/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Salz der Hoffnung

Patricia Shaw


Salz der Hoffnung

Patricia Shaw

1998

1

Auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater reist die selbstbewußte Regal Hayes von Boston nach London. Auf einer Abendgesellschaft begegnet die dort dem dänischen Kapitän Jorge Jorgensen. Er platzt unangemeldet herein und zieht durch seine mächtige Status und seinen überwältigenden Charme sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Doch Jorgensen interessiert sich nur für Regal, und eine strümische Liebesgeschichte beginnt.

Der ruhelose Seefahrer bestimmt fortan das Leben der schönen jungen Frau. Für Jorgensen wird Regal zur Spionin in seinem Kampf gegen Englands Flotte, und damit ist plötzlich nicht nur ihr Seelenheil, sonder auch ihr Leben in Gefahr…

Inhaltsverzeichnis

Regal

Polly

Regal

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Epilog

An seine Geliebte:

Vermöge ich wie durch ein Wunder dir

die Treu zu halten jetzt und hier,

wär’s alles, was der Himmel uns gewährt.

John Wilmot, Earl of Rochester

(1647-1680)

»Liebe und Leben«

Regal

Boston 1788

Das Mädchen stand vor dem großen Spiegel mit dem vergoldeten Rahmen und staunte. Sie befühlte ihren blauen chinchillabesetzten Mantel und zog die dazugehörige Haube über ihre blonden Locken, bis ihr Gesicht von dem weichen Pelz umrahmt war. Feierlich betrachtete sie ihr Spiegelbild. Es war, als sei eine unbekannte Schönheit plötzlich in ihr Leben getreten. Sie hob den Fuß und streckte ihn vor sich aus, bis er sein Gegenüber im Spiegel beinah berührte. Bewundernd betrachtete sie ihre neuen, auf Hochglanz polierten Schuhe mit den eleganten schwarzen Schleifen. Es waren zweifellos die hübschesten Schuhe, die sie je gesehen hatte.

»Du siehst doch tatsächlich aus wie ein Engelchen«, rief Jessie lachend. »Aber du mußt dich jetzt auch so benehmen, Missy. Das ist eine richtig vornehme Schule, da läßt man sich deinen Schabernack nicht bieten. Du bist jetzt eine junge Dame.«

Jessie war Großmutters Hausmädchen, und sie war alt, ebenso alt wie ihre Großeltern, doch Regal mochte Jessie lieber. Die Großeltern waren ganz in Ordnung für alte Leute, aber Großvater hatte nie Zeit, und Großmutter fand immer irgend etwas an ihr auszusetzen. Regal vermutete, sie waren erleichtert, daß sie jetzt ein großes Mädchen war — heute war ihr neunter Geburtstag — und sie sie zur Schule schicken konnten.

Regals früheste Erinnerungen waren Großmutters Ermahnungen an Jessie und Mrs. Hobway, die Köchin, ihr doch endlich dieses Kind aus dem Wege zu schaffen. Und das war seltsam, denn sie konnte sich überhaupt nicht entsinnen, irgendwem je den Weg irgendwohin versperrt zu haben. Aber so war das eben: keiner hatte sich besondere Mühe gegeben, vor ihr zu verbergen, daß sie für die Menschen in diesem großen Haus — ihrem Heim — eine Plage war. Sie war ein einsames Kind und manchmal war sie wütend, daß sie keine Eltern hatte wie andere Kinder auch, Eltern, die sie liebten und verwöhnten und ihr Geschichten vorlasen. Jede Wette, wenn die arme Polly noch am Leben wäre, wäre sie die beste Mutter auf der ganzen Welt …

»Hier ist dein Muff«, sagte Jessie. »Auch aus Chinchilla. Er hat innen eine Tasche, ich habe dein Taschentuch hineingesteckt.«

Großmutter kam herein und sie sah ebenfalls sehr fein aus in ihrem besten braunen Seidenkleid mit dem weiten Reifrock. »Ist sie fertig?«

»Ja, Ma’am«, sagte Jessie, und Großmutter nickte. »Also, dann komm, Missy. Dein Großvater wartet.«

Sie stiegen die breite Treppe hinab. Regals Schuhe rutschten auf dem Teppichbelag, und sie klammerte sich am Geländer fest, aber als sie die Halle auf dem Weg zu Großvaters Arbeitszimmer durchquerten, vergnügte sie sich mit einer Schlitterpartie.

»Geh anständig«, fuhr die Großmutter sie an. »Und halte dich gerade.«

Regal mochte dieses geheimnisvolle Zimmer gern. Den Geruch von alten Büchern und Papier, die faszinierenden Schubladen und die kleinen Fächer in Großvaters Schreibtisch, den Spucknapf und den schweren Messingaschenbecher, der wie Gold glänzte. Auf einem niedrigen Tisch stand in einem Glaskasten das Modell eines Segelschiffes, ein Spielzeugschiff mit großen Segeln, das aber nie jemand herunternahm. Sie ließen es einfach dort auf dem Trockenen, und das Schiff wartete immer noch darauf, erprobt zu werden, und sei es nur auf einem Tümpel. Das arme Schiff tat Regal leid, aber sie hatte es noch niemals anfassen dürfen. Der Glaskasten blieb verschlossen. Immer.

Großvater wandte sich mit seinem Drehstuhl um und sah sie an. Beißender Zigarrenqualm erfüllte die Luft. »Ah! Wen haben wir denn da?«

Großmutter stieß Regal vorwärts. »Was denkst du?«

Er rückte seine Brille zurecht und lächelte. »Ist das unser Mädchen? Ich hätte sie kaum erkannt, sie sieht ja so elegant aus! Dreh dich um, Missy, und laß dich anschauen.« Regal drehte sich einmal um die eigene Achse. »Unter dem Mantel hab’ ich ein weißes Schulkleid«, verkündete sie, als sie wieder Auge in Auge mit ihm stand. »Mit einem blauen Kittel drüber.«

»Schürze«, verbesserte Großmutter. »Man nennt es eine Schürze, nicht Kittel.«

»Nun, wie auch immer, ich bin überzeugt, sie wird hübscher aussehen als alle anderen Mädchen in dieser Schule. Du kannst wirklich stolz auf dein Werk sein, Ettie.« Er lehnte sich zurück und zog die Stirn in Falten. »Aber was ist mit ihren Schulbüchern? Ein Mädchen kann doch nicht ohne Papier und Bleistift in die Schule gehen.«

Regal erschrak. Sie hatte gedacht, diese Sachen würde sie vom Pringle-Seminar für junge Damen gestellt bekommen. Sie zog eine Hand aus ihrem Muff und saugte nervös an den Fingerknöcheln.

Aber dann lachte Großvater, griff unter seinen Schreibtisch und förderte einen kleinen Lederranzen zutage. »Sieh mal her.« Er öffnete den Ranzen, und sie spähte hinein. Erleichtert entdeckte sie einen Griffelkasten und einige Schulbücher.

»Du kannst dich glücklich schätzen«, belehrte Großmutter sie. »Du hast alles bekommen, was du brauchst, dein Großvater war sehr großzügig zu dir.«

Selig nahm Regal ihren Ranzen entgegen. Sie hätte gerne ihre Arme um Großvaters Hals geschlungen und sich bedankt, hätte sie beide gerne geküßt für die wunderbaren Geschenke, aber die beiden waren so groß und so unnahbar, und außerdem war sie zu beschäftigt mit den komplizierten Schnallen ihres Schulranzens.

»Und? Was sagt man?« fragte Großmutter scharf. »Wir warten. Du könntest dich zumindest bedanken.«

»Das wollte ich ja gerade«, verteidigte sie sich entrüstet.

Aber Großmutter schüttelte den Kopf. »Sei ja nicht vorlaut, Missy. Sie werden allerhand zu tun haben, dir Manieren beizubringen in dieser Schule. Aber du wirst es schon lernen.«

»Für das Geld, das sie verlangen, sollen sie sich nur ordentlich bemühen«, bemerkte Großvater und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Die Unterhaltung war somit beendet.

»Du kannst es dir schließlich leisten, Jasper«, erwiderte Großmutter gereizt und führte Regal hinaus.

Jessie wartete schon mit Großmutters Umhang und dem großen Hut mit den Satinbändern, und sie sahen beide zu, während Großmutter ihn zurechtrückte und mit einer perlenverzierten Hutnadel feststeckte. Schließlich reichte Jessie Großmutter die glitzernde Diamantbrosche in der Form eines Schmetterlings, die sie sich an den Kragen ihres Umhangs steckte. Sie überprüfte ihre Erscheinung im Spiegel der Eingangshalle und beugte sich, nachdem sie alles zu ihrer Zufriedenheit gefunden hatte, zu Regal hinab und zupfte ihren Mantel zurecht. »Gib ja gut auf diesen Mantel acht. Es wird nicht viele Mädchen in der Schule geben, die einen solchen Mantel besitzen. Es ist das beste, wenn man ihnen von Anfang an zu verstehen gibt, daß die Hayes’ eine Familie von Bedeutung sind in Boston. Diese Leute von der Schule wissen vielleicht noch nicht, wer wer ist in der Stadt, die Schule ist ja noch neu. Hast du dein Taschentuch?«

»Ja.«

»Gut. Du siehst ordentlich aus. Vergiß nicht, spare niemals an deiner Kleidung. Dein Äußeres kann dein bester Fürsprecher sein.«

___________

Das Zimmer der Direktorin war von einem warmen Licht erfüllt, und es roch nach frischer Farbe und Möbelpolitur. Die Dame, die sie zu den zwei Stühlen vor dem mit Büchern und Papieren übersäten Schreibtisch geführt und dann selber dahinter Platz genommen hatte, trug ein strenges, schwarzes Sergekleid — ein auffälliger Kontrast zu der Vase mit den cremeweißen Rosen, die auf einer halbhohen Säule in einem Erker stand.

Regal kannte ein paar der Mädchen, die diese Schule besuchten, und sie war enttäuscht gewesen, keine von ihnen zu sehen, als sie die Auffahrt entlangkamen. Es war geradezu unglaublich still für eine Schule. Sie hatte geglaubt, in Schulen gehe es stets geräuschvoll und lebhaft zu — so war es ihr jedenfalls erschienen, wann immer sie an einer vorbeigegangen war. Aber vermutlich waren um diese Zeit alle Schülerinnen beim Unterricht. Es war zehn Uhr morgens am schönsten Tag ihres Lebens, ihrem neunten Geburtstag. Bis heute war sie nur von Hauslehrern unterrichtet worden.

Die Direktorin unterhielt sich mit Großmutter, und Regal wünschte, die beiden Damen kämen endlich zum Ende und würden ihr erlauben zu gehen, damit sie diesen interessanten Ort erkunden könnte. Hier gab es sogar einen richtigen Glockenturm! Sie hockte still auf der Kante des harten Stuhls und schwitzte in ihrem neuen Mantel, aber sie wagte nicht zu fragen, ob sie ihn ausziehen dürfe.

Es schien irgendwelche Schwierigkeiten zu geben. Die Direktorin schlug ein dünnes Büchlein auf und entnahm ihm einige Blätter. Regal sah auf den Wangen der Dame zwei rote Flecken brennen, außerdem hielt sie den Blick gesenkt, während sie in höflichem Tonfall, der seltsam aufgesetzt wirkte, mit Großmutter sprach.

»Vielleicht handelt es sich lediglich um ein Mißverständnis«, murmelte sie. »Wie gesagt, ich hatte angenommen, die junge Dame sei Ihre Tochter.«

»In meinem Alter wohl kaum.« Großmutter lächelte, doch Regal hörte eine eigenartige Anspannung in ihrer Stimme.

»Aber in diesem Sinne haben sie den Aufnahmeantrag ausgefüllt, Mrs. Hayes.«

»Es macht doch letztlich keinen Unterschied …« Großmutter hob leicht die Schultern.

»Doch, allerdings. Der Schulrat hat mich auf diese Angelegenheit hingewiesen. Man macht mich für diesen Irrtum verantwortlich.«

»Meine Güte, es ist doch wirklich keine große Affäre«, versicherte Großmutter beschwichtigend. »Und ganz einfach zu erklären: Regal ist das Kind unserer Tochter. Unserer verstorbenen Tochter Polly.«

Regal nickte. Polly, ganz recht. Die wunderschöne Dame, die bei ihrer Geburt gestorben war.

Die Direktorin spitzte die schmalen Lippen, raschelte mit ihren Papieren und sah Großmutter scharf an. Ein argwöhnischer, anklagender Blick. Regal sollte ihn niemals vergessen. »Mrs. Hayes, wenn dies das Kind ihrer Tochter ist, wieso ist sein Name dann Hayes?«

Während Großmutter noch an ihrem Handschuh zupfte, konnte Regal nicht mehr an sich halten. »Wie soll ich denn sonst heißen?« platzte es aus ihr heraus.

»Sei still«, befahl Großmutter, ohne die Frage zu beantworten.

»Vielleicht könnten Sie uns ja Regals Geburtsurkunde vorlegen«, schlug die Direktorin vor, aber Großmutter schüttelte den Kopf. »Das ist zu schwierig. Sie wurde in Halifax in Kanada geboren, ist aber hier in Boston aufgewachsen.«

»Dann könnten Sie uns doch sicher den Namen des Vaters für unsere Akten mitteilen.«

Regal horchte auf. Sie war immer davon ausgegangen, daß ihr Vater ebenfalls tot sei, darum hatte sie nie viel Sinn darin gesehen, seinen Namen zu kennen, und zu Hause sprachen sie immer nur von Polly.

Großmutter schien es jetzt ebenfalls zu warm zu sein. »Sie verstehen doch sicher, daß diese Dinge …«

Die Direktorin räusperte sich, und der Laut drückte Mißbilligung aus. »Es ist keine Frage des Verstehens, Mrs. Hayes, sondern der Gepflogenheiten an dieser Schule. Wir unterrichten hier junge Damen aus den besten Familien Bostons. Ich bedaure Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir Ihrem Aufnahmeantrag nicht entsprechen können.«

»Was reden Sie da!« schrie Mrs. Hayes. »Sie haben bereits das Schulgeld für das erste Halbjahr erhalten und eine sehr großzügige Spende von Mr. Hayes noch dazu.«

»Das wird Ihnen alles zurückerstattet«, erwiderte die Frau. »Hätten Sie den Aufnahmeantrag von vornherein wahrheitsgemäß ausgefüllt, wäre es zu dieser peinlichen Situation gar nicht erst gekommen. Sie müssen doch gewußt haben, daß wir keine unehelichen Kinder aufnehmen, wo wir hier den strengen Maßstäben der Wesley-Methodistenkirche folgen.«

»Wie können Sie es wagen …« Mrs. Hayes packte Regal und zerrte sie aus ihrem Stuhl. »Und Sie nennen sich Christen! Erstatten Sie Mr. Hayes umgehend sein Geld, Madam, sonst schicken wir Ihnen den Sheriff auf den Hals!«

So schnell ging es aus dem Gebäude und auf die Straße hinaus, daß Regal kaum Schritt halten konnte. Auf dem ganzen Heimweg weinte Großmutter, was Regal angst machte, und immerzu wiederholte sie: »Nie im Leben bin ich so gedemütigt worden. Niemals!«

Sie riß das Tor auf und stieß Regal hindurch. Die neue Schule und die Geburtstagsfreude waren vergessen. Großmutter hämmerte gegen die Tür, statt ihren Schlüssel zu benutzen. Sie sah auf Regal hinab, ihr Gesicht rot vor Zorn. »Diese Polly. Ich wünschte, sie wäre nie geboren worden!«

Regal zuckte zusammen. Ganz gleich, was Großmutter sagte, sie verstand mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie in Wahrheit gar nicht die arme Polly meinte, sondern sie, Regal. Sie allein trug die Schuld an allem. Sie war immer nur eine Last für ihre Großeltern gewesen, und irgendwie hatte sie heute alles noch schlimmer gemacht.

In der Nacht träumte sie, ein Engel sei zu ihr gekommen, und der Engel war Polly, ihre schöne Mutter. Sie nahm ihre Hand, und zusammen gingen sie fort, ließen das düstere alte Haus hinter sich und liefen, bis sie zu einem wunderschönen weißen Häuschen im Wald kamen. Doch dann wachte sie weinend auf, denn plötzlich war Polly verschwunden und ein kalter, trüber Tag war angebrochen.

___________

Fortan wurde der blaue Mantel nur bei festlichen Anlässen aus dem Schrank geholt, und Regal kam nach Saint Ives, einer kleineren, von einem Ehepaar betriebenen Schule. Mr. Trotter unterrichtete die Jungen, seine Frau die Mädchen, und im Schulhof waren die Geschlechter durch eine hohe Hecke streng voneinander getrennt. Dieses Mal brachte Jessie sie bis zum Schultor, und da der Weg über die Straße eine Meile weit war, nahmen sie eine Abkürzung über die Felder. Ihre neuen Schuhe waren zu fein für eine Wanderung dieser Art, also trug sie Stiefel.

Die Jungen lugten durch die Hecke, und ein paar Mädchen blieben stehen und starrten Regal an, als sie ganz allein den Schulhof überquerte. Er kam ihr so endlos vor wie das Meer. Sie wußten es, dachte sie. Sie alle wußten, daß sie von der »guten« Schule abgewiesen worden war. Regal hörte das Gekicher sehr wohl, sah aus dem Augenwinkel Finger, die auf sie zeigten. In ihrer Hast stolperte sie auf den Stufen und fiel der Länge nach hin. Sie landete genau zu Mrs. Trotters Füßen.

»Wer bist denn du?« fragte die kleine, rundliche Frau.

»Regal Hayes«, murmelte sie und hob ihren Ranzen auf. Hinter sich hörte sie höhnisches Gelächter.

»Ach richtig, Regal. Ich hatte ganz vergessen, daß heute dein erster Tag ist. Ich bin Mrs. Trotter. Komm nur mit mir. Meine Güte, was hast du für einen hübschen Ranzen.«

Regal war vor Angst wie erstarrt, aber dann regte sie sich und folgte ihr einen langen, kahlen Flur entlang in ein Klassenzimmer. Im Raum war es kalt. Schulbänke standen in mehreren Reihen gegenüber einer Tafel.

Mrs. Trotter zeigte auf eine der Bänke. »Setz dich hierhin, Regal. Ich bin gleich zurück.«

Regal schlüpfte in die Schulbank, umklammerte ihren Ranzen und wartete auf das Unvermeidliche: Mrs. Trotter würde zurückkommen und sie hinauswerfen. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie sich den langen, einsamen Rückweg über den Schulhof ausmalte, wieder gedemütigt, von allen angestarrt und ausgelacht. Vielleicht warfen sie sogar Steine nach ihr, um sie fortzujagen. Jeden Augenblick würde Mrs. Trotter auf diese geheimnisvolle Weise der Erwachsenen herausbekommen, daß sie ein uneheliches Kind war. Oh ja, Regal kannte das Wort inzwischen. Freundinnen, die nicht mehr ihre Freundinnen waren und auf die feine Pringle-Schule gingen, hatten ihr dieses Wort auf der Straße nachgerufen, voller Verachtung für das Mädchen, das nicht gut genug war, mit ihnen zu verkehren. An dieser Schule hier kannte Regal niemanden, aber es würde nicht lange dauern, bis diese Fremden Zeugen wurden, wie man sie hinauswies. Und sie würden sie auf der Straße wiedererkennen und ihr den Rücken zukehren. Regal wünschte, sie wäre tot. Ganz gleich, was sie zu Hause sagten, ganz gleich, welche Strafe ihr drohte: Wenn das hier vorbei war, wollte sie nie wieder einen Fuß in eine Schule setzen. Und wenn sie sie schlugen, bis sie blutete. Dann würde sie eben als Märtyrerin enden.

Leise traten die Mädchen nach und nach ein und stellten sich neben ihre Pulte. Ihre Nachbarin stieß Regal an, um ihr zu bedeuten, sie müsse aufstehen, aber Regal kauerte sich zusammen, um möglichst unsichtbar zu bleiben, bis es Zeit wäre, sich davonzuschleichen.

Dann stand Mrs. Trotter mit einemmal vor ihnen und wünschte ihnen einen guten Morgen. Die Mädchen erwiderten den Gruß, ehe sie sich setzten.

Regals Kopf berührte beinah ihr Pult. Wie eine Angeklagte wartete sie mit gesenktem Kopf, daß ihr Urteil verkündet würde. So nahm sie kaum zur Kenntnis, was Mrs. Trotter sagte. »Wir haben eine neue Mitschülerin bekommen. Miss Hayes. Regal Hayes. Und weil sie neu bei uns ist, möchte ich, daß ihr besonders nett zu ihr seid. Und jetzt wollen wir Regal alle willkommen heißen.«

Regal tauchte wie aus einem kalten, feuchten Nebel auf. Als sie vorsichtig den Kopf hob, sah sie sich von lächelnden Gesichtern umringt. Die Mädchen klatschten alle in die Hände. Sie spendeten ihr Beifall! Regal brachte ein Lächeln zustande, ein Lächeln der Erleichterung und der Dankbarkeit, daß vor allem Mrs. Trotter galt. Was für eine nette Dame!

Und somit hatte ihre Schulzeit begonnen. Sie gewöhnte sich schnell ein und genoß den langen Schulweg über die Felder, doch die ganze Zeit verspürte sie das drängende Bedürfnis, etwas über die Ursache ihrer Schande herauszufinden. Eifrig studierte sie die dicken Bände der Enzyklopädie in der Schule und fand schließlich den Begriff der »unehelichen Geburt«. Sie verstand immer noch nicht so recht, was es bedeuten sollte, aber sie war seit jeher ein entschlossenes Kind gewesen. So leicht gab sie nicht auf! Sie wußte, es hatte keinen Sinn, die Erwachsenen direkt zu fragen, sie gaben einem niemals offene Antworten. Allerdings hatte langjährige Erfahrung sie gelehrt, welche Methode sich am besten dazu eignete, an Informationen zu gelangen. Man mußte einfach eine Behauptung aufstellen. Wenn man Unrecht hatte, fielen sie alle über einen her. Passierte das nicht, hatte man seine Antwort.

»Mrs. Hobway«, fragte sie also die Köchin, »wußten Sie eigentlich, daß ich unehelich geboren bin?«

Die Köchin war so erschrocken, daß sie beinah ins Mehlfaß gefallen wäre. »Was redest du da, Regal? Du darfst über solche Dinge nicht sprechen.«

»Aber es ist doch wahr.«

»Nun ja, es stimmt schon, aber darüber solltest du dir keinen Kopf machen.«

Tu ich auch nicht, dachte Regal. Ich muß es nur tragen wie eine Narrenkappe. Sie zitierte etwas, das sie im Zusammenhang mit »leichtfertigen« Frauen gelesen und das sie erschreckt hatte, denn sie fürchtete, es könne auf die arme Polly zutreffen: »Meine Mutter hat teuer bezahlt für ihre Sünden«, verkündete sie feierlich. Sie hatte ihre Angel ausgeworfen.

Mrs. Hobway seufzte. »So sagen es die Leute zumindest. Aber das ist keine sehr barmherzige Weise, die Dinge zu sehen.«

Also stimmte es! Frauen, die uneheliche Kinder bekamen, waren leichtfertig und mußten teuer bezahlen. Diese Befragung ließ sich ja überraschend gut an. »Genau wie mein Vater«, sagte sie bekümmert. »Er ist auch tot. Also hat auch er teuer bezahlt.«

»Dein Vater?« Mrs. Hobway sah sie verdutzt an. »Nun, ich weiß nichts über ihn, aber Männer zahlen nicht für ihre Sünden, mein Kind. Ich weiß nicht, wie du auf eine solche Idee kommst. Frauen zahlen, allerdings«, brummte sie düster. »Sie zahlen immer die ganze Zeche. Ich weiß, wovon ich rede.«

Sie wandte sich wieder ihrem Blätterteig zu und war bald tief in Gedanken versunken. Regal ging hinauf in ihr Zimmer. Das war ja hochinteressant. Männer zahlten also nicht für ihre Sünden. Aber warum nicht? Sie sah aus dem Fenster. Zwei Fischer zogen ihr Boot die Uferböschung des Flusses hinauf. »Männer büßen also nicht«, sagte sie erbittert und dachte an die arme Polly. »Das wollen wir doch erst mal sehen.«

___________

Regal war recht glücklich in Saint Ives. Sie brachte gute Zeugnisse nach Hause, sehr zur Zufriedenheit ihrer Großeltern. Doch die Menschen außerhalb dieser kleinen Welt verunsicherten sie. Die Nachbarn in den anderen großen Häusern entlang der Carriage Road begegneten ihr höflich, aber niemals wurde sie zu ihren Festen oder Picknicks eingeladen. Ihre Großeltern hatten nur noch selten Gäste, bis auf den kleinen Kreis alter Freunde. Und Regals beste Schulfreundin stellte sie vor neue Probleme. Zwar wurde Judith im Hause der Hayes’ willkommen geheißen, doch bei keiner ihrer anderen Freundinnen. »Das ist, weil ich Jüdin bin«, erklärte sie Regal. Regal fragte sich, was das wohl zu bedeuten hatte, und ob es noch schlimmer war, als unehelich zu sein.

»Sei nicht traurig«, sagte sie zu Judith. »Wenn sie dich nicht einladen, gehe ich auch nicht hin.«

Judith war von der Loyalität ihrer Freundin tief beeindruckt, doch von dem Zorn, der in Regal brodelte, ahnte sie nichts. Schwarze Listen aufzustellen war für Judith nur ein Spaß, aber Regal bedeutete es mehr als nur romantische Phantastereien. Sie sah darin eine Gelegenheit, es dieser Stadt heimzuzahlen, die sie so tief verletzt hatte. Sie war sich bewußt, daß sie sich dadurch nur noch weiter isolierte, doch das kümmerte sie nicht.

___________

Die beiden Mädchen waren unzertrennlich. Als das letzte Schuljahr anbrach, erblühte Judith jedoch zu einer dunklen Schönheit mit olivfarbener Haut, sanften, braunen Augen und einer hinreißenden Figur, während Regal groß und schlaksig wirkte, sich mit Pickeln herumplagte und ohne viel Erfolg versuchte, ihr weiches, gelocktes Haar mit großen Schleifen zu bändigen. Judiths Mutter schien tagein, tagaus damit beschäftigt, ihrer Tochter neue Kleider zu nähen, aber wenn Regal um neue Kleider bat, sagte ihre Großmutter: »Warte, bis du dich ein bißchen entwickelst. Im Augenblick wäre es nur Verschwendung.«

Und was, wenn sie sich niemals entwickelte? Unglücklich betrachtete Regal ihre flache Brust im Spiegel. Neben Judith wirkte sie wie ein Klappergerippe. Die Jungs nahmen sie überhaupt nicht zur Kenntnis, sondern scharten sich um Judith, wollten ihr die Bücher tragen und wichen nicht von ihrer Seite. Regal neidete ihrer Freundin den Erfolg nicht, aber sie war zutiefst deprimiert. Und damit nicht genug, schien die jüdische Gemeinde ständig irgend etwas zu feiern zu haben. Judiths Leben war ein ununterbrochener Reigen aus Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Festen, von denen Regal ausgeschlossen blieb.

»Sie wollen, daß die jungen Männer jüdische Mädchen heiraten«, erklärte Judith. »Darum werden keine nichtjüdischen Mädchen eingeladen, ganz gleich, wie nett sie auch sein mögen. Es ist nichts Persönliches, Regal.«

Nichtsdestotrotz entfremdeten die Freundinnen sich allmählich. Regal versuchte, sich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen, während sie zunehmend vereinsamte, und versicherte Judith, sie vestehe schon. Doch in Wirklichkeit litt sie, und der altbekannte Zorn regte sich wieder. Keine jungen Männer klopften schüchtern an ihre Tür, keine Scharen junger Leute bevölkerten die Auffahrt zum prachtvollen Haus ihrer Großeltern, keine Einladungen landeten in ihrem Briefkasten. Und wenn sie sich bei ihrer Großmutter beschwerte, daß sie niemals Spaß habe, wurde sie mit einem knappen »Dafür ist später noch Zeit genug« abgespeist.

»Aber warum kann ich keine Gesellschaften ausrichten und ausgehen wie die anderen Mädchen auch?«

»Weil es nicht geht, darum. Du bleibst schön zu Hause und wahrst den Anstand.«

Was sollte das denn schon wieder bedeuten, fragte Regal sich mißmutig.

Doch bald traten andere Sorgen in den Vordergrund. Mit Großmutters Gesundheit stand es nicht zum besten. Sie klagte über Schmerzen, und der Doktor wurde gerufen. Nachdem er Ettie untersucht hatte, blieb er lange bei Großvater im Arbeitszimmer. Jessie und Mrs. Hobway flüsterten miteinander und weigerten sich, mit Regal über diese Angelegenheit zu sprechen. So wußte sie nur, daß Großmutter offenbar an einer Krankheit litt, die so entsetzlich war, daß man nicht einmal ihren Namen aussprechen durfte.

Regal tat, was sie konnte. Sie leistete ihrer Großmutter Gesellschaft, las ihr vor, brachte ihr das Essen und sah zu, wenn Jessie ihr das furchtbare Laudanum gegen die Schmerzen verabreichte. Sie weinte und fühlte sich nutzlos, wenn sie die alte Dame schreien hörte, weil die Schmerzen unerträglich wurden. Regal war erschüttert, als sie erkannte, daß ihre Großmutter im Sterben lag, und sie flehte ihren Großvater an, er möge doch irgend etwas tun, um die Qual des nunmehr so gebrechlichen Wesens dort oben im Krankenbett zu beenden.

»Niemand kann mehr irgend etwas für sie tun«, sagte er niedergeschlagen. »Niemand.«

»Wird sie sterben?«

Er wandte sich ab. »Ja.«

»Aber es muß doch irgend etwas geben, das wir tun können«, schrie sie ihn an. »Wie kannst du einfach so dasitzen und zusehen, wie sie leidet? Sie hat grauenhafte Schmerzen!«

»Laß mich zufrieden«, schrie er zurück. »Laß mich zufrieden!«

Manchmal stand Regal vor seinen Waffen und betrachtete sie. Sie konnte schießen. Er hatte ihr beigebracht, wie man mit einem Gewehr umging, hatte sie mitgenommen, wenn er sich mit seinen Freunden zum Pistolenschießen traf, denn er war stolz, daß seine Enkelin ein so gutes Auge hatte. Regal wünschte, sie könnte jetzt eine dieser Pistolen nehmen und ihre Großmutter von ihrem Leiden erlösen, aber dazu fehlte ihr der Mut. Und ihrem Großvater erging es vermutlich ebenso.

___________

An einem regnerischen Tag im Februar starb ihre Großmutter schließlich. Regal sah in ihrem Tod eine Gnade, doch Großvater war erschüttert. Nach der Beerdigung war er offensichtlich von der Vorahnung beseelt, daß auch sein Leben zu Ende ging. Er führte Regal in sein Arbeitszimmer und gab ihr den roten Lederkasten mit dem Schmuck ihrer Großmutter. »Hier, das gehört jetzt dir, Missy. Gib gut darauf acht. Und hier ist noch etwas, das du an dich nehmen solltest. Deine Geburtsurkunde.«

Sie war sehr aufgeregt, doch sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Sie hatten Großmutter gerade erst zur letzten Ruhe gebettet, alle trauerten, also dankte sie ihm mit dem gebotenen feierlichen Ernst.

»Du brauchst nicht weiter zur Schule zu gehen«, fuhr er fort. »Ich will nicht, daß die Dienstboten sich auf die faule Haut legen. Solange deine Großmutter noch lebte, wollte ich nicht, daß sie glaubt, jemand verdränge sie von ihrem Platz, aber von nun an wirst du dich um den Haushalt kümmern.«

»Jessie und Mrs. Hobway sind doch nicht faul«, wandte Regal ein. »Sie wissen, wie man das Haus zu führen hat.« Aber er war nicht umzustimmen. »Ettie hat über das Haushaltsgeld verfügt, den Dienstboten Anweisungen erteilt und sie bezahlt. Ich möchte mit diesen Dingen nicht behelligt werden und will auch nicht, daß mein Geld verschleudert wird. Du wünschst dir ja bestimmt nicht, irgendwann am Bettelstab enden. Darum nehme ich dich von der Schule.«

»Aber dies ist mein letztes Jahr«, jammerte sie. »Ich habe so hart gearbeitet, um ein gutes Abschlußzeugnis zu bekommen. Wenn ich jetzt von der Schule gehe …«

»Darüber brauchst du dir keine Gedanken mehr zu machen. Ein Abschlußzeugnis ist nur ein Fetzen Papier. Ich selbst bin auch nicht allzulange zur Schule gegangen, und es ist dennoch etwas aus mir geworden. Du bist alt genug, um all diese Dinge hinter dir zu lassen. Du wirst schön zu Hause bleiben und dir dein Brot verdienen. Ich bin nicht bereit, eine Haushälterin zu bezahlen.«

»Dann mach doch Jessie zur Haushälterin.«

»Hör endlich auf zu widersprechen! Geh und belästige mich nicht länger. Du hast jetzt eine Aufgabe, also kümmere dich darum.«

»Aber ich weiß gar nicht, was eine Haushälterin zu tun hat!«

»Dann wird es höchste Zeit, daß du es lernst.«

Draußen lag Schnee, und an den Fenstern hatten sich Eisblumen gebildet. Alles war ruhig, als sei die Stille mit dem Winter eingezogen, um vom Trauerfall im Haus zu zeugen. Regal suchte nach den richtigen Worten. Sie hatte gute Aussichten, den besten Schulabschluß ihrer Klasse zu machen, vielleicht sogar die Jungs zu überflügeln. Mrs. Trotter, die in einem ständigen Konkurrenzkampf mit ihrem Mann lag, hatte sie unterstützt und bestärkt, hocherfreut, daß eines ihrer Mädchen vielleicht den besten Abschluß der ganzen Schule machen würde. Regal hatte hart gearbeitet, sie brauchte die Anerkennung, das Gefühl, um ihrer selbst willen etwas zu gelten, nicht immer nur das uneheliche Hayes-Mädchen sein. Und mehr als alles andere hatte sie ihrer Großmutter eine Freude machen wollen, aber dazu war es jetzt zu spät.

Großvater wandte sich wieder dem Schmuckkasten zu. »Es steht ein Name darauf …« Mit einer fahrigen Geste wies er auf die Geburtsurkunde, als sei sie ein wertloser Fetzen Papier. »Der Name eines Mannes. Sie hat ihn als den Vater benannt, aber ich würde nicht allzuviel darauf geben. Polly konnte ziemlich verschlagen sein.«

»Aber, Großvater! Für ein amtliches Zertifikat hätte sie doch sicher niemals gelogen!« Regal war schockiert, daß er die arme Polly derart kritisierte.

Er zuckte die Achseln, als sei er der Diskussion überdrüssig. »Es spielt keine Rolle, wir wollten nichts von ihm wissen. Er geht uns nichts an.«

»Mich schon«, sagte sie leise, bemüht, seinen Gedankengang nicht zu unterbrechen, wo es doch noch so vieles herauszufinden galt. »Wann ist er gestorben?«

»Wer?«

»Mein Vater. Dessen Name da steht.«

»Gestorben? Davon weiß ich nichts. Der Kerl könnte ebensogut noch am Leben sein. Wie auch immer, mich kümmert es nicht. Wir hätten niemals zulassen dürfen, daß Polly mit Maria Proctor nach Halifax fuhr, aber während der Belagerung herrschte Typhus in Boston. Wir dachten, die Mädchen wären dort sicherer.«

Regal saß völlig reglos und lauschte. Sie fand es unfair, daß er ihre Mutter verschlagen nannte, wo doch Ettie, seine Frau, eine Lügnerin gewesen war. Sie erinnerte sich ganz genau, daß Großmutter ihr einmal gesagt hatte, ihr Vater sei tot. Eines Tages würde sie dieser Sache auf den Grund gehen, doch im Augenblick waren ihre Gedanken so flüchtig wie die Schneeflocken vor dem Fenster und wirbelten ebenso durcheinander.

»Du hast ihn nie zur Rede gestellt und gefragt, ob es wahr ist, Großvater? Um dir Gewißheit zu verschaffen?« Und mir, fügte sie im stillen hinzu.

»Was hätte das genützt? Es heißt, er hat es mit allem Nachdruck bestritten, und es spielte auch gar keine Rolle. Deine Großmutter hatte auch so schon Last genug. Bis nach London mußte sie reisen, um dich zu holen.«

»London?« Regal traute ihren Ohren kaum. »London? In England?«

Er seufzte tief. »Ja. Du warst noch ein Baby. Nachdem deine Mutter gestorben war, kümmerte ihre Freundin sich um dich. Maria Proctor. Das heißt, zu dem Zeitpunkt war sie schon verheiratet, Maria Collins, sollte ich also sagen. Wir mußten nach London reisen, um dich heimzuholen. Außer uns kam ja niemand in Frage, verstehst du. Ettie wurde furchtbar seekrank auf beiden Überfahrten. Ich glaubte, ich würde auch sie verlieren, und dann wären nur wir zwei übrig gewesen.« Er atmete tief durch und lehnte sich mit halb geschlossenen Lidern in seinem Sessel zurück. »Und genauso ist es jetzt, nur wir beide sind übrig, Missy. Und wir müssen das Beste daraus machen.« Er nahm ihre Hand, und diese ungewohnte Zurschaustellung von Gefühlen war ihr unangenehm. »Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Wenn ich tot bin, bist du ganz allein. Aber du wirst schon zurechtkommen, du bist ja ein kluges Mädchen, wenn du dich nicht gerade so aufführst, als wären wir alle gegen dich, und dich sträubst und schmollst, weil deine Großmutter dir nicht erlauben wollte, wie die anderen Mädchen in der Stadt herumzulaufen.«

Regal wollte etwas sagen, wollte ihm erklären, daß ihre Tränen um Ettie alle Unstimmigkeiten zwischen ihnen hinweggeschwemmt hätten, doch er umklammerte ihre Hand noch fester und rüttelte sie, als wolle er sich ihrer ganzen Aufmerksamkeit versichern. »Deine Großmutter wußte, was ein guter Ruf bedeutet. Auf dem Heiratsmarkt bist du dank Polly schon sehr benachteiligt hier in Boston, Missy. Die besten Familien empfangen dich nicht, ihre Söhne flirten vielleicht mit dir, aber sie werden es niemals ernst meinen. Großmutter war womöglich ein wenig zu streng, aber es war der beste Weg, allem Gerede zuvorzukommen. ›Dieses Mädchen hat einen tadellosen Ruf, sie hat sich nie rumgetrieben‹, wollte sie damit sagen. Verstehst du?«

Tränen traten in Regals Augen. »Warum hat sie mir das nie gesagt? Ich dachte, sie wäre einfach nur gemein.«

»Es ist nicht die angenehmste Sache der Welt, seiner Enkeltochter erklären zu müssen, daß sie in gewissen Kreisen als nicht gesellschaftsfähig gilt. Wie fühlt es sich an, hm?« Seine Stimme klang jetzt fest, mit dieser Stimme hatte sie ihn mit Geschäftspartnern verhandeln hören.

»Ist es denn wahr?« fragte sie, doch sie sah am unverwandten Blick seiner braunen Augen, daß es die Wahrheit war.

»Dann weiß ich nicht, was ich fühlen soll«, gestand sie.

»Das ist gut. Am besten fängst du gar nicht erst damit an, irgendwas zu fühlen. Deine Großmutter hatte ihre Methode, den Schaden wiedergutzumachen, ich habe meine. Und meine Methode, Missy, ist Geld. Wenn du Geld hast, kannst du es dir leisten, nach deinen eigenen Regeln zu leben. Aber eins darfst du nie vergessen, Kind: es ist kein leicht verdientes Geld. Ich habe hart dafür gearbeitet. Ich habe die Sägemühlen aufgebaut. Und während des Krieges hätte nicht viel gefehlt und wir wären als Loyalisten verschrien gewesen, Timothy Foy und ich. Wir haben mit allem gehandelt, das uns in die Hände fiel. Und als du plötzlich da warst, wußte ich, ich mußte mich noch mehr ins Zeug legen. Ich bin größere Risiken eingegangen, habe Geld geborgt, um Land und immer noch mehr Land zu kaufen.« Er lachte. »Risiken nenne ich es heute, aber mein Urteilsvermögen hat sich als untrüglich erwiesen. Ich wurde immer reicher. Geld macht Geld.«

Endlich ließ er ihre Hand los, und Regal versuchte, gebührend beeindruckt von dieser Vorlesung über das Wesen des Geldes zu wirken, doch ihre Gedanken waren schon wieder in London. Was mochte ihre Mutter nur nach London verschlagen haben?

Großvater erhob sich und blieb direkt vor ihr stehen. Sie mußte zu ihm aufschauen. »Eines Tages wirst du eine sehr reiche Frau sein, Regal. Und jetzt hör mir zu, selbst wenn du nie wieder auf mich hörst, tu’s jetzt: Honig zieht Fliegen an. Dir wird der Honig gehören. Vergiß nie, daß sie Fliegen sind. Wenn Frauen heiraten, fällt ihr Vermögen für gewöhnlich an ihre Männer. Hast du mich verstanden?«

»Ja. Das habe ich nicht gewußt.«

»So lautet das Gesetz. Aber du mußt dafür sorgen, daß du dein Geld behältst. Ich habe nicht all die Jahre geschuftet, nur damit du mein Vermögen irgendeinem Fremden in den Rachen wirfst. Was wäre, wenn die Ehe nicht glücklich würde? Was sollte dann aus dir werden, mein Kind?«

»Aber wenn es Gesetz ist, was kann ich da tun? Unverheiratet bleiben?«

»Unsinn. Es gibt immer Mittel und Wege. Halte dich nur an Abe Rosonom, er wird dir helfen.«

»Oh«, sagte Regal verständnislos. Da sie nicht einmal ein eigenes Bankkonto besaß, schien ihr diese ganze Unterhaltung reichlich sinnlos. Später hätte sie immer noch Zeit genug, über solche Dinge nachzudenken.

Erst als sie sich in ihr Zimmer zurückziehen durfte, fand sie Gelegenheit, ihre neuen Schätze in Augenschein zu nehmen. Sie stellte den Schmuckkasten einen Moment beiseite und studierte die Geburtsurkunde. Dort stand, daß sie am 22. März 1779 in Halifax geboren sei. Und daß ihr Vater der Ehrenwerte Basil Mulgrave sei. Sie starrte auf die fein geschwungenen Buchstaben. Da stand es schwarz auf weiß für jedermann zu lesen, ganz gleich, was ihr Großvater gesagt hatte. Es mußte stimmen, Großvater war verständlicherweise voreingenommen. Es war doch ganz offensichtlich, was passiert war: Polly war von diesem Mulgrave schwanger geworden, und er hatte sich geweigert, seinen Teil der Verantwortung dafür zu übernehmen. Nach den Klatschgeschichten, die die Dienerschaft sich erzählte, war das durchaus nichts Ungewöhnliches. Und warum auch nicht; wenn man als Mann nicht heiraten wollte, warum in aller Welt sollte man sich zwingen lassen?

Für einen Moment war sie schockiert über diesen herzlosen Gedanken, doch man mußte schließlich immer beide Seiten sehen. Oder war das falsch? Schließlich war dieser Mann schuld am Tod ihrer Mutter.

Sie sah wieder auf die Geburtsurkunde. Der »Ehrenwerte«. Ein englischer Titel — wie romantisch! Sie würde in die Bibliothek gehen und nachschlagen, was er bedeutete.

Großmutter hatte ihr erzählt, Polly sei bei der Geburt gestorben. Aber wenn das stimmte, wäre Polly doch in Halifax gestorben. Und wie sollte dann das Baby — sie selbst — nach London gekommen sein? Warum hatten ihre Großeltern den Atlantik überqueren müssen, um sie zu holen? Was steckte dahinter?

Sie ging zu Bett, nachdem sie den gesamten Schmuck anprobiert hatte, den ihre Großmutter ihr vermacht hatte. Sie lag wach und grübelte über diese Rätsel nach. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander, was sie heute erfahren hatte. Sie war die Tochter eines englischen Gentleman, offenbar ein Mann von hoher Geburt und niederem Charakter.

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Großvater Hayes war felsenfest davon überzeugt, daß ihm nicht viel Zeit blieb, bis auch er vom lieben Gott abberufen würde, doch irgendwann wurde im Haus nur noch darüber gewitzelt. »Ich habe noch keinen gesünderen und kräftigeren Mann seines Alters gesehen«, meinte Mrs. Hobway. Jessie stimmte ihr zu. »Das ist kein Wunder. Schließlich wird er von drei Frauen umhegt.«

Anfangs hatte es sie verärgert, daß Regal die Herrschaft über den Haushalt übertragen worden war, einem Kind ohne jegliche Erfahrung in diesen Dingen, doch als sie merkte, wie unglücklich Regal über das unfreiwillige Ende ihrer Schullaufbahn war, überwand sie ihren Groll und wurde Regals Vertraute und Lehrerin. Und es war gut, daß sie sich zusammentaten, denn mit zunehmendem Alter wurde Jasper Hayes immer geiziger und ließ keinerlei »Sonderausgaben« zu, ohne daß zuvor ein heftiger Streit darüber entbrannt wäre. So ließ es sich nicht verhindern, daß das große Haus irgendwann heruntergekommen wirkte. Die Frauen mußten sich verschwören und ihren ganzen Einfallsreichtum aufbieten, damit Regal wenigstens dann und wann Stoff für ein neues Kleid bekam. Nicht daß sie viel ausgegangen wäre. Ihr gesellschaftliches Leben beschränkte sich auf den Kirchgang und gelegentliche Kirchenfeste.

An ihrem achtzehnten Geburtstag fuhr ihr Großvater mit ihr nach New York, und eine Woche lang wohnten sie im vornehmen Hotel Mayfair. Regal nutzte diese Gelegenheit, um ihn zur Rede zu stellen. »Immerzu sagst du mir, wir müssen sparen. Aber wenn wir so arm sind, wie können wir uns dann ein Hotel wie dieses leisten?«

»Die Zeiten sind schlecht«, brummelte er. »Aber ich muß den Schein wahren.«

»Das glaube ich dir nicht! Und ich erinnere mich, daß Großmutter gesagt hat, es sei wichtig, daß ich mich gut kleide. Wie soll ich in New York ausgehen in diesen scheußlichen Lumpen? Ich brauche neue Kleider.«

»Ich kenne niemanden, der so hartnäckig nörgeln kann wie du«, knurrte er. »Immerzu beschwerst du dich wegen des Geldes. Wenn ich tot bin, wirst du endlich genug Geld haben.«

»Wenn du tot bist?« erwiderte sie höhnisch. »Bis dahin bin ich selber eine alte Frau, eingesperrt in diesem verdammten alten Haus. Du willst eine alte Jungfer aus mir machen, damit immer jemand da ist, der sich um dich kümmert!«

Offenbar gab ihm dieser Ausbruch zu denken, denn als sie einige Zeit später die Fifth Avenue entlanggingen, blieb er plötzlich stehen. »Ist das wahr? Deine Großmutter hat gesagt, es sei wichtig, sich gut zu kleiden?«

»Natürlich ist das wahr. Sie selbst war doch stets ausgesprochen elegant, hast du das etwa schon vergessen?«

Darauf ging er nicht ein. »Es heißt, hier machen sie ganz anständige Damenkleider. Und nicht zu teuer.« Er stand vor einem Schaufenster, dessen Auslage jedoch von einem Vorhang verdeckt war. »Du kannst hineingehen und etwas kaufen.«

»Ich brauche zwei neue Kleider.« Regal wollte ihr Eisen schmieden, solange es heiß war. »Eines für tagsüber, eines für abends. Die Gäste im Hotel ziehen sich zum Dinner immer um.«

»Dann kauf sie eben«, gab er brüsk zurück. »Ich frage mich nur, zu welcher Gelegenheit du sie je wieder tragen willst.«

Regal betrat eilig das Geschäft, ehe er seine Meinung ändern konnte. Am Nachmittag wurden zwei wundervolle Kleider komplett mit Hüten und Handschuhen ins Hotel geliefert. Regal hatte nicht gewagt, sich nach dem Preis zu erkundigen, hatte nur gebeten, man möge die Rechnung an Mr. Hayes im Hotel Mayfair schicken. Als sie sich zum Essen umzog, wartete sie auf neuerliche Beschimpfungen wegen ihrer Extravaganz, aber er verlor kein Wort darüber. Für diese Woche schien er die Sparsamkeit vergessen zu haben.

Sie genoß die Tage in New York und zehrte noch lange davon, als sie wieder zu Hause war. Jede Einzelheit ihrer Reise erzählte sie Jessie und Mrs. Hobway immer wieder. Nach und nach verblaßte ihre Erinnerung jedoch, der Alltag kehrte zurück mit den Pflichten im Haus und langen Spaziergängen am Fluß entlang, und sie träumte von einem Leben im Kreis der eleganten Gesellschaft, die sie im Mayfair gesehen hatte.

Eines Tages kam Jessie ihr über die Felder nachgerannt. »Regal!« rief sie ganz außer Atem. »Komm nach Hause. Es hat einen Unfall gegeben.«

»Was für einen Unfall?«

»In der Sägemühle. Dein Großvater ist verletzt. Sie sagen, ein Baumstamm habe ihn überrollt. Oder mehrere, ich weiß es nicht. Sie haben ihn zu Dr. Dunshea gebracht.«

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Sie eilten nach Hause und stiegen in den wartenden Einspänner, doch als sie die Straße entlangfuhren, sahen sie einen Arbeiter aus der Mühle auf sich zurennen, der ihnen bedeutete anzuhalten.

»Miss Hayes!« Er nahm eilig den Hut ab. »Miss Hayes, der Doktor schickt mich. Es tut mir leid, Miss, aber der Boß … ich meine, Ihr Großvater … er ist tot.«

»Oh mein Gott.« Jessie ergriff Regals Hand. »Du mußt jetzt tapfer sein.«

Großvater tot? Das war unmöglich. Selbst als sie einige Zeit später das Haus des Doktors verließen und die kleine Menge neugieriger Menschen passierten, die sich vor der Tür versammelt hatte, konnte sie es noch nicht richtig glauben. Doch als sie nachts in ihrem Bett lag und alles um sie herum still geworden war, ging ihr auf, daß sie jetzt ganz allein war. Sie weinte um ihren Großvater, beweinte seinen grausamen Tod; und sie hatte Angst, fürchtete sich vor ihrem eigenen Tod. Es war, als lauere er auf sie, warte nur darauf, auch sie zu holen.

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Die Kanzlei der Anwälte Rosonom und Kernicke lag in einer kleinen Seitenstraße nahe des Parks. Regal hatte das Sträßchen oft als Abkürzung auf ihrem Weg durch die Stadt benutzt, doch sie hätte nie geglaubt, daß sie einmal die Stufen zu diesem imposanten Gebäude hinaufsteigen würde, vorbei an den Messingschildern an der Tür, und als Kundin eintreten würde. Als Klientin.

Angestellte saßen auf hohen Stühlen mit gesenkten Köpfen über ihre Pulte gebeugt, umgeben von endlosen Reihen ungleich hoher Regale, in denen Bücher und Akten unordentlich durcheinanderlagen und aussahen, als wollten sie jeden Moment herunterpurzeln. Tische standen überall herum, übersät mit noch mehr Akten. Manche waren mit roter Kordel zugebunden, und alle schienen darauf zu warten, daß man sich ihrer annahm. Kein Wunder, daß der alte Mr. Rosonom ihr gesagt hatte, sie müsse Geduld haben. Vermutlich hatte er Wochen gebraucht, um Großvaters Testament in diesem Durcheinander auch nur zu finden, geschweige denn zu bearbeiten. Sie hatte länger als einen Monat auf die Aufforderung gewartet, hier zu erscheinen.

Eine Tür wurde geöffnet, und ein Mann steckte den Kopf hindurch. Er sah sie an und blickte dann zur Wanduhr. »Ah, Miss Hayes. Pünktlich, wie ich sehe. Immer ein gutes Zeichen.«

Mr. Rosonom trug keinen Gehrock; sein gestreiftes Hemd wirkte zu weit und flatterte um seinen hageren Körper. Während er sie zur Treppe führte, kämpfte er sich in eine rote Samtjacke. »Sie kennen meinen Sohn Leonard?«

»Ja, Mr. Rosonom.«

»Gut. Er wird sich um Ihre Angelegenheiten kümmern. Und wenn er sich nicht genug Mühe gibt, dann kommen Sie zu mir und sagen mir Bescheid. Was Sie vor allem brauchen, ist Kontinuität — also jemanden Ihrer eigenen Generation. Ich war der Rechtsberater Ihres Großvaters, nun ist es das Privileg meines Sohnes, Sie zu betreuen. Kommen Sie bitte hier entlang.«

Regal folgte ihm die Treppe hinauf. Leonard Rosonom. In der Schule war er einer der »großen« Jungs gewesen. Eine Klasse über ihr. Diese Jungen hatten sie immer nervös gemacht, sogar Leonard, der ständig von seinen Mitschülern gehänselt wurde, weil er Jude war und obendrein auch noch eine Brille trug. Aber Leonard war sehr gescheit und er spielte allen Leuten Streiche. Ein weiterer Grund, warum die Mädchen ihm aus dem Wege gingen, alle außer Judith, die mit jedem Jungen fertig wurde. Und letztes Jahr hatten Leonard und Judith geheiratet.

Regal wäre lieber bei dem alten Mr. Rosonom geblieben. Sie kam sich albern vor, Leonard jetzt unter die Augen zu treten, ganz in Schwarz wie eine alte Witwe, unansehnlich. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Er stand hinter seinem Schreibtisch, als sein Vater in sein Büro stürmte.

»Hier ist Miss Hayes. Kümmere dich um sie, Leonard, und verschwende nicht ihre Zeit, hörst du?«

»Ja, Sir«, antwortete Leonard, und nachdem sein Vater verschwunden war, fragte er: »Möchten Sie nicht Platz nehmen, Miss Hayes?«

»Regal. Mein Name ist Regal. Schon vergessen?«

»Nein, natürlich nicht. Aber Vater besteht darauf, daß ich Sie mit dem angemessenen Respekt behandle.« Er lächelte plötzlich breit. »Ich werde mein Bestes tun. Die Sache mit deinem Großvater tut mir sehr leid, Regal. Es muß ein furchtbarer Schock für dich gewesen sein. Hast du dich inzwischen ein wenig davon erholen können?«

»Ja, danke. Ich bin nur noch ein wenig durcheinander.« Sie wünschte, sie hätte das nicht gesagt, sondern irgend etwas, das mehr zu einer trauernden Enkelin gepaßt hätte. Ihre Nervosität war unübersehbar.

»Das ist wohl verständlich.« Er überflog einige Schriftstücke, die auf seinem Schreibtisch lagen, und sah dann zu ihr auf. »Ehe wir anfangen, Regal, laß mich folgendes sagen: Ich habe deine Situation lange und gründlich durchdacht. Es ist bestimmt schwer, plötzlich so ganz allein zu sein. Du hast keine Verwandten mehr, nicht wahr?«

Sie schüttelte den Kopf. Warum mußte er ausgerechnet an das Thema rühren, das sie nach Kräften mied? Sie mochte Verwandte väterlicherseits haben, aber wie sollte sie das wissen?

»Für eine junge Dame ist das eine große Bürde«, fuhr er fort. »Aber jetzt, da du zu uns gekommen bist, werden wir dir noch viel mehr aufbürden, so daß dir gar keine Zeit bleibt, dich selbst zu bedauern.«

Sie starrte ihn mit offenem Munde an. Das war wohl kaum der angemessene Tonfall, um eine Trauernde anzusprechen.

Er grinste. »Und außerdem siehst du wunderbar aus in Schwarz. Ich fand immer schon, daß Schwarz blonden Frauen besonders gut steht. Und ehe ich’s vergesse, herzliche Grüße von Judith.«

»Danke.«

»Also dann, kommen wir zum Geschäft. Dein Großvater hat dir alles hinterlassen, was er besaß. Wußtest du das?«

»Ja.«

»Was weißt du über seine Geschäfte?«

»Nicht viel. Die Sägemühle. Land. Irgendwo hatte er Land.«

»Also schön. Ich möchte, daß du dir all diese Papiere hier ansiehst. Ich habe eine Liste dazu zusammengestellt. Bankauszüge, Urkunden, Besitztitel und so weiter. Würdest du bitte jedes Dokument, das du gelesen hast, auf der Liste abhaken?« Er reichte ihr den Stapel. »Es ist eine Aufstellung sämtlicher Vermögenswerte von Jasper Hayes.«

Regal nahm eine Feder und Schreibpapier, studierte die Papiere sehr sorgsam und machte sich Notizen. Sie wollte nicht, daß er den Eindruck gewann, sie sei eine dumme Gans, die alles mit sich machen ließ. Ebensowenig sollte er bemerken, daß die Länge seiner Liste sie überraschte.

»Ich muß mich entschuldigen, daß wir so lange gebraucht haben, Regal«, sagte er. »Aber wir mußten erst einmal Wertgutachten der einzelnen Vermögenswerte einholen.«

Schließlich hatte sie auch den letzten Punkt auf der Übersicht abgehakt. »Was, denkst du, ist all dies wert?«

Leonard schob ihr ein Kontenbuch zu und wies mit dem Finger auf eine Zeile. »Wir schätzen, etwa neunhunderttausend Dollar. Minimum.«

Regal war nicht sicher, daß sie ihn richtig verstanden hatte, und die Zahlen auf dem Papier verschwammen plötzlich vor ihren Augen. Hatte er neunhundert gesagt oder neuntausend? Ihre Handtasche glitt zu Boden, ein häßliches, schwarzes Ding, das ihrer Großmutter gehört hatte. Es enthielt nichts außer einem Taschentuch. Leonard schob seinen Stuhl zurück, als sei er im Begriff, sie für sie aufzuheben, aber sie hielt ihn zurück. »Ich mach’ das schon.« Sie überlegte, ob es wohl gierig erscheinen würde, wenn sie ihn bäte, die Zahl zu wiederholen.

Sie mußte wohl sehr verwirrt aussehen, denn er schrieb die Summe auf ein Stück Papier und schob es ihr hin. »Vielleicht erscheint es dir so wirklicher.«

Das tat es allerdings. Trotzdem schüttelte sie ungläubig den Kopf. »Ich kann das nicht fassen. Ich hatte ja keine Ahnung … Großvater hat mir immerzu Vorträge über Sparsamkeit gehalten, er hat nie mehr ausgegeben als unbedingt nötig. Dabei hätte er die ganze Zeit wie ein König leben können. Und es war gar nicht notwendig, daß er noch ständig selbst zur Mühle fuhr.«

»Er wollte es aber so, Regal. Zu meinem Vater hat er gesagt, er werde dafür sorgen, daß du niemals finanzielle Sorgen haben würdest.«

»Aber es ist fast eine Million Dollar! Wußte sonst noch jemand, wie reich er in Wahrheit war?«

»Nur mein Vater. Ich war ebenfalls überrascht. Und beunruhigt. Wir beide haben jetzt eine große Verantwortung. Sobald du wieder zu Atem gekommen bist, mußt du ein paar Entscheidungen treffen. Möchtest du diese Liste mit nach Hause nehmen und in Ruhe darüber nachdenken?«

»Nein, ich habe mich schon entschieden. Als erstes will ich die Sägemühle verkaufen.«

»Aber sie wirft nach wie vor viel ab. Warum verkaufen?«

»Ich verstehe nichts von Holzwirtschaft. Kannst du den Verkauf veranlassen?«

»Ja, natürlich.«

»Und das Haus will ich auch verkaufen. Mitsamt Möbeln und so weiter.«

»Das ist vernünftig. Es ist viel zu groß für dich. Du solltest dich nach etwas Kleinerem umsehen.«

»Ich will kein kleineres Haus. Es sind alte Freunde der Familie aufgetaucht. Anscheinend waren sie zu Großvaters Lebzeiten bei uns nicht willkommen gewesen, ich weiß zwar nicht warum, aber das werde ich schon noch herausfinden. Es waren Freunde meiner Mutter. Edwina Proctor, sie ist mit den Bostoner Foys verwandt, wird eine Zeitlang bei mir wohnen. Ich habe beschlossen zu reisen, nach Europa zum Beispiel, und Edwina hat angeboten, mich zu begleiten. Ich hatte ja schon angenommen, daß ich dafür genug Geld haben würde. Aber jetzt …« Sie unterbrach sich und legte beide Hände über den Mund. »Oh mein Gott, Leonard. Es wird mir jetzt erst richtig klar. Neunhunderttausend Dollar. Das kann doch nicht wahr sein!« Auf einmal war sie so aufgeregt, daß sie nicht länger an sich halten konnte. Sie fing an zu lachen. Bald vermochte auch Leonard nicht mehr ernst zu bleiben, und sie lachten beide wie die Kinder.

»Du hast gut lachen«, brachte er schließlich atemlos hervor. »Du bist unsere reichste Klientin. Aber wenn ich dich an die Konkurrenz verliere oder schlecht berate, bringt mein Vater mich um. Kann ich dir eine Tasse Kaffee anbieten?«

»Nein, danke.« Sie setzte sich auf und rückte ihren Hut gerade. »Wie du vorhin schon sagtest, kommen wir zum Geschäft. Es besteht kein Grund, die Verkäufe zu überstürzen. Sowohl für die Mühle als auch für das Haus möchte ich einen guten Preis erzielen. Und das Land verkaufe ich auch. Die feine Gesellschaft von Boston hat sich jahrelang damit vergnügt, mir eine kühle Abfuhr nach der anderen zu erteilen. Jetzt bin ich am Zuge.«

»Regal, das ist doch nicht wahr.«

»Es ist wahr. Erzähl mir nicht, du wüßtest nicht, daß ich unehelich bin.«

»Natürlich weiß ich das. Aber es könnte viel schlimmer sein. Du könntest Jüdin sein.«

»Oh, sei doch ein einziges Mal ernst, Leonard.«

»Wie kann ich ernst sein, wenn du alles verkaufen willst, was du besitzt, und aus Boston verschwinden? Was du hier siehst, ist nicht Freude, sondern Rosonom junior in Panik!«

»Dann beruhige dich wieder. Ich habe nicht die Absicht, mich von eurer Firma zu trennen. Ich möchte, daß du nach und nach das ganze Land verkaufst und das Geld in Immobilien in der Stadt investierst. Geschäftshäuser, Mietshäuser, ganz gleich. Wann immer du ein Angebot für günstig hältst.«

Leonard lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »So funktioniert das nicht. Es würde Monate dauern, eine gute Neuinvestition mit dir abzustimmen, wenn du in Europa bist. Wir können ebensogut warten, bis du wieder heimkommst.«

»Ich werde lange Zeit nicht zurückkommen«, sagte sie, absichtlich das Wort »heimkommen« meidend. »Du wirst die Entscheidungen allein treffen müssen. Ich werde dir eine Generalvollmacht erteilen.«

Er starrte sie fassungslos an. »Ich muß dich warnen, das ist keine sehr kluge Idee. Du solltest die Kontrolle über deine Angelegenheiten nicht aus der Hand geben.«

»Du hast mir doch vorhin selbst geraten, einen Fremden dafür zu bezahlen, daß er an meiner Stelle die Mühle leitet. Wo ist da der Unterschied?«

»Ich weiß nicht recht. Ich muß erst mit meinem Vater darüber sprechen.«

Während Regal wartete, dachte sie über ihre Situation nach. Geld oder kein Geld, die Bostoner Gesellschaft würde sie niemals akzeptieren. Je eher sie von hier fort konnte, um so besser. Und sie konnte schlecht ihr ganzes Geld um den halben Globus mitschleppen. Irgendwem mußte sie trauen, also warum nicht Leonard. Sie lächelte grimmig. Auf der Liste der Vermögenswerte hatte sie gesehen, daß ihrem Großvater das Land gehört hatte, das an die Pringle-Schule grenzte. Wieder und wieder waren sie an ihn herangetreten und hatten ihn zu einem Verkauf überreden wollen, immer umsonst. Sie durfte nicht vergessen, Leonard anzuweisen, daß es unter keinen Umständen an Pringle verkauft werden durfte. Eine Fabrik auf dem Gelände wäre doch nett, dachte sie. Irgend etwas Übelriechendes wie eine Klebstoffabrik, wo Tierkadaver verwertet wurden.

Mr. Rosonom kam ins Büro gestapft, sein gewaltiger weißer Backenbart schien sich zu sträuben. »Sie wollen meinen Sohn zu Ihrem Generalbevollmächtigten machen?« fragte er ohne Einleitung. »Er soll nicht nur eine Unterschriftsvollmacht erhalten, sondern in Ihrem Namen Geld investieren, ohne vorher Ihr Einverständnis einzuholen? Das ist ausgesprochen unüblich. Ich kann von dieser Vorgehensweise nur abraten.«

»Wollen Sie mir damit sagen, ich sollte mir eine seriösere Anwaltskanzlei suchen?« fragte Regal gelassen.

»Die gibt es nicht!« versetzte der alte Mann. »Wir werden für diese zusätzliche Leistung jedoch ein Sonderhonorar berechnen müssen.«

»Natürlich. Ich habe keineswegs die Absicht, das Vermögen meines Großvaters zu verschleudern. Ich erwarte, daß es sich mit Ihrer Hilfe vermehren wird.«

Die Augen über dem buschigen Backenbart betrachteten sie neugierig. Dann wandte er sich wieder an Leonard, und in seiner Stimme klang so etwas wie Bewunderung mit: »Was haben wir uns denn mit ihr bloß eingehandelt?«

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Edwina Proctor benahm sich wie eine aufgescheuchte Glucke, als Regal zurückkam. »Mein Kind, Sie sind ja so lange ausgeblieben. Ich war schon im Begriff, mich selbst auf die Suche zu machen. Nun kommen Sie schon und setzen Sie sich. Sie müssen völlig erschöpft sein. Wo in aller Welt waren Sie denn nur so lange? Ich werde Jessie Bescheid geben, sie soll uns Tee machen. Ich habe wunderbare Neuigkeiten. Und Sie müssen mir erzählen, wie es Ihnen bei diesem Anwalt ergangen ist. Ich wünschte, Sie hätten mir erlaubt, Sie zu begleiten. Solche Leute sind nur darauf aus, junge Mädchen zu übervorteilen.«

Wenn ich nur mal ein Wort dazwischen bekäme, dachte Regal lächelnd, als Edwina davoneilte, nicht ohne vor dem Spiegel an der Tür ihre roten Haare zurechtzuzupfen. Regal war überzeugt, Edwina ging an keinem Spiegel vorbei, ohne ihre Erscheinung zu prüfen. Für ihr Alter war sie immer noch eine gutaussehende Frau, auch wenn sie mit allem ein wenig übertrieb. Ihr Haar wurde mit einer Brennschere in eine wahre Lockenflut verwandelt, ihre Kleider mit den ausladenden Reifröcken waren gar zu verspielt und mit Unmengen von Schleifen und Rüschen besetzt.

»Eine alte Kuh, als Kalb verkleidet«, hatte Jessie gegrummelt. Sie war von Anfang an nicht besonders entzückt gewesen, als Mrs. Proctor über das Haus hereingebrochen war wie eine Flutwelle, um das Kommando über den Haushalt und die »arme verwaiste« Regal zu übernehmen. Sie habe es als ihre Pflicht angesehen, dem Mädchen in seiner großen Not beizustehen, erklärte sie. »Das arme Kind«, hatte sie zu Jessie gesagt. »Das arme, hilflose Kind.«

»Reden wir hier über dieselbe Regal?« hatte Jessie ungläubig gefragt. »Sie ist ungefähr so hilflos wie ein Fuchs im Hühnerstall.«

»Was soll das heißen?« wollte Edwina wissen.

»Das finden Sie schon noch heraus«, brummelte Jessie. Regal, die das Gespräch mit angehört hatte, lachte.

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Regal genoß Edwinas Gesellschaft, denn sie war von einer spontanen Frohnatur, die diesem Haus bislang gefehlt hatte. Außerdem hatte sie Polly gekannt. Sie war ihre Freundin gewesen. Bisher hatte die redselige Edwina zwar einen Bogen um gerade dieses Thema gemacht, aber Regal hatte ja Zeit. Irgendwann würde sie schon erfahren, was sie wissen wollte.

»Diese Jessie!« Wutschnaubend kam Edwina zurück.

»Ich weiß nicht, wie Sie es mit ihr aushalten. Sie weigert sich, Kaffee zu servieren. Sie sagt, das werde Ihnen den Appetit fürs Essen verderben.«

»Seien Sie ihr nicht böse, sie meint es doch nur gut. Was war nun mit Ihren Neuigkeiten?«

»Ach ja! Ich habe einen Brief von meiner Freundin Maria Collins aus London bekommen, und sie lädt mich ein, bei ihr zu wohnen. In ihrem Haus ist so viel Platz, Sie werden auch dort unterkommen können.«

»Sind Sie sicher?«

»Du meine Güte, Maria wird Sie mit Freuden willkommen heißen. Schließlich sind Sie Pollys Tochter.«

»Sie kannte meine Mutter? Ach richtig, ich erinnere mich, daß meine Großeltern sie erwähnten. Stammte sie nicht auch aus Boston?«

»Richtig, wir sind alle zusammen hier aufgewachsen.«

»Waren Sie dabei, als meine Mutter starb, Edwina?«

»Um Himmels willen, Sie dürfen sich so kurz nach Ihrem schweren Verlust nicht mit solchen Gedanken belasten, das ist nicht gut für Sie. Was war denn nun mit diesem Anwalt?«

»Nichts weiter. Ich verkaufe das Haus und die Mühle …«

»Da haben Sie recht. Diesen gruseligen alten Kasten sollten sie schnellstmöglich loswerden, und mit einer Sägemühle sollten Sie sich jetzt auch nicht belasten. Die Verkäufe werden Ihnen ein schönes Sümmchen einbringen. Davon abgesehen, wie stehen Sie finanziell da? Hat man Ihnen darüber Auskunft gegeben?«

»Ja. Es ist alles in Ordnung.«

»Das ist keine Antwort. Sie werden eine komplett neue Ausstattung brauchen für London. Maria wird Sie in die Gesellschaft einführen wollen.«

»Wirklich? Werden wir zu Empfängen und auf Bälle gehen?« Bis zu diesem Augenblick hatte sie London nur als Ziel ihrer Flucht gesehen. Jetzt klang es auf einmal verheißungsvoll.

»Aber selbstverständlich! Wir machen doch nicht den weiten Weg, nur um immer dieselben vier Wände anzustarren. Wir werden uns amüsieren, dafür sorge ich schon. Aber ich muß wissen, wie es um Ihre materielle Situation bestellt ist. Ich darf nicht zulassen, daß Sie sich verausgaben.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Edwina. Ich kann mir leisten, was nötig ist.«

»Ich bin sicher, das können Sie. Ihr Großvater war kein armer Mann. Wieviel hat er Ihnen hinterlassen?« Regal entschied sich für eine ausweichende Antwort. Ihre »materielle Situation«, wie Edwina es nannte, war ihre Privatsache. Sie war zu lange allein gewesen, um sich leicht jemandem anzuvertrauen. »Das ist schwer zu schätzen«, erwiderte sie. »Aber Mr. Rosonom hat gesagt, ich solle ruhig fahren und mich amüsieren, es bestehe kein Grund zur Sorge.«

»Sie haben Geld auf der Bank?«

»Oh ja. Und er besorgt Kreditbriefe, die ich mit nach London nehmen kann.«

Regal lernte bald, daß in Edwinas Vorstellung nur Bankguthaben echtes Geld waren, daher die Frage. Ein kleines Guthaben bedeutete eine bescheidene Garderobe, ein großes Guthaben eine umfangreiche. Diese wirtschaftlichen Kenntnisse mochten für Edwina ausreichend sein, aber Regal war jung und hatte noch ein langes Leben vor sich. Geld, fand sie, sollte arbeiten. Sie schwor sich, daß sie in ihrem ganzen Leben niemals würde knausern müssen. Sie würde ihren Großvater nicht enttäuschen, Gott segne ihn.

Sie hielt noch mehrere Besprechungen mit Leonard ab und verfügte, daß je eintausend Dollar an Mrs. Hobway und Jessie ausgezahlt werden sollten, sobald ihr Anstellungsverhältnis endete.

Der Abschied von den beiden Frauen, die sich ihr ganzes Leben um sie gekümmert hatten, verlief nicht ohne Tränen. Beide waren sie von Regals Großzügigkeit überwältigt.

»Aber sagt Edwina nichts davon«, flüsterte Regal, und sie willigten gerne ein. Dann fand sie heraus, daß Mrs. Hobway bei ihrer Tochter leben würde, daß Jessie jedoch niemanden hatte. Also instruierte sie Leonard, ein Häuschen zu kaufen und Jessie die Besitzurkunde zu übergeben, nachdem sie losgesegelt waren. Regal wollte keine Tränen und keine Sentimentalitäten mehr. Sie konnte es kaum erwarten, nach London zu kommen und ein neues Leben zu beginnen.

Polly

Boston 1776

Als treuer Soldat des Königs hatte David Collins zunächst geglaubt, eine Handvoll Anarchisten sei für die Unruhen in Amerika verantwortlich. Doch er mußte feststellen, daß die Kämpfe sehr viel ernster waren. Sie hatten mit ein paar vereinzelten Scharmützeln gerechnet, als sie in Boston landeten, aber David erkannte, daß sich hier ein Krieg anbahnte. Die Schlacht von Bunker Hill hatten sie zwar gewonnen, aber unter hohen Verlusten.

Wie durch ein Wunder hatte er sie unverletzt überstanden. Sein Freund Basil Mulgrave hingegen hatte den linken Arm eingebüßt. Es war entsetzlich, der Arm war von einer Kugel völlig zerschmettert worden und mußte amputiert werden.

Er verließ die Kaserne durch das Haupttor, erwiderte den Salut der Wache und vertrieb die häßlichen Bilder des Krieges aus seinem Kopf. Die Schlacht war überstanden und Basil auf dem Wege der Besserung. Immerhin hatte er überlebt, hatte er mehr Glück gehabt als viele andere.

Eine bedrohliche Stimmung hing über der Stadt. Die Amerikaner hatten sie eingeschlossen, und sie wurden belagert. Jeden Moment konnte das Bombardement beginnen. Es sah so aus, als würde den Briten nichts anderes übrigbleiben, als sich aus Boston zurückzuziehen, eine erbärmliche Schmach für ihre stolzen Regimenter. David war sicher, daß die Amerikaner nicht so ohne weiteres ihre eigene Stadt in Schutt und Asche legen würden, und er wünschte, irgendwer würde die fällige Entscheidung treffen und den Abmarsch befehlen. Diese Warterei schadete der Moral, und in der Zwischenzeit formierten sich die Rebellen anderswo.

Eine Wagenkolonne rumpelte die baumbestandene Straße entlang, begleitet von einer Eskorte berittener Dragoner. Jenseits der Straße in einem einstmals gepflegten Park lagerte jetzt die Infanterie, schmuddelige Zelte standen in wilder Unordnung, und die Männer saßen mißmutig an den Lagerfeuern, in denen der Regen zischend verdampfte. David überlegte, wie diese Stadt wohl in Friedenszeiten aussehen mochte. Die Schönheit dieses Landes und der Fortschritt, der überall sichtbar war, hatten ihn beeindruckt. Er hatte geglaubt, Amerika sei im Vergleich zu England primitiv, Blockhütten hatte er sich vorgestellt, armselige Siedler und wilde Indianer. Statt dessen hatte er diese kultivierte, schöne Stadt vorgefunden, die, da war er sicher, zu normalen Zeiten nicht unter dem Irrsinn der Überbevölkerung litt wie etwa das beklagenswerte London. Dieses Land faszinierte ihn. Was für eine großartige Leistung, der Wildnis Städte wie diese abzuringen. Zu welch einem Abenteuer jene Gründerväter einst doch aufgebrochen waren. Er beneidete sie um ihren Platz in der Geschichte und konnte verstehen, was sie dazu getrieben hatte, eine eigene Nation zu gründen. Was für eine Herausforderung das sein mußte, ein neues Land zu erschließen, das Beste aus der Zivilisation der alten Welt dorthin zu bringen und noch einmal von vorn anzufangen, um es besser zu machen.

Er beschloß, zum Lazarett zu gehen und nach Basil zu sehen.

Der Park war überfüllt mit Soldaten und Matrosen und ihren Mädchen, die alle ziellos herumspazierten und versuchten, das Beste aus diesen flüchtigen Begegnungen zu machen. Boston, die Stadt, die anfangs so geeint und unerschrocken Widerstand geleistet hatte, war inzwischen geteilt. Die einen waren für die Briten, die anderen hielten es mit der Unabhängigkeitsbewegung. David beobachtete die lachenden Frauen, die mit den Männern flirteten, und er empfand Mitgefühl. Wenn die Briten sich zurückzogen, würden sie in bösen Schwierigkeiten stecken. Schon jetzt drohten die Rebellen allen, die loyal zur Krone standen oder mit den Briten kooperierten, Repressalien an.

»Hallo!« Basil stand auf der Veranda des großen Hauses, das als Lazarett diente. »Das wurde ja auch langsam Zeit, daß du dich hier blicken läßt.«

David stieg die Stufen hinauf und ließ sich in einem Korbsessel nieder. »Du bist ja glänzender Laune heute. Geht es dir endlich besser?«

»Ich bin im siebten Himmel«, erwiderte Basil. »Ich habe sie wiedergesehen. Meine wunderbare Königin Matilda.«

David sah ihn mit großen Augen an. »Dir geht’s nicht besser. Im Gegenteil. Du phantasierst.«

»Keineswegs. Warte nur, bis du sie gesehen hast. Ihr Name ist Miss Polly Hayes, und sie ist das Ebenbild von Königin Matilda. Ihr absolutes Abbild.«

»Und sie ist Amerikanerin?«

»Natürlich. Was soll sie denn sonst sein? Sie kommt nachmittags mit ihrer Freundin zusammen her, um gute Werke zu tun. Sie gehen nicht ins Lazarett, der Anblick von so manchem da drin wäre wohl ein bißchen zuviel für eine Dame, aber sie bringen Körbe mit guten Sachen für uns arme Verwundete. Darum postiere ich mich hier draußen, damit ich als erster an die milden Gaben komme. Gestern hab’ ich drei Eier erbeutet.«

»Eier? Hast du mir eins aufbewahrt?«

»Tut mir leid, alter Junge, aber du mußt schon selber für dein leibliches Wohl sorgen. Am Tag zuvor habe ich ein Spitzentaschentuch bekommen und einen gestrickten Schal obendrein. Sieh doch, da unten am Tor! Da kommen sie! Sag, seh’ ich hinreichend blaß und leidend aus?«

David lachte. Wochenlang war es unmöglich gewesen, Basil aus seiner tiefen Verzweiflung zu reißen. Der Verlust seines Arms hatte ihn tief getroffen und in eine anhaltende Depression gestürzt. Doch nach und nach waren seine Kraft und sein Frohsinn zurückgekehrt. David war der unbekannten Miss Hayes dankbar für ihren Beitrag zur Genesung seines Freundes. Als die Damen näherkamen, erhob er sich.

Sie waren scheu. Kaum hatte Basil sie vorgestellt, da beugten sie die Köpfe über ihre Körbe und förderten Schinken, Gläser mit Gewürzgurken und frische Pfannkuchen zutage, als wollten sie so ihre Anwesenheit rechtfertigen. Basil griff ungeniert zu und machte sich über einen der Pfannkuchen her. »Nun komm schon, Collins, nimm dir auch einen, sie sind köstlich.«

»Ja, bitte, greifen Sie zu«, drängten die Mädchen.

»Wir haben sie selbst gemacht«, erklärte Polly. »Und wir haben Ihnen auch noch ein paar Eier mitgebracht, Lieutenant.«

»Still, Miss Hayes«, raunte Basil. »Sagen sie das nicht in seiner Gegenwart, sonst wird er darauf bestehen, etwas davon abzubekommen. Dabei bin ich doch der Patient.«

»Er kann ruhig welche haben«, erwiderte Miss Hayes. »Morgen bringen wir noch mehr mit.«

»Sie sind wirklich zu gütig. Möchten Sie sich nicht zu uns setzen, meine Damen? Collins, hol ein paar Stühle.«

Als sie alle zusammensaßen, wandte Basil sich an David. »Und jetzt sag selbst, ist Miss Hayes nicht Königin Matilda wie aus dem Gesicht geschnitten?«

»Es ist wahr«, stimmte er zu. »Die Ähnlichkeit ist bemerkenswert.«

Miss Hayes war hingerissen. »Und haben Sie Königin Matilda auch kennengelernt, Mr. Collins?«

»Ja, in Dänemark.«

»Er gehörte nur ihrer Garde an«, unterbrach Basil. »Aber ich war ihre persönliche Eskorte. Auf meinen Arm hat sie sich gestützt, als ich sie an Bord der HMS Southampton brachte auf ihrer Flucht vor dem wahnsinnigen dänischen König.«

»Sie kennen also wirklich jemanden von königlichem Blut«, flüsterte Miss Hayes ehrfürchtig. »Den König von England etwa auch?«

»Aber sicher.« Basil begann zu improvisieren. »Als Junge war ich ein Page bei Hofe, verwandtschaftliche Beziehungen, Sie wissen schon. Bevor unser Regiment sich einschiffte, kam der König, um uns zu inspizieren, und er sagte zu mir: ›Basil, eines Tages wirst du zum Ritter geschlagen, dafür werde ich sorgen!‹«

»Meine Güte, ein Ritter! Wie romantisch!« rief Miss Hayes aus. Das andere Mädchen, Maria Proctor, lauschte schweigend mit vor Verwunderung geweiteten Augen. David fand sie außergewöhnlich schön. Eine Flut dunkler Ringellocken umrahmte ihr Gesicht. Er hätte sie gerne angesprochen, doch im Augenblick hatte das andere Paar das Wort.

»Was gäbe ich darum, einmal nach London zu kommen«, sagte Miss Hayes. »Und den König und die Königin zu sehen und all diese wundervollen Paläste. So etwas haben wir hier nicht, hier ist alles so grauenhaft langweilig.«

»Dann müssen Sie eines Tage kommen, wenn das hier vorbei ist. Und bringen Sie Miss Proctor mit. Würden Sie auch gern nach London reisen?« wandte er sich an sie.

»Oh ja«, sagte sie. »Das wäre sicher nett.«

»Nett!« rief Miss Hayes entrüstet. »Aber Maria! Es wäre traumhaft. Ich werde ganz bestimmt nach England fahren. Ich bin fest entschlossen.«

Ehe sie aufbrachen, überredete Basil sie zu einem Picknick am folgenden Sonntag.

»Aber nur, wenn wir auf dem Gelände bleiben«, sagte Maria Proctor mit einem warnenden Blick in Polly Hayes’ Richtung, die gar zu enthusiastisch zugestimmt hatte.

»Aber selbstverständlich«, beruhigte Basil sie. »Wir picknicken dort drüben unter den Bäumen. Es ist so furchtbar einsam hier, da werden Sie mir die kleine Bitte doch sicher nicht abschlagen wollen, oder?«

Sie versprachen zu kommen.

»Vermutlich wird es am Sonntag wie aus Kübeln schütten«, unkte David. »Und dabei ist der Boden jetzt schon feucht. Was denkst du dir nur dabei?«

»Oh, sei kein Spielverderber. Hauptsache, sie sind erst einmal hier, dann können wir immer noch entscheiden, was wir mit ihnen unternehmen. Ist unsere Miss Hayes nicht eine wahre Augenweide? Was sagst du?«

»Mir erscheint sie ein bißchen flatterhaft. Die andere ist hübscher und intelligenter.«

»Was hat Intelligenz damit zu tun?«

»Ich mag intelligente Frauen. Außerdem, hast du nicht bemerkt, daß Miss Hayes einen Verlobungsring trägt?«

»Natürlich. Na und? Ich rede doch nicht vom Heiraten. Herrgott noch mal, Collins, ich habe ein Recht auf ein bißchen Vergnügen.«

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Maria war verliebt, und Polly steckte in der Klemme. »Sag mir doch, was ich tun soll, Maria. Du weißt, wie sehr ich Jack liebe, aber Basil ist einfach göttlich, das mußt du zugeben. Wie grausam, daß er seinen Arm verlieren mußte.«

»Polly, du bringst mich in eine furchtbare Situation. Du bist mit meinem Bruder verlobt. Du solltest Basil nicht mehr besuchen.«

»Aber wenn ich nicht mitkomme, kannst du David nicht wiedersehen.«

»Ich weiß. Ich habe das Gefühl, als würde ich Jack in den Rücken fallen. Meine Eltern wären furchtbar wütend, wenn sie es wüßten. Und deine erst …« Maria erschauderte. Jasper Hayes war ein sehr strenger Mann, und Pollys Mutter Ettie war noch schlimmer. Verglichen mit ihnen waren ihre eigenen Eltern sehr sanftmütige Menschen. Auf die Frage nach dem Grund für ihre häufigen Besuche im Lazarett hatte Polly erklärt, sie und Maria hätten sich den Damen angeschlossen, die sich regelmäßig trafen, um Binden zu rollen. In Wirklichkeit taten sie nichts dergleichen, ihr Engagement beschränkte sich darauf, die Vorratskammern ihrer Eltern zu plündern, um die beiden Leutnants mit Leckerbissen zu versorgen. Auch von anderer Seite war Ärger zu befürchten. Beide Mädchen wußten, daß eine steigende Anzahl von Patrioten es nicht gern sah, wenn die Frauen der Stadt im britischen Lazarett aushalfen. Sie nannten sie Verräterinnen.

Maria war froh, als Polly ging und sie ihren Träumereien überließ. In ihrem Leben würde es niemals einen anderen Mann als David Collins geben. Er war groß, über einsachtzig, sein Haar war gewellt und seine Augen blau, sein Kopf glich dem eines griechischen Heros. Hinzu kam noch diese wundervolle, stets tadellose Uniform, der rote Rock, die weißen Hosen und all die Goldschnüre. Sie bekam weiche Knie, wenn sie nur an ihn dachte.

Doch das wundervollste war, daß er genauso für sie empfand. Auch wenn er es nie gesagt hatte, wußten sie doch beide, daß ihre Liebe gefestigt war. Nichts konnte sie je wieder auseinanderbringen, dessen war Maria sicher, obwohl erst vier Wochen und vier Tage vergangen waren, seit sie sich zum erstenmal begegneten. Es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er sich erklärte.

Ein paar sparsame Bemerkungen von David hatten sie beruhigt, daß sie sich um Polly nicht zu sorgen brauchte. David schien zu glauben, daß sie und Basil nur flirteten und zwischen ihnen nichts Ernstes sei. Polly liebte es, die Dinge zu dramatisieren. Maria dachte manchmal, daß sie schlicht verliebt in die Liebe war. Und sie begann sich zu fragen, ob Polly ihrem Bruder überhaupt eine gute Frau sein könnte.

Als die ersten Vorboten der Revolution auftraten, hatte ihr Vater Jack nach Halifax geschickt, um dort eine Handelsniederlassung der Proctor-Handelskompanie zu eröffnen, und Jack machte seine Sache sehr gut. Unter anderem exportierte er Pelze und Felle, und Proctor senior war sehr zufrieden mit ihm.

»Was auch immer passiert, wir werden den Krieg gut überstehen«, hatte Alex Proctor seiner Familie gesagt. Trotzdem war er erschüttert über die Feindseligkeiten, die jetzt sein Land zerrissen. Er war der festen Überzeugung, mit Verhandlungen hätte man die Unabhängigkeit ohne Blutvergießen erreichen können. Sich selbst bezeichnete er als neutral, was allgemein als englandtreu gewertet wurde. Er fand sich herber Kritik ausgesetzt, zumal Jack die Zweigniederlassung auf britischem Territorium gegründet hatte — man warf ihm vor, er wolle es sich mit keinem der beiden Lager verderben. Und das stimmte vermutlich auch, dachte Maria. Verschiedene ihrer Freunde hatten ihr gegenüber bissige Bemerkungen gemacht, die samt und sonders Jack als Feigling brandmarkten, weil er davongelaufen sei, statt für sein Land zu kämpfen. Es war für jedermann eine schreckliche Zeit. Zumindest war es das für sie gewesen, bis sie David getroffen hatte. Und was auch immer kommen mochte, es war ihr gleich, wenn man sie eine Loyalistin — eine Englandtreue — nannte. Sie würde David Collins heiraten, wenn er sie fragte.

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»Ich habe die Absicht, Maria Proctor zu heiraten, wenn sie mich will«, vertraute David Basil an.

»Tatsächlich?« Basil lachte. »Eine schöne Sprosse aufwärts für eine Krämerstochter, würde ich sagen.«

»Manchmal finde ich deine Kommentare geradezu widerlich, Mulgrave.«

»Was soll ich denn sonst sagen? Du verwechselst deine Liebe zu dieser neuen Welt mit der Liebe zu ihr. Fortwährend muß ich mir dein poetisches Gefasel anhören über die Pioniere auf diesem Vorposten des Abendlandes, während deine Pioniere in Wirklichkeit gerade dabei sind, ihre Wurzeln abzutrennen und alle Spuren des Landes zu tilgen, das sie bislang beschützt und genährt hat. Du bist von Amerika fasziniert, nicht von ihr.«

»Da irrst du dich. Sie ist so wunderschön, so still und sanft, so anders.«

»Anders als was? Du redest schon wieder von Amerika. Es stimmt, abgesehen von den Truppen erscheint diese Stadt mir auch frisch und sauber, Fluß und Hafen unverseucht und rein, nicht wie unser armes London. Aber man muß ihnen nur etwas Zeit lassen. Früher oder später werden sie ihre Stadt hier genauso verschandelt und besudelt haben.«

»Ich rede nicht von Amerika oder London. Ich rede von einer Frau, einer sanften Frau, aber aus dem Holz geschnitzt, aus dem die Pioniere sind, die Art Frau, die ich will. Nicht wie die überzüchteten Londoner Frauen, die nichts im Kopf haben als Gesellschaften und albernes, belangloses Geschwätz. Maria stammt von einem unverbrauchten Menschenschlag ab, sie ist nicht infiziert mit diesen überholten Verhaltensweisen.«

»Sie wird’s schon noch lernen, mein Lieber«, entgegnete Basil. »Reich mir doch den Portwein. Ich muß mir angewöhnen, mich links von dem Tablett mit den Karaffen zu setzen.«

Am gleichen Tag, an dem er bei den Proctors zum Tee eingeladen war und Marias Eltern offiziell vorgestellt werden sollte, wurde David Collins zum Captain befördert. Es war immer noch kein Marschbefehl ergangen, und jetzt war er darüber froh, denn so blieb ihm noch etwas Zeit, ihre Familie kennenzulernen und dann um ihre Hand anzuhalten.

Er war in Hochstimmung, als er bei ihrem Haus ankam, auch weil seine Neuigkeiten seine Sache erleichterten. Vom Sold eines Captains konnte ein Mann sehr viel besser eine Frau ernähren als von dem eines Lieutenants. Er hoffte, daß die Begegnung gut verlaufen würde, denn er hatte die Absicht, noch heute abend seinen Eltern gleich zwei gute Nachrichten zu schreiben — eine erfreuliche Abwechslung von den niederschmetternden Kriegsberichten, von denen er ihnen sonst zu berichten hatte.

Maria öffnete ihm selbst. Sie hatte nach ihm Ausschau gehalten und führte ihn eilig in einen kleinen Ecksalon. Bei schönem Wetter war dieser Raum sicher sonnendurchflutet, ging es ihm durch den Kopf, doch an diesem Tag war er eisig. Im Kamin brannte kein Feuer, und auf dem ganzen Haus schien eine unheimliche Stille zu lasten.

»Es tut mir so leid, David«, sagte sie. »Aber du kannst nicht zum Tee bleiben. Mutter ist krank. Ich hätte dir eine Nachricht schicken sollen, aber ich wußte nicht, wo du zu erreichen bist.«

»Das macht doch nichts. Mach dir darüber keine Gedanken. Ich werde einfach verschwinden und ein andermal wiederkommen.«

Er legte die Arme um sie, gerade als ihr Vater hereintrat. Hastig lösten sie sich voneinander. Proctor sah sie aus schmalen Augen an, schien jedoch zu bekümmert, um sich dazu zu äußern. »Lieutenant Collins? Ich bin sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Sir. Und ich bedaure, Sie herbemüht zu haben …«

»Aber ich bitte Sie, Sir. Wie geht es Mrs. Proctor?«

»Sie ist sehr krank«, murmelte Proctor. »Ich denke, ich sollte den Arzt verständigen.«

Als er am nächsten Tag wiederkam, wurde er von Polly Hayes in Empfang genommen. »Maria ist oben bei ihrer Mutter. Mrs. Proctor geht es sehr schlecht, sie hat Typhus. Sie fürchten, daß sie die Nacht nicht übersteht. Es ist einfach furchtbar, der Doktor sagt, eine Epidemie breitet sich in Boston aus.«

»Es tut mir so leid«, sagte David. »Kann ich irgend etwas tun?«

»Danke, aber ich glaube nicht. Mein Vater besteht darauf, daß Maria und ich Boston umgehend verlassen. Er versucht, eine Passage auf einem englischen Schiff für uns zu bekommen. Alle scheinen zu glauben, in Halifax seien wir sicherer. Maria will nicht fort, aber Mr. Proctor erlaubt nicht, daß sie bleibt. Er will, daß wir so bald wie möglich gehen.«

Polly klang so aufgeregt, daß man meinen konnte, sie plane eine Vergnügungsreise. »Möchten Sie, daß ich Maria von Ihnen auf Wiedersehen sage, David?«

»Nein, danke, Polly. Ich bin sicher, ich werde sie noch sehen, bevor ihr fahrt. Übrigens heißt es, daß wir bald abrücken, und es würde mich nicht wundern, wenn wir ebenfalls Richtung Halifax marschierten. Es ist unser nächster sicherer Hafen.«

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Alice Proctor starb, und zwei Tage später starben zwei Nachbarskinder. Es ging ein Gerücht, daß jetzt in Boston auch noch die Pocken ausgebrochen seien.

Am Morgen der Beerdigung kam David, um zu kondolieren und zu fragen, ob er am Gottesdienst teilnehmen dürfe.

»Besser nicht, mein Junge«, sagte Alex Proctor freundlich. »Es gibt derzeit so viel Kummer in dieser Stadt, so viele Trauerfälle. Und die Leute geben den englischen Truppen die Schuld. Manche könnten es übelnehmen, wenn Sie teilnähmen.«

»Ich verstehe.«

Maria brachte ihn zur Tür. »Auch Basil läßt sein Beileid ausrichten«, sagte David. »Und bitte, wenn es irgend etwas gibt, das wir tun können, laß es uns wissen.« Er riß eine Seite aus seinem Notizbuch. »Das ist meine Messeanschrift. Ich werde nicht wiederkomme, ehe ich von dir höre. Ich will mich nicht aufdrängen.«

Unglücklich sah sie ihm nach und ging dann wieder hinein, um das Begräbnis vorzubereiten.

Hunderte von Menschen kamen zur Beerdigung, doch sie wich nicht von der Seite ihres Vaters und sah niemanden durch den Schleier ihrer Tränen hindurch. Anschließend war das Haus voller Menschen, und sie erlebte den Tag als ein verschwommenes Durcheinander.

Wenige Tage später kam Pollys Vater, Jasper Hayes, um ihnen mitzuteilen, daß er Schiffspassagen nach Halifax für Polly und Maria bekommen hatte. Edwina Foy werde sie begleiten, denn auch die Foys wollten unbedingt, daß ihre Tochter die Stadt verließ.

»Wird dein Sohn auch Edwina aufnehmen können?« fragte Jasper Alex Proctor.

»Das wird er müssen«, erwiderte Proctor. »In diesen schlechten Zeiten müssen wir einander helfen, wo wir nur können.«

»Ja, ich weiß. Aber meine Frau macht sich Sorgen, daß es nicht schicklich sei, wenn sie ohne Begleitung bei Jack wohnen.«

»Herrgott noch mal«, rief Proctor ungeduldig aus. »Sie sind erwachsen, sie sollen gegenseitig Anstandsdamen füreinander sein. Wenn Ettie so besorgt ist, sag ihr doch, sie soll mitfahren.«

»Ettie? Boston verlassen? Es müßte schon einen triftigeren Grund als Krieg und Pestilenz geben, um sie von hier zu vertreiben. Meine Ettie ist hier geboren und aufgewachsen, Bostonerin bis ins Mark.«

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In der Zwischenzeit hielt Ettie Hayes Polly daheim und erlaubte nicht, daß sie zum Hause der Proctors ging, weil sie fürchtete, ihre Tochter könne sich anstecken. Darum traf Maria weder Polly noch Edwina, bevor sie an Bord des überfüllten Schiffes gingen.

Die drei jungen Damen standen unter einem Baldachin aus Segeltuch zusammengedrängt, der sie vor dem Nieselregen schützte, und winkten ihren Eltern zum Abschied zu. Maria brach es beinah das Herz, ihren Vater zu verlassen. Sie fürchtete, sie werde ihn vielleicht nie wiedersehen. Und obwohl sie David eine Nachricht mit dem Datum ihrer Abreise gesandt hatte, hatte sie keine Antwort erhalten. Polly hingegen war furchtbar aufgeregt und konnte es kaum erwarten, Jack wiederzusehen. Zu aufgeregt, dachte Maria. Man könnte meinen, sie hätte meine arme Mutter schon vergessen. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und das oberflächliche Geplapper ihrer Freundin war eine harte Geduldsprobe.

Sie sah einen britischen Offizier in einem langen grauen Umhang den Kai entlanghasten und hoffte, betete, es möge David sein. Dann erkannte sie seinen langen, entschlossenen Schritt, drängte sich durch die Menge zur Gangway in der Absicht, notfalls zu ihm zu rennen, aber er kam an Bord, drängte sich zu ihr durch und schloß sie in die Arme.

»Maria, Gott sei Dank. Ich hatte schon befürchtet, dich zu verpassen. Komm mit mir.« Er führte sie auf die andere Seite des Schiffes. Dort standen sie an der Reling und blickten auf die Bucht hinaus. »Geht es dir gut? Ich habe deinen Brief gerade erst bekommen, im Moment geht alles drunter und drüber. Du klangst so niedergedrückt.«

»Es geht schon wieder«, antwortete sie, und sie fühlte sich wirklich besser, allein weil er bei ihr war.

»Wenn du nur wüßtest, wie sehr ich dich liebe«, sagte er.

»Uns bleibt jetzt keine Zeit, aber ich wollte dir dies hier unbedingt geben …« Er reichte ihr ein ledernes Ringkästchen. Maria öffnete es und fand einen schmalen Ring aus durchbrochenem Gold mit einem kleinen Rubin darin. »David, er ist wunderschön.«

Plötzlich wirkte er scheu. »Ich bin froh, daß er dir gefällt. Ich wußte nicht, was ich nehmen sollte. Basil sagte, ich hätte dich fragen sollen, was für einen Stein du möchtest, aber es ergab sich keine Gelegenheit. Sind wir jetzt verlobt, Maria?« fügte er so übergangslos hinzu, daß sie nicht sicher wahr, ob sie es wirklich gehört hatte; aber noch ehe sie antworten konnte, küßte er sie. »Du wirst mich heiraten, nicht wahr?«

»Ja. Natürlich werde ich das.«

Hinter ihnen riefen drängende Stimmen, daß alle Besucher das Schiff nun umgehend verlassen müßten.

»Ich werde deinen Vater aufsuchen und mit ihm sprechen«, sagte er.

»Tu das. Er wird froh sein, ein wenig Gesellschaft zu haben.«

»Maria, wo bleibst du denn?« Edwina Foy eilte auf sie zu, blieb dann abrupt stehen und starrte David an.

»Edwina, darf ich vorstellen, dies ist mein Verlobter Lieutenant David Collins.«

»Captain«, verbesserte David und lächelte sie an.

Edwinas Mund stand ein paar Sekunden sperrangelweit offen, ehe sie die Sprache wiederfand. »Sehr erfreut.«

Die Zeit war um. David küßte Maria und wandte sich dann eilig ab, sprang die Gangway hinunter und rief ihr zu: »Wir sehen uns in Halifax!«

Edwina war erstaunt. »Wo hast du den denn gefunden? So gutaussehend. Wieso weiß ich nichts von ihm?«

Polly trat zu ihnen an die Reling, und Maria streckte ihr die Hand mit dem Ring entgegen. »Sieh nur, Polly. Ich habe mich mit David verlobt. Er ist gerade gegangen.«

»Ich habe ihn noch gesehen«, versetzte Polly wütend.

»Und rede kein dummes Zeug. Ihr seid nicht verlobt.«

»Aber sicher.« Maria lachte, ihre Augen leuchteten und aller Kummer schien für einen Moment vergessen.

»Dein Vater hat seine Einwilligung noch nicht gegeben«, sagte Polly.

»Das wird er. David wird ihn aufsuchen.«

»Er wird es nicht erlauben. Die Leute hier wären nicht eben begeistert, wenn du einen Engländer heiratetest.«

»Von mir aus könnte er Ägypter sein, es wäre mir gleich«, warf Edwina ein. »Ich finde ihn einfach himmlisch.«

»Ich verstehe dich nicht, Polly«, sagte Maria. »Du hättest sie sehen sollen, Edwina. Bis vor ein paar Tagen hat sie geradezu skandalös mit Basil Mulgrave geflirtet, einem englischen Offizier.«

»Das ist nicht wahr«, entgegnete Polly. »Außerdem, flirten ist eine Sache, eine Heirat auch nur zu erwägen eine völlig andere. Du wärest in ganz Boston geächtet. Und es waren diese dreckigen Soldaten, die die Epidemie ausgelöst haben, die deine eigene Mutter umgebracht hat!«

»Halt den Mund, Polly«, sagte Edwina. »Hör nicht auf sie, Maria.«

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Sie bekamen schweres Wetter, und Edwina war während der ganzen Überfahrt seekrank. Polly blieb weiterhin sehr kühl, so sehr Maria sich auch bemühte, sie wieder versöhnlich zu stimmen. »Versuch uns zu verstehen, Polly. David und ich lieben uns doch nun einmal so sehr.«

»Dummes Zeug. Warte nur, bis Jack davon erfährt.«

Aus ihrer Koje meldete sich Edwina zu Wort: »Was sollte er dagegen haben? Er treibt Handel mit den Engländern, nur aus dem Grund ist er doch überhaupt in Halifax. Du mußt dich langsam entscheiden, auf wessen Seite du stehst, Polly.«

»Ich finde euch beide abscheulich!« Polly ergriff ihren Umhang und stürmte aus der Kabine.

»Beachte sie einfach nicht«, riet Edwina. »Sie ist nur eifersüchtig. Oh, ich fühle mich schrecklich, mein Magen hebt und senkt sich mit jeder Welle. Wird es mir je wieder besser gehen?«

»Es heißt, sobald das Schiff am Kai festmacht, sei die Seekrankheit wie weggeblasen.«

»Lieber Gott, hoffentlich stimmt das.«

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Es stimmte tatsächlich. Kaum setzte Edwina in Halifax einen Fuß an Land, war sie wieder ganz die alte, ein bißchen blaß vielleicht, aber dennoch voller Neugier und Lebenslust, und sie redete ohne Unterlaß. Sie schlang die Arme um Jack, der zum Pier gekommen war, um sie abzuholen, dankte ihm, daß er sie aufnahm, und eilte dann davon, um sicherzugehen, daß ihr ganzes Gepäck an Land gebracht wurde. Sie schien gar nicht zu merken, daß ein leichter Schneefall eingesetzt hatte.

Jack küßte Maria. »Ich war furchtbar erschüttert wegen Mutter. Aber Vater hat mir einen Brief geschickt, in dem er schreibt, ich dürfe nicht zulassen, daß du zuviel an sie denkst und immer nur traurig bist.« Dann wandte er sich an Polly, die ein wenig abseits stand, ärgerlich, daß die anderen beiden seine Aufmerksamkeit zuerst auf sich gelenkt hatten. »Meine liebe Polly. Wie gut es tut, dich endlich wiederzusehen. Hattest du eine gute Reise?« Er nahm ihren Arm und führte sie zu seiner Kutsche hinüber.

»Es war grauenhaft«, erwiderte sie. »Ich war die ganze Zeit über indisponiert.«

Maria zog verwundert die Brauen hoch, denn die Seereise hatte nicht die geringste Wirkung auf Polly gehabt. Wenn man sie so sah, hätte man glauben können, sie spaziere durch ein solide gebautes Haus, nicht an Deck eines Schiffes. Sie lächelte nachsichtig, als sie bemerkte, wie Polly sich auf ihren Verlobten stützte und sich von seinen starken Armen in die Kutsche helfen ließ.

»Ich will einmal nachsehen, wo Edwina steckt«, sagte Jack. »Sie ist immer noch sehr … lebhaft, nicht wahr?«

»Despotisch«, brummte Polly, und Maria gab vor, es nicht gehört zu haben.

Halifax erwies sich als ein grauer, trostloser Ort, eine befestigte Garnisonsstadt mit häßlichen, finsteren Häusern vor einem dunklen Himmel. Maria haßte es vom ersten Augenblick an. Sie befühlte den Ring unter ihrem Handschuh und hoffte, daß sie nicht allzu lange würden bleiben müssen. Eine Frage bedrückte sie, die sie nicht zu äußern wagte, nicht einmal Edwina gegenüber. Wo würden sie und David leben, wenn sie verheiratet waren? Sie hätte es nur ungern offen zugegeben, aber in einem Punkt hatte Polly völlig recht gehabt: Boston kam nicht in Frage, bis der Krieg vorbei war. Und selbst dann konnte es noch Probleme geben. Aber das hieß doch wohl nicht, daß sie ihr Heim an einem so schrecklichen Ort wie diesem aufschlagen mußten?

Endlich kam Jack mit Edwina zurück. Ihre Wangen leuchteten von der kalten Luft, ihre roten Locken stahlen sich unter ihrem schwarzen Hut hervor. Alle drei trugen sie Schwarz, und bei ihrem Aufbruch hatte Maria gedacht, sie gäben ein trübseliges Trio ab. Doch jetzt schien die dunkle Kleidung an Edwina auf einmal sehr vorteilhaft, sie wirkte beinah keck darin. »Das Gepäck ist vollständig«, verkündete sie, sprang in den Wagen und setzte sich neben Maria. »Ich habe Kisten und Schachteln durchgezählt. Alles da.«

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Jack sah gut aus, dachte Maria. Er hatte ein wenig zugenommen und war nach der neuesten Mode gekleidet. Das war neu an Jack, er hatte nie sonderlich auf seine äußere Erscheinung geachtet. Doch jetzt wirkte er regelrecht elegant. Und wohlhabend.

Auch sein Haus war eine Überraschung. Von außen wirkte es ebenso häßlich und trostlos wie der Rest der Stadt, stand unmittelbar an der Straße ohne einen Vorgarten, der das Gesamtbild aufgehellt hätte. Doch drinnen war es warm und behaglich.

Die Räume im Erdgeschoß waren mit flauschigen Teppichen ausgelegt und alle Durchgänge mit dicken Brokatvorhängen versehen, um die eisige Zugluft auszusperren. Jack war stolz auf sein Haus und bestand darauf, sie herumzuführen. Erfreut hörte er sich ihre Komplimente an, während sie ihm von der Halle in den Salon folgten und einen Blick in sein Arbeitszimmer warfen. In jedem einzelnen Raum brannte ein Feuer. Eine ziemliche Verschwendung, dachte Maria, aber sie sagte nichts. Im Speisezimmer waren die Diener dabei, eine sehr lange Tafel mit feinem Silber, schneeweißem Tischleinen und glitzernden Kristallgläsern zu decken.

»Meine Güte, Jack!« rief Maria aus. »Das ist wunderschön. Ich hatte ja keine Ahnung. Wie kannst du dir all das nur leisten?«

»Der Pelzhandel, mein Kind. Er ist ungeheuer lukrativ. Vater weiß davon, er verdient auch nicht schlecht daran, aber er spricht in Boston mit niemandem darüber, damit es kein böses Blut gibt. Wir verkaufen hauptsächlich an die britische Armee, können gar nicht schnell genug nachkommen.«

Maria sah Edwinas Augen aufleuchten, aber Polly wechselte das Thema. »Der Tisch ist für vierzehn gedeckt, Jack. Wen erwartest du noch zum Essen?«

»Ich habe einige Gäste eingeladen, um eure Ankunft zu feiern. Ihr müßt schließlich meine Freunde kennenlernen.«

»Aber wir sind in Trauer«, wandte Maria ein. »Ich denke nicht, daß es schicklich wäre.«

»Oh doch, das ist es«, erwiderte Jack barsch und geleitete sie zurück in die Halle. Dann brachte er sie hinauf und zeigte ihnen ihre Zimmer, die alle wunderschön möbliert und luxuriös ausgestattet waren, doch Maria war bekümmert. Es war nicht richtig. Er schien ihre Mutter völlig vergessen zu haben. Jack hatte sich sehr verändert, strahlte nun eine gewisse Arroganz aus.

Einige britische Offiziere mit ihren Damen kamen zum Essen, und für alle außer Maria wurde es ein fröhlicher, genußreicher Abend mit erlesenen Speisen und edlen Weinen, deren Nachschubquelle nie zu versiegen schien. Polly saß an Jacks Seite und war in ihrem Element. Nach dem Essen spielte eine der Damen ihnen etwas auf dem Pianoforte vor, und schließlich bestand Jack darauf, daß sie alle zusammen sangen. Die Feier wurde ziemlich geräuschvoll, Neckereien und Scherze flogen hin und her. Die Neuankömmlinge saßen etwas abseits von der fröhlichen Runde und warteten auf den richtigen Zeitpunkt, um sich unter einem Vorwand zurückziehen zu können. Edwina war nicht sonderlich beeindruckt von der Gesellschaft, denn alle Männer schienen ihr mehr als nur ein bißchen angetrunken. Polly mußte mit ansehen, wie Jack mit einer Frau namens Lily flirtete, und sie kochte vor Wut. Jede Sekunde rechnete Maria damit, daß Polly eine Szene machen würde, und auch Jack hatte es offenbar bemerkt, denn er ließ sich plötzlich neben Polly aufs Sofa fallen, zog sie in seine Arme und begann sie zu küssen.

Polly war völlig überrumpelt und wußte nicht, ob sie ihn wegstoßen oder glücklich über seine Aufmerksamkeiten sein sollte. Nervös blickte sie zu Maria hinüber.

»Ich denke, das reicht, Jack«, sagte seine Schwester.

»Wenn du nichts dagegen hast, würden wir jetzt gern zu Bett gehen.«

Edwina schloß sich ihr an, aber Polly, die ja immer gegenteiliger Meinung sein mußte und vielleicht auch befürchtete, Jack könne sich wieder Lily zuwenden, blieb noch.

Am nächsten Morgen war Polly ganz und gar mit ihrer Situation versöhnt. Sie sah sich selbst schon als Dame dieses feinen Hauses und fand nichts als Lob für Jack. »Es war eine wundervolle Willkommensfeier. Jack hat sich unseretwegen so viel Mühe gemacht. Ich finde, es war ziemlich häßlich von euch, so hochmütig auf seine Freunde herabzublicken.«

»Das haben wir keineswegs«, widersprach Edwina. »Ich habe einfach kein großes Vergnügen an Feiern, auf denen zuviel getrunken wird. Ich finde, es verdirbt alles.«

Maria wollte nicht über den vergangenen Abend reden. Sie hatte jetzt schon Heimweh und vermißte David.

An den Wochenenden lud Jack gerne Gäste in sein Haus ein, doch unter der Woche war er kaum je daheim. Seine Geschäfte nahmen ihn vollkommen in Anspruch, und die drei Mädchen blieben sich meist selbst überlassen, vertrieben sich die Zeit mit Nähen, Lesen oder Kartenspielen. Das Wetter blieb schlecht, so daß sie das Haus kaum verließen, höchstens eine kurze Ausfahrt in der Kutsche unternahmen, um etwas an die Luft zu kommen.

In Pollys Augen konnte Jack einfach nichts falsch machen. Sie war ihm ganz und gar ergeben, und wenn er daheim war, waren sie ein sich ewig küssendes und turtelndes Liebespaar. Wenn er angetrunken war, nannte sie sein Verhalten übermütig, wurde er streitsüchtig, entschuldigte sie ihn damit, daß er durch seine Geschäfte unter enormem Druck stand. Doch als die Wochen vergingen, bemerkte Maria, daß ihr Bruder zunehmend ungeduldig mit Polly wurde. Das tat ihr sehr leid. Es war doch nur natürlich, daß seine Verlobte ihr zukünftiges Heim mit einem gewissen Besitzerstolz betrachtete, aber Jack nahm jede Einmischung in seine häuslichen Arrangements ausgesprochen übel.

Eines Abends fuhr er sie während des Essens scharf an, und Polly lief weinend hinaus.

»Das war sehr häßlich von dir, Jack«, sagte Maria. »Ich hole sie zurück.«

»Nein, laß sie nur. Manchmal stellt sie sich einfach zu dumm an«, sagte er.

»So wie du«, gab sie zurück und ging hinaus, um Polly zu suchen.

»Ich weiß nicht, was mit ihm los ist«, gestand ihr Polly weinend. »In letzter Zeit kann ich ihm nichts recht machen. Gestern habe ich ihm erzählt, ich hätte einen Brief von Mutter bekommen. Sie wollte wissen, wann wir heiraten werden. Da ich doch in Jacks Haus wohne, meint sie, wir sollten sofort heiraten, hier in Halifax. Es ist ihr im Grunde gar nicht recht, daß ich hier bin. Jedenfalls habe ich Jack davon erzählt, aber er hat mir überhaupt nicht zugehört. Er ist einfach hinausgegangen! Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

Maria seufzte. »Nun beunruhige dich nicht so, Liebes. Morgen ist alles längst vergessen, du wirst sehen.«

In dieser Nacht lag Maria wach, konnte einfach keinen Schlaf finden. Wie eintönig es doch war, in einem fremden Haus zu leben, ohne etwas zu tun zu haben. Als lebe man in einem Hotel. Sie hatten nicht einmal irgendwelche Aufgaben im Haushalt zu erfüllen, denn Jack hatte ihnen untersagt, sich in diese Dinge einzumischen. Es war schon fast Morgen, und sie war es satt, wach im Bett herumzuliegen, war es satt, daß ihr Leben so ereignislos verstrich. So beschloß sie, aufzustehen, hinunterzugehen und an David zu schreiben, auch wenn sie eigentlich nichts Neues zu berichten hatte.

Leise öffnete sie ihre Tür, um niemanden zu wecken. Da sah sie auf der anderen Seite des Korridors, wie Edwinas Türe aufschwang. Maria lächelte. Sie war also nicht die einzige, die nicht schlafen konnte. Gerade wollte sie zum Sprechen ansetzen, als sie Jack erkannte. Erschrocken zog sie ihre Tür rasch wieder zu und stand dann reglos da, mit pochendem Herzen. Sie hatte ihren Bruder nur eine Sekunde lang gesehen, aber jede Einzelheit hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sein dunkles Haar war zerzaust, er trug einen Morgenrock, der nur nachlässig geschlossen war und den Blick auf seine nackte Brust freiließ. Als er den Flur entlangschritt, schleifte der schwere Brokatstoff über den Boden, und die gepolsterten Schultern ließen ihn eigentümlich dekadent aussehen. Sie war so zornig auf ihn, daß ihr ganz schlecht davon wurde. Und Edwina? Wie konnte sie nur! Maria bezweifelte, daß sie ihr je wieder würde ins Gesicht sehen können. Und was war mit Polly?

Sie blieb den ganzen Morgen im Bett, zu durcheinander, um einem von ihnen zu begegnen. Nach dem Frühstück platzte Edwina in ihr Zimmer. »Komm schon, Maria, steh auf. Heute ist Samstag, und Jack will eine Schlittenfahrt mit uns unternehmen. Es hat wieder geschneit, die ganze Welt sieht wie verzaubert aus.«

»Nein, danke, dazu ist es mir zu kalt«, murmelte Maria und versteckte sich unter ihrer Decke. Aber noch während sie darüber stritten, kam eines der Dienstmädchen an die Tür.

»Entschuldigen Sie, unten ist ein Gentleman, der Sie sprechen möchte, Miss Maria.«

»Wer ist es denn?« wollte Edwina wissen.

»Ein Captain Collins, Miss.«

»Oh nein!« schrie Maria entsetzt und schlug die Decke zurück. »Seht doch nur, wie ich ausschaue! Sag ihm, er möchte einen Moment warten.«

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Polly war niedergeschlagen, doch sie war bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Alle waren so aufgeregt über David Collins’ Ankunft, und er und Maria schmiedeten schon eifrig Hochzeitspläne. Alex Proctor hatte Davids Antrag bereitwillig zugestimmt und festgelegt, daß Jack seine Schwester an seiner Stelle zum Altar führen sollte. Jack hatte ebenfalls keine Einwände gegen Marias Heirat. Er mochte Collins. Aber er weigerte sich nach wie vor, Pläne für seine eigene Hochzeit zu erörtern. Und trotzdem war Polly stolz auf ihn. Er wirkte ungeheuer weltmännisch in seinen perfekt sitzenden Kleidern, das Haar zu einem gepuderten, modischen Zopf gebunden. Er war nicht mehr der Junge, mit dem zusammen sie aufgewachsen war, sondern ein wohlhabender junger Kaufmann, angesehen, wie zu bemerken sie Gelegenheit hatte, in ganz Halifax. Doch sie entfremdeten sich zusehends, sie spürte es ganz genau. Und daran war nur Edwina schuld. Auch wenn sie nicht offen Vertraulichkeiten tauschten, merkte Polly doch, daß irgend etwas zwischen Edwina und Jack vorging. Anzeichen dafür waren zweifellos vorhanden: hier und da ein sanfter Blick, Jacks neue Nachsicht mit Edwina, die zu allen Mahlzeiten zu spät kam und nie wußte, wann sie beim Kartenspiel an der Reihe war. Doch Polly wagte nicht, mit Jack darüber zu reden, aus Angst ihn zu kränken. Wenn sie sich nun doch alles nur einbildete, würde er sicher wütend reagieren. Was sollte sie nur tun? Sie konnte nicht mit Maria reden, die außer für David für nichts Augen hatte. Sicher würde sie ihr sagen, sie solle sich nicht so albern anstellen. Eine offene Aussprache mit Edwina? Sinnlos. Edwina würde behaupten, Polly sei eifersüchtig. Und es stimmte, das war sie. Sie haßte Edwina regelrecht. Wenn sie doch nur abreisen würde. Sie hatte in diesem Haus überhaupt nichts zu suchen. Wie lange wollte sie denn noch bleiben? David hatte berichtet, Boston sei wieder sicher. Die Briten waren abgezogen, und die Epidemie war so gut wie unter Kontrolle.

Das war es. Bei nächster Gelegenheit würde sie Edwina fragen, wie lange sie noch vorhabe zu bleiben. Dadurch konnte sich niemand beleidigt fühlen, aber Edwina würde den Wink vielleicht verstehen.

Und es gab noch etwas an Edwina, das ihr Sorgen bereitete. Die Foys waren sehr viel reicher als ihre eigene Familie, immer schon gewesen, und Edwinas Eltern hatten ihrer Tochter offenbar eine unerschöpfliche Summe zur Verfügung gestellt, während sie selbst nur über ein Taschengeld verfügte. Edwina gab das Geld mit vollen Händen aus: Kleider, Schmuck, alles, was ihr in den besten Läden von Halifax ins Auge fiel.

»Es hilft, die Zeit zu vertreiben«, hatte sie Maria einmal lachend erklärt. »Ich kaufe für mein Leben gern ein.«

Ihre Freundinnen konnten nur danebenstehen und zusehen. Polly fragte sich, ob das Foy-Vermögen für Jack nicht eine unwiderstehliche Versuchung darstellen mußte. Er war sehr ehrgeizig, sprach davon, daß er eine weitere Niederlassung in New York gründen wolle, sobald der Krieg aus sei.

Obwohl Polly es keineswegs darauf angelegt hatte, kam es kurz darauf zu einer offenen Konfrontation.

Sie hatte sich zum Essen umgezogen und kam in die Halle hinunter. Dort fand sie Edwina in Hut und Mantel vor, und Jack war gerade im Begriff, sie hinauszugeleiten. »Wo geht ihr hin?« fragte Polly.

Edwina kicherte. »Ich habe Jack gesagt, ich würde furchtbar gern einen langen Pelzmantel kaufen. Er bringt mich zu seinem Lagerhaus, damit ich sie mir ansehen kann.«

»Um diese Zeit?«

Jack grinste. »Ehe sie ihre Meinung wieder ändert.«

»Das ist doch lächerlich«, rief Polly erbost. »Du kannst ebensogut bis morgen warten, Edwina, und dann begleiten wir dich.«

»Kommt nicht in Frage«, sagte Jack.

Polly hörte den drohenden Unterton in seiner Stimme, aber sie ignorierte ihn. »Ich weiß genau, was du vorhast, Edwina. Du willst mit Jack allein sein. Du kennst sie nicht so gut wie ich, Jack, sie kann selbst keinen Mann finden und darum will sie jetzt meinen.« Ihre Stimme wurde schrill. »Warum fährst du nicht heim nach Boston, Edwina, und läßt uns zufrieden? Du wirst hier nicht mehr gebraucht!«

Maria kam herbeigeeilt. »Was geht hier vor?«

»Nichts«, sagte Jack wütend. Er nahm Edwinas Arm und führte sie aus dem Haus.

Sie kamen nicht zum Essen nach Hause. Polly saß allein mit Maria am Tisch und war verzweifelt. »Was soll ich nur tun?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Maria. »Ich weiß es wirklich nicht.«

»Ich hätte mich niemals so gehen lassen dürfen«, jammerte Polly. »Aber ich bin sicher, daß Edwina ein Auge auf Jack geworfen hat.«

Sie war dankbar, daß Maria ihr so bereitwillig zuhörte und wirklich betroffen zu sein schien. Und warum auch nicht? Maria war ihre beste Freundin und ihre zukünftige Schwägerin. Sie redete sich alles über Jack und Edwina von der Seele, vertraute Maria ihren Verdacht an, einmal wütend, im nächsten Moment in Tränen aufgelöst. »Wo bleiben sie denn nur so lange? Es dauert doch nicht die halbe Nacht, einen verfluchten Mantel zu kaufen! Sie gibt mit ihrem Geld an, weiter nichts. Sie ist so ein Biest. Edwina ist ein richtiges Miststück! Ich werde nie wieder ein Wort mit ihr wechseln.«

Sie hörte Maria seufzen und war gekränkt. »Ja, du kannst dasitzen und gelangweilt tun! Du hast ja deinen David, da kann es dir gleich sein, was aus mir wird.«

»Es ist mir nicht gleich, Polly«, widersprach Maria. »Ich werde jetzt ein Glas von Jacks gutem Portwein trinken. Was ist mit dir?«

»Ja«, brummte Polly. »Wir machen ihn leer. Das würd’ ihm recht geschehen.«

»Stimmt.« Maria würdigte die Karaffen keines Blickes, sondern nahm gleich eine volle Flasche Portwein aus dem Schrank. »Heute abend sind wir einmal an der Reihe.« Sie ergriff zwei kleine Gläser und stellte sie wieder ab. »Nein, die größeren sind besser.« Sie schenkte zwei beachtlich große Gläser voll. »Auf uns, Polly. Wir haben alle unsere Probleme.«

Polly trank einen Schluck. »Meine Güte, das schmeckt köstlich. Ich glaube, mir geht es schon besser. Was für Probleme könntest du schon haben, um Himmels willen?«

»Gleich nach der Hochzeit muß David zurück in den Krieg.«

»Ja, ich weiß. Es ist furchtbar. Und wenn man daran denkt, daß er gegen unsere amerikanischen Jungs kämpfen muß … schrecklich. Mutter sagt immer, es werden überhaupt keine jungen Männer übrigbleiben, wenn das so weitergeht, es sind schon so viele umgekommen. Ich kann verstehen, daß du dich sorgst. Die Kämpfe werden jetzt mit erbitterter Härte geführt, schreibt Mutter. David könnte ohne weiteres fallen.«

Maria erschauderte. »Du bist der taktloseste Mensch, den ich kenne, Polly. Sag so etwas nicht. Du machst mir angst.«

»Nun, es ist ein sinnloser Krieg. Alle unsere hübschen jungen Männer werden abgeschlachtet wie Vieh. Ich bin so froh, daß Jack genug Verstand hatte, sich da rauszuhalten. Oh … Ich bin ja so wütend auf ihn. Wie kann er es wagen, Edwina auszuführen! Weißt du, Maria, ich glaube, daß sie das vorher zusammen ausgeheckt hatten. Sie wollten sich unbemerkt aus dem Haus schleichen.«

»Ja«, sagte Maria.

Polly starrte sie an. »Du glaubst das auch?«

»Ja.«

Polly brach in Tränen aus. »Es ist zu gemein. Ich fahre auf der Stelle heim nach Boston. Nein, ich lasse mich nicht verdrängen. Ich bin deine Brautjungfer, da kann ich dich nicht im Stich lassen. Bis nach der Hochzeit bleibe ich noch, aber dann reise ich ab. Oder denkst du, daß ich zu heftig reagiere?«

»Ich weiß es nicht, Polly. Wieso gehst du nicht einfach schlafen? Ich bleibe auf, bis sie kommen.«

»Oh nein. Ich werde auch warten. Jack mag der Herr des Hauses sein, aber er schuldet mir eine Erklärung.«

Als die Ausreißer schließlich zurückkehrten, waren sie überrascht zu sehen, daß Maria und Polly noch auf waren.

Edwina hatte sich tatsächlich einen Pelzmantel gekauft und tanzte darin durchs Zimmer. Es war ein schwarzer Nerzmantel, der bis zum Boden reichte. Polly wurde ganz übel vor Neid. Es war der schönste Mantel, den sie je gesehen hatte, dunkel und glänzend, großzügig geschnitten und mit einem Kapuzenkragen und weiten Ärmeln versehen. Edwina sah wunderschön darin aus. Jede Frau wäre darin schön gewesen.

»Jack hat ihn mir zum Selbstkostenpreis überlassen«, säuselte Edwina.

»Ach ja?« sagte Maria betont gleichgültig. »Und habt ihr schon gegessen? Es ist sehr spät.«

Jack setzte sich ans Feuer. »Ja, wir haben im Hotel King Henry zu Abend gegessen.«

»Es war herrlich«, schwärmte Edwina. »Sie hatten dort ein Streichquartett, das spielte all die alten Lieder. Wir hatten ursprünglich gar nicht die Absicht hinzugehen, aber es lag auf dem Heimweg, und dann schlug Jack plötzlich vor, wir sollten doch dort essen.«

»Warum?« fragte Polly. Maria hatte sie gebeten, sich nicht aufzuregen, aber das hier war nun wirklich zuviel. »Weil zu befürchten war, daß wir hier nichts als Vorhaltungen zu hören bekommen würden«, sagte Jack. »Und ich verabscheue Szenen.«

»Nun, da ihr heil und gesund wieder zu Hause seid, können wir ja alle schlafen gehen«, schlug Maria vor.

»Ja, ich bin todmüde«, sagte Edwina. »Gute Nacht allerseits.«

Polly war wütend. »Es muß sehr anstrengend sein, mit dem Verlobten einer anderen auszugehen, Edwina. Ich hoffe, du schläfst gut.«

Edwina eilte hinaus, und Maria nahm Pollys Arm. »Komm, laß uns auch zu Bett gehen.«

Aber Jack rief sie zurück. »Polly, könntest du noch einen Augenblick bleiben? Ich möchte mit dir reden.«

Sie wandte sich um, ein Gefühl völliger Hilflosigkeit überkam sie. Sie wollte nicht allein mit ihm sein, nicht jetzt. Seine Augen waren so kalt wie der Mond. Und als er sprach, klang seine Stimme distanziert: »Polly, du mußt wissen …«

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Es war Basil, der sie vor der totalen Demütigung bewahrte. Er traf einige Tage später ein und war zur Stelle, um sie zu den vielen Gesellschaften und den Empfängen in der Offiziersmesse zu begleiten, die der Hochzeit von Captain David Collins vorausgingen. Sie alle wußten natürlich, daß die Verlobung aufgelöst war, daß Jack sie wegen Edwina hatte sitzenlassen. Und sie gaben sich die größte Mühe, sie aufzuheitern.

Basil wirkte schneidiger als alle anderen. Der leere Ärmel war an seine elegante Uniform geheftet und schien ihn womöglich noch attraktiver zu machen — ein Krieger, der sich bewiesen hatte. Erst als sie bei einem festlichen Abendessen der Offiziere seines Regiments seine Platzkarte sah, erfuhr Polly, daß er der »Ehrenwerte« Basil Mulgrave war. Basil, so erklärte David ihr später, war der Sohn eines Viscount. Sie war tief beeindruckt, und es war ihr ein großer Trost, diesen adeligen Gentleman während der Hochzeitsfeierlichkeiten an ihrer Seite zu haben.

Marias Kleid war hinreißend, aus weißem französischem Satin und mit Farnranken aus Silberfaden bestickt. Polly trug ein Kleid aus weißem Satin im gleichen, hochtaillierten Schnitt, verziert mit goldgelben Bändern. Beide hatten sie wehende Chiffonschleier auf dem Kopf, die von einem Kranz weißer Rosenknospen gehalten wurden.

Polly fand, zuviel Weiß mache sie unscheinbar mit ihren blonden Locken und der hellen Haut, doch Basil versicherte ihr, sie sehe hinreißend aus.

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Dennoch war Polly so niedergeschlagen, daß sie sich regelrecht krank fühlte. Sie konnte den furchtbaren Abend einfach nicht vergessen. Sie war die Treppe hinaufgestürzt zu Marias Zimmer und hatte sie unter Tränen angefleht, zu kommen und mit Jack zu reden. Sie hatte gedroht, Edwina umzubringen. Oder ihn, das wußte sie nicht mehr so genau. Anfangs hatte Jack versucht, ihr einzureden, es gäbe keine andere. Er hatte gelogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie erbärmlich er doch war! Was für eine erbärmliche Ratte! Edwina konnte ihn geschenkt haben.

Man hatte einen Arzt herbeigeholt, um sie zu beruhigen. Er erklärte, sie leide an einer Überreizung der Nerven, doch sie war sicher, daß das nicht der Fall war. Sie wollte nur im Bett bleiben, es war einfach zu furchtbar, aufstehen und anderen Menschen unter die Augen treten zu müssen. Also lag sie dort mit dem Gesicht zur Wand, weigerte sich, mit irgend jemandem zu sprechen, bis Maria ihr erzählte, Basil sei in Halifax angekommen. Er sei hier, unten im Wohnzimmer, und drohe, heraufzukommen und ihr Schlafzimmer zu stürmen, wenn sie nicht herunterkam und ihn empfing. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich anzuziehen und sich das Gesicht zu pudern, damit er nicht gleich sah, daß sie geweint hatte.

Es gab überhaupt keinen Zweifel, Basil war die Partie der Saison in Halifax. Die Damen umflatterten ihn wie Motten das Licht. Er war nicht nur interessant, er sah auch noch gut aus mit seinem kräftigen Kinn und dem blonden Schnurrbart. Seine hohen Wangenknochen wirkten wie aus Elfenbein geschnitzt. Und eines Abends sagte er: »Ich meinte, was ich gesagt habe, als wir uns zum erstenmal begegnet sind, Polly. Du bist hinreißend. Könntest du dich nicht entschließen, ein kleines bißchen freundlicher zu mir zu sein? Du behandelst mich, als sei ich dein Leibwächter, irgendein Soldat, der der vom Schicksal gebeutelten Dame zur Seite gestellt wurde.«

»Es tut mir leid, das wollte ich nicht. Außerdem bin ich nicht vom Schicksal gebeutelt.«

»Ich bin froh, das zu hören. Du siehst bereits viel besser aus. Es war eine unangenehme Erfahrung für dich …«

Polly wandte sich ab, entsetzt, daß er das Thema zur Sprache brachte. Er nahm ihren Arm. »Du darfst dich nicht unterkriegen lassen von dieser Sache. Kopf hoch, Mädchen. Sie werden mich bald nach Hause schicken. Laß uns also ein bißchen Spaß haben, solange wir können.«

Er küßte sie und murmelte: »Fühlst du dich jetzt besser?« Und er küßte sie noch einmal. Zunächst war Polly etwas verwirrt, doch dann fühlte sie sich getröstet von seiner Nähe hier draußen im Mondlicht, mit der fernen Orchestermusik im Hintergrund, und sie liebte ihn dafür. Was war an den Proctors schon so Besonderes? Hier stand sie mit Basil Mulgrave zusammen, einem weitaus nobleren Charakter, als der schreckliche Jack Proctor es je sein könnte.

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Captain Collins hatte ein kleines Haus nahe der Kaserne gemietet, und da es ihm nicht erlaubt war, Halifax zu verlassen, hatten sie die Absicht, ihre Flitterwochen eben hier zu verbringen und Halifax zu ihrer Heimat zu machen, solange David in den Kolonien diente. In all der Aufregung wurde Maria erst nach und nach bewußt, daß sie früher oder später nach England gehen würden. Es war ein bittersüßer Gedanke. Sie würde wieder in ein fremdes Land ziehen, aber dieses Mal Freunde und Familie zurücklassen. Alle bis auf ihren geliebten Mann. Und das tröstete sie über alles andere hinweg. Sie würde einfach nicht zurückschauen, beschloß sie, sondern London entgegenfiebern. Dort wollten sie eines Tages leben.

Sie waren erschrocken, als sie erkannten, daß Polly es als selbstverständlich ansah, daß sie gleich nach der Hochzeit zu ihnen ziehen würde. »Wenn du ausziehst, kann ich doch nicht in Jacks Haus bleiben, Maria«, sagte sie. »Edwina wird es tun, und das ist doch wohl skandalös genug. Es ist ja nur für kurze Zeit, dann kehre ich allein nach Boston zurück.«

So wie sie das sagte, empfand Maria tiefes Mitgefühl mit ihrer Freundin und überredete David, Polly für ein Weilchen das Gästezimmer in ihrem Haus anzubieten.

»Es bleibt uns wohl kaum etwas anderes übrig«, sagte er ohne große Begeisterung. Aber wie immer war er ausgesprochen höflich zu Polly, nachdem sie eingezogen war, und seine freundliche Aufmerksamkeit tat ihr gut.

Obgleich der Krieg mit unverminderter Heftigkeit wütete und David viele Pflichten in der Kaserne hatte, fand er immer Zeit für neue Interessen. Halifax war belebter und voller denn je zuvor. Sie hatten eine Gruppe amerikanischer Flüchtlinge getroffen, Loyalisten, die außergewöhnliche Pläne schmiedeten, bei denen David aufhorchte. Er wollte unbedingt mehr darüber erfahren.

Unterdessen zeigte Polly keinerlei Anzeichen, daß sie bald nach Boston aufbrechen wollte, also brachte Maria das Thema von sich aus zur Sprache. Es versprach kein einfaches Gespräch zu werden.

»Du möchtest also, daß ich fortgehe?«

»Ach Polly, es hat doch keinen Sinn, daß du noch länger in Halifax bleibst. Ich dachte, du würdest selbst fortgehen wollen, jetzt da Edwina und Jack bald Hochzeit feiern.«

»Mir ist gleich, was sie tun. Ich muß mein Leben nicht nach ihnen ausrichten. Wenn ich in Halifax bleiben will, dann bleibe ich eben.«

»Bitte, ganz wie du willst. Aber was soll werden, wenn David und ich fortgehen? Hast du die Absicht, ganz allein in diesem Haus zu bleiben? Ich glaube nicht, daß dein Geld für deinen Unterhalt ausreichen wird.«

»Mein Geld ist meine Angelegenheit. Ich will ganz einfach noch nicht nach Boston zurück. Ich bin sitzengelassen worden, hast du das etwa schon vergessen? Stell dir doch nur einmal vor, wie es für mich sein wird, zurückzukommen und alle zeigen mit dem Finger auf mich. Und meine Mutter wird eine unglaubliche Szene machen. Sie schreibt, sie werde nie wieder ein Wort mit den Foys reden, und mit deinem Vater auch nicht. Du weißt doch, wie meine Mutter ist. Sie wird einen so furchtbaren Streit vom Zaum brechen, dem kann ich einfach noch nicht ins Auge sehen. Es ist besser für mich, ich bleibe hier, bis sie sich beruhigt hat.«

Also blieb Polly, und David brachte seine Loyalisten-Freunde mit nach Hause, unter ihnen auch James de Lancy. Er war einer der zahlreichen Anhänger von James Matra, Sproß einer reichen New Yorker Familie, der sie drängte, eine Niederlassung von Amerikanern in diesem neuen Südland zu gründen, das der Engländer Captain Cook entdeckt hatte. Derzeit war das Land britisches Territorium, wurde Neusüdwales genannt und war bis auf ein paar Eingeborene noch unbesiedelt. Matra selbst war dort gewesen und behauptete, daß dieses Land im tiefen Südpazifik grün und fruchtbar sei und dort ein wunderbares, gemäßigtes Klima herrsche.

David hatte sich dies alles angehört und sich von de Lancys Eifer anstecken lassen. »Wir sollten mitgehen«, sagte er zu Maria, doch sie war nicht so überzeugt. »Es ist eine Wildnis am Ende der Welt. Was sollen wir denn dort?«

»Mein Liebling, wir würden dasselbe tun, was die amerikanischen Pioniere in deinem Land getan haben. Männer wie James Matra oder de Lancy sind Visionäre, die Sorte Männer, die ich mein ganzes Leben lang schon suche. Amerikaner kolonialisieren Neusüdwales … es ist ein großartiger Plan! Ich kann es immer noch kaum fassen, daß man mich gebeten hat, mich ihnen anzuschließen. Stell es dir nur einmal vor, Maria! Wir könnten ein idyllisches Leben führen, eine ideale Gesellschaft gründen und alle Schrecken der modernen Welt hinter uns lassen.«

»Sieh dir doch an, was hier geschieht«, entgegnete sie. »Wir sind noch ein junges Land, aber schon in einen furchtbaren Krieg gegen England verwickelt.«

»Also versuchen wir es noch einmal. Gerade Amerikaner werden wissen, was sie beim nächsten Mal anders machen müssen. Viele haben noch eigene Erfahrung darin, ein Land zu erschließen, und jetzt sehen sie die Zerstörungsgewalt des Krieges. Sie werden in diesem neuen Land niemals den Krieg als Mittel zulassen, ihre Differenzen auszutragen. Es ist nicht nur ein Küstenstreifen, um den es hier geht, dahinter liegt ein ganzer Kontinent, der Australien heißt. Und ich weiß, daß dieser Kontinent niemals zum Schauplatz eines Krieges werden wird, denn es ist die Neue Welt. Alte Werte haben dort keine Gültigkeit.«

Maria schüttelte den Kopf. Sie war enttäuscht und verwirrt. Es erschien ihr verrückt, daß ausgerechnet ein Soldat ein so überzeugter Kriegsgegner sein sollte. Und außerdem, was war mit London? »David, ich dachte, du hättest gesagt, London würde mir gefallen?«

»Das wird es auch. London ist eine wunderbare Stadt, aber dies hier ist eine einmalige Gelegenheit. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben, Maria. Glaub mir. Neusüdwales ist das letzte Neuland, das sich für Angehörige der weißen Rasse eignet. Ich würde dich nie in die Dschungel Afrikas oder Südamerikas entführen. Aber dies ist ein großartiges, unverdorbenes Land. Und du wärest von deinesgleichen umgeben, Amerikanern, die wissen, wie man neue Gebiete erschließt. Ich bin immer noch überwältigt von dem großen Fortschritt, der in Amerika innerhalb so kurzer Zeit erreicht wurde. Und wenn sie die Gelegenheit bekommen, noch einmal ganz von vorne anzufangen, könnten deine Landsleute es sogar noch besser machen, weil sie von ihren Erfahrungen profitieren würden.«

Sie mußte zugeben, daß es für die Loyalisten vermutlich ein guter Plan war, die sonst nirgendwo hinkonnten, wenn sie nicht hier im rauhen Klima von Neuschottland bleiben wollten. Aber für sie selbst? Nein. David hatte eine vielversprechende Karriere begonnen, und dabei sollte er bleiben. Sie wollte nicht, daß er mit irgend etwas Neuem anfing, und sie verspürte wenig Neigung, in der Wildnis zu leben. Je eher sie nach London gingen, um so besser. War er erst wieder daheim, würde er diesen ganzen Pionierunsinn vergessen.

Polly kam an diesem Abend ganz aufgeregt nach Hause, und Maria war froh, daß David in der Kaserne aufgehalten worden war. »Ich habe die Absicht, Basil zu heiraten«, verkündete Polly. »Das wird sie hier alle umhauen, wenn ich einen Aristokraten heirate. Was hältst du davon?«

Maria war beunruhigt. Hatte David ihr nicht erst kürzlich lachend erzählt, daß Basil der schamloseste Charmeur unter der Sonne sei? Es war ihnen nie in den Sinn gekommen, daß Polly ihn ernst nehmen könnte. Erst recht nicht nach ihrer leidvollen Erfahrung mit Jack. »Hat er dich denn gefragt, Polly?«

»Natürlich nicht, sonst hätten wir es ja schon bekanntgegeben. Aber ich bin sicher, das wird er noch. Er sagt, ich sei schön.«

»Das bist du ja auch, und es ist sehr nett von ihm, es zu sagen, aber ich an deiner Stelle würde einen kühlen Kopf bewahren. Sobald das Lazarettschiff abfahrbereit ist, wird er uns verlassen, das weißt du doch.«

»Ich weiß, ich weiß.« Polly lachte. »Warte nur ab. Ich will deine Predigten nicht mehr hören, ich hab’ sie satt.«

David bestätigte Marias Befürchtungen. »Unsinn! Basil meint es ganz gewiß nicht ernst mit Polly. Das Mädchen ist labil, sie sollte nach Hause fahren, Maria. Du solltest dafür sorgen.«

»Aber was kann ich tun?«

»Auf keinen Fall darfst du sie ermutigen. Um Himmels willen, sie kennt Basil doch kaum.«

»Sie kennt Basil so lange wie ich dich.«

»Das ist etwas anderes.« Er grinste. »Ich bin reell. Das ist Basil nicht. Man weiß nie, was er als nächstes vorhat. Außerdem reist er am Donnerstag ab, und damit ist der Fall erledigt. Polly sollte lieber anfangen zu packen. Und dann haben wir unser Heim endlich für uns allein.« Er kuschelte sich unter der Bettdecke an sie und flüsterte: »Liebst du mich noch?«

»Ja«, murmelte sie.

»Und wirst du mir ans andere Ende der Welt folgen?«

»Nein.«

Er lachte, küßte ihren Hals, liebkoste sie und zog sie an sich, um sie noch einmal zu lieben.

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Basils Abschiedsfeier fand in der Offiziersmesse statt, und Basil amüsierte sich königlich. Das Essen war erlesen, und anschließend beim Tanz wirbelte er Polly zu ihrem größten Entzücken übers Parkett. Er tanzte den ganzen Abend unermüdlich und trank sehr viel, bis er sich schließlich in einen Sessel fallen ließ. Dort saß er dann, umringt von lachenden Freunden. Es dauerte ein Weilchen, bis sie merkten, daß er wirklich besinnungslos zusammengebrochen war, und der Arzt wurde gerufen.

»Ich habe so etwas erwartet«, vertraute der Armeearzt David an. »Er hat es übertrieben, mußte überall dabeisein. Erst letzte Woche habe ich ihm gesagt, er müsse ein bißchen kürzertreten.«

Ein paar junge Offiziere luden sich Basil stöhnend auf und trugen ihn in sein Quartier. Die Gesellschaft löste sich auf. David und Maria brachten die enttäuschte Polly heim und rieten ihr, schlafen zu gehen.

»Aber ich bin nicht müde. Ich werde aufbleiben und mich umziehen, dann kann ich mich noch von Basil verabschieden, wenn er an Bord geht.«

»Das ist unmöglich. Zivilisten dürfen sich den Kriegsschiffen im Hafen unter keinen Umständen nähern. Hier gibt es zu viele Franzosen, wir müssen uns vor Saboteuren in acht nehmen.«

»Ach, armer Basil, wie sollen wir uns denn dann verabschieden?«

»Ich fürchte, das habt ihr schon, Polly«, sagte David.

Sie war so erschüttert, daß sie ausnahmsweise ohne weitere Szenen auf ihr Zimmer ging. Erleichtert folgte Maria David in die Küche. »Wieso werde ich den Verdacht nicht los, daß Basil seinen Kollaps nur gemimt hat?« flüsterte sie. »Der Zeitpunkt schien gar zu günstig.«

David schloß die Läden. »Ihr Mädchen mögt nicht müde sein, aber ich schon. Es war ein langer Tag. Und ich will nichts mehr über Basil hören.«

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Maria mußte gestehen, daß sie Pollys Gesellschaft genoß, nachdem Davids Regiment abgerückt und an irgendeinen Kriegsschauplatz in Amerika zurückgekehrt war. Er konnte ihr nicht sagen, wo genau sie hingingen, denn sie selbst wurden vor ihrer Abreise nicht davon in Kenntnis gesetzt. So blieb ihr also nichts weiter übrig, als auf seine Briefe zu warten. Und dann kam Polly nach Hause und sagte ihr, sie sei bei Edwina gewesen.

»Warum denn, um Himmels willen? Ich dachte, ihr redet nicht mehr miteinander.«

»Wir haben uns versöhnt«, erwiderte Polly und starrte aus dem Fenster. »Das mußten wir. Edwina will ihren Hochzeitstag festlegen, und ich habe ihr gesagt, sie soll nicht länger warten, weil ich nämlich beschlossen habe, in Halifax zu bleiben.«

Maria spürte, daß hier etwas nicht stimmte. »Sagst du mir auch die Wahrheit, Polly? Ihr habt euch nicht wieder gestritten? Du bist furchtbar blaß.«

»Selbstverständlich sage ich dir die Wahrheit. Wir haben uns ausgesprochen.«

»Das freut mich. Aber deine Eltern erwarten dich zu Hause.«

»Ich kann jetzt nicht nach Hause«, schrie Polly plötzlich. »Nie wieder. Die Wahrheit ist, ich bekomme ein Baby.« Ihre Stimme klang scharf und trotzig. »Ein Baby! Hast du gehört? Und das letzte, was sie wollen, ist, daß ihre sitzengelassene Tochter mit einem Kind nach Hause kommt!«

»Oh, Polly. Es tut mir so leid. Wer ist der Vater?«

»Basil natürlich. Wer denn sonst?« Sie ging ruhelos im Zimmer auf und ab. »Ich habe mir alles genau überlegt. Ich werde meinen Eltern schreiben, daß du gerne möchtest, daß ich hierbleibe, während David fort ist, und sie werden mir weiterhin mein Geld schicken.«

»Aber was ist mit Basil? Weiß er es?«

»Nein.«

»Oh je. Es wird jetzt ewig dauern, bis ihn ein Brief erreicht. Möchtest du, daß David ihm in deinem Namen schreibt?«

»Ganz sicher nicht. Das ist meine Angelegenheit. Ich kümmere mich selbst darum. Ich will, daß ihr mich alle zufrieden laßt und mir das Recht zugesteht, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Jetzt werde ich mich hinlegen, ich fühle mich ein wenig schwindelig.«

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David kam heim, desillusioniert über den Verlauf des Krieges. Er war erschöpft und dürr nach Monaten der mageren Armeerationen, entsetzt über die englischen Verluste und überzeugt, daß sie diesen Krieg gegen die Amerikaner verlieren würden, ganz gleich, wie lange er noch dauern würde. Er war niedergeschlagen, und es besserte seine Stimmung nicht gerade, Polly nach wie vor in seinem Haus vorzufinden — zu allem Überfluß noch guter Hoffnung und ein Bild der Melancholie. Maria nahm an, daß Polly an Basil geschrieben hatte, doch als sie dies David gegenüber erwähnte, fuhr er sie wütend an, er weigere sich, in diese schmutzige Affäre hineingezogen zu werden.

Die letzten sechs Monate waren schwer gewesen für Maria. Er hatte ihr gefehlt, sie sorgte sich um ihn und gleichzeitig mußte sie mit Polly fertig werden, deren nervliche Verfassung sehr zu denken gab. Wenn sie aufstand, war sie reizbar und nörgelte ohne Unterlaß, dann wiederum weigerte sie sich, das Bett zu verlassen, blieb teilnahmslos und wollte weder essen noch reden. Um des Kindes willen blieb Maria nichts anderes übrig, als streng mit Polly zu sein. Sie bestand darauf, daß Polly sich damit beschäftigte, die Babyausstattung zu nähen. Und sie verlangte etwas mehr Höflichkeit, wenn Polly weiterhin in ihrem Haus zu bleiben wünsche. Sie stellte fest, daß dieser Ton Wunder wirkte, daß Polly meist widerspruchslos auf sie hörte, wenn sie ihre Ratschläge in energische Worte kleidete. Aber es war eine ermüdende, unangenehme Pflicht, ihre Freundin herumkommandieren zu müssen.

Das Baby wurde an einem wunderschönen, sternklaren Abend um zehn Uhr geboren. Es war ein hübsches kleines Mädchen, so niedlich, daß David seine eisige Haltung aufgab und sie ins Herz schloß.

Polly nannte sie Regal.

Dann bekam David endlich seinen Marschbefehl: Sein Regiment kehrte nach Hause zurück! Und damit nicht genug, David und anderen Infanterieoffizieren wurde gestattet, mit ihren Frauen auf dem Passagierschiff “Aurora” nach England zu segeln, anstatt auf einem Truppenschiff. Die Seereise über den Atlantik sollte nun ihre nachgeholte Hochzeitsreise werden.

Jack und Edwina, endlich verheiratet, schenkten Maria einen wunderbaren Polarfuchsmantel für die Gesellschaften in London. Für David hatten sie eine Pelzmütze, wie die Russen sie trugen, und er war ganz begeistert davon. Er sagte, er fühle sich recht exotisch damit und werde sie immer in Ehren halten.

»Er ist ein wunderbarer Mann«, meinte Edwina. »Und nach wie vor eine Augenweide, jetzt wo du ihn wieder aufgepäppelt hast. Geradezu der Inbegriff des britischen Aristokraten.«

»Nur daß er kein Aristokrat ist«, erwiderte Maria lächelnd.

»Das sollte er aber sein«, beharrte Edwina. »Jack ist sehr von ihm angetan, weißt du. Er meint, David wird es noch weit bringen. Und er kennt sich mit so etwas aus.«

»Ich hoffe es. Und wenn wir fort sind, hoffe ich, daß du dich um Polly und das Baby kümmern wirst. Ich bin ja so froh, daß ihr euch alle wieder so gut versteht.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn das Verhältnis zwischen Polly und den Proctors war immer noch recht kühl. Und Maria kannte Edwina gut genug, um zu argwöhnen, daß deren Freundlichkeit Polly gegenüber aufgesetzt war, aber das war immer noch besser als gar nichts. Und Jack war höflich zu ihr, blieb aber verständlicherweise auf Distanz.

»Ich muß dir noch etwas sagen«, begann Edwina. »Polly meinte, es sei besser, du erfährst es von mir.«

»Was denn nun schon wieder?« Maria hatte eine Abneigung gegen Mitteilungen, die besonderer Diplomatie bedurften.

»Maria, du weißt so gut wie ich, daß Polly hier nicht glücklich sein wird, wenn du erst fort bist. Sie paßt einfach nicht hierher.«

»Das wird sie, jetzt da sie ihre Figur wiederhat und ausgehen kann. Du kannst ihr dabei helfen, Edwina.«

»Das ist ja das Problem. Mir würde es nichts ausmachen, wirklich nicht, aber Jack empfindet ihre Anwesenheit im Haus als höchst unangenehm. Er ist dein Bruder, du mußt doch verstehen, wie prekär es für ihn wäre, seine einstige Verlobte auf ewig im Hause zu haben.«

Maria sah sie scharf an. »Worauf willst du hinaus, Edwina?«

»Wir glauben, es wäre das beste, wenn Polly mit dem Baby nach London ginge.«

»Was? Hast du sie etwa ermutigt, Basil nachzulaufen? Ich weiß, daß er sich seiner Verantwortung stellen muß, aber meines Wissens hat Polly noch kein Wort von ihm gehört. Es wäre überstürzt, wenn sie einfach so nach England ginge.«

»Darum geht es doch gar nicht, Maria. Du verstehst mich nicht. Polly kann nicht hierbleiben, und es würde ihr nicht einmal im Traum einfallen, nach Boston zurückzukehren. Kannst du dir vorstellen, wie sie dort aufgenommen würde? Es wäre grauenhaft für sie. Wäre es da nicht viel besser, sie würde in England ein neues Leben beginnen? Niemand dort bräuchte die Wahrheit zu erfahren. Polly könnte als Witwe auftreten, als Frau eines Loyalisten, der während der Revolution ums Leben gekommen ist.«

»Hast du dir das alles einfallen lassen?«

»Natürlich nicht. Es war Polly. Sie hat sich dazu entschlossen, als wir im Meldebüro waren, um Regals Geburt anzuzeigen. Ich bin mit ihr gegangen, weil sie sich allein nicht traute. Es war wirklich furchtbar peinlich, wie dieser Beamte sie anstarrte und immerzu nach dem Datum ihrer Hochzeit fragte. Sie hat einfach nicht geantwortet, und schließlich mußte ich ihm sagen, daß sie gar nicht verheiratet ist. Du meine Güte! So etwas möchte ich nicht noch mal durchmachen!«

Maria war verwirrt. Das ging ihr alles ein wenig zu schnell. Vermutlich war es wirklich das beste für Polly, nach London zu gehen, doch es ärgerte sie, daß die beiden das ausgeheckt hatten, ohne sie zu Rate zu ziehen. Wer hatte sich denn schließlich die ganze Zeit um Polly gekümmert, ihre Tränen und Ausbrüche ertragen? Es war wirklich ziemlich häßlich von den beiden.

»Was ist mit Geld?« fragte sie. »Polly braucht Geld, um ihre Passage zu bezahlen und sich in London einzurichten.«

»Auch daran haben wir gedacht. Polly hat ihrem Vater geschrieben und ihn um Hilfe gebeten. Und warum sollten ihre Eltern ihr nicht helfen wollen? Ihnen wird es als die gottgesandte Lösung erscheinen, ihre gefallene Tochter mitsamt ihrem Balg nach England schicken zu können. Ettie Hayes ist doch so ein Moralapostel, sie wird sie in Boston nicht haben wollen.«

»Es ist nicht gottgesandt, es ist traurig«, erwiderte Maria seufzend. »Ich hoffe nur, daß sie und Basil zu einer einvernehmlichen Einigung kommen. Ich möchte wirklich nicht in eine Fehde mit Davids bestem Freund verwickelt werden.«

»Das wird gewiß nicht passieren«, beruhigte Edwina sie. »Polly will keinen Streit und kein Aufsehen. Und Jasper hat genug Geld, um dort drüben ihren Unterhalt zu bestreiten.«

Maria gab nach. »Nun, vermutlich ist es wirklich das beste. Wir werden für sie tun, was wir können, wenn sie ankommt.«

Edwina sah überrascht auf. »Ankommt? Aber erwähnte ich es denn nicht? Sie hat auf der Aurora gebucht. Sie fährt mit euch, damit du ihr mit dem Baby helfen kannst. Sie kann die weite Reise ja schlecht allein machen.«

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An Bord der Aurora fand sich eine Schar amerikanischer Loyalisten zusammen, die planten, in Neusüdwales eine Kolonie zu gründen, und niemals von etwas anderem sprachen. Sie betrachteten Captain David Collins als wichtiges Mitglied ihrer Gruppe und hofften, er werde unter seinen Freunden bei der Truppe weitere Freiwillige werben.

Es ging ein Gerücht, der Familie Matra drohe die Vertreibung aus New York, weil sie für die Briten Partei ergriffen hatte, und James de Lancy zeigte sich überglücklich darüber. »Das besiegelt unsere Pläne. James Matra bereitet soeben eine Eingabe an die britische Regierung vor, denn er braucht ihre Erlaubnis und Unterstützung. Da wir uns als loyale Untertanen der Krone erwiesen haben, kann ich mir nicht vorstellen, daß man sie ihm verweigern wird. Soweit wir wissen, hat niemand sonst die Besiedlung von Neusüdwales vorgeschlagen.«

Maria lauschte diesen Debatten schweigend, und anschließend versuchte sie, ihren Mann von diesem Vorhaben abzubringen. Doch er sagte, sie mache sich unnötige Sorgen. »Es steckt ja noch alles in den Anfängen. Solche Dinge brauchen ihre Zeit. Zunächst einmal wird sich das Parlament mit der Eingabe befassen. Außerdem habe ich nicht gesagt, daß ich mit ihnen gehen will.«

»Sie scheinen aber davon auszugehen.«

»Maria, wir müssen an unsere Zukunft denken. Wir können eine solche Gelegenheit nicht einfach abtun.«

»Ich kann das ohne weiteres. Ich will nicht dorthin. Ich würde es hassen.«

»Wir werden sehen. Mach dir jetzt keine Gedanken darüber.«

Doch sie machte sich Gedanken. Insgeheim hoffte sie, wenn er erst einmal daheim in England war, würde er diese abenteuerlichen Kolonisierungspläne vergessen und sein Leben und seine glanzvolle Karriere in gewohnten Bahnen fortsetzen. Sie war sicher, sein Enthusiasmus rührte einzig und allein von seiner Verblüffung angesichts des enormen Aufschwungs, dessen sich die amerikanischen Kolonien erfreuten. Doch niemand, der bei klarem Verstand war, konnte freiwillig zu den primitiven Tagen der Pioniere zurückkehren wollen.

Ein Steward trat zu ihr. »Könnten Sie bitte zu Mrs. Hayes hinunterkommen, Madam? Sie ist sehr aufgeregt.«

»Ich komme.« Was war nun schon wieder? Vielleicht war das Baby krank, litt unter den Auswirkungen der Seefahrt. Bislang hatten sie mit dem Wetter Glück gehabt und die See war ruhig geblieben, wofür Maria sehr dankbar war, denn sie hatte gehört, der Atlantik könne zuweilen tückisch sein. Auch so litten viele der Passagiere an Seekrankheit, warum sollte es da nicht auch ein Baby treffen können?

Sie fand Polly in einem Zustand vor, den sie seit den Tagen der Schwangerschaft nicht mehr an ihr erlebt hatte: Sie weinte hysterisch, und Regal lag neben ihr in der Koje und schrie.

Maria hob das Kind auf und klopfte ihr liebevoll den Rücken. »Was in aller Welt ist los, Polly? Ist Regal krank?« Sie sah in das kleine Gesicht, das feuerrot war vor Anstrengung und tränenüberströmt, doch jetzt, da sie sie aufgenommen hatte, ließ das Weinen bereits nach. »Sie scheint gesund und munter, Polly. Also, was ist los?«

»Ich habe Angst. England ist so fremd und so weit weg. Mir war nicht klar, daß es so lange dauern würde, dort hinzukommen. Ich wünschte, ich wäre nicht mitgefahren. Was erwartet uns dort? Vielleicht haßt man uns Amerikaner ja da wegen des Krieges. Womöglich sperren sie uns ein.«

»Sei nicht albern. Dir gehen nur die Nerven durch, weiter nichts. In Halifax haben uns die Briten jedenfalls nicht feindselig behandelt.«

»Ach, Halifax! Dort herrscht doch das reinste Kuddelmuddel vor, das zählt nicht. Und in London werde ich mutterseelenallein sein, ihr wollt mich ja nicht haben.«

Maria seufzte. Wie kam es nur, daß es Polly immer wieder gelang, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen? »Es ist nicht so, daß wir dich nicht haben wollen. Ich habe es dir doch schon erklärt: Nach unserer Ankunft werden wir eine Zeitlang bei Davids Eltern leben. Dorthin können wir dich nicht mitnehmen, es ist einfach unmöglich. Aber wir werden eine angemessene Unterkunft in London für dich finden, ehe wir aufbrechen. Und ein Mädchen, das sich um das Baby kümmert.«

»Du kannst ja auch zuversichtlich in die Zukunft blicken. Du hast David und seine Familie, die sich um dich kümmern werden. Ich habe niemanden!«

»Warum gehst du nicht zu Bett, Polly? Schlaf dich aus. Du regst dich über ungelegte Eier auf. Wer weiß, vielleicht lernst du London ja sogar noch lieben.«

»Ich werde es hassen«, heulte Polly.

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Als sie etwa die Hälfte der Überfahrt zurückgelegt hatten, organisierte der Kapitän an einem Samstag abend ein Konzert, dessen Mitwirkende er unter den Passagieren und der Mannschaft gefunden hatte. Es hieß, es seien einige wirklich talentierte Leute an Bord, und alle freuten sich auf einen unterhaltsamen Abend.

Maria verspürte ein aufregendes Prickeln, als sie an der Seite ihres gutaussehenden Mannes den Salon betrat. Nun gab es wirklich kein Zurück mehr: England, das große, alte Mutterland, lag vor ihnen. Es kam ihr vor, als sei sie auf dem Weg nach Hause, um endlich ihr geregeltes Leben als Mrs. Collins aufzunehmen, fernab von allen Schrecken des Krieges. Sie betete, daß er bald vorüber sein möge, damit ihr Mann nicht zurückgeschickt würde.

Die Passagiere in ihrer eleganten Abendgarderobe drängten sich gutgelaunt in dem überfüllten Raum und nahmen ihre Plätze ein. Ein erwartungsvolles Summen hatte sich erhoben, und ein Streichquartett spielte spritzige, übermütige Melodien. Einige Passagiere der Unterdeck-Klassen hatten sich hinaufgeschlichen, um den Darbietungen zu lauschen. Sie standen an der Reling und sahen sich ängstlich um, doch die Offiziere gaben vor, sie nicht zu bemerken.

Endlich wurde es still im Saal. Der Zeremonienmeister trat vor und kündigte den ersten Konzertbeitrag an: zwei junge Männer, die Arien aus komischen Opern singen würden. Als sie vortraten, um dem Geiger ihre Notenblätter zu geben, ertönte von draußen ein Ruf der Verblüffung, dann Schreie und viele Stimmen, die durcheinanderriefen.

Sofort brach im Salon hektisches Treiben aus. Die Menschen sprangen in Angst von ihren Plätzen auf, rannten zu den Ausgängen. Die allgegenwärtige Angst vor einem Schiffsunglück brachte sie einer Panik bedenklich nahe.

»Bleib hier«, wies David seine Frau an und stürzte davon, doch sie folgte ihm, drängte sich durch die Menge und stieg über umgestürzte Stühle hinweg.

»Beruhigen Sie sich!« rief einer der Offiziere. »Es ist alles in Ordnung! Alles in Ordnung!«

Gerade als Maria hinausschlüpfte, nahmen mehrere Offiziere Aufstellung an den Türen zum Salon, hinderten die Passagiere daran, den Saal zu verlassen, und versicherten ihnen, es bestehe keine Gefahr.

Am Bug war eine Menschenmenge versammelt, Männer liefen umher, eine Frau fiel in Ohnmacht. Maria erblickte den Kapitän, der sich durch die Menge an Deck kämpfte. »Was geht hier vor? Was ist passiert?«

»Mann über Bord!« gellte eine Stimme. »Mann über Bord!« Und die Menge drängte näher an die Reling.

»Es war eine Frau!« rief einer. »In der Dunkelheit werden wir sie niemals finden. Eine Frau ist über Bord gefallen!«

Maria trat zum Kapitän und sah, wie ein Matrose ihn am Ärmel packte. »Sie ist nicht gefallen, Sir. Sie ist gesprungen. Ich hab’s gesehen. Ich schwör’s bei Gott. Sie ist über die Reling geklettert und einfach gesprungen, Sir.« Sein junges Gesicht wirkte bleich und verängstigt.

Eine Frau schrie: »Verrückt! Sie muß verrückt gewesen sein!«

Maria stand zwischen ihnen, verwirrt, erschüttert; aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, daß sie die Frau, die über Bord gesprungen war, kennen könnte. Sie glaubte, es müsse jemand von den furchtbar armen Leuten sein, die die Überfahrt in ihren überfüllten Quartieren unter Deck ertragen mußten. Sie starrte über die Backbordreling in die bodenlose Schwärze dort unten, nur gelegentlich unterbrochen vom weißen Schimmer einer Wellenkrone. Es war ein furchteinflößender Anblick. Wie tief war diese schreckliche See? Viele, viele Meilen tief, unvorstellbar. Und diese Wellen wogten bis in alle Ewigkeit, ohne jemals einzuhalten … Sie fühlte sich schwindelig, das Rauschen des Windes schien immer lauter zu werden und das Stimmengewirr zu übertönen.

Lose Segel flatterten und knarrten. Ein paar Männer kamen näher, drängten sie beiseite und ließen ein Boot zu Wasser. Maria sah sich um, blickte in graue, starre Gesichter und fand nicht ein bekanntes darunter. Sie floh vor dem gleichgültigen Klatschen der Wellen in den Salon zurück, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und versuchte so, das Entsetzen fernzuhalten, das durch die feuchte Nachtluft angekrochen kam.

Erst als der Kapitän einen namentlichen Aufruf aller Passagiere befahl, wurde entdeckt, daß Polly Hayes fehlte. Polly hatte nicht zum Konzert kommen wollen, weil das Baby unruhig war. Jetzt schlief Regal friedlich, doch ihre Mutter war nirgends zu finden.

Außer sich vor Sorge bestand David Collins darauf, das Schiff selbst zu durchsuchen. Er hämmerte an sämtliche Kabinentüren, trat Luken ein und stieß Menschen beiseite, als glaube er, Polly könne sich hinter ihnen versteckt halten. Doch seine Suche verlief ergebnislos, und schließlich mußte er dem Kapitän beipflichten: Polly war nicht mehr an Bord. Erst als sie Davids Gesicht sah, konnte Maria glauben, daß es wirklich geschehen war; daß Polly für immer von ihnen gegangen war, daß sie für immer in diesem entsetzlichen Ozean zurückbleiben würde, allein und verlassen, umgeben von den Ungeheuern der Tiefe.

»Sie muß gestürzt sein«, rief sie weinend. »Sie muß gestürzt sein.« Und dann stürzte sie selbst ins Dunkel, fiel in eine tiefe Ohnmacht.

Das erste Licht des Tages kroch wie eine endlose Reihe flackernder Signalfeuer über den Horizont, als sie erwachte. Sie starrte aus dem Bullauge und versuchte, sich einzureden, daß alles nur ein böser Traum gewesen sei. Doch dann kam David herein, müde und unrasiert, immer noch in Abendgarderobe, und da wußte sie, daß es wahr war.

»Das Baby!« rief sie. »Wo ist da Kind?«

»Ein paar Frauen kümmern sich darum, sie sind sehr freundlich«, antwortete David. »Das Kind ist in guten Händen. Geht es dir besser?«

»Nein. Ich fühle mich furchtbar.«

Er nickte. »Der Steward wird dir Kaffee bringen.«

»Ich kann nicht glauben, daß Polly gesprungen sein soll. Es ist zu entsetzlich. Sie hätte doch einen Abschiedsbrief hinterlassen. Habt ihr einen Abschiedsbrief gefunden?«

Er schüttelte den Kopf. »Nichts. Wir haben ihre Kabine durchsucht — nicht ein Wort. Vermutlich war es eine unüberlegte Verzweiflungstat. Ich kann nicht glauben, daß Polly so etwas geplant hätte. Sie war schwermütig. Ich könnte mir vorstellen, daß sie sich, ohne weiter nachzudenken, über Bord gestürzt hat, so als werfe sie ihre Sorgen über Bord, und für den Augenblick vielleicht zu umnachtet war, um zu erkennen, daß sie damit das Leben selbst wegwarf.«

Maria wandte sich entsetzt von ihm ab. »Ich will das nicht hören. Sag so etwas nicht! Ich will mir einfach nicht vorstellen, daß ihr vielleicht nicht klar war, was sie tat, bis es zu spät war.«

»Dann stell es dir nicht vor. Stell dir vor, daß sie jetzt ihren Frieden gefunden hat. Für sie ist jetzt alles vorbei, und das war es doch, was sie wollte.«

»Bist du sicher, daß sie gesprungen ist?«

»Oh ja, dafür gibt es Zeugen. Arme Polly. Ich wünschte, ich würde mich nicht so verantwortlich fühlen. Aber ich glaube nicht, daß wir mehr für sie hätten tun können.«

»Du trägst keine Schuld«, entgegnete Maria. »Ganz im Gegensatz zu Basil.«

»Es hat keinen Sinn zurückzublicken«, sagte er, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. »Wir müssen an das Kind denken. Polly hat keine Instruktionen hinterlassen.«

Da er offenbar keine Kritik an seinem Freund zulassen wollte, beschloß Maria, ebenfalls treu zu ihrer Freundin zu stehen und den bitteren Gedanken für sich zu behalten, der sich ihr aufdrängte: Polly hatte ihr Baby im Stich gelassen. »Arme kleine Regal«, sagte sie. »Wir werden uns um sie kümmern. Wir könnten sie adoptieren.«

»Das kommt nicht in Frage.« Es klang so, als habe er diesen Vorschlag kommen sehen.

»Wieso nicht? Weil es für Basil unangenehm sein könnte? Vielleicht sollten wir das Baby einfach seinem Vater vor die Tür legen. Es hat doch sonst niemanden.«

»Du vergißt Mr. und Mrs. Hayes in Boston, die Großeltern des Kindes. Es wird ein schwerer Schlag für sie sein, von Pollys Tod zu erfahren, und da wir schon die traurige Pflicht haben, sie davon in Kenntnis zu setzen, sollten wir ihnen bei der Gelegenheit anheimstellen, sich des Babys anzunehmen. Wir wissen nicht, welche Korrespondenz zwischen Polly und Basil stattgefunden hat. Wenn du bereit bist, dich bis zum Eintreffen der Großeltern um Regal zu kümmern, dann sollten wir das tun. Doch inwieweit sie den Vater zur Verantwortung ziehen wollen, muß ihnen überlassen bleiben.«

»Ja, natürlich. Jasper und Ettie werden untröstlich sein. Vielleicht kann ein Enkelkind ihren Kummer ja lindern.«

Maria faltete Pollys Kleidung zusammen und schenkte sie den Passagieren im Unterdeck. Den Rest ihrer Habseligkeiten packte sie in die Reisetruhe: Papiere, Schmuck, Bücher, Andenken, die Babyausstattung obenauf. Eine kümmerliche Hinterlassenschaft für ein Kind. Maria betete, daß Regal mehr Glück im Leben beschieden sein möge als ihrer Mutter.

Regal

Boston 1796

Maria Collins sah dem Besuch von Edwina Proctor und Regal Hayes mit Freude entgegen. Sie sehnte sich danach, nach all den Jahren wieder einmal amerikanische Stimmen zu hören. Besuch aus ihrer Heimat war selten. Sie fand es immer noch erstaunlich, wie gut sie sich in England eingelebt und daß sie London so sehr ins Herz geschlossen hatte, obwohl David so häufig fort war. Es würde herrlich sein, den Damen alles zu zeigen, ihr Reiseführer in dieser faszinierenden Stadt zu sein. Sie setzte sich an ihren Sekretär und begann eine Liste der Sehenswürdigkeiten zusammenzustellen, die sie besuchen mußten, eine zweite mit den Namen der Leute, die sie kennenlernen sollten. Doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu Polly. Sie fragte sich, wie ihre Tochter wohl sein mochte.

Seit jenen stürmischen Tagen, als Mr. und Mrs. Hayes nach London gekommen waren und ihre Enkelin einforderten, herrschte eine kühle Distanziertheit zwischen den beiden Familien. Maria war sicher, wäre David nicht bei aller Freundlichkeit so energisch aufgetreten, Ettie hätte ihr die Schuld an Pollys Unglück und ihrem Tod zugeschoben. So aber waren sie nur bis zur Abfahrt des nächsten Schiffes geblieben, und der Dank, den sie David und Maria für die Betreuung ihres Enkelkindes aussprachen, kam nicht von Herzen.

»Gott, was geht nur in meinem Kopf vor?« flüsterte Maria vor sich hin. »Ich rede doch Pollys Mutter nach dem Munde, wenn ich das Kind ›Pollys Unglück‹ nenne, und dabei war sie so ein hübsches kleines Würmchen.« Sie hoffte, ihre Großeltern waren gut zu ihr gewesen. Edwina hatte ihr geschrieben, Regal sei inzwischen eine junge Dame und das Abbild ihrer Mutter. Ihr absolutes Ebenbild! Und in einem anderen Brief schrieb sie, das Mädchen wisse so gut wie nichts von Polly. Den Hausangestellten zufolge habe man ihr lediglich erzählt, Polly sei im Kindbett gestorben.

Vielleicht ist es auch besser so, dachte Maria. Ihr war keineswegs wohl bei der Vorstellung, welche Fragen Regal an sie haben mochte. Die Entscheidung, was Regal wissen sollte und was nicht, hatte bei ihren Großeltern gelegen, und sie hatten es offenbar für das beste gehalten, so wenig wie möglich an dieses Thema zu rühren. Edwina war entschlossen, es dabei zu belassen. Unter keinen Umständen wolle sie Pollys Benehmen mit deren Tochter erörtern, hatte sie Maria geschrieben, das wäre gar zu unangenehm.

Maria seufzte. Offenbar hatte ihre Schwägerin sich kein bißchen verändert. Gerade sie mußte von Benehmen sprechen! Maria erinnerte sich noch genau an die Nacht, als sie beobachtet hatte, wie ihr Bruder sich aus Edwinas Zimmer schlich, auch wenn sie nie einem Menschen davon erzählt hatte. Jedenfalls war es immerhin Edwina gewesen, die Polly den Verlobten ausgespannt und sie in die Arme eines anderen Mannes getrieben hatte. Nicht daß man sie für die Folgen verantwortlich machen konnte. Maria konnte darin keinen Sinn sehen, und David stimmte ihr glücklicherweise zu. Doch vielleicht hätten sie danach gewarnt sein sollen, daß Edwinas Ehe mit Jack nicht dauerhaft glücklich sein würde. Die Geschichte wiederholte sich. Jack verließ Edwina wegen einer anderen Frau, ebenso grausam, wie er Polly den Laufpaß gegeben hatte. Darum war Maria auch so darauf bedacht gewesen, den Kontakt zu Edwina aufrechtzuerhalten. Ihr Bruder hatte sich ausgesprochen schäbig benommen, und sie dachte, daß es für Edwina vielleicht tröstlich wäre zu wissen, daß Maria sie nach wie vor als Familienmitglied betrachtete, auch wenn sie auf verschiedenen Seiten des Atlantiks lebten. Glücklicherweise waren die Foys, Edwinas Eltern, recht wohlhabend und hatten ihrer Tochter auch finanziell beigestanden.

Tochter. Regal. Ihre Gedanken waren wieder bei Pollys Tochter angelangt. Edwina hatte berichtet, daß die Großeltern sie an der kurzen Leine gehalten und sie kaum je unter Menschen gelassen hatten, aus Angst, sie könne so werden wie Polly. All das hatte Edwina natürlich von den Dienstboten erfahren. Aus diesem Grunde sei Regal ein stilles, vielleicht gar zu verschlossenes Mädchen geworden, dabei jedoch zweifellos intelligent und ohne jegliche Anzeichen der Flatterhaftigkeit ihrer Mutter. Jedenfalls bis jetzt nicht, hatte Edwina hinzugefügt. Doch es ist nicht zu übersehen, daß sie sehr willensstark und entschlossen ist. Gegen meinen ausdrücklichen Rat hat sie das gesamte Inventar des Hauses für einen Spottpreis verkauft. Und es waren ein paar wirklich wundervolle Stücke darunter. Aber sie wollte nichts davon behalten. Sehr ungewöhnlich

Die Türglocke erinnerte Maria daran, daß sie Gäste zum Tee erwartete. »Um Himmels willen«, rief sie und eilte zum Spiegel. »Die Sorells! Die hatte ich ja ganz vergessen.«

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»Sie sind also William«, sagte Mrs. Collins, als sie ihre Gäste begrüßte. »Ich freue mich ja so, Sie kennenzulernen. Ihre Mutter hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Sie müssen glücklich sein, Ihren Sohn wieder daheim zu haben, Mrs. Sorell.«

»Oh ja.« Seine Mutter lächelte. »Aber er war ein sehr ungeduldiger Patient.«

»Und sind Sie jetzt ganz wiederhergestellt, William?«

»Ja, danke der Nachfrage, Mrs. Collins.«

»Beinah«, verbesserte seine Mutter.

»Sie müssen mir verzeihen, Mrs. Sorell, aber langsam entwickle ich mich zu einer richtigen Kriegsgegnerin. Ich weiß nicht, warum junge Männer es immer so eilig haben, sich freiwillig zu melden, nur um sich verwunden oder verstümmeln oder gar töten zu lassen. Und die Eltern willigen auch noch freudestrahlend ein, so als gingen ihre Söhne zu einem Kurkonzert.«

Während Mrs. Collins sie in den Salon führte, warf William seiner Mutter einen kurzen Blick zu, um ihre Reaktion auf diese unerhörte Bemerkung zu prüfen. Schließlich war er selbst bei einem Gefecht auf den Westindischen Inseln verwundet worden. Doch seine Mutter lachte nur. »Du meine Güte, das können Sie nicht ernst meinen, Mrs. Collins!«

»Doch, allerdings«, erwiderte ihre Gastgeberin. »Bitte nehmen Sie Platz. Und werden Sie jetzt Ihren Dienst quittieren, William?«

Mrs. Sorell seufzte. »Offenbar nicht. William brennt darauf, Colonel Collins kennenzulernen. Er war richtiggehend böse, daß wir ihn nicht eher hergebracht haben, aber es ging ihm einfach noch zu schlecht. Er hat Davids Publikation über die britische Besiedlung von Neusüdwales gelesen und war ganz fasziniert davon. Nicht wahr, William?«

»Ja«, bestätigte dieser höflich, wenngleich ihn eine Beschreibung der Schlacht von Bunker Hill aus erster Hand weitaus mehr gereizt hätte.

»Das ist doch großartig«, sagte Mrs. Collins. »Wenn Sie sich in die Kolonien versetzen lassen, wird sie das weit vom Krieg wegbringen.«

William mochte sie gern. Sie war immer noch eine attraktive Frau, hatte eine ansprechende Figur mit beinah üppigen Kurven und einer schmalen Taille. Der amerikanische Akzent verlieh ihrer Stimme einen warmen, angenehmen Klang.

»Wäre das nicht ziemlich feige von mir?« fragte er neckend.

»Wenn Sie bereit sind, vier Monate auf See zu verbringen, auf einem dieser fürchterlichen Schiffe, würde es mir niemals einfallen, Sie für feige zu halten. Ich jedenfalls wäre viel zu ängstlich, um es zu wagen.«

»Aber Sie selbst haben doch den ganzen Atlantik überquert, um nach England zu gelangen«, wandte Williams Mutter ein. »Und Ihnen ist kein Leid geschehen.«

»Trotzdem versuche ich nach Kräften, diese Seereise zu vergessen.«

»Sagten Sie vier Monate?« unterbrach William ihr Gespräch. »Dauert es wirklich vier Monate, um nach Neusüdwales zu kommen? Das klingt nach einer alptraumhaften Schiffsreise.«

»Eine phantastische Schiffsreise«, widersprach eine Stimme mit einem starken Akzent, und ein junger Mann trat ein, ohne zuvor angeklopft zu haben.

William erhob sich, verstimmt über die Einmischung, aber Mrs. Collins strahlte. »Jorge, kommen Sie zu uns. Dies sind Mrs. Sorell und ihr Sohn, Lieutenant William Sorell. Mr. Jorgensen. Er ist Däne«, fügte sie hinzu, als erkläre das sein Hereinplatzen.

Jorgensen war erst neunzehn Jahre alt, doch er war groß, athletisch gebaut, und sein gutaussehendes Gesicht schon ein wenig wettergegerbt. Sein dichtes Haar war glatt und dunkel, er trug es im Nacken mit einer Schnur zum Zopf gebunden.

Mit einer ironischen kleinen Verbeugung in Williams Richtung schlug er die Hacken zusammen, dann wandte er sich den Damen zu.

»Sie sind Däne?« fragte Mrs. Sorell. »Ich dachte, alle Dänen seien blond.«

»Nicht alle.« Als er lächelte, funkelten seine blauen Augen, und seine kräftigen Zähne blitzten auf. Sein Lächeln verlieh ihm eine so umwerfende Ausstrahlung, daß William einen Stich der Eifersucht verspürte. Doch er verscheuchte das Gefühl und nahm Platz, während der Neuankömmling sich an den Kaminsims lehnte. Immerhin war er Offizier und dieser Kerl nichts weiter als ein gewöhnlicher Seemann in der schwarzen Kleidung der Matrosen der Handelsmarine, den niedrigsten Kreaturen auf See.

»Jorges Vater ist ein alter Freund von David«, erklärte Maria. »Als Jorge nach London kam, brachte er ein Empfehlungsschreiben seines Vaters mit und hatte zudem das Glück, David noch zu Hause anzutreffen.«

Natürlich, dachte William wütend und beobachtete den Dänen, während sie sich unterhielten. Er kommt einfach auf gut Glück her und trifft Collins, während meine Eltern so viel Zeit vertrödeln, daß ich ihn verpasse, und dabei lebe ich in London. Obwohl er schätzungsweise fünf Jahre älter war als Jorgensen, fühlte er sich unreif und unbeholfen angesichts der Selbstsicherheit dieses Fremden, der die beiden Damen unterhielt, ja beinahe mit ihnen flirtete, als wären sie zwei Debütantinnen. »Ich habe alle Shakespeare-Stücke gelesen«, sagte er gerade.

Oh, sicher hast du das, dachte William ungläubig.

»… aber noch nie eines auf der Bühne gesehen«, schloß Jorge.

»Dann werden wir ins Theater gehen, solange Sie in London sind«, versprach Maria.

»Wunderbar!« rief der Däne. »Das wird der Höhepunkt meines Besuchs in London sein.«

»Wie lange fahren Sie schon zur See?« erkundigte sich William.

»Tja … ich habe mit fünfzehn als Schiffsjunge angefangen und mit siebzehn heuerte ich unter Captain Marwood auf der Jane an, einem englischen Kohlenschiff. Wir segelten die Route zwischen den baltischen Häfen und Newcastle. Dies ist mein erster Besuch in London. Ich habe hier abgeheuert. Und noch nicht entschieden, was ich als nächstes tun werde.«

»Aber Sie haben nie eine Seefahrtschule besucht?« wollte William wissen.

Jorgensen grinste. »Seit meinem elften Lebensjahr hatte ich Unterricht in Mathematik, Navigation und Zeichnen. Auf See wurde ich dann mein eigener Lehrer. Und ich war sehr streng mit mir. Literatur, Sprachen, Geographie und die Elemente. Alles sehr wichtige Fächer, finden Sie nicht?«

»Das sind sie gewiß,« stimmte Maria Collins zu. »Und da Sie doch noch Urlaub haben, William, wären Sie vielleicht so freundlich, Jorge London zu zeigen? Wir wären Ihnen wirklich sehr dankbar.«

William konnte kaum ablehnen. Also fand er sich am nächsten Tag mit dem Dänen vor Londons Sehenswürdigkeiten wieder, dem Tower, den Houses of Parliament, Westminster Abbey, dem britischen Museum und so fort, mit Stippvisiten in sämtlichen Buchläden und Kirchen. Dann wollte Jorgensen unbedingt zum Hafen und bestand darauf, daß William mitkam. Für einen Jungen in seinem zarten Alter hatte Jorge ein lebhaftes Interesse an Londons finstersten Spelunken. Oder genauer gesagt, den weiblichen Gästen dieser Etablissements. Es war geradezu schockierend, wie Jorge sich bei diesen Frauen mit seinem strahlenden Lächeln einführte, und es dauerte nie lange, bis er das hübscheste all dieser Mädchen im Arm hielt.

An diesem ersten Abend verabschiedete William sich bald. »Ich kann hier nicht länger bleiben. Außerdem muß ich nach Hause. Und Sie ebenfalls. Mrs. Collins erwartet Sie doch sicher.«

»Nein. Ich wohne nicht bei ihnen. Colonel Collins hat nur darauf bestanden, daß ich meine Bücher und mein restliches Zeug bei ihnen unterstelle, solange ich an Land bin. In einer Absteige wie dieser könnten sie gestohlen werden.«

William war entsetzt. »Sie wohnen hier?« Die Schenke war schäbig, die Gesellschaft sehr rauh.

»Ja. Ich habe oben ein Zimmer. Colonel Collins sagte, ich könne in seinem Haus am Portman Place wohnen, wenn ich wollte, aber ich ziehe es vor, mein eigener Herr zu sein.« Er lachte. »Der Colonel weiß, daß Männer nicht zum Mönchsdasein geboren sind.«

»Ich kann mir kaum vorstellen, daß er dabei an so etwas gedacht hatte.« William nahm ihm die anzügliche Bemerkung übel.

»Sie glauben doch nicht im Ernst, daß er da unten die ganze Zeit allein war, oder? Er hat mit einem der weiblichen Sträflinge zusammengelebt.«

»Das ist eine Lüge!«

»Ist es nicht. Er hat zwei Kinder in Sydney von Mistress Yeates.«

»Das glaube ich nicht.«

Jorgensen schlug ihm kräftig auf die Schulter. »Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, William, trinken Sie noch was. Die Kinder tragen seinen Namen, Collins verleugnet sie nicht. Also warum sollten Sie es tun?«

»Weil es niemals wahr sein kann. Woher wollen Sie das alles eigentlich wissen? Ich kann mir kaum vorstellen, daß der Colonel Ihnen davon erzählt hat.«

»Nein, aber an Bord eines Schiffes wird viel geredet. Hier gibt es jede Menge Matrosen, die schon in Sydney waren. Der Colonel ist beileibe kein Unbekannter. Er brauchte nur mit den Fingern zu schnipsen, und schon hatte er die Mannschaften für seine letzte Expedition nach Port Phillip zusammen.«

»Und warum sind Sie nicht mitgefahren?«

»Es war ein Sträflingstransport. Ich arbeite grundsätzlich nicht auf Sträflingsschiffen.«

William war immer noch erschüttert. »Weiß Mrs. Collins von der anderen Frau und den Kindern?«

»Natürlich nicht. Und machen Sie kein so pikiertes Gesicht. Uns steht darüber kein Urteil zu. Sie hat sich entschlossen, in London zu bleiben, also hat sie selbst die Voraussetzungen geschaffen.«

William hatte gehört, die Kolonie sei ein rauher, gesetzloser Ort, doch von einen Mann in so hoher Position wie Collins schien dergleichen einfach nicht vorstellbar. Er eilte aus dem finsteren Hafenviertel und atmete erleichtert auf, als er es hinter sich gelassen hatte, ohne von den finsteren Gestalten, die dort im Schatten lauerten, überfallen worden zu sein. Er verfluchte sich, daß er zugestimmt hatte, Jorgensen am nächsten Tag wieder zu treffen. Er hatte genug von diesem Dänen.

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Einige Wochen später sandte Mrs. Collins William Sorell eine Einladung zum Dinner und setzte ihn davon in Kenntnis, daß auch Jorgensen eingeladen sei.

Seine Mutter hatte ihm erzählt, daß Mrs. Collins regelmäßig Abendgesellschaften für interessante, wohlsituierte Leute gab, aber offenbar spielten Rang und Stand bei diesen Kolonisten keine besondere Rolle, denn Jorgensen konnte kaum zur restlichen Gesellschaft passen. Ihn schauderte bei der Erinnerung an Jorge und den Pöbel, mit dem er Umgang pflegte, und an diese unglaubliche Geschichte über Colonel Collins. Das konnte einfach nicht wahr sein. Mrs. Collins, diese wundervolle Dame mit der Grazie eines Schwans, wäre sicher außer sich. Schockiert. Sollte Collins wirklich in aller Öffentlichkeit mit einer Strafgefangenen zusammenleben? Das war höchst unwahrscheinlich. Jorge hatte die ganze Geschichte vielleicht nur erfunden, um ihn zu ärgern oder seinen eigenen ausschweifenden Lebenswandel zu rechtfertigen. Und das in seinem Alter! Aber man hörte schließlich immer wieder, viele Ausländer hätten einen überentwickelten Geschlechtstrieb.

Er kam rechtzeitig zum Haus am Portman Place, um den anderen Gästen vor dem Essen vorgestellt zu werden. Die Atmosphäre war entspannt und ausgesprochen angenehm. Als Ehrengäste waren Konteradmiral Arthur Phillip und seine Gattin geladen.

»Da Sie doch so brennend an Davids Bericht über die Kolonie interessiert waren, dachte ich, sie würden diesen Gentleman sicher gern kennenlernen,« sagte Mrs. Collins. »Darf ich vorstellen, Admiral Arthur Phillip, erster Gouverneur von Neusüdwales.«

William war beeindruckt, einem so berühmten Mann zu begegnen. Anfangs war er ein wenig befangen und wußte nicht viel zu sagen, doch Phillip erwies sich als ein sympathischer alter Kauz, dem der Schalk aus den Augen schaute.

»Tun Sie unserer Gastgeberin einen Gefallen und trinken Sie Champagner«, sagte er. »Sie behauptet, das sei das einzige Getränk, das einem vor dem Essen nicht den Appetit verdirbt. Ich bin nicht sicher, ob es stimmt, aber es spricht auf jeden Fall einiges dafür.«

William mochte ihn auf Anhieb und hoffte, er werde später noch Gelegenheit haben, ihn eingehender über die Kolonien zu befragen. Als er Major und Mrs. Trent und ihren beiden Töchtern vorgestellt wurde, war ihm klar, warum er und Jorge eingeladen worden waren. Er verneigte sich vor den beiden jungen Damen. Die eine sah nicht einmal übel aus, doch die andere war vollkommen reizlos. Er hoffte inständig, sie sei Jorges Tischdame.

Die Ehrenwerte Felicity Howth war unter den Gästen, zusammen mit ihrem Bruder Charles. William war Charles nie zuvor begegnet, wußte jedoch, daß er Anteilseigner einer Schiffahrtsgesellschaft war. Sein Partner war ebenfalls anwesend, ein gutaussehender Mann namens Sir Basil Mulgrave.

Nicht lange und Mulgrave war in eine angeregte Unterhaltung mit dem Admiral vertieft, während Lady Mulgrave von den Howths flankiert wurde und mit unverkennbarer Leidensmiene Felicitys Lobliedern auf irgendein Rennpferd lauschte. William beschloß hartherzig, die Ärmste nicht zu erretten, und wandte sich statt dessen den Trents zu.

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Die Atmosphäre des Abends, der so gelöst begonnen hatte, wurde zunehmend angespannt. Es war längst Zeit zum Essen, doch der letzte Gast, Jorgensen, war immer noch nicht erschienen. Es wurde weiterhin Champagner angeboten, und Charles Howth war bereits leicht angetrunken, redete zu laut und versuchte, die Gesellschaft mit Jagdanekdoten bei Laune zu halten. William bemerkte, daß Sir Basil seinem Partner finstere Blicke zuwarf, doch er zweifelte, daß Charles sie zur Kenntnis nahm.

»Wir werden ohne Jorge essen müssen«, sagte Maria zu William. Sie wirkte beunruhigt. »Das ist wirklich abscheulich von ihm. Und dabei hat er gesagt, er käme mit dem größten Vergnügen.«

Das leere Gedeck wurde abgeräumt, das Dinner begann. Ein ausgesprochen stilvolles Essen, erzählte William seinen Eltern später zufrieden, doch Jorgensen erschien den ganzen Abend nicht und sandte auch keinerlei Entschuldigung.

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Einige Tage darauf brachte William Mrs. Collins Blumen, um ihr für den anregenden Abend zu danken; doch sie war besorgt, weil sie immer noch nichts von Jorge gehört hatte. »Er kam eigentlich regelmäßig her, David hatte ihm erlaubt, die Bibliothek zu benutzen. Er ist ja so ein Bücherwurm, wissen Sie, stundenlang saß er dort drin und las, so auch an dem Tag, als Sie uns zum ersten Mal besuchten. Aber jetzt habe ich seit Tagen nichts von ihm gehört. Seine Sachen sind noch hier, William. Ich fürchte, ihm könnte etwas zugestoßen sein. Wissen Sie, wo er wohnt?«

»Ja«, sagte William, wenig gewillt, weiter darauf einzugehen.

»Dann seien Sie doch so gut und gehen Sie hin, erkundigen Sie sich nach ihm. Er ist doch noch ein Junge, ich fühle mich verantwortlich für ihn.«

Da ihm nichts anderes übrigblieb, ging William umgehend zum Hafen hinunter. Bei Tageslicht sah die Gegend nicht mehr ganz so gefährlich aus. Er fand auch das Gasthaus wieder, doch der Wirt hatte Jorgensen ebenfalls seit längerem nicht mehr gesehen.

»Schuldet er Ihnen Geld?« fragte William, der befürchtete, der Däne habe sich einfach davongemacht und die Zeche geprellt.

»Ein paar Schilling«, sagte der Wirt. »Aber er wird mich schon bezahlen. Ich bin ein guter Menschenkenner und ich weiß, daß Jorgensen irgendwann hier reinspaziert und mein Geld bringt, sei’s in drei Tagen oder in drei Jahren.«

»Aber seine Freunde sind beunruhigt, weil er verschwunden ist«, erklärte William. »Was ich damit sagen will, Sir: Könnte er nicht irgendeinem Verbrechen zum Opfer gefallen sein?«

Der Wirt lachte. »Der Däne? Niemals! Das ist ein wirklich zäher Bursche, wer dem an den Geldbeutel will, dem schlägt er den Schädel ein. Und jetzt gehen Sie nach Hause, Söhnchen. Sie haben hier nichts verloren.«

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Die Überfahrt auf dem eleganten Segelschiff Oceanic war ein großes Erlebnis für Regal und Edwina. Sie hatten eigens bis zum Sommer gewartet, um unfreundliches Wetter zu vermeiden, und sie wurden für ihre Geduld belohnt. Die Winde waren ihnen wohlgesinnt, so daß sie gut vorankamen, und trotz der beengten Verhältnisse genossen die beiden Damen dieses große Abenteuer.

Als das Schiff schließlich an einem grauen Morgen in London festmachte und die riesige Stadt sich vor ihnen erstreckte, verebbte jedoch ein Großteil ihres Selbstvertrauens. Sie waren nicht sicher, was als nächstes zu tun war. Sie konnten nicht erwarten, daß Maria sie hier im Hafen abholte, und sie wußten nicht, welche Transportmittel verfügbar und angemessen waren. So kam es, daß sie sich immer noch in ihrer Kabine befanden und Gepäckstücke zählten, um ihren Aufbruch so lange wie möglich hinauszuzögern, als der Kapitän sie aufsuchte. Er brachte gute Nachrichten: Zwei Herren der Schifffahrtsgesellschaft erwarteten sie an Deck, um sie an Land zu begleiten und ihnen auch weiter behilflich zu sein.

»Sie bringen außerdem Grüße von einer Mrs. Collins«, fügte er hinzu. »Sie läßt ausrichten, sie hoffe, daß Sie eine angenehme Reise hatten.«

»Oh, die hatten wir wirklich«, erwiderte Edwina erleichtert. »Und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, daß Sie uns heil über das Meer gebracht haben.«

Bald saßen sie in einer großen Kutsche, ihr Gepäck festgezurrt, und die beiden freundlichen, hilfsbereiten Herren verabschiedeten sich. Und dann brachen sie zu ihrer ersten aufregenden Fahrt durch die Straßen von London auf.

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Das Haus der Collins’ lag am Ende einer baumgesäumten Straße. Es war ein zweigeschossiges Bauwerk aus stuckverziertem weißem Mauerwerk mit symmetrisch angeordneten Fenstern. Regal, die verspieltere Häuser mit Veranda an Vorder- und Rückseite gewohnt war, fand es schön aber streng, die geraden Linien und Rechtecke nur unterbrochen von den Säulen links und rechts der Haustür.

Doch da eilte Mrs. Collins auch schon auf sie zu, und Edwina quietschte vor Freude. Ihre Gastgeberin hatte ein hübsches Gesicht, selbst wenn ihre Formen vielleicht eine Spur zu rundlich waren. Sie trug ein weites, gestreiftes Kleid mit einem schlichten weißen Kragen, dazu eine mit Spitze abgesetzte Seidenhaube. Regal mochte sie vom ersten Augenblick an.

Als die Ankömmlinge ausstiegen, was bei ihrer Aufregung, den weiten Röcken, langen Umhängen und großen, modischen Hüten gar nicht so einfach war, gab es ein Durcheinander von Umarmungen, Küssen und Tränen, denn sowohl Edwina als auch Mrs. Collins lachten und weinten gleichzeitig.

»Du siehst ja so gut aus!« rief Edwina, und Mrs. Collins erwiderte: »Du auch, meine Liebe.« Dann wandte sie sich an ihren zweiten Gast. »Regal! Meine Güte, was für eine elegante Dame Sie geworden sind! Sie ist wunderschön, nicht wahr, Edwina? Einfach wunderschön. Kommt herein. Kommt. Es ist so herrlich, euch endlich hier zu haben.«

Es verging noch ein Weilchen mit Fragen und aufgeregten Ausrufen, während die Diener ihr Gepäck abluden, doch schließlich betraten sie das Haus, durchquerten eine Halle, wo ein Hausmädchen ihnen Mäntel und Handschuhe abnahm, und wurden in den Salon geführt für eine kurze Ruhepause.

Im Gegensatz zur Fassade wirkte das Innere des Hauses sehr warm. Große, kostbare Teppiche bedeckten die blanken Parkettböden, und Rosenduft vermischte sich mit dem vertrauten Geruch von Politur. Die Wirkung der Mahagonimöbel war durch Polster aus mattem Gold aufgelockert, die zu den schweren Vorhängen paßten. Das Ganze wirkte ausgesprochen freundlich, beruhigend und einladend.

»Dieses Haus ist wundervoll, nicht wahr?« flüsterte Regal Edwina zu.

»Natürlich ist es das. Maria hatte immer schon einen erlesenen Geschmack. Und nun achte auf deine Manieren, so lange du hier bist, mein Kind.«

Sie waren also endlich angekommen. Regal kam es beinah wie ein Wunder vor. Sie waren wahrhaftig in London!

Die ersten Tage fand sie ziemlich verwirrend, alles wirbelte nur so an ihr vorbei. Doch nach und nach gewöhnte sie sich an ihre neue Umgebung. Ihr Schlafzimmer mochte sie ganz besonders gern. Das breite Himmelbett hatte Vorhänge und einen Baldachin aus weißem Musselin, am Rand mit kleinen Rosenknospen bestickt. Sie hatte einen weißen, roségemusterten Teppich, eine Frisierkommode mit einem Spiegel darüber, einen zweiten, langen Spiegel am Kleiderschrank, einen Sessel am Kamin und sogar einen kleinen Sekretär. Und das Beste daran war, sie brauchte das Zimmer nicht mit Edwina zu teilen, wie sie befürchtet hatte. Es war ganz allein ihr Reich.

Aus Wochen wurden Monate, und bald kam es ihr so vor, als habe sie schon immer hierher nach London gehört.

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Regal stand vor dem Spiegel und starrte fassungslos hinein. Sie konnte kaum begreifen, welche Verwandlung sich an ihr vollzogen hatte. In diesem Kleid sah sie aus wie eine Prinzessin. Es war phantastisch. Leuchtend türkisblauer Satin, reichlich bestickt mit schwarzen und silbernen Perlen und so tief ausgeschnitten, daß es schon fast unanständig war. Sie zog die Brauen hoch und versuchte, erhaben zu wirken, dann schnitt sie eine Grimasse. Es hatte den ganzen Tag gedauert, sich für diesen Anlaß fertigzumachen, und nach einer Weile hatte sie es lästig und ermüdend gefunden. Die Schneiderin hatte darauf bestanden, den Saum des Kleides noch etwas zu kürzen, und danach mußte auch der Umhang geändert werden. Die Zofe hatte Stunden gebraucht, ihre Haare zu waschen und zu bürsten und dann Strähne für Strähne aufzustecken. Sie hatte eine Tinktur darübergegeben, damit alles an Ort und Stelle blieb. Aber das Endergebnis war erstaunlich. Mit den hochgesteckten Haaren und Edwinas Türkisohrringen dazu wirkte sie tatsächlich elegant. Fein genug, um mit Maria und Edwina auszugehen und für eine Dame der Gesellschaft gehalten zu werden.

Sie wünschte, sie könnte jetzt, in diesem Augenblick, ein Portrait von sich malen lassen, um es nach Boston zu schicken. Würden sie nicht alle staunen? Das Hayes-Mädchen nicht nur in London, sondern auf dem Weg in die Oper, wo sie die Crème der Londoner Gesellschaft treffen würde. Ja, da würden ein paar Leute sicher grün vor Neid werden, ganz besonders die Nachbarn im fernen Boston. Dann fiel ihr Jessie ein. Jessie hätte es genossen, Regal so zu sehen. Sie war vielleicht zwölf gewesen, als sie Jessie mit der Frage überraschte: »Bin ich häßlich?«

Die arme Jessie mit ihrem zerfurchten Gesicht und ihrem knochigen Körper war dafür kaum die richtige Adresse, doch Regal hätte nie gewagt, eine solche Frage ihrer Großmutter zu stellen.

»Wie kommst du denn auf so etwas, Regal?«

»Weil ich zu groß bin. Die meisten Jungen sind kleiner als ich. Und mein Mund ist zu breit, und mein Haar hat gar keine richtige Farbe.«

»Aber du hast so schönes Haar. Hell und natürlich gelockt.«

»Wenn ich groß bin, werde ich Hüte mit geheimnisvollen Schleiern tragen, die mein Gesicht verhüllen, damit ich interessanter wirke.«

»Oh, jetzt verschwinde aber, Regal.«

Heute hätte sie ihr blondes Haar um nichts in der Welt verstecken mögen. Sie besaß viele Hüte mit Schleiern, aber kecke, kleine Schleier, die ihr gerade bis über die Augen reichten und so fein waren, daß man sie kaum anzurühren wagte.

Daheim wäre dieses Kleid ideal für einen Ball gewesen. Wenn man sie zu Bällen eingeladen hätte. Regals Gesicht verfinsterte sich, und sie spürte den altbekannten Zorn in sich aufsteigen, doch ein Blick in den Spiegel erinnerte sie daran, daß diese Tage vorbei waren. London war eine wundervolle Stadt, und sie wohnte sehr gern hier bei Maria Collins.

Das Haus am Portman Place war nicht prahlerisch, aber stilvoll. Und auch wenn Marias Mann verschwunden war, davongesegelt über den Horizont, um irgendwo neue Welten zu erschließen, nur um dann Sträflinge dorthin zu schaffen, so führte Maria doch ein abwechslungsreiches Leben und erfreute sich eines großen Freundeskreises, der hauptsächlich aus Leuten von der Armee oder Marine bestand. Regal war verblüfft, was für ein lebenslustiges Volk diese älteren Leute waren; ständig planten sie Gesellschaften, Dinners oder andere Unterhaltungen. Das schien ihre Hauptbeschäftigung zu sein. Maria war glücklich, sie beide bei sich zu haben, und sie und Edwina genossen es, Regal zu verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen mitzunehmen, denn auch Edwina hielt nichts davon, zu Hause herumzusitzen. Sie war wild entschlossen, sich einen Engländer zwecks Heirat zu angeln.

Seit sechs Monaten waren sie nun schon in London, doch es schienen nicht viel mehr als ein paar Wochen zu sein, so viel hatten sie zu tun, so viele historische Stätten zu besichtigen. Es war eine riesige Stadt, und das gefiel Regal ganz besonders. Sie genoß das Gefühl, sich einfach von der Menge treiben zu lassen, anonym zu sein, wenn es ihr gelegentlich gelang, zu entwischen und auf eigene Faust loszugehen. Verglichen mit dieser lärmenden Metropole war Boston ein Dorf, ein Ort wo nichts, was man tat, je unbemerkt oder ungetadelt blieb. Das hatte sie immer gestört. Vielleicht lag es an ihrer »Herkunft«, wie Großvater es immer ausgedrückt hatte. Die Menschen starrten sie an. Vielleicht war es ihr aber auch nur so vorgekommen. Wie dem auch sei, nun war sie aus dieser Glasglocke ausgebrochen und würde niemals zurückkehren. Sollten sie doch alle zur Hölle fahren …

Maria Collins hatte ihr gesagt, die Londoner Damen nähmen zu ihren Spaziergängen Lakaien mit, die ihnen in respektvollem Abstand folgten, um sie zu beschützen. Aber davon wollte Regal nichts wissen, es hatte zuviel Ähnlichkeit mit den prüfenden Blicken, die sie in Boston verfolgt hatten. Jetzt war sie frei und entschlossen, ihr eigener Herr zu sein.

Bei Martins am Berkley Square gab es das köstlichste Eis, und Regal genoß es, in ihrer Kutsche unter den hohen, schattenspendenden Bäumen zu sitzen, Eis in den verschiedensten Geschmackssorten zu bestellen und dabei die feinen Leute vorbeiflanieren zu sehen. Die Kellner brachten die Eisbecher direkt zu den Kutschen, und sie fühlte sich sehr weltgewandt, wenn sie da so allein saß und den Damen zuhörte, die mit ihren Kavalieren lachten und plauderten. Als Edwina von Martins hörte, wollte sie unbedingt mitkommen, und auch wenn Edwina für ihr Alter eine ganz unterhaltsame Gesellschafterin war, so war es doch nicht mehr dasselbe. Hin und wieder war Regal gern allein. Ganz für sich. Edwina hatte gesagt, sie sei verschlossen, und vielleicht stimmte das auch, doch Edwina versuchte ja auch ständig, sie darüber auszufragen, was in Leonard Rosonoms Briefen an sie stand. Dabei waren es lediglich Geschäftsbriefe. Leonard verwaltete ihr Vermögen daheim sehr umsichtig. Er hatte einige Gesellschaften in ihrem Namen gegründet, was sie ausgesprochen spannend fand. Es sei notwendig, hatte er erklärt, um ihre Investitionen zu streuen. Es gab eigentlich keinen Grund, warum Edwina diese Briefe nicht lesen sollte, bis auf die Genugtuung, die es Regal bereitete, all diese Dinge für sich zu behalten. Leonard plante vorausschauend, beschrieb die Einzelheiten verschiedener Objekte und Investitionen und ließ ihr die Wahl. Auch schlug er vor, sie solle in Kohle und Schiffahrtsgesellschaften investieren. Regal verneigte sich tief vor ihrem Spiegelbild. Ihre private Welt der Hochfinanz fand sie ungeheuer aufregend, viel zu schade, um dieses Geheimnis mit irgend jemandem außer Leonard zu teilen.

Im Korridor betrachtete sie das Portrait von David Collins. Es ist eigenartig, dachte sie, daß Marias Mann da unten am anderen Ende der Welt lebt. Ich würde ihn umbringen dafür. Oder darauf bestehen, daß er mich mitnimmt. Aber Maria schien es überhaupt nichts auszumachen, und sie war ungeheuer stolz auf ihn.

»Regal, beeil dich!« rief Edwina. »Wir warten.«

Sie sprach davon, sich ein eigenes Haus in London zu nehmen, weil der große Colonel Collins bald zurückerwartet wurde und ihre Anwesenheit dann als störend empfunden werden könnte. Es war zu schade. Regal fühlte sich sehr wohl am Portman Place.

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Sie frühstückten spät. Regal litt an hämmernden Kopfschmerzen — die Folge von zuviel Wein beim gestrigen Dinner — doch sie gab vor, sich gut zu fühlen. Letzte Nacht hatte er kaum Wirkung gezeigt, jetzt dafür um so deutlicher — genau wie Edwina ihr prophezeit hatte.

»Das ist ein hübsches Kleid, Liebes, die Farbe steht dir gut«, sagte Maria.

»Das finde ich nicht«, widersprach Edwina. »Ich finde, es ist eine nichtssagende Farbe. Gelbtöne sind nichts für blonde Frauen, sie passen viel besser zu kastanienbraunem Haar wie meinem.«

Regal lächelte vor sich hin. Edwina hätte wohl auch noch einem Erzengel widersprochen. Für ehemalige Schwägerinnen waren Maria und Edwina gute Freundinnen. Maria akzeptierte Edwinas Gründe, aus denen sie sich von Jack getrennt hatte, aber sie hörte es nicht gerne, wenn man ihren Bruder kritisierte, und so war es für den Frieden im Hause besser, dieses Thema zu meiden. Edwina wurde wütend, wenn sie nur an Jack dachte, und Regal war unfreiwillig zur Klagemauer geworden, mußte sich die endlose Liste seiner Fehler und Sünden anhören. Sie fragte sich, warum Edwina so versessen auf einen neuen Mann war, wo sie doch gerade einer so unglücklichen Ehe entronnen war.

Regal hörte zu, während sie über Edwinas Entschluß sprachen, ein Haus zu mieten, und darüber, wo sich wohl etwas Geeignetes finden ließe. Ihr ging auf, daß sie Maria vermissen würde. Im Grunde verspürte Regal keine große Lust, allein mit Edwina zu leben, die manchmal gehässig und selbstsüchtig sein konnte. Oft bezichtigte sie Regal allerdings genau derselben Fehler. Vielleicht konnte Regal sie überreden, ihre Pläne aufzuschieben.

»Edwina, warum gehen wir nicht ein wenig auf Reisen, bevor du dich für ein Haus entscheidest? Es gibt so viel zu sehen hier drüben.«

»Aber überall tobt doch dieser Krieg gegen Napoleon«, wandte Edwina ein.

»Es gibt so viele Länder in Europa, sie können doch nicht alle Krieg führen?«

»Sie sind alle irgendwie darin verwickelt, und außerdem gibt es im Moment keinen Passagierverkehr über den Kanal. Die Franzosen würden die Schiffe versenken.«

»Warum fahren wir dann nicht nach Irland? Es heißt, es sei so ein wunderschönes Land.«

»Aber Liebes, Irland ist noch schlimmer. Die Iren führen auch Krieg gegen die Engländer.«

»Aber wir sind Amerikaner, sie würden uns nichts tun.«

»Jetzt hör endlich auf, Regal. Dieses Kind gibt nie Ruhe, Maria, sie würde die ganze Welt auf den Kopf stellen, um sie nach ihrem Willen gestalten zu können.«

»Es wird wunderbar sein, euch beide in der Nähe zu haben«, sagte Maria. »Ich habe die Engländer als sehr aufgeschlossene und geistreiche Menschen schätzengelernt, aber es ist doch herrlich, euch hier zu haben, meine eigenen Landsleute.«

Regal häufte Brombeermarmelade und Schlagsahne auf einen kleinen Pfannkuchen, und Edwina runzelte die Stirn. »Stopf dich nicht so voll, Regal. Bei heißen Pfannkuchen kennst du überhaupt keine Zurückhaltung.«

Das Mädchen kam mit der Morgenpost herein. Es war ein Brief für Regal aus Boston dabei, von Leonard Rosonom natürlich. Niemand sonst schrieb ihr von dort. Sie legte ihn unter ihren Tellerrand, um ihn später in Ruhe zu lesen, und gab vor, Edwinas ärgerlichen Blick nicht zu bemerken.

Maria sprang plötzlich auf und verstreute den Rest der Post auf dem Boden. »Meine Lieben, endlich!« rief sie selig. »Ein Brief von David.« Sie öffnete ihn vorsichtig und begann zu lesen. »Du meine Güte! Der junge Jorge ist bei David aufgetaucht, am anderen Ende der Welt! Er ist ein Filou, ich erzähle euch später von ihm.«

Sie trat mit dem Brief ans Fenster, um besseres Licht zu haben, blätterte die Seiten behutsam um, und Regal dachte schon, sie werde niemals fertig mit der Lektüre. Edwina schenkte ihr Kaffee nach und wartete, daß Maria zum Tisch zurückkehrte, aber statt dessen ließ sie sich in einen nahen Sessel fallen, wandte ihnen den Rücken zu und las den Brief noch einmal.

»Was gibt es für Neuigkeiten?« fragte Edwina. »Ich kann es kaum erwarten, sie zu hören. Wann kommt er nach Hause?«

Maria ließ die Blätter in ihren Schoß fallen, als sei plötzlich alle Kraft aus ihren Fingern gewichen. »Er kommt nicht nach Hause.«

Seltsamerweise war es Edwina, nicht Maria, die darüber in Tränen ausbrach. »Das kann nicht wahr sein! Laß sehen.« Sie setzte ihre Brille auf und nahm sie wieder ab, tastete nach ihrem Taschentuch, wobei sich ihr Fuß im Teppich verfing und sie durchs Zimmer stolperte. »Nach all der Zeit kann er doch nicht einfach seine Meinung ändern! Nicht jetzt!«

Regal ging auf, daß Edwina sich beinah ebensosehr auf seine Heimkehr gefreut hatte wie Maria. Weil sie Freunde waren, seit sie während der Revolution zusammen in Halifax gewesen waren. Auch ihre Mutter Polly war dabeigewesen.

Sie tat, als bemerke sie nicht, daß die beiden Frauen es mieden, Polly zu erwähnen. Lediglich bei der Begrüßung hatte Maria gesagt: »Ich freue mich so sehr, dich kennenzulernen, Regal. Deine Mutter und ich waren sehr gute Freundinnen.«

Regal hatte ihre eigenen Gründe, das Thema nicht zu forcieren. Nicht etwa, weil sie sie nicht in Verlegenheit bringen wollte, das kümmerte sie nicht. Sie wartete einfach auf das Auftauchen dieses Namens. Des Namens auf ihrer Geburtsurkunde. Sie mußte wachsam bleiben und den richtigen Moment abwarten, wenn sie nicht auf der Hut waren.

Sie bedauerte, daß Colonel Collins nicht heimkommen würde. Sie war richtig enttäuscht deswegen, denn sie hatte gehofft, Collins nach ihrer Mutter fragen zu können. Es war immerhin möglich, daß er diesem Thema nicht so peinlich berührt auswich, wie die Frauen es taten. Und vielleicht wußte er sogar irgend etwas über diesen Mulgrave. Wenn er noch lebte, dann würde sie Mulgrave eines Tages ausfindig machen. Und dann … Nun, es war schwer zu sagen, was genau dann passieren würde. Sie malte sich oft aus, was sie tun würde. Aber was es auch immer sein mochte, er würde leiden. Dafür wollte sie sorgen. Sie würde weder Kosten noch Mühen scheuen. Aber im Moment schien es besser, nichts zu sagen. Sie wollte nicht, daß alle Welt versuchte, sie von ihren Plänen abzubringen. »Warum kommt der Colonel nicht nach Hause?« fragte sie.

Maria schien plötzlich gealtert. Sie wirkte angespannt und gleichzeitig hoffnungslos. »Er war nicht damit zufrieden, einfach nur als einer von vielen an der Gründung der Stadt Sydney mitzuwirken. Er hat immer davon geträumt, seine eigene Niederlassung zu gründen, alles nach seinen Vorstellungen zu machen. Und als der Gouverneur ihm den Auftrag erteilte, genau das zu tun, war er im siebten Himmel. Er rüstete eine Expedition aus in der Absicht, in der Bucht von Port Phillip eine Kolonie anzusiedeln, weit südlich von Sydney. Sie sind jetzt seit einem Jahr dort, und darum hatte ich erwartet, daß er Urlaub nimmt und heimkommt. Doch jetzt schreibt er, daß die Siedlungsgründung in Port Phillip ein Fehlschlag gewesen sei. Er mußte sie aufgeben und seine Leute an einen neuen Ort bringen, Hobart auf Van Diemens Land. Das heißt, all die Zeit und Mühe war vergebens, und jetzt fängt er wieder von vorn an. Noch einmal ganz von vorn.«

»Und wer weiß, welchen Gefahren sie auf Van Diemens Land begegnen werden«, schluchzte Edwina. »Dort wimmelt es doch nur so vor feindseligen Wilden im Dschungel!«

»So weit im Süden gibt es keinen Dschungel«, erklärte Regal. »Außerdem sind sie doch bestimmt gut bewaffnet. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, Maria. Möglicherweise bringt er sie nur hin, siedelt sie an und kommt dann nach Hause, um sich auszuruhen.«

»Du kennst ihn nicht. Er wird seine Stadt aufbauen und sich persönlich vergewissern wollen, daß alles reibungslos läuft. Er wird niemals fertig werden.« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Wenn ich heute zurückblicke, wird mir klar, daß David von Anfang an von der Neuen Welt fasziniert war. Ich dachte, es sei nur eine vorübergehende Phase. Aber er machte da weiter, wo die anderen aufgehört haben.«

»Welche anderen?« fragte Regal.

»Amerikanische Loyalisten. Sie hatten als erste die Idee, eine Kolonie in Neusüdwales zu gründen. James Matra aus New York und ein paar seiner Anhänger unterbreiteten der britischen Regierung einen detaillierten Plan mit der Bitte, ihre Expedition zu genehmigen.«

»Aber ihr Plan wurde abgelehnt?«

»Nein. Nur verschleppt. Dann beschlossen die Briten, die Gründung dieser Kolonie selbst in die Hand zu nehmen. Doch anstelle einer Ansiedlung freier Menschen, wie die Loyalisten sie sich vorgestellt hatten, wollten die Briten aus Neusüdwales eine Sträflingskolonie machen, da die Amerikaner ja keine Sträflingsschiffe mehr an ihren Küsten landen ließen. Und selbst unter diesen Umständen mußte David dabeisein. Er mußte einfach. Er wollte bei der allerersten Landung dort sein, als könne er die Geschichte der Mayflower wiederholen.«

»Und? War er dabei?« fragte Regal fasziniert.

Edwina schniefte. »Natürlich! Und seither ist er geradezu besessen von dem Land.«

»Besessen würde ich nicht sagen«, sagte Maria vorwurfsvoll. »Aber er hat seine Lebensaufgabe dort drüben gefunden, fürchte ich.« Sie ging zur Tür. »Wenn ihr mich entschuldigt, ich werde nach oben gehen und mich hinlegen. Bitte gib mir den Brief, Edwina.«

»Selbstverständlich!« Edwina streckte ihn ihr entgegen. »Und nun mach dir keine Sorgen. Er wird heimkommen sobald er kann, du wirst sehen.«

Nachdem Maria hinausgegangen war, schien Edwina sich besser zu fühlen. »Männer!« sagte sie. »Wie kann er nur so grausam sein und einfach davonziehen in die Wildnis wie ein Hillbilly.« Sie trat vor den Spiegel und puderte ihr Gesicht. »Manchmal denke ich, David muß verrückt geworden sein. Wie auch immer, es ist jetzt unsere Pflicht, Maria aufzuheitern. Ich werde sofort damit anfangen, ein paar Einladungen in die Wege zu leiten. Wußtest du, daß Maria bei Hofe eingeführt wurde, als David das letzte Mal daheim war?«

»Ja, sie hat mir das Kleid gezeigt. Ein Traum!«

Edwina sah stirnrunzelnd in den Spiegel. »Sie hat viele einflußreiche Freunde hier. Ach, es wäre zu herrlich, bei Hofe empfangen zu werden, aber Dank meines ehemaligen Gatten wird das niemals passieren. Es ist so ungerecht! Ich werde nicht empfangen, weil meine Ehe annulliert wurde. Immer ist es die Frau, die den Preis zahlen muß.«

Regal entsann sich, daß Jessie genau dasselbe gesagt hatte, und lachte. Ältere Frauen regten sich doch wirklich über die belanglosesten Dinge auf und schufen sich die meisten ihrer Probleme selbst. Wenn Maria David wirklich so sehr vermißte, warum packte sie nicht einfach ihre Sachen und reiste ihm nach Hobart nach? Und was spielte es schon für eine Rolle, wenn Edwina bei Hofe nicht genehm war?

»Ja, lach du nur«, schmollte Edwina. »Aber es ist wahr. Auch in deinem Fall. Dich würden sie auch nicht empfangen, wegen deiner …« Sie unterbrach sich und zupfte plötzlich mit unnötiger Konzentration die Löckchen in ihrer Stirn zurecht.

»Meiner was?«

»Ach nichts, mach dir keine Gedanken. Dein Großvater hat keinen Ball gegeben, um dich in die Gesellschaft einzuführen, also werde ich einen für dich arrangieren, hier in Macks wunderbarem Ballsaal. Ein Dinner, anschließend ein Ball. Maria wird deine offizielle Gastgeberin sein und die Gästeliste aufstellen, wir haben schon darüber gesprochen. Wir wollten nur warten, bis David heimkommt, aber jetzt muß es eben ohne ihn gehen.«

»Du meintest wegen meiner Herkunft? Weil ich unehelich bin?«

»Pst. Sprich nicht davon, es besteht kein Grund, die Vergangenheit heraufzubeschwören.«

»Aber das hast du doch gerade getan, Edwina. Also bin auch ich für die Engländer nicht gut genug?«

»Aber natürlich bist du das. Nur die königliche Familie … sie sind eben sehr förmlich und steif.«

»Da habe ich aber ganz andere Dinge gehört. Der Prince of Wales ist doch ein wandelnder Skandal.«

»Das ist wahr.« Edwina grinste. »Er ist ja so faszinierend. Ich würde in zu gern kennenlernen. Doch was die gewöhnlichen Sterblichen betrifft, bist du eine begehrte junge Dame, also will ich von diesem Unsinn nichts mehr hören. Du solltest das alles vergessen.«

Regal zuckte die Schultern. »Es hat keinerlei Bedeutung für mich.« Doch innerlich spürte sie wieder den schwelender Zorn, die nagende Frustration, weil ihr unsichtbarer Feind außerhalb ihrer Reichweite war und ihr gefahrlos zusetzen konnte, ohne daß sie eine Chance bekäme, sich zur Wehr zu setzen.

»Ich hoffe, ich habe dich nicht gekränkt«, sagte Edwina. »Das wollte ich ganz sicher nicht.«

»Schon gut. Es ist nur, ich fühle mich so rastlos. Als würde ich auf irgend etwas warten. Mein ganzes Leben scheine ich auf etwas gewartet zu haben, aber ich weiß nicht, worauf.«

»Auf den Tag deiner Eheschließung natürlich«, erwiderte Edwina strahlend. »Das ist der Tag, an dem dein Leben wirklich beginnt. Wir müssen uns nach einem guten Mann für dich umsehen, und dann wird alles ganz wunderbar sein.«

Regal verzichtete darauf, Edwina daran zu erinnern, daß die Ehe sich für zwei Frauen in diesem Haushalt mitnichten als so wunderbar erwiesen hatte.

4.

Regal übte das Laufen in ihren neuen Schuhen. Sie waren sehr elegant, aber sie hatten eigenartig schmale, hohe Absätze, und Regal stakste noch unsicher darauf umher. Doch sie entsprachen der neuesten Mode, also war Regal entschlossen, sie heute auf dem Picknick beim Pferderennen in Newmarket zu tragen.

Seit dem Ball, mit dem sie offiziell in die Gesellschaft eingeführt worden war, wurde sie mit persönlich zugestellten Einladungen überschüttet, und ein nie versiegender Strom junger Herren belagerte ihre Tür.

Der Ball war ein wundervolles Fest gewesen, und sie hatte es genossen, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Es kam ihr vor, als habe sie einen Krieg gewonnen. Sie war am Ziel! Ihr Name hatte gar in den Gesellschaftsspalten der Zeitung Erwähnung gefunden. Edwina hatte wenigstens ein Dutzend Exemplare gekauft und heim nach Boston geschickt. Regal war froh darüber. So konnte sie selbst sich die Mühe sparen, und außerdem war es wirkungsvoller, wenn es von Edwina kam.

Sie saß auf der Bettkante. Die merkwürdigen Absätze waren wie Garnrollen geformt, in der Mitte verjüngt. Durch den steilen Neigungswinkel rutschte ihr Fuß im Schuh nach vorne, und ihre Zehen scheuerten sich am Leder. Vielleicht sollte sie sie lieber nicht anziehen. Aber das Olivgrün war exakt die Farbe ihres neuen Ensembles. Sie mußte über sich selbst lachen, erstaunt darüber, daß Nebensächlichkeiten wie die passende Farbe von Kleid und Schuhen eine so große Rolle in ihrem Alltag eingenommen hatten. Sie hörte Edwina rufen, aber sie antwortete nicht. Edwina konnte einen niemals in Ruhe lassen.

»Was machst du denn? Hast du mich nicht rufen gehört?« Edwina rauschte herein, kichernd Maria hinter sich her ziehend. »Ich muß dir etwas sagen, Regal. Himmel, ich bin ja so aufgeregt. Sag du es ihr, Maria.«

»Nein, es ist deine Neuigkeit. Na los.«

»Also gut. Regal … ich werde heiraten.«

»Du meine Güte! Wen denn?«

Edwina zog einen Schmollmund. »Wen? Ja, was glaubst du denn? Cameron Spencer, natürlich. Er ist doch seit wenigstens einem Monat nicht von meiner Seite gewichen, Liebes. Was bist du doch für ein Dummchen.«

»Natürlich. Cameron. Wie nett.« Sie legte die Arme um Edwina und küßte sie. »Herzlichen Glückwunsch. Das ist eine wunderbare Neuigkeit.«

»Findest du wirklich?«

»Sicher. Er ist ein sehr netter Mann.« Und so aufgeblasen, fügte sie im stillen hinzu. Man mußte sehr vorsichtig sein im Umgang mit Cameron. Er war furchtbar empfindlich, stolz darauf, geschäftlich so erfolgreich zu sein, dabei aber in ständiger Sorge, daß man sich hinter seinem Rücken über ihn mokieren könnte.

»Er ist eine gute Partie, nicht wahr«, sagte sie, um Edwina eine Freude zu machen, und tatsächlich leuchteten ihre Augen auf.

Und warum auch nicht, dachte Regal. Sie wird glücklich mit ihm werden. Cameron war ein reicher Mann. Er besaß profitable Spinnereien in Manchester und mehrere Geschäfte in London. Cameron verstand sich wirklich darauf, Geld zu machen. Und das war auch gut so, denn ebensogut verstand Edwina sich aufs Geldausgeben. Für sie war der tägliche Einkaufsbummel ein großes Abenteuer, während Regal dies eher langweilig fand.

»Bitte halte dir den morgigen Tag frei, Regal«, sagte Maria. »Ich habe einen ganz reizenden jungen Mann zum Tee eingeladen und möchte, daß du ihn kennenlernst.«

»Wer ist es?«

»Major William Sorell. Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen und freue mich sehr auf ihn. Er wird dir gefallen. Derzeit dient er unter General Sir John Moore und bildet eine Reiterbrigade aus.« Sie wandte sich an Edwina. »Zu schade, aber jetzt ist es zu spät. Ich wollte unbedingt, daß du General Moore kennenlernst. Er ist unverheiratet und so ein reizender Gentleman. Geistreich, weltgewandt. Er hätte dir sicher gefallen.«

»Nun, falls die Sache mit Cameron sich zerschlagen sollte, haben wir General Moore immer noch in der Hinterhand«, bemerkte Regal.

»Das war nicht sehr nett«, beschwerte Edwina sich. »Und du solltest dich lieber um deine eigene Zukunft kümmern. Du kannst nicht ewig immer nur von einem Ball zum nächsten flattern. Irgendwann mußt du deine Wahl treffen.«

»Aber nicht bei diesem Angebot. Ich habe nicht die Absicht, einen von diesen Offizieren zu heiraten. Ich will keinen Mann, der in den Krieg zieht und mich allein zu Hause sitzen läßt.«

Da war es heraus, ehe sie nachgedacht hatte. Sie sah schuldbewußt zu Maria, die heftig errötet war.

»Es tut mir leid, Maria«, stammelte sie. »Ich meinte …«

»Es war nur zu deutlich, was du meintest«, sagte Edwina. »Also führ es nicht weiter aus. Wer begleitet dich heute zum Rennen?«

»Charles Howth. Aber wir sind eine größere Gesellschaft und fahren mit mehreren Kutschen. Es wird sicher interessant, ich war noch nie beim Rennen.«

»Du wirst dich sicher gut amüsieren«, sagte Maria. »Aber bitte vergiß den Tee morgen nicht. Ich möchte trotz allem, daß du Major Sorell kennenlernst.«

»Ich werde hier sein«, versprach sie. Sie wollte ihre unbedachte Bemerkung wieder gutmachen.

Als sie allein war, versank sie aufs neue in der Betrachtung ihrer Schuhe. Sie hatte Maria nicht verletzen wollen. Aber es war ihr durchaus ernst mit dem, was sie gesagt hatte. Die jungen Offiziere, die sich um sie bemühten, waren sicher attraktive Männer, aber nicht für sie. Wenigstens hatte der Ehrenwerte Charles Howth nicht die Absicht, der Armee beizutreten. Er war ein harmloser, gutmütiger Kerl, doch seine sauertöpfische Schwester Felicity, die ihm nicht von der Seite wich, konnte Regal nicht ausstehen.

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Das Pferderennen in Newmarket beeindruckte Regal zutiefst.

Als sie ankamen, hatten die Diener auf dem Rasen bereits ein großes Zelt zum Schutz vor der Sonne errichtet. Die Tische im Innern waren mit feinstem Damast, poliertem Silber und verschwenderischen Blumenarrangements geschmückt. Es gab Austern, kalte Braten, Lachs, delikate Sandwiches und köstliche Kuchen sowie eine reichliche Auswahl an Weinen, die in funkelnden Kristallgläsern serviert wurden.

Auf den äußeren Wiesen drängten sich die Menschen wie auf einem Jahrmarkt, doch im Bereich der Zelte sah man nur feingekleidete Herrschaften in gehobener Stimmung und freudiger Erregung; es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, weil ein jeder seine Wetten abschließen und die Rennen beobachten wollte.

Regal amüsierte sich königlich, nur ein kleiner Schatten trübte ihre Stimmung: man hatte sie neben Felicity gesetzt.

Schon ein paarmal hatte sie zu fliehen versucht, doch Charles war gar zu aufmerksam und bestand darauf, daß sie bei Felicity blieb, während er als ihr Laufbursche fungierte und ihre Wetten plazierte.

Auch wenn Charles behauptete, er sei ein Experte auf dem Gebiet des Pferderennsports und könne genau vorhersagen, welches Pferd gewinnen würde, erwiesen seine Ratschläge sich als wenig nützlich. Keiner seiner Favoriten gewann, und es ärgerte Regal, daß sie bei jedem Rennen ihr Geld verlor. Es schien ihr eine so sinnlose Verschwendung.

»Das sechste Rennen wird gleich beginnen, Regal«, verkündete Charles. »Laß uns auf Kerry Valley setzen, ein absolut sicherer Tip. Die Quote steht bei fünf zu eins. Wenn du zwanzig Pfund setzt, kannst du auf einen Schlag deine Verluste wieder wettmachen.«

»Nein danke, Charles. Das hast du beim letzten Rennen auch schon gesagt. Ich werde es mir diesmal lieber ersparen.«

»Wenn Sie sich solch einen kleinen Verlust schon nicht leisten können, sollten Sie wirklich nicht mehr wetten«, sagte Felicity, nahm zwanzig Pfund aus ihrer Börse und reichte sie Charles.

»Komm schon, Regal, zeig ein bißchen Sportsgeist«, drängte er, doch sie schüttelte den Kopf, und er eilte davon.

Felicity lachte so laut und schrill, daß sie die Aufmerksamkeit der anderen am Tisch auf sich lenkte. »Miss Hayes hat keine Lust mehr zu wetten. Es scheint, Amerikaner sind schlechte Verlierer.«

Regal sah sie an und spürte, daß alle Blicke auf ihr ruhten. »Vermutlich sind wir das«, erwiderte sie gelassen. »Wir haben einfach nicht soviel Übung darin wie ihr Engländer.«

Felicity blinzelte verwirrt, offenbar verstand sie die Anspielung nicht. Aber John Gleeson, der ihr gegenüber saß, lachte laut und applaudierte. »Touché, Miss Hayes!«

Regal lehnte sich zurück und nippte an ihrem Champagner. Sie saßen nicht auf harten Picknickhockern, die Diener hatten bequeme Sessel für sie mitgebracht. Diese Menschen verstanden zu leben. Kaum zu glauben, daß sie den Krieg in Amerika verloren hatten und gerade in einen tödlichen Konflikt mit Napoleon verstrickt waren.

Das brachte ihre Gedanken auf Leonard. Geld durch Kreditbriefe von Amerika nach England zu transferieren gestaltete sich nämlich nicht so problemlos, wie sie ursprünglich angenommen hatte. Die First Bank of the United States war nicht gewillt, große Summen außer Landes zu lassen, jetzt, da sie eine unabhängige Währung aufzubauen versuchten. Also plante Leonard, für Regal eine Gesellschaft mit Sitz in London zu gründen. Das würde das Problem lösen.

Sie lächelte bei der Erinnerung an Felicitys kleinen Seitenhieb, die Unterstellung, sie könne es sich nicht leisten zu wetten. Niemand würde sie dazu provozieren, sich zu diesem Thema zu äußern.

Als die Zeit für das letzte Rennen des Tages heranrückte, waren Charles und viele seiner Freunde nicht mehr ganz nüchtern. Einige von ihnen gerieten außer Rand und Band, stürmten aus dem Zelt und wieder herein, warfen dabei gar die großen Topfpflanzen um, aber das schien niemanden besonders zu stören. Der nie versiegende Champagnerstrom hatte Charles in eine romantische Stimmung versetzt. Er bestand darauf, ihre Hand zu halten, und flüsterte ihr Zärtlichkeiten ins Ohr, was sie ermüdend fand.

Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, schlug sie vor, einen Spaziergang zu machen.

»Nicht jetzt«, brummte er. »Es ist furchtbar voll dort draußen.«

Das stimmte. Der Bereich um das Zelt war mit einem Zaun abgesperrt, doch jenseits davon tummelten sich die Menschen dichtgedrängt auf den Wiesen. Nur mit Mühe konnte man sich hindurchzwängen, um zu dem eingezäunten Bereich zu gelangen, von wo aus die feinen Herrschaften die Rennen beobachten konnten, in sicherer Entfernung vom gemeinen Pöbel.

»Ich will nur ein wenig Luft schnappen«, sagte Regal. »Ich kann auch allein gehen.«

»Nein, nein, ich begleite dich.« Er kam wankend auf die Füße. »Aber wir sollten nicht zu weit weggehen. Ich werde mich über diese Arrangements beschweren. Das Zelt steht viel zu weit vom privaten Clubbereich entfernt, so daß man jedesmal gezwungen ist, sich durch dieses Pack zu drängen …«

Als sie aus dem Zelt traten, beklagte er sich immer noch. Ein paar Schritte entfernt stand ein großer, blonder, sehr eleganter Mann und unterhielt sich mit einigen Bekannten. Als er Regal erblickte, brach er mitten im Satz ab und starrte sie an.

Regel lächelte in sich hinein. Sie wußte durchaus, daß sie heute sehr hübsch aussah. Die Herren hatten lauter schmeichelhafte Dinge zu ihr gesagt. Ihr grünes Samtkostüm war genau richtig für den Anlaß, wie ein elegantes Reitkostüm geschnitten mit beiger Spitze an Kragen und Ärmeln. Das freche Hütchen aus dem gleichen Samt machte das Bild vollkommen. Edwina hatte darauf bestanden, ihr ihre Smaragdbrosche an den beigen Spitzenausschnitt zu heften, und Regal mußte gestehen, daß sie das Tüpfelchen auf dem i war. Ein großer Stein in einer goldenen Fassung, einfach überwältigend. Sie bemerkte, daß der gutgebaute Gentleman seinen linken Arm verloren hatte. Wie traurig, dachte sie.

Charles hörte plötzlich auf, vor sich hin zu brummeln, und erwachte zu Leben. »Augenblick mal. Wen haben wir denn da! Ich wollte schon lange, daß du meinen Partner kennenlernst. Basil!« rief er. »Basil, hier herüber!«

Er faßte Regals Arm und zog sie hinüber.

Partner oder nicht, der Mann schien nicht besonders begeistert, Charles zu treffen. Er machte Anstalten sich abzuwenden, doch es war zu spät. »Basil, alter Junge! Ich hatte gehofft, dich heute hier zu treffen. Miss Hayes, darf ich vorstellen, der Ehrenwerte Sir Basil Mulgrave. Ich kann nicht begreifen, wieso ihr euch noch nicht begegnet seid. Miss Hayes wohnt bei Mrs. David Collins …«

Während er weiterplapperte, spürte Regal, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich und ein kalter Schauer sich ihrer bemächtigte. Mulgraves blaue Augen waren eisig. »In letzter Zeit war ich nicht mehr bei Maria eingeladen«, murmelte er. »Ich bin sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Hayes.« Er verneigte sich knapp und wandte sich dann wieder an Charles. »Entschuldige, aber ich wollte gerade gehen.«

Ehe Charles ihn aufhalten konnte, ging er mit langen Schritten davon.

Charles schien einen Moment verdutzt, dann zuckte er gleichgültig die Schultern. »Typisch Basil. Er war noch nie sonderlich gesellig. Aber ein wirklich anständiger Kerl.«

___________

Sobald sie nach Hause kam, ging Regal umgehend zu Maria Collins in den Salon. »Heute bin ich Sir Basil Mulgrave begegnet«, sagte sie unvermittelt.

»Tatsächlich?« fragte Maria ruhig und ließ ihre Näharbeit sinken. »Das ist nicht verwunderlich, schließlich sind er und Charles Geschäftspartner.«

»Er ist mein Vater«, rief Regal wütend aus. »Warum hast du mir nicht gesagt, daß du ihn kennst?«

»Wieso glaubst du, er sei dein Vater?«

»Weil ich meine Geburtsurkunde gesehen habe, Maria. Dort steht es schwarz auf weiß.«

»Na schön. Nimm Platz, Regal. Es besteht kein Grund, eine Szene zu machen. Tatsache ist, daß Basil bestreitet, dein Vater zu sein. Und das Wort eines Gentleman muß man akzeptieren.«

»Stempelt das meine Mutter zur Lügnerin?«

Maria schüttelte den Kopf. »Es hat keinen Sinn, daß du dich darüber aufregst. Das ist alles schon so lange her. Wir werden die Wahrheit nie erfahren, und damit mußt du dich abfinden. Es tut mir leid, Liebes, ich weiß, daß es schmerzlich für dich ist, aber sei getröstet. Dein Großvater war sehr gut zu dir, kein Vater hätte dich mehr lieben können. Und jetzt brauchst du niemanden mehr, also hat es keinen Sinn, alte Skandalgeschichten aufzuwärmen.«

Regal konnte nicht stillsitzen. Sie ging im Sturmschritt auf und ab. »Ich kann einfach nicht glauben, daß du so etwas sagst. Dieser Mulgrave ist doch schuld am Tod meiner Mutter!«

»Das ist nicht wahr. Du dramatisierst die Dinge unnötig.«

»Wirklich? Meine Großmutter hat mir gegenüber angedeutet, meine Mutter sei im Kindbett gestorben, doch dann habe ich herausgefunden, daß meine Großeltern hierher kamen, um mich abzuholen und nach Boston zu bringen. Was tat Polly in England, wenn es nicht im Zusammenhang mit ihrer Beziehung zu Basil Mulgrave stand?«

»Polly ist nie in England angekommen. Sie starb während der Überfahrt. Sie war sehr krank. Sie wollte aus einem einzigen Grund nach London, nämlich, um hier ein neues Leben anzufangen. Weit weg von allem Klatsch. Hier wußte niemand, daß sie unverheiratet war. Aber es sollte nicht sein. Ob sie die Absicht hatte, Basil aufzusuchen oder nicht, weiß ich nicht. Sie hat nichts darüber gesagt. Sie hat mit David und mir nie darüber geredet, was sie vorhatte.«

»Könnte Edwina es wissen?«

»Nein. Edwina war in Halifax geblieben, sie war gar nicht dabei. Sie hatte gerade erst meinen Bruder geheiratet.«

Regal lehnte sich vor und umklammerte die Rückenlehne eines Sessels. »Ich bin so wütend, Maria. So furchtbar wütend.«

»Dann mußt du versuchen, deine Wut zu überwinden. Sie schadet deiner Gesundheit. Du bist ein willensstarkes Mädchen, Regal. Du kannst und du mußt all das hinter dir lassen. Hast du den Tag beim Rennen genossen?«

Was konnte der Tag beim Rennen ihr bedeuten nach dem, was passiert war? Wen kümmerte das blöde Pferderennen? Sie stürzte aus dem Raum und die Treppe hinauf, wütend auf sie alle. Wie konnten sie es wagen, ihre Mutter als Lügnerin hinzustellen? Und dieser Mulgrave! Sie so abzufertigen, sie praktisch zu schneiden, vor Charles’ Augen! Wenn das kein Beweis für ein schlechtes Gewissen war, was dann? Er hatte von der ersten Sekunde an gewußt, wer sie war. Es hieß, sie sähe ihrer Mutter ähnlich. Er hatte diese Ähnlichkeit erkannt, darum hatte er sie so angestarrt. Es war so erniedrigend, daß sie hätte schreien können. Und dabei hatte sie sich ihre erste Begegnung in allen Einzelheiten ausgemalt. Sie hatte Mulgrave eine Abfuhr erteilen wollen. Im großen Stil. Und jetzt war es ganz anders gekommen.

Nun, sie hatte keineswegs die Absicht, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Sie setzte sich an ihren Sekretär und schrieb einen Brief an Sir Basil Mulgrave. Nur eine kurze Nachricht, in der sie ihm mitteilte, daß sie ihn in einer persönlichen Angelegenheit zu sprechen wünsche. Sie wollte ihm mit großer Gelassenheit begegnen, die Ruhe selbst, ihn einfach nur fragen. Unumwunden. Sie wollte keine Ansprüche an ihn stellen, ihm lediglich klarmachen, daß es wichtig für sie war, die Wahrheit zu kennen. Das würde sie ihm sagen, wenn sie ihn unter vier Augen sprach und niemand in der Nähe war, von dem Einmischung drohte. Ein Gentleman sollte anerkennen, daß sie ein Recht auf eine Erklärung hatte.

Sie schlich die rückwärtige Treppe hinab und drückte den Umschlag einem Diener in die Hand. Sie wies ihn an, ihn gleich morgen früh persönlich bei der Northern Star Shipping Line abzugeben und ihr anschließend Bescheid zu geben, wenn das erledigt sei, damit sie sicher sein konnte, daß der Brief sein Ziel erreicht hatte.

Am nächsten Tag kam Major Sorell wie erwartet zum Tee, doch er brachte seine frisch angetraute Frau mit. Trotz ihrer düsteren Stimmung konnte Regal nicht anders, als über Marias sichtliches Unbehagen in dieser Situation zu lächeln. Soviel also zu Sorell als Heiratskandidaten.

Doch in einem Punkt sollte Maria recht behalten. Regal mochte ihn gern, sie fand ihn unterhaltsam und einen interessanten Gesprächspartner. Es war ein Jammer, dachte sie, wäre seine Frau nicht gewesen, hätte er einen richtig guten Gesellschafter für sie abgegeben.

___________

Tagelang wartete sie vergeblich auf eine Antwort von Basil Mulgrave. Wochenlang. Sie hörte nichts von ihm, nicht einmal einen kurzen Satz, mit dem er den Erhalt ihres Briefes bestätigte. Sie war versucht, ihm noch einmal zu schreiben, falls etwas schiefgegangen war und er ihren ersten Brief, den sie als »vertraulich« gekennzeichnet hatte, nicht bekommen hatte. Aber was, wenn er den ersten doch erhalten hatte und auch nach dem zweiten nicht antwortete? Sie konnte nicht riskieren, sich vor ihm lächerlich zu machen. Und als sie einsehen mußte, daß er offenbar nicht die Absicht hatte, in Kontakt mit ihr zu treten, nahm ihr Haß auf ihn zu, nahm Gestalt an, wurde ein vertrautes Gefühl, das sie nicht mehr missen wollte.

Unterdessen wurde Charles Howth zu ihrem ständigen Begleiter während der Wintersaison, einfach weil er der hartnäckigste unter ihren Verehrern war. Er war kein übler Bursche, ein bißchen dicklich zwar, aber er hatte formvollendete Manieren und kannte »einfach jeden«. Das behauptete jedenfalls Edwina. Sie war wild entschlossen, Regal gut unter die Haube zu bringen, und bald verband sie und Charles eine enge Freundschaft. Offenbar war er dankbar für ihre Unterstützung.

»Du könntest es sehr viel schlechter antreffen, als Charles Howth zu heiraten, mein Kind«, redete sie auf Regal ein. »Ist dir klar, daß du einen Adelstitel führen würdest, wenn du ihn heiratetest? Du wärst auch eine Ehrenwerte. Ein Jammer, daß er nicht der Erstgeborene ist, sonst würdest du eines Tages sogar Lady Howth.«

Regal war durchaus bekannt, daß eine Heirat mit Charles diesen zusätzlichen Bonus beinhaltete, aber sie hätte niemals zugegeben, daß diese Vorstellung nicht ohne Reiz für sie war. Es wäre ein enormer Schritt nach oben auf der gesellschaftlichen Leiter, und Edwina würde die Neuigkeit ganz sicher umgehend nach Boston melden. Das wäre für so manchen ein harter Brocken, und sie war sicher, käme sie je wieder nach Hause, würde ihr jede Tür in Boston offenstehen. Nicht daß Boston noch irgendeine Rolle in ihrem Leben spielte. Bis auf die Kanzlei Rosonom und Kernicke.

Aber Charles war wichtig. Und er war Mulgraves Partner. Offenbar hatte Sir Basil Charles gegenüber weder sie noch ihren Brief erwähnt, sonst hätte sie davon erfahren. Charles konnte nie etwas für sich behalten. Hin und wieder befragte Regal ihn über seinen Partner, und Charles gab bereitwillig Auskunft. Er beschwerte sich häufig, Mulgrave sei schlimmer als sein Vater. Immer wolle er ihm vorschreiben, was er zu tun und zu lassen habe. Bestehe darauf, daß er mehr Zeit in den Büros der Northern Star Line verbrachte, obwohl er dort doch kaum etwas zu tun hatte. Mulgrave traf alle Entscheidungen. »Er kann sehr tyrannisch sein und ist absolut von sich überzeugt«, hatte Charles gesagt, und Regal hatte ihn bedauert.

Als sein Antrag endlich kam, war Regal keineswegs überrascht. Seit einiger Zeit hatte sie das Für und Wider genauestens abgewägt.

Sie fuhren in einer offenen Kutsche durch den Hyde Park. Regal betrachtete die Paare, die über die Rasenflächen flanierten. Sie wirkten alle so zufrieden, fühlten sich so sicher in dieser wohlgeordneten englischen Gesellschaft. Es wäre schön, ein Teil davon zu sein, Herrin ihres eigenen Hauses, mit einem Titel noch dazu. So wie die Dinge derzeit standen, gehörte sie nirgendwohin, und das deprimierte sie. Und mit Mulgraves Partner verheiratet zu sein war eine Chance, die sie nicht unterschätzen durfte. Sie wäre in der geeigneten Position, ihn abwartend zu beobachten und dann in Ruhe zu entscheiden, was sie gegen diese Kreatur zu unternehmen gedachte.

Charles bat den Kutscher anzuhalten. Er nahm ihre Hand. »Was sagst du, Regal? Ich weiß, es kommt ein bißchen plötzlich, aber ich liebe dich von ganzem Herzen. Ich kann keinen Tag mehr länger warten. Wenn du mir erlaubst, unsere Verlobung bekanntzugeben, machst du mich zum glücklichsten Mann der Welt.«

Es war ein kühler Tag, doch auf seiner Stirn stand der Schweiß.

»Ich bin nicht sicher, Charles. Ich muß darüber nachdenken. Laß uns ein Stück zu Fuß gehen.«

___________

Mit seinen dreißig Jahren galt Charles als einer der begehrtesten Junggesellen von ganz London, und er besaß ein Haus am Woburn Place. Es war recht groß, drei Stockwerke hoch und ein klein wenig heruntergekommen, aber dennoch eine gute Adresse.

Andererseits bestand die ernstzunehmende Gefahr, daß Basil Mulgrave feindselig reagieren könnte. Wer konnte sagen, wozu dieser Mann fähig war? Er hatte sie bereits in aller Öffentlichkeit geschnitten, vielleicht würde er sie als unpassend bezeichnen, Charles und seine Familie gegen sie aufbringen. Besser, sie kam dem zuvor.

»Wäre deine Familie denn einverstanden?« fragte sie Charles.

Seine Miene verfinsterte sich. »Meine Familie ist niemals einverstanden mit dem, was ich tue. Sie sind allesamt unverbesserliche Nörgler. Felicity hat ihnen gegenüber bereits erwähnt, du seist Amerikanerin.«

»Ist das schlimm?«

»Nicht für mich. Ich finde alles an dir erfrischend und wundervoll. Aber für sie ist alles Fremde suspekt. Nicht nur Amerikaner, alle Ausländer. Sie sind furchtbar altmodisch. Wir werden sie einfach ignorieren.«

Regal schluckte. Sie hatte sich selbst nie als Ausländerin gesehen. Es ärgerte sie.

»Ich liebe dich, Regal. Mach dir keine Sorgen wegen Felicity und der anderen. Mir ist es gleich, wenn ich sie nie im Leben wiedersehe. Der Familiensitz liegt in Devon, von mir aus können sie ihn haben. Meine älteren Brüder sind alle beim Militär, bis auf Simon, der die geistliche Laufbahn eingeschlagen hat. Jedenfalls werden wir mit keinem von ihnen viel zu tun haben.«

Sie ließ ihn reden und legte sich unterdessen ihre Antwort zurecht.

»Mir gehört eine halbe Schiffahrtslinie, wie du weißt. Mein Onkel hat sie mir hinterlassen. Das hat in der Familie für viel Unfrieden gesorgt. Mein Vater hatte erwartet, den Anteil an der Northern Star Line zu erben. Als das nicht geschah, hat er verlangt, ich solle ihm die Anteile überschreiben, und er werde sie mir in seinem Testament dann hinterlassen. Eigentlich unerhört, finde ich. Jedenfalls habe ich nicht hergegeben, was mir rechtmäßig gehört. Natürlich laufen die Geschäfte im Augenblick nicht gerade glänzend wegen des Krieges und der Blockaden und so weiter, aber das werden wir schon wieder aufholen. Die Franzmänner werden England niemals besiegen … hörst du mir überhaupt zu, Regal?«

»Ja.« Sie hatte sich zu einem taktischen Schritt entschlossen. Erst wollte sie seinen Antrag annehmen und dann ihre Herkunft offenbaren. Damit machte sie es ihm schwer, sein Angebot zurückzuziehen. Doch sie wollte ihm die Gelegenheit lieber jetzt geben, als sich für alle Zeit verwundbar zu machen.

»Mein lieber Charles. Es ist ganz reizend von dir, daß du mir all diese Dinge sagst. Ich werde dich mit Freuden heiraten.«

Er machte beinah einen Luftsprung und schlang lachend die Arme um sie. »Oh, mein Gott, das ist wunderbar …«

»Einen Augenblick noch, Charles.« Regal befreite sich aus seinen Armen. »Du solltest ein bißchen mehr wissen über die Frau, die du heiraten willst.«

»Ich weiß alles, was ich wissen muß«, rief er übermütig, und auf einmal wurde sie unsicher. Maria Collins hatte ganz sicher diskret geschwiegen, aber was hatte Edwina ihm alles erzählt? Bestimmt hatte Edwina mit Hilfe ihrer Freunde in Boston inzwischen herausgefunden, daß Jasper seiner Enkelin ein sehr großes Vermögen hinterlassen hatte, auch wenn sie vermutlich keine Ahnung hatte, wie groß. Und was weiter? Ganz gleich wen sie heiratete, Regal würde sich immer dieselbe Frage stellen müssen. War der Verehrer hinter ihrem Geld her? Großvater hatte ihr diesen Zweifel eingepflanzt, und der Gedanke kam ihr gerade jetzt sehr ungelegen. Zu viele andere Dinge gingen ihr durch den Kopf.

»Vielleicht, vielleicht aber auch nicht«, sagte sie. »Ich wurde von meinen Großeltern in Boston aufgezogen. Sie sind beide tot.«

»Ich weiß, Liebling. Du bist eine Waise, du armes Kind, ganz allein auf der Welt.«

»Ich wurde von meinen Großeltern großgezogen«, fuhr sie beharrlich fort, »weil meine Mutter starb, als ich noch ein Baby war, und sie war unverheiratet.« Sie atmete tief durch. »Also bitte. Jetzt weißt du es. Es ist nicht leicht für mich, über diese Dinge zu reden.«

Charles blinzelte. »Ich habe immer gedacht, deine Eltern seien während der Revolution ums Leben gekommen.«

»Nein. Meine Mutter war unverheiratet.«

»Nun ja …«, begann er nachdenklich. »Was macht das schon für einen Unterschied? Es gibt ein paar sehr hochgestellte Personen in der Londoner Gesellschaft, die in derselben Situation sind. Ich könnte mehrere nennen, aber das werde ich nie wieder tun, denn es würde meine Frau sicher verstimmen.« Er lächelte. »Wir sollten nicht mehr davon sprechen, Liebes. Belassen wir es so, wie ich ursprünglich glaubte. Ich bin überzeugt, dein Großvater war ein Gentleman, ein Stützpfeiler der Bostoner Gesellschaft. Was will ich mehr?«

Sie heirateten in aller Stille in der St. Andrews-Kirche, unweit des Hauses von Mrs. Collins, und das paßte Charles ausgezeichnet, denn es hatte ein paar Komplikationen gegeben. Sein Vater beispielsweise hatte sich geweigert, der Verbindung seinen Segen zu geben, und hatte der restlichen Familie untersagt, der Trauung beizuwohnen. Sie alle gehorchten unterwürfig. In gewisser Weise war es eine Erleichterung, sich nicht vorstellen zu müssen, wie sie da in der Kirchenbank hockten und an nichts ein gutes Haar ließen. Zumal auch die Frage, wer die Braut zum Altar führen sollte, nicht unproblematisch war und Aufmerksamkeit erregt hätte. Regal hatte ihren Anwalt aus Boston einladen wollen, einen gewissen Leonard Rosonom, aber das hätte das Faß nun wirklich zum Überlaufen gebracht, einen Juden als Brautführer zur Hochzeit zu bitten! Manchmal dachte er, Regal habe überhaupt keinen Sinn dafür, was sich gehörte und was nicht. Aber in dieser Hinsicht mußte man mit Kolonisten eben nachsichtig sein, zumal wenn sie eine so bezaubernd schöne Braut abgaben, wie Regal es tat. Im ersten Moment hatte es ihm den Atem verschlagen, als er sie in ihrem sagenhaften weißen Brautkleid sah, am Arm von Cameron Spencer. Edwinas Mann hatte sich bereit gefunden, als Ersatz-Brautvater einzuspringen.

Kein Mann konnte anders als stolz auf eine Braut wie Regal zu sein, und Charles war für ein paar Minuten richtig rührselig geworden. Sie war eine so strahlende Schönheit, verhüllt hinter einem geheimnisvollen Schleier, und ihr Kleid war einfach hinreißend, offensichtlich sehr kostbar. Er fühlte sich unscheinbar und unbedeutend neben ihr und war sehr dankbar für die moralische Unterstützung seines alten Freundes Captain John Gleeson, der sich hartnäckig um ein paar Tage Urlaub von seinen militärischen Pflichten bemüht hatte, um Charles’ Trauzeuge sein zu können. In einer Hinsicht war es bedauerlich, daß seine Familie nicht gekommen war. Hätten sie Regal so gesehen, hätten sie eingestehen müssen, daß er das Richtige getan, eine sehr kluge Wahl getroffen hatte. Nun, sie würden es schon noch herausfinden.

Dann war er mit seiner Frau auf die Isle of Wight auf Hochzeitsreise gefahren, und sie stiegen im besten Hotel in Ryde ab, ein neues Haus, das selbst höchsten Ansprüchen genügte. Sogar das Wetter war ihnen hold. Sie verbrachten die warmen Tage mit ausgiebigen Streifzügen durch die Stadt und langen Spaziergängen über die Hügel. Regal war hingerissen von der Insel, sie kam ihr vor wie ein Stück vom Paradies, und alles weckte ihr Interesse. »Ich habe das Meer immer geliebt«, erzählte sie ihm. »Und es fehlt mir, wenn ich in London bin. Wir sollten hier ein Haus kaufen. Ein Landhaus am Meer, das wäre wunderbar.«

Charles stimmte ihr prinzipiell zu, ermunterte sie aber nicht, da er erst einmal ihre finanzielle Situation abklopfen wollte. Regal äußerte sich immer reichlich vage zu dem Thema, offenbar hatte sie nur eine ungenaue Vorstellung dessen, was in Boston vorging, und ließ ihrem Judenanwalt völlig freie Hand. Das mußte sich ändern. Er hatte diesem Mann bereits geschrieben und eine detaillierte Aufstellung aller Vermögenswerte angefordert, damit er dort drüben möglichst bald alles verkaufen und das Vermögen nach London transferieren konnte.

Auch im Bett stellte sie ihn zufrieden. Regal war zärtlich und zum Glück nicht übermäßig scheu. Er wußte von Männern aus seinem Bekanntenkreis, denen ihre jungen, prüden Frauen das Eheleben zur Hölle machten. Alles in allem würde Regal in vieler Hinsicht eine ideale Ehefrau abgeben. Natürlich hatte sie ein paar seltsame Angewohnheiten, aber über kleinere Fehler konnte man schließlich hinwegsehen. Beispielsweise beobachtete er sie jetzt von seinem bequemen Sessel auf der Terrasse aus dabei, wie sie in aller Unbefangenheit mit Fremden ein Gespräch anfing. Das tat sie ständig, ganz gleich ob Männer oder Frauen. Nun stand sie also da unter den Bäumen und wirkte zugegebenermaßen ausgesprochen anziehend in ihrem blauen Musselinkleid mit dem passenden Sonnenschirm, und plauderte mit einem Paar, das ihr, da war Charles sicher, nicht vorgestellt worden war. Und Fragen! Er kannte keine andere Frau, die so viele Fragen stellte. Sie interessiere sich eben für das Geschäft, hatte sie gesagt. Sie wollte alles über die Northern Star Line wissen, über ihre Schiffe und wo sie hinsegelten, welche die profitabelsten Routen waren. Und wenn dem so sei, daß die Kontinentalsperre so hohe Verluste verursache, warum eröffneten sie ihren Kunden dann keine neuen Märkte? Nehmt euch ein Beispiel an den Amerikanern, hatte sie gesagt. Sie sah einfach nicht ein, daß Northern Star eine traditionsreiche Gesellschaft war, die seit jeher die nördlichen europäischen Routen befuhr. Sobald der Krieg vorbei war, würde das Geschäft sich schon wieder ganz von selbst erholen.

»Und wir haben einen neuen Klipper in Auftrag gegeben«, erzählte er ihr. »Er wird der Stolz unserer Flotte sein.«

»Und wo liegt der Sinn, wenn eure Schiffe jetzt schon nutzlos im Hafen liegen?«

»Wir planen für die Zukunft, meine Liebe.« Er wünschte, sie würde nicht ständig von diesen Dingen sprechen, erst recht nicht auf der Hochzeitsreise. Außerdem gab sie ihm dadurch Bedenken ein, die ihn vorher nicht bedrückt hatten. Der neue Schnellsegler war Basils Idee gewesen. Sie hatten hohe Kredite bei der Bank dafür aufnehmen müssen, und dabei waren sie bereits verschuldet gewesen. Für Basil war all das kein Problem, er hatte noch andere Einkünfte. Aber die Firma hatte seit zwei Jahren keine Dividende mehr erwirtschaftet, und langsam wuchsen Charles die unbezahlten Rechnungen über den Kopf. Er hatte mit John Gleeson darüber gesprochen, und der hatte in diesem Zusammenhang eine sonderbare Bemerkung gemacht: »Ich hoffe doch nicht, daß Basil dich hinausdrängen will?«

Diese Verdächtigung war natürlich völlig ungerechtfertigt, und das sagte Charles ihm auch. »Basil ist ein Gentleman. Er tut das, was für die Firma das Beste ist.«

Er konnte doch nicht zu seinem Vater gehen und eingestehen, daß Northern Star wie so viele andere Handelsgesellschaften auch in Schwierigkeiten steckte. Er wollte sich das schadenfrohe »Habe ich es dir nicht gesagt« seines Vaters lieber ersparen, der immer behauptet hatte, Charles habe keine Ahnung vom Geschäft und hätte es lieber ihm übertragen sollen, der er mit Finanzen Erfahrung hatte. Nicht daß es jetzt noch eine Rolle gespielt hätte. Nach allem, was man hörte, würde Regals Vermögen seinen finanziellen Problemen ein Ende bereiten. Also … Er war durchaus zufrieden mit der Welt an diesem wunderbaren Sommertag. Er wünschte nur, sie könnten ewig hierbleiben.

Regal kam über den Rasen auf ihn zugelaufen, mit beiden Händen ihren Hut festhaltend, dessen Bänder hinter ihr her flatterten. Sie sah eher wie ein Schulmädchen aus als eine verheiratete Frau, und er erhob sich und sah ihr stirnrunzelnd entgegen.

»Charles! Komm schnell. Dieser Mann hat mir erzählt, daß das wundervolle Haus da unten an der Straße zum Verkauf steht.«

»Beruhige dich, Regal. Ich werde nichts dergleichen tun.«

»O doch, du wirst. Komm schon.« Sie wollte ihn mit sich ziehen. Er fürchtete die Aufmerksamkeit der anderen Gäste zu erregen und befreite sich unauffällig. »Willst du mir den Ärmel ausreißen?« brummelte er. »Von welchem Haus sprichst du?«

»Es wird Pine Cottage genannt. Wir müssen hingehen und es uns ansehen.«

»Wozu? Glaube ja nicht, daß du mich dazu bringst, es zu kaufen.«

»Das mußt du doch auch gar nicht. Laß es uns einfach nur anschauen.«

Sie gingen die Auffahrt hinunter und durch das Tor hinaus. Seine Frau trippelte neben ihm her und bestaunte einen Seefalken, der über ihnen schwebte, seine braunroten Schwingen fast reglos, und sich in der sommerblauen Luft treiben ließ. Charles fragte sich besorgt, ob sie etwa zu den Frauen gehörte, die dazu neigten, alles, was sie sahen, gleich haben zu müssen. Das hier sprach jedenfalls dafür. Es war ein Warnsignal, und er beschloß, diese Neigung im Keim zu ersticken.

»Sieh doch! Da ist es!« Sie lief voraus und spähte durch jede Lücke in der Hecke. »Es ist wunderschön.«

Er konnte überhaupt nichts Schönes daran entdecken. Es war einfach nur ein langgezogenes, zweigeschossiges Cottage mit einem recht großen Garten. »Ich finde es ziemlich gewöhnlich«, sagte er. »Nicht besser als ein altes Farmhaus. Wir haben nur unsere Zeit verschwendet.«

»Mir gefällt es«, beharrte sie störrisch. »Und ich hätte so furchtbar gerne ein Haus hier unten.«

Als er sich am nächsten Tag mit ein paar Herren zum Bésigue setzte, ging sie allein davon, um das Innere des Cottage zu erkunden. Er konnte ihr vor Zeugen unmöglich Vorhaltungen machen, doch er war wütend, was sich nachteilig auf sein Spiel auswirkte.

»Ich will nichts mehr davon hören«, beschied er, als sie sich nach dem Mittagessen auf ihr Zimmer begaben.

»Schön, dann werd’ ich es mir eben selbst erzählen.« Sie löste ihre Haare, so daß die wilde Lockenflut ihr Gesicht umrahmte. »Es ist ein hübsches Haus mit vier großen Schlafzimmern im Obergeschoß, zwei mit Blick aufs Meer. Unten sind eine Bibliothek und ein kleines Wohnzimmer und ein behagliches, ländliches Speisezimmer …«

»Hör sofort auf damit! Falls es in deiner Absicht lag, mich zu verärgern, ist es dir gelungen. Wenn wir überhaupt Geld ausgeben, dann für mein Haus am Woburn Place. Es muß dringend renoviert werden.«

Sie wandte sich um und sah ihn an. »Ich weiß. Woburn Place ist ein schönes Haus, aber es droht zu verfallen. Ich schlage dir ein Geschäft vor, Charles: ich zahle für die Instandsetzung deines Hauses in London, wenn du dem Kauf von Pine Cottage zustimmst. Ich will kein Haus kaufen, das dir nicht gefällt, aber ich bin sicher, wenn ich Pine Cottage erst hergerichtet habe, wird es ein wunderbares Feriendomizil für uns sein.«

Er sprang aus dem Sessel auf und warf seine Zeitung beiseite. »Habe ich recht gehört? Meine eigene Frau schlägt mir ein Geschäft vor? Oho! Ich würde zu gerne meinen Vater sehen, wenn meine Mutter ihm so etwas vorschlüge. Ein Geschäft! Herrgott noch mal …«

»Warum?« Regal klang eher neugierig als kleinlaut. »Was würde dein Vater denn tun?«

»Tun?« Charles lachte höhnisch. »Tun? Bis zum Ende ihrer Tage würde er sich über sie lustig machen.«

Regal lächelte. »Wenn’s weiter nichts ist. Kommen wir nun ins Geschäft oder nicht?«

»Ganz sicher nicht! Und wo wir gerade davon reden: ich habe immer noch keine Antwort von diesem Mann aus Boston. Schon vor Wochen hätte ich eigentlich von ihm hören müssen. Es ist sehr ärgerlich, wenn Briefe unbeantwortet bleiben.«

Sie lief rot an. »Ja, sehr ärgerlich«, stimmte sie zu, und Charles glaubte bereits, sie zeige endlich Einsicht. »Dann schreib du ihm gleich von hier aus und ermahne ihn, mich nicht länger zu ignorieren.«

»Charles, du scheinst nicht richtig zu verstehen. Leonard kann keine Weisungen von dir befolgen.«

»Vermutlich nicht, ehe wir nicht verheiratet waren, da war ich zugegebenermaßen ein bißchen voreilig. Aber da es so endlos lange dauert, bis die Post nach Boston und zurück befördert wird, wollte ich vorab schon einmal klare Verhältnisse schaffen, sozusagen. Von jetzt an sieht es natürlich anders aus.«

»Wie denn?«

»Ich wünschte, du würdest mit dieser endlosen Fragerei aufhören, Regal. Schreib den Brief an diesen Mann und überlaß alles andere mir.«

»Und was wird mit dem Cottage?«

»Oh, vergiß dieses verdammte Cottage, Weib!«

Sie kam herüber, setzte sich neben ihn und strich ihm über die Wange. »Geld ist wirklich das Letzte, worüber wir streiten müssen, Charles. Ich kann mir das Cottage leisten. Sag mir wenigstens, daß du froh darüber bist.«

Er stieß sie weg. »Du hast mich verstimmt. Außerdem fühle ich, daß ich gleich Verdauungsstörungen bekomme, hier geben sie einem immer zuviel zu essen. Ich denke, ich werde mich ein wenig hinlegen. Geh nach nebenan und lies.«

___________

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, übernahm Regal die Haushaltsführung am Woburn Place, und alles lief reibungslos weiter. Die Instandsetzung des Hauses erwähnte sie nicht mehr, was Charles erleichtert zur Kenntnis nahm, denn er hatte sich um dringendere Dinge zu kümmern. Sir John Beckworth hatte ihn freundlicherweise zur Bank begleitet und ihn Mr. Hardy Owen-Taylor vorgestellt, der ihm bei der Neuordnung seiner Angelegenheiten behilflich sein sollte. Charles war erfreut, daß Owen-Taylor gleich zur Sache kam.

»Ihre Frau hat ein stetig wachsendes Guthaben auf ihrem Konto angesammelt, seit sie nach London gekommen ist, Mr. Howth. Es steht derzeit bei vierzigtausend Pfund.«

Charles verschlug es den Atem, aber nach außen hin nickte er nur gelassen.

»Wir haben ihr nahegelegt, einiges von diesem Betrag anzulegen, doch sie sagte, sie habe andere Pläne. Wie sich herausstellt, war das auch gut so. Ihre Verpflichtungen gegenüber der Bank inklusive der Hypothek auf ihr Haus belaufen sich auf zweiunddreißigtausend Pfund, zwölf Schilling und sieben Pence.«

»So viel?« Charles atmete erleichtert durch. Regal war gerade noch rechtzeitig zu seiner Rettung gekommen.

»Ich fürchte, so viel, ja«, fuhr Owen-Taylor fort. »Und diese Privatkonten haben natürlich nichts mit der Northern Star Line zu tun, die, darauf muß ich Sie leider hinweisen, mit ihren Zinszahlungen erheblich in Verzug ist.«

»Darüber müssen Sie mit Sir Basil reden«, sagte Charles.

»Das werden wir. Aber bitte vergessen Sie nicht, Mr. Howth, daß Sie ebenso für die Verbindlichkeiten der Gesellschaft haften wie er. Doch kommen wir wieder auf ihre Privatkonten zurück. Es ist natürlich kein Problem, den Schuldsaldo auszugleichen. Statt für Sie und Ihre Frau separate Konten zu führen, werden wir das Guthaben Ihrer Frau einfach auf Ihr Konto verbuchen, so daß Sie nur noch das eine Konto haben, auf welchem dann ein Guthaben von etwa achttausend Pfund sein wird. Ich kann Ihnen den genauen Betrag nicht nennen, da ich nicht weiß, ob Mrs. Howth in den letzten Tagen irgendwelche Abhebungen vorgenommen hat. Aber Ihre persönlichen Verbindlichkeiten wären damit ausgeglichen.« Als Charles die Eingangsstufen vor der Bank hinabstieg, hätte er Freudensprünge machen können. Liebste, teuerste Regal! Von jetzt an würden sie zusammen voranschreiten, Hand in Hand. Owen-Taylor war wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß Charles die Quellen ihres Einkommens kannte, aus denen sie ihr Guthaben in England regelmäßig aufstockte. Er hatte angeboten, beim Transfer des Gesamtvermögens nach England behilflich zu sein.

»Alles zu seiner Zeit«, hatte Charles ausweichend geantwortet. Er wollte nicht zugeben, daß er diesbezüglich schon Schritte unternommen hatte, bislang jedoch ohne Erfolg.

»Wir glauben, daß Mrs. Howths Vermögen recht beträchtlich ist«, bemerkte Owen-Taylor mit gesenktem Blick und hüstelte diskret, darauf wartend, daß Charles ihn über die Einzelheiten aufklärte. Charles beschränkte sich wieder auf ein wissendes Nicken. Endlich durfte er sich diesen Bankmenschen ebenbürtig fühlen und hatte es nicht länger nötig, sich von ihrer Gnade abhängig zu machen.

»Das muß gefeiert werden«, sagte er sich und begab sich zu seinem Club. Noch ein paar Wochen und er würde nach Broadlands zur Jagd fahren. Er hoffte, dort Sir James Brady anzutreffen, denn jetzt konnte er die beiden irischen Jagdpferde kaufen, die Brady ihm beim letzten Mal angeboten hatte, ohne über den Preis feilschen zu müssen.

Die Feier zog sich die ganze Nacht hin, und Charles’ Freunde begleiteten ihn nach Hause, sangen im Morgengrauen vor der Tür, stolperten dann hinein und fielen im Salon auf die Sofas. Den folgenden Tag verbrachte Charles im Bett, denn Schlaf schien ihm das einzige Heilmittel gegen die Folgen übermäßigen Alkoholgenusses zu sein. Und selbst am nächsten Mittag fühlte er sich noch ein wenig schwach und war voller Reue, als er zum Essen erschien.

Regal sprach während der ganzen Mahlzeit kein Wort, bis das eisige Schweigen ihn schließlich zu ärgern begann. »Wenn Sie mich für einen harmlosen Abend mit meinen Freunden auf diese Weise bestrafen wollen, Madam, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich das nicht schätze.«

»Du kannst mit deinen Freunden ausgehen, wann immer du möchtest«, erwiderte sie. »Und wenn du dich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken willst, ist das allein deine Sache.«

»Gut. Dann lächle wieder. Ich fühle mich immer noch nicht wieder ganz wohl, und von deiner finsteren Miene wird mir ganz gewiß nicht besser. Was wollen wir heute unternehmen?«

»Wir reden über mein Geld«, fauchte sie. »Ich habe heute festgestellt, daß ich kein Guthaben mehr auf der Bank habe.«

Er war entsetzt. Für einen Moment dachte er, die Bank habe das Geld für die Schulden der Northern Star Line eingezogen. »Wie meinst du das? Natürlich ist Geld auf dem Konto.«

»Du hast ein Guthaben von ein paar tausend. Ich habe nichts.«

Er seufzte. Typisch Frau. »Nein, nein, das verstehst du falsch, Liebes. Wir haben Geld. Wenn du Bargeld brauchst, mußt du mich einfach nur darum bitten. Und wenn wir dein Kapital nach England holen und bei der Bank of England gut anlegen, wird es dein Schaden nicht sein. Glaube mir, meine Liebe, ich werde nicht knauserig mit dir sein.«

Bedächtig verschränkte sie die Finger ineinander und legte die gefalteten Hände vor sich auf den Tisch. Dann lehnte sie sich leicht vor, stützte ihr ganzes Gewicht auf die Hände, als wolle sie sie auf diese Weise daran hindern, sich zu heben, und er sah ihre Schultern beben. Noch nie hatte er sie so zornig gesehen. Doch ihre Stimme blieb ganz ruhig. »Die Bank of England hat mein gesamtes Guthaben an dich überwiesen, ohne mir ein Wort zu sagen, ohne meine Unterschrift einzuholen. Ist das richtig?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Statt zwei haben wir jetzt nur noch ein Konto, das ist alles. Auf lange Sicht ist dies billiger.«

»Verstehe. Und wenn ich Geld abheben möchte?«

»Dann fragst du mich, meine Liebe. Ich sagte dir doch, du brauchst mich nur zu bitten.«

»Du hast mein Geld genommen, ohne mir auch nur einen Ton davon zu sagen«, warf sie ihm vor.

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Schluß mit diesem Unsinn von deinem Geld. Das Geld und die Vermögenswerte einer Frau gehen bei ihrer Eheschließung in das Eigentum ihres Mannes über. Und versuch nicht, mir weiszumachen, das habest du nicht gewußt, Regal. Ausgerechnet du, die du doch angeblich so viel von geschäftlichen Dingen verstehst!«

»Mir war durchaus bekannt, daß so etwas in grauer Vorzeit üblich war, aber im modernen Zeitalter ändern sich die Dinge eben. Ich dachte, wir könnten zu einer Einigung kommen.«

»Sind wir ja«, sagte er und nahm sich noch etwas Käse. »Morgen wirst du mich zur Bank begleiten, wo wir eine Besprechung mit einem sehr freundlichen Herrn haben, Mr. Owen-Taylor. Du wirst ihm deine Vermögensverhältnisse darlegen, und er wird diesen Kerl in Boston ablösen, diesen Rosovitch.«

»Rosonom«, verbesserte sie.

»Wie immer er auch heißen mag. Mr. Owen-Taylor ist jetzt unser Finanzberater.«

Regal erhob sich. »Es war ein Fehler, daß ich nicht vor unserer Hochzeit mit dir über diese Dinge gesprochen habe. Aber du hast auch einen Fehler gemacht, Charles, indem du mich in dem Glauben ließest, du seist wohlhabend, wo du doch in Wirklichkeit hohe Schulden hast. Dein Schreibtisch ist übersät mit unbezahlten Rechnungen. Wir hätten darüber reden sollen.«

»Sei nicht albern. Es gab und gibt nichts zu bereden.«

»Na schön. Wenn ich recht informiert bin, hast du ein Anrecht auf eine Mitgift, und das akzeptiere ich. Ich habe täglich damit gerechnet, daß du das Thema zur Sprache bringst, aber ich hätte nicht gedacht, daß du mich einfach so übergehen würdest. Mir scheint jedoch, eine Mitgift von vierzigtausend Pfund ist fair.«

In Charles’ Kopf drehte sich alles. Er lächelte. Sie war ein reizendes Kind, auch wenn sie manchmal seltsame Ideen hatte. »Exzellent«, sagte er, »ganz wunderbar.«

»Die hast du allerdings schon bekommen«, fuhr sie fort. »Und ich werde keinen Fuß mehr in die Bank of England setzen, bis sie dort gelernt haben, daß auch Frauen Rechte haben.«

Er starrte ihr mit offenem Munde nach, als sie aus dem Zimmer rauschte. Dann fing er an zu lachen. Arme Regal, sie hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie redete. Er würde Mr. Owen-Taylor morgen die gesamte Angelegenheit übertragen. Sollte er sich doch damit herumschlagen.

___________

Nach monatelangen, fruchtlosen Bemühungen konsultierte Owen-Taylor die Anwälte der Bank, die ihrerseits eine befreundete Sozietät in Boston beauftragten. Alles, was sie in Erfahrung brachten, war, daß Mrs. Howth mehrere große und kleine Gesellschaften besaß, die die Kanzlei Rosonom und Kernicke für sie verwaltete.

»Unsere Leute glauben, daß Rosonom dieses Firmengeflecht absichtlich aufgebaut hat, um die Spuren zu verwischen, damit wir weder das genaue Vermögen von Mrs. Howth ermitteln noch in ihrem Namen einfordern können, Mr. Howth. Mr. Rosonom weigert sich, mit uns zu korrespondieren, und als unsere Anwälte ihn aufsuchten, verwies er sie an Mrs. Howth. Er sagte, er könne und werde ohne ihre ausdrückliche Weisung nichts unternehmen. Sie sehen, die Lage ist äußerst kompliziert, aber wir bemühen uns weiter.«

»Tun Sie das«, sagte Charles. »Instruieren Sie Ihre Anwälte, endlich Bewegung in die Sache zu bringen, all diese Anfragen kosten mich nur Geld.«

»Mich hat die Angelegenheit nicht wenig Ansehen gekostet«, erwiderte Owen-Taylor säuerlich. »Darf ich Sie davon in Kenntnis setzen, Sir, daß die Direktoren der Bank mir die Schuld dafür geben, daß wir Mrs. Howth als Kundin verloren haben. Sie unterhält ihr Konto jetzt bei der Royal Bank of Scotland, und die Herrschaften dort reiben sich vor Schadenfreude die Hände. Das ist alles äußerst unangenehm. Sie könnten doch sicherlich selbst mit Ihrer Frau reden und diese juristische Intervention unnötig machen.«

Charles wußte, mit Regal über Geld zu sprechen war, als rede man mit einem Granitblock, und dieses ganze Theater fing an, ihn zu langweilen. Schließlich beglich Regal anstandslos sämtliche Haushaltsrechnungen und ging ihn niemals um Geld an, und dabei gaben sie oft aufwendige Abendgesellschaften. Sie kaufte ihre Kleider selbst und sorgte dafür, daß auch seine Garderobe auf dem neuesten Stand blieb, führte ihn gar zu einem neuen, hochangesehenen Schneider.

Ihr Zusammenleben erwies sich als äußerst angenehm. Regal hatte mit der Jagd nicht viel im Sinn, aber sie erhob keine Einwände gegen seine häufige Abwesenheit zur Fuchsjagd oder zur Treibjagd bei Freunden in Schottland. Einmal hatte sie ihn nach Schottland begleitet, um die Landschaft zu sehen, aber die lange Reise auf holprigen Straßen wurde ihr bald zuviel. Wen kümmert es letztlich, wer das Geld hat, dachte er, solange genug davon da ist. Die Anwälte werden es schon richten. Sollen sie sich nur weiter die Köpfe deswegen zerbrechen.

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Regal wußte mehr über die finanziellen Verhältnisse ihres Mannes als er selbst. Es war nicht schwierig, sie mußte lediglich warten, bis er das Haus verließ, dann setzte sie sich an seinen Schreibtisch und machte eine Bestandsaufnahme der Rechnungen und Mahnungen, die sich dort stapelten. Es verblüffte sie, daß ein Mann so verantwortungslos sein konnte, und sie war sehr dankbar für die Warnung ihres Großvaters. Aber gerade Charles’ Faulheit war es, die das Ende der Verstimmungen zwischen ihnen herbeiführte. Er schien das Interesse an den ewigen Diskussionen verloren zu haben. Solange er sorglos leben, seine Freunde treffen und seiner großen Leidenschaft, der Fuchsjagd, frönen konnte, war er zufrieden. Er erkundigte sich nie, wie die Finanzierung des Haushaltes vonstatten ging, und als sie endlich Handwerker kommen ließ, die das düstere Haus renovieren sollten, weil sie es einfach nicht mehr aushielt, wußte Charles dazu nur zu bemerken: »Du meine Güte, das sieht fabelhaft aus. Gut gemacht, altes Mädchen.«

Für seine Verhältnisse war das ein überschwengliches Lob, und Regal beschloß, daß es an der Zeit war, ihm von Pine Cottage zu erzählen. »Ich habe das Haus auf der Isle of Wight gekauft, Charles. Wenn ich hier fertig bin, werde ich hinfahren und es herrichten lassen, damit es für den nächsten Sommer fertig ist.«

»Eine großartige Idee«, sagte er, und sie war enttäuscht, als habe sie gehofft, ein ordentlicher Krach werde ein wenig Farbe in ihr Leben bringen.

»Warst du heute im Kontor?« fragte sie.

»Nein, wieso? Ich war letzte Woche erst dort. Zwei Schiffe sind aus Lissabon zurück, aber diese Portugiesen verlangen so horrende Provisionen, wenn sie unsere Waren abnehmen. Ich weiß nicht, wie lange das noch gutgehen wird.«

»Du solltest dich häufiger darum kümmern«, sagte sie. »Ich kann nicht begreifen, wieso du alles Basil Mulgrave überläßt.«

»Hör auf zu nörgeln, Regal. Du mußt gerade reden, dabei läßt du deine Angelegenheiten doch auch von diesem Juden in Boston erledigen.«

Es hatte keinen Sinn, ihn zwingen zu wollen, sich für die Aktivitäten seiner Gesellschaft zu interessieren, denn er glaubte, er tue genau das. Er wußte, welche Schiffe im Hafen lagen und welche gerade auf See waren. Und damit endeten seine Kenntnisse. Nie schien er an irgendwelchen Entscheidungen mitzuwirken, hatte überhaupt keine Ahnung von Fixkosten wie Lagermieten, Löhnen und Kreditzinsen. Auch war es immer nur Basil, der mit den Kaufleuten verhandelte. Meistens wußte Charles nicht einmal, welche Handelsgüter sie eigentlich verschifften, und — was ihrer Ansicht nach noch schlimmer war — hielt das auch gar nicht für nötig. Man hätte glauben können, er spiele mit Papierschiffchen auf einem Teich.

Seine Einstellung war wirklich höchst sonderbar, und auch wenn Howth senior sich noch niemals bei ihnen hatte blicken lassen, war Regal doch geneigt, ihrem Schwiegervater zuzustimmen: sein Sohn war in der Tat ein Verschwender. Und ganz gleich, was sie tat oder sagte, er würde sich niemals ändern.

Doch er war und blieb ein Gentleman, und seine Freunde waren, abgesehen von ein paar Trunkenbolden, freundlich und äußerst angenehme Gesellschaft. Über einen Mangel an Einladungen hatten sie nie zu klagen. Doch es gab eine Sache, bei der Regal fest entschlossen war, hart zu bleiben. Noch war das Thema nicht zur Sprache gekommen, doch nach den Briefen der Bank zu urteilen, die sie gefunden hatte, stand die Northern Star auf wackeligen Füßen. Aber in dieser Angelegenheit wollte sie unter gar keinen Umständen aushelfen. Es würde ihr ein großes Vergnügen sein, Sir Basils Schifffahrtsgesellschaft untergehen zu sehen. Und da Charles nichts dazu tat, ihren Zusammenbruch zu verhindern, geschah es ihm ebenfalls recht. Er sollte bloß nicht zu ihr gerannt kommen und sie bitten, Northern Star zu retten. Sie überredete ihn, sie auf die Isle of Wight zu begleiten, und er ließ es sich im Hotel de Ville wohl ergehen, während sie sich auf die Suche nach örtlichen Handwerkern machte und sie an die Arbeit schickte. Sie mieteten eine Kutsche und unternahmen gemächliche Ausfahrten über die Insel, quartierten sich für ein paar Tage im Yarmouth Travellers Inn ein.

»Wenn dieser gräßliche Krieg erst vorbei ist, machen wir eine Grand Tour auf dem Kontinent, durch Frankreich und nach Venedig und Florenz«, versprach Charles ihr.

Regal hoffte, der Krieg möge bald zu Ende sein, denn eine solche Reise wäre sicher herrlich. Ihr Leben war so eintönig geworden, daß sie nicht wußte, wie sie sich beschäftigen sollte, wenn sie nach London zurückkehrte, jetzt da das Haus fertig war. Sie sprach mit Edwina darüber.

»Manchmal beneide ich Charles. Er lebt einfach so von Tag zu Tag, tut immer wieder dieselben Dinge, führt immer dieselben Gespräche mit seinen pferdenärrischen Freunden und ist damit vollauf zufrieden. Ich war richtig überrascht, als er vorschlug, nach dem Krieg auf den Kontinent zu reisen.«

»Wundervoll«, sagte Edwina. »Wir schließen uns euch an. Ich brenne darauf, Paris zu sehen.«

»Bis dahin vergiß nicht, daß ihr uns im Juli im Pine Cottage besuchen wollt«, erinnerte Regal sie. »Es wird euch gefallen, Edwina, es ist das gemütlichste Häuschen, das man sich vorstellen kann.«

»Wir freuen uns schon darauf. Und was tust du jetzt, da du wieder zu Hause bist?«

»Nichts«, sagte Regal niedergeschlagen. »Wie üblich scheine ich mal wieder darauf zu warten, daß etwas geschieht. Manchmal denke ich gar, es wäre nett, Boston wiederzusehen. Vielleicht habe ich ja auch einfach nur Heimweh.«

»Es ist ganz normal für eine junge Ehefrau, daß sie eine Zeitlang ein wenig unausgeglichen ist. Du vermißt die unbeschwerte Zeit vor der Ehe, all die jungen Männer, die um deine Aufmerksamkeit wetteiferten. Und wenn man dann seine Wahl getroffen hat, verschwinden sie auf einmal alle, mitsamt ihren Schmeicheleien. Nur die wenigsten Ehemänner bringen es fertig, daß eine Frau sich auch weiterhin wie die Schönste im Lande fühlt. Vermutlich geht es den Männern ebenso. Und manche glauben«, fügte sie mit finsterer Miene hinzu, »sie könnten auch weiterhin anderen Frauen nachsteigen, selbst wenn ihr Trauring für die ganze Welt sichtbar an ihrem Finger steckt. Ich danke Gott, daß mein Cameron keiner von der Sorte ist.«

Regal mußte ein Lächeln unterdrücken. Cameron, ein leicht verknöcherter Herr in den Sechzigern, war wirklich nicht der Typ für solcherlei Eskapaden.

»Und du kannst dem Schicksal ebenfalls danken, daß Charles kein Schürzenjäger ist«, fuhr Edwina fort. »Du wirst bald keine Zeit mehr haben, dich zu langweilen. Als nächstes kommen die Kinder. Ich habe es immer bedauert, daß ich keine Kinder bekommen konnte.« Sie durchforstete die Tasche an ihrem Unterrock. »Eh ich es vergesse. Ich habe eine Einladung für euch, von Maria. Sie gibt ein ganz besonderes Dinner, um Davids Geburtstag zu feiern. Wir sind ja so stolz auf ihn. Er ist jetzt Vizegouverneur von Hobart, was für eine Ehre! Also organisiert sie ein richtig großes Fest, so daß sie ihm schreiben und davon erzählen kann, und wir sollen alle ein Grußschreiben mit den besten Wünschen an ihn unterschreiben. Es wird ein wunderbarer Abend mit den engsten Freunden.«

Regal fand es immer noch schwierig, Maria Collins’ strikte Weigerung, nach Hobart zu gehen, nachzuvollziehen.

»Wäre mein Mann Gouverneur irgendeiner Kolonie in irgendeinem Winkel der Erde, ich wäre da. Es muß doch herrlich sein, die Frau eines Gouverneurs zu sein.«

»Das glaube ich auch. Alle sagen, wenn er heimkommt, wird er geadelt. Ist das nicht aufregend? Maria wird Lady Collins. Und du bist ja schon die Ehrenwerte Mrs. Howth. Nur ich bin schlicht und einfach Mrs. Spencer.«

»Ach herrje«, sagte Regal plötzlich. »Wir werden nicht zu Marias Dinner kommen können.«

»Aber natürlich kommt ihr. Warum nicht?«

»Weil Charles zu dem Zeitpunkt in Schottland ist.«

»O nein, was für ein Jammer. Kannst du ihm das nicht ausreden?«

»Das ist aussichtslos.«

Regal war enttäuscht. Sie ging gern zu Marias Gesellschaften und fühlte sich am Portman Place immer noch heimisch. »Aber wenn ich allein käme, würde das sicher die ganze Tischordnung ruinieren«, fügte sie hinzu und hoffte im stillen, Edwina werde ihr widersprechen. Doch diese tat nichts dergleichen. »Das ist wahr. An dem Tisch ist nur Platz für zwölf. Ich habe vorgeschlagen, das Dinner bei uns zu geben, wir haben soviel mehr Platz, aber sie sagte, dann wäre es nicht mehr dasselbe. Sie will, daß David sich den Raum vorstellen kann.«

»Ich werde ihr schreiben und uns entschuldigen«, sagte Regal. Sie hatte ja nichts dagegen, daß Charles so häufig fort war, aber seine Abwesenheit unterbrach auch jedesmal ihr gesellschaftliches Leben. Sie seufzte. Das war ein weiterer Nachteil daran, verheiratet zu sein.

Doch Maria Collins war so gut zu ihr gewesen, und am nächsten Tag folgte Regal einer spontanen Eingebung und kaufte ihr einen wundervollen Tafelaufsatz aus Kristall, der wie ein Kronleuchter geformt war. Sie beschloß, ihn ihr persönlich zu überbringen.

Maria war hingerissen, und zusammen wickelten sie die Hunderte kleiner Kristallperlen aus, brachten sie an und entzündeten die kleinen Kerzen, um zu sehen, wie er wirkte.

»Er ist wundervoll«, sagte Maria. »Du mußt wirklich unbedingt zur Gesellschaft kommen, Liebes. Wenn dein Mann auf Vergnügungsreise geht, kann er doch nicht erwarten, daß du derweil zu Hause sitzt. Ich werde schon jemand netten für den zwölften Platz finden.«

Maria fand nicht nur jemanden, sie wies den fraglichen Herrn auch an, Mrs. Howth abzuholen und zum Portman Place zu begleiten. Sie sandte Regal Nachricht, daß sie diesen Gentleman kannte und er eine Überraschung für sie sein sollte.

Es machte so großen Spaß, mit einem geheimnisvollen Begleiter auszugehen, daß Regal beinah den ganzen Tag mit den Vorbereitungen verbrachte. Ihr Friseur übertraf sich selbst, verwandelte ihre Locken in ein Meer kleiner Korkenzieherlöckchen, die sich um Bänder blauer Seidenvergißmeinnicht ringelten. Und da sie ja wußte, wie der Tisch dekoriert sein würde, wählte sie ihr Lieblingsabendkleid aus blauem Satin, dessen Mieder mit glitzernden Kristallperlen besetzt war.

Während sie sich ankleidete, trank sie ein paar Gläser Champagner und war froh, daß Charles nicht daheim war. Selbst wenn dieser geheimnisvolle Begleiter ein älterer Gentleman sein sollte, war das Regal gleich; sie war fest entschlossen, sich zu amüsieren.

Und schließlich kam der Gentleman. Der Diener führte ihn in den Salon, und Regal ließ ihn ein Weilchen warten, ehe sie erschien. Sobald sie ihn dann sah, rief sie lachend aus: »Major Sorell! Was für eine wunderbare Überraschung.«

Er lachte ebenfalls. »Wie kommt es nur, Mrs. Howth, daß mein Erscheinen bei Ihnen stets solche Heiterkeitsausbrüche auslöst?«

»Sie müssen mir verzeihen, Major. Ich bin vermutlich in der Laune, mich wie eine alberne Gans zu benehmen. Und ich bin ja so erleichtert, daß Sie es sind. Ich hatte schon befürchtet, Maria werde mir einen fetten, alten Colonel schicken.«

»Und mir die Freude verwehren, eine so schöne Dame zu begleiten? Niemals.«

»Vielen Dank, Sir.« Sie verneigte sich übermütig. »Wir haben noch etwas Zeit. Trinken Sie ein Glas Wein mit mir?«

»Sehr gern.« Es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, daß er, obwohl selbst verheiratet, die Frau eines anderen Mannes begleiten sollte.

Regal reichte ihm sein Glas. »Nun, Major? Was haben Sie gemacht, seit wir uns zuletzt gesehen haben?«

Er setzte sich auf das Sofa. »Ich war oben im Norden und habe jungen Burschen beigebracht, beim Reiten nicht von ihren Pferden zu fallen und sich dabei aus Versehen in ihre eigenen Schwerter zu stürzen.«

»Dafür sind Sie gewiß genau der Richtige. Und was verschlägt Sie nach London?«

»Ich bin zusammen mit Sir John Moore gekommen. Ich muß an einigen Besprechungen teilnehmen und will bei dieser Gelegenheit versuchen, den Ausbruch einer offenen Fehde zwischen dem General und den Politikern zu verhindern.«

»Und haben Sie Ihre Frau mitgebracht?«

Er grinste. »Oh nein. Harriet ist daheim und hütet die Kinder.«

»Was für ein Jammer. Und mein armer Gatte ist in Broadlands. Vermutlich liegt er um diese Zeit schon im Bett und erholt sich von einem harten Tag im Sattel, den er damit zugebracht hat, arme, kleine Füchse in Angst und Schrecken zu versetzen.«

»Er reitet zur Jagd?«

»Ja. Ich hoffe, Sie nicht, sonst bin ich gerade wohl ins Fettnäpfchen getreten.«

Als sie schließlich aufbrachen, waren sie beide bester Laune, genossen die Abwechslung, einmal für ein paar Stunden frei von ehelichen Bindungen zu sein.

»Ich muß Ihnen erzählen, was so urkomisch an unserer ersten Begegnung war«, verkündete Regal. »Maria und Edwina hatten sich vorgenommen, Sie und mich zu verkuppeln. Und dann tauchten Sie mit Ihrer Frau auf. Ich will Harriet gegenüber nicht unhöflich sein, aber Sie haben die beiden Damen in hoffnungslose Verwirrung gestürzt. Jedesmal, wenn ich sie ansah, mußte ich lachen.«

5.

Maria Collins verwöhnte ihre Gäste mit einem erlesenen Menü aus sieben Gängen. Sie aßen gemächlich, und die Konversation war lebhaft, angeführt von Reverend Barnes-Smith, einem ausgesprochen belesenen, exzentrischen Kauz und altem Schulfreund von Marias Mann.

Er brachte einen Trinkspruch auf David Collins aus und hielt eine wunderbare Rede, und als sie in den Salon hinübergingen, bestand er darauf, daß jeder einen Beitrag zur Unterhaltung leisten solle. Sogar Cameron wurde überredet, ein paar Verse zu rezitieren, und erntete tosenden Beifall. Edwina spielte auf dem Pianoforte, und Major Sorell sang ein fröhliches Soldatenlied. Eine der Damen hatte eine so wunderschöne Stimme, daß Regal nur ungern unmittelbar nach ihr antreten wollte. Major Sorell erlöste sie aus ihrer Verlegenheit und sang mit ihr zusammen ein Duett aus der Bettleroper.

Während sie die Notenblätter durchgingen, bemerkte Regal, daß einer der Diener Maria zur Tür winkte und sie ihm hinausfolgte.

Sie begannen ihren Vortrag, und William spähte über ihre Schulter, denn keiner von ihnen kannte den Text besonders gut, doch nach ein paar Strophen klangen ihre Stimmen bereits recht sicher.

Ein großer, gutaussehender Mann betrat den Salon, blieb stehen und lauschte. Er war etwa in Regals Alter und trug ein schwarzes Hemd mit Stehkragen und lederne Hosen — äußerst unpassende Kleidung für diese Gesellschaft, aber das schien ihn nicht weiter zu stören. Seine blauen Augen sahen der Welt direkt und unerschrocken entgegen, und Regal hatte dabei den Eindruck, daß er sie ein wenig zu lange anstarrte. Sie wünschte, er würde den Blick abwenden. Er stand reglos mit verschränkten Armen und leicht gespreizten Beinen da und überragte jeden anderen im Raum wenigstens um Haupteslänge.

William war ebenfalls abgelenkt und kam ein paarmal aus dem Takt. Sobald ihr Duett zu Ende war, ging er auf den Neuankömmling zu und schlug ihm herzlich auf die Schulter. »Jorgensen! Bei allen Heiligen, wo kommen Sie denn her?« Er wandte sich an Maria. »Sie haben nichts davon gesagt, daß er kommt.«

»Weil ich es nicht wußte«, lachte sie. »Jorge ist gerade erst in London eingetroffen. Was für eine wundervolle Überraschung. Und das ausgerechnet heute abend! Jorge war in Hobart, er bringt uns Neuigkeiten von David aus erster Hand.«

Sie freute sich offenbar wirklich sehr über die plötzliche Ankunft dieses Fremden und führte ihn herum, um ihn allen vorzustellen. Doch Regal sah ihn mehrmals in ihre Richtung blicken, als warte er ungeduldig darauf, endlich auch sie kennenzulernen.

Schließlich brachte Maria ihn zu ihr. »Und jetzt möchte ich Ihnen noch zwei amerikanische Damen vorstellen, Jorge, Mrs. Cameron Spencer und die Ehrenwerte Mrs. Charles Howth.«

Er verneigte sich vor Edwina und sprach mit leichtem Akzent: »Es ist mir eine Ehre, Ma’am.« Seine Stimme war tief. Dann nahm er Regals Hand und wandte sich an Maria. »Mrs. Howth ist so schön, ich bin jetzt schon ganz verliebt in sie. Wäre es unangemessen, ihr das zu sagen?«

Maria lächelte. »Lieber nicht, Jorge, ihr Mann könnte Einwände haben.«

Edwina kicherte, und Regal war die Szene peinlich. Sie sah zu William hinüber in der Hoffnung, er werde sie vor diesem unverschämten Kerl retten, da nahm Jorgensen auch schon ihren Arm. »Welcher ist Ihr Mann? Ich muß ihm unbedingt gratulieren.«

»Er ist nicht hier«, sagte William. »Ich bin heute abend Mrs. Howths Begleiter.«

»Wunderbar«, gab Jorgensen zurück. »Dann werde ich mich euch anschließen. William und ich sind alte Freunde. Wie ich sehe, sind Sie inzwischen Major. Ich habe immer gewußt, daß Sie eines Tages Karriere machen.«

»Ein Major zu sein ist nicht unbedingt der Gipfelpunkt einer Karriere«, erwiderte William.

»Das ist erst der Anfang für Sie, da bin ich sicher. Glauben Sie nicht auch, Mrs. Howth?«

»Ja«, sagte Regal nur und ärgerte sich über sich selbst, weil es ihr in Gegenwart dieses Mannes, der den ganzen Raum zu beherrschen schien, offenbar die Sprache verschlagen hatte. »Sind Sie bei der Marine, Mr. Jorgensen?«

»Nicht mehr«, antwortete er, und dann nahm Maria ihn mit Beschlag. »Wir haben bereits gegessen, aber ich kann die Köchin bitten, Ihnen etwas zurechtzumachen, wenn Sie möchten.«

»Nein danke, Mrs. Collins. Ich wäre mit einem Glas Wein ganz zufrieden.«

»Gut. Jetzt müssen Sie sich aber unserer Gesellschaft anschließen. Wir alle mußten einen Beitrag zur Unterhaltung leisten, jetzt sind Sie an der Reihe. Erzählen Sie uns, woher Sie kommen und was Sie nach London führt.«

»Hört, hört!« rief der Reverend zustimmend. »Was kann es Schöneres geben als eine detaillierte Beschreibung einer neuen Kolonie.«

»Wenn Sie möchten.« Jorgensen setzte sich zwischen sie und schien völlig unbefangen, erzählte enthusiastisch und selbstsicher und sah dabei immer wieder zu Regal, als erzähle er seine Geschichte eigentlich nur ihr. Aber niemand sonst schien es zu bemerken, alle waren fasziniert, stellten Fragen und unterbrachen ihn mit ihren Kommentaren, auf die er nachsichtig einging.

___________

Zuerst entschuldigte er sich bei Maria dafür, seinerzeit ihrem Dinner ferngeblieben zu sein. »Ich konnte nicht kommen, weil ich im Londoner Hafen einer Preßpatrouille der Marine in die Hände fiel, die mich auf das englische Kriegsschiff Ramilles schaffte.«

William Sorell schien das ungeheuer komisch zu finden. »Das ist also aus Ihnen geworden«, lachte er. »Aber ein Weilchen in der Royal Navy hat noch keinem geschadet. Sie sehen jedenfalls nicht so aus, als wäre es Ihnen schlecht bekommen.«

»Mir vielleicht nicht, aber den Männern der Preßpatrouille. Ich habe dem einen oder anderen ein paar Knochen gebrochen, ehe sie mich in Ketten legen konnten.«

Die anderen Damen zogen entsetzt die Luft ein, aber Regal war begeistert. »Gut gemacht, Mr. Jorgensen. Wie sind Sie entkommen?«

»Bin ich nicht. Als sie mich freiließen, hatte das Schiff bereits abgelegt, und so war ich in der britischen Marine, ob es mir nun paßte oder nicht. In Kriegszeiten kann man den Dienst nicht quittieren, also war ich gezwungen, auf eine günstige Gelegenheit zu warten. Schließlich segelte die Ramilles nach Algoa Bay. Dort lag noch ein weiteres englisches Schiff vor Anker, die Harbinger. Sie sollte nach Neusüdwales segeln, und es gelang mir, mich auf die Harbinger versetzen zu lassen. Zuerst nahmen wir Kurs auf Sydney und von dort aus, wie ich insgeheim gehofft hatte, auf Hobart, wo ich mich sofort auf die Suche nach dem Gouverneur von Van Diemens Land begab.«

»Wie wundervoll«, rief Maria. »Und trafen Sie David bei guter Gesundheit an?«

»Allerdings. Ein wahrhaft großer Mann. Seine Kolonie entwickelt sich prächtig. Eines Tages wird Hobart eine große, blühende Stadt sein.«

»Und da sind Sie aus der Marine ausgeschieden?« fragte William.

Jorgensen grinste. »Ich dachte, der Gouverneur würde mich rausholen, aber er nimmt es mit den Vorschriften sehr genau. Meine Dienstzeit war noch nicht um. Aber er hat mir geholfen und mich auf der Lady Nelson untergebracht, die zur Küstenvermessung und Erstellung neuer Seekarten eingesetzt war. Das lag mir mehr, Navigation hat mich immer schon interessiert. Ich diente auf der Lady Nelson als zweiter Maat.«

Er erzählte ihnen mehr über das am Ufer des gewaltigen Flusses Derwent gelegene Hobart und beschrieb den Berg, der über den kleinen Hafen wacht. Voller Mitgefühl sprach er von den Eingeborenen des Landes, verstörten, verängstigten Menschen, die zuzeiten versuchten, den Fremden freundlich zu begegnen, doch wenn sie sich bedroht fühlten, ebenso erbarmungslos zuschlagen konnten wie der weiße Mann.

Das erntete allenthalben ein Stirnrunzeln und Widerspruch von Camerons Seite. »Das kann man wohl kaum vergleichen, Sir. Wir sind keine Wilden.«

»Doch, das sind wir«, entgegnete Jorgensen und fuhr mit seiner Geschichte fort.

Er war die Ostküste des unerforschten australischen Kontinents entlanggesegelt und nördlich von Sydney in Cooks Whitsunday-Straße hinein, einer schmalen Durchfahrt zwischen dem Festland und einem großen Korallenriff, wo das Wasser warm und leuchtend blau sei. »Sollte ich der Welt je überdrüssig werden, möchte ich meine Tage am Ufer von Brisk Bay beschließen. Es ist eine verzauberte Welt. Eine idyllische Strandbucht inmitten der Tropen mit Blick auf die Whitsunday-Inseln. Und ich hätte sie ganz für mich allein.« Er grinste. »Ich wäre König eines warmen, gesegneten Landes.«

Regal erfuhr, daß er die Marine in Sydney verlassen hatte und an Bord der Alexander auf Walfang gegangen war. Danach war er mit verschiedenen Handelsschiffen zurück nach England gekommen, über Neuseeland und Tahiti und die gefürchtete Route um Kap Horn, wo das Schiff beinah gesunken wäre wie so viele vor ihm.

Dieser Mann hatte wirklich viele Abenteuer erlebt. Regal beneidete ihn. Welch wundersame Orte er gesehen hatte! Was für Gefahren bestanden! Ein Mensch mußte wohl über viel Kraft und Mut verfügen, um es mit den Elementen auf den fernen Meeren aufzunehmen.

»Aber jetzt darf ich Sie nicht länger langweilen«, sagte er.

»Vom Horn ging es nach St. Helena, dann nach England.«

»Endlich daheim«, bemerkte Cameron.

»Nein, ich bin nicht in England daheim, ich komme aus Kopenhagen.«

»Und werden Sie weiterreisen nach Dänemark?« fragte Regal, und er nahm wie selbstverständlich ihre Hand.

»Ich weiß es noch nicht. Es ist bitter, in ein Land heimzukehren, wo Krieg und Unruhe herrschen. Kommen Sie mit mir in die Südsee, Mylady, und wir werden im tropischen Paradies ein glückseliges Dasein führen.«

»Ich habe noch nie einen so unverfrorenen Menschen getroffen«, sagte Regal zu Maria, aber niemand hörte sie, alle bestürmten Jorgensen mit ihrem Dank für die faszinierende Erzählung und mit weiteren Fragen.

___________

Am nächsten Morgen schlief Regal lange, obwohl die Gesellschaft sich zu einer durchaus vertretbaren Zeit aufgelöst und William sie sicher nach Hause geleitet hatte.

Sie waren sich einig, daß der Abend ein voller Erfolg gewesen sei. »Das beste Dinner, zu dem ich seit langem war«, sagte Regal. »Lassen Sie gelegentlich von sich hören, William, damit ich Ihre Karriere im Auge behalten kann. Schließlich behauptet Jorge doch, Sie würden einmal ein bedeutender Mann sein.«

Sie hatte gelacht und ihn zum Abschied auf die Wange geküßt, doch als sie ins Haus treten wollte, hielt er sie zurück. »Regal. Verzeihen Sie mir, aber ich muß es Ihnen sagen: Nehmen Sie sich in acht vor Jorgensen. Er ist, na ja …«

»Extrem gutaussehend?« schlug sie lächelnd vor.

»Ja, das ist er ganz bestimmt. Diese Nordmänner sind große, kräftige Kerle, aber es ist noch etwas anderes. Ich meine es nicht abwertend, aber er ist … wild, in gewisser Weise. Er hat sich überall in der Welt herumgetrieben.«

Sie tätschelte ihm die Wange. »Ja sicher, das sagt er schließlich selbst. Seien Sie nicht albern, William. Wir waren doch nur in Feierlaune. Ich bin eine verheiratete Frau und habe keineswegs die Absicht, mich in einen dänischen Seefahrer zu verlieben. Meine Güte, Marias einsames Leben ist wohl abschreckendes Beispiel genug. Die Frauen sollten sich einfach vor diesen Kerlen hüten, die durch die Südsee vagabundieren.«

Sie lag im Bett und betrachtet ihr blaues Satinkleid, das nicht besonders ordentlich auf der Chaiselongue ausgebreitet lag, und bewunderte die weichen Falten und das Funkeln der Stickerei. Jorge hatte behauptet, es sei das schönste Kleid, das er je gesehen habe.

Und William! Wie er sie vor Jorgensen gewarnt hatte! Ein klein bißchen eifersüchtig vielleicht? Sie ließ sich zurückfallen und rekelte sich in ihren Seidenlaken. Sie war froh, daß Charles fort war. Nicht daß er noch häufig in ihrem Bett schlief. Wenn er spät heimkam, zog er es vor, seinen Rausch in seinem einstigen Junggesellenzimmer auszuschlafen. Doch letzte Nacht schien auch sie etwas zu tief ins Glas geschaut zu haben, denn heute morgen fühlte sie sich gar nicht wohl. Charles bevorzugte Portwein und Brandy als Heilmittel gegen den Kater, aber das brachte sie nicht fertig. Kaffee und Muffins wären da sicher besser. Also, warum zog sie sich nicht an und ging hinunter? Im Gegensatz zu den meisten englischen Damen hielt sie nichts von Frühstück im Bett.

Kaum hatte sie es sich mit ihrem Frühstück und ein paar Zeitschriften vor dem Feuer bequem gemacht, als das Mädchen hereinkam und sagte, ein Gentleman wünsche sie zu sprechen.

»Führ ihn herein«, sagte sie und vergaß zu fragen, wer es denn eigentlich sei. Oder vielleicht war es auch Absicht, denn tief in ihrem Innern wußte sie genau, daß nur Jorgensen dieser Besucher sein konnte, so unwahrscheinlich es auch erscheinen mochte.

»Ich hoffte, Sie würden mich empfangen«, sagte er zur Begrüßung. »Störe ich?«

»Allerdings. Möchten Sie Kaffee?«

»Ja. Mit Sahne.« Er stand auf der anderen Seite des Kamins und sah sie einfach nur an.

»Jorge, was führt Sie her?«

»Es schien mir das Vernünftigste, das ich tun konnte.« Er nahm seinen Kaffee von ihr entgegen und trank ihn im Stehen. »Guter Kaffee.«

»Möchten Sie nicht Platz nehmen?«

»Nein, danke. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Er nahm sich zwei Muffins und begann zu essen. »Ich habe den gestrigen Abend sehr genossen. Ich habe Sie doch hoffentlich nicht in Verlegenheit gebracht, oder?«

»Nein, natürlich nicht.«

Er nickte und aß nachdenklich auf. »Gut. Ich möchte heute noch einmal ganz von vorn anfangen. Ich bin hier, um Ihnen den Hof zu machen.«

Sie starrte ihn an. »Wie bitte?«

»Sie haben mich sehr gut verstanden.« Er seufzte erleichtert. »Ich bin heute bei Tagesanbruch aufgestanden und habe seither die ganze Zeit diesen Satz geprobt. Ich habe mit mir selbst gewettet, daß ich niemals den Mut aufbringen würde, aber es gibt keinen anderen Weg.«

Er wirkte auf einmal jünger, dieser Weltenbummler, aber darum nicht weniger beunruhigend. »Also wirklich, Jorge. Ich muß Ihnen letzte Nacht wohl einen falschen Eindruck vermittelt haben. Ich bin eine verheiratete Frau, wie Sie sehr wohl wissen. Ich war nur deshalb gestern mit William … ich meine, er war nur mein Begleiter. Als Freund. Mein Mann …«

Er hob die Hand. »Ich will nichts über Ihren Mann hören. Ich weiß, daß es nicht einfach für Sie ist, aber ich habe nicht viel Zeit.«

»Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher.«

»Da irren Sie sich. Das bin ich keineswegs. Wenn ich Sie falsch eingeschätzt habe, werde ich gehen und hoffen, daß ich Sie nicht beleidigt habe. Sollte ich allerdings recht haben …« Er hatte ein sehr entwaffnendes Lächeln.

Regal spürte, daß sie hier in gefährliche Gewässer geriet. Er gab ihr Gelegenheit, ihn fortzuschicken, aber sie wollte nicht, daß er ging. Er war ein sehr attraktiver Mann.

»Wir haben nichts gemeinsam«, wandte sie ein in dem kläglichen Versuch, die Vernunft walten zu lassen.

»Oh doch.« Er machte sich nicht die Mühe zu erklären, was er im einzelnen meinte. Statt dessen stellte er seine Tasse auf das Tablett und das Tablett beiseite auf die Anrichte. »Sagen Sie mir, was wünschen Sie sich vom Leben?«

Regal betrachtete ihn einen Augenblick und beschloß dann, genauso offen zu sein wie er. »Ich kann Ihnen genau sagen, was ich mir nicht wünsche, und das ist eine Affäre. Auch wenn Affären hier in London ein sehr beliebtes Spiel zu sein scheinen, darüber zu reden ebenso wie eine zu haben.«

»Und welches Spiel spielen Sie gern?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, es ist noch nicht erfunden.«

»Ah! Das gibt mir Hoffnung. Das Leben ist ein einziges großes Spiel, vorausgesetzt man hat den richtigen Partner.«

»Sie vergessen, ich habe bereits meinen Partner.«

»Ich sagte, den richtigen Partner.« Er ging ans andere Ende des Zimmers und kam wieder zurück. »Also gut. Keine Affäre. Das hier ist zu wichtig. Es wird nur uns geben. Dich und mich. Was sagst du dazu?«

»Sie meinen das wirklich ernst, nicht wahr?«

»Die Frage gehört schon der Vergangenheit an. Du kennst die Antwort. Jetzt liegt es allein bei dir.«

Eine ganze Weile sprach keiner von ihnen ein Wort. Im Zimmer war es still, und es herrschte eine seltsame, sinnliche Atmosphäre. Regal spielte am Knopf ihrer Bluse und er öffnete sich. Es war keine große Sache, sie trug ohnehin ein Hemd darunter, aber es war ihr dennoch furchtbar unangenehm, und sie versuchte mit ungeschickten Fingern, ihn wieder zu schließen.

Jorge streckte ihr die Hände entgegen. »Laß das. Komm her zu mir.«

Er preßte sie an sich wie ein kostbares Kleinod, und sie fühlte einen verwegenen Stolz, daß ausgerechnet sie diesen Mann angezogen, daß er sie ausgewählt hatte. William hatte recht. Jorgensen war anders, das konnte sie jetzt bestätigen. Er war eine Naturgewalt, eine Lebenskraft. Jemandem wie ihm war sie nie zuvor begegnet, und sie wußte jetzt schon, daß dies auch in Zukunft nicht der Fall sein würde. Was sollte sie also tun?

Sie trat zurück, aber sie mußte sich dazu zwingen, denn sie genoß das Gefühl, seine Arme um sich zu haben, sie fühlte sich sicher darin. Beschützt.

»Wie lange wirst du in London bleiben?« fragte sie.

»Solange es dauert.«

»Was dauert?«

»Bis du mir sagst, daß du mich liebst. Leidenschaftlich. Für immer und ewig.«

Regal brach in ein so fröhliches Gelächter aus, daß es sie selbst verblüffte. Sie hatte durchaus Humor, aber meist verknüpft mit einer gewissen Schärfe, mit Distanz. Jetzt hatte sie diese Hemmungen einfach über Bord geworfen. Jorgensen hatte sie dazu gebracht, aus purer Glückseligkeit zu lachen, weil es keine Schranken zwischen ihnen gab, nichts, wovor man sich fürchten müßte.

Er betrachtete sie lächelnd. »Dein Lachen klingt wie Silberglocken. Hübsche, neue, glänzende Silberglöckchen. Du bist eine so wunderschöne Frau.«

Sie ließ die Arme sinken und sah ihn an. »Ist das alles nur Spiel? Ein Flirt?«

»Das werden wir ja sehen.« Als er sie küßte, war es, als sei Regals Welt zum Stillstand gekommen. Sie legte die Arme um seinen Hals und spürte atemlos, wie sein Mund sich über ihren legte, wie er sie so fest an sich zog, daß ihre Körper sich nahtlos ineinanderfügten. Dann beendete er den Kuß, nahm ihr Gesicht in seine Hände und sah ihr in die Augen. »Ich liebe dich und ich werde dich niemals gehen lassen. Du gehörst zu mir.«

Dann ließ er sie los. »Und jetzt muß ich gehen. Von nun an ist es besser, wir treffen uns anderswo. Dieses Haus …«

Sie nickte verstehend, doch zugleich hoffte sie, er werde noch bleiben.

»Und was nun?« fragte er und strich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

»Ich weiß es nicht. Dies gehört nicht zu meinen üblichen Morgenbeschäftigungen. Ich bin es nicht gewöhnt, Verehrer zu bewirten. Was, wenn mein Mann daheim gewesen wäre, Jorge? Was hättest du gesagt?«

Er knöpfte seine dicke Seemannsjacke zu. Regal hatte gemocht, wie sie sich anfühlte, rauh und männlich. »Magst du Balalaikamusik?« fragte er.

Was für ein unverschämter Kerl er doch war. Sie mußte schon wieder lachen. Er hatte gesagt, er wolle nichts von ihrem Mann hören. Offenbar war es ihm ernst damit. Regal war beeindruckt. Es war ein sehr kluger Schachzug. Das mußte sie sich merken. Wenn jemand dir im Wege ist, geh einfach an ihm vorbei. »Ich habe noch nie Balalaikamusik gehört.«

»Dann werde ich dich um sieben Uhr abholen und in ein russisches Lokal führen, wo das Essen ebenso gut ist wie die Musik.«

»Ein Gasthaus? Ich bezweifle, daß das der geeignete Ort für eine Dame ist.«

»Mein Liebling, du kannst hingehen, wohin es dir gefällt. Ist sieben dir recht?«

»Ja. Ich schätze schon.« Auf einmal war sie sich ihrer Sache nicht mehr so sicher, jetzt da er ging. Sie brachte ihn zur Tür.

»Wirst du deine Meinung inzwischen ändern?« fragte er.

»Ich weiß es nicht, Jorge. Ich weiß es wirklich nicht.«

»Nun ja, mehr kann ich im Augenblick wohl nicht erwarten.«

Sie ging ins Haus zurück und trat neben den Kamin, dorthin, wo er gestanden und den großen, bemalten Porzellanfuchs auf dem Sims betrachtet hatte. Es war eine von Charles’ Trophäen. Sie hob sie hoch und begutachtete sie nun selbst. Die Figur war in einem häßlichen Rot bemalt, die Augen wirkten leer und besiegt. Mit Bedacht öffnete sie ihre Hand und sah zu, wie sie fiel und auf den Steinplatten vor dem Kamin zerschellte.

___________

Als er um Punkt sieben den Weg zum Haus heraufkam, hielt Regal schon nach ihm Ausschau, obwohl sie wußte, daß es Wahnsinn war. Wer war er denn überhaupt? Ein Seemann aus der Fremde, nicht einmal ein Gentleman. Sie öffnete ihm selbst.

Er trat einen Schritt zurück und nickte anerkennend, als sie ihren Umhang überwarf und einen grauen Hut aufsetzte, dessen Krempe mit plissierter rosa Spitze gefüttert war. Die Hutmacherin hatte ihr versichert, daß dies ihrer hellen Haut ein inneres Leuchten verleihen werde. Nicht daß sie das heute nötig gehabt hätte, sie hatte das Gefühl, ihre Haut glühe vor nervöser Anspannung, als sie an seinem Arm das Haus verließ.

Nachdem sie Woburn Place hinter sich gelassen hatten, entspannte sie sich ein wenig. Wir geben ein hübsches Paar ab, ging es ihr durch den Kopf. Beide im gleichen Alter, beide hochgewachsen. Er war weit über einsachtzig, sie einsachtundsechzig oder sogar etwas größer. Sie vermied es, ihre genaue Größe feststellen zu lassen, denn zierliche Frauen entsprachen hier drüben dem Schönheitsideal.

»Es ist nicht weit«, sagte Jorge. »Der Spaziergang wird unseren Appetit anregen.«

»Nicht weit« erwies sich als ein längerer Marsch um viele Häuserecken und über etliche Straßen hinweg, aber das machte ihr nichts aus, sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft. Sie hatte ihren Arm durch seinen geschoben und ließ sich durch die unbekannten Straßen führen, bis sie schließlich Soho erkannte, das geschäftige Viertel, das vor allem durch seine vielen Gasthäuser und Schenken bekannt war. Charles hatte ihr davon erzählt, aber er hatte nie angeboten, sie einmal hierher mitzunehmen.

Das Restaurant Troika lag im Obergeschoß, weit weg von den üblen Gerüchen der Straße. Überfüllt und von zahlreichen Kerzen erhellt, schien es ein einziges Durcheinander aus Lärm und Gelächter, und sie mußten sich um dicht besetzte Tische herumdrängen und mehrere kurze, mit Teppichen bedeckte Treppen hinauf- und wieder hinabsteigen, um zu den seitlichen Tischen zu gelangen, die mit reich bestickten Vorhängen voneinander abgetrennt waren. Schließlich saßen sie an einem von ihnen, mit dem Rücken zur Wand, und hatten kaum genug Platz zum Luftholen. Erstaunlicherweise machte der Kellner sie in diesem Gedränge mühelos ausfindig, und nach einiger Beratung gab Jorge ihre Bestellung auf.

Regal hatte nie etwas wie diesen Ort gesehen, aber es war aufregend, und sie waren einander so nahe, daß Jorge einen Arm um sie legen konnte. »Alles in Ordnung?«

Sie nickte und wollte etwas sagen, doch in diesem Moment begannen die Musiker zu spielen, und drei Männer in Kosakenuniformen sprangen in die Raummitte und zeigten einen so schnellen und furiosen Tanz, daß Regal begeistert mit den anderen Gästen applaudierte. Sie waren großartig. Danach änderte sich die Musik, und zu den sanften Klängen der Balalaika gesellte sich ein Zigeuner mit seiner Geige und spielte seine eindringlichen Weisen. Es kam ihr vor, als befänden sie sich in ihrer ganz eigenen Welt, als sei die Musik nur für sie beide da. Sie trank von ihrem Wein und aß die fremdartigen Speisen, und die ganze Zeit lächelte er auf sie hinab, wollte, daß sie glücklich war, küßte sie zärtlich und flüsterte ihr ins Ohr.

Es war romantisch, es war genau das, was sie ihr Leben lang entbehrt hatte: einem anderen ganz nah zu sein, die restliche Welt ausgesperrt.

»Zeit zu gehen«, sagte er schließlich, und sie war enttäuscht. Sie wünschte, sie könnten bleiben, bis das Lokal schloß, aber er war schon aufgestanden und führte sie fort. Nahe der Tür trat ein älterer Mann zu ihnen und sprach mit Jorge, ohne Regal auch nur eines Blickes zu würdigen, obwohl er offenbar ein Gentleman war in einem modernen, gutgeschneiderten Rock.

»Wer war das?« fragte sie.

»Ein Freund.«

»Aber was für eine Sprache war denn das? Französisch?«

»Nein, Spanisch.«

»Ich wußte nicht, daß du spanisch sprichst.«

»Aber jetzt weißt du’s. Ich spreche auch französisch und deutsch.«

Sie war beeindruckt. »Ich würde auch so gerne Fremdsprachen beherrschen.«

Er lachte. »Dann lerne sie eben. Und jetzt sollte ich dich lieber nach Hause bringen. Der Portier wird eine Droschke für uns rufen.«

Sie war nie zuvor in einer Mietdroschke gefahren, aber das machte ihr nichts aus. »Ich will noch nicht nach Hause.«

»Also? Wo möchtest du hin?« Sie standen in der Eingangshalle oben an der Treppe. Er hatte die Arme um sie gelegt, und die Menschen strömten an ihnen vorbei, ohne ihnen die geringste Beachtung zu schenken. Es war, als seien sie unsichtbar, ein herrliches Gefühl. Sie liebte diesen Mann.

»Nicht heim«, wiederholte sie achselzuckend.

»Dann wirst du mit mir kommen müssen.«

»Wohin?«

»In mein Bett, um mich zu lieben.«

Es war das, was sie wollte, aber die Art und Weise, wie er es sagte, ließ sie erneut nervös werden. Ihn lieben? Mein Gott, womöglich fand er sie langweilig, unerfahren, auch wenn sie eine verheiratete Frau war. Sie hatte in einer dieser schlüpfrigen Zeitschriften gelesen, daß manche Frauen die Kunst regelrecht studierten, ihren Mann zu erfreuen. Und sie war sicher, sie hatte gehört, daß Jorge William gegenüber irgendeine Bemerkung über tahitianische Frauen gemacht hatte, die beide amüsiert hatte. Sie versuchte, die aufkommende Panik niederzukämpfen, und fragte ihn, wo er wohnte. Vielleicht eröffnete seine Antwort ihr einen Ausweg aus dieser Situation, ohne daß sie sich lächerlich machte.

»Ich habe ein Zimmer in einem Gasthaus nahe der Oxford Street. Es ist ein sehr ansprechendes Haus, genau das Richtige für zwei Fremde wie uns, die sich amüsieren möchten.«

Fremde? Jetzt war sie ebenfalls amüsiert, als sei sie eine Mitverschwörerin bei einem harmlosen Streich. »Jorge, wir können da wohl kaum zusammen hineinspazieren.«

»Ihr Wagen wartet, Sir«, sagte der Portier, und Jorge dankte ihm mit einer Münze.

Als sie die Treppe hinabstiegen, traf Regal eine Entscheidung. Warum nicht? Es wurde Zeit, daß auch sie ein paar Regeln aufstellte. Charles tat schließlich auch, was ihm gefiel. Das Leben mußte doch mehr zu bieten haben als den eintönigen Alltag am Woburn Place. Und es war ein so zauberhafter Abend; sie wollte nicht, daß er schon endete.

»Zum Gasthaus?« fragte er, und sie nickte. »Ja.«

Sein tiefes, kehliges Lachen ermutigte sie. »Ich wußte, daß ich mich nicht getäuscht habe. Du bist eine sehr interessante Frau. Du hast etwas Verwegenes an dir. Oder aber du bist deiner Situation sehr überdrüssig.«

»Vielleicht bin ich das«, räumte sie ein, als er sich neben ihr niederließ. »Aber jetzt mit dir zu gehen ist nicht leicht für mich.«

»Ich weiß. Es setzt Mut voraus, oder vielleicht Liebe.«

Ihre Ankunft im Gasthaus war nicht so peinlich, wie sie befürchtet hatte. Der Nachtportier öffnete ihnen verschlafen und verschwand, ehe sie auch nur die Treppe zu seinen Räumlichkeiten erreicht hatten.

Jorge zündete eine Lampe an und begann, sie auszuziehen. Die ganze Nacht hindurch glaubte sie den Nachhall der Zigeunermusik zu hören und sie lernte jede Einzelheit seines geschmeidigen, kräftigen Körpers kennen, jede Rundung seines wundervollen Profils im Lampenlicht. Es kam ihr vor, als sei dies der Beginn des Lebens, wie es sein sollte. Liebe wurde für sie gleichbedeutend mit diesem Mann, diesem Fremden, der erst vor wenigen Stunden in ihr Leben getreten war, und doch kam es ihr vor wie eine Ewigkeit.

»William Sorell hat mich vor dir gewarnt«, sagte sie, nachdem sie am späten Vormittag aufgewacht waren.

»Er hätte besser mich gewarnt. Ich habe Pläne, es ist wirklich ein ungünstiger Zeitpunkt, um mich zu verlieben.«

»Aber das hast du?«

»Ja.«

Verglichen mit ihm war Charles unscheinbar. Sie fragte sich, was Edwina wohl zu dieser Liaison sagen würde. Vor ihrer Ehe mit Cameron hätte sie sich vermutlich fasziniert gezeigt. Jetzt war Regal keineswegs so sicher. Seit Cameron in ihr Leben getreten war, war Edwina ausgesprochen bieder geworden. Jorge hatte sie beeindruckt, schließlich war er ein außergewöhnlicher Mann, aber seinen schneller Aufstieg von einem Fremden zu Regals Liebhaber hätte sie wohl nicht gebilligt.

Sie überlegte, wieso ihr das Wort »außergewöhnlich« in den Sinn gekommen war, aber als sie ihn jetzt ansah, sein ausgeprägtes Kinn, seinen langen, muskulösen Körper, als er vom Bett aufstand und sich streckte, war sie überzeugt, daß er kein gewöhnlicher Seemann war.

»Ich gebe bei dir zu Hause Bescheid«, sagte er. »Sonst schlagen deine Dienstboten noch Alarm. Am besten lasse ich ihnen mitteilen, du seist noch bei Freunden.«

Er zog Hosen und Wollhemd über und war verschwunden.

Regal wünschte, sie hätte selber daran gedacht; seine Umsicht ließ sie verantwortungslos erscheinen.

___________

Sie ging mit ihm zusammen im Park spazieren und weiter die Straße hinunter, denn sie waren hungrig und sahen sich nach einem Gasthaus um, wo sie etwas zu essen bekämen. Jorge wirkte tief in Gedanken versunken.

»Du überlegst, wie du mich am schnellsten loswirst«, hielt sie ihm vor, doch er zog sie an sich. »Nein, Regal. Niemals.«

Also setzten sie sich in den Garten einer Schenke, wo Jorge einen großen Krug Bier trank, Regal einen sauren Zitronensaft. Der Wirt brachte ihnen zähes Rindfleisch und altes Brot dazu. Regal knabberte nur daran, während Jorge alles achtlos aufaß. Er machte sich Sorgen wegen des Krieges und redete länger darüber, als ihr lieb war. Doch sie hörte ihm mit größerer Aufmerksamkeit zu, als sie Charles jemals geschenkt hatte.

»Es heißt, die Engländer werden Napoleon bald besiegt haben, und dann ist alles vorbei«, meinte sie.

»Er wird nicht so leicht zu schlagen sein«, widersprach Jorge und warf der Entenfamilie, die gerade den kleinen Teich überquerte, ein paar Brotkrümel hin.

»Mach dir keine Sorgen, vergiß den Krieg, Jorge, er macht dich so grimmig. Es hat doch nichts mit dir zu tun.«

»Der Krieg betrifft uns alle«, erklärte er.

»Ich sehe nicht ein, warum. Ich bin Amerikanerin, es ist nicht mein Krieg. Und du bist so lange in der Südsee gewesen, es sollte auch dich nicht kümmern.«

»Es betrifft mein Land. Dänemark hat sehr unter diesem Krieg zu leiden.«

»Das tut mir leid. Das wußte ich nicht. Früher fand ich Napoleon so romantisch, aber jetzt denke ich, je eher wir ihn loswerden um so besser.«

Er brach einen Zweig von einem ausladenden Weißdornbusch ab und betrachtete die weiße Blütentraube; ein paar winzige, durchschimmernde Blütenblätter rieselten auf den Tisch. »Was würdest du zu einem Plan sagen, der die Länder Europas vereint? Wenn man einen Staatenbund gründete, der einen dauerhaften Frieden gewährleistet?«

»Ich finde, das klingt sehr vernünftig.«

Er nickte. »Ja, es ist ein schöner Traum. Dem Handel würde es nützen, und die Menschen könnten nach Herzenslust reisen, würden nicht länger durch die ständigen Krisen behindert. Kleine Länder wie Dänemark könnten die Hilfe der mächtigeren Partner in Anspruch nehmen und müßten nie wieder so leiden wie unter der jetzigen Blockade.«

»Es klingt wirklich wunderbar«, sagte sie, nunmehr von der Idee angetan. »Eines Tages wird es vielleicht wahr. Das Problem ist nur, diese alten Länder sind in ihren Sitten und Gebräuchen zu festgefahren.«

»Ich bin froh, daß dir die Idee gefällt.« Er lachte. »Es ist Napoleons Traum.«

Sie starrte ihn verdutzt an und schnappte dann nach Luft. »Du hast mich hereingelegt! Du machst dich über mich lustig.«

»Keineswegs. Ich wollte dir lediglich die andere Seite der Medaille zeigen. Tausende von Franzosen glauben an diese Sache, und Menschen in anderen Ländern ebenfalls. Sie kämpfen, sie opfern ihr Leben, nicht aus reiner Bosheit, wie offenbar jeder in England glaubt, sondern weil sie an diesen Traum glauben. Es erstaunt mich immer wieder, was Napoleon alles erreicht hat. Von einem armen Soldaten hat er es zum mächtigsten Mann Europas oder gar der Welt gebracht. Man muß ihn einfach bewundern; er ist ein Genie, vergleichbar mit Alexander dem Großen.«

»Vermutlich hast du recht.« Regal hatte noch nie gehört, daß irgendwer auch nur ein gutes Haar an Napoleon gelassen hätte, aber wenn man so darüber nachdachte, waren seine Erfolge wirklich unglaublich.

»Ich muß dich jetzt verlassen«, sagte er. »Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich in einer Droschke heimschicke?«

»Ja, das würde es allerdings. Wo gehst du hin? Ich komme mit.«

Er nahm ihre Hand. »Das ist unmöglich. Und du solltest nicht so Hals über Kopf