/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Das blaue Zimmer

Rosamunde Pilcher


Das blaue Zimmer

Rosamunde Pilcher

1985

1

Das große Zimmer war herrlich. Alles war zartblau, auch der Teppich und die blaßgelb eingefaßten Satinvorhänge. Über dem Bett wölkte sich weißer Musselin, kühl und luftig, und die Fenster gingen auf den Garten und den blauen Bach hinaus. Doch so schön und anmutig Stephanie, ihre Stiefmutter, das blaue Zimmer auch eingerichtet hat, bei Emily löst es nur traurige Gefühle aus. Die Vierzehnjärige, ein blasses, scheues Mädchen, steht noch immer im Bann der Erinnerung an den Tod ihrer Mutter. Ihre Stiefmutter erwaret ein Kind. Als Emily nach Hause kommt, haben bei Stephanie überraschend die Wehen eingesetzt. Niemand ist da, der helfen kann — niemand außer Emily. Wer soll die Verantwortung übernehmen, wenn nicht sie?

Als das Baby da ist, fühlt sie sich wie betäubt vor Glück. Sie weiß, daß in dem blauen Zimmer auch für sie ein neues Leben begonnen hat — eine erste Ahnung, was es heißt, erwachsen zu werden.

»Das blaue Zimmer« ist eine Geschichte aus Rosamunde Pilcher neuer Sammlung bezaubernder Erzählungen. Da ist die reizende alte Dame, die alles daransetzt, nicht eine jener reizenden alten Damen zu werden, die sich ständig in alles einmischen. Oder was geschieht, wenn man Gäste einlädt, diese den Tag verwechseln und plötzlich zu ungelegener Zeit in Abendgardarobe vor der Tür stehen?

Inhaltsverzeichnis

I  Toby

II  Ein Tag zu Hause

III  »Spanish Ladies«

IV  Miss Camerons Weihnachtsfest

V  Tee mit dem Professor

VI  Amita

VII  Das blaue Zimmer

VIII  Gilbert

IX  Das Vorweihnachtsgeschenk

X  Die weißen Vögel

XI  Der Baum

XII  Das Haus auf dem Hügel

XIII  Ein unvergeßlicher Abend

XIV  Lalla

Teil I

Toby

An einem kalten Frühlingstag kurz vor Ostern trat Jemmy Todd, der Briefträger, in die Küche der Hardings, legte ihnen die Morgenpost auf den Frühstückstisch und teilte ihnen mit, daß ihr Nachbar, Mr. Sawcombe, am frühen Morgen an einem Herzinfarkt gestorben war.

Vier Hardings saßen am Tisch. Toby, acht Jahre alt, aß seine Cornflakes. Als er nun von Mr. Sawcombes Tod hörte, konnte er den Mundvoll Cornflakes, teils durchweicht, teils knusprig, nicht herunterbringen, weil er das Kauen vergessen hatte und sich zudem ein Kloß in seiner Kehle bildete, der ihm das Schlucken unmöglich machte.

Nur gut, daß die übrige Familie sich ebenso erschüttert und sprachlos zeigte. Sein Vater, der fürs Büro angezogen war und gerade aufstehen und zur Arbeit gehen wollte, stellte seine Kaffeetasse hin, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah Jemmy an.

»Bill Sawcombe ist tot? Wann hast du es erfahren?«

»Der Pfarrer hat’s mir gleich erzählt, gerade als ich mit meiner Runde anfing. Hab ihn getroffen, wie er aus der Kirche kam.«

Toby sah seine Mutter an, deren Augen von Tränen glänzten. »Ach herrje.« Er konnte es nicht ertragen, sie weinen zu sehen. Er hatte sie schon einmal weinen sehen, als ihr alter Hund eingeschläfert werden mußte, und da war er tagelang das Gefühl nicht losgeworden, daß seine Welt in Stücke brach. »Die arme Mrs. Sawcombe. Wie schrecklich für sie.«

»Er hatte vor ein paar Jahren schon mal einen Herzinfarkt, wie ihr wißt«, sagte Jemmy.

»Aber er hat es überstanden. Und es ging ihm so gut; er hatte Freude an seinem Garten und genoß es, Zeit für sich zu haben, nachdem er all die Jahre auf dem Hof geschuftet hatte.«

Vicky, neunzehn Jahre alt, fand die Sprache wieder. »Ich halt’s nicht aus. Ich glaub, ich halt’s einfach nicht aus.«

Vicky war über die Ostertage nach Hause gekommen. Sie arbeitete in London, wo sie sich mit zwei anderen Mädchen eine Wohnung teilte. In den Ferien zog Vicky sich zum Frühstück nie an, sie kam im Bademantel herunter, aus weißem Frottierstoff mit blauen Streifen. Die Streifen waren von demselben Blau wie Vickys Augen; sie hatte lange helle Haare, und manchmal sah sie sehr hübsch aus und manchmal sehr häßlich. Jetzt sah sie häßlich aus. Kummer machte sie häßlich; dann zogen sich ihre Mundwinkel nach unten, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, was die spitzen Konturen ihres schmalen, knochigen Gesichts noch betonte. Der Vater sagte immer zu Vicky, sie sei viel zu dünn, aber da sie aß wie ein Scheunendrescher, konnte ihr niemand etwas vorwerfen, höchstens Gefräßigkeit.

»Er war so nett. Er wird uns fehlen.« Die Mutter sah Toby an, der immer noch mit vollem Mund dasaß. Sie wußte — alle wußten —, daß Mr. Sawcombe Tobys bester Freund gewesen war. Sie beugte sich über den Tisch und legte ihre Hand auf die seine. »Wir werden ihn alle vermissen, Toby.«

Toby antwortete nicht. Aber als er Mutters Hand auf seiner spürte, schaffte er es, die Cornflakes vollends herunterzuschlucken. Seine Mutter räumte voller Verständnis die halbleere Schale fort, die vor ihm auf dem Tisch stand.

»Nur gut«, sagte Jemmy, »daß Tom den Hof übernimmt. So steht Mrs. Sawcombe jetzt wenigstens nicht allein da.«

Tom war Mr. Sawcombes Enkel, dreiundzwanzig Jahre alt. Toby und Vicky hatten ihn ihr Leben lang gekannt. Früher, als sie viel jünger waren, waren Vicky und Tom zusammen auf Feste gegangen, auf Bälle des Reitervereins und im Sommer ins Ghymkhana-Zeltlager. Aber dann besuchte Tom die Landwirtschaftsschule, und Vicky ließ sich zur Sekretärin ausbilden und ging nach London, und jetzt hatten sie sich anscheinend nicht mehr viel zu sagen.

Toby fand das schade. Vicky lernte eine Menge neue Freunde kennen, die sie manchmal mit nach Hause brachte. Aber keinen fand Toby so nett wie Tom Sawcombe. Einmal war einer, Philip hieß er, gekommen, um mit den Hardings Silvester zu feiern. Er war sehr groß und blond und fuhr einen Wagen, der wie ein glänzender schwarzer Torpedo aussah, doch irgendwie fügte Philip sich nicht recht in ein geordnetes Familienleben, und was noch irritierender war, in seiner Gegenwart fügte Vicky sich auch nicht. Sie sprach anders, sie lachte anders.

Am Silvesterabend veranstalteten sie eine kleine Party, und Tom war auch eingeladen, aber Vicky behandelte ihn von oben herab, und Tom war offenbar sehr gekränkt. Toby fand ihr Benehmen ekelhaft. Er hatte Tom sehr gern und konnte es nicht ertragen, ihn so bedrückt zu sehen, und als der gräßliche Abend um war, sagte er es seiner Mutter.

»Ich weiß genau, wie dir zumute ist«, erwiderte seine Mutter, »aber wir müssen Vicky zugestehen, daß sie ihr eigenes Leben lebt und ihre eigenen Entscheidungen trifft. Sie ist jetzt erwachsen, sie kann sich ihre eigenen Freunde aussuchen, ihre eigenen Fehler machen, ihre eigenen Wege gehen. Das ist in einer Familie ganz normal.«

»Ich will keine Familie mit Vicky, wenn sie so gräßlich ist.«

»Das sagst du vielleicht jetzt bloß so, aber sie ist und bleibt deine Schwester.«

»Ich kann Philip nicht ausstehen.«

___________

Der unausstehliche Philip verschwand jedoch zum Glück aus Vickys Leben. Sie lud ihn nicht wieder nach Hause ein, und allmählich wurde sein Name in ihren Erzählungen durch andere ersetzt. Vickys Familie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, und alles ging wieder seinen gewohnten Gang, nur nicht für Tom. Seit jenem Abend hatte seine Beziehung zu Vicky einen Knacks bekommen, und Tom kam nicht mehr ins Haus.

»Nein, Mrs. Sawcombe steht gottlob nicht allein da«, sagte Mr. Harding. »Tom ist ein braver Kerl.« Er sah auf seine Uhr und stand auf. »Ich muß los. Danke, daß du’s uns gesagt hast, Jemmy.«

»Tut mir leid, daß ich eine traurige Nachricht überbringen mußte«, erwiderte Jemmy und stieg in seinen kleinen roten Postlieferwagen, um die Neuigkeit in der übrigen Gemeinde zu verbreiten. Tobys Vater fuhr mit dem Auto ins Büro. Vicky ging nach oben, sich anziehen. Toby und seine Mutter blieben allein am Tisch zurück.

Er sah sie an, und sie lächelte, und er sagte: »Ich hab noch nie einen Freund gehabt, der gestorben ist.«

»Früher oder später erlebt das jeder einmal.«

»Er war erst zweiundsechzig. Er hat’s mir vorgestern gesagt. Das ist nicht alt.«

»Ein Herzanfall ist eine komische Sache. Wenigstens war er nicht krank oder gebrechlich. Er hätte es gehaßt, bettlägerig und auf seine Familie angewiesen zu sein — allen eine Last. Wenn jemand stirbt, Toby, mußt du an die guten Dinge denken, dich an die schönen Zeiten erinnern und dafür dankbar sein.«

»Ich bin nicht dankbar, daß Mr. Sawcombe tot ist.«

»Der Tod ist ein Teil des Lebens.«

»Er war erst zweiundsechzig.«

»Möchtest du Eier mit Speck?«

»Will ich nicht.«

»Was möchtest du denn?«

»Weiß ich nicht.«

»Magst du nicht ins Dorf gehen und David fragen, ob er mit dir spielen will?« David Harker war Tobys Ferienfreund. Sein Vater war der Wirt der Dorfkneipe, und manchmal bekam Toby eine Brause oder eine Packung Chips geschenkt.

Toby überlegte. Es war vielleicht besser als nichts. »Ist gut.« Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Er hatte ein schrecklich beklemmendes Gefühl in der Brust, als hätte jemand sein Herz verwundet.

»… und sei nicht zu traurig wegen Mr. Sawcombe. Er würde nicht wollen, daß du traurig bist.«

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Er ging aus dem Haus und den Feldweg entlang. Zwischen dem Weg und der Kuhweide, die zu Mr. Sawcombes Bauernhof gehörte, lag eine kleine Koppel, auf der Vicky früher ihr Pony gehalten hatte. Aber das Pony gab es längst nicht mehr, und Tobys Vater hatte Mr. Sawcombe das Weideland für Mrs. Sawcombes vier Jacob-Mutterschafe verpachtet. Sie waren ihre Lieblinge, gehörnt und gefleckt, und hatten altmodische Namen wie Daisy oder Emily. An einem kalten Morgen Ende Oktober war Toby hergekommen, um die Schafe zu sehen, und hatte mitten unter ihnen einen mächtigen gehörnten Widder angetroffen. Der Widder war eine Weile geblieben und dann von seinem Besitzer würdelos im Laderaum eines ramponierten Lieferwagens nach Hause verfrachtet worden.

Aber er hatte seine Pflicht getan. Schon waren drei Lämmerzwillingspaare geboren, und nur Daisy wartete noch auf ihre Niederkunft. Toby lehnte sich über den Zaun und rief nach ihr. Sie kam langsam, würdevoll, liebkoste mit ihrer edlen Nase seine Hand und gestattete ihm, ihr den wolligen Schädel zwischen den stolzen, gebogenen Hörnern zu kraulen.

Toby besah sie mit Kennerblick, so wie Tom sie zu begutachten pflegte. Sie war riesenhaft; das lange, weiche Vlies ließ den Leib noch massiger wirken.

»Kriegst du heute deine Zwillinge?« fragte er sie.

Wenn Daisy auch Zwillinge kriegt, hatte Mr. Sawcombe erst vorige Tage gesagt, bekommen wir eine Lammung von zweihundert Prozent, Toby. Zweihundert Prozent. Das ist das Beste, was ein Schafzüchter verlangen kann. Es würde mich freuen. Für Mrs. Sawcombe würde es mich freuen.

Es war unvorstellbar, daß er nie mehr mit Mr. Sawcombe sprechen würde. Unvorstellbar, daß er tot war, daß er einfach nicht da war. Viele Menschen waren gestorben, aber noch keiner, der Toby so nahestand wie Mr. Sawcombe. Tobys Großvater war gestorben, doch das war schon so lange her, daß Toby sich nicht mal mehr an ihn erinnern konnte. Er kannte nur die Fotografie am Bett der Großmutter und die Geschichten, die Granny ihm erzählt hatte. Nach dem Tod seines Großvaters war Granny in dem alten, leeren Haus wohnen geblieben, bis ihr die Arbeit zuviel wurde. Darauf hatte Tobys Vater den hinteren Flügel seines Hauses zu einer Wohnung für Granny umgebaut, und nun wohnte Granny bei den Hardings. Und doch nicht bei ihnen, denn es war eine separate Wohnung. Granny hatte ihre eigene Küche und ihr eigenes Bad, sie kochte sich ihr Essen selbst, und man mußte an die Tür klopfen, bevor man sie besuchen durfte. Tobys Mutter sagte, es sei wichtig, stets anzuklopfen, denn unangekündigt bei Granny hereinzuplatzen sei eine Verletzung ihrer Privatsphäre.

___________

Toby verließ Daisy und ging tief in Gedanken versunken ins Dorf. Er kannte noch mehr Leute, die gestorben waren. Als Mrs. Fletcher starb, die den Dorfladen und das Postamt betrieb, hatte Tobys Mutter einen schwarzen Hut aufgesetzt und war zu Mrs. Fletchers Beerdigung gegangen. Aber Mrs. Fletcher war keine Freundin gewesen. Toby hatte sich vielmehr vor ihr gefürchtet. Sie war so alt, so häßlich; wie eine große schwarze Spinne hatte sie dagehockt und Briefmarken verkauft. Nach Mrs. Fletchers Tod hatte ihre Tochter Olive den Laden übernommen, doch bis an ihr Ende war Mrs. Fletcher dort gewesen, hatte finsteren Blicks mit ihrem Gebiß geschmatzt, Strümpfe gestrickt und mit den kleinen, glänzenden Augen alles beobachtet, was vorging. Nein, er hatte Mrs. Fletcher nicht geliebt. Aber Mr. Sawcombe vermißte er schon jetzt.

Er dachte an David. Geh doch mit David spielen, hatte seine Mutter vorgeschlagen, aber Toby war überhaupt nicht danach, Astronaut zu spielen oder in dem schlammigen Fluß, der am Ende des Gartens hinter der Kneipe floß, nach Fischen zu sehen. Er wollte lieber einen anderen Freund besuchen, Willie Harrell, den Dorftischler. Willie war ein sanfter Mensch, der gemächlich sprach und altmodische Latzhosen und eine unförmige Tweedmütze trug. Toby hatte sich mit ihm angefreundet, als Willie ins Haus kam, um neue Küchenschränke einzubauen, und seither gehörte es an müßigen Ferienvormittagen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, ins Dorf zu spazieren und in Willies Werkstatt ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

Die Werkstatt war ein magischer Ort, der süßlich roch und mit Hobelspänen übersät war. Hier schreinerte Willie Hofgatter und Scheunentore, Fensterrahmen, Deckenträger und Balken. Und hier fertigte Willie von Zeit zu Zeit auch Särge, denn er war nicht nur der Tischler, sondern auch der Bestattungsunternehmer des Dorfes. In dieser Rolle wurde er ein vollkommen anderer Mensch, mit Melone und schwarzem Anzug, und dann nahm er eine gedämpfte, respektvolle Stimme und eine fromme, betrübte Miene an.

Die Tür seiner Werkstatt stand heute morgen offen. Sein kleiner Lieferwagen parkte in dem vollgestellten Hof. Toby ging zur Tür und steckte den Kopf hinein. Willie lehnte an seiner Werkbank und trank eine Tasse Tee aus einer Thermoskanne.

»Willie?«

Er sah auf. »Hallo, Toby.« Er lächelte. »Na, was gibt’s?«

»Ich dachte, ich komm einfach mal vorbei.« Ob Willie von Mr. Sawcombe wußte? Er ging zu Willie hinüber, lehnte sich neben ihn an die Werkbank, nahm einen Schraubenzieher und fummelte damit herum.

»Nichts zu tun?«

»Nicht viel.«

»Vor einer Minute hab ich David auf seinem Fahrrad gesehen, mit ‘nem Cowboyhut auf. Macht nicht viel Spaß, ganz allein Cowboy zu spielen.«

»Hab keine Lust zum Cowboyspielen.«

»Ich hab heute keine Zeit, mich mit dir zu unterhalten. Hab zu tun. Muß nach elf zu Sawcombes.«

Toby sagte nichts darauf. Er wußte, was das bedeutete. Willie und Mr. Sawcombe waren ihr Leben lang Freunde gewesen, sie waren Kegelbrüder und sonntags zusammen Kirchendiener gewesen. Jetzt mußte Willie… Toby scheute sich zu Ende zu denken, was Willie tun würde.

»Willie?«

»Ja?«

»Mr. Sawcombe ist tot.«

»Hab mir gedacht, daß du es weißt«, sagte Willie mitfühlend. »Hab’s deinem Gesicht angesehen, gleich als du reingekommen bist.« Er stellte seine Teetasse hin und legte Toby seine Hand auf die Schulter. »Du darfst dich nicht grämen. Ich weiß, du wirst ihn vermissen, aber du darfst dich nicht grämen. Vermissen werden wir ihn alle«, fügte er hinzu, und plötzlich hörte er sich unglücklich an.

»Er war mein bester Freund.«

»Ich weiß.« Willie schüttelte den Kopf. »Freundschaft ist was Komisches. Du, ein kleiner Knirps — wie alt bist du? Acht Jahre. Trotzdem seid ihr zwei prima miteinander ausgekommen. Wir dachten immer, das lag daran, daß du so viel dir selbst überlassen warst. Warst ja viel kleiner als Vicky. Kleiner Nachkömmling, haben Bill und ich dich immer genannt. Hardings kleiner Nachkömmling.«

»Willie… machst du einen Sarg für Mr. Sawcombe?«

»Werd ich wohl.«

Toby stellte sich vor, wie Willie den Sarg machte, wie er das Holz auswählte, es glatthobelte, seinen alten Freund in das warme, duftende Innere bettete, ganz so, als ob er ihn ins Bett legte. Eine seltsam tröstliche Vorstellung war das.

»Willie?«

»Was gibt’s?«

»Ich weiß, wenn einer stirbt, kommt er in einen Sarg und wird auf den Friedhof getragen. Und ich weiß, Leute, die tot sind, gehen zu Gott in den Himmel. Aber was passiert dazwischen?«

»Ah«, sagte Willie. Er nahm noch einen Schluck Tee, trank seine Tasse leer. Dann legte er seine Hand auf Tobys Kopf und zauste ihm ein bißchen die Haare. »Vielleicht ist das ein Geheimnis zwischen Gott und mir.«

Toby hatte noch immer keine Lust, mit David zu spielen. Als Willie in seinem kleinen Lieferwagen zu Sawcombes gefahren war, machte sich Toby auf den Nachhauseweg, weil ihm nichts anderes einfiel. Er nahm die Abkürzung über die Schafweide. Die drei Mutterschafe, die schon gelammt hatten, grasten mitten auf der Weide, umgeben von ihren Kindern. Aber Daisy hatte sich in eine Ecke zurückgezogen, in den Schatten einer großen Waldkiefer, wo sie vor dem Wind und der blendenden Frühlingssonne geschützt war. Und neben ihr stand, winzig wie ein Hundejunges, auf unsicheren Beinen schwankend, ein einziges Lämmchen.

Toby wußte, daß er jetzt nicht in ihre Nähe durfte. Er beobachtete sie ein Weilchen, sah das Baby den riesigen wolligen Leib mit der Schnauze nach Milch absuchen, hörte Daisy sachte mit ihrem Baby sprechen. Er war hin und her gerissen zwischen Freude und Enttäuschung. Freude, weil das Lamm gesund auf die Welt gekommen war, und Enttäuschung, weil es keine Zwillinge waren und Mrs. Sawcombe jetzt nicht auf ihre zweihundertprozentige Lammung kam. Daisy legte sich nach einer Weile schwerfällig nieder. Das Lamm ließ sich neben sie fallen. Toby ging weiter, stieg über den Zaun und trat ins Haus, um es seiner Mutter zu erzählen. »Daisy hat ihr Lamm gekriegt. Das war das letzte.«

Seine Mutter stampfte gerade Kartoffeln fürs Mittagessen. Sie drehte sich am Herd zu Toby um. »Keine Zwillinge?«

»Nein, bloß eins. Es nuckelt und sieht ganz gesund aus. Vielleicht sollten wir es Tom sagen.«

»Warum rufst du ihn nicht an?«

Aber Toby mochte nicht bei Sawcombes anrufen. Vielleicht ging Mrs. Sawcombe an den Apparat, und dann wüßte er nicht, was er sagen sollte.

»Kannst du nicht anrufen?«

»Ach Liebling, im Moment geht es schlecht. Das Mittagessen ist fertig, aber nachher will ich zu Mrs. Sawcombe und ihr einen Blumenstrauß bringen. Dann kann ich es Tom ausrichten lassen.«

»Ich finde, er muß es gleich wissen. Mr. Sawcombe wollte es immer sofort wissen, wenn die Lämmer kamen. Bloß für alle Fälle, hat er gesagt.«

»Schön, wenn dir so viel daran liegt, laß Vicky Tom anrufen.«

»Vicky?«

»Fragen kannst du sie ja. Sie ist oben, bügeln. Und sag ihr, das Essen ist fertig.«

Er ging zu seiner Schwester hinauf. »Vicky, Essen ist fertig, und Daisy hat ihr Lamm gekriegt, und könntest du vielleicht bei Sawcombes anrufen und Tom Bescheid sagen. Er will’s bestimmt gerne wissen.«

Vicky stellte das Bügeleisen mit einem Plumps hin. »Ich ruf Tom Sawcombe nicht an.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht will, darum. Ruf du ihn doch an.«

Toby wußte, weshalb sie Tom nicht anrufen wollte. Weil sie Silvester so gräßlich zu ihm gewesen war und weil er seitdem nicht mehr mit ihr gesprochen hatte.

Toby rümpfte die Nase. »Was soll ich sagen, wenn Mrs. Sawcombe ans Telefon geht?«

»Schön, dann soll Mutter ihn anrufen.«

»Sie hat keine Zeit, weil sie nach dem Essen zu Mrs. Sawcombe geht.«

»Wieso läßt sie es Tom dann nicht ausrichten?«

»Tut sie ja, hat sie gesagt.«

»Ach Toby«, sagte Vicky wütend, »wozu dann das ganze Theater?«

Er sagte störrisch: »Mr. Sawcombe wollte es immer am liebsten sofort wissen.«

Vicky zog die Stirne kraus. »Mit Daisy ist doch nichts schiefgegangen?« Sie hatte Daisy genauso gern wie Toby, und sie hörte sich jetzt nicht mehr mürrisch und schnippisch an, sondern sprach mit ihrer normalen, netten Stimme.

»Ich glaube nicht.«

»Dann ist ja alles gut.« Sie schaltete das Bügeleisen ab und stellte es zum Abkühlen aufrecht auf das Bügelbrett. »Gehen wir runter, essen. Ich bin am Verhungern.«

___________

Die spärlichen Wolken vom Vormittag verdichteten sich und wurden dunkler, und nach dem Mittagessen begann es zu regnen. Tobys Mutter zog einen Regenmantel an und fuhr in ihrem Auto mit einem großen Strauß Narzissen Mrs. Sawcombe besuchen. Vicky sagte, sie ginge sich die Haare waschen. Toby, der nichts Rechtes anzufangen wußte, zockelte in sein Zimmer, legte sich aufs Bett und fing ein Buch zu lesen an, das er sich aus der Bücherei geholt hatte. Es handelte von Erforschern der Arktis, aber er hatte das erste Kapitel noch nicht zu Ende gelesen, als er vom Geräusch eines Autos unterbrochen wurde, das den Feldweg entlangkam und knirschend auf dem Kies vor der Haustür anhielt. Er legte sein Buch beiseite und ging zum Fenster. Draußen stand Tom Sawcombes alter Landrover, und dann sah er Tom aussteigen.

Er öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. »Hallo.«

Tom guckte nach oben. Toby sah seinen blonden, mit Regentropfen beperlten Lockenkopf, sein braunes Gesicht und die blauen Augen, seine breiten Rugby-Schultern unter der geflickten Khakijacke, die er immer zur Arbeit trug. Seine verblaßten Bluejeans steckten in grünen Gummistiefeln.

»Deine Mutter hat mir wegen Daisy Bescheid gesagt. Ich will mal nach ihr sehen. Ist Vicky da?«

Das war verwunderlich. »Sie wäscht sich die Haare.«

»Kannst du sie holen? Ich bin nicht sicher, ob nicht noch ein Lamm unterwegs ist, und dann brauche ich Hilfe.«

»Ich helf dir.«

»Ich weiß, junge, aber du bist ein bißchen klein, um ein altes Schaf wie Daisy festzuhalten. Geh lieber Vicky holen.«

Toby zog sich vom Fenster zurück und tat wie geheißen.

___________

Er fand Vicky im Badezimmer. Sie hielt den Kopf ins Waschbecken und spülte ihre Haare mit der Brause.

»Vicky, Tom ist da.«

Vicky drehte das Wasser ab und richtete sich auf. Ihre hellen Haare tropften auf ihr T-Shirt. Sie schob sie aus dem Gesicht und sah Toby an.

»Tom? Was will er?«

»Er meint, Daisy hat vielleicht noch ein Lamm im Bauch. Er sagt, er braucht Hilfe, und ich bin nicht groß genug, um sie festzuhalten.«

Sie griff sich ein Handtuch und wand es sich um den Kopf. »Wo ist er?«

»Unten.«

Schon war sie aus dem Badezimmer und lief die Treppe hinunter. Tom wartete unten; er war einfach ins Haus gegangen, wie in alten Zeiten, bevor er und Vicky sich zerstritten hatten.

»Wenn noch ein Lamm da ist«, meinte Vicky, »ist es dann nicht längst tot?«

»Wir werden sehen. Hol einen Eimer Wasser, sei so lieb, und Seife. Bring alles auf die Weide. Komm, Toby, du gehst mit mir.«

Draußen goß es jetzt in Strömen. Sie gingen den Feldweg entlang, überquerten bei den Rhododendren das hohe, nasse Gras, dann kletterten sie über den Zaun. Durch den Regenschleier konnte Toby Daisy auf sie warten sehen. Sie war auf den Beinen, schützte das Lämmchen und streckte ihnen den Kopf entgegen. Als sie näher kamen, gab sie ein tief aus der Brust kommendes Geräusch von sich, das in keiner Weise an ihr übliches gesundes Blöken erinnerte.

»Ruhig, Mädchen, ruhig.« Tom sprach mit sanfter Stimme. »Ist ja gut.« Er ging geradewegs zu ihr und griff ohne Umschweife nach ihren Hörnern. Sie wehrte sich nicht wie sonst, wenn jemand das machte. Vielleicht wußte sie, daß sie Hilfe brauchte und daß Tom und Toby deswegen gekommen waren. »Ruhig, Mädchen, ganz ruhig.« Tom strich mit einer Hand über das dicke, regennasse Fell auf ihrem Rücken.

Toby sah zu. Er hatte Herzklopfen, nicht so sehr vor Sorge als vor Aufregung. Er hatte keine Angst, denn Tom war ja da, ebenso wie er nie vor etwas Angst gehabt hatte, wenn Mr. Sawcombe neben ihm stand.

»Aber Tom, wenn sie noch ein Lamm im Bauch hat, warum ist es dann nicht herausgekommen?«

»Vielleicht ist es ein großer Bursche. Vielleicht hat es sich nicht in die richtige Lage gebracht.« Tom sah zum Haus hinüber, und Toby folgte seinem Blick. Vicky kam mit ihren langen Storchenbeinen und ihren pitschnassen Haaren zu ihnen, ein überschwappender Eimer zog sie mit seinem Gewicht zur Seite. Als sie bei ihnen angelangt war und den Eimer abgestellt hatte, sagte Tom: »Gut gemacht, Mädchen. Jetzt hältst du sie, Vicky. Fest und doch sachte. Sie wird sich nicht wehren. Krall dich ruhig mit den Fingern in ihr Fell. Und Toby, du nimmst ihre Hörner und sprichst auf sie ein. Beruhigend. Dann weiß sie, daß sie in guten Händen ist.«

Vicky schien drauf und dran, in Tränen auszubrechen. Sie kniete sich in den Schlamm, legte die Arme um Daisy und drückte ihre Wange an Daisys weiche Wolle. »Oh, arme Daisy. Du mußt ganz tapfer sein. Alles wird gut.«

Tom zog sich aus. Jacke, Hemd, das weiße T-Shirt. Nackt bis zur Taille, seifte er sich Hände und Arme ein.

»So«, sagte er. »Jetzt wollen wir mal sehen, was da los ist.«

Toby klammerte sich an Daisys Hörner und hätte am liebsten die Augen zugemacht. Aber er tat es nicht. Sprich auf sie ein, hatte Tom gesagt. Beruhigend. »Ruhig, ruhig«, sagte Toby zu Daisy, weil er Tom das zu ihr hatte sagen hören und ihm nichts anderes einfiel. »Ruhig, ruhig, Daisy, Schätzchen.« Dies war eine Geburt. Das ewige Wunder, hatte Mr. Sawcombe es genannt. Dies war der Beginn des Lebens, und er, Toby, half dabei.

Er hörte Tom sprechen. »Weiter so. Weiter so… keine Bange, altes Mädchen.«

Daisy gab aus Unbehagen und Unmut ein einziges Stöhnen von sich, und dann sagte Tom: »Da ist er! Ein Pfundskerl, und er lebt.«

Und da war es, das kleine Geschöpf, das die ganze Mühe verursacht hatte. Ein weißer Widder mit schwarzen Flecken. Blutbeschmiert lag er auf der Seite, aber es war ein kräftiges, gesundes Lamm. Toby ließ Daisys Hörner los, und Vicky lockerte ihren Griff. Erleichtert machte sich Daisy an die Begutachtung des Neuankömmlings. Sie stieß einen leisen, mütterlichen Laut aus und beugte sich, um das Neugeborene zu lecken. Nach einer kleinen Weile stupste sie es sachte mit ihrer Nase, und es dauerte nicht lange, da rührte es sich, hob den Kopf und kam erstaunlicherweise wackelnd auf seine langen, unsicheren Beine. Sie leckte es abermals, erkannte es als ihres und nahm es liebevoll und fürsorglich in ihre Obhut. Das Lämmchen machte ein, zwei torkelnde Schritte und fing alsbald, von seiner Mutter ein wenig ermuntert, zu saugen an.

___________

Noch lange nachdem Tom sich mit seinem Hemd abgetrocknet und seine Sachen angezogen hatte, blieben sie da, ohne auf den Regen zu achten, und sahen Daisy und ihren Zwillingen zu, gefesselt von dem Wunder, zufrieden mit sich und ihrer vereint vollbrachten Leistung. Vicky und Toby saßen nebeneinander unter der alten Waldkiefer auf der Erde, und Vicky hatte ein Lächeln im Gesicht, wie Tom es seit einer Ewigkeit nicht gesehen hatte.

Sie sah Tom an. »Woher wußtest du, daß da noch ein Lamm war?«

»Sie war immer noch sehr unförmig, und sie schien sich nicht besonders wohl zu fühlen. Sie war unruhig.«

Toby sagte: »Mrs. Sawcombe hat eine zweihundertprozentige Lammung erzielt.«

Tom lächelte. »Das stimmt, Toby.«

»Aber warum ist das Lamm nicht von allein gekommen?«

»Schau es dir nur an! Ein großer Bursche mit einem großen Kopf. Aber jetzt geht es ihm gut.« Dann sah er auf Vicky hinunter. »Aber dir wird es nicht gutgehen, wenn du noch länger hier im Regen sitzen bleibst. Du holst dir einen Schnupfen, deine Haare sind ja ganz naß.« Er bückte sich nach dem Eimer, dann reichte er Vicky seine andere Hand. »Komm jetzt.«

Sie nahm seine Hand, und er zog sie auf die Beine. Da standen sie und lächelten sich an.

Er sagte: »Gut, daß wir miteinander reden.«

»Ja«, sagte Vicky. »Verzeih.«

»Es war genauso meine Schuld.«

Vicky blickte schüchtern drein. Sie lächelte wieder, wehmütig, ein Lächeln, das die Mundwinkel nach unten bog. »Laß uns nicht wieder streiten, Tom.«

»Mein Großvater sagte immer, das Leben ist zu kurz zum Streiten.«

»Ich habe dir noch nicht gesagt, wie leid es mir tut… daß er… es ist für uns alle ein Verlust. Ich weiß nicht, wie ich es richtig sagen soll.«

»Ist schon gut«, sagte Tom. »Manche Dinge muß man nicht aussprechen. Komm jetzt.«

Toby schienen sie vergessen zu haben. Sie schlenderten fort von ihm, über die Weide, Tom hatte den Arm um Vicky gelegt, und Vickys nasser Kopf lehnte an Toms Schulter.

Toby beobachtete die zwei zufrieden. Mr. Sawcombe hätte sich gefreut. Er hätte sich auch über Daisys Zwillinge gefreut. Das zweite Lamm war wirklich ein hübscher Bursche, nicht bloß ein Pfundskerl, wie Tom ihn genannt hatte, sondern mit schöner, ebenmäßiger Zeichnung und einem Paar Hörner, schon sichtbar wie Knospen, in weiche, lockige Wolle gebettet. Wie Mrs. Sawcombe das Lamm wohl nennen würde? Vielleicht Bill. Tom blieb, bis es zu naß und zu kalt wurde, um noch länger herumzustehen. Er kehrte den Schafen den Rücken und machte sich auf den Heimweg.

Seine Mutter kam von ihrem Besuch bei Mrs. Sawcombe zurück und bereitete ihm zum Tee eine üppige Mahlzeit mit Fischstäbchen, Chips und Bohnen, Pflaumenkuchen und Schokoladenplätzchen. Während er kräftig futterte, berichtete er von dem großen Abenteuer mit Daisy. »… und Tom und Vicky sind wieder dicke Freunde«, erzählte er ihr.

Nach dem Tee kam Tobys Vater vom Büro nach Hause, und sie sahen sich zusammen im Fernsehen ein Fußballspiel an. Danach ging Toby nach oben in die Badewanne. Er lag in dem heißen, dampfenden Wasser, das nach Fichtennadeln duftete, weil er ein wenig von der Essenz aus Vickys Flasche gemopst hatte, und befand, daß der Tag alles in allem doch nicht ganz so schlimm gewesen war. Und dann beschloß er, seiner Großmutter einen Besuch abzustatten, die er den ganzen Tag nicht gesehen hatte.

Er stieg aus der Wanne, zog seinen Schlafanzug und seinen Bademantel an und ging durch den Flur, der zu ihrer Wohnung führte. Er klopfte an die Tür, sie rief »Herein«, und es war, als trete er in eine andere Welt, weil ihre Möbel und Vorhänge und alle ihre Sachen so anders waren. Niemand sonst hatte so viele Fotografien und Nippessachen, und ständig brannte im Kamin ein kleines Kohlenfeuer. Er fand seine Großmutter strickend in einem ausladenden Sessel, und auf ihren Knien hatte sie ein Buch liegen. Sie besaß zwar einen Fernsehapparat, aber ihr lag nicht viel daran. Sie las lieber, und immer wenn Toby an sie dachte, sah er sie in das eine oder andere Buch vertieft. Aber wenn er sie unterbrach, legte sie jedesmal ein ledernes Lesezeichen zwischen die Seiten und klappte das Buch zu, um Toby ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen.

»Hallo, Toby.«

Sie war schrecklich alt. (Die Großmütter anderer Jungen waren oft recht jung, aber Tobys war sehr alt, weil Tobys Vater, wie Toby, ein Nachkömmling gewesen war.) Und dünn war sie. So dünn, daß es aussah, als könnte sie entzweibrechen, und ihre Hände waren fast durchsichtig, mit dicken Knöcheln, über die sie ihre Ringe nicht bekam, so daß sie sie immerzu trug. Und sie funkelten und sahen richtig flott aus.

»Was hast du heute gemacht?«

Er zog sich einen Hocker heran, setzte sich und berichtete. Er erzählte ihr von Mr. Sawcombe, aber das wußte sie schon. Er erzählte ihr, daß Willie einen Sarg für Mr. Sawcombe schreinerte. Er erzählte ihr, daß er nicht mit David Cowboy gespielt hatte, und er erzählte ihr von Daisys Lamm. Und dann erzählte er ihr von Vicky und Tom.

Granny wirkte hocherfreut. »Das ist das Beste. Sie haben den blöden Streit beigelegt.«

»Meinst du, sie verlieben sich und heiraten?«

»Kann sein, kann auch nicht sein.«

»Warst du verliebt, als du Großpapa geheiratet hast?«

»Ich glaube schon. Es ist so lange her, daß ich es manchmal vergesse.«

»Hast du…« Er zögerte, aber er mußte es wissen, und Granny hatte sich noch nie durch eine peinliche Frage in Verlegenheit bringen lassen. »Als er starb… hast du ihn da sehr vermißt?«

»Warum fragst du? Vermißt du Mr. Sawcombe?«

»Ja. Den ganzen Tag. Den ganzen Tag hab ich ihn vermißt.«

»Das gibt sich. Später ist das mit dem Vermissen nicht mehr so schlimm, und dann erinnerst du dich nur an die schönen Zeiten.«

»Ist es dir mit Großpapa so gegangen?«

»Ich glaube schon. Ja.«

»Hat man große Angst, wenn man stirbt?«

»Das weiß ich nicht.« Sie lächelte ihr vertrautes Lächeln, belustigt und spitzbübisch, das so erstaunlich in diesem alten, runzligen Gesicht war. »Ich bin noch nie gestorben.«

»Aber…« Er sah ihr fest in die Augen. Kein Mensch konnte ewig leben. »Aber hast du denn keine Angst?«

Die Großmutter nahm Tobys Hand. »Weißt du«, sagte sie, »ich habe mir immer vorgestellt, daß das Leben eines jeden Menschen wie ein Berg ist. Und jeder muß allein auf diesen Berg steigen. Du beginnst im Tal, es ist warm und sonnig, ringsum sind Weiden und Bächlein, Butterblumen und sonst noch allerlei. Das ist deine Kindheit. Und dann fängst du an zu steigen. Allmählich wird der Berg etwas steiler, es geht sich nicht mehr so leicht, aber wenn du hin und wieder stehenbleibst und dich umschaust, ist die wunderbare Aussicht jede Anstrengung wert. Und ganz oben auf dem Berg, wo Schnee und Eis in der Sonne glitzern und alles unglaublich schön ist, das ist der Gipfel, die große Leistung, das Ende des langen Aufstiegs.«

Bei ihr hörte es sich wundervoll an. Voller Liebe zu ihr sagte er: »Ich will nicht, daß du stirbst.«

Die Großmutter lachte. »O mein Liebling, mach dir deswegen keine Sorgen. Ich werde euch allen noch lange zur Last fallen. So, und nun gibt’s für jeden von uns eine Pfefferminzcreme, und dann legen wir zusammen eine Patience, was hältst du davon? Es ist so schön, daß du mich besuchst. Mir war allmählich ein bißchen langweilig, so mit mir allein…«

___________

Später sagte er ihr gute Nacht und verließ sie, ging sich die Zähne putzen und dann in sein Zimmer. Er zog die Gardinen zurück. Es hatte zu regnen aufgehört, und im Osten ging der Mond auf. Im Halblicht sah er die Koppel und die Umrisse der Schafe und ihrer Lämmer unter den schützenden Ästen der alten Kiefer versammelt. Er zog seinen Bademantel aus und ging ins Bett. Seine Mutter hatte eine Wärmflasche hineingetan, das war ein Genuß. Er legte sie sich auf den Bauch, lag mit weit offenen Augen im sanften, warmen Dunkel und dachte nach.

Er fand, daß er heute eine Menge gelernt hatte. Über das Leben. Er hatte bei einer Geburt geholfen und, bei Vicky und Tom, den Beginn einer neuen Beziehung beobachtet. Vielleicht würden sie heiraten. Vielleicht auch nicht. Wenn sie heirateten, würden sie Babys bekommen. (Er wußte schon, wie die Babys entstanden, weil Mr. Sawcombe es ihm einmal im Verlauf eines männlichen Gespräches über Viehzucht erklärt hatte.) Und er, Toby, würde dann Onkel.

Und dann der Tod… Der Tod ist ein Teil des Lebens, hatte seine Mutter gesagt. Und Willie hatte gesagt, der Tod sei ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Aber Granny glaubte, der Tod sei der glitzernde, strahlende Gipfel des persönlichen Berges eines jeden Menschen, und das war vielleicht das Beste, das Tröstlichste von allem.

Mr. Sawcombe war auf seinen Berg gestiegen und hatte den Gipfel erreicht. Toby stellte ihn sich vor, wie er triumphierend dort stand. Er trug eine Sonnenbrille, weil der Himmel so hell war, und seinen besten Sonntagsanzug, und vielleicht hielt er eine Fahne in der Hand.

Toby war auf einmal sehr müde. Er schloß die Augen. Eine zweihundertprozentige Lammung. Mr. Sawcombe wäre sehr zufrieden gewesen. Wie schade, daß er Daisys Zwillinge nicht mehr erlebt hatte.

Aber als der Schlaf ihn langsam umfing, lächelte Toby in sich hinein, denn ohne besonderen Grund war er sich plötzlich ganz sicher, daß sein alter Freund, wo immer er jetzt sein mochte, es längst wußte.

Teil II

Ein Tag zu Hause

Nach einer Geschäftsreise, die fünf europäische Hauptstädte, sieben Mittagessen mit Direktoren und zahllose auf Flughäfen verbrachte Stunden umfaßte, flog James Harner an einem Mittwochnachmittag Anfang April aus Brüssel in Heathrow ein. Natürlich regnete es. Er war am Vorabend erst gegen zwei Uhr ins Bett gekommen, seine pralle Aktenmappe wog schwer wie Blei, und obendrein schien er sich erkältet zu haben.

Robert, der Fahrer der Werbeagentur, holte ihn am Flughafen ab, und Roberts glattrasiertes Gesicht war das erste Erfreuliche, das James an diesem Tag zu sehen bekam. Robert hatte seine Schirmmütze auf, nahm James seinen Koffer ab und sagte, er hoffe, er habe eine angenehme Reise gehabt.

Sie fuhren direkt zum Büro. Nachdem James einen flüchtigen Blick auf seinen Schreibtisch geworfen und seiner Sekretärin den kleinen Flakon zollfreies Parfüm überreicht hatte, der ihr zustand, ging er durch den Flur zu seinem Chef.

»James! Na großartig, komm rein, alter Junge. Wie ist es gelaufen?«

Sir Osborne Baske war nicht nur James’ Vorgesetzter, sondern auch sein alter, hochgeschätzter Freund. Deswegen erübrigten sich förmliche Artigkeiten oder höfliches Geplauder, und binnen einer halben Stunde hatte James ihn mehr oder weniger knapp informiert: welche Firma Interesse gezeigt, welche sich abwartend verhalten hatte. Das Beste hob er bis zuletzt auf — nämlich die zwei bedeutenden Abschlüsse, die er in der Tasche hatte: eine schwedische Firma, die vorfabrizierte zerlegbare Möbel herstellte, Qualitätsware, aber in der unteren Preisklasse, und ein etablierter dänischer Silberschmiedebetrieb, der vorsichtig in alle Märkte der EG expandierte.

Sir Osborne war mithin begeistert und konnte es nicht erwarten, den übrigen Direktoren die guten Nachrichten mitzuteilen. »Dienstag haben wir Vorstandssitzung. Kannst du bis dahin einen vollständigen Bericht fertig haben? Wenn möglich, bis Freitag. Allerspätestens Montag.«

»Wenn morgen nicht viel los ist, könnte ich ihn Freitag morgen tippen lassen, und Freitag nachmittag haben ihn alle auf dem Tisch.«

»Hervorragend. Dann können sie ihn sich übers Wochenende zu Gemüte führen, wenn sie nicht Golf spielen. Und…« Er hielt taktvoll inne, während James, den plötzlich ein quälendes Niesen überkam, nach seinem Taschentuch fummelte, geräuschvoll hineinnieste und sich die Nase putzte. »…Hast du dich erkältet, alter Knabe?«

Es hörte sich ängstlich an, so, als ob James ihn schon angesteckt haben könnte. Er hielt nichts von Erkältungen, ebenso wenig wie er Körperfülle, gehaltvolle Geschäftsessen oder Herzanfälle schätzte.

»Ich hab mir scheint’s ‘nen Schnupfen eingefangen«, gab James zu.

»Hmm.« Der Chef überlegte. »Ich will dir was sagen, bleib doch morgen zu Hause, ja? Du siehst ziemlich fertig aus, und du kannst den Bericht in Ruhe schreiben, ohne daß du dauernd unterbrochen wirst. So hast du auch mehr von Louisa, nachdem du so lange weg warst. Was meinst du?«

James antwortete, es sei eine glänzende Idee, und er meinte es ernst.

»Also abgemacht.« Sir Osborne stand auf und beendete das Gespräch abrupt, bevor noch mehr Bazillen in die sterile Luft seines erlesen ausgestatteten Büros entlassen werden konnten. »Wenn du jetzt losfährst, kannst du vor der schlimmsten Stoßzeit zu Hause sein. Wir sehen uns Freitag morgen. Und ich an deiner Stelle würde mich vor dem Schnupfen vorsehen. Whisky mit Zitrone, heiß getrunken, als letztes am Abend. Was Besseres gibt es nicht.«

Als James und Louisa vor vierzehn Jahren heirateten, hatten sie in London in einer Souterrainwohnung in South Kensington gewohnt, aber als Louisa mit dem ersten ihrer beiden Kinder schwanger wurde, hatten sie beschlossen, aufs Land zu ziehen. Mit ein wenig finanzieller Jonglierarbeit war ihnen das gelungen, und James hatte es keine Sekunde bereut. Die einstündige Fahrt täglich zur Arbeit und zurück schien ihm ein geringer Preis für das Refugium des alten roten Ziegelhauses mit dem großen Garten und für die schlichte allabendliche Freude des Nachhausekommens. Das Pendeln, selbst auf den vollgestopften Straßen, schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil, die Stunde im Auto, die er mit sich allein war, war seine Zeit des Abschaltens, wenn er die Probleme des Tages hinter sich ließ.

Wenn er im Winter bei Dunkelheit in seine Zufahrt einbog, sah er durch die Bäume das Licht über seiner Haustür brennen. Im Frühling war der Garten mit Narzissen übersät; im Sommer freute James sich auf den langen, trägen Abend. Duschen, ein Hemd mit offenem Kragen und Espadrilles anziehen, Drinks auf der Terrasse unter den rauchblauen Blüten der Glyzine, dazu das Gurren der Ringeltauben aus dem Buchenhain am Ende des Gartens.

Die Kinder fuhren mit ihren Rädern über den Rasen und schwangen sich auf die Strickleiter, die von ihrem Baumhaus herunterhing, und am Wochenende war das Grundstück meistens von Freunden bevölkert, Nachbarn oder Flüchtlingen aus London, die ihre Familien und ihre Hunde mitbrachten; alles lümmelte sich mit der Sonntagszeitung in Sesseln oder erging sich in freundschaftlichen Puttingwettkämpfen auf dem Rasen.

Und der Mittelpunkt von alledem war Louisa. Louisa, die James immer wieder in Erstaunen setzte, denn als er sie heiratete, hatte er nicht im geringsten geahnt, als was für ein Mensch sie sich entpuppen würde. Sanft und anspruchslos, hatte sie im Laufe der Jahre einen nahezu unheimlichen Instinkt dafür an den Tag gelegt, was ein Haus behaglich machte. Hätte man ihn gebeten, dies genauer zu erläutern, James hätte passen müssen. Er wußte nur, daß das Haus, obwohl häufig die Spielsachen, Schuhe und Zeichnungen der Kinder herumlagen, ein friedliches, heimeliges Ambiente hatte. Immer waren Blumen da, Lachen erfüllte das Haus, und immer gab es genug zu essen für die unerwarteten Gäste, die beschlossen hatten, zum Abendessen zu bleiben.

Das wahre Wunder aber war, daß all dies so unaufdringlich passierte. James kannte Familien, wo die Frau des Hauses den ganzen Tag mit abgehärmtem Gesicht herumlief, ununterbrochen putzte und aufräumte, sich in die Küche zurückzog und erst zwei Minuten bevor das Essen aufgetragen wurde, wieder zum Vorschein kam, erschöpft und obendrein schlechtgelaunt. Nicht, daß Louisa nicht in ihre Küche ging, aber die Leute schlenderten hinterher, nahmen ihre Drinks oder ihr Strickzeug mit und hatten nichts dagegen, wenn sie ihnen Bohnen zum Schnippeln oder Mayonnaise zum Rühren gab. Die Kinder zockelten zwischen Küche und Garten hin und her, und auch sie halfen Erbsen pulen oder aus den Teigresten der Apfelpastete kleine Plätzchen formen.

Manchmal kam James der Gedanke, daß Louisas Leben, verglichen mit seinem, sehr fade sein mußte. »Was hast du heute gemacht?« fragte er, wenn er nach Hause kam, aber sie sagte jedesmal nur: »Nicht viel.«

Es regnete noch, an diesem Nachmittag würde es früh dunkel werden. Er hatte jetzt Henborough erreicht, die letzte Kleinstadt an der Hauptstraße vor der Abzweigung zu ihrem Dorf. Die Ampel zeigte Rot, und er kam vor einem Blumengeschäft zum Stehen. Drinnen sah er Vasen mit roten Tulpen, mit Freesien, Narzissen. Er dachte daran, Louisa Blumen zu kaufen, aber da sprang die Ampel auf Grün, er vergaß die Blumen und fuhr im Verkehrsstrom weiter.

Es war noch hell, als er zwischen den Rhododendronsträuchern die Zufahrt entlangkam. Er fuhr den Wagen in die Garage, stellte den Motor ab, nahm sein Gepäck aus dem Kofferraum und ging durch die Küchentür ins Haus. Rufus, ein Spaniel, der langsam in die Jahre kam, stieß in seinem Korb ein warnendes »Wuff« aus, und James’ Frau blickte vom Küchentisch auf, wo sie eine Tasse Tee trank.

»Liebling!«

Wie schön, so freudig begrüßt zu werden. »Überraschung, Überraschung.« Er stellte seine Aktenmappe hin, Louisa stand auf, sie liefen sich entgegen und verloren sich in einer langen, innigen Umarmung. Er fühlte ihre zarten Rippenknochen durch ihren alten braunen Pullover. Sie duftete köstlich, es erinnerte entfernt an Feuer im Freien.

»Du bist früh dran.«

»Ich bin vor dem Stoßverkehr entwischt.«

»Wie war’s auf dem Festland?«

»Europa existiert noch.« Er hielt sie von sich. »Hier stimmt was nicht.«

»Wieso?«

»Das mußt du mir sagen. Keine verlassenen Fahrräder mitten in der Garage, kein aufgeregtes Geplapper, keine Rasselbanden, die durch den Garten flitzen. Keine Kinder.«

»Sie sind in Hamble bei Helen.« Helen war Louisas Schwester. »Das hast du doch gewußt.«

Er hatte es gewußt. Er hatte es schlicht und einfach vergessen.

»Ich dachte, du hättest sie womöglich ermordet und im Komposthaufen verscharrt.«

Sie runzelte die Stirn. »Hast du dich erkältet?«

»Ja. Irgendwo zwischen Oslo und Brüssel muß es mich erwischt haben.«

»Ach du Ärmster.«

»Gar nicht Ärmster. Deswegen muß ich morgen nämlich nicht nach London. Ich bleibe hier, bei meiner Frau, und schreibe meinen EG-Bericht am Eßzimmertisch.« Er küßte sie. »Du hast mir gefehlt. Weißt du das? Du hast mir wahrhaftig gefehlt. Unglaublich. Was gibt’s zum Essen?«

»Steaks.«

»Das wird ja immer besser.« Er öffnete seine Aktenmappe und gab Louisa den Parfumflakon (größer als der für seine Sekretärin), empfing ihre Dankesumarmung, dann ging er nach oben, um auszupacken und ein heißes Bad zu nehmen.

___________

Als James am nächsten Morgen aufwachte, schien blaß die Sonne, und es herrschte eine wunderbare, lediglich von leisem Vogelgezwitscher gebrochene Stille. Er schlug die Augen auf und sah, daß er allein im Bett war, nur die Mulde in dem anderen Kissen zeugte von Louisas Anwesenheit. Er stellte etwas erstaunt fest, daß er sich nicht erinnern konnte, wann er jemals während der Woche einen Tag frei genommen hatte. In Trägheit schwelgend, kam er sich vor wie ein Schuljunge an einem unerwarteten Ferientag. Er fummelte seine Uhr unter dem Kopfkissen hervor. Es war halb neun. Herrlich. Der heiße Whisky mit Zitrone, den er gestern abend zu sich genommen hatte, hatte seine Wirkung getan, und seine Erkältung war auf dem Rückzug. Er stand auf, rasierte sich, zog sich an, ging nach unten und fand seine Frau in der Küche, wo sie ihren Kaffee trank.

»Wie geht’s dir?« fragte sie.

»Ich fühle mich wie neugeboren. Die Erkältung ist weg.«

Sie ging zum Herd. »Eier mit Speck?«

»Wunderbar.« Er griff nach der Morgenzeitung. Gewöhnlich las er die Morgenzeitung, wenn er abends nach Hause kam. Es war ein nahezu obszöner Luxus, sie in Muße am Frühstückstisch zu lesen. Er überflog den Wirtschaftsteil, den Kricketbericht, schließlich die Schlagzeilen. Louisa räumte die Spülmaschine ein. James sah sie an.

»Räumt Mrs. Brick die Spülmaschine nicht ein?«

Mrs. Brick war die Frau des Installateurs aus dem Dorf, die Louisa bei der Hausarbeit half. Zu den angenehmen Dingen am Samstagmorgen gehörte es, daß Mrs. Brick kam, hinter dem Staubsauger hersauste, die Bodendielen polierte und im Haus den süßen Duft von Bienenwachs verbreitete.

»Mrs. Brick kommt donnerstags nicht. Mittwochs und montags kommt sie auch nicht.«

»Nie?«

»Nie.« Louisa servierte ihm Eier mit Speck und schenkte ihm eine große Tasse schwarzen Kaffee ein. »Ich drehe im Eßzimmer die Heizung an. Es ist eiskalt da drin.« Damit ging sie hinaus. Gleich darauf lärmte der Staubsauger durch die Morgenluft. Arbeiten, schien er zu sagen. Arbeiten, arbeiten. James verstand den Hinweis, er begab sich mit seiner Aktenmappe und seinem Taschenrechner ins Eßzimmer. Die Morgensonne strahlte durch die hohen Fenster. Er öffnete seine Aktenmappe und breitete den Inhalt um sich aus. Das, dachte er, während er seine Brille aufsetzte, ist das Leben. Keine Störungen, keine Anrufe.

Sogleich klingelte das Telefon. Er hob den Kopf und hörte Louisa drangehen. Nach langer Zeit, wie ihm schien, verkündete ein einzelnes Klingeln, daß das Gespräch beendet war. Der Staubsauger brummte aufs neue. James machte sich wieder an die Arbeit.

Ein neues Geräusch durchdrang die Morgenstille. Von irgendwo ertönte ein Surren und Schwirren, das James nach einigem Nachdenken als die Waschmaschine identifizierte. Er schrieb: Nordengland. Absolut abgedeckt.

Dann, in dichter Folge, zwei weitere Anrufe. Louisa nahm alle entgegen, aber als es das vierte Mal klingelte, ging sie nicht an den Apparat. James versuchte, das beharrliche Klingeln zu überhören, doch nach einer Weile schob er entnervt seinen Stuhl zurück und stürmte durch die Diele ins Wohnzimmer.

»Ja?«

Eine schüchterne Stimme sagte: »Oh, hallo.«

»Wer spricht da?« schnauzte James.

»Oh, ich glaube, ich muß mich verwählt haben. Ist das Henborough 384?«

»Ja. Hier spricht James Harner.«

»Ich wollte Mrs. Harner sprechen.«

»Ich weiß nicht, wo sie ist.«

»Hier spricht Miss Bell. Es geht um den Blumenschmuck in der Kirche für nächsten Sonntag. Mrs. Harner und ich machen das immer zusammen, und ich wollte sie fragen, ob sie etwas dagegen hat, wenn sie es diesen Sonntag mit Mrs. Sheepfold macht, dann könnte ich es nächste Woche mit der Frau des Pastors machen. Wissen Sie, die Tochter meiner Schwester hat nämlich…«

Es war an der Zeit, den Redeschwall zu bremsen. »Hören Sie, Miss Bell, wenn Sie einen Moment dranbleiben, sehe ich nach, ob ich Louisa finden kann. Legen Sie nicht auf. Bin gleich wieder da…«

Er legte den Hörer hin und ging in die Diele. »Louisa!« Keine Antwort. In die Küche. »Louisa!«

Ein schwacher Ruf drang durch die Hintertür zu ihm. Er ging hinaus und fand seine Frau auf dem Rasen, wo sie, wie ihm schien, die Wäsche eines ganzen Wäschereibetriebes aufhängte. »Was gibt’s?«

»Miss Bell ist am Telefon.« Dann war er abgelenkt und fragte: »Sagen Sie, Mrs. Harner, wie bekommen Sie Ihre Wäsche so weiß?«

Louisa parierte aufs Stichwort: »Oh, ich nehme Persil«, erwiderte sie mit der Stimme der Frau in der Fernsehwerbung. »Das wäscht sogar die Unterhosen meines Mannes strahlend rein, und alles duftet so frisch. Was will Miss Bell?«

»Sie sagt irgendwas von der Tochter ihrer Schwester und der Pfarrersfrau. Das Telefon hat den ganzen Morgen ununterbrochen geklingelt.«

»Tut mir leid.«

»Ach was. Aber ich bin verrückt vor Neugierde, warum du so beliebt bist.«

»Der erste Anruf war Helen, um zu sagen, daß die Kinder noch leben. Dann war es der Tierarzt, um Bescheid zu sagen, daß es Zeit für Rufus’ nächste Impfung ist. Und dann hat Elizabeth Thomson gefragt, ob wir nächsten Dienstag mit ihnen essen gehen. Hast du Miss Bell gesagt, daß ich sie zurückrufe?«

»Nein, ich hab ihr gesagt, sie soll dranbleiben. Sie wartet.«

»O James.« Louisa trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Sie ging ins Haus. James versuchte, ein, zwei Socken aufzuhängen, aber das war eine knifflige Angelegenheit. Er ließ es bleiben und begab sich wieder an seinen provisorischen Schreibtisch.

Er schrieb eine neue Überschrift und unterstrich sie akkurat mit roter Tinte. Es war fast halb elf, und er fragte sich, ob Louisa wohl daran denken würde, ihm eine Tasse Kaffee zu bringen.

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Gegen Mittag ließ sich das Bedürfnis nach einer Stärkung nicht mehr unterdrücken. Er legte seinen Stift hin, setzte seine Brille ab und lehnte sich zurück. Alles war still. Er stand auf, ging in die Diele, blieb mit gespitzten Ohren am Fuße der Treppe stehen wie ein Hund, der darauf wartet, daß man mit ihm spazierengeht. »Louisa!«

»Hier bin ich.«

»Wo ist hier?«

»Im Kinderbadezimmer.«

James stapfte die Treppe hinauf. Die Tür zum Kinderbadezimmer war zu, und als er sie aufmachte, warnte Louisas Stimme: »Vorsicht.« Also spähte er vorsichtig hinein. Auf dem Boden lagen Schutzplanen, eine Leiter war aufgestellt, und oben stand seine Frau und strich die hölzerne Vorhangleiste. Das Fenster war offen, trotzdem roch es stark nach Farbe. Und es war sehr kalt.

James schauderte. »Was machst du denn da, um Himmels willen?«

»Ich streiche die Vorhangleiste.«

»Das sehe ich. Aber warum? War sie nicht in Ordnung?«

»Du hast sie nie gesehen, weil sie immer mit Rüschen und Troddeln dran verdeckt war.«

Er erinnerte sich an die Rüschen. »Was ist damit passiert?«

»Als die Kinder weg waren, dachte ich, das ist eine gute Gelegenheit, die Badezimmervorhänge zu waschen, und da habe ich auch die Rüschen gewaschen, aber die hatten eine Versteifung, und alles wurde ganz klebrig, und die Troddeln sind abgegangen. Darauf hab ich alles in den Abfalleimer geworfen, und jetzt streiche ich die Vorhangleiste, damit sie zum übrigen Anstrich paßt und nicht auffällt.«

James dachte darüber nach und sagte dann: »Ich verstehe.«

»Wolltest du was?« Es drängte sie sichtlich, mit der Arbeit weiterzumachen.

»Nein, eigentlich nicht. Ich dachte nur, eine Tasse Kaffee wär’ ganz schön.«

»Oh, verzeih. Daran hab ich nicht gedacht. Ich koch mir nie welchen, wenn Mrs. Brick nicht da ist.«

»Oh. Macht nichts.« Und hoffnungsvoll fügte er hinzu: »Gibt ja sowieso bald Mittagessen.« Er bekam langsam Hunger. Er kehrte an seinen Bericht zurück, nahm sich einen Apfel aus der Schale auf dem Buffet. Während er sich abermals mit Rechenschieber und Taschenrechner befaßte, hoffte er, daß es zum Mittagessen etwas Warmes mit Fleisch geben würde.

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Bald darauf hörte er Louisa die Treppe herunterkommen, vorsichtig, was bedeutete, daß sie die Leiter und den Farbeimer trug, was wiederum bedeutete, daß sie die Vorhangleiste fertiggestrichen hatte. Er hörte Küchenschubladen auf und zugehen, Töpfe klappern, einen Mixer brummen. Bald darauf drang ein köstlicher Duft an James’ Arbeitsplatz: Der Geruch nach gebratenen Zwiebeln und Paprikaschoten hätte jedem Mann das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Er schrieb seinen Absatz zu Ende, zog wieder einen sauberen Strich und befand, daß er sich einen Drink verdient habe.

In der Küche trat er hinter Louisa, die am Herd stand, legte ihr die Arme um die Taille und spähte über ihre Schulter auf das köstliche Schmorgericht, das sie rührte.

Er sagte: »Das sieht aber reichlich viel aus für zwei Personen.«

»Wer sagt, daß das für zwei Personen ist? Es ist für zwanzig Personen.«

»Du meinst, wir erwarten achtzehn Gäste zum Mittagessen?«

»Nein. Ich meine, daß wir übernächstes Wochenende Sonntag mittag zwanzig Leute sind.«

»Aber du kochst es jetzt.«

»Ja. Das ist Moussaka. Und wenn es fertig ist, friere ich es ein, und einen Tag bevor die vielen Leute kommen, hole ich es aus der Tiefkühltruhe, und Simsalabim.«

»Aber was essen wir heute mittag?«

»Was du willst. Suppe, Brot, Käse. Ein gekochtes Ei.«

»Ein gekochtes Ei?«

»Was hast du denn erwartet?«

»Lammbraten. Koteletts. Apfelkuchen.«

»James, so groß essen wir mittags nie.«

»Doch. Am Wochenende immer.«

»Die Wochenenden sind was anderes. Am Wochenende essen wir abends Rühreier. Am Wochenende ist es umgekehrt.«

»Warum?«

»Warum? Damit du abends, wenn du abgekämpft und fix und fertig aus dem Büro kommst, eine anständige Mahlzeit kriegst. Darum.«

Das leuchtete ihm ein. Er seufzte und sah ihr beim Würzen der Moussaka zu. Salz, Pfeffer, eine Handvoll gemischte Kräuter. Wieder lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er sagte: »Kann ich heute mittag nicht ein bißchen davon haben?«

Louisa sagte: »Nein.« Er fand sie richtig gemein. Um sich aufzuheitern, holte er Eis aus dem Kühlschrank und machte sich einen belebenden Gin Tonic. Mit dem Drink in der Hand begab er sich ins Wohnzimmer, in der Absicht, sich ans Feuer zu setzen und die Morgenzeitung zu Ende zu lesen, bis sein Mittagessen fertig wäre.

Aber im Wohnzimmerkamin brannte kein Feuer, der Raum war kühl und freudlos.

»Louisa!«

»Ja?« Bildete er es sich ein, oder klang sie wirklich ein kleines bißchen ungeduldig?

»Soll ich den Kamin für dich anzünden?«

»Kannst du machen, wenn du willst, aber ist es nicht Verschwendung, wenn keiner von uns im Zimmer ist?«

»Wirst du dich denn heute nachmittag nicht etwas hinsetzen?«

»Glaub ich kaum«, sagte Louisa.

»Um wieviel Uhr machst du sonst immer Feuer?«

»Meistens so gegen fünf.« Sie sagte wieder: »Du kannst es anzünden, wenn du willst«, aber er ließ es störrisch bleiben und machte sich ein nahezu masochistisches Vergnügen daraus, sich in einen Sessel zu setzen und stur den Leitartikel zu lesen.

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Am Ende war das Mittagessen besser, als er zu hoffen gewagt hatte. Kräftige Gemüsesuppe, knuspriges Vollkornbrot, Landbutter, etwas Stiltonkäse, eine Tasse Kaffee. Um das Ganze abzurunden, zündete er sich ein Zigarillo an.

»Wie läuft es?« fragte Louisa.

»Wie läuft was?«

»Mit deinem Bericht.«

»Ich hab ungefähr zwei Drittel.«

»Das ging ja schnell, mein Schlauer. Jetzt verlasse ich dich, und dann kannst du ganz ungestört weitermachen.«

»Du verläßt mich? Weswegen verläßt du mich? Sag mir den Namen deines Liebhabers.«

»Ich habe nicht gerade einen Liebhaber, aber ich muß mit Rufus raus, und da gehen wir gleich beim Metzger vorbei und holen das Lamm ab, das er mir versprochen hat.«

»Wann gibt’s Lamm zu essen? Weihnachten?«

»Nein, heute abend. Aber wenn du weiter so sarkastisch bist, kann ich es ja einfrieren, bis du bessere Laune hast.«

»Wag es bloß nicht. Was gibt es sonst noch?«

»Neue Kartoffeln und Tiefkühlerbsen. Denkst du nie an was anderes als ans Essen?«

»Manchmal denke ich ans Trinken.«

»Du bist ein Vielfraß.«

»Ich bin ein Feinschmecker.« Er küßte sie. Dann sann er darüber nach. Er sagte: »Es ist komisch, dich beim Essen zu küssen. Ich küsse dich nicht oft am Tisch.«

»Das kommt, weil die Kinder nicht da sind«, sagte Louisa.

»Laß uns das öfter machen. Die Kinder wegschicken, meine ich. Wenn deine Schwester sie nicht nehmen kann, stecken wir sie in einen Zwinger.«

___________

Am Nachmittag war das Haus ohne Louisa, ohne den Hund, ohne Kinder, Gäste oder jegliche Art von Geschäftigkeit vollkommen tot. Die Stille war betäubend, beunruhigend wie ein ständiges, unerklärliches Geräusch. An seinem Arbeitsplatz konnte James nur das gedämpfte Ticken der Uhr in der Diele hören. Ihm kam der Gedanke, daß es für Louisa die meiste Zeit so sein mußte, wenn er in London und die Kinder in der Schule waren. Kein Wunder, daß sie mit dem Hund sprach.

Als sie endlich zurückkam, war seine Erleichterung so groß, daß er sich zurückhalten mußte, nicht gleich hinzugehen und sie zu begrüßen. Vielleicht spürte sie das, denn kurz darauf steckte sie den Kopf zur Tür herein und sprach seinen Namen. Er versuchte ein Gesicht zu machen, als habe sie ihn überrascht. »Was gibt’s?«

»Wenn du mich brauchst, ich bin im Garten.«

James hatte gedacht, sie würde das Feuer anzünden, sich an den Kamin setzen, ihre Strickerei zur Hand nehmen und warten, daß er sich zu ihr setze. Er fühlte sich betrogen. »Was willst du im Garten?«

»Ich muß das Rosenbeet in Schuß bringen. Heute ist der erste Tag, wo ich Gelegenheit dazu habe. Wenn jemand mit einem Lieferwagen kommt und klingelt, könntest du aufmachen oder mir Bescheid sagen?«

»Erwartest du Gesellschaft?«

»Mrs. Bricks Schwager hat gesagt, wenn er kann, kommt er heute nachmittag vorbei.«

Mrs. Bricks Schwager war für James eine unbekannte Größe. »Was hast du mit ihm vor?«

»Weißt du, er hat eine Kettensäge.« James sah sie völlig verständnislos an, und Louisa wurde ungeduldig. »O James, ich hab’s dir doch gesagt. Im Wald ist eine Buche umgefallen, und der Bauer hat gemeint, ich kann die abgebrochenen Äste als Kaminholz haben, wenn sie mir jemand zersägt. Und da hat Mrs. Brick gesagt, ihr Schwager würde vorbeikommen. Das hab ich dir erzählt. Das Dumme ist, du hörst nie zu, wenn ich dir was erzähle, und wenn du zuhörst, merkst du’s dir nicht.«

»Du hörst dich an wie eine Ehefrau«, erklärte James.

»Was hast du denn erwartet? Also, halt die Ohren für mich offen. Es wäre peinlich, wenn er käme und wieder wegginge, weil er denkt, ich bin nicht da.«

James stimmte zu, daß es peinlich wäre. Louisa ging und machte die Tür hinter sich zu. Kurz darauf sah er sie in Gummistiefeln mit dem Rosenbeet beschäftigt. Rufus saß neben der Schubkarre und sah ihr zu. Blöder Hund, dachte James. Er könnte ihr wenigstens helfen.

___________

Der Bericht nahm ihn wieder in Anspruch. Er konnte sich nicht erinnern, daß er jemals für etwas so lange gebraucht hatte. Aber schließlich langte er beim letzten Resümee an und bemühte sich gerade um eine besonders elegante Formulierung, als sein Friede von der knirschenden Ankunft eines uralten Vehikels erschüttert wurde. Es bog von der Straße in die Zufahrt ein und kam hinter dem Haus zum Stehen, wo es weiterknatterte, während der Fahrer, der offensichtlich nicht riskieren wollte, den Motor abzustellen, solange er nicht sicher war, ob er hierbleiben würde, am Hintereingang klingelte.

Die elegante Formulierung war für immer verloren. James stand auf und ging öffnen. Auf der Türschwelle sah er sich einem großen, gutaussehenden Mann gegenüber, weißhaarig und rotgesichtig, in Kordhose und Tweedjacke. Hinter ihm auf der Straße stand dröhnend und zitternd ein zerbeulter blauer Laster, über und über mit Schlamm bespritzt, der giftige Auspuffwolken ausstieß.

Der Mann hatte ungewöhnlich helle, unerschrockene blaue Augen. »Mrs. Harner?«

»Nein, ich bin nicht Mrs. Harner. Ich bin Mr. Harner.«

»Ich möchte aber zu Mrs. Harner.«

»Sind Sie Mrs. Bricks Schwager?«

»Der bin ich. Redmay ist mein Name. Josh Redmay.«

James war verwirrt. Der Mann sah nicht aus wie ein Verwandter von Mrs. Brick. Mit seinen blauen Augen und seinem Offiziersgehabe ähnelte er eher einem pensionierten Admiral, noch dazu einem, der es nicht gewohnt war, sich mit Schreiberlingen vom Unterdeck abzugeben.

»Mrs. Harner ist vorne im Garten. Wenn Sie…«

»Ich hab die Kettensäge dabei.« Mr. Redmay hatte keine Zeit für Höflichkeiten. »Wo ist der Baum?«

Es wäre glänzend gewesen, ihm zu erwidern: Zwei Strich Westsüdwest. Aber James konnte nur sagen: »Ich weiß es nicht genau. Meine Frau wird es Ihnen zeigen.«

Mr. Redmay bedachte James mit einem langen, abschätzenden Blick, und indem James die Schultern straffte und das Kinn reckte, gelang es ihm, diesem Blick Auge in Auge standzuhalten. Dann machte Mr. Redmay auf dem Absatz kehrt, ging zu seinem schlammbespritzten Gefährt, langte ins Fahrerhaus und stellte die Zündung ab. Es wurde still, der Laster hörte zu zittern auf, aber der unleidliche Auspuffgestank war trotzdem noch deutlich wahrnehmbar. Mr. Redmay lud die Kettensäge und einen Kanister Benzin von der Ladepritsche. Beim Anblick des Blattes, einem Haifischmaul voller Zähne, bekam es James plötzlich mit der Angst; alptraumhafte Visionen von Louisa ohne jeglichen Finger plagten ihn.

»Mr. Redmay…«

Mrs. Bricks Schwager drehte sich um. James kam sich albern vor, aber das war ihm egal. »Lassen Sie meine Frau nicht zu nahe an das Ding heran, ja?«

Mr. Redmay verzog keine Miene. Aber er nickte James zu, lud sich die Kettensäge auf die Schulter und verschwand um die Hausecke. Wenigstens, dachte James, als er wieder ins Haus ging, hat er mich nicht angespuckt.

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Um Viertel vor fünf war der Bericht fertig. Gelesen und wieder gelesen, korrigiert, geheftet. Zufrieden steckte James ihn in seine Aktenmappe und ließ das Schloß zuschnappen. Morgen vormittag würde seine Sekretärin ihn tippen. Am Nachmittag würde jeder Direktor der Firma eine Kopie erhalten haben.

Er war müde. Er streckte sich und gähnte. Am anderen Ende des Gartens kreischte die Kettensäge. Er stand auf, ging ins Wohnzimmer, nahm die Streichholzschachtel vom Kaminsims und machte Feuer, dann ging er in die Küche, ließ Wasser in den Kessel laufen und setzte ihn auf. Er sah den Korb mit Wäsche auf dem Tisch, Kleidungsstücke, die darauf warteten, gebügelt zu werden. Er sah die Schüssel mit geschälten Kartoffeln, und auf dem Herd köchelte etwas in einer Kasserolle; als er den Deckel hob, schlug ihm der Duft von Spargelsuppe entgegen. Seine Lieblingssuppe.

Das Wasser kochte. Er machte Tee, füllte ihn in eine Thermosflasche, dazu Tassen, eine Flasche Milch, ein Paket Würfelzucker. Er sah die Keksdosen durch und fand einen großen Früchtekuchen. Er schnitt drei dicke Scheiben ab, räumte alles in einen Korb, zog die alte Jacke an und verließ das Haus.

Der Spätnachmittag war still und blau, die feuchte Luft roch kühl und frisch, nach Erde und Wachstum. Er ging über den Rasen, durch die Koppel und über den Zaun in den Buchenhain. Das Kreischen der Säge wurde lauter, und er fand Louisa und Mr. Redmay ohne Mühe. Mr. Redmay hatte aus einem Baumstumpf einen provisorischen Sägebock gebaut, und die beiden arbeiteten zusammen; Mr. Redmay betätigte die Säge, und Louisa reichte ihm die Äste, die binnen Sekunden zu Haufen von Scheiten wurden. Die Luft war von Sägemehlgeruch erfüllt.

James fand, sie sahen beide geschäftig und kameradschaftlich aus, und er verspürte einen leisen Stich von Eifersucht. Wenn er sich aus der Hetzjagd der Werbewelt zurückzog, würden er und Louisa vielleicht ihren Lebensabend gemeinsam mit Holzsägen verbringen.

Louisa blickte auf und sah ihn kommen. Sie sagte etwas zu Mr. Redmay, und kurz darauf wurde die Säge abgeschaltet, das Kreischen des Blattes erstarb. Mr. Redmay richtete sich auf, drehte sich um und beobachtete James’ Ankunft.

Er kam mit seinem Korb zu ihnen und fühlte sich wie eine Bauersfrau. Er sagte: »Ich dachte, es ist Zeit für eine Tasse Tee.«

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Es war sehr kameradschaftlich, im dunkelnden Wald zu sitzen, Tee zu trinken, Früchtekuchen zu mampfen und den heranfliegenden Tauben zuzuhören. Louisa wirkte müde, aber sie lehnte sich an James’ Schulter und sagte zufrieden: »Nun sieh dir das an. Ist das zu fassen, so viele Scheite, nur aus ein paar Ästen?«

»Wie wollen wir die alle ins Haus kriegen?« fragte James.

»Hab ich schon mit Ihrer Frau besprochen«, sagte Mr. Redmay und zog an seiner Zigarette. »Ich leih mir ‘nen Traktor und ‘n Anhänger vom Bauern und fahr’s rüber. Vielleicht morgen. Es wird schon dunkel. Für heute lassen wir’s lieber genug sein.«

Sie packten das Teegeschirr zusammen und machten sich auf den Heimweg. Louisa ging nach oben, um ein Bad zu nehmen, aber James lud Mr. Redmay zu einem Drink ins Haus ein, und Mr. Redmay nahm ohne Umschweife an. Sie setzten sich ins Wohnzimmer an den Kamin und kippten jeder ein paar Whiskys, und als Mr. Redmay sich verabschiedete, waren sie die besten Freunde.

»Wissen Sie«, sagte Mr. Redmay, »Ihre kleine Frau, so was findet man einmal unter einer Million.« Er kletterte in die Fahrerkabine seines Lasters und schlug die Tür zu. »Wenn Sie die mal loswerden wollen, sagen Sie mir Bescheid. Für jemand, der hart arbeitet, find ich immer was zu tun.«

Aber James sagte, er wolle sie nicht loswerden. Jetzt noch nicht.

Als Mr. Redmay fort war, ging James ins Haus und nach oben. Louisa war aus der Wanne, sie hatte ihren blausamtenen Morgenrock an und den Gürtel eng um ihre schmale Taille geschlungen. Sie bürstete ihre Haare. »Ich habe dich gar nicht nach dem Bericht gefragt. Bist du fertig?« erkundigte sie sich.

»Ja. Das ist erledigt.« Er setzte sich auf die Bettkante und band seinen Schlips auf. Louisa besprengte sich mit etwas Parfum, kam zu ihm und küßte ihn auf den Kopf. »Du hast hart gearbeitet«, sagte sie zu ihm, dann ging sie aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Er blieb ein Weilchen sitzen, dann zog er sich aus und nahm ein Bad. Als er hinunterkam, hatte sie den Wäschekorb weggeräumt, aber er konnte den Duft nach frischgebügelten Sachen noch riechen. Er ging am Eßzimmer vorüber und sah sie durch die offene Tür den Tisch decken. Er blieb stehen und sah ihr zu. Sie blickte auf, sah ihn und fragte: »Was gibt’s?«

»Du mußt müde sein.«

»Nicht besonders.«

Er fragte wie jeden Abend: »Möchtest du was trinken?«, und Louisa erwiderte wie jeden Abend: »Ein Glas Sherry bitte.« Sie waren wieder bei ihrem gewohnten täglichen Ablauf angelangt.

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Nichts hatte sich geändert. Am nächsten Morgen fuhr James nach London, verbrachte den Tag im Büro, aß mit einem jungen Werbetexter im Club zu Mittag und kehrte — im üblichen dichten Stoßverkehr — am Abend aufs Land zurück. Aber er fuhr nicht direkt nach Hause. Er hielt in Henborough an, stieg aus, ging in das Blumengeschäft und kaufte Louisa einen Armvoll zartgelber Narzissen, hellrosa Tulpen, violettblauer Iris. Die Verkäuferin wickelte sie in Seidenpapier, James bezahlte, brachte die Blumen nach Hause und gab sie Louisa.

»James…« Sie machte ein erstauntes Gesicht, und das mit Recht. Es war nicht seine Gewohnheit, ihr Arme voll Blumen mit nach Hause zu bringen. »Oh, sind die schön.« Sie begrub ihr Gesicht darin, saugte den Duft der Narzissen in sich hinein. Dann sah sie auf. »Aber warum…?«

Weil du mein Leben bist. Die Mutter meiner Kinder, das Herz meines Hauses. Du bist der Früchtekuchen in der Dose, die sauberen Hemden in der Schublade, die Holzscheite im Korb, die Rosen im Garten. Du bist die Blumen in der Kirche und der Farbgeruch im Badezimmer und Mr. Redmays Augapfel. Und ich liebe dich.

Er sagte: »Aus keinem besonderen Grund.«

Sie küßte ihn. »Wie war dein Tag?«

»In Ordnung«, sagte James. »Und du? Was hast du gemacht?«

»Oh«, sagte Louisa, »nicht viel.«

Teil III

»Spanish Ladies«

An einem Mittwoch Anfang Juli starb der alte Admiral Colley. Er wurde am Samstag darauf beerdigt, der Trauergottesdienst fand in der Dorfkirche statt, und zwei Wochen später wurde seine Enkelin Jane in derselben kleinen Kirche mit Andrew Latham getraut. Das rief im Dorf einiges Stirnrunzeln sowie ein paar vorwurfsvolle Briefe von entfernten älteren Verwandten hervor, aber die Angehörigen sagten sich: »Er hätte es so gewollt«, und sie trockneten ihre Tränen und fuhren mit den Vorbereitungen fort. »Er hätte es so gewollt.«

Weil es Juli war und morgens um halb sieben, war das Schlafzimmer von Sonnenstrahlen durchflutet, als Laurie aufwachte. Sie lagen wie eine warme Decke auf ihrem Bett. Sie zauberten Bänder aus reflektiertem Licht von dem Dreifachspiegel ihres Toilettentisches, überfluteten den verblichenen rosa Teppich. Durch das offene Fenster konnte sie den blassen, wolkenlosen Himmel sehen, den Vorboten eines herrlichen Tages. Vom Meer her wehte eine Brise und bewegte die Vorhänge mit dem Gänseblümchenmuster. Die Vorhänge paßten zur Tapete und zu den Rüschen an der Steppdecke; Lauries Mutter hatte sie ausgesucht, als Laurie dreizehn und im Internat war. Sie erinnerte sich, wie sie nach Hause in das vollkommen neu dekorierte Zimmer kam und ihr Entsetzen verbergen mußte, weil sie sich insgeheim ein Zimmer wünschte, so schlicht und streng wie eine Schiffskabine, mit weißgetünchten Wänden und Platz für ihre vielen Bücher und einem Bett wie Großvaters, mit Schubladen darunter und einer kleinen Leiter, die man erklimmen mußte, wenn man ins Bett wollte.

Glücklich die Braut, von der Sonne beschienen. Sie horchte. Tief unter ihr in dem alten Haus hörte sie eine Tür zugehen und einen Hund bellen. Sie wußte, daß ihre Mutter schon auf war. Vermutlich saß sie bei ihrer ersten Tasse Morgentee am Küchentisch und schrieb wieder eine ihrer endlosen Listen mit Dingen, die noch zu erledigen waren.

Tante Blanche am Bahnhof abholen.

Friseuse. Bleibt sie zum Mittagessen?

Robert zum Blumengeschäft wegen der Nelken.

Hundefutter. NICHT VERGESSEN.

Glücklich die Braut, von der Sonne beschienen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Treppenhauses, in dem anderen Mansardenzimmer, lag Jane vermutlich im Schlummer. Jane war nie eine Frühaufsteherin gewesen, und der Umstand, daß dies der Morgen ihrer Hochzeit war, würde sie kaum dazu bewegen, mit der Gewohnheit von fünfundzwanzig Lebensjahren zu brechen. Laurie stellte sie sich vor, blond und rosig, mit wirren Haaren, den alten, augenlosen Teddybär unters Kinn geklemmt. Der Teddybär sorgte bei ihrer Mutter für milde Verstimmung; sie war nicht der Meinung, daß er Jane auf ihrer Hochzeitsreise begleiten sollte. Auch Laurie fand, daß er nicht zu feinen Negliges und romantischer Stimmung paßte, aber da es Janes Art war, liebenswürdig allem zuzustimmen, was von ihr verlangt wurde, um dann das genaue Gegenteil zu tun, war Laurie sich ziemlich sicher, daß der Teddy heute abend in der Hochzeitssuite eines Luxushotels zugegen sein würde.

Sie ließ ihre Gedanken weiter durch das Haus schweifen. Ins Gästezimmer, wo ihr älterer Bruder und seine Frau schliefen. In die alten Kinderzimmer, wo ihre Kinder in geerbten Gitterbettchen lagen. Sie dachte an ihren Vater, der sich vielleicht eben zu rühren begann, die Augen öffnete, für das schöne Wetter dankte und dann anfing, sich Sorgen zu machen. Wegen der Parkplatzvorkehrungen, der Qualität des Sektes, des Umstands, daß die Hose seines Stresemanns ausgelassen werden mußte. Wegen der Rechnungen.

»Wir können uns keine große Hochzeit leisten«, hatte er in demselben Augenblick, als die Verlobung verkündet wurde, mit fester Stimme gesagt. Und die anderen hatten so ziemlich in dasselbe Horn gestoßen, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. »Wir wollen keine große Hochzeit«, hatte Jane gesagt. »Vielleicht bloß aufs Standesamt und hinterher einen kleinen Imbiß.«

»Wir wollen keine große Hochzeit«, hatte ihre Mutter matt zugestimmt, »aber das Dorf erwartet es. Ich denke, wir können etwas ganz Einfaches…«

Blieben noch Lauries und des Großvaters Beitrag zu der Diskussion. Laurie leistete überhaupt keinen Beitrag, da sie zur Zeit der Verlobung in Oxford und ganz von Tutorenkursen und Vorlesungen eingenommen war, aber der Großvater las ihnen tüchtig die Leviten. »Ihr habt bloß zwei Töchter«, sagte er zu Lauries Eltern, »was soll da so eine popelige Trauungszeremonie? Ihr braucht ja nicht gleich ein Zirkuszelt aufzustellen. Räumt das Wohnzimmer leer, und wenn schönes Wetter ist, können die Gäste nach draußen auf den Rasen…«

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Sie konnte es ihn sagen hören. Sie drehte sich im Bett herum, vergrub das Gesicht im Kopfkissen und kämpfte gegen die Woge tränenlosen Kummers, die sie zu verschlingen drohte, weil der Großvater ihr Leben lang für sie der liebste Mensch auf Erden gewesen war, ihr klügster Ratgeber, ihr allerbester Freund. Jane und Robert waren altersmäßig nicht weit auseinander, Laurie aber war sechs Jahre später gekommen und immer ein wenig einsam gewesen, fast wie ein Einzelkind. »Wie merkwürdig die Kleine ist«, bemerkten die Freundinnen ihrer Mutter in dem Glauben, Laurie würde sie nicht hören. »So verschlossen. Mag sie denn nie mit anderen Kindern spielen?« Aber Laurie brauchte keine anderen Kinder, denn sie hatte Großvater.

Großvater war sein Leben lang bei der Marine gewesen. Nach seiner Pensionierung und dem Tod seiner Frau vor mehr als zwanzig Jahren hatte er von seinem Sohn ein Stück Land gekauft und sich ein Häuschen gebaut. Er zog nach Cornwall und sagte Porthmouth für immer ade. Es war ein Holzhaus aus Zedernholz, mit einem Schindeldach und einer breiten Veranda, die über die alte Kaimauer hinausragte. Bei Flut platschte das Wasser gegen die Steine, was Großvater an seine Zeit auf See erinnerte. An dem Geländer seiner Veranda hatte er ein Fernrohr montiert, und das verschaffte ihm viel Freude. Schiffe gab es keine zu sehen, höchstens ein paar klapprige Krabbenkutter, die auf den Kiesstrand unterhalb seines Hauses gezogen wurden; ansonsten aber kam, die See ausgenommen, heutzutage nichts mehr in den Meeresarm. Doch es machte ihm Spaß, die Vögel zu beobachten und die Autos auf der Chaussee zu zählen, die jenseits des Sandes verlief. Im Winter fuhren sie nur vereinzelt, aber sobald die Sommertouristen kamen, drängten sie sich Stoßstange an Stoßstange, die Sonne blinkte auf ihren Windschutzscheiben, und das endlose Dröhnen des Verkehrs war wie fernes Bienensummen.

Er war auf seiner Veranda gestorben, an einem warmen Abend, mit seinem gewohnten Pink Gin in der Hand, und sein Plattenspieler hatte hinter ihm im Zimmer gespielt. Er hing sehr an seinem Plattenspieler. Einen Fernsehapparat hatte er nie besessen, aber er liebte Musik. Schöne Nacht, du Liebesnacht, o stille das Verlangen. Die Barkarole. Er hatte die Barkarole gespielt, als er starb. Sie hatten sie auf dem Grammophon gefunden, die zu Ende gespielte Platte drehte sich noch auf dem Teller, die Nadel kratzte in der letzten Rille.

Er hatte auch einen alten Flügel, auf dem er mit Begeisterung, aber ohne große Kunstfertigkeit spielte. Als Laurie klein war, brachte er ihr Lieder bei, sie sangen sie gemeinsam, und Großvater lieferte die Begleitung. Es waren zumeist rauhe Seemannslieder mit einfachen Melodien. »Whisky Johnny« und »Rio Grande« und »Shenandoah«. Aber sein Lieblingslied war »Spanish Ladies«:

Goodbye and farewell to you, fair Spanish ladies,

Goodbye and farewell to you, ladies of Spain,

For we have received orders for to sail for old England

Er spielte es im langsamen Marschrhythmus, mit brausenden Akkorden, und Laurie mußte die langen Noten halten, wobei ihr oft die Puste ausging.

»Ein wunderbarer langsamer Marsch«, sagte der Großvater dann und dachte an Colours auf Whale Island, wenn die Kapelle der Royal Marine »Spanish Ladies« spielte, während der Kapitän die Wache inspizierte und die »White Ensign«, die Flagge der englischen Kriegsmarine, hoch am Morgenhimmel flatterte.

Er kannte unzählige Geschichten, von Hongkong, Simonstown und Malta. Er hatte im Krieg im Mittelmeer gekämpft, war dann in den Fernen Osten und nach Ceylon gefahren. Er hatte Angriffe und Schiffbruch überlebt, war immer wieder aufgetaucht, einen Scherz auf den Lippen, unverwüstlich, hatte überlebt und war einer der beliebtesten Flaggoffiziere der Marine geworden.

Unverwüstlich. Aber er war nicht unverwüstlich. Kein Mensch war unverwüstlich. Am Ende war er in seinem Sessel gekentert, während er die Barkarole hörte, und das Glas mit Pink Gin war auf die Erde gefallen und in tausend Stücke zersprungen. Es ließ sich nicht sagen, wie lange er so gesessen haben mochte, ohne daß jemand von seinem Tod wußte, aber ein Fischer, der an seinem Boot arbeitete, hatte zu ihm hinaufgesehen und gemerkt, daß etwas nicht stimmte, und er war zum Haus gegangen, die Mütze in der Hand, um ihnen die Nachricht zu überbringen.

Goodbye and farewell to you, fair Spanish Ladies

Bei der Trauerfeier hatten sie »Heilig, heilig, heilig« gesungen und dann »Ewiger Vater, starker Erlöser«. Und Laurie hatte auf den schlichten Sarg gesehen, der in die White Ensign gehüllt war, und sie war in lautes, unhaltbares Weinen ausgebrochen und mußte von ihrer Mutter diskret zu einem Nebeneingang hinausgeschoben werden. Sie war seit dem Begräbnis nicht wieder in der Kirche gewesen. Gestern hatte sie einen Haufen Vorwände erfunden, um nicht an der Probe für die Trauung teilzunehmen. »Ich bin die einzige Brautjungfer, ich weiß, was ich zu tun habe. Es ist sinnlos, daß ich komme, und hier gibt es so viel zu tun. Ich helfe die Möbel verrücken und sauge den Wohnzimmerteppich.«

Aber heute — heute war der Hochzeitstag, und es gab keinen Vorwand.

Und keinen Vorwand, um im Bett zu bleiben. Laurie stand auf, zog sich an und bürstete ihre Haare, dann ging sie nach Jane sehen. Man hatte Jane das Frühstück ans Bett gebracht, was sie liebte, träge, wie sie war. Laurie haßte es, im Bett zu frühstücken, weil sie hinterher immer auf lauter Krümeln saß.

Sie sagte: »Guten Morgen, wie fühlst du dich?« und gab Jane einen Kuß, und Jane sagte: »Ich weiß nicht. Wie sollte ich mich fühlen?«

»Nervös?«

»Kein bißchen. Nur gemütlich und verwöhnt.«

»Ein herrlicher Tag heute«, sagte Laurie und zog den Teddy unter dem Kissen hervor. »Hallo, Teddy«, sagte sie zu ihm. »Deine Tage sind gezählt.«

»Von wegen«, sagte Jane und entriß ihn ihr. »Der lebt noch lange. Er muß es noch überleben, von all unseren Kindern herumgezerrt zu werden. Nimm dir Toast.«

»Nein, iß du ihn. Du mußt bei Kräften bleiben.«

»Du auch. Du mußt alles richtig machen, zum Beispiel den Brautstrauß fangen, wenn ich ihn dir zuwerfe, und nett zu dem Trauzeugen sein.«

»O Jane.«

»Also hör mal, es ist doch bestimmt nicht unmöglich, nett zu William Boscawan zu sein? Ich weiß, du fauchst immer wie ein verwundetes Tier, wenn er nur ins Zimmer kommt, aber das ist deine Schuld. Er ist immer höflich zu dir gewesen.«

William Boscawan war ein alter Zankapfel. Sein Vater war der Anwalt der Familie, und als William vor gut fünf Jahren in die Kanzlei eintrat, war er zum Leben und Arbeiten wieder in diese Gegend zurückgekehrt. Und nicht nur zum Leben und Arbeiten, sondern auch um jedem Mädchen im Bezirk das Herz zu brechen. Er hatte sogar einen kleinen Flirt mit Jane, bis sie ihr Herz endgültig an Andrew Latham verlor, aber das hatte seiner Freundschaft mit Andrew keinen Abbruch getan, und als die Hochzeitsvorbereitungen im Gange waren, hatte es niemanden überrascht, als Andrew verkündete. William werde sein Trauzeuge sein.

»Ich begreife einfach nicht, warum du ihn nicht magst.«

»Ich hab nichts gegen ihn. Er ist mir nur zu geleckt.«

»Ist er doch gar nicht. Er ist süß.«

»Ich meine… du weißt, was ich meine. Dieser Wagen, das Boot, und alle Mädchen klimpern jedesmal mit den Wimpern, wenn sein Blick zu ihnen schwenkt.«

»Du bist gemein. Er kann nichts dafür, wenn die Mädchen sich in ihn verlieben.«

»Er würde mir besser gefallen, wenn er nicht ganz so erfolgreich wäre.«

»Das ist doch spitzfindig. Bloß daß andere Leute ihn mögen, ist noch lange kein Grund für dich, ihn nicht auch zu mögen.«

»Ich hab dir doch gesagt, ich hab nichts gegen ihn. Es gibt nichts an ihm, wogegen man was haben könnte. Ich wünsche bloß manchmal, er hätte Flecken im Gesicht oder eine Reifenpanne mit seinem schnellen Wagen, oder er würde beim Segeln ins Wasser fallen.«

»Du bist unmöglich. Am Ende landest du bei einem langweiligen Akademiker mit Brillengläsern so dick wie Flaschenböden.«

»Ja, so sehen die Männer aus, mit denen ich die ganze Zeit rumziehe.«

Sie funkelten sich an, und dann lachten sie. Jane sagte: »Ich geb’s auf. Deine Aggressionen haben mich besiegt.«

»Das will ich hoffen«, sagte Laurie. »So, ich gehe jetzt runter, frühstücken.« Sie steuerte auf die Tür zu, aber als sie sie öffnete, sagte Jane mit ganz veränderter Stimme: »Laurie«, und Laurie drehte sich um, die Hand am Türknauf.

»Laurie… meinst du, du hältst es durch?«

Laurie starrte sie an. Sie hatten sich nie sehr nahe gestanden, hatten keine Vertraulichkeiten ausgetauscht oder Geheimnisse geteilt, und daher wußte Laurie, daß es Jane einige Mühe gekostet haben mußte, dies zu sagen. Sie wußte, daß auch sie ihre Zurückhaltung überwinden sollte, aber die war ihr einziger Schutz gegen das schmerzliche Gefühl des Verlustes. Ohne sie wäre sie verloren, sie würde in Tränen ausbrechen und den ganzen Tag nicht mehr aufhören können zu weinen.

Sie fühlte, wie jeder Nerv ihres Körpers sich zusammenzog wie eine Seeanemone bei einer plötzlichen Berührung. Sie sagte: »Was meinst du?«, und sogar in ihren eigenen Ohren hörte es sich kalt an.

»Du weißt, was ich meine.« Die arme Jane machte ein verzweifeltes Gesicht. »Großvater…« Laurie sagte nichts. »Wir… wir wissen alle, daß es für dich schlimmer ist als für uns«, haspelte Jane weiter. »Du warst immer sein Liebling. Und heute… ich hätte nichts dagegen gehabt, die Hochzeit zu verschieben. Ich hätte nichts dagegen gehabt, nur standesamtlich zu heiraten. Andrew hätte auch nichts dagegen gehabt. Aber Mutter und Vater… ihnen gegenüber wäre es einfach nicht anständig gewesen…«

»Du kannst nichts dafür«, sagte Laurie.

»Ich will nicht, daß du unglücklich bist. Ich will nicht das Gefühl haben, daß wir dich noch unglücklicher machen, als du bist.«

Sie sagte wieder: »Du kannst nichts dafür.« Und weil es danach anscheinend nichts weiter zu sagen gab, ging sie hinaus und machte die Tür hinter sich zu.

Der Vormittag schritt voran. Das Haus, das ohne Möbel unvertraut wirkte, wurde nach und nach von Fremden übernommen. Der Party-Service kam, Lieferautos fuhren vor, Tische wurden aufgestellt, Gläser hergerichtet; als die Sonne darauf fiel, sahen sie aus wie viele hundert Seifenblasen. Die Floristin kam mit einem kleinen Lastauto angefahren, um den Gebinden, für deren Arrangement sie fast den ganzen gestrigen Tag gebraucht hatte, den letzten Schliff zu geben. Robert fuhr zum Bahnhof, Tante Blanche abholen. Einem Kind war schlecht. Lauries Vater konnte seine Hosenträger nicht finden, und ihre Mutter bekam aus heiterem Himmel einen Wutanfall und verkündete, sie könne unmöglich den Hut aufsetzen, der eigens passend zu ihrer Brautmuttergarderobe angefertigt worden war. Sie kam herunter, mit dem Hut auf dem Kopf, um zu beweisen, daß sie recht hatte. Es war eine Art Bäckerjungenmütze aus azaleenrosa Seide. »Ich seh damit nach gar nichts aus«, jammerte sie, und Laurie merkte, daß sie den Tränen nahe war, aber alle sagten ihr, sie sehe umwerfend aus, und wenn ihre Haare erst gemacht seien und sie ihre Brautmuttergarderobe anhabe, werde sie alle übrigen ausstechen. Sie war noch nicht überzeugt, als die Friseuse kam, aber diese neue Wende der Ereignisse lenkte sie zum Glück ab, und sie ließ sich nach oben führen.

»Gut«, sagte Lauries Vater. »Es geht nichts über eine neue Frisur, um die Nerven zu beruhigen. Gleich wird sie wieder obenauf sein.« Er strich mit der Hand über sein schütteres Haar und sah Laurie an. »Und du? Wie steht’s mit dir?« fragte er sie. Seine Stimme klang lässig, aber sie wußte, er dachte an Großvater, und das konnte sie nicht ertragen. Ihn absichtlich mißverstehend, sagte sie: »Ich hab keinen Hut. Ich hab nur eine Blume.« Als sie die Miene ihres Vaters sah, haßte sie sich, aber bevor sie noch etwas sagen konnte, war er mit einer Ausrede fortgegangen, und es war zu spät.

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Der Party-Service richtete in der Küche für alle ein kaltes Mittagessen an. Die ganze Familie setzte sich an den vertrauten Tisch und aß unvertraute Speisen, Hühnchen in Aspik, Kartoffelsalat und Obstdessert mit Sahne; gewöhnlich gab es bei ihnen Suppe, Brot und Käse. Nach dem Essen gingen alle nach oben, sich umziehen, und Laurie bürstete ihr seidiges Haar, wand es zu einem Krönchen und befestigte die Kamelie darin. Dann zog sie sich an, zog das lange, helle Kleid über ihren Unterrock und knöpfte die vielen winzigen Knöpfchen am Vorderteil zu. Sie befestigte eine Perlenkette im Nacken, nahm ihr Brautjungfernsträußchen und stellte sich vor den hohen Spiegel, der an der Innenseite der Tür hing. Sie sah ein Mädchen, blaß und fremd, den Hals durch die aufgesteckten Haare entblößt, die dunklen Augen umschattet, das Gesicht ausdruckslos. Sie dachte: So sehe ich aus, seit Großvater tot ist. Unberührbar, unerreichbar. Ich möchte von ihm sprechen, aber ich kann nicht. Noch nicht. Wenn ich diesen Tag überstanden habe, wenn alles vorbei ist, dann kann ich vielleicht reden. Aber jetzt noch nicht.

Sie öffnete die Tür, ging die steile Treppe hinunter, klopfte an die Schlafzimmertür ihrer Mutter und ging hinein. Ihre Mutter saß am Toilettentisch und tuschte sich die Wimpern, bevor sie sich schließlich den verhaßten Hut vornahm. Ihre Haare, an welche die Friseuse soeben letzte Hand angelegt hatte, ringelten sich um ihren Hals. Sie sah ungemein hübsch aus. Ihr und Lauries Blick trafen sich im Spiegel. Dann drehte sie sich auf ihrem Hocker um und sah ihre jüngere Tochter lange an. Sie sagte mit einem kleinen Zittern in der Stimme: »O mein Liebling, du siehst ganz entzückend aus.«

Laurie lächelte. »Hattest du das nicht erwartet?«

»Doch, natürlich. Bloß, auf einmal fühle ich mich sehr mütterlich und stolz.«

Laurie gab ihr einen Kuß. »Ich bin früh dran«, sagte sie. Und fügte hinzu: »Du siehst auch entzückend aus. Und der Hut ist richtig hübsch.«

Ihre Mutter nahm ihre Hand. »Laurie…«

Laurie entzog sie ihr. »Frag mich nicht, wie ich mich fühle. Sprich nicht von Großvater.«

»Liebling, ich verstehe dich. Wir alle vermissen ihn. Wir alle haben ein großes leeres Loch im Herzen. Er sollte heute bei uns sein und ist es nicht. Aber Jane zuliebe, Andrew zuliebe, Großvater zuliebe dürfen wir nicht traurig sein. Das Leben muß weitergehen, und er hätte nicht gewollt, daß irgend etwas diesen Tag verdirbt.«

Laurie sagte: »Ich werde ihn nicht verderben.«

»Für dich ist es am schlimmsten. Das wissen wir alle.« Sie erwiderte:

»Ich will nicht darüber sprechen.«

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Sie ging nach unten. Alles war bereit für den Hochzeitsempfang. Alles war unvertraut, alles war fremd. Es waren nicht nur das Haus, das unkenntliche Wohnzimmer, die Massen von Blumen und die Tische des Party-Service. Sie selbst war sich fremd. Das dünne, luftige Kleid, die zierlichen Schuhe, die Kühle am Hals, ohne die dichten Haare, die ihr sonst über die Schultern fielen. Nichts war wie vorher. Sie wußte, daß es nie wieder wie vorher sein würde. Vielleicht war dies der Anfang des Altwerdens. Wenn sie wirklich alt wäre, würde sie vielleicht zurückblicken und denken: Das war der Anfang. Das war der Tag, an dem ich aufhörte, ein Kind zu sein, der Tag, als mir bewußt wurde, daß nicht alles ewig so weitergehen konnte.

Mit ihrem Sträußchen in der Hand trat sie durch die offene Glastür, setzte sich auf der Terrasse auf einen Stuhl und sah in den Garten. Auf dem Rasen waren kleine Tische und Stühle aufgestellt, die aufgespannten Sonnenschirme warfen dunkle runde Schatten auf das Gras. Hinten fiel der Garten zum blauen Wasser des Meeresarms ab. Hinter der Fuchsienhecke waren die Masten der Fischerboote und das steile Dach von Großvaters Haus zu sehen. Laurie dachte an Zauberei und die Launen der Zeit; man müßte die Uhr zurückdrehen können. Wieder zwölf Jahre alt sein, in Shorts und Turnschuhen mit dem Badetuch unterm Arm über den Rasen rennen, um Großvater zu ihrem täglichen Ausflug an den Strand abzuholen. Oder um mit der kleinen Bahn in die Stadt zu fahren, wo er sich mit Tabak und Rasierklingen eindeckte und Laurie ein Hörnchen Eis kaufte; und sie würden sich im Sonnenschein an die Hafenmauer setzen und den Männern bei der Arbeit an ihren Booten zusehen.

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Auf der Straße hielt ein Auto vor dem Haus. Laurie hörte das Knirschen von Kies, eine Tür schlug, doch sie achtete nicht weiter darauf; sie nahm an, daß es etwas mit der Hochzeit zu tun hatte — ein in letzter Minute engagierter Barmixer oder der Briefträger mit Grußtelegrammen für das glückliche Paar. Dann aber ging die Haustür auf, und eine Männerstimme rief: »Ist jemand da?« Es war unverkennbar William Boscawan, der Trauzeuge.

Er war der letzte Mensch, den sie sehen wollte. Laurie erstarrte, sie verhielt sich still und stumm wie ein Schatten. Sie hörte ihn durch die Diele gehen und die Küchentür öffnen. »Niemand zu Hause?«

Sie ging lautlos in den heißen Garten und überquerte den Rasen. Der Wind fing sich in ihrem langen, dünnen Rock und blies den luftigen Stoff gegen ihre Beine, und die Sohlen der neuen Sandalen rutschten etwas auf dem trockenen Gras. Sie kam zu dem Gatter in der Fuchsienhecke, und niemand rief sie zurück. Sie öffnete das Gatter und ging den Weg entlang zu dem Zedernhaus.

Die Tür war unverschlossen. Sie war nie abgeschlossen gewesen. Laurie ging hinein und roch den Duft der Zederntäfelung, von Tabakrauch und einem Hauch von dem Pimentöl, das der alte Herr immer für seine Haare benutzt hatte. Der kleine Flur war vollgehängt mit Fotografien von den Schiffen, die er befehligt hatte. Sie sah seinen riesigen birmanischen Tempelgong und die Geweihe der Weißschwanzgnus, die er einst in Südafrika erlegt hatte. Sie öffnete die Tür zu seinem Wohnzimmer und ging hinein, und sie sah die abgenutzten Perserteppiche, die durchgesessenen Ledersessel. Es war sehr warm; eine Schmeißfliege brummte auf der anderen Seite des Zimmers am geschlossenen Fenster. Sie ging hinüber, entriegelte das Fenster und schob es auf. Ein Luftschwall füllte das stickige, verlassene Zimmer. Laurie trat hinaus auf die Veranda; die Flut platschte zu ihren Füßen gegen die Kaimauer, und der Meeresarm war so blau wie der Himmel und mit Sonnenflecken gesprenkelt.

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Laurie fühlte sich mit einemmal so erschöpft, als sei sie meilenweit gelaufen. Großvaters Sessel stand neben dem Fernrohr. Sie setzte sich und breitete ihr Kleid sorgsam um sich aus, damit es nicht knitterte. Sie lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen.

Leise Geräusche drangen in ihr Bewußtsein. Der Verkehr von der fernen Chaussee, das Platschen des Flutwassers, das Kreischen einer einzelnen Möwe. Sie dachte, wenn sie einfach nur hier sitzen könnte, allein, ungestört, den ganzen Tag lang… nicht zu der Hochzeit gehen, mit niemandem reden…

Irgendwo ging eine Tür auf. Ein Luftzug bewegte Großvaters schwere Vorhänge. Laurie öffnete die Augen, rührte sich aber nicht.

Die Tür schloß sich wieder, dann kamen Schritte durch das Haus. Im nächsten Moment erschien William an dem offenen Fenster. Er kletterte über die Fensterbank und sah auf Laurie hinunter. Selbst in diesem Augenblick des Schreckens mußte sie zugeben, daß er in seinem Stresemann mit der Trauzeugennelke hinreißend aussah. Der steife weiße Kragen unterstrich seine Sonnenbräune, seine schwarzen Haare paßten zu dem dunklen Cut, seine Schuhe glänzten. Er war nicht hübsch zu nennen, nicht einmal gutaussehend, aber seine pure Maskulinität, sein Lächeln, seine leuchtenden blauen Augen vereinten sich zu einer Attraktivität, die unmöglich zu übersehen war. Er sagte: »Hallo, Laurie.«

»Was machst du hier?« fragte sie ihn. »Solltest du nicht lieber Andrew unterstützen und sehen, daß er pünktlich zur Kirche kommt?«

William grinste. »Andrew ist überhaupt nicht aufgeregt«, erklärte er. Er ging ins Haus und kehrte mit einem Stuhl zurück, stellte ihn Laurie gegenüber und setzte sich, die langen Beine ausgestreckt und die Hände in den Hosentaschen. »Aber er hat ein bißchen Angst vor Konfetti in den Koffern. Deshalb bin ich gekommen, um Janes Gepäck zu holen, wir wollen es in einem unverdächtigen Wagen verstecken. Er hat nichts gegen Blechbüchsen an der Stoßstange oder im Motor versteckte Heringe, aber er mag nicht, wenn der ganze Fußboden im Hotelzimmer voll Konfetti ist.«

»Hast du Jane gesehen?«

»Nein, aber dein Vater hat ihre Sachen runtergeholt. Und da hat er gemerkt, daß du verschwunden warst, aber eine Frau vom Party-Service hatte dich durch den Garten gehen sehen, und so bin ich hergekommen. Bloß um sicherzugehen, daß dir nichts fehlt.«

Laurie sagte: »Nein, mir fehlt nichts.«

»Du hast nicht vor, die Hochzeit zu verderben?«

»Natürlich nicht«, beschied sie ihn kühl. »Solltest du nicht lieber zu Andrew gehen, bevor Panik ausbricht?«

William sah auf seine Uhr. »Wir haben noch zehn Minuten Zeit.« Er streckte sich und sah sich um. »Phantastisch ist es hier. Wie auf der Kommandobrücke eines Schiffes.«

Laurie lehnte sich zurück. »Hast du gewußt«, fragte sie ihn, »hast du gewußt, daß dies nicht immer ein Meeresarm war? Vor langer, langer Zeit, bevor alles versandete, war hier eine Wasserstraße, die tief ins Land hinein reichte. Und die Phönizier sind bei Flut mit ihren Schiffen angesegelt gekommen, mit Gewürzen und Damast und allen Schätzen des Mittelmeers beladen. Und sie haben angelegt und ausgeladen und Tauschhandel getrieben und sich schließlich auf ihre lange, gefährliche Rückreise begeben, bis zu den Dollborden beladen mit Cornwall-Zinn. Das ist ungefähr zweitausend Jahre her. Denk nur. Zweitausend Jahre.« Sie sah William an. »Hast du das gewußt?«

»Ja«, sagte William. »Aber es war nett, es wieder mal zu hören.«

»Es ist eine hübsche Vorstellung, nicht?«

»Ja. Das hält die Dinge im Lot.«

Laurie sagte: »Großvater hat es mir erzählt.«

»Das habe ich mir gedacht.«

Ohne zu überlegen, sagte sie es. »Ich vermisse ihn so sehr.«

»Ich weiß. Ich glaube, wir alle vermissen ihn. Er war ein wunderbarer Mensch. Er hatte ein wunderbares Leben.«

Sie hätte nicht gedacht, daß einer wie William den Admiral vermissen würde. Sie sah ihn verwundert an und dachte: Ich kenne ihn gar nicht richtig. Es war nicht, als spräche sie mit einem Fremden in der Eisenbahn. Plötzlich war es ganz leicht.

»Eigentlich war ich gar nicht so viel mit Großvater zusammen. In letzter Zeit war ich ja kaum noch zu Hause. Aber als ich klein war, war ich die ganze Zeit bei ihm. Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß er nie wieder hier sein wird.«

»Ich weiß.«

»Es war nicht nur, daß er einem Sachen erzählte, wie die Geschichte von den phönizischen Schiffen vor zweitausend Jahren. In seinem Leben war so viel passiert. Die ganze Welt hat sich vor seinen Augen verändert. Er hat sich an alles erinnert. Und er hatte immer Zeit zum Reden. Er konnte Fragen beantworten und Dinge erklären. Etwa wie ein Boot gegen den Wind segeln kann, und die Namen der Sterne. Und wie man einen Kompaß benutzt, und wie man Mah-Jongg spielt und Backgammon. Wer soll jetzt Roberts kleinen Kindern all diese wunderbaren Dinge erzählen?«

»Vielleicht ist das unsere Aufgabe«, sagte William.

Sie sah ihm in die Augen. Seine Miene war ernst. Sie sagte: »Du findest mich unmöglich, nicht?«

»Nein.«

»Ich weiß, daß ich unmöglich bin, und alle denken, ich verderbe Jane die Freude. Ich tu’s nicht mit Absicht. Es ist bloß, wenn ich ein bißchen mehr Zeit gehabt hätte… Aber diese Hochzeit…« Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. »Oh, hätten wir sie nur verschieben können. Bloß für kurze Zeit. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, in die Kirche zu müssen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, lächeln und nett zu den Leuten sein zu müssen. Ich ertrage es einfach nicht. Alle sagen, Großvater hätte gewünscht, daß die Hochzeit wie geplant stattfindet. Aber woher will einer wissen, was er gewünscht hätte? Sie konnten ihn nicht fragen, weil er nicht da war. Woher können sie wissen…?«

Sie konnte nicht weitersprechen. Die Tränen strömten ihr über die Wangen. Sie versuchte sie fortzuwischen, und William zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und reichte es ihr, und Laurie nahm es wortlos an, wischte mit dem weichen Baumwolltuch die Tränen ab, putzte sich dann die Nase. Sie sagte verzagt: »Ich wollte, ich könnte bis ans Ende meines Lebens hier sitzen bleiben.«

Er lächelte und sagte: »Das würde keinem Menschen etwas nützen. Und es würde den Admiral nicht zurückbringen. Und weißt du, du irrst dich. Er wollte wirklich, daß die Hochzeit stattfindet. Er hat es gesagt. Ungefähr zwei Wochen bevor er starb, war er bei meinem Vater. Ich glaube, er hat sich nicht ganz wohl gefühlt, oder er hatte vielleicht so was wie eine Vorahnung, jedenfalls, sie sprachen über die Hochzeit, und da sagte der Admiral zu meinem Vater, wenn ihm irgendwas passieren sollte, dann wollte er unter keinen Umständen, daß sich an Janes Hochzeit etwas ändert.«

Laurie wischte sich wieder die Augen. Nach einer Weile fragte sie: »Ist das wirklich wahr?«

»Ich gebe dir mein Wort, es ist wahr. Ist das nicht typisch für den alten Knaben? Er wollte immer alles tadellos geregelt und in Ordnung wissen. Und ich sag dir noch etwas, obwohl ich nicht vorgreifen sollte. Es ist im Vertrauen, du mußt es für dich behalten.« Laurie runzelte die Stirn. »Er hat dir dieses Haus vermacht. Er wollte, daß du es bekommst. Sein Lieblingsenkelkind und seine beste Freundin. Nein, nicht wieder weinen, sonst wird dein Gesicht ganz rot und fleckig, und du wirst eine häßliche Brautjungfer, keine schöne. Heute ist ein sehr glücklicher Tag. Blicke nicht zurück. Denk an Jane und Andrew. Kopf hoch. Der Admiral wird sehr stolz auf dich sein.«

Sie sagte: »Ich fürchte, ich benehme mich wie eine Idiotin.«

»Bestimmt nicht«, versicherte William.

___________

Und nun war es Zeit. Im Vorraum der alten Kirche stellten sich die Braut, ihr Vater und die Brautjungfer auf. Droben verstummte das Geläut der Hochzeitsglocken. Aus dem gedrängt vollen Mittelschiff waren das leise Flüstern und Rascheln einer ungeduldigen, festlichen Gemeinde zu hören. Laurie gab Jane einen Kuß und bückte sich, um den Rock ihres Kleides zurechtzurücken. Janes Brautstrauß duftete schwer nach Tuberosen.

Der Pfarrer wartete in seinem gestärkten weißen Chorrock, um die kleine Prozession anzuführen. Der Küster gab Miss Treadwell, der Dorflehrerin, die die Orgel spielte, ein Zeichen. Die Musik ertönte. Laurie atmete tief durch. Sie setzten sich in Bewegung, durch die Tür, die zwei breiten, flachen Stufen hinunter.

Das Innere der Kirche war halb dunkel, mit Blumen überfüllt und von ihrem Duft durchtränkt. Die Sonne schien durch die Buntglasfenster, als die Versammelten in ihrem Feststaat sich erhoben. Laurie dachte nicht an Großvaters Beerdigung, sondern konzentrierte sich auf den rosa Hut ihrer Mutter, die breiten Schultern ihres Bruders, die adrett gebürsteten Köpfe seiner Kinder. Eines Tages, dachte sie, wenn sie größer sind, erzähle ich ihnen von den Phöniziern. Ich erzähle ihnen all die wunderbaren Dinge, die Großvater mir erzählt hat.

Das war ein schöner Gedanke, um sich daran festzuhalten. Es war ein Blick nach vorne. Plötzlich wurde Laurie klar, daß das Schlimmste vorüber war. Sie fühlte sich nicht mehr nervös und elend. Sie fühlte sich einfach wunderbar ruhig, als sie hinter ihrer Schwester durch das geflieste Kirchenschiff schritt, im Takt zur Musik.

Die Musik. Die Musik, die Miss Treadwell spielte. Sie war schallend, triumphierend, genau richtig für eine Hochzeit. Sie war vermutlich nie zuvor bei einem solchen Anlaß gespielt worden, aber sie trug sie auf einer Woge von herrlichen, fröhlichen Klängen zum Altar.

Spanish Ladies

Ein Klumpen bildete sich in Lauries Kehle. Das habe ich nicht gewußt. Ich habe nicht gewußt, daß sie Großvaters Musik als Hochzeitsmarsch nehmen würden.

Aber wie hätte sie es auch wissen können? Sie hatte sich geweigert, zur Probe für die Trauung zu kommen, und vermutlich hatte keiner von der Familie den Mut gehabt oder sich ein Herz fassen können, es ihr zu sagen.

Goodbye and farewell to you, fair Spanish ladies

Großvater. Er war hier. Er war in der Kirche, freute sich an der Tradition, der Feier, redete ihnen allen zu. Er gehörte nach wie vor zur Familie.

Goodbye and farewell to you, ladies of Spain

Andrew und William warteten am Ende des Mittelschiffs. Beide Männer beobachteten die kleine Prozession, die sich näherte. Andrews Augen waren auf Jane gerichtet, und Stolz und Staunen sprachen aus seinem ganzen Gesicht. William aber…

Er beobachtete Laurie, mit fester Miene, mitfühlend, zuversichtlich. Sie merkte, daß der Kloß in ihrer Kehle sich auflöste und daß sie nicht weinen würde. Sie wünschte, sie könnte William irgendwie verständlich machen, was ihr über Großvater in den Sinn gekommen war, aber dann fing sie seinen Blick auf, und er lächelte und schenkte ihr ein unmißverständliches Zwinkern, und da wurde ihr klar, daß sie es ihm nicht sagen mußte, weil er es schon wußte.

Teil IV

Miss Camerons Weihnachtsfest

Die kleine Stadt Kilmoran hatte viele Gesichter, und für Miss Cameron waren sie alle schön. Im Frühling war das Wasser der Förde indigoblau gefärbt; landeinwärts tummelten sich Lämmer auf den Feldern, und in den Gärten wogten gelbe Narzissen. Der Sommer brachte die Besucher; Familien kampierten am Strand und schwammen in den flachen Wellen; der Eiswagen parkte am Wellenbrecher, der alte Mann mit dem Esel ließ die Kinder reiten. Und dann, gegen Mitte September, verschwanden die Besucher, die Ferienhäuser wurden dichtgemacht, ihre Fenster mit den geschlossenen Läden starrten blind über das Wasser zu den Hügeln am fernen Ufer. Überall auf dem Land brummten die Mähdrescher, und wenn die ersten Blätter von den Bäumen fielen und die stürmischen Herbstfluten das Meer bis an die Krone der Mauer unterhalb von Miss Camerons Garten steigen ließen, kamen die ersten Wildgänse von Norden geflogen. Nach den Gänsen hatte Miss Cameron jedesmal das Gefühl, nun sei der Winter eingekehrt.

Und das war, dachte sie im stillen, vielleicht die allerschönste Zeit. Ihr Haus sah nach Süden über die Förde; und war es auch oft dunkel, windig und regnerisch, wenn sie aufwachte, so war der Himmel doch manchmal auch klar und wolkenlos, und an solchen Morgen lag sie im Bett und beobachtete, wie die Sonne über den Horizont kletterte und das Schlafzimmer mit rosigem Licht durchflutete. Es blinkte auf dem Messinggestell des Bettes und wurde von dem Spiegel über dem Toilettentisch reflektiert.

Heute war der 24. Dezember, und was für ein Morgen! Und morgen Weihnachten. Sie lebte allein und würde den morgigen Tag allein verbringen. Es machte ihr nichts aus. Sie und ihr Haus würden sich gegenseitig Gesellschaft leisten. Sie stand auf und schloß das Fenster. Die fernen Lammermuir-Hügel waren mit Schnee überzuckert, und auf der Mauer am Ende des Gartens saß eine Möwe kreischend über einem Stück verfaultem Fisch. Plötzlich breitete sie die Schwingen aus und flog davon. Das Sonnenlicht fing sich in dem weißen Gefieder und verwandelte die Möwe in einen zauberhaften rosa Vogel, so schön, daß Miss Cameron vor Freude und Aufregung das Herz schwoll. Sie beobachtete den Flug der Möwe, bis sie außer Sicht segelte, dann zog sie ihre Pantoffeln an und ging hinunter, um Wasser für ihren Tee aufzusetzen.

Miss Cameron war achtundfünfzig. Bis vor zwei Jahren hatte sie in Edinburgh gelebt, in dem großen, kalten, nach Norden gelegenen Haus, wo sie geboren und aufgewachsen war. Sie war ein Einzelkind gewesen, ihre Eltern waren um so vieles älter als sie, daß sie, als sie zwanzig war, bereits als betagt gelten konnten. Deswegen war es schwierig, wenn nicht unmöglich, von zu Hause wegzugehen und ihr eigenes Leben zu leben. Irgendwie gelang ihr ein Kompromiß. Sie besuchte die Universität, aber in Edinburgh, und wohnte zu Hause. Danach arbeitete sie als Lehrerin, aber auch das tat sie an einer Schule am Ort, und als sie dreißig war, stand es außer Frage, die zwei alten Leute im Stich zu lassen, denen — unglaublich, dachte Miss Cameron oft — sie ihr Dasein verdankte.

Als sie vierzig war, hatte ihre Mutter, die nie sehr kräftig gewesen war, einen leichten Herzanfall. Sie lag einen Monat kraftlos im Bett, dann starb sie. Nach dem Begräbnis kehrten Miss Cameron und ihr Vater in das große, düstere Haus zurück. Er ging nach oben und setzte sich verdrießlich ans Feuer, und sie ging in die Küche und machte Tee. Die Küche lag im Souterrain, und das Fenster war vergittert, um eventuelle Eindringlinge abzuschrecken. Während Miss Cameron wartete, daß das Wasser kochte, sah sie durch die Gitterstäbe auf das kleine Steingärtchen. Sie hatte versucht, dort Geranien zu ziehen, aber sie waren alle verwelkt, und nun war dort nichts zu sehen als ein hartnäckiger Weidenröschensproß. Die Gitter ließen die Küche wie ein Gefängnis anmuten. Das war ihr früher nie in den Sinn gekommen, aber jetzt kam es ihr in den Sinn, und sie wußte, daß es stimmte. Sie würde niemals fortkommen.

Ihr Vater lebte noch fünfzehn Jahre, und sie unterrichtete weiter, bis er zu schwach wurde, um allein gelassen zu werden, und sei es nur für einen Tag. Da gab sie pflichtschuldig ihre Arbeit auf, die sie nicht gerade glücklich gemacht, aber zumindest ausgefüllt hatte, und blieb zu Hause, um ihre Zeit dem Lebensabend ihres Vaters zu widmen. Sie besaß kaum eigenes Geld und nahm an, daß der alte Mann so wenig hatte wie sie selbst, so spärlich war das Haushaltsgeld, so knickerig war er mit Dingen wie Kohlen und Zentralheizung und selbst den bescheidensten Vergnügungen.

Er besaß ein altes Auto, das Miss Cameron fahren konnte, und an warmen Tagen packte sie ihn manchmal hinein, und dann saß er neben ihr, in seinem grauen Tweedanzug und dem schwarzen Hut, mit dem er wie ein Leichenbestatter aussah, während sie ihn ans Meer oder aufs Land chauffierte oder gar zum Holyrood-Park, wo er wankend einen kleinen Spaziergang machen oder unter den grasbewachsenen Hängen von Arthur’s Seat in der Sonne sitzen konnte. Dann aber schossen die Benzinpreise in die Höhe, und ohne sich mit seiner Tochter zu besprechen, verkaufte Mr. Cameron das Auto, und sie besaß nicht genug eigenes Geld, um ein neues zu kaufen.

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Sie hatte eine Freundin, Dorothy Laurie, mit der sie studiert hatte. Dorothy hatte geheiratet — während Miss Cameron ledig geblieben war —, einen jungen Arzt, der mittlerweile ein ungeheuer erfolgreicher Neurologe war und mit dem sie eine Familie mit wohlgeratenen Kindern gegründet hatte, die jetzt alle erwachsen waren. Dorothy entrüstete sich unaufhörlich über Miss Camerons Situation. Sie fand, und sprach es aus, Miss Camerons Eltern seien selbstsüchtig und gedankenlos gewesen und der alte Herr werde immer schlimmer, je älter er werde. Als das Auto verkauft wurde, platzte ihr der Kragen.

»Lächerlich«, sagte sie beim Tee in ihrem sonnigen, mit Blumen gefüllten Wohnzimmer. Miss Cameron hatte ihre Putzfrau bewogen, den Nachmittag über zu bleiben, um Mr. Cameron seinen Tee zu servieren und aufzupassen, daß er auf dem Weg zur Toilette nicht die Treppe hinunterfiel. »So knauserig kann er nicht sein. Er wird sich doch bestimmt einen Wagen leisten können, wenn schon nicht um seinetwillen, dann wenigstens dir zuliebe?«

Miss Cameron mochte ihr nicht erzählen, daß er nie an jemand anderen gedacht hatte als an sich selbst. Sie sagte: »Ich weiß nicht.«

»Dann solltest du es herausfinden. Sprich mit seinem Steuerberater. Oder mit seinem Anwalt.«

»Dorothy, das kann ich nicht. Das wäre ja, als würde ich ihn hintergehen.« Dorothy machte ein Geräusch, das sich anhörte wie dieses »Paah«, das die Leute in altmodischen Romanen zu sagen pflegten.

»Ich möchte ihn nicht aufregen«, fuhr Miss Cameron fort.

»Würde ihm aber mal guttun, sich aufzuregen. Hätte er sich ein-, zweimal in seinem Leben aufgeregt, wäre er jetzt nicht so ein egoistischer alter…« Sie schluckte herunter, was sie hatte sagen wollen, und ersetzte es durch »… Mann.«

»Er ist einsam.«

»Natürlich ist er einsam. Egoistische Menschen sind immer einsam. Daran ist niemand schuld außer er selber. Jahrelang hat er im Sessel gesessen und sich selbst bedauert.«

Es war zu wahr, um darüber zu streiten. »Na ja«, sagte Miss Cameron, »da ist nichts zu machen. Er ist fast neunzig. Es ist zu spät, ihn ändern zu wollen.«

»Ja, aber es ist nicht zu spät, daß du dich änderst. Du darfst nicht zulassen, daß du mit ihm alt wirst. Du mußt einen Teil deines Lebens für dich behalten.«

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Schließlich starb er, schmerzlos und friedvoll. Nach einem ruhigen Abend und einer ausgezeichneten Mahlzeit, die seine Tochter ihm gekocht hatte, schlief er ein und wachte nicht wieder auf. Miss Cameron war froh für ihn, daß sein Ende so still gekommen war. Erstaunlich viele Leute nahmen an der Beerdigung teil. Ein paar Tage später wurde Miss Cameron in die Kanzlei des Rechtsanwalts ihres Vaters bestellt. Sie ging hin, mit einem schwarzen Hut und in nervöser, gespannter Verfassung. Dann aber kam alles ganz anders, als sie gedacht hatte. Mr. Cameron, dieser gerissene alte Schotte, hatte sich nie in die Karten schauen lassen. Die Pfennigfuchserei, die jahrelange Enthaltsamkeit, sie waren ein riesengroßer, phantastischer Bluff gewesen. In seinem Testament vermachte er seiner Tochter sein Haus, seine irdischen Besitztümer und mehr Geld, als sie sich je erträumt hatte. Höflich und äußerlich gefaßt wie stets, verließ sie die Anwaltskanzlei und trat auf dem Charlotte Square in den Sonnenschein hinaus. Eine Fahne flatterte hoch über den Festungswällen des Schlosses, und die Luft war kalt und frisch. Miss Cameron ging zu Jenners, eine Tasse Kaffee trinken, dann besuchte sie Dorothy.

Als Dorothy die Neuigkeit vernahm, war sie — typisch für sie — hin und her gerissen zwischen Wut auf die Hinterlist und Falschheit des alten Mr. Cameron und Begeisterung über das Glück ihrer Freundin. »Du kannst dir ein Auto kaufen«, sagte sie zu ihr. »Du kannst reisen. Du kannst dir einen Pelzmantel anschaffen, Kreuzfahrten machen. Alles. Was wirst du tun? Was wirst du mit dem Rest deines Lebens anfangen?«

»Hm«, meinte Miss Cameron vorsichtig, »ich werde mir einen kleinen Wagen kaufen.« An die Vorstellung, frei, beweglich zu sein, ohne auf einen anderen Menschen Rücksicht zu nehmen, mußte sie sich erst langsam gewöhnen.

»Und reisen?«

Aber Miss Cameron hatte keine große Lust zu reisen, außer daß sie eines Tages nach Oberammergau wollte, um die Passionsspiele zu sehen. Und sie wollte keine Kreuzfahrten machen. Eigentlich wünschte sie sich nur eines, hatte sie sich ihr Leben lang nur eines gewünscht. Und jetzt konnte sie es haben.

Sie sagte: »Ich verkaufe das Haus in Edinburgh. Und kaufe ein anderes.«

»Wo?«

Sie wußte genau, wo. Kilmoran. Sie hatte dort einen Sommer verbracht, als sie zehn war, auf Einladung der liebenswürdigen Eltern einer Schulfreundin. Es waren derart glückliche Ferien gewesen, daß Miss Cameron sie nie vergessen hatte.

Sie sagte: »Ich ziehe nach Kilmoran.«

»Kilmoran? Aber das ist ja bloß über die Förde…«

Miss Cameron lächelte sie an. Es war ein Lächeln, wie es Dorothy noch nie gesehen hatte, und es ließ sie verstummen. »Dort werde ich ein Haus kaufen.«

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Und sie machte es wahr. Ein Reihenhaus mit Blick aufs Meer. Von hinten, der Nordseite, wirkte es unansehnlich und langweilig; es hatte quadratische Fenster, und die Haustür lag direkt am Bürgersteig. Aber drinnen war es schön, ein georgianisches Haus in Miniaturgröße, die Diele war mit Schieferplatten belegt, und eine geschweifte Treppe führte ins obere Stockwerk. Das Wohnzimmer lag oben, es hatte ein Erkerfenster, und vor dem Haus war ein Garten, zum Schutz vor dem Seewind ummauert. In der Mauer war ein großes Tor, und dahinter führte eine Steintreppe über die Kaimauer an den Strand. Im Sommer liefen Kinder auf der Kaimauer entlang, sie schrien und lärmten, aber Miss Cameron machte dieser Lärm nichts aus, ebensowenig wie die Geräusche der Wellen oder der Möwen oder der ewigen Winde.

Es gab viel zu tun an dem Haus und viel aufzuwenden, aber mit einer gewissen mäuschenhaften Courage tat sie beides. Sie ließ eine Zentralheizung und doppelte Fensterscheiben installieren. Die Küche wurde mit Kiefernschränken neu eingerichtet, und hellgrüne Badezimmerfliesen ersetzten die alten, angeschlagenen weißen. Die hübschesten und kleinsten Möbelstücke aus dem alten Edinburgher Haus wurden ausgesucht und mit einem großen Lastwagen nach Kilmoran verfrachtet, zusammen mit dem Porzellan, dem Silber, den vertrauten Bildern. Aber sie kaufte neue Teppiche und Vorhänge und ließ die Wände neu tapezieren und die Holzbalken strahlend weiß streichen.

Was den Garten anging — sie hatte nie einen Garten besessen. Jetzt kaufte sie Bücher und studierte sie abends im Bett, und sie pflanzte Steinbrech und Ehrenpreis, Thymian und Lavendel, und sie kaufte einen kleinen Rasenmäher und mähte eigenhändig das rauhe, büschelige Gras.

Über den Garten lernte sie zwangsläufig ihre Nachbarn kennen. Rechter Hand wohnten Mitchells, ein älteres Rentnerehepaar. Sie plauderten über die Gartenmauer hinweg, und eines Tages lud Mrs. Mitchell Miss Cameron zum Abendessen und zum Bridgespiel ein. Behutsam wurden sie und Miss Cameron Freunde, aber es waren altmodische, förmliche Leute. Sie boten Miss Cameron nicht an, sich gegenseitig beim Vornamen zu nennen, und sie war zu schüchtern, es von sich aus vorzuschlagen. Als sie darüber nachsann, wurde ihr klar, daß Dorothy jetzt der einzige Mensch war, der ihren Vornamen kannte. Es war traurig, wenn die Leute nicht mehr merkten, daß man einen Vornamen hatte. Es bedeutete, daß man langsam alt wurde.

Die Nachbarn zur Linken waren jedoch aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie bewohnten ihr Haus nicht dauernd, sondern benutzten es nur an Wochenenden und in den Ferien.

»Sie heißen Ashley«, hatte Mrs. Mitchell am Abendbrottisch erklärt, als Miss Cameron ein paar diskrete Fragen über das verriegelte Haus mit den geschlossenen Fensterläden auf der anderen Seite ihres Gartens stellte. »Er ist Architekt, hat in Edinburgh ein Büro. Es wundert mich, daß Sie nicht von ihm gehört haben, wo Sie doch Ihr ganzes Leben dort verbracht haben. Ambrose Ashley. Er hat eine um viele Jahre jüngere Frau geheiratet, sie war Malerin, glaube ich, und sie haben eine Tochter. Scheint ein nettes Mädchen zu sein… Nehmen Sie doch noch Quiche, Miss Cameron, oder etwas Salat?«

Es war Ostern, als die Ashleys auftauchten. Der Karfreitag war kalt und strahlend, und als Miss Cameron in den Garten ging, hörte sie über die Mauer hinweg Stimmen, und sie blickte zum Haus hinüber. Läden und Fenster waren offen. Ein rosa Vorhang flatterte im Wind. Eine junge Frau erschien an einem Fenster im oberen Stockwerk, und eine Sekunde lang sahen sie und Miss Cameron sich ins Gesicht. Miss Cameron wurde verlegen. Sie machte kehrt und eilte ins Haus. Wie schrecklich, wenn sie dächten, daß ich spioniere.

Später jedoch, beim Unkrautjäten, hörte sie ihren Namen, und da war die junge Frau wieder und sah sie über die Mauer hinweg an. Sie hatte ein rundes, sommersprossiges Gesicht, dunkelbraune Augen und rötliche Haare, üppig, dicht und windzerzaust.

Miss Cameron erhob sich von den Knien und überquerte den Rasen. Unterwegs zog sie die Gartenhandschuhe aus.

»Ich bin Frances Ashley…« Sie gaben sich über die Mauer die Hand. Aus der Nähe stellte Miss Cameron fest, daß sie nicht so jung war, wie sie ihr anfangs erschien. Sie hatte feine Fältchen um Augen und Mund, und die flammenden Haare waren vielleicht nicht ganz natürlich, aber ihr Gesichtsausdruck war so offen, und sie strahlte eine solche Vitalität aus, daß Miss Cameron ihre Schüchternheit ein wenig überwand und sich alsbald ganz unbefangen fühlte.

Die dunklen Augen schweiften über Miss Camerons Garten. »Meine Güte, müssen Sie geschuftet haben. Alles ist jetzt so hübsch und gepflegt. Haben Sie Sonntag etwas vor? Ostersonntag? Wir wollen nämlich im Garten grillen, wenn es nicht in Strömen gießt. Kommen Sie doch auch, falls Sie nichts gegen ein Picknick haben.«

»Oh. Sehr liebenswürdig.« Miss Cameron war noch nie auf ein Grillfest eingeladen worden. »Ich… ich denke, ich komme sehr gerne.«

»Gegen Viertel vor eins. Sie können über die Kaimauer kommen.«

»Ich freue mich sehr darauf.«

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An den folgenden Tagen stellte sie fest, daß das Leben, wenn die Ashleys nebenan wohnten, ganz anders war als ohne sie. Zum einen war es viel lauter, aber es war ein angenehmer Lärm. Rufende Stimmen, Gelächter und Musik, die durch die offenen Fenster schwebte. Miss Cameron, die sich auf »Hard Rock« oder wie immer das hieß, gefaßt gemacht hatte, erkannte Vivaldi, und Freude erfüllte sie. Sie erhaschte ab und zu einen Blick auf die übrigen Mitglieder der kleinen Familie. Der Vater, sehr groß und schlank und vornehm, mit silbernen Haaren, und die Tochter, die so rothaarig war wie ihre Mutter und deren Beine in den verblichenen Jeans endlos lang aussahen. Sie hatten auch Freunde bei sich wohnen (Miss Cameron fragte sich, wie sie die alle unterbrachten), und nachmittags ergossen sich alle in den Garten und bevölkerten den Strand. Sie spielten alberne Ballspiele, und Mutter und Tochter mit den roten Haaren sahen aus wie Schwestern, wenn sie barfuß über den Sand sausten.

Der Ostersonntag war hell und sonnig, obwohl ein scharfer, kalter Wind ging und auf dem Kamm der Lammermuir-Hügel noch Schneereste zu sehen waren. Miss Cameron ging zur Kirche, und als sie nach Hause kam, vertauschte sie Sonntagsmantel und -rock mit Sachen, die sich besser für ein Picknick eigneten. Eine lange Hose hatte sie nie besessen, aber sie fand einen bequemen Rock, einen warmen Pullover und einen winddichten Anorak. Sie schloß ihre Haustür ab, ging durch den Garten an der Kaimauer entlang und durch das Tor in den Garten der Ashleys. Rauch blies von dem frisch angezündeten Grillfeuer herüber, und auf dem kleinen Rasen drängten sich schon Menschen jeden Alters; manche saßen auf Gartenstühlen oder lagerten auf Decken. Alle waren sehr ausgelassen und benahmen sich, als würden sie sich gut kennen, und eine Sekunde lang wurde Miss Cameron von Schüchternheit übermannt und wünschte, sie wäre nicht gekommen. Dann aber stand plötzlich Ambrose Ashley neben ihr, eine Röstgabel mit einem aufgespießten verbrannten Würstchen in der Hand.

»Miss Cameron. Wie schön, Sie kennenzulernen. Nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Frohe Ostern. Kommen Sie, Sie müssen die Leute kennenlernen. Frances! Miss Cameron ist da. Wir haben die Mitchells auch eingeladen, aber sie sind noch nicht hier. Frances, wie können wir den Rauch abstellen? Dieses Würstchen kann ich höchstens einem Hund anbieten.«

Frances lachte. »Dann such dir einen Hund und gib’s ihm, und dann fang noch mal von vorne an…«, und plötzlich lachte Miss Cameron auch, weil er so herrlich komisch aussah mit seinem offenen Gesicht und dem verbrannten Würstchen. Dann bot ihr jemand einen Stuhl an, und jemand anders gab ihr ein Glas Wein. Sie setzte gerade dazu an, diesem Jemand zu sagen, wer sie war und wo sie wohnte, als sie unterbrochen und ihr ein Teller mit Essen gereicht wurde. Sie blickte auf, in das Gesicht der Ashley-Tochter. Die dunklen Augen hatte sie von ihrer Mutter, aber das Lächeln war das aufmunternde Grinsen ihres Vaters. Sie konnte nicht älter als zwölf sein, aber Miss Cameron, die während ihrer Jahre als Lehrerin unzählige Mädchen hatte heranwachsen sehen, erkannte auf Anhieb, daß dieses Kind eine Schönheit werden würde.

»Möchten Sie was essen?«

»Liebend gerne.« Sie sah sich nach etwas um, wo sie ihr Glas abstellen könnte, dann stellte sie es ins Gras. Sie nahm den Teller, die Papierserviette, Messer und Gabel. »Danke. Ich weiß gar nicht, wie du heißt.«

»Ich bin Bryony. Dieses Steak ist in der Mitte rosig gebraten, hoffentlich mögen Sie es so.«

»Köstlich«, sagte Miss Cameron, die ihre Steaks gerne gut durchgebraten mochte.

»Und auf der gebackenen Kartoffel ist Butter. Ich hab sie draufgetan, damit Sie nicht aufstehen müssen.« Sie lächelte und verschwand, um ihrer Mutter zu helfen.

Miss Cameron, bemüht, mit Messer und Gabel zu balancieren, wandte sich wieder an ihren Nachbarn. »So ein hübsches Kind.«

»Ja, sie ist ein Schatz. Jetzt hole ich Ihnen noch ein Glas Wein, und dann müssen Sie mir alles über Ihr faszinierendes Haus erzählen.«

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Es war eine herrliche Party, und sie war nicht vor sechs Uhr zu Ende. Als es Zeit zu gehen war, war die Flut so hoch, daß Miss Cameron keine Lust hatte, an der Kaimauer entlangzugehen, und sie kehrte auf dem üblichen Weg nach Hause zurück, via Haustüren und Bürgersteig. Ambrose Ashley begleitete sie. Als sie ihre Tür aufgeschlossen hatte, dankte sie ihm.

»So eine reizende Party. Es hat mir gefallen. Ich komme mir ganz bohemienhaft vor, so viel Wein am hellichten Tag. Und wenn Sie das nächste Mal hier sind, hoffe ich, daß Sie alle zu mir zum Essen kommen. Vielleicht mittags.«

»Herzlich gerne, aber jetzt werden wir erst mal eine ganze Weile nicht hier sein. Ich habe einen Lehrauftrag an einer Universität in Texas. Wir gehen im Juli rüber, machen zuerst ein bißchen Urlaub, und im Herbst fange ich zu arbeiten an. Bryony kommt mit. Sie wird in den USA zur Schule gehen.«

»Ein wunderbares Erlebnis für Sie alle!«

Er lächelte sie an, und sie sagte: »Ich werde Sie vermissen.«

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Das Jahr verging. Nach dem Frühling kam der Sommer, der Herbst, der Winter. Es stürmte, und der Steinbrech der Ashleys wurde von der Mauer geweht, weshalb Miss Cameron mit Gärtnerdraht und Drahtschere nach nebenan ging und ihn festband. Es wurde wieder Ostern, es wurde Sommer, aber die Ashleys erschienen noch immer nicht. Erst Ende August kamen sie zurück. Miss Cameron war einkaufen gewesen und hatte in der Bücherei ihr Buch umgetauscht. Sie bog am Ende der Straße um die Ecke und sah das Auto der Ashleys vor der Tür stehen, und lächerlicherweise tat ihr Herz einen Sprung. Sie trat ins Haus, stellte ihren Korb auf den Küchentisch und ging geradewegs in den Garten. Und dort, jenseits der Mauer, war Mr. Ashley und versuchte, das rauhe, wuchernde Gras mit einer Sense zu mähen. Er blickte auf, sah sie und hielt mitten im Schwung inne. »Miss Cameron.« Er legte die Sense hin, kam herüber und gab ihr die Hand.

»Sie sind wieder da.« Sie konnte ihre Freude kaum zurückhalten.

»Ja. Wir sind länger geblieben, als wir vorhatten. Wir haben so viele Freunde gewonnen, und es gab so viel zu sehen und zu tun. Es war für uns alle ein wunderbares Erlebnis. Aber jetzt sind wir wieder in Edinburgh, und der Alltag hat mich wieder.«

»Wie lange bleiben Sie hier?«

»Leider nur ein paar Tage. Ich werde die ganze Zeit brauchen, um dem Gras beizukommen…«

Aber Miss Camerons Aufmerksamkeit wurde durch eine Bewegung beim Haus abgelenkt. Die Tür ging auf, und Frances Ashley kam heraus und die Treppe hinunter auf sie zu. Nach sekundenlangem Zögern lächelte Miss Cameron und sagte: »Schön, daß Sie zurück sind. Ich freue mich so, Sie beide wiederzusehen.«

Sie hoffte sehr, daß sie das Zögern nicht bemerkt hatten. Sie wollte auf gar keinen Fall, daß sie auch nur ahnten, wie erschrocken und erstaunt sie gewesen war. Denn Frances Ashley war wundersamerweise sichtlich schwanger aus Amerika zurückgekehrt.

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»Sie bekommt noch ein Baby«, sagte Mrs. Mitchell. »Nach so langer Zeit. Sie bekommt noch ein Baby.«

»Es gibt keinen Grund, weswegen sie nicht noch ein Baby bekommen sollte«, sagte Miss Cameron matt. »Ich meine, wenn sie es will.«

»Aber Bryony muß jetzt vierzehn sein.«

»Das spielt keine Rolle.«

»Nein, es spielt keine Rolle… es ist nur… nun ja, ziemlich ungewöhnlich.«

Die zwei Damen verbrachten einen Moment in einmütigem Schweigen.

Nach einer Weile meinte Mrs. Mitchell vorsichtig: »Sie ist schließlich nicht mehr die Jüngste.«

»Sie sieht sehr jung aus«, sagte Miss Cameron.

»Ja, sie sieht jung aus, aber sie muß mindestens achtunddreißig sein. Sicher, das ist jung, wenn man in die Jahre kommt wie wir. Aber es ist nicht jung, wenn man ein Baby bekommt.«

Miss Cameron hatte nicht gewußt, daß Mrs. Ashley achtunddreißig war. Manchmal, wenn sie mit ihrer langbeinigen Tochter im Sand war, sahen sie gleich alt aus. Sie sagte: »Es wird bestimmt gutgehen«, aber es klang selbst in ihren eigenen Ohren nicht recht überzeugt.

»Ja, sicher«, sagte Mrs. Mitchell. Ihre Blicke trafen sich, dann sahen beide rasch weg.

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Und jetzt war es mitten im Winter und wieder Weihnachten, und Miss Cameron war allein. Wenn die Mitchells hier gewesen wären, hätte sie sie vielleicht für morgen zum Mittagessen eingeladen, aber sie waren verreist, um die Feiertage bei ihrer verheirateten Tochter in Dorset zu verbringen. Ihr Haus stand leer. Das Haus der Ashleys dagegen war bewohnt. Sie waren vor ein paar Tagen aus Edinburgh gekommen, aber Miss Cameron hatte nicht mit ihnen gesprochen. Sie fand, daß sie es tun sollte, aber aus einem obskuren Grund war es im Winter schwerer, Kontakt zu knüpfen. Man konnte nicht lässig über die Gartenmauer hinweg plaudern, wenn die Leute drinnen blieben, beim Feuer und mit zugezogenen Vorhängen. Und sie war zu schüchtern, sich einen Anlaß auszudenken, um an ihre Tür zu klopfen. Hätte sie sie besser gekannt, so würde sie ihnen Weihnachtsgeschenke gekauft haben, aber wenn sie dann nichts für sie hätten, könnte es peinlich werden. Zudem war da Mrs. Ashleys Schwangerschaft, die machte die Sache noch komplizierter. Gestern hatte Miss Cameron sie beim Wäscheaufhängen erspäht, und es sah so aus, als könnte das Baby jeden Moment kommen.

Am Nachmittag unternahmen Mrs. Ashley und Bryony einen Spaziergang am Strand. Sie gingen langsam, rannten nicht um die Wette wie sonst. Mrs. Ashley trug Gummistiefel und zockelte müde, schwerfällig, als werde sie nicht nur von dem Gewicht des Babys niedergedrückt, sondern von allen Sorgen der Welt. Sogar ihre roten Haare schienen ihre Spannkraft verloren zu haben. Bryony verlangsamte ihren Schritt, um sich ihrer Mutter anzupassen, und als sie von ihrem kleinen Ausflug zurückkehrten, hielt sie ihre Mutter am Arm und stützte sie.

Ich darf nicht an sie denken, sagte sich Miss Cameron brüsk. Ich darf nicht zu einer alten Dame werden, die sich in alles einmischt, die ihre Nachbarn beobachtet und Geschichten über sie erfindet. Es geht mich nichts an.

Heiligabend. Zu Festtagsstimmung entschlossen, stellte Miss Cameron ihre Weihnachtskarten auf dem Kaminsims auf und füllte eine Schale mit Stechpalmenzweigen; sie holte Holzscheite herein und putzte das Haus, und am Nachmittag machte sie einen ausgedehnten Strandspaziergang. Als sie nach Hause kam, war es dunkel, ein seltsamer, bewölkter Abend, ein stürmischer Wind wehte von Westen. Sie zog die Vorhänge zu und machte Tee. Sie hatte sich gerade hingesetzt, die Knie nahe am flackernden Feuer, als das Telefon klingelte. Sie stand auf, nahm ab und hörte zu ihrer Verwunderung eine Männerstimme. Es war Ambrose Ashley von nebenan.

Er sagte: »Sie sind da.«

»Natürlich.«

»Ich komme rüber.«

Er legte auf. Eine Minute später läutete es an der Haustür, und sie ging aufmachen. Er stand auf dem Bürgersteig, aschfahl, fleischlos wie ein Skelett.

Sie fragte sogleich: »Was ist passiert?«

»Ich muß Frances nach Edinburgh ins Krankenhaus bringen.«

»Kommt das Baby?«

»Ich weiß nicht. Sie fühlt sich seit gestern nicht wohl. Ich mache mir Sorgen. Ich habe unseren Arzt angerufen, und er sagt, ich soll sie sofort hinbringen.«

»Wie kann ich helfen?«

»Deswegen bin ich hier. Könnten Sie herüberkommen und bei Bryony bleiben? Sie möchte mit uns fahren, aber ich möchte sie lieber nicht mitnehmen und will sie nicht allein lassen.«

»Selbstverständlich.« Trotz ihrer Besorgnis wurde es Miss Cameron ganz warm ums Herz. Sie brauchten ihre Hilfe. Sie waren zu ihr gekommen. »Aber ich finde, sie sollte lieber zu mir kommen. Es wäre womöglich leichter für sie.«

»Sie sind ein Engel.«

Er ging in sein Haus zurück. Gleich darauf kam er wieder heraus, den Arm um seine Frau gelegt. Sie gingen zum Auto, und er half ihr sachte hinein. Bryony folgte mit dem Koffer ihrer Mutter. Sie trug ihre Jeans und einen dicken weißen Pullover, und als sie sich ins Auto beugte, um ihre Mutter zu umarmen und ihr einen Kuß zu geben, spürte Miss Cameron einen Kloß in ihrer Kehle. Vierzehn, das wußte sie aus langjähriger Erfahrung, konnte ein unmögliches Alter sein. Alt genug, um zu begreifen, doch nicht alt genug, um praktische Hilfe zu leisten. Im Geiste sah sie Bryony und ihre Mutter zusammen über den Sand laufen, und sie fühlte tiefes Mitleid mit dem Kind.

Der Wagenschlag wurde geschlossen. Mr. Ashley gab seiner Tochter noch rasch einen Kuß. »Ich ruf an«, sagte er zu ihnen beiden, dann setzte er sich hinters Lenkrad. Minuten später war das Auto verschwunden, das rote Rücklicht von der Dunkelheit verschluckt. Miss Cameron und Bryony standen allein auf dem Bürgersteig im Wind.

Bryony war gewachsen. Sie war jetzt fast so groß wie Miss Cameron, und sie war es, die als erste sprach. »Haben Sie was dagegen, wenn ich mit Ihnen reinkomme?« Ihre Stimme war beherrscht, kühl.

Miss Cameron beschloß, es ihr gleichzutun. »Keineswegs«, erwiderte sie.

»Ich schließe bloß das Haus ab und stelle ein Schutzgitter vors Feuer.«

»Tu das. Ich warte auf dich.«

Als sie kam, hatte Miss Cameron Holz nachgelegt, eine frische Kanne Tee gemacht, eine zweite Tasse nebst Untertasse aufgedeckt, dazu eine Packung Schokoladenplätzchen. Bryony setzte sich auf den Kaminvorleger, die Knie ans Kinn gezogen, die langen Finger um die Teetasse gelegt, als dürste sie nach Wärme.

Miss Cameron sagte: »Du mußt versuchen, dich nicht zu ängstigen. Ich bin sicher, daß alles gutgeht.«

Bryony sagte: »Eigentlich hat sie das Baby gar nicht gewollt. Als es anfing, waren wir in Amerika, und sie meinte, sie wäre zu alt zum Kinderkriegen. Aber dann hat sie sich an den Gedanken gewöhnt und wurde ganz aufgeregt deswegen, und wir haben in New York Kleider und so gekauft. Aber letzten Monat wurde alles ganz anders. Sie scheint so müde und… beinahe ängstlich.«

»Ich habe nie ein Kind gehabt«, sagte Miss Cameron, »daher weiß ich nicht, wie einem dabei zumute ist. Aber ich kann mir vorstellen, es ist eine sehr empfindsame Zeit. Und man kann nichts dafür, wie man sich fühlt. Es hat keinen Sinn, wenn einem andere Leute sagen, man darf nicht deprimiert sein.«

»Sie sagt, sie ist zu alt. Sie ist fast vierzig.«

»Meine Mutter war vierzig, bevor ich auf die Welt kam. Ich war ihr erstes und einziges Kind. Und mir fehlt nichts, und meiner Mutter hat auch nichts gefehlt.«

Bryony blickte auf; diese Offenbarung weckte ihr Interesse. »Tatsächlich? Hat es Ihnen nichts ausgemacht, daß sie so alt war?«

Miss Cameron befand, daß die reine Wahrheit ausnahmsweise nicht angebracht war. »Nein, überhaupt nicht. Und bei eurem Baby wird es anders sein, weil du da bist. Ich kann mir nichts Schöneres denken, als eine Schwester zu haben, die vierzehn Jahre älter ist als man selbst. Ganz so, als hätte man die allerbeste Tante auf der Welt.«

»Das Schreckliche ist«, sagte Bryony, »es würde mir nicht so viel ausmachen, wenn dem Baby was passiert. Aber ich könnte es nicht ertragen, wenn Mutter was zustieße.«

Miss Cameron klopfte ihr auf die Schulter. »Ihr wird nichts passieren. Denk nicht daran. Die Ärzte werden alles für sie tun.« Es schien ihr an der Zeit, über etwas anderes zu sprechen. »Hör zu, es ist Heiligabend. Im Fernsehen bringen sie Weihnachtslieder. Möchtest du sie hören?«

»Nein, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich will nicht an Weihnachten denken, und ich will nicht fernsehen.«

»Was möchtest du denn gerne tun?«

»Einfach bloß reden.«

Miss Cameron war verzagt. »Reden. Worüber sollen wir reden?«

»Vielleicht über Sie?«

»Über mich?« Sie mußte unwillkürlich lachen. »Meine Güte, so ein langweiliges Thema. Eine alter Jungfer, praktisch in der zweiten Kindheit!«

»Wie alt sind Sie?« fragte Bryony so unbefangen, daß Miss Cameron es ihr sagte. »Aber achtundfünfzig ist nicht alt! Bloß ein Jahr älter als mein Vater, und er ist jung. Zumindest denke ich das immer.«

»Ich fürchte, ich bin trotzdem nicht sehr interessant.«

»Ich finde, jeder Mensch ist interessant. Und wissen Sie, was meine Mutter gesagt hat, als sie Sie das erste Mal sah? Sie sagte, Sie haben ein schönes Gesicht, und sie würde Sie gerne zeichnen. Na, ist das ein Kompliment?«

Miss Cameron errötete vor Freude. »O ja, das ist sehr erfreulich…«

»Und jetzt erzählen Sie mir von sich. Warum haben Sie dieses Haus gekauft? Warum sind Sie hierher gezogen?«

Und Miss Cameron, sonst so zurückhaltend und still, begann verlegen zu reden. Sie erzählte Bryony von jenen ersten Ferien in Kilmoran, vor dem Krieg, als die Welt jung und unschuldig war und man für einen Penny ein Hörnchen Eis kaufen konnte. Sie erzählte Bryony von ihren Eltern, ihrer Kindheit, dem alten, großen Haus in Edinburgh. Sie erzählte ihr vom Studium und wie sie ihre Freundin Dorothy kennengelernt hatte, und auf einmal war diese ungewohnte Flut von Erinnerungen keine Qual mehr, sondern eine Erleichterung. Es war angenehm, an die altmodische Schule zurückzudenken, wo sie so viele Jahre unterrichtet hatte, und sie war imstande, kühl und sachlich über die trübe Zeit zu sprechen, bevor ihr Vater schließlich starb.

Bryony hörte so aufmerksam zu, als würde Miss Cameron ihr von einem erstaunlichen persönlichen Abenteuer berichten. Und als sie zu dem Testament des alten Mr. Cameron kam und erzählte, daß er sie so wohlversorgt zurückgelassen hatte, da konnte Bryony nicht an sich halten.

»Oh, das ist phantastisch. Genau wie im Märchen. Zu schade, daß kein schöner weißhaariger Prinz aufkreuzt und um Ihre Hand anhält.«

Miss Cameron lachte. »Für so etwas bin ich ein bißchen zu alt.«

»Schade, daß Sie nicht geheiratet haben. Sie wären eine phantastische Mutter gewesen. Oder wenn Sie wenigstens Geschwister gehabt hätten, dann hätten Sie denen so eine phantastische Tante sein können!« Sie sah sich zufrieden in dem kleinen Wohnzimmer um. »Das ist genau richtig für Sie, nicht? Dieses Haus muß auf Sie gewartet haben, es hat gewußt, daß Sie hierherziehen würden.«

»Das ist eine fatalistische Einstellung.«

»Ja, aber eine positive. Ich bin in allem schrecklich fatalistisch.«

»Das darfst du nicht. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.«

»Ja«, sagte Bryony, »ja, das mag wohl sein.«

Sie verstummten. Ein Holzscheit brach und sackte in sich zusammen, und als Miss Cameron sich vorbeugte, um ein neues nachzulegen, schlug die Uhr auf dem Kaminsims halb acht. Sie waren beide erstaunt, daß es schon so spät war, und auf einmal fiel Bryony ihre Mutter ein.

»Ich möchte wissen, was los ist.«

»Dein Vater wird anrufen, sobald er uns etwas zu sagen hat. In der Zwischenzeit sollten wir das Teegeschirr abwaschen und überlegen, was es zum Abendessen gibt. Was hättest du gerne?«

»Am allerliebsten Tomatensuppe aus der Dose und Eier mit Speck.«

»Das wäre mir auch am allerliebsten. Gehen wir in die Küche.«

___________

Der Anruf kam nicht vor halb zehn. Mrs. Ashley lag in den Wehen. Es ließ sich nicht sagen, wie lange es dauern würde, aber Mr. Ashley wollte im Krankenhaus bleiben.

»Ich behalte Bryony über Nacht hier«, sagte Miss Cameron bestimmt. »Sie kann in meinem Gästezimmer schlafen. Und ich habe ein Telefon am Bett, Sie können ohne weiteres jederzeit anrufen, sobald Sie etwas wissen.«

»Mach ich.«

»Möchten Sie Bryony sprechen?«

»Bloß gute Nacht sagen.«

Miss Cameron verzog sich in die Küche, während Vater und Tochter telefonierten. Als sie das Klingeln beim Auflegen des Hörers hörte, ging sie nicht in die Diele, sondern machte sich am Spülbecken zu schaffen, füllte Wärmflaschen und wienerte das ohnehin makellos saubere Abtropfbrett. Sie rechnete halbwegs mit Tränen, als Bryony zu ihr kam, doch Bryony war gefaßt und tränenlos wie immer.

»Er sagt, wir müssen einfach abwarten. Haben Sie was dagegen, wenn ich bei Ihnen übernachte? Ich kann nach nebenan gehen und meine Zahnbürste und meine Sachen holen.«

»Ich möchte, daß du bleibst. Du kannst in meinem Gästezimmer schlafen.«

Schließlich ging Bryony ins Bett, mit einer Wärmflasche und einem Becher warmer Milch. Miss Cameron ging ihr gute Nacht sagen, aber sie war zu schüchtern, um ihr einen Kuß zu geben. Bryonys flammendrote Haare waren wie rote Seide auf Miss Camerons bestem Leinenkissenbezug ausgebreitet, und sie hatte außer ihrer Zahnbürste einen bejahrten Teddy mitgebracht. Er hatte eine fadenscheinige Nase und nur ein Auge. Als Miss Cameron eine halbe Stunde später selbst zu Bett ging, warf sie einen Blick ins Gästezimmer und sah, daß Bryony fest schlief.

Miss Cameron legte sich ins Bett, aber der Schlaf wollte nicht so leicht kommen. Ihr Hirn schien aufgezogen von Erinnerungen an Menschen und Ortschaften, an die sie seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.

Ich finde, jeder Mensch ist interessant, hatte Bryony gesagt, und Miss Cameron wurde es warm ums Herz vor lauter Hoffnung für den Zustand der Welt. So schlimm konnte es nicht bestellt sein, wenn es noch junge Menschen gab, die so dachten.

Sie sagte, Sie haben ein schönes Gesicht. Vielleicht, dachte sie, tu ich nicht genug. Ich habe mich zu sehr in mich selbst zurückgezogen. Es ist egoistisch, nicht mehr an andere Menschen zu denken. Ich muß mehr tun. Ich muß reisen. Nach Neujahr melde ich mich bei Dorothy und frage sie, ob sie mitkommen möchte.

Madeira. Sie könnten nach Madeira fahren. Blauer Himmel und Bougainvillea. Und Jakarandabäume…

___________

Mitten in der Nacht fuhr sie furchtbar erschrocken auf. Es war stockdunkel, es war bitterkalt. Das Telefon klingelte. Sie knipste die Nachttischlampe an, sie sah auf die Uhr. Es war nicht mitten in der Nacht, sondern sechs Uhr morgens. Weihnachtsmorgen. Sie nahm den Hörer ab. »Ja?«

»Miss Cameron? Ambrose Ashley am Apparat…« Er klang erschöpft.

»Oh.« Sie fühlte sich ganz matt. »Erzählen Sie.«

»Ein Junge. Vor einer halben Stunde geboren. Ein niedlicher kleiner Junge.«

»Und Ihre Frau?«

»Sie schläft. Es geht ihr gut.«

Nach einer Weile sagte Miss Cameron: »Ich sag’s Bryony.«

»Ich komme heute im Laufe des Vormittags nach Kilmoran — gegen Mittag, denke ich. Ich rufe im Hotel an und gehe mit Ihnen beiden dort essen. Das heißt, wenn Sie Lust haben?«

»Das ist sehr liebenswürdig«, sagte Miss Cameron, »äußerst liebenswürdig.«

»Wenn einer liebenswürdig ist, dann Sie«, sagte Mr. Ashley.

___________

Ein neugeborenes Baby. Ein neugeborenes Baby am Weihnachtsmorgen. Sie fragte sich, ob sie es Noel nennen würden. Sie stand auf und trat ans offene Fenster. Der Morgen war dunkel und kalt, die Flut hoch, die pechschwarzen Wellen klatschten gegen die Kaimauer. Die eisige Luft roch nach Meer. Miss Cameron sog sie tief ein, und mit einemmal war sie ungeheuer aufgeregt und von grenzenloser Energie erfüllt. Ein kleiner Junge. Sie sonnte sich in dem Gefühl einer großartigen Leistung, was lächerlich war, weil sie überhaupt nichts geleistet hatte.

Als sie angezogen war, ging sie hinunter, um Wasser aufzusetzen. Sie deckte ein Teetablett für Bryony und stellte zwei Tassen und Untertassen darauf.

Ich sollte ein Geschenk für sie haben, sagte sie sich. Es ist Weihnachten, und ich habe nichts für sie. Aber sie wußte, daß sie Bryony zusammen mit dem Teetablett das schönste Geschenk bringen würde, das sie je bekommen hatte.

Es war jetzt kurz vor sieben. Sie ging nach oben in Bryonys Zimmer, stellte das Tablett auf den Nachttisch und knipste die Lampe an. Sie zog die Vorhänge auf. Bryony rührte sich im Bett. Miss Cameron setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. Der Teddy lugte hervor, seine Ohren lagen unter Bryonys Kinn. Bryony schlug die Augen auf. Sie sah Miss Cameron dasitzen, und sogleich weiteten sich ihre Augen vor Sorge.

Miss Cameron lächelte. »Frohe Weihnachten.«

»Hat mein Vater angerufen?«

»Du hast ein Brüderchen, und deine Mutter ist wohlauf.«

»Oh…« Es war zuviel. Erleichterung öffnete die Schleusentore, und Bryonys sämtliche Ängste lösten sich in einem Tränenstrom. »Oh…« Ihr Mund wurde eckig wie der eines plärrenden Kindes, und Miss Cameron konnte es nicht ertragen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt eine zärtliche körperliche Berührung mit einem anderen Menschen hatte, aber nun nahm sie das weinende Mädchen in die Arme. Bryony schlang ihre Arme um Miss Camerons Hals und hielt sie so fest, daß sie dachte, sie würde ersticken. Sie fühlte die dünnen Schultern unter ihren Händen; die nasse, tränenüberströmte Wange drückte sich gegen ihre.

»Ich dachte… ich dachte, es würde etwas Schreckliches passieren. Ich dachte, sie würde sterben.«

»Ich weiß«, sagte Miss Cameron, »ich weiß.«

Es dauerte ein Weilchen, bis sich beide gefaßt hatten. Aber schließlich war es vorbei, die Tränen waren abgewischt, die Kissen aufgeschüttelt, der Tee eingeschenkt, und sie konnten von dem Baby sprechen.

»Es ist bestimmt was ganz Besonderes, am Weihnachtstag geboren zu sein«, sagte Bryony. »Wann werde ich ihn sehen?«

»Ich weiß nicht. Dein Vater wird es dir sagen.«

»Wann kommt er?«

»Er wird zur Mittagszeit hier sein. Wir gehen alle ins Hotel, Truthahnbraten essen.«

»Oh, prima. Ich bin froh, daß Sie mitkommen. Was machen wir, bis er kommt? Es ist erst halb acht.«

»Es gibt eine Menge zu tun«, sagte Miss Cameron. »Wir machen uns ein Riesenfrühstück, zünden ein Riesenweihnachtsfeuer an — wenn du magst, können wir in die Kirche gehen.«

»O ja. Und Weihnachtslieder singen. Jetzt hab ich nichts mehr dagegen, an Weihnachten zu denken. Ich mochte bloß gestern abend nicht dran denken.« Dann sagte sie: »Ist es wohl möglich, daß ich ein schönes heißes Bad nehme?«

»Du kannst machen, wozu du Lust hast.« Sie stand auf, nahm das Teetablett und ging damit zur Tür. Aber als sie die Tür öffnete, sagte Bryony: »Miss Cameron«, und sie drehte sich um.

»Sie waren gestern abend so lieb zu mir. Vielen, vielen Dank. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.«

»Ich fand es schön, dich hier zu haben«, sagte Miss Cameron aufrichtig. »Ich habe mich gerne mit dir unterhalten.« Sie zögerte. Ihr war soeben ein Gedanke gekommen. »Bryony, nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, meine ich, du solltest nicht mehr Miss Cameron zu mir sagen. Das klingt so schrecklich förmlich, und das haben wir doch ein für allemal hinter uns, nicht?«

Bryony blickte ein wenig verwundert drein, aber nicht im mindesten verstört.

»In Ordnung. Wenn Sie es sagen. Aber wie soll ich Sie denn nennen?«

»Mein Name«, sagte Miss Cameron und lächelte, weil es wirklich ein sehr hübscher Name war, »ist Isobel.«

Teil V

Tee mit dem Professor

Sie waren viel zu früh am Bahnhof, aber James war es recht so, denn er hatte eine Heidenangst, den Zug zu verpassen. Sie hatten den Wagen geparkt, seine Fahrkarte gekauft und gingen nun langsam zusammen die Rampe hinauf. Veronica trug seine Tasche, und James hatte seinen Rugbyball unter einen Arm geklemmt und seinen Regenmantel über den anderen gehängt.

Der Bahnsteig war menschenleer. Wo der Wind nicht hinkam, war es noch warm, und sie fanden eine Bank in einer geschützten Ecke und setzten sich in den goldenen Septembersonnenschein. James trat mit seiner Schuhspitze gegen Kieselsteine. Über ihnen raschelten die trockenen, staubigen Blätter einer Palme im Wind. Auf der Straße fuhr ein Auto vorüber, aus einem kleinen Schuppen trat ein Träger mit einem Gepäckwagen, den er den ganzen Bahnsteig entlangschob. Sie beobachteten ihn schweigend. James sah auf die Bahnsteiguhr.

»Nigel kommt zu spät«, sagte er zufrieden.

»Es sind noch fünf Minuten Zeit.«

Er trat wieder gegen Kieselsteine. Sie betrachtete sein kühles, gleichgültiges Profil, die Wimpern seiner gesenkten Augen streiften die noch babyhaft gerundeten Wangen. Er war zehn Jahre alt, ihr einziger Sohn, und er fuhr zurück ins Internat. Sie hatten sich zu Hause auf Wiedersehen gesagt, mit einer leidenschaftlichen Umarmung, die ihr das Gefühl gab, auseinandergerissen zu werden. Danach war es nun, als sei er schon abgereist. Sie war ihm dankbar für seine Gefaßtheit.

Ein Auto sauste den Hügel hinauf, schaltete herunter, bog auf den Bahnhofsplatz. Bremsen quietschten, lose Steine knirschten.

James drehte sich auf der Bank herum, um durch die Ritzen der Holzbarriere zu spähen.

»Nigel ist da.«

»Ich dachte mir, daß sie gleich kommen würden.«

Sie saßen und warteten. Kurz darauf kamen Nigel und seine Mutter die Rampe herauf, sie ganz blond und außer Atem, er rundlich und glatt wie ein Maulwurf. Nigel und James waren gleichaltrig, und sie waren von Anfang an zusammen zur Schule gegangen, aber James mochte Nigel nicht. Das einzige, was sie verband, war die Fahrt zum Internat und zurück, wenn sie im selben Abteil saßen und ihre Comics tauschten und sich vermutlich ein wenig gestelzt unterhielten. Veronica hatte manchmal ein schlechtes Gewissen wegen James’ mangelnder Zuneigung für Nigel. »Wollen wir ihn in den Ferien nicht mal zu uns einladen? Dann hättest du jemand zum Spielen.«

»Ich hab Sally.«

»Aber sie ist ein Mädchen, und sie ist deine Schwester. Und älter als du. Wäre es nicht nett, einen Jungen in deinem Alter zu haben?«

»Nicht Nigel.«

»Ach James, so schlimm ist er nun auch wieder nicht.«

»Er hat alle Türchen von meinem Adventskalender aufgemacht. Sogar das vierundzwanzigste.«

Das würde er nie vergessen. Nie vergeben. Veronica bemühte sich nicht weiter, aber es war ihr peinlich, als sie sich Nigels Mutter von Angesicht zu Angesicht gegenübersah. Nigels Mutter war jedoch kein bißchen verlegen. Sie denkt, befand Veronica, ich bin viel zu langweilig, um sich mit mir abzugeben. Vermutlich findet sie James auch langweilig.

»Himmel, wir dachten schon, wir kommen zu spät, nicht, Nigel? Hallo, James, wie geht’s? Schöne Ferien gehabt? Wart ihr weg? Wir waren in Portugal, aber Nigel hat sich den Magen verdorben und mußte eine Woche im Bett bleiben. Wären wir bloß lieber zu Hause geblieben, also wirklich…«

Sie plapperte weiter, kramte in ihrer Handtasche nach einer Zigarette, zündete sie mit ihrem goldenen Feuerzeug an. Sie trug einen hellblauen Overall mit Vorderreißverschluß, goldene Ballerinas und einen um die Schultern geknoteten flauschigen Pullover. Veronica musterte sie und fragte sich, woher sie die Zeit nahm, sich jeden Tag so perfekt zu schminken. Sie überlegte dies voll Bewunderung und ohne Groll, aber Veronica selbst trug einen alten Faltenrock und Turnschuhe, und sie hatte das Gefühl, daß ihr Gesicht nackt sei.

Nigels Mutter erkundigte sich nach Sally.

»Sie ist seit voriger Woche wieder in der Schule.

Sie wird bald fertig sein, nehme ich an.«

»Sie ist erst vierzehn.«

»Erst vierzehn! Meine Güte, kaum zu glauben.«

»Der Zug kommt«, sagte James, und sie wandten sich dem Zug zu wie einem nahenden Feind. Er kam herangedonnert, verlangsamte in der Gleisbiegung sein Tempo und hielt am Bahnsteig, sperrte das Sonnenlicht aus, füllte den Bahnhof mit Lärm. Türen gingen auf, Leute stiegen aus. Nigels Mutter war weg wie der Blitz, um ein Nichtraucherabteil zu suchen, und Veronica und die zwei Jungen folgten brav hinterdrein.

»Hier, ein leeres Abteil… rein mit euch.«

Sie kletterten die Stufe hinauf, belegten ihre Plätze, kamen zurück, ihre Mäntel und Taschen zu holen.

»Wiedersehen, mein Liebling«, sagte Nigels Mutter. Sie umarmte ihr Kind, küßte es schmatzend auf beide Backen, hinterließ Lippenstiftspuren, die er später mit seinem Taschentuch abwischen würde. Über ihre Köpfe hinweg sahen James und seine Mutter sich an. Der Bahnwärter kam den Bahnsteig entlang, forderte zum Einsteigen auf und schloß die Tür, denn der Zug war ein Schnellzug, der an diesem kleinen Bahnhof nur wenige Minuten hielt. Eingepfercht, gefangen, ließen die Jungen das Fenster herunter und hängten sich hinaus, Nigel vorne und James in eine Ecke gequetscht, so daß er das Gesicht seiner Mutter noch sehen konnte. Der Bahnwärter schwenkte die grüne Fahne, der Zug setzte sich in Bewegung.

Ich liebe dich, dachte sie und hoffte, daß er es hörte. »Gute Reise!« Er nickte. »Schreib mir eine Postkarte, sobald du angekommen bist.« Er nickte wieder. Der Zug wurde schneller. Nigel lehnte sich winkend hinaus und nahm den gesamten Platz im Fenster ein. Aber James war schon verschwunden. Er hielt nichts davon, den Jammer zu verlängern. Veronica wußte, er war auf seinen Platz gegangen, hatte sich schon hingesetzt, sein Comic-Heft aufgeschlagen und machte das Beste aus einer unerträglichen Situation.

Die zwei Mütter gingen zusammen aus dem Bahnhof zu dem Platz, wo der weiße Jaguar und der alte grüne Kombiwagen nebeneinander parkten.

»Schön«, sagte Nigels Mutter, »das war’s. Jetzt werden wir wohl eine Weile Ruhe haben. Roger und ich dachten, wir fahren ein bißchen weg. Ich weiß nicht, das Haus kommt einem leer vor ohne die Kinder, nicht?« Sie schien zu merken, daß sie etwas Falsches gesagt hatte, denn sie wußte, daß Veronicas Haus bis auf Toby, den Hund, vollkommen leer war. »Sie müssen mal rüberkommen«, sagte sie schnell, denn sie war eine gutherzige Seele, »zum Essen oder so. Ich ruf Sie an.«

»Ja, das würde mich freuen. Wiedersehen.«

___________

Der weiße Jaguar fuhr voran, den steilen Feldweg hinauf zur Straße, dann bog er links ab in Richtung Stadt. Veronica fuhr mit dem Kombi langsamer hinterher. Auf der Anhöhe starb er ab, sie mußte den Motor wieder anlassen und dann warten, bis ein Laster vorbeigedonnert war. Es machte ihr nichts aus. Sie hatte es nicht eilig. Der Rest des Tages erstreckte sich leer vor ihr, die unvermeidliche Leere planloser Stunden, die ertragen werden mußte, bevor sie sich zu Beschäftigungen aufraffen konnte, die nichts mit ihren Kindern zu tun hatten. Die Küche streichen und Rosen pflanzen; ein Wohltätigkeitsfrühstück organisieren, sich Gedanken über Weihnachten machen.

Weihnachten. Eine lächerliche Idee an einem Tag, der mitten im Sommer zu verharren schien. Die Bäume waren noch voll belaubt, der Himmel darüber blau und wolkenlos. Die schmale Straße, die ins Dorf führte, war gesprenkelt mit Schatten und Sonnenlicht, das durch die hohen Ulmen sickerte. Veronica bog ein, kam an eine Kreuzung und hielt an. Ein Mann trieb eine Herde Kühe zum Melken. Während sie wartete, bis sie vorbei waren, schaute Veronica in den Rückspiegel, um zu sehen, ob noch ein Wagen hinter ihr war, und erblickte ihr Spiegelbild. Du siehst aus wie ein Mädchen, sagte sie sich unwillig. Ein älteres Mädchen. Sonnengebräunt und ungeschminkt, und deine Haare sind so unordentlich wie die deiner Tochter. Nigels Mutter mit den dunkel getuschten Wimpern und dem blauen Lidschatten fiel ihr ein. Sie dachte: Wenigstens habe ich jetzt Zeit, mir die Haare machen zu lassen. Und die Augenbrauen zu zupfen. Und vielleicht eine Gesichtsbehandlung. Eine Gesichtsbehandlung war gut für die Stimmung. Sie würde sich eine Gesichtsbehandlung gönnen, und ihre Stimmung würde sich heben.

Die Kühe gingen vorbei. Der Treiber winkte ihr mit seinem Stock. Veronica winkte zurück, ließ den Motor an und fuhr weiter, den Hügel hinauf, um eine Ecke und gelangte auf die Hauptstraße des Dorfes. Am Kriegerdenkmal bog sie in den Weg ein, der ans Meer führte. Die Bäume verschwanden, die Felder sanken zur schäumenden Küste ab, die See war grün und blau, sie war purpurn gestreift und mit weiß gekrönten Wellen gefleckt. Veronica kam an eine hohe Fuchsienhecke, schaltete herunter, bog um eine scharfe Kurve und fuhr durch das weiße Tor. Das Haus war grau, quadratisch und ungeheuer altmodisch. Sie war daheim.

Sie ging hinein, wußte genau, was sie erwartete. Die Uhr in der Diele tickte gemächlich. Toby hörte sie kommen; seine Pfoten tappten auf dem gebohnerten Küchenboden, und er erschien in der Tür, ohne zu bellen, weil er stets wußte, wenn es jemand von der Familie war. Er kam, sie zu begrüßen, suchte nach James, fand keinen James, kehrte würdevoll zu seinem Lager zurück.

Drinnen war es kühl. Das Haus war alt, mit dicken Mauern, und auch die Möbel waren alt, und es roch alt, aber auf angenehme Weise, wie in einem gepflegten Antiquitätengeschäft. Es war sehr still. Als Toby sich wieder niedergelegt hatte, waren nur die Uhr, ein tropfender Wasserhahn in der Küche und das Brummen des Kühlschranks zu hören.

Sie dachte: Ich könnte Tee kochen, obwohl es erst halb vier ist. Ich könnte die Wäsche hereinholen und bügeln. Ich könnte nach oben in James’ Zimmer gehen und seine Sachen aufsammeln. Sie sah sie vor sich, die abgewetzten, ausgebeulten Jeans, die grauen Socken, die unsäglichen Sandalen, das Superman-T-Shirt, das sein Lieblingskleidungsstück war. Er hatte die Sachen heute morgen angehabt; sie waren ein letztes Mal zum Schwimmen an den Strand gegangen, hatten den Abwasch, das Staubwischen, das Bettenmachen seinlassen. Danach hatte sie ihm sein Leibgericht gekocht, Koteletts und weiße Bohnen mit Speck, mit Tomaten überbacken, und hatte mit ihm gegessen, und tickend hatte die Uhr ihre letzten gemeinsamen Minuten angezeigt.

Sie warf ihre Tasche hin, ging durch die kühle Diele, durch das Wohnzimmer, durch die Terrassentür und die zwei Stufen hinunter, die auf den Rasen führten. In einer nahezu apathischen Erschöpfung, für die um diese Zeit überhaupt kein Anlaß bestand, ließ sie sich in einen durchhängenden Liegestuhl fallen. Die Sonne schien ihr in die Augen, und sie hob einen Arm, um sich vor dem gleißenden Licht zu schützen, und sogleich brachen Geräusche herein, die Beachtung forderten. Die Kinder kamen aus der Dorfschule, die Kirchturmuhr, die immer etwas nachging, schlug die halbe Stunde. Ein Auto fuhr die Straße entlang, bog in das Tor ein und kam knirschend auf der kiesbestreuten Zufahrt vor der zweiten Haustür auf der anderen Seite von Veronicas Haus zum Stehen.

Sie dachte müßig: Der Professor ist zu Hause.

___________

Sie war nun seit zwei Jahren Witwe. Als Ehefrau hatte sie in London gelebt, in einer geräumigen Wohnung in der Nähe der Albert Hall, doch nach dem Tod ihres Mannes war sie auf Anraten von Frank Kirdy, der ihr Anwalt und zugleich ihr bester Freund war, in das Dorf und das Haus zurückgekehrt, wo sie als Kind gelebt hatte. Es schien natürlich und vernünftig. Die Kinder liebten die ländliche Umgebung, den Strand und das Meer; sie war von Nachbarn und Leuten umgeben, die sie ihr Leben lang gekannt hatte.

Es hatte allerdings ein, zwei Einwände gegeben.

»Aber das Haus ist so groß, Frank. Viel zu groß für mich und die zwei Kinder.«

»Aber es ließe sich ganz leicht teilen, und du könntest die andere Hälfte vermieten.«

»Aber der Garten…«

»Den Garten könntest du auch teilen. Pflanz eine Hecke. Du hättest immer noch zwei reichlich große Rasen.«

»Aber wer würde dort hinziehen?«

»Wir hören uns um. Es findet sich bestimmt jemand.« Und es fand sich jemand. Professor Rydale. »Wer ist Professor Rydale?« fragte sie.

»Ich war mit ihm in Oxford«, sagte Frank. »Er ist Archäologe. Professor an der Universität von Brookbridge.«

»Aber wenn er in Brookbridge ist, warum will er dann nach Cornwall ziehen?«

»Er nimmt ein Jahr Urlaub. Er muß ein Buch schreiben. Mach nicht so ein gequältes Gesicht, Veronica, er ist Junggeselle und vollkommen selbständig. Zweifellos wird eine häusliche Frau aus dem Dorf kommen und ihn versorgen, und du wirst gar nicht merken, daß er da ist.«

»Aber wenn ich ihn nicht mag?«

»Meine Liebe, man kann sich über Marcus Rydale ärgern, man kann sich über ihn amüsieren, man kann sich von ihm belehren lassen, aber es ist unmöglich, ihn nicht zu mögen.«

»Na dann…« Zögernd hatte sie eingewilligt. »In Ordnung.«

___________

Und so wurden Haus und Rasen geteilt, und der Professor wurde benachrichtigt, daß er einziehen könne, sobald es ihm paßte. Kurz darauf erhielt Veronica eine unleserliche und unfrankierte Postkarte, welche, nachdem sie entziffert war, ihr ankündigte, daß er am Sonntag zu erwarten sei. Sonntag, Montag und Dienstag kamen und gingen. Am Mittwoch, mitten beim Mittagessen, traf der Professor ein. Er fuhr einen Sportwagen, der aussah, als sei er mit Tesafilm zusammengeklebt. Er trug eine Brille, einen Tweedhut und einen ausgebeulten Tweedanzug, und er brachte weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung vor.

Veronica, bereits amüsiert und verärgert, übergab ihm seine Schlüssel. Die Kinder lungerten fasziniert herum, sie hofften, hereingebeten zu werden, um ihm beim Auspacken zu helfen, aber er machte sich so unvermittelt aus dem Staub, wie er gekommen war, und ward kaum wiedergesehen. Binnen zwei Tagen fand sich Mrs. Thomas ein, die Frau des Briefträgers, sie kam und ging, um ihm den Haushalt zu führen, ihm Pasteten und mächtige Früchtekuchen zu backen. Noch ehe eine Woche um war, hatten sie ihn fast vergessen. Er richtete sich ein, behaglich wie ein Eichhörnchen, und in all den kommenden Monaten wurde Veronica nur an ihn erinnert, wenn seine Schreibmaschine zu den unmöglichsten Zeiten mitten in der Nacht zu klappern begann oder er mit seinem kleinen Wagen aus der Einfahrt und die Straße zum Dorf entlangflitzte, um zu seltsamen Exkursionen zu verschwinden, die manchmal zwei, drei Tage dauerten.

Doch hin und wieder tauchte er auf und knüpfte Kontakt zu den Kindern. Einmal fiel Sally vom Fahrrad, er fuhr zufällig gerade vorbei und hielt an, um sie aus dem Graben aufzulesen, das verbogene Vorderrad zu richten und ihr ein Taschentuch für ihr blutendes Knie zu leihen.

»Er war nett, Mami, ehrlich, er war so nett, und er hat so getan, als würde er gar nicht sehen, daß ich heule, das war doch taktvoll, findest du nicht?«

Veronica wollte ihm danken, aber sie bekam ihn drei Wochen nicht zu sehen, und danach war sie überzeugt, daß er den Vorfall längst vergessen hatte. Und ein anderes Mal kam James mit einem Gerät aus einem Kastanienast und einer Sehne nebst einem Packen tödlich scharf angespitzter Zweige zum Abendessen nach Hause.

»Was hast du da?«

»Das ist ein Flitzebogen mit Pfeilen.«

»Sieht gefährlich aus. Wo hast du den her?«

»Ich hab den Professor getroffen. Er hat ihn mir gemacht. Guck, man muß die Sehne locker lassen, wenn man ihn nicht benutzt, und wenn man schießen will, muß man den Stab ein bißchen biegen und die Sehne spannen… So! Siehst du? Ist doch super, oder? Damit kann man kilometerweit schießen.«

»Du darfst damit nie auf Menschen zielen«, sagte Veronica ängstlich.

»Mach ich nicht, auch nicht, wenn ich jemand hasse«, sagte er. »Ich muß mir eine Zielscheibe bauen.« James ließ die Sehne schnappen. Ein angenehmes Schwirren ertönte, wie wenn man eine Harfe zupfte.

»Hoffentlich hast du dich auch bedankt«, sagte seine Mutter.

»Na klar. Er ist furchtbar nett. Könntest du ihn nicht mal einladen, zum Tee oder zum Abendessen?«

»O James, das würde ihm bestimmt nicht passen. Er arbeitet, er will nicht gestört werden. Ich glaube, es wäre ihm schrecklich unangenehm.«

»Ja, kann sein.« Er ließ den Bogen noch einmal schwirren und brachte ihn oben in seinem Zimmer in Sicherheit.

___________

Veronica hörte, wie innen im Haus, auf der Seite des Professors, ein Fenster geschlossen wurde. Dann öffnete er die Terrassentür seines Wohnzimmers, das früher, als das Haus noch ungeteilt war, das Eßzimmer gewesen war, und ging in den Garten. Gleich darauf erschien sein bebrillter Kopf über dem Zaun, und er sagte: »Möchten Sie eine Tasse Tee?«

Einen verrückten Moment lang dachte Veronica, er spreche mit jemand anderem. Sie sah sich hektisch um, wer das sein könnte. Aber es war niemand anders da. Er sprach mit ihr. Er lud sie zu einer Tasse Tee ein, aber wenn er vorgeschlagen hätte, hier und jetzt rund um den Rasen Walzer zu tanzen, sie hätte nicht erstaunter sein können. Sie starrte ihn an. Er hatte keinen Hut auf, und der Wind richtete seine Haare zu einem Hahnenkamm auf, genau wie bei James.

Er versuchte es noch einmal. »Ich habe eine frische Kanne gekocht. Ich könnte ihn hier herausbringen.«

Blitzartig legte sie ihre schlechten Manieren ab. »Oh, Verzeihung… es kam so überraschend. Ja, ich trinke gerne eine Tasse…« Sie begann sich umständlich aus ihrem Liegestuhl hochzurappeln, aber er hielt sie zurück.

»Nein, nicht bewegen. Sie sehen so friedlich aus. Ich bringe ihn heraus.«

Sie ließ sich in den Liegestuhl zurückfallen. Der Professor verschwand. Veronica dachte über diese verblüffende neue Situation nach. Und sie lächelte, über sich, über ihn, über das Absurde daran. Sie zog ihren Rock über die Knie herunter und versuchte, sich zu fassen. Sie war gespannt, worüber sie sprechen würden.

Als er wiederkam und sich vorsichtig durch eine schmale Lücke im Zaun aus seinem Garten drängte, sah sie zu ihrem Erstaunen, daß er alles perfekt angerichtet hatte. Sie hatte einen Becher Tee erwartet, sonst nichts, aber er trug ein beladenes Tablett und hatte eine dicke karierte Decke über eine Schulter geworfen. Er stellte das Tablett neben Veronica ins Gras, breitete die Decke aus und setzte sich darauf, wobei er seinen langen Körper zusammenfaltete wie ein Klappmesser. Er trug eine alte Cordhose, die jemand unbeholfen am Knie geflickt hatte, und am Kragen seines karierten Hemdes fehlte ein Knopf, aber er sah keineswegs bejammernswert aus, eher wie ein fröhlicher Zigeuner. Sie fragte sich, wie er es fertigbrachte, so braun und mager zu bleiben, wenn er offensichtlich die meiste Zeit im Haus verbrachte.

»So«, sagte er, als er es sich bequem gemacht hatte, »jetzt müssen Sie einschenken.«

Das Geschirr paßte nicht zusammen, aber er hatte nichts vergessen, und es gab sogar ein Stück von Mrs. Thomas’ Früchtekuchen zu essen.

Sie sagte: »Das sieht köstlich aus. Ich mache mir gewöhnlich keine Arbeit mit dem Tee — das heißt, wenn ich allein bin.«

»Die Kinder sind abgereist.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

»Ja…« Sie hantierte mit der Teekanne. »Ich habe James eben zum Zug gebracht.«

»Hat er es weit?«

»Nein. Nur bis Carmouth. Nehmen Sie Zucker?«

»Ja, jede Menge. Mindestens vier Löffel.«

»Bedienen Sie sich lieber selbst.« Sie reichte ihm seine Tasse, und er schaufelte reichlich Zucker hinein. Sie sagte: »Ich habe mich nie bei Ihnen bedankt, daß Sie ihm den Bogen und die Pfeile gemacht haben.«

»Ich dachte, Sie würden sich vielleicht ärgern, weil ich ihm so ein gefährliches Spielzeug geschenkt habe.«

»Er ist sehr besonnen.«

»Ich weiß. Sonst hätte ich es auch nicht gemacht.«

»Und…« Sie drehte ihre Teetasse in der Hand. Die Tasse hatte ein Rosenmuster und sah aus, als hätte sie einst einer älteren Verwandten gehört. »Sie haben Sally gerettet, als sie vom Fahrrad fiel. Ich hätte nicht versäumen dürfen, Ihnen dafür zu danken, aber irgendwie bekam ich Sie nie zu sehen.«

»Sally hat sich selbst bei mir bedankt. Und sie hat mich ins Herz geschlossen.«

»Das freut mich.«

»Es ist still ohne die Kinder.«

»Um Himmels willen, machen sie so viel Krach?«

»Nur ein bißchen, und das gefällt mir. So habe ich ein wenig Gesellschaft, wenn ich arbeite.«

»Sie stören Sie nicht oder lenken Sie ab?«

»Wie gesagt, es gefällt mir.« Nachdenklich schnitt er sich ein dickes Stück Kuchen ab. Er biß hinein und kaute, dann sagte er unvermittelt: »Er ist noch so klein. James, meine ich. So ein kleines Bürschchen. Müssen Sie ihn ins Internat schicken?«

»Nein, nicht unbedingt, denke ich.«

»Wäre es nicht netter für Sie beide, wenn er hierbliebe?«

Sie sagte: »Ja, bestimmt.«

»Aber er muß fort?«

Da sah Veronica ihn an, und sie fragte sich, warum seine Beharrlichkeit sie nicht kränkte und warum sie wußte, daß seine Fragen aufrichtigem Interesse und nicht bloßer Neugierde entsprangen. Seine Augen hinter der Brille waren sehr dunkel und gütig. Er war nicht im mindesten einschüchternd.

Sie sagte: »Es hört sich lächerlich an, aber es ist wirklich ganz einfach. Er ist mein einziger Sohn. Und er ist mein Baby. Wir waren sein Leben lang zusammen und standen uns sehr nahe. Ich liebe Sally, aber sie ist irgendwie von mir losgelöst, und das ist mit ein Grund, weswegen wir so gut miteinander auskommen. Aber James und ich sind, ich weiß nicht, wie zwei Äste am selben Stamm. Als mein — « Sie beugte sich vor, stellte ihre Teetasse ab, verbarg hinter einem Vorhang aus Haaren ihr Gesicht vor dem Professor, denn noch immer, auch jetzt, traute sie sich nicht zu, es zu sagen, ohne zu weinen. »Als mein Mann starb, hatte James nur noch mich.« Sie richtete sich auf, schob sich die Haare aus den Augen und sah ihn wieder an. Sie lächelte. »Ich war immer entsetzt über Mütter und Söhne, die wie die Kletten aneinander hingen und sich nicht voneinander lösen konnten.« Er blickte sie nachdenklich an, ohne ihr Lächeln zu erwidern. Sie fuhr munter fort: »Es ist eine gute Schule, klein und freundlich. Er fühlt sich dort sehr wohl.«

Das stimmte. Sie wußte es, und doch wurde sie von Zweifeln geplagt. Nach dem leidvollen Morgen, den Qualen des letzten Mittagessens, der Fahrt zum Bahnhof und dem letzten Lebewohl hatte sie das Gefühl gehabt, das nicht noch einmal durchmachen zu können. James’ Gesicht ließ sie nicht los, das blasse Dreieck über Nigels Schulter, das immer kleiner und verschwommener wurde, als der Schnellzug mit ihm entschwand.

»Vielleicht«, sagte der Professor, »könnten Sie woanders hinziehen, wo es eine ähnliche Schule gibt, und andere Jungen, und wo er Beschäftigung hätte?«

»Kein Vater«, sagte Veronica, ohne zu überlegen. »Es hängt damit zusammen, daß er keinen Vater hat.«

»Aber Sie müssen doch einsam sein ohne die Kinder.«

»Manchmal ist es egoistisch, einsam zu sein… und können wir jetzt bitte nicht mehr darüber sprechen.«

»Ist gut«, sagte der Professor liebenswürdig, als hätte er das Thema nie angeschnitten. »Worüber wollen wir sprechen?«

»Ihr Buch?«

»Mein Buch ist fertig.«

»Fertig?«

»Ja, fertig. Getippt, korrigiert und noch einmal getippt; nicht von mir, darf ich hinzufügen. Es ist nicht nur getippt, geheftet und eingebunden, sondern es ist auf dem Schreibtisch eines Verlegers gelandet und wird gedruckt.«

»Das ist ja großartig. Wann haben Sie es erfahren?«

»Heute. Ich erhielt ein telefonisches Telegramm und ging zur Post, um mir die Bestätigung zu holen.« Er zog es aus seiner Jackentasche und ließ es im Wind flattern. »Ich fühle mich jedesmal sicherer, wenn meine Sachen gedruckt werden. Das beweist, daß ich nicht phantasiert habe.«

»Oh, das freut mich. Und was machen Sie jetzt?«

»Ich habe noch drei Monate von meinem Jahresurlaub, und danach nehme ich meine Vorlesungen in Brookbridge wieder auf.«

»Was fangen Sie in den drei Monaten an?«

»Das weiß ich noch nicht.« Er grinste sie an. »Vielleicht gehe ich nach Tahiti und mache den Strand unsicher. Vielleicht bleibe ich hier. Hätten Sie etwas dagegen?«

»Warum sollte ich was dagegen haben?«

»Ich dachte, ich war vielleicht so grob und unfreundlich, daß Sie es nicht abwarten können, mich los zu sein. Ich finde nämlich, daß Geselligkeiten und alles, was dazugehört, ungeheuer viel Konzentration erfordern. Ich darf nichts anderes im Kopf haben. Besonders, wenn ich ein Lehrbuch über Archäologie schreibe. Können Sie das verstehen?«

»Aber sicher. Ich fand Sie nie grob oder unfreundlich. Ich bin übrigens genauso schlimm. James wollte, daß ich Sie mal zum Abendessen einlade, und ich habe gesagt, Sie wollten bestimmt nicht kommen. Sie hätten zuviel zu tun, habe ich gesagt.«

»Hatte ich vielleicht auch.« Er wirkte verlegen; er runzelte die Stirn, versuchte die hochstehenden Haare mit dem Handteller flach zu drücken. Er sagte: »James war gestern abend bei mir, um sich zu verabschieden. Als Sie sein Abendessen machten. Haben Sie das gewußt?«

Jetzt war es an Veronica, die Stirn zu runzeln. »James war bei Ihnen? Nein, davon hat er kein Wort gesagt.«

»Und da hat er mir erzählt, Sie wollten mich nicht zum Essen einladen, weil Sie dachten, ich würde nicht kommen wollen.«

»Das hätte er nicht…«

»Aber er hat hinzugefügt, sozusagen von Mann zu Mann, daß ich Sie vielleicht zum Essen einladen könnte.«

»Er hat was?«

»Er macht sich Sorgen, weil Sie so ganz allein leben. Er weiß, wie sehr Sie ihn und Sally vermissen. Und Sie dürfen sich nicht darüber ärgern, denn ich finde, es ist das Netteste, was ein kleiner Junge meines Wissens je getan hat.«

»Aber er hatte kein Recht…!«

»Er hat jedes Recht. Er ist Ihr Sohn.«

»Aber…«

Er ging über die Einwände hinweg. »Ich habe natürlich ja gesagt. Und lade Sie hiermit ein. Und ich habe mir sogar erlaubt, einen Tisch in dem neuen Restaurant in Porthkerris zu reservieren. Für acht Uhr. Wenn Sie absagen, wird es sehr schwierig für mich, denn dann muß ich hingehen und den Tisch wieder abbestellen, und der Oberkellner wird böse. Sie sagen nicht nein, oder?«

Einen Moment lang konnte sie gar nichts sagen. Aber wie sie ihn so ansah, fiel ihr ein, was Frank über ihn gesagt hatte, und ihre Verstimmung und ihr Ärger schmolzen dahin. Man kann sich über Marcus Rydale ärgern, man kann sich über ihn amüsieren, man kann sich von ihm belehren lassen, aber es ist unmöglich, ihn nicht zu mögen. Und sie dachte, und war von dem Gedanken überwältigt, daß er der netteste Mann sei, dem sie in den letzten Jahren begegnet war. All die Monate hatte sie ihr Haus mit ihm geteilt und es nicht geahnt. Aber die Kinder ahnten es. Sie wußten es. James hatte es von Anfang an gewußt.

Sie fing an zu lachen, gab sich, derart bedrängt, geschlagen. »Nein, ich sage nicht nein. Ich könnte nicht nein sagen, selbst wenn ich es wollte.«

»Aber Sie wollen es nicht, nicht wahr«, sagte der Professor, und wieder war es eine Feststellung, keine Frage.

Teil VI

Amita

Die Nachricht von Miss Tollivers Tod stand heute morgen in der Zeitung. Mein Mann reichte sie mir über den Frühstückstisch, und der Name kam mir aus der eng gedruckten Spalte entgegen wie ein Schrei aus der Vergangenheit:

TOLLIVER. Am 8. Juli verstarb in ihrem 90. Lebensjahr Daisy Tolliver, Tochter des verstorbenen Sir Henry Tolliver, ehemaliger Gouverneur der Provinz Barana, und der Lady Tolliver. Die Einäscherung findet im engsten Familienkreise statt.

Ich hatte seit Jahren nicht an die Tollivers gedacht. Ich bin jetzt zweiundfünfzig, mithin im fortgeschrittenen mittleren Alter, habe einen Mann, der kurz vor der Pensionierung steht, Kinder und Enkelkinder. Wir wohnen in Surrey, und Cornwall und die Kindheit scheinen weit, weit entfernt, in einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Aber hin und wieder geschieht etwas, das alles wiederkehren läßt, wie ein Ton auf einem selten gespielten Klavier, und dann ist es, als seien die erfüllten Jahre dazwischen nie gewesen. Die alten, müßigen Tage sind wieder da, strahlend von ewigem Sonnenschein (hat es nie geregnet?) und erfüllt von erinnerten Stimmen, hastenden Schritten und herrlich nostalgischen Gerüchen. Schalen mit Gartenwicken im Salon meiner Mutter und der Duft von Pasteten, die im Ofen des schwarzen Eisenherdes gebacken wurden.

Die Tollivers. Als mein Mann sich verabschiedet hatte und zum Zug nach London gegangen war, ging ich mit der Zeitung in den Garten, setzte mich in den Schaukelstuhl am Rosenbeet und las die wenigen Zeilen noch einmal — des verstorbenen Sir Henry Tolliver, ehemaliger Gouverneur der Provinz Barana. Ich erinnerte mich an ihn, an sein rotes Gesicht, den gewaltigen weißen Schnurrbart und seinen Panamahut. Und ich erinnerte mich an Angus. Und Amita.

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Wer Anfang der dreißiger Jahre ein Kind Britisch-Indiens war, führte ein unstetes Leben. Mein Vater war im indischen Staatsdienst in Barana stationiert und leitete dort die Fluß- und Hafenverwaltung. Seine vertragliche Verpflichtung ging über jeweils vier Jahre, während deren er völlig aus unserem Leben verschwand, bis er zu einem sechsmonatigen Urlaub zurückkehrte, der wie unendliche Ferien anmutete.

Wir waren charakteristisch für Tausende von Familien, bei denen die Last, in England die Kinder aufzuziehen und den Haushalt zu führen, zwangsläufig der Ehefrau zufiel, deren Leben ständig unter der quälenden Entscheidung litt, ob sie bei ihren Kindern bleiben oder ihren Mann in den Osten begleiten sollte. Tat sie ersteres, ging jegliches Eheleben über Bord. Tat sie letzteres, mußten Vorkehrungen zum Wohl der Kinder getroffen werden; es galt Internatsschulen zu finden und nette Verwandte oder Freunde zu ersuchen, sich in den Ferien der Kinder anzunehmen. Was sie auch tat, es führte stets zu unvermeidlichen, herzzerreißenden Abschiedsszenen. Damals gab es keinen Flugverkehr nach Indien. Die Zeit von Imperial Airways kam erst später, und die Schiffe der P & O, die von London ausliefen, brauchten drei Wochen für die Reise. Die Trennung war in der Tat absolut.

Meine Mutter ist zweimal in Indien gewesen. Einmal, bevor wir geboren waren, und einmal, als wir noch so klein waren, daß wir ihr Fortgehen kaum wahrnahmen.

Auf ihrer ersten Reise, als junge, liebreizende Braut, lernte sie Lady Tolliver kennen. Die Freundschaft, die zwischen ihnen erblühte, war ungewöhnlich, denn Lady Tolliver war gut eine Generation älter als meine Mutter und obendrein die Gattin des Gouverneurs, während meine Mutter schlicht die frisch angetraute Ehefrau eines jungen Beamten war.

Doch Lady Tolliver war bescheiden und freundlich. Sie fand meine Mutter erfrischend natürlich. Zu ihrem beiderseitigen Vergnügen und zur Verwunderung aller übrigen ließen sie ihre Liegestühle nebeneinander auf dem Schiffsdeck aufstellen, und da saßen sie im wohltuenden Sonnenschein, amüsierten sich mit ihrer Handarbeit und ihren lebhaften Gesprächen, während der große Dampfer durch das Mittelmeer glitt, den Suezkanal passierte und den blauen Indischen Ozean erreichte.

In England lebten die Tollivers in Cornwall, und dies war der Grund, weswegen meine Mutter, als sie hochschwanger aus Indien zurückkehrte und eine feste Bleibe brauchte, ein Häuschen in ihrer Nähe mietete. Es war sehr bescheiden, mit einem winzigen Gärtchen, denn mehr konnte sie sich nicht leisten, und dort wurden meine Schwester und ich geboren, dort wuchsen wir auf, ein wenig ärmlich, aber vollkommen zufrieden, und dort blieben wir, bis der Krieg uns für immer auseinanderriß.

Im Rückblick führten wir ein sehr ereignisloses Leben, das bestimmt war von Schule und Ferien, den Briefen, die wir an unseren Vater schrieben und von ihm erhielten, von Weihnachten, wenn Päckchen kamen, würzig duftend und in Zeitungspapier gewickelt, das mit indischen Schriftzeichen bedruckt war. Alle drei bis vier Jahre folgte dann die große Aufregung, wenn unser Vater seinen Heimaturlaub hatte. Und ebensooft verließen die Tollivers ihren indischen Palast und ihre zahlreichen Bediensteten, ihre Gartenfeste und Soireen und kamen ebenfalls nach Hause, um ihre Freunde zu sehen und ihr Haus zu beziehen und wie gewöhnliche Sterbliche zu leben.

Daisy war ihre älteste Tochter, unverheiratet und sehr musikalisch. Sie spielte an musikalischen Abenden Violine und begleitete jeden, den es zu singen drängte, auf dem Klavier. Nach ihr kam Mary, die mit einem in Quetta stationierten Soldaten verheiratet war, und dann Angus.

Angus war der Liebling der Familie, ja, er war der Liebling von jedermann, hübsch, blond, blauäugig, und er absolvierte sein letztes Jahr in Oxford. Er raste mit hoher Geschwindigkeit in einem Triumph-Cabriolet mit großen, polierten Scheinwerfern durch die Gegend, er spielte sehr gut Tennis und sah in seiner weißen Flanellhose und seinem blendendweißen Hemd wie ein Filmidol aus.

Meine Schwester Jassy, zwei Jahre älter als ich, war wahnsinnig in ihn verliebt, aber sie war damals erst zehn, und Angus war nie ohne ein hübsches Mädchen an seiner Seite zu sehen. Aber ich verstand, warum sie in ihn verliebt war, denn wenn es uns gelang, ihn in einem Moment zu erwischen, wo er nicht anderweitig beschäftigt war, dann war er stets bereit, mit uns Kricket zu spielen oder am Strand riesige Sandburgen zu bauen, mit tiefen Gräben, welche die Flut füllte, während wir planschten und schrien und wie verrückt gruben und die Dämme abstützten, um das Wasser fernzuhalten.

Dann verließ Angus Oxford, und es blieb nicht aus, daß er seine Eltern nach Indien begleitete. Jedoch nicht als Staatsdiener, sondern als Angestellter von Ironsides, der großen Schiffahrtsgesellschaft, die den Betrieb übernommen hatte, als die Ostindien-Companie aufgab. Infolgedessen wohnte er nicht bei seinen Eltern im Regierungsgebäude, sondern er hatte in der Stadt eine eigene Wohnung, die er mit einigen anderen, ungefähr gleichaltrigen jungen Männern teilte.

Es ist schwierig, sich zu erinnern, wann die ersten Gerüchte durchsickerten. Und es ist unmöglich, sich zu erinnern, wie Jassy und ich mitbekamen, daß etwas nicht stimmte. Meine Mutter erhielt einen Brief von meinem Vater. Sie las ihn beim Frühstück; sie verkniff den Mund wie immer, wenn es etwas geheimzuhalten galt. Den Rest der Mahlzeit schwieg sie. Ich hatte ein beklemmendes Gefühl im Magen, das mich den ganzen Tag nicht losließ.

Dann kam Mrs. Dobson zu meiner Mutter zum Tee. Mrs. Dobson war auch eine Indien-Strohwitwe, die nicht um ihrer Kinder willen in England blieb, sondern weil sie sehr zart war und das heiße Klima des Ostens nicht vertrug. Ich spielte im Garten und stieß unvermutet zu ihnen, so daß ich das Ende ihres Gespräches aufschnappte.

»Aber wie konnte er sie kennenlernen?«

»Das kann man nie wissen. Er hatte immer ein Auge für hübsche Mädchen.«

»Aber er hätte jede haben können. Wie konnte er so dumm sein. Warum alle seine Chancen aufs Spiel setzen…?«

Meine Mutter erspähte mich. Sie machte eine rasche Handbewegung, und Mrs. Dobson brach ab, drehte sich um und lächelte sogleich, als freue sie sich, mich zu sehen. »Ah, da ist ja Laura. Bist du aber ein großes Mädchen geworden.« Und ich durfte mit ihnen Tee trinken und alle belegten Gurkenbrote essen, als ob ich darüber alles vergessen könnte, was ich womöglich aufgeschnappt hatte.

Am Ende ließ Doris, unser Hausmädchen, die Katze aus dem Sack. Doris’ Freund war Arthur Penfold, der den Garten der Tollivers in Ordnung hielt. An Doris’ freiem Tag holte Arthur sie mit seinem Motorrad ab, und sie fuhren zu den Vergnügungsstätten von Penzance; Doris legte die Arme um Arthurs Taille, und ihr Rock wehte von ihren langen, wohlgeformten, kunstseidenbestrumpften Beinen hoch.

Manchmal, wenn ich abends die Haare gewaschen haben wollte oder Lust auf Gesellschaft hatte, kam Doris nach oben und badete mich.

Sie kniete auf der Badematte, schrubbte den Schmutz des Tages von meinen Knien. Die feuchte Luft war von dem Duft von Pear’s Seife erfüllt. Doris sagte: »Angus Tolliver heiratet.«

Ich verspürte einen kurzen Stich, aus Mitleid mit Jassy. Sie hatte vorgehabt, ihn selbst zu heiraten, wenn er nur lange genug warten würde, bis sie erwachsen wäre.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»Arthur hat’s mir erzählt.«

»Woher weiß er es?«

»Agnes hat es seiner Mutter geschrieben.« Agnes war Lady Tollivers Hausangestellte, eine mürrisch aussehende Frau, die ergeben nach Indien reiste und unter der stechenden Hitze Qualen litt, nur weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, daß eine dunkelhäutige Frau Lady Tollivers Leibwäsche bügelte. »Da draußen soll’s drunter und drüber gehen, hab ich gehört.«

»Warum?«

»Sie wollen nicht, daß Angus heiratet.«

»Warum nicht?«

»Weil sie Inderin ist. Darum. Mr. Angus heiratet eine Inderin.«

»Eine Inderin!«

»Na ja, Halbinderin.«

Das war noch schlimmer. Eine Anglo-Inderin. Chi-Chi. Ich haßte diesen Spitznamen, weil ich es haßte, wie die Leute ihn benutzten. Trotzdem war ich entsetzt. Ich war nie in Indien gewesen, aber im Laufe der Jahre hatte ich, einem Schwamm gleich, von meinen Eltern und den Erwachsenen, mit denen sie befreundet waren, die Traditionen, ihre Sprechweise und die meisten ihrer Vorurteile aufgesogen. Ich kannte mich mit Indien aus. Ich wußte über die heiße Witterung und die Regenzeit Bescheid. Ich wußte von den Reisen ins Landesinnere. Ich wußte von Durbars, den Empfängen am Hofe der Maharadschas, und festlich geschmückten Elefanten, von großen stolzen Umzügen im flirrenden Sonnenlicht. Ich wußte, daß der Butler »bearer«, der Gärtner »mali«, der Stallbursche »syce« genannt wurde. Ich wußte, burra hieß groß und chota hieß klein. Wenn meine Schwester mich ärgern wollte, nannte sie mich Missy Baba.

Und ich war über Anglo-Inder aufgeklärt. Anglo-Inder waren weder Fisch noch Fleisch. Sie arbeiteten in Kontoren und bei der Eisenbahn. Sie trugen Tropenhelme und sprachen Kauderwelsch und benutzten (unsagbar) kein Papier, wenn sie auf die Toilette gingen.

Und Angus Tolliver würde eine von ihnen heiraten.

Ich konnte nicht darüber sprechen. Angus, der Stolz der Tollivers, der einzige Sohn des Gouverneurs, heiratete eine Anglo-Inderin. Die Schande seiner Familie war meine Schande, denn obwohl ich erst acht Jahre alt war, wußte ich, wenn er das tat, würde er sich von allem ausschließen, was ihm vertraut war. Er würde sich zurückziehen und aus unserem Leben verschwinden müssen. Er wäre für immer verloren.

Ich trug meinen Jammer drei Tage mit mir herum, bis meine Mutter, die mein trübsinniges Gesicht keine Minute länger ertragen konnte, mich fragte, was mir fehle. Gequält, ohne ihr ins Gesicht zu sehen, sagte ich es ihr.

»Woher weißt du es?« fragte meine Mutter.

»Doris hat’s mir gesagt. Arthur Penfold hat’s ihr erzählt. Agnes hat es seiner Mutter geschrieben.« Ich zwang mich, zu meiner Mutter hochzublicken, und stellte fest, daß sie mich nicht ansah. Sie versuchte, Blumen in einer Vase zu ordnen, aber ihre sonst so geschickten Finger waren unbeholfen. »Ist es wahr?«

»Ja, es ist wahr.«

Meine letzte Hoffnung erstarb. Ich schluckte. »Ist es eine… Anglo-Inderin?«

»Nein. Ihre Mutter war Inderin und ihr Vater Franzose. Ihr Name ist Amita Chabrol.«

»Wird es ganz schrecklich, wenn er sie heiratet?«

»Nein, nicht schrecklich. Aber es ist nicht richtig.«

»Warum?« Ich wußte von dem Chi-Chi-Akzent, den Tropenhelmen, dem gesellschaftlichen Stigma. Aber es ging um Angus. »Warum ist es nicht richtig?«

Meine Mutter schüttelte den Kopf, fast als halte sie sich krampfhaft zurück, um nicht aufzuschreien oder mich zu schlagen oder in Tränen auszubrechen.

»Es ist eben so. Rassen sollen sich nicht vermischen. Es ist… es gehört sich nicht, der Kinder wegen.«

»Du meinst, es gehört sich nicht, Babys zu haben, die halb das eine sind und halb das andere?«

»Ja.«

»Aber warum?«

»Weil das Leben hart für sie ist.«

»Warum ist das Leben hart für sie?«

»O Laura. Weil es so ist. Weil die Leute auf sie herabsehen. Die Leute sind grausam zu ihnen.«

»Aber nur die garstigen Leute.« Ich sehnte mich nach einer Bestätigung von ihr, daß sie zu einem kleinen anglo-indischen Kind nicht grausam sein würde. Sie liebte Kinder, und Babys ganz besonders. »Du würdest nicht böse zu ihnen sein«, sagte ich flehend.

Sie verharrte mitten im Abzupfen der Blätter einer Rose. Sie schloß die Augen, als versuchte sie, etwas zu verbergen. Ich glaube, in diesem Moment baten ihre natürlichen Instinkte sie, sich auf meine Seite zu stellen, aber sie hatte zu lange mit den alten Vorurteilen gelebt, und die starren Stränge der Konvention waren für sie zu fest geschnürt, um sich losreißen zu können. Ich wartete, daß sie sich verteidigte, aber als sie die Augen wieder öffnete und mit ihrem Tun fortfuhr, sagte sie nur: »Es ist nicht richtig. Das ist alles, was ich dir sagen kann. Und erst recht, da Angus’ Vater der Gouverneur der Provinz ist.«

»Was können sie machen?«

Sie konnten nichts machen. Angus und seine Braut wurden in aller Stille in einer kleinen, unbedeutenden Kirche in der weniger eleganten Gegend von Barana getraut. Die Eltern Tolliver waren nicht zugegen. Die Hochzeitsreise verbrachten sie in einem Erholungsort in den Bergen von Kaschmir. Als sie zurückkamen, kündigte Angus bei Ironsides, und nach einigem Suchen fand er eine bescheidene Stellung im Geschäft eines hart arbeitenden Tamilen. Er zog mit Amita in ein kleines Haus in einem Viertel, das weitab von den englischen Residenzen lag. Die lange Verbannung in die Einöde hatte begonnen. Drei Jahre später, 1938, kamen sie nach Hause. Die Tollivers hatten sich unterdessen zur Ruhe gesetzt und wohnten nun ständig in ihrem Haus in Cornwall. Sie waren älter geworden, hatten ein wenig von ihrem Glanz verloren. Sir Henry verbrachte seine Tage mit dem Schreiben seiner Memoiren und dem Jäten der Blumenbeete. Lady Tolliver ging mit einem Körbchen Einkäufe machen und spielte nachmittags Mah-Jongg. Daisy Tolliver versenkte sich in gute Werke und leitete mit ihrer Violine das Orchester des Ortes.

Doris und Arthur Penfold heirateten, und Jassy und ich waren Brautjungfern, in weißen Organdykleidern mit blauen Schärpen. Auf dieser Hochzeit erzählte uns Lady Tolliver von Angus und Amita.

»Er kommt mit ihr für einen kurzen Besuch nach Europa. Sie besuchen Amitas Großeltern in Lyon, und dann kommen sie für ein paar Tage zu uns.« Ihr Gesicht, das nun ganz runzlig war, blähte sich bei dieser Aussicht vor Freude, und ich dachte, wie schön für sie, daß sie ihr Glück zeigen kann, ohne Angst, jemanden zu beleidigen oder ihren Mann in Schwierigkeiten zu bringen. Sie mußte froh sein, fand ich, wieder ein normaler Mensch zu sein, frei von all den gesellschaftlichen Zwängen ihres früheren feudalen Lebens.

»Er möchte dich und Jassy sehen. Er hatte euch beide immer gern. Ich spreche mit eurer Mutter, es läßt sich bestimmt etwas arrangieren.«

Jassy war jetzt vierzehn. »Bist du aufgeregt«, fragte ich sie, »weil du Angus Tolliver wiedersehen wirst?«

»Nicht besonders«, sagte Jassy obenhin. »Ich wünschte, er würde sie nicht mitbringen.«

»Du meinst Amita?«

»Ich will sie nicht sehen. Ich will nichts mit ihr zu tun haben.«

»Weil sie mit Angus verheiratet ist oder weil sie Halbinderin ist?«

»Halbinderin«, spottete Jassy, »sie ist eine Chi-Chi. Ich weiß nicht, wie Lady Tolliver es ertragen kann, sie im Haus zu haben.«

Es verschlug mir die Sprache. Ich konnte verstehen, daß Jassy eifersüchtig war, aber nicht gehässig. Entrüstet ließ ich sie allein.

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Es wurde verabredet, daß Lady Tolliver und Daisy mit Angus und Amita zu uns zum Tee kamen, und als der festgesetzte Tag nahte und Jassys Verfassung keine Besserung zeigte, bangte mir mehr und mehr davor. Ich stellte mir Angus vor, schäbig in einem schlecht geschneiderten Anzug, mit seiner ärmlichen Frau im Schlepptau. Vielleicht wußte sie nicht mal, wie man das Buttermesser benutzt. Vielleicht kühlte sie ihren Tee durch Blasen ab. Vielleicht hatte Angus schon genug von ihr und schämte sich ihrer und bereute seine vorschnelle Heirat. Und seine Verlegenheit würde uns alle anstecken, wie eine quälende, lähmende Krankheit.

Am Tag der Teegesellschaft gingen Jassy und ich nach dem Mittagessen mit ein paar Freundinnen zum Schwimmen an den Strand. Die Freundinnen hatten ein Teepicknick mitgenommen, aber um drei Uhr verabschiedeten wir beide uns und ließen sie allein, gingen über den Golfplatz nach Hause, unsere nassen Badesachen unterm Arm, unsere Beine und Füße mit Sand überkrustet.

Es war ein warmer, windiger Tag. Zu unseren Füßen wuchs Thymian, und wenn wir darauf traten, verströmte er einen süßen, minzigen Geruch. An der Kirche blieben wir stehen, um unsere Schuhe anzuziehen, dann eilten wir weiter. Die sonst so redselige Jassy war stumm. Wie ich sie so ansah, wurde mir klar, sie konnte nichts dafür, daß sie die ganze Zeit so unausstehlich gewesen war. Sie war genauso nervös und gespannt wie ich wegen der Begegnung mit Angus und Amita, aber es berührte uns auf verschiedene Weise.

Unsere Mutter war in der Küche und bestrich frischgebackene Hörnchen mit Butter. »Nach oben, umziehen«, befahl sie uns. »Macht schnell. Ich habe euch alles auf die Betten gelegt.«

Mutter trug ihr türkisgrünes Leinenkleid mit der Hohlsaumstickerei und den blauen Glasperlen, das mein Vater ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr bestes Kleid. Für uns hatte sie Baumwollkleider mit passenden Schlüpfern herausgelegt, metzgerblau mit weißen Blümchen, dazu frische weiße Socken und rote Schuhe mit Riemchen und Knöpfen. Wir wuschen uns Hände und Gesicht, und Jassy half mir mit meinen Haaren, die dick und lockig und an diesem Nachmittag voll Sand waren.

Während wir uns hiermit befaßten, hörten wir das Auto. Es kam die Straße entlang und hielt vor unserem Tor. Unten ging die Haustür auf, und wir hörten unsere Mutter den Weg hinuntergehen, um ihre Gäste zu begrüßen.

»Komm«, sagte Jassy. Wir schickten uns an, hinunterzugehen, doch im letzten Augenblick kehrte sie um, nahm ihr goldenes Medaillon aus ihrer Schublade und schloß die Kette im Nacken. Ich wünschte, ich hätte ein Medaillon, einen Talisman, irgend etwas, um meinen Mut zu festigen.

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Sie waren im Wohnzimmer. Die Tür zur Diele stand offen, und wir hörten leise Stimmen, Gelächter. Jassy, vielleicht von ihrem Medaillon ermutigt, ging voran, und ich folgte bange hinterdrein. Als ich durch die Tür trat, hörte ich Angus sagen: »Jassy!«, und schon hielt er sie in seinen Armen, ganz so, als sei sie noch ein kleines Mädchen. Ich bemerkte, daß Jassy errötete, und dann sah ich an ihnen vorbei. Lady Tolliver hatte es sich schon im besten Sessel bequem gemacht. Daisy Tolliver saß auf einem niedrigen Hocker, und auf dem Fenstersitz saßen, Seite an Seite mit dem Rücken zum Garten, meine Mutter und… Amita.

Als erstes fiel mir ihr flammendroter Sari auf, der wie ein trotziger Schrei anmutete. Aber wie soll ich sie weiter beschreiben? Ein Paradiesvogel vielleicht, prachtvoll und fehl am Platz inmitten der Schatten, die die Gartenwicken an einem heißen Sommernachmittag in ein englisches Wohnzimmer warfen.

Sie war klein, schön proportioniert, und ihre Haut war glatt und golden wie Bernstein. Ihre Augen waren riesengroß, dunkel und wunderschön geschminkt. Edelsteine glitzerten in ihren Ohren, funkelten an Handgelenken und Fingern, und ihre bloßen Füße steckten in zierlichen goldenen Riemchensandalen. Dies alles war rein indisch, aber ihr Haar verriet den europäischen Einschlag, es war dicht, schwarz und lockig. Sie trug es schulterlang, und es umrahmte ihr Gesicht wie das eines Kindes. Sie hatte ein Handtäschchen aus Goldleder, und das Zimmer war erfüllt von dem feinen Moschusduft ihres Parfüms.

Ich konnte die Augen nicht von ihr wenden. Ich bekam einen Kuß von Angus, ich bekam einen Kuß von Lady Tolliver, und die ganze Zeit starrte ich Amita an. Als ich ihr vorgestellt wurde, lachte sie. Vielleicht lag es an ihrer braunen Haut, aber ich meinte noch nie so strahlendweiße Zähne gesehen zu haben.

Sie sagte: »Soll ich dir auch einen Kuß geben?«

Ihre Stimme bezauberte mich. Die Vokale hatten einen ganz leichten französischen Akzent.

Ich sagte: »Ich weiß nicht.«

»Wollen wir es versuchen?«

Da gab ich ihr einen Kuß. Nie zuvor war mir etwas so Zauberhaftes widerfahren, und als ich sie küßte, von ihrer Schönheit verwirrt und behext, ging mir ein Gedanke durch den Kopf, sachte, wie die flüchtige Berührung eines Mottenflügels, wie etwas, das man fortwischt. Weswegen die ganze Aufregung?

Ich weiß nicht mehr viel von jenem Nachmittag, erinnere mich nur noch an ein Gefühl von ungewohntem Glanz, der durch das kleine Haus meiner Mutter zu wehen schien wie ein Schwall kühler, klarer Luft. Angus hatte sich verändert, aber zu seinem Vorteil, fand ich. Er war jetzt ein Mann. Das Jungenhafte in Aussehen und Temperament war verschwunden, er hatte etwas Behutsames, Zurückhaltendes, aber auch Stärkeres. Vielleicht Stolz, oder das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Ich weiß es nicht. Er kam mir größer vor, was seltsam war, denn als ich älter wurde, wurden die Erwachsenen merkwürdigerweise immer kleiner. Vielleicht hatte ich vergessen, wie aufrecht und gerade er sich hielt. Vergessen, wie breit seine Schultern und wie wohlgeformt seine tüchtigen Hände waren.

Die Unterhaltung am Teetisch war wunderbar kultiviert. Sie sprachen von Venedig und Florenz, wo sie vor kurzem gewesen waren, und von den Gemälden El Grecos, die sie in Madrid gesehen hatten. Sie hatten Paris besucht, und Angus neckte Amita, weil sie so viele neue Kleider gekauft hatte, und sie lachte nur und sagte zu meiner Mutter: »Wie kann man von einem Mann erwarten, daß er versteht, daß alles, die Hüte und die Schuhe und die vielen Geschäfte, unwiderstehlich ist?« Nur hörte es sich bei ihr an wie »unwiiiiderstehlich«, und dann lachten wir alle.

Angus erzählte uns, daß sie Indien verlassen und nach Birma gehen würden, weil Angus Geschäftsführer eines neuen Kontors geworden war, das in Kürze in Rangun eröffnet würde. Sie wollten sich dort ein Haus suchen, und Angus wollte sich ein kleines Boot anschaffen und drohte Amita, ihr das Segeln beizubringen. Und dies rief noch mehr Heiterkeit hervor, weil Amita schwor, wenn sie ein Boot nur ansehe, sei sie schon seekrank, und das Anstrengendste, was sie je in ihrem Leben getan habe, sei das Umblättern der Seiten eines Buches gewesen.

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Nach dem Tee gingen wir in den Garten. Lady Tolliver, Daisy und meine Mutter unterhielten sich, und Jassy, die Angus offensichtlich verziehen und ihre gute Laune wiedergefunden hatte, setzte sich zu ihm und bat ihn, von Tigerjagden und Hausbooten in Kaschmir zu erzählen. Amita bat mich, ihr den Garten zu zeigen, und ich führte sie zum Rosenbeet und versuchte, mich an die Namen der verschiedenen Rosen zu erinnern. »Elisabeth von Glamis, Erna Harkness, und diese kleine Kletterrose heißt Albertine. Sie duftet stark nach süßen Äpfeln.«

Amita lächelte mich an. Sie sagte: »Liebst du Blumen?«

»Ja. Fast mehr als alles andere.«

Sie sagte: »In Rangun werde ich den schönsten Garten haben, den sich irgendein Mensch jemals erträumt hat. Mit Bougainvillea und Tempelblumen und Jakarandabäumen und Stockrosen, größer als ein Mensch. Und ich werde einen grünen Rasen haben mit Pfauen und weißen Kranichen, und mit runden Teichen, von Rosen umstanden, und in dem Wasser wird sich der blaue Himmel spiegeln. Und wenn du groß bist, vielleicht siebzehn oder so, mußt du Angus und mich besuchen kommen, dann zeige ich dir alles. Wir geben Abendgesellschaften für dich und Bälle und Mondschein-Picknicks am Strand. Und junge Männer werden dich in Scharen umringen und sich in dich verlieben.«

Ich sah Amita an, geblendet, gebannt von der Vision von mir mit siebzehn, schön und schlank wie Amita, mit einem ansehnlichen Busen und einer sehr schmalen Taille. Ich sah die vielen Verehrer, groß und aufrecht, in prächtigen Uniformen. Ich hörte Musik und roch den schweren Duft der Tempelblumen und sah Mondlicht auf dem Wasser…

Sie sagte: »Wirst du kommen?«

Ihre Stimme zerstörte den Traum. Sie hatte ihr Lachen verloren. Amitas dunkle Augen glänzten von unvergossenen Tränen. Und ich wußte, alles war Phantasie. Sie würde nie einen großen, schönen Garten in Rangun haben, weil das Leben, das sie und Angus für sich gewählt hatten, ihnen solchen Luxus nicht bieten konnte. Und ich würde sie nie besuchen. Sie würde meine Mutter nicht fragen, und selbst wenn, würde Mutter es mir nicht erlauben. Es war alles nur Schein. Sie wußte es, und ich wußte es, dennoch konnte ich es nicht ertragen, sie so traurig zu sehen, und ich lächelte ihr ins Gesicht und sagte: »Natürlich komme ich. Ich komme gerne. Lieber als alles andere auf der Welt.«

Da lächelte sie und blinzelte die Tränen fort. Sie nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände und hob mein Gesicht zu ihrem empor. Sie sagte: »Eines Tages werde ich selbst ein kleines Mädchen haben. Und ich wünsche mir, daß es so süß wird wie du.«

Da waren wir uns auf einmal ganz nahe. Mir war fast, als hätte ich sie mein Leben lang gekannt und würde sie bis in alle Ewigkeit kennen. Und in diesem Moment wußte ich mit schneidender Gewißheit, daß sich alle geirrt hatten. Meine Mutter und mein Vater und die Tollivers, und ihre Eltern und davor deren Eltern. Die Vorurteile, der Snobismus, die Traditionen stürzten zusammen wie ein Kartenhaus, und daran hat sich seither nichts geändert.

Indem sie die Wahrheit aus einem Wirrwarr kindlicher Impressionen schälte, veränderte Amita mein ganzes Leben. Weswegen die ganze Aufregung? hatte ich mich gefragt, und die Antwort lautete: Wegen nichts. Menschen sind Menschen. Manche sind gut, manche sind schlecht, manche schwarz, manche weiß, aber wie auch immer unsere Hautfarbe oder der Unterschied im Glauben und in Traditionen, wir haben uns alle etwas zu geben, und wir haben alle etwas gemeinsam, und wenn es nur das Leben selbst ist.

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Bevor sie aufbrachen, ging Amita zum Auto hinaus und kehrte mit zwei Päckchen zurück, eines für Jassy und eines für mich. Als die Tollivers fort waren, machten wir sie auf und fanden die Puppen. Solche Puppen hatten wir noch nie gesehen, so adrett und erwachsen und schön zurechtgemacht, bis hin zu den lackierten Zehennägeln an den winzigen Papiermachefüßchen und den kleinen, glitzernden Ohrringen. Unsere anderen Puppen hatten Namen wie Rosemarie und Grübchen, aber die Puppen, die Amita uns geschenkt hat, bekamen keine Namen. Wir haben nicht mit ihnen gespielt. Wir haben sie betrachtet und sie in einer Glasvitrine in unserem Schlafzimmer verwahrt, zusammen mit dem Puppenteeservice meiner Großmutter und den geschnitzten Holztieren, die wir von einer alten Tante bekommen hatten.

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Ich konnte es nicht ertragen, mit irgend jemand über Amita zu sprechen. »Fandest du sie nett?« fragte meine Mutter eines Tages, als Jassy bei einer Freundin zum Tee war und wir allein waren.

Aber ich konnte ihr nicht sagen, wie mir zumute war oder was ich gelernt hatte, denn jetzt standen sie und ich auf entgegengesetzten Seiten des Zaunes. Wir waren keineswegs verfeindet, aber wir vertraten verschiedene Meinungen und mußten lernen, für den Rest unseres Lebens damit zu leben.

Darum sagte ich nur »ja« und aß mein Butterbrot.

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Ich sah Angus und Amita nie wieder. Der Krieg brach aus, und sie konnten nicht nach Hause kommen. Amita war schwanger, als die Japaner in Birma einfielen, aber sie entkam aus Rangun und marschierte zusammen mit einigen Beamten des Forstamtes, einer Anzahl wertvoller Elefanten mitsamt ihren Elefantentreibern sowie einer Gruppe britischer Frauen und Kinder nordwärts nach Assam. Angus blieb zurück, um sein Kontor aufzulösen und alle wichtigen Papiere zu vernichten. Er versprach nachzukommen, aber er brach zu spät auf, wurde von den Japanern gefangengenommen und starb ein Jahr später im Gefangenenlager.

Was Amita betraf, so erwies sich der lange Marsch für ein Mädchen, das nie etwas Anstrengenderes getan hatte, als die Seiten eines Buches umzublättern, als zuviel. Einen Tag nachdem die erschöpften Flüchtlinge nach Assam wankten, setzten bei Amita vorzeitig die Wehen ein. Man besorgte ihr ein Bett in einem Krankenhaus, aber sie konnten wenig für sie tun. Ihr Kind wurde tot geboren, und wenige Stunden darauf starb auch Amita.

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Ich habe die Puppe noch, die sie mir geschenkt hat. Die gefärbten Haare umrahmen den dunklen Kopf, die Augen sind mit Kajal umrandet, der kleine Sari glitzert von Pailletten und Goldgarn. Wenn meine Enkelin eines Tages alt genug ist, werde ich ihr die Puppe zum Spielen geben und ihr von Amita erzählen.

Ich könnte ihr auch von der Wahrheit erzählen, die Amita mir an jenem Sommernachmittag so eindrucksvoll klargemacht hat. Aber ich hoffe und glaube, daß sie, bis sie alt genug ist, um die Puppe geschenkt zu bekommen, es von selbst herausgefunden haben wird.

Teil VII

Das blaue Zimmer

Als die Sonne am Himmel sank und sich lange Schatten über die Dünen erstreckten, leerte sich der Strand allmählich. Mütter riefen unwillige Kinder, lockten sie aus den warmen Ausläufern der sommerlichen Flut. Müde, sonnenverbrannte Kleinkinder wurden in Sportwagen verfrachtet, Picknickkörbe wieder eingepackt, vermißte Sandalen und Handtücher endlich aufgestöbert. Um sieben Uhr war der Strand fast verlassen, bis auf den Bademeister, der vor der Strandhütte in seinem Campingstuhl saß, ein paar unermüdliche Surfer und eine Frau mit einem übermütigen Hund.

Und Emily und Portia.

Emily war vierzehn, Portia war ein Jahr älter. Emily wohnte im Dorf — sie war hier geboren und hatte ihr ganzes Leben in dem weitläufigen alten Haus gleich hinter der Kirche verbracht. Portia aber kam aus London. Solange Emily zurückdenken konnte, hatten Portias Eltern für den August das Haus der Luscombes gemietet, während die Luscombes ihre Tochter besuchten, die in einer abgelegenen Gegend von Schottland mit einem unaussprechlichen Namen wohnte.

Als kleine Kinder hatten Emily und Portia jeden Sommer zusammen gespielt. Normalerweise hätten sie einander vermutlich kaum beachtet, denn sie hatten wenig miteinander gemein. Aber Portias Geschwister waren alle älter als sie, und Emily war ein Einzelkind. Von ihren Eltern ermuntert, hatten sie eine Gemeinschaft gebildet, die für beide ganz befriedigend war. Sie vertrauten sich gegenseitig.

Portia war es gewesen, die den heutigen Ausflug an den Strand vorgeschlagen hatte. Sie hatte Emily nach dem Mittagessen angerufen.

»… ich bin mutterseelenallein. Giles und seine Freunde sehen sich das Stock-Car-Rennen an…« Giles war ihr Bruder, er studierte in Cambridge und war schrecklich geistreich und gebildet. »… und ich wollte nicht mit. Es ist zu heiß, und dort stinkt es so.« Emily antwortete nicht gleich, und Portia bemerkte ihr Zögern. »Du hast doch nichts anderes vor, oder?«

Den Telefonhörer in der Hand, lauschte Emily der Stille im Haus, das in der Nachmittagshitze döste. Als Mrs. Wattis nach dem Mittagessen aufgeräumt hatte, war sie nach Fourbourne zu ihrer Schwester gefahren, wo sie über Nacht zu bleiben gedachte. Emilys Vater war in Bristol. Er hatte heute morgen eine Geschäftsreise angetreten und würde erst in zwei Tagen zurück sein. Stephanie ruhte sich oben in ihrem Schlafzimmer aus.

»Nein, ich hab nichts weiter vor«, sagte Emily. »Ich komm gerne mit.«

»Nimm ein paar Kekse oder belegte Brote mit. Ich hab eine Flasche Limonade. Wir treffen uns an der Kirche.«

Emily hatte Portia ein Jahr nicht gesehen, und kaum erblickte sie sie, wurde ihr beklommen zumute. Immer das gleiche. Alle ihre Schulfreundinnen schienen erwachsen zu werden und Emily zu überflügeln, sie wurden versetzt, schafften ihre Zwischenprüfungen, während Emily hinterdrein stolperte, sich an die Geborgenheit der Kindheit klammerte, an das Bekannte, Vertraute. Sie sehnte sich danach, mit den anderen voranzukommen, hatte aber nicht den Mut, den ersten, entschlossenen Schritt zu tun.

Und jetzt Portia.

Portia wurde erwachsen. Sie hatte eine gute Figur. In nur zwölf Monaten hatte sie sich vom Kind in eine junge Frau verwandelt. Ihre knappen Shorts und das eng anliegende T-Shirt zeigten eine schmale Taille, schlanke Hüften, lange, braune Beine. Sie hatte die dunklen Locken schulterlang wachsen lassen, sie hatte sich Ohrlöcher stechen lassen und trug goldene Ohrringe. Sie glitzerten, wenn sie die Haare zurückwarf, verfingen sich in den glänzenden Locken. Sie hatte sich die Zehennägel rosa lackiert und die Beine rasiert.

Als sie über den Golfplatz zum Meer schlenderten, kamen sie an einigen jungen Männern vorbei, Golfspielern auf dem Weg zum nächsten Abschlag. Letztes Jahr hätten die jungen Männer Portia und Emily gar nicht beachtet, aber heute sah Emily deren Augen auf Portia ruhen, und sie beobachtete Portias Reaktion: die Pantomime, die bewundernden Blicke nicht zu bemerken, ihren plötzlich selbstbewußten Gang, das Zurückwerfen des Kopfes, als ein Windstoß ihr die Haare in die Augen wehte. Die jungen Männer sahen Emily nicht an, und Emily erwartete es auch nicht. Denn wer mochte schon eine sehnige Vierzehnjährige beachten, ohne Formen und Kurven, mit strohblonden Haaren und einer gräßlichen Brille?

»Du trägst immer noch eine Brille«, bemerkte Portia. »Warum läßt du dir keine Kontaktlinsen verpassen?«

»Vielleicht später, es geht erst, wenn ich älter bin.«

»Ein Mädchen in meiner Schule hat welche, aber sie sagt, am Anfang ist es eine Tortur.«

Emily wurde übel. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, sich Kontaktlinsen in die Augen zu stecken, sowenig wie sie es ertrug, sich die Fingernägel schneiden zu lassen (ihre Mutter hatte ihr die Handhabung einer kleinen Pappnagelfeile gezeigt) oder Brote zu essen, in die Sand geraten war.

Weil sie nicht über Kontaktlinsen sprechen wollte, fragte sie: »Hast du diesen Sommer die mittlere Reife gemacht?«

Portia zog ein gelangweiltes Gesicht. »Ja, aber ich hab die Ergebnisse noch nicht. Ich glaube, es ist ganz gut gelaufen, aber jetzt wollen meine Eltern, daß ich Abi mache. Noch ein paar Jahre Schule, das halte ich nicht aus. Ich versuche sie zu überreden, daß ich nächsten Sommer abgehen und das Abi in einem Paukstudio machen kann oder so was. Die Schule macht mich krank.« Emily bemerkte nichts dazu. »Und du? Hast du die mittlere Reife?«

Emily sah fort von Portia, denn manchmal kamen ihr die Tränen, und sie hatte das Gefühl, daß es jetzt passieren würde.

»Ich mach sie nächstes Jahr.« Auf der anderen Seite der Bucht kroch ein Auto die Straße zum fernen Strand hinunter. Sonnenlicht blinkte auf den Fenstern, als sende es Signale. Sie sah angestrengt hin, und kurz darauf verflüchtigten sich die Tränen, unvergossen. Sie sagte: »Ich sollte sie diesen Sommer machen. Aber Miss Myles, die Rektorin, meinte, es wäre besser, noch ein Jahr zu warten.«

Das Gespräch war ein Alptraum gewesen. Miss Myles war so gütig, so mitfühlend, und Emily hatte nichts anderes tun können, als dazusitzen und sie anzusehen, wie betäubt von Jammer, kaum imstande, ihr zuzuhören, kaum imstande, die vernünftigen Worte wahrzunehmen. Keiner erwartet von dir, daß du die Prüfung machst, Emily, ausgerechnet jetzt. Es hat doch keine Eile, oder? Warum läßt du dir nicht noch ein Jahr Zeit? Die Zeit heilt alle Wunden. In einem Jahr wirst du es nichtvergessen haben, weil du deine Mutter niemals vergessen wirst, aber bis dahin sieht sicher vieles anders aus.

Sie gingen über die Eisenbahnbrücke, eine Holzbrücke für Fußgänger, die den Golfplatz von den Dünen trennte. Auf halbem Wege blieben sie stehen und beugten sich über das Geländer, um auf die Schienen hinunterzusehen, die heute in der prallen Sonne blinkten.

Portia sagte: »Meine Mutter hat mir erzählt, daß dein Vater wieder geheiratet hat.«

»Ja.«

»Ist sie nett?«

»Ja.« Die Stille, die auf dieses einzige Wort folgte, schien eine Anklage gegen Stephanie, deswegen setzte sie hinzu: »Sie ist sehr jung. Erst neunundzwanzig.«

»Ich weiß. Mutter hat es mir erzählt. Sie hat mir auch erzählt, daß ein Baby unterwegs ist. Ist es schlimm für dich?«

»Nein«, log Emily.

»Es muß komisch sein, ein Geschwisterchen zu kriegen. Jetzt, meine ich. In deinem Alter.«

»Ist schon in Ordnung.«

Sie hatten eine neue Wiege für das Baby gekauft, aber Emilys Vater hatte Emilys alten Kinderwagen vom Speicher geholt, und Stephanie hatte ihn saubergemacht, geölt und blank geputzt, und nun wartete er in einer Ecke der Waschküche auf den neuen Insassen.

»Ich meine«, fuhr Portia fort, »du hattest nie Geschwister. Es muß komisch für dich sein.«

»Es wird schon gutgehen.« Das hölzerne Brückengeländer fühlte sich warm an; es war splitterig und roch nach Kresol. »Es wird schon gutgehen.« Sie warf einen Holzsplitter auf die Eisenbahnschienen. »Komm weiter. Mir ist heiß, ich will schwimmen«, und sie überquerten die Brücke, und ihre Schritte klangen hohl auf den Planken, und dann gingen sie weiter, den Sandweg entlang, der zu den Dünen führte.

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Sie schwammen und lagen in der Sonne, die Köpfe im Sand und einander zugewandt. Portia plapperte unaufhörlich, von den nächsten Ferien, wenn sie vielleicht zum Skilaufen gehen würde, von dem Jungen, den sie kennengelernt und der ihr versprochen hatte, mit ihr in die Roller-Disco zu gehen, von der Wildlederjacke, die ihr Vater ihr zum Geburtstag versprochen hatte. Sie sprach nicht mehr von Stephanie und dem Baby, und Emily war ihr im stillen dankbar dafür.

Und nun, als der Nachmittag vorüber war, wurde es Zeit, nach Hause zu gehen. Die Flut zog sich zurück, ein dunkler, nasser Sandstreifen lag gerade außer Reichweite der Brecher. Die See war ein Geflirre aus glitzerndem Licht, der Himmel noch wolkenlos und tiefblau.

Portia sah auf ihre Uhr. Sie sagte: »Es ist kurz vor sieben. Ich muß gehen.« Sie wischte den feuchten Sand von ihrem Bikini. »Bei uns findet heute abend eine Party statt. Giles bringt seine Freunde zum Essen mit, und ich habe Mutter versprochen, ihr zu helfen.« Emily stellte sich das Haus voller junger Leute vor, die sich alle gut kannten, enorme Mengen verspeisten, Bier tranken, die neuesten Platten spielten. Es war eine zugleich beneidenswerte und erschreckende Vorstellung. Sie zog ihr T-Shirt über den Badeanzug. »Ich muß auch gehen«, sagte sie.

Portia fragte mit ungewohnter Höflichkeit: »Bekommt ihr Besuch?«

»Nein, aber mein Vater ist weg, und Stephanie ist ganz allein.«

»Dann seid ihr bloß zu zweit, du und die böse Stiefmutter.«

Emily sagte rasch: »Sie ist nicht böse.«

»Ist bloß so eine Redensart«, sagte Portia. Sie sammelte Handtücher und Sonnenöl ein und stopfte alles in eine Leinentasche, auf der in großen roten Buchstaben ST-TROPEZ stand.

An der Kirche trennten sie sich.

»War nett«, sagte Portia. »Machen wir bald mal wieder«, und sie winkte lässig und schlenderte davon. Das Schlendern wurde schneller, sie verfiel in Laufschritt. Portia eilte nach Hause, um sich die Haare zu waschen und für das abendliche Vergnügen zurechtzumachen.

Sie hatte Emily nicht zu der Party eingeladen, und Emily hatte es nicht erwartet. Ihr lag nichts daran, auf eine Party zu gehen. Ihr lag auch nicht viel daran, nach Hause zu gehen und den Abend in Stephanies Gesellschaft zu verbringen.

Stephanie und Emilys Vater waren jetzt fast ein Jahr verheiratet, aber heute waren Stephanie und Emily zum erstenmal sich selbst überlassen. Ohne ihren Vater als Puffer, der das Gespräch in Gang hielt, bangte Emily vor dem, was ihr bevorstand. Worüber sollten sie sich unterhalten?

Sie schlug die Richtung nach Hause ein. Über den Dorfanger, im Schatten der Eichen, den ausgefahrenen Feldweg entlang, an dessen Ende der Blick aufs Meer fiel. Durch das offene weiße Tor und hinter der Kurve der Zufahrt war das Haus zu sehen.

Von einer seltsamen Vorahnung erfüllt, zögerte Emily. Sie blieb stehen und betrachtete das Haus. Ihr Zuhause. Doch seit dem Tod ihrer Mutter war es nicht mehr ihr Zuhause gewesen.

Schlimmer noch, seit ihr Vater Stephanie geheiratet hatte, war es das Zuhause einer Fremden geworden.

Was hatte sich verändert? Geringfügige Kleinigkeiten. Die Zimmer waren aufgeräumter. Es lagen kein Strick- und Nähzeug, keine Bücher und alten Zeitschriften mehr herum. Kissen waren aufgeschüttelt, die Teppiche lagen glatt und gerade.

Die Blumen im Haus sahen anders aus. Emilys Mutter hatte Blumen geliebt, aber kein großes Geschick in ihrer Zusammenstellung bewiesen. Dicke Sträuße wurden in Krüge gestopft, so wie sie gepflückt worden waren. Aber Stephanie konnte mit Blumen zaubern. Kunstvolle Arrangements in riesigen cremefarbenen Vasen standen auf Gestellen, Sträuße aus Rittersporn und Gladiolen, durchsetzt mit Rosen und Wicken und seltsam geformten Blättern, die zu pflücken keinem Menschen außer Stephanie eingefallen wäre.

Dies alles war unvermeidlich und einigermaßen erträglich. Was aber beinahe unerträglich war und Emilys Welt regelrecht auf den Kopf gestellt hatte, war die vollkommene Verwandlung des Schlafzimmers ihrer Mutter. Sonst war nichts im Haus verändert, umgestellt oder anders gestrichen worden, aber das große Doppelzimmer, das auf den Garten und den blauen Bach hinausging, hatten sie leer geräumt und vollkommen neu eingerichtet.

Sie mußte ihrem Vater zugute halten, daß er es Emily mitgeteilt hatte.

Er hatte ihr einen Brief ins Internat geschickt. »Ein Schlafzimmer ist etwas Persönliches«, schrieb er. »Es wäre nicht fair, von Stephanie zu erwarten, im Schlafzimmer Deiner Mutter zu schlafen, und mehr noch, es wäre nicht fair gegenüber Deiner Mutter, wenn Stephanie die Sachen, an denen sie am meisten hing, einfach übernehmen würde. Deshalb werden wir alles umkrempeln, und wenn Du in den Ferien nach Hause kommst, wirst Du es nicht wiedererkennen. Rege Dich deswegen nicht auf. Versuche es zu verstehen. Es ist das einzige, was wir verändern. Der Rest des Hauses bleibt, wie Du es immer gekannt hast.«

Sie dachte an das Zimmer. Früher, als ihre Mutter noch lebte, war es schäbig und gemütlich gewesen, nichts hatte zueinander gepaßt, aber alles fügte sich fröhlich zusammen, wie die willkürliche Aussaat von Blumen in einer Rabatte. Vorhänge und Teppiche waren ausgeblichen. Auf dem riesigen Messingbett, das Emilys Großmutter gehört hatte, lag eine Tagesdecke aus weißer Häkelspitze, und das ganze Zimmer war voll von Fotografien und altmodischen Aquarellen an den Wänden.

Aber all das gab es nicht mehr. Jetzt war alles eierschalenblau, mit einem passenden hellblauen Teppich und schönen, blaßgelb eingefaßten Satinvorhängen. Das alte Messingbett war verschwunden, ersetzt durch ein luxuriöses französisches Polsterbett mit Rüschen aus demselben Stoff wie die Vorhänge, und das Bett hatte einen weißen Musselinhimmel, der in einer vergoldeten Krone hoch oben an der Wand zusammengefaßt war. Jede Menge weiße Fellteppiche lagen auf dem Boden, und das Badezimmer war ringsum verspiegelt, und es glitzerte von verlockenden Flaschen und Tiegeln. Und alles duftete nach Maiglöckchen. Aber Emilys Mutter hatte stets nach Eau de Cologne und Gesichtspuder gerochen.

Wie sie so in der Abendsonne stand, die Haare naß vom Schwimmen und die bloßen braunen Beine mit Sand überkrustet, sehnte sich Emily plötzlich danach, daß alles so sei wie früher. Zur Haustür hineinlaufen und nach ihrer Mutter rufen zu können, und die Stimme ihrer Mutter würde von oben antworten. Zur ihr zu gehen, sich auf das große einladende Bett zu kuscheln und ihrer Mutter zuzusehen, wie sie am Toilettentisch ihre kurzen, widerspenstigen Haare bürstete oder sich mit einer Quaste aus Schwanendaunen, die sie in den Kristalltiegel mit duftendem Gesichtspuder getaucht hatte, die Nase puderte.

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Sie konnte keine innige Beziehung zu Stephanie finden. Nicht, daß sie sie nicht mochte. Stephanie war schön, jugendlich und liebevoll und hatte sich nach Kräften bemüht, einen Platz in Emilys Herz zu erobern. Aber sie waren beide von Natur aus schüchtern. Eine jede hütete sich davor, in die Privatsphäre der anderen einzudringen. Vielleicht wäre es für beide leichter gewesen, wenn kein Baby unterwegs wäre. In einem Monat würde es dasein und in der neuen Wiege in Emilys altem Kinderzimmer schlafen. Ein Wesen, mit dem man rechnen mußte und das neue Ansprüche an die Zuneigung von Emilys Vater stellte.

Emily wollte das Baby nicht. Sie mochte Babys nicht besonders. Einmal hatte sie im Fernsehen gesehen, wie ein Neugeborenes gebadet wurde, und sie war entsetzt gewesen. Es sah aus, als würde jemand eine Kaulquappe baden.

Sie wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Wieder zwölf Jahre alt zu sein und nichts mit diesen verstörenden Vorgängen zu tun zu haben. Sie wünschte sich immer, die Zeit zurückdrehen zu können, deswegen war sie so schlecht in der Schule, deswegen hatte sie bei Wettspielen so kläglich versagt, deswegen war sie sitzengeblieben. Das nächste Schuljahr mußte sie in Gesellschaft von einer Bande jüngerer Mädchen zubringen, mit denen sie nichts gemein hatte. Ihr Selbstvertrauen war hoffnungslos ausgehöhlt wie die Steilwand einer Klippe, die zu lange der See und dem Wind ausgesetzt gewesen war, so daß Emily zuweilen das Gefühl hatte, nie wieder eine Entscheidung fällen oder eine Leistung vollbringen zu können.

Aber Grübeln tat nicht gut. Sie mußte dem bevorstehenden Abend entgegensehen. Sie ging die Zufahrt hinauf, und als sie ihre Badesachen draußen auf der Wäscheleine aufgehängt hatte, ging sie durch die Hintertür ins Haus. Die Küche war makellos sauber und aufgeräumt. Die runde, holzgerahmte Uhr über dem Geschirrschrank machte beim Ticken ein Geräusch wie eine Blechschere. Emily warf die Reste ihres Picknicks auf den Tisch und ging in die Diele. Die Abendsonne warf einen langen gelben Streifen durch die offene Haustür. Emily blieb in dem warmen Strahl stehen und lauschte. Kein Laut war zu hören. Sie spähte ins Wohnzimmer, aber da war niemand.

»Stephanie?«

Sie war vermutlich spazierengegangen. Sie ging gern abends spazieren, wenn es kühler war. Emily stieg die Treppe hinauf. Auf dem Podest sah sie die Tür zu dem großen, hellblauen Schlafzimmer offenstehen. Sie zögerte. Drinnen sagte eine Stimme ihren Namen.

»Emily. Emily, bist du’s?«

»Ja.« Sie überquerte den Treppenabsatz und ging hinein.

»Emily.«

Stephanie lag auf dem schönen Bett. Sie hatte noch ihr baumwollenes Umstandskleid an, aber die Sandalen hatte sie ausgezogen, und ihre Füße waren nackt. Ihr rotgoldenes Haar lag wirr über das weiße Kissen gebreitet, und ihr Gesicht, ungeschminkt und voll kindlicher Sommersprossen, war sehr blaß und glänzte von Schweiß.

Sie streckte eine Hand aus. »Ich bin so froh, daß du da bist.«

»Ich war mit Portia am Strand. Ich dachte, du bist spazierengegangen.« Emily trat ans Bett, aber Stephanies ausgestreckte Hand nahm sie nicht. Stephanie schloß die Augen. Sie drehte den Kopf von Emily weg, und ihr Atem ging plötzlich langsam und schwer.

»Was hast du?«

Aber sie wußte, was es war. Noch bevor Stephanie sich endlich entspannte und die Augen wieder aufmachte. Sie sahen sich an. Stephanie sagte: »Das Baby kommt.«

»Aber es soll doch erst nächsten Monat kommen.«

»Ich glaube, es kommt jetzt. Ich weiß es. Mir war den ganzen Tag so komisch, und ich wollte nach dem Tee ein bißchen raus, an die Luft, und da kamen die Schmerzen. Da bin ich nach Hause gegangen und hab mich hingelegt. Ich dachte, es geht vielleicht vorüber. Aber es ist schlimmer geworden.«

Emily schluckte. Sie versuchte sich auf alles zu besinnen, was sie jemals übers Kinderkriegen gehört hatte. Viel war es nicht. Sie sagte: »Wie oft kommen die Wehen?«

Stephanie langte nach ihrer goldenen Armbanduhr, die auf dem Nachttisch lag. »Diesmal waren es nur fünf Minuten.«

Fünf Minuten. Emilys Herz klopfte heftig. Sie blickte auf die absurde Schwellung, die Stephanies Bauch war, straffgespannt von einem beginnenden Leben unter dem geblümten, weiten Baumwollkleid. Ohne zu überlegen, legte sie sachte ihre Hand darauf.

Sie sagte: »Ich dachte, beim ersten Kind dauert es ewig, bis es da ist.«

»Ich glaube nicht, daß es da eine feste Regel gibt.«

»Hast du im Krankenhaus angerufen? Hast du den Doktor angerufen?«

»Ich habe gar nichts gemacht. Ich hatte Angst, mich zu bewegen, falls etwas passiert.«

»Ich rufe an«, sagte Emily. »Jetzt gleich.« Sie versuchte sich zu erinnern, wie das war, als Mrs. Watts’ Daphne ihr Baby bekam. »Sie schicken einen Krankenwagen.« Mrs. Watts’ Daphne hatte etwas zu lange gewartet und hätte ihr Kind beinahe auf dem Weg ins Krankenhaus bekommen.

»Gerald wollte mich hinbringen«, sagte Stephanie. Gerald war Emilys Vater. »Ich möchte es nicht bekommen, wenn er nicht da ist…« Ihre Stimme versagte, und sie hatte Tränen in den Augen.

»Du wirst es vielleicht müssen«, sagte Emily. Da fing Stephanie richtig zu weinen an und hörte ganz plötzlich wieder auf. »Oh… da ist die nächste!« Sie langte nach Emilys Hand, und ungefähr eine Minute lang existierte nichts als der panische Griff ihrer Finger, das langsame, heftige Atmen, das Stöhnen vor Schmerz. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, aber schließlich ließ es nach. Es war vorüber. Stephanie lag erschöpft da. Ihr Griff um Emilys Hand lockerte sich. Emily zog ihre Hand fort. Sie ging in Stephanies Badezimmer, fand einen sauberen Waschlappen, wrang ihn in kaltem Wasser aus und ging damit ans Bett. Sie wischte Stephanie das Gesicht ab, dann rollte sie den Lappen zu einem Wulst und legte ihn ihr auf die Stirn.

Sie sagte: »Ich muß dich einen Moment allein lassen. Ich geh nach unten, telefonieren. Aber ich horche, du brauchst nur zu rufen…«

Im Arbeitszimmer ihres Vaters stand ein Telefon auf dem Schreibtisch. Sie telefonierte nicht gerne, und sie setzte sich in seinen großen Sessel, um sich Mut zu machen, und auch, weil sie ihm hier so nahe war, wie es ging. Die Telefonnummer des Krankenhauses stand im Verzeichnis ihres Vaters. Sie wählte behutsam und wartete. Als sich eine Männerstimme meldete, bat sie, so ruhig sie konnte, mit der Entbindungsstation verbunden zu werden. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Emily war übel vor Angst und Ungeduld.

»Entbindungsstation.«

Vor lauter Erleichterung fing sie an zu stottern. »Oh… hier… ich meine…« Sie schluckte und fing noch einmal an, langsamer. »Hier spricht Emily Bradley. Meine Stiefmutter sollte ihr Baby erst nächsten Monat bekommen, aber es kommt jetzt. Ich meine, sie hat Wehen.«

»O ja«, sagte die Stimme kühl und geschäftsmäßig. Emily stellte sich eine Frau vor, adrett in gestärkter Tracht, die einen Notizblock zu sich heranzog, ihren Stift aufschraubte, um eine Liste von Routinefragen durchzugehen. »Wie heißt Ihre Stiefmutter?«

»Stephanie Bradley. Mrs. Gerald Bradley. Sie hat sich für nächsten Monat im Krankenhaus angemeldet, aber ich glaube, das Baby kommt heute. Jetzt.«

»Hat sie gemessen, wie oft ihre Wehen kommen?«

»Ja. Alle fünf Minuten.«

»Dann bringen Sie besser her.«

»Das kann ich nicht. Ich habe kein Auto, und ich kann nicht fahren, und mein Vater ist nicht zu Hause, und hier ist niemand, nur ich.«

Die akute Dringlichkeit der Situation kam endlich am anderen Ende der Leitung an. »In diesem Fall«, sagte die Stimme, ohne noch weitere Zeit zu verlieren, »schicken wir einen Krankenwagen.«

»Ich denke«, sagte Emily, an Mrs. Watts’ Daphne denkend, »Sie schicken am besten eine Schwester mit.«

»Wie ist die Adresse?«

»Haus Wheal, Carnton. An der Kirche vorbei den Feldweg entlang.«

»Und wer ist Mrs. Bradleys Hausarzt?«

»Dr. Meredith. Ich rufe ihn an, während Sie den Krankenwagen schicken und ein Bett im Krankenhaus bereithalten.«

»Der Krankenwagen wird in ungefähr fünfzehn Minuten bei Ihnen sein.«

»Danke. Vielen Dank.«

Sie legte auf. Blieb einen Augenblick sitzen, biß sich auf die Lippe. Dachte daran, den Doktor anzurufen, dann besann sie sich auf Stephanie und ging wieder nach oben, nahm zwei Stufen auf einmal; Dringlichkeit, Verantwortungsgefühl und Bedeutsamkeit verliehen ihren Füßen Flügel.

Stephanie lag noch mit geschlossenen Augen. Sie schien sich nicht gerührt zu haben. Emily sagte ihren Namen, und sie schlug die Augen auf. Emily lächelte, bemüht, sie zu beruhigen. »Na?«

»Ich hatte wieder eine Wehe. Diesmal waren es nur vier Minuten. O Emily, ich habe solche Angst.«

»Du darfst keine Angst haben. Ich hab im Krankenhaus angerufen, sie schicken einen Krankenwagen und eine Schwester… sie werden in etwa einer Viertelstunde hier sein.«

»Mir ist so heiß. Ich fühle mich so verklebt.«

»Ich kann dir aus deinem Kleid helfen. Ich zieh dir ein frisches Nachthemd an. Dann fühlst du dich wohler.«

»Oh, könntest du das tun? In der Schublade ist eins.«

Sie zog die Schublade auf und fand das weiße Batistnachthemd, duftend und mit Spitzenbesatz. Sachte half sie Stephanie aus dem zerknitterten Umstandskleid, aus BH und Schlüpfer. Nackt lag ihr enormer weißer Bauch da. Emily hatte dergleichen noch nie gesehen, aber zu ihrer Verwunderung fand sie es nicht abstoßend. Es schien ihr vielmehr wie ein Wunder, ein sicheres, dunkles Nest mit einem lebendigen Kind darin, das sich bereits bemerkbar machte und der Welt verkündete, es sei Zeit für es, in Erscheinung zu treten. Mit einemmal war es nicht mehr beängstigend, sondern aufregend. Sie zog Stephanie das Nachthemd über den Kopf, half ihr, die Arme durch die Spitzenärmel zu stecken. Sie holte eine Haarbürste und ein Samtband vom Toilettentisch, und Stephanie nahm die Bürste, strich ihre wirren Haare nach hinten und wand das Band darum, dann legte sie sich zurück und wartete auf die nächste Wehenattacke. Sie ließ nicht lange auf sich warten. Als sie vorüber war, schaute Emily, die sich so erschöpft fühlte, wie Stephanie aussah, auf die Uhr. Wieder vier Minuten.

Vier Minuten. Emily stellte panisch ein paar Berechnungen an. Es sah ganz danach aus, daß das Baby nicht bis zur Fahrt ins Krankenhaus warten würde. In diesem Fall würde es hier geboren werden, in diesem Haus, in dem blauen Schlafzimmer, in dem makellosen Bett. Die Geburt eines Kindes war eine unsaubere Angelegenheit, soviel wußte Emily aus Büchern; außerdem hatte sie einmal einer getigerten Hauskatze zugesehen, als diese einen Wurf Kätzchen hervorbrachte. Man mußte Vorkehrungen treffen, und Emily wußte, welche. Sie ging an den Wäscheschrank, entnahm ihm eine Gummiunterlage, die jüngst für das Baby gekauft worden war, und einen Stapel dicke, weiße Badetücher.

»Du bist großartig«, sagte Stephanie, als Emily mit einiger Mühe das Bett machte, während ihre Stiefmutter darin lag. »Du denkst an alles.«

»Deine Fruchtblase könnte platzen.«

Stephanie brachte trotz allem ein mattes Lachen zustande. »Woher weißt du das alles?«

»Keine Ahnung. Ich weiß es eben. Mami hat mir alles übers Kinderkriegen erzählt, als sie mich aufgeklärt hat. Sie putzte gerade Rosenkohl, und ich stand am Spülbecken und sah ihr zu und dachte, es müßte eine leichtere Art geben, Kinder zu kriegen.« Sie fügte hinzu: »Aber es geht natürlich nicht leichter.«

»Nein.«

»Meine Mutter hatte nur mich, aber ich weiß, andere Frauen sagen, wenn erst mal alles vorbei ist, dann vergißt man die Schmerzen und findet, daß es wunderbar war, das Baby zu kriegen. Und wenn wieder eins unterwegs ist, fallen einem die Schmerzen wieder ein, und man denkt: ‘Ich muß verrückt gewesen sein, daß ich das noch einmal durchmache’, bloß, dann ist es natürlich zu spät. So, wenn’s dir recht ist, rufe ich jetzt den Doktor an.«

Mrs. Meredith war am Apparat und sagte, der Doktor mache gerade Patientenbesuche, aber sie werde in der Praxis eine Nachricht hinterlassen, denn dort würde er immer wieder anrufen, um zu hören, ob noch weitere Besuche zu machen seien.

»Es ist furchtbar dringend«, sagte Emily, und sie schilderte, was los war, und Mrs. Meredith sagte, in diesem Fall werde sie ihn selbst suchen. »Hast du im Krankenhaus angerufen, Emily?«

»Ja, sie schicken einen Krankenwagen und eine Schwester. Er müßte gleich hier sein.«

»Ist Mrs. Wattis bei euch?«

»Nein, sie ist in Fourbourne.«

»Und dein Vater?«

»Der ist in Bristol. Er weiß nicht, was hier passiert. Stephanie und ich sind ganz allein.«

Es entstand eine kleine Pause. »Ich gehe den Doktor suchen«, sagte Mrs. Meredith und legte auf.

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»So«, sagte Emily, »jetzt müssen wir Daddy erreichen.«

»Nein«, sagte Stephanie, »laß uns warten, bis alles vorbei ist. Sonst gerät er in Panik, und er kann sowieso nichts tun. Wir warten, bis das Baby da ist, dann sagen wir’s ihm.«

Sie lächelten sich an, eine Verschwörung zweier Frauen, die beide denselben Mann liebten und beschützen wollten. Gleich darauf wurden Stephanies Augen weit, ihr Mund öffnete sich zu einem gequälten Stöhnen. »Oh, Emily…«

»Ist ja gut…« Emily nahm ihre Hand. »Ist ja gut. Ich bin da. Ich geh nicht weg. Ich bin da. Ich bleib bei dir…«

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Fünf Minuten später wunderte sich das Dorf über heulende Sirenen. Der Krankenwagen kam mit Tatütata den ausgefahrenen Feldweg entlanggebraust, bog in das Tor ein und raste die Zufahrt hinauf. Emily hatte kaum Zeit, die Treppe hinunterzugehen, da waren sie schon im Haus, zwei stämmige Männer mit einer Trage und eine Krankenschwester mit einer Tasche. Emily traf sie in der Diele. »Ich glaube, es ist keine Zeit mehr, sie ins Krankenhaus zu bringen.«

»Wir werden sehen«, sagte die Schwester. »Wo ist sie?«

»Oben. Erste Tür links. Auf dem Bett sind Handtücher und eine Gummiunterlage.«

»Braves Mädchen«, sagte die Schwester forsch und verschwand die Treppe hinauf, die Sanitäter hinterdrein. Gleich nach dem Krankenwagen erschien noch ein Auto, hielt mit quietschenden Bremsen auf dem Kies, und wie eine Gewehrkugel schoß der Doktor heraus.

Doktor Meredith war ein alter Freund von Emily. Er fragte: »Was gibt’s?«

Sie sagte es ihm. »Es ist einen Monat zu früh. Ich glaube, das muß an der Hitze liegen.« Er gestattete sich ein kleines, vertrauliches Lächeln. »Ist das schlimm, oder wird es gutgehen?« fragte Emily.

»Wir werden sehen.« Er steuerte auf die Treppe zu. »Was soll ich jetzt tun?« wollte Emily von ihm wissen.

Er blieb stehen und drehte sich nach ihr um. Er hatte einen Ausdruck im Gesicht, den Emily noch nie gesehen hatte. Er sagte: »Mir scheint, du hast schon alles getan. Deine Mutter wäre stolz auf dich. Willst du dich nicht ein bißchen ausruhen? Geh in den Garten und setz dich in die Sonne. Ich sag dir Bescheid, sobald es soweit ist.«

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Deine Mutter wäre stolz auf dich. Sie durchquerte das Wohnzimmer, trat durch die offene Glastür auf die Terrasse. Sie setzte sich auf die oberste Stufe der kleinen Treppe, die auf den Rasen hinunterführte. Mit einemmal war sie sehr müde. Sie stemmte die Ellbogen auf die Knie und stützte das Kinn in die Hände. Deine Mutter wäre stolz auf dich. Sie dachte an ihre Mutter. Merkwürdig, sie fühlte sich nicht mehr elend dabei. Das quälende Verlangen nach einem Menschen, den es nicht mehr gab, war verschwunden. Sie sann darüber nach. Vielleicht brauchte man Menschen nur, wenn andere einen nicht brauchten.

Sie saß noch grübelnd da, als Dr. Meredith eine halbe Stunde später durch die Glastür zu ihr hinauskam. Sie hörte seine Schritte auf den Steinplatten und drehte sich nach ihm um. Er hatte seine Jacke ausgezogen und die Hemdsärmel aufgekrempelt. Er kam langsam heran und setzte sich zu ihr. Er sagte: »Du hast ein Schwesterchen. Sechseinhalb Pfund und kerngesund.«

»Und Stephanie?«

»Ein bißchen matt, aber sie strahlt. Eine Bilderbuch-Mutter.«

Ein Lächeln breitete sich auf Emilys Gesicht aus, und gleichzeitig bildete sich ein Kloß in ihrer Kehle, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dr. Meredith reichte ihr wortlos ein großes weißes Stofftaschentuch, und Emily setzte ihre Brille ab, wischte sich die Augen und putzte sich die Nase.

»Weiß Daddy es schon?«

»Ja. Ich habe eben mit ihm telefoniert. Er kommt sofort nach Hause. Er wird gegen Mitternacht hier sein. Der Krankenwagen ist wieder weggefahren, aber die Schwester bleibt über Nacht hier.«

»Wann darf ich das Baby sehen?«

»Du kannst es jetzt sehen, wenn du willst. Aber nur kurz.«

Emily stand auf. »Ich will’s sehen«, sagte sie.

Sie gingen ins Haus. Oben gab die Schwester, geschäftig und tüchtig, Emily eine Mullmaske, die sie sich vors Gesicht binden mußte. »Nur für alle Fälle«, sagte sie. »Das Baby ist eine Frühgeburt, und wir wollen kein Risiko eingehen.«

Emily band sich folgsam die Maske um. Sie ging mit Doktor Meredith in das blaue Schlafzimmer. Und in dem schönen Bett lag Stephanie, auf Kissen gestützt. Und in ihren Armen, in ein Tuch gehüllt, auf dem Köpfchen einen Haarflaum von derselben Farbe wie Stephanies Haare, lag das neugeborene Baby. Emily sagte verwundert: »Ist die süß.«

»Wir haben sie zusammen auf die Welt gebracht«, sagte Stephanie schläfrig zu ihr. »Ich habe das Gefühl, sie ist dein Kind so gut wie meins.«

»Du gibst eine prima kleine Krankenschwester ab, Emily«, warf die Schwester ein. »Ich hätte es selbst nicht besser machen können.«

Stephanie sagte: »Jetzt sind wir eine Familie.«

»Hast du dir das gewünscht?« fragte Emily.

»Ich habe es mir mehr gewünscht als alles andere.«

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Eine Familie. Alles hatte sich verändert, alles war anders geworden, aber das bedeutete nicht, daß es nicht gut sein konnte. Als sie den Doktor hinausgeführt hatte und sein Auto um die Kurve der Zufahrt verschwunden war, ging Emily nicht gleich wieder ins Haus. Es dunkelte jetzt, der Garten war dämmerig und roch lieblich. Es war ein langer, heißer Tag gewesen. Der erste Stern leuchtete am saphirblauen Himmel. Ein schöner Abend. Genau der richtige Abend für einen Menschen, um mit dem Leben zu beginnen. Genau der richtige Abend für einen Menschen, um mit dem Erwachsenwerden zu beginnen.

Sie war sehr müde. Sie setzte ihre Brille ab und rieb sich die Augen. Nachdenklich betrachtete sie die Brille. Kontaktlinsen wären vielleicht gar nicht so schlecht. Wenn Stephanie es ertragen konnte, ein Baby zu bekommen, dann konnte Emily gewiß lernen, Haftschalen zu tragen.

Sie wollte es probieren. Sobald sie alt genug wäre, wollte sie es probieren.

Teil VIII

Gilbert

Aufwachen. Ohne die Augen zu öffnen, Sonnenlicht und einen Streifen Wärme quer über dem Bett wahrnehmend, war Bill Rawlins von einem herrlichen Gefühl von Zufriedenheit und Wohlbefinden durchdrungen. Erfreuliche Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Daß Sonntag war und er nicht zur Arbeit mußte. Daß es ein schöner Tag werden würde. Daß der warme, weiche Körper seiner Frau neben ihm lag, ihr Kopf in seine Armbeuge geschmiegt. Daß er höchstwahrscheinlich einer der glücklichsten Menschen auf Erden war.

Das Bett war groß und weich. Eine alte Tante von Bill hatte es ihnen zur Hochzeit geschenkt, als er Clodagh vor zwei Monaten geheiratet hatte. Es sei ihr Ehebett gewesen, hatte die Tante ihm mit einem gewissen Behagen erklärt, und um das Geschenk attraktiver zu machen, hatte sie es mit einer schönen neuen Matratze und sechs ererbten Garnituren Leintücher ausgestattet.

Das Bett war neben seinem Schreibtisch und seinen Kleidern der einzige Gegenstand im Haus, der Bill gehörte. Eine Witwe zu heiraten hatte gewisse Komplikationen mit sich gebracht, aber die Frage, wo sie wohnen sollten, gehörte nicht dazu; denn es konnte nicht die Rede davon sein, daß Clodagh und ihre zwei kleinen Mädchen in Bills Zwei-Zimmer-Junggesellenwohnung zogen, und es erschien ihnen sinnlos, die Mühen und Kosten, die der Kauf eines neuen Hauses mit sich brachte, auf sich zu nehmen, wenn das ihre einfach ideal war. Seine Wohnung war mitten in der Stadt gewesen, und er hatte zu Fuß zum Büro gehen können; dieses Haus aber lag ungefähr anderthalb Kilometer außerhalb auf dem Land und verfügte zudem über den Vorteil eines großen, üppig bepflanzten Gartens. Außerdem, hatte Clodagh erklärt, sei es das Zuhause der Kinder. Hier hatten sie ihre Geheimverstecke, die Schaukel in der Platane, das Spielzimmer im Dachgeschoß.

Bill mußte nicht überredet werden. Es lag einfach auf der Hand.

»Du willst in Clodaghs Haus ziehen?« hatten seine Freunde ausgerufen und erstaunte Gesichter gemacht.

»Warum nicht?«

»Ist das nicht ein bißchen heikel? Schließlich hat sie dort mit ihrem ersten Mann gelebt.«

»Und zwar sehr glücklich«, erklärte Bill. »Und ich hoffe, daß sie mit mir genauso glücklich wird.«

Clodaghs Ehemann, der Vater ihrer zwei kleinen Mädchen, war vor drei Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Obwohl Bill seit einigen Jahren in der Gegend gearbeitet und gelebt hatte, begegnete er ihr erst zwei Jahre später, als er, um die Zahl vollzumachen, als Tischpartner zu einer Abendgesellschaft eingeladen war und neben eine große, schlanke junge Frau zu sitzen kam, deren dichte blonde Haare im Nacken elegant zu einem Knoten geschlungen waren.

Er fand ihr zartes Gesicht auf Anhieb schön und doch zugleich traurig. Ihre Augen waren ernst, ihre Rede stockend. Diese Traurigkeit rührte an sein rauhes, erfahrenes Herz. Ihr zarter Hals, durch die altmodische Frisur entblößt, schien ihm verletzlich wie der eines Kindes, und als er sie schließlich zum Lachen brachte und ihr Lächeln sich mit seinem traf, verliebte er sich Hals über Kopf wie ein junger Mann.

»Du willst sie heiraten?« fragten dieselben erstaunten Freunde. »Eine Witwe zu heiraten ist eine Sache. Eine fix und fertige Familie zu heiraten ist etwas ganz anderes.«

»Es hat Vorteile.«

»Schön, daß du so denkst, alter Knabe. Hattest du schon mal mit Kindern zu tun?«

»Nein«, gab er zu, »aber es ist nie zu spät, um damit anzufangen.«

Clodagh war dreiunddreißig, Bill war siebenunddreißig. Ein eingefleischter Junggeselle und als solcher bekannt. Ein gutaussehender, fröhlicher Bursche, immer für eine Partie Golf zu haben, und ein brauchbarer Spieler im Tennisclub, aber entschieden ein eingefleischter Junggeselle. Wie würde er damit zurechtkommen?

Er kam damit zurecht, indem er die zwei kleinen Mädchen wie Erwachsene behandelte. Sie hießen Emily und Anna. Emily war acht, Anna sechs. Obwohl er entschlossen war, sich nicht von ihnen einschüchtern zu lassen, machten ihn ihre starren Blicke nervös. Sie hatten beide lange blonde Haare und verblüffend strahlende blaue Augen. Diese zwei Augenpaare beobachteten ihn unaufhörlich, bewegten sich mit ihm durchs Zimmer, ließen weder Zuneigung noch Abneigung erkennen.

Sie waren sehr höflich. Als er um ihre Mutter warb, machte er ihnen von Zeit zu Zeit kleine Geschenke. Dropsrollen, Puzzles oder Spiele. Anna, das weniger komplizierte Kind, freute sich über die Sachen, packte sie gleich aus und bewies ihr Entzücken durch ein Lächeln oder gelegentlich durch eine dankbare Umarmung. Aber Emily war aus anderem Holz geschnitzt. Sie bedankte sich höflich bei ihm, dann verschwand sie mit dem unausgepackten Päckchen, um sich im stillen ihrer Beute zu widmen und vermutlich für sich allein zu entscheiden, ob sie sich freuen sollte oder nicht.

Einmal war es ihm gelungen, Annas HE-MAN zu reparieren — sie spielte nicht mit Puppen —, und von da an hatten sie ein recht gutes Verhältnis zueinander, aber jedwede Zuneigung, die Emily aufzuweisen hatte, wurde ausschließlich ihren Tieren gewidmet. Sie hatte drei. Einen abscheulichen Kater, der unermüdlich auf Jagd ging und gewissenlos alles Eßbare stahl, in das er seine scharfen Krallen schlagen konnte, einen stinkenden alten Spaniel, der nie ins Freie gehen konnte, ohne verdreckt nach Hause zu kommen, und einen Goldfisch. Der Kater hieß Breeky, der Hund hieß Henry, und der Goldfisch hieß Gilbert. Breeky, Henry und Gilbert waren drei von den vielen guten Gründen, weswegen Bill in Clodaghs Haus gezogen war. Man konnte sich für diese drei anspruchsvollen Geschöpfe kein anderes Heim vorstellen.

Emily und Anna nahmen in rosa und weißen Kleidern mit rosa Satinschärpen an der Hochzeit teil. Alle sagten, sie sähen aus wie Engel, aber während der ganzen Trauungszeremonie spürte Bill zu seinem Unbehagen, wie ihre kühlen blauen Augen Löcher in seinen Nacken bohrten. Anschließend warfen sie brav ein paar Konfetti und aßen ein bißchen von der Hochzeitstorte, dann gingen sie mit zu Clodaghs Mutter, die sie bei sich aufnahm, während Clodagh und Bill in die Flitterwochen fuhren.

Sie verbrachten sie in Marbella, und die sonnigen Tage verstrichen, ein jeder etwas schöner als der vorige, bereichert von Gelächter, gemeinsamen Erlebnissen und sternenklaren Nächten, in denen sie sich bei geöffneten Fenstern in der samtenen Dunkelheit liebten, während am Strand unterhalb des Hotels das Meer wisperte.

Am Ende aber vermißte Clodagh ihre Kinder. Sie sagte Marbella traurig Lebewohl, doch Bill wußte, daß sie sich auf zu Hause freute. Als sie in die kurze Zufahrt zu ihrem Haus einbogen, warteten Emily und Anna dort auf sie, mit einer selbstgemachten Flagge, die sie hochhielten und die in unbeholfenen Großbuchstaben verkündete: WILLKOMMEN DAHEIM.

Willkommen daheim. Jetzt war es sein Heim. Jetzt war er nicht nur Ehemann, sondern auch Vater. Wenn er jetzt ins Büro fuhr, hatte er zwei kleine Mädchen auf dem Rücksitz seines Wagens, die er vor ihrer Schule absetzte. Jetzt spielte er am Wochenende nicht Golf, sondern mähte den Rasen, pflanzte Kopfsalat und reparierte allerlei Dinge. Ein Haus ohne Handwerker kann leicht verwahrlosen, und in diesem Haus war seit fast drei Jahren kein Mann gewesen. Die quietschenden Angeln, kaputten Toaster und bockenden Rasenmäher schienen kein Ende zu nehmen. Im Freien hingen Gatter durch, fielen Zäune um, mußten Schuppen mit Kresol eingelassen werden.

Zudem waren da Emilys Tiere, die sich an kritischen und dramatischen Situationen zu weiden schienen. Der Kater verschwand für drei Tage und wurde schon als tot aufgegeben, da erschien er wieder mit einem zerrissenen Ohr und einer häßlichen Wunde an der Seite. Kaum hatten sie ihn zum Tierarzt gefahren, als der alte Hund etwas Undefinierbares fraß und vier Tage krank war. Er lag in seinem Korb und sah Bill mit rotgeränderten, vorwurfsvollen Augen an, als sei er an allem schuld. Nur Gilbert, der Goldfisch, blieb eintönig gesund und schwamm in seinem Behälter ziellose Kreise, doch auch er benötigte ständige Pflege und Zuwendung, sein Behälter mußte saubergemacht und in der Tierhandlung mußte Spezialfutter gekauft werden.

Bill bewältigte dies alles, so gut er konnte, und blieb mit Bedacht geduldig und heiter. Wenn Wutausbrüche tobten und es Zank und Streit gab, die gewöhnlich mit »Das ist nicht fair!« und erderschütterndem Türenknallen endeten, hielt er sich heraus, überließ Clodagh die erforderliche Schlichtung, in großer Angst, hineingezogen zu werden und etwas Falsches zu sagen oder zu tun.

»Was war denn los?« fragte er dann, wenn Clodagh hinterher zu ihm kam, aufgebracht, belustigt, erschöpft, aber nie böse, und sie versuchte es zu erklären und ließ es dann bleiben, weil er nach ungefähr einer Minute den Arm um sie legte und sie küßte und es nahezu unmöglich ist, gleichzeitig zu erklären und geküßt zu werden. Es erstaunte ihn, daß ihnen bei all dem häuslichen Auf und Ab die Verzauberung, die sie in Marbella entdeckt hatten, nicht abhanden kam. Immer noch schien alles mit jedem Tag schöner zu werden, und er liebte seine Frau bis an die Grenzen seines Seins.

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Und jetzt war Sonntag morgen. Warme Sonne, warmes Bett, warme Frau. Er wandte den Kopf und grub sein Gesicht in ihren Hals, roch ihr seidiges, duftendes Haar. Dabei schlug in seinem Innern eine Alarmglocke. Er wurde beobachtet. Er drehte sich um und öffnete die Augen.

Emily und Anna saßen in ihren Nachthemden, die Haare vom Schlaf zerzaust, auf der Messingstange am Fußende des Bettes und beobachteten ihn. Acht und sechs. War das zu früh, um in der Schule mit Sexualkunde zu beginnen? Er hoffte es.

Er sagte: »Hallo, ihr zwei.«

Anna sagte: »Wir haben Hunger. Wir wollen frühstücken.«

»Wie spät ist es?«

Sie spreizte die Hände. »Weiß nicht.«

Er langte nach seiner Uhr. »Acht Uhr«, sagte er zu ihnen.

»Wir sind seit einer Ewigkeit wach, und wir sind am Verhungern.«

»Eure Mutter schläft noch. Ich mache euch Frühstück.«

Sie rührten sich nicht. Vorsichtig zog er seinen Arm unter Clodaghs Schultern hervor und setzte sich auf. Ihre Gesichter zeigten Mißbilligung über seine Nacktheit.

Er sagte: »Geht euch anziehen und die Zähne putzen, und wenn ihr fertig seid, hab ich das Frühstück auf dem Tisch.«

Sie gingen. Ihre nackten Füße patschten auf dem gebohnerten Fußboden. Als sie außer Sicht waren, stieg er aus dem Bett, zog einen Bademantel an, schloß leise die Schlafzimmertür hinter sich und ging nach unten. In der Küche schnarchte Henry in seinem Korb. Bill weckte ihn mit dem Zeh, und der alte Hund gähnte, kratzte sich ausgiebig und bequemte sich schließlich aus seinem Lager. Bill öffnete die Hintertür zum Garten und ließ Henry ins Freie. Im selben Moment erschien Breeky aus dem Nichts, mehr denn je wie ein ramponierter alter Tiger aussehend, und schoß an Bills nackten Beinen vorbei in die Küche. Er hatte eine große tote Maus im Maul, die er mitten auf den Fußboden legte, dann setzte er sich vor sie hin, um sie zu vertilgen.

Für einen derartigen Kannibalismus war es noch zu früh am Tag. Unter Gefahr für Leib und Leben bemächtigte sich Bill der Maus und warf sie in den Mülleimer unter der Spüle. Breeky war wütend und kreischte dermaßen, daß Bill sich gezwungen sah, ihn mit einer Untertasse Milch zu beruhigen. Breeky schlabberte sie so schlampig er konnte, er verspritzte Milch über das ganze Linoleum, und als die Untertasse leer war, sprang er auf die Bank vor dem Fenster, verengte die Augen zu gelben Schlitzen und begann sich zu putzen.

Nachdem Bill die Milch aufgewischt hatte, setzte er Wasser auf, stellte Bratpfanne, Eier und Speck zurecht. Er steckte das Brot in den Toaster und deckte den gescheuerten Kiefernholztisch. Als er damit fertig war, waren die zwei kleinen Mädchen noch nicht erschienen, deshalb ging er nach oben, um sich anzuziehen. Als er sich ein altes Baumwollhemd überzog, hörte er sie, mit hellen Stimmchen plappernd, in die Küche hinuntergehen. Sie klangen ganz fröhlich, doch gleich darauf drang ein so verzweifeltes Heulen zu ihm hinauf, daß ihm eisig ums Herz wurde.

Das Hemd noch nicht zugeknöpft, schoß er zum Treppenpodest. »Was ist los?«

Neues Geheul. Sich alle möglichen Schrecknisse ausmalend, raste er in die Küche hinunter. Dort standen Emily und Anna mit dem Rücken zu ihm und starrten in das Goldfischglas. Annas Augen schwammen in Tränen, doch Emily schien zu erschüttert, um zu weinen.

»Was ist passiert?«

»Gilbert!«

Er durchquerte die Küche und spähte über ihre Köpfe in den Behälter. Auf dem Grund lag der Goldfisch auf der Seite, ein lebloses Auge stierte nach oben. »Er ist tot«, sagte Emily. »Woher weißt du das?«

»Weil er’s ist. Er sah allerdings tot aus.« »Vielleicht macht er ein Schläfchen?« vermutete Bill ohne große Hoffnung.

»Nein. Er ist tot. Er ist tot.«

Damit brachen beide in Tränen aus. Einen Arm um jedes Kind gelegt, suchte Bill sie zu trösten. Anna schmiegte ihr Gesicht an seinen Bauch und schlang ihre Arme um seine Taille, Emily aber stand starr, hemmungslos schluchzend, die dünnen Ärmchen vor der mageren Brust gekreuzt, als versuchte sie, sich zusammenzuhalten.

Es war furchtbar. Sein erster Impuls war, sich loszumachen, zum Fuß der Treppe zu gehen und um Hilfe zu rufen. Clodagh würde wissen, was zu tun war…

Und dann dachte er, nein. Hier bot sich ihm eine Chance, zu zeigen, was in ihm steckte. Hier bot sich ihm die Chance, die Barrieren niederzureißen, allein mit der Situation fertig zu werden und den Respekt der Mädchen zu gewinnen.

Schließlich beruhigte er sie. Er gab ihnen ein sauberes Geschirrtuch als Taschentuch, führte sie zu der Bank vor dem Fenster und setzte sie rechts und links neben sich.

»So«, sagte er, »jetzt hört mal zu. «

»Er ist tot. Gilbert ist tot.«

»Ja, ich weiß, daß er tot ist. Aber wenn Menschen oder Tiere, die wir gern haben, sterben, dann geben wir ihnen ein schönes Begräbnis. Wie wär’s, wenn ihr zwei in den Garten geht und ein friedliches Fleckchen sucht, wo ihr ein Loch graben könnt. Und ich seh mal nach, ob ich eine alte Zigarrenkiste als Sarg für Gilbert auftreiben kann. Und ihr könnt Kränze machen, um sie auf sein Grab zu legen, und vielleicht ein kleines Kreuz.«

Die zwei blauen Augenpaare, wachsam wie immer, zeigten allmählich Interesse. Noch näßten Tränen die Wangen der Mädchen, aber hochdramatische Ereignisse besaßen eine zu große Anziehungskraft, um ihnen zu widerstehen.

»Als Mrs. Dorkins im Dorf gestorben ist, hatte ihre Tochter einen schwarzen Schleier am Hut«, erinnerte sich Emily.

»Vielleicht hat deine Mutter irgendwo einen schwarzen Schleier für deinen Hut.«

»In der Truhe mit den Verkleidungssachen ist einer.«

»Na siehst du. Den kannst du anziehen!«

»Und was soll ich anziehen?« wollte Anna wissen. »Mami findet bestimmt was für dich.«

»Ich will das Kreuz machen.«

»Nein, ich.«

»Aber…«

Er unterbrach sie rasch. »Als erstes müßt ihr einen guten Platz bestimmen. Wollt ihr nicht nach draußen laufen und ein Plätzchen suchen, und in der Zwischenzeit mach ich euch Frühstück. Und nach dem Frühstück…«

Aber sie hörten nicht mehr zu. Sie wollten auf und davon, konnten es nicht mehr abwarten. An der Hintertür blieb Emily stehen. »Wir brauchen eine Schaufel«, sagte sie eifrig.

»Im Werkzeugschuppen findet ihr eine Kelle.«

Sie flitzten durch den Garten, überbordend vor Eifer, aller Kummer war vergessen über der Aufregung, daß es ein richtiges Erwachsenenbegräbnis geben würde, mit schwarzen Schleiern an ihren Hüten. Er sah ihnen mit gemischten Gefühlen nach. Er war nach der kleinen Szene erschöpft und heißhungrig. Gequält vor sich hin grinsend, ging er an den Herd und briet den Speck.

Während er damit beschäftigt war, hörte er Schritte auf der Treppe, und im nächsten Augenblick kam seine Frau zur Tür herein. Sie hatte ihr Nachthemd und einen losen baumwollenen Morgenrock an. Die Haare hingen ihr auf die Schultern, sie war barfuß, ihre Augen waren noch vom Schlaf getrübt. »Was war denn los?« fragte sie unter Gähnen. »Hallo, mein Liebling. Haben wir dich geweckt?«

»Hat da jemand geweint?«

»Ja. Emily und Anna. Gilbert ist tot.«

»Gilbert? O nein. Das kann ich nicht glauben.«

Er gab ihr einen Kuß. »Es ist leider wahr.«

»Arme Emily.« Sie machte sich aus seiner Umarmung frei. »Ist er wirklich tot?«

»Sieh selbst.«

Clodagh spähte in den Fischbehälter. »Aber warum?«

»Ich weiß es nicht. Ich verstehe nicht viel von Goldfischen. Vielleicht hat er was gefressen, das er nicht vertragen hat.«

»Aber er kann doch nicht einfach so sterben.«

»Du verstehst offenbar mehr von Goldfischen als ich.«

»Als ich so alt war wie Anna, hatte ich selbst Goldfische. Sie hießen Sambo und Goldy.«

»Originelle Namen.«

Schweigend betrachteten sie den leblosen Gilbert. Dann meinte sie nachdenklich: »Ich weiß noch, daß Goldy auch mal so aussah. Mein Vater gab ihm einen Schluck Whisky, und schon fing er wieder an zu schwimmen. Übrigens, tote Fische treiben oben auf dem Wasser.«

Bill überhörte die letzte Bemerkung. »Einen Schluck Whisky?«

»Hast du welchen?«

»Ja. Ich hab eine Flasche, die ich für meine besten Freunde aufbewahre. Ich nehme an, Gilbert zählt dazu, und wenn du willst, kannst du eine Wiederbelebung versuchen, aber es scheint mir eine ziemliche Verschwendung, das Zeug über einen toten Fisch zu schütten. Das hieße Perlen vor die Säue werfen.«

Clodagh erwiderte nichts darauf. Sie krempelte einen Ärmel hoch, steckte die Hand in den Behälter und berührte mit einem Finger sachte Gilberts Schwanz. Nichts geschah. Es war hoffnungslos. Bill wandte sich wieder der Pfanne mit brutzelndem Speck zu. Vielleicht hatte er sich des Whiskys wegen ein bißchen kleinlich angestellt. Er sagte: »Wenn du willst…«

»Er hat mit dem Schwanz gewackelt!«

»Ist das wahr?«

»Ihm fehlt nichts. Er schwimmt… o sieh doch, Liebling.«

Und wirklich. Gilbert hatte sich wieder in die richtige Lage gebracht, seine kleinen goldenen Flossen geschüttelt und drehte kerngesund seine Runden.

»Clodagh, du wirkst Wunder. Sieh ihn dir an.« Im Vorbeischwimmen traf Gilberts Fischauge Bills Blick. Bill war einen Moment verärgert. »Blöder Fisch, mußtest du mir so einen Schrecken einjagen«, sagte er zu ihm, und dann grinste er vor ehrlicher Erleichterung. »Emily wird überglücklich sein.«

»Wo ist sie?«

Das Begräbnis fiel ihm ein. Er sagte: »Sie ist mit Anna im Garten.« Aus irgendeinem Grund erzählte er Clodagh nichts von ihrem Vorhaben.

Ihre Mutter lächelte. »Nachdem das kleine Problem gelöst ist, geh ich nach oben in die Badewanne. Ich überlasse es dir, ihnen die glückliche Nachricht mitzuteilen«, und sie warf ihm eine Kußhand zu und ging die Treppe hinauf.

Ein paar Minuten später, als der Speck knusprig war und der Kaffee durchlief, kamen die zwei kleinen Mädchen in heller Aufregung zur Hintertür hereingewirbelt.

»Wir haben einen prima Platz gefunden, Bill, unter dem Rosenstrauch in Mamis Rabatte, und wir haben ein riesengroßes Loch gegraben…«

»Und ich hab eine Gänseblümchenkette gemacht…«

»Und ich hab aus zwei Stöcken ein Kreuz gemacht, aber ich brauche eine Schnur oder einen Nagel oder so was, damit sie zusammenhalten…«

»Und wir singen ein Kirchenlied.«

»Ja. Wir singen ›Alle Herrlichkeit auf Erden‹.«

»Und wir dachten…«

»Ich will’s ihm sagen…«

»Wir dachten…«

»Jetzt hört mal zu.« Er mußte seine Stimme heben, um sich über den Lärm hinweg verständlich zu machen. Sie verstummten. »Hört mal einen Moment zu. Und seht her.« Er führte sie zum Fischbehälter. »Schaut.«

Sie schauten. Sie sahen Gilbert wie immer ziellos im Kreis schwimmen, sein feiner, durchscheinender Schwanz schlug hin und her, seine runden Augen blickten nicht lebendiger als vorhin, da sie ihn für tot gehalten hatten.

Einen Moment herrschte vollkommene Stille.

»Seht ihr? Er war gar nicht tot. Er hat bloß gepennt. Mami hat ihn ein bißchen gekitzelt, und das hat ihm Tempo gemacht.« Stille. »Ist das nicht großartig?« Selbst in seinen eigenen Ohren klang es krampfhaft munter.

Keines der kleinen Mädchen sagte ein Wort. Bill wartete. Endlich sprach Emily.

Sie sagte: »Wir wollen ihn totmachen.«

Er war hin und her gerissen zwischen Entsetzen und Heiterkeit, und eine Sekunde lang stand es auf Messers Schneide, ob er das Kind schlagen oder in Lachen ausbrechen würde. Mit übermenschlicher Anstrengung tat er keines von beidem, sondern sagte nach einer langen, gewichtigen Pause mit ungeheurer Ruhe: »Oh, ich glaube nicht, daß wir das wollen.«

»Warum nicht?«

»Weil das Leben uns von Gott geschenkt wird. Es ist heilig.« Während er dies sagte, wurde ihm leicht unbehaglich zumute. Obwohl er und Clodagh kirchlich geheiratet hatten, hatte er jahrelang nicht auf diese alltägliche Weise an Gott gedacht, und nun bekam er Gewissensbisse, als würde er den Namen eines alten Freundes mißbrauchen. »Es ist unrecht, etwas zu töten, auch wenn es nur ein Goldfisch ist. Außerdem hast du Gilbert doch lieb. Er gehört dir. Du kannst nicht töten, was du liebhast.«

Emily schob die Unterlippe vor. »Ich will eine Beerdigung. Du hast es versprochen.«

»Aber wir können Gilbert nicht beerdigen. Wir nehmen etwas anderes.«

»Was? Wen?«

Anna kannte ihre Schwester gut. »Aber nicht meinen HEMAN«, erklärte sie bestimmt.

»Nein, natürlich nicht.« Er überlegte und hatte einen Geistesblitz. »Eine Maus. Eine arme tote Maus. Schaut…« Mit dem Zeh auf dem Fußschalter hob er den Deckel des Mülleimers, und wie ein Zauberer brachte er mit schwungvoller Gebärde Breekys Jagdtrophäe zum Vorschein, indem er den kleinen steifen Körper am Schwanz hielt. »Breeky hat sie heute morgen gebracht, und ich hab sie ihm weggenommen. Ihr wollt doch sicher nicht, daß ein armes Mäuschen im Mülleimer endet? Sie hat bestimmt eine kleine Feier verdient, oder?«

Sie begafften das Opfer. Nach einer Weile meinte Emily: »Können wir sie in die Zigarrenkiste tun, wie du gesagt hast?«

»Natürlich.«

»Und Kirchenlieder singen und alles?«

»Natürlich. ›Alle Geschöpfe, groß und klein‹. Viel kleiner als diese Maus kann kaum etwas sein.« Er nahm ein Papiertuch, legte es auf den Geschirrschrank und bettete die Mauseleiche sorgsam darauf. Dann wusch er sich die Hände, und während er sie abtrocknete, sah er die zwei kleinen Mädchen an. »Was sagt ihr dazu?«

»Können wir es gleich machen?«

»Lagt uns zuerst frühstücken. Ich bin am Verhungern.«

Anna ging sogleich zum Tisch, rückte sich einen Stuhl zurecht und setzte sich, aber Emily nahm Gilbert noch einmal ganz genau in Augenschein. Sie drückte die Nase an die Glaswand des Behälters, ihre Finger malten ein Muster, indem sie Gilberts Bahnen folgten. Bill wartete geduldig. Kurz darauf drehte sie sich zu ihm um. Sie sahen sich lange an.

Sie sagte: »Ich bin froh, daß er nicht tot ist.«

»Ich auch.« Er lächelte, und sie lächelte zurück, und auf einmal sah sie ihrer Mutter so ähnlich, daß er ohne zu überlegen die Arme ausbreitete, und sie kam zu ihm, und sie nahmen sich in die Arme, ohne Worte. Sie brauchten keine Worte. Er küßte sie auf den Kopf, und sie versuchte sich nicht zu entwinden oder sich aus dieser ersten zaghaften Umarmung zu lösen.

»Weißt du was, Emily«, sagte er, »du bist ein liebes Mädchen.«

»Du bist auch lieb«, sagte sie, und sein Herz war von Dankbarkeit erfüllt, weil er durch Gottes Gnade nichts Falsches getan oder gesagt hatte. Er hatte es richtig gemacht. Es war ein Anfang. Nicht viel, aber ein Anfang.

Emily weitete es aus. »Ganz, ganz lieb.«

Ganz, ganz lieb. In diesem Fall war es vielleicht mehr als ein Anfang, und er war schon halbwegs am Ziel. Voll Genugtuung umarmte er sie ein letztes Mal, dann ließ er sie los, und in froher Erwartung des Mäusebegräbnisses setzten sie sich endlich hin, um zu frühstücken.

Teil IX

Das Vorweihnachtsgeschenk

Es war zwei Wochen vor Weihnachten. An einem düsteren, bitterkalten Morgen fuhr Ellen Party, wie sie es die letzten zweiundzwanzig Jahre an jedem Morgen getan hatte, ihren Ehemann James die kurze Strecke zum Bahnhof, gab ihm einen Abschiedskuß, sah seine Gestalt mit dem schwarzen Mantel und der Melone durch die Sperre verschwinden und fuhr dann vorsichtig auf der vereisten Straße nach Hause.

Als sie über die langsam erwachende Dorfstraße und dann durch die sanfte Landschaft kroch, flogen ihre Gedanken, die zu dieser frühen Stunde wirr und undiszipliniert waren, in ihrem Kopf herum wie Vögel in einem Käfig. Es gab um diese Jahreszeit immer ungeheuer viel zu tun. Wenn sie das Frühstücksgeschirr gespült hatte, wollte sie eine Einkaufsliste für das Wochenende zusammenstellen, vielleicht Apfelpasteten mit Rosinen backen, ein paar Weihnachtskarten in letzter Minute schreiben, ein paar Geschenke in letzter Minute kaufen, Vickys Zimmer putzen.

Nein. Sie besann sich anders. Sie wollte Vickys Zimmer nicht putzen und das Bett nicht beziehen, bevor sie nicht sicher wußte, daß Vicky Weihnachten bei ihnen sein würde. Vicky war neunzehn. Im Herbst hatte sie in London eine Stelle gefunden und eine kleine Wohnung, die sie mit zwei anderen Mädchen teilte. Die Trennung war jedoch nicht endgültig, denn am Wochenende kam Vicky meistens nach Hause, brachte manchmal eine Freundin mit und jedesmal einen Sack schmutzige Wäsche für Mutters Waschmaschine. Als sie das letzte Mal da war, hatte Ellen angefangen, von Weihnachtsplänen zu sprechen, aber Vicky hatte ein verlegenes Gesicht gemacht und sich schließlich ein Herz gefaßt, um Ellen zu eröffnen, daß sie dieses Jahr möglicherweise nicht zu Hause sein würde. Sie wolle sich vielleicht einer Gruppe junger Leute anschließen, die in der Schweiz Ski laufen und eine Villa mieten wollten.

Ellen, die diese Mitteilung völlig unvorbereitet traf, war es gelungen, ihre Bestürzung zu verbergen, doch insgeheim wurde ihr schwindelig bei der Aussicht, Weihnachten ohne ihr einziges Kind zu verbringen; dennoch war ihr bewußt, daß Eltern nichts Schlimmeres tun konnten, als Besitzansprüche zu zeigen, sich zu weigern, loszulassen, ja überhaupt irgend etwas zu erwarten.

Es war sehr schwierig. Wenn sie nach Hause kam, war die Post vielleicht schon dagewesen und hatte einen Brief von Vicky gebracht. Sie sah im Geiste den Umschlag auf der Fußmatte liegen, Vickys große Handschrift.

Liebste Ma! Schlachte das gemästete Kalb

und schmücke die Flure mit Stechpalmen, die

Schweiz ist gestorben, ich werde zu Hause

sein und die Feiertage bei Dir und Dad verbringen.

Sie war so überzeugt, daß der Brief dasein würde, brannte so sehr darauf, ihn zu lesen, daß sie sich erlaubte, ein bißchen schneller zu fahren. Im fahlen Licht des Wintermorgens waren jetzt die gefrorenen Gräben und die schwarzen, vereisten Hecken zu erkennen. Sanfte Lichter schienen in den Fenstern der kleinen Häuser, der Hügel hatte eine Schneehaube auf. Ellen dachte an Weihnachtslieder und den Duft von Fichtenzweigen, und plötzlich war sie von Aufregung ergriffen, dem alten Zauber der Kindheit.

Fünf Minuten später parkte sie den Wagen in der Garage und ging durch die Hintertür ins Haus. Nach der Eiseskälte draußen war es in der Küche wohltuend warm. Die Reste vom Frühstück standen auf dem Tisch, aber sie sah darüber hinweg und durchquerte die Diele, um nach der Post zu sehen. Der Briefträger war dagewesen, ein Stapel Umschläge lag auf der Fußmatte. Sie hob sie auf, so überzeugt, einen Brief von Vicky vorzufinden, daß sie, als keiner da war, ihn übersehen zu haben glaubte und den Stapel noch einmal durchging. Aber von ihrer Tochter war nichts dabei.

Einen Augenblick war sie von Enttäuschung übermannt, doch dann gab sie sich einen Ruck, nahm sich zusammen. Vielleicht mit der Nachmittagspost… Eine Reise voller Hoffnung ist schöner als die Ankunft. Sie ging mit dem Stapel Umschläge in die Küche, warf ihren Schaffellmantel ab und setzte sich hin, um die Post zu lesen.

Es waren vornehmlich Briefkarten. Sie öffnete eine nach der anderen und stellte sie im Halbkreis auf. Rotkehlchen, Engel, Weihnachtsbäume und Rentiere. Die letzte Karte war riesig groß und extravagant, eine Reproduktion von Breughels Schlittschuhläufern. Mit herzlichen Grüßen von Cynthia. Cynthia hatte außerdem einen Brief geschrieben. Ellen schenkte sich einen Becher Kaffee ein und las ihn.

Vor langer Zeit waren Ellen und Cynthia die besten Schulfreundinnen gewesen. Aber als sie erwachsen waren, hatten sich ihre Wege getrennt und ihrer beider Leben ganz verschiedene Richtungen eingeschlagen. Ellen hatte James geheiratet, und nach einer kurzen Zeit in einer kleinen Londoner Wohnung waren sie mit ihrer neugeborenen Tochter in dieses Haus gezogen, wo sie seither lebten. Einmal im Jahr fuhr sie mit James in Urlaub, meistens an Orte, wo James Golf spielen konnte. Das war alles. Die übrige Zeit tat sie die Dinge, mit denen Frauen in aller Welt ihre Zeit verbrachten, kochen, einkaufen, nähen, den Garten jäten, waschen und bügeln. Einladungen geben und von ein paar guten Freunden eingeladen werden; nebenbei ein bißchen karitative Arbeit und Kuchenbacken für den Basar der Frauenliga. Das alles stellte keine großen Anforderungen an sie und war, wie sie wohl wußte, ein bißchen fade.

Cynthia hingegen hatte einen angesehenen Arzt geheiratet, drei Kinder geboren, ein eigenes Antiquitätengeschäft eröffnet und einen Haufen Geld verdient. Ihre Urlaube waren unvorstellbar aufregend, sie reisten kreuz und quer durch die USA, wanderten in den Bergen von Nepal oder besuchten die Chinesische Mauer.

Ellens und James’ Freunde waren Ärzte, Rechtsanwälte oder Geschäftskollegen; Cynthias Haus in Campden Hill aber war ein Treffpunkt für die faszinierendsten Leute. Berühmte Gesichter vom Fernsehen würzten ihre Partys, Schriftsteller diskutierten über den Existentialismus, Künstler stritten über abstrakte Kunst, Politiker ergingen sich in gewichtigen Debatten. Als sie einmal nach einem Einkaufstag bei Cynthia übernachtete, saß Ellen beim Abendessen zwischen einem Kabinettsminister und einem jungen Mann mit pinkfarbenen Haaren und einem einzelnen Ohrring. Das Bemühen, sich mit dem einen oder anderen dieser Individuen zu unterhalten, war ein aufreibendes Erlebnis gewesen.

Hinterher hatte Ellen sich Vorwürfe gemacht. »Ich habe nichts, worüber ich reden kann«, sagte sie zu James. »Außer, wie ich Marmelade koche und meine Wäsche weiß kriege, wie diese schrecklichen Frauen in der Fernsehwerbung.«

»Du könntest über Bücher sprechen. Ich kenne keinen Menschen, der so viele Bücher verschlingt wie du.«

»Über Bücher kann man nicht sprechen. Lesen ist lediglich das Erleben der Erlebnisse von anderen Leuten. Ich sollte etwas tun, selbst etwas erleben.«

»Was ist mit damals, als wir die Katze verloren haben? Ist das kein Erlebnis?«

»O James.«

In diesem Moment wurde die Idee geboren. Sie hatte deswegen nie etwas unternommen, aber in diesem Augenblick war die Idee geboren worden. Wenn Vicky von zu Hause fortging, vielleicht könnte sie dann…? Ein paar Tage später erwähnte sie es abends beiläufig zu James, aber er las die Zeitung und hörte kaum zu, und als sie nach ein paar Tagen noch einmal darauf zu sprechen kam, hatte er es, überaus freundlich, mit Gleichgültigkeit zugeschüttet, ganz so, als leerte er einen Wassereimer über einem Feuer aus.

Sie seufzte, ließ Bestrebungen Bestrebungen sein und las Cynthias Brief.

Liebste Ellen! Wollte der Karte noch schnell ein paar Zeilen beifügen, bloß um mich mal zu melden und Dir das Neueste mitzuteilen. Ich glaube nicht, daß Du die Sanderfords, Cosmo und Ruth, mal kennengelernt hast, als Du hier warst.

Ellen hatte die Sanderfords nicht kennengelernt, aber das bedeutete nicht, daß sie nicht genau wußte, wer sie waren. Wer hatte nicht von den Sanderfords gehört? Er war ein bedeutender Filmregisseur, sie war Schriftstellerin und verfaßte ironische, komische Familienromane. Wer hatte die beiden nicht bei Podiumsdiskussionen im Fernsehen erlebt? Wer hatte Ruths Artikel über die Erziehung ihrer vier Kinder nicht gelesen? Wer hatte seine Filme nicht bewundert, mit ihrer versteckten, originellen Aussage, ihrer Empfindsamkeit und visuellen Schönheit? Was sie auch taten, die Sanderfords waren eine Nachricht wert. Allein ihnen zuzusehen genügte, um einem gewöhnlichen Sterblichen das Gefühl zu geben, fade und vollkommen unzulänglich zu sein. Die Sanderfords. Leicht verzagt las Ellen weiter:

Sie haben sich vor einem Jahr scheiden lassen, in aller Freundschaft, und von Zeit zu Zeit kann man sie immer noch zusammen beim Mittagessen sehen. Aber sie hat sich in Deiner Nähe ein Haus gekauft, und ich bin überzeugt, daß sie sich über einen Besuch freuen würde. Ihre Adresse ist Monk’s Thatch, Trauncey, und die Telefonnummer ist Traun-cey 232. Ruf sie mal an und sag ihr, ich habe Dir gesagt, du solltest Dich mal bei ihr melden.

Fröhliche Weihnachten, viele liebe Grüße,

Cynthia.

Trauncey war nur anderthalb Kilometer entfernt, praktisch nebenan. Und Monk’s Thatch war eine alte Wildhüterhütte, an der monatelang ein Schild »Zu verkaufen« angebracht gewesen war. Jetzt mußte das Schild wohl verschwunden sein, denn Ruth Sanderford hatte das Häuschen gekauft und wohnte dort ganz allein, und von Ellen wurde erwartet, daß sie mit ihr Verbindung aufnahm.

Bei dieser Aussicht war ihr bange zumute. Wenn der Neuankömmling ein normaler Mensch gewesen wäre, eine alleinstehende Frau, die Gesellschaft und den Trost einer Freundin brauchte, das wäre etwas anderes gewesen. Aber Ruth Sanderford war kein normaler Mensch. Sie war berühmt, klug, genoß vermutlich ihr neugewonnenes Alleinsein nach einem glanzvollen Leben künstlerischer Erfüllung, verbunden mit der schieren Plackerei, vier Kinder aufzuziehen. Sie würde Ellen langweilig finden und Cynthia den Vorschlag verübeln, daß Ellen sich bei ihr melden sollte.

Der Gedanke an den kühlen Empfang, der ihren vorsichtigen Annäherungen womöglich bereitet würde, ließ Ellens Phantasie erschrocken Reißaus nehmen. Irgendwann würde sie hingehen. Nicht vor Weihnachten. Vielleicht am Neujahrstag. Im Moment hatte sie ohnehin zuviel zu tun. Apfelpasteten backen, Listen schreiben…

Sie schlug sich Ruth Sanderford aus dem Kopf, ging nach oben und machte ihr Bett. Die Tür von Vickys Zimmer gegenüber dem Treppenpodest war geschlossen. Sie öffnete sie, spähte hinein, sah den Staub auf dem Toilettentisch, das Bett mit dem Stapel gefalteter Decken, die geschlossenen Fenster. Ohne Vickys Habe wirkte es seltsam unpersönlich, ein Zimmer, das irgend jemand oder niemandem gehörte. Wie sie so auf der Schwelle stand, wußte Ellen mit einemmal, ohne jeden Zweifel, daß Vicky in die Schweiz fahren würde. Daß Weihnachten irgendwie ohne sie überstanden werden mußte.

Was würden sie machen, sie und James? Worüber würden sie reden, wenn sie jeder an einem Ende des Eßzimmertisches saßen, mit einem Truthahn, der zu groß zum Verspeisen war?

Vielleicht sollte sie den Truthahn abbestellen und dafür Lammkoteletts bestellen. Vielleicht sollten sie verreisen, in eines dieser Hotels, die sich einsamer älterer Leute annahmen.

Rasch machte sie die Tür zu, verschloß nicht nur Vickys verlassenes Zimmer, sondern auch die erschreckenden Bilder von Alter und Einsamkeit, die uns alle einmal ereilen. Am anderen Ende des Treppenpodestes führte eine schmale Stiege auf den Dachboden. Ohne besondere Absicht ging Ellen die Stiege hinauf und durch die Tür, die auf den riesigen Speicher mit dem schrägen Dach führte. Er war leer bis auf ein paar Koffer und die Blumenzwiebeln, die sie fürs Frühjahr gesteckt hatte und die nun in dicke Schichten Zeitungspapier gehüllt waren. Dachgauben ließen die blassen Strahlen der niedrigstehenden Sonne herein, und es roch angenehm nach Holz und Kampfer.

In einer Ecke stand ein Karton mit dem Christbaumschmuck. Aber würden sie dieses Jahr einen Baum haben? Es war immer Vickys Aufgabe gewesen, den Baum zu schmücken, und es schien wenig Sinn zu haben, wenn sie nicht da war. Überhaupt schien alles wenig Sinn zu haben.

Sag ihr, ich habe Dir gesagt, Du solltest Dich mal bei ihr melden.

Ihre Gedanken waren wieder bei Ruth Sanderford. Sie wohnte in Monk’s Thatch, ein kurzer Spaziergang über die vereisten Felder. Schön, sie war berühmt, aber Ellen kannte und liebte alle ihre Bücher, sie identifizierte sich mit den geplagten Müttern, den zornigen, mißverstandenen Kindern, den frustrierten Ehefrauen.

Aber ich bin nicht frustriert.

Der Speicher bildete einen wesentlichen Bestandteil der Idee, die sie gehabt hatte, des Vorhabens, das James so kurzerhand abgetan hatte, des Plans, den sie aufgegeben hatte, weil es keinen Menschen gab, der ihr ein wenig Mut zusprach.

James und Vicky. Ihr Mann und ihr Kind. Urplötzlich hatte Ellen die beiden satt. Sie hatte es satt, sich Gedanken wegen Weihnachten zu machen, sie hatte das Haus satt. Sie sehnte sich nach Abwechslung. Sie würde gehen, auf der Stelle, und Ruth Sanderford besuchen. Bevor dieser neue Mut sich verflüchtigte, ging sie hinunter, zog ihren Mantel an, legte ein Glas mit selbstgemachter Orangenmarmelade und eins mit Obstpastetenfüllung in einen Korb. Als begebe sie sich auf eine wagemutige, gefährliche Reise, trat sie in den eisigen Morgen hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

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Es war ein schöner Tag geworden. Blaß und wolkenlos der Himmel, glitzernder Frost auf den kahlen Bäumen, die Ackerfurchen eisenhart. Saatkrähen krächzten hoch oben auf den Ästen, die eisige Luft war süß wie Wein. Ellens Stimmung stieg; sie schwenkte den Korb, genoß ihre wachsende Energie. Der Fußweg führte am Rand der Felder entlang, über hölzerne Zauntritte. Bald kam hinter den Hecken Trauncey in Sicht. Eine kleine Kirche mit einem spitzen Turm, eine Gruppe niedriger Häuser. Über den letzten Zauntritt, und sie war auf der Straße. Rauch stieg munter aus Schornsteinen, graue Federn in der stillen Luft. Ein alter Mann mit Pferd und Wagen klapperte vorüber. Sie sagten guten Morgen. Ellen ging auf der kurvigen Straße weiter.

Das Schild »Zu verkaufen« am Haus Monk’s Thatch war verschwunden. Ellen öffnete das Gartentor und ging den Ziegelweg entlang. Das Haus war langgestreckt und niedrig, sehr alt, ein Fachwerkhaus mit einem Strohdach, das wie Augenbrauen über den kleinen Fenstern hing. Die Tür war blau gestrichen, mit einem Messingklopfer, und Ellen klopfte etwas beklommen, und als sie dastand und wartete, vernahm sie das Geräusch einer Säge.

Niemand öffnete ihr, und nach einer Weile folgte sie dem Geräusch und traf im Hof neben dem Haus auf eine schwer arbeitende Gestalt. Eine Frau, die Ellen von ihren Auftritten im Fernsehen her sofort erkannte.

Sie hob die Stimme und sagte: »Hallo.«

Ruth Sanderford hörte zu sägen auf und blickte hoch. Einen Augenblick verharrte sie erstaunt über den Sägebock gebeugt, dann richtete sie sich auf, ließ die Säge mitten in einem alten Ast stecken. Sie staubte sich die Hände am Hosenboden ab und kam zu Ellen.

»Hallo.«

Sie war eine sehr würdevolle Erscheinung. Groß, schlank, kräftig wie ein Mann. Die grauen Haare waren am Hinterkopf zu einem Knoten geschlungen, ihr Gesicht war sonnengebräunt, mit dunklen Augen und glatten Zügen. Zu ihrer fleckigen Hose trug sie einen Marinepullover, und um den Hals hatte sie ein getupftes Tuch geknotet. »Wer sind Sie?«

Es klang nicht unfreundlich, sondern vielmehr, als wolle sie es wirklich gerne wissen.

»Ich… ich bin Ellen Party. Eine Freundin von Cynthia. Sie sagte mir, ich soll Sie besuchen.«

Ruth Sanderford lächelte. Es war ein schönes Lächeln, warm und freundlich. Schlagartig war Ellens Nervosität verschwunden. »Natürlich. Sie hat mir von Ihnen erzählt.«

»Ich bin nur gekommen, um guten Tag zu sagen. Ich möchte Sie nicht stören, wenn Sie zu tun haben.«

»Sie stören mich nicht. Ich bin so gut wie fertig.« Sie ging zum Sägebock zurück, bückte sich und lud ein Bündel frisch gesägte Holzscheite auf ihre kräftigen Arme. »Ich muß das nicht machen — mein Vorrat an Feuerholz reicht bis an die Decke —, aber ich habe zwei Tage geschrieben, und da tut ein bißchen körperliche Arbeit gut. Außerdem ist es so ein zauberhafter Morgen, da wäre es fast ein Verbrechen, im Haus zu bleiben. Kommen Sie herein, trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir.«

Sie ging auf dem Weg voran, machte eine Hand frei, um den Türknauf zu drehen, und stieß die Tür mit dem Fuß auf. Sie war so groß, daß sie den Kopf einziehen mußte, um sich nicht an dem Türsturz zu stoßen, aber Ellen, die erheblich kleiner war, brauchte sich nicht zu bücken, und erfüllt von verwunderter Erleichterung, daß das erste Bekanntwerden so mühelos verlaufen war, folgte sie Ruth Sanderford ins Haus und schloß die Tür.

Sie waren über zwei Stufen unmittelbar ins Wohnzimmer hinabgestiegen, das so lang und geräumig war, daß es den größten Teil des Erdgeschosses einnehmen mußte. An einem Ende war ein offener Kamin, am anderen ein großer Kirschholztisch. Auf dem standen eine Schreibmaschine, Kartons mit Papier, Nachschlagewerke, ein Becher mit gespitzten Bleistiften und ein viktorianischer Krug mit getrockneten Blumen und Gräsern.

Ellen sagte: »Ein wunderschönes Zimmer.«

Ihre Gastgeberin stapelte die Holzscheite in einen bereits randvollen Korb und wandte sich dann Ellen zu.

»Entschuldigen Sie die Unordnung. Wie gesagt, ich habe gearbeitet.«

»Ich finde es nicht unordentlich.« Schäbig vielleicht, ein bißchen unaufgeräumt, aber sehr einladend mit den büchergesäumten Wänden und abgeschabten alten Sofas, die zu beiden Seiten des Kamins standen. Und überall Fotografien und ausgefallene, schöne Gegenstände aus Porzellan. »Genau so soll ein Zimmer aussehen. Bewohnt und warm.« Sie stellte ihren Korb auf den Tisch. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Marmelade und Pastetenfüllung. Nichts Besonderes.«

»Oh, wie nett.« Sie lachte. »Ein Vorweihnachtsgeschenk. Und mir ist die Marmelade ausgegangen. Bringen wir die Sachen in die Küche, und ich setze Wasser auf.«

Ellen legte ihren Schaffellmantel ab und folgte Ruth durch eine Tür am hinteren Ende des Raumes in eine kleine, bescheidene Küche, die früher eine Waschküche gewesen sein mochte. Ruth ließ Wasser in den Kessel laufen und stellte ihn auf den Gasherd. Sie kramte in einem Schrank nach Kaffee und nahm zwei Becher von einem Bord. Dann brachte sie ein Blechtablett zum Vorschein, auf dem Carlsberg Lager geschrieben stand, mußte aber geraume Zeit suchen, bis sie den Zucker fand. Obwohl sie vier Kinder großgezogen hatte, war sie offensichtlich kein häuslicher Typ.

»Wie lange wohnen Sie schon hier?« fragte Ellen.

»Schon einige Monate. Es ist himmlisch. So friedlich.«

»Schreiben Sie an einem neuen Roman?« Ruth grinste gequält. »Könnte man sagen.«

»Auf die Gefahr hin, daß es banal klingt, ich habe alle Ihre Bücher mit großem Vergnügen gelesen. Und ich habe Sie im Fernsehen gesehen.«

»Ach du liebe Zeit.«

»Sie waren gut.«

»Man hat mich neulich gebeten, eine Sendung zu machen, aber ohne Cosmo scheint es sinnlos. Wir waren ein richtiges Team. Im Fernsehen, meine ich. Ansonsten glaube ich, seit wir geschieden sind, sind wir beide glücklicher. Und unsere Kinder auch. Als ich das letzte Mal mit ihm Mittag essen war, hat er mir erzählt, daß er daran denkt, wieder zu heiraten. Ein Mädchen, das seit zwei Jahren bei ihm arbeitet. Sie ist so nett. Sie wird ihm eine wunderbare Frau sein.«

Es war ein wenig verwirrend, von einer Fremden sogleich derart ins Vertrauen gezogen zu werden, aber sie sprach so natürlich und herzlich, daß diese Vertraulichkeit ganz normal, sogar wünschenswert wirkte.

Während Ruth Kaffeepulver in die Becher löffelte, sprach sie weiter: »Wissen Sie, daß ich jetzt zum erstenmal in meinem Leben für mich allein lebe? Ich komme aus einer großen Familie, habe mit achtzehn geheiratet und bin sofort schwanger geworden. Danach gab es keinen einzigen müßigen Augenblick. Menschen scheinen sich ganz außerordentlich zu vermehren. Ich hatte Freunde, und Cosmo hatte Freunde, und dann brachten die Kinder ihre Freunde mit nach Hause, und die Freunde hatten Freunde, und so ging es weiter. Ich wußte nie, wie viele Personen ich zu verköstigen haben würde. Da ich keine besonders gute Köchin bin, gab es meistens Berge von Spaghetti.« Das Wasser kochte, sie füllte die Becher und nahm das Tablett. »Kommen Sie, gehen wir ans Feuer.«

Sie setzten sich einander gegenüber, eine jede in eine Ecke eines durchgesessenen Sofas, zwischen sich die Wärme des lodernden Feuers. Ruth trank einen Schluck Kaffee und stellte den Becher auf dem Tischchen ab, das zwischen ihnen stand. Sie sagte: »Das Schöne am Alleinleben ist unter anderem, daß ich kochen kann, wann ich will und was ich will. Bis zwei Uhr nachts arbeiten, wenn mir danach ist, und bis zehn schlafen.« Sie lächelte. »Sind Sie schon lange mit Cynthia befreundet?«

»Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Nachbardorf.«

»Haben Sie Familie?«

»Einen Mann und eine Tochter, Vicky. Das ist alles.«

»Denken Sie nur, ich werde bald Großmutter. Allein schon die Vorstellung finde ich erstaunlich. Es kommt mir vor, als sei es keine Minute her, seit mein ältestes Kind geboren wurde. Das Leben rast vorüber, nicht? Man hat nie Zeit, irgendwas zu machen.«

Es schien Ellen, daß Ruth so ungefähr alles gemacht hatte, aber sie sagte es nicht. Sie fragte vielmehr und wollte nicht, daß es wehmütig klang: »Kommen Ihre Kinder Sie besuchen?«

»O ja. Sie hätten mich dieses Haus nicht kaufen lassen, bevor sie es gutgeheißen hatten.«

»Kommen sie auch für länger?«

»Einer meiner Söhne hat mir beim Umzug geholfen, aber jetzt ist er in Südamerika, ich vermute, ich werde ihn die nächsten Monate nicht sehen.«

»Und Weihnachten?«

»Oh, Weihnachten bin ich allein. Sie sind jetzt alle erwachsen, führen ihr eigenes Leben. Vielleicht überfallen sie ihren Vater, wenn sie eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, ich weiß es nicht. Ich weiß es nie, habe es nie gewußt.« Sie lachte, nicht über ihre Kinder, sondern über ihre eigene Unwissenheit.

Ellen sagte: »Ich glaube nicht, daß Vicky Weihnachten nach Hause kommt. Sie wird wohl zum Skilaufen in die Schweiz fahren.«

Falls sie Mitgefühl oder Bedauern erwartete, wurde es ihr nicht zuteil. »Oh, das macht Spaß. Weihnachten in der Schweiz ist herrlich. Wir waren einmal mit den Kindern dort, als sie noch klein waren, und Jonas hat sich das Bein gebrochen. Was fangen Sie mit sich an, wenn Sie nicht Ehefrau und Mutter sind?«

Die unverblümte Frage kam überraschend und war etwas verwirrend. »Ich… ich tue eigentlich nichts…«, gestand Ellen.

»Das nehme ich Ihnen nicht ab. Sie sehen ungeheuer tüchtig aus.«

Das war ermutigend. »Hm… ich gärtnere. Und ich koche. Und ich bin in ein paar Komitees. Und ich nähe.«

»Meine Güte, wie geschickt Sie sind, daß Sie sogar nähen können. Ich kann nicht mal eine Nadel einfädeln. Sie brauchen sich nur meine Schonbezüge anzusehen. Sie müssen alle geflickt werden… nein, flicken lohnt sich nicht mehr. Am besten kaufe ich Chintz und lasse neue Bezüge machen. Nähen Sie sich Ihre Kleider selbst?«

»Nein, Kleider nicht. Aber Vorhänge und so.« Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie hastig: »Wenn Sie wollen, kann ich Ihre Bezüge flicken. Ich mache es gerne für Sie.«

»Und neue? Könnten Sie auch neue machen?«

»Ja.«

»Mit Paspeln und allem?«

»ja.«

»Wollen Sie das tun? Professionell? Als Auftrag, meine ich. Nach Weihnachten, wenn Sie nicht mehr so viel zu tun haben?«