem war. Mike hatte sich, im Gegensatz zu den schweren Möbeln aus Zedernholz, die im Haupthaus standen, mit Bambusmöbeln eingerichtet — besser gesagt, ein chinesischer Freund hatte ihn mit dem Argument, sie seien für das Klima geeigneter, dazu überredet. Mike mußte zugeben, daß die leichteren Möbel nicht schlecht aussahen und gut zu den Bambusrouleaus paßten.

Er war hungrig geworden. Da er es vorzog, seine Mahlzeiten selbst zuzubereiten, gehörte es zu Tambas Aufgaben, sich um seine Lebensmittelvorräte zu kümmern. Er entschied sich für Pökelfleisch und Tambas Imbiß aus Reis, Tomaten, Zwiebeln und grünem Pfeffer, dazu Scheiben des ungesäuerten, in glühender Asche gebackeneh Brotes. Während er sich aus einem Krug ein großes Glas Regenwasser eingoß, blinzelte er zur Schlange, die ihn vom Boden unter dem Bett beobachtete. »Du paßt für mich auf, Schlange?« fragte er. »Wenn ich hier Mäuse oder Kakerlaken finden sollte, bist du gefeuert. Vergiß das nicht.«

Die Schlange verlor das Interesse und legte zufrieden den Kopf auf den Boden, während ihr Herr die Lampe auf den Tisch stellte, um mit einigen Zeitungen den Abend zu beschließen.

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Da keine der Frauen wußte, wie sie den Asiaten, der in ihrer Küche herumlungerte, ansprechen sollte, und Corby bereits vorher darauf hingewiesen hatte, daß er sich jetzt und in Zukunft auf keinen Fall für häusliche Angelegenheiten zuständig hielt, fiel es dem Professor zu, Tommy Ling darauf hinzuweisen, daß die Familie ein einfaches Abendessen mit Rühreiern, Toast und Tee zu sich zu nehmen wünschte.

Tommy war außer sich. »Nein, nein, nein«, kreischte er und flog hinüber zum Ofen, um eine saftige Lammkeule abzudecken, die in einem Gebirge von Kartoffeln und Kürbis schmorte. »Boß sagen, englisch Dinner für bedeutende Herrschaft aus England. Sehen Sie, sehen Sie!« Er riß die Deckel von den Pfannen. »Erbsen! Bohnen! Gut Gemüse aus chinesischem Garten! Und Plumpudding!«

»Oh‘ das tut mir leid«, erwiderte Lucas Langley. »Wie freundlich von Ihnen, sich solche Mühe zu geben. Wir werden sicherlich essen, was Sie vorbereitet haben. Es sieht köstlich aus.«

Der Koch verbeugte sich erleichtert. »Sie neuer Boß hier?«

»Nein, Mr. Ling, ich wünsche kein Boß zu sein. Ich bin Mr. Langley.« Er zählte die verschiedenen Familienmitglieder auf, Tommy hörte aufmerksam zu und wiederholte die Namen. »Und brauchen Sie irgendeine Hilfe hier?«

Das junge Aborigine-Mädchen erschien. »Tommy niemanden mögen in seiner Küche«, grinste sie. »Die Missus ihm sagen, was er zu kochen hat, ansonsten sie fernhalten. Sie gehen jetzt. Ich läute diese Klingel hier, wenn Abendessen fertig.«

Enttäuscht zog sich der Professor zurück. Er war hier an allem und jedem interessiert und hätte mit dem Chinesen gerne ein wenig geschwatzt, um herauszufinden, wer er war und warum er in das Land gekommen war. Dafür würde, nahm er an, allerdings noch genügend Zeit sein. Mit seiner kleinen, einfachen Unterkunft draußen war er äußerst zufrieden; sie ersparte ihm die übermächtige Präsenz seines Schwiegersohns und verschaffte ihm die Freiheit, die er hier zu finden gehofft hatte. Für Lucas besaß Providence alles, was er sich erhofft hatte, und mehr …ein Wunderland seltsamer Flora und Fauna, dazu diese geheimnisvollen exotischen Bewohner. Er konnte es kaum erwarten, mit seinen Untersuchungen zu beginnen.

Seine Töchter waren weniger enthusiastisch.

Jessie hatte einige Stunden in dem fremden Bett geschlafen und war nach verwirrenden, fast alptraumhaften Bildern nervös und mitgenommen aufgewacht. Der Raum war kühl, von der offenen Verandatür kam eine leichte Brise. Es gab keine Vorhänge, nicht einmal Vorrichtungen zu ihrer Befestigung. Sie zitterte angesichts dieser mangelnden Privatsphäre, aber das war nur ein Teil ihrer Bestürzung. Jessie hatte Angst. Sie wollte so gerne Corby zufriedenstellen, aber langsam dämmerte es ihr, daß sie nicht die leiseste Vorstellung davon hatte, wie sie hier, so weit von jeglicher Zivilisation entfernt, einen Haushalt führen sollte.

Und wer würde ihr bei der Geburt ihres ersten Kindes helfen, bei diesem schrecklich einsamen Ereignis, das noch auf sie zukam? Nicht Sylvia; sie hatte darin ebenfalls keine Erfahrung und würde außerdem lieber davonlaufen. Würde sie in diese widerliche Stadt müssen und ihr Kind von einem Fremden zur Welt bringen lassen? Ein Berg von Sorgen lag auf ihr. Schließlich stand sie auf, goß Wasser aus dem großen Krug in die Porzellanschale, befeuchtete damit ihr Gesicht, den Nacken und die Achseln und wusch mit der lauwarmen Flüssigkeit ihre Sorgen fort.

Sylvia war keine Hilfe. Sie hatte sich umgezogen und trug nun ein hübsches, tiefausgeschnittenes Baumwollkleid, das sie sich auf dem Schiff gemacht hatte — eines der vielen Kleider, die Mrs. de Flores entworfen hatte. »Ist es nicht göttlich? Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich das oder das weiße Organzakleid anziehen sollte. Aber das hebe ich mir lieber für eine bessere Gelegenheit auf. Das Blumenmuster ist doch wirkich schon, nicht wahr? Blau steht mir.«

Sie drehte sich vor dem m den großen Schrank eingelassenen Spiegel. »O Gott, die Möbel hier sind doch einfach abscheulich.«

»Vater sagte, sie sind aus hervorragendem roten Zedernholz und ziemlich teuer«, versetzte Jessie, während sie in einen langen Rock schlüpfte und ihre zunehmende Taille mit einer cremefarbenen Bluse bedeckte.

»Schön, dann solltest du sie sofort verkaufen. Man sieht sofort, daß sie von Männern ausgewählt wurden. Der arme Mr. Devlin war so stolz auf sie. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, daß sie in ein Herrenhaus gehören und nicht in eine armselige Hütte wie diese. Du siehst schlecht aus. Fühlst du dich wohl?«

»Ja, danke. Mir ist nur ein wenig heiß.«

»Meine Liebe, wir haben Winter! Lita sagte, daß es im Sommer zehnmal heißer wird. Was hält eigentlich Corby von diesem Haus?«

»Das sagte er nicht. Ich nehme an, wir müssen uns damit abfinden.«

»Ein Skandal, du weißt das. Wenn Corby uns kein angemessenes Haus baut, werde ich mit Vater sprechen. Vergiß nicht, ihm gehört die Hälfte des Anwesens.«

»Du verschwendest deine Zeit. Vater hat daran nichts auszusetzen.« Sie zwang sich, nicht zu den Dachsparren aufzublicken, die über ihnen hingen. »Und vielleicht erinnerst du dich daran, daß für Neuanschaffungen kein Geld vorhanden ist, ganz zu schweigen von einem neuen Haus. Sylvia, bitte, versuch das Beste daraus zu machen.«

»Aber wie können wir an einem Ort wie diesen Gesellschaften geben?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte Jessie, als sie ihre Schuhe anzog und aufstand, um dieses neue Leben zu beginnen. »Noch, wen wir einladen sollten.«

Das Abendessen allerdings war ein fröhliches Ereignis; Corby war bester Laune. Das schwarze Mädchen hatte nur mit dem Notwendigsten den Tisch gedeckt, dazu, wie Jessie bemerkte, eine schneeweiße Tischdecke. Ihre erste Frage ging daher an Elly; »Wäschst und bügelst du auch?«

»Nein, Missus. Das tut Tommys Missus. Chinesische Lady unsere Waschfrau.«

»Und kümmerst du dich um das Besteck?« kicherte Sylvia. »Ich schwöre darauf, daß es aus Blech ist.«

»Bis unseres ankommt, wird es genügen«, wies sie Corby zurecht. »Jessie, sag dem Mädchen, daß sie auftragen kann.«

Der Tisch war für fünf gedeckt. Sylvia nahm Platz. »Sollten wir nicht auf Mr. Devlin warten?«

»Ich habe ihn nicht eingeladen«, erwiderte Corby. »Ich nehme an, daß er mit dem früheren Besitzer hier gewohnt hat. Er tut gut daran, sich an seine neue Stellung zu gewöhnen.«

»Das ist schade«, bemerkte Lucas. »Die Konversation mit ihm wäre sehr erhellend.«

»Sie können sich mit ihm zu jeder Zeit unterhalten.«

Als Elly den Lammbraten auftrug, glaubte sich Jessie entschuldigen zu müssen. »Oh, das tut mir leid, Corby. Du hast doch Rühreier gefordert.« Sie blickte zu ihrem Vater. »Das wollten wir doch haben.«

»Macht nichts«, sagte Corby und nahm Messer und Gabel zur Hand. »Ich denke, das paßt besser. Und es riecht so gut, daß ich plötzlich sehr hungrig bin. Jessie«, fügte er noch an, »sage dem Mädchen, sie soll uns Rotwein bringen.«

Elly starrte sie verstandmslos an, bis Lucas aufsprang. »Was, wenn ich mich zum Weinschenk ernenne? Es gibt zwar keinen Weinkeller für den Wein, den wir mitgebracht haben, aber ich werde mich darum kümmern.«

»Gute Idee.« Corby lächelte, dann ließ er sich für einige Minuten entschuldigen, um sich um den draußen lauthals ausgetragenen Streit zu kümmern. Als er zurückkam, verlor er darüber kein Wort, berührte Jessie jedoch an der Schulter und flüsterte ihr zu: »Könntest du darauf achten, daß unser Mädchen Schuhe trägt?«

Nach dem faden, salzigen Essen an Bord des Schiffes genossen sie den Braten und das frische Gemüse. Alle, sogar Jessie, langten tüchtig zu. »Wir müssen Corby danken«, sagte sie, »daß er uns gleich nach Hause gebracht hat. Ich muß zugeben, die Reise war anstrengend, aber schließlich sind wir hier zu Hause.«

Sie aßen bei Kerzenlicht. Daher fiel niemandem auf, daß Sylvias kleiner Hund sich ein Vergnügen daraus machte, drei Zentimeter lange Kakerlaken zu jagen, während über ihnen kleine Geckos hingen, die sie aus ihren unschuldigen runden Augen beobachteten. Erst viel später, Jessie und Corby schliefen bereits, schallten Sylvias Schreie durch die Nacht.

»In meinem Zimmer sind Viecher«, kreischte sie. »Wilde Viecher, Schlangen, überall …«

Als Corby mit hell aufgedrehtem Licht herbeigeeilt kam, waren die nächtlichen Besucher bereits verschwunden. Sogar die große Fledermaus oder Flughund, wie er hier genannt wurde, hatte sich durch das offene Dachgesims verzogen.

»Das ist der Wein«, gab er schroff zurück. »Du siehst Gespenster. Hier ist nichts. Nicht einmal unter dem Bett.« Aber sein Blick lag mehr auf dem Mädchen; in ihrem Schreck hatte sie vergessen, sich zu bedecken, stocksteif stand sie in ihrem batistenen Nachtgewand, durch dessen dünnen Stoff sich ihr nackter Körper abzeichnete. Mit nach unten gerichteten Augen, die vorgaben, den Boden abzusuchen, näherte er sich ihr, verzweifelt angezogen von den hohen festen Brüsten, der schmalen Taille und dem schwarzen Fleck über ihren langen schlanken Beinen.

»Muß ich hierbleiben?« fragte sie bittend.

Freundlicher nun nahm er sie am Arm und führte sie zum Bett. »Ja«, sagte er und spürte dabei ihr Wärme. »Es war wahrscheinlich nur eine Maus. Ich werde morgen gründlicher nachsehen.«

Er eilte aus dem Zimmer. Ihre weiche, sinnliche Wärme trug er mit sich fort und wollte sie nicht verlieren.

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Als die Männer aus Malaita in dieser Nacht zusammenkamen, schienen sie fast mit der tropischen Dunkelheit des Dschungels zu verschmelzen, der bis auf die schwüle Hitze mit der weichen Flora ihrer Insel nichts gemein hatte. Das Strauchgewirr der Eukalyptusbäume, das weiß im Mondlicht leuchtete und umhüllt war von kniehohen, scharfkantigen Gräsern und Farnen, lichtete sich hier nicht zu hohen Wäldern aus Palmen und Kletterpflanzen. Urzeitliche Baumfarne standen hier, dunkle Überlebende der Zeiten, ebenso zäh und wachsam wie ihre Zeitgenossen, die schwarzen Eingeborenen.

Kanaka waren Menschen des Dschungels, zierlicher und schlanker als die Aborigines, denen sie mit Argwohn begegneten. Die Eingeborenen behandelten sie mit Verachtung und einem gewissen Maß an Furcht. Denn die Fremden hatten einen fürchterlichen, sich an Blutopfern berauschenden Gott mitgebracht, was die Einheimischen, die die Erde und ihre Wunder verehrten, mit Schrecken erfüllte.

Allmählich jedoch rodeten die Weißen die Wälder, zwangen die ansässigen Stämme, sich zurückzuziehen, und verwandelten die Insulaner durch ihre Arbeit zu mageren und hungrigen Versionen ihrer eigenen Bauernschicht.

Als sich die Kanaka schweigend im Dschungel versammelten, zogen sich die einheimischen Eingeborenen zurück. Sie kümmerten sich nicht um die Angelegenheiten der Kanaka, solange sie keine Bedrohung darstellten. Sie schienen mittlerweile ihre Lektion gelernt zu haben. Früher noch hatten Kanaka fette Aborigine-Kinder als Opfer für ihre Kannibalenfeste gestohlen, was erst mit wilden Angriffen der Irukandji-Leute und später der Weißen, die schnell von diesen importierten Grausamkeiten erfahren hatten, geahndet wurde.

Flüsternd, mit vor Wut erstickten Stimmen diskutierten sie in Gruppen den schockierenden Angriff auf Talua. Sie erinnerten sich, daß der Weiße Jock Bell ebenfalls ihren jungen Gott geschlagen hatte; bereits damals hatten manche Stimmen Vergeltung gefordert, doch Talua hatte sich ihnen widersetzt. Sie erinnerten sich an seine Worte: »Wir sind in einer neuen Welt. Wir müssen ihre Sitten kennenlernen und ihren Gesetzen folgen, damit wir, wenn die Zeit reif ist, frei sind und wie Kwaika und Manasali zu unserem Volk zurückkehren und ihm die Segnungen und unser Wissen bringen können.«

Also war Jock Bell verschont worden.

Aber nun hatte dieser weiße Boß, Perry, Talua nicht nur skrupellos ausgepeitscht, er hatte auch gegen seine eigenen Gesetze verstoßen. Hatte nicht Manasali, der als Sal bekannt war, gehört, wie Mr. Devlin mit ihm darüber gestritten hat? Mr. Devlin hatte recht. Die alten Arbeiter kannten das Gesetz so gut wie er. Den Bossen war es nicht erlaubt, Kanaka auszupeitschen, auch wenn auf anderen Plantagen noch immer viel geschlagen wurde. Dies hörte man in den Bordellen der Stadt. Die Brutalität der Weißen führte oft zu Aufruhr, den Männer mit Gewehren schnell unterdrückten; den Unglücklichen blieb daher kaum etwas anderes übrig, als sich in ihr Leid zu fügen. Das Auspeitschen von Talua aber war ein besonderer Fall.

Niemand sprach von Aufruhr. Nur ein Mann war für diese Blasphemie verantwortlich, und er sollte bestraft werden. Talua war nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, sagten mehrere Stimmen, außerdem sollte er zu seiner eigenen Sicherheit aus allem herausgehalten werden. Jetzt war die Zeit, zur Tat zu schreiten, da Talua noch im Hospital lag und nicht beschuldigt werden konnte.

Sie saßen mit gekreuzten Beinen im fahlen Licht, einige rauchten Tonpfeifen, die meisten kauten Betelnüsse, und ihr Entschluß breitete sich über sie aus wie Nebel über dem Meer, leise drang er in die Seelen der Männer aus Malaita. Kein Name wurde genannt, denn das Geheimnis ruhte sicher in den über vierzig dunklen Gestalten in ihren geisterhaften weißen Hemden. Leise gingen sie in ihre Quartiere zurück und saßen am Lagerfeuer und sangen mit den anderen Arbeitern die Lieder ihrer Insel.

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Durch das Glas strömte Sonnenlicht und ließ, wie ein goldenes Gazetuch, feine Staubpartikel in der Luft tanzen. Corby warf die Decke zurück und freute sich an der Wärme.

Was für eine zivilisierte Art, aufzuwachen, ging es ihm durch den Kopf. Er räkelte sich in dem großen Bett, das selbst seinen langen Gliedern genügend Platz bot. Auch die Matratze war fest, von guter Qualität. Er beschloß, daß das Bett, wenn er das Haus neu einrichtete, bleiben sollte. Er hatte gut geschlafen und, zur Abwechslung, wohl auch Jessie. Sie atmete ruhig und war noch nicht wach.

Er griff zu seiner Uhr und stellte fest, daß es erst sechs Uhr war — und er war hellwach und bereit, aufzustehen. Auch das hatte sich verändert. In England war es immer ein Kampf gewesen, um neun Uhr wach zu sein. Noch im Nachtgewand, verließ er das Bett, öffnete die Verandatür und trat hinaus. Bis auf die gelegentlichen Schreie fremdartiger Vögel in der Dschungelwand hinter der Lichtung war nichts zu hören. Die Stille seiner Umgebung begann ihn bereits zu beunruhigen, bis er sich erinnerte, daß das Haus von den Zuckerrohrfeldern und dem Lärm, den eine große Arbeiterschaft machte, ein gutes Stück entfernt lag. Was hatte Devlin gesagt? Mehr als hundert Leute! Erstaunlich! Alle arbeiteten für ihn, Corby Morgan, und er war Herr über alles, was er von diesem Platz aus sehen konnte. Was für ein Tag!

Er zog sich leise an und machte einen kleinen Spaziergang durch seine Anlagen. »Wenn man das so nennen kann«, murmelte er, während er über den staubigen Boden zwischen den schindelbedeckten Hütten hinter dem Haus schritt.

Hinter den Ställen fand er eine große Koppel, wo mindestens dreißig Pferde weideten. »Großer Gott!« sagte er. »Sie müssen alle mir gehören. Beeindruckend, sehr beeindruckend!« Er folgte dem einfachen Zaun mit seinen drei Sparren und kam zu einem Gemüsegarten mit sauber angelegten, langen Beeten. Endlich entdeckte er ein Anzeichen von Leben. Weit hinten sah er eine Chinesin mit weitem Kulihut und einer Gießkanne. »Lieber du als ich«, sagte er sich. »Das muß Stunden dauern.« Amüsiert betrachtete er die sechs Milchkühe, mächtige, wildaussehende Biester, deren Euter prall hin- und herschwankten, die auf dem Weg auf ihn zukamen.

Er schlüpfte unter dem Zaun durch, sah zu, wie die Kühe vorüberzogen, und nickte den beiden schwarzen, mit grauen Kutten bekleideten Mädchen zu, die, mit langen Stecken bewaffnet, ihrer Herde folgten. Sie bedachten ihn mit schnellen, scheuen Blicken und kicherten laut, während sie den Rindern hinterhereilten.

Er kehrte um, starrte in den weiten blauen Himmel, auf das dichte Grün, das die Lichtung umgab, und dieselben Berge, die sich bereits über der Trinity Bay wie dicke Festungsmauern aufgetürmt hatten. Aber die Berge interessierten ihn nicht, sie schienen nichts weiter als der surreale Hintergrund für seine überlebensgroße Zuckerfarm.

Von der Frontveranda rief ihn der chinesische Koch. »Sie wollen Frühstück, Boß?«

Erschreckt blickte Corby auf. »Sprichst du mit mir?« Tommy nickte lebhaft. »Wollen Frühstück?«

Corby zögerte. Von den Frauen war noch nichts zu sehen. Er war es gewohnt, mit seiner Frau, der Post und den Zeitungen zu frühstücken. Hier gab es natürlich keine Post und keine Zeitungen, die Gesprächsthemeen liefern konnten, also warum nicht? Vor Ausgelassenheit brach er in Lachen aus, als er die Stufen hoch stieg. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so gelacht hatte. Aber es tat ihm gut. Es war großartig! Und, bei Gott, trotz der Mahlzeit gestern abend war er hungrig. »Ja«, sagte er dem Chinesen. Frühstück? Hatte jemand dem Koch Instruktionen erteilt? »Nun ja«, sagte er sich. »Ich nehme, was es gerade gibt.«

Das Essen wurde ihm auf dem blanken Speisezimmertisch, nun ohne Tischtuch und Servietten, aufgetragen. Einem Gentleman, der seine gekochten Eier oder Räucherhering gewohnt war, schien es, als müßte er gleich loslachen, aber Corby fand plötzlich wieder zu seinem Appetit, den er seit den Internatstagen verloren hatte. Er betrachtete das Steak, das Kotelett, den Schinken, die Lammstreifen und die beiden Spiegeleier, die auf dem Fleisch saßen, warf einen Blick auf den Krug dampfender Soße, den heißen Buttertoast und die große Porzellanschale mit Tee. Dann ging er alles mit Verve an und war froh, alleine zu sein und nicht mehr Würde an den Tag legen zu müssen.

Tommy kam wieder herein. »Alles in Ordnung?«

»Das ist das verdammt beste Frühstück, das ich jemals hatte«, verkündete Corby.

Das dunkle Gesicht des Chinesen zeigte ein breites Grinsen. »Sie gut, Boß. Wir gut auskomm’.«

»Danke«, versetzte Corby in einem Anflug von Herzlichkeit, während er das delikat gegrillte Kotelett verschlang.

»Was wollen zum Mittagessen?«

»Großer Gott. So weit kann ich nicht vorausdenken. Fragen Sie meine Frau.«

»Nein, nein. Sie sagen! Ladies sehr wählerisch! Nicht gut«

Corby nahm einen Schluck Tee und wandte sich zum Koch. »Verstehen Sie doch. Mrs. Morgan kümmert sich um den Speisezettel. Sie wird Sie im Laufe des Tages unterrichten.«

Das Lächeln des Kochs verschwand. Er runzelte die Stirn, spitzte die Lippen und schien seine Sandalen in den Holzboden zu graben. Mit seltenem Taktgefühl löste er das Problem: »Ich bin jetzt beschäftigt, ich werde es also Mrs. Morgan sagen, und sie wird es Ihnen erzählen. Verstanden?«

»Ha, ja!« Das Grinsen kam zurück. »Wollen mehr Kotelett? Noch Tee?«

»Nein, danke, es war sehr gut« Corby lehnte sich in den Stuhl zurück. Es war wirklich sehr gut gewesen, und er war zufrieden. Mit den Angestellten richtig umzugehen hatte hier oberste Priorität, sein erster Versuch war ein voller Erfolg. Er würde es schaffen.

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Mike fand ihn in den Ställen. Corby war sorgfältig gekleidet, in einer hervorragend geschnittenen Reitmontur mit langen polierten Stiefeln. Mike war angetan. Jetzt, da der harte alte Jake nicht mehr war, mußte der neue Eigentümer Autorität zeigen. Heute zumindest gab sich Morgan diesen Anschein.

»Ich habe Ihnen ein Geschenk mitgebracht«, sagte er und überreichte Corby einen Strohhut mit breiter, nach oben geschlagener Krempe. »Beste Qualität.«

Behutsam nahm ihn Corby in Empfang. »Danke.« Mit einer Hand strich er durch sein blondes Haar, als wollte er entscheiden, ob er ihn aufsetzen oder als Andenkn behalten sollte.

»An Ihrer Stelle würde ich ihn tragen«, sagte ihm Mike. »Schützt Sie vor Sonnenbrand. Alle Pflanzer tragen sie, eine Art Abzeichen.« Er klopfte gegen seinen verbeulten alten Filzhut. »Ich strapaziere die Dinger ziemlich, so, wie ich mich herumtreibe, also bleibe ich bei diesem alten hier.«

»Ich denke, ich sollte Sie beim Wort nehmen.« Corby setzte den Strohhut auf. »Sie sind sich sicher, daß es nicht komisch wirkt?«

»Nein. Solange er paßt.«

»Wie angegossen«, mußte Corby zugeben. Er bestieg sein Pferd. »Und wohin gehen wir nun zuerst?«

Als sie vom Haus fortritten, bemerkte Mike, daß Sonntag ein guter Tag war, um die Inspektion zu beginnen; die Plantage lag ruhig vor ihnen, und jeder konnte ausspannen.

»Sonntag?« sagte Corby. »Bei Gott! Ich fürchte, ich habe alle Zeit vergessen. Gibt es hier einen Gottesdienst?«

»Nein, aber Sie können sich einen Prediger kommen lassen. Sie kommen auf ihren Runden vorbei.«

Der breite Pfad führte sie bald durch weite Zuckerrohrfelder, die von schmalen Fußwegen durchzogen waren. »Das sind die Südfelder«, erzählte ihm Mike. »Das Zuckerrohr sieht gut aus, nicht wahr?«

Corby konnte nur nicken. Er nahm es an, weit mehr interessierte ihn aber, als er erfuhr, daß das nur ein Teil seines Besitzes war.

Einige Schwarze in billigen Hemden, die Hosen mit Stricken hochgebunden, kamen auf sie zumarschiert. Mike zügelte sein Pferd. »Wohin wollt ihr?« fragte er nicht unhöflich.

»Nur ein Spaziergang, Boß«, erwiderte einer der Männer. Alle aber starrten neugierig auf Corby.

»Das ist euer neuer Master, Mr. Morgan«, erzählte ihnen Mike. Sie nahmen die Hüte ab und senkten grüßend ihre wolligen Köpfe.

»Es sind Kanaka«, erklärte Mike, während sie weiterritten.

Sie kamen ins Lager, stiegen ab und wurden nun von einer Menge Kanaka umringt, freundlichen Menschen, wie Corby erleichtert feststellte. Es freute ihn, daß einige von ihnen grüßten: »Gu’ Tag, Master.« Großbrüstige Frauen hockten im Sand und grinsten zu ihnen herüber, während Devlin die verschiedenen Teile dieser Gemeinschaft erklärte, die für sich ein ziemlich großes Dorf war.

»Zur Unterscheidung«, erklärte Mike, »nennen die Kanaka mich Boß und Sie Master. Das gleiche gilt für Perry. Auch er ist nur als Boß bekannt. Seine Hütte liegt dort auf diesem Weg weiter oben. Die Frauen bereiten seine Mahlzeiten. Ich lebe hier auf dem Hügel, Sie können von hier aus meine Veranda sehen. Wenn ich nicht zu beschäftigt bin, mache ich mir mein Essen selbst. Übrigens, wenn Sie mich brauchen, dann schicken Sie einfach jemanden von den Schwarzen im Haus. Es ist immer jemand da.«

»Heute morgen habe ich kaum jemanden gesehen«, sagte Corby. »Nur einige Eingeborenenmädchen und eine Chinesin.«

»Sie sind immer in der Nähe. Ihr Lager ist an der Grenze des Anwesens, auf der anderen Seite des Hauses. Sie kommen nicht zur Plantage. Wir achten darauf, daß sich Abos und Kanaka nicht in die Quere kommen, es gibt zuviel Streit. Und bevor ich es vergesse, die Abos nennen alle Weißen Boß. Fühlen Sie sich also nicht beleidigt.«

Weiter ging es, über mehr und mehr Felder mit Zuckerrohr, dessen besondere Vorzüge Devlin erklärte: Es war von Neuguinea importiertes Rohr, das die kubanischen Sorten verdrängt hatte und robuster und widerstandsfähiger gegen Nässe und die früheinsetzende Regenzeit war. Corby versuchte, aufmerksam zuzuhören, nun aber war er von einem Gefühl der Macht erfüllt; aufrecht saß er auf dem Pferd und sonnte sich still in der Herrlichkeit seines Besitzes und seiner Rolle als Master. Was war doch Roger für ein Dummkopf! Er konnte es kaum erwarten, seinem Vater zu schreiben und von der grünen Opulenz seines Landes zu berichten.

Sie überquerten einen kleinen Bach, und Devlin führte sie einige Meilen durch rauhes Buschland. »Die nördlichen Felder sind weiter entfernt«, sagte er, »und einige Männer roden Land im Westen, aber dahin führe ich Sie später.«

Schließlich erreichten sie ein hohes Ufer, von dem sie auf einen breiten, schnell fließenden Fluß niederblickten. »Das ist die Grenze von Providence. Früher schickten wir das Rohr rüber nach Helenslea. Edgar Betts und Jake haben sie als Kooperative gebaut, wir teilen sie uns. Es lohnt sich für alle. Je schneller das Rohr zur Mühle kommt, um so besser ist es. Hier ist keine Minute zu verlieren.«

»Und wie bringen Sie es rüber?«

»Die Kanaka schälen und schneiden es, laden es auf Rollwagen, und los geht’s. Es kommen auf alle geschäftige Zeiten zu, das kann ich Ihnen sagen.«

Plötzlich ertönte aus dem klaren blauen Himmel ein Donner. Corby fuhr zusammen. Es hatte keinen Blitz gegeben. Der Donner war ein einziges langes, ohrenbetäubendes Rollen, das sich an den Bergen entlang zog und in der Ferne verschwand.

»Halt ein, Herr«, rief Mike, »und gib uns Zeit.«

»Wofür?« fragte Corby.

»Um das Rohr einzubringen, bevor es naß wird.«

»Wenn ein Sturm aufzieht, warum fangen Sie nicht jetzt sofort damit an?« ’

»Ich habe es mir angeschaut. Es ist noch nicht ganz reif. Wir brauchen noch einige Tage und viel Sonne«

Das machte Corby nervös. Er glaubte, dieser Kerl spielte mit seiner Ernte. Und seinem Geld. »Sie werden nicht viel Sonne bekommen, wenn ein Unwetter aufzieht.«

»Es hält noch eine Weile. Es wird keinen Sturm geben. Er läßt es uns nur wissen. Er läutet einen Wetterumschwung ein.«

»Oh«, erwiderte Corby, alles andere als überzeugt. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf den Fluß und seine üppigere, dschungelartige Umgebung, die Palmen, die über die breiten Sandbänke hingen. »Es ist sehr malerisch hier. Sollen wir runterreiten?«

»Ja, das können wir tun«, sagte Devlin und ritt voraus. »Die Pferde können eine Tränke vertragen. Und ich auch, was das anbelangt. Es ist Mittag. Ich sollte Sie zum Essen zurückbringen.«

Corby war überrascht, daß die Zeit so schnell vergangen war. Soweit er es beurteilen konnte, hatten sie nur einen kleinen Teil des Anwesens gesehen. Er konnte auf das Essen verzichten, aber er merkte, wie er müde wurde. Devlin hatte nun das Gewehr quer über den Sattel gelegt. »Wozu das?«

»Krokodile«, erwiderte er. »Der verdammte Fluß ist voll davon.«

»Jesus!« rief Corby aus und zügelte das Pferd. »Ich bin nicht so scharf darauf, den Fluß zu sehen.«

»Keine Sorge. Ich passe auf. Wir haben hier einige geschossen, sie merken sich das, aber man muß immer vorsichtig sein. Sie kommen wie der Blitz aus dem Wasser und das Ufer hoch. Die Kanaka fischen hier, wenn ihnen Dynamitstangen in die Hände fallen. Sie töten die Fische und jagen gleichzeitig den Krokos einen höllischen Schrecken ein.«

Mit aschfahlem Gesicht ließ Corby sein Pferd einige Minuten trinken, aber offensichtlich war sich auch das Tier der Gefahr bewußt; nach einigen durstigen Zügen drehte es um und sprang die Uferböschung hoch.

»Offiziell wissen wir vom Dynamitfischen natürlich nichts. Diese Fangmethode haben die Kanaka von den Weißen gelernt, aber manche beherrschen sie nicht. Entweder klauen sie das Dynamit oder lassen es aus der Stadt mitgehen. Wir hören dann erst davon, wenn sich einer die Hand wegsprengt.«

»O mein Gott!«

Devlin zuckte mit den Schultern. »Ich habe es ihnen schon so oft gesagt, aber es gibt immer wieder irgendeinen Scheißkerl, der es macht. Wir können sie nur verbinden und in Schande nach Hause schicken.«

Corby schwitzte. Die Mittagssonne brannte herab, und obwohl er es nicht zugeben wollte, war er froh über den Schatten des leichten Strohhuts.

Sie hatten den Nachhauseweg eingeschlagen, es dauerte jedoch nicht lang, da hielt Devlin an. »Was war das?«

»Was war was?«

»Ich dachte, ich hätte etwas im Busch gesehen.« Er drehte das Pferd um und ritt in das Gestrüpp zwischen den Bäumen.

»O Gott!« hörte ihn Corby sagen. »O Gott.«

»Was ist?«

»Bleiben Sie, wo Sie sind«, warnte ihn Devlin, der nun abstieg. Aber Corby mußte es wissen. Er folgte Devlin und erblickte dann einen Mann, der halb verborgen im Gebüsch lag.

»Was ist los mit ihm? Ist er betrunken?«

»Nein, er ist nicht betrunken. Er ist tot. Es ist Perry.«

»O nein, großer Himmel, nein!« Corby wollte ihn nicht sehen. Er wandte sich ab. »Was ist mit ihm passiert?«

Als Devlin nicht antwortete, wiederholte er die Frage. »Mann, was ist mit ihm passiert? Ein Schlangenbiß? Und was hatte er hier ohne sein Pferd zu suchen?« Ein anderer Gedanke kam ihm, und er flüsterte: »Könnte er Selbstmord begangen haben?«

»Nicht, solange er nicht herausgefunden hat, wie er seinen eigenen Kopf abschneidet.«

»O mein Gott!« Ungläubig, ohne nachzudenken, sprang Corby vom Pferd, um selbst den blutigen Torso ohne Kopf in Augenschein zu nehmen. Sofort stürzte er wieder weg, klammerte sich an einen Baum und übergab sich unter heftigen Kopfschmerzen; sein Körper zitterte vor Angst. Als sein Magen erneut rebellierte und salzige Tränen über sein Gesicht liefen, zog er ein Taschentuch hervor und versuchte, sich zusammenzunehmen. Dann wandte er sich an Devlin: »Wie konnte so etwas passieren? Sie sind der Verwalter, was …«

Aber Devlin durchstreifte mit dem Gewehr in der Hand den umliegenden Busch. Als Corby erkannte, warum er das tat, klammerte er sich an den Sattel seines Pferdes und legte das Gesicht an das weiche Leder, weg vom schrecklichen Geruch. Devlin suchte nach dem Kopf.

___________

Die Frauen waren mit Hausarbeit beschäftigt; alle anderen Probleme wurden vorerst zurückgestellt.

Als Jessie aufwachte, stand Elly, das Hausmädchen, mit einem Frühstückstablett und Anweisungen des Kochs neben ihr: »Tommy sagen, Sie trinken viel Milch.«

»O ja, danke. Stell das Tablett auf den kleinen Tisch dort drüben.« Jessie, von der direkt durch ihr Fenster scheinenden Sonne geblendet, erhob sich aus dem Bett, warf einen Morgenmantel über ihr Flanell-Nachtzeug und konnte Elly gerade noch davon abhalten, das Zimmer zu verlassen. »Geh nicht. Setz dich, meine Liebe, wir wollen uns unterhalten.«

Verschämt nahm Elly auf der Kante eines Stuhles Platz und klammerte sich an ihren formlosen grauen Überwurf.

»Wie schön! Genau das, was ich wollte«, begann Jessie, auf das Frühstück weisend, um die Atmosphäre etwas aufzulockern. Da dies jedoch keinerlei Reaktion hervorrief, schlug sie ein Ei auf und war nun richtiggehend vergnügt. »Himmlisch! Frische Eier! Und frische Milch! Ich hatte bereits vergessen, daß es so etwas gibt.«

Das Mädchen, das Jessie auf etwa siebzehn schätzte, nickte verständnislos. Jessie lächelte. »Es tut mir leid. Wie dumm von mir. Natürlich weißt du nicht, wie das Essen an Bord eines Schiffes ist.«

Sie wollte alles über das Mädchen wissen, also begann sie von Anfang an. »Ich habe bislang noch niemanden von deinem Volk kennengelernt. Du bist eine Aborigine, Elly?«

Das Mädchen schien nun noch verwirrter. »Nein, Missus, Yindini.«

Da Jessie nicht wußte, was sie mit dem Wort anfangen sollte, setzte sie ihr Frühstück fort. Gehorsam wartete Elly. Sie war ein großes Mädchen mit anthrazitfarbener Haut und sah sehr gesund aus. Die dunklen Augen waren klar, leuchtend hoben sich die großen weißen Zähne von der Haut ab, ihr strammer Hals und die nackten Arme waren wohlgeformt. Kräftig, dachte Jessie, aber du liebe Güte! Der Baumwollumhang spannte sich viel zu eng um ihren Busen …Was Jessie auf eine Idee brachte. Sie wollte Ellys Vertrauen gewinnen und berief sich dabei auf das, was allen Frauen gemein war.

»Wer macht dir die Kleider?« fragte sie.

Elly zuckte mit den Schultern. Offensichtlich wußte sie es nicht. Dennoch gab sie einige Informationen preis. »Hab’ zwei Kleider. Eines an, anderes in Wäsche.« Die Worte kamen, als seien sie ihr vorgegeben worden.

»Schön«, sagte Jessie. »Willst du, daß ich dir noch mehr Kleider mache? Schöne Kleider?«

Die Augen erstrahlten. »Für mich?«

»Ja, wenn du willst. Und auch für die anderen Hausmädchen.«

Elly spitzte den Mund. »Andere Mädchen Buschmädchen. Ich das Hausmädchen.«

»Oh.« Schnell korrigierte Jessie ihren Fehler. »Dann nur für dich.« Die Hausangestellten bestanden also nur aus dem Koch und dem Mädchen. Irgend jemand hatte ihr erzählt, daß diese Häuser vor eingeborenem Personal nur so wimmelten. Offensichtlich war das nicht der Fall.

In diesem Moment trat Sylvia, bereits bekleidet, ein. »Oh, das Mädchen. Ich habe sie gerade gesucht.«

»Hattest du bereits dein Frühstück?« fragte Jessie.

»Ja, sie brachte es mir. Ziemlich ungewöhnlich, gekochte Eier und Schinken, aber es hat geschmeckt. Nach der schrecklichen Nacht brauchte ich etwas Anständiges zu essen. Aber nun weiß ich nicht weiter.«

»Warum? Was ist los?«

»Unsere Kleidung. Auf dem Schiff ist es nicht aufgefallen, es mußte bei jedem gleich gewesen sem. Aber sie haben einen fürchterlichen Geruch.« Sie riß den Schrank auf, in den Jessie einige von Corbys Jacken gehängt hatte. »Und nicht nur in unserer Wäsche, riech einmal an diesem Rock!«

Jessie gehorchte. »Oje, sie riechen wirklich feucht.«

»Nicht feucht, verschimmelt!« Sylvia öffnete den Deckel einer Truhe. »Überall ist es! Sogar im Leinenzeug.«

»Ja, stinkt!« warf Elly ein und verzog die Nase.

»Deine Meinung interessiert uns nicht«, entgegnete Sylvia. »Jedes einzelne Kleidungsstück muß gewaschen und irgendwie ausgelüftet werden. Wir können uns damit nicht in Gesellschaft zeigen. Was sollen wir nur tun?«

»Uns an die Arbeit machen«, sagte Jessie. »Elly wird uns helfen.«

»Keine Sorge«, sagte Elly. »Chinesische Lady Waschfrau.«

»Dann hol sie«, kommandierte Sylvia. Und Elly, froh, endlich gehen zu dürfen, schoß wie ein Blitz nach draußen.

Unter Verbeugungen und Kopfnicken untersuchte Mae die Kleidung und hielt, als sie sich dem Boden der Seekisten näherte, die Stücke auf Armeslänge vor sich. »Puh«, sagte sie und kauerte sich in ihrem schwarzen Baumwollanzug auf den Boden. »Alle schönen Dinge verdorben.« Aber sie behandelte die auserlesenen Dinge, die sie hier sah, mit fast andächtiger Bewunderung. Jessie betrachtete ihr schwarzes, hinten zusammengebundenes Haar und das dünne, von Falten durchzogene Gesicht; die Frau, ging es ihr durch den Kopf, hatte schon bessere Tage gesehen.

»Können sie gereinigt werden?« fragte sie und starrte voller Schrecken auf die grüne Schimmelschicht, die sich während der langen Reise in der schwülen Hitze der Kabine gebildet hatte.

»Nummer eins, aussortieren«, verkündete Mae. Unter ihrer Anleitung machten sich die Frauen an die Arbeit.

Schließlich stürzte der aufgebrachte Koch in das Zimmer. »Sie mitkomm’!« sagte er zu Jessie und Sylvia. Die im ganzen Raum verteilten Kleiderhaufen schien er nicht zu beachten. »Sonne hoch stehen.«

»Zeit für kleines Dinner«, erklärte Elly, die mit einem großen Packen Kleider für das Waschhaus beladen war. »In der Nacht Zeit für großes Dinner.«

»Ich denke, das Mittagessen ist bereitet«, lachte Sylvia, die nun, ermutigt durch Maes offensichtliche Kenntnisse, besserer Laune war. »Wir sollten lieber mitkommen, bevor er uns den Kopf abreißt.«

Mae schien die Bemerkung über ihren Ehemann ungeheuerlich zu finden, sie kicherte und tätschelte freudestrahlend Sylvias Hand.

»Sollten wir nicht auf die Männer warten?« fragte Jessie. Aber Elly schüttelte den Kopf.

»Boß mit Mike fort. Ihr Daddy mit Toby Spaziergang machen.«

Während sich die Schwestern zum Essen niederließen, das aus kaltem Braten, Brot, Mixed Pickles und Bananencreme bestand, flüsterte Sylvia Jessie zu: »Hast du gehört, sie nannte Mr. Devlin ›Mike‹! Glaubst du, sie ist seine Geliebte? Lita sagte, viele weiße Männer haben hier draußen schwarze Frauen.«

Jessie war schockiert. »Wie kannst du so reden? Solche Dinge glaube ich nicht. Und ich will kein Wort mehr über Mrs. de Flores hören.«

»Das würde ich mir noch gut überlegen«, sagte Sylvia. »Hier gibt es nichts als Dschungel. Mrs. de Flores ist unsere nächste Nachbarin. Ich zumindest bin froh über ihre Gesellschaft.«

Jessie nahm eine weitere Scheibe Schinken. »Ja, ich denke, du hast recht. Ich sollte mit meinem Urteil nicht so vorschnell sein. Es ist nur, sie ist so …so! anders.«

Wärenddessen war ihr Vater ganz in seinem Element. Er schlenderte mit Toby umher und wollte alles über seine neue Umgebung erfahren. Früh am Morgen hatten Sie bereits Mr. Devlin getroffen.

»Guten Morgen, Professor«, sagte der Verwalter. »Sie sind früh auf.«

»Es gibt soviel zu sehen«, versetzte Lucas. »Toby hat sich bereit erklärt, mich zum Aborigine-Lager zu bringen. Sie haben doch nichts einzuwenden?«

»Auf keinen Fall«, erwiderte Devlin. »Unsere Schwarzen hier sind Yindini-Leute. Sie werden sich freuen.«

Mit einem kräftigen Stecken in der Hand setzte der Professor seine Erkundung fort. Sie kamen nur langsam voran, er untersuchte die verschiedenen Pflanzen, machte sich Notizen und freute sich besonders über die Buschorchideen. Es überraschte ihn nicht, ihnen hier zu begegnen, ihre Vielzahl allerdings beeindruckte ihn. »Ich werde eine Studie über Orchideen abfassen«, sagte er zu Toby. »Ich kann mir eine große Sammlung zulegen und brauche dazu nicht einmal ein Treibhaus.«

Keinen der beiden kümmerte es, daß Toby die Hälfte der Zeit nicht die geringste Ahnung hatte, wovon er sprach; beide teilten die Liebe zur Natur. Und Toby war froh, dem interessanten Professor sein Wissen über den Busch mitteilen zu können.

»Sie nennen sie ›Orchidee‹?« fragte er.

»Ja. Sie sind sehr selten in meinem Land.«

»Viele mehr oben an lange Fluß«, sagte Toby und zeigte auf die hohen Berge.

»Dann müssen wir dorthin und sie finden.«

Toby schüttelte den Kopf. »Dort oben Irukandji. Werfen Speer auf dich, viel schnell Blut.«

»Wie interessant«, lächelte der Professor und beobachtete einen bunten Papagei, der einen Zweig entlangmarschierte. Toby hoffte, er meinte den Papagei.

Corby fühlte sich ein wenig besser. Er saß am Pfad, rauchte eine Zigarette, die ihm Devlin gedreht hatte, und spürte, wie etwas Farbe in sein Gesicht zurückkehrte.

Devlin hatte den Leichnam mit Zweigen bedeckt. »Mr. Morgan, würde es Ihnen etwas ausmachen, hierzubleiben, während ich Hilfe hole? Ich habe soweit möglich das Gebiet abgesucht, und es ist niemand hier, aber ich lasse Ihnen das Gewehr da.«

»Nein, warten Sie«, sagte Corby. »Was passiert nun?«

»Ich hole einige Kanaka, um den Leichnam zurückzubringen. Alles, was wir tun können, ist, ihn in Leinwand zu packen und zu warten, bis die Polizei kommt.«

»Wie erfährt es die Polizei?«

»Ich schicke einen Reiter in die Stadt.«

Corby rauchte die Zigarette zu Ende und starrte auf den Boden. »Warum brauchen wir die Polizei?«

»Sie muß informiert werden.«

»Warum? Ich kann einen Skandal wie diesen nicht gebrauchen. Großer Gott, ich habe die Plantage erst übernommen. Ich will nicht die Polizei auf meiner Türschwelle. Das bedeutet Untersuchungen: Ich müßte vielleicht vor Gericht. Ich war noch niemals in meinem Leben vor Gericht! Können wir die ganze Sache nicht hier regeln?«

Mike glaubte langsam, der Schock habe Corby um das letzte bißchen Verstand gebracht. »Aber auf keinen Fall!«

»Mr. Devlin«, sagte Corby und stand auf. »Warum wurde dieser Mann ermordet? Sie müssen doch etwas wissen Die Polizei wird Ihnen ebenfalls diese Frage stellen.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Mike vorsichtig. »Zumindest noch nicht. Aber ich nehme an, daß es einer von den Kanaka getan hat.«

»Aber warum sollten sie einen Aufseher ermorden?«

»Wenn sie schlecht behandelt werden oder ihnen eine Laus über die Leber läuft, dann können sie schon etwas ungemütlich werden. Aber sie haben noch niemals einen Boß ermordet. Jedenfalls nicht hier.«

Corby stöhnte. »Und ausgerechnet auf meiner Plantage.« Er spürte, wie Wut und Ärger in ihm hochstiegen. »Sie hatten sich mit ihm letzte Nacht gestritten. Worum ging es?«

»Perry peitschte einen der Kanaka aus. Manchmal konnte er ziemlich gewalttätig werden.«

»Nun, da haben wir es doch. Das ist Ihr Mann. Begraben Sie den Leichnam, nehmen Sie den Kerl mit in die Stadt und übergeben ihn den Behörden. Und das war es dann.«

»Es war nicht Joseph. Er liegt noch im Hospital. Aber es war nicht nur ein Mord, es war eine Exekution. Kanaka verhalten sich sonst nicht so. Gott, wenn sie für jede Auspeitschung einen Weißen töteten, würde keiner von uns mehr am Leben sein.«

»Du lieber Himmel! Bedeutet das, daß wir in Gefahr sind?«

»Ich weiß es nicht. Deswegen müssen wir die Polizei einschalten.« Er führte die beiden Pferde aus dem Schatten. »Vielleicht sollten Sie lieber mit mir mitkommen.«

Aber noch immer zögerte Corby. »Sind Sie nicht beunruhigt, wenn die Polizei Sie befragt? Immerhin hatten Sie sich mit ihm gestritten. Und ich habe erwähnt, daß ich nur einen Aufseher brauche.«

Mike rührte sich nicht. »Mr. Morgan, ziehen Sie mir das nicht an, oder Sie haben überhaupt keinen Aufseher mehr. Dann reite ich nämlich auf der Stelle hier fort, und Sie können sehen, wo Sie bleiben.«

»Es gibt keinen Grund, so aggressiv zu reagieren. Ich wollte nur herausstellen, daß die Polizei auch Sie belästigen kann.«

»Damit werde ich schon fertig.«

»Das glaube ich. Aber was ist mit meiner Frau und ihrer Schwester? Wenn ihnen das zu Ohren kommt, werden sie völlig verängstigt sein. Sie sind solche Schrecken nicht gewohnt.«

»Ich weiß. Es tut mir leid, aber es ist nicht zu ändern. Wir können einen Mord nicht decken. Es ist für Sie ein verdammt schlechter Anfang, aber auf lange Sicht ist es besser, wenn Sie die Polizei einschalten.«

Corby erinnerte sich, daß sie bald viel zu tun haben würden. Es beunruhigte ihn, daß das Eingreifen der Polizei ihre Arbeit aufhalten könnte. »Nach allem, was Sie wissen, waren es keine Schwarzen?«

»Nein, sie benützen Speere. Es ist ganz bestimmt die Tat eines oder mehrerer Kanaka.«

»Woher wissen Sie das so genau?«

»Weil sie auf ihren Heimatinseln Kopfjäger sind. Wer immer das getan hat, er hat irgendwo die Trophäe versteckt. Und ich werde Sie verdammt noch mal finden.«

Corby furchtete, Sie erneut übergeben zu müssen. Ganz bestimmt wollte er an diesem schreckhchen Ort nicht alleine zurückbleiben. Er bestieg sein Pferd und folgte Devlin, der bereits vorausgeritten war.

___________

Den Frauen wurde nichts gesagt. Corby wollte die Nachricht so lange wie möglich von ihnen fernhalten. Bei dem Zustand seiner Frau und des Kindes, das sie in sich trug, hätte das alles negative Auswirkungen haben können.

Devlin versprach, mit den Hausangestellten zu reden und ihnen einzuschärfen, von den schlimmen Ereignissen, die ihnen sicherlich zu Ohren kamen, nichts zu erwähnen. Dann machte er sich daran, die Arbeiter zu befragen.

Corby blieb im Haus, saß in seinem Büro und versuchte, sich auf die Bücher zu konzentrieren, die Devlin ihm gegeben hatte. Neben sich hatte er ein geladenes Gewehr liegen. Was, wenn Perry nur der erste war? Wenn dort draußen ein blutrünstiger Mörder umherlief, der es auf alle Weißen abgesehen hatte? Er verbrachte schlaflose Nächte und verschwendete Tage damit, sich im Haus aufzuhalten. Schließlich war er sehr erleichtert, als ein Polizist mit zwei Begleitern erschien, zu einem Routinebesuch, wie er den Frauen erklärte.

6

»Das ist das erste Mal, daß ich nicht im Haus untergebracht bin«, grummelte Sergeant Dennis McBride, als er die Stufen zu Mikes Hütte hochstieg.

»Was paßt Ihnen an meiner Unterkunft nicht?« lachte sein Gastgeber.

»Nichts, Sie haben hier einen wunderbaren Fleck. Einen richtigen Adlerhorst. Trotzdem gehört es sich nicht.«

»Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen. Es war meine Idee. Da er nicht will, daß die Frauen davon erfahren, wäre es für Sie sehr schwierig geworden, mit ihnen den ganzen Abend lang Konversation zu treiben. Hier können wir besser reden.«

»Der Mann ist verrückt. Die Frauen werden es früher oder später sowieso herausfinden. Außerdem scheinen sie mir einiges aushalten zu können. Wie sage ich immer: Frauen, die den Mumm haben, an Orte wie die Trinity Bay zu kommen, noch dazu nach einer so verdammt langen Seereise, sind keine weinerlichen Zicken.«

»Morgan tut sein Bestes. Es war für ihn ein ziemlicher Schock.« Mike brachte eine Whiskyflasche und einen Krug mit Wasser, und die beiden Männer setzten sich an den Tisch. »Also noch einmal ganz von vorne.« Er erzählte von der Entdeckung des Leichnams, der Auspeitschung Josephs und seiner Überzeugung, daß einer der Kanaka den Mord begangen hatte. »Ich habe einige schwarze Spurenleser darauf angesetzt. Sie meinen, daß Perry in Begleitung eines anderen, der Stiefel getragen hatte, dort hinuntergegangen ist. Damit scheiden die Abos schon mal aus. Und er wurde mit einer Machete getötet.«

»Gut. Aber Perrys Bett war benützt, er hatte bereits geschlafen. Warum sollte er mitten in der Nacht aufstehen und mit einem Kanaka durch den Busch schlendern? Er ist ein starker Bursche, da braucht es einige Kerle, um ihn zum Mitkommen zu überreden. Es gab aber keine Anzeichen für einen Kampf.«

»Wenn er nicht mit einem Gewehr bedroht wurde«, sagte Mike.

McBride seufzte. Beide Männer wußten, daß trotz des Verbotes die Kanaka — ähnlich wie beim Dynamit — über Möglichkeiten verfügten, an Waffen zu kommen und sie zu verstecken. Da man mit einer Pistole auf die Jagd gehen konnte, waren sie mehr ein Statussymbol als ein Angriffsmittel. Der Besitz von Feuerwaffen wurde durch hohe Gefängnisstrafen geahndet, was sowohl Kanaka als auch Aborigines abschreckte. Es gab daher nur wenige Eingeborene, die das Risiko auf sich nahmen.

»Die Spurenleser glauben, daß die Machete bereits bereitlag«, sagte Mike. »Und nach dem Mord ging der Täter zum Fluß, um die Waffe verschwinden zu lassen und sich selbst zu waschen. Sie glauben, er ging ins Wasser, begab sich dann wieder auf den Pfad und kehrte zurück. Auf dem harten, flachen Pfad konnten sie seine Spuren nicht mehr verfolgen.«

McBride nahm einen Schluck Whisky. Der Ritt nach Providence war lang und hart gewesen, mit seinen fünfzig Jahren spürte er nun das Alter und die überzähligen Pfunde, die er im letzten Jahrzehnt angesammelt hatte. »Warum hat er den Leichnam nicht auch gleich mit ins Wasser geworfen? Es war gefährlich genug, nachts dort runterzusteigen, aber die Krokos hätten für ihn die Leiche verschwinden lassen.«

»Und ihn mit dazu. Ich glaube jedoch, daß der Leichnam gefunden werden sollte. Wie bei einer Exekution.«

»Vielleicht. Sie sind sich sicher, daß es dieser Kerl, Joseph, nicht gewesen ist?«

»Ja.«

»Aber einer der Neuen?«

»Das glaubte ich zunächst auch. Aber keiner von ihnen besaß eine Waffe, sie kennen das Gebiet nicht. Sie arbeiteten auf einem anderen Teil der Plantage. Sie haben auch keine Macheten. Sie ziehen morgens mit allen Gerätschaften los und verschließen abends alles im Schuppen. Perry achtete sorgfältig darauf. Er hätte sie die halbe Nacht dort draußen gelassen, wenn auch nur ein Spaten gefehlt hätte.«

»Jemand könnte einem der Neuen die Waffe gegeben haben.«

»Ja? Dann haben wir jetzt zwei Täterkreise.«

»Oder noch mehr. Vielleicht hatte es einer der alten Arbeiter auf Perry abgesehen, und das Auspeitschen von diesem Joseph war nur der Auslöser. Was ihm die Möglichkeit gab, den Verdacht auf jemand anderen abzuwälzen. Ich habe gehört, Perry war nicht sonderlich beliebt. Er galt als Tyrann, als er noch auf der Mackay-Plantage gearbeitet hatte. Ich dachte, er wäre hier ruhiger geworden.«

»Ja, bis Jake starb. Seit kurzem hatte er sich wieder wie früher aufgeführt. Was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. O Gott, das fällt mir jetzt erst ein! Wir haben einige Kanaka von Mackay! Wie sollen wir Perrys Mörder finden? Ich habe jeden von ihnen immer und immer wieder befragt. Gestern und heute. Sie sagen, sie wüßten nichts…«

»Und Sie meinen, der Mörder warf Perrys Kopf in den Fluß?«

Mike war überrascht. »Nein! Nein, ganz und gar nicht. Ich nehme an, daß der Kopf eine Trophae darstellt, was uns in eine verdammt beschissene Situation bringt. Wir können es uns nicht leisten, daß hier wieder Kulte aus dem Boden schießen. Denn dann sind wir wirklich in Schwierigkeiten.«

»O Gott, ja.«

»Ich setzte die schwarzen Spurenleser und zwei alte Kerle vom Abo-Camp darauf an. Sie haben jeden Quadratzentimeter im Lager der Kanaka durchsucht und bislang nichts gefunden. Dieser Scheißkerl, wir müssen ihn und seine Trophäe einfach finden.«

»Nun, ich werde sie morgen noch einmal alle befragen. Versuchen Sie, ihnen einen gehörigen Schrecken einzujagen, sagen Sie ihnen, sie kämen ins Gefängnis, wenn sie nicht mit uns zusammenarbeiteten. Übrigens, weiß der Alte, Morgans Schwiegervater, von Perrys Abgang?«

»Ja. Er ist ein komischer Vogel. ›Was für eine Tragödie, Mr. Devlin‹, sagte er. ›Aber ich bin mir sicher, daß Sie sich darum kümmern.‹ Und dann ging er wieder seines Weges.«

»Nahm es jedenfalls besser auf als Morgan.«

»Ach, seien Sie nicht ungerecht. Morgan ist erschüttert, und er hat auch allen Grund dazu. Ich glaube nicht, daß er auch nur die leiseste Vorstellung hat, was er sich hier aufgehalst hat. Für ihn ist das alles ein freundliches englisches Anwesen mit herangezogenen Arbeitern. Er weiß nicht, daß die Kanaka alles ruinieren können, wenn man nicht auf sie aufpaßt.«

»Oder die Natur«, fügte McBride an.

___________

Joseph hatte Angst. Erst hatte ihn der Boß, dann hatten ihn die drei Polizisten tagelang mit Fragen und noch mehr Fragen gequält und ihm gedroht, daß er in ein Gefängnis in der Stadt gesperrt würde, wenn er nicht den Mörder preisgab. Aber er konnte ihnen nichts sagen. Er wagte es nicht, ihnen etwas zu sagen. Er wollte kein Gott sein. Sein Vater hatte ihm das alles aufgeladen, obwohl er gewußt hatte, daß sich ihm bei Menschenopfern der Magen umdrehte, daß die Todesschreie der Opfer bei ihm fürchterliche Alpträume hervorriefen und ein Gefühl der Schuld zurückließen. Als Kind hatte er geweint und darum gebettelt, von den Zeremonien befreit zu werden, aber sein Vater blieb hart. Selbst seine Mutter zeigte kein Mitgefühl mit ihm. »Nun geh schon«, hatte sie ungeduldig gesagt, »Ratasali hat recht. Sie machen aus dir einen Mann.«

Als Gegenleistung, um den Stolz seines Vaters zu gewinnen, hatte sich Talua in den männlichen Fertigkeiten der Jagd und des Krieges geübt. So lange, bis er schneller lief als jeder andere Junge, tiefer tauchte und länger unter Wasser bleiben konnte als sie und seine Geschicklichkeit mit dem Speer Legende wurde. Aus dem eher plumpen Jungen entwickelte sich ein hochgewachsener starker junger Mann, der der Stolz und die Freude seines Vaters war. Talua stöhnte. Alles, was er damit erreicht hatte, war, daß der Vater weiterhin darauf bestand, daß er als sein Lieblingssohn an seiner Seite zu bleiben hatte, vor allem bei den schrecklichen Zeremonien. Er wußte, daß auch nach Ratasalis Tod die Riten beibehalten werden sollten; daß er zum Schiff schwamm und den weißen Mann mit sich zog, war für ihn ein Schritt in die Freiheit gewesen.

Viele der alten Manner hatten ihm erzahlt, daß der Schritt in die Welt der Weißen ein wunderbares Abenteuer war. Sie hatten die Wahrheit gesagt. Das große Schiff selbst war, ungeachtet des stinkenden dunklen Laderaums, ein Wunder. Und die völllg neue Welt, die er erblickte, als er an der Trinity Bay an Land ging, war aufregend. Wieder stieg in ihm Trauer über seinen Vater auf, vermischt mit Dankbarkeit, daß sich Ratasali die Zeit genommen hatte, ihm, seinem Nachfolger, Englisch beizubringen. Und dann betrat er neugierig ein weiteres Wunder an Konstruktionsarbeit, das Kai genannt wurde. Und er freute sich auf ein Land, wo er entschlossen war, sein Leben zu leben, wie er es wünschte.

Die Probleme begannen fast augenblicklich in der ersten großen Hütte. Der Mann mit der Peitsche hatte ihn nicht gekümmert. Er musterte die Insulaner in der gleichen Art und Weise, wie sie ihre eigenen Gefangenen zusammentrieben. Als ihn aber die Peitsche traf, kamen die Männer von Malaita zu seiner Verteidigung, um ihren Gott zu schützen.

Talua war vom Kampf entsetzt, er schrie seinen Leuten in ihrer Sprache zu, davon abzulassen, wurde jedoch in eine ferne Ecke und außer Gefahr gebracht. Von dort bat er ihn loszulassen; er bestand darauf, daß er, nachdem sie die Küsten ihrer Inseln hinter sich gelassen hatten, kein Gott mehr war — in der Tat wünschte er sich, Joseph genannt zu werden, ein Arbeiter der Kanaka, einer von ihnen.

Und nun hatte alles von neuem begonnen. Mr. Perry war zur Strafe für das Auspeitschen geopfert worden, und zur Vergeltung hatte man ihm seinen Kopf genommen. Niemand mußte das Joseph erklären. Er wußte es, wie alle aus Malaita, und verzweifelte darüber. Er war voller Wut gewesen, als ihn Perry auspeitschte, doch trotz des Schmerzes hatte er sich ruhig verhalten. Während die Striemen seinen Rücken aufrissen, hatte er seine Rache geplant, eines Tages wie ein Mann, von Angesicht zu Angesicht. Nicht so. Er verabscheute den Eingriff der Malaita-Leute in sein neues Leben und wünschte sich, ihnen entkommen zu können. Es gab andere Plantagen, vielleicht konnte er dort arbeiten.

In der Zwischenzeit jedoch beargwöhnten ihn die Weißen, die den Tod mit seiner Auspeitschung in Zusammenhang brachten. Es war ihm ein kleiner Trost, von Perry so schwer geschlagen worden zu sein, daß er sich nicht bewegen konnte; zumindest konnte er nicht verdächtigt werden. Gerade jetzt, wo er von den Weißen akzeptiert werden wollte, brachten ihn die Leute von Malaita in Schwierigkeiten. Er wußte nicht, wer den Mord begangen hatte. Und selbst wenn er es wüßte …konnte er jemanden seines eigenen Volkes der weißen Polizei ausliefern?

Das brachte ihn auf eine Idee. Das alles mußte aufhören, sofern er hier nicht mit der ständigen Angst leben wollte, daß jeder Weiße, der ihn schlecht behandelte, das gleiche Schicksal zu erleiden hatte. Denn am Ende würden sich die weißen Männer an ihn wenden. Von nun an also wollte er das sein, was die Leute von Malaita von ihm wollten, ihr Gott. Und so bald als möglich wollte er seine ersten Weisungen erlassen.

Steif ging er den belaubten Pfad zum Lager hinab. Er trug das neue Hemd, das ihm die Frauen im Hospital gegeben hatten, und hielt sich aufrecht, die Schultern nach hinten gestreckt, um die Muskelbewegung und den stechenden Schmerz seiner zerschundenen Haut zu lindern. Der Eindruck, den seine Haltung vermittelte, war jedoch genau das Gegenteil dessen, was er fühlte.

Die Sonne ging soeben auf, die Arbeiter holten sich im Langhaus Tee und Brote, bevor sie sich auf den Weg zu den Feldern machten. Die Frauen winkten Joseph zu, die Männer grinsten anerkennend, als sie seinen anscheinend stoischen Gang sahen.

Mike Devlin beobachtete ihn sorgfältig. Auch er interpretierte Josephs aufrechte Haltung als Hochmut. Einige der Kanaka standen auf, begrüßten Joseph und bestanden darauf, daß er sich an ihre Bank setzte, wo man ihm seine Teeschale servierte. Gesten der Freundlichkeit oder der Verschwörung, fragte sich Mike.

Sie hatten Perry beerdigt. Nachdem Sergeant McBride und seine Polizisten drei Tage lang erfolglos den Kanaka mit schweren Strafen gedroht hatten, wenn sie den Mörder nicht auslieferten, waren sie abgezogen; das Rätsel blieb ungelöst. McBride hatte einzeln jeden Kanaka befragt, ohne Ergebnisse, schließlich sprach er zu allen Versammelten: »Hört mir zu, ihr Kerle. Ihr habt einen Mörder unter euch. Solange wir ihn nicht finden, sind alle Kanaka von Providence aus der Stadt verbannt.«

Die Menge reagierte bestürzt, McBride aber blieb hart: »Wenn wir einen von euch Scheißkerlen in der Stadt erwischen, wird er sofort erschossen. Verstanden? Wir wollen keine Mörder in unserer Stadt, und da wir nicht wissen, wer es war, bleibt ihr, verdammt noch mal, alle draußen.«

Und Mike hatte seine eigene Strafe angefügt; »An Sonntagen gibt es keinen freien Tabak mehr. Das ist ab sofort gestrichen.«

Enttäuscht zogen die Arbeiter ab. McBride wandte sich an Mike. »Sie hätten ihnen den ganzen Sonntag wegnehmen sollen. Holen Sie das Messer raus, und lassen Sie sie die ganze Woche arbeiten. Das hätte vielleicht etwas bewirkt.«

»Ja. Und mir die Regierungsagenten auf den Hals gehetzt.«

»Darüber würde ich mir momentan keine große Sorgen machen. Die Bestimmungen dürften bald ein alter Hut sein. Es gibt laute Stimmen, alle Kanaka und Chinesen von Queensland zu deportieren.«

»Das ist verrückt!«

»So verrückt auch nicht. Politiker der Labour-Partei setzen sich dafür ein. Sie behaupten, Kanaka und Chinesen nehmen den Weißen die Jobs weg. Sie wollen alle draußen haben.«

»Aber der Premier selbst erläßt ständig neue Bestimmungen, die sicherstellen sollen, daß die Kanaka gut behandelt werden. Warum sollte er das tun, wenn sie sie alle loswerden wollen?«

McBride grinste. »Er will sich alle Optionen offenlassen.«

Das alles war für Mike neu. »Es ergibt trotzdem keinen Sinn. Weiße werden nicht in den Zuckerrohrfeldern arbeiten, und die Regierung verdient an den Importabgaben für die Kanaka, die ständig kommen und gehen.«

»Ja, aber die Politiker im Süden, die keine Plantagen besitzen, sind mehr an Stimmen als an der Wirtschaft Queenslands interessiert. Sie werden noch an meine Worte denken, Mike. Bereits jetzt infiltrieren Redner die Zuckerstädte an der Küste, halten Versammlungen ab und rufen die militanten weißen Arbeter dazu auf, sich unter der Labour-Flagge zu vereinen.«

»Wofür?«

»Das habe ich bereits gesagt. Um im Zeichen einer weißen australischen Pohtik Kanaka und Chinesen ausër Landes zu schaffen.«

Mike lachte. »Der Tag wird auf sich warten lassen. Oder können Sie sich Weiße vorstellen, die für drei Pfund im Jahr arbeiten?«

»Umgekehrt«, gab McBride zurück. »Können Sie sich vorstellen, daß die Pflanzeraristokratie weißen Arbeitern drei Pfund in der Woche zahlt, damit sie Zuckerrohr schneiden?«

»Schön«, sagte Mike. »Unentschieden.« An diesem Punkt der Diskussion hatten sie sich drängenderen Problemen zugewandt. Sie hatten beschlossen, in der Öffentlichkeit den abgetrennten Kopf nicht zu erwähnen, um so jeden Hinweis auf einen Ritualmord und eine Panik zu vermeiden. Und Mike hatte den Sergeanten dazu überreden können, daß er und Corby Morgan schriftliche Stellungnahmen abgaben und nicht vor dem Magistrat der Stadt, der auch die Gerichtsbarkeit ausübte, erscheinen mußten. Morgan war darüber sehr erleichtert gewesen. Der neue Besitzer hegte noch immer die absonderliche Vorstellung, daß dieser Mord seine Reputation beschmutzte, und das schien ihn mehr zu beschäftigen als der Tod Perrys.

Aber nun, ging es Mike durch den Kopf, hatten sie drei Tage verschwendet. Sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren. Er ging inmitten der Kanaka umher, bestimmte Truppführer, die die Männer in ihre verschiedenen Arbeiten einwiesen, und rief Pompey zu sich herüber: »Nun, da Mr. Perry nicht mehr ist, brauche ich einen Aufseher. Du übernimmst das für heute.«

»Und andere Tage?« fragte Pompey enthusiastisch.

»Kommt drauf an, wie du dich anstellst.«

»Bekomm’ ich ein Pferd?«

»Ja, und beeil dich.«

»Und mehr Lohn?«

»Niemand bekommt den Lohn eines Toten«, gab Mike zurück.

Der Schuppen wurde aufgesperrt, Werkzeuge und Gerätschaften wurden ausgegeben, und die Männer zogen davon. Nur einige, darunter Joseph, blieben zurück.

»Und ihr Kerle«, befahl Mike, »füllt den Latrinengraben und grabt einen neuen.« Um die Ruhr zu bekämpfen, achtete er strikt auf die sanitären Einrichtungen und orientierte sich beim Wechsel der Gräben am Lebenszyklus der Fliegen. Es gab immer Arbeit im Lager.

Für Joseph hatte er andere Pläne. »Du kommst mit mir«, rief er. »Ich werde dir zeigen, wie man einen Zaun baut. Nimm einen von deinen Gefährten mit.«

___________

Später an diesem Tag unternahm Mike mit Morgan eine weitere Inspektion des Anwesens. »Die Schwarzen haben Perrys Kopf noch immer nicht finden können«, sagte er. »Vielleicht wurde er doch in den Fluß geworfen.«

Corby erschauerte. Soweit es ihn betraf, war das Thema erledigt. »Glauben Sie, daß es zu weiteren Angriffen kommen kann?«

»Nein«, sagte Mike und hoffte, daß er recht hatte. »Aber Sie wollten doch, daß das Haus eingezäunt wird. Ich habe einige Kanaka beauftragt, Holz zu spalten. Wenn Sie mir zeigen würden, wo genau Sie den Zaun haben möchten, dann könnten wir damit beginnen.«

»Ausgezeichnet«, erwiderte Corby, der durch diese Neuigkeiten etwas aufgeheitert wurde. »Nun, da alles wieder zur Normalität zurückzukehren scheint, könnten Sie dann heute abend nicht zu uns kommen? Ich möchte, daß Sie mir im Beisein meiner Frau die Buchführung erklären. Dank der Beharrlichkeit ihres Vaters hat sie eine Ausbildung genossen und sich mit Mathematik beschäftigt. Wenn wir sie so weit unterrichten können, daß sie die Büroarbeit erledigt, kann ich mich meinen eigentlichen Aufgaben zuwenden.«

»Sehr gerne«, sagte Mike.

Da er wenig Kontakt mit den Frauen hatte, war Mike sehr daran interessiert, mehr über Mrs. Morgan und die Rolle, die sie auf Providence spielte, in Erfahrung zu bringen. Aber der Abend erwies sich als schwierig.

Mrs. Morgan saß still da, als Mike die Bücher vom Geschäftszimmer brachte und auf den Speisetisch legte. Corby riß sofort das Gespräch an sich, blätterte durch die Seiten und stellte unablässig Fragen zu den Kosten und den Rechnungen für Lebensmittel und Ausrüstung.

»Ich hatte den Eindruck, Orte wie diese versorgen sich selbst?«

»Kaum«, erwiderte Mike. »Wenn wir genügend Lebensmittel anbauen wollten, um alle zu ernähren, müßten wir den Boden auf Kosten der Zuckerrohrfelder in Ackerland umwandeln. Die Kanaka brauchen vor allem Reis, Tee und Mehl, unser Fleisch kaufen wir in Form von Schlachtvieh.«

»Diese Rechnungen sind viel zu hoch«, beschwerte sich Corby. »Wofür brauchen wir all diese Dinge?«

»Arbeitsgeräte und zur Instandhaltung.«

Ungeduldig starrte Corby auf die Bücher. »Warum werden einige der Arbeiter besser bezahlt als andre?«

»Nach zwei Jahren geben wir ihnen für ihre Erfahrung eine Lohnerhöhung. Und diejenigen, die für eine zweite Arbeitszeit zurückkommen, fangen mit diesem Lohn an.«

»Nun, das hört ab sofort auf. In Zukunft arbeiten alle für den gleichen Lohn.«

Mike zuckte mit den Schultern. »Wie Sie meinen.« Die meisten Plantagen hatten einen einheitlichen Lohn, Jake jedoch glaubte an die Macht des Anreizes.

»Und Ihr Lohn hier«, fuhr Corby fort. »Was hat dieser Betrag zu bedeuten?«

»Zweihundertsechzig Pfund. Das steht mir noch an rückständigem Lohn zu.«

»Verstehe ich nicht. Welcher rückständige Lohn?«

»Uns fehlen momentan Barmittel. Daher habe ich bislang auf meinen Lohn verzichtet.«

»Und Sie erwarten nun, daß ich zahle?«

»Das hoffe ich.« Mike grinste.

»Nun, da müssen Sie sich noch etwas gedulden«, sagte Corby. »Da Sie sich Ihren Lohn nicht ausbezahlt haben, hatten Sie ihn anscheinend auch nicht nötig. Wo ist das ganze Geld hingekommen?«

Mike bemerkte Mrs. Morgans intelligente Augen, die dem Gespräch aufmerksam und interessiert folgten. Seine eigene Irritation versuchte er zu verbergen. »Als Providence verkauft wurde, hatte der letzte Eigentümer Anspruch auf den Gewinn aus der letzten Ernte. Er hinterließ mir jedoch einige Mittel, um die Arbeit fortzuführen. Davon sind nur noch einige Pfund übrig; und mit Bareinnahmen ist erst dann zu rechnen, wenn wir den Zucker verkauften.«

»Und wann wird das sein?«

»Die Vertreter beginnen etwa im Dezember mit dem Zuckerankauf von den Mühlen.«

»So spät!« Corby war außer sich. »So lange kann ich nicht warten. Ich muß Ihnen gestehen, Mr. Devlin, ich bin kein reicher Mann. Ich verfüge nicht über die Mittel, um bis Dezember durchzuhalten.«

Mike hielt seine Überraschung nicht zurück. Er hatte es als selbstverständlich betrachtet, daß es sich hier um wohlhabende Leute handelte. »Das macht nichts«’ sagte er. »Wir haben hier guten Kredit. Die Geschäfte werden uns weiterhin beliefern. Sie können sie dann nach der Ernte bezahlen.« Und Sie sollten darum beten, daß nichts schiefläuft, fügte er still für sich hinzu. Wie schwere Regenfälle, Mehltau oder Schädlinge, die die Ernte vernichten können. Schnell machte er seine Pläne. »Wir werden morgen mit dem Abbrennen anfangen«, sagte er zu Morgan. »Was wir haben, haben wir.«

Zum ersten Mal schaltete sich nun Mrs. Morgan ins Gespräch ein. »Was wollen Sie abbrennen, Mr. Devlin?«

»Die Zuckerrohrfelder. Wir brennen jedes Feld einzeln ab, um totes Laub und das Unterholz zu entfernen.«

»Aber schadet das nicht dem Zuckerrohr?«

»Nein, Ma’am.«

»Können wir dabei zusehen?« Ihre Frage war an Corby gerichtet.

»Ich weiß nicht recht. Es kann gefährlich sein.«

»Nein«, sagte Mike. »Solange Sie den nötigen Abstand einhalten, kann nichts passieren.«

In diesem Moment kam ein kleiner Hund hereingelaufen, Sylvia jagte hinterher.

»Herrgott, Sylvia«, blaffte Corby. »Ich habe dir doch gesagt, daß wir nicht gestört werden wollen!«

»Ich weiß«, sagte sie, »aber er ist mir entwischt.« Sie hob den Spaniel auf und drückte ihn an ihr Gesicht. »Armer Kleiner, er hat überall Klumpen im Fell.«

»Lassen Sie sehen.« Mike nahm den Hund und strich durch das Fell.

»Das sind Zecken, Miss. Die müssen sofort raus, oder er kann daran sterben.« Er ging zur Tür und rief Elly, die sofort erschien. »Er hat Zecken. Hol sie ihm raus, eh?«

Während sie den Hund nahm, faßte Sylvia Mike am Arm. »Was meinen Sie damit, sie könnten ihn töten? Was ist das?«

»Ungeziefer, das sich mit dem Kopf voraus in der Haut festbeißt. Schlecht für Hunde, sie können aber auch Menschen befallen.«

»Was?« explodierte Corby. »Sylvia, ich habe dir gesagt, du sollst den Hund nicht mitbringen. Ich will nicht, daß er Zecken in mein Haus bringt.«

»Der Hund bringt sie nicht mit«, sagte Mike. »Jeder kann sie sich einfangen, wenn er unter Bäumen oder am Gestrüpp vorbeigeht. Sie beißen sich meist im Nacken oder auf dem Rücken fest. Kleine, biestige Dinger die man nicht einfach herausziehen kann, weil der Kopf sonst drinbleibt. Man muß sie erst mit Kerosin besprühen.«

Corby und die beiden Frauen waren schockiert. »Wie abscheulich«, sagte Sylvia. »Da muß ich ja Angst haben, wenn ich nur einen Fuß vor die Tür setze.«

»Zumindest wissen wir nun, worauf wir zu achten haben und was zu tun ist«, sagte Jessie. »Mr. Devlin, wollen Sie zum Abendessen bleiben?«

Morgan bedachte seine Frau mit einem scharfen Blick, Mike allerdings ignorierte die Warnung. »Danke Mrs. Morgan. Gerne.«

»Schön«, sagte Sylvia. »Bis dahin können Sie einen Blick in mein Zimmer werfen, Mr. Devlin. Ich bin mir sicher, daß es dort vor schrecklichen Krabbeltieren nur so wimmelt.«

Sie zog ihn fort und den Gang hinunter, von seien lächelnden Einwänden nahm sie keine Notiz. »Das ist Zeitverschwendung«, sagte er, als sie die Tür aufriß. »Sie können sie nicht fernhalten. Das sind nur kleine Geckos …« Er trat ein, suchte, bis er einen gefunden hatte, und setzte ihn auf seine Hand. »Schauen Sie, schöne kleine Tiere. Und äußerst scheu. Wenn sie herumhuschen, dann nur von Ihnen fort.«

Sylvia war nicht beeindruckt. »Sie sind scheußlich. Und außerdem muß es auch Spinnen geben.«

»Elly hat ein Auge auf Spinnen. Ich sehe auch keine Spinnweben. Befestigen Sie Ihr Moskitonetz rund um Ihr Bett, und Ihnen kann nichts passieren.«

Als sie zurückkamen, war der Professor angekommen. Auch er freute sich darauf, beim Abbrennen der Felder zusehen zu können. Nun, nachdem die lästigen Geschäftsbücher weggeräumt waren, besserte sich Corbys Laune; sie setzten sich zu einem angenehmen Abendessen, das die Frauen dazu nützten, den Verwalter mit Fragen zu überhäufen.

Corby selbst führte Devlin nach draußen, sie schlenderten die Stufen der Veranda hinab und überblickten die Lichtung. »Ich möchte, daß der Zaun über diesen großen Baum dort drüben hinausgeht«, sagte er.

»Der Feigenbaum? Das sind fast zweihundert Meter.«

»Genau. Und zum Ausgleich jeweils fünfzig Meter von den beiden Hausseiten entfernt, um bündig mit der Rückseite des Hauses abzuschließen, damit der Dienst- und Arbeitsbereich abgetrennt ist.«

»Dann haben Sie einen ziemlich großen Garten.«

»Eine kleine Anlage, mit einem Tor dort drüben, als Zufahrt für die Kutschen. Ein Lattenzaun sollte genügen.«

»Ein Lattenzaun? Alles, was Sie brauchen, ist ein zweisparriger Zaun aus gespaltenem Holz.«

»Das soll keine Pferdekoppel sein«, sagte Corby.

»In diesem Fall muß ich die Latten bei der Sägemühle bestellen«, erwiderte Mike und fragte sich, was aus den Absichten, sparsamer zu wirtschaften, geworden war.

»Ja, tun Sie das. Ich will, daß der Zaun so schnell wie möglich errichtet wird.« Corby sah zum klaren Sternenhimmel auf. »Sie hatten recht, was das Unwetter anbelangt. Es ist eine wunderschöne Nacht. Ich sehe Sie dann morgen früh.«

Als er ins Haus zurückkehrte, fiel sein Blick auf Sylvia. »Einen Moment, junges Fräulein. Nur auf ein Wort, wenn ich bitten darf.«

»Ja, was ist denn?«

»Ich wäre dir zu Dank verpflichtet, wenn du es bleibenlassen könntest, den Angestellten schöne Augen zu machen. Du hast dich heute abend mit Devlin unmöglich aufgeführt und den Mann beinahe genötigt.«

»Keineswegs«, brauste sie auf. »Und außerdem ist es meine Sache, was ich tue.«

»Nicht, wenn es meine Angestellten betrifft. Ich will nicht, daß du dich vor den Augen dieser Männer so zur Schau stellst.«

»Absoluter Blödsinn«, sagte Sylvia. Sie nahm ihren Hund und ging mit einem versteckten Lächeln auf den Lippen den Gang hinab. »Ich glaube glatt«, flüsterte sie dem Spaniel zu, »daß unser Corby eifersüchtig ist. Wie interessant.«

___________

An diesem wichtigen Tag waren alle draußen.

Die Frauen trugen über ihren Sommerkleidern lange Umhänge, jedoch keine Hüte, und starrten den Proofessor an, der beschlossen hatte, daß es nun an der Zeit war, die in einem Militärgeschäft in Kapstadt erworbene Tropenkleidung zu tragen: Khakihemd, kurze Khakihosen, darunter lange Strümpfe und feste Stiefel.

»Vater, Ihr seht in diesen unformigen kurzen Hosen einfach lächerlich aus«, lachte Sylvia. Den Alten beeindruckte es wenig.

»Was für die Armee gut genug ist, ist es auch für mich. Ich finde die Hosen sehr bequem und sehr luftig.«

»Ich wette, das sind sie«, warf Corby ein. »Das erste Abbrennen stellt auf einer Plantage ein ziemliches Ereignis dar. Ich dachte, daß wir, um gleich den richtigen Ton anzuschlagen, uns an unsere eigenen Gebräuche halten sollten. Ich habe daher eine Rotweinbowle vorbereitet.«

»Eine Rotweinbowle zu dieser Stunde«, entfuhr es Jessie.

»Warum nicht?« sagte Sylvia. »Das Leben hier ist weiß Gott öde genug. Corby versucht nur, uns ein wenig aufzuheitern.«

»Ich stimme dem zu«, lächelte der Vater. »Ich bin immer für Rotweinbowle, egal zu welcher Stunde. Laßt uns auf Providence trinken.«

»Hört, hört!« sagte Corby.

Niemals hatte er besser ausgesehen, dachte Sylvia. Das weiche rötliche Licht auf seinem schönen ’ blonden Haar, den seidigen Augenbrauen und auf seinem Bart erzeugte einen angenehmen Ton, die vormals eher pergamentene Haut war nun sanft von der Sonne gebräunt. In London, ging es ihr durch den Kopf, während sie die Bowle schlürfte, hatte er ständig ein verdrossenes Stirnrunzeln gezeigt, aber schau ihn nun an! Er sah jetzt viel liebenswürdiger aus.

Jessie jedoch nahm noch anderes wahr. Sie sah einen Ehemann, der nach außen hin entspannt genug war, um offene Hemden, Breeches und diesen seltsamen Strohhut zu tragen. Ein entspanntes Bild, trotz der Pistole, die er an seiner Hüfte trug. Aber im Gesellschaftszimmer hatte er immer ein geladenes Gewehr liegen, und in der Nacht schlich er durch das Haus.

Warum waren diese Polizisten hiergewesen? Corby hatte gesagt, Rundgänge zu den Plantagen gehörten zu ihren Pflichten. Aber wenn es so war, warum hatten sie dann das Haus gemieden? Selbstverständlich hätten sie dem Sergeanten ihre Gastfreundschaft erweisen können. Als sie vorschlug, ihn wenigstens zum Essen einzuladen, hatte Corby ihr offen zu verstehen gegeben, sich besser um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. »Er gehört nicht zu unserer Gesellschaftsschicht«, hatte er sie angefahren. Aber irgendwie schien das hier draußen nicht ganz zu stimmen.

Schließlich war Corby wütend geworden. »Um Himmels willen, Frau, laß mich in Ruhe! Ich habe schon genug Probleme!«

»Aber Liebling, deswegen frage ich doch. Warum regst du dich so auf? Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Ja, indem du, verdammt noch mal, aufhörst, mir ständig Fragen zu stellen. Ich habe genug Befragungen hinter mir. Siehst du nicht, daß ich hier eine große Verantwortung trage?«

Warum hatte er genügend Befragungen hinter sich? Welche Befragungen? Warum war die Polizei wirklich hier?

Nach dem Geschäftsgespräch mit Mr. Devlin wußte Jessie, warum Corby so dünnhäutig war. Von der Ernte hing alles ab. Seine gegenwärtige Fröhlichkeit schien ihr eher aufgesetzt, etwas, was sie ihm nicht verdenken konnte, doch hatte sie bemerkt, daß sich seine Laune besserte, wenn er Alkohol zu sich nahm. Auch wenn es sich nicht gehörte, so etwas zu denken, glaubte sie, daß er bereits bei der Zubereitung der Bowle getrunken hatte. Sie fürchtete, er gewöhne sich zu sehr an den Alkohol. Und das war ein Problem. Denn früher, in London, konnte er, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte, ziemlich widerlich werden. Sie hoffte, daß er unter der Verantwortung, die nun auf ihm lastete, der gemäßigte Gesellschaftstrinker blieb, der er bislang auf Providence war.

Corby hatte es eilig, zu den Feldern zu kommen. Er ritt voraus und ließ Toby als Begleiter für die Familie zurück. Elly schloß sich dem Spaziergang zum ersten der Zuckerrohrfelder an und mit ihr eine Gruppe von mindestens dreißig Aborigines, Männer Frauen und Kinder, die eine Art Gefolge bildeten.

»Keine Sorge«, sagte der Professor. »Ich habe sie alle schon getroffen, sehr interessante Leute. Sie wollen ebenfalls dieses Spektakel sehen. Dreht euch um und winkt ihnen zu.«

Die Frauen taten, wie er gesagt hatte, und wurden mit dem Grinsen der Erwachsenen und der plötzlichen Gesellschaft der Kinder belohnt, die nach vorne rannten, um mit den Weißen zu marschieren.

Daran erinnert, daß sie an diesem fremden Ort selbst bald für ein Kind zu sorgen hatte, ließ Jessie den glücklichen kleinen Gesichtern ein Lächeln zukommen. Und als ihr Blick auf Sylvia fiel, die vorausschritt, war sie froh, ihre Schwester hier zu haben, ein Trost für die Monate, die kommen sollten. Mr. Devlin hatte ihr verschwiegen mitgeteilt, daß er die örtliche Hebamme, eine Mrs. McMullen, die Frau des Verwalters von Helenslea, benachrichtigt hatte, die sofort, wenn sie benötigt wurde, herüber kommen würde. Sie fühlte sich erleichtert. In der Zwischenzeit hatte sie ihre Schwester, an die sie sich wenden konnte. Sie hatte sich in letzter Zeit oft müde gefühlt, ihre Knöchel waren im ungewohnt warmen Klima angeschwollen, sie ruhte sich aus, sooft dies möglich war und überließ Sylvia die Aufgabe, sich um das Haus zu kümmern. Dies gab, wie Corby gesagt hatte, Sylvia etwas zu tun. Aber Jessie war ihr dafür dankbar und beschloß, wenn das Baby geboren und im Haushalt wieder so etwas wie Ruhe eingekehrt war, sich um das gesellschaftliche Leben zu kümmern, das ihre Schwester so sehr vermißte.

Whuuhsch! Es war, als hätte ein großer Drache das weite grüne Feld plötzlich unter Feuer gesetzt. Der, als er für den nächsten Feuerschwall einatmete, Luft aus der Umgebung absaugte und die Zuschauer in einem kalten, röchelnden Vakuum zurückließ.

Und dann kam es wieder.

Whuuhsch! Das Meer der hohen, blättrigen Zuckerrohrstauden wankte eine Sekunde lang, hilflos flatterte das Laub, bevor alles in einem ohrenbetäubenden Röhren explodierte. Feuer fraß sich durch das Blattwerk, die Flammen züngelten, schlugen hoch und trieben Ascheteilchen himmelwärts.

Männer schrien; kleine dunkle Gestalten, die am Felderrand entlangliefen und deren Silhouetten sich vor dem flammenden Inferno abhoben. Darüber kreisten, vom Rauch ungerührt, Eulen, und noch weiter oben schwebten Fuchshabichte und ein einsamer Adler der neugierig von den Bergen herabgekommen war. Für diese Vögel war das Feuer ein gefundenes Fressen, und die zu Tode erschrockenen Bewohner des Busches wußten es.

Kleine Wallaby-Kanguruhs sprangen im Zickzack aus ihren Verstecken und ins Freie, Reptilien versuchten verzweifelt zu entkommen. Echsen stoben auf ihren dünnen, huschenden Beinen nach allen Richtungen auseinander und stürzten sich nur weiter ins Feuer, andere schafften es bis zur Lichtung, um dort den triumphierenden Vögeln zum Opfer zu fallen. Schlangen peitschten durch das Inferno und sahen sich dann der doppelten Gefahr von Vögeln und Menschen ausgesetzt. Ungeachtet dieser Kreaturen fraß sich das Feuer, das nun selbst lebendig zu sein schien, durch das knochentrockene Unterholz, umhüllte die Stangen der Zuckerrohre, versengte die Blätter weiter, weiter, in verrücktem, prasselndem Tanz, bis es ein abruptes Ende fand. Männer, die Tücher um ihre Gesichter gewickelt hatten, warteten mit Löscheimern, mit wassergetränkten Säcken und schwer stampfenden Stiefeln, um ein Ende der Vernichtung zu erzwingen. Das Feuer hatte seinen Zweck erfüllt.

Als das Zuckerrohrfeld explodierte, waren die Frauen erschrocken zurückgewichen. Jessie hatte sich an ihren Vater gewandt: »Wissen sie wirklich, was sie tun? Wie kann die Ernte das überstehen?«

Selbst der Professor war entsetzt. In den Büchern klang es sehr vernünftig, die Wirklichkeit allerdings war beängstigend.

Nun aber, als Rauchwolken in den blauen Himmel stiegen und Devlin beiläufig zu Corby hinüberritt, um mit ihm zu reden, entspannte er sich. Alles schien wie vorgesehen zu verlaufen. »Nun ja«, sagte er zu Jessie, »es scheint eine sehr grobe Art zu sein, mit dem Problem fertig zu werden, aber offensichtlich funktioniert es. Niemand sieht besorgt aus.«

Das Abbrennen wurde fortgesetzt, sogar in der Nacht; Flammen erleuchteten den dunklen Himmel, und in der Ferne schlugen die Funken wie ein Feuerwerk in die Nacht. Trupps von Rohrschneidern machten sich an die Arbeit, hieben und schwitzten sich durch die schmutzig-schwarzen Reihen, ihre Rücken schmerzten, die Glieder taten ihnen weh, aber sobald sie sich durch ein Feld durchgearbeitet und das Zuckerrohr auf die Wagen verladen hatten, wartete auf sie ein neues. Es war die härteste Arbeit auf der Plantage. Und es gab keine Pause. Die Kanaka arbeiteten von morgens bis abends in der schwülen Hitze, während ihr Master und ihr Boß von Feld zu Feld ritten, sie antrieben und zusahen, daß die beladenen Wagen zur Mühle kamen.

Jeder verfügbare Mann wurde gebraucht, selbst die angelernten Zäunebauer und Joseph fand sich im Trupp des alten Sal wieder. Nachdem er das Feuer gesehen hatte, war er erstaunt, daß das Zuckerrohr nur leicht angeschwärzt war, doch darüber nachzudenken blieb nun keine Zeit. Die Arbeit mußte getan, und zwar schnell getan werden. Und das unaufhörliche Hacken bekam die Atmosphäre eines Wettbewerbs.

»Du großer, starker Junge«, hatte Sal gesagt. »Du mit mir kommen. Ich dir zeigen, wie gut Arbeit.« Er gab Joseph eines seiner breiten, scharfen Messer und unterwies ihn, wie er den ganzen Stengel mit einem sauberen Schnitt zu durchtrennen hatte.

Die anderen Neuen wollte keiner haben, sie waren zu langsam; Pompey teilte sie daher in Trupps auf, die unter seiner Kontrolle standen. Auf seinem Pferd fuhr er plötzlich zum Tyrann geworden, unter sie, trieb sie an das Zuckerrohr und ließ stolpernde, zurückbleibende Arbeiter seinen Stock spüren.

Trotz des Schweißes, der Anstrengung und der Asche, die die Augen verklebte und an der Haut und der zerlumpten Kleidung haftete, protzten und prahlten sie, während sie die Wagen beluden, und maßen sich mit langsameren Trupps. Die Arbeit war für sie zum Prüfstein ihrer Stärke und Ausdauer geworden, eine Möglichkeit, sich selbst zu beweisen und so der Monotonie ihres Frondaseins zu entkommen.

Wasserbeutel wurden herumgereicht. Sal nahm sich eine Minute Zeit, um Joseph zu erklären, daß das Zuckerrohr an einem bestimmten Ort innerhalb von vierzehn Stunden gepreßt werden mußte, damit es nicht verdarb und der weiße Mann nicht wütend wurde. »Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten«, fügte er dunkel an. »Keine Sonntage mehr in der Stadt. Keine kleinen Jappie-Mädchen mehr.« Er zwinkerte Joseph zu. »Du magst Mädchen, ha?«

Joseph nickte. Das war ein anderes Problem. Als Sohn eines Häuptlings hatte er auf der Insel immer genügend Frauen, die mit ihm das Lager teilten und sich mit ihm vergnügten. Aber hier — keine Frauen! Die wenigen Kanaka, die Frauen hatten, bewachten sie eifersüchtig und gestatteten, wie er gehört hatte, nur ihren besten Freunden, in ihren Genuß zu kommen. Und selbst dann verlangten sie hohe Preise. Gegen ein Jappie-Mädchen hätte er nichts einzuwenden gehabt. Er hatte noch nie eines gesehen und träumte manchmal davon, unter ihnen eine Frau zu finden.

Bei der Arbeit hörte er den Gesprächen der anderen zu. Bald erfuhr er, daß Kanaka, die sich nach Beendigung ihrer Arbeitszeit für eine zweite eintragen lassen wollten, ihren Wert beweisen mußten, so daß die Weißen sie beim Namen kannten. Wenigen stand der Sinn danach zu bleiben. Sie waren froh, endlich frei zu sein. Erst wenn sie auf die Inseln zurückkehrten, passierte es, daß manche sich langweilten, daß ihre Wünsche unerfüllt blieben und sie sich nach den großen Schiffen sehnten, die sie abholten. Joseph wollte bemerkt werden und bleiben dürfen. Abgesehen davon, daß Malaita für ihn gefährlich werden konnte, war er von der Welt der Weißen mehr und mehr fasziniert; ein Funken Ehrgeiz durchdrang seine Seele. Er ergriff das Zuckerrohr, beugte sich und hieb es ab — ergreifen, beugen, abhauen; er wollte der Beste sein. Er wollte einen eigenen Trupp haben und dem Master beweisen, daß er zu den Besten der Kanaka gehörte.

Sal freute sich. »Schaut ihn an!« schrie er, während Joseph arbeitete. »Ich sagte doch, daß er es packt. Nun müssen wir zusehen, daß wir mit ihm mithalten!«

Joseph zerschlug die Köpfe von Schlangen, trat nach Ratten, ignorierte die Schwärme beißender Insekten und den Schmerz, der noch immer seinen Rücken plagte. In den nächsten Tagen sah er Männer vor Erschöpfung, Muskelkrämpfen und Hitzschlag zusammenbrechen, er hörte den Ruf »Schlangenbiß!« und die Schmerzensschreie, wenn Messer ausrutschten und in Arme oder Beine fuhren. Aber er arbeitete weiter. Als Mr. Devlin vorbeikam, verbarg er die Anstrengung und grinste: »Guter Job hier, hey?«

Devlin nickte überrascht. »Dir geht es wieder besser?«

Joseph reckte sich. »Ja, Boß. Sehr gut.«

Der Boß ritt weiter, und Joseph begab sich wieder an die Arbeit. Wenn andere Kanaka dies durchstanden, überlegte er, dann mußte er es auch. Schließlich war er Ratasalis Sohn. Und das weckte andere Gedanken.

Da nachts alle zu müde waren, wählte Joseph den freien Tag, den die Weißen Sonntag nannten, um seine Rede zu halten. Er rief die Leute von Malaita in der Nähe eines abseits gelegenen Stoppelfelds zusammen. Lethargie war auf ihren Gesichtern, als sie in der orangefarbenen Abenddämmerung im Gras lagen. Als er aber ruhig vortrat, um zu ihnen zu sprechen — er hatte seinen Körper eingeölt, um seine Hüften trug er einen rosafarbenen Sarong —, setzten sie sich auf. Das war nicht Joseph, das war Talua; er hatte seinen Auftritt wohl durchdacht.

»Wer unter euch«, zischte er und verlieh seiner flüsternden Stimme einen bedrohlichen Tonfall, »wagt es, sich in die Belange der Götter einzumischen?«

Sie fielen in ein furchtsames Schweigen. »Wer unter euch sagt, daß ich noch unter einem Mann stehe, der sich nicht selbst verteidigen kann?« Seine Stimme wurde lauter. »Wer unter euch ist so vermessen, meine Wünsche auszulegen? Welcher Sohn einer verlausten Vettel wagt es, meinen Namen mit seinen Taten in den Schmutz zu ziehen? Habe ich das Opfer angeordnet? Nein, ich habe es nicht. Hat der große Ratasali unreine, ungesalbte Schurken an seinem Altar geduldet? Niemals! Hat er von ebendiesen Schurken erwartet, daß sie in seinem Namen Rachetaten verüben? Niemals! Es wäre dem großen Häuptling und Gott eine Beleidigung gewesen.«

Er hielt inne und schaute sie an. »Wer also hat mir dies angetan?«

Seine Stimme grollte nun mit einer Erregung, die zu Beginn seiner Rede nur gespielt gewesen war. Er mußte diese Leute irgendwie unter Kontrolle halten, damit sein geordnetes Leben, das er vor sich sah, nicht zum Alptraum wurde. Da sie überzeugt waren, daß er ein Gott war, hatte es keinen Zweck, ihnen das Gegenteil einzureden. Und war er es vielleicht wirklich? Die Vorstellung, ein Gott zu sein, war zu schrecklich, um sie weiter zu verfolgen Aber er mußte sie unter Kontrolle bekommen; welche Vergeltungstaten für die unwürdige Behandlung, der er sich ausgesetzt sah, würden sonst noch folgen? Für die der Boß dann ihn beschuldigte und so seine Pläne zunichte machte.

»Ich sage euch«, fuhr er fort, »keiner spricht in meinem Namen. Keiner handelt für mich. Ich bin Talua, und Unheil komme über jeden, der glaubt, sich dem widersetzen zu können.«

Das war alles, was er sich vorgenommen hatte zu sagen. Aber nun schien er nicht mehr enden zu können, die Worte kamen aus ihm, und er hörte nicht mehr sich selbst sprechen, sondern Ratasali. Die furchterregende Stimme seines Vaters sprach aus ihm.

In der Ferne hörte er die klagenden Töne eines Koel-Vogels — einen hohen Trauergesang —, und Talua erzitterte, als sich aus ihm der Zorn seiner göttlichen Stimme über die kauernden Insulaner ergoß: »Jeder, der in meinem Namen handelt, wird das gleiche Schicksal erleiden wie das Schwein, das meinen Namen beschmutzt hat.«

Was war das? Welches Schicksal? Die Worte kamen mit einer Gewalt, der Talua nichts entgegenzusetzen hatte.

»Er wird aus unserer Mitte in die Gedärme des Teufels verbannt, seine Eingeweide fressen die Würmer. Ein Aussätziger, den die Götter verachten. Er ist des Todes und liegt bereits auf seinem eigenen dunklen Altar, um wiedergutzumachen, was noch verborgen ist Ich wende mein Gesicht von ihm ab.«

Ein Rauschen war zu hören, als sei ein Wind über sie hinweggegangen, und sie fielen mit zu Boden gepreßter Stirn auf die Knie. Joseph war von ihrer Reaktion wie betäubt. Er wollte sie hochreißen und zur Vernunft bringen. Sein Theater war viel zu weit gegangen und hatte ihre Sehnsucht nach den gewohnten Gebräuchen aufgerührt. Erschüttert spürte er, daß er ihnen verpflichtet war. Aber was konnte er für sie tun? Er war nur ein einfacher Arbeiter, der noch viel zu lernen hatte.

In dieser Nacht mußte er sich dazu zwingen, sich in der Reihe zur Essensausgabe anzustellen. Es war, als wäre nichts Außergewöhnliches passiert. Um ihn herum beklagten sich die Männer über den Verlust der Tabakration und das Verbot, in das große Dorf zu gehen.

In der Gewißheit, eine weitere harte Woche vor sich zu haben, fiel Joseph, wie alle anderen auch, in tiefen Schlaf, aus dem ihn eine hartnäckig flüsternde Stimme weckte.

»Talua«, flüsterte der Mann. »Ich bin Katabeti, du mußt mich anhören.«

Katabeti war, soviel wußte Joseph, ein Mann von Malaita und war bereits seit einigen Jahren hier. Was wollte er jetzt von ihm? »Was ist?« zischte er verärgert.

Der Mann weinte. »Ich bitte um Verzeihung. Ich habe dich beleidigt.«

»Laß mich in Ruhe«, erwiderte Joseph schlaftrunken. »Laß mich schlafen.«

»Ich werde dich in Ruhe lassen«, wimmerte Katbeti. »Aber ich will dir das Opfer bringen. Es war für dich.«

Er legte einen prallen Zuckersack auf Josephs nackte Brust. Noch bevor seine Hände die harte, runde Form ertasteten, wußte Joseph, was drin war. Er warf es zur Seite. Sein Herz raste vor Schrecken und Angst; er fürchtete, die anderen könnten aufwachen und ihn mit diesem Ding sehen. »Nimm es!« fauchte er voller Panik. »Nimm es von mir weg!«

Katabeti ergriff seinen Sack. »Was soll ich damit machen?«

»Ich weiß es nicht! Es kümmert mich nicht! Wirf es in den Fluß!«

Erschreckt fiel Katabeti zusammen und kauerte sich neben Joseph. »Das kann ich nicht tun! Im Fluß sind Krokodile. Die alten Götter würden Rache fordern.«

Frustriert versuchte Joseph, dem Mann seinen Rücken zuzuwenden. Krokodile wurden auf Malaita sehr verehrt, besondere Riten waren notwendig, wenn eines bei Nahrungsmangel gefangen und getötet werden sollte. Die Gewässer mußten in dieser Zeit rein gehalten werden. Katabeti hatte recht, es war ein blasphemischer Akt. Trotzdem war es ihm einerlei; er war der alten Männer und ihrer Sitten überdrüssig.

Katabeti wollte nicht gehen. »Was soll ich tun?« fragte er.

»Dann bring es zum weißen Boß«, flüsterte Joseph verärgert. »Erzähl ihm, was du getan hast. Befreie die anderen von den Strafen und Verdächtigungen, die du über uns gebracht hast.«

Erleichtert nahm er zur Kenntnis, daß Katabeti in die Dunkelheit verschwand. Er wußte, er würde nicht zu Mr. Devlin gehen und die gefürchtete Strafe der Weißen, Tod durch Erhängen, auf sich nehmen. Er tastete in der Dunkelheit um sich. Auch der Sack war fort. Erleichtert seufzte Joseph und versuchte wieder einzuschlafen.

___________

Für Eladji, die Jake Elly nannte, als er sie ihrer Mutter zur Arbeit im Haus abkaufte, war diese Familie ein seltsamer Haufen.

Wenn man darüber nachdachte, waren alle Weißen seltsam. Viele von ihnen waren böse, Jake und Mike allerdings gute Kerle. Sie hatten sie Mae gegeben, der chinesischen Frau, die sie alles über Hausarbeit lehrte. Sie war wie eine neue Mutter und hatte mit ihrem Elsterngeschrei und ihren fliegenden Fäusten einige Male Ellys wirkliche Mutter Broula, vertrieben, die herübergekommen und sie zurückgefordert hatte.

Da ihre Tochter noch unverheiratet und ohne Kinder war und sich Broula deswegen gedemütigt fühlte, versuchte sie mehrmals, trotz der Abmachung, die sie mit Jake getroffen hatte, Elly an Stammesmänner zu verkaufen. Ihre Versuche, Elly, die lieber im Haus blieb, zurückzuholen, führten schließlich zu solchen Spannungen, daß sich Jake genötigt sah, einzugreifen. Er gab Broula einen Schlag auf den bloßen Hintern und schickte sie in ihr Lager zurück, gab ihr aber eine frische Ladung Zuckerwerk und Tabak mit.

Das weckte in Broula die Vorstellung, Elly müsse Jakes oder Mikes Geliebte sein, was sie nur um so wertvoller machte. Bei einer an ihrer Tochter durchgeführten Untersuchung entdeckte sie jedoch, das dies nicht stimmte. Daraufhin verstärkte sie ihre Anstrengungen und bot ihre jungfräuliche Tochter den bedeutenderen Stammesältesten an, bis Jake dem Streit ein Ende machte, indem er entschied, daß Elly unter dem Haus schlafen sollte. Er verbannte Broula aus dem Umkreis des Hauses und verbot Elly, mit Ausnahme einer kurzen Zeit am Sonntag, das Lager der Schwarzen zu betreten. Broula war darüber verärgert, Elly jedoch glücklich. Sie hatte nach wie vor Zeit, nachmittags, nach Beendigung ihrer Arbeit, umherzuwandern, und ihr blieb das Gekeife ihrer Mutter erspart.

Jake und Mike hatten viele Besucher, viele Feste, und sie liebte es, nach getaner Arbeit in ihrem Lager unter dem Haus zu liegen und der Musik und den Gesängen zu lauschen. Bis zu der Nacht, in der der weiße Kerl, Keith, zu ihr nach unten kam. Er schlug sie, als sie ihm sagte, er solle weggehen, und daß Jake wütend sein würde. »Halt’s Maul, du dumme Fotze! Jake hat bestimmt nichts dagegen, wenn man sich an seinem Reichtum vergreift. Ich wette, er und Mike lassen es sich mit dir gutgehen.«

Als sie versuchte, ihm zu entkommen, schlug er sie erneut und vergewaltigte sie. Und bevor er sich davonmachte und sie zerschlagen zurückließ, drohte er ihr, wieder über sie herzufallen, falls sie Jake davon erzählte. Das Morgenlicht brachte jedoch alles an den Tag. Verschämt versuchte sie, ihre Verletzungen und Abschürfungen zu verbergen, Jake aber fand schnell heraus, was vorgefallen war. Er war so wütend, daß er mit der Pferdepeitsche zu diesem Kerl Keith ging und ihn davonjagte. Elly hatte ihn nie wieder gesehen.

Als das Kind geboren wurde, war Broula voller Freude über ihren Enkelsohn; das Kind wurde ihr gegeben. Sie war in den Jungen, Kamadji, so vernarrt, daß sie darauf bestand, sich an Jakes Regeln zu halten, nur an Sonntagen erlaubte, zu Besuch zu kommen. Andererseits schien dies fur sie keine Gültikgeit zu haben, denn oft kam sie mit dem Baby auf der Hüfte in den Hof geschlendert und zeigte stolz »ihren« Jungen. Seit das Kind unter dem Schutz ihrer Mutter gedieh, genoß Elly die friedlichen Zeiten im Haus. Bis jetzt.

Sie mochte den alten Boß, seinen dünnen weißen Bart und seine blinzelnden Augen. Doch statt das Haupt des Haushaltes zu sein, schien er überhaupt nicht zu zählen. Niemals gab er den Angestellten im oder außer Haus Befehle, bis auf Toby, und den behandelte er auf seinen Blumenspaziergängen mehr als Gefährten. Der junge Boß, Mr. Morgan, beachtete ihn nicht, was Elly äußerst ungehörig fand. Den alten Mann schien dies jedoch nicht zu stören.

Dem jungen Boß begegnete Elly mit Mißtrauen. Er war ein schöner Mann mit blassen Augen und glänzendem Haar wie Maisfäden, aber er war kalt und hart und schrie viel. Niemals sprach er zu ihr direkt. Elly war sich sicher, daß er sie nicht mochte.

Die Missus war eine nette Dame. Sobald sie bemerkt hatte, daß ein Baby kam, erwärmte sich Elly für sie und wollte sie umsorgen. Aber das war schwierig. Elly war schüchtern. Sie hatte noch niemals für richtige Damen gearbeitet. Und diese beiden waren ihr immer voraus, immer wollten sie Dinge getan haben, bevor Elly dazu kam. Mae hatte ihr einen strengen Arbeitsablauf aufgetragen. Er begann mit dem Fegen der Frontveranda, dann durch das Haus, Bettenmachen und Putzen, aber diese zwei Damen wollten alles umgekehrt. Und, schlimmer noch, manchmal gaben sie ihr verschiedene Arbeiten zur selben Zeit.

Die Sonne ging auf. Zeit für Elly, mit der Arbeit zu beginnen. Sie lächelte, als sie ihr Bett machte. Manches hatte sich verbessert. Die Missus hatte jeden Quadratzentimeter des Hauses inspiziert und war entsetzt, als sie feststellen mußte, daß Elly auf einer alten Matratze mit nur einer Decke schlief. Nun besaß sie wie die Weißen Laken für ihr Bett.

Und die Kleider. Zum ersten Mal in ihrem Leben mußte sie entscheiden, was sie tragen wollte. Die Missus hatte ihr Schlüpfer und vier neue Kleider gegeben. Die besten Kleider, die sie jemals hatte, und alle waren unterschiedlich. Sie waren bunt gemustert, eines mit Blumen, zwei hatten dünne Rüschen am Saum, und mußten alle, wie die Missus gesagt hatte, mit dem Cordgürtel getragen werden. Sie wählte das blaue mit den weißen Quadraten, zog es über den Kopf und war froh, daß, anders als bei ihren früheren Kleidern, ihre Brüste nicht mehr eingeschnürt wurden. Dann legte sie den Gürtel an und wünschte sich einen Spiegel. Oben würde sie ihr neues Selbst dann bewundern können.

Ihre erste Aufgabe war, vom Kuhstall Milch zu holen, was ihr Gelegenheit bot, den anderen Mädchen wieder ein neues Kleid vorzuführen. Nun, da eine Geburt bevorstand, waren sie zu ihr besonders freundlich, denn alle wußten, daß weiße Ladies Kindermädchen brauchten. Und Elly konnte sie der Missus empfehlen.

Sie brachte Tommy die Milch, dann ging sie hinein und deckte mit dem Tischtuch, wie es ihr die Missus gezeigt hatte, für vier Personen den Tisch — auch wenn die vier niemals zusammen das Frühstück einnahmen. Der Boß war der erste. Der alte Mann kam, wenn überhaupt, zu unregelmäßigen Zeiten. Miss Langley zog es vor, das Frühstück im Bett einzunehmen, manchmal auch die Missus, je nachdem, wie sie sich fühlte. Momentan durfte Elly nicht zu früh am Morgen fegen, da sie sich gestört fühlten. Miss Langley hatte sie das erste Mal angeschrien, sie sei von ihrem Getöse aufgewacht. Nun, da sie darauf wartete, daß der Boß aufstand, ging sie die hintere Treppe hinab und sah den alten Mann aus dem Waschhaus kommen.

»Immer noch alles voller Rauch«, sagte er ihr und zeigte auf die Rauchfetzen, die in der Luft hingen.

»Ja Boß«, sagte sie. Als ob sie das nicht selbst wußte! Miss Sylvia beschwerte sich seit Tagen, warf die Türen und Fenster zu und ärgerte sich über den Rauch, der in der Kleidung saß. Auch die Missus fand den permanenten Rauchdunst unerträglich.

»Wie lange geht das Abbrennen denn noch?« fragte der Professor.

»Bis alle Felder abgebrannt«, sagte sie ihm. »Jedes Jahr mehr Feuer braucht lange Zeit. Nun das Frühstück?«

Er sah sie aufmerksam an. »Würde es etwas ausmachen, wenn ich das Frühstück in meinem Zimmer einnehme?«

»Nein, Boß. Ich bringe ein Tablett.«

»Oh, gut! Ich will nur Tee und Toast. Ich ziehe es vor, für mich zu sein.« Plötzlich blieb er bei einem Jasminbaum stehen. »Wie schön! Er fängt an zu blühen!«

»Viele mehr vor dem Haus«, sagte Elly. »Alle nun blühen, süßer Duft.«

»Wirklich? Die mußt du mir zeigen. Sie sind so zart. Werden zu Hause hochgeschätzt.«

Er folgte ihr um das Haus nach vorne, und Elly zeigte auf einen großen Baum, dessen weiße Blüten bereits aus den grünen Knospen ragten.

»Erstaunlich!« sagte der Professor. »Ich kann den wunderbaren Duft bis hierher wahrnehmen.« Er blickte zum Moreton-Bay-Feigenbaum. »Wer ist denn das da?«

Elly blickte in die angegebene Richtung. »Sieht aus wie Kanaka, der dort schlafen«, sagte sie sarkastisch. »Vielleicht betrunken. Boß werden ihm Beine machen, wenn nach Haus kommen!«

»Weck ihn lieber auf«, riet ihr der Professor. »Sag ihm, daß er sich davonmachen soll, bevor er in Schwierigkeiten gerät.«

»Viele Schwierigkeiten, wenn Mike ihn sehen«, sagte sie, als sie sich aufmachte. »Ich den Kerl verjagen.«

Lächelnd wandte sich der Professor seinem Quartier zu, nach nur wenigen Schritten aber hörte er einen lauten Schrei. »Aaahii! Schnell kommen. Das hier toter Mann!«

Der Professor lief über den unebenen Boden, überrascht, wie schnell ihn seine alten Beine noch trugen, wenn es nötig war. Er stieß Elly fort. »Geh zurück ins Haus, Kleines, geh!«

Er mußte es ihr nicht zweimal sagen; eilig flog sie davon.

Langley starrte auf den blutüberströmten Leichnam, der zur Seite gefallen war, so, als sei der arme Kerl vor seinem Tod mit gekreuzten Beinen dagesessen. Sein Hals war aufgeschlitzt, in seinem Schoß hatte er einen Sack liegen. Der Professor hielt die Luft an — Verwesungsgeruch stieg auf —, vertrieb mit dem Hut die Fliegenschwärme und ergriff vorsichtig den Sack.

War es die seltsame Form oder die Tatsache, daß er nur einen Gegenstand zu enthalten schien, oder seine eigene unstillbare Neugier, die ihn einen Blick den Sack werfen ließ? Langley hatte nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Er bedauerte seine Tat sofort, stürzte entsetzt davon und rang nach Luft. Würgegefühle peinigten ihn, ihm schwindelte. Dann nahm er allen Mut und die ihm noch verbliebene Kraft zusammen, packte mit zitternden Händen den Sack und rannte die wenigen Schritte zum nächsten Gebüsch. Nachdem der schreckliche Gegenstand fort war, kehrte er zum Leichnam zurück und suchte nach etwas, womit er ihn bedecken konnte.

Da er nichts Brauchbares fand, brach er sich einen langen Zweig ab, mit dem er zumindest die Fliegen vertreiben konnte, bis jemand kam. Er setzte sich auf den Boden und betrachtete zur Ablenkung, nun, nach der Entfernung des Gegenstandes, der weit schrecklicher war als das Schicksal dieses Mannes, den Toten und die Art und Weise seines Todes; neben ihm lag ein blutiges Zuckerrohrmesser. Aber diesmal befühlte er nichts.

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Corby zog sich an. Er fühlte sich wie zerschlagen, war aber entschlossen, weiterhin seine Arbeit zu tun. In den letzten drei Tagen war er auf Devlins Bitte den Weg zur Zuckermühle in Helenslea auf und ab geritten, um die Wagen zu beaufsichtigen. Es hatte als Neun-Meilen-Ritt begonnen, nun allerdings wurde der Weg immer länger je weiter sich die Zuckerrohrschneider in seine Plantage vorarbeiteten.

Die Kanaka erregten seinen Zorn. Außer einigen erfahrenen Arbeitern besaßen sie keinen Sinn für die Zeit. Sie erschienen ihm als ein Haufen Faulpelze, deren grinsende dunkle Gesichter ihn ständig irritierten. Er wußte mit Devlins amüsierter Gelassenheit gegenüber ihrer lustlosen Art nichts anzufangen.

»Sie erreichen mit gutem Zureden mehr als mit der Peitsche«, riet ihm der Verwalter. »Wenn Sie die Peitsche einsetzen, arbeiten sie wie verrückt, solange Sie daneben stehen. Wenden Sie ihnen dann aber den Rücken zu, machen sie eine Pause. Wir können nicht überall sein. Deswegen brauchen wir einen Aufseher. Ein weiterer Weißer würde viel ändern.«

»Das zu beurteilen überlassen Sie lieber mir«, gab Corby zurück. Ihm war aufgefallen, daß auch Devlin mit den Kanaka Pidgin-Englisch sprach, das die meisten verstanden. Er würde diese Sprache, die weit von seinem normalen Englisch entfernt — und ziemlich unverständlich — war, irgendwie lernen müssen; eine Aussicht, die ihn bedrückte. Während Devlin die Feldarbeit beaufsichtigte, war es ihm beinahe unmöglich, sich mit den dummen Arbeitern zu unterhalten, die ihn angrinsten, irgendwelches Kauderwelsch daherredeten und seine Anweisungen mißverstanden. Tief in seinem Inneren war er davon überzeugt, daß sie ihn verstanden und absichtlich zum Narren hielten. Also schlug er mit der Reitpeitsche zurück und versuchte auf diese Art, ihnen seine Absichten deutlich zu machen.

Die Männer auf den Rollwagen waren stupide Hohlköpfe, er hatte kein anderes Wort für sie. Wenn er nicht in ihrer Nähe war, fuhren sie gemächlich dahin, hielten an, um sich mit den Männern auf den zurückkehrenden Wagen zu unterhalten, und legten, wann immer es ihnen beliebte, eine Rast ein. Ganz so, als hätten sie den ganzen Tag Zeit.

Der Weg war schlecht, ging durch dichtes Gestrüpp und war so eng, daß es immer zu einiger Verwirrung kam, wenn zwei Wagen aufeinandertrafen. Pferde sträubten sich, Männer brüllten, und einmal war das Umkippen eines Wagens nicht zu verhindern gewesen. Der Weg führte über Berge, steile Abhänge, durch ausgetrocknete Bachbetten und felsige Flüsse. Ungeschmierte Räder fraßen sich fest, Räder lösten sich, das Geschirr brach — entlang des gesamten Weges lauerten Katastrophen, mit denen Corby fertig werden mußte. Die Luft war von Staub und Rauch erfüllt, er schrie auf die Männer ein, bis er heiser war. Er stieg mit der Peitsche ab, zwang Kanaka, die Wagen aus den Löchern zu ziehen, er ritt voran, um Felsbrocken aus dem Weg zu schaffen und alles am Laufen zu halten.

Es waren verdammt schreckliche Tage, die noch schlimmer wurden, als er entdeckte, daß es auf Helenslea Schienenstränge gab, auf denen das Zuckerrohr — in tiefen Holzbehältern, wie auf einer Miniatureisenbahn — zur Mühle geliefert wurde.

»Warum haben wir keine Schienen?« fragte er Devlin.

»Jake hat daran gearbeitet. Die Pläne liegen in der Schublade. Er ist nur nicht mehr dazu gekommen.«

»Dann will ich, daß sie bis nächstes Jahr fertig sind. Bis zum letzten Zentimeter.«

Die meisten Arbeiter auf der Mühle waren Weiße. Sie grüßten den neuen Eigentümer von Providence freundlich, hatten allerdings keine Zeit, sich mit ihm zu unterhalten. Er hatte gehofft, seinem Nachbarn, Edgar Betts, zu begegnen, der aber war nirgends zu sehen.

»Er kommt und geht«, sagte einer der Männer ohne große Begeisterung. Befriedigt stellte Corby fest, daß Betts offenbar ein hartes Regiment führte. Er band sein Pferd am Trog fest, entzündete seine Pfeife und beobachtete das Treiben, hörte das Dröhnen des Mahlwerks und das Schwirren des Schachtes, in dem die Ernte ihren Weg ging. Er überlegte, ob er die acht Meilen zum Haupthaus von Helenslea reiten sollte, und sei es nur, um einen Blick drauf zu werfen. Aber er hatte dafür nicht die Zeit.

Einer seiner Rollwagen war leer, darunter im Schatten lagen die Kanaka. Wegen ihnen konnte er nicht nach Helenslea, diese Taugenichtse mußten ständig beaufsichtigt werden! Er hatte seine Peitsche auf den Wagen knallen lassen, hatte ihnen Beine gemacht und sie angebrüllt, sich wieder an die Arbeit zu machen.

Es strengte ihn nun an, sich nach unten zu beugen und die Stiefel anzuziehen. Nach den Tagen im Sattel fühlte er sich vollkommen steif, er biß die Zähne zusammen und schlüpfte hinein. Sie schienen zwei Nummern zu klein zu sein.

»Kann ich irgend etwas für dich tun, Liebling?« fragte Jessie, bereit aufzustehen.

»Nein«, blaffte er. »Leg dich wieder schlafen. Ich ziehe es vor, das Frühstück ungestört einzunehmen.«

Als wollte sie ihn absichtlich aus der Fassung bringen, hallte der Schrei einer Frau durch die Luft. »Was zum Teufel soll das?« schrie er, trat auf die Veranda und sah das dumme schwarze Hausmädchen am Haus entlanglaufen.

Er riß die Tür des Schlafzimmers auf und stürzte in die Küche. »Was ist hier los?«

Tommy schnitt einen großen Laib Brot. »Ich nicht machen Lärm. Sind Abos«, sagte er und schüttelte dabei den Kopf.

Dann hämmerte Toby an die Rückwand des Hauses. Selbst in Krisenfällen überschritt er nicht die Türschwelle. »Elly sagt, Toter im vorderen Hof liegen, Boß.«

»Was?« Corby sah das verängstigte Mädchen hinter Toby- »Wer ist tot?« Eine schreckliche Minute lang glaubte er, daß man nun auch seinen Verwalter ermordet hatte. Angst ließ ihn wie angewurzelt stehnbleiben — — Angst, daß sich dieser scheußliche Mord wiederholt hatte und er ohne Devlin nicht auskommen konnte. Sollten hier alle Weißen, einer nach dem anderen, ermordet werden? Von unbekannten Tätern?

»Ich gehe nachsehen«, sagte Toby und rannte die Hintenreppe hinab. Das rüttelte Corby auf. Er lief lief durch das Haus und traf auf Jessie.

»Corby? Was ist los?« fragte sie ängstlich.

»Bleib hier«, befahl er. »Bleib im Haus. Und du auch«, fügte er an, als Sylvia auftauchte.

Aber es war nur ein Kanaka. Dies erleichterte ihn zwar, minderte aber nicht seine Wut. »Bastarde«, stieß er hervor. »Verdammte, abscheuliche Bastarde!«

»Ich hole etwas zum Zudecken«, sagte der Professor.

»Nein«, herrschte ihn Corby an. »Ich will, daß er hier verschwindet. Das stellt für mich und die Frauen einen direkten Affront dar — ihn vor mein Haus zu legen. Bei Gott, diesmal werden sie den Mund aufmachen, diese Wilden. Toby! Schaff ihn fort. Nein. Laß ihn liegen. Hol mein Pferd. Ich will, daß Devlin das sieht.«