/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Sterne im Sand

Patricia Shaw


Sterne im Sand

Patricia Shaw

1998

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Als Austin Broderick in den Westen Australiens zieht, um eine Schafzucht aufzubauen, wagt er nicht zu hoffen, dass er eines Tages ein gemachter Mann sein wird. Dreißig Jahre später ist Austin der stolze Besitzer von Springfield, einer der größten Schaffarmen des Kontinents. Doch sein Erfolg hatte einen hohen Preis…

Inhaltsverzeichnis

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Coda

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»Sie kamen über den Hügelkamm dort drüben«, sagte er und deutete mit seinem Stock in die Richtung. »Ein ganzer Haufen Schwarzer, um die fünfzig Leute, alle in voller Kriegsbemalung und mit langen, ziemlich fies aussehenden Speeren. Hat uns ’nen ganz schönen Schrecken eingejagt, das können Sie mir glauben.

Kelly und ich zäunten gerade eine Koppel für unsere Pferde ein. Natürlich stand hier damals noch rein gar nichts, es war unsere erste Schafweide, und wir lebten in einer Blockhütte unten am Fluß, da, wo sich jetzt die Anlegestelle befindet. Wir hatten nur fünfhundert Schafe und einen alten Hirten namens Claude …«

»Aber wie sind Sie überhaupt in diese gefährliche Situation geraten?« wollte die Frau wissen.

»Land, meine Liebe, Land. Es gehörte niemandem, man brauchte einfach nur zuzugreifen. Wir trieben die Schafe von Brisbane aus einige hundert Meilen nach Westen, bis wir uns weit hinter dem bis dahin kartographierten Gebiet befanden. Nachdem wir diesen Fluß entdeckt und uns entschieden hatten, wo wir uns niederlassen wollten, steckten wir für den Anfang einige Meilen Land ab und zeichneten unsere eigenen Karten. Zunächst erschien es auch gar nicht gefährlich. Die Schwarzen waren eher neugierig als schwierig, blieben einfach an unserem Lager stehen und schauten uns an, als seien wir vom Mond gefallen. Wir gaben ihnen etwas von unserer Verpflegung ab, und sie machten sich davon. Dann entwickelten sie sich allmählich zu einer Plage, waren eine Spur zu freundlich, glaubten, sie könnten sich bei uns nach Herzenslust bedienen. Einerseits brachten sie uns Wildhonig, Nüsse und Fische, doch gleichzeitig machten sie sich mit unseren Sachen davon, Dingen, die wir dringend brauchten.«

»Diebe«, höhnte Reverend Billings. »Sind berüchtigt dafür.«

»Das würde ich nicht sagen!« gab Austin Broderick scharf zurück. »Es ist einfach Bestandteil ihrer Kultur, das Lebensnotwendige miteinander zu teilen.« Er lächelte. »Außer es geht um das Land ihres Stammes. Da verstehen sie überhaupt keinen Spaß. Offensichtlich haben wir jede einzelne ihrer Regeln gebrochen, doch was blieb uns anderes übrig? Wir warfen einen Blick auf dieses unendliche, ungenutzt daliegende Weideland und beschlossen, hier eine Schaffarm zu gründen. Irgendwann gelangten sie zu der Ansicht, wir hätten ihre Gastfreundschaft mißbraucht, und fingen an, unsere Schafe zu töten — nicht, um sie zu essen, sie schlachteten sie mutwillig ab. Auf unsere Drohungen reagierten sie mit ausdruckslosen Mienen. Selbst als wir ihnen zeigten, was Schußwaffen so alles anrichten können, änderte sich nichts; noch immer stießen wir auf tote Schafe.«

Er sah in die Ferne. »Sie hatten ein großes Lager an der Flußbiegung, ein paar Meilen von unserer Hütte entfernt. Eines Tages waren plötzlich alle Männer von dort verschwunden.«

»Auf Wanderschaft in den Busch gegangen?« erkundigte sich der Reverend.

»Nun … das behauptete zumindest Claude. Er kannte sich ganz gut aus im Busch, aber wie sich herausstellen sollte, hatte er die Sache doch unterschätzt. Wenige Tage später waren sie wieder da, tauchten in voller Kriegsbemalung mit hohem, gefiedertem Kopfputz auf dem Hügelkamm dort drüben auf.

Von uns aus gesehen wirkten sie, als seien sie drei Meter groß. Sie gaben keinen Laut von sich.

Obwohl es vierzig Jahre her ist, erinnere ich mich daran, als sei es gestern gewesen. Der Tag war etwa so wie dieser, heiß, glühend heiß, kein Lüftchen regte sich, und wir arbeiteten schwer. Alles war wie immer, der Busch mit seinen Geräuschen, der Geruch nach Schweiß und Staub, das ständige Zwitschern der Vögel, das Zirpen der Zikaden — und dann Stille. Totenstille, eine Art von unheilvoller Erwartung hing in der Luft.

Zunächst dachte ich an einen Raubvogel über uns, einen Adler oder Falken, doch dann berührte Kelly meinen Arm und deutete mit dem Kopf zum Hügelkamm.« Austin rieb sich den Nacken. »Ich spüre jetzt noch, wie mir damals die Haare zu Berge standen. Wir wußten, jeder Gedanke an Flucht war sinnlos, wir würden es nie bis zur Hütte oder zu den Pferden schaffen. Also legten wir ganz ruhig die Werkzeuge nieder und gingen langsam auf die Hütte zu, erwarteten jeden Moment einen wahren Speerregen auf unsere Rücken niedergehen. Doch nichts geschah. Als wir uns umdrehten, waren sie verschwunden. Wir sind vielleicht gerannt!«

»Alles Bluff, was?« Der Reverend verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln. »Wollten nur Dampf ablassen.«

Austin Broderick fragte sich, weshalb er sich mit diesen Leuten, diesen verfluchten Missionaren, überhaupt abgab. Ohnehin war er nur mit ihnen spazierengegangen, weil seine Frau darauf bestanden hatte. Sie waren uneingeladen auf Springfield auftaucht, doch auf den großen Farmen galt Gastfreundschaft als das oberste Gebot. Jeder wurde aufgenommen, ohne Ansehen der Person oder seiner gesellschaftlichen Stellung. Also hatten auch Billings und seine Frau ein Anrecht darauf, daß man ihnen in seinem Haus höflich begegnete.

»Irgendwie schon«, antwortete er nur, denn er hatte das Interesse an seiner Erzählung verloren. Die dramatische Szene, deren Zeuge er geworden war, hatte in Wirklichkeit nämlich überhaupt nichts von einem Bluff gehabt, sollte vielmehr als Warnung dienen. Man hatte ihnen eine letzte Frist gesetzt.

»Da sieht man es wieder«, wandte sich Billings erklärend an seine Frau, »eine feige Rasse, falls man sie überhaupt als Rasse bezeichnen kann. Können es mit den weißen Männern in keiner Weise aufnehmen.«

»Sie können es mit Schußwaffen nicht aufnehmen«, erwiderte sein Gastgeber knapp. »Sie gaben uns Zeit, uns zu verziehen, doch wir nutzten sie nicht. Statt dessen verbarrikadierten wir uns mit Claude in der Hütte und luden unsere Gewehre. Sie griffen in jener Nacht an. Speere gegen Gewehre. Bevor sie den Rückzug antraten, hatte wir sechs von ihnen erschossen, unglücklicherweise Männer, mit denen wir befreundet gewesen waren. Dies entfachte einen Krieg mit ständigen Blitzüberfällen, der sich über Jahre hinzog, bis sie sich schließlich unterwerfen mußten. Doch zuvor übten sie furchtbare Rache. Wir holten mehr Männer und mehr Schafe her und bauten die Farm weiter aus, während sie uns plagten, wo sie nur konnten. So ging es einige Jahre.

Dann fand ich eines schrecklichen Tages meinen Kumpel Kelly, er hieß in Wirklichkeit Kelvin Halligan, draußen im Busch. Man hatte ihn mit fünf Speeren, die mit Honig beschmiert waren, um Bullenameisen anzulocken, an einen Baum genagelt. Gott sei seiner Seele gnädig. Danach rückten Truppen an, und das war dann das Ende.«

»Wie entsetzlich!« rief Mrs. Billings aus. »Diese wilden Bestien! Genau wie die Maoris bei uns zu Hause.«

»Und trotzdem lassen Sie es zu, daß Schwarze auf Ihrem Anwesen leben?« fragte Billings.

Austin sah ihn überrascht an. »Der Krieg ist vorüber.«

»Aber es sind noch immer Wilde, und sie leben wie Tiere. Ich habe ihr Lager gesehen.«

»Es sind die Letzten ihres Stammes. Sie in Frieden nach ihren alten Traditionen leben zu lassen ist das mindeste, was wir tun können.«

»Ihr Freund Kelly würde es vielleicht anders sehen.«

»Kelly gehörte einer anderen Zeit an«, erwiderte Austin ungeduldig. »Doch als echter Christ würde er ihnen wohl kaum noch grollen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Tennisplatz.« Er stapfte davon in Richtung Holzbrücke. Sie überspannte einen flachen Wasserlauf und führte zu einer weiten Rasenfläche, die das imposante Herrenhaus von Springfield umgab.

Bei dem Gedanken an Kelly fragte sich Austin, was sein verstorbener Partner wohl von diesem Anwesen gehalten hätte. Ursprünglich hatten sie zehn Quadratmeilen erstklassigen Landes am Fluß für sich abgesteckt. Dann waren sie aber tiefer ins Landesinnere vorgedrungen und hatten ihren Claim erweitert, indem sie Bäume niederbrannten und einen privaten Landvermesser kommen ließen, der die Gegend kartographierte, um drohenden Auseinandersetzungen mit künftigen Nachbarn vorzubeugen. Kurz bevor Kelly starb, hatten sie beschlossen, ihren Anspruch um weitere Ländereien am anderen Flußufer zu erweitern, damit ihrem Landvermesser nicht die Arbeit ausging.

»Verdammte Schande«, murmelte er vor sich hin. Die Springfield Station war Kellys Traum gewesen, nicht seiner. Sogar den Namen hatte er vorgeschlagen. Nun war Springfield berühmt und Herzstück eines Besitzes von über 300 000 Morgen Land, der in drei Abschnitte unterteilt war, um die Verwaltung zu vereinfachen.

Dem Unternehmen war weitaus mehr Erfolg beschieden, als er es sich je erträumt hätte. Die Pachtkosten waren minimal, da die damalige Regierung eifrig auf die Landerschließung bedacht gewesen war. Auf jedem Abschnitt weideten nun 60 000 Schafe. Doch die größte Bewunderung hätte Kelly dem Haus entgegengebracht. Was ihre Behausung betraf, hatten sich die beiden Männer von der Hütte zu einem langgestreckten Holzschuppen hochgearbeitet, den sie mit ihren Viehhütern teilten. Schuppen, Ställe und die Schmiede der sich selbst versorgenden Enklave schossen ringsherum aus dem Boden.

Etwa zu dieser Zeit war Kelly getötet worden. Springfield war noch primitiv, sie befanden sich noch in der Orientierungsphase, interessierten sich mehr für die kostbaren Schafe als für den Hausbau. Doch als der erste Wollscheck eintraf, hatten Austin und Kelly sich zwei Tage lang betrunken. Der Wollpreis war in astronomische Höhen geschossen, und plötzlich schwammen sie im Geld! Sie wußten genau, daß sie ihr Einkommen aufgrund des natürlichen Wachstums im folgenden Jahr verdoppeln oder verdreifachen konnten, wenn sie die fruchtbaren Weiden weiterbestückten. Genauso sollte es kommen, doch Kelly erlebte diese Entwicklung nicht mehr mit.

Austin baute sich dann ein Cottage, das seiner Stellung als Boß eher entsprach. Als er fünfzehn Jahre später mit einer gewissen Ehrfurcht begriff, daß er es zum Millionär gebracht hatte, verkündete er, er werde nun ein angemessenes Haus für sich errichten.

Inzwischen war er verheiratet und hatte drei kleine Söhne. Seine Frau Charlotte wirkte beunruhigt, als sie die von ihm gezeichneten Pläne sah: Pläne für ein wunderschönes Sandsteinhaus, auf einem Hügel gelegen, mit Empfangs-, Privat- und Gästezimmern und einem eigenen Flügel für den Hausherrn selbst, dessen Fenster nicht auf den Fluß, sondern auf das Tal hinausgingen, das er so liebte.

»Können wir uns das denn auch leisten?« fragte sie unglücklich.

»Das und noch mehr«, erwiderte er lachend.

»Aber es ist so groß, Austin …«

»Und wenn schon! Die Leute in Brisbane leben doch auch in solchen Häusern.«

»Du meinst wohl Villen. Wir brauchen hier draußen keine Villa. Es sind ganze vierzig Meilen bis zu unseren nächsten Nachbarn. Was sollen sie von uns denken?«

Er grinste. »So wie ich ihn kenne, wird Jock Walker es uns vermutlich gleichtun.«

Schließlich hatte Charlotte Gefallen an dem Haus gefunden und sich bei ihrem Kampf um makellose Ordnung in eine gestrenge Zuchtmeisterin verwandelt. Austin war froh, daß er seinen eigenen Flügel gebaut hatte, in dem er ungestört arbeiten konnte, wo er Zuflucht und Erholung fand, seine Stiefel abstreifen und liegenlassen konnte, wie es ihm gefiel. Kelly hätte dieses Haus geliebt — als sichtbaren Beweis dafür, daß er von Anfang an recht gehabt hatte.

Der Tennisplatz war von einem hohen Holzzaun umgeben.

»Klingt, als würde gerade gespielt«, sagte Austin am Tor zu seinen Gästen. »Das müssen Victor und Louisa sein. Möchten Sie zuschauen?«

Ihr entsetztes Stirnrunzeln erinnerte ihn daran, daß die Missionare dieses Spiel mißbilligten. Er drehte sich lächelnd um.

»Meine Schwiegertochter spielt recht gut. Manchmal, wenn sie ein bißchen zu schnell über den Platz flitzt, rutscht sie auf dem Gras aus und landet auf dem Allerwertesten. Wollen Sie wirklich nicht zusehen?«

»Nein, nein. Nein!« antworteten seine Gäste wie aus einem Munde und wandten sich ab.

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Nachdem Austin das Ehepaar Billings im Gartensalon abgeliefert hatte, wo der Teetisch bereits gedeckt war, wollte er sich in seine Höhle zurückziehen, doch Charlotte fing ihn ab.

»Was hast du vor? Du willst dich wohl drücken.«

»Nein, ich habe zu tun. Würdest du Minnie bitten, mir Tee und Kuchen ins Büro zu bringen?«

»Wo sind Mr. und Mrs. Billings?«

»Ich habe für heute meine Pflicht getan. Sie warten schon auf den Tee. Werden mich nicht vermissen, solange genügend Essen auf dem Tisch steht. Sie fressen wie die Scheunendrescher.«

»Sei nicht so unfreundlich.«

»Wer ist hier unfreundlich? Du hast selbst gesagt, sie seien langweilig.« Er sah aus dem hohen Fenster am Ende des langen Flurs. »Da kommen die Tennischampions, sie werden für mich einspringen. Wo ist Teddy?«

Charlotte lächelte. Ihr Enkel war Austins Augapfel. Er liebte Teddy mehr als seine eigenen Söhne, verwöhnte ihn maßlos und verbrachte so viel Zeit mit ihm, daß seine Mutter sich beklagte, er unterminiere die elterliche Disziplin. Aber Louisa fand ja immer etwas, worüber sie sich beschweren konnte.

»Teddy ist bei Nioka, also laß ihn in Ruhe. Er spielt mit Bobbo und Jagga, ihrem kleinen Jungen.«

»Wer ist Bobbo?«

»Ach, Austin, das weißt du ganz genau. Minnies Sohn.«

Er grunzte. »Teddy wird bald besser Abo sprechen als Englisch.«

»Fang nicht wieder davon an. Nioka ist ein gutes Kindermädchen, und er hat nun mal keine anderen Spielgefährten in seinem Alter. Wenn es seine Mutter nicht stört, warum sollte es dich stören?«

»Seine Mutter? Sie will ihn doch nur bei sich haben, um ihn als Mädchen verkleiden zu können. Nicht einmal ein Pony gönnt sie ihm!«

»Sie hält ihn mit seinen sechs Jahren für zu jung dafür, das mußt du respektieren. Geh jetzt lieber in dein Büro. Der Postbote war da, zur Abwechslung mal eine Woche zu früh als eine Woche zu spät, wie sonst immer. Victor hat mit ihm gesprochen, weil er meint, wir sollten unsere Post einmal pro Woche anstatt nur alle vierzehn Tage zugestellt bekommen. Er hat die Briefe auf deinen Schreibtisch gelegt.«

Schon war er weg. Charlotte sah ihm nach — noch immer der kräftige Mann, in den sie sich vor so langer Zeit verliebt hatte. Das Licht, das durchs Fenster fiel, schmeichelte seiner Figur, ließ das zerzauste weiße Haar dunkler erscheinen und verbarg die leichte Beugung der Schultern. Sie liebte ihn, doch all diese schmerzhaften Jahre waren schwer zu ertragen gewesen. Als seine Frau war sie immer an zweiter Stelle gekommen, hinter all dem, was für ihn zählte. Und die Dinge, die für ihn zählten, nahmen kein Ende. Als ehrgeizigem Mann fehlte es ihm nie an Plänen und Projekten, die sich stets um die Vervollkommnung von Springfield drehten. Er mußte das schönste Haus haben; seine Schafe mußten Qualitäts-Merinos sein, seine Wolle erstklassig — und so ging es weiter, bis seine Söhne alt genug waren, auf Geheiß des Vaters das Vermögen der Brodericks zu mehren.

Charlotte ging in die Küche, überbrachte Minnie, dem schwarzen Hausmädchen, Austins Wunsch und trat mißgestimmt auf die Veranda hinaus. Austin war stets gut und freundlich zu ihr gewesen, und sie nahm an, daß er sie auch liebte, doch hatte es in ihrem gemeinsamen Leben nie echte Romantik gegeben. Sie bildeten eher eine Art Zweckgemeinschaft. Charlotte seufzte und versuchte sich einzureden, daß es albern sei, solchen Jungmädchenträumen nachzuhängen. Doch es tat weh zu wissen, daß er ihre Gegenwart von jeher als selbstverständlich hingenommen hatte.

»Selber schuld«, sagte sie sich. »Tief in deinem Herzen wußtest du, daß er dich nur aus Loyalität Kelly gegenüber geheiratet hat. Damals hat es dich nicht gestört. Du warst so hingerissen von ihm, so überwältigt, hast dich einfach hineingestürzt …«

Ihr eigener Vater hatte ihre Mutter so sehr geliebt, daß ihr Leben eine einzige Freude gewesen war. Bis zum Schluß hatte er seiner Frau den Hof gemacht. Charlotte hatte automatisch angenommen die gleiche Aufmerksamkeit von Austin zu erhalten, doch bisher hoffte sie vergebens darauf. Als ihre Mutter starb, folgte Mr. Halligan ihr bald ins Grab. Die Leute erzählten sich, er sei an gebrochenem Herzen gestorben. Charlotte duldete diese Erklärung nicht; sie wehrte sich entschlossen dagegen und beharrte darauf, daß er, wie auf dem Totenschein vermerkt, an Herzversagen gestorben war. Die andere Version war zu traurig, kam der Wahrheit zu nahe. Sie bezweifelte, daß Austin sich zu Tode grämen würde, wenn seine Frau ‘den Zwang des Ird’schen’ abschüttelte. Trotz ihrer gedrückten Stimmung huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

»Er wäre viel zu sehr damit beschäftigt, die prunkvollste Beerdigung der Welt zu arrangieren, wie es sich für die Herrin von Springfield geziemt«, murmelte sie.

»Wenn ich dann noch hier bin«, fügte sie im stillen hinzu. Sie hatte nämlich zuweilen bereits mit dem Gedanken gespielt, das Anwesen zu verlassen und nach Brisbane zu ziehen, um sich ein eigenes Leben aufzubauen, solange noch Zeit dafür war. Doch sie wußte, es würde immer nur ein schöner Traum bleiben. Wie könnte sie ihre anspruchsvolle Rolle als Hausherrin und Gastgeberin von Springfield auch aufgeben für eine kleine Behausung und die Freuden des Stadtlebens?

Sie hatte bereits einmal in Brisbane gelebt, und die Stadt hatte ihr zugesagt. Doch damals waren sie und ihr Bruder Kelly auch viel ärmer gewesen. Als ihr Vater starb, hatte Kelly darauf bestanden, daß sie Sydney verließ und mit ihm nach Queensland ging.

Ein ‘Land voller Möglichkeiten’ hatte er es genannt. Zunächst hatte es sich ihnen freilich anders präsentiert. Sie mieteten ein Haus im Süden von Brisbane und mußten ums Überleben kämpfen. Kelly übernahm Handlangerarbeiten und weigerte sich, die wenigen hundert Pfund anzutasten, die ihnen Paddy Halligan hinterlassen hatte.

»Das ist unser Notgroschen«, erklärte er. »Unser Fahrschein ins schöne Leben, wenn ich erst einmal die richtige Investitionsmöglichkeit gefunden habe.«

Jede Nacht studierte er die Karten der besiedelten Gebiete rund um Brisbane und schmiedete Pläne, die seiner Schwester schlicht und einfach wahnwitzig erschienen — bis er dann eines Tages einen zweiten Träumer namens Austin Broderick anschleppte. Er war gutaussehend, groß und blond, und seine blauen Augen leuchteten aufgeregt, als Kelly ihm seinen Vorschlag unterbreitete, Land im Westen zu pachten. Plötzlich erklärte Charlotte sich zur Überraschung ihres Bruders damit einverstanden.

Und dann waren sie weg. Sie hatte sich im Stall von ihnen verabschiedet, von wo aus sie mit ihren Packpferden aufbrachen. In Austins Gegenwart war es ihr zu peinlich gewesen, ihren Bruder darauf anzusprechen, daß er ihr nur sehr wenig Geld dagelassen hatte, gewiß nicht genug zum Leben. Bis zur letzten Minute hatte sie gehofft, er werde ihr noch ein paar Pfund zustecken, doch er küßte sie nur auf die Wange, tätschelte ihren Kopf, sprang aufs Pferd und ritt mit seinem neuen Partner davon.

Auf dem Heimweg sprach Charlotte in einer Stiefelfabrik vor und erhielt eine schlechtbezahlte, mühselige Arbeit an einer Maschine. Zudem konnte sie dort nur halbtags arbeiten. Kelly hatte fest versprochen zu schreiben, doch Charlotte gab nicht viel auf seine Worte, da er nie ein großer Briefeschreiber gewesen war. Und wenn die beiden nun tatsächlich die Grenzen der Zivilisation hinter sich ließen, wie sollten sie von dort Briefe schicken?

Sechs Monate später kehrte er in großem Stil heim, wie ein siegreicher Eroberer. Sie hatten es geschafft! Sie hatten ihr eigenes Land abgesteckt, wunderbares Weideland, so weit das Auge reichte, und nun würden sie ihr Glück machen.

»Wir werden reich sein, Lottie! Reich! Tut mir leid, daß du arbeiten gehen mußtest, aber es dauert nicht mehr lange und du wirst nie wieder einen Finger rühren müssen. Du kannst dann auf Springfield leben.«

»Warum kann ich nicht jetzt schon mitkommen?« hatte sie gefragt und selbst in diesem Moment mit bangem Herzen an Austin gedacht, der bis dahin womöglich jemand anderen kennengelernt haben würde.

»Geht nicht. Wir leben ganz primitiv in einer Hütte. Wir sind jetzt nur in die Stadt gekommen, um noch mehr Schafe zu kaufen.«

»Wo willst du das Geld dafür hernehmen?«

»Wir haben noch ein bißchen Bargeld und nehmen ein Darlehen bei der Bank auf. Austin hat das arrangiert.«

Selbstsüchtig wie er war, hatte er für seine Schwester nur zehn Shilling übrig. Daher war sie wütend auf ihn, als er wieder aufbrach. Wie sollte sie auch wissen, daß sie ihren Bruder nie wiedersehen würde?

Sie erhielt zwei Briefe voller Versprechungen. Bald würde er sie nachkommen lassen. Bald. Charlotte suchte sich eine andere, weniger beschwerliche Arbeit in einer Hemdenfabrik. Als diese jedoch zum Jahresende den Betrieb einstellte, mußte sie an Kelly schreiben und ihn um Geld bitten. Energisch erinnerte sie ihn daran, daß sie bisher herzlich wenig von ihrem gemeinsamen Notgroschen gesehen hatte. Schließlich kam Austin nach Brisbane, umklammerte mit ernster Miene seinen Hut und überbrachte ihr stammelnd die schreckliche Nachricht. Mit Tränen in den Augen versuchte er sie zu trösten.

Charlotte war am Boden zerstört, vor allem als ihr einfiel, daß sie Kelly in ihrem letzten Brief getadelt hatte. Sie warf sich vor, nicht fest genug an ihn geglaubt zu haben, denn Austin berichtete, daß die Schaffarm Wirklichkeit geworden war und stetig an Bedeutung gewann.

Er nahm alles in die Hand, organisierte eine Totenmesse für Kelly und machte bei ihren wenigen Freunden die Runde. Charlotte war überrascht, als sie sah, wie viele ihr zum Teil unbekannte Menschen in die kleine Vorstadtkirche strömten. Sie hatte eine Messe mit jämmerlich kleiner Trauergemeinde erwartet, doch alles war so feierlich, daß sie erneut in Tränen ausbrach. Auf den Altarstufen lagen herrliche Blumen und Kränze. Ein Tenor sang mit wunderschöner Stimme Kirchenlieder, die sie eher an ihren Dad als an Kelly erinnerten. Der Geistliche sprach in aufrichtigem Ton von dem jungen Mann, der in der Blüte seiner Jugend aus dem Leben gerissen worden war, den kennen zu lernen ihm leider nicht vergönnt gewesen sei und so weiter, doch Austin war es, der den größten Eindruck hinterließ.

Besser gesagt, er stahl dem Geistlichen die Schau, dachte sie später etwas zynisch. Damals war es ihr nicht bewußt geworden, dafür war sie viel zu überwältigt von seiner anrührenden Rede. Er stand neben der Kanzel und schilderte die Tapferkeit und Stärke seines Freundes und Partners, lobte Kellys Pioniergeist, stellte ihn als leuchtendes Beispiel für die jungen Männer seines Landes hin. Charlotte hörte Schluchzen in den Reihen hinter sich, denn Austin meinte jedes Wort ernst. Bisher hatte sie in ihrem eigenen Unglück gar nicht bemerkt, daß auch er litt. Kelly war sein bester Freund gewesen, der einzige Mensch, der sich mit ihm ins unbekannte Outback gewagt und nicht nur der Knochenarbeit, sondern auch den offensichtlich lauernden Gefahren gestellt hatte.

Die Demütigung folgte einige Tage später. Austin erklärte nüchtern, er habe ihren Brief an Kelly gelesen, in dem sie ihn um Geld bat.

»Ich kann dich nicht einfach hierlassen«, sagte er, ihre kläglichen Einwände beiseite wischend. »Kelly würde es mir nie verzeihen. Immerhin besitzt du einen Anteil an Springfield. Du mußt mitkommen.«

»Ist das nicht gefährlich?« fragte sie verzagt und hoffte gleichzeitig, daß er keinen Rückzieher machen würde. Doch angesichts des Todes von Kelly — bisher hatte sie nur erfahren, daß er vom Speer eines Schwarzen getötet worden war — schien diese Frage nicht unangemessen.

»Nein, ich werde schon auf dich aufpassen. Innerhalb der Grenzen der Hauptfarm bist du sicher. Doch du wirst die einzige weiße Frau dort draußen sein. Stört dich das?«

»Ich denke nicht, aber wo soll ich wohnen?«

»Ich baue ein Cottage. Ich kann sowieso nicht länger in den Arbeiterquartieren leben. Du kannst dort mit mir einziehen.«

Charlotte errötete. »Ich weiß nicht recht, Austin.«

Er stand auf, ging zur Tür des winzigen Wohnzimmers und blickte mit unverhohlener Verachtung auf die schäbige Straße mit den Arbeiterhäuschen hinaus. »Hier kannst du jedenfalls nicht bleiben. Das ist ganz ausgeschlossen. Kelly wollte nie, daß du auf Dauer hier lebst, er freute sich so darauf, dir Springfield zu zeigen.«

Sie schienen in eine Sackgasse geraten zu sein. Doch wie immer fand Austin einen Ausweg. »Schau mal, Charlotte, wir kommen doch gut miteinander aus. Und wie schon gesagt, ein Teil von Springfield gehört ohnehin dir. Ich kann verstehen, daß du es unziemlich findest, mit mir dort zu leben. Man sollte die Konventionen achten. Warum also heiraten wir nicht?«

Was war das eben gewesen? Heiraten? Vielleicht hatte sie ihn mißverstanden oder, schlimmer noch, ihre Tagträume von diesem Mann hatten dazu geführt, daß sie ihn nun schon das entscheidende Wort aussprechen hörte. Peinlich berührt eilte sie in die Küche, öffnete und schloß in Panik die Schubladen des Schrankes. Wie konnte sie antworten, wenn die Frage vielleicht nur Einbildung gewesen war?

Doch er kam ihr nach. »Was sagst du also?«

»Wozu?« fragte sie und konnte ihm dabei nicht ins Gesicht sehen.

»Zu unserer Heirat. Das heißt, falls du mich als annehmbar betrachtest. Ich weiß, ich bin nur ein Mann aus dem Busch, aber die Brodericks sind aus dem richtigen Holz geschnitzt …« Er lachte. »Von einigen Ganoven in früheren Generationen einmal abgesehen. Charlotte, ich werde dich nie im Stich lassen, das verspreche ich dir.«

Sie bekam eine Gänsehaut. Noch immer warnte sie eine innere Stimme, es könne nicht wirklich sein. Er zeige nur Mitleid mit ihr. Morgen wäre es vergessen, wie seine anderen impulsiven Gesten. Um ihr Gesicht zu wahren, entschied Charlotte sich dafür, ihm einen Korb zu geben; doch dann wollten die richtigen Worte einfach nicht kommen.

Statt dessen fragte sie: »Kommt das nicht ein bißchen plötzlich?«

»Ganz und gar nicht.« Sie war überwältigt von seinem Selbstvertrauen. »Ich habe schon seit Tagen daran gedacht. Du bist eine vortreffliche Frau, Charlotte, und es wäre mir eine Ehre, wenn du Mrs. Broderick würdest.«

Obwohl ihr Herz vor Freude hüpfte, wahrte sie noch einen Rest an Zurückhaltung. »Ich brauche Zeit zum Nachdenken.«

Als sie nach einigen Tagen seinen Antrag annahm, umarmte er sie, küßte sie auf die Wange und sagte: »Braves Mädchen. Springfield wird dir gefallen, ganz bestimmt.«

»Nun«, dachte sie auf dem Rückweg zum Teetisch, wo man sie bereits erwartete, »damit hat er ja zweifelsohne recht gehabt.« Springfield war damals unglaublich aufregend gewesen, und ihren Ehemann hatte sie geradezu vergöttert. Was sonst konnte sich ein Mädchen wünschen?

»Du und deine romantischen Vorstellungen«, schalt sie sich.

»Darüber müßtest du eigentlich längst hinaus sein.« Doch da war noch etwas anderes: ihr Anteil an Springfield. Auch den hatte er als selbstverständlich erachtet. Auf den erneuerten Pachtverträgen tauchte Kellys Name nicht mehr auf, und Charlotte hatte sich nie getraut, das Thema anzusprechen. Es wäre ihr so undankbar erschienen … Doch inzwischen konnte sie sich eines leisen Zweifels nicht erwehren, vor allem, wenn sie an ihre drei ehrgeizigen Söhne dachte.

__________

Victor erhob sich, als seine Mutter eintrat, und zog ihren Stuhl zurück, damit sie Platz nehmen konnte. Der Reverend sah hoch, während er sich die heißen Scones dick mit Butter bestrich.

Victor mochte die Missionare nicht, vor allem nicht die Frau mit dem Gesicht einer Dörrpflaume, dem allzu gezierten Getue und der weinerlichen Stimme. Ihr Ehemann war ein dürrer, boshafter Kerl, der Gott in jede noch so triviale Unterhaltung einzuflechten wußte, als müsse er ständig seine Berufung unter Beweis stellen. Folglich betrachtete ihn jedermann im Haus als frömmelnden Langweiler.

»Ich hoffe, die Hitze macht Ihnen nichts aus«, sagte Charlotte zu Mrs. Billings, um überhaupt etwas zu sagen.

Der Reverend kam seiner Frau zuvor. »Gottes Wille, Mrs. Broderick. Wir betrachten diese geringfügigen Plagen als gottgesandt, um uns zu mahnen, daß wir alle nur Diener unseres Herrn sind. In einer solchen Umgebung, inmitten von Luxus, vergißt man rasch, daß diese Segnungen Geschenke Gottes und nicht von Dauer sind.«

»Sie können Springfield wohl kaum als nicht von Dauer bezeichnen«, warf Victor ein, ohne auf das Stirnrunzeln seiner Mutter zu achten.

»Das ganze Leben ist nicht von Dauer, Sir. Ich mußte zu meiner Enttäuschung entdecken, daß es hier keine Kapelle gibt. Ich frage mich, ob man Mr. Broderick dazu bringen könnte, eine zu errichten. Ich wäre gern bereit, wiederzukommen und den Ort zu segnen.«

»Mein Mann hat sich mit dem Gedanken an den Bau einer Kirche bereits befaßt«, erklärte Charlotte. »Allerdings herrschte unter den Geistlichen, die zu Besuch kamen, Uneinigkeit darüber, welcher Glaubensgemeinschaft diese Kirche gewidmet sein sollte. Ich bin katholisch, der Rest der Familie gehört der Kirche von England an …«

»Und unsere Leute hängen den verschiedensten Glaubensrichtungen an«, fügte Victor grinsend hinzu. »Versuchen Sie mal, dreißig Männer unter einen Hut zu bringen. Dürfte schwierig sein.«

»Das läßt sich ohne weiteres lösen. Unsere Kirche des Heiligen Wortes verbreitet nur die Wahrheit der Bibel. Keine andere Glaubensrichtung hält sich so streng an die Heilige Schrift wie die unsere. Ich finde, eine Kapelle des Heiligen Wortes wäre ein wunderbarer Anfang. Später könnte mein Bischof herkommen und sie als richtige Kirche einsegnen.«

»Oh, Gott, noch so einer«, stöhnte Louisa. »Der letzte Geistliche, ich glaube, er war Methodist, wollte hier auch schon eine Kirche für seine Herde errichten.«

»Sie sehen, wir stecken da in einem Dilemma«, sagte Victor.

»Das sehe ich ganz und gar nicht«, erwiderte der Reverend verstimmt.

»War Ihr Spaziergang interessant?« versuchte Charlotte das Thema zu wechseln.

»Sehr interessant«, entgegnete Mrs. Billings. »Wir sind durch den Garten in den Obstgarten und über die Brücke gelaufen. Mr. Broderick zeigte uns den Hügelkamm, an dem er von Wilden angegriffen worden war.«

»Nicht schon wieder«, stöhnte Victor. »‘Sie kamen über den Hügelkamm dort drüben’ … das ist seine Lieblingsgeschichte.«

»Aber sie entspricht doch sicher der Wahrheit.«

»Natürlich. Er könnte ein Buch darüber schreiben.«

»Dann bin ich der Ansicht, daß es unglaublich mutig von Mr. Broderick war, sich in diesem gefährlichen Land niederzulassen. Gott sei Dank wurden die Wilden besiegt. Das hoffe ich zumindest.«

»Genau darüber wollte ich mit Ihnen sprechen, Mrs. Broderick«, ergriff der Reverend wieder das Wort. »Wir haben hier Eingeborene gesehen, die unbekleidet umherliefen, ein überaus empörender Zustand, und wir hoffen …«

Charlotte setzte erstaunt ihre Teetasse ab. »Doch nicht etwa beim Haus?«

»Nein, in einem abscheulichen Lager am Fluß.«

»Aber das ist doch meilenweit entfernt!« sagte Louisa. »Sind Sie so weit gelaufen?«

»Da wir es als unsere Pflicht betrachteten, diese Leute in Augenschein zu nehmen, sind wir zwei der Hausmädchen gefolgt.«

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Charlotte erleichtert.

»Wir sorgen dafür, daß alle Schwarzen, die in die Wohn- oder Arbeitsbereiche kommen, bekleidet sind. Für die Männer, die als Viehhüter für uns arbeiten, liegen Hosen und Hemden bereit, die Hausmädchen erhalten Kleider. Für die übrigen Stammesangehörigen können sie auch etwas aussuchen und mitnehmen, doch die meisten legen keinen Wert darauf. Um die Kinder machen wir uns ohnehin keine Gedanken, sie laufen immer nackt herum …«

»Aber das ist falsch!« erwiderte Mrs. Billings. »Das darf nicht sein. Die Bibel sagt …«

»Die Bibel ist nicht zuständig für unsere Aborigines«, lachte Victor. »Sie werden nicht einmal darin erwähnt.«

»Es steht Ihnen nicht zu, darüber Witze zu machen«, gab der Reverend pikiert zurück. »Meine Frau war jedenfalls schockiert. Die meisten Eingeborenen hatten kaum etwas am Leib. Das können Sie nicht dulden. Sie leben wie die Tiere.«

»Sie leben so, wie sie seit Tausenden von Jahren gelebt haben, Mr. Billings«, erwiderte Charlotte betont ruhig. »Damals hatte man noch nicht einmal von der Bibel gehört. Gott muß ihnen gewogen gewesen sein, denn er schenkte ihnen ein wunderbares Land, das ihnen ganz allein gehörte. Allerdings scheint mir, daß er sie in letzter Zeit ein wenig im Stich gelassen hat.«

Victor lächelte. Er wußte, daß der Reverend und seine Frau nach wie vor nicht überzeugt waren, doch immerhin hatte Charlotte sie fürs erste zum Schweigen gebracht. Aber noch länger hielt er das nicht aus. Er verzichtete auf ein weiteres Stück Obstkuchen, nur um aufstehen und die Gäste der Gesellschaft der Frauen überlassen zu können.

»Narren, die sich in alles einmischen müssen«, murmelte er auf dem Weg zu den Scherschuppen. Er selbst hatte die beiden durch die Schuppen geführt, die für die bevorstehende Ankunft der Scherer geöffnet worden waren. Zusammen mit den Merino-Zuchtwiddern waren sie Victors ganzer Stolz. Sein Vater hatte sie entworfen und sich dabei an den riesigen Wollschuppen eines Freundes aus den Darling Downs orientiert. Die Gebäude waren jeweils einhundert Meter lang und faßten an die 2 000 Schafe. Das Innere hatte die Besucher überrascht. In jedem Schuppen gab es in der Mitte ein Band, auf dem Vliese und Ballen transportiert wurden, und zweiundfünfzig Arbeitsplätze für die Scherer.

»Im vergangenen Jahr schoren hier vierundfünfzig Scherer zweihunderttausend Schafe«, hatte er Billings stolz berichtet.

»Sie haben fünfzehn Wochen gebraucht, eine reife Leistung.«

Billings war wenig beeindruckt. »Und Sie haben deswegen kein schlechtes Gewissen?«

»Schlechtes Gewissen? Wieso sollte ich?«

»Sie müssen viel Land besitzen, um so viele Schafe halten zu können. Finden Sie das gerecht? Der Herr könnte Leute wie Sie für gierig erachten, weil Sie so viel haben, während andere Männer händeringend nach urbarem Land suchen.«

»Der Herr hat nichts damit zu tun. Mein Vater hat sich diese Weiden hart erarbeitet, ihm steht jeder einzelne Morgen davon zu.«

Der Reverend kratzte sich am Kinn und warf Victor einen gönnerhaften Blick zu. »Offensichtlich nehmen Sie sich nicht zu Herzen, was in Amerika geschehen ist. Die Rancher in den weiten Ebenen dort wurden alsbald von Horden vorrückender Siedler überrannt. Man sagt, das gleiche werde auch hier geschehen.«

»Da liegen Sie falsch. Die großen Schaffarmen wird man nicht so leicht zerstören können.«

»Ich halte es für unvermeidlich«, murmelte Billings, und Victor ließ ihm das letzte Wort. Er klärte ihn nicht darüber auf, welche Schritte bereits unternommen worden waren, um eine derartige Katastrophe zu verhindern. Die australischen Großgrundbesitzer, Squatter genannt, stellten einen Machtfaktor dar, eine geschlossene Gesellschaft, die durch gemeinsame Interessen zusammengeschmiedet worden war. Durch Bestallungen und familiäre Bindungen nahmen sie Einfluß auf Rechtsprechung wie Politik und waren für jede Schlacht um ihre ungeheuren Besitzungen gerüstet.

»Uns wird das nicht passieren«, wiederholte Victor bei sich und ließ seinen Blick durch die untadeligen Schuppen schweifen. Sie waren bereit für die Schur. Die Scherer würden in der kommenden Woche eintreffen.

Er lehnte sich an ein Holzgeländer und zündete sich eine Zigarette an. Seine Gedanken kehrten zu Billings zurück. Wie dreist von diesem Mann, ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, in angenehmer Umgebung mit den Damen zu plaudern und dabei die ganze Zeit seinen Gastgebern ihren Erfolg zu neiden. Vielleicht war er ja ein Spion. Nein, dafür war er viel zu dumm.

Dennoch blieben hartnäckige Bedenken. Offensichtlich plapperte Billings nur Dinge nach, die er in Brisbane oder den Städten im Landesinneren aufgeschnappt hatte. Es war allgemein bekannt, daß Siedler, die sogenannten Selectors, im ganzen Land ausschwärmten. Sie verlangten, sich ein beliebiges Stück Kronland zum Zwecke des Ackerbaus aussuchen und käuflich erwerben zu dürfen, auch wenn es bereits Teil der von Squattern gepachteten Besitzungen war. Von sozialistischen Subjekten aufgestachelt, stimmten ihnen einige Regierungsmitglieder sogar zu. Die neuen Landvergabegesetze waren bereits dem Parlament vorgelegt, bisher aber abgeschmettert worden.

Austin plante für die Zukunft voraus. Er hatte drei Söhne, die alle strategisch geschickt plaziert wurden. Victor wurde zu seiner rechten Hand auf Springfield gemacht. Harry, der mittlere, hatte aufgrund der Verbindungen seines Vaters einen sicheren Abgeordnetensitz im Parlament als Vertreter der Regierungspartei ergattert. Außerdem war er eine passende Ehe mit der Tochter von Oberrichter Walker eingegangen.

Und dann war da noch Rupert. Er war erst zwanzig und jahrelang fortgewesen, auf einem Internat. Nach seiner Rückkehr widersetzte er sich dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Es hatte hitzige Auseinandersetzungen deswegen gegeben, bis Austin eine bessere Idee gekommen war. Angesichts des Landvergabegesetzes, das wie ein Damoklesschwert über ihnen hing, konnte eine zweite Stimme im Parlament gewiß nicht schaden. Ohne Rupe zu fragen, war sein Vater vorgeprescht und hatte ein Abkommen mit einem Politiker getroffen, der in den Ruhestand ging und dessen Sitz Rupe praktisch erben sollte. Der Premier hatte es auch schon abgesegnet, und so verkündete Austin eines Abends beim Essen Rupes leuchtende Zukunft.

Sein Sohn hatte wütend reagiert. »Ich gehe nicht in dieses verdammte Parlament. Hier gibt es genug zu tun. Ich übernehme die Zuchtwidder von Victor. Und wenn ich hier nicht arbeiten darf, verschaffe ich mir eben meine eigene Weide.«

Victor hatte sich aus den Kämpfen herausgehalten. Sie gingen ihn nichts an, er wollte nur mit seiner eigenen Arbeit vorankommen. Zudem hatte er in letzter Zeit Probleme mit Louisa. Allmählich begann sie sich auf Springfield zu langweilen … Er drückte die Zigarette aus und schnippte die Kippe weg. »Da kann man nichts machen. Es ist nun mal unser Zuhause, und wir bleiben hier.«

__________

Manchmal überlegte Austin, ob es nicht ein Fehler gewesen war, die unteren Zimmer mit Zedernholz zu täfeln. Das Ergebnis war dunkler ausgefallen als erwartet. Victor hatte jedoch darauf hingewiesen, daß die Räume groß und hoch genug waren, den dunklen Ton zu vertragen. Die Holztäfelung in seinem eigenen Flügel jedoch hatte ihm von Anfang an gefallen; sie eignete sich vorzüglich für die Räume eines Gentleman. Er besaß sein eigenes Büro und ein langgestrecktes Zimmer, das im Stil eines Herrenclubs eingerichtet war: Es gab bequeme Ledersessel, einen Billard- und einen Kartentisch; über den Kaminsimsen hingen Fotos seiner preisgekrönten Merinos und die Medaillen, die sie gewonnen hatten.

Er trat auf die Veranda, zufrieden, den Frömmlern entkommen zu sein. Er reckte die Arme und machte einige Atemübungen, da er in letzter Zeit ein wenig kurzatmig geworden war. Helle Wolken zogen über den Hügeln jenseits des Tales dahin, doch er wußte aus Erfahrung, daß sie keinen Regen brachten. Nicht ein Tropfen würde auf das ausgedörrte Land fallen. Er schnüffelte … noch keine Anzeichen für Buschbrände.

»Vielleicht bleiben sie uns dieses Jahr erspart«, sagte er.

»Letztes Jahr war es schlimm genug.«

Mit dem üblichen breiten Grinsen brachte Minnie ihm den Tee auf einem Tablett herein. Sie war ein fröhliches Mädchen um die Zwanzig, das seit vielen Jahren als Hausmädchen auf Springfield arbeitete.

»Missus sagt, Sie auch mögen Kuchen, Boß.«

»Ja. Vielen Dank, Minnie. Wie geht es den Schwarzen unten im Lager? Fangen sie auch genügend Fische?«

»Mondzeit«, erwiderte sie nickend. »Fischen jetzt gut.«

»Dachte ich mir. Sag den Jungs, sie sollen dem Boß einen schönen dicken Fisch heraufschicken, ja?«

Sie kicherte. »Ich sag ihnen.« Sie wandte sich zur Tür und hielt dann nervös inne. »Boß … Familien unten ärgerlich wegen Betleute. Stecken Nase rein, sollen weggehen.«

Austin goß sich Tee ein. »Sag ihnen, sie sollen sie nicht weiter beachten. Der Reverend und seine Missus werden bald weg sein.«

»Aha.«

Als sie gegangen war, mußte er lachen. »Betleute! Das ist wirklich gut.«

Er nahm eine Zeitung von dem frisch angelieferten Poststapel und las sie aufmerksam durch, während er seinen Kuchen aß. Stirnrunzelnd studierte er einen Artikel über das verfluchte Landvergabegesetz, das nach einer Reihe von Abänderungen erneut dem Parlament vorgelegt worden war. Der Verfasser stand offensichtlich auf der Seite derer, die die Agrarindustrie unterminieren wollten. Er war der Ansicht, jedem hergelaufenen Trottel oder Landarbeiter sollte es erlaubt sein, sich ein Stück aus dem Eigentum seines Arbeitgebers herauszuschneiden. Der Leitartikel hingegen bezeichnete die großen Schaffarmen als Rückgrat des Landes, verdammte diese schändliche Bewegung, die den Ruin der Wollindustrie bedeuten würde, und warnte vor den Gefahren für die Wirtschaft des Landes.

»Recht hat er«, schnappte Austin. »Aber warum läßt er dann den anderen Typen diesen sozialistischen Unsinn verzapfen? Ich will, daß der Kerl gefeuert wird. Bernie Willoughby kriegt einen persönlichen Brief von mir, der wird ihm die Augen öffnen. Es bringt nichts, wenn er als Herausgeber eine Meinung vertritt und seine Leute ein paar Seiten weiter eine ganz andere.«

Wütend blätterte er weiter zu den Leserbriefen. Drei Verfasser unterstützten die Reform der Landvergabegesetze und drängten die Siedler, ihre Landansprüche umgehend geltend zu machen, bevor ihnen die gierigen Squatter die besten Gebiete wegschnappten.

Verblüfft versuchte Austin dies zu verdauen. Was sollte das heißen? Weshalb sollten sich Squatter wie er ihr eigenes Land schnappen? Sie waren bereits die rechtmäßigen Besitzer und konnten wasserdichte Pachtverträge vorweisen.

Er eilte in sein Büro und holte die dünnen Seiten des VII. Landvergabegesetzes hervor, die ihm Harry geschickt hatte. Der Wortlaut klang verwirrend, war vollgepfropft mit den üblichen geschraubten Wendungen wie »in dem Sinne, daß« oder »wohingegen«, offensichtlich in der Absicht, jeden geistig gesunden Leser um den Verstand zu bringen. Im Glauben, er kenne den Inhalt bereits, hatte Austin sich nicht die Mühe gemacht, das Gesetz aufmerksam zu studieren. Er hatte gedacht, es ginge darum, daß die Siedler auf Besitzungen wie Springfield auftauchen, ein Stück des Landes beanspruchen und von den Squattern den Verkauf dieser Claims verlangen konnten.

Doch beim Durchgehen des Wortsalats wurde ihm klar, daß der Sachverhalt völlig anders lag. Diese Gesetze bedeuteten, daß die Squatter ihr gesamtes Land von Pacht- in freien Grundbesitz umwandeln mußten, indem sie es der Regierung abkauften. Ansonsten fiele das gepachtete Land an die Regierung zurück und könnte somit an die Siedler weiterverkauft werden.

»Das ist doch Wahnsinn!« rief er aus und klopfte auf den Schreibtisch. »Wie könnte ich dieses ganze Land Morgen für Morgen kaufen? Es heißt, der aktuelle Preis liege bei einem Pfund pro Morgen. Ich müßte mehr als eine Viertelmillion Pfund aufbringen, nur um Land zu kaufen, das mir bereits gehört. Das würde mir den Hals brechen! Ein Haufen verfluchter Narren sind sie, aber ich falle nicht auf sie herein!«

Er stürmte auf die Veranda hinaus und rief einem vorbeigehenden Hilfsarbeiter zu, er solle Victor zu ihm schicken.

»Sofort!« setzte er hinzu. »Auf der Stelle!«

Victor hatte gerade die Ställe betreten, als ihn der Befehl seines Vaters in Gestalt seines Überbringers Joe Mahoney erreichte.

»Liegt er im Sterben?« fragte er Joe. Dieser zwinkerte. »Sah nicht danach aus.«

»Dann kann er noch einen Augenblick warten. Schauen wir erst mal nach der Stute.« Um seiner Frau eine Freude zu machen, hatte Victor sich auf die Tennispartie mit ihr eingelassen, obwohl sie seinen gesamten Zeitplan durcheinanderbrachte. Und als er ein paar Minuten zu spät auf dem Platz eintraf, mußte Louisa ihm auch noch vorwerfen, daß er keine weiße Tenniskleidung trug. Das war ihre neueste Marotte.

»Verdammte Tenniskleidung«, schnaubte er jetzt, als er an den Streit zurückdachte, der darüber zwischen ihnen entbrannt war. Was würde als nächstes kommen?

Die kastanienbraune Stute fohlte. Sie lag in ihrem Stall und sah sie mit ängstlichen, feuchten Augen an.

»Es wird alles gut, Mädchen«, sagte er und trat näher, um sie zu untersuchen. »Bald ist es soweit, Joe. Du bleibst besser bei ihr.«

»Klar, Vic. Ich laß dich rufen, wenn sich was tut.«

»In Ordnung.«

Obwohl er kein Veterinär war, besaß Victor Erfahrung auf diesem Gebiet. Mit achtzehn hatte ihn sein Vater für ein Jahr nach Brisbane geschickt, als Lehrling eines Tierarztes. Die Arbeit hatte ihm Spaß gemacht, doch sein praktisch veranlagter Vater ließ es nicht dabei bewenden. In der Annahme, Victor habe noch genug freie Zeit übrig, und weil ihm jegliche Zeitverschwendung zuwider war, hatte er ihn zudem für einen Buchhaltungskurs angemeldet. Victor war verärgert gewesen angesichts dieser Doppelbelastung, vor allem, da ihm die Buchhaltung alles andere als leicht fiel. Aber Austin war der Boß und ließ nicht mit sich reden. Er würde am Ende des Jahres ein Buchhaltungsdiplom mitbringen oder eben so lange dort bleiben, bis er es vorweisen konnte. Das Jahr war anstrengend gewesen, doch Victor hatte den Kurs auf Anhieb geschafft und durfte zu einem stolzen Vater heimkehren. Heute war er dankbar, daß Austin auf dieser Ausbildung bestanden hatte. Die Kenntnisse hatten sich für seine Arbeit auf Springfield als unschätzbarer Vorteil erwiesen, und er hatte sie stetig erweitert, indem er Bücher über Viehzucht las, die ihm der befreundete Veterinär aus Brisbane schickte.

Nun mußte er nur noch die Unterkünfte der Scherer inspizieren. Zwei schwarze Hausmädchen waren gerade dabei, die Schuppen zu öffnen und die Schlafstellen zu lüften.

»Paar von diese Matratzen nicht mehr gut«, beklagte sich eines der Mädchen bei ihm und deutete auf ein besonders mitgenommen aussehendes Exemplar, aus dem bereits das Roßhaar hervorquoll.

»Holt neue aus dem Lager«, wies er sie an. »Diese Schuppen müssen blitzsauber sein, sonst werden die Scherer ungemütlich. Und wenn sie kommen, haltet ihr Mädchen euch von ihnen fern. Verstanden?«

»Ja, Boß«, flüsterten sie, als könnten die fremden Männer sie hören. Die Zeit der Schafschur, in der so viele Fremde die Farm bevölkerten, war immer aufregend. Problematisch wurde es nur, wenn die Scherer etwas mit den schwarzen Frauen anfingen.

Auf dem Rückweg zum Haus schlug Victor einen langen, von Pfefferbäumen gesäumten Pfad ein. Das Laub raschelte in der leichten Brise, die eine kühlere Nacht versprach. Das würde auch der Stute die Sache leichter machen.

»Der frühen Hitze nach zu urteilen, haben wir einen langen, heißen Sommer vor uns«, sagte er sich.

Der Pfad teilte sich. Links ging es zum Haus, geradeaus gelangte man nach einer halben Meile über offenes Land zum Haupttor. Das Haus und die Nebengebäude waren eingezäunt, doch von wenigen Koppeln abgesehen, wies der riesige Besitz keine Umzäunungen auf, was Victor einiges Kopfzerbrechen bereitete. Es gab zwei Außenposten, auf denen Aufseher lebten, ihre eigenen Bereiche des Springfield-Besitzes leiteten und Victor regelmäßig Bericht erstatteten. Irgendwann einmal mußten die Grenzen jedoch genauer festgelegt werden. Ihn schauderte bei dem Gedanken an die schwindelerregenden Kosten, die das Einzäunen verursachen würde. Doch so, wie es jetzt war, konnte es nicht bleiben. Nicht umsonst beschwerte sich ihr Nachbar Jock Walker andauernd, daß Austins Grenzen ‘Beine hätten’.

Victor grinste. Vermutlich hatte er recht. Austin scheute nicht davor zurück, sich noch ein paar zusätzliche Meilen Weideland unter den Nagel zu reißen, wenn er damit durchkam. Seine Gier nach Land war nach wie vor unersättlich.

Er überquerte einen Rasen, trat über ein Blumenbeet und sprang über das Geländer an der Veranda seines Vaters. Offiziell hieß dieser Teil des Hauses Dads Flügel, doch die Brüder bezeichneten ihn als seine Höhle. Ein wunderbarer Zufluchtsort für Austin und seine Kumpel, aber eine Gefahrenzone für seine Söhne, die nur zu genau wußten, was die Uhr geschlagen hatte, wenn sie in die Höhle des Löwen vorgeladen wurden.

»Was gibt’s?« fragte Victor fröhlich.

»Du hast dir aber ganz schön Zeit gelassen!« brüllte Austin.

»Hast du die Zeitungen gelesen?«

»Wie könnte ich? Sie sind doch gerade erst eingetroffen.«

»Nun, es würde dir nicht schaden, wenn du mal deine Nase hineinstecken würdest, damit es nicht immer an mir hängenbleibt. Du willst mein Verwalter sein und hast anscheinend keine Ahnung, was vorgeht.« Er knallte eine der Zeitungen auf den Kartentisch und deutete mit einem schwieligen Finger auf die Seite, an der er Anstoß nahm. »Lies das! Bei Gott, ich werde ein Wörtchen mit Bernie zu reden haben. So einen Schwachsinn in seinem Blatt abzudrucken! Verstehst du, worauf die hinauswollen? Wir sollen unser eigenes Pachtland kaufen.«

Victor überflog den Artikel kurz. »Das wollte ich dir schon die ganze Zeit über klarmachen.«

»Davon war nie die Rede! Du hast nur gesagt, diese verdammten Siedler stünden Schlange, um ein Stück von meinem Land zu kaufen!«

»Das stimmt ja auch. Sie wollen es von der Regierung erwerben, wenn wir es nicht tun. Doch es gibt keinen Grund zur Panik. Die Landvergabegesetze werden niemals verabschiedet.«

Austins Gesicht war flammend rot, sein weißes Haar sträubte sich. »Von wegen, ich soll nicht in Panik geraten, du verdammter Grünschnabel! Ich möchte nicht wissen, was aus Springfield wird, wenn ich es Leuten wie dir überlasse. Ich will, daß auf der Stelle etwas dagegen unternommen wird!«

Victor seufzte. »Man unternimmt doch schon etwas. Die Siedler können erst Ansprüche anmelden, wenn die Gesetze verabschiedet sind. Harry hat die Sache im Griff. Sie werden die Gesetzesvorlage bis zum Jüngsten Gericht verschleppen mit ihren diversen Änderungsanträgen. Das hat er dir doch letzte Woche geschrieben.«

»Harry ist ein verdammter Leichtfuß, das weißt du doch! Stolziert in Brisbane herum, als sei er ein Gottesgeschenk an die Gesellschaft. Und dazu noch sein verwöhntes Frauenzimmer! Ich muß von Sinnen gewesen sein, als ich glaubte, er könne uns dort nützlich sein. Ich sollte Rupe hinschicken. So etwas wie ihn brauchen sie im Parlament, blutdürstige, sture Kerle, die pausenlos um sich treten.«

Victor nahm eine von Minnie gerollte Zigarette aus der Dose, zündete sie an und rauchte lässig, während sein Vater tobte. Es war immer dasselbe. Rupe und Austin gerieten bei jeder Gelegenheit aneinander, doch seinen Brüdern wurde Rupe wie ein Heiliger vorgehalten, wie ein junger Austin Broderick, was er keineswegs war. Sicher, Harry war als Politiker nicht gerade ein Volltreffer, doch Victor mißbilligte die Haltung seines Vaters. Er selbst war ein hervorragender Verwalter, das wußte er genau, doch von seinem Vater hatte er stets nur Kritik und Häme geerntet. Es war schwer genug, eine Farm dieser Größe mit all ihren Problemen zu leiten. Nicht zuletzt die Bewohner — Familie, Stammesangehörige, Mitarbeiter und aufgeblasene Besucher — galt es im Zaum zu halten. Da brauchte man nicht auch noch einen Vater, der einem bei jeder Gelegenheit in die Quere kam und ausdrückliche Anweisungen ignorierte. Ignorierte? dachte Victor zornig, das ist ein typischer Harry-Ausdruck. Genau das würde Harry sagen, verdammt noch mal! Austin ignoriert nicht nur, er schmeißt die Anweisungen eigenmächtig um. Läßt mich vor den Männern wie ein Idiot dastehen. Verschiebt andauernd die Grenzen, so wie er es mit Jock Walker und allen anderen auch macht.

Es war Charlottes Idee gewesen, Austin solle sich zurückziehen und Victor die Leitung der Farm überlassen. Mit ihrer sanften, schmeichlerischen Art hatte sie dem alten Mann das Gefühl vermittelt, er selbst habe diese Entscheidung getroffen. Vor seinen Freunden hatte er sich mit seinem Ruhestand gebrüstet. Schmiß eine Party, die drei Tage dauerte und auf der er den Rückzug von Austin Gaunt Broderick ins Privatleben verkündete, der die Zügel an die nachfolgende Generation übergab. Jede Zeitung in Queensland, ja sogar der Sydney Morning Herald, hatte pflichtschuldig darüber berichtet. Es war eine tolle Zeit gewesen, die jedoch mit dem Aufbruch des letzten Gastes ihr jähes Ende gefunden hatte. Victor hatte auf Springfield nach wie vor nicht mehr zu sagen als Minnie in der Küche, wo sie seit Jahren unter der Fuchtel der Köchin Hannah stand.

»Hörst du mir überhaupt zu?« knurrte Austin. »Ist dir schon einmal in den Sinn gekommen, daß wenn diese verdammten Landvergabegesetze durchkommen …«

»Das können sie gar nicht«, beharrte Victor.

»Das ist doch alles nur eine Frage von Zahlen, du Idiot! Politiker sind käuflich. Ein paar von denen, die auf unserer Seite sind, könnten krank werden. Oder den Aufruf verpassen. Und was geschieht dann? Schwachköpfe wie Harry sitzen da und gucken dumm aus der Wäsche. Besiegt! Es braucht nur eine einzige Abstimmung!«

Victor schüttelte den Kopf. »Unmöglich. Du vergißt, daß die halbe Opposition auf unserer Gehaltsliste steht. Ganz zu schweigen von den Verbindungen, die wir überall haben — zu Friedensrichtern, Stadträten, hohen Bankbeamten, Polizisten, sogar der Post. Dad, mach um Gottes Willen aus einer Mücke keinen Elefanten. Die leben doch alle von uns.«

Austin schenkte sich aus einer Karaffe einen Whisky ein und fügte Eis hinzu. »Einen Drink?«

»Ja.« Victor goß sich seinen Whisky selbst ein.

»Du hast zwei Dinge übersehen«, sagte Austin ruhig. »Und bei Jesus, selbst wenn du nie auf mich gehört hast, diesmal wirst du es tun. Erstens darfst du niemals die Macht unterschätzen. Jeder Oppositionelle würde seine eigene Großmutter verkaufen, nur um an die Regierung zu gelangen. An die Macht. Opposition! Das ist doch alles Bockmist. Da helfen dir dann auch deine ganzen Verbindungen nichts mehr. Du kannst nicht auf sie zählen.«

Genußvoll nahm er einen Schluck Whisky.

»Gut. Nehmen wir einfach mal an, daß durch Bestechung oder tiefe Überzeugung, Abwesenheit oder Überredung durch sozialistische Elemente eines dieser Landvergabegesetze doch durchkommt. Was dann, Mr. Broderick, Leiter von Springfield?«

Er schleuderte sein halbvolles Glas in den leeren Kamin. »Ich sage dir, was dann geschieht, du verdammter Idiot. Dein schwachköpfiger Bruder wird seine weichen Händchen ringen, und wir verlieren! Worauf haben sie es denn abgesehen? Auf uns, du Clown. Ihnen geht es nicht um das verfluchte Land. Was kann ein Schafzüchter schon mit einem winzigen Fleckchen Land anfangen? Die Kosten sind zu hoch, die Märkte zu weit entfernt. Man braucht riesige Weideflächen, wie wir sie haben …«

»Das stimmt«, sagte Victor, ohne weiter auf das zerbrochene Glas zu achten. Austin warf oft mit Gegenständen um sich und konnte seine Söhne mit so etwas längst nicht mehr beeindrucken.

»Wir sollten jemanden einen Artikel für Bernies Zeitung schreiben lassen, in dem man ihnen die Risiken klarmacht, die ein solcher Schritt für ihre Investitionen mit sich bringt …«

»Du hast es noch immer nicht kapiert, was?« fragte Austin sanft. »Es will einfach nicht in deinen Kopf, daß sie hinter uns Squattern her sind. Der Oligarchie, wie sie uns nennen. Es geht nur darum, die Macht der Squatter zu brechen. Wir haben das verdammte Land für sie erschlossen und darauf gesiedelt, lange bevor sich die Landvermesser der Regierung hierher gewagt haben. Wir haben die Kämpfe ausgefochten, sind die Risiken eingegangen und haben jeden Penny verdient, den wir besitzen. Und jeden Morgen Land, den uns eine Regierung verpachtet hat, die von der Existenz dieses Landes nicht einmal wußte. Wir haben gearbeitet und bezahlt, nicht nur mit Geld für die Pacht an diese verfluchte Regierung, die sich in Brisbane versteckt, sondern auch mit Menschenleben, darunter Kellys …«

Oh Jesus, dachte Victor, nicht schon wieder Kelly. Er ließ sich in einem luxuriösen Sessel nieder. Kelly mochte zwar ihr Onkel gewesen sein, doch die Broderick-Jungen hatten ihn hassen gelernt. Ein weitere Heiliger aus Austins Repertoire.

»Der zweite Punkt ist — falls es dich überhaupt interessiert, denn ich möchte dich nicht von deinem Tennisspiel abhalten …«

»Ich habe heute gespielt, weil Louisa Gesellschaft brauchte«, setzte Victor zu einer Erklärung an und haßte sich selbst für seinen Drang, sich seinem Vater gegenüber zu rechtfertigen. »Schön für dich«, erwiderte sein Vater sarkastisch. »In der Zwischenzeit steht Springfield am Rande des Abgrunds. Nehmen wir mal an, daß eines dieser hinterhältigen Gesetze durchkommt — trotz meines brillanten Sohnes Harry, trotz aller Hundesöhne, die wir in hohe Positionen gehievt haben. Hat dir nie jemand erklärt, daß ein Mensch, der sich einmal kaufen läßt, sich auch ein zweites und ein drittes Mal kaufen läßt? Klingelt es da nicht bei dir?«

Victor stand auf. »Ich kann das nicht mehr hören. Wenn du dir Luft gemacht hast, erkläre ich es dir noch einmal in aller Ruhe.«

Sein Vater grinste. »Nicht nötig, mein Junge. Wirf einfach einen Blick auf die Karte. Diese Karte. Jetzt!«

Er hatte mehrere Landkarten auf dem Billardtisch ausgebreitet, detaillierte Karten, die in richtiger Anordnung einen Überblick über den Gesamtbesitz von A. G. Broderick boten. Die Grenzen wiesen unregelmäßige Ausbuchtungen an den Stellen auf, wo er das beste Weideland gefunden und für sich beansprucht hatte.

»Wie sollen wir all das zurückkaufen?« fragte er.

»Das können wir nicht. Aber es gehört uns ohnehin schon. Wir müssen es gar nicht kaufen.«

»Und wenn es soweit kommt und Siedler auftauchen, die uns Dokumente unter die Nase halten, laut denen dieses Land in freien Grundbesitz umgewandelt wurde? Wir können sie nur davon abhalten, ihre Claims abzustecken, indem wir ihnen zuvorkommen und es selbst kaufen, und das ist bei unserer derzeitigen finanziellen Lage einfach nicht drin.«

Victor schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu. Das war doch alles rein hypothetisch. Oder etwa nicht? Allmählich machte Austin ihn nervös.

»Geh und hol Rupe. Wir halten Kriegsrat. Wir müssen unser bestes Land kennzeichnen, bewässertes Land an den Flußufern und Wasserläufen …«

»Wozu? Wir können doch unmöglich alles einzäunen.«

»Das kommt später. Es ist der Plan für den Notfall. Wir kartographieren Parzellen von der Größe, die Interessenten, darunter auch wir, maximal frei erwerben dürfen. Wenn es zum Schlimmsten kommt, sind wir bereit und schlagen als erste zu. Wenigstens die Sahnestücke können wir uns auf diese Weise sichern.«

Victor starrte auf die Karten. »Das ist viel Arbeit. Ohne einen guten Vermesser ist das gar nicht zu schaffen.«

»Dann besorg einen.«

Charlotte trat ein. »Austin, der Reverend möchte mit dir sprechen.«

»Jetzt nicht. Wir haben zu tun. Was will er?«

»Das weiß ich nicht.«

»Dann finde es heraus. Und mach du es mit ihm aus.«

Sie verließ achselzuckend den Raum.

Da sie nicht Besseres zu tun hatte, war Louisa allein mit den Gästen zurückgeblieben.

»Weshalb wollen Sie mit Austin sprechen?« fragte sie Billings. »Mein Ehemann leitet jetzt die Farm. Austin hat sich zur Ruhe gesetzt.«

»Das ist mir durchaus bewußt, meine Dame, aber mein Bischof hat mich gebeten, mit Austin Broderick über Kirchenfragen zu sprechen.«

»Es hat keinen Sinn, mit Austin über den Bau einer Kirche reden zu wollen. Da könnten Sie bei Victor schon eher Glück haben.«

»Es geht nicht um eine Kirche«, warf Mrs. Billings ein, »sondern um die Aborigines. Wir betrachten es als unsere Pflicht, ihnen zu helfen.«

»Oh, das ist aber nett«, antwortete Louisa geistesabwesend.

In diesem Augenblick kehrte Charlotte zurück. »Die Männer sind zur Zeit beschäftigt, Reverend. Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen?«

»Sie wollen etwas für die Schwarzen tun«, erklärte Louisa.

Charlotte bemerkte, daß der Reverend nicht allzu erpicht darauf schien, die Angelegenheit mit ihr zu besprechen, und nahm wieder am Tisch Platz. Sie sah ihn ermutigend an.

»Was schwebt Ihnen in diesem Zusammenhang vor?«

In die Enge getrieben, zog er einen Brief aus der Westentasche. »Vielleicht könnten Sie ihn Mr. Austin geben«, sagte er von oben herab. »Es stammt von meinem Bischof. Er empfindet es als unsere Christenpflicht, den armen, benachteiligten Kindern dieser Schwarzen, die in solchem Elend hausen müssen, die Hand zu reichen.«

»Sehr löblich«, murmelte Charlotte. »Darf ich ihn lesen?«

Der Reverend zögerte, wollte seine Gastgeberin aber auch nicht vor den Kopf stoßen.

»Selbstverständlich.«

Charlotte studierte den Brief aufmerksam und schaute dann lächelnd auf. »Was für ein wunderbares Programm. Gibt es das schon seit längerem?«

»Oh ja«, erwiderte Mrs. Billings eifrig. »Eingeborene Kinder müssen aus ihrer heidnischen Umgebung errettet und der Zivilisation zugeführt werden.«

»Sie werden als Christen erzogen«, fügte ihr Mann hinzu.

»Man sorgt für sie und bringt ihnen bei, sich in der Welt der Weißen zurechtzufinden. Dieses Werk der Nächstenliebe liegt uns sehr am Herzen.«

»Ja, so erklärt es Ihr Bischof hier auch. Sie haben also schon mehr als zwanzig Kinder untergebracht? Wohin kommen sie?«

»Wir unterhalten eine Missionsschule in Reedy Creek, ungefähr fünf Meilen außerhalb von Brisbane. Sie wird von unseren Laienbrüdern geleitet. Natürlich halten wir die Rassentrennung ein. Die Kinder lernen Englisch, und wenn sie älter sind, bringen wir sie bei Familien unter, wo sie für ihren Unterhalt arbeiten können.«

»Sind sie dort glücklich?«

»In der Tat. Sie haben viel Gesellschaft.«

»Ich habe schon davon gehört«, sagte Louisa. »Eine wunderbare Idee. Die Kirche von England holte ungefähr zwanzig Kinder von der Farm meines Onkels in Neusüdwales. Es geschieht überall. Wird auch Zeit, denn was sollte sonst aus ihnen werden? Sie können nicht länger in Stammesgemeinschaften leben.«

»Genau. Schließlich haben wir die Trunksucht und das verachtungswürdige Verhalten der Schwarzen erlebt, die in die Slums der Städte strömen. Wir müssen sie vor Not und Verzweiflung bewahren. So viele wie möglich …«

»Und Sie wollen einige unserer schwarzen Kinder mitnehmen?«

»Leider können wir gegenwärtig nur drei Kinder nehmen, weil der Platz im Wagen nicht ausreicht. Außerdem ist die Schule klein; doch später können wir noch mehr aufnehmen.«

»Wie alt sollten sie denn sein?«

»Wir haben zur Zeit Platz für sechsjährige Jungen …«

»Sechs?« fragte Charlotte verblüfft. »Ist das nicht ein bißchen zu jung?«

»Das beste Alter. Sie lernen schneller Englisch als die älteren und passen sich dem neuen Leben besser an. Und wir schenken ihnen doch ein neues Leben, die Chance, in einer sich verändernden Welt zu überleben.«

Charlotte nickte. »Das klingt plausibel. Ich bin sicher, daß Austin es gutheißen wird. Unsere eigenen Jungen mußten ja auch fort ins Internat. Da waren sie natürlich schon älter. Vorher wurden sie von Hauslehrern unterrichtet. Dabei fällt mir ein, Louisa, hast du schon einen Lehrer für Teddy ausgewählt? Es wird allmählich Zeit für seinen Unterricht …«

»Ich halte eine Gouvernante für geeigneter, jedenfalls für den Anfang. Victor hat Freunde und Verwandte in Brisbane gebeten, sich nach einer passenden Dame umzusehen.«

»Dann sollten wir einen Raum für die junge Frau herrichten und uns nach einem geeigneten Schulzimmer umsehen. Es wird mir Spaß machen, nach all den Jahren wieder ein Unterrichtszimmer einzurichten. Für Kinder gibt es jetzt so schöne Möbel …«

Reverend Billings bat noch einmal um Gehör. »Ich benötige Mr. Brodericks Zustimmung so bald wie möglich. Wir haben drei gesunde Jungen ausgewählt, die uns geeignet erscheinen — natürlich wissen sie noch nichts von ihrem Glück. Also sollten wir bald aufbrechen.«

»Unbedingt«, sagte Charlotte. »Ich spreche mit ihm.«

Er wird schon zustimmen, wenn er begreift, daß die Abreise der Missionare davon abhängt, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Wo war eigentlich Victors Unterrichtszimmer?« fragte Louisa. Die Erziehung der schwarzen Kinder war vergessen.

»In einem Schuppen, damals stand dieses Haus ja noch nicht. Teddy wird ein hübsches Zimmer bekommen, und zwar auf dieser Seite des Hauses, damit Austin sich nicht ständig in den Unterricht einmischt«, sagte Charlotte lachend.

__________

Nach dem Tee zog Tom Billings sich zu einem Nickerchen zurück, während seine Frau Amy sich für einen Spaziergang entschied. Sie wünschte, Tom hätte nicht so voreilig erklärt, die Farm zu verlassen, sobald sie Austins Zustimmung erhalten hätten, die schwarzen Kinder mitzunehmen. Noch nie in ihrem Leben hatten sie oder Tom in einem so luxuriösen Haus gewohnt. Warum also übereilt aufbrechen? Schließlich waren sie wochenlang unterwegs gewesen, eine anstrengende, eintönige Reise im unbequemen Einspänner durch die unerträgliche australische Hitze.

Tom und Amy stammten von der Südinsel Neuseelands mit ihrer üppig grünen Landschaft. Nie zuvor hatten sie in einer so trockenen Hitze leben oder derart ungeheure Strecken zwischen zwei Dörfern zurücklegen müssen. Sie hatten die Mission auf Ersuchen des Bischofs übernommen, der ihnen versicherte, jetzt im Frühjahr werde die Reise sehr angenehm für sie sein.

»Wenn das der Frühling ist, mag ich an den Sommer gar nicht denken«, murmelte Amy und zog den schwarzen Filzhut tiefer in die Stirn.

Sie durchquerte die geräumige Eingangshalle mit den blank gebohnerten Böden und teuren Teppichen und trat vor die Tür. Die Auffahrt beschrieb einen Bogen um einen herrlichen Rosengarten, der in voller Blüte stand.

»Dürfte eine Stange Geld kosten, den Garten so schön zu erhalten«, ging es ihr durch den Kopf. Nun ja, für die Brodericks war das sicher nur ein Pappenstiel. Sie schienen eine ganze Kompanie Gärtner nur zu diesem Zweck zu beschäftigen.

Amy erinnerte sich an den Moment zurück, als sie das Haus zum ersten Mal erblickt hatte. Zu Beginn ihrer Reise hatten sie in Pensionen übernachtet, die ihren bescheidenen Möglichkeiten entsprachen. Als sie in die Gegend der riesigen Schaffarmen kamen, fanden sie Aufnahme und freie Unterkunft in den Herrenhäusern, doch nichts hatte sie auf ein Anwesen wie Springfield vorbereitet. Die anderen waren nicht viel mehr als erweiterte Cottages mit angebauten Gästezimmern gewesen. Mehr als einmal beglückwünschte man sie dazu, daß ihre Reise sie bis nach Springfield führen würde.

»Fahren Sie noch weiter bis Narrabundi, Jimmy Hubberts Farm?«

»Nein. In Springfield kehren wir um.«

»Schade, bei Hubbert ist es auch schön, aber Springfield ist die Vorzeigefarm.«

Sie folgten unzureichenden Wegbeschreibungen, fuhren Trampelpfade entlang und landeten in Sackgassen inmitten des schrecklichen Buschlandes. Dann wieder stießen sie auf Flüsse, die sie mit ihrem Wagen nicht durchqueren konnten. Sie hatten sich verirrt, ihre Laune war auf dem Nullpunkt angelangt und kein Haus in Sicht, als schließlich zwei Reiter sie entdeckten und Stunden später am Tor zum Besitz der Brodericks ablieferten. Die lange Auffahrt war von Kiefern gesäumt und bot den erschöpften Reisenden willkommenen Schatten.

Dankbar schenkten sie den Männern religiöse Traktate aus der Bibliothek der Kirche des Heiligen Wortes und fuhren allein weiter, auf das Haus zu.

Tom und Amy waren immer Christen gewesen, vertraten aber die Ansicht, daß der anglikanische Vikar ihrer Gemeinde gegenüber Sündern zuviel Nachsicht übte. Sie hatten verlangt, er solle nachdrücklicher gegen das Böse in ihrer unmittelbaren Umgebung vorgehen. Der Vikar behauptete zwar, er verstehe ihre Klagen, unternahm aber dennoch nichts gegen die Übel der Trunksucht, des Glücksspiels und der Ausschweifung, die in Queenstown herrschten. Dann begegneten sie Pastor Williams, einem wahren Christen, der mit ihnen in allen Punkten übereinstimmte und keine Mühe hatte, sie zur Kirche des Heiligen Wortes zu bekehren.

Als er in seiner kleinen Gemeinde zur Missionierung aufrief, meldeten sich Tom und Amy voller Enthusiasmus für diese Aufgabe. Tom kündigte seine Stelle als Beamter im Erziehungsministerium, und eines glorreichen Abends gaben sie sich ganz dem Heiligen Wort hin. Es war eine ebenso tränenreiche wie erhebende Erfahrung gewesen, als sie all ihre weltlichen Güter zum Ruhme des Herrn weggaben: das kleine Haus in der Gresham Street, das Tom von seinem Vater geerbt hatte, und auch ihre Ersparnisse, denn Amy hatte als Wäscherin gearbeitet und etwas auf die Seite gelegt. Es war der glücklichste Tag ihres Lebens gewesen.

Zwei Jahre lang reisten sie im Namen Christi durch Neuseeland, klopften an Türen, um kleine Traktate und Bibeln zu verkaufen und, wenn möglich, die Menschen zum gemeinsamen Gebet zu ermutigen. Leider waren nur wenige bereit, dem Herrn ihre Zeit zu opfern, doch eine Spende war ebenfalls willkommen. Sie sammelten auch Geld bei Straßenveranstaltungen, wie es die Anhänger der Heilsarmee taten, verzichteten aber auf lärmende Trommeln und Blechpfeifen. »Sie machen den Herrn lächerlich«, pflegte Tom über sie zu sagen. »Sie verwandeln die Messe in ein billiges Schauspiel.« Nach ihrer Probezeit als Laienprediger wurde Tom im Rahmen einer besonderen Messe im Hauptquartier zum Reverend, einem wahren Priester des Herrn, geweiht. Sie nannten Pastor Williams’ Heim am Rande von Christchurch das Hauptquartier, weil dort die Quelle des Guten lag. Als demütiger Mann hatte er das Angebot von Bischof Frawley aus Brisbane, ihn zu befördern, abgelehnt und war lieber als Pastor und Kirchenführer in Neuseeland geblieben. (Tom hingegen hegte keine derartigen Skrupel und hoffte, daß ihm seine guten Werke eines Tages das Bischofsamt eintragen würden.) Allerdings hatte sich der Pastor überreden lassen, ein Backsteinhaus als angemessene Residenz zu beziehen. Den Salon dieses Hauses hatte er gesegnet und in eine Kapelle umgewandelt. Seine Anhänger wohnten derweil in Holzhütten am Ende des Grundstücks. Oftmals waren diese Hütten überbelegt, doch das schien niemandem etwas auszumachen, denn es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Tom und Amy freuten sich stets darauf, hierher zurückzukommen, weil sie dann mit den anderen Erfahrungen austauschen und neuen Elan für die nächste Reise sammeln konnten.

Manche Leute klagten, daß Pastor Williams sich mit ihrem Geld ein schönes Leben mache, doch Tom duldete solche Unterstellungen nicht. Er nannte ihre Beschwerden verachtenswert, um so mehr, als er entdeckte, daß eine beträchtliche Zahl seiner Glaubensgenossen Provision für den Verkauf ‘geheiligter Gegenstände’ erhielt, darunter Bildnisse des Herrn und eine Auswahl an unechten Goldkreuzen. Er betrachtete diese Geschäfte als Gotteslästerung und hielt schon bald mit Pastor Williams Rücksprache darüber …

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, daß ich nie erfahren habe, was dabei herausgekommen ist, sinnierte Amy, als sie durch den Rosengarten schlenderte. Es hatte damals viel Staub aufgewirbelt. Kurz darauf eröffnete uns Pastor Williams, daß wir als Missionare nach Brisbane reisen sollten. Nach Australien!

Ihr fiel ein, wie eine gehässige Frau, die ihnen ihr Glück neidete, behauptet hatte, Bischof Frawley sei gar kein echter Bischof. Er sei gerade erst in die Kirche eingetreten und nenne sich nur so! »Er ist keinen Deut besser als Pastor Williams«, hatte sie gesagt.

Tom hatte sie schnell zum Verstummen gebracht. »Die Wahrheit wird durch unsere Kirche ans Licht gebracht«, hatte er sie ermahnt. »Irgendwo müssen wir ja schließlich anfangen. Denke immer daran, daß der heilige Petrus nur ein Fischer war. Bischof Frawley ist einfach unser erster Bischof. Viele, viele weitere werden folgen.«

Amy mußte sich eingestehen, daß sie noch immer in Armut lebten, doch dieses Opfer brachten sie willig. Andererseits mußten sie sich nicht länger mit ihrer langweiligen Arbeit abmühen oder sich um ihren Lebensunterhalt sorgen; die Zeit gehörte ihnen und dem Herrn, der sie auf dem Weg über die Kirche ernährte. Amy lächelte. »Unser Hirte«, sagte sie laut.

»Und sieh dir an, wohin er uns gebracht hat!« Sie wandte sich um und betrachtete das herrliche Sandsteinhaus, das von großen, schattigen Veranden im Kolonialstil eingefaßt war. Weiter hinten wurde das Haus nach beiden Seiten hin breiter. Einer dieser Seitentrakte war den eleganten Gästeunterkünften vorbehalten, die sie und Tom derzeit bewohnten. Dieser Flügel besaß sogar ein eigenes Wohnzimmer und ein geräumiges Bad! Da sie augenblicklich die einzigen Gäste waren, brauchten sie die Räumlichkeiten mit niemandem zu teilen. Welch ein Luxus!

Als sie am Ende der Auffahrt aus dem Schatten der Kiefern geglitten waren und das Anwesen vor ihnen auftauchte, hatte Amy vor Überraschung nach Luft geschnappt. Nie hätte sie in dieser Wildnis ein solches Haus erwartet. »Du meine Güte. Hast du je ein so prächtiges Haus gesehen?«

Doch Tom war wütend geworden. »Das ist ungeheuerlich! Eine Kränkung für den Herrn, wenn Menschen ihren Luxus so schamlos zur Schau stellen. Extravaganz ist die schlimmste aller Sünden und betrügt den Herrn um das, was ihm zusteht. Eine ekelerregende Verschwendung von Geld, mit dem man Seelen retten könnte. Gesegnet seien die Armen. Vergiß das nie, Amy. Diesen Menschen wird es schwerfallen, das Tor zum Himmel zu finden; sie sind geblendet von ihrer eigenen Wichtigkeit.«

Dennoch fuhr er mit dem Einspänner bis vor die elegante, zu beiden Seiten von Steinlöwen flankierte Treppe. Amy überlegte besorgt, ob sie nicht besser den Hintereingang benutzen sollten. Tom war aus anderem Holz geschnitzt und ließ sich von Häusern wie diesem nicht einschüchtern.

Sie hoffte, er würde sich nun endlich ausschlafen können, denn in letzter Zeit war er in ziemlich gereizter Stimmung gewesen. Sie hatte ihm geraten, während des Spaziergangs mit Mr. Broderick über ihre Mission zu sprechen, doch er hatte sie barsch zum Schweigen gebracht.

»Ich möchte nicht auf einer Besichtigungstour, sondern im Büro mit ihm sprechen. Das ist der Ort, an dem Männer wichtige Dinge diskutieren.«

Die schwarzen Kinder waren wichtig. Man hatte sie angewiesen, drei von ihnen mitzubringen, und dieser Auftrag würde sich wohl auch verwirklichen lassen. Dennoch wollte Tom zur Einleitung mit Broderick unter vier Augen über die Errichtung einer Kapelle sprechen. Broderick war ein sehr reicher Mann, und Bischof Frawley hatte angedeutet, daß von ihm eine großzügige Spende zu erwarten sei. »Kerle wie er verschenken, ohne mit der Wimper zu zucken, ein paar hundert Pfund. Denken Sie in großen Dimensionen. Wir sind hier nicht in Neuseeland.«

Nun mußte er einen erneuten Vorstoß unternehmen, um Broderick in seinem Büro zu erwischen. Er konnte nicht auf dem Umweg über dessen Frau oder Sohn das Thema zur Sprache bringen. Schließlich verließ sich der Bischof auf ihn und Amy.

Amy hatte sich vom Haus entfernt und war in Richtung der großen Nebengebäude spaziert, wo die eigentliche Arbeit getan wurde. Eine Gruppe von Reitern galoppierte über eine Lichtung. Sie genoß ihren Ausflug und trat so nah an die Koppel heran, daß sie zusehen konnte, wie die Männer abstiegen und die Pferde geschickt von Sattel und Zaumzeug befreiten. Es waren lauter junge, kräftige Kerle in ihrem Alter — sie war achtundzwanzig —, die in ihren karierten Hemden, Kattunhosen und kurzen Reitstiefeln überaus männlich wirkten.

Amy errötete bei diesen sündigen Gedanken. Was würde Tom sagen, wenn er sie dabei erwischte, wie sie Viehhütern bewundernde Blicke zuwarf?

»Vergib mir, Herr«, flüsterte sie und wandte sich ab. Dann schreckte eine Stimme sie auf.

»Selbstgespräche sind immer ein schlechtes Zeichen!«

Es war Rupe Broderick, der jüngste Sohn. Er schien sie auszulachen. Amy war so durcheinander, daß es ihr die Sprache verschlug. Sie wollte davoneilen, doch er holte sie ein.

»Wie geht es Ihnen, Mrs. Billings?«

Sie roch den Schweiß und Staub an ihm und spürte die Kraft, die von ihm ausstrahlte, als er neben ihr herging. Er war Anfang Zwanzig und hochgewachsen, unter den aufgekrempelten Ärmeln zeichneten sich seine muskulösen Arme ab.

Sie warf einen Blick in sein sonnengebräuntes Gesicht mit den funkelnden blauen Augen und murmelte: »Gut, vielen Dank.«

»Genießen Sie Ihren Aufenthalt?«

Amy wünschte, er würde sie allein lassen. Er hatte doch wohl nicht vor, sie den ganzen Weg zurück bis zum Haus zu begleiten? Sie wußte einfach nicht, wie sie sich einem selbstbewußten jungen Gentleman gegenüber verhalten sollte. Denn ein Gentleman war er, obgleich er die derbe Montur eines Viehhüters trug.

»Nochmals vielen Dank«, erwiderte sie knapp.

»Haben Sie schon den Stall gesehen?«

»Welchen Stall?«

»Den Stall, in dem die besten Zucht-Merinos von Springfield stehen.«

»Nein.«

»Sollten Sie aber. Der Widder müßte jetzt dort sein, Austins ganzer Stolz. Der gute alte Silver Floreat Della, der Beste von allen, der Vater aller unserer Merinos; und noch immer kann er nicht genug bekommen.«

Schockiert bog Amy in einen Seitenweg ein, und er blieb lächelnd stehen.

»Sie sollten besser zurückkommen. Das ist eine Sackgasse. Führt nur zum Gärtnerschuppen.«

»Das ist mir egal«, murmelte sie. »Ich will einfach nur spazierengehen.«

»Bitte, wie Sie möchten. Bis später.«

Endlich war sie ihn los. Neckte er sie absichtlich, indem er über die Schafe sprach? Erwähnte er ein solch delikates Thema, um sie in Verlegenheit zu bringen? Er hatte sie wirklich aus der Fassung gebracht. Seinem Bruder Victor mit dem kantigen, strengen Gesicht und der autoritären Haltung war er gar nicht ähnlich. Victor kommt auf seinen Vater, dachte sie und schlenderte mit gesenktem Kopf weiter. Den Hut hatte sie tief in die Stirn gezogen wie eine Mönchskapuze. Von fern hörte sie das rhythmische, metallische Klingen eines Schmiedehammers, das sie an Kirchenglocken erinnerte. Plötzlich verspürte Amy Heimweh. Sie vermißte Pastor Williams und die vertraute Gemeinschaft hingebungsvoller Christen. Sie fand, daß die Landbewohner hier anders waren, irgendwie zynischer und weniger geneigt, das Heilige Wort anzunehmen. Das war sehr beunruhigend. Selbst die Frauen widersprachen ihr in Fragen der Glaubensdoktrin, und mehr als einmal kam Amy ins Stocken; die passenden Erwiderungen wollten sich einfach nicht einstellen.

»Dann solltest du eben die Bibel aufmerksamer lesen«, hatte Tom ihr geraten. »Dort findest du alle Antworten.«

»Manchmal glaube ich, sie lachen uns nur aus.«

»Nein, das stimmt nicht.« Tom wirkte stets wie ein Fels in der Brandung. »Sie verbergen damit lediglich ihre Unwissenheit. Sie alle stammen von Sträflingen ab, von Kriminellen. Was kann man da schon erwarten?«

Amy warf einen Blick auf das große Haus und wagte es in einem Anflug von Aufsässigkeit, Tom im Geiste zu widersprechen. Sie mögen zwar von Sträflingen abstammen, doch es ist ihnen nicht schlecht bekommen.

__________

Rupe schlenderte in die Küche, faßte Hannah, die Köchin, von hinten um die rundliche Taille und hob sie hoch. »Wie geht es meiner Lieblingsköchin denn heute?«

»Laß mich runter, Rupe«, sagte sie lachend und befreite sich aus seinem Griff. »Du bist mir vielleicht einer! Ich nehme an, du hast Hunger.«

»Falls du noch irgendwo ein paar kalte Schweinsfüße versteckt hast, ja. Na los, wo sind sie?«

»Laß es sein, du verdirbst dir den Appetit aufs Abendessen. Ich mache dir ein Sandwich.«

»Gute Idee, ich nehme beides.«

»Na schön.« Hannah lächelte nachsichtig. Sie war schon seit ewigen Zeiten als Köchin auf Springfield. Sie hatte die drei Jungen aufwachsen sehen und mochte sie alle sehr gern, doch Rupe war ihr Liebling. Er war immer ein eigenwilliges Kind gewesen, das mit Vorliebe Unheil stiftete. Wann immer er in Schwierigkeiten geriet, kam er zu Hannah gelaufen. Sie liebte das engelhafte Lächeln, hinter dem er seine Dreistigkeit verbarg, und hatte ihm stets Rückendeckung gegeben. Immer wieder fand sie Entschuldigungen für sein ungezogenes Benehmen und versteckte ihn sogar, wenn Mr. Austin auf dem Kriegspfad war. Als Gegenleistung brachte Rupe sie mit seinen Geschichten von der Farm zum Lachen.

Er schnüffelte in der Speisekammer herum und kam mit einem Teller Schweinsfüße in Aspik wieder heraus. Er saugte die Knochen aus, während Hannah ihm ein paar Brote schmierte.

»Gerade habe ich die Schwarze Witwe getroffen, draußen bei der Pferdekoppel.«

»Wen?«

»Du weißt doch, die Frau des Predigers. Wie lange bleiben sie denn eigentlich noch?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was haben sie vor? Warum treiben sie sich überhaupt hier herum?«

»Es heißt, sie wollen eine Kirche bauen.«

»Von wegen. Nein, ich habe das Gefühl, es steckt mehr dahinter.«

»Und das wäre?«

»Keine Ahnung. Mir kommen sie irgendwie nicht ganz geheuer vor. Hat die Stute schon gefohlt?«

»Noch nicht. Victor ist bei deinem Vater. Sie haben dich vor einer Weile gesucht.«

Minnie kam herein, um der Köchin bei den Essensvorbereitungen zu helfen, während Rupe noch an eine Bank gelehnt stand und seine improvisierte Mahlzeit verschlang. Er beobachtete das Mädchen, das barfuß und mit gesenktem Blick über den Steinboden schlurfte.

»Minnie-Mädchen, warum machst du so ein langes Gesicht? Kein Lächeln für mich heute? Du bist doch meine Beste.«

»Zieh sie nicht auf«, mahnte ihn Hannah. Sie warf einen Blick auf das Aborigine-Mädchen, das sich gewöhnlich nicht an Rupes Neckereien störte. Minnie wirkte heute nicht so fröhlich wie sonst.

»Was ist los, Minnie?«

»Nichts«, antwortete diese bedrückt und ging zum Kartoffelkorb in der Ecke.

Rupe zuckte die Achseln, verputzte das letzte Sandwich und verließ die Küche. Er legte die staubige Arbeitskleidung ab, duschte und warf sich auf sein Bett, um ein Nickerchen zu machen.

Dort entdeckte ihn schließlich Victor. »Steh auf. Der alte Herr verlangt nach uns, er tobt ganz schön.«

»Was habe ich denn jetzt schon wieder angestellt?«

»Nichts. Er hat den Krieg erklärt.«

»Wem denn?« Rupe fuhr sich schläfrig mit der Hand durchs feuchte Haar.

»Einer Welt, die sich gegen uns Squatter verschworen hat.«

»Oh Jesus! Was kommt als nächstes?«

»Frag nicht. Steh lieber auf.«

2

Minnie war verwirrt, aufgebracht und daher dankbar, daß weder Rupe noch Hannah auf eine Erklärung gedrängt hatten. Sie war sich nicht ganz im klaren über das Gehörte, da sie auch nach all den Jahren im Dienst der Weißen deren Sprache nicht vollkommen beherrschte.

Nicht Rupe, sondern Hannah und Victor waren ihr von all den Bewohnern des großen Hauses am liebsten. Die Köchin behandelte sie gut und schenkte ihr oft Essensreste, die sie ins Lager zu ihrer Familie mitnehmen konnte. Victor verhielt sich immer freundlich, obwohl er ein Boß wie sein Vater geworden war.

Als sie mit Bobbo, dessen richtiger Name Bobburah lautete, schwanger gewesen war, hatte sie einen Eklat verursacht, weil sie sich weigerte, den Namen des Vaters preiszugeben. Er war Viehhüter gewesen und hatte ihr mit Schlägen gedroht, wenn sie ihn verriet. Zu ihrem Entsetzen mußte sie erfahren, daß man statt seiner Mr. Victor verdächtigte, nur weil er ihr Freund war. Sie waren gemeinsam aufgewachsen. Minnie konnte den Weißen ja schlecht erklären, daß sich weder Victor noch Harry je den schwarzen Frauen näherten. Rupe hingegen schon. Er war ein Schwerenöter, der ständig schwarzen Mädchen hinterherjagte und sich nachts im Lager herumtrieb. Alle waren erleichtert, als es hieß, er würde in die Stadt gehen, aber dann wurde doch nichts daraus. Nachdem er aus der Schule zurückgekehrt war, blieb er auf Springfield.

Minnie hatte gedacht, Victor sei wegen ihrer Sturheit böse mit ihr, doch er hatte nur gelacht. »Was trägst du denn da mit dir herum, Min? Schwarz oder Weiß?«

»Klein Baby kommen«, hatte sie errötend geantwortet, um sich nicht festlegen zu müssen. Zu ihrer Erleichterung gebar sie ein wunderbar schwarzes Baby, das von ihrer Familie ohne die üblichen Probleme, die die Geburt von Mischlingen gewöhnlich aufwarf, angenommen wurde. Inzwischen hatte der Viehhüter die Farm verlassen, also hatte sich das Problem von selbst erledigt.

Minnie hieß in Wirklichkeit Moomabarrigah und war eine Cullya vom Emu-Volk. Der Clan ihrer Mutter gehörte zum großen Kamilaroi-Stamm, der einst das ganze Land hier bevölkert hatte, vom tiefen Süden bis zu den blauen Gipfeln, hinter denen die Sonne unterging. Allerdings hatte sich das Volk der Kamilaroi in alle Winde zerstreut. Minnies Vater war beim Überfall auf eine Gruppe weißer Jäger getötet worden. Es hieß, er sei ein Abtrünniger gewesen, der eine schlechte Horde anführte, was seine Verwandten jedoch bestritten. Manchmal wünschte Minnie, es sei wahr. Anders als ihre Schwester Nioka war sie schüchtern und stellte sich ihren Vater gern als großen Krieger und Kämpfer vor. Sie hoffte, er sei ein Abtrünniger gewesen, der es den weißen Leuten heimgezahlt hatte.

Nach seinem Tod war das Leben für die Cullya schwierig geworden. Viele zogen nach Norden in die heißen Länder, um bei entfernten Stämmen Zuflucht zu suchen; andere verschlug es in die Städte der weißen Menschen, doch Minnies engste Familie und Freunde versuchten, in der vertrauten Gegend zurechtzukommen. Leider war das kaum noch möglich, da die Weißen sie immer weiter wegtrieben, um Platz zu schaffen für ihre Familien und ihr Vieh.

Schließlich traf Minnies Mutter nach langwierigen Auseinandersetzungen die Entscheidung, ‘hineinzugehen’. Ihr Name durfte nun nicht mehr erwähnt werden, weil sie letzten Sommer gestorben war. Sie war eine starke, muskulöse Frau mit einer lauten Stimme gewesen, und der weiße Mann erkannte bald, wer in dieser Horde das Sagen hatte.

Sie war allein vor Mr. Broderick hingetreten und hatte verlangt, daß man ihnen gestattete, ein ständiges Lager an der Flußbiegung aufzuschlagen, in angemessener Entfernung von seinem Haus. Im Gegenzug würde sie dafür sorgen, daß es keine Kämpfe, toten Schafe oder Lagerdiebstähle mehr geben würde.

Und so schlossen sie einen Pakt. Er erklärte sich sogar bereit, den ungefähr fünfzig Menschen der Cullya-Horde zwei Schlachtschafe pro Monat und gelegentliche Rationen Tee, Mehl und Tabak zu überlassen, falls sie sich gut benahmen.

Allerdings lief es nicht immer glatt. Oft genug hörten die Mädchen die lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Mr. Broderick und ihrer Mutter, wenn diese ihre Leute um jeden Preis verteidigte, die schwere Kriegskeule in seine Richtung schwang und verlangte, er solle seine Männer von den schwarzen Frauen fernhalten. Er schrie zurück und drohte damit, die gesamte Horde von seinem Besitz zu vertreiben, was ihre Wut nur noch weiter anstachelte. Sie war eine wilde Frau, beinahe so groß wie er, und nicht bereit, klein beizugeben, zumal sie fand, daß er alles in allem ein guter Mensch war, sofern das bei Weißen überhaupt möglich war.

Irgendwann setzten sie sich nieder, rauchten und redeten und lachten schließlich — zur Verwunderung der übrigen Horde, die sich unter den Bäumen versammelt hatte in der Befürchtung, bald nun auch von ihrem letzten Lagerplatz vertrieben zu werden.

Nur Minnie und Nioka wußten um die Tiefe der Verzweiflung, die im Herzen ihrer Mutter wohnte. Als sie auf Wanderschaft gingen, um die alten Gebote zu erfüllen und den geheiligten Stätten einen Besuch abzustatten, begriff sie, wie unmöglich es allmählich wurde, ihre Lebensweise aufrechtzuerhalten. Heilige Orte fanden sie entweiht vor, Land, auf dem sie früher Nüsse und Honig gefunden hatten, war gerodet worden, die großen Emu-Herden wurden vertrieben. Letzteres tat mehr weh als alles übrige. Emus waren ihr unberührbares Totem, dem nie ein Leid zugefügt werden durfte, und mit ihrer Zahl schwand auch ihre eigene Stärke dahin. Von da an kümmerte sich die Mutter immer weniger um ihre elende Lage und verbrachte ihre letzten Tage mit Fischen und Tagträumerei.

Als sie im Sterben lag, kam Mr. Broderick allerdings, um seinen Respekt zu bezeugen. Er stand neben der Hütte Wache, während ihre Familie trauerte und das Leben mehr und mehr aus ihr wich.

Sein Erscheinen hatte Minnie beeindruckt, ganz im Gegensatz zu Nioka. Diese glich mehr ihrer Mutter, war temperamentvoll, herrisch, eine Kämpfernatur. Sie wollte ihn nicht im Lager dulden.

»Er war nicht eingeladen«, schrie sie. »Wie kann er es wagen, sich einzumischen! Seine Leute haben ihr Herz getötet.«

»Respekt, Nioka, er bezeugt seinen Respekt.«

»Wir brauchen seinen Respekt nicht. Du sagst das nur, weil du für ihn arbeitest. Du willst deinen blöden Job nicht verlieren.«

»Das ist nicht wahr.«

Minnie ging aus der Küche in den Vorratsschuppen, wo sie einen großen Kürbis aussuchte, ihn auf eine Bank legte und mit einer kleinen Machete geschickt in vier Teile hackte. Sie seufzte, zögerte ihre Rückkehr ins Haus noch ein wenig hinaus. Sie fragte sich, ob sie damals nicht doch anders darüber gedacht hätte, wenn es ihr nicht darum gegangen wäre, ihren Job zu behalten.

Mrs. Broderick hatte Minnie zum Arbeiten ins Haus geholt, als sie zwölf war. Zunächst war es ihr schwergefallen, sich im Haus und in der fremden Sprache zurechtzufinden, doch sie hatte sich sehr viel Mühe gegeben und machte inzwischen nur noch selten Fehler. Im Laufe der Jahre waren andere Mädchen gekommen und gegangen, doch Minnie war am längsten geblieben. Sie hatte einen festen Platz gefunden und lebte gern in zwei Welten. Zwei schwarze Mädchen arbeiteten als Hausmädchen, doch Minnie gefiel es in der Küche am besten. Sie kam gut mit der Köchin aus, die ihre Arbeit zu schätzen wußte.

Nioka hingegen hatte sich geradeheraus geweigert, für die Weißen zu arbeiten. Sie kümmerte sich zwar gern um den kleinen Teddy, weil sie ihn mochte und er einen guten Spielgefährten für ihren und Minnies Sohn abgab, doch niemand konnte sie dazu bringen, bei ihnen in Stellung zu gehen, wie man es hier nannte. Sie spielte mit den drei kleinen Jungen in der Nähe des Hauses oder nahm sie mit ins Lager zum Schwimmen, und die Broderick-Leute akzeptierten das. Sie wußten, daß die Schwarzen Teddy sehr liebten und dem weißhaarigen Jungen unter den Augen so vieler Menschen nichts geschehen würde.

Bedrückt kehrte Minnie mit den Kürbisvierteln und einer Emailleschüssel voller Bohnen in die Küche zurück.

Was würde Nioka dazu sagen?

Hannah war beschäftigt und beachtete Minnie nicht weiter, die den Kürbis schälte und die Bohnen mit einem kleinen Messer oder, wenn ihr die Köchin den Rücken kehrte, auch mal mit den Zähnen abzog.

Was genau hatte sie eigentlich gehört, als sie den Teetisch abräumte? Minnie war sich nicht ganz sicher. Sie war mit den Tabletts hin- und hergelaufen und hatte nur Gesprächsfetzen aufgeschnappt. Zudem sprachen der Betmann und seine Missus in Singsangstimmen, nicht geradeheraus wie die anderen, so daß sie sie vielleicht nicht richtig verstanden hatte. Das kam oft genug vor. Doch sie hatten bestimmt davon gesprochen, die Kinder mitzunehmen. Die schwarzen Kinder. Teddy nicht.

Sie wußte, daß alle Broderick-Jungs zur Schule fortgeschickt wurden, wenn sie alt genug dazu waren. Teddy würde vermutlich mit zwölf Jahren hingehen. Doch sie hatte deutlich gehört, wie der Mann von Sechsjährigen sprach, denn Mrs. Broderick hatte es noch einmal wiederholt.

Sechs? Minnie erschauderte. Ihr Junge war sechs. Jagga war knapp sieben. Und es gab im Lager noch andere Kinder dieses Alters. Minnie hätte vor Angst schreien mögen.

»Du träumst wieder vor dich hin, Missy«, sagte Hannah. »Mach weiter. Du mußt auch noch Äpfel schälen, und danach kannst du mir Milch und Käse aus der Molkerei holen.«

__________

Hoch oben auf einer Klippe über dem Ozean saß ein sehr alter Mann. Sein Haar war mit Bienenwachs und Muscheln zu einem hohen Kegel frisiert. Um seinen Hals hing eine Kordel mit einem gefährlich aussehenden Krokodilzahn. Sein dunkler, knochiger Körper war nur mit einem Lendenschurz bekleidet, doch das dichte Netz aus Narben auf seiner Haut erweckte beinahe den Eindruck eines Kleidungsstücks. Auf den ersten Blick wirkte er schwach und hilflos, ein Opfer seines hohen Alters, doch sobald er die Augen öffnete, war dieser Eindruck verschwunden. Moobuluk brauchte sie nicht mit der Hand vor dem grellen Sonnenlicht zu beschirmen; sie leuchteten braun und hell, wachsam wie die Augen eines weit jüngeren Mannes.

Neben ihm lag ein dreibeiniger Dingo ausgestreckt. Das Tier hatte einst vor der Wahl gestanden, in der Falle eines Weißen zu sterben oder sein eigenes Bein abzubeißen. Der Dingo hatte sich fürs Weiterleben entschieden. Nachdem er feststellen mußte, daß er nicht länger der Anführer seines Rudels war, hatte er sich diesem Menschen angeschlossen, den man anscheinend ebenfalls zum Sterben zurückgelassen hatte.

Doch der Dingo hatte sich geirrt, gründlich geirrt. Moobuluk war nicht nur einer der angesehensten Ältesten des Emu-Volkes, man hatte ihm auch große Verantwortung übertragen. Das Träumen hatte ihn tiefer und tiefer in die unergründlichen Geheimnisse und Mysterien seiner Rasse geführt. Nun war er der berühmteste Zauberer auf dieser Seite des Kontinents und hatte alle seine Lehrmeister überlebt. Moobuluk war viele Jahre lang weit über die Grenzen seines heimatlichen Kamilaroi-Landes hinaus gereist, hatte die Anführer unzähliger Stämme getroffen — darunter die weisen Jangga, die seltsamen Manganggai und die wilden Warungas — und sich mit ihnen beraten, weil er so viele Sprachen beherrschte und als guter Zuhörer bekannt war. Vor allem aber hieß man ihn willkommen, weil seine Kräfte sehr gefürchtet waren und niemals unterschätzt werden durften.

An diesem Tag blickte er traurig auf das leuchtende Blau des Ozeans hinaus, unter dem sich, wie er wußte, ein Riff verbarg, dessen Farben jeden Regenbogen in den Schatten stellten. Dies war sein liebster Ort auf der ganzen Welt.

Er hatte ein ganzes Leben voller Zuhören und Lernen benötigt, um seine eigenen Geheimnisse zu ergründen, doch war seine Lebensspanne lächerlich kurz, verglichen mit den Äonen, die es die winzigen Polypen gekostet hatte, ihren unzerstörbaren Unterwasserschatz zu errichten. Es lehrte einen Demut, die Zeit in diesem Zusammenhang zu betrachten. Und amüsant war es auch. Und erfreulich. Er war umgeben von üppigen Farben, vom Blau des Meeres, leuchtend wie die blauen Steine, die er weit drinnen im trockenen Land gefunden hatte, bis zum weicheren Blau des weiten Himmels und dem reichen Grün der dampfenden Bergwälder, die von einer erstaunlichen Vielfalt bunt gefiederter, frecher Vögel bewohnt wurden.

Es schmerzte ihn, diesen Ort zu verlassen, doch der Wind hatte ihm zugetragen, daß man ihn anderswo brauchte. Doch wohin sollte er sich in diesen Zeiten wenden? Die weißen Eindringlinge verursachten so viel Leid, so viel Verzweiflung, daß er sein eigenes Gefühl der Hoffnungslosigkeit kaum unterdrücken konnte. Er vermochte die Gezeiten nicht aufzuhalten; das Schicksal hatte die alte Ordnung zerstört und … durch was ersetzt? Moobuluk fand die Antworten nicht in seinem reichen Erfahrungsschatz, denn dessen Struktur basierte auf den Erfahrungen von tausend Leben, die an Männer wie ihn weitergegeben wurden. Die weißen Männer waren nicht Teil der Traumzeit, ebensowenig wie ihre Tiere oder die seltsamen Pflanzen, die sie eingeführt hatten. Daher fehlte ihm die Grundlage für seine Arbeit …

Er kratzte sich am Bauch und sah auf den Hund hinab. »Die Jangga-Leute rufen nach mir, aber ich kann nicht zu ihnen gehen, weil den Cullya-Leuten Schwierigkeiten bevorstehen.« Das ärgerte ihn ein wenig. Offensichtlich waren die Probleme der Jangga sehr viel schwerwiegender als die der kleinen Horde im Süden. Die Cullya waren unter der Führung seiner Urenkelin ‘hineingegangen’ und hatten sich auf einer Schaffarm angesiedelt. So schlimm konnte es ihnen da gar nicht ergehen.

Doch die nagende Sorge blieb. Irgend etwas stimmte nicht, das verriet ihm der Wind, der vom großen Fluß heranwehte. Und sie gehörten zur Familie. Zu seiner unmittelbaren Familie. Es war seine Pflicht, ihrem Ruf zu folgen.

Moobuluk freute sich nicht gerade auf die Rückkehr in sein Heimatterritorium. Obwohl dort inzwischen Frieden herrschte, bedrückten ihn die Erinnerungen an seine Kindheit am Großer-Mann-Fluß und das Wissen, daß diese glückliche Art zu leben seinen Nachkommen verwehrt war. Es tröstete ihn wenig, daß die Horde, die nun nach Brodericks Gesetzen lebte, ihr Los akzeptiert hatte und sogar vorgab, damit zufrieden zu sein. Er selbst trauerte der althergebrachten Lebensweise nach, und es tat ihm weh, sie immer schneller verschwinden zu sehen.

Oh ja, er kannte Broderick. Und er hatte auch den anderen gekannt, den, der Kelly hieß. Sie waren die ersten weißen Männer gewesen, die ohne Erlaubnis das Land der Cullya betraten. Nicht, daß je ein Weißer um Erlaubnis gebeten hätte, aber mit diesen ersten Schritten verstießen sie gegen Stammesrecht. Die friedfertigen Cullya waren zunächst nur neugierig gewesen; als ihnen jedoch dämmerte, daß sich die Weißen bei ihnen häuslich niederlassen wollten, hatten sie vergeblich versucht, sie zu vertreiben. Sie hatten sie belästigt, ihre Schafe getötet, Buschbrände gelegt, ihr Essen gestohlen — gutes Essen, wie sich Moobuluk grinsend erinnerte —, aber dennoch waren immer mehr weiße Männer gekommen.

Schließlich hatten sie angegriffen. Zum ersten Mal sahen sie sich der Macht von Schußwaffen gegenüber. Nach wenigen Minuten war alles vorbei — es gab sechs Tote und mehrere Verwundete. In tiefem Entsetzen suchten sie Deckung im Buschland und mußten sich dem Unausweichlichen fügen. Es war die erste und letzte offene Schlacht gegen Broderick gewesen.

Es folgten wochen- und monatelange Beratungen mit den Ältesten, es wurde hin und her argumentiert, während immer mehr Weiße mit ihren riesigen Herden eintrafen, Herden von Tieren, die nicht in dieses Land gehörten. Schließlich entschied man, die Waffen der Eindringlinge seien zu mächtig; es sollte daher keine Angriffe mehr geben, dafür aber um so mehr Vergeltungsschläge.

Moobuluk, der damals schon zu den Ältesten gezählt wurde, war den beiden Weißen Tag und Nacht gefolgt und hatte ihr Verhalten studiert.

Er meldete sich zu Wort, nachdem beschlossen worden war, daß sich die Vergeltung gegen diese beiden Männer richten sollte.

»Nein, wir nehmen nur einen von ihnen. Ein ritueller Tod, damit der andere weiß, daß wir ihn ebenso leicht hätten umbringen können. Der große Kerl mit dem weißen Haar ist ruhiger, ein Mann, der nachdenkt, laßt ihn leben. Wer wird ihnen nachfolgen, wenn wir beide töten? Womöglich ein Boß, der noch brutaler ist als sie.«

Und so geschah es.

Nach dem Vergeltungsschlag, bei dem sie einen der Bosse mit dem Speer aufgespießt hatten, verließen die beiden Männer, die man zur Ausführung des Rituals bestimmt hatte, die Gegend. Kurz darauf brach der Tumult los: Berittene überfielen die Lager, manche wollten jeden Schwarzen töten, selbst die Frauen und Kinder, doch Broderick hielt sie zurück. Die Ältesten erklärten, die Schuldigen seien nicht mehr da. Zur Strafe forderte er, daß weitere zwanzig junge Männer sein Land für immer verlassen müßten.

Wie Broderick vorausgeahnt hatte, brachte dies großen Schmerz über die Leute, doch er blieb unbeugsam. Seine Vergeltung dezimierte den Clan, kostete aber immerhin niemanden das Leben.

Moobuluk war dort gewesen, als seine Verwandte starb, die Mutter der beiden Mädchen. Sie hatte ihn zu sich gerufen, als sie in den Traum entglitt, und er war an ihrer Seite aufgetaucht, um ihr den Weg zu weisen. Die alten Männer in der Sterbehütte hatten ihn erkannt und waren stolz gewesen, daß die Frau einen so mächtigen Mann herbeirufen konnte. Dennoch setzten sie unbeirrt ihre Gesänge fort.

Er hatte Broderick erkannt, der hinter den weinenden Frauen zwischen den Bäumen stand und seinen Respekt bezeugte. Befriedigt hatte er genickt, erleichtert, vor so langer Zeit den richtigen Mann ausgewählt zu haben, doch er ging nicht zu ihm hin. Moobuluk trat nur selten mit weißen Männern in Kontakt. Es hatte keinen Sinn und war auch nicht erforderlich. Er verstand ihre Sprache — das war genug.

Er schlenderte ans Ufer und sah hinaus auf seinen geliebten Fluß. Als seine Urenkelin hinüberging, heulte der Dingo klagend auf. Moobuluk verschwand wieder in die Nacht, ebenso lautlos, wie er gekommen war.

Draußen auf dem blauen Meer konnte er ein großes Schiff mit Segeln wie Flügel erkennen und bestaunte seine Anmut, doch dann wandte er sich zögernd ab. Die Pflicht rief.

__________

Austin Broderick erwartete Rupe und seinen Bruder bereits. Sie setzten sich an einen Tisch, der über und über mit Gebietskarten bedeckt war. »Wir beginnen hier.«

»Womit beginnen wir?« fragte Rupe.

»Damit, Springfield zu retten.«

»Wovor?«

»Jesus Christus! Muß ich etwa alles wiederholen? Victor, hast du ihm die Situation nicht erklärt?«

»Ich sagte ihm, du hättest Angst, daß sich die Siedler die besten Stücke aus Springfield herausschneiden könnten.«

»Angst! Wer sagt, ich hätte Angst? Die Siedler sollten lieber Angst haben.«

Victor schüttelte den Kopf. »Du hörst mir nie richtig zu. Ich sage dir doch, die Selektionsgesetze, wie sie die Landvergabegesetze jetzt nennen, werden niemals verabschiedet werden. Die haben nicht die geringste Chance.«

»Und wenn doch?« fragte Rupe. Sein Vater schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Genau! Was wenn doch? Dann gibt es einen Ansturm auf Land, der dem Goldrausch in nichts nachstehen wird. Land ist immerhin eine sichere Sache. Und darüber sprechen wir hier. Habt ihr irgendwelche Vorschläge?«

»Klar.« Rupe grinste. »Wir vertreiben sie. Ein paar Schüsse in den Hintern werden die Siedler schnell eines Besseren belehren.«

»Sollte es wirklich jemals ein solches Gesetz geben, dann würdest du es damit brechen«, sagte Victor wütend.

»Na und?« schnaubte sein Vater. »Es ist mein Land. Die einzige Alternative, um Springfield in seiner gegenwärtigen Form zu erhalten, wäre, das Pachtland zu kaufen. Und das kann ich mir nicht leisten.«

Rupe stand auf und streckte sich. »Natürlich kannst du das. Verwandle alles in Eigenbesitz, und wenn du mehr Geld brauchst, leihst du es dir eben. Du stehst dich doch gut mit den Banken.«

»Etwas ähnlich Dummes hatte ich auch von dir erwartet«, versetzte Victor spitz. »Du hast doch gehört, daß Daddy es sich nicht leisten kann. Wir würden uns auf mehrere Generationen hinaus verschulden.«

Austin beachtete ihren Streit nicht. »Es gibt zwei Ansatzmöglichkeiten. Entweder wir beschäftigen Grenzreiter, die Eindringlinge fernhalten, oder wir fangen an, die besten Stücke Land abzustecken.« Er erklärte, daß diese Weidegebiete geortet und kartographiert werden müßten. »Auf diese Weise können wir die Siedler vom lebenswichtigen Wasser abschneiden und den Lumpen, die unbedingt etwas von uns haben wollen, das kümmerliche, felsige Land überlassen.«

»Du redest, als sei es schon Wirklichkeit«, wandte Victor ein. »Es ist kein feststehender Beschluß, sondern das Wunschdenken der Siedler, die eine günstige Gelegenheit wittern.«

»Nicht zu Unrecht«, warf Rupe ein. »Wir müssen einfach feststellen, welches unsere besten Weidegründe sind.«

»Das dürfte kein Problem sein«, sagte Austin. »Ich habe die Karten hier. Wir kennen dieses Land, sie nicht. Wir fangen gleich an. Victor, hol ein paar Stifte. Und einen Radiergummi.«

»Jetzt?« fragte Rupe. »Warum denn jetzt? Wir haben jede Menge Zeit.«

»Wer sagt das? Ich nicht.«

»Aber das kann die ganze Nacht dauern.«

»Meinetwegen soll es die ganze Woche dauern. Wir arbeiten die Karten hier durch, dann reitet ihr hinaus und steckt die Grenzen ab, damit sich die Vermesser an die Arbeit machen können.«

Als Charlotte hereinkam, um sie ans Abendessen zu erinnern, fand sie alle drei über Landkarten gebeugt vor, provisorische Linien ziehend.

»Unsere Gäste warten.«

Austin war so in seine Pläne vertieft, daß er kaum den Kopf hob. »Fangt schon mal an. Wir haben zu tun.«

»Aber euer Essen wird kalt.«

Er drehte sich auf seinem Stuhl herum. »Hast du nicht gehört? Wir essen später.«

Charlotte sah ihre Söhne an. Als von ihnen keine Antwort kam, zog sie sich zurück.

Wütend sagte sie Hannah Bescheid, die davon ebensowenig begeistert war, und führte die Gäste ins Speisezimmer, wo sich Louisa zu ihnen gesellte.

»Wo sind die Männer?« erkundigte sich ihre Schwiegertochter.

»Sie essen später.«

»Wieso?«

»Sie haben zu tun.«

Louisa wandte sich zur Tür. »Das werden wir ja sehen!«

»Das würde ich lieber nicht tun.« Sie verstand die Warnung und ließ sich mit einem gereizten Seufzen am Tisch nieder.

»Dann werde ich das Gebet sprechen«, verkündete Reverend Billings.

__________

Amy saß während des Essens brav neben ihrem Ehemann. Die Mahlzeit war köstlich — cremige Suppe, saftige Lammkoteletts, herrliches Gemüse und ihr Lieblingsdessert, gedämpfter Aprikosenpudding mit Vanillesauce und Sahne —, doch sie konnte sie nicht richtig genießen. Ihr Rücken schmerzte, und Tom starrte sie finster an, wann immer sie sich anschickte, den Mund aufzumachen. Sie durfte nicht einmal auf Fragen antworten. Ihre Strafe würde sie später erhalten.

Er war sehr schlecht gelaunt, da seine Versuche, Mr. Broderick zu sprechen, fehlgeschlagen waren. Die Abwesenheit des Gastgebers am Tisch trug nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu heben. Amy wußte jedoch, daß auch sie Tom gegen sich aufgebracht hatte, was ihr sehr leid tat. Sie hätte es besser wissen müssen.

Er hatte sie nach ihrem Spaziergang schon ungeduldig erwartet.

»Wo bist du gewesen? Meine Socken müssen gestopft werden, und du hast nichts anderes im Sinn, als an diesem gottverlassenen Ort herumzulaufen, als gehöre er dir.«

»Ich bin nur spazierengegangen. Ich stopfe deine Socken jetzt gleich.«

Er warf sie ihr hin. »Erwartest du etwa, daß ich es diesen selbstzufriedenen Sündern gleichtue? Ich besitze nur zwei Paar Socken und werde, gelobt sei der Herr, immer nur zwei Paar Socken besitzen, von denen eins in der Wäsche und das andere zum Tragen gedacht ist. Doch was muß ich sehen? Löcher!«

»Tut mir leid, ich werde sie sofort stopfen.«

»Dafür bleibt uns keine Zeit, wenn wir die Regeln dieses Hauses einhalten wollen.« Er entriß ihr die Socken. »Ich werde sie samt Löchern tragen, und wenn sie es bemerken, wird es dich Demut lehren. Dich, nicht mich. Mit wem bist du spazierengegangen?«

Die Frage kam so plötzlich, daß sie Amy unerwartet traf. »Allein natürlich.«

Seine Faust prallte auf ihren Rücken, und sie fiel gegen die Wand. »Lügnerin! Ich war im Badezimmer am Ende des Flurs. Dort schaute ich aus dem Fenster und sah dich mit einem Mann spazierengehen.«

»Oh nein, Tom, ich habe nicht …«

»Schon wieder Lügen!« Er riß sie an den Haaren auf die Füße und schüttelte sie, so daß sie sich auf die Zunge biß.

»Oh, Tom, laß das, bitte«, flehte sie ihn an. »Er hat sich mir einfach angeschlossen. Ich habe ihn nicht dazu eingeladen. Es war nur Rupe Broderick.«

»So nennst du ihn also? Seit wann steht ihr auf so vertrautem Fuß miteinander?«

»Man sagte uns, wir sollen die Söhne Rupe und Victor nennen.«

»Mir wurde es gesagt, nicht dir. Hast du denn gar kein Schamgefühl? Du bist eine verheiratete Frau. Auf die Knie mit dir!«

Als sein Gürtel auf ihren Rücken niederging, biß Amy auf ein Handtuch, um nicht laut herauszuschreien. Sie wollte nicht, daß irgend jemand davon erfuhr. Sie würden es nicht richtig verstehen. Tom liebte sie wirklich, es war nur so, daß es ihr schwerfiel, seinen strengen Prinzipien, was ein christliches Leben anbelangte, zu entsprechen. Schon oft hatte er ihr, wenn er in besserer Stimmung war, erklärt, daß er alle Hände voll zu tun hätte, den Teufel in sich selbst zu bekämpfen, und nicht auch noch ihre Schlachten austragen könne. Amy wußte, daß sie sich noch mehr anstrengen mußte, denn Tom war ein guter Ehemann, der sich aufrichtig um sie sorgte. Er fürchtete ständig, er werde ohne sie in den Himmel gelangen, wenn sie nicht lernte, dem Herrn zu gefallen. Ein wirklich rücksichtsvoller Mann. Nur wenige Ehemänner besaßen Toms Voraussicht; die meisten waren viel zu selbstsüchtig.

__________

Die anderen beiden Frauen am Tisch hätten Tom Billings wohl kaum einen rücksichtsvollen Ehemann genannt. Hätten sie gewußt, daß er seine Frau unter ihrem Dach schlug, hätten sie wohl selbst zur Pferdepeitsche gegriffen. Allerdings erachteten sie ihre eigenen Männer tatsächlich als selbstsüchtig. Charlotte fühlte sich um die romantische Liebe betrogen, nach der sie sich immer gesehnt hatte, und Louisa mißbilligte, daß sich Victor von seinem Vater gängeln ließ. Ihre Wünsche kamen stets erst an zweiter Stelle. Er liebte sie, sehr sogar, war stolz auf sie und stellte sie jedem als ‘meine wunderschöne Frau’ vor, doch sie wollte nicht ständig mit einem tyrannischen Vater konkurrieren müssen, der, wie sie sehr wohl wußte, gegen ihre Heirat gewesen war.

Grimmig tauchte sie ihren Löffel in die Suppe, während Charlotte höflich nickend den Ausführungen des Reverends lauschte, der zu einem von Schlürfgeräuschen unterbrochenen Monolog über das zweite Erscheinen Christi angesetzt hatte. Seine Tischmanieren waren grauenvoll, was Louisa nur noch mehr aufbrachte. Säßen die Männer mit am Tisch, wären die Frauen seinen Litaneien wenigstens nicht allein ausgeliefert. Wie nannte Rupe es doch gleich?

Ein gefesseltes Publikum.

Er fand die Missionare komisch. Typisch Rupe!

Louisa erblickte ihr Gesicht in dem goldgerahmten Spiegel an der Wand und war getröstet. Wegen ihr brauchte Victor sich nicht zu schämen, selbst wenn sie nur die Tochter eines Ladenbesitzers und nicht wie er in die Elite von Queensland hineingeboren worden war. Tatsächlich hieß es oft, sie könnten Geschwister sein. Beide waren groß, blond und blauäugig, doch Louisa betonte stets, daß damit die Ähnlichkeit aufhöre. Schließlich war es nicht gerade schmeichelhaft für eine Frau, ihrem Aussehen nach mit einem Mann verglichen zu werden. Ihr Haar war lang und seidig, reichte ihr fast bis zur Taille. Victor liebte es ganz besonders an ihr, und sie mußte ihm hoch und heilig versprechen, daß es niemals mit einer Schere in Berührung käme. Ihre Gesichtszüge waren fein, die Haut rein und ohne Sommersprossen, der Mund klein — ‘wie eine Rosenknospe’, hatte Victor einmal gesagt.

Sie runzelte die Stirn. Ihr Vater hatte sie vor der Hochzeit gewarnt. »Laß dich nicht von ihnen unterkriegen, Liebes. Du bist so gut wie jeder einzelne von ihnen. Mein Dad war ein freier Siedler, Brodericks Großvater ist in Ketten hergekommen. Du hast also allen Grund, den Kopf hoch zu tragen.«

Damals war Louisa bei der Aussicht auf eine Ehe mit Victor, der sie ein Jahr lang umworben hatte, so aufgeregt gewesen, daß sie den Rat ihres Vaters als albern abgetan hatte. Victor war verrückt nach ihr. Was zählte sonst noch? Vieles, dachte sie nun mürrisch.

Minnie kam herein und räumte langsam die Teller ab, jeden einzeln, als habe sie Bleigewichte an den Füßen. Charlotte bemerkte es mit einem Stirnrunzeln.

Sie trug die Koteletts und das Gemüse auf, wobei sie einen Krug umstieß. Die dicke Soße ergoß sich über die Damasttischdecke.

»Oh nein, sieh nur, was du angerichtet hast«, rief Charlotte.

»Was ist denn bloß los mit dir?«

»Ich hole einen Lappen«, erbot sich Louisa und sprang auf.

»Du bleibst, wo du bist«, wies Charlotte sie an. »Ich kümmere mich darum.«

Louisa blieb also sitzen und überließ es ihrer Schwiegermutter, das Durcheinander zu ordnen, was ein bezeichnendes Licht auf ihren Status innerhalb der Familie warf.

»Ich gelte hier überhaupt nichts«, hatte sie sich immer wieder bei Victor beklagt. »Dein Vater behandelt mich, als hätte ich nicht einen Funken Verstand, und gibt allen Leuten zu verstehen, daß sein Sohn seiner Ansicht nach unter seinem Stand geheiratet hat. Und Charlotte läßt mich nicht einmal einen Besen in die Hand nehmen.«

»Sie will, daß du dich um nichts kümmern mußt. Sie führt das Haus, du bist für Teddy zuständig.«

»Sie führt ihr Haus, meinst du wohl!«

Sie und Charlotte begegneten einander freundlich, ohne jedoch befreundet zu sein. Zu ihren Jugendfreundinnen hatte Louisa jeglichen Kontakt verloren. Wäre es einmal zum offenen Streit mit Charlotte gekommen, hätte sie wenigstens herausfinden können, wer diese unscheinbare Frau mit dem dünnen, roten Haar wirklich war. Sie leitete die Geschicke des Herrenhauses von Springfield mit einer übertriebenen Geschäftigkeit, die an Besessenheit grenzte, und tat alles, um ihrem Ehemann zu gefallen. Außer Teddy hatten die beiden Frauen nichts gemein. Charlotte betrachtete Mode als leichtsinnigen Tand, während Louisa schöne Kleider liebte. Sie lächelte grimmig.

Das Kleid, das sie zum Abendessen in ihrem eigenen Heim trug, hatte zwanzig Pfund gekostet, ein kleines Vermögen.

Für diese Summe hätte ihr Vater über eine Woche lang arbeiten müssen. Und in diesem herrlich kühlen Schweizer Organza, der mit gelben Schmetterlingen bestickt war, saß sie hier nun bei einem langweiligen Essen.

»Eigentlich hätten es Bienen sein sollen«, hatte sie Victor erklärt, als das Kleid in der vergangenen Woche eingetroffen war. Sie hatte es aus einem Katalog bestellt.

»Weshalb denn Bienen?«

»Ach, vergiß es.« Hatte Napoleon nicht angeordnet, daß all seine Kleider mit goldenen Bienen bestickt sein sollten? Warum dann nicht goldene Schmetterlinge für die verdammten Brodericks? Diese Squatter taten doch ohnehin, als gehöre ihnen die Welt. Was vermutlich sogar stimmte, das mußte sie sich eingestehen.

Warum also war sie so unglücklich? Louisa wünschte sich, ihre Mutter wäre noch am Leben. Bei seinem letzten Besuch auf Springfield hatte sie versucht, mit ihrem Vater zu sprechen, doch er war viel zu begeistert von ihrem prächtigen Lebensstil gewesen, um zuzuhören. Von Teddy, seinem Enkel. Und von Austins Unterstützung, die es ihm ermöglicht hatte, sein Geschäft zu einer Großhandlung auszubauen, in der die Landbewohner ihre Vorräte unter dem Einzelhandelspreis erwerben konnten, sofern sie große Mengen bestellten. Auf seinem Weg in den Wohlstand hatte sich ihr Vater von einem Kritiker in einen Verehrer Austin Brodericks verwandelt, der die Oberschicht nicht länger mißtrauisch beäugte, geschweige denn bekämpfte.

Mit Charlotte konnte sie auch nicht reden, da sie ständig zu befürchten schien, ihr verdammter Ehemann lausche an der Tür.

Doch selbst Charlotte mußte noch eine andere Seite haben.

Wenn man nur zu ihr durchdringen könnte, sinnierte Louisa und rümpfte die Nase beim Anblick des Puddings, den sie verabscheute. Und auch ich habe eine andere Seite. Ich werde nicht zulassen, daß mich diese Leute hier festhalten, wo ich den lieben langen Tag zum Däumchendrehen verdammt bin. Ich will mein eigenes Zuhause. Allerdings würde Austin es nie gestatten, daß Victor ein weiteres Haus auf Springfield errichtete, obwohl mehr als genug Platz dafür vorhanden war. Er hatte dieses riesige Heim für seine gesamte Familie gebaut.

Der Reverend schwadronierte noch immer über die Wiederkunft des Messias.

»Und wann wird das in etwa sein?« fragte Louisa schnippisch.

»Sehr bald.«

»Wie bald? Nächste Woche oder nächstes Jahrhundert? Dann werden wir es vermutlich nicht mehr miterleben.«

»Ha! In diese Falle tappen viele. Warum sollte der Herr Ihnen, einem Stäubchen im Universum, verraten, wann er zuschlagen wird? Die Wahrheit steht in der Bibel, und nur wahre Anhänger des Heiligen Wortes werden Seiner Gnade teilhaftig.«

»Welche wahren Anhänger?«

»Die Menschen, die wir Missionare segnen und taufen, meine Dame.«

»Und wohin hat Ihre Mission Sie geführt, Reverend?«

»Über die Tasman-See in Ihr schönes Land.«

Louisa sah, wie sich Charlottes Augenbrauen mißbilligend hoben. Sie mochte ihre Gäste nicht, schätzte Louisas Genörgel aber ebensowenig.

Zur Hölle damit, dachte diese, deren Wagemut durch die Abwesenheit ihres Mannes gestärkt wurde. Er schalt sie gelegentlich, sie rede zuviel.

Anfangs hatte er sogar recht damit gehabt. Niemand wußte besser als sie selbst, daß sie bei ihrer Ankunft auf Springfield tatsächlich zuviel geredet hatte. Geplappert. Geschwätzt. Vor allem bei Tisch, wenn der Wein ihr die Zunge löste. Doch das war reine Nervosität gewesen. Allmählich und mit Mühe war es ihr gelungen, sich zu beruhigen, doch geschwiegen hatte sie nie. Louisa hegte ihre eigenen Vorstellungen und fühlte sich berechtigt, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch zu äußern, Austins finsteren Blicken und Victors Nasezucken zum Trotz.

»Was geschieht mit den Menschen, die Ihres Segens nicht teilhaftig werden?« fragte sie unvermittelt. »Ich meine, mit dem Rest der Welt? Bleiben ihnen die Tore des Himmels für immer verschlossen?«

Der Reverend wischte mit einer Brotkruste Soße vom Teller auf und lächelte sie an.

»Ha! Gute Frage. Deshalb arbeiten wir ja so hart. Wir möchten alle Seelen zum Herrn geleiten.«

»Und wie steht es mit mir? Bin ich verloren, nur weil ich Anglikanerin bin?«

Nun schritt Charlotte ein. »Wirklich, Louisa, dies ist wohl kaum der Ort für derartige Haarspaltereien. Denk daran, ‘im Haus meines Vaters sind viele Zimmer’.«

Louisa sah, wie das Lächeln des Reverend dahinschwand, und fragte sich, ob Charlotte sein Credo bewußt in den Grundfesten erschüttert hatte. Bei ihr konnte man sich nie sicher sein.

Sie nutzte die Gelegenheit zu weiteren Sticheleien. »Nun, dann sagen Sie mir eines: Werden die schwarzen Kinder Ihren Glauben angenommen haben, wenn sie zurückkehren, Reverend? Oder werden sie sich, wie Charlotte es ausdrückt, der vielen Zimmer bewußt sein?« Sie verzichtete auf den Nachsatz: »und weniger bigott werden als Sie.«

Mrs. Billings schreckte aus ihrer Lethargie hoch und wollte etwas sagen, doch ihr Mann kam ihr zuvor. »Es ist unsere Pflicht, die schwarzen Kinder aus ihrem heidnischen Dasein zu befreien und ins Licht der Christenheit zu führen. Anscheinend bemüht sich auf diesen Farmen niemand darum. Sie werden ihnen diese von Gott geschenkte Gelegenheit doch nicht mißgönnen wollen, Mrs. Broderick?«

»Sicher nicht«, warf Charlotte rasch ein. »Louisa, du findest das Programm doch auch hervorragend. Ich dachte, wir trinken den Kaffee heute abend draußen auf der Veranda, dort ist es kühler.« Sie wandte sich an die Gäste. »Sie schließen sich uns doch an, nicht wahr?«

Billings nahm das abgegriffene Gebetbuch, das er stets bei sich trug, und warf einen unsicheren Blick auf die dunkle Veranda.

»Ich glaube nicht. Wir ziehen uns zurück.«

Als er das Dankgebet anstimmte, prustete Louisa beinahe los vor Lachen. Wenn sich die Männer bisher zu Portwein und Zigarren in Austins Höhle zurückgezogen hatten, hatte der Reverend als Antialkoholiker und Nichtraucher den Damen im Salon Gesellschaft geleistet. Er hatte ihnen so lange aus dem Gebetbuch vorgelesen, bis sie unerträglich gelangweilt die Flucht ergriffen. Doch auf der Veranda gab es keine Lampen, da sie Horden von Insekten angezogen hätten. Lesen kam also nicht in Frage. Ob Charlotte das wohl bei ihrem Vorschlag bedacht hatte?

__________

Amy war verwirrt. Toms Stimmung hatte sich weiter verschlechtert, nachdem sie auf den exzellenten Kaffee und die kleinen Plätzchen verzichtet hatten, die Mrs. Broderick nach dem Essen zu servieren pflegte, und sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten.

»Gottloser Haufen!« knurrte er. »Das hat diese Frau doch mit Absicht getan.«

»Was denn?«

»Uns nach draußen gebeten, wo ich nicht die Kapitel lesen kann, die ich für den heutigen Abend ausgesucht habe.«

»Warum nicht?«

»Weil es auf der Veranda kein Licht gibt, du dummes Weib. Doch das wird ihnen noch leid tun, denn mein ist die Rache, spricht der Herr. Denk an meine Worte. Nun knie nieder und bereue deine Sünden. Ich habe deine Untaten von heute nachmittag nicht vergessen.«

Gehorsam kniete Amy sich mit dem Gesicht zur Wand, während sie die Knöchel umklammerte, den Hals reckte und den Rücken durchbog. Die Haltung war überaus schmerzhaft.

»Nun sprich mir nach: ‘Ich entsage dir, Satan. Ich vertreibe den Teufel …«’

Diese Sitzungen endeten erst, wenn Amy zusammenbrach, den Herrn um Vergebung anflehte und sich dankbar mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden ausstreckte. Obwohl diese Strafe mit Qualen verbunden war, stärkte sie ihr Bewußtsein für die Gegenwart des Herrn. Wenn sie sich dann erheben durfte, konnte sie aus voller Kehle »Halleluja! Halleluja!« ausrufen, wieder vereint mit ihrem Mann.

Doch eine Frage blieb.

Als sie ins Bett stieg, erinnerte sie sich wieder daran. »Hast du gehört, was diese Mrs. Broderick, Louisa, über die schwarzen Kinder gesagt hat?«

Er nickte. »Ja, ich habe es gehört.«

»Sie scheint zu glauben, daß sie wiederkommen.«

»Was nur die Unwissenheit dieser Frau beweist. Sie gibt sich als Anglikanerin aus und hat keine Ahnung von Theologie. Und zu allem Überfluß hat sie unsere Mission völlig mißverstanden. Diese schwarzen Kinder müssen aus dem Schmutz des Heidentums und der animalistischen Rituale errettet werden. Würde man sie zurückbringen, fielen sie erneut der Verderbtheit anheim.«

»Das habe ich mir auch gedacht. Sie scheint zu glauben, daß sie wie weiße Kinder ins Internat kommen. Vielleicht solltest du ihr erklären …«

»Auf gar keinen Fall! Wir brauchen einem verzogenen Balg wie ihr doch nicht das Wort des Herrn zu erklären. Hast du ihr Kleid gesehen? Es war vorn einfach obszön weit ausgeschnitten. Ihr Ehemann sollte es ihr vom Leib reißen. Und nun zieh das Laken beiseite.«

Pflichtschuldig zog Amy ihr langes Nachthemd hinunter, bis nur noch die Füße herausschauten, und warf das Laken zur Seite. Sie sah Tom dabei zu, wie er sie in seinem dicken Nachthemd bestieg.

»Ich bin bereit«, sagte er. »Bedecke dein Gesicht.«

Sie legte sich das Kopfkissen so übers Gesicht, daß er ihr in Würde beiwohnen konnte.

__________

»Was gibt es denn so Dringliches, daß sie dafür das Essen ausfallen lassen?« fragte Hannah. Charlotte zuckte die Achseln. »Das hat man mir nicht gesagt, aber ich werde es herausfinden. Bereite ein Tablett mit Sandwiches und kaltem Braten vor, und was du sonst noch finden kannst. Ich werde es ihnen bringen. Sie können nicht erwarten, daß du den ganzen Abend hier herumsitzt und wartest, bis sie fertig sind.«

»Das Gemüse ist inzwischen sowieso zerkocht«, erwiderte Hannah naserümpfend. »Ich brate es morgen mit Rindfleisch auf. Minnie, du kannst Brot schneiden und buttern.«

Minnie kam mit verweinten Augen aus der Spülküche. »Was haben gesagt?«

»Das Brot! Schneide das Brot! Hole Butter aus der Speisekammer! Gott steh uns bei, Mädchen, was ist nur in dich gefahren?«

Charlotte starrte sie an. »Ist alles in Ordnung, Minnie? Die Sache bei Tisch vorhin war doch nur ein Mißgeschick. Du brauchst dich deswegen nicht so aufzuregen.« Sie wollte sie berühren, doch Minnie fuhr zurück, als habe man sie schlagen wollen.

»Um Himmels willen, du zitterst ja wie Espenlaub«, sagte Charlotte. »Bist du krank, Minnie?«

»Nein, Missus«, schluchzte das Mädchen.

»Ich glaube, es geht ihr nicht gut«, sagte Charlotte zu Hannah. »Laß sie gehen. Morgen früh sehen wir weiter.«

Minnie sauste zur Hintertür hinaus und rannte den Weg hinter dem Gästeflügel hinunter. Als sie an dem Zimmer vorbeikam, in dem das böse Ehepaar schlief, hörte sie die Frau »Halleluja! Halleluja!« schreien. Es gellte furchtbar durch die warme Nacht. Minnie stolperte vor lauter Angst, obwohl sie die Worte nicht verstand. Sie rappelte sich auf und rannte weiter, vorbei an der Schlafhütte, die sie mit den anderen schwarzen Hausmädchen bewohnte, und über die Koppeln. Noch immer in Panik, raffte sie ihr Baumwollkleid und sprang mühelos wie eine geübte Hürdenläuferin über die Zäune. Erst am Fluß verlangsamte sie ihren Lauf. Hier war sie zu Hause, hier fühlte sie sich sicher.

Sie trottete den vertrauten Pfad zum Lager entlang. Die Finsternis der mondlosen Nacht schreckte sie nicht.

Ihre Leute würden keine Fragen stellen. Einmal wöchentlich durfte sie für die Nacht ins Lager zurückkehren, und sie würden denken, dies sei ihr freier Abend. Sie zählten die Tage nicht so wie die Weißen.

Dennoch mußte sie vorsichtig sein und durfte kein Wort über die Sache verlieren, damit man sie nicht für einen Hasenfuß hielt, der sich vor weißem Gerede und schreienden Frauen ängstigte.

Doch sie hatte noch mehr gehört. Sie sprachen noch immer über schwarze Kinder, die weggebracht werden sollten. Wieder hatte sie nur Gesprächsfetzen aufgeschnappt, weil sie so nervös gewesen war und Soße verschüttet hatte. Louisa hatte etwas von der Rückkehr der schwarzen Kinder gesagt. Nun war sich Minnie fast sicher, daß sie einige schwarze Jungen zur Schule schicken wollten, wie sie es mit Victor, Harry und Rupe gemacht hatten. Irgendwann würden sie dann wieder heimkommen, wie Mr. Brodericks Söhne auch.

Aber wieso? Schwarze Kinder gehörten nicht an solche Orte. Wozu sollte es gut sein? Nioka würde sie auslachen, wenn sie es wüßte, doch sie selbst sah eine Zukunft für Bobbo hier auf der Farm. Er konnte schon ein bißchen Englisch, und wenn er älter war, wollte sie Victor bitten, ihn reiten zu lehren. Er könnte hier als Viehhüter arbeiten.

Sie mußte zugeben, daß Nioka viel klüger war als sie. Sie bemerkte Dinge. Sie bemerkte, daß alle Weißen bezahlt wurden und die Schwarzen nicht. Nicht einmal die Jungen, die als Viehhüter arbeiteten. Doch ihre Mumma war deswegen böse auf Nioka gewesen. Sie hatte gesagt, es sei gut, wenn man einen Job wie Minnie hatte, weil man dabei viel lernen konnte, selbst wenn man kein Geld bekam.

Minnie wußte nicht so recht, was sie bei der Arbeit im Haus lernen können sollte. Manchmal war sie nach den langen, streng reglementierten Tagen so müde, daß sie ihre Schwester um das unbeschwerte Leben im Lager beneidete. Nioka konnte zum Haus kommen und mit Teddy spielen, wann immer ihr danach war, oder wenn Bobbo und Jagga ihren Spielgefährten besuchen wollten. Traurig dachte Minnie daran, daß sie ihren eigenen Sohn nur noch selten sah. Nioka kümmerte sich um ihn, während seine Mutter meilenweit entfernt war, für die Weißen arbeitete.

Geschickt bestieg Minnie einen flachen Felsen, setzte sich hin und ließ die Füße ins strömende Wasser baumeln. Die plötzliche Kühle erfrischte sie.

Es war nicht richtig, das wußte sie. Schon oft war sie mit Nioka wegen Bobbo in Streit geraten. Wenn ihr an Niokas Erziehung etwas nicht paßte, solle sie doch wie eine gute Mutter im Lager leben und ihn auf ihre Art erziehen, anstatt die Weißen zu bedienen. Und wozu das alles? Für nichts als kostenlose Verpflegung und ein gelegentliches Kopftätscheln.

»Sie interessieren sich nicht für dich!« hatte Nioka sie angeschrien. »Wenn du stirbst, holen sie sich eine Jüngere und lehren sie Gehorsam. Schlagen sie solange, bis sie es richtig macht.«

Und auch das stimmte. Als sie jünger war, hatte Minnie oft genug Schläge von Hannah und Mrs. Broderick bezogen, damit sie sich etwas einprägte. Doch die beiden hatten nie so fest zugeschlagen wie Mumma. Ein Schlag von Mumma mit ihrer berühmten Keule kam einem Pferdetritt gleich.

Das alles war sehr verwirrend. Wer hatte recht? Nioka oder Mumma? Seltsamerweise war Nioka altmodischer als Mumma. Sie wollte die Traditionen bewahren. Sogar ihr Ehemann war anderer Ansicht gewesen. Er hatte sich kurz nach Jaggas Geburt aus dem Staub gemacht, um die Städte der Weißen zu sehen. Angeblich zog er sich dort irgendeine Krankheit zu und konnte nicht heimkehren, selbst wenn er gewollt hätte.

Minnie seufzte. Sie sollte jetzt besser aufbrechen. Es waren nur noch wenige Meilen bis zum Lager, und die meisten Leute würden inzwischen schlafen. Ganz in ihrer Nähe raschelte es im Gebüsch, und sie verharrte bewegungslos. Ihre scharfen Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt.

Aus den Büschen unter ihr hinkte ein dreibeiniger Dingo hervor und ließ sich am sandigen Ufer zum Trinken nieder. Dann drehte er sich um und schaute mit weichem, ruhigem Blick zu ihr hoch. Schließlich schüttelte er sich das Wasser von der Schnauze und machte sich leise davon.

Minnie sprang auf die Füße und lief los.

Stolpernd erreichte sie das Lager und rief nach Nioka.

»Nioka, wach auf! Wach auf! Moobuluk ist hier! Er ist wieder da.«

Nioka schlief in ihrer Rindenhütte am Flußufer. Nun zog sie sich auf die Ellbogen hoch. »Halt den Mund, du weckst die Kinder!«

»Moobuluk ist hier, wenn ich es dir doch sage. Ich habe seinen Hund gesehen. Den roten, dreibeinigen Dingo. Den großen Hund. Er hatte ihn bei sich, als unsere Mutter starb.«

»Wovon redest du? Wir haben ihn damals nicht mal gesehen.«

»Aber er war da. Jeder wußte das. Und du, wir beide, haben seinen Hund gesehen. Überall würde ich den wiedererkennen. Heute abend habe ich ihn bei dem flachen Felsen entdeckt.«

»Du bist betrunken! Hau ab.«

Minnie errötete. Die eine Nacht, in der sie nach einer Party bei den Brodericks die Reste aus Flaschen und Gläsern getrunken und man sie am folgenden Tag hilflos umhertappend und zusammenhanglos lallend im Busch gefunden hatte, würde man sie nicht so schnell vergessen lassen.

»Das ist nicht wahr«, rief sie, doch Nioka war bereits wieder eingeschlafen. Minnie legte sich neben die beiden Jungen, nahm sie in die Arme und schlief ein.

__________

Moobuluk jedoch war viel weiter entfernt, als Minnie glaubte. Die Sorge um die beiden Mädchen quälte ihn, und er sandte ihnen einen einfachen Zauber, damit sie wußten, daß ihr Verwandter, wenn auch nicht körperlich, so doch im Geiste bei ihnen war. Sein alter Körper war gebrechlich. Maß man die Entfernung nach Art der Weißen, so lag seine verborgene Höhle Hunderte von Meilen nördlich der Broderick-Farm und seiner ursprünglichen Heimat. Dort wachte er über die heiligen Malereien, die die Geschichte der Traumzeit darstellten und noch nicht von Eindringlingen entweiht worden waren. Als junger Mann mit flinken Füßen hatte er an einem Tag große Strecken zurücklegen und sogar nachts weiterlaufen gekonnt, doch diese Zeiten waren vorbei. Da jedoch die heiße, regenreiche Zeit bevorstand, in der die breiten Flüsse anschwollen und die trockenen Gegenden im Süden unvorbereitet trafen, würde er mit etwas Glück auf Angehörige der Flußstämme treffen, die ihn ein gutes Stück in ihren Einbäumen mitnehmen könnten.

Moobuluk nickte seinem Hund zu, während sie die Berghänge hinunterstiegen. »Weshalb laufen, wenn wir im Boot fahren können? Selbst die Weißen würden einen häßlichen, alten Kerl wie mich mitnehmen.«

Wochen später kämpfte er sich durch den Regenwald. Alles um ihn herum schien voller Spannung auf den Monsun zu warten. Das Unterholz war trocken und spröde, Schlingpflanzen hingen träge von durstigen Bäumen; kleine Tiere huschten geschäftig unter riesigen Blättern umher und brachten sich vor den stets wachsamen Schlangen in Sicherheit. Der alte Mann lächelte und sprach mit ihnen, während er sich dem Fluß näherte. Er führte wenig Wasser. Krokodile dösten am schlammigen Ufer, und über dem Sumpfland hing ein Verwesungsgeruch, doch Moobuluk machte das nichts aus. Alles war, wie es sein sollte.

Er stieg entschlossen über die freiliegenden Mangrovenwurzeln hinweg und folgte dem Fluß bis zu einem hohen Wasserfall. Wenn der Regen kam, würde sich der Fluß in einen reißenden Strom verwandeln, über die Felsen donnern und die Welt aufwecken.

Und so wanderte er weiter, begleitet von seinem Hund. Er würde zur rechten Zeit bei seinen Verwandten ankommen, wie es die Natur vorsah. Er hoffte, daß sie nicht zuviel von ihm erwarteten. Manche glaubten, er könne die Zeit aufhalten und Veränderungen rückgängig machen, die die Weißen verursacht hatten, doch das lag nicht in seiner Macht. Die Logik sagte ihm, daß, sofern es erneut Unruhen im offenen Land gab, wo der kleine Clan noch immer lebte, der Grund dafür wieder einmal bei den Weißen zu finden wäre. Er seufzte. Vielleicht war es an der Zeit, seine Leute tiefer ins Landesinnere zu bringen.

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Tagelang ritten die drei Brodericks über den riesigen Besitz und teilten ihn in separate Weiden ein, die sie durchnumerierten. Dabei kam es zu hitzigen Diskussionen, denn jeder hatte seine eigene Vorstellung von den besten Weidegebieten. Austin bestand darauf, alle Wasserstellen und -läufe zu beanspruchen, was Victors Versuche, sie in seinem Notizbuch aufzuzeichnen, in einem Wirrwarr von Zickzacklinien enden ließ.

Nichtsdestotrotz arbeiteten sie weiter, immer unter Austins Aufsicht. Rupe brannte Bäume nieder und brachte Kreidemarkierungen für die Landvermesser an, während Victor bemüht war, System in die ganze Angelegenheit zu bringen.

Abends saßen sie in Austins Höhle, zeichneten neue Landkarten, änderten sie wieder und legten die Grenzen neu fest, was Victor im übrigen für Zeitverschwendung hielt. Rupe hingegen hatte seinen Spaß und störte sich auch nicht daran, daß Austin ein falsches Spiel trieb und seine Weiden beinahe die doppelte Größe der zulässigen Höchstgrenze erreichten, die in den bisher noch nicht auf die Probe gestellten Landgesetzen festgelegt worden war.

»Von deinen offensichtlichen Betrügereien einmal abgesehen, kannst du diese ganzen Weiden ohnehin nicht kaufen«, bemerkte Victor. »Die Gesetze legen genau fest, wieviel Land ein Mann besitzen darf.«

»Kein Problem«, grinste Rupe, »wir setzen verschiedene Namen aus unserer Familie als Besitzer ein.«

»Das wird nicht reichen.«

Doch sein Vater wollte sich von solchen Bagatellen nicht von seinem Plan abbringen lassen.

»Dann benutzen wir eben Strohmänner. Unsere Viehhüter und Farmhelfer werden schon nichts dagegen haben, als stellvertretende Käufer zu fungieren, und wer sollte je davon erfahren? Du machst dir unnötige Sorgen, Victor.«

»Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Du zerbrichst dir den Kopf über etwas, das gar nicht passieren wird. Es wäre das reinste Chaos.«

»Die Politiker verursachen doch nichts als Chaos, anstatt endlich einmal etwas Handfestes zuwege zu bringen. Morgen fangen wir mit der anderen Flußseite an.«

__________

Unterdessen schäumte der Reverend vor Wut. Er fühlte sich brüskiert, da er glaubte, Broderick gehe ihm absichtlich aus dem Weg. Was konnte denn schon wichtiger sein als seine Mission? Tom Billings kaufte ihm seine diesbezüglichen Entschuldigungen nicht ab. Er wollte sich aber auch nicht dazu herablassen, das Thema noch einmal mit den Frauen zu besprechen. Dennoch mußte etwas geschehen. Für Amy war es nicht förderlich, in diesem dekadenten Haushalt herumzufaulenzen, der ihr nur den Kopf verdrehte.

Schließlich paßte er Broderick auf dem Weg von den Ställen zum Haus ab.

»Sir, wenn ich um eine kurze Unterredung bitten dürfte.«

Broderick blieb stehen, nahm den Hut ab und wischte sich mit einem Taschentuch übers Gesicht. »Kann das nicht warten? Ich bin ein bißchen müde.«

Er sah wirklich erschöpft aus, doch Tom konnte kein Mitleid aufbringen für einen Mann seines Alters, der in dieser Hitze unbedingt wie ein Herzog über seine Besitzungen reiten zu müssen glaubte.

»Leider nicht. Mrs. Billings und ich würde gern aufbrechen, wenn Sie erlauben …«

Entdeckte er da ein plötzliches Interesse bei seinem Gegenüber? Tom beschloß, sein Gekränktsein darüber für sich zu behalten, und fuhr fort: »Ich wollte mit Ihnen über unseren Plan sprechen, drei schwarze Jungen mitzunehmen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen.«

»Ja.« Broderick nickte. »Meine Frau erwähnte so etwas. Klingt vernünftig. Werden Sie sich um sie kümmern?«

»Allerdings, Sir. Ich habe einen Brief von meinem Bischof mitgebracht, in dem er das Programm vorstellt. Sie werden daraus ersehen können, daß wir bemüht sind, so viele junge Seelen wie möglich zu retten und in die zivilisierte Welt einzuführen. In der Missionsschule bieten wir ihnen Kost und Logis. Unsere Laienhelfer, die sich dem christlichen Leben verschrieben haben, sorgen für sie. Natürlich kostet all das Geld, und der Bischof hoffte …«

»Sie wollen eine Spende? Wieviel? Oder soll ich für ihre Schulgebühren aufkommen? Das erscheint mir sinnvoller. Wieviel pro Kind?«

Er setzte seinen Weg zum Haus fort, und Tom beeilte sich, seinen ausladenden Schritten zu folgen. »Wir nehmen keine Schulgebühren, diese Arbeit ist rein karitativ. Das gleiche Programm wird in viel größerem Umfang von anderen Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen durchgeführt …«

»Davon habe ich gehört.«

»Aber auch sie sind abhängig von Spenden. Eine direkte Gabe an Bischof Frawley …«

»Ist mir gänzlich unbekannt.«

»Er ist das Oberhaupt der Kirche des Heiligen Wortes und wird nicht nur in Queensland, sondern auch in Neuseeland hoch geschätzt.«

»In Ordnung. Bringen Sie mir den Brief und die Namen der drei Jungen ins Büro. Klingt nach einer einzigartigen Chance. Wann wollten Sie doch gleich aufbrechen?«

»Wir könnten morgen losfahren …«

»Dann kommen Sie um sechs Uhr in mein Büro, dann besprechen wir alles Weitere. Sie müssen mich jetzt entschuldigen, ich möchte duschen und mich ein wenig ausruhen.«

__________

Als die Standuhr in der Halle sechs schlug, mußte der Reverend mehrfach an Brodericks Tür klopfen, bevor er eine Antwort erhielt. Bei seinem Eintreten stand Broderick mit einem Glas Whisky in der Hand über einen Tisch gebeugt, der über und über mit Landkarten bedeckt war. Tom fiel die Größe des teuer eingerichteten Raumes auf, in dem es nach Geld, Alkohol und Tabak roch. Typisch für die Brodericks mit ihrem anrüchigen Lebensstil.

»Nehmen Sie Platz«, sagte Broderick über die Schulter gewandt. Tom sah sich nach einem Stuhl um. Auf allen Sitzgelegenheiten waren Landkarten ausgebreitet, sogar auf dem Billardtisch, der auf der anderen Seite des Zimmers stand. Eine weitere Gelegenheit zum Sündigen, wie Tom voller Empörung feststellte.

»Fegen Sie die Papiere einfach beiseite«, setzte Broderick hinzu. »Einen Drink? Ach, ich vergaß. Sie trinken ja nicht.« Ungerührt goß er sich nach. »Sehen wir doch mal, was Ihr Bischof zu sagen hat.«

Als er sich mit Brief und Glas in seinem Büro niedergelassen hatte, kam Victor zur Tür herein.

»Guten Tag, Reverend.« Er legte Austin einige Briefe auf den Schreibtisch. »Ein Viehhüter hat Post mitgebracht. Ein Brief von Harry ist auch dabei …«

»Dann mach ihn doch auf! Allmächtiger, was schreibt er denn? Was tut sich da unten?«

Victor öffnete den Brief und überflog ihn rasch.

»Etwas über die Gesetze?«

»Nein, er schreibt von seinem Haus … sie denken daran, anzubauen. Und etwas von einem Ball im Parlamentsgebäude … und Connies Dad geht in den Ruhestand …«

Austin schnappte sich den Brief, las ihn rasch durch und warf ihn auf den Tisch. »Das ist doch mal wieder typisch! Er soll nicht den Partylöwen mimen. Ich müßte den Trottel eigentlich wieder herholen und ein paar Jahre als Viehhüter schuften lassen. Würde ihn vielleicht zur Vernunft bringen.«

Billings lauschte der Tirade mit der bösen Vorahnung, daß von Broderick in dieser Stimmung wohl kaum Großzügigkeit zu erwarten war.

»Reg dich nicht so auf«, sagte Victor. »Der Arzt hat gesagt, du sollst es langsam angehen lassen. Du warst schon den ganzen Tag auf der Weide …«

»Sag mir gefälligst nicht, was ich zu tun habe! Du schreibst Harry, daß wir keinen Gesellschaftsklatsch mehr hören wollen; wir brauchen tagtägliche Berichte über dieses Gesetz, wer dafür ist und wer dagegen, so etwas. Nackte Zahlen!«

»Wenn es ein Problem gäbe, würde er es in seinem Brief erwähnen. Ich schätze, das Gesetz ist so gut wie gestorben. Das Parlament hat Wichtigeres zu tun.«

»Was denn zum Beispiel?« brüllte Broderick, zerknüllte den Brief und warf ihn Victor hin. »Sagt er uns vielleicht mal, was sich sonst noch so im Parlament tut? Oder geht er nur zum Schlafen hin?«

»Ich sag’s ihm«, seufzte Victor. »Vergiß nicht, heute abend mußt du zum Essen erscheinen. Es ist unser Hochzeitstag, und Charlotte hat eine ganz besondere Dinnerparty geplant, mit Champagner und so.«

Billings erschauderte. Offensichtlich würden er und Amy einen weiteren alkoholisierten Abend mit diesen Menschen ertragen müssen. Vielleicht konnte er darum bitten, daß man ihnen das Essen auf dem Zimmer servierte.

Der Sohn verschwand, und Broderick wandte seine Aufmerksamkeit wieder ihm zu. »Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, der Bischof.« Er las den Brief sorgfältig durch.

»Scheint in Ordnung zu sein.«

Billings sprang auf und übergab ihm einen selbstverfaßten Brief des Inhalts, daß sie die unten genannten Jungen am nächsten Morgen in ihrem Wagen mitnehmen und dem Bischof persönlich übergeben würden.

Gleichzeitig ließ er sich lang und breit über die Vorzüge einer sauberen Umgebung, von Englischunterricht, Gebeten und einer Berufsausbildung aus.

»Berufsausbildung? Das ist gut.« Broderick holte sein Scheckbuch heraus. »Ich habe darüber nachgedacht. Um die Wahrheit zu sagen, habe ich bisher weder von Ihrer Kirche noch von Ihrem Bischof je etwas gehört. Ich möchte Sie nicht beleidigen, aber immerhin nehmen Sie drei kleine Kinder von hier mit. Sie sollten in gute Hände kommen. Daher verlange ich, daß Ihr Bischof ein Treuhandkonto auf die Namen dieser Jungen eröffnet. Wer war es doch gleich? Bobbo, Jagga und der kleine Doombie. Das Geld ist für sie bestimmt.«

»Das ist wirklich nicht nötig«, wehrte Billings ab. »Für sie wird gesorgt.«

»Aber Sie sagten doch, daß ihr Unterhalt und die Arbeit der Laienhelfer Geld kosten.«

»Das stimmt. Deshalb ist es besser, alle Spenden zusammenzufassen, damit der Bischof sie angemessen verteilen kann, Mr. Broderick.«

»Mag sein, aber ich möchte sichergehen, daß diese Kinder nicht als Fälle für die Fürsorge gelten. Immerhin stammen sie aus Springfield. Ihr Bischof kann die Kinder mit diesem Geld unterstützen, und wenn ich das nächste Mal nach Brisbane komme, werde ich sie besuchen und mich persönlich von ihrem Wohlergehen überzeugen. Hier ist ein Scheck über dreihundert Pfund, hundert pro Kind, und es soll für Unterkunft, Kleidung und andere lebensnotwendige Dinge ausgegeben werden. Sind Sie damit einverstanden?«

»Das ist sehr großzügig, Sir. Gott segne Sie.«

»Schön. Setzen Sie sich hin und legen Sie meine Bedingungen, die an diesen Scheck geknüpft sind, schriftlich nieder. Sie unterzeichnen im Namen von Bischof Frawley. Notieren Sie bitte, daß ich eine Aufstellung aller Ausgaben benötige, samt Quittungen. Nur wenn alles seine Ordnung hat, werde ich eine beträchtliche Spende für den Unterhalt des Heims erwägen. Verstehen wir uns?«

Dreihundert Pfund! Dies war die größte Spende, die Tom je erzielt hatte. Der Bischof würde begeistert sein. Und das war erst der Anfang!

»Natürlich, Sir, vollkommen. Ich schreibe alles Wort für Wort auf, ganz wie Sie es wünschen. Ich habe eine schöne Handschrift, wenn ich das selbst von mir sagen darf, und es wird ein durchaus vorzeigbares Dokument werden.«

Tom erhielt Feder, Tinte sowie elegantes Schreibpapier und machte sich an die Abfassung einer wortreichen Epistel, deren schöne Schrift den ungehobelten Broderick mit seinen herrischen Manieren beeindrucken sollte. Der Bischof würde schon wissen, wie mit ihm zu verfahren war.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Tom, daß sich Broderick einen weiteren Whisky aus der Kristallkaraffe genehmigte. Eigentlich sollte er ihn auf die Übel der Trunksucht hinweisen, doch das mußte noch eine Weile warten.

Broderick nahm zwei Briefe zur Hand, die ihm Victor ebenfalls auf den Schreibtisch gelegt hatte. Der erste schien ihn nicht weiter zu interessieren; er legte ihn weg und öffnete den anderen mit einem Brieföffner aus Elfenbein. Dabei sagte er zu Billings:

»Die Mütter dieser Kinder sind sicher glücklich, daß sie in die Schule kommen, oder?«

Toms Hand zuckte, und er verschmierte die Seite. Die Mütter? Was hatten die denn damit zu tun? Geschweige denn die Väter! Die Idee bestand doch darin, die Kinder dem Einfluß dieser Wilden zu entziehen. War dieser Mann denn ein Narr, oder bloß betrunken? Man würde die Kinder in einem Heim in Brisbane unterbringen, bis sie alt genug wären, sich bei weißen Familien zu verdingen. Ihre Herkunft mußte praktisch ausgemerzt werden.

Er murmelte eine unverständliche Antwort und beugte sich wieder über sein Papier. Dann schreckte ihn Broderick mit dem Ausruf auf: »Jesus! Oh Gott, sehen Sie sich das an.« »Was denn, Sir?« Tom, dem erneut die Feder aus der Hand gerutscht war, fürchtete schon, er müsse das gesamte Dokument zum dritten Mal neu schreiben. Broderick war rot angelaufen und hielt ihm seinen Brief unter die Nase.

»Das hier! Ich wußte, es würde soweit kommen!« Vor Wut schnappte Broderick nach Luft. »Die Schweinehunde tun es! Sie tun es tatsächlich!«

Verwirrt nahm Tom den Brief entgegen, der von einer Bank stammte und den Vermerk ‘Persönlich und vertraulich’ trug.

»Sagen Sie mir, was drinsteht«, flüsterte Broderick. »Ich will es wissen.«

Gehorsam las Tom vor: »Lieber Austin, leider muß ich Ihnen mitteilen, daß die Verabschiedung des neuesten Landvergabegesetzes unmittelbar bevorsteht. Wir sollten umgehend Ihre Aktien und anderen Vermögenswerte durchgehen, um zu sehen, wie Sie die Kosten für den Erwerb der Ländereien aufbringen können. Aufgrund der Dringlichkeit fasse ich mich kurz, wofür ich um Entschuldigung bitte, doch ich muß auch andere Züchter auf die kommenden Ereignisse vorbereiten. Ich werde Sie bald ausführlicher informieren.«

Er schaute hoch. »Der Brief ist mit ‘Ben Mathews’ unterzeichnet … Alles in Ordnung, Mr. Broderick?«

»Wasser«, keuchte Austin und tastete haltsuchend nach dem Schreibtisch. »Holen Sie mir Wasser, schnell!« Dann stürzte er zu Boden, die Hand in die Brust gekrallt.

Tom wollte ihn auffangen, doch er kam zu spät. Er holte einen Wasserkrug und hielt ihn Broderick an den Mund, wobei sich das Wasser über dessen Hemd ergoß.

Broderick verzog vor Schmerz das Gesicht. Offensichtlich hatte er einen Anfall erlitten. Tom machte Anstalten, Hilfe zu holen, doch Austin klammerte sich an seinen Arm und flüsterte: »Ich hätte nie gedacht, daß es soweit kommen würde. Ich wollte sie doch nur auf Trab bringen.«

»Wen?« fragte Tom höflich zurück.

Doch ein erneuter Krampf ließ Broderick zu Boden stürzen, wo er sich vor Schmerz krümmte. »Oh Jesus!« schrie er. »Da ist es wieder.«

Bevor er davonlief, um Hilfe zu holen, ergriff Tom den kostbaren Scheck und das Dokument, das er aufgesetzt hatte, und steckte beides in die Tasche. Dann rannte er an der Standuhr vorbei durch den Flur und rief nach Mrs. Broderick. Der rachedürstende Gott, der es nicht hinnehmen konnte, daß der Mensch sündigte, hatte erneut zugeschlagen.

__________

Die Sorge legte sich wie ein Mantel über den gesamten Haushalt. Um Broderick, der auf dem Ruhebett in seinem Zimmer lag, stand es schlecht. Seine Frau und Victor blieben bei ihm. Rupe war trotz der späten Stunde in das weit entfernte Dorf Cobbside geritten, um einen Arzt zu holen. Louisa Broderick hatte ihren kleinen Sohn nach oben gebracht und versucht, ihn zu beruhigen. Das Kind beklagte sich bitterlich, da man ihm versprochen hatte, es dürfe die Party mitfeiern.

Tom und Amy saßen vergessen im Wohnzimmer. Durch die offene Flügeltür zum Speisezimmer konnten sie die lange Tafel sehen, die festlich gedeckt und mit einem herrlichen Blumenarrangement geschmückt war.

»Sollen wir für ihn beten?« flüsterte Amy.

»Er ist in Gottes Hand. Wir brauchen uns nicht einzumischen.«

»Ich dachte nur …«

»Das solltest du nicht tun. An uns denkt ja auch niemand. Das Essen hätte schon vor Stunden serviert werden sollen. Das Personal ist überaus nachlässig. Es gibt keine Entschuldigung für eine derartige Mißachtung der Gastfreundschaft.« Obwohl er es nicht zugeben wollte, gefielen Tom die Mahlzeiten auf Springfield am besten. Er fieberte dem ausgezeichneten Essen geradezu entgegen. Sein Magen knurrte unablässig bei dem Gedanken an die Köstlichkeiten, die servierbereit in der Küche standen. Die letzte Mahlzeit schien bereits eine Ewigkeit zurückzuliegen.

Schließlich kam Louisa Broderick mit den schwarzen Hausmädchen ins Speisezimmer gerauscht. Unglücklich umklammerte Tom sein Gebetbuch — sie räumten den Tisch ab! Kerzenleuchter, Gläser und all die anderen schönen Sachen verschwanden vor seinen Augen und ließen einen alltäglich gedeckten Tisch zurück.

Louisa trat ins Wohnzimmer. »Es tut mir so leid, daß Sie warten mußten, aber wir waren sehr in Sorge. Es war ein solcher Schock, an eine Feier war gar nicht zu denken, aber wenn Sie nun mitkommen möchten …«

Sie erhoben sich prompt von ihren Stühlen.

»Wie geht es Mr. Broderick?« erkundigte sich Amy eifrig.

»Furchtbar. Er hat solche Schmerzen. Er ist bei Bewußtsein, kann aber nicht sprechen, so sehr er sich auch bemüht. Es ist so traurig …«

»Klingt nach einem Schlaganfall«, bemerkte der Reverend.

»Ja. Bitte warten Sie nicht auf uns. Wir essen nachher eine Kleinigkeit.«

»Verstehe. Unter diesen Umständen wäre es wohl besser, wenn wir morgen früh gleich aufbrächen. Teilen Sie Mrs. Broderick bitte mit, daß wir heute abend packen.«

»Selbstverständlich.« Louisa wirkte so erregt, daß Tom sich nicht gewundert hätte, wenn sie seine Nachricht einfach vergaß. Doch Tom empfand kein Mitleid mit ihr. Diese Leute führten ein so sorgenfreies Leben, daß ihnen ein wenig Kummer gar nicht schaden konnte. Er marschierte vor Amy zum Tisch, nahm seinen angestammten Platz ein und stopfte sich die Serviette in den Kragen. Dann klopfte er mit einem Löffel gegen die Zuckerdose, um die Küche auf seine Wünsche aufmerksam zu machen.

3

Der Frühnebel schwebte geheimnisvoll über dem Fluß. Wasservögel auf langen Stelzbeinen wateten durchs seichte Wasser und schenkten der Frau, die allein am abschüssigen Ufer stand, keine Beachtung. Sie schaute auf den Fluß hinaus, als könne sein gemächliches Dahinfließen ihre Ängste vertreiben.

Charlotte war die ganze Nacht an Austins Seite geblieben, hatte versucht, seine Schmerzen zu lindern, für ihn gebetet, ihn getröstet. Aber würde er je wieder gesund werden? Sein Sprachvermögen hatte schwer gelitten, und anscheinend konnte er den rechten Arm nicht bewegen. Schlimmer noch, er war sich dessen bewußt und reagierte mit Zorn, verzweifeltem Zorn darauf. Sie betete, daß der Arzt bald kommen möge, um ihn zu beruhigen und ihm Zuversicht zu schenken. Rupe war bestimmt geritten wie der Teufel, aber was, wenn Dr. Tennant außer Haus war? Ein Landarzt konnte sich überall im Bezirk aufhalten.

»Bitte, Gott, laß Rupe ihn finden, und zwar schnell. Ich weiß nicht mehr aus noch ein. Wenn er nun noch einen Schlaganfall erleidet? Oh Gott, laß ihn nicht sterben.«

Tränen liefen ihr übers Gesicht. Charlotte beugte sich nieder und benetzte ihre Augen mit dem kalten Flußwasser, damit er nicht merkte, daß sie geweint hatte. Ihr Kopf wurde dadurch wieder etwas klarer. Sie fühlte sich erfrischt, die Müdigkeit war verflogen.

Zögernd ging sie zum Haus zurück. Sie konnte es kaum ertragen, Austin, der stets so voller Leben war, in diesem Zustand zu sehen. Aber Louisa war ebenfalls die ganze Nacht auf gewesen und sollte sich nun ein wenig hinlegen können. Als Charlotte den Hof überquerte, schoß der Reverend auf sie zu. »Guten Morgen, meine Liebe. Wie geht es dem Patienten?«

»Keine Veränderung, danke der Nachfrage. Wir warten auf den Arzt, Mr. Billings. Ich hörte, Sie gedenken heute morgen aufzubrechen. Sie müssen aber nichts übereilen.«

»Leider doch. Ich hatte gestern abend eine Unterredung mit Mr. Broderick, es ging um die schwarzen Kinder. Er war ganz begeistert von unserem Programm und zeigte sich sehr großzügig. Er diktierte einen Brief an meinen Bischof, die Betreuung der drei Jungen betreffend, begleitet von einer generösen Spende …«

»Ich bin froh, daß er zugestimmt hat«, sagte Charlotte eilig.

»Sie halten uns doch über ihre Fortschritte auf dem laufenden?«

»Natürlich. Ich hoffe, Sie denken nicht, daß unsere kleine Unterhaltung diese schlimme Wendung herbeigeführt hat. Ich habe ihn nicht aufgebracht, er war guter Dinge während unseres Gesprächs …«

»Ja, dessen bin ich sicher …«

»Es war der Brief. Der hat ihn so erregt.«

»Welcher Brief?«

»Von seiner Bank. Darin warnte man ihn vor irgendeinem Gesetz. Sogar während er zusammenbrach, als er sich bereits vor Schmerzen wand, hat sich dieser gute Mann mir noch anvertraut. Er sagte: ‘Ich hätte nie gedacht, daß es soweit kommen würde. Ich wollte sie nur auf Trab bringen.«’

»Wo ist dieser Brief?«

»Auf dem Schreibtisch Ihres bedauernswerten Mannes, würde ich sagen. Oder vielleicht auf dem Boden. Es tut mir sehr leid, ich hatte keine Zeit, ihn an mich zu nehmen …«

»Schon gut. Wann brechen Sie auf?«

»Wenn wir ein zeitiges Frühstück bekommen könnten …«

»Ja, natürlich. Ich spreche mit der Köchin, Mr. Billings. Jetzt muß ich aber gehen. Ich komme mich von Ihnen verabschieden, sobald Sie reisefertig sind.«

Charlotte fand Victor neben Louisa am Krankenbett. Sie nahm ihn beiseite.

»Weißt du etwas über einen Brief von der Bank?«

»Nein.«

»Komm, wir suchen danach. Vermutlich hat der ihm diesen Schock versetzt.«

Victor fand das verhängnisvolle Blatt Papier neben Austins Schreibtisch auf dem Boden. Er überflog den Wortlaut und nickte dann. »Es ist durch, Mum. Das Land ist nun freigegeben, und wenn wir es behalten wollen, müssen wir es kaufen.«

»Aber Harry hat doch gesagt …«

»Dad hatte recht«, sagte Victor zähneknirschend. »Harry ist ein Windbeutel. Ich hoffe, Rupe denkt daran, ihm von Cobbside aus ein Telegramm zu schicken. Ich drehe Harry den Hals um, wenn ich ihn sehe …«

Charlotte brachte ihn zum Schweigen. »Das wirst du schön bleibenlassen. Wir haben ohnedies Schwierigkeiten genug. Dein Vater steht das nicht durch. Und erwähne bitte nichts davon in seiner Gegenwart. Er ist zu krank, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, und kann sich an den Brief vielleicht gar nicht mehr erinnern.«

»Da kennst du Vater aber schlecht«, murmelte Victor zwischen den Zähnen, während Charlotte an die Seite ihres Mannes eilte. Beim Aufräumen hatte sie alle Landkarten in einem Schrank verstaut und dabei alte mit neuen vermischt. Victor hatte sie stöhnend mit in sein Büro genommen, um sie zu ordnen. Er und Rupe hatten eine Menge Arbeit vor sich. Der alte Mann hatte ihnen einen Ausweg aus dem Dilemma gewiesen, und Victor war fest entschlossen, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er trat auf die Veranda hinaus und schaute über das Tal.

»Keine Sorge, alter Junge«, murmelte er. »Sie werden uns nicht kleinkriegen. Springfield wird überleben, das verspreche ich dir.«

__________

Amy verließ Springfield nur ungern, da sie der Gedanke an die beschwerliche Reise und die Rückkehr in ihre schäbige Unterkunft in Brisbane schreckte. Ihr ganzer Besitz füllte nicht einmal diesen rumpelnden Wagen aus. In der Stadt lebten sie in einer drittklassigen Pension. Die Besitzerin war eine alte Dame, die ebenfalls ihrer Kirche angehörte. Gerüchteweise hatte sie dem Bischof das Haus laut Testament überschrieben, obgleich es vermutlich keinen großen Wert besaß, da es dort von Flöhen und anderem Ungeziefer nur so wimmelte. Zum ersten Mal, seit sie den Weg der Erlösung eingeschlagen hatten, beklagte sich Amy bei Tom über den Dreck, in dem sie leben mußte. Ihre Zweifel hatten ihn erschüttert, da er sie als Zeichen dafür hielt, daß sie bei Gott in Ungnade gefallen war.

Er hatte im Namen des Herrn verlangt, daß sie niederkniete und Armut und Demut schwor. Wie immer hatte Amy sich danach besser gefühlt und die schäbige Umgebung als Teil ihrer Pflichterfüllung akzeptiert. Sie bewunderte Tom, der sich nie beklagte, für seine stoische Haltung.

Nun mußte sie allerdings zugeben, daß der Aufenthalt in diesem prächtigen Haus sie verunsichert hatte. Als Mrs. Broderick sie nach ihrem Heim gefragt hatte, war ihre Antwort frei von jeder Demut gewesen. Ihren Worten zufolge wohnten sie in dem schmucken Vorort Hamilton und nicht in einer schäbigen Gasse in der Innenstadt. Tom hatte ihre Lüge zum Glück nicht gehört.

»Wie nett«, hatte Mrs. Broderick geantwortet. »Hamilton ist sehr hübsch am Fluß gelegen. Ich habe selbst oft davon geträumt, dort zu wohnen.«

Seufzend sah Amy zu, wie Tom die Pferde einspannte. Es war nur eine kleine Lüge gewesen.

Als ein Mann sie von hinten am Arm berührte, schrak sie zusammen.

»Entschuldigung, Missus, ich bin der Lagerverwalter. Mrs. Broderick sagt, die sind für Sie. Soll ich sie in den Wagen packen?«

Er wies auf zwei Kartons.

»Was ist da drin?«

»Kinderkleidung. Decken. Spenden für Ihre Organisation.«

»Oh, vielen Dank. Stellen Sie sie bitte in den Wagen.« Sie rief Tom zu: »Sieh mal, Mrs. Broderick hat uns Kleider gegeben.«

»Wir haben ihre Kleider nicht nötig«, versetzte er in scharfem Ton, da er sie falsch verstanden hatte. »Laß nur, ich sehe sie mir gleich an. Steig ein, Amy, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Sie nahm auf dem Bock Platz, zog das Band ihrer Haube fest, spannte den Sonnenschirm auf und setzte ein tapferes Lächeln auf. Der Wagen fuhr langsam zum Vordereingang, wo Tom anhielt, die Zügel festband und hinuntersprang.

»Du bleibst hier. Ich sehe zu, daß ich Mrs. Broderick auftreibe, damit wir uns von ihr verabschieden können.«

Die Herrin des Hauses kam als einzige heraus, um ihnen Lebewohl zu sagen, was Amy als Kränkung empfand. Charlotte schüttelte Tom die Hand und wollte gerade zu Amy gehen, als zwei Reiter den Hügel heraufpreschten.

»Gott sei Dank!« rief sie. »Da kommen Rupe und der Arzt!« Sie zögerte, als wolle sie noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. »Gute Reise, Mrs. Billings. Ich muß mich beeilen. Auf Wiedersehen.« Mit diesen Worten hastete sie den Reitern entgegen.

»Kein Grund für uns, länger hierzubleiben«, sagte Tom und stieg auf. »Los geht’s!«

Er ließ die Zügel knallen, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Bevor sie auf der kreisförmigen Auffahrt den Schatten der Bäume erreichten, lenkte Tom den Wagen auf einen Weg, der über die Koppel zu einem Seitentor führte. Amy öffnete und schloß das Tor, und sie fuhren durch den Busch zum Lager der Schwarzen. Es war an der Zeit, die Kinder zu holen.

__________

Im Lager war es ruhig. Die Sonne war vor vier Stunden aufgegangen, der Tag hatte für die Schwarzen längst begonnen. Die alten Männer hatten sich unter ihrem Lieblingsbaum versammelt, die Frauen liefen geschäftig umher oder hockten in Gruppen zusammen, während sie das Essen zubereiteten oder mit flinken Fingern Netze zum Fischen flochten. Rechts von dem schmalen Weg, der sich durch das Lager schlängelte, spielten einige Kinder. Lachend und kreischend schwangen sie sich an einem Seil über den Fluß und ließen sich ins Wasser plumpsen.

Die meisten jüngeren Leute, darunter auch Nioka, hatten sich im stetig schwindenden Buschland auf Nahrungssuche begeben.

Alle wußten, daß der Boß krank geworden war. Freundlich, wie sie waren, sorgten sie sich um ihn und schickten ihre Kinder an diesem Tag nicht zu Teddy ins große Haus. Nioka vermutete, daß Minnie den kleinen Jungen schon herbringen würde, wenn er sich einsam fühlte. Hier konnten die Kinder beim Spielen so viel Lärm machen, wie sie nur wollten, und Teddy liebte das sehr.

In der Zwischenzeit genoß sie die Tage, an denen sie mit ihren Freunden Meile um Meile umherwandern, mit ihrem Stock Wurzeln ausgraben, das Land erforschen konnte. Im Busch gab es immer etwas Neues zu entdecken.

Die Leute, die im Lager geblieben waren, sahen den Mann und die Frau kommen. Sie wußten, daß es der Betmann und seine Missus waren. Sie senkten den Blick und schenkten ihnen keine Beachtung. Oft verirrten sich weiße Leute ins Lager und schnüffelten herum, blieben aber für gewöhnlich nicht lange.

Tom sah sich um und verzog das Gesicht, als ihm der Geruch von Staub und verschwitzten Körpern in die Nase stieg. Zwei magere Hunde trotteten neugierig herbei. Er trat nach ihnen und bedeutete Amy, ihm zum Fluß zu folgen, wo die Kinder spielten. Entsetzt sah er, daß auch zwei nackte Frauen mit den Kindern im Wasser planschten. Er blieb abrupt stehen und wandte den Blick ab.

»Diese Frauen sind nackt. Ich kann nicht hinsehen. Geh du hin und suche den Jungen namens Bobbo heraus. Er soll herkommen. Wir müssen mit ihm anfangen, weil er das spricht, was diese Unglücklichen für Englisch halten.«

Amy klammerte sich an den Ästen der Bäume fest und hangelte sich Schritt für Schritt über das glitschige Ufer, bis sie in Rufweite der Kinder war. Es war allerdings schwer, den Jungen zwischen all den braunen Körpern zu entdecken.

Eine Frau mit großen Brüsten und dickem Bauch stand im flachen Wasser. Amy keuchte. Sie war nicht nur nackt, sondern auch noch schwanger! Noch nie hatte sie einen so abstoßenden Anblick ertragen müssen. Sie errötete und wollte davonlaufen, doch die Frau sprach sie mit überraschend sanfter Stimme an.

»Was Sie wollen, Missus?«

»Bobbo«, erwiderte Amy, bemüht, an ihr vorbeizuschauen. Inzwischen waren auch die Kinder auf sie aufmerksam geworden. Die Frau zeigte auf Bobbo, der sofort auf Amy zulief.

»Oh, Himmel«, sagte sie mit einem Blick auf den mageren kleinen Körper. »Wo sind deine Kleider? Oder hast du wenigstens ein Handtuch? Mr. Billings möchte mit dir sprechen.«

Bobbo zuckte die Achseln. »Keine Kleider hier, Missus.« Seufzend nahm Amy ihn mit zu ihrem Mann.

»Du lieber Himmel!« rief dieser. »Nackt vor den Augen einer Frau! Sie kennen wirklich kein Schamgefühl. Komm her, Junge.«

Er schlang dem grinsenden Kind sein Halstuch um die Hüften. »Bobbo, ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen. Hättest du Lust, in meinem Wagen mitzufahren?«

Bobbo nickte begeistert.

»Schön. Leider können wir nur drei Jungen mitnehmen. Deshalb möchte ich, daß du deine Freunde Jagga und Doombie holst. Machst du das?«

Der Junge nickte wieder.

»Dann lauf, und beeil dich.«

Innerhalb kürzester Zeit tanzten drei eifrige kleine Jungen um sie herum. Tom führte sie zum Wagen.

»Sieh in den Kartons nach, ob du dort etwas findest, um sie zu bedecken«, sagte er zu Amy. »So können wir sie jedenfalls nicht mitnehmen.«

Amy stieg auf die Ladefläche des Wagens und durchstöberte Mrs. Brodericks Kisten, während Tom den Versuch unternahm, den Jungen zu erklären, daß er sie auf eine lange Fahrt mitnehmen und in die Schule bringen werde. Er schilderte ihnen die Wunderdinge, die sie unterwegs zu sehen bekämen. Die Kinder hörten nicht zu, sondern kletterten wie die Affen so wild auf dem Wagen herum, daß Tom sie herunterscheuchen mußte.

»Diese Kiste hier ist voller Kinderkleider«, rief Amy. »Sie sind ganz neu!« Sie warf Tom drei Baumwollhemden zu. »Dies müßte reichen, bis wir etwas anderes gefunden haben.« Mit viel Mühe zogen sie den aufgeregten Kindern, die sich dieses Abenteuer auf keinen Fall entgehen lassen wollten und auf den Wagen zurücksprangen, die Hemden über.

Tom keuchte vor Anstrengung. »Endlich. Jetzt können wir aufbrechen.«

Da tauchte die schwangere Frau aus dem Gebüsch auf. »Wohin mitnehmen?« erkundigte sie sich neugierig.

Amy baute sich vor ihr auf. »Du bist nicht angezogen! So kannst du nicht mit dem Reverend sprechen!«

Zornig griff die Frau nach Amys Schal und schlang ihn sich um die Hüften. Die Brüste blieben nackt. »Jetzt angezogen. Wohin bringen Kinder?«

Tom trat auf sie zu. »Sie haben sehr viel Glück. Gott beweist diesen Jungen seine Güte. Sie werden in die Schule gehen.«

»Schule?«

Tom erklärte seine Mission, doch die Frau schien ihm nicht folgen zu können, also mußte Amy eingreifen.

»Tom, sie versteht dich nicht. Ich glaube, sie möchte wissen, was eine Schule ist.« Sie wandte sich wieder an die Frau.

»Schule. Du kennst Schule? Unterricht?«

Wie betäubt schüttelte die Eingeborene erneut den Kopf. »Mr. Broderick will, daß ich sie in die Schule bringe. Verstehst du das? Mr. Broderick.«

»Boß sagen sollen gehen?«

»Ja, Boß sagen.«

»Ich hole Mummas.«

»Nicht nötig. Du darfst dich nicht einmischen.« Toms Stimme klang energisch. »Boß sagen. Ich muß tun, was Boß sagen. Richtig?«

Sie nickte unsicher. »Wo sein Ort, wo du hingehen?«

»Du lieber Himmel! Am Ende der Straße. Amy, ich kann hier nicht den ganzen Tag herumstehen und diskutieren. Unternimm etwas.«

Amy nahm sanft ihr Tuch an sich. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte sie lächelnd und schob die Frau beiseite. »Die Kinder werden eine schöne Zeit haben. Sie dürfen im Wagen fahren. Bekommen gutes Essen. Alles in Ordnung.«

Doch die Frau spürte, daß dies nicht der Wahrheit entsprach.

»Nein. Jungen bleiben.«

Amy deutete auf die Jungen. »Schau, sie wollen mitkommen. Sind glücklich. Du gehst ins Lager zurück.«

Schließlich fuhr der Wagen mit den strahlenden Jungen davon. Sie winkten der Frau zu, die ihnen nachsah. Sie folgte ihnen durch den Busch, blieb aber stehen, als sie in Richtung des großen Hauses abbogen. Erleichtert sah Amy, wie sie kehrtmachte.

Schon bald rollten sie durch die Allee und hinaus auf die Straße, wo die ausgeruhten Pferde in einen flotten Trab fielen.

Endlich waren sie unterwegs.

Vier Stunden später hielten sie unter schattenspendenden Bäumen an und veranstalteten ein ‘Picanik’, wie Bobbo es nannte. Tom hatte im Laden auf der Farm Vorräte eingekauft, und die Köchin hatte sie außerdem mit einem Korb frischer Sandwiches und Kuchen versorgt. Die drei Jungen langten kräftig zu.

An diesem Abend aßen sie Bohnen aus der Dose und Kekse dazu, bevor sie im Freien kampierten. Die Jungen wickelten sich in ihre Decken und schliefen aneinandergedrängt wie junge Hunde im Wagen. Sie ahnten nicht, daß sie auf dem Weg in eine andere Welt waren.

Doch am Morgen begannen die Schwierigkeiten. Jagga weinte, weil er nach Hause wollte. Trotz des Zuspruchs der beiden wagemutigeren Jungen weigerte er sich weiterzufahren. Er fing an zu schreien und traktierte Amy mit den Fäusten.

Als der Reverend das Theater leid war, schlug er zu, woraufhin der Junge noch lauter schrie, sehr zum Erschrecken seiner Freunde. Plötzlich sprang er vom Wagen und rannte los, gefolgt von Tom, mit dessen langen Beinen er es nicht aufnehmen konnte. Bald schon kehrte der Reverend mit dem zappelnden Kind unter dem Arm zurück.

Sie fuhren weiter, wobei Bobbo und Doombie versuchten, den Jungen zu trösten, dessen Hände auf dem Rücken verschnürt waren. Das war kein fröhliches Abenteuer mehr, und die drei Sechsjährigen wirkten auf einmal sehr bedrückt.

Der Arzt blieb lange bei dem Patienten. Charlotte wartete draußen auf der Veranda und lauschte, konnte jedoch nicht verstehen, was drinnen gesprochen wurde.

Als er endlich zu ihr herauskam, wirkte Dr. Tennant gutgelaunt.

»Es könnte schlimmer sein. Ist ein zäher alter Bursche. Sein Sprachvermögen hat sehr gelitten, und er kann den rechten Arm und das rechte Bein nicht bewegen, aber das kann alles auch nur vorübergehend sein. Deshalb ist Ruhe nun oberstes Gebot. Wir können ihn nicht auf diesem Sofa liegen lassen. Wäre es möglich, ein richtiges Bett herunterzuschaffen?«

»Natürlich.«

»Und er braucht wirklich absolute Ruhe, Charlotte. Mindestens eine Woche lang keinen Besuch. Er kämpft schon jetzt gegen seine Gebrechlichkeit an und ist ziemlich unleidlich. Wenn er sprechen könnte, würde er mich vermutlich beschimpfen, weil ihm die Heilung nicht schnell genug vorangeht. Also habe ich ihn vorsichtshalber ruhiggestellt. Ich lasse Ihnen eine Arznei hier, die Sie ihm bitte drei Tage lang einmal täglich verabreichen. Wir müssen einen weiteren Schlaganfall unter allen Umständen verhindern. Ansonsten können Sie nicht viel tun, außer es ihm bequem machen.«

»Meinen Sie wirklich, es wird wieder besser mit ihm?«

»Jedenfalls stirbt er nicht und sollte später auch nicht wie ein Invalide behandelt werden. Ganz abgesehen davon, daß Austin das auch gar nicht zulassen würde. Wir müssen einfach abwarten, welche Fortschritte er macht.«

Als sie leise das Zimmer betraten, sah Charlotte beruhigt, daß ihr Mann friedlich schlief. Dennoch war sie besorgt und bat den Arzt, über Nacht zu bleiben.

»Es war ein langer Ritt. Sie sollten sich ausruhen. Ich mache Ihnen ein Zimmer zurecht und lasse die Köchin ein Tablett mit etwas zu essen herrichten.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen.« Dr. Tennant reckte sich.

»Ein heißes Bad würde meinen alten Knochen sicher nicht schaden. Reitet Austin noch?«

»Ja.«

»In nächster Zeit wird er das schön bleibenlassen, selbst wenn er wieder auf den Beinen ist. Charlotte, Sie sehen gut aus, das freut mich.«

»Danke. Ich versuche mich zu halten, so gut es eben geht.«

Als sich Dr. Tennant in der Wanne ausstreckte, betrachtete er bewundernd das geräumige, weiß geflieste Badezimmer. Er freute sich immer, in dieses Haus zu kommen, und war dankbar, nicht gleich wieder den Heimritt antreten zu müssen. Morgen würde er noch einige Hausbesuche in der Umgebung machen, wenn er schon einmal hier war.

Schade, daß Austin krank war. Er hätte nichts einzuwenden gehabt gegen ein anständiges Kartenspiel mit den Brodericks. Oder eine Partie Billard. Aber der Billardtisch stand leider im Krankenzimmer.

Er seufzte. Austin und Charlotte waren schon ein seltsames, da so ungleiches Paar: Broderick war groß, gutaussehend, dominant, dabei aber ein guter Gesellschafter, seine Frau dagegen linkisch, wenig attraktiv. Häßlich wäre zuviel gesagt, eher unscheinbar, mit knochigem Gesicht, karottenrotem Haar und unregelmäßigen Zähnen. Mrs. Broderick war eine stille Frau, die im Schatten ihres Mannes stand, aber als ausgezeichnete Hausfrau galt. Springfield verdankte ihr viel.

Tennant wußte von Gerüchten über Broderick und eine andere Frau, die ihn nicht überraschten. Früher hatte Austin es wild getrieben, wenn er fern von der Farm und seiner Ehefrau war. In letzter Zeit munkelte man etwas über eine Frau in Brisbane, deren Namen allerdings niemand kannte.

Der Arzt stieg aus der Badewanne. Vielleicht gehörte das alles auch nur zum Mythos des unbesiegbaren Austin Broderick.

In seinem Schlafzimmer wartete bereits ein Tablett auf ihn. Tennant stürzte sich hungrig auf die Sandwiches mit Corned Beef, die warmen Käse-Scones mit Butter und den frisch aufgebrühten Tee.

»Ich muß schon sagen, diese Squatter wissen zu leben«, murmelte er. »Ich hätte damals selbst hier draußen Land pachten sollen.«

Er verschlang ein Sandwich mit süßen Pickles und spann den Gedanken weiter. Wenn das Gesetz über den freien Landbesitz durchkam, könnte er sich eine Weide leisten, sie mit Vieh bestücken und einen Verwalter einstellen. Das war schon eine Überlegung wert. Wie es hieß, konnte man dieses hervorragende Weideland hier bald für einen Spottpreis erwerben.

__________

Am späten Nachmittag wachte Austin auf und fand sich in einem fremden Bett wieder, das zudem nicht in seinem Schlafzimmer stand. Einen Moment lang glaubte er, man habe ihn ins Krankenhaus gebracht. Dann ließ er die Blicke durch den Raum wandern und entdeckte zu seiner Beruhigung das Glitzern einer Messinglampe neben hohen Bücherregalen. Sie hatten ihn unten, in seinem Reich gelassen. Sehr gut, denn oben wäre er völlig abgeschnitten von der Welt gewesen.

Er versuchte, jemanden herbeizurufen. Man sollte die Vorhänge öffnen, außerdem brauchte er eine Tasse Tee, um den unangenehmen Geschmack im Mund zu vertreiben. Doch seine Lippen zuckten nur, und seine Zunge reagierte auch nicht. Die gutturalen Laute, die er ausstieß, ängstigten ihn.

Wie wahnsinnig versuchte er, sich an Tennants Worte zu erinnern. Was hatte er doch gleich gesagt? Ein Schlaganfall. Vorübergehende Behinderungen. Sprache. Der Arm. Und Jesus, das verdammte Bein ebenfalls! Hoffentlich war das alles wirklich kein Dauerzustand, denn er hatte nicht vor, den Rest seiner Tage untätig und bewegungslos wie ein Stück Holz zu verbringen.

Mit ungeheurer Mühe zog er sich in eine sitzende Position, überrascht, daß ihm dabei der Schweiß ausbrach; doch er kämpfte weiter, bis er auf der Bettkante saß, die Füße auf dem Boden.

Das sollte für den Anfang genügen, sagte er sich. Als er es sich wieder bequem machen wollte, stieß er den Nachttisch um, und Medizinflaschen, Gläser und ein Wasserkrug krachten zu Boden.

Die Tür flog auf, und Minnie, die offensichtlich vor der Tür gewacht hatte, stürzte herein.

»Was los, Boß?« schrie sie. »In Ordnung?«

Seine Warnung vor dem Glas auf dem Boden kam zu spät. Der laute Schrei des barfüßigen Mädchens verriet ihm, daß es bereits hineingetreten war.

Austin konnte nur wie betäubt dasitzen, während Minnie zum Fenster humpelte und die Vorhänge öffnete, damit sie den Splitter aus ihrem Fuß ziehen konnte. Sie hinterließ eine Blutspur auf dem gebohnerten Boden.

»Au, au!« schrie sie, als sie den Splitter herauszog. Dann hüpfte sie zur Tür.

»Ich holen Besen.«

Austin schüttelte den Kopf. Typisch Minnie. Wenn schon jemand Pech haben mußte, dann immer sie.

Charlotte hatte Minnies Schreie gehört und kam herbeigelaufen. Sie machte viel Aufhebens um die Sache, befahl ihm, sich wieder hinzulegen, rief nach dem Arzt und wirkte insgesamt noch aufgeregter als das schwarze Mädchen. Er wünschte, sie würde sich beruhigen, ihm Tee bringen, ihm das verfluchte Oberteil des Schlafanzugs ausziehen — sie wußte doch, wie sehr er Oberteile haßte —, ihn einfach in Ruhe lassen.

Dann tauchte Tennant mit seiner aufreizenden Fröhlichkeit wieder auf, gefolgt von Victor, Louisa und Rupe, die ihn alle anstarrten und sich nach seinem Befinden erkundigten. Das konnten sie doch wohl selber sehen! Der kleine Teddy stürmte herein und sprang zu ihm aufs Bett. Sein Großvater versuchte zu lächeln, doch Louisa zerrte den Jungen weg.

»Runter mit dir, Teddy! Opa ist krank.«

»Ich will ihm nur das Jo-Jo zeigen.« Die kleinen Hände warfen das rote Jo-Jo in die Luft, doch die Schnur entglitt ihnen und das Spielzeug sauste knapp an Austins Kopf vorbei an die Wand.

»Sieh nur, was du angerichtet hast!« schalt ihn Louisa.

»Nimm ihn mit«, ordnete Charlotte an. »Austin braucht Ruhe.« Sie drückte ihrer Schwiegertochter einen Papierkorb voller Glasscherben in die Hand. »Und den hier bitte auch.« Als alle außer Charlotte den Raum verlassen hatten, kehrte erneut Ruhe ein. Sie richtete den Nachttisch wieder auf. »Ich stelle dir hier eine kleine Glocke hin. Dann kannst du klingeln, wenn du etwas brauchst. Ich bleibe immer in deiner Nähe. Victor holt außerdem den Nachtstuhl, den wir für Justin hatten …«

Austin wandte sich angewidert ab. Nachtstuhl? Wie tief wollten sie ihn eigentlich noch sinken lassen?

Er dachte an Justin, seinen verstorbenen Bruder. Vor sieben Jahren war er hier bei ihnen an Krebs gestorben. Ein qualvoller Tod nach langem Dahinsiechen. Armer Justin! Er war immer ein scheuer, konservativer Bursche gewesen, drei Jahre älter als Austin, mit vorzeitig ergrautem Haar. Dessen Träume von einer großen Schaffarm hatten ihn nicht interessiert. Er war ein Stadtmensch, der eine öde Stelle als Lehrling bei einem Goldschmied dem Leben im Busch vorzog.

Schließlich kaufte er jedoch ein Geschäft, das in einer Passage in der Queen Street von Brisbane gelegen war, und brauchte seinem Bruder den Erfolg nicht zu neiden, denn er brachte es selbst zu einigem Wohlstand. Dann hatte er Fern geheiratet, die liebenswerte, wunderschöne Fern.

Austin war anläßlich der Hochzeit mit seiner Familie nach Brisbane gereist und hatte zu seiner Verblüffung dieser Schönheit gegenübergestanden. Er konnte einfach nicht verstehen, wie der langsame, steife Justin das Herz einer so attraktiven Frau hatte gewinnen können. Die Braut trug cremefarbene Spitze, die ihre Pfirsichhaut, die dunklen Locken und blauen Augen wunderbar zur Geltung brachte. Fern lachte viel, und ihre Augen lachten immer mit. Austin hatte sich auf der Stelle in sie verliebt.

Doch Fern und Justin waren sehr glücklich miteinander, das mußte Austin zugeben. Obwohl damals schon krank, hatte Justin darauf bestanden, sich Austins Haus anzusehen, als es endlich fertiggestellt war. Er war hergereist und nach wenigen Tagen hier zusammengebrochen.

Es war eine schwere Zeit gewesen, für alle Beteiligten. Dr. Tennant konnte nur wenig gegen Justins quälende Schmerzen ausrichten. Austin brach es fast das Herz, seinen Bruder so leiden zu sehen, und der Tod kam letztendlich als Erlösung. Austin hatte seine Schwägerin nach Brisbane zurückbegleitet und ihr jede erdenkliche Hilfe angeboten, doch Fern war eine sehr unabhängige Frau. Anstatt das Geschäft zu verkaufen, übernahm sie selbst dessen Leitung und sorgte dafür, daß der Name Broderick in der Schmuckbranche auch weiterhin einen guten Klang behielt. Insgeheim hatte Austin gehofft, sie würde damit scheitern, weil er ihr dann zu Hilfe eilen und sie vor dem finanziellen Ruin retten könnte, doch es blieb ihm versagt, den edlen Ritter zu spielen.

Wann immer er danach mit oder ohne Charlotte nach Brisbane kam, fand er stets eine Gelegenheit, um mit Fern allein zu sein. Zunächst sprachen sie natürlich übers Geschäft, und danach genoß er die amüsante Unterhaltung mit dieser reizenden Frau.

Irgendwann konnte Austin Broderick es nicht länger ertragen und platzte eines Abends beim Essen mit der Wahrheit heraus.

»Fern, ich muß dir etwas sagen. Ich liebe dich.«

Sie lächelte. »Oh, das weiß ich.«

Er konnte es kaum fassen. »Aber weshalb hast du dann nichts gesagt?«

»Ich?« fragte sie lachend. »Was hätte ich denn sagen sollen? Menschen verlieben sich eben. Es passiert einfach. Ich liebe dich auch, aber du bist ein verheirateter Mann. Also iß endlich auf, denn es erwartet dich noch dein Lieblingsnachtisch, Erdbeeren mit Sahne.«

Austin starrte sie an. »Ist das alles?«

»Ja, mein Lieber. Sprechen wir nicht mehr davon.«

Er hatte sich mit ihrer platonischen Beziehung nie abfinden können und machte ihr wie zum Ausgleich ausgefallene Geschenke, die sie mit Freude annahm. Doch an der Situation hatte sich nie etwas geändert. Nun tröstete er sich mit dem Gedanken an Fern über sein derzeitiges Unglück hinweg und hoffte, sie werde ihren leidenden Schwager wenigstens besuchen kommen, wie es sich gehörte. Seit Justins Tod war sie nicht mehr auf Springfield gewesen. Sie könnte bei ihm sitzen, ihn trösten, mit lustigen Geschichten über ihre Kundschaft unterhalten.

Austin war ein Optimist, der immer das Licht am Ende des Tunnels sah. Und der Gedanke an Fern lenkte ihn von dem Brief des Bankdirektors ab, den er keineswegs vergessen hatte.

__________

Desgleichen galt für Victor und Rupe. Die entscheidenden Landkarten waren inzwischen säuberlich aufgerollt und in Victors Büro verstaut worden.

»Sobald Tennant weg ist, breiten wir sie in der Bibliothek aus«, sagte Victor. »Der Tisch dort ist größer. Und wir können die Tür abschließen, wenn Besucher kommen. Eine Menge Entscheidungen steht an, bevor wir einen Vermesser kommen lassen können.«

»Ich habe Harry ein Telegramm geschickt. Er kann uns ruhig ein wenig helfen.«

Victor griff sich mit der Hand an den Kopf. »Ich wünschte, das hättest du nicht getan!«

»Was soll das denn schon wieder heißen? Du hast es mir doch selbst aufgetragen, und Charlotte wollte es auch.«

»Aber da kannten wir den Brief von der Bank noch nicht. Mathews schrieb, daß die Verabschiedung unmittelbar bevorstehe … Es könnte noch eine Chance geben, daß die Gesetzesvorlage abgeschmettert wird. Wir brauchen jede Stimme. Wenn Harry die Abstimmung verpaßt …«

Rupe verzog das Gesicht. »… und wir mit einer Stimme Differenz verlieren …«

»Dann ist unser Leben keinen Pfifferling mehr wert. Austin bringt uns um.«

»Ich bin schon unterwegs!« rief Rupe.

»Wohin willst du?«

»Ich schicke einen Viehhüter nach Cobbside. Er soll Harry in Austins Namen telegrafieren und ihn anweisen, in Brisbane zu bleiben.«

»Hör zu, wenn du wiederkommst, gehen wir zum Essen, als sei nichts geschehen. Tennant braucht nichts von der Sache zu erfahren.«

»Ich hoffe, du hast Charlotte vorgewarnt.«

»Ja, sie hat sehr gut reagiert. Als der Arzt fragte, was den Anfall ausgelöst haben könnte, hielt sie dicht. Was nicht heißen soll, daß sie das Ausmaß des Ganzen erfaßt hätte …«

Doch Rupe war bereits verschwunden.

Victor zündete sich einen Stumpen an. Austins Krankheit bot ihnen eine Entschuldigung, um Besucher fürs erste fernzuhalten. Ihm war durchaus bewußt, daß Investoren aus Cobbside und größeren Städten wie Toowoomba und Brisbane bereits in den Startlöchern standen, um sich ehemaliges Pachtland unter den Nagel zu reißen, das die Squatter nicht länger halten konnten. Männer wie Tennant, der gerade im Salon mit den Frauen zusammensaß. Oder Ladenbesitzer, die auf die Squatter schlecht zu sprechen waren, weil diese ihre kleinen, teuren Geschäfte mieden und lieber in den Lagerhäusern der Städte en gros einkauften. Ganz zu schweigen von Verwaltern großer Farmen, die ihre Chance nutzen wollten, um sich mit kleineren Weiden selbständig zu machen.

»Nicht zu vergessen all die anderen!« grollte er. »Alle wollen sie ein Stück vom Kuchen. Wir brauchen einfach mehr Grenzreiter.«

Die Unterhaltung bei Tisch drehte sich um Austin. Jeder gab sich angestrengt fröhlich, um Charlotte nicht zu beunruhigen. Sie hatten darauf bestehen müssen, daß sie zum Essen herunterkam.

»In ein paar Tagen sind Harry und Connie da«, sagte sie.

»Austin wird sich freuen. Für den armen Harry wird es ein furchtbarer Schock sein.«

»Er wird es überleben«, sagte Rupe unbeeindruckt und nickte Victor vielsagend zu. Auftrag ausgeführt.

Die Suppe wurde aufgetragen, doch schien es Probleme mit dem Hauptgang zu geben. Charlotte wollte schon in der Küche nachsehen, als das Geschrei losbrach.

»Oh, mein Gott«, schrie sie, »Austin muß etwas zugestoßen sein!«

Sie sprang von ihrem Stuhl auf und rannte aus dem Zimmer.

»Ich gehe ihr besser nach«, sagte Tennant und ließ seine Serviette fallen, doch in diesem Moment stürmte Hannah, die Köchin, ins Speisezimmer. »Wo ist Mrs. Broderick?«

»Sie sieht nach Dad«, antwortete Victor, der nun ebenfalls aufgesprungen war.

»Es geht nicht um den Boß«, keuchte Hannah. »Es sind die Schwarzen. Minnie hat einen hysterischen Anfall, und vor der Hintertür steht eine ganze Horde von ihnen.«

__________

Als Nioka an jenem Abend ins Lager zurückgekehrt war und die verworrene Geschichte über die Freunde vom Boß hörte, die ihren Sohn, ihren Neffen und Doombie für eine Fahrt im Wagen mitgenommen hatten, war sie verärgert, aber noch nicht beunruhigt. Minnie würde ihnen schon etwas zu essen geben. Die Brodericks hatten nichts dagegen, wenn kleine Kinder auf ihrem Besitz herumliefen, und den Heimweg kannten die Jungen ja.

Doombies Eltern, die ebenfalls an der Sammelexpedition teilgenommen und einen Sack mit den Lieblingsbeeren ihres Sohnes mitgebracht hatten, zeigten sich da schon weitaus besorgter. Sie befragten die schwangere Djallini und hörten von ihr das Wort ‘Schule’.

Das reichte aus, um Gabbidgees Mißtrauen zu wecken. Er war nicht mehr jung und hinkte, seit er sich vor einigen Jahren das Bein gebrochen hatte. Er mußte am Fluß bleiben, wo das Leben einfacher war, während die körperlich kräftigeren Männer umherzogen. Doombie stammte aus der Verbindung mit seiner zweiten Frau. Seine anderen Kinder waren schon erwachsen und zum Teil davongezogen, doch Doombie hütete er wie seinen Augapfel. Auch aus diesem Grund war er auf Springfield geblieben, wo Doombie unter dem Schutz des weißen Bosses stand.

Gabbidgee wußte, was eine Schule war, doch er verstand nicht, was das mit ihnen zu tun haben sollte. Die weißen Jungen hatten Unterrichtszimmer und Lehrer und gingen irgendwann weg auf die Schule. Schwarze Kinder hingegen nie.

Bei Einbruch der Dämmerung teilte er Nioka seine Befürchtungen mit. Sie wollte sofort zum Haus aufbrechen, doch Gabbidgees Frau hielt sie zurück.

»Du bleibst hier. Minnie sagt, wir sollen hierbleiben, wo der Boß so krank ist. Der Doktor wurde gerufen.«

Die anderen rissen erstaunt die Augen auf. Sie alle kannten Dr. Tennant, da er oft ins Lager kam, um nach ihnen zu sehen und ihnen Medizin zu geben. Allerdings mußte man schon sehr krank sein, wenn er eigens herbeigerufen wurde.

»Er ist schon hier«, warf jemand ein. »Er kam diesen Morgen mit Rupe angeritten. Vielleicht liegt der Boß ja im Sterben.«

Nun wirkte selbst Nioka eingeschüchtert.

»Gut«, sagte Gabbidgee, »ihr bleibt alle hier. Ich sehe mich mal um, ohne daß es jemand merkt. Ich suche nach dem Wagen.«

Im Gebüsch fand er die Wagenspuren und folgte ihnen. Trotz des Hinkens bewegte er sich erstaunlich schnell. Gabbidgee erwartete, daß die Spuren zum großen Haus führen würden, doch sie bogen an der Abzweigung in die andere Richtung ab. Seine Füße orientierten sich im Dunkeln an den Furchen im dicken Staub, doch um sicherzugehen, hockte er sich nieder und untersuchte die Spur. Er hoffte, zwei Spuren zu finden. Dann würde er wissen, daß der Wagen nur bis zum Haupttor und wieder zurück gefahren war. Jemand hatte nämlich gesagt, der Betmann habe die Jungen bloß zu einer Spazierfahrt eingeladen. Doch es gab nur diese eine Spur.

Voller Sorge lief er die Allee hinunter und konzentrierte sich auf die Spur der Räder, da auch andere Pferde diesen Weg entlanggekommen waren. Die Furchen wurden jetzt flacher; der Wagen mußte seine Fahrt beschleunigt haben. An dieser Stelle bog eine Straße, die hauptsächlich als Viehweg genutzt wurde, nach links ab. Eine andere mit grasbewachsenem Mittelstreifen durchquerte das Tal. Seine Augen suchten im feinen, roten Staub nach den flacheren Eindrücken der Wagenräder. Er erhob sich und starrte auf die lange, verlassene Straße hinaus.

Wohin mochten sie gefahren sein? Es gab keine Schulen hier in der Nähe, und die nächsten Nachbarn lebten in der entgegengesetzten Richtung. Sie waren schon den ganzen Tag unterwegs und müßten eigentlich längst zurück sein. Gabbidgee kratzte sich am Kopf und rückte den Kordelgurt zurecht, der auf seinen schmalen Hüften saß und den Laplap genannten Lendenschurz an Ort und Stelle hielt. Vielleicht hatten sie einen Unfall gehabt. Manchmal verloren Wagen auf den holprigen Straßen die Räder. Waren sie den Weißen nicht oft genug zu Hilfe gekommen deswegen? Doch warum hatten sie sie dann nicht auch heute geholt? Warum suchten ihre Reiter nicht nach den Vermißten? Das war alles sehr geheimnisvoll. Er kehrte mit seinen Neuigkeiten ins Lager zurück.

»Das reicht«, erklärte Nioka. »Ich gehe zu Minnie und frage, wo sie sind. Mir ist es egal, ob der Doktor da ist.«

»Ich komme mit«, sagte Doombies Mutter.

»Wartet auf mich«, rief Gabbidgee, denn ihm waren die Vorschriften eingefallen. Er rannte zu einer Ansammlung ausrangierter Teekisten. Sie enthielten ein seltsames Sammelsurium von Gegenständen, das die Leute aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen aufgehoben hatten: verrostete Töpfe und Pfannen, eine zerbrochene Teekanne, abgetragene Stiefel, Lederfetzen, Kinderwagenräder, leere Büchsen … Doch Gabbidgee wußte genau, wonach er suchte. Er wühlte in den Sachen und zog schließlich eine zerlumpte Hose heraus. Wenn er sich in die Nähe des großen Hauses begab, mußte er bekleidet sein.

Als er die Frauen eingeholt hatte, entdeckte er, daß sich noch andere der Gruppe angeschlossen hatten. Zügig schritten sie auf die Lichter des Herrenhauses zu.

__________

Victor packte Minnie bei den Schultern und schüttelte sie. »Halt den Mund! Weißt du denn nicht, daß der Boß krank ist?«

Zum Glück befand sich Austins Flügel am anderen Ende des Hauses. »Was zum Teufel ist los mit dir?« schrie er. »Beruhige dich doch, du dummes Ding.«

»Wo mein Junge?« heulte Minnie. »Was ihr mit Bobbo gemacht?«

Nioka stand mit verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen in der Tür. Die Haltung erinnerte Victor an ihre Mutter. »Wo sind Kinder?« fauchte sie. »Wo ihr sie haben?«

»Du solltest dich auch beruhigen«, fuhr er sie an. »Und was soll die Versammlung da draußen? Sag ihnen, sie sollen verschwinden.«

Charlotte kam zurückgeeilt. »Austin schläft. Was ist los?«

»Ich glaube, irgendwelche Kinder sind verlorengegangen«, erklärte Victor. Er wandte sich an Minnie: »Hör auf zu heulen. Wir werden sie schon finden.« Schwarze Kinder gingen nicht einfach verloren. Er fragte sich, was sie wohl jetzt wieder angestellt hatten.

»Wo ist Teddy?« fragte er Louisa. »Ist er mit ihnen unterwegs?«

»Nein, er schläft oben. Ich glaube, ich weiß, warum sie sich so aufregen. Die Billings’ haben heute drei kleine Kinder mitgenommen, um sie in die Schule zu bringen.«

Minnie begann wieder zu stöhnen und zerrte an ihrer Schürze. Nioka fragte fassungslos: »Was sagen? Was?«

»Oh, mein Gott!« Charlotte trat vor. »Ihr geht zurück ins Speisezimmer; ich werde es den Mädchen erklären.«

»Was?« schnappte Nioka. »Was ihr verdammt getan mit unseren Kindern?«

»Das reicht, Nioka«, fuhr Victor wütend dazwischen. »Noch ein Wort, und du darfst dieses Haus nie wieder betreten.«

»Gib mir Jagga und mir verdammt egal!«

Victor bedeutete Louisa hineinzugehen. Tennant schloß sich ihr an. Dann drohte Victor Nioka mit dem Zeigefinger. »Benimm dich gefälligst!«

Charlotte griff ein. »Schon gut, Victor. Ich war so aufgeregt, daß ich die Abreise von Mr. und Mrs. Billings völlig vergessen hatte. Sie haben Bobbo, Jagga und Doombie in die Schule mitgenommen.«

»Was? Mit wessen Erlaubnis?«

»Mit Austins«, erwiderte sie streng. »Er hatte eine lange Unterredung mit Mr. Billings und war einverstanden. Er gab ihm auch eine beträchtliche Spende für den Unterhalt der Kinder mit.«

Heulend warf sich Minnie in Hannahs Arme, während Nioka mit offenem Mund in der Tür stand.

»Ihr denen unsere Kinder geben?«

»Hat es ihnen denn keiner erklärt?« fragte Victor zornig.

»Natürlich. Mr. Billings hat es sicher erklärt. Sie verstehen es bloß nicht. Das ganze Theater ist unnötig, für die Kinder wird gut gesorgt sein. Sie haben großes Glück gehabt.«

Victor sah Gabbidgee hinter Nioka auf der Veranda stehen, und ein Schauder überlief ihn.

»Da dürften allerdings einige Erklärungen vonnöten sein. Das hätte man aber auch anders handhaben können. Weshalb hast du es Billings überlassen? Er ist ein eiskalter Hund.«

»Fang jetzt nicht auch noch an«, stöhnte Charlotte. »Das halte ich nicht aus. Du weißt ganz genau, daß es dieses Bildungsprogramm für junge Schwarze bereits seit einiger Zeit gibt. Austin wußte, daß es zu ihrem Besten war, sonst hätte er es niemals zugelassen. Geh jetzt bitte mit ihnen hinaus und erkläre es ihnen richtig. Sie müssen lernen, es als gute Sache zu betrachten.«

»Na dann!«

Rupe hatte alles schweigend mit angehört. »Mir scheint, Billings hat ihnen kein Wort davon gesagt. Man hätte zumindest die Eltern um Erlaubnis fragen müssen.«

Doch Victor begriff, daß die Reaktion womöglich noch heftiger ausgefallen wäre, wenn man Nioka, Minnie und Gabbidgee gefragt hätte. Ihre Weigerung hätte zu einem Aufruhr führen können, den Billings vermutlich vermeiden wollte. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, daß er so unauffällig mit den Kindern verschwunden war.

Er trat auf die Veranda hinaus und schickte alle bis auf die Eltern der drei Kinder ins Lager zurück. Dann hockte er sich unter einen Baum.

Eine Stunde lang kaute er die Geschichte mit ihnen durch, begleitet von Minnies Schluchzen und Niokas Wutausbrüchen. Gabbidgee und seine Frau waren ob der unerwarteten Ereignisse vollkommen verstört.

Victor erinnerte sie daran, daß auch er und seine Brüder auf die Schule gegangen waren. Charlotte hatte geweint, als sie ihr Zuhause verließen. Er sagte, wieviel Glück die Jungen hätten, und daß sie nicht einsam sein würden. Er fragte nach, ob die Kinder geweint hätten, und hörte erleichtert, daß dies nicht der Fall gewesen war. Hannah brachte auf seine Anweisung heißen, gesüßten Tee und Kuchen, den nur Nioka entschieden ablehnte. Anscheinend gewann er an Boden. Victor erklärte, daß die Jungen in die große Stadt gefahren seien, wo sie alle möglichen Wunderdinge erleben würden, so daß sie bei ihrer Rückkehr eine Menge Geschichten zu erzählen hätten.

»Wann kommen zurück?« schluchzte Minnie.

Da er sie nicht belügen wollte, sagte Victor nur: »Wenn es an der Zeit ist.«

Schließlich fragte Gabbidgee: »Boß-Mann, dein Daddy, er sagen ist gut? Er sagen Jungen sollen in Schule lernen wie seine Jungen?«

»Ja.«

Der Schwarze nickte unglücklich. Dann machte er seiner Frau ein Zeichen, und wortlos gingen sie davon.

Nur die beiden Schwestern blieben zurück. Minnie schien sich in das Unvermeidliche zu fügen, war aber zutiefst erschüttert. Nioka war noch immer sehr zornig. Man mußte ihr einfach Zeit lassen, damit fertig zu werden, dachte Victor bei sich. Hunderte von schwarzen Eltern machten in diesen Tagen das gleiche durch. Ihre Welt veränderte sich. So einfach war das. Er verstand ihren Schmerz, konnte aber nichts weiter für sie tun.

__________

Im Lager herrschte bedrücktes Schweigen. Die Jahre der Einschüchterung zeigten nun Wirkung. Gabbidgee drohte in einem Anfall von Tollkühnheit damit, den Wagen aufzuspüren und die Jungen heimzuholen, doch die Ältesten warnten ihn vor den Gewehren der weißen Männer. Sie fühlten sich an die schrecklichen Zeiten zurückerinnert und weinten, als Gabbidgee seinen Speer schärfte und den Frauen gestattete, ihm bei der zeremoniellen Körperbemalung vor der Schlacht zu helfen.

Seine anderen Kinder flehten ihn an, nicht zu gehen, und sprachen von der Verpflichtung, die er ihnen und seinen Enkelkindern gegenüber habe; zur Zeit gab es einfach zu wenige Männer im Lager. Es ging sogar so weit, daß ein ritueller Kampf ausgetragen werden mußte zwischen seiner Frau und seiner ältesten Tochter, bei der sie einander mit schweren Keulen schlugen, bis eine nachgab. Blutend mußte sich Doombies Mutter geschlagen geben, da sie der stärkeren — und älteren — Gegnerin nicht gewachsen war. Gabbidgee hatte bei seiner Familie zu bleiben; sein jüngster Sohn interessierte die anderen Kinder nicht.

Nioka verhöhnte ihn. Sie würde selbst gehen, wenn sie über seine Erfahrungen als Fährtenleser verfügte. Sie fürchte sich nicht vor den Waffen der Weißen. Erschüttert und erfüllt von Trauer um seinen geliebten Doombie, zerschnitt Gabbidgee seinen Körper mit dem Messer und verkroch sich im Gebüsch, um für sein Versagen beim Beschützen des Sohnes zu büßen.

Es war nur gut, daß er dem Wagen nicht gefolgt war, da sich Billings inzwischen einer Gruppe von Viehtreibern angeschlossen hatte, die eine riesige Schafherde über die Viehwege nach Toowoomba trieb. Sie reisten mit einem Rollwagen, der ihnen bei ihrem Umherziehen als bewegliche Unterkunft diente.

Billings war erleichtert. Die Viehtreiber kannten den Weg im offenen Gelände und ermöglichten ihnen ein zügigeres Vorankommen. Da er alles andere als ein Buschkenner war, schätzte er ihre Fähigkeiten bei der Zubereitung von Mahlzeiten und dem Auffinden von Wasserstellen. Dies ersparte ihm unnötige Umwege und das Übernachten auf Farmen, wo er die Gegenwart der drei schwarzen Jungen hätte erklären müssen.

Die Viehtreiber waren zunächst ebenfalls neugierig gewesen, freuten sich aber, als sie hörten, woher die Jungen kamen. »Aus Springfield?« meinte ihr Anführer. »Eins muß man Broderick lassen: Er mag vor Jahren gegen die Schwarzen gekämpft haben, doch heute behandelt er sie anständig. Im Gegensatz zu vielen anderen Squattern. Gut, daß er den Kindern eine Ausbildung ermöglicht. Bin selbst nie zur Schule gegangen.«

Seine Frau war dankbar für Amys Anwesenheit. »Machen Sie sich keine Sorgen, im Busch brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Wir bringen Sie und die Kinder sicher in die Stadt, und von da müssen sie immer nur geradeaus nach Brisbane fahren.«

Sie mochte die schwarzen Kinder und heiterte Jagga soweit auf, daß man ihn nicht mehr an den Wagen binden mußte. Die Jungen konnten abwechselnd auf ihrem Rollwagen mitfahren, und ihr Mann hob dann und wann einen von ihnen auf sein Pferd, wo er vor ihm sitzen und mitreiten durfte. Dieses Privileg genossen die kleinen Burschen sogar noch mehr als die Karamellen, die die Frau des Treibers für sie machte.

Obwohl die Männer den Bekehrungsversuchen des Reverend eher zynisch gegenüberstanden, stieß sich die Frau nicht an Amys ständigen Anrufungen des Herrn. Sie genoß einfach nur die weibliche Gesellschaft.

Wäre ein erzürnter Vater auf diese Gruppe aus sechs Männern und zwei Frauen gestoßen, hätten sie ihn wohl kaum mit Schußwaffen bedroht, sondern einfach mit ihren Viehpeitschen davongejagt. Sie hätten nur gelacht über den Schwarzen, dieses Relikt aus der Vergangenheit.

__________

Minnie war nicht nach Arbeit zumute. Sie war untröstlich und geschwächt vom pausenlosen Weinen. Nacheinander lauerte sie Victor, Rupe, der Missus und sogar Louisa auf, erhielt aber stets die gleiche Antwort: Keine Sorge, Bobbo geht es gut.

Als größte Enttäuschung erwies sich dabei Hannah. Minnie trieb sich in der Küche herum und flüsterte Hannah zu, sie solle ihr ihren Jungen wiederbringen. Obwohl sich die Köchin mitfühlender als die anderen gezeigt hatte und Minnies nagende Sorge verstand, konnte auch sie ihr nicht helfen. Sie ermutigte sie, ihre Arbeit wiederaufzunehmen, stieß aber auf hartnäckigen Widerstand.

Dann war da noch Nioka, die gegen Minnie wütete. »Geschieht dir recht. Du hast immer gesagt, sie seien deine Freunde. Jetzt sieh dir an, was sie getan haben. Dein Junge ist weg. Haben sie dir gesagt, wann sie unsere Kinder zurückbringen? Nein! Wahrscheinlich nie. Wir sehen sie nie wieder. Das hast du nun davon, daß du dich bei ihnen lieb Kind gemacht hast. Alles nur deine Schuld.«

Minnie starrte auf den Fluß hinaus. Wenn es stimmte, daß sie ihren lachenden Bobbo nie wiedersehen würde, hatte ihr Leben seinen Sinn verloren. Ebensogut konnte sie sich in den Fluß stürzen und ertrinken. Diese Trauer war schlimmer als der Tod.

Dann entdeckte sie den dreibeinigen Dingo, der über die abgeschliffenen Steine in der Flußbiegung auf sie zukam. Sie sprach ihn an.

»Was machst du hier, du armer Kerl? Hast du dich verlaufen?«

»Nein«, erklang eine Stimme zwischen den Bäumen hinter ihr, und der alte Moobuluk stakste auf seinen knochigen Beinen hervor.

Minnie erkannte ihn auf Anhieb. Bestimmt war niemand auf der ganzen Welt so alt wie Moobuluk. Doch sie war zu niedergeschlagen, um irgendwelches Interesse dafür aufzubringen, daß der Zauberer wieder bei ihnen aufgetaucht war. Er kam zu spät.

»Warum weinst du, kleines Mädchen?« fragte er. Die Anrede ärgerte sie. Sie war kein kleines Mädchen, sondern eine erwachsene Frau. Alles und jeder gingen ihr auf die Nerven. Sie hatte ihren Sohn im Stich gelassen, doch ihre Leute hatten wiederum sie im Stich gelassen, und nun kam dieser alte Mann … was sollte er ihnen jetzt noch nützen? Er hätte zum richtigen Zeitpunkt hier sein sollen, wo er hingehörte.

Er ging im Kreis um die Steine herum und tastete sich mit Hilfe seines Stocks das glitschige Ufer hinunter, bis er im seichten Wasser stand und sich die Füße kühlen konnte. »Ah«, seufzte er, »schon besser. Meine Füße haben vielleicht gebrannt. Ich glaube, die Sohlen nutzen sich allmählich ab.« Er sah sie an und lachte gackernd. »Glaubst du, der Boß schenkt mir ein Paar Stiefel, wie er sie trägt?«

Minnie zuckte nur die Achseln. Der Hund, der sich auf einem glatten Felsen niedergelassen hatte und die Zunge aus der Schnauze hängen ließ, schien bei Moobuluks Frage lächeln zu müssen.

»Ich habe immer geglaubt«, sagte der alte Mann an den Hund gewandt, »daß die Weißen schwach seien, weil sie Stiefel tragen müssen, doch inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Was beweist, daß man nicht immer recht haben kann.«

Seine krächzende, alte Stimme und die triviale Unterhaltung forderten Minnie schließlich doch zu einer Reaktion heraus. »Wo bist du so lange gewesen?« wollte sie wissen. Doch selbst bei diesen wenigen Worten brach sie in Tränen aus und wandte sich ab, als wolle sie weglaufen.

»Bleib hier, Moomabarrigah.« Seine Stimme klang nun klarer und sanfter. »Wenn du weinst, weine ich mit, aber den Grund dafür kenne ich nicht. Du mußt ihn mir sagen, damit ich weiß, wie groß mein Kummer sein muß.«

Er kletterte zu ihr hinauf und streckte hilfesuchend die Hand aus, so daß Minnie sie ergreifen mußte. Dann saß er geduldig neben ihr und sah aufs Wasser hinaus.

»Mein Junge Bobburah«, flüsterte Minnie, als sich ihr Schluchzen gelegt hatte. »Sie haben ihn mitgenommen.«

»Wer?«

»Die Betleute!« Zornig sah sie ihn an. »Du hättest hier sein müssen. Du hättest sie in Krähen verwandeln können. In zwei alte, schwarze Krähen!«

Angesichts dieser simplen Lösung mußte Moobuluk ein Lächeln unterdrücken, denn die Lage war offensichtlich ernst.

»Erzähl mir alles.«

Sie brach wieder in Tränen aus, doch die Geschichte enthüllte sich allmählich, trotz der Angst, Wut und Trauer, die sie erfüllten. Moobuluk war so betrübt, daß ihm ebenfalls Tränen über die ledrigen Wangen rannen. Minnie hatte recht. Er hätte da sein sollen. Er hatte die Stimmen im Wind, die ihn nach Hause riefen, unterschätzt. Wer aber hätte voraussehen können, daß diese friedlichen Menschen ein so furchtbares Unglück treffen würde?

»Warum wurdet ihr so bestraft? Was ist geschehen?«

»Das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu sagen. Sie behaupten, es sei eine gute Sache. Sie haben unsere kleinen Jungen in die Schule geschickt. Wie ihre eigenen Söhne.«

»Aber sie sind doch noch so klein«, sagte Moobuluk.

Minnies Zorn flackerte erneut auf. »In dem Alter schicken sie ihre Kinder nicht weg. Sie sagen, unsere müßten so früh fort, damit sie Englisch lernen und in der Schule auch alles verstehen können. Ich hasse alle Weißen. Du mußt sie verzaubern, großer Daddy. Sag ihnen, wir wollen unsere Jungen zurückhaben.«

Er ließ sie die seltsame Geschichte mehrfach wiederholen, bis er die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens erfaßt hatte. Moobuluk war sich bewußt, daß Moomabarrigah es aufgrund ihrer Kontakte zu den Weißen am besten erklären konnte. Und er sorgte sich um ihre aufbrausende Schwester Nioka. Minnie hatte erklärt, daß sie noch immer sehr aufgebracht sei. Wenn sie Unruhe stiftete, würde sich diese nicht so leicht wieder legen.

Außerdem begriff er, daß es hier zwei Probleme gab. Zunächst einmal hatten sie diese drei Jungen verschwinden lassen. Doch wie viele würden sie noch verlangen? Stellten diese besitzergreifenden Weißen etwa eine Gefahr für alle Kinder des Stammes dar? Er stöhnte auf. Hatten sie ihnen denn noch nicht genug angetan?

Moobuluk kehrte mit Minnie ins Lager zurück. Ruhig und scheinbar unbesorgt nahm er die aufgeregten Begrüßungen entgegen, suchte aber nach einer Unterredung mit Doombies Eltern Nioka auf.

Lange blieb er bei ihr sitzen, gab Ratschläge, bestand darauf, daß sie ihren Zorn in die Hände nahm und beiseite legte, bis sie Zeit zum Nachdenken gehabt hatte. Sie war ein schwieriges Mädchen, das selbst ihm gegenüber zum Schreien neigte, doch allmählich konnte er sie beruhigen.

An diesem Abend saß er mit den Ältesten des Clans am Lagerfeuer und lauschte ihrer Trauer.

»Kannst du uns helfen?« fragten sie ihn schließlich, doch seine Antwort fiel nicht eindeutig aus.

»Ich muß erst darüber nachdenken.«

__________

Ihr Vater erholte sich nur langsam. Obwohl seit dem Schlaganfall mehr als zwei Wochen vergangen waren, fühlte sich Austin noch schwach. Sein erster Sitzversuch hatte nicht nur den Arzt bestürzt, sondern auch den Patienten erschreckt und dessen letzte Kräfte aufgezehrt. Er sah inzwischen ein, daß die Genesung länger auf sich warten lassen würde, was ihn jedoch nicht davon abhielt, tagtäglich seiner Ruhelosigkeit und Enttäuschung Luft zu machen.

Innerhalb der Familie herrschte die unausgesprochene Überzeugung, daß er weniger schwach wäre, wenn er sich ruhiger verhielte und auf seine Temperamentsausbrüche verzichtete, zu denen es unweigerlich kam, wenn Austin sich nicht verständlich machen konnte oder der Körper ihm den Dienst versagte. Charlotte hob mit endloser Geduld die Kissen und Decken auf, wenn er sie einmal mehr zu Boden geschleudert hatte; beim Füttern ließ sie sich von seiner Wut nicht beirren; sie brachte ihm Stifte und Papier, damit er aufschreiben konnte, was er von ihnen wünschte, und bückte sich klaglos danach, wenn er damit um sich warf. Er konnte mit der linken Hand nicht leserlich schreiben, und der Anblick seines Gekritzels verstärkte nur noch seinen Zorn.

Charlotte war die ganze Zeit bei ihm und verärgerte die anderen damit, daß sie selbst die trivialste Unterhaltung mit warnendem Stirnrunzeln begleitete oder gar unterbrach. Sie wußten, daß sie weder die Landgesetze noch die Landkarten oder den ominösen Brief des Bankdirektors erwähnen durften. Ebensowenig die Tatsache, daß bereits die ersten Scherer eintrafen, um sich die besten Unterkünfte zu sichern. Auch nicht, daß Minnie verschwunden war. Alles, was mit dem Besitz zu tun hatte, schien tabu. Laut Victor wurde Austin derart in Watte gepackt, daß ihnen kein Gesprächsthema mehr einfallen wollte, das nicht Charlottes Mißfallen erregt hätte.

»Das Hengstfohlen ist ein eigensinniger Bursche«, berichtete Victor seinem Vater. »Rennt herum und tritt in alle Richtungen.«

Charlotte, die hinter Austin stand, schüttelte den Kopf. Vermutlich stieß sie sich an den Worten »rennt herum«, die seinem Vater womöglich die eigene Bewegungslosigkeit in Erinnerung brachten. Doch er beschloß, ihr diesmal keine Beachtung zu schenken, und fuhr fort.

»Er ist eine richtige kleine Schönheit. Louisa durfte ihm einen Namen geben, weil …« Er wollte sagen, »weil ihr die Feier zu unserem Hochzeitstag entgangen ist«, begriff aber, daß er sich damit auf unsicheres Terrain begab, da Austin an jenem Abend den Schlaganfall erlitten hatte. Charlotte würde ihn erwürgen, wenn er diesen Tag erwähnte. Andererseits ruhte Austins Blick auf ihm, und er hörte aufmerksam zu. Die Namensgebung der Vollblüter sowie der edlen Merinoschafe lag ihm sehr am Herzen; schon oft war es darüber zu Auseinandersetzungen gekommen.

»Weil sie an der Reihe war«, stammelte er den Satz zu Ende.

»Die Stute stammt von Joybelle ab, deshalb hat Louisa das Fohlen ‘Teddy’s Joy’ genannt.«

Austins Augen und die linke Hälfte seines Gesichts verzogen sich zu einer lächelnden Grimasse. Victor lachte erleichtert mit. Teddy hatte ihn aus einer peinlichen Lage gerettet.

Draußen packte er Rupe am Arm. »Hast du sein Gesicht gesehen?«

»Ja, es ist förmlich auseinandergefallen.« Rupe haßte das Krankenzimmer und kam nur herein, wenn es die Pflicht verlangte.

»Aber vorher war es ganz schlaff. Als er eben gelächelt hat, konnte er die eine Hälfte bewegen!«

»Das bildest du dir bloß ein.«

»Nein. Meinst du, ich sollte es ihm sagen? Das würde ihn vielleicht aufmuntern.«

»Frag Mum. Sie hat hier das Sagen. Ich glaube, sie freut sich, daß sie ihn endlich unter ihrer Fuchtel hat.«

Victor kam es vor, als sähe sein Bruder den Vater auch nicht ungern als Invaliden. Er strahlte auf einmal eine ganze neue, beunruhigende Autorität aus. Während Austin und Victor die Farm geleitet hatten, hatte Rupe apathisch, ja sogar faul daneben gestanden und nur dann mit Hand angelegt, wenn es ihm in den Kram paßte. Jetzt jedoch steckte er voller Tatendrang und Ideen — nicht nur, was die neuen Grenzziehungen betraf, sondern auf allen Gebieten, von der Merinozucht bis zum Arbeitspensum ihrer Grenzreiter. Zum ersten Mal kam Victor ins Grübeln, ob sein Bruder irgendwann nicht auch seine eigene Autorität in Frage stellen würde.

»Erinnerst du dich übrigens an diesen alten Cullya-Burschen, den Daddy kannte, diesen Zauberer? Er ist wieder da. Wie hieß er doch gleich?«

»Moobuluk«, antwortete Victor.

»Genau. Ich haben ihn jetzt drei Abende hintereinander bei Sonnenuntergang gesehen.«

»Woher weißt du, daß er es ist?«

»Weil Austin sagte, er sei aufgetaucht, als Minnies Mutter starb. Er ist mit ihnen verwandt. Und zieht mit einem dreibeinigen Dingo umher. Jedenfalls ist der alte Bursche nach Hause gekommen und steht Abend für Abend auf der Felsklippe über dem Tennisplatz. Wir arbeiten da draußen. Wenn ich heimkomme, sehe ich ihn jedesmal wie eine Bronzestatue samt räudigem Dingo am Rand der Klippe stehen. Was er wohl von uns will?«

»Nichts. Er ist einfach nach Hause gekommen. Aber an deiner Stelle würde ich es Austin gegenüber nicht erwähnen.«

Rupe grinste. »Zu Befehl, Charlotte!«

Doch Victor nahm diese Neuigkeit nicht so gleichmütig auf, wie er vorgab. Abergläubische Vorstellungen quälten ihn. Als Junge hatten ihn die Geheimnisse der Aborigine-Kultur und die Geschichten über die Traumzeit fasziniert. Er und Harry sprachen den örtlichen Dialekt beinahe so gut wie Austin, da die schwarzen Kinder ihre einzigen Spielgefährten gewesen waren. Die Erzählungen über ehrfurchtgebietende Magier hatten sie oft in Schrecken versetzt, und einige dieser dunklen Ängste waren geblieben.

Austins Verhältnis zu den Schwarzen war immer zwiespältig gewesen und hing von seiner jeweiligen Stimmung ab. Gerade hatte er sich noch maßlos über sie geärgert, und im nächsten Moment bekam Victor mit, wie sein Vater Gäste mit erstaunlichen Geschichten über ihre Kenntnisse des Landes und ihr zweites Gesicht unterhielt. Er pflegte zu behaupten, daß einige von ihnen magische Kräfte besäßen. Oft genug hatte Victor die Geschichte von dem schwarzen Medizinmann mit angehört, einem Zauberer, der an zwei Orten gleichzeitig aufgetaucht war. Und sein Vater war angeblich selbst dabei gewesen, als sich einer dieser Magier vor seinen Augen in einen riesigen Dingo mit flammendem Schlund verwandelt hatte.

Victor wußte nicht, ob es sich dabei um die Geschichte eines Betrunkenen oder um eine Halluzination handelte. Obwohl er selbst nie das Glück gehabt hatte, Zeuge solcher Ereignisse zu werden, hatte auch er von Schwarzen mit erstaunlichen Fähigkeiten gehört. Es war nicht leicht, das Mögliche vom Unmöglichen zu trennen.

Nun sorgte sich Victor wegen des alten Zauberers, dem er noch nie begegnet war. Man erzählte sich viel über Moobuluk. War der Alte wieder einmal gekommen, um einen Tod zu bezeugen? Wie bei Minnies Mutter war er auch diesmal aus heiterem Himmel aufgetaucht, als wisse er, daß ein derartiges Ereignis bevorstand. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Ging es um Austin? Hatten die geheimnisvollen Kräfte Moobuluk ein Zeichen gegeben, daß der Boß bald sterben würde?

Victor schlug die Hände zusammen, um sich von diesen deprimierenden Gedanken loszureißen. Das war genau die Stimmung, die Schwarze vor Angst erzittern ließ. Und er wußte nichts Besseres, als es ihnen gleichzutun, wo doch Austins Genesung so offensichtliche Fortschritte machte.

»Dieser verdammte Moobuluk!« murmelte er vor sich hin.

»Der wird mir keine Angst einjagen.«

Dennoch machte Victor am späten Nachmittag — er befand sich gerade auf dem Heimweg von den Weiden, wo sie die Schafherden zusammentrieben, um sie zur Schur auf die Koppeln nahe des Hauses zu bringen — einen Umweg zum Hügelkamm. Und siehe da, der alte Kerl stand mit seinem Dingo wirklich dort. Beinahe arrogant hatte er sich genau dort aufgepflanzt, wo man den besten Ausblick auf das Haus genoß — in der uralten Position, bei der ein Fuß auf einem Knie ruhte. Den langen Stock hielt er entschlossen vor dem Körper.

Kein Wunder, daß Rupe ihn mit einer Bronzestatue vergleicht, dachte Victor grinsend. Das ist einer ihrer Tricks. Moobuluk stand nämlich mit dem Gesicht zur untergehenden Sonne, so daß sein Körper in kupferglänzendes Licht getaucht wurde und schon von weitem eine eindrucksvolle Erscheinung abgab.

Victor wandte sein Pferd und galoppierte auf den Hügelkamm zu. Er zwang das Tier einen steilen Zickzack-Pfad hinauf, doch als sie oben auf dem Plateau ankamen, erwartete sie nur der knurrende Dingo. Von seinem Herrn war nichts zu sehen.

Victor holte mit seiner Viehpeitsche aus, und der Hund wich grollend zurück.

»Was willst du, alter Mann?« rief er in ihrer Sprache. »Boß-Mann ist krank. Sprich mit mir.«

Eine staubgeschwängerte Bö wehte über den Hügelkamm heran, und der Hund wandte sich ab. Victor zog den Hut tiefer ins Gesicht und folgte dem Tier, wobei er sein Pferd fest am Zügel hielt. Der Staubsturm wurde stärker, die Sicht immer schlechter. Er schaute sich suchend um, da er dem alten Kerl von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen wollte. Dann könnte er Austin wenigstens erzählen, daß er dem legendären Zauberer begegnet war. Den Dingo konnte er gerade noch ausmachen. Vielleicht würde das Tier ihn zu Moobuluk führen. Doch plötzlich wieherte das Pferd und rutschte zur Seite. Victor stand am Rande einer tiefen Felsspalte.

»Jesus!« rief er aus und riß das Pferd mit klopfendem Herzen zurück.

Er stieg ab und tätschelte es, damit es sich beruhigte. »Braver Junge. Mein Gott, das war aber knapp. Ich hätte besser aufpassen sollen. Braver Junge, so dumm bist du nicht, was?«

Er ließ das Pferd stehen und trat allein vor. »An diesen Spalt kann ich mich gar nicht erinnern. Doch ich war auch schon lange nicht mehr hier.« Er untersuchte die Ränder, halb verborgen unter trockenem Gebüsch, und ihn schauderte. Der Dingo hatte sie hierhergeführt. Ein Hund konnte die Spalte mühelos überspringen, doch für einen nichtsahnenden Reiter und sein Pferd stellte sie eine gefährliche Falle dar.

Auch als er den Hang wieder hinunterritt, fühlte sich Victor noch unbehaglich. Seine mangelnde Vorsicht beunruhigte ihn. Doch als er um den Hügel vor dem Haus bog, schüttelte er die Gedanken an Moobuluk ab und lockerte die Zügel, damit das Pferd sich seine Anspannung von der Seele laufen konnte.

Rupe erwartete ihn bei den Ställen. »Wo warst du? Die beiden neuen Grenzreiter sind da. Sie wollen wissen, wieviel wir ihnen bezahlen.«

»Das sage ich ihnen am Ende der Woche, wenn ich weiß, was sie können. Schick sie morgen mit einem unserer Jungs hinaus. Sie müssen unsere Grenzen wie ihre Westentasche kennen. Damit sind sie mindestens eine Woche beschäftigt.«

»Ich habe ihnen gesagt, sie könnten sich Gewehre und Munition aus dem Lager holen.«

»Das war falsch. Sie brauchen im Augenblick keine Schußwaffen; damit lenken sie nur die Aufmerksamkeit auf sich. Offiziell werden sie als neue Viehhüter eingeführt, die nach streunenden Schafen suchen. Und dabei soll es vorerst auch bleiben. Du darfst nicht vergessen, daß dieses Gesetz noch nicht unter Dach und Fach ist. Es könnte sich immer noch als falscher Alarm erweisen.«

__________

Moobuluk sah zu, wie der Sohn namens Victor den Hügelkamm verließ. Sein Haar war gelb wie das seines Vaters, und er war ebenso neugierig. Der dritte Sohn hingegen hatte ihm lediglich im Vorbeireiten einen Blick zugeworfen. Der mittlere, Harry, lebte nicht mehr hier, wie er sich hatte sagen lassen.

Was wollte er von ihnen? Er hatte Victors Frage gehört, wußte aber noch keine Antwort darauf.

Moobuluk hatte sich bei den Küchenlagern der Männer von der Farm verborgen und ihren Gesprächen gelauscht, doch die verschwundenen schwarzen Kinder waren mit keinem Wort erwähnt worden. Die schwarzen Hausmädchen bestätigten, daß auch die Familie nicht von ihnen sprach. Niemand schien einen Gedanken an sie zu verschwenden außer Teddy, der seine Freunde vermißte, und ihm hatte man lediglich gesagt, sie seien nicht mehr da. Die Weißen hatten sie völlig vergessen, als habe ihr kurzes Leben sie nie berührt; sie galten ihnen weniger als die unzähligen Schafe, die sie so liebevoll fütterten und bewachten.

Moobuluk hatte bemerkt, daß Victors Pferd beinahe in die Spalte geraten war, die der Schlangengeist vor Urzeiten geformt hatte, um seine Kinder darin zu verbergen. Der schlaue alte Dingo hatte sie absichtlich auf diesen Weg geführt; vermutlich wollte er sich für den Peitschenhieb rächen.

So. Er wischte sich den Staub aus den Augen. Was nun? Moobuluk besaß neben den schwarzen Hausmädchen noch einen weiteren Spion — Spinner, der mehr weiß als schwarz war. Jedenfalls, was die Hautfarbe betraf. Er entstammte der Verbindung zwischen Gabbidgees Schwester und einem Scherer, dessen Haar so gelb wie das der Brodericks gewesen war. Spinner hatte sich immer für die Lebensweise der Weißen interessiert und liebte Pferde. Niemand wußte, woher sein Name kam, doch das war auch nicht wichtig. Der Junge hatte sich von Kindesbeinen an in den Ställen herumgetrieben und willig mit Hand angelegt, solange er bei den Tieren bleiben durfte.

Als er sich eines Tages weigerte, ins Lager zurückzukehren, und lieber im Stall schlief, hatte ihn seine Mutter ziehen lassen. Sie wußte, daß er dort glücklich und sicher war. Irgendwann hatten die Weißen begonnen, seine Gegenwart als selbstverständlich hinzunehmen. Spinner entwickelte sich zu einem geschickten Reiter und arbeitete nun schon seit mehreren Jahren fest auf der Farm.

Da er wie ein Weißer lebte, beriet sich Moobuluk mit ihm in der Stille des Buschlandes.

»Wo sind unsere Kinder?«

»Man hat sie in die große Stadt gebracht.«

»Um sie zu lehren, wie Weiße zu leben?«

»Ja.«

»Warum konnten sie es ihnen nicht hier beibringen? Mit dir haben sie es doch auch so gemacht.«

»Weil sie ihnen beibringen, wie man ein Christ wird.«

»Was soll das sein?«

»Ich weiß es nicht genau. Aber sie knien sich zum Beten hin. Ich habe gesehen, wie Weiße es tun.«

»Was ist Beten?«

»Mit den Geistern sprechen.«

»Aha. Und was wissen sie von den Geistern?«

Spinner lachte. »Keine Ahnung.«

»Wann kommen sie wieder?«

Spinner schüttelte den Kopf. »Frag mich nicht.«

»Du solltest dich doch für mich danach erkundigen.«

»Keiner weiß Bescheid. Vielleicht nie. Ich habe mit diesem neuen Scherer gesprochen, und er sagt, sie sollen in der Stadt vergessen, daß sie Schwarze sind.«

»Wie soll das gehen? Das ist unmöglich.«

Spinner streckte hilflos die Hände aus. »Ich weiß es nicht. Es tut mir auch leid, aber ich kann nichts daran ändern.«

»Du könntest sie holen. Du bist in ihren Städten gewesen.«

»Aber noch nie so weit. Außerdem würden sie mich nicht gehen lassen. Vielleicht kommen sie ja nächstes Jahr zurück, wenn sie ein Jahr lang gelernt haben.«

Er klang nicht allzu überzeugt, doch Moobuluk nahm ihm ein Versprechen ab. Spinner sollte ihm Bescheid geben, sobald die Jungen zurück wären.

»Bleibst du dieses Mal bei uns, alter Mann?«

»Ich glaube nicht«, erwiderte Moobuluk betrübt. »Doch ich werde Nachrichtenstäbe vorbereiten lassen. Kennst du dich noch damit aus?«

»Sicher.«

»Dann halte die Ohren offen. Ich werde es dir nicht verzeihen, wenn du mich im Stich läßt.«

Spinner nickte und knackte nervös mit den Knöcheln. Er war nicht so sehr Weißer, als daß er es gewagt hätte, diesem Mann gegenüber sein Wort zu brechen. Wenn Moobuluk mit dem Knochen auf ihn zeigte, hätte sein letztes Stündlein geschlagen.

__________

»Also …«, erklärte Moobuluk den Ältesten, »mir erscheint es als der einzige Weg, wenn ihr nicht noch mehr Kinder verlieren wollt. Ich werde mich zurückziehen, damit ihr in Ruhe entscheiden könnt. Wenn ihr meinem Vorschlag zustimmt, könnt ihr ihn den Leuten unterbreiten; die Entscheidung ist schwer, und sie müssen die Gelegenheit haben, ausführlich darüber zu sprechen.«

Die alten Männer berieten Tag um Tag ernsthaft miteinander, saßen dann gedankenverloren am Lagerfeuer und verkündeten schließlich, daß beim nächsten Mond ein Korrobori stattfinden würde. Dies war die übliche Zeit für das alljährliche Fest der Bäume, die den Menschen ihre Reichtümer, die harten, runden Nüsse schenkten, die nach dem wilden Honig als süßeste Gabe der Natur galten. Die Ältesten besaßen das Recht, den genauen Tag festzusetzen.

Sie hatten vereinbart, daß dies die beste Gelegenheit sei, um dem Clan eine Sache zu unterbreiten, die für sie alle von höchster Wichtigkeit war.

4

Die Schur war in vollem Gange, und auf Springfield herrschte energische Betriebsamkeit. Tausende von Schafen wurden von den weiträumigen Weiden hereingetrieben, auf der Schulter in Hürden getragen und gelangten von dort aus zu den schwitzenden Männern in den Wollschuppen. Wenn sie weiß, dünn und nackt wieder auftauchten, sprangen sie wie befreit in die nächsten Hürden. Von dort aus öffneten sich die Tore zur Freiheit, und die kläffenden Hunde trieben sie auf ihre angestammten Weiden zurück.

In den Schuppen ging die Arbeit unablässig weiter. Man behielt die Tafeln im Auge, auf denen die Leistung der schnellsten Scherer verzeichnet wurde. Jedes Jahr aufs neue wurden die älteren, erfahrenen Männer von Anfängern und jungen Wilden herausgefordert, während die übrigen Wetten abschlossen auf die täglichen Zahlen und den Gesamtdurchschnitt. Alle freuten sich darauf, das letzte Schaf zu scheren, denn Springfield war bekannt für seine erstklassige Abschlußfeier.

Für diese turbulenten Wochen wurde eine zusätzliche Köchin eingestellt, die in einem langen Küchenschuppen, einem Anbau der eigentlichen Küche, Hannah zur Hand ging. Auch die Frauen aus dem Haus halfen mit. Hannah buk mit Hilfe von Louisa Scones, die Dampers genannten Fladenbrote sowie Obstkuchen. Die Hausmädchen packten bei der Wäsche, im Obstgarten, der Molkerei und vor allem dem Schlachthaus mit an, denn die hungrigen Männer vertilgten ungeheure Fleischmengen.

Obwohl sie sich um ihren Mann sorgte, führte Charlotte Springfield tüchtig wie immer durch diese hektische Zeit. Austin konnte inzwischen das Bett verlassen. Sein ‘totes’ Bein, wie er es nannte, behinderte ihn aber noch, und er war auf Übungen und Massagen angewiesen, um dessen Beweglichkeit zu fördern. Charlotte ermutigte ihn dazu. Ungeachtet ihres Protestes spannte sie auch Victor und Rupe ein, ihm bei seinen Übungen behilflich zu sein. Für die Zeit, da die beiden bei der Schur unabkömmlich waren, ließ Charlotte eine muskulöse Schwarze kommen, die Gefallen daran fand, die Beine des Bosses zu kneten. Sie erledigte diese Aufgabe besser als alle anderen.

Austin, dem die ganze Aufmerksamkeit und seine eigene Schwäche peinlich waren, entschied, daß Black Lily auch nach der Schur bleiben sollte. Er schätzte ihre fröhliche, gelassene Art und war zudem davon überzeugt, daß außer ihm nur Black Lily tatsächlich an den Erfolg dieser Maßnahmen glaubte.

Sie stellte ihn auf die Füße, legte seinen Arm um ihre Schulter und diente ihm als lebende Krücke auf seinem Weg durchs Zimmer. Sie führte ihn auf die Veranda, wo er mit Vorliebe die Mahlzeiten einnahm, und schleppte ihn sogar in die Dusche und auf die Toilette. Schockiert beschwerte sich Charlotte bei ihrem Mann. Obgleich sie nicht stark genug war, diese Aufgabe zu übernehmen, fand sie es unziemlich, daß eine andere Frau in derart intimen Momenten bei ihm war.

»Du solltest warten, bis ich einen der Männer gerufen habe, Austin.«

Doch er war anderer Meinung. Er preßte die Worte mit Mühe durch den steifen Kiefer und die zusammengebissenen Zähne: »Nein. Arbeit. Laß sie. Lily in Ordnung.«

Er wurde so abhängig von der vierundvierzigjährigen Aborigine-Frau, die ihm vom frühen Morgen bis zum Schlafengehen zur Seite stand, daß sich Charlotte wieder einmal beiseite geschoben fühlte. Natürlich interessierte Austin sich hauptsächlich dafür, wie es mit der Schur voranging. Seine Söhne mußten ihm jeden Abend Bericht erstatten, doch nicht ein Mal erwähnte er ihnen gegenüber den Brief des Bankdirektors oder erkundigte sich nach den Parlamentsdebatten über das neue Landgesetz. Dieses Problem schien er völlig vergessen zu haben.

Charlotte hatte einen Rollstuhl bestellt, den zu benutzen er sich weigerte, und Krücken, die er nicht gebrauchen konnte. Sie reagierte beschämt, als Black Lily sie darüber aufklärte, daß der Boß noch an seinem Arm arbeiten müsse.

»Das muß er erst schaffen, Missus, kann Stöcke sonst nicht brauchen. Arm wie krankes Bein. Kann keinen Stock auf dieser Seite halten. Boß fällt krachbums um.«

Die Frau rieb seine Finger und den Arm unermüdlich mit einer übelriechenden Salbe ein und befestigte auf Austins Anweisung, die sie besser zu verstehen schien als jeder andere, kleine Säckchen an seinen Armen, um die Muskeln wieder aufzubauen. Charlotte konnte nur daneben stehen und untätig zusehen. Austin war entschlossen, die Gewalt über seine Glieder zurückzuerlangen, und diese Entschlossenheit wurde förmlich zur Besessenheit. Er arbeitete bis zur völligen Erschöpfung, weigerte sich aber, die täglichen Übungen mit Black Lily einzuschränken.

Harry äußerte in einem Brief Besorgnis um seinen Vater und erklärte, daß er nach Springfield gekommen wäre, wenn ihn nicht Rupes zweites Telegramm zum Bleiben aufgefordert hätte. Sollte er nun heimkommen oder nicht?

Austin geriet in Wut darüber und machte Victor gegenüber deutlich, daß sein Bruder bleiben solle, wo man ihn wirklich brauchte. Dann kündigte ein weiterer Brief an, daß Harry und Connie nach dieser Sitzungsperiode umgehend nach Springfield kommen würden. Die Landgesetze wurden mit keinem Wort erwähnt.

Charlotte verstand nicht so ganz, weshalb Austin den Brief ärgerlich zerknüllte und auf den Boden warf. Zum Glück sprach er danach nicht mehr davon.

Die Post brachte stapelweise Briefe von Austins Freunden und Kollegen, die ihm alles Gute wünschten. Es kam sogar ein Schreiben des Premierministers von Queensland, der Charlotte beeindruckte und Austin kaltließ. »Verdammter Narr«, zischte er. »Verliert die Kontrolle!«

Und dann traf noch ein Brief von Fern Broderick ein, die wissen wollte, ob ein Besuch von ihr dabei behilflich sein könnte, den Patienten aufzuheitern.

Zum Glück war er an Charlotte adressiert. Sie hielt es nicht für nötig, ihn Austin zu zeigen. Nicht, daß sie etwas gegen Fern gehabt hätte, doch sie neigte zur Eifersucht. Diese Frau war so elegant und selbstsicher, daß Charlotte sich in ihrer Gegenwart irgendwie minderwertig vorkam. Austin wies immer darauf hin, wie klug Fern doch sei und wie gut sie das Geschäft nach dem Tod ihres Mannes führe.

Und warum auch nicht, dachte Charlotte gereizt. An ihrer Stelle hätte ich das gleiche getan. Schließlich hatte ihr Mann sie in die Geschäfte eingeführt. Hätte sie den Laden verkaufen und von dem Erlös und Justins kleiner Hinterlassenschaft leben sollen? Anscheinend hatte er viel Geld in das herrliche Haus in Wickham Terrace gesteckt, bevor die Krankheit bei ihm ausbrach.

»Für sie allein ist es viel zu groß«, hatte Charlotte damals gesagt. »Sie sollte es verkaufen und sich nach etwas Kleinerem umsehen.«

Austins Antwort hatte sie verblüfft. »Du hast doch auch ein großes Haus, warum also sie nicht?«

»Mag sein«, sagte Charlotte nun zu sich selbst, während sie an Victors Schreibtisch die vielen Briefe beantwortete, »aber Fern gehören das Haus und das Juweliergeschäft.«

Nachdem sich die erste Panik angesichts Austins Schlaganfall gelegt hatte, suchte Charlotte seine Schlüssel und öffnete den Safe in seinem Büro. Der Raum lag in seinem Privatflügel und grenzte an den clubähnlichen Bereich. An den Wänden standen deckenhohe Regale, die die gesamte Geschichte von Springfield enthielten: sorgfältig geführte Aufzeichnungen über Viehbestand, Land und Wasserversorgung, Wetterberichte, die Stammbäume der Pferde und, in ledergebundenen Bänden, die Herkunft der Merino-Zuchtwidder, seiner Lieblinge. Diese Aufzeichnungen gaben auch Auskunft über die Entwicklung der Wollpreise und boten eine Fülle von Informationen über die Schafzucht und Wollverarbeitung, die Austin persönlich gesammelt hatte und die bis in die Zeit Macarthurs zurückreichten. Als Charlotte während seiner Abwesenheit einmal das Büro in Augenschein genommen hatte, war sie erstaunt und beeindruckt gewesen, wie gründlich ihr Mann sich mit dem Thema Schafzucht beschäftigt hatte. Kein Wunder, daß er im Gegensatz zu vielen anderen einen so überwältigenden Erfolg damit erzielt hatte.

Doch diesmal untersuchte sie den Safe, während Austin, von Schlafmitteln betäubt, schnarchte. Er enthielt viel Bargeld, Tausende von Pfund, die vermutlich an den Steuerprüfern vorbeigeschmuggelt werden sollten, die Springfield gelegentliche unangemeldete Besuche abstatteten. Dann fanden sich darin noch ein dickes Bündel Banknoten und eine goldene Krawattennadel, die von einem Band zusammengehalten wurden. Auf einem beigefügten Zettel stand: »Für Teddy, von seinem Opa.«

Charlotte lächelte. Wie süß. Typisch Austin. Doch das Geld war es nicht, was sie interessierte. In Victors Safe hatte sie ebenfalls eine Menge Bargeld gefunden, das für Gehälter und Einkäufe vorgesehen war.

Dann entdeckte sie endlich Austins Testament. Es war einfach gehalten und notariell beglaubigt. Darin hinterließ er Springfield seinen drei Söhnen zu gleichen Teilen.

Charlotte stellte fest, daß ihr lebenslanges Wohnrecht auf der Farm eingeräumt wurde. Wie nett, dachte sie bitter, ich darf also in meinem eigenen Heim wohnen bleiben.

Das Testament bestätigte einen schon länger gehegten Verdacht. Austin hatte ihn dadurch ausgelöst, daß er die Farm immer nur als Vermächtnis für seine Söhne bezeichnete und die Rechte seiner Frau für den Fall, daß er vor ihr sterben sollte, mit keinem Wort erwähnte. Charlotte hatte sich entschlossen, mit ihm darüber zu sprechen, doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt. Erst mußte Austin völlig wiederhergestellt sein.

Im Testament fanden sich noch weitere Legate.

Bedienstete wie Hannah, zwei Aufseher, Carter, der alte Lagerverwalter und ein Schmied, der inzwischen gestorben war, sollten jeweils hundert Pfund erhalten.