/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Tal der Träume

Patricia Shaw


Tal der Träume

Patricia Shaw

2000

1

Australien um 1900.

Der Konflikt zwischen aufständischen Aborigines und Siedlern geht auch an den Familien der Großgrundbesitzer Hamilton und Oatley nicht spurlos vorüber. Dennoch wird bald eine Hochzeit ins Haus stehen: Lucy und Myles, die Kinder beider Familien, gelten als unzertrennliches Paar. Nach dem unerwarteten Tod seiner Mutter jedoch zieht es Myles in die Fremde. Erst als er von der erneuten Heirat seines Vaters hört, kehrt er empört zurück, um die Verbindung zu hintertreiben — und droht selbst dem Charme der jungen Frau zu erliegen. Doch dann wird sein Vater von Aborigines entführt, und Myles setzt sein Leben aufs Spiel…

Inhaltsverzeichnis

I  Oktober 1900

1

2

3

4

5

6

7

II  Juni 1899

8

9

10

11

12

13

14

III  Dezember 1900

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Für Ron und Rose Jones und für Peter Poynton, B. A. LLB

— in Erinnerung an die lange Reise

Teil I

Oktober 1900

1

Auf einer Landkarte des Nordterritoriums wäre die Viehstation von Black Wattle nicht mehr als ein Stecknadelkopf gewesen. Desgleichen ihre weitaus größere Nachbarin, Victoria River Downs, obwohl sie an die achtzehntausend Quadratmeilen maß, mit ihren ockerfarbenen Ebenen, uralten Kratern und längst vergessenen Senken in der glühenden Landschaft, wo einst ein stolzer Fluss in das verschwundene Binnenmeer geflossen war. Vor Urzeiten waren hier Dinosaurier umhergestapft und geschwommen, hatten Riesenschlangen ihre Beute belauert und ungeheure Vögel ihre Bahnen am Himmel gezogen. Das »Territorium«, das seinerseits nur einen Teil des »oberen Endes« von Australien darstellte, rühmte sich einer Größe von einer halben Million Quadratmeilen. Stecknadelkopf oder nicht, Victoria River Downs, besser bekannt unter dem Namen Big Run, und ihre Nachbarstationen waren von Schwindel erregenden Ausmaßen und vermittelten ihren Bewohnern ganz neue Vorstellungen von Grundstücksgrößen und Entfernungen.

Für Zack Hamilton, der als junger Mann die familieneigene Viehstation Black Wattle geerbt hatte, war sein Riesenbesitz nichts Besonderes. Für ihn war es selbstverständlich, dass er Raum benötigte, um seine Herden in dieser Halbwüste zu erhalten, in der sich nur Geistereukalyptus und hohe, rote Termitenhügel über das trockene, stachlige Gras erhoben. Zack störte es nicht, dass er drei Tage gebraucht hatte, um wegen einer Besprechung zu Charlie Plumb, dem Verwalter von Big Run, zu reiten: Ihr Treffen war wichtig, denn es ging um Pläne für die Zusammenarbeit im Kampf gegen das Hochwasser, das die Regenzeit mit sich brachte. Sorge bereitete ihm nur, dass Charlie ihn ausgerechnet jetzt um Hilfe bat.

»Wir sind knapp an Leuten, Zack. Sechs von unseren Viehtreibern sind letzte Woche in Richtung Goldfelder abgehauen. Ich habe tausend Stück Vieh verkauft und muss sie zu dem Käufer treiben, bevor die Regenzeit beginnt. Seine Leute holen die Tiere in Pine Creek ab.«

»Hast ein bisschen lange gewartet, was?«

»Wem sagst du das! Ich musste eine Treibermannschaft aus Katherine kommen lassen. Ich habe Paddy Milligan und seine Truppe angeworben. Nur eine kleine Mannschaft. Kennst du sie?«

»Nein.«

»Sie sind in Ordnung, aber sie kennen sich hier nicht gut aus. Ich brauche dich, damit du sie bis Campbell’s Gorge bringst. Wenn sie drüben sind, kommen sie allein zurecht. Es ist nur ein Umweg von ein paar Tagen, Zack.«

»Über mein Ziel hinaus«, grollte Zack. »Und siebzig Meilen weiter östlich. Und meine Frau sitzt gestiefelt und gespornt zu Hause und will nach Darwin. Von Lucy ganz zu schweigen. Ich schwöre dir, sie hat schon vor einem Monat gepackt, ihr Freund kommt doch nach Hause. Ich bin ohnehin schon eine ganze Woche zu spät dran.«

»Ah, die Damen! Sie werden es schon verstehen. Ist noch jede Menge Zeit. Wie geht es Sibell überhaupt? Ich habe gehört, sie fühlt sich nicht wohl.«

»Bestens«, antwortete Zack. Er hatte keine Zeit, den Gesundheitszustand seiner Frau, oder besser gesagt, ihre geistige Verfassung, zu diskutieren.

»Das freut mich zu hören. Hilfst du mir nun oder nicht, Zack?« Zack nickte mürrisch. Sie hatten beide gewusst, dass er es nicht ablehnen würde. Nicht ablehnen konnte. Das ungeschriebene Gesetz des Outbacks, dieses wilden, abgeschiedenen Landes, lautete Überleben. Man half, wann und wo auch immer Hilfe nötig war, denn das Überleben hing von der Zusammenarbeit ab.

»Ist Milligan bereit zum Aufbruch?«

»Ja, sie treiben die Herde gerade hinaus.«

Ein paar Tage?, dachte Zack stöhnend. Und das mit einer langsamen Viehherde. Es würde wohl mindestens vier oder fünf Tage dauern.

__________

Lucy Hamilton trat ans Ende der hohen Veranda und warf einen besorgten Blick auf den langen Weg, der vom Wohnhaus wegführte und irgendwo zwischen den Bäumen verschwand. Nichts rührte sich. Man konnte beinahe auf die Idee kommen, die staubige Landschaft sei völlig leer, dieses Haus, das auf einem flachen Hügel kauerte, überrage ein Reich ohne Untertanen und Vieh. Vor allem jetzt um die Mittagszeit, wenn die Luft glühte und über der Station ein muffiger Geruch hing, ein uralter, heißer Geruch, als sei das Land selbst müde, ausgebrannt, erschöpft. Und alles war so still. Totenstill.

Obwohl sie wusste, dass irgendwo dort draußen Viehtreiber arbeiteten, die Aborigines, die auf dem Besitz lebten, ihren Geschäften nachgingen, einheimische Tiere Schutz vor der Mittagshitze suchten, zerrte die Stille dennoch an ihren Nerven.

Und wo war ihr Vater? Er hätte schon gestern zurückkommen sollen. Die Trockenzeit war beinahe vorüber. Es war, als könne die unerträgliche Hitze jeden Tag explodieren, doch das war natürlich nicht der Fall, die Regenzeit, die Wohltat der Nässe, stand bevor.

Lucy schauderte. Sie hasste diese Jahreszeit, das Warten auf den Donner, das Warten auf den Monsunregen, der die Bäche in reißende Flüsse verwandelte, die Flüsse in überflutete Ebenen. Und der sie von der Außenwelt abschnitt, wenn sie nicht rechtzeitig aufbrachen. Wo also steckte Zack?, fragte sie sich wütend. Er hatte versprochen, sie würden allerspätestens heute nach Darwin aufbrechen, und noch immer war keine Spur von ihm zu sehen. Das Warten war unerträglich. Jeder wusste, dass dieses Klima qualvoll war, dass es alle verrückt machte, die sich nach einer Ruhepause von der langen Trockenzeit sehnten, die nach dem Geruch, dem Geräusch, der willkommenen Flut des ersten Regens lechzten. Die dicken Tropfen, die den Staub aufwirbelten, die Tiere, die sich die Lefzen leckten, die Menschen, die mit ausgebreiteten Armen hinausliefen und endlich lächelten. Aber es bedeutete keinen Trost, dass jeder um die Verrücktheit dieser Zeit wusste. Das Wissen allein brachte keine Erlösung. Die Menschen neigten zum Jähzorn. Männer brachen Schlägereien vom Zaun. Die Leute wurden schnippisch. Schmollten. Fehler passierten. Tore blieben offen. Essen verbrannte. Eine Niederlage beim Kartenspiel, ein zerbrochener Teller, jede Kleinigkeit konnte einen Streit auslösen. Sogar das Vieh war störrisch.

Lucy hatte sich schon oft gefragt, ob das Vieh drohende Gefahren erahnte. Es musste weit weg von den ausgetrockneten Flussbetten und ruhigen Wasserlöchern in die Sicherheit der höher gelegenen Gebiete getrieben werden, bevor die Regenmassen fielen, doch die Aufgabe war schwierig. Zu viele Tiere wurden störrisch, wehrten sich gegen die Eindringlinge, gegen die Peitschen und Flüche der Reiter. Tausende Stück Vieh wurden zusammengetrieben und umgelenkt, und Lucy wünschte, sie könnte dabei sein, helfen. Alles war besser, als im Haus zu sitzen, doch ihr Vater hatte ihr verboten, um diese Jahreszeit am Viehtrieb teilzunehmen.

»Zu gefährlich«, hatte er gesagt. »Das ist nichts für Mädchen.«

Ihre Mutter war der gleichen Meinung. Allerdings missbilligte Sibell Hamilton es ohnehin, dass Lucy ritt und mit den Männern arbeitete, da es angeblich nicht damenhaft war. Sie vergaß, dass sie früher einmal selbst mit dem Vieh gearbeitet hatte, wenn Hilfe nötig war. Zacks Schwägerin Maudie, die Besitzerin von Corella Downs, fühlte sich auch jetzt noch auf dem Pferderücken wohler als im Haus, dabei war sie schon fünfzig. Ein zähes altes Mädchen, dachte Lucy grinsend, im Busch geboren und stolz darauf, zu den »Pionieren des Territoriums« zu gehören.

Lucys Mutter und Tante waren wie Feuer und Wasser. Die in England geborene Sibell missbilligte Maudie Hamiltons raue Manieren, und sie schienen niemals einer Meinung zu sein, obwohl Zack die Ansicht vertrat, dass sich hinter all den Sticheleien echte Freundschaft verbarg. Jetzt, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, lebten noch immer nur wenige weiße Frauen im Outback, was in Sibells Augen umso mehr dafür sprach, sich hier zu behaupten und zu beweisen, dass ihr isoliertes Leben keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen sei. Sibell empfand übertriebenen Stolz auf ihre hausfraulichen Fähigkeiten. Das Wohnhaus von Black Wattle war kein Herrensitz, sondern ein weiträumiges Holzgebäude mit hohen Decken, breiten Veranden und einem rot gestrichenen Eisendach, das meilenweit zu sehen war, doch es wirkte gemütlich und war gut ausgestattet. Mit Hilfe ihres chinesischen Kochs und der schwarzen Hausmädchen bewirtete Sibell ihre wenigen Besucher gern im großen Stil. Lucy war das recht, doch sie konnte nicht akzeptieren, dass es ausgerechnet ihre Aufgabe sein sollte, durchs Haus zu schweben und die Pflichten und gesellschaftlichen Fähigkeiten zu erlernen, die einer jungen Dame zukamen. Sie hasste das Nähen, konnte weder malen noch Klavier spielen und las lieber romantische Romane als die »besseren« Bücher, die ihre Mutter in die Regale stellte. Aber sie liebte die Station, das Leben hier draußen gefiel ihr.

Lucy war hoch gewachsen, mit langem, blondem Haar, ebenmäßigen Zügen und einem schlanken, athletischen Körper. Die Leute nannten sie gut aussehend, obgleich Lucy selbst ihre Zweifel daran hatte. Sie war nicht hübsch wie die Heldinnen in den Groschenromanen, hatte keine Locken und so weiter. Zack behauptete immer, sie sei schön, aber das war kein Wunder: Ihr Vater vergötterte sie, er war stolz auf sie, weil sie gut reiten konnte, ob nun im Damen- oder Herrensattel, und bei den alljährlichen Rennen und Sportfesten Pokale gewonnen hatte…

Aber wo blieb er jetzt, ihr geliebter Vater? Hatte er sie vergessen? Jedes Jahr um diese Zeit zogen sie nach Darwin und verbrachten den Sommer in ihrem Strandhaus. Zwar konnte man den Wolkenbrüchen und der allgegenwärtigen Feuchtigkeit nicht entrinnen, doch in der angenehmen Atmosphäre der Vorweihnachtszeit und bei den jährlichen Treffen mit den alten Freunden von den anderen Stationen im Outback war alles leichter zu ertragen. Es war eine wunderbare Zeit für alle: eine wohlverdiente Ruhepause für hart arbeitende Männer, die sich mit ihren Freunden entspannen und so tun konnten, als sei es eine schwere Bürde, die Frauen zu all den Partys und Bällen zu begleiten, die schon im Voraus verabredet worden waren. Und für die Frauen war es eine Gelegenheit, endlich einmal wieder den Trubel und Spaß weiblicher Gesellschaft zu genießen, und was die jüngere Generation betraf… Lucy lächelte ein wenig selbstgefällig.

Die Sommermonate in Darwin waren als Zeit der »Brautwerbung« bekannt. Romantik und Liebe lagen in der Luft. »Und Lust«, fügte Tante Maudie stets in ihrer unverblümten Art hinzu. Es war einfach aufregend, und Lucy wollte um keinen Preis den Sommer in Darwin verpassen, da ein gewisser Herr endlich nach Hause kam, der beinahe zwei Jahre in London verbracht hatte. Ein überaus wichtiger junger Herr, der ihr während seiner Abwesenheit allmonatlich geschrieben hatte, ohne auch nur einen Brief auszulassen. Lucy Hamilton brauchte sich auf dem Heiratsmarkt nicht in die Gruppe der verfügbaren Mädchen einzureihen, denn die Liebe ihres Lebens kam nach Hause. Sie und Myles Oatley waren Freunde von Kindesbeinen an, und er hatte sie vor seiner Abreise gebeten, auf ihn zu warten.

In ihrem ersten Brief hatte sie ihm geschrieben, er brauche nicht erst darum zu bitten, sie werde auf ihn warten, ihre Liebe würde durch die Trennung nur noch süßer.

Ihre Eltern waren glücklich über die Verbindung, denn sie mochten Myles, den einzigen Sohn alter Freunde. Maudie jedoch hatte, typisch für sie, einen anderen Rat zu vergeben.

»Du solltest nicht herumsitzen und auf ihn warten. Beackere lieber das Feld. Mach dir eine schöne Zeit, hock nicht zu Hause wie eine alte Jungfer. Guter Gott, du bist gerade mal zwanzig. Solltest schon mehr als einen Freund gehabt haben. Und hör auf meine Worte, Lucy: Setz nicht alles auf eine Karte. Bestimmt kommt er völlig verändert aus London zurück und prahlt mit seinen schicken Freunden. Er wird kein Bushie mehr sein, er wird nicht mehr sein wie wir, wart’s ab.«

»Das ist doch lächerlich«, hatte Sibell eingewendet. »Seine Eltern sind in den Flitterwochen auf Weltreise gegangen, und als sie nach Hause kamen, haben sie sich augenblicklich auf der Oatley-Station niedergelassen, als wären sie nur eben um die Ecke gewesen. Sie haben nie so getan, als seien sie etwas Besseres.«

»Ja, aber sie waren auch zusammen unterwegs. Wenn er so scharf auf Lucy ist, könnte er sie doch heiraten und mitnehmen, oder?«

Lucy störten die unkonventionellen Vorschläge nicht. Sie fand sie eher amüsant.

»Sag mal, Maudie, warum hast du nicht wieder geheiratet?«, fragte sie, um von der Kritik an Myles abzulenken. »Du warst noch jung und Wesley ein Baby, als Onkel Cliff getötet wurde.«

»Jetzt werde nicht frech, Mädchen. Ich habe mich umgeschaut, das kannst du mir glauben. Aber jeder Bewerber, der mir über den Weg lief, hatte nur Augen für meine Station. Sie waren hinter Corella Downs her, nicht hinter mir, und ich konnte den Gedanken, dass jemand meine Station an sich reißt und den Boss spielt, nicht ertragen. Ich bin sie schnell losgeworden. Du solltest auch die Augen offen halten, Mädchen. Bist eine gute Partie. Black Wattle wird eines Tages dir gehören. Dann bist du eine Menge Geld wert.«

»Falls es dazu kommt«, lachte Lucy. »Und im Übrigen gilt das auch für Wesley. Dein Sohn ist älter als ich und noch immer ledig. Auf wen hat er es denn abgesehen?«

Ihre Diskussionen endeten immer auf diese Weise. Maudie ließ kein gutes Haar an Wesleys Freundinnen. Lucy bedauerte das Mädchen, das es mit einer Schwiegermutter wie Maudie aufnehmen musste.

Sie ging über die Veranda zum Schlafzimmer ihrer Eltern, als ihre Mutter rief.

»Ist Zack schon zu Hause?« Lucy trat durch die schlaff herabhängenden Spitzenvorhänge.

»Noch nicht.« Sie starrte ins Zimmer. Überall standen offene Kisten und Schrankkoffer.

»Was tust du da?«

»Ich packe.«

»Aber du hast doch schon gepackt. Dieses Zeug brauchst du in Darwin gar nicht. Und die Schrankkoffer passen ohnehin nicht in den Wagen!«

»Ich weiß. Ich lasse sie nachschicken.«

»Nachschicken? Das alles?« Sie spähte in einen weiteren Schrankkoffer.

»Der hier ist voll. Wir bleiben nur ein paar Monate, keine zehn Jahre.«

Sibell kippte eine Schublade mit Unterwäsche aufs Bett und setzte sich daneben. Sie schaute zu ihrer Tochter hoch.

»Ich habe versucht, genügend Mut zu fassen, um es dir zu sagen, Lucy. Ich gehe fort.«

»Fort? Wohin?«

»Ich werde nach Perth ziehen.«

»Wann?«

»Nach Weihnachten.«

Lucy ging durchs Zimmer und öffnete den großen Kleiderschrank. Zu ihrem Erstaunen war er leer.

»Das verstehe ich nicht. Was hast du vor? Urlaub machen?«

»Nein, ich gehe für immer«, erwiderte ihre Mutter ruhig.

»Unsinn. Daddy würde Black Wattle nie verlassen. Was geht hier wirklich vor?«

»Dein Vater geht nicht fort, sondern ich. Ich kann nicht mehr hier leben. Ich habe beschlossen, in Perth zu wohnen.«

»Wieso? Hattest du Streit mit Daddy? Mir ist aufgefallen, dass ihr beide in letzter Zeit ziemlich gereizt wart. Aber wegen eines Streits wirst du doch nicht aufgeben und weggehen. So schlimm kann es doch wohl nicht sein?«

»Wir hatten keinen Streit, nicht wirklich. Er weiß, dass ich gehe, und regt sich schrecklich auf.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Lucy schnippisch. »Was ist los mit dir? Bist du verrückt geworden?«

»Nein«, antwortete Sibell geduldig. »Mir ist diese Entscheidung sehr schwer gefallen, aber ich kann das Leben hier draußen nicht mehr ertragen. Ich bin es leid.«

»Was denn? Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst.«

Ihre Mutter seufzte. »Ach, Lucy, ich habe einfach alles satt… die Einsamkeit, den Staub, die Gewalt, die endlosen Schwierigkeiten…«

»Es war die Mäuseplage, nicht wahr? Stimmt, seitdem warst du irgendwie nervös. Aber das ist vorbei, es kommt so bald nicht wieder vor…«

Sibell schauderte. »Erinnere mich bitte nicht daran. Diese verdammten Biester, mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Im Haus, im Bett, überall. Aber sie waren nicht der wahre Grund, sie haben nur das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich möchte normal leben, in einem normalen Klima, die Straße entlanggehen, Geschäfte besuchen, wenn mir danach ist, all das. Ich bin fast fünfzig. Wenn ich diesen Schritt jetzt nicht wage, tue ich es nie.«

»Und was wird aus uns? Aus Daddy und mir? Willst du uns einfach so verlassen?«

»Ich werde in Perth sein. Du kannst mich besuchen.«

»Aber das hier ist dein Zuhause. Das kannst du nicht machen. Und Daddy sieht einfach zu?«

»Nicht direkt, das muss ich zugeben. Er nimmt es sehr schwer. Ich hatte gehofft, du könntest mit ihm reden. Ihm erklären, wie ich mich fühle.«

»Es ihm erklären? Dass ihn seine Frau verlässt? Das werde ich nicht tun! Ich kann einfach nicht glauben, dass du so selbstsüchtig bist. Räum die Sachen wieder ein! Ich will nichts mehr davon hören.«

Lucy schlug die Tür hinter sich zu, und Sibell schüttelte traurig den Kopf. Sie liebte die beiden, Mann und Tochter, aber sie waren keine Kinder mehr. Sie mussten verstehen, dass Menschen sich ändern können, Veränderung brauchen. Sie selbst sehnte sich verzweifelt danach. Aber das wollte sie nicht zugeben. Sie hatte versucht, Zack zu erklären, dass ihr Leben an einem toten Punkt angelangt war, dass sie eine neue Perspektive benötigte, doch er war ihr nur mit Verachtung begegnet.

»Neue Ufer, was? Jemand Bestimmten im Auge?«

»Das meinst du nicht ernst, Zack. Diese Bemerkung ist deiner nicht würdig. Ich werde dich immer lieben, aber…«

»Und das zeigst du mir, indem du mich verlässt.«

Er tat ihr Leid. Er konnte ihre Gründe einfach nicht begreifen. Die ganze Idee schien über seinen Horizont zu gehen.

»Ist es das Haus? Wir könnten es renovieren, ausbauen, wenn du möchtest. Was immer du willst.«

»Nein, das Haus ist sehr bequem. Verstehst du denn nicht, dass ich eine Veränderung brauche?«

»Dann mach verdammt noch mal Urlaub, wenn du von mir weg willst. Wird dir die Flausen schon austreiben.«

Warum war es so schwer, es zu erklären? Vielleicht, weil sie es selbst nicht genau in Worte fassen konnte. Manchmal, wenn sie in weniger guter Stimmung war, dachte Sibell, sie suche vielleicht nach etwas, das es gar nicht gab, doch sie wollte es unbedingt herausfinden. Vielleicht sehnte sie sich auch nach ihrer Jugend, nach dem jungen Mädchen, das in einem stillen englischen Dorf aufgewachsen war.

Sie seufzte. Jenes Leben war zu einem abrupten Ende gekommen, als ihre Eltern die fatale Entscheidung trafen, nach Australien auszuwandern. Sie war erst neunzehn gewesen, als sie beim Schiffbruch ihre geliebten Eltern verlor, und war an einer verlassenen Küste nördlich von Perth gestrandet, mit einem fremden Mann als einziger Gesellschaft. Dann die vermeintliche Rettung durch eine Horde Aborigines, deren Anführer ein bösartiger Mensch war, der sich mehr für ein Lösegeld als für ihr Wohlergehen interessierte. Nur mit Hilfe eines jungen Aborigine-Farmhelfers namens Jimmy Moon war ihnen die Flucht aus dem schmutzigen Lager geglückt.

Jimmy Moon, dachte sie traurig. Er war ihr Freund gewesen. Auch er kam einige Jahre darauf in den Norden, nachdem er in Schwierigkeiten geraten war. Es tat noch immer weh, an ihn zu denken.

Sibell selbst war in Perth gelandet und hatte bei schrecklichen Leuten gelebt, bis sie Zacks Mutter, eine wunderbare Frau, kennen lernte. Mrs. Hamilton war in die Stadt gekommen, um einen Spezialisten aufzusuchen, weil sich ihr Augenlicht zusehends verschlechterte. Da sie jemanden für die Buchhaltung benötigte, der ihr bei der Verwaltung ihrer großen Viehstation Black Wattle half, bot sie Sibell die Stelle an.

Sibell ertappte sich bei einem Lächeln. »Ich hatte ja keine Ahnung, worauf ich mich da einließ!«, erinnerte sie sich. »Was für ein Schock. Wir brauchten beinahe eine Woche für den Weg von Darwin. Zu Pferd! Damals gab es noch keine Eisenbahn. Es war noch schlimmer als der Schiffbruch. Ich dachte, ich sei ans Ende der Welt gelangt. Aber Mrs. Hamilton hatte wohl noch einen anderen Grund, mich auf ihre Station einzuladen. Ein Jahr später heiratete ich ihren Sohn.«

Sie hatte es nie bereut. Manchmal hatte sie zu kämpfen gehabt, gegen die Elemente, die Entfernungen, um den Erhalt und die Ernährung der großen Viehherden. Und dann der furchtbare Verlust ihres kleines Sohnes. So viele Dinge, die sie überstanden hatte, und ihr war die Station ans Herz gewachsen. Doch nun war es Zeit zu gehen. Als sie zum Mittagessen kam, war Lucy noch immer wütend.

»Bist du wieder bei Sinnen?«

»Können wir ohne diese Grobheiten darüber sprechen?«

»Na schön. Sag mir eins. Was hast du vorhin gemeint, als du von Gewalt sprachst? Ich weiß, mein Onkel wurde von Schwarzen getötet, bevor ich zur Welt kam, aber diese Art von Problemen gibt es heute kaum noch. Es gibt zwar Unfälle mit den Männern und Pferden, aber das kann überall passieren. Wie kommst du darauf, hier auf Black Wattle gäbe es Gewalt?«

»Es tut mir Leid. Ich habe das falsche Wort gebraucht. Vergiss es.«

Lucy, die hier geboren war, würde nicht verstehen, dass Sibell auch die weiten Entfernungen schwer zu schaffen machten. Ebenso das Wetter. Die Hitze, die Stürme. Die knochentrockenen Flussbetten. Die Einsamkeit. Der nächste Nachbar war drei Tage weit entfernt, wenn man ritt. Mit dem Wagen dauerte die Reise noch länger.

»Es ist eher das, was hier fehlt«, sagte sie. »Vororte. Ich möchte gern in einem Vorort leben.«

»Unsinn. Du würdest dich nach einer Woche zu Tode langweilen.«

»Das glaube ich nicht. Ich fühle mich hier so verloren. Ich weiß auch nicht, warum, aber mein Dasein hier deprimiert mich.«

»Du bist hier zu Hause! Was in aller Welt deprimiert dich? Mutter, ich glaube wirklich, du langweilst dich bloß. Wenn wir erst in Darwin sind, fühlst du dich besser. Nach den Sommermonaten in der Stadt freust du dich immer auf zu Hause.«

»Mag sein«, antwortete Sibell, um das Thema zu beenden. »Wir werden sehen.«

Die Tränen brannten ihr in den Augen, und sie drehte sich schnell zur Seite, um sie zu verbergen, aber es war zu spät. Lucy war blitzschnell bei ihr.

»Herrgott, Mutter, was ist? Geht es dir nicht gut? Ist es das?«

Sibell wünschte so sehr, sie könnte einfach sagen: »Ja, ich bin krank. Gib mir die Medizin. Morgen früh geht es mir wieder besser.« Das hätte sie den Anfällen von Kummer vorgezogen, die sie immer wieder überfielen, aber sie war nicht krank. Körperlich war sie kerngesund.

»Es geht mir ganz gut«, sagte sie. »Wirklich. Ich bin nur ein bisschen müde. Wahrscheinlich bin ich in letzter Zeit einfach erschöpft.« Sie tupfte sich die Augen und zwang ein Lächeln herauf. »Ja, du solltest dich ein wenig hinlegen. Ich will nicht, dass du unglücklich bist, Mutter. Vielleicht ist es auch nur das entsetzliche Wetter, die Hitze ist heute fast unerträglich. Rekordtemperaturen, würde ich sagen. Ein Nickerchen wird dir gut tun.« Sibell nickte.

»Ja, das werde ich tun. Danke, Lucy.«

__________

Endlich allein in ihrem Schlafzimmer, hinter verschlossenen Türen, brach sie in Tränen aus. Wie konnte sie irgendjemandem ihr Problem erklären, wenn sie doch selbst nicht wusste, was mit ihr nicht stimmte? Sie schämte sich dafür, dass sie, Sibell Hamilton, die eine liebevolle Familie, ein gutes Zuhause und so vieles besaß, für das sie dankbar sein sollte, so undankbar sein konnte, auch nur davon zu sprechen, dass sie fort wollte. Aber sie wollte fort, sie war fest entschlossen. Diese Anfälle von Kummer verfolgten sie inzwischen seit etwa zwei Jahren und wurden allmählich schlimmer. Wenn die Schwermut sie überkam, war sie keine angenehme Gesellschaft, hatte an nichts Freude und wurde schwierig im Umgang mit jedem, der ihr begegnete.

Zack hatte in seiner freundlichen Art versucht, mit ihr darüber zu sprechen, hatte sie gebeten, weniger ungeduldig zu sein, vor allem mit den Arbeitskräften auf der Station. Er wünschte sich so sehr, dass sie ihre gute Laune wieder fand, dass sie über kleinere Schwierigkeiten wieder lachen könnte, nicht alles so schwer nahm. Aber diese Gespräche endeten jedes Mal damit, dass sie vor ihrem ratlosen, aufgebrachten Mann in Tränen ausbrach. Einige Male hatte er versucht herauszufinden, was sie so unglücklich machte, hatte sie gefragt, was er tun oder sagen könnte, um ihr eine Freude zu machen, aber allmählich reagierte auch er gereizt auf das, was er ihre Launen nannte.

Sibell wusste, es lag nicht am Wetter. Sie hatte Jahre der Dürre überlebt, ohne so zusammenzubrechen, und sie wusste jetzt schon, die Ferien in Darwin würden keine Lösung bringen. Im letzten Jahr hatte sie gehofft, der Seewind würde ihre Verzweiflung einfach davonwehen, aber es war nicht geschehen, und da begriff sie, dass ihr vor der Rückkehr auf die Station graute. Mittlerweile hatte sie ein Jahr lang Zeit gehabt, über den Grund für ihre furchtbare Schwäche nachzudenken, die ihr so peinlich war: Sie war doch wirklich immer eine starke Frau gewesen. Aber sie fand keine Antwort. Es gab keinen Grund für ihre Schwermut, keinen einzigen, und deshalb gab es nur eine Erklärung: Sie war dabei, den Verstand zu verlieren.

Aber sie dachte nicht im Traum daran, das irgendjemandem gegenüber zuzugeben. Niemals würde sie ihnen sagen, dass sie verrückt wurde. Sie würde der Sache ein Ende bereiten, ein Mittel finden, um gesund zu werden, und deshalb musste sie nach Perth. Sibell war sicher, dort würde sie sich besser fühlen, glücklicher, entspannter in der städtischen Umgebung, und inzwischen freute sie sich auf den Umzug, obwohl Zack und nun auch Lucy so sehr dagegen waren.

Sie goss Wasser aus dem Krug auf dem Waschtisch in die Schüssel und benetzte Gesicht und Hals, um vorübergehend ein wenig Kühlung zu finden; dann legte sie sich mit einem feuchten Tuch über den Augen aufs Bett und hoffte, wie immer, auf das Wunder: dass sie von diesem Bett als glückliche, vernünftige Frau aufstehen würde und alles in ihrer Welt wieder am richtigen Platz stünde.

__________

Lucy kehrte auf die Veranda zurück und lief die Stufen hinunter zu den Stallungen. Der Gedanke an die verrückte Idee ihrer Mutter, die Station zu verlassen, beunruhigte sie noch immer. Unterwegs traf sie Casey, den Vorarbeiter.

»Ah, Lucy. Ich wollte zu dir. Dein Vater wurde aufgehalten.«

»Was ist passiert?«

»Nichts Besonderes. Er musste helfen, Vieh von Big Run bis Campbell’s Gorge zu treiben.«

»O nein! Woher weißt du das?«

»Er hat ein paar von unseren Schwarzen auf dem Viehweg getroffen und sie mit der Nachricht zurückgeschickt. Damit wir uns keine Sorgen machen.«

Lucy war außer sich. »Sorgen? Ich könnte ihn erwürgen. Was zum Teufel denkt er sich dabei? Sollen wir hier eingeschlossen werden?«

Casey grinste. »Es ist noch viel Zeit. Der Regen ist noch weit.«

»Ach, wirklich?« Lucy wandte sich um und deutete auf eine graue Wolke in der Ferne. »Und was ist das, bitte schön? Etwa Rauch?«

»Nein, aber das ist nur der Anfang. Dauert noch eine Weile, bevor das Wetter umschlägt, und dann ist es noch lange hin, bis die Flüsse anschwellen. Du wirst bald unterwegs sein.« Er ging weiter und drehte sich noch einmal um. »Ich habe gehört, der junge Myles Oatley wird zurückerwartet. Dreht sich das ganze Theater um ihn?«

»Natürlich nicht.« Sie stapfte davon. Verdammt. Verdammt. Verdammt! Es würde Tage dauern, bevor sie aufbrechen konnten, je nachdem, wie weit sich die Treiber der Schlucht bereits genähert hatten, und hier gab es nicht mehr viel zu tun. Außer vielleicht, mit ihrer Mutter zu reden und sie auf diese Weise hoffentlich zur Vernunft zu bringen.

2

Die Wände der Schlucht wuchsen so steil aus der Erde, dass das menschliche Auge sie nicht mit einem Blick erfassen konnte; mächtige, rot gestreifte Zwillingstürme, die sich emporreckten, bis das schmale, blaue Band über dem Spalt nicht mehr Himmel war, sondern ein Dach, das eine machtvolle Hand über die Schlucht gestülpt hatte.

In der Tiefe beugten sich hohe Palmen, zwergengleich vor den ungeheuren Ausmaßen dieser Schlucht, über eine Reihe von Wasserlöchern im zwei Meilen langen Sandboden der Höhle und verliehen der schroffen Umgebung Anmut und einen Hauch von Exotik.

Yorkey starrte die Bäume an, fragte sich, wie sie hier überleben konnten, wo es Hitze und Wasser im Übermaß, aber nur wenig Nahrung gab. In der Regenzeit mussten sie sich mit Gewalt in der Erde festklammern. Viele der Bäume waren noch jung, mager, reckten sich zum Licht, sobald sie Halt gefunden hatten, erschufen Jahr um Jahr eine kleine Oase. Ein Wunder. Doch die Schlucht selbst war schon ein Ehrfurcht gebietendes Wunder. Dieser Ort strahlte Stärke und Macht aus. Er wirkte kühn und standhaft. Yorkey hatte das Gefühl, er müsste jubeln, nur weil er hier war. Weil er diesen Ort überhaupt gefunden hatte.

Seine Mutter hatte ihm die berühmte Legende aus der Traumzeit erzählt, in der sich die Geister über zwei Stämme ärgerten, die um Land stritten, und daher die Erde spalteten, um den Streit zu schlichten. Dabei hatten sie jedoch ein Liebespaar getrennt, und der junge Mann hatte sich aus lauter Verzweiflung in die Schlucht gestürzt. Er hatte den Waray angehört, dem Volk von Yorkeys Mutter, und deshalb beanspruchten sie die Schlucht als ihr Eigentum. So war Yorkey die Geschichte im Gedächtnis geblieben. Sie hatte ihm selten solche Dinge erzählt, nur wenn ihr danach war, und erklärt, die Schlucht trage verschiedene Namen in den Sprachen der Völker, da sie so bedeutend sei. Mittlerweile hatte Yorkey fast alle diese Namen vergessen, wenn er sie überhaupt je verstanden hatte. Immerhin war er in der Welt der Weißen aufgewachsen…

Sehnsüchtig betrachtete er nun die hohen Wände mit den Felsvorsprüngen und wünschte sich, er hätte besser zugehört. Es wäre interessant, die Geschichte genau zu kennen. Wer waren diese Geister? Vermutlich hatten überhaupt nur Geister, keine Menschen, die Schlacht ausgetragen, da sie in die Tiefen der Zeit zurückreichte. Yorkey glaubte an die allmächtigen Geister der Aborigines, die sich nicht vom Gott der weißen Menschen unterschieden, der ebenfalls mit Blitzen zuschlagen konnte, bezweifelte aber, dass sie in den Kämpfen der Menschen Stellung beziehen würden.

Seine Mutter hatte ihm erzählt, diese Schlucht sei heute unter dem Namen Campbell’s Gorge bekannt, nach dem weißen Mann, der sie entdeckt hatte. Manchmal wurde sie auch das »Tal der Träume« genannt. Unter diesen Namen kannte Yorkey die Schlucht. Seine Mutter hatte das alles freilich als Beleidigung aufgefasst. Entdeckt! Als habe sie niemand zuvor gesehen. Als hätten nicht Tausende von Generationen ihres Volkes jeden Zoll darin erforscht.

Yorkey grinste. Sie hatte nicht Unrecht, doch er konnte nichts daran ändern. Ihre Erzählung war wichtig, und sie hatte nicht übertrieben. Die Schlucht war ein ungeheurer Anblick. Atemberaubend. So verschwommen ihre Erinnerung auch gewesen sein mochte, sie entsprach der Wirklichkeit. Yorkey liebte diesen Ort und wünschte sich, er könne es ihr sagen und damit ein Lächeln auf ihr verhärmtes Gesicht zaubern.

Er seufzte, führte sein Pferd an ein Wasserloch und watete selbst hinein. Die Kälte des Wassers an diesem warmen Tag traf ihn wie ein Schock.

Doch er war im Auftrag der Weißen hier, zum Trödeln blieb keine Zeit.

Yorkey war Viehtreiber in Paddy Milligans Mannschaft, und sie mussten eine Viehherde durch die Schlucht treiben. Eine große Herde, die zwei Tagesritte hinter ihm lag. Paddy war ein erfahrener Treiber, einer der besten, und er hielt sich an eine Regel, wenn er durch fremdes Land wie das Nordterritorium zog, das weiter westlich lag, als er je zuvor gewesen war…

»Du holst dir Einheimische, die sich auskennen, dann reitest du vor und prüfst es nach, als hätte dir ein Ire den Weg erklärt. Ein Yard könnte ebenso gut eine Meile sein, eine feuchte Stelle ein Sumpf.«

Paddy war stolz, dass er seine Schutzbefohlenen stets sicher ans Ziel brachte.

Yorkey fiel es schwer, sich in Campbell’s Gorge auf die Arbeit zu konzentrieren. Dieser Ort war einfach unglaublich. Obgleich er nie eine Kathedrale gesehen hatte, stellte er sie sich ungefähr wie diese Schlucht vor, nur kleiner. Aber voller Geister.

Während er in glucksenden, nassen Stiefeln über flache Felsen und Steinblöcke stieg, spürte er bei diesem Gedanken ein Kribbeln im Rücken.

Unheimlich. Eine verlorene Welt. Felskängurus hüpften über die schroffen Hänge, vollkommen lautlos. Ein Adler segelte anmutig in seinen sicheren Horst auf einem Felsvorsprung. Eine große Eidechse glitt auf die sonnige Seite eines Felsens und blieb still sitzen, still wie das Wasser in den Teichen.

»Hallo!«, rief Yorkey plötzlich und lauschte dem Echo, das von den steinernen Wänden widerhallte, doch als sein Ruf verklang, meinte er, eine Antwort zu vernehmen, eine verzerrte, fremde Stimme. Er schaute hoch, legte die Hand über die Augen, suchte Simse, Vorsprünge und massive Säulen aus Stein ab, bemerkte die verblichenen Schichten, an denen man das Alter der Schlucht ablesen konnte, sah aber nichts. Niemand.

Er versuchte es noch einmal mit dem Buschruf. »Coo-ee!« Dieser oft verwendete Ruf hallte mit Sicherheit weit und wurde mit einem dröhnenden Echo belohnt. Seine scharfen Ohren vernahmen ein fernes, doch deutliches »Ho«, das sich mit seinem Echo zu vermischen schien.

Der Laut stammte nicht von einem Tier. Es war eine Stimme. Dort war jemand. Aber wo in diesem ungeheuren Schallkessel?

»Wo bist du?«, brüllte er, und auch dieses Echo dröhnte um ihn herum, doch diesmal hörte er nur sich selbst. Er versuchte es wieder und wieder, gab aber schließlich auf. Irgendein Idiot, der sich wichtig nahm. Zum Teufel mit ihm!

Die Einheimischen hatten Recht. Eine Abkürzung durch die Schlucht ersparte ihnen eine ganze Woche. Sie konnten die Herde mühelos über den flachen Grund treiben, wenn sie es langsam angehen ließen und nicht alle Tiere auf einmal in Gang setzten. Das Vieh würde sich wie im Himmel fühlen, Schatten, flache Wasserlöcher. Vermutlich würde die riesige Herde die Schlucht trocken trinken, dachte er.

Doch Yorkey ließ sich von den schroffen Wänden der Schlucht nicht täuschen. Er hatte sein Leben lang im Norden dieses Landes gelebt, lange genug, um sich der Gefahren der Regenzeit bewusst zu sein.

»Von wegen weites, trockenes Land«, sagte er zu seinem Pferd, als er sich in den Sattel schwang. »Eine Falle für Anfänger, sonst nichts. Aber im Moment ist sie noch sicher.«

Misstrauisch betrachtete er die steilen Felsmauern. Selbst die gewaltige Kraft, die dieses Plateau gespalten hatte, änderte nichts an den Fluten des Monsuns, die Steine legten Zeugnis davon ab. Über die Wände der Schlucht zogen sich senkrechte grünliche Linien, Rippen, die wie Spalten im Fels wirkten. Yorkey wusste aber, dass es sich in Wirklichkeit um Wasserrinnen handelte. Jetzt waren sie knochentrocken; in der Regenzeit jedoch würden ungeheure Wasserfälle von diesen Wänden stürzen.

Er drehte sich um und untersuchte die Verfärbungen der Felsen, die sich auf seiner Höhe befanden. Bei Regen würden sich tobende Fluten durch diese Schlucht wälzen.

Irgendwo dort oben sammelte sich das Wasser, und die gestreiften Rinnen sandten aus großer Höhe donnernde Sturzbäche hinab, die die Schlucht nicht mehr fassen konnte. Das Wasser würde meterhoch stehen, bevor es in die Ebenen ablief und den Viehzüchtern des Bezirks den ersehnten Segen brachte. Die Schlucht hingegen würde monatelang unpassierbar bleiben.

»Na gut«, sagte Yorkey, während er seinem Pferd die Sporen gab. »Wir sollten uns wohl beeilen.«

Er verabschiedete sich nur ungern von diesem wundersamen Ort, irgendwann würde er zurückkehren und hier eine Weile sein Lager aufschlagen. Die Schlucht faszinierte ihn, genau wie seine arme Mutter, dachte er, aber in einer anderen Weise. Sie hatte ihre Sitten, ihre Erinnerungen, seltsame Dinge, die mit ihrem Volk zu tun hatten. Er selbst empfand es anders. Das Gefühl würde ihn wieder herlocken, dessen war er sicher, konnte es aber noch nicht in Worte fassen. Vielleicht war es eine Art Bewunderung. Yorkey hatte bisher nicht viel Bewundernswertes kennen gelernt. Er war nur ein »Abo«-Treiber, irgendein Kerl, der auf den Viehrouten unterwegs war, und damit hatte er noch Glück gehabt. Viele andere »Abos« hatten es weitaus schlechter getroffen. Wie auch immer, er bewunderte diese Schlucht, welchen Namen man ihr auch geben mochte.

__________

»Bist du sicher, dass wir durchkommen?«, wollte Paddy wissen.

»Ja, kein Problem.«

»Keine Sümpfe?«

»Nein, der Boden ist aus Sand. An manchen Stellen etwas schmal, aber wir schaffen es, Paddy. Nach und nach.«

»Bist ein braver Kerl, Yorkey. Geh zum Küchenwagen. Wahrscheinlich hast du seit Tagen nichts Richtiges gegessen.« Er lachte. »Außer, du hast Buschfutter verschlungen.«

Das war ein privater Scherz zwischen ihnen. Obwohl er ein Aborigine war, hatte Yorkey nicht den blassesten Schimmer vom Überleben im Busch und hielt auch nichts vom Essen der Schwarzen, das er mehr als einmal probiert hatte.

Die seltsame Stimme hatte er Paddy gegenüber nicht erwähnt. Auf dem Ritt zurück hatte er darüber nachgegrübelt und war zu der Ansicht gelangt, dass er sie sich vielleicht nur eingebildet hatte. Niemand war dort gewesen. Die Schlucht war so leer wie ein Pub ohne Schnaps. An diesem eigenartigen Ort konnte man sich alles Mögliche einbilden.

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Zack wischte sich mit einem Tuch den Schweiß vom Gesicht und blinzelte unter der Krempe seines ramponierten Hutes zu dem wogenden Meer aus Vieh, das vor ihm herzog. Dank Milligans Erfahrung und der Bereitwilligkeit, mit der er Anweisungen befolgte, bewegten sich die Tiere in stetem Tempo. Der Karte nach zu urteilen, schien die Entfernung zur Schlucht um die hundertfünfzig Meilen zu betragen, doch das Terrain war trügerisch. Sie liefen Gefahr, kostbare Zeit zu verlieren, wenn sie das Vieh in Wasserrinnen trieben, die in Sackgassen endeten, oder über rauen, felsigen Boden, der sich unter hohem Straußgras verbarg. Zack, dem seine eigenen häuslichen Sorgen zu schaffen machten, bemühte sich, keine Minute zu verlieren. Er hatte Milligan angewiesen, kurz vor der Schlucht die Herde in drei Gruppen zu teilen, um eine Stampede zu vermeiden, wenn die Tiere das Wasser witterten. Der tiefe Canyon verfügte gewiss über eine Reihe von Wasserlöchern, selbst nach einer außergewöhnlich starken Trockenzeit. Die Schlucht war prachtvoll und als Abkürzung durch eine Kette von Sandsteinhügeln von großer Bedeutung, aber auch gefährlich. Oft bekam das Vieh aus heiterem Himmel Angst dort drinnen, vielleicht, weil es sich vor dem Echo der eigenen Hufe fürchtete, und musste sorgsam in Schach gehalten werden.

Dann gab es die Gefahr von Erdrutschen von den steilen Hängen. Sie konnten Chaos verursachen, waren zu dieser Jahreszeit aber selten. Oft büßten die Wände der Schlucht durch das Gewicht des Auffangbeckens in der Regenzeit ihre Festigkeit ein, so dass Erdrutsche auch nach dem Rückgang des Wassers zu befürchten waren. Zack war immer vorsichtig und pflegte die Schlucht für mindestens einen Monat nach Ende der Regenzeit zu meiden, bis wieder absolute Trockenheit herrschte.

Er ritt am Ende der ersten Herde, sah zu, wie sich das Vieh zerstreute, durch das Gebüsch am Rande der alten Route brach, sich mit seinem ungeheuren Gewicht einen Weg bahnte, als plötzlich ein Bulle weiter vorn ausbrach und andere Tiere mit sich zog. Die Abtrünnigen drängten hartnäckig nach links, wurden schneller, strebten in den Busch. Zack wendete sein Pferd und folgte ihnen, doch ein schwarzer Viehtreiber war schneller.

Mit knallender Peitsche trieb er sein kleines Treiberpferd durch die Büsche, an der Herde vorbei genau auf den flüchtenden Bullen zu. Das Pferd schien um den Anführer herum zu tanzen, was den schweren Bullen ebenso wie die Peitsche störte, und allmählich bog er wieder in Richtung der Herde, gefolgt von seinen Mitläufern. Inzwischen hatte Zack sie eingeholt und trieb die Tiere mit seiner langen Viehpeitsche in die Menge, ohne auf das wütende Brüllen und Muhen zu achten.

Der Zwischenfall hatte allgemeine Unruhe gestiftet, und weiter vorn konnte Zack durch die Staubwolken Milligan erkennen, der an den Flanken entlang galoppierte, um ein erneutes Ausbrechen zu verhindern.

»Danke, Kumpel.«

Zack sah sich um und erblickte den schwarzen Treiber. Er lachte.

»Du hast das schon richtig gemacht. Hättest mich nicht gebraucht, Junge. Nettes kleines Tier, das du da hast.«

»Ja, ist eine echte Schönheit.«

»Du arbeitest auf Big Run?«

»Nein, ich bin Treiber. Bin jetzt seit zwei Jahren bei Paddy. Wir arbeiten meistens von Katherine aus, aber er bekam den Auftrag, die Herde hinzubringen. Hat sich gefreut wie sonst was, dass er sich mit den Bossen in Victoria River gut steht. Gibt sicher viel Arbeit da.«

Zack war fasziniert. Der junge Bursche war ein waschechter Aborigine, kein Zweifel, hatte die gleichen breiten Gesichtszüge und den hoch gewachsenen, drahtigen Körper wie die meisten Schwarzen dieser Gegend, sprach aber nicht das übliche Pidgin-Englisch, das die meisten von ihnen benutzten.

»Wie heißt du?«

»Yorkey.«

»Woher kommst du?«

»Von überall her.«

»Ich meine, von welchem Stamm?«

»Was geht dich das an?« Zack war verblüfft. Als Besitzer von Black Wattle war er an derartige Zurückweisungen nicht gewöhnt, schon gar nicht von Seiten eines Schwarzen.

»Nichts. Ich wollte mich nur unterhalten.«

»Na denn«, sagte Yorkey schulterzuckend. Er trieb sein Pferd an, um ausbrechende Tiere wieder in die Herde zu lenken.

Zack schaute ihm nach. »Da hol mich doch! So ein frecher Kerl.«

__________

Yorkey schämte sich. Warum hatte er bloß so etwas Dummes gesagt? Wollte sich ein bisschen wichtig machen, das war alles. Dem Neuen zeigen, wo es lang ging. Wieso hatte er nicht wie üblich »weiß nicht« geantwortet? Das gefiel den Weißen, sie konnten die Stämme ohnehin nicht auseinander halten. Yorkey hatte seinen Vater nie kennen gelernt, er war vor seiner Geburt gestorben, war aber ein wunderbarer Mann, ein großer Mann gewesen. Vom Volk der Whadjuck. Doch wenn man den Weißen am Lagerfeuer davon erzählen wollte, erntete man nur Hohn und Spott…

»Ho! Ho! Wo juckt es, Yorkey? Am Rücken? Am Hintern? Oder sonst wo?«

Und das war noch harmlos. Wenn man sich dann ärgerte, galt man als humorloser Spielverderber. Er hatte jedoch fasziniert ähnliche Gespräche der Weißen mit angehört und festgestellt, dass viele von ihnen mit Schiffen aus anderen Ländern gekommen waren. Zuerst hatte er geglaubt, sie gehörten verschiedenen Stämmen an, doch sie sahen alle gleich aus und sprachen dieselbe Sprache. Irgendwie rätselhaft, doch Yorkey verlor das Interesse und fragte nicht nach.

Mit brennenden Ohren trabte er durch den Busch, um die Flanke der Herde an einer anderen Stelle zu schützen, mindestens eine halbe Meile von dem Burschen entfernt, der so höflich mit ihm gesprochen hatte. Doch er hatte auch gesagt, er wolle sich nur unterhalten. Meinte er damit, dass es ihn eigentlich gar nicht interessierte?

Andererseits wusste Yorkey, dass er nur nach Ausflüchten suchte. Er ließ das Pferd dahintraben und dachte an seine Mutter…

»Dein Vater war ein Whadjuck-Mann, nicht der Weiße, den wir jetzt hier haben. Und auch nicht der davor. Der Erste hat mich schnell rausgeworfen, als er erfuhr, dass ich ein Baby bekomme und dass es nicht seins war. Hat mich schlimm verprügelt. War ihm zu nichts mehr nütze.«

Anscheinend hatte sie irgendwo in dieser Gegend auf einer Station als Hausmädchen gearbeitet. Zur Zeit der Wanderung durfte sie wohl die Schlucht mit ihren Angehörigen besuchen. Als sich herausstellte, dass sie schwanger war und keinen Mann vorweisen konnte, hatte sie sich so geschämt, dass sie mit einem Viehtreiber davongelaufen war.

»Dein Daddy ist gestorben. Ich habe mich nicht getraut, seinen Namen zu nennen, nicht mal seinen Weißen-Namen. Wozu auch? Er war fort.«

»Wie lautete sein Weißen-Name?«

Sie hätte gelächelt, war ehrlich stolz gewesen. »Er hatte nicht bloß einen Namen wie wir, er hatte zwei, wie die Weißen. Er hieß Jimmy Moon.«

Yorkey hatte oft daran gedacht. Eigentlich sollte auch er nach dem Gesetz der Weißen den Namen seines Vater tragen und sich Yorkey Moon nennen. Doch sie hatte niemandem davon erzählt, man würde daher glauben, er habe sich seinen Namen nur ausgedacht.

Sie hieß Netta. Den zweiten weißen Mann hatte sie als ihren Ehemann bezeichnet, doch eine Heirat hatte nie stattgefunden. Sie war sein »schwarzer Junge«, so nannte man schwarze Eingeborenenfrauen, die ihr Haar kurz trugen, sich wie Jungen kleideten, ihr Bett mit dem Mann teilten und für ihn mit dem Vieh arbeiteten, kochten und putzten. Als »Ehemann« war Alfie Dangett gar nicht mal so schlecht gewesen, vermutete Yorkey. Sie durfte immerhin ihr Kind mitbringen, das Kind, das er nach seiner Heimatstadt York benannt hatte, doch Yorkey und Netta hatten ihn immer »Boss« genannt. So lief das eben. Als Yorkey zwölf gewesen war, war Netta beim Sturz von einem Pferd gestorben.

Nie würde Yorkey die Nacht vergessen, als die Männer ihre Leiche ins Lager brachten, in eine Pferdedecke gehüllt. Er war entsetzt gewesen, auch ungläubig, hatte mit offenem Mund dagestanden, bis ihn die Erkenntnis traf und er zu schreien begann. Doch als er den Boss Alfie erblickte, der neben ihr kniete und weinte wie ein Kind, war er vor Schreck verstummt. Wer hätte geglaubt, dass ein Kerl wie Alfie einer Abo-Frau nachweinen würde? Er hatte sie nicht geschont, doch sie musste ihm tatsächlich etwas bedeutet haben. Ob sie davon gewusst hatte? Und wenn schon, die einzige Liebe ihres Lebens, Jimmy Moon, war längst dahingegangen.

»Dein Vater war ein Wanderer. Ein weiser Mann. Er kam von Süden her, aus Perth. Konnte Sprachen. Manche behaupteten, er sei ein Zauberer. Er durchquerte die großen Wüsten, wo sich nicht einmal die Weißen hinwagen. Ein großer Mann, und sehr schön. Du siehst aus wie er.« Komisch, wenn Frauen solche sentimentalen Sachen sagten.

Doch sie hatte nie erwähnt, wie Jimmy umgekommen war. Wohl ein Unfall, er war noch so jung gewesen. Und da er so angesehen war, hatten ihn seine weißen Freunde begraben wollen, doch die Ältesten ihres Volkes, der Waray, duldeten es nicht. Sie hatten ihn mitgenommen und nach den angemessenen Trauerriten bestattet.

Eine schlimme Sache war das gewesen.

Nachdem sie gestorben war, behielt ihn der Boss bei sich, ließ ihn im Küchenwagen mitfahren, Aushilfsarbeiten im Lager übernehmen, er kümmerte sich um die Pferde, flickte Leinwand… es gab viel zu tun, bis er alt genug war, um Viehhüter zu werden. In der Zwischenzeit nahm der Boss einen anderen »schwarzen Jungen« zu sich, doch sie war jähzornig und konnte kaum Englisch, suchte ständig Streit und brachte alles durcheinander. Schließlich trennte er sich von ihr. Dann begegnete er einer Weißen, die Alfie nur heiraten wollte, wenn er die Viehtreiberei an den Nagel hängte. Die Mannschaft zerbrach.

Damals befanden sie sich in Queensland. Yorkey heuerte bei anderen Treibern an und kehrte schließlich ins Territorium zurück, weil seine Mum große Stücke darauf gehalten hatte. Und so übel war das Leben als Viehtreiber auch nicht.

Er griff nach seiner Wasserflasche und nahm einen Schluck. Er freute sich schon, sie mit dem sauberen Wasser aus der Schlucht zu füllen.

Die Arbeit als Treiber bot einem viel Zeit zum Nachdenken. Er befand sich hier im Gebiet der Waray, der Heimat seiner Mutter, doch es war ihm erst aufgefallen, als er den Namen der Schlucht hörte. Sie hatte ihm von ihrer Zeit hier erzählt, den ersten sechzehn Jahren ihres Lebens, der einzigen Zeit, die ihr etwas zu bedeuten schien, als sei der Rest ihres Lebens nichts wert gewesen. Doch er konnte sich kaum noch an ihre Geschichten erinnern. Kinder hören nie richtig zu. Später jedoch zermarterte er sich das Hirn, um sich die Zeit zu vertreiben, suchte nach winzigen Bruchstücken des Wissens, die irgendwo in seinem Kopf steckten, verschwommen und undeutlich. Es wäre schön, eine Heimat zu haben, einen Ort, an den man gehörte. Es war geradezu Mitleid erregend, wenn er sich als Whadjuck bezeichnete. Niemand hatte je davon gehört. Doch die Waray gab es wirklich. Vermutlich hatte er sogar Verwandte in der Gegend.

Yorkey schüttelte die seltsame Stimmung ab. Und wenn schon? Wen interessierte es, wenn der arme, kleine Yorkey ganz allein auf der Welt war? Pech gehabt! Yorkey war stolz auf seine Härte. Er ließ sich nichts gefallen. Er war geschickt, konnte die meisten seiner Kumpel übertrumpfen. Bei einem Zeltkampf hatte er sogar zwei Pfund gegen einen Raufbold aus dem Süden gewonnen. Ihn k.o. geschlagen. Und die Menge hatte getobt! Danach hatten sich alle betrunken. Der Boss der Show hatte ihn sogar aufgefordert, sich der Truppe anzuschließen, doch Yorkey war nicht dumm. Was also hatte diese trübselige Stimmung hervorgerufen? Vermutlich die verdammte Schlucht. Hatte ihn bestimmt verhext, wie einen armen, alten Abo, der nicht von der Vergangenheit lassen kann.

Er legte die Finger an die Lippen und stieß einen schrillen Pfiff aus, um Paddy zu warnen. Der Weg hatte sich zu einem ausgetrockneten Flussbett erweitert. Sie waren nur noch eine Meile von der Schlucht entfernt. Es war Zeit, die Herde in die Länge zu strecken und das Tempo zu drosseln. Da kam ihm ein Gedanke. Der andere Viehhüter, der Fremde, hatte ihn gefragt, ob er von der Big Run käme. Was bedeutete, dass er selbst nicht von dort stammen konnte. Wer also war dieser Eindringling? Wo hatte Paddy ihn aufgelesen?

3

Fünf Männer zogen quer durchs Land. Sie bewegten sich schnell, ihre nackten Füße tappten leise über die harte, trockene Erde, die Körper waren staubbedeckt, die Gesichter kalt und grimmig. Sie waren seit der Morgendämmerung unterwegs, machten keine Umwege, drängten stetig voran über die ockerfarbenen Ebenen, aus denen sich vereinzelt bleiche Büschel Stachelkopfgras und verkümmerte Bäume erhoben. Am Horizont erschien die hohe Spirale eines Wirbelsturms, umfing sie mit einem verkleinerten Tornado aus pfeifendem Staub und Geröll, peitschte die nackte Haut, blendete sie fast, doch er zog schnell vorüber, und sie tauchten unversehrt wieder auf, dankbar für die klare Luft.

Sie rutschten die zerfurchte Böschung eines ausgetrockneten Flussbetts hinunter, die Füße tasteten nach Anzeichen von Feuchtigkeit und fanden sie, Hände gruben sich drängend eine Armlänge tief in die Erde, Wasser sprudelte, sie tranken. Dann zogen sie weiter, Meile um Meile im gleichen Tempo, die langen Jagdspeere störten nicht den Rhythmus ihrer Schritte. Sie schienen nicht auf die quälende Sonne zu achten, die sie den ganzen Tag verfolgt hatte, schließlich das Interesse verlor und in der Ferne verblasste. Reden kostete Kraft. Mimimiadie war der Anführer, sie mussten mit ihm Schritt halten an diesem fünften Tag ihrer verzweifelten Flucht.

Die Männer gehörten zu der berühmten, oder, wie die Weißen sagen würden, berüchtigten Horde vom Daly River, die in Wirklichkeit aus mehreren Stämmen bestand, denen das Gebiet am Fluss seit Urzeiten gehörte. Doch in den letzten Jahren hatte ein Krieg zwischen den weißen Siedlern, Viehtreibern und Goldsuchern des Territoriums und dem Eingeborenenvolk getobt, das seine Heimat nicht kampflos aufgeben wollte. Dass die neue Regierung, die Tausende von Meilen weiter südlich in Adelaide saß, auf eine humane Behandlung der Schwarzen drängte, wussten die meisten Aborigines nicht, und nur die wenigsten Weißen teilten diese Haltung. Es war ein verborgener, ein Guerillakrieg, der nur selten in den Zeitungen des Südens auftauchte, und wenn es doch geschah, versprachen Geschichten von mörderischen Überfällen durch schwarze Dämonen eine höhere Auflage und kitzelten die Sensationsgier der Bürger in den Vororten. Sie bekamen nicht genug von den blutigen Neuigkeiten und den Heldentaten der Pioniere des Nordens, die den schwarzen Horden standhaft entgegentraten.

Es interessierte niemanden, wenn die Berater der Königin im fernen London ihrem Entsetzen darüber Ausdruck verliehen, dass in dieser Kolonie ein Guerillakrieg tobte, und auf Einhaltung der Gesetze pochten. Mord war noch immer ein Verbrechen, daran sollten die Gerichte beide Seiten erinnern. Aber wie?

Der Vertreter der Regierung im Territorium hatte seinen Sitz in Darwin und war als »Der Resident« bekannt. Zurzeit hatte Lawrence Mollard, ein ehemaliger Staatssekretär für öffentliche Arbeiten, dieses Amt inne. Nach außen hin unterstützte er die Bitten der Parlamentarier in Adelaide, unternahm aber nichts gegen die Gewalttaten, die nach wie vor in seinem Zuständigkeitsbereich geschahen. Mollard fand es einfacher, derartige Berichte als übertrieben abzutun.

Und so ging der Krieg im Outback weiter.

Weiße Männer entführten schwarze Frauen, Schwarze schlachteten das Vieh der Weißen ab. Krieger wurden gejagt und erschossen, Wohnhäuser gingen in Flammen auf, ganze Familien wurden von Trupps weißer Männer umzingelt, die Erwachsenen erschossen, die »Brut« zu Tode geprügelt, um Munition zu sparen. Verletzte Weiße wurden in ihren Lagern ermordet. Die Vergeltung folgte auf dem Fuß. Suchtrupps erschossen blindlings Schwarze, wo immer sie sie fanden, während eine hoffnungslos unterbesetzte Polizei zur gleichen Zeit verzweifelt versuchte, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten, und einige der wahren Täter, weiß wie schwarz, verhaftete.

Die schnellen Wanderer, von denen hier die Rede ist, gehörten nicht unbedingt zum selben Clan, hatten aber ihre Familien versammelt, um zu überleben, und kümmerten sich nicht um feine Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen. Sie hatten einen Ältesten befragt, der die Verschmelzung unter den gegebenen Umständen befürwortete, allerdings hinzufügte, dass sich jeder an seine Traditionen halten solle.

Jeder Mann trug die Last seiner Trauer mit sich. Numinga, der älteste der Gruppe, empfand seine Trauer wie einen Speer, der nie die Erde berührt hatte. An dem Tag, als er seinen Vater in Ketten gesehen hatte, dem man aus Spaß noch zu essen gab, bevor man ihn erschoss, hatte der Speer die schmerzhafte Reise durch sein Herz angetreten und war ins Blaue geflogen, auf der Suche nach Frieden, nach einem Ort, wo die alten Zeiten wieder aufblühen würden. Obwohl Numinga verfolgt wurde, hatte er den Krieg satt und sehnte sich nach Frieden mit den Weißen.

Mimimiadie war ein erfahrener Vollblutkrieger, ein erbarmungsloser Kämpfer. Seine Frau war mit einer kleinen Gruppe auf die Jagd gegangen, doch als sie ins Lager zurückkehrten, entdeckten sie ihren zerschlagenen Körper in einem nahen Gebüsch. Er hatte sich gerächt, bevor die Frau begraben war, bevor noch die angemessene Trauerzeit begonnen hatte. Numinga wusste, Mimimiadie war ebenso gefährlich wie seine Gefährten Matong und Gopiny, doch was hätte er tun sollen? Nachdem sie zwei Goldsucher, die am Tod seiner Frau offensichtlich keine Schuld traf, aufgespürt und im Schlaf getötet hatten, hatte Mimimiadie erklärt, er führe den Krieg schlicht und einfach nach den Regeln des weißen Mannes. Auch seine Frau sei schuldlos gewesen.

Der junge Bursche Djarama, der ungefähr fünfzehn sein musste, war bei dem blutigen Überfall vor Schreck erstarrt. Er war aus einer Missionsstation geflohen, wo ihm die weißen Gottesmänner, erstaunlich genug, erklärt hatten, dass die Morde an Schwarzen falsch seien. Ein Verbrechen. Ein Verstoß gegen die Gesetze der Weißen. Diese Narren! In der Missionsstation wäre Djarama sicher gewesen, aber nein, ausgerechnet diese Erzählungen hatten ihn dazu getrieben, sich einen Speer zu schnitzen und gegen die Weißen in den Krieg zu ziehen, und er hatte sich dieser Horde angeschlossen.

Die Missionare vom Daly River hatten ihn als Kleinkind zu sich genommen, so dass er keinen Kontakt zu seinen Angehörigen mehr hatte. Er war überglücklich gewesen, dass ihn die schwarzen Männer und die nette Frau bei sich aufgenommen hatten. Doch sie war mittlerweile tot, und seit er ihren verstümmelten Körper gesehen hatte, war die Trauer ein ständiger Gast in seinen Augen. Er stand noch unter Schock, als Mimimiadie und seine beiden Gefährten mit den Goldsuchern kurzen Prozess machten. Und als er die Schreie hörte, krümmte er sich angeekelt zusammen.

Sie alle hatten Narben davongetragen, tiefe Narben, dachte Numinga im Gehen. Sie waren unwiderruflich gezeichnet. Die Stammeskriege der alten Zeit waren festen Regeln gefolgt, die von den Urvätern festgelegt worden waren, aus ihrem Verständnis der Traumzeit heraus. Landbesitz wurde selten in Frage gestellt, weil jeder Fels, jede Wasserstelle, jeder Hügel und jede Ebene eine eigene Geschichte besaß, einen Ort in der Überlieferung der Stämme. Störungen, Überfälle, Beleidigungen führten zu Schlachten, doch nie zu einer Zerstörung ganzer Stämme und Traditionen. Jetzt war ein neues Denken gefragt, auf das niemand vorbereitet war. Selbst die größten Zauberer und Ältesten, die man früher als Richter angerufen hatte, um Blutvergießen zu vermeiden, wussten keine Antwort, keine Lösung.

Während sie in die Abenddämmerung marschierten, brauchte Numinga die drei anderen nicht anzusehen, er kannte ihre Gefühle auch so. Sie waren im Durchschnitt zwanzig Jahre jünger als er, lebten aber in der Vergangenheit. Sie trugen die Bürde des Todes, das konnte er an den angespannten Muskeln ihres Rückens sehen, am Schwung ihrer Hüften, der Art, wie sie auftraten, am Gleichschritt, mit dem sie gingen. Er seufzte. Sie hatten zu viel gesehen, waren zu tief verletzt worden. Sie würden niemals nachgeben und als »zahme« Schwarze um Asyl bitten, wie so viele andere vor ihnen. Wie Numinga selbst. Gegen Verpflegung für die Weißen arbeiten. Sie waren Krieger, doch man würde sich an den Lagerfeuern der Zukunft keine Geschichten über sie erzählen, sie würden in dem Wirbelwind untergehen, der ihre Rasse verschlang.

Numinga trauerte an ihrer Stelle, konnte ihnen aber keinen Rat geben: Er wusste keinen Ausweg. Er selbst hatte die Lebensweise der Weißen vor Jahren ausprobiert, die Freundschaft eines Weißen angenommen, eines Viehzüchters. Er war fasziniert gewesen von all dem Neuen, von den Pferden, die ihm ans Herz gewachsen waren. Es hatte weh getan, als Mimimiadie auch die Pferde der Goldsucher mit dem Speer tötete. Er hatte dazwischen gehen wollen, doch man hatte ihn ausgelacht und beiseite gestoßen.

»Diese Tiere gehören nicht hierher. Sie haben keinen Platz in unserer Traumzeit«, hatte Mimimiadie gerufen. Und dies von einem Mann, der sich einige Wochen lang eines gestohlenen Pferdes gerühmt hatte, bis die Polizei es ihm wegnahm.

Numinga hatte auf der Station gearbeitet, fasziniert von dem Gedanken, dass die weißen Menschen derart luxuriöse Schutzhütten benötigten. Er hatte gelernt, wie man ein Pferd ritt, Vieh zusammen trieb, und beherrschte bald auch ihre Sprache. Er hatte sie gelehrt, Nahrung und Wasser in Gegenden zu finden, die sie als leere Wildnis betrachteten, und sich über ihre Unwissenheit amüsiert. Als sein Boss eine neue schwarze Frau mitbrachte, hatte er sich geschämt und schämte sich noch. Der Boss hatte keine Ehefrau und daher beschlossen, dass diese, die er von einem in der Nähe lebenden Stamm entführt hatte, ihm reichen würde. Er band sie an einen Baum, um sie zu zähmen, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Er hatte sie drei Tage dort gelassen, und Numinga hatte nicht gewagt, seine Missbilligung zu zeigen, brachte ihr aber etwas zu essen. Sie war ein schönes Mädchen, mit weicher Haut und zarten Zügen. Aber temperamentvoll. Sie hatte ihn angespuckt, seine Hilfe zurückgewiesen, geschrien und getreten, wenn der Boss sich lächelnd näherte. Als er sie schließlich freiließ, griff sie ihn mit Tritten und Bissen an. Daraufhin hatte er sie geprügelt. Zu sehr. Am Ende wies er seine Männer an, sie gehen zu lassen, was sie auch taten, nachdem sie den Verband von ihrem Kopf entfernt hatten. Denn sie war zu nichts mehr nütze. Mit ihrem zerschlagenen Hirn war sie zu einer Verrückten geworden, die auf Nimmerwiedersehen in den Busch taumelte. Die Scham. Die Schande, dachte Numinga trauervoll, selbst wenn es schon so lange zurücklag. Er hatte versucht, sich damit zu trösten, dass schwarze Männer mit ihren Frauen ebenso hart ins Gericht gingen, wenn diese gegen die Gesetze verstoßen hatten. Doch was hatte dieses Mädchen getan? Er versuchte, nicht mehr daran zu denken.

Kurz darauf war ein Trupp weißer Männer auf die Station gekommen, und der Boss hatte sie freudig willkommen geheißen. Doch diese Männer, die der berittenen Polizei angehörten, hatten sechs schwarze Gefangene dabei, die Ketten um den Hals trugen, genau wie sein Vater. Numinga war entsetzt gewesen. Er hatte geglaubt, die Zeiten seien vorbei. Man ließ sie über Nacht am Pferdetrog, doch ohne Wasser, so dass er sich in der Dunkelheit hinausstahl und jedem Mann einen Krug Wasser brachte. Er war froh über ihre Dankbarkeit.

Doch später in der Nacht waren die betrunkenen weißen Männer, darunter auch sein Boss, aus dem Haus gewankt, hatten die Gefangenen freigelassen und dann auf die Flüchtenden geschossen und gejubelt, wenn einer getroffen zu Boden stürzte.

Am nächsten Morgen zogen die Besucher fröhlich weiter, nachdem sich der Boss ohne ein Zeichen der Reue von ihnen verabschiedet hatte.

Numinga hätte sein Gewehr benutzen können. Er wusste, wie man damit schoss, hatte verletztes Vieh getötet, um die Dingos fern zu halten. Die vier weißen Viehhüter besaßen Waffen und Munition; ihre Gewehre hingen an einem Brett neben der Küchentür. Er hätte sich ohne weiteres eine Pistole, ein Gewehr oder eine Schrotflinte besorgen können, doch das war nicht richtig. Er nahm sich Zeit, einen Speer zu schnitzen, einen Kriegsspeer mit fein geschliffener Steinspitze, so wie es die Tradition vorschrieb, keinen der langen Nägel, wie man sie in letzter Zeit von den Weißen gestohlen hatte. Es war ein schöner Speer, der beste, den er je gemacht hatte, und seiner Mission durchaus angemessen.

Eines Tages ritt Numinga mit seinem Boss weit in den Busch. Plötzlich rammte er ihm den Speer in den rechten Arm, damit er die Schusswaffe beim Sturz nicht erreichen konnte.

»Du hättest die Schwarzen nicht niederschießen sollen, einfach so«, sagte er, um die Hinrichtung anzukündigen. Und den Rest besorgte sein neuer Speer.

Auf Numingas Kopf war seit Jahren ein Preis ausgesetzt. Er hielt sich aus Angst vor Rache von seinen eigenen Leuten fern und zog mit verschiedenen Horden umher, wobei er nach Lust und Laune seinen Namen änderte. Doch seltsamerweise kannten ihn die Weißen nach all den Jahren noch immer als Neddy, den Mörder. Neddy, dachte er seufzend. So hatte ihn der Boss immer genannt. Irgendwie war der Name hängen geblieben. Nun war er auf dem Weg nach Osten, entzog sich den Trupps der Weißen, die unvermeidlich auftauchen würden, um sich wieder einmal an jedem beliebigen Schwarzen zu rächen, der ihnen über den Weg lief. Auch dies machte Numinga Kummer, lastete schwer auf seinem Herzen. Manchmal dachte er, es sei einfacher, dem allem ein Ende zu bereiten, doch sein Überlebenstrieb war ebenso stark wie sein Körper, und sein Verstand war immer noch wach und neugierig.

Sie hatten kein bestimmtes Ziel vor Augen, würden irgendwo ihr Lager aufschlagen und die bevorstehende Regenzeit abwarten. Auf hoch gelegenem Gelände. In ihrem eigenen Gebiet wären sie Gefahr gelaufen, vom Wasser eingeschlossen zu werden, eine leichte Beute für bewaffnete Reiter. Irgendwann müssten sie weiterziehen, und dann, so hoffte Numinga, würde er sich von den anderen trennen und den Jungen Djarama mitnehmen. Beide beherrschten die Sprache des weißen Mannes und seine Gebräuche, sie konnten mit den Weißen leben. Als Viehhüter arbeiten, unten im Süden, nahe der Wüste. Er musste sich des Jungen annehmen, ihn von den sinnlosen Kriegen ablenken, selbst wenn er dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzte. Er lächelte grimmig. Die weißen Männer hatten ein gutes Gedächtnis und waren erstaunlich klug, wenn es darum ging, Schwarze wiederzuerkennen. Sie hatte ihn mehr als einmal erwischt, doch er war immer geflohen. Wenn er Djarama vor ihren Gewehren retten konnte, würde sein eigenes Leben als Flüchtling vielleicht einen Sinn bekommen.

Er sah zu, wie Mimimiadie über Felsen zu einem hohen Grat emporkletterte, der sich vor dem rosig schimmernden, dämmrigen Himmel abzeichnete. Der Aufstieg war beschwerlich, die Hänge länger, als sie erwartet hatten, sie mussten Felsspalten und Sackgassen umgehen, in denen Steinblöcke sie am Weiterkommen hinderten. Jeder Mann ertastete sich seinen eigenen Weg empor zum finsteren Gipfel.

Sie schlugen ihr Lager auf und entdeckten am Morgen, dass sie sich auf einem riesigen, zerklüfteten Plateau befanden, das bis zum Horizont reichte. Erfreut betrachteten sie das flache Land, das sich bis in die Unendlichkeit ausdehnte. Dies war Adlerland. Hier konnte niemand sie überraschen. Es war gutes Land, das genügend Nahrung bot, überall huschten Kleintiere umher, Schlangen und Eidechsen dösten in der Sonne. Und es gab Wasser. Sie stießen auf kleine Teiche in den Felsen, die kostbares Wasser enthielten. Sie untersuchten die felsigen Höhen und gelangten zu dem Schluss, dass dieses Gebiet niemals die bevorstehenden Regenfluten aufnehmen könnte. Dennoch waren sie sicher, die klobigen Felsblöcke boten Schutz, und vor allem würde kein Weißer dieses Land für sich beanspruchen. Als Weide war es ungeeignet. Dennoch, der Regen musste irgendwo abfließen, und die Hänge, über die sie gestiegen waren, hatten keinerlei Spuren von Wasserfällen aufgewiesen. Sie drangen weiter vor.

Sie folgten trockenen Rissen im Fels, die so tief waren, dass sie nur von reißenden Wasserläufen stammen konnten. Dann erreichten sie den Felsvorsprung und traten ehrfürchtig zurück. Numinga, dem angesichts der Tiefe, die sich vor ihm auftat, beinahe schwindlig wurde, bekam Angst. Zur Sicherheit legten sie sich auf den Bauch und schauten hinunter in die grandiose Schlucht, deren Boden so weit unten zu sehen war, dass er nicht mehr als die Spanne einer Hand zu messen schien. Sie betrachteten eingehend die gegenüberliegende Wand, die von Höhlen durchsetzt war. Diese mussten, da waren sie sich einig, durch uralte Luftlöcher in der Oberfläche des Plateaus entstanden sein, unter denen weicheres Gestein eingebrochen war. Sie blieben lange dort, überwältigt von der Erhabenheit der Schlucht.

Als sie am Abend ums Lagerfeuer saßen, sprachen sie nur von der Schlucht und ihren Wundern, und Mimimiadie behauptete, er habe schon lange davon gewusst. Niemand glaubte ihm, da er zur Prahlerei neigte.

Während die Tage vergingen, entdeckten die anderen Möglichkeiten, in den klaffenden Spalt zu steigen, indem sie sorgfältig Halt auf schmalen Simsen suchten und sich bis zu den Höhlen bewegten, wobei sie den rutschigen Spuren der Wasserfälle auswichen, die schon bald wieder über die steilen Wände stürzen würden. Das Erforschen der Schlucht hatte sich zu einem Spiel entwickelt, doch Numinga wollte nichts damit zu tun haben. Er war ein Mann vom Fluss, im Flachland geboren, und fürchtete sich vor großen Höhen.

Eines Tages war das Echo einer Stimme aus der Tiefe erklungen, und Djarama hatte, ohne zu überlegen, von seinem Lieblingsplatz aus geantwortet.

»Hallo!«, hatte er gerufen, ein Wort der Weißen, und sich gefreut, als auch seine Stimme von den Klippen widerhallte. Dann hörte er den Buschruf »Coo-ee« und antwortete auf gleiche Weise, wie man es ihm in der Missionsstation beigebracht hatte, worauf Mimimiadie vor Wut tobte.

Er zischte dem Jungen zu, er solle den Mund halten und wieder heraufkommen. Als Djarama festen Boden unter den Füßen spürte, schlug ihn der Anführer mit einem schweren Stock.

»Du Narr«, brüllte er und prügelte erneut auf den Jungen ein, der sich am Boden krümmte. »Soll die ganze Welt erfahren, dass wir hier oben sind? Das sind weiße Männer! Willst du sie etwa hierher einladen?«

»Sie kommen nicht herauf«, schrie Djarama und versuchte, den Schlägen zu entkommen.

»Wenn wir es können, schaffen sie es auch, du Idiot!« Selbstverständlich hatte Mimimiadie Recht, doch Djarama nahm ihm den Angriff übel. Während Numinga seine Wunden verband, säte er verstohlen jene Zwietracht, die den Jungen eines Tages von seinen Helden trennen sollte. Er träufelte einen beißenden Pflanzensaft hinein, der den Schmerz verlängern würde.

__________

Die Leere ihres Lebens fern von ihren Familien quälte Djarama. Tag für Tag hatten sie hier oben gesessen, die Wolken beobachtet, die sich in der Ferne zusammenballten, sich auf den großen Regen gefreut, sich damit begnügt, monatelang in diesem Versteck zu verweilen. Obgleich sie dem Himmel so nahe waren, reflektierten die Felsen die glühende Hitze, es gab keine Möglichkeit, sich abzukühlen. Die Luft war reglos, stickig, und alle waren gereizt, zankten bei der Jagd und der Aufteilung der Beute. Er war zornig. Sie taten Frauenarbeit, sammelten das Wenige, was auf dem Boden zu finden war, weniger, als ein Kind zusammentragen konnte. Selbst in der Mission hatten sie nicht nur von Fleisch gelebt, und dennoch behaupteten diese Männer, es sei gutes Land. Numinga brachte als Einziger gelegentlich essbare Beeren, Schoten und Buschäpfel mit, doch es reichte nie, und man schickte den Jungen und den alten Mann weiter hinaus. Djarama ließ sich nicht gern Befehle erteilen.

Eines Morgens geschah jedoch etwas Interessantes. In der Ferne entdeckten sie eine Staubwolke, die sich über die Ebene bewegte, und wussten sofort den Grund: Weiße Männer, die eine Viehherde trieben. Sie genossen den Blick aus der Vogelperspektive und sahen die Tiere näher kommen.

»Große Herde«, bemerkte Numinga. »Die größte, die ich seit langem gesehen habe.«

»Große Herde«, verkündete Mimimiadie, als habe er Numingas Worte nicht gehört. »Und sie kommt genau durch unsere Schlucht.«

Sie beobachteten lange die Treiber, bis diese die Leittiere vor den Eingang der Schlucht lenkten. Die Reiter und zahllosen Rinder sahen winzig klein aus.

»Wir könnten von hier auf sie runterspucken«, meinte Mimimiadie lachend. Numinga schaute hinüber zu den grauen Wolken, die langsam von der Küste herüberschwammen.

»Bald kommt der Regen mit den großen Wasserfällen«, sagte er. »Und sie wissen Bescheid. Seht nur, wie schnell sie die Tiere vorantreiben. Es wird mehr als einen Tag dauern, bis die ganze Herde durchgezogen ist.«

Djarama sprang aufgeregt hoch und ahmte einen Regentanz nach. »Lasst es jetzt regnen! Lasst die Fluten kommen! Ertränkt sie alle miteinander!«

Niemand schenkte ihm Beachtung. Sie wussten, die Weißen waren zu klug, um in diese Falle zu tappen.

Doch dann hatte Djarama eine bessere Idee. »Schnell. Wir suchen Steine. Wir könnten sie mit Steinen bewerfen, mit Hunderten von Steinen, und dem Vieh die Köpfe einschlagen! Das führt zu einer großen Panik, die Hälfte könnte dabei sterben. Warum nicht? Rasch!«

Mimimiadie sah sich mürrisch um. »Halt doch den Mund! Ich habe dir bereits gesagt, dass wir hier sicher sind. Mit einer Panik töten wir ein paar Rinder, vielleicht auch einige Treiber. Und dann? Sie kommen mit ihren Gewehren herauf. Was machen wir dann? Wir können nicht umkehren, und weiter kommen wir auch nicht. Die Flüsse vor uns werden ebenfalls über die Ufer treten.«

Doch sein Gefährte Gopiny war anderer Ansicht. »Warte mal. Sie müssen ja nicht erfahren, dass wir hier sind. Wir brauchen gar keine Steine zu werfen. Wir könnten im Verborgenen bleiben und nur ein paar Felsblöcke lösen. Auf den Simsen liegen viele, die ohnehin jeden Moment hinabstürzen können. Ich nehme an, sie warten nur den nächsten Regen ab.« Er grinste. »Wir könnten ein bisschen nachhelfen.«

Djarama jubelte. »Na bitte! Ich habe es doch gesagt. Wir dürfen nicht untätig herumsitzen und uns diese Gelegenheit entgehen lassen.«

Ihr Anführer hob die Hand, und sie schwiegen. »Dazu wollte ich noch kommen. Sicher, wir könnten Felsblöcke lockern, aber ich will nicht, dass der dumme Djarama sich zeigt oder herumbrüllt, wie er es jetzt tut und schon einmal getan hat. Er könnte uns in Schwierigkeiten bringen.«

»Das stimmt«, bestätigte Gopiny. »Er bleibt hier oben. Wir tun es. Damit es natürlich aussieht.«

»Ich werde nicht hier bleiben! Ich weiß, wo die losen Felsen sind. Ich könnte sie euch zeigen.« Djarama war außer sich.

Der Anführer nickte nur, schon sprang Gopiny auf, den Speer in der Hand. Er trat Djarama in die Kniekehlen und stand über ihm, als dieser zu Boden fiel, einen Fuß auf seiner Brust, den Speer an seiner Kehle.

»Wir können keine Schwierigkeiten gebrauchen. Du bleibst hier, klar?«

»Ja«, krächzte Djarama. »Klar.«

Numinga schaute hoch, als ein warmer Wind über das Plateau fuhr. Er leckte sich die Lippen. »Der Wind trägt schon Wasser.«

Sie ließen auch ihn zurück, vermutlich, um den Jungen zu bewachen, doch wenn Djarama nicht gehorchte und dennoch über den Rand der Schlucht klettern wollte, war er machtlos. Er konnte sich dem Vorsprung einfach nicht nähern. Er hörte ein leises Rumpeln wie fernen Donner und begriff, dass das Vieh den ersten Abschnitt der Schlucht erreicht hatte.

Djarama lag neben einem Granitkeil auf dem Bauch. »Komm her!«, rief er. »Das Vieh ist drin, sieht aus wie Ameisen.«

»Ich kann es hören«, erwiderte Numinga trocken. Er begriff, dass die donnernden Hufe auch ohne fremde Hilfe Felsblöcke lockern konnten. Dessen waren sich die Treiber zweifellos bewusst und würden vorsichtig nach oben schauen, um ihren Hals zu retten. Er hoffte, die drei anderen würden tatsächlich im Verborgenen bleiben. Djarama kochte vor Wut. »Warum unternehmen sie nichts? Sie lassen sie einfach vorbeilaufen! Ich hätte sie längst zerschmettert.«

»Da kommt noch viel Vieh. Die Herde misst mehrere Meilen.«

»Was macht das für einen Unterschied?«

Numinga wusste keine Antwort. Er lehnte sich in den Schatten dürrer Büsche und überdachte noch einmal seinen Plan, den Jungen vor einem Leben auf der Flucht zu bewahren. Lohnte es überhaupt die Mühe? Wäre es machbar? Djarama empfand keinerlei Respekt für seine älteren Mitwanderer. Gemäß den Stammesgesetzen hätte er Prügel verdient, um ihn in die Schranken zu weisen, doch allem Anschein nach hatten bereits die Missionare ihre Peitschen an ihm ausprobiert und waren wenig erfolgreich gewesen. Numinga döste vor sich hin, grübelte nach, während ihn das fortwährende Rumpeln an den willkommenen Donner erinnerte. Er war müde. Er ruhte sich gern um die Mittagszeit aus…

Unbemerkt glitt Djarama über die Kante, um besser sehen zu können, bewegte sich behutsam über die raue Oberfläche der Klippe, bis er einen Vorsprung hinter einem großen Felsen erreicht hatte. Von dort aus trat er auf den nächsten Vorsprung. Nun konnte er Gopiny sehen, der zusammengekauert und völlig lautlos wartete.

Was sollte das? Warum machten sie nicht weiter?

Dann erklang ein leiser Pfiff, und Gopiny griff nach einem geschälten Ast, den er als Hebel unter einen schweren Felsblock schob. Als dieser sich bewegte, presste sich Gopiny an den Boden, als traue er sich nicht, sein Werk zu vollenden. Der Fels schwankte, blieb aber an Ort und Stelle liegen. Gopiny versetzte ihm einen Fußtritt.

Weg war er! Gleichzeitig stürzten andere Felsen neben Gopiny hinunter und verschwanden aus seinem Blickfeld, da der Winkel zu steil war, um ihren Fall zu verfolgen.

Gopiny machte sich am nächsten Block zu schaffen, der nicht glatt wie die anderen war, sondern rau und gefurcht, Teil einer zerbrochenen Schicht, die auf einem Vorsprung balancierte. Er arbeitete eine Weile daran, konnte ihn aber nicht bewegen. Er ergriff seinen Stock und verschwand außer Sichtweite. In diesem Moment meinte Djarama, eine Bewegung bemerkt zu haben. Der Fels hatte sich eindeutig bewegt. Er wollte Gopiny schon nachpfeifen, überlegte es sich aber anders.

Er würde es selbst tun. Gopiny war ein Schwächling!

Aufgeregt huschte Djarama zu dem Felsblock hinüber. Er hätte gern gewusst, was unter ihm geschah, ob die herabstürzenden Steinblöcke das erwartete Chaos erzeugt hatten. Über ihm hämmerte Mimimiadie gegen einen Felsen, und er konnte ihn gerade noch in einer Fontäne aus Geröll hinabstürzen sehen. Ein Einziger! Er hatte sich vorgestellt, sie würden Dutzende von Felsblöcken hinunterjagen, eine richtige Steinlawine lostreten. Er musste ihnen wohl zur Hand gehen. Er verbarg sich, gab keinen Laut von sich, damit sie nicht wieder wütend auf ihn wurden. Er würde nur diesen einen lockern und dann schnell zu dem Alten hinaufklettern. Doch der Block saß sehr fest, fester als erwartet. Er wünschte, er hätte auch einen Stock mitgebracht.

Schließlich zwängte er sich in einen Spalt hinter dem widerspenstigen Block, setzte sich, den Rücken gegen die Felswand gepresst, und stemmte die Füße mit aller Kraft gegen den Block. Er konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken, als der Stein nachgab und in die Tiefe stürzte.

Doch der Sims unter ihm bröckelte, seine Hände und Füße fanden nur noch loses Geröll. Voller Panik spürte er, wie er ins Rutschen geriet. Er fuchtelte mit den Armen, suchte nach einem Halt, doch alles gab nach. Er wollte den Erdrutsch stoppen, Boden unter den Füßen gewinnen, aber der ganze Hang schien sich zu lösen, so langsam, dass er jeden Moment innezuhalten schien. Doch das war eine Illusion. Djarama war in einen Erdrutsch geraten, der schnell an Tempo gewann. Und dann kam das Nichts. Er schrie, als er von der Felskante geschleudert wurde. Seine Schreie hallten von den Wänden wider und erstarben, als sein Leben erlosch.

Numinga träumte von einem schäumenden Fluss, Fluten, die Abfälle mit sich führten, doch er selbst saß sicher in einem Kanu, manövrierte geschickt durch die Stromschnellen, und Djarama war bei ihm. Er sah allerdings nicht aus wie Djarama, sein Passagier war ein Weißer. Und Djarama schrie vor Angst, konnte nicht glauben, dass keine Gefahr bestand…

Er fuhr hoch. Hellwach. Hatte er Schreie gehört?

Mimimiadie und seine Gefährten waren wieder da, kamen angerannt, sammelten ihre Speere auf, verwischten die Spuren ihrer Lagerfeuer.

»Was ist los?«, fragte Numinga besorgt.

Gopiny zitterte. »Der Junge. Er ist abgestürzt. Hat geschrien. Es war schrecklich. Ein Vorsprung hat nachgegeben.«

»Abgestürzt! O nein! Bist du sicher? Vielleicht ist er nur ein Stück gerutscht. Bist du sicher?«

»Wir haben ihn fallen sehen«, meinte Gopiny schaudernd. »Er ist bis unten gestürzt.«

»Und er ist tot.« Mimimiadie empfand kein Mitleid. »Du hättest ihn bei dir behalten sollen. Jetzt hat er alles verdorben. Wir müssen weg von hier.«

»Wohin denn?«, schrie Gopiny.

Matong, ein mürrischer Bursche, der selten sprach, war schon im Aufbruch begriffen.

»Der Trupp kommt. Ich gehe heim.«

»Das geht nicht«, zischte Mimimiadie. »Sie werden uns suchen.«

»Hier aber auch. Woher kommen sie? Das weißt du auch nicht.«

Mimimiadie wusste, Matong hatte Recht, die Weißen konnten von beiden Enden der Schlucht kommen. Aber er musste das letzte Wort behalten.

»Es ist besser, wir teilen uns«, rief er, als Matong davontrottete. »Du kommst mit mir«, sagte er zu Gopiny.

»Wohin?« Der andere geriet in Panik.

»Wenn du nicht über die Schlucht springen willst, bleibt uns nur ein Weg«, knurrte er und deutete nach Norden.

»Was ist da oben?«

»Gutes Land.«

»Ein Stück weit«, warf Numinga, der Sammler, ein. »Dann senkt es sich ab, vier ungesunde Sümpfe liegen dahinter. Sie sind schlecht, bis der Regen kommt und sie reinigt. Ich kann sie meilenweit riechen.«

»Dahin gehen wir«, erwiderte Mimimiadie stur. »Wir bleiben nur kurz dort. Die Weißen kommen herauf. Sie werden keinen finden. Sie denken, der Tote wäre allein gewesen. Dann gehen sie weg.« Er grinste Gopiny an. »Dann kehren wir zurück und sitzen wieder hier, in Sicherheit.« Gopiny hegte gewisse Zweifel.

»Wie sicher? Wenn die Weißen das nächste Mal mit ihrem Vieh kommen, sehen sie vielleicht hier oben nach, mit ihren Gewehren.«

»Du bist dumm. Wenn der Regen kommt und dort hineinläuft, kommt niemand mehr durch die Schlucht.« Er wandte sich an Numinga. »Habe ich Recht?«

»Ja, sie wird überflutet.«

Gopiny schaute über die Ebene, durch die er zurück in die lichten Wälder und ihr üppiges Land am Daly River gelangen würde. Numinga vermutete, dass Gopiny dazu neigte, Matong zu folgen und den Heimweg zu wagen. Doch Mimimiadie hatte das Sagen.

»Wo willst du hin?«, fragte er Numinga. Nicht, dass es ihn interessiert hätte, es war eine Art Entlassung.

Numinga sah ihnen nach, schaute auf ihre harten, schwarzen Rücken mit den Narben, die ihre Männlichkeit bewiesen. Er trug diese Narben auch, aber im Gegensatz zu ihnen fanden sich auf seinem Rücken auch die Spuren, die die Peitschen der Weißen hinterlassen hatten.

Er zuckte die Schultern. Kein großer Verlust. Sie hatten nicht um den Jungen geweint, der in die Traumzeit eingegangen war. Vielleicht war er inzwischen dort angekommen. Es waren schon seltsamere Dinge geschehen.

Und nun? Es war klar, dass er an diesem Ort nicht bleiben konnte; man würde ihn auf der Stelle erschießen. Die Weißen gerieten in Wut, wenn auch nur eines ihrer zahllosen Rinder umkam. Die Felsbrocken mussten die Armee der Tiere in absolute Panik versetzt haben. Als ehemaliger Viehhüter hätte er sich nicht darum gerissen, mit den Rindern in diesen engen Spalt zu reiten. Das wirkliche Chaos war vermutlich am anderen Ende entstanden, wo die flüchtenden Tiere hindrängten. Falls sich die Treiber aus der Stampede befreit hatten, wären sie dort, um die Tiere einzufangen. Und von dort aus würden sie auch nach oben schauen. Matong hatte Recht. Der Weg zurück war sicherer.

Er stand auf, bereitete sich auf eine lange Wanderung vor. Er musste den Suchtrupps, ob nun privat oder von der Polizei, ausweichen, die noch immer nach den Mördern der Goldsucher fahndeten; sie gaben niemals auf. Außer natürlich, sie hatten in der Zwischenzeit als Vergeltungsmaßnahme willkürlich ein paar Schwarze hingerichtet. Diese Vergeltungsmaßnahmen waren der schlimmste Teil des Krieges. Das Wort hatte er von den Weißen gelernt und entdeckt, dass es schlicht und einfach Rache bedeutete. Welchen Sinn hatte ein Krieg, der auf Vergeltung beruhte?, fragte er sich. Nach seinen Gesetzen fielen Einzelpersonen, die gegen die Regeln verstoßen hatten, der Vergeltung anheim. In Sonderfällen wurde diese durch die Magier ausgeübt, das Ritual des Knochenzeigens war eine wirkungsvolle Strafe. Nicht aber dieses endlose »du tötest, ich töte«, das nie zu einem greifbaren Ergebnis führte. Man setzte sich nicht wie früher hin, um Probleme zwischen Stämmen zu lösen, sondern mordete einfach. Numinga konnte den Blick in die Zukunft nicht ertragen. Er war müde. Er sehnte sich nur nach einer sicheren Zuflucht.

Es gab einige Stämme weit im Süden oder drüben in Arnhem-Land, jenseits der Alligatorflüsse, die noch nicht von marodierenden Weißen gejagt wurden, doch sie lebten zu weit entfernt. Er hatte sich Mimimiadie und seinen Gefährten nur angeschlossen, um nicht allein zu sein, und war durch sie in die Morde hineingezogen worden. Natürlich war er entsetzt über das Verbrechen an Mimimiadies Frau, wegen ihr würden keine Suchtrupps durch das Land ziehen. Nur der rasende Ehemann, den sein Schmerz gefährlich machte. Was also sollte er tun? Der sicherste Ort lag wohl in den brütend heißen Urwäldern, die noch den Stämmen vom Daly River gehörten. Sie waren für die Weißen zu gefährlich, außer für solche, die bewusst den Tod suchten. Das Problem war nur, dass die Daly-Leute, Männer wie Mimimiadie, sich dagegen wehrten, in die von Krokodilen bevölkerten Gebiete abgedrängt zu werden. Ihnen gehörte das ganze Land ringsum, wo sie hätten jagen können, wie sie es seit jeher getan hatten, wenn die gierigen weißen Männer es nicht an sich gerissen hätten. Deshalb zogen halsstarrige Männer wie Mimimiadie dort draußen umher. Es war ihr Land. Ihr Jagdrevier.

Numinga zuckte die Achseln. In einem hatte Mimimiadie Recht gehabt. Es war besser, sich zu teilen. Und seine Chance standen besser als die der anderen. Er sprach Englisch, und wenn ihn niemand erkannte, würde er sich als Viehhüter ausgeben, der nach Arbeit suchte. Ein Viehhüter, der nur eine Kordel um die Taille trug? Wohl kaum. Falls er es bis in die sichere Zuflucht von Daly River schaffte, würde er Kleider finden müssen.

4

Der Hauptteil der Herde wurde zurückgehalten, während vier Männer die erste Gruppe, an die dreihundert Tiere, in die kühlen Tiefen der Schlucht führten. Duke Milligan, Paddys Sohn, ritt ganz vorn, um die Herde in Schach zu halten, sobald sie aus der Enge in die dahinter liegende Ebene strömte. Paddy ritt links neben dem Vieh; dort bot sich mehr Platz zwischen den Wänden und den flachen Wasserstellen. Yorkey bemerkte, dass sich das Wasser als Vorteil für die Treiber erwies. Die massigen Tiere drängten sich von Loch zu Loch, begierig, durch das kühle Nass zu laufen, während die Männer sie mit Rufen und Peitschen stetig vorwärts trieben. Kurz hinter ihm kontrollierte Zack, der Fremde, das Tempo seines Trupps, trieb die Tiere sorgsam durch die schmaleren Abschnitte und ließ sie schneller laufen, als sich die Schlucht weitete.

Alles ging gut, die Herde verhielt sich vorbildlich, als genösse sie die Abwechslung. Yorkey ließ die Peitsche knallen, lenkte sein Pferd um eine felsige Stelle und richtete sich im Sattel auf, um einen besseren Blick auf die Schlucht zu erhalten. Leider war es unmöglich, die Wasserfälle herabfluten zu sehen. Ihm fiel die Stimme ein, die er gehört hatte, und er reckte den Hals nach oben. Ein erneutes Rufen war jedoch sinnlos, da das Hufgetrappel jedes Geräusch verschluckte.

Dann sah er die Bewegung aus dem Augenwinkel und rief Paddy zu, er solle aufpassen, schwenkte wild die Arme, doch der Anführer drehte sich nicht um und schaute auch nicht nach oben. Der herabstürzende Felsblock, der von den Wänden abprallte und weiteres Geröll mit sich riss, schien völlig lautlos zu fallen. Als Yorkey sein Pferd instinktiv vorwärts trieb und in einem verzweifelten Versuch, Paddy zu warnen, durch die Herde drängte, krachten der riesige Felsbrocken und ein Geröllschauer in die Herde. Tiere brüllten, stürzten, andere stolperten in Panik über sie und gingen durch, stürmten in alle Richtungen und rissen weitere Rinder mit sich.

Yorkeys Rufe an die nachfolgenden Treiber verhallten, ihm blieb nichts anderes übrig, als sich der Herde entgegenzustellen und zu hoffen, dass Zack das Gleiche tun würde. Die Tiere mussten zurückgehalten werden, bis sich die Situation weiter vorn entspannt hatte. Seine Peitsche knallte unsanft auf die Flanken der Tiere, doch als ein weiterer Block herunterstürzte, gab es kein Halten mehr. Die Rinder stürmten vorwärts, eine Stampede brach aus. Er konnte Paddy nicht sehen, und seine eigene Position war gefährlich, daher presste er sich gegen die Wand, ließ die Tiere vorbei, entschlossen, sich auf die Nachhut zu konzentrieren.

Zack stieß zu ihm. Die beiden machten sich daran, die langsamere, verwirrte Nachhut der Herde aufzuhalten. Schon bald fielen die Tiere in einen gemächlicheren Schritt.

»Wo ist Paddy?«, brüllte Yorkey.

»Kann ihn nirgendwo sehen«, schrie Zack zurück. »Er musste schon mit ihnen reiten, um das zu überstehen.« Er schaute nach oben.

»Wir können nicht dort entlang reiten, vielleicht lösen sich weitere Blöcke. Du hältst sie hier zusammen, und ich versuche, sie umzulenken. Wir bringen diesen Trupp nach draußen zu den anderen…«

Er lenkte sein Pferd behutsam zwischen der Felswand und der zitternden Herde hindurch. Die Tiere waren ruhiger geworden. Plötzlich schoss Yorkey vor, ergriff Zacks Arm und hätte ihn fast vom Pferd gerissen.

Zack wehrte sich wütend, brüllte Yorkey an, dann donnerte der Erdrutsch vor ihnen herunter.

Zack wurde von Steinen getroffen, doch Yorkey packte ihn im Fallen, riss ihn zu sich, bevor er selbst zu Boden glitt, achtete nicht darauf, dass sein eigenes Pferd in Panik davonstob. Er lehnte den betäubten Mann hinter einem Steinhaufen jenseits der nächsten Biegung gegen die Wand, während Steine und Geröll herunterprasselten. Yorkey hatte Angst, die ganze Wand könne einbrechen. Und dann hörte er inmitten dieses Weltuntergangs einen Schrei.

»Was war das?«, rief Zack.

»Jemand ist verletzt. Hört sich schlimm an.« »Wer?« Zack rappelte sich hoch und suchte taumelnd Halt an der Wand.

»Keine Ahnung.« Yorkey war entsetzt. Der Schrei schien nicht von unten gekommen zu sein, von einem Mann, der unter die Hufe geraten oder von Steinen getroffen worden war. Er war vom Himmel gekommen und in den staubigen Nebeln verklungen, die der Erdrutsch aufgewirbelt hatte. Ihm fielen die Geschichten seiner Mutter ein, von dem Todessprung, den Geistern, die noch immer hier lebten, und das überwältigende Gefühl, das er beim ersten Betreten der Schlucht empfunden hatte. Jetzt spürte er, dass dies alles der Wahrheit entsprach. Dies war geheiligter Boden, man hatte ihm eine Warnung zukommen lassen. Sie traten vor, um sich einen Überblick über die toten und verwundeten Tiere zu verschaffen. Die anderen Rinder wichen ihnen vorsichtig aus, nachdem ihr Sinn für Ordnung wiederhergestellt war. Yorkey war nervös, von der Gegenwart der Geister überzeugt. Vielleicht durchlebte der junge Mann, der vor Urzeiten von den Klippen gesprungen war, wieder und wieder Leidenschaft und Schmerz. Ein ruheloser Geist, der noch immer hier umging. Darüber musste er später nachdenken.

Zack lief umher, rief nach den anderen Männern, schaute sich suchend um, doch der Erdrutsch hatte keilförmige Geröllhaufen hinterlassen, die in den Boden der Schlucht ragten, ihren Grundriss verändert hatten. Überall lagen verletzte, hilflos stöhnende Tiere.

»Wir sollten nachsehen, ob alle Männer in Ordnung sind«, sagte er. »Ich weiß nicht, wer da geschrien hat. Könnte auch ein Tier gewesen sein.«

Yorkey nickte. »Klar.« Er hatte nicht vor, den weißen Männern seine Meinung mitzuteilen und ihren Spott zu ernten. Er starrte auf die ungeheure Verbreiterung der Wand, die durch den Erdrutsch entstanden war. Darunter lagen Tiere begraben, keine Menschen. Nur er und Zack hatten sich in diesem Abschnitt der Schlucht befunden. »Na, dann los!« Zack hinkte davon, wandte sich dann um. »He, Yorkey. Danke. Ich stehe in deiner Schuld. Ich schätze, du hast mich gerade noch rechtzeitig gepackt.«

__________

Niemand wurde vermisst, doch Paddy Milligan war schwer verletzt. Er lag zur Hälfte in einem Wasserloch, sein Sohn Duke kniete schreiend neben ihm.

»Er ist tot! Mein Pa ist tot!«

Zack schob ihn beiseite. »Lass mal sehen.«

Paddy war zusammengerollt wie ein Fötus, als wolle er sich vor den stampfenden Hufen schützen, sein Blut hatte das Wasserloch rosa gefärbt, aber er atmete noch.

»Ganz ruhig, Duke, er ist noch bei uns. Hilf mir, ihn herauszuziehen, sonst rutscht er zurück. Vorsichtig. Jemand soll durchzählen, ob alle da sind.«

Man brachte Decken und bettete Paddy gegen die Wand. Die Männer rissen ihre Hemden in Streifen als Verbände, und Zack bemühte sich, die Blutung zu stillen und es Paddy so bequem wie möglich zu machen. Er hatte schon öfter erlebt, dass Männer unter die Hufe gerieten, und wusste daher, wie schmal der Grat zwischen Hilfe und Schaden war. Selbst die Ärzte waren sich in diesem Punkt oft nicht einig.

»Er steht unter Schock«, sagte er zu Duke. »Hol Decken, Satteldecken, egal was, wir müssen ihn warm halten. Und wir brauchen Holz für ein Feuer, nach Sonnenuntergang wird es kalt.«

Als Paddy zu sich kam, flößten sie ihm Whisky ein, während Zack sanft seinen Körper ausstreckte, einen gebrochenen Arm und ein gebrochenes Bein mit Stöcken schiente und sich unterdessen besorgt fragte, ob Paddy innere Verletzungen davongetragen hatte, denn das Atmen schien ihm Schmerzen zu bereiten.

»Hol Hilfe«, rief er Duke zu.

»Woher?«

Zack überlegte rasch. Drei Männer warteten mit dem Hauptteil der Herde vor der Schlucht, waren jedoch zu weit vom nächsten Wohnhaus entfernt.

»Weiter, nach Katherine. Auf dem Weg dorthin gibt es Häuser. Wir brauchen einen Arzt und einen Wagen.« Duke zögerte.

»Ich kann meinen Pa nicht zurücklassen. Wenn er nun stirbt?«

»Dann schick jemand anders. Los!«

Erst da wurde ihm bewusst, dass er einige der Helfer gar nicht kannte.

»Woher kommt ihr?«, fragte er, als er sich schließlich ausruhen konnte. Paddy lag in Decken gehüllt neben dem Feuer.

»Von Pop Oatleys Station. Wir sind auf dem Heimweg. Fünf Mann. Hatten Urlaub. Igeln uns jetzt für die Regenzeit ein.« Der Viehhüter grinste. »Wir wollten zur Schlucht und sind auf die streunenden Tiere gestoßen. Kein Treiber in Sicht. Also haben wir sie zusammengetrieben, und zwei von uns sind dabei geblieben. Brandzeichen von Victoria River, was?«

»Ja.«

»Zu gut, um frei herumzulaufen. Ihr habt wohl Schwierigkeiten gehabt. Wir haben übrigens getan, was ihr wolltet. Einer von uns ist durch die Schlucht gelaufen und hat mit euren Treibern drüben gesprochen. Wir haben durchgezählt, eure Leute sind heil und gesund, von dem armen Kerl hier abgesehen.«

»Gott sei Dank. Ich dachte, ich hätte einen Schrei gehört. Aber mich hatte auch ein Stein am Kopf getroffen…«

»Das sieht man. Die Wunde muss gesäubert werden.«

»Gut. Muss wohl ein Tier gewesen sein, das geschrien hat.«

»Das überrascht mich nicht. Ganz schönes Blutbad. Ihr habt so um die fünfzig Stück verloren. Meine Kumpel und der Abo-Treiber erschießen die Tiere, die nicht mehr hochkommen.«

»Ja«, entgegnete Zack dumpf, »ja, ein Blutbad. Ich achte hier immer besonders auf Erdrutsche, aber die kommen gewöhnlich nicht zu dieser Jahreszeit.«

»Hätte schlimmer kommen können. Sind bloß zwei, drei Stellen. Nur euer Kumpel hat Pech gehabt, und die Victoria River Station wird den einen oder anderen Bullen entbehren müssen. Meine Kumpel meinen, ein leichtes Erdbeben wäre die Ursache. Haben angeblich ein Zittern bemerkt. Ich selbst allerdings nicht.«

Als Zack aufstand, starrte ihn der Viehhüter an. »Ach, Sie sind Zack Hamilton von Black Wattle. Kamen mir irgendwie bekannt vor. Ich hatte Sie für einen Treiber gehalten. Was machen Sie denn hier?«

Zack konnte sich nicht erinnern, jemals so üble Kopfschmerzen gehabt zu haben. Der Viehhüter, Johnny Wise war sein Name, hatte beim Säubern der Wunde jedoch erklärt, sie müsse nicht genäht werden. Aber mein Kopf fühlt sich an, als hätte ein Elefant draufgetreten, dachte er. Er sorgte sich um Paddy, wartete noch am Lagerfeuer, als er die Schüsse hörte, die die Tiere von ihrem Leid erlösten. Jetzt würde ihn nicht nur die Sorge um Paddy beschäftigen müssen, sondern auch die Kadaver. Unter den Felsen konnte man sie nicht vergraben; sie mussten verbrannt oder aus der Schlucht gezerrt werden. Gott im Himmel, wann würde er bloß nach Hause kommen?

Er sah zu den Männern hinüber, die sich in Paddys Nähe ums Feuer drängten. Der Verletzte war jetzt ruhig, atmete aber schwer, was ihn plötzlich an etwas erinnerte. »Wie geht es Pop? Habe gehört, er fühle sich nicht allzu wohl.«

»Das ist wahr. Hat einen Herzanfall gehabt, dazu noch eine Lungenentzündung. William war eine Weile draußen, bis der alte Mann wieder auf den Beinen stand. Hat versucht, ihn zu überreden, mit ihm nach Darwin zu kommen, aber Sie kennen ja Pop. Sturer alter Esel, wollte nicht nachgeben. Also musste William allein heimkehren. Als ich Pop das letzte Mal gesehen habe, war er noch etwas wacklig auf den Beinen, aber inzwischen dürfte er wieder über Tisch und Bänke gehen.«

Zack lachte. »Klingt ganz nach ihm. Grüß ihn von mir. Ich hoffe, er fühlt sich gut genug, um den Sommer in der Stadt zu verbringen. Was wäre Weihnachten ohne die Trinksprüche von Pop Oatley?«

Er entdeckte Yorkey, der sich ans Feuer hockte. »Mit den Pferden alles in Ordnung?«

»Ja. Nur deins hat einen Riss am Rumpf, das ist alles.«

»Na gut…« Zack seufzte. »Hast du was gegessen, Yorkey? Hier ist Fladenbrot.«

»Ich hatte schon welches«, log Yorkey. Er war nicht hungrig. Wollte an diesem Ort mit all den Geistern nicht einmal an Essen denken. Und der Schrei hallte noch immer in seinem Kopf.

Er dachte über Zack nach. Der neue Viehhüter war ein großer, drahtiger Bursche um die fünfzig, und er hatte die Zügel in die Hand genommen, als sei es seine Mannschaft. Sogar Paddys andere Viehhüter gehorchten seinen Befehlen. Einer von ihnen war losgeritten, um der Verzögerung auf den Grund zu gehen, und hatte voller Entsetzen die Katastrophe entdeckt. Er hatte vorgeschlagen, sie sollten umkehren, doch Zack hatte befohlen zu bleiben und den Hauptteil der Herde aufzuhalten, bis alles aufgeräumt war.

Einer nach dem anderen waren die Männer gekommen, um nach Paddy zu sehen, und wieder an die Arbeit gegangen. Sie alle hatten schon erlebt, dass Vieh während einer Dürreperiode erschossen werden musste, doch als sie nun die verletzten Tiere töteten und einen Scheiterhaufen errichteten, um die Kadaver zu verbrennen, während Paddy hilflos dalag, fühlten sie sich vollkommen elend. Paddy war so stolz gewesen, sein Vieh stets in Bestform abzuliefern. Zum Glück war er nicht bei Bewusstsein, hörte nicht die Schüsse, roch nicht das brennende Fleisch… Auch Yorkey, der mit ihnen arbeitete, war aufgewühlt. Schrecklich, in dieser prachtvollen Schlucht so furchtbare Dinge zu tun. Es schien wie eine Entweihung, als würde der Ort verunreinigt. Und das vor den Augen der Geister. Hatten sich die alten Geister aus irgendeinem Grund an den Weißen gerächt? Ihm fielen zahlreiche Gründe ein, schließlich hatte man sein Volk schlecht behandelt. Er schauderte. Hoffentlich erinnerten sie sich, falls sie in dieser finsteren Nacht weitere Vergeltung üben wollten, dass er kein Weißer war. Yorkey überlegte, ob es seiner Sicherheit dienlich wäre, sich an diesem Abend von den Männern am Lagerfeuer fern zu halten. Doch der Wunsch nach Behaglichkeit siegte. Er rückte näher, wickelte sich in eine Decke.

»Keine Erdrutsche mehr, oder?«, erkundigte sich Duke. »Zack meint, sie hätten aufgehört. Er meint, wir könnten die Herde durchbringen, immer nur ein paar Tiere auf einmal. Nachdem wir meinen Pa rausgeholt haben. Ob er wohl Recht hat?«

»Wer ist dieser Zack?«, fragte Yorkey. »Woher habt ihr ihn?«

»Zack, der ist von hier. Der Verwalter der Big Run hat ihn mit meinem Pa bekannt gemacht. Er soll uns helfen, ist selbst ein Boss. Hat eine große Station namens Black Wattle. Yorkey, ich sage dir, es ist ein Riesenglück, dass er mitgekommen ist. Ich hätte nicht gewusst, was ich machen soll. Stell dir vor, er hatte sogar eine Flasche Whisky in der Satteltasche. Guter Tropfen, hat er auf der Big Run bekommen, aber jetzt stillt er damit Pas Schmerzen.« Duke war den Tränen nahe. »Verdammt anständig von ihm, was?«

Yorkey nickte. Duke machte auf ihn den Eindruck, als habe er selbst einen großen Schluck davon genommen. Aber was hatte er da eben gesagt? Von dieser Viehstation? Black Wattle, wieder ein Weißenname für schwarzes Land. Er zog den Tabaksbeutel aus der Hüfttasche und rollte langsam eine Zigarette, während er den Namen in seinem Kopf drehte und wendete und bruchstückhafte Erinnerungen heraufbeschwor.

»Wir sind früher zur Zeit der Wanderung in die Schlucht gegangen, von der Station aus, von der Black Wattle Station… Ich war dort Hausmädchen, die Missus… sie…«

Yorkey zuckte die Schultern. Vielleicht war es so gewesen. Vielleicht auch nicht. Egal, an Netta würde sich niemand mehr erinnern. Oder an einen umherziehenden Burschen namens Jimmy Moon. Es war zwanzig Jahre her. Eine neue Generation von Schwarzen war nachgewachsen. Er drehte sich vom Feuer weg und starrte in die Dunkelheit, fragte sich, weshalb ihm diese nutzlosen Dinge überhaupt durch den Kopf gingen.

Wenn du wirklich zurück willst, sagte er sich, musst du nur nach dem Volk der Waray fragen; sie werden leicht zu finden sein, und zwar in dem Land, durch das du soeben geritten bist. Westlich der Schlucht. Die Weißen leben ihr eigenes Leben. Doch worin läge der Sinn? Was würdest du tun, wenn du Verwandte fändest? Dich hinsetzen und sie anglotzen? Auch du lebst in einer anderen Welt. Gehörst nicht mehr zu ihnen.

Zu niemandem.

Er blieb die ganze Nacht unruhig. Träumte, döste, sah seine Mutter weinen, doch es war nicht Netta, sondern eine Weiße, die herzzerreißend schluchzte. Er riss sich von ihr los. Wachte auf. Durchgefroren. So war es mit den Träumen. Alles geriet durcheinander. Sogar schwarz und weiß.

Die Dämmerung war kaum hereingebrochen, als Yorkey sich leise aus dem Lager stahl, da ihm vom Gestank des verlöschenden Feuers ganz schlecht war. Er bespritzte sein Gesicht mit kristallklarem Wasser, das in einer Felssenke stand, und ging in Richtung Schlucht, auf den Spuren ihres gefährlichen Hinwegs.

__________

Ein Arzt war nicht aufzutreiben, aber es kam ein Wagen, der Paddy zum nächsten Wohnhaus bringen sollte, das nur vierzig Meilen entfernt lag. Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Treiber in Not geraten waren, ritten von allen Seiten freiwillige Helfer herbei. Bald schon hatte Duke so viele Männer beisammen, dass es für eine doppelt so große Herde gereicht hätte. Der Gedanke, noch einmal die Schlucht zu durchqueren, machte ihn nervös, dennoch schloss er sich der allgemeinen Ansicht an, dass ihnen keine andere Wahl blieb. Im Norden ballten sich bereits Wolken am blassen Himmel zusammen. Der Erdrutsch war zufällig entstanden, vielleicht auch durch ein leichtes Erdbeben ausgelöst worden. Einige vermuteten Schwarze dahinter, doch die meisten verwarfen den Gedanken. Wenn dies von Schwarzen geplant gewesen wäre, hätten sie deutlich mehr Schaden angerichtet. Sie hatten schlicht und einfach Pech gehabt.

Als alle Tiere durch waren, lächelte Duke.

»Mein Gott, Yorkey, ich wünschte, Paddy könnte das sehen. Diese Jungs haben unsere Herde durchgelotst, als wäre sie aus Porzellan. Verdammt anständig von ihnen.«

»Ja, es ist wirklich gut gelaufen. Wie ich höre, reiten einige von ihnen mit dir nach Pine Creek?«

»Stimmt. Freunde von Paddy. Sie wollen uns sicher ans Ziel bringen.«

»Gut. Ich glaube, ich könnte eine Pause vertragen, Duke. Mich in dieser Gegend ein bisschen umsehen.«

»In der Regenzeit wirst du nicht weit kommen.«

»Ich kann immer auf einer Station unterkommen. Eine Zeit lang mit dem Vieh arbeiten.«

»Geht in Ordnung, Yorkey. Wir haben ohnehin keine Arbeit, bis die Regenzeit vorbei ist. Du kannst in Katherine wieder zu uns stoßen, wir haben immer was für dich zu tun.«

Yorkey schüttelte Duke die Hand, trug ihm Grüße an seinen Pa auf und machte sich auf die Suche nach Zack. Man sagte ihm, er sei bereits aufgebrochen.

Er war enttäuscht. Er wollte um keinen Gefallen bitten, sondern lediglich nachhören, ob es in der Gegend Arbeit gab. Vielleicht auf Black Wattle. Er hätte es beiläufig erwähnen können, doch jetzt war es zu spät. Nun, er würde die Route einschlagen, die sie von der Big Run aus genommen hatten, und auf Umwegen in diese Richtung reiten. Er würde die Station schon finden. Vielleicht lebten dort noch Angehörige der Waray. Ein Blick konnte jedenfalls nicht schaden.

__________

Matong war erzürnt. Wütender über den Tod des Jungen, als er sich hatte anmerken lassen. Es musste entsetzlich sein, auf diese Art zu sterben, schreiend in die Tiefe zu stürzen. Welch eine Verschwendung. Er hoffte, dass sie wenigstens einige Weiße getötet hatten.

Der Weg durch dieses Land war gefährlich, viele Reiter zogen umher, und er musste sich oft ein Versteck suchen und die Gegend ausspähen, bevor er weiterlief. Zum Jagen blieb keine Zeit, was ihn noch zorniger machte. Er hatte nichts zu essen, und selbst wenn er zufällig auf ein kleines Känguru oder eine Schlange stieß, konnte er kein Feuer entzünden. Die Wut tobte noch stärker in ihm, als er sich die kommenden Tage ohne Nahrung ausmalte. Er war jetzt schon hungrig, doch ihm blieb keine Wahl, er musste es aushalten. Obgleich es ungerecht war, denn das Land gehörte ihnen.

Dann war da die Sache mit Mimimiadies Frau. Sie waren nicht auf Kriegszug gegangen, sonst hätten sie die Frau nicht bei sich gehabt. Sie wollten nur jagen. Der Junge hatte sie angefleht, ihn mitzunehmen, und Mimimiadie hatte seine Frau zum Arbeiten dabei. Nun waren beide tot. Ihre Familien würden mittlerweile wissen, dass etwas geschehen war, auch von dem Mord an den Goldsuchern hatten sie vermutlich erfahren, ohne aber die ganze Geschichte zu kennen. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er ihnen die Nachricht vom Tod des Jungen und der Frau überbringen musste. Der Junge hatte niemanden, doch sie besaß Familie, drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen namens Boomi, den Stolz seines Vaters.

Erst sechs Jahre alt und keine Mutter mehr, dachte Matong betrübt. Und sein Vater war weit weg. Doch er konnte ihm sagen, dass er zurückkehren werde, schließlich war Mimimiadie ein mutiger Mann. Nach der Regenzeit würde er nach Hause kommen.

Er lief weiter in Richtung eines Flusses, der vor ihm lag, eines kleinen, reißenden Flusses, der so tief war, dass er das ganze Jahr über Wasser führte, und kämpfte dabei gegen den Schmerz in seinem leeren Magen. Dort konnte er wenigstens trinken. Doch dann hörte er Pferde und glitt in den Schutz des langen, drahtigen Grases. Er drückte sich an den Boden.

Es war nur ein Pferd, in stetigem Galopp. Es würde bald vorbei sein. Was auch stimmte, doch kurz darauf fiel es in Trab, und als Matong sich aufrichtete, sah er, dass der Reiter ebenfalls zum Fluss wollte. Zu seinem Fluss! Woher kannte ihn der Weiße überhaupt? Er lag im Dickicht verborgen, sein Bett so tief, dass Pferde nur bei Hochwasser dort trinken konnten. Wütend folgte er dem Mann, glitt lautlos durchs Gebüsch und sah, wie er abstieg, die Böschung hinunterkletterte und durstig trank. Dann füllte er seinen breitkrempigen Hut mit Wasser und gab dem Pferd zu trinken. Unterwegs verschüttete er etwas, so dass das Tier nicht genug bekam. Gereizt beobachtete Matong, wie der Mann die ganze Prozedur wiederholte, dann fiel sein Blick auf die Satteltasche. Weiße Männer hatten immer etwas zu essen dabei. Die Tasche wäre eine leichte Beute.

Beinahe hätte er zu spät zugeschlagen. Der Mann schwang sich mit dem Rücken zu ihm aufs Pferd, doch das Tier hatte die Gefahr gewittert.

Gerade als Matong zu einem geraden, kraftvollen Wurf ausholte, schnaubte das Tier, tänzelte, so dass der Reiter die Zügel fester packte und die Beine gegen die Flanken presste.

Matong hatte gut gezielt. Sein Speer bohrte sich in den Rücken des Weißen, doch dieser blieb im Sattel. Das Pferd stob davon, der lange Speer streifte niedrige Äste, bis er sich aus dem Rücken des Mannes löste und zu Boden fiel.

Betrübt hob Matong ihn auf und wischte ihn am Gras ab. Kein Essen, die Mühe war umsonst gewesen. Er spielte mit dem Gedanken, Ross und Reiter zu verfolgen, aber das Tier war so verschreckt, dass es vermutlich so lange galoppieren würde, bis es keine Luft mehr bekam. Oder tot umfiel, hoffte Matong. Er hätte den Mann am Fluss angreifen sollen, aber er hatte das Wasser nicht verschmutzen wollen.

Er lief hinunter, plantschte durch den Fluss, nahm einige Schluck Wasser und kam leichtfüßig auf der anderen Seite heraus. Dann rannte er schnell in die Nachmittagssonne hinein. Vor ihm lagen Hügel. Er könnte bis zum Einbruch der Nacht dort sein, wenn er sich beeilte, und sie in der Dunkelheit durchqueren. Dann wäre er so gut wie zu Hause. Er warf einen Blick auf seinen Speer. Er trug ihn aus Gewohnheit bei sich, würde ohne ihn aber schneller sein. Schweren Herzens warf er ihn weg, senkte den Kopf und rannte weiter.

__________

Yorkey war dem Viehzüchter den ganzen Morgen lang gefolgt, da er hoffte, ihn einzuholen und zu tun, als hätten sie einander zufällig getroffen. Mittlerweile befürchtete er jedoch, dass er sich verirrt hatte, oder aber Zack legte ein beachtliches Tempo vor, denn auf der einsamen Straße war weit und breit nichts von ihm zu sehen. Die musste immerhin an ein Ziel führen, dachte er bei sich. Er wollte sein Pferd nicht zu sehr antreiben, da er ohne das Tier Gefahr lief, in der Hitze umzukommen.

Dank Paddys Koch hatte er Essen und reichlich Wasser dabei. Zum Glück, denn er hatte auf dieser Strecke noch keine Wasserstelle gesehen. Er probte im Geiste die Worte, die er sagen wollte, wenn er »zufällig« auf die Black Wattle Station stieß.

»Wohnt Zack hier? Tatsächlich? Ist er hier? Ich würde gern mit ihm reden.«

Er ritt in den Nachmittag hinein, und als er es leid wurde, schaute er sich nach einem Lagerplatz um, vorzugsweise in der Nähe einer Wasserstelle.

»Dann können wir uns beide abkühlen, mein Freund«, sagte er zu seinem Pferd. »Es sieht allerdings nicht gut aus, wir sollten es wohl etwas langsamer angehen lassen.«

Yorkey konnte ausgezeichnet pfeifen. Er pfiff mühelos jede Melodie nach, die ihm die Jungs vorsangen, vor allem die fröhlichen irischen Lieder. Die Texte kannte er zwar nicht, doch man bat ihn oft, in Pubs oder Lagern aufzutreten. Er hatte sogar einmal mit einem bekannten Fiedler zusammen musiziert und wilden Applaus geerntet. Er war stolz gewesen, mit einem richtigen Instrument die Melodie zu halten.

Um sich und dem Pferd, das ihm gern zuhörte, die Zeit zu vertreiben, ging Yorkey sein Repertoire durch und brachte Töne hervor, die jeden Singvogel neidisch gemacht hätten, wie ein Wirt einmal bemerkt hatte.

Doch plötzlich hielt er abrupt inne. Neben der Straße stand ein einsames Pferd, dessen Zügel auf den Boden hingen. Yorkey stieg ab und näherte sich vorsichtig von hinten.

»Braver Junge, braver Junge.« Er streckte die Hand aus und tastete sich vor. Das Pferd scheute zurück.

»Braver Junge. Schon gut, ich tue dir nichts.« An Sattel und Rumpf klebte getrocknetes Blut.

»Braver Junge, du bist doch in Ordnung, oder? Braver Junge, ich tue dir nichts.« Seine Stimme klang beruhigend, er flüsterte beinahe. Dann sah er die Verletzung am Rumpf. Es war Zack Hamiltons Pferd! Doch wo zum Teufel steckte der Reiter?

»Bleib stehen, ich tue dir nichts. Komm schon. Sieh dir meinen Kumpel hier an. Ist auch ein braver Junge, ein ganz braver Junge. Sollen wir mit ihm reden?«

Yorkey wusste, Pferde waren neugierig. Das Tier verstand die Worte nicht, lauschte aber der beruhigenden Stimme. Yorkey sprach weiter, wich zurück, bis das Pferd sich schließlich umdrehte, um zu sehen, wer da sprach. In diesem Moment ergriff er die Zügel.

Er band beide Tiere an einen Baum und rannte über die glühend heiße Straße, wobei er Zacks Namen rief, machte kehrt, lief in die andere Richtung. Als er keine Antwort bekam, suchte er im weichen Straßenstaub nach Fußabdrücken und Blutspuren.

Endlich entdeckte er eine Unregelmäßigkeit, keine Fußabdrücke, sondern Kriechspuren, und dann fand er auch Zack, der im Schatten gegen einen Baum lehnte.

»Was zum Teufel…«

»Bin runtergefallen«, murmelte Zack, als habe er einen Fehler begangen.

»Dürfte wohl mehr gewesen sein als das.« Yorkey holte rasch seine Wasserflasche.

Als er ihm zu trinken gab, bemerkte er, dass Zack schwer verletzt war. Von seinem Rücken sickerte Blut über seine Arbeitshosen, sein Gesicht war grau. Er war zu schwach, um die Wasserflasche zu halten.

»Moment«, sagte Yorkey ruhig und stellte die Flasche beiseite. »Ich sehe mir das mal an.«

Zack stöhnte und sackte zur Seite, als Yorkey ihn vom Baum wegzog, um seinen Rücken zu untersuchen.

»Allmächtiger!« Das Hemd war blutgetränkt und klebte an der Haut. Als er es vorsichtig löste, entdeckte er die klaffende Wunde, in der sich bereits Fliegen sammelten. Er verscheuchte sie, entsetzt, dass der Rücken des Mannes ebenso zerrissen war wie das Hemd.

»Was ist passiert?«, fragte er, während er einen Teil des Hemdes abriss und mit Wasser tränkte, um die Wunde zu säubern.

»Speer«, flüsterte Zack. »Ein verdammter Speer.«

»Himmel!« Yorkey schaute sich unwillkürlich um. Sein eigener Rücken fühlte sich plötzlich schutzlos an. Er streifte den Rest des Hemdes ab und hoffte, Zack so wenig Schmerzen wie möglich zu bereiten, auch wenn er wusste, das würde ihm kaum gelingen. Dann drückte er den Stoff aus und legte den Rest des Hemdes als provisorischen Verband über die Wunde.

Er dachte fieberhaft nach. Waren Schwarze in dieser Gegend auf dem Kriegspfad? Eine halbe Meile entfernt standen die Pferde, Waffen und Munition den Blicken preisgegeben. Er musste sie holen.

»Bin gleich wieder da.« Er rannte die Straße entlang, überzeugte sich, dass sich die Waffen noch an Ort und Stelle befanden, und führte die Pferde ins Gebüsch. Yorkey bezweifelte ohnehin, dass er in der Lage sein würde, einen Schwarzen zu töten, doch immerhin hatte er die Waffen bei sich. Vielleicht könnte er mit ihnen verhandeln, um den Boss und sich aus dieser Lage zu retten.

»Hol Hilfe«, murmelte Zack mit zusammengebissenen Zähnen.

»Ich kann Sie nicht hier lassen.« Er könnte einen Sonnenschutz aus Zweigen errichten, dennoch würde der Verletzte ein willkommenes Ziel für mögliche Angreifer bieten.

»Wie weit ist es bis zu Ihrem Haus?«

Zack lag flach auf dem Bauch und schien ihn nicht zu hören. »Sind Sie noch wach?«

»Dreißig Meilen«, antwortete Zack gereizt. »Geh.«

»Bald wird es dunkel. Ich werde es nicht finden.«

Er hörte ein Seufzen, dann hob Zack den Kopf und sah ihn an.

»Wir bleiben besser über Nacht hier«, sagte Yorkey. Doch das Problem war damit nicht aus der Welt. Er konnte Zack nicht allein an diesem Ort lassen. Vielleicht gelänge es ihm, eine Schlepptrage zu bauen, die ein Pferd ziehen konnte. Vor einigen Jahren hatte er in Katherine erlebt, wie man einen Mann damit transportierte. Aber er wusste, es war schwierig. Er hatte nicht einmal eine Axt zur Verfügung.

Zack traf die Entscheidung. »Hilf mir auf. Ich reite.«

»Das geht nicht.«

»Hilf mir auf.« Das war ein Befehl.

Es war ein mühseliger, schmerzhafter Kampf, Zack aufs Pferd zu hieven, doch schließlich gelang es Yorkey, und der Boss sank erschöpft auf den Hals des Pferdes.

Yorkey gab ihm zu trinken. »Ich muss Sie festbinden; noch mal schaffen Sie das nicht. Ich bemühe mich, Ihnen nicht wehzutun.«

Nachdem Zack festgezurrt war, bestieg Yorkey sein Pferd und führte das andere langsam hinter sich her. Er vermutete, dass Zack unterwegs mehr als einmal das Bewusstsein verloren hatte, doch nach Einbruch der Dunkelheit zwang er sich wach zu bleiben und erteilte gelegentlich Anweisungen.

»Hier abbiegen. Rechts.« So ging es weiter. Yorkey hätte schon Mühe gehabt, das Haus bei Tageslicht zu finden. Von Zeit zu Zeit sah er nach seinem Patienten, gab ihm und den Pferden Wasser, bis nichts mehr übrig war. Er aß seine Ration und kaute Tabak, um sich wach zu halten.

War er eingedöst? Er spürte, wie Zack an der Leine zog.

»Alles klar mit Ihnen?«, fragte Yorkey.

»Halt an.«

»Noch zu früh. Wir haben noch ein Stück vor uns.«

»Ruf!«, stöhnte Zack zähneknirschend.

»Na gut. He! Black Wattle! Ist hier jemand?«

Hundegebell ertönte, und schon bald bewegten sich dunkle Gestalten zwischen den Bäumen.

»Ach du lieber Himmel«, sagte er unglücklich, als er die Schwarzen erkannte. »Ich hätte nicht auf ihn hören sollen. Ist wohl im Delirium.«

»Was ist los?«, fragte eine Stimme. »Wer seid ihr?«

»Wir suchen nach der Black Wattle Station«, antwortete Yorkey nervös.

Rufe ertönten, als weitere Männer hinzukamen. »Er hat den Boss dabei! Was machen Sie da, Mister?«

Yorkey weinte beinahe vor Erleichterung. »Er ist schwer verletzt. Könnt ihr uns helfen?«

Das Lager erwachte zum Leben. Feuer wurden angezündet, Fackeln wiesen ihnen den Weg. Yorkey lief besorgt neben Zack her, den zwei Männer zu einer Rindenhütte trugen, die man voller Stolz mit einer alten Matratze versehen hatte, »für den Boss.«

»Angeschossen?«, fragte eine hoch gewachsene Frau, als man Zack auf den Bauch gebettet hatte.

»Nein, ein Speer.«

»Ah.« Sie übernahm das Kommando und schob ihn beiseite.

»Wo sind wir hier?«, erkundigte er sich.

»Black Wattle.«

»Hätten wir ihn nicht besser ins Haus gebracht?«

»Großes Haus zehn Meilen von hier. Mein Junge sagt Bescheid. Keine Sorge. Hat ein Pferd, reitet schnell. Er ist Viehhüter«, fügte sie stolz hinzu.

Alle arbeiteten effizient und bewahrten die Ruhe.

Jemand hatte sich der Pferde angenommen, so dass Yorkey sich ans Lagerfeuer hocken und eine Zigarette rauchen konnte. Seltsames Land, in dem wir hier leben, sinnierte er. Der Boss wird von Schwarzen mit einem Speer verletzt, und andere Schwarze kümmern sich um ihn.

Eine Frau brachte ihm einen Becher kochend heißen schwarzen Tee, den er dankbar trank. Als ihn die Müdigkeit überkam, döste er ein. Er wachte auf, als die weißen Männer auf der Suche nach dem Boss lärmend ins Lager kamen, die Schwarzen mit Fragen bestürmten und Befehle erteilten. Sie hatten ein Mädchen dabei, ein blondes Mädchen, das in Tränen aufgelöst war und seinen Daddy sehen wollte.

Yorkey ging zu der Stelle, wo ein halbes Dutzend Pferde angebunden waren, die nach dem rasenden Zehn-Meilen-Ritt immer noch keuchten und schnaubten. Sein Pferd und Zacks Tier standen, endlich von den Sätteln befreit, still nebeneinander, die Köpfe gesenkt, und schenkten ihren aufgeregten Artgenossen keine Beachtung.

Ein Mann namens Casey kam zu Yorkey. »Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ihn ein Speer verletzt hat. Ich fand ihn neben der Straße.«

»Du hättest ihn nicht auf das verdammte Pferd setzen sollen. Muss höllisch wehgetan haben. Wieso hast du nicht einfach Hilfe geholt?«

»Sollte ich ihn draußen allein lassen, damit ihm die Buschleute den Rest geben?«

»Wie? Du bist allein unterwegs?«

»Ja.«

Casey gab klein bei. »Hm… ach so.«

Man brachte einen großen, schweren Wagen für Zack, der ihn so wenig wie möglich durchrütteln würde, ganz anders als der klapprige Karren, auf dem man Paddy abtransportiert hatte. Wie lange war das her? Yorkey hatte jegliches Zeitgefühl verloren.

Dann waren die Weißen weg, und im Lager kehrte wieder Ruhe ein. Trotz der frühen Stunde wehte schon ein heißer Wind. Yorkey zog seine Stiefel aus, nahm die Satteldecke und suchte Zuflucht hinter einem Dickicht von Teebäumen. Es war ein langer Tag gewesen.

__________

Er blieb im Lager. Niemand hatte etwas dagegen. Er baute sich mit Hilfe kichernder Kinder aus einigen Schösslingen und Ästen eine Hütte an einem Seitenarm des Flusses. Sie erklärten ihm, dass sich die Ältesten auf die Regenzeit vorbereiteten, indem sie die Hütten eindeckten und nach Leinwandfetzen und Wellblech und sogar nach alten Teppichstücken suchten. Yorkey verkündete, er werde nicht lange bleiben. Sie waren enttäuscht, und er erfuhr, dass er hier als Held galt, weil er den Boss sicher nach Hause gebracht hatte.

Diese Menschen waren zufrieden. Nahmen das Leben, wie es kam. Lebten auf einem Fleckchen des Landes, das einmal ihren Vorfahren gehört hatte, nach ihren Vorstellungen und mit dem Einverständnis des Bosses. Seltsamerweise prahlten einige der Männer mit der Größe der Black Wattle Station, die angeblich noch weitläufiger sei als die benachbarte Big Run. Yorkey wusste es besser, sagte aber nichts. Sie waren stolz darauf, behaupteten, sie hätten mehr Vieh, mehr Männer, mehr Pferde, mehr von allem, und Yorkey lächelte.

»Seid ihr die Einzigen?«

»Nein. Es leben noch mehr Schwarze auf der Station. Weit weg. Immer nah am Wasser.«

Er begriff, dass sich die Größe der Lager nach dem verfügbaren Wasser richtete, und fragte sich, wer diese Regel aufgestellt haben mochte. Schade, dass ihr Leben so eingeengt war, doch es schien sie nicht zu stören. Jeder musste selbst zurechtkommen. Auch er hatte immer hart gearbeitet, manchmal nur die Hälfte von dem erhalten, was weiße Treiber bekamen, doch er hielt wohlweislich den Mund. Paddy, das musste man ihm lassen, hatte ihn angemessen bezahlt. Es war immer gut, ein Pfund als Reserve zu besitzen.

Er teilte den Männern mit, er sei nicht gut bei der Nahrungssuche. Sie fanden es komisch, weil es aus dem Mund eines Schwarzen kam, und er bot ihnen ein paar Shilling in einer Tabaksdose an, um seine Verpflegung zu bezahlen.

»Für meine Faulheit«, sagte er grinsend. Er genoss die Untätigkeit, wenngleich das Essen gewöhnungsbedürftig war. Lange würde er es hier jedenfalls nicht aushalten.

Eine Greisin kam zu ihm, eine Frau, die andere kommandierte und die er folglich für die Matriarchin des Clans hielt. In einigen Clans vererbte sich die Macht über die weibliche Linie.

Sie sprach ihn in ihrer eigenen Sprache an und war überrascht, als er sie nicht verstand. Dann versuchte sie es mit Englisch.

»Leute sagen, du bist Waray-Mann. Kennst du nicht deine Sprache?«

»Hab sie nie gelernt. Ich habe immer bei den Weißen gelebt.«

Sie zischte missbilligend, streckte die Hand aus und befühlte sein Gesicht, als traue sie ihren tränenden Augen nicht. Sie berührte sein langes, glattes Haar, das mit einer Kordel zusammengebunden war, dann kehrten die rauen Hände in sein Gesicht zurück, zur Stirn, der scharf geschnittenen Nase, dem entschlossenen Kinn, und strichen über seine Lippen.

»Kein Waray-Gesicht, Mister. Nein. Wir sind Waray. Wir.«

Wütend schob Yorkey sie beiseite. »Ich auch. Meine Mutter war eine Waray.«

Sie grinste und entblößte ihre zerbrochenen Zähne. »Waray-Mutter, aber falsches Gesicht. Auch kein weißer Mann drin zu sehen. Dein Daddy war von welchem Stamm?«

Yorkey nahm seinen Mut zusammen. »Whadjuck. Aus dem Süden. Weit weg.«

»Ah.« Kein Zeichen von Begreifen oder Interesse.

»Guter Junge. Gutes Gesicht, egal woher. Verheiratet?«

»Nein.«

Ihr Gesicht leuchtete auf, und Yorkey ahnte allmählich den Grund ihres Besuchs.

»Ja, guter Bursche. Großer, guter Mann. Hab ein Mädchen für dich, gute Frau, hübsch…« Sie riss begeistert die Arme hoch.

»Ihr macht schönste Babys, abwarten.«

Yorkey begriff, dass seine Tage hier tatsächlich gezählt waren. Er wechselte das Thema, wollte eine Frage formulieren, ohne die Regel zu brechen, nach der es in manchen Stämmen als Verbrechen galt, Tote beim Namen zu nennen. Vielleicht reichte ja der Weißen-Name.

»Ich glaube, meine Mutter hat mal hier im Haus gearbeitet. Sie nannten sie Netta. Kennst du sie?«

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. »Dieses Mädchen meine Verwandte. Hat dich gesehen. Schüchtern. Sagt, du bist hübsch.«

»Mutter«, erwidert er sanft, »ich kann nicht bleiben. Ich muss bald weiter, kann ich über meinen Daddy sprechen?«

Sie zuckte die Schultern.

»Meine Mutter sagt, er war ein großer Held. Ich habe ihn nie kennen gelernt. Er wurde irgendwo hier draußen getötet.«

Die Frau gluckste mitfühlend. Endlich hatte er ihre Aufmerksamkeit geweckt.

»Er war ein schwarzer Mann, trug aber einen Weißen-Namen. Sie nannten ihn Jimmy Moon. Hast du je von ihm gehört?«

Er sah das Erkennen in den alten Augen, dann wandte sie sich ab und blickte zu Boden. Kurz darauf schaute sie ihn wieder an, verschleiert, ängstlich.

»Kenn ihn nicht! Redest altes Zeug!«

Yorkey gab sich unbekümmert. »Das stimmt. Aber du bist eine gute alte Frau. Ich weiß, du kennst viel altes Zeug.«

»Vergiss es.«

»Aber du kanntest Jimmy Moon.«

»Nie!«, entgegnete sie zornig. »Du gehst. Wir wollen keinen Ärger.«

Sie stand überraschend schnell auf und humpelte davon, ohne sich umzudrehen. Yorkey war wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte sie irgendwie beleidigt, vielleicht durch die Erwähnung der Namen oder weil er sich nicht für die angebotene Braut interessierte, doch was sollte die Bemerkung über den Ärger bedeuten? Er hatte nicht vor, jemandem Ärger zu bereiten. Gewiss durfte sich ein Mann nach seinen Eltern erkundigen. Ob sie Jimmy Moon gekannt hatte? Schwer zu sagen. Weshalb sollte sie lügen? Er wanderte zu dem Pfad, der zum Wohnhaus von Black Wattle führte.

»Ich sollte wohl morgen hingehen«, murmelte er bei sich. »Mich umsehen. Hören, wie es Zack inzwischen geht.«

Doch er hatte noch etwas im Lager zu erledigen. Die Reaktion der alten Frau hatte ihn neugierig gemacht. In den nächsten Tagen würde er einen der alten Männer ansprechen, wenn sie nicht in der Nähe war. Vielleicht erinnerte sich einer von ihnen an den Helden Jimmy Moon oder an Netta. Er fragte nur aus Interesse, wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen. Denkbar, dass die Greisin nicht mehr ganz richtig im Kopf war.

5

Der Postbote kam und brachte Zeitungen, die letzten kleinen Bestellungen und Päckchen für die Leute auf den Stationen mit, bevor er seinen Wagen in einem Schuppen hinter der Bahnstation von Pine Creek unterstellte. Danach machte er, wenn möglich, seine Runden auf einem Packpferd, bis die Regenzeit vorüber war.

Als Lucy von seiner Ankunft hörte, lief sie ins Haus, um an William Oatley in Darwin zu schreiben. Sie wollte ihm mitteilen, dass die Hamiltons auf Grund unvorhergesehener Schwierigkeiten aufgehalten worden seien, aber in Kürze in der Stadt eintreffen und dort hoffentlich Myles willkommen heißen würden. Ihr Brief klang unbekümmert, sie scherzte über den »Nimmerland-Zug«, den sie in Pine Creek nehmen wollten, »falls wir überhaupt noch dorthin kommen«, murmelte sie bei sich. Der Zug von Pine Creek nach Darwin war nicht nur von berüchtigter Langsamkeit, sondern er bediente die Strecke von mehreren Hundert Meilen auch nur ein- oder zweimal wöchentlich und verspätete sich oftmals nicht nur um Stunden, sondern um Tage.

»Ich sollte mich wohl nicht beklagen«, schrieb sie, »da wir immerhin einen Zug zur Verfügung haben und nicht mit Pferd oder Wagen kommen müssen. Wobei Reiten vermutlich schneller ginge.«

Sie adressierte den Umschlag, übergab ihn dem Postboten und achtete peinlich darauf, dass er ihn auch in die Tasche steckte.

Doch wo blieb ihr Vater? Er müsste längst von Campbell’s Gorge zurück sein, es war einfach ungerecht von ihm.

__________

Noch bevor Casey das Haus erreichte und ihnen mitteilte, dass sich ein Unfall ereignet hatte, war Lucy aus dem Bett gesprungen und hatte Hemd, Hosen und Stiefel angezogen. Sie hatte das Hundegebell gehört, scharfe, knappe Laute in der Stille der Nacht, ohne sich zunächst etwas dabei zu denken. Ein streunendes Tier konnte sie aufgeschreckt haben oder ein Dingo, der sich zu nah an die Hühnerställe wagte. Dann jedoch verwandelte sich das Gebell in aufgeregtes Gekläff. Nein, dort draußen tat sich irgendetwas.

Sie rannte auf die Veranda, spähte in die Dunkelheit, der Hundelärm klang lauter als je zuvor, und dann entdeckte sie Lichter in der Männerunterkunft am Fuße des Hügels. Verwundert lauschte sie, hörte ein Pferd, nein, mehrere Pferde, die aus dem Stall geführt wurden. Weitere Lichter wurden entzündet, Rufe ertönten. Laternen wurden geschwenkt. Dann galoppierten die Reiter in die Nacht.

Sibell trat in die Tür, fest in ihr Nachthemd gewickelt.

»Zack ist etwas zugestoßen.«

»Nein, Mutter. Ich sehe nach, was da unten los ist.«

Doch dann trat Casey auf sie zu. Er sah die Sorge in Sibells Gesicht und verkündete mit einem warnenden Blick in Lucys Richtung, Zack sei zu Hause.

»Gott sei Dank«, sagte sie.

»Wo ist er?«, wollte Sibell wissen. »Wozu der ganze Aufruhr?«

»Schon gut, er ist bei den Schwarzen unten im Zehn-Meilen-Lager. Sie kümmern sich um ihn.«

»Wieso? Ist er krank?«

»Sieht so aus. Einige Männer sind hin geritten.«

»Warum? Warum reiten sie hin? Habt ihr nach einem Arzt geschickt?«

»Ja, kein Grund zur Panik.«

»Ich bin aber in Panik, Casey. Wie lange ist er schon dort? Ein kranker Mann im Lager der Schwarzen! Seid ihr von Sinnen? Und warum erfahren wir mitten in der Nacht davon? Was zum Teufel geht hier vor?«

Casey wirkte zerknirscht. »Ganz ruhig, Sibell. Die Schwarzen haben ihn auf der Straße gefunden…«

»Oh, mein Gott! Wann?«

»Heute Abend. Ist noch nicht langer her. Darky Mick hat uns gemeldet, dass er bei ihnen ist. Er sagt, ein Speer hätte ihn verletzt. Kann sich nicht rühren. Sie bringen ihn mit einem Wagen her.«

»Na los«, sagte Lucy und rannte die Treppe hinunter.

»Vielleicht solltest du besser hier warten. Kannst ohnehin nicht viel tun.«

»Lass sie«, meinte Sibell. »Ich bereite das Zimmer vor.«

__________

Auf der Station war es ungewöhnlich ruhig, bis Maudie Hamilton hereinstürmte. Sie hatte nicht einmal ihr Pferd angebunden, das nun die Überreste des Vorgartens zertrampelte.

»Wie geht es ihm? Warum hat mir niemand Bescheid gesagt? Ich sitze da wie bestellt und nicht abgeholt, warte mit gepackten Koffern auf euch, weil ich glaube, dass wir nach Port Darwin fahren, und nichts passiert!«

Tante Maudie, Zacks Schwägerin, war die verwitwete Eigentümerin der Nachbarstation Corella Downs. Sie war eine kräftige, robuste Frau mit sonnengebräunter Haut, scharfen Augen und einer schroffen Art, die zu ihrer Rolle im Leben passte. Maudie regierte ihre Viehstation mit eiserner Hand. Ihr Sohn Wesley war zwei Jahre älter als Lucy und arbeitete offiziell als Verwalter, hatte aber nicht viel zu sagen.

Gewöhnlich trug Maudie karierte Hemden, Arbeitshosen und Buschhüte, war für die Reise aber in ein schwarzes Reitkostüm gekleidet, in dem sie, von dem alten schwarzen Filzhut mit der Kakadufeder einmal abgesehen, ziemlich elegant wirkte.

Lucy führte sie in den Salon. »Er ist schwach, Maudie. Der Arzt sagt, der Speer hätte seine Lunge getroffen, und er hat eine Menge Blut verloren.«

»Also ein Speer! Gott im Himmel! Nimmt das denn nie ein Ende? Habt ihr die Polizei gerufen? Hat man die Schweine gefunden? Es ist jetzt drei Tage her, oder?«

Lucy seufzte. Sie wünschte, Maudie hätte zu Hause auf sie gewartet. Es tat ihr Leid, doch im Augenblick konnte sie diese überschwängliche Frau nicht ertragen… bis ihr die drohende Abreise ihrer Mutter einfiel.

»Er braucht absolute Ruhe, Maudie«, sagte sie warnend. »Mutter hat sich wunderbar verhalten.«

»Warum auch nicht? Er ist ihr Mann.«

Lucy schloss die Tür. »Hör bitte gut zu. Es tut mir Leid, dass du warten musstest, ich dachte, irgendjemand hätte dir Bescheid gegeben. Vermutlich wäre es an mir gewesen, dafür möchte ich mich entschuldigen. Aber ich bin froh, dass du gekommen bist. Sprich bitte mit Mutter.«

»Worüber denn?«

»Du wirst es nicht glauben: Sie will Daddy verlassen.«

»Wieso? Was hat er ihr denn getan?«

»Nichts. Er liebt sie doch, das weißt du! Sie hat einfach entschieden, dass sie nicht mehr hier leben möchte. Sie zieht nach Perth.«

Maudie nahm den Hut ab und ließ ihn auf ein Sofa fallen. »Leute gehen nicht ohne Grund weg. Irgendetwas muss vorgefallen sein.«

»Eben, aber sie sagt, es sei nichts geschehen. Sie will einfach weg, um in Perth zu leben. Sie sagt, sie sei das Leben auf der Station leid.«

»Sie verlässt also ihren Ehemann? Und dich? Grundlos? Ich meine, ich kenne Frauen, die abgehauen sind und denen ich das nicht übel nehme. Wurden von ihren Männern geprügelt und hungerten auf ärmlichen Anwesen, die nichts abwarfen, aber das sind keine Entschuldigungen, die Sibell vorbringen könnte. Was ist nur in sie gefahren?«

»Ich weiß es nicht. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn du in Ruhe mit ihr sprichst. Sie hat ihre ganzen Sachen gepackt. Alles.«

»Aber sie wird Zack doch wohl jetzt nicht im Stich lassen?«

»Nein, sie hat die Absicht, bis nach Weihnachten bei uns zu bleiben.«

»Wie großzügig. Wo ist sie?«

»Ich glaube, in der Küche. Aber sei behutsam, Maudie, ich streite schon seit Tagen mit ihr…«

Lucy hätte ebenso gut gegen die Wand reden können. Maudie marschierte zur Tür hinaus und in die Diele. Dort rief sie nach Sibell.

Ihre Schwägerin kam herbeigeeilt. »Psst, Maudie, bitte. Zack schläft gerade. Ich bin so froh, dass du gekommen bist. Er wird sich freuen, dich zu sehen.«

»Ich musste kommen. Ich dachte schon, ihr wärt ohne mich in die Stadt gefahren.«

»Das würden wir niemals tun. Wir mussten auf Zack warten, und dann ist diese schreckliche Sache passiert.«

»Aber er wird doch wieder gesund, oder? Lucy macht sich große Sorgen.«

»Ja, das sagt der Arzt jedenfalls. Er kommt morgen wieder her.«

»Gut. Und was soll das nun mit deiner Abreise?«

»Maudie. Wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich lieber ein anderes Mal darüber sprechen.«

»Es macht mir aber etwas aus. Ich habe ein Recht zu wissen, was vorgeht. Setz dich hin und sag mir, was los ist.«

Nachdem Sibell auf einem Stuhl in der Diele Platz genommen hatte, setzte sich Maudie daneben und hob die Röcke, um ihre Reitstiefel auszuziehen.

»Also?«

»Es gibt nicht viel zu sagen, aber wenn du es unbedingt wissen willst: Ich gehe fort. Ich kann das Leben auf der Station nicht mehr ertragen.«

»Was ist denn so schlimm daran? Du hast verdammtes Glück, hier zu leben. Hunderte von Frauen würden ihre rechte Hand dafür geben, auf einem solchen Anwesen zu wohnen. Und mit einem liebevollen Mann wie Zack.«

»Das weiß ich. Aber wenn du meine Antwort hören willst, solltest du mich ausreden lassen. Maudie, du bist im Busch geboren und hast dich hier immer wohl gefühlt, aber ich kann es einfach nicht mehr. Ich habe versucht, es Zack und Lucy zu erklären. Ich kann mich über nichts beschweren, doch darum geht es nicht. Ich möchte nicht mehr hier draußen leben. Ich will in die Stadt…«

Sie fuhr in ihren Erklärungen fort, die für Maudie keinen Sinn ergaben, bis Sibell erwähnte, sie denke schon lange darüber nach und sei letztendlich zu dem Schluss gelangt, dass sie diesen Schritt im Bewusstsein ihres Alters jetzt oder nie tun müsse.

»Ha!«, rief Maudie, als habe sie alles durchschaut. »Die Wechseljahre, das ist alles. Du kommst in die Wechseljahre! Ich bin älter als du, ich kenne das. Zum Glück hatte ich nie Probleme damit, bin aber auch ein aktiverer Mensch. Viele Frauen drehen zu dieser Zeit völlig durch. So schlimm ist es bei dir nicht, aber ich kenne die Symptome. Plötzlich willst du einfach nur noch weg…«

»Es kam nicht plötzlich, Maudie.«

»So wenig wie dieser Wechsel. Er schleicht sich ein. Du musst morgen mit diesem Arzt reden, er gibt dir ein Tonikum. Mrs. Walsh schwört darauf. Und du solltest mehr reiten. Ein scharfer Ritt jeden Morgen. Du reitest nicht mehr viel, oder?«

»Nein, es ist zu heiß.«

»Dann steh früher auf. Denk nicht so viel über dich nach, darin liegt das eigentliche Problem. Viele Frauen tun das, grübeln über ihr Leben nach und setzen sich Flausen in den Kopf. Und jetzt möchte ich nichts mehr hören vom Weggehen. Du bringst alles durcheinander. Gott weiß, dass dein armer Mann auf diese Sorgen gut verzichten kann.«

»Das mag sein«, sagte Sibell schwach. Es war der leichtere Weg. Es ging nicht um irgendwelche Wechseljahre, es ging um einen wirklichen Wechsel, um eine Veränderung ihrer Lebensweise, doch ein Streit mit Maudie war sinnlos. Zack würde sich erholen, er war stark. Irgendwann würden sie gemeinsam nach Darwin fahren, und sie würde die erstbeste Schiffspassage nach Perth buchen, ungeachtet der möglichen Konsequenzen. Sie musste es einfach tun. Dank der Investitionen ihrer Schwiegermutter besaß sie eigenes Geld, und außerdem war Zack ein großzügiger Mann. Obgleich er aufgebracht und wütend über ihre Pläne gewesen war, hatte er sich entsetzt gezeigt, als sie erklärte, sie wolle kein Geld von ihm annehmen.

»Hier geht es nicht um Geld!«, schäumte er. »Meiner Frau wird es nie an Geld mangeln. Es geht darum, ob du mich liebst oder nicht.«

»Aber ich liebe dich doch… ehrlich. Ich kann bloß nicht hier bleiben.«

Er verstand es ebenso wenig wie Lucy oder Maudie. Oder ihre Freunde. Sie hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte, doch das war Teil des ganzen Problems. Die anderen liebten das Leben im Outback, genossen es geradezu. Die Entfernungen, den weiten Raum, die Abenteuer des Viehtriebs und der Musterungen, das Wachsen der Herden, ihre Pferde, Treiberpferde und Vollblüter gleichermaßen, und den endlosen Kampf mit dem Wetter… Sie konnte nicht mit Worten erklären, welchen Kurs sie einschlagen musste, bevor es zu spät war.

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Maudie bewies immerhin genügend Takt, sich im Krankenzimmer fröhlich zu geben. Sie ergriff Zacks Hand und rückte einen Stuhl neben sein Bett.

»Du bist mir vielleicht einer, alter Knabe. Ich habe gehört, du warst dabei, als ein Erdrutsch die Schlucht traf. Hättest einen Schlag auf den Kopf erhalten, dabei sieht der ganz gesund aus. Liegst du bequem hier?«

Er rang sich ein Lächeln ab. »Das mit dem Schlag stimmt. Und dann kam der Speer.« Seine Stimme klang schwach und müde.

Maudie schaute ihn liebevoll an. »In den Rücken. Die haben Glück gehabt, von vorn hätten sie dich nie erwischt. Verdammtes Pech, mein Schatz, aber das wird schon werden. Bist bald wieder auf den Beinen…«

Lucy nahm ihre Mutter mit hinaus. »Maudie kann jetzt bei ihm bleiben. Ruh dich aus.«

»Ich kann sie nicht allein lassen. Sie könnte ihn aufregen.«

»So dumm ist sie nicht. Du musst dich ausruhen, ich bringe dir eine Tasse Tee.«

Sibell schüttelte den Kopf. »Ich bin wirklich nicht müde, könnte aber einen Spaziergang vertragen. Ich bin seit Tagen nicht mehr vor die Tür gekommen.«

»Gut. Meinst du, er wird wieder gesund?«

»Natürlich. Die Wunde ist sauber, und der Arzt sagt, der Heilungsprozess würde jetzt einsetzen. Das gilt auch für die Lunge.«

»Hoffentlich.«

Lucy ging in ihr Zimmer, betrachtete niedergeschlagen den Koffer, der noch gepackt dastand. Die Reisepläne waren fürs Erste verschoben worden. Niemand plante überhaupt etwas, dabei wurde Myles jeden Tag zu Hause erwartet. Lucy würde ihren Vater in dieser Stunde nicht allein lassen, aber sie hatte sich so auf die Stadt gefreut, auf das Wiedersehen mit Myles, hatte von der romantischen Begegnung nach langer Trennung geträumt… Und nun war sie tief betrübt. Warum nur musste alles schief gehen?

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Als Maudie herauskam, hatte Lucy auf der Seitenveranda im Schatten eines efeubewachsenen Spaliers den Tee aufgetragen.

»Du solltest das Spalier entfernen«, sagte Maudie. »Hält den Wind ab.«

»Maudie, hier weht kein Wind, die Luft ist wie Blei. Was hältst du von Daddy?«

»Woher soll ich das wissen? Das ganze Zimmer stinkt nach Laudanum. Sie haben ihn so abgefüllt, dass er gar nicht begreift, wo er ist.«

»Das hilft gegen die Schmerzen.«

»Und wenn schon? Die Schmerzen haben eine Ursache. Der Mann muss doch selber denken können. Uns berichten, wie es dazu gekommen ist. Du weißt es doch auch nicht, oder?«

»Nein. Einer der Schwarzen hat ihn auf der Straße gefunden und hergebracht.« Lucy schenkte Tee ein und reichte Maudie ein Stück Kuchen. »Was war das eben mit dem Erdrutsch?«

»Als sie eine Herde durch die Schlucht trieben, gab es einen Erdrutsch. Ein Treiber wurde verletzt, sie haben um die fünfzig Stück Vieh verloren. Zack war auch dabei.«

»Ja, aber von einem Erdrutsch haben wir nichts gehört. Von wem hast du es erfahren?«

»Syd Walsh ist bei mir vorbeigekommen. Er schnüffelt immer auf den Anwesen anderer Leute herum. Sagte, er habe von Zacks Verletzung erfahren und vermutete automatisch den Erdrutsch als Ursache. Erst kurz vor Black Wattle traf ich einige Viehhüter, die mir von dem Speer erzählten.« Sie nahm sich noch ein Stück Kuchen und murmelte etwas Boshaftes über Syd Walsh.

»Ich lasse den Kerl ungern auf meinem Grund und Boden allein. Ich schwöre auf einen ganzen Stapel Bibeln, dass er mit Pop Oatleys verschwundener Herde zu tun hat. Und mit ein paar anderen.«

»Ach, Maudie, das solltest du nicht sagen. Syd ist ein bisschen grob, aber kein Viehdieb.«

»Ich sage, was mir passt. Er taugt nichts, hat nie was getaugt. Ich habe diese dumme Gans Joanna vor der Heirat gewarnt, nachdem ihr Mann gestorben war. Syd hatte es nur auf ihre Station abgesehen. Er behandelt sie wie Dreck. Und«, fügte sie wütend hinzu, »er hatte die Stirn, mir Grüße an Zack und Sibell aufzutragen.«

»Das war doch nett.«

»Findest du? Du solltest ihn deiner Mutter gegenüber lieber nicht erwähnen, sonst kriegt sie wieder ihre Zustände. Und was ist mit dir, mein Mädchen? Wann fährst du in die Stadt?«

»Ich kann Daddy jetzt nicht allein lassen.«

»Zack wird schon wieder. Wenn sie ihm nicht länger das Hirn mit dem Zeug vernebeln. Ich habe gehört, dein Freund ist auf dem Heimweg. Wird auch Zeit. Du möchtest ihn doch treffen, oder?«

»Ja, aber ich warte lieber, bis Daddy reisefähig ist.« Sie zuckte die Achseln. »Bis dahin können die Flüsse natürlich schon Hochwasser führen.«

»Unsinn. Wir warten, bis es Zack ein wenig besser geht, dann bringe ich dich in die Stadt. Sonst gerät Myles in die Fänge aller mannstollen Mädchen. Du musst bei ihm sein.«

Lucy schüttelte den Kopf. »Ich kann Mutter und Daddy nicht hier lassen.«

»Wieso nicht? Es wäre nicht das erste Weihnachtsfest, das sie zu Hause verbringen.«

Lucy hatte keine Lust, mit Maudie zu streiten, die Sorge um Zack und Myles quälte sie schon genug. Auch wollte sie nicht über Sibell sprechen. Sie hielt es für wichtig, dass Sibell einige Monate in der Stadt verbrachte, Freunde traf, Spaß hatte, ihre Sorgen vergaß. Ein Urlaub würde ihnen allen gut tun. Doch wie lange würde es dauern, bis Zack reisen konnte? Der Arzt hatte die Wunde in seinem Rücken genäht und darauf bestanden, dass er sich still verhielt, auf Kissen gestützt, bis die Fäden gezogen werden konnten.

Lucy würde nichts anderes übrig bleiben, als Weihnachten auf der Station zu verbringen. Sollte Maudie doch allein in die Stadt fahren.

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Yorkey ließ sich Zeit für den Weg vom Lager zum Wohnhaus der Station. Obgleich ein Großteil des weiten Outbacks reichlich monoton wirkte, konnte Yorkey als Treiber und Viehhüter noch immer hinzulernen, wenn er durch neue Gebiete ritt. Im Geiste zeichnete er eine Landkarte. Er folgte dem staubigen, roten Fußpfad und bog dann in die Ebene mit ihrem trockenen Gras, den dürren Bäumen und hohen Ameisenhügeln ab, die ihm stets wie strategisch platzierte Wächter erschienen, geheimnisvolle Wesen aus der Vorzeit.

Er wich einem felsigen Abschnitt aus und lief über das offene Land, beäugt von Rindern, die träge auf der Stelle standen. Yorkey machte sich einen Spaß daraus, für sie zu pfeifen. Er mochte Rinder. Keine Herde war wie die andere. In jeder gab es Persönlichkeiten, von den ganz scheuen bis zu den kühnen, streitsüchtigen Tieren; darin waren sie den Menschen sehr ähnlich.

In der Ferne, auf einem flachen Hügel, sah man das Wohnhaus, umgeben von zahlreichen Gebäuden. Fast wie eine kleine Stadt; dort arbeiteten sicher viele Männer. Er nahm einen breiteren Weg, der in diese Richtung führte. Dann stieß er auf einen kleinen, eingezäunten Friedhof.

Yorkey setzte sich ein Weilchen hin, schaute über den Zaun auf die Grabsteine und Kreuze, von denen einige den Namen Hamilton trugen, genoss die Ruhe, bevor er weiterzog.

Er umging den Bereich des Wohnhauses und suchte die Viehhöfe auf. Sie waren um diese Jahreszeit leer, doch die nahe gelegenen Koppeln weckten sein Interesse. Yorkey nickte anerkennend: Dort standen an die achtzig Treiberpferde in ausgezeichnetem Zustand, dahinter lang gestreckte, gepflegte Ställe für die besten Tiere.

Einige Hunde kamen gelaufen und knurrten den Fremden an. Ein untersetzter Hufschmied schaute von seiner offenen Esse hoch.

»Wer bist du, und wo willst du hin?«

»Ich heiße Yorkey. Ich bin auf der Suche nach Darky Mick.«

»Er ist draußen. Kommt in ungefähr einer Stunde.«

Yorkey wollte nicht verraten, dass er Darky Mick erst am Tag zuvor kennen gelernt und seinen Namen nur genannt hatte, um Eintritt in die Festung zu erlangen. Er hatte schließlich auch seinen Stolz.

»Ich bin Treiber. Habe gerade eine Herde für die Big Run weggebracht.«

Der Schmied sah ihn neugierig an. »Für einen Schwarzen sprichst du gut Englisch.«

»Klar«, sagte Yorkey. »Könnte ich einen Tee bekommen, während ich warte?«

»Da drüben.« Der Schmied wies mit dem Kopf zu einigen Gebäuden jenseits der Ställe und fuhr in seiner Arbeit fort.

Andere Männer schlenderten umher, doch niemand achtete auf ihn. Er band sein Pferd an ein Geländer und machte sich auf die Suche nach dem Küchenhaus.

Yorkey kannte die Regeln. Die Stationsköche hielten stets dampfenden Tee in großen Kannen auf dem Herd bereit. Weiße Männer konnten sich in die benachbarte Messe setzen; den Schwarzen war dieser Raum versperrt.

Der Koch zeigte sich zuvorkommend und reichte Yorkey einen Becher Tee und ein Brötchen. »Neu hier?«

»Ich bin nur auf der Durchreise. Danke.« Er nahm den Tee, biss in das Brötchen und zog sich in den Schatten eines Sonnendachs zurück. Dort hockte er sich in den Staub und wartete auf Darky.

An diesem Abend stand Yorkey als Held im Mittelpunkt. Dafür sorgte sein neuer Freund Darky Mick. Er sauste hin und her, rief Viehhüter und Stationshelfer herbei, damit sie seinen »Kumpel« kennen lernten.

»Er hat den kranken Boss gefunden«, prahlte er. »Im Busch, sonst wär der Boss tot. Das ist Yorkey!«

Männer versammelten sich, klopften ihm auf die Schulter, brachten ihm Bier, lauschten eifrig der Rettungsgeschichte und als Draufgabe noch dem Drama in der Schlucht, von dem sie jetzt endlich aus erster Hand erfuhren. Yorkey stieg sein Erfolg beinahe zu Kopf, und Darky Mick war ebenso aufgeregt wie er. Doch das Beste sollte noch kommen: Der Koch brachte ihm eine prachtvolle Mahlzeit und erklärte, es sei noch viel mehr für ihn da.

Yorkey erkundigte sich nach dem Boss und erfuhr, dass er noch sehr krank sei. Er war nicht sonderlich überrascht, doch zu seiner Erleichterung hieß es, der Arzt werde den Boss retten. Er mochte Zack, bewunderte ihn sogar, traute sich aber nicht, es diesen Männern gegenüber zu erwähnen.

Stattdessen sagte er: »Euer Boss ist ein harter Bursche. Der Schmerz muss unerträglich gewesen sein, aber er hat ohne einen Mucks auf dem Pferd gesessen und wusste immer den Weg.«

Zacks Männer nickten zustimmend, und Yorkey wusste, die Geschichte würde in die Überlieferung des Bezirks eingehen, an Lagerfeuern wieder und wieder erzählt und ausgeschmückt werden, wie es bei guten Vorlagen stets der Fall war. Er grinste bei sich. Ihn würde man vergessen, doch Zack Hamilton musste von nun an mit dem Ruf seiner sagenhaften Tapferkeit leben. So wie er Zack einschätzte, würde der lakonische, zurückhaltende Boss wenig begeistert davon sein.

Dann kam der Vorarbeiter Casey aus seinem Haus herüber, und man erzählte ihm die ganze Geschichte noch einmal.

»Gut gemacht, Yorkey«, sagte er. »Und wenn er sich erholt hat, wird sich der Boss sicher persönlich bedanken wollen. Bis dahin kannst du gern bei Darky Mick und seinen Kumpeln schlafen, du bist uns herzlich willkommen.«

»Danke, Mr. Casey, aber ich bin kein Schmarotzer. Wenn Sie einen Job für einen Viehhüter hätten, könnte ich mir in der nächsten Saison meinen Unterhalt selbst verdienen.«

Casey grinste. »Da kann ich schlecht Nein sagen, was? Darky, führ ihn herum.«

Und so gelangte Yorkey auf die Gehaltsliste der Black Wattle Station und teilte eine gute, trockene Schlafhütte mit Darky Mick und zwei anderen Aborigines. Er konnte sogar sein müdes Pferd gegen ein frisches Tier von der Koppel eintauschen. Er war am Ziel. Die Regenzeit konnte kommen.

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Sibell war außer sich. »Maudie hat Zacks Medizin aus dem Fenster geschüttet! Lucy, lass neue kommen. Ich erwarte den Arzt erst in einer Woche. Du musst ihn vorher finden.«

»Wie konntest du das tun!«, schrie Lucy, doch Maudie zeigte sich ungerührt.

»Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt ihn nicht so einlullen.«

»Nicht du triffst hier die Entscheidungen, sondern der Arzt!«

»Das könnte euch so passen! Sibell kann sich aufregen, so viel sie will, ich kümmere mich um ihn.«

Und das tat sie auch. Sie badete Zack, um ihn abzukühlen, schüttelte seine Kissen auf, damit er es bequem hatte und nicht auf der Wunde lag. Sie bestand darauf, dass er möglichst aufrecht ruhte, damit er frei atmen und auf diese Weise eine Lungenentzündung vermeiden konnte. Sie beachtete Sibells Klagen nicht, die behauptete, er könne in dieser Position nicht schlafen. Bevor die neue Laudanumflasche zwei Tage darauf eintraf, war Zack hellwach, beschwerte sich über die ständigen Schmerzen, die erforderliche Bettruhe und dass man ihn wie einen Säugling gewickelt habe, doch er erholte sich. Als Sibell ihm das Laudanum brachte, weigerte er sich zu Maudies großer Freude, es zu nehmen, wenn auch unter dem Vorwand des schlechten Geschmacks.

Der Boss hatte wieder das Heft in der Hand. Er beharrte darauf, er sei von nur einem Mann angegriffen worden, der ihn vermutlich berauben wollte, und nicht von einer ganzen Gruppe Krieger, wie die Polizei vermutete.

»Sie sind schnell dabei, alles auf die Krieger zu schieben. Wollen auch ein bisschen Abenteuer erleben. Ich habe den Burschen kurz gesehen, den vergesse ich nicht so schnell. Er war allein und trug keine Spur von Bemalung.«

»Nun, die Goldsucher wurden jedenfalls von Kriegern getötet«, sagte Maudie.

»Woher willst du das wissen?«, fragte Zack. »Sicher, so etwas ist schon vorgekommen, aber die Schwarzen auf der Station sagen, draußen zögen keine Krieger umher. Schwarze gehen nicht grundlos auf den Kriegspfad, sie müssen irgendwie provoziert worden sein. Ich schätze, die Horde, die die Goldsucher umgebracht hat, war zunächst nur auf der Jagd, und dann lief etwas schief.«

»Was denn zum Beispiel?«, wollte Maudie wissen.

»Das werden wir vermutlich nie erfahren. Und du kannst darauf wetten, dass der Mistkerl, der mich angegriffen hat und mich dann wegreiten sah, inzwischen hundert Meilen von hier entfernt ist. Ich will nicht, dass die Polizei unschuldige Stammesleute festnimmt, damit sie selbst gut dasteht.«

»Sie machen nur ihre Arbeit«, murmelte Maudie.

»Klar«, knurrte Zack. »Aber sag mal, wann fährst du eigentlich in die Stadt? Ich möchte, dass du Lucy mitnimmst.«

Sibell, die still neben der offenen Flügeltür gesessen hatte, sprang augenblicklich hoch. »Sie können nicht fahren. Es ist zu gefährlich.«

»Ist es nicht«, erwiderte Maudie. »Guter Gott, wenn wir uns bei jeder Kleinigkeit verkriechen, können wir gar nicht mehr vor die Tür gehen.«

»Den Angriff auf Zack würde ich nicht als Kleinigkeit bezeichnen.«

»Sibell… er hat dir soeben gesagt, dass der Kerl längst über alle Berge ist. Und die Polizei hat die Männer gefasst, die die Goldsucher getötet haben.«

»Was?« Zack fuhr herum und verzog das Gesicht bei dem plötzlichen Schmerz.

»Reg dich nicht auf«, sagte Maudie beschwichtigend, »ich wollte es dir eigentlich noch nicht sagen. Die Polizei hat sie in einem der Lager am Daly River gefunden.«

Zack lehnte sich zurück und seufzte. »Verstehe. Sie sind einfach ins Lager geritten und haben nach den Mördern gefragt, die sich natürlich sofort gestellt haben. Genial!«

»Sie mussten jemanden verhaften, die Mörder durften nicht ungestraft davonkommen. Und sie sagen, sie hätten die Richtigen gefasst, also hör bitte auf damit. Es geht dich nichts an.«

Zack schwieg, da Sibell in der Nähe war. Er fragte sich, wie viel davon wahr sein mochte. Dies verschaffte den Schwarzen vom Daly River möglicherweise einen Grund, um Vergeltung zu üben. Er beschloss, die Wachen, die Maudie und Lucy nach Pine Creek begleiten würden, zu verdoppeln.

»Ich muss los«, sagte Maudie gerade, »aber Lucy will auf dich und Sibell warten.«

»Nicht nötig. Wir kommen später nach.« Er lächelte Sibell an.

»Wir kriegen vielleicht nasse Füße, Liebes, aber das wäre nicht das erste Mal, oder?«

»Wir bleiben hier, bis du ganz gesund bist«, antwortete sie.

__________

Später sprach Zack unter vier Augen mit Maudie.

»Um sicherzugehen, solltest du zwei meiner Männer mitnehmen.«

»Wozu? Mein Wesley und zwei Viehhüter warten schon auf mich.«

»Gut, dann hast du vier Wachen. Sie werden gegen ein bisschen Urlaub nichts einzuwenden haben. Unser Wagen ist gepackt, darin ist alles, was du brauchst. Du fährst vor, Sibell und ich werden reiten.«

»Falls es der Arzt erlaubt.«

»Lass das meine Sorge sein. Lucy hat sich so gefreut…«

»Auf Myles«, bemerkte seine Schwägerin grinsend.

»Ja, es wäre eine Schande, sie grundlos von ihm fern zu halten. Aber nehmt euch in der Schlucht in Acht. Haltet euch bloß nicht auf. Eigentlich wäre mir der Weg außen herum lieber. Am besten nehmt ihr den.«

»Schon gut, uns wird wohl nicht gleich der nächste Erdrutsch treffen.«

»Ich möchte nur, dass ihr vorsichtig seid.«

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Maudie verlor keine Zeit. Der Wagen wurde geholt, und Sibell überprüfte, ob sie alles dabei hatten, was für den Bezug des Strandhauses in Darwin vonnöten war. Die Köchin bereitete ihnen Proviantpakete.

Am nächsten Morgen war Maudie früh im Stall, sah nach den Pferden, dem Wagen und erteilte den Viehhütern die gleichen Befehle wie am Vorabend. Dann eilte sie ins Haus, wo Sibell sie bereits erwartete.

»Du warst gestern Abend so beschäftigt, dass ich keine Gelegenheit hatte, mit dir zu reden. Gestern bekam ich den Schock meines Lebens. Ich habe gedacht, Jimmy Moon reitet über die Koppel am Haus.«

»Jetzt siehst du aber Gespenster. Du brauchst wirklich Urlaub.«

»Sei nicht so unhöflich. Ich meinte nur…«

»Ich weiß, was du meinst. Du lebst in der Vergangenheit. Jimmy Moon ist seit Jahren tot. Ich glaube, die Probleme mit der Gewalt, von denen du sprichst, liegen in der Vergangenheit begraben.«

»Das hast du wohl von Lucy gehört. Sie hat mich missverstanden, als ich von Gewalt sprach. Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass man Zack überfallen würde.«

Maudie war wenig beeindruckt. »Wir alle haben große Schwierigkeiten, dich zu verstehen. Dieser Angriff auf Zack — willst du ihn etwa als weitere Entschuldigung dafür nutzen, dass du ihn verlässt?«

»Selbstverständlich nicht.«

»Warum gehst du dann nicht hinein und sagst ihm, dass es Unsinn war? Dass du doch nicht nach Perth verschwindest. Eine solche Medizin würde ihm mehr helfen als das Zeug, das er von dir bekommt.« Sibell wandte sich wütend ab. »Ich hoffe, du hast es ihm gegenüber nicht erwähnt.«

»O nein, weder ich noch er selbst. Zack würde seine Frau niemals kritisieren. Er ist sehr loyal.«

Sibell hörte die ätzende Bemerkung im Hinausgehen, drehte sich aber nicht um. Es gab kein Zurück mehr für sie.

__________

Jimmy Moons Sohn lebte sich schnell ein. Am ersten Tag ritt er mit Casey los und suchte in niedrig gelegenen Buschgebieten nach streunendem Vieh, das bei der ersten Zählung gefehlt hatte. Dann ritten sie zu den Viehhöfen, um den Auftrieb auf höheres Gelände abzuwarten.

Casey sagte wenig, sie waren sehr beschäftigt; er bemerkte nur, dass er Yorkey zum Boss bringen werde, sobald dieser sich besser fühlte. Später hörte er, wie Casey zwei anderen gegenüber erklärte, der neue Junge sei »ein guter Mann«, worauf diese zustimmend nickten. Die Anerkennung tat ihm gut. Er war mehr als ein Besucher, er wollte bleiben. Die Menschen auf dieser Station begegneten einander freundlich, ganz im Gegensatz zu anderen Stationen, wo sich die Helfer aus allen möglichen unerfindlichen Gründen an die Kehle gingen.

Er interessierte sich nach wie vor für Jimmy Moon, vor allem, da sich die alte Frau bei dem Thema so schweigsam gezeigt hatte, als habe er an ein Tabu gerührt. Über Netta wusste er Bescheid, doch Jimmy Moons Schicksal blieb ein Rätsel. Seine Mutter hatte gesagt, er sei ein Held gewesen. Wieso? Was hatte er getan, um dieses Lob zu verdienen und den Namen eines Weißen obendrein? Sie hatte erklärt, er sei ein reinrassiger Schwarzer gewesen wie sie selbst, also stammte sein Name nicht von einem weißen Vater.

Yorkey suchte nach ein paar Tagen einen alten Burschen namens Dodds auf, weil er gehört hatte, dass er schon lange auf der Station lebe. Es hieß, Dodds sei ein Viehhüter im Ruhestand, der gelegentlich noch Aushilfsarbeiten übernahm und mit seiner Missus in einer netten Hütte neben Caseys Haus lebte, aber meist in den Ställen zu finden war.

Es war nicht schwer, ihn aufzutreiben; der säbelbeinige Graubart, der gerade einen Schuppen aufschloss, fiel ihm sofort auf. Auch machte es Yorkey keine Mühe, ein Gespräch anzuknüpfen. Er fragte Dodds, wie lange er auf der Station lebe.

»Fast mein ganzes Leben«, sagte dieser. »Bin als Kind hergekommen, man hat mich sozusagen ausgesetzt. Hast du was zu rauchen?«

»Sicher.« Yorkey drehte eine Zigarette und reichte sie Dodds.

Dieser zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. »Gutes Zeug. Woher hast du das?«

Er wunderte sich wohl, woher ein Schwarzer so guten Tabak hatte, doch das nahm Yorkey ihm nicht übel. »Von Casey.«

»Tatsächlich? Hm… du bist der Bursche, der Zack hergebracht hat. Gut gemacht. Wie heißt du doch gleich?« »Yorkey.«

»Nun, Yorkey, der Herr im Himmel wird es dir lohnen. Zack ist ein prima Bursche. Kenne ihn, seit er ein Dreikäsehoch war.«

»Ehrlich?«

Sie ließen sich auf einigen Packkisten nieder, die vor dem Schuppen standen, und Dodds, der sichtlich froh war, dass man ihm zuhörte, erzählte von seinem Vater, der hier draußen eine Viehstation aufbauen wollte, aber nach wenigen Monaten Bankrott gegangen war.

»Hatte keine Ahnung von der Sache«, sagte Dodds. »Hat sein Vieh weit über Land getrieben und die meisten Tiere dabei verloren; der Rest fiel der Dürre zum Opfer. Mit dem Wissen, das ich jetzt habe, hätte ich die Sache herumgerissen, aber dieser Trottel hat nicht mal eine Hütte zu Stande gebracht. Ich und mein Bruder haben mit ihm im Busch kampiert. Sind beinahe verhungert, lebten von Schlangen und Buschfutter wie verdammte Abos. Wenn du gestattest.«

»Schon gut«, meinte Yorkey.

»Ja, nun… dann bringt er Stanley und mich hierher — Black Wattle war damals nichts Großartiges — und lässt uns bei Charlotte, Zacks Mutter. Sagte, er wolle nach Osten, unsere Mutter holen. Der Schweinehund ist nie zurückgekommen. Wir haben unsere Eltern nie wieder gesehen.«

»Was ist aus deinem Bruder geworden?«

»Stan? Kann mich kaum noch an ihn erinnern. Er ist ertrunken. War genauso verrückt wie sein Vater. Wollte einen Fluss bei Hochwasser durchqueren. Aber ich hatte keine verrückte Ader, sondern blieb bei den Hamiltons. Ich war fünfzehn Jahre lang Vorarbeiter, ich könnte dir vielleicht Geschichten erzählen.«

Yorkey war zuvor schon Männern wie Dodds begegnet, die sich gern reden hörten, doch er gab ihm noch eine Zigarette und hörte sich die öden Geschichten an, weil er hoffte, etwas über Jimmy Moon zu erfahren.

Doch endlich blieb ihm nichts anderes übrig, als direkt zu fragen. »Erinnerst du dich an einen Kerl namens Jimmy Moon? Hat wohl hier gearbeitet.«

»Wenn ja, würde ich mich an ihn erinnern. Lass mich überlegen. Jimmy Moon. Nicht dass ich wüsste. Wann soll das gewesen sein?«

»Vor ungefähr zwanzig Jahren.«

»Zwanzig Jahre. Das war eine schlimme Zeit damals. Charlotte starb, eine wunderbare Frau. Habe ich dir erzählt, dass sie Stan und mich aufnahm und uns Unterricht erteilte, weil wir noch nie in der Schule gewesen waren? Und sie hat uns die ersten Stiefel gekauft. Oh, die haben wir gehütet wie unseren Augapfel.«

»Jetzt zu Jimmy Moon. Er hat hier gearbeitet, wahrscheinlich als Viehhüter. Er war ein Schwarzer.«

»Ach so, dann kann ich mich nicht an ihn erinnern. Sie kommen und gehen, wenn ich das so sagen darf, Kumpel.«

»Na ja, ich hatte den Namen einfach aufgeschnappt. Seltsamer Name für einen Schwarzen. Angeblich steckt eine Geschichte dahinter. Irgendwie hat es mich neugierig gemacht.«

»Kann ich mir denken. Schwarze lieben Geschichten. Aber warte mal, Jimmy Moon, der Schwarze! Nein, er hat nicht hier gearbeitet, jetzt fällt es mir wieder ein. Er kam nur zu Besuch her.«

»Hat er bei den Schwarzen auf der Station gelebt?«

»Nein, da war er ein bisschen eigen. War drinnen bei den weißen Bossen. Gott weiß, woher er kam. War ein anständiger Kerl. Sogar mit Colonel Puckering befreundet.«

»Wer war das?«

»Der Colonel war der Polizeichef des Territoriums. Ist inzwischen pensioniert, vielleicht auch tot.« Dodds zwinkerte ihm zu. »Der Colonel hat eine Dame aus dem Rotlichtviertel geheiratet, die beste Hure von Darwin. Junge, war das ein Skandal!«

»Also kam Jimmy Moon nur zu Besuch?«

»Ja. Komische Geschichte. Die Missus mochte ihn. Er war ein Freund von Mrs. Hamilton.«

»Wie kam es dazu?«

»Wenn du nicht ständig fragen würdest, könnte ich es zusammenkriegen. Sie halten den alten Dodds für tatterig, aber ich steck sie noch alle in die Tasche. Bin so schlau wie jeder beliebige andere hier, das kannst du mir glauben.«

Yorkey wartete geduldig, während Dodds mit dem Stiefel Linien in den Sand zeichnete.

»Also. Das war ein sonderbarer Tag, als Jimmy Moon kam. Wir wurden alle nach draußen gerufen, um uns die große Vorstellung anzuschauen. Mrs. Hamilton ließ ein aufgeputztes Pferd vorführen und schenkte es dem Schwarzen. Da ist er uns zum ersten Mal aufgefallen.«

Yorkey saß ganz still da und erinnerte sich an die Worte seiner Mutter. »Er hatte ein eigenes Pferd.« Damals war das für einen Schwarzen etwas ganz Besonderes gewesen.

»Weiß nicht, was Zack davon gehalten hätte«, fuhr Dodds fort. »Aber er war mit dem Vieh unterwegs. Wirklich seltsam. Sie sagte, sie schulde Moon ein Pferd, weil sie ihm vor langer Zeit ein Versprechen gegeben hatte. Da hast du deine Geschichte. Hab doch gesagt, ich vergesse kein Gesicht. Maudie war damals auch hier, mit ihrem Mann. Aber als er starb, übernahm sie die Station ihres Vaters, Corella Downs. Hat seither dort gelebt. So, jetzt muss ich aber los, meine Missus wartet mit dem Essen.«

Er erhob sich, doch Yorkey hatte noch eine Frage.

»Weißt du, was aus Jimmy Moon geworden ist? Es heißt, er wäre ein Held gewesen.«

Dodds hielt inne und sah ihn an. Er kratzte sich das Haar und den dichten Bart, der sein Gesicht verdeckte.

»Held? Na ja. Sie haben ihn aufgehängt.«

Yorkey blieb der Mund offen stehen. Er war wie betäubt vor Entsetzen. Er konnte nichts sagen, keine Fragen mehr stellen, nicht schreien, um Dodds zurückzurufen. Er sah ihm nach, als sei er ein verstohlener Geist, der die Toten in ihrer Ruhe stört und den Ruhm eines Menschen zunichte macht. Er fühlte sich völlig leer.

Später kam er sich töricht vor. Netta hatte ihn hereingelegt, Geschichten erfunden, ihm etwas vorgegaukelt. Über einen Vater, der kein Held gewesen war, sondern wie so viele Schwarze vor ihm gegen das Gesetz verstoßen hatte. Wozu das alles? Warum hatte sie überhaupt von ihm gesprochen? Hätte sie ihn nicht einfach in Frieden ruhen lassen können? Warum erfanden Frauen solche romantischen Geschichten? Kein Wunder, dass die Greisin im Lager zurückgeschreckt war. Hängen war ein schrecklicher Tod, den die Stammesleute zutiefst fürchteten. Yorkey schauderte und wünschte, er könne das Gehörte vergessen. Verdrängen. Jedenfalls würde er künftig keine Fragen über seinen Vater mehr stellen. Es war besser, nichts darüber zu wissen.

»Du schaffst es auch allein«, tröstete er sich, als er zu seiner Schlafhütte trottete.

Am Sonntagmorgen suchte Casey ihn auf.

»Der Boss will dich sehen, Yorkey. Mach dich frisch.«

Yorkey rannte los, um zu duschen und sich zu rasieren, borgte sich ein sauberes Hemd aus, putzte seine zerschrammten Stiefel, kämmte das nasse Haar nach hinten und band es zu einem Zopf. Unterdessen fragte er sich, wie er Zack ansprechen sollte, weshalb er überhaupt so aufgeregt war. Schließlich war Zack ein Mann wie jeder andere, er würde schon nicht beißen.

Mrs. Hamilton empfing sie an der Hintertür. Sie wirkte nett, aber nervös. Sie schaute ihn an, als habe er sich in einen Kobold verwandelt und wolle ihr Haus auf den Kopf stellen.

»Das ist Yorkey«, sagte Casey. Sie sah verwirrt aus.

»So heißt du? Yorkey?«, flüsterte sie.

»Ja, Missus.«

»Woher kommst du?«

»Aus der Gegend von Katherine.«

»Verstehe.« Sie lächelte unvermittelt und erinnerte ihn dabei an die weiße Frau aus seinem Traum, die er mit Netta verwechselt hatte.

Casey trat vor. »Er möchte zu Zack.« Sie nickte. »Ja, natürlich. Kommt herein.«

Yorkey liebte diese Häuser, das polierte Holz, die verputzten Wände und die wohlriechende Luft, die unter den hohen Decken zirkulieren konnte. Yorkey sah geradeaus, während sie durch den Flur und eine Treppe hinauf gingen, da er nicht neugierig erscheinen wollte. Seine Augen glitten jedoch in offene Zimmer, er erhaschte einen Blick in ein elegantes Esszimmer und einige vornehme Wohnräume, sogar Schlafzimmer mit blütenweißer Wäsche konnte er sehen. Dann standen sie in einem großen Schlafzimmer mit Veranda, von der aus man einen Blick über das Tal genoss. Ein gutes Zimmer, wenn man schon im Bett liegen musste. Sie schoben ihn zum Boss, der auf Spitzenkissen gestützt im Bett lag und darin so völlig fehl am Platz wirkte, dass Yorkey grinsen musste.

»Sie lassen es ruhig angehen, was?«

Casey runzelte die Stirn, aber Zack lachte nur. »Unfreiwillig. Wie geht es dir, Yorkey?«

»Ganz gut.«

»Möchtest du hier bleiben?«

»Ja, bis der Auftrieb beginnt.«

»Du kannst auch länger bleiben. Es wäre ein guter Job, ohne das ewige Herumreisen.«

Yorkey war überrascht. Er hatte gar nicht an eine dauerhafte Stellung gedacht, war immer Treiber gewesen.

»Na, ich weiß nicht.«

»Hast genügend Zeit zum Nachdenken. Ich habe übrigens erfahren, dass Paddy auf dem Weg der Besserung ist.«

»Schön zu hören. Sie auch, was?«

»Ja, wurde auch Zeit.« Zack wandte sich an Casey. »Da fällt mir ein… wir hätten Yorkey als Eskorte für Maudie und Lucy losschicken sollen. Er hat erlebt, was in der Schlucht passieren kann. Jetzt ist es zu spät.«

»Sie kommen schon zurecht«, meinte Casey. »Maudie wird dafür sorgen.«

Sie sprachen eine Weile über dieses und jenes. Yorkey fühlte sich fehl am Platz und hoffte, die Audienz sei bald vorüber. Er wäre gern gegangen, doch Zack hatte andere Pläne.

»Sieh mal hinaus auf die Veranda, Yorkey.«

»Wozu?«

»Schau es dir an.«

Mrs. Hamilton stand neben der Tür und strahlte, sie wirkte entspannter als vorher. »Hier draußen, Yorkey.«

Verwundert trat er nach draußen und entdeckte einen brandneuen Sattel, der über einem Stuhl hing, sonst war nichts zu sehen.

»Er gehört dir«, rief Zack vom Bett aus.

»Was?«

»Der Sattel, du Esel. Ich habe bemerkt, dass du einen neuen Sattel brauchst, da ist er.«

»Das ist seine Art, Danke zu sagen«, flüsterte ihm Mrs. Hamilton zu. »Er will ihn dir schenken.«

»Mir?« Yorkey hatte nie zuvor einen so eleganten Sattel besessen und war wie vor den Kopf geschlagen.

Irgendwie brachte er ein Dankeschön heraus, Zack schüttelte ihm die Hand, und Casey legte ihm den Sattel über die Schulter. Er war leicht, aus weichem, geschmeidigem Leder, aber robust und gut geschnitten. Die stählernen Steigbügel glänzten. Yorkey konnte sein Glück kaum fassen.

»Dann mal los«, sagte Casey. »Du willst ihn doch sicher ausprobieren.«

An der Tür wandte sich Yorkey noch einmal um.

»Hoffentlich laufen Sie bald wieder rum, Boss«, sagte er und folgte Casey nach unten. Später fiel ihm auf, dass er unbewusst die richtigen Worte gefunden hatte. Zack war jetzt der Boss. Sein Boss.

6

Matong hatte das gefährliche Gebiet durchquert und war in die Heimat des Flussvolks gelangt. Die angrenzenden Sümpfe waren ausgetrocknet, der harte Schlamm bildete unregelmäßige Muster unter den einsamen Mangroven, deren immergrünes Laub erst hoch über dem Boden ansetzte, wie geraffte Röcke über mageren Beinen. Obwohl es hier ausreichend Nahrung gab, rannte er noch einen halben Tag weiter bis in die üppigen Wälder, die den Fluss säumten. Mit einem Schrei der Erleichterung sprang er in die warmen Fluten.

Er ließ sich eine Weile treiben, trank, ruhte sich aus, hielt Ausschau nach Krokodilen, suchte die Ufer nach Anzeichen menschlichen Lebens ab. Dann jedoch setzten die Hungerkrämpfe wieder ein. Er zündete ein Feuer an, stocherte im glimmenden Holz, bis es richtig brannte, und machte sich auf die Suche nach Nahrung. Schon bald kehrte er mit Panzerkrebsen und Muscheln zurück, die er in die heiße Asche warf. Dann machte er sich daran, eine Reuse auszurauben, die er weiter flussaufwärts entdeckt hatte.

Es wurde ein Festmahl. Er verschlang zwei dicke Fische und die anderen Köstlichkeiten und legte sich, endlich gesättigt, hin. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am Morgen stieß er auf einige seiner Angehörigen, doch bevor er ihnen von Mimimiadies Frau berichten konnte, klagten sie ihm ihr Leid. Berittene Polizisten hatten in ihrem Gebiet nach den Mördern der beiden Weißen gesucht und drei junge Männer verschleppt, ohne auf die Bitten der Ältesten zu achten, die deren Unschuld beteuerten.

Als Matong dies hörte, verschwieg er lieber, dass er und die anderen die Weißen aus Vergeltung getötet hatten, und berichtete ihnen nur vom Mord an Mimimiadies Frau. Die anderen klagten nur noch mehr.

»Wir sind sehr betrübt, das zu hören«, sagte einer der Ältesten zu ihm. »Aber ich würde gern mit Mimimiadie sprechen. Ist er nicht bei dir?«

»Nein. Er und Gopiny hatten Angst, hierher zurückzukehren. Ich nicht«, prahlte er. »Die weißen Männer fassen mich nie, obwohl Mimimiadie meint, sie würden uns zu gut kennen.«

»Ob das für dich und Gopiny gilt, weiß ich nicht«, entgegnete der Älteste. »Aber es stimmt, dass die Polizei Mimimiadie für einen Rädelsführer hält, sie haben ihn gesucht. Wann kommt er wieder?«

»Nach der Regenzeit. Er ist in der Nähe der Schlucht. Ich muss seine Familie finden und von der Frau berichten.«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Es gibt noch mehr traurige Nachrichten. Als die Polizisten Mimimiadie nicht finden konnten, nahmen sie seinen Sohn Boomi mit.«

»Was?«, fragte Matong entsetzt. »Warum sollten sie so etwas tun?«

»Sie sagen, sie geben ihn zurück, wenn Mimimiadie sich stellt. Sofern man ihnen das glauben kann.«

»Es ist nur eine Falle. Wenn sie Kinder mitnehmen, geben sie sie nie zurück.«

»Das ist leider wahr«, bemerkte der alte Mann müde. »Aber Mimimiadie muss es dennoch erfahren.«

In den heftigen Diskussionen, die darauf folgten, fiel Matong ein, dass er gar nicht den Tod Djaramas in der Schlucht erwähnt hatte, doch da der Junge hier keine Verwandten besaß, war es einstweilen nicht von Bedeutung. Es hatte keinen Sinn, sie mit Geschichten über ihre Taten in der Schlucht zu ängstigen.

An diesem Abend sprach man über Vergeltung, einen Angriff auf ein Wohnhaus oder eine Viehherde, um Rache für die Verhaftung der drei jungen Männer zu nehmen, die man gewiss einkerkern oder hängen würde. Immer mehr Männer versammelten sich um das Lagerfeuer, es ging dramatisch zu. Manche meinten, Vergeltungsschläge würden noch mehr Ärger verursachen, andere bestanden auf einem schnellen Angriff, der den einzig ehrenhaften Weg darstelle, während die meisten vorschlugen, die weißen Missionare um Hilfe zu bitten. Sie sollten zu den weißen Bossen gehen und schwören, dass man die Falschen verhaftet hatte. Verlangen, dass sie zurückkehren durften, sonst würden die Stammesleute Vergeltung in Erwägung ziehen.

In einem Punkt aber waren sich alle einig: Jemand musste Mimimiadie umgehend von der Entführung seines kleinen Sohnes in Kenntnis setzen. Er würde wissen, was zu tun war. Matong wurde als Bote auserwählt.

Nun bereute er, dass er geprahlt hatte, wie einfach die Durchquerung des gefährlichen Landes gewesen sei. Dumm von ihm, aber weigern konnte er sich nicht, er hatte einen Auftrag erhalten.

__________

Numinga, der sich nicht darüber im Klaren war, dass Matongs Handeln ihn in Gefahr brachte, wanderte unwillig weiter. Er war enttäuscht, weil er das große Plateau verlassen musste, von dem aus er die Welt wie ein Adler hätte betrachten können, von einer trockenen, sicheren Höhle aus, dem Zugriff der Feinde entzogen. Dank dieser elenden Hitzköpfe musste er wieder von vorn beginnen. War erneut auf der Flucht. Ihm blieb jetzt nichts anderes übrig, als seinen Plan zu verfolgen und wieder in die Welt des weißen Mannes zu gehen.

Er gestattete sich noch einige Tage gemächlichen Wanderns, wobei er im Wissen um den aufziehenden Monsun im hohen Norden die heiße, feuchte Luft auf der Haut genoss. Schon waren vereinzelte Wolken am Horizont zu sehen.

Selbst jetzt hatte er keine Eile, als er das Wohnhaus einer Station erblickte, denn er hatte in einem breiten, entlegenen Flussbett Wasser gefunden. Er sah sich in der Gegend um und entdeckte zu seiner Freude keine Spuren von Rindern oder Pferden. Dieser Ort würde überflutet werden, wenn der Fluss zum Leben erwachte, daher hatten die Viehzüchter ihre Tiere davongetrieben. Niemand würde sich in diese Gegend verirren, so dass er hier gut und gern für eine Weile sein Lager aufschlagen konnte. Ein Feuer konnte er zwar nicht entzünden, doch was bedeutete das schon gegen ein paar Tage wirklichen Friedens.

Als er sich zum Aufbruch entschloss, streifte er in der Abenddämmerung um das Wohnhaus, wahrte aber Distanz. Numinga brauchte Kleidung, und es gab zwei Wege, sich welche zu beschaffen. Er konnte sein Versteck verlassen und das Anwesen nach Schwarzen durchkämmen, die irgendwo ihr Lager hatten. Sie würden ihm Hemd und Hosen leihen, ausrangierte Kleidungsstücke der Weißen, die man ihnen gab, weil sie sich nicht unbekleidet in der Nähe des Wohnhauses zeigen durften. Doch er fand keine Fußspuren im Busch. Die Stationen war riesig, die hier lebenden Schwarzen konnten überall sein. Es schien zu gefährlich, offen nach ihnen Ausschau zu halten.

Die Alternative war der Diebstahl von einer Wäscheleine. Ganz einfach. Es wäre nicht das erste Mal.

Numinga grinste. Ihm fiel ein, wie er einmal ein Hemd von einer Wäscheleine geklaut und später festgestellt hatte, dass es von einer Frau stammte. Er hatte bereits die Wäscherei und die langen Wäscheleinen hinter dem Schlafquartier der Männer ausgespäht. Es war eine Sache von einer Minute. Leider musste er bei Tageslicht hinlaufen, da man abends die Kleider hereinholte, aber daran ließ sich nichts ändern. Am günstigsten schien die Mittagszeit, wenn die Männer beim Essen waren.

Numinga hielt immer noch Abstand und stieg auf einen Baum, von dem aus er einer Waschfrau bei der Arbeit zusehen konnte. Gierig betrachtete er die Wäsche, die sie aufhängte, Kleidungsstücke, die für ihn so kostbar waren wie ein dicker, fetter Buschtruthahn.

Numinga konnte auch nicht wissen, dass Matong einen weißen Boss verletzt hatte. Er konnte nicht wissen, dass auf allen Viehstationen im Bezirk höchste Alarmbereitschaft herrschte und man nach einem abtrünnigen Schwarzen mit Mordgelüsten Ausschau hielt. Und er konnte nicht wissen, dass während seines Rundgangs ein hungriger Dingo eben diese Mittagsstunde ausnutzen würde, um in einen Hühnerstall einzudringen und alle Tiere in Hysterie zu versetzen.

Von allen Seiten kamen Männer herbeigelaufen, Männer mit Gewehren, die wild feuerten und ihm den Weg abschnitten. Der Dingo konnte mit einem entsetzten Jaulen entweichen, Numinga nicht.

Sie prügelten und traten ihn und stießen ihn umher, bis der Boss kam und ihn unter Bewachung und ohne Wasser und Brot in einen Schuppen sperrte.

Er hörte draußen das Gemurmel der Männer, die überlegten, den schwarzen Mistkerl zu hängen, doch ihr Boss, wer immer er auch sein mochte, duldete das nicht. Numinga erkannte, dass ihm noch ein wenig Zeit blieb; das gab ihm Auftrieb, und der Schwindel in seinem verletzten Kopf legte sich ein bisschen. Zwar konnte er nicht aufstehen, bemerkte aber Spalten in den Holzwänden, durch die Sonnenlicht hereindrang, und kratzte mit seinen starken Fingern neben der Wand über den Boden. Falls ihm genügend Zeit blieb, könnte er sich einen Fluchtweg graben.

Doch die Zeit war gegen ihn. Er war verblüfft über das rasche Eintreffen der Polizei. Man zerrte ihn kurz nach der Morgendämmerung aus dem Schuppen und stieß ihn dem Boss vor die Füße. Dieser wandte sich an die beiden Polizisten:

»Ich glaube, wir haben Ihren Mann gefunden.«

Sie fragten nach seinem Namen, und er murmelte etwas wie Mooboola, wobei ihm noch immer Blut aus dem Mund tropfte. Sie warfen ihm vor, er habe einen weißen Mann mit seinem Speer verletzt.

»Ist nicht wahr, Boss«, rief er zur Überraschung aller, die ihn für einen Schwarzen aus dem Busch gehalten hatten. »So was hab ich nie getan.«

Er versuchte zu erklären, dass er nur nach Kleidung gesucht habe, doch sie lachten ihn aus.

»Was willst du mit Kleidern?«

»Ich bin Viehhüter, Boss. Bin nur gewandert. Ohne Hosen krieg ich keine Arbeit. Hab niemand getötet.«

Die Polizisten schlugen ihn noch einmal, brüllten ihn an, und Numinga brüllte zurück, weigerte sich nachzugeben und blieb so hartnäckig bei seiner Geschichte, dass dem Boss der Station Zweifel kamen.

»Vielleicht sagt er die Wahrheit.«

»Von wegen. Zack sagt, ein einzelner Schwarzer hätte ihn angegriffen. Hoch gewachsen und mager wie der hier, ohne Kriegsbemalung. Kam aus dem Busch. Er ist schon der Richtige. Wir sollten ihn auf der Stelle hängen, Schluss, aus.«

Doch Numinga kannte das Gesetz. »Lassen Sie das nicht zu, Boss. Die Missus Königin sagt, keine Schwarzen mehr hängen.« Er schrie: »Sie sind Boss. Müssen mich retten. Hab nichts getan.«

Der Boss wirkte unschlüssig. »Ich sage Ihnen was. Setzen Sie den Kerl auf ein Pferd. Dann finden wir schnell heraus, ob er Viehhüter ist oder nicht.«

»Die Hunde können nicht reiten«, sagte der jüngere Polizist, doch der andere hielt es für eine amüsante Idee.

»Ja, probieren wir es, und wenn er runterfällt und sich den Hals bricht, sparen wir uns viel Ärger. Holen Sie uns eine wilde Stute, Pop.«

Numinga wandte sich dankbar zum Boss der Station, einem alten Mann, der auf einen Stock gestützt ging. Er wirkte zerbrechlich, sprach aber mit der Stimme eines Mannes, der Gehorsam gewöhnt war. Ein Boss unter den Bossen, dachte Numinga.

Sie brachten ihn zu den Viehhöfen, sattelten ein Pferd und hoben ihn in den Sattel. Dann versetzte jemand dem Tier einen Schlag auf den Rumpf, und es schoss davon wie eine Kugel.

Numinga grub die Fersen in die Flanken des Pferdes und klammerte sich fest. Die Steigbügel waren kurz, was seinen Knien Kraft verlieh, und als sie bockte und tänzelte, sprach er beruhigend auf die Stute ein. Sie war nicht wirklich wild, nur ein reizbares Treiberpferd, wahrscheinlich stachen sie Kletten unter dem Sattel, doch bald hatte er sie beschwichtigt. Er flüsterte ihr ins Ohr, während er sein Gewicht auf die Steigbügel verlagerte und sich im Sattel erhob, versprach ihr Süßigkeiten, Melasse, lauter gute Sachen, bis er gemächlich zum Tor zurückreiten konnte.

Er hörte ein missbilligendes Murmeln aus den Reihen der Viehhüter, die von den hohen Zäunen aus zusahen. Der Scherz war nach hinten losgegangen.

»Womit die Frage beantwortet wäre«, sagte der Boss. »Er ist wirklich Viehhüter.«

»Ein verdammter Abtrünniger«, bemerkte der alte Polizist mit dem kurzen, grauen Haar. »Ich sage immer noch, er ist der Gesuchte. Zack behauptet, der Angreifer wollte ihn ausrauben, und dieser Kerl passt jetzt noch besser ins Bild. Wenn er Zack getötet hätte, hätte er das Pferd und die ganze Ausrüstung bekommen.«

»Verdammter Lügner«, brüllte Numinga, doch sie schoben ihn beiseite, während sie die Angelegenheit besprachen.

Schließlich traf der Boss die Entscheidung. »Die Frage lässt sich einfach klären. Bringen Sie ihn hinüber zur Black Wattle Station. Zack soll ihn anschauen. Er sagt Ihnen, ob er es ist.«

»Geht nicht«, sagte der ältere Polizist. »Black Wattle liegt mehrere Tage entfernt und auch nicht auf unserem Weg. Wir haben Befehl, uns in Darwin zu melden, bevor der Monsun einsetzt. Das wissen Sie auch, Pop. Dort wird jeder verfügbare Mann gebraucht, wenn alle Raufbolde aus dem Territorium in die Stadt drängen. Ich bin überrascht, dass Sie noch hier sind.«

»Ich bleibe dieses Jahr hier«, sagte Pop. »Bin ein bisschen müde. Hab weder Lust auf den Ritt noch auf den ganzen Trubel.«

»Schade, man wird Sie vermissen.«

»Sie werden es überleben«, meinte er achselzuckend. »Aber was wird aus diesem Burschen? Wenn Sie ihn nicht nach Black Wattle bringen, müssen Sie ihn verhaften und nach Darwin mitnehmen. Dort können Sie ihn ins Gefängnis werfen, bis Zack einen Blick auf ihn werfen kann.«

»Keine gute Idee. Er wird uns aufhalten.«

»Sagen wir mal so«, seufzte der alte Mann, »auf meinem Land wird niemand gehängt. Er wird Sie nicht aufhalten, Sie können ihn fesseln und auf ein Pferd setzen. Aber eins sage ich Ihnen… er könnte auch unschuldig sein. Seine Geschichte stimmt zumindest teilweise. Ich werde Sie dafür verantwortlich machen, dass er heil und gesund nach Darwin gelangt. Ich möchte nicht hören, dass er unterwegs einen Unfall hatte, kapiert?«

»Ja doch«, erwiderten sie unwillig und sahen einander Hilfe suchend an.

»Gut. Heute können Sie sich ausruhen, Sie sind bis morgen früh meine Gäste. Aber ich sage es noch einmal: Machen Sie gefälligst Ihre Arbeit und bringen Sie ihn ins Gefängnis von Fanny Bay, sonst wird es Ihnen noch Leid tun.«

__________

Die anderen Viehhüter hielten es für recht und billig, dass Zack Yorkey einen neuen Sattel geschenkt hatte, zogen ihn aber auf, weil er ihn hütete wie seinen Augapfel und ständig putzte und polierte. Sie drohten, den Sattel in die Pferdetränke oder, schlimmer noch, auf den Mist zu werfen.

»Das verleiht ihm Charakter«, sagten sie lachend.

Er nahm die Neckereien gutmütig hin, und sie wandten ihre Aufmerksamkeit schon bald der Wagenladung mit Vorräten zu, die soeben eingetroffen war. Eine besondere Ladung mit allem »Notwendigen«, wie man ihm sagte.

Yorkey war fasziniert, als er erfuhr, dass es sich bei diesen »lebensnotwendigen« Vorräten um Sonderrationen Bier und Rum, Lebensmittel, neue Kleider, ein Paket mit Dekorationen — Luftschlangen und ähnlichem — und eine große, geheimnisvolle Kiste handelte. Dann begriff er, dass sie Vorbereitungen für Weihnachten trafen. Obgleich es noch Monate bis dahin war, wollten sie sicher sein, dass alles »Notwendige« bereitlag, bevor der Regen sie von der Außenwelt abschnitt.

»Klingt nach einer guten Sache«, sagte er zu Dodds. »Bin froh, dass ich geblieben bin.«

»Das kannst du laut sagen, mein Sohn. Aber hör zu, du hast mich doch schon mal nach Jimmy Moon gefragt. Ich habe mit meiner Missus darüber gesprochen. Sie erinnert sich an ihn, hat ein Gedächtnis wie ein Elefant. Komm mit zu mir rüber, dann erzählt sie dir alles.«

Yorkey war es gelungen, die Gedanken an Jimmy Moon zu verdrängen, indem er sich auf seine Arbeit in der neuen Umgebung konzentrierte. Eigentlich wollte er nichts mehr davon hören, doch Dodds bestand darauf.

»Du hast damit angefangen, jetzt kannst du nicht mehr zurück. Sie liebt gute Geschichten. Na komm schon…«

Da ihm keine Entschuldigung einfiel, folgte Yorkey ihm den Weg entlang zu dem kleinen Ein-Zimmer-Haus, das bei Caseys gepflegtem Bungalow auf der anderen Seite einer staubigen Koppel lag.

Mrs. Dodds spaltete mit dem Geschick, das jahrelange Übung verleiht, Blöcke in Feuerholz. Die kleine, knochige Frau schob ihren ramponierten Strohhut zurück und stützte sich auf die Axt.

»Was habt ihr zwei hier zu schaffen?«

»Das ist Yorkey«, sagte Dodds. »Will mit dir über Jimmy Moon reden.«

Yorkey überlegte, was er sagen sollte, wenn sie ihn nach dem Grund für sein Interesse fragte, doch sie hatte anderes im Sinn.

»Ist heute Nachmittag nicht der Vorratswagen gekommen?«, fragte sie Dodds.

»Ja.«

»Und wo ist meine Bestellung?«

»Die hole ich später.«

»Nein, auf der Stelle. Ich will nicht, dass sich die Köchin mein Zeug schnappt. Beim letzten Mal hab ich nur die Hälfte vom Tee bekommen und gar keine Melasse. Die Liste hängt noch an der Wand im Küchenhaus, du prüfst gefälligst jede Unze nach. Morgen ist es zu spät, also los.«

Yorkey dachte an Flucht und wandte sich zum Gehen, doch sie hielt ihn zurück.

»Das kann er allein. Du bleibst hier, Yorkey. Setz dich auf die Stufe da, bis ich fertig bin. Wenn ich warte, bis Dodds Holz hackt, würde der Ofen nie brennen.«

»Ich mache das für Sie«, bot er an, doch die Frau lehnte entschieden ab.

»Wirklich nett von dir, mein Junge, aber ich bin gleich fertig.«

Er blieb mürrisch auf der Stufe sitzen und kam sich wie ein Narr vor, denn ihm stand nun gar nicht der Sinn nach einer blutrünstigen Geschichte über den Schurken, den man gehängt hatte. Da er das Warten nicht ertragen konnte, machte er sich daran, das Feuerholz zu einem säuberlichen Stapel aufzuschichten.

Als sie mit dem Hacken fertig war, erklärte sie, sie müsse erst noch ihren Ofen im Haus anfeuern. Sie ging hinein und brachte ihm einen Becher schwarzen Tee mit, den Yorkey dankbar entgegennahm, denn sein Mund war trocken und die Stirn taub, als habe sie sich in Stein verwandelt.

»Du willst also was über Jimmy Moon wissen?«, fragte sie und ließ sich mit gerafften Röcken auf dem Hackklotz nieder.

»Nur wenn’s keine Umstände macht, Missus. Ich habe mal gehört, wie Treiber von ihm gesprochen haben. Ihr Mann hätte Sie nicht damit behelligen sollen.«

»Das macht nichts. Ich kannte ihn. Hab damals oben im Haus gearbeitet. Eine der Schwarzen war hinter ihm her, ich glaube, sie hieß Netta. Vergesse niemals einen Namen. War ein braves Mädchen, aber dumm. Hat eine gute Stelle aufgegeben und ist mit einem Taugenichts von einem Treiber weggelaufen. War natürlich ein Weißer…«

Yorkey rutschte unbehaglich hin und her; davon wollte er nichts hören.

»Du weißt ja, wie die schwarzen Mädels sind. Finden es toll, mit einem Weißen herumzulaufen. Bist du verheiratet?«

»Nein, Missus.«

»Na gut, lass dich auch nicht von diesen schwarzen Mamas überrumpeln. Bleib besser ein freier Mann. Alle schwarzen Mädchen hatten ein Auge auf Jimmy Moon geworfen, weil er ein schlauer Bursche war, kam nicht von hier. Ich weiß noch, er war auf der Suche nach Sibell. Klopfte an die Vordertür, als Schwarzer, man fasst es nicht. Maudie ist beinahe umgefallen. Sie wollte ihn verjagen, doch Sibell kam herausgeschossen und begrüßte ihn wie den verlorenen Sohn.«

Sie lachte. »Das Theater werde ich nie vergessen. Die beiden haben sowieso ständig gestritten, aber damals hätten sie sich beinahe geprügelt, weil Sibell ihn hereinbat.«

Yorkey konnte nicht umhin zu fragen: »Warum hat sie das getan?«

»Sie kannte ihn vom Süden her, war damals noch nicht mit Zack verheiratet gewesen. Er arbeitete auf dem Anwesen, wo sie wohnte. Hab die Geschichte nie so ganz kapiert, du weißt ja, Gerüchte… noch etwas Tee?«

»Nein danke, Missus.«

Sie lehnte sich zurück, nahm den Hut ab und fuhr sich durch ihr graues Haar. »Weiß nur, dass sie Schwarzen aus dem Busch in die Hände gefallen war, ein übler Haufen, der ihr Schlimmes wollte. Jimmy Moon hat sie gefunden und zu ihren eigenen Leuten zurückgebracht. War der Held der Stunde. Wie du mit Zack, Yorkey. Aber lass es dir nicht zu Kopf steigen, die Menschen vergessen schnell.«

Yorkey war fasziniert. »Ist er ihr hierher gefolgt? Mrs. Hamilton, meine ich?«

»Nein, nein. Er kam aus anderen Gründen nach Norden, hat als Fährtenleser für die Polizei in Katherine gearbeitet. Hat gute Arbeit geleistet, die Polizisten hielten große Stücke auf ihn.«

»Ich dachte, sie hätten ihn aufgehängt?«

»Nein, nicht sie. Wer hat dir das erzählt? Du siehst, wie sich die Geschichten im Laufe der Zeit vermischen. Alle mochten Jimmy Moon, er war ein netter Kerl. Irgendwann mochte ihn sogar die alte Maudie. Und das will was heißen.«

In Yorkeys Kopf wurde es langsam wieder etwas heller, so erleichtert war er. Nun konnte er in Ruhe zuhören, der Frau sagen, dass Netta seine Mutter war und…

Doch Mrs. Dodds genoss ihre Erzählung. Ihre scharfen grünen Augen hielten ihn gefangen. »Es war nämlich so: Während er für die Polizei arbeitete, erfuhr er, dass Sibell hier draußen lebte. Er entschloss sich, sie zu besuchen.«

»Klingt ein bisschen dreist für einen Schwarzen«, warf Yorkey ein und hoffte, noch mehr Gutes über seinen Vater zu hören.

Er wurde nicht enttäuscht. »Nicht, wenn man ihn kannte. Er war höflich und besaß zugleich die Haltung eines Häuptlings, wenn du weißt, was ich meine. Die Schwarzen sagten, er sei der Anführer eines Stammes im Süden gewesen, der von den Weißen zerstreut wurde, aber das war nur Gerede. Über sich selbst hat er nie viel gesprochen. Aber er hat Weiße und Schwarze gleich behandelt, nie herablassend über die Schwarzen geredet oder zu einem Weißen aufgeschaut.«

»Und er hat hier gearbeitet?«

»Nein, hier war er nur zu Besuch. Sibell hat sich so gefreut! Sie war einsam, Zack war monatelang weg, und dieser Bursche wusste wohl viele Neuigkeiten von den Leuten im Süden. Jedenfalls waren sie richtig gute Freunde. Er lebte in der Schlafhütte, wo du jetzt bist, ging aber mit ihr reiten und machte Spaziergänge mit Wesley, Maudies kleinem Sohn, während Netta und die anderen Mädchen ihnen folgten. Er hat sich auch immer für das Stammesleben interessiert. Aber das wurde ihm zum Verhängnis.«

»Haben sie ihn deshalb getötet?«

»Herrgott, nein. Gut, dass du zu mir gekommen bist. Es macht mich wütend, dass diese Geschichten so durcheinander geraten sind. Ich kann nämlich schreiben, musst du wissen. Ich wollte immer über das Leben im Outback schreiben, die Zeitungen zahlen für so was, aber ich hatte immer zu viel zu tun. Jetzt tut es mir Leid. Die Geschichte geht so schnell über uns hinweg.«

»Ehrlich?«, fragte Yorkey gehorsam, obgleich ihm in dieser Gegend nichts aufgefallen war, das in ein Geschichtsbuch gehört hätte.

»Ja. Und Jimmy Moon hat das auch verstanden.«

»Warum trug er einen Weißen-Namen? Und davon noch zwei?«

Sie zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Ich habe mich manchmal mit ihm unterhalten. Er interessierte sich allerdings nicht für die Geschichte unserer Station, sondern wollte alles über die Stämme hier draußen wissen, wer sie waren, wie sie sprachen. Er redete stundenlang mit einem alten Schwarzen und stellte ihm Fragen über Stämme und Clans.«

»Wieso?«

Die Frage schien sie zu ärgern. »Weil er es wissen wollte«, antwortete sie knapp. »Weil er alles über sein Volk wissen wollte, nicht nur über seine Horde wie ihr anderen alle.«

Yorkey nahm den Tadel hin, ohne zu erwähnen, dass er nicht einmal über seine Horde Bescheid wusste.

»Dann ging er auf Wanderung«, sagte sie. »Er wollte sich mit den Horden vom Daly River treffen. Um etwas über sie zu lernen. Man warnte ihn, dass sie gefährlich seien, Fremde nicht mochten, aber er hatte keine Angst vor ihnen. Also zog er los. Sagte, er würde zurückkommen.«

»Aber er ist nicht mehr gekommen?«

»Soll ich die Geschichte erzählen oder nicht?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Warte mal, ich habe Cornedbeef auf dem Herd, das verkocht mir sonst.«

Yorkey ergriff die Gelegenheit, um sich die Beine zu vertreten. Er empfand überwältigendes Mitleid mit Netta, deren Stolz sie dazu getrieben hatte, diesen Ort zu verlassen. Stolz, der aus dem Kontakt zu den Weißen erwachsen war. In ihrer eigenen Gesellschaft galt eine Schwangerschaft nicht als Schande, sondern bot Grund zur Freude. Selbst wenn Jimmy Moon am Daly River verschwunden oder weiter nach Westen gezogen war, hätte sie das Kind mit Stolz austragen können. In der Welt der Weißen war das nicht möglich. Yorkey wusste, welche Strafe eine unverheiratete Frau traf, die schwanger wurde, er hatte Auspeitschungen erlebt, Witze gehört, die man über diese Frauen riss, ohne je sonderlich darauf zu achten. Auch hatte er von seiner Mutter nicht erfahren, dass sie mit einem Treiber davongelaufen war, um der Demütigung zu entrinnen, die ein schwarzes Hausmädchen traf, wenn es mit einem »vaterlosen« Kind schwanger war. So waren die Weißen eben. Vaterlos? Dieses Wort hatten sie erfunden. Und sie hätten Netta ins Lager der Schwarzen geschickt, bis ihre Zeit gekommen war.

Die Chinesen bezeichneten es als Gesichtsverlust, doch es steckte mehr dahinter, wie er selbst kürzlich festgestellt hatte. Wie Netta hatte auch er sich an die Lebensweise und Nahrung der Weißen gewöhnt. Es hatte ihm nicht gefallen, die Uhr für die wenigen Tage im Lager der Schwarzen zurückzudrehen, obgleich ihn diese sanften Menschen, sein eigenes Volk, so freundlich aufgenommen hatten.

Er wünschte, er hätte Nettas Geschichte nicht unbesehen geglaubt, sondern auch auf ihren Schmerz gelauscht, statt nur auf die Prahlereien über seinen stolzen Vater, den man hoch geachtet hatte, der aber zu früh gestorben war.

Mrs. Dodds hatte gesagt, Jimmy Moon habe zurückkommen wollen. Vielleicht hatte Netta Angst bekommen und war deshalb mit dem Treiber davongelaufen.

Yorkey war müde und traurig, als Mrs. Dodds zurückkehrte und über das Wetter jammerte. Eigentlich wollte er am liebsten gehen.

»Es ist so verdammt heiß«, sagte Mrs. Dodds und wischte sich mit einem Tuch übers Gesicht. »Weiß mich nicht zu lassen. Der Regen hängt in der Luft, aber wann kommt er endlich? Yorkey, ich sage dir, wenn er kommt, renne ich nach draußen und stelle mich nackt hin, bis es aufhört. Ich glaube, ihr Schwarzen seid daran gewöhnt, aber ich bin als Mädchen aus Perth hergekommen. Ich wusste nicht, was es heißt, sich nach Regen zu sehnen, doch das hab ich bald herausgefunden. Sieh dir das verdammte Land da draußen an. Bricht bald auseinander, wenn wir keinen Regen bekommen. Wo war ich stehen geblieben?«

»Ist egal. Ich muss ohnehin los.«

»Typisch für euch junge Leute. Interessiert euch nur für eure eigene Horde.«

Yorkey murmelte eine Entschuldigung. »Tut mir Leid, Missus. Ich dachte, Sie wären fertig. Ich glaube, der Rest tut ohnehin nichts zur Sache.«

»Vielleicht nicht für dich. Aber mir hat es etwas bedeutet und den anderen hier auch. Man hat jemandem großes Unrecht zugefügt!«

»Netta.«

»Herrgott, nein. Hab ich dir nicht gesagt, dass sie weggelaufen ist? Nein, ich spreche von Jimmy Moon. Jetzt sag ich dir was. Du weißt, ich kann schreiben. Als Colonel Puckering nach dem Vorfall herkam, er war damals Polizeichef im Territorium, habe ich selbst ein Empfehlungsschreiben für Jimmy Moon aufgesetzt, das alle Arbeiter auf der Station unterschrieben haben. Wir dachten, es wäre das Mindeste, was wir für ihn tun könnten.«

»Weshalb brauchte er eine Empfehlung, wenn er bei den Weißen so beliebt war?«

»Hm, keine Ahnung. Wir wollten es einfach. Er war losgezogen, um sich mit den fremden Stämmen zu treffen, und dann kam er zurück. Er befand sich auf Black-Wattle-Land, als es passierte.«

Sie seufzte. »Setz dich, Yorkey, ich krieg einen ganz steifen Nacken.«

Sie wartete, bis er wieder auf der Stufe Platz genommen hatte, und starrte ihn an, als sei er die Quelle ihres Zorns. »Er kam heim, ritt auf einem Pferd, das Sibell ihm geschenkt hatte, und was passiert? Er läuft einem Haufen Idioten über den Weg. Jagten Gesetzlose, die einen weißen Mann ausgeraubt und getötet hatten. Es gab einen Überlebenden, und der behauptete, unter den Verbrechern sei ein Schwarzer gewesen. Die Gesetzlosen haben sie nicht gefunden, denn die waren, das kam Jahre später raus, zum Daly River gezogen und den Krokodilen zum Opfer gefallen. Aber sie fanden Jimmy Moon.«

Yorkey riss sich am Riemen. Er wusste Bescheid über legale und illegale Suchtrupps. Er ahnte, was er nun hören würde.

»Diese Schweine führten keine legale Suche durch, sondern wollten sich groß tun. Einer von ihnen hatte einen Bruder unter den Toten. Waren abgefüllt mit Schnaps, fluchten zum Gotterbarmen und stießen auf einen Schwarzen mit einem Pferd. Vermutlich interessierten sie sich ohnehin am meisten für das Gold aus dem Überfall.«

Sie schaute ihn traurig an. »Sie haben Jimmy verprügelt, um herauszufinden, wo das Gold versteckt war. Dann haben sie ihn aufgehängt.«

Mrs. Dodds schüttelte den Kopf. »War eine schlimme Zeit, all das auf unserem eigenen Land. Sibell wurde hysterisch. Maudie hat sich tapfer gehalten. Sie rief die Polizei, brachte Anschuldigungen gegen die Männer vor, die Jimmy Moon getötet hatten. O Gott, eine furchtbare Zeit. Der arme Jimmy, er hatte vermutlich keine Ahnung, weshalb man ihn hängte.«

Sie saßen schweigend beieinander. Der Mond war aufgegangen, ein Vollmond mit einem Hof, der von Regen kündete. Die Sterne verblassten vor dem helleren Licht. Yorkeys Gesicht war steif und seltsam kalt; er hielt die Fäuste geballt. Es gelang ihm nicht, die Fragen zu formulieren, die er noch stellen musste, oder auch nur zu zeigen, dass er Mrs. Dodds’ Bericht gehört hatte.

Dann polterte Dodds um die Ecke, vor sich eine Schubkarre mit Einkäufen.

»Das ist ja genug, um eine Armee satt zu kriegen«, jammerte er.

»Das Gleiche wie immer, wenn nichts fehlt.« Sie packte die kleineren Gegenstände aus und reichte sie ihm. »Hier, leg das drinnen auf den Tisch. Es wird nichts weggeräumt, bevor ich alles durchgezählt habe.«

Yorkey sprang auf, sie schob ihm einen schweren Mehlsack hinüber. »Den nimmst du, und den Tee… wo sind die Sultaninen? Ich kann die Sultaninen nicht finden.«

»Da drüben!«, brüllte Dodds. »Mach doch die Augen auf!«

Sie eilte geschäftig hin und her, betrachtete die Vorräte auf dem Tisch, untersuchte Beutel und Kisten auf Löcher und Risse, befahl ihrem Mann, das Mehl in eine Dose zu schütten, damit sie es auf Rüsselkäfer prüfen konnte. Yorkey sah sich unterdessen im Raum um. Er war eng, mit einem großen Kamin, Tisch und zwei Stühlen, Bett, Schränken und Bambusregalen, doch die beiden kamen problemlos zurecht.

Da sie sich noch immer stritten, entschloss er sich zum Aufbruch.

»Ich muss jetzt gehen, Missus. War nett, mit Ihnen zu reden.«

»Schon gut«, sagte sie über die Schulter gewandt. Er ging hinaus, blieb aber stehen und steckte noch einmal den Kopf zur Tür hinein. »War eine gute Geschichte. Was ist aus den Männern geworden? Dem Suchtrupp, meine ich?«

Sie schaute ihn blinzelnd an. »Ach, die. Wurden angeklagt. Mr. Puckering hat nicht lange gefackelt. Kamen wegen Mordes vor Gericht, sind aber davongekommen.«

Dodds nickte. »Siehst du, was habe ich dir gesagt? Sie erinnert sich an alles.«

»Stimmt«, entgegnete sie zufrieden. »Alle wussten, wer es war, aber vor Gericht wollte sich keiner mehr erinnern. Sind danach verschwunden, alle vier.«

Plötzlich kam Leben in Dodds. »Ha! Da irrst du dich aber. Einer von denen ist Jahre später zurückgekommen, als Gras über die Sache gewachsen war.«

»Wer?«, fragte sie verärgert.

»Syd Walsh. Er hat die Witwe von der Glenelg Station geheiratet.«

»Der war doch nicht dabei.«

»Ich schwör’s dir!«

Sie kratzte sich stirnrunzelnd am Kopf. »Könntest Recht haben. Ja. Er hat sie geheiratet, nicht wahr? Hat sie und ihre Kinder so schlecht behandelt, dass die Jungs so bald wie möglich abgehauen sind. Hier kommt er aber nie hin. Kein Wunder, Sibell würde ihm vermutlich eine Kugel verpassen.«

Sie wandten sich wieder ihrer Sortierarbeit zu, einer aufwändigen Unternehmung, da sie monatelang keine Vorräte mehr beziehen würden. Yorkey ging davon.

Seine Mutter hatte gesagt, er gleiche seinem Dad. Vielleicht hatte ihn Mrs. Hamilton deshalb so angeschaut. Er fühlte sich ihr jetzt näher, empfand Zuneigung zu der Frau, die eine Freundin seines Vaters gewesen war und um ihn getrauert hatte. Vielleicht würde er sich ihr eines Tages als Jimmy Moons Sohn vorstellen. Das würde ihr sicher gefallen.

Doch im Augenblick verspürte er nur Zorn.

Er brütete den ganzen nächsten Tag vor sich hin, während er mit drei anderen Männern zusammen arbeitete, Wasserläufe frei räumte und Steinwände baute, die die Wassermassen unter Kontrolle halten sollten. Harte Arbeit, die seinem Kopf gut tat. Er hebelte Felsbrocken aus der harten Erde und setzte sie sorgfältig an Ort und Stelle, während er den nächsten Schritt überdachte.

Spät am Abend sattelte Yorkey sein Pferd und ritt unbemerkt davon. __________

Die Monsunwolken hatten sich schließlich gesammelt und bildeten eine grün-schwarze Kuppel über dem nördlichen Himmel, einen passenden Hintergrund für das Flackern und Leuchten der Blitze. Der Donner grollte geheimnisvoll, warnte vor dem großen Unwetter, das über den rosa gestreiften Dämmerhimmel heranzog.

Plötzlich zuckte ein Blitz nieder, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner, und Mimimiadie fuhr zusammen.

»Das war nah«, murmelte er und rannte aus der Höhle.

»Sieh mal hier«, rief Gopiny von seinem Ausguck, und er eilte zu ihm hin. Ehrfürchtig schauten sie über die Ebene zu einem brennenden Baum, der das trockene Gras in seiner Umgebung ebenfalls entzündete.

»Das war wirklich nah«, wiederholte Mimimiadie.

»Ein böses Omen«, bemerkte sein Freund. »Wir müssen auf der Hut sein.«

»Wovor? Nach dem Erdrutsch sind keine weißen Männer hergekommen. Sie werden auch jetzt nicht kommen.«

Gopiny war verwirrt. »Ich verstehe nicht, wieso. Sie hatten einen toten Schwarzen vor ihren Füßen liegen und wollen nicht mal wissen, woher er gekommen ist.«

»Warum auch? Wahrscheinlich glaubten sie, er wäre bereits in der Schlucht gewesen und von ihrem Vieh zertrampelt worden. Außerdem bedeutet ihnen ein Schwarzer nichts. Sie haben auf ihn gespuckt und sind weitergeritten.«

Er sah zu, wie ein Schwarm krächzender Kakadus auf der Flucht ins Landesinnere vorüberflog, und grinste. »Hier ist jetzt der beste Platz der Welt. Egal, wie viel Regen fällt, wir haben es trocken, das Wasser fließt ab, und mit dem Regen erwacht die Erde zu neuem Leben. Wir haben genug zu essen. Die guten Geister sind mit uns, Gopiny.«

»In den Sümpfen gibt es auch viel zu essen. Vielleicht sollten wir dorthin laufen. Hier ist alles so offen.«

Mimimiadie versetzte ihm einen scherzhaften Stoß. »Du hast Angst vor dem Blitz, Kleiner.«

»Nein.«

»Doch.«

Um sie herum grollte unaufhörlich der Donner, Blitze zuckten, und schwere Regentropfen fielen nieder. Mimimiadie genoss das Schauspiel, streckte die Arme aus und begrüßte die Regengeister.

»Du kannst weglaufen und dich verstecken, wenn du willst. Ich sehe mir den Spaß hier draußen an.«

Gopiny schauderte.

»Ich habe keine Angst.« Er sah zu, wie der Baum in sich zusammenfiel, als das Feuer erstarb, und war enttäuscht, dass auch der Brand im Gras erlosch. Dann deutete er auf einen Punkt in der Ferne.

»Da kommt jemand.«

»Wo?«

»Da unten. Neben dem Baum. Ich habe eine Bewegung gesehen.«

»Kann auch ein Tier sein. Eine Kuh oder ein Känguru.«

»Nein, es ist ein Mann. Er läuft.«

Sie warteten, suchten die vereinzelten Bäume der Ebene ab, bis auch Mimimiadie den Mann erblickte.

»Ein Schwarzer. Er will in die Schlucht.«

Sie beobachteten ihn, als er aus dem Schatten der Bäume ins offene Gelände lief, doch dann verloren sie ihn aus den Augen. Wolken ließen das kurze Zwielicht verlöschen und tauchten ihre Welt in Finsternis.

Vögel flogen kreischend davon, ein Dingo heulte und erhielt Antwort von einem Artgenossen. Dann war alles still bis auf das Prasseln des Regens, das hier in luftiger Höhe auf den Felsen noch lauter klang als unten auf der Erde. Es war noch zu früh für die Wasserfluten, sie konnten noch Wochen oder Monate auf sich warten lassen.

Am Morgen fanden sie zu ihrem Erstaunen Matong vor, der wütend neben den durchnässten Überresten ihres Lagerfeuers hockte. Sein scharfer Geruchssinn hatte ihm zweifellos den Weg gewiesen, alte Asche speicherte noch lange den Geruch von gebratenem Fleisch und Fett. Doch was hatte er hier zu suchen?

Matong teilte ihnen mit, dass er tagelang querfeldein gelaufen sei, um ihnen Nachrichten zu überbringen, und nicht die Absicht habe, den Mund aufzutun, bevor er etwas zu essen bekommen hatte.

Das Plateau lag dampfend in einem Nebel aus feinem Regen, der die drückende Hitze dieser Jahreszeit nicht mildern konnte. Mimimiadie begleitete ihn stolz zu ihrer Höhle, in der es noch ziemlich kühl war.

Ungeduldig zündete er ein Feuer vor dem Eingang an und bombardierte Matong mit Fragen, doch der Bote schwieg beharrlich.

Als Gopiny mit einer fetten Eidechse und einem Felskänguru zurückkehrte, das er ungehäutet in die Glut warf, war Mimimiadie so weit, dass er Matong anbrüllte und drohte, ihm den Schädel einzuschlagen.

Da ihn der Geruch des brutzelnden Fleischs zu besänftigen schien, schilderte Matong zunächst seine todesmutige Rückkehr zum Daly River, für die sich die anderen nicht im Geringsten interessierten.

»Du hättest ja nicht gehen müssen«, bemerkte Mimimiadie bissig.

»Willst du die Geschichte nun hören oder nicht?«, gab Matong zurück.

»Weiter«, sagte Gopiny und wendete das Fleisch mit einem Stock.

»Als ich heimkam, herrschte Trauer im Clan«, berichtete Matong.

»Sie wussten, dass jemand die beiden Goldsucher getötet hatte, weil die Polizei auf Pferden gekommen war, auf dem Kriegspfad. Sie nahmen drei junge Männer mit, denen sie die Schuld gaben, darunter auch deinen zweiten Bruder, Gopiny.«

»O nein! Er war nie ein Krieger. Die Ältesten hatten ihn auf höhere Dinge vorbereitet. Was ist mit ihnen geschehen?«

»Das weiß niemand. Sie fesselten sie und zerrten sie davon, so wie immer.«

Gopiny war erschüttert. »Hast du den anderen erzählt, warum wir die Goldsucher töten mussten? Dass Mimimiadies Frau grausam ermordet wurde?«

Matong starrte das Fleisch an. Gopiny ergriff sein Messer, schabte Fell von einer Keule des gebratenen Kängurus und reichte es ihm höflich. Dann legte er auch Mimimiadie vor, wie es sein Status vorschrieb.

»Ich habe ihnen später von deiner Frau erzählt«, antwortete Matong nervös, »und alle haben um sie geweint. Sie war sehr beliebt.«

Mimimiadies Gesicht wirkte wie versteinert. »Das war sie. Ich habe nie eine bessere Frau gekannt. Doch ihre Qualen sind vorüber, und ihr Geist kann in Frieden ruhen, denn wir haben zweifache Vergeltung geübt.«

»Das ist wahr«, pflichtete ihm Matong bei. »Wir wissen das, und sie weiß es auch. Ich hielt es daher nicht für nötig, ihnen zu sagen, wer die Goldsucher getötet hat.«

»Wieso nicht?«, schrie Gopiny. »Du hättest sie retten können. Du hättest meinen Bruder retten können.«

Mimimiadie schüttelte den Kopf. »Nein, dafür war es zu spät. Wir alle wussten, dass sie Vergeltung üben würden. Du wusstest, sie würden jemanden verhaften. Oder mehrere von uns. Sei kein Schwächling. Die Polizisten hatten die Männer bereits mitgenommen. Was hätte er machen sollen? Ihnen nachlaufen?«

»Aber mein geliebter Bruder…«, stöhnte Gopiny.

Mimimiadie holte aus und versetzte ihm einen Schlag mit dem Handrücken, der ihn zur Seite schleuderte.

»Hör auf zu heulen! Wir müssen mit diesen Gefahren leben oder den Kampf einstellen. Wenn es das ist, was du willst, kannst du ja wie ein zahmer Hund auf einer Station leben.«

Er stand auf, lief umher, erschüttert, aber immer noch kampfbereit.

»Wir gehören zum Dingo-Clan. Der Dingo ist unser Totem. Er gibt nie auf, man kann ihn nicht zähmen, und auch uns werden sie nicht zähmen. Du hast die Dingos letzte Nacht gehört, sie sind bei uns. Sie betrauern unsere Brüder, die mittlerweile tot sein könnten.«

Gopiny vergrub das Gesicht in den Händen und murmelte: »Du hast gut reden. Die Menschen sterben. Es muss irgendwie ein Ende finden. Je mehr wir kämpfen, desto mehr Unschuldige geraten in Gefahr. Ich mag deine Gefahr nicht.«

»Dann hau ab! Kneif den Schwanz ein und renn zur nächsten Station, damit du Almosen und ein Stück Land bekommst, das nicht größer ist als mein Fuß.«

»Ich bin noch nicht fertig«, bemerkte Matong ruhig. Er warf abgenagte Knochen weg und leckte sich die Finger. »Da mir die gefährliche Wanderung zu den Fluss-Leuten geglückt war, schickten sie mich mit der Botschaft zu euch zurück. Niemand dankt mir für meinen Mut, dort wäre ich gewiss sicherer gewesen. Jetzt muss ich mir anhören, dass ihr euch wie zwei alte Weiber ankeift. Im Augenblick ist mir völlig egal, wer gewinnt…«

»Halt den Mund, wenn du nichts Vernünftiges zu sagen hast«, brüllte Mimimiadie.

»Wenn du deinen hältst, wirst du etwas Vernünftiges erfahren. Die Polizisten kennen meinen und Gopinys Namen nicht. Aber sie kennen dich, Mimimiadie, und suchen nach dir.«

»Das ist nichts Neues. Natürlich kennen sie mich«, sagte Mimimiadie stolz. »Sie wissen, dass ich ein Krieger bin. Ich werde nie ein zahmer Hund.«

Matong nickte. »Das stimmt. Sie haben eine Nachricht für dich hinterlassen. Sie verlangen, dass du dich stellst.«

»Ich? So dumm bin ich nicht. Diesmal spucken sie gegen den Wind. Warum sollte ich so etwas tun?«

»Weil sie deinen Sohn haben.«

Mimimiadie schien ihn zunächst nicht verstanden zu haben.

»Kannst du dir vorstellen, dass ich zur Polizei gehe und sage, hier… wessen Sohn?«

»Deinen.«

»Boomi? Aber er ist noch ein kleiner Junge!« Er war fassungslos, dann traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht. »Sie haben Boomi mitgenommen?«, schrie er. »Meinen Jungen?«

»Ja. Sie wollen ihn zurückgeben, wenn du dich stellst.«

»Sie haben zugelassen, dass die Polizei meinen Jungen mitnimmt? Warum ist niemand eingeschritten?«

Traurig schüttelte Gopiny den Kopf. »Gegen Gewehre können sie nichts ausrichten.«

»Aber ein unschuldiges Kind! Er hat ihnen nichts getan!«

»Mein Bruder ist auch unschuldig«, sagte Gopiny und wich aus, als Mimimiadie sich zornig auf ihn stürzen wollte.

»Halt den Mund, dein Bruder ist ein erwachsener Mann, aber Boomi ist erst sechs. Ich finde diese Polizisten und töte jeden einzelnen dieser dreckigen Feiglinge, dieser Mistfresser. Wenn sie meinem Sohn etwas zuleide tun, erwürge ich sie mit bloßen Händen…«

Er stampfte davon, hinaus in den Regen, wobei er weitere Flüche und Drohungen ausstieß.

»Meinst du, er ergibt sich?«, fragte Gopiny.

»Wohl kaum. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht. Sie würden ihn am nächsten Baum aufknüpfen.«

»Es heißt, sie dürften keine Schwarzen mehr aufhängen.«

»Dann erschießen sie ihn eben. Sie werden Boomi ohnehin nicht zurückgeben. Er wird irgendwo bei Weißen aufwachsen.«

»Glaubst du nicht, dass sie ihn auch töten?«

»Nein. Und deinen Bruder vermutlich auch nicht. Aber das ist kein Trost, denn sie werden ihn einsperren, bis er verrückt wird. In diesen Gefängnissen wird jeder verrückt.«

Gopiny schauderte. »Ich will das nicht hören. Aber wie können sie Boomi denn überhaupt zurückgeben, wenn sie seinen Vater verhaften? Wem wollen sie den Jungen geben?«

Matong grinste hinterhältig. »Dir. Du gehst mit Mimimiadie hin, lässt ihn bei der Polizei und nimmst den Jungen in Empfang. Du kannst ihn zum Volk zurückbringen.«

»Aber sie könnten mich auch verhaften.«

»Stimmt genau, deshalb kann Mimimiadie sich nicht stellen, so sehr er seinen Sohn auch lieben mag. Es ist eine Falle, und er weiß es.«

Sie grübelten lange, besprachen das Problem ausführlich, und Matong zeigte schließlich die beiden einzigen Möglichkeiten auf.

»Mimimiadie könnte aufgeben und darauf vertrauen, dass sie den Jungen zu seinem eigenen Volk zurückschicken.«

»Da mache ich mir keine großen Hoffnungen«, seufzte Gopiny.

»Oder er lässt sich Zeit, sucht den Jungen und versucht ihn zu retten.«

»Darüber haben wir bereits gesprochen. Die weißen Männer sind zu schlau. Sie haben den Jungen gut versteckt, weit weg von hier. Wir finden ihn nie. Wir wissen gar nicht, wo wir suchen sollen.«

»Dann muss er begreifen, dass wir machtlos sind.«

Mimimiadie kehrte am späten Nachmittag zurück und war in so gefährlicher Stimmung, dass seine Freunde äußerst behutsam mit ihm umgingen. Sie hatten eine gute Mahlzeit bereitet und boten ihm die größte Portion an. Gopiny versprach, am nächsten Morgen auf Nahrungssuche zu gehen, wie Numinga es ihn gelehrt hatte, obgleich das eigentlich Frauenarbeit war.

»Numinga. Wohin ist er gegangen? Auch zurück zum Fluss?«, fragte Mimimiadie unvermittelt.

»Nein. Er ist allein losgezogen.«

Mimimiadie runzelte die Stirn.

»Sohn einer Krähe. Geht auf Wanderung, wenn ich ihn brauche.«

»Wozu?«, wollte Gopiny wissen.

»Weil er Englisch spricht, du Dummkopf.«

Gopiny nickte, obwohl er keine Ahnung hatte, weshalb dies von Bedeutung sein sollte. Außer… er nahm allen Mut für diese Frage zusammen.

»Wieso? Du hast doch nicht vor, dich zu stellen?«

»Hältst du mich für dumm?«, knurrte Mimimiadie. »Ich stelle mich nicht. Ich ergebe mich diesen Schweinen nicht. Ich würde meinen Sohn nie wieder sehen, und sie lassen ihn nie nach Hause gehen.«

Gopiny war voll des Mitleids. »Es ist furchtbar, Mimimiadie. Wir teilen deinen Schmerz, aber es scheint keine Lösung für das Problem zu geben, vor dem du stehst.«

Mimimiadie stand auf, trat an den Eingang der Höhle und ließ seine Muskeln spielen.

»Wer sagt das? Ich werde sie in die Knie zwingen. Ich will meinen Sohn zurück. Wartet nur ab.«

__________

Die Nachricht verbreitete sich. Eine geheime Männersache. Nur wenige hoch geachtete Älteste erfuhren den Grund, doch das reichte aus. Sie gaben ihre Anweisungen an Leute weiter, die auf Stationen oder im Busch lebten, oder sogar an ganze Clans, die sich auf der Wanderung befanden, gehorsam die traditionellen Routen entlang zogen, um dem Land ihre Achtung zu bezeugen. Die Verbindungen zwischen den Aborigine-Stämmen, Clans und Familien des Territoriums waren denen der weißen Siedler haushoch überlegen, denn ihr System war in Jahrhunderten gewachsen. Die Ältesten gehorchten begeistert, denn in diesen Tagen kam es nur noch selten vor, dass derart dringliche Nachrichten zu ihnen gelangten.

Der Name wurde geflüstert, weitergetragen; Läufer brachten ihn in Lager, von denen aus er weiterflog, so dass sich das Netz stündlich weiter spannte.

Die weißen Männer, ob Freunde oder Bosse, erfuhren nichts davon. Sie hatten keine Ahnung, dass mitten auf ihren riesigen Stationen eine große Suche stattfand.

Findet Numinga.

Nachrichten kamen zurück. Numinga war ein Waray-Mann. Er war zu den Weißen gegangen, wo er als Viehhüter arbeitete. War als Neddy bekannt. Hatte seinen Boss getötet. War verschwunden. Ein einsamer Wanderer geworden. Wurde gelegentlich von Freunden gesehen. All das wurde Mimimiadie zugetragen, der an einem geheimen Ort wartete, gemeinsam mit seinem Schwiegervater, dem Vater der ermordeten Frau, dem Großvater des entführten Boomi.

Vereint durch Kummer und einen verzweifelten Plan, nahmen die beiden Männer die Nachrichten ohne ein Zucken ihrer bemalten Gesichter entgegen. Sie warteten auf die Nachricht, dass Numinga gefunden worden sei. Dann würde ihn der Zauberer des Waray-Volkes aufsuchen und ihm mitteilen, man brauche ihn an einem bestimmten Ort. Selbst ein alter Einzelgänger wie Numinga würde nicht wagen, den Zorn eines Zauberers zu erregen, meinte Mimimiadie. Es war nur eine Frage der Zeit. Er war überrascht, als er erfuhr, dass Numinga, den sie für einen Träumer gehalten hatte, den Boss einer Station getötet haben sollte, doch das kam seinen Zwecken nur entgegen. Ja, es passte wunderbar in seinen Plan.

__________

Yorkey reiste auf den Viehrouten quer über die Stationen und nahm gern die ungezwungene Gastfreundschaft der Viehhüter an ihren Lagerfeuern an. Sein glänzender Sattel erregte ihre Aufmerksamkeit, und er berichtete ihnen, dass es sich um ein Geschenk Zack Hamiltons handelte. Er befand sich auf einer Mission und wollte nicht in den Verdacht des Diebstahls geraten.

Die Erklärung machte ihn nur willkommener, denn die Geschichte von Zacks Begegnung mit einem Schwarzen aus dem Busch hatte sich verbreitet, und die Männer freuten sich, seinen Retter kennen zu lernen. So fand er problemlos den Weg zur Glenelg-Station.

Er hatte den Eindruck vermittelt, er ziehe nur umher, doch zwischen den Ruhepausen ritt Yorkey schnell voran. Er brauchte vier Tage, bis er den Besitz von Syd Walsh erreicht hatte. Als er kühn auf die Stallungen zu ritt, warf er einen zornigen Blick auf das herrschaftliche Wohnhaus mit den weiten Veranden und dem roten Dach. Offensichtlich verstand der Schweinehund zu leben. Der Schweinehund, der seinen Vater aufgehängt hatte. Yorkey hatte noch nicht entschieden, was er mit Syd Walsh tun wollte. Zuerst wollte er ihn erschießen, das Gewehr an seinem Sattel war verlockend. Er könnte ihn mit einem Schuss erledigen. Doch im Laufe der Zeit begriff er, dass er kein kaltblütiger Mörder war, selbst dann nicht, wenn es um Syd Walsh ging.

Yorkey zügelte sein Pferd. Er sollte wohl eine Entscheidung treffen, bevor er dort hineinplatzte.

Dann grinste er. Er würde ihn verprügeln. Ihm sagen, weshalb er gekommen war. Diese Art der Rache konnte er genießen.

Doch wenn Walsh wider Erwarten stärker war als ein magerer Schwarzer? Wenn er selbst nun den Kampf verlor?

War es denn fair gewesen, als vier Männer Jimmy Moon packten und aufhängten?, fragte er sich. Nein. Folglich gab es keinen Grund, Walsh einen fairen Kampf anzubieten.

Yorkey hatte zahlreiche unfaire Kämpfe erlebt, die schnelle Ergebnisse zeitigten. Waffen und das Überraschungsmoment wirkten Wunder. Eine Eisenstange, ein Axtgriff, eine Kette. Also würde er selbst Zeit und Ort wählen. Dem Bastard auflauern, wie sie es mit Jimmy Moon gemacht hatten. Ihn bewusstlos schlagen und davonreiten. Das wäre immerhin eine Art Vergeltung.

Er trieb sein Pferd an und ritt weiter. Schon bald hatte er die Bekanntschaft von Arbeitern gemacht und die üblichen Fragen beantwortet. Auf diesem Anwesen gab es keine schwarzen Viehhüter, doch die Köchin schickte ihm einen fetten Eintopf, und weil es ein wenig regnete, durfte er im Stall schlafen. Alle waren gut gelaunt, und nach den ersten Gesprächen nahm niemand weiter von ihm Notiz.

Am zweiten Tag sagte er zu einem Stallhelfer, er habe den Boss noch gar nicht gesehen.

»Nein. Er und die Missus sind nach Darwin, die Regenzeit abwarten.«

Yorkey war fassungslos. Warum war er nicht darauf gekommen? Die Gewohnheiten der Weißen! Wie dumm von ihm, er war den ganzen Weg umsonst geritten. Betrübt lungerte er auf dem Viehhof herum, sah untätig zu, wie Walshs Männer eine Herde mit Brandzeichen versahen. Ihm fiel auf, dass sie bei der Arbeit lachten, obgleich das Fesseln der Rinder und das Aufbringen der Brandzeichen nicht sonderlich amüsant war. Dann bemerkte er, dass sie die Brandzeichen veränderten, den bereits vorhandenen Zeichen einen Strich hinzufügten. Viehdiebe! Er schlenderte davon. Es ging ihn im Grunde nichts an, war vom Standpunkt eines Viehtreibers jedoch nützlich zu wissen.

Also musste er sich wieder auf den Weg machen. Zurück nach Black Wattle. Er würde sich eine Entschuldigung überlegen. Wanderung. Sie rechneten ohnehin damit, dass Schwarze zu jeder beliebigen Zeit auf Wanderung gingen. Nicht dass Yorkey dieses Recht jemals in Anspruch genommen hätte, da er keine Heimat kannte, doch das konnten sie nicht wissen.

Aber es kam ihm nicht richtig vor, sich nach dem langen Ritt zu Walshs Station in einer Ecke zu verkriechen. Nein, das war ganz und gar nicht angemessen. Er stahl einen Kanister Kerosin und verbarg ihn im Gebüsch.

Das leere Wohnhaus lag im Dunkeln, als er die quietschende Drahttür öffnete und über die Veranda glitt, wobei er das Kerosin ausschüttete. Den Rest spritzte er an die Seitenwand und warf den Kanister in den Garten. Sein Pferd wartete unten am Hang.

Yorkey holte tief Luft, hielt die Drahttür mit dem Fuß auf und warf ein brennendes Streichholz auf die Veranda. Beim ersten Aufflammen rannte er zu seinem Pferd. Er sprang auf und galoppierte den Weg zurück, den er gekommen war. Er hörte das Knistern und Donnern, mit dem das Holzhaus in Flammen aufging, und konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken.

»Mal sehen, wie Ihnen das gefällt, Mr. Walsh.«

Männer liefen herbei, doch Yorkey wusste, dass es zu dieser Jahreszeit nicht genügend Wasser in der Nähe gab, um einen derart großen Brand zu löschen. Auch der spärliche Nieselregen war machtlos. Das Haus war zum Untergang verdammt.

»Zeit zum Aufbruch«, sagte er zu seinem Pferd und fiel wieder in Galopp. Als er jedoch um eine Baumgruppe bog, prallte er beinahe mit zwei entgegenkommenden Reitern zusammen.

»He!«, riefen sie, doch Yorkey ritt weiter, ohne sich umzudrehen. Yorkeys Treiberpferd konnte es mit ihren großen, schnellen Tieren nicht aufnehmen. Er spielte mit dem Gedanken, vom Weg abzubiegen und ins offene Gelände zu reiten, wo sein Pferd im Vorteil war, doch es war schon zu spät. Mit einem Ruck riss es ihn aus dem Sattel. Einer der Männer hatte ihn mit einem Seil gefangen und zerrte ihn zu sich wie ein störrisches Kalb.

__________

Es stellte sich heraus, dass es sich bei den Männern um den Verwalter und dessen Bruder handelte, die von einem Besuch auf einer anderen Station zurückkehrten. Sie zogen ihn mit sich und banden ihn an einen Zaun, bevor sie den Schaden untersuchten. Erst nach einer Stunde kamen sie zurück. Sie brauchten nicht nach der Quelle des Feuers zu fragen, der Rauch stank nach Kerosin. Seinen Namen wollten sie jedoch wissen.

»Yorkey Moon«, sagte er stolz.

»Okay, Moon«, sagte der Verwalter boshaft, »du hast deinen Spaß gehabt. Jetzt bin ich dran.«

Zuschauer versammelten sich, grölten, er sei undankbar, während man ihn zu einem Pfosten zerrte und festband. Jemand riss ihm das Hemd vom Leib, dann trat der Verwalter vor.

»Das machen wir mit schwarzen Hunden wie dir«, sagte er und schwenkte eine Peitsche vor Yorkeys Gesicht.

Der erste Schlag schien seinen Rücken zu spalten, der nächste war noch schlimmer, und Yorkey schrie los. Die Zuschauer murmelten befriedigt. Daraufhin presste er die Lippen zusammen, konzentrierte sich aufs Zählen, um sich von den unerträglichen Schmerzen abzulenken. Doch als die Peitsche wieder und wieder auf seinen Rücken knallte und seine Haut zerriss, wurde ihm schwarz vor Augen. Dann war es vorbei. Sie schnitten ihn los.

Er musste das Bewusstsein verloren haben, denn als er aufwachte, lag er im Staub, mit Hals und Fußgelenken an einen Zaun gefesselt.

»Lasst ihn bis zum Morgen hier«, sagte der Verwalter. »Wir wollen hier draußen keine Polizei. Ihr beide bringt ihn zum Posten in Bald Hill und zeigt ihn wegen Brandstiftung an. Sagt ihnen, er hätte Syds Haus niedergebrannt, die sollen Syd die Neuigkeit überbringen. Schöne Weihnachtsüberraschung.«

7

Der Außenposten der Polizei bestand aus zwei Sandsteinhäusern in einer gottverlassenen Gegend, dahinter lag eine Pferdekoppel. Das lang gestreckte, niedrige Gebäude erinnerte mit seinen Fensterschlitzen an ein Fort in Miniaturausgabe, was es im Grunde auch war. Vor Jahren hatte man es als Posthalterei und Remontenstation für die berittene Polizei errichtet, doch es war von Schwarzen angegriffen worden. Dabei wurden die beiden darin ansässigen Polizisten getötet und ihre Hütte niedergebrannt. Um größeren Schutz zu bieten, wurde das zweite Sandsteinhaus mit innen liegendem Kochherd errichtet und daneben eine kleine, solide Gefängniszelle mit einem einzigen vergitterten Fenster.

Nur wenige der Polizisten, die in diesem westlichen Gebiet Patrouille ritten, erinnerten sich an den Angriff. Er war in die Überlieferung ihres Bezirks eingegangen, und da es in letzter Zeit keine derartigen Vorfälle gegeben hatte, ließen die Sicherheitsvorkehrungen zu wünschen übrig. Zurzeit galt die Versetzung auf diesen entlegenen Außenposten als Strafe und traf zumeist Neulinge, die es nicht besser wussten, oder Schutzleute im Rahmen einer Disziplinarmaßnahme. Wally Smith ertrug die letzten Wochen in diesem Höllenloch, und das Abstreichen der Tage im Kalender, nachdem er die sechs Pferde versorgt und seine Eintragung ins Betriebstagebuch gemacht hatte, bildete seine wichtigste Aufgabe. Es gab selten über mehr zu berichten als den Gesundheitszustand der Pferde in seiner Obhut.

Selbst wenn andere Polizisten in die Gegend kamen, blieben sie nie länger als nötig, übernachteten nur einmal, schrieben ihre Berichte und zogen weiter in Richtung der komfortablen, gastlichen Wohnhäuser auf den Viehstationen. Da er ein Neuling war, zogen sie Smith gnadenlos auf, dichteten ihm schwarze Frauen unter seinem Bett an und machten derart obszöne Bemerkungen, dass er sich abwenden musste, um sein Erröten zu verbergen. Er freute sich über die Abwechslung, war aber ebenso froh, wenn sie von dannen zogen. Das alles hatte er sich selbst eingebrockt, indem er sich freiwillig gemeldet hatte. Er war frisch aus Adelaide gekommen, hatte soeben die Kadettenausbildung absolviert und diese Aufgabe als großes Abenteuer empfunden. Er würde in einer aufregenden Wildnis arbeiten und einen wichtigen Außenposten übernehmen, was ihn ungeheuer stolz machte.

Inzwischen wusste er, dass die harten Polizisten, die das Territorium bewachten, diesen Posten mit der Lage eines einsamen Wachsoldaten auf den Zinnen einer Burg verglichen, wenn der Angriff des Feindes jederzeit losbrechen kann. Die Leute hier fielen entweder den Schwarzen oder dem Wahnsinn zum Opfer. Mit diesem beunruhigenden Wissen im Hinterkopf war Wally die alten Tagebücher durchgegangen, die in Aktenschränken verstaubten, und hatte herausgefunden, dass einige seiner Vorgänger, falls er ihre zusammenhanglos hingekritzelten Notizen richtig deutete, Trinker oder Verrückte gewesen waren.

Ein Bursche schrieb, er erhalte jeden Abend Besuch von einem alten Känguru-Männchen, das mit ihm am Feuer sitze und Geschichten von großer anthropologischer Bedeutung erzähle, die er in sein Notizbuch eingetragen habe. Dieses Notizbuch fand Wally nie, doch er unterließ es von da an, über die Pferde und ihre Besonderheiten zu schreiben, da er eine mögliche Besessenheit fürchtete. Und er verfasste einen nüchternen Bericht für seine Vorgesetzten, in dem er diesen Außenposten als veraltet beschrieb und vorschlug, ihn zu schließen. Es gäbe nun ausreichend Vieh- und Außenstationen, die dieses große Land bis über die Grenze nach Westaustralien hin bewirtschafteten. Deren Wohnhäuser böten den Polizisten Unterkunft und frische Pferde, so dass man die Kosten einsparen und das Geld an anderer Stelle einsetzen könne, wo es dringend benötigt wurde. Er wusste, dass ein Wehklagen über die Lebensbedingungen keinen Sinn hatte, aber eine Kostenersparnis würde den Bürokraten, die in Sicherheit an ihren Schreibtischen saßen, gewiss gefallen. Bewaffnet mit diesem sorgsam verfassten Bericht wartete Wally die letzten Tage seiner sechsmonatigen Frist ab. Danach würden weitere Polizisten kommen und mit ihm den Außenposten für die kommende Regenzeit schließen. Gemeinsam mit den Pferden würden sie in die Zivilisation zurückkehren.

»Zum Teufel mit diesem verfluchten Ort«, sagte er sich immer wieder, während er wartete.