/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Feuerbucht

Patricia Shaw


Feuerbucht

Patricia Shaw

1999

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Emilie ist überwältigt von der Schönheit Australiens, ihre Schwester Ruth dagegen kann sich nicht von dem Korsett ihrer puritanischen Erziehung befreien und begegnet der ungezähmten Wildheit des Landes uns seinen Bewohnern mit Ablehnung.

Als der Abenteurer Mal Willoughby Emilie zum erstenmal begegnet, ist er auf der Stelle hingerissen von ihrer Schönheit und der sanften Anmut und will die »englischen Dame« für sich gewinnen. Seine ungenierte Art empört Emilie zunächst, aber seinem strahlenden Lächeln kann sie nicht lange widerstehen.

Doch eine gemeinsame Zukunft bleibt ungewiss: Er wird beschuldigt, einen Goldtransport überfallen zu haben, und muß fliehen. Emilie ist verzweifelt. Hat sie sich in Willoughby getäuscht? Oder ist er wirklich unschuldig, wie er behauptet? Sie weiß, dass es allein in ihrer Hand liegt, Mals Unschuld zu beweisen und sein Leben zu retten.

Inhaltsverzeichnis

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CODA

THE TIMES, London, 4. Oktober 1867

Die Förderer und Mitglieder der Auswanderungsgesellschaft für die weibliche Mittelklasse haben in dieser Woche sechs weitere Gouvernanten auf die weite Reise in die Kolonien geschickt, wo Positionen in von ihnen gewählten Berufen auf sie warten.

Vier dieser Damen schifften sich auf der PACIfiC STAR ein, die beiden anderen verließen unser Land an Bord der CITY OF LIVERPOOL.

Ein Lob gebührt den Mitgliedern der Auswanderungsgesellschaft für die weibliche Mittelklasse, die sich dem Wohl ihrer weniger glücklichen Schwestern verschrieben haben. Leider bestehen in diesem Land nur wenige Beschäftigungsmöglichkeiten für in wirtschaftliche Not geratene gebildete Damen.

Wie wir erfahren haben, erhielt die Gesellschaft auf ihre letzte Anzeige, mit der sie Gouvernanten für Posten im Ausland suchte, dreihundertsechzig Bewerbungen. Viele dieser Frauen mußten eingestehen, in völliger Armut zu leben.

So sehr die Gesellschaft auch allen Bewerberinnen helfen möchte, sieht sie sich gezwungen, ihre Bemühungen aufgrund ihres begrenzten Etats auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis zu beschränken.

Allerdings hat dies zur Folge, daß die Frauen, die letztlich ausgewählt werden, mit erstklassigen Kenntnissen in englischer Literatur, Latein, Französisch oder Deutsch, Musik, Malerei und Redekunst aufwarten können.

Uns bleibt nur hinzuzufügen, daß von unserem Verlust die Kolonien profitieren, denn welche Familie würde sich nicht wahrhaft glücklich schätzen, eine solche Perle in ihrem Heim zu haben? Wir wünschen den Emigrantinnen eine gute Reise und allen nur erdenklichen Erfolg am anderen Ende der Welt.

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Der blendend weiße Leuchtturm von Cape Moreton sandte den reisemüden Passagieren und der Mannschaft der City of Liverpool einen warmen Willkommensgruß, als das Schiff an diesem herrlichen, sonnigen Morgen stolz in die Bucht segelte. Sie alle empfanden eine ungeheure Dankbarkeit bei diesem tröstlichen Anblick. Die Gefahren des Ozeans lagen hinter ihnen. Die fünfzehnwöchige Reise war beinahe vorüber.

Man hatte sie vor rauher See in der weiten Bucht gewarnt, doch das Wetter war ihnen gnädig, und das Schiff wurde von einer sanften Dünung geschaukelt, als es den schützenden Windschatten von Stradbroke Island verließ und auf das Festland zusteuerte. Hoch über ihnen schwebten Pelikane am makellos blauen Himmel, und schlanke Delphine schnellten durchs klare Wasser, als wollten sie das Schiff zu einem Wettrennen bis zur Mündung des Brisbane River herausfordern.

Zwei junge Damen in dunklen Hauben und Umhängen standen inmitten der Menschenmenge an der Reling, die zu dem kleinen Decksbereich gehörte, der den Passagieren der zweiten Klasse vorbehalten war.

»Es kann nicht mehr lange dauern«, sagte Emilie zu ihrer Schwester, und die Aufregung war ihrer Stimme deutlich anzumerken.

»Gott sei Dank. Ich kann es gar nicht erwarten, dieses schreckliche Schiff zu verlassen.«

Sie passierten einige Inseln. Emilie warf einen Blick in ihr Notizbuch.

»Eine dieser Inseln heißt St. Helena, dort gibt es auch ein Gefängnis. Wie ungewöhnlich. Und auf der anderen befindet sich eine Leprastation. Was für ein furchtbarer Ort das sein muß, Ruth.«

»Entsetzlich. Aber ich nehme an, die Armsten hätten es schlechter treffen können. Die Inseln als solche scheinen recht hübsch zu sein.«

Andere Passagiere eilten geschäftig umher, trugen ihr Kabinengepäck an Deck oder waren mit Familie und Freunden in Abschiedsgespräche über ihre weiteren Reisepläne vertieft. Doch die Tissington-Schwestern blieben auf Distanz. Sie waren unterwegs, um als Gouvernanten in Brisbane oder der näheren Umgebung zu wirken, und hielten es in Anbetracht ihres Berufs für wichtig, soviel wie möglich über dieses neue Land zu lernen. Sie hatten Reisetagebücher geführt und alles gelesen, was sie über Australien auftreiben konnten. Nun bekamen sie Gelegenheit, ihr theoretisches Wissen um eigene Anschauung zu erweitern, und so beobachteten sie den Verlauf des Flusses und die ungewöhnliche Pflanzenwelt, die seine schlammigen Ufer säumte.

Obwohl auf vornehme Zurückhaltung bedacht, konnten sie dennoch nicht umhin, mit geradezu ländlicher Neugierde Ausschau nach den berühmten Känguruhs und Koalas zu halten; doch leider steckte keines dieser Beuteltiere die Nase aus dem Grün. Vögel hingegen gab es viele. Jenseits der Ufermangroven erkannte Ruth stattliche Eukalyptusbäume, die über dem Busch emporragten. Rote Blüten flammten auf, die offensichtlich den zahllosen leuchtend bunten Vögeln, die kreischend und zeternd die Ufer bevölkerten, als Nektarquelle dienten.

Emilie war hingerissen. »Sieh dir diese Papageien an! Sind sie nicht herrlich?«

»Ich glaube, das sind Loris. Wie schön, sie hier einmal in Freiheit erleben zu dürfen. Sie geben sicherlich ganz wunderbare Motive für deine Aquarelle ab.«

Sie versanken wieder in Gedanken. Während sie das unbekannte Land betrachtete, kam Ruth unwillkürlich die unglückselige Verkettung von Ereignissen in den Sinn, die sie gezwungen hatte, im Ausland ihr Auskommen zu suchen. Sie erschauderte. Ohne die Unterstützung der Auswanderungsgesellschaft würden sie noch immer in London leben, in schrecklicher Armut, Arbeitslosigkeit und Verzweiflung. Voller Traurigkeit dachte sie an ihre liebe Mutter. Alice Tissington hätte sich im Grab umgedreht, hätte sie um das Elend gewußt, das ihre Töchter seit ihrem Tod heimgesucht hatte. Sie war eine gebildete Frau gewesen, die Tochter eines Philosophen und Mathematikers, und hatte dafür gesorgt, daß Ruth und Emilie neben dem Wissen, das sie in der Dorfschule von Brackham erwarben, eine umfassende Ausbildung in den schönen Künsten erhielten.

Vor drei Jahren — einer halben Ewigkeit, wie es Ruth nun schien — hatte ihr verwitweter Vater wieder geheiratet. Die scheuen Mädchen hießen ihre Stiefmutter willkommen, mußten aber feststellen, daß diese ihre Anwesenheit in dem kleinen Haushalt mißbilligte. Nur allzu bald erfuhren sie, daß sie im Dorf über sie tratschte, sie der Faulheit und Aufsässigkeit bezichtigte und sie zwei alte ]ungfern nannte, die ihrem lieben Vater nur zur Last fielen. Die dreiundzwanzigjährige Ruth war entsetzt und peinlich berührt. Auf die ihr eigene sanfte Weise erinnerte sie die neue Mrs. Tissington daran, daß ihr Verdienst als Musiklehrerin zum Familieneinkommen beitrug und die erst neunzehnjährige Emilie bereits Privatschüler für Französisch und Kunst annahm.

»Das ist auch so eine Sache«, hatte die Frau erwidert. »Ich dulde nicht, daß mein Heim zu einer Schule verkommt, in der ein ständiges Kommen und Gehen herrscht.«

Ruth wandte sich hilfesuchend an William Tissington, der jedoch die Ansicht vertrat, seine Frau sei im Recht. »Wie kann sie Gäste in ihrem eigenen Salon empfangen, wenn dort Jugendliche auf dem Klavier herumhämmern? Außerdem bekommt die arme Frau Kopfschmerzen von dem ständigen Geklimper.«

Immer häufiger kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Frauen. Emilie setzte sich gegen das ständige Nörgeln ihrer Stiefmutter heftig zur Wehr, während Ruth sich erfolglos darum bemühte, die Probleme auf damenhafte Weise zu lösen. Naiv wie sie waren, hielten es die beiden Schwestern nicht für möglich, daß eine neue Ehefrau ihnen den Platz streitig machen und ihre sicher gewähnte Position immer mehr untergraben konnte, bis nichts mehr davon übrig war.

Als Emilie verkündete, daß sie Freunde zu einer ihrer musikalischen Abendgesellschaften eingeladen habe, verweigerte Mrs. Tissington ihr rundheraus die Erlaubnis dazu.

»Ich teile dir das eigentlich nur der Höflichkeit halber mit«, antwortete Emilie aufbrausend. »Unsere musikalischen Abendgesellschaften werden im Dorf sehr geschätzt, das war schon immer so. Ruth und ich haben auch ein Recht auf ein gesellschaftliches Leben. Wir brauchen deine Erlaubnis nicht, um ein paar Freunde einzuladen; schließlich ist es auch unser Heim.«

»Das werden wir ja sehen. Ich spreche mit Mr. Tissington darüber.«

»Tu das nur!«

Die Entscheidung ihres Vaters schmerzte noch immer.

»Ich kann diese ständigen Sticheleien nicht länger ertragen. Diese Dame ist meine Frau. Sie sollte ebensowenig darunter leiden müssen. Sie hat sich solche Mühe mit euch gegeben, doch ihr seid anscheinend nicht in der Lage, dies anzuerkennen. Es wäre besser, wenn ihr euch eine anderweitige Unterkunft suchtet.«

Nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, kamen die jungen Damen zu dem Schluß, daß ein solcher Schritt gar nicht so verkehrt sei. Es wäre ganz schön, endlich ein eigenes Zuhause zu haben, unabhängig zu sein und frei von dieser schrecklichen Person. Sie entschieden sich jedoch dagegen, ein Haus im Dorf anzumieten, wo früher oder später bekannt werden würde, daß man sie praktisch aus ihrem Heim vertrieben hatte. Dieser Demütigung wollten sie sich nicht aussetzen. Besser, sie zogen gleich nach London, wo sie einige Leute kannten und eine sehr viel größere Auswahl von Beschäftigungsmöglichkeiten als Privatlehrerinnen oder außer Haus lebende Gouvernanten vorfinden würden.

Tissington gab Ruth zwanzig Pfund für den Anfang und sagte ihr weitere finanzielle Unterstützung zu, die jedoch niemals kam. Er beauftragte einen Spediteur, ihre Schrankkoffer und Möbel nach London zu bringen. Möbel aus ihrem eigenen Heim, so beeilte sich seine Frau hinzuzufügen, von denen sie sich aus reiner Nächstenliebe trenne.

Im Rückblick sah Ruth ein, wie töricht ihre Hoffnung gewesen war, in einer Stadt wie London anzukommen und nur aufgrund persönlicher Referenzen sogleich eine angemessene Stellung zu finden. Potentielle Arbeitgeber und Vermittler hielten ihnen immer wieder ihre mangelnde Erfahrung vor.

Sie unterdrückte ein Schluchzen. Doch was hätten sie sonst tun sollen? Ihr Vater hatte sie im Stich gelassen, das Geld schmolz dahin, und sie sahen sich gezwungen, Gelegenheitsarbeiten anzunehmen. Sie halfen in Bibliotheken aus, schrieben in Büros Briefe ab, betreuten Kinder in Abwesenheit ihres Kindermädchens oder übten andere unbedeutende Tätigkeiten aus, mit denen sie sich jedoch kaum über Wasser zu halten vermochten. Sie verkauften ihre Bücher und alle Möbelstücke, auf die sie verzichten konnten, zogen in ein schäbiges Zimmer im Souterrain, wo sie abends hungrig im Dunkeln saßen und nicht wagten, eine Kerze zu verschwenden. Alle Bittgesuche an ihren Vater stießen auf taube Ohren.

Dann erfuhr Emilie von der Auswanderungsgesellschaft und nahm Kontakt auf — ein erster Hoffnungsschimmer, der den Mädchen so lange gefehlt hatte. Ein Gesellschaftsmitglied, das ihre Bewerbungen prüfte, hatte ihre verstorbene Mutter gekannt. Die Dame bedauerte, daß die Töchter ihrer Freundin in Not geraten waren, und empfahl sie umgehend für das Auswanderungsprogramm. Schon bald befand man sie für geeignet, Stellungen als Gouvernanten in Queensland anzutreten. Sie würden unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft reisen, zudem bot man ihnen ein Darlehen von zweihundert Pfund für Reisekosten und Spesen an. Die beiden Mädchen waren überglücklich. Nicht nur waren sie der Armut entronnen, sie erfuhren nun auch, daß sie als Gouvernanten in den Kolonien ein Jahreseinkommen von mindestens einhundert Pfund erwarten durften. Dann jedoch stellte sich heraus, daß es noch eine letzte Hürde zu nehmen galt. Sie mußten einen Bürgen benennen, der das Darlehen zurückzahlen würde, falls ihnen das nicht innerhalb der vorgeschriebenen drei Jahre gelingen sollte.

»Was sollen wir nur tun?« hatte Emilie lamentiert. »Wer würde denn schon für eine solche Summe bürgen?«

»Vater.«

»Wie bitte? Auf gar keinen Fall! Ich würde ihn nicht einmal fragen, wenn mein Leben davon abhinge.«

»Wir müssen es versuchen«, hatte Ruth düster geantwortet. »Unser Leben könnte tatsächlich davon abhängen.«

»Er wird dir nicht antworten.«

»Villeicht doch. Wenn er erfährt, daß wir das Land verlassen und die Gesellschaft uns Anstellungen in den Kolonien vermittelt hat, ist er uns los. Keine Bettelbriefe mehr. Wir werden sicher in der Lage sein, das Darlehen selbst zurückzuzahlen, immerhin haben wir drei Jahre Zeit dazu. Er hat also nichts zu verlieren. Ich glaube, er wird für uns bürgen. Es ist das mindeste, was er tun kann.«

Schließlich war Emilie einverstanden, ihn zu fragen, doch für den Notfall hielt sie noch einen anderen Plan bereit. »Na schön, Ruth, dann schreib ihm eben. Doch wenn er sich weigert, verfasse ich die Bürgschaft selbst und fälsche seine Unterschrift.«

»Gott im Himmel! Das ist doch nicht dein Ernst!«

»Und ob! Bis er es herausfindet, haben wir das Land längst verlassen.«

We sich herausstellte, erklärte William Tissington sich tatsächlich bereit, für sie zu bürgen. Einerseits waren sie erleichtert, andererseits schmerzte dieser letzte Schritt zur endgültigen Trennung.

Emilie stieß ihre Schwester an. »Ich wüßte gern, woran du jetzt denkst.«

Mit einem schwachen Lächeln verscheuchte Ruth den Gedanken an die Vergangenheit. »Ich hoffe, daß unsere Arbeitsplätze nicht zu weit auseinanderliegen. Man sagt, die großen Entfernungen hier draußen seien eine schwere Belastung, und Reisen ist teuer.«

»Kopf hoch. Vielleicht kommen wir sogar bei benachbarten Familien unter. Ich glaube, dort drüben bei den Bauernhäusern beginnen die Vororte.«

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Ruth konnte einfach nicht den gleichen Enthusiasmus für dieses Abenteuer aufbringen wie Emilie; sie hatte sich nur darauf eingelassen, weil ihnen keine andere Wahl blieb. Als das Schiff jedoch am Pier von Brisbane anlegte, spürte sie eine Welle der Erleichterung. Die Stadt wirkte freundlich, wenn auch ländlich; die fernen Hügel umgaben die niedrigen weißen Gebäude wie ein Ring.

An Bord der City of Liverpool hatten sie einige Ausgaben gehabt. Mit Mühe und Not ergatterten sie die Hälfte einer Kabine für sich, in der sie nichts als ein Leinwandvorhang von zwei ungehobelten Frauen trennte; doch sie mußten Geld in die Ausstattung investieren, wie zum Beispiel Matratzen für die nackten Schlafpritschen, dazu Rettungswesten, Laternen, einen Toiletteneimer und verschiedene andere Dinge, die man an Bord eines Schiffes benötigte. Dennoch hatten sie Geld gespart, indem sie ihr eigenes Bettzeug und Geschirr, Lampen und Kerzen mitbrachten. An Land würden sie diese Gegenstände nicht mehr benötigen, da ihre Stellungen Kost und Logis mit einschlossen. Emilie verkaufte die Sachen daher an den zweiten Maat, der sie, zweifellos mit einigem Gewinn, an ausreisende Passagiere weiterveräußern würde.

Ruth wartete in der Kabine auf ihre Schwester, damit keines ihrer Besitztümer ihren Mitbewohnerinnen in die Hände fiel, die groß im Leihen und vergeßlich im Zurückgeben waren. Sie nutzte die Zeit, den Brief an Jane Lewin zu beenden, die Leiterin der Auswanderungsgesellschaft, der sie für ihre Freundlichkeit dankte und versprach, das Darlehen so bald wie möglich zurückzuzahlen. Sie beschrieb die elende Überfahrt in allen Einzelheiten und machte deutlich, daß man Damen niemals zweiter Klasse reisen lassen sollte. Die Gegenwart der Frauen, die sie monatelang zu erdulden hatten, war unpassend und unerträglich gewesen. Sie beschrieb sie als vulgäre Angehörige der untersten Schichten und ihre Haltung gegenüber den einzigen beiden Damen unter ihnen als schändlich. Sie scheute sich nicht, Miss Lewin diese Informationen zu übermitteln, da diese ausdrücklich um Berichte ihrer Gouvernanten gebeten hatte.

Als Emilie zu ihr herunterkam und murmelte, sie habe nicht mehr als zwei Pfund aus dem zweiten Maat herausquetschen können, errötete Ruth.

»Nun, dann muß es eben reichen. Du kannst schließlich nicht mit ihm feilschen.«

»Ich habe ja gefeilscht. Zuerst wollte er mir nur ein Pfund zahlen. Wir können jetzt gehen, der Steward bringt unsere Koffer nach oben. Wir sind endlich am Ziel, Ruth, ist dir das überhaupt klar? Ich kann es gar nicht erwarten, alles zu erforschen.«

»Und ich kann den Geschmack von frischem Essen nicht mehr erwarten«, gab ihre Schwester trocken zurück.

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Anders als erwartet, wurden sie nicht abgeholt. In der drückenden Hitze standen sie verloren am Kai und warteten auf den Stellenvermittler oder wenigstens einen Vertreter der Gesellschaft, doch niemand erschien. Auch an Bord hatte sich niemand nach ihnen erkundigt. Als die nachmittäglichen Schatten länger wurden, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Schiffskapitän um Rat zu fragen. Er empfahl ihnen eine Pension in der Adelaide Street.

»Sie sollten sich für die Nacht dorthin zurückziehen, meine Damen. Dann weiß ich Bescheid, wenn ihre Freunde sich nach ihnen erkundigen. Morgen früh sieht alles schon ganz anders aus.«

Er arrangierte ihre Beförderung zu der Pension mit dem seltsamen Namen Belleview Boarding House, und sie genossen die kurze Fahrt, bis sie feststellen mußten, daß diese sie drei Shilling plus sieben Shilling für die Schrankkoffer gekostet hatte.

»Wir hätten laufen sollen«, flüsterte Ruth.

»Das ging nicht, wir hätten unsere Koffer nie wiedergesehen.«

Ihre Wirtin, eine Mrs. Medlow, teilte ihnen gleich beim Empfang mit, der Preis pro Nacht betrage vier Shilling Sixpence oder eine Guinea pro Woche mit Halbpension. Sie entschieden sich für den Einzelpreis mit der Begründung, ihre Pläne stünden noch nicht genau fest, worauf sie in ein geräumiges Zimmer im Erdgeschoß geführt wurden.

Der Raum mit den einladenden Einzelbetten und der makellosen Ausstattung erschien den Tissington-Schwestern wie der Himmel auf Erden, doch sie hielten ihre Begeisterung im Zaum und ließen nicht erkennen, welchen Luxus dies nach den Entbehrungen der zweiten Klasse für sie bedeutete.

»Abendessen um sechs. Es wird jeden Moment läuten.« Damit verabschiedete sich Mrs. Medlow.

»Du lieber Himmel!« rief Emilie. »Richtige Betten! Privatsphäre. Sauberkeit ist ein wahres Gottesgeschenk. Endlich kein Gestank mehr.« Sie zog eine weiße Tagesdecke zurück. »Fühl doch nur die Laken, Ruth. Sie sind weich und nicht steif wie ein Brett vom Salzwasser. Und wie sie duften! Hier könnte ich ewig bleiben.«

Ruth lachte. »Ich rieche schon das Essen. Wir müssen uns schnell umziehen, ich falle um vor Hunger.«

Als die Tissington-Schwestern in ihren ordentlichen dunklen Taftkleidern und mitden winzigen Toques auf dem hochgesteckten Haar an ihren Ecktisch geführt wurden, folgten ihnen neugierige Blicke der anderen Gäste. Ein älterer Herr, der allein an einem Nachbartisch saß, begrüßte sie.

»Guten Abend, die Damen. Gerade vom Schiff gekommen, was?«

Die beiden waren nicht daran gewöhnt, von einem Wildfremden derart keck angesprochen zu werden. Emilie nickte nur kurz, während Ruth an ihrer Serviette herumfingerte, voller Entsetzen angesichts dieser Verwegenheit. Das Menü bestand aus einer hervorragenden, gehaltvollen Suppe, Lammbraten mit frischem Gemüse und Zitronenpudding. Die Mädchen aßen so vornehm wie möglich und ließen nur zögernd von jedem Gericht einen Anstandshappen auf dem Teller zurück.

Die Serviererin teilte ihnen mit, der Kaffee werde im Salon serviert, doch sie lehnten höflich ab. Beide waren plötzlich sehr müde; die lange, anstrengende Reise forderte ihren Tribut.

»Ich bin ganz froh, daß uns niemand abgeholt hat«, seufzte Emilie und schloß die Zimmertür hinter sich. »Jetzt haben wir wenigstens Zeit, uns zu erholen.«

Bevor sie zu Bett gingen, knieten sie zum Beten nieder und dankten dem Herrn, der sie sicher an Land geführt hatte. Innerhalb weniger Minuten waren beide eingeschlafen, umhüllt vom Frieden und der Bequemlichkeit des bescheidenen Pensionszimmers.

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Der Stellenvermittler Julius Penn kam die Ann Street herauf und betrachtete zufrieden die lange Schlange der Frauen, die sich bereits draußen vor seinem Büro angesammelt hatte. Einige Stammkundinnen grüßte er mit Namen.

»Du schon wieder, Dulcie«, sagte er zu einer blonden Frau und schloß die Tür auf. »Was ist denn diesmal schiefgegangen?«

»Sie haben mich nicht bezahlt, das war’s. Zwei volle Wochen hab ich für sie gekocht, und dann erzählen sie mir, sie hätten nichts, ich müßte auf mein Geld warten. Wovon soll ich denn wohl meine Miete bezahlen?«

»Schön, schön, ich streiche sie von der Liste. Wir finden etwas anderes für dich.«

»Ich glaub, die Hälfte aller Bosse sollte von Ihrer Liste gestrichen werden«, gab sie vorlaut zurück, doch er warf nur einen Blick auf die Wanduhr in seinem Büro und schloß die Tür hinter sich. Sie blieb draußen und tauschte Klagen mit den anderen hoffnungsvollen Arbeitsuchenden aus. Noch zehn Minuten, bis das Büro öffnete.

Er hängte Hut und Stock an einen Holzhaken, zog das Jackett aus, hängte es ebenfalls auf und nahm dann in Hemdsärmeln hinter seinem Schreibtisch Platz. Er zündete sich einen Stumpen an und betrachtete mit einem Kopfschütteln die Reihen leerer Stühle vor sich. Dulcie hatte recht: Die Hälfte der Arbeitgeber auf seiner Liste griff zu jedem nur erdenklichen Trick, um die Dienstboten um ihren Lohn zu bringen. Andererseits verstand die Hälfte aller Frauen, die er losschickte, nichts von vernünftiger Arbeit, somit waren sie wieder quitt. Er verschob sie einfach von einem zum nächsten und kussierte bei jeder Vermittlung einen Shilling, vom Arbeitnehmer wie vom Arbeitgeber. Erstaunlich, wie sich diese kleinen Shillinge summierten. Mit seinen fünfzig Jahren fragte sich Julius, weshalb er erst so spät auf diesen Dreh verfallen war. Er hatte ein schweres Leben hinter sich, hatte stets Grund zur Klage gehabt, nichts schien jemals richtig zu laufen, obwohl er jede Menge Jobs angenommen hatte, vom Büroangestellten bis hin zum Handlungsreisenden im Outback. Er hatte hochfliegende Pläne gehabt, mit denen er sein Glück machen wollte, war damit aber stets auf die Nase gefallen. Da war zum Beispiel das von ihm erfundene alkoholfreie Ale. Er wußte noch immer nicht, wo der Fehler gelegen hatte. Die Temperenzler von Parramatta hatten ihn aus der Stadt gejagt, als mehrere ihrer Damen davon sturzbetrunken geworden waren.

Er seufzte und sog an seinem Stumpen. Durch reinen Zufall war er dann auf dieses Geschäft gestoßen. Er war von Sydney nach Brisbane gekommen, um den drückenden Schulden zu entfliehen, und hatte sich auf die Suche nach einer Stellenvermittlung gemacht, wobei er feststellen mußte, daß es so etwas in Brisbane gar nicht gab. Innerhalb weniger Tage hatte Julius sein eigenes Büro eröffnet. In der Mitte stand ein Schreibtisch, davor waren die Stühle für die Bewerber aufgereiht, und hinter ihm befand sich ein mitgenommener Paravent, hinter dem hoffnungsvolle Arbeitgeber Platz nehmen konnten. Ihnen bot er eine bessere Sitzgelegenheit in Gestalt einiger durchgesessener Sofas an. Von da an ging die Post ab, wie der Wirt nebenan feststellte, der sich als Gegenleistung für ein gelegentliches Glas Brandy auf Kosten des Hauses das beste Personal aussuchen durfte. Julius schaltete einige Anzeigen im Brisbane Courier, doch danach lief alles wie von selbst. Es ging eben nichts über Mundpropaganda. Alle beklagten sich über seine Honorare, doch er pflegte in seinem seriösesten Tonfall darauf hinzuweisen, daß sie unvermeidlich seien — was immer das auch heißen mochte.

Die Uhr schlug acht, und diese verdammte Dulcie hämmerte gegen die Tür; er rief ihr zu, sie solle hereinkommen, und lehnte sich, die Daumen in den Hosenträgern, auf seinem Stuhl zurück. Eine Lawine von Frauen ergoß sich mit ihr in sein Büro und kämpfte um die besten Plätze.

»Ich zuerst«, schrie Dulcie und ließ sich auf den leeren Stuhl unmittelbar vor seinem Schreibtisch plumpsen, während die anderen kreischten und drängelten wie beim Essenfassen in einer Feldküche. »Mal sehen.« Er blätterte die Seiten seines ordentlichen Arbeitgeberverzeichnisses durch. »Du könntest ins Ship Inn gehen. Die suchen da eine Köchin.«

»Da geh’ ich nicht hin. Dieser Schweinehund verdrischt einen für jede Kleinigkeit.«

»Ansonsten gibt es im Moment nicht viel. Außer, du wärst bereit, in den Busch zu gehen.«

»Von wegen. Die meisten da draußen sind doch bekloppt.«

»So schlimm ist es in den Städten auf dem Land doch gar nicht. Ich bekomme viele Briefe von Leuten, die dort leben, sie suchen verzweifelt nach Dien… nach Personal.« Julius mußte aufpassen, was er sagte. Im Gespräch mit Arbeitgebern nannte er sie immer Dienstboten, doch nach zehn Monaten im Geschäft würde er den Teufel tun, diesen Begriff in Gegenwart der Frauen zu verwenden. Köchinnen waren Köchinnen und Hausmädchen Hausmädchen, doch sie wollten um keinen Preis als Dienstboten abgestempelt werden. Dieses Wort war für sie ein rotes Tuch.

»Welche Landstädte denn?«

»Toowoomba, Maryborough.«

»Nee, ich bleib’ lieber in der Stadt.«

»Ich könnte dich als Zimmermädchen unterbringen. Im Hotel Victoria.«

»Ich bin kein verdammtes Zimmermädchen, sondern eine Köchin. Wie oft muß ich dir das noch sagen, Julius?«

»Na schön. Aber im Moment habe ich nichts für dich. Du bleibst am besten an deiner jetzigen Arbeitsstelle.«

»Ohne Lohn, während sie die feinen Pinkel mit Hummer und Austern und Champagner bewirtet wie eine russische Fürstin?«

Julius sah ein, daß sie recht hatte. Mrs. Walter Bateman, die Frau des leitenden Zollinspektors, war eine ehrgeizige Frau, die für ihre Parties berühmt, bei Personal und Händlern hingegen als Geizhals berüchtigt war.

»Sag einfach, du würdest ihr den Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzen«, murmelte er.

Dulcie starrte ihn an. »Jesus, das ist wirklich ein toller Rat. Sie würde mir in den Hintern treten, daß ich achtkantig rausfliege.«

»Du hast doch nichts zu verlieren«, entgegnete er grinsend und strich sich über den exakt getrimmten, grauen Schnurrbart. »Sie ist ganz groß darin, Leute zu entlassen, wenn der Lohn fällig wird. Sie wird Probleme haben, einen Ersatz für dich zu finden. Du könntest ihr eine Warnung zukommen lassen.«

»Ich möchte ihr Gesicht sehen, wenn ich es auf die Tour versuche.«

»Liegt ganz bei dir.«

Dulcie legte sich ihren rosa Häkelschal um die Schultern und stand auf. »Ich versprech’ nicht, daß ich da bleibe. Mit oder ohne Geld.«

Er nickte. »Wir werden sehen. Die nächste, bitte.«

Dulcie hatte sich kaum vom Stuhl erhoben, da stürzte schon ein dünnes Mädchen auf ihn zu. »Sie müssen mir helfen, Mister. Bin völlig verzweifelt …«

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Die Gouvernanten warfen einen ungläubigen Blick durchs Schaufenster.

»Das kann nicht richtig sein«, sagte Ruth und wich zurück.

»Doch. Das ist die Adresse, die wir von Miss Lewin bekommen haben, und da steht auch der Name.«

»Ich werde nicht hineingehen. Es ist offensichtlich eine Einrichtung für Dienstboten. Wir können uns nicht in solcher Gesellschaft zeigen.«

»Dann bleibst du eben hier! Vielleicht gibt es ja irgendwo noch eine andere Vermittlung. Ich werde hineingehen mich erkundigen.«

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Julius sprach gerade mit einer rundlichen Frau, die eine Stelle als Kindermädchen suchte. Er nickte aufmunternd, während er ihre Referenzen studierte; Mit dieser hier würde er keine Probleme haben.

Er sah nicht hoch, als die Tür aufging, doch ein Raunen im Raum erregte seine Aufmerksamkeit. Eine junge, selbstbewußt wirkende Frau näherte sich seinem Schreibtisch; sie war sehr hübsch, trug ein elegantes, dunkelblaues Kleid und dazu einen bändergeschmückten Hut auf dem dichten, dunklen Haar.

Julius stufte sie als potentielle Arbeitgeberin ein und schoß von sei- . ’. nem Stuhl hoch, um sie hinter den Paravent zu führen.

»Sind Sie Mr. Penn?«

Ihre Stimme klang kultiviert und paßte zu ihrer reizenden Erscheinung.

»Zu Ihren Diensten, meine Liebe. Nehmen Sie bitte Platz. Es ist sehr warm heute. Dürfte ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?«

»Danke, nein, Mr. Penn. Ich muß mich wohl in der Tür geirrt haben, aber vielleicht können Sie mir ja den Weg weisen. Ich bin Miss Tissington; die Auswanderungsgesellschaft hat meine Schwester und mich zu Ihnen geschickt. Wir sind die Gouvernanten, die Sie angefordert hatten, scheinen aber in der falschen Abteilung Ihrer Agentur gelandet zu sein.«

»Jesus!« murmelte Julius. Jetzt fiel ihm diese Gesellschaft wieder ein. Sie hatten ihn vor Monaten angeschrieben, vor sechs Monaten, um genau zu sein, und sich erkundigt, ob er Gouvernanten mit den besten Empfehlungen angemessene Positionen vermitteln könne. Er hatte dies bejaht, weil er sich geschmeichelt fühlte, daß sein Ruhm bis nach London gedrungen war. Vermutlich hatte jemand seine Anzeige an die Gesellschaft weitergeleitet. Da er nicht wieder von ihnen hörte, hatte er die Sache völlig vergessen.

»Meine Dame, Sie haben sich keineswegs in der Tür geirrt, und ich habe mich für diese Räumlichkeiten zu entschuldigen. Hier läuft alles in einem kleineren Rahmen ab. Der Hauptsitz befindet sich in Sydney.«

Von Frauen, die zwischen den Bundesstaaten umherreisten, hatte er erfahren, daß es separate Stellenvermittlungen für höhergestellte Frauen gab, doch er konnte es sich nicht leisten, zwei Büros anzumieten. Die wenigen gebildeten Frauen, die in seiner Agentur landeten, lohnten solche Mühen nicht, selbst wenn es zu seinem Prestige beigetragen hätte.

»Verstehe.« Unbeeindruckt überreichte die junge Dame ihm eine ordentlich zusammengebundene Akte. »Hier sind mein Einführungsschreiben von der Gesellschaft und meine Referenzen im Original. Sie haben uns doch erwartet? Miss Lewin hat Ihnen doch sicherlich geschrieben?«

»Mag sein, Miss Tissington, aber ich habe schon länger nichts mehr von der Gesellschaft gehört. Möglicherweise befindet sich die Mitteilung über Ihre bevorstehende Ankunft noch anf hoher See oder kam auf demselben Schiff an wie Sie. Wann sind Sie eingetroffen?«

»Gestern. Wir waren sehr überrascht, daß man uns nicht abgeholt hat. Wir sind davon ausgegangen, daß man uns umgehend zu unseren Arbeitsplätzen bringen würde.« Ihr Selbstvertrauen geriet ins Wanken. »Erwartet uns denn niemand?«

»Im Augenblick nicht, aber das ist nur ein vorübergehender Zustand. Ich brauche ein wenig Zeit, um mich mit der Angelegenheit zu befassen.«

»Meine Schwester ist draußen. Soll ich sie hereinholen?«

Julius wollte ihr um jeden Preis gefallen, außerdem tat sie ihm leid, doch die wartenden Frauen bedeuteten bares Geld, wenn es ihm gelänge, die Spreu vom Weizen zu trennen. »Wissen Sie was? Machen Sie doch einen Spaziergang und lernen die Stadt ein wenig kennen. Brisbane hat Ihnen sicherlich viel Interessantes zu bieten. Wir treffen uns um zwölf Uhr in dem kleinen Café am Ende der Straße, dort können wir uns in Ruhe unterhalten.« Die Frauen draußen wurden allmählich unruhig.

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»Wir können nicht sofort unsere Stellen antreten?« fragte Ruth entsetzt. »Bist du sicher?«

»Nein, das nicht. Er hat mich irgendwie verwirrt. Erwartet hat er uns jedenfalls nicht.«

»Hat er denn trotzdem freie Stellen anzubieten? Das hat er der Gesellschaft jedenfalls versichert. Du hättest darauf bestehen sollen, daß er dir die nötigen Informationen gibt, damit wir uns darüber beraten können.«

»Warum gehst du nicht selbst rein, wenn du so klug bist? Immerhin habe ich den Kontakt mit der Agentur hergestellt.«

»Was man so Agentur nennt«, erwiderte Ruth. »Ich werde Miss Lewin einiges über die Zustände hier zu berichten haben, soviel ist sicher. Und wie kann er es wagen anzunehmen, daß wir bis heute mittag in dieser Hitze herumlaufen?«

»Wir könnten uns nach einem Postamt umschauen.«

Der Morgen war heiß und schwül. Beim Spaziergang durch die Hauptstraße bereute Ruth, daß sie ihr kurzes Cape angelegt hatte; doch sie konnte es schlecht ausziehen und mit sich herumtragen. Sie tupfte wiederholt mit der behandschuhten Hand die Schweißperlen unter ihren Augen weg, während sie die Schaufenster betrachtete. Alle waren mit hochwertigen und entsprechend teuren Waren gefüllt, was an diesem abgelegenen Ort überraschte.

»Ist dir aufgefallen, daß die Damen hier viel größere Hüte tragen?« fragte Emilie. »Meinst du, unsere sind hier unmodern?«

»Nein, es hat wohl eher mit der Sonne zu tun. Wir sollten uns besser auch solche kaufen, sonst riskieren wir einen Sonnenstich.«

Sie fanden das Postamt, schickten Ruths Brief ab und erkundeten das Geschäftsviertel von Brisbane, dessen Straßen ein gleichförmiges Raster bildeten. Wenige Blocks vom Fluß entfernt gerieten sie in ein Wohngebiet mit Reihenhäusern und machten kehrt. Sie bogen in eine bergab führende Straße ein und entdeckten zu ihrer Freude, daß diese zu einem Rathaus und einer Kathedrale führte. Also hatte die Stadt doch einiges zu bieten. Sie stießen auf Spuren kulturellen Lebens: ein Museum, ein Theater, sogar ein Plakat der Philharmonie von Brisbane. Da beide nicht an die hier herrschende Hitze gewöhnt waren, waren sie vollkommen erschöpft, als sie an das eindrucksvolle Parlamentsgebäude gelangten, das, von hohen Bäumen umgeben, am Fluß lag. Und noch über eine Stunde bis zu ihrer Verabredung!

»Wir sollten zur Pension zurückgehen und Mrs. Medlow mitteilen, daß wir wahrscheinlich noch eine weitere Nacht bleiben müssen«, sagte Ruth.

»Noch nicht. Warte ab, bis dieser elende Mr. Penn uns etwas Definitives gesagt hat. Vielleicht benötigen wir das Zimmer ja für eine Woche.«

»Eine Woche? Ganz sicher nicht.«

»Wir wissen es aber nicht. Und der Einzelpreis pro Nacht ist hoch.«

»Nicht so hoch wie der Preis für eine Unterkunft, die wir am Ende gar nicht brauchen.«

Schließlich suchten sie einen nahe gelegenen Park auf und setzten sich dort niedergeschlagen auf eine schattige Bank.

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Penn erwartete sie bereits im Café und schwenkte einen Brief, während er sie zu einem Ecktisch führte.

»Was habe ich Ihnen gesagt, meine Damen? Hier ist die Mitteilung von Miss Lewin. Sie hätte Sie Ihnen eigentlich gleich mitgeben können. Sie müssen die zweite Miss Tissington sein, es ist mir eine Freude. Nur selten lernt man an einem Tag gleich zwei so reizende Damen kennen.«

Ruth gab sich kühl. Sie saß steif auf ihrem Stuhl und nahm seinen Gruß mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. Ihre Referenzen steckten zusammengerollt und verscimürt in ihrer Handtasche, doch sie hatte nicht vor, sie hier in aller Öffentlichkeit auszubreiten.

»Nun, möchten Sie Tee? Gut, Tee und herzhafte Scones, die sind hier sehr zu empfehlen.« Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte, dann wandte er sich an Emilie.

»Ich muß schon sagen, Miss Emilie Ich darf Sie doch Miss Emilie nennen, nur, um Sie beide zu unterscheiden? Ihre Referenzen sind ausgezeichnet, wirklich bemerkenswert. Wie ich sehe, unterrichten Sie neben den üblichen Fächern auch Musik — Klavier, wie ich hoffe. In diesem Winkel hier gibt es nämlich keinen anständigen Haushalt ohne Klavier.«

Emilie beugte sich vor, um seinen Redefluß zu unterbrechen. »Klavier. Ja, wir beide geben Klavier- und Gesangsunterricht.«

»Wunderbar. Und Französisch, Redekunst, Tanz und Zeichnen.«

»Nein, Malerei. Meine Schwester gibt Zeichenunterricht.«

»Ja, natürlich. Sehr begabte Damen.«

»Vielen Dank, Mr. Penn«, entgegnete Ruth. »Aber ich wüßte gern, ob Sie irgendwelche Neuigkeiten für uns haben.«

»Noch nicht, doch ich hatte heute morgen auch ausgesprochen viel zu tun.« Er schwafelte weiter, während die Kellnerin ihren Tee brachte, beschrieb in allen Einzelheiten die Schönheiten Brisbanes und wies sie auf einige der Familien hin, deren Bekanntschaft sie in nächster Zukunft machen würden, bis Ruth ihn erneut unterbrach.

»Aber Sie können uns nichts Definitives sagen?«

»Es ist noch zu früh dazu.«

Während sie ihren Tee tranken, stellte er zahlreiche Fragen. Mit wie vielen Kindern würden sie zurechtkommen? In welchem Alter? Wollten sie lieber in der Stadt oder auf dem Land leben? Wie sahen ihre Gehaltsvorstellungen aus? Emilie antwortete gewissenhaft, bis ihr klar wurde, daß er lediglich Zeit schinden wollte.

»Sie haben diese Informationen doch sicher bereits von der Gesellschaft erhalten, Mr. Penn?«

»Ja, aber es ist immer hilfreicher, es von den Bewerberinnen selbst zu erfahren, aus erster Hand sozusagen. Ich habe nur Ihr Bestes im Sinn, Miss Tissington.«

Müde sah Ruth zu, wie er sich den letzten Scone angelte. »Wir hatten eigentlich gehofft, Sie könnten uns heute nachmittag einige Vorstellungsgespräche vermitteln. Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie zur Zeit keine freien Stellen für Gouvernanten anzubieten haben?«

»Ja, aber das ist nur vorübergehend, Miss Tissington. Die Angebote werden sicher bald kommen. Es wird sich herumsprechen, daß Sie in unserer schönen Stadt eingetroffen sind, dafür werde ich schon sorgen. Umgehend. Wo wohnen Sie übrigens?«

Sie gaben ihm ihre Adresse. Er nickte vielsagend. »Eine hervorragende Adresse. Mrs. Medlow ist eine angesehene Frau. Nun muß ich Sie leider verlassen, meine Damen. Die Pflicht ruft. Sie werden von mir hören. Genießen Sie. Ihren kleinen Urlaub, bevor Ihre eigentlichen Pflichten beginnen.«

Sie sahen ihm nach, wie er an der Theke zahlte, einen ramponierten Zylinder ergriff und hinauseilte.

»So ein Angeber«, meinte Ruth fassungslos, bemerkte aber, wie verwirrt ihre Schwester wirkte, die offensichtlich zu dem gleichen Schluß gelangt war. »Ich hoffe, er strengt sich jetzt ein bißchen an.«

»Ruth, was sollen wir tun, wenn wir hier keine Arbeit finden? Fängt jetzt alles wieder von vorne an?«

»Natürlich nicht. Du hast doch gesehen, wie er auf deine Referenzen reagiert hat. Ich glaube nicht, daß es hier draußen so viele qualifizierte Damen gibt. Oh, ich muß ihm auch meine Referenzen geben, gleich morgen.«

Als sie das inzwischen überfüllte Café verlassen wollten, ertönte eine Glocke über der Tür, und die Kellnerin eilte hinter ihnen her.

»Meine Damen, Sie haben vergessen zu bezahlen.«

Ruth erstarrte. »Keineswegs. Der Herr hat bezahlt.«

»Mr. Penn? Oh, aber doch nur für sich selbst. Er wollte nicht, daß Sie seine Rechnung mitbegleichen müssen. Ich bekomme vier Shilling von Ihnen.«

Peinlich berührt, suchten sie die Münzen zusammen und eilten hastig davon.

Nach Büroschluß strengte Penn sich an diesem Nachmittag tatsächlich an. Die Tissington-Mädchen waren erstklassige Kundinnen, und er war sicher, daß er sie unterbringen und dafür eine höhere Vermittlungsgebühr berechnen könnte. Zunächst suchte er die Bar im Hotel Victoria auf, wo seine Neuigkeit zwar Interesse an den Damen selber weckte, sich aber keine Beschäftigungsmöglichkeit auftat. Doch es war noch nicht aller Tage Abend. Er ging auch in die Busbmen’s Bar im Hotel Royal, wo die reichen Viehzüchter abstiegen, doch das Ergebnis war das gleiche. Unbeirrt beschloß er, seine Nachforschungen am nächsten Tag im Rennclub fortzusetzen. Samstags traf man dort nämlich gewöhnlich die wohlhabenden Gesellschaftslöwen an, die in Scharen zu den Rennen kamen. Sie würden die Neuigkeit schon verbreiten.

Emilie kaufte auf dem Heimweg eine Zeitung und freute sich schon auf die Nachrichten aus aller Welt, doch als sie sie aufschlug, fiel ihr Blick auf den Wochentag.

»Du lieber Himmel, heute ist Freitag! Wenn er bis morgen nichts für uns gefunden hat, müssen wir bis Montag auf die Vorstellungsgespräche warten. Wir sollten das Zimmer wohl doch besser für eine Woche nehmen.«

Die Pensionswirtin ließ sich darauf ein, betonte jedoch, damit hätten sie das Zimmer bis zum nächsten Freitag gebucht.

»Nein, bis Donnerstag«, widersprach Emilie entschlossen. »Wir sind gestern angekommen. Hier ist das Geld für den Rest der Woche.« Sie hatte aus der schwierigen Zeit in London gelernt, daß Barzahlung stets den Ausschläg gab, und auch diese Wirtin bildete da keine Ausnahme.

»Das ist höchst ungewöhnlich«, grollte sie, »aber ich muß mich wohl damit abfinden. Sie können übrigens ihr bisheriges Zimmer behalten.«

»Vielen Dank.«

»Erwarten Sie, noch länger zu bleiben?«

»Nein.«

»Haben Sie Freunde hier in Brisbane, Miss Tissington?«

»Selbstverständlich«, log Emilie zum Entsetzen ihrer Schwester.

»Warum hast du das gesagt? Sie kennt doch Mr. Penn und könnte von ihm die Wahrheit erfahren.«

Emilie zuckte die Achseln. »Und wenn schon? Dann soll sie eben nicht so neugierig sein.«

Mrs. Medlow sah den beiden nach, als sie in ihrem Zimmer verschwanden, und murmelte: »Zwei eingebildete Dämchen haben wir uns da eingehandelt.«

Sie betrachtete die säuberlichen Unterschriften in ihrem Gästebuch. Die größere mit den dunklen Haaren war Emilie, die ältere, rundlichere Ruth. Ruth wirkte sympathischer, doch im Grunde waren beide für ihren Geschmack zu überheblich. Gleichwohl brannte sie vor Neugierde. Die Kleider der beiden waren von guter Qualität, weite Röcke über dezenten Reifröcken, ganz nach der neuesten Mode, doch sie trugen keinerlei Schmuck. Einige ihre Gäste hielten sie für Missionarinnen, doch Mr. Kemp hatte darüber nur gelacht.

»Die doch nicht. Viel zu hochnäsig. Eher Lehrerinnen, würde ich sagen.«

»Da irrst du dich«, sagte seine Frau. Nach ihrer Erfahrung waren Lehrerinnen alt, häßlich und unelegant, ganz anders als diese Mädchen. Allerdings wußte sie jetzt schon, daß sie sich über kurz oder lang von ihren unpraktischen weiten, mit Volants besetzten Krinolinen würden verabschieden müssen. »Ich halte sie für Damen der Gesellschaft, die auf eine der großen Schaffarmen im Westen weiterreisen, dahin, wo all die feinen Leute leben. Wir müssen unbedingt ihre Bekanntschaft machen.«

Mrs. Kemp war erfreut zu hören, daß die Neuankömmlinge noch bleiben würden. Ihr Ehemann hatte sich erst kürzlich nach Brisbane versetzen lassen, wo er den Posten des Polizeichefs übernommen hatte, um seinem Cousin Charles Lilley, dem Justizminister von Queensland, einen Gefallen zu tun. Jasper Kemp wäre zum Ende seiner Karriere hin lieber in seinem geliebten Sydney geblieben, einer Stadt, die berühmt war für ihre Schönheit und Vielfalt, doch seine Frau litt unter schwerer Arthritis. Der Arzt hatte ihr den Aufenthalt in einem wärmeren Klima empfohlen. Außerdem bot Lilley ihm ein ausgezeichnetes Gehalt und ein neues Haus, das im Fortitude Valley, nicht weit von Stadtzentrum entfernt, eigens für sie erbaut wurde. Der Justizminister hatte guten Grund, einen erfahrenen Polizeibeamten aus Neusüdwales zu holen, da allgemein bekannt war, daß üble Gesellen aus diesem Staat über die Grenze kamen, weil sie sich in Queensland reiche Beute erhofften. Hier erschwerten die großen Entfernungen zwischen den Städten und Goldfeidern die Verständigung beträchtllch, so daß sie nur selten Gefahr liefen, erkannt und dingfest gemacht zu werden.

Kemp wußte, daß er vor einer schweren Aufgabe stand, wenn er in einem Staat, der noch nicht einmal voll erschlossen war, Recht und Ordnung schaffen wollte. Die Polizisten hatten sich als schlecht ausgebildet erwiesen, die Verwaltung arbeitete nachlässig, vor allem nachdem die britischen Truppen abgezogen waren. Seit der Gründung der ersten Kolonie waren diese Truppen der wichtigste Garant im Kampf gegen die Gesetzlosigkeit gewesen, doch nun mußten die Kolonien selbst für ihre innere Sicherheit sorgen.

Der Justizminister hatte die Verstärkung der Polizeitruppe befürwortet, stimmte aber in einer anderen Frage nicht mit Kemp überein. In Neusüdwales war bereits ein Gesetz in Kraft, der sogenannte Felons Apprehension Act, und Lilley war entschlossen, es in Queensland einzuführen, auch gegen Jasper Kemps Widerstand. Dieses Gesetz besagte, daß Buschräuber zu Gesetzlosen erklärt werden konnten und bei Entdeckung erschossen werden durften. Kemp war entsetzt darüber. In langen, erbitterten Wortgefechten wies er darauf hin, daß dadurch jeder schießwütige Polizist oder Zivilist das Gesetz in die eigenen Hände nehmen könne. Doch als Polizeichef hatte er hier auch nicht mehr Einfluß auf eine solche Entscheidung als der niedere Chefinspektor, der er zuvor im Süden gewesen war.

An diesem Samstagmorgen stand er auf der Veranda der Pension, sog die frische Luft ein und grübelte über eben dieses Problem nach, bevor er zu einem Treffen mit den örtlichen Inspektoren aufbrechen wollte. Da traten die englischen Damen aus dem Haus, gingen geradewegs zum Gartentor hinaus und wandten sich nach rechts in Richtung Stadt. Trotz ihrer äußerlichen Ruhe verrieten ihre Gesichter eine gewisse Anspannung, und er fragte sich nach dem Grund. Seine Frau war ihnen bis vor die Tür gefolgt und blähte sich auf wie eine kampfbereite Bantamhenne.

»Diese Mädchen!« sagte sie aufgebracht zu ihm. »So etwas von unhöflich. Ich habe sie lediglich gefragt, ob sie spazierengehen wollten, doch sie haben mich einfach nicht beachtet. Sind an mir vorbeigegangen, als wäre ich Luft. Was habe ich ihnen denn bloß getan?«

»Nichts, meine Liebe. Mir scheint, sie hatten den Kopf voll mit anderen Dingen. Wenn man Sorgen hat, wirkt man oft reserviert.«

»Tatsächlich?«

»Ja, in der Tat. Ich bin zum Mittagessen zurück. Möchtest du dann mit mir zur Baustelle fahren und sehen, welche Fortschritte das Haus macht?«

»O ja. Mrs. Medlow möchte auch mitkommen. Sie interessiert sich sehr dafür.«

Darauf möchte ich wetten, dachte er. Das Leben in der Pension mißfiel ihm, es gab einfach zu viele aufdringliche Menschen hier, und diese Medlow gehörte zur schlimmsten Sorte.

___________

Ruth und Emilie war noch nicht bewußt geworden, daß sie sich auf gewaltige Veränderungen im Umgang mit den Menschen hier einstellen mußten. Noch kannten sie nicht die Angewohnheit der Kolonialbewohner, Fremde einfach anzusprechen, und die Notwendigkeit, ihre Fragen höflich zu beantworten. Sie mißbilligten die neugierige Annäherung dieser Frau, und ihre eigenen Anstandsregeln schrieben vor, sie nicht weiter zu beachten. Sobald sie aus der Tür waren, hatten sie sie auch schon vergessen.

»Hast du deine Referenzen mitgenommen?« erkundigte sich Emilie. »Ja. Und diesmal werden wir die Angelegenheit in aller Form in seinem Büro besprechen. Schließlich hat er Miss Lewin wissen lassen, daß Anstellungen verfügbar seien.«

»Aber das ist doch schon Monate her.«

»Dennoch könnten einige dieser Posten noch frei sein. Vielleicht haben sie keine passenden Gouvernanten gefunden. Wir müssen den Burschen festnageln.«

An diesem Tag würde es jedoch keine Unterredung geben, denn sie fanden Penns Bürotür verschlossen, die Jalousien heruntergelassen vor.

»Es ist Samstag«, meinte Emilie. »Offensichtlich hat er am Wochenende gar nicht geöffnet.«

»Das hätte er uns aber auch sagen können! Das zeigt doch nur, was für ein unzuverlässiger Patron er ist. Nun, am Montag morgen werden wir als erste hiersein.«

Die Sonne verbarg sich nun hinter einer niedrigen Wolkendecke, was der Hitze jedoch keinen Abbruch tat. Sie lastete wie eine Glocke über der Stadt, die Feuchtigkeit war allgegenwärtig. Ruth spürte, wie Schweiß zwischen ihren Brüsten hinunterlief, und sie fragte sich verärgert, wie Emilie nur so kühl wirken konnte. Das jüngere Mädchen schwitzte einfach weniger, und Ruth beneidete es um diesen Vorteil.

Sie seufzte. »Wir können ebensogut in unser Zimmer zurückgehen.«

»Nein«, antwortete Emilie entschlossen. Ruth hatte bei jedem Rückschlag so reagiert, sowohl in London als auch auf dem Schiff, und Emilie war es allmählich leid, sich hinter verschlossenen Türen vor der Welt zu verkriechen.

»Was sollen wir denn sonst tun?«

»Wir könnten einen Spaziergang machen.«

»In dieser Hitze? Die Luftfeuchtigkeit nimmt mir den Atem.«

»Ich weiß, aber wir müssen uns ohnehin daran gewöhnen. So ist hier der Sommer eben.«

»Mag sein, aber deshalb müssen wir noch lange keine Risiken eingehen. Außerdem haben wir uns bereits gestern die Stadt angesehen.«

»Wenn du nicht mitkommen willst, dann geh zurück. Ich für meinen Teil habe viel Zeit. Ich würde mir gern einmal die Vororte anschauen.«

»Du kannst unmöglich allein in der Gegend umherwandern.«

»Um Himmels willen, früher oder später werden wir ohnehin getrennt irgendwo arbeiten. Ein Spaziergang kann nicht schaden, und ich lerne dabei wenigstens die Stadt kennen.«

Ruth wandte sich beleidigt ab. »Wie du meinst, aber sei vorsichtig. Verlauf dich nicht.«

Nachdem sie sich getrennt hatten, atmete Emilie erleichtert auf. Sie und Ruth verstanden sich gut, und die gemeinsame Notlage hatte ihre gegenseitige Zuneigung noch vertieft, doch Emilie war dieser erzwungenen Nähe schon lange überdrüssig. Sie stritten sich gelegentlich, doch das war nicht das eigentliche Problem; sie spürte, daß ihre Schwester sich mehr und mehr zurückzog und sie gegen ihren Willen mitzog, bis sie beinahe erstickte. Ihre Beziehung ließ sich durchaus mit der drückenden Hitze vergleichen, die sie als ebenso unangenehm empfand wie Ruth; doch anders als ihre Schwester suchte sie sich davon zu befreien, gedachte sie zu überwinden. Aufbrechen zu neuen Ufern. Sie wünschte sich, so weit von Ruth entfernt zu arbeiten, daß sie ihr eigenes Leben führen und unabhängig von ihr sein könnte. Sie ging die Hauptstraße entlang, von der sie inzwischen wußte, daß sie Queen Street hieß, fest entschlossen zu ergründen, was an ihrem Ende und dahinter lag. Es tat so gut, einmal allein zu sein und überall hingehen zu können, ohne sich erst auf lange Diskussionen einlassen zu müssen.

Charles Lilley war nicht nur Justizminister, sondern auch Parlamentsabgeordneter für Fortitude Valley, einen Wahlbezirk am Fluß, der nur einen Steinwurf von dem verläßlicheren Wahlkreis Brisbane entfernt lag. Als er in die gesetzgebende Versammlung des Staates gewählt worden war, war er zunächst stolz gewesen auf das Vertrauen, das die Leute aus dem Valley ihm entgegenbrachten; doch in der Folgezeit hatte er einen schweren Kampf führen müssen, um im wechselvollen Spiel der öffentlichen Meinung seine Position zu wahren. Er stöhnte, während er mühsam einen goldenen Knopf in seinen gestärkten Kragen zwängte, den der verschwitzte Hals bereits aufzuweichen drohte. Früher war Fortitude Valley ein überaus eleganter Wohnbezirk gewesen, doch inzwischen hatten Ladenbesitzer, die im Geschäftsviertel von Brisbane nicht Fuß fassen konnten, die Hauptstraße für sich erobert. Auch Besitzer von Ställen, Sattlereien und kleinen Fabriken hatten die Vorteile dieses Stadtteils erkannt. Hinter ihnen zwängten sich die Häuschen der Arbeiter, drängten das sanft gewellte offene Weideland immer weiter zurück. Die Anwohner des Flusses blieben dennoch, weil sie ihre herrliche Aussicht, die kühlen Brisen und die prachtvollen Feigenbäume der Moreton Bay lichten, und wandten dem Menschengewimmel des Geschäftszentrums standhaft den Rücken. Es wimmelte nur so von Hotels und Spielhallen; geheimnisvolle Chinesen, als reiche Männer von den Goldfeldern zurückkehrend, stellten ihren Besitz nicht protzig zur Schau, sondern investierten ihr Geld lieber in unauffällige Wäschereien und schäbige Läden. Anrüchige Etablissements schoben sich dreist ans Tageslicht, siedelten sich gleich neben Tuchhändlern und Schneidern an. sogenannte Damen beugten sich ungeniert über hohe Balkonbrüstungen und scherzten mit den welterfahrenen Seeleuten der Handelsschiffe, die ihnen begierige Blicke zuwarfen.

Und über diesen geldgierigen und eigensinnigen Mob herrschte also der hochwohlgeborene Charles Lilley. Er wünschte, er hätte einen Wahlkreis auf der anderen Seite von Brisbane übernommen, wo neue Vororte wie Paddington, Toowong oder Yeronga ein gesetztes, anständiges Bild boten, doch er hatte nun einmal Fortitude Valley gewonnen und war darauf sitzengeblieben. Auf brüllenden Arbeitern, die lieber rauften, als ihr tägliches Brot zu verdienen. Auf vornehmen Anwohnern, die es vorzogen, sich aus seinen Kämpfen gegen die sozialistischen Elemente herauszuhalten, die ihm ständig zusetzten. Zum Glück durften Frauen, Männer ohne Grundbesitz und junge Windhunde nicht wählen, obwohl man bei den öffentlichen Versammlungen, auf denen sie in Scharen auftauchten und alle möglichen Rechte, will heißen Geld, einforderten, einen anderen Eindruck gewinnen konnte. Charles war immer erstaunt über die Frauen, die mit den Männern dort hinkamen und ihn niederbrüllten, als sei dies eine Neuauflage der Französischen Revolution.

»Furchtbare Leute«, sagte er mit einem Blick in den Spiegel. Endlich saß der Kragenknopf.

Verlassen konnte er sich auf seine treuen Flußanwohner und seltsamerweise auch auf die Chinesen. Charles war entsetzt gewesen, als so viele von ihnen in seinen Wahlkreis geströmt waren, doch einige ältere Herren mit langen Zöpfen hatten sich mit ihm verabredet und ihn in Begleitung sich ständig verbeugender Mätressen aufgesucht, um einige Dinge klarzustellen.

Sie wollten keinen Ärger.

Sie waren, ungeachtet aller gegenteiligen Behauptungen, gesetzestreue Bürger.

Sie hatten bescheidene Häuser und Geschäfte erworben und strebten nicht nach Höherem. Er erfuhr, daß sie den Großteil ihres Vermögens an bedürftige Verwandte in China schickten.

Es wäre ihnen eine Ehre, wenn der große Sir sie als Gentlemen und Vertreter ehrenwerter Familien behandeln würde.

Und bei Gott, dachte er vor dem Spiegel, während er seinen Gehrock glattstrich und die Falten seiner schwarzen Krawatte ordnete, sie hatten recht. Wie viele Chinesen sitzen im Gefängnis? Nicht einer. Sieht aus, als würden sie sich selbst um ihre Schurken kümmern. Charles lief ein Schauer über den Rücken. Er zog es vor, nichts Näheres darüber zu erfahren, welche Methoden sie dabei anwandten. Dem äußeren Eindruck nach zu urteilen, waren sie echte Musterbürger, die Geld für seinen Wahlkampf spendeten und sich ansonsten um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Sie würde er nicht unter den Rowdies finden, die es sich mit Sicherheit wieder nicht nehmen ließen, bei der Versammlung heute morgen aufzutauchen.

Sein Sekretär Daniel Bowles erwartete ihn bereits am Tor.

»Was machen Sie denn hier? Ich hatte doch gesagt, Sie sollten schon vorgehen und im Park nach dem Rechten sehen…«

»Da war ich ja auch, Sir. Das Podium steht schon. Macht einen soliden Eindruck.«

»Ich hoffe, es steht im Schatten.«

»Ja. Und ich habe die Flagge an den Baum hinter dem Rednerpult gehängt. Aber, Mr. Lilley, der Bürgermeister hat sich entschieden, nicht zu sprechen.«

»Wieso? Er sollte mich doch vorstellen. Das ist typisch für diesen Trottel, im letzten Augenblick zu kneifen. Erst gestern hat er mir fest versprochen zu kommen.«

Daniel schüttelte den Kopf. »Er war ja auch da, ist aber wieder gegangen. Eine große Menge hat sich versammelt, Mr. Lilley, und die Stimmung ist gar nicht gut. Der Bürgermeister hat mich gebeten, Ihnen zu raten, die Versammlung abzusagen.«

»Absagen? Nachdem eine Anzeige in der Lokalzeitung ausdrücklich darauf hinweist, daß ich um zehn Uhr heute morgen eine Rede halten werde? Das kann ich nicht tun. So etwas hat es noch nie gegeben.«

Er setzte seinen schwarzen Zylinder auf und ging entschlossen die Straße hinauf.

Daniel eilte hinter seinem Boß her. »Mr. Lilley, nachdem ich diesen Mob gesehen habe, neige ich dazu, dem Bürgermeister zuzustimmen. Wie er schon sagte, Vorsicht ist besser als Nachsicht.«

»Vorsicht, so ein Unsinn! Er ist ein Drückeberger. Mir ist bewußt, daß die Leute guten Grund haben, besorgt zu sein, deshalb muß ich ja auch zu ihnen sprechen. Ich muß ihnen erklären, daß die momentane Arbeitslosigkeit nicht von Dauer sein wird.«

Wütend bog er um eine Ecke. »Es ist nicht unsere Schuld, daß diese verdammte Bank zusammengebrochen und der Regierungskredit damit geplatzt ist. Wir konnten unsere Arbeiter einfach nicht ausbezahlen. Doch wir sind dabei, einen neuen Kredit aufzunehmen, dann wird alles gut.« Er sah auf die goldene Taschenuhr, die er an einer Kette in der Westentasche trug. »Zehn vor zehn. Kommen Sie, Daniel, wir haben es eilig. Sie müssen mich vorstellen.«

»Ich? Ich bin kein Redner, Sir.«

»Jetzt schon.«

Die Menge verharrte in finsterem Schweigen, als Lilley mit seinem Sekretär den Park betrat, fröhlich den Zylinder zog und die mürrischen Zuschauer begrüßte. Zögerlich machten sie ihm Platz. Daniel machte im Augenblick jedoch seine ungewohnte Rolle größere Sorgen als die Feindseligkeit des Publikums.

Als er das Podium betrat, bemerkte er, daß Lilley eindringlich auf Joe Fogarty, einen Hafenarbeiter und Unruhestifter erster Güte, einsprach. Anscheinend nahm das Gespräch keine allzu hoffnungsvolle Wendung, da Fogarty jetzt brüllte und wild mit den Armen gestikulierte. Lilley ließ ihn schließlich mit einem Achselzucken stehen und kam zu seinem Sekretär herüber.

»Na los«, stieß er Daniel an. »Holen Sie tief Luft. Sprechen Sie mit lauter Stimme.«

»Was soll ich denn sagen?«

Daniel trat nervös nach vorn. Er hob die Arme zu einer Geste, die er sich bei den Politikern abgeschaut hatte. Dann warf er einen raschen Blick über die Menge und bemerkte voller Furcht, daß sich die Menschen sogar bis in die Seitenstraßen hinein drängten. Zumeist war es ärmliches Gesindel, schäbig gekleidet, aber nicht nur Arbeiter; auch Angestellte und Lehrer, von denen er einige erkannte, waren darunter, sogar Frauen. Das gab für ihn den Ausschlag bei der Wahl seines Tonfalls.

»Meine Damen und Herren«, schrie er mit schriller Stimme, »vielen Dank, daß Sie gekommen sind. Heute findet hier eine wichtige Versammlung statt, wie Sie zweifellos alle wissen, und ich …«

»Wer bist denn du?« brüllte jemand, und Daniels Vorstellung ging in dröhnendem Gelächter unter.

Eine Frau kreischte los: »Geh lieber nach Hause zu deiner Mama!«

Daniel errötete und umklammerte seinen Strohhut. Er sprach weiter, obwohl er inmitten des verächtlichen Gelächters kaum seine eigene Stimme hören konnte. »Es ist mir eine Ehre, Ihnen Mr. Charles Lilley, Mitglied der gesetzgebenden Versammlung für den Bundesstaat Queensland, vorstellen zu dürfen, und …« Endlich trat Lilley vor und rettete ihn.

Jetzt kehrte Ruhe ein. Er nickte Daniel zu, der sich rasch nach hinten verzog.

»Meine Damen und Herren, Ihre Regierung ist sich der derzeitigen Probleme durchaus bewußt …«

»Seit wann denn das?« rief eine heisere Stimme, und andere stimmten ein, doch Lilley wartete geduldig ab, bis sich der Aufruhr ein wenig gelegt hatte.

»Ich bin gekommen, um mir anzuhören, was Sie zu sagen haben, und gemeinsam mit Ihnen nach Lösungen zu suchen. Das ist aber nur möglich ohne die Agitatoren in Ihrer Mitte, die jeden vernünftigen Ansatzim Keim ersticken.«

»Dann kommen Sie uns mal mit Ihrer Vernunft«, dröhnte Fogarty.

»Die Banken haben den Betrieb wieder aufgenommen. Warum dauert das so lange, bis die entlassenen Arbeiter wieder eingestellt werden?« Er schwenkte dankend die Mütze, als die Menge seine Frage mit stürmischem Beifall bedachte.

»So einfach ist das nicht. Wir beginnen bald mit den öffentlichen Bauarbeiten: neue Straßen, ein neues Hauptpostamt in der Queen Street …«

»Wann?« Eine Gruppe von Männern mit harten Gesichtern hatte sich nach vorn gedrängt. Daniel gefielen ihre Mienen ganz und gar nicht, und er fragte sich, ob Mr. Lilley sie ebenfalls bemerkt hatte.

»Die Arbeiten befinden sich im Planungsstadium.«

»Die Leute verhungern, während Sie zum Pferderennen gehen«, schrie ein Mann aus dieser Gruppe. Als Lilley ihn darauf hinwies, daß er doch hier sei, konterte der Zwischenrufer: »Erzählen Sie doch keine Lügenmärchen! Sie gehen heute zum Rennen. Sie haben ein Pferd laufen, Lilley!«

Der Fremde kletterte auf das Podium, um sich im Rampenlicht zu sonnen. Damit verärgerte er Fogarty, der wohl vorgehabt hatte, die tobende Menge auf seine Seite zu bringen, indem er Lilley als Scharlatan, Großmaul und reichen Narren brandmarkte, der überhaupt keine Ahnung vom Los der Arbeiter habe.

Lilley brüllte zu Fogarty hinunter: »Wer ist dieser Kerl?«

Fogarty zuckte nur die Achseln. Die Versammlung geriet mehr und mehr außer Kontrolle; Männer drängten sich nach vorn, andere, die Plakate schwenkten, stießen von hinten nach.

Daniel bemerkte einen Reiter, der sein Pferd am Parkeingang angehalten hatte. Ein zweiter kam hinzu, und beide betrachteten neugierig die Szene, ohne sich jedoch einzumischen. Fogarty murmelte wütend vor sich hin. Vermutlich hatte der Hafenarbeiter, dessen politische Ambitionen kein Geheimnis waren, ursprünglich vorgehabt, diese Gelegenheit dazu zu benutzen, die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu lenken und eine eigene Rede zu halten. Offensichtlich hatte er diesen Plan inzwischen aber aufgegeben, und Daniel wünschte, Lilley würde es ihm gleichtun. Doch sein Boß sprach immer noch, besser gesagt, er schrie wütend ins Publikum hinein.

Plötzlich schien ein Ruck durch die Menge zu gehen, und sie wälzte sich mit dem Ruf »Packt den Mistkerl!« nach vorn.

»Wir sollten ihn aufhängen!«

»Lyncht ihn!« schrien andere und erstürmten das Podium.

Daniel sprang herunter und landete inmitten des Mobs, der die Tribüne umgab, blieb aber unbehelligt. Fogarty schrie nun auch, doch mit der Absicht, den Ansturm aufzuhalten; er zog die Männer von den Stufen hinunter, suchte sie zurückzuschieben. Lilley bekam dennoch einiges ab, da er inmitten der Menschenmasse gefangen war, die sich mit wildem Geschiebe um ihn drängte.

In diesem Augenblick galoppierte einer der Reiter tollkühn nach vorn, ohne sich um die Leute kümmern, die in Deckung gingen vor ihm und seinem Pferd. Er preschte direkt auf das Podium zu. Wenig später eilte ihm der zweite Reiter zu Hilfe. Er war jung, hochgewachsen, hatte blondes Haar und schwang lachend seine Peitsche, während er sich ins Getümmel stürzte. Er schien sich prächtig zu amüsieren.

»Das ist nicht zum Lachen«, murmelte Daniel, der sich um Lilley sorgte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er weggelaufen war, doch wie hätte er sich gegen die aufgebrachte Menge zur Wehr setzen sollen?

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Der Parlamentsabgeordnete war außer sich vor Wut angesichts dieser Behandlung und schlug zurück, so gut er konnte. Er verteilte wilde Hiebe und bemerkte, wie sein Gehrock zerriß, als er sich mit Gewalt aus dem Griff der vielen Hände zu befreien suchte und mit seinen harten Lederstiefeln gegen ungeschützte Knöchel trat. Er fluchte und befahl seinen Angreifern, von ihm abzulassen, hörte die Rufe der Idioten, die ihn lynchen wollten, fürchtete sich aber weitaus mehr davor, zertrampelt zu werden. In letzter Sekunde wurde er gerettet, bevor ihn die schwitzende Menge, die von allen Seiten auf ihn eindrang, vom Podium zerren konnte.

Er erspähte einen rotbärtigen Reiter, der beinahe auf gleicher Höhe mit dem Mob neben ihm auftauchte, und hielt ihn zunächst für einen weiteren Vertreter dieses Gesindels, das ihn von unten her bedrohte. Doch der Bursche beugte sich vor, und als Lilley gefährlich nah an den Rand der Podiums geriet, spürte er plötzlich einen eisernen Griff am Arm.

»Steig auf, Kumpel!« schrie der Mann und deutete auf sein Pferd.

Dieser Zwischenfall überraschte die Zuschauer und bot Lilley genügend Zeit, die Lage zu sondieren.

»Ganz sicher nicht!« rief er zurück. Er hatte nicht vor, sich wie eine hilflose Maid von einem edlen Ritter retten zu lassen. Statt dessen sprang er in den sicheren Spalt zwischen Pferd und Podium hinunter und hielt sich an den Steigbügeln fest, bis er das Gleichgewicht wiedergewonnen hatte.

Das Pferd bewegte sich schon vorwärts und bot ihm Schutz, doch so leicht würde sich die Menge nicht abschütteln lassen. Sie wurden mit Dreckklumpen beworfen.

Dann hörte er das Knallen einer Viehpeitsche. Ein weiterer Reiter tauchte hinter ihm auf. Er sprang ab, drückte Lilley die Zügel in die Hand und verschwand in der Menge, bevor überhaupt jemand begriff, was geschehen war. Diesmal fügte sich Lilley, schwang sich in den Sattel und galoppierte durch die Menge, die den Pferden auswich, aus dem Park hinaus.

Sie ritten in eine ruhige Seitenstraße, wo Lilley sein Tier zügelte und sich an den ersten Reiter wandte.

»Ich habe Ihnen zu danken, Sir. Diese Schurken hätten mir echten Schaden zufügen können.«

»Wieso?« wollte der Mann wissen.

»Politische Unruhen. Was man so Hungerrevolte nennt.«

»Verstehe. Ich dachte mir schon, daß Sie irgendwas mit Politik zu tun haben.«

»Ich bin Charles Lilley, der Abgeordnete dieses Bezirks. Ich wollte diesen Narren erklären …«

»Das sollten Sie nächstes Mal besser mit bewaffnetem Begleitschutz tun. Bin noch nie einem Politiker begegnet. Sehr erfreut.« Er schüttelte Lilley die Hand. »Wohnen Sie hier in der Gegend? Ich bringe Sie besser nach Hause. Sie versetzen ja die Damen in Angst und Schrecken, wenn Sie sich in diesem Zustand auf der Straße sehen lassen.«

Erst in diesem Moment wurde Lilley sich seines ramponierten Aussehens bewußt. Er hatte seinen Hut verloren, die Kleidung war schmutzig und zerrissen.

»O Gott! Ich habe auch meine Uhr verloren.«

»Dürfte einiges wert gewesen sein, was?«

»Eine Menge. Uhr und Kette sind aus Gold. Allerdings habe ich so daran gehangen, weil sie meinem verstorbenen Vater gehörte.«

»Hat keinen Sinn, danach zu suchen«, erwiderte der Fremde. »Dürfte inzwischen längst einen anderen Liebhaber gefunden haben. Damit kann man eine Menge hungriger Mäuler stopfen.«

»So eine Schande. Na ja, wir sollten weiterreiten. Wie heißt Ihr Freund? Ich möchte ihm ebenfalls danken.«

»Hab ihn nie zuvor gesehen. Noch ein halber Junge. Aber schlau. Schlau genug, sich schnell davonzumachen. War ganz schön flink mit der Viehpeitsche dabei.«

»Geschieht ihnen recht«, knurrte Lilley. »Aber was mache ich jetzt mit seinem Pferd?«

»Keine Sorge. Sie können damit nach Hause reiten, und ich nehme es mit zurück. Werd ihn schon noch finden.« Er warf einen Blick auf das kastanienbraune Tier mit der weißen Blesse. »Noch sehr jung und ebenso waghalsig wie sein Besitzer. Hat nicht vor der Menge zurückgescheut. Meine alte Stute hier war mal ein Viehpferd; die fürchten sich vor keinem Zweibeiner.«

Als sie das Tor zu Lilleys Haus erreichten, kam Daniel aus der entgegengesetzten Richtung angerannt.

Lilley hatte inzwischen seine Fassung wiedergewonnen. Er stieg ab und klopfte seinem Sekretär auf die Schulter. »Wenigstens sind Sie unbeschadet davongekommen. Haben Sie Geld bei sich?«

»Nur ungefähr zehn Shilling.«

»Das muß reichen. Geben Sie es bitte diesem Gentleman. Nur ein kleiner Lohn für seine Mühen.«

Daniel hoffte, daß dieser das Geld zurückweisen würde, da es schwierig war, von einem bedeutenden Mann wie Lilley, der etwas so Nebensächliches gewöhnlich vergaß, geborgtes Geld wiederzubekommen. Doch der Fremde erwies sich nicht als Gentleman; er nahm die zehn Shilling an, ergriff das andere Pferd am Zügel, wünschte den beiden Männern einen guten Tag und ritt davon.

James McPherson war mit seinem Tagewerk zufrieden. Er hatte sich zehn Shilling verdient und ein gutes Pferd noch dazu.

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Um sich zu orientieren, hielt sich Emilie immer links vom Fluß, den sie nur gelegentlich zwischen ungerodeten Grundstücken erspähen konnte. Es schien keine Spazierwege an seinem Ufer zu geben. Nachdem sie die Stadtmitte hinter sich gelassen hatte, waren die Bürgersteige verschwunden, und so hielt sie sich am äußersten Rand der sandigen Straßen, der Schatten und Sicherheit bot. Die wenigen Reiter und Wagen jagten seltsam rasch an ihr vorbei, ganz im Gegensatz zur üblichen Sonntagsruhe. Vielleicht erschien es ihr auch nur so, weil sie nach den Monaten auf dem Schiff keinen Verkehr mehr gewöhnt war. Sie genoß ihre Freiheit nach der langen Zeit der Untätigkeit; die Bewegung tat ihr spürbar gut. Auch die Hitze wirkte weniger störend, nun, da sie ihr Gesicht mit einer seidengefütterten Strohhaube schützte. Außerdem wehte an diesem Tag eine leichte Brise.

Die Andersartigkeit der Vegetation war erstaunlich. Die ungerodeten Flächen waren mit dichtem Gebüsch, hohem Gras und großen, schmalen Eukalyptusbäumen überwuchert, deren Wipfel hoch oben nach Luft zu schnappen schienen. Von ihren Asten hingen dicke grüne Schlingpflanzen herab. Der dichte Busch erinnente an einen Dschungel. Allerdings war Emilie überrascht, iner keine Palmen oder andere tropische Gewächse vorzufinden. Sie hatte eigentlich eine von Palmen gesäumte Stadt erwertet, doch die wenigen Exemplare, die sie hier erblickte, wuchsen in Privatgarten, in die sie voller Interesse hineinspähte. Ihr fiel auf, daß die Bewohner Rosen, Lavendel, Hortensien (und ähnlichen Pflanzen den Vorzug vor der heimischen Flora zu geben schienen, so daß man sich fast vorkommen konnte wie in England. Emilie fand es bedauerlich, insbesondere da ihr bereits einige herrlich duftende einheimische Pflanzen aufgefallen waren, die in üppiger Fülle die Wegränder säumten.

Der himmlische Duft verführte sie dazu, einige zarte, weiße Jasminblüten zu pflücken, um sie mit in ihr Zimmer zu nehmen. Als sie jedoch im hohen trockenen Gras auf den riesigen Busch zutrat, stieß sie einen entsetzten Schrei aus und schämte sich dessen sofort. Noch nie im Leben hatte sie so laut und vulgär losgekreischt, doch war es auch das erste Mal, daß sie sich einem großen Schlangenkopf mit offenem Maul und kalten Augen gegenübersah. Das Tier bewegte sich nicht. Emilie stand wie erstarrt. Gebannt verharrte sie unter dem Blick der Schlange. Sie hatte schon Schlangen gesehen, aber nie ein so großes Exemplar mit einem so ungeheuren Kopf. Die Haut war grau und rauh, die Augen fixierten sie bedrohlich.

Eine Frau kam herbeigelaufen. »Was ist los?«

»Eine Schlange«, flüsterte Emilie atemlos.

»Hat sie Sie gebissen?«

»Nein.«

»Stehen Sie auf ihr drauf?«

»Nein.«

»Leider kann ich nirgendwo einen brauchbaren Stock entdecken«, murmelte die Frau vor sich hin. »Sie müssen von ihr wegspringen. Die haben mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt.«

Emilie glaubte ihr kein Wort, und bewegen konnte sie sich auch nicht.

Die Frau stand wartend hinter ihr, doch als ihr klar wurde, daß sich weder Schlange noch Mädchen rühren würden, sagte sie: »Na schön …«

In Sekundenschnelle war alles vorbei. Die Frau hatte Emilie gepackt und nach hinten gerissen, so daß sie beide fast hintenüber ins Gebüsch gefallen wären. Als sie ihr. Gleichgewicht wiederfanden, ging die Frau zu Emilies Erstaunen noch einmal zurück, um den Burschen in Augenschein zu nehmen, wie Sie sagte.

Dann lachte sie auf. »Kommen Sie her, Mädchen, und schauen Sie sich das an! Das ist keine Schlange, sondern ein Waran. Vermutlich der Bursche, der sich in meinem Hühnerstall zu schaffen gemacht hat.«

Ob Schlange oder nicht, Emilie würde sich dieser Bestie auf keinen Fall noch einmal nähern. Sie schüttelte den Kopf und blieb stehen.

»Weg mit dir!« Die Frau schwenkte die Arme und stampfte mit den Füßen auf. Der Waran verschwand im Gras, tauchte aber auf einem nahe gelegenen Baum wieder auf.

»Da geht er hin«, rief ihre Retterin aufgeregt. »Was für ein Riesenkerl! Haben Sie noch nie einen gesehen?«

»Nein.«

»Dann sollten Sie sich merken, daß Eidechsen im Gegensatz zu Schlangen Beine haben. Und Ihnen nichts tun.«

Emilie wollte zu ihrer Verteidigung vorbringen, daß sie die Beine des Tieres im Unterholz nicht hatte sehen können, doch dann erschien ihr das zu kleinlich. Also dankte sie der Frau lieber für ihre freundliche Hilfe, und gemeinsam sahen sie interessiert zu, wie sich der Waran am Baum festklammerte, während er langsam den Kopf bewegte, um weiteren Angriffen auf seine Reptilienehre zuvorzukommen.

Dann gingen beide lächelnd ihrer Wege. Emilie wandte dem Fluß nun den Rücken zu und freute sich schon darauf, Ruth von ihrem Abenteuer zu erzählen. Sie war erst einige Blocks weit gegangen, als ein junger Mann auf sie zugerannt kam, als werde er verfolgt; doch außer ihm war niemand zu sehen. Als er sie erreichte, blieb er stehen und blickte sich keuchend um, dann sprach er sie an.

»Da lang würd’ ich nicht gehen, Miss. Im Park tobt der Mob, und die werden sicher bald auch die Straßen unsicher machen.«

»Wie bitte?«

Er grinste. »Nur ein gutgemeinter Vorschlag, Miss. Ein Umweg wäre angebracht.«

Emilie starrte ihn ungläubig an. Er mochte ja recht haben, aber deswegen gleich einen Umweg? machen? Welchen Weg sollte sie denn da nehmen? Sie war verwirrt.

»Kommen Sie, ich begleite Sie zurück bis zur nächsten Ecke.«

Er war ungefähr in ihrem Alter. Seine langen, blonden Haare schauten unter einem breitrandigen Hut hervor, und er hatte, das mußte sie sich eingestehen, das strahlendste Lächeln, das ihr je bei einem Mann begegnet war. Sein Gesicht war sonnengebräunt, die blauen Augen zwinkerten fröhlich. Dennoch war er kein Gentleman; das schloß sie aus der uneleganten Kleidung und der abgewetzten Lederpeitsche, die er zusammengerollt über der Schulter trug.

Die Lust, weiterzugeben, war Emilie nach seiner Schilderung gründlich vergangen; andererseits wollte sie aber auch nicht mit ihm gesehen werden. Doch er ließ ihr gar nicht erst die Wahl. Er berührte sie leicht am Arm, damit sie sich umdrehte, verzichtete aber gottlob darauf, sie unterzufassen, und schlenderte gemächlich neben ihr her.

»Kleiner Spaziergang, Miss?«

»Ja.«

»Schöner Tag heute.«

Emilie schwieg, da sie keine Unterhaltung mit diesem dreisten Fremden führen wollte, was diesen jedoch wenig zu stören schien. Zwischen der Stelle, an der er sich ihr aufgedrängt hatte, und der nächsten Ecke lagen nur ein paar Häuser, doch Emilie kam der Weg unendlich lang vor. Ihr war diese ganze Situation entsetzlich peinlich.

An der Ecke angelangt, blieb der junge Mann stehen. »Wohin möchten Sie denn?«

Emilie hatte allmählich genug von ihm. »Zurück in die Stadt«, antwortete sie knapp.

»Das trifft sich gut. Es ist nicht weit. Sie gehen einfach dort entlang und halten sich dann links.« Er lachte. »Sie waren ohnehin auf dem falschen Weg.«

Das war zuviel. »Keineswegs! Ich hatte ein bestimmtes Ziel im Auge.«

Seine Miene verdüsterte sich, als habe sie seine Gefühle verletzt. Emilie war außer sich. Was war denn mit ihren Gefühlen? Immerhin war sie in einer ruhigen Straße von einem Fremden belästigt worden, der irgend etwas von einem Mob faselte.

»Dann verlasse ich Sie jetzt also«, erwiderte er zögernd, tippte grüßend an seinen Hut und schritt davon.

Beim Weitergehen sah sie sich verstohlen nach ihm um und errötete. Ihre Blicke hatten sich getroffen. Sie bemerkte seine Belustigung, als er ihr zuwinkte. Soviel zum Thema verletzte Gefühle! Emilie drehte sich auf dem Absatz um, hielt mit einer Hand ihre Haube fest und stapfte entschlossen davon.

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»Das war aber mal ein hübsches Ding«, sagte der junge Mann zu sich selbst und nickte anerkennend einer alten Dienstmagd zu, da er in Gedanken noch immer bei dem englischen Mädchen weilte.

»Ach, verzieh dich«, grinste die Alte.

Er hätte das Mädchen nur zu gern in die Stadt begleitet — wenn es ihn darum gebeten und sich weniger herablassend gebärdet hätte. Er hätte ihm sogar, was äußerst selten vorkam, seinen richtigen Namen genannt: Mallachi Willoughby.

Während er allein weiterging, spielte er schon mit dem Gedanken, die nächste Seitenstraße zu nehmen und die Kleine an der Ecke abzufangen, wollte sein Glück aber nicht überstrapazieren. Sie war eine echte Dame, daran bestand kein Zweifel, und allem Anschein nach konnte sie auf die Gesellschaft von seinesgleichen gut verzichten. Vermutlich durfte er ihr das nicht einmal übelnehmen. Schließlich war er kaum mehr als ein Vagabund; immerhin hatte er die letzten fünf Jahre, seit sein Pa weit draußen auf der Gurundi-Farm dem Alkohol zum Opfer gefallen war, auf der Straße verbracht.

Früher hatten die Willoughbys einmal auf einer kleinen Farm gelebt, die zwei Tagesritte von Sydney entfernt lag. Seine Schwester hatte ihn von Geburt an Sonny genannt, und der Name war ihm geblieben. Das waren schöne Zeiten gewesen.

Er liebte das kleine hölzerne Farmhaus mit der warmen Küche, dem engen Schlafzimmer, in dem Ma und Pa schliefen, und die kleine Hütte mit den Betten der Kinder. Auf der Farm war es im Sommer trocken und staubig, im Winter kalt und klamm gewesen, doch das hatte ihn nie gestört; er war immer beschäftigt, amüsierte sich in der Scheune oder im Kuhstall und wanderte über die Felder bis zum Bach.

»Ein glückliches Kind«, sagten alle, und Sonny nickte bei der Erinnerung daran. Selbst jetzt entsprach es noch der Wahrheit. Er sah keinen Sinn darin, unglücklich zu sein. Er war in der kleinen Schule, die aus einem einzigen Klassenzimmer bestanden und nur eine Meile von der Farm entfernt gelegen hatte, ein Außenseiter gewesen. Die anderen elf Kinder unterschiedlichen Alters haßten die Schule aus ganzem Herzen und verschworen sich ständig gegen Mr. Patterson, den Lehrer, dessen wichtigstes Erziehungsmittel der Riemen war. Nicht, daß sie jemals Erfolg gehabt hätten mit ihren Verschwörungsplänen. Sonny ging als einziger gern zur Schule; dabei störte ihn nicht einmal der alte Patterson, der im Gegenzug dafür sorgte, daß der Junge am Ende des Schuljahrs immer einen Preis gewann, und dessen stolzen Eltern unablässig versicherte, er werde es noch weit bringen. Das hatte Sonny nie vergessen. Er war nach wie vor davon überzeugt, daß er es zu etwas bringen würde. Es brauchte nur eben seine Zeit.

Sie waren arm gewesen, bettelarm, doch das hatte ihm als Jungen nicht sonderlich geschadet. Alle seine Bekannten waren genauso arm gewesen. Als er zehn war, erkrankte seine Mutter. Sie lag lange zu Bett, wurde jeden Tag dünner und blasser, bis sie ihn eines Tages an sich drückte und ihm erklärte, sie würde bald in den Himmel kommen. Er war zutiefst entsetzt, da er sich ein Leben ohne seine geliebte Mutter nicht vorstellen konnte. Zum ersten Mal verspürte Sonny echte Angst. Doch sie sprach beruhigend auf ihn ein und sagte, im Himmel würde sie von den Schmerzen befreit sein, die sie schon so lange quälten und in den langen Nächten stöhnen und schluchzen ließen, so daß er nicht traurig sein müsse. Pa würde sich um ihn und seine Schwester kümmern, während sie glücklich und sicher im Himmel säße und auf sie alle hinunterlächelte. Die Engel würden ihr Gesellschaft leisten, ebenso wie ihre Ma und ihr Pa, die schon vorausgegangen waren. Er müsse ein braver Junge sein und dürfe nicht weinen, wenn sie nicht mehr da sei.

Sonny empfand dieses Gespräch als besondere Ehre, denn sie hatte offensichtlich vergessen, den anderen dasselbe zu erzählen. Sie weinten ohne Ende, und Pa hatte eine gute Entschuldigung, sich wieder einmal jämmerlich zu betrinken.

Nicht lange danach heiratete seine Schwester Maggie, und Pa verkaufte die Farm. Das war vorhersehbar gewesen, da ihm die Landarbeit niemals zugesagt hatte, vor allem nicht die auf einer kleinen Milchfarm, die die ganze Mühe nicht wert war, wie er oftmals zu sagen pflegte.

Er zog mit Sonny im Schlepptau über die Landstraßen, sehr zum Ärger Maggies, die wütende Briefe schrieb und verlangte, der Junge solle zu ihr ziehen. Doch Pa ignorierte sie, und Sonny war es egal. Er fand Pas Prahlereien, sie seien nun so frei wie die Vögel, unglaublich aufregend. Zur Schurzeit arbeitete Pa als Scherer und zog von einer Farm zur nächsten. Der zehnjährige Sonny kümmerte sich unterdessen um ihre beiden Pferde und die Bündel mit ihren Habseligkeiten. Den Rest des Jahres reisten sie umher und schlugen sich mit Gelegenheitsarbeiten in der Stadt und auf dem Land durch. Schon bald setzte auch der Junge seine Arbeitskraft ein und packte, da er groß und stark wurde, zunächst als Helfer in den Scherschuppen, später als Arbeiter mit an.

Sonny war Pas bester Kumpel, sein Freund und Helfer, der auch immer öfter auf ihn aufpassen mußte, da sein Vater erneut dem Alkohol verfiel. Er stahl Pas Geld, wenn dieser betrunken war, und verbarg es in einem Schlitz in seinem Sattel, um ihre Ernährung zu sichern. In den Wochen, in denen sie keine Arbeit hatten oder der Alte zu angeschlagen war, um das Lager zu verlassen, ging Sonny auf Beutezug. Er brachte stets etwas Eßbares mit, das er von Farmen oder unter der Nase der Ladenbesitzer geklaut hatte. Pa wollte nie wissen, woher die Eier oder das Fleisch oder die anderen Vorräte stammten, und Sonny schwieg tunlichst, um keine Prügel zu beziehen. Als er älter wurde, bot man ihm häufig feste Jobs an, doch seine Antwort blieb immer die gleiche

»Und mein Pa?«

Anscheinend hatte niemand mehr Arbeit für Joe Willoughby, und sein Sohn konnte ihn ja schlecht im Stich lassen. So wurden sie zu echten Vagabunden.

Dieses Leben war gar nicht so übel. Es gab Höhen und Tiefen, doch wie pflegte Pa zu sagen? »Es gibt immer noch welche, denen geht’s schlechter als uns.« Sonny konnte ihm darin nur beipflichten. Er hatte in seinem jungen Leben schon ein paar wirkliche Pechvögel kennengelernt.

Sie begruben Pa auf dem Friedhof der Gurundi-Farm unter dem hohen alten Pfefferbaurn und kennzeichneten die Stelle mit einem Holzkreuz. Ein Scherer schnitzte den Namen und die Buchstaben R.I.P. hinein, was, wie Sonny erfuhr, »Ruhe in Frieden« bedeutete. Er hielt es für einen guten Grabspruch.

Als er am Ende der Woche für seinen Lohn anstand, blickte ihn der Squatter empört an.

»Welchen Lohn? Dein alter Herr schuldete mir über zehn Pfund, von den Rechnungen für Schnaps und Tabak bei meinem Händler ganz zu schweigen Jetzt bist du der Schuldner, Söhnchen, aber du kannst es gerne abarbeiten. In der Zwischenzeit nehme ich deine Pferde als Pfand.«

Sonny war unglaublich wütend auf seinen Pa. Dieses ganze Anschreibenlassen und Geldborgen hatte sie ruiniert. Hatte er ihm nicht beim Namen seiner seligen Mutter versprochen, es nie wieder zu tun? Erst letzten Monat war das gewesen. Dennoch gab er dem Squatter zur Antwort, ein Mann trage nicht die Verantwortung für die Schulden eines anderen, auch nicht, wenn dieser sein Pa sei.

Der Squatter brach in lautes Gelächter aus. »Die Rechnungen sind auf den Namen Willoughby ausgestellt, und so heißt du doch auch, Söhnchen. Du mußt lernen, Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Außerdem hast du schon die Beerdigung umsonst bekommen, also spar dir das Gejammer.«

Diese Lektion hatte er gelernt, dachte Mal Willoughby bei sich. Heutzutage benutzte er eine ganze Reihe von Namen, die ihm allesamt leicht von der Zunge gingen und dafür sorgten, daß er von Ort zu Ort ziehen konnte, ohne stets ängstlich über die Schulter blicken zu müssen.

Damals hatte er dem Squatter fest in die Augen geschaut. Mal Willoughby würde nicht umsonst arbeiten. Er war zum Händler gegangen und hatte eine Flasche Whisky und zwei Flaschen Rum anschreiben lassen.

Der Händler hatte die Stirn gerunzelt. »Hier, mein Junge, aber ich dachte, du wärst Abstinenzler. Ich will nicht die Ursache für deinen Ruin sein, denk an deinen Pa.«

»Und ob ich an ihn denke, Charlie. Hab genug drunter gelitten. Aber die Scherer sagen, mein Dad solle sich nicht allein auf den Weg machen. Sie wollen Totenwache für ihn halten.« Er lächelte traurig. »Ich trage jetzt auch Verantwortung Ich muß im Namen der Familie meinen Teil dazu beisteuern. Der Schnaps ist für die Männer.«

Und so geschah es auch. Mal verkaufte durstigen Scherern den Schnaps zum halben Preis und steckte das Geld ein. Als die Totenwache ihren Höhepunkt erreichte und der Gesang sich in eine disharmonische Klage verwandelt hatte, holte er sein Bündel und seine Zügel, dazu noch den zweiten Sattel und das Zaumzeug, das seinem Vater gehört hatte, und stahl sich in der Dunkelheit davon. Er nahm die Kette vom Tor, pfiff die Pferde herbei und lachte leise in sich hinein. Wenn sie am nächsten Morgen aufwachten, wäre er über alle Berge, und der hartherzige Squatter würde das Nachsehen haben.

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Mal Willoughby war erst seit ein paar Tagen in Brisbane. Als Landbewohner hielt er nicht viel von großen Städten, wollte aber bleiben, solange sein Geld reichte.

Er hatte den Mob im Park gesehen, interessierte sich allerdings nicht weiter dafür. Er hatte gehört, am anderen Ende der Stadt solle an diesem Tag ein Rodeo-Wettkampf stattfinden, und er war auf dem Weg dorthin gewesen, obgleich er nicht vorhatte, selber teilzunehmen und sich gebrochene Knochen dabei einzuhandeln.

»Nichts im Kopf, dafür alles im Arsch«, hatte Pa immer über diese Burschen gesagt.

Dennoch boten diese Veranstaltungen eine hervorragende Gelegenheit, ein paar Pfund zu verdienen. Ebenso wie inoffizielle Pferderennen, Wettläufe, Jahrmärkte und ähnliches. Mal hatte niemanden mehr über sich, er war nun sein eigener Boß. Ein Außenseiter aus Überzeugung, dessen Aussehen ihm viele Türen öffnete, dessen unschuldiges Gesicht in Frauen den Mutterinstinkt weckte und Männer dazu verleitete, ihn zu unterschätzen. Dabei war er auf seinem ureigensten Gebiet kaum zu schlagen. Er konnte blitzschnell rennen und hatte immer gute Pferde, doch wenn er zu einem improvisierten Rennen ging, tauchte er stets mit einer Schindmähre auf und tauschte sie später gegen ein anderes Tier aus. Oder er schmierte Schwanz und Mähne seines Pferdes mit Öl ein, damit es ungepflegt aussah, wobei ein paar graue Strähnen und ein leichtes, sorgfältig eingeübtes Hinken ihr übriges taten. Mal kannte, vor allem beim Kartenspiel, so viele Tricks, die ihn sein Pa in einsamen Nächten gelehrt hatte, daß er die Herausforderung noch mehr genoß als den Profit.

Nein, der überfüllte Park hatte ihn nicht die Bohne interessiert; er war beinahe schon vorbeigeritten, als er den Kerl entdeckte, der hoch zu Roß das Geschehen beobachtete. Und er hatte ihn erkannt.

Du lieber Himmel, James McPherson! Wie er leibte und lebte!

Mal kannte McPherson nicht persönlich, hatte aber viel von ihm gehört und ihn oft genug von weitem gesehen, um ihn augenblicklich zu erkennen. Nun saß er dort in Lebensgröße, mit rotem Haar und struppigem Bart, und besah sich den Aufruhr im Park.

James McPherson war ein Buschräuber, den man in den südlich gelegenen Staaten wegen diverser Verbrechen suchte, vom Pferdediebstahl über bewaffneten Raubüberfall bis hin zum Erschießen eines Marines am Houghton River. Mal war sich nicht sicher, ob alle Geschichten stimmten, die über ihn erzählt wurden, aber daß dieser Bursche ein waschechter Outlaw war, das stand fest. Und er war noch immer auf freiem Fuß.

»Was auch passiert, komm ihm bloß nicht in die Quere«, hieß es überall.

Und dann machte McPherson tatsächlich einen auf ritterlich, stürzte sich in die tobende Menge, um diesem törichten Redenschwinger in seinen schicken Klamotten zu Hilfe zu kommen. Diesen Spaß würde Mal sich nicht entgehen lassen. Lachend ließ er sein Pferd durch den Park galoppieren und knallte dabei drohend mit der Viehpeitsche.

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Mal verdrängte die englische Dame aus seinen Gedanken; er mußte nun erst einmal nach seinem Pferd suchen. Das dürfte allerdings nicht allzu schwierig sein. Entweder hatte es noch dieser Schwätzer, wohl irgendein Politiker, den er schnell ausfindig machen könnte und der ihm sein Tier dankbar und mit einem netten Trinkgeld zurückgeben würde; oder McPherson hatte es mitgenommen. Mal vermutete letzteres. Er lief los.

Es wäre reichlich unklug, sich in einem Pub nach einem Mann zu erkundigen, auf den McPhersons Beschreibung paßte. Möglicherweise würde er auf Freunde von ihm treffen, die ihn leicht für einen Spitzel halten konnten. Also sah er sich selbst in den Pubs der Gegend um und überprüfte die Pferde, die vor und hinter den Kneipen an Stangen festgebunden waren. Hinter dem Royal Mail Hotel entdeckte er schließlich sein Tier. Natürlich hätte er es einfach mitnehmen können, doch wo blieb da der Spaß? Außerdem wollte er seinen Helden um jeden Preis kennenlernen. Davon würde er noch seinen Enkelkindern erzählen können: »Ich habe ihn noch persönlich gekannt, den wilden Schotten …«

Er rollte die lange Peitsche sorgfältig auf und hängte sie sich über die Schulter, den geflochtenen Ledergriff nach vorn, so daß sie eine griffbereite Waffe für den Notfall abgab. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, bevor er die Kneipe durch die Hintertür betrat.

Niemand bemerkte den Burschen vom Land, der gelassen durch die Grüppchen samstäglicher Trinker schlenderte und in der plötzlichen Dunkelheit des Schankraums blinzeln mußte. Nicht einmal McPherson, der mit einem glatzköpfigen Kumpel hinten in der Ecke stand, nahm Mal zur Kenntnis. Mal schob sich bis zur Theke vor, bestellte eine Limonade und ging dann geradewegs auf McPherson zu. »Wie geht’s denn so?«

Der Schotte starrte ihn unter schweren Lidern an. »Wer bist denn du?«

Mal grinste. Gut, dachte er, sehr gut. Tu nur, als würdest du mich nicht wiedererkennen. Damit wirst du nicht weit kommen.

»Ned Turner ist mein Name. Und ich wollte Ihnen danken, daß Sie sich um mein Pferd gekümmert haben.«

»Welches Pferd?« knurrte McPherson.

»Das kastanienbraune da draußen, das mit meinem Zaumzeug.«

»Das?« Der Schotte wandte sich an seinen Kumpel. »Perry, wenn ein Mann sein Pferd an einem öffentlichen Ort zurückläßt, würde ich meinen, er braucht es nicht mehr, oder?«

»Würd’ ich auch meinen«, erwiderte der andere. »Hat es praktisch verschenkt.«

»Sag ich doch. Wer’s findet, darf’s auch behalten.«

Mal lachte, als glaube er, die beiden älteren Männer wollten ihn bloß auf den Arm nehmen. »Aber nicht, wenn es sich dabei um mein Pferd handelt. Wer war dieser Schwätzer überhaupt?«

McPherson wirkte leicht verdutzt angesichts der liebenswürdigen Art des Jungen.

»Irgendein verdammter Politiker«, erklärte er.

»Du hast ihm das Leben gerettet. Ich hoffe, er vertrat die richtige Seite.«

»Wann vertreten diese Mistkerle schon mal die richtige Seite?«

Mal starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Was Sie nicht sagen! Dann hätten Sie ihn wohl lieber wieder dorthin zurückbringen sollen, Sir. Darf ich Ihnen etwas bestellen? Das ist wohl das mindeste, was ich für Sie tun kann.«

Der Schotte zwinkerte seinem Kumpel zu und warf dann einen Blick auf ihre leeren Biergläser. »Klar, wir nehmen zwei Whisky. Doppelte.«

»Recht so.« Brav trabte Mal zur Theke und kehrte mit den gewünschten Drinks zurück. In der Zwischenzeit schien in McPherson ein Sinneswandel vorgegangen zu sein.

»Ned, hör mir mal zu. Wenn du ein Pferd brauchst, kannst du gern meins haben.«

»Nett von Ihnen, Sir. Ich bin sicher, Sie haben da ein prächtiges Tier, aber mein Pferd und ich haben uns aneinander gewöhnt. Sie wissen doch, wie das ist. Ich habe Kumpel einfach gern.« Ein schlimmerer Name fiel Mal für sein Pferd, das in Wirklichkeit Striker hieß, im Moment nicht ein, und es verfehlte seine Wirkung nicht: McPherson schüttete sich aus vor Lachen.

»Allmächtiger Gott! Was soll das denn für ein Name sein? Ist doch ein Vollblut. Du hast überhaupt keinen Respekt vor dem Tier. Kumpel! So was hab ich ja noch nie gehört.«

»Wir waren schon immer gute Freunde. Er neigt zum Lahmen, aber ich hätte ihn doch gern zurück.«

Der Schotte wandte sich nachdenklich seinem Whisky zu. Mal vermutete, daß er die Sache mit dem Lahmen nicht so ganz geschluckt hatte, aber sicher war er sich nicht.

Schließlich zündete sich McPherson eine Pfeife an, sog daran und starrte zu Mal hinüber.

»Willst du wissen, was ich glaube? Ich glaube, du mit deinen himmelblauen Augen hast es faustdick hinter den Ohren. Mich kannst du keine Sekunde lang täuschen. Weißt du, wer ich bin?«

»Nein, Sir, weiß ich nicht.«

»Heiliger Jesus, das ist doch nicht zu fassen.« Er ahmt Mals Stimme nach. »Nein, Sir, weiß ich nicht. Kommen wir zur Sache. Du kannst dein Pferd haben, aber ich nehme die Uhr.«

»Welche Uhr?«

»Die Uhr, die du Lilley geklaut hast. Für dich übrigens Mr. Lilley. Zusammen mit der Goldkette, die seinem lieben verbliebenen Vater gehört hat.«

»Von einer Uhr weiß ich nichts. Ich wollte einfach nur helfen.«

»Von wegen. Du hast das Glitzern der Uhr von weitem gesehen, genau wie ich. Gib sie her, sonst verlierst du dein Pferd.«

»Das Pferd gehört mir.«

McPherson seufzte. »Wir könnten dich auf den Kopf stellen und sie einfach aus dir herausschütteln …«

Zögernd schob Mal ihm die Uhr hinüber. Der Schotte steckte sie rasch in die Tasche. »Braver Junge. Nimm’s mir nicht übel. Ein Drink gefällig?«

»Nein, danke.«

»He, was ist denn plötzlich aus dem Sir geworden?« fragte McPherson grinsend. »Wo wohnst du, Ned?«

»Hier in Brisbane.«

»Hast du Arbeit?«

»Ich arbeite hauptsächlich auf Farmen, wenn es dort was für mich zu tun gibt.« Noch mehr Lügen. »Ich überlege, ob ich nicht in den Norden gehen soll.«

»Genau wie wir.« McPherson sah seinen Kumpan an, der zustimmend nickte. »Du könntest mit uns reiten, falls du Lust hast.«

Mal schwoll der Kamm vor lauter Stolz. Das wollte schon etwas heißen, von dem berühmt-berüchtigten James McPherson akzeptiert zu werden. Und dann auch noch mit ihm zusammen reiten zu dürfen! Andererseits war dieser Plan natürlich vollkommener Wahnsinn.

Mal wußte sehr wohl, daß Outlaws ohne Vorwarnung erschossen werden durften, obgleich er sich nicht sicher war, ob man dieses Gesetz auch in Queensland bereits eingeführt hatte. Sein Leben war ihm lieb und teuer, und er hatte keineswegs vor, es bei einem Schußwechsel im Busch zu lassen.

Er schüttelte den Kopf »Geht nicht, leider. Ich hab hier ein Mädchen. Ich hoffe, sie kommt mit.« Er dachte an das englische Mädchen und grinste. »Sie will unbedingt einen anständigen Mann aus mir machen.«

Sie lachten miteinander wie zwei Verschworene.

»Das wird ein schweres Stück Arbeit«, bemerkte McPherson, für den die Sache damit erledigt war. »Wir sehen uns, Söhnchen.«

»Hoffentlich«, gab Mal lächelnd zurück. Von wegen; genug war genug. Um die Uhr tat es ihm leid, aber es gab noch andere Uhren auf dieser Welt, und wer konnte schon von sich behaupten, den wilden Schotten nicht nur zu kennen, sondern sogar mit ihm befreundet zu sein? Sein Pferd hatte er auch wieder. Alles in allem also kein schlechtes Geschäft.

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Aufgrund der bitteren Erfahrungen, die sie in London gemacht hatten, kannten die Tissington-Schwestern auch andere Wege, Arbeit zu finden, falls Mr. Penn sie im Stich lassen sollte. Während Emilie spazierenging, durchforstete Ruth die Stellenangebote in der Zeitung; doch dort suchte man nur Dienstboten oder Fabrikarbeiterinnen. Sie stieß auf das Gesuch einer Gouvernante mit hervorragenden Referenzen, die eine Stellung bei einer Familie mit Logis zu finden hoffte. Gehalt nach Vereinbarung.

Ruth nickte. Da hatten sie mehr zu bieten. Falls sie gezwungen wäre, die Kosten für eine Anzeige aufzubringen, würde sie sich selbst als englische Gouvernante bezeichnen, und zwar im Singular, um potentielle Arbeitgeber nicht zu verwirren. Sicherlich würde der Hinweis auf ihre Herkunft eine gehobene und vermutlich auch wohlhabendere Klasse von Arbeitgebern ansprechen.

Dann gab es da noch die Kirche; auch dort würde man ihnen vielleicht helfen können. In London hatten sie auf Vermittlung des Geistlichen einer anglikanischen Kirche in der Edgware Road eine Stellung gefunden, die ihnen über die schlimmste Zeit hinweggeholfen hatte, und so etwas war bestimmt auch hier möglich. Wenigstens hatten sie diesmal die erforderlichen erstklassigen Referenzen der Gesellschaft vorzuweisen.

Leider handelte es sich bei der prachtvollen Kathedrale, an der sie vorbeigekommen waren, um eine katholische Kirche. Daher besuchten die beiden Mädchen am Sonntagmorgen die Messe in der anglikanischen St. John’s Church. Ohnehin versäumten sie den sonntäglichen Gottesdienst nur ungern. Sie achteten darauf, Plätze in der Nähe der Kanzel zu bekommen, wo man sie als Neuankömmlinge mit Sicherheit nicht übersehen würde. Sie empfingen die Kommunion und versuchten sich aufs Gebet zu konzentrieren, statt immer nur an ihren Lebensunterhalt zu denken.

Nach dem Gottesdienst verweilten sie noch in der Kirche und gingen erst mit den letzten Besuchern hinaus. Dort stand bereits der weißhaarige, fröhlich wirkende Geistliche und plauderte mit seinen Gemeindemitgliedern.

Als sie ins Sonnenlicht hinaustraten, begrüßte er auch sie.

»Meine Damen, ich sehe, Sie sind neu hier. Wilkommen in St. John’s.«

Er stellte sich als Reverend Forrester vor und zeigte großes Interesse an seinen neuen Schäfchen.

Nach einem anfänglichen Gespräch über ihre Herkunft, ihre nächsten Pläne und die lange Reise, die sie hinter sich gebracht hatten, die jedoch sehr angenehm verlaufen war, wie sie eilig versicherten, gelang es Ruth einzuflechten, daß sie Gouvernanten seien.

»Gouvernanten, und gleich beide. Na, ich muß schon sagen! Ich bin sicher, daß Sie einen bemerkenswerten Beitrag zur Erziehung unserer Jüngsten leisten werden. Wir sind glücklich, daß Ihr Weg Sie nach Brisbane geführt hat.«

Plötzlich war Ruth gehemmt. Ihr erschien es nicht richtig, ihn mit ihren persönlichen Sorgen zu belästigen, während auch andere Leute darauf warteten, mit ihm reden zu können; doch Emilie wollte keine Zeit vergeuden.

»Das hoffe ich, Reverend. Ich hoffe sehr, wir können in dieser Gemeinde unseren Beitrag leisten. Leider hat man uns im Stich gelassen. Man machte uns glauben, daß wir hier feste Anstellungen zu erwarten hätten. Bei unserer Ankunft mußten wir aber erfahren, daß dem nicht so ist.«

»Aber es ist ja auch noch nicht aller Tage Abend«, fügte Ruth in Gedanken an Mr. Penn hinzu.

»Natürlich. Ich bin sicher, daß Sie ohne Schwierigkeiten eine angemessene Stellung finden werden.«

»Ja.« Ruth nickte höflich.

»Falls Sie zufällig etwas horen sollten, das für uns von Interesse sein könnte, wäre es sehr freundhch, wenn Sie uns benachrichtigen würden. Wir wohnen zur Zeit im Belleview Boarding House«, warf Emilie ein.

»Ausgezeichnet, das werde ich auf Jeden Fall tun«, antwortete er ein wenig geistesabwesend, da es ihn bereits zur nächsten Gruppe zog. »Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, meine Damen.«

»Hat wohl nicht viel bewirkt«, brummte Emilie, als sie durch die sonntäglich verlassene Ann Street gingen.

»Das kann man nie wissen.«

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»Wer war das?« erkundigte sich Mrs. Walter Bateman beim Reverend, der nun, da er seiner Pflicht Genüge getan hatte, sein Gespräch mit ihrem Ehemann über den Baufonds wiederaufnehmen wollte.

»Englische Damen mit Namen Tissington. Sie sind erst am Donnerstag hier eingetroffen. Auf der City of Liverpool.«

»Tatsächlich? Mehrere meiner Freunde sind auf diesem Schiff gewesen, und ich habe am Samstagabend eine große Willkommensparty für sie gegeben. Sie brachten dazu einige ihrer Mitpassagiere mit, doch dieser Name ist nicht gefallen. Wen besuchen die beiden denn hier?«

»Es sind Gouvernanten, überaus charmante Damen.«

Annie Bateman war erstaunt. »Du lieber Himmel, sie sehen gar nicht wie Dienstboten aus.«

Ihr Ehemann seufzte. »Gouvernanten kann man wohl kaum als Dienstboten bezeichnen, meine Liebe. Vor allem nicht diese hier. Sie unterrichten im großen Stil.«

»Trotzdem hätte ich das nie vermutet. Sicherlich werden sie auch gut bezahlt. Für wen arbeiten sie, Reverend?«

»Ich glaube, sie haben bisher noch keine Stellen angetreten. Sie sind bestimmt sehr anspruchsvoll. Nun, Mr. Bateman, wir sollten wirklich so bald wie möglich eine Sitzung des Komitees einberufen …«

»In der Tat, Reverend, aber der Bau einer Kathedrale stellt in mehr als einer Hinsicht eine gewaltige Aufgabe dar. Ich habe ihn bisher hinausgeschoben, weil wir den Gouverneur und den Premierminister des Staates als Schirmherren gewinnen müssen. Wenn die beiden erst unterschrieben haben können wir den Fonds bei einem Anwalt registrieren lassen und unser? Komitee in eine offizielle Körperschaft umwandeln. Zur Zeit mischen zu viele hilfsbereite Hände mit, die eigene Sammlungen veranstalten Die ganze Sache muß besser durchorganisiert sein.«

»Walter, du könntest doch den Vorsitz dieses Komitees übernehmen«, schlug seine Frau vor.

Bateman grunzte nur. »Das bleibt abzuwarten.«

»Ich sehe, unser großes Vorhaben befindet sich bei Ihnen in den besten Händen«, bemerkte der Reverend erfreut.

Während sich die beiden Männer über Architekten und die Notwendigkeit einer weltweiten Ausschreibung unterhielten, gingen Annies Gedanken zu den beiden Gouvernanten zurück. Sie fragte sich, wer sich solche hervorragenden Damen in seinem Haushalt überhaupt leisten konnte. Vermutlich schoß man, gesellschaftlich gesehen, den Vogel ab, wenn man sich der Dienste einer englischen Gouvernante rühmen konnte. In der Stadt gab es genügend Schulen, also würden die beiden Frauen sich wohl bei den reichen Landbewohnern nach Wirkungsstätten umsehen. Fragte sich nur, bei wem.

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Dank Mr. Penns Bemühungen, der losen Zunge von Annie Bateman und den behutsamen Erkundigungen des Reverend sprach eine Woche später die ganze Stadt von den englischen Gouvernanten. Sie selbst hatten davon allerdings nicht die leiseste Ahnung. Sie teilten Mr. Penn mit, daß sie angesichts ihrer schwindenden Mittel nun auch bereit wären, Anstellungen auf dem Land anzunehmen, einfach überall.

Er wirkte überrascht. »Deshalb haben meine Ermittlungen ja auch so viel Zeit in Anspruch genommen. Ich mußte erst einmal die Kunde von Ihnen verbreiten, meine Damen, und die Reaktionen abwarten. In der Stadt gibt es keine Stellen für Gouvernanten. Ich dachte, das wäre Ihnen bekannt.«

Ruth blieb nichts anderes übrig, als das Zimmer für eine weitere Woche zu mieten. Bei dieser Gelegenheit baten sie die Pensionswirtin um die Erlaubnis, ihre Adresse in einer Zeitungsannonce, die sie im Courier aufgeben wollten, nennen zu dürfen.

Mrs. Medlow war beeindruckt. »Mag sein, daß sie hochnäsig und alt sind wie ein Fisch«, berichtete sie Mrs. Kemp, »aber sie haben Manieren, so wahr mir Gott helfe. Nnemand sonst würde sich die Mühe machen, mir etwas von der Anzeige zu sagen, von der Bitte um die Erlaubnis, das Belleview darin zu erwähnen, ganz zu schweigen.«

»Was wollen sie mit dleser Anzeige denn erreichen?«

»Eine Arbeit finden. Ich war wie vom Donner gerührt. Sie suchen Stellen als Gouvernanten, und ich hatte gedacht, es seien feine Damen der Gesellschaft. Ich kann es gar nicht erwarten, die Anzeige zu sehen.«

Am Freitagmorgen hatte beinahe jeder in der Pension die Anzeige gelesen. Als die Damen zum Frühstück herunterkamen, ging ein hörbares Raunen durch den Raum, doch sie wahrten wie immer die Contenance. Obwohl sie wußten, daß Mrs. Medlow den Courier bezog, fragten sie nicht nach der Zeitung.

»So was von eisiger Ruhe«, bemerkte Mrs. Medlow enttäuscht.

Doch sie behielt künftig die Post im Auge, unterstützt von den anderen Gästen und der Köchin, die ihr dabei allesamt über die Schulter blickten.

Auch Annie Bateman las die Anzeige. Sie selbst hatte keine Kinder, doch sie schrieb ihrer Schwester in Lindsay Downs bei Nanango und hielt sie über den Klatsch in der Stadt auf dem laufenden. Dabei erwähnte sie auch die beiden erstklassigen Gouvernanten. Aus reiner Neugier holte sie einige Informationen ein und entdeckte, daß die beiden Engländerinnen neben den normalen Schulfächern auch Unterricht in Musik, Sprachen, Redekunst und anderen gesellschaftlichen Fertigkeiten anboten. Sie leitete das Ergebnis ihrer Erkundigungen an ihre Schwester Leonie weiter, die zwei Töchter hatte, fügte jedoch hinzu, daß englische Gouvernanten mindestens hundert Pfund im Jahr plus Kost und Logis verlangten, eine Summe, die Leonie wohl leider nicht aufbringen könnte.

Mehr als hundert Meilen entfernt las Leonie Stanfield den Brief und lächelte traurig. Der Gouvernante ihrer Töchter, die zehn und zwölf Jahre alt waren, hatten sie bereits gekündigt. Sie war eine Cousine ihres Ehemannes und bei weitem nicht die fünfzig Pfund wert, die sie ihr gezahlt hatten. Als Lehrerin war sie völlig unqualifiziert. Leonie hatte nur allzu bald begriffen, daß sie die Kinder ebensogut selbst unterrichten konnte. Annie hatte recht, es wäre wunderbar, eine richtige Gouvernante für die beiden zu haben, wenn auch aus anderen Gründen als aus gesellschaftlicher Angeberei.

Lindsay Downs war eine angesehene Viehfarm, zwar nicht die größte im Bezirk, aber immerhin über zwanzig Quadratmeilen groß. Das Wohnhaus, bei dem es sich eher um ein überdimensioniertes Cottage mit Schindeldach handelte, war bequem, aber nicht luxuriös, worauf Leonie im übrigen auch keinen Wert legte. Sie lebte zufrieden im Kreise ihrer Familie. Ihr Mann Jack hielt die Farm trotz einer anhaltenden Dürreperiode und der fallenden Rindfleischpreise über Wasser. Er war ein unverbesserlicher Optimist, der mit jedwedem Rückschlag fertig wurde und die Kapriolen der Natur als gottgegeben hinnahm.

»Es kommt, wie es kommt«, pflegte er mit einem geduldigen Lächeln zu sagen. »Wir können die schlechten Jahre durchstehen, wenn wir in den guten Vorräte anlegen, wie die Eichhörnchen.«

Er war ein fähiger Verwalter und guter Ehemann, und Leonie liebte ihn von Herzen. Sie wußte, daß Jack die exorbitante Summe von hundert Pfund im Jahr für eine Gouvernante nicht erübrigen konnte. Niemand, nicht einmal der Aufseher der Farm, verdiente so viel. Doch in ihrem Herzen bedauerte sie es zutiefst. In stillen Momenten überfiel sie eine unklare Sehnsucht nach mehr Wissen über die Dinge…Sie wäre gern kultivierter gewesen, wobei sie schon bei dem bloßen Wort aus Angst davor, Unverständnis zu ernten, zusammenzuckte. Dabei traf es genau den Punkt. Sie war eines Abends zwischen Dämmerung und Sonnenuntergang auf dieses Wort gekommen, als der Himmel in Rot und Gold getaucht und so schön war, daß sie die Szenerie am liebsten gemalt hätte, um sie für immer festzuhalten.

Im Haus gab es einige Bücher, deren Herkunft niemand kannte: Gedichte von Wordsworth, ihrem Lieblingsdichter, Bibeln, die Lebensbeschreibungen großer Generäle, eine Geschichte Englands, eine Shakespeare-Anthologie, Jacks Bücher über Ackerbau und Viehzucht und ein paar Liebesromane, die die derzeitige GouVernante als leichte Lektüre für die Mädchen beigesteuert hatte.

Leonie hätte gern mehr Bücher besessen: gute Romane, Bücher über Kunst und andere schöne Dinge. Doch sie wußte nicht, was sie bestellen sollte, und auch ihre Bekannten konnten ihr dabei nicht weiterhelfen. Es ging auch nicht nur um die Bücher; da waren noch andere Dinge, die sich nicht in Worte kleiden ließen und nach denen sie sich als Landfrau, die in einer kleinen Schule im Busch nur das Nötigste gelernt hatte, sehnte. Dinge, die sie erfahren wollte, die ihre Mädchen lernen sollten, die eine englische Gouvernante wahrscheinlich mit der Muttermilch eingesogen hatte: Kultur. Sie wagte es nicht, Jack gegenüber diesen Begriff zu gebrauchen, weil sie Angst hatte, er könnte sie auslachen. Er würde denken, sie eifere Annie nach, deren Affektiertheiten ihn gleichermaßen amüsierten wie reizten.

In ihrer Antwort auf Annies Brief erwähnte sie, daß ihre Gouvernante sie in Kürze verlassen würde. Sie unterschlug die Tatsache, daß sie das Mädchen entlassen hatte, weil sie ihr in Brisbane keine Schwierigkeiten bereiten wollte. Annie hatte nämlich die Angewohnheit, zuviel zu reden. Und sie ließ die Bemerkung fallen, eine englische Gouvernante sei zwar genau das Richtige für Jane und jessie, doch wer könne sich so etwas schon leisten?

In ihren Tagträumen sah Leonie jedoch ihre Töchter in weißen Musselinkleidern gemeinsam mit ihrer Gouvernante unter der Wisterie sitzen, während sie ihnen Kunstunterricht erteilte. Farben, Pinsel und Paletten vervollständigten das idyllische Bild. Manchmal sah sie sie auch am Klavier sitzen und ihren Gästen etwas vorspielen, während die strahlenden Augen der Gouvernante auf ihren Schützlingen ruhten. In Wirklichkeit konnte bisher nur Jack auf dem Klavier spielen, und auch das nur nach Gehör. Sie seufzte. Wie schön wäre es, wenn ihre Töchter zu eleganten, kultivierten Damen heranwüchsen, deren Leben sich nicht nur auf das typische Farmgerede von Wetter, Vieh und Kindern beschränkte.

Dann traf ein weiterer, aufgeregter Brief von Annie ein, der sich nur um ein einziges Thema drehte: —

Leonie, ich babe Dir doch von den Damen Tissington geschrieben, den Gouvernanten. Sie haben noch immer keine Stelle gefunden und geben Anzeigen in der Zeitung auf. Es heißt, sie hätten bisher keine Angebote erhalten. Ich halte die Augen offen. Falls sie noch einmal inserieren müssen, könntest Du vielleicht Glück haben. Ich meine, Du würden vielleicht eine von ihnen billiger bekommen. Ich weiß, daß Du der Cousine fünfzig Pfund bezahlt hast. Wenn Du nun aber eine der Engländerinnen zum selben Preis haben könntest? Ich finde ihn ohnehin angemessener. Schick mir ein Telegramm, wenn ich nähere Erkundigungen einziehen soll

Leonie war davon mehr als angetan. Bei fünfzig Pfund könnte auch Jack nicht nein sagen. Sie schickte das Telegramm ab, ohne sich jedoch allzu großen Hoffnungen hinzugeben. Nach einem neuerlichen Inserat würden die Damen vielleicht doch mit Angeboten überschüttet werden. Erst dann berichtete sie Jack, was Annie diesmal ausgeheckt hatte.

»Annie und du, wolltest du wohl sagen«, korrigierte er sie. »Aber wenn sie eine von ihnen überreden kann, für dieses Gehalt hier draußen zu arbeiten, habe ich keine Einwände. Was sagen die Mädchen denn dazu?«

»Ich habe es ihnen noch nicht erzählt, um sie nicht enttäuschen zu müssen, wenn es dann doch nicht klappt.«

___________

Die Pensionswirtin brachte ihnen die Antworten auf ihr Inserat Tag für Tag höchstpersönlich an die Tür, zusammen mit der obligatorischen Frage, ob sie schon Glück gehabt hätten. Ruth hatte in dieser peinlichen Situation stets dieselbe Antwort parat.

»Danke der Nachfrage, Mrs. Medlow, aber wir haben uns noch nicht entschieden.«

Jeden Tag erhielten sie mindestens drei bis vier Briefe, die sie eifrig öffneten und nach deren Lektüre sie jedesmal enttäuscht waren. Die Mädchen hatten ihre Bedingungen deutlich formuliert, doch das schienen manche Leute nicht zu verstehen. Sie offerierten ihnen Stellungen als Kindermädchen, ja sogar als Köchinnen. Eine Frau schrieb, sie sei Witwe, lebe in einem hübschen Haus und suche eine Gesellschafterin, der sie jedoch leider nichts bezahlen könne. Daneben trafen zwei Heiratsanträge eines Wildfremden ein, bei denen sie trotz der ernsten Lage, in der sie sich befanden, in lautes Gelächter ausbrachen. Jemand anders erhoffte sich Nachricht von seiner Schwester, die nach London gegangen war, und zwei Lehrerinnen baten sie um Hilfe bei der eigenen Stellensuche. Diese Bitten waren besonders deprimierend.

Als sie am Ende der Woche erneut inserierten, wurde die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation offensichtlich. Mrs. Medlow fragte umgehend: »Noch immer kein Glück gehabt?«

Ruth gab zu, daß sie noch keine passenden Stellungen gefunden hatten, und erkundigte sich nach einem billigeren Zimmer.

»Ein billigeres Zimmer? Unsere Räume werden alle zum gleichen Preis vermietet, von einem Hinterzimmer neben der Küche einmal abgesehen. Darin stehen zwei Einzelbetten, ansonsten ist es kaum möbliert. Ich vermiete es gewöhnlich an Handlungsreisende, Sie wissen ja, wie die sind. Haben sowieso kaum Zeit zum Schlafen. Aber Ihre Koffer würden da keinesfalls hineinpassen.«

»Oh« Ruth war geneigt, das Zimmer zu nehmen, doch sie wußte, Emilie wäre niemals damit einverstanden. »Nun ja, dann bleiben wir eben, wo wir sind.«

»Es tut mir leid«, sagte Mrs. Medlow, jetzt mit aufrichtigem Mitgefühl in der Stimme. Ruth war gerührt und brach in Tränen aus, sobald sie die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte.

Aus Gewohnheit sprachen sie noch immer in Penns Büro vor, und an diesem Morgen hatte er tatsächlich gute Neuigkeiten für sie.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, ich würde eine Stellung für Sie finden?« rief er ihnen entgegen. »Ich habe nicht zuviel versprochen. Und nicht nur eine, sondern gleich zwei Stellen. In derselben Stadt. Treten Sie bitte näher, meine Damen.«

Sie nahmen auf dem abgewetzten Sofa in seinem Warteraum Platz, sahen einander an und brachten kaum ein Wort über die Lippen. Sie hörten, wie rasch und unpersönlich er in seinem Büro die unglücklichen Frauen abfertigte, die ihn je nach Lage auslachten, anschrien oder weinten.

Emilie hob die Augenbrauen und flüsterte sarkastisch: »Wo gehobelt wird, da fallen Späne.«

Penn kehrte mit einem abgenutzten Hauptbuch zu ihnen zurück. »Mal sehen. Maryborough, das war die Stadt. Liegt nördlich von Brisbane, es dürften nur einige hundert Meilen sein. Ein bedeutender Wollhafen, von dem manche behaupten, er würde einmal größer werden als Brisbane. Sie hätten Ihr Geld gar nicht für diese Anzeigen zu verschwenden brauchen, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten. Ich habe selbst im Maryborough Chronicle inseriert. Die entstandenen Kosten von drei Shilling müßten Sie übernehmen. Ist das in Ordnung?«

Sie nickten.

»Ist ohnehin billiger als der Courier. Also, wie gesagt, zwei Positionen, echte Schätzchen. Die erste wäre bei Mrs. Manningtree. Sie hat drei Kinder im Alter von sieben, acht und zehn, das älteste ist ein Junge. Dort oben gibt es keine vernünftigen Schulen, daher sucht sie verzweifelt nach einer Gouvernante.«

»Wunderbar«, hauchte Ruth.

»Gut. Ich habe in der Anzeige auch Ihre Gehaltsvorstellung erwähnt …«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein!« keuchte Ruth entsetzt.

»Wir wollen doch keine Zeit verschwenden, weder die ihre noch die unsrige. Besser, man legt von vornherein alles offen auf den Tisch. Sie will allerdings nicht hundert, sondern nur achtzig Pfund zahlen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja. Diese Stelle wird Emilie antreten.«

»Nein, nimm du sie, Ruth.«

»Auf gar keinen Fall. Ich habe mir geschworen, daß du die erste bekommst, komme, was da wolle.«

»Gut«, erwiderte Penn. »Damit hätten wir Miss Emilie untergebracht. Die andere Stelle wird von einer Mrs. Mooney angeboten, ebenfalls mit Unterkunft. Sie bezahlt siebzig Pfund, hat aber nur ein Kind. Ihre Tochter ist dreizehn. Angeblich hat sie selbst keine Zeit, sich um das Mädchen zu kümmern …«

»Sagten Sie Mooney?« hakte Ruth nach. »Ist das nicht ein irischer Name?«

»Ja. In diesem Fall seltsam, daß sie nur ein Kind hat, aber sie wird schon ihre Gründe dafür haben …«

»Mr. Penn«, mischte sich Emilie ein, »Ruth will Ihnen damit sagen, daß wir nicht vorhatten, für Papisten zu arbeiten.«

Er zwinkerte. »Wieso nicht? Ich kann mir kaum vorstellen, daß man Sie dort bekehren will.« Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab. »Dieser Mrs. Mooney gehört das Hotel Prince of Wales. Ich habe davon gehört. Es soll eines der besten Häuser in der Stadt sein, mit Speisesaal und allem Drum und Dran.«

»Und wo leben sie?« wollte Ruth wissen.

»Im Hotel natürlich. Sie hätten dort ein eigenes Zimmer. Klingt nach einem angenehmen Leben.«

Ruth schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mir sehr leid, aber ich würde niemals in irgendeinem Hotel wohnen. Noch dazu bei diesen Leuten. Sie müssen sich wohl nach etwas anderem für mich umsehen.«

Penn beugte sich verärgert vor. »Meine Damen, mir scheint, Sie können es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Ich habe zwei Stellen für Sie gefunden, wie zugesagt. Sie können sie entweder nehmen oder sich selbst etwas suchen.«

»Können Sie uns einen Tag Bedenkzeit geben, Mr. Penn?« fragte Emilie.

»Bis morgen also. Oder ich setze Mrs. Mooneys Angebot selbst in die Zeitung. Sie müssen verstehen, das ist mein Beruf. Ich kann eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen.«

Bei den Tissingtons zu Hause wurde gelegentlich Wein zum Essen gereicht, und William hatte sein allabendliches Glas Portwein mit der Pfeife dazu stets genossen. Auf dem Schiff hatten die Mädchen ebenfalls ein Glas Wein pro Tag getrunken, eine der wenigen Freuden, die sie sich gönnten. Der Wein, den sie dem ersten Maat zollfrei abgekauft hatten, war gar nicht schlecht gewesen. Und sie freuten sich um so mehr, als er ihnen erklärte, daß Ärzte sogar zum Weingenuß auf langen Seereisen rieten, da man so den Mangel an frischem Gemüse ausgleichen könne.

»In den Kolonien besitzen heutzutage viele Ärzte eigene Weingüter und verdienen ganz gut damit«, hatte er berichtet. »Anfangs bauten sie den Wein einzig und allein zu dem Zweck an, Schiffe auf ihrer Rückreise damit zu versorgen.«

Während sie also nichts gegen ein Glas Alkohol am rechten Ort einzuwenden hatten, konnten sie sich unter gar keinen Umständen vorstellen, in einem Hotel zu leben. Abgesehen von dem persönlichen Abscheu, der sie allein schon bei der Vorstellung befiel, fürchteten sie auch um ihren guten Ruf. Auf dem Weg zurück sprachen sie darüber, doch als sie die Pension erreichten, hatten sie noch immer keine Lösung für ihr Dilemma gefunden. Emilie war also nun in Maryborough untergebracht, doch was würde aus Ruth werden? Sollte sie allein zurückbleiben und weitersuchen, oder dieses schreckliche Angebot annehmen?

Emilie holte die Wäsche von der Leine. Unterdessen lauerte Mrs. Medlow Ruth auf dem Weg zu ihrem Zimmer auf.

»Miss Tissington, ich habe schon nach Ihnen Ausschau gehalten. Eine Dame möchte Sie sprechen, sie wartet im Salon. Kommen Sie mit, ich mache Sie miteinander bekannt Sie hat Arbeit für Sie.«

Ruth zuckte zusammen. Wenn diese Frau nur nicht das Wort »Arbeit« gebrauchen würde, es klang so unfein.

Sie erkannte in Mrs. Bateman die Frau wieder, der sie vor der St. John’s Church begegnet waren. Und auch diesmal trug sie ihren grellbunten Hut mit der Überfülle an gestreiften Bändern.

»Ich bin so froh, Sie kennenzulernen«, sagte Mrs. Bateman überschwenglich. »Und daß Sie noch frei sind, als Gouvernante, meine ich. Mrs. Medlow hat mir gesagt …«

Ruth war verärgert über die Dreistigkeit ihrer Wirtin, die ihre Unterhaltung ungerührt mit anhörte. Ruth warf ihr einen gestrengen Blick zu.

»Vielen Dank, Mrs. Medlow, das wäre dann alles.«

Die Wirtin rauschte gekränkt davon. Mrs. Bateman hob die Augenbrauen, offensichtlich beeindruckt vom autoritären Ton der Gouvernante.

»Mrs. Baternan, ich muß Ihnen sagen, daß man meiner Schwester und mir heute morgen zwei ausgezeichnete Positionen angeboten hat.«

»O nein, hoffentlich komme ich nicht zu spät.«

»Nicht unbedingt. Wir können uns bis morgen mit der Entscheidung Zeit lassen. Vielleicht unterbreiten Sie mir erst einmal Ihr Angebot. Setzen wir uns doch ans Fenster.«

»Vielen Dank, Miss Tissington.« Mrs. Bateman verstaute sich selbst und ihre voluminösen Röcke auf dem Stuhl, während Ruth kerzengerade vor ihr saß.

»Meine Schwester, Mrs. Stanfield, braucht eine Gouvernante. Sie lebt auf einer Vihfarm draußen im Westen. Nicht, daß es so furchtbar weit wäre, nur um die hundert Meilen. Sie hat ein hübsches Haus und zwei reizende Töchter. Außerdem besitzt sie ein Klavier und wünscht, daß die Mädchen das Klavierspiel erlernen. Geben Sie auch in diesem Fach Unterricht, Miss Tissington?«

Ruth nickte.

»Daran hatte ich auch nicht gezweifelt. Die nächste Stadt ist Nanango. Sie ist nicht groß, eher ein Städtchen als eine Stadt, aber ganz reizend. Und dort draußen ist es auch trockener als in Brisbane. Wir leben hier nämlich in einem Tal, deshalb regt sich an den heißen Tagen kaum ein Lüftchen. Ich selbst bewohne ein geräumiges, kühles Haus, aber diesen Standard kann man auf dem Land natürlich nicht erwarten. Jedenfalls nicht in einem durchschnittlichen Haushalt. Mein lieber Mann ist Zollinspektor in Brisbane und hat sein Büro im Zollamt, einem schönen Gebäude, das Ihnen vielleicht schon aufgefallen ist…«

Ruth ließ sie weiterschwätzen, da sie es unhöflich fand, sie unter diesen Umständen zu unterbrechen. Mrs. Bateman war ihr unsympathisch, da sie ziemlich gewöhnlich wirkte, doch andererseits wäre ja nicht sie die Arbeitgeberin. Die Stellenbeschreibung hörte sich verlockend an, und mit der Schwester dieser Frau konnte sie es eigentlich nur besser treffen.

»Möchten Sie sonst noch etwas wissen?« erkundigte sich Mrs. Bateman abschließend.

»Liegt Nanango in der Nähe von Maryborough?«

»Maryborough? Nun, das ist ein Hafen, während Nanango im Landesinneren ist. Die Entfernung dürfte beträchtlich sein.«

»Oh. Meine Schwester überlegt nämlich, ob sie dort eine Stelle annehmen soll, doch die zweite Stelle, die in Maryborough frei wäre, sagt mir nicht unbedingt zu. Mrs. Stanfields Angebot erscheint mir da vielversprechender.«

Mrs. Bateman war hingerissen. »Dann nehmen Sie also an?«

»Es gibt noch einiges zu bedenken. Welches Gehalt würde mir Mrs. Stanfield anbieten, falls sie sich für mich entscheidet? Ich habe erstklassige Referenzen, Mrs. Bateman. Sie können Sie gerne einsehen.«

»Nein, nein, das ist nicht notwendig. Ich bin eine ausgezeichnete Menschenkennerin, wenn ich das von mir selbst sagen darf. Und ich bin sicher, daß eine gebildete Dame wie Sie die nötige Kompetenz hat. Sie werden es nicht bereuen, wenn Sie die Stelle annehmen. Mr. Stanfield ist charmant, die Mädchen sind wohlerzogen, Sie hätten ein eigenes Zimmer. Meine Schwester wäre überglücklich, Sie bei sich zu haben. Sie wären eine einzige große, glückliche Familie.«

»Und das Gehalt?«

»Sie bietet fünfzig Pfund pro Jahr. Eine hübsche Summe, nicht wahr?«

»Oh, das liegt aber weit unter den üblichen Gehältern.«

»Andererseits hätten sie nur zwei Schülerinnen und dazu kostenlose Unterkunft und Verpflegung.«

»Das versteht sich von selbst.«

»Ich bin sicher, es würde Ihnen dort gefallen. Ich persönlich würde lieber in Nanango als in Maryborough leben.«

»Warum, wenn ich fragen darf?«

»Na ja, Maryborough ist eben ein Hafen. Ein Binnenhafen. Ziemlich rauhe Gegend, nicht gerade die Gesellschaft, die man in den weitaus gepflegteren Landstädten gewöhnlich vorfindet.«

Damit kam das Hotel endgültig nicht mehr in Frage. Emilies Arbeitgeber schienen wenigstens wohlhabende Leute zu sein, da sie ein großes Haus besaßen. Was sie selbst anbetraf, so bereitete ihr das geringe offerierte Gehalt von fünfzig Pfund einiges Kopfzerbrechen, denn immerhin mußten sie das Darlehen an die Auswanderungsgesellschaft zurückzahlen. Selbst bei kostenloser Unterkunft und Verpflegung würde ihr nicht viel zum Leben bleiben, zumal sie auch Ausgaben für Kleidung und andere persönliche Dinge hätte. Emilie würde ihr sicher von diesem Angebot abraten.

Ruth schaute Mrs. Bateman an. »Wäre Mrs. Stanfield möglicherweise mit siebzig Pfund einverstanden?«

»Nein, so viel kann sie nicht aufbringen. Es ist eine gute Familie, aber nicht reich. Gutsituiert wäre der richtige Ausdruck. Sie haben einige schlechte Ernten gehabt, Dürreperioden, das hat ihnen finanziell geschadet. Fünfzig Pfund sind die obere Grenze.«

Mrs. Batemans scharfe Augen sahen sie erwartungsvoll an, und Ruth traf ihre Entscheidung. Sie würde Emilie sagen, daß die Stanfields ihr siebzig Pfund bezahlten, damit sie sich keine Sorgen machte, und sie selbst würde sich soweit wie möglich einschränken, um genug für das Darlehen beiseite legen zu können.

»Ihre Beschreibung der Stelle und der Familie macht es mit nahezu unmöglich, dieses Angebot abzulehnen«, erklärte sie Mrs. Bateman.

»Es wäre mir eine Freude, die Stelle anzunehmen.«

»Für fünfzig Pfund?«

Ruth nickte. »Wann soll ich anfangen?«

»Sofort, Miss Tissington! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue.« Mrs. Bateman erhob sich rasch, als fürchte sie, daß die Gouvernante es sich noch anders überlegen könnte. »Ich werde meine Schwester benachrichtigen und die Abfahrtzeiten der Postkutsche in Erfahrung bringen. Mrs. Stanfield wird Sie mit offenen Armen empfangen.«

»Einen Moment noch, Mrs. Bateman. Könnten Sie mir sagen, wie meine Schwester am besten nach Maryborough gelangt? Wir haben gar nicht daran gedacht, uns zu erkundigen. Gibt es auch dorthin eine Kutschenverbindung?«

»Schon, aber die Reise dauert lange, da sie mehrfach umsteigen müßte. Sie sollte besser ein Schiff nehmen. Das ist viel bequemer.«

Nachdem die Frau gegangen war, machte sich Ruth auf die Suche nach Emilie, um ihr die Neuigkeit zu überbringen. Irgendwie konnte sie sich nicht richtig darüber freuen, da nun ihre Trennung unmittelbar bevorstand. Sie würden allein unter Fremden in einer ungewohnten Umgebung leben, und sie betete zu Gott, er möge über ihre jüngere Schwester wachen und sie gesund und glücklich erhalten.

2

Das schwüle Wetter brachte unweigerlich Nebel und strömenden Regen mit sich. Als Mal auf dem improvisierten Rummelplatz eintraf, waren die meisten Zelte schon abgebaut und die Besucher auf dem Heimweg. Doch an diesem Samstag, an dem er so viel erlebt hatte, konnte ihm nichts die Laune verderben. Er machte kehrt und ließ sein Pferd die Straße entlangtraben. Der Regen störte ihn nicht, dä er sanft und warm fiel, ganz anders als die eiskalten Schauer unten im Süden.

An einer Straßenecke entdeckte er ein seltsames Fahrzeug und staunte wieder einmal über die Wunder der Großstadt, wo jeder den anderen zu übertreffen suchte. Es wirkte wie ein großer Lastkarren, der von vier Pferden gezogen wurde, doch über die Ladefläche spannte sich ein hoher Baldachin aus Leinwand, der an einen Planwagen erinnerte. Neugierig wie immer, stieg Mal ab, band sein Pferd an ein Geländer und trat näher.

An einem der Räder lehnte ein großes Schild mit der Aufschrift:

AUF GEHT’S NACH GYMPIE,

DER FANTASTISCHEN GOLDSTADT.

»Was soll das bedeuten?« fragte er einen Mann in weißem Mantel, der, umringt von einer Gruppe Neugieriger, von ein paar Schnellentschlossenen das Fahrgeld einsammelte.

»Gold!« antwortete der Mann. »Und du siehst aus, als wärst du hier genau richtig, mein Junge. Hast die nötigen Muskeln dazu. Aber wie steht’s mit den zwei Pfund Fahrgeld?«

»Ich habe sogar ein Pferd, Mister. Wo liegt Gympie überhaupt?«

»Im Norden, Kumpel. Nicht allzu weit für einen Reiter, aber zu Fuß schwer zu erreichen. Außer natürlich, man will schon kaputt auf den Goldfeldern ankommen.«

»Und Sie bringen die Leute hin wie mit dem Bus?«

»Expreßbus, besser gesagt. Ansonsten gibt es nur Kutschen, und die kann sich die arbeitende Bevölkerung ja nicht leisten:«

»Na so was. Und in dieser fantastischen Goldstadt gibt es tatsächlich Gold?«

»Und ob. Die größten Goldfunde, die man je gesehen hat. Meine Kunden werden als Millionäre heimkehren. Willst du mitfahren?«

»Vielleicht.« Mal wollte sich nicht festlegen. Dieser Typ hatte etwas von einem Marktschreier an sich, doch andererseits konnte es nicht schaden, diese Goldfelder mal in Augenschein zu nehmen. Er trat ein paar Schritte zurück und bemerkte den Eifer der Männer, die zwei Pfund in Münzen abzählten und teilweise sogar den Hut herumgehen ließen, um, wie sie sagten, Geld zu sammeln für einen armen Mann mit Familie, die am Hungertuch nagte. Mal mußte unweigerlich an die fanatischen Wetter auf den Rennplätzen denken.

Als der Hut bei ihm eintraf, kramte er fünf Shilling hervor.

»Hältst du das für einen lohnenden Einsatz, Kumpel?« fragte er.

»Und ob!« bekam er zur Antwort. »Ein Mann muß verrückt sein, wenn er nicht hingeht. So eine Chance kommt nie wieder.« Er sah zu, wie die Münzen in den Hut fielen, und schaute Mal dankbar an. »Du bist ein Gentleman, Junge. Barney Magee wird dich nicht vergessen, wenn er erst sein Glück gemacht hat.«

Mal grinste. Als geborener Zyniker gab er nicht viel auf solche Versprechungen, vor allem nicht, da sich der Mann nicht die Mühe machte, nach seinem Namen zu fragen, damit er ihm etwas abgeben könnte von seinem Glück, das er in der fantastischen Goldstadt zu machen gedachte.

Magee kletterte auf den Wagen, während der Besitzer noch immer um Fahrgäste warb: »Los doch, los doch! Es sind nur noch wenige Plätze frei! Das wollt ihr euch doch nicht entgehen lassen. Was ist mit Ihnen, Mister?«

Ein knochiger Typ mit hagerem, traurigem Gesicht wollte wissen, ob er auch erst am Ziel bezahlen könne, fand aber kein Gehör. Mal schlenderte zu seinem Pferd zurück. Obwohl ihn das Goldfieber nicht gepackt hatte, verspürte er ein gewisses Interesse an der Sache. Vielleicht würde er tatsächlich einen Blick auf die Gegend werfen.

___________

Als Mal sich dann selbst auf den Weg machte, wurde ihm klar, daß der Treck nach Norden einem Hindernisrennen glich. Nur Männer, die sich in der Gegend auskannten, konnten Straße von Wildnis unterscheiden. Holprige Karrenwege gingen ab in alle Richtungen, und viele endeten als Sackgasse in unberührtem Buschland, in dem sich raubgierige Aborigines verbargen. Viehrouten, die lediglich zu abgelegenen Farmen führten, schufen noch mehr Verwirrung und sorgten für eine gereizte Stimmung unter den Reisenden. Durch die Regenzeit angeschwollene Flüsse versperrten den schlecht gerüsteten Leuten aus dem Süden, denen dieses Phänomen unbekannt war, den Weg. An den Ufern schossen durchweichte Zeltlager wie Pilze aus dem Boden, und die Fährleute feilschten mit den Reisenden um den Preis für die Flußüberquerung. Fußgänger und Wagen quälten sich unablässig durch den anhaltenden Regen, denn die Menschen wurden von einem ständigen Gefühl der Angst vorwärtsgetrieben.

Mal begriff, daß diese Angst noch schlimmer war als jedes Fieber. Die Angst, die Goldader könne versiegen, bevor sie ihr Ziel erreichten; die Angst vor einem unerwarteten Überfall der Aborigines. Letztere schweißte sie zwar enger zusammen, doch auch dies hatte seine Nachteile. Viele wachten nach den wilden, grauenhaften Träumen von Mord und Totschlag auf, um festzustellen, daß die Menschen, denen sie sich angeschlossen hatten, sie ihrer dringend benötigten Essensvorräte, der Ausrüstung und ihrer Waffen beraubt hatten. Auf den Landstraßen, wo man mit Fremden normalerweise ein paar freundliche Worte wechselte, herrschten Gemeinheit und Mißtrauen. Jeder wußte, daß sich Buschräuber nicht mit den armseligen Reisenden abgeben würden, weil sie auf fettere Beute zwischen den Goldfeldern und dem Hafen von Marybordugh aus waren, und beäugte mißtrauisch seine sogenannten Freunde. Die Leute gingen den Deutschen und Schweden lieber aus dem Weg und ließen ihren Zorn an den geheimnisvollen Chinesen aus, die angesichts der Torturen seltsam ungerührt blieben. In den Lagern und Kneipen am Rande der Strecke brachen Kämpfe aus, aus denen sich die zielstrebigen Chinesen stets heraushielten. Sie huschten durch die Dunkelheit und verschwanden lautlos, so daß nur die Angst vor ihren scharfen Messern zurückblieb.

Mal ritt gemächlich weiter. Wenn das Goldvorkommen erschöpft war, bis er ankam, auch gut. Eine Woche lang verdiente er sich ein paar Pfund als Fährhelfer und konnte dafür mit seinem Pferd umsonst übersetzen. Er gelangte auf eine Viehroute und damit zum größten Schafauftrieb, den er je erlebt hatte. Voller Erstaunen knüpfte er ein Gespräch mit dem Boß an, der ihm von zwölftausend Schafen berichtete, mit denen er weit im Westen des Staates eine Farm gründen wollte. Er könne noch einen Treiber gebrauchen…»Ein paar dieser Mistkerle sind mir nach Nashville durchgebrannt.« »Wo liegt Nashville?« wollte Mal wissen.

»Ungefähr sechzig Meilen flußaufwärts von Maryborough, da, wo Nash das Gold gefunden hat. Heißt jetzt Gympie, ein Aborigine-Begriff für ›stechender Baum‹. Willst du auch hin, so wie diese ganze Meute?«

»Kann schon sein.«

»Hör zu, mein Sohn. Gib mir eine Woche. Du wirst es nicht bereuen. Das hier ist eine Riesenherde, und die Gegend am Fluß ist einfach höllisch. Wenn wir erst mal über den Hügeln sind, kommt offenes Land. Dann kannst du zurückkehren.«

Wie erwartet, hat der Züchter Mal, nachdem sie die Hügel überquert hatten, er möge noch bleiben, doch dieser war nicht gerade versessen auf die Aussicht, monatelang Schafe durch kaum erschlossenes Terrain zu treiben. Er nahm seinen Lohn in Empfang und kehrte zurück. Als er wieder auf der Straße nach Gympie war, schloß er sich einigen Goldgräbern an, von denen er die letzten Neuigkeiten aufschnappte. Zu seiner Freude dauerten die Goldfunde noch an. Er hatte sich bei den Schäfern wohl gefühlt, sprach ihre Sprache und genoß die Kameradschaft, die unter ihnen herrschte. Unter diesem Eindruck ließ er es in seiner neuen Gesellschaft an der nötigen Vorsicht fehlen. Auf dem Ritt durch das unwegsame Gelände hatte er zwei Gruppen Schwarzer getroffen, wild aussehende Burschen, die mit Speeren und Keulen bewaffnet waren. Er hatte angenommen, daß es sich um Jagdtrupps handelte, und sie mit einem freundlichen Winken gegrüßt. Vorsichtshalber hatte er zwei Nächte lang nicht geschlafen, das Gewehr ständig griffbereit, sein Pferd unmittelbar an seiner Seite. Nun war er müde. Der Koch des Herdenbesitzers hatte ihm zum Abschied eingesalzenes Hammelfleisch und einige Konserven geschenkt. Mal teilte das Essen mit seinen neuen Gefährten, packte sein Bündel aus und versank bei der verlöschenden Glut des Lagerfeuers in einen sorglosen Schlaf.

Am nächsten Morgen waren die Goldgräber verschwunden und mit ihnen sein Geld, seine Essensvorräte, sein Gewehr und die Munition. Das Pferd hatten ihm die Amateure jedoch gelassen. Möglicherweise waren es gar keine Goldgräber, sondern irgendwelche Räuber gewesen, die sich über die Reisenden hefmachten. Auf gut Glück drehte er um und setzte ihnen nach, bis er auf einen Trupp Chinesen stieß, denen er die Räuber beschrieb. Im Gegensatz zu vielen seiner Reisegenossen kam Mal mit den Chinesen gut aus. Auf den Farmen arbeiteten oftmals chinesische Köche, die immer nett zu dem umherwandernden Kind und seinem Vater gewesen waren. Daher wußte Mal eine ganze Menge über sie.

Er fand heraus, wer der Älteste in der chinesischen Reisegesellschaft war, und führte mit ihm eine förmliche Unterhaltung. Er erwähnte die Gefahr von Raubüberfällen und bat den Chinesen um einen kleinen Gefallen. Herr Xiu dachte nach und sprach dann rasch auf einen Kuli ein, der daraufhin eine kleine Pillenflasche holte. Er faltete einige Pillen daraus in ein Blatt Reispapier und überreichte auf ein Zeichen seines Herrn hin Mal das Päckchen.

Das Wetter hatte sich gebessert, und die Sonne brannte den Schlamm der Wege zu harten, unebenen Furchen, die den Reitern das Vorankommen erleichterten. Nach über zwanzig Meilen erspähte Mal die Räuber, die gerade, bepackt mit einem Sack Vorräte, aus einer Kneipe kamen. Mal verbarg sich im Gebüsch.

»Vermutlich haben sie die von meinem Geld gekauft«, murmelte er erbost.

Mal folgte ihnen etwa eine Meile weiter, wo sie ihr Lager aufschlugen. Er ritt tiefer in den Busch, band sein Pferd an und glitt lautlos durch das Unterholz zu ihnen zurück. Er wartete ab, bis der Feldkessel kochte und eine Pfanne mit Fleisch über dem Feuer brutzelte. Zuerst schlich er sich an die Pferde heran.

Er löste die Halfter, klopfte den Tieren auf die Flanken und betrachtete amüsiert die Reaktion der Männer. Beim ersten Hufgetrappel waren die beiden aufgesprungen und rannten nun den Tieren hinterher, die im Galopp in Richtung Straße preschten. Die Pferde hatten sie bald eingefangen, doch das Feuer blieb so lange unbewacht, daß Mal die Opiumpillen in den Tee werfen und wieder untertauchen konnte. Er konnte nur hoffen, daß sie wirken würden. Mit seinem Taschenmesser und der Viehpeitsche vermochte er gegen zwei bewaffnete Männer nichts auszurichten.

Doch Herr Xiu schien ein Kenner seines Fachs zu sein. Kurz darauf schnarchten die beiden neben dem langsam niederbrennenden Feuer.

Mal stahl den Dieben ihr Geld, die besten Vorräte und ihre Pferde. Dann ritt er die ganze Nacht hindurch bis zur letzten Fähre. Im Morgengrauen verkaufte er die Pferde für jeweils zehn Pfund an die Fährleute, womit er um fünf Pfund unter dem üblichen Preis blieb. Im Gegenzug stellte ihm niemand unangenehme Fragen.

Danach hielt sich Mal aus Sicherheitsgründen an die Viehrouten tiefer im Landesinneren, von denen er sich ein friedlicheres Reisen erhoffte.

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Staunend ritt er durch die Hügel von Gympie, schaute auf die geschäftigen Zeltstädte und gerodeten Hänge hinab. Er nahm einen Weg, der durch zwei Zeitreihen führte und von Schutthaufen gesäumt war. Arbeiter schwärmten ameisengleich, mit Sieben und Waschrinnen bewaffnet, um den Fluß, während andere mit Hacke und Schaufel schufteten, als ginge es um ihr Leben. Als Junge vom Land haßte Mal diesen Ort von Anfang an. Das hier war ja noch schlimmer als eine richtige Stadt, die ganze Gegend stank wie eine Kloake. Rohes Fleisch hing vor den improvisierten Ständen der Metzger; Hunde, Ziegen und Krähen kämpften zwischen den Zelten um Abfälle; Betrunkene taumelten aus illegalen Schnaps-Zelten, schlampige Frauen am Arm, die auf ihr letztes Geld aus waren.

Doch da er nun einmal hier war, konnte er sich auch umschauen, was dieser Ort ihm zu bieten hatte.

Obwohl die ganze Gegend völlig chaotisch erschien, fand Mal bald heraus, daß es gewisse Vorschriften gab. Freundliche Goldsucher sparten nicht mit Ratschlägen. In der Registratur, einem Viereckigen Schuppen, erwarb er eine Grabungserlaubnis. Er war noch nicht ganz aus der Tür getreten, als ihn ein junger Engländer ansprach.

»Ganz allein, Sir?«

»Wer weiß. Mit wem habe ich es zu tun?«

»Clive Hillier, zu Ihren Diensten.«

»Zu welchen Diensten?«

»Als Partner. Ohne Partner kommen Sie hier nicht weit.«

»Und Sie möchten sich um diese Stelle bewerben?«

»Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen.«

»Wieso?«

»Weil ich einen Claim besitze und jemanden brauche, der ihn mit mir bearbeitet. Vielleicht könnten wir bei einem Schnaps dort drüben das Geschäftliche regeln.«

Mal lachte. Auf diese Sorte fiel er nicht herein. Ein Schnorrer, wie er im Buche stand. »Tut mir leid, aber ich trinke nicht.«

»Um so besser«, sagte der Engländer in seinem herablassenden Tonfall. »Dann sollten wir in meinem Zelt eine Tasse Tee trinken.«

Er sah nicht übel aus mit seinem dunklen Haar, dem sauber rasierten Gesicht und dem schlanken Körperbau. Er trug kostspielige Moleskin-Hosen, die in kniehohen Stiefeln steckten, welche auch einmal bessere Tage gesehen hatten. Der ganze Mann erinnerte Mal an all die Engländer, die aus der alten Heimat zu Besuch auf die Schaffarmen kamen und begierig waren zu erfahren, wie man hier unten ein Vermögen machte.

Mal entschied, daß er nichts zu verlieren hatte und eine Tasse Tee zur Stärkung im Augenblick genau das richtige sei.

Beim Tee in Hilliers blitzsauberem Zelt erfuhr er, daß der Engländer pleite war. Die Pacht für seinen Claim war abgelaufen, und die Gebühr für die Verlängerung der Lizenz konnte er nicht aufbringen. Im Grunde hatte er weder das Geld dazubleiben noch heimzufahren.

»Maryborough liegt sechzig Meilen flußabwärts«, sagte Hillier. »Mit etwas mehr Glück als bisher könnte ich notfalls eine Mitfahrgelegenheit dorthin ergattern …«

»Haben Sie denn kein Pferd?«

»Schon verkauft, alter Junge. Es fällt gar nicht so leicht, von hier wegzugehen, wenn jeden Tag ein Bursche gleich nebenan einen Affentanz aufführt, weil er Gold gefunden hat. Macht einen ganz schön heiß, das können Sie mir glauben.«

»Mich nicht. Was soll ich für Sie tun? Ihnen mit ein paar Scheinen aushelfen?«

»Eher in mich investieren, falls Sie etwas Geld übrig haben.«

Mal trug mehr als vierzig Pfund in seinem neuen Geldgürtel, doch sollte es der Engländer darauf abgesehen haben, würde er erneut kein Glück haben.

»Ein paar Pfund hätte ich schon«, sagte er.

»Warum erneuern wir die Pacht nicht auf unser beider Namen? Als Gegenleistung können sie in meinem Zelt wohnen. Und wir teilen, was immer der Claim abwirft. Ehrlich gesagt, würde ich es begrüßen, wenn Sie etwas Eßbares auftreiben könnten. Meine Vorratskammer ist leer, sonst hätte ich Ihnen längst etwas angeboten.«

Mal war überrascht. Dieser Bursche, den er auf Mitte Zwanzig schätzte, war nicht nur pleite, sondern auch halb verhungert, wobei er die Sache jedoch mit Humor zu nehmen schien. Jedenfalls jammerte er nicht ständig, so wie die anderen.

»Warum sollten wir die Pacht erneuern, wenn der Claim nichts abwirft?« fragte Mal. »Sie haben dort doch bisher kein Fitzelchen Gold gefunden, oder? Vielleicht sollten Sie den Claim einfach vergessen. Ich investiere jedenfalls nichts in ein Faß ohne Boden.«

»Sie würden Sich also beteiligen?« fragte Hillier erleichtert.

»Nicht an diesem Claim. Können wir uns keinen besseren suchen?«

»Nein, ich grabe direkt am Fluß. Rechts und links von mir stoßen sie andauernd auf Gold, ich habe die Ader nur noch nicht entdeckt. Bitte machen Sie mit, auch wenn es nur für ein paar Wochen ist. Wenn ich diesen Claim aufgebe, übernimmt ihn ein anderer. Und wenn der dann auf Gold stößt, nehme ich mir einen Strick.«

Mal zündete sich eine Zigarette an und sah sich prüfend im Zelt um. Es wirkte ordentlich und bot genügend Platz für zwei Männer. Hillier mußte gut angefangen haben, da er sogar einen Tisch, zwei Stühle und ein paar anständige Laternenbesaß. Und ein zweites Bett.

»Was ist denn aus Ihrem Partner geworden?«

Hillier zuckte die Achseln. »Ach so, meine Partnerin. Sie ist weg.«

»Sie?« fragte Mal überrascht.

»Ja. Ich habe sehr an Fleur gehangen. Ein tolles Mädchen. Bin ihr in Brisbane begegnet. WK sind zusammen mit dem Schiff hergekommen, alles sehr romantisch. Frauen können hier überaus nützlich sein, wenn sie das nötige Durchhaltevermögen mitbringen, und daran hat es Fleur nicht gefehlt. Hübsches Mädchen, das können Sie mir glauben. Leider ist einer meiner Nachbarn auf eine Ader gestoßen und ging als reicher Mann von dannen. Und Fleur ging gleich mit. Das dumme Ding.«

»Hört sich gar nicht so dumm an.«

»Das stimmt schon, aber ich hatte sie wirklich gern. Wie heißen Sie doch gleich?«

»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mal Willoughby.« Bei der Registrierung würde er ohnehin seinen richtigen Namen angeben müssen.

»Dann würden Sie sich also am Claim beteiligen?«

»Warum nicht?«

Hillier brach in befreites Lachen aus. »Endlich wendet sich mein Glück. Haben Sie die anderen Männer gesehen, die vor der Registratur warten?«

»Ja, da standen einige herum. Warum?«

»Sie haben auch nichts mehr zu beißen. Dort hält man Ausschau nach neuen Partnern, aber an Ihnen haben die harten Jungs wohl keinen Gefallen gefunden. Sie hielten Sie für zu jung und zu weich. Ich hoffe, sie haben sich geirrt.«

»Jedenfalls bin ich keine Frau«, gab Mal patzig zurück. Wie dumm mußte er sein, sich mit diesem Verlierer einzulassen? Doch immerhin versprach Hilliers Gesellschaft unterhaltsam zu werden, und die paar Wochen als Goldgräber würden ihm nicht schaden.

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Mal hatte nichts gegen harte Arbeit, er mochte nur keine Überdosis davon. Zuerst schmerzten seine Muskeln von der Arbeit mit Pickel und Schaufel, mit denen er Geröll zerkleinerte und in schwere Eimer beförderte, doch bald fand er seinen Rhythmus und ging fröhlich ans Werk. Ständig hielt er Ausschau nach dem verheißungsvollen Glitzern im Gestein. Er verstand jetzt auch, wozu man hier draußen Frauen gebrauchen konnte. Der Schutt mußte in die Schütte gekippt werden, wo er zerstoßen und ohne Ende gewaschen wurde, um das Seifengold herauszuspülen. Diese und andere leichtere Aufgaben hatte Hillier sich selbst zugeteilt.

Bei der Arbeit machte sich Mal oft Gedanken über das Mädchen namens Fleur. Von den Prostituierten einmal abgesehen, gab es auf den Goldfeldern meist nur harte, verhärmte Ehefrauen, die an der Seite ihrer Männer verzweifelt nach Gold suchten, doch Hillier bestand darauf, Fleur sei anders gewesen.

»Eine echte Schönheit«, behauptete er traurig. »Wunderbares kupferrotes Haar, reizendes Gesicht und eine herrliche Figur. Und so voller Leben.«

Mal hielt sie für eine Abenteurerin, die gut genug aussah, um Hillier den Kopf zu verdrehen. Eigenartig, daß sich der Engländer, der offenbar guter Herkunft war, überhaupt mit einer solchen Frau eingelassen hatte. Mal dachte auch oft an seine englische Dame, der er am Tag des Aufruhrs in Fortitude Valley begegnet war. Hillier hätte sie gemocht. Sie war jung, schön und vornehm. Eine Frau wie sie würde unter gar keinen Umständen einen Fuß in diese Gegend setzen, von echter Arbeit ganz zu schweigen. Als ihn Clive eines Abends wieder mit seinen Träumen vom plötzlichen Reichtum und Fleurs Rückkehr langweilte, erzählte Mal zur Abwechslung einmal von seiner Freundin.

»Sie ist Engländerin, sehr hübsch und anmutig. Eine reizende Stimme. Kleidet sich überaus elegant.«

»Ehrlich? Klingt charmant. Wie heißt sie denn?«

»Das geht dich nichts an«, knurrte Mal ausweichend.

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Hätte ihr heimlicher Bewunderer die englische Dame in diesem Augenblick sehen können, er wäre entsetzt gewesen. Vermutlich hätte er Hacke und Schaufel weggeworfen und wäre ihr zu Hilfe geeilt.

Emilie stand am Kai und kämpfte gegen die Tränen an, als sie von ihrer Schwester Abschied nahm. Sie freute sich auf einmal gar nicht mehr so sehr aufs Alleinsein.

»Es tut mir leid, daß es soweit kommen mußte«, stöhnte Ruth.

»Schon gut. Wir wußten doch, Australien ist ein großes Land, in dem wir wohl kaum zwei Stellungen in unmittelbarer Nähe voneinander finden würden. Ich halte in Maryborough nach einer Position für dich Ausschau, und du kannst es in deinem Landstädtchen genauso machen.«

»Aber du bist noch so jung.«

»Immerhin zwanzig.«

»Ja, und solltest in diesem Alter ein anständiges gesellschaftliches Leben genießen, anstatt durch die Wildnis zu ziehen.«

»Bitte, Ruth, hör jetzt auf damit. Du wirst noch krank davon. Brisbane ist wohl kaum als Wildnis zu bezeichnen, und Maryborough soll noch geschäftiger sein. Du bist diejenige, die in die Wildnis geht.«

»Emilie, wenn du dort nicht glücklich wirst, mußt du auf der Stelle kündigen. Dann schicke ich dir Geld, und du fährst zu Mrs. Medlow zurück. Sie hat sich einverstanden erklärt, dich wieder aufmnehmen.«

»Das hast du mir schon hundertmal gesagt. Ich muß jetzt gehen, Ruth wir legen gleich ab.«

Emilie mußte zugeben, daß sie angesichts ihrer schwindenden finanziellen Mittel ein wenig Erleichterung verspürte, als sie an Bord des Schoners Mirium ging. Sie hatten aufgrund der Hitze leichtere Kleider kaufen müssen, beinahe eine ganze Garderobe, dazu kamen noch die Kosten für ihre Unterkunft. Doch diese Sorgen lagen nun hinter ihnen. Endlich würden sie richtige Gehälter bekommen.

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Da die Reise nur wenige Tage dauern würde, hatte Emilie die billigste Fahrkarte für neunzehn Shilling gelöst, doch das Chaos an Bord übertraf alle ihre Befürchtungen. Von einigen Familien abgesehen, waren die meisten Passagiere Männer, die zwischen Gepäckbergen auf Deck herumlungerten, als wollten sie die gesamte Reise dort verbringen.

Sie machte einen Steward ausfindig, der sie durch einen schmalen Gang führte. Er blieb vor einer Art Schlafsaal stehen, in dem sich bereits zahlreiche Frauen drängten, um sich die besten Plätze zu sichern. Sie sahen alle arm, aber nicht unangenehm aus.

Eine Frau winkte Emilie zu einer freien Schlafpritsche.

»Nehmen Sie die, solange sie noch frei ist, Schätzchen«, sagte sie mit irischem Akzent. »Im Männerquartier ist nicht viel Platz, sie werden bald Betten für die Jungs wegholen. Wo wollen Sie dann schlafen?«

Emilie ließ sich auf das harte Bett plumpsen. »Hier ist keine Bettwäsche. Man sagte mir, sie würde gestellt.«

»Die erzählen einem, was sie wollen. Keine Sorge, beten wir lieber, daß wir sicher ankommen.«

»Aber mein Koffer ist nicht hier. Wo finde ich ihn nur?«

»Der taucht schon wieder auf.«

Und tatsächlich, der Koffer wurde mit dem übrigen Gepäck heruntergebracht und hinter dem Schott zu einem Haufen gestapelt. Es gab keinerlei Privatsphäre; wenn Emilie etwas aus ihrem Koffer holen wollte, mußte sie erst die Habseligkeiten anderer Frauen beiseite räumen.

Mrs. Delaney, die Irin, machte Emilie die Reise jedoch erträglich. Sie berichtete, die meisten Passagiere seien Immigranten, die der Stadtrat von Maryborough angeworben habe, weil man dort händeringend nach Hafenarbeitern und Helfern für die großen und kleinen Farmen im Landesinneren suchte. Sie war unterwegs zu ihrem Mann, der bereits eine gute Stelle als Holzfäller gefunden hatte, und freute sich so sehr auf ihn, daß ihr nichts die gute Laune verderben konnte.

Während der kurzen Reise, bei der ihre Schwester das kalte Grausen bekommen hätte, schlief Emilie in ihren Unterröcken auf der nackten Matratze, wusch sich mit Meerwasser hinter einem langen Vorhang, den praktisch denkende Frauen angebracht hatten, und stand mit ihnen vor der Kombüse fürs Essen an. Sie mußte zugeben, daß diese Frauen freundlicher und großzügiger waren als die hochnäsigen Passagiere der zweiten Klasse, die ihnen auf der Überfahrt von England begegnet waren. Wenn sie an Deck Luft schnappten und dabei auf Männer trafen, wich Mrs. Delaney als selbsternannte Anstandsdame nicht von Emilies Seite und warf den Männern mißbilligende Blicke zu.

»Die sind nichts für Sie, Miss Tissington«, sagte sie warnend. »Ihre Ansprüche können gar nicht hoch genug sein.«

Der Hafen bot am Tag ihrer Ankunft ein prächtiges Bild. Mehrere große Segelschiffe lagen hier vor Anker; schwitzende Arbeiter in langen Reihen mühten sich ab beim Entladen riesiger Wollballen; Lastkarren brachten riesige Stapel Holz an den Kai. Alles wirkte viel geschäftiger als im Hafen von Brisbane.

Mrs. Delaney sorgte dafür, daß Emilies Koffer an Land gebracht wurde, bevor sie mit ihrem Ehemann, der sie sehnsüchtig erwartete, aufbrach. Wieder einmal stand Emilie hoffnungsvoll an einem fremden Kai. Sie sah sich um und bemerkte erst jetzt zu ihrem Entsetzen, daß in diesem Hafen Hunderte von schwarzen Männern arbeiteten. Sie und Ruth hatten in Brisbane nur ein paar Aborigines gesehen; — arme, ungepflegte, doch offensichtlich harmlose Menschen — und waren bemüht gewesen, sie nicht allzu auffällig anzustarren. Diese Burschen hier waren hellhäutiger und weitaus dreister; grinsend warfen sie ihr anzügliche Blicke zu. Sie wäre am liebsten weggegangen, konnte ihren Koffer aber nicht allein lassen, und rief ein Mitglied der Besatzung herbei.

»Ich warte auf einen Mr. Manningtree. Kennen Sie ihn zufällig?«

»Ist mir nicht bekannt, Miss.«

»Soll ich lieber woanders warten?«

Er sah, wie nervös sie die Eingborenen um sie herum beäugte. »Nur keine Sorge wegen der Kanaken. Die tun Ihnen nichts. Ihre Bosse sind bald wieder da. Haben sie von den Inseln geholt, um sie auf den Zuckerplantagen für sich arbeiten zu lassen.«

Kaum hatte er ausgesprochen, kam auch schon ein untersetzter Mann mit rotem Gesicht auf sie zu und schob die Eingeborenen rücksichtslos beiseite.

»Sind Sie Miss Tissington?« fragte er.

»Ja. Mr. Manningtree?«

»Höchstpersönlich«, antwortete er und musterte sie in einer Weise, die Emilie gar nicht gefiel. »Nun, ich hatte kein so junges Ding erwartet. Trotzdem: willkommen in Maryborough. Ist das Ihr Koffer?« Emilie nickte unglücklich. Sie fand den Mann unsympathisch; er wirkte rauh und ungehobelt in seinem kragenlosen Hemd, über dem er keine Jacke, sondern nur angeberisch grelle Hosenträger trug. Seine bloßen Füße steckten in Bastsandalen. Sie schaute sich um in der verzweifelten Hoffnung, ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Wenn nur Mrs. Delaney zurückkehren würde, wenn sie nur wieder an Bord der Mirium gehen könnte.

Mr. Manningtree holte zwei Kanaken herbei, die ihren Koffer zu einem wartenden Buggy schleppten, und warf ihnen eine Münze zu. Er lachte, als sich beide zugleich danach bückten, und stieg seelenruhig in den Wagen. Er ergriff die Zügel und rief Emilie zu, sie solle aufspringen.

Während der Fahrt klärte ihr neuer Arbeitgeber sie über sich und ihr neues Umfeld auf. »Mir gehört die Sägemühle da drüben, gut laufender Betrieb übrigens, und dann noch ein paar andere Geschäfte. Ich bin im Stadtrat, werde demnächst Bürgermeister, aber ich spiele mich deswegen nicht unnötig auf. Verstanden?«

Sie nickte. Es war offensichtlich, daß er nicht viel auf Förmlichkeiten hielt.

»Und ich will auch nicht, daß meine Missus irgendwelche Allüren bekommt, also setzen Sie ihr keine Flausen in den Kopf. Sie wollte eine Lehrerin für die Kinder, weil es hier keine anständigen Schulen gibt. Recht hat sie. Ich selber hab keine Schulbildung— sie übrigens auch nicht, obwohl man es nicht glauben wurde, so wie sie sich aufführt —, aber man muß ja vorwärtskommen in der Welt. Frühzeitig anfangen, so wie ich mit meinem Geschäft. Sehen, was die Leute brauchen. Meine Kinder wachsen mit Geld auf, zweite Generation, also können sie nicht dumm herumlaufen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Bei mir ist das in Ordnung, ich komme besser zurecht als die meisten hier, aber die Stadt wächst ja noch. In ein paar Jahren ist sie richtig groß, und dann sollen meine Kinder nicht das Nachsehen haben.«

Während er redete, spähte Emilie unter dem Rand ihrer Haube hervor, um einen Eindruck von ihrer neuen Umgebung zu bekommen. Die Stadt war furchtbar, ganz anders als Brisbane. Sie schienen sich auf der Hauptstraße zu befinden, einem breiten, häßlichen Durchfahrtsweg, der von zusammengewürfelten Gebäuden, Schuppen und zweistöckigen Häusern, die dringend einen Anstrich nötig hatten, gesäumt wurde. Dazwischen klafften unbebaute, unkrautüberwucherte Grundstücke wie Zahnlücken. Es war noch heißer als in Brisbane, und weit und breit kein Baum zu sehen — nichts als die schäbige, triste Straße, die kein einziges elegantes Geschäft aufzuweisen hatte. Und die Bevölkerung wirkte ebenso niederdrückend und reizlos wie Mr. Manningtree, Mitglied des Stadtrats.

»Sie sagt, Sie unterrichten auch Benehmen«, fuhr er unterdessen fort. »Schön und gut, das kann den Kindern nicht schaden, aber sie sollen vor allem lernen, wie man richtig redet. Das ist wichtig. Hab mir das Lesen und Schreiben selber beigebracht, Rechnen auch, da bin ich sehr gut drin.« Er lachte. »Darauf können Sie Gift nehmen. Ich brauche nicht anständig zu reden, bin mein eigener Herr, aber die Kinder sollen sich nicht zum Narren machen. Verstanden?«

»Ja, Mr. Manningtree.«

»Dieser Agent hat: der Missus ganz begeistert geschrieben, daß Sie auch Französisch unterrichten. Stimmt das?«

»Ja, Mr. Manningtree.«

»Das kommt jedenfalls nicht in Frage. Pure Zeitverschwendung. Was er nicht geschrieben hat und was ich gern wüßte…Können Sie Klavier spielen?«

»Ja, Mr. Manningtree.«

»Ehrlich? Bei Gott, langsam kommen wir der Sache näher.« Er zog abrupt die Zügel an, warf sie ihr zu und sprang vom Wagen.

»Warten Sie hier.«

Damit verschwandt er in einem Kolonialwarenladen. Emilie hielt die Lederriemen umklammert und betete, daß die Pferde nicht durchgingen. Eigenartige Leute gingen vorüber: Frauen in schmalen, zweckmäßigm Röcken ohne Reifen und mit Schlapphüten auf dem Kopf; rauhbeinige Männer, von denen einige sogar klirrende Sporen trugen; Gruppen von Aborigines und, schlimmer noch, Chinesen; dazu einige Kanaken, die an einer Straßenecke herumlungerten. Als Krönung preschte hin und wieder ein Reiter die Hauptstraße entlang und scheuchte ihr Pferd auf, das ungeduldig zu Wiehern begann.

Dann kehrte ein offensichtlich zufriedener Mr. Manningtree zurück. »Habe gerade ein Klavier gekauft«, verkündete er.

Emilie fragte erstaunt: »Kann man in diesem Laden Klaviere kaufen?«

»Nein, Mädchen. Ich hab eins bestellt. Das beste, das für Geld zu haben ist. Wollte schon immer eins haben. Die Missus auch, aber ich hab’s immer für Geldverschwendung gehalten, weil keiner drauf spielen konnte.« Er wischte sich den Schweiß aus dem Schnurrbart und rieb die Hand an seinem Hemd ab.

»Heiß hier draußen. Wir sollten uns auf den Weg machen.«

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Sie fuhren durch eine Einfahrt und dann einen schlammigen Weg entlang, über den sich ein Tunnel aus feuchter Vegetation wölbte, was Emilie als unangenehm empfand. Auf sumpfigen Grasfleckchen wuchsen Farne und größere Pflanzen mit breiten Blättern, darüber ragten tropfende Bäume empor. Dieser Garten wirkte unheimlich, als verweilten noch die Geister einer anderen Zeit in seinem Zwielicht. Unversehens gelangten sie auf eine Lichtung, und das Haus kam in Sicht. Das große hölzerne Gebäude war wie viele andere Häuser hier nicht gestrichen und sah dementsprechend grau und leblos aus. Emilie fragte sich, ob in dieser Gegend wohl keine Farbe erhältlich war.

Über die Vorderseite des einstöckigen Hauses erstreckte sich eine breite, überdachte Veranda. Mr. Manningtree lenkte den Buggy zur Rückseite, wo sich ein weiter Hof ohne Umzäunung befand, der von Schuppen eingerahmt wurde. Im Hintergrund sah man Reihen ungepflegter Bananenstauden.

Mrs. Manningtree stand mit ihren drei Kindern in der Küchentür. Emilie sah sie lächelnd an und nahm sofort das Stirnrunzeln der Frau wahr, die offensichtlich nicht viel davon hielt, daß eine junge, gutaussehende Gouvernante bei ihr auftauchte und ihr Konkurrenz machte.

Emilie hörte nicht auf zu lächeln, während Mr. Manningtree sie bekannt machte, doch ihr war jetzt schon klar, daß sie der Frau mit größter Vorsicht begegnen mußte. Sie war um die Dreißig, also mindestens zwanzig Jahre jünger als ihr Ehemann, trug ein rosageblümtes Kleid, das enggeschnürt war und ihren üppigen Busen und die schmale Taille zur Geltung brachte, und eine Perlenkette, die Emilie zu dieser Tageszeit wenig angebracht erschien. Ihr eigenes dunkel-blaues Reisekostüm mit der weißen Bluse wirkte dagegen unscheinbar, und sie war Ruth dankbar, auf deren Beharren hin sie ihre besten Kleider tief unten im Koffer gelassen und sich für dieses bescheidenere Modell entschieden hatte, wie es sich für eine Gouvernante geziemte.

Die Kinder waren sauber gekleidet, aber barfuß, und grinsten übers ganze Gesicht, als ihre Mutter sie vorstellte.

»Das sind Jimmy, Alice und die kleine Rosie. Begrüßt Miss Tissington.«

Das dreistimmige Hallo klang fröhlich und freundlich, und Emilie dankte ihnen dafür. Mrs. Manningtree fiel ihr ins Wort und schickte die Kinder zum Spielen.

Das saubere, ordentliche Haus bildete einen starken Gegensatz zu dem vernachlässigten Garten. Die Holzböden glänzten und verströmten den tröstlichen Geruch von Bienenwachs. Sie kamen durch eine blankgescheuerte Küche. Während ihre neue Arbeitgeberin ihr das Haus zeigte, fragte sich Emilie, ob von ihr erwartet wurde, daß sie in Zukunft immer den Dienstboteneingang benutzte.

Auf ihrem Rundgang spähte sie in gut möblierte Räume. Salon, Speisezimmer, Wohnzimmer, alles war vorhanden. Emilie kämpfte gegen die Müdigkeit an, die sie zu überwältigen drohte, während sie angestrengt den Worttiraden ihrer Dienstherrin zu lauschen versuchte.

»Ich habe oft Gäste, Miss Tissington. Wir haben schließlich eine gesellschaftliche Stellung zu wahren. Da Sie aus England kommen, mögen Sie uns für Hinterwäldler halten, aber täuschen Sie sich da nur nicht. Ich bemühe mich, einen gewissen Standard aufrechtzuerhalten, und erwarte desgleichen von meinem Personal.«

»Natürlich«, sagte Emilie zustimmend und fügte dann diplomatisch hinzu: »Sie haben ein sehr elegantes Heim, Mrs. Manningtree. Nach den Entbehrungen der Seereise schätze ich mich glücklich, in ihrer Familie Aufnahme zu finden, und Will bei der Erziehung der Kinder mein Bestes geben.«

Diese Worte besänftigten ihr Gegenüber. »Wirklich? Na schön. Aber Sie müssen streng mit ihnen sein, ich erwarte einen wöchentlichen Bericht. Sie haben eine kleine Privatschule in der Nähe besucht, aber diese verdammte Frau, die sie leitete, ist mit irgendeinem Kerl durchgebrannt und hat uns einfach sitzenlassen.«

Sie schaute Emilie mißtrauisch an. »Ich hoffe, Sie sind nicht auf der Jagd nach einem Ehemann.«

Emilie war entsetzt. »Nein, Madam.«

Mrs. Manningtree schien ungewöhnlich erfreut über ihre Antwort. »Sie sehen auch nicht danach aus. Dennoch, hier gibt es nur wenige anständige Frauen, also werden sich die Männer bald an Ihre Fersen heften. Machen Sie ihnen einfach klar, daß Sie unter gar keinen Umständen Herrenbesuche empfangen dürfen, dann kapieren sie es schon. Ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer.«

Das Zimmer lag am Ende eines Flurs neben der Küche, war aber ebenso makellos wie der Rest des Hauses. Über dem Bett mit der weißen Tagesdecke hing ein üppiges Moskitonetz, unter dem offenen Fenster stand ein Waschtisch, an der gegenüberliegenden Wand ein Kleiderschrank mit passender Frisierkommode.

»Ein sehr hübsches Zimmer«, sagte Emilie, während Mr. Manningtree ihren Koffer hereinschleppte.

»Finden Sie sich zurecht?« fragte er und stellte den Koffer ab. Doch bevor Emilie antworten konnte, mischte sich seine Frau ein.

»Bert, du hast mir versprochen, das Dach in der Waschküche zu reparieren, also los. Sonst ruiniert mir der nächste Regen wieder die ganze Wäsche.«

Aus ihrem Tonfall war herauszuhören, daß sich die beiden nicht nur vom Alter her unterschieden. Emilie war geneigt, sich auf die Seite der Frau zu stellen. Mrs. Manningtree mochte zwar herrisch sein, führte aber einen ordentlichen Haushalt, was in dieser Wildnis sicherlich eine schwierige Aufgabe darstellte. Immerhin gab sie sich Mühe mit ihrem Äußeren, auch wenn es ihr am nötigen Geschmack fehlte. Ihr Ehemann hingegen war einfach nur ein ungehobelter Geselle. Womöglich war ihre Eheschließung eine arrangierte Angelegenheit gewesen.

Erleichtert, eine Freundin gefunden zu haben, streifte sie die Handschuhe ab und streckte Mrs. Manningtree die Hand entgegen.

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich hin, Sie kennenzulernen. Und wie glücklich, hier zu sein.«

Die Frau zögerte einen Moment und antwortete dann mit einem festen Händedruck. »Ich bin es nicht gewöhnt, Frauen die Hand zu schütteln. Gehört das zur Etikette?«

Nicht wirklich, dachte Emilie bei sich. Ihre Reaktion war spontan gewesen, eigentlich verspürte sie den Drang, jemanden zu umarmen. »Ja«, log sie verlegen.

»Gut zu wissen. Ich hoffe, Sie werden sich hier wohl fühlen, Miss Tissington. Und noch etwas. Ich weiß es zu schätzen, daß Sie mich ›Madam‹ genannt haben, und hoffe, daß Sie es auch weiterhin tun, um der Köchin und dem Hausmädchen mit gutem Beispiel voranzugeben. Sie kommen nur tagsüber zum Arbeiten her und sind sehr schwer anzulernen. Einheimische, wissen Sie. Haben Sie eine Uhr?«

»Nein«, gestand Emilie. Sie und Ruth hatten ihre Uhren und den wenigen Schmuck, den sie besaßen, bereits in London versetzt. »Ich habe sie auf dem Schiff verloren.«

»Vermutlich gestohlen worden. Sie müssen lernen, sich vor Gesindel in acht zu nehmen. Aber egal, das Mädchen wird Sie um sechs Uhr zum Abendessen rufen. Ich stelle eine Uhr ins Klassenzimmer. Es liegt im hinteren Bereich des Hauses, wo Sie ganz ungestört sind.«

Sodann begann sich die Frau lang und breit über die Einrichtung des Klassenzimmers auszulassen, über die teure Tafel und die Bänke und die Atlanten, die sie eigens angeschafft hatte. Emilie stand im Türrahmen und fürchtete schon, ihre Arbeitgeberin würde sie niemals mehr sich selbst überlassen.

Eine Stunde später lag Emilie auf ihrem Bett und sah fasziniert zum milchigen Schleier des Moskitonetzes empor. Sie dachte an Mrs. Manningtrees Worte über die Jagd nach einem Ehemann.

War sie auf der Suche nach einem Ehemann? Diese Frage war zwischen ihr und Ruth nie zur Sprache gekommen, weil Sie angesichts ihrer finanziellen Notlage andere Sorgen hatten. Doch vor der Wiederheirat ihres Vaters hatten die Mädchen ein normales gesellschaftliches Leben geführt und waren mit Gentlemen befreundet gewesen. Männern, die sie schon ihr Leben lang kannten. Die ihnen vielleicht irgendwann einen Antrag gemacht hätten. Ruth war in den schüchternen John Perigree, den Sohn von Dr. Perigree, verliebt gewesen, und er hatte ihre Gefühle erwidert. Leider studierte John in Birmingham Medizin und kam daher immer seltener ins Dorf. Sie hatten einander geschrieben, doch die Beziehung endete, als Ruth John über ihre Abreise nach London in Kenntnis setzte.

Emilie fragte sich oft, ob Ruth ihm verraten hatte, weshalb sie fortgehen mußten, doch ihre Schwester weigerte sich, darüber zu sprechen. In diesen Dingen verhielt sie sich furchtbar zugeknöpft. Als Student verfügte John über wenig Geld und konnte sich eine Ehefrau gar nicht leisten, während Ruth und ihre Schwester ihr Heim und Erbe verloren hatten. Eine durch und durch hoffnungslose Situation. Vielleicht schwieg sie sich ja zu diesem Thema aus, weil es sie traurig machte und an ihre innersten Gefühle rührte.

Emilie selbst wußte inzwischen, daß sie in jenen sorglosen Tagen wertvolle Zeit verschwendet hatte, als sie die launenhafte Schöne spielte, die sich von Verehrern belagern ließ. Bälle, Parties, Picknicks …Emilie Tissington mangelte es nie an aufmerksamen Begleitern und Freunden, die schlagartig aus ihrem Leben verschwanden, als die Stiefmutter Einzug hielt und die Gastfreundschaft der Familie radikal beschnitt. Sie ließ das ganze Dorf wissen, daß die Töchter zwar gesellschaftlich akzeptabel sein mochten, aber keine nennenswerte Mitgift zu erwarten hatten.

Eigentlich waren es also gar keine richtigen Freunde gewesen, dachte sie nun niedergeschlagen, höchstens Schönwetterfreunde.

Auf ihre Briefe aus London, in denen sie überschwenglich vom Leben in der Metropole berichteten, hatten die Schwestern keine Antworten erhalten. Die einzige Ausnahme bildete die liebe Biddy Halligan, eine Nachbarin, die von ihrer Stiefmutter erfahren hatte, daß sie keine Anstellimg finden konnten, und ihr Bedauern darüber aussprach. Das hatte Ruth und Emilie zutiefst verletzt. Biddy war ein nettes Mädchen, aber weithin berüchtigt für ihre Taktlosigkeit. Ihr Mitleid war einfach zuviel, so daß sie ihre Briefe nach Hause einstellten.

Aber Jagd nach einem Ehemann? Irgendwann vielleicht.

Wären sie erster Klasse gereist, hätte sich vielleicht eine Gelegenheit ergeben, passende Gentlemen kennenzulernen. Plötzlich kam Emilie der Gedanke, daß die Auswanderungsgesellschaft ihre Schützlinge womöglich mit Bedacht auf diese Art und Weise reisen ließ. So würden sie ungebunden in den Kolonien eintreffen und sich als alleinstehende Frauen den Regeln der Gesellschaft beugen.

Obwohl sie müde, das Bett bequem und der Nachmittag ungeheuer heiß war, konnte Emilie nicht einschlafen.

Ohne Ruths beruhigenden Einfluß sah sie sich als Opfer einer grausamen Verschwörung, das man in der Blüte seines Lebens zu einem Dienstbotenleben verurteilt hatte, wo es dem Willen fremder Frauen und ihrer ungehobelten Ehemänner unterworfen war. Sie weinte nicht, war nur zornig und bemitleidete sich selbst.

Jagd nach einem Ehemann? fragte sie sich erneut. Vielleicht. Aber Mrs. Manningtree hatte recht. Nicht in dieser armseligen Stadt, wo die Leute es nicht einmal für nötig befanden, ihre Häuser zu streichen.

Mrs. Manningtree hatte ihr unbewußt dazu verholfen, daß sie sich zum ersten Mal seit ihrem demütigenden Abschied von zu Hause über das schlichte Gefühl der Machtlosigkeit erhob, das sie bis dahin stets gequält hatte. Das Stirnrunzeln bei ihrem Anblick hatte ihr paradoxerweise Auftrieb gegeben, da es schlicht und ergreifend Ausdruck von Eifersucht gewesen war.

Emilie stand vor dem Spiegel und löste die Zöpfe, die sie zu einer Krone auf dem Kopf zusammengesteckt hatte. Ihr Haar floß in dunklen, schimmernden Wellen über ihren Rücken. Das Reisen hatte ihr gutgetan: keine Pickel mehr, ihre Haut war klar und makellos, sogar leicht gebräunt. Sie sah gesund und kraftvoll aus, das würde ihr nun zugute kommen. Emilie war zu einer hübschen Frau herangereift.

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Nach ihrer zweieinhalbtägigen, faszinierenden Reise ins Landesinnere war Miss Ruth Tissington erstaunt über den warmen Empfang, der ihr in Nanango bereitet wurde. Die gesamte Familie Stanfield und zwei aufgeregte Hunde erwarteten sie am Haltepunkt der Kutsche und rannten anf Sie zu, als sei sie eine lange vermißte Freundin. Mrs. Stanfield umarmte sie sogar.

»Ich bin so froh, daß Sie hier sind, Miss Tissington. Hatten Sie eine angenehme Reise? Ich hoffe, es war nicht zu anstrengend für Sie. Hat man sich gut um Sie gekümmert?«

»Ja, allerdings, sehr freundlich …«

Sie veranstalteten ein wahres Theater um ihre Ankunft und zogen damit das allgemeine Interesse auf sich. Ruth hatte kaum Gelegenheit, sich von ihren Mitreisenden zu verabschieden. Als die beiden Paare erfahren hatten, daß sie neu im Land war, standen sie ihr an den verschiedenen Haltestellen helfend bei und wiesen sie auf Sehenswürdigkeiten oder die herrliche Tierwelt hin. Ruth war glücklich, weil sie endlich ganze Herden von Känguruhs und Emus gesehen hatte, die durch die weiten Ebenen rannten, dazu noch ein paar schläfrige Koalas und überhaupt mehr Tiere als in ihrem ganzen bisherigen Leben. Die Reise hatte sich als echtes Abenteuer entpuppt, das sie unbedingt in ihrem Tagebuch festhalten mußte, sobald sie Zeit dazu fand.

Mrs. Stanfield machte sie mit ihrem Ehemann Jack und den Töchtern Jane und Jessie bekannt.

»Sie müssen mich Leonie nennen.«

Ruth zuckte zusammen. »Vielen Dank, aber ich glaube, es würde den Mädchen als schlechtes Beispiel dienen.« Sie bezweifelte, daß Mrs. Stanfield sich daran halten würde, und diese eigentlich unbedeutende Sorge nagte an ihr. Sie wollte als Gouvernante ihr Bestes geben und konnte sich nicht den Gepflogenheiten der Kolonialbewohner anpassen, wenn sie den Mädchen etwas nütze sein sollte. Ihr war bereits aufgefallen, daß die neunjährige Jane und die elfiährige Jessie dringend der Erziehung bedurften. Sie fielen ihren Eltern ständig ins Wort und tobten im Depot umher wie auf einem Spielplatz.

Schließlich führte man sie zu einem Wagen, auf dem Mr. Stanfield ihren Koffer zwischen Kisten und Taschen mit Vorräten verstaute. Dann ergriff er ihren Arm.

»Sie sitzen vorn, Ruth.«

Dies war nicht der rechte Zeitpunkt, um ihn darauf hinzuweisen, daß sie in diesem Rahmen den Gebrauch ihres Vornamens nicht schätzte. Daher seufzte sie nur ergeben und ließ sich von ihm hinaufhelfen. Daraufhin brach ein Streit aus.

»Nein, Dad, wir wollen, daß Ruth bei uns sitzt«, schrie Jessie. »Sie i ist schließlich unsere Lehrerin.«

Ihre Mutter brachte sie zum Schweigen. »Seid still und zappelt nicht herum.«

»Nein, du mußt mit ihr tauschen.«

»Dafür ist es zu spät. Ruhe jetzt.«

Ohne sie weiter zu beachten, lenkte ihr Vater den Wagen aus dem Depot und bog nach rechts auf eine endlos scheinende Landstraße ab.

»Da drüben liegt die Stadt«, sagte er zu Ruth und deutete mit der Peitsche hinter sich. »Wir zeigen sie Ihnen ein anderes Mal. Von Osten her zieht ein Sturm auf, ich möchte vorher zu Hause sein.«

Jane begann zu quengeln. »Gehen wir nicht in die Stadt? Ich wollte mich mit Elsie treffen. Ihr habt versprochen, wir würden hinfahren.« Ihre Schwester stimmte in ihr Geheul ein, es sei nicht fair. Die Mutter ließ sich mit ihnen auf eine Diskussion ein, obwohl es Ruth angebrachter erschien, der Sache energisch ein Ende zu setzen. Mr. Stanfield fuhr ungerührt weiter.

Dann verfiel Jessie auf einen uralten Kindertrick. »Wir müssen in die Stadt. Ich muß mal pinkeln.«

»Nein, mußt du nicht. Du warst vorhin im Depot«, antwortete ihre Mutter.

»Ich muß aber doch. Wenn wir nicht umkehren, mache ich in die Hose.«

Mrs. Stanfield seufzte. »Halt an, Jack. Ich gehe mit ihr ins Gebüsch.« Sie scheuchte das Kind vom Wagen. Jane kicherte, während sie warteten. »Ich wette, sie macht nicht. Bestimmt nicht.«

Als ihre Schwester zurückkehrte, stieß sie sie an.

»Du hast nicht gemacht, oder?«

»Hinter den Büschen kann ich nicht.«

»Lüg nicht, natürlich kannst du.«

Ruth hörte mit wachsendem Entsetzen zu. Sie saß kerzengerade auf ihrem Sitz und hielt sich mit ihren behandschuhten Händen an der Seitenlehne fest.

Die Fahrt dauerte zwei Stunden, und Mr. Stanfield sollte recht behalten: Sobald sie das Haus betraten, das Ruth an die großen Bauernhäuser in ihrer Heimat erinnerte, brach das Unwetter los. Der Himmel verdunkelte sich, ohrenbetäubender Donner folgte auf grelle Blitze, und sintflutartiger Regen prasselte hernieder. Sie suchte in dem kleinen Schlafzimmer, das man ihr zugewiesen hatte, vor dem Gewitter — und mehr noch den furchtbaren Kindern — Schutz.

Einer der Herren in der Kutsche war darauf erpicht gewesen, die junge Engländerin so umfassend Wie möglich über seine Heimat zu informieren, und hatte ihr eine aktuelle Landkarte von Queensland gekauft. Nun holte Ruth sie aus ihrer Reisetasche, um zu sehen, wo sie und Emilie jeweils gelandet waren. Maryborough lag sehr weit nördlich, viel weiter, als sie geglaubt hatte. Erst jetzt wurde sie sich allmählich der Ausmaße dieses Landes bewußt, wo selbst ihre dreitägige Reise sie nur durch einen winzigen Teil des Kontinents geführt hatte.

Ruth hoffte, daß Emilie die Seereise ohne ihre Unterstützung gut überstanden hatte und auf weniger anstrengende Schüler als die beiden Stanfield-Mädchen getroffen war.

Gut, daß ich diese Stellung angenommen habe, dachte sie. Emilie würde die beiden möglicherweise nicht im Zaum halten können. Sie brauchen eine feste Hand. Vor allem wollte sie Mr. und Mrs. Stanfield nicht enttäuschen, da sie trotz ihrer übertrieben herzlichen Art durchaus nette Menschen zu sein schienen. Die Bezahlung war nicht so gut wie erwartet, doch Ruth würde dennoch ihr Bestes geben, das war sie sich schuldig.

Sie packte ihre Sachen aus und wappnete sich für eine erneute Begegnung mit der Familie. Sie trug jetzt ihre weiße, hochgeschlossene Bluse mit blauer Kragenschleife und dazu passendem Rock. Das Haar hatte sie in der Mitte gescheitelt und über den Ohren ordentlich zu Schnecken gerollt. Miss Tissington, die korrekte englische Gouvernante, war angekommen.

3

Das lebhafte Treiben auf den Goldfeldern und die pure Energie, die die dortige Atmosphäre ausstrahlte, hielten Mal länger als beabsichtigt fest. Er arbeitete gern mit Hillier zusammen, doch als er in zunehmendem Maße die unterschwellige Gewalt dieser Umgebung spürte, entschloß er sich zum Aufbruch.

»Der Ort hier wird mir allmählich zu groß, zu überfüllt«, sagte er warnend zu Clive. »Wir sollten weiterziehen. Bisher haben wir ohnehin keinen Erfolg gehabt.«

Doch Hillier ließ sich auf keinerlei Diskussionen ein. »Mal, du hast hier Geld investiert, du kannst jetzt nicht einfach weggehen. Was macht es schon, wenn noch mehr Goldgräber herkommen?«

Einen gewaltigen Unterschied, dachte Mal. Überall gab es Auseinandersetzungen, die Preise für die Claims stiegen sprunghaft an, und alltägliche Streitereien arteten oft in Schießereien aus. Die Lager der Chinesen wurden von zornigen Goldsuchern überfallen, die von der Vorstellung getrieben wurden, die Chinesen hätten in der Welt der Weißen nichts zu suchen. Raubüberfälle waren auf den Goldfeldern wie auch den Straßen an der Tagesordnung. Buschräuber bedrohten die Goldtransporte nach Maryborough, und die Polizei durchkämmte in der Hoffnung, gestohlenes Gold wiederzufinden, vergeblich die Hügel auf der Suche nach ihren Verstecken. Folglich übernahmen Fäuste und Schußwaffen die Herrschaft auf den Goldfeldern. Colts wurden zu einer unentbehrlichen Waffe, und als Mal eines Nachmittags ins Zelt zurückkehrte, präsentierte ihm Hillier voller Stolz sein soeben erworbenes Exemplar.

»Was zur Hölle willst du damit?« fragte er zornig.

»Du weißt doch, was sich hier abspielt. Wir müssen unseren Claim schützen.«

»Bist du verrückt geworden? Wir haben nichts, was wir beschützen müßten. Was hast du dafür bezahlt?«

»Ich habe dem Burschen gesagt, du würdest ihm zehn Pfund dafür geben. Halber Preis. Die Munition hat er mir sogar geschenkt. Bin übrigens ein recht guter Schütze.«

Der Kerl, der mit zwei Begleitern kam, um das Geld einzutreiben, war nicht gewillt, die Waffe zurückzunehmen. Allerdings gelang es Mal, ihn auf den realistischeren Preis von vier Pfund herunterzuhandeln, indem er etwas von den Plänen des Goldkommissars murmelte, eine Suche nach gestohlenen Waffen einzuleiten. Das war zwar frei erfunden, verunsicherte die Männer aber soweit, daß sie sich im Tausch gegen Mals Stillschweigen auf den niedrigeren Preis einließen.

»Ich habe dafür bezahlt, er gehört mir«, erklärte er Hillier. »Und bei der nächsten Gelegenheit werde ich ihn wieder verkaufen. Heute in vierzehn Tagen mache ich mich auf den Weg. Bis dahin kannst du dich entscheiden, ob du mitkommst oder nicht.«

Später am Abend ruhten er und Hillier sich in ihrem Zelt aus, dessen Eingang wegen der Insekten geschlossen war. Da ertönten Schreie. Schon wieder ein Kampf.

Plötzlich taumelte ein chinesischer Kuli, aus mehreren Wunden blutend, ins Zelt.

Clive sprang auf und schrie, er solle verschwinden, doch Mal hielt ihn zurück.

»Laß ihn in Ruhe!«

Sie hörten Männer auf der Suche nach ihm am Zelt vorbeirennen.

Mal schob den Kuli beiseite und trat hinaus. »Was ist hier los?«

»Hast du irgendwo ein verdammtes Schlitzauge gesehen?«

»Nein. Wiso?«

Der Trupp, der aus ungefähr zehn mit schweren Stöcken und Seilen bewaffneten Männern bestand, stürmte wortlos weiter.

»Schöne Bescherung«, beklagte sich Clive. »Wenn sie nun zurückkommen? Dann beziehen wir auch noch Prügel.«

Mal achtete nicht auf ihn und hob den jungen Kuli auf seine Pritsche. »Allmächtiger Gott, den hat’s aber übel erwischt! Schädelbruch, der Arm dürfte auch gebrochen sein. Wisch das Blut auf, ich hole Hilfe.«

»Hilfe? Niemand hilft einem Schlitzauge.«

Mal holte den Colt unter seinem Bett hervor, lud ihn und gab ihn Clive.

»Heute wirst du ihn brauchen.«

»Wofür?«

»Um dich zu schützen, was sonst. Falls sie wiederkommen. Aber wenn du ihn hinauswirfst, nützt dir auch der Colt nichts mehr, weil du es nämlich dann mit mir zu tun bekommst. Mach dich nützlich, kümmere dich ein bißchen um ihn.«

Mal glitt hinaus in die Dunkelheit und lief zum chinesischen Lager hinüber. Er mußte wachsam sein, da sie nicht lange fackeln würden, wenn sich ein Weißer ihren Zelten näherte. Am Rand des Lagers pfiff er ein paarmal, und schon tauchte ein Chinese in gebückter Kampfhaltung neben ihm auf. Mal rief den einzigen Namen, den er kannte.

»Mr. Xiu! Mr. Xiu!«

Der Wachposten zögerte, griff ihn aber nicht an.

»Boßmann!« beharrte Mal. »Mr. Xiu. Ich bin Freund. Bring mich schnell zu ihm.«

Es raschelte im Gebüsch, und zwei weitere Männer tauchten auf, die Mal im Auge behielten, während sie in ihrer eigenen Sprache die Lage diskutierten.

»Sprecht ihr Englisch?« fragte er, doch bei Kulis war das ebenso sinnlos, als hätten sie ihn in ihrer Sprache gefragt, ob er Chinesisch spräche.

Mit einer herrischen Geste deutete er an, er wolle zu Mr. Xiu.

Er mußte vor Xius Zelt warten, bis der Herr bereit war, ihn zu empfangen. Beim Eintreten wurde ihm auch der Grund dafür klar. Der vornehme Chinese war in prächtig verzierte Gewänder gekleidet, wirkte völlig ausgeschlafen und saß auf einem schönen, geschnitzten Stuhl inmitten des luxuriösesten Zeltes, das Mal je gesehen hatte. Filigrane goldene Laternen beleuchteten den Teppich und die mit rotgoldener Seide verhängten Wände. Die unauffällige Außenseite, die sich durch nichts von den anderen, mit der Dunkelheit verschmelzenden Zelten unterschied, verriet nichts von der Größe und Pracht dieses Zeltes.

Das Innere war vom Duft der Räucherkerzen erfüllt. Staunend betrachtete Mal die schwarzen Möbel — niedrige Tische, geschnitzte Stühle und ein langes, flaches Ruhebett, das mit rotem Satin bezogen war. Herr Xiu riß ihn aus seiner Versunkenheit.

»Mr. Willoughby, nun treffen wir erneut aufeinander.«

»Ja, Sir. Ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte. Einer Ihrer Goldgräber wurde verletzt. Man hat ihn zusammengeschlagen. Er braucht dringend Hilfe.«

Xiu wirkte wenig beeindruckt, daher fuhr Mal fort: »Ich weiß nicht, ob er wirklich zu Ihnen gehört, aber …«

»Wo ist er?«

»In meinem Zelt.«

»Und wo steht das?«

»Unten am Fluß. In der Gegend, die man Elbow Bend nennt.«

Bisher hatte Mal nicht bemerkt, daß mehrere schwarzgekleidete Chinesen hinter ihm ins Zelt geglitten waren; sie bewegten sich vollkommen lautlos.

Herr Xiu sprach mit ihnen und wandte sich dann wieder an Mal.

»Zeigen Sie ihnen den Weg?«

»Ja. Er braucht einen Arzt.«

Herr Xiu nickte. »Sie haben Ihre Schuld zurückgezahlt.«

»Das hätte ich ohnehin getan.«

»Ja, Mr. Willoughby, das glaube ich auch. Wenn Sie nun so freundlich wären, meine Männer stehen bereit.«

Da die Audienz damit offensichtlich für beendet erklärt wurde, wandte Mal sich zum Gehen, doch etwas in ihm wehrte sich dagegen, auf diese Weise entlassen zu werden.

»War nett, Sie wiederzusehen«, sagte er grinsend und wurde mit einem angedeuteten Lächeln des dünnlippigen Chinesen verabschiedet.

Mal bemerkte die Männer kaum, die ihm folgten, da sie praktisch kein Geräusch verursachten, während er sie durch die zerfurchten Straßen und vorbei an den Haufen tauben Gesteins bis zu seinem Zelt führte.

Clive trat verblüfft zurück, als die vier Chinesen in ihren schlichten, an Pyjamas erinnernden Anzügen hinter Mal das Zelt betraten, ihren Kameraden aufhoben und wortlos mit ihm in die Nacht verschwanden.

»Woher zum Teufel kamen die denn?«

»Nur ein paar Freunde«, erwiderte Mal ungerührt. »Sie kümmern sich um ihn. Ich bin müde. Laß uns schlafen gehen.«

___________

Es ärgerte Mal ein wenig, daß nicht er, der das Unternehmen finanziert und die meiste Arbeit geleistet hatte, buchstäblich über das Gold stolperte, sondern Hillier. Er selbst hatte das Gestein in einem weiten Bogen ausgehoben, während sein Partner den Abraum mit einer geliehenen Schubkarre wegschaffen sollte, statt dessen aber lieber im flachen Wasser am Flußufer herumwerkelte. Stolpern war im übrigen genau der richtige Ausdruck. Die Ufer waren so aufgewühlt und so oft umgegraben, daß ein Teil unter Hilliers Gewicht einfach eingesackt war. Er rutschte in ein Schlammloch, und da war es, glitzernd wie Sterne am nächtlichen Himmel staubfeine Goldfleckchen; Goldkörnchen, als Sand getarnt; schwere Goldkiesel, deren Glanz der Schlamm nicht verdecken konnte.

Hillier neigte zu übertriebenen Gefühlsausbrüchen, und daher ließ sich Mal Zeit, als er seinen aufgeregten Schreien nachging. Hillier war in Ekstase geraten, brüllte sich die Seele aus dem Leib, stieß unverständliche Laute hervor, aus denen nur das eine Wort hervorstach, das Männer von allen Seiten herbeilockte.

»Gold!«

Mal kniete sich hin und starrte ungläubig in den kostbaren Schlamm, während sein Partner mit den Händen darin wühlte.

»Bei Gott, das ist tatsächlich Gold!«

»Natürlich, ich habe es dir doch gesagt!« brüllte Hillier begeistert. »Schnell, hol die Waschrinne, und leih dir eine zweite. Wir müssen die Stelle da vorne eindämmen, damit uns das Gold nicht wegschwimmt. Hol eine Schaufel. Los, Mal, beweg dich!«

Nun war Clive der Boß und Mal sein williger Helfer. Sie ließen das andere Loch Loch sein und arbeiteten sich behutsam hinter dem hohen Damm voran, den Mal aufgeschüttet hatte. Zentimeter für Zentimeter wuschen sie in einem langen, aber ungeheuer lohnenden Prozeß das Gold heraus, ihr Gold.

Am nächsten Morgen trug Mal ihre erste Ausbeute auf die behelfsmäßige Bank: das feine Seifengold in Streichholzschachteln, den Rest in einer Marmeladenbüchse. Mißtrauisch sah er zu, wie es gewogen wurde, achtete darauf, daß keine Stäubchen än klebrigen Fingern haftenblieben, und pfiff durch die Zähne, als man ihm neunzig Pfund auszahlte.

Der Mann am Schalter war weniger beeindruckt. »Moment, Mister, ich muß noch Ihre Personalien aufnehmen und ins Register eintragen.«

Während er darauf wartete, betrat ein großer, grauhaariger Mann die Bank durch die Hintertür, nickte Mal freundlich zu und sprach mit dem Angestellten. Kurz darauf händigte ihm dieser eine Akte aus, und der grauhaarige Mann verließ die Bank wieder.

Mal war überrascht zu sehen, daß der Mann in irgendeiner Verbindung zur Bank stand, da er ihn als leidenschaftlichen Glücksspieler kannte. Um sich die Langeweile zu vertreiben, hatte Mal oftmals in einem benachbarten Spielsalon Karten gespielt, kleine Partien mit vertrauenswürdigen Partnern, die wenig finanziellen Schaden anrichteten und bei denen er sicher sein konnte, daß sie nicht in gewalttätige Auseinandersetzungen ausarten würden. Am hinteren Tisch spielten die schweren Kaliber, und Mal hatte mehrfach beobachtet, wie sich Bargeld und Börsen mit Gold auf dem grünen Tuch stapelten, mit dem der Tisch für besondere Gäste bezogen war.

»Wer ist das?« fragte Mal den Bankangestellten.

»Der Goldkommissar Carnegie«, antwortete dieser und schlug sein Register auf. »Nun brauche ich Ihre Lizenznummer, Claimnummer, Namen der Inhaber, Unterschrift oder Daumenabdruck, falls Sie nicht schreiben können.«

Mal machte seine Angaben und leistete seine Unterschrift. Seltsam, daß sich ein so wichtiger Mann unter das gemeine Volk mischte. Aber vermutlich hatte selbst er in einem Nest wie diesem abends nichts Besseres zu tun.

Nachdem Mal seine Unkosten abgezogen hatte, blieb nicht viel übrig von Clives Anteil, doch dieser blickte weiter hoffnungsvoll in eine goldene Zukunft.

Am Ende der Woche trug Mal in einer Extratasche, die er in seinen Geldgürtel genäht hatte, über vierhundert Pfund bei sich, die allesamt aus der Ader stammten. Allmählich nahmen die Funde jedoch ab. Ihre Ausbeute wurde mit jedem Tag geringer, bis Mal dem Bankangestellten nach einigen ergebnislosen Tagen weniger als eine Unze Gold aushändigen konnte.

Diesmal war der Goldkommissar Carnegie wieder in der Bank und warf Mal einen interessierten Blick zu.

»Versiegt, was?«

»Ja, Sir. Sieht ganz so aus. Aber es hat sich immerhin gelohnt.«

»Das ist die richtige Einstellung, mein Sohn. Die Klagen machen ihr Glück und verschwinden, solange sie noch können.«

Mal schob seinen Hut nach hinten und grinste. Er fand es immer komisch, wenn Männer mit ihm sprachen, als sei er noch ein kleiner Junge. »Vielleicht mache ich das auch«, sagte er.

»Lassen Sie es mich wissen. Könnte sein, daß ich einen Job für Sie habe.«

Mal nickte kurz, obwohl er auf einen Job momentan überhaupt nicht scharf war. Es war noch zu früh, den Claim aufzugeben, doch wenn die Goldquelle tatsächlich versiegte, würde er die Gegend schleunigst verlassen. Es hieß, Maryborough sei ein gutes Pflaster; er würde sich dort umsehen und dann ans Meer weiterziehen. Seine Kartenspiel-Kumpel hatten ihm erzählt, es gebe nichts Schöneres als diese Meeresküste.

»Ist allerdings einsam«, hatten sie ihn gewarnt. »Kaum ein Weißer zu sehen, bloß ein paar Squatter, die das ganze Land an sich gerissen haben.«

Das war Mal herzlich egal. Er genoß es, auf seinen Reisen malerische Fleckchen aufzuspüren. Am liebsten waren ihm die Blue Mountains außerhalb von Sydney mit ihren prächtigen Aussichtspunkten, doch als Landbewohner verspürte er einen unbezähmbaren Drang zum Meer hin, den Wunsch zu wissen, wie das Leben am Wasser war …

___________

Clive war entsetzt. »Das kannst du doch nicht machen! Wir erneuern die Pacht und graben tiefer. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.«

»Wir haben keine ganze Ader gefunden, nur eine kleine Ablagerungsstelle. Seit Wochen sind wir nun schon auf der Suche, und keine Spur mehr von Gold. Der Claim sieht aus, als hätte ein Wahnsinniger ihn umgepflügt. So können wir ihn nicht mal verkaufen.«

»Dann pachten wir einen anderen weiter flußabwärts.«

»So weit unten hat noch niemand Gold gefunden, das weißt du nur zu gut.«

»Dann eben irgendwo anders. Diese Goldfelder sind noch nicht ausgebeutet, Mal. Sieh dich doch nur um. Jeden Tag kommen neue Leute an.«

Mal zuckte die Achseln. »Das kann ich nicht bestreiten, aber ich will einfach nicht länger hierbleiben. Das ist doch kein Leben in diesem Meisenhaufen. Wir haben eine Stange Geld verdient, jetzt ist es Zeit zu gehen.«

»Aber wir könnten noch so viel mehr finden. Was sind denn schon ein paar hundert Pfund, wenn man mit einem echten Fund für immer ausgesorgt hätte? Mal, die finden hier noch immer richtige Nuggets große Dinger wir könnten richtig reich werden. Verstehst du das denn nicht? Jetzt können wir es uns leisten zu bleiben.« Mal schüttelte den Kopf. An den Gestank dieses Ortes hatte er sich beinahe gewöhnt, doch er sehnte sich nach frischer Luft und Einsamkeit, nach gutem Essen und einem freien Leben. Sollte Clive doch bleiben, wenn er wollte.

An diesem Abend suchte er den Spielsalon auf, um weiteren Diskussionen mit seinem Partner aus dem Weg zu gehen.

Während Mal draußen wartete, bis ein Platz am Tisch frei wurde, kam Carnegie auf den Salon zu marschiert und blieb unvermittelt stehen.

»Noch immer hier, Mr. Willoughby?«

Mal war erstaunt. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Das ist mein Geschäft. Ich dachte, Sie wären schon über alle Berge.«

»Morgen geht es los.«

»Ah, das ist ja interessant. Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang?«

»Wieso?«

Carnegie runzelte die Stirn. »Weil die Wände Ohren haben. Gehen wir hier entlang.«

Sie gingen bis zum Ende der schäbigen Gasse und blieben unter der Markise eines verlassenen Metzgerstandes stehen. Obwohl die Holztheke leer war, hing noch der Geruch nach rohem Fleisch in der Luft. Fliegen summten umher. Voller Abscheu schlug Mal vor, weiterzugehen.

»Nur eine Minute«, bat Carnegie. »Da Sie aufzubrechen gedenken, hätte ich einen Job für Sie.«

»Mit allem Respekt, Mr. Carnegie, aber ich brauche keinen Job.«

Der Goldkommissar verscheuchte die Fliegen aus seinem Gesicht. »Wollen Sie nach Süden oder nach Maryborough?«

»Nach Maryborough.«

»Gut, dann würde ich Sie lediglich darum bitten, sich gegen Bezahlung unterwegs nützlich zu machen.«

»Und wie?«

»Wie Sie wissen, habe ich die Pflicht, die Goldtransporte unter Begleitschutz nach Maryborough zu bringen. Ich breche bald mit dem nächsten Transport auf und brauche noch einen Vorreiter. Sie haben ein ehrliches Gesicht, Sie können den Job haben.«

»Wieso ich? Sie haben doch sicher Ihre eigenen Leute.«

Carnegie schüttelte den Kopf. »Sie kommen und gehen. Die Goldeskorte wird nur alle drei bis vier Wochen gebraucht, daher ist es eine Gelegenheitsarbeit. Lediglich Mr. Taylor, mein Stellvertreter, arbeitet ständig in meinem Büro und ist sehr zuverlässig, aber wir wählen für jeden Transport andere Männer aus. Männer, die einander nicht kennen, um heimliche Absprachen zu vermeiden.«

»Sie meinen, die könnten sich gegen Sie verbünden?«

»So etwas ist schon vorgekommen. Allerdings nicht bei mir, da Mr. Taylor und ich die nötigen Vorkehrungen treffen und immer gut bewaffnet sind.«

»Warum nehmen Sie keine Polizisten?«

»Wenn sie zur Verfügung stehen, tun wir das, aber das ist selten der Fall.« Er schlug erneut nach den Fliegen. »Dieser Ort ist furchtbar, lassen Sie uns gehen.«

Bevor sie den Salon erreichten, sah Carnegie Mal fragend an.

»Nun, was sagen Sie? Übernehmen Sie den Job?«

»Ich soll das Gold als Reiter begleiten? Ist das alles?«

»Nicht ganz. Sind Sie interessiert?«

Mal dachte darüber nach. Wenn er als Vorreiter reiste, schützte er gleichzeitig sein eigenes beträchtliches Vermögen. Eigentlich war er eine wandelnde Bank. Er konnte das Geld nicht in alle Ewigkeit mit sich herumtragen und wollte es keinesfalls in den Kneipen verprassen, wie es viele andere hier taten. Vielleicht würde er es zur Bank bringen, das wäre mal etwas ganz Neues.

»Nun?« fragte Carnegie.

»Warum eigentlich nicht? Wann geht es los?«

»Darüber habe ich noch nicht endgültig entschieden. Zuerst müssen Sie sich bei Mr. Taylor melden. Er muß ein wenig mehr über Sie erfahren. Ich mache in dieser Angelegenheit nur Vorschläge. Wenn er mit Ihnen einverstanden ist, haben Sie den Job. Allerdings dürfen Sie mit niemandem darüber sprechen. Wenn ich höre, daß Sie geredet haben, sind Sie aus der Sache raus.«

Taylor war ein Mann in den Vierzigern, eine furchteinflößende Erscheinung mit eckigem Kinn, dunklem Haar und Schnurrbart sowie kalten, grauen Augen, die Mal durchdringend musterten. Carnegies Stellvertreter wirkte eher wie ein Polizist denn wie ein Beamter, und Mal fühlte sich unbehaglich in seiner Gegenwart.

»Was wollen Sie von mir?«

»Mr. Carnegie sagte, ich solle mich bei Ihnen melden. Für den Begleitschutz. Das Gold …«

»Tatsächlich?« Taylor fixierte ihn, und Mal konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Carnegie sich bei seinem Stellvertreter keiner besonderen Beliebtheit erfreute.

»Wie heißen Sie?«

»Mal Willoughby, Sir.«

Taylors Blick wurde ein wenig nachgiebiger, das nachfolgende Kreuzverhör hatte es dennoch in sich. Woher stammte Mal? Was war mit seiner Familie? Welcher Arbeit ging er für gewöhnlich nach? Hatte er jemals Schwierigkeiten mit der Polizei gehabt? Trank er? Spielte er? Irgendwelche Erfolge auf den Goldfeldern? Der Name seines Partners? Hintergrund? Und so weiter, und so fort.

Amüsiert band ihm Mal eine Geschichte über ein Familienhotel in Ipswich auf, über sein Leben als Scherer auf den großen Farmen und sein Zuhause bei Onkel Silver unten im Süden, in Chinchilla.

Taylor betrachtete ihn prüfend. »Wo haben Sie den Kommissar kennengelernt?«

»Er hat mich in der Bank gesehen. Dann noch ein paarmal am Spieltisch.«

»Ich dachte, Sie spielen nicht.«

»Ich? Nein, Sir. Ein kleine Partie Karten unter Freunden dann und wann, nur zum Zeitvertreib. Bei den großen Spielen, an denen Mr. Carnegie teilnimmt, hätte ich keine Chance.«

Damit hatte er ins Schwarze getroffen. Taylor runzelte die Stirn und knallte den Federhalter auf den Tisch. Er schob sein Notizbuch beiseite, in dem er die Angaben des Bewerbers festgehalten hatte.

»Der Job ist gefährlich«, knurrte er. »So grün Sie auch sein mögen, das müßte Ihnen eigentlich klar sein. Weshalb wollen Sie ihn übernehmen?«

Mal grinste. »Wenn Sie einen Blick in Ihr Notizbuch und das Bankregister werfen, werden Sie sehen, daß ich zur Zeit im Besitz von mehr Bargeld bin, als ich in meinem ganzen bisherigen Leben verdient habe. Ich möchte hier so schnell wie möglich weg. Mein Partner will noch bleiben. Und welche günstigere Gelegenheit könnte es für einen alleinreisenden Mann mit viel Geld in der Tasche wohl geben?«

Taylor nickte. »Sie müssen ständig Ihre fünf Sinne beisammenhaben. Aber gut, Sie wirken immerhin mehr auf Draht als die betrunkenen Clowns, die diese Gegend sonst zu bieten hat. Können Sie mit einem Gewehr umgehen?«

»Keine Frage.«

»Gut. Sie hören von mir.«

»Wann brechen wir auf?«

»Wenn ich es sage. Ich weiß, wo ich Sie finde. Regeln Sie alles mit Ihrem Partner, und halten Sie vor allem den Mund.«

___________

Kommissar Carnegie verließ früh den Pokertisch, wobei er die noch immer drückende Hitze als Grund angab. Obwohl die Sonne schon vor Stunden untergegangen war, hatte die Dunkelheit keine Abkühlung gebracht; kein Lüftchen regte sich. Er wischte sich mit einem großen Taschentuch übers Gesicht und bestellte einen Brandy gegen die hämmernden Kopfschmerzen.

»Ich werd’ wohl langsam alt«, sagte er. »Hab nicht mehr so viel Stehvermögen wie ihr jungen Leute. Diese Hitze bringt noch meinen Kopf zum Platzen.«

Allerdings hatte nicht nur das Klima, sondern auch eine Reihe verlorener Partien für diese Kopfschmerzen gesorgt, und er wagte nicht, den Salonbesitzer um ein weiteres Darlehen anzugehen. Bis Taylor vor einigen Monaten in ihm gestoßen war, hatte Carnegie die Bücher selbst geführt, säuberliche Aufstellungen, die es ihm erlaubten, Bargeld einzustecken und von Goldsuchern für diverse Gefallen Schmiergelder anzunehmen, was er als Honorare zu bezeichnen pflegte. Die zusätzlichen Einkünfte waren sehr hilfreich gewesen, da Carnegie jeden Penny brauchen konnte; seine Gläubiger in Brisbane übten ungeheuren Druck auf ihn aus. Andererseits galten Spielschulden als Ehrenschulden, und es würde eine Weile dauern, bis sie ernsthafte Schritte einleiteten, denn Allyn Carnegie erfreute sich eines guten Rufs und einflußreicher Freunde.

Dieser verdammte Taylor hing wie ein Falke über den Büchern und hätte jeden Penny aufgespürt, der in die falsche Tasche geflossen wäre, jeden Claimbesetzer, der plötzlich zum rechtmäßigen Lizenzinhaber aufgestiegen wäre. Somit war diese Geldquelle versiegt.

Er seufzte. Wegen dieses verflixten Taylor hatte er bei chinesischen Geldverleihern Darlehen aufnehmen müssen und war nun so tief in Schulden verstrickt, daß ihn nur noch ein Wunder retten konnte.

Da mit Wundern kaum zu rechnen war, plante Carnegie einen waghalsigen Coup. Es war so simpel, daß es einfach funktionieren mußte. Nun galt es nur noch genügend Mut aufzubringen, um ihn durchzuführen.

Er schwitzte so sehr, daß er sich schon beim Betreten der Holzhütte, die ihm als offizieller Wohnsitz diente, Jacke und Krawatte auszog. Er warf sie auf einen Stuhl und suchte nach Streichhölzern, als plötzlich ein Geräusch aus der Schlafkammer zu ihm drang.

»Wer ist da? Na los, heraus mit dir.«

Ein untersetzter, kahlköpfiger Mann tauchte in der Tür auf. »Immer mit der Ruhe, ich bin’s nur.«

»Verdammt noch mal, Perry! Was hast du hier zu suchen? Ich hatte dir doch verboten, dieses Haus jemals zu betreten.«

Carnegie war dennoch erleichtert. Er zündete die Lampe an, schloß die Tür und ließ die Jalousie an dem kleinen Fenster herunter.

»Mich hat keiner gesehen. Ich will wissen, ob Sie das jetzt durchziehen oder nicht. Ich kann hier nicht ewig rumhängen und warten.«

»Es gibt noch einiges zu bedenken …«

»Das höre ich schon seit Wochen. Kommen Sie endlich zu Potte mit Ihren Bedenken, ich verschwende hier ja nur meine Zeit. Wann geht die nächste Lieferung?«

»Wenn ich es sage«, versetzte Carnegie, doch auf einmal war er nervös geworden und zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarre an.

Perry nahm sich ebenfalls eine. »Sie haben doch nichts dagegen, oder?« fragte er grinsend. »Bekommt der Kommissar etwa kalte Füße? War doch nicht meine Idee, sondern Ihre. Und ich glaube nicht, daß Sie mich wegen meiner schönen Augen ausgesucht haben. Sie brauchten einen Komplizen, und den haben Sie gefunden. Ich bin der richtige Mann für den Job. Wo also liegt das Problem?«

Carnegie sog heftig an seiner Zigarre. Natürlich war Perry der richtige Mann: ein brutaler, hartgesottener Krimineller, also genau das, was er brauchte. Und nachdem er ihn in seinen Plan eingeweiht hatte, blieb ihm keine andere Wahl. Er hatte in ihm einen gefährlichen Mitwisser.

Er hatte Perry sorgfältig ausgesucht, ebenso wie den harmlosen Willoughby, der ihm als Ablenkungsmanöver dienen sollte. Harmlos, und dumm obendrein.

»Ich bin bald soweit«, sagte er bedächtig. Der nächste Transport würde Gold im Wert von über achttausend Pfund mit sich führen, von denen er Perry die Hälfte abtreten müßte. Sei’s drum, die viertausend Pfund würden alle seine Probleme auf einen Schlag lösen.

»Ich muß dir vertrauen können. Ich muß dir das Gold erst einmal zur Aufbewahrung überlassen. Woher weiß ich, daß du dich nicht damit aus dem Staub machst?«

Perry stand lässig gegen die Wand gelehnt. »Keine Sorge, Sie werden Ihre Hälfte schon bekommen. Und wissen Sie auch, warum? Weil das der schlaueste Plan ist, der mir je untergekommen ist. Das muß ich Ihnen lassen, Kommissar, er ist so schlau, daß es eine Freude ist. Wieviel wird denn für mich dabei abfallen?«

»Um die viertausend«, erwiderte Carnegie.

»Jesus! Viertausend! Ich hätte auch für die Hälfte mitgemacht. Heiliger Strohsack! Wir ziehen das durch, und Sie sehen mich nie wieder. Ich kehre heim nach Tasmanien, und Sie werden als Held gefeiert, während die Polizei den ganzen Busch nach den großen bösen Räubern absucht.« Er lachte. »Wirklich durchtrieben. Aber nur wer durchtrieben ist, kann einen solchen Posten ergattern, hab ich recht?«

Carnegie genoß die Schmeichelei und war erleichtert, daß er von Perry anscheinend nichts zu befürchten hatte. Er würde behaupten, sie seien von Buschräubern angegriffen worden, ohne jedoch eine Beschreibung von Perry zu geben. Bis die Polizei die Suche aufnahm, wäre der eigentliche Räuber längst in Maryborough, anstatt sich wie vermutet in den Bergen jagen zu lassen.

Derselbe Transport würde auch eine kleine Menge Bargeld aus der Bank in die Stadt bringen — ein schöner Bonus. Perry sollte Gold und Geld stehlen, es an einem verabredeten Ort verstecken und dann seine Arbeit in Maryborough wieder aufnehmen.

Genau vier Wochen nach dem Überfall, wenn sich die erste Aufregung gelegt hätte, würde er die Beute holen und in den Bungalow bringen, den der Kommissar in Maryborough bewohnte. Da beide wußten, daß sie auf gar keinen Fall miteinander in Verbindung gebracht werden durften, mußte die Übergabe mitten in der Nacht erfolgen. Perry würde die Beute einfach unter der Hintertreppe verstecken und verschwinden. Insoweit mußten sie einander blind vertrauen können.

Carnegie würde in seinem Bungalow das Gold aufteilen, da er darin die meiste Erfahrung besaß, und Perrys Anteil wieder unter die Treppe legen, wo er ihn in der folgenden Nacht abholen könnte. Der Plan war einfach idiotensicher.

Carnegie war froh, daß er den Bungalow gekauft hatte. Er diente ihm als Zufluchtsort vor den miserablen Lebensbedingungen auf den Goldfeldern. Er war zwar nicht mit seinem geräumigen Haus in Brisbane zu vergleichen, aber immerhin besser als der Holzschuppen, in dem er hier hauste. Und so praktisch.

Er lächelte. Der einzige Haken bei seinem Plan war das Vertrauen, das er in Perry setzen mußte. Doch welche Wahl hatte man schon, wenn man sich mit Kriminellen zusammentat?

Er drückte die Zigarre aus. »Samstag, am Samstag geht es los.«

Perry, der sich gerade auf einen Stuhl setzen wollte, stieß diesen vor Aufregung um. »Ehrlich? Es geht also klar?« Er sprang auf. »Carnegie, das werden Sie nicht bereuen. Wir drehen das Ding, und keine Menschenseele wird uns was anhängen können. Bei Gott, wir werden reich!«

Carnegie betrachtete viertausend Pfund noch nicht als Reichtum, doch es war immerhin ein guter Anfang. »Also noch mal. Du lauerst uns am Blackwater Creek auf. Am Sonntagabend. Mit dem Ruderboot.«

»Schon kapiert. Wie viele Männer werden da sein?«

»Taylor und drei Wachen. Zwei hatte ich schon mal dabei, der dritte ist neu.«

»Wie heißt er?«

»Ein junger Bursche namens Mal Willoughby.«

»Und was ist mit Taylor?«

»Er hält sich an die Vorschriften, ebenso wie ich«, grinste Carnegie.

»Wir warten am Blackwater Creek, bis die Polizei eintrifft.«

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Die Kutsche nahm auf dieser Fahrt keine Passagiere mit. Sie war mit besonders starken Federn versehen, um die Unebenheiten der Straße auszugleichen, und mit Stahlkoffern beladen. Alles stand bereit für die Abfahrt am Samstagmorgen. Taylor selbst ergriff die Zügel, die Vorreiter unter Führung des Kommissars bildeten die Eskorte. Auf sein Zeichen bogen sie in eine Straße ein, die aus dem Goldgräberlager herausführte.

Mal war aufgeregt. Einen Goldtransport als bewaffnete Wache zu begleiten, war eine völlig neue Erfahrung für ihn.

Eine der Wachen war ohne Vorankündigung im Dunkeln in sein Zelt getreten.

»Willoughby?«

»Ja?« hatte Mal verschlafen geantwortet.

»Der Kommissar will dich sehen. Steh auf!«

Es war soweit! Er hatte nur noch Zeit, sein Bündel zu schnüren und sich von Clive zu verabschieden. Natürlich hatte er seinem Partner von dem Job als Vorreiter erzählt, der ihn sicher nach Maryborough gelangen lassen würde. Ein wenig enttäuscht, hatte Clive Mals Entscheidung dennoch akzeptiert und schüttelte ihm nun freundschaftlich die Hand.

Vor dem Haus des Kommissars zügelte Mal sein Pferd, während die Kutsche mit den übrigen Reitern aus dem Schatten trat. Sie wurden einander nicht vorgestellt und schienen ebenso begierig darauf, daß es endlich losging, wie ihre Pferde, die unruhig herumtänzelten. Mr. Taylor lenkte die Kutsche, der Kommissar auf seinem kräftigen, grauen Pferd führte den Zug an. Er gab seinem Tier die Sporen, und sie setzten sich in Bewegung. Bevor sich im Lager auch nur eine Menschenseele rührte, hatten sie es bereits weit hinter sich gelassen.

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Die Damen der Auswanderungsgesellschaft hatten ihren Gouvernanten nicht nur Referenzen mit auf den Weg gegeben, sondern ihnen auch nahegelegt, daß es notwendig sei, gewisse Richtlinien zu beachten, damit ihre und alle zukünftigen Arbeitgeber den korrekten Status einer Gouvernante in ihrem Haushalt erkennen und anerkennen könnten.

Emilie hatte die Liste der Regeln genau studiert. Sie fand sie recht vernünftig und angemessen als Verhaltensrnuster für eine Gouvernante. Bald jedoch mußte sie erkennen, daß Mrs. Manningtree sich dieser Regeln keineswegs bewußt war. Aber Emilie war zu schüchtern, um sie gleich am ersten Tag auf ihre Fehler hinzuweisen.

Um fünf Uhr nachmittags kam das Hausmädchen an ihre Tür.

»Ich bin Nellie. Mrs. Manningtree sagt, ich soll sie zu den Kindern führen. Sie haben gebadet, also müssen Sie sie nur noch frisieren und zum Abendessen runterbringen.«

Der erste Fehler. Gouvernanten waren keine Kindermädchen, sondern Lehrerinnen. Dennoch folgte sie Nellie gehorsam ins Kinderzimmer, wo ihre drei Schützlinge alle gleichzeitig über sie herfielen und sie mit Fragen bestürmten. Emilies lange Reise auf dem großen Schiff erschien ihnen ungeheuer faszinierend.

Abwehrend hob sie die Hände. »Ich kann nicht alle Fragen auf einmal beantworten«, sagte sie lächelnd. »Morgen erzähle ich euch von dem Schiff und der langen, langen Reise. Das wird eine gute Geographie-Lektion für euch. Aber jetzt müßt ihr euch erst einmal anziehen.«

Das Zimmer mit den drei Betten wirkte wie ein kleiner, unordentlicher Schlafsaal, in dem Kleider und Handtücher überall herumlagen. Emilie hob sie auf. »Was tragt ihr gewöhnlich zum Abendessen?«

»Was wir anhaben«, antwortete Alice, »aber Rosie hat ihres falsch herum an.«

Emilie rang nach Luft. »Aber das sind doch Nachthemden.«

»Ja, weil wir schon gebadet sind. Wir haben auf Sie gewartet, aber Nellie sagte, Sie schlafen.«

»Eßt ihr immer im Nachthemd?«

Sie nickten, und Emilie zuckte die Achseln. »Na schön. Zuerst müßt ihr euch die Haare bürsten. Alice, hol mir bitte eine Bürste, ich kümmere mich derweil um Rosie.«

Sie nahm das jüngste Kind beiseite, zog ihm das Nachthemd richtig an und wartete, bis Alice mit einer schmutzigen Bürste und einem zerbrochenen Kamm wiederkam, die sie in den Schubladen einer Kommode aufgestöbert hatte. Dann arbeitete sie sich so sanft wie möglich durch Rosies widerspenstiges Haar.

Das Mädchen war angenehm überrascht. »Bei Ihnen ziept es gar nicht. Nellie tut mir immer weh. Sie reißt dran, wenn Knoten drin sind.«

Emilie fragte sich, ob ihr das Hausmädchen eine seiner Pflichten zuschieben wollte. Diese Frage mußte unbedingt bald geklärt werden.

Sie stellte fest, daß es schneller ging, wenn sie allen drei Kindern die Haare bürstete, als Jimmy und Alice selbst an ihren Haaren herumwerkeln zu lassen. Danach reihte sie die Kinder vor sich auf.

»Gut. Wo sind eure Hausschuhe?«

Sie starrten sie an. »Wir tun keine Hausschuhe tragen«, sagte Jimmy .

»Wir tragen keine Hausschuhe …«, korrigierte sie ihn.

»Genau«, antworteten die drei im Chor.

Schon bald sollte sie entdecken, daß Schuhe nur für die Sonntagsschule bestimmt waren, weil sie warm und unbequem waren und man darin große Blasen bekam, die mit einer Nadel aufgestochen werden mußten, so daß sie einem noch mehr weh taten. Sicher, Emilie hatte zu ihrer Zeit auch gelegentlich unter Blasen gelitten, aber barfuß zum Unterricht zu gehen erschien ihr denn doch nicht ganz angebracht.

Statt Miss Tissington ins Speisezimmer zu führen, gingen die Kinder mit ihr in die Küche, wo sie Kate, der Köchin, vorgestellt wurde, einer tüchtig aussehenden Frau mit dünnem Lächeln und blondem Haar, das sie zu einem strengen Knoten zusammengebunden trug. Das Trio marschierte weiter, vorbei an der Vorratskammer in ein fensterloses Zimmer, wo an einem kahlen Tisch für vier Personen gedeckt war.

Die Kinder nahmen Platz. Dann kam Nellie herein.

»Sie sitzen hier, Miss«, sagte sie freundlich. »Ich und die Köchin essen später. Möchten Sie Suppe?«

Emilie nickte sprachlos und blieb zögernd neben dem Tisch stehen. Gouvernanten nahmen ihre Mahlzeiten für gewöhnlich mit der Familie ein, nicht mit den Kindern im Kinderzimmer.

Dies hier war sogar noch schlimmer, da es sich offensichtlich um das Eßzimmer der Dienstboten handelte. Wußte Mrs. Manningtree denn nicht, daß sie weder Kindermädchen noch Dienstbotin war? Emilie verspürte den Drang, der Köchin zu sagen, daß hier ein Irrtum vorläge, konnte es sich aber nicht leisten, das Hauspersonal vor den Kopf zu stoßen. Am nächsten Morgen würde sie mit ihrer Arbeitgeberin darüber sprechen. Für den Augenblick war es wohl das beste, erst einmal ihren Hunger zu stillen.

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Im Klassenzimmer, das in einem Schuppen mit Blechdach untergebracht war, herrschte eine Bruthitze, die die Kinder jedoch nicht zu spüren schienen. Ihre Eltern hatten immerhin den Versuch unternommen, den Raum zu möblieren. Er enthielt einen langen Tisch für die Schüler und einen kleinen für die Lehrerin. Auf einem Sims unter dem Fenster lagen Hefte, eine Dose mit Stiften, kleinen Schiefertafeln und Griffeln sowie ein Stapel Schulbücher. Daneben stand eine große neue Tafel mit bunter Kreide.

Alice, die anscheindend die Rolle der Anführerin übernommen hatte, brachte einen Stuhl nach vorn. Emilie dankte ihr und breitete ihre eigene Sammlung von Lektüren und Lesebüchern aus, die sie und Ruth vor ihrer Abreise in London gekauft hatten. Sie hoffte, die Auswahl würde sich als angemessen erweisen.

Die neue Lehrerin erkundigte sich bei den Kindern nach ihrem liebsten Morgengebet und sagte mit ihnen, da sie keines wußten, das Vaterunser auf. Dann stellte sie sich kurz vor und konstatierte erfreut, wie aufmerksam ihre Schüler zuhörten. Sie hatte vor, alle drei ein kleines Diktat schreiben zu lassen, um ihren Wissensstand zu testen, doch bevor sie dazu kam, erschien Mrs. Manningtree in der Tür.

»Guten Morgen, Miss Tissington. Ich sehe, Sie sind schon bei der Arbeit. Verschwenden keine Zeit. Benehmen sich die drei denn auch?«

»O ja, Mrs. Manningtree. Es sind sehr brave Kinder.« Die drei strahlten bei ihrem Lob übers ganze Gesicht, doch die Mutter schien es nicht zu bemerken.

»Haben Sie alles, was Sie brauchen?«

»Ich denke schon.«

»Wenn nicht, dann wenden Sie sich an Kate. Sie wird sich darum kümmern.«

»Vielen Dank.« Emilie holte tief Luft, Sie mußte ihren Standpunkt vertreten, wie schwer es ihr— auch fallen mochte. Es führte kein Weg daran vorbei.

»Mrs. Manningtree, ich war erstaunt angesichts der Arrangements fürs Abendessen. Wünschen Sie nicht, daß ich mit Ihnen und Mr. Manningtree speise?«

»Was? Guter Gott, nein. Die Kinder essen bei den Dienstboten. Ich dachte, das wüßten Sie.«

»Ja, dessen bin ich mir durchaus bewußt. Aber wo soll ich meine Mahlzeiten einnehmen?«

Die Frau versteifte sich sichtlich. »Heißt das, Sie möchten im Speisezimmer essen? Wollen Sie das damit sagen?«

»Nun es ist so üblich«, stammelte Emilie.

»Nicht in meinem Haus. Wir haben oft Gäste. Geschäftsleute. Wichtige Persönlichkeiten. Sie würden Ihre Anwesenheit als störend empfinden. Ich weiß nicht, wie Sie auf diese Idee gekommen sind. Es wäre Ihrer Stellung nicht angemessen, glauben Sie mir. Ich hoffe, Sie werden zukünftig auf derartige Anmaßungen verzichten …«

Emilie war fassungslos. »Ich dachte nur …«

»Sie werden feststellen, daß die Mahlzeiten im Dienstbotenzimmer ebenso schmackhaft zubereitet sind wie die an meinem Tisch, falls es das ist, was Ihnen Kopfzerbrechen bereitet.«

»Oh, nein …«

»Dann möchte ich kein Wort mehr davon hören.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte heraus.

Emilie hatte Tränen in den Augen angesichts dieser ungerechtfertigten Zurechtweisung und hielt den Kopf gesenkt, als sie an ihren Tisch zurückkehrte. Die Kinder hatten alles mit angehört.

»Wir haben Sie doch gern bei uns, Miss«, sagte Alice, um sie aufzuheitern.

Emilie schluckte und rang um Fassung. »Das ist sehr nett von dir, Alice. Ich bin auch gern bei euch. Vielleicht könntet du und Jimmy etwas schreiben, während ich mich um Rosie kümmere.«

Die Kinder wurden ihre Freunde. Sie waren geradeheraus, aber nicht frech, und bemühten sich ernsthaft, solange man sie nicht langweilte. Emilie unterbrach den normalen Unterricht oft, um ihnen Geschichten zu erzählen, nahm sie mit auf Spaziergänge durch den riesigen Garten, bei dem es sich teilweise um ehemaligen Regenwald handelte, und machte sie mit sportlichen Übungen vertraut, die sie amüsant fanden. Allerdings hatten die Kinder diese Übungen kaum nötig, da sie überaus gesund waren und nach dem Unterricht wild herumtollten.

Die Abende zogen sich jedoch in die Länge. Emilie unternahm weite Spaziergänge, allein oder mit den Kindern, um ihrem kargen Zimmer zu entfliehen. Der vordere Bereich des Hauses schien verbotenes Terrain für sie zu sein. Inzwischen war ihr Vermögen auf wenige Shillinge zusammengeschmolzen, doch sie traute sich nicht, ihre Arbeitgeberin nach ihrem Gehalt zu fragen. Sie fand bald heraus, daß Mrs. Manningtree das Hausmädchen und die Köchin noch sehr viel schlechter behandelte, doch Emilie hütete sich, in deren Klagen über ihre Herrin einzustimmen. Nun wurde ihr auch bewußt, daß der Aufenthalt im Dienstbotenquartier durchaus seine Vorteile hatte.

Ihre Arbeitgeber empfingen tatsächlich Gäste. Mittagessen mit ungehobelten Frauen zogen sich bis weit in den Nachmittag hinein, doch die Abende waren noch schlimmer. Betrunkene brüllten und trampelten durchs Haus. Kate und Nellie blieben in der Küche, bis sie nach Hause gehen konnten. Emilie hingegen wünschte sich sehnlichst ein Vorhängeschloß für ihre Tür herbei, wenn Männer durch die Flure polterten und im Hof unter ihrem Fenster lärmten.

Manchmal schlich sich Rosie verängstigt in Emilies Zimmer und kletterte zu ihr ins Bett. Sie brachte es nie übers Herz, das Kind wegzuschicken.

Am Morgen nach einer besonders zügellosen Feier ließ Nellie in Emilies Beisein die Bemerkung fallen: »Mich wundert nur, daß sie die Miss nicht zu ihren Parties einlädt. Es sind immer mehr Herren als Damen dabei. Die Miss ist doch mindestens so hübsch wie alle anderen.«

Die Köchin zog eine Augenbraue in die Höhe. »Eben drum. Sie wünscht keine Rivalin. Schon gar nicht unsere hübsche Miss.«

»Guter Gott«, stieß Emilie hervor. »Das kann ich nicht glauben.«

»Es stimmt aber. Denken Sie an meine Worte. Sie haben mehr Klasse als der ganze Haufen zusammen, und diese Frau weiß das ganz genau. Nellie hört oft, wie sie da drinnen mit ihrer Gouvernante prahlt, aber niemand bekommt Sie je zu Gesicht.«

»Es ist eben ihre Art«, wandte Emilie ein.

»Das kann man wohl sagen. Aber hüten Sie sich vor dem Boß, Missy. Ich habe bemerkt, wie er Sie anschaut. Hat sich angewöhnt, im Klassenzimmer vorbeizuschauen, nicht wahr?«

»Ja, aber er will nur wissen, ob die Kinder Fortschritte machen.«

»Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen«, erwiderte Kate lachend. »Halten Sie stets die Hutnadel bereit.«

Sogar Emilie mußte darüber lachen, und die Köchin nickte anerkennend. »Gut, Sie mal lachen zu sehen, Miss. Sie sollten öfter ausgehen. Ein junges Mädchen wie Sie kann doch nicht Abend für Abend in seinem Zimmer hocken.«

Emilie war ganz ihrer Meinung, doch wo sollte sie hingehen? Allein wagte sie sich nicht auf die dunklen Straßen hinaus. Am schlimmsten war, daß sie in ihrem Zimmer keinerlei Beschäftigung hatte. Sie hatte kein Geld, um Bücher oder Stickzeug zu kaufen. Durch Kate ließ sie um Farben, Pinsel und Papier für Aquarelle bitten, indem sie vorgab, daß sich Alice für die Grundlagen der Malerei interessierte, doch ihre Bitte wurde ignoriert.

Mehrere Wochen nach ihrem Eintreffen herrschte plötzlich Aufregung im Haus. Das Klavier war da! Emilie hatte es schon völlig vergessen. Mr. Manningtree wuselte aufgeregt um die beiden Männer herum, die das Instrument hereintrugen, und mahnte sie zur Vorsicht. Er stritt mit seiner Frau über den geeignetsten Stellplatz im Salon und riß schließlich ungeduldig das schützende Papier ab, um seinen ganzen Stolz in Form eines glänzend schwarzen Pianos mit Kerzenhaltern aus Messing zu enthüllen.

Mrs. Manningtree trat einen Schritt zurück, Nellie und Kate betrachteten ehrfürchtig das Instrument, und die Kinder sprangen aufgeregt herum. Sie wollte es ausprobieren, doch ihr Vater scheuchte sie davon.

»Nein, wir haben hier eine echte Pianistin. Miss Tissington, nicht so schüchtern, wir wollen mal hören, wie es klingt.«

Emilie war hocherfreut. Es war, als habe ein alter Freund Einzug ins Haus gehalten. Sie klappte den Deckel hoch und wischte die Tastatur sorgfältig mit Nellies Staubtuch ab, bevor sie mit den Händen darüberfuhr.

»Es klingt herrlich.«

Sie begann mit einer Etüde von Chopin, wechselte dann zu einem melodiösen Stück von Liszt, und alle außer Mrs. Manningtree waren hingerissen.

»Können Sie nicht etwas Bekanntes spielen?«

»Ich denke schon.« Sie spielte ein paar irische Balladen, die die Leute auf dem Schiff gesungen hatten, und zu ihrer Überraschung ertönte kurz darauf Mr. Manningtrees durchaus passabler Tenor.

»Singt mit, Leute«, forderte er sie auf, und bald waren alle singend um das Klavier versammelt. Das heißt, alle außer Mrs. Manningtree, die mit wütender Miene an der Tür stand.

»Wann können wir heute mit dem Mittagessen rechnen?« fragte sie bissig.

Kate, die den Wink verstand, stieß Nellie an und ging mit ihr hinaus, doch der Boß hatte so viel Spaß an seinem neuen Spielzeug, daß Emilie weiterspielen mußte, bis sie alle ihm bekannten Lieder durchhatte.

»Bei Gott, was für ein Tag. Gibt nichts Besseres als ein Klavier im Haus. Meinen Sie, Sie könnten es den Kindern beibringen, Miss Tissington?«

»Ja, natürlich. Wir können mit dem Unterricht jederzeit beginnen. Rosie dürfte allerdings noch ein bißchen zu jung dafür sein.«

»Nein, bin ich nicht!«

»Sie können mit dem Unterricht beginnen, wenn ich es sage«, mischte sich Mrs. Manningtree ein. »Und das heißt, wenn der Salon frei ist. Und nicht während der Schulstunden. Sie können jetzt gehen, Miss Tissington, nehmen Sie die Kinder bitte mit. Sie haben schon die Hälfte ihres Unterrichts versäumt.«

Emilie stand noch immer wie verzaubert vor dem Klavier. »Oh, das werden wir schon aufholen«, sagte sie.

»Und ob Sie das werden. In der Waschküche liegt ein Stapel Bügelwäsche. Nellie hat keine Zeit dafür, also können Sie heute nach dem Unterricht bügeln.«

Mr. Manningtree schien diese Unverschämtheit gar nicht zu bemerken. Er dankte Emilie für die »Taufe« des Klaviers und nahm ihr das Versprechen ab, bald wieder für sie zu spielen.

»Nur zu gern«, erwiderte sie ruhig, da sie seiner Frau den Triumph nicht gönnte, sie aufgebracht zu sehen. »Wenn Sie mich nun entschuldigen wollen …«

Das Klavier veränderte Emilies Leben, doch leider nicht zum Besseren.

Spät am folgenden Samstagabend hämmerte Mr. Manningtree an ihre Tür, als sie gerade einen Brief an Ruth beendet hatte, in dem sie ihre Stelle über den grünen Klee lobte.

»Sind Sie da, Miss?’ Hier ist Bert. Wir möchten, daß Sie für uns spielen.«

Sie zog ihren Morgenmantel enger um sich und öffnete die Tür einen Spaltbreit. »Mr. Manningtree, das geht leider nicht, ich bin nicht angezogen.«

»Egal, wir warten solange.«

»Vielleicht ein anderes Mal.« Sie roch den Alkohol, den er ausdünstete.

»Nein, heute ist gerade richtig. Kommen Sie, nicht so schüchtern …«

»Ich kann wirklich nicht …«

»O doch, Sie können!« Seine Stimme klang nun entschiedener. »Seien Sie kein Frosch. Ihnen bleibt nichts anderes übrig. Ich gebe Ihnen fünf Minuten.«

Die Dinnergäste hatten das Speisezimmer bereits verlassen und waren im Salon versammelt, als Emilie eintrat. Die Frauen waren alle mit schreiend bunten Taftkleidern herausgeputzt, während die Männer in Hemdsärmeln herumliefen. Sie wartete, bis jemand sie bemerkte und unter lautem Gejohle ans Klavier führte.

Gehorsam erfüllte sie die Musikwünsche der Gäste und ertrug das Gedränge um sie herum, als der Boß alle zum Singen aufforderte. Sie lehnte den Wein ab, den man ihr wiederholt anbot,und wies die Annäherungsversuche eines triefäugigen jungen Mannes mit pomadisiertem Haar und dünnem Schnurrbart ab.

Die übrigen männlichen Gäste waren allesamt ältere Herren, vermutlich Honoratioren, die sich allein mit dem Gesang zufriedengaben, doch der junge Mann namens Curtis blieb hartnäckig, flüsterte ihr Anzüglichkelten ins Ohr und legte ihr den Arm um die Schultern.

»Ich wünschte, Sie würden das unterlassen«, sagte sie und hielt in ihrem Spiel inne, um seinen Arm zum fünften Mal beiseite zu schieben; sie erntete aber nichts als Gelächter.

»Passen Sie nur auf, Miss Tissington«, warnte sie ein älterer Herr lächelnd, »der Captain hat es mit den Damen.«

Ungerührt wandte sich Curtis an seine Gastgeberin. »Wie könnte es anders sein, wenn wir eine so liebliche englische Rose in unserer Mitte haben? Violet, du hast sie uns schändlicherweise vorenthalten. Und eine so talentierte Dame noch dazu …«

Mrs. Manningtree zuckte die Achseln. »Ich glaube, für heute abend haben wir genug Musik gehört. Vielen Dank, Miss Tissington, wir haben Ihr kleines Konzert sehr genossen.«

Trotz dieser knappen Entlassung verließ Emilie erleichtert den Salon und schlug ihre Zimmertür hinter sich zu. Sie war zornig, daß man ihr einen so unerfieulichen Abend zugemutet hatte.

Am nächsten Morgen verspürte sie das Bedürfnis, mit jemandem darüber zu sprechen, und berichtete der Köchin von ihrer Erfahrung. Deren Reaktion war niederschmetternd.

»Na, ich würd’ sagen, die Würfel sind gefallen, Miss. Die werden sie ab jetzt holen, wann immer es ihnen paßt. Daran können Sie nichts ändern, ist genau wie bei mir und Nell. Wann immer sie ein Abendessen oder eine Gesellschaft hat, müssen wir bis spät in die Nacht bleiben. Ohne Extralohn oder das kleinste Dankeschön. Da kann man nichts gegen machen.«

Sie hatte recht. Emilie wurde von nun an mindestens einmal wöchentlich und ohne Vorwarnung zum Klavierspielen gerufen. Irgendwann kleidete sie sich gar nicht mehr aus, wenn sie Lärm aus dem Vorderhaus hörte, und wartete auf das unvermeidliche Klopfen an der Tür. Allerdings lernte sie ihre Arbeitgeber durch diese Auftritte auch besser kennen. Ungeachtet seines ungeschliffenen Benehmens war Mr. Manningtree eigentlich ein ganz netter Mann. Er war stolz auf sie und brachte in nüchternen Momenten aufrichtige Dankesworte über die Lippen. Einmal brachte er ihr sogar Pralinen ins Klassenzimmer.

»Sie sind ein braves Mädchen«, sagte er. »Die sind für Sie. Unser Bürgermeister hält Sie für eine erstklassige Musikerin, schönes Kompliment, was? Kann ich sonst noch was für Sie tun?«

Emilie errötete. »Ja, Sir. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie mir sagen, wann ich mit meinem Gehalt rechnen kann? Ich bin jetzt seit sechs Wochen hier…«

»Bißchen klamm, was? Warum haben Sie nichts gesagt? Meine Frau kümmert sich um die Haushaltsausgaben.« Er griff in seine Tasche und zählte fünf Shilling ab. »Reicht das für den Anfang?«

»Ja, vielen Dank. Aber ich wüßte gern, in welchen Abständen ich bezahlt werde.«

»Ich frage meine Frau. Überlassen Sie das ruhig mir. Machen die Kinder Fortschritte?«

»Ja, sie entwickeln sich sehr gut, Sir. Es macht Spaß, sie zu unterrichten. Wenn Sie einmal beim Lesen und Rechnen zuschauen möchten, könnte ich das sicher arrangieren …«

»Sicher, demnächst einmal. Sehr schön. Sehr schön.«

Offensichtlich war er der Ansicht, daß Emilie die Bildung der Kinder oblag und nicht ihm, also drängte sie ihn nicht weiter.

Ihre Arbeitgeberin fand Emilie wiederum vom gesellschaftlichen Standpunkt her sehr interessant. Sie versuchte sich als große Dame zu geben, trank aber zuviel und flirtete mit Curtis, auch bekannt als Captain Morrow. Der Armeeoffizier war ein regelmäßiger Gast bei ihren Abendgesellschaften. Ihrem Ehemann begegnete sie überaus kritisch und kommandierte ihn herum wie einen Butler, woran er jedoch keinen Anstoß zu nehmen schien. Offensichtlich hatte er seine Frau gern und las ihr kritiklos jeden Wunsch von den Augen ab.

___________

Als Emilie an diesem Abend mit den Kindern aß, stürmte Mrs. Manningtree mit funkelnden Augen herein…

»Sie kleiner Emporkömmling! Wie können Sie es wagen, sich bei meinem Mann zu beschweren, Sie würden nicht bezahlt?«

Emilie erhob sich ruhig von ihrem Platz. »Ich habe mich nicht beschwert, Madam. Ich habe mich lediglich erkundigt, wann ich mit einem Teil meines Gehaltes rechnen kann.«

»Sie werden quartalsweise bezahlt. Alle drei Monate erhalten Sie ein Viertel des vereinbarten Jahresgehalts. Ist das klar?«

»Ja, Madam. Hätten Sie mich darüber informiert, hätte ich nicht fragen müssen.«

»Wollen Sie mir Vorschriften machen?«

»Natürlich nicht.«

»Das will ich auch hoffen, denn Sie befinden sich noch in der Probezeit. Drei Monate Probezeit, also bitte keine Allüren. Mein Mann hat Ihnen fünf Shilling gegeben, die werden von ihrem ersten Lohn selbstverständlich abgezogen. Und ich verbitte mir, daß Sie ihn noch einmal anbetteln.«

»Betteln? Ich habe nicht gebettelt, Mrs. Manningtree. Diesen Vorwurf muß ich entschieden zurückweisen. Wenn Sie nun fertig sind die Kinder möchten ihren Nachtisch essen.«

Wie vor den Kopf geschlagen, blieb ihre Arbeitgeberin einen Moment stehen, marschierte in die Küche, schmetterte die Tür hinter sich zu und machte der Köchin Vorhaltungen wegen einer Pastete, die es zu Mittag gegeben hatte. Jetzt läßt sie es an Kate aus, dachte Emilie. Sie zitterte vor Erregung und fürchtete, zu weit gegangen zu sein. Möglicherweise würde diese Auseinandersetzung das vorzeitige Ende ihrer Beschäftigung bei dieser Familie bedeuten. Und was dann?

Emilie wünschte, sie wäre in der Lage, von sich aus zu kündigen. Sie hatte die Kinder zwar gern, doch ein Leben in Hinterzimmern und der ständigen Angst vor Entlassung war ihrer nicht würdig. Je mehr Mr. Manningtree sie lobte, desto unausstehlicher verhielt sich seine Frau ihr gegenüber. Sie bestand auf wöchentlichen Berichten — über die schulischen Fortschritte der Kinder und überprüfte deren Kenntnisse. Alice weinte, und Jimmy wand sich hilflos, weil diese Prüfungen einfach zu schwierig waren. Emilie empfand großes Mitleid mit ihnen, denn sie begriff, daß diese kaltherzige Frau ihre Kinder als Waffe gegen sie einsetzte. So gut sie konnte, versuchte sie sie zu trösten, ohne dabei Kritik an der Mutter zu üben, die sich ansonsten gar nicht um sie kümmerte. Auch ihren Vater bekamen sie nur selten zu sehen. Doch Kinder vergessen schnell, und da sie es nicht anders kannten, fühlten sie sich in der Obhut der Köchin, des Hausmädchens und ihrer Gouvernante recht wohl.

Schließlich schrieb Emilie niedergeschlagen einen langen Brief an Ruth, in dem sie sich über die furchtbare Stellung, die Einsamkeit und die finanziellen Sorgen beklagte. Ihr waren nur acht Schiling für die kommenden sechs Wochen geblieben. Danach hoffte Sie, zwanzig Pfund abzüglich der vorgestreckten fünf Shilling zu erhalten. Aber wenn sie nun entlassen wurde? Hätte sie das Recht, auf den neunzehn Pfund und fünfzehn Shilling zu bestehen? Oder bedeutete eine Entlassung während der Probezeit, daß man kein Gehalt zu erwarten hatte? Sie schüttete Ruth, die glücklich im Kreise einer idealen Familie lebte, mochten deren Kinder auch sehr verwöhnt und unaufmerksam sein, ihr ganzes Herz aus.

Sie hat es so gut, dachte Emilie seufzend, als sie den Brief noch einmal durchlas. Danach zerriß sie ihn. Was machte es für einen Sinn, ihre Schwester mit ihren Sorgen zu belasten? Ruth konnte ihr ja auch nicht helfen.

Eines Sonntags unternahm die junge Gouvernante einen entspannenden Spaziergang durch Maryborough, wo sie vor einem imposanten Hotel namens Prince of Wales stehenblieb, einem zweistöckigen Gebäude mit Veranda. Ihr fiel ein, daß man Ruth dort eine Stellung angeboten hatte. Emilie fragte sich, ob die Arbeit in einem Hotel, das dazu noch Papisten gehörte, schlimmer sein konnte als ihre jetzige Tätigkeit. Sie spielte schon mit dem Gedanken, hineinzugeben und sich zu erkundigen, ob die Stelle noch frei war, ließ es dann aber bleiben. Was, wenn Mrs. Manningtree es herausfand? Außerdem würden sich die Kinder von ihr im Stich gelassen fühlen. Andererseits konnte es passieren, daß sie entlassen wurde, und dann hatten die Kinder ohnehin nichts mehr von ihr. Vielleicht sollte sie doch hineingehen. Sie vermochte sich einfach nicht zu einer Entscheidung durchzuringen.

Beim Weitergehen hörte sie eine Stimme hinter sich.

»Miss! Miss! Einen Moment, bitte!«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sprang ein junger Mann vom Pferd und rannte auf sie zu.

Emilie schaute sich um, da sie glaubte, er müsse jemand anderen meinen. Doch außer einigen Kirchgängern war niemand zu sehen.

Er blieb vor ihr stehen und nahm den Hut ab. »Miss! Erinnern Sie sich nicht mehr an mich? Ich bin Mallachi Willoughby, wir sind uns in Brisbane begegnet. Im Valley! Sie gingen in die falsche Richtung. Können Sie sich erinnern?«

Emilie schüttelte den Kopf und machte Anstalten, an ihm vorbeizugehen, doch er zeigte sich beharrlich.

»Entschuldigung, Sie erkennen mich wohl nicht Wieder. Aber ich erkenne Sie.« Er war außer Atem und ganz aufgeregt, als sei sie eine langvermißte Verwandte.

»Würden Sie mich bitte entschuldigen? Es muß sich um eine Verwechslung handeln.« Sie wollte ihn schon beiseite schieben, als ihr der Zwischenfall in Brisbane wieder einfiel. Sie war so überrascht, daß sie stehenblieb.

»Na bitte!« rief er fröhlich. »Jetzt kennen Sie mich doch.«

»Von kennen kann keine Rede sein. Und sagen Sie mir jetzt bloß nicht wieder, ich ginge in die falsche Richtung.«

»Das würde mir gar nicht einfallen. Aber ich freue mich so, Sie zu sehen. Ich bin fremd in dieser Stadt. Was tun Sie hier?«

Es war nahezu unmöglich, ihm böse zu sein, da er überhaupt nichts von Förmlichkeiten zu halten schien, es dabei aber offensichtlich gut meinte.

»Ich arbeite hier.«

»Tatsächlich! So ein Glück. Und was genau machen Sie?«

Emilie seufzte. Sie konnte sich nur zu gut an dieses Gesicht erinnern, er sah sehr ansprechend aus mit seinen treuherzigen blauen Augen. Doch das war noch lange kein Grund, hier mitten auf der Straße zu stehen und sich mit einem Wildfremden zu unterhalten.

»Ich bin Gouvernante und wollte gerade nach Hause gehen.«

»Gouvernante, das ist aber nett. Ich bringe Sie heim.« Er sah sich auf der menschenleeren Straße um und sagte scherzend: »Ich möchte verhindern, daß Sie von der Menge niedergetrampelt werden.«

Er pfiff sein Pferd zu sich. »Das ist Striker«, sagte er. »Striker, sag Hallo zu Miss …«

Mr. Willoughby ließ sich nicht abschütteln. Und wenn schon? Es war ja nichts dabei, wenn ein junger Mann sie nach Hause begleitete, dachte Emilie bei sich. Die ganze Stadt war voller Viehhirten, die man hier »Stockmen« nannte, da machte einer mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Die Kinder hatten sie das Wort gelehrt und ihr erklärt, weshalb manche Reiter Peitschen und Seile an ihren Sätteln trugen.

»Tissington«, sagte sie.

»Für ein Pferd ist das zu schwer auszusprechen. Wie darf es Sie nennen?«

Sie lächelte. »Emili.«

»Emilie«, sagte er zu seinem Pferd. »Ist das nicht ein schöner Name? Er paßt zu ihr.«

Während er an ihrer Seite ging, führte er das Pferd am Halfter die Straße entlang, dann bogen sie in den Weg ein, der zum Haus der Manningtrees führte. Mr. Willoughby plauderte ununterbrochen, wobei er gar nicht zu bemerken schien, daß Emilie zu reserviert war, um auch nur die kleinste persönliche Frage zu stellen. Zu ihrer eigenen Überraschung fühlte sie sich dennoch wohl in seiner Gegenwart. »Hier leben Sie also?« sagte er und warf einen Blick in die Auffahrt. »Sieht ganz schön vornehm aus.«

Emilie zuckte nur die Achseln bei dem unerfreulichen Gedanken an die Rückkehr in ihr einsames Zimmer.

»Nicht für mich«, platzte sie unvermittelt heraus. »Ich bewohne eines der hinteren Zimmer, direkt neben der Küche. Ich arbeite nur hier.«

Ihr Begleiter runzelte die Stirn. »Ist dennoch eine gute Stelle. Ich habe auf den großen Farmen im Westen mehrere Gouvernanten kennengelernt. Ihnen schien dieses Leben zu gefallen.«

Damit hatte er Emilies Interesse geweckt. »Tatsächlich? Wo war das?«

»An verschiedenen Orten.«

»Und Sie kennen diese Leute persönlich?«

»Sicher doch.« Mr. Willoughby schaute sie besorgt an. »Gefällt Ihnen die Arbeit hier nicht?«

Emilie schüttelte den Kopf. Seine Freundlichkeit hatte ein ungeheures Selbstmitleid in ihr geweckt. »Ich muß jetzt hineingehen.«

»Nein, warten Sie noch. Wir müssen uns darüber unterhalten. Warum kündigen Sie nicht, wenn es Ihnen nicht gefällt?«

»Das geht nicht.«

»So etwas gibt es nicht. Hören Sie, ich habe es auch ein wenig eilig, aber morgen abend bin ich wieder in der Stadt. Könnte allerdings spät werden. Wie sieht es aus? Darf ich Sie besuchen? Das meine ich keineswegs respektlos, verstehen Sie mich bitte nicht falsch.«

Emilie konnte sich gut vorstellen, wie Mrs. Manningtree reagieren würde, wenn er nach ihr fragte. Doch Mr. Willoughby kannte Farmen, auf denen Gouvernanten gute Stellungen fanden. Vielleicht konnte er ihr helfen.

»Kennen Sie einen Ort namens Nanango?« fragte sie.

»Ja, kein übles Fleckchen. Squatter-Gegend. Wieso?«

»Nur so. Meine Schwester arbeitet dort.«

»Möchten Sie nicht, daß ich Sie besuche?«

»Es ist leider nicht möglich. Meine Arbeitgeber würden es mißbilligen.«

»Könnten Sie sich dann irgendwo mit mir treffen? Hier am Tor? Wann haben Sie Feierabend?«

»Vor sieben kann ich nicht hinaus. Ich muß erst die Kinder ins Bett bringen.«

»Gut, dann erwarte ich Sie hier um acht.«

Emilie war besorgt, denn um diese Uhrzeit würde es bereits dunkel sein. Sie hielt nichts von Mädchen, die sich abends hinausschlichen, es war so gewöhnlich. Und dann noch, um einen Fremden zu treffen. Womöglich begab sie sich in große Gefahr.

»Und was machen wir dann?« fragte sie vorsichtig.

Er lachte. »Emilie, bei mir sind Sie sicher. Wir könnten zum Fluß hinuntergehen und uns die Schiffe ansehen, oder Sie überlegen sich etwas anderes.«

»Mir fällt nichts ein. Ich kenne mich in dieser Stadt nicht aus.«

»Dann geht es Ihnen wie mir. Wir spazieren einfach herum und reden, in Ordnung?«

»Ja. Und, Mr. Willoughby …«

»Nennen Sie mich Mal.«

»Vielen Dank, Mal.«

Er sah ihr nach, wie sie ruhigen Schrittes die Auffahrt hinaufging — eine hübsche, zierliche Gestalt in Rock und makelloser, weißer Bluse mit einem Strohhut auf dem glänzenden Haar. Als sie außer Sicht war, ließ er seiner Aufregung freien Lauf. Wenn Hillier ihn heute nur hätte sehen können, mit dieser Dame an seiner Seite. Sie gaben ein ideales Paar ab. Mal wünschte, er hätte gewagt, ihren Arm zu nehmen, wie man es seiner Meinung nach bei jungen Damen zu tun pflegte, doch Emilies Schönheit machte ihn einfach unsicher. Hoffentlich hatte er nicht zuviel geredet.

Da er mehr über sie und diesen Ort, an dem Sie so unglücklich war, erfahren wollte, band er sein Pferd an einem Baum am Straßenrand an und unternahm eine Erkundungstour über das Grundstück, das nicht eingezäunt war. Leise glitt er über den Besitz der Manningtrees. Auf den ersten Blick faszinierte ihn die düstere Schönheit des wilden Gartens, die Emilie so verstört hatte. Das Unterholz war gerodet worden, und an den Stellen, wo Licht von oben hereindrang, wuchs Gras. Die hohen, alten, von Schlingpflanzen und spanischem Moos überwucherten Bäume hatte man stehenlassen. Er entdeckte riesige einheimische Feigen- und Eukalyptusbäume, aufgeblähte Flaschen- und Känguruhbäume und schritt unter einem ausladenden Feuerbaum über einen Teppich aus rostroten Blüten. Mal sah, daß Emilie um das Haus herumging, vorbei an einer Hecke unregelmäßig wachsender Banksien, und das Gebäude durch die Hintertür betrat. Das machte ihn ärgerlich.

Was mußten das für Leute sein, bei denen eine vornehme junge Dame wie ein Dienstmädchen den Hintereingang benutzen mußte? Und was hatte sie damit gemeint, daß sie nicht kündigen könne? Hatte die Familie sie irgendwie in der Hand? Mal war felsenfest davon überzeugt, daß sie zu gut war für diese Menschen.

Dann fiel ihm ein, daß er sich pünktlich auf der Polizeiwache in Maryborough zu melden hatte, und er rannte davon, um seiner Pflicht nachzukommen.

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Die Atmosphäre des Haushalts in Lindsay Downs bei Nanango hatte sich seit der Ankunft der Gouvernante entscheidend verändert. Leonie konstatierte dies mit Besorgnis. Jack beklagte sich selten, war stets mit allem zufrieden, doch gestern hatte er nach dem Abendessen ein Machtwort gesprochen.

»Ich will, daß du mit Miss Tissington sprichst. Ich kann ihr Genörgel beim Essen nicht länger ertragen. Sag ihr, sie soll die Kinder nicht ständig zurechtweisen. Das ist ja schlimmer als in der Schule.«

»O Jack, geh nicht so hart mit ihr um. Sie meint es doch gut und will nur das Beste für die Mädchen. Ihnen bessere Manieren beibringen.«

»Mir ist egal, was sie damit bezweckt. Ich hab ihr Genörgel jedenfalls satt.« Er ahmte Ruths Stimme nach: »Ellbogen vom Tisch. Haltet das Messer richtig. Den Suppenteller kippt man von sich weg. Nicht mit vollem Mund reden. Denkt an euer Benehmen!«

»Vielleicht solltest du lieber mit den Mädchen sprechen, damit sie ihr gehorchen. Wenn sie schneller lernen würden, müßte sie nicht ständig an ihnen herummäkeln.«

»Ha, dann gibst du also zu, daß sie das tut.«

»Nur, weil sie es als ihre Pflicht erachtet. Sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst und will alles richtig machen.«

»Dann soll sie eben aufhören, alles richtig machen zu wollen. Ich springe auch schon bei jedem Wort von ihr in meinem Stuhl auf. Wenn ich den Ellbogen aufstütze, spüre ich ihren stechenden Blick. Sie verdirbt uns allen nur die Laune. Jane und Jessie ärgern sie mit voller Absicht. Wenn man sich mit ihnen unterhalten will, jammern und schmollen sie nur, weil die Frau sie nie in Ruhe läßt, und ich muß mir dieses ganze Theater auch noch a’nhören. Das ist verdammt unerfreulich, Leonie. Mir macht das Essen keinen Spaß mehr. Wenn ich an meinem eigenen Tisch nicht in aller Ruhe essen kann, ziehe ich demnächst zu den Männern um.«

Leonie seufzte bei dem Gedanken an eine Konfrontation mit Miss Tissington, die es rundweg ablehnte, sich von irgend jemandem mit ihrem Vornamen anreden zu lassen. Diese Frau schüchterte sie ein. Frau? dachte sie bei sich. Sie war erst Anfang Zwanzig, dabei aber steif und humorlos und von der Überlegenheit ihrer englischen Manieren überzeugt, daß sie wesentlich älter wirkte. Schon jetzt entsprach sie dem Klischee der ältlichen Lehrerin nahezu perfekt.

Ihr Unterricht allerdings war gut. Was ihre Schularbeiten anging, so hatten die beiden Mädchen durch sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie haßten sie zwar, doch das hinderte sie nicht daran, fleißig zu sein, und ihre Schulhefte waren überaus ordentlich geführt. Die wöchentlichen Prüfungen bestanden sie mit Bravour. Die Gouvernante verband den Zeichenunterricht mit Botanik, und alle zeigten sich überrascht, als Jane sich als hervorragende Zeichnerin entpuppte.

»Du lieber Himmel«, murmelte Leonie vor sich hin. Glücklicherweise war Jack während der katastrophalen Klavierstunden außer Haus, in denen hämmernde Geräusche endlos durchs Haus hallten, nur unterbrochen von den wütenden Klagen der Gouvernante, die Mädchen hätten wieder einmal nicht geübt. Was auch stimmte. Sobald sie das Klassenzimmer verlassen durften, rannten sie in den Stall, sattelten ihre Pferde und entflohen der Reichweite ihrer Lehrerin.

Mrs. Stanfield wartete nervös, bis die Mädchen zum Nhttagessen gingen, und betrat dann das Klassenzimmer.

Nachdem sie eine Weile belanglose Höflichkeiten ausgetauscht hatten, brachte Leonie das Problem schließlich zur Sprache.

»Miss Tissington, ich möchte mit Ihnen über die Mahlzeiten sprechen.«

»Ja, natürlich«, erwiderte die Gouvernante lächelnd. »Denken Sie daran, die Essenszeiten zu ändern?«

»Nein, es geht um etwas anderes. Würde es Ihnen wohl etwas ausmachen, die Mädchen bei Tisch nicht zu ermahnen?«

»Nicht ermahnen? Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Ich meine damit, ich würde es vorziehen, wenn Sie ihnen bei Tisch keinerlei Anweisungen gäben wegen ihrer Manieren, meine ich.«

Miss Tissington schien die Bitte erst verdauen zu müssen. Schließlich fragte sie: »Wie sonst sollen sie es lernen, Mrs. Stanfield?«

»Vielleicht könnten Sie sie hier in Benehmen unterrichten.«

»Das tue ich auch. Ununterbrochen. Leider vergessen sie es bei Tisch wieder, so daß ich sie daran erinnern muß. Wenn wir das lange genug machen, wird es ihnen irgendwann in Fleisch und Blut übergegangen sein.«

»Das mag schon sein, aber ich finde die ständigen Ermahnungen störend.« Eigentlich hatte sie es anders formulieren wollen, doch es war ihr einfach so herausgerutscht.

»Meine Ermahnungen sind also störend?« sagte Miss Tissington mit eisiger Stimme. »Ich dachte eigentlich, daß James und Jessies ständiges Zanken und ihre Neigung, ihre Eltern zu unterbrechen und ihnen Widerworte zu geben, weit störender seien. Ich halte mich da mit meinem Kommentar zurück, weil es einzig und allein Ihre Sache ist …«

»Gewiß. Das verstehe ich, aber dennoch …Ich wünschte nur, ich meine, es wäre besser, wenn Sie nicht so viel Aufhebens von ihren Tischmanieren machten.« Sie rang sich ein Lächeln ab. »Es ist auf die Dauer ein wenig ermüdend.«

Leonie hatte die Gouvernante beschwichtigen wollen, aber leider erneut die falschen Worte gewählt. Miss Tissington wirkte gekränkt.

»Wollen Sie damit sagen, daß ich sie überhaupt nicht ermahnen soll? Daß ich störe?«

»Nicht direkt«, stammelte Leonie.

»So hört es sich aber an. Bei meiner Ankunft haben Sie den ausdrücklichen Wunsch geäußert, die Mädchen sollten besseres Benehmen lernen. Und ich erachte Tischmanieren als absolut unverzichtbar für junge Damen.«

»Natürlich, Sie haben ja recht. Aber so funktioniert es einfach nicht. Um des lieben Friedens während der Mahlzeiten willen muß ich Sie bitten, von weiteren Ermahnungen Abstand zu nehmen. Bitte.«

Miss Tissington nickte kalt. »Sehr gut, wenn Sie es so wünschen. Hoffen wir nur, daß sie es auch lernen, indem wir mit gutem Beispiel vorangehen.«

»Vielen Dank. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Sie sollten sich deswegen keine Sorgen machen.«

Doch Ruth betrachtete es keineswegs als Kleinigkeit. Es war ihr furchtbar peinlich, daß man sie wegen der unerzogenen Töchter zurechtwies, deren Tischmanieren noch immer völlig inakzeptabel waren. Sie empfand Mrs. Stanfields Beschwerde als ungerecht und kränkend, wo sie doch nur das Wohl der Mädchen im Sinn hatte. Die Art, wie Mrs. Stanfield die Sache angegangen hatte, verriet ihr, daß diese Unzufriedenheit nicht plötzlich entstanden sein konnte, daß man ihr Verhalten bereits seit geraumer Zeit mißbilligte. Sie zuckte innerlich zusammen, da sie stets geglaubt hatte, den Anforderungen ihrer Arbeitgeber voll und ganz zu genügen.

Auf ihre Art lebte Ruth wirklich gern in Lindsay Downs. Die Mädchen stellten eine echte Herausforderung dar, doch sie kam mit ihnen zurecht und fand das Leben auf einer Viehfarm überaus anregend. Sie konnte in ihrer Freizeit ungestörf spazierengehen und das geschäftige Treiben auf der Farm beobachten, zu der Tausende von Rindern und Hunderte von Pferden gehörten, dazu noch eine kleine Herde von Milchkühen. Es war eine harte, staubige, rauhe Männerwelt. Ruth wagte keine nähere Kontaktaufnahme, doch sie war fasziniert von den Reitern, die das Vieh durch das Labyrinth hoher Pferche trieben. Da sie ohnehin eher schweigsam war, brauchte sie keine Gesellschaft bei ihren Spaziergängen durch den Obstgarten bis an den Fluß hinunter, wo sie die unberührte Natur genoß.

Die Abende konnte sie, wenn sie wollte, mit der Familie im Wohnzimmer verbringen, doch sie zogen sich früh zurück, da Mr. Stanfield bereits bei Tagesanbruch aufstand. Danach hatte Ruth das Wohnzimmer für sich allein und verbrachte die Zeit mit Näharbeiten oder dem Lesen der Bücher, die Mrs. Stanfield auf ihr Ersuchen hin bestellt hatte. Die Familie hatte sie sogar zu einem Besuch bei Freunden im winzigen Städtchen Nanango mitgenommen. Es waren freundliche Menschen, auch wenn sie im Grunde kaum etwas mit ihr gemein hatten.

Doch nun hatte Mrs. Stanfield sie gekränkt. Ruth war nicht darauf vorbereitet gewesen, daß man auch an ihr Kritik üben könnte. Gerade weil sie so fest von ihrer ausgezeichneten Arbeit überzeugt war, entsetzte sie die Zurechtweisung so sehr, daß sie der Familie im Augenblick nicht gegenübertreten mochte. Sie eilte in die Küche und teilte der Köchin mit, sie sei nicht hungrig, und zog sich ins Klassenzimmer zurück.

___________

An diesem Abend tadelte die Gouvernante ihre Schülerinnen nicht, doch die Atmosphäre bei Tisch wär noch unangenehmer als zuvor. Sie verharrte während der gesamten Mahlzeit in eisigem Schweigen und antwortete nur einsilbig auf Leonies Fragen, mit denen diese die Spannung ein wenig zu lösen versuchte.

»Sie ist verletzt, das ist alles«, erklärte Leonie später ihrem Mann. »Sie dachte, sie hätte bei den Mädchen alles richtig gemacht. Aber sie wird darüber hinwegkommen.«

»Hoffentlich. Sag ihr, daß sie ein schlechtes Beispiel abgibt, wenn sie in Gegenwart der Mädchen schmollt.«

»Sie schmollt nicht.«

»Sieht aber ganz danach aus.«

Ruth Tissingtons Zurückhaltung wirkte mit der Zeit immer störender. Nun, da man ihr das Recht genommen hatte, ihre Schützlinge zu tadeln, wußte sie scheinbar nur wenig zur Unterhaltung beizutragen. Von sich aus beteiligte sie sich nie am Gespräch und Saß steif und kerzengerade neben Jane, als ginge sie das alles nichts an. Leonie wurde einfach nicht schlau aus ihr. War sie schüchtern? Oder wollte sie die Familie bestrafen, wie Jack, der sie Miss Finster nannte, behauptete? Wie auch immer, beide gelangten sie zu dem Schluß, daß dieser Zustand ein Ende haben mußte. Die Mädchen hatten auch bemerkt, wie still Miss Tissington geworden war, und reizten sie mit ungezogenen Fragen, bis ihr Vater schließlich explodierte.

»Das reicht!« herrschte er Jane an. »Verlaßt den Tisch, wenn ihr euch nicht benehmen könnt!«

Miss Tissington zeigte keine Regung; sie aß mit vollendeter Anmut weiter.

»Such ihr einen Freund«, sagte Jack zu seiner Frau. »Jemanden, der ihr ein bißchen Leben einhaucht. Sie wird schon jetzt zur alten Jungfer, dabei sieht sie gar nicht mal so übel aus. Wenn sie nur nicht immer so angespannt wirken würde!«

Ruth begriff, daß sie mit ihrem Benehmen einen schlechten Eindruck auf Mr. Stanfield machte, und seine mißbilligenden Blicke waren ihr durchaus nicht entgangen; doch sie wußte beim besten Willen nicht, wie sie eine Änderung herbeiführen sollte. Es war einfacher, schweigend am Tisch zu sitzen, als irgendwelche törichten Beiträge zur Unterhaltung zu liefern, die sich ohnehin meist um Ackerbau und Viehzucht drehte. Sie war entsetzt und peinlich berührt, als ihr bewußt wurde, wie sehr sie die Eltern und Mädchen gelangweilt haben mußte, da sie anscheinend kein anderes Gesprächsthema als das Benehmen ihrer Zöglinge kannte.

Ruth war sehr niedergeschlagen und zog sich zunehmend in sich zurück. Sie erhielt etwas über vier Pfund im Monatund machte sich Sorgen um die Rückzahlung des Darlehens, da sie von ihrem Gehalt auch persönliche Ausgaben bestreiten mußte. Vor allem ihre Garderobe mußte ständig erneuert werden, um ihre tadellose Erscheinung aufrechtzuerhalten. Ihr Ziel, sich eine Rücklage zu schaffen und dazu noch das Geld für die Rückfahrkarte nach England zusammenzusparen, schien in unerreichbare Ferne gerückt.

Mrs. Stanfield hatte auf einer weiteren Unterredung bestanden. Sie hatte Ruth beiseite genommen und vorgeschlagen, weniger förmlich miteinander umzugehen, da man sie als Familienmitglied betrachte. »Woran dachten Sie dabei, Mrs. Stanfield?«

»Vornamen sind hier durchaus akzeptabel. Für uns alle wäre es schöner, wenn wir Sie Ruth nennen dürften, meine Töchter natürlich ausgenommen. Selbstverständlich gilt das auch umgekehrt. Ich heiße Leonie, mein Mann Jack.«

»Ich dachte, wir hätten das bereits besprochen.«

»Ja, aber es wird für Sie auch angenehmer sein, ganz bestimmt.«

»Ich werde es versuchen«, sagte Ruth widerwillig.

»Und noch etwas. Wenn Sie eine Tasse Tee oder Kaffee möchten, können Sie sich jederzeit in der Küche bedienen. Sie brauchen dafür nicht eigens die Mädchen zu rufen.«

»Haben die beiden sich etwa beschwert?«

Leonie schluckte. In der Tat hatten die beiden geklagt, sie seien nicht die Dienstmädchen »Ihrer Hoheit«. Das gesamte Personal fand die Gouvernante und deren vornehmes Getue überaus unsympathisch.

»Nicht im geringsten. Ich möchte nur, daß Sie sich hier wie zu Hause fühlen.«

»Ich habe mich sehr bemüht, nicht in den Arbeitsbereich der Köchin einzudringen. Dort, wo ich herkomme, wendet man sich mit solchen Dingen am besten an einen Dienstboten.«

Leonie schüttelte resigniert den Kopf. »Sie sind aber nicht mehr da, wo Sie herkommen, Ruth. Hier laufen die Dinge anders. Wir leben sehr ungezwungen. Nehmen Sie es mir nicht übel Es ist nicht nötig, alles so ernst zu nehmen. Ein kleines Lächeln hier und da wirkt Wunder. Ach übrigens, wir fahren morgen in die Stadt und besuchen ein Tanzfest im Rathaus. Möchten Sie mitkommen? Um die Unterbringung kümmere ich mich schon.«

»Ich tanze nicht«, log Ruth. Sie litt noch unter der soeben erteilten Lektion und sah sich bereits als Mauerblümchen unter lauter Fremden sitzen — eine Vorstellung, die sie einfach nicht ertragen konnte.

»Aber es würde Ihnen sicher Spaß machen.«

»Lieber nicht. Trotzdem vielen Dank, Mrs. Stanfield.«

___________

An einem trockenen, windigen Morgen brachen sie dann ohne Ruth nach Nanango auf. Mr. Stanfield hatte sie kurz zuvor noch einmal gebeten mitzukommen, doch sie lehnte entschieden ab. Dennoch lächelte er sie freundlich an.

»Gut, dann eben beim nächsten Mal. Auf Dauer akzeptiere ich kein Nein.«

Von Mrs. Stanfield war sie enttäuscht — nicht nur wegen der ihrer Meinung nach ungerechtfertigten Kritik, sondern auch, weil sie ihre eigenen Pflichten vernachlässigte. Da die Gouverpante den Mädchen keine Tischmameren beibringen durfte, wäre diese Aufgabe eigentlich der Mutter zugefallen. Doch sie blieb untätig. Sie hatte zugelassen, daß die beiden in ihre alten Verhaltensweisen zurückfielen. Wie besessen zählte Ruth ihre Regelverstöße, notierte sie und hängte die ständig länger werdende Liste an der Wand des Klassenzimmers auf. Die Mädchen schenkten dem ebensowenig Beachtung wie die Mutter, doch Ruth empfand eine gewisse Befriedigung dabei.

Schließlich steigerte sie sich in die Vorstellung hinein, alle weiblichen Wesen im Haus hätten sich gegen sie verschworen, und tröstete sich mit dem Gedanken, daß wenigstens Mr. Stanfield, der Boß, auf ihrer Seite stand. Er war immer freundlich zu ihr. Tatsächlich hatte sein reizendes Beharren auf dem Besuch des Tanzfestes sie in Versuchung geführt, beim nächsten Mal vielleicht doch mitzufahren. Sie könnte das blaue Seidenkleid mit dem fransenbesetzten Cape tragen, das sie seit der Schiffsreise nicht mehr aus dem Koffer geholt hatte. Es war kleidsam und für eine ländliche Tanzveranstaltung durchaus passend.

Im Laufe des Vormittags nahm der Wind an Stärke zu. Ruth zog sich ins Wohnzimmer zurück, bis das Mädchen kurz vor dem Mittagessen den Kopf hereinsteckte.

»Die Köchin sagt, Sie können in der Küche essen, während die Herrschaften weg sind«, sagte es strahlend.

Ruth erstarrte. In der Küche zu essen war mit ihrem Stand nicht zu vereinbaren. »Bitte servieren Sie mir das Essen im Speisezimmer.«

»Was?«

»Ich werde mein Mittagessen im Speisezimmer einnehmen.«

Das Mädchen zuckte die Achseln und marschierte davon. Doch dann beschlichen Ruth Zweifel. Mrs. Stanfield hatte gesagt, sie solle weniger förmlich sein. Vielleicht konnte sie dieses Zugeständnis während ihrer Abwesenheit ja machen, denn die Küche war geräumig, und der Tisch für das Personal stand in einer ruhigen Ecke unter dem Fenster. Sie würde rasch essen und sich unmittelbar danach Wieder zurückziehen.

Nachdem sie diese Entscheidung getroffen hatte, stand Ruth auf und ging den Flur entlang zur Küche. Da hörte sie, wie man drinnen über sie lachte.

»Ihre Hoheit wird uns nicht mit ihrer Anwesenheit beehren«, sagte das Mädchen. »Ich kann nicht noch einmal zu ihr gehen und darauf bestehen. Sie wird allein beim Essen sitzen und sauer wie eine Zitrone dreinblicken.«

»Na gut, dann laß sie doch«, antwortete die Köchin. »Kein Wunder, daß der Boß sie Miss Finster nennt.«

Ruth war entsetzt. Der Spott der Dienstboten tat nicht weh, aber sollte Mr. Stanfield sie wirklich so genannt haben? Beim Eintreten bemerkte sie die schuldbewußten Blicke der beiden Frauen.

Sie sprach ruhig und mit erzwungener Würde. »Ich habe meine Meinung geändert. Mir ist nicht nach Mittagessen. Ich habe gut gefrühstückt und werde jetzt lieber einen Spaziergang machen.«

Die Köchin unternahm den Versuch, die Situation zu retten.

»Oh, Miss, heute würde ich nicht nach draußen gehen. Aus dem Wind wird nur allzu bald ein Staubsturm. So etwas geht hier ganz schnell.«

Ohne sie einer Antwort zu würdigen, machte Ruth kehrt und ging in ihr Zimmer. Sie war so außer sich, daß nichts sie im Haus halten würde. Der Wind würde sie wenigstens von den Kränkungen ablenken, die man ihr hier unablässig zufügte.

Sie zog eine Jacke über, band sich einen Schal um den Kopf und trat durch eine Seitentür hinaus auf den Weg, der zu den Scheunen führte. Der Wind wehte heftig, die Luft war von Staub erfüllt, und der Himmel glühte in einem ungewöhnlichen Orangeton, der am Horizont in ein rötliches Braun überging. Ein Maler hätte an dieser Szenerie sicher seine Freude gehabt. Obwohl der Wind sie umtoste, trieb es Ruth weiter, hin zu den Bereichen, in denen normalerweise die Männer arbeiteten. Heute bot sich die willkommene Gelegenheit, sich dort einmal in Ruhe umzuschauen.

Das ist doch mal etwas anderes, dachte sie bei sich und schluchzte. Wie konnten sie es wagen, sich über sie lustig zu machen?

Ruth eilte an den Scheunen und verlassenen Pferchen vorüber und hinaus auf die ausgedehnten Koppeln, die von weitem ganz eben aussahen, sich beim Näherkommen jedoch als holprig erwiesen, so daß sie mehrfach stolperte. Dennoch, nichts würde sie aufhalten. Wie aufregend, übers Land zu streifen, das Haus und seine undankbaren Bewohner hinter sich zu lassen und sich gegen den Wind zu stemmen.

Ruth tauchte in den Schutz der Bäume ein, deren Wipfel über ihr im Sturm schwankten. Hier fiel ihr das Vorankommen leichter. Sie vermutete, daß sie an dem Bach herauskommen würde, der sich durch den gesamten Besitz wand. Dort wollte sie einen Moment ausruhen und dann wohl oder übel den Heimweg antreten.

Es wurde immer dunkler, und der Staub legte sich auf den Busch wie ein orangefarbener Nebel. Unvermittelt sah sie sich einem ungeheuren Tier mit starken Hörnern und bedrohlich roten Augen gegenüber.

Sie rannte schreiend davon, stolperte über einen Ast, rappelte sich hoch, wagte nicht nachzusehen, ob der Stier sie verfolgte, hörte nur das Rauschen des Windes. Er drohte, die Bäume um sie herum niederzureißen. Sie lief weiter, bis sie ganz außer Atem war und hinter einem auffallend weißen Baumstamm zusammenbrach. Keuchend sah sie sich um, von dem Tier war jedoch nichts zu sehen. Wie viele dieser riesigen Burschen mochten hier herumstreunen? fragte sie sich besorgt und schalt sich selbst wegen ihrer mangelnden Vorsicht. Allein die Bereiche unmittelbar um das Wohnhaus herum waren eingezäunt. Nur gut, daß ihr nicht gleich eine ganze Herde über den Weg gelaufen war.

Der Staubsturm tobte. Ruth zog ihren Schal übers Gesicht und verharrte zusammengekauert neben dem Baum. Sie hatte keine Ahnung, wie lange diese Naturerscheinung dauern konnte, wie lange sie die Qualen der staubgeschwängerten Luft und des feinen braunen Sandes erdulden mußte, der ihr den Atem nahm und in ihre Kleider drang. Auf jeden Fall würde sie hierbleiben, bis alles vorüber war. Niemals würde sie das Risiko eingehen, noch einmal einem Stier vor die Hörner zu laufen; sie mußte warten, wenigstens bis sie wieder etwas sehen konnte.

Über eine Stunde später legte sich der Sturm endlich, die Staubwolken zogen davon, und die Sonne kam heraus, als sei nichts gewesen. Ruth rappelte sich erschöpft auf, klopfte den Staub aus Haar und Kleidern und schrie plötzlich schmerzerfüllt auf. Ein Knöchel war angeschwollen; vermutlich hatte sie ihn sich verstaucht, als sie über den Ast gefallen war.

»Verflixt!« entfuhr es ihr, während sie mit schmerzverzerrtem Gesicht davonhinkte. Jeder Schritt wurde zur Qual, doch sie konnte unmöglich im Busch bleiben; sie mußte zurück.

Ruth kämpfte sich, auf einen Stock gestützt, vorwärts, doch bald wurde sie gewahr, daß sie eigentlich längst die offenen Weiden hätte erreichen müssen. Ihr fielen all die Geschichten von Menschen ein, die sich im Busch verirrt hatten.

»Man nennt es das Gleichheitsphänomen«, hatte Mr. Stanfield ihr erklärt. »Hunderte und Aberhunderte gleich aussehender Bäume können jeden verwirren, der sich nicht auskennt, vor allem, wenn er zu Fuß unterwegs ist.«

»Nun, mich werden sie nicht verwirren«, sagte sich Ruth entschlossen und maß die Ödnis ihrer Umgebung mit suchendem Blick. Sie hängte ihren Schal an einen Baum.

»Jetzt gehe ich eine Weile in die eine Richtung. Wenn ich nicht an den Rand des Busches gelange, komme ich hierher zurück und versuche es in einer anderen Richtung.«

Auf dem Rückweg mußte Ruth niedergeschmettert feststellen, daß sie den Baum mit dem Schal nicht mehr finden konnte. Ruth Tissington würde nicht weinen. Die Schatten wurden länger, der Nachmittag verstrich, sie hatte sich verirrt, doch weinen würde sie nicht.

»Du hast dich selbst in diese Lage gebracht, also mußt du dir auch allein wieder heraushelfen.«

Erschöpft setzte sie sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Ihr Knöchel pochte, ihr Kopf tat weh; außerdem war ihr ganz schwindlig von der angsterfüllten, ergebnislosen Suche nach dem richtigen Weg. Noch nie im Leben war sie so durstig gewesen. Hätte sie doch nur den Bach gefunden. Ruth sah sich verzweifelt um, suchte nach einem Hinweis, der die Rettung bringen könnte. Ein Rascheln ließ sie zusammenfahren, doch es handelte sich nur um ein kleines Känguruh, das sie mit sanften, feuchten Augen ansah; als empfinde es Mitleid mit ihr, und dann weghüpfte. Ruth wünschte, das Tier wäre in ihrer Nähe geblieben. Später entdeckte sie zwei Stiere, die durchs Gebüsch stapften, und spielte mit dem Gedanken, ihnen bis zum Rand des offenen Geländes zu folgen, traute sich dann aber doch nicht. Das Vieh hier war wilder als in ihrer Heimat, eine Rasse, die nichts mit den friedfertigen englischen Rindern gemein hatte. Sie erinnerte sich an einen stämmigen Bullen, der sie als Kind zu Tode erschreckt hatte, doch selbst er war ein Winzling gewesen im Vergleich zu diesen Bestien. Sobald sie sich erholt hätte, würde sie ihre Suche fortsetzen und einen Haufen Zweige als Orientierungshilfe aufschichten. Diesmal würde sie umsichtiger zu Werke gehen.

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Um sechs Uhr fiel Miss Tissingtons Fehlen auf, und die Köchin schlug Alarm. Da Samstag war, hatten viele Männer einen halben Tag frei bekommen, um in Nanango am beliebten Viehzüchtertanz in der Freimaurerhalle teilzunehmen, doch einige ältere Viehknechte waren zu Hause geblieben. Während des Staubsturms hatten sie sich die Zeit mit Kartenspielen vertrieben und wollten gerade zum Essen gehen, als die Alarmglocke ertönte.

Einer von ihnen ging ins Haus, um sich nach dem Grund zu erkundigen. Als er hörte, daß die Gouvernante anscheinend im Sturm davongewandert und der Boß nicht zu Hause war, beschlossen die Männer einstimmig, erst einmal zu essen, denn dies sah ganz nach einer langen Nacht aus.

Ihr Gefühl trog sie nicht. Unter Führung des alten Thommo, der von den Aborigines, die früher die Gegend bewohnt hatten, Kenntnisse im Fährtenlesen erworben hatte, schwärmten fünf Reiter mit Laternen aus und durchsuchten die unmittelbare Umgebung des Wohnhauses. Da weder die Köchin noch die beiden Hausmädchen wußten, in welche Richtung Ruth gelaufen war, blieb Thommo nur übrig, langsam und methodisch das Gelände zu durchkämmen. Sie riefen in den Busch hinein und schlugen einen immer größeren Bogen von den Weiden ins Buschland, das von den Männern normalerweise nur beim Zusammentrieb betreten wurde. Dann ritten sie um die Wette und stellten ihr Geschick zur Schau, indem sie angriffslustige Tiere mit ihren Kälbern aus dem Busch holten, in dem sich diese sicher gewähnt hatten.

Müde und wütend suchten sie stundenlang, bis ein Mann den Schal entdeckte. Wenigstens konnten sie ihre Suche nun eingrenzen.

Endlich fanden sie die Frau schlafend im Gebüsch und riefen Thommo herbei, da es ihnen nicht gelang, sie zu wecken.

»Sie hat Fieber«, verkündete er. »Bindet sie vor mir aufs Pferd, ich bringe sie heim.«

___________

Ruth konnte sich später nicht an ihre Rettung aus dem Busch erinnern. Ihr war sehr heiß, sie flehte um Wasser und zitterte unkontrolliert. Jetzt war ihr kalt, die Nächte im Busch waren ja so bitterkalt, und man hüllte sie in Decken; dann wurde es ihr wieder zu warm, und sie strampelte sich frei. Sie bettelte, man möge sie allein lassen, ihr Kopf tue weh, ihr Kopf und die Knochen, nein, nur der Knöchel. Sie schwitzte so sehr, daß sie dachte, sie habe ins Bett gemacht, und bat Mrs. Stanfield demütig um Verzeihung. Doch das Gesicht verschwand, und der Alptraum begann von neuem. Sie rief nach ihrer Mutter, nach Emilie, doch alle wandten sich von ihr ab und schämten sich für das Theater, das sie in Gegenwart von Fremden veranstaltete. Voller Entsetzen über ihren Anblick, das Erbrochene, den Gestank.

»Es ist tatsächlich Gelbfieber«, sagte der Arzt zu Leonie.

»Gelbsucht?«

»Nein, keine Gelbsucht, Gelbfieber. Manche behaupten, es würde durch Moskitostiche übertragen, und von den Viechern gibt es hier weiß Gott genug.«

»Aber sie ist so gelb …«

»Das stimmt, Leonie, aber das gibt es auch bei Gelbfieber. Ich kenne es aus Java, dort gibt es mehr Moskitos als Luft.«

»Was können wir tun?«

»Sie warmhalten, ohne daß sie zu sehr schwitzt.«

»Sie wollen mich doch nicht mit ihr allein lassen? Ich weiß nicht, was man bei so einer Krankheit macht.«

»Keine Angst, wir bleiben beide bei ihr. Sie ist jung und stark und müßte es bald überwunden haben.«

4

»Wo zum Teufel haben Sie gesteckt?« brüllte Sergeant Pollock Mal entgegen. »Ich habe gesagt, ich brauche eine halbe Stunde, nicht den halben Tag.«

»Ich mußte mein Pferd versorgen« Er sah die beiden berittenen Polizisten an, die mit dem Sergeant auf ihn gewartet hatten. »Und was soll das überhaupt: Ihr seid zu dritt und müßtet eigentlich ohne mich zurechtkommen.«

»Sie bringen Ihren Job zu Ende!« Pollock gab seinem Pferd die Sporen. Die vier Reiter galoppierten die Straße hinunter und nahmen die Abzweigung nach Blackwater Creek, die von dort aus weiter bis zu den Goldfeldern führte.

Es war einen Versuch wert gewesen. Mal hatte gehofft, er müsse den Kommissar und seine Eskorte nicht zurückbegleiten. Dennoch, an diesem Tag konnte ihm nichts die Laune verderben, es war der glücklichste in seinem ganzen Leben. Dabei hatte er sich am Morgen noch gewehrt, als Carnegie ihn angewiesen hatte, die Vorhut zu übernehmen.

»Wieso?« hatte Mal schläfrig gefrägt, als Taylor ihn grob mit dem Fuß anstieß. Es war noch dunkel, nur im Osten schimmerte ein schwaches Licht am Horizont.

Sie hatten die Goldfelder ohne Probleme hinter sich gebracht. Die Kutsche mit ihrer kostbaren Fracht kam trotz der holprigen Straße und der unvermeidlichen Hindernisse gut voran, und Mal war froh, daß sie keine Anzeichen von Buschräubern entdeckt hatten. Sie hatten am Fluß kampiert, der beinahe gänzlich verborgen von üppigem Regenwald dahinströmte. Die beiden anderen Vorreiter hatten Nachtwache gehalten, während die Bosse im Zelt schliefen und Mal sich unter der Kutsche ausstrecken durfte.

Nun wußte er auch den Grund.

»Sie reiten vor«, erklärte Taylor.

Mal zitterte, da es um diese Zeit noch sehr kühl war, und trank einen Schluck Wasser aus einem Krug. Carnegie kam aus seinem Zelt und erteilte ihm Anweisungen.

»Willougth, Sie reiten sofort los. Folgen Sie der Straße bis Maryborough, und zwar schnell und ohne eine Rast einzulegen. In der Stadt melden Sie sich umgehend auf der Polizeiwache bei Sergeant Pollock.«

»Wieso? Was ist denn los?« Einer der Vorreiter grinste ihn an, als er sich daran machte, das Feuer vom vergangenen Abend neu zu entfachen. Wenigstens noch frühstücken, dachte Mal grimmig.

»Nichts ist los. Und dabei soll es auch bleiben«, sagte Carnegie. »Die nächste Etappe dürfte schwierig werden. Sie bietet Buschräubern die letzte Gelegenheit zu einem Überfall; selbst einige Gauner aus der Stadt haben schon ihr Glück zwischen hier und Maryborough versucht. Vor einigen Monaten wurde auf diesem Abschnitt ein Goldtransport überfallen, ebenso zahlreiche Goldsucher, daher möchten wir uns nicht ohne zusätzlichen Polizeischutz dorthin wagen. Verschwenden Sie keine Zeit. Sergeant Pollock und seine Männer werden auf der Straße patrouillieren und uns sicher in die Stadt geleiten.«

Mal sorgte sich nicht so sehr um ihr Gold, sondern um seinen eigenen dicken Geldgürtel.

»Wieso kann nicht einer von den anderen reiten?« erkundigte er sich bei Taylor. »Sie kennen die Gegend besser als ich.«

Taylor zuckte die Achseln. »Anordnung des Kommissars. Eine Vorsichtsmaßnahme. Und nun los. Je schneller Sie zurück sind, desto eher können wir aufbrechen.« Er sah sich um. »Ich persönlich halte ja auch nichts von dieser Änderung des Plans. Würde lieber gleich weiterreiten.«

Beim Wegreiten sah Mal, wie Taylor und Carnegie ihre Waffen luden, um die erschöpften Wachen im Ernstfall zu unterstützen. Er selbst trug ein Gewehr bei sich, hatte aber nicht vor, es zu benutzen. Er ritt schnell, doch umsichtig, denn er wußte um die Straßenfallen, mit denen Pferde zum Stolpern gebracht oder Transportwagen aufgehalten werden konnten. Dies war nicht die rechte Zeit, um die Landschaft zu bewundern. Mal begann sich erst wohler zu fühlen, als die Sonne höher stieg und allmählich vereinzelte Farmen in Sicht kamen. Das Schlimmste lag hinter ihm; er näherte sich der Zivilisation. Keine Buschräuber, kein Hinterhalt, die Befürchtungen des Kommissars waren unbegründet gewesen.

Andererseits war die Straße größtenteils eine Art Hohlweg, gesäumt von dichtem Gebüsch, in dem alle möglichen Gestalten lauern mochten, die vielleicht auf lohnendere Beute als einen einsamen Reiter aus waren.

Die Straße wurde nun breiter und besser, da landwirtschaftliche Fahrzeuge die Unebenheiten ausgeglichen hatten; links und rechts der Straße lagen üppig wuchernde Gemüsegärten, in denen Chinesen mit Kulihüten arbeiteten. Er kam an einem Ochsengespann vorbei, in dem zwölf Tiere riesige Wollballen zogen, und grüßte den Fahrer im Vorbeireiten. Hinter einer Kurve entdeckte er eine große Sägemühle, die in sonntäglicher Ruhe dalag. Kein schlechter Tag, um eine Ladung Gold zu transportieren. Die meisten Schurken schliefen noch ihren Rausch aus, vorausgesetzt, es handelte sich nicht um passionierte Buschräuber Wie McPherson. Auf den Goldfeldern wurde viel über ihn erzählt. Er hatte die Postkutsche aus Maryborough nur zwei Meilen außerhalb der Stadt ausgeraubt, und das gleich zweimal. Bei dieser Erinnerung setzte sich Mal kerzengerade im Sattel auf. Nur zwei Meilen vor der Stadt! Kein Wunder, daß Carnegie Fracksausen hatte.

Er gelangte zu den Docks, wo er sich gern die verschiedenen Schiffe angesehen hätte, die hier in überraschend großer Zahl vor Anker lagen; doch ihm blieb keine Zeit. Ein Fischer wies ihm den Weg zur Polizeiwache, die aber geschlossen war. Mal klopfte an der benachbarten Wohnungstür.

Ein irisch aussehender Bursche mit rötlichem Haar steckte den Kopf aus dem Fenster. »Was wollen Sie?«

»Sind Sie Mr. Pollock?«

»Sergeant Pollock.«

»Ja, natürlich. Mr. Carnegie schickt mich.«

»Wo steckt er denn diesmal?«

»Am Blackwater Creek.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja, er wartet auf Sie.«

»Gut. Geben Sie mir eine halbe Stunde. Ich hole die Jungs her.«

Und diese halbe Stunde veränderte Mals Leben. Er war mit dem Pferd am Zügel auf der Suche nach etwas Eßbarem durch die Stadt gewandert, und dann sah er sie. Die englische Dame. Emilie Tissington. Inzwischen kannte er ihren Namen und würde sie morgen abend tatsächlich wiedersehen. Nichts in der Welt konnte ihn davon abhalten, sie am Tor zu treffen. Wetten, daß Clives Mädchen es nicht mit ihr aufnehmen konnte?

Die Ungeduld des Sergeants wuchs, als Mal sein Pferd an der Tränke zum Stehen brachte.

»Ich dachte, das hätten Sie längst erledigt.«

»Ist eben ein besonders durstiger Bursche.«

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Bis zur letzten Minute hatte Perry damit gerechnet, daß etwas schiefgehen würde. Daß der Kommissar die Nerven verlor. Er hatte die ganze Nacht mit dem Boot am Ufer des Blackwater Creek im Schutz überhängender Aste gewartet und kein Auge zugetan. Er spielte mit dem Gedanken, es auf eigene Faust zu versuchen, falls Carnegie kniff, doch das waren nur müßige Spekulationen. Baldy Perry gehörte zum Fußvolk, er war kein Anführer und akzeptierte seine angestammte Rolle. Er war nicht erfinderisch, führte nur Befehle aus. Immerhin konnte ihm niemand die Schuld geben, wenn unter diesen Umständen ein Plan scheiterte, was nicht selten geschah.

Als er endlich Stimmen hörte, schlich er barfuß und mit dem Gewehr in der Hand durchs Gebüsch, um sich auf die Lauer zu legen. Mehr konnte er nicht tun; das Gold befand sich in der Kutsche, doch er war weder mutig noch tollkühn genug, um auf eigene Faust vier Bewaffnete zu überfallen. Carnegie mußte den ersten Schritt tun. Er kletterte auf einen Baum und bezog dort wie verabredet Position. Wenn die Vorreiter zurückfeuerten, würden sie in ihrer Panik ins Gebüsch schießen, ohne den Heckenschützen in der Baumkrone zu entdecken, hatte Carnegie ihm versichert. Perry war alles recht, er hatte keine Angst. Für ihn war das nur ein Teil des Jobs. Ein paar Typen erschießen, das Gold holen und abbauen.

In der Morgendämmerung hatte er von seinem Ausguck aus beobachtet, wie ein Reiter das Lager verließ. Er sah, daß Taylor aus seinem Zelt trat und die beiden Wachen das Feuer entzündeten, um das Frühstück zu bereiten. Perry prüfte noch einmal sein Gewehr und wartete. Der Speck roch köstlich.

Beim ersten Schuß fiel er fast vom Baum. Carnegie hatte Taylor, der neben der Kutsche niederstürzte, in den Rücken geschossen. Binnen einer Sekunde hatte Perry die eine Wache getötet und erwischte auch den zweiten Mann, während dieser verzweifelt Deckung suchte. Carnegie winkte ihn zu sich herunter.

Schon war alles vorbei. Ganz einfach. Perry nickte anerkennend. Dieser Carnegie war ein cleverer Rutsche und hatte saubere Arbeit geleistet.

Perry blieb kaum Zeit, die am Boden liegenden Leichen in Augenschein zu nehmen, denn Carnegie war nun ganz nervös geworden und mahnte ihn mit zittriger, kaum vernehmbarer Stimme zur Eile. Baldy Perry grinste. Als wenn die Toten sie noch hören könnten.

»Schnell, hol die Koffer heraus, mach schon!« fauchte Carnegie, doch Baldy schenkte ihm keine Beachtung und untersuchte die Männer, da er sichergehen wollte, daß sie auch wirklich tot waren. Taylor war erledigt, die Wachen auch. Einen hatte er in den Kopf getroffen, den anderen in die Brust, wie er stolz bemerkte.

»Komm her!« schrie Carnegie und zerrte an einem Stahlkoffer. »Wir müssen sie alle rausholen.«

»Ist in allen Gold drin?« fragte Perry besorgt. So viel konnte er nicht tragen.

»Nein, du Idiot. Das Gold ist in dem hier. In dem anderen ist eine Lieferung Bargeld von der Bank. In den übrigen sind nur Akten der Bank und des Bergbauministeriums.«

Schon bald hatte Baldy die beiden Koffer aus der Kutsche gewuchtet. Der Kommissar machte sich an den Schlössern zu schaffen.

»Hol den Rest«, zischte er.

»Brauchen wir doch nicht.«

»Na mach schon. Wir dürfen uns doch nicht verraten, indem wir zeigen, daß wir genau wissen, wo was drin ist. Bring mir die verdammten Dinger, wir kippen sie aus, damit es aussieht, als wären sie durchsucht worden.«

Schon bald lagen Bücher, Papiere und dicke Kladden zwischen den leeren Koffern verstreut, doch Baldy hatte nur Augen für die Ledertaschen voller Gold, die Carnegie ihm hektisch zuschob, dazu noch die leichteren Taschen mit dem guten alten Bargeld. Was für eine fette Beute!

Carnegie warf ihm die Kofferschlüssel zu. »Du weißt, was du zu tun hast«, sagte er und zerrte eine große Tasche aus Sackleinen, die als Polsterschutz diente, vom Sitz der Kutsche. »Stopf die Taschen hier rein.«

Gehorsam griff Baldy nach der ersten, die zu seinem Erstaunen nur halb voll war. »Ist das hier das ganze Gold?«

»Das ist eine Menge, über tausend Unzen. Die anderen sind Sovereigns und Banknoten. Denk dran, wenn du den Fluß überquert hast, vergräbst du alles unter dem großen Feigenbaum, den ich dir gezeigt habe. Versenk das Boot, und hau ab. Morgen kommst du zurück, als sei nichts gewesen.« Er keuchte wie nach einem Wettrennen. »Warte genau achtundzwanzig Tage, dann gräbst du die Tasche aus. Dein Pferd ist doch noch drüben, oder?«

»Natürlich.« Für Baldy war dies der einfachste Teil seines Auftrags. Auch war es kein Problem gewesen, das Boot von Maryborough aus den Fluß hinaufzubringen und es am anderen Ufer zu verstecken. Seinen Anteil hatte er sich am ehesten mit dem langen Fußmarsch zurück in die Stadt verdient, für den er einen Tag und die halbe Nacht gebraucht hatte.

Baldy begriff, daß Carnegie mit der unnötigen Wiederholung seiner Anweisungen nur Zeit schinden wollte, da er eine Heidenangst hatte vor dem, was nun auf ihn zukam.

»Paß auf«, knurrte der Kommissar, »du bringst diese Tasche in mein Cottage in Maryborough und versteckst sie, wenn es dunkel ist, unter der Hintertreppe. Man darf uns nicht zusammen sehen. Ich teile alles fifty–fifty auf, soweit das mit dem unterschiedlichen Goldgewicht überhaupt geht, und lege deinen Anteil wieder ins Versteck.«

»Das will ich auch schwer hoffen«, grollte Baldy Perry.

»Verlaß dich drauf. Von diesem Moment an gibt es keinen Kontakt mehr zwischen uns, was immer auch passiert.«

»Alles klar. Dann mal los.«

»Erst muß ich mich hinlegen, dann ziehst du Taylors Leiche über mich.«

»Jesus! Wozu das denn?«

»Als Alibi für mich. Damit es aussieht, als sei er auf mich draufgefallen.« Er erschauderte. »Da fällt mir ein, hier ist mein Gewehr. Nimin es mit, und wirf es in den Fluß. Danach …«

Carnegie lag zitternd am Boden, als Perry Taylors leblosen Körper über ihn zerrte. Mit bleichem Gesicht schob er ihn beiseite und stand auf. »Mir ist schlecht.«

»Es war Ihre Idee«, meinte Baldy ungerührt. Er hob Carnegies Gewehr auf, lud es durch und wartete. »Alles klar jetzt?«

»Ja. Geh ein Stück zurück.« Carnegie riß sich zusammen. »Na los.« Er schloß die Augen, als Baldy grinsend das Gewehr hob. Der Räuber spielte kurz mit dem Gedanken, Carnegie einfach zu erschießen, doch dessen Plan war zu gut, um ihn auf diese Weise zu verderben. Der Kommissar mußte lebend gefunden werden, damit er die Täter beschreiben und die Schuld dem jungen Burschen in die Schuhe schieben konnte, den er als zusätzlichen Begleiter angeheuert hatte. Man würde nach mehreren Männern fahnden, und Carnegie konnte die Polizei überdies in die falsche Richtung schicken. Hauptsache, sie blieben dem Fluß fern. Außerdem würde es besser laufen, wenn er sich an die Anweisungen hielt.

Mit verzerrter Miene streckte Carnegie den Arm aus und wappnete sich gegen den Schmerz, der ihn erwartete. Perry feuerte eine Kugel durch Carnegies Oberarm.

»Jesus Christus!« Der Kommissar war stöhnend zusammengebrochen. Perry schnappte sich die Sackleinentasche mit der Beute und hastete durch den Busch zum Fluß hinunter, wo das Boot am Ufer bereitlag. Er warf die Tasche hinein, brach einen langen, belaubten Ast ab und verwischte damit seine Spuren. Als er im Boot saß, schleuderte er den Ast ins Wasser und ruderte mit kräftigen Schlägen auf die Flußmündung zu. Er grinste zufrieden. Sein alter Kumpel McPherson würde eine böse Überraschung erleben, da Baldy als seinen Beitrag zu Carnegies Geschichte eine detaillierte Beschreibung des Schotten geliefert hatte. Man würde McPherson und Willoughby als vermeintliche Täter jagen, und die Polizei würde verdammt scharf darauf sein, gleich zwei Verbrecher an den Galgen zu bringen. Er selbst wäre damit aus dem Schneider.

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Als Pollock mit seinen Männern den blutigen Schauplatz erreichte, fand er Carnegie fast besinnungslos zwischen den Leichen umhertaumelnd. Sie sprangen von den Pferden, um zu sehen, ob sonst noch jemand am Leben war. Ihnen wurde beinahe übel von dem Fliegengesumm und dem furchtbaren Geruch.

Pollock gab den Befehl, die Toten in die Kutsche zu laden. Dann untersuchte er die Wunde des Kommissars und schüttelte den Kopf angesichts der kläglichen Versuche, die dieser unternommen hatte, um eine Aderpresse anzulegen. Er verzichtete darauf, den armen Teufel darüber aufzuklären, daß eine Aderpresse unterhalb der Wunde völlig nutzlos war. Schließlich war Carnegie ein Stadtmensch und solche Abenteuer nicht gewöhnt. Die Kugel hatte den linken Arm durchschlagen und den Knochen zertrümmert, er würde nicht mehr allzu brauchbar sein. Pollock säuberte die Wunde, streute Salz hinein und schiente den Ami mit einigen Zweigen. Das sollte reichen, bis sie Carnegie zu einem Arzt gebracht hätten.

Da dieser während der gesamten Prozedur schrie und jammerte und einer Ohnmacht nahe schien, rief Pollock Willoughby zu, er solle sich im Zelt nach etwas Schnaps umsehen.

Mal, geschockt angesichts der Szene, die sich ihnen bot, und bereit zu helfen, wo er nur konnte, kam umgehend mit einer Flasche Whisky zurück. Sie flößten Carnegie etwas Schnaps ein, und er schluckte ihn gierig. Als sein Blick auf Mal fiel, begann er wieder zu schreien.

»Er ist einer von denen. Was hast du hier zu suchen, du Schwein? Er war dabei! Er hat sie hergeführt! Verhaften Sie ihn!«

Entkräftet ließ Carnegie sich zurückfallen. Er schäumte beinahe vor Wut, und Mal sah ihn fassungslos an.

»Mr. Carnegie, Sie müssen sich irren. Ich war nicht hier. Sie haben mich doch in die Stadt geschickt.«

Aber der Kommissar beharrte auf seiner Anschuldigung. »Er war es, ganz sicher! Versuch nicht, dich herauszuwinden, ich erinnere mich ganz genau. Ich erinnere mich an jede Sekunde dieses heimtückischen Überfalls.« Er brach in Tränen aus. »Du hast gedacht, ich sei tot, was? Erschossen wie die anderen.« Er umklammerte Pollocks Arm. »Er war höchstens eine halbe Stunde weg! Er! Dann ging die Schießerei los. Taylor stand Wache. Sie trafen ihn in den Rücken, nachdem sie mich verletzt hatten. Er ist auf mich draufgefallen …«

Pollock flößte Carnegie noch einen Schluck Whisky ein. »Sie hielten mich für tot da unten, unter dem armen Taylor. Ich dachte, mir wird schlecht, weil er mich vollblutete, aber ich habe mich zusammengerissen. Ihnen war alles egal, sie haben nicht mal nachgesehen, ob ich noch lebe.«

»Willoughby kann nicht dabeigewesen sein, Sie haben ihn doch in die Stadt geschickt«, warf der Sergeant ein.

»Von wegen. Natürlich ist er weggeritten, aber nur zum Schein. Dann führte er sie her. Ich habe ihn nach der Schießerei gesehen. Wir müssen eine ideale Zielscheibe abgegeben haben. Hatten keine Chance. Sie haben uns sogar noch ausgelacht, diese Schweine. Dann verschwand er …o Gott. Taylor ist tot, nicht wahr? Und die Jungs? Wohl auch. Sehen Sie nach Ihnen, Sergeant? Ich wollte es ja tun, aber …«

»Ganz ruhig, Mr. Carnegie, wir kümmern uns darum. Mike …« Er rief einen der Polizisten herbei. »Du bringst Mr. Carnegie nach vorn in die Kutsche. Und du, Gus, verhaftest Willoughby vorläufig. Dann werden wir sehen.«

Mal trat erregt zurück, als einer der Polizisten seinen Revolver zog und nach seinem Arm greifen wollte.

»Er muß verrückt geworden sein! Ich habe nichts damit zu tun. Ich habe noch nie jemanden getötet!«

Carnegie drehte sich wütend um. »Du warst der Judas! Sie müssen irgendwo auf der Lauer gelegen haben, und du hast ihnen gesagt, daß wir hier auf die Polizeieskorte warten. Also hast du sie hergeführt, solange noch Zeit war.« Er stützte sich schwer auf den Polizisten, der ihm auf den Sitz des Kütschers half. »Ich habe dich und deinen Kumpel gesehen. Ein großer, rotbärtiger Bursche mit schottischem Akzent.«

Pollock sperrte die Ohren auf. »Sie können die Buschräuber beschreiben?«

»Darauf können Sie Gift nehmen. Er war dabei, er und dieser Schotte, so wahr ich hier sitze. Können auch noch mehr gewesen sein. Nach der Schießerei wurde es gespenstisch still. Ich hörte noch, wie sie die Koffer herauszerrten. Dann sind sie weggeritten. Mir war ganz schlecht …«

»Und einer von ihnen war offensichtlich unser Freund McPherson. Wer war sonst noch dabei?«

»Ich nicht!« schrie Mal. »Carnegie bildet sich das alles nur ein.«

Der Kommissar lehnte sich in seinem Sitz zurück. »Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich diesen Alptraum nicht vergessen. Joseph Taylor war mein bester Freund …«

Mal sah ihn höhnisch an. »Seit wann denn das? Taylor hat Sie doch gehaßt.«

»Halt den Mund«, fuhr ihn Pollock an. »Fessel ihn und binde ihn auf sein Pferd, Gus. Und du, Mike, machst das hier fertig. Pack die Papiere und Bücher wieder in die Koffer, und leg sie bis auf weiteres ins Gebüsch. Wir schicken später jemanden raus, um sie zu holen. Zuerst müssen wir Mr. Carnegie in die Stadt bringen und die Beerdigung der Toten veranlassen.« Er schüttelte, noch immer fassungslos, den Kopf, als er das halbfertige Frühstück sah, bei dem die armen Kerle überrascht worden waren. Ein Wasserkessel hing über der kalten Asche, darunter stand eine Pfanne mit verkohltem Speck. Unbenutzte Pfännchen und Becher lagen neben der Stelle, wo die Männer niedergestürzt waren.

»Wer hatte Wache?« fragte er Carnegie unvermittelt.

»Taylor. Dachte ich jedenfalls. Die Wachen waren die ganze Nacht aufgewesen und daher müde.«

»Wer hat auf Sie geschossen?«

»Woher soll ich das wissen, Sergeant?« fragte Carnegie vorwurfsvoll. »Der Schuß fiel aus heiterem Himmel, ich wußte doch gar nicht, wie mir geschah, alles schien auf einmal zu passieren. Die Wucht des Aufpralls hat mich herumgerissen, dann ertönten weitere Schüsse, und Taylor fiel auf mich drauf. Es riß mich brutal zu Boden, Sie können sich vorstellen, wie entsetzt ich war …«

Pollock hing seinen eigenen Gedanken nach. »Wenn die Schüsse so schnell hintereinander kamen, muß es mehr als ein Schütze gewesen sein. Außerdem fielen sie aus zwei, wenn nicht sogar drei verschiedenen Winkeln …«

»Ich habe nur zwei gesehen Hab mich tot gestellt, traute mich nicht, den Kopf zu heben. Hab flach auf dem Gesicht gelegen.« Er begann wieder zu weinen. »Tut mir leid, Sergeant, Sie müssen ja denken, ich sei ein vollkommener Narr.«

»Schon gut, das ist nur der Schock.«

»Wir sollten dich hängen, hier an Ort und Stelle«, knurrte Mike, während er Mals Handgelenke mit dünnen Lederriemen fesselte und vor seinem Körper zusammenschnürte. Mit boshaftem Grinsen zog er die Riemen fest. »Drei anständige Männer sind tot, und du kommst in die Stadt geritten, als sei nichts gewesen, du Schwein.«

Er rammte Mal den Gewehrkolben in den Rücken, so daß er zu Boden fiel.

»Das reicht«, rief Pollock. »So etwas dulde ich nicht. Hilf ihm aufs Pferd, Gus.«

»Carnege hat entweder den Verstand verloren oder lügt wie gedruckt. Ich habe nicht einen Buschräuber gesehen«, rief Mal zu Pollock hinüber.

»Das kannst du dem Henker erzählen«, zischte Gus und schob Mal auf sein Pferd.

Dann band er ein Seil um Mals linken Knöchel, führte es unter dem Bauch des Tieres hindurch und befestigte es am anderen Fußgelenk. »Nur für den Fall, daß du ans Abhauen denkst, du Mörder. So etwas hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.«

Mal beachtete ihn nicht weiter, sondern versuchte nachzudenken. Weshalb gab Carnegie ihm die Schuld? Die Verletzung war nicht schwer genug, um seinen Geist derart zu verwirren. Nach Aussage der Wachen hatte die Gruppe auf dieser Lichtung abseits der Straße kampiert, weil sie geschützt lag und Deckung bot. Es war eine natürliche Lichtung, die von Treibern der Ochsengespanne als Lagerplatz benutzt wurde, damit sie nicht die schmale Straße blockierten. Sogar Pollock hatte nicht genau gewußt, wo die Stelle zu finden war. Jemand anders aber war informiert worden.