/ Language: Deutsch / Genre:det_history, / Series: Schwester Fidelma ermittelt

Vor dem Tod sind alle gleich

Peter Tremayne

Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt und gleichzeitig Anwältin bei Gericht, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Wegen des großen internationalen Erfolgs seiner Serie um Schwester Fidelma wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt. Schwester Fidelma ist ins Reich des Königs von Laigin geeilt, um Bruder Eadulf, ihrem engsten Freund und Vertrauten, zu helfen, der dort unter Mordverdacht steht. Schon am nächsten Morgen soll er gehängt werden. Fidelma, fest von seiner Unschuld überzeugt, versucht erst einmal, Berufung gegen das offenbar vorschnell ausgesprochene Todesurteil einzulegen. Doch die Mächtigen in der Stadt und der großen Abtei haben viel zu verbergen und zeigen größeres Interesse an Eadulfs Tod als an der Wahrheit. Ein Fall, bei dem es für Fidelma um alles oder nichts geht. Die Originalausgabe unter dem Titel »Our Lady of Darkness« erschien 2000 bei Headline Book Publishing, London.

Für Michael Thomas, meinen literarischen Agenten, Mentor und Freund, der mich die ersten dreißig Jahre meiner professionellen Schriftstellerei hindurch geführt hat.

Die Finsternis bringt eher unsere Ängste ans Licht, als daß sie sie zerstreut.

Lucius Annaeus Seneca d.J. (um 4 v. Chr. - 65 n. Chr.)

Historische Anmerkung

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen hauptsächlich in Irland um die Mitte des siebenten Jahrhunderts.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dalaigh, eine Anwältin bei Gericht, im alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll diese historische Anmerkung einige wesentliche Punkte erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Geschichten beitragen.

Zu Fidelmas Zeiten bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cuige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige - von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) - erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Ri oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche gab es eine Aufteilung der Macht unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten.

In diesem Band finden sich Rückbezüge auf den Streit zwischen Muman und Laigin um das im Grenzgebiet gelegene Unterkönigtum Osraige (Ossory), über das beide die Oberhoheit beanspruchten. Dieser Konflikt wird in dem Fidelma-Roman »Tod im Skriptorium« näher beschrieben.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes diente, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelt hatten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fenechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zum erstenmal im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fodhla zusammengefaßt. Über tausend Jahre später, im Jahre 438 n. Chr. berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert in der Royal Irish Academy in Dublin. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz eines Gesetzbuches wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Deportation.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Feis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder bis in die jüngste Vergangenheit. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir ken-nen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Brig Briugaid, Äine Ingine Iugaire, Dari und viele andere. Dari zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern verfaßte auch einen berühmten Gesetzestext, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld, wenn sie zu Hause lagen oder im Krankenhaus. (Im alten Irland gab es die ersten Krankenhäuser, die in Europa bekannt sind.) Aus heutiger Sicht schufen die Gesetze der Brehons fast ideale Bedingungen für die Frauen.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in den einzelnen Romanen zu verstehen.

Fidelma wurde im Jahre 636 in Cashel geboren, der Hauptstadt des Königreichs Muman (Munster) im Südwesten Irlands. Sie war die jüngste Tochter des Königs Failbe Fland, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb. Sie wuchs unter der Aufsicht eines entfernten Vetters auf, des Abts Laisran von Durrow. Als sie mit vierzehn Jahren das »Alter der Wahl« erreichte, das bei Frauen als das Alter der Reife galt, ging sie wie viele irische Mädchen zum Studium an die weltliche Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte Fidelma den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irland zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Sen-chus Mor als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Damit wurde sie dalaigh, Anwältin bei Gericht.

Ihre Rolle ähnelte der eines modernen Untersuchungsrichters, der unabhängig von der Polizei die Beweislage prüft und feststellt, ob eine Anklage zu erheben ist. Gelegentlich konnte sie aber auch vor Gericht als Vertreterin der Anklage oder, wie in diesem Fall, der Verteidigung tätig werden. In Fällen von geringerer Bedeutung konnte sie sogar, falls kein Brehon zur Verfügung stand, selbst das Urteil sprechen.

Zu jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war. Zum Zeitpunkt der Handlung dieser Geschichte hatte Fidelma jedoch Kildare bereits enttäuscht verlassen. Die Gründe dafür sind in der Kurzgeschichte »Hemlock at Vespers« beschrieben worden.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne vieler angelsächsischer Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxe Ostkirche bis heute von Rom unabhängig geblieben ist. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht, weshalb man unmöglich über kirchliche Fragen der Zeit schreiben kann, ohne auf den weltanschaulichen Konflikt zwischen ihnen einzugehen.

Eins hatten die keltische und die römische Kirche im siebenten Jahrhundert gemeinsam: Das Zölibat war nicht allgemein üblich. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich hauptsächlich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049-1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. Es dauerte Jahrhunderte, bis die keltische Kirche ihren Widerstand gegen das Zölibat aufgab und sich Rom anschloß, während in der östlichen orthodoxen Kirche die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht auf Heirat besitzen.

Das Wissen um die freie Einstellung der keltischen Kirche zu geschlechtlichen Beziehungen ist wesentlich für das Verständnis des Hintergrunds der FidelmaGeschichten.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill-Dara = die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste Biographie wurde 650, fünfzig Jahre nach ihrem Tode, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch zu seiner Zeit eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Im Gegensatz zur römischen Kirche gab es in der irischen Kirche nicht die Einrichtung der »Beichtväter«, bei der »Sünden« den Geistlichen gebeichtet wurden, die dann die Vollmacht hatten, diese Sünden in Christi Namen zu vergeben. Statt dessen wählte man einen »Seelenfreund« (anam chara) unter Klerikern oder Laien, mit dem man Fragen seines emotionalen oder geistigen Heils besprach.

Damit sich der Leser mit den Namen besser zurechtfindet, habe ich eine Liste der Hauptpersonen beigefügt.

Im allgemeinen habe ich es aus naheliegenden Gründen abgelehnt, anachronistische Ortsnamen zu verwenden, habe jedoch einige wenige moderne Bezeichnungen übernommen wie Tara statt Teamhair, Cashel an Stelle von Caiseal Muman und Armagh für Ard Macha. Hingegen bin ich bei dem Namen Mu-man geblieben und habe nicht die Form »Munster« vorweggenommen, bei der im neunten Jahrhundert das nordische »stadr« (Ort) an den irischen Namen Muman angehängt und die dann anglisiert wurde. Ähnlich habe ich das ursprüngliche Laigin beibehalten statt der anglisierten Form Leinster, die aus dem nordischen Laigin-stadr hervorging. Der leichteren Lesbarkeit halber habe ich Fearna Mhor (der große Ort der Erlen), die Hauptstadt der Könige von Laigin zu jener Zeit, zu Fearna verkürzt, da es jetzt zu Ferns in der Grafschaft Wexford anglisiert worden ist.

Dieser Roman behandelt auch den Konflikt zwischen dem heimischen Gesetz der Brehons und dem anderen Rechtssystem, das die Geistlichen, die für die römischen Reformen waren, um diese Zeit in Irland einführen wollten; es wurde das System der Bußgesetze genannt. Diese Bußgesetze waren ursprünglich Regeln für die religiösen Gemeinschaften und leiteten sich hauptsächlich von den griechisch-römischen christlichen Kulturbegriffen her. Nach ihnen sollte man sein Leben ausrichten. Man versuchte sie jedoch auch auf die Gemeinden auszudehnen, die im Schatten der großen Abteien entstanden waren; das hing von den Persönlichkeiten der Äbte und Äbtissinnen ab.

Die Bußgesetze entwickelten sich oft zu einem strengen System von Regeln und Strafen, die auch Körperstrafen für Vergehen vorsahen. Sie stellten eher ein System der Rache dar als ein System von Schadenersatz und Rehabilitation, wie es die Grundlage der Gesetze der Brehons bildete. Als in vielen Gegenden Irlands die römische Form des Christentums in den religiösen und städtischen Zentren Fuß faßte, verdrängten die Bußgesetze zunehmend die Vorschriften der Brehons. Im späteren Mittelalter waren Hinrichtungen, Verstümmelungen und Auspeitschungen als Mittel der Bestrafung in Irland ebenso verbreitet wie im übrigen Europa. Doch zu Fidelmas Zeit war es noch nicht so, und solche Vorstellungen empörten die Anhänger des Systems der Brehons, wie der Leser nun feststellen wird.

Hauptpersonen

Schwester Fidelma von Cashel, eine dalaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

Dego, ein Krieger von Cashel

Enda, ein Krieger von Cashel

Aidan, ein Krieger von Cashel

Morca, ein Gastwirt in Laigin

Äbtissin Fainder, Äbtissin von Fearna

Abt Noe, anam chara (»Seelenfreund«) des Königs Fianamail

Bruder Cett, ein Mönch von Fearna

Bruder Ibar, ein Mönch von Fearna

Bischof Forbassach, Brehon von Laigin

Mel, Hauptmann der Wache in Fearna

Fianamail, König von Laigin

Lassar, Besitzerin des Gasthauses zum Gelben Berg, die Schwester Mels

Schwester Etromma, rechtaire oder Verwalterin der Abtei Fearna

Gormgilla, ein Opfer

Fial, ihre Freundin

Bruder Miach, Arzt der Abtei Fearna

Gabran, Kapitän eines Flußschiffes und Händler

Coba, ein bo-aire oder Friedensrichter, Fürst von Cam Eolaing

Deog, die Witwe Daigs, des früheren Hauptmanns der Wache in Fearna

Dau, ein Krieger in Cam Eolaing

Dalbach, ein blinder Einsiedler

Muirecht, ein junges Mädchen

Conna, ein junges Mädchen

Bruder Martan von der Kirche der heiligen Brigitta

Barran, Oberrichter der fünf Königreiche

Kapitel 1

Die Pferde trabten den in Dunkelheit gehüllten Bergpfad entlang. Es waren vier, und sie schnaubten und keuchten, wenn ihre Reiter sie antrieben. Die Gruppe der Reisenden bestand aus drei Männern und einer Frau. Die Männer trugen die Tracht und die Waffen von Kriegern, doch die Frau unterschied sich nicht nur durch ihr Geschlecht von ihnen, sondern auch dadurch, daß sie in die Kutte einer Nonne gekleidet war. Die Abenddämmerung verbarg ihre Gesichter, aber der Zustand ihrer Pferde und ihre müde Haltung im Sattel verrieten, daß die vier an dem Tage schon viele Kilometer zurückgelegt hatten.

»Bist du sicher, daß dies der richtige Weg ist?« fragte die Frau und warf einen besorgten Blick auf die Wälder ringsum, durch die sie ritten. Der Pfad über den Berg senkte sich immer steiler ins Tal. Unter ihnen war gerade noch eine breite Lichtung mit einem recht großen Fluß zu erkennen.

Der staubbedeckte junge Reiter an der Spitze gab die Antwort.

»Ich bin schon oft als Kurier von Cashel nach Fear-na geritten, Lady, und kenne diesen Weg gut. Ungefähr einen Kilometer weiter kommen wir an eine Stelle, wo ein anderer Fluß aus dem Westen in den Fluß da vor uns einmündet. Dort steht Morcas Gasthaus, und da können wir übernachten.«

»Aber es geht um jede Stunde, Dego«, erwiderte die Frau. »Können wir es nicht heute noch bis Fearna schaffen?«

Der Krieger zögerte mit der Antwort. Wahrscheinlich überlegte er, wie er seine Ablehnung respektvoll formulieren sollte.

»Lady, ich habe deinem Bruder, dem König, versprochen, daß ich und meine Kameraden für deine Sicherheit auf dieser Fahrt sorgen. Ich würde davon abraten, in dieser Gegend nachts zu reisen. Auf Leute wie uns lauern hier viele Gefahren. Wenn wir im Gasthaus bleiben und morgen früh aufbrechen, können wir die Burg des Königs von Laigin lange vor dem Mittag erreichen. Auch kommen wir ausgeruht an und nicht übermüdet von einem nächtlichen Ritt.«

Die hochgewachsene Nonne schwieg, und Dego nahm das als Zustimmung.

Dego gehörte der Kriegergarde Colgüs, des Königs von Muman, an und war vom König selbst damit beauftragt, dessen Schwester, Fidelma von Cashel, nach Fearna zu geleiten, der Hauptstadt des Königreichs Laigin, das an Colgüs Reich angrenzte. Er hatte nicht viel zu fragen brauchen, weshalb Fidelma diese Reise antrat, denn die Neuigkeit hatte sich im ganzen Palast von Cashel verbreitet.

Fidelma war von einer Pilgerfahrt zum Grab des heiligen Jakobus zurückgekehrt, die sie auf die Nachricht hin abgebrochen hatte, daß Bruder Eadulf, der angelsächsische Gesandte Erzbischof Theodors von Canterbury in Cashel, des Mordes bezichtigt wurde. Die Einzelheiten waren noch unklar, doch das Gerücht verlautete, Bruder Eadulf sei auf der Rückreise nach Canterbury, das im Lande der Angelsachsen weiter östlich lag, auf dem Wege durch das Königreich Laigin gefangengenommen und beschuldigt worden, jemanden umgebracht zu haben. Genaueres wußte man nicht.

Sehr gut wußten die Leute in Cashel, daß Bruder Eadulf im Laufe des letzten Jahres nicht nur ein Freund König Colgüs, sondern auch ein ständiger Begleiter von dessen Schwester Fidelma geworden war. Es hieß, Fidelma habe sich entschlossen, die Reise nach Laigin zu unternehmen, um ihren Freund zu verteidigen, denn sie war nicht einfach eine Nonne, sondern auch eine dalaigh, eine Anwältin an den Gerichten der fünf Königreiche.

Gerücht hin oder her, Dego wußte, daß Fidelma mit einem Pilgerschiff in Ardmore gelandet und eilig nach Cashel geritten war, kaum eine Stunde mit ihrem Bruder verbracht hatte und dann nach Fearna, der Hauptstadt von Laigin, aufgebrochen war, wo Eadulf gefangengehalten wurde. Dego und seine Kameraden hatten sogar Mühe, mit der finster entschlossenen Fidelma mitzuhalten, die anscheinend besser reiten konnte als sie alle.

Unsicher schaute Dego sie an. In ihren blaugrünen Augen funkelte etwas, was jedem nichts Gutes verhieß, der ihren Willen durchkreuzen wollte. Er war sicher, daß sein Rat den besten Weg wies, aber er wollte Fidelma auch verständlich machen, weshalb er ihn gab. Er wußte nur zu gut, daß es ihr darauf ankam, die Hauptstadt von Laigin so schnell wie möglich zu erreichen.

»Es herrscht Feindschaft zwischen Cashel und Fearna, Lady«, gab er zu bedenken. »An der Grenze von Osraige wird noch gekämpft. Sollten wir auf umherstreifende Kriegertrupps aus Laigin stoßen, könnte es passieren, daß sie die Unverletzlichkeit deines Amtes nicht respektieren.«

Fidelmas ernste Miene lockerte sich einen Moment.

»Ich kenne die Lage, Dego. Dein Rat ist klug.«

Mehr sagte sie nicht. Dego öffnete den Mund, doch ein Blick in ihr Gesicht belehrte ihn, daß jedes weitere Wort überflüssig war und sie verärgern könnte.

Schließlich wußte niemand besser als Fidelma, wie es sich mit dem Streit zwischen Cashel und Fearna verhielt. Sie war schon einmal mit dem leicht erregbaren jungen König Fianamail von Laigin aneinandergeraten. Fianamail war sicherlich kein Freund von Cashel, und jetzt hegte er noch einen besonderen Groll gegen Fidelma.

Deshalb bewunderte Dego den Mut seiner Herrin, weil sie sofort ihrem angelsächsischen Freund zu Hilfe eilte und geradewegs ins Land ihres Feindes ritt. Nur die Tatsache, daß sie eine dalaigh bei Gericht war, erlaubte es ihr, sich so frei und ungehindert zu bewegen. Niemand in den fünf Königreichen würde es wagen, Hand an sie zu legen, denn darauf stand eine furchtbare Strafe: Verlust des Sühnepreises, unwiderrufliche Ausstoßung aus der Gesellschaft und Verlust allen Rechtsschutzes. Kein gesetzestreuer Mensch würde sich wissentlich an einer dalaigh bei Gericht vergreifen, noch dazu an einer wie Fidelma, die vom Großkönig Sechnassach selbst geehrt worden war. Die Würde einer dalaigh bei Gericht gewährte größeren Schutz als ihr Stand als Schwester des Königs von Muman oder gar der als Nonne im Dienste Christi.

Aber es waren nicht die gesetzestreuen Leute, die Dego Sorgen bereiteten. Er wußte, daß König Fiana-mail und seine Berater verschlagen und hinterhältig sein konnten. Es wäre so leicht, Fidelma töten zu lassen und dann zu schwören, daß herumziehende Geächtete die Tat begangen hätten.

Deshalb hatte Colgü seine drei besten Krieger ausgesucht und sie gebeten, seine Schwester nach Laigin zu begleiten. Er erteilte ihnen nicht den Befehl dazu, denn sie wären in ebenso großer Gefahr wie sie, wenngleich er jedem von ihnen einen Amtsstab mitgab zum Zeichen, daß sie als seine Abgesandten den Schutz des Botschaftsrechts genossen. Ihnen einen größeren rechtlichen Schutz zu geben stand nicht in seiner Macht.

Dego und seine Kameraden Enda und Aidan ritten hinter ihr und hielten die Augen ständig offen, um jede Gefahr zu bemerken. Sie hatten ihren Auftrag ohne Zögern angenommen, trotz ihrer Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit des Königs von Laigin. Wohin Fidelma auch ging, sie würden ihr bereitwillig folgen, denn die Leute von Cashel hegten eine besondere Zuneigung zu der hochgewachsenen, rothaarigen jüngeren Schwester ihres Königs.

»Das Gasthaus ist da vorne«, rief Enda von hinten.

Dego kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit besser zu sehen.

Da erkannte er die an einem Pfahl hängende Laterne, die traditionelle Art, in der die Gastwirte den Ort ihrer Häuser anzeigten und den müden Reisenden buchstäblich den Weg erleuchteten. Dego hielt vor einer Gruppe von Gebäuden an. Ein paar Stallburschen kamen aus den Schatten herbei und hielten die Zügel, während die Reiter ihre Satteltaschen abschnallten und auf die Tür zuschritten.

Ein breitschultriger älterer Mann öffnete sie, und ein Lichtstrahl fiel auf die Gäste vor den hölzernen Stufen, auf denen er stand.

»Krieger aus Muman!« Er runzelte die Stirn, als er ihre. Kleidung und Waffen musterte. Sein Ton war nicht einladend.

»Euresgleichen sehen wir heutzutage nicht oft in diesem Land. Kommt ihr in Frieden?«

Dego antwortete ihm mit finsterer Miene. »Wir ersuchen um deine Gastfreundschaft, Morca. Willst du sie uns verweigern?«

»Du kennst meinen Namen, Krieger. Woher?«

»Ich habe hier schon öfter übernachtet. Wir sind eine Gesandtschaft des Königs von Cashel an den König von Laigin. Ich frage noch mal, verweigerst du uns das Gastrecht?«

Der Gastwirt zuckte gleichgültig die Achseln.

»Mir steht es nicht zu, das zu verweigern, besonders bei so hochgestellten Reisenden wie Gesandten des Königs von Cashel an meinen eigenen König. Wenn ihr die Gastfreundschaft dieses Hauses beansprucht, so sollt ihr sie haben. Euer Silber ist sicher ebensoviel wert wie das anderer Leute.«

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich mürrisch um und ging in die Gaststube zurück.

Im Kamin am Ende des großen Raumes brannte ein Feuer. An mehreren Tischen saßen Leute und speisten und tranken. In einer Ecke hockte ein alter Mann und spielte auf einer cruit, einer kleinen, u-förmigen Harfe. Niemand schien auf sein endloses Zupfen der Saiten zu achten. Einige der Anwesenden waren offensichtlich Einheimische, die mit ihren Nachbarn zusammensaßen und tranken, andere wiederum Reisende bei der Abendmahlzeit. Die geflüsterten Worte »Krieger aus Muman« hatten sich schnell verbreitet, und es wurde still, als sie eintraten. Selbst der Harfner hielt inne.

Dego blickte sich mißtrauisch um, die Hand am Schwertgriff.

»Verstehst du, was ich meine, Lady?« flüsterte er Fidelma zu. »Sie sind uns feind, und wir müssen aufpassen.«

Fidelma lächelte ihm ermutigend zu, ging zu einem freien Tisch, setzte ihre Satteltasche ab und ließ sich nieder. Dego, Enda und Aidan folgten ihrem Beispiel, doch die Blicke der Krieger wanderten umher. Die ungefähr zwanzig anderen Anwesenden blieben still und beobachteten sie verstohlen. Der Gastwirt hatte sich an das entfernte Ende des Raumes zurückgezogen und ignorierte die neuen Gäste.

»Wirt!« Fidelmas Stimme schnitt scharf durch den Raum.

Widerwillig kam der stämmige Mann in eisigem Schweigen zu ihnen herüber.

»Du bist anscheinend nicht gewillt, deine Pflichten nach dem Gesetz zu erfüllen.«

Morca hatte offensichtlich nicht mit ihren bestimmten Worten gerechnet. Überrascht und wütend starrte er sie an.

»Was versteht denn eine Nonne vom Gesetz der Gastwirte?« fragte er höhnisch.

Fidelma erwiderte in gelassenem Ton: »Ich bin eine dalaigh und besitze des Grad des anruth. Beantwortet das deine Frage?«

Die Atmosphäre schien noch kälter zu werden.

Dego legte wieder die Hand an den Schwertgriff, seine Muskeln spannten sich.

Fidelma hielt den Blick des Gastwirts mit ihren feurigen grünen Augen fest wie die Schlange den des Kaninchens. Der Mann schien wie gebannt. Ihre Stimme blieb sanft und elektrisierend.

»Du hast die Pflicht, uns zu Diensten zu sein, und zwar gutwillig. Wenn nicht, machst du dich des etech schuldig, also der Weigerung, die dir vom Gesetz auferlegte Pflicht zu erfüllen. Dann müßtest du einem jeden von uns unseren Sühnepreis zahlen. Wenn festgestellt wird, daß du wissentlich und böswillig gehandelt hast, könntest du auch das dire des Gasthauses verlieren, das Haus könnte ohne Entschädigung abgerissen werden. Mache ich dir das Gesetz klar, Gastwirt?«

Der Mann starrte sie an, als versuche er seine verlorene Stimme wiederzufinden. Schließlich senkte er vor ihrem feurigen Blick die Augen, trat verlegen von einem Bein aufs andere und nickte.

»Ich wollte nicht unhöflich sein. Die Zeiten ... Die Zeiten sind schwierig.«

»Die Zeiten mögen schwierig sein, aber das Gesetz bleibt das Gesetz, und dem mußt du gehorchen«, erwiderte sie. »Meine Gefährten und ich brauchen ein Nachtlager und ein Abendessen - und zwar sofort.«

Der Mann nickte wieder, und seine Haltung wurde diensteifrig.

»Dafür wird sogleich gesorgt, Schwester. Sogleich.«

Er wandte sich um und rief nach seiner Frau, und das schien zugleich das Signal dafür, daß das Schweigen endete und die Unterhaltung wiederaufgenommen wurde. Auch die klagenden Töne der Harfe waren wieder zu vernehmen.

Dego lehnte sich zurück und entspannte sich mit einem schwachen Lächeln.

»Die Leute von Laigin mögen uns ganz sicher nicht, Lady.«

Fidelma seufzte leicht. »Sie glauben unglücklicherweise, sie müßten sich die Vorurteile ihres jungen Königs zu eigen machen. Doch das Gesetz hat über allem zu stehen.«

Die Frau des Gastwirts kam mit einem etwas gekünstelten Lächeln herbei und brachte Schüsseln mit Suppe aus dem Kessel, der auf dem Herd köchelte. Auch Met und Brot wurden ihnen vorgesetzt.

Eine Weile beschäftigten sich die vier Gäste mit ihrer Mahlzeit, denn sie waren den Tag über scharf geritten und hatten sich keine Mittagspause gegönnt. Erst nachdem sie sich satt gegessen hatten und sich ihren Tonkrügen mit Met zuwandten, achtete Fidelma mehr auf die unmittelbare Umgebung und die anderen Gäste.

Die Reisenden bestanden aus ein paar Mönchen in braunen wollenen Kutten und einer kleinen Gruppe von Kaufleuten. Dazu kamen noch Einheimische, meist Bauern, aber auch ein Grobschmied, die einen Trunk und einen Schwatz genossen. Am Nebentisch unterhielten sich zwei Bauern. Nach einer Weile merkte Fidelma, daß ihr Gespräch sich nicht um die üblichen Themen drehte. Sie wandte sich leicht um und hörte genauer hin.

»Es ist richtig, daß sie diesen Mann so hart bestrafen. Der Angelsachse hat es vollkommen verdient«, meinte der eine.

»Die Angelsachsen waren schon immer eine Pest für dieses Land, sie fallen über uns her und plündern unsere Schiffe und Küstenorte«, pflichtete ihm der andere bei. »Sie sind Piraten, und wir sind lange Zeit zu milde mit ihnen verfahren. Ein Krieg gegen die Angelsachsen würde Fianamail mehr einbringen als ein Krieg gegen Muman.«

Einem der Bauern fiel plötzlich auf, daß Fidelma ihnen zuhörte. Er wurde verlegen, hüstelte und erhob sich.

»Na, ich muß zu Bett. Ich will morgen das untere Feld pflügen.« Er wünschte dem Gastwirt und seiner Frau eine gute Nacht und ging hinaus.

Fidelma drehte sich zu seinem Gefährten um. Er war jünger und seiner Tracht nach ein Schafhirt. Den Grund für den überstürzten Aufbruch des anderen hatte er nicht begriffen, genüßlich trank er seinen Met weiter.

Fidelma begrüßte ihn mit einem freundlichen Nikken.

»Ich hörte, daß ihr von Angelsachsen gesprochen habt«, meinte sie. »Habt ihr hier Probleme mit angelsächsischen Piraten?«

Der Schafhirt wurde verlegen, als eine Nonne ihn ansprach.

»Die Küstenorte im Südosten sind oft von ihnen überfallen worden, Schwester«, antwortete er brummig. »Es heißt, daß drei Handelsschiffe, eins davon aus Gallien, erst vor einer Woche auf der Höhe von Cahore Point angegriffen, ausgeraubt und dann versenkt wurden.«

»Hab ich deinen Freund richtig verstanden, daß man einen solchen Piraten gefangen hat?«

Der Mann überlegte, was sie meinte, und schüttelte den Kopf. »Nein, keinen Piraten. Die Rede war von einem Angelsachsen, der eine Nonne ermordet hat.«

Fidelma lehnte sich zurück und war bemüht, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. Der Mörder einer Nonne! Das konnte doch nicht ihr Eadulf sein, von dem der Mann da sprach? Vor neun Tagen hatte die Nachricht sie in einer Hafenstadt in Iberia erreicht. Das bedeutete, daß das Verbrechen, dessen man Eadulf beschuldigte, mindestens drei Wochen zurücklag. Die größte Sorge Fidelmas war es, daß die Ereignisse sich schnell entwickelt hätten und sie zu seiner Verteidigung zu spät käme, obwohl ihr Bruder eine Botschaft an Fianamail geschickt und um Aufschub des Verfahrens ersucht hatte. Doch daß Eadulf etwas mit der Ermordung einer Nonne zu tun haben könnte, das war kaum zu glauben.

»Wie konnte er so etwas Schreckliches tun! Weißt du, wie der Angelsachse heißt?«

»Das weiß ich nicht, Schwester. Ich will es auch nicht wissen. Der ist eben so ein mörderischer Hund von einem Angelsachsen, mehr weiß ich nicht, und das genügt mir auch.«

Fidelma schaute ihn tadelnd an. »Woher weißt du, daß er ein mörderischer Hund ist, wie du es ausdrückst, wenn du die Einzelheiten nicht kennst? Sapiens nihil affirmat quod non probat.«

Der Schafhirt war verwirrt. Sie entschuldigte sich sofort für ihren Hochmut, weil sie ihm mit einem lateinischen Zitat gekommen war, und übersetzte: »>Ein weiser Mann behauptet nichts als wahr, was er nicht beweisen kann.< Es wäre doch besser, wenn du das Urteil des Richters abwarten würdest?«

»Nun, die Tatsachen sind schon klar. Nicht einmal die Mönche versuchen ihn zu verteidigen. Es heißt, der Angelsachse sei ein Mönch, deswegen könnte man denken, sie würden seine Verruchtheit decken. Er verdient sein Urteil.«

Verärgert starrte Fidelma ihn an.

»Das ist doch keine Rechtsprechung«, schnaubte sie. »Ein Mensch muß ein Gerichtsverfahren bekommen, bevor man ihn verurteilt und bestraft. Man kann niemanden bestrafen ohne ein Urteil der Brehons.«

»Aber der Mann hat doch schon sein Verfahren gehabt, Schwester, er ist verhört und verurteilt worden.«

»Schon verurteilt?« Fidelma konnte ihr Entsetzen nicht verbergen.

»Es heißt aus Fearna, gegen ihn ist verhandelt und er ist für schuldig befunden worden. Der Brehon des Königs ist von seiner Schuld überzeugt.«

»Der Brehon des Königs? Sein Oberrichter? Meinst du Bischof Forbassach?« Fidelma bemühte sich ruhig zu bleiben.

»Genau den. Kennst du ihn?«

»Den kenne ich allerdings.«

Fidelma erinnerte sich mit Bitterkeit. Bischof For-bassach war ihr Gegner von früher her. Sie hätte sich denken können, daß er dahintersteckte.

»Wenn der Angelsachse schuldig ist, was verlautet über seine Strafe? Wie hoch ist der Sühnepreis? Welche Entschädigung verlangt man von ihm?«

Nach dem Gesetz hatte jeder, der des Totschlags schuldig befunden wurde, wie bei allen anderen Verbrechen eine Entschädigung zu zahlen. Sie wurde die eric-Strafe genannt. Jeder Mensch in der Gemeinschaft hatte einen Sühnepreis, der sich nach seinem Rang und seiner Stellung richtete. Der Täter hatte die Entschädigung an das Opfer zu zahlen oder im Falle des Totschlags an dessen Angehörige. Dazu kamen noch die Gerichtskosten. Bei schweren Verbrechen büßte der Schuldige auch alle seine Bürgerrechte ein und mußte in der Gemeinschaft arbeiten, um sich zu rehabilitieren. Tat er das nicht, konnte er zum Wanderarbeiter heruntergestuft werden, der kaum höher stand als ein Sklave. Diese Leute hießen daer-fudir. Allerdings verfügte das Gesetz weise: »Jeder Tote löscht seine Schuld.« Kinder von Schuldigen wurden mit demselben Sühnepreis wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, den ihr Vater oder ihre Mutter besessen hatten, bevor sie des Verbrechens schuldig befunden wurden.

Der Schafhirt starrte Fidelma an, als sei er von der Frage überrascht.

»Es wird keine eric-Strafe von ihm verlangt«, sagte er schließlich.

Das verstand Fidelma nicht, und sie sagte es auch.

»Von welcher Strafe ist dann die Rede?«

Der Schafhirt setzte seinen leeren Krug ab, wischte sich den Mund mit dem Ärmel und stand auf, um zu gehen.

»Der König hat erklärt, das Urteil solle nach den neuen christlichen Bußgesetzen gefällt werden, diesem neuen Rechtssystem, das wohl von Rom kommt, wie es heißt. Der Angelsachse ist zum Tode verurteilt. Ich glaube, er ist schon gehängt worden.«

Kapitel 2

Mit langsamen Schritten traten die Mönche aus der bronzebeschlagenen Eichentür der Kapelle heraus in das kalte graue Licht des Mittelhofs der Abtei. Es war ein großer Hof, mit dunklen Granitplatten ausgelegt, auf allen vier Seiten erhoben sich die hohen, freudlosen Steinmauern der Abteigebäude und ließen den Innenraum kleiner erscheinen, als er in Wirklichkeit war.

Die Reihe der kapuzentragenden Mönche, an der Spitze ein Bruder mit einem reichverzierten Metallkreuz, bewegte sich in gemessenem Schritt und mit gesenkten Köpfen. Sie hatten die Hände in den Falten der Kutten verborgen und sangen einen lateinischen Psalm. In kurzem Abstand hinter ihnen kam eine ähnliche Zahl von kapuzentragenden Nonnen, die ebenfalls die Köpfe gesenkt hielten und die Oberstimme des Psalms sangen. Das Echo in dem engen Raum erzeugte einen grausigen Effekt.

Sie stellten sich an zwei Seiten des Hofes auf, mit dem Gesicht zu einer hölzernen Plattform, auf der eine seltsame dreieckige Konstruktion aus aufrechten Pfählen errichtet war, die ein Dreieck von Balken trugen. An einem Balken hing ein Seil mit einer Schlaufe. Dicht unter die Schlaufe hatte man einen dreibeinigen Schemel gestellt. Neben dieser düsteren Vorrichtung stand breitbeinig ein hochgewachsener Mann. Er war bis zum Gürtel nackt und hielt die starken, muskulösen Arme über der breiten, behaarten Brust gekreuzt. Regungslos starrte er auf die Prozession von Mönchen und Nonnen, ungerührt und ohne Scheu vor der Arbeit, die er auf dieser makabren Plattform verrichten sollte.

Aus der Tür der Kapelle traten noch ein Mönch und eine Nonne und gingen mit raschen Schritten auf die Plattform zu. Die hagere Gestalt der Nonne vermittelte einen Eindruck von Größe, der sich aus der Nähe als Täuschung erwies, denn sie war nur mittelgroß, wenngleich ihre finstere, etwas hochmütige Miene ihr ein imponierendes Aussehen verlieh. Ihre Kleidung und das kunstvolle Kruzifix, das an einer Kette um ihren Hals hing, verrieten ihren höheren Rang. Neben ihr ging ein kleiner Mann mit düsterem grauem Gesicht. Auch seine Kleidung ließ einen höheren geistlichen Rang erkennen.

Sie hielten direkt vor der Plattform an. Auf eine kaum merkliche Handbewegung der Frau hin verstummte der Gesang.

Eine der Nonnen eilte herbei und blieb vor ihr stehen, den Kopf respektvoll gesenkt.

»Können wir fortfahren, Schwester?« fragte die reichgekleidete Nonne.

»Alles ist bereit, Mutter Äbtissin.«

»Dann wollen wir es mit Gottes Gnade weiterführen.«

Die Schwester blickte zu einer offenen Tür an der anderen Seite des Hofes hinüber und hob die Hand.

Sogleich kamen zwei stämmige Männer, Mönche nach ihren Kutten zu urteilen, daraus hervor und schleppten zwischen sich einen jungen Mann mit. Er trug ebenfalls eine Kutte, doch sie war zerrissen und schmutzig. Sein Gesicht war bleich, und seine Lippen zitterten vor Furcht. Schluchzen schüttelte seinen Körper, während er über die Platten des Hofes zu der wartenden Gruppe gezerrt wurde. Die drei Männer blieben vor der Äbtissin und ihrem Begleiter stehen.

Einen Moment herrschte Schweigen, das nur von dem angstvollen Schluchzen des jungen Mannes durchbrochen wurde.

»Nun, Bruder Ibar«, fragte die Frau in hartem, unversöhnlichem Ton, »willst du jetzt deine Schuld bekennen, da du an der Schwelle deiner Reise in die andere Welt stehst?«

Die Laute, die der junge Mann hervorbrachte, ergaben keinen Sinn. Er war zu verstört, um zusammenhängend sprechen zu können.

Der Begleiter der Äbtissin beugte sich vor.

»Bekenne, Bruder Ibar.« Seine Stimme zischte eindringlich. »Bekenne, und du brauchst nicht die Qualen des Fegefeuers zu erleiden. Gehe zu deinem Gott ein mit deiner Seele frei von Schuld, und Er wird dich mit Freuden aufnehmen.«

Endlich drangen verständliche Worte aus der Kehle des jungen Mannes.

»Pater Abt ... Mutter Äbtissin ... Ich bin unschuldig. Gott ist mein Zeuge, ich bin unschuldig.«

Die Miene der Frau verfinsterte sich mißbilligend.

»Kennst du die Worte im fünften Buch Mose? Hör zu, Bruder Ibar: >... und die Richter sollen wohl forschen. Und wenn der falsche Zeuge hat ein falsches Zeugnis . gegeben . dann sollt ihr ihn nicht schonen: Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß.< So lautet das Gesetz des Glaubens. Schwöre noch jetzt deinen Sünden ab, Bruder. Geh zu Gott ein, gereinigt von deinen Sünden.«

»Ich habe nicht gesündigt, Mutter Äbtissin«, rief der junge Mann verzweifelt. »Ich kann nicht widerrufen, was ich nicht getan habe.«

»Dann wisse, wohin dich deine Torheit unweigerlich führen wird, denn es steht geschrieben: >Und ich sah die Toten, beide, groß und klein, stehen vor Gott, und Bücher wurden aufgetan. Und ein anderes Buch ward aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die darin waren, und der Tod und die Hölle gaben die Toten, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeglicher nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der andere Tod. Und so jemand nicht ward gefunden geschrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl.<«

Sie schöpfte Atem und sah ihren Begleiter wie beifallheischend an. Der Mann neigte den Kopf und verzog keine Miene.

»Dann geschehe also Gottes Wille«, sagte er ohne Bewegung.

Die Frau nickte den beiden stämmigen Mönchen zu, die den jungen Mann festhielten.

»So sei es«, verkündete sie.

Sie drehten den Gefangenen herum, mit dem Gesicht zur Plattform, und schoben ihn trotz seines Sträubens vorwärts. Er wäre vornüber gefallen, wenn sie ihn nicht gehalten hätten. Bevor er das Gleichgewicht wiedererlangte, hatten sie ihm schon die Arme auf den Rücken gedreht, und einer von ihnen band sie mit einem kurzen Strick geschickt zusammen.

»Ich bin nicht schuldig! Nicht schuldig!« rief der junge Mann und wehrte sich vergeblich gegen sie. »Fragt nach den Handschellen! Nach den Handschellen! Fragt danach!«

Der kräftige Mann, der auf der Plattform wartete, trat nun vor und hob den Gefangenen so leicht hoch wie ein Kind. Er stellte ihn auf den Schemel, legte ihm die Schlinge um den Hals und erstickte seine Rufe, während einer der beiden Mönche ihm die Füße fesselte.

Dann stiegen die beiden Mönche von der Plattform herunter, während der Henker neben dem jungen Mann stehenblieb, der nun mit dem Hals in der Schlinge unsicher auf dem Schemel balancierte.

Die Mönche und Nonnen setzten wieder mit dem lateinischen Gesang ein, diesmal in schnellerem, härterem Ton. Die Äbtissin suchte den grimmigen Blick des Henkers und nickte kurz.

Der muskulöse Mann stieß einfach mit dem Fuß den Schemel unter dem jungen Mann fort, und der gab einen letzten erstickten Schrei von sich, ehe die Schlinge sich endgültig zuzog. Dann pendelte er mit zuckenden Beinen hin und her, bis der Strick ihn langsam erdrosselte.

Aus einem kleinen vergitterten Fenster über dem Hof starrte Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham auf das Geschehen hinunter. Nun erschauerte er, bekreuzigte sich und murmelte ein rasches Gebet für die Seele des Toten. Dann wandte er sich vom Fenster ab der düsteren Zelle zu.

Auf dem einzigen Schemel in der Zelle saß ein scharfgesichtiger, totenbleicher Mann und beobachtete ihn aus dunklen Augen, die in erschreckender Vorfreude funkelten. Er trug ein Mönchsgewand und am Hals ein kostbares goldenes Kruzifix.

»Also nun, Angelsachse«, sagte er mit spröder, einschüchternder Stimme, »wirst du vielleicht etwas über deine eigene Zukunft nachdenken.«

Trotz des Vorgangs, dessen Zeuge er soeben geworden war, leistete sich Bruder Eadulf ein grimmiges Lächeln.

»Ich glaube nicht, daß ich über meine Zukunft viel nachdenken muß. Ich meine eher, sie steht kurz vor ihrem Ende, was diese Welt anbetrifft.«

Die Lippen des Sitzenden verzogen sich höhnisch bei diesem Versuch des anderen, seinen Humor zu bewahren.

»Um so mehr Grund hast du, dich damit zu befassen, Angelsachse. Wie wir unsere letzten Stunden in dieser Welt verbringen, ist von Bedeutung für unser ewiges Leben in der anderen Welt.«

Eadulf setzte sich auf die hölzerne Pritsche. »Ich will mich mit dir nicht über Rechtskunde streiten, Bischof Forbassach, doch eins ist mir ein Rätsel«, sagte er leichthin. »Ich habe mehrere Jahre in diesem Lande studiert, aber eine Hinrichtung habe ich noch nie erlebt. Schließlich legt doch euer Gesetz, das Senchus Mor, fest, daß niemand in den fünf Königreichen für irgendein Verbrechen hingerichtet werden kann, wenn die eric-Strafe oder die Entschädigung gezahlt werden. Aus welchem Grunde wurde der junge Mann da unten umgebracht?«

Bischof Forbassach, Oberrichter des Königs Fia-namail von Laigin und damit sowohl ein Brehon als auch ein Bischof des Königreichs, verzog die Lippen zu einem zynischen Lächeln.

»Die Zeiten ändern sich, Angelsachse. Die Zeiten ändern sich. Unser junger König hat verfügt, daß die christlichen Gesetze und Strafen - die wir die Bußgesetze nennen - an die Stelle der alten Bräuche dieses Landes treten. Was in allen anderen Ländern, die Christi Gesetze gebrauchen, für den Glauben gut ist, muß auch uns genügen.«

»Aber du bist doch ein Brehon, ein Richter, und hast geschworen, die Gesetze der fünf Königreiche zu bewahren. Wie kannst du Fianamail die legale Vollmacht zuerkennen, eure alten Gesetze zu ändern? Das kann nur alle drei Jahre beim großen Fest von Tara geschehen, wenn sich alle Könige, Brehons, Rechtsgelehrten und Laien darauf einigen.«

»Für einen Fremden in unserem Land scheinst du eine Menge zu wissen, Angelsachse. Ich will es dir erklären. In erster Linie gehören wir dem Glauben an. Ich habe nicht nur geschworen, die Gesetze zu bewahren, sondern auch, den Glauben zu bewahren. Wir alle sollten die göttlichen Gesetze der Kirche annehmen und unsere dunklen heidnischen Bräuche ablegen. Aber darum geht es hier nicht. Ich bin nicht hergekommen, um mich über Gesetze mit dir zu streiten, Angelsachse. Du bist für schuldig befunden und verurteilt worden. Von dir wird nichts weiter verlangt, als daß du deine Schuld eingestehst, damit du deinen Frieden mit Gott machen kannst.«

Eadulf verschränkte kopfschüttelnd die Arme.

»Deshalb mußte ich mir also die Hinrichtung dieses armen jungen Mannes ansehen? Nun, Bischof Forbas-sach, ich habe bereits meinen Frieden mit Gott gemacht. Du verlangst das Schuldgeständnis von mir nur, weil du dich selbst von deiner Schuld eines falschen Urteilsspruchs reinigen willst. Ich bin unschuldig und werde das ebenso erklären, wie der arme junge Mann das getan hat. Möge Gott den jungen Bruder Ibar in der anderen Welt freundlich aufnehmen.«

Bischof Forbassach erhob sich. Das Lächeln stand nach wie vor auf seinem spitzen Gesicht, aber es war noch gezwungener und falscher geworden. Eadulf spürte die kochende Wut der Enttäuschung in dem Mann.

»Es war töricht von Bruder Ibar, an seiner angeblichen Unschuld festzuhalten, und ebenso töricht ist es von dir.« Er trat ans Fenster der Zelle und starrte einen Moment in den Hof hinunter. Der Leichnam des jungen Mannes pendelte noch am Galgen und zuckte ab und zu als grausiges Zeichen, daß der Tod sich Zeit ließ mit seinem unglücklichen Opfer. Mit Ausnahme des geduldigen Henkers waren alle verschwunden.

»Interessant ... was er zuletzt gerufen hat«, überlegte Eadulf laut. »Hat denn jemand nach den Handschellen gefragt?«

Bischof Forbassach gab keine Antwort. Er ging zur Tür. Mit der Hand am Griff zögerte er noch einen Moment, wandte sich um und schaute Eadulf mit kaltem, zornigem Blick an.

»Du hast Zeit bis morgen mittag, Angelsachse, um dich zu entscheiden, ob du mit einer Lüge auf den Lippen sterben oder deine Seele von der Schuld an diesem üblen Verbrechen reinigen willst.«

»Anscheinend«, erwiderte Bruder Eadulf leise, während Forbassach an die Tür klopfte, um den Wächter herbeizurufen, »liegt dir sehr viel daran, daß ich etwas gestehe, woran ich unschuldig bin. Ich frage mich, weshalb?«

Einen Augenblick ließ Bischof Forbassach die Maske fallen, und wenn Blicke töten könnten, dachte Eadulf, wäre er in diesem Moment gestorben.

»Nach morgen mittag, Angelsachse, genießt du nicht mehr den Luxus, dich das fragen zu können.« Die Zellentür öffnete sich, und Bischof Forbassach ging hinaus. Eadulf erhob sich, schritt rasch zu der Tür, als sie sich hinter ihm schloß, und rief ihm durch die kleine vergitterte Öffnung nach: »Dann kann ich noch bis morgen mittag über deine Motive nachdenken. Vielleicht bekomme ich bis dahin heraus, was für üble Dinge hier vorgehen, Forbassach! Was ist mit den Handschellen?«

Er erhielt keine Antwort. Eadulf lauschte einen Moment den sich entfernenden Schritten im Gang nach und hörte dann, wie eine ferne Tür zuschlug und eiserne Riegel vorgeschoben wurden.

Eadulf trat zurück. Wieder allein, spürte er, wie sich tiefe Verzweiflung über ihn senkte. Bei allem Bemühen, seine Gefühle vor Forbassach zu verbergen, konnte er sie doch nicht vor sich selbst verleugnen. Er ging zum Fenster und starrte auf den Galgen hinunter. Der Leichnam Bruder Ibars hing nun still, und seine Glieder zuckten nicht mehr. Das Leben war aus ihm gewichen. Eadulf versuchte sich ein Gebet abzuringen, doch es wollten keine Worte kommen. Der Mund war trocken, die Zunge geschwollen. Morgen mittag würde er dort unten an dem Galgen pendeln. Nichts konnte das mehr verhindern.

Fearna, der große Ort der Erlen, war die Hauptsiedlung der Ui Cheinnselaigh, der Herrscherdynastie des Königreichs Laigin. Die Stadt lag an der Seite eines Berges an einer Stelle, wo zwei von breiten Flüssen durchzogene Täler wie die Arme eines großen Y zusammenkamen und ein einziges weites Tal bildeten, in dem die Flüsse, nun vereinigt, erst südwärts und dann ostwärts dem Meer zustrebten.

Fidelma und ihre Gefährten hatten die Nacht in Morcas Gasthaus verbracht, dann die Furt durch den breiten Slaney benutzt und waren nun auf dem Weg zwischen dem Slaney und dem Fluß Bann, an dessen Ufern die Hauptstadt der Könige von Laigin lag. Ihre Ankunft zwischen den ausgedehnten Gebäuden aus Holz und Stein erregte keine Aufmerksamkeit, denn viele Reisende, Kaufleute, Händler und Gesandte aus anderen Königreichen, kamen und gingen regelmäßig. Fremde waren in der Stadt so häufig, daß sie nicht auffielen.

Fearna wurde überragt von zwei Gebäudekomplexen. Auf einem kleinen Vorsprung des Berges am Fluß erhob sich die Festung der Könige von Laigin. Sie war groß, unterschied sich aber nicht von anderen runden Zitadellen, denen man in den fünf Königreichen von Eireann häufig begegnete. Eigenartigerweise war es die Abtei Maedoc, die die Landschaft beherrschte, eine große graue Ansammlung von Gebäuden dicht am Ufer des Flusses Bann. Sie hatte einen eigenen kleinen Kai, an dem Schiffe aus den Ansiedlungen anlegten, um Handel zu treiben. Durch diesen Flußhandel war Fearna groß geworden.

Wer zum erstenmal nach Fearna kam, konnte leicht die Abtei für den Sitz der Könige von Laigin halten.

Sie war zwar erst fünfzig Jahre alt, sah aber aus, als stünde sie schon seit Jahrhunderten dort, denn es umgab sie eine seltsame Aura von Düsternis und Verfall. Sie ähnelte mehr einer Festung denn einer Abtei. Sie vermittelte den Eindruck finsterer Vorahnungen.

Als König Brandubh beschloß, für seinen christlichen Berater und dessen Anhänger eine Abtei zu bauen, verfügte der alte Herrscher, es solle das imposanteste Bauwerk in seinem Königreich werden. Doch statt ein Ort der Gottesverehrung und der Freude zu werden, wie es ihre Bestimmung hätte sein sollen, wuchs die Abtei zu überwältigender und bedrohlicher Größe auf, bis sie wie eine bösartige Geschwulst der Landschaft wirkte.

Es war kaum fünfzig Jahre her, daß die Könige von Laigin zum christlichen Glauben bekehrt worden waren. Damals hatte sich Brandubh vom heiligen Aidan taufen lassen, einem Mann aus Breifne, der sich in Fearna angesiedelt hatte. Das Volk von Laigin hatte Aidan den Namen Maedoc gegeben, eine Koseform seines Namens, die »kleines Feuer« bedeutete. Der heilige Maedoc war vor vierzig Jahren gestorben, und man wußte, daß die Brüder in der Abtei seine Reliquien eifersüchtig hüteten.

Mit kritischem Blick betrachtete Fidelma die Abtei, als sie in die Stadt einritten, sie war so ganz anders als die Wohnstätten der religiösen Gemeinschaften, die sie kannte. Ein wenig schämte sie sich dieses Gedankens, denn sie wußte, daß der heilige Maedoc im Lande beliebt und geachtet gewesen war. Doch sie blieb fest bei ihrer Überzeugung, daß die Religion eine Sache der Freude und nicht der Bedrückung sein sollte.

Dego wies ihnen den Weg zu Fianamails Burg, denn er war schon früher in Fearna gewesen. Der junge Krieger führte sie sicher den Berg hinauf, hielt vor dem Tor der Burg und forderte den verwunderten Posten auf, seinen Befehlshaber zu rufen. Fast sofort kam ein Krieger herbei und zog ein finsteres Gesicht, als er sah, daß Dego und seine Kameraden Männer im Dienste des Königs von Cashel waren. Während er noch unentschlossen zögerte, trieb Fidelma ihr Pferd nach vorn.

»Laß euren Verwalter holen«, forderte sie ihn auf. »Sag dem rechtaire, es ist Fidelma von Cashel, und sie ersucht um ein Gespräch mit Fianamail.«

Der Befehlshaber der Wache erkannte den Rang der jungen Nonne, die da Einlaß begehrte, und war überrascht. Nach einer steifen kleinen Verbeugung wandte er sich ab und schickte einen seiner Männer auf die Suche nach dem rechtaire, dem Verwalter der königlichen Hofhaltung. Er erkundigte sich höflich, ob Fidelma und ihre Begleiter absteigen und sich in den Schutz des Wachraums begeben möchten. Auf ein Fingerschnipsen eilten Stalljungen herbei, die sich um die Pferde kümmerten, während Fidelma und ihre Gefährten einen Raum mit einem prasselnden Feuer betraten. Ihr Empfang war nicht gerade überschwenglich gewesen, doch war das Mindestmaß an Höflichkeit gewahrt worden, das das Gesetz der Gastfreundschaft erforderte.

Schon nach wenigen Augenblicken kam der Verwalter der königlichen Hofhaltung herbeigeeilt.

»Fidelma von Cashel?« Er war ein älterer Mann mit sorgfältig gekämmtem Silberhaar, und sein Aussehen und seine Kleidung deuteten darauf hin, daß er ebenso penibel mit seinem Äußeren wie in der Einhaltung des Hofprotokolls war. Er trug eine silberne Amtskette. »Wie ich höre, ersuchst du um ein Gespräch mit dem König?«

»Das ist richtig«, erwiderte Fidelma. »Es handelt sich um eine sehr dringliche Angelegenheit.«

Sein Gesicht blieb ernst. »Ich bin sicher, daß sich das einrichten läßt. Vielleicht möchten du und ...« -sein Blick streifte Dego, Aidan und Enda -, »und deine Begleiter ... vielleicht möchtet ihr euch frisch machen und ausruhen, und ich treffe inzwischen die Verabredung?«

»Ich würde es vorziehen, wenn das Gespräch sofort stattfinden könnte«, antwortete Fidelma, worauf der Verwalter heftig blinzelte, was seine Überraschung verriet. »Wir haben uns unterwegs ausgeruht, und die Reise hat einen schwerwiegenden Grund, es geht um Leben und Tod. Ich verwende diese Worte mit Bedacht.«

Der Mann zögerte. »Es ist ungewöhnlich . «, begann er.

»Die Angelegenheit ist ungewöhnlich«, unterbrach ihn Fidelma entschlossen.

»Du bist die Schwester des Königs von Muman, Lady. Außerdem bist du Nonne, und dein Ruf als dalaigh ist auch in Fearna nicht unbekannt. Darf ich fragen, in welcher Eigenschaft du kommst? Der König ist stets bereit, Besucher aus den Nachbarländern zu empfangen, besonders die Schwester Colgüs von Cashel ...«

Fidelma unterbrach ihn mit einer raschen Handbewegung. Sie hatte keinen Sinn für die Schmeichelei, mit der er seine Fragen umkleidete.

»Ich bin nicht als Schwester des Königs von Mu-man hier, sondern als dalaigh bei Gericht mit dem Grad eines anruth.« Fidelmas Ton war kühl und bestimmt.

Der Verwalter hob den Arm mit einer seltsamen Geste, die Einverständnis andeuten sollte.

»Wenn du dann so gut sein willst, hier zu warten, werde ich den Willen des Königs erfragen.«

Man ließ Fidelma zwanzig Minuten warten, bis der Verwalter zurückkehrte. Der Befehlshaber der Wache, der bei ihnen geblieben war, wurde immer verlegener und trat von einem Fuß auf den anderen. Fidelma war zwar verärgert, doch er tat ihr leid. Als er sich schließlich räusperte und nach Entschuldigungen suchte, erklärte sie ihm lächelnd, es sei schließlich nicht seine Schuld.

Endlich erschien der Verwalter wieder, mit etwas betretener Miene wegen der Zeit, die es gedauert hatte, ihren Wunsch dem König vorzutragen und seine Antwort zu überbringen.

»Fianamail erklärt sich bereit, dich zu empfangen«, sagte der Alte und schlug die Augen nieder vor ihrem zornigen Blick. »Willst du mir bitte folgen?« Er zögerte und sah Dego an. »Deine Begleiter müssen natürlich hier warten.«

»Natürlich«, fauchte Fidelma. Sie fing Degos Blick auf und brauchte nichts weiter zu sagen. Der junge Krieger bestätigte ihren unausgesprochenen Befehl mit einem Nicken.

»Wir erwarten hier deine sichere Rückkehr, Lady«, sagte er leise mit kaum merklicher Betonung auf dem Wort »sicher«.

Fidelma folgte dem Verwalter über den mit Steinplatten belegten Hof in das Hauptgebäude der Burg. Der Palast erschien ihr merkwürdig leer im Vergleich mit den Menschenmengen, die gewöhnlich das Schloß ihres Bruders bevölkerten. Hier und da stand ein Wachposten. Ein paar Männer und Frauen, offensichtlich Bedienstete, eilten hin und her, aber es gab keine Gespräche, kein Lachen und keine spielenden Kinder. Zwar war Fianamail jung und noch nicht verheiratet, doch es war seltsam, daß einem solchen Palast die Vitalität und die Wärme des Familienlebens und seiner Betriebsamkeit fehlten.

Fianamail erwartete sie in einem kleinen Empfangszimmer vor einem lodernden Kamin. Er war noch keine zwanzig Jahre alt, hatte fuchsrotes Haar und eine dazu passende Haltung. Seine Augen standen dicht zusammen, was ihm einen schlauen, fast verschlagenen Ausdruck verlieh. Er war seinem Vetter Faelan als König von Laigin gefolgt, als dieser vor etwas über einem Jahr an der Gelben Pest gestorben war. Er war hitzköpfig, ehrgeizig und ließ sich, wie Fidelma bei ihrer einzigen bisherigen Begegnung vor einem Jahr festgestellt hatte, aus Arroganz leicht von seinen Beratern verleiten. Fianamail hatte törichterweise ein Komplott geduldet, durch das das Unterkönigreich Osraige der Herrschaft von Cashel entrissen und Laigin angegliedert werden sollte. Fidelma hatte dieses Komplott in einer Gerichtsverhandlung vor dem Großkönig selbst in der Abtei Ros Ailithir aufgedeckt, und danach hatte der Oberrichter des Großkönigs, Barran, entschieden, daß dieses Unterkönigreich im Grenzland zwischen Muman und Laigin für immer unter der Herrschaft von Cashel zu bleiben habe. Über dieses Urteil hatte sich Fianamail damals empört. Jetzt ließ er Scharen von Kriegern aus Laigin im Grenzland Überfälle verüben und plündern und stritt die Verantwortung dafür und das Wissen darum ab. Fianamail war jung und ehrgeizig und wollte sich einen Namen machen.

Als Fidelma eintrat, erhob er sich nicht, wie es die Höflichkeit erfordert hätte, sondern deutete nur flüchtig auf einen Stuhl an der anderen Seite des großen Kamins.

»Ich erinnere mich gut an dich, Fidelma von Cashel«, begrüßte er sie. Kein Lächeln und keine Wärme zeigte sich in seinen scharfen, berechnenden Zügen.

»Ich mich auch an dich«, erwiderte Fidelma mit gleicher Kälte.

»Kann ich dir eine Erfrischung anbieten?« Der junge Mann wies mit lässiger Geste auf einen nahen Tisch, auf dem Wein und Met standen.

Fidelma schüttelte rasch den Kopf. »Die Angelegenheit, über die ich mit dir sprechen möchte, ist dringend.«

»Dringend?« Fianamail hob fragend die Augenbrauen. »Was könnte das für eine Angelegenheit sein?«

»Die Angelegenheit Bruder Eadulfs von Seaxmund’s Ham. Hast du nicht die Botschaften von meinem Bruder erhalten, in denen er die Besorgnis von Cashel ausdrückte und bat .«

Fianamail richtete sich plötzlich auf und zog die Brauen zusammen.

»Eadulf? Der Angelsachse? Ich bekam eine Botschaft, aber ich verstand sie nicht. Warum ist Cashel an dem Angelsachsen interessiert?«

»Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham ist ein Gesandter zwischen meinem Bruder und Theodor von Canterbury«, erklärte sie ihm. »Ich bin hergekommen, um ihn gegen das zu verteidigen, dessen er angeklagt wird.«

Fianamails Lippen öffneten sich leicht, wie aus Freude.

»Ich habe das Verfahren so lange hinausgezögert, wie ich konnte, aus Rücksicht auf deinen Bruder, den König. Leider vergeht die Zeit.«

Fidelma erschauerte. »Wir hörten auf dem Weg ein Gerücht, daß schon gegen ihn verhandelt worden sei. Nach dem Einspruch meines Bruders hätte man doch sicher mit dem Verfahren bis zu meiner Ankunft warten können?«

»Selbst ein König kann ein Gerichtsverfahren nicht unbegrenzt verschieben. Das Gerücht, das du gehört hast, stimmt: Er ist bereits schuldig gesprochen und verurteilt. Es ist alles vorbei. Nun braucht er deine Verteidigung nicht mehr.«

Kapitel 3

Fidelmas Gesicht war kreidebleich, in ihm spiegelte sich die furchtbare Angst, die sie erfüllte. Es war, als wäre alles Blut aus ihrem Körper gewichen.

»Alles vorbei? Heißt das ...?« Sie schluckte und konnte kaum die Frage formulieren, die ihr Denken beherrschte.

»Der Angelsachse wird morgen mittag hingerichtet«, sagte Fianamail gleichgültig.

Eine Welle der Erleichterung durchlief Fidelma. »Dann ist er also noch nicht tot?« Die Worte kamen wie ein schaudernder Seufzer. Für den Augenblick getröstet, schloß sie die Augen.

Der junge König schien ihre Gefühle nicht wahrzunehmen. Er stieß mit dem Fuß ein Scheit zurück, das aus dem Kamin gefallen war.

»Er ist so gut wie tot. Die Angelegenheit ist abgeschlossen. Du hast die lange Reise umsonst gemacht.«

Fidelma beugte sich vor und schaute Fianamail fest ins Gesicht.

»Ich betrachte die Angelegenheit noch nicht als abgeschlossen. Auf der Reise hierher habe ich eine Geschichte gehört. Es ist eine Geschichte, die ich vom König von Laigin nicht glauben kann. Man hat mir gesagt, du hättest das einheimische Recht abgeschafft und angeordnet, daß die Strafen nach den neuen Bußgesetzen von Rom verhängt werden sollten. Stimmt es, daß du so etwas verfügt hast?«

Fianamail lächelte immer noch, doch ohne Wärme.

»Als Strafe wurde die Hinrichtung bestimmt, Fidelma von Cashel. Das ist so entschieden worden. Darin habe ich mich von meinem geistlichen Berater und von meinem Brehon leiten lassen. Laigin wird bei der Befreiung von unseren alten heidnischen Bräuchen vorangehen. Christliche Strafen sollen die Verbrechen in diesem Lande sühnen. Ich will beweisen, wie christlich mein Königreich Laigin geworden ist. Es bleibt beim Todesurteil.«

»Ich glaube, du vergißt das Gesetz, Fianamail von Laigin. Selbst die Bußgesetze sehen das Recht vor, Berufung einzulegen.«

»Berufung?« Fianamail machte ein erstauntes Gesicht. »Aber das Urteil ist von meinem Brehon gefällt worden. Ich habe es bestätigt. Dagegen ist keine Berufung möglich.«

»Es gibt einen höheren Richter als deinen Brehon«, erklärte ihm Fidelma. »Der Oberrichter von Eireann kann herbeigerufen werden. Ich glaube, er wird einiges zur Frage der Bußgesetze zu sagen haben.«

»Mit welcher Begründung willst du eine solche Berufung beim Oberrichter der fünf Königreiche einlegen?« fragte Fianamail spöttisch. »Du hast keine Ah-nung von dem Fall und von der Beweislage. Außerdem findet die Hinrichtung morgen statt, und wir können nicht eine Woche damit warten, bis der Oberrichter eintrifft.«

Sein selbstzufriedenes Lächeln reizte Fidelma zum Zorn, und sie bemühte sich, ihn zu beherrschen.

»Bis ich den Fall untersucht habe, appelliere ich an dich, die Vollstreckung des Urteils aufzuschieben, mit der Begründung, daß Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham möglicherweise nicht richtig verteidigt wurde und daß das Gericht seine Rechte nicht genügend berücksichtigt hat.«

Fianamail lehnte sich mit einer Miene offenen Hohns zurück.

»Das hört sich an wie der Mut der Verzweiflung, Fidelma von Cashel. Du klammerst dich an einen Strohhalm. Nun, hier hast du keine Zuhörerschaft, an die du dich wenden kannst. Nicht wie in Ros Ailithir, wo du die Zuhörer gegen mich und Bischof Forbas-sach beeinflußt hast. Hier habe ich die letzte Entscheidung.«

Fidelma wußte, daß an Fianamails Moral zu appellieren zwecklos war. Der junge Mann wollte sich an ihr rächen. Sie änderte ihre Taktik und hob die Stimme.

»Du bist König, Fianamail, und welchen Groll du auch gegen mich oder Cashel hegst, du wirst dich wie ein König verhalten, denn wenn du es nicht tust, werden selbst die Pflastersteine, auf die du trittst, aufschreien und dich als ungerecht und böse bezeichnen.«

Fianamail erschrak über ihre Heftigkeit.

»Ich spreche als König, Fidelma von Cashel. Man hat mir gesagt, daß der Angelsachse jede Gelegenheit bekam, sich zu verteidigen«, antwortete er widerwillig.

Fidelma hakte sofort ein. »Sich zu verteidigen? Hat man ihm denn nicht einen dalaigh gestellt, der ihn vertrat - der nach dem Gesetz für ihn plädierte?«

»Dieses Vorrecht wird nur wenigen Ausländern gewährt. Es stimmt aber, daß er, weil er unsere Sprache spricht und sich offensichtlich in unserem Recht etwas auskennt, sich selbst verteidigen durfte. Er wurde nicht schlechter behandelt als jeder andere Wandermönch.«

»Dann hat euch Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham nicht gesagt, welchen Rang er besitzt?« fragte Fidelma, die einen schwachen Hoffnungsschimmer erkannte.

Fianamail starrte sie an und wußte nicht, worauf sie hinauswollte.

»Der Mann ist ein Mönch, ein Wallfahrer Christi. Was soll er denn sonst für einen Rang haben?«

»Er ist ein techtaire, nicht ein bloßer Wandermönch. Als techtaire steht er unter dem Gesetz Bretha Nemed, denn Eadulf reiste unter dem Schutz König Colgüs als Mitglied seiner Hofhaltung.«

Der junge König war leicht verwirrt. Er war kein dalaigh und kein Brehon und kannte das Gesetz nicht, auf das sich Fidelma bezog.

»Wieso stand der Angelsachse unter dem Schutz des Hauses deines Bruders?«

Fidelma spürte die Unsicherheit hinter seiner jugendlichen Arroganz. »Das ist leicht zu verstehen. Theodor von Canterbury, der Erzbischof und Berater aller angelsächsischen Königreiche, schickte Eadulf als seinen persönlichen Abgesandten zu meinem Bruder. Deshalb besitzt er einen Sühnepreis von acht cumals, halb so hoch wie dein eigener Sühnepreis als König von Laigin. Er hat die Rechte und genießt den Schutz eines Botschafters. Und er kann den halben Sühnepreis seines Dienstherrn beanspruchen. Auf dem Rückweg zu Theodor von Canterbury mit Botschaften meines Bruders behält Eadulf denselben Sühnepreis und steht im Dienst meines Bruders. Das Gesetz spricht sich eindeutig über den Schutz aus, den es einem Abgesandten zwischen einem König und einem Erzbischof zubilligt.«

»Aber er beging einen Mord«, wandte Fianamail ein.

»Das behaupten deine Gerichte«, stimmte ihm Fidelma zu. »Doch die Umstände müssen geprüft werden, denn heißt es nicht im Bretha Nemed, daß Diener des Königs Gewalttaten zur Selbstverteidigung in Erfüllung ihrer Pflichten straflos begehen dürfen? Welche Gründe gab es denn für sein Verbrechen? Es kann gut sein, daß er Immunität genießt. Hat man das berücksichtigt?«

Fianamail war sichtlich verwirrt von ihren juristischen Kenntnissen. Er hatte ihnen nichts entgegenzusetzen und gab das auch zu.

»Ich bin nicht so bewandert in der Rechtskunde wie du, Fidelma von Cashel«, gestand er. »Ich muß mich darüber beraten lassen.«

»Dann laß gleich deinen Brehon holen; soll er mir gegenüberstehen, und wir diskutieren die Präzedenzfälle.«

Fianamail stand auf, schüttelte den Kopf und schenkte sich am Tisch ein Glas Wein ein.

»Er ist jetzt nicht hier. Ich erwarte ihn erst morgen zurück.«

»Dann mußt du dir ohne ihn dein eigenes Urteil bilden, Fianamail. Ich habe dich, was das Gesetz betrifft, nicht belogen. Bei meiner Ehre als dalaigh und mit oder ohne Rat deines Brehons, wenn in diesem Königreich ein falsches oder irrtümliches Urteil gefällt worden ist, dann kann es dir passieren, daß du nicht für den richtigen König gehalten wirst und dich einem höheren Gericht stellen mußt. Kein König besitzt eine größere Vollmacht als das Gesetz.«

Fianamail versuchte zu überlegen, wie er sich am besten verhalten sollte. Er hob die Hände in einer hilflosen Geste und ließ sie wieder sinken.

»Was verlangst du eigentlich?« fragte er nach kurzem Zögern. »Heißt das, daß du Immunität für den Angelsachsen beanspruchst? Darauf will und werde ich nicht eingehen. Dazu war sein Verbrechen zu gräßlich. Was willst du?«

»Letzten Endes möchte ich dich bitten, zu den Gesetzen unseres Landes zurückzukehren«, erwiderte Fidelma. »Die fremden Bußgesetze entsprechen nicht unserem Denken. Aus Rache töten ist nicht unser Recht .«

Fianamail hob die Hand und unterbrach ihre Rede.

»Ich habe dem Abt Noe, meinem geistlichen Berater, und Bischof Forbassach, meinem Brehon, mein Wort gegeben, daß die vom Glauben vorgesehenen Strafen verhängt werden - Leben um Leben. Bringe deine Gründe für eine Berufung im Fall des Angelsachsen vor, aber gib dir keine Mühe, mich zur Änderung meines Erlasses über das Gesetz zu bewegen.«

Fidelma fühlte ihren Puls schneller schlagen, als sie merkte, daß seine Entschlossenheit bröckelte.

»Ich ersuche dich darum, die Hinrichtung zu verschieben, damit die Einzelheiten des Falles untersucht werden können, um sicherzugehen, daß dem Gesetz Genüge getan worden ist.«

»Ich kann das Urteil meines Brehons nicht umstoßen; das steht sowieso nicht in der Macht des Königs.«

»Gib mir Zeit, damit ich das Verbrechen, dessen ihr Eadulf für schuldig haltet, untersuchen kann und die Tatsachen prüfen auf der Basis der Vermutung, daß er unter dem Schutz eines fer taistil gehandelt hat, eines königlichen Beauftragten mit Immunität. Gib mir die Vollmacht, eine solche Untersuchung durchzuführen.«

Sie benutzte den juristischen Ausdruck fer taistil, der wörtlich »Reisender« bedeutete, der aber speziell einen Abgesandten zwischen zwei Königen bezeichnete.

Fianamail kehrte zu seinem Stuhl zurück. Mit gefurchter Stirn überdachte er den Fall. Es war klar, daß eine Zustimmung zu ihrer Forderung ihm Sorgen machte, er jedoch kein Argument dagegen finden konnte.

»Ich will mich nicht schon wieder mit deinem Bruder streiten«, gab er schließlich zu. »Ich will aber auch nichts tun, was den Verfahrensregeln und der Rechtsprechung in meinem Königreich zuwiderläuft.« Er rieb sich nachdenklich das Kinn. Nach einer Weile seufzte er tief. »Ich gebe dir Zeit, das Verbrechen zu untersuchen, dessen der Angelsachse schuldig befunden wurde. Wenn du etwas am Vorgehen und am Urteil unserer Gerichte findest, was nicht in Ordnung ist, will ich deine Berufung mit dieser Begründung zulassen.«

Fidelma unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen. »Mehr verlange ich nicht. Aber ich brauche deine Vollmacht.«

»Ich lasse Feder und Pergament kommen und stelle sie aus«, stimmte er zu, nahm eine kleine silberne Handglocke und läutete.

»Gut.« Fidelma fühlte, wie ihr eine Last von den Schultern fiel. »Wieviel Zeit gewährst du mir für meine Untersuchung?«

Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag, die Schreibgeräte zu bringen. Die Augen des jungen Königs blickten kalt.

»Wie lange? Nun, du hast Zeit bis morgen mittag, dann soll das Urteil an dem Angelsachsen vollstreckt werden.«

Fidelmas vorübergehende Erleichterung fand ein plötzliches Ende, als sie erkannte, welche Beschränkung Fianamail ihr auferlegte.

»Na also«, lächelte Fianamail. »Du kannst nicht behaupten, ich hielte mich nicht an die Bräuche unseres Landes. Ich gebe dir Zeit, eine Berufung vorzubereiten. Das wolltest du doch.«

Der Diener kam mit den Schreibgeräten herein, und der König kritzelte schnell etwas auf das Pergament. Fidelma nahm sich Zeit zur Antwort.

»Gibst du mir nicht mehr als vierundzwanzig Stunden? Ist das Gerechtigkeit?« Sie sprach langsam und bemühte sich, ihren aufsteigenden Zorn nicht ausbrechen zu lassen.

»Ganz gleich, wieviel Gerechtigkeit, es ist jedenfalls Gerechtigkeit«, erwiderte Fianamail rachsüchtig. »Mehr schulde ich dir nicht.«

Einen Moment schwieg Fidelma und überlegte, womit sie noch an ihn appellieren könnte. Dann wurde ihr klar, daß es nichts mehr zu sagen gab. Der junge Mann besaß die Macht, und sie hatte keine größere Macht zur Verfügung, um sein Rachegelüst zu brechen.

»Nun gut«, sagte sie schließlich. »Wenn ich Gründe für eine Berufung finde, wirst du dann die Hinrichtung aufschieben bis zum Eintreffen des Oberrichters Barran, damit er den Fall prüfen kann?«

Fianamail rümpfte die Nase. »Wenn du Gründe für eine Berufung findest und meine Gerichte sie anerkennen, dann erlaube ich einen Aufschub, bis Brehon Barran herbeigerufen werden kann. Die Gründe für eine solche Berufung müssen aber stichhaltig sein und nicht bloß auf Verdacht beruhen.«

»Das versteht sich von selbst. Gestattest du mir auch, mich in diesen vierundzwanzig Stunden überall ungehindert zu bewegen, um meine Nachforschungen anzustellen?«

»Das steht alles hier drin.« Der König hielt ihr das Pergament hin. Sie nahm es nicht.

»Dann mußt du dein Siegel zur Bestätigung dafür darauf setzen, daß ich mit deiner Zustimmung und Vollmacht handele.«

Fianamail zögerte. Fidelma wußte, ein Stück Pergament mit seiner Zustimmung, daß sie ein paar Fragen stellen durfte, war nichts wert ohne das Siegel des Königs.

Der König war sich wiederum nicht schlüssig.

»Die Tötung eines techtaire gilt beim Oberrichter und beim Großkönig als ein schwerer Verstoß«, stellte sie nachdrücklich fest. »Für den Tod eines Königsboten, ob durch Mord oder Hinrichtung, muß man sich rechtfertigen. Es wäre klug, wenn du mir die Vollmacht erteiltest, den Fall zu untersuchen.«

Schließlich nahm Fianamail achselzuckend ein Stück Wachs aus der Dose, hielt es an die Kerze, bis Tropfen auf das Pergament fielen, und drückte seinen Siegelring darauf.

»Jetzt hast du meine Zustimmung. Es soll nicht heißen, ich hätte dir nicht alle Wege geöffnet.«

Fidelma war zufrieden und nahm die Vollmacht an sich.

»Ich möchte Bruder Eadulf sofort sprechen. Wird er hier in deiner Burg gefangengehalten?«

Zu ihrer Überraschung schüttelte Fianamail den Kopf. »Nein, nicht hier.«

»Wo dann?«

»Er sitzt drüben in der Abtei.«

»Was macht er dort?«

»Dort hat er sein Verbrechen begangen, und dort wurde er auch verhört und verurteilt. Äbtissin Fainder hat den Fall selbst in die Hand genommen, denn das Opfer war eine ihrer Novizinnen. In der Abtei wurde dem Angelsachsen der Prozeß gemacht, und dort wird er morgen hingerichtet.«

»Äbtissin Fainder? Ich dachte, die Abtei Fearna unterstände Abt Noe?«

»Wie ich dir schon sagte, ist Abt Noe jetzt mein geistlicher Berater und Beichtvater ...«

»Beichtvater? Das ist ein römischer Begriff.«

»Nenn ihn >Seelenfreund<, wenn du bei den komischen altmodischen Bräuchen der irischen Kirche bleiben willst. Ich habe ihm die religiöse Gerichtsbarkeit in meinem ganzen Königreich übertragen. Die Abtei des heiligen Maedoc wird nun von der Äbtissin Fainder geleitet. Ihre Verwalterin ist übrigens eine entfernte Kusine von mir, Etromma.« Es klang plötzlich entschuldigend. »Aus einem armen Zweig meiner Familie, mit dem ich wenig zu tun habe, aber sie soll die Geschäfte der Abtei sehr gut führen, wie ich höre. Doch es ist die Äbtissin selbst, die gefordert hat, daß uns die Bußgesetze in unserem christlichen Glauben wie auch in unserem täglichen Leben leiten sollen und die Bestrafung des Angelsachsen nach ihnen erfolgen soll.«

»Äbtissin Fainder?« überlegte Fidelma. »Von ihr habe ich noch nie etwas gehört.«

»Sie ist erst kürzlich nach mehreren Jahren, in denen sie Dienst in Rom tat, in unser Königreich zurückgekehrt.«

»Und sie tritt also für die römischen Bußgesetze gegen die Weisheitsschriften ihres eigenen Landes ein?«

Fianamail neigte bejahend den Kopf.

»Ich verstehe«, sagte Fidelma. »Du erwähntest, daß Bruder Eadulf beschuldigt wird, den Tod einer Novizin in der Abtei verursacht zu haben. Wen genau soll er denn getötet haben?«

Fianamail sah sie mit gespieltem Vorwurf an. »Bei jemandem, der in gestrecktem Galopp von Cashel herreitet und die Unschuld des Angelsachsen beweisen will, hätte ich gedacht, er wüßte, wessen er angeklagt ist«, spottete er.

»Des Mordes natürlich. Aber wen soll er denn ermordet haben?«

Fianamail heuchelte Mitleid. »Ich fürchte, Fidelma von Cashel, du hast dich mit dem Herzen in diesen Auftrag gestürzt und nicht mit dem Kopf.«

Fidelma errötete heftig. »Ich möchte, daß der Gerechtigkeit Genüge getan wird«, erklärte sie steif. »Wen also soll er getötet haben?« fragte sie erneut.

»Dein angelsächsischer Freund vergewaltigte ein junges Mädchen und erdrosselte es dann«, sagte der König ausdruckslos und beobachtete ihr Gesicht dabei. »Sie war Novizin in der Abtei ... und sie war erst zwölf Jahre alt.«

Auch nachdem sie aus dem Zimmer des Königs geleitet worden war, fühlte sich Fidelma wie betäubt. Von allen denkbaren Verbrechen war die Vorstellung, Eadulf sollte ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt und dann ermordet haben, die abscheulichste. Wie konnte man Eadulf dessen schuldig befinden? Der Natur des Mannes, den sie kannte, war so etwas völlig fremd.

Im Hof der Burg wartete Fidelma, bis keine Krieger von Laigin mehr in Hörweite waren, und wandte sich dann an Dego, Aidan und Enda.

»Einer von euch muß nach Tara reiten und den Oberrichter Barran aufsuchen«, sagte sie leise. »Es wird ein gefährlicher Ritt durch das feindliche Gebiet von Laigin, aber es muß schnell geschehen.«

Aidan meldete sich sofort.

»Ich bin der beste Reiter hier, Lady«, sagte er einfach. Das war nicht ruhmredig gemeint, und Dego und Enda verschwendeten auch keine Zeit mit Widerspruch. Fidelma akzeptierte seine Feststellung ohne weiteres.

»Du mußt Barran überzeugen, daß er sofort mit dir herkommt, Aidan. Schildere ihm die Lage, soweit du sie kennst. Wenn nötig, bitte ihn in meinem Namen. Aber, Aidan . sei ganz vorsichtig. Es gibt hier wahrscheinlich Leute, die nicht wollen, daß du nach Tara gelangst oder gar mit Barran zurückkehrst.«

Aidan war zuversichtlich.

»Das verstehe ich und werde aufpassen, Lady. Ich brauche nicht lange, um das Gebiet der südlichen Ui Neill zu erreichen. Sie sind keine Freunde von Laigin, und wenn ich erst dort bin, habe ich nichts mehr zu befürchten. Mit einigem Glück bin ich in ein paar Tagen wieder hier.«

»Ich kann weiter nichts tun als die Hinrichtung morgen verhindern. Dann muß ich hoffen, daß du rechtzeitig mit Barran zurückkommst, und herausfinden, was hier eigentlich gespielt wird«, meinte sie.

Aidan setzte zögernd an. »Bist du sicher, daß es hier etwas herauszufinden gibt, Lady? Ich meine, könnte es sein ...?« Er verstummte unter ihrem mißbilligenden Blick.

Dego schaltete sich besorgt ein.

»Wenn Aidan hier am hellen Tage losreitet, Lady, hat er keine große Chance, falls Krieger von Laigin uns beobachten, wovon man wohl ausgehen kann.«

»Dann geben wir ihnen eben etwas zu beobachten«, erwiderte Fidelma mit einem plötzlichen Aufwallen ihrer alten Zuversicht. »Wir gehen in die Stadt und suchen uns eine Unterkunft. Sind wir erst einmal in der Menschenmenge, verläßt uns Aidan. Wenn er nach Westen zum Slaney reitet, sieht es so aus, als ob er einfach nach Cashel zurück will. Dicht am Fluß gibt es genügend Wald, und in dessen Schutz kann er sich nach Norden wenden. Einverstanden?«

»Einverstanden«, erklärte Aidan. Dann fuhr er fort: »Es tut mir leid, Lady, daß ich gezweifelt habe .«

Fidelma legte ihm die Hand auf den Arm.

»Du hast das Recht zu zweifeln, Aidan. Das Unvorstellbare könnte wahr sein - Eadulf könnte schuldig sein. Wir wollen nicht vorschnell urteilen. Aber denken wir auch daran, daß wir ihn kennen.«

Dego wechselte Blicke mit seinen Kameraden.

»Wir halten zu dir, Lady. Gehen wir jetzt?«

»Sogleich. Wir führen unsere Pferde vom Tor langsam und zwanglos den Berg hinunter, und wenn wir zwischen den Häusern sind und den Blicken von der Burg entzogen, dann kann Aidan aufsitzen und nach Westen reiten.«

Sie ließen ihre Pferde aus dem Stall holen. Als die Stallburschen sie brachten, kam der Befehlshaber der Wache heraus.

»Bleibt ihr nicht hier, Lady?« fragte er überrascht. Für gewöhnlich wurde hochstehenden Besuchern die Gastfreundschaft des Königs angeboten.

»Wir suchen uns eine Unterkunft in der Stadt«, erklärte sie ihm. »Es ist besser, wenn ich und meine Begleiter uns nicht der Gastfreundschaft eures Königs aufdrängen.«

Der Mann schaute verblüfft drein. Es war ungewöhnlich, aber er wußte etwas von der Feindschaft zwischen Fearna und Cashel und führte ihren Weggang darauf zurück.

»Sehr wohl, Lady. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«

»Vielleicht kannst du uns ein Gasthaus in der Stadt empfehlen.«

Der Befehlshaber der Wache reagierte sofort. »Es gibt mehrere, Lady. Ich habe eine Schwester, die das Gasthaus zum Gelben Berg gleich hinter dem Hauptplatz führt. Es ist nach dem Ort benannt, aus dem wir stammen, sieben Kilometer nordöstlich von hier. Ihr Haus ist sauber und ruhig. Sie duldet keine Rüpeleien.«

»Dorthin werden wir uns wenden«, versicherte ihm Fidelma mit dankbarem Lächeln.

»Sie heißt Lassar. Sag ihr, daß ihr Bruder das Haus empfohlen hat.«

Mit den Zügeln über dem Arm führten sie die vier Pferde durch das Tor der Burg und den abfallenden Weg hinunter zu dem Gewirr der Häuser. Es war Mittag, und in den Straßen drängten sich die Menschen. Auf dem Hauptplatz wurde Markt gehalten, er war voller Stände, an denen alle Arten von Fisch, Geflügel und Fleisch verkauft wurden ebenso wie Obst und Gemüse. Die Verkäufer, die sich im Anlocken von Kunden gegenseitig überboten, veranstalteten ein ohrenbetäubendes, mißtönendes Getöse.

Fidelma führte die drei Krieger über den vollen Platz zur Mündung einer Seitenstraße und sah sich um. Sie waren nicht mehr im Blickfeld der Wachposten der Burg. Sie wandte sich an Aidan.

»Du weißt, was du zu tun hast?«

Der junge Mann lachte und sprang in den Sattel. »Ich sehe dich hier in ein paar Tagen wieder und brin-ge Barran mit, Lady. Wenn ich nicht zurückkehre, heißt das, daß ich tot bin.«

»Dann sorge dafür, daß du zurückkehrst.«

Er hob die Hand zum Gruß und grub seinem Pferd die Hacken in die Weichen.

Sie sahen ihm nach, wie er die Straße so schnell entlangritt, wie es die Passanten erlaubten. Dann verschwand er hinter Gebäuden. Fidelma seufzte tief und drehte sich zu ihren verbleibenden zwei Begleitern um.

»Wohin jetzt, Lady?« fragte Dego. »Gehen wir zur Abtei und suchen Bruder Eadulf?«

»Als erstes sollten wir dem Vorschlag des Befehlshabers der Wache folgen und das Gasthaus seiner Schwester suchen«, lächelte Fidelma. »Dann gehe ich zur Abtei.«

»Ist das nicht gefährlich? Ich meine, ein Gasthaus zu nehmen, das ein Krieger von Laigin empfohlen hat?« fragte Enda.

»Vielleicht auch nicht. Die Beziehung könnte uns nützlich werden. Ich glaube nicht, daß mit der Empfehlung eine Hinterlist verbunden ist. Ich denke, der Mann ist ehrlich.«

»Ein Krieger von Laigin und ehrlich?« Dego schien überzeugt, so etwas gäbe es nicht.

Fidelma erklärte ihre Meinung nicht weiter, sondern hielt einen Vorbeikommenden an und fragte ihn nach dem Gasthaus zum Gelben Berg. Es stellte sich heraus, daß es nur eine Straße weiter lag, aber vor dem Lärm des Hauptplatzes durch andere Gebäude geschützt war. Es machte sich kenntlich durch ein Schild mit einem gelben Dreieck, das sichtlich einen Berg darstellte. Das Gasthaus war groß, ein zweistöckiges Holzhaus mit eigenem Hof und Ställen. Es schien beliebt zu sein, denn mehrere Leute gingen hinein oder kamen heraus.

Sie führten ihre Pferde in den Hof, und Dego nahm Fidelmas Zügel, während sie zur Tür des Hauses schritt. Eine füllige Frau eilte heraus, als Fidelma sich näherte. Sie hatte ein freundliches Gesicht, und Fidelma stellte eine Ähnlichkeit mit dem Befehlshaber der Wache fest.

»Zimmer für die Nacht?« begrüßte sie die Frau. »Wir bieten die besten Preise in Fearna, Schwester. Und du findest hier eine bessere Unterkunft und besseres Essen, als wenn du um kostenlose Unterbringung in der Abtei bittest .«

Sie brach ab, als sie plötzlich an der Ausrüstung der beiden Krieger erkannte, daß sie aus Muman kamen.

»Bist du Lassar?« fragte Fidelma freundlich und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

»Ja.« Mit mißtrauischer Miene musterte die Wirtin die Fragestellerin.

»Es war dein Bruder, der Krieger in der Burg, der uns dein Gasthaus empfohlen hat, Lassar.«

Die Augen der Frau weiteten sich achtungsvoll. »Ihr wart in Fianamails Burg?«

»Es gehörte zu meinem Auftrag hier, auch mit Fia-namail zu sprechen«, erklärte ihr Fidelma. »Hast du Zimmer für meine Begleiter und für mich?«

Lassar schaute zweifelnd zu den Kriegern hinüber, ehe sie Fidelma antwortete.

»Ich habe ein Zimmer, das sie sich teilen können, und ein kleines Zimmer für dich allein - aber das kostet mehr, als wenn ihr zusammen in einem Zimmer schlaft«, fügte sie gleich hinzu.

»Das ist kein Problem.«

Lassar hob die Hand, und wie aus dem Nichts erschien ein Stallbursche und führte ihre Pferde fort. Dego hatte ihnen rasch noch die Satteltaschen abgenommen.

Die breitgesichtige Frau winkte sie herein. »Dann hat also Mel das Gasthaus empfohlen, ja?«

»Mel?«

»Mein Bruder. Ich dachte, er fühlte sich vielleicht zu erhaben, um sich an mein Geschäft zu erinnern, wo er doch jetzt der Befehlshaber von Fianamails Palastwache ist.«

»Jetzt?« Fidelma war die leichte Betonung nicht entgangen. »Ist er erst kürzlich Befehlshaber geworden?«

»O ja. Er ist gerade erst in die Wache aufgenommen und zu ihrem Hauptmann gemacht worden.«

Lassar führte sie die Treppe zum zweiten Stock hinauf und zu einer Tür, die sie mit einer Miene aufriß, als enthülle sie einen kostbaren Schatz. Es war ein dunkles, enges Zimmer mit einem winzigen Fenster, das einem Furcht einflößen konnte.

»Das ist dein Zimmer, Schwester.«

Fidelma hatte schon Schlimmeres gesehen. Wenig-stens schien es warm zu sein, und das Bett war bequem.

»Und das Zimmer für meine Begleiter?«

Lassar zeigte den Korridor entlang.

»Das da hinten können sie sich teilen. Möchtet ihr auch im Hause essen?«

»Ja, allerdings könnten sich unsere Pläne ändern.«

Lassar überlegte. »Dann wollt ihr also einige Zeit bleiben?«

»Wahrscheinlich eine Woche«, antwortete Fidelma. »Was nimmst du dafür?«

»Da ihr drei seid, und wenn ihr mir eine Woche garantiert, dann nehme ich einen pinginn für jede Person. Das ist ein screpall pro Tag. Dafür könnt ihr euch im ganzen Hause bewegen, kommen und gehen, wann ihr wollt, und essen, wann ihr wollt. Heißes Wasser zum Baden gibt es abends. Ihr seht, ich habe recht. Ihr fahrt besser, wenn ihr hier bleibt und nicht die Gastfreundschaft der Abtei beansprucht.«

Es war das zweite Mal, daß sich die Wirtin herabsetzend über die Abtei äußerte, und das erweckte Fi-delmas Interesse. Es stimmte, daß reisende Mönche und Nonnen normalerweise in einer Abtei kostenloses Obdach erhielten. Doch Lassars Meinung von der Abtei und ihrer Gastfreundschaft war überraschend schlecht, selbst für eine Gastwirtin, die die Abtei als Konkurrenz betrachten mußte.

»Weshalb sagst du das?« fragte sie.

Die Frau setzte eine trotzige Miene auf. »Offensichtlich bist du fremd hier.«

»Das habe ich nicht bestritten.«

»Die Zeiten haben sich geändert, Schwester. Mehr sage ich nicht. Die Abtei ist ein Ort des Elends geworden. Früher hatte ich Mühe, Reisende für mein Gasthaus zu gewinnen, denn viele suchten die Gastfreundschaft der Klostermauern. Heute will dort keiner mehr hin. Nicht seit ...« Sie hielt plötzlich inne und erschauerte.

»Nicht seit ...?« forschte Fidelma.

»Mehr sage ich nicht, Schwester. Ein screpall pro Tag für alle drei, wenn ihr die Zimmer nehmen wollt.«

Fidelma merkte, daß sich Lassar nichts Näheres über ihre Meinung zur Abtei entlocken lassen würde.

»Ein screpall pro Tag ist in Ordnung«, erklärte sie und schaute Dego und Enda an. »Ich gebe dir drei screpalls im voraus für die Zimmer. Wir möchten uns erst waschen und dann so bald wie möglich essen.«

»Wenn ihr euch kalt waschen wollt, ist das kein Problem. Heißes Wasser gibt es, wie gesagt, erst abends zum Baden. Ich habe jetzt hier wenig Hilfe, seit mein Bruder so eine großartige Stellung da oben im Palast bekommen hat.«

»Kein Problem«, versicherte ihr Fidelma, nahm einige Münzen aus ihrem marsupium, ihrer ledernen Gürteltasche, und reichte sie ihr.

Die Frau zählte die Münzen in der Hand. Dann lächelte sie zufrieden.

»Ich lasse euch Wasser auf die Zimmer bringen, und dann könnt ihr herunterkommen und essen, wann ihr wollt, allerdings nur kalte Speisen. Warme Mahlzeiten gibt es abends, weil .«

Fidelma lächelte nachsichtig. »Ich weiß. Wir sind dir für deine Hilfe dankbar, Lassar.«

Die Wirtin verschwand die Treppe hinunter. Dego atmete erleichtert auf.

»Was jetzt, Lady?« fragte er. »Was machen wir als nächstes?«

»Nachdem wir uns erfrischt haben, schlage ich vor, wandert ihr unauffällig in der Stadt umher und versucht möglichst viel über die Ereignisse hier aufzuschnappen. Stellt fest, was die Leute über die zwangsweise Einführung der Bußgesetze und ihrer Strafen statt unserer hergebrachten denken.«

»Und was machst du, Lady?« fragte Enda. »Sollten wir dich nicht lieber begleiten?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Ich gehe zur Abtei. Ich will Eadulf sprechen.«

Kapitel 4

Aus der Nähe erschien die Abtei Fearna noch bedrohlicher als aus der Ferne. Eine unheilvolle Aura umgab das Gebäude, hing so greifbar wie Spinnweben an seinen Mauern. Das Gefühl war unwirklich, fast ätherisch, aber es war da und hüllte alles ein wie ein kalter Nebel. Das Haupttor hatte zwei mächtige Flügel aus dunklem Eichenholz mit eisernen Angeln. Am rechten Flügel war eine große Bronzefigur angebracht. Fidelma erkannte darin das berühmte Engelsbildnis, das Maedoc geschaffen hatte, mit kunstvoll gearbeiteten Flügeln und einem Schwert in der rechten Hand. Das Gesicht war rund mit großen Augen ohne Höhlen, die ihm einen beinahe boshaften Ausdruck verliehen. Sie hatte gehört, das Bild werde »Unsere Liebe Frau des Lichts« genannt und stelle eine Schutzgestalt dar.

Fainder, Äbtissin von Fearna, wirkte ebenso eindrucksvoll und bedrohlich. Das mußte sich Fidelma eingestehen, obgleich sie sofort eine unerklärliche Abneigung gegen diese Frau empfand. Von dem Augenblick an, als sie in das Zimmer geführt wurde, in dem die Äbtissin kerzengerade in einem hohen, geschnitzten Eichensessel vor einem langen Holztisch saß, der ihr als Schreibtisch diente, spürte Fidelma die Ausstrahlung ihrer Gegenwart. Hochmütig und streitsüchtig, vermittelte sie selbst im Sitzen den Eindruck, von großer Statur zu sein, was von ihrer Hagerkeit noch verstärkt wurde. Doch als sie sich erhob, um Fidelma zu begrüßen, bestätigte sich dieser Eindruck nicht. Die hochgewachsene Fidelma überragte die nur mittelgroße Äbtissin. Der Anschein von Größe entstand einfach nur durch ihre Persönlichkeit und ihre Haltung, durch nichts weiter.

Die Hand, die sie Fidelma entgegenstreckte, war kräftig, mit hervortretenden Knochen und schwieliger Haut, wie sie eher einer Landarbeiterin als einer Nonne gehören mochte. Fainder war dunkelhaarig, und Fidelma schätzte sie auf Mitte Dreißig. Ihr Gesicht war ebenmäßig, doch mit etwas harten Zügen. Die schwarzen Augen lagen tief in den Höhlen, und eines schielte ganz leicht. Aber nicht dadurch wirkte sie unheimlich, sondern weil sie selten zwinkerte. Selbst mit dem kleinen Fehler schien sich der Blick der dunklen Augen in Fidelmas Gesicht zu bohren und wich nicht. Ein schwächerer Charakter als Fidelma hätte wohl die Augen verlegen niedergeschlagen.

Als Äbtissin Fainder sprach, klang ihre Stimme weich moduliert und mild und wiegte einen in trügerischer Sicherheit. Doch Fidelma, die ihre Menschenkenntnis über Jahre geschult hatte, spürte die harten Töne hinter der sanften Sprache. Fainder würde kei-nen Widerspruch gegen ihre Meinung dulden, dessen war sich Fidelma absolut sicher.

An der Art, wie ihr die Äbtissin die Hand hinhielt, erkannte Fidelma, daß sie sich nach römischer Sitte verneigen und den Amtsring küssen sollte. Sie nahm jedoch die Hand und neigte nur leicht den Kopf nach Sitte der irischen Kirche.

»Stet fortuna domus«, sprach sie feierlich.

Für einen Moment funkelten Äbtissin Fainders Augen vor Ärger, doch der Ausdruck schwand so schnell, daß nur ein scharfer Beobachter ihn bemerkt hätte.

»Deo juvante«, antwortete sie kurz, nahm wieder ihren Platz ein und winkte Fidelma zu einem Stuhl vor dem Tisch. Fidelma setzte sich.

»Du bist also Fidelma von Cashel?« Die Äbtissin lächelte, doch ihre schmalen, blutleeren Lippen öffneten sich dabei nur leicht. »Als ich in Rom war, wurde auch von dir gesprochen.«

Fidelma antwortete nicht. Dazu hatte sie nichts zu sagen. Statt dessen wies sie auf das Pergament mit Fia-namails Anweisung und Siegel.

»Ich komme in einer äußerst dringenden Angelegenheit, Mutter Äbtissin.«

Die Äbtissin nahm keine Notiz von dem Pergament, das ihr vorgelegt worden war. Sie saß aufrecht im Sessel, die Hände mit den Flächen nach unten auf dem Tisch, in derselben Haltung wie beim Eintritt Fi-delmas.

»Du hast einen Ruf als dalaigh, Schwester«, fuhr Fainder fort. »Doch bist du auch eine Nonne. Ich habe gehört, du hast dich veranlaßt gefühlt, die Abtei Kildare zu verlassen, weil du anderer Meinung warst als die Äbtissin Ita.«

Sie hielt inne in Erwartung einer Antwort, doch hatte sie ihre Bemerkung als Feststellung formuliert. Fidelma äußerte sich nicht dazu.

»Wenn man Nonne wird, Fidelma von Cashel«, sagte die Äbtissin mit leichter Betonung des Titels, der Fidelma als Prinzessin der Eoghanacht zustand, »dann hat man in erster Linie die Pflicht, den Regeln des Ordens zu gehorchen. Die oberste Regel ist der Gehorsam, denn es ist die Pflicht einer Nonne, nicht einmal in Gedanken anderer Meinung zu sein, nicht zu sagen, was man will, und nicht mit völliger Freizügigkeit zu reisen. Die Beachtung der Regel ist das Kennzeichen eines gottgefälligen Lebens.«

Fidelma wartete geduldig, bis die Äbtissin ihre Predigt beendet hatte, und dann sprach sie deutlich und mit Bedacht.

»Ich bin hier in meiner Eigenschaft als dalaigh, Mutter Äbtissin, und mit Vollmacht meines Bruders Colgü, des Königs von Cashel. Was ich dir vorgelegt habe, ist die Vollmacht König Fianamails von Laigin.«

Äbtissin Fainders Ton wurde noch strenger, und sie schenkte dem Pergament wie bisher keinen Blick.

»Du bist jetzt eine Nonne in der Abtei Fearna -meiner Abtei -, und jede Nonne ist zum Gehorsam verpflichtet, Schwester.«

»Wir sind hier nicht in Rom, Mutter Äbtissin«, erwiderte Fidelma in ruhigem Ton, dessen Schärfe aber eine deutliche Warnung vermittelte. »Wie ich höre, bist du erst kürzlich von dort zurückgekehrt, und da ist es verzeihlich, daß dir die Gesetze dieses Landes nicht mehr ganz im Gedächtnis sind. Ich bin hier als dalaigh mit dem Grad eines anruth. Ich brauche dich sicher nicht an das Gesetz über Ränge und Vorrechte zu erinnern?«

Inhaberin eines akademischen Grades, der nur einen Grad unter dem höchsten lag, den die weltlichen und kirchlichen Hochschulen verliehen, besaß Fidelma als Rechtsgelehrte wie auch als Schwester eines Königs einen höheren Rang als eine Äbtissin.

Zum erstenmal blinzelte Fainder. Es war eine eigenartig drohende Geste, als wenn eine Schlange für einen Moment die Augen verhüllt.

»In dieser Abtei«, sagte Fainder leise, »richtet sich unser Leben nach den Bußgesetzen. Gott sei Dank haben wir mit Fianamail auch einen fortschrittlichen König, der eingesehen hat, wie weise es ist, die Regeln der Bußgesetze als christliche Lebenspflicht auf das ganze Volk auszudehnen.«

Fidelma stand auf, beugte sich vor und nahm bedachtsam das ungelesene Pergament von Äbtissin Fainders Tisch. Ihre Geduld war erschöpft.

»Nun gut. Ich fasse das als Weigerung auf, der Vollmacht des Rates des Oberrichters und des Großkönigs Folge zu leisten. Du erweist deiner Abtei einen schlechten Dienst, Fainder. Es überrascht mich, daß du eine richterliche Untersuchung auf dich laden willst, indem du meine Vollmacht und die Anweisung deines Königs Fianamail mißachtest.«

Fidelma hatte sich schon zur Tür gewandt, als Äbtissin Fainders Stimme sie mit einem eigenartigen Stakkato zurückhielt.

»Halt!«

Die Äbtissin saß noch in derselben Haltung da, die Hände auf dem Tisch. Fidelma schien es, als sei ihr Gesicht zu einer Maske erstarrt, jede Linie war scharf eingegraben.

Fidelma wartete an der Tür.

»Vielleicht« - die Äbtissin suchte anscheinend nach einer Formulierung, mit der sie aus der Klemme herauskommen konnte, in die Fidelmas Weigerung, sich einschüchtern zu lassen, sie gebracht hatte -, »vielleicht habe ich meine Worte nicht ganz passend gewählt. Zeig mir die Vollmacht von Fianamail.«

Fidelma kehrte zum Tisch zurück und legte das Schriftstück wortlos wieder vor die strenge Frau hin. Fainder las es rasch, wobei ein flüchtiger Schatten über ihr Gesicht lief. Dann blickte sie zu Fidelma auf.

»Gegen die Vollmacht meines Königs kann ich keinen Einwand erheben. Ich informiere dich lediglich darüber, wie diese Abtei geführt wird, und über mein Bestreben, sie auch weiter nach den Bußgesetzen zu führen.«

Nachdem sie eine Formulierung gefunden hatte, die ihr recht war, ging Fainder wieder zu dem sanften, begütigenden Ton über, der sofort Fidelmas Mißtrauen erregte.

»Dann habe ich also deine Erlaubnis, Bruder Eadulf aufzusuchen und meine Untersuchung zu führen?«

Äbtissin Fainder wies auf den Stuhl, von dem Fidelma gerade aufgestanden war.

»Setz dich wieder, Schwester, und wir besprechen die Angelegenheit dieses Angelsachsen. Worum geht es dir bei ihm?«

»Mir geht es um Gerechtigkeit«, erwiderte Fidelma und hoffte, daß die Wärme, die sie auf ihren Wangen spürte, nicht als verlegenes Erröten erschien.

»Du kennst diesen Angelsachsen also? Natürlich«, wieder öffneten sich die Lippen zum Lächeln, »ich hörte in Rom, daß du in Begleitung eines angelsächsischen Bruders warst. War es vielleicht derselbe Mann?«

Fidelma ließ sich auf dem Stuhl nieder und sah die Äbtissin gelassen an.

»Ich kenne Bruder Eadulf seit der Synode in der Abtei von Whitby. Seit dem vorigen Jahr diente er als Gesandter Theodors von Tarsus, des Erzbischofs von Canterbury im Land der Angelsachsen, bei meinem Bruder, dem König von Cashel. Mein Bruder hat mich hergeschickt, damit ich seine Verteidigung übernehme.«

»Verteidigung?« Äbtissin Fainder rümpfte die Nase. »Du hast doch wohl erfahren, daß er schuldig gesprochen und mit der seinem Verbrechen angemessenen Strafe belegt wurde? Die Bußgesetze sehen die Todesstrafe vor, und die Hinrichtung findet morgen mittag statt.«

Fidelma beugte sich leicht vor.

»Da er der Gesandte eines Königs und eines Bischofs ist, besitzt er nach unserem Gesetz gewisse Rechte, die nicht verletzt werden dürfen. Ich habe die Erlaubnis, seinen Fall zu untersuchen, um festzustellen, ob es Gründe für eine Berufung gibt, obgleich man wohl keine Berufung gegen den hier spürbaren Wunsch nach Rache einlegen kann.«

Wieder blieb Äbtissin Fainders Gesicht ohne Regung, sie beherrschte jede Reaktion, die Fidelmas Stich hervorrufen könnte.

»Vielleicht kennst du die Art des furchtbaren Verbrechens nicht, dessen der Angelsachse für schuldig befunden wurde?«

»Man hat es mir gesagt, Mutter Äbtissin. Der Bruder Eadulf, den ich kenne, könnte das Verbrechen nicht begangen haben, das man ihm vorwirft.«

»Nein?« Die düstere Miene der Äbtissin Fainder wurde spöttisch. »Wie viele Mütter, Schwestern oder ... Geliebte ... von Mördern mögen das wohl schon behauptet haben?«

Fidelma machte eine Bewegung des Unbehagens. »Ich bin nicht ...«, setzte sie an. Dann hob sie trotzig das Kinn, entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. »Ich würde mit meiner Untersuchung gern so bald wie möglich beginnen.«

»Nun gut. Schwester Etromma ist die Verwalterin der Abtei, sie wird dich dabei unterstützen.«

Die Äbtissin langte nach einer Handglocke. Ihr Läuten war kaum verklungen, als eine Nonne eintrat. Sie war klein und blond, mit angenehmen Zügen, doch sie trippelte wie ein Vogel, die Hände in den Falten ihrer Kutte verborgen. Es war dieselbe Frau, die Fidelma am Tor der Abtei empfangen und zum Zimmer der Äbtissin Fainder geleitet hatte. Äbtissin Fain-der wandte sich an sie.

»Schwester, du hast schon die Bekanntschaft unserer ... unserer hochstehenden Besucherin gemacht.« Nur das winzige Zögern verriet die Ironie der Äbtissin. »Ihr wird jede Unterstützung gewährt, die sie in den nächsten vierundzwanzig Stunden braucht. Sie untersucht das Verbrechen des Angelsachsen, um sicherzugehen, daß wir gegen kein Gesetz verstoßen haben.«

Schwester Etromma sah Fidelma überrascht mit großen Augen an, dann wandte sie sich mit einer ruckartigen Kopfbewegung zur Äbtissin zurück.

»Ich werde mich darum kümmern, Mutter Äbtissin«, murmelte sie. Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Das ist ungewöhnlich, nicht wahr? Der Angelsachse ist doch schon verurteilt.«

»Du wirst dich darum kümmern, Schwester Etromma«, fuhr die Äbtissin sie an, »denn sie besitzt eine Vollmacht vor Fianamail, der wir uns anscheinend beugen müssen.«

Die kleine Verwalterin senkte den Kopf. »Fiat voluntas tua, Mutter Äbtissin.«

»Ich sehe dich sicher später noch, Schwester Fidelma; vielleicht in der Kapelle zum Gebet?«

Fidelma verneigte sich vor der Äbtissin, ließ ihre Frage aber unbeantwortet.

Schwester Etromma eilte ihr voran. Außerhalb des Zimmers der Äbtissin entspannte sich die Verwalterin merklich.

»Womit kann ich dir dienen, Schwester Fidelma?« fragte sie mit weniger atemloser Stimme als zuvor.

»Ich möchte sofort mit Bruder Eadulf sprechen.«

Schwester Etrommas Augen weiteten sich. »Mit dem Angelsachsen? Den willst du aufsuchen?«

»Ist das ein Problem? Die Äbtissin hat gesagt, ich solle jede Unterstützung erhalten.«

»Natürlich.« Schwester Etromma sah verwirrt aus. »Daran habe ich nicht gleich gedacht. Komm, ich zeige dir den Weg.«

»Bist du hier schon lange Verwalterin?« fragte Fidelma, während sie durch die düsteren, gewölbten Gänge der Abtei schritten.

»Ich bin hier rechtaire seit zehn Jahren. In die Abtei kam ich schon als Kind, mit meinem Bruder zusammen.«

»Zehn Jahre rechtaire«, überlegte Fidelma. »Das ist eine ganz schöne Zeit. Kennst du Äbtissin Fainder schon lange? Ich weiß, daß sie erst kürzlich aus Rom zurückgekehrt ist, aber kanntest du sie, bevor sie dorthin ging?«

»Als sie vor drei Monaten in die Abtei kam«, sagte Schwester Etromma, »war sie den meisten von uns fremd. Vor ihr war Noe unser Abt. Wir sind ein gemischtes Haus, weißt du. Wie Kildare.«

Fidelma quittierte das mit einem kurzen Lächeln.

»Ich weiß. Warum hat sich Abt Noe entschlossen, von der Leitung des Klosters zurückzutreten?«

»Es war der König selbst, der Noe ersuchte, sein geistlicher Berater zu werden, so hat man es uns jedenfalls erzählt. Er hat noch Zimmer in der Abtei, aber meist hält er sich im Königspalast auf. Die Leitung der Abtei ging an Fainder über, die dann zu unserer Äbtissin ernannt wurde.«

Spürte Fidelma eine leichte Bitterkeit in ihrem Ton?

»Warum wurde Fainder dazu ernannt, wenn sie vorher gar nicht dieser Gemeinschaft angehörte?«

Schwester Etromma gab darauf keine Antwort.

»Als rechtaire der Abtei seit zehn Jahren, könnte man meinen, hättest du einen größeren Anspruch darauf gehabt?« drang Fidelma in sie.

»Sie war ein Schützling Abt Noes in Rom.«

»Ich wußte nicht, daß Noe jemals Geistlicher in Rom war.«

»Er machte nur eine Pilgerreise und hielt sich nicht lange dort auf. Da lernte er die Äbtissin kennen, glaube ich, und brachte sie mit zurück als seine Nachfolgerin. Nach seiner Rückkehr kündigte er an, er wolle sich aus der Abtei zurückziehen.«

»Das ist ungewöhnlich«, bemerkte Fidelma. Dann fiel ihr eine andere Möglichkeit ein. »Ist Fainder vielleicht mit Noe verwandt?«

Die Bevorzugung von Verwandten war auch in religiösen Häusern nicht unbekannt, und oft gelangten Äbte, Äbtissinnen und sogar Bischöfe durch dasselbe Nachfolgesystem ins Amt wie die Könige und der Adel. Sie mußten von entsprechender Abstammung sein und wurden dann von ihren derbhfine gewählt, die sich gewöhnlich aus drei Generationen einer Familie zusammensetzten, die von einem gemeinsamen Urgroßvater abstammte. Oft wurden auf diese Art und Weise Söhne, Enkel, Neffen und Vettern oder Kusinen zu Nachfolgern von Äbten oder Äbtissinnen gemacht.

Als Etromma nicht auf ihre Frage reagierte, stellte Fidelma eine andere.

»Bist du zufrieden mit der Art, wie die Äbtissin das Kloster leitet? Ich meine, gefällt dir Fainders Bestreben, nach den Bußgesetzen und nach der römischen Form der Verwaltung zu herrschen? Es überrascht mich, daß Abt Noe diese neue Entwicklung absegnet, denn ich dachte immer, er wäre ein Anhänger der Regel Colmcilles.«

Schwester Etromma blieb einen Moment stehen und veranlaßte Fidelma, dasselbe zu tun. Die Verwalterin schaute sich um, als fürchte sie heimliche Lauscher, ehe sie antwortete.

»Schwester«, flüsterte sie, »es ist nicht klug, hier von solchen Konflikten zu reden. Über die Differenzen zwischen der irischen und der römischen Kirche wird an diesem Ort nicht gesprochen. Seit Fainder unsere Äbtissin geworden ist, hat sie Macht und Reichtum erlangt. Es ist nicht angebracht, Kritik zu äußern.«

»Reichtum?« forschte Fidelma.

Schwester Etromma zuckte die Achseln. »Die Äbtissin verachtet materiellen Besitz nicht, wenn sie auch anderen die Strenge der Bußgesetze predigt. Seit ihrer Ankunft hier scheint sie ein großes Vermögen erworben zu haben. Vielleicht sollte man an die Reichen und Mächtigen denken, die sie begünstigen. Aber mir steht es nicht zu, Kritik zu üben.«

Fidelma war es klar, daß die Verwalterin einen Groll gegen die Äbtissin hegte.

Doch Fidelma wollte die Frage der Vorurteile Schwester Etrommas nicht weiter verfolgen. Ihr lag mehr daran, zu erfahren, wie es Eadulf erging.

Schwester Etromma lief rasch den Gang weiter.

»Weißt du, was mit Bruder Eadulf geschehen ist?« Fidelma griff dieses Thema nach einer kleinen Pause auf.

»Er soll morgen hingerichtet werden.«

»Ich meine die Dinge, die zu seinem Prozeß geführt haben.«

»Ich weiß, daß er bei seiner Ankunft ganz angenehm wirkte und unsere Sprache gut beherrschte.«

»Du bist ihm also begegnet, als er hier ankam?«

»Bin ich nicht die rechtaire der Abtei? Es ist meine Pflicht, alle Reisenden zu begrüßen, besonders diejenigen, die unsere Gastfreundschaft in Anspruch nehmen wollen.«

»Wann kam er denn hier an?«

»Vor ungefähr drei Wochen. Er stand am Tor und bat um Unterkunft für eine Nacht. Er sagte, er wolle auf einem Flußschiff hinunter zum Loch Garman fahren. Dort wollte er ein Schiff suchen, das ihn ins Land der Angelsachsen zurückbrächte. Viele angelsächsische Schiffe laufen heutzutage Loch Garman an.«

»Was geschah dann?«

»Davon weiß ich nur wenig. Er kam, wie gesagt, am späten Nachmittag an, und ich gab ihm ein Bett im Gästehaus. Er nahm am Gottesdienst teil und aß eine Mahlzeit. In der Nacht wurde ich von der Äbtissin geweckt. Anscheinend war die Leiche einer jungen Novizin am Kai außerhalb der Abtei gefunden worden. Der Hauptmann der Wache hatte sie entdeckt. Von den Schiffen, die dort anlegen, wird viel gestohlen. Ein ausgedehnter Handel läuft über die Stadt. Deshalb wird an den Kais ständig Wache gehalten. Dieses junge Mädchen war vermutlich vergewaltigt und dann erdrosselt worden. Es wurde Alarm geschlagen. Die Äbtissin forderte mich auf, sie zu dem Nachtlager des Angelsachsen zu führen.«

Fidelma runzelte die Stirn. »Warum zu dem Angelsachsen? Wieso verfiel die Äbtissin gerade auf ihn?«

Schwester Etromma blieb ungerührt. »Ganz einfach. Er war erkannt worden.«

»Erkannt? Von wem und wie?« Fidelma bemühte sich, ihr Entsetzen nicht zu verraten.

»Der Hauptmann der Wache hatte der Äbtissin erklärt, daß der Angelsachse der Täter sei. Ich führte die Äbtissin, den Hauptmann der Wache und ein paar andere ins Gästehaus. Der Angelsachse war im Bett und tat so, als ob er schliefe. Als man ihn aus dem Bett holte, fand man Blutflecke an ihm und ein Stück Stoff, das von der Kutte der toten Novizin abgerissen war.«

Fidelma unterdrückte ein Stöhnen. Das sah übler aus, als sie sich vorgestellt hatte.

»Das ist schlimm genug, aber du hast mir noch nicht gesagt, wie er erkannt wurde. Ich verstehe nicht, wie der Hauptmann der Wache behaupten konnte, der Angelsachse sei der Täter, wenn er, wie du sagst, nicht auf frischer Tat ertappt, sondern schlafend im Gästehaus gefunden wurde. Wie heißt übrigens dieser Hauptmann der Wache? Mit dem möchte ich sprechen.«

»Sein Name ist Mel.«

Diese Auskunft überraschte Fidelma.

»Ist das derselbe Mel, der jetzt die Palastwache Fia-namails befehligt? Der Bruder von Lassar, der Wirtin des Gasthauses zum Gelben Berg?«

Schwester Etromma schaute sie verblüfft an. »Den kennst du also schon?«

»Ich wohne im Gasthaus zum Gelben Berg.«

»Nach seiner erfolgreichen Festnahme des Angelsachsen hat ihn der König befördert. Vorher war er Hauptmann der Wache am Hafen.«

»Eine schöne Beförderung«, bemerkte Fidelma trocken.

»Fianamail ist manchmal großzügig denen gegenüber, die ihm gute Dienste leisten«, meinte die Verwalterin. Hörte Fidelma einen leicht ironischen Ton heraus?

»Ich frage dich nochmals, was hat den Hauptmann der Wache so unfehlbar ans Bett Bruder Eadulfs geführt, der dann auch noch die belastenden Beweisstücke bei sich hatte?«

Schwester Etromma verzog das Gesicht. »Es hieß, ein Mönch sei gesehen worden, wie er vom Kai zur Abtei rannte, kurz bevor die Leiche entdeckt wurde.«

»Wie viele Mönche gibt es in der Abtei Fearna? Einhundert? Zweihundert?« Fidelma konnte den Zweifel in ihrer Stimme nicht verbergen.

»Fast zweihundert«, erklärte Schwester Etromma ungerührt.

»Zweihundert? Aber die Spur führte geradewegs zu dem Angelsachsen. Das war anscheinend ein großartiges Stück Aufklärungsarbeit von Seiten des Hauptmanns der Wache.«

»Nicht so ganz. Hat man dir das nicht berichtet?«

Fidelma bereitete sich auf eine neue Enthüllung vor. »Es gibt vieles, was man mir nicht berichtet hat. Was genau meinst du?«

»Nun, es gibt eine Augenzeugin der Tat.«

Fidelma schwieg einen Moment. »Eine Augenzeugin?« fragte sie langsam. »Die die Vergewaltigung und den Mord gesehen hat?«

»Allerdings. Es war noch eine andere Novizin dort am Kai zusammen mit der, die umgebracht wurde.«

»Willst du damit sagen, daß diese Novizin ... Wie heißt sie?«

»Die Augenzeugin?«

»Ja.«

»Fial.«

»Und wie heißt das ermordete Mädchen?«

»Gormgilla.«

»Willst du also sagen, daß Fial tatsächlich beobachtete, wie ihre Freundin Gormgilla vergewaltigt und ermordet wurde, und Bruder Eadulf als den Täter erkannte?«

»Ja, so war es.«

»Und sie hat ihn deutlich erkannt? Ohne jeden Zweifel?«

»Sie war sich völlig sicher. Es war der Angelsachse.«

Fidelma spürte, wie Verzweiflung sie überkam. Bisher hatte sie gedacht, es sei alles ein absurder Irrtum. Auch als sie die Anklage gegen Eadulf erfuhr, den Vorwurf der Vergewaltigung und des Mordes, noch dazu eines zwölfjährigen Mädchens, also eines Mädchens vor dem Alter der Wahl, hatte sie ihre Meinung nicht geändert, denn sie glaubte fest an Eadulf. Es lag einfach nicht in seiner Natur, so etwas zu tun. Es mußte ein törichter Irrtum sein, eine Verwechslung von Personen oder eine falsche Verbindung von Tatsachen.

Jetzt stand sie einer überwältigenden Masse von Beweisen gegenüber, nicht nur den materiellen Beweisen von Blutflecken und zerrissener Kleidung, sondern vor allem der Aussage einer Augenzeugin. Für Eadulf sah es verheerend aus. Was würde Oberrichter Barran sagen, wenn er auf ihr Verlangen nach Fearna käme und feststellen müßte, daß sie keine Gründe für eine Berufung zu bieten hätte? Könnte es sein, daß Eadulf trotz ihres Glaubens an ihn schließlich doch schuldig war? Nein! So gut kannte sie Eadulf doch wohl?

Schwester Etromma führte sie durch eine gewölbte Tür in einen großen viereckigen Hof. Dort erblickte Fidelma eine hölzerne Plattform. Sie brauchte nicht zu fragen, wozu die gräßliche Vorrichtung diente. Die Leiche eines jungen Mönchs hing reglos an einem Strick vom Galgen herab. Niemand war zu sehen.

Einen schrecklichen Augenblick lang schien es Fidelma, als erstarre ihr Blut zu Eis, denn sie glaubte, es wäre Eadulfs Leiche und sie wäre allen Versicherungen zum Trotz zu spät gekommen. Sie blieb jäh stehen und starrte benommen hinüber.

Als Schwester Etromma merkte, daß sie ihr nicht folgte, kam sie zurück. Sie machte ein unglückliches Gesicht und vermied es, die Leiche anzusehen.

»Wer ist das?« fragte Fidelma, die inzwischen erkannt hatte, daß der Tote die Tonsur des heiligen Johannes trug und nicht die des heiligen Petrus wie Eadulf.

»Das war Bruder Ibar«, erklärte die Verwalterin leise.

»Aus welchem Grunde wurde er hingerichtet?«

»Mord und Diebstahl.«

Fidelmas Mund wurde schmal. »Kommt diese Art der Bestrafung nach den Bußgesetzen hier in der Abtei jetzt in Mode?« fragte sie bitter. »Kennst du die Einzelheiten seines Verbrechens?«

»Ich wohnte seinem Gerichtsverfahren bei, Schwester. Die ganze Gemeinschaft tat das, auf Befehl von Äbtissin Fainder. Es war das erste Verfahren, das zu einer Hinrichtung nach den neuen Bußgesetzen führte, und er gehörte unserer Gemeinschaft an.«

»Du hast Mord und Diebstahl erwähnt?«

»Bruder Ibar wurde schuldig befunden, unten am Kai der Abtei einen Flußschiffer getötet und beraubt zu haben.«

»Wann war das?«

»Vor ein paar Wochen.«

Fidelma betrachtete den sanft schaukelnden Leichnam.

»Es gibt anscheinend viele Todesfälle am Kai der Abtei«, überlegte sie laut. Ihr kam ein Gedanke. »Du sagtest, vor ein paar Wochen hätte Ibar einen Flußschiffer am Kai getötet und beraubt? War das vor oder nach dem Verbrechen, das Bruder Eadulf zur Last gelegt wird?«

»Ach, danach. Gleich am nächsten Tag.«

»Ungewöhnlich, nicht wahr? Zwei Mordtaten am selben kleinen Kai innerhalb von zwei Tagen, und dann werden zwei Mönche zum Tode verurteilt, und einer ist bereits tot.«

Schwester Etromma runzelte die Stirn. »Aber zwischen den beiden Ereignissen bestand kein Zusammenhang.«

Fidelma wies angeekelt auf den Leichnam.

»Wie lange soll er dort noch hängen?«

»Bis Sonnenuntergang. Dann wird er abgeschnitten und draußen in ungeheiligtem Boden begraben.«

»Wie gut kanntest du ihn?«

»Nicht sehr gut. Er war ziemlich neu in der Gemeinschaft. Ich glaube, er stammte aus Rathdangan, nach Norden zu. Von Beruf war er Schmied. Als Schmied hat er auch in der Gemeinschaft gearbeitet.«

»Warum hat er den Flußschiffer getötet und beraubt?«

»Man nimmt an, daß ihn die Habgier getrieben hat. Er hat einen Beutel Goldmünzen und eine goldene Kette erbeutet, nachdem er den Mann erstochen hatte.«

»Wozu braucht ein Schmied, der in dieser Abtei arbeitet, noch Geld? Ein Schmied wird so hoch geachtet, daß er jeden Preis für seine Arbeit verlangen kann. Sein Sühnepreis beträgt zehn seds, genausoviel wie der eines aire-echta, eines Brehons von geringer Qualifikation.«

Schwester Etromma zuckte ausdrucksvoll die Achseln. »Hier wird es kühl, Schwester«, sagte sie, »gehen wir lieber weiter.«

Fidelma folgte ihr über den Hof, den an allen vier Seiten hohe Gebäude umstanden, und durch eine weitere kleine Tür. Schwester Etromma stieg die Steinstufen empor über zwei Stockwerke in einen hochgelegenen Gang. Das Gebäude war feucht und roch muffig. Fidelma empfand tiefe Niedergeschlagenheit. Die Düsternis, die so bedrohlich und bedrückend auf dem Ort lastete, ließ in ihr nicht das Gefühl aufkommen, im Hause einer Gemeinschaft zu weilen, die sich dem christlichen Leben widmete. Es umgab sie eine Atmosphäre nahenden Unheils, die sie sich schwer erklären konnte.

Schwester Etromma ließ Fidelma verschnaufen, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann führte sie sie einen schmutzigen Gang entlang, der an einer kleinen Eichentür mit eisernen Riegeln endete.

Dort tauchte plötzlich ein riesiger Schatten aus der Dunkelheit auf.

»Wer ist da?« fragte eine rauhe Stimme. »Bist du das, Etromma?«

»Ja«, antwortete die Verwalterin. »Bei mir ist Schwester Fidelma, eine dalaigh, die die Erlaubnis der Äbtissin hat, den Gefangenen zu verhören.«

Fidelma spürte den Geruch von Zwiebeln im Atem des stämmigen Mannes, der näher trat und sie musterte.

»Na gut«, brummte er. »Wenn Etromma das sagt, dann darfst du rein.« Die Gestalt verschwand wieder in der Dunkelheit.

»Wer war das?« flüsterte Fidelma, beeindruckt von der riesigen Statur des Wächters.

»Das war mein Bruder Cett, der jetzt als Gefängniswärter dient«, erwiderte Etromma.

»Dein Bruder Cett?« fragte Fidelma, die sich über das Pronomen wunderte.

Schwester Etrommas Ton blieb kühl. »Mein leiblicher Bruder wie auch mein Bruder im Glauben. Mein armer Bruder ist eine schlichte Seele. Als Kinder gerieten wir in einen Überfall der Ui Neill, und er wurde am Kopf verwundet, so daß er jetzt nur noch einfache Arbeiten verrichten kann und solche, die viel Kraft erfordern.«

Schwester Etromma schob die eisernen Riegel an der Zellentür zurück.

»Ruf mich, wenn du wieder gehen willst. Bruder Cett oder ich sind in Hörweite.«

Sie öffnete die Tür, und Fidelma trat in die Zelle. Einen Augenblick blinzelte sie in den Lichtstrahl, der durch das vergitterte Fenster in der gegenüberliegenden Wand fiel.

Eine überraschte Stimme rief aus: »Fidelma! Bist du das wirklich?«

Kapitel 5

Als die Tür sich hinter ihr schloß und die Riegel knarrend vorgeschoben wurden, trat Fidelma in die Mitte des kleinen Raums und streckte dem jungen Mann, der sich rasch von seinem Schemel erhoben hatte, die Hände hin. Bruder Eadulf ergriff ihre Hände, und einen Moment schauten sich beide an. Kein Wort fiel, aber ihre Blicke trafen sich und drückten stumm ihre Besorgnis füreinander aus.

Eadulf wirkte abgemagert. Er hatte sich nicht regelmäßig rasieren dürfen, und deshalb bedeckten Stoppeln seine Wangen. Sein lockiges braunes Haar war ungekämmt und verfilzt, und seine Kleidung war schmutzig und roch. Eadulf bemerkte das Entsetzen in ihrer Miene und lächelte entschuldigend.

»Ich fürchte, die Gastfreundschaft in diesem Haus ist nicht gerade von der besten Art, Fidelma. Die gute Äbtissin hält nichts davon, Seife und Wasser an jemanden zu verschwenden, der nicht mehr lange in diesem Tal der Tränen zu verweilen hat.« Er hielt in-ne. »Aber ich freue mich so, dich noch einmal zu sehen, bevor ich diese Welt verlasse.«

Fidelma gab einen undefinierbaren Laut von sich, der vielleicht ein kleines Schluchzen war, dann versuchte sie tapfer, ihre Gefühle zu verbergen.

»Bist du sonst gesund, Eadulf? Hat man dich nicht mißhandelt?«

»Grob hat man mich behandelt ... zuerst«, gestand Eadulf gelassen. »Die Leidenschaften gehen hoch bei der Art von Verbrechen, das man mir zur Last legt. Es war ein junges Mädchen, das vergewaltigt und ermordet wurde. Aber wie geht es dir, Fidelma? Ich dachte, du wärst auf Pilgerreise in Iberia, zum Grab des heiligen Jakobus?«

Fidelma machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ich kam zurück, sobald ich die Nachricht erhielt. Ich eilte hierher, um dich zu verteidigen.«

Einen Moment lächelte Eadulf froh, dann wurde er wieder ernst.

»Hat man dir nicht gesagt, daß alles vorbei ist? Die sogenannte Gerichtsverhandlung dauerte nicht lange, und morgen habe ich eine Verabredung in dem Hof da unten.« Er nickte zu dem Fenster hin. »Hast du den Galgen gesehen?«

»Man hat es mir gesagt.« Fidelma sah sich um und setzte sich auf den Schemel, von dem Eadulf aufgestanden war.

Er nahm auf dem Bett Platz. »Hier vergesse ich schon meine Manieren, Fidelma. Ich hätte dich zum Sitzen auffordern müssen.« Das sollte spaßig klingen, aber seine Stimme war hohl und tonlos.

Fidelma lehnte sich zurück, faltete die Hände im Schoß und sah Eadulf forschend an.

»Hast du das getan, dessen man dich beschuldigt?« fragte sie abrupt.

Eadulf hielt ihrem Blick stand.

»Deus miseratur, ich habe es nicht getan! Darauf gebe ich dir mein Wort, obgleich ich fürchte, daß mein Wort in dieser Sache nicht zählt.«

Fidelma nickte kurz. Wenn Eadulf sein Wort gab, dann glaubte sie ihm.

»Erzähl mir die Geschichte. Ich verließ dich in Cashel, als ich abreiste, um das Pilgerschiff nach Iberia zu erreichen. Fang von da an.«

Eadulf schwieg einen Moment und sammelte seine Gedanken.

»Die Geschichte ist ziemlich einfach. Ich beschloß, deinem Rat zu folgen und zu Erzbischof Theodor nach Canterbury zurückzukehren. Ich war ja schon ein Jahr von dort fort. In Cashel hielt mich auch nichts mehr.«

Er schwieg; Fidelma bewegte sich zwar leicht auf dem Schemel, sagte aber nichts.

»Dein Bruder gab mir Botschaften für Theodor und für die angelsächsischen Könige mit.«

»Mündlich oder schriftlich?« erkundigte sich Fidelma.

»Die eine Botschaft an Theodor war schriftlich abgefaßt. Die anderen Botschaften an die Könige trug er mir nur mündlich auf, einfach Grüße und Freundschaftsbekundungen.«

»Wo befindet sich die schriftliche Botschaft jetzt?«

»Meine persönliche Habe wurde von der Äbtissin beschlagnahmt.«

Fidelma überlegte einen Augenblick. »Hattest du irgend etwas bei dir, was dich als techtaire auswies?«

Eadulf kannte das Wort und lächelte.

»Er gab mir einen weißen Amtsstab mit. Da fällt mir ein, den und den Brief habe ich wohl aus meiner Reisetasche genommen und sicherheitshalber unter dem Bett im Gästehaus versteckt.«

»Also hat man sie wahrscheinlich inzwischen zu deinen anderen Habseligkeiten getan?«

»Das nehme ich an. Dein Bruder wollte mir ein gutes Pferd leihen. Aber da ich nicht wußte, wann und wie ich es ihm zurückgeben könnte, nahm ich lieber einen Platz auf einem Frachtwagen an, den mir ein hierherreisender Kaufmann anbot. Ich wußte, ich würde auf einem Lastkahn flußabwärts fahren können und an der Küste ein angelsächsisches Handelsschiff für die Überfahrt in die Heimat finden. Bis hierher kam ich ohne jeden Zwischenfall.«

Er überlegte einen Moment, um die Ereignisse in der richtigen Reihenfolge zu berichten.

»Am späten Nachmittag erreichte ich die Abtei und bat natürlich um Unterkunft für eine Nacht, da ich annahm, ich würde am nächsten Morgen ein Flußschiff finden. Ich sprach mit der rechtaire, Schwester Etromma, die mich nach meinen Absichten fragte. Ich erklärte ihr, ich sei auf dem Weg zurück nach Canterbury. Ich hielt es nicht für notwendig, ihr zu sagen, daß ich Botschaften für den Erzbischof bei mir hatte. Sie wies mir ein Bett im Gästehaus an. In der Nacht schlief dort niemand anders. Ich besuchte den Abendgottesdienst, aß eine Mahlzeit und ging zu Bett. Ach, Schwester Etromma stellte mich auch der Äbtissin Fainder vor ... Doch die schien sehr beschäftigt, oder aber sie mag keine Angelsachsen. Sie ignorierte mich mehr oder weniger.«

»Was dann?«

»Ich lag in tiefem Schlaf. Es muß am frühen Morgen gewesen sein, vielleicht eine Stunde vor Sonnenaufgang, da wurde ich aus dem Bett gerissen. Um mich herum war Geschrei, und ich wurde gestoßen und geschlagen. Ich wußte nicht, was los war. Ich wurde hierhergeschleppt und in eine Zelle gesperrt .«

Fidelma beugte sich interessiert vor.

»Hat dir niemand erklärt, was vor sich ging? Hat man dich irgendwie beschuldigt oder dir gesagt, weshalb man dich zu einer solchen Stunde aus dem Bett holte?«

»Keiner sagte mir etwas, außer daß mir alle Beschimpfungen entgegenschrien.«

»Wann hast du zuerst erfahren, welche Beschuldigung gegen dich erhoben wird?«

»Erst nach langer Zeit. Ich würde sagen, es war gegen Mittag, als dieser riesige Bruder Cett hier in diese Zelle trat. Ich wollte wissen, was los war, aber gleich danach kam Äbtissin Fainder mit einem jungen Mädchen herein. Das Mädchen trug die Kutte einer Novizin, obgleich es noch sehr jung schien.«

»Was weiter?«

»Das Mädchen zeigte einfach auf mich. Niemand sagte etwas, und dann wurde es aus der Zelle geführt.«

»Die Kleine hat nichts gesagt? Kein einziges Wort?« forschte Fidelma.

»Sie hat einfach auf mich gezeigt«, wiederholte Eadulf. »Dann brachte die Äbtissin sie weg. Niemand sprach, und Bruder Cett ging auch hinaus und verschloß die Tür.«

»Wann hat man dir denn mitgeteilt, welches Verbrechen man dir zur Last legt?«

»Das hat man mir erst zwei Tage später erklärt.«

»Du warst hier zwei Tage eingesperrt, ohne daß dir irgend jemand etwas gesagt hat?« Fidelma wurde laut vor Zorn.

Eadulf grinste trübselig. »Und ohne Essen und Wasser«, setzte er hinzu. »Ich erwähnte schon, daß die Gastfreundschaft der Abtei nicht eben die beste ist.«

Fidelma starrte ihn entsetzt an. »Was?«

»Erst nach zwei Tagen kam Bruder Cett wieder herein und brachte mir Waschwasser und etwas zum Essen. Eine Stunde später erschien ein großer, leichenblasser Mann mit einer spröden Stimme und stellte sich als ein Brehon des Königs vor.«

»Bischof Forbassach!«

»Ja, er nannte sich Bischof Forbassach. Kennst du ihn?«

»Er ist mein Gegner von früher her. Aber erzähl weiter.«

»Es war dieser Forbassach, der mir erklärte, ich sei angeklagt, eine junge Novizin der Abtei vergewaltigt und dann erdrosselt zu haben. Ich war sprachlos. Ich sagte ihm, ich sei zur Abtei gekommen, um eine Mahlzeit und eine Unterkunft für die Nacht zu erbitten. Dann sei ich geweckt, ergriffen und zwei Tage lang in diese Zelle gesperrt worden. Er erwiderte, ich sei im Bett gefunden worden mit Blut auf meiner Kleidung und mit einem abgerissenen Stück von dem blutigen Gewand der Novizin.« Er verzog den Mund. »Ich glaubte es schlau anzustellen, als ich spöttisch zu dem Bischof sagte, er hätte doch behauptet, das Mädchen sei erdrosselt worden, wenn ich also voller Blut gewesen wäre, dann wäre das doch wohl ein Wunder. Da erklärte mir der Bischof, woher das Blut käme. Die Novizin war eine zwölfjährige Jungfrau. Als krönenden Abschluß informierte mich der Bischof dann noch darüber, daß es eine Augenzeugin meiner Untat gäbe.«

»Ich fürchte, das ist eine ziemlich vernichtende Beweislage, Eadulf«, meinte Fidelma. »Hast du eine Ahnung, wie das alles zustande kommt?«

Eadulf senkte den Kopf. »Überhaupt keine. Ich dachte, es wäre alles nur ein böser Traum«, murmelte er.

»Stimmt es, daß du Blut auf deiner Kleidung hattest?«

»Mir fiel das Blut an meiner Kleidung auf, kurz nachdem ich hierhergebracht worden war. Ich dachte einfach, es wäre mein eigenes Blut, denn die Leute, die mich wegschleppten, schlugen und traten mich. Ich hatte auch eine Rißwunde im Gesicht.«

Fidelma sah die kleine vernarbende Wunde. »Und das abgerissene Stück von der Kutte?«

Eadulf zuckte die Achseln. »Davon wußte ich nichts, bis mir bei der Gerichtsverhandlung ein Stück Tuch vorgehalten wurde. Ich kannte es nicht.«

»Und die Augenzeugin?«

»Das junge Mädchen? Die log oder irrte sich.«

»Hattest du sie schon einmal gesehen? Ich meine, bevor sie dich beschuldigte?«

»Ich glaube nicht. Ich nahm an, es sei dasselbe junge Mädchen, das man in meine Zelle geführt und das auf mich gezeigt hatte. Ich muß zugeben, daß ich nach all den Schlägen noch nicht ganz auf der Höhe war. Sie erschien bei der Verhandlung und wurde Fial genannt.«

»Du sagtest, du hättest am Gottesdienst teilgenommen und zu Abend gegessen, ehe du zu Bett gingst. Hast du Fial dabei gesehen?«

»Meines Wissens nicht, aber sie könnte mich gesehen haben. Merkwürdigerweise kann ich mich an gar keine jungen Novizinnen in der Kapelle erinnern, jedenfalls nicht an so junge wie sie. Fial war höchstens zwölf oder dreizehn Jahre alt.«

»Hast du mit irgend jemandem gesprochen außer mit der Verwalterin und der Äbtissin?«

»Ich habe mich kurz mit einem jungen Bruder unterhalten. Er hieß Ibar.«

Fidelma hob überrascht den Kopf. »Ibar?« Unwillkürlich ging ihr Blick zum Fenster, und sie dachte an den Leichnam am Galgen.

»Es hieß, er habe einen Tag nach meinem angeblichen Mord an dem jungen Mädchen einen Flußschiffer umgebracht«, bestätigte Eadulf. »Heute früh haben sie ihn gehängt.« Plötzlich erschauerte er. »Irgend etwas stimmt hier nicht, Fidelma. Ich meine, du solltest diesen Ort sofort verlassen, ehe dir etwas zustößt. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen ...«

Fidelma beugte sich vor und legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

»Was hier auch immer nicht stimmen mag, Eadulf, sie würden nicht wagen, mir etwas anzutun, aus Furcht vor einer Vergeltung, der sie nicht gewachsen wären. Wer >sie< auch sein mögen. Mach dir keine Sorgen um meine Sicherheit. Außerdem habe ich zwei Krieger meines Bruders bei mir.«

Eadulf schüttelte hartnäckig den Kopf. »Trotzdem ist deine Sicherheit an diesem Ort der Finsternis nicht gewährleistet, Fidelma. Etwas Böses geht in dieser Abtei um, und es wäre mir lieber, wenn du mich verloren gibst und um deiner Sicherheit willen nach Cashel zurückkehrst.«

Fidelma schob trotzig das Kinn vor. »Hör auf mit diesem Gerede, Eadulf. Ich bin hier, und ich bleibe hier, bis wir die Angelegenheit geklärt haben. Nun konzentriere dich. Erzähl mir von deiner Gerichtsverhandlung.«

»Die Zeit verging, ich verlor den Überblick. Bruder Cett brachte mir nur ab und zu etwas Essen, und waschen durfte ich mich, wenn es ihm gerade gefiel. Er liebt es, anderen weh zu tun. Ein böser Mensch. Nimm dich vor ihm in acht.«

»Ich habe gehört, er sei etwas einfältig.«

Eadulf lächelte schief. »Einfältig? Ja. Er gehorcht, wenn ihm etwas befohlen wird, und etwas Schwieriges kann er nicht verstehen. Aber wenn ihm geheißen wird, er solle Schmerzen zufügen, dann genießt er das. Er fungierte als Henker bei . « Eadulf zeigte zum Fenster, und Fidelma erriet den Rest.

Angewidert rümpfte sie die Nase. »Ein Mönch als Henker? Gott sei seiner irregeleiteten Seele gnädig. Aber du wolltest von der Verhandlung erzählen.«

»Ich wurde hinuntergebracht in die Kapelle, und Bischof Forbassach führte den Vorsitz zusammen mit Äbtissin Fainder. Dazu kam noch ein Mann, der ebenso finster und starr dreinschaute wie Forbassach. Es war ein Abt.«

»Abt Noe?«

Eadulf bejahte mit einem Nicken. »Kennst du den auch?«

»Beide, Bischof Forbassach und Abt Noe, sind meine Gegner von früher her.«

»Bischof Forbassach wiederholte die Beschuldigungen, und ich wies sie zurück. Forbassach meinte, es würde mir schlimm ergehen, denn ich vergeudete die Zeit des Gerichts. Ich wies die Beschuldigungen erneut zurück, denn was sollte ich sonst tun als die Wahrheit sagen?« Eadulf schwieg einen Moment nachdenklich. »Schwester Etromma wurde als Zeugin vernommen. Sie berichtete, wie sie mich in der Abtei aufgenommen hatte. Dann identifizierte sie die Leiche des ermordeten Mädchens als eine gewisse Gormgilla, die als Novizin in die Abtei eintreten wollte .«

Fidelma unterbrach ihn.

»Einen Augenblick, Eadulf. Wie lauteten ihre Worte genau? Über Gormgilla, meine ich.«

»Sie sagte, Gormgilla sei eine Novizin .«

»Das hast du eben anders ausgedrückt. Du hast gesagt, >die als Novizin in die Abtei eintreten wollte.< Warum hast du diese Worte gebraucht?«

Eadulf zuckte verlegen die Achseln. »Ich glaube, so hat sie es gesagt. Kommt es darauf an?«

»Durchaus. Aber erzähl weiter.«

»Das war alles, was Schwester Etromma mitzuteilen hatte, außer dem Hinweis, daß Gormgilla erst zwölf Jahre alt war. Dann wurde das andere Mädchen aufgerufen .«

»Welches andere Mädchen?«

»Das in meine Zelle kam und auf mich zeigte.«

»Ach ja, Fial.«

»Sie stellte sich dem Gericht als Novizin in der Abtei vor. Sie erklärte, sie sei Gormgillas Freundin gewesen. Sie setzte hinzu, sie habe mit ihr verabredet, daß sie sich kurz nach Mitternacht am Kai treffen wollten.«

»Warum?«

Eadulf schaute Fidelma verständnislos an. »Warum?« wiederholte er.

»Hat man sie denn nicht gefragt, warum sie sich mit einer jungen Novizin nach Mitternacht am Kai treffen wollte? Wir reden von Zwölfjährigen, Eadulf.«

»Keiner hat sie danach gefragt. Sie sagte einfach, sie sei zum Kai gegangen und habe gesehen, wie ihre Freundin mit einem Mann kämpfte.«

»Wie hat sie das gesehen?«

Eadulf war verblüfft, Fidelma bewahrte Geduld.

»Es war nach Mitternacht«, erläuterte sie. »Vermutlich war es dunkel. Wie konnte sie das alles sehen?«

»Ich nehme an, der Kai war von Fackeln erhellt.«

»Hat man das nachgeprüft? Und konnte man bei dem Fackelschein das Gesicht des Mannes deutlich erkennen? Hat man sie gefragt, wie dicht sie dran war und wo das Licht brannte?«

»Nichts von alledem. Sie sagte nur aus, sie habe ihre Freundin mit einem Mann kämpfen sehen.«

»Kämpfen?«

»Sie sagte, der Mann habe ihre Freundin erwürgt«, fuhr er fort. »Dann sei er aufgestanden und zur Abtei gerannt. Sie hätte mich als diesen Mann erkannt. Sie sagte, der Mann sei der fremde Angelsachse gewesen, der sich in der Abtei aufhielt.«

Fidelma stutzte wieder. »Sie gebrauchte die Worte >der fremde Angelsachse<?«

»Ja.«

»Und du behauptest, du hättest sie vorher nie gesehen? Nie mit ihr gesprochen?«

»Das stimmt.«

»Woher wußte sie dann, daß du ein Angelsachse bist?«

»Wahrscheinlich hat man es ihr gesagt.«

»Genau. Und was hat man ihr noch alles gesagt?«

Eadulf blickte sie traurig an. »Schade, daß du bei der Verhandlung nicht dabei warst.«

»Vielleicht. Du hast noch nicht erwähnt, wer dich vor Gericht vertreten hat.«

»Niemand.«

»Was?« Sie explodierte vor Zorn. »Du hattest keinen dalaigh, der dich verteidigte? Hat man dir keinen angeboten?«

»Ich wurde nur zur Verhandlung geführt. Ich hatte keine Gelegenheit, um einen Rechtsbeistand zu bitten.«

Zum erstenmal erhellte eine leichte Hoffnung Fi-delmas Gesicht.

»Hier ist vieles schief gelaufen, Eadulf. Bist du sicher, daß Bischof Forbassach dich nicht gefragt hat, ob du einen Verteidiger möchtest oder dich selbst verteidigen willst?«

»Da bin ich sicher.«

»Was wurden noch für Beweise gegen dich vorgebracht?«

»Ein Bruder Miach sagte aus. Es hieß, er sei hier der Arzt. Er erläuterte im einzelnen, wie das Mädchen vergewaltigt und erdrosselt wurde. Dann wurde ich gefragt, ob ich noch weiter leugne, und ich bejahte das. Da erklärte Forbassach, der Fall werde nach den kirchlichen Gesetzen entschieden und nicht nach den Gesetzen der Brehons von Eireann. Ich solle gehängt werden. Das Urteil werde dem König selbst zur Bestätigung vorgelegt. Vor ein paar Tagen kam die Bestätigung des Königs, und so werde ich morgen Bruder Cett dort unten auf der Plattform begegnen.«

»Nicht, wenn es noch Gerechtigkeit gibt, Eadulf«, erwiderte Fidelma fest. »Nach dem, was du mir berichtet hast, sind noch viele Fragen zu stellen.«

Eadulf verzog traurig den Mund. »Vielleicht ist es jetzt etwas zu spät dafür, Fidelma?«

»Nein. Ich lege Berufung ein.«

Zu ihrer Überraschung schüttelte Eadulf den Kopf.

»Du kennst die Äbtissin nicht. Sie hat großen Einfluß auf Bischof Forbassach. Die Leute hier leben in ständiger Angst vor ihr.«

Das interessierte Fidelma. »Woher weißt du das?«

»Da ich hier schon ein paar Wochen eingesperrt sitze, habe ich ein Gespür für das wenige entwickelt, was mir zugetragen wird. Selbst der unsägliche Bruder Cett versorgt mich auf seine wortkarge Art mit Informationen. Wenn diese Abtei ein Spinnennetz ist, dann sitzt die Äbtissin in seinem Zentrum wie eine hungrige schwarze Spinne.«

Fidelma lächelte, denn das erschien ihr als eine treffende Beschreibung der Äbtissin Fainder.

Sie stand langsam auf und sah sich in der Zelle um. Sie enthielt nichts außer einem Schemel und einem Bett mit einem Strohsack und einer Decke. Eadulf besaß nur die Kleidung, die er anhatte.

»Du meintest, die Äbtissin müsse deine Reisetasche und den Amtsstab und den Brief von Colgü an Theodor haben?«

»Wenn das alles nicht unter dem Bett im Gästehaus geblieben ist.«

Fidelma ging zur Tür, hämmerte dagegen und rief nach Schwester Etromma. Dann wandte sie sich zu Eadulf um und lächelte ihm aufmunternd zu.

»Gib die Hoffnung nicht auf, Eadulf. Ich werde die Wahrheit herausbekommen und zusehen, daß ich Gerechtigkeit finde.«

»Dabei will ich dir helfen, aber ich erwarte nichts mehr an diesem Ort.«

Es war der stämmige, finstere Bruder Cett, der die Tür öffnete und beiseite trat, um Fidelma auf den dunklen Gang hinauszulassen. Er schlug die Zellentür zu und schob die Riegel vor.

»Wo ist Schwester Etromma?« wollte Fidelma wissen.

Der Riese antwortete nicht, sondern hob nur die Hand und zeigte den Gang entlang.

Fidelma folgte seinem Wink und fand Schwester Etromma, die am Ende der Treppe in einer Fensternische mit Bank wartete. Das Fenster blickte auf den Fluß. Kähne fuhren darauf, es schien eine belebte Wasserstraße zu sein. Schwester Etromma war so versunken in diesen Anblick, daß Fidelma hüsteln mußte, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.

Sie wandte sich um und sprang sofort auf.

»Ist dein Gespräch mit dem Angelsachsen befriedigend verlaufen?« fragte die Verwalterin der Abtei rasch.

»Befriedigend? Kaum. Bei dem Verfahren sind viele ««befriedigende Dinge vorgefallen. Wie ich hörte, hast du als Zeugin ausgesagt?«

Schwester Etrommas Miene wurde abweisend. »Ja.«

»Es hieß, du habest das Opfer, Gormgilla, identifiziert. Ich wußte nicht, daß du sie kanntest.«

»Ich kannte sie nicht.«

Fidelma war verblüfft. »Wie konntest du sie dann identifizieren?«

»Ich sagte dir schon, sie war eine jungen Novizin in der Abtei.«

»Allerdings. Dann kann ich also annehmen, daß du als Verwalterin der Abtei sie mit den anderen Novizinnen begrüßt hast, als sie in der Abtei eintraf? Wann ist sie denn dieser Gemeinschaft beigetreten?«

Schwester Etrommas Miene wurde unsicher.

»Ich weiß nicht mehr recht ...«

»Ich brauche eine genaue Aussage, Schwester«, fuhr Fidelma sie bissig an. »Sag mir bitte genau, wann du das tote Mädchen Gormgilla zum erstenmal gesehen hast.«

»Ich ... ich sah sie erst, als ihr Leichnam in die Totenhalle der Abtei gebracht wurde«, gestand die Verwalterin.

Fidelma starrte sie einen Moment verdutzt an. Dann schüttelte sie den Kopf. Vielleicht sollte sie sich daran gewöhnen, daß dieser Fall verblüffende Wendungen nahm.

»Du sahst sie zum erstenmal, nachdem sie schon tot war? Wie konntest du sie dann als Novizin der Abtei identifizieren?«

»Die Äbtissin sagte mir, das wäre sie.«

»Aber du hattest kein Recht, sie mit einer Aussage vor Gericht zu identifizieren, wenn du sie nicht persönlich kanntest.«

»Ich würde nie am Wort der Äbtissin zweifeln. Außerdem erklärte Fial, sie sei ihre Freundin und mit ihr in die Abtei gekommen, um als Novizin einzutreten.«

Fidelma hielt es für zwecklos, der Verwalterin die Regeln für eine Zeugenaussage klarzumachen.

»Deine Aussage ist gerichtlich wertlos. Wer hat dieses Mädchen vor ihrem Tod gesehen? Sie ist doch nicht einfach so in der Abtei aufgetaucht?«

Schwester Etromma blieb hartnäckig. »Die Äbtissin hat es mir gesagt, und ich sage es dir. Außerdem nimmt die Vorsteherin der Novizinnen die Neuankömmlinge in Empfang und bildet sie aus. Sie müßte das Mädchen gesehen haben.«

»Aha. Jetzt kommen wir der Sache näher. Warum hat die Vorsteherin der Novizinnen nicht ausgesagt? Wer ist diese Frau, und wo finde ich sie?«

Schwester Etromma zögerte. »Sie befindet sich auf einer Pilgerfahrt nach Iona.«

Fidelma stutzte. »Und wann hat sie die angetreten?«

»Ein oder zwei Tage vor dem Mord an Gormgilla. Deshalb war es normal, daß ich als Verwalterin der Abtei die Aussage machte. Wahrscheinlich hatte die Äbtissin von der Vorsteherin der Novizinnen erfahren, daß das Mädchen zu ihren Schützlingen gehörte.«

»Genau darum besitzt deine Aussage keine gesetzliche Grundlage. Du hast nur wiederholt, was man dir gesagt hatte, nicht, was du weißt.« Fidelma war zornig darüber, daß man das gesetzlich übliche Verfahren anscheinend völlig mißachtet hatte. Es waren bestimmt genügend Verstöße gegen die Rechtsordnung vorgekommen, mit denen eine Berufung zu begründen war.

»Aber Fial war auch Novizin und hat ihre Freundin identifiziert«, wandte Schwester Etromma ein.

»Dann müssen wir Schwester Fial finden, denn ihre Aussage ist von entscheidender Bedeutung für den ganzen Fall. Suchen wir sie doch gleich.«

»Nun gut.«

»Außerdem möchte ich die anderen Zeugen sprechen. Da war noch ein Bruder Miach, glaube ich?«

»Der Arzt?«

»Ja, der. Aber vielleicht befindet er sich auch gerade auf einer Pilgerfahrt?« fügte sie sarkastisch hinzu.

Schwester Etromma überhörte das.

»Seine Apotheke liegt ein Stockwerk tiefer. Ich bringe dich zu ihm und mache mich dann auf die Suche nach Schwester Fial.«

Sie wandte sich um und ging die Treppe hinunter. Fidelma folgte ihr.

Fidelmas Gedanken überstürzten sich. Noch nie in all ihren Jahren als dalaigh hatte sie so offenkundige Verletzungen der Verfahrensregeln erlebt. Sie meinte schon genügend Argumente für eine Berufung und Neuverhandlung des Falles zu haben. Sie konnte kaum glauben, daß der Brehon von Laigin bei einer solchen Farce den Vorsitz geführt hatte. Er mußte doch die Regeln für Zeugenaussagen kennen.

Das Hauptproblem war anscheinend der Augenzeugenbericht der Novizin Fial. Der wäre der wesentliche Hinderungsgrund für einen zu erwirkenden Freispruch Eadulfs. Ihre Aussage als Augenzeugin war verheerend für Eadulf. Doch die Schilderung der Ereignisse hörte sich bizarr an.

Fidelma hatte viele Fragen an Fial. Warum hatten sie und ihre Freundin sich mitten in der Nacht am Kai verabredet? Und wie konnte sie das Gesicht des Mörders in der Dunkelheit der Nacht so deutlich wahrnehmen, daß sie ihn wiedererkannte? Wer hatte ihr gesagt, er sei ein fremder Angelsachse? Ging man von Eadulfs Worten aus, dann hatte er Fial vorher weder gesehen noch gesprochen. Hatte man ihn ihr gezeigt? Wenn ja, wer?

Fidelma seufzte tief, denn sie wußte, sie konnte einzelne Aussagen zerpflücken und Verfahrensverstöße bemängeln, doch die wesentlichen Tatsachen blieben. Eadulf war von einer Augenzeugin erkannt worden. Er war mit Blut auf seiner Kleidung und einem abgerissenen Stück der Kutte des Mädchens gefunden worden. Wie konnte sie diese Beweise widerlegen?

Die Apotheke war ein großer Raum mit Steinmauern, Holztüren und Fenstern mit Läden, die auf einen Kräutergarten hinausgingen. Getrocknete Kräuter und Blumen baumelten in Büscheln an den Holzbalken, und in einer Ecke brannte ein Feuer in einem Herd, über dem ein großer schwarzer Eisenkessel hing. Darin brodelte eine fürchterlich riechende Brühe. Auf den Regalen ringsum standen Krüge und Kästen.

Ein älterer Mann drehte sich um, als Schwester Etromma eintrat. Er hielt sich leicht gebeugt, und sein grauweißes Haar ging in einen wallenden Bart über. Seine Augen waren hellgrau, sein Blick kalt und tot.

»Was ist?« Sein Ton war schrill und verdrossen.

»Dies ist Schwester Fidelma von Cashel, Bruder Miach«, machte Schwester Etromma sie bekannt. »Sie muß dir ein paar Fragen stellen.« Dann setzte sie, zu Fidelma gewandt, hinzu: »Ich verlasse dich jetzt und suche Schwester Fial.«

Fidelma begegnete dem mißtrauischen Blick des ältlichen Arztes.

»Was willst du?« fauchte er. »Ich bin sehr beschäftigt.«

»Ich werde dich nicht lange von deiner Arbeit abhalten, Bruder Miach«, beruhigte sie ihn.

Er schnaubte verächtlich. »Dann erklär dein Anliegen.«

»Mein Anliegen ist das einer dalaigh, einer Anwältin bei Gericht.«

Seine Augen zogen sich leicht zusammen. »Und was hat das mit mir zu tun?«

»Ich möchte dir ein paar Fragen stellen zu der Verhandlung gegen Bruder Eadulf.«

»Gegen den Angelsachsen? Was ist damit? Wie ich höre, wollen sie ihn hängen, wenn sie es nicht schon getan haben.«

»Noch haben sie ihn nicht gehängt«, versicherte ihm Fidelma.

»Dann stell deine Fragen.« Der Alte war ungeduldig und reizbar.

»Es heißt, du hast in der Verhandlung ausgesagt?«

»Natürlich. Ich bin der Arzt der Abtei. Wenn es einen verdächtigen Todesfall gibt, werde ich dazu befragt.«

»Dann berichte mir, was du ausgesagt hast.«

»Der Fall ist abgeschlossen und erledigt.«

Fidelma erwiderte scharf: »Ich sage, wann der Fall abgeschlossen und erledigt ist, Bruder Miach. Du beantwortest meine Fragen.«

Der Alte fuhr zusammen; er war es wohl nicht gewohnt, daß man in diesem Ton mit ihm sprach.

»Man brachte mir die Leiche eines jungen Mädchens zur Untersuchung. Ich erklärte dem Brehon, was ich festgestellt hatte.«

»Und das war?«

»Das Mädchen war tot. Sie hatte Druckstellen am Hals. Offensichtlich war sie erdrosselt worden. Außerdem gab es klare Anzeichen dafür, daß sie vorher vergewaltigt worden war.«

»Und worin bestanden diese klaren Anzeichen?«

»Das Mädchen war noch unberührt gewesen. Das überrascht nicht, denn es soll ja erst zwölf Jahre alt gewesen sein. Durch den Geschlechtsverkehr war es zu einer erheblichen Blutung gekommen. Es gehörten keine großen medizinischen Kenntnisse dazu, das Blut festzustellen.«

»Es war also Blut an ihrer Kleidung?«

»Ja, und zwar an der Stelle, wo man es nach Lage der Dinge zu erwarten hatte. Es gab keinen Zweifel, was geschehen war.«

»Keinen Zweifel? Du sagst, es war eine Vergewaltigung. Könnte es auch anders gewesen sein?«

»Meine liebe ... dalaigh«, der alte Arzt schlug einen mitleidigen Ton an. »Bringe etwas Phantasie auf. Ein junges Mädchen wird erdrosselt, nachdem es Geschlechtsverkehr hatte; ist es da wahrscheinlich, daß es etwas anderes als eine Vergewaltigung war?«

»Das ist immer noch mehr eine Meinung als ein wirklicher medizinischer Beweis«, entgegnete Fidelma. Der alte Arzt antwortete nicht, also stellte sie ihre nächste Frage. »Kanntest du die Kleine?«

»Sie hieß Gormgilla.«

»Woher wußtest du das?«

»Man hat es mir gesagt.«

»Aber du hattest sie noch nie in der Abtei gesehen, ehe sie dir als Leiche gebracht wurde?«

»Ich hätte sie auch nur gesehen, wenn sie krank gewesen wäre. Ich glaube, es war Schwester fitromma, die mir ihren Namen nannte. Übrigens hätte ich sie wohl über kurz oder lang sowieso gesehen, wenn sie nicht ermordet worden wäre.«

»Weshalb meinst du das?«

»Ich glaube, sie gehörte zu den Nonnen, die sich gern selbst für das bestrafen, was sie für ihre Sünden ansehen. Mir fiel auf, daß sie wunde Stellen an beiden Handgelenken und an einem Knöchel hatte.«

»Wunde Stellen?«

»Anzeichen dafür, daß sie sich gefesselt hatte.«

»Fesseln? Nicht im Zusammenhang mit ihrer Vergewaltigung und Ermordung?«

»Diese wunden Stellen rührten von Banden her, die sie offensichtlich einige Zeit vor ihrem Tod getragen hatte. Sie hatten nichts mit ihren anderen Verletzungen zu tun.«

»Gab es Anzeichen von Geißelung?«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Manche dieser sich selbst kasteienden Asketen verwenden Fesseln einfach dazu, mit dem Schmerz das zu sühnen, was sie für ihre Sünden halten.«

»Findest du nicht, daß eine solche Selbstkasteiung, wie du es nennst, bei einem so jungen Mädchen seltsam ist?«

Bruder Miach blieb ungerührt. »Ich habe schon schlimmere Fälle erlebt. Religiöser Fanatismus führt oft zu erschreckender Selbstquälerei.«

»Hast du auch Bruder Eadulf untersucht?«

»Bruder Eadulf? Ach, du meinst den Angelsachsen. Weshalb sollte ich?«

»Ich habe gehört, man habe ihn mit Blut an der Kleidung gefunden und mit einem abgerissenen Stück der Kutte des Mädchens. Vielleicht wäre es angebracht gewesen, ihn zu untersuchen, um festzustellen, ob sein Aussehen mit der Annahme übereinstimmt, er habe das Mädchen überfallen.«

Der Arzt schnaubte wieder. »Nach dem, was ich gehört habe, bedurfte es keiner Worte von mir, um ihn zu verurteilen. Wie du sagst, er hatte Blut an der Kleidung und ein Stück der blutgetränkten Kutte des Mädchens bei sich. Er wurde auch von jemandem erkannt, der ihn den Mord begehen sah. Weshalb sollte ich ihn da noch untersuchen?«

Fidelma unterdrückte einen Seufzer. »Es wäre ... angebracht gewesen.«

»Angebracht? Pah! Wenn ich mein Leben lang nur das getan hätte, was angebracht war, wären mir Hunderte von Patienten gestorben.«

»Bei allem Respekt, das ist wohl kaum ein passender Vergleich.«

»Ich bin nicht hier, um mich mit dir über Ethik zu streiten, dalaigh. Wenn du mit deinen Fragen fertig bist, mache ich mich wieder an meine Arbeit.«

Fidelma beendete das Gespräch mit einem kurzen Wort des Dankes und ging. Aus dem Arzt war nicht mehr herauszuholen. Von Schwester Etromma war noch nichts zu sehen. Sie wartete einige Minuten vor der Apotheke, dann kam ihr ein Gedanke. Zu Fidel-mas Talenten gehörte die fast unheimliche Fähigkeit, sich an jedem Ort zurechtzufinden, den sie einmal betreten hatte. Gedächtnis und Instinkt versetzten sie in die Lage, zu den Stätten in der Abtei zurückzukehren, zu denen man sie geführt hatte. So wartete sie nicht länger auf Schwester Etromma, sondern wanderte durch die Gänge zurück zum Zimmer der Äbtissin Fainder.

Sie öffnete die Tür zum stillen Innenhof der Abtei und überquerte ihn langsam. Der Leichnam des Mönchs hing immer noch an dem hölzernen Galgen. Wie hieß er doch - Bruder Ibar? Seltsam, daß er auf demselben Kai einen Flußschiffer beraubt und ermordet haben sollte, nur einen Tag nach der Vergewaltigung und Ermordung Gormgillas.

Plötzlich blieb sie mitten auf dem Hof stehen.

Bruder Ibar war einer der zwei Menschen in der Abtei, mit denen Eadulf sich am Abend seiner Ankunft etwas länger unterhalten hatte.

Sie kehrte um und schritt rasch die Treppe zu dem dumpfigen Gang hinauf, der zu Eadulfs Zelle führte. Bruder Cett war fort, an seiner Stelle hielt ein anderer Mönch die Wache.

»Was willst du?« knurrte er grob, als er aus der Dunkelheit auftauchte.

»Erstens möchte ich von dir ein besseres Benehmen sehen, Bruder«, entgegnete Fidelma scharf. »Zweitens möchte ich, daß du mir diese Zellentür hier öffnest. Ich habe die Vollmacht der Äbtissin.«

Überrascht trat er einen Schritt zurück.

»Ich habe keinen Befehl ...«, brummte er mürrisch.

»Ich erteile dir den Befehl, Bruder. Ich bin eine dalaigh. Bruder Cett hatte nichts dagegen, als ich vorhin mit Schwester Etromma hier war.«

»Schwester Etromma? Mir hat sie nichts gesagt. Sie ist mit Cett zum Kai runtergegangen.«

Der Mönch überlegte sich die Sache, während Fidelma ungeduldig wartete. Sie glaubte schon, er werde sich hartnäckig weigern. Doch dann setzte er sich widerwillig in Bewegung und zog die Riegel zurück.

»Ich rufe dich, wenn ich wieder gehen will«, erklärte ihm Fidelma erleichtert und trat in die Zelle.

Eadulf blickte überrascht auf.

»Ich habe nicht damit gerechnet, dich so schnell wiederzusehen ...«, begann er.

»Ich muß dir ein paar weitere Fragen stellen. Ich möchte mehr über diesen Bruder Ibar wissen. Wir haben nicht viel Zeit, denn sie wissen nicht, daß ich noch einmal zu dir gekommen bin.«

Eadulf zuckte die Achseln. »Da gibt es nicht viel zu berichten, Fidelma. An dem Tag, an dem ich ankam, saß er beim Abendessen im Speisesaal neben mir. Wir unterhielten uns kurz. Dann sah ich ihn nicht wieder -na, bis heute morgen dort unten.« Er nickte zum Hof hin.

»Worüber habt ihr miteinander gesprochen?«

Eadulf schaute sie nachdenklich an.

»Er fragte mich, woher ich komme. Ich erklärte es ihm. Er sagte, er stamme aus dem Norden dieses Königreichs und sei von Beruf Schmied. Er war stolz auf seinen Beruf, aber enttäuscht, weil er in der Abtei nichts Besseres zu tun bekam, als Fesseln für Tiere anzufertigen. Seit der Ankunft von Äbtissin Fainder war er unglücklich. Ich erinnere mich, daß ich ihn damit tröstete, daß viele Gemeinschaften Tiere zu ihrer Ernährung brauchten und jede Aufgabe die Erfüllung wert sei. Er meinte .«

»Weiter habt ihr nichts besprochen? Nur über Allgemeines geredet?« Fidelma bemühte sich, ihre Enttäuschung nicht durchblicken zu lassen.

»Ach, er fragte mich noch nach einigen Gebräuchen bei den Angelsachsen, das war alles.«

»Gebräuchen bei den Angelsachsen? Welche?«

»Warum die Angelsachsen Sklaven hielten. Eine merkwürdige Frage, fand ich.«

»Sonst nichts?«

Eadulf schüttelte den Kopf. »Er war anscheinend unzufrieden mit der Arbeit, die er verrichten mußte. Das hat ihn wohl bis zu seinem Ende beschäftigt. Das letzte, was ich von dem armen Burschen hörte, war der Ruf: >Fragt nach den Handschellen.< Ich glaube, da war er bereits nicht mehr ganz bei Sinnen. Es ist schrecklich, den Strick des Henkers schon zu spüren .«

Fidelma war sichtlich enttäuscht und merkte nicht, wie Eadulf die Stimme versagte. Sie hatte gehofft, der verstorbene Bruder Ibar hätte etwas gesagt, was sich als ein Faden erweisen würde, mit dem sie das ganze eigenartige Netz aufräufeln und entwirren könnte. Sie zwang sich, Eadulf ein Lächeln zu schenken.

»Macht nichts, ich werde dich bald wiedersehen.«

Sie klopfte an die Tür.

Der mürrische Bruder hatte wohl davor gewartet, denn die Tür ging sofort auf, und er ließ sie hinaus.

Kapitel 6

Schwester Fidelma überquerte wieder den Hof, als Schwester Etromma sie einholte.

»Du solltest doch vor der Apotheke auf mich warten«, schalt sie ärgerlich. »Du hättest dich verlaufen können, die Abtei ist schließlich keine kleine Dorfkirche.«

Fidelma machte sich nicht die Mühe, sie darüber aufzuklären, daß sie sich die Wege zu und von einem Ort, den man ihr gezeigt hatte, leicht merken konnte. Auch erwähnte sie nicht, daß die Abtei zwar im Vergleich zu vielen Gotteshäusern in den fünf Königreichen sehr groß war, sie aber schon ausgedehntere Abteikomplexe in Armagh, Whitby und Rom gesehen hatte.

»Ich hatte gehört, du wurdest zum Kai geholt«, sagte sie.

Die Verwalterin schien zu erschrecken. »Wer hat dir das gesagt?«

Fidelma wollte ihr nicht verraten, daß sie Eadulf noch einmal aufgesucht hatte, und fuhr deshalb fort: »Ich war auf dem Wege zu Äbtissin Fainder. Ich habe noch ein paar Fragen an sie. Hast du die Novizin Fial gefunden?«

Schwester Etromma schaute einen Moment verlegen drein.

»Nein, ich konnte sie nicht finden.«

»Warum, in aller Welt, denn nicht?« Fidelma war empört.

»Anscheinend hat sie schon einige Zeit niemand mehr gesehen.«

»Was genau verstehst du unter >einiger< Zeit?«

»Man hat mir gesagt, sie sei seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen worden. Wir suchen weiter nach ihr.«

Fidelmas Augen funkelten gefährlich. »Bevor wir zur Äbtissin gehen, zeige mir bitte das Gästehaus, und zwar die Stelle, an der Bruder Eadulf geschlafen hat.«

Die Verwalterin brauchte nicht lange, um Fidelma zum Gästehaus zu führen. Der Schlafraum für die Gäste war nicht groß, er enthielt nur etwa ein halbes Dutzend Betten.

»In welchem Bett schlief Bruder Eadulf?« fragte Fidelma.

Schwester Etromma zeigte auf das letzte Bett in der Ecke.

Fidelma ging hin und setzte sich auf die Kante. Flüchtig schaute sie unter das Bett. Dort lag nichts.

»Natürlich ist das Bett noch mehrmals benutzt worden, seit der Angelsachse hier übernachtete«, erklärte die Verwalterin.

»Natürlich. Ist die Matratze seitdem gewechselt worden?«

Schwester Etromma schien verwirrt. »Die Matratzen werden gewechselt, wenn es nötig ist. Ich glaube nicht, daß wir diese ausgetauscht haben, seit der Angelsachse hier schlief. Warum?«

Fidelma zog die Decken von der Strohmatratze fort. Es war der übliche dünne Strohsack. Prüfend befühlte sie ihn hier und da.

»Wonach suchst du?« wollte die Verwalterin wissen.

Fidelma gab keine Antwort.

Sie hatte etwas Härteres in dem Stroh ertastet, und ihr Blick fiel auf ein Loch an der Seite der Matratze, wo die Naht geöffnet worden war. Sie lächelte. Sie kannte Eadulf besser als er sich selbst. Er war ein vorsichtiger Mensch, und in der Aufregung der letzten Wochen hatte er vergessen, wie vorsichtig er gewesen war.

Fidelma griff in die Matratze hinein, und ihre schlanken Finger erfaßten den kleinen Holzstab. Daneben spürte sie die weiche Pergamentrolle. Rasch zog sie beides heraus und hielt es der erstaunten Schwester Etromma hin.

»Das wirst du mir bezeugen, Schwester«, sagte Fidelma und stand auf. »Hier ist der weiße Amtsstab, den Bruder Eadulf bei sich führte zum Zeichen dafür, daß er als offizieller Gesandter des Königs von Cashel unterwegs war. Hier ist der Brief von der Hand desselben Königs an Erzbischof Theodor von Canterbury. Bruder Eadulf hatte sie aus Vorsicht in der Matratze versteckt.«

Schwester Etrommas Miene nahm einen seltsamen Ausdruck an, in dem Unsicherheit vorzuherrschen schien.

»Das sollten wir am besten zu Äbtissin Fainder bringen«, meinte sie schließlich.

Fidelma schüttelte den Kopf und steckte beides in ihr marsupium, die Ledertasche, die sie immer am Gürtel trug.

»Diese Dinge behalte ich. Du hast gesehen, woher ich sie genommen habe? Du wirst es mir bezeugen. Damit ist bewiesen, daß Bruder Eadulf ein fer taistil war, ein techtaire, ein Königsbote, und somit Angehöriger der königlichen Hofhaltung mit entsprechenden Schutzrechten.«

»Es hat keinen Zweck, daß du mir das Gesetz erklärst«, wandte Schwester Etromma ein. »Ich bin keine dalaigh

»Aber du wirst bezeugen können, wo ich diese Gegenstände gefunden habe«, erwiderte Fidelma. »Und jetzt ...«

Sie ging zur Tür, und Schwester Etromma trottete unglücklich hinterher.

»Wohin willst du jetzt, Schwester?« fragte sie. »Wieder zur Äbtissin?«

»Zur Äbtissin? Nein, die suche ich später auf«, antwortete Fidelma, die es sich anders überlegt hatte. »Zeig mir erst noch die Stelle, wo Gormgilla überfallen und getötet wurde.«

Schwester Etromma schien beunruhigt, als sie Fidelma weiterführte, durch noch mehr Gänge und zu einem kleinen Hof an der anderen Seite der Abtei, der dem Geruch nach wohl an die Küche und die Vorratsräume der Abtei grenzen mußte. An einer Seite des kleinen Hofs gab es zwei hohe Holztore, und Schwester Etromma ging geradewegs auf sie zu. Sie versuchte nicht, die schweren Eisenriegel zurückzuschieben, denn in einem der großen Tore befand sich eine kleine Tür, durch die sich ein Mensch gerade hindurchquetschen konnte. Sie öffnete die Tür und wies wortlos hinaus.

Fidelma kletterte hinaus - denn man mußte über das Unterteil der Tür steigen - und stand vor dem Fluß. Unmittelbar vor den Toren führte ein Weg an der Abteimauer entlang, der viel befahren und so breit war, daß ihn Frachtwagen benutzen konnten. Am Ufer war Erde aufgeschüttet, und dort hatte man einen hölzernen Kai erbaut. An ihm hatte ein ziemlich großes Flußschiff festgemacht, von dem mehrere Männer Fässer ausluden.

»Das ist unser eigener Kai, Schwester«, erklärte Etromma. »Hier werden Waren für die Abtei entladen. Weiter oben am Fluß befinden sich andere Kais für die Kaufleute der Stadt.«

Fidelma blieb einen Augenblick stehen und ließ ihr Gesicht von der Sonne bescheinen. Hier war es warm, trotz der leichten Brise, und erfrischend nach der Muffigkeit und Dunkelheit der Abteigebäude, aus denen sie gekommen war. Sie schloß einen Moment die Augen, atmete tief und entspannte sich. Danach schaute sie sich um. Die Verwalterin hatte recht. Auf dem Fluß lagen noch mehrere Schiffe an den Kais vertäut. Fearna, fiel ihr ein, war ja auch ein Handelszentrum, nicht nur der Königssitz der Ui-Cheinnselaigh-Dynastie, die über Laigin herrschte.

»Wo wurde der Mord verübt?«

Schwester Etromma zeigte auf den Kai der Abtei. »Genau hier.«

In der Abtei begann eine Glocke zu läuten. Überrascht blickte Fidelma auf. Es war doch wohl nicht ein Ruf zum Gebet? Gleich darauf rannte ein Mönch aus der Abtei auf Schwester Etromma zu.

»Schwester, ein Bote von flußaufwärts ist gekommen. Ein Schiff ist mitten im Fluß gesunken. Er meint, es könnte das Schiff sein, das vor kurzem vom Kai der Abtei abgelegt hat.«

»Gabrans Schiff?« Etromma war blaß geworden. »Ist der Bote sich sicher? Sind alle gerettet?«

»Nein, er ist sich nicht sicher, Schwester«, antwortete der Mönch. »Und mehr weiß er nicht.«

»Dann müssen wir sehen, was wir tun können.«

Sie wandte sich der Abtei zu, doch dann fiel ihr ein, daß Schwester Fidelma noch neben ihr stand, und sie zögerte.

»Entschuldige, Schwester. Anscheinend ist eins der Schiffe, die regelmäßig mit der Abtei Handel treiben, untergegangen. Als Verwalterin der Abtei muß ich mich darum kümmern. Der Fluß ist gefährlich.«

»Soll ich mitkommen?« fragte Fidelma.

Schwester Etromma schüttelte beunruhigt den Kopf. »Nein, ich muß gehen.«

Sie lief dem Bruder nach, der schon den Weg an der Abteimauer entlangeilte. Verblüfft beobachtete Fidelma ihren raschen Abgang. Dann wurde sie von einer Männerstimme abgelenkt, die ihren Namen rief. Sie drehte sich um und erblickte eine vertraute Gestalt, die auf dem Uferweg angeschlendert kam.

Es war der Krieger Mel, genau der, von dem Schwester Etromma gesagt hatte, er habe die Leiche des ermordeten Mädchens gefunden und ihren Tod zu Eadulf zurückverfolgt. Es traf sich gut, daß er jetzt gerade erschien und ihr die Mühe ersparte, ihn zu suchen. Sie ging ihm entgegen und erreichte ihn, als er eben die Planken des Kais betrat.

»So sehen wir uns wieder, Lady«, begrüßte er sie mit einem breiten Lächeln und blieb vor ihr stehen.

»Ja, so ist es. Man sagte mir, du heißt Mel.«

Der Krieger nickte freundlich. »Wie ich höre, bist du meiner Empfehlung gefolgt und wohnst mit deinen Begleitern im Gasthaus meiner Schwester Lassar. Ich dachte, du hättest noch einen dritten Mann bei dir? Lassar berichtete mir, daß nur du und zwei andere dort übernachten.«

Fidelma war klar, daß der Krieger genau beobachtete und sie ihre Worte vorsichtig wählen mußte.

»Zuerst waren wirklich drei Krieger bei mir. Einer mußte nach Cashel zurückkehren«, log sie.

»Nun, ich hoffe, dir gefällt die Unterkunft. Meine Schwester hat gutes Essen und bequeme Betten zu bieten.«

»Meine Gefährten und ich, wir fühlen uns wirklich sehr wohl im Gasthaus zum Gelben Berg. Aber es ist schön, daß ich dich hier treffe.«

Der Krieger runzelte leicht die Stirn. »Wieso, Lady?«

»Ich habe gerade in der Abtei mit den Leuten gesprochen, die mit dem kürzlichen Mord an einer jungen Novizin zu tun hatten«, erwiderte Fidelma. »Sie sagten mir, du seist ein wichtiger Zeuge im Prozeß gegen Bruder Eadulf gewesen.«

Der Krieger machte eine abwehrende Geste. »Ich war nicht unbedingt ein wichtiger Zeuge. Ich war lediglich der Hauptmann der Wache gerade an diesem Kai hier in der Nacht, als der Mord verübt wurde.«

»Kannst du mir genau beschreiben, was geschah? Ich nehme an, du weißt, weshalb ich mich dafür interessiere?«

Einen Moment schien der Krieger verlegen, doch dann nickte er.

»Gerüchte verbreiten sich schnell in dieser Stadt, Lady. Ich weiß, wer du bist und warum du hergekommen bist.«

»Wie kam es, daß du in der Nacht hier auf dem Kai warst?«

»Ganz einfach, ich hatte Wache, wie ich schon sagte. Wir waren zu viert hier.« Mit einer ausholenden Armbewegung wies er auf die ganze Ansammlung von Kais der Stadt Fearna.

»Geschehen hier so viele Verbrechen, daß man eine Wache aufstellen muß?« forschte Fidelma.

Mel lachte stolz.

»Überhaupt nicht - eben wegen der Wache. Als Hauptstadt der Könige von Laigin sind wir ein bedeutender Ort für den Handel flußauf. Es beruhigt die Kaufleute, wenn sie wissen, daß ihre Schiffe und Ladungen gut bewacht werden.«

Er schwieg, doch sie drängte ihn fortzufahren.

»Wie gesagt, wir waren in der Nacht zu viert auf Wache. Ich war der Hauptmann. Jedem war ein Abschnitt der Kais zugewiesen. Ich glaube, es war schon eine Weile nach Mitternacht, als ich von da kam.« Er zeigte auf einen kleinen Kai weiter flußabwärts von der Abtei. »Dort war einer meiner Männer postiert. Der nächste Wachmann stand weiter hier entlang. Ich machte also meine übliche Runde und kontrollierte meine Leute.«

»Wie war die Nacht?«

»Das Wetter war angenehm, es regnete nicht«, erinnerte er sich. »Aber der Himmel war bewölkt, deshalb war es dunkel. Wir hatten jedoch Fackeln«, setzte er hinzu.

»Die Sicht war also eingeschränkt«, stellte Fidelma befriedigt fest. »Auch mit einer Fackel kann man nicht weit sehen.«

»Das stimmt«, gab er zu. »Deshalb stolperte ich auch fast über die Leiche des Mädchens, bevor ich sie bemerkte.«

Fidelma hob die Augenbrauen. »Du bist darüber gestolpert? Heißt das, daß du sie selbst entdeckt hast? Ich dachte, es gäbe eine Zeugin für den Mord?«

Mel zögerte. »Die gab es auch. Die Sache ist etwas verwickelt, Schwester.«

»Wirklich? Dann erzähl mir die Geschichte so einfach wie möglich.«

»Ich ging hier lang und hielt meine Fackel hoch. Es war, wie gesagt, eine dunkle Nacht. Ich kam auf dem Uferweg an und wollte an dem Kai vorbei.«

»Lagen Schiffe an dem Kai vertäut?« fragte Fidelma dazwischen, der plötzlich ein Gedanke gekommen war.

»Ja, eins der Flußschiffe, die hier regelmäßig anlegen. Auf ihm war es dunkel, und es war auch niemand an Deck. Das war normal um die Nachtzeit. Wahrscheinlich schliefen alle unter Deck oder waren sinnlos betrunken.« Er grinste bei dieser Vorstellung. »Als ich weiterging, bemerkte ich eine Gestalt zu Pferde.«

»Wo hielt diese Gestalt?« fragte Fidelma. »Hier auf dem Weg?«

»Nein, drüben am Kai.«

»Was tat sie?«

»Anfangs verhielt sie sich so still, daß ich sie erst bemerkte, als sich das Pferd bewegte. Sie hatte keine Fackel, sondern war ganz in die Dunkelheit gehüllt. So entdeckte ich die Leiche.«

Fidelma unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. »Bitte erklär mir das etwas ausführlicher.«

»Als ich die Gestalt erblickte, hob ich die Fackel und wollte sie anrufen, aber sie kam mir zuvor und erkundigte sich, wer ich sei. Es war Äbtissin Fainder, die da auf dem Pferd saß.«

Fidelma stutzte. »Äbtissin Fainder?« wiederholte sie verblüfft. »Sie hielt hier zu Pferde neben der Leiche in völliger Dunkelheit?«

»Das habe ich dir gerade erklärt.« Mel nickte. »Als ich mich zu erkennen gab, sagte sie: >Mel, dort liegt eine Leiche. Wer ist das?< Das waren ihre Worte. Ich tastete mich vor und schaute hin. Die Leiche befand sich im Schatten der Ballen, deshalb stolperte ich fast darüber. Ich sah gleich, daß es sich um ein junges Mädchen handelte und daß es tot war.«

»Was für Ballen? Zeig mir genau die Stelle, wo die Leiche lag.«

Mel wies dorthin, wo ein paar Ballen und Kisten am Kai aufgestapelt waren.

»Sie lag genau dort.«

Aufmerksam betrachtete Fidelma den Ort.

»Meinst du, daß diese Kisten und Ballen noch dieselben sind wie in jener Nacht?«

»Das wollte ich damit nicht sagen. Es sind andere, aber damals stapelten sich dort ähnliche Kisten und Ballen. Ich könnte schwören, daß sie genau denselben Platz einnahmen.«

Fidelma sah ihn kurz an. »Das könntest du beschwören, obwohl es dunkel war?«

»Ich mußte den Ort bei Tageslicht prüfen, um ihn dem Brehon zu zeigen.«

»Was hast du bei dem Fackellicht von der Leiche gesehen?«

»Bei dem Licht konnte man kaum etwas sehen. Das Mädchen hatte ein Kleid an, aber es war nicht die Kutte einer Nonne.«

»Aha. Sie wurde also erst später als eine Novizin der Abtei identifiziert?«

»Wahrscheinlich.«

»Was tat Äbtissin Fainder während der Zeit, in der du die Leiche untersuchtest?«

»Sie wartete, bis ich fertig war. Da ich für das arme Kind nichts mehr tun konnte, stand ich auf und erklärte der Äbtissin, daß das Mädchen tot war. Sie gab mir den Auftrag, die Leiche in die Abtei zu bringen, und sagte, sie würde den Arzt, Bruder Miach, suchen. Also ...«

»Moment mal«, unterbrach ihn Fidelma. »Hat dir Äbtissin Fainder gesagt, warum sie dort war und auf ihrem Pferd in der Dunkelheit unmittelbar neben der Leiche hielt?«

Mel schüttelte den Kopf. »Zu der Zeit nicht. Später, glaube ich, erklärte sie dem Brehon, Bischof Forbas-sach, daß sie auf dem Rückweg von einer entfernten Kapelle zur Abtei war und gerade durchs Tor wollte, als sie den dunklen Schatten der Leiche erblickte und darauf zu ritt und ich dann gerade auftauchte.«

Mit den Blicken maß Fidelma nachdenklich die Entfernung vom Tor der Abtei zu der Stelle, auf die Mel gezeigt hatte.

»Aber du konntest die Leiche im Schatten der Ballen kaum erkennen, obwohl du eine Fackel trugst und dicht davor standest? Mit der Äbtissin muß ich noch einmal reden«, murmelte sie. »Na, sprich weiter. Ich verstehe es immer noch nicht, denn mir hat man gesagt, es gäbe eine Augenzeugin der Mordtat.«

»Die gab es wirklich. Dazu komme ich gleich«, fuhr Mel fort. »Während die Äbtissin in die Abtei ging, wurde mir klar, daß ich Hilfe brauchte. Also wollte ich meine Leute wissen lassen, wo ich war. Ich schwang die Fackel als Signal für meinen Kameraden am nächsten Kai, und er kam zu mir. Da hörte ich ein Geräusch hinter den Ballen. Ich rief und leuchtete mit der Fackel. Das Licht fiel auf ein junges Mädchen, das hinter den Ballen stand.«

»Hattest du es vorher schon bemerkt?«

»Nicht in dieser Dunkelheit. Die Äbtissin hatte es auch nicht gesehen. Ich wollte wissen, wer die Kleine war, aber sie war völlig durcheinander und zitterte vor Angst. Erst nach einiger Zeit bekamen wir heraus, daß sie Fial hieß und das tote Mädchen ihre Freundin Gormgilla war. Sie erklärte mir, sie seien Novizinnen in der Abtei. Anscheinend war sie mit ihrer Freundin am Kai verabredet gewesen, und als sie kam, sah sie, wie Gormgilla mit einer männlichen Gestalt rang. Vor Furcht blieb sie stehen, und dann erhob sich der Mann von ihrer Freundin und lief fort in Richtung der Abtei. Das Mädchen sagte, sie hätte ihn als den angelsächsischen Mönch erkannt, der in der Abtei übernachtete.«

»Warum hat man das Mädchen nicht eher bemerkt?«

»Ich sagte schon, es war dunkel.«

»Du hieltest eine Fackel und hattest bereits eine Weile am Kai gestanden.«

»Fackeln geben nicht viel Licht.«

»Es war hell genug, daß die Äbtissin die Leiche vom Sattel aus auf mehrere Meter Entfernung sehen und hinreiten konnte. Anscheinend war es auch hell genug, daß dieses Mädchen Fial den Mörder erkennen konnte, und zwar ebenfalls aus einiger Entfernung. Hat man sie denn gefragt, warum sie nicht geschrien hat oder ihrer Freundin zu Hilfe gekommen ist?«

»Ich denke, daß man sie das bei der Verhandlung gefragt hat. Wahrscheinlich hatte sie solche Angst, daß sie sich nicht rühren konnte. Das gibt es.«

»Das gibt’s wohl. Aber warum trat sie nicht vor, als die Äbtissin angeritten kam oder als du erschienst? Warum hat sie nicht die Wache zu Hilfe gerufen?«

Mel dachte darüber nach und zuckte dann die Achseln.

»Ich bin kein dalaigh, Lady. Ich bin nur ein einfacher Hauptmann der Wache .«

Fidelma schaute ihn an und lächelte. »Jetzt nicht mehr. Du bist nun Befehlshaber der Palastwache. Wie bist du zu der Beförderung gekommen?«

Mel wurde nicht verlegen.

»Mir wurde mitgeteilt, der König habe sich über meine Wachsamkeit gefreut und ich solle Befehlshaber der Palastwache werden. Bischof Forbassach habe mich empfohlen.«

Fidelma schwieg einen Moment.

»Diese Fial tauchte also aus dem Nirgendwo auf ...«

»Hinter den Ballen am Kai«, verbesserte sie Mel.

»Sie sagt, sie hat in der Dunkelheit alles gesehen, aber getan hat sie nichts«, stellte Fidelma spöttisch fest. »Hat sie die Geschichte der Äbtissin Fainder bestätigt?«

Mel machte ein überraschtes Gesicht. »Ich wußte nicht, daß die Aussage der Äbtissin eine Bestätigung brauchte.«

»Alles, was mit einem unnatürlichen Tod zu tun hat, braucht eine Bestätigung, sogar die Aussage einer Heiligen«, erwiderte Fidelma kurz. Sie ging zu den Ballen hin und blickte von dort zum Tor der Abtei.

»Stellen wir uns das Ganze einmal vor«, begann sie ruhig. »Fial und das tote Mädchen sind Novizinnen in der Abtei. Fial sagt, sie hat sich mit ihrer Freundin hier am Kai verabredet. Lassen wir mal beiseite, daß es sich um eine sehr ungewöhnliche Zeit handelt - mitten in der Nacht. Fial erklärt uns, sie sei angekommen und habe gesehen, wie ihre Freundin von einem Mann überfallen wurde, in dem sie Bruder Eadulf erkannte. Dann rannte dieser zurück in die Abtei. Ist das soweit richtig?«

»Das ist die Geschichte, wie sie mir das Mädchen erzählt hat.«

»Um sich aber hinter den Ballen verstecken zu können - und ich gehe davon aus, daß du ihre Lage richtig bezeichnet hast -, muß Fial an ihrer Freundin vorbeigegangen sein, während diese überfallen wurde. Nur wenn sie vor ihrer Freundin oder mit ihr zugleich hier eingetroffen wäre und sich verborgen gehalten hätte, während Gormgilla angegriffen wurde, ergibt ihre Geschichte überhaupt einen Sinn.«

Mel runzelte die Stirn und blickte drein, als sei ihm die Bedeutung von Fials Schilderung soeben zum erstenmal aufgegangen.

»Es war dunkel«, vermutete er, »vielleicht lief sie in der Dunkelheit an ihrer Freundin und dem Angreifer vorbei?«

Fidelma lächelte spitz. Sie brauchte nichts zu sagen, um ihm die Schwäche seiner Erklärung darzutun. Sie kam nun zu dem offenkundigen Widerspruch.

»Es gibt einen sehr merkwürdigen Zeitunterschied zwischen der Mordtat, die das Mädchen beobachtete, und dem Moment, wo sie sich bemerkbar machte. Wir müssen davon ausgehen, daß der Mörder geflohen war, bevor Äbtissin Fainder eintraf. Sein einziger Weg vom Kai zum Tor der Abtei wäre sonst von ihr blok-kiert gewesen, denn sie hielt mit ihrem Pferd am Ende des Kais. Stimmst du mir zu?«

Mel nickte stumm.

»Also hatte Fial lange hinter den Ballen gewartet. Sie beobachtete den Mord, sie sah den Mörder weglaufen - in Richtung auf die Abtei, nach ihrer Aussage. Sie sah Äbtissin Fainder ankommen, sie sah, wie du erschienst und die Leiche untersuchtest, sie wartete, bis die Äbtissin in die Abtei ging und du deinen Kameraden herbeiriefst. Erst dann trat sie vor. Ist sie jemals gefragt worden, warum sie so lange in der Dunkelheit dastand und abwartete?«

»Damals habe ich nicht daran gedacht«, sagte Mel. »Ich trug die Leiche in die Abtei, und mein Kamerad brachte Fial mit. Äbtissin Fainder hatte den Arzt geweckt und die Verwalterin, Schwester Etromma. Sie waren anwesend, als ich Fial befragte. Da erklärte sie, der angelsächsische Bruder sei der Mann, der ihre Freundin überfallen und getötet habe. Fial blieb in der Obhut einer der Schwestern, während wir alle ...«

»Wir?« fragte Fidelma.

»Die Mutter Äbtissin, Schwester Etromma, ein Bruder namens Cett, ich und mein Kamerad ...«

»Vielleicht nennst du den Namen deines Kameraden?«

»Er hieß Daig.«

»Hieß?« Fidelma hatte die Betonung herausgehört.

»Er ertrank hier im Fluß nur ein paar Tage nach diesen Ereignissen.«

»Anscheinend haben die Zeugen in diesem Fall die Angewohnheit, zu verschwinden oder zu sterben«, bemerkte Fidelma trocken.

»Schwester Etromma führte uns in das Gästehaus. Der angelsächsische Mönch war da und tat so, als ob er schliefe.«

»Tat so?« fragte sie scharf. »Wie kannst du sicher sein, daß er nur so tat?«

»Wie sollte es sonst sein, wenn er doch gerade von dem Mord am Kai hereingekommen war.«

»Wenn er gerade von dem Mord am Kai hereingekommen war.« Fidelma wiederholte den Satz mit starker Betonung auf dem ersten Wort. »Könnte es nicht sein, daß er den Mord nicht begangen hatte und tatsächlich schlief?«

»Aber Fial hatte ihn doch erkannt!«

»Es hängt viel davon ab, was Fial gesehen hat, nicht wahr? Also lag der Angelsachse im Schlafraum im Bett?«

»Ja. Bruder Cett war derjenige, der ihn weckte. Im Lampenlicht stellte sich heraus, daß der Bursche Blut an seiner Kleidung hatte, und ein abgerissenes Stück Stoff wurde bei ihm gefunden. Später ergab sich, daß der Stoff von Gormgillas Kutte stammte. Auf ihm waren auch Blutflecke.« Mels Miene hellte sich auf. »Das beweist, daß ihre Freundin Fial die Wahrheit sagte, denn wie sonst sollte das Blut auf die Kleidung des Angelsachsen und das Stück Kutte in seinen Besitz gekommen sein?«

»Ja, wie wohl?« fragte Fidelma rhetorisch. »Hast du Bruder Eadulf verhört?«

Mel schüttelte den Kopf. »An der Stelle erklärte Äbtissin Fainder, daß sie die Angelegenheit übernehme, da sie die Abtei betreffe. Sie bat mich, Bruder Cett dabei zu helfen, den Angelsachsen in eine Zelle in der Abtei zu bringen. Das geschah, und man holte Bischof Forbassach, den Brehon. Mehr weiß ich nicht von der ganzen Sache, bis ich natürlich in der Verhandlung als Zeuge auszusagen hatte.«

»Warst du mit dem Gang der Verhandlung zufrieden?«

»Die Frage verstehe ich nicht.«

»Kam dir nicht der Gedanke, daß die Ereignisse, so, wie du sie geschildert hast, Widersprüche aufweisen und Fragen aufwerfen?«

Mel überlegte einen Moment.

»Es stand mir nicht zu, darüber nachzudenken, sobald die Verantwortlichen den Fall übernommen hatten«, meinte er schließlich. »Wenn es Fragen zu stellen gab, dann war es die Aufgabe des Brehons, Bischof Forbassachs, das zu tun und auf alles hinzuweisen, was nicht stimmte.«

»Aber Forbassach stellte keine Fragen?«

Mel wollte etwas sagen, doch plötzlich spähte er aufmerksam über Fidelmas Schulter. Sie wandte sich rasch um nach dem Ziel seiner Blicke und erkannte trotz der langen schwarzen Kutte ohne Schwierigkeit die Gestalt der Äbtissin Fainder, die auf einem kräftigen Pferd den Weg an der Abteimauer entlanggaloppierte. Offenbar war sie eben durch das Tor herausgekommen.

Fidelma verzog das Gesicht vor Ärger.

»Mit ihr wollte ich gerade ein Wort reden. Die Frau kann einen aufregen! Die Zeit drängt. Aber wahrscheinlich will sie sich um das gesunkene Schiff kümmern.«

Mel schaute zum Stand der Sonne auf.

»Um die Zeit reitet Äbtissin Fainder immer aus«, erklärte er. Dann malte sich Überraschung in seinen Zügen. »Gesunkenes Schiff? Was für ein Schiff ist gesunken?«

Fidelma ignorierte ihn für einen Augenblick, denn sie fand es seltsam, daß eine Äbtissin regelmäßig ihre Abtei verließ und ausritt. Mönche und Nonnen verzichteten weitgehend auf Pferde und dehnten ihr Armutsgelübde auch auf das Reisen aus, wenn sie nicht einen gewissen gesellschaftlichen Rang besaßen. Fidelmas Stellung als dalaigh im Range eines anruth gab ihr das Recht, zu Pferde zu reisen, das sie als Nonne nicht genossen hätte.

»Wo reitet sie jeden Tag um diese Zeit hin?« fragte sie.

Mel ließ ihre Frage unbeantwortet »Gesunkenes Schiff?« wiederholte er. »Was meinst du damit?«

Fidelma berichtete ihm von der Nachricht, die Schwester Etromma erhalten hatte, die daraufhin zur Hilfeleistung fortgeeilt war.

Es überraschte sie etwas, als Mel sehr ernst wurde und sich eilig entschuldigte.

»Du wirst mir verzeihen, Schwester, wenn ich gleich nachsehe, was da geschehen ist. Es gehört zu meinen Pflichten, mich um solche Vorfälle zu kümmern. Wir müssen dafür sorgen, daß der Fluß dadurch nicht für andere Schiffe blockiert wird. Entschuldige bitte.«

Schnell lief er den Uferweg entlang in die Richtung, die Schwester Etromma und ihr Begleiter wie auch Äbtissin Fainder eingeschlagen hatten.

Fidelma hatte keine Zeit, über deren Sorgen nachzugrübeln. Sorgfältig besah sie sich den Kai und die Umgebung, dann seufzte sie leise. Sie glaubte nicht, daß sie weitere Geheimnisse erfahren würde, wenn sie noch länger hierblieb. So machte sie sich auf den Weg zum Gasthaus.

Kapitel 7

Sobald Fidelma im Gasthaus zum Gelben Berg ankam, suchte sie Dego und Enda auf. Sie waren von ihrem Streifzug durch die Stadt zurückgekehrt, hatten aber wenig zu berichten. Die Meinungen der Leute waren sehr geteilt. Einige waren offensichtlich entsetzt über den Befehl des Königs, daß hinfort die Bußgesetze das Recht für alle Bürger darstellen sollten und nicht mehr nur einfach die Regeln, nach denen einige religiöse Gemeinschaften ihr Leben einrichteten. Andere, die fanatischer dem neuen Glauben anhingen, befürworteten die extremen Vorschriften der Bußgesetze. Dego und Enda konnten sich ihr Urteil lediglich nach einigen Gesprächen bilden, die sie mit Händlern und Kaufleuten auf dem Marktplatz geführt hatten, denn sie mußten sehr vorsichtig vorgehen. Doch auch so war es klar, daß sich die Nachricht von Fidelmas Ankunft und ihren Absichten schnell in der Stadt verbreitete. Wie lautete doch das alte Sprichwort? Ein Gerücht braucht kein Pferd, um rasch voranzukommen.

Fidelma ihrerseits gab ihnen einen kurzen Überblick über das, was sie in der Abtei erfahren hatte. Dego und Enda machten lange Gesichter, als sie ihnen die Beweise gegen Eadulf aufzählte.

»Ich muß noch einmal in die Abtei und mit Äbtissin Fainder sprechen«, sagte sie. »Es geht um die verschwundene Schwester Fial, deren Aussage mir sehr wenig glaubwürdig erscheint. Fainder dagegen ist mir ein Rätsel. Wenn wir von Fials Motiven absehen, war es der Einfluß der Äbtissin, der den Übergang zum anderen Gesetz bewirkt hat. Sie hat etwas sehr Beunruhigendes an sich.«

»Allerdings, Lady«, überlegte Enda, »gibt es da die Aussage von Schwester Fial. Sie behauptet, sie habe selbst beobachtet, wie Eadulf ihre Freundin vergewaltigt und getötet hat. Das ist nach jedem Gesetz deutlich genug.«

Mit düsterer Miene stimmte Dego seinem Kameraden zu. »Meinst du, du kannst ihre Aussage erschüttern?« fragte er.

»Vielleicht könnte ich das, nach dem, was ich bisher gehört habe, aber nur, wenn ich die Gelegenheit habe, mit ihr zu sprechen. Ihr Verschwinden kommt anscheinend sehr gelegen.«

Dego und Enda wechselten einen Blick.

»Nimmst du an, man habe sie absichtlich versteckt?« fragte Enda.

»Ich kann nur sagen, daß das Verschwinden Schwester Fials in das Bild paßt.« Fidelma dachte nach. »Immerhin könnte ich so viele Fragen zum Ablauf des Verfahrens stellen, daß jeder unvoreingenommene Richter den Vollzug der Strafe bis zum Abschluß weiterer Untersuchungen aussetzen würde. Wenn ich noch einmal die Äbtissin gesprochen habe, werde ich verlangen, daß König Fianamail sein Wort hält und sich meine Gründe für eine Berufung anhört. Wir müssen uns eine Woche Zeit verschaffen. Ich würde meinen Fall lieber vor Barran vertreten als vor einem Brehon aus Laigin, der möglicherweise von Bischof Forbassach beeinflußt ist.«

»Was tun wir inzwischen?« fragte Dego.

»Da gibt es etwas«, meinte Fidelma bedächtig. »Ich habe erfahren, daß die Äbtissin Fainder regelmäßig an jedem Nachmittag die Abtei zu Pferde verläßt und geheimnisvolle Ausritte unternimmt, von denen sie manchmal sehr spät zurückkehrt. Ich würde gern wissen, wohin sie reitet und wen sie aufsucht.«

»Glaubst du, daß die Äbtissin irgendwie in den Fall verwickelt ist?« forschte Enda.

»Möglich. Im Augenblick entdecke ich so viele Geheimnisse an diesem Ort, daß es wohl am besten ist, wenn wir eins nach dem anderen aufklären. Vielleicht ist es gar nicht wichtig, vielleicht aber doch. Es war bei der Rückkehr von einem solchen Ausritt, als sie nach Mitternacht bei der Leiche des ermordeten Mädchens gesehen wurde. Ob das ein bloßer Zufall war?«

»Enda und ich werden ein Auge auf die Äbtissin und ihre Ausritte haben.« Dego lächelte. »Das kannst du uns überlassen.«

Es dauerte einige Zeit, bis Mel im Gasthaus auftauchte.

Fidelma hatte ihr Mittagsmahl beendet und wollte gerade zur Abtei aufbrechen. Dego und Enda waren wieder an ihre Aufgaben gegangen. Mit steigender Erbitterung hatte Fidelma festgestellt, daß sie nichts tun konnte, bis Äbtissin Fainder zur Abtei zurückkam oder Schwester Etromma Fial aufspürte. Sie war unruhig und ärgerte sich, weil sie wußte, daß die Zeit verrann und Eadulf so wenig davon verblieb. Sie zwang sich, im Hauptraum des Gasthauses vor dem prasselnden Feuer sitzen zu bleiben und ihre wachsende Erregung zu bezähmen. Es lag nicht in ihrer Natur, stillzusitzen, wenn es soviel zu tun gab. Ruhe fand sie bei den Worten ihres Lehrers, Brehon Mo-rann: Wem Geduld mangelt, der besitzt keine Weisheit.

Sie nahm auch Zuflucht zur Kunst des dercad, der Meditation, durch die zahllose Generationen irischer Mystiker den Zustand des sitchain, des Friedens, erlangt hatten, indem sie fremdes Gedankengut und störende geistige Reize ausschalteten. In Zeiten hoher Belastung übte sich Fidelma regelmäßig in dieser alten Kunst, wenn auch manche Vertreter des Glaubens, wie Erzbischof Ultan von Armagh, sie als heidnischen Brauch verurteilten, weil sie schon vor der Ankunft des neuen Glaubens von den Druiden praktiziert worden war. Selbst der heilige Patrick, ein Brite, der vor zweihundert Jahren einen großen Anteil an der Verbreitung des Glaubens in den fünf irischen Königreichen besaß, hatte mehrere dieser Meditationsübungen zur Selbsterkenntnis ausdrücklich untersagt. Das dercad jedoch war zwar verpönt, aber noch nicht verboten. Es war ein Mittel, den Wirbel der Gedanken in einem verstörten Gemüt zu beruhigen und zu besänftigen. Fidelma wandte es regelmäßig an.

Die Zeit verging, und schließlich hörte sie Mel hereinkommen. Leicht löste sie sich aus ihrer Meditation und begrüßte ihn.

»War es schlimm?« fragte sie sofort.

Er fuhr zusammen, denn er hatte sie nicht in der halbdunklen Ecke sitzen sehen. Dann begriff er, was sie meinte, und schüttelte den Kopf.

»Der Untergang des Flußschiffs? Nein, zum Glück hat niemand das Leben verloren.«

»Und war es Gabrans Schiff?«

Die Frage schien Mel zu überraschen.

»Wie kommst du darauf?« wollte er wissen.

»Nun, Schwester Etromma war sehr besorgt, als sie hörte, es könnte sein Schiff gewesen sein, weil der Mann mit der Abtei Handel treibt.«

»So?« Mel überlegte einen Moment und winkte ab. »Es war ein alter Flußkahn, der längst hätte zu Brennholz verarbeitet werden sollen. Er war völlig morsch. In ein paar Stunden kann man das Wrack ans Ufer ziehen und die Fahrrinne frei machen.«

»Also war Schwester Etrommas Aufregung unbegründet?«

»Wie ich dir schon sagte, wir sind ein Flußhafen, und es bereitet uns Sorge, wenn Gefahr besteht, der Fluß könnte unpassierbar werden.«

»Ich verstehe.«

Mel wollte weitergehen, doch sie hielt ihn zurück.

»Mir sind noch ein paar Fragen eingefallen, die du mir beantworten könntest. Es dauert nicht lange.«

Mel setzte sich zu ihr. »Ich helfe dir gern, Lady«, sagte er lächelnd. »Stell deine Fragen.«

»Unter welchen Umständen ist dein Kamerad ertrunken - der, der in der Nacht des Mordes an Gorm-gilla bei dir war?«

Die Frage schien Mel zu überraschen.

»Daig? Er hatte wie gewöhnlich nachts Wache am Kai, und da muß er wohl auf den nassen Planken ausgerutscht und mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen sein, vielleicht auf einem Träger. Er fiel bewußtlos ins Wasser und ertrank, ehe es jemand bemerkte. Am nächsten Tag fand man seine Leiche.«

Fidelma dachte darüber nach.

»Also war sein Tod - Daig hieß er, nicht wahr? -, also war Daigs Tod einfach ein tragischer Unfall. Es gab keinen Anlaß, etwas anderes zu vermuten?«

»Es war wirklich ein Unfall, und ein tragischer dazu, denn Daig war ein gutes Mitglied unserer Wache und kannte den Fluß in- und auswendig. Er war auf den Flußschiffen hier aufgewachsen. Aber wenn du meinst, es gäbe eine Verbindung zu dem Mord an Gormgilla, dann kann ich dir versichern, daß das nicht stimmt.«

»Ich verstehe.« Sie stand plötzlich auf. »Weißt du, ob Schwester Etromma in die Abtei zurückgekehrt ist?«

»Ich glaube schon.« Der Krieger erhob sich langsam.

»Und Äbtissin Fainder? Ist sie auch zurück?«

Mel zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht - ich glaube kaum. Wenn sie die Abtei verläßt, dann meistens für einige Zeit.«

»War die Äbtissin auch bei dem gesunkenen Schiff?«

»Ich habe sie dort nicht gesehen. Es wäre auch ungewöhnlich. Die Äbtissin reitet regelmäßig am Nachmittag allein aus. Ich glaube, sie reitet hinauf in die Berge.«

»Vielen Dank, Mel. Du hast mir sehr geholfen.«

Als Fidelma zur Abtei zurückkehrte, wurde sie am Tor von Schwester Etromma begrüßt.

»Nun, Schwester«, sagte Fidelma, »hast du etwas von der verschwundenen Schwester Fial gehört?«

Schwester Etrommas Miene blieb ausdruckslos.

»Ich bin gerade erst in die Abtei zurückgekommen. Ich werde weiter nachforschen. Ich habe jemanden aus unserer Gemeinschaft beauftragt, die Abtei gründlich nach ihr abzusuchen.«

»Ist Äbtissin Fainder wieder da? Ich muß ihr noch weitere Fragen stellen.«

Schwester Etromma war erstaunt. »Wieder da?«

Fidelma nickte geduldig. »Von dort, wohin sie nachmittags immer reitet. Du weißt nicht zufällig, wo das ist?«

Die Verwalterin der Abtei wies das von sich.

»Ich kenne mich mit den persönlichen Gewohnheiten der Äbtissin nicht aus. Komm mit. Ich glaube, sie ist in ihrem Zimmer.«

Sie führte Fidelma wieder durch die düsteren Gänge der Abtei zu den Räumen der Äbtissin. Auf dem Wege dorthin mußten sie einen kleinen Hof mit Kreuzgang hinter der Kapelle überqueren.

Hier schallten ihnen laute Stimmen entgegen. Fidelma erkannte den schrillen Ton der Äbtissin, die sich bemühte, eine harte, fordernde männliche Stimme zu übertönen. Schwester Etromma neben ihr blieb stehen und hüstelte nervös.

»Anscheinend ist die Äbtissin beschäftigt. Vielleicht sollten wir lieber wiederkommen, wenn sie weniger ... beansprucht ist«, murmelte sie.

Fidelma zögerte keinen Moment.

»Meine Angelegenheit kann nicht warten«, erklärte sie bestimmt. Sie ging den Kreuzgang entlang zur Tür der Äbtissin und klopfte an, während Schwester Etromma hinter ihr her trottete. Die Tür war halb offen, und die Reden gingen weiter, als habe man ihr Klopfen überhört.

»Ich sage dir, Äbtissin Fainder, das ist eine Schande!« Der Sprecher war ein älterer Mann, dessen Kleidung seinen Rang und Einfluß verriet. Sein schneeweißes Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Er trug einen silbernen Stirnreif und einen langen grünen, gewebten Mantel. In der Hand hielt er einen Amtsstab.

Äbtissin Fainder lächelte trotz ihres schrillen Tons. Näher besehen, war es nur eine Maske, eine Anspannung ihrer Gesichtsmuskeln. Sie bemühte sich, überlegen zu erscheinen.

»Schande? Du vergißt, mit wem du sprichst, Coba. Außerdem sind meine Handlungen vom König, seinem Brehon und seinem geistlichen Berater gebilligt worden. Willst du etwa behaupten, du könntest das besser beurteilen als sie?«

»Das behaupte ich«, erwiderte der Mann uneinge-schüchtert. »Besonders, wenn sie dabei die Grundlagen unserer Gesetze außer acht lassen.«

»Unserer Gesetze?« höhnte die Äbtissin. »Die in dieser Abtei anerkannten Gesetze sind die der Kirche, der sie angehört. Andere Gesetze erkennen wir nicht an. Was das übrige Königreich anbelangt - nun, wir dürfen es nicht länger in Unwissenheit versinken lassen. Wir müssen das christliche Gesetz annehmen, wie Rom es erlassen hat, sonst sind wir verdammt in alle Ewigkeit.«

Der Mann, den sie als Coba angeredet hatte, trat beinahe drohend einen Schritt näher an den Tisch der Äbtissin heran. Fainder wich nicht zurück, als er sich zornig vorbeugte.

»Es ist seltsam, solche Worte aus dem Munde einer gelehrten Frau zu hören, besonders einer in deiner Stellung. Erinnerst du dich nicht an die Worte Paulus’ von Tarsus an die Römer? >Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun des Gesetzes Werk, sind dieselben, dieweil sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz, als die da beweisen, des Gesetzes Werk sei geschrieben in ihrem Herzen.< Paulus von Tarsus hatte mehr Verständnis für unser Gesetz als du.«

Die Augen der Äbtissin Fainder wurden dunkel vor Zorn.

»Du besitzt die Dreistigkeit, mir mit der Bibel zu kommen? Willst du etwa Mönchen und Nonnen, die dir im Glauben überlegen sind, vorschreiben, wie die Bibel auszulegen ist? Du vergißt dich, Coba. Du hast eine Pflicht zum Gehorsam gegenüber uns, die wir dazu berufen sind, dich im Glauben zu leiten. Du wirst gehorchen und nicht mit mir streiten.«

Der ältere Mann schaute fast mitleidig auf sie herab.

»Wer hat dich dazu berufen, mich zu leiten? Ich jedenfalls nicht.«

»Meine Vollmacht stammt von Christus.«

»Wenn ich mich an den ersten Brief des Apostels Petrus aus derselben Bibel erinnere, und ihn hatte Christus zum Führer der Gläubigen bestimmt, so heißt es dort: >Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist, und sehet wohl zu, nicht gezwungen, sondern willig; nicht als die übers Volk herrschen, sondern werdet Vorbilder der Herde.< Vielleicht solltest du dich an diese Worte erinnern, bevor du unbedingten Gehorsam verlangst?«

Äbtissin Fainder erstickte beinahe an ihrem Ärger.

»Besitzt du denn keine Demut, Mann?« Ihre Stimme schnappte fast über vor Zorn.

Coba lachte kühl. »Ich besitze Demut genug, um zu erkennen, wenn es mir an Demut fehlt.«

Plötzlich fiel der Blick der Äbtissin auf Fidelma, die in der Tür stand und der Auseinandersetzung mit stillem Vergnügen lauschte. Die Miene der Äbtissin Fainder verwandelte sich sofort in eine kalte Maske. Sie wandte sich wieder dem älteren Mann zu.

»Der Brehon und der König sind sich in der Frage der Strafe einig, Coba. Sie wird vollzogen. Mehr habe ich dir nicht zu sagen. Du kannst gehen.« Dann fragte sie Fidelma mit eisiger Stimme: »Und was willst du jetzt, Schwester?«

Der Mann hatte sich umgeschaut, sobald er Fidelma gewahrte. Er machte keine Miene, der brüsken Verabschiedung durch die Äbtissin zu folgen.

»Ich warne dich, Äbtissin Fainder«, sagte er, den Blick auf Fidelma gerichtet, und schnitt ihr jede Antwort an die Äbtissin ab. »Ich lasse diese Sache nicht auf sich beruhen. Du hast schon einen jungen Bruder hingemetzelt, und jetzt willst du den Angelsachsen töten. Das entspricht nicht unserem Gesetz.«

Fidelma redete ihn an und nicht die Äbtissin.

»Du bist also gekommen, um Einspruch gegen dieses Todesurteil zu erheben?« fragte sie und schaute ihn interessiert an.

Coba reagierte wenig freundlich.

»Das habe ich getan. Wenn du eine Nonne sein willst, dann wirst du das auch tun.«

»Ich habe meinen Einspruch bereits eingelegt«, versicherte ihm Fidelma. »Wer bist du?«

Unwillig schaltete sich Äbtissin Fainder ein.

»Dies ist Coba von Cam Eolaing. Er ist bo-aire dieses Ortes und kein ollamh des Rechts oder der Religion«, fügte sie gehässig hinzu. Ein bo-aire war ein örtlicher Friedensrichter, ein Fürst ohne Landbesitz, dessen Reichtum nach der Zahl der Rinder bemessen wurde, die er besaß, weshalb er ein »Kuh-Häuptling« genannt wurde. »Coba, das ist Schwester Fidelma von Cashel.«

Der Mann musterte Fidelma mit zusammengekniffenen Augen.

»Was tut eine Nonne aus Cashel hier in Fearna? Willst du nur gegen die Handlungen der Äbtissin protestieren, oder hast du noch ein anderes Anliegen?« wollte er wissen.

»Die Äbtissin hat nicht erwähnt, daß ich eine dalaigh bei Gericht mit dem Rang eines anruth bin«, erwiderte sie. »Außerdem bin ich eine Freundin des Angelsachsen, der mit dem Tode bedroht ist. Ich bin hergekommen, um ihn gegen jede Ungerechtigkeit zu verteidigen.«

Der Fürst wurde etwas zugänglicher.

»Aha. Ich nehme an, es ist dir nicht gelungen, die Äbtissin davon zu überzeugen, daß sie von ihrem schlimmen Vorhaben abstehen soll?«

»Es ist mir nicht gelungen, das Urteil abzuändern, das vom König und seinem Brehon bestätigt wurde«, formulierte Fidelma vorsichtig ihre Antwort.

»Was hast du jetzt also vor? Heute morgen wurde ein Mann hingemordet, und ein zweiter soll morgen umgebracht werden. Rache ist nicht unsere Art.«

Äbtissin Fainder stieß ein paar unartikulierte Laute aus, doch Fidelma ignorierte sie.

»Das ist nicht unsere Art, darin stimme ich dir zu. Aber wir können die Ungerechtigkeit nur bekämpfen, indem wir den Weg des Rechts beschreiten. Ich habe die Erlaubnis, zu untersuchen, ob es Gründe für eine Berufung gibt.«

Der Mann schnaubte vor Zorn. »Berufung! Quatsch!

Der Angelsachse soll morgen hingerichtet werden. Man muß seine Freilassung verlangen. Für juristische Spitzfindigkeiten ist keine Zeit mehr.«

Äbtissin Fainder kniff die Augen zusammen. »Ich muß dich warnen, Coba. Solche Forderungen werden auf Widerstand treffen. Wenn du versuchst, das Recht zu behindern ...«

»Recht? Barbarei ist das! Wer die juristische Tötung eines Menschen unterstützt, ist selbst beinahe ein Mörder und kann sich nicht als zivilisiert betrachten.«

»Ich warne dich, Coba, der König wird von deinen Ansichten unterrichtet werden.«

»Der König? Ein übellauniger junger Bursche, der sich in diesen Dingen schlecht beraten ließ.«

Fidelma legte dem alten Herrn die Hand auf den Arm.

»Ein übellauniger junger Bursche mit großer Macht«, warnte sie ihn freundlich. Der Fürst schien ihr mit einer Freimütigkeit zu reden, die ihm leicht schaden konnte.

Coba lachte trocken über ihre Vorsicht. »Ich bin zu alt und habe ein zu erfülltes Leben geführt, als daß ich vor Leuten mit Macht noch Angst hätte, wer sie auch seien. Und dieses ganze Leben lang, junge Frau, habe ich unser Recht, unsere Kultur und unsere Lebensauffassung bewahrt. Keine neue Barbarei soll meine Grundsätze verdrängen, ohne daß ich meine Stimme dagegen erhebe.«

»Ich verstehe deine Gefühle, Coba«, versicherte ihm Fidelma. »Ich teile sie auch. Aber als Friedensrichter deines Ortes mußt du wissen, daß es nur einen Weg gibt, Dinge in Frage zu stellen und zu ändern, nämlich den Weg des Rechts.«

Coba starrte sie einen Moment aus seinen tiefliegenden dunklen Augen an.

»Euer großer christlicher Lehrer, Paulus von Tarsus, hat einmal gesagt, das Gesetz sei der Schulmeister. Was glaubst du, was er wohl damit gemeint hat?«

»Und welches Gesetz hat er gemeint?« fuhr Äbtissin Fainder dazwischen. »Nicht das heidnische Gesetz, sondern das Gesetz des Glaubens.«

Coba ignorierte sie und sprach direkt zu Fidelma: »Die kennzeichnendste Eigenart unseres Gesetzes ist das Verfahren, nach dem Recht und Unrecht geschützt beziehungsweise wiedergutgemacht werden. Die offensichtlichste Auswirkung eines jeden Verbrechens ist die Schädigung einer anderen Person und die natürliche Folge, die sich daraus für den Täter ergibt. In jeder gut geordneten Gesellschaft herrscht der Grundsatz, daß der Schuldige seinem Opfer den zugefügten Schaden ersetzen muß.«

»So lautet das Gesetz der Brehons«, stimmte ihm Fidelma zu. »Du hast anscheinend diesen Grundsatz gut erfaßt.«

Coba nickte zerstreut. »In den fünf Königreichen haben wir ein System von Sühnepreisen, nach denen, entsprechend der Art der Schädigung und dem Rang der geschädigten Person, die Entschädigung und die Geldstrafen festgelegt werden. Die Absicht der Bre-hons war es, das Gesetz zum Schulmeister zu machen, der dem Übeltäter beibringt, daß der Schaden, den man ihm nun zufügt, dem Schaden entspricht, den er der geschädigten Person zugefügt hat.«

Wieder unterbrach ihn Äbtissin Fainder.

»Ich glaube an die römische Art der strafenden Wiedergutmachung, die da sagt: >Auge um Auge, Zahn um Zahn.< Das ist die Abschreckung und entspricht dem natürlichen Sinn des Menschen. Die natürliche Vergeltung für Mord besteht darin, auch dem Übeltäter das Leben zu nehmen. Tun das nicht schon streitende Kinder? Einer schlägt den anderen, und als Reaktion schlägt der zurück.«

Mit einer Handbewegung fegte der Fürst dieses Argument beiseite.

»Das ist ein System, das auf Furcht beruht. Gewaltsame Vergeltung für ein Verbrechen erzeugt wilden Haß, der die Täter antreibt, aus Rache noch mehr Gewalttaten zu begehen, und das führt zu neuer Vergeltung und vermehrter Furcht und Gewalt.«

Äbtissin Fainder errötete vor Zorn über diesen Zweifel an ihrer Autorität.

»Wir sind aus der ursprünglichen Barbarei herausgekommen. Andere ziehen es vor, darin zu verharren. Wenn wir Verbrechen verhindern wollen, dann müssen wir Mittel anwenden, die einfache, barbarische Gemüter verstehen. Wer die Rute schont, verzieht das Kind. Das trifft auch auf Erwachsene zu. Wenn sie erst einmal begriffen haben, daß Übeltaten mit dem Tode vergolten werden, dann sündigen sie nicht mehr.«

Fidelma fand es an der Zeit, in den hitzigen Streit einzugreifen.

»Eine solche Erörterung ist zwar sehr interessant, bringt uns aber nicht weiter. Ich bin gekommen, um dir ein paar Fragen zu stellen, Äbtissin Fainder. Mit deiner Erlaubnis würde ich Coba bitten, sich zurückzuziehen, damit wir die Sache unter uns besprechen können.«

Coba war nicht gekränkt.

»Mein Anliegen an die Äbtissin ist erledigt. Ich muß noch mit deiner rechtaire sprechen, Äbtissin Fainder.« Er wandte sich um und lächelte Fidelma kurz zu. »Ich wünsche dir Glück, Schwester Fidelma. Wenn du jemanden brauchst, der dich bei deinem Einspruch gegen den Vollzug dieser barbarischen Bußgesetze unterstützt, dann stehe ich dir zur Verfügung. Ganz bestimmt.«

Fidelma neigte dankend den Kopf.

Als Coba gegangen war, kam Fidelma sofort zur Sache.

»Du hast mir nicht gesagt, daß du es warst, die die Leiche des ermordeten Mädchens gefunden hat.«

Äbtissin Fainder verzog keine Miene.

»Du hast nicht danach gefragt«, antwortete sie ruhig. »Außerdem stimmt es nicht ganz.«

»Dann sag mir, wie es wirklich war.«

Äbtissin Fainder lehnte sich nachdenklich zurück und legte die Hände in ihrer gewohnten Haltung auf den Tisch.

»Wenn ich mich recht erinnere, kehrte ich in jener Nacht in die Abtei zurück ...«

»Eine merkwürdige Zeit für eine Äbtissin zur Rückkehr in ihre Abtei. Es war nach Mitternacht, hat man mir berichtet.«

Fainder zuckte die Achseln. »Ich kenne keine Regel, die einer Äbtissin vorschreibt, ihre Abtei nicht zu verlassen.«

»Wo warst du gewesen?«

Einen Moment verengten sich die Augen der Äbtissin vor Empörung. Dann entspannte sie sich und lächelte erneut.

»Das geht dich nichts an«, sagte sie ohne Groll. »Es genügt die Feststellung, daß das nichts mit dieser Angelegenheit zu tun hatte.«

Fidelma wußte, daß sie ohne nähere Kenntnis hier nicht weiterkam.

»Wie ich hörte, warst du zu Pferde.«

»Ich kam auf dem Uferweg zu den Toren der Abtei gegenüber dem Kai am Fluß zurück. Unsere Stallungen sind gleich dahinter.«

»Ich kenne den Ort«, versicherte ihr Fidelma.

»Ich ritt den Weg entlang .«

»Schien der Mond?«

Die Äbtissin überlegte einen Moment. »Ich glaube nicht. Nein, es war eine dunkle Nacht, der Himmel bewölkt. Ich wollte ins Tor einbiegen, als etwas meine Aufmerksamkeit erregte.«

»Was war das?« drängte sie Fidelma, als sie schwieg.

»Nach meiner Erinnerung war es ein Laut in der Nähe eines Haufens von Ballen und Kisten, der aus einem an jenem Tag angekommenen Schiff ausgeladen worden war.«

»Ein Laut?«

»So genau weiß ich es nicht. Aber etwas weckte meine Aufmerksamkeit, und ich lenkte mein Pferd näher heran. Da sah ich die zusammengekrümmte Leiche.«

»Es war aber bewölkt und dunkel. Du hattest keine Fackel. Wie konntest du unter diesen Umständen erkennen, daß es eine Leiche war?«

Äbtissin Fainder dachte nach.

»Das weiß ich nicht mehr. Von irgendwoher muß Licht gekommen sein. Ich weiß nur noch, daß ich eine liegende Gestalt sah und mir klar war, daß es sich um eine Leiche handelte. Vielleicht brach der Mond einen Moment durch die Wolken. Ich weiß es nicht mehr.«

»Was dann?«

»Ich hielt kurz an, und da kam Mel, der Hauptmann der Wache, aus der Dunkelheit. Ich erkannte ihn nicht sofort und rief ihn an, wer er sei. Als er sich als Mel zu erkennen gab, bat ich ihn, die Leiche zu untersuchen. Er tat es und erklärte mir, es sei ein junges Mädchen und es sei tot. Ich wies ihn an, die Leiche in die Abtei zu bringen, und ging hinein, um Bruder Miach, unseren Arzt, zu wecken.«

»Ich verstehe. Und Mel trug die Leiche hinein?« »Ja.«

»Er allein?«

»Nein, Mel und einer seiner Kameraden.«

»Weißt du dessen Namen?«

»Er hieß Daig«, antwortete sie kurz.

»Als die Leiche aufgebahrt wurde, hast du sie wohl als eine eurer jungen Novizinnen erkannt?«

»Keineswegs. Ich hatte sie noch nie gesehen. Es war das Mädchen, das man auch hereingebracht hatte, Fial mit Namen, das den Überfall durch deinen angelsächsischen Freund beobachtet hatte; sie identifizierte die Tote«, erklärte die Äbtissin giftig.

»Vor jener Nacht hattest du keins der beiden Mädchen je gesehen. Ist das nicht eigenartig?«

»Daran ist nichts Ungewöhnliches, denn wie ich schon sagte, ich begrüße nicht alle Novizinnen.«

»Du hörtest also von Fial, daß sie anscheinend die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Gefährtin beobachtet hatte?«

»Inzwischen war Schwester Etromma geholt worden, und sie führte uns dahin, wo der Angelsachse so tat, als ob er schliefe. Er wurde aus dem Bett gezogen, hatte Blut an seiner Kleidung, und wir fanden bei ihm ein abgerissenes Stück der Kutte des toten Mädchens.«

Fidelma rieb sich die Nase mit ihrem schlanken Zeigefinger. Sie hatte die Brauen nachdenklich zusammengezogen.

»Kam dir das nicht merkwürdig vor?«

»Wieso?« fragte die Äbtissin unwirsch.

»Daß bei einem solchen Verbrechen der Täter dem Opfer ein Stück Kleidung abriß und es als belastendes Beweismaterial mit in sein Bett nahm? Und daß er nicht versuchte, seine eigene Kleidung vom Blut zu reinigen - ist das nicht seltsam?«

Äbtissin Fainder zuckte die Achseln. »Es ist nicht meine Aufgabe, den Regungen eines krankhaften Gemüts nachzugehen. Manche Menschen benehmen sich sonderbar, das mußt du doch wissen. Eine Erklärung bestünde darin, daß dein angelsächsischer Freund keine Zeit dazu fand, weil er gemerkt hatte, daß man Alarm schlug. Er hoffte einfach, er würde nicht auffallen.«

»Das könnte wohl sein, aber ich bin nicht der Meinung, daß es nicht unsere Aufgabe ist, den Regungen krankhafter Gemüter nachzugehen. Sind wir nicht dazu da, Mutter Äbtissin, durch unser Verständnis den Kranken und Leidenden Trost und Hilfe zu spenden?«

»Wir sind nicht dazu da, Entschuldigungen für die Übelgesinnten zu suchen, Schwester. >Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.< Du kennst doch das Wort aus dem Brief des Paulus an die Galater?«

»Es gibt einen feinen Unterschied zwischen dem Erforschen von Ursachen und dem Suchen nach Entschuldigungen.« Fidelma wandte sich rasch zur Tür, blickte aber noch einmal zurück. »Ich kam auch, um dir zu sagen, Äbtissin Fainder, daß ich Berufung gegen das Urteil einlegen werde aufgrund des Beweismaterials, das ich bisher gesammelt habe.«

Einen Moment schien Äbtissin Fainder erschrocken.

»Heißt das, du hast Gründe für eine Berufung zugunsten des Angelsachsen?« wollte sie wissen.

In diesem Moment flog die Tür auf, und Coba kam ohne Anklopfen herein.

In beherrschtem Zorn erhob sich Äbtissin Fainder. »Vergißt du denn deine Manieren ganz und gar, daß du in mein Zimmer stürmst, ohne anzuklopfen«, sagte sie eisig. »Ich bin ...«

»Ich komme, um dich zu warnen«, unterbrach er sie mit ironischem Unterton.

»Mich zu warnen?« Äbtissin Fainder war verblüfft.

»Der König kommt auf die Abtei zu«, erklärte ihr der bo-aire. »Sein Brehon, Bischof Forbassach, ist bei ihm.«

»Das erspart mir den Gang zur Burg des Königs«, lächelte Fidelma. »Dann kann ich gleich meine Berufung für Bruder Eadulf einlegen.«

»Das ist eine gute Nachricht«, rief Coba begeistert. »Noch besser wäre es, wenn du den Wahnsinn unterbinden könntest, der in diesem Königreich eingerissen ist. Wir müssen diese Bußgesetze beseitigen, bevor sie unser ganzes Rechtssystem verdrängen.«

Die Äbtissin beruhigte sich plötzlich, setzte sich wieder und langte nach ihrer Handglocke, um ihre Verwalterin zu rufen.

»Fianamail kommt also her? Dann werden er und Forbassach vielleicht diesem Unsinn ein Ende bereiten. Das Leben in unserer Abtei ist genug gestört worden. Wir werden den König und seinen Brehon in aller Form in der Kapelle empfangen.« Sie warf Fidelma einen feindseligen Blick zu. »Dann werden wir ja sehen, wie weit du mit deiner Berufung kommst, Schwester.«

Es war Coba, der die Äbtissin anredete.

»Selbst zu diesem späten Zeitpunkt könntest du deine Stimme für die Gnade erheben und Gehör finden. Kehre zu den Gesetzen dieses Landes zurück!«

»Bisher habe ich noch keinen Grund vernommen, weshalb ich meine Meinung ändern sollte, weder in diesem besonderen Fall noch allgemein in den Grundsätzen der Bestrafung«, entgegnete die Äbtissin aufgebracht.

»Haben meine Argumente dich nicht bewegt, noch einmal darüber nachzudenken, wieviel wirksamer die Anwendung von Schadenersatz und Wiedergutmachung zur Schaffung einer moralischen Gesellschaft beiträgt als die Verbreitung von Furcht?«

»Wir wollen eine gehorsame Gesellschaft schaffen«, fauchte Äbtissin Fainder. »Nein, sie haben mich nicht dazu bewegt. Wenn ein Kind stiehlt, dann wird es bestraft, und die Furcht vor Strafe erzeugt Gehorsam.«

Coba unternahm einen letzten, verzweifelten Versuch, seine Philosophie zu erläutern.

»Bleiben wir bei dem Beispiel des Kindes. Wie viele haben gesagt, daß ihr Kind stiehlt? >Wir haben dem Kind erklärt, daß es böse ist zu stehlen, und wir haben es geschlagen, wenn es stahl. Trotzdem stiehlt es weiter. Wie kommt das?< Die Antwort hängt von dem einzelnen Kind ab. Manche werden durch eine Strafe oder die Drohung mit Strafe zum Gehorsam gebracht, aber nicht alle. In Wirklichkeit führt körperliche Bestrafung oft dazu, daß sich der Wunsch verstärkt, an der Autoritätsperson Rache zu üben oder an der Gesellschaft, für die diese Person steht. Das kann noch größere Gewalt hervorrufen, statt sie zu verhindern.«

»Wenn man gar nichts tut, dann wächst die Gewalt«, höhnte die Äbtissin. »Du bist ein alter Trottel, Coba.«

»Unsere Gesetze bemühen sich, das Problem der Denkweise von Übeltätern zu lösen. Die beste Methode der Besserung besteht darin, daß man dem Kind klarmacht, welchen Schmerz der Diebstahl einem anderen bereitet, indem man dem Kind jedesmal, wenn es etwas stiehlt, etwas wegnimmt, was ihm gehört. Die meisten Kinder reagieren darauf eher als auf Schläge oder körperliche Schmerzen. Damit besitzen wir ein Rechtssystem, durch das das ungezogene Kind etwas lernt. Wenn es überhaupt Mitgefühl empfinden kann, dann versteht es, welchen Schmerz es zugefügt hat, und ändert sich vielleicht.«

»Ich kann mich jetzt nicht mit dir über diesen Unsinn streiten, Coba. Deine Gesetze und ihre Strafen haben versagt, sonst würden wir in einer Gesellschaft ohne alle Verbrechen leben.«

Fidelma verspürte das Bedürfnis, sich in die Auseinandersetzung einzuschalten.

»Jeder Gesetzesbruch ist im Endeffekt die Schädigung eines anderen Menschen, und wenn jemand dazu gebracht wird, diese Schädigung einzusehen, dann ist seine Seele gerettet. Wenn er auf diese Weise rehabilitiert wird, kann er weiter ein lohnendes Leben führen. So wird das Gesetz zu einem Instrument moralischer Besserung, indem es sowohl eine heilende Strafe verhängt als auch eine entschädigende und vorbeugende.«

Coba nickte zustimmend bei dieser Erklärung.

Äbtissin Fainder sah sie beide mit spöttischer Miene an.

»Ihr könnt mich nicht dazu überreden, meine Mei-nung zu ändern. Der Angelsachse ist verurteilt, und morgen wird er für das Verbrechen, das er begangen hat, gehängt. Und jetzt wollen wir den König begrüßen.«

Kapitel 8

Es war am späten Abend, als schließlich das Berufungsgericht in der großen Halle der Burg Fianamails von Laigin zusammentrat. Bei der Begegnung in der Kapelle der Abtei hatte Fidelma viel Energie aufwenden müssen, um Fianamail und seinen Brehon, Bischof Forbassach, dazu zu bringen, die Anhörung abzuhalten. Bischof Forbassach und Äbtissin Fainder hatten sich heftig gegen eine solche Anhörung ausgesprochen, doch Fidelma hatte darauf hingewiesen, daß der junge König ihr sein Wort gegeben hatte, im Falle des Auftauchens juristischer Einwände gegen den Verlauf der Gerichtsverhandlung - abgesehen von allgemeinen Einwänden gegen die Anwendung der Bußgesetze - würde er die Prüfung dieser Einwände anordnen. Bischof Forbassach wollte sofort wissen, was für Einwände das wären, doch Fidelma erklärte ihm, daß diese Beweismittel nur bei einer förmlichen Anhörung vorzulegen seien.

Widerstrebend hatte Fianamail eingesehen, daß er sein Versprechen halten mußte. Die Abtei war offensichtlich nicht der geeignete Ort für die Berufungsverhandlung, weil mehrere Schreiber und Gerichtsbeamte herbeigerufen werden mußten. In so kurzer Frist war das nur in der großen Halle der Burg möglich.

Die Halle wurde von flackernden Fackeln erhellt, die in eisernen Haltern an den Wänden standen, und von einem Feuer in der Mitte erwärmt. Fianamail saß auf dem Podium in seinem Amtssessel aus geschnitztem Eichenholz. Zu seiner Rechten hatte Bischof For-bassach, der Brehon von Laigin, seinen Platz.

Äbtissin Fainder wohnte der Verhandlung bei und hatte zu ihrer Unterstützung ihre Verwalterin, Schwester Etromma, und - was Fidelma merkwürdig vorkam - den gräßlich aussehenden Bruder Cett mitgebracht. Bruder Miach begleitete sie ebenfalls. Mehrere Mönche, Nonnen, Schreiber und Angehörige der Hofhaltung des Königs waren anwesend wie auch Krieger, unter ihnen Mel. Inmitten anderer Zuschauer entdeckte Fidelma Coba, den Ortsfürsten, der so heftig gegen die Einführung der Bußgesetze auftrat. Dego und Enda saßen im Hintergrund und beobachteten das Verfahren.

Es war kein Gerichtshof im eigentlichen Sinne, denn bei einer Berufung zur Aufschiebung der Vollstreckung eines Urteils brauchte der Angeklagte nicht anwesend zu sein, es gab keinen Vertreter der Anklage, und gewöhnlich wurden auch keine Zeugen vernommen. Alles hing von der Fähigkeit des dalaigh ab, das Verfahren der Beweisaufnahme beim vorhergehenden Prozeß in Zweifel zu ziehen oder die unangemessene Härte des Urteils in Frage zu stellen.

Fidelma hatte ihren Platz vor dem Podium eingenommen. Ruhe trat ein, als Bischof Forbassach sich erhob und die Versammlung zur Ordnung rief.

»Wir sind hier, um das Plädoyer der dalaigh von Cashel anzuhören. Du kannst beginnen«, erklärte er Fidelma und setzte sich wieder.

Zögernd stand Fidelma auf. Mit wachsendem Erstaunen hatte sie bemerkt, daß Forbassach offensichtlich den Vorsitz bei der Verhandlung führte.

»Habe ich das so zu verstehen, daß du den Vorsitz bei dieser Anhörung führst, Forbassach?« fragte sie.

Bischof Forbassach starrte seine alte Gegnerin mit eisigem Blick an. Er war ein unversöhnlicher Charakter, und sie spürte, daß er sich über ihre Verwirrung freute.

»Das ist ein merkwürdiger Beginn eines Plädoyers, Fidelma. Muß ich eine solche Frage beantworten?«

»Die Tatsache, daß du die Verhandlung gegen Bruder Eadulf geleitet hast, schließt doch wohl aus, daß du dein eigenes Verhalten bei dieser Verhandlung beurteilst.«

»Wer besitzt denn eine größere juristische Autorität in diesem Königreich als Bischof Forbassach?« schaltete sich Fianamail gereizt ein. »Ein Richter niederen Ranges hat kein Recht, ihn zu kritisieren. Das solltest du doch wissen.«

Fidelma mußte zugeben, daß das stimmte und sie es übersehen hatte. Nur ein Richter von höherem oder gleichem Rang konnte das Urteil eines anderen Richters aufheben. Doch wenn Forbassach in diesem Fall urteilte, wäre das eine weitere Ungerechtigkeit.

»Ich hatte gehofft, Forbassach hätte den Rat anderer Richter eingeholt. Ich sehe hier nur Forbassach sitzen und nicht einmal einen ausgebildeten dalaigh, der mit ihm das Beweismaterial beurteilen könnte. Wie kann ein Richter über seine eigenen Urteile befinden?«

»Ich werde deine Einwände berücksichtigen, Fidelma, wenn du sie zu Protokoll geben willst.« Bischof Forbassach lächelte triumphierend. »Jedoch kann ich als Brehon von Laigin niemand anderem das Recht zubilligen, den Vorsitz in diesem Gerichtshof zu führen. Sollte ich davon zurücktreten, könnte man behaupten, daß ich damit zugäbe, in diesem Fall befangen zu sein. Solche Einwände von dir werden abgelehnt. Nun möchte ich dein Plädoyer hören.«

Fidelmas Mund wurde schmal, und sie blickte hinüber zu Dego, der als verwirrter Zuhörer im Hintergrund saß. Er fing ihren Blick auf und verzog tröstend das Gesicht. Ihr war nun klar, daß man schon voreingenommen gegen sie war, noch ehe sie ihr Plädoyer begonnen hatte. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als so gut zu argumentieren, wie sie nur konnte.

»Brehon von Laigin, ich lege bei dir förmliche Berufung ein mit dem Ziel, die Hinrichtung Bruder Ea-dulfs, des Angelsachsen, aufzuschieben, bis eine ordentliche Untersuchung und eine neue Verhandlung stattgefunden haben.«

Forbassach betrachtete sie mit unverändert säuerlicher Miene. Fidelma kam seine Haltung beinahe verächtlich vor.

»Eine Berufung muß sich auf Beweise stützen, daß es bei der ersten Verhandlung Unregelmäßigkeiten gegeben habe, Fidelma von Cashel«, bemerkte Forbas-sach trocken. »Wie begründest du deine Berufung?«

»Es gab verschiedene Unregelmäßigkeiten bei der Vorlage der Beweise im Laufe der Verhandlung.«

Forbassachs Miene wurde noch unangenehmer.

»Unregelmäßigkeiten? Zweifellos unterstellst du, daß solche Unregelmäßigkeiten darauf zurückzuführen sind, daß ich den Vorsitz bei der Verhandlung führte?«

»Ich weiß sehr wohl, daß du den Vorsitz bei der Verhandlung führtest, Forbassach. Ich habe bereits meinen Einwand dagegen erhoben, daß du dein eigenes Verhalten beurteilst.«

»Was wirfst du mir also vor? Was genau?« Sein Ton war kalt und drohend.

»Ich werfe dir überhaupt nichts vor, Forbassach. Du solltest dich im Recht genügend auskennen, um meine Worte nicht falsch zu interpretieren«, fauchte Fidelma. »Eine Berufung besteht lediglich darin, dem Gericht Tatsachen vorzulegen und Fragen zu stellen. Die Antworten hat das Gericht zu suchen.«

Bei dieser spitzen Entgegnung zogen sich Bischof Forbassachs Augen zusammen.

»Dann laß uns deine sogenannten Tatsachen hören, und deine Fragen darfst du auch stellen, dalaigh. Es soll nicht heißen, ich sei kein fairer Richter.«

Fidelma hatte das Gefühl, gegen eine Mauer von Granit anzurennen, und bemühte sich um innere Festigkeit.

»Ich lege Berufung ein aufgrund juristischer Unregelmäßigkeiten. Dazu nenne ich die folgenden Punkte.

Erstens diente Bruder Eadulf als Gesandter zwischen König Colgü von Cashel und dem Erzbischof Theodor von Canterbury. Er genoß den Schutz und die Vorrechte, die mit diesem Rang verbunden sind. In dem Verfahren wurde dieser Rang nicht berücksichtigt. Er führte einen Brief und den weißen Amtsstab eines ollamh, eines Königsboten, bei sich, der nicht gerichtlich verfolgt werden darf.«

»Ein weißer Amtsstab? Eine Botschaft?« Bischof Forbassach schien belustigt. »Sie wurden in der Verhandlung nicht vorgelegt.«

»Bruder Eadulf wurde dazu keine Gelegenheit gegeben. Ich lege sie jetzt vor ...« Fidelma wandte sich um und nahm die Gegenstände von der Bank, auf die sie sie getan hatte. Sie hielt sie zur Prüfung hin.

»Nachträgliche Beweise sind keine Beweise«, lächelte Bischof Forbassach. »Deine Beweise sind unzulässig. Wenn du solche Stücke aus Cashel mitbringst .«

»Ich fand sie im Gästehaus der Abtei, wo Bruder Eadulf sie gelassen hatte«, erwiderte Fidelma voller Zorn über Forbassachs Versuch, sie abzuweisen.

»Woher sollen wir das wissen?«

»Schwester Etromma war bei mir, als ich sie in der Matratze des Bettes entdeckte, das sie mir als das von Bruder Eadulf benutzte gezeigt hatte.«

Bischof Forbassach schaute zu Schwester Etromma hinüber.

»Tritt vor, Schwester. Stimmt das?«

Schwester Etromma hatte offensichtlich Angst vor Bischof Forbassach und warf auch einen furchtsamen Blick auf die Äbtissin, als sie sich erhob.

»Ich begleitete die Schwester zum Gästehaus, und sie beugte sich über die Matratze und hielt mir dann diese Gegenstände hin.«

»Hast du wirklich gesehen, wie sie sie gefunden hat?« forschte der Brehon.

»Sie stand mit dem Rücken zu mir und drehte sich dann vom Bett weg und zeigte sie mir.«

»Also kann sie die Gegenstände bei sich gehabt und nur so getan haben, als ob sie sie fände?« vermutete Bischof Forbassach befriedigt. »Die Beweise können nicht anerkannt werden.«

Fidelma war empört.

»Ich protestiere! Als dalaigh habe ich geschworen, dem Recht zu dienen, und deine Unterstellung verletzt meine Ehre!«

»Als Brehon habe ich denselben Eid geschworen, und trotzdem wagst du es, meine Urteile anzufechten!« fauchte Forbassach. »Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Fahre fort mit deinem Plädoyer.«

Fidelma schluckte schwer und bemühte sich, ihre Gefühle zu meistern. Wenn sie die Beherrschung verlor, nützte das niemandem, am wenigstens Eadulf.

»Zweitens wurde Bruder Eadulf aus dem Schlaf gerissen, mißhandelt und in eine Zelle geschafft, ohne daß ihm gesagt wurde, wessen er beschuldigt wurde. Er wurde zwei Tage in der Zelle ohne Essen und Trinken gelassen. Erst als Forbassach kam und ihm erklärte, welches Verbrechen ihm zur Last gelegt wurde, erfuhr er, weshalb er in Haft war. Kein Anwalt, kein dalaigh, wurde zu seiner Verteidigung bestellt, ihm wurde auch nicht gestattet, die Beweise zu prüfen. Er wurde nur gefragt, ob er sich schuldig bekenne.«

»Wenn er unschuldig gewesen wäre, hätte er seine Beweise vorlegen können«, murrte Bischof Forbas-sach. »Alles, was du vorbringst, beruht lediglich auf der Aussage des Angelsachsen. Diese Behauptungen werden zurückgewiesen. Sprich weiter.«

Fidelma fuhr hartnäckig fort.

»Dann kommen wir zu den Unregelmäßigkeiten in den Zeugenaussagen. Schwester Etromma trat auf und identifizierte das tote Mädchen. Wie konnte sie es identifizieren, wenn sie es noch nie gesehen hatte, ehe sie die Leiche erblickte? Ihr war gesagt worden, es handle sich um eine Novizin der Abtei. Aber sie wußte das nicht aus eigener Kenntnis.«

»Die Vorsteherin der Novizinnen hatte es ihr gesagt.«

»Die war bereits auf einer Pilgerfahrt. Selbst wenn es so war, du kennst das Gesetz, Forbassach. Sie kannte das Mädchen nicht aus eigener Erfahrung. Etrom-mas Aussage war nach den Regeln des Verfahrens ungültig.«

»Darüber entscheidet der Richter«, erwiderte Bischof Forbassach knapp. »Ich hielt die Frage der Identifizierung nicht für wichtig. Solange das Mädchen überhaupt identifiziert wurde, war es gleichgültig, von wem.«

»Wir sprechen von den Regeln des Verfahrens«, antwortete Fidelma. »Aber kommen wir zum nächsten Zeugen - dem Arzt, Bruder Miach, der die Leiche untersuchte. Er schwor, daß das Mädchen vergewaltigt worden sei. Gewiß, es war eine Jungfrau, die kurz vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Soviel hätte er uns als Arzt sagen sollen. Aber unser Arzt fügte seinem Untersuchungsergebnis noch eine Meinung hinzu, und die lautete, daß das Mädchen vergewaltigt worden war. Nun behaupte ich nicht, daß es nicht so ist, aber eine Meinung ist kein Beweis und hätte nicht als solcher angenommen werden dürfen. Die Untersuchung kann nicht zweifelsfrei feststellen, welche Art von Geschlechtsverkehr vor dem Tode des Mädchens stattgefunden hat. War es das Verbrechen des focloir oder des sleth, war es gewaltsame Vergewaltigung oder Vergewaltigung durch Überredung? Darauf hätte hingewiesen und das hätte erwogen werden müssen.

Nun weiter zur Aussage von Schwester Fial, der Hauptzeugin - einer Augenzeugin. Sie sagt, sie sei eine Freundin des toten Mädchens. Sie traten zusammen als Novizinnen in die Abtei ein. Beide hatten noch nicht das Alter der Wahl erreicht. Schwester Fial erklärt, sie hätte mit dem toten Mädchen verabredet, sich mit ihm an dem Kai außerhalb der Abtei zu einer Zeit zu treffen, die deutlich nach Mitternacht gelegen haben muß. Bei der Verhandlung hat niemand sie gefragt, warum und zu welchem Zweck. Ist es nicht seltsam, daß zwölf- oder dreizehnjährige Novizinnen zu dieser Nachtzeit außerhalb der Abtei am Kai herumwandern? Hat man diese wichtigen Fragen gestellt? Nein, das hat man nicht.

Weiter sagt Fial, sie habe dort unten am Kai in der Dunkelheit gesehen, wie ein Mann ihre Freundin überfiel und erdrosselte. Sie kann nur einen Meter vom Schauplatz entfernt gewesen sein. Was tut sie bei diesem Anblick? Sie bleibt einfach bei den Ballen stehen und sieht zu, wie ihre Freundin angegriffen und erwürgt wird. Sie sieht, wie der Mann zur Abtei zurückläuft und hineingeht. Das alles im Dunkeln. Sie steht da und weiß nicht, was sie machen soll - wie lange, das erfahren wir nicht. Wir können sie auch nicht danach fragen, denn Schwester Fial ist anscheinend aus der Abtei verschwunden. Sie steht da und macht keine Anstalten, zu ihrer Freundin zu gehen. Die Äbtissin kommt dazu, und sie bleibt immer noch stumm im Schatten, während Mel die Leiche untersucht. Erst nach langer Zeit tritt sie vor und erzählt ihre Geschichte.«

Fidelma hielt inne. Tiefes Schweigen war eingetreten.

»Dann haben wir noch die Aussage von Mel, dem Hauptmann der Wache, der zum Kai kommt und sieht, wie Äbtissin Fainder dort zu Pferde hält und auf die Leiche hinabschaut. Zu keinem Zeitpunkt wurde die Äbtissin aufgefordert, zu ihrer Rolle in dem Fall auszusagen. Sie weist Mel auf die Leiche hin. Dann übernehmen Mel und sein Kamerad Daig den Fall und hören später von Fial, unserer verschwundenen Zeugin, daß sie in dem Täter den angelsächsischen Mönch, der sich in der Abtei aufhält, erkannt habe.

Eadulf wird im Bett liegend aufgefunden. Entgegenkommenderweise hat er ein Stück der blutgetränkten Kutte des ermordeten Mädchens bei sich im Bett und macht keinen Versuch, es zu verstecken.«

Forbassach lächelte verbissen.

»Ich glaube, damit hast du deine eigenen Argumente widerlegt, dalaigh. Es ist klar erwiesen, daß der Angelsachse mit blutbefleckter Kleidung im Bett lag und daß daraus seine Schuld unwiderleglich hervorgeht.«

»Ich meine, daß die Unregelmäßigkeiten schwerer wiegen als die Beweise und daß diese Unregelmäßigkeiten aufgeklärt werden müssen, bevor die Blutflecke berücksichtigt werden. Ich habe bereits von den Umständen seiner Festnahme gesprochen, die, das wiederhole ich, nicht dem Gesetz entsprechen. Er wird in der Abtei festgehalten. Wir kennen das Ergebnis. Was wir nicht wissen, ist, wie die verschwundene Zeugin Fial den angelsächsischen Bruder identifizierte. Woher weiß sie überhaupt, daß er ein angelsächsischer Bruder ist, wenn Bruder Eadulf, wie er sagt, das Mädchen nicht ein einziges Mal gesehen hat, als er in die Abtei kam. Er redete mit wenigen Leuten - mit der Äbtissin, Schwester Etromma und mit einem Bruder namens Ibar. Nur sie wußten, daß er Angelsachse ist, denn er spricht ein ausgezeichnetes Irisch. Niemand hat das Mädchen gefragt, wie es den Angelsachsen in der Dunkelheit erkennen konnte. In diesem Fall gibt es zu viele Fragen, die nicht gestellt und schon gar nicht beantwortet wurden.«

Fidelma hielt kurz inne, als wolle sie Atem schöpfen.

»Aus diesen Gründen, Brehon von Laigin, wende ich mich direkt an dich mit dem Ersuchen, das Urteil über Bruder Eadulf so lange auszusetzen, bis eine ordentliche, unparteiische Untersuchung und eine faire, gerechte Verhandlung stattgefunden haben.«

Bischof Forbassach wartete einen Moment, als gebe er ihr Gelegenheit fortzufahren, und dann fragte er scharf: »Hast du noch weitere Gründe vorzubringen, dalaigh von Cashel?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »In Anbetracht der kurzen Zeit, die man mir gewährt hat, ist das alles, was ich im Augenblick vorbringen kann. Ich meine, es sollte genügen, die Hinrichtung um wenigstens einige Wochen aufzuschieben.«

Bischof Forbassach beriet sich eilig im Flüsterton mit Fianamail. Fidelma wartete geduldig. Der Bischof wandte sich wieder ihr zu.

»Ich werde meine Entscheidung morgen früh verkünden. Wenn ich allerdings«, er blickte Fianamail mürrisch an, »allein zu entscheiden hätte, würde ich sagen, die Berufung ist abgelehnt.«

Obwohl sonst so selbstbeherrscht, trat Fidelma einen Schritt zurück, als hätte sie jemand vor die Brust gestoßen. Sie mußte sich zwar eingestehen, daß sie von Anfang an geahnt hatte, Bischof Forbassach wolle sein ursprüngliches Urteil aufrechterhalten. Trotzdem hatte sie gehofft, er werde, um den Schein zu wahren, die Hinrichtung um ein paar Tage verschieben. Offensichtlich lag Fianamail mehr daran, sich an die leere Form der Rechtsprechung zu klammern, als Forbas-sach. Auf die Vorführung einer so schreienden Ungerechtigkeit war Fidelma nicht vorbereitet.

»Warum sagst du, daß du meine Berufung ablehnen würdest, Forbassach?« fragte sie, als sie die Stimme wiedergefunden hatte. »Ich würde gern die Begründung erfahren. Würde der gelehrte Richter mir erläutern, weshalb er die Berufung verwirft?«

Ihr Ton war ruhig und bescheiden.

Bischof Forbassach nahm ihren Tonfall fälschlich als ein Eingeständnis der Niederlage. Seine Miene wurde etwas hochmütig.

»Ich sagte schon, daß ich die Entscheidung morgen verkünde. Aber erstens war ich der Richter in der Verhandlung gegen den Angelsachsen. Ich erkläre, ihm wurde jede Achtung bezeugt und jede Gelegenheit zur Verteidigung gegeben. Er behauptet, das war nicht so. Damit steht sein Wort, als das eines Ausländers, gegen meins. Ich spreche als Brehon von Laigin. Es gibt kaum einen Zweifel, welches Wort zu gelten hat.«

Fidelmas Augen zogen sich zornig zusammen. Sie kochte innerlich.

»Du lehnst meine Berufung ab, weil du der Richter bei der ersten Verhandlung warst? Ich habe dich nicht gebeten, über diese Berufung zu entscheiden. Ich sehe, daß du nur deine eigenen Interessen absichern willst ...«

»Fidelma von Cashel!« Es war Fianamail, der sie unterbrach. »Du sprichst mit meinem Brehon. Selbst deine Verwandtschaft mit dem König von Muman gibt dir nicht das Recht, Beamte meiner Hofhaltung zu beleidigen.«

Fidelma biß sich auf die Lippen. Sie erkannte, daß ihr Zorn sie fortgerissen hatte.

»Ich nehme diese Worte zurück. Doch von Anfang an war ich der Meinung, daß ein Richter, der über sich selbst urteilt ... eben ungewöhnlich ist. Ich würde gern wissen, welche anderen Gründe - abgesehen von der Abneigung eines Richters, irgendeinen Fehler zuzugeben, den er gemacht haben könnte - es dafür gibt, meine Berufung abzulehnen?«

Bischof Forbassach beugte sich vor.

»Ich würde sie ablehnen, weil du keine wirklich relevanten Tatsachen vorzuweisen hast. Du hast lediglich eine Reihe schlauer Fragen gestellt.«

»Fragen, die zur Zeit keine Antwort finden«, fuhr ihn Fidelma an. »Das ist die Grundlage für meinen Antrag, den Antrag, das Urteil auszusetzen, bis diese Fragen beantwortet werden können.«

»Unbeantwortbare Fragen haben keinen Einfluß auf die ursprünglichen Entscheidungen des Gerichts. Du sagst, der Angelsachse war ein Königsbote. Wo war sein weißer Amtsstab? Jetzt holst du ihn hervor wie eine Zauberin, und deine einzige Zeugin kann nicht beschwören, daß du ihn dorther genommen hast, wo du ihn gefunden haben willst.«

»Ich kann ihn vorweisen .«

»Alles, was du vorweisen kannst«, unterbrach sie Bischof Forbassach, »ist kein gültiges Beweismittel, denn niemand weiß, ob du es nicht selbst hierhergebracht hast. Es ist kein Beweismittel, weil wir nicht wissen, ob der Angelsachse es bei sich trug. Was die Zeugen anbelangt, so ziehst du sowohl ihre Kenntnisse als auch ihre Ehrlichkeit in Zweifel.«

»Das tue ich nicht!« protestierte Fidelma.

»Aha.« Bischof Forbassach lächelte siegesgewiß. »Nimmst du die Bemerkungen, die du über sie gemacht hast, zurück?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Das tue ich nicht.«

»Dann mußt du ihre Aussagen in Zweifel ziehen.«

»Nein. Ich habe eine Reihe von Fragen aufgezählt, die man ihnen bei der Verhandlung hätte stellen müssen.«

»Wir haben ihre Aussagen bei der ursprünglichen Verhandlung gehört und sahen keinen Grund, sie ins Kreuzverhör zu nehmen«, erklärte Forbassach entschieden. »Sie alle sind von einwandfreiem Charakter und haben unserer Meinung nach die Wahrheit gesagt. Die Zeugin Schwester Fial hat den Angelsachsen deutlich erkannt. Sie war Augenzeugin seines abscheulichen Verbrechens. Wagst du es, die Glaubwürdigkeit eines dreizehnjährigen Kindes in Zweifel zu ziehen, das gerade die Vergewaltigung und Ermordung seiner noch jüngeren Freundin mit angesehen hat? Was ist das für eine Gerechtigkeit, Fidelma von Cashel? Wir haben hier in Laigin offensichtlich andere Maßstäbe als eure Gerichte in Cashel, wo ihr, wie man sagt, die Zuschauer mit Spott und juristischen Spitzfindigkeiten ergötzt. Hier halten wir die Wahrheit nicht für ein juristisches fidchell-Spiel.«

Fidchell war ein Brettspiel, das geistige Beweglichkeit erforderte. Fidelma war stolz darauf, wie gut sie es beherrschte.

Fianamail legte Bischof Forbassach die Hand auf den Arm und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Brehon zog ein säuerliches Gesicht und nickte. Der junge König stand plötzlich auf.

»Die Anhörung ist damit beendet. Der Gerechtigkeit halber hat mein Brehon, Bischof Forbassach, mich gebeten, den Fall mit mir zu besprechen, damit das Urteil, zu dem wir gelangen, vollkommen gerecht ausfällt. Er wird unsere Antwort auf diese Berufung morgen früh verkünden. Die Verhandlung ist nunmehr abgeschlossen.«

Dunkle Verzweiflung überkam Fidelma für einen Augenblick, während sie auf ihren Stuhl zurücksank.

»Die Gerichte von Laigin sind in die Finsternis zurückgefallen!« rief eine durchdringende männliche Stimme. Sie nahm kaum wahr, daß es der bo-aire Co-ba war, der aufstand und aus der Halle stürmte.

Fianamail zögerte, verärgert über diesen Zwischenfall, und verließ dann mit finsterer Miene den Saal. Bischof Forbassach blieb einen Moment unentschlossen stehen, dann trat die Äbtissin zu ihm. Triumphierend wandte er sich ihr zu, und gemeinsam gingen sie hinaus. Als auch die anderen sich zerstreuten, kam Dego zu Fidelma und legte ihr mit verlegen-tröstender Geste die Hand auf die Schulter.

»Du hast dein Bestes getan, Lady«, murmelte er. »Sie sind darauf aus, daß Bruder Eadulf sterben soll.«

Fidelma hob den Kopf, spürte, daß ihr Tränen in die Augen traten, und schämte sich ihrer nicht.

»Dego, ich weiß nicht, was ich noch legal tun kann, um ihn zu retten. Es bleibt keine Zeit.«

»Aber sie verkünden das Urteil erst morgen. Es besteht noch Hoffnung, daß sie für deine Berufung entscheiden.« Überzeugt klang er nicht.

»Du hast gehört, wie Brehon Forbassach mich abfahren ließ. Nein, er wird bei dem Urteil bleiben, das er einmal gesprochen hat.«

Widerwillig stimmte ihr Dego zu. »Da hast du recht, Lady. Bischof Forbassach hat seine Voreingenommenheit deutlich gezeigt. Hast du gesehen, wie er mit der Äbtissin Fainder wegging und beide lächelten und er ihre Hand hielt? Die stecken unter einer Decke.«

»Uns bleibt nur noch die Hoffnung, daß der Oberrichter von Irland, Barran, selbst herkommt und dieser üblen Ungerechtigkeit Einhalt gebietet«, meinte Fidelma.

Dego schüttelte traurig den Kopf. »Dann gibt es keine Hoffnung, Lady. Aidan braucht noch mindestens drei Tage, um Barran zu suchen und herzubringen, vielleicht sogar eine ganze Woche, und Glück muß er auch noch haben.«

Fidelma erhob sich und bemühte sich, ihre Fassung wiederzuerlangen.

»Ich muß zur Abtei und Eadulf sagen, er solle sich auf das Schlimmste gefaßt machen.«

»Wäre es nicht besser, du wartest, bis morgen früh die Entscheidung formell verkündet wird?«

»Ich kann mir nichts vormachen, Dego, und Eadulf kann ich auch nichts vormachen.«

»Soll ich mitkommen?«

»Nein, Dego, aber vielen Dank. Das ist etwas, was ich am besten allein tue. Ich glaube, Eadulf sähe morgen gern ein paar freundliche Gesichter, wenn das Schreckliche geschieht. Wenigstens kann er im Beisein von Freunden sterben und nicht nur unter Feinden. Ich werde um die Erlaubnis bitten, dabeisein zu dürfen, sobald das Urteil gefällt ist. Werdet ihr, Enda und du, mich begleiten?«

Dego zögerte keinen Moment.

»Natürlich. Gott vergebe ihnen, wenn sie deine Berufung tatsächlich verwerfen, Lady. Ich habe manchen tapferen Mann in der Schlacht sterben sehen, und ich habe auch selbst viele getötet. Aber in der Kampfeswut, mit heißem Blut, Männer, die frei waren und mit Schwert und Lanze in der Hand, die sich verteidigten, im Kampf Mann gegen Mann, unter Gleichen. Doch das hier ... das ist eine üble Sache, einem Menschen nur noch die Würde eines armen Kalbs im Schlachthaus zu lassen. Dafür muß man sich schämen.«

»Das ist nicht unsere Art der Bestrafung«, pflichtete ihm Fidelma bei. Dann seufzte sie tief. »Man kann wahrscheinlich der Meinung sein, daß jemand, der einen Mord begeht, einem anderen Menschen Leid und Tod zufügt, nicht unser Mitgefühl verdient, aber .«

»Das ist noch kein Grund, daß wir auf die Stufe des Mörders hinabsteigen und unseren Mord mit kaltblütigen Ritualen verhüllen«, unterbrach sie Dego. »Und du meinst doch sicher nicht, daß du jetzt Bruder Eadulf dieses Verbrechens für schuldig hältst?«

Fidelma kämpfte mit ihren Gefühlen und schüttelte rasch den Kopf. Sie hoffte, daß ihre Augen nicht zu sehr glänzten.

»Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, ob Eadulf schuldig ist oder nicht. Ich glaube, daß er unschuldig ist. Ich vertraue seinem Wort. Aber Worte genügen dem Gesetz nicht. Nach meinem Wissen kann ich nur sagen, daß es zu viele Fragen gibt, die hätten beantwortet werden müssen, und jetzt . jetzt scheint es zu spät dazu zu sein. Geh ins Gasthaus zurück, Dego. Ich werde dich und Enda bald dort treffen.«

Langsam schritt sie durch die Stadt auf die Abtei zu, von düsteren Gedanken bedrückt. Sie wußte nicht, was sie Eadulf sagen sollte. Es konnte nur die Wahrheit sein. Sie hatte das Gefühl, völlig versagt zu haben. Sie zweifelte nicht daran, daß Bischof Forbassach trotz Fianamails Versuch, sich diplomatisch zu geben, die Berufung ablehnen werde. Die herausfordernde Art, in der er auf alle ihre Fragen reagiert hatte, zeigte deutlich, daß er darauf aus war, den Forderungen der Äbtissin Fainder nach Anwendung dieser grausamen neuen Strafen nachzukommen.

Wenn sie nur mehr Zeit hätte! Die Beweise enthielten zu viele unglaubwürdige Stellen. Doch Bischof Forbassach gab sich anscheinend keine Mühe, dem nachzugehen. Zeit! Darauf lief alles hinaus. Und wenn morgen die Sonne im Zenit stand, sollte das Leben ihres guten Freundes und Gefährten ausgelöscht werden, weil sie keinen Erfolg gehabt hatte.

Während sie sich den Toren der Abtei näherte, war sie entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie die Zuversicht verloren hatte. Schließlich konnte schon irgendein kleiner Zufall eine Verzögerung bewirken. Trotzig hob sie das Kinn.

Als Schwester Etromma das Tor öffnete, sah sie seltsam ängstlich aus. Sie hatte die Halle des Königs verlassen und war in die Abtei zurückgeeilt, sobald Bischof Forbassach seine Meinung verkündet hatte.

»Es tut mir leid, Schwester. Ich konnte nur die Wahrheit sagen. Du standest wirklich mit dem Rük-ken zu mir, als du diese Gegenstände fandest, und ich konnte nicht schwören, ich habe gesehen, wie du sie aus dem Versteck holtest. Bischof Forbassach stellte so scharfe Fragen .«

Mit einer Handbewegung beruhigte Fidelma die besorgte Verwalterin. Sie gab ihr keine Schuld. Hätte sie Fidelma unterstützt, hätte Bischof Forbassach zweifellos einen anderen Weg gefunden, die Beweisstücke zurückzuweisen.

»Es war nicht dein Fehler, Schwester. Außerdem ist ja noch keine Entscheidung verkündet worden«, antwortete Fidelma in möglichst gleichmütigem Ton.

Schwester Etromma schaute nicht weniger bestürzt drein.

»Aber du weißt doch sicher, daß das Urteil längst feststeht?« fragte sie. »Bischof Forbassach hat es selbst gesagt.«

Fidelma bemühte sich, zuversichtlich zu erscheinen.

»Es liegt jetzt am König und seinen Ratgebern. Trotz Forbassach behaupte ich weiterhin, daß es Fragen gibt, die gestellt werden müssen, und jeder unvoreingenommene Richter weiß, daß man ohne Antworten auf diese Fragen einem Menschen nicht das Leben nehmen kann.«

Schwester Etromma senkte den Kopf. »Das ist wohl so. Glaubst du wirklich, daß die Hinrichtung des Angelsachsen noch verschoben wird?«

Fidelmas Stimme war angespannt. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht.

»Ich hoffe es. Aber es steht mir nicht zu, die Entscheidung des Richters vorauszusagen.«

»Ja, eben«, murmelte die Verwalterin. »Das ist hier kein glücklicher Ort mehr. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich mich auf die Insel Mannanan Mac Lir zurückziehen und die Sorgen dieser Abtei hinter mir lassen kann. Doch ich nehme an, du willst den Angelsachsen sprechen?«

»Ja.«

Sie wandte sich um und ging wieder voran durch die Abtei und in den Haupthof. Die Sonne stand schon tief, und die Abtei lag im Dämmerlicht. Der Hof wurde aber von vielen Fackeln erhellt. Zwei Männer holten den Leichnam Bruder Ibars vom Galgen herunter, während zwei andere, darunter ein Mönch, ihnen zusahen. Sie schauten von ihrer grausigen Arbeit auf, und einer grinste sie an.

»Wir schaffen Platz für morgen«, rief er ihr zu. Es war ein Mann mit groben Zügen in Arbeitskleidung. In der Nähe hatte man Sackleinen auf den Steinplatten ausgebreitet als Unterlage für den Leichnam. Kein Holzsarg stand für Bruder Ibar bereit, stellte Fidelma fest, nur Sackleinwand und wahrscheinlich eine rasch ausgehobene Grube in dem Bruch am Flußufer. Die beiden schwarzgekleideten Arbeiter erinnerten sie eher an Raben mit den Knochen ihres Opfers denn an Leichenbestatter bei ihrer Tätigkeit.

Fidelma blieb stehen, und ihr Blick fiel auf den Mönch, der die anderen beaufsichtigte. Es war die stämmige, kriegerische Gestalt des Bruders Cett. Er maß sie mit einem schiefen Blick und entblößte seine brüchigen schwarzen Zähne. Sie hatte noch kaum einen Menschen gesehen, der so tierisch wirkte. Sie erschauerte. Neben ihm stand ein kleiner, drahtiger Mann in Schifferkleidung. Solche Hosen und Jacken aus Leder und Halstücher aus Leinen wurden gewöhnlich von Flußschiffern getragen. Er blickte nicht auf, als sie den Hof überquerten.

»Wir wollen zur Zelle des Angelsachsen, Cett«, rief ihm Schwester Etromma im Vorbeigehen zu.

Der Riese knurrte, was wohl Zustimmung bekunden sollte, doch der Laut konnte alles mögliche bedeuten. Die Verwalterin nahm es als Einwilligung, denn sie schritt weiter, und Fidelma folgte ihr schnell.

Sie stiegen die Treppe zu der Zelle empor, vor der ein anderer Mönch auf einem Holzschemel unter einer flackernden Fackel saß und sein Kruzifix betrachtete, das er in beiden Händen auf dem Schoß hielt. Er sprang auf, als sie sich näherten, und erkannte Schwester Etromma sofort. Wortlos schob er die Riegel an der Zellentür zurück.

Schwester Etromma wandte sich an Fidelma. »Rufe, wenn du wieder gehen willst. Ich habe anderes zu tun und kann nicht warten.«

Fidelma trat in die Zelle. Eadulf erhob sich, um sie zu begrüßen. Seine Miene war düster.

»Eadulf ...«, begann sie.

Er schüttelte rasch den Kopf. »Du brauchst es mir nicht zu sagen, Fidelma. Ich sah vom Fenster, wie du mit der anderen Schwester über den Hof kamst, und ich kann mir denken, wie das Ergebnis lautet. Hätte die Berufung Erfolg gehabt, hätte wohl Bischof For-bassach dich begleitet und dich nicht mit einer so traurigen Miene vorausgeschickt.«

»Es ist noch nicht sicher«, entgegnete Fidelma schwach. »Das Urteil über die Berufung wird Forbas-sach morgen früh verkünden. Es gibt noch ein wenig Hoffnung.«

Eadulf wandte sich dem Fenster zu. »Das bezweifle ich. Ich habe von Anfang an gesagt, über diesem Ort liegt etwas Böses, das mein Ende bestimmt.«

»Unsinn!« fuhr Fidelma hoch. »Du darfst nicht aufgeben.«

Eadulf blickte über die Schulter zurück und lächelte trübe.

»Ich glaube, ich kenne dich lange genug, Fidelma, so daß du mir nichts vormachen kannst. Ich lese es in deinen Augen. Du betrauerst schon meinen Tod.«

Rasch berührte sie seine Hand. »Sag das nicht!«

Zum erstenmal hörte er ihre Stimme brechen und wußte, daß sie den Tränen nahe war.

»Es tut mir leid«, murmelte er verlegen. »Das war dumm von mir.« Er merkte, daß sie ebensosehr Halt brauchte wie er, um dem Schrecklichen entgegenzugehen. Eigensüchtige Gefühle kannte Eadulf nicht. »Also wird Bischof Forbassach morgen früh über deine Berufung befinden?«

Sie nickte, sprechen konnte sie nicht.

»Gut. Dann nehmen wir es, wie es kommt. Könntest du inzwischen Schwester Etromma bitten, mir Wasser und Seife zu verschaffen? Ich möchte anständig aussehen, was der Morgen auch bringen mag.«

Fidelma spürte, wie Tränen in ihren Augen brannten. Plötzlich nahm Eadulf sie in die Arme, preßte sie fest an sich und schob sie dann fast gewaltsam weg.

»So! Nun geh, Fidelma. Überlaß mich meinen Meditationen. Ich sehe dich morgen früh.«

Sie verstand ihn. Es gab zu viel zwischen ihnen, als daß sie bleiben dürfte. Im nächsten Moment würden sie beide die Kontrolle über ihre Gefühle verlieren. Sie drehte sich um und rief rauh nach dem Mönch draußen. Gleich darauf knirschten die Riegel, und die Tür flog auf. Sie warf keinen Blick zurück in die Zelle, als sie ging.

»Bis morgen, Eadulf«, murmelte sie.

Bruder Eadulf gab keine Antwort, und die Zellentür schlug hinter ihr zu.

Fidelma kehrte nicht sofort zum Gasthaus zurück, sondern ging am Flußufer entlang und fand schließlich einen einsamen Platz am Ende der Kais, wo sie sich in der Dunkelheit auf einem Baumstamm niederließ. Der Mond schien leuchtend hell, seine Strahlen tanzten geheimnisvoll auf den Wellen. Sie saß still da, heiße Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie hatte zuletzt geweint, als sie ein junges Mädchen war. Sie unternahm nicht einmal den Versuch, sich der Meditationstechnik dercad zu bedienen, um ihre stürmischen Gefühle zu dämpfen. Seit sie wußte, welche Gefahr Eadulf drohte, hatte sie sich bemüht, sie zu beherrschen. Ihm half sie nicht, wenn sie ihnen nachgab. Sie mußte stark bleiben, sich von ihren Gefühlen lösen, um logisch denken zu können.

Doch sie war hin- und hergerissen zwischen schrecklicher Verzweiflung und tiefer Empörung. Seit sie Eadulf kannte, hatte sie versucht, ihre Gefühle zu verbergen, sogar vor sich selbst. Sie trug ihre Pflicht wie eine Last: Pflicht gegenüber dem Glauben, dem Gesetz, den fünf Königreichen und ihrem eigenen Bruder. Jetzt, in dem Augenblick, da sie aufgehört hatte, ihre Gefühle zu leugnen, und sich selbst gegenüber zugab, wieviel Eadulf ihr bedeutete, drohte die Gefahr, daß er ihr für immer entrissen wurde. Es war . so unfair. Sie wußte, wie banal sich das anhörte, aber ihr fiel kein anderer Ausdruck ein, trotz ihrer Kenntnis der Philosophen des Altertums. Die würden ein so schändliches Schicksal damit erklären, daß die Götter es anders gewollt hätten. Das konnte sie nicht hinnehmen. Vergil schrieb: Fata viam invenient - die Götter werden einen Weg finden. Sie mußte einen Weg finden. Sie mußte es einfach.

Kapitel 9

Fidelma bewegte sich in ihrem unruhigen Schlaf.

Sie träumte. Im Traum sah sie den Leichnam des Mönchs am Ende des straffen Seils am hölzernen Galgen pendeln. Dahinter stand eine Gruppe von kapuzentragenden Gestalten, die den Toten auslachten und verhöhnten. Sie versuchte mit ausgestreckten Händen die hängende Gestalt zu erreichen, doch etwas drückte sie zurück. Hände hielten sie fest. Sie wollte sehen, wer es war, und drehte sich um. Hinter ihr erschien das Gesicht ihres alten Mentors und Lehrers, des Bre-hons Morann.

»Warum?« schrie sie ihn an. »Warum?«

»Das Auge verbirgt, was es nicht sehen will«, lächelte der Alte rätselvoll.

Sie wandte sich ab und wieder der hängenden männlichen Gestalt zu.

Es gab ein krachendes Geräusch. Zuerst glaubte sie, der Galgen breche zusammen, das Holz berste und splittere.

Dann merkte sie, daß sie wach geworden war und der krachende Lärm tatsächlich vor ihrem Zimmer entstand. Schwere Schritte polterten die Treppe des Gasthauses zum Gelben Berg hinauf. Sie hatte kaum Zeit, sich im Bett aufzurichten, als die Tür schon ohne weiteres aufgerissen wurde.

Bischof Forbassach stürmte herein, eine Laterne in der Hand. Hinter ihm drängten sich ein halbes Dutzend Männer mit gezogenen Schwertern, darunter eine bekannte, mächtige Gestalt. Es war Bruder Cett.

Bevor sie noch ganz bei Sinnen war, begann Bischof Forbassach mit hochgehaltener Laterne ihr kleines Zimmer abzusuchen, kniete sich hin und spähte unter das Bett.

Einer der Männer drückte ihr wortlos drohend die Schwertspitze auf die Schulter.

Fidelma war entsetzt und verwirrt, dann starrte sie mit wachsender Empörung die Männer an.

»Was soll das heißen?« fragte sie.

Plötzlich gab es ein Handgemenge vor der Tür. Einige Männer kamen ihren Kameraden draußen zu Hilfe, dann wurden Dego und Enda, die Arme auf den Rücken gedreht, hereingeschleppt. Sie waren anscheinend bei dem Lärm mit gezogenen Schwertern herbeigeeilt und von der Übermacht überwältigt worden. Nun standen sie, zwangsweise vornübergebeugt, zwischen Forbassachs Männern.

»Was hat dieser frevelhafte Überfall zu bedeuten, Forbassach?« fragte Fidelma kalt, ihr eisiger Ton verdeckte ihre kochende Empörung. Sie ignorierte die drohende Schwertspitze an ihrer Brust. »Hast du völlig den Verstand verloren?«

Der Bischof hatte in alle Ecken geschaut, nun wandte er sich ihr zu, die Laterne immer noch in der Hand. Sein Gesicht war eine Maske offener Feindseligkeit.

»Wo ist er?« knurrte er.

Fidelma starrte ihn mit gleichem Abscheu an.

»Wo ist wer? Du wirst dieses unbegründete Eindringen sehr genau zu erklären haben, Brehon von Laigin. Weißt du, was du tust? Du brichst alle Gesetze des ...«

»Halt den Mund, Frau!« brummte der Mann mit dem Schwert an ihrer Brust und unterstrich den Befehl mit einem leichten Zustoßen.

Fidelma spürte den Einstich. Sie sah den Krieger nicht an, sondern hielt den Blick auf Forbassach gerichtet.

»Sag deinem Raufbold, wer ich bin, Forbassach, und denke du auch daran. Wenn das Blut der Schwester des Königs Colgü fließt, die außerdem noch dalaigh bei Gericht ist, dann bedeutet das Blut um Blut. Du kennst das Gesetz. Es gibt einige Dinge, die durch nichts zu entschuldigen sind. Du hast die Grenzen meiner Geduld überschritten.«

Bischof Forbassach stutzte bei der eisigen Wut in ihrer Stimme. Er hatte Mühe, sein eigenes Temperament zu zügeln, und brauchte eine ganze Weile dazu.

»Du kannst dein Schwert einstecken«, sagte er gepreßt zu dem Mann. Dann wandte er sich wieder an Fidelma. »Ich frage dich noch einmal, wo ist er?«

Fidelma betrachtete die einschüchternde Gestalt des Brehons von Laigin mit kühler Neugier.

»Und ich frage dich noch einmal, wen meinst du damit?«

»Du weißt ganz genau, daß ich den Angelsachsen meine.«

Überrascht erfaßte Fidelma, was sich hinter dieser Frage verbarg, zwang sich aber dazu, ihre Gefühle nicht zu zeigen.

Bischof Forbassach verzog ärgerlich das Gesicht.

»Tu doch nicht so, als wüßtest du nicht, daß Bruder Eadulf entkommen ist.«

Fidelmas Blick wich seinem nicht aus.

»Ich tue nicht so. Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«

Der Bischof drehte sich zu seinem kleinen Heer um.

»Ihr bleibt hier«, befahl er denen, die Fidelmas Gefährten im Griff hatten. »Haltet die beiden fest. Ihr anderen durchsucht dieses Gasthaus, und zwar gründlich, auch die Nebengebäude. Seht nach, ob Pferde fehlen.«

Fidelma sah, daß Lassar mit verstörtem Gesicht hinter den Männern auftauchte. Sie hätte sie gern beruhigt. Doch ihr eigenes Herz schlug schneller. Sie durfte nicht zulassen, daß Forbassach die Lage beherrschte.

Da erhob sich eine dünne, jammernde Männerstimme über dem Wirrwarr.

»Was soll’n der Lärm? Dis is’n Gasthaus, un ich hab für ‘n gutes Bett un ‘nen ruhigen Schlaf bezahlt.«

Ein kleiner Mann schob sich durch die Menge an der Tür. Er war offensichtlich aus trunkenem Schlaf gerissen worden, sein Haar war zerzaust, ein rasch umgenommener Mantel deckte seine Blöße.

Verärgert über die Unterbrechung, wandte sich Bischof Forbassach um.

»Was hier passiert, geht dich nichts an, Gabran. Scher dich dahin, wo du hingehörst!«

Der kleine Mann trat noch einen Schritt vor und baute sich auf wie ein Terrier vor einem Jagdhund. Kurzsichtig blinzelte er den Bischof an und erkannte ihn. Verwirrt und Entschuldigungen murmelnd, zog er sich zurück.

»Du behauptest also, der Angelsachse wäre nicht hier?« fragte Forbassach nun Fidelma.

Fidelmas Augen glänzten vor Freude.

»Ich behaupte gar nichts; ich sage dir, daß er nicht hier ist. Anscheinend ist er entkommen?«

Bischof Forbassach beantwortete ihre Frage mit einem Hohnlächeln. »Als ob du das nicht wüßtest.«

»Ich weiß es nicht.«

»Er ist nicht in seiner Zelle in der Abtei. Er ist entkommen, und Bruder Cett wurde von den Leuten bewußtlos geschlagen, die ihm bei seiner Flucht halfen.«

Fidelma atmete tief durch, als er ihre Schlußfolgerung bestätigte. Es war ein Atemzug voll Hoffnung. Sie warf Forbassach einen scharfen Blick zu.

»Beschuldigst du mich, ihm bei seinem Entkommen geholfen zu haben? Ich bin eine dalaigh und habe mich an die Gesetze der fünf Königreiche zu halten. Ich wußte nichts von alledem, bis du es mir eben ge-sagt hast. Warum brichst du mitten in der Nacht gewaltsam in mein Zimmer ein und bedrohst mich und meine Gefährten?«

»Aus naheliegenden Gründen. Der Angelsachse hat keinen Versuch gemacht zu fliehen, bis du herkamst, und es war klar, daß er nicht aus eigener Kraft entkommen konnte.«

»Auf meinen Eid als dalaigh, Forbassach, ich bin an dieser Angelegenheit nicht beteiligt. Das hättest du auch von mir erfahren können, ohne so dramatisch einzudringen und überflüssige Gewalt anzuwenden. Im übrigen brauchst du diese Gewalt auch nicht weiter gegen meine Gefährten auszuüben.«

Bischof Forbassach drehte sich zu seinen Leuten um, die Dego und Enda noch immer schmerzhaft vorgebeugt hielten.

»Laßt sie los«, befahl er widerwillig.

Die Männer lösten ihren Griff, und die Krieger aus Cashel richteten sich auf. Forbassach gab ihnen einen Moment, um Atem zu schöpfen.

»Nun, wenn ich deinem Wort glauben soll, daß du die Hand nicht im Spiel hattest, vielleicht haben dann deine Männer an deiner Stelle gehandelt. Los, rede!« Er wies auf Dego.

Die Augen des Kriegers zogen sich zusammen, und er hätte wohl den hochmütigen Brehon angegriffen, wenn nicht der muskulöse Bruder Cett daneben gestanden hätte.

»Ich weiß nichts von dieser Flucht, Brehon von Laigin«, antwortete er in gemessenem Ton, in dem aber nichts von der üblichen Achtung vor dem Rang eines Brehons zu spüren war.

In Bischof Forbassachs Gesicht spiegelte sich sein Zorn.

»Und du?« fuhr er Enda an.

»Ich befand mich im Bett, bis deine Raufbolde mich aus dem Schlaf rissen, als sie die Schwester meines Königs überfielen«, erwiderte er trotzig. »Ich kam ihr zu Hilfe. Für die Folgen dieses Überfalls wirst du später noch einstehen müssen.«

»Vielleicht können wir dich dazu bringen, dein Gedächtnis noch einmal zu überprüfen«, erklärte der Bischof mit einem unangenehmen Lächeln.

»Das ist ein Verbrechen, Forbassach!« rief Fidelma, entsetzt über diese Andeutung. »Du wirst dich nicht an meinen Männern vergreifen. Denke daran, es sind erprobte Krieger meines Bruders, des Königs von Cashel.«

»Besser, wir vergreifen uns an ihnen als an dir, Frau«, mischte sich der grimmige Bruder Cett ein.

»Es fließt Blut zwischen Cashel und Fearna, wenn du die Sache ausarten läßt, Bischof Forbassach!« warnte ihn Fidelma scharf. »Das weißt du, auch wenn es deine Raufbolde nicht wissen.«

»Ich kann mich dafür verbürgen, daß diese beiden Krieger das Gasthaus in dieser Nacht nicht verlassen haben, Lord Bischof.«

Die Unterbrechung kam von einem Mann, der vor der Tür des Zimmers stand und sich jetzt hereindrängte.

Fidelma erkannte Mel, den Befehlshaber der Palastwache.

Bischof Forbassach sah ihn überrascht an.

»Woher willst du das so genau wissen, Mel?« fragte er.

»Weil dieses Gasthaus meiner Schwester gehört, wie du weißt, und ich habe hier übernachtet. Mein Bett steht in dem Zimmer neben dem, in dem diese Männer schlafen. Ich habe einen leichten Schlaf, und ich kann bestätigen, daß sie sich nicht geregt haben, bis deine Männer hier hereinstürmten.«

»Du hast lange gebraucht, bis du mir das mitteiltest«, bemerkte Forbassach. »Wenn du einen so leichten Schlaf hast, warum kommst du dann erst jetzt zu mir?«

»Weil deine Männer das Gasthaus meiner Schwester durchsuchten, und ich hielt es für klüger, mitzugehen und aufzupassen, daß sie nicht zu eifrig nachsuchten und dabei ihr Eigentum beschädigten.«

Der Bischof schien einen Moment nicht zu wissen, wie er sich weiter verhalten sollte. Das unerwartete Eingreifen des Kriegers von Laigin ließ ihm offensichtlich wenig Spielraum. Er stand noch unentschlossen da, als einer seiner Männer herbeieilte.

»Das Gasthaus und alle Nebengebäude sind abgesucht. Es gibt keine Spur von dem Angelsachsen. Es gibt überhaupt keine Spur.«

»Bist du sicher? Habt ihr überall gründlich nachgesehen?«

»Überall, Forbassach«, erwiderte der Mann. »Viel-leicht hat sich der Angelsachse auf eins der Flußschiffe geschlichen, die zum Loch Garman fahren, und will dort ein Schiff zurück zu seinem Land erreichen?«

Mit zornig zusammengepreßten Lippen wandte sich Bischof Forbassach wieder an Fidelma. Sie beschloß, den Vorteil zu nutzen.

»Meine Gefährten und ich werden deine Entschuldigung für dieses unberechtigte Eindringen annehmen, Forbassach. Du hast jedoch die Grenzen des Gastrechts weit überschritten. Ich nehme deine Entschuldigung nur an, weil es klar ist, daß du unter ziemlichem Druck gehandelt hast.«

Bischof Forbassachs Miene verdunkelte sich vor Zorn, und er schien zu einem neuen verbalen Angriff anzusetzen. Doch dann zögerte er und winkte seinen Leuten, sich zu entfernen. Seine funkelnden Augen blieben auf Fidelmas eiskalten Blick gerichtet.

»Ich warne dich, Fidelma von Cashel.« Er sprach langsam, als habe er Mühe, seine Gedanken in Worte zu fassen. »Die Flucht des Angelsachsen ist eine ernste Angelegenheit. Es ist bekannt, daß du mit ihm befreundet bist. Du bist hergereist, um ihn zu verteidigen. Daß er in diesem Augenblick entkommen ist, dürfte kein Zufall sein. Du und deine Gefährten, ihr habt uns überlistet und ihn vor uns verstecken können. Zweifellos habt ihr gewußt, daß wir hier zuerst suchen würden. Ich warne dich, Fidelma, das wird dein Verderben sein. Wenn du das Gesetz in die eigenen Hände nimmst, wirst du nie wieder als Anwältin tätig sein dürfen.« Er lachte kurz auf. »Und das komische daran ist, Fidelma, daß ich tatsächlich die Hinrichtung des Angelsachsen um eine Woche aufschieben wollte, um die Besorgnisse König Fianamails zu beschwichtigen, damit wir Antworten auf die schlauen Fragen finden könnten, die du gestellt hast. Die Flucht des Angelsachsen ist nun ein klares Eingeständnis seiner Schuld. Sobald er wieder eingefangen ist, wird er gehängt. Weitere Berufungen gibt es nicht mehr.«

Fidelma begegnete Bischof Forbassachs düsterem Blick mit Gelassenheit.

»Du beschuldigst mich zu Unrecht, ich hätte Bruder Eadulfs Flucht begünstigt, Forbassach. Im Unterschied zu einigen Leuten in diesem Königreich habe ich mich streng an die Gesetze der fünf Königreiche gehalten und nicht meinen Glauben an sie mit dem an andere Gesetze vertauscht. Denke daran, Forbassach. Auch würde ich seine Flucht nicht als Eingeständnis seiner Schuld werten. Jeder Unschuldige hat das Recht zur Selbstverteidigung. Man kann seine Flucht ebensogut als eine Verteidigung gegen einen Justizmord verstehen.«

Der Bischof wollte etwas antworten, überlegte es sich jedoch anders und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

Dego trat mit besorgtem Gesicht näher.

»Geht es dir gut, Lady? Du bist nicht verletzt?«

Fidelma schüttelte den Kopf. Sie berührte die Schulter, in die die Schwertspitze des Kriegers eingedrungen war.

»Nur ein Kratzer, mehr nicht. Reich mir die Kutte, Enda«, bat sie ruhig, erhielt sie und schwang sich aus dem Bett. Sie sah die beiden jungen Krieger eindringlich an.

»Jetzt, da wir allein sind, sagt mir die Wahrheit. Hat einer von euch etwas mit Eadulfs Flucht zu tun?« Sie stellte die Frage rasch, fast atemlos.

Dego antwortete sofort mit einer verneinenden Geste. »Ich schwöre es, Lady.« Dann lächelte er schief. »Wären wir auf den Gedanken gekommen, hätten wir es uns vielleicht überlegt und mitgemacht.«

Enda stimmte ihm ernsthaft zu. »So war es wirklich, Lady. Wir kamen nicht auf die Idee, und jetzt, wo jemand anders es ausgeführt hat, schämen wir uns ein bißchen.«

Fidelma verzog tadelnd das Gesicht. Ihr Herz gab ihnen recht, doch ihr Verstand nicht.

»Ihr müßtet euch schämen, wenn ihr das Recht gebrochen hättet«, ermahnte sie sie.

»Nicht das Recht gebrochen, Lady«, beharrte Enda, »es nur ein wenig gebogen, um Zeit zu gewinnen, bis Brehon Barran eintrifft.«

Sie schaute auf, als Lassar eintrat, gefolgt von ihrem Bruder Mel. Sie hatten sich anscheinend vergewissert, daß Bischof Forbassach und seine Männer das Gasthaus verlassen hatten.

»Das ist eine schlimme Sache, Schwester«, sprudelte Lassar aufgeregt los. »Es ist heutzutage schwierig genug, ein Gasthaus zu führen, aber wenn ich den Bischof, der zugleich Brehon ist, die Äbtissin und den König alle zusammen geärgert habe, dann habe ich keine Hoffnung, daß ich weitermachen kann, überhaupt keine Hoffnung.«

Mel legte seiner Schwester tröstend den Arm um die Schulter.

»Es ist schon eine schlimme Sache, Lady«, wiederholte er verlegen. »Wir möchten dich ganz offen und ehrlich fragen, ob ihr an dieser Angelegenheit beteiligt seid.«

»Nein, das sind wir nicht«, versicherte ihnen Fidelma. »Sollen wir aus dem Gasthaus ausziehen?«

»Verzeih uns, Lady. Für meine Schwester ist das alles natürlich sehr belastend. Es wäre ungerecht, euch aus dem Gasthaus zu verweisen, wenn es keine Gründe dafür gibt.«

Lassar schluchzte und betupfte ihre Augen mit dem Ende ihres Halstuchs.

»Ihr könnt gern hier bleiben. Ich meinte nur ...«

»Und es ist richtig, daß du uns deine Lage erklärst«, unterbrach sie Fidelma. »Ich kann dir versprechen, wenn unser Aufenthalt hier deinen Lebensunterhalt gefährdet, ziehen wir aus. Wenn es dir recht ist, daß wir bleiben, bleiben wir auch. Wir haben nichts getan, was nach den Gesetzen dieses Landes unrecht wäre, trotz allem Verdacht, den Bischof Forbassach hegt. Das kann ich dir versichern.«

»Wir vertrauen deinem Wort, Schwester.«

»Dann können wir im Augenblick nichts weiter tun als versuchen, für den Rest der Nacht noch etwas Schlaf zu finden.«

Lassar und ihr Bruder verließen das Zimmer, doch Fidelma gab Dego und Enda ein Zeichen zurückzubleiben.

»Nachdem wir nun sicher sind, daß niemand von uns an der Flucht beteiligt ist, ergibt sich daraus ein Problem«, flüsterte sie.

Dego nickte »Wenn wir Eadulf nicht geholfen haben zu entkommen, wer tat es dann und zu welchem Zweck?« fragte er.

»Zu welchem Zweck?« wiederholte Enda verdutzt.

Fidelma lächelte dem jungen Krieger anerkennend zu.

»Dego hat den springenden Punkt erkannt. Mir ist aufgefallen, daß mehrere Personen, die an diesen Ereignissen beteiligt waren, verschwunden sind - die wichtigsten Zeugen in der Abtei. Könnte es wohl sein, daß man Eadulf auf dieselbe Weise hat >verschwinden< lassen?«

Diese Möglichkeit beunruhigte sie, doch man mußte sich ihr stellen, so weit hergeholt sie auch schien, denn nach reiflicher Überlegung wirkte sie nicht weiter hergeholt als andere bisher unerklärliche Vorkommnisse in diesem Fall. Schweigend dachten alle drei darüber nach.

»Nun, jetzt mitten in der Nacht können wir wenig tun«, gab Fidelma widerwillig zu. »Klar ist aber, daß wir Eadulf finden müssen, bevor Bischof Forbassach und seine Leute ihn finden.«

Als Fidelma allein war, wußte sie nicht, ob sie sich dem Gefühl ungeheurer Erleichterung hingeben sollte, mit dem sie zuerst auf die Nachricht reagiert hatte, daß Eadulf dem Galgen entgangen war, oder der nagenden Verzweiflung, der Furcht, daß er einem noch schlimmeren Schicksal verfallen sein könnte. Sie konnte nicht wieder einschlafen. So schlecht stand es doch wohl nicht? Sie war überzeugt gewesen, daß Eadulf an diesem Morgen dem Tod entgegengehe. Jetzt war er entkommen. Hatte Brehon Morann es zu zynisch formuliert, als er ihr einmal erklärte, wenn die Dinge sich zu bessern scheinen, dann sei das ein Zeichen, daß man etwas übersehen habe? Was hatte sie übersehen?

Vergeblich versuchte sie mit Hilfe der Kunst des dercad in den Schlaf zu gelangen, doch ihre Gedanken wurden verdunkelt von der neuen Angst um Eadulf. Es dämmerte schon, als sie endlich in den Schlaf der Erschöpfung fiel. Aus diesem Schlaf erwachte sie ohne die Erinnerung an Träume, aber mit dem Gefühl, daß nicht alles in Ordnung sei.

Eadulf war in dieser Nacht nicht zu Bett gegangen. Da er wußte, daß dies wahrscheinlich seine letzte Nacht auf Erden sein werde, erschien ihm der Gedanke an Schlaf einigermaßen sinnlos. Er saß auf dem Bett, dem einzigen bequemen Platz in der Zelle, und starrte durch die Gitter des Fensters auf das kleine Stück nachtblauen Himmel. Er versuchte seine herumirrenden, von Panik erfaßten Gedanken in einen klaren Zusammenhang zu bringen, doch sie rebellierten dagegen. Es stimmte nicht, was die Weisen behaupteten, daß ein unmittelbar vom Tode bedrohter Mensch sich stärker konzentrieren könne. Seine Gedanken fuhren hierhin und dorthin. Sie sprangen in seine Kindheit zurück, zu der Begegnung mit Fidelma in Whitby und später noch einmal in Rom und danach zu seiner Reise ins Königreich Muman. Sein Gemüt erging sich in Erinnerungen, bittersüßen Erinnerungen.

Das Geräusch war gedämpft. Ein Knurren. Ein schwerer Fall. Er stand auf und blickte zur Tür, da wurden die Riegel zurückgeschoben.

Eine dunkle Gestalt stand im Türrahmen. Sie trug eine Mönchskutte.

»Es ... es kann doch noch nicht Zeit sein«, protestierte Eadulf entsetzt. »Es dämmert ja nicht einmal.«

Die Gestalt winkte ihm in der Dunkelheit. »Komm«, flüsterte sie dringend.

»Was ist los?« Eadulfs Ton war abweisend.

»Komm und rede nicht«, beharrte die Gestalt.

Widerwillig schritt Eadulf zur Tür.

»Du darfst auf keinen Fall etwas sagen. Folge uns einfach«, befahl die verhüllte Gestalt. »Wir sind hier, um dir zu helfen.«

Er merkte, daß zwei weitere Männer im Gang standen. Einer hielt eine Kerze. Der andere schleppte die reglose Gestalt Bruder Cetts in die Zelle, die Eadulf verließ. Dessen Herz schlug schneller, als er begriff, was sich da abspielte.

Rasch ging er zu ihnen, sein Widerstand erlosch. Die Zellentür wurde geschlossen und verriegelt.

»Zieh die Kapuze über, Bruder«, flüsterte eine der vermummten Gestalten. »Und den Kopf runter.«

Er gehorchte sofort.

Die kleine Schar marschierte rasch den Gang entlang und die Treppe hinunter. Eadulf folgte ihnen bereitwillig durch ein Wirrwarr von Gängen. Sie wurden von niemandem gehindert, und dann waren sie plötzlich durch das Ufertor und außerhalb der Mauern der Abtei. Dort hielt ein anderer Mann die Zügel mehrerer Pferde. Wortlos half der Anführer Eadulf in den Sattel, und die anderen saßen zugleich auf. Dann trabten sie alle an dem im Mondlicht silbern glänzenden Fluß entlang und ließen die Tore der Abtei rasch hinter sich.

Sie erreichten eine Baumgruppe, und der Anführer ließ sie halten. Lauschend hob er den Kopf.

»Nichts von Verfolgern zu hören«, murmelte er. »Aber wir müssen wachsam sein. Von jetzt an reiten wir schneller.«

»Wer seid ihr?« fragte Eadulf. »Ist Fidelma unter euch?«

»Fidelma? Die dalaigh aus Cashel?« Der Sprecher lachte leise. »Spar dir deine Fragen noch eine Weile, Angelsachse. Kannst du mithalten, wenn wir zum Galopp übergehen?«

»Ich kann reiten«, erwiderte Eadulf steif, weiter rätselnd, wer diese Männer waren, wenn Fidelma sie nicht geschickt hatte.

»Dann los, wir reiten!«

Der Anführer stieß seinem Pferd die Hacken in die Weichen, und das Tier schoß vorwärts. Die anderen Pferde setzten sofort nach. Eadulf spürte den ermunternden Hauch des kalten Nachtwinds auf den Wangen, der ihm die Kapuze aus dem Gesicht warf und das Haar zerzauste. Zum erstenmal seit Wochen verspürte er Leichtigkeit und Erregung. Er war frei, und nur die Elemente umspülten und liebkosten seinen Körper.

Er verlor alles Zeitgefühl, während der Reitertrupp die Straße am Fluß entlangdonnerte, in die Wälder abbog, sich auf einem schmalen Weg durch Buschland und über freie Flächen schlängelte, Bruchland und kleine Hügel überquerte. Es war ein stürmischer, verwirrender Ritt, und schließlich jagten sie über gerodetes Land und hinauf zu einem Berggipfel, auf dem sich eine alte Erdfestung erhob. Ihre Gräben und Wälle mußten noch aus uralten Zeiten stammen. Auf den Wällen hatte man Befestigungen aus mächtigen Holzstämmen errichtet. Das Tor stand offen, und der Reitertrupp brauste mit unverminderter Schnelligkeit auf einer Holzbrücke über den Wall und in die Burg hinein.

Drinnen hielten sie so plötzlich an, daß ein paar Pferde sich unwillig aufbäumten und ausschlugen. Dann glitten die Männer aus den Sätteln, und fackeltragende Gestalten eilten herbei und führten die schaumbedeckten Tiere in die Ställe.

Einen Augenblick stand Eadulf da, ganz außer Atem, und betrachtete neugierig seine Begleiter.

Sie hatten jetzt ihre Kapuzen abgestreift, und im Licht der Fackeln und Lampen erkannte Eadulf, daß es keine Mönche waren. Sie alle sahen wie Krieger aus.

»Seid ihr Krieger aus Cashel?« fragte er, als er wieder zu Atem gekommen war. Gelächter antwortete ihm, dann verschwanden sie in der Dunkelheit, und Eadulf blieb allein mit ihrem Anführer zurück.

Im Schein einer nahen Fackel erblickte Eadulf nun einen älteren Mann mit langwallendem Silberhaar. Dieser trat einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Wir sind nicht aus Cashel, Angelsachse. Wir sind Männer aus Laigin.«

Das stürzte Eadulf in völlige Verwirrung. »Das verstehe ich nicht. Warum habt ihr mich hierhergebracht? Wo sind wir überhaupt? Geschah es denn nicht auf Anweisung Fidelmas von Cashel?«

Der Alte lachte leise. »Glaubst du denn, eine dalaigh würde so sehr gegen das Gesetz verstoßen, daß sie dich aus dem Rachen der Hölle risse, Angelsachse?« fragte er belustigt.

»Dann kommt ihr also nicht von Fidelma? Ich verstehe gar nichts mehr . Laßt ihr mich frei, damit ich in mein Heimatland weiterreisen kann?«

Der Alte wies auf die Wälle der Festung, in die er Eadulf gebracht hatte.

»Diese Wälle umgrenzen dein neues Gefängnis, Angelsachse. Ich halte zwar nichts davon, für ein Leben ein anderes zu nehmen, aber ich glaube daran, daß unsere einheimischen Gesetze befolgt werden müssen. Ich beuge mich den römischen Bußgesetzen nicht, für mich gelten die Gesetze der Brehons.«

Das verwirrte Eadulf mehr denn je. »Wer bist du und wie heißt dieser Ort?«

»Ich heiße Coba und bin der bo-aire von Cam Eo-laing. Siehst du diese Wälle? Es sind die Wälle meiner Burg. Sie sind die Grenzen deines maighin digona

Den Ausdruck hatte Eadulf noch nie gehört und sagte das auch.

»Das maighin digona ist eine Freistätte, die das Gesetz vorsieht. Innerhalb dieser Wälle habe ich das Recht, jedem Fremden Schutz zu gewähren, der vor ungerechter Bestrafung oder Verfolgung flieht. Ich habe dich rechtswirksam vor den gewaltsamen Nachstellungen deiner Verfolger gerettet.«

Eadulf holte tief Atem. »Ich glaube, jetzt verstehe ich.«

Der Alte sah ihn scharf an. »Ich hoffe, du verstehst das. Ich gewähre dir diesen Schutz nur so lange, bis du vor einen höherrangigen Richter gerufen wirst und ein Verfahren nach unseren einheimischen Gesetzen erhältst. Ich muß dich warnen: Diese Freistätte ist nicht unverletzlich, denn wenn du nach unseren Gesetzen schuldig bist, entgehst du der Gerechtigkeit nicht. Wenn du von hier flüchtest, bevor du erneut vor Gericht stehst, trifft mich deine Strafe. Ich darf Gewalt abwenden, aber nicht die Gerechtigkeit behindern. Außerhalb dieser Wälle erwartet dich nichts als der Tod, wenn du diesen Ort verläßt, bevor du ein neues Urteil bekommen hast.«

»Dafür bin ich dankbar«, seufzte Eadulf. »Denn ich bin wirklich unschuldig und hoffe, daß sich das auch beweisen läßt.«

»Ob du unschuldig bist oder nicht, das geht mich nichts an, Angelsachse«, erklärte der Alte streng. »Ich glaube einfach an unsere Gesetze und werde dafür sorgen, daß du nach unseren Gesetzen gerichtet wirst. Wenn du flüchtest, macht mich das Gesetz als den, der dir Schutz gewährte, für dein ursprüngliches Vergehen verantwortlich, und ich muß die Strafe selbst auf mich nehmen. Deshalb werde ich nicht zulassen, daß du dich dem Gesetz entziehst. Verstehst du, was ich meine, Angelsachse?«

»Ja«, sagte Eadulf ruhig. »Du drückst dich ganz klar aus.«

»Dann preise Gott dafür, daß diese Morgendämmerung«, und damit wies der Alte auf den sich rötenden Osthimmel, »nicht deine letzte ist, sondern lediglich den ersten Tag deines restlichen Lebens ankündigt.«

Kapitel 10

»Bist du die Frau, die Ärger mit Forbassach, dem Brehon von Laigin, hatte, wie?«

Die dünne, piepsige Stimme kam Fidelma irgendwie bekannt vor.

Sie blickte von ihrem Frühstück auf und sah sich einem dürren Individuum gegenüber, das sich über ihren Tisch beugte. Sonst hielt sich niemand im Hauptraum des Gasthauses auf, denn sie war früh zur Morgenmahlzeit heruntergekommen.

Stirnrunzelnd betrachtete sie das wenig einnehmende Äußere des Mannes. Er trug die Kleidung eines Flußschiffers. Dann ging ihr auf, daß es der kleine Mann war, der sich in betrunkenem Zustand über die Störung seines Schlafs beschwert hatte, als Forbassach in das Gasthaus stürmte. Noch nie war ihr jemand begegnet, der so wenig der allgemeinen Vorstellung von einem Flußschiffer entsprach. Er war schmächtig und knochig und hatte langes, glattes braunes Haar. Trotz seiner Hakennase, seiner dünnen roten Lippen und seiner dunklen, unergründlichen Augen war es klar, daß er in seiner Jugend gut ausgesehen haben mußte, doch jetzt wurden seine wettergebräunten Züge weniger vom Alter als von Ausschweifungen gezeichnet.

»Wie du siehst, habe ich keinen Ärger«, erwiderte Fidelma kurz und wandte sich wieder ihrem Teller zu.

Der Flußschiffer setzte sich unaufgefordert an ihren Tisch, anscheinend unbeeindruckt von ihrer unfreundlichen Antwort.

»Erzähl mir doch so was nicht«, spottete er. »Ich weiß schließlich, was ich letzte Nacht gesehen habe. Ein Brehon macht sich nicht mitten in der Nacht mit einem halben Dutzend Krieger auf den Weg, wenn er keinen Grund dafür hat. Was hast du angestellt?« Er grinste und entblößte eine Reihe schwärzlicher Zähne. »Komm schon, mir kannst du es verraten. Vielleicht könnte ich dir sogar helfen. Ich habe viele Beziehungen in Fearna - einflußreiche Beziehungen -, und wenn es sich für mich lohnt ...«

Der Flußschiffer schrie plötzlich auf und erhob sich anscheinend unfreiwillig mit schief gehaltenem Kopf von seinem Sitz. Dego hatte sein Ohr mit kunstgerechtem Griff gepackt.

»Ich glaube, du belästigst die Dame«, erklärte ihm Dego leise, aber drohend. »Möchtest du nicht woanders sitzen?«

Der Mann drehte und wand sich, bis er merkte, daß er es mit einem kräftigen jungen Krieger zu tun hatte. Mit seiner piepsigen Stimme setzte er zu einem Protestgeschrei an.

»Ich habe sie nicht beleidigt. Ich habe ihr meine Hilfe angeboten, und dann .«

Fidelma winkte lässig mit der Hand.

»Laß ihn los, Dego«, seufzte sie und erklärte dem Flußschiffer mit Bestimmtheit: »Deine Hilfe will ich nicht. Auf keinen Fall will ich für irgendeine Hilfe bezahlen, die du mir anbietest. Nun schlage ich vor, du folgst dem Rat meines Kameraden und suchst dir einen anderen Platz.«

Dego ließ das Ohr des Mannes los, der Flußschiffer rieb es und wich ein paar Schritte zurück.

»Das vergesse ich euch nicht«, jammerte er, immer außer Reichweite Degos. »Ich habe Freunde, und ihr werdet mir dafür bezahlen. Ihr denkt, mit mir könnt ihr es machen? Das haben andere auch schon versucht. Die wissen es inzwischen besser.«

Lassar war hereingekommen, um Fidelma zu bedienen, und hörte die Beschwerden des Mannes.

»Was ist denn los?« fragte sie.

Dego lächelte und setzte sich auf den Stuhl, von dem der Flußschiffer aufgestanden war.

»Ein Irrtum von mir«, erklärte er Lassar. »Ich hatte den Eindruck, daß der kleine Mann da«, mit dem Daumen wies er auf den Flußschiffer, »Schwester Fidelma mit unerbetenen Aufmerksamkeiten belästigte. Ich entschuldige mich für das Mißverständnis.«

Der Mann stand da und rieb sich noch immer das Ohr. Damit hörte er auf, als er den Namen vernahm, den er offensichtlich kannte. Fidelma fragte sich, woher.

»Ich bin sicher, der Bursche nimmt deine Entschuldigung an, Dego, und will nicht noch mehr Ärger machen«, sagte Fidelma bestimmt.

Der Flußschiffer zögerte einen Moment, dann nickte er ruckartig.

»Der Mensch kann sich ja mal irren. Das stimmt doch?« murmelte er.

Fidelma fiel plötzlich etwas ein.

»Ich habe dich schon einmal gesehen, nicht wahr?«

Der Kleine machte eine finstere Miene. »Nein!«

»Jetzt weiß ich’s! Du standest im Hof der Abtei und hast zugesehen, wie sie den Leichnam Bruder Ibars abnahmen.«

»Warum sollte ich das denn nicht? Ich treibe viel Handel mit der Abtei.«

»Interessierst du dich für das Makabre, oder geht dich das Schicksal Bruder Ibars besonders an?« erkundigte sich Fidelma mehr aus Instinkt denn einer Logik folgend.

Lassar hatte dem Gespräch verwundert zugehört. Jetzt schaltete sie sich ein.

»Gabran treibt eine Menge Handel den Fluß hinauf und hinunter. Stimmt das nicht?«

Der Mann drehte sich einfach um und verließ das Gasthaus, ohne eine der beiden Fragen zu beantworten. Lassar lächelte entschuldigend.

»Ich glaube, du hast seine Gefühle verletzt. Wenn du es wissen willst, Schwester, es war einer von Gabrans Männern, den Bruder Ibar beraubt und getötet hat.«

Dego sah Fidelma fragend an. »War es falsch, daß ich mich eingemischt habe?«

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich an Lassar, die frisch gebackenes Brot auf den Tisch stellte.

»Von seiner Kleidung abgesehen, schaut er mir nicht gerade wie ein Flußschiffer aus.«

Die Wirtin zuckte die Achseln. »Aber er ist ein echter Mann des Flusses, Schwester. Er führt sein eigenes Schiff mit dem Namen Cag und treibt Handel den ganzen Fluß entlang. Ab und zu übernachtet er hier im Gasthaus, wenn er zuviel getrunken hat und den Weg zu seinem Schiff nicht mehr findet. In der Nacht, als sein Mann ermordet wurde, war er auch hier.«

»Die Cag? Ist nicht >Elster< ein merkwürdiger Name für ein Schiff?«

Für Lassar hatte die Eigenart des Namens nichts zu bedeuten. »Jeder nach seinem Geschmack, sage ich immer.«

Fidelma lächelte leise. »Ein weiser Spruch. Was weißt du über den Mord an seinem Besatzungsmitglied?«

»Ich weiß nichts aus erster Hand.«

»Du mußt aber doch Gerüchte darüber gehört haben«, beharrte Fidelma.

»Gerüchte stimmen nicht immer«, erwiderte die Wirtin.

»Damit hast du recht. Doch manchmal verhilft auch voreingenommnes Wissen dazu, die Wahrheit herauszubekommen. Was hast du gehört?«

»Ich weiß nur, daß der Schiffer am Tag nach der Ermordung des jungen Mädchens durch den Angelsachsen am Kai gefunden wurde. Einen Tag später entdeckte man bei Bruder Ibar einige Habseligkeiten des Toten, deshalb wurde er wegen dieses Verbrechens angeklagt und verurteilt.«

»Wer hat die Verhandlung gegen ihn geleitet?«

»Der Brehon natürlich, Bischof Forbassach.«

»Weißt du, ob Bruder Ibar jemals seine Schuld eingestanden hat?«

»Weder bei der Verhandlung noch danach, hat man mir gesagt.«

»Und der Beweis bestand darin, daß er im Besitz von Sachen war, die dem Schiffer gehörten?«

»Wenn du das genau wissen willst, mußt du jemanden fragen, der bei der Verhandlung dabei war. Ich habe jetzt zu tun.«

»Einen Moment noch! War dein Bruder Mel an der Festnahme Bruder Ibars beteiligt? Er war doch damals der Hauptmann der Wache, nicht wahr?«

Zu ihrer Überraschung schüttelte Lassar den Kopf.

»Mel hatte mit dem Fall Ibar nichts zu tun. Es war allerdings einer aus seiner Wache, der ihn festnahm. Er hieß Daig.«

Fidelma überdachte diesen Umstand schweigend und bemerkte dann leise: »An dem Kai bei der Abtei scheint der Tod häufig umzugehen. Das ist offenbar ein finsterer, unglückbringender Ort.«

Lassar verzog das Gesicht, während sie Teller einsammelte. »Da ist was Wahres dran. Schwester Etrom-ma und ihren schwachköpfigen Bruder hast du schon kennengelernt, nicht wahr?«

»Cett? Ja. Was haben die damit zu tun?«

»Damit nichts. Ich erwähnte sie bloß als Beispiele für Unglück. Hättest du gedacht, daß Schwester Etromma vom Königshaus von Laigin abstammt, von den Ui Cheinnselaigh?«

Fidelma überlegte, weshalb sie das nicht überraschte. Irgendwer hatte es ihr schon erzählt.

Lassar plauderte zutraulich weiter. »Weißt du, als die Ui Neill von Ulaidh einmal in unser Königreich einfielen, als Etromma noch ein Kind war, da wurden sie und ihr Bruder als Geiseln genommen. Bei der Gelegenheit soll Cett eine Verwundung erhalten haben, die ihn schwachsinnig machte. Eine traurige Geschichte.«

»Traurig schon, aber nicht einzigartig«, meinte Fidelma.

»Ach ja, aber wirklich einzigartig daran war, daß trotz Etrommas Abkunft aus dem Königshaus der damalige König Crimthann sich weigerte, das Lösegeld zu zahlen, und die beiden Kinder der zarten Fürsorge der Ui Neill überließ. Etrommas Zweig der Familie war arm und konnte das Lösegeld nicht aufbringen.«

»Wie ging es weiter?« fragte Fidelma interessiert.

»Nach einem Jahr brachte es Etromma fertig, mit ihrem Bruder aus dem Norden zu fliehen und hierher zurückzukehren. Ich glaube, sie war sehr verbittert. Beide traten in den Dienst der Abtei. Du hast also recht, dort ist viel Trauriges passiert.«

Lassar nahm die Teller und ging. Fidelma hing ihren Gedanken nach, dann erhob sie sich. Dego schaute sie fragend an.

»Wohin jetzt, Lady?«

»Ich gehe wieder zur Abtei und sehe zu, was ich noch in Erfahrung bringen kann«, erklärte sie ihm.

»Meinst du, daß Bischof Forbassach recht hatte und jemand Eadulf zur Flucht verholfen hat?« fragte Dego.

»Ich glaube, es wäre schwer, ohne Hilfe von außen aus der Zelle zu entkommen, in der er eingesperrt war. Aber wer ihm half und warum, das ist ein Geheimnis, das wir lüften müssen. Es gibt einen Menschen, der ihm vielleicht geholfen hat, und das ist ein Fürst namens Coba. Er hängt jedenfalls an den Gesetzen der Fenechus, nicht an den Bußgesetzen, die Fainder so liebt. Aber es wäre unklug, sich direkt an ihn zu wenden, für den Fall, daß ich mich täusche. Während ich in der Abtei bin, versuchst du möglichst viel über Co-ba zu erfahren. Mach es aber nicht zu auffällig.«

Dego neigte zustimmend den Kopf. »Eadulf hat sich auf etwas Gefährliches eingelassen, Lady. Denkst du, daß er versuchen wird, mit uns in Verbindung zu treten?«

»Ich hoffe es«, sagte Fidelma inbrünstig. »Ich wünschte mir, er würde sich Barran stellen und seine Unschuld beweisen. Bischof Forbassach hat recht, wenn er sagt, daß die Flucht als Schuldbekenntnis gewertet werden kann.«

»Aber wenn er nicht geflüchtet wäre, dann wäre er jetzt tot«, gab Dego trocken zu bedenken.

Einen Moment wallte Bitterkeit in Fidelma auf.

»Denkst du, ich hätte vergessen, daß ich mit all meiner Rechtskenntnis Eadulf nicht helfen konnte?« fuhr sie den Krieger an. »Vielleicht hätte ich tun sollen, was nun jemand anders getan hat.«

»Lady«, antwortete Dego rasch, »ich wollte dich nicht kritisieren.«

Fidelma legte ihm die Hand auf den Arm.

»Entschuldige meinen Ausbruch. Es war mein Fehler«, sagte sie reumütig.

»Wenn Eadulf es ein paar Tage vermeiden kann, wieder eingefangen zu werden, dann besteht die Aussicht, daß Aidan mit Brehon Barran zurückkommt«, sprach Dego ihr Mut zu. »Und in dem Fall kann die neue Verhandlung stattfinden, die du dir wünschst.«

»Aber wenn er nun frei entscheiden kann, wohin wird er sich wenden?« überlegte Fidelma. »Er könnte versuchen, ein Schiff zu erreichen und ins Land der Angelsachsen zu fahren, in seine Heimat.«

»Das Land verlassen, ohne dich zu benachrichtigen, Lady? Das würde er nie tun, zumal er nun weiß, daß du in Fearna bist.«

Damit konnte er Fidelma nicht trösten.

»Vielleicht hat er gar keine Wahl, aber ich hoffe, er zögert nicht meinetwegen. Lieber sollte er sich in den Bergen oder den Wäldern verbergen, bis die Suche nach ihm nachgelassen hat.« Sie hielt verlegen inne; eine dalaigh sollte nicht darüber nachdenken, wie man am besten dem Gesetz entgehen kann. »Wo ist übrigens Enda?«

»Er ging früh aus. Ich glaube, er sagte, er hätte etwas für dich zu erledigen.«

Sie konnte sich nicht erinnern, Enda einen Auftrag erteilt zu haben, und meinte achselzuckend: »Wenn ich euch nicht eher sehe, dann treffe ich euch hier im Gasthaus kurz nach dem Mittag.«

Sie ließ Dego weiter frühstücken und ging zielstrebig durch die Straßen zur Abtei.

Es war klar, daß die Nachricht von der Flucht Bruder Eadulfs sich in der ganzen Stadt verbreitet hatte, denn auf ihrem Wege starrten sie die Leute mit unverhohlenem Interesse an, und manche flüsterten mit ihren Nachbarn. Die Mienen reichten von Feindseligkeit bis zu einfacher Neugier. Nur ein- oder zweimal machten ein paar Leute ihrem Verdacht mit Schimpfworten Luft. Die ignorierte sie. Jeder Mensch in Fear-na wußte anscheinend, wer sie war und in welchem Verhältnis sie zu dem Angelsachsen stand, der am Mittag hatte gehängt werden sollen.

Im Innern wurde Fidelma von verschiedenen starken Gefühlen bewegt. Sie wußte, daß sie diese Empfindungen unter Kontrolle halten mußte, wenn sie noch etwas erreichen wollte. Unter Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft mußte sie ihren Geist von diesen Regungen frei halten. Wenn sie anders an Eadulf dachte als an einen Menschen, der dringend ihre Hilfe und ihre Erfahrung benötigte, dann konnte sie irre werden von der Angst, die dicht unter der Oberfläche ihres kühlen Äußeren brodelte.

Am Tor der Abtei begrüßte Schwester Etromma sie mit tiefem Mißtrauen.

»Du bist die letzte, die ich erwartet hätte«, erklärte sie grob.

»Ach ja? Und warum?« erkundigte sich Fidelma unschuldig, als die Verwalterin sie widerwillig einließ.

»Ich dachte, du würdest voller Freude nach Cashel zurückkehren. Der Angelsachse ist entkommen. Das wolltest du doch, oder nicht?«

Fidelma sah sie ernst an.

»Was ich wollte«, erwiderte sie mit scharfer Betonung, »war, daß Bruder Eadulf Gerechtigkeit fände und sich gegen die Beschuldigung rechtfertigen könnte. Was die freudige Rückkehr nach Cashel angeht, so werde ich diesen Ort nicht eher verlassen, bis ich herausgefunden habe, was hier mit Bruder Eadulf geschehen ist, und ich seinen Ruf wiederhergestellt habe. Eine Flucht ist kein Freispruch vor dem Gesetz.«

»Flucht ist besser als Tod«, antwortete die Verwalterin und wiederholte beinahe Degos Worte.

»Da ist etwas Wahres dran, aber es wäre mir lieber, seine Unschuld wäre erwiesen, als daß er zum Flüchtling würde, den jeder als außerhalb des Gesetzes stehend behandeln kann.«

»Jeder in der Abtei denkt, daß du bei seiner Flucht die Hand im Spiel hattest. War das so?«

»Du fragst sehr direkt, Schwester Etromma. Nein, ich habe Eadulf nicht geholfen zu entkommen.«

»Es wird schwierig sein, die Leute davon zu überzeugen.«

»Ob schwierig oder nicht, das ist die Wahrheit. Ich habe auch kein Interesse daran, meine Zeit damit zu verschwenden, Leute überzeugen zu wollen.«

»Hier wirst du vielleicht feststellen, daß Lügen dir Freunde gewinnen, die Wahrheit aber nur Haß hervorruft.«

»Da wir gerade von Haß reden, du magst Äbtissin Fainder nicht sonderlich, nicht wahr?«

»Es ist nicht erforderlich, daß eine Verwalterin die Äbtissin mag, der sie dient.«

»Gefällt dir die Art, wie sie die Abtei leitet? Ich meine diese Sache mit den Bußgesetzen.«

»Die Regel der Abtei ist verkündet worden. Ihr muß ich gehorchen. Aber ich weiß, worauf du hinauswillst, Schwester. Versuche mich nicht zu überreden, daß ich die Haltung der Äbtissin oder Bischof Forbassachs verurteile. Ob die Bestrafung nun nach den Bußgesetzen oder nach dem Gesetz der Fenechus erfolgt, vergiß nicht, daß der Angelsachse der Vergewaltigung und des Mordes für schuldig befunden wurde. Für dieses Verbrechen muß er nach dem Gesetz bestraft werden - ganz gleich, nach welchem Gesetz. Jetzt habe ich aber zu tun. Heute ist in der Abtei viel zu erledigen. Was ist der Zweck deines Besuchs?«

»Zuerst möchte ich die Äbtissin sprechen.«

»Es würde mich überraschen, wenn sie dich empfängt.«

»Dann machen wir doch die Probe darauf.«

Äbtissin Fainder empfing Fidelma doch. Sie saß wie gewöhnlich hinter ihrem Tisch, mit strenger Miene und mit Mißtrauen in den dunklen Augen.

»Schwester Etromma hat mir berichtet, daß du jede Kenntnis von der Flucht des Angelsachsen leugnest, Schwester Fidelma. Du erwartest doch nicht, daß ich dir das glaube?« lautete ihre bissige Einleitung.

Fidelma lächelte leise und nahm ungebeten Platz. Sie bemerkte das ärgerliche Zucken in der Miene der Äbtissin, doch in diesem Fall war Äbtissin Fainder zu klug, um etwas einzuwenden.

»Ich erwarte nicht, daß du irgend etwas glaubst, Mutter Äbtissin«, antwortete Fidelma gelassen.

»Aber du möchtest dein unschuldiges Nichtwissen vor mir verteidigen?« höhnte die Äbtissin.

»Ich muß gar nichts vor dir verteidigen«, entgegne-te Fidelma. »Ich bin lediglich gekommen, um deine Zustimmung dazu einzuholen, weiterhin Mitglieder dieser Gemeinschaft zu befragen.«

Überrascht lehnte sich Äbtissin Fidelma zurück.

»Zu welchem Zweck?« wollte sie wissen. »Du hast doch alle Fragen gestellt und deine Berufung beim Gericht eingelegt. Die Wahrheit kam heraus, als der Angelsachse aus seiner Zelle entfloh.«

»Gestern hatte ich nicht die Zeit, alle die Fragen zu stellen, mit denen ich die gegen Bruder Eadulf erhobenen Beschuldigungen klären wollte. Deshalb möchte ich heute damit weitermachen.«

Zum erstenmal schaute Äbtissin Fainder völlig verwirrt drein.

»Du vergeudest deine Zeit. Wie ich erfuhr, will Forbassach untersuchen, welchen Anteil am Entkommen des Angelsachsen du möglicherweise hast. Für mich ist seine Flucht ein klarer Beweis seiner Schuld. Wenn er gefaßt ist, wird man entsprechend mit ihm verfahren. Wer ihm zur Flucht verholfen hat, wird ebenfalls bestraft. Denke daran, Schwester Fidelma.«

»Die gerichtlichen Verfahrensregeln sind mir durchaus bekannt, Mutter Äbtissin. Aber bis Bruder Eadulf wieder eingefangen ist, habe ich Zeit, meine Aufgabe fortzuführen. Es sei denn, du weißt etwas, was ich nicht erfahren soll.«

Äbtissin Fainder wurde blaß und setzte zu einer Erwiderung an, als die Tür aufgerissen wurde. Fidelma fuhr herum.

Zu ihrer Überraschung war es der dürre, hagere Flußschiffer namens Gabran, der im Türrahmen stand. Er stutzte, erkannte sie und wurde verlegen.

»Tut mir leid, Lady«, entschuldigte er sich bei der Äbtissin. »Ich wußte nicht, daß du Besuch hast. Die Verwalterin sagte, du wolltest mich sprechen. Ich komme später noch einmal.«

Er ging und schloß die Tür, ohne Fidelma zu grüßen.

Mit leicht belustigter Miene wandte sich Fidelma wieder Äbtissin Fainder zu.

»Nun, das ist hochinteressant. Ich habe noch nie einen Flußschiffer gesehen, der solche Freiheiten in einer Abtei genoß, daß er die Privaträume der Äbtissin betreten konnte, ohne anzuklopfen.«

Äbtissin Fainder war irritiert. »Der Mann ist ein Flegel. Er hat kein Recht, hier so hereinzukommen«, erklärte sie nach kurzem Zögern. Es klang nicht sehr überzeugend. »Wer erlaubt dir überhaupt, mich danach zu fragen?«

Schwester Fidelma lächelte sanft, ohne darauf einzugehen.

Äbtissin Fainder wartete einen Moment, dann zuckte sie die Achseln.

»Der Mann treibt Handel mit der Abtei, das ist alles.« Es hörte sich wie eine Entschuldigung an. Fidelma schwieg, als erwarte sie, daß Äbtissin Fainder fortfahre.

»Bischof Forbassach hat dich letzte Nacht gesucht«, begann die Äbtissin. »Sobald entdeckt wurde, daß der Angelsachse geflohen war, oder vielmehr, daß man ihm zur Flucht verholfen hatte, ließ ich den Bischof holen. Er meinte, wenn jemand wüßte, wo der Angelsachse geblieben wäre, dann müßtest du das sein. Anscheinend hat er dich verfehlt.«

»Nein, das hat er nicht«, erwiderte Fidelma. »Er weckte mich mitten in der Nacht und suchte vergeblich nach Bruder Eadulf.«

Äbtissin Fainder riß die Augen auf. Sie hatte offensichtlich noch nichts von Forbassachs mitternächtlichem Besuch gehört.

»Er hat dein Zimmer durchsucht und nichts gefunden?« fragte sie unsicher.

»Du scheinst überrascht. Nein, er hat nicht Bruder Eadulf unter meinem Bett entdeckt, wenn du das meinst, Mutter Äbtissin. Wenn er Verstand besäße, hätte er das auch nicht erwartet. Bischof Forbassach hat nichts gefunden.«

»Nichts?« Äbtissin Fainder klang ungläubig, und sie grübelte sichtlich über diese Neuigkeit nach. Dann schien ihre hochmütige Haltung von ihr abzufallen.

Sie fügte sich. »Na gut, wenn du noch weitere Fragen stellen willst, dann fang an. Ich bin sicher, jeder in der Abtei hegt dieselbe Vermutung darüber, wer dem Angelsachsen zur Flucht verhalf.«

Fidelma erhob sich und meinte beiläufig: »Vielen Dank für deine Hilfe, Mutter Äbtissin. Es ist gut zu wissen, daß jeder in der Abtei dieselbe Vermutung hegt, wer Eadulf zur Flucht verhalf.«

Äbtissin Fainder war verblüfft. Fragend sah sie Fidelma an.

Fidelma entschied sich zu antworten.

»Wenn jeder in der Abtei eine Idee hat, wer Eadulf bei seiner Flucht behilflich war, dann werden sie es mir vielleicht mitteilen, damit wir dieses Geheimnis rasch lüften können. Vielleicht wissen sie sogar, wer das junge Mädchen wirklich getötet hat, dessen Ermordung man ihm zur Last legt.«

Äbtissin Fainder fand zu ihrer überlegenen Haltung zurück.

»Willst du trotz allem behaupten, daß der Angelsachse unschuldig ist?«

»Ich bin auch jetzt noch davon überzeugt, daß es so ist.«

Die Äbtissin schüttelte langsam den Kopf. »Eins muß ich dir lassen, Schwester Fidelma, du bist hartnäckig in deinem Glauben.«

»Ich freue mich, daß du soviel schon über mich weißt, Mutter Äbtissin. Du wirst auch noch merken, daß ich nie aufgebe, bis die Wahrheit ans Licht gekommen ist.«

»Die Wahrheit ist mächtig und setzt sich durch«, zitierte Äbtissin Fainder spöttisch.

»Ein weiser Spruch, nur stimmt er leider nicht immer. Aber er ist ein Ideal, für das man arbeiten kann, und das habe ich mein Leben lang getan.« Plötzlich setzte sie sich wieder und beugte sich über den Tisch vor. »Da sich die Gelegenheit bietet, muß ich dir ein paar Fragen stellen.«

Äbtissin Fainder wurde von diesem Kurswechsel überrascht. Sie machte eine Handbewegung, die man als Einladung deuten konnte.

»Ich nehme an, Schwester Fial ist weiterhin verschwunden?«

»Ich habe nicht gehört, daß man ihren Aufenthalt ermittelt hätte. Anscheinend hat sie sich entschlossen, die Abtei zu verlassen.«

»Was kannst du mir über diese geheimnisvolle junge Novizin Schwester Fial erzählen?«

Äbtissin Fainder verzog ärgerlich das Gesicht.

»Sie war zwölf oder dreizehn Jahre alt. Sie stammte aus den Bergen im Norden. Ich glaube, sie sagte, sie und Gormgilla kamen gemeinsam her, um dieser Gemeinschaft beizutreten.«

»Zwölf oder dreizehn Jahre ist weniger als das Alter der Wahl«, erinnerte sie Fidelma. »Die Mädchen waren ein wenig zu jung, um sich aus eigenem Antrieb einer Gemeinschaft anzuschließen. Oder haben ihre Eltern sie hergebracht?«

»Ich habe keine Ahnung. Schwester Fial war sehr bewegt, was ja auch natürlich war, da sie doch den Tod ihrer Freundin miterlebt hatte. Sie weigerte sich, weiterzureden, nachdem sie die Ereignisse jener Nacht ausführlich beschrieben hatte. Ich finde es nicht überraschend, daß sie uns verlassen hat. Wahrscheinlich ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt.«

Fidelma stieß einen Schrei aus, als ihr ein Gedanke kam. Die Äbtissin fuhr zusammen.

»Ein Kind unter vierzehn hat keine gesetzliche Verantwortlichkeit. Es muß das Alter der Wahl erreicht haben.«

Äbtissin Fainder wartete höflich. Ärgerlich führte Fidelma den Punkt weiter aus.

»Das bedeutet nach dem Gesetz, daß ein Kind in diesem Alter vor Gericht nicht aussagen kann. Das hätte ich in meiner Berufung geltend machen müssen. Die ganze Aussage Fials war bei Gericht nicht zulässig.«

Das schien die Äbtissin zu belustigen. »Da hast du unrecht, dalaigh. Bischof Forbassach hat es mir erklärt: Die Aussage eines Kindes in seiner eigenen Heimstatt darf gegen einen Verdächtigen verwendet werden.«

Fidelma war verwirrt. »Diese Auslegung des Gesetzes verstehe ich nicht. Wie konnte Fial, dieses Kind, sich in seiner eigenen Heimstatt befinden?«

Fidelma wußte natürlich, daß nach dem Gesetz das Zeugnis eines Kindes vor dem Alter der Reife unter bestimmten Bedingungen zugelassen war - wenn nämlich das Kind über etwas aussagte, was sich zum Beispiel in seinem eigenen Heim ereignet hatte und von dem es persönliche Kenntnis besaß. Nur in einem solchen Fall wurde die Aussage berücksichtigt.

Mit einem Lächeln überlegenen Wissens erwiderte Äbtissin Fainder: »Die Gemeinschaft bildet nach dem Urteil Forbassachs die Heimstatt ihrer Mitglieder. Das Kind war hier als Mitglied der Gemeinschaft. Dies war ihr Heim.«

»Das ist doch Unsinn!« fauchte Fidelma. »Das verdreht den Sinn des Gesetzes. Sie war als Novizin hergekommen, und nach dem, was gesagt wurde, hielt sie sich erst wenige Tage in der Abtei auf. Wie kann man nach dem Geist des Gesetzes da die Abtei als ihr eigenes Heim, als ihre Gemeinschaft bezeichnen?«

»Weil Bischof Forbassach es so entschied. Du solltest dich über dieses Gesetz mit ihm streiten und nicht mit mir.«

»Bischof Forbassach!« Fidelma verzog ärgerlich das Gesicht. Der Richter von Laigin hatte das Gesetz ganz erheblich gebeugt. Der Gedanke, daß ein unmündiges Kind ausgesagt hatte, war ihr erst jetzt gekommen; doch wenn Forbassach bereit war, das Recht so weit zu beugen, dann war es kein Wunder, daß er entschlossen war, seine früheren Urteile aufrechtzuerhalten. Wenn doch nur Barran über die Berufung entschieden hätte, dann wäre Eadulf jetzt frei, und ...

Äbtissin Fainder war bei ihrem spöttischen Ton errötet.

»Bischof Forbassach ist ein weiser und gerechter Richter«, verteidigte sie ihn. »Ich verlasse mich vollständig auf sein Wissen.«

Fidelma bemerkte, mit welcher Überzeugung die Äbtissin für den Brehon eintrat.

»Ihr scheint in dieser Abtei die Dienste Bischof Forbassachs häufig zu benötigen«, meinte Fidelma ruhig.

Die Äbtissin errötete noch tiefer.

»In den letzten Wochen haben mehrere Zwischenfälle den Frieden der Abtei gestört. Außerdem ist Forbassach nicht nur Brehon, sondern auch Bischof, und er hat seine Zimmer in der Abtei.«

»Forbassach wohnt in der Abtei? Das habe ich nicht gewußt«, warf Fidelma ein. »Nun, es ist schon ein eigenartiger Ort, an dem mehrere Menschen getötet wurden und andere verschwunden sind. Ich darf wohl annehmen, daß das nicht üblich ist?«

Äbtissin Fainder ignorierte ihren ironischen Ton.

»Deine Annahme ist richtig, Schwester Fidelma«, erwiderte sie kühl.

»Erzähl mir von Bruder Ibar.«

Einen Moment verschleierten sich die Augen der Äbtissin. »Ibar ist tot. Er hat seine gerechte Strafe just an dem Tag empfangen, als du hier ankamst.«

»Ich weiß, daß er gehängt wurde«, erklärte Fidelma. »Ich habe gehört, er soll einen Schiffer getötet und beraubt haben? Ich würde gern etwas über die Einzelheiten des Verbrechens erfahren.«

Äbtissin Fainder zögerte. »Ich verstehe nicht, was das mit deinem angelsächsischen Freund zu tun hat«, meinte sie.

»Tu mir den Gefallen«, bat Fidelma. »Ich finde es seltsam, daß es an jenem Kai drei Todesfälle in so kurzer Zeit gegeben hat.«

Äbtissin Fainder schaute entsetzt drein. »Drei Todesfälle?«

»Das Mädchen Gormgilla, der Schiffer und dann ein Wachmann namens Daig.«

Die Äbtissin runzelte die Stirn. »Daigs Tod war ein Unfall.«

Fidelma fragte sich, warum der Mund der Äbtissin auf einmal so verkniffen war.

»Daig gehörte der Wache an, die Bruder Ibar festnahm, und später wurde er selbst tot aufgefunden.«

»So war es überhaupt nicht!« Die Stimme der Äbtissin war schrill und überschlug sich fast.

»Ich dachte, ich hätte nur die Tatsachen festgestellt. Wie war es denn? Das möchte ich gern wissen.«

Wieder antwortete die Äbtissin erst nach kurzem Zögern.

»Gabran, der Flußschiffer, treibt regelmäßig Handel mit der Abtei. Das ist der Mann, der vorhin an meine Tür kam. Es war einer aus seiner Mannschaft, der umgebracht wurde. An seinen Namen kann ich mich nicht erinnern.«

»Das ist traurig«, bemerkte Fidelma eisig.

»Traurig?«

»Daß der Name eines Menschen, dessen Tod zur Hinrichtung eines Mönchs aus eurer Gemeinschaft führte, unbekannt bleibt.«

Äbtissin Fainder schaute unsicher drein; sie wußte nicht, ob Fidelma sie verspottete oder nicht.

»Schwester Etromma weiß den Namen sicher, wenn dir so viel daran liegt. Es ist ihre Aufgabe als rechtaire, so etwas zu wissen. Soll ich sie holen lassen?«

»Nicht nötig«, antwortete Fidelma. »Ich kann später mit ihr sprechen. Erzähl weiter.«

»Es ist eine scheußliche Geschichte.«

»Unnatürlicher Tod ist selten anders als scheußlich.«

»Der Schiffer soll betrunken gewesen sein. Er hatte im Gasthaus zum Gelben Berg gezecht und war auf dem Rückweg zu Gabrans Schiff. Es hatte für zwei Tage angelegt. Am Kai schlug ihm jemand mit einem schweren Stück Holz von hinten den Schädel ein. Der Mörder nahm der Leiche Geld und eine goldene Kette ab.«

»Gab es Zeugen für den Überfall auf den Mann?«

Äbtissin Fainder schüttelte den Kopf. »Niemand hat es wirklich gesehen.«

»Wie kam man dann auf Bruder Ibar?«

»Daig war Hauptmann der Wache. Er nahm Ibar gefangen.«

»Hauptmann? War das nicht Mels Stellung?«

»Fianamail hatte Mel bereits zum Befehlshaber seiner Palastwache ernannt.«

Fidelma überlegte einen Moment. »Ich hörte, der Mord an dem Schiffer geschah einen Tag nach dem Tod von Gormgilla?«

»Das stimmt. Fianamail gefiel das schnelle Handeln Mels, und er beförderte ihn noch am selben Morgen.«

»Mel wurde noch vor der Verhandlung gegen Bru-der Eadulf befördert?« Fidelma wiegte verwundert den Kopf. »Ein Brehon könnte das als Beeinflussung eines Zeugen werten.«

Äbtissin Fainder errötete wieder. »Bischof Forbas-sach tat das nicht. Er riet dem König, Mel zu befördern. Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß du die Grundsätze und Handlungen des Brehons von Laigin in Zweifel ziehst. Du solltest daran denken, daß er auch Bischof ist und in Fragen des Glaubens wie des Rechts über dir steht. Ich würde es mir sehr überlegen, ehe ich .«

Sie bemerkte das Funkeln in Fidelmas Augen, deren Farbe sich von Grün zu kaltem Blau verändert hatte.

»Ja?« fragte Fidelma ruhig. »Ja?«

Äbtissin Fainder hob das Kinn. »Mir erscheint es moralisch nicht vertretbar, eine so angesehene Persönlichkeit wie Bischof Forbassach anzugreifen, noch dazu, wenn du nicht einmal aus diesem Königreich stammst.«

»Das Gesetz der Brehons ist das Gesetz, ganz gleich, in welchem der fünf Königreiche von Eireann man sich befindet. Als der Großkönig Ollamh Fodhla vor fast anderthalbtausend Jahren zuerst befahl, die Gesetze zu sammeln, wurde festgelegt, daß die Gesetze der Fene-chus in jedem Teil dieses Landes gelten sollten. Wenn ein Urteil falsch ist, dann ist es die Pflicht aller, vom niedrigsten bo-aire bis zum Oberrichter der fünf Königreiche, zu verlangen, daß die Irrtümer erläutert und berichtigt werden.«

Äbtissin Fainders Miene wurde äußerst angespannt, als sie Fidelmas eindringliche Worte vernahm. Klugerweise ging sie nicht weiter darauf ein.

»Nun«, sagte Fidelma und lehnte sich zurück, »du sagtest, daß Mel befördert und Daig jetzt Hauptmann der Wache an den Kais geworden war. Wie hat er Bruder Ibar gefangen? Du gebrauchtest den Ausdruck >gefangen<. Das Wort deutet daraufhin, daß Bruder Ibar Widerstand leistete oder zu fliehen versuchte.«

»Das war nicht der Fall. Als Daig die Leiche des Schiffers entdeckte, wußte er, daß es sich um ein Mitglied der Mannschaft Gabrans handelte. Er ließ Ga-bran holen, damit er den Mann identifizierte, und Ga-bran stellte fest, daß die Goldkette, die der Mann gewöhnlich trug, fehlte und ebenso einige Münzen, die ihm gerade als Lohn ausgezahlt worden waren. Die Wirtin Lassar bezeugte, daß der Schiffer kurz zuvor ihr Gasthaus mit reichlich Geld verlassen hatte. Ga-bran hatte ihm dort gerade seinen Lohn ausgehändigt. Deshalb hatte der Mann auch getrunken. Es war ein klarer Fall von Raub.«

»Nun gut, aber welcher Weg führte - ohne alle Zeugen - vom Überfall auf den Schiffer zu Bruder Ibar?«

»Einen Tag später wurde Ibar gefaßt, wie er auf dem Markt versuchte, die Goldkette des Schiffers zu verkaufen. Die Ironie des Zufalls wollte es, daß er sie Gabran selbst anbot. Der rief dann Daig, und daraufhin wurde Ibar verhaftet, für schuldig befunden, verurteilt und gehängt.«

Diese Schilderung stimmte Fidelma nicht glücklich.

»Es war eine Dummheit, falls Bruder Ibar schuldig war«, überlegte sie. »Ich meine den Versuch, die Goldkette des Opfers ausgerechnet seinem Kapitän zu verkaufen. Wenn Gabran dafür bekannt war, daß er Handel mit der Abtei trieb, hätte Ibar doch wissen müssen, daß Gabran die Kette erkennen würde? Er hätte sich einen weniger gefährlichen Weg gesucht, die Kette zu veräußern.«

»Es ist nicht meine Sache, zu erraten, was in Ibars Kopf vor sich ging.«

»Wie du gesagt hast, treibt Gabran seit geraumer Zeit Handel mit der Abtei. Wie lange war Bruder Ibar hier?«

Die Äbtissin machte eine verlegene Bewegung.

»Ich glaube, schon einige Zeit. Bereits bevor ich herkam.«

»Dann stimmt meine Vermutung. Was hatte Bruder Ibar zu der Beschuldigung zu sagen?«

»Er leugnete alles, sowohl den Mord wie den Raub.«

»Aha. Wie erklärte er, daß er im Besitz der Kette war?«

»Daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Wozu brauchte Bruder Ibar so dringend Geld -wenn wir davon ausgehen, daß er den Schiffer ermordete und beraubte?«

Die Äbtissin zuckte die Achseln und schwieg.

»Und was passierte mit Daig? Wie kam er zu Tode?«

»Ich sagte doch schon, es war ein Unfall. Er ertrank im Fluß.«

»Ein Hauptmann der Flußwache ertrank?«

»Was willst du damit unterstellen?« fragte Äbtissin Fainder.

»Ich treffe nur eine Feststellung. Wie konnte jemandem, der die Fähigkeit zum Hauptmann der Wache an den Kais besaß, ein solcher Unfall zustoßen?«

»Es war dunkel. Ich glaube, er rutschte aus und fiel vom Kai. Dabei schlug er mit dem Kopf gegen einen Holzpfeiler und war bewußtlos. Deshalb ertrank er, ehe ihm jemand helfen konnte.«

»Gab es Zeugen für den Unfall?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Von wem hast du dann diese Einzelheiten?«

Äbtissin Fainder runzelte ärgerlich die Stirn. »Von Bischof Forbassach.«

»Also hat er diesen Todesfall auch untersucht? Wie lange nach Bruder Ibars Verhandlung ereignete sich dieser Unfall?«

»Wie lange? Soweit ich mich erinnere, kam Daig noch vor der Verhandlung zu Tode.«

Fidelma schloß einen Moment die Augen. Sie wollte sich von den Merkwürdigkeiten im Zusammenhang mit den Geschehnissen in der Abtei nicht mehr überraschen lassen.

»Davor? Dann erfolgte Daigs Aussage also nicht vor Gericht?«

»Es wurden nicht viele Beweise benötigt. Gabran war der Hauptzeuge. Er konnte den Ermordeten identifizieren. Er berichtete von dem fehlenden Geld und erkannte auch die Goldkette, die ihm Ibar verkaufen wollte.«

»Das paßt alles sehr gut zusammen. Dieser Gabran war der einzige, der das Motiv des Raubes für die Ermordung des Schiffers angab; er war der einzige, der behauptete, die Gegenstände seien gestohlen worden, und er war auch der einzige, der Bruder Ibar mit dem Verbrechen in Verbindung brachte. Und auf die Aussage dieses einen Mannes hin wurde Bruder Ibar gehängt. Beunruhigt dich das nicht?«

»Weshalb sollte es mich beunruhigen? Bischof For-bassach hatte keine Bedenken, die Aussage anzuerkennen. Außerdem war es nicht nur Gabrans Aussage. Als Daig hörte, daß Ibar versucht habe, die Goldkette zu verkaufen, ließ er Ibars Zelle hier in der Abtei durchsuchen, und dabei wurden die Kette und das Geld gefunden. Außerdem hat die Sache mit Ibar nichts mit dem Angelsachsen zu tun, Schwester. Was willst du beweisen? Ich hätte gedacht, es wäre jetzt deine Pflicht als dalaigh, uns dabei zu helfen, den Angelsachsen wieder einzufangen.«

Fidelma stand plötzlich auf. »Meine Pflicht als dalaigh besteht darin, die Wahrheit in dieser Angelegenheit zu ermitteln.«

»Du hast die Tatsachen vernommen, und es sind viele.«

»Die Unwahrheit reicht oft weiter als die Wahrheit«, sagte Fidelma; ihr war ein Ausspruch ihres Mentors, des Brehons Morann, eingefallen.

Von fern erklang eine Glocke, die zum mittäglichen Angelusgebet rief.

Äbtissin Fainder erhob sich ebenfalls. »Ich muß meinen Pflichten nachkommen.«

»Eine Frage noch zuvor: Wo finde ich die Zimmer des Abts Noe?«

»Noe?« Die Frage schien Äbtissin Fainder zu überraschen. »Dies ist nicht mehr der Hauptsitz des Abts, wenn er auch noch eine Wohnung hier hat. Er hat jetzt Räume im Palast des Königs inne, aber dort wirst du ihn nicht finden. Er ist gestern aus Fearna nach dem Norden abgereist. Man erwartet ihn erst nach einiger Zeit zurück.«

»Nach dem Norden?« Fidelma war enttäuscht. »Weißt du, wohin er wollte?«

»Die Reisen von Abt Noe gehen mich nichts an.«

Fidelma neigte den Kopf und verließ das Zimmer der Äbtissin. Als sie den kleinen viereckigen Hof erreichte, blieb sie instinktiv im Schatten einer Nische stehen. Kurz darauf kam die Äbtissin aus ihrem Zimmer und eilte über den Hof. Sie ging nicht zu der Kapelle, in der sich die Mitglieder der Gemeinschaft zum Mittagsgebet versammelten, sondern verschwand durch eine Seitentür.

Fidelma folgte ihr in einigem Abstand. Als sie die Holztür öffnete, stellte sie fest, daß es die Verbindungstür zu einem weiteren Hof war, zu dem, dessen Tor auf den Kai hinausging. Sie trat rasch hinter die Tür zurück, die sie etwas offen ließ, denn in der Mitte des Hofs stieg die Äbtissin gerade auf ihr Pferd. Sonst war niemand zu sehen. Dann ritt die Äbtissin im Schritt zum Tor hinaus. Fidelma war verblüfft, daß die Äbtissin ihre Abtei in dem Augenblick verließ, in dem die Angelusglocke die Gemeinschaft zur Andacht rief. Sie fragte sich, was wohl so wichtig wäre, daß sie fort mußte.

Fidelma lief rasch über den Hof zu dem noch offenen Tor zu den Kais. Sie schaute sich nach beiden Seiten um, aber von der Äbtissin und ihrem Pferd war nichts mehr zu sehen. Gleich hinter dem Tor mußte die Äbtissin ihr Pferd in Galopp gesetzt haben, so schnell war sie verschwunden. Doch zu ihrer Überraschung erblickte Fidelma Enda, der zu Pferde aus dem Schatten der Abteimauern auftauchte und gemächlich am Flußufer entlangtrabte. Offensichtlich folgte er der Äbtissin.

Ein befreites Lächeln glitt über ihr Gesicht. Sie hatte beinahe vergessen, daß sie Dego und Enda gebeten hatte, herauszufinden, wohin die Äbtissin immer ritt, und diesen Auftrag hatte sie nicht widerrufen. Endlich würde Enda sie verfolgen und das Geheimnis lüften können.

Kapitel 11

Auch nach ihrer Rückkehr ins Gasthaus zum Gelben Berg dachte Fidelma über Abt Noe nach. Sie war erstaunt, daß er es sich nicht angelegen sein ließ, zu dieser Zeit in Fearna zu bleiben. Sie hatte erwartet, daß er sowohl als Abt als auch als geistlicher Berater Fiana-mails eine größere Rolle in dem Geschehen spielen würde. Eadulf hatte ihr erzählt, daß er an der ersten Verhandlung teilgenommen hatte. Abgesehen von seiner angeblichen Unterstützung für die Übernahme der Bußgesetze war er jedoch bei den darauffolgenden Ereignissen nicht mehr in Erscheinung getreten.

Warum sich Fidelmas Gedanken gerade mit Abt Noe beschäftigten, konnte sie eigentlich nicht sagen. Nach dem wenigen, was sie von dem reizbaren Abt wußte, überraschte es sie, daß er die Leitung seiner früheren Abtei einer Frau übertragen hatte, die die Gesetze des Landes ändern wollte. Ihrer Erinnerung nach hatte Abt Noe das Rechtssystem der Fenechus unterstützt. Doch aus früherer Erfahrung mit ihm wußte sie auch, daß er verschlagen war und die Intrige liebte. Sie fragte sich, ob er nicht vielleicht eine größere Rolle bei diesen geheimnisvollen Vorgängen spielte.

Sie saß im Hauptraum des Gasthauses und grübelte darüber nach. Später wandten sich ihre Gedanken wieder dem Verschwinden Eadulfs aus der Abtei zu. Sie blieb vorsichtshalber bei dem Wort »Verschwinden«, denn sie traute weder Forbassach noch der Äbtissin. War er wirklich geflohen? Zu viele Menschen schienen »verschwunden« zu sein, die wichtige Zeugen der Ereignisse waren. Plötzlich erschauerte sie. Was meinte sie damit? Daß Eadulf einfach verschwunden war wie die anderen auch?

Die Wärme des Feuers und die gestörte Nachtruhe ließen sie schläfrig werden. Ehe sie es recht merkte, war sie eingenickt.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als die Tür aufging und dieses Geräusch sie weckte. Enda trat ein, er schien mit sich zufrieden. Sie unterdrückte ein Gähnen, reckte sich und begrüßte ihn.

»Nun, Enda?«

Der junge Krieger kam sofort zu ihr und setzte sich. Er blickte sich rasch sichernd um und sagte dann leise: »Ich bin der Äbtissin gefolgt, ohne daß sie mich bemerkte. Sie ritt nach Norden ...«

»Nach Norden?«

»Ja, aber nur fünf oder sechs Kilometer. Dann bog sie zu den Bergen ab. Dort liegt eine Siedlung namens Raheen. Sie steuerte auf eine kleine Hütte zu und wurde von einer Frau begrüßt. Beide schienen eng befreundet.«

Fragend zog Fidelma eine Braue hoch. »Befreundet?«

»Sie umarmten sich. Anschließend gingen die Äbtissin und die Frau in die Hütte. Ich wartete ungefähr eine Stunde, dann kam die Äbtissin wieder heraus.«

Da erst begriff Fidelma, daß der Nachmittag zum größten Teil vergangen war. Sie hatte mehrere Stunden geschlafen.

»Sprich weiter«, sagte sie und bemühte sich, ihren Ärger über die vertane Zeit zu unterdrücken. »Was dann?«

»Während sie dort war, kam unser Freund Forbas-sach hinzu. Die Frau ließ die beiden eine Weile allein in der Hütte. Schließlich entfernte sich Forbassach und kurze Zeit danach auch Fainder. Sie ritt zurück nach Fearna, deshalb machte ich mir nicht die Mühe, ihr zu folgen.«

»Was tatest du statt dessen?«

»Ich dachte, du würdest wissen wollen, wer die Frau war, deren Hütte sie aufsuchten.« Fidelma lächelte anerkennend. »Du lernst schnell, Enda. Wir werden noch einen dalaigh aus dir machen.«

Der junge Mann schüttelte den Kopf, er nahm ihre scherzhafte Bemerkung ernst.

»Ich bin ein Krieger und der Sohn eines Kriegers, und wenn ich zum Krieger zu alt bin, gehe ich auf meinen Bauernhof.«

»Hast du herausbekommen, wer die Frau war?«

»Ich entschied mich, nicht direkt zu ihrer Hütte zu reiten, sondern mich bei den Leuten in der Gegend zu erkundigen. Mir wurde gesagt, sie heiße Deog.«

»Deog? Hast du noch mehr erfahren?«

»Nur, daß sie seit kurzem Witwe ist. Ihr Mann hieß Daig.«

Fidelma schwieg einen Moment. »Bist du sicher, daß das sein Name war?«

»Den Namen hat man mir genannt, Lady.«

»Wenn sie seit kurzem Witwe ist, muß es derselbe Mann sein.«

Enda sah sie unsicher an. »Ich fürchte, ich verstehe dich nicht.«

Fidelma nahm sich nicht die Zeit, ihm das zu erklären. Warum besuchten Äbtissin Fainder und Bischof Forbassach die Witwe des ertrunkenen Wachmanns? Fainder hatte Fidelma gegenüber so getan, als kenne sie den Mann kaum, weshalb sollte sie sich also um seine Witwe kümmern? Nicht nur das, sondern nach Endas Bericht sollten sie sogar befreundet sein. Hier lag ein weiteres Geheimnis.

»Du hast vermutlich nicht gefragt, ob die Äbtissin diese Deog häufig aufsucht, nicht wahr?«

Enda schüttelte den Kopf. »Ich wollte nicht zuviel Aufmerksamkeit erregen«, erklärte er. »Deshalb habe ich nicht so viele Fragen gestellt.«

Damit hatte sich Enda richtig verhalten, fand Fidelma. Zu viele Fragen machten die Leute mißtrauisch.

»Wie weit von hier entfernt wohnt diese Frau, was denkst du?«

»Weniger als eine Stunde, wenn man schnell reitet, Lady.«

»In ein paar Stunden wird es dunkel«, überlegte Fidelma nach einem Blick zum Himmel. »Trotzdem, meine ich, sollte ich mit Deog reden.«

»Ich kenne den Weg jetzt, Lady«, sagte Enda eifrig. »Wir können ohne Schwierigkeiten dorthin reiten und auch in der Dunkelheit zurückkehren.«

»Dann machen wir das doch«, entschied Fidelma. »Wo ist Dego?«

»Ich glaube, er ist im Stall und reibt die Pferde trocken. Soll ich ihn holen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Je eher wir aufbrechen, desto besser. Wir gehen zu ihm.«

Dego war wirklich dabei, Endas Pferd nach seinem Ritt trockenzureiben. Er blickte auf, als sie eintraten. Er schien etwas unsicher, als er Fidelma begrüßte.

»Ich kam kurz nach dem Mittag ins Gasthaus zurück, Lady«, sagte er, »wie du angeordnet hattest. Ich sah aber, wie du am Feuer saßest und fest schliefst. Ich dachte, du brauchtest den Schlaf mehr als meine Meldung, daß ich sowieso nichts Neues erfahren hatte. Ich hoffe, es war richtig, daß ich dich weiterschlafen ließ.«

Einen Moment wußte Fidelma nicht, wovon er redete, dann fiel ihr ein, daß sie gesagt hatte, sie würde ihn nach ihrer Rückkehr aus der Abtei im Gasthaus treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Beim Anblick seiner besorgten Miene lächelte sie entschuldigend.

»Du hast richtig gehandelt, Dego. Nach dem Schlaf geht es mir besser. Enda und ich reiten jetzt aus, es kann mehrere Stunden dauern.«

»Soll ich mitkommen?«

»Das ist nicht nötig. Enda weiß, wohin wir wollen. Solange wir fort sind, sollte einer hierbleiben, falls Bruder Eadulf mit uns Verbindung aufnehmen will.«

Dego half ihr mit ihrem Pferd, während Enda seinem Tier den Sattel erneut auflegte.

»Wo seid ihr«, fragte Dego, »für den Fall, daß sich irgend etwas ereignet?«

»Wir besuchen eine Frau namens Deog. Sie wohnt in einem Ort, der Raheen heißt und ungefähr sechs Kilometer nördlich von hier liegt. Aber verrate das niemandem.«

»Natürlich nicht, Lady.«

Sie saßen auf und trabten rasch durch die Straßen von Fearna. Enda ritt voran an den hochragenden grauen Mauern der düsteren Abteigebäude entlang zum Fluß und folgte dessen Windungen nordwärts. An einer Gabel wählte er den Weg, der in sanfter Steigung über einen Hügel und durch ein kleines Gehölz führte.

Hier ließ Fidelma halten. Sie ritt zurück zum Rand der Bäume und Büsche, von wo aus sie den Weg hinter ihnen überblicken konnte, und wartete schweigend, im Sattel vorgebeugt und vom Blattwerk geschützt.

Enda brauchte nicht zu fragen, warum sie das tat. Wenn ihnen jemand folgte, mußte er von dieser Stelle aus bald zu sehen sein. Nach längerer Zeit stieß Fidelma einen Seufzer der Erleichterung aus. Sie lächelte Enda zu.

»Meine Befürchtungen waren wohl grundlos. Im Augenblick verfolgt uns niemand.«

Wortlos wendete Enda sein Pferd und ritt weiter durch das Wäldchen und dann durch bebaute Felder auf einen dichteren Forst zu, der die höheren Berge vor ihnen bedeckte.

»Wie heißt der große Berg dort vor uns, Enda?« fragte Fidelma, als sie sich auf dem Anstieg befanden.

»Nach dem ist das Gasthaus unserer Wirtin benannt, es ist der Gelbe Berg. Wir wenden uns gleich weiter nach Osten und umrunden die Flanke des Berges, bevor wir wieder die nördliche Richtung nach Raheen einschlagen. Es liegt am Eingang eines Tals, und der Weg dorthin ist nicht mehr lang.«

Nach kurzer Zeit, als sich der klare Herbsthimmel bewölkte und es dunkelte, also am späten Nachmittag, hielt Enda an. Sie befanden sich am Anfang eines Tals, das sich nach Süden zum Fluß hin erstreckte. Über den Berghang verstreut standen mehrere Hütten, aus denen dunkler Rauch aufstieg. Es war offensichtlich eine Bauernsiedlung.

Enda wies hinüber. »Siehst du die Hütte dort drüben, Lady?«

Fidelmas Blick folgte seiner ausgestreckten Hand.

Eine kleine Hütte klebte am Steilhang des Berges. Sie zeugte nicht von Armut, aber auch nicht von Reichtum oder Rang. Sie war aus grauem Granit gebaut, und das schwere Reetdach mußte dringend repariert werden.

»Ich sehe sie.«

»Das ist die Hütte von Deog, die Äbtissin Fainder und Bischof Forbassach aufsuchten.«

»Nun gut. Wir werden sehen, was Deog zu unseren Nachforschungen beisteuern kann.«

Fidelma trieb ihr Pferd an, und gefolgt von Enda, ritt sie direkt auf die Hütte zu, die er ihr gezeigt hatte.

Die Bewohnerin der Hütte hatte sie offensichtlich gehört, denn als sie absaßen und ihre Pferde an den niedrigen Zaun banden, der einen Gemüsegarten vor der Hütte umgrenzte, öffnete sich die Tür, und sie trat heraus. Ein großer Hund schoß an ihr vorbei und auf Fidelma und Enda zu, aber ein scharfer Befehl der Frau hielt ihn zurück. Sie hatte noch nicht das mittlere Alter erreicht, doch Kummer und Sorgen hatten ihr Gesicht so gezeichnet, daß sie auf den ersten Blick älter erschien als ihre Jahre. Ihre Augen waren hell, wohl eher grau als blau. Sie war einfach gekleidet wie eine Bäuerin, und ihr Äußeres war das eines Menschen, der jedem Wetter trotzt. Ihr Gesicht kam Fidelma merkwürdig bekannt vor. Aber Fidelmas musternder Blick war nur kurz gewesen und hatte auch den Hund eingeschlossen, der zwar alt, doch zur Verteidigung seiner Herrin bereit war.

Die Frau trat besorgt näher, als sie Fidelmas ansichtig wurde.

»Kommst du von Fainder?« fragte sie sofort, wohl weil Fidelma wie eine Nonne gekleidet war.

Die Beunruhigung in ihrer Stimme überraschte Fidelma.

»Wieso denkst du das?« parierte sie.

Die Frau kniff die Augen zusammen. »Du bist Nonne. Wenn dich Fainder nicht hergeschickt hat, wer bist du dann?«

»Ich heiße Fidelma. Fidelma von Cashel.«

Die Miene der Frau verschloß sich unverkennbar, ihre Lippen wurden schmal. »So?«

»Anscheinend hast du meinen Namen schon gehört«, bemerkte Fidelma, die das richtig einschätzte.

»Man hat von dir gesprochen.«

»Dann weißt du auch, daß ich eine dalaigh bin.«

»Das weiß ich.«

»Es wird dunkel und kühl. Dürfen wir in deine Hütte kommen und uns ein Weilchen mit dir unterhalten?«

Die Frau zögerte etwas, nickte dann aber einladend.

»Kommt rein, obwohl ich nicht weiß, worüber wir zu reden hätten.«

Sie ging voran in den einzigen großen Wohnraum der Hütte. Da der Hund keine Gefahr witterte, lief er vorneweg. Im Kamin am anderen Ende des Raums prasselte ein Holzfeuer. Der alte Hund streckte sich davor aus, den Kopf auf den Pfoten, aber die halbgeschlossenen Augen wachsam auf sie gerichtet.

»Setzt euch«, lud die Frau sie ein.

Sie warteten, bis sie sich am Feuer niedergelassen hatte, dann nahm Fidelma ihr gegenüber Platz, und Enda hockte sich unbequem auf einen Schemel an der Tür.

»Na, worüber willst du mit mir sprechen?«

»Ich habe gehört, du heißt Deog?« begann Fidelma.

»Das leugne ich nicht, denn es stimmt«, erwiderte die Frau.

»Und Daig war der Name deines Ehemanns?«

»Möge der gütige Gott seiner Seele gnädig sein, ja, so hieß er. Was hattest du mit ihm zu tun?«

»Er gehörte zur Wache an den Kais von Fearna, glaube ich?«

»Er war sogar Hauptmann der Wache, nachdem Mel zur königlichen Wache aufgerückt war. Hauptmann der Wache, aber er hatte nicht lange was davon.« Sie schluckte, und ihre Stimme brach.

»Ich fühle deinen Kummer mit, Deog, aber ich brauche Antwort auf ein paar Fragen.«

Die Frau nahm sich mit Mühe zusammen. »Ich hab schon gehört, daß du Fragen stellst. Du sollst eine Freundin des Angelsachsen sein.«

»Was weißt du über ... über den Angelsachsen?«

»Ich weiß nur, daß er angeklagt und verurteilt wurde, weil er ein armes junges Ding umgebracht hat.«

»Weiter nichts? Nicht, ob er schuldig oder unschuldig war?«

»Wie soll er denn unschuldig sein, wenn ihn der Brehon von Laigin verurteilt hat?«

»Er ist aber unschuldig«, antwortete Fidelma kurz. »Es gab zu viele Todesfälle an den Kais bei der Abtei, als daß es alles Zufall sein könnte. Erzähl mir zum Beispiel vom Tod deines Ehemanns.«

Einen Augenblick blieb das Gesicht der Frau regungslos, und ihre hellen Augen suchten in Fidelmas Miene nach einem verborgenen Sinn ihrer Worte. Dann sagte sie: »Er war ein guter Mann.«

»Das bezweifle ich nicht«, erwiderte Fidelma.

»Man sagte mir, er sei ertrunken.«

»Man?«

»Bischof Forbassach.«

»Das hat dir Forbassach selbst gesagt? Du bewegst dich in hochgestellten Kreisen, Deog. Was genau hat Bischof Forbassach zu dir gesagt?«

»Daß Daig während der Nachtwache auf den Holzplanken des Kais ausgerutscht und in den Fluß gefallen ist. Dabei ist er mit dem Kopf auf dem Kai aufgeschlagen und wurde bewußtlos. Am nächsten Morgen fand ihn ein Schiffer von der Cag. Es hieß, er wäre ...« Sie schluckte und fuhr fort: »Er wäre ertrunken, weil er bewußtlos war.«

Fidelma beugte sich leicht vor. »Und gab es Zeugen dafür?«

Deog schaute sie verständnislos an. »Zeugen? Wäre jemand in der Nähe gewesen, wäre er nicht ertrunken.«

»Woher weiß man das dann so genau?«

»Bischof Forbassach hat mir gesagt, so müßte es gewesen sein, denn das wäre die einzige Erklärung, die mit den Tatsachen in Übereinstimmung zu bringen wäre.« Sie sprach die Worte wie eine Formel aus, und es war klar, daß sie wiederholte, was der Brehon ihr erzählt hatte.

»Aber was hältst du davon?«

»So muß es wohl gewesen sein.«

»Hat Daig mit dir über das gesprochen, was an den Kais passiert ist? Zum Beispiel über den Tod des Schiffers?«

»Fainder hat mir erzählt, daß sie den armen Ibar für das Verbrechen hingerichtet haben.«

Fidelma runzelte die Stirn. »Den armen Ibar? Kanntest du den Bruder?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne seine Familie. Es sind Schmiede an den tieferen Hängen des Gelben Berges. Daig hat mir erzählt, wie er ihn überführt hat.«

»Wie war das? Was genau hat Daig dir erzählt?« fragte Fidelma eifrig.

»Warum soll ich dir sagen, was Daig mir über den Mord erzählt hat?« Deog schaute Fidelma verwundert an. »Hat dir Fainder das nicht berichtet? Sogar Bischof Forbassach wollte die Einzelheiten nicht wissen.«

»Tu mir den Gefallen«, lächelte Fidelma. »Ich möchte es gern hören, und wenn du kannst, halte dich so genau an die Worte deines Mannes wie möglich.«

»Na, Daig hat mir erzählt, daß er gegen Mitternacht auf seinem Kontrollgang nahe dem Kai bei der Abtei war, als er einen Schrei hörte. Daig trug eine Fackel, also hob er sie hoch, antwortete mit einem Ruf und lief in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Dann hörte er eilige Schritte auf den Brettern des Kais. Er fand eine zusammengesunkene Gestalt. Es war die Leiche eines Mannes, eines Schiffers. Daig erkannte ihn, er gehörte zur Besatzung von Gabrans Schiff, das am Kai vertäut war. Dem Mann war der Schädel eingeschlagen worden, und eine Holzkeule lag gleich daneben.«

»Eine Keule?«

»Daig erklärte mir, er hielt es für eine dieser Holzstaken, die man auf Schiffen benutzt.«

»Ein Belegnagel?«

Deog zuckte die Achseln. »Damit weiß ich nicht Bescheid, aber ich glaube, das war der Ausdruck, den er gebrauchte.«

»Sprich weiter.«

»Er erzählte mir, daß der Schiffer zweifelsfrei tot war, deshalb ließ er die Leiche liegen und rannte den Schritten nach. Aber er merkte bald, daß die Nacht den Schuldigen verbarg, und so kehrte er zu der Leiche zurück .«

»Hat er dir gesagt, wohin die Schritte liefen? Zum Beispiel auf das Tor der Abtei zu?«

Deog bedachte die Frage gründlich.

»Ich glaube nicht, daß es die Richtung auf das Abteitor war, denn er sagte, die Nacht hätte das Geräusch der Schritte verschluckt. Am Tor der Abtei brennen nachts gewöhnlich zwei Fackeln. Wenn der Täter zum Tor gerannt wäre, hätte Daig ihn im Fackelschein sehen müssen.«

»Zwei Fackeln brennen dort?« Fidelma schwieg einen Moment. »Woher weißt du das?«

»Das hat mir Fainder gesagt.«

Fidelma zögerte etwas, beschloß aber, sich nicht ablenken zu lassen.

»Darauf kommen wir später zurück. Fahr fort mit dem, was dir Daig erzählt hat.«

»Na, er ging zurück zur Leiche des Schiffers und schlug Alarm. Damit weckte er einen anderen Matrosen von Gabrans Schiff aus dem Schlaf, und der erklärte Daig, Gabran befinde sich im Gasthaus zum Gelben Berg, und als er den Toten zuletzt gesehen habe, sei der ebenfalls dort gewesen. Der Mann war anscheinend dorthin gegangen, um Geld einzutreiben, das Gabran ihm schuldete. Daraufhin eilte Daig zum Gasthaus und fand Gabran auch. Der hatte schwer getrunken, deshalb dauerte es seine Zeit, bis die Lage geklärt werden konnte. Lassar, die Wirtin, sagte zu Daig, der Schiffer sei zu Gabran gekommen und es habe einen Streit gegeben. Aber Gabran habe ihn ausgezahlt, und danach seien sie wieder Freunde gewesen. Der Schiffer trank eine Weile und wanderte dann zum Schiff zurück. Inzwischen war Lassar schlafen gegangen, weil es schon spät war, wachte aber auf, als Daig ankam und Gabran verhörte.«

Die Frau hielt in ihrer Erzählung inne.

»Ist es wirklich das, was du hören willst, Schwester?« fragte sie zweifelnd. »Bischof Forbassach meinte, das alles sei unwichtig.«

»Sprich weiter, Deog. Was hat dir Daig sonst noch erzählt?«

»Gabran bestätigte, daß er dem Mann gerade den Lohn ausgezahlt hatte, den er ihm schuldete.«

»Hat er gesagt, worum es bei dem Streit ging?«

»Der hatte mit dem Geld zu tun. Daig meinte, das wäre nicht wichtig. Dagegen war es wichtig, daß man bei dem Schiffer kein Geld fand. Und dann war da noch etwas. Als Gabran hörte, daß das Geld fehlte, fragte er nach einer Goldkette, die der Mann gewöhnlich um den Hals trug. Die war auch weg.«

»Ich nehme an, weder das Geld noch die Kette wurden bei der Leiche gefunden.«

»Das beunruhigte Daig. Weißt du, nachdem er vergeblich versucht hatte, die Schritte zu verfolgen, die er in die Nacht verschwinden hörte, ging er zurück und untersuchte die Leiche.«

»Es beunruhigte ihn? In welcher Weise?«

Deog versuchte sich genau zu erinnern, was Daig ihr gesagt hatte.

»Es war . und er dachte, er könnte sich auch geirrt haben . es war .«

»Laß dir Zeit«, meinte Fidelma, als sie erneut zögerte und nachdachte.

»Als er die Leiche zuerst fand, bevor er den Schritten nachlief, meinte Daig, habe er die Goldkette am Halse des Toten gesehen. Er war sich sicher, daß sie im Mondlicht glänzte.«

»Aber die Kette war fort, als er zu der Leiche zurückkehrte. War es so?«

»Das machte ihm Sorgen. Sie war nicht mehr da, als er zurückkam.«

»Hat er das gegenüber jemand anderem erwähnt?«

»Er hat es Bischof Forbassach gesagt.«

»Aha. Und was geschah? Was tat Forbassach?«

»Ich glaube nicht, daß noch einmal darüber gesprochen wurde. Schließlich war sich Daig nicht absolut sicher. Lassar bestätigte, daß der Mann Geld erhalten hatte, und sie wußte, daß er gewöhnlich eine Goldkette trug. Sie kannte ihn als ein ständiges Mitglied der Mannschaft Gabrans, der öfter ins Gasthaus kam. Er behauptete immer, er habe die Goldkette in einer Schlacht gegen die Ui Neill errungen.«

Fidelma schwieg einen Moment und überdachte diese Geschichte.

»Ich weiß, daß die Sache mit der Goldkette ihm Sorgen machte«, fügte Deog hinzu.

»Hat dir Daig auch erzählt, wie er die Spur zu Bruder Ibar verfolgen konnte?«

»Das hat er allerdings, und er meinte, es sei ein erstaunlicher Zufall gewesen. Gabran kam am nächsten Tag zu Daig und sagte, er sei auf dem Markt gewesen, und da sei ein Mönch zu ihm gekommen und habe ihm eine Goldkette verkaufen wollen. Er habe sie sofort als die Kette erkannt, die seinem toten Schiffer gehörte.«

»Ein ziemlich eigenartiger Zufall«, bemerkte Fidelma trocken.

»Aber solche Zufälle gibt es«, erwiderte Deog.

»Kannte Gabran diesen Mönch?«

»Er wußte, daß er der Abtei angehörte.«

»Er sagte also, er habe die Kette gekauft?«

»Er tat so, als sei er daran interessiert, und verabredete sich mit dem Mann für später. Dann folgte er ihm bis zur Abtei. Dort fragte er die rechtaire, wie dieser Bruder heiße - es war natürlich Ibar -, und anschließend kam er zu Daig und berichtete ihm die ganze Geschichte. Daig ging zur Abtei und besprach sich mit Äbtissin Fainder. Zusammen mit der rechtaire durchsuchte Daig Bruder Ibars Zelle. Sie fanden die Kette und einen Beutel mit Geld unter seinem Bett.«

»Was weiter?« erkundigte sich Fidelma.

»Gabran erkannte die Kette wieder und erklärte auch, daß der Inhalt des Geldbeutels etwa dem entsprach, was er dem Schiffer an Lohn gezahlt habe. Fainder ließ Bischof Forbassach holen, und Bruder Ibar wurde förmlich angeklagt.«

»Man hat mir gesagt, er habe die Beschuldigung zurückgewiesen?«

»Das stimmt. Er leugnete den Mord, er leugnete den Versuch, Gabran die Kette zu verkaufen, und er leugnete jede Kenntnis von dem unter seinem Bett versteckten Geld. Er nannte Gabran einen Lügner. Aber angesichts der überwältigenden Beweise blieb nur eine Schlußfolgerung. Doch Daig machte sich Sorgen wegen des Zufalls - wie du schon sagtest, es war ein eigenartiger Zufall. Ihn beschäftigte auch der Gedanke, daß er die Kette am Hals des Opfers noch nach dem Mord gesehen hatte.«

»Aber du meinst, er habe Bischof Forbassach von seinen Sorgen berichtet?«

»Ja.«

»Hat er in der Sache sonst noch etwas unternommen? Hat er Gabran nochmals befragt?«

»Du bist eine dalaigh. Du weißt doch ganz gut, daß Daig nur Wachmann war. Er war kein Anwalt, der solche Nachforschungen betreibt. Er berichtete alles Forbassach, und von da an war es dessen Aufgabe. Bischof Forbassach war mit den Beweisen zufrieden.«

»Bei der Verhandlung gegen Ibar kam das alles nicht zur Sprache?«

»Soviel ich weiß, nein. Mein Daig war schon vor der Verhandlung ertrunken und konnte also keine Fragen mehr stellen.«

Fidelma lehnte sich zurück und dachte über das nach, was Deog ihr erzählt hatte.

»Wieder erscheint Bischof Forbassach als Ankläger und zugleich als Richter. Das ist nicht rechtens.«

»Bischof Forbassach ist ein guter Mann«, protestierte Deog.

Fidelma schaute sie neugierig an. »Eins wundert mich immer wieder, Deog«, meinte sie. »Für eine Frau vom Lande, die nicht in Fearna wohnt, weißt du sehr viel über das, was dort vor sich geht, und du verkehrst anscheinend mit einflußreichen Leuten.«

Deog rümpfte abweisend die Nase. »War nicht Daig mein Mann, und hat er mich nicht auf dem laufenden gehalten? Wir haben oft über das gesprochen, was er dort unten in Fearna tat. Hast du nicht dadurch Antworten auf die Fragen erhalten, die du gestellt hast?«

»Allerdings. Aber dir ist mehr bekannt als das, was dir dein Mann erzählt hat. Soviel ich weiß, besuchen dich Bischof Forbassach und Äbtissin Fainder.«

Deog wurde plötzlich nervös. »So, das weißt du also?«

Fidelma lächelte dünn. »Genau. Äbtissin Fainder reitet regelmäßig aus und besucht dich, nicht wahr?«

»Das bestreite ich nicht.«

»Mit Verlaub, warum reitet Äbtissin Fainder so regelmäßig hierher? Was veranlaßt sie dazu, dir, der Witwe eines Wachmanns der Flußwache, eines Mannes, den sie kaum kannte, wie sie mir sagte, Einzelheiten über Bruder Ibars Prozeß zu erzählen?«

»Warum sollte sie denn nicht?« verteidigte sich De-og. »Fainder ist schließlich meine jüngere Schwester.«

Kapitel 12

Fidelma brauchte einige Augenblicke, um diese unerwartete Antwort zu verarbeiten.

»Äbtissin Fainder, die Äbtissin von Fearna, ist deine jüngere Schwester?«

Deog bejahte es mit einer knappen Geste.

»Überrascht es dich, daß eine mächtige und reiche Äbtissin solch eine arme Verwandte hat?« fragte sie streitbar.

»Überhaupt nicht«, versicherte ihr Fidelma. »Begabung und Tüchtigkeit verdienen einen entsprechenden Lohn, allerdings fällt mir dabei eine Frage ein: Ist Abt Noe mit deiner Familie verwandt?«

Deog sah sie verblüfft an. »Warum sollte er?«

»Bist du sicher, daß du nicht mit ihm verwandt bist? Oder mit einem anderen Mitglied seiner Familie?« hakte sie nach.

»Wir sind nicht verwandt. Ich verstehe nicht, weshalb du solche Fragen stellst.«

»Einfach nur Neugier, weiter nichts«, beruhigte sie Fidelma. »Aber du hast gesagt, die Äbtissin sei reich?«

Deog war anscheinend versöhnt. »Meine Schwester hat aus ihrem Leben etwas gemacht.«

»Als Dienerin des Glaubens erwirbt man gewöhnlich keine Reichtümer.«

»Wahrscheinlich nicht. Doch als Äbtissin in der Hauptstadt des Königs verkehrt sie mit reichen und mächtigen Leuten, und da wäre es nicht schicklich, wenn sie in schäbiger Kleidung daherkommt. Ich nehme an, die Abtei sorgt dafür, daß sie hat, was sie braucht.«

Fidelma beschloß, dem nicht weiter nachzugehen.

»Warum tat Äbtissin Fainder so, als kenne sie deinen Mann kaum? Welchen Grund hatte sie dafür? Mochte sie ihren Schwager nicht?«

»Wir hatten vereinbart, unseren Verwandtschaftsgrad den Leuten nicht auf die Nase zu binden, bis Fainder ihr Amt sicher hatte. Sie war ja erst vor drei oder vier Monaten aus Rom zurückgekehrt, um Äbtissin zu werden. Deshalb reitet sie jeden Tag heimlich aus, um sich mit mir zu treffen. Hier sind wir beide aufgewachsen. Zum Glück war sie so lange fort, daß viele Leute sie vergessen haben. Wir dachten, es wäre besser so, bis sie ihre Stellung gefestigt hätte.«

»Meinst du damit, daß Fainder fürchtet, ihre Autorität als Äbtissin einzubüßen, wenn es bekannt würde, daß du ihre Schwester bist?«

Deog zögerte verlegen, dann hob sie trotzig den Kopf.

»Das ist doch nicht so ungewöhnlich, nicht wahr? Wenn du im Staatsrat beim König sitzt, dann kann es schon deine Autorität untergraben, wenn der Mann deiner Schwester bloß Wachmann ist. Vielleicht war Fainder auch zu lange in Rom. Sie richtet sich nach deren Gebräuchen und nicht nach unseren«, gestand Deog. »Ich habe gehört, daß dort die großen Herren nicht mit Bauern verkehren und die hohen Kirchenfürsten nicht von Bauern abstammen. In jenen Ländern entscheidet wohl der Rang der Familie darüber, was aus einem Kind wird. Leider hat sich Fainder diese Hochnäsigkeit auch angeeignet.«

»Aber nicht so sehr, daß sie dir den Rücken gekehrt hätte.«

Deog lächelte spöttisch. »Ein altes Sprichwort sagt: Was du in den Knochen hast, kannst du dem Fleisch schlecht austreiben.«

»Erzähl mir von deiner Schwester.«

»Darum solltest du lieber sie bitten.«

»Du bist die ältere Schwester. Du kennst sie am besten.«

Deogs Miene wurde weicher.

»Das stimmt. Ich bin fünf Jahre älter als Fainder. Als ich fünfzehn war, fiel unser Vater in einem der Kriege gegen die Ui Neill, und bald danach starb unsere Mutter aus Gram. Ich war damals schon im Alter der Wahl und übernahm diese Hütte und das bißchen Land. Fainder blieb bei mir, bis sie das Alter der Wahl erreichte, dann trat sie in die Abtei Taghmon ein und wurde Nonne. Ich sah sie erst wieder, als sie achtzehn war. Da kam sie zu mir und sagte, sie gehe fort. Sie schloß sich einer Gruppe von Nonnen an, die nach Bobbio wollte, wo Columbanus sein Kloster gebaut hatte.«

»Aus jeder Brut fliegt ein Vogel fort«, zitierte Fidelma.

»Ein schöner Spruch, aber es gibt noch einen anderen: Ein Vogel, der seine eigene Brut verläßt, besitzt wenig Liebe.«

»Erzähl weiter. Du fandest, daß Fainder wenig Liebe für ihr Heim und ihre Familie hegte?«

»Nachdem sie gegangen war, hörte ich nichts mehr von ihr, bis vor ein paar Monaten. Da kam sie zu Pferde an meine Tür und erklärte, sie sei zurückgekehrt und jetzt Äbtissin von Fearna.«

»Du hattest sie nicht gesehen, seit sie achtzehn Jahre alt war?«

Deog lächelte traurig. »Sie war zehn Jahre in Bobbio und zog dann weiter nach Süden, nach Rom. In Rom erweckte sie die Aufmerksamkeit von Abt Noe, der sich zufällig auf einer Pilgerreise dort aufhielt. Er lud sie ein, nach Fearna zurückzukehren, und überredete sie, Äbtissin zu werden.«

Fidelma war verblüfft. »Abt Noe hat Fainder tatsächlich zur Rückkehr nach Laigin überredet, damit sie an seiner Stelle als Äbtissin die Leitung der Abtei übernahm?«

»So hat sie es mir gesagt, und so sage ich es dir.«

»Ich dachte, Noe hinge dem Glauben Colmcilles an, Fainder hingegen hat anscheinend viele Gebräuche Roms angenommen.«

»Sie tritt eifrig für Rom ein«, stimmte ihr Deog zu. »Sie folgt den strengen, hochmütigen Gebräuchen des römischen Klerus. Aber ich glaube, das ist bei ihr nur äußerlich. Sie strebt fanatisch danach, unsere Kirche in Übereinstimmung mit den Regeln der römischen zu bringen.«

»Sind die Hinrichtungen ein Zeichen für diese Entschlossenheit?«

Deog machte ein unglückliches Gesicht und gab keine Antwort.

»Sie scheint ihren Willen bei Bischof Forbassach und dann auch beim König durchgesetzt zu haben«, bemerkte Fidelma nach einer Weile. »Sie hat ihnen eingeredet, daß dieses Königreich die Bußgesetze einführen solle.«

»Sie hat eine sehr mächtige Stellung erlangt«, gab Deog zu. »Ich wünschte aber ...«

»Ja?« lockte Fidelma.

»Diese Härte, die kann zu schlimm werden. Viele Leute - und davor habe ich sie schon gewarnt -, viele Leute haben Furcht vor der Abtei Fearna. Daß dort ein Bruder im Glauben hingerichtet wurde, und diese Bestrafungen, von denen wir gehört haben .«

»Bestrafungen?«

»Vor ein paar Wochen wurde ein Bruder ausgepeitscht.«

» Ausgepeitscht? «

»Es wurde behauptet, er habe gelogen, also ließ ihn Fainder bis zum Gürtel entkleiden und mit Birkenruten auspeitschen. Ich kann das auch kaum glauben.«

»Weißt du, wie der Bruder hieß, der ausgepeitscht wurde?«

Deog antwortete mit einem Kopfschütteln.

»Du sagst, die Leute haben Furcht vor der Abtei Fearna. Wie reden sie denn über die Abtei?«

»Sie meinen, die Abtei sei böse geworden. Hast du die Statue des Engels vor dem Haupttor der Abtei gesehen? Das ist die, die der heilige Maedoc mit eigenen Händen angefertigt haben soll.«

Fidelma erwiderte, sie kenne sie.

»Sie wurde früher Unsere Liebe Frau vom Licht genannt, und die Leute brachten ihr Opfer dar. Jetzt nennt man sie anders.«

»Und wie?« fragte Fidelma.

»Unsere Liebe Frau von der Finsternis.«

»Hast du mit deiner Schwester darüber gesprochen, wie die Leute reden?«

»O ja«, sagte Deog verbittert. »Sie hat mir geantwortet, ich solle mich um meinen Garten kümmern und mich nicht in religiöse Dinge mischen, von denen ich nichts verstehe.«

»Begreift sie denn nicht, daß sie die Leute beunruhigt? Erkennt sie nicht, welchen Schaden sie dem Glauben zufügt?« forschte Fidelma.

»Ich denke nicht. Sie ist so an die Bräuche gewöhnt, die sie im Ausland gelernt hat, besonders an diese mitleidslosen Arten der Bestrafung und an die erbarmungslose Härte des Lebens dort, daß sie meint, wir hier wären im Irrtum, wir lebten zu locker und unmoralisch. Sie ist entschlossen, uns allen die Regeln der Bußgesetze aufzuzwingen.«

»Und die Unschuldigen müssen ebenso leiden wie die Schuldigen?«

»Glaubst du, daß Bruder Ibar unschuldig war?«

»Hat dein Ehemann Daig das nicht auch gedacht?«

»Daig hatte seine Zweifel. Er meinte, es gebe Fragen, die man stellen müßte.«

»Und Daig starb, bevor er sie bei der Verhandlung stellen konnte.«

Einen Moment schaute Deog Fidelma mit großen, entsetzten Augen an.

»Was meinst du damit?« flüsterte sie. »Daß Daig ... daß Bischof Forbassach, der Brehon ...?« Sie hob die Hand vor den Mund.

Fidelma entgegnete rasch: »Ich ziehe keine Schlußfolgerungen, ich bemerke nur etwas zu den Tatsachen. Mir scheint, Gabran müßte ein paar Fragen beantworten. Warum hat Forbassach sie nicht gestellt?«

»Bischof Forbassach tut, was Fainder ihm sagt«, erwiderte die Frau leise.

Fidelma musterte sie vorsichtig.

»Gibt es einen besonderen Grund, weshalb sich Bischof Forbassach und Fainder in deiner Hütte treffen?«

Deog lachte bitter auf. »Glaubst du wirklich, meine hochmütige und einflußreiche Schwester käme fast jeden Tag her, nur um meine kleine, bescheidene Person zu besuchen?«

Fidelma schwieg. Sie hatte so etwas vermutet, aber sie wollte, daß Deog es in Worte faßte.

»Meine Hütte ist für sie nicht mehr als ein günstiger Treffpunkt zum Stelldichein.«

»Wußte dein Mann zu seinen Lebzeiten davon?«

Deog schüttelte den Kopf. »Fainder ließ mich bei Gefahr für meine unsterbliche Seele schwören, daß ich nichts verraten würde. Nachdem ich nun weiß, welchen Weg sie geht, ist mir klar, daß es nicht meine unsterbliche Seele ist, die sich in Gefahr befindet.«

»Es sollte keinen Grund geben, etwas geheimzuhalten. Es ist keine Sünde, wenn Mönche und Nonnen zusammen leben und heiraten, jedenfalls bis jetzt noch nicht. In Rom gibt es allerdings eine Partei, die für das Zölibat eintritt. Hatte Fainder vor solchen Leuten Angst?«

»Es war Bischof Forbassach, der Geheimhaltung verlangte, nicht Fainder. Er ist bereits verheiratet«, gestand Deog. Plötzlich merkte sie, wie weit das Gespräch sie geführt hatte. »Ich dachte, du wärst hergekommen, um den Angelsachsen freizukriegen? Fain-der erzählte mir, du versuchst, seine Unschuld zu beweisen, aber durch seine Flucht letzte Nacht habe er seine Schuld eingestanden. Warum stellst du mir alle diese Fragen nach Daig, Fainder und Bischof Forbas-sach?«

»Ich würde nicht sagen, daß eine Flucht aus der Abtei ein Schuldgeständnis ist«, erwiderte Fidelma bitter. »Besonders nach dem, was du mir alles berichtet hast. Es beweist nur, daß er nicht hingerichtet werden wollte wie Ibar.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Daig, dein Mann, war auch an der Festnahme Bruder Eadulfs in der Abtei beteiligt.«

»Ja, aber in der Nacht war Mel Hauptmann der Wache, und Daig führte nur seine Befehle aus. Das war damals, als das junge Mädchen vergewaltigt und umgebracht wurde.«

»Ein junges Mädchen wurde getötet, ein Schiffer wurde getötet, und dann ist Daig ertrunken ...«, überlegte Fidelma. »In jedem der Fälle hat man anscheinend Forbassach überredet, die richtigen Fragen nicht zu stellen und damit Beweise außer acht zu lassen. Ist das nicht ein Grund zur Besorgnis, frage ich mich?«

Deog begriff nicht, worauf sie hinauswollte.

Enda hatte die ganze Zeit still dagesessen, doch jetzt schaltete er sich plötzlich ein.

»Hast du nicht gesagt, daß Gabrans Schiff in der Nacht, als das Mädchen ermordet wurde, auch am Kai vertäut lag? Gibt es da einen Zusammenhang?«

Fidelma wandte sich ärgerlich zu ihm um, aber der junge Krieger war so eifrig bei der Sache, daß sie es sich versagte, ihn zu tadeln, weil er auf etwas hinwies, was sie völlig übersehen hatte.

»Darüber sprechen wir später, Enda«, sagte sie. Dann bemerkte sie, daß der Raum dunkel geworden war, abgesehen von dem warmen Licht, das von der Glut des Herdfeuers kam.

Deog stand auf und zündete eine Talgkerze an, dann legte sie mehr Holz auf das Feuer. Es knisterte, bald leckten die Flammen an dem trockenen Holz, und helleres Licht vertrieb die Finsternis.

»Wir kehren besser nach Fearna zurück«, meinte Fidelma und erhob sich mit Bedauern. Zu Deog sagte sie: »Ich bin dir sehr dankbar für alles, was du uns be-richtet hast, Deog. Es tut mir leid, wenn ich dein Herz mit Sorge erfüllt habe. Manchmal ist es am besten, wenn man sich über die Dinge ausspricht und den Kummer offenlegt, statt ihn in sich zu verschließen.«

Deog verzog das Gesicht. »Es macht mir nichts aus, über meinen Ehemann zu sprechen. Er war ein guter Mensch und bemühte sich, sein Bestes für die Gemeinschaft zu leisten. Es betrübte mich sehr, daß er mit meiner Schwester nicht auskam. Sie mochte ihn auch nicht. Leider haben ihre Jahre als Nonne ihre Einstellung zum Leben verbittert und sie zu einer harten Beurteilung ihrer Mitmenschen gebracht. Aber ihre eigenen Fehler sieht sie nicht. Dieses Verhältnis mit Bischof Forbassach wird ein schlimmes Ende nehmen.«

Fidelma legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

»Die Fehlerlosen sind wirklich gut, Deog. Doch wer von uns ist schon ohne Fehler?«

Deog schaute Fidelma bittend an. »Du sagst doch keinem was von Fainder?«

Fidelmas Miene blieb undurchdringlich. »Das kann ich nicht versprechen, Deog. Du weißt, daß ich meinerseits einen Eid geleistet habe, der Wahrheit zu dienen.«

»Fainder wird mir das nie verzeihen.«

Die Frau war sichtlich geängstigt von der Vorstellung, was ihre Schwester tun würde, wenn die Wahrheit herauskäme. Fidelma streichelte ihr wieder die Schulter.

»Fainder muß mit den Folgen ihrer eigenen Handlungen und Vorurteile leben. Du brauchst ihr vom Thema unserer Unterredung nichts zu sagen. Ich kann dir so viel versprechen, daß ich Fainders Verhältnis mit Forbassach oder ihre Verwandtschaft mit dir nur offenbare, wenn es notwendig wird.«

»Notwendig wird? Wie soll ich das verstehen?«

»Wenn das im Zuge meiner Nachforschungen ans Licht gebracht werden muß, dann werde ich es ans Licht bringen. Wenn es aber dafür ohne Bedeutung ist, dann bleibt es ein Geheimnis zwischen uns. Ist das nicht fair?«

Deog schluckte und nickte dann zustimmend. »Das muß wohl genügen.«

»Gut. Nun ist es dunkel geworden, und wir müssen zurück nach Fearna.«

Sie verließen die Hütte und machten ihre angebundenen Pferde los.

Die Nacht war finster und kühl, Wolken jagten über den Himmel und verdeckten meistens die Sterne und den Mond, so daß man nicht weit sehen konnte.

»Am besten geben wir den Pferden die Zügel frei«, riet Enda. »Auf diese Weise nehmen sie den Rückweg vorsichtiger.«

Fidelma lächelte in sich hinein. Sie hatte beinahe eher reiten als laufen gelernt und kannte sich mit Pferden aus. Sie überließ es dem Pferd, den Weg zu finden, und lenkte es nur gelegentlich sanft in die richtige Richtung. Sie ritt hinter Enda, den sie als dunklen Schatten vor sich sah. Sie wußte, daß der junge Krieger genau auf die Umgebung achtete und jede Gefahr witterte.

Der Spätherbstabend wurde richtig kalt. Sie ahnte, daß es in der Nacht Frost geben werde, den ersten Frost des bevorstehenden Winters. Sie hoffte, daß Eadulf nicht im Freien schlafen müßte. Der Gedanke ließ sie erschauern. Doch wenn er sich nicht in den umliegenden Wäldern oder Bergen verbarg, wo war er dann? Wer würde ihm Schutz bieten?

Sie hatte lange darüber nachgedacht, wie er wohl die Flucht aus seiner Zelle in der Abtei bewerkstelligt hatte. Immer wieder war sie zu der Schlußfolgerung gekommen, daß ihm jemand von außen geholfen haben mußte. Aber wer? Und warum?

»Den Weg nicht, Lady!« rief Enda aus der Dunkelheit vor ihr.

Fidelma stutzte.

Sie begriff, daß sie, tief in Gedanken, ihrem Pferd zuviel Freiheit gelassen hatte. An einer Weggabel hatte das Pferd den Pfad zur Linken genommen. Fidelma zog rasch den Zügel an und lenkte es Enda nach.

»Tut mir leid, ich hab nicht aufgepaßt«, rief sie. »Weißt du, wohin dieser Weg führt? Er scheint direkt nach Süden zu gehen.«

»Er führt zu einem Ort namens Cam Eolaing. Der soll an demselben Fluß liegen, der an der Abtei vorbeifließt, aber es ist weiter nach Fearna, wenn wir nach Cam Eolaing hinunterreiten und den Weg am Fluß entlang nehmen.«

»Cam Eolaing?« Fidelma fragte sich, warum ihr der Name bekannt vorkam. Sie hatte ihn kürzlich gehört, wußte aber nicht mehr, wo und in welchem Zusammenhang. »Und dies ist der kürzeste Weg?«

»Ja. Wir sind ...«

Enda erkannte die Gefahr eine Sekunde bevor der Schrei Fidelma aufschreckte. Drei oder vier schattenhafte Gestalten stürmten durch das Unterholz neben dem Weg und versuchten, sich ihrer Pferde zu bemächtigen. Instinktiv riß Fidelma am Zügel ihres Pferdes, das sich aufbäumte und mit den Vorderbeinen ausschlug, als es die Kandare im Maul spürte. Die Hufe trafen eine der Gestalten, die mit einem Schmerzensschrei hintenüber flog.

Es waren Männer, und sie waren bewaffnet, nicht nur mit Knüppeln, sondern mit Schwertern, soweit man das in der Dunkelheit erkennen konnte. Sie riß wieder an ihrem Pferd, ihrem einzigen Schutz.

Vor ihr hatte Enda sein Schwert gezogen und einen anderen Angreifer niedergehauen.

»Reit zu, Lady, schnell!« schrie der junge Mann.

Gerade als sie ihrem Pferd die Hacken in die Weichen stieß, um es voranzutreiben, rissen die Wolken einen Moment auf, und der helle, weiße Wintermond beleuchtete den Schauplatz mit fast unirdischem Glanz. Sie schaute nach unten, und für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Es war das Gesicht des Flußschiffers Gabran, das wütend zu ihr emporstarrte.

Dann schoß ihr Pferd vorwärts, und sie galoppierte den dunklen Pfad entlang, mit Enda an ihrer Seite.

Erst einen Kilometer weiter parierten sie ihre schnaubenden Pferde und ließen sie sich von dem rasenden Galopp erholen. Glücklicherweise verlief der Weg hier gerade und war leidlich eben, sonst wäre der überstürzte Ritt durch die Dunkelheit äußerst gefährlich geworden.

Enda stieß das Schwert in die Scheide zurück. »Räuber!« schnaubte er verächtlich. »Dieses Land ist voller Räuber!«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Fidelma.

Enda fuhr herum. »Was meinst du damit, Lady?«

»Der Mond kam einen Moment hinter den Wolken hervor, und ich erkannte ihren Anführer. Es war Ga-bran.«

»Gabran?« Endas Ton verriet sein Erstaunen, gemischt mit einer gewissen Befriedigung. »Hab ich nicht gesagt, da gibt es einen Zusammenhang?«

»Ja, das hast du. Ich hatte ganz vergessen, daß sein Schiff am Kai vertäut lag in der Nacht, als das Mädchen ermordet wurde. Und dann wurde in der nächsten Nacht einer seiner Leute umgebracht. Du hattest recht, mich darauf hinzuweisen. Agnus Dei!« Sie schloß mit einem Ausruf.

Enda war verblüfft. »Was ist, Lady?«

»Gabrans Schiff lag auch dort, als Daig ertrunken aufgefischt wurde. Hat uns Deog nicht erzählt, daß ein Matrose von einem Schiff namens Cag die Leiche fand? Die Cag ist Gabrans Schiff.«

Enda stieß einen leisen Pfiff aus. »Bist du sicher, daß du ihn erkannt hast, Lady? Es war dunkel.«

»Der Mondschein fiel lange genug auf sein Gesicht, Enda. Diese Visage vergißt man nicht so leicht.«

»Dann sehen wir lieber zu, daß wir schnell nach Fearna kommen, für den Fall, daß sie auch Pferde haben und uns nachsetzen«, sagte er beunruhigt. »Was meinst du, was er vorhat, Lady?«

Sie ritten nebeneinander in schnellem Schritt weiter.

»Ich habe keine Ahnung. Es war gut, daß du diesen Zusammenhang hergestellt hast, Enda. Er lag offen vor mir, aber ich habe ihn nicht gesehen. Es gibt hier ein großes Geheimnis. Es wird jeden Augenblick größer, und wie du schon sagtest, immer ist Gabran dabei.«

Enda schwieg einen Moment. Dann gestand er: »Ich kann mir nicht erklären, warum Gabran uns angegriffen hat, Lady. Wahrscheinlich denkt er, wir wüßten mehr, als wirklich der Fall ist.«

Nach dem, was sie erwogen hatte, vermutete Fidelma das ebenfalls.

Gewöhnlich waren Tatsachen wie eine Perlenkette. Es gab immer einen verbindenden Faden zwischen ihnen, auch wenn viele Perlen fehlten oder richtig sortiert werden mußten; es gab immer einen unwiderleglichen Zusammenhang. Aber diesmal konnte Fidelma keinen Faden entdecken, keinen Zusammenhang zwischen den Tatsachen, die sie gesammelt hatte - keinen außer dem merkwürdigen Fakt, daß bei jedem Ereignis dieser dürre kleine Flußschiffer auftauchte. Im übrigen trieb er ja auch Handel mit der Abtei und hatte ungehinderten Zugang zu den Räumen der Äbtissin Fainder, wie sie erlebt hatte. Zudem nächtigte er im Gasthaus zum Gelben Berg. War er der Faden, der alles zusammenhielt? Aber wie?

Als sie den Weg am Fluß erreichten und an die düsteren Mauern der Abtei kamen, hob Fidelma den Kopf, den sie nachdenkend gesenkt hatte.

»Wir müssen mehr über Gabran in Erfahrung bringen«, sagte sie schließlich laut und spürte sofort, daß sie das Offensichtliche ausgesprochen hatte.

»Meinst du, er hat gemerkt, daß du ihn erkannt hast?« fragte Enda.

»Da bin ich nicht sicher. Sieh mal nach, ob sein Schiff noch am Kai der Abtei liegt. Ich vermute, es ist weg. Wahrscheinlich ist es jetzt nahe der Stelle vertäut, wo wir angegriffen wurden. Aber es lohnt sich, nachzuschauen.«

Sie ritten nun an den Kais vorbei, und Enda sprang ab und reichte Fidelma die Zügel, während er die Flußschiffe musterte.

»Sein Schiff hieß Cag, nicht wahr?« fragte Enda.

»Die >Dohle<, das stimmt.«

Enda ging auf den dunklen Schatten eines Schiffes zu, das am Kai der Abtei vertäut lag. Sie sah, wie jemand an Deck kam, und hörte Stimmen. Dann kehrte Enda zurück und schüttelte den Kopf.

»Ist das Gabrans Schiff?« fragte Fidelma.

»Nein, Lady«, antwortete Enda und stieg wieder auf. »Der Mann sagte, die Cag habe am Nachmittag abgelegt und sei flußaufwärts gefahren.«

»Wußte der Mann, wo Gabran herstammt?«

»Danach habe ich ihn gefragt, doch er wußte es nicht. Aber Lassar wird sicher wissen, wo sein Heimathafen am Fluß ist. Sie kennt ihn anscheinend ganz gut.«

»Da hast du wohl recht.«

Sie ritten um die Mauern der Abtei herum, in die Stadt und geradewegs auf Gasthaus zum Gelben Berg zu.

Ein Stallbursche nahm ihnen die Pferde ab, und als sie den warmen Hauptraum betraten, kam Dego ihnen entgegen. Er schien erleichtert, sie zu sehen.

»Ich wollte schon losreiten und euch beide suchen«, sagte er. »Es ist bereits seit einer Ewigkeit dunkel, und in dieser Gegend sollte man nicht im Finstern unterwegs sein.«

Fidelma beruhigte ihn.

»Darin geben wir dir recht, Dego. Suchen wir uns einen Tisch am Feuer und sehen, was Lassar uns heute abend zu essen anbieten kann. Nicht, daß ich besonderen Hunger hätte.«

Lassar kam geschäftig in die Gaststube und brachte ein Tablett mit Getränken. Sie erblickte sie, bediente ihre Gäste und eilte mit einladendem Lächeln zu ihnen hin.

»Ich habe mich schon gefragt, ob du noch zur Abendmahlzeit kommst, Schwester. Heute abend bist du spät dran. Hast du nach dem Angelsachsen gesucht? Wie ich gehört habe, hat man keine Spur von ihm gefunden.«

Fidelma hatte ihren Reisemantel abgelegt und wies auf einen Tisch nahe dem großen Feuer, das im Kamin prasselte.

»Wir sind ausgeritten«, bestätigte sie kurz. »Wir setzen uns hier hin, und du sagst uns, was du uns an diesem kühlen Abend anbieten kannst.«

Lassar folgte ihnen an den Tisch und wartete, bis sie sich niedergelassen hatten.

»Als Hauptgericht gibt es heute lonlongin, Ochsengurgel, mit Hackfleisch gefüllt und wie Wurst gekocht. Das ist eine hiesige Spezialität. Ihr könnt aber auch Fisch haben, Lachs zum Beispiel, und ich habe auch noch etwas Seehundsfleisch, das ich mit duilesc und Butter serviere.«

»Dieser Fleischpudding hört sich gut an«, erklärte Enda begeistert.

Fidelma rümpfte angewidert die Nase. »Ich nehme Lachs mit duilesc.« Sie hatte eine Vorliebe für die eßbare rote Meeresalge.

»Ihr könnt auch die Haarzwiebel, den Lauch, mit Gänseei und Käse bekommen, wenn ihr möchtet«, setzte Lassar hinzu.

»Ich bleibe bei Lachs, aber Haarzwiebel klingt gut.«

Dego schloß sich Enda beim lonlongin an, das mit Wurzelgemüse serviert wurde. Die nächste halbe Stunde verbrachten sie schweigend. Fidelma empfand jeden Bissen als Tortur beim Gedanken an Eadulf und daran, wie es ihm wohl in dieser kalten Nacht ergehen mochte. Sie konnte sich besser konzentrieren, wenn sie eine Aufgabe, ein Ziel hatte, doch ihren eigenen Vorstellungen überlassen, verfiel sie in eine düstere Stimmung. Endlich brach sie das Schweigen und wandte sich an Dego.

»Hast du mehr über Coba in Erfahrung bringen können?«

Dego nahm erst einmal einen Schluck Wein. »Kaum. Er hat eine Burg nicht weit von hier, an einem Ort namens Cam Eolaing. Er ist ein kleiner Fürst und Friedensrichter, sehr angesehen, und er hält nichts von Fianamails Einführung der Bußgesetze.«

Fidelma war gereizt. Das hätte sie Dego auch sagen können.

»Aber würde er sich so entschieden gegen Fianamail stellen, daß er Eadulf zur Flucht verhelfen würde?« fragte sie.

Dego zuckte die Achseln und schwieg.

»Morgen werden wir diesen Fürsten aufsuchen«, entschied Fidelma.

Als Lassar kam und das benutzte Geschirr abräumte, ergriff Fidelma die Gelegenheit, sich bei ihr nach Gabran zu erkundigen.

»Gabran? Warum fragst du nach ihm?« Lassar sah sie mißtrauisch an.

»Ich interessiere mich für den Handel auf dem Fluß, weiter nichts.«

»Er ist jetzt für ein paar Tage fort.«

»Fort?« fragte Fidelma harmlos. »Zurück zu seinem Heimathafen? Wo stammt er eigentlich her - irgendwo flußaufwärts?«

»Nicht weit von hier - aus Cam Eolaing. Weiter aufwärts ist der Fluß kaum noch schiffbar.«

Kapitel 13

Eadulf hatte nicht gut geschlafen, und das Zwitschern der Vögel vor Sonnenaufgang ließ ihn schließlich den Gedanken an Schlaf ganz aufgeben. Er wusch sich das Gesicht in der Schüssel mit kaltem Wasser neben seinem Bett, und als er sich abtrocknete, spürte er, wie seine Entschlußkraft zurückkehrte. Er war einen ganzen Tag sich selbst überlassen geblieben, nachdem ihn der alte Coba in seine Burg gebracht hatte. Er konnte sich frei bewegen, doch nur innerhalb der Wälle, und es waren immer Wachposten in der Nähe, die ihm ganz knapp antworteten und es höflich ablehnten, auf seine Fragen näher einzugehen. Als er gebeten hatte, mit Coba sprechen zu dürfen, hörte er, daß der Fürst ihn nicht empfangen könne. Er war zwar gut verpflegt worden, aber es störte ihn, daß ihm niemand erklärte, was vor sich ging. Er wollte Bescheid wissen.

Warum hatte Coba ihm Zuflucht gewährt? Wußte Fidelma, wohin man ihn gebracht hatte und wie seine Stellung nach dem Gesetz war? Eadulf hatte zwar schon von diesem maighin digona gehört, war sich aber nicht sicher, ob er es richtig verstanden hatte, obgleich er wußte, daß die Einrichtung der Freistätte ein alter Brauch war. Coba hatte ihm gesagt, er sei nur mit der verhängten Strafe nicht einverstanden, weil sie nicht mit den Gesetzen der Fenechus übereinstimmte. Aber würde ein Mann sich wirklich gegen seinen König und die höchsten Autoritäten im Lande auflehnen und ihnen zum Trotz sogar einen Ausländer aus der Todeszelle befreien? Eadulf fühlte sich unsicher und mißtraute den Motiven des Fürsten.

Wie als Antwort auf seine Überlegungen gab es ein Geräusch vor seiner Tür, und sie wurde geöffnet. Eadulf warf das Handtuch auf das Bett und sah sich einem kleinen, drahtigen Mann mit spitzem Gesicht gegenüber, den er noch nie zuvor erblickt hatte.

»Ich hab gehört, du verstehst unsere Sprache, Angelsachse«, sagte der Mann knapp.

»Ich kenne sie«, gab Eadulf zu.

»Das ist gut.« Der Mann hielt es offensichtlich mit der Kürze. »Du kannst gehen.«

Eadulf stutzte und wußte nicht, ob er ihn richtig verstanden hatte. »Gehen?«

»Ich soll dir sagen, daß du frei bist und die Burg verlassen kannst. Wenn du zum Fluß hinuntergehst, findest du dort eine Nonne aus Cashel, die auf dich wartet.«

Eadulfs Herz schlug schneller, und seine Miene hellte sich auf. »Fidelma? Schwester Fidelma?«

»So heißt sie, hat man mir gesagt.«

Eadulf fühlte sich von einer Woge der Erleichterung und Freude erfaßt. »Dann hat sie meinen Freispruch erwirkt? Sie hat die Berufung gewonnen?«

Die Miene des Mannes mit dem spitzen Gesicht blieb unbewegt. Seine tiefliegenden Augen verrieten nichts.

»Ich habe nur den Auftrag, dir mitzuteilen, was ich dir schon gesagt habe. Mehr weiß ich nicht.«

»Dann, mein Freund, verlasse ich dich mit meinen Segenswünschen. Aber was ist mit dem Fürsten? Wie kann ich ihm für die Freundlichkeit danken, daß er mich hergebracht hat?«

»Der Fürst ist nicht hier. Es ist nicht nötig, ihm zu danken. Geh schnell und still. Deine Freundin wartet.«

Der Ton des Mannes blieb ausdruckslos. Er trat zur Seite und machte keine Miene, Eadulfs ausgestreckte Hand zu ergreifen.

Eadulf zuckte die Achseln und sah sich in dem Zimmer um. Er hatte nichts mitzunehmen. Alle seine Habseligkeiten befanden sich in der Abtei.

»Dann sag deinem Fürsten, daß ich ihm großen Dank schulde und dafür sorgen werde, ihn abzutragen.«

»Wie du meinst«, erwiderte der Mann mit dem Fuchsgesicht.

Eadulf verließ das Zimmer, und der Mann folgte ihm nach draußen. Die Burg lag anscheinend verlassen im kühlen weißen Licht der herbstlichen Morgendämmerung. Der Tau machte den Boden schlüpfrig und das Gehen in den Ledersandalen schwierig. Der Atem stand wie Rauch in der Luft, und er merkte, wie kalt es schon war.

»Kann mir jemand einen Mantel borgen?« fragte er freundlich. »Es ist kalt, und mein Mantel wurde in der Abtei beschlagnahmt.«

Sein Begleiter schien ungeduldig.

»Deine Gefährtin hat Kleidung für die Reise. Zögere nicht. Sie verliert sonst die Geduld.«

Sie hatten das Tor der Burg erreicht. Dort stand ein zweiter Mann auf Wache. Er schob die hölzernen Riegel zurück und stieß die Torflügel auf.

»Kann ich nicht irgend jemandem dafür danken, daß man mir hier Zuflucht gewährte?« Eadulf empfand es als ungehörig, die Burg auf diese Weise zu verlassen.

Sein Begleiter schien zu einer scharfen Erwiderung anzusetzen, doch dann zuckte ein eigenartiges Lächeln über sein leichenhaftes Gesicht.

»Du wirst ihm bald dafür danken können, Angelsachse.«

Das Tor war nun offen.

»Deine Freundin erwartet dich unten am Fluß«, wiederholte der Mann. »Du kannst jetzt gehen.«

Eadulf hielt ihn für einen ungehobelten Kerl, lächelte ihm aber dankbar zu und eilte durch das Tor hinaus. Vor ihm senkte sich der Weg von dem kleinen Hügel, auf dem die Burg stand, in Windungen hinab zu einem Wäldchen, durch das man das graue Band des Flusses in wenigen hundert Metern Entfernung schimmern sah.

Er blieb stehen und blickte zurück zu dem Mann am Tor.

»Geradeaus hinunter? Wartet Schwester Fidelma dort unten?«

»Da unten am Fluß«, gab der Mann zurück.

Eadulf schlug den mit Reif bedeckten Weg ein. Er war glatt, aber die Mitte des Weges war von den Hufen der Pferde in einen Morast verwandelt worden. Deshalb lief er an der schrägen Seite des Weges und wurde dadurch schneller, als er wollte. Gleich darauf trat das Unvermeidliche ein. Er glitt aus und fiel hin.

Das rettete ihm das Leben.

Als ihm die Beine wegrutschten und er hintenüberschlug, sausten zwei Pfeile an ihm vorbei. Einer bohrte sich mit hartem Laut in einen nahen Baum.

Einen Augenblick starrte Eadulf verblüfft auf die Pfeile. Dann rollte er sich auf die Seite und blickte zurück.

Der Mann mit dem spitzen Gesicht, der ihm gesagt hatte, er solle gehen, war dabei, einen neuen Pfeil auf die Sehne zu legen. Neben ihm stand der zweite Mann, der wie ein berufsmäßiger Bogenschütze aussah, denn er war schon bereit zum zweiten Schuß. Eadulf rollte sich wieder zur Seite, dann sprang er unbeholfen auf und stürzte sich ins Unterholz. Mit leisem Zischen flog der Pfeil an ihm vorbei.

Dann rannte er, rannte um sein Leben. Er überlegte nicht, wie und warum, er versuchte sich nichts zu erklären. Ein tierhafter Instinkt der Selbsterhaltung verdrängte alles Denken. Er stürmte durch den Wald, und in einem Winkel seines Hirns sprach er ein kleines Dankgebet dafür, daß der Wald zumeist aus immergrünen Bäumen und Sträuchern bestand, die ihn vor seinen Angreifern verbargen. Aber der Reif war nicht auf seiner Seite. Er wußte, daß er Spuren hinterließ, und betete, die Sonne möge aufgehen und den Reif wegtauen. Sonst mußte er ein Stück Boden finden, auf das kein Reif gefallen war.

Folglich schlug er die Richtung zum Fluß ein. Er wußte, daß in der Nähe von fließendem Wasser die Luft manchmal wärmer war. Würde Fidelma dort sein und auf ihn warten?

Er lachte spöttisch auf.

Natürlich nicht. Es war einfach eine List, um ihn zu töten. Aber warum? Plötzlich fiel ihm ein, daß diese Männer ja das Gesetz auf ihrer Seite hatten. Wie lautete die Bestimmung des maighin digona? Er hatte Schutz erhalten unter der Bedingung, daß er sich innerhalb der Grenzen des Landes des Schutzgewährenden aufhielt. Der Besitzer der Zufluchtsstätte durfte einen Flüchtling nicht entkommen lassen, sonst haftete er selbst für das ursprüngliche Vergehen.

Eadulf stöhnte entsetzt auf, während er durch das Buschwerk lief. Er war auf einen Trick hereingefallen. Man hatte ihm gesagt, er könne gehen, aber jetzt konnte er als ein Flüchtling niedergeschossen werden, der das Gesetz über die Freistätte gebrochen hatte. Er hatte ihnen die gesetzliche Möglichkeit gegeben, ihn zu töten, aber wer waren sie? War es eine List Cobas, der ihn töten wollte? Doch warum hatte er ihn dann vorher befreit? Es ergab keinen Sinn.

Er kam ans Flußufer, und wie er angenommen hatte, war die Luft hier am Wasser wärmer, und der Reif verschwand. Die blasse Sonne stieg am Himmel empor und würde den Reif bald aufsaugen. Er blieb stehen und lauschte: Er konnte seine Verfolger hören. Er eilte am Ufer entlang und suchte nach einem Versteck. Er wußte, daß die Verfolger gleich aus dem Wald hervorbrechen würden. Er durfte nicht länger am Ufer bleiben.

Vor sich erblickte er einige kleine Wacholderbüsche und daneben ein dichtes Gehölz von Stechpalmen, deren dicke, wachsglänzende grüne Blätter in schmalen, konischen Formen aufstrebten. Einige dieser Bäume zeigten mit ihren roten Beeren ihr weibliches Geschlecht an. Eadulf wußte, daß die scharfen Dornen der unteren Blätter, von der Natur zum Schutz des Baumes vor äsenden Tieren bestimmt, ihm weh tun würden, aber es war kein anderes Versteck in Sicht.

Jetzt konnte er hören, wie die beiden Männer, die seine Spur verfolgten, einander zuriefen. Sie waren dicht herangekommen. Eadulf verließ das Ufer und sprang in den Schutz der Wacholder, ließ sich fallen und schob sich in die unbequeme Deckung der Stechpalmen. Er legte sich flach auf den harten kalten Boden und spürte, wie sein Herz vor Anstrengung wild schlug. Aus dieser Lage konnte er ein kleines Stück des Ufers überblicken und sah, daß seine Verfolger dort anhielten.

»Gott verfluche diesen hinterlistigen Angelsachsen!« erklärte der Mann mit dem spitzen Gesicht.

Sein Gefährte schaute sich um. Seine Stimme klang verdrossen. »Er kann hier lang oder da lang gegangen sein, Gabran. Den Fluß rauf oder runter. Du mußt dich entscheiden.«

»Gott verderbe ihn!«

»Das ist keine Antwort. Ich verstehe sowieso nicht, warum wir warten mußten, bis er aus der Burg heraus war, ehe wir ihn abschossen. Warum konnte man ihn denn nicht umbringen, als er schlief?«

»Weil, mein lieber Freund Dau«, erklärte ihm der andere ironisch, »es so aussehen mußte, als ob er aus der Freistätte geflohen wäre, deshalb! Also mußten wir ihn in aller Stille aus Cobas Burg herausbringen, ehe die anderen wach wurden. Den Tod des Wachmanns, den ich erledigen mußte, wird man dem Angelsachsen zuschreiben. Noch ein Mord auf seiner Rechnung. Also, jetzt gehst du den Fluß rauf, und ich suche den Fluß runter. Mein Schiff ist da unten vertäut. Ich muß es noch vor dem Mittag hier raufbringen. Das alles gefällt mir nicht. Solange der Angelsachse lebt, ist er eine Gefahr für das ganze System. Es wäre das beste gewesen, wenn man ihn in der Abtei gehängt hätte.«

Der Mann mit dem spitzen Gesicht verließ seinen Gefährten und ging rasch am Ufer entlang, wobei er den Boden nach Eadulfs Spuren absuchte. Der andere blieb eine Weile stehen und musterte die Umgebung, dann schritt er langsam in die andere Richtung. Plötzlich blieb er stehen. Eadulf bewegte sich unruhig. Hatte der Mann die Stelle entdeckt, an der er vom Ufer weg zwischen die Wacholderbüsche gesprungen war?

Verzweifelt sah er sich nach einer Waffe um. In der Nähe lag ein weggeworfener Schwarzdornknüppel. Eadulf langte vorsichtig hin und holte ihn mit den Fingern heran. Dann packte er ihn fest und stand leise auf, wobei er die scharfen Blätter der Stechpalmen zu vermeiden suchte.

Der Krieger, der mit dem Namen Dau angeredet worden war, hielt seinen Bogen und einen Pfeil in der einen Hand und schaute sich um, als suche er Spuren.

In diesem Augenblick wurde es Eadulf klar, daß er keine Wahl hatte. Der Mann wollte ihn töten. Er wußte nicht, warum, aber das spielte auch keine Rolle. Er hatte die Aufgabe, sein eigenes Leben zu retten. Eadulf bewegte sich vorsichtig und versuchte sich an das zu erinnern, was er als Junge von seinem Vater auf der Jagd in seinem eigenen Land gelernt hatte, im Lande des Südvolks. Zentimeterweise schob er sich an den verflochtenen Zweigen vorbei um die Stechpalmen herum und durch die Wacholderbüsche von hinten an seinen Gegner heran. Bei jedem Schritt meinte er, der andere müsse ihn hören.

Der Bogenschütze blickte unschlüssig auf die Bäume und Sträucher, während Eadulf mit erhobenem Knüppel in beiden Fäusten an ihn heranschlich. Ein blitzschneller Schlag genügte, um ihn zu fällen. Mit einem kaum wahrnehmbaren Grunzen brach er zusammen. Einen Moment stand Eadulf über den Regungslosen gebeugt, bereit, noch einmal zuzuschlagen. Doch der rührte sich nicht mehr.

»Vergib mir, denn ich habe gesündigt«, murmelte er und bekreuzigte sich. Er kniete sich bei dem Bewußtlosen hin, zog ihm die Lederstiefel aus und warf sie mit dem Bogen und dem Köcher samt den Pfeilen in den Fluß. Das Jagdmesser steckte er in den eigenen Gürtel. Er nahm ihm auch den Schaffellmantel ab, denn den würde er selbst brauchen, sobald er das offene Gelände erreichte. Wenn der Bogenschütze wieder zu sich käme, würde er eine Weile nicht an Verfolgung denken, nicht ohne Stiefel, Mantel und Waffen. Eadulf blickte zum Himmel auf und versuchte sich an die Worte aus dem ersten Brief des Johannes zu erinnern: »So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht.« Er hoffte, die himmlischen Mächte würden seine Taten verstehen.

Dann erhob er sich, warf sich den schweren Mantel um die Schultern und marschierte auf die Berge zu. Er wußte nicht recht, wohin er sich wenden sollte. Bevor er sich für ein endgültiges Ziel entschied, wollte er aber eine hinreichende Entfernung zwischen sich und die Burg von Cam Eolaing legen. Ihm war natürlich klar, daß Fidelma nichts mit diesem seltsamen Plan zu seiner Ermordung zu tun hatte. Es wäre wahrscheinlich eine Zeitverschwendung, jetzt nach ihr zu suchen. Vielleicht war es das beste, wenn er sich nach Osten zur Küste wandte und versuchte, ein Schiff zu finden, das ihn nach Wessex oder in ein anderes der angelsächsischen Königreiche brachte? Nun, darüber konnte er noch lange nachdenken. Erst brauchte er eine Unterkunft und Verpflegung, bevor er Entschlüsse fassen konnte.

Fidelma blickte auf, als es an der Tür klopfte. Es war Lassar, die Gastwirtin. Sie sah müde und nervös aus.

»Der Brehon, Bischof Forbassach, ist wieder da. Er möchte dich sprechen.«

Fidelma hatte sich gerade angekleidet und wollte zum Frühstück in den Hauptraum hinuntergehen.

»Nun gut. Ich komme sofort«, erklärte sie.

Unten am Kamin, von Lassar bedient, saß nicht nur der Brehon von Laigin, Bischof Forbassach, sondern auch der alte, weißhaarige Coba, der bo-aire von Cam Eolaing. Sie bemühte sich, ihr Erstaunen über sein Erscheinen an diesem Morgen im Gasthaus zu verbergen. Dann bemerkte sie noch einen dritten Mann am Kamin, einen gestrengen alten Herrn mit hagerem Gesicht und vorspringender Nase. Er trug reiche Mönchskleidung und ein verziertes goldenes Kruzifix an einer Kette um den Hals. Er begrüßte Fidelma kühl und unfreundlich.

»Abt Noe.« Fidelma neigte den Kopf. »Ich dachte noch gestern abend daran, ob ich dich während meines Aufenthalts in Fearna wohl sehen würde.«

»Ich hatte leider eine unaufschiebbare Verabredung, Fidelma.«

»Gewiß«, erwiderte sie trocken und wandte sich an Forbassach. »Willst du mein Zimmer wieder nach Bruder Eadulf absuchen? Ich kann dir versichern, daß er nicht dort ist.«

Bischof Forbassach räusperte sich verlegen.

»Ich bin im Gegenteil gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen, Schwester Fidelma.«

»Entschuldigen?« Ihr Ton war ungläubig.

»Ich fürchte, ich habe neulich nachts voreilig falsche Schlüsse gezogen. Jetzt weiß ich, daß du nicht dem Angelsachsen zur Flucht verholfen hast.«

»Wirklich?« Fidelma wußte nicht, ob sie das lustig oder bedenklich finden sollte.

»Ich muß gestehen, daß ich es war, der diese Flucht ermöglichte, Schwester Fidelma.«

Fidelma fuhr herum zu Coba, der das langsam und mit gewissem Bedauern ausgesprochen hatte.

»Warum solltest du Bruder Eadulf helfen?« fragte sie erstaunt.

»Ich bin heute morgen von Cam Eolaing hergekommen, um meine Tat zu bekennen. Ich traf Abt Noe, der in die Abtei zurückgekehrt war, in einer Unterredung mit Bischof Forbassach. Wir besprachen den Fall und kamen mit, um Forbassach in seiner Entschuldigung bei dir zu unterstützen.«

Fidelma hob hilflos die Arme. »Das verstehe ich nicht.«

»Ach, es war alles ganz einfach. Du weißt schon, was ich von der Bestrafung nach den Bußgesetzen halte. Ich konnte nicht dabeistehen und zusehen, wie eine weitere dieser Strafen vollzogen würde, wenn ich behaupte, daß sie den Grundlagen unseres Rechtssystems widersprechen.«

»Ich teile deine Besorgnisse«, erklärte Fidelma. »Aber wie kamst du dazu, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen und Eadulf zur Flucht zu verhelfen?«

»Wenn ich falsch gehandelt habe, werde ich dafür bestraft.«

Bischof Forbassach sah ihn finster an. »Du wirst Schadenersatz für diese Tat leisten müssen, Coba, und deinen Sühnepreis verlieren. Du kannst auch keine richterlichen Befugnisse in diesem Königreich mehr ausüben.«

Fidelma wollte endlich wissen, ob ihre Vermutung, daß Coba Eadulf Schutz gewährt hatte, richtig war.

»Was ist mit Bruder Eadulf geschehen?«

Coba sah Abt Noe unsicher an.

»Es wäre klug, wenn du Schwester Fidelma alles erzählst«, riet ihm der Abt barsch.

»Nun, da ich gegen diese Art von Bestrafung bin, beschloß ich, dem Angelsachsen Zuflucht zu gewähren - das maighin digona meiner Burg ...«

»Zufluchtgewährung schließt aber nicht die Hilfe zur Flucht aus Einkerkerung ein«, murrte Forbassach.

»Innerhalb meiner Burg gilt trotzdem das Recht der Freistätte«, hielt Coba dagegen.

Fidelma erwog den Streitfall.

»Das stimmt. Im allgemeinen findet zwar die Person, die eine Freistätte sucht, den Ort des maighin digona von sich aus, ehe sie um Schutz bittet. Doch das Recht der Freistätte gilt, sobald sie das Gebiet des Fürsten erreicht, der bereit ist, es zu gewähren. Bestätigst du meine Vermutung, daß Bruder Eadulf zur Zeit den Schutz deiner Burg als Freistätte genießt?«

Sie empfand Zuversicht bei dem Gedanken, daß Eadulf in Cobas Burg sicher aufgehoben sei und dort bleiben könne, bis Barran einträfe. Cobas düstere Miene ließ ihre Hoffnungen aber wieder sinken.

»Ich hatte den Angelsachsen über die Bedingungen der Freistätte unterrichtet. Ich dachte, er hätte sie verstanden.«

»Die Bedingungen lauten, daß er im Bereich der Festung zu bleiben hat und keinen weiteren Fluchtversuch unternehmen darf«, erklärte Bischof Forbassach pedantisch, denn Fidelma waren diese Einschränkungen natürlich bekannt. »Versucht er zu fliehen, hat der Besitzer der Freistätte das Recht, ihn niederzumachen, um sein Entkommen zu verhindern.«

Das Blut in Fidelmas Adern schien zu erstarren. »Was willst du damit sagen?«

»Als ich heute morgen aufstand, war der Angelsachse nicht in seinem Zimmer zu finden«, stellte Coba ruhig fest. »Das Tor der Burg stand offen, und er war fort. Einer meiner Männer lag neben dem Tor. Er war tot, von hinten erschlagen worden. Ich stelle nachts nur zwei Wachposten auf, denn die Burg von Cam Eolaing ist noch nie angegriffen worden. Der andere Wachposten, Dau, wurde später bewußtlos am Fluß gefunden. Man hatte ihm den Mantel, die Stiefel und die Waffen abgenommen. Als er wieder zu sich kam, berichtete er meinen Leuten, daß er den Angelsachsen verfolgt hatte und ihn wieder einfangen wollte. Am Flußufer wurde er von hinten niedergeschlagen. Es ist klar, daß der Angelsachse versucht, in das offene Land zu fliehen.«

Bischof Forbassach nickte ungeduldig. Er hatte die Geschichte schon vorher von Coba gehört.

»Es war töricht von Coba, zu glauben, der Angelsachse besitze auch nur eine Spur von Moral und würde sich an die Regeln der Freistätte halten. Er wird nach Osten zum Meer und dann zu Schiff in sein Land gelangen wollen.«

Er wandte sich an Fidelma und wurde wieder verlegen.

»Ich möchte dir sagen, wie leid es mir tut, daß ich glaubte, du wärst an seiner ersten Flucht beteiligt. Ich möchte es ebenso gegenüber deinem Bruder, dem König von Cashel, klarstellen, daß ich mich für jede Kränkung bei dir entschuldigt habe. Ich möchte dich aber auch wissen lassen, daß der Angelsachse sich jetzt selbst die Schlinge um den Hals gelegt hat.«

Fidelma war in Gedanken und hatte nur den Schluß des Satzes erfaßt.

»Wie?«

»Es ist doch klar, daß er aus Cam Eolaing geflohen ist, weil er schuldig ist.«

»Das hast du auch gesagt, als du behauptet hast, er wäre aus der Abtei entflohen. Das war nicht an dem. Jetzt könnte es ebenfalls anders sein.«

»Warum sollte er aus der Sicherheit der Freistätte in Cam Eolaing entfliehen, wenn er nicht schuldig wäre? Er hätte unbegrenzte Zeit dort bleiben können.«

»Er hätte dort bleiben können, solange man ihm Schutz gewährte, nicht unbegrenzt«, verbesserte sie ihn pedantisch.

»Es bleibt die Tatsache, daß er geflohen ist. Nun kann er ohne weiteres gejagt und getötet werden. Je-der kann ihn töten, und das mit Zustimmung des Gesetzes.«

In diesem Moment betrat Mel den Raum. Er wollte sich entschuldigen und zurückziehen, doch Bischof Forbassach winkte ihm ärgerlich, zu bleiben.

»Vielleicht brauche ich dich, Mel. Es handelt sich um eine Angelegenheit des Königs.«

Unterdessen hatte sich Fidelma müde auf einen Stuhl sinken lassen, als sie merkte, daß Forbassach recht hatte. Ein verurteilter Mörder, der die Regeln des maighin digona brach und aus der Freistätte floh, konnte als bereits Toter behandelt werden. Sie biß die Zähne zusammen, um ihre momentane Furcht zu überwinden.

Bischof Forbassach ging zur Tür. »Ich muß die Krieger des Königs alarmieren. Komm mit, Mel.«

»Warte!«

Der Brehon drehte sich bei Fidelmas Zuruf um.

»Da du gerade hier bist, möchte ich eine Klage gegen Gabran einreichen. Er und seine Leute haben mich gestern abend überfallen.«

»Der Flußschiffer?« Bischof Forbassach schien verwirrt. »Was hat das mit der Angelegenheit zu tun, die wir besprochen haben?«

»Vielleicht nichts, vielleicht auch sehr viel.«

»Gabran stammt aus meinem Fürstentum Cam Eo-laing«, schaltete sich Coba ein. »Was hat er getan?«

»Gestern abend kehrte ich mit einem meiner Begleiter nach Fearna zurück. Gabran und einige seiner Leute griffen uns mit Schwertern an.«

Schweigen trat ein.

»Gabran?« Cobas Stimme klang hohl. »Woher weißt du, daß es Gabran war? Die Nacht war dunkel.«

Fidelma warf ihm einen scharfen Blick zu.

»Du vergißt, daß auch in einer dunklen Nacht der Mond am Himmel steht, und manchmal haben selbst dichte Wolken ein Einsehen.«

»Aber warum sollte er dich überfallen?«

»Das ist meine Frage. Weißt du mehr über sein Privatleben, seine Verbindungen und seine Auffassungen?«

Coba machte eine gleichgültige Geste.

»Er wohnt außerhalb der Siedlung, im Osten, auf der anderen Seite des Flusses. Ich glaube nicht, daß er noch andere Verbindungen hat als die durch seinen Handel. Soviel ich weiß, lebt er allein. Er hat keine Frau.«

Bischof Forbassach hatte das Gespräch mit mißtrauischer Miene verfolgt.

»Bist du dir da sicher, Schwester?« schaltete sich nun Abt Noe ein. »Gabran treibt schon seit langer Zeit Handel mit der Abtei und gilt als äußerst vertrauenswürdig.«

»Ich bin sicher, daß es Gabran war, der uns überfallen hat«, erklärte Fidelma.

»Wo fand dieser Überfall statt, sagst du?« fragte Bischof Forbassach.

Fidelma sah ihm fest in die Augen.

»Wir waren auf dem Rückweg von einem Ort, den du wohl gut kennst. Wir kehrten von einer Hütte in einer Siedlung namens Raheen zurück. Der Überfall erfolgte auf der Straße etwas oberhalb Cam Eolaing. Mein Begleiter Enda und ich hatten Glück, daß wir lebend davonkamen.«

Forbassachs Reaktion auf die Nennung des Namens Raheen entsprach Fidelmas Erwartungen. Das Gesicht des Brehons wurde blaß, und es dauerte einige Zeit, bis er die Sprache wiederfand.

»Oft machen Räuber die Straßen um Fearna herum unsicher und greifen sorglose Reisende an«, erklärte er nervös.

»Es war Gabran«, wiederholte Fidelma.

Coba rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Ich hätte gedacht, Gabran verdient genug mit seinem Schiff. Er befördert oft Waren den Fluß hinauf und hinunter bis Loch Garman im Süden und bringt Ladung zu den seegehenden Schiffen, die nach Britannien und Gallien segeln.«

»Was für Fracht lädt er gewöhnlich?« erkundigte sich Fidelma.

»Was tut das zur Sache?« erwiderte Bischof Forbas-sach ungeduldig. »Reden wir jetzt von Gabran und seinem Handel oder von der Flucht des Angelsachsen?«

»Im Augenblick würde ich gern wissen, warum Gabran mich überfallen hat.«

Trotz seines Auftretens wirkte der Brehon besorgt. Er wußte, daß ein Angriff auf eine dalaigh, noch dazu die Schwester eines Königs, ernste Folgen nach sich ziehen konnte. Das war genau der Grund, weshalb er gekommen war, um sich bei Fidelma für sein früheres Verhalten zu entschuldigen.

»Führst du Klage gegen diesen Gabran wegen Angriffs auf deine Person, Schwester Fidelma?« wollte er wissen.

»Ja.«

»Dann ordne ich an, daß er wegen dieser Beschuldigung festzunehmen ist. Hast du das gehört, Mel?«

Der Befehlshaber der Wache nickte nachdenklich.

»Wir beide werden uns gleich von hier aus auf die Suche nach Gabran machen«, verkündete Forbassach. »Zugleich werden wir nach dem Angelsachsen forschen. Die Suche nach diesem Übeltäter muß an erster Stelle stehen. Diesbezüglich muß ich dich warnen, Fidelma von Cashel, daß auch du dich in Gefahr befindest, wenn du ihm geholfen hast, sich der Gerechtigkeit dieses Landes zu entziehen.«

In Fidelmas Augen blitzte es auf.

»Ich kenne das Gesetz, Forbassach! Ich habe Bruder Eadulf nicht zur Flucht verholfen und ihm keine Freistätte geboten. In der Zwischenzeit werde ich weiter die Geheimnisse untersuchen, die diesen Fall umgeben . Geheimnisse, die mich unter anderem auf die Straße nach Raheen geführt haben.«

Coba entgingen sowohl die Schärfe ihres Tons als auch die Blässe in Bischof Forbassachs Gesicht.

»Ich bedaure, daß der Angelsachse mich getäuscht hat und entflohen ist«, sagte er, »aber ich bedaure es nicht, daß ich mich bemüht habe, seine Hinrichtung nach den Bußgesetzen zu verhindern. Er sollte nach den einheimischen Gesetzen unseres Landes bestraft werden.«

Bischof Forbassach hatte etwas von seiner früheren Haltung wiedergewonnen und sah den bo-aire finster an.

»Du bist im Rat des Königs von Laigin in der Minderheit, Coba. Du hast deine Meinung kundgetan, als der König und ich entschieden haben, daß die von Äbtissin Fainder geforderten Strafen anzuwenden sind. Damit hätte es sein Bewenden haben sollen.«

»Damit konnte es nicht sein Bewenden haben«, entgegnete Coba erregt. »Die Entscheidung hätte aufgeschoben werden müssen bis zum nächsten großen Fest in Tara, wo sie der Versammlung zur Prüfung der Gesetze der fünf Königreiche vorzulegen war. Die Entscheidung hätte den Königen, Rechtsgelehrten und Laien aller fünf Königreiche überlassen werden müssen, so wie jedes wichtige Gesetz ihnen vorgelegt und besprochen wird, bevor es in Kraft tritt.«

Abt Noe griff schlichtend ein. »Liebe Brüder in Christo, beruhigt euch. Es nützt niemandem, Zeit mit Debatten zu verschwenden. Habt ihr nicht beide viel zu tun? Wenn ihr nicht, so habe ich es jedenfalls.«

Bischof Forbassach setzte eine grollende Miene auf und stieß ein kurzes Abschiedswort hervor, dann eilte er hinaus, gefolgt von dem Krieger Mel, der Fidelma gerade noch einen entschuldigenden Blick zuwerfen konnte.

Coba schaute Fidelma traurig an.

»Ich dachte, ich tue das Rechte, Schwester Fidelma.« Es klang verlegen.

»Bist du sicher, daß Bruder Eadulf die Einschränkungen des maighin digona kannte?« fragte sie. »Er hat zwar geraume Zeit in unserem Land verbracht, aber er ist doch Ausländer, und manchmal verwirren ihn unsere Bräuche.«

Coba schüttelte mitfühlend den Kopf.

»Damit kann ich mir sein Handeln nicht erklären, Schwester«, erwiderte er. »Als wir gestern in meiner Burg ankamen, habe ich ihm ausführlich dargelegt, welche Folgen es hätte, wenn er sie verließe. Ich beachtete die Regeln sorgfältig und schickte gestern abend noch einen Boten zur Abtei, der die Äbtissin darüber informierte, was ich getan hatte.«

»Die Äbtissin wußte gestern abend, daß Eadulf in deine Burg gebracht worden war?« unterbrach ihn Abt Noe.

»Ich sagte doch schon«, wiederholte Coba, »daß ich die Vorschriften des Gesetzes ganz sorgfältig befolgte. Ich bin sicher, daß der Angelsachse sie verstanden hat. Ich wünschte nur, ich könnte dir in dieser Sache einen besseren Trost bieten, Schwester.«

Abt Noe murmelte: »Ignorantia legis neminem excusat. «

Coba sah ihn an. »Aber Unkenntnis des Gesetzes kann doch bei einem Ausländer als mildernder Umstand geltend gemacht werden?«

»Es sieht Eadulf nicht ähnlich, so etwas zu tun«, sagte Fidelma leise, fast zu sich selbst.

Abt Noes Miene blieb hart.

»Deiner Meinung nach, Schwester, sieht es dem Angelsachsen auch nicht ähnlich, eine junge Novizin vergewaltigt und ermordet zu haben. Vielleicht kennst du diesen Angelsachsen doch nicht so gut, wie du gern glauben möchtest?«

Fidelma hob den Kopf und schaute ihrem alten Widersacher in die Augen.

»Vielleicht ist daran etwas Wahres«, gab sie zu. »Aber wenn nichts Wahres daran ist, wie ich meine, dann gehen an diesem Ort merkwürdige Dinge vor sich. Ich habe vor, diese Angelegenheit in allen Einzelheiten aufzuklären.«

Der Abt lächelte humorlos.

»Das Leben ist wirklich seltsam, Schwester. Es ist der Kessel Gottes, in den wir geworfen werden, um unsere Seelen zu prüfen. Ignis aurum probat, miseria fortes viros

»Das Feuer prüft das Gold, das Unglück die Starken«, wiederholte Fidelma leise. »In diesen Worten Senecas steckt viel Weisheit.«

Abt Noe stand plötzlich auf und trat Fidelma gegenüber. Mit bewegter Miene sah er sie an.

»Wir sind schon früher aneinandergeraten, Fidelma von Cashel«, sagte er leise.

»So war es«, stimmte sie ihm zu.

»Von der Schuld oder Unschuld deines angelsächsischen Freundes ganz abgesehen, sollst du wissen, daß mir die Kirche in diesem Lande am Herzen liegt und ich nicht will, daß sie Schaden nimmt. Äbtissin Fain-der kann ihr Eintreten für die Bußgesetze manchmal übertreiben. Sie ist eine Eiferin, wenn du so willst. Ich sage das, obgleich sie eine entfernte Kusine von mir ist.«

Diese Feststellung ließ Fidelma überrascht aufblicken.

»Äbtissin Fainder ist deine Kusine?«

»Natürlich, aus diesem Grunde ist sie ja auch geeignet, die Abtei zu leiten. Sie betrachtet jedenfalls alles unter dem Gesichtspunkt richtig oder falsch, weiß oder schwarz, ohne Verständnis für die feinen Schattierungen von Grau. Du und ich, wir beide wissen, daß das Leben nicht nur aus diesen beiden Extremen besteht.«

Fidelma sah ihn stirnrunzelnd an.

»Ich weiß nicht genau, was du damit meinst, Pater Abt. Wenn ich mich recht erinnere, warst du nie ein Anhänger der römischen Kirche.«

Der Abt mit dem schmalen Gesicht seufzte und neigte den Kopf.

»Ein Mensch kann durch Argumente überzeugt werden«, gestand er. »Ich habe viele Jahre über diese Dinge nachgedacht. Ich habe die Debatten in Whitby sehr genau verfolgt. Ich glaube, daß Christus die Schlüssel des Himmels an Petrus übergab und daß Petrus die Kirche in Rom aufbaute, wo er auch den Märtyrertod starb. Daraus mache ich kein Hehl. Was ich meine, ist, daß Menschen verschiedene Wege wählen, um zu ihrem Ziel zu kommen. Manchmal müssen die Menschen durch Argumente überzeugt werden und nicht durch Befehle. Ich wurde dadurch überzeugt, daß ich jahrelang alles erwogen habe. Andere sollten denselben Weg gehen und nicht durch Anordnungen gezwungen werden, sich zu ändern. Leider bin ich nur eine einzelne Stimme im Rat.«

Er verließ das Gasthaus ohne ein weiteres Wort.

Coba sah etwas verwirrt aus, dann schaute er Fidelma an.

»Ich muß zu meiner Burg zurück. Ich habe die Suche nach dem Angelsachsen in die Wege geleitet. Es tut mir leid um deinen Freund, Schwester. Ich habe versucht zu helfen, aber damit alles nur schlimmer gemacht. Es gibt ein altes Sprichwort, daß man sich von einem vom Unglück verfolgten Menschen fernhalten sollte. Vielleicht wäre es gut, wenn wir das beachteten. Es tut mir wirklich leid, daß alles so gekommen ist.«

Als er gegangen war, vernahm Fidelma ein leises Hüsteln hinter sich.

Dego und Enda waren auch heruntergekommen.

»Habt ihr alles gehört?« fragte sie.

»Nicht alles«, gestand Dego, »aber genug, um zu wissen, daß der alte Coba Bruder Eadulf Zuflucht gewährte und er jetzt aus der Freistätte geflohen ist. Das ist nicht gut.«

»Nein, das ist es nicht«, antwortete Fidelma ernst.

»Was ist mit Gabran?« wollte Enda wissen. »Was wurde von ihm gesagt?«

Fidelma wiederholte rasch das Wesentliche über den Flußschiffer.

Das Frühstück wurde zum größten Teil schweigend eingenommen. Es war niemand weiter im Gasthaus, jedenfalls kam niemand sonst zum Frühstück herunter, solange sie da waren.

Kapitel 14

Es war Mittag, und Eadulf spürte den nagenden Hunger. Es war noch sehr kalt, doch der Reif war verschwunden, und die Morgensonne verbreitete dort eine angenehme Wärme, wo es keinen Schatten gab. Doch das täuschte, denn sobald sich eine Wolke vor die Sonne schob oder ein hoher Baum sie verdeckte, machte sich die Kälte deutlich bemerkbar. Eadulf zog den Mantel um die Schultern zusammen und dankte Gott, daß er daran gedacht hatte, ihn seinem Angreifer abzunehmen.

Er war dem Verlauf des breiten Flusses ungefähr einen Kilometer weit durch ein Tal nach Norden gefolgt, weg von Cam Eolaing, bis der Fluß schmaler wurde. An allen Seiten erhoben sich Berge, schwarze und trotz der fahlen Sonne düstere Gipfel. Ein Stück weiter kam er an eine merkwürdige Wasserkreuzung. Von beiden Seiten, wenn auch nicht genau an derselben Stelle, mündeten zwei schäumende kleine Bächlein in den Fluß. Der eine kam von Südosten, der andere von Westen durch kleine Täler aus den umgebenden Bergen herab.

Eadulf sah sich vorsichtig um, bevor er sich entschloß, eine Weile zu rasten. Er setzte sich auf einen umgestürzten Baum, dessen Stamm im hellen Sonnenlicht lag.

»Jetzt ist es Zeit, sich zu entscheiden«, murmelte er vor sich hin. »In welche Richtung soll ich gehen?«

Wenn er den Fluß überquerte und durch das östliche Tal wanderte, würde er vermutlich irgendwann das Meer erreichen. Es konnte nicht mehr als zehn Kilometer entfernt sein. An der Küste könnte er auf einem Schiff, das in seine Heimat fuhr, in Sicherheit gelangen. Es war sehr verlockend, diesen Weg einzuschlagen, ein Schiff zu finden und Laigin zu verlassen - aber zuallererst dachte er an Fidelma.

Fidelma war in aller Eile von ihrer Pilgerfahrt zum Grab des heiligen Jakobus zurückgekehrt, sobald sie von seinen Schwierigkeiten gehört hatte, und sie war hergekommen, um ihn zu verteidigen. Er konnte sie jetzt nicht verlassen, sie ohne Abschied verlassen, sie in dem Glauben lassen, daß er nicht ... Er stutzte. Im Glauben lassen, daß er was nicht? Die Vielfalt seiner eigenen Gedanken verwirrte ihn. Dann kam er zu einem Entschluß. Fidelma war noch in Fearna. Er hatte keine Wahl, er mußte zurück und sie suchen.

»Ut fata trahunt!« murmelte er und stand auf. Der lateinische Satz bedeutete wörtlich »wie einen das Schicksal zieht« und war das Eingeständnis, daß der Mensch sein eigenes Geschick nur sehr begrenzt bestimmt. Nur so konnte er die Entscheidung erklären, die anscheinend für ihn getroffen worden war.

Er wandte sich um und ging an dem Bach entlang, seinem brausenden Lauf entgegen auf die Berge zu. In ein paar Kilometern Entfernung wurden die Gipfel steiler und schienen eine Barriere zu bilden. Er hatte keinen Plan, er wußte nicht, wie er mit Fidelma in Verbindung treten sollte, wenn er wieder in Fearna war. Ja, nachdem Fidelma von seinem Entweichen aus der Abtei gehört hatte, könnte sie Fearna schon verlassen haben. Dieser Gedanke nagte an ihm. Doch er konnte nicht fort, ohne den Versuch unternommen zu haben, sie zu erreichen. Er überließ es der Gnade des Schicksals.

Dego und Enda wechselten einen besorgten Blick.

Nach dem Frühstück war Fidelma in schweigendes Grübeln verfallen. Die beiden jungen Krieger wurden ungeduldig.

»Was jetzt, Lady?« fragte Dego schließlich laut. »Was sollten wir tun?«

Nach einem Moment bewegte sich Fidelma. Sie schaute Dego mit leerem Blick an, bis sie den letzten Teil seiner Frage erfaßte. Dann lächelte sie ihre Gefährten verlegen an.

»Es tut mir leid«, sagte sie reuig. »Ich bin alles im Geiste durchgegangen, kann aber den Faden nicht finden, der die Ereignisse miteinander verbindet, geschweige denn ein Motiv für die Tötung aller dieser Menschen.«

»Ist es so wichtig, das Motiv zu kennen?« fragte Dego.

»Wenn du das Motiv kennst, findest du im allgemeinen auch den Schuldigen«, bestätigte Fidelma.

»Sind wir nicht gestern abend zu dem Schluß gekommen, daß Gabran anscheinend den Faden bildet?« erinnerte sie Enda.

»Gerade seine Rolle in diesem Geheimnis habe ich versucht zu ergründen.«

»Warum fragen wir Gabran nicht selbst?« entgeg-nete Enda.

Fidelma lachte leise über seine direkte Art.

»Während ich hier meine Zeit damit vergeude, eine gewisse Ordnung in die Vorgänge zu bringen, kommst du geradewegs zur Sache. Du hast mich daran erinnert, daß ich meine eigene Regel außer acht lasse: keine Vermutungen aufzustellen, bevor ich die Tatsachen gesammelt habe.«

Dego und Enda standen rasch gemeinsam auf.

»Dann suchen wir doch den Schiffer, denn je eher wir ihn finden, Lady, desto eher hast du die Tatsachen«, meinte Dego.

Rauch stieg aus einem kleinen Wäldchen ein Stück vor Eadulf auf. Dort mußte jemand ein Feuer unterhalten. Hunger, Kälte und Müdigkeit ließen Eadulf einen Entschluß fassen. Er durchquerte den kleinen Wald und kam dahinter an eine große Lichtung, auf der eine Hütte an einem kleinen Wasserlauf stand. Sie war fest aus Steinen erbaut und hatte ein niedriges Strohdach. Er blieb stehen, denn ihm fiel auf, daß die Lichtung etwas Merkwürdiges an sich hatte. Sie war eben, und man hatte anscheinend alle Hindernisse weggeharkt bis auf schwere Pfähle, die an verschiedenen Punkten um die Hütte herum in ungleichen Abständen von ihr in den Boden getrieben waren. Sie schienen ein Muster zu bilden. An ihren oberen Enden trugen sie Kerben.

Eadulf hatte lange genug in den fünf Königreichen von Eireann gelebt, um zu erkennen, daß die Einkerbungen Zeichen in Ogham waren, der früheren Schrift, die nach Ogma, dem alten Gott der Schreibkunst und Gelehrsamkeit, benannt war. Fidelma konnte diese Schrift leicht lesen, aber er hatte sie nie beherrschen gelernt, denn sie benutzte Wörter, die veraltet und nicht mehr geläufig waren. Er fragte sich, was diese Pfähle bedeuteten. Zuerst hatte er angenommen, er wäre zu einer Holzfällerhütte gekommen, doch hatte er nie eine mit einer solchen seltsamen Anordnung von Pfählen drumherum gesehen.

Er trat ein paar Schritte vor und bemerkte die toten und welken Herbstblätter, die in einiger Entfernung von der Hütte in großer Menge lagen, während eigenartigerweise bis zu diesem Ring alles von Blättern frei gefegt war. Vorsichtig ging Eadulf noch einen Schritt weiter, wobei die Blätter unter seinem Fuß raschelten.

»Wer ist da?« rief eine kräftige Männerstimme, und ihr Besitzer erschien in der Tür der Hütte.

Eadulf sah, daß er mittelgroß war und langes strohblondes Haar hatte. Das Gesicht lag im Schatten der Tür, doch erkannte Eadulf seine muskulöse Kriegergestalt, und die kampfbereite Haltung seines Körpers verstärkte den Eindruck noch.

»Ein frierender und hungriger Mensch«, antwortete Eadulf leichthin und trat einen weiteren Schritt vor.

»Steh still!« fuhr ihn der Mann in der Tür an. »Bleib auf den Blättern.«

Dieser Befehl verblüffte Eadulf. »Ich bin keine Bedrohung für dich«, versicherte er und fragte sich, ob der Mann irgendwie gestört sei.

»Du bist Ausländer - Angelsachse nach deinem Akzent. Bist du allein?«

»Wie du siehst«, antwortete Eadulf mit wachsender Verwunderung.

»Bist du wirklich allein?« beharrte der Mann.

Eadulf wurde ärgerlich. »Traust du denn deinen eigenen Augen nicht?« fragte er spöttisch. »Natürlich bin ich allein.«

Der Mann in der Tür senkte den Kopf ein wenig, und damit schwand der Schatten von seinem Gesicht. Es war ein hübsches Gesicht gewesen, aber eine alte Brandnarbe zog sich über Augen und Brauen.

»Ach so, du bist blind!« rief Eadulf überrascht aus.

Der Mann fuhr zurück.

Eadulf hob eine Hand offen zum Friedenszeichen, erkannte die Sinnlosigkeit der Geste und ließ sie wieder fallen.

»Hab keine Angst. Ich bin allein. Ich bin Bruder ...« Er zögerte. Vielleicht hatte sich sein Name im Lande verbreitet und selbst die Blinden erreicht. »Ich bin ein angelsächsischer Bruder im Glauben.«

Der Mann legte den Kopf schief.

»Du willst mir anscheinend nicht deinen Namen nennen. Warum das?« fragte er scharf.

Eadulf sah sich um. Der Ort schien einsam genug, und dieser Blinde konnte ihm sicherlich keinen Schaden zufügen.

»Ich heiße Bruder Eadulf«, sagte er.

»Und du bist allein?«

»Ja.«

»Was tust du hier allein in dieser Gegend? Sie ist öde und abgelegen. Warum wandert ein angelsächsischer Bruder durch diese Berge?«

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Eadulf.

»Ich habe viel Zeit«, antwortete der andere grimmig.

»Aber ich bin müde und obendrein hungrig, und ich friere.«

Der Mann zögerte, als fasse er einen Entschluß.

»Ich heiße Dalbach. Dies ist meine Hütte. Du kannst eine Schüssel Suppe haben. Sie ist frisch gekocht, von Dachsfleisch, und ich kann dir Brot und Met dazu reichen.«

»Dachsfleisch? Na, das ist wirklich ein gutes Essen«, meinte Eadulf, der wußte, daß viele Leute in Ei-reann es als Leckerbissen betrachteten. Hatte nicht der alten Sage nach Molling der Schnelle zum Zeichen seiner Hochachtung dem großen Krieger Fionn Mac Cumhail versprochen, ihm ein Gericht Dachsfleisch zu besorgen?

»Beim Essen kannst du mir etwas von deiner Geschichte erzählen, Bruder Eadulf. Geh jetzt weiter, komm gerade auf mich zu.«

Eadulf schritt zu ihm hin, und Dalbach streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. Eadulf nahm sie. Es war ein kräftiger Griff. Der Blinde hielt die Hand fest, hob die andere Hand und strich damit leicht über Ea-dulfs ganzes Gesicht. Das erschreckte Eadulf nicht, denn er erinnerte sich an Moen, den blinden Taubstummen von Araglin, der auch durch Abtasten »sehen« konnte. Er blieb geduldig stehen, bis die Untersuchung beendet war.

»Du bist an die Wißbegierde der Blinden gewöhnt, Bruder Angelsachse«, sagte Dalbach schließlich und ließ die Hand sinken.

»Ich weiß, daß du nur mein Gesicht >sehen< willst«, antwortete Eadulf.

Der Mann lächelte. Es war das erste Mal.

»Dem Gesicht eines Menschen kann man viel entnehmen. Ich traue dir, Bruder Angelsachse. Du hast angenehme Züge.«

»Das ist eine nette Art, den Mangel an Schönheit zu umschreiben«, lachte Eadulf.

»Stört dich das, nicht mit gutem Aussehen gesegnet zu sein?«

Eadulf wurde klar, daß er es mit einem scharfsinnigen Mann zu tun hatte, dem nichts entging.

»Wir sind alle etwas eitel, selbst die Häßlichsten unter uns.«

»Vanitas vanitatum, omnis vanitas«, lachte der Mann.

»Der Prediger Salomo«, bestätigte Eadulf. »Es ist alles ganz eitel.«

»Dies ist mein Haus. Komm herein.«

Damit drehte sich der Mann um und ging in die Hütte. Eadulf war von ihrer Reinlichkeit beeindruckt. Dalbach bewegte sich mit unfehlbarer Sicherheit zwischen allen Hindernissen. Eadulf begriff, daß alle Gegenstände so angeordnet waren, daß er sich ihren Ort merken konnte.

»Leg deinen Mantel auf die Stuhllehne, und setz dich dort an den Tisch«, wies ihn Dalbach an, während er selbst geradewegs zu einem Kessel ging, der über dem Herdfeuer hing. Eadulf zog seinen Schaffellmantel aus. Er sah zu, wie Dalbach geschickt eine Schüssel aus einem Regal nahm und die Suppe einfüllte. Er kam direkt zum Tisch zurück und stellte die Schüssel fast genau vor Eadulf hin.

»Verzeih die Ungenauigkeit«, lächelte er. »Zieh dir die Schüssel heran, und nimm den Löffel, der auf dem Tisch liegen müßte. Da ist auch Brot.«

Das Brot war wirklich da, und Eadulf nahm sich nicht einmal Zeit, ein gratias zu murmeln, sondern langte zu.

»Du hast also nicht gelogen, Angelsachse«, bemerkte Dalbach, als er mit seiner eigenen Schüssel an den Tisch kam. Er hielt den Kopf lauschend geneigt.

»Gelogen?« murmelte Eadulf zwischen zwei Löffeln voll Suppe.

»Du bist wirklich sehr hungrig.«

»Dank deiner Gastfreundschaft, lieber Dalbach, nimmt der Hunger ab, und ich friere auch nicht mehr. Es ist sehr kalt draußen. Gott der Herr muß meine Füße zu deiner Hütte gelenkt haben. Dabei ist dies doch ein sehr abgelegener Ort für ... für einen ...«

»Für einen Blinden, Bruder Eadulf? Scheu dich nicht vor der Bezeichnung.«

»Weshalb hast du dir diesen einsamen Ort zum Wohnen ausgesucht?«

Dalbachs Mund verzog sich zynisch. Der Gesichtsausdruck paßte nicht zu ihm.

»Der Ort hat mehr mich ausgesucht als ich ihn.«

»Das verstehe ich nicht. Ich hätte gedacht, das Leben in einer Stadt oder einem Dorf wäre leichter für dich; da hättest du andere Leute in der Nähe, falls du Hilfe brauchst.«

»Es ist mir verboten, dort zu wohnen.«

»Verboten?«

Eadulf sah seinen Gastgeber beunruhigt an. Er wußte, daß bei seinem eigenen Volk es häufig Leprakranken untersagt war, in Städten und Dörfern zu wohnen. Doch Dalbach litt offensichtlich nicht an der Lepra.

»Ich bin ein Verbannter«, erklärte Dalbach. »Geblendet, aus meinem Volk ausgestoßen und mir selbst überlassen.«

»Geblendet?«

Dalbach hob die Hand zu der Narbe quer über seinen Augen und lächelte bitter.

»Du glaubst doch nicht, daß ich so geboren wurde, Bruder Eadulf?«

»Wie wurdest du geblendet und warum?«

»Ich bin der Sohn Crimthanns, der vor dreißig Jahren in diesem Königreich herrschte. Als er starb, beanspruchte sein Vetter Faelan die Krone ...«

»Der König von Laigin, der im vorigen Jahr starb und nach dem der junge Fianamail auf den Thron kam?«

Dalbach neigte den Kopf.

»Ich weiß, daß die Thronfolge bei euch Angelsachsen ganz anders geregelt ist. Kennst du unser Brehon-Gesetz über die Thronfolge?«

»Ja. Der am besten geeignete Mann aus der Königsfamilie wird von seinen derbhfine zum König gewählt.«

»Genau. Die derbhfine bilden das Wahlkollegium der Familie, drei Generationen von einem gemeinsamen Urgroßvater. Ich war damals noch ein junger Mann, ein Krieger, und hatte erst kurz zuvor das Alter der Wahl erreicht. Faelan fühlte sich sicher, nachdem er gewählt war, doch im Laufe der Jahre wurde er von der Vorstellung besessen, seine Herrschaft könnte ange-fochten werden, und er meinte, der einzige, der dazu in Lage wäre, das wäre ich. So ließ er mich eines Nachts gefangennehmen und mir ein glühendes Schüreisen auf die Augen legen, um mir einen Makel zuzufügen, der die derbhfine davon abhalten würde, mich ernsthaft für ein Amt im Königreich in Erwägung zu ziehen. Dann wurde ich hinausgejagt und mir selbst überlassen, und es wurde mir untersagt, in irgendeiner Stadt oder einem Dorf im Königreich Laigin zu wohnen.«

Bruder Eadulf war von Dalbachs Geschichte nicht überrascht. Er wußte, daß so etwas vorkam. In den angelsächsischen Königreichen, in denen nach dem Gesetz der älteste männliche Nachkomme auf den Thron folgte, wurde der Kampf um Thron und Macht mit der gleichen Brutalität geführt. Brüder erschlugen einander, Mütter vergifteten Söhne, Söhne ermordeten Väter, und Väter töteten Söhne oder kerkerten sie ein. In den fünf Königreichen von Eireann genügte ein körperlicher Makel, um jemanden vom Königtum auszuschließen, folglich war hier die Brutalität nicht so schlimm wie bei den Angelsachsen, wo ein Kandidat gleich umgebracht werden mußte.

»Es muß schwer gewesen sein, sich auf dieses Leben einzustellen, Dalbach«, meinte Eadulf mitfühlend.

Der Blinde schüttelte den Kopf.

»Ich habe Freunde, die mir helfen, und sogar Verwandte. Einer meiner Vettern ist Mönch in Fearna, und er bringt mir häufig Essen und Geschenke, wenn er auch nicht viel spricht. Meine Freunde und Verwandten haben mir geholfen, mit allem fertig zu werden. Faelan ist jetzt tot, und es besteht keine Gefahr mehr. Außerdem führe ich ein interessantes Leben.«

»Interessant?«

»Ich habe das Schwert beiseite gelegt und verfasse Gedichte, und ich spiele auch die cruit, die kleine Harfe. Ich bin mit meinem Leben ganz zufrieden.«

Zweifelnd betrachtete Eadulf den Körperbau des Mannes.

»Solche Muskeln bekommt man aber nicht vom Harfespielen, Dalbach.«

Dalbach schlug sich aufs Knie und lachte.

»Du hast einen scharfen Blick, Bruder. Es stimmt, ich mache noch meine Übungen, denn in dieser Lage muß der Körper stark bleiben.«

»Das ist wahr ... ach so!«

Bei diesem plötzlichen Ausruf Eadulfs hob der Blinde fragend den Kopf.

»Was ist?«

Eadulf lächelte verlegen.

»Mir ist gerade aufgegangen, was die Ogham-Pfähle um deine Hütte herum bedeuten. Sie leiten dich, nicht wahr?«

»Du beobachtest wirklich gut, Bruder Eadulf«, bestätigte der andere anerkennend. »Wenn ich auf der Lichtung umhergehe, kann ich an den Pfählen erkennen, in welcher Himmelsrichtung ich mich bewege, und sie leiten mich zurück zur Hütte.«

»Das ist eine sinnreiche Erfindung.«

»Man wird erfinderisch in solcher Lage.«

»Und bist du nicht verbittert? Ich meine gegen Fae-lan, der dir dies Schreckliche angetan hat?«

Dalbach überlegte, dann zuckte er die Achseln.

»Ich glaube, die Bitterkeit ist verflogen. War es nicht Petrarca, der schrieb, daß nichts Sterbliches ewig währt ...?«

». und daß es nichts Süßes gibt, das nicht einmal in Bitterkeit endet«, ergänzte Eadulf.

Dalbach lachte erfreut.

»Na ja, ich gebe zu, ein paar Jahre lang dachte ich mit Erbitterung an Faelan. Aber wenn ein Mensch stirbt, was hat es dann für einen Sinn, ihn weiter zu hassen? Jetzt regiert der Enkel meines Onkels Ronan Crach das Land. So geht es eben.«

»Du meinst Fianamail? Ist er dein Vetter?«

»Die Ui Cheinnselaigh sind alle Vettern.«

»Und stehst du deinem Vetter Fianamail nahe?« erkundigte sich Eadulf vorsichtig.

Dalbach hatte Eadulfs Vorsicht sofort bemerkt.

»Er kümmert sich nicht um mich, und ich kümmere mich nicht um ihn. Er hat nichts getan, um mich für mein Leid zu entschädigen. Warum scheust du dich vor ihm, Bruder Eadulf?«

Eadulf war überrascht von der Frage. Wieder wurde ihm klar, daß ihm jemand gegenübersaß, der jede kleine Nuance erfaßte und zu deuten wußte. Trotzdem vertraute er diesem Blinden.

»Er wollte mich hinrichten lassen«, sagte Eadulf, der es für das beste hielt, die Wahrheit nicht zu verschweigen.

Dalbachs Miene schien sich nicht zu verändern. Er saß einen Moment schweigend da, dann seufzte er leise.

»Ich habe von dir gehört. Du bist der Angelsachse, der wegen Vergewaltigung und Tötung eines jungen Mädchens gehängt werden sollte. Dein Name kam mir bekannt vor, und wohl deshalb wolltest du ihn erst nicht nennen.«

»Ich habe es nicht getan«, erwiderte Eadulf rasch. Dann merkte er, daß es ihn eigentlich überraschen sollte, daß Dalbach von ihm wußte. »Ich schwöre, daß die Beschuldigung unwahr ist.«

Der Blinde schien zu ahnen, was er dachte.

»Ich wohne an einem einsamen Ort, aber das heißt nicht, daß ich allein bin. Ich sagte dir schon, daß ich Freunde und Verwandte habe, die mir Nachrichten bringen. Wenn du nicht schuldig bist, warum wurdest du dann verurteilt?«

»Vielleicht aus demselben Grunde, aus dem du zur Blindheit verurteilt wurdest. Furcht ist ein starkes Motiv für ungerechte Taten. Ich kann nur sagen, daß ich es nicht getan habe. Ich gäbe alles darum, zu erfahren, welche Gründe zu der falschen Anklage geführt haben.«

Dalbach lehnte sich nachdenklich zurück.

»Es ist seltsam, wie der Verlust eines Sinnes die anderen schärft. Es liegt etwas im Klang deiner Stimme, Bruder Eadulf, das von Aufrichtigkeit zeugt. Vielleicht schmeichle ich mir, aber ich glaube zu wissen, daß du nicht lügst.«

»Dafür danke ich dir, Dalbach.«

»Also bist du deinen Feinden entkommen? Zweifellos suchen sie nach dir. Willst du zur Küste und in dein eigenes Land fliehen?«

Eadulf zögerte, und Dalbach setzte rasch hinzu: »Ach, du kannst mir vertrauen. Ich werde deine Pläne nicht verraten.«

»Das ist es nicht«, erwiderte Eadulf. »Ich hatte daran gedacht, mich zur Küste zu wenden. Aber der beste Weg für mich ist es, hierzubleiben und zu versuchen, die Wahrheit herauszubekommen. Das habe ich auch vor.«

Dalbach schwieg einen Moment.

»Das ist ein mutiger Entschluß. Du hast meinen ersten Eindruck von deiner Unschuld bestätigt. Hättest du mich gebeten, dir zum Erreichen der Küste zu verhelfen, wäre ich sofort mißtrauisch geworden. Doch wie kann ich dir helfen, im Lande zu bleiben und nach der Wahrheit zu forschen?«

»Ich muß nach Fearna zurück. Es gibt . dort gibt es jemanden, der mir helfen wird.«

»Und das ist Schwester Fidelma von Cashel?«

Eadulf war total verblüfft. »Woher weißt du das?«

»Von dem Vetter, den ich schon erwähnte. Ich habe viel von Fidelma von Cashel gehört. Es war ihr Vater, Failbe Fland, der König von Muman, der in der Schlacht von Ath Goan am Iarthar Life meinen Vater erschlug, als er mit Faelan verbündet war.«

Er sagte es ohne Groll, doch Eadulfs Erstaunen wuchs.

»Fidelmas Vater? Aber er starb, als sie noch ein Kleinkind war.«

»Allerdings. Die Schlacht von Ath Goan fand vor mehr als dreißig Jahren statt. Mach dir keine Sorgen, Bruder Eadulf. Mit Schlachten zwischen meinem Vater und seinen Feinden habe ich nichts mehr zu tun. Es gibt keine Feindschaft zwischen mir und den Nachkommen von Failbe Fland.«

»Das freut mich zu hören«, sagte Eadulf erleichtert.

»Also müssen wir einen Weg finden, mit dieser Fidelma von Cashel in Verbindung zu treten«, meinte Dalbach. »Hast du einen Plan?«

Eadulf zuckte die Achseln und merkte dann, daß die Geste zwecklos war.

»Ich habe keinen, außer daß ich nach Fearna zurück will und sehen, ob sie noch dort ist. Das Problem ist, daß ich sehr bald auffallen würde. Selbst in diesem Mantel würde ich kaum lange unerkannt bleiben mit meiner Kutte und meiner Petrus-Tonsur und meinem angelsächsischen Akzent.«

Plötzlich erscholl in der Nähe ein Jagdhorn. Der unerwartete Ton ließ Eadulf zusammenfahren.

»Erschrick nicht, Bruder Eadulf«, beruhigte ihn Dalbach und stand auf. »Es ist wahrscheinlich mein Vetter. Ich erhielt die Nachricht, daß er vermutlich heute oder morgen vorbeikommen und mir Geschenke bringen wolle.«

Eine Gestalt erschien unter den Bäumen und blieb am Rande der Lichtung vor der Hütte stehen.

Eadulf warf einen Blick aus dem Fenster und schoß in die Höhe, so daß sein Stuhl nach hinten flog. Er hatte ohne Mühe den kleinen, drahtigen Mann mit dem spitzen Gesicht erkannt, der ihn am frühen Morgen in der Burg Cam Eolaing aus dem Bett geholt hatte. Es war genau der Mann, der ihn angeblich freilassen wollte und dann versuchte, ihn niederzuschießen, ihn zu töten.

Kapitel 15

»Gabran?« Schwester Etromma schien überrascht, als sie Fidelma am Tor der Abtei gegenüberstand. »Wieso glaubst du, ich wüßte, wo er sich aufhält?«

Fidelma verlor etwas die Geduld mit der Verwalterin.

»Du bist die rechtaire der Abtei. Da Gabran regelmäßig mit der Abtei Handel treibt, nehme ich an, daß man dich als erste danach fragen sollte, wo er sich möglicherweise befindet.«

Schwester Etromma gab zu, daß das logisch wäre, breitete aber mit hilfloser Geste die Hände aus.

»Es tut mir leid, Schwester. Es sind schwierige Zeiten, und seit der Flucht des Angelsachsen gestern ist die Mutter Äbtissin besonders ...« Sie brach ab und verzog das Gesicht. »Wirklich, ich weiß nicht, wo er ist.« Ihr Ton wurde klagend. »Plötzlich suchen alle nach Ga-bran. Ich verstehe das nicht.«

»Alle?« fragte Fidelma rasch. »Wieso alle?«

Schwester Etromma korrigierte sich.

»Ich meine, heute haben mich schon mehrere Leute gefragt, ob ich wüßte, wo er ist. Unter anderen die Mutter Äbtissin. Ich habe ihr erst vor kurzem gesagt, daß ich nicht seine Hüterin bin.«

Fidelma zog zweifelnd die Brauen hoch bei der Vorstellung, die vogelähnliche, nervöse Verwalterin sollte so etwas Unerhörtes zu der hochmütigen Äbtissin gesagt haben.

»Also hat Äbtissin Fainder heute morgen nach ihm gefragt?« erkundigte sie sich nachdenklich.

»Gefragt, ob ich wüßte, wo er ist«, verbesserte sie die Verwalterin.

»Aber du hast keine Ahnung, wo er steckt?«

Schwester Etromma stieß einen Seufzer der Erbitterung aus.

»Der Mann wohnt auf seinem Schiff, sofern er nicht zu betrunken ist, um zu ihm zurückzufinden. Er stammt aus Cam Eolaing. Sein Schiff liegt nicht am Kai der Abtei, also wird er irgendwo auf dem Fluß sein, irgendwo zwischen Cam Eolaing und Loch Garman südlich von hier. Ich bin kein Augur, also kann ich dir auch nicht genau sagen, wo er sich befindet.«

Die Reizbarkeit der Verwalterin überraschte Fidelma.

»Vielleicht kannst du eine Vermutung wagen?« fragte sie freundlich.

Schwester Etromma wollte sich erst weigern, dann zuckte sie die Achseln.

»Äbtissin Fainder ist in Richtung auf Cam Eolaing weggeritten. Ich nehme an, dort sollte man wohl zuerst nach ihm suchen.«

Als Schwester Etromma sich abwenden wollte, hielt Fidelma sie zurück. »Es gibt noch ein paar Fragen, die ich dir stellen möchte, Schwester Etromma. Offensichtlich bist du gegen Äbtissin Fainder eingestellt. Warum?«

Die Verwalterin starrte sie trotzig an. »Ich dachte, das wäre klar.«

»Manchmal sind Dinge so klar, daß man sie übersieht.«

»Ich hatte ein Ziel vor meinen Augen. Kein sehr hohes Ziel. Soll ich den Menschen lieben, der es mir genommen hat?«

»Dann muß dir auch Abt Noe verhaßt sein, weil er Fainder hergebracht und dir als Äbtissin vor die Nase gesetzt hat?«

Schwester Etromma zuckte die Achseln. »Das ist mir jetzt gleich. Ich sagte dir schon, daß ich nun andere Pläne habe.«

»Was ist mit diesem Kaufmann Gabran?« wechselte Fidelma das Thema. »Er scheint ein besonderes Verhältnis zur Äbtissin zu haben. Neulich betrat er ihr Zimmer, ohne anzuklopfen.«

Schwester Etromma lächelte säuerlich. »Das kannst du seinem groben, ungehobelten Benehmen zuschreiben. Aber es stimmt, daß er wohl auch ein paar private Geschäfte für die Äbtissin erledigt. Er meint, das setze ihn in ein besonderes, vertrautes Verhältnis zu ihr. Er bringt ihr feine Waren wie Wein mit, wenn er vom Seehafen am Loch Garman zurückkommt.«

Fidelma wartete einen Moment, bevor sie ein anderes Thema aufgriff.

»In der Nacht, in der Gormgilla ermordet wurde .«

»Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß«, unterbrach sie Schwester Etromma eilig.

»Ich möchte noch etwas klären. Als Fainder ihre Leiche in die Abtei bringen und dich holen ließ, wo genau warst du da? Lagst du im Schlaf?«

Schwester Etromma schüttelte den Kopf. »Nein. Ich begegnete unserem Arzt, Bruder Miach, der zur Untersuchung der Toten gerufen worden war, auf meinem Weg von der Bibliothek zu meinem Zimmer.«

»Warum warst du so spät noch in der Bibliothek?«

»Wegen Abt Noe. Mich hatten die Stallburschen aufgehalten, die mich fragten, ob sie Bischof Forbas-sachs Pferd abzäumen sollten .«

Fidelma war verwirrt. »Ich dachte, du sprachst von Abt Noe?«

Schwester Etromma seufzte vor Ungeduld.

»Forbassach war spät in der Abtei angekommen und hatte den Stall in aller Eile verlassen. Er hatte ihnen nicht gesagt, was mit seinem Pferd geschehen sollte, ob er es an dem Abend noch brauchte. Er war offensichtlich ein ganzes Stück scharf geritten, denn das Pferd war schweißbedeckt. Ich gab den Stallburschen die nötigen Anweisungen und war auf dem Wege zu meinem Bett .«

»Wann war er in die Abtei zurückgekehrt? Vor Äbtissin Fainder oder nach ihr?« fragte Fidelma. Sie nahm als sicher an, daß Forbassach und Fainder getrennt von Raheen hergeritten waren, aber sie wollte Gewißheit.

»Es war einige Zeit, bevor Fainder verkündete, sie habe die Leiche des Mädchens entdeckt. Mir wurde gesagt, sie sei gerade bei der Abtei angekommen, als sie den Fund machte.«

Fidelma überlegte. Forbassach mochte wohl eingetroffen sein, bevor das Mädchen ermordet wurde. Sie fragte sich, ob das von Bedeutung war. Dann fuhr sie fort: »Du gingst also vom Stall zu deinem Zimmer?«

»Nein. Ich war auf dem Weg zu meinem Zimmer, als ich ein Geräusch in der Bibliothek hörte. Ich schaute hinein und sah Abt Noe. Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könne. Schließlich bin ich die Verwalterin.«

Fidelma suchte ihre Überraschung zu verbergen.

»Also war Abt Noe in jener Nacht auch in der Abtei? Ich dachte, seine Wohnung wäre in Fianamails Burg.«

»Er sagte, er sehe etwas in alten Büchern nach.«

»Wie lange warst du bei ihm, bevor du in dein Zimmer gingst?«

»Nur einige Augenblicke. Er erklärte mir ziemlich barsch, daß er meine Hilfe nicht brauche.«

»Und dann?«

»Dann ging ich weiter zu meinem Zimmer, bis ich, wie gesagt, Bruder Miach traf, der mir mitteilte, die Äbtissin sei zurück und eine junge Novizin der Abtei sei tot aufgefunden worden. Ich schloß mich ihm an, und das übrige weißt du.«

Fidelma schwieg einen Moment. Schwester Etrom-ma schaute sie forschend an.

»Beantwortet das deine Fragen?«

»Es hilft«, erwiderte Fidelma mit einem raschen Lächeln. »Es hilft mir sehr.«

Fidelma kehrte eilig zu dem Gasthaus zurück, wo inzwischen Dego und Enda die Pferde für die Suche nach dem Schiffer gesattelt hatten.

»Hast du erfahren, wo er ist?« begrüßte sie Enda, als sie in den Stall kam.

»Nicht genau. Aber als erstes reiten wir nach Cam Eolaing. Anscheinend sucht Äbtissin Fainder auch nach Gabran und ist uns vorausgeritten.«

»Äbtissin Fainder?« Das interessierte Dego. »Ich frage mich, weshalb sie Gabran sucht?«

Nachdenklich bestieg Fidelma ihr Pferd. Eine Antwort für ihn hatte sie auch nicht.

Eadulf fühlte sich in einer Falle gefangen. Er wußte, daß er von dem herankommenden Schiffer nichts Gutes zu erwarten hatte. Die Spannung, die in der Luft lag, teilte sich Dalbach mit.

»Du kennst meinen Vetter?«

»Ich weiß, daß er Gabran heißt und mich heute morgen umbringen wollte.«

»Ach, es ist also Gabran«, sagte Dalbach. »Der ist nicht mein Vetter, allerdings kenne ich ihn. Gabran ist ein Kaufmann, der hier manchmal vorbeikommt. Ich verstehe nicht, weshalb er dir etwas tun will, aber ich merke, daß du ihn fürchtest. Rasch - du findest hier eine Leiter zum Dachboden. Geh rauf und versteck dich - ich verrate dich nicht. Du kannst mir trauen. Beeil dich!«

Eadulf zögerte nur einen Moment. Er hatte keine andere Wahl. Der Schiffer mit dem Fuchsgesicht war schon fast an der Tür.

Er riß seinen Mantel vom Stuhl, stellte den Stuhl richtig hin, sprang zur Leiter und kletterte hinauf. Er wußte, daß sein Leben an einem dünnen Faden hing, denn der Schiffer war bewaffnet, und er selbst war schutzlos.

Er hatte gerade noch Zeit, sich auf den Holzplanken, die den Boden bildeten, lang hinzulegen, mit dem Gesicht nahe der Luke, so daß er einen Teil des Raumes einsehen konnte, als sich die Tür der Hütte auch schon öffnete.

»Guten Tag, Dalbach. Ich bin’s, Gabran«, rief der Schiffer beim Eintreten.

Dalbach ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

»Gabran, es ist lange her, seit du in meiner Hütte warst. Guten Tag. Komm und koste meinen Met und erzähl mir, was dich herführt.«

»Das mach ich gerne«, erwiderte der andere.

Der Mann verließ Eadulfs Gesichtskreis. Er hörte, wie etwas in einen irdenen Krug gegossen wurde.

»Auf deine Gesundheit, Dalbach.«

»Zur Gesundheit, Gabran.«

Einen Moment war es still, dann schmatzte Gabran anerkennend.

»Ich wollte mich hier in der Nähe mit einem Kaufmann treffen, der mir neue Ware aus Rath Loirc bringen sollte. Du hast wohl nichts von einem Fremden hier in der Gegend heute morgen gehört?« fragte er.

Eadulf erstarrte, unsicher, ob sein neuer Freund ihn verraten würde. »Ich habe heute von keinem Kaufmann hier gehört«, erwiderte Dalbach ausweichend.

»Na, ich muß zurück zu meinem Schiff und einen von meinen Leuten auf die Suche nach ihm schicken.« Er hielt inne und schien zu überlegen. »Waren andere Fremde hier? Es wird nach einem entkommenen Mörder, einem Angelsachsen, in dieser Gegend gesucht.«

»Ein Angelsachse, sagst du?«

»Ein Mörder, der aus Lord Cobas Burg geflüchtet ist und dabei einen Wachmann, der ihn aufhalten wollte, umgebracht und einen anderen bewußtlos geschlagen hat. Coba hatte dem Mann Freistätte gewährt, und so hat er ihm die Freundlichkeit vergolten.«

Eadulf knirschte mit den Zähnen bei den Lügen, die dem Mann so glatt von der Zunge gingen.

»Das hört sich schrecklich an«, sagte Dalbach leise.

»Das ist auch schrecklich. Coba läßt seine Leute nach ihm suchen. Na, wie gesagt, ich muß zurück zu meinem Schiff. Falls dir mein verirrter Kaufmann begegnet ... aber du sagst, du hast niemanden gesehen?«

»Ich habe niemanden gesehen«, bestätigte Dalbach. Eadulf hörte den trockenen Humor aus seiner Stimme heraus, mit dem er das »gesehen« betonte. Der Blinde log ja nicht.

»Na, schönen Dank für den Met. Ich schicke einen meiner Leute in die Berge, der soll den fehlenden Kaufmann und meine Ware auftreiben. Falls der inzwischen hierherkommt, sag ihm, er soll auf meinen Mann warten. Ich verliere ungern eine solche wertvolle .«

Er brach plötzlich ab. Eadulf konnte nicht sehen, was unten geschah, und erschrak.

»Wenn niemand hier war, wieso stehen dann zwei Schüsseln auf dem Tisch . mit den Resten von zwei Mahlzeiten?« In Gabrans Stimme schwang Mißtrauen.

Eadulf stöhnte innerlich. Er hatte die Suppe vergessen, die er gegessen hatte. Der Rest stand deutlich sichtbar auf dem Tisch.

»Ich habe nicht gesagt, daß niemand hier war.« Dalbachs Antwort kam rasch und sicher. »Ich dachte, du meinst Fremde. Es war keiner hier, den ich als Fremden ansehe.«

Es trat eine gespannte Pause ein. Die Erklärung schien Gabran zu genügen.

»Na, sei gewarnt. Der Angelsachse hat eine glatte Zunge, aber er ist ein Mörder.«

»Ich hab gehört, der Angelsachse wäre ein Mönch.«

»Ja, aber er hat ein junges Mädchen vergewaltigt und umgebracht.«

»Gott sei seiner Seele gnädig!«

»Gott mag ihm gnädig sein, aber wir sind es bestimmt nicht, wenn wir ihn fangen«, lautete die zornige Antwort. »Einen guten Tag, Freund Dalbach.«

Der Mann trat wieder in Eadulfs Gesichtsfeld, dann öffnete sich die Tür.

»Ich wünsch dir Erfolg bei der Suche nach deinem Freund, dem Kaufmann, Gabran«, rief Dalbach. Ihm antwortete ein Gemurmel.

Die Tür schloß sich. Eadulf wartete ein bißchen, dann schob er sich auf Knien zu einer kleinen Öffnung. Er sah den Schiffer Gabran auf dem Weg zum Wald davongehen. Er unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung und kehrte zur Leiter zurück.

»Ist er fort?« flüsterte Dalbach.

»Ja«, rief Eadulf leise hinunter. »Ich weiß nicht, wie ich dir dafür danken soll, daß du mich nicht verraten hast. Warum eigentlich?«

»Ja, warum eigentlich?« wiederholte Dalbach.

Eadulf stieg die Leiter herunter.

»Warum hast du mich geschützt? Wenn dieser Ga-bran dein Freund ist, warum hast du mich vor ihm versteckt? Du hast gehört, was er über mich gesagt hat. Ich bin ein Mörder, der anscheinend vor nichts zurückschreckt, um zu entkommen. Manch anderer hätte sich durch mich bedroht gefühlt.«

»Hast du das alles getan, was er von dir behauptet hat?« fragte Dalbach plötzlich.

»Nein, aber .«

»Bist du aus Cobas Burg geflüchtet und hast einen Wachmann erschlagen, wie er sagte?«

»Ich habe einen Bogenschützen bewußtlos geschlagen, aber ich habe keinen Wachmann getötet. Der Bogenschütze versuchte, mich zu töten. Es war Gabran selbst, der zu mir kam und mir erklärte, ich wäre frei und könnte gehen. Sobald ich aus den Wällen der Burg heraus war, versuchte er mich niederzuschießen.«

Dalbach stand einen Moment schweigend und nachdenklich da. Dann berührte er Eadulfs Arm.

»Wie gesagt, Blindheit beraubt einen Menschen nicht aller seiner Sinne. Oft werden die anderen dadurch noch schärfer. Ich versicherte dir schon, Bruder Eadulf, daß ich dir traue.« Sein Ton war ernst. »Was Gabran anbelangt, ist >Freund< wohl nicht der richtige Ausdruck. Sein Weg führt ihn immer mal vorbei, und dann schaut er herein und begrüßt mich. Ich weiß, daß er Handel treibt, und manchmal bringt er mir Geschenke von Freunden mit. Nun setz dich wieder, Bruder Eadulf, und dann beenden wir unser Mahl und sprechen über deinen Plan, nach Fearna zurückzukehren.«

Eadulf nahm wieder Platz. »Meinen Plan?« fragte er, noch vom Erscheinen Gabrans verwirrt.

»Bevor Gabran auftauchte, sprachen wir von deinem Plan, nach Fearna zu gelangen und deine Freundin aus Cashel zu suchen«, erinnerte ihn Dalbach.

»Vorher möchte ich noch mehr über diesen Gabran erfahren. Du erwähntest, daß er Kaufmann ist?«

»Ja, er ist Händler. Er besitzt ein eigenes Schiff und fährt den ganzen Fluß ab.«

»Ich bin mir sicher, daß ich ihn einmal in der Abtei Fearna gesehen habe.«

»Ohne Zweifel. Er treibt regelmäßig Handel mit der Abtei.«

»Aber warum kam er zu Cobas Burg und erklärte mir, ich wäre frei und könnte gehen? Ich dachte, er gehörte zu Cobas Leuten.«

»Vielleicht hat der Fürst von Cam Eolaing ihn dafür bezahlt, dich scheinbar zu entlassen und dann niederzuschießen«, vermutete Dalbach.

»Das könnte sein«, meinte Eadulf nach kurzem Nachdenken. »Aber warum sollte mich Coba zuerst aus der Abtei befreien, wenn er doch meinen Tod wollte?«

»Gabran steht wahrscheinlich jedem zu Diensten, der ihn bezahlt, also war es vielleicht auch jemand anderer. Aber das ist ein Geheimnis, das du ergründen mußt. Ich kann dir nur sagen, daß Gabran am ganzen Fluß entlang gut bekannt ist.«

»Du sagtest, er kommt oft hier vorbei.«

»Ich glaube, er hat eine Familie in den Bergen.«

Das interessierte Eadulf, und er sprach es auch aus.

»Oft kommt er von seinen Besuchen in den Bergen mit jungen Mädchen zurück. Ich nehme an, es sind Verwandte von ihm, die ihn hinunter zum Fluß begleiten.«

»Du nimmst es an? Stellt er sie dir nicht vor?«

»Er läßt sie im Wald dort drüben, wenn er mich besucht, aber ich höre ihre Stimmen in der Ferne. Er kommt wegen der Erfrischung, weißt du - ich halte immer Met bereit.«

»Sie kommen nie mit ihm zu deiner Hütte?«

»Niemals«, bestätigte Dalbach. »Aber wie willst du deinen Weg fortsetzen? Nach Gabrans Auftauchen meine ich, du solltest nicht mehr zögern. Wenn an Stelle von Gabran mein Vetter aus Fearna gekommen wäre, dann wärst du vermutlich entdeckt worden.«

»Wahrscheinlich ist es klug, hier nicht länger zu bleiben als notwendig«, stimmte ihm Eadulf zu.

»Dann nimm dir Kleidung von mir und einen Hut, damit du nicht gleich kenntlich bist.«

»Du bist gütig, Dalbach.«

»Nicht gütig, wenn auch die Weisen uns lehren, die Not eines anderen mit Güte zu sehen. Es befriedigt mich selbst, wenn ich ein klein wenig zur Gerechtigkeit beitragen kann.« Er stand auf. »Komm mit, ich zeige dir, wo ich meine überzählige Kleidung habe, und du suchst dir etwas für deinen weiteren Weg aus. Hast du dir überlegt, wie du dich Fearna annähern willst?«

»Wie ich mich annähern will?«

»Welchen Weg du dorthin einschlagen willst. Ich habe gehört, Brehon Bischof Forbassach ist schlau. Er wird sich sagen, daß du mit deiner Freundin Schwester Fidelma Verbindung aufnehmen willst, und deshalb auf dem Weg von Cam Eolaing her Wachen aufstellen. Es wäre besser, nach Norden zu gehen über die Berge und dann von Norden her auf Fearna zu. Aus der Richtung werden sie dich nicht erwarten.«

Eadulf überlegte kurz. »Das ist eine gute Idee«, meinte er.

»Die Nacht wird kalt, also versuch nicht, in den Bergen zu bleiben. Es gibt eine winzige Freistätte in der Kirche der heiligen Brigitta auf dem Südhang des Gelben Berges. Merk dir diesen Ort. Der Vorsteher, Bruder Martan, ist ein freundlicher Mensch. Wenn du ihm meinen Namen nennst, gibt er dir sicher ein warmes Bett und Essen.«

»Daran werde ich denken. Du bist einer freundlosen Seele ein guter Freund gewesen, Dalbach.«

»Wie heißt die Losung - justitia omnibus. Gerechtigkeit für alle oder Gerechtigkeit für niemanden«, erwiderte Dalbach.

Der helle Herbstmorgen mit scharfem Frost und klarem Himmel ging wie üblich über in einen trüben, unfreundlichen Tag. Kalte grauweiße Wetterwolken waren vom Südwesten aufgezogen und kündigten Regen an. Zuerst erschienen sie als sehr hohe, dünne Federwolken und schlossen sich dann zu dichten milchweißen Feldern zusammen, die nach Fidelmas Erfahrung bedeuteten, daß der Regen in spätestens zwölf Stunden einsetzen werde. Fidelma war mit Dego und Enda den Uferweg am Fluß in Richtung Cam Eolaing entlanggeritten. Ein paarmal hatten sie entgegenkommende Schiffer angerufen und sich nach Gabran erkundigt. Anscheinend war sein Schiff, die Cag, nicht auf der Fahrt flußabwärts gesehen worden, also lautete die logische Folgerung, daß es noch in Cam Eolaing vertäut lag.

Cam Eolaing war ein eigenartiger Treffpunkt von Flüssen und Bächen in einem Tal. An der Stelle, an der die meisten Wasserläufe zusammenkamen, bildeten sie fast einen See. Darin lagen eine Reihe von Inseln, die unbewohnt blieben, weil sie zu flach und sumpfig waren. Im Norden und Süden erhoben sich Berge, die das Tal schützten. Am Nordufer stand auf einem strategisch günstigen Berg eine Burg, die das Gebiet beherrschte. Fidelma vermutete, dies sei Cobas Burg, in der Eadulf am vorigen Tag eine Freistätte gefunden hatte.

Jenseits des Sees kam ein weiterer Wasserlauf von den Bergen herunter, in denen sein Ursprung verborgen war. Cam Eolaing beherrschte den Weg durch das Bergland nach Westen. Unterhalb der Burg standen, hauptsächlich am Nordufer des Flusses, mehrere Hütten.

Fidelma meinte, sie sollten eine Weile halten, und Dego ritt zu einem Hufschmied, der gerade das Feuer in seiner Schmiede entfachte, und zog Erkundigungen über Gabran und sein Schiff ein. Der kräftige Mann in der Lederjacke hielt nicht in seiner Arbeit inne und gab brummige Antworten. Er wies über den Fluß. Dego kam zurück und berichtete.

»Anscheinend vertäut Gabran sein Schiff gewöhnlich am Südufer des Flusses, Lady. Er wohnt dort drüben.«

Der Fluß war an dieser Stelle breit und ohne Furt.

»Wir müssen ein Boot suchen, das uns hinüberbringt«, sprach Enda das Offenkundige aus.

Dego zeigte auf eine Stelle ein Stück weiter am Ufer, an der mehrere kleine Boote an Land gezogen lagen.

»Der Schmied meint, jemand von dort wird uns hinüberrudern.«

Der Schmied behielt recht. Sie fanden bald einen Holzfäller, der sie für einen geringen Preis übersetzen wollte. Es wurde beschlossen, daß Enda bei den Pferden bleiben sollte, während Dego mit Fidelma auf die Suche nach Gabran ginge.

Sie waren schon mitten im Fluß, als der Holzfäller über die Schulter blickte und die Ruder ruhen ließ.

»Gabran ist nicht da«, verkündete er. »Wollt ihr trotzdem hinüber?«

Dego sah ihn finster an. »Nicht da? Wenn du das wußtest, warum hast du dann die Fahrt unternommen?«

Der Holzfäller schaute ihn mitleidig an. »Ich kann nicht um die Ecke gucken, mein aufgeregter Freund. Erst von hier in der Flußmitte kann ich die Liegeplätze hinter der kleinen Insel einsehen. Die Cag, das ist sein Schiff, liegt nicht dort. Also ist Gabran auch nicht da. Er wohnt nämlich auf dem Schiff.«

Auf diese Erklärung fand Dego nichts zu erwidern.

»Wir fahren dennoch weiter«, beharrte Fidelma. »Ich sehe da noch andere Hütten bei den Liegeplätzen, und vielleicht weiß jemand, wohin er ist.«

Der Holzfäller legte sich schweigend wieder in die Riemen. Er setzte sie an dem leeren Liegeplatz ab und zeigte auf eine Hütte, die Gabran gehörte, in der er aber, wie der Holzfäller behauptete, niemals wohnte. Fidelma nahm ihm das Versprechen ab, auf sie zu warten und sie zurückzurudern, wenn sie fertig wären. In der Hütte war niemand, doch eine vorbeikommende Frau mit einem Bündel Reisig auf dem Rücken blieb stehen, als sie sie sah.

»Suchst du Gabran, Schwester?« fragte sie respektvoll.

»Ja.«

»Er wohnt hier nicht, obwohl ihm die Hütte gehört. Er verbringt lieber die ganze Zeit auf seinem Schiff.«

»Aha. Wenn das Schiff nicht hier ist, heißt das also, daß er auch nicht hier ist?«

Die Frau bejahte diese Schlußfolgerung.

»Heute morgen war er noch hier, aber er hat ganz früh abgelegt. Es gab einige Aufregung bei der Burg des Fürsten heute morgen.«

»Hatte Gabran auch damit zu tun?«

»Das glaube ich nicht; es ging um einen geflohenen Ausländer. Gabran kümmert sich mehr um seinen Gewinn als darum, was in der Burg unseres Fürsten passiert.«

»Man sagte uns, daß die Cag heute nicht den Fluß hinuntergefahren sei.«

Die Frau deutete mit dem Kopf nach Norden.

»Dann fuhr sie aufwärts. Das ist klar. Ist was nicht in Ordnung, daß heute so viele Leute nach Gabran suchen?«

Fidelma hatte sich schon abgewandt, doch daraufhin schaute sie die Frau wieder an.

»So viele Leute?«

»Na, ihren Namen weiß ich nicht, aber es war eine vornehme Nonne hier. Sie erkundigte sich erst vor kurzem nach Gabran.«

»War es Äbtissin Fainder von Fearna?«

Die Frau zuckte die Achseln. »Die kenne ich nicht. Ich geh nicht nach Fearna - das ist so ein großer Ort mit so vielen Menschen.«

»Du sagtest, dich hätten heute noch mehr Leute nach Gabran gefragt?«

»Ein Krieger war auch hier. Er stellte sich als der Befehlshaber der Wache des Königs vor.«

»Hieß er Mel?«

»Das hat er nicht gesagt.« Sie zuckte wieder die Achseln. »Er war noch vor der vornehmen Nonne hier.«

»Und er suchte Gabran?«

»Er hatte es ganz eilig. War anscheinend schwer enttäuscht, als ich ihm sagte, wohin die Cag gefahren war. Flußaufwärts? fragte er. Flußaufwärts? Und dann sauste er los.«

»Aha. Ich nehme an, er hat nicht verraten, weshalb er Gabran sucht?«

»Der doch nicht.«

»Also werden wir Gabran weiter flußaufwärts finden?«

»Das hab ich schon gesagt.«

Fidelma wartete, doch als sie nichts weiter hörte, fragte sie: »Aber dieser Fluß hat hinter den Inseln anscheinend zwei Hauptläufe. Welchen sollen wir nehmen?«

»Du bist hier fremd, Schwester«, belehrte sie die Frau. »Für ein Schiff gibt es nur einen Weg. Der östliche Flußlauf ist für ein Schiff von der Größe der Cag nicht passierbar. Gabran fährt gewöhnlich nach Norden zu ein paar Siedlungen am Fluß und nimmt dort Waren an Bord, die er dann flußabwärts verkauft.«

Fidelma dankte ihr und ging mit Dego zum Boot des Holzfällers zurück.

»Wie es scheint, müssen wir noch weiter den Fluß hinauf hinter Gabran her reiten«, seufzte sie.

»Was meinst du, weshalb die Äbtissin nach ihm suchte?« fragte Dego auf dem Wege zum Boot. »Und Mel auch? Sind sie alle in die Sache verwickelt?«

Fidelma zuckte die Achseln. »Hoffen wir, daß wir das herausbekommen.« Sie erschauerte leicht. »Heute ist es bitter kalt. Ich hoffe, daß Eadulf irgendwo Schutz gefunden hat.«

Der Holzfäller lag, in seinen Wollmantel gehüllt, in seinem Boot und schien es trotz der Kälte gemütlich zu haben.

»Ich hab euch ja gesagt, daß Gabran nicht da ist.« Er grinste und reichte Fidelma die Hand zum Einsteigen in das leicht schaukelnde Boot.

»Ja«, antwortete sie kurz.

Schweigend ruderte er sie zurück über den Fluß.

Am Nordufer gab Dego dem Mann die Münze, die er verlangte, und sie gingen wieder zu Enda.

»Die Cag ist flußauf gefahren«, erklärte ihm Dego. »Wir reiten hinterher.«

Endas Miene war düster.

»Ich sprach mit der Frau des Holzfällers, während ihr da drüben wart«, berichtete er. »Der nördliche Arm des Flusses ist nur zwei oder drei Kilometer von hier noch schiffbar, und der südliche nur ungefähr einen Kilometer.«

»Na, das ist eine gute Nachricht«, antwortete Fidelma und saß auf. »Das bedeutet, daß wir die Cag ziemlich bald einholen.«

»Die Frau des Holzfällers sagte auch, daß noch ein Krieger hier war«, fügte Enda hinzu. »Er ließ sein Pferd ...«

»Wir wissen alles über ihn, es war Mel«, unterbrach ihn Dego und schwang sich in den Sattel.

»Anscheinend war noch ein Mann bei ihm, der an diesem Ufer auf ihn wartete, während er über den Fluß fuhr.«

Fidelma wartete geduldig und fragte dann gereizt: »Na, Enda, teilst du dein Wissen mit uns?«

»Ja, natürlich. Es war der Brehon, sagte die Frau. Bischof Forbassach.«

Eadulf hatte seinen neuen Freund Dalbach verlassen und stieg höher hinauf in die Berge. Die Luft war kalt, und von Südosten fauchte ein Wind heran. Er wußte, daß schlechtes Wetter im Anzug war. Aus dieser Höhe konnte er bereits die dunklen Regenwolken erkennen, die sich am südlichen Himmel sammelten.

Er hatte den Weg direkt nach Norden eingeschlagen, zu dem ihm Dalbach geraten hatte und der ihn zu einem Tal am östlichen Ende der nördlichen Berge führen sollte. Ein Stück hinter einem Gipfel konnte er sich nach Westen wenden und den Weg nach Fearna erreichen. Trotz seiner Blindheit kannte Dalbach anscheinend die Geographie seines Heimatlandes ebensogut wie ein Mensch mit Augenlicht. Die Erinnerungen waren in seinem Gedächtnis eingebrannt. Die Gegend, die Eadulf durchschritt, war eine öde Bergwelt, und er war Dalbach doppelt dankbar für seine Gastfreundschaft und für die warme Kleidung und die Stiefel, die er statt seiner abgenutzten wollenen Kutte und seiner Sandalen trug. Er war auch froh, daß ihm Dalbach einen wollenen Hut gegeben hatte, der seinen Schaffellmantel ergänzte, sich seinem Kopf anschmiegte und mit den Klappen die Ohren bedeckte. Der Wind in den Bergen schnitt wie ein Messer in die empfindlichen Körperteile.

Er marschierte mit gesenktem Kopf den Weg entlang, der gelegentlich zu verschwinden schien. Mehrmals mußte er stehenbleiben und sich vergewissern, daß er noch die richtige Richtung einhielt. Es war kein sehr begangener Weg, so viel konnte er erkennen. Nur ab und zu hob er den Kopf und spähte trotz des kalten Windes nach vorn, aber es war leichter, den Blick auf den Boden gerichtet zu halten. Bei einem dieser kurzen Blicke nach vorn sah er etwas, was ihn überrascht den Schritt verhalten ließ.

Ein Stück vor ihm stand ein Mann dicht neben dem Weg.

»Komm her!« schrie der Mann. »Ich warte schon auf dich.«

Fidelma und ihre Gefährten waren eine Stunde das Nordufer des Flusses entlanggeritten, als Dego die Zügel anzog und aufgeregt nach vorn zeigte.

»Das muß die Cag sein! Seht euch das Schiff an, das an der Anlegestelle dort hinter den Bäumen vertäut ist.«

Fidelma kniff die Augen zusammen. Nicht weit vor ihnen stand eine kleine Gruppe von Bäumen, und ein großes Flußschiff lag an dem Holzkai daneben. Dort war ein Pferd angebunden. Fidelma erkannte es sofort.

»Das ist das Pferd der Äbtissin Fainder«, erklärte sie ihren Begleitern.

»Dann gehe ich davon aus, daß wir Gabran endlich gefunden haben«, meinte Enda.

Die drei Reiter bewegten sich im Schritt weiter und hielten dort, wo das Pferd der Äbtissin friedlich graste. Der Holzkai war das einzige Zeichen von Zivilisation an der Stelle, in der Nähe gab es anscheinend weder Häuser noch andere Wohnstätten. Es war ein seltsam öder Platz.

Von der Cag kam kein Laut, und nichts bewegte sich. Fidelma fragte sich, wo die Mannschaft wohl wäre. Sie vermutete, alle befänden sich unter Deck und hätten ihre Ankunft nicht bemerkt. Sie banden ihre Pferde an, und Fidelma ging voran auf das Schiff. Es war ein langes Flachboot für die reine Flußschiffahrt, die offene See wäre zu stürmisch und gefahrvoll.

Fidelma blieb auf dem Deck stehen. Die Stille wirkte unnatürlich.

Vorsichtig schritt sie zu der Hauptkajüte, die zu dem erhöhten Achterschiff gehörte. Ihre Tür ging auf das Deck hinaus. Sie wollte schon klopfen, da hörte sie von innen ein schwaches Geräusch. Sie ahnte Schlimmes.

Mit einem warnenden Blick zu Dego und Enda faßte sie die Klinke, drückte sie sanft hinunter und riß die Tür auf.

Nichts hatte sie auf das Bild vorbereitet, das sich ihr drinnen bot.

Es gab viel Blut in der düsteren Kajüte. Die dunklen Flecken stammten von dem Leichnam, der auf dem Boden lag. Aber es war die Gestalt, die neben dem Kopf kniete, vor der sie sich entsetzte. Eine Gestalt mit einem blutigen Messer in der Hand.

An der Kleidung hätte Fidelma den Toten erkannt, auch wenn die im Todeskampf verzerrten Züge ihr nicht vertraut gewesen wären. Es war Gabran, der Kapitän der Cag. Aber die Gestalt, die ihm zu Häup-ten kniete, mit der Mordwaffe in der Hand, und jetzt in angstvollem Schrecken zu ihr aufblickte, war die Äbtissin von Fearna - Äbtissin Fainder.

Kapitel 16

»Komm her. Ich warte schon auf dich!« wiederholte der Mann, sprang von dem Felsen herab und kam auf Eadulf zu.

Erschrocken blieb Eadulf wie angewurzelt stehen und musterte den Mann, der auf einem Felsen oberhalb des Weges vor ihm gestanden hatte. Er war in grobe ländliche Tracht gekleidet. Seine gebräunte, wettergegerbte Haut kündete von einem Leben an freier Luft. Er hatte ein schweres Lederwams über seine dicke wollene Jacke gezogen, und seine derben Stiefel waren von der Art, wie Bauern sie trugen.

Eadulf wußte nicht, ob er fliehen oder sich stellen und zur Verteidigung bereitmachen sollte. Weiter hinten auf dem Weg sah er einen Karren mit einem schon angeschirrten Pferd davor und erkannte, daß Flucht zwecklos war. Er spannte die Muskeln zum Kampf an.

Der Mann blieb stehen und starrte ihn verärgert an.

»Wo ist Gabran? Ich dachte, diesmal käme er selber?«

»Gabran?« Eadulf sah sich unsicher um. »Er ist zurückgegangen zu seinem Schiff«, erklärte er wahrheitsgemäß. Das hatte er schließlich den Flußschiffer zu Dalbach sagen hören.

»Zurück zum Fluß?« Der Mann vor ihm spuckte neben den Weg. »Und hat es dir wohl überlassen, hier raufzukommen und die Ware abzuholen?«

»Er hat es mir überlassen, hier raufzukommen«, wiederholte Eadulf und blieb damit weiter bei der Wahrheit.

»Ich stehe schon seit zwei Stunden hier rum. Es ist kalt, und ich wußte nicht mehr, ob er mich hier bei Darach Carraig oder bei Dalbachs Hütte treffen wollte. Na, jedenfalls bist du jetzt hier.«

»Gabran hat mir nicht gesagt, daß ich früher hier sein sollte.« Eadulf faßte plötzlich Mut, denn das mußte wohl der Mann mit der Ware sein, den Gabran suchte, als er vorhin zu Dalbachs Hütte gekommen war. Anscheinend hatte der Mann die fast gleichen Namen Darach und Dalbach durcheinandergebracht.

»Sieht ihm ähnlich, anderen Leuten die Arbeit zu überlassen«, knurrte der Mann. Dann runzelte er die Stirn. »Du bist Ausländer, nicht wahr?«

Eadulf spannte sich leicht.

»Angelsachse, das höre ich an deinem Akzent«, fuhr der Mann mißtrauisch fort. Dann zuckte er die Achseln. »Na, kann mir egal sein. Ich nehme an, du bringst die Ware den ganzen Weg von hier bis ins Land der Angelsachsen, was?«

Eadulf beschränkte sich auf ein paar unverständliche Laute.

»Na«, redete der Mann weiter, »es ist kalt und spät, und ich will mich nicht länger hier rumtreiben als unbedingt nötig. Diesmal sind’s bloß zwei. Ich glaube, in Zukunft muß ich mich weiter weg umtun. Du hast wohl deinen Karren unten am Berg gelassen? Hat dir Gabran nicht gesagt, daß der Weg bis hier oben rauf befahrbar ist? Na, es geht auch so, weil’s bloß zwei sind. Ich treffe Gabran in Cam Eolaing, wenn er von der Küste zurückkommt, aber wenn du ihn siehst, dann sag ihm, es wird schwierig. Bezahlen kann er mich, wenn er zurück ist. Doch der Preis wird höher.«

Eadulf nickte wie zur Zustimmung. Weiter blieb ihm nichts übrig bei diesem absurden, verwirrenden Gespräch.

»Bist in Ordnung. Sie sind in der Höhle wie immer. Gabran hat dir erklärt, wo sie ist?«

Eadulf zögerte und schüttelte den Kopf. »Nicht genau«, sagte er.

Der Mann stöhnte ungeduldig, drehte sich um und zeigte ihm die Richtung. »Diesen Weg zweihundert Meter weiter, Freund. Rechts oben am Berg siehst du die kleine Felswand, die Granitklippe. Die Öffnung der Höhle kannst du nicht verfehlen. Da drin ist die Ware.«

Der Mann blickte zum Himmel auf und zog den Kragen fester zu. »Bald wird’s regnen, vielleicht mit Graupel bei dieser Kälte. Ich muß los. Vergiß nicht, Gabran zu berichten, was ich dir gesagt habe. Es wird schwierig.«

Er ging zu seinem Karren und kletterte rasch auf den Sitz. Er zog an den Leinen und lenkte das Gefährt auf einen schmalen, fast nicht erkennbaren Weg, der nach Osten über die welligen Berge abzweigte.

Verwirrt schaute Eadulf ihm nach.

Der Mann hatte ihn offensichtlich für einen von Gabrans Leuten gehalten. Er fragte sich, was für eine Ware der wohl in dieser gottverlassenen Gegend abholen sollte. Darach Carraig - der Eichenfelsen. Ein merkwürdiger Name. Er blickte zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Gabran hatte gesagt, er werde jemanden schicken, der die Ware suchen sollte. Vielleicht war der dicht hinter ihm? Er sollte sich lieber rasch fortmachen, damit man ihn nicht einholte.

Eilig marschierte er auf dem Weg weiter. Er mußte wohl im Geiste zweihundert Meter abgezählt haben, denn er blieb stehen und schaute nach rechts auf den Berg. Nicht viel höher sah er Felsbrocken verstreut am Hang liegen, und dort war die Seite des Berges ausgehöhlt und bildete eine kleine Granitklippe. Er zögerte und spürte eine unüberwindliche Neugier. Er könnte doch wenigstens nachsehen, was für eine eigenartige Ware Gabran erwartete und warum sie in einer einsamen Höhle in einer noch einsameren Gegend des Landes hinterlegt wurde. Er schaute sich um. In der öden, sich verfinsternden Landschaft war niemand zu sehen.

Eadulf kletterte empor zu den Felsen, und hinter dem größten Granitbrocken entdeckte er ein klippenähnliches Stück schwarzen Felsen, das so unnatürlich aussah, als sei es von Menschenhand geformt worden.

Als er ihm näher kam, erkannte er den dunklen Eingang zu einer Höhle mit einer ebenen Felsplatte davor.

Dort verharrte Eadulf einen Moment, um Atem zu schöpfen nach dem kurzen, aber steilen Aufstieg, bevor er den nächsten Schritt tat. Die Höhle lag im Halbdunkel. Er spähte in den finsteren Hintergrund und wartete, bis sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten.

Ein plötzliches und ungewöhnliches Scharren ließ ihn zurückprallen in dem Glauben, ein Tier halte sich darin verborgen. Dann sah er, woher es kam, und vor Erstaunen blieb ihm der Mund offen.

Am hinteren Ende der Höhle saßen zwei menschliche Gestalten auf dem Boden, den Rücken an die Felswand gelehnt. An ihrer Haltung erkannte er, daß sie an Händen und Füßen gefesselt waren, und bei näherem Hinsehen merkte er, daß sie auch geknebelt waren. Es waren schmächtige Gestalten, so viel konnte er in der Dunkelheit feststellen, mehr aber nicht.

»Wer ihr auch seid«, rief er ihnen laut zu, »ich will euch nichts tun.«

Er ging auf sie zu.

Sofort erhob sich ein ersticktes, jammervolles Stöhnen, und die ihm zunächst sitzende Gestalt schien sich von ihm wegzukrümmen, wenn sie sich auch wegen der Fesseln nur wenig bewegen konnte.

»Ich will euch nichts tun«, wiederholte Eadulf. »Ich muß euch aber ans Licht bringen, damit ich euch sehen kann.«

Er kümmerte sich nicht um die tierartigen Laute, die seine Bewegungen begleiteten, beugte sich nieder und hob die nächste, sich windende, gefesselte Gestalt an. Halb trug, halb schleifte er sie zum Höhleneingang.

Zwei große, angstvolle Augen starrten ihn über dem schmutzigen Lappen an, der als Knebel diente.

Entsetzt trat Eadulf einen Schritt zurück.

Es war das Gesicht eines Mädchens von nicht mehr als zwölf oder dreizehn Jahren, das ihm voller Furcht entgegenschaute.

»Nun, Äbtissin Fainder«, sagte Fidelma langsam, während sie das Blutbad vor sich betrachtete, »ich glaube, du hast eine Menge zu erklären.«

Äbtissin Fainder erwiderte ihren Blick beinahe verständnislos. Dann schaute sie hinab auf den Leichnam Gabrans neben sich und auf das Messer in ihrer Hand. Mit einem seltsamen, tierartigen Stöhnen ließ sie das Messer fallen und sprang auf. Ihr Blick flackerte wild.

»Er ist tot«, sagte sie heiser.

»Das sehe ich«, antwortete Fidelma grimmig. »Warum?«

»Warum?« wiederholte die Äbtissin wie betäubt.

»Warum ist er tot?« drang Fidelma in sie.

Die Äbtissin blinzelte und starrte sie an, als verstünde sie nichts. Es dauerte etwas, bis sie ihre Sinne beisammen hatte.

»Woher soll ich das wissen?« begann sie und brach dann ab. »Du denkst doch nicht, daß ich ...? Ich habe ihn nicht getötet!«

»Bei allem schuldigen Respekt, Äbtissin Fainder«, schaltete sich Dego ein, der Fidelma über die Schulter schaute, »wir sind gerade an Bord gekommen, haben die Kajütentür geöffnet und sehen Gabran tot daliegen. Bei dem vielen Blut ist es klar, daß er erstochen wurde. Du kniest an seinem Kopf. Deine Kleidung ist blutverschmiert, und du hast ein Messer in der Hand. Wie sollen wir diesen Anblick deuten?«

Die Äbtissin schien zu sich zurückzufinden. Sie starrte Dego zornig an.

»Wie kannst du das wagen! Wer bist du, daß du die Äbtissin von Fearna eines gewöhnlichen Mordes beschuldigen willst?«

Als Fidelma die Situation bedachte, verzog sich ihr Mund in bissiger Ironie.

»Kein Mord ist gewöhnlich, Äbtissin, und dieser Mord am wenigsten. Nur ein Narr könnte das Offensichtliche übersehen. Willst du uns tatsächlich erzählen, du hättest nichts damit zu tun?«

Äbtissin Fainders Gesicht wurde bleich.

»Ich habe es nicht getan.« Ihre Stimme brach vor Erregung.

»Das sagst du. Komm heraus aufs Deck, und erkläre es mir.«

Fidelma trat von der Tür beiseite und winkte der Äbtissin, die Kajüte zu verlassen. Fainder ging auf das Deck hinaus und blinzelte ins Tageslicht.

»Es ist niemand weiter an Bord«, berichtete Enda mit etwas boshafter Freude. Er hatte das Schiff flüchtig abgesucht. »Du bist anscheinend allein hier, Mutter Äbtissin.«

Äbtissin Fainder setzte sich plötzlich auf einen Lukendeckel, schlang die Arme um den Leib, beugte sich vor und schaukelte leicht hin und her. Fidelma setzte sich neben sie.

»Das ist eine schlimme Sache«, sagte Fidelma sanft nach einer kurzen Pause. »Je eher wir eine Erklärung bekommen, desto besser.«

Äbtissin Fainder hob das Gesicht und schaute sie verängstigt an.

»Erklärung? Ich habe dir doch gesagt, daß ich es nicht getan habe! Was willst du noch für eine Erklärung?«

Es schwang so viel von ihrem früheren Ton in ihrer Stimme mit, daß Fidelma ungeduldig den Mund verzog.

»Glaub mir, Mutter Äbtissin, eine Erklärung ist notwendig, und es sollte schon eine sein, die mich zufriedenstellt«, erwiderte sie scharf. »Vielleicht erklärst du zuerst einmal, wieso du hier bist.«

Die Miene der Äbtissin veränderte sich schlagartig. Ihre frühere Arroganz brach wieder durch.

»Dein Ton gefällt mir nicht, Schwester. Willst du mich etwa beschuldigen?«

Fidelma blieb unbeeindruckt. »Ich brauche dich nicht zu beschuldigen. Die Umstände sprechen für sich. Aber wenn du mir etwas zu erzählen hast, dann tust du das am besten gleich. Als dalaigh habe ich zu berichten, was ich gesehen habe.«

Äbtissin Fainder starrte sie an, während ihr die Bedeutung dieser Worte aufging. Sie öffnete den Mund, doch für den Augenblick war sie sprachlos.

»Aber ich habe es nicht getan«, sagte sie schließlich. »Du kannst mich nicht beschuldigen. Das kannst du doch nicht!«

»Wie ich mich erinnere, hat Bruder Eadulf so ziemlich dasselbe gesagt«, hielt ihr Fidelma vor, »und trotzdem wurde er auf viel dünnere Beweise hin angeklagt und verurteilt. Und dich finden wir hier tatsächlich über die Leiche gebeugt, ein Messer in der Hand und von Blut besudelt.«

»Aber ich bin doch ...« Die Äbtissin schloß rasch den Mund, als sie begriff, von welchem Dünkel das zeugte, was sie hatte sagen wollen.

»Aber du bist die Äbtissin, während Bruder Eadulf nur ein durchreisender Ausländer war?« schloß Fidelma. »Nun, Äbtissin Fainder? Wir warten auf deine Geschichte.«

Ein Schauer durchlief die Äbtissin. Ihre hochmütige Haltung war dahin, und ihre Schultern erschlafften.

»Bischof Forbassach sagte mir, daß du Gabran beschuldigt hast, er habe dich gestern abend überfallen.«

Fidelma wartete geduldig.

»Bischof Forbassach meinte, in einer solchen Sache würdest du nicht lügen. Also kam ich her, um von Ga-bran eine Erklärung zu verlangen«, fuhr Äbtissin Fainder fort. »Ich konnte deine Geschichte nicht glauben, anders als Forbassach. Gabran hatte ...« Sie zögerte.

»Gabran hatte was?« fragte Fidelma.

»Gabran ist als Kaufmann am Fluß wohlbekannt. Er hat seit vielen Jahren mit der Abtei Handel getrieben, lange bevor ich Äbtissin wurde. Eine solche Beschuldigung macht unserer Abtei Unehre und muß untersucht werden. Ich kam her, um zu hören, was Gabran dazu zu sagen hatte.«

»Du kamst also her in der Hoffnung, daß sich meine Anschuldigung gegen Gabran als falsch erweisen würde? Sprich weiter.«

»Schließlich fand ich die Cag hier vertäut. Es war niemand in der Nähe. Ich ging an Bord und rief nach Gabran. Es kam keine Antwort. Ich glaubte eine Bewegung in der Kajüte zu vernehmen, also ging ich hin und klopfte an. Dann hörte ich etwas Schweres fallen . Jetzt weiß ich, daß es der Körper Gabrans war. Ich rief noch einmal und trat ein. Ich sah das gleiche Bild wie du. Ga-bran war tot und lag auf dem Rücken in der Kajüte. Überall war Blut. Ich dachte zuerst an den Mann und kniete bei ihm nieder. Ihm war nicht mehr zu helfen.«

»Vermutlich erklärst du damit auch, weshalb deine Kleidung blutverschmiert ist?«

»Ja, dadurch wurde meine Kutte blutig.«

»Was weiter?«

»Ich war entsetzt von den Messerstichen, die man ihm beigebracht hatte. Ich sah das Messer .«

»Wo war das Messer?«

»Es lag neben der Leiche. Ich sah es und hob es auf. Ich weiß nicht, warum ich das tat. Es war wohl eine unbewußte Reaktion. Ich kniete einfach da.«

»Und dann kamen wir.«

Zu Fidelmas Überraschung schüttelte Äbtissin Fainder den Kopf.

»Da war noch etwas, bevor ihr kamt.«

»Was war das?«

»In dem Moment schien es mir nicht wichtig, aber jetzt doch.«

»Weiter.«

»Ich hörte ein leises Plätschern.«

Fidelma zog eine Braue hoch. »Ein leises Plätschern? Wofür hieltest du es?«

»Ich meine, es war der Mörder, der das Schiff verließ.« Die Äbtissin erschauerte leicht.

Fidelma sah sie spöttisch an. »Das Schiff liegt an einer Anlegestelle vertäut. Warum sollte jemand das Schiff auf dem Wege über den Fluß verlassen, noch dazu bei diesem eisigen Wetter. Und wenn der Mörder den Schauplatz verlassen wollte, so hätte er mit deinem ganz in der Nähe angebundenen Pferd die beste Fluchtmöglichkeit gehabt. Ist es nicht so?«

Äbtissin Fainder fand auf Fidelmas erbarmungslose Logik nichts zu erwidern.

»Ich bin sicher, daß jemand auf dem Schiff war und sich ins Wasser gleiten ließ«, wiederholte sie hartnäk-kig.

»Das würde sicherlich deine Behauptung, du wärst unschuldig an diesem Verbrechen, unterstützen«, erklärte Fidelma, »doch ich muß sagen, daß es in höchstem Grade unwahrscheinlich ist, daß jemand zur Flucht vom Tatort diesen Weg wählen würde. Sieh nur!«

Sie zeigte auf die Flußseite des Schiffes. Der Fluß strömte schnell an dieser Stelle und war über zehn Meter breit.

»Wer das versuchen wollte, müßte schon ein guter Schwimmer sein. Kein vernünftiger Mensch würde diesen Weg einschlagen, wenn er nichts weiter zu tun brauchte, als auf der anderen Seite des Schiffes ans Ufer zu steigen.«

Fidelma kam plötzlich ein Gedanke.

»Wie konnte Gabran überhaupt das Schiff gegen eine solch starke Strömung hier heraufbringen?«

»Das ist ganz leicht«, erklärte Enda. »Als ich mich auf dem Schiff umsah, entdeckte ich die Befestigungen für die Zugleinen. Es ist üblich, Lady, Flußschiffe von ein paar Eseln flußaufwärts ziehen zu lassen, wo die Strömung zu stark ist. Sonst wird gestakt. So macht man das immer.«

Fidelma stand auf und schaute sich um. Enda hatte offensichtlich recht, aber trotzdem stimmte etwas nicht.

»Und wo sind die Zugtiere jetzt? Wer hat sie hergebracht und dann weggeführt? Wo ist überhaupt Gabrans Mannschaft?«

Sie setzte sich wieder auf den Lukendeckel und schloß kurz die Augen zum Nachdenken. Sie hatte das Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Sie fragte sich, warum die Mannschaft Gabran allein gelassen und die Tiere fortgeschafft hatte, die das Schiff hierhergezogen hatten. Äbtissin Fainders Geschichte, wonach sie zufällig aufs Schiff gekommen und dann Gabran just im Moment seiner Ermordung angetroffen hatte, schien so weit hergeholt; ebensoweit hergeholt wie die Vorstellung, der Mörder sei entkommen, indem er in den schnell strömenden Fluß sprang. Es war Unsinn.

Andererseits hörte sich Eadulfs Geschichte vielleicht ebenso unsinnig an angesichts der Aussage dieses Mädchens Fial, das behauptete, den Tod seiner Freundin mit angesehen zu haben. Fidelma atmete tief aus.

»Nun, hier können wir im Augenblick nicht viel tun«, sagte sie und stand auf. »Dego, du reitest zurück nach Cam Eolaing und suchst Coba auf, wenn er da ist. Er sagte, er wolle zurück zu seiner Burg, und er ist der bo-aire dieses Gebiets. Er muß von dieser Sache unterrichtet werden. Wenn du ihn nicht in Cam Eo-laing antriffst, reite weiter nach Fearna, und hole Bischof Forbassach her.«

Äbtissin Fainder war in Sorge.

»Was hast du vor?« Sie versuchte forsch zu wirken, aber ihre Stimme zitterte.

»Ich habe vor, das Gesetz zu befolgen«, erwiderte Fidelma mit grimmigem Humor. »Es wird wohl an dem Brehon dieses Landes sein, darüber zu entscheiden, ob es das Bußgesetz sein soll, das du so magst, oder ob du nach unserem einheimischen Gesetz für schuldig befunden und bestraft wirst.«

Äbtissin Fainders Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Aber ich habe es doch nicht getan.«

»Das sagst du, Mutter Äbtissin«, entgegnete Fidelma mit berechtigter Bosheit. »Genauso, wie Bruder Eadulf sagte, er habe das nicht getan, was man ihm vorwarf!«

Eadulf nahm dem Mädchen, das er zum Eingang der Höhle getragen hatte, den Knebel ab. Die Kleine starrte ihn immer noch mit großen, runden dunklen Augen an, in denen sich ihre Furcht spiegelte. Trotz der eng angezogenen Fesseln zitterte sie spürbar.

»Wer bist du?« fragte Eadulf.

»Tu mir nicht weh!« wimmerte sie als Antwort. »Bitte tu mir nichts.«

Eadulf bemühte sich, ermunternd zu lächeln. »Ich habe nicht die Absicht, dir etwas zu tun. Wer hat dich hier in diesem Zustand zurückgelassen?«

Es dauerte einige Zeit, bis sie ihre Furcht überwunden hatte.

»Bist du einer von ihnen?« flüsterte sie.

»Ich weiß nicht, wer >sie< sind«, antwortete Eadulf, und dann fiel ihm die zweite gefesselte Gestalt in der Höhle ein, und er holte sie ebenfalls heraus. Auch sie war knapp dreizehn, ein halb verhungertes, ungepflegtes kleines Mädchen. Er nahm ihr den Knebel ab, und sie holte mit gierigen Atemzügen Luft.

»Du bist ein Angelsachse, also mußt du auch einer von ihnen sein«, rief das erste Mädchen angstvoll. »Bitte tu uns nichts.«

Eadulf hockte sich vor ihnen hin und schüttelte den Kopf. Er blieb ebenfalls vorsichtig, denn er hatte es sich zur Regel gemacht, niemandem die Fesseln abzunehmen, ehe er nicht wußte, weshalb man denjenigen gebunden hatte. Er hatte erlebt, wie ein junger Bruder von einer wahnsinnigen Frau getötet wurde, als er ihre Fesseln löste in der Annahme, er befreie sie von einem Peiniger.

»Ich habe keineswegs die Absicht, euch etwas zu tun. Aber sagt mir zuerst, wer ihr seid, warum ihr gefesselt seid und wer euch gefesselt hat.«

Die beiden Mädchen wechselten unsichere Blicke.

»Das mußt du doch wissen, wenn du einer von ihnen bist«, erwiderte das erste Mädchen trotzig.

Eadulf blieb geduldig. »Ich bin hier fremd. Ich weiß weder, wer ihr seid, noch, wer >sie< sind.«

»Aber du wußtest doch so viel, daß du die Höhle und uns darin gefunden hast«, widersprach ihm das zweite Mädchen, das anscheinend schneller denken konnte als seine Gefährtin. »Niemand hätte die Höhle nur zufällig entdeckt. Du mußt doch einer von ihnen sein.«

»Sollte ich jemand sein, der euch etwas tun will, dann habt ihr nichts zu verlieren, wenn ihr meine Fragen beantwortet«, erklärte ihnen Eadulf. Das jüngere Mädchen begann zu schluchzen. »Sollte ich aber«, setzte er schärfer hinzu, »einfach ein Fremder sein, der zufällig vorbeikam, dann könnte ich euch vielleicht aus eurer Not helfen, wenn ihr mir sagt, weshalb man euch an Händen und Füßen gebunden und in dieser Höhle zurückgelassen hat.«

Es dauerte noch etwas, bis die ältere der beiden zu einem Entschluß kam.

»Das wissen wir nicht«, meinte sie nach einigem Nachdenken.

Eadulf zog ungläubig die Brauen hoch.

»Es ist die Wahrheit, was ich dir sage«, beharrte das Mädchen. »Gestern holte uns ein Mann aus unseren Häusern ab. Er brachte uns hierher, fesselte uns und ging weg. Er sagte, es würde jemand kommen und uns auf eine lange Reise mitnehmen, und wir würden unsere Heimat nie wiedersehen.«

Eadulf sah die Kleine scharf an und versuchte zu ergründen, ob sie wirklich die Wahrheit sagte. Ihre Stimme war leise und tonlos.

»Wer war dieser Mann?« forschte er.

»Ein Fremder wie du.«

»Aber kein Ausländer«, fügte das zweite Mädchen hinzu.

»Ich glaube, das müßt ihr mir genauer erklären. Wer seid ihr, und woher stammt ihr?«

Die Mädchen schienen jetzt weniger furchtsam, nachdem er ihnen die erste Angst vor Mißhandlung genommen hatte.

»Ich heiße Muirecht«, sagte die ältere. »Ich stamme aus den Bergen im Norden von hier, mehr als einen Tagesritt weit.«

Eadulf wandte sich an die jüngere. »Und wie heißt du?«

»Mein Name ist Conna.«

»Stammst du aus demselben Ort wie Muirecht?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Nein«, schaltete sich Muirecht ein und nahm ihr die Antwort ab. »Ich hab sie nie gesehen, bis wir als Gefangene zusammenkamen. Unsere Namen haben wir uns erst jetzt genannt.«

»Wie geschah das? Warum wurdet ihr gefangen?«

Die Mädchen wechselten wieder Blicke und schienen sich wortlos zu einigen, daß Muirecht für beide sprechen sollte.

»Gestern früh, lange vor dem Morgengrauen, hat mich mein Vater geweckt ...«

»Und wer ist dein Vater?« fragte Eadulf dazwischen.

»Ein armer Mann. Er ist ein fudir, aber ein saer-fudir«, setzte sie rasch und stolz hinzu.

Eadulf wußte, daß die fudir die unterste Klasse der irischen Gesellschaft bildeten, nur wenig höherstehend als die Sklaven der angelsächsischen Gesellschaft. Sie setzten sich nicht aus Angehörigen der Clans zusammen, sondern waren gewöhnlich Flüchtlinge, Kriegsgefangene, Geiseln oder Verbrecher, denen die bürgerlichen Rechte zur Strafe aberkannt worden waren. Die fudirs teilten sich in zwei Unterklassen, die daer-fudir oder Unfreien und die saer-fudir, die zwar auch nicht ganz frei waren, aber nicht in der Leibeigenschaft standen wie die untere Schicht. Die saer-fudir waren gemeinhin keine Verbrecher und konnten deshalb bestimmte Rechte in der Gesellschaft zurückerlangen. Sie konnten Land bebauen, das ihnen von ihrem Lord oder König zugeteilt wurde, und in seltenen Fällen konnten sie aus der »unfreien« Klasse in die der ceile aufsteigen, der freien Clan-Mitglieder, und sogar den Rang eines bo-aire erlangen, eines landlosen Fürsten und Friedensrichters.

Eadulf gab den Mädchen zu verstehen, daß er sich in diesen Sachen auskannte.

»Mein Vater hat nur wenig Land«, fuhr Muirecht fort, »aber trotzdem verlangt der Gebietsherr das bia-tad, die Naturalabgabe. Zweimal im Jahr muß mein Vater seine Anleihe aus dem Gemeindevorrat zurückzahlen.«

Eadulf kannte diesen Brauch. Sowohl freie als auch unfreie fudir konnten Kühe, Schweine, Korn, Schinken, Butter und Honig aus dem gemeinsamen Vorrat des Clans ausleihen, unter der Voraussetzung, daß sie ein Drittel des Wertes alles dessen, was sie geliehen hatten, sieben Jahre lang jährlich zurückzahlten. Am Ende dieser Frist wurde das Vieh ohne weitere Zahlungen ihr Eigentum. Die freien fudir hatten außerdem dem Fürsten gegebenenfalls Kriegsdienst zu leisten oder in Friedenszeiten eine festgelegte Zahl von Tagen auf dem Land des Fürsten zu arbeiten. Eadulf kam aus einer Gesellschaft, in der offene Sklaverei normal war, und hatte das Recht einer unfreien Klasse, solche Anleihen aufnehmen und sich die Freiheit erarbeiten zu können, stets als ein merkwürdiges Prinzip betrachtet. Ihm war bewußt, daß ein Mann mit schlechtem Land und von geringer Tüchtigkeit durch eine solche Anleihe unter Umständen in noch tiefere Armut geraten konnte, statt sich aus ihr herauszuarbeiten.

»Sprich weiter«, sagte er. »Gestern weckte dich dein Vater in aller Frühe. Was geschah dann?«

Muirecht schluchzte bitterlich bei der Erinnerung.

»Er hatte gerötete Augen. Er hatte geweint. Er sagte mir, ich solle mich anziehen und mich auf eine lange Reise vorbereiten. Ich fragte, was für eine Reise. Er wollte nicht darauf antworten. Ich vertraute meinem Vater. Er führte mich aus der Hütte. Von meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder war nichts zu sehen, sie kamen nicht zum Abschied. Draußen wartete ein Mann mit einem Karren.«

Sie zögerte und rief sich die Szene in die Erinnerung zurück.

Eadulf wartete geduldig.

»Mit mir passierte dasselbe«, murmelte Conna, das zweite Mädchen. »Mein Vater ist ein daer-fudir. Ich habe keine Mutter mehr, sie starb vor drei Monaten. Ich mußte für meinen Vater kochen und saubermachen.«

Muirecht verzog das Gesicht, und das jüngere Mädchen verstummte.

»Draußen vor der Hütte hielt mein Vater ...«, begann Muirecht und brach erneut in Tränen aus. »Er hielt mir die Arme fest, und der andere Mann fesselte und knebelte mich und warf mich auf seinen Karren. Durch einen Spalt sah ich, wie mein Vater einen kleinen Beutel mit klingendem Metall erhielt. Er drückte ihn an die Brust und lief in die Hütte zurück. Dann kletterte der Mann auf seinen Karren, warf Reisig auf mich und fuhr los.«

Plötzlich begann sie laut und lange zu schluchzen. Eadulf wußte nicht, wie er sie trösten sollte.

»Bei mir war es dasselbe«, ergänzte das kleinere Mädchen. »Ich wurde auf den Karren geladen und fand dieses Mädchen schon vor. Wir konnten nicht miteinander sprechen, denn wir waren ja gefesselt und geknebelt. Und seit gestern morgen haben wir nichts zu essen und zu trinken bekommen.«

Eadulf starrte sie fassungslos an, er vermochte das Schreckliche ihrer Erzählungen kaum zu begreifen.

»Wollt ihr mir damit sagen, daß eure beiden Väter euch tatsächlich an den Mann mit dem Karren verkauft haben?«

Muirecht konnte ihr Schluchzen nun unterdrücken und nickte trübe.

»Was sollen wir sonst glauben? Ich habe schon von armen Familien erzählen hören, die ihre Kinder verkaufen und sie in andere Länder bringen lassen in die . « Sie rang nach Worten.

»In die Sklaverei«, murmelte Eadulf traurig. Er wußte, daß das in vielen Ländern passierte. Jetzt wurde ihm klar, welchen Handel Gabran den Fluß entlang trieb. Er kaufte junge Mädchen von ihren Familien und brachte sie den Fluß hinunter nach Loch Garman an der Küste, wo sie als Sklavinnen in die angelsächsischen Königreiche oder ins Land der Franken verkauft wurden. Arme Leute verbesserten ihre bedrängte Lage oft dadurch, daß sie eine ihrer Töchter verkauften. Er selbst hatte einen solchen Handel beim Volk der fünf Königreiche von Eireann noch nicht erlebt, weil das Rechtssystem so angelegt war, daß es jeden Menschen vor äußerster Armut schützte, und weil die Vorstellung, daß ein Mensch einen anderen in völliger Knechtschaft hielt, nicht bekannt war. Die Enthüllungen der beiden Mädchen waren um so schok-kierender für Eadulf.

Eine Krähe, die kreischend von einem hohen Baum aufflog, ließ Eadulf zusammenfahren und aufblicken.

Ihm fiel ein, daß einer von Gabrans Leuten in die Berge kommen sollte, um die Mädchen abzuholen.

»Wir müssen diesen Ort verlassen, bevor die schlechten Leute kommen und euch holen«, sagte er, beugte sich nieder und schnitt mit seinem Messer die Fesseln der Mädchen an Händen und Füßen durch. »Wir sollten uns gleich aufmachen.«

Muirecht rieb ihre Handgelenke und Knöchel.

»Wir brauchen noch etwas Zeit«, wandte sie ein. »Meine Hände und Füße sind ganz taub.«

Conna folgte ihrem Beispiel, um den Kreislauf wieder in Gang zu bringen.

»Aber wir müssen uns beeilen«, mahnte Eadulf. Ihm war die Gefahr bewußt geworden, in der sie alle schwebten.

»Wohin denn?« protestierte Muirecht. »Zu unseren Vätern können wir nicht zurück ... nicht nach dem, was passiert ist.«

»Nein«, gab Eadulf zu und half ihnen auf. Sie stampften mit den Füßen, um das Blut in Bewegung zu bringen. Eadulf überlegte angestrengt. Nach Fearna konnte er die beiden Mädchen kaum mitnehmen. Dann erinnerte er sich plötzlich daran, was Dalbach ihm über die Gemeinschaft auf dem Gelben Berg erzählt hatte. »Kennt eine von euch diese Gegend hier?« fragte er die Mädchen.

Beide schüttelten den Kopf.

»So weit im Süden war ich noch nie«, erklärte Mui-recht.

»Es gibt einen Berg, der heißt Gelber Berg«, sagte Eadulf. »Er liegt westlich von hier, oberhalb von Fearna. Ich habe gehört, auf ihm steht eine Kirche, die der heiligen Brigitta geweiht ist. Dort könnt ihr Zuflucht finden, bis entschieden wird, was das beste für euch ist. Seid ihr bereit, mich dahin zu begleiten?«

Die beiden wechselten wieder einen Blick. Muirecht zuckte fast gleichgültig die Achseln.

»Was sollen wir sonst machen. Wir gehen mit dir. Wie heißt du, Fremder?«

»Mein Name ist Eadulf. Bruder Eadulf.«

»Dann hatte ich recht. Du bist doch ein Ausländer«, triumphierte Muirecht.

Eadulf lächelte wehmütig. »Ein Reisender auf dem Wege durch dieses Königreich«, meinte er mit trockenem Humor.

Als eine Schar Krähen in dem Tal unter ihnen ein mißtönendes Konzert anstimmte, blickte Eadulf besorgt hinunter. Etwas störte die Vögel, etwas oder jemand. Es wäre nicht gut, länger zu verweilen.

»Ich glaube, der Mann, auf den euer Gefangenenwärter wartete, nähert sich. Wir müssen so schnell fort, wie wir können.«

Kapitel 17

Fidelma hatte Äbtissin Fainder, auf die Enda aufpaßte, auf dem Lukendeckel sitzen lassen und war in Ga-brans Kajüte zurückgekehrt. Sie blieb an der Tür stehen und zwang sich dazu, den blutigen Schauplatz zu betrachten. Der Flußschiffskapitän war mindestens ein halbes dutzendmal in die Brust und die Arme gestochen worden. Ohne Zweifel war es ein blindwütiger Angriff gewesen. Vorsichtig, um ihre Kleidung nicht mit Blut zu beflecken, trat sie neben die Leiche und untersuchte sie sorgfältig.

Die schlimmste Wunde war ein Schnitt durch die Kehle, als ob der Angreifer das Messer nach oben gestoßen und die ganze Länge der Klinge durch die Kehle geführt hatte. Die anderen Wunden an Brust und Armen waren anscheinend wahllos mit der Spitze des Messers beigebracht worden. Sie wiesen kein erkennbares Muster auf und hatten keine lebenswichtigen Körperteile verletzt. Der Stoß in die Kehle hingegen war allein schon tödlich, denn er hatte die Schlagader durchtrennt. Alle anderen Stiche zeugten von blinder Gewalt.

War Äbtissin Fainder einer solchen Tat fähig? Nun, jeder Mensch war unter entsprechenden Umständen zur Gewaltanwendung in der Lage, das wußte Fidelma. Aber welche Wut hatte Fainder getrieben? Während sie noch darüber nachgrübelte, wurde ihr klar, daß sie etwas betrachtete, ohne es richtig zu erfassen. Sie konzentrierte sich. Der Schnitt durch die Kehle stammte nicht von einem Messer. Jedenfalls bestimmt nicht von der kleinen Klinge, die der Äbtissin aus der Hand gefallen war.

Fidelma zwang sich dazu, näher heran zu gehen. Diesen Schnitt hatte ein Schwert ausgeführt. Daran gab es für sie keinen Zweifel, denn der nach oben gerichtete Stoß hatte nicht nur das Fleisch zerfetzt, sondern seine Wucht hatte auch die Kinnlade zerschmettert und ein paar Zähne aus dem Unterkiefer gebrochen. Eine solche Wunde erforderte einen kraftvollen Stoß.

Innerlich tadelte sie sich dafür, daß sie das nicht gleich bemerkt hatte. Sie blickte sich um, konnte jedoch keine Waffe entdecken, die diese schreckliche und tödliche Wunde hätte schlagen können. Sie nahm das kleine Messer, das die Äbtissin in der Hand gehalten hatte, und verglich seine Klinge mit dem halben Dutzend Einstichen in der Brust und den Armen des Mannes. Es war sofort ersichtlich, daß man mit dieser Waffe die unwesentlichen Wunden beibringen konnte, nicht aber die tödliche.

In ihrer gebückten Haltung fiel ihr noch etwas auf, das sie sonst leicht übersehen hätte. Es war ein kleines Büschel Haare. Der Vergleich ergab, daß es von Ga-brans Kopf stammte. Jemand mußte es gepackt und ausgerissen und dann fallen gelassen haben. An den Haarwurzeln klebte noch Blut.

Sie legte das Messer wieder hin und stand auf. Als sie zurücktrat, stieß sie mit dem Fuß gegen ein Stück Metall, das klirrend über die Planken schrammte. Sie blickte hinunter, und ihre Augen weiteten sich. Es war ein Paar Handschellen, klein und anscheinend als Handgelenkfesseln gedacht. Sie hatten auf dem Boden gelegen und waren offen, und der Schlüssel steckte noch im Schloß.

Sie wollte sich schon abwenden, als ihr noch etwas auffiel. An einem hervorstehenden Nagel am Bein eines Tisches, der zum Mobiliar der Kajüte gehörte, hingen ein paar Stoffasern. Jemand war eilig daran vorbeigegangen und mit seiner Kleidung an dem Nagel hängengeblieben. Die Fasern waren von dem braungefärbten groben Wollstoff, den die meisten Mönche trugen. Nachdenklich löste sie die Fasern ab und tat sie in ihre Tragetasche.

Fidelma erhob sich und überdachte die Situation. Dies waren mehrere Stücke eines Puzzles. Sie fügten sich zusammen zu einem Bild von Gabrans letzten Augenblicken. Wenn man Äbtissin Fainder glaubte, daß sie den Mord nicht begangen hatte, insbesondere auch, daß sie noch draußen vor der Tür Gabrans Fall gehört hatte, dann hieße das, daß der Mörder noch in der Kajüte gewesen wäre. Das war offenkundig unmöglich, denn sonst hätte Fainder den Mörder gesehen und wäre auch angegriffen worden. Fidelma spähte aufmerksam umher, ob es noch etwas gäbe, was das Geräusch eines schwer auf den Boden fallenden Körpers hätte verursachen können. Sie fand nichts als die Leiche Gabrans.

Das bedeutete, daß entweder Fainder aus naheliegenden Gründen log oder daß der Mörder in den wenigen Augenblicken entkommen war, bevor die Äbtissin die Tür öffnete. Wieder suchte sie die Kajüte sorgfältig ab.

Die kleine Luke im Deck war nicht gleich zu finden. Sie war eng, und als Fidelma den Deckel hob und in die Dunkelheit hinunterstarrte, konnte sie nichts sehen, und ihr war klar, daß sie sich auch nicht hindurchzwängen konnte.

Sie nahm eine Lampe von einem Seitentisch und kehrte auf das Hauptdeck zurück.

»Heb mal den Deckel an, Enda«, bat sie beim Näherkommen. Mit einem raschen Blick auf die Äbtissin überzeugte sie sich davon, daß diese keinen groben braunen Wollstoff trug, sondern eine feingewebte schwarze Wollkutte. Äbtissin Fainder stand von dem Lukendeckel auf und trat beiseite, und der Krieger hob ihn mit Leichtigkeit an.

»Was ist, Lady?« fragte Enda. »Hast du etwas gefunden?«

»Ich will mich nur mal umsehen«, erklärte sie.

Als sie die Stufen von der Luke zum unteren Deck hinunterstieg, bemerkte sie, daß dort bereits eine Laterne brannte. Die Stufen führten zu einer großen Kajüte, die vom Hauptladeraum durch ein Schott mit Luke getrennt war. Sie schaute hindurch und sah, daß der Laderaum offenstand und leer war.

Fidelma untersuchte nun die Kajüte, in die sie gelangt war. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß hier Gabrans Mannschaft schlief, wenn sie an Bord war.

Weiter hinten, wo das Schiff schmaler wurde, befand sich ein weiteres, ein kleines Schott. Der Raum dahinter entsprach Gabrans Kajüte darüber, und in ihn mußte die kleine Öffnung in Gabrans Kajütenboden führen. Sie entzündete ihre Lampe an der Laterne im Mannschaftsraum und öffnete die kleine Tür. Diese besaß ein Schloß, doch der Schlüssel steckte innen. Ihr fiel als seltsam auf, daß innen, gleich hinter der Schwelle, drei andere, verschiedene Schlüssel verstreut lagen.

Als nächstes bemerkte sie den Geruch, der noch schlimmer war als in der Mannschaftskajüte. In ihm mischten sich der scharfe Gestank nach Urin und der Schweiß von zusammengepferchten Menschen. Doch der Raum war winzig, nicht mehr als zwei mal zweieinhalb Meter groß. Er besaß keinerlei Einrichtung außer ein paar Strohmatratzen und einem alten ledernen Schmutzwassereimer. Fidelma war zu groß, als daß sie den engen Raum hätte bequem betreten können, denn er war deutlich weniger als zwei Meter hoch. Die kleine Leiter zu der Luke oben machte ihn noch kleiner.

Sie fragte sich, wozu dieser Raum diente. Eine Straf-kajüte? Aber für wen? Für Matrosen, die ihren Pflichten nicht nachkamen? Fidelma wußte, daß es solche Strafen auf Hochseeschiffen gab, aber nicht auf Flußschiffen, von denen die Mannschaften nach Belieben an Land gehen konnten. Sie hob die Lampe höher, und ihr Blick fiel auf zersplittertes Holz. Aus einem der dicken hölzernen Spanten des Schiffes hatte man etwas herausgerissen, was dort fest, sogar sehr fest, angebracht gewesen war. Ein Blick auf den Boden zeigte ihr ein Ende Kette und ein scharfes Stück Metall. Ohne Zweifel hatte jemand die Kette und ihre Befestigung mit diesem scharfen Metall aus dem Holz herausgelöst. Doch warum? Und wer? Sie trat von der Tür zurück, als sie Blutflecke innerhalb des Schotts bemerkte. Blutverschmierte Fußabdrücke liefen durch die Kajüte, wurden schwächer und verschwanden, bevor sie die andere Seite erreichten.

Fidelma sagte nichts, als sie aufs Deck zurückstieg und ihre Lampe löschte. Enda und die Äbtissin erwarteten sie mit Ungeduld. Sie gab Enda das Zeichen, den Lukendeckel wieder zu schließen, ging an die Seite des Schiffes und schaute ratlos in das schnell fließende Wasser. Auf dem Deck gab es keinerlei verschmierte oder blutige Fußspuren.

War es vorstellbar, daß Äbtissin Fainder die Wahrheit sagte? Sinn ergab das nicht. Konnte jemand Ga-bran getötet und dann, von Fainders Eintreffen überrascht, sich in die schaurige kleine Kajüte darunter geflüchtet haben und von dort durch die größere Kajüte, über die Leiter zum Deck und über Bord entkommen sein? Nein, dabei gab es eine Schwierigkeit. Der Lukendeckel war geschlossen, und man brauchte einige Kraft, um ihn wegzuziehen. Außerdem hätte das ein Geräusch verursacht, das die Äbtissin gehört und erwähnt hätte. Nachdenklich wandte sich Fidelma um, ging zum Hauptladeraum und schaute hinunter. Natürlich gab es dort auch eine Leiter. Auf diesem Wege konnte tatsächlich jemand an Deck gelangen.

Sollte diese Theorie stimmen, dann mußte der, der Gabran getötet hatte und auf diese Weise entkommen war, ein Zwerg sein, eine winzige, schmale Person, die durch die Luke von Gabrans Kajüte in den zellenartigen Raum darunter hinabschlüpfen konnte. Fidelma schüttelte den Kopf und wandte sich Äbtissin Fainder zu, die sich wieder auf den Lukendeckel gesetzt hatte.

»Enda«, redete sie den Krieger an, »siehst du mal nach den Pferden?«

Er schaute sie verwirrt an. »Die sind doch sicher, Lady, und ...« Dann erkannte er an ihrem stahlharten Blick, daß sie mit der Äbtissin allein sein wollte. »Natürlich«, sagte er und ging verlegen weg.

Fidelma trat der Äbtissin gegenüber.

»Ich meine, wir sollten ernsthaft miteinander reden, Mutter Äbtissin, und alle hochmütigen Auffassungen von Rang und Pflicht einmal beiseite lassen. Das würde mir meine Aufgabe erleichtern.«

Die Äbtissin stutzte bei diesem direkten Herangehen.

»Ich dachte, wir hätten ernsthaft geredet«, konterte sie leicht irritiert.

»Nicht ernsthaft genug, wie mir scheint. Natürlich wirst du dich durch einen dalaigh deiner Wahl vertreten lassen wollen .«

Die Miene der Äbtissin wurde wieder besorgt.

»Ich sage dir doch, daß ich mit diesem Mord nichts zu tun habe! Du glaubst doch nicht, daß man mich eines Mordes beschuldigt, den ich nicht begangen habe?«

»Warum nicht? Das ist anderen Leuten auch schon passiert«, antwortete Fidelma ungerührt. »Doch ich will nicht wissen, was du dem dalaigh, den du dir wählst, erzählst, sondern ich möchte von dir ein paar Fragen beantwortet haben, die meiner Ansicht nach die Dinge angehen, die sich in den letzten Wochen hier ereignet haben.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Ich kann bezeugen, ebenso wie meine Männer, daß wir dich fanden, wie du mit einem Messer in der Hand über Gabrans Leiche gebeugt standst«, erklärte ihr Fidelma hart.

»Ich habe dir alles gesagt, was du wissen mußt«, erregte sich die Äbtissin.

»Alles? Ich habe mit deiner Schwester Deog gesprochen.«

Die Wirkung auf die Äbtissin war erstaunlich. Sie wurde blaß und öffnete bestürzt die Lippen.

»Sie hat nichts zu tun mit ...«, wollte sie protestieren, doch Fidelma schnitt ihr das Wort ab.

»Überlaß es mir, zu beurteilen, was ich für meine Nachforschungen wissen muß. Machen wir doch Schluß mit den Ausflüchten. Gib mir endlich ein paar ordentliche Antworten!«

Ein schwerer Seufzer entrang sich der Äbtissin Fainder, und sie neigte nachgiebig den Kopf.

»Ich weiß, daß du aus einer armen Familie in Ra-heen stammst, das hat mir deine Schwester erzählt. Ich glaube, du warst Novizin in der Abtei Taghmon.«

»Du hast dich fleißig umgetan«, erwiderte die Äbtissin bitter.

»Dann hast du dich entschlossen, nach Bobbio zu gehen?«

»Ich wurde mit einem Auftrag zu dieser Gründung Columbans geschickt. Ich brachte der Bibliothek in Bobbio einige Bücher als Geschenk.«

»Was hat dich veranlaßt, dich der römischen Regel zuzuwenden?«

Äbtissin Fainders Stimme klang nun fanatisch.

»Als ich nach Bobbio kam, waren seit dem Tod Co-lumbans kaum vierzig Jahre vergangen. Viele Mönche und Nonnen dort meinten, die Regeln, die er nach dem Vorbild der irischen Häuser aufgestellt hatte, seien irregeleitet. Columban war zwar ein Heiliger, doch er stritt sich mit vielen seiner Anhänger. Noch bevor Columban über die Alpen nach Bobbio kam, hatte sich der heilige Gallus von ihm getrennt und ein eigenes Kloster gegründet. Ich schloß mich denen an, die gesehen hatten, wie die religiösen Gemeinschaften in den westlichen Kirchen geführt wurden, und dadurch zu der Auffassung gelangt waren, wir sollten die irische Regel aufgeben und die Regel des heiligen Benedikt von Nursia annehmen.«

»Also hast du es aus Überzeugung getan?«

»Natürlich.«

»Dann gingst du weiter nach Rom?«

»Der Abt von Bobbio bat mich, nach Rom zu gehen, um ein Nebenkloster zu unterstützen, das wir dort als Gästehaus für Pilger unterhielten.«

»Das klingt so, als wärst du nicht gern gegangen?«

»Zuerst nicht. Für den Abt war es ein Mittel, sich der Gegner seiner Leitung zu entledigen. Er war gegen die Regel des heiligen Benedikt.«

»Aber du gingst?«

»Ja. In persönlicher Hinsicht war es eine glückliche Zeit für mich. Ich führte das Gästehaus nach der Regel des heiligen Benedikt, und ich lebte und arbeitete im großen Zentrum der Christenheit. Dort konnte ich die Segnungen der Bußgesetze studieren.«

»Wie wurdest du mit Abt Noe bekannt?«

»Ganz einfach. Auf seiner Pilgerfahrt nach Rom im vorigen Sommer wohnte er in meinem Gästehaus.«

»Vorher kanntest du ihn nicht, und du bist auch nicht mit ihm verwandt?«

»Nein.«

»Trotzdem hat er dich dazu überredet, mit ihm nach Laigin zurückzukehren und Äbtissin von Fearna zu werden?«

»Er sprach von Fearna«, sagte die Äbtissin selbstzufrieden. »Ich habe ihn dazu überredet, mich mitzunehmen.«

»Wie kam es dazu?«

»Ich vermute, er schätzte die Art, wie ich mein Haus in Rom leitete.« Die Äbtissin wurde wieder vorsichtig.

»Er kannte deine Ansicht von den Bußgesetzen?«

»Wir redeten bis tief in die Nacht hinein über solche Dinge. Bei aller Bescheidenheit, ich habe ihn zu meiner Meinung bekehrt.«

»Wirklich? Du mußt es hervorragend verstehen, andere zu überzeugen«, bemerkte Fidelma.

»Das ist nicht so erstaunlich. Abt Noe ist ein sehr fortschrittlicher Mensch. Er teilte meine Vorstellung von einem Königreich, das nach den Bußgesetzen regiert wird, und wir sprachen davon, daß er der geistliche Berater des jungen Fianamail werden könnte. Als Berater und Beichtvater hätte er großen Einfluß in solchen Fragen.«

»So entwickelte Abt Noe plötzlich diesen Ehrgeiz. Wie kam es, daß du seine Nachfolgerin in Fearna wurdest, während doch der Brauch vorschreibt, daß ein Abt oder eine Äbtissin in derselben Weise gewählt werden muß wie ein Fürst oder ein anderer Anführer

- daß der Kandidat aus den fine, also der Familie des Vorgängers, nämlich seiner Gemeinschaft oder seinen Blutsverwandten, auszusuchen und von den derbhfine zu wählen ist?«

Äbtissin Fainder errötete und schwieg.

»Deine Schwester sagt, eure Familie sei nicht verwandt mit Noes Familie oder mit seiner geistlichen Gemeinschaft in Fearna. Auf diese Weise entspricht die kirchliche Organisation der bürgerlichen Organisation des Landes.«

»Je eher das verändert wird, desto besser«, fuhr die Äbtissin auf.

»Darin könnte ich dir sogar zustimmen. Die Ämter von Bischöfen und Äbten sollten nicht über Generationen in derselben Familie verbleiben. Um aber zur Wirklichkeit zurückzukehren - wie hat Noe deine Wahl ins Amt bewerkstelligt?«

Äbtissin Fainder schwieg einen Moment und sagte dann mit gepreßter Stimme: »Er ließ verlauten, ich wäre seine entfernte Kusine, und niemand wagte es, gegen seinen Wunsch zu handeln.«

»Nicht einmal die rechtaire, die Verwalterin der Abtei? Sie muß die Wahrheit gekannt haben. Sie ist mit der Familie des Königs verwandt.«

Die Äbtissin verzog das Gesicht zu einer Miene, die ihre geringe Meinung von Schwester Etromma ausdrückte.

»Sie ist ein einfaches Wesen und damit zufrieden, die Geschäfte der Abtei zu besorgen.«

Fidelma warf der Äbtissin einen langen forschenden Blick zu.

»In Wirklichkeit hast du Noe dadurch bekehrt, daß du seine Geliebte wurdest, nicht wahr?«

Mit dieser scharfen, unerwarteten Frage hatte sie die Äbtissin überrumpelt. Mit ihrem Erröten bestätigte sie Fidelmas Vermutung. Die schüttelte traurig den Kopf.

»Es geht mich nichts an, wie die Mönche und Nonnen in Laigin ihre Gemeinschaften leiten, aber es berührt natürlich den Fall Eadulf. Weiß Forbassach von deinem wirklichen Verhältnis zu Noe?«

»Er weiß es«, flüsterte die Äbtissin.

»Für den Brehon dieses Königreichs scheint der Bischof ein reichliches Maß an Rechtsbeugung hinzunehmen.«

»Mir ist nicht bekannt, daß Bischof Forbassach das Recht bricht oder beugt«, protestierte die Äbtissin.

»Ich meine, das weißt du sehr gut! Forbassach ist ebenfalls dein Geliebter, ist das nicht so?«

Die Äbtissin schwieg unsicher, dann verteidigte sie sich: »Ich glaubte Noe zu lieben, bis ich hierherkam und Forbassach kennenlernte. Das Zölibat ist ja auch nicht von der Kirche vorgeschrieben.«

»Das stimmt, abgesehen von der Regel, die du befolgst. Eure merkwürdige Dreierb eziehung müßt ihr mit eurem eigenen Gewissen abmachen und mit For-bassachs Ehefrau. Ich weiß, daß er verheiratet ist. Sie muß sich überlegen, ob dieses Verhältnis ein Scheidungsgrund ist oder ob sie sich stillschweigend mit der Situation abfinden will. Weiß Noe von Forbas-sach?«

»Nein!« Äbtissin Fainder war puterrot vor Beschämung. »Ich habe versucht, mit ihm zu brechen, aber ...«

»Das ist schwierig, nachdem er dich zur Äbtissin gemacht hat?« ergänzte Fidelma spöttisch.

»Ich liebe Forbassach.« Das klang fast trotzig.

»Aber es wird einen hübschen Skandal geben, besonders bei denen, die die Sache Roms und der Bußgesetze verfechten. Nur des Interesses halber, warum hast du dich geweigert, Daig als deinen Schwager und Deog als deine Schwester anzuerkennen? Ich kann nicht glauben, daß es zum Schutz deiner sozialen Stellung geschah.«

»Ich habe Deog regelmäßig besucht«, widersprach Fainder.

»Gewiß, aber heimlich und weil ihre Hütte ein abgelegener Ort ist, an dem du dich mit Forbassach treffen kannst.«

»Du hast deine Frage bereits selbst beantwortet. Du verstehst das nicht, weil du schon immer einen hohen sozialen Rang hattest. Wenn man den nicht hat und ihn endlich erlangt, dann tut man alles - wirklich alles -, um sich das zu erhalten, was man erreicht hat.«

Fidelma spürte die Heftigkeit in ihrer Stimme.

»Alles?« überlegte sie. »Mir fällt ein, daß Daigs Tod dir zum Schutz deiner Stellung recht gelegen kam.«

»Es war ein Unfall. Er ertrank.«

»Ich nehme an, du weißt, daß er allein auf Gabrans Wort hin gegen Bruder Ibar ausgesagt hat? Je länger er über den Fall nachdachte, desto weniger glaubte er an Ibars Schuld.«

Dieser plötzliche Themenwechsel Fidelmas verwirrte Äbtissin Fainder.

»Das stimmt nicht. Es war Daig, der Bruder Ibar festnahm.«

»Aber erst, nachdem Gabran gegenüber Daig behauptet hatte, daß Ibar schuldig sei. Hat Gabran Daig wirklich die Wahrheit gesagt? Und warum kam Daig, nachdem er seine Aussage gemacht hatte, so plötzlich zu Tode?«

Fainders Gesicht verzog sich jetzt vor Zorn.

»Es war ein Unfall. Er ertrank - das habe ich dir doch schon erklärt. Außerdem hat das alles nichts mit mir zu tun.«

»Vielleicht hätte Daig mehr Licht in die Sache bringen können. Wir wissen es nicht. Und nun ist wieder jemand tot, der uns mehr darüber hätte sagen können.« Sie wies auf Gabrans Kajüte.

Äbtissin Fainder stand auf und trat Fidelma gegenüber. Anscheinend versuchte sie etwas von ihrem früheren Hochmut zurückzugewinnen.

»Ich weiß nicht, was du damit meinst oder andeuten willst«, sagte sie kühl. »Ich weiß nur, daß du versuchst, deinen angelsächsischen Freund zu entlasten. Du willst mich beschuldigen und Bischof Forbassach mit hineinziehen, weil wir uns lieben.«

»Mir scheint«, unterbrach sie Fidelma gelassen, »daß bei allem, was in Fearna passiert, Leute die Gewohnheit haben, getötet zu werden oder zu verschwinden. Darüber würde ich an deiner Stelle mal nachdenken, wenn du so unschuldig bist, wie du behauptest.«

Äbtissin Fainder starrte Fidelma aus großen dunklen Augen an. Sie war blaß geworden. Sie trat einen Schritt vor und öffnete den Mund, doch da gellte ein schriller Schreckensschrei aus dem Wald am Ufer.

Einen Moment standen die Äbtissin und Fidelma wie erstarrt vor Überraschung. Der Schrei einer hohen weiblichen Stimme wiederholte sich.

Fidelma wandte sich zum Ufer um und sah eine kleine Gestalt aus dem Wald herausrennen, anscheinend blindlings, denn sie stürmte ans Ufer und hielt plötzlich an, als ihr der Fluß den Weg versperrte. Dann warf sie sich herum wie eine Schnepfe, schlug Haken, duckte sich und lief fort, so schnell sie konnte.

»Enda! Rasch!« rief Fidelma und rannte zum Ufer.

Sie hatte gesehen, daß es ein schmächtiges, zerlumptes, barfüßiges Mädchen war.

Enda hatte nicht weit von der Stelle gestanden, an der das Mädchen aus den Büschen herausgekommen war; er sauste los und holte es mühelos ein. Er packte es an einem seiner dünnen Arme und drehte es herum. Es schluchzte, weinte und schlug kraftlos mit der freien Hand auf ihn ein.

Fidelma war schon auf den Holzkai gesprungen und kam Enda zu Hilfe.

Als sie neben ihm stand, hörte sie, wie Pferde durch die Bäume und Büsche auf den Uferweg stürmten. Sie drehte sich um und schaute in die überraschten Gesichter von Bischof Forbassach und Krieger Mel, die ihre schnaubenden Rösser parierten.

Sie blickte wieder zu der zerlumpten Gestalt vor ihr.

»Sie sind hinter mir her! Laßt sie mich nicht umbringen! Ach, bitte, laßt sie mich nicht umbringen!« kreischte das Mädchen. Es war kaum mehr als dreizehn Jahre alt.

»Dann schlag nicht um dich«, versuchte Fidelma es zu beruhigen. »Wir tun dir nichts.«

»Sie bringen mich um!« schluchzte das Mädchen. »Sie wollen mich umbringen!«

Fidelma merkte, daß Äbtissin Fainder herbeigekommen war und hinter ihr stand.

Entsetzt stammelte die Äbtissin: »Das ist ja Schwester Fial. Wir haben dich schon gesucht, Schwester.«

Fidelma fiel das zerzauste Aussehen des Mädchens auf.

»Dein Kleid ist ganz naß«, meinte sie. »Bist du im Fluß geschwommen?«

Eadulf und seine beiden Schützlinge hatten lange Zeit gebraucht, bis sie die Berge überquert hatten, obgleich die Bezeichnung Berge etwas übertrieben war, denn sie erhoben sich kaum über vierhundert Meter. Die Schwierigkeit lag nicht in der Höhe, sondern in dem kahlen, felsigen Boden und darin, daß die Mädchen von ihren Strapazen erschöpft waren. Auch Eadulf selbst war nach wochenlanger Haft in der Zelle und trotz seiner Versuche, sich fit zu halten, nicht in bester körperlicher Verfassung. Beim Anstieg mußten sie häufig eine Ruhepause einlegen.

Sie hatten sich nach Norden gewandt, zum nordöstlichen Ende der Bergkette, und danach den Weg nach Südwesten eingeschlagen. In der Ferne konnte Eadulf den hohen Schatten des Gelben Berges erkennen, und das bestärkte ihn in der Ansicht, ihre größte Hoffnung, die Nacht einigermaßen geborgen und ohne Gefahr der Unterkühlung zuzubringen, bestünde darin, Dalbachs Rat zu folgen und in der kleinen Ordensniederlassung der heiligen Brigitta von Kildare am Südhang Schutz zu suchen. Doch der Nachmittag verging schnell. Es war noch ein weiter Weg, den sie bis zum Einbruch der Nacht zurückzulegen hatten.

Kapitel 18

Wenige Minuten nach dem überraschenden Auftauchen Fials und ihrer Verfolger erschien Dego beim Schiff in Begleitung von Coba und mehreren seiner Krieger. Coba schlug vor, sie alle sollten die Behaglichkeit seiner Burg in Cam Eolaing nutzen und dort die Ereignisse besprechen. Fidelma war es noch nicht gelungen, der nach wie vor vollkommen verwirrten Fial irgend etwas Sinnvolles zu entlocken, und von Bischof Forbassach und Mel hatte sie ebensowenig erfahren. Beide schienen plötzlich nicht geneigt, sich irgendwie zu erklären. Die Äbtissin war auch still geworden. Fidelma war noch unentschlossen, als Dego sie darauf hinwies, daß der Tag fortgeschritten war und es bald dunkel würde. Damit war ihr die Entscheidung abgenommen.

Einige von Cobas Männern kannten den Fluß gut, und sie erboten sich, Gabrans Schiff zum Kai unterhalb der Burg von Cam Eolaing zu bringen. Zwei andere Männer und Enda übernahmen die Pferde und ritten mit ihnen zurück, während Fidelma mit den anderen das Schiff bestieg.

»Wenn wir deine Burg erreichen, Coba«, erklärte Fidelma dem Fürsten, »werde ich diese Leute verhören und versuchen herauszubekommen, was geschehen ist. Da du Friedensrichter dieses Gebiets bist, meine ich, du solltest als örtlicher Vertreter neben mir sitzen.«

Bischof Forbassach erhob sofort Einspruch.

»Coba hat nicht mehr die Berechtigung, als Friedensrichter zu fungieren«, beschwerte er sich scharf. »Dadurch, daß er deinem angelsächsischen Freund zur Flucht verhalf, hat er seine Vollmacht verloren. Du warst im Gasthaus dabei, als ich ihm das klargemacht habe.«

»Die Aberkennung eines Ranges muß vom König ausgesprochen und bestätigt werden«, wies ihn Fidelma zurecht. »Hat Fianamail Coba formell seines Ranges als bo-aire enthoben?«

Bischof Forbassach schien gereizt.

»Der König war mit Abt Noe auf der Jagd in den Bergen des Nordens, als ich ihn wegen Cobas Rechtsbruch sprechen wollte.«

»Also bleibt gegenwärtig, bis der König von der Jagd zurück ist, Coba der bo-aire dieses Gebiets, ist das korrekt?«

Bischof Forbassach schaute sie verächtlich an.

»Nicht in meinen Augen, und ich bin der Brehon von Laigin.«

»In den Augen des Gesetzes ist Coba immer noch Friedensrichter, während du selbst zu tief in diesen Fall verwickelt bist, Forbassach. Er wird mit mir den Vorsitz führen, während ich die Untersuchung vornehme.«

In Cobas Blick auf Forbassach und die Äbtissin lag kein geringer Triumph.

»Das werde ich gern tun, Schwester. Hier scheint ein Fall von geheimem Einverständnis vorzuliegen.«

»Das werden wir in Cam Eolaing erörtern«, versprach ihm Fidelma.

Es wurde schon dunkel, als das Schiff an dem Holzkai unterhalb der Burg von Cam Eolaing anlegte. Fackeln erhellten den Weg vom Fluß zum Tor von Cobas Burg. Eine kleine Gruppe von Gefolgsleuten des Fürsten hatte sich versammelt, als sie hörten, daß er zurückkehre und einen Leichnam mit sich führe. Sie drängten sich besorgt am Tor in der Befürchtung, ein Mitglied seines Haushalts könnte getötet worden sein.

Als Coba seine Schar zur Burg führte, hielt er kurz bei ihnen an und nannte den Namen des Toten. Überraschtes Gemurmel erhob sich, als sie erfuhren, es handle sich um Gabran.

»Nun geht wieder an eure Arbeit«, rief ihnen der Fürst zu. »Laß Feuer in den Sälen machen, und bereite Stärkungen für die Gäste vor«, wies er seinen Verwalter an, und zu den Stallknechten sagte er: »Nehmt die Pferde und versorgt sie.« Die Träger des Leichnams Gabrans erhielten den Befehl: »Schafft das in die Kapelle.«

Mit einem halben Dutzend knapper Anweisungen hatte Coba einen angemessenen Empfang für seine Gäste organisiert, für die unfreiwilligen wie für die freiwilligen. Erst nachdem sie gebadet, gegessen und sich ausgeruht hatten, wurden sie in den großen Saal gerufen, wo ein Feuer im Kamin loderte und Fackeln den Raum bis in die dunklen Winkel hinein erhellten.

Coba nahm seinen Amtssessel ein, und Fidelma erhielt einen Stuhl an seiner Seite.

Sie schaute hinunter in die erwartungsvollen Gesichter von Äbtissin Fainder, Mel, Enda und Dego und auf die verstockte, zusammengekauerte Gestalt des Mädchens Fial. Dann runzelte sie die Stirn und sah sich rasch um.

»Bischof Forbassach? Wo ist er?« Sie erfaßte ein Funkeln in den Augen Äbtissin Fainders.

Coba drehte sich zu dem Hauptmann seiner Krieger um, und der verließ eilig den Raum.

Fidelma sah Äbtissin Fainder scharf an.

»Es würde es uns allen leichter machen, wenn du uns sagtest, wo Forbassach geblieben ist.«

»Du nimmst an, daß ich das weiß?« fragte die Äbtissin spöttisch.

»Ich bin sicher, daß du es weißt«, erwiderte Fidelma bestimmt.

»Ich habe nichts Unrechtes getan«, gab Äbtissin Fainder zurück und hob trotzig das Kinn. »Ich weise es als unrechtmäßig zurück, daß ich hier festgehalten und von dir oder dem bo-aire von Cam Eolaing verhört werde. Coba hat bewiesen, daß er mir feindlich gesinnt ist. Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten.«

Ihre Miene verriet Fidelma, daß sie mit der Äbtissin nicht weiterkommen würde.

»Meine Leute werden die Burg absuchen, Schwester«, versicherte ihr Coba. »Wir werden ihn finden.«

Da kam Cobas Hauptmann zurück und ging direkt zu Coba.

»Bischof Forbassach hat die Burg verlassen!«

Coba fuhr überrascht auf. »Ich habe eine Wache ans Tor gestellt und den Befehl gegeben, daß niemand ohne meine Genehmigung oder die von Schwester Fidelma hinaus dürfe. Wie konnte das geschehen? Wurde mein Befehl nicht befolgt?«

Der Mann verzog verlegen das Gesicht. »Nein, mein Fürst. Das Tor steht offen, und Forbassach hat sich ein Pferd genommen. Jemand sah, wie er wegritt

- der wußte nicht, daß er keine Erlaubnis hatte, ihn trifft keine Schuld -, und zwar in Richtung Fearna.«

Coba fluchte heftig.

»Aequo animo«, murmelte Fidelma tadelnd.

»Mein Gemüt ist ruhig«, fauchte Coba. »Wo ist der Posten, der am Tor stand? Wo ist der, der Bischof Forbassach durchgelassen hat? Bringt ihn mir her!«

»Der ist auch weg«, knurrte der Hauptmann.

Coba war verblüfft. »Weg? Wer ist dieser Krieger, der es wagt, gegen meinen Befehl zu handeln?«

»Der Mann heißt Dau. Er hat einen verbundenen Kopf.«

Coba wurde plötzlich nachdenklich. »Derselbe Mann, der bewußtlos geschlagen wurde, als der Angelsachse heute morgen geflohen ist?«

»Der ist es.«

»Weiß man auch, in welche Richtung Dau geflohen ist?« schaltete sich Fidelma ein.

»Derjenige, der den Bischof in Richtung Fearna reiten sah, Schwester, beobachtete auch, daß noch ein Mann bei ihm war«, antwortete der Krieger. »Das war zweifellos Dau. Sie sind zusammen geflohen.«

»Bischof Forbassach ist nicht geflohen«, lachte die Äbtissin höhnisch. »Er reitet nach Fearna und holt den König und seine Krieger, um deinem Verrat ein Ende zu bereiten, Coba, und Schluß zu machen mit den falschen Anschuldigungen dieser Freundin des angelsächsischen Mörders!«

»Ich friere und habe Hunger. Mir geht es schlecht. Können wir nicht eine Weile rasten?«

So beklagte sich Conna, das jüngere Mädchen.

Eadulf hielt an und schaute sich nach der Kleinen um, die in der Dunkelheit, die sich rasch über den Berg senkte, hinter ihm und Muirecht herhinkte.

»Hier ist es zu offen und ohne Schutz, Conna«, antwortete er. »Wir müssen noch vor Einbruch der Nacht oder bald danach das Nebenkloster erreichen. Wenn wir hierbleiben, erfrieren wir.«

»Ich kann nicht weiter. Meine Beine versagen.«

Eadulf biß die Zähne zusammen. Er wußte, daß sie jetzt auf dem Südhang des Gelben Berges waren und der Freistätte, von der Dalbach gesprochen hatte, ziemlich nahe. Wenn sie haltmachten, würden sie nicht wieder in Gang kommen, und hier draußen auf der windigen, ungeschützten Seite des Berges konnten sie leicht erfrieren.

»Wir gehen noch ein Stück weiter. Es kann nicht mehr weit sein. Ich glaube, ich sah ein Waldgebiet weiter unten am Hang, als vor einer Weile noch die Sonne schien. In die Richtung gehen wir. Wenn wir das Nebenkloster nicht finden, suchen wir uns eine geschützte Stelle im Wald. Vielleicht können wir sogar ein Feuer anmachen.«

»Ich kann nicht weiter!« jammerte Conna.

»Laß sie hier«, knurrte Muirecht. »Ich friere auch und habe auch Hunger, aber ich will heute nacht nicht sterben.«

Eadulf wollte sie wegen ihrer Hartherzigkeit schelten, schonte aber lieber seinen Atem. Er wandte sich um und ging zurück zu Conna, die sich auf einen Felsen gesetzt hatte.

»Wenn du nicht laufen kannst«, sagte er fest, »muß ich dich eben tragen.«

Das Mädchen blickte ihn unsicher an. Dann senkte es den Kopf und stand mühsam auf.

»Ich versuch noch ein bißchen weiterzugehen«, murrte es.

Es dauerte lange, bis das Waldstück an der kräftigen Schulter des Berges auftauchte, nicht mehr als ein dunkler Schatten. Es war nicht weit entfernt, doch Eadulf konnte nichts erkennen außer seinem Umriß, der mit dem Berghang zu verschmelzen schien.

»Kommt!« sagte Eadulf. »Jetzt ist es nicht mehr weit.«

Sie trotteten weiter. Conna wimmerte leise vor sich hin, das ältere Mädchen war stumm und zornig.

Als sie den Wald erreichten, wirkte er wenig einladend in seiner dämmerigen Schwärze. Eadulf hatte Mühe, den Pfad zu verfolgen. Doch daß es einen begangenen Weg gab, war schon ein gutes Zeichen, er mußte zu dem Nebenkloster führen. Die Nacht kam rasch, und kein Mond leuchtete ihnen, denn der Himmel war stark bewölkt.

Nach einer Weile merkte Eadulf, daß die Bäume lichter wurden: Sie kamen wieder auf offenes Land hinaus. Der Pfad gabelte sich; zum Glück hatte er den Blick auf dem Boden, um die richtige Richtung zu finden, sonst hätte er die Abzweigung verpaßt.

Muirecht rief plötzlich: »Seht mal! Da unten ist ein Licht. Schau mal, Angelsachse, dort unten!«

Eadulf hob den Kopf. Das Mädchen hatte recht. Weiter unten an dem dunklen Abhang sah er ein Licht flackern. War es ein Feuer oder eine Laterne?

»Über uns ist auch ein Licht«, maulte Conna.

Überrascht wandte sich Eadulf um und spähte in die andere Richtung. Über ihnen erkannte er den schwachen Schein einer pendelnden Laterne. Sie war näher als das Licht unten. Er faßte einen Entschluß.

»Wir gehen nach oben auf das Licht zu.«

»Es wäre aber leichter, nach unten zu gehen«, wandte Muirecht ein.

»Doch der Rückweg wäre länger, wenn wir uns irren«, erklärte Eadulf logisch. »Wir gehen hinauf.«

Er lief voran, den Weg hinauf zu dem flackernden Licht. Es war weiter, als er dachte, aber schließlich kamen sie zu einer ebenen Stelle, und mehrere Gebäude, von Mauern umgeben, tauchten aus der Dunkelheit auf. Eine Laterne hing über dem Tor, und ein eisernes Kruzifix am Tor zeigte an, welchem Zweck die Gebäude dienten.

Eadulf seufzte erleichtert. Endlich hatten sie das Nebenkloster gefunden, das Dalbach empfohlen hatte. Er zog an dem Glockenstrang vor dem Tor.

Ein junger Mönch mit frischem Gesicht öffnete ihnen. Erstaunt blickte er auf das seltsame Trio, das da draußen im Lichtkreis der Laterne stand.

»Kann ich Bruder Martan sprechen?« redete Eadulf ihn an. »Dalbach hat mich hergeschickt, damit ich hier Schutz suche. Ich brauche Nahrung, Wärme und Unterkunft für mich und diese beiden Kleinen.«

Der junge Mönch trat zurück und winkte sie herein.

»Kommt rein, kommt alle rein.« Sein Willkommensgruß klang herzlich. »Ich führe dich zu Bruder Martan, und während du mit ihm sprichst, sorge ich für deine Töchter.«

Eadulf gab sich keine Mühe, den wohlmeinenden jungen Mann zu berichtigen.

Bruder Martan war untersetzt und hatte ein pausbäckiges Gesicht. Er stand schon im vorgerückten Alter und lächelte beständig.

»Deus tecum. Du bist willkommen, Fremder. Ich höre, du bist mit dem Segen Dalbachs gekommen.«

»Er sagte mir, in deinem Hause könnte ich für eine Nacht Schutz vor den Elementen finden.«

»Da sagte Dalbach die Wahrheit. Kommst du von weither? Deine Sprache ist die eines Ausländers.«

Der Alte hielt inne, denn Eadulf hatte inzwischen automatisch den Hut abgenommen.

»Du trägst die Tonsur des heiligen Petrus. Gehörst du zum Glauben?«

»Ich bin ein angelsächsischer Bruder«, gestand Eadulf.

»Und du bist mit deinen Kindern unterwegs?«

Eadulf schüttelte den Kopf, und ohne auf seinen eigenen Hintergrund einzugehen, erläuterte er, wie er die Mädchen gefunden hatte.

»Ach ja, solche Tragödien sind nicht ungewöhnlich«, seufzte Bruder Martan traurig, als Eadulf geendet hatte. »Ich habe schon von solch schlimmem Handel mit Menschenfleisch gehört. Und du sagst, der Name Ga-bran wurde bei diesem bösen Unternehmen genannt? Der Mann ist bei unseren Brüdern in Fearna bekannt. Er treibt Handel den Fluß entlang.«

»Ich mache mich morgen in aller Frühe auf den Weg nach Fearna.«

»Und die beiden Mädchen?«

»Könnte ich sie bei dir in sicherer Verwahrung lassen?«

Bruder Martan stimmte zu. »Sie können hier so lange bleiben wie nötig. Vielleicht können sie ein neues Leben in einer familiären Klostergemeinschaft beginnen, nachdem ihre eigenen Familien sie ausgestoßen haben. Der Glaube braucht immer Novizinnen.«

»Das müssen sie selbst entscheiden. Im Augenblick haben sie schlimme Erfahrungen gemacht. Verraten werden ist eine Sache, aber von den eigenen Eltern verraten werden ...« Er erschauerte leicht.

»Komm, Bruder.« Bruder Martan erhob sich. »Ich habe dich lange genug vom Essen und vom Glühwein abgehalten. Danach mußt du dich ausruhen. Du siehst völlig erschöpft aus.«

»Das bin ich auch«, gab Eadulf zu. »Ich hätte beinahe den falschen Pfad genommen, als wir aus dem Wald herauskamen. Hätte ich mich anders entschieden und wären wir noch länger am Berg herumgewandert, weiß ich nicht, ob ich noch lange hätte wach bleiben können.«

Bruder Martan sah ihn erstaunt an. »Hast du nicht unsere Laterne gesehen, die immer vor dem Tor unseres Klosters brennt?«

»O ja«, erwiderte Eadulf. »Aber ich dachte erst, das andere Licht wäre euer Zeichen.«

»Das andere Licht?« fragte Bruder Martan und lächelte dann, als er begriff. »Ach so! Weiter unten am Berg, ein paar Kilometer von hier, steht eine Jagdhütte des Königs. Wenn er oder seine Jäger dort übernachten, sieht man oft Feuer und Lichter. Sicher ist jetzt Fianamail oder jemand aus seiner Familie dort untergekommen.«

Eadulf stöhne beinahe laut auf vor Erleichterung. Hätte er sich falsch entschieden, wäre dieser Tag anders für ihn ausgegangen. In mehr als einer Hinsicht dankbar, folgte er dem freundlichen Vorsteher in den Speisesaal des Klosters.

In der Halle der Burg von Cam Eolaing hatte Fidelma zwanglos wieder die Leitung übernommen.

»Da Bischof Forbassach von hier geflohen ist«, erklärte sie ihren Zuhörern mit sarkastischem Unterton, »könnte man das - so wie er und andere Menschen ähnliche Handlungen anderer Leute ausgelegt haben -als ein Zeichen der Schuld werten.« Sie schaute Äbtissin Fainder herausfordernd an, die hochrot wurde, aber schwieg. »Doch wir haben mit ihm oder ohne ihn noch viel zu erledigen.«

»Ich glaube nicht, daß du Zeit hast, irgend etwas zu erledigen, Schwester Fidelma. Der Bischof wird bald mit den Kriegern des Königs zurückkehren«, provozierte sie Mel.

Coba ging nicht auf die Drohung ein. »Warum habt ihr, du und Bischof Forbassach, versucht, Fial umzubringen?« fragte er barsch, ohne auf Fidelmas Eröffnung zu warten.

»Wir haben nichts dergleichen getan!« antwortete Mel kühl.

»Fial selbst beschuldigt euch.«

»Das stimmt nicht.«

»Doch, das stimmt!« beharrte Fial, die sich jetzt ein wenig beruhigt hatte, und schaute in die Runde. »Ihr alle wollt mich umbringen.«

Fidelma sah Coba an, bevor sie sich einschaltete, denn sie war ja eigentlich nur Gast in der Halle. Der bo-aire nickte ihr zu.

»Sagen wir es mit anderen Worten, Mel. Warum habt ihr, du und Bischof Forbassach, das Mädchen verfolgt?«

»Es war bekannt, daß Schwester Fial aus der Abtei verschwunden war. Wir wollten weiter nichts als sie zurückbringen.«

»Aber woher wußtet ihr, wo sie war?« forschte Fidelma.

»Ich wußte nicht, wo sie war. Ich glaube, Bischof Forbassach wußte es auch nicht, bis wir zufällig auf sie stießen.«

»Du sagst, ihr seid zufällig auf sie gestoßen? Ich muß wohl etwas überhört haben. Wieso kamt ihr auf der Suche nach Schwester Fial hierher?«

»Warum nennst du mich denn dauernd Schwester?« rief Fial gekränkt dazwischen. Sie begann wieder zu schluchzen.

Fidelma ging zu ihr und streichelte ihr den Arm.

»Hab noch ein bißchen Geduld, liebes Kind. Wir werden die Wahrheit bald heraushaben.« Sie sah Mel an. »Erzähl deine Geschichte weiter, Mel. Wie kamst du hierher?«

»Daran mußt du dich erinnern können«, sagte Mel. »Du warst doch dabei. Ich kam herunter in den Hauptraum des Gasthauses meiner Schwester. Du warst da mit Coba, Bischof Forbassach und Abt Noe. Du hast Gabran beschuldigt, er habe dich angegriffen. Bischof Forbassach erklärte dir, er werde das untersuchen, und befahl mir, ihn zu begleiten.«

»Hast du dich deswegen heute früh in Cam Eolaing nach Gabran erkundigt?« unterbrach ihn Fidelma.

Mel nickte bejahend.

»Bischof Forbassach und ich gingen zuerst zur Abtei. Nachdem er mit Äbtissin Fainder gesprochen hatte, ritten wir hinaus auf der Suche nach Gabran, um zu sehen, ob an deiner Beschuldigung etwas dran wäre. Der Bischof wollte nicht glauben, daß du die Geschichte erfunden hattest.«

Fidelma sah Äbtissin Fainder an. »Hast du Forbas-sach gesagt, wo Fial sich aufhielt?«

»Ich wußte nicht, wo sie war«, verwahrte sie sich dagegen.

»Aber du hast dich heute früh mit Bischof Forbas-sach getroffen?«

»Er kam sehr früh, nachdem er im Gasthaus mit dir gesprochen hatte. Er berichtete mir von deiner Beschuldigung Gabrans, aber er sagte mir nicht, daß er ihn suchen wolle. Deshalb machte ich mich selbst auf die Suche nach ihm.«

Fidelma wandte sich wieder Mel zu. »Und du sagst, ihr beide seid sofort auf die Suche nach Gabran gegangen? Willst du behaupten, ihr wärt gerade erst angekommen, als wir euch hinter Fial herjagen sahen?«

»Da kamen wir bei Gabrans Schiff an, das stimmt.«

Fidelma schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Wenn ihr nach deiner Aussage die Abtei so früh verlassen habt, und eure frühe Ankunft in Cam Eolaing mit der Erkundigung nach Gabran scheint das zu bestätigen, wie kommt es dann, daß ihr Gabrans Schiff erst erreicht habt, als wir euch dort trafen? Wir hätten euch nicht so weit überholen können.«

»Wir wurden in die Irre geschickt.« Mel blieb unbeeindruckt von dem offensichtlichen Widerspruch.

»Wir ritten den falschen Arm des Flusses hinauf, und als wir merkten, daß er so schmal wurde, daß Gabrans Schiff nicht dort sein konnte, lagen wir schon ein paar Stunden hinter euch. Wir mußten das ganze Stück bis fast nach Cam Eolaing zurück, bevor wir auf den richtigen Weg kamen. Hätten wir nicht den Fehler gemacht, hätten wir Gabrans Schiff schon vor Stunden erreicht, vor euch oder der Äbtissin.«

»Forbassach und du, ihr beide stammt aus dieser Gegend. Ihr mußtet doch wissen, wie sich der Fluß teilt.«

»Fearna ist sechs oder sieben Kilometer von hier entfernt. Ja, ich stamme von dort, aber ich kenne nicht jede Ecke in diesem Königreich.«

Fidelma fand die Erklärung fragwürdig, aber immerhin möglich. Ohne nähere Kenntnis der Gegend konnte sie sie nicht nachprüfen.

»Als ihr den Umweg gemacht hattet und Gabrans Schiff suchtet, was geschah dann?«

»Da trafen wir auf Schwester Fial«, erklärte Mel. »Wir ritten den Uferweg entlang, als völlig unverhofft das Mädchen aus den Büschen vor uns heraussprang und zurückprallte. Ich glaube, sie erkannte uns, aber sie schrie auf und rannte davon. Bischof Forbassach und ich setzten ihr nach. Als nächstes trafen wir dann auf euch ...« Er zuckte die Achseln und lächelte schief. »Na, alles andere weißt du ja, Schwester.«

Fidelma dachte eine Weile über diese Aussage nach und seufzte dann tief. Sie wandte sich an Fial. Die hatte aufgehört zu schluchzen, sah aber mitgenommen und elend aus.

»Fial, zuerst will ich dir sagen, daß ich es nicht böse mit dir meine. Wenn du zu mir ehrlich bist, bin ich auch zu dir ehrlich. Verstehst du mich?«

Das Mädchen antwortete nicht, seine Augen erinnerten Fidelma an die eines verschreckten Tieres, das ein Raubtier auf sich zukommen sieht. Impulsiv ging sie hin und legte dem Mädchen den Arm um die schmalen Schultern.

»Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich bin nicht deine Feindin, und ich werde dich vor deinen Feinden beschützen. Glaubst du mir?«

Es gab auch jetzt keine Reaktion. Fidelma versuchte es mit direkten Fragen.

»Wie lange warst du auf Gabrans Schiff gefangen?«

Das Mädchen schwieg weiter.

»Ich weiß, daß du dort warst. Du warst in einer kleinen Kajüte unter Deck angekettet.«

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Fial erschauerte und antwortete endlich.

»Ich weiß nicht, wie lange ich da war. Das letzte Mal waren es wohl zwei oder drei Tage. Es war dunkel, und ich hatte keine Ahnung, wie lange es war.«

»Du legst dem Mädchen die Worte in den Mund«, wandte Äbtissin Fainder ein.

Fidelma nahm Fials Hände mit ihren beiden Händen und hielt sie den Zuschauern hin.

»Habe ich auch diese Stellen an ihren Handgelenken verursacht, Äbtissin Fainder?« fragte sie ruhig. Die Handgelenke wiesen wunde Stellen auf, wo die Fesseln gerieben hatten. »Ich glaube, Fial könnte dir ähnliche Stellen an ihren Fußgelenken zeigen.«

Coba hatte bereits festgestellt, daß es sie gab.

»Wurdest du auf dem Schiff angekettet, Kind?« brummte er.

Als das Mädchen nicht antwortete, ermunterte es Fidelma, indem sie die Frage sanft wiederholte. Fial senkte den Kopf.

»Ja.«

»Wie konnte jemand so etwas einer Novizin antun?« empörte sich Äbtissin Fainder, die nun bereit war, das zu glauben, was sie vor Augen hatte. »Wer es auch war, er wird dafür zu bezahlen haben.«

Fidelma warf ihr einen spöttischen Blick zu.

»Gabran hat bereits dafür bezahlt, Äbtissin, wie du dich erinnern wirst. Dieselben Wunden von Handschellen waren auch bei Gormgilla zu sehen, laut Aussage deines Arztes, Bruder Miachs.« Dann wandte sie sich wieder dem Mädchen zu. »Außerdem war Fial niemals Novizin, weder in Fearna noch in irgendeiner anderen Abtei. Ist es nicht so?«

Fial schüttelte den Kopf.

»Du hast mir aber gesagt ...«, fuhr Äbtissin Fainder auf, doch Fidelma brachte sie mit einer Geste zum Schweigen.

»Erzähl uns deine Geschichte, Kind. Du und deine Freundin Gormgilla, ihr wurdet vor ein paar Wochen auf Gabrans Schiff nach Fearna gebracht, nicht wahr?«

»Wir waren keine Freundinnen, bis wir uns ken-nenlernten, nachdem Gabran uns als Gefangene auf sein Schiff nahm«, antwortete das Mädchen.

Äbtissin Fainder starrte sie zornig an. »Das ist aber nicht die Geschichte, die du dem Gericht bei der Verhandlung gegen den Angelsachsen erzählt hast.«

»Es gibt viele Geschichten, die dem Gericht erzählt wurden und die verändert werden müssen«, erwiderte Fidelma bissig. »Laß das Mädchen weiterreden. Wo stammst du her?«

»Unsere Väter waren beide daer-fudir, und da wir nur Töchter waren, ließen sie sich zu unserer Schande von Gabrans Gold dazu verführen, sich von uns zu trennen. Gormgilla und ich sprachen darüber in den langen dunklen Zeiten, in denen wir zusammen waren.«

»Willst du damit behaupten, daß Gabran Mädchen kaufte und sie weiter unten am Fluß verkaufte - an die Abtei?« rief Äbtissin Fainder entsetzt.

»Nicht an die Abtei«, verbesserte sie Fidelma. »Ga-bran nahm die Mädchen wahrscheinlich den Fluß hinunter mit nach Loch Garman und verkaufte sie an Sklavenschiffe, die sie Gott weiß wohin brachten.«

»Aber Gormgilla und dieses Mädchen waren doch Novizinnen in der Abtei«, widersprach die Äbtissin. »Dieses Mädchen hat selbst ausgesagt, daß sie Novizin ist.«

»Fial hat uns gerade erklärt, daß sie es nicht waren. Erzähl uns, Fial, von der Nacht, als Gabrans Schiff auf der Fahrt den Fluß hinab bei der Abtei anlegte.«

Das Mädchen blinzelte, aber seine Tränen waren inzwischen versiegt.

»Gormgilla war jünger als ich, erst zwölf. Als wir an Bord gebracht wurden, hatte Gabran ein Auge auf sie geworfen und .« Sie verstummte.

»Wir verstehen«, versicherte ihr Fidelma.

»Wir wußten nicht, wohin wir fuhren, weil wir die ganze Zeit in der dunklen Kajüte angekettet waren. Ich merkte, daß das Schiff angelegt hatte und einige Zeit liegen blieb. Gormgilla und ich fragten uns ängstlich, wie lange wir wohl in diesem ekelhaft stinkenden Raum eingesperrt sein würden. Dann öffnete sich die Tür, und Gabran zwängte sich hinein. Er roch nach Alkohol. Er schloß Gormgillas Fesseln auf, und sie fragte ihn, wo er mit ihr hin wollte.« Fial hielt inne, mit der Erinnerung beschäftigt.

»Was sagte Gabran?« fragte Fidelma.

»Er sagte, er nehme sie mit, damit sie auch etwas von dem Vergnügen habe und die Nacht schneller verginge. Dann schleppte er sie, obwohl sie sich wehrte, in die andere, größere Kajüte, und ich blieb allein in der Dunkelheit eingesperrt. Bald danach hörte ich Gormgilla schreien. Es gab auch andere Geräusche -wie von einem Kampf. Dann war alles still.«

Sie hielt wieder inne, als müsse sie mit ihrer Erinnerung fertig werden, ehe sie fortfuhr.

»Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging. Plötzlich wurde die Luke geöffnet. Erst dachte ich, Gabran käme zurück und wollte mich holen, aber es war ein anderer aus seiner Mannschaft - derselbe Mann, der uns an Bord gebracht hatte. Seinen Namen weiß ich nicht. Er befahl mir, mich absolut still zu verhalten, und versprach mir, wenn ich alles, ohne zu fragen, täte, was von mir verlangt würde, dann würde ich freikommen und belohnt werden.

Er nahm mich mit in die daneben liegende Kajüte, in der die Matrosen schliefen, obgleich Gormgilla und ich sie nie sahen; wir sahen niemand als Gabran und diesen einen Matrosen. Ich glaube nicht, daß die anderen überhaupt wußten, daß wir uns an Bord befanden. In dieser Kajüte erblickte ich Gabran. Er lag ausgestreckt auf dem Deck, und ich dachte, er wäre sinnlos betrunken - ich hatte meinen Vater oft so gesehen. Aber bald merkte ich, daß Blut an seiner Kleidung klebte und d