/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Lichterspiele

Rosamunde Pilcher


Lichterspiele

Rosamunde Pilcher

1968

1

Emma Litton ist nach dem Tod ihrer Mutter in einem Internat in der Schweiz aufgewachsen. Ihr Vater, mit Leib und Seele Maler, sieht sich kaum in der Lage, sich um seine Tochter zu kümmern. Während er einige Zeit in Japan auf Vernissagen verbringt, lebt Emma erst in Florenz, später in Paris, wo sie bei einer wohlsituierten Familie als Kindermädchen arbeitet. In einer französichen Zeitschrift liest sie, daß ihr Vater wieder in seine Heimat England zurückgekerht ist. Kurz entschlossen packt sie ihre Koffer und beschließt, endlich das lang ersehnt Zusammenleben zu verwirklichen. Doch kaum ist sie zu Hause angekommen, reist Ben Litton wieder ab, um in Amerika eine Ausstellung zu eröffnen. Schon wieder ist Emma allein — aber da ist noch Robert Morrow. Er ist Kunsthändler in der berühmtesten Galerie Londons und der einzige, der sich ein wenig um sie kümmert. Ob er der Richtige für Emma ist? Bevor sich das aber entscheidet, müssen die beiden einige Hindernisse und Mißverständnisse überwinden.

Inhaltsverzeichnis

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Paris im Februar, und die Sonne schien. Am Flughafen Le Bourget funkelte sie kalt am eisblauen Himmel, der sich glitzernd in den vom nächtlichen Regen noch nassen Rollbahnen spiegelte. Von drinnen sah der Tag verlockend aus, und sie hatten sich auf die Terrasse hinausgewagt, mußten jedoch feststellen, daß die strahlende Sonne nicht richtig wärmte und die muntere Brise, die die Windsäcke rechtwinklig zur Seite blies, schneidend war wie ein Messer. Entmutigt hatten sie sich ins Restaurant zurückgezogen, um den Aufruf von Emmas Flug abzuwarten. Jetzt saßen sie an einem kleinen Tisch, tranken schwarzen Kaffee und rauchten Christophers Gauloises.

Sie waren ganz ineinander versunken; dennoch erregten sie zwangsläufig eine gewisse Aufmerksamkeit; denn sie gaben ein faszinierendes Paar ab. Emma war groß und sehr dunkel. Ihre Haare, mit einem Schildpattreifen aus der Stirn gehalten, fielen ihr wie eine glatte schwarze Quaste über die Schultern. Ihr Gesicht war nicht schön; es war zu scharfknochig und streng, um als schön zu gelten, mit der geraden Nase und dem kantigen, entschlossenen Kinn. Doch diese Züge wurden gemildert durch den Zauber, der großen, erstaunlich graublauen Augen, und den breiten Mund, der sich manchmal mißmutig verzog, wenn sie ihren Willen nicht bekam, der aber auch von einem Ohr zum anderen beinahe jungenhaft grinsen konnte, wenn sie glücklich war. Sie war jetzt glücklich. An diesem kalten, strahlenden Tag trug sie ein knallgrünes Kostüm und einen weißen Pullover, der die Bräune ihres Gesichts betonte, doch ihre elegante Erscheinung wurde beeinträchtigt durch die Gepäckstücke, die sie um sich herum aufgebaut hatte und die auf einen zufälligen Beobachter wirken mußten, als seien sie aus einem zerstörerischen Akt der Elemente geborgen.

Es war tatsächlich alles, was sich während eines sechsjährigen Lebens im Ausland angesammelt hatte, doch das konnte niemand wissen. Drei Koffer hatte sie zu enormen Kosten schon aufgegeben. Aber da waren noch eine leinene Reisetasche, eine Prisunic-Papiertüte, der mehrere Baguettes entsprossen, ein Korb, prallvoll mit Büchern und Schallplatten, ein Regenmantel, ein Paar Skistiefel und ein riesengroßer Strohhut. Christopher beäugte die zahllosen Utensilien und erwog beiläufig und ohne große Besorgnis, wie sie das alles ins Flugzeug befördern sollten.

»Du könntest den Hut, die Skistiefel und den Regenmantel anziehen. Dann hättest du drei Stücke weniger zu tragen.«

»Ich hab schon Schuhe an, und der Hut würde weggeweht. Der Regenmantel ist abscheulich. Ich seh darin wie eine Zwangsumsiedlerin aus. Ich weiß nicht, wieso ich ihn überhaupt mitgenommen habe.«

»Ich kann dir sagen, warum. Weil’s in London regnen wird.«

»Nicht unbedingt.«

»Da regnet’s immer.« Er zündete sich am Stummel der ersten Gauloise eine neue an. »Ein guter Grund mehr, bei mir in Paris zu bleiben.«

»Das haben wir schon hundertmal durchgesprochen. Und ich geh nach England zurück.«

Sein Grinsen zeigte keine Spur von Bitterkeit. Er hatte es nicht ernst gemeint. Wenn er lächelte, zogen sich seine gelbgefleckten Augen schräg nach oben, und in Verbindung mit seinem schlaksigen, trägen Körper verlieh ihm dies eine eigentümlich katzenhafte Erscheinung. Seine fröhlich bunte, lässige Kleidung hatte etwas Bohèmehaftes. Weite Kordhose, abgetragene knöchelhohe Schnürstiefel, ein blaues Baumwollhemd über einem gelben Pullover und eine Wildlederjacke, sehr alt und an Ellbogen und Kragen stark glänzend. Er sah französisch aus, dabei war er tatsächlich so englisch wie Emma und so gut wie mit ihr verwandt, denn vor Jahren, als Emma sechs und Christopher zehn war, hatte ihr Vater, Ben Litton, Christophers Mutter, Hester Ferris, geheiratet. Die Ehe hatte knapp achtzehn Monate gehalten, und in Emmas Erinnerung war dies bis heute die einzige Phase ihres Lebens, die entfernte Ähnlichkeit mit einem normalen Familienleben hatte.

Es war Hester gewesen, die auf dem Kauf des Cottages in Porthkerris bestanden hatte. Ben besaß seit Jahren dort ein Atelier; er hatte es schon lange vor dem Krieg gekauft, aber es wies keine Spur von Komfort auf, und nach einem Blick auf die Verwahrlosung, in der zu leben ihr zugemutet wurde, erwarb Hester sogleich zwei Fischerhütten und machte sich daran, sie mit Geschmack und Charme umzugestalten. Ben interessierte sich nicht für derlei Tätigkeiten, und so wurde es vorwiegend Hesters Haus. Sie bestand auf einer praktischen Küche, einem Boiler, der Wasser erhitzte, und einem großen Kamin, in dem stets ein Treibholzfeuer loderte, das Herz ihres Heims, der Mittelpunkt, um den sich die Kinder versammeln konnten.

Hester hatte die besten Absichten, nur waren ihre Methoden bei der Verwirklichung wenig erfolgreich. Sie bemühte sich, Rücksicht auf Ben zu nehmen. Schließlich hatte sie ein Genie geheiratet; sie kannte seinen Ruf und war bereit, bei seinen Liebesaffären, seinen verrufenen Freunden und seinem Verhältnis zum Geld ein Auge zuzudrücken. Doch wie es so oft geschieht in ganz normalen Ehen, waren es am Ende die Kleinigkeiten, die sie zermürbten: die vergessenen, unverzehrten Mahlzeiten. Die läppischen, monatelang unbezahlten Rechnungen. Die Tatsache, daß Ben es vorzog, in der Kneipe zu trinken statt auf zivilisierte Art und Weise zu Hause, bei ihr. Seine Weigerung, ein Telefon anzuschaffen, sich ein Auto zuzulegen; der Strom offensichtlich gestrandeter Menschen, die er einlud, auf ihrem Sofa zu nächtigen, und zu guter Letzt seine völlige Unfähigkeit, zu irgendeiner Zeit irgendeine Form von Zuneigung zu zeigen.

Am Ende verließ sie ihn, nahm Christopher mit und reichte bald darauf die Scheidung ein. Ben war froh darüber. Er war auch froh, den kleinen Jungen los zu sein. Die beiden waren nicht gut miteinander ausgekommen. Ben wachte eifersüchtig über seine männliche Überlegenheit, er wollte der einzige Mann von Bedeutung in seinem Haus sein, und Christopher war schon mit zehn Jahren eine Persönlichkeit, die sich nicht übergehen ließ. Trotz Hesters Bemühungen hielt diese Feindschaft an. Sogar das gute Aussehen des Jungen, von dem Hester aufrichtig glaubte, daß es Bens Malerauge entzücken würde, hatte genau die umgekehrte Wirkung, und als Hester Ben zu überreden versuchte, ihn zu portraitieren, weigerte er sich.

Nach ihrer Abreise glitt das Leben in Porthkerris wie selbstverständlich in sein altes düsteres Einerlei zurück. Emma und Ben wurden von einer Reihe schlampiger junger Frauen versorgt, entweder Modelle oder Malerei-Studentinnen, die mit der monotonen Gleichmäßigkeit einer geordneten Kinoschlange in, durch und aus Ben Littons Leben traten. Das einzige, was sie verband, waren die aufdringlich schmeichelnde Bewunderung für Ben und eine hochmütige Verachtung für Hausarbeiten. Von Emma nahmen sie so wenig Notiz wie möglich, dennoch vermißte sie Hester nicht so sehr, wie die Leute dachten. Es war ihr, ebenso wie Ben, lästig, ein geregeltes Leben zu führen und unaufhörlich in saubere Kleider gesteckt zu werden, doch die Trennung von Christopher hinterließ eine große Leere in ihrem Leben, die sich nicht füllen lassen wollte. Sie hatte eine kleine Weile um ihn getrauert, sie versuchte ihm Briefe zu schreiben, traute sich aber nicht, Ben nach seiner Adresse zu fragen. Einmal war sie in verzweifelter Einsamkeit fortgelaufen, um ihn zu suchen. Das endete damit, daß sie zum Bahnhof ging und eine Fahrkarte nach London lösen wollte. Wenn sie Christopher suchen wollte, konnte sie dort so gut wie in jeder anderen Stadt beginnen. Aber ein Penny und ein Neunpencestück waren alles, was sie besaß, und der Stationsvorsteher, der sie kannte, hatte sie mit in sein Büro genommen, das nach Petroleumlampen und der schwarzen Lokomotivkohle roch, mit der er seinen Kamin heizte, hatte ihr aus einer Emaillekanne eine Tasse Tee eingeschenkt und sie nach Hause gebracht. Ben arbeitete und hatte ihre Abwesenheit gar nicht bemerkt. Sie versuchte nie wieder, Christopher zu finden.

Als Emma dreizehn war, wurde Ben für zwei Jahre ein Lehrstuhl an der Universität von Texas angeboten, den er ohne einen einzigen Gedanken an Emma sofort annahm. In der kurzen Zwischenzeit wurde Emmas Zukunft erörtert. Vor die Frage nach seiner Tochter gestellt, verkündete er, er würde sie einfach mit nach Texas nehmen, aber irgend jemand — vermutlich Marcus Bernstein — überzeugte Ben, daß sie ohne ihn besser dran wäre, und sie wurde auf eine Schule in der Schweiz geschickt. Sie blieb drei Jahre in Lausanne, ohne auch nur einmal nach England zurückzukehren, und ging anschließend noch für ein Jahr nach Florenz, um die italienische Kunst der Renaissance zu studieren. Nach Ablauf dieser Zeit war Ben in Japan. Als sie den Vorschlag machte, zu ihm zu kommen, antwortete er mit einem Telegramm: Einziges Gästebett belegt von bezaubernder Geisha — versuch doch in Paris zu leben.

Gleichmütig, denn sie war nun siebzehn, und das Leben bot keine Überraschungen mehr, befolgte Emma seinen Vorschlag. Sie fand eine Anstellung bei einer Familie namens Duprés, die in einem großen Haus in St. Germain lebte. Es war ein sehr akademischer Haushalt: Der Vater war Medizinprofessor, die Mutter Lehrerin. Emma versorgte die drei wohlerzogenen Kinder, unterrichtete sie in Englisch und Italienisch und fuhr im August mit ihnen in die bescheidene Villa in La Baule, die der Familie gehörte. Und die ganze Zeit wartete sie geduldig, bis Ben wieder nach England kam. Er blieb achtzehn Monate in Japan, und als er zurückkehrte, nahm er den Weg über die Vereinigten Staaten, wo er einen Monat in New York verbrachte. Marcus Bernstein flog dorthin, um sich mit ihm zu treffen, und es war typisch, daß Emma den Grund für dieses Wiedersehen nicht von Ben selbst erfuhr, auch nicht von Leo, der gewöhnlich ihre Informationsquelle war, sondern aus einem langen, reichlich bebilderten Artikel in der französischen Zeitschrift Réalités, der sich mit einem neuerbauten Museum in Queenstown, Virginia, befaßte. Dieses Museum war zum Gedenken an einen reichen Virginier namens Kenneth Ryan von seiner Witwe eingerichtet worden, und die Kunstabteilung sollte mit einer Retrospektive der Gemälde von Ben Litton, angefangen bei seinen Vorkriegslandschaften bis hin zu seinen neuesten abstrakten Werken, eröffnet werden.

Eine derartige Ausstellung war sowohl eine Ehre als auch eine Huldigung und legte nahe, daß der Maler ein verehrter großer alter Mann der Kunst sei. Als Emma eine Fotografie von Ben betrachtete, voller Kanten und Kontraste, braungebranntes Gesicht, vorspringendes Kinn und schneeweiße Haare, da fragte sie sich, was er bei so viel Verehrung empfinden mochte. Er hatte sich sein Leben lang gegen Konventionen gesperrt, und sie konnte sich nicht vorstellen, daß er sich folgsam darin schickte, ein großer alter Irgendwas zu sein.

»Was für ein Mann!« sagte Madame Duprés, als Emma ihr die Fotografie zeigte. »Er ist sehr attraktiv.«

»Ja«, sagte Emma seufzend. Genau das war immer das Problem gewesen.

Er kehrte im Januar mit Marcus nach London zurück und begab sich schnurstracks nach Porthkerris, um zu malen. Das wurde durch einen Brief von Marcus bestätigt. An dem Tag, als der Brief kam, ging Emma zu Madame Duprés und kündigte. Die Familie versuchte sie zu überreden, zu umschmeicheln, zu bestechen, um sie umzustimmen, aber sie war unerbittlich. Sie hatte ihren Vater seit sechs Jahren kaum gesehen. Es wurde Zeit, daß sie sich neu kennenlernten. Sie wollte zurück nach Porthkerris, um bei ihm zu leben.

Am Ende ließen die Duprés sie ziehen, weil ihnen nichts anderes übrigblieb. Ihr Flug wurde gebucht, und sie fing an zu packen. Einiges von dem, was sich in sechs Jahren angesammelt hatte, warf sie weg, den Rest stopfte sie in diverse ramponierte, weitgereiste Koffer. Doch die reichten leider nicht aus, und Emma sah sich am Ende gezwungen, einen Korb zu kaufen, einen riesigen französischen Marktkorb, der die zahlreichen bizarr geformten Gegenstände aufnehmen konnte, die nirgendwo sonst hineinpassen wollten.

Es war ein grauer, kalter Nachmittag, zwei Tage vor ihrem Heimflug. Madame Duprés war zu Hause, daher erklärte Emma ihr, was sie vorhatte, ließ die Kinder bei ihr und ging allein fort. Überrascht stellte sie fest, daß es regnete, ein leichtes, kaltes Nieseln. Das Kopfsteinpflaster der schmalen Straße glänzte vor Nässe, und die hohen Häuser mit ihren verblaßten Farben standen still und verschlossen vor der Düsternis wie Gesichter, die nichts preisgaben. Auf dem Fluß tutete ein Schleppkahn, und eine einsame Möwe schwebte trübsinnig kreischend hoch oben im Nebel. Die Illusion von Porthkerris war plötzlich wirklicher als die Realität von Paris. Der Entschluß zur Rückkehr, den sie so lange mit sich herumgetragen hatte, verdichtete sich jetzt zu dem Eindruck, sie sei bereits dort.

Diese Straße führte — nein, nicht auf die belebte Rue St. Germain, sondern zum Hafen hin. Jetzt würde die Flut hereinkommen, das Hafenbecken war dann angefüllt mit grauer See und tanzenden Booten, das Wasser schwappte bis jenseits der Nordpier, weiße Schaumköpfe krönten den Atlantik. Und dann die vertrauten Gerüche — Fisch vom Markt und heiße, safrangelbe Brötchen vom Bäcker; die vielen kleinen Sommergeschäfte waren in dieser Jahreszeit geschlossen, die Rolläden heruntergelassen. Und hinten im Atelier würde Ben arbeiten, die Hände mit Wollhandschuhen vor der Kälte geschützt; die grellen Farben seiner leuchtenden Palette hoben sich von den vorbeifegenden grauen Wolken ab, die von dem hohen Nordfenster des Ateliers eingerahmt wurden.

Sie kehrte heim. In zwei Tagen würde sie zu Hause sein. Der Regen näßte ihr Gesicht, und auf einmal hatte sie das Gefühl, nicht warten zu können, und die Vorfreude durchströmte sie wie eine Welle von Energie, so daß sie rennen mußte. Sie rannte den ganzen Weg zu der kleinen Épicerie in der Rue St. Germain, wo es große Einkaufskörbe gab.

Es war ein winziges Lädchen, duftend nach frischem Brot und mit Knoblauch gewürzten Würsten, nach Zwiebeln, die wie weiße Perlen aufgereiht von der Decke herabhingen, und nach Wein in Krügen, den die hiesigen Arbeiter literweise kauften. Die Körbe hingen an der Tür, zusammengebunden und an einem Stück Tau aufgehängt. Emma traute sich nicht, es aufzuknoten und sich einen Korb auszusuchen, aus Angst, der ganze Haufen könnte aufs Pflaster fallen; deshalb ging sie in den Laden, um sich nach Hilfe umzusehen. Drinnen stand nur die dicke Frau mit dem Leberfleck im Gesicht, und sie war mit einem Kunden beschäftigt. Emma wartete. Der Kunde war ein blonder junger Mann, sein Regenmantel hatte feuchte Streifen. Er kaufte eine Baguette und ein Stück Landbutter. Emma musterte ihn und fand ihn zumindest von hinten attraktiv.

»Combien?« fragte er.

Die dicke Frau addierte mit einem Bleistiftstummel und nannte ihm die Summe. Er griff in die Tasche und bezahlte, drehte sich um, lächelte Emma an und steuerte auf die Tür zu.

Und dort blieb er stehen. Die Hand an der Türkante, drehte er sich langsam um, um genauer hinzusehen. Sie sah die bernsteinfarbenen Augen, das langsame, ungläubige Lächeln.

Das Gesicht war dasselbe, das bekannte Jungengesicht auf der unbekannten Männergestalt. Er schien einfach eine Fortsetzung der Illusion von Porthkerris zu sein, ein Produkt ihrer sehnsüchtigen Phantasie. Das war nicht er. Das konnte er nicht…

Sie hörte sich »Christo« sagen, und es war das Natürlichste auf der Welt, den Namen zu nennen, bei dem nur sie allein ihn genannt hatte. Er sagte ruhig: »Ich glaub’s einfach nicht«, und dann ließ er seine Päckchen fallen und streckte die Arme aus. Emma warf sich hinein und drückte sich eng an die glänzende Nässe seines Regenmantels.

Ihnen blieben zwei gemeinsame Tage. Emma sagte zu Madame Duprés : »Mein Bruder ist in Paris«, und Madame, die gutherzig war und sich ohnehin damit abgefunden hatte, auf Emma verzichten zu müssen, gab Emma frei, damit sie die Zeit mit Christopher verbringen konnte. Sie nutzten die zwei Tage für gemächliche Spaziergänge durch die Straßen der Stadt; sie beugten sich über die Brücken, um die Kähne zu beobachten, die unter ihnen dahinglitten, nach Süden und zur Sonne hin; sie saßen im spärlichen Sonnenschein und tranken Kaffee an kleinen runden Eisentischen, und wenn es regnete, suchten sie Schutz in Notre-Dame oder im Louvre, auf der Treppe unterhalb der Nike hockend, der geflügelten Siegesgöttin. Und sie redeten immerzu. Sie hatten so viel zu fragen und so viel zu erzählen. Emma erfuhr, daß Christopher nach einigen beruflichen Fehlschlägen beschlossen hatte, Schauspieler zu werden. Das verursachte einigen Widerstand von seiner Mutter — in achtzehn Monaten mit Ben Litton hatte sie ein lebenslanges Mißtrauen gegen künstlerische Ambitionen entwickelt —, aber er war fest geblieben und hatte es sogar geschafft, ein Stipendium an der Royal Academy of Dramatic Arts zu bekommen. Er hatte zwei Jahre an einem Repertoiretheater in Schottland gespielt, war nach London gezogen und erfolglos geblieben, hatte ein bißchen fürs Fernsehen gearbeitet und war dann durch die Einladung eines Bekannten, dessen Mutter ein Haus in St. Tropez besaß, abgelenkt worden.

»St. Tropez im Winter?« fragte Emma prompt.

»Es hieß jetzt oder nie. Im Sommer hat man es uns nie angeboten.«

»Aber war es denn nicht kalt?«

»Eisig. Es hat ununterbrochen geregnet. Und wenn Wind aufkam, klapperten sämtliche Jalousien. Es war wie in einem Gruselfilm.«

Im Januar war er nach London zurückgekehrt, um seinen Agenten aufzusuchen, und man hatte ihm ein Zwölfmonats-Engagement an einem kleinen Repertoiretheater in Südengland angeboten. Es war nicht die Art Arbeit, die er sich wünschte, aber besser als nichts, denn ihm ging allmählich das Geld aus. Und es war nicht allzu weit von London. Die Arbeit begann jedoch erst Anfang März, deswegen war er nach Frankreich zurückgekehrt, in Paris gelandet und hatte schließlich Emma getroffen. Es begeisterte ihn keineswegs, daß sie so bald nach England heimkehrte, und er setzte alles daran, sie umzustimmen, damit sie ihren Flug verschob und bei ihm in Paris blieb. Doch Emma war unerbittlich.

»Du verstehst das nicht. Ich muß einfach hin.«

»Der alte Knabe hat dich ja nicht mal darum gebeten. Du wirst ihm bloß lästig sein und ihn bei seinen Liebesabenteuern stören.«

»Das hab ich nie gemacht — gestört, meine ich.« Sie lachte über seinen finsteren Gesichtsausdruck. »Außerdem hat es keinen Sinn, daß ich bleibe, wenn du nächsten Monat wieder nach England kommst.«

Er verzog das Gesicht. »Ich hab gar keine Lust. Dieses miese kleine Theater in Brookford. Ich werde mich im Dschungel des Vierzehntage-Repertoires verlieren. Außerdem muß ich erst in zwei Wochen dort sein. Wenn du doch nur in Paris bleiben könntest…«

»Nein, Christo.«

»Paris im Frühling… blauer Himmel, Blüten und das ganze Drum und Dran?«

»Es ist noch nicht Frühling. Es ist noch Winter.«

»Warum mußt du immer so halsstarrig sein?«

Es half nichts, sie war nicht bereit zu bleiben, und am Ende gab er sich geschlagen. »Na gut, wenn ich dich nicht überreden kann, mir Gesellschaft zu leisten, werde ich mich einfach sehr wohlerzogen und britisch benehmen und dich zum Flugzeug bringen.«

»Das wäre großartig.«

»Es ist ein ziemliches Opfer. Ich hasse Abschiede.«

Hierin war Emma mit ihm einer Meinung. Manchmal hatte sie das Gefühl, als hätte sie ihr Leben lang von Menschen Abschied genommen, und das Geräusch eines Zuges, der aus dem Bahnhof fuhr und sein Tempo beschleunigte, genügte, um sie in Tränen ausbrechen zu lassen. »Aber dieser Abschied ist anders.«

»Wieso ist er anders?« wollte er wissen.

»Es ist kein richtiger Abschied. Es ist ein ›Auf Wiedersehen‹. Eine Brücke zwischen zwei Hallos.«

»Meiner Mutter und deinem Vater wird es nicht passen.«

»Es spielt keine Rolle, ob es ihnen paßt oder nicht«, sagte Emma. »Wir haben uns wiedergefunden. Das ist im Moment das einzige, was zählt.«

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Über ihnen knackten die Lautsprecher und begannen mit weiblicher Stimme zu sprechen.

»Meine Damen und Herren, erster Aufruf für Air France Flug Nummer 402 nach London…«

»Das bin ich«, sagte Emma.

Sie drückten ihre Zigaretten aus, standen auf, begannen das Gepäck einzusammeln. Christopher nahm die Leinentasche, die Prisunic-Papiertüte und den großen bauchigen Korb. Emma warf sich den Regenmantel über die Schultern und ergriff ihre Handtasche, die Skistiefel und den Hut.

»Ich wünschte, du würdest den Hut aufsetzen«, sagte Christopher. »Er würde deinem Auftritt den letzten Pfiff geben.«

»Er würde wegfliegen. Außerdem sähe es komisch aus.«

Sie gingen nach unten, überquerten den glänzenden Fußboden bis zur Sperre, wo sich schon eine kleine Passagierschlange bildete. »Emma, fährst du heute noch bis Porthkerris?«

»Ja, ich nehme den ersten Zug, den ich kriegen kann.«

»Hast du überhaupt Geld? Ich meine Pfund, Schillinge und Pence?«

Daran hatte sie nicht gedacht. »Nein. Aber das macht nichts. Ich kann irgendwo einen Scheck einlösen.«

Sie stellten sich hinter einem englischen Geschäftsmann an, der nur seinen Paß und eine schmale Aktenmappe bei sich trug. Christopher beugte sich nach vorn.

»Oh, Sir, ob Sie uns wohl helfen können?«

Der Mann drehte sich um und sah zu seiner Verwunderung Christophers Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Christopher hatte eine beeindruckende Unschuldsmiene aufgesetzt. »Verzeihen Sie, aber wir haben ein kleines Problem. Meine Schwester fliegt nach London zurück, sie war sechs Jahre nicht zu Hause, sie hat so viel Handgepäck, und sie ist gerade erst von einer schweren Operation genesen…«

Emma erinnerte sich, daß Ben gesagt hatte, Christopher würde nie Zuflucht zu einer kleinen Lüge nehmen, wenn er mit einer größeren aufwarten könnte. Als sie ihn ansah, wie er dieses unerhörte Märchen vorbrachte, fand sie, daß er seinen Beruf klug gewählt hatte. Er war ein großartiger Schauspieler.

Der Geschäftsmann konnte denn auch so schnell keine Ausflucht finden.

»Hm, ja, ich denke…«

»Das ist furchtbar nett von Ihnen…« Die Leinentasche und die Tüte mit dem Brot wanderten unter einen Arm, der Korb kam zu der schmalen Aktenmappe in den anderen. Der Mann begann Emma leid zu tun.

»Es ist bloß, bis wir in der Maschine sind… es ist so nett von Ihnen, und sehen Sie, mein Bruder kommt nicht mit…«

Die Schlange rückte vor, sie waren an der Sperre angelangt. »Wiedersehen, liebste Emma«, sagte Christo.

»Wiedersehen, Christo.« Sie gaben sich einen Kuß. Eine Hand entriß ihr den Paß, blätterte ihn durch, stempelte ihn. — »Auf Wiedersehen.«

Sie wurden getrennt durch die Sperre, durch die Formalitäten der französischen Behörde, durch andere Reisende, die vorwärts drängten.

»Auf Wiedersehen.«

Es hätte sie gefreut, wenn er gewartet hätte, bis sie heil im Flugzeug war, doch schon als sie den Sonnenhut in seine Richtung schwenken wollte, hatte er sich umgedreht und ging davon; das Licht schimmerte auf seinem Haar, und er hatte die Hände tief in den Taschen seiner Lederjacke vergraben.

2

London im Februar — es regnete. Es hatte um sieben Uhr morgens begonnen, und seitdem hatte es ohne Unterlaß geregnet. Bis halb zwölf hatten nur eine Handvoll Leute die Ausstellung besucht, und diese Enthusiasten waren, wie jemand mutmaßte, nur gekommen, um dem Regen zu entgehen. Sie schüttelten nasse Regenmäntel und triefende Regenschirme, sie standen herum und klagten über das Wetter, bevor sie sich bequemten, einen Katalog zu kaufen.

Um halb zwölf kam der Mann herein, der ein Bild kaufen wollte. Er war Amerikaner, im Hilton abgestiegen, und fragte nach Mr. Bernstein. Peggy, die Empfangsdame, nahm die Karte, die er ihr reichte, erkundigte sich höflich, ob es ihm etwas ausmache, einen Moment zu warten, und kam dann nach hinten ins Büro, um mit Robert zu sprechen.

»Mr. Morrow, da draußen ist ein Amerikaner namens…« Sie warf einen Blick auf die Karte. »Lowell Cheeke. Er war vor einer Woche schon mal hier, und Mr. Bernstein hat ihm den Ben Litton mit den Hirschen gezeigt. Es sah ganz so aus, als würde er das Bild kaufen, aber dann konnte er sich wohl doch nicht entschließen. Er wollte es sich überlegen, sagte er.«

»Haben Sie ihm gesagt, daß Mr. Bernstein in Edinburgh ist?«

»Ja, aber er kann nicht warten. Er kehrt übermorgen in die Staaten zurück.«

»Dann spreche ich wohl am besten mit ihm«, sagte Robert.

Er stand auf, und während Peggy die Tür aufhielt, um den Amerikaner hereinzubitten, erledigte er rasch den fälligen Frühjahrsputz auf seinem Schreibtisch, ordnete ein paar Briefe, leerte den Aschenbecher in den Papierkorb und schob den Korb mit der Schuhspitze unter den Schreibtisch.

»Mr. Cheeke.« Peggy meldete den Besucher wie ein gut geschultes Dienstmädchen.

Robert kam um den Schreibtisch herum, um ihm die Hand zu reichen.

»Guten Morgen, Mr. Cheeke. Ich bin Robert Morrow, Mr. Bernsteins Partner. Ich bedaure, er ist leider heute in Edinburgh, aber vielleicht kann ich Ihnen dienen…?«

Lowell Cheeke war ein kleiner, sehr selbstbewußter Mann, der einen Regenmantel und einen schmalkrempigen Hut trug. Beides war klatschnaß, was darauf hindeutete, daß Mr. Cheeke nicht mit dem Taxi gekommen war. Mit Roberts Hilfe entledigte er sich der durchweichten Kleidungsstücke, und zum Vorschein kamen ein marineblauer Anzug aus garantiert knitterfreiem Material, und ein nadelgestreiftes Nylonhemd. Er trug eine randlose Brille, die Augen dahinter waren kalt und grau. Es war schwer einzuschätzen, was er zu bieten hatte — sowohl in finanzieller wie in künstlerischer Hinsicht.

»Vielen Dank«, sagte Mr. Cheeke. »Ein gräßlicher Morgen…«

»Sieht auch nicht danach aus, daß es aufhört… Zigarette, Mr. Cheeke?«

»Nein danke, ich rauche nicht mehr.« Er hustete verlegen. »Meine Frau hat es mir abgewöhnt.«

Sie schmunzelten über die weibliche Empfindsamkeit. Mr. Cheekes Augen schmunzelten nicht mit. Er griff sich einen Stuhl und setzte sich zurecht, indem er einen polierten schwarzen Schuh über das andere Knie legte. Es sah ganz so aus, als fühle er sich bereits zu Hause. — »Ich war vor einer Woche schon mal hier, Mr. Morrow, und Mr. Bernstein hat mir ein Bild von Ben Litton gezeigt — Ihre Empfangsdame hat Sie vermutlich informiert.«

»Ja. Das Hirschgemälde.«

»Ich möchte es mir gern noch einmal ansehen, wenn ich darf. Ich kehre übermorgen in die Staaten zurück und muß mich entscheiden.«

»Aber selbstverständlich …!«

Das Bild, das auf Mr. Cheekes Entscheidung wartete, lehnte immer noch an der Wand des Büros. Robert zog die Staffelei in die Mitte des Raumes, drehte sie zum Licht und hob den Ben Litton vorsichtig hinauf. Es war ein großes Bild, ein Ölgemälde, drei Hirsche in einem Wald. Licht sickerte durch die kaum angedeuteten Zweige, und der Künstler hatte viel Weiß verwendet, was dem Bild etwas Ätherisches verlieh. Doch das Interessanteste war, daß es nicht auf Leinwand, sondern auf Jute gemalt war. Die rauhe Struktur des Stoffes hatte den Pinselstrich des Malers verwischt wie die Konturen einer bei hoher Geschwindigkeit aufgenommenen Fotografie.

Der Amerikaner brachte seinen Stuhl mit einer Drehung in die richtige Position und richtete das kalte Funkeln seiner Brille auf das Gemälde. Robert zog sich diskret in den Hintergrund des Raumes zurück, um Mr. Cheekes Urteil in keiner Weise zu beeinträchtigen; ihm selbst war der Blick auf das Bild von dem runden Bürstenschnittkopf seines potentiellen Kunden verdeckt. Er persönlich mochte das Bild, obwohl er eigentlich kein Fan von Ben Litton war. Er fand seine Arbeiten gekünstelt und nicht immer leicht zu verstehen — möglicherweise eine Spiegelung der Persönlichkeit des Künstlers —, doch diese rasch hingeworfene Waldimpression konnte man immer wieder betrachten, ohne sie jemals leid zu werden.

Mr. Cheeke erhob sich von seinem Stuhl, trat vor das Gemälde, betrachtete es eingehend, trat wieder zurück und lehnte sich schließlich an Roberts Schreibtisch.

»Was, glauben Sie, Mr. Morrow«, fragte er, ohne sich umzudrehen, »hat Litton veranlaßt, es auf Sackleinen zu malen?«

Bei dem Wort Sackleinen hätte Robert beinahe gelacht. Am liebsten hätte er etwas Respektloses gesagt — vermutlich hatte er gerade einen alten Sack herumliegen —, aber Mr. Cheeke sah nicht so aus, als würde er Despektierlichkeiten dulden. Mr. Cheeke war hier, um Geld auszugeben — und das war stets ein ernsthaftes Geschäft. Robert wurde jetzt klar, daß er den Litton als Kapitalanlage kaufte, in der Hoffnung, es würde sich für ihn auszahlen.

Also sagte Robert: »Ich habe leider keine Ahnung, Mr. Cheeke, aber es verleiht der Arbeit einen höchst ungewöhnlichen Charakter.«

Mr. Cheeke wandte den Kopf und schenkte Robert ein kühles Lächeln.

»Sie sind über solche Aspekte nicht so gut informiert wie Mr. Bernstein.«

»Nein«, sagte Robert, »leider.«

Mr. Cheeke versenkte sich noch einmal in die Betrachtung des Bildes. Stille breitete sich aus. Roberts Aufmerksamkeit begann abzuschweifen. Hintergrundgeräusche waren plötzlich deutlich zu hören: das Ticken seiner Armbanduhr. Stimmengemurmel jenseits der Tür. Donnerndes Grollen wie eine ferne Brandung: der Verkehr auf dem Piccadilly.

Der Amerikaner seufzte tief. Er kramte in seinen Taschen, einer nach der anderen, und suchte etwas. Ein Taschentuch vielleicht. Kleingeld für die Taxifahrt zurück zum Hilton. Robert hatte ihn nicht überzeugt, daß es sich lohnte, den Litton zu kaufen. Er würde eine Entschuldigung vorbringen und gehen.

Mr. Cheeke suchte jedoch nur nach seinem Stift. Als er sich umdrehte, sah Robert, daß er sein Scheckheft schon in der anderen Hand hielt.

Als das Geschäft schließlich abgeschlossen war, entspannte sich Mr. Cheeke. Er wurde richtig menschlich und setzte sogar seine Brille ab, die er in einem geprägten Lederetui verstaute. Er nahm das Angebot eines Drinks an, und so saßen sie bei einem Sherry eine Weile zusammen und sprachen über Marcus Bernstein und Ben Litton und über die zwei oder drei Gemälde, die Mr. Cheeke bei seinem letzten Besuch in London erstanden hatte. Zusammen mit seiner neuesten Erwerbung sollten sie den Grundstein einer kleinen Privatsammlung bilden. Robert erzählte ihm von der Ben Litton Retrospektive, die im April in Queenstown, Virginia, gezeigt werden sollte, und Mr. Cheeke notierte es in seinem Kalender; dann standen beide auf, Robert half Mr. Cheeke in den Regenmantel, reichte ihm den Hut, und sie verabschiedeten sich.

»Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Mr. Morrow, und das Geschäft mit Ihnen zu machen.«

»Ich hoffe, wir werden Sie wiedersehen, wenn Sie das nächste Mal nach London kommen.«

»Ich werde Sie ganz bestimmt aufsuchen…«

Robert hielt die Tür auf, und sie traten in die Galerie hinaus. Bernstein zeigte in diesen vierzehn Tagen eine Sammlung von Vogel- und Tiergemälden eines obskuren Südamerikaners mit einem unaussprechlichen Namen, ein Mann von bescheidener Herkunft, der sich unglaublicherweise irgendwie, irgendwann selbst das Malen beigebracht hatte. Marcus hatte ihn letztes Jahr in New York kennengelernt, war von seinen Arbeiten augenblicklich beeindruckt gewesen und hatte ihn stehenden Fußes eingeladen, in London auszustellen. Jetzt hingen seine prachtvollen Bilder an den strohgrünen Wänden der Galerie Bernstein, und an diesem düsteren Morgen schienen sie den Raum mit dem Grün und dem Sonnenschein eines gesünderen Klimas zu erfüllen. Die Kritiker liebten ihn. Seit der Ausstellungseröffnung vor zehn Tagen war die Galerie nicht ein einziges Mal leer gewesen, und am ersten Tag waren sämtliche Bilder verkauft.

In diesem Augenblick jedoch befanden sich nur drei Personen in der Galerie. Eine davon war Peggy, adrett und unaufdringlich hinter ihrem nierenförmigen Schreibtisch, mit den Druckfahnen eines neuen Kataloges beschäftigt. Dann war da ein Mann mit einem schwarzen Hut, geduckt wie eine Krähe, der gemächlich eine Besichtigungsrunde drehte. Die dritte Person war eine junge Frau, die auf dem mit Knöpfen verzierten Rundsofa mitten im Raum saß. Sie trug ein knallgrünes Kostüm und war von Gepäck umringt; anscheinend hatte sie die Galerie Bernstein in der irrigen Annahme betreten, daß es sich um den Wartesaal eines Bahnhofs handelte.

Robert gelang es mit beachtlicher Selbstbeherrschung, so zu tun, als wäre sie nicht da. Er ging mit Mr. Cheeke über den dicken Teppich zum Haupteingang; Robert hielt den Kopf gesenkt, um die letzten Worte von Mr. Cheekes Geplauder mitzubekommen. Die Glastür öffnete sich und fiel hinter ihnen zu, dann wurden sie von der Düsternis des trostlosen Vormittages verschluckt.

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Emma Litton fragte: »War das Mr. Morrow?«

Peggy sah auf. »Ganz recht.«

Emma war es nicht gewöhnt, ignoriert zu werden. Morrows flüchtiger Blick hatte ihr Unbehagen bereitet. Sie wünschte, Marcus wäre nicht in Edinburgh. Sie schlug die Beine übereinander und stellte dann wieder beide Füße auf den Boden. Draußen hörte man das Geräusch eines abfahrenden Taxis. Gleich darauf öffnete die Glastür sich erneut, und Robert Morrow kam in die Galerie zurück. Er sagte kein Wort, steckte nur die Hände in die Taschen und betrachtete gelassen Emma und das Chaos, das sie umringte.

Nie in ihrem Leben hatte sie einen Mann gesehen, der weniger nach einem Kunsthändler aussah. Er war der Typ, der erschöpft und unrasiert nach einer Einhand-Weltumsegelung von seinem kleinen Boot geholt wird oder der mit dunkler Schutzbrille vom Gipfel eines bis dahin unbezwungenen Berges blickt. Aber hier, in die edle, schöngeistige Atmosphäre der Galerie Bernstein, paßte er überhaupt nicht hinein. Er war sehr groß, breitschultrig, langbeinig; all dies wurde durch seinen tadellos geschneiderten dunkelgrauen Anzug noch betont — und stand gleichzeitig im Widerspruch dazu. Seine Haare mochten einmal rot gewesen sein, aber die Jahre hatten sie zu einem sanften Goldbraun gemildert; im Kontrast dazu wirkten seine grauen Augen blaß wie Stahl. Er hatte hohe Backenknochen und ein kräftiges, eigensinniges Kinn. Emma fand diese merkwürdige Kombination von Gesichtszügen durchaus attraktiv, doch dann fiel ihr ein, daß Ben immer behauptete, der Charakter eines Menschen zeige sich nicht in seinen Augen, wo Emotionen flüchtig aufflackern und jederzeit verdeckt werden könnten, sondern in der Form seines Mundes. Und der Mund dieses Mannes war breit, mit einer geschwungenen Unterlippe, und sah jetzt aus, als gebe er sich alle Mühe, nicht zu lachen.

Die Stille wurde ungemütlich. Emma versuchte ein Lächeln. »Hallo«, sagte sie.

Robert wandte sich hilfesuchend an Peggy. Peggy grinste. »Die junge Dame möchte zu Mr. Bernstein.«

»Bedaure«, sagte Robert, »er ist in Edinburgh.«

»Ja, ich weiß, das hat man mir gesagt. Es geht bloß darum, also ich wollte, daß er mir einen Scheck einlöst.« Er wirkte noch verblüffter als vorher. Emma fand, es sei Zeit für eine Erklärung. »Ich bin Emma Litton. Ben Litton ist mein Vater.«

Seine Verblüffung schwand. »Aber warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Verzeihen Sie, ich hatte keine Ahnung.« Er kam näher. »Guten Tag…«

Emma stand auf. Der Strohhut, der auf ihrem Knie lag, flog auf den Teppich, und da blieb er liegen und vergrößerte das Tohuwabohu, das sie bereits in dem elegant ausgestatteten Raum angerichtet hatte.

Sie reichte ihm die Hand. »Ich… woher sollten Sie wissen, wer ich bin. Und es tut mir schrecklich leid wegen der ganzen Sachen, aber wissen Sie, ich war sechs Jahre nicht zu Hause, da kommt eben einiges zusammen.«

»Ja, das sehe ich.«

Emma war verlegen. »Wenn Sie mir bloß eben einen Scheck einlösen können, räume ich Ihnen alles wieder aus dem Weg. Ich brauche nur genug, um bis Porthkerris zu kommen. Ich hab vergessen, mir in Paris englisches Geld zu besorgen, und meine Reiseschecks sind alle.«

Er runzelte die Stirn. »Wie sind Sie bis hierher gekommen? Vom Flughafen, meine ich?«

»Oh.« Sie hatte es schon vergessen. »Ach, da war so ein netter Herr im Flugzeug, der mir geholfen hat, meine Sachen in die Maschine zu tragen. Beim Aussteigen in London half er mir wieder tragen, und dann hat er mir ein Pfund geliehen. Ich muß es ihm zurückschicken. Ich hab seine Adresse hier… irgendwo.« Sie kramte hektisch in diversen Taschen, konnte aber die Karte des Mannes nicht finden. »Egal, irgendwo hab ich sie.« Sie lächelte entwaffnend.

»Und wann wollen Sie nach Porthkerris?«

»Ich glaube, um halb eins geht ein Zug.«

Er sah auf seine Armbanduhr. »Den kriegen Sie nicht mehr. Wann geht der nächste?«

Emma machte ein verdutztes Gesicht. Peggy schaltete sich auf ihre höfliche, praktische Art in das Gespräch ein. »Ich glaube, es gibt einen um halb drei, Mr. Morrow, aber ich kann mich erkundigen.«

»Ja, tun Sie das, Peggy. Wäre Ihnen der um halb drei recht?«

»Ja, natürlich. Es ist egal, um welche Zeit ich ankomme.« — »Erwartet Ihr Vater Sie?«

»Ich hab ihm geschrieben, daß ich komme. Aber das heißt nicht, daß er mich erwartet«

Robert lächelte. »Ja. Hm …« Er sah wieder auf seine Uhr. Es war Viertel nach zwölf. Peggy erkundigte sich bereits am Telefon nach den Abfahrtzeiten der Züge. Seine Augen kehrten zu dem Sammelsurium von Gepäckstücken zurück. Um wenigstens etwas zu tun, bückte Emma sich und hob ihren Sonnenhut auf.

»Hm«, sagte er. »Ich glaube, wir räumen am besten einfach alles aus dem Weg… wir stapeln es im Büro, und dann… Haben Sie schon gegessen?«

»Ich hab in Le Bourget einen Kaffee getrunken.«

»Wenn Sie den Zug um halb drei nehmen, bleibt mir Zeit, Ihnen ein Mittagessen zu spendieren, bevor Sie gehen.«

»Oh, Sie müssen sich keine Umstände machen.«

»Es macht keine Umstände. Essen muß ich sowieso, da können Sie genausogut mitkommen. Gehen wir.«

Er nahm zwei Koffer und ging voran ins Büro. Emma sammelte auf, soviel sie tragen konnte, und folgte ihm. Das Hirschgemälde lehnte noch auf der Staffelei, sie bemerkte es sofort. »Das ist von Ben.«

»Ja, ich habe es gerade verkauft…«

»An den kleinen Mann im Regenmantel? Es ist gut, nicht?« Sie trat näher heran, während Robert den Rest ihres Gepäcks schleppte. »Warum hat er es auf Sackleinen gemalt?«

»Das müssen Sie ihn selbst fragen, wenn Sie ihn heute abend sehen.«

Sie drehte sich um und grinste ihn über die Schulter an. »Meinen Sie, das ist der Einfluß der japanischen Schule?«

Robert seufzte. »Ich wünschte, das wäre mir für Mr. Cheeke eingefallen. So, wollen wir jetzt essen gehen?«

Er nahm einen riesigen schwarzen Regenschirm aus einem Ständer und trat beiseite, um Emma an der Tür den Vortritt zu lassen. Peggy blieb zurück, um die Stellung zu halten. Emma und Robert traten in den Regen hinaus und bahnten sich zusammen unter dem schwarzen Schirm ihren Weg durch das Mittagsgedränge auf der Kent Street, London, W.I.

Er ging mit ihr zu Marcello, wo er meistens aß, wenn nicht von ihm erwartet wurde, einen wichtigen, wohlhabenden Kunden zu bewirten. Marcello war ein Italiener, der ein kleines, im ersten Stock gelegenes Restaurant betrieb, zwei Straßen von der Galerie Bernstein entfernt, und ein Tisch war stets für Marcus oder Robert reserviert oder, an den seltenen Tagen, an denen sie gemeinsam zu Mittag essen konnten, für alle beide. Es war ein bescheidener Tisch in einer stillen Ecke, aber als Robert heute mit Emma die Treppe heraufkam, warf Marcello einen Blick auf sie, sah ihre lange schwarze Haarquaste und das grüne Kostüm und äußerte die Vermutung, daß sie vielleicht lieber am Fenster sitzen würden.

Robert lächelte amüsiert. »Möchten Sie gerne am Fenster sitzen?« fragte er Emma.

»Wo sitzen Sie sonst immer?« Er zeigte auf den kleinen Ecktisch. »Warum setzen wir uns nicht einfach da hin?«

Marcello war hingerissen von Emma. Er ging voran zu dem kleineren Tisch, rückte ihr den Stuhl zurecht, gab jedem eine riesige Speisekarte, die mit Tinte in einem undefinierbaren Lila geschrieben war, und ging zwei Gläser Tio Pepe holen, während sie aussuchten, was sie essen wollten.

Robert sagte: »Meine Aktien bei Marcello dürften gestiegen sein. Ich glaube, ich habe noch nie mit einem Mädchen hier gegessen.«

»Mit wem kommen Sie sonst immer her?«

»Allein. Oder mit Marcus.«

»Wie geht’s Marcus?« Ihre Stimme war herzlich.

»Gut geht’s ihm. Er wird es bestimmt bedauern, Sie verpaßt zu haben.«

»Es ist meine Schuld. Ich hätte ihm schreiben sollen, daß ich komme. Aber wie Sie vermutlich schon gemerkt haben, verstehen wir Littons uns nicht besonders gut darauf, irgendwen rechtzeitig über irgendwas zu informieren.«

»Aber Sie wußten, daß Ben wieder in Porthkerris ist.«

»Ja. Marcus hat es mir geschrieben. Und ich weiß alles über die Ausstellung, weil ich in Réalités einen Artikel darüber gelesen habe.« Sie lächelte gequält. »Die Tochter eines berühmten Vaters zu sein hat durchaus einige Vorteile. Auch wenn er nie was anderes schickt als Telegramme, kann man meistens in der einen oder anderen Zeitung lesen, was er so treibt.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Oh«, sagte sie achselzuckend. »Vor zwei Jahren. Ich war in Florenz, und er hat dort auf dem Weg nach Japan kurz Station gemacht.«

»Ich wußte gar nicht, daß man über Florenz kommt, wenn man nach Japan will.«

»O ja, wenn man zufällig eine Tochter hat, die dort lebt.« Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hand. »Ich nehme an, Sie wußten nicht mal, daß Ben eine Tochter hat.«

»Doch, natürlich wußte ich das.«

»Aber ich wußte nichts von Ihnen. Ich meine, ich wußte nicht, daß Marcus einen Partner hat. Er war noch allein, als Ben nach Texas ging und ich in die Schweiz verfrachtet wurde.«

»Ungefähr um die Zeit bin ich bei Bernstein eingestiegen.«

»Ich… ich bin noch nie jemandem begegnet, der weniger nach einem Kunsthändler aussieht. Als Sie, meine ich.«

»Vielleicht, weil ich kein Kunsthändler bin.«

»Aber… Sie haben doch eben diesem Mann Bens Bild verkauft.«

»Nein«, korrigierte er sie. »Ich habe bloß den Scheck entgegengenommen. Marcus hatte es ihm schon vor einer Woche verkauft, aber das hat nicht mal Mr. Cheeke gemerkt.«

»Aber Sie müssen doch was von Malerei verstehen.«

»Ja, sicher. Man kann nicht all die Jahre mit Marcus arbeiten, ohne daß etwas von seinem profunden Wissen abfärbt. Aber eigentlich bin ich Geschäftsmann, und deswegen hat Marcus mich aufgefordert, mich mit ihm zusammenzutun.«

»Aber Marcus ist der erfolgreichste Geschäftsmann, den ich kenne.«

»Genau. So erfolgreich, daß der ganze Galeriebetrieb ihm zu groß wurde, um allein damit fertig zu werden.«

Emma betrachtete ihn mit einer leichten Falte zwischen ihren markanten Brauen.

»Noch weitere Fragen?«

Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Waren Sie schon immer ein guter Freund von Marcus?«

»In Wirklichkeit wollen Sie fragen, warum hat er mich in die Firma aufgenommen? Und die Antwort ist, Marcus ist nicht nur mein Partner, sondern auch mein Schwager. Er ist mit meiner älteren Schwester verheiratet.«

»Helen Bernstein ist Ihre Schwester?«

»Sie kennen Helen?«

»Aber natürlich. Und den kleinen David. Wie geht es ihnen? Grüßen Sie sie von mir, ja? Ich bin früher immer bei ihnen gewesen, wenn Ben nach London kam und er mich in Porthkerris bei niemandem unterbringen konnte. Und als ich in die Schweiz ging, haben Marcus und Helen mich ins Flugzeug gesetzt, weil Ben schon nach Texas abgereist war. Werden Sie Helen erzählen, daß ich zu Hause bin und daß Sie mich zum Mittagessen eingeladen haben?«

»Ja, natürlich.«

»Haben sie noch die kleine Wohnung in der Brompton Road?«

»Nein. Als mein Vater starb, sind sie zu mir gezogen. Wir wohnen alle in dem alten Haus unserer Familie in Kensington.«

»Sie wohnen alle zusammen?«

»Zusammen und getrennt. Marcus, Helen und David bewohnen die ersten zwei Etagen, die alte Haushälterin meines Vaters wohnt im Souterrain, und ich hause im Dachgeschoß.« — »Sie sind nicht verheiratet?«

Er wirkte einen Moment verblüfft. »Hm, nein, bin ich nicht.«

»Ich war überzeugt, daß Sie verheiratet sind. Sie sehen ausgesprochen verheiratet aus.«

»Ich weiß nicht recht, wie ich das verstehen soll.«

»Oh, es war überhaupt nicht abfällig gemeint. Es ist vielmehr ein Kompliment. Ich wünschte nur, Ben sähe auch so aus. Es würde das Leben für alle Beteiligten leichter machen. Besonders für mich.«

»Wollen Sie nicht zurück, um bei ihm zu leben?«

»Doch, natürlich, mehr als alles andere. Aber ich will nicht, daß es schiefgeht. Ich bin nie gut mit Ben zu Rande gekommen, und ich nehme nicht an, daß es jetzt besser wird.«

»Warum gehen Sie dann hin?«

»Tja…« Unter Robert Morrows kühlgrauem Blick war es wirklich schwer zu erklären. Sie nahm eine Gabel und malte Muster auf das weiße Damasttischtuch. »Ich weiß nicht. Man hat nur eine Familie. Wenn Menschen zusammengehören, sollten sie zumindest imstande sein, zusammen zu leben. Ich möchte etwas zum Erinnern haben. Wenn ich alt bin, möchte ich mich erinnern können, daß mein Vater und ich, und sei es nur für ein paar Wochen an einem Stück, so etwas wie Familienleben zustande gebracht haben. Hört sich das verrückt an?«

»Nein, verrückt hört es sich nicht an, aber es klingt, als könnten Sie eine Enttäuschung erleben.«

»Ich habe als kleines Mädchen jede Art von Enttäuschung kennengelernt. Das ist ein Luxus, auf den ich gut verzichten kann. Im übrigen habe ich vor, nur so lange zu bleiben, bis es schmerzlich spürbar wird, daß wir unsere gegenseitige Gesellschaft keine weitere Stunde mehr ertragen können.«

»Oder«, sagte Robert sanft, »bis er die Gesellschaft eines anderen Menschen vorzieht.«

Emma fuhr hoch, ihre Augen zeigten plötzlich ein zorniges blaues Glitzern. Sie war in diesem Augenblick ganz ihr Vater in seiner skrupellosesten Stimmung, wenn keine Antwort zu gemein oder zu bissig war. Doch ihr Zorn zog keinen Ausbruch nach sich, und nach einer kühlen Pause senkte sie den Blick wieder, fuhr fort, Muster auf das Tischtuch zu malen und sagte nur: »Na schön. Bis dahin.«

Die leichte Spannung wurde von Marcellos Rückkehr gelöst, der den Sherry brachte und ihre Bestellung entgegennahm. Emma wählte ein Dutzend Austern und gebratenes Hähnchen; Robert entschied sich konservativer und nahm eine Consommé und ein Steak. Dann nahm er die Unterbrechung zum Anlaß, taktvoll das Thema zu wechseln.

»Erzählen Sie mir von Paris. Wie war es dort?«

»Naß. Naß, kalt und sonnig, alles auf einmal. Sagt Ihnen das was?«

»Alles.«

»Sie kennen Paris?«

»Ich muß manchmal geschäftlich hin. Ich war letzten Monat dort.«

»Geschäftlich?«

»Nein, auf dem Rückweg von Österreich. Ich war drei Wochen Skilaufen, es war herrlich.«

»Wo waren Sie?«

»In Obergurgl.«

»Deswegen sind Sie so braun. Das ist auch ein Grund, weswegen Sie nicht wie ein Kunsthändler aussehen.«

»Wenn meine Bräune verblaßt, sehe ich vielleicht kompetenter aus und kann höhere Preise verlangen. Wie lange waren Sie in Paris?«

»Zwei Jahre. Es wird mir fehlen. Es ist so schön, und jetzt doppelt, nachdem sämtliche Gebäude gereinigt wurden. Und irgendwie herrscht um diese Jahreszeit so eine besondere Stimmung in Paris. Der Winter ist bald vorbei, die Sonne ist nur noch ein, zwei Tage weg, und dann ist wieder Frühling…«

Die ersten Knospen an den Zweigen, die Schreie der Möwen, die über das wellige braune Wasser der Seine flitzen. Kähne, die aufgereiht wie Halsketten unter den Brücken hindurchgleiten, und der Geruch der Metro und das Aroma von Knoblauch und Gauloises. Und mit Christopher zusammensein.

Ganz plötzlich wurde es ihr wichtig, von ihm zu sprechen, seinen Namen zu sagen, sich seiner Existenz zu vergewissern. Sie sagte beiläufig: »Sie haben Hester nie kennengelernt, oder? Meine Stiefmutter? Zumindest war sie achtzehn Monate lang meine Stiefmutter.«

»Ich habe von ihr gehört.«

»Und von Christopher? Ihrem Sohn? Wissen Sie etwas von Christopher? Wir sind uns nämlich ganz zufällig in Paris wiederbegegnet, Christopher und ich. Erst vor zwei Tagen. Und er hat mich heute morgen nach Le Bourget begleitet.«

»Sie meinen… Sie sind sich einfach so über den Weg gelaufen?«

»Ja, wirklich … in einem Lebensmittelgeschäft. Das konnte nur in Paris passieren.«

»Was hat er dort gemacht?«

»Ach, sich die Zeit vertrieben. Er war in St. Tropez, aber im März kommt er wieder nach England, um an irgendeinem Repertoire-Theater zu spielen.«

»Er ist Schauspieler?«

»Ja. Hab ich Ihnen das nicht gesagt? Bloß… ich werde Ben nichts erzählen. Ben konnte Christopher nie leiden, und ich glaube nicht, daß Christopher viel für ihn übrig hatte. Ehrlich gesagt, ich vermute, sie waren ein bißchen eifersüchtig aufeinander. Aber da spielten auch noch andere Dinge eine Rolle, und Ben und Hester haben sich nicht gerade im besten Einvernehmen getrennt. Ich möchte nicht gleich am Anfang Krach mit Ben kriegen wegen Christopher, deshalb werde ich gar nichts sagen. Jedenfalls vorerst nicht.«

»Ich verstehe.«

Emma seufzte. »Sie machen ein sehr strenges Gesicht. Sie denken bestimmt, ich bin hinterhältig.«

»Ich denke nichts dergleichen. Und wenn Sie mit Ihren Mustern auf der Tischdecke fertig sind — Ihre Austern sind da.«

Als ihr Mittagessen beendet und ihr Kaffee getrunken war und Robert die Rechnung bezahlt hatte, war es halb zwei. Sie verabschiedeten sich von Marcello, kehrten zur Galerie zurück und baten den Portier, Emma ein Taxi zu besorgen.

»Ich würde ja mit Ihnen kommen und Sie in den Zug setzen, aber Peggy muß jetzt Mittag essen gehen.«

»Ich schaff’ das schon.«

Er ging mit ihr ins Büro und schloß den Tresor auf.

»Genügen Ihnen zwanzig Pfund?«

Sie hatte längst vergessen, weswegen sie ursprünglich in die Galerie gekommen war. »Was? O ja, natürlich…« Sie tastete nach ihrem Scheckheft, aber Robert hielt sie zurück.

»Lassen Sie nur. Ihr Vater hat ein kleines Konto bei uns. Ihm geht jedesmal das Kleingeld aus, wenn er in London ist. Wir verbuchen Ihre zwanzig Pfund darauf.«

»Wenn Sie sicher sind, daß das…«

»Sicher bin ich sicher. Und Emma, noch etwas. Der Mann, der Ihnen das Pfund geliehen hat. Sie haben irgendwo seine Adresse. Wenn Sie sie jetzt finden und mir geben, sorge ich dafür, daß er das Geld zurückbekommt.«

Emma lächelte. Während sie nach der Karte suchte und sie schließlich fand, verknüllt mit einem französischen Busfahrschein und einem Streichholzbriefchen, fing sie an zu lachen, und als Robert sie fragte, was so komisch sei, sagte sie nur: »Wie gut Sie meinen Vater kennen!«

3

Um die Teezeit hörte es auf zu regnen. Die Wolken verzogen sich, die Luft war angenehm frisch. Ein Sonnenstrahl verirrte sich sogar in die Galerie, und als Robert um halb sechs sein Büro abschloß und hinausging, um sich in den Feierabendstrom der heimwärts strebenden Menschheit einzureihen, stellte er fest, daß ein leichter Wind auch die letzten Wolken fortgeweht hatte, so daß die Stadt unter einem blassen, klarblauen Himmel glitzerte.

Ihm graute davor, in die unterirdische Stickigkeit der U-Bahn abzutauchen, deshalb ging er zu Fuß bis Knightsbridge, stieg dort in einen Bus und fuhr den restlichen Weg nach Hause.

Sein Haus in Milton Gardens war durch ein Gewirr von engen Straßen und Plätzen von der belebten Verkehrsader Kensington High Street abgetrennt. Es war eine hübsche Gegend, kleine frühviktorianische, cremefarben gestrichene Häuser mit hellen Eingangstüren und kleinen Gärten, wo im Sommer Flieder und Magnolien blühten. Die Straßen hatten breite Bürgersteige, auf denen Kindermädchen Kinderwagen schoben, kleine, adrett gekleidete Kinder in ihre teuren Schulen gingen und die Hunde der Nachbarschaft emsig ausgeführt wurden. Im Gegensatz dazu wirkte Milton Gardens ein wenig heruntergekommen. Es war eine Häuserzeile mit großen, schäbigen Bauten, und Nummer 23, das Haus von Robert — es war das mittlere und daher mit dem Hauptgiebel der Zeile gekrönt —, sah fast immer am schäbigsten aus. Die schwarze Eingangstür mit einem Messingbriefkasten, den Helen immer zu polieren vergaß, war eingerahmt von zwei vertrockneten Lorbeerbäumen in Kübeln. Die Autos der Bewohner parkten am Straßenrand — ein großes, dunkelgrünes Alvis-Coupe, das Robert, und ein verstaubter roter Mini, der Helen gehörte. Marcus besaß kein Auto, weil er nie Zeit gefunden hatte, den Führerschein zu machen. — Robert ging die Treppe hinauf, tastete in seiner Tasche nach dem Schlüssel, schloß auf und ging hinein. Die Diele war groß und geräumig. Eine erstaunlich breite, flache Treppe wand sich zur ersten Etage hinauf. Hinter dem Treppenhaus mündete die Diele in einen schmalen Flur, der zu einer verglasten Tür und in den Garten führte. Der Blick auf grünes Gras und sonnenbeschienene Kastanien hatte etwas von einer ländlichen Idylle und gehörte zu den liebenswertesten Seiten des Hauses.

Die Haustür fiel hinter ihm zu. Aus der Küche rief seine Schwester Helen seinen Namen.

»Robert?«

»Hallo!«

Er warf seinen Hut auf den Dielentisch und trat durch die Tür rechts von der Diele. Früher war dieser zur Straße gelegene Raum das Speisezimmer der Familie gewesen, doch nachdem Roberts Vater gestorben war und Marcus, Helen und David eingezogen waren, hatte Helen ihn in eine Eßküche verwandelt mit einem gescheuerten Landhaustisch, einer Anrichte aus Kiefernholz, vollgestellt mit gemustertem Porzellan, und einer barähnlichen Theke, hinter der sie arbeiten konnte. Eine Menge Topfpflanzen standen herum, wuchernde Geranien und Kräuter sowie Schalen mit Knollen. Zwiebelbunde und Einkaufskörbe hingen an Haken, daneben gab es Kochbücher, Behälter mit Holzlöffeln sowie fröhliche bunte Teppiche und Kissen.

Helen stand in einer blauweißen Metzgerschürze hinter ihrer Theke und putzte Champignons. Die Luft war von Wohlgerüchen erfüllt, es duftete nach Gebratenem und Zitronen, nach zerlassener Butter und einer winzigen Spur Knoblauch. Helen war eine vorzügliche Köchin.

»Marcus hat aus Edinburgh angerufen«, sagte sie. »Er kommt heute abend nach Hause. Wußtest du das?«

»Um wieviel Uhr?«

»Um Viertel nach fünf geht ein Flugzeug. Er wollte versuchen, einen Platz zu bekommen. Es landet um halb acht.«

Robert zog sich einen hohen Hocker an die Theke und setzte sich darauf wie in einer Bar.

»Soll ich ihn am Flughafen abholen?«

»Nein, er nimmt den Bus in die Stadt. Ich dachte, einer von uns holt ihn dort ab. Bist du heute abend zum Essen da, oder gehst du aus?«

»Es riecht so gut, ich glaube, ich bleibe hier.«

Sie lächelte. Wenn man sie so nebeneinander sah, konnte einem die Familienähnlichkeit unmöglich entgehen. Helen war eine kräftige Frau, groß und grobknochig, aber wenn sie lächelte, leuchteten ihr Gesicht und ihre Augen wie bei einem jungen Mädchen. Ihre Haare waren rötlich wie Roberts, doch das Rot war von grauen Strähnen gemildert, und sie trug sie straff zu einem Knoten zurückgekämmt, so daß die kleinen, unvermutet zierlichen Ohren freilagen. Sie war stolz auf ihre hübschen Ohren und trug stets Ohrringe. In der Schublade ihres Schminktisches hatte sie eine ganze Schachtel voll, und wenn man nicht wußte, was man ihr schenken sollte, kaufte man einfach ein Paar Ohrringe. Heute abend waren es grüne, in einem schmalen Band aus gekordeltem Gold gefaßte Halbedelsteine, deren Farbe den grünen Schimmer in Helens undefinierbaren, gefleckten Augen unterstrich.

Sie war zweiundvierzig, sechs Jahre älter als Robert, und seit zehn Jahren mit Marcus verheiratet. Davor hatte sie bei ihm gearbeitet als Sekretärin, Empfangsdame, Buchhalterin und gelegentlich, wenn die Finanzen auf der Kippe standen, auch als Büroputzfrau, und es war nicht zuletzt ihrem Eifer sowie ihrem Glauben an Marcus zu verdanken, daß die Galerie nicht nur die anfänglichen Durststrecken überlebt, sondern sich ihren gegenwärtigen internationalen Ruf erworben hatte.

Robert fragte: »Hat Marcus dir was erzählt… wie es gelaufen ist?«

»Nicht viel, dazu blieb keine Zeit. Aber der alte Lord of the Glens, wer immer das ist, hat drei Raeburns, einen Constable und einen Turner. Das sollte euch zu denken geben.«

»Will er sie verkaufen?«

»Sieht so aus. Er sagt, bei den augenblicklichen Whiskypreisen kann er es sich nicht mehr leisten, sie an der Wand hängen zu haben. Nun, wir werden alles Weitere erfahren, wenn Marcus zurück ist. Und du? Was hast du heute gemacht?«

»Nicht viel. Ein Amerikaner namens Lowell Cheeke ist gekommen und hat einen Scheck für einen Ben Litton ausgestellt.«

»Wie schön!«

»Und…« er sah seiner Schwester ins Gesicht »… Emma Litton ist wieder zu Hause.«

Helen hatte begonnen, die Champignons in Scheiben zu schneiden. Jetzt hielt sie inne und sah rasch auf.

»Emma. Du meinst Bens Emma?«

»Sie ist heute von Paris hergeflogen. Sie war in der Galerie, um sich Geld zu holen, damit sie nach Porthkerris weiterfahren konnte.«

»Hat Marcus gewußt, daß sie zurückkommt?«

»Nein, ich glaube nicht. Ich glaube nicht, daß sie es jemandem geschrieben hat, außer ihrem Vater.«

»Und Ben hat natürlich kein Wort gesagt.« Helens Miene drückte Empörung aus. »Manchmal könnte ich den Kerl glatt erwürgen.«

Robert war amüsiert. »Was hättest du getan, wenn du gewußt hättest, daß sie kommt?«

»Sie am Flughafen abgeholt. Zum Mittagessen eingeladen. Alles mögliche.«

»Wenn es dich beruhigt, ich habe sie zum Mittagessen eingeladen.«

»Das war lieb von dir.« Sie schnitt den nächsten Pilz in Scheiben, während sie überlegte. »Wie sieht sie aus?«

»Attraktiv, sehr ungewöhnlich.«

»Ungewöhnlich«, wiederholte Helen trocken.

»Wenn du mir erzählst, sie ist ungewöhnlich, sagst du mir nichts Neues.«

Robert nahm eine rohe Pilzscheibe und probierte sie. »Weißt du was über ihre Mutter?«

»Natürlich.« Helen rettete ihre Champignons, indem sie sie schleunigst aus seiner Reichweite zum Herd entführte, wo zerlassene Butter in einer Pfanne brutzelte. Mit einer ebenso flinken Bewegung schüttete sie die Pilze in die Butter, was ein leises Zischen und einen köstlichen Duft erzeugte. Sie blieb am Herd stehen und rührte die Pilze mit einem Holzspatel; ihre strengen Züge waren im Profil zu sehen.

»Wer war sie?«

»Ach, eine kleine Kunststudentin, halb so alt wie Ben.«

»Waren sie verheiratet?«

»Ja, er hat sie geheiratet. Ich glaube, er hatte sie auf seine Art sehr gern. Aber sie war einfach noch ein Kind.«

»Hat sie ihn verlassen?«

»Nein, sie ist bei Emmas Geburt gestorben.«

»Und später hat er dann eine Frau namens Hester geheiratet.«

Helen drehte sich um und sah ihn stirnrunzelnd an. »Woher weißt du das?«

»Das hat Emma mir heute beim Mittagessen erzählt.«

»Sieh mal einer an! Ja, Hester Ferris. Das ist Jahre her.«

»Aber hatte sie nicht einen Jungen? Einen Sohn namens Christopher?«

»Sag bloß nicht, der ist wieder aufgetaucht.«

»Warum klingst du so entsetzt?«

»Du würdest auch entsetzt klingen, wenn du die achtzehn Monate miterlebt hättest, die Ben Litton mit Hester verheiratet war…«

»Erzähl.«

»Also, das war eine mörderische Zeit. Für Marcus, für Ben… ich nehme an, auch für Hester, und ganz bestimmt für mich. Wenn Marcus nicht bei einem widerwärtigen Familienkrach vermitteln mußte, dann wurde er mit lächerlichen kleinen Rechnungen überschüttet, die Ben partout nicht bezahlen wollte, wie Hester behauptete. Und dann, du kennst ja Bens Telefon-Phobie; Hester hat eins im Haus installieren lassen, und Ben hat es rausgerissen. Und dann bekam Ben eine Art Denkhemmung und konnte nicht arbeiten, er verbrachte seine gesamte Zeit in der Kneipe, und Hester hat sich Marcus geschnappt und gesagt, Marcus müsse kommen, weil er der einzige Mensch sei, der mit Ben umgehen könne, und so weiter und so fort. Marcus hat in der Zeit die ersten grauen Haare bekommen, man konnte mitansehen, wie er von Tag zu Tag älter wurde. Kannst du dir so was vorstellen?«

»Ja. Aber ich sehe nicht, was das mit dem Jungen zu tun hat.«

»Der Junge war ein Grund der Streitereien. Ben konnte ihn nicht ausstehen.«

»Emma sagte, er war eifersüchtig.«

»Das hat Emma gesagt? Sie war immer ein scharfsichtiges Kind. Ich nehme an, in gewisser Weise war Ben eifersüchtig auf Christopher, aber Christopher war ein Teufel. Er sah aus wie ein Heiliger, aber seine Mutter hat ihn heillos verwöhnt.« Sie zog ihre Champignonpfanne von der Kochplatte, kam zurück und stützte sich mit den Ellbogen auf die Theke. »Was hat Emma über Christopher gesagt?«

»Nur daß sie sich in Paris getroffen haben.«

»Was hat er dort gemacht?«

»Ich weiß nicht. Urlaub, nehme ich an. Er ist Schauspieler. Hast du das gewußt?«

»Nein, aber ich kann es mir gut vorstellen. Hat sie sehr gestrahlt, als sie von ihm sprach?«

»Ich würde sagen, ja. Es sei denn, es war der Gedanke an die Rückkehr zu ihrem Vater, der sie in Hochstimmung versetzte.«

»Das wäre das letzte auf der Welt, weswegen sie strahlen würde.«

»Das hab ich gemerkt. Aber als ich das Thema anschnitt, war ich verdammt nahe daran, eins über den Schädel zu kriegen.«

»Das kann ich mir denken. Die halten zusammen wie Pech und Schwefel.« Sie berührte seine Hand. »Laß dich da nicht hineinverwickeln, Robert, ich könnte die Strapazen nicht ertragen.«

»Ich bin nicht verwickelt, bloß neugierig.«

»Um deines Seelenfriedens willen, folg meinem Rat und laß es dabei. Und da wir schon beim Thema Verwicklungen sind, Jane Marshall hat heute mittag angerufen, du möchtest zurückrufen.«

»Weißt du, weshalb?«

»Hat sie nicht gesagt. Bloß, daß sie ab sechs zu Hause ist. Du vergißt es nicht, nein?«

»Nein, ich werd’s nicht vergessen. Aber vergiß du auch nicht, daß Jane keine Verwicklung ist.«

»Ich weiß nicht, weshalb du dich so sträubst«, sagte Helen, die noch nie, bei ihrem Bruder schon gar nicht, ein Blatt vor den Mund genommen hatte. »Sie ist charmant, attraktiv und tüchtig.«

Robert erwiderte nichts darauf, und aufgebracht über sein Schweigen fuhr sie trotzig fort: »Ihr habt alles mögliche gemeinsam, Interessen, Freunde, Lebensstil. Außerdem sollte ein Mann in deinem Alter verheiratet sein. Nichts ist so jämmerlich wie ein ältlicher Junggeselle.«

Sie verstummte. Es entstand eine Pause. Robert fragte höflich: »Bist du fertig?«

Helen seufzte tief. Es war hoffnungslos. Sie wußte, hatte immer gewußt, daß keine Worte Robert zu etwas bewegen konnten, das er nicht aus freien Stücken tat. Er hatte sich in seinem ganzen Leben nie zu etwas überreden lassen. Ihr Ausbruch war reine Atemverschwendung gewesen, und sie bereute ihn bereits.

»Ja, sicher, ich bin fertig. Und ich entschuldige mich. Es geht mich nichts an, und ich habe kein Recht, mich einzumischen. Es ist bloß — ich habe Jane gern, und ich möchte, daß du glücklich bist. Ich weiß nicht, Robert. Ich komm einfach nicht dahinter, wonach du suchst.«

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Robert. Er lächelte seine Schwester an und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, eine vertraute Geste, die er immer machte, wenn er durcheinander oder müde war. »Aber ich glaube, es hat etwas mit dem zu tun, was zwischen dir und Marcus besteht.«

»Ich hoffe, du findest es, bevor du vor Altersschwäche tot umfällst.«

Er überließ sie ihrer Kochkunst, nahm seinen Hut, die Abendzeitung und eine Handvoll Briefe und ging nach oben in seine Wohnung. Sein Wohnzimmer, das auf den großen Garten und die Kastanie hinausging, war früher das Kinderzimmer gewesen. Es hatte eine niedrige Decke, einen Teppichboden, war ringsum mit Büchern vollgestellt und mit so vielen Sachen seines Vaters möbliert, wie er die Treppe hatte hinaufschaffen können. Er warf Hut, Zeitung und Briefe auf einen Sessel, ging an den antiken bauchigen Schrank, wo er seine Getränke aufbewahrte, und schenkte sich einen Whisky-Soda ein. Dann nahm er eine Zigarette aus der Dose auf dem Couchtisch, zündete sie an, setzte sich mit dem Glas in der Hand an den Schreibtisch, hob den Telefonhörer ab und wählte Jane Marshalls Nummer.

Sie nahm sich Zeit, bis sie sich meldete. Während er wartete, kritzelte er mit einem Bleistift auf dem Löschpapier herum, sah auf die Uhr und beschloß, ein Bad zu nehmen und sich umzuziehen, bevor er Marcus am Busbahnhof an der Cromwell Road abholte. Und als Versöhnungsangebot an Helen wollte er eine Flasche Wein mit nach unten nehmen, die sie zum Abendessen trinken würden, wenn sie an dem gescheuerten Tisch in Helens Küche saßen und unvermeidlich vom Geschäft sprachen. Er merkte, daß er sehr müde war; die Aussicht auf einen solchen Abend war angenehm.

Der Klingelton verstummte. Eine kalte Stimme sagte: »Hier Jane Marshall.«

Sie meldete sich immer so am Telefon, und es machte Robert nach wie vor frösteln, obwohl er den Grund kannte. Mit sechsundzwanzig sah sich Jane, nachdem sie eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte, gezwungen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und sie gründete eine kleine Inneneinrichtungsfirma, die sie von zu Hause aus betrieb. Daher mußte eine einzige Telefonnummer einem doppelten Zweck dienen, und sie hatte längst erkannt, daß es klug war, jeden Anruf zunächst wie ein potentielles Geschäft zu behandeln. Das hatte sie Robert erklärt, als er sich über ihre kühle Art beklagte.

»Das verstehst du nicht. Es könnte ein Kunde sein, der anruft. Was soll er denken, wenn ich mich ganz sexy anhöre und mit schmalziger Stimme ins Telefon flöte?«

»Du mußt dich nicht sexy anhören. Nur ein bißchen freundlich und gut gelaunt. Warum versuchst du es nicht mal? Du würdest Wände rausreißen und Vorhänge aufhängen und Überwürfe drapieren, ehe du dich’s versiehst.«

»Denkste. Eher würde ich ihn mit einer Polsternadel abwehren.«

Jetzt sagte er: »Jane?«

»Oh, Robert.« Ihre Stimme wurde augenblicklich normal, sie klang warm und erfreut, ihn zu hören. »Entschuldige. Hat Helen es dir ausgerichtet?«

»Sie bat mich, dich anzurufen.«

»Ich hatte mich nur gefragt… hör mal, ich hab zwei Karten fürs Ballett am Freitag geschenkt bekommen, für La Fille Mal Gardée, und ich dachte, du würdest vielleicht gern mitgehen. Wenn du nicht wegfährst oder so.«

Er sah auf seine Hand, die Schachteln in vollendeter Perspektive auf die Schreibunterlage zeichnete. Er hörte Helens Stimme. Ihr habt alles mögliche gemeinsam. Interessen, Freunde, Lebensstil.

»Robert?« — »Ja. Verzeihung. Nein, ich fahr nicht weg, und ich komme gern mit.«

»Wollen wir vorher bei mir essen?«

»Nein, wir gehen aus. Ich bestelle einen Tisch.«

»Ich freu mich, daß du’s einrichten kannst.« Er wußte, daß sie lächelte. »Ist Marcus schon zurück?«

»Nein, ich werde ihn gleich abholen.«

»Grüß ihn und Helen von mir.«

»Mach ich.«

»Dann bis Freitag. Wiedersehen.«

»Wiedersehen, Jane.«

Als er eingehängt hatte, stand er nicht von seinem Schreibtisch auf, sondern blieb sitzen, das Kinn in die Hand gestützt, und vollendete die letzte Schachtel. Als sie fertig war, legte er den Bleistift beiseite, griff nach seinem Glas, betrachtete die Zeichnung und fragte sich, wieso er dabei an eine lange Reihe Koffer denken mußte.

___________

Marcus Bernstein kam durch die Glastür des Busbahnhofs und sah aus wie immer, wie ein Flüchtling oder Straßenmusikant. Sein Mantel hatte jede Fasson verloren, sein altmodischer schwarzer Hut hatte sich auf der Vorderseite aufwärts gebogen, sein langes, faltiges Gesicht war fahl vor Müdigkeit. Er trug seine ausgebeulte Aktentasche bei sich, aber seine Reisetasche war vom Flughafen im Gepäckraum des Busses mitgefahren. Als Robert ihn entdeckte, stand er geduldig an dem zirkulierenden Gepäckband und wartete auf die Tasche.

Marcus brachte es fertig, ärmlich und bedrückt auszusehen, und für einen zufälligen Passanten wäre es schwer zu glauben gewesen, daß dieser bescheidene, anspruchslose Mann in Wirklichkeit einen beachtlichen Einfluß in der Welt der Kunst beiderseits des Atlantiks besaß. Der gebürtige Österreicher hatte seine Heimatstadt Wien 1937 verlassen und war nach den Schrecken eines fremden Krieges wie eine helle Flamme über die Kunstwelt der Nachkriegszeit hereingebrochen. Seine offenkundigen Kenntnisse und sein Gespür fanden rasch Beachtung, und mit seiner Unterstützung junger Künstler gab er ein Beispiel, dem andere Händler alsbald folgten. Doch dem Laienpublikum wurde er eigentlich erst bekannt, als er 1949 seine eigene Galerie in der Kent Street mit einer Ausstellung abstrakter Werke von Ben Litton eröffnete. Ben, durch seine Vorkriegslandschaften und -portraits schon berühmt, hatte sich seit geraumer Zeit auf diese neue Kunstrichtung zubewegt, und die Ausstellung von 1949 war der Beginn einer beständigen Freundschaft, die allen persönlichen Stürmen und Querelen trotzte. Sie bezeichnete außerdem das Ende von Marcus’ anfänglichen Kämpfen und den Start eines allmählichen, stetigen Aufstiegs zum Erfolg.

»Marcus!«

Er fuhr zusammen, drehte sich um, sah Robert auf sich zukommen und machte ein überraschtes Gesicht, als hätte er nicht damit gerechnet, abgeholt zu werden.

»Hallo, Robert. Das ist sehr lieb von dir.«

Nach dreißig Jahren in England hatte er immer noch einen starken Akzent, den Robert allerdings nicht mehr bemerkte.

»Ich wäre zum Flughafen gekommen, aber wir waren nicht sicher, ob du die Maschine gekriegt hast. Hattest du einen guten Flug?«

»In Edinburgh hat es geschneit.«

»Hier hat es den ganzen Tag geregnet. Ah, da ist deine Tasche.« Robert schnappte sie vom Gepäckband. »Komm jetzt…«

Als sie im Auto warteten, daß die Ampel an der Cromwell Road umsprang, berichtete er Marcus, daß Mr. Lowell Cheeke wiedergekommen war, um den Litton mit den Hirschen zu kaufen. Marcus registrierte es mit einem Grunzen. Er machte den Eindruck, als hätte er von vornherein gewußt, daß der Verkauf lediglich eine Frage der Zeit sei. Die Ampel wechselte von Rot auf Gelb auf Grün, der Wagen fuhr an, und Robert sagte: »Und Emma Litton ist aus Paris zurück. Sie ist heute morgen herübergeflogen. Sie hatte kein englisches Geld, deshalb kam sie in die Galerie, um sich von dir einen Scheck einlösen zu lassen. Ich habe sie zum Mittagessen eingeladen, ihr zwanzig Pfund gegeben und sie in ein Taxi zum Bahnhof gesetzt.«

»Wohin will sie denn?«

»Nach Porthkerris, zu Ben.«

»Ich vermute, er ist dort.«

»Sie schien anzunehmen, daß er da ist. Jedenfalls vorübergehend.« — »Armes Kind«, sagte Marcus.

Robert erwiderte nichts darauf. Sie fuhren schweigend nach Hause, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. In Milton Gardens stieg Marcus aus, ging die Treppe hinauf und fummelte nach seinem Schlüssel, doch bevor er ihn ausfindig gemacht hatte, wurde die Tür von Helen geöffnet, und Marcus mit seinem ausgebeulten Mantel und dem Komödiantenhut hob sich als Silhouette gegen das Licht der Diele ab.

Helen sagte: »Wie schön!« Weil er so viel kleiner war als sie, bückte sie sich, um ihn zu umarmen, und Robert, der Marcus’ Reisetasche aus dem Kofferraum des Alvis nahm, fragte sich, warum sie nie lächerlich wirkten.

___________

Es mußte schon seit längerer Zeit dunkel sein. Aber als der London Express in den Bahnhof einfuhr, wo sie nach Porthkerris umsteigen mußte, und Emma aus dem Zug stieg, stellte sie fest, daß es eigentlich gar nicht richtig dunkel war. Der Himmel war von Sternen erhellt, die Nacht durchweht von einem lebhaften Wind, der nach See roch. Als sie ihr gesamtes Gepäck ausgeladen hatte, blieb sie auf dem Bahnsteig stehen und wartete, bis der Expreßzug abfuhr. Über ihr raschelten die zerfledderten Blätter einer Palme grotesk im rastlosen Wind.

Der Zug fuhr weiter, und sie sah den einzigen Gepäckträger auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig gemächlich mit einem Handkarren voll Päckchen beschäftigt. Als er sie endlich bemerkte, ließ er die Handgriffe seines Karrens los und rief über die Schienen: »Brauchen Sie Hilfe?«

»Ja, bitte.«

Er sprang auf die Gleise hinunter und kam zu ihr herüber. Irgendwie schaffte er es, sich ihre gesamte Habe auf seine beiden Arme zu laden. Emma folgte ihm über die Schienen, und er half ihr auf den anderen Bahnsteig hinauf. »Wo wollen Sie hin?«

»Nach Porthkerris.«

»Mit dem Zug?«

»Ja.«

Der kleinere Zug wartete auf dem einen Streckengleis, das um die Küste herum nach Porthkerris führte. Emma war offenbar der einzige Fahrgast. Sie bedankte sich bei dem Träger, gab ihm ein Trinkgeld und ließ sich auf einen Sitz fallen. Die Erschöpfung verzehrte sie. Nie war ihr ein Tag so lang vorgekommen. Nach kurzer Zeit stieg eine Bauersfrau zu ihr, mit einem braunen Topfhut. Vielleicht war sie einkaufen gewesen, denn sie trug eine ausgebeulte karierte Ledertasche bei sich. Minuten vergingen; das einzige Geräusch war der Wind, der an den geschlossenen Zugfenstern rüttelte. Schließlich stieß die Lokomotive einen schrillen Pfiff aus, und sie setzten sich in Bewegung.

Es war unmöglich, nicht aufgeregt zu sein, als vertraute Wahrzeichen in der Landschaft auftauchten, erkannt wurden und vorüberflogen. Vor Porthkerris hielt der Zug nur an zwei kleinen Stationen, und dann kam endlich das tiefe Tal, das im Frühling mit Schlüsselblumen übersät war, dann der Tunnel, und dann lag die See unter ihnen. Es war Ebbe, der nasse Sand glänzte wie Satin. Porthkerris war ein Nest aus Lichtern, die Hafenkurve sah aus wie mit einer Kette behängt, und die Ankerlichter der Fischerboote spiegelten sich in einem Labyrinth aus schillerndem schwarzgoldenem Wasser.

Sie fuhren jetzt langsamer. Der Bahnsteig kam in Sicht. Der Name PORTHKERRIS zog vorbei und blieb zurück. Schließlich hielten sie an einer blanken Blechreklame für Schuhcreme, die dort gewesen war, seit Emma zurückdenken konnte. Ihre Reisegefährtin, die während der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen hatte, stand auf, öffnete die Tür, stieg gemächlich aus und verschwand in der Nacht. Emma stand in der offenen Tür und hielt nach einem Gepäckträger Ausschau, aber der einzige sichtbare Beamte stand am andere Ende des Zuges und rief überflüssigerweise »Porthkerris! Porthkerris!« Sie sah ihn mit dem Lokomotivführer plaudern; er schob seine Mütze aus der Stirn und stand da, die Arme in die Seiten gestemmt.

Neben der Schuhcremereklame stand ein leerer Karren. Sie lud ihr Gepäck darauf, ließ ihn stehen und nahm nur eine kleine Reisetasche mit. So ging sie den Bahnsteig entlang. Im Büro des Stationsvorstehers brannte Licht, es warf warme gelbe Flecken nach draußen, und auf einer Bank saß ein Mann und las Zeitung. Emma ging an ihm vorbei, ihre Schritte hallten auf den Steinplatten. Als sie vorüberging, ließ der Mann die Zeitung sinken und sprach ihren Namen.

Emma blieb stehen und drehte sich langsam um. Er faltete die Zeitung zusammen und stand auf, und das Licht schien seine weißen Haare in einen Heiligenschein zu verwandeln.

»Ich dachte, du würdest nie ankommen.«

»Hallo Ben«, sagte Emma.

»Hatte der Zug Verspätung, oder hab ich mich mit der Zeit vertan?«

»Ich glaube nicht, daß wir Verspätung hatten. Vielleicht sind wir am Umsteigebahnhof verspätet abgefahren. Wir haben dort ziemlich lange gewartet. Woher wußtest du, mit welchem Zug ich komme?«

»Die Galerie Bernstein hat mir ein Telegramm geschickt.« Robert Morrow, dachte Emma. Wie nett. Ben warf einen Blick auf ihre Tasche. »Du hast nicht viel Gepäck.«

»Ich hab eine Wagenladung voll am anderen Ende des Bahnsteigs.«

Er drehte sich um und blickte kurz in die Richtung, die Emma wies. »Macht nichts. Wir holen es ein andermal. Komm, gehen wir.«

»Aber es könnte gestohlen werden«, protestierte Emma. »Oder es könnte regnen. Laß uns lieber dem Träger Bescheid sagen.«

Der Träger hatte unterdessen sein Schwätzchen mit dem Lokomotivführer beendet. Ben erklärte ihm die Situation. »Stellen Sie’s irgendwohin, ja, wir holen es morgen ab.« Er gab ihm ein Geldstück. Der Träger nickte. »Ja, Mr. Litton, keine Sorge, das mach ich schon«, und ging pfeifend den Bahnsteig entlang, während er das Geld in seine Westentasche steckte.

»So«, sagte Ben, »worauf warten wir noch? Komm, gehen wir.«

Keine Spur von einem Wagen oder Taxi, sie gingen einfach zu Fuß nach Hause. Sie nahmen eine Reihe kleiner Abkürzungen über eine steile Steintreppe, durch winzige abfallende Gassen, immer bergab, bis sie schließlich auf der hellerleuchteten Hafenstraße landeten.

Emma, die neben ihrem Vater hertrottete, immer noch ihre Reisetasche in der Hand, da es ihm nicht in den Sinn gekommen war, sie ihr abzunehmen, sah Ben lange von der Seite an. Es war das erste Mal, daß sie ihn seit nahezu zwei Jahren sah, und sie fand, daß sich kein Mensch so wenig veränderte wie er. Er war weder dicker noch dünner geworden. Seine Haare, die schneeweiß gewesen waren, seit Emma zurückdenken konnte, waren weder gelichtet noch zurückgewichen. Sein vom jahrelangen Arbeiten in der Sonne, im Freien, am Meer gegerbtes Gesicht war tiefgebräunt und mit einem Netz feiner Linien durchzogen, die man keinesfalls als etwas so Prosaisches wie Falten bezeichnen konnte. Von ihm hatte Emma die starken Backenknochen und das kantige Kinn, aber die blassen Augen mußte sie von ihrer Mutter haben, denn Bens Augen unter den struppigen Brauen waren tiefdunkel, von einem so dunklen Braun, daß sie bei bestimmtem Licht schwarz aussahen.

Selbst seine Kleidung schien sich nicht verändert zu haben. Die ausgebeulte Kordjacke, die schmal geschnittene Hose, die Wildlederschuhe, ungeheuer elegant und uralt — sie hätten niemand anderem gehören können. Heute abend trug er ein Hemd aus verblichener orangegelber Wolle; ein Baumwolltuch mit Paisleymuster diente als Krawatte. Eine Weste hatte er nie besessen.

Sie kamen zu seiner Kneipe »The Sliding Tackle«, und Emma war halbwegs darauf gefaßt, daß er vorschlagen würde, auf ein Glas hineinzugehen. Sie wollte nichts trinken, aber sie war heißhungrig. Sie fragte sich, ob im Cottage wohl irgendwas zu essen vorhanden wäre. Sie fragte sich tatsächlich, ob sie überhaupt zum Cottage gingen. Es war durchaus im Bereich des Möglichen, daß Ben in seinem Atelier wohnte und erwartete, daß Emma sich dort bei ihm einquartierte.

Sie sagte vorsichtig: »Ich weiß nicht mal, wo wir hingehen.«

»Zum Cottage natürlich. Was dachtest du denn?«

»Ich hatte keine Ahnung. Ich dachte, du wohnst vielleicht im Atelier.«

»Nein, ich wohne eigentlich im Sliding Tackle. Ins Cottage geh ich jetzt zum erstenmal.«

»Oh«, sagte Emma bedrückt.

Er merkte die Veränderung in ihrer Stimme und beruhigte sie. »Es ist alles in Ordnung. Als sie im Sliding Tackle hörten, daß du kommst, meldete sich ein ansehnliches Aufgebot eifriger Damen, die das Haus für deine Ankunft vorbereiten wollten. Am Ende hat es Daniels Frau für mich besorgt.« Daniel war der Mann an der Bar des Sliding Tackle. »Sie nahm offenbar an, daß nach so vielen Jahren alles mit Blauschimmel überzogen sein würde wie Gorgonzola.«

»Und? War es so?«

»Nein, natürlich nicht. Ein paar Spinnweben vielleicht, aber vollständig bewohnbar.«

»Das war lieb von ihr… ich muß mich bei ihr bedanken.«

»Ja, das würde sie freuen.«

Die kopfsteingepflasterte Straße stieg vom Hafen her steil an. Emmas müde Beine schmerzten. Plötzlich und ohne ein Wort der Erklärung nahm Ben ihr die Tasche ab.

»Was hast du da drin, um Himmels willen?«

»Eine Zahnbürste.«

»Die wiegt so viel wie Roheisen. Wann bist du aus Paris abgeflogen, Emma?«

»Heute morgen.« Es schien ein Leben lang her zu sein.

»Und wieso wußten sie bei Bernstein von dir?«

»Ich mußte hin, um an etwas Geld zu kommen. Englisches Geld. Sie haben mir zwanzig Pfund von deinem Konto gegeben. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«

»Ist mir völlig schnuppe.«

Sie kamen an seinem Atelier vorbei, die Läden waren herabgelassen und dunkel. »Hast du schon wieder zu malen angefangen?« fragte Emma.

»Natürlich. Deswegen bin ich zurückgekommen.«

»Und die Arbeiten, die du in Japan gemacht hast?«

»Die hab ich in Amerika gelassen, für die Ausstellung.«

Jetzt war die Luft vom Rauschen der Brandung erfüllt, von den Brechern, die an den Strand rollten. Der große Strand. Ihr Strand. Und dann kam das schiefe Dach ihres Hauses in Sicht, beleuchtet von der Straßenlaterne, die neben der blauen Gartenpforte stand. Als sie näher kamen, suchte Ben in seiner Jacke nach dem Schlüssel. Er ging Emma voran durch die Pforte und die Treppe hinunter, schloß die Tür auf, trat ein und machte Licht, so daß im Nu alle Fenster strahlten.

Emma folgte langsamer. Sie sah mit einem Blick das helle Flackern des Kaminfeuers und die nahezu unmenschliche Sauberkeit und Ordnung, die Daniels Frau aus dem Urzustand völliger Verwahrlosung geschaffen hatte. Alles glänzte, war geschrubbt, getüncht und gewienert, daß es kaum wiederzuerkennen war. Kissen waren aufgeschüttelt und mit geometrischer Präzision verteilt worden. Blumen standen nicht da, dafür durchdrang ein starker Karbolgeruch das Haus.

Ben schnupperte und zog ein Gesicht. »Wie ein Krankenhaus«, sagte er. Er hatte Emmas Tasche abgestellt und verschwand jetzt in Richtung Küche. Emma durchquerte das Zimmer, stellte sich an den Kamin und wärmte sich die Hände am Feuer. Ganz allmählich schöpfte sie Hoffnung. Sie hatte befürchtet, es würde kein Willkommen geben. Doch Ben hatte sie am Bahnhof abgeholt, und im Kamin brannte ein Feuer. Mehr konnte kein Mensch verlangen.

Über dem Kamin hing das einzige Bild des Zimmers, das Gemälde, das Ben von Emma gemalt hatte, als sie sechs Jahre alt war. Zum erstenmal in ihrem Leben — und, wie ihr bewußt wurde, zum letztenmal — hatte sie im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit gestanden, und allein aus diesem Grund hatte sie klaglos die stundenlangen Sitzungen ertragen, die Langeweile, die Krämpfe und seine ungezügelte Wut, wenn sie sich bewegte. Für das Bild hatte sie einen Kranz aus Margeriten getragen, und jeder Tag hatte aufs neue die Freude gebracht, Bens geschickten Händen beim Flechten eines frischen Kranzes zuzusehen, und dann den Stolz, wenn er ihn ihr aufsetzte, als ob er eine Königin krönte.

Er kam wieder ins Zimmer. »Sie ist eine brave Seele, Daniels Frau. Das werde ich ihm sagen. Ich hatte sie gebeten, ein paar Vorräte einzulagern.« Emma drehte sich um und sah, daß er eine Flasche Haigs und ein Wasserglas gefunden hatte. »Hol mir einen Krug Wasser Emma, ja?« Ihm kam ein Gedanke. »Und noch ein Glas, wenn du auch was trinken möchtest.«

»Ich will nichts trinken. Aber ich hab Hunger.«

»Ich weiß nicht, ob sie diese Art von Vorräten eingelagert hat.«

»Ich sehe nach.«

Auch die Küche war gescheuert, geschrubbt und gefegt. Emma öffnete den Kühlschrank und fand Eier, Speck und eine Flasche Milch, und Brot war im Kasten. Sie nahm einen Krug von einem Haken an der Anrichte, füllte ihn mit kaltem Wasser und brachte ihn ins Wohnzimmer. Ben wanderte hin und her, fummelte an den Lampen, versuchte etwas zu finden, woran er herummäkeln konnte.

Er hatte dieses Haus immer gehaßt.

Sie fragte: »Soll ich dir Rühreier machen?«

»Was? O nein, ich möchte nichts. Weißt du, es ist komisch, wieder hier zu sein. Ich habe dauernd das Gefühl, daß Hester gleich erscheint und uns sagt, wir sollen mit etwas anfangen, das wir gar nicht tun wollen.«

Emma dachte an Christopher. Sie sagte: »Oh. Arme Hester.«

»Von wegen, arm. Streitsüchtige Zicke.«

Sie ging wieder in die Küche, förderte eine Pfanne zutage, eine Schüssel, Butter. Aus dem Wohnzimmer konnte sie die unentwegten Geräusche hören, die Bens Rastlosigkeit verursachte. Er öffnete und schloß Türen, zog an einem Vorhang, beförderte mit dem Fuß ein Holzscheit ins Feuer. Gleich darauf erschien er in der Küchentür, eine Zigarette in der einen Hand, das Glas in der anderen. Er sah Emma zu, wie sie Eier verrührte, und sagte: »Du bist erwachsen geworden, wie?«

»Ich bin neunzehn. Ob ich erwachsen geworden bin oder nicht, weiß ich wirklich nicht.«

»Komisch, daß du kein kleines Mädchen mehr bist.«

»Du wirst dich daran gewöhnen.«

»Ja, vermutlich. Wie lange bleibst du?«

»Sagen wir, ich habe keine Pläne, wieder wegzugehen.«

»Du meinst, du willst hier leben?«

»Vorläufig.«

»Bei mir?«

Emma sah ihn über die Schulter an. »Wäre das so schrecklich?«

»Ich weiß nicht«, sagte Ben. »Ich hab’s nie probiert.«

»Deswegen bin ich zurückgekommen. Ich dachte, es ist vielleicht Zeit, daß du’s probierst.«

»Du machst mir doch nicht etwa Vorwürfe?«

»Warum sollte ich dir Vorwürfe machen?«

»Weil ich dich vernachlässigt habe und nach Texas gegangen bin, um zu unterrichten. Weil ich dich in der Schweiz nie besucht habe. Weil ich dich nicht nach Japan kommen lassen wollte.«

»Wenn mir das alles wirklich etwas ausmachte, wäre ich nicht zurückgekommen.«

»Und angenommen, ich beschließe, wieder wegzugehen?«

»Hast du das vor?«

»Nein.« Er sah auf sein Glas hinunter. »Im Augenblick nicht. Im Augenblick bin ich müde. Ich bin zurückgekehrt, um ein bißchen Ruhe zu haben.« Er sah wieder auf. »Aber ich kann nicht ewig hierbleiben.«

»Ich werde auch nicht ewig hierbleiben«, sagte Emma. Sie legte den Toast auf einen Teller, ließ die Eier auf den Toast gleiten und öffnete eine Schublade auf der Suche nach Messer und Gabel.

Ben beobachtete das alles mit ziemlicher Beunruhigung. »Du willst doch keine tüchtige kleine Hausfrau sein, oder? Eine zweite Hester? Wenn ja, werf ich dich raus.«

»Ich könnte nicht tüchtig sein, und wenn ich mir noch so viel Mühe gäbe. Wenn es dich beruhigt, ich verpasse Züge, lasse Essen anbrennen, verliere Geld, werfe Sachen herunter. Heute morgen in Paris hatte ich einen Sonnenhut, aber bis ich in Porthkerris ankam, war er weg. Wie kann man in diesem Land, im Februar, einen Sonnenhut verlieren?«

Er war noch nicht überzeugt. »Willst du nicht die ganze Zeit im Auto rumfahren?«

»Ich kann nicht Auto fahren.«

»Und Fernsehen und Telefon und der ganze Quatsch?«

»Die haben in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt.«

Er lachte, und Emma fragte sich, ob es unpassend sei, seinen eigenen Vater so attraktiv zu finden.

»Weißt du, ich war nicht sicher, wie gut es funktionieren würde«, sagte er. »Aber unter so günstigen Umständen kann ich nur sagen, ich bin froh, daß du zurückgekommen bist. Willkommen daheim.«

Er prostete Emma zu, trank aus und ging zurück ins Wohnzimmer, um die Flasche zu holen und sich den nächsten Whisky halb und halb einzuschenken.

4

Die Bar im Sliding Tackle war klein und gemütlich, schwarz getäfelt, sehr alt. Sie hatte nur ein einziges winziges Fenster aufzuweisen, das auf den Hafen hinausging, so daß ein Gast, der aus dem flimmernden Licht draußen hereintrat, zuerst den Eindruck völliger Finsternis hatte. Später, wenn die Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, wurden andere Absonderlichkeiten sichtbar: So gab es etwa nirgends zwei parallele Linien; im Laufe der Jahrhunderte hatte sich das kleine Wirtshaus in seine Fundamente genistet wie ein Schläfer in ein behagliches Bett, und die Schrägen und Unebenheiten des Raumes konnten, optischen Täuschungen gleich, bewirken, daß Gäste sich schon berauscht fühlten, bevor sie ihr erstes Glas geleert hatten. Der geflieste Fußboden sackte zu einer Seite ab und ließ zwischen Steinen und Wandtäfelung eine finstere Lücke klaffen. Der geschwärzte Balken, der den Rahmen für die eigentliche Bar bildete, senkte sich in die andere Richtung. Und die weiß getünchte Decke hatte eine dermaßen unvorstellbare Neigung, daß der Wirt sich genötigt sah, Zettel anzubringen, auf denen stand: Achtung Balken oder Kopf einziehen.

Über die Jahre hatte sich das Sliding Tackle stur behauptet. Im alten, unmodernen Teil von Porthkerris direkt am Hafen gelegen, ohne jeglichen Platz für schicke Terrassen oder ein Gartenrestaurant, war es dem Pub gelungen, den Schwall der Sommertouristen fernzuhalten, die den Rest der Stadt überschwemmten. Er hatte seine Stammgäste, die kamen, um zu trinken, sich behaglich zu unterhalten und Shove-ha’penny2 zu spielen. Es gab ein Dartbrett und einen kleinen, rußigen Kamin, wo winters wie sommers stets ein Feuer brannte. Es gab Daniel, den Barmann, und Fred, einen blassen, schielenden Burschen, der im Sommer Liegestühle vermietete, und den Rest des Jahres damit verbrachte, seine Einkünfte glücklich zu versaufen. Und es gab Ben Litton.

»Es ist bloß eine Frage der Prioritäten«, sagte Marcus, als er und Robert sich im Alvis aufmachten, um Ben Litton zu suchen.

Das Wetter war so schön, daß Robert das Verdeck aufgeklappt hatte, weswegen Marcus zu seinem gewohnten schwarzen Mantel eine pilzförmige Tweedmütze trug, die aussah, als wäre sie für jemand anders gekauft worden.

»Prioritäten und zeitliche Koordinierung. Sonntagmittag muß man als erstes im Sliding Tackle nachsehen. Und wenn er da nicht ist, was ich mir nicht vorstellen kann, gehen wir zum Atelier, oder er ist im Cottage.«

»Oder an einem so herrlichen Morgen vielleicht einfach draußen unterwegs?«

»Das glaube ich nicht. Jetzt ist Frühschoppenzeit, und was das betrifft, war er immer ein Gewohnheitstier.«

Obwohl erst März, war es ein Tag von unglaublicher Schönheit. Der Himmel war wolkenlos. Die See, von einem lebhaften Nordwestwind schräg in die Biegung der Bucht getrieben, lag vor ihnen, gestreift in allen Schattierungen der Farbe Blau, von tiefem Indigo bis zu hellem Türkis. Von der Hügelkuppe aus konnte man bis in die Unendlichkeit sehen, ferne Landspitzen verschwammen in seinem Dunst, der an die Hitze des Hochsommers denken ließ. Ein Stück weiter unten, die gewundene Straße hinunter, fiel die Stadt steil ab, ein Gewirr von engen, kopfsteingepflasterten Gassen, weißgetünchten Häusern und gebleichten, schiefen Dächern, das sich um den Hafen drängte.

Alljährlich in den drei Sommermonaten verwandelte sich Porthkerris in eine kleine Hölle auf Erden. Die viel zu engen Straßen waren mit Autos verstopft, das Pflaster überschwemmt mit spärlich bekleideten Menschen, die Geschäfte quollen über von Postkarten, Sonnenhüten, Strandschuhen, Garnelennetzen, Surfbrettern und aufblasbaren Plastikkissen. Auf dem großen Strand wurden Zelte und Badehütten aufgestellt, die Cafés öffneten, die Terrassen waren vollgestellt mit runden Eisentischchen, gespickt mit Sonnenschirmen. Orangegelbe Wimpel flatterten im Wind und warben für Himbeereis am Stiel, halbgefrorene Kugeln mit Schokoladeüberzug und andere Scheußlichkeiten, und als wären die nicht nahrhaft genug, gab es Cornish Splits zu kaufen und kleine Pasteten mit einer matschigen grauen Kartoffelfüllung.

Um Pfingsten öffnete der Spielsalon mit Flipper- und plärrenden Musikautomaten, und vielleicht mußte wieder eine Gruppe baufälliger, aber pittoresker Häuser den Bulldozern weichen, um Platz für einen weiteren Parkplatz zu schaffen. Die Einwohner, die Leute, die die Stadt liebten, und die Künstler wurden entsetzte Zeugen dieser Vergewaltigung und sagten: »Es ist schlimmer denn je. Die Stadt ist ruiniert. Wir können hier nicht mehr bleiben.« Aber in jedem Herbst, sobald der letzte Zug den letzten pellnasigen Eindringling fortgetragen hatte, fiel Porthkerris wunderbarerweise wieder in sein normales Tempo zurück. Die Geschäfte schlossen, die Zelte wurden abgebaut, die Winterstürme kamen und wuschen die Strände rein. Die einzigen Fahnen, die wehten, waren Wäscheleinen, die von Haus zu Haus flatterten wie pastellfarbene Wimpel oder hoch über die Rasenflächen gespannt waren, auf denen die Fischer ihre Netze zum Trocknen ausbreiteten.

Und dann stellte der alte Zauber sich wieder ein, und es war leicht zu verstehen, daß ein Mann wie Ben Litton immer wiederkehrte wie eine Brieftaube, der Erholung wegen, der vertrauten Umgebung wegen und um sich von neuem in einem Meer von Farbe und Licht zu verlieren.

Das Sliding Tackle lag ganz am Ende der Hafenstraße. Robert hielt vor der schiefen Veranda und stellte den Motor ab. Der Tag war sehr warm; Stille lag über dem Ort. Es war Ebbe, der Hafen voll mit reinem Sand, Seetang und kreischenden Möwen. Ein paar Kinder, vom Sonnenschein ins Freie gelockt, spielten mit Eimern und Schaufeln, beaufsichtigt von mehreren strickenden Großmüttern in Schürzen und Haarnetzen, und auf den Kopfsteinen saß eine dürre schwarze Katze und putzte sich die Ohren.

Marcus stieg aus dem Wagen. »Ich geh rein und seh nach, ob er da ist. Du wartest hier.«

Robert nahm eine Zigarette aus dem Päckchen auf dem Armaturenbrett, zündete sie an und beobachtete die Katze. Über seinem Kopf knarrte das Wirtshausschild im Wind, eine Möwe flog heran, setzte sich darauf, beäugte Robert mit feindseliger Herausforderung und kreischte aufgeregt. Zwei Männer kamen die Straße entlang, mit dem gemächlichen, rechtschaffenen Gang, der einem geruhsamen Sonntag vorbehalten ist. Sie trugen marineblaue Seemannspullover und weiße Stoffmützen.

»Morgen«, sagten sie im Vorübergehen.

»Herrlicher Tag«, sagte Robert.

»Ja. Herrlich.«

Kurz darauf erschien Marcus wieder. »Alles klar. Ich hab ihn gefunden.«

»Und Emma?«

»Er sagt, sie ist im Atelier. Sie streicht die Wände.«

»Soll ich sie holen?«

»Wenn du willst. Es ist…« er sah auf seine Uhr, »Viertel nach zwölf. Schätze, du bist bis eins wieder hier. Ich hab ihm gesagt, dass wir um halb zwei essen.«

»Gut. Ich geh zu Fuß. Es lohnt sich nicht, den Wagen zu nehmen.«

»Weißt du den Weg noch?«

»Natürlich.« Er war schon zweimal allein in Porthkerris gewesen, um Ben Litton aus dem einen oder anderen Grund aufzuspüren, wenn Marcus nicht abkömmlich war. Bens Horror vor Telefonen, Autos und jeder Art von Kommunikation führte dann und wann zu den fürchterlichsten Komplikationen, und Marcus hatte sich längst damit abgefunden, daß es schneller ging, die Fahrt von London nach Cornwall zu machen und sich in die Höhle des Löwen zu wagen, als auf eine Antwort auf überaus dringliche Telegramme zu warten.

Er stieg aus und schlug die Wagentür zu. »Soll ich ihr sagen, worum es geht, oder soll ich dir die angenehme Aufgabe überlassen?«

Marcus grinste.

»Sag du’s ihr.«

Robert nahm seine schmale Tweedmütze ab und warf sie auf den Fahrersitz. Er sagte liebenswürdig: »Du Mistkerl.«

Ungefähr zwei Wochen nachdem Emma in London gewesen war, hatte er einen Brief von ihr bekommen:

Lieber Robert,

wenn ich Marcus Marcus nenne, kann ich Sie unmöglich Mr. Morrow nennen, nicht wahr? Nein, natürlich nicht, unmöglich. Ich hätte Ihnen gleich schreiben sollen, um Ihnen ganz herzlich zu danken für das Mittagessen und dafür, daß Sie mir das Geld gegeben haben, und auch dafür, daß Sie Ben benachrichtigt haben, mit welchem Zug ich kam. Er hat mich tatsächlich am Bahnhof abgeholt. Alles läuft ganz großartig, bis jetzt hatten wir keinen Krach, und Ben arbeitet wie der Teufel an vier Leinwänden auf einmal. Ich habe nichts von meinem Gepäck verloren, nur den Sonnenhut, den mir bestimmt jemand gestohlen hat.

Liebe Grüße an Marcus. Und an Sie.

Emma

Jetzt ging er durch das verwirrende Labyrinth aus engen, verwinkelten Straßen, die zum Nordufer der Stadt führten. Hier gab es noch einen Strand, eine windige, ungeschützte Bucht, die nur von Surfern geschätzt wurde, wegen der kräftigen, langen Wellen, die direkt vom Atlantik heranrollten. Ben Littons Atelier ging auf diesen Strand hinaus. Ursprünglich war es einmal ein Lager für Fischernetze gewesen; man mußte über eine kopfsteingepflasterte Rampe gehen, die von der Straße abwärts zu einer schwarzgeteerten Tür führte, mit Bens Namensschild und einem riesigen eisernen Türklopfer. Robert klopfte und rief:

»Emma?«

Es kam keine Antwort. Als er die Tür vorsichtig öffnen wollte, wurde sie ihm von einem Windstoß, der wie ein Wasserschwall durch das offene Fenster auf der anderen Seite des Ateliers hereinstürzte, fast aus der Hand gerissen. Sobald die Tür hinter ihm zugefallen war, legte sich der Durchzug. Das Atelier war leer und bitter kalt. Von Emma war nichts zu sehen, aber eine Trittleiter, ein Malerpinsel und ein Eimer deuteten auf ihre augenblickliche Beschäftigung hin. Eine Wand war ganz fertig, aber als Robert sie mit der Hand berührte, fühlte sie sich noch kalt und feucht an.

Mitten vor dieser Wand stand ein häßlicher altmodischer Ofen, jetzt leer und kalt, daneben befanden sich ein Gasbrenner, ein zerbeulter Wasserkessel, eine umgedrehte Apfelsinenkiste mit blauweiß gestreiften Bechern und einem Glas mit Würfelzucker. An der gegenüberliegenden Seite des Raumes stand Bens Arbeitstisch, darauf verstreut Zeichnungen und Papiere, Farbtuben sowie Hunderte von Bleistiften und Pinseln, die alle auf mehreren Bögen Wellpappe ausgelegt waren. Die Wand über diesem Tisch war dunkel, schmutzig vom Alter und beschmiert mit unzähligen Spachtelkratzern, die im Laufe der Jahre eine verkrustete Farbschicht gebildet hatten. Unmittelbar über dem Tisch war ein schmales Bord und darauf aufgereiht eine Sammlung von objets trouvés, die Ben hier und da ins Auge gefallen waren. Eine Muschel vom Strand, ein versteinerter Seestern. Ein blauer Krug mit getrockneten Gräsern. Die Postkartenreproduktion eines Picasso-Gemäldes, ein Stück ausgebleichtes Treibholz, von See und Wind zu einer abstrakten Skulptur geschnitzt. Fotografien, wellig gewordene Schnappschüsse, fächerartig in einem alten silbernen Speisekartenständer angeordnet, eine Einladung zu einer Vernissage, die vor sechs Jahren stattgefunden hatte, und schließlich ein schwerer, altmodischer Feldstecher.

In Bodenhöhe lehnten unzählige Leinwände an der Wand, und mitten im Raum stand auf einer Staffelei das Bild, an dem Ben im Augenblick arbeitete, verdeckt mit einem verblichenen rosa Tuch. Vor dem leeren Ofen stand ein durchgesessenes Sofa, drapiert mit etwas, das wie Überreste eines arabischen Teppichs aussah. Auch ein alter Küchentisch mit abgesägten Beinen war vorhanden, und darauf befanden sich eine Zigarettendose, ein überquellender Aschenbecher, ein Stapel Studio-Ausgaben und eine grüne Glasschale mit bemalten Porzellaneiern.

Die Nordwand war ganz aus Glas, mit schmalen Holzleisten quadratisch unterteilt und so gestaltet, daß sich die unteren Segmente zur Seite schieben ließen. Davor stand eine lange Bank mit einem Haufen Kissen, und unter ihr lugten die Ausläufer eines weiteren Sammelsuriums von Treibgut hervor: Spieren von einem Boot, ein Stapel Surfbretter und eine Kiste mit leeren Flaschen. In der Mitte, unter einem offenen Fenster, waren zwei Eisenhaken in den Fußboden geschraubt worden, an denen eine Strickleiter befestigt war. Die Leiter verschwand aus dem Fenster; neugierig ging Robert hin und sah, daß sie direkt auf den Sand hinunterfiel, sechs Meter tief.

Bei Ebbe verwandelte sich der Strand in eine weite Fläche aus hartem, sauberem Sand, vom Himmel getrennt durch eine schmale Linie schäumender weißer Brecher. Näher zur Küste hin erhob sich eine Felsengruppe, überkrustet mit Schalentieren und Seetang; darüber schwebten Möwen, die gelegentlich herabstürzten, um sich kreischend um eine Beute zu balgen. Robert setzte sich auf die Fensterbank und zündete sich eine Zigarette an. Als er wieder aufsah, war eine Gestalt am Horizont erschienen, direkt am Rand des Wassers. Sie trug ein langes weißes Gewand wie ein Araber, und als sie auf das Atelier zugeschritten kam, schien es, als mühe sie sich mit einem großen, undefinierbaren roten Paket ab.

Robert erinnerte sich an den Feldstecher auf Bens Tisch. Er holte ihn, und in der Vergrößerung wurde die Gestalt deutlich und entpuppte sich als Emma Litton, die langen Haare wehend, angetan mit einem riesigen weißen Frotteebademantel. Mit einiger Mühe, weil der Wind es ständig auf der Breitseite packte und ihr entreißen wollte, schleppte sie ein scharlachrotes Surfbrett.

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»Sie waren doch nicht etwa schwimmen?«

Emma, die sich mit dem Surfbrett abmühte, hatte ihn am Fenster nicht gesehen. Jetzt, mit einer Hand an der Strickleiter, hätte sie beim Klang seiner Stimme vor Schreck beinahe das Gleichgewicht verloren. Sie blickte hoch, das Surfbrett im Arm, die nassen schwarzen Haare vom Wind durcheinandergewühlt.

»Doch. Haben Sie mich erschreckt. Wie lange sind Sie hier?«

»Ungefähr zehn Minuten. Wie wollen Sie das Surfbrett die Leiter raufkriegen?«

»Das habe ich mich auch schon gefragt, aber nachdem Sie aufgekreuzt sind, ist das kein Problem mehr. Unter der Bank ist ein Seil. Wenn Sie das eine Ende runterwerfen, binde ich das Brett an, und Sie können es raufziehen.«

Dies wurde weisungsgemäß ausgeführt. Robert hievte das Brett durchs Fenster, und dann folgte Emma selber, Gesicht, Hände und Füße mit trockenem Sand überkrustet, die schwarzen Wimpern gespickt wie Seesterne.

Sie kniete sich auf die Fensterbank und lachte ihn an. »Na, wenn das kein Glücksfall war! Was hätte ich sonst angefangen? Ich konnte es kaum über den Strand kriegen, geschweige denn die Leiter rauf.«

Unter dem Sand war ihr Gesicht blau vor Kälte. Er schüttelte den Kopf. »Kommen Sie rein, und machen Sie das Fenster zu… der Wind ist eisig. Wie haben Sie das bloß ausgehalten, schwimmen zu gehen? Sie werden an Lungenentzündung sterben.«

»Nein, bestimmt nicht.« Sie stieg auf den Fußboden hinunter und sah zu, wie er die Leiter aufrollte und das Fenster zuschob. Es ließ sich nicht richtig schließen, immer noch drang ein eisiger Luftzug ins Zimmer. »Ich bin daran gewöhnt. Als Kinder sind wir immer im April schwimmen gegangen.«

»Jetzt ist nicht April. Es ist März. Es ist Winter. Was würde Ihr Vater dazu sagen?«

»Oh, nichts würde er sagen. Es ist so ein wunderschöner Tag, und ich hatte das Anstreichen satt… Haben Sie meine herrliche saubere Wand gesehen? Das Dumme ist bloß, daß dadurch der Rest des Ateliers wie ein Dreckloch aussieht. Übrigens, ich war nicht schwimmen, ich war surfen, und die Brecher haben mich gewärmt.« Und dann, ohne merklichen Wechsel des Tonfalls: »Wollten Sie zu Ben? Er ist im Sliding Tackle.«

»Ja, ich weiß.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil ich Marcus dort bei ihm abgesetzt habe.«

»Marcus.« Emma hob ihre markanten Augenbrauen und überlegte. »Marcus ist auch mitgekommen? Meine Güte, das muß ein wichtiges Geschäft sein!«

Sie schauderte leicht.

»Ziehen Sie sich was an«, mahnte Robert.

»Ach, brauch ich nicht.« Sie trat an den Tisch, nahm sich eine Zigarette, zündete sie an und ließ sich dann auf das alte Sofa fallen, flach auf den Rücken, die Füße auf der Armlehne abgestützt.

»Haben Sie meinen Brief bekommen?«

»Ja.« Da Emma das ganze Sofa einnahm, blieb ihm nur der Tisch zum Sitzen, deshalb legte er den Zeitschriftenstapel vorsichtig auf die Erde und setzte sich auf die Tischkante. »Tut mir leid, das mit Ihrem Sonnenhut.«

Emma lachte. »Aber das mit Ben hat Sie gefreut?«

»Natürlich.«

»Es klappt erstaunlich gut. Unglaublich. Und er hat mich wirklich gern um sich.«

»Ich hätte nicht eine Sekunde gedacht, daß es anders wäre.«

»Ach, bloß keine Komplimente. Natürlich haben Sie das gedacht. Neulich beim Mittagessen waren Sie nichts als fragende Augenbrauen und Skepsis. Aber es ist wirklich ein perfektes Abkommen. Ben muß mich nicht dafür bezahlen, daß ich ihm den Haushalt führe, er braucht sich nicht mit lästigen Kleinigkeiten wie freien Tagen und Sozialversicherung abzugeben, und er muß keine Gefühle zeigen. Ich glaube, er hätte nie gedacht, daß das Leben so unkompliziert sein kann.«

»Haben Sie was von Christopher gehört?«

Emma drehte den Kopf zur Seite, um ihn anzusehen. »Woher wissen Sie von Christopher?«

»Sie haben es mir selbst erzählt. Bei Marcello, erinnern Sie sich?«

»Ach ja. Nein, ich hab nichts von ihm gehört. Aber er dürfte inzwischen in Brookford sein, mitten in den Proben. Er hatte bestimmt keine Zeit zum Schreiben. Außerdem gab es hier so viel zu tun. Uns im Cottage einrichten, kochen und so weiter. Glauben Sie den Leuten bloß nicht, wenn sie sagen, daß Künstler nichts essen. Bens Magen ist unersättlich.«

»Haben Sie ihm erzählt, daß Sie Christopher getroffen haben?«

»Himmel, nein! Hätte ich unseren reibungslosen Tagesablauf stören sollen? Ich hab nicht mal seinen Namen erwähnt. Wissen Sie was, in den Tweedsachen sehen Sie viel netter aus als in den Londoner Klamotten. Als ich Sie das erste Mal sah, dachte ich gleich, daß Sie nicht der Typ sind, der seine Tage zugeknöpft in einem anthrazitgrauen Anzug verbringt. Wann sind Sie hier angekommen?«

»Wir sind gestern nachmittag losgefahren. Wir haben im Hotel Castle übernachtet.«

Emma zog ein Gesicht. »Umringt von einem Haufen Topfpalmen und Kaschmirstrickjacken. Igitt!«

»Es ist sehr komfortabel.«

»Von der Zentralheizung krieg ich Heuschnupfen. Da kann ich nicht mal atmen.«

Sie drückte ihre halbgerauchte Zigarette in dem überquellenden Aschenbecher aus, schwang die Füße vom Sofa und ging zum Fenster. Im Gehen löste sie den Gürtel ihres Bademantels. Sie kramte einen Stapel Kleidungsstücke unter einem Kissen hervor und begann sich mit dem Rücken zu ihm anzuziehen.

»Warum sind Sie und Marcus zusammen gekommen?« fragte sie schließlich.

»Marcus fährt nicht Auto.«

»Es gibt Züge. Und das hab ich auch nicht gemeint.«

»Ich weiß.« Er nahm eins von den bemalten Porzellaneiern und spielte damit wie ein Araber mit den Kugeln einer Gebetskette. »Wir sind hergekommen, um Ben zu überreden, wieder nach Amerika zu fliegen.«

Plötzlich brach ein heftiger Windstoß durch das Glasfenster des Ateliers und toste gleichzeitig wie das Donnern eines vorbeifahrenden Zuges über das Dach. Ein Schwarm Möwen stieg kreischend von den Felsen auf und wurde am Himmel entlanggejagt. Dann legte sich der Wind genauso plötzlich wieder.

Emma fragte: »Warum soll er wieder hin?«

»Wegen der Ausstellung.«

Als sie den weißen Frotteemantel fallen ließ, stand sie in Jeans da und zog sich einen marineblauen Pullover über den Kopf.

»Aber ich dachte, er und Marcus hätten das alles schon im Januar in New York geregelt.«

»Das dachten wir auch. Aber sehen Sie, diese Ausstellung wird von einer Privatperson finanziert.«

»Ich weiß«, sagte Emma, als sie sich umdrehte und ihre dunklen Haare mit einer ruckartigen Bewegung aus dem Rollkragen des Pullovers befreite. »Ich habe in Réalités alles darüber gelesen. Mrs. Kenneth Ryan. Die Witwe des reichen Mannes, dessen Denkmal das Queenstown Museum of Fine Arts ist. Sie sehen, ich bin gut informiert. Ich hoffe, Sie sind beeindruckt.«

»Und Mrs. Kenneth Ryan wünscht eine Vernissage.«

»Warum hat sie das nicht gleich gesagt?«

»Weil sie nicht in New York war. Sie hat sich in Nassau auf den Bahamas oder in Palm Beach oder sonstwo gesonnt. Ben hat sie nie gesehen. Er hat nur den Museumsdirektor gesprochen.«

»Und jetzt wünscht Mrs. Ryan, daß Ben Litton zurückkommt, damit sie eine nette kleine Champagnerparty veranstalten und ihn ihren vielen einflußreichen Freuden vorzeigen kann wie eine Trophäe. Das macht mich krank.«

»Sie hat es nicht nur beschlossen, Emma, sie ist gekommen, um ihn zu überreden.«

»Gekommen? Sie meinen, nach England?«

»Ich meine nach England, in die Galerie Bernstein, und nach Porthkerris. Sie ist gestern mit Marcus und mir hergefahren und sitzt in diesem Augenblick im Castle an der Bar, trinkt sehr kalte Martinis und wartet, daß wir alle mit ihr Mittag essen.«

»Also, ich gehe bestimmt nicht mit.«

»Sie müssen. Sie rechnet mit uns allen.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Und wir sind spät dran. Beeilen Sie sich.«

»Weiß Ben von der Vernissage?«

»Er dürfte es inzwischen wissen. Marcus wird es ihm gesagt haben.«

Sie hob einen braunen Segeltuchkittel vom Boden auf und zog ihn über ihren Pullover. Als sie den Kopf durch den Halsausschnitt steckte, sagte sie: »Ben will vielleicht nicht weg.«

»Sie meinen, Sie wollen nicht, daß er weggeht?«

»Ich meine, er hat sich hier wieder eingelebt. Er treibt sich nicht herum, er ist nicht unruhig, er trinkt nicht mal besonders viel. Er arbeitet wie ein Berserker, und was er macht, ist frisch, neu und besser denn je. Ben ist immerhin sechzig. Wenn man ihn ansieht, ist es kaum zu glauben, aber er ist wirklich fast sechzig. Ist es nicht denkbar, daß dieses ewige Herumschwirren in aller Welt ihn nicht mehr anregt, sondern schlichtweg auslaugt?« Sie kam wieder zum Sofa und setzte sich Robert gegenüber, ihr ernstes Gesicht auf gleicher Höhe mit seinem. »Bitte, wenn er nicht weg will, versuchen Sie nicht, ihn zu überreden.«

Robert hielt immer noch das Porzellanei in der Hand. Er betrachtete es aufmerksam, als würden seine blaugrünen Windungen auf wundersame Weise die Lösung aller Probleme enthalten. Dann legte er es vorsichtig zurück in die Glasschale zu den anderen. »Sie tun, als wäre dies eine große Sache, so als würde er in die Staaten zurückkehren, um wieder zu unterrichten, und jahrelang nicht wiederkommen. Aber so ist es ja nicht. Es ist bloß eine Party. Er muß höchstens ein paar Tage wegbleiben.« Sie öffnete den Mund zu einem neuerlichen Protest, aber er fiel ihr ins Wort. »Und Sie dürfen nicht vergessen, daß diese Ausstellung eine große Huldigung an Ben ist. Da wurde eine Menge an Geld und Organisation reingesteckt, und das mindeste, was er tun kann, ist vielleicht…«

Emma unterbrach ihn wütend. »Das mindeste, was er tun kann, ist für eine fette alte Amerikanerin auf und ab stolzieren wie ein Schoßäffchen. Und das Schreckliche dabei ist, daß ihm so was auch noch gefällt. Das hasse ich, daß es ihm gefällt.«

»Nun gut, es gefällt ihm eben. Wenn er hin will, wird er also fliegen.«

Sie saß da, stumm, die Augen niedergeschlagen, der Mund schmollend wie bei einem Kind. Robert rauchte seine Zigarette zu Ende und drückte sie aus, dann stand er auf und sagte, sanfter jetzt: »Kommen Sie, sonst verspäten wir uns. Haben Sie einen Mantel?« — »Nein.«

»Aber Schuhe, Sie müssen doch Schuhe haben.«

Emma griff unter das Sofa, zog ein Paar Riemensandalen hervor, stand auf und fuhr mit bloßen Füßen hinein. Ihre Füße waren noch mit Sand bedeckt, und der Segeltuchkittel hatte Flecken von weißer Tünche.

Sie seufzte. »In diesem Aufzug kann ich nicht zum Mittagessen ins Castle gehen.«

»Unsinn«, sagte er in bemüht aufmunterndem Ton. »Sie geben den Einwohnern was zu tratschen. Das hellt ihr eintöniges Leben unendlich auf.«

»Hab ich keine Zeit mehr, vorher ins Cottage zu gehen? Ich hab nicht mal einen Kamm.«

»Einen Kamm kriegen Sie im Hotel.«

»Aber…«

»Wir haben einfach keine Zeit mehr. Wir sind sowieso schon spät dran. Kommen Sie jetzt?«

Sie gingen zusammen aus dem Atelier, die Rampe hinauf und auf die sonnenbeschienene Straße hinaus und machten sich auf den Weg zum Hafen. Nach der Kälte des Ateliers fühlte die Luft sich warm an, das Leuchten des Meeres wurde von den weißgetünchten Mauern der Häuser reflektiert und schmerzte im Auge wie gleißender Schnee.

5

Emma wollte auf gar keinen Fall ins Sliding Tackle. »Ich warte hier. Gehen Sie rein und eisen Sie sie los.«

»Na gut.«

Sie beobachtete, wie er unter der Veranda den Kopf einziehen mußte, um hineinzugelangen. Die Tür der Kneipe fiel hinter ihm zu. Emma schlenderte zu seinem Wagen hinüber und begutachtete ihn interessiert, schließlich gehörte er Robert und konnte deshalb weitere Aufschlüsse über seinen Charakter liefern, wie ein Bücherregal oder die Bilder, die sich jemand an die Wand hängt. Doch abgesehen davon, daß er dunkelgrün und mit Nebelscheinwerfern, Speichenrädern und mehreren Autoclubplaketten ausgestattet war, gab der Alvis wenig preis. Im Handschuhfach sah sie Zigaretten und einen Straßenatlas. Auf dem Fahrersitz lag eine Tweedmütze, auf dem Rücksitz, ordentlich zusammengefaltet, eine dicke, teuer aussehende karierte Decke. Emma dachte, daß er entweder vertrauensvoll oder sorglos sein mußte. Aber offensichtlich hatte er auch Glück, immerhin war die Decke noch nicht gestohlen worden.

Ein Windstoß kam von der See her, und Emma fröstelte. Nach dem Surfen und dem Aufenthalt in dem zugigen Atelier war ihr noch arg kalt. Ihre Hände waren taub und völlig farblos geworden, die Fingernägel blau gefärbt. Aber das Metall des Wagens war warm, und sie lehnte sich behaglich vornüber auf die Kühlerhaube, die Hände gespreizt wie Seesterne.

Die Tür der Kneipe ging auf, und Robert Morrow erschien wieder, sich vorsichtig duckend.

»Sind sie nicht da?«

»Nein. Wir sind spät dran, und sie hatten keine Lust zu warten, deshalb haben sie sich von jemandem mit zum Hotel nehmen lassen.« Er öffnete die Tür an der Fahrerseite, setzte die Mütze auf und zog sie bis an die Nase herunter, was seinem eindrucksvollen Profil zusätzliche Schärfe verlieh. »Kommen Sie…« Er beugte sich hinüber und öffnete die Beifahrertür, und Emma löste sich von der Kühlerhaube und stieg neben ihm ein.

Sie ließen den Hafen hinter sich, brausten durch die Stadt, die steilen engen Straßen hinauf, zwischen schmucken Häuserzeilen mit Schildern, die Übernachtung und Frühstück versprachen, und Vorgärten, in denen traurige Palmen die Köpfe in dem fremden Wind hin und her warfen. Sie kamen auf die Hauptstraße, immer noch ansteigend, bogen in die Zufahrt zum Hotel Castle ein, fuhren weiter bergauf, zwischen Hortensiensträuchern und landwärts geneigten Ulmen, und gelangten schließlich oben auf dem Hügel auf ein freies Gelände mit Tennisplätzen, Rasenflächen und einem Minigolfplatz. Das Hotel war ein ehemaliges Landhaus und rühmte sich seiner authentischen Atmosphäre. Eine an Pfosten befestigte weiße Kette verhinderte, daß Autos auf den geschwungenen Kiesweg vor dem Hotel fuhren, und hier saß eine Handvoll abgehärteter Gäste in Liegestühlen, mit Schals, Handschuhen und in Decken gewickelt wie Passagiere auf einem Ozeandampfer. Sie lasen Bücher oder Zeitungen, doch als der Alvis die Zufahrt hinaufbrauste und unter lautem Kiesknirschen vorfuhr, ließ man die diverse Lektüre sinken. Roberts und Emmas Ankunft wurde beobachtet und kommentiert, als handele es sich um Besucher von einem anderen Stern.

Robert grinste: »Wir sind vermutlich das erste aufregende Ereignis, seit der Direktor in den Swimmingpool gefallen ist.«

Als sie durch die Drehtür kamen, umfing sie die Wärme des Hauses wie in einem großen Ofen. Emma behauptete, derartigen Komfort zu verachten, aber heute war sie ausgesprochen dankbar dafür.

»Ich nehme an, die anderen sind in der Bar«, sagte sie. »Gehen Sie schon vor, ich komme in einer Minute nach. Ich muß versuchen, den Sand runterzukriegen.«

In der Damentoilette wusch sie sich Hände und Gesicht und rieb die Füße hinten an den Hosenbeinen ihrer Jeans, um den Sand abzustreifen wie ein Schuljunge, der sich die Schuhe zu putzen versucht. Auf einem rüschenverzierten Toilettentisch lag eine protzige Kamm- und Bürsten-Garnitur, und sie fuhr sich mit dem Kamm durch ihre verfilzten Haare, wobei sie die Hälfte der Zinken abbrach, aber die wirre Masse einigermaßen in Form brachte. Als sie sich zur Tür umdrehte, erblickte sie sich in dem hohen Spiegel. Kein Make-up, verblichene Jeans, Farbflecken. Sie zog den unmöglichen Kittel aus, wurde wütend auf sich selbst, weil sie sich mit etwas so Lächerlichem wie ihrem Äußeren abgab, und zog ihn wieder an. Die Leute würden sie für eine Hippie-Kunststudentin halten. Ein Modell. Ben Littons Geliebte. Sollten sie. Wie Robert Morrow richtig gesagt hatte, es würde ihnen etwas zu tratschen geben.

Aber als sie aus der Damentoilette kam und über den dicken Teppich des Foyers ging, sah sie dankbar, daß Robert Morrow sie nicht, wie sie ihm gesagt hatte, allein gelassen hatte, um sich zu den anderen zu gesellen, sondern an der Rezeption auf sie wartete. Er las ein Sonntagsblatt, das jemand auf einem Sessel liegengelassen hatte. Als er sie kommen sah, faltete er die Zeitung zusammen und bedachte Emma mit einem aufmunternden Grinsen.

»Alle Achtung«, sagte er.

»Ich hab den Hotelkamm zerbrochen. Ausgerechnet einen so schönen, er gehörte zu einer Garnitur. Sie hätten nicht warten müssen. Ich war schon mal hier und kenne den Weg…«

»Dann kommen Sie.«

Es war Viertel vor zwei, die Mittagszeit war vorüber. Nur ein paar ernsthafte Zecher saßen noch an der Bar, hielten ihre Gin Tonics umklammert und wurden schon ein bißchen rot im Gesicht. Ben Litton, Marcus Bernstein und Mrs. Kenneth Ryan saßen auf der anderen Seite des Raumes in der Nische, die von einem großen Panoramafenster gebildet wurde. Mrs. Ryan nahm den Platz am Fenster ein, vor einem Hintergrund, der wie das Plakat eines Reisebüros aussah — knallblaues Meer, ein Stück Himmel und das gepflegte Grün des Minigolfplatzes. Die beiden Männer, Ben in seinem Blaumann und Marcus in seinem dunklen Anzug, saßen seitlich von ihr, so daß Mrs. Ryan es war, die Emma und Robert zuerst sah.

»Sieh mal an, wer da ist…« sagte sie.

Sie drehten sich um. Ben blieb sitzen, aber Marcus stand auf und trat mit ausgestreckten Armen auf Emma zu, um sie zu begrüßen; seine Freude, sie zu sehen, war echt und demonstrativ zugleich, sehr unbritisch. Er konnte gelegentlich nahezu peinlich österreichisch sein.

»Emma, mein liebes Kind. Endlich bist du da.« Er legte ihr die Hände auf die Schultern und küßte sie feierlich auf beide Wangen. »Welche Freude, dich wiederzusehen, nach so langer, langer Zeit. Wie lange ist es her? Fünf Jahre? Sechs Jahre? Wir haben uns eine Menge zu erzählen. Komm, ich stell dir Mrs. Ryan vor.« Er nahm sie bei der Hand. »Aber deine Hand ist wie ein Eisblock. Was hast du gemacht?«

»Nichts«, sagte Emma. Sie fing Roberts Blick auf und beschwor ihn stumm, sie nicht zu verraten.

»Und mit bloßen Füßen… wie hältst du das aus? Mrs. Ryan, das ist Bens Tochter Emma, aber geben Sie ihr nicht die Hand, sonst sterben Sie an einem Schock.«

»Ich kann mir schlimmere Todesarten vorstellen«, sagte Mrs. Ryan und streckte ihre Hand aus. »Guten Tag.« Sie zuckte unwillkürlich zusammen. »Ich muß schon sagen, Sie sind sehr kalt.«

In einer plötzlichen Eingebung sagte Emma: »Ich war schwimmen. Deswegen haben wir uns verspätet. Und deshalb seh ich so schlampig aus. Mir blieb keine Zeit mehr, nach Hause zu gehen und mich umzuziehen.«

»Oh, Sie sehen nicht schlampig aus, Sie sehen reizend aus. Nehmen Sie Platz… wir haben doch noch Zeit für einen Drink? Das Restaurant wird sicher nicht vor unserer Nase zumachen oder sowas. Robert, seien Sie ein Schatz, und bestellen Sie noch eine Runde für uns. Was möchten Sie, Emma?«

»Ich… ich möchte eigentlich gar nichts.« Ben hüstelte leise. »Hm… einen Sherry.«

»Und wir anderen trinken alle Martini. Robert, möchten Sie auch einen?« Emma ließ sich bedächtig auf dem Stuhl nieder, den Marcus freigemacht hatte. Sie merkte, daß ihr Vater sie von der anderen Seite des Tisches beobachtete.

»Ich glaube einfach nicht«, sagte Mrs. Ryan, »daß Sie wirklich schwimmen waren.«

»Nicht richtig. Ich bin bloß reingegangen und wieder raus. Die Wellen waren riesig.«

»Aber holen Sie sich denn nicht einen furchtbaren Schnupfen? Das kann Ihnen nicht guttun.« Sie wandte sich an Ben. »Sie werden doch nicht dulden, daß sie bei dieser Kälte schwimmen geht? Haben Sie denn keinen Einfluß auf Ihre Tochter?«

Ihr Tonfall war munter und scherzhaft. Sie fuhr fort, Ben aufzuziehen, aber Emma hörte nicht zu. Sie war zu sehr mit Schauen beschäftigt. Denn Mrs. Ryan war nicht alt und dick, sondern jung, schön und sehr attraktiv, und vom Scheitel ihres glatt frisierten goldblonden Kopfes bis zu den Spitzen ihrer glänzenden Pumps gab es kein einziges Detail, das nicht ungemein anziehend war. Ihre Augen waren riesengroß und blau wie Veilchen, ihr Mund war voll und sanft und ließ, wenn sie lächelte wie jetzt, zwei vollendete Reihen gleichmäßiger weißer amerikanischer Zähne sehen. Sie trug ein sehr kleidsames Kostüm aus altrosa Tweed, Kragen und Manschetten mit gestärktem weißem Pikee eingefaßt. Diamanten funkelten an ihren Ohren, ihrem Revers, ihren tadellos manikürten Händen. Sie hatte nichts Vulgäres an sich, nichts Aufdringliches. Selbst ihr Parfüm roch sanft und blumig.

»… daß sie sechs Jahre von Ihnen fort war, ist ein Grund, sich jetzt um so mehr um sie zu kümmern.«

»Ich kümmere mich nicht um sie… sie kümmert sich um mich.«

»Da spricht ein echter Mann…« Ihre sanfte Stimme mit dem Südstaatenakzent ließ die Worte klingen wie eine Liebkosung.

Emmas Augen wanderten zu ihrem Vater. Seine Haltung war typisch für ihn, die Beine übereinandergeschlagen, der rechte Ellbogen auf dem Knie, das Kinn vom Daumen gestützt, zwischen den Fingern eine Zigarette, deren Rauch vor seinen Augen aufstieg. Die Augen waren dunkel wie schwarzer Kaffee, mit tiefen Schatten, und sie betrachteten Mrs. Ryan, als sei sie ein faszinierendes neues Lebewesen unter dem Mikroskop.

»Emma, dein Sherry.«

Es war Marcus. Sie riß ihre Augen von Ben los, und Mrs. Ryan wandte sich ihm erfreut zu.

»Oh, vielen Dank…«

Er setzte sich neben sie. »Hat Robert dir von der Vernissage erzählt?«

»Ja.«

»Bist du uns böse?«

»Nein.« Und das war die Wahrheit. Einem so aufrichtigen Menschen, der sofort zur Sache kam, konnte man nicht böse sein. »Aber du möchtest nicht, daß er weggeht?«

»Hat Robert das gesagt?«

»Nein. Ich kenne dich nur sehr gut. Und ich weiß, wie lange du gewartet hast, um bei Ben zu sein. Aber es ist ja nur für kurze Zeit.«

»Ja.« Sie sah auf ihr Glas hinunter. »Er geht also wirklich?«

»Ja, er geht wirklich. Aber erst Ende des Monats.«

»Aha.«

»Wenn du ihn begleiten möchtest…« begann Marcus sanft.

»Nein. Nein, ich will nicht nach Amerika.«

»Macht es dir nichts aus, allein zu sein?«

»Nein. Ich hab nichts dagegen. Und, wie du gesagt hast, es ist ja keine lange Zeit.«

»Du könntest nach London kommen und bei Helen und mir wohnen. Du kannst Davids Zimmer haben.«

»Und wo schläft David dann?«

»Es ist so traurig, er ist im Internat. Es hat mir das Herz gebrochen, aber ich bin jetzt Engländer, und so wurde mein Sohn mir mit acht Jahren entrissen. Komm zu uns, Emma. In London gibt es eine Menge zu besichtigen. Die Tate Gallery hat umgehängt, eine Meisterleistung …«

Emma mußte unwillkürlich lächeln.

»Worüber lächelst du, du schreckliches Kind?«

»Ich lache über deine Unverschämtheit. Du nimmst mir mit der einen Hand meinen Vater und bietest mir mit der anderen die Tate Gallery. Und«, fügte sie mit gesenkter Stimme hinzu, »niemand hat es für nötig gehalten, mir zu sagen, daß Mrs. Kenneth Ryan Schönheitskönigin von Süd-Virginia war.«

»Das wußten wir nicht«, sagte Marcus. »Wir hatten sie vorher nie gesehen. Sie ist vorgestern spontan nach England geflogen, in die Galerie Bernstein marschiert und hat gesagt, sie wollte zu Ben Litton, und da habe ich sie zum erstenmal zu Gesicht bekommen.«

»Es lohnt sich, sie zu Gesicht bekommen.«

»Ja«, sagte Marcus. Er schaute mit seinen traurigen Hundeaugen zu Mrs. Ryan hinüber. Er schaute zu Ben. Dann schaute er wieder in sein Martiniglas und berührte mit dem Zeigefinger den Zitronenschalenschnitz. »Ja«, sagte er noch einmal.

Die späte Ankunft im Speisesaal verursachte einigen Aufruhr. Der beste Tisch war für sie reserviert, der runde am Fenster, und um hinzugelangen, mußten sie den ganzen Saal durchqueren. Mrs. Ryan ging voran, sich der Bewunderung aller Augen im Raum bewußt und scheinbar unempfänglich dafür. Sie war daran gewöhnt. Hinter ihr Marcus, schäbig, aber seltsam distinguiert und eine ausgesprochen interessante Figur. Dann Robert und Emma und schließlich Ben. Ben blieb etwas zurück, um seine Zigarette auszudrücken, was jedoch in einem Starauftritt gipfelte: Er verhielt einen Moment an der Tür, um mit dem Oberkellner zu sprechen, so daß er, als er den Raum betrat, der alleinige Mittelpunkt der Aufmerksamkeit war.

Ben Litton … Das ist Ben Litton, flüsterten sie, als er zwischen den Tischen hindurchschritt, prächtig anzuschauen in seinem Monteuranzug, das rot-weiße Tuch um den Hals geknotet, die weißen Haare so dicht wie die eines jungen Mannes, mit einer Locke, die ihm wie ein Komma in die Stirn fiel.

Ben Litton… du weißt doch, der Maler.

Es war aufregend. Jedermann wußte, daß Ben Litton in Porthkerris ein Atelier hatte, aber wenn man entschlossen war, ihn leibhaftig zu sehen, mußte man hinunter in die Stadt gehen, eine Fischerkneipe namens Sliding Tackle aufsuchen, sich dort in die stickige Finsternis setzen, so lange wie möglich mit einem Glas warmen Bier auskommen und auf ihn warten. Es war so etwas wie eine seltsame Abart der Vogelbeobachtung.

Aber heute hatte Ben Litton seine gewohnten Schlupfwinkel verlassen und war hier im Hotel Castle, um Mittag zu essen wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Der Berg war zum Propheten gekommen. Eine ältere Dame starrte ihn ungeniert durch ihr Lorgnon an, und ein Gast aus Texas bedauerte lauthals, daß er sein Blitzlicht auf dem Zimmer gelassen hatte.

Emma fing Robert Morrows Blick auf und konnte gerade noch ein Prusten unterdrücken.

Ben kam schließlich an den Tisch, ließ sich auf dem Ehrenplatz neben Mrs. Ryan nieder, griff nach der Speisekarte und gab nur durch das Heben eines Fingers zu verstehen, man möge den Weinkellner holen. Allmählich legte sich die Aufregung im Speisesaal, aber es war offensichtlich, daß ihnen für den Rest der Mahlzeit die Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher sein würde.

Emma schüttelte den Kopf. »Ich weiß, ich sollte das nicht gutheißen — ich sollte mich schämen für diesen unverfrorenen Exhibitionismus, aber irgendwie läßt man es ihm jedesmal durchgehen.«

Robert lächelte. »Nun, es hat Sie wenigstens zum Lachen gebracht, und Sie machen nicht mehr so ein verkniffenes und nervöses Gesicht.«

»Sie hätten mir sagen sollen, daß Mrs. Ryan jung und schön ist.«

»Schön ist sie allerdings. Aber ich glaube nicht, daß sie so jung ist, wie sie scheint. Eher gut erhalten.«

»Das ist die Art gehässiger Bemerkung, die eine Frau machen würde.«

»Verzeihung. Es war in der allerbesten Absicht gesagt.«

»Sie hätten es mir trotzdem vorher erzählen können.«

»Sie haben mich ja nicht gefragt.«

»Nein, aber ich habe eine Bemerkung über fette alte Amerikanerinnen gemacht, und Sie haben mich nicht korrigiert.«

»Vielleicht war mir nicht klargeworden, daß das so wichtig für Sie ist.«

»Eine schöne Frau und Ben Litton, und Ihnen war nicht klar, daß es wichtig ist? Und nicht nur das; es ist tödlich. Eins steht fest, Sie und Marcus brauchen ihn nicht zu überreden. Ben geht nach Amerika. Ein Wimpernschlag von ihr, und er ist schon mitten über dem Atlantik.«

»Ich finde, Sie sind nicht ganz fair. Die längsten Wimpern der Welt würden ihn nicht zu etwas bewegen, was er nicht will.«

»Nein, aber er konnte einer Herausforderung noch nie widerstehen.«

Ihre Stimme war kalt.

»Emma«, sagte Robert.

Sie drehte sich zu ihm um. »Was?«

»In Ihren Worten klingt eine gewisse Feindseligkeit an.« Er maß zwischen Zeigefinger und Daumen ab. »Bloß ein klitzekleines bißchen.«

»Ja… also…« Sie beschloß, das Thema zu wechseln. »Wann fahren Sie nach London zurück?«

»Heute nachmittag.« Er sah auf die Uhr. »Wir sind ohnehin schon spät dran. Wir müssen aufbrechen, sobald ich Madame Millionärin weglocken kann.«

Aber Mrs. Ryan ließ sich nicht zur Eile antreiben. Das Mittagessen zog sich über vier Gänge hin, nebst Wein, Kognak und Kaffee, in dem jetzt leeren Speisesaal serviert, weil sie ihren Tisch nicht verlassen wollte. Schließlich machte Robert sich eine Gesprächspause zunutze, er räusperte sich und sagte: »Marcus, es tut mir leid, euch zu unterbrechen, aber ich glaube wirklich, wir sollten los. Immerhin haben wir eine Fahrt von fast fünfhundert Kilometern vor uns.«

Mrs. Ryan wirkte erstaunt. »Aber wie spät ist es denn?«

»Fast vier Uhr.«

Sie lachte. »Schon! Es ist wie in Spanien. Einmal bin ich in Spanien zu einem Mittagessen gegangen, und wir sind erst abends um halb acht vom Tisch aufgestanden. Warum muß die Zeit so schnell vergehen, wenn man sich richtig amüsiert?«

»Ursache und Wirkung«, sagte Ben.

Sie lächelte Robert über den Tisch hinweg an. »Sie wollen doch nicht sofort losfahren, oder?«

»Nun ja… so bald wie möglich.«

»Aber ich wollte mir das Atelier ansehen. Ich kann doch nicht den ganzen Weg über den Atlantik kommen und dann den ganzen Weg bis nach Porthkerris, ohne Bens Atelier zu sehen. Können wir auf dem Rückweg nach London nicht bloß mal schnell vorbeischauen?«

Niemand sagte etwas. Robert und Marcus wirkten einen Moment ratlos; Robert, weil er keine weitere Zeit verlieren wollte, und Marcus, weil er wußte, daß es Ben ausgesprochen zuwider war, sein Atelier besichtigen zu lassen. Auch Emma war nicht gerade begeistert. Im Atelier herrschte Chaos — es war nicht Bens Chaos, das spielte keine Rolle, sondern ihr persönliches Chaos. Sie dachte an die Leitern, den Farbeimer, den nassen Frotteemantel, den Badeanzug, den sie auf dem Fußboden liegengelassen hatte, die randvollen Aschenbecher, das durchgesessene Sofa und den Sand, der überall verstreut war. Sie sah Ben an, beschwor ihn, abzulehnen. Aller Augen waren auf Ben gerichtet, sie warteten wie Marionetten, in welche Richtung er die Fäden ziehen würde.

Aber ausnahmsweise ließ er sie nicht im Stich.

»Meine liebe Mrs. Ryan, obwohl ich Ihnen mein Atelier mit Vergnügen zeigen würde, muß ich doch darauf hinweisen, daß es nicht auf dem Weg nach London liegt.«

Alle sahen sie an, gespannt, wie sie es aufnehmen würde. Sie verdrehte theatralisch die Augen und seufzte schwer. Alle lachten erleichtert, und Mrs. Ryan lachte mit.

»Schön, ich gebe mich geschlagen.« Sie nahm ihre Handtasche und Handschuhe an sich. »Aber eins lassen Sie mich noch sagen. Sie waren alle so lieb zu mir, und ich will mir nicht mehr wie eine Fremde vorkommen. Ich heiße Melissa. Ob Sie mich wohl so nennen könnten?«

Während sie zum Auto gingen, nahm sie Emma beiseite.

»Sie waren besonders lieb«, sagte sie. »Marcus hat mir erzählt, daß Sie aus Paris gekommen sind, um bei Ihrem Vater zu sein, und jetzt komme ich und nehme ihn Ihnen wieder weg.«

Emma, die wußte, daß sie nicht besonders lieb gewesen war, hatte ein schlechtes Gewissen. »Die Ausstellung geht vor…«

»Ich passe gut auf ihn auf«, versprach Melissa Ryan.

Ja, dachte Emma, davon bin ich überzeugt. Dennoch war ihr die Amerikanerin sympathisch. Und etwas in ihrer Haltung und der Klarheit ihrer veilchenblauen Augen weckte in Emma leise Zweifel daran, daß Ben diesmal so leichtes Spiel haben würde wie sonst. Und wenn bei ihm etwas nicht von Anfang an nach Wunsch lief, gab er schnell auf. Lächelnd sagte sie: »Ich nehme an, es dauert nicht lange, bis er wieder zu Hause ist.« Dann nahm sie den honigfarbenen Nerz von Mrs. Ryans Stuhllehne und half ihr hinein. Sie gingen zusammen aus dem Hotel. Es war kälter geworden. Die Wärme der Sonne hatte den Himmel verlassen, und frostige Kühle stieg von der See herauf. Robert hatte das Verdeck des Alvis hochgeklappt, und Melissa, in den Nerz gehüllt, ging zu Ben, um Lebewohl zu sagen.

»Aber es ist kein Lebewohl«, sagte er zu ihr, während er ihre Hand hielt und sie mit seinen dunklen Augen ansah. »Es gibt ein Wiedersehen.«

»Natürlich. Und wenn Sie mir mitteilen, wann Ihre Maschine auf dem Kennedy Flughafen landet, lasse ich Sie abholen.«

Marcus seufzte. »Das erledige ich. Ben hat seit Menschengedenken nie irgendwem irgendwas mitgeteilt, schon gar nicht seine Ankunftszeiten. Leb wohl, Emma, mein liebes Kind, und vergiß nicht, daß ich dich eingeladen habe, bei uns zu wohnen, solange du willst, während Ben in Amerika ist.«

»Vielen Dank, Marcus. Man kann nie wissen. Vielleicht komme ich.«

Sie gaben sich einen Kuß. Er stieg hinten in den Wagen, und Melissa Ryan setzte sich nach vorn, die eleganten Beine in Roberts Reiseplaid gehüllt. Ben schloß die Tür, dann blieb er dort stehen und setzte sein Gespräch mit ihr durch das offene Wagenfenster fort.

»Emma.« Es war Robert.

Sie drehte sich um. »Oh, Wiedersehen, Robert.«

Zu ihrer Überraschung nahm er seine Mütze ab und beugte sich hinunter, um ihr einen Kuß zu geben. »Machen Sie’s gut, ja?«

Sie war gerührt.

»Ja, sicher.«

»Wenn Sie irgendwas brauchen, rufen Sie mich in der Galerie Bernstein an.«

»Was sollte ich brauchen?«

»Ich weiß nicht, war nur so ein Gedanke. Wiedersehen, Emma.«

Sie und Ben blieben stehen und sahen ihnen nach, bis der Wagen in einem Tunnel aus Bäumen verschwand. Einen Moment lang sagte keiner von ihnen etwas, doch dann räusperte sich Ben. »Einen interessanten Kopf hat dieser junge Mann. Der schmale Schädel und die starken Gesichtsknochen. Ich würde ihn gerne mit Bart sehen. Er würde einen guten Heiligen abgeben — oder vielleicht einen Sünder. Magst du ihn, Emma?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich denke schon. Ich kenne ihn kaum.«

Er wandte sich zum Gehen und bemerkte die kleine Ansammlung von Hotelgästen, die, begierig nach der kleinsten Abwechslung, stehengeblieben waren, um Melissas Abfahrt zu beobachten. Als Ben sie kühl ansah, wandten sie sich ab und gingen verlegen weiter.

Ben schüttelte verwundert den Kopf. »Ich glaube, ich habe genug davon, angestarrt zu werden wie ein zweiköpfiger Schimpanse«, sagte er mißbilligend. »Komm, wir gehen nach Hause.«

6

Ben Litton reiste Ende März nach Amerika ab. Er fuhr mit dem Zug von Porthkerris nach London und flog von dort aus nach New York. Im letzten Moment beschloß Marcus Bernstein, ihn zu begleiten, und die Abendzeitungen brachten Fotos von ihrer Abreise: Ben mit seinen weißen Haaren wie ein Gockel im Wind und Marcus fast unkenntlich durch seinen schwarzen Hut. Beide wirkten ein bißchen verlegen.

Marcus war es dann, von dem Emma das Luftpostpaket mit amerikanischen Zeitungen erhielt. Sämtliche namhaften Kunstkritiker hatten der Ausstellung längere Artikel gewidmet. Einhellig lobten sie das Queenstown Museum of Fine Arts und hoben das Zusammenspiel von Architektur, Beleuchtung und tadelloser Präsentation hervor. Die Ben Litton-Ausstellung dürfe man auf keinen Fall versäumen. Nie wieder würden die Werke des Künstlers dem Publikum in dieser Vielfalt zugänglich sein. Allein die zwei, drei Vorkriegsportraits, private Leihgaben, lohnten schon einen Besuch, und sei es nur, um zu sehen, wie ein einziger Mann zugleich Maler, Psychiater und verzeihender Priester sein konnte.

Ben Litton gebraucht seinen Pinsel wie ein Chirurg das Skalpell, indem er zuerst die versteckte Krankheit bloßlegt und sie dann mit größter Einfühlsamkeit behandelt.

Das Wort Einfühlsamkeit wurde auch für seine Kriegszeichnungen verwendet, die Menschen im Bunker, die Feuerwehrmänner sowie eine Handvoll erhaltener Skizzen aus der Zeit des Vormarsches der Alliierten in Italien. Und über seine Nachkriegsarbeiten hieß es: Andere Maler abstrahieren von der Natur. Ben Litton abstrahiert von der Einbildungskraft, und zwar einer überaus lebhaften Einbildungskraft — es ist in der Tat schwer zu glauben, daß diese vitalen Gemälde nicht von einem Mann geschaffen wurden, der halb so alt ist wie er.

Emma las es und war stolz auf Ben. Die Vernissage hatte am 3. April stattgefunden, und bis eine Woche später war noch keine Rede von seiner Rückkehr. Sie verbrachte die Tage mit allen möglichen Hausarbeiten und kehrte schließlich ins Atelier zurück, um es fertig zu streichen. Dies erforderte wenig geistige Aufmerksamkeit, und ihre Gedanken wanderten ziellos in die Zukunft und ergingen sich in Tagträumen, die sie sich vor einem Monat niemals erlaubt hätte. Jetzt aber fühlte sie, daß sich tatsächlich etwas verändert hatte. Am Zug in London hatte Ben ihr zum Abschied einen Kuß gegeben — mit Sicherheit geistesabwesend, als hätte er momentan vergessen, wer sie war, aber immerhin, er hatte sie geküßt, und damit war ein Meilenstein erreicht. Und wenn er sich endlich von der Bewunderung des amerikanischen Publikums losreißen und nach Porthkerris zurückkehren würde, sah sie sich am einfahrenden Zug stehen, kühl und gefaßt, die perfekte Privatsekretärin. Und wenn er das nächste Mal eine spannende Reise ans andere Ende der Welt unternahm, würde er Emma vielleicht mitnehmen, und sie würde die Flüge buchen und dafür sorgen, daß er die Anschlüsse erreichte, und Marcus über seine Schritte auf dem laufenden halten.

Und dann, ein paar Tage später, kam ein Brief von Marcus, in London abgestempelt. Sie öffnete ihn hoffnungsvoll, weil sie dachte, er würde Bens Rückkehr ankündigen, aber Marcus teilte ihr lediglich mit, daß er allein nach London zurückgekehrt und Ben in Queenstown geblieben war.

Das Ryan Memorial Museum ist faszinierend, und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich auch geblieben. Es umfaßt alle Kunstarten, es hat ein kleines Theater, einen Konzertsaal und eine Sammlung von russischem Schmuck, die man gesehen haben muß, um sie für möglich zu halten. Queenstown selbst ist reizend, lauter rote Backsteinhäuser im georgianischen Stil, von grünem Rasen umgeben und hinter blühenden Büschen verborgen… Sie sehen alle aus, als stünden sie hier seit mindestens zweihundert Jahren, aber ich habe tatsächlich eins im Bau gesehen, der Fertigrasen wurde sodenweise ausgelegt, die Büsche voll ausgewachsen gepflanzt. Ein warmes, mildes Klima schafft eben ungeahnte Möglichkeiten.

Redlands (der Wohnsitz der Ryans) ist ein großes weißes Haus mit einer säulenbestandenen Veranda, wo Ben im Liegestuhl sitzt und sich von einem farbigen Butler namens Henry Mint Juleps servieren läßt. Henry kommt täglich in einem lila Chevrolet zur Arbeit und hofft in nicht allzu ferner Zukunft Rechtsanwalt zu werden. Er ist ein intelligenter junger Mann und dürfte sein Ziel wohl erreichen. Mehrere Tennisplätze sind auch vorhanden, eine Koppel voll temperamentvoller Pferde und der unvermeidliche Swimmingpool. Wie Du Dir denken kannst, reitet Ben nicht und spielt auch nicht Tennis, sondern schwimmt stundenlang auf einer Luftmatratze im Pool herum. Nebenher ist er damit beschäftigt, die Ausstellung durch ein bißchen Lokalkolorit zu ergänzen. Ich bedaure, daß er so lange von Dir wegbleibt, meine aber, daß er diese Erholung sehr nötig hat. Er hat die letzten Jahre hart gearbeitet, und ein wenig Entspannung wird ihm nicht schaden. Wenn Du Dich einsam fühlst — unsere Einladung gilt nach wie vor. Wir würden uns wirklich freuen, Dich bei uns zu haben.

Alles Liebe — immer Dein

Marcus

Das Anstreichen war erledigt, der Fußboden des Ateliers geschrubbt. Bens Zeichnungen waren in numerierten Mappen verstaut. Seine Stifte und Pinsel waren sortiert und diverse Tuben eingetrockneter Ölfarbe, einmal benutzt und dann vergessen, heimlich in den Abfalleimer geworfen worden.

Es gab nichts mehr zu tun.

Er war zwei Wochen fort, als die Postkarte von Christopher kam. Emma stand in der Küche, kochte Kaffee und preßte Orangen aus, noch im Morgenrock, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, als der Briefträger, ein frecher junger Mann mit offenem Hemdkragen, den Kopf zur Tür hereinsteckte und sagte: »Na, wie geht’s uns heute morgen, meine Süße?«

»Bestens, danke«, sagte Emma, die sich mit seinen Vertraulichkeiten mittlerweile abgefunden hatte.

Er warf ihr einen Packen Briefe zu. »Alle für Ihren alten Herrn. Aber… hier ist eine Postkarte für Sie.« Er betrachtete das Bild, bevor Emma sie ihm entriß. »Diese Dinger sind so ordinär; ich versteh nicht, warum die Leute so was kaufen.«

»Das glaub ich Ihnen gern«, sagte Emma barsch. Sie warf kaum einen Blick auf die füllige Frau im Bikini, bevor sie die Karte umdrehte, um zu sehen, von wem sie kam. Sie war in Brookford abgestempelt.

Emma, Liebling, wann kommst Du mich besuchen? Ich kann nicht zu Dir kommen, weil wir bis über die Ohren in den Proben für Dead an Time stecken. Ruf mich in Brookford an, Tel. 678, am besten gegen zehn Uhr morgens, bevor wir mit der Arbeit anfangen. Der Regisseur ist ein netter Kerl, der Inspizient ein Ekel, alle Mädchen haben Pickel und sind nicht so hübsch wie Du.

In Liebe, Liebe, Liebe,

Christo

Die nächste Telefonzelle war anderthalb Kilometer entfernt, deshalb ging Emma die Straße hinunter zu der windschiefen Lebensmittelhandlung, wo sie Zigaretten, Konserven und Seifenflocken kaufte, und benutzte dort das Telefon.

Es war ein altmodischer Apparat, der aus zwei separaten Teilen bestand, mit einer Gabel, an der man rütteln mußte, um die Vermittlung zu bekommen. Sie setzte sich auf einen Bierkasten und wartete, während das Gespräch durchgestellt wurde. Eine grauweiße Katze, dick wie ein Polsterkissen, schlich heran und legte sich erschöpft auf Emmas Knie.

Endlich meldete sich eine mürrische Frauenstimme. »Theater Brookford.«

»Kann ich Christopher Ferris sprechen?«

»Ich weiß nicht, ob er schon da ist.«

»Könnten Sie mal nachsehen?«

»Oh, ich denke schon. Wer ist denn dran?«

»Sagen Sie ihm, es ist Emma.«

Die mürrische Frau entfernte sich. Verschiedene plappernde Stimmen waren zu hören. Irgendwo rief eine Männerstimme: »Hier habe ich gesagt, du Trottel, nicht da drüben.« Dann hörte sie Schritte, jemand nahm den Hörer auf.

»Emma.«

»Du bist da. Sie wußten nicht, ob du da bist.«

»Natürlich bin ich da… Wir proben in fünf Minuten… Hast du meine Postkarte gekriegt?«

»Heute morgen.«

»Hat Ben sie gelesen?« Er klang hoffnungsvoll.

»Ben ist nicht hier. Er ist in Amerika. Ich dachte, das wüßtest du.« »Woher sollte ich das wissen?«

»Es stand in allen Zeitungen.«

»Schauspieler lesen keine Zeitung, und wenn, dann nur The Stage. Aber wenn der alte Knabe in Amerika ist, warum hast du’s mir nicht geschrieben und bist zu mir gekommen?«

»Aus hundert Gründen.«

»Nenn mir zwei.«

»Er wollte bloß höchstens eine Woche wegbleiben. Und ich wußte nicht, wo du bist.«

»Hab ich dir doch gesagt. In Brookford.«

»Ich weiß nicht mal, wo Brookford ist.«

»Fünfunddreißig Minuten von London, die Züge fahren alle halbe Stunde. Hör mal, komm doch her. Ich bin in einem düsteren Kellerloch untergekrochen. Riecht nach Moder und alten Katzen, ist aber urgemütlich.«

»Christo, ich kann nicht. Ich muß hierbleiben. Ben kann jetzt jeden Tag nach Hause kommen, und…«

»Hast du ihm erzählt, daß du mich getroffen hast?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Das Thema ist nie zur Sprache gekommen.«

»Du meinst, du hattest Angst?«

»Ach was. Es war einfach — nicht wichtig.«

»Mich hat noch nie jemand ungestraft als ›nicht wichtig‹ bezeichnet. Ach, komm doch, Emma. Mein kleines Kellernest braucht eine weibliche Hand. Du weißt schon, scheuern und der ganze Krampf.«

»Ich kann nicht kommen, bevor Ben zu Hause ist. Dann will ich’s versuchen.«

»Dann ist es zu spät. Bis dahin hab ich selber saubergemacht. Bitte. Ich besorg dir eine Freikarte für die Aufführung. Oder zwei Karten, dann kannst du einen Freund mitbringen. Oder drei Karten, dann kannst du alle deine Freunde mitbringen.«

Er lachte. Christo hatte schon immer über seine eigenen Witze gelacht.

»Sehr komisch«, sagte Emma, aber sie lachte auch.

»Du willst dich bloß rar machen. Du wolltest nicht bei mir in Paris bleiben, und du willst mir nicht in der Wildnis von Surrey den Haushalt führen. Was muß ich tun, um dein Herz zu erobern?«

»Du hast es vor einer Ewigkeit erobert und seitdem immer besessen. Ehrlich, ich sehne mich nach dir. Aber ich kann nicht kommen. Ich kann einfach nicht weg, bevor Ben zurück ist.«

Christo sagte etwas Unhöfliches.

Das Telefon piepte.

»Das wär’s dann«, sagte Christo. »Sag mir Bescheid, wenn du’s dir überlegt hast. Wiedersehen.«

»Wiedersehen, Christo.« Aber er hatte schon aufgelegt. Mit einem verklärten Lächeln legte sie den Hörer auf die Gabel. Die Katze auf ihrem Knie schnurrte heftig, und Emma merkte, daß sie im Begriff war, eine Familie zu gründen. Ein alter Mann kam in den Laden, um fünfzig Gramm Kautabak zu kaufen. Als er fort war, nahm Emma die Katze, setzte sie behutsam auf den Boden und suchte in ihrer Tasche nach Geld, um das Gespräch zu bezahlen.

»Wann sind die Kätzchen fällig?« fragte sie.

Die alte Frau hinter der Theke hieß Gertie, und sie trug drinnen wie draußen eine riesige braune Baskenmütze, die sie bis über die Augenbrauen zog.

»Das weiß nur die Zeit zu sagen, meine Liebe.« Sie legte Emmas Geld in ihre Kasse, eine alte Blechbüchse, und gab ihr das Wechselgeld. »Das weiß nur die Zeit zu sagen.«

»Danke, daß ich Ihr Telefon benutzen durfte.«

»War mir ein Vergnügen«, sagte Gertie, die nur zu gern lauschte und jedes Wort weitererzählte, das sie hörte.

Im März war das Wetter wie im Hochsommer gewesen. Jetzt, im Mai, war es kalt wie im November, und es regnete in Strömen. Er hatte sich Porthkerris nie im Regen vorgestellt, immer nur in strahlendem Sommerblau, heiter, mit den weißen Schwingen der Möwen und den Segeln der Jachten, alles glitzernd im blendenden Sonnenlicht. Jetzt aber schlugen heftige, von einem schneidenden Ostwind herangetragene Böen an die Fenster des Hotels; es hörte sich an, als werfe jemand Kieselsteine gegen das Fenster. Die Windstöße rüttelten an den Fensterläden, blähten Vorhänge, fuhren heulend unter Türen hindurch und Schornsteine hinunter, eisig, erbarmungslos.

Es war Samstag, und Robert hatte flach auf dem Bett gelegen und geschlafen. Er sah auf seine Uhr. Es war fünf vor drei; er nahm sich eine Zigarette, zündete sie an und blieb liegen, beobachtete den bleiernen Wolkenhimmel, der am Fenster vorbeifegte, und wartete auf das Klingeln des Telefons.

Es klingelte um Punkt drei Uhr. Er nahm den Hörer ab.

»Drei Uhr, Sir«, sagte der Portier.

»Vielen Dank.«

»Sind Sie auch ganz bestimmt wach, Sir?«

»Ja, ich bin wach.«

Er drückte die Zigarette aus, stand auf, zog seinen weißen Frotteemantel an und ging ins Bad, um eine heiße Dusche zu nehmen. Er haßte es, nachmittags zu schlafen, haßte es, mit dem Gefühl aufzuwachen, daß seine Zähne schmerzten und ihn gleich rasende Kopfschmerzen befallen würden, aber nachdem er die ganze Nacht von London durchgefahren war, war es ihm unmöglich gewesen, wach zu bleiben. Er hatte früh zu Mittag gegessen und dem Portier gesagt, daß er geweckt werden wolle. Aber der Wind, der aufgekommen war, während er schlief, hatte ihn vorzeitig geweckt.

Er zog ein frisches Hemd an, band seine Krawatte, griff nach seiner Anzugjacke, überlegte es sich dann anders und zog statt dessen einen Rollkragenpullover an. Er kämmte sich, schob seine Habseligkeiten vom Toilettentisch in die Hosentaschen, nahm seinen Regenmantel von der Tür und ging nach unten.

Über der Hotelhalle lastete nachmittägliche Stille. Ältere Gäste dösten leise schnarchend in der trockenen Heizungsluft. Enttäuschte Golfer beobachteten den Regen, klimperten mit dem Kleingeld in den Taschen ihrer Tweedknickerbocker, gespannt, ob es sich aufklären und noch Zeit für neun Löcher bleiben würde, bevor es dunkelte.

Der Portier nahm Roberts Schlüssel und hängte ihn auf.

»Sie gehen aus, Sir?«

»Ja, und vielleicht können Sie mir helfen. Ich möchte zur Galerie des Künstlervereins. Ich glaube, es ist eine alte umgebaute Kapelle. Haben Sie eine Ahnung, wo das ist?«

»Das ist in der Altstadt. Kennen Sie den Weg?«

»Ich kenne das Sliding Tackle«, sagte Robert, und der Portier grinste. Ihm gefielen Männer, denen Kneipen als Orientierungspunkte dienten.

»Gut… dann nehmen Sie den Weg zum Sliding Tackle, aber biegen Sie eine Straße vorher ab, aufwärts, weg vom Hafen. Eine schmale Gasse, sehr steil, am Ende ist ein Platz. Die Galerie ist auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Sie können sie nicht verfehlen. Draußen hängen große Plakate… aus denen wird allerdings kein normaler Mensch schlau.«

»Nun, das wird sich zeigen. Haben Sie vielen Dank.«

»Keine Ursache.« Der Portier bediente die Drehtür, und Robert wurde in die eisige Kälte hinausgeschoben. Regen prasselte auf seinen ungeschützten Kopf, er schlug den Mantelkragen hoch und lief über den Kies, bemüht, den schlimmsten Pfützen auszuweichen. Das Innere seines Wagens roch feucht und muffig, ein fremder Geruch neben dem gewohnten nach Leder und Zigaretten. Er ließ den Motor an, und die Heizung begann zu summen. Ein Blatt klemmte im Scheibenwischer; als er einschaltete, wurde es vom Wind davongewirbelt.

Er fuhr in die Stadt, die ausgestorben wirkte; die Bewohner sahen sich vom Wetter in eine Art Belagerungszustand versetzt. Nur ein triefender Polizist patrouillierte am Fuß des Hügels, und eine alte Dame kämpfte mit einem Regenschirm. Der Wind fuhr heulend durch die engen Straßen, kalt und wild wie ein Wasserfall, und als Robert zum Hafen kam, sah er, daß Flut war. Im Hafenbecken schwappte das Wasser grau und kabbelig, bedeckt mit weißgekrönten Wellen.

Er fand die Straße, die der Portier beschrieben hatte. Sie stieg zwischen dichten Häuserzeilen an, die Kopfsteine naß und glänzend wie die Schuppen eines frischgefangenen Fisches. Sie erklomm den Hügel und öffnete sich auf einen malerischen Platz. Dort stand tatsächlich die alte Kapelle, ein solides, düsteres Gebäude, ein krasser Gegensatz zu dem Plakat an der Tür.

KÜNSTLERVEREIN PORTHKERRIS

FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG

EINTRITT 25 p

Darunter prangte ein merkwürdiges Motiv in Lila — ein stilisiertes starr blickendes Auge, eine sechsfingrige Hand; Robert konnte die Ansicht des Portiers verstehen.

Er parkte den Wagen, ging die nassen Stufen hinauf, trat durch die Tür und nahm als erstes den Geruch eines Ölofens wahr. Er sah, daß die alte Kapelle gekalkt worden war; die Wände stiegen zu hohen, uneinsehbaren Fenstern auf und waren mit Bildern aller Art und Größen vollgehängt.

Gleich hinter der Tür saß, eine Decke auf den Knien, eine Frau mit einem Filzhut. Neben ihr stand ein Holztisch mit Katalogen und einer Schale für das Geld, an der anderen Seite stand der Ölofen, an dem sie sich die Hände, deren Knöchel lila gefärbt waren, zu wärmen versuchte.

»Oh, schließen Sie die Tür, bitte schließen Sie die Tür«, flehte sie, als Robert mit einem Windstoß hereingefegt kam. Er lehnte sich gegen die Tür, schloß sie und fingerte ein paar Münzen aus der Hosentasche. »So ein eisiger Tag«, fuhr sie fort, »und das soll nun Sommer sein. Sie sind mein erster Besucher heute nachmittag. Sie sind doch ein Besucher? Ihr Gesicht hab ich hier noch nie gesehen.«

»Nein, ich war noch nie hier.«

»Wir haben eine hochinteressante Sammlung hier — Sie nehmen natürlich einen Katalog. Noch einmal fünfundzwanzig Pence, bitte. Aber Sie werden mir gewiß zustimmen, die Investition lohnt sich.«

»Danke«, sagte Robert matt.

Er nahm den Katalog, den dasselbe Hand-Auge-Motiv zierte wie das Plakat draußen, schlug ihn auf und ließ seinen Blick über die Liste der Künstler gleiten.

»Suchen Sie… äh… einen bestimmten Künstler?« Der Frau am Tisch gelang es, zaghaft zu klingen, aber sie hatte ein neugieriges Leuchten in den Augen.

»Nein… eigentlich nicht.«

»Nur allgemein interessiert, nehme ich an. Wohnen Sie in Porthkerris?«

»Ja.« Bloß keine längere Unterhaltung. »Vorübergehend.«

Er ließ sich Zeit, schlenderte durch den langgestreckten Raum, heuchelte Interesse für jedes Bild. Er hatte den Namen gefunden, Pat Farnaby. Nummer 24. Die Reise, von Pat Farnaby.

Er blieb lange vor Nummer 23 stehen, dann ging er weiter.

Die Farbe sprang ihn förmlich an. Er hatte das Gefühl, auf einem Berggipfel zu stehen und hinunterzuschauen, ein Gefühl wie ein Schwindelanfall. Und gleichzeitig ein erhebendes Gefühl, als wäre er über den Wolken, gefangen, schwebend zwischen dem Blau und dem Weiß.

Du mußt hin, hatte Marcus gesagt. Ich möchte, daß du dir selbst ein Urteil bildest. Du kannst nicht den Rest deines Lebens bloß die Bücher führen. Außerdem würde ich gerne deine Reaktion sehen.

Und dies war sie nun. Diese reine, erhabene Empfindung purer Farbe.

Bald darauf kehrte er zu der aufdringlichen Frau zurück. Er war sich bewußt, daß sie ihn die ganze Zeit beobachtet hatte. Jetzt sah sie ihn mit glänzenden Augen an wie ein gieriges Rotkehlchen, das auf einen Brotkrümel wartet.

»Haben Sie nur ein Exponat von Pat Farnaby?«

»Leider ja. Es war alles, was wir ihm abschwatzen konnten.«

»Er wohnt hier in der Gegend, nicht?«

»O ja. Draußen in Gollan.«

»Gollan?«

»Ungefähr zehn Kilometer von hier, an der Straße, die durch die Heide führt. Auf einem Bauernhof.«

»Sie meinen, er ist Bauer?«

»O nein.« Sie lachte. Ausgelassen, dachte Robert, als befolge sie die Regieanweisungen in einem altmodischen Theaterstück. »Er wohnt auf dem Heuboden über der Scheune.« Sie nahm ein Stück Papier und schrieb eine Adresse auf. »Wenn Sie ihn besuchen wollen, werden Sie ihn sicher hier antreffen.«

Er nahm den Zettel an sich. »Haben Sie vielen Dank.« Er steuerte auf die Tür zu.

»Aber wollen Sie sich den Rest der Ausstellung nicht ansehen?«

»Vielleicht ein andermal.«

»Sie ist wirklich sehr interessant.« Sie hörte sich an, als würde es ihr das Herz brechen, wenn er sich nicht noch ein paar Bilder ansähe.

»Ja, sicher. Aber ein andermal.« In diesem Moment fiel ihm Emma Litton ein. Die Tür am Türknauf, drehte er sich um. »Sagen Sie, Ben Littons Haus… ist es hier in der Nähe? Das Haus, meine ich, nicht das Atelier?«

»O ja, es ist gleich um die Ecke. Etwa hundert Meter die Straße hinunter. Es hat ein blaues Tor. Sie können es nicht verfehlen. Aber Sie wissen, daß Mr. Litton nicht zu Hause ist?«

»Ja, das weiß ich.«

»Er ist in Amerika.«

»Ja, das weiß ich auch.«

___________

Es regnete noch immer in Strömen. Robert stieg wieder ins Auto, ließ den Motor an und lenkte den Wagen vorsichtig eine Straße hinunter, die so schmal war wie ein Graben. Vor dem blauen Tor stieg er aus, ging durch das Tor und eine Treppe hinunter, die zu einem gepflasterten Hof führte, wo Kübel mit überfluteten Pflanzen standen und eine Holzbank sich langsam in der Feuchtigkeit auflöste. Das Haus selbst war langgestreckt und niedrig, einstöckig, aber die schiefen Dächer und ungleichen Schornsteinkappen ließen darauf schließen, daß es einmal zwei oder sogar drei kleine Cottages gewesen waren. Die Haustür war passend zum Tor blau gestrichen und hatte einen kupfernen Delphin als Klopfer.

Robert klopfte. Von oben ergoß sich aus einer defekten Dachrinne ein Wasserschwall über ihn. Er trat zurück und sah hoch, um zu sehen, wo er herkam. Währenddessen wurde die Tür geöffnet.

»Guten Tag«, sagte Robert, »Ihre Dachrinne leckt.«

»Um Himmels willen, wo kommen Sie denn so plötzlich her?«

»Aus London. Sie sollten sie reparieren lassen, sonst rostet sie Ihnen weg.«

»Sind Sie den ganzen Weg von London gekommen, um mir das zu sagen?«

»Nein, natürlich nicht. Darf ich reinkommen?«

»Ja, sicher…« Sie trat zurück und hielt ihm die Tür auf. »Aber Sie können einen wirklich völlig aus der Fassung bringen. Dauernd tauchen Sie einfach unangemeldet auf.«

»Wie kann man sich anmelden, wenn Sie kein Telefon haben? Und zum Schreiben war keine Zeit.«

»Ist es wegen Ben?«

Robert ging ins Haus und knöpfte seinen Regenmantel auf. »Nein. Wieso?«

»Ich dachte, er ist vielleicht zurück.«

»Soviel ich weiß, badet er noch in der milden Sonne von Virginia.«

»Worum geht es dann?«

Er wandte sich zu ihr um. Ihm kam der Gedanke, daß sie auf absonderliche Art so unberechenbar war wie das Wetter. Jedesmal, wenn er ihr begegnete, schien sie ein anderer Mensch zu sein. Heute trug sie ein rot und orange gestreiftes Kleid und lange schwarze Strümpfe. Die Haare hatte sie im Nacken mit einer Schildpattspange zusammengefaßt, und ihr Pony war gewachsen. Er war zu lang, fiel ihr in die Augen, so daß sie blinzeln mußte. Als Robert sie betrachtete, schob sie den Pony mit der Hand aus dem Gesicht. Es war eine zugleich abwehrende und entwaffnende Geste, die sie sehr jung wirken ließ.

Er holte den Zettel aus seiner Tasche und reichte ihn ihr. Emma las ihn laut.

»Pat Farnaby, Gollan Home Farm.« Sie sah Robert an. »Wo haben Sie das her?«

»Von der Frau in der Kunstgalerie.«

»Pat Farnaby?«

»Marcus hat Interesse.«

»Warum ist er nicht selbst gekommen?«

»Er wollte ein zweites Urteil hören. Meins.«

»Haben Sie sich eins gebildet?«

»Das ist schwer zu sagen, wenn man erst ein einziges Bild gesehen hat. Ich dachte, ich könnte mir vielleicht noch ein paar anschauen.«

Emma sagte warnend: »Er ist ein sehr eigenwilliger junger Mann.«

»Das kann ich mir denken. Wissen Sie, wo Gollan ist?«

»Natürlich. Es gehört Mr. und Mrs. Stevens. Früher waren wir öfter im Sommer dort, um auf den Klippen zu picknicken. Aber in letzter Zeit bin ich nicht wieder da gewesen.«

»Möchten Sie jetzt mit mir kommen? Mir den Weg zeigen?«

»Wie kommen wir hin?«

»Mein Wagen steht draußen. Ich bin gestern nacht von London hergefahren.«

»Sie müssen todmüde sein.«

»Nein, ich hab geschlafen.«

»Wo sind Sie abgestiegen?«

»Im Hotel. Können Sie mitkommen? Jetzt gleich?«

»Na klar.«

»Sie brauchen einen Mantel.«

Emma lächelte ihn an.

»Wenn Sie dreißig Sekunden warten können, hole ich einen.«

Als sie fort war und ihre Schritte klappernd in einem teppichlosen Flur verhallten, zündete Robert sich eine Zigarette an und sah sich um. Das war also die unbekannte häusliche Seite von Ben Littons stürmischer Persönlichkeit.

Die blaue Eingangstür führte direkt in ein Wohnzimmer mit niedriger Decke und dunklen Balken. Es hatte ein großes Fenster mit Blick aufs Meer, die breite Fensterbank war vollgestellt mit Zimmerpflanzen — Geranien, Efeu und ein viktorianischer Krug mit rosa Rosen. Der Fußboden war mit Schieferplatten belegt, darauf lagen bunte Teppiche, und überall standen Bücher und Zeitschriften und jede Menge blau-weißer spanischer Keramiken. In einem Granitkamin auf ebener Erde schwelte ein Holzfeuer, flankiert von Körben mit verwittertem Treibholz, und darüber hing ein Bild.

Roberts geübter Blick hatte es wahrgenommen, sobald er ins Haus kam, aber jetzt ging er hin, um es näher in Augenschein zu nehmen. Es war ein großes Ölgemälde, das ein Kind auf einem Esel darstellte. Es trug ein rotes Kleid, einen Strauß weißer Margeriten in der Hand und einen Kranz davon im dunklen Haar. Der Esel stand knietief in üppigem Sommergras, und weit hinten waren Meer und Himmel von Schönwetterdunst überzogen. Die bloßen Füße des Kindes baumelten an den Seiten herunter, die Augen wirkten hell im braunen Schmelz des Gesichts.

Emma Litton, gemalt von ihrem Vater. Robert fragte sich, wann das Bild entstanden war.

Der Wind erhob sich mit plötzlichem Hexengekreisch und klatschte einen Regenschwall ans Fenster. Es war ein unheimliches Geräusch, und Robert wurde klar, daß dies ein einsames Heim sein konnte; er fragte sich, was Emma an so einem Tag zu tun fand. Als sie wiederkam, mit ihrem Mantel und einem Paar Gummistiefel, fragte er sie danach.

»Ach, ich putze das Haus, ich koche und gehe einkaufen. Das braucht ziemlich viel Zeit.«

»Und heute nachmittag? Was haben Sie heute nachmittag gemacht, als ich an die Tür klopfte?«

Emma zerrte an einem Gummistiefel. »Ich hab gebügelt.«

»Und abends? Was machen Sie abends?«

»Meistens geh ich raus. Spazieren und so. Ich beobachte die Möwen und die Kormorane. Schau mir den Sonnenuntergang an, sammle Treibholz fürs Feuer.«

»Allein? Haben Sie gar keine Freunde?«

»O doch, aber die Kinder, die hier lebten, als ich klein war, sind alle erwachsen und weggezogen.«

Es klang traurig. Robert sagte spontan: »Sie könnten mit mir nach London kommen. Helen würde sich freuen.«

»Ja, ich weiß, aber es lohnt sich kaum, nicht? Ben kann schließlich jeden Tag zurückkommen. Es kann sich nur noch um Tage handeln.«

Sie zog ihren Mantel an. Er war marineblau, und mit den schwarzen Strümpfen und den Gummistiefeln sah sie darin wie ein Schulmädchen aus.

»Haben Sie was von Ben gehört?« fragte Robert.

»Von Ben? Das soll wohl ein Witz sein.«

»Allmählich wünschte ich, wir hätten ihm nie geraten, wieder nach Amerika zu gehen.«

»Warum?«

»Weil es Ihnen gegenüber nicht ganz fair war.«

»Ach du lieber Himmel, mir geht’s gut.« Sie lächelte. »Gehen wir?«

Der Hof der Stevens lag in einem grauen Heidestreifen, der zu den Klippen abfiel. Grau, mit Flechten bewachsen, wie ein Findling ins Land gebettet, hätte man ihn für einen großen Granitblock halten können. Der Feldweg, der von der Straße hinführte, wand sich zwischen hohen Steinzäunen, gekrönt mit Weißdorn und Brombeeren. Das Auto rumpelte und holperte den Weg hinab, über eine kleine Brücke, vorbei an den ersten Cottages, einer Herde weißer Gänse, und hielt schließlich vor dem Bauernhof, wo die Stimme eines krähenden Junghahnes schrillte.

Robert stellte den Motor ab. Der Wind hatte nachgelassen, der Regen schien zu einem Seenebel geronnen, dick wie Rauch. Verschiedene Bauernhofgeräusche waren zu hören, muhende Kühe, gackernde Hühner, das ferne Tuckern eines Traktors.

»So«, sagte Robert, »und wie finde ich den Mann?«

»Er wohnt auf dem Heuboden über der Scheune da drüben. Sie gehen einfach die Steintreppe rauf zu seiner Tür.«

Die Steintreppe war schon von einer Anzahl nasser Hühner, die Getreidereste pickten, und einer gelangweilt dreinblickenden, gescheckten Katze besetzt. Davor wühlte eine kolossale Sau im Schlamm des Hofes. Es roch stark nach Mist. Robert seufzte. »Nun denn, im Namen der Kunst.« Er öffnete den Wagenschlag und stieg aus. »Wollen Sie nicht mitkommen?«

»Ich denke, ich nütze Ihnen mehr, wenn ich nicht im Weg bin.«

»Ich werde versuchen, es kurz zu machen.«

Sie sah, wie er sich seinen Weg durch den durchweichten Hof bahnte, das Schwein mit einem Fußtritt zur Seite stieß, vorsichtig die Treppe hinaufging. Er klopfte an die Tür, und als keine Antwort kam, öffnete er sie und trat ein. Die Tür fiel hinter ihm zu. Fast gleichzeitig öffnete sich die Tür des Bauernhauses, und die Bäuerin erschien, in Stiefeln, einem Regenmantel, der ihr bis zu den Fesseln reichte, und einem schwarzen Südwester. Sie hatte einen kräftigen Stock in der Hand und kam den Gartenweg entlang, um zu sehen, wer in dem großen grünen Wagen saß.

Emma kurbelte das Fenster herunter. »Hallo, Mrs. Stevens. Ich bin’s.«

»Wer?«

»Emma Litton.«

Mrs. Stevens riß die Augen auf und ließ vor Überraschung ihren Stock fallen. »Emma! Das ist doch nicht möglich! Ich hab dich Gott weiß wie lange nicht gesehen. Was machst du hier?«

»Ich bin mit einem Herrn gekommen, der zu Pat Farnaby will. Er ist jetzt oben.«

»Ist dein Vater wieder zu Hause?«

»Nein, er ist noch in Amerika.« »Dann bist du ganz allein?«

»Ja. Wie geht’s Ernie?« Ernie war Mr. Stevens.

»Soweit ganz gut, aber er mußte in die Stadt zum Zahnarzt. Sein Gebiß macht ihm furchtbar zu schaffen, er kann es kaum im Mund aushalten. Darum hol ich die Kühe für ihn rein…« Emma sagte spontan: »Ich komme mit.«

»Zu naß für dich.«

»Ich hab Stiefel… außerdem mag ich den Weg gern.« Sie mochte auch Mrs. Stevens gern, eine Frau, die in jeder Lebenslage unverändert fröhlich blieb. Sie kletterten über einen Zauntritt und machten sich auf den Weg über die durchweichten Felder. »Du warst im Ausland?« fragte Mrs. Stevens. »Ja, das dachte ich mir. Ich wußte gar nicht, daß du wieder zu Hause bist. Schade, daß dein Daddy einfach so auf und davon mußte. Aber da kann man wohl nichts machen, er ist nun mal, wie er ist.«

___________

Das Gespräch mit Pat Farnaby war schwierig, gelinde ausgedrückt. Er war ein leidenschaftlicher junger Mann, blaß und unterernährt, mit karottenrotem Haarschopf und Bart. Seine Augen waren grün und mißtrauisch wie die einer hungrigen Katze, und er wirkte ausgesprochen schmutzig. Seine Behausung war ebenfalls schmutzig, aber damit hatte Robert gerechnet, deshalb sah er darüber hinweg.

Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war eine derartig ablehnende Haltung. Pat Farnaby hatte es nicht gern, daß Fremde ungebeten und unangemeldet hereinspazierten, wenn er arbeitete. Robert entschuldigte sich und erklärte, er sei geschäftlich gekommen, worauf der junge Mann fragte, was er denn verkaufen wolle.

Robert unterdrückte seinen Ärger und versuchte es anders. Er kramte eine Karte mit der Geschäftsadresse von Marcus Bernstein hervor. »Mr. Bernstein bat mich, Sie aufzusuchen, mir vielleicht Ihre Werke anzusehen und mich nach Ihren Plänen zu erkundigen.«

»Ich habe keine Pläne«, sagte Farnaby. Er beäugte die Karte, als sei sie vergiftet und dürfe nicht berührt werden, so daß Robert sich gezwungen sah, sie auf die Ecke eines übervollen Tisches zu legen.

»Ich habe Ihr Bild in der Galerie in Porthkerris gesehen, aber es ist nur ein einziges.«

»Na und?«

Robert räusperte sich. Marcus konnte unendlich viel besser mit so etwas fertig werden, und Marcus verlor nie die Beherrschung. Robert wußte, man brauchte einige Erfahrung, um eine solche Geduld zu entwickeln. Nun, er war entschlossen, sein Bestes zu tun.

»Ich würde gerne mehr von Ihren Arbeiten sehen.«

Pat Farnaby runzelte die Stirn. »Wie haben Sie mich bloß gefunden?« fragte er. Er hörte sich an wie ein in die Enge getriebener Verbrecher.

»In der Galerie hat man mir Ihre Adresse gegeben. Emma Litton ist mitgekommen, um mir den Weg zu zeigen. Vielleicht kennen Sie Emma.«

»Vom Sehen.«

Offensichtlich kamen sie so nicht weiter. In dem Schweigen, das nun einsetzte, ließ Robert seine Augen über das unappetitliche Atelier schweifen: Er sah ein Bett, zerwühlt wie ein Vogelnest im Stadium der Auflösung; eine schmierige Bratpfanne, etliche in einem Eimer eingeweichte Socken, eine geöffnete Dose Bohnen, deren gezackter Deckelrand hochstand. Aber es standen auch zahlreiche Leinwände herum, gestapelt, auf Stühlen, an Wände gelehnt. Eine potentielle Goldgrube. Robert hätte alles darum gegeben, einen Blick darauf werfen zu können. Er sah Farnaby an, der ihn immer noch mißtrauisch musterte.

Schließlich sagte er freundlich: »Mr. Farnaby, ich habe nicht unbegrenzt Zeit.«

Pat Farnabys Widerstand sank unvermittelt in sich zusammen. Arroganz und Grobheit waren seine einzigen Waffen gegen die Launen einer überlegenen Welt. Er kratzte sich am Kopf, runzelte die Stirn, machte ein resigniertes Gesicht, hob schließlich wahllos eine Leinwand auf und hielt sie ans Licht.

»Hier«, sagte er unsicher, dann trat er von dem Bild zurück und stellte sich neben Robert. Robert zog eine unangebrochene Schachtel Zigaretten aus der Tasche und reichte sie dem jungen Mann. In der darauffolgenden Stille riß Pat Farnaby vorsichtig die Zellophanhülle auf, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an. Mit der verstohlenen Bewegung eines Mannes, der nicht beobachtet werden will, schob er die Schachtel in seine Hosentasche.

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Eine Stunde später kehrte Robert zum Wagen zurück. Emma, die auf ihn wartete, sah ihn die Scheunentreppe hinunter und durch den Hof kommen. Sie beugte sich hinüber, um ihm die Tür zu öffnen. »Wie ist es gelaufen?« erkundigte sie sich.

»Ganz gut, glaube ich.« Er klang zurückhaltend, aber aufgeregt.

»Hat er Ihnen seine Arbeiten gezeigt?«

»Die meisten.« — »Und sind sie gut?«

»Ich denke schon. Wir sind vielleicht einem großen Talent auf der Spur, aber alles ist eine solche Schlamperei, daß es sich nicht mit Sicherheit sagen läßt. Nichts ist gerahmt, es gibt keine Reihenfolge, keine Ordnung…«

»Ich hatte recht, nicht? Er ist ein sonderbarer Kauz?«

»Verrückt.« Robert grinste. »Aber ein Genie.«

Er wendete den Wagen im Hof und fuhr über den Feldweg zu rück auf die Straße. Er pfiff leise durch die Zähne, und Emma spürte seine Befriedigung über die geglückte Aufgabe.

»Sie wollen jetzt bestimmt mit Marcus sprechen«, sagte sie.

»Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn sofort anrufe.« Er sah auf die Uhr. »Viertel nach sechs. Er hat gesagt, er wartet bis sieben in der Galerie und geht dann nach Hause.«

»Wenn Sie wollen, können Sie mich an der Kreuzung absetzen, und ich gehe zu Fuß nach Hause.«

»Warum sollte ich?«

»Ich habe kein Telefon, und Sie möchten sicher schleunigst zurück ins Hotel.«

Er lächelte. »So dringend ist es nun auch wieder nicht. Und ohne Sie würde ich Pat Farnaby vermutlich jetzt noch suchen. Das mindeste, was ich tun kann, ist, Sie nach Hause zu bringen.«

Sie waren jetzt in der Heide, hoch über der See. Der Wind hatte merklich nachgelassen und war nach Westen abgedreht, und vor ihnen schien der Himmel aufzureißen; unerwartet zeigten sich blaue Flächen, die mit jedem Moment größer wurden, und wäßrige Streifen Sonnenlicht.

»Das wird ein schöner Abend«, sagte Emma, und als sie es aussprach, wurde ihr bewußt, daß sie wünschte, Robert würde nicht ins Hotel zurückkehren und sie den Abend allein verbringen lassen. Er war unvermutet in den trüben Tag hineingeweht, hatte ihm Gestalt und Sinn verliehen, und nun wollte sie nicht, daß dieser Tag so plötzlich endete.

»Wann fahren Sie nach London zurück?« fragte sie.

»Morgen früh. Sonntag. Montag morgen bin ich wieder in der Galerie. Das war ein randvolles Wochenende.«

Blieb also nur dieser Abend. Sie stellte sich vor, wie er Marcus vom Telefon an seinem Bett anrief. Danach würde er ein Bad nehmen, vielleicht einen Drink, und zum Essen hinuntergehen. Samstag abends veranstaltete das Hotel Castle kleine Dinner-Tanzabende; eine Kapelle in weißen Uniformjacken spielte, und eine Tanzfläche wurde freigeräumt. Unter dem Einfluß von Ben war Emma dazu erzogen worden, derartige Veranstaltungen als unerträglich affektiert und langweilig anzusehen, aber heute abend hatte sie das Gefühl, es würde ihr Spaß machen, Bens strikte Ansichten zum Teufel zu jagen. Sie sehnte sich nach den gestärkten weißen Tischtüchern, altmodischen Schlagern, einer zeremoniell dargebotenen Weinkarte, der gekünstelten Eleganz rosabeschirmter Lampen.

Neben ihr unterbrach Robert unvermittelt ihren Gedankengang.

»Wann hat Ihr Vater das Bild von Ihnen auf dem Esel gemalt?«

»Warum fragen Sie das plötzlich?«

»Ich habe darüber nachgedacht. Es ist zauberhaft. Sie machen so ein feierliches und bedeutendes Gesicht.«

»So war mir auch zumute. Feierlich und bedeutend. Ich war sechs, und es ist das einzige Bild, das er je von mir gemalt hat. Der Esel hieß Mokey. Er hat uns immer zum Strand rauf und runter getragen, mit Picknickkörben und allem Drum und Dran.«

»Haben Sie immer in dem Häuschen gewohnt?«

»Nicht immer. Erst nachdem Ben Hester geheiratet hatte. Davor haben wir überall gewohnt — in Pensionen oder bei Freunden. Manchmal haben wir einfach im Atelier kampiert. Das war ganz lustig. Aber Hester sagte, sie beabsichtige nicht, wie eine Zigeunerin zu leben; deshalb hat sie die Cottages gekauft und umgebaut.«

»Das hat sie wunderbar gemacht.«

»Ja, sie war sehr geschickt. Aber Ben hat dieses Haus nie als sein Heim gesehen. Sein Heim ist sein Atelier, und wenn er nach Porthkerris kommt, ist er so selten wie möglich im Cottage. Ich glaube, die Verbindung mit Hester bedrückt ihn ein bißchen. Er erwartet immer, daß sie hereinspaziert und ihm sagt, daß er zu irgendwas zu spät kommt oder daß er eine Dreckspur auf dem Fußboden hinterläßt oder Farbe auf die Sofakissen…«

»Offenbar braucht der schöpferische Geist eine gewisse Unordnung.«

Emma lachte. »Meinen Sie, daß Pat Farnaby, nachdem Sie und Marcus ihn reich und berühmt gemacht haben, weiterhin bei Mrs. Stevens Hühnern hausen will?«

»Das bleibt abzuwarten. Jedenfalls, sollte er nach London kommen, gibt es gar keinen Zweifel, daß jemand ihn abschrubben und den Staub von Jahren aus seinem verfilzten Bart kämmen muß.« Er lächelte. »Egal — es wird sich lohnen.«

Sie hatten den Hügel erklommen und fuhren jetzt die lange Straße hinunter, die nach Porthkerris führte. Das Meer hatte in dem ruhigen Abendlicht das durchscheinende Blau von Schmetterlingsflügeln angenommen; es war Ebbe, die Bucht ein weitläufiger Bogen aus frisch gewaschenem Sand. Nach dem Regen glitzerten Bäume und Büsche im Sonnenlicht, und als sie Heide und Felder hinter sich ließen und durch die engen Straßen fuhren, waren überall Fenster geöffnet, um die frische Abendluft einzulassen, und aus winzigen, handtuchgroßen Gärten drang der betäubende Duft von Rosen und Flieder.

Und da waren noch andere Gerüche. Samstagabendgerüche nach gebratenem Fisch und billigem Parfüm. Die Leute flanierten in ihren besten Kleidern auf den Bürgersteigen, ein paar frühe Sommergäste waren schon da, junge Pärchen steuerten Hand in Hand das Kino an und die kleinen Cafés, die die Hafenstraße säumten.

Robert beobachtete sie, als er an der Straßenkreuzung von dem diensttuenden Polizisten angehalten wurde.

»Was unternehmen junge Verliebte in Porthkerris am Samstagabend, Emma?«

»Kommt aufs Wetter an.«

Der Polizist winkte sie weiter.

»Was unternehmen wir?« fragte Robert.

»Wir?«

»Ja. Sie und ich. Wollen Sie essen gehen?«

Eine verrückte Sekunde lang fragte sich Emma, ob sie sich laut gesehnt hatte. »Hm, ja… ich… Sie sollen nicht denken, Sie müssen…«

»Ich denke nicht, daß ich muß. Ich will. Ich möchte gern. Wo gehen wir hin? In mein Hotel? Oder wäre Ihnen das unangenehm?«

»Nein… natürlich… es wäre mir nicht unangenehm…«

»Vielleicht gibt es hier irgendwo ein amüsantes kleines italienisches Lokal, das Ihnen lieber ist.«

»Es gibt keine amüsanten kleinen italienischen Lokale in Porthkerris.«

»Nein, das habe ich befürchtet. Also bleibt uns nur der Palmenhof und die Zentralheizung.«

»Es gibt da auch eine Kapelle«, sagte Emma, die meinte, ihn warnen zu müssen. »Die spielt Samstag abends. Und die Leute tanzen.«

»Sie sagen das, als ob es etwas Unanständiges wäre.«

»Ich dachte, vielleicht ist Ihnen so was zuwider. Ben kann es nicht ausstehen.«

»Es ist mir überhaupt nicht zuwider. Wie die meisten Dinge, kann es sehr lustig sein, wenn man es in der richtigen Begleitung unternimmt.«

»So hab ich das nie gesehen.«

Robert lachte und sah wieder auf seine Uhr. »Halb sieben. Ich bringe Sie nach Hause, fahre ins Hotel, ziehe mich um und spreche mit Marcus, dann komme ich Sie wieder abholen. Ist halb acht zu früh?«

»Ich werde Ihnen einen Drink anbieten«, sagte Emma. »Wir haben eine Flasche Uncle Remus’ Genuine Ole Rye Whisky im Haus, die Ben vor zehn Jahren geschenkt bekam, und sie ist noch nicht angebrochen. Ich wollte schon immer gerne sehen, was da drin ist.«

Robert sah sie skeptisch an. »Okay«, seufzte sie. »Vielleicht mache ich lieber bloß einen Martini.«

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Im Hotel nahm er seinen Schlüssel in Empfang und mit ihm drei Benachrichtigungen.

»Wann sind die gekommen?«

»Die Uhrzeit ist notiert, Sir. Viertel vor vier, fünf Uhr, halb sechs. Ein Mr. Bernstein hat aus London angerufen. Sie möchten umgehend zurückrufen.«

»Das hatte ich sowieso vor; trotzdem vielen Dank.«

Mit leichtem Stirnrunzeln, denn solche Ungeduld sah Marcus gar nicht ähnlich, ging Robert in sein Zimmer hinauf. Die wiederholten Anrufe waren beunruhigend. Er fragte sich, ob Marcus Gerüchte gehört hatte, daß eine andere Galerie hinter dem jungen Künstler her sei. Vielleicht hatte er auch noch einmal über Farnabys Werke nachgedacht und wollte das Ganze abblasen.

In seinem Zimmer waren die Vorhänge zugezogen, das Bett war aufgedeckt, der Kamin angezündet. Er setzte sich aufs Bett, nahm den Hörer ab und gab die Nummer der Galerie durch. Dann studierte er noch einmal die drei Telefonbenachrichtigungen:

Mr. Bernstein bittet um Rückruf. Mr. Bernstein hat noch einmal angerufen. Mr. Bernstein

»Kent 3778. Galerie Bernstein.«

»Marcus …«

»Robert, Gott sei Dank, endlich. Hast du meine Nachricht bekommen?«

»Alle drei. Aber ich habe doch gesagt, daß ich dich wegen Farnaby anrufe.«

»Es geht nicht um Farnaby. Es ist viel wichtiger. Es geht um Ben Litton.«

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Sie hatte ein Kleid, hatte es in Paris gesehen, sündhaft teuer, hatte es immer wieder angestarrt und schließlich gekauft. Es war schwarz, ärmellos, sehr schlicht. »Aber wann wollen Sie so etwas tragen?« hatte Madame Duprés gefragt, und Emma, im Hochgefühl einer luxuriösen Anschaffung, hatte geantwortet: »Ach, zu irgendeinem Anlaß. Einem besonderen Anlaß.«

Ein solcher Anlaß hatte sich bis heute abend nie ergeben. Jetzt zog Emma vorsichtig den Reißverschluß zu und schloß den schmalen Gürtel. Sie hatte die Haare hochgesteckt und trug schlichte, aber ausgesprochen edle Perlenohrringe. Ihr Spiegelbild versicherte ihr, daß die horrende Summe für das Kleid gut angelegt war.

Als Robert kam, stand sie gerade in der Küche und mühte sich mit einer Schale Eiswürfel für die Martinis. Sie hörte seinen Wagen, das Schlagen der Tür, das Öffnen und Schließen des Tores und seine Schritte, als er die Treppe hinunterlief. Hektisch kippte sie die Eiswürfel in eine Glasschüssel und stürzte zur Tür. Da sah sie, daß der trübe Tag in einen klaren, herrlichen Abend übergegangen war, juwelenblau und mit Sternen übersät.

»Was für ein schöner Abend!« sagte sie überrascht.

»Erstaunlich, nicht? Nach dem vielen Wind und Regen sieht Porthkerris aus wie Positano.« Er trat ins Haus, und Emma schloß die Tür hinter ihm. »Sogar der Mond geht über der See auf, um die Illusion vollkommen zu machen. Jetzt brauchen wir nur noch eine Gitarre und einen Tenor, der ›Santa Lucia‹ singt.«

»Vielleicht finden wir einen.«

Er trug jetzt einen dunkelgrauen Anzug, ein gestärktes Hemd mit makellosem Kragen; am Handgelenk schauten schimmernde weiße Manschetten mit eleganten goldenen Knöpfen hervor. Seine rotblonden Haare waren wieder gebändigt und glattgebürstet, und sie roch den frischen Zitronenduft von Rasierwasser.

»Haben Sie Lust, einen Martini zu mixen? Ich hab alles fertig, ich war gerade dabei, das Eis…« Während sie weitersprach, ging sie zurück in die Küche. »Gin und Martini stehen auf dem Tisch. Eine Zitrone auch. Oh, Sie brauchen ein Messer, um die Zitrone zu schneiden.«

Sie zog eine Schublade auf, nahm ein spitzes, sehr scharfes Messer heraus und trug es mit der Eisschüssel ins Wohnzimmer. »Schade, daß Ben nicht hier ist. Er liebt Martinis. Leider kann er sich nie auf das richtige Mengenverhältnis besinnen, er ertränkt sie in Zitrone…«

Robert antwortete nicht. Emma stellte fest, daß er mitten im Zimmer stand wie ein Fremder. Er hatte nicht angefangen, ihre Drinks zu mixen, er hatte sich nicht mal eine Zigarette angezündet, und das allein war schon ungewöhnlich; normalerweise wirkte er immer sehr entspannt. Jetzt aber hatte er etwas Verkrampftes, und Emma fragte sich verzagt, ob er schon bereute, daß sie den Abend zusammen verbringen würden. Unsinn. Sicher bildete sie sich das nur ein.

Sie legte die Zitrone neben die leeren Gläser, drehte sich um und lächelte ihn munter an. »Na, was brauchen Sie noch?«

»Gar nichts«, sagte Robert und schob die Hände in die Hosentaschen. Nicht die typische Geste eines Mannes, der einen Martini mixen möchte. Im Kamin sackte ein brennendes Holzscheit zusammen und brach entzwei. Funken sprühten auf.

Vielleicht hatte das Telefongespräch ihn durcheinandergebracht. »Haben Sie mit Marcus gesprochen?«

»Ja. Er hatte schon den ganzen Nachmittag versucht, mich zu erreichen.«

»Und Sie waren natürlich nicht da. Hat er sich gefreut, als Sie ihm von Pat Farnaby erzählten?«

»Er hatte nicht wegen Farnaby angerufen.«

»Nein?« Plötzlich hatte sie Angst. »Schlechte Nachrichten?«

»Nein, eigentlich nicht, aber Sie dürften nicht sehr erbaut sein. Es geht um Ihren Vater. Er hat Marcus nämlich heute morgen aus den Staaten angerufen. Er bat Marcus, Ihnen mitzuteilen, daß er und Melissa Ryan gestern in Queenstown geheiratet haben.«

Emma merkte, daß sie das Messer noch in der Hand hielt, daß es sehr scharf war und sie sich damit schneiden konnte, deshalb legte sie es ganz vorsichtig neben die Zitrone…

Geheiratet. Dieses Wort beschwor das hysterische Zerrbild einer Hochzeit herauf, Ben mit einer weißen Blume im Knopfloch seiner ausgebeulten Kordjacke, Melissa Ryan in ihrem rosa Wollkostüm, eingehüllt in einen weißen Schleier und Konfetti, wild läutende Kirchenglocken, die ihre Botschaft über die grüne Landschaft Virginias schrillten. Es war wie ein Alptraum.

Sie merkte, daß Robert Morrow noch sprach, mit gleichmäßiger, ruhiger Stimme.

»… Marcus hat merkwürdigerweise das Gefühl, er sei schuld. Weil er die Vernissage für eine gute Idee hielt und weil er bei ihnen in Queenstown war — er hat sie die ganze Zeit zusammen gesehen und hatte nicht die leiseste Ahnung, was sich da anbahnte.«

Emma erinnerte sich an Marcus’ Beschreibung von dem schönen Haus, sah Ben im goldenen Käfig von Melissas Vermögen, ein ruheloser Tiger, seine Phantasie, seine schöpferischen Kräfte im Luxus erstickt. Ihr wurde klar, daß sie Melissa Ryan unterschätzt hatte, als sie dachte, Ben würde für das, was er begehrte, niemals kämpfen. Sie hatte nicht ermessen, wie sehr er es begehrte.

Plötzlich war sie wütend. »Er hätte nicht nach Amerika zurückkehren dürfen. Das war überhaupt nicht nötig. Er wollte einfach in Ruhe gelassen werden und weitermalen.«

»Emma, niemand hat ihn gedrängt.«

»Die Ehe wird nicht halten. Ben ist noch keiner Frau länger als sechs Monate treu geblieben, und ich kann mir nicht vorstellen, daß Melissa Ryan sich das gefallen läßt.«

Robert sagte sanft: »Vielleicht klappt es diesmal, und es hält.«

»Aber Sie haben sie zusammen gesehen an dem Tag, als sie sich kennenlernten. Sie konnten die Augen nicht voneinander lösen. Wenn sie alt und häßlich gewesen wäre, hätte ihn nichts von Porthkerris weggebracht.«

»Sie ist aber nicht alt und häßlich. Sie ist schön, hochintelligent und sehr reich. Und wenn es nicht Melissa Ryan gewesen wäre, dann wäre es sehr bald eine andere gewesen. Sie wissen so gut wie ich, daß es wahr ist.«

»Aber wir hätten wenigstens mehr als einen Monat zusammen gehabt«, sagte sie verbittert.

Robert schüttelte ratlos den Kopf. »Ach, Emma, lassen Sie ihm doch sein Leben.«

Sein Tonfall brachte sie in Rage. »Er ist mein Vater. Wieso darf ich nicht mit ihm zusammensein wollen?«

»Er ist kein Vater, sowenig wie ein Ehemann oder Liebhaber oder Freund. Er ist Künstler. Ein Künstler wie der fanatische Verrückte, bei dem wir heute nachmittag waren. Sie haben keine Zeit für unsere normalen Wertvorstellungen. Alles und jeder andere kommt an zweiter Stelle.«

»An zweiter Stelle? Ich hätte nichts dagegen, an zweiter Stelle zu kommen oder an dritter oder vierter. Aber ich stand immer ganz unten auf einer langen Liste. Seine Malerei, seine Liebesaffären, sein ewiges Herumschwirren in aller Welt, sogar Marcus und Sie, das alles ist Ben wichtiger, als ich es jemals war.«

»Dann lassen Sie ihn in Ruhe. Denken Sie zur Abwechslung mal an was anderes. Lassen Sie hier alles sausen, suchen Sie sich einen Job.«

»Hab ich alles schon gemacht. Die letzten zwei Jahre hab ich genau so verbracht.«

»Dann kommen Sie morgen mit mir nach London, wohnen Sie bei Marcus und Helen. Mit ein bißchen Abstand von Porthkerris können Sie sich an den Gedanken gewöhnen, daß Ben wieder verheiratet ist, und sich entscheiden, was Sie als nächstes tun wollen.«

»Vielleicht habe ich mich schon entschlossen.«

Es war da, in ihrem Hinterkopf. Als beobachte sie die Drehbühne vom dunklen Zuschauerraum eines Theaters aus. Eine Kulisse gleitet aus dem Blickfeld, und zugleich kommt eine neue Szenerie langsam auf die Bühne. Eine andere Kulisse. Ein anderes Zimmer vielleicht. Eine andere Sicht aus einem anderen Fenster. »Aber ich will nicht nach London.«

»Und heute abend?«

Emma runzelte die Stirn. Sie hatte es vergessen. »Heute abend?«

»Wir wollten essen gehen.«

Sie spürte, daß es zuviel für sie war. »Ich möchte lieber nicht…«

»Es wird Ihnen guttun…«

»Nein. Und ich habe Kopfschmerzen…« Es war eine Ausflucht, erfunden, und nun stellte sie erstaunt fest, daß es stimmte. Ein Schmerz, der sich anfühlte wie der Beginn einer Migräne, wie wenn die Augäpfel mit Drähten in den Hinterkopf gezogen würden; der Gedanke an Essen, Hühnchen in Soße, Eiscreme, erregte Übelkeit. »Ich kann nicht mitkommen. Ich kann nicht.«

Robert sagte leise: »Die Welt wird deshalb nicht untergehen«, und diese alte, tröstliche Phrase war zuviel für Emma. Zu ihrem Schrecken fing sie an zu weinen. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht, drückte die Fingerspitzen gegen ihre pochende Stirn, versuchte sich zu beherrschen. Weil sie wußte, daß durch Weinen alles noch schlimmer wurde, daß Tränen blind machten, daß die Schmerzen sich noch steigern würden….

Sie hörte, wie er ihren Namen sagte, spürte plötzlich, daß er neben ihr stand, seine Arme um sie legte. Ihre Tränen durchnäßten das makelloses graue Revers seines Anzugs. Und Emma versuchte nicht, sich von ihm zu lösen, sondern stand stocksteif da, klammerte sich fest an ihren Kummer und haßte Robert für das, was er ihr angetan hatte.

7

»Und dann? Was passierte dann?« fragte Jane Marshall, in der Hand ein halbvolles Glas Scotch on the rocks.

»Nichts. Sie wollte nicht essen gehen, und sie sah aus, als würde sie jeden Moment eine Gallenkolik bekommen. Darum habe ich sie ins Bett gebracht, ihr was Heißes zu trinken gegeben und ein Aspirin, dann bin ich ins Hotel zurückgefahren und hab allein zu Abend gegessen. Am nächsten Morgen, am Sonntag, war ich noch einmal bei ihr, um mich zu verabschieden, bevor ich nach London zurückfuhr. Sie war schon wieder auf den Beinen, ziemlich blaß, aber ansonsten wirkte sie ganz normal.«

»Hast du sie noch mal zu überreden versucht, mit nach London zu fahren?«

»Ja, aber sie blieb stur. Also verabschiedeten wir uns, und ich ließ sie allein. Und seitdem hab ich nichts von ihr gehört.«

»Aber du kannst doch sicher feststellen, wo sie ist?«

»Unmöglich. Sie haben kein Telefon, haben nie eins gehabt. Marcus hat ihr natürlich geschrieben, aber Emma hat anscheinend Bens Abneigung, Briefe zu beantworten, geerbt. Sie hat nichts mehr von sich hören lassen.«

»Das ist ja verückt. In der heutigen Zeit… Es muß doch jemanden geben, der dir sagen kann…«

»Es gibt niemanden. Sie hatte keine Putzfrau, sie hat alles selbst gemacht. Das war ja der Hauptgrund, weshalb sie nach Porthkerris zurückgekehrt ist, sie wollte Ben den Haushalt führen. Nach zwei Wochen eisigen Schweigens hat Marcus es natürlich nicht mehr ausgehalten, er hat den Wirt vom Sliding Tackle angerufen, das ist eine Kneipe, in der Ben oft war, aber Ben war ohnehin schon seit sechs Wochen weg, und Emma ist da nie hingegangen.«

»Dann müßt ihr euch in Porthkerris umhören.«

»Dazu ist Marcus nicht bereit.«

»Warum nicht?«

»Aus mehreren Gründen. Emma ist kein Kind mehr. Man hat ihr weh getan, und Marcus sieht ein, daß er kein Recht hat, sich einzumischen, wenn sie allein sein will. Er hat sie eingeladen, nach London zu kommen und bei Helen und ihm zu wohnen… jedenfalls so lange, bis sie sich wieder gefangen hat. Mehr kann er kaum tun. Und es gibt noch einen anderen Grund.«

»Ich weiß«, sagte Jane. »Helen, nicht wahr?«

»Ja.« Robert zuckte die Achseln. »Es hat Helen immer gewurmt, daß Ben einen so starken Einfluß auf Marcus hatte. Es gab Zeiten, da hätte sie Ben am liebsten auf dem Meeresgrund gesehen. Aber sie hat sich zwangsläufig damit abgefunden, weil das Bemuttern von Ben zu Marcus’ Job gehört, und wenn Marcus ihn nicht mehr oder weniger bei der Stange gehalten hätte, wer weiß, was aus Ben Litton geworden wäre.«

»Und jetzt will sie nicht, daß er sich wegen Emma aufreibt.«

»Genau.«

Jane schüttelte ihr Glas und ließ das Eis darin klirren. »Und du?« fragte sie.

Er sah auf. »Ich? Was soll mit mir sein?«

»Nimmt dich die Sache sehr mit?« »Warum fragst du?«

»Du klingst nicht gerade, als ob es dich kaltläßt.«

»Ich kenne das Mädchen kaum.«

»Aber du machst dir Sorgen um sie.«

Er dachte darüber nach. »Ja«, sagte er schließlich. »Ja, ich glaube schon. Gott weiß, warum.«

Sein Glas war leer. Jane stand auf, um ihm noch einen Whisky einzuschenken. Während sie hinter ihm mit Eis hantierte, fragte sie:

»Warum fährst du nicht nach Porthkerris und erkundigst dich?«

»Weil sie nicht dort ist.«

»Sie ist nicht…? Das weißt du? Aber das hast du mir nie erzählt.«

»Nach dem erfolglosen Anruf im Sliding Tackle hat Marcus alle Hebel in Bewegung gesetzt. Er hat bei der dortigen Polizei angerufen, sie haben ein paar Nachforschungen angestellt und uns zurückgerufen. Haus verschlossen, Atelier verschlossen, Postamt angewiesen, alle Post bis auf weiteres aufzubewahren.« Er nahm Jane den frischen Drink ab, den sie ihm über die Rückenlehne des Sofas reichte. »Danke.«

»Und ihr Vater? Weiß er Bescheid?«

»Ja, Marcus hat es ihm geschrieben. Aber man kann von Ben nicht erwarten, daß er sich übermäßig aufregt. Schließlich ist er sozusagen noch mitten in den Flitterwochen, und Emma ist allein durch Europa gezogen, seit sie vierzehn war. Vergiß nicht, dies ist keine normale Vater-Tochter-Beziehung.«

Jane seufzte. »Das kann man wohl sagen.«

Robert lächelte. Jane war eine erfrischend realistische Person, und aus diesem Grund war er heute abend auf dem Heimweg von der Arbeit spontan auf einen Drink vorbeigekommen. Gewöhnlich war das Doppelleben, das er mit Marcus führte, indem er mit ihm in der Galerie arbeitete und im selben Haus wohnte, in keiner Weise strapaziös. Aber im Moment gestaltete es sich schwieriger als sonst. Als Robert von einer Geschäftsreise nach Paris zurückgekehrt war, hatte er Marcus verändert gefunden: nervös, besorgt, außerstande, sich länger als fünf Minuten auf etwas anderes als das Problem Emma Litton zu konzentrieren. Nach einer Diskussion mit ihm war Robert klar, daß Marcus sich die Schuld gab für das, was passiert war, und sich sein schlechtes Gewissen auch nicht ausreden lassen wollte. Helen hatte überhaupt keinen Sinn für seine Selbstvorwürfe und riet ihm nur kühl, sich nicht noch tiefer in die ganze verkorkste Angelegenheit hineinziehen zu lassen. Im Augenblick waren die Spannungen in Milton Gardens fast körperlich spürbar.

Das Wetter machte die Situation auch nicht besser. Nach einem kalten Frühling befand sich London plötzlich mitten in einer regelrechten Hitzewelle. Frühmorgens lag perlmuttschimmernder Nebel über der Stadt, der sich allmählich auflöste und Tag für Tag sengende Sonne freigab. Junge Mädchen gingen in ärmellosen Kleidern zur Arbeit, die Männer legten die Jacken ab und saßen in Hemdsärmeln an den Schreibtischen. Die Parks verwandelten sich zur Mittagszeit in riesige Picknickplätze; vor den Geschäften und Restaurants leuchteten gestreifte Markisen, Fenster wurden beim leisesten Lüftchen aufgerissen, und auf den Straßen reflektierten geparkte Autos die Hitze, die Bürgersteige dampften, und der geschmolzene Teer klebte an den Schuhsohlen.

Wie eine fürchterliche Epidemie war die Hitze sogar in die ruhigen, teichgrünen Räume der Galerie Bernstein eingedrungen. Den ganzen Tag war der Strom von Besuchern und potentiellen Kunden nicht abgerissen; die Touristensaison hatte begonnen, und das war die hektischste Zeit in der Galerie. Als alles vorüber war, hatte Robert sich auf der Heimfahrt nach einem neuen Gesicht gesehnt, nach einem kalten Drink und einem Gespräch, das nichts mit Kunst und Künstlern zu tun hatte, egal ob Renaissance, Impressionisten oder Pop-art.

Und da war ihm spontan Jane Marshall eingefallen.

Ihr kleines Haus lag in einem engen Geviert aus umgebauten Stallungen zwischen Sloane Square und Pimlico Road. Als er den Wagen in die Straße lenkte und auf dem Kopfsteinpflaster das Tempo drosselte, drückte er zweimal auf die Hupe. Jane erschien am offenen Fenster im oberen Stockwerk, die Hände auf dem Fensterbrett; die blonden Haare fielen ihr ins Gesicht, als sie sich hinauslehnte, um nachzusehen, wer es war.

»Robert! Ich dachte, du bist noch in Paris.«

»Ich bin seit zwei Tagen zurück. Hast du einen kühlen Drink für einen erschöpften, arbeitenden Mann?«

»Natürlich. Moment. Ich komm runter und mach dir auf.«

Ihr Haus war einfach wunderbar. Ursprünglich eine Kutscherhütte, hatte es eine steile, schmale Treppe, die in den ersten Stock führte. Hier befanden sich die Diele, das Wohnzimmer und die Küche, und noch ein Stockwerk höher in der Dachschräge lagen Schlafzimmer und Bad. Es war auch schon so beengt genug, aber seit sie ihre Inneneinrichtungsfirma gegründet hatte, platzte das Haus aus allen Nähten. Das Wohnzimmer hatte sie in ein Arbeitszimmer verwandelt, trotzdem drangen die Stoffballen, die Litzen und Kissen und die kleinen Nippessachen, die sie so geschickt aufzuspüren wußte, in jede verfügbare freie Ecke vor und machten das Ganze so fröhlich bunt wie eine Patchworkdecke.

Sie freute sich, ihn zu sehen. Sie hatte den Vormittag mit einer langweiligen Frau verbracht, die ihr ganzes Haus in St. John’s Wood cremefarben einrichten wollte, was sie »Renovierung in Magnolie« nannte. Und dann war eine junge Schauspielerin gekommen, die etwas Ausgefallenes für ihre neue Wohnung wollte.

»Sie saß stundenlang hier und zeigte mir Bilder, wie sie sich die Sache vorstellte. Ich versuchte ihr klarzumachen, daß sie einen Bulldozer brauche, keine Innenarchitektin, aber sie wollte nicht auf mich hören. Diese Leute hören ja nie auf einen. Whisky?«

»Das«, sagte Robert, als er sich vor dem offenen Fenster aufs Sofa fallen ließ, »ist das Netteste, was ich heute gehört habe.«

Sie schenkte zwei Gläser ein, versorgte ihn mit Zigaretten und Aschenbecher und setzte sich ihm dann gelassen gegenüber. Sie war ein sehr hübsches Mädchen. Ihre blonden Haare waren glatt und dicht, modisch geschnitten, hinten kürzer und vorn etwas länger. Sie hatte grüne Augen, eine Stupsnase, ihr Mund war hübsch, aber streng. Ihre gescheiterte Ehe hatte einige Narben hinterlassen, und sie war durchaus nicht immer ein toleranter Mensch, aber sie war von einer Geradlinigkeit, die er so erfrischend fand wie ein Glas kaltes Wasser, und sie sah immer hinreißend aus.

Jetzt sagte er: »Ich bin extra hergekommen, um nicht über Geschäftliches zu reden. Wie sind wir denn überhaupt auf Ben Litton gekommen?«

»Ich habe damit angefangen. Ich war neugierig. Immer, wenn ich Helen sah, hat sie irgendwelche vagen Andeutungen gemacht und sich geweigert, mehr zu sagen, es war zum Verrücktwerden. Sie macht sich über die Geschichte ziemliche Gedanken, nicht?«

»Nur weil Ben Litton den armen Marcus früher mal total aufgerieben hat.«

»Kennt sie Emma?«

»Sie hat sie nicht mehr gesehen, seit sie vor sechs Jahren in die Schweiz ging.«

Jane seufzte. »Es ist schwer, gegen Menschen gerecht zu sein, die man kaum kennt.«

»Manchmal ist es auch schwer, wenn man sie kennt. Und jetzt…« Er beugte sich vor, um seine Zigarette auszudrücken. »Lassen wir das Thema fallen und erwähnen es nicht wieder. Hast du heute abend schon was vor?«

»Nein, nichts.«

»Wollen wir irgendwohin gehen, wo es einen Dachgarten oder eine Terrasse gibt, und geruhsam zusammen essen?«

Jane lächelte. »Gern.«

»Ich ruf Helen an und sage, daß ich nicht komme…«

»Und ich…« Sie stand auf. »Ich geh duschen und mich umziehen. Es dauert nicht lange.«

»Nur keine Hektik.«

»Mach’s dir gemütlich… mach dir noch was zu trinken. Hier sind Zigaretten, und irgendwo muß eine Abendzeitung rumliegen, falls es dir nichts ausmacht, sie zu suchen…«

Sie ging die Treppe hinauf. Er hörte sie herumgehen, die hohen Absätze klapperten auf dem gebohnerten Fußboden. Sie sang vor sich hin, die Melodie klang ein wenig falsch. Er stellte sein Glas ab, ging ins Wohnzimmer, machte ihr Telefon schließlich unter einem Stapel geblümter Chintzstoffe ausfindig und rief Helen an, um ihr zu sagen, daß er zum Essen nicht zu Hause sein würde. Dann schenkte er sich den dritten Whisky des Abends ein, lockerte seine Krawatte und ließ sich wieder aufs Sofa plumpsen.

Die reine, kalte Schärfe des Whiskys hatte seine Feierabendmüdigkeit nach einem anstrengenden Tag in angenehme Mattigkeit verwandelt. Die Zeitung schaute unter einem Kissen hervor, er zog sie heraus, und dann sah er, daß es nicht der Evening Standard war, sondern die Theaterzeitung The Stage.

»Jane?«

»Ja?«

»Ich wußte gar nicht, daß du The Stage abonniert hast.«

»Hab ich auch nicht.«

»Sie ist aber hier.«

»So?« Sie klang nichts besonders interessiert. »Die muß Dinah Burnett liegengelassen haben. Die Schauspielerin, die den Bulldozer braucht.«

Er schlug die Zeitung aufs Geratewohl auf. Gesucht: Tänzerisches Naturtalent. Wieso Naturtalent? Gab es auch künstliches Talent? Keine Ahnung.

Er blätterte zur Programmseite um. In Birmingham lief Shakespeare, in Manchester eine Wiederaufführung und in Brookford die Premiere eines neuen Stückes…

Brookford.

Der Name sprang ihn an und traf ihn wie ein Geschoß. Brookford. Er setzte sich auf, glättete die Zeitung mit einem Strich und las den ganzen Artikel.

Die Sommerspielzeit des Repertoiretheaters von Brookford wird diese Woche mit der Welturaufführung von Daisies on the Grass eröffnet, einer Komödie in drei Akten von der dort beheimateten Autorin Phyllis Jason. Dieses leichte, aber durchaus geistreiche Stück zeigt die Schauspielerin Charmian Vaughan in der Hauptrolle der Stella. In den Nebenrollen tragen John Rigger, Sophie Lambart und Christopher Ferris dazu bei, die heitere Spannung zum Höhepunkt zu führen, und Sara Rutherford ist eine bezaubernd natürliche Braut. Tommy Childers’ Inszenierung ist flott und fulminant, und das Bühnenbild des Künstlers Brian Dare veranlaßte das begeisterte Premierenpublikum zu spontanem Applaus.

Christopher Ferris.

Robert lege die Zeitung bedächtig hin, langte nach einer Zigarette und zündete sie an. Christopher Ferris. Er hatte Christopher vergessen.

Wissen Sie etwas von Christopher? Wir sind uns nämlich ganz zufällig wiederbegegnet, Christopher und ich. Und er hat mich heute morgen nach Le Bourget begleitet.

Und er erinnerte sich — er hatte ihr am Tisch gegenübergesessen —, wie ihm plötzlich ein Licht aufgegangen war und er den Grund für ihr Lächeln, für das Leuchten in ihren Augen erkannte.

Und später, in dem zugigen Atelier in Porthkerris, war das Thema Christopher flüchtig aufgetaucht und wieder untergegangen zwischen anderen, wichtigeren Gesprächsthe-men. Er dürfte inzwischen in Brookford sein, hatte Emma gesagt, mitten in den Proben.

Er stand auf und ging zum Fuß der Treppe. »Jane?«

»Ja?«

»Wie weit bist du?«

»Ich schmink mich gerade.«

»Wo ist Brookford?«

»In Surrey.«

»Wie lange brauchen wir bis dahin?«

»Brookford? Hm, etwa eine Dreiviertelstunde, fünfzig Minuten.«

Er sah auf seine Uhr. »Wenn wir sofort losfahren oder sobald wir können … kommen wir vielleicht nicht zu spät.«

Jane erschien oben an der Treppe, mit einem Spiegel in einer Hand und einem Puderpinsel in der anderen.

»Zu spät wofür?«

»Wir gehen ins Theater.«

»Ich dachte, wir gehen essen.«

»Hinterher vielleicht. Aber zuerst fahren wir nach Brookford und sehen uns eine durchaus geistreiche Komödie an, Daisies on the Grass«

»Bist du verrückt geworden?«

»…von der dort beheimateten Autorin Phyllis Jason.«

»Du bist verrückt geworden.«

»Ich erklär’s dir unterwegs. Sei ein Schatz und beeil dich.«

Als sie über die Autobahn brausten, sagte Jane: »Du meinst, niemand weiß von dem jungen Mann, außer dir.«

»Emma hat Ben nichts gesagt, weil er Christopher nie leiden konnte — Helen sagt, er war eifersüchtig auf den Jungen.«

»Und Emma hat Marcus Bernstein nichts erzählt.«

»Ich glaube nicht.«

»Aber dir.«

»Ja, mir hat sie’s erzählt. Gleich am ersten Tag. Und ich hab keine Ahnung, warum er mir nicht schon früher eingefallen ist.«

»Ist sie in ihn verliebt?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat ihn jedenfalls sehr gern.«

»Meinst du, wir finden sie in Brookford?«

»Wenn nicht, dann geh ich jede Wette ein, daß Christopher Ferris weiß, wo sie steckt.« Jane erwiderte nichts. Wenig später fügte er, die Augen fest auf die Straße gerichtet, hinzu: »Es tut mir leid, ich hatte dir versprochen, das Thema fallenzulassen, und jetzt entführe ich dich in die finsterste Wildnis von Surrey.«

Jane sah ihn an. »Warum bist du so wild darauf, Emma zu finden?«

»Wegen Marcus. Ich möchte Marcus beruhigen.«

»Verstehe.«

»Wenn Marcus beruhigt ist, wird Helen sich auch wieder entspannen, und das Leben wird für uns alle erträglicher.«

»Das ist nur zu wünschen… Moment, ich glaube, wir müssen hier abbiegen.«

Es dauerte eine Zeit, bis sie das Theater in Brookford fanden. Sie fuhren die High Street hinauf und hinunter, fragten dann einen erschöpft aussehenden Polizisten in Hemdsärmeln nach dem Weg. Er schickte sie wieder ein Stück aus der Stadt hinaus, und in einer Sackgasse, die von einer Nebenstraße abzweigte, fanden sie den großen Backsteinbau, der eigentlich eher nach einem Missionsgebäude aussah. Doch über dem Eingang stand in Neonbuchstaben THEATER.

Am Straßenrand parkten ein paar Autos, und daneben, die Füße im Rinnstein, saßen zwei kleine Mädchen, die mit einem kaputten Kinderwagen spielten. An der Außenwand hingen Plakate:

WELTURAUFFÜHRUNG

DAISIES ON THE GRASS

von PHYLLIS JASON

KOMÖDIE IN DREI AKTEN

Inszeniert von

TOMMY CHILDERS

Jane blieb stehen und betrachtete die wenig einladende Fassade. »Nicht gerade das klassische Stadttheater.« Robert nahm ihren Arm. »Komm.«

Sie gingen eine Steintreppe hinauf und traten in ein kleines Foyer mit einem Zigarettenkiosk auf der einen Seite und einer Kasse auf der anderen. Im Kassenhäuschen saß ein Mädchen und strickte. »Die Vorstellung hat leider bereits angefangen«, sagte sie, als Robert und Jane auf der anderen Seite der Glasscheibe erschienen.

»Ja, das haben wir uns schon gedacht. Aber wir möchten trotzdem zwei Karten.«

»Welche Preislage?«

»Oh … hm — Parkett.«

»Das macht ein Pfund fünfzehn, bitte. Aber Sie müssen bis zum zweiten Akt warten.«

»Können wir irgendwo was zu trinken bekommen?«

»Die Bar ist oben.«

»Danke.« Er nahm die Karten und sein Wechselgeld. »Ich nehme an, Sie kennen alle Leute, die hier arbeiten.«

»Hm, ja…« — »Christopher Ferris …«

»Oh, ist er ein Freund von Ihnen?«

»Ein Freund eines Freundes. Ich wüßte gern, ob seine Schwester zufällig hier ist… eigentlich ist sie seine Stiefschwester. Emma Litton.«

»Emma arbeitet hier.«

»Sie arbeitet hier? Am Theater?«

»Ganz recht. Als Inspizientengehilfin. Unsere letzte kriegte plötzlich Blinddarmentzündung, und Emma sagte, sie würde aushelfen. Normalerweise —« sie klang jetzt betont professionell — »normalerweise nimmt Mr. Childers ja lieber Leute mit ein bißchen Bühnenerfahrung, wissen Sie, Royal Academy of Art oder sonstwo, damit sie auch mal in kleinen Rollen einspringen können. Aber weil sie hier war und nichts zu tun hatte, hat er ihr den Job gegeben. Allerdings nur, bis das andere Mädchen wieder gesund ist.«

»Ich verstehe. Glauben Sie, wir können sie sprechen?«

»Sicher, nach der Vorstellung. Aber Mr. Childers will niemanden hinter der Bühne sehen, bevor die Vorstellung zu Ende ist.«

»In Ordnung. Wir können warten. Haben Sie vielen Dank.«

»Keine Ursache. Es war mir ein Vergnügen.«

___________

Sie gingen die Treppe hinauf zu einem zweiten, größeren Foyer mit einer Bar in der Ecke, setzten sich, tranken Lagerbier und plauderten mit dem Barmann, bis mäßiger Applaus das Ende des ersten Aktes verkündete. Die Lichter gingen an, die Türen öffneten sich, und ein kleiner Strom Leute kam heraus, um sich zu stärken. Jane und Robert warteten bis zum ersten Klingelzeichen, dann gingen sie in den Zuschauerraum, kauften auf dem Weg hinein zwei Programmhefte und wurden von einem beflissenen jungen Mädchen in einem Nylonoverall zu ihren Plätzen geführt. Das Theater war an diesem Abend äußerst spärlich besucht, und Jane und Robert waren die einzigen, die in der dritten Reihe saßen. Jane sah sich interessiert um.

»Ich glaube, es war früher ein Missionsgebäude«, stellte sie fest. »Kein Mensch hätte einen so häßlichen Kasten als Theater gebaut. Aber ich muß sagen, sie haben es sehr einfallsreich umgestaltet; Beleuchtung und Farben sind gut. Schade, daß sie kein größeres Publikum haben.«

Schließlich öffnete sich der Vorhang zum zweiten Akt.

Salon in Mrs. Edburys Haus in Gloucestershire, informierte sie das Programm, und da war er, komplett mit Flügelfenstern, Treppe, Sofa, Tisch mit Getränken, Tisch mit Telefon, niedrigem Tisch mit Zeitschriften (damit die Hauptdarstellerin sie in die Hand nehmen und lässig durchblättern konnte, wenn sie nicht wußte, was sie mit ihren Händen anstellen sollte?) und drei Türen.

»In dem Haus zieht’s«, murmelte Jane.

»Es wird besser, wenn sie die Terrassentür zumachen.«

Aber die Terrassentür mußte offenbleiben, denn herein stürzte die jugendliche Naive (Sara Rutherford ist eine bezaubernd natürliche Braut), warf sich auf das Sofa und brach in Tränen aus. Auf Janes Gesicht malte sich Fassungslosigkeit. Robert drückte sich etwas tiefer in seinen Sitz.

Es war ein fürchterliches Stück. Selbst wenn sie den ersten Akt gesehen hätten und daher imstande gewesen wären, das Handlungsgewirr zu enträtseln, es wäre trotzdem ein fürchterliches Stück gewesen. Es war gespickt mit Klischees, mit Standardrollen (es gab sogar eine komische Putzfrau), mit gekünstelten Abgängen und Auftritten und mit Telefonanrufen. Im Verlauf des zweiten Aktes klingelte achtmal das Telefon.

Als der Vorhang sich senkte, schlug Robert vor: »Gehen wir noch was trinken. Ich kann jetzt einen doppelten Cognac vertragen.«

»Ich geh hier nicht weg«, sagte Jane. »Ich will die Stimmung nicht zerstören. So ein Stück habe ich nicht mehr gesehen, seit ich sieben war. Und das Bühnenbild macht mich ganz nostalgisch. Aber eins, Robert, ist sonnenklar.«

»Was?«

»Christopher Ferris ist sehr, sehr gut.«

Das stimmte. Als er auf die Bühne geschlurft war, der unsichere junge Student, der am Ende die Heldin ihrem Verlobten, einem Börsenmakler, abspenstig machen sollte, da gewann Daisies on the Grass den ersten schwachen Funken Leben. Sein Text war nicht besser als der der anderen, aber seine Einsätze waren tadellos, und er konnte sie komisch oder traurig oder auch verschroben-charmant bringen. Für die Rolle trug er eine Kordhose, einen ausgebeulten Pullover und eine Hornbrille, aber selbst diese Kostümierung konnte seine Eleganz, sein gutes Aussehen und die langbeinige Anmut seiner Bewegungen nicht verhüllen.

»Er ist nicht nur sehr gut, er ist auch sehr attraktiv«, fuhr Jane fort. »Ich kann verstehen, warum seine Stiefschwester so erfreut war, als sie ihm in Paris wieder über den Weg lief. Ich hätte auch nichts dagegen, ihm über den Weg zu laufen.«

Der dritte Akt hatte dasselbe Bühnenbild, aber jetzt war es Nacht. Blaues Mondlicht schien durchs offene Fenster, und die Treppe herunter kam die kleine Braut, auf Zehenspitzen, einen Koffer in der Hand, bereit, wegzulaufen oder durchzubrennen oder was auch immer es war, wozu sie sich während der letzten Stunde entschlossen hatte. Robert wußte es nicht mehr. Er wartete, daß Christopher wieder auf die Bühne kam. Als er auftrat, beobachtete ihn Robert einfach die ganze Zeit, versunken und voll Bewunderung. Unterdessen hatte Christopher die Zuschauer — wenn es auch wenige waren — völlig in der Hand. Sie beobachteten ihn ebenso fasziniert wie Robert. Christopher kratzte sich am Kopf, und das Publikum lachte. Er setzte seine Brille ab, um das Mädchen zu küssen, und sie lachten abermals. Er setzte sie wieder auf, um für immer Lebewohl zu sagen, und die Leute kramten nach ihren Taschentüchern. Und als alles vorbei war und das Ensemble sich zum Schlußvorhang aufstellte, war der Beifall lang und ehrlich, und er galt ausschließlich Christopher.

»Was machen wir jetzt?« fragte Jane.

»Polizeistunde ist erst in zehn Minuten. Gehen wir noch was trinken.«

Sie gingen wieder an die Bar. Der Barmann fragte: »Wie hat Ihnen das Stück gefallen, Sir?«

»Ach, ich weiß nicht… Ich…«

Jane war mutiger. »Wir fanden es fürchterlich«, sagte sie, aber sehr höflich. »Und ich habe mich in Christopher Ferris verliebt.«

Der Barmann grinste. »Der ist Spitze, was? Schade, daß Sie heute abend kommen mußten, wo bloß so wenig Leute da waren. Mr. Childers hatte gehofft, weil Miss Jason doch von hier ist und der ganze Zinnober, daß dieses Stück die Leute reinlocken würde. Aber gegen so ‘ne Hitzewelle kommt man eben nicht an.«

»Haben Sie gewöhnlich ein volles Haus?«

»Mal mehr, mal weniger. Unser letztes Stück war Present Laughterda war das Haus ziemlich voll.«

»Das ist ein gutes Stück«, sagte Robert.

»Welche Rolle hat Christopher Ferris gespielt?« fragte Jane.

»Warten Sie, mal überlegen. Ach ja, ich weiß, er war der junge Stückeschreiber. Der immer zwischen den Stühlen rumspringt und Plätzchen ißt. Ronald Maule heißt er in dem Stück. Oh, Christopher Ferris war sehr komisch in der Rolle. Hat großen Beifall geerntet…« Während er seine Gläser polierte, sah er auf die Wanduhr. »Ich muß Sie leider bitten auszutrinken, Sir, wir müssen schließen.«

»Ja, natürlich. Sagen Sie, wie kommen wir hinter die Bühne? Wir möchten zu Emma Litton.«

»Sie können durch den Zuschauerraum gehen, Sir, dann durch die Tür rechts von der Bühne. Aber nehmen Sie sich vor Mr. Collins in acht, dem Inspizienten. Er ist nicht besonders scharf auf Besucher.«

»Danke«, sagte Robert. »Gute Nacht.«

Sie gingen ins Theater zurück. Der Vorhang war aufgezogen, und die Bühne lag wieder frei, aber ohne Rampenlicht wirkte das Bühnenbild seelenloser denn je. Ein junger Mann mühte sich mit dem Sofa ab und versuchte es auf die Seite zu hieven, und irgendwo hatte irgend jemand eine Tür aufgelassen, so daß das ganze Theater von einem stickigen Zug verbrauchter Luft durchweht war. Die Programmverkäuferin ging herum, klopfte die leeren Sitze ab und sammelte leere Schokoladenpackungen und Zigarettenschachteln in einen Abfalleimer.

»Nichts«, sagte Jane, »ist so deprimierend wie ein leeres Theater.«

Sie gingen nach vorne zur Bühne. Beim Näherkommen erkannte Robert, daß es kein Junge war, der ganz allein mit dem schweren Sofa kämpfte, sondern ein Mädchen in einem alten blauen Pullover und Jeans.

Als er nahe genug war, sagte er: »Verzeihung, können Sie mir wohl sagen, ob…?«

Sie drehte sich zu ihm um. Es war Emma Litton.

8

Nach einer stummen Schrecksekunde ließ Emma die Sofalehne los und richtete sich auf. Sie kam ihm viel größer und schmaler vor, das kalte Bühnenlicht war allerdings auch nicht gerade schmeichelhaft. Unter den weiten Pulloverärmeln wirkten ihre Handgelenke geradezu mager. Aber das Schlimmste waren ihre Haare. Sie hatte die Haare abgeschnitten, und ihr Kopf wirkte nun klein und verletzlich, ein bißchen struppig wie das Fell eines Tieres.

Sie hatte auch etwas von der Wachsamkeit eines Tieres, einen furchtsamen Blick, als wartete sie, daß er den ersten Schritt tat, das erste Wort sprach, damit sie wußte, in welche Richtung sie springen sollte. Er schob die Hände in die Taschen, bemüht, lässig und nonchalant zu wirken, und sagte: »Hallo, Emma.«

Sie lächelte hilflos. »Das Sofa fühlt sich an, als wäre es mit Blei gepolstert und hätte außerdem seine Laufrollen verloren.«

»Ist denn niemand da, der Ihnen hilft?« Er trat nach vorn an den Bühnenrand, so daß er zu ihr aufsah. »Es sieht sehr schwer aus.«

»Doch, es kommt gleich jemand.« Sie wischte die Hände an ihrer Jeans ab, als wären sie schmutzig, und verschränkte die Arme. Es war eine eigentümlich abwehrende Geste, bei der ihre Schulterknochen unter dem ausgeleierten Pullover vorsprangen. »Was machen Sie hier?«

»Wir sind hergekommen, um uns Daisies on the Grass anzusehen… Wir sind aus der Stadt hergefahren. Das ist Jane Marshall. Jane, das ist Emma.«

Sie lächelten, nickten sich zu, murmelten eine Begrüßung. Emma wandte sich wieder an Robert. »Haben… haben Sie gewußt, daß ich hier bin?«

»Nein, aber ich wußte, daß Christopher hier ist, und ich dachte, dann sind Sie vielleicht auch da.«

»Ich arbeite seit ein paar Wochen. Da hab ich wenigstens was zu tun.«

Robert sagte nichts darauf, und Emma, vielleicht durch sein Schweigen verunsichert, setzte sich auf das Sofa, das sie hätte verrücken sollen. Ihre Hände baumelten schlaff zwischen den Knien. Nach einer Weile sagte sie: »Hat Marcus Sie geschickt?«

»Nein. Wir sind nur mal so vorbeigekommen. Um zu sehen, ob es Ihnen gutgeht.«

»Es geht mir gut.«

»Um wieviel Uhr sind Sie hier fertig?«

»Ungefähr in einer halben Stunde. Ich muß die Bühne räumen, für die Probe morgen vormittag. Warum?«

»Ich dachte, wir könnten alle irgendwo in ein Hotel gehen, ein Sandwich essen und was trinken. Jane und ich haben nicht zu Abend gegessen…«

»Oh, sehr nett!« Sie klang nicht begeistert. »Nur… es ist bloß… meistens hab ich in der Wohnung was im Ofen… einen Auflauf oder so was. Johnny und Chris essen sonst nichts. Wir müssen hin, sonst verbrennt es.«

»Johnny?«

»Johnny Rigger. Er war der Verlobte. Sie wissen schon, der andere Mann. Er wohnt mit Christo zusammen… und mir.«

»Ich verstehe.«

Wieder herrschte Schweigen. Verwirrt kämpfte Emma mit ihren Gastgeberinstinkten. »Ich würde Sie ja einladen mitzukommen, aber wir haben bloß ein paar Dosen Bier da…«

»Wir trinken gern Bier«, beeilte sich Robert zu versichern.

»Und in der Wohnung herrscht eine furchtbare Unordnung. Die Zeit reicht nie, um richtig aufzuräumen. Ich meine, seit ich arbeite.«

»Das macht nichts. Wie kommen wir hin?«

»Hm… haben Sie ein Auto?«

»Ja. Es steht draußen.«

»Ja… schön. Wenn Sie draußen warten, kommen Christo und ich nachher runter, wenn’s Ihnen recht ist. Dann können wir Ihnen den Weg zeigen.«

___________

Robert und Jane gingen durch den leicht ansteigenden Zuschauerraum zurück zum Ausgang. Kurz bevor sie die Tür erreicht hatten, brach auf der Bühne plötzlich die Hölle los.

»Verdammt, wo ist die Litton?« Robert konnte gerade noch sehen, wie Emma vom Sofa hochfuhr, als hätte jemand ein Feuerwerk losgelassen, und noch einmal versuchte, das klobige Stück von der Stelle zu bewegen. Ein kleiner Mann mit einem schwarzen Bart kam auf die Bühne geschossen; er sah aus wie ein übelgelaunter Pirat. »Hör mal, Schätzchen, ich hab dir gesagt, du sollst das verdammte Sofa wegschieben, nicht drauf schlafen. Gott, bin ich froh, wenn die andere wieder da ist und du hier verschwindest …« Robert überlegte kurz. Es gab zwei Möglichkeiten: Man konnte dem Mann eine kleben oder sich verziehen. Um Emmas willen verzog sich Robert.

Die Tür schwang hinter ihm zu, aber als sie das Foyer durchquerten, war die Stimme noch zu hören. »Daß sie eine Vollidiotin ist, wissen wir alle, aber du schlägst sie noch um Längen…«

»Charmant«, sagte Jane, als sie die Treppe hinuntergingen. Robert erwiderte nichts. Er spürte, wie plötzlich glühende Wut auf diesen unverschämten Wichtigtuer in ihm aufstieg.

»Das muß Mr. Collins sein, der Inspizient«, fuhr Jane fort. »Nicht gerade ein angenehmer Chef.«

Sie gingen die Treppe hinunter, auf die Straße hinaus zum Auto und stiegen ein. Es war jetzt dunkel, eine sanfte Dämmerung hatte sich über die Stadt gelegt, aber die Hitze des Tages war noch spürbar, festgehalten von den Häuserwänden und den sonnenwarmen Pflastersteinen. Als sie ins Auto stiegen, schaltete jemand das Neonschild des Theaters aus. Die Abendvorstellung war zu Ende. Robert langte nach seinen Zigaretten, gab Jane eine, zündete sie an, nahm sich dann selbst eine. Es dauerte einen Moment, bis er sich beruhigt hatte.

»Sie hat sich die Haare abgeschnitten«, sagte er.

»So? Wie hatte sie sie vorher?«

»Lang, seidig und dunkel.«

»Sie will nicht, daß wir heute abend zu ihr kommen. Das hast du doch gemerkt, oder?«

»Ja. Aber wir müssen hin. Wir brauchen ja nicht lange zu bleiben.«

»Dabei hab ich gar keine Lust auf Bier.«

»Tut mir leid. Vielleicht macht dir ja jemand einen Kaffee.«

___________

»…für den Job braucht man nun wirklich nicht viel Verstand. Die letzte Schnepfe von der Kunstakademie könnte das besser als du.«

Collins steigerte sich immer weiter in seinen Wutanfall hinein. Die aufgestauten Ärgernisse und Enttäuschungen eines ganzen Tages entluden sich in einem Schwall wüster Beschimpfungen. Er haßte Emma. Es hing mit Christopher zusammen und damit, dass ihr Vater erfolgreich und berühmt war.

Anfangs hätte Emma versucht, sich zu verteidigen, doch inzwischen wußte sie, daß jeder Widerspruch zwecklos war. Gegen Collins konnte man nichts ausrichten. Sie fuhr einfach schweigend in ihrer Arbeit fort und bemühte sich, ihn nicht merken zu lassen, wie sehr er sie verletzte.

»…du hast den Job gekriegt, weil ich jemanden brauche, der mir hilft… Gott steh mir bei. Du hast ihn nicht gekriegt, weil Christo sich für dich eingesetzt hat, und du hast ihn nicht gekriegt, weil irgendein Blödmann bereit ist, zwanzigtausend Pfund für einen Ben Litton mit roten Klecksen auf blauem Hintergrund zu bezahlen. So dämlich bin ich nicht, wie du inzwischen vielleicht mitgekriegt hast. Bilde dir bloß nicht ein, du kannst dich rumlümmeln und mit deinen aufgeblasenen Freunden quatschen! Und wenn diese Typen sich das nächste Mal herablassen, sich unsere bescheidene kleine Vorstellung anzugucken, dann sag ihnen, sie sollen gefälligst warten, bis wir fertig sind. Los jetzt, schaff das verdammte Sofa aus dem Weg…«

___________

Es war fast elf, als er sie endlich gehen ließ. Christo wartete in Tommy Childers’ Büro auf sie. Die Tür stand offen; sie steckte ihren Kopf ins Zimmer und sagte: »Ich bin jetzt fertig. Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat.«

Christo stand auf. »Schon gut.« Er drückte seine Zigarette aus. »Gute Nacht, Tommy.«

»Nacht, Christo.«

»Danke für alles.«

»Nichts zu danken, alter Freund.«

Sie gingen die Treppe hinunter zum Bühnenausgang. Christopher legte beim Gehen den Arm um sie. Ihre warmen Körper berührten sich, es war zu heiß für so eine Berührung, aber sie fand sie tröstlich. Draußen in der kleinen Gasse, die auf die Straße führte, blieb er bei den Mülleimern stehen, um sich eine neue Zigarette anzuzünden.

»Das hat wirklich lange gedauert«, sagte er. »Hat Collins Krach geschlagen?«

»Er war sauer, weil Robert Morrow hier ist.«

»Robert Morrow?«

»Er arbeitet in der Galerie Bernstein, bei Marcus. Er ist Marcus’ Schwager. Hab ich dir doch erzählt. Er ist gekommen, um die Vorstellung zu sehen… Er hat ein Mädchen dabei.«

Christo blieb stehen und sah sie an. »Um die Vorstellung zu sehen oder um dich zu sehen?«

»Beides, denke ich.«

»Er kann dich hier nicht einfach rausholen. Hat er irgendwas gesagt, daß du nicht volljährig bist oder so?«

»Natürlich nicht.«

»Dann ist alles in Ordnung.«

»Ja, ich denke schon. Aber dummerweise hab ich sie zu uns eingeladen. Eigentlich wollte ich es gar nicht, aber irgendwie hab ich’s gemacht, und sie kommen. Sie warten im Wagen auf uns. Ach, Christo, es tut mir leid.«

Er lachte. »Ich hab nichts dagegen.«

»Sie werden nicht lange bleiben.«

»Meinetwegen können sie die ganze Nacht bleiben. Mach nicht so ein trübsinniges Gesicht.« Er nahm sie in die Arme und küßte sie auf die Wange. Sie dachte, wenn der Abend, der Tag, der endlose Tag, hier und jetzt enden könnte, wäre sie ganz zufrieden. Sie fürchtete sich vor Robert. Sie war zu müde, um ihn abzuwehren, Fragen zu beantworten, den wachen grauen Augen auszuweichen. Sie war zu müde, mit seiner Freundin zu wetteifern, die blond und hübsch war und in ihrem marineblauen Sommerkleid beinahe unanständig kühl aussah. Sie war zu müde, um die Wohnung für sie aufzuräumen, Kleider, Textbücher und leere Gläser verschwinden zu lassen, Bierdosen zu öffnen, Kaffee zu machen und Christos Essen aus dem Ofen zu nehmen.

Christo rieb sein Kinn an ihrer Wange. »Was hast du?« fragte er sanft.

»Nichts.« Er mochte es nicht, wenn sie sagte, sie sei müde. Er war nie müde. Er wußte nicht, was das Wort bedeutete.

Er sagte ihr ins Ohr: »Es war ein guter Tag, nicht?«

»Ja. Ein guter Tag.«

Arm in Arm gingen sie durch die Gasse zur Straße. Robert hörte ihre Stimmen und stieg aus dem Wagen. Sie kamen auf ihn zu, mal in den Lichtflecken, die die Straßenlaternen warfen, mal im Schatten. Sie gingen wie ein Liebespaar, Emma mit übergehängtem Pullover, Christo mit einem dicken Textbuch unter dem Arm und einer Zigarette zwischen den Fingern. Als sie beim Wagen anlangten, blieben sie stehen. »Hallo«, sagte Christopher lächelnd.

»Christo, das ist Robert Morrow und Miss Marshall…«

»Mrs. Marshall«, korrigierte Jane freundlich, über die Rückenlehne des Beifahrersitzes gebeugt. »Hallo, Christopher.«

»Entschuldigen Sie, daß es so lange gedauert hat«, sagte Christo. »Emma hat mir eben erst erzählt, daß Sie hier sind. Und sie hatte ihren abendlichen Krach mit Collins, also waren wir alle ziemlich beschäftigt. Ich höre, Sie kommen mit auf ein Bier oder so. Leider haben wir nichts Anspruchsvolleres.«

»Das ist ganz okay«, sagte Robert. »Wenn Sie uns den Weg sagen können …«

»Natürlich.«

___________

Die Wohnung lag im Kellergeschoß in einer ärmlichen viktorianischen Häuserzeile, die einmal bessere Tage gesehen hatte. Die Häuser waren reichlich mit Giebeln, phantasievollem Schnitzwerk und Buntglasfenstern verziert, aber die Straße selbst wirkte schäbig, die Gardinen hinter den Fenstern hingen trübselig durch und waren nicht immer sauber. Eine abgetretene Steintreppe führte in einen Hof mit Mülltonnen und mehreren Töpfen mit verwelkten Geranien hinab, und als sie hinunterstiegen, hörten sie den Wutschrei einer enttäuschten Katze, und ein schwarzes, rattenähnliches Etwas schoß zwischen ihren Beinen die Treppe hinauf. Jane stieß einen leisen Schreckensschrei aus.

»Keine Angst«, sagte Emma. »Das ist bloß eine Katze.«

Christo öffnete die Tür, ging voraus und schaltete die Deckenbeleuchtungen ein; die möbliert vermietete Wohnung war nicht mit Stehlampen ausgestattet. Johnny hatte begonnen, ein paar Lampen aus Chiantiflaschen zu basteln, aber er war nicht über den Kauf von Zwischensteckern und ein paar bunten Lampenschirmen hinausgekommen. Die Zimmer der Wohnung waren oberflächlich umgebaut worden, es war ihnen immer noch anzusehen, daß sie ursprünglich als Küchen, Speisekammern und Waschküchen gedient hatten. Ein alter Herd war aus der Wand gerissen und die entstandene Lücke mit abgeblätterten Regalen gefüllt worden, die zur Aufbewahrung für alles mögliche dienten — Bücher, Schuhe, Textbücher, Zigaretten, Briefe und einen Stapel alter Illustrierten. Ein Diwan, obwohl mit einem roten Vorhang bedeckt und mit spärlich gefüllten Kissen überhäuft, blieb dennoch hartnäckig ein Bett. Ein paar wacklige Küchenstühle und ein Klapptisch waren vorhanden, und der geflieste Fußboden war notdürftig mit einem ältlichen Teppich belegt, der längst jede Farbe und fast allen Flor verloren hatte. Die Wände waren getüncht, hatten aber feuchte Flecken, wie Landkarten, und die Ecken eines Stierkampfplakats, das an die Ziegelsteine gepinnt war, rollten sich bereits auf. Es roch nach Mäusen und Moder, und sogar an diesem heißen Sommerabend war die stickige Luft feuchtkalt wie das Innere einer Höhle.

Christo warf sein Textbuch auf einen Tisch und öffnete das Fenster, das mit Eisenstangen geschützt war wie in einem Gefängnis.

»Lassen wir erst mal Luft in die Bude. Wir müssen immer alles dichtmachen, wegen der Katzen, die kommen überall rein. Was möchten Sie trinken? Bier ist da, falls Johnny nicht alles weggetrunken hat… oder vielleicht möchten Sie Kaffee. Haben wir Kaffee da, Emma?«

»Pulverkaffee. Anderen kaufe ich nicht, weil nichts da ist, um ihn zu kochen. Nehmen Sie Platz… setzen Sie sich aufs Bett. Irgendwohin. Da müssen noch Zigaretten sein…« Sie fand eine Schachtel, reichte sie herum, suchte einen Aschenbecher, während Robert sie anzündete. Es gab keinen Aschenbecher, deshalb ging sie durch den gefliesten Flur zur Küche, um ein paar Untertassen zu holen. Der Spülstein war randvoll mit schmutzigem Geschirr, und einen Moment lang konnte sie sich nicht vorstellen, wann sie das alles benutzt hatten, wann sie das letzte Mal hiergewesen war, aus welchem weit zurückliegenden Abschnitt der Geschichte dieser Geschirrberg stammte. Der Morgen schien drei Wochen zurückzuliegen. Nie hatte ein Tag länger gedauert als der heutige. Und jetzt war es nach elf, und er war immer noch nicht vorüber. Das Abendessen mußte gemacht, der Kessel fürs Kaffeewasser aufgesetzt, der Dosenöffner gefunden werden.

Sie fand zwei saubere Untertassen und ging damit zu den anderen. Christo hatte eine Platte aufgelegt. Ohne ständiges Musikgeriesel konnte er nichts tun, nicht mal reden. Es waren Ella Fitzgerald und Cole Porter.

Every time we say goodbye

I die a little

Sie sprachen über Daisies on the Grass. »Wenn Sie einem Text so viel Leben einhauchen können«, sagte Jane zu Christopher, »werden Sie es bestimmt weit bringen.« Sie lachte. Emma stellte den Aschenteller hin, und Jane sah auf. »Danke. Kann ich irgendwas tun?«

»Nein, gar nichts. Ich hol bloß ein paar Gläser. Möchten Sie Bier oder lieber Kaffee?«

»Würde Kaffee zu viele Umstände machen?«

»Nein, überhaupt nicht. Ich trinke selbst lieber Kaffee.«

Wieder in der Küche, schloß sie die Tür, damit das Geschirrklappern im Zimmer nicht zu hören war, band sich eine Schürze um und setzte den Wasserkessel auf. Jedesmal, wenn sie das Gas anzündete, gab es eine Stichflamme, und sie zuckte zusammen. Sie suchte ein Tablett, Tassen und Untertassen, die Kaffeedose und Zucker zusammen. Dosenbier stand in einer Kiste unter dem Spülstein. Auf dem Fußboden krabbelten Küchenschaben, und Johnny hatte den Abfalleimer nicht geleert. Sie hob ihn hoch, um ihn zur Mülltonne zu tragen, aber in diesem Moment öffnete sich hinter ihr die Tür. Als sie sich umdrehte, stand Robert Morrow vor ihr.

Er sah auf den Eimer. »Wo bringen Sie den hin?«

»Nirgends«, sagte Emma, wütend, ertappt worden zu sein. Sie drehte sich um, um ihn wieder unter den Spülstein zu schieben, aber Robert packte ihren Arm und nahm ihr den Eimer ab. Angewidert betrachtete er das Gemisch aus alten Teeblättern, geöffneten Dosen und nassen Papiertüten. — »Wo kommt das hin?«

Resigniert sagte Emma es ihm. »In die Mülltonne. Neben der Tür. Wo wir reingekommen sind.«

Er trug den Eimer weg, den Flur entlang, ein lächerlicher Anblick, und Emma kehrte an den Spülstein zurück und wünschte, er wäre nicht gekommen. Er gehörte nicht nach Brookford, ins Theater, hierher in die Wohnung. Sie wollte nicht, daß er sie bedauerte. Es gab schließlich nichts zu bedauern. Sie war glücklich, oder nicht? Sie war bei Christo, und das war alles, was zählte. Sie brauchten niemanden, der sich in ihre Angelegenheiten mischte.

Sie betete, daß er und seine makellose Freundin gehen würden, bevor Johnny Rigger nach Hause kam.

Als Robert mit dem leeren Eimer zurückkam, klapperte sie mit Geschirr, bemüht, einen geschäftigen Eindruck zu machen. Sie drehte sich kurz um und sagte kühl: »Danke. Ich komme sofort«, in der Hoffnung, er würde den Wink verstehen und sie allein lassen.

Aber es nützte nichts. Er schloß die Tür, stellte den Abfalleimer auf den Boden, packte Emma an den Schultern und drehte sie zu sich herum. Er wirkte kühl und elegant in seinem leichten Anzug und einem blauen Hemd mit dunkler Krawatte. Emma hatte den Spüllappen in einer Hand und einen Teller in der anderen und mußte wohl oder übel aufsehen und sich den fragenden grauen Augen stellen.

»Ich wünschte, Sie wären nicht gekommen«, sagte sie. »Warum sind Sie hier?«

»Marcus hat sich Sorgen um Sie gemacht.« Er nahm ihr den Spüllappen und den Teller ab und legte beides in den übervollen Spülstein. »Vielleicht hätten Sie ihm Bescheid geben sollen, wo Sie sind.«

»Jetzt können Sie’s ihm ja sagen, nicht? Robert, ich hab eine Menge zu tun, und in dieser Küche ist einfach kein Platz für zwei…«

»Nein?« Er lächelte. Er setzte sich auf die Tischkante, sein Gesicht war jetzt auf gleicher Höhe mit ihrem. »Stellen Sie sich vor, als ich Sie heute abend im Theater sah, habe ich Sie zuerst nicht erkannt. Warum haben Sie sich die Haare abgeschnitten?«

Er konnte sehr entwaffnend sein. Emma hob eine Hand und strich sich über den stoppeligen Nacken. »Als ich anfing, am Theater zu arbeiten, waren sie so lästig. Ständig hingen sie im Weg, und dann war es so heiß, und ich war immer voll Farbe, wenn ich die Kulissen gestrichen hatte. Hier kann man sie auch nirgends waschen, und wenn ich sie trotzdem waschen würde, würde es Stunden dauern, bis sie trocknen.« Sie sprach ungern über ihre Haare. Sie fehlten ihr, ihre Schwere und Vertrautheit und die beruhigende Therapie des allabendlichen Bürstens. »Deshalb hat ein Mädchen im Theater sie mir abgeschnitten.« Sie hatten auf dem Fußboden des Künstlerzimmers gelegen wie dunkle Seidenstränge, und Emma war sich wie eine Mörderin vorgekommen.

»Arbeiten Sie gern am Theater?«

Sie dachte an Collins.

»Nicht besonders.«

»Müssen Sie denn…?«

»Natürlich nicht. Aber Christo ist den ganzen Tag dort, und hier gibt es nicht viel zu tun, wenn ich allein bin. Brookford ist schrecklich langweilig. Ich wußte gar nicht, daß es so langweilige Städte gibt. Und als das andere Mädchen eine Blinddarmentzündung bekam, hat Christo es hingebogen, daß ich einspringen konnte.«

»Was wollen Sie tun, wenn sie zurückkommt?«

»Ich weiß nicht. Darüber hab ich noch nicht nachgedacht.«

Hinter ihr kochte das Wasser. Emma drehte das Gas ab und wollte den Kessel auf das Tablett setzen, aber Robert sagte: »Moment noch.«

Sie runzelte die Stirn. »Ich muß doch Kaffee machen.«

»Der Kaffee kann warten. Lassen Sie uns erst alles andere klären.«

Emmas Gesicht wurde verschlossen. »Es gibt nichts zu klären.«

»O doch. Und ich möchte Marcus berichten können, was passiert ist. Zum Beispiel — wie haben Sie Christopher aufgespürt?«

»Ich hab ihn angerufen — neulich am Sonntag morgen. Ich hab ihn aus der Telefonzelle angerufen. Sie hatten eine Kostümprobe, deshalb war er im Theater. Er hatte mich nämlich vorher schon gebeten, zu ihm nach Brookford zu kommen, aber ich konnte nicht, wegen Ben.«

»Sie hatten schon mit ihm gesprochen, als ich kam, um mich zu verabschieden?« — »Ja.«

»Und Sie haben mir nichts gesagt!«

»Nein, ich hab’s Ihnen nicht gesagt. Ich wollte etwas ganz Neues anfangen, ein vollkommen neues Leben, ohne daß jemand davon wußte.«

»Ich verstehe. Deshalb haben Sie Christopher angerufen…«

»Ja, und am Abend hat er sich Johnny Riggers Wagen geliehen, ist nach Porthkerris gefahren und hat mich hierhergebracht. Wir haben das Cottage abgeschlossen. Den Atelierschlüsel hab ich im Sliding Tackle abgegeben.« — »Der Wirt wußte nicht, wo Sie sind.«

»Ich hab ihm nicht gesagt, wo ich hingehe.«

»Marcus hat ihn angerufen.«

»Das hätte Marcus nicht tun sollen. Marcus ist nicht für mich verantwortlich. Ich bin kein kleines Kind mehr.«

»Marcus fühlt sich für Sie nicht bloß verantwortlich, Emma. Er hat Sie sehr gern, das sollten Sie begreifen. Haben Sie was von Ben gehört?«

»Ja, ich bekam an dem Montag morgen einen Brief, bevor ich Porthkerris verließ. Und auch einen von Melissa… sie hat mich ein geladen, sie zu besuchen.«

»Haben Sie zurückgeschrieben?«

Emma schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie wurde rot und spielte verlegen an einem gesplitterten Daumennagel.

»Warum nicht?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Ich dachte wohl, ich würde ihnen im Weg sein.«

»Ich hätte gedacht, daß im Weg sein immer noch besser wäre als dies…« Seine Geste umfaßte die unordentliche Küche, die ganze schäbige Wohnung.

Es war keine sehr geschickte Bemerkung.

»Was stört Sie daran?«

»Es ist nicht bloß diese Wohnung, es ist das miserable Theater, dieser Irre mit dem Bart, der Sie angebrüllt hat…«

»Sie haben mir doch gesagt, ich soll mir einen Job suchen.«

»Aber nicht so einen. Sie haben Verstand. Sie sprechen drei Sprachen, Sie wirken einigermaßen vernünftig. Was ist das für eine Aufgabe, Möbel rücken in einem drittklassigen Theater?«

»Meine eigentliche Aufgabe ist es, bei Christo zu sein!«

Sie hatte es fast herausgeschrien, und danach folgte eine spannungsgeladene Stille. Draußen auf der Straße fuhr ein Auto vorbei. Christophers Stimme drang durch den Fliesenflur, untermalt von der leise spielenden Platte. Auf der Treppe kreischte eine Katze.

Endlich sprach Robert. »Möchten Sie, daß ich das Ihrem Vater sage?«

Emma war jetzt wirklich wütend. »Ich nehme an, deswegen sind Sie gekommen. Um für Ben zu spionieren.«

»Ich bin einfach nur gekommen, um zu sehen, wo Sie sind und wie es Ihnen geht.«

»Berichten Sie ihm nur sämtliche grauenhaften Einzelheiten. Uns macht es nichts aus, und ihm ist es sowieso egal.«

»Emma…«

»Vergessen Sie nicht, er ist kein gewöhnlicher Durchschnittsvater; das erzählen Sie mir doch selbst dauernd.«

»Emma, jetzt hören Sie mal zu…!«

Plötzlich flog die Küchentür auf, und eine lallende, muntere Stimme unterbrach ihn mitten im Satz. »Na, ihr zwei habt ja eine nette kleine Unterhaltung!«

Robert drehte sich um. In der offenen Tür stand der junge Mann, der in Daisies on the Grass den steifen Börsenmakler gespielt hatte. Nur war er nicht mehr steif, sondern schlichtweg stockbetrunken, und um sich zu stützen, hing er am Türsturz wie ein Affe, der an einem Trapez schaukelt.

»Hallo, Schätzchen«, sagte er zu Emma. Er ließ die Tür los, wankte in die winzige Küche und beugte sich vor, um Emma zu küssen. Es war ein lauter, schmatzender Kuß, aber er traf fünfzehn Zentimeter an ihrem Gesicht vorbei.

»Wir haben Besuch«, bemerkte er. »Und draußen parkt ein verflucht dicker Wagen. Wirkt unheimlich vornehm.«

Seine Beine knickten ein, und er stützte sich in letzter Sekunde am Tisch ab. Als hätte er ihn jetzt erst entdeckt, lächelte er Robert wohlwollend an. »Wie heißt du?«

»Er heißt Robert Morrow«, sagte Emma kurz angebunden. »Und ich mach Kaffee.«

»Will keinen Kaffee. Ich will keinen Kaffee.« Er hob abwehrend die Hände, und wieder ließen ihn seine Beine im Stich. Diesmal fing Robert ihn auf und hievte ihn in aufrechte Position.

»Danke, alter Knabe. Sehr freundlich von dir. Emma, wie wär’s mit ‘ner kleinen Stärkung? Das leibliche Wohl, du kennst das ja. Ich hoffe, du hast diesen netten Kerl hier eingeladen, zum Essen zu bleiben. Nebenan ist ‘ne scharfe Blonde, die quatscht Christopher die Hucke voll. Kennt die jemand?«

Keiner machte sich die Mühe, ihm zu antworten. Emma drehte sich zum Herd, hob den Deckel vom Kessel und schloß ihn wieder. Johnny Rigger starrte ihren Rücken und dann Robert an; offenbar wartete er darauf, daß man ihm das Leben mit all seinen Komplikationen erklären würde.

Robert traute sich nicht zu sprechen. Am liebsten hätte er diese schwankende Schnapsleiche am Genick gepackt und irgendwohin geschmissen, vorzugweise in die Mülltonne, in die er vorhin den unappetitlichen Inhalt des Abfalleimers gekippt hatte. Dann wäre er gern zurückgekommen, hätte Emma über die Schulter geworfen und sie auf den Rücksitz seines Wagens gesetzt, um mit ihr nach London zu fahren, nach Porthkerris, nach Paris — egal wohin, bloß weg von diesem gräßlichen Keller, von dem Theater, von der deprimierenden Vorstadtgegend.

Er starrte auf ihren störrischen Rücken, wollte sie mit Blicken zwingen, sich umzudrehen. Aber sie rührte sich nicht, und ihr schmaler Hals, ihr gerupfter Kopf und ihre hängenden Schultern, die ihn eigentlich hätten rühren müssen, brachten ihn nur in Wut.

Schließlich sagte er förmlich: »Dies ist für uns alle bloß Zeitverschwendung. Ich denke, Jane und ich sollten jetzt gehen.«

Emma nahm das schweigend hin, aber Johnny protestierte wild. »O nein, du mußt bleiben, alter Freund. Bleib und iß was…«

Robert hatte sich an ihm vorbeigeschoben und war schon im Flur. Er fand die anderen beiden in eine Unterhaltung vertieft, sie ahnten nichts von dem Drama in der Küche. Christopher sagte gerade: »Ja, es ist ein großartiges Stück. Und was für eine Rolle! Man kann darauf aufbauen, sie aber nie überfrachten, nie der Inszenierung in die Quere…«

Robert erinnerte sich verbittert an einen alten Schauspielerwitz: ‘Und jetzt laß uns von dir reden, mein Freund. Wie fandst du meine Vorstellung?’

»Ich hoffe, Sie sprechen nicht von Daisies on the Grass«, unterbrach er scharf.

Christopher drehte sich um. »Großer Gott, nein! Das Thema ist Present Laughter. Was macht Emma?«

»Euer Freund ist zurückgekommen.«

»Johnny? Ja, er kam hier eben vorbeigewankt.«

»Er ist betrunken.«

»Das ist er meistens. Wir füllen ihn mit schwarzem Kaffee ab und wuchten ihn ins Bett. Am Morgen fühlt er sich pudelwohl. Ausgesprochen ungerecht, wirklich.«

»Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb er hier bei Ihnen und Emma wohnt?«

Christopher hob die Augenbrauen. »Einen sehr guten Grund.« Seine Stimme klang kühl. »Die Wohnung gehört ihm. Er war zuerst hier. Ich war der zweite. Emma bildete die sehr tatkräftige Dritte.«

Es entstand eine Gesprächspause. Jane spürte die in der Luft liegende Spannung und mischte sich taktvoll ein. »Robert, es wird spät…« Sie nahm Handtasche und Handschuhe und erhob sich vom Diwan. »Wir sollten vielleicht gehen.«

»Aber Sie haben Ihren Kaffee noch nicht bekommen. Was macht Emma?«

»Sie tut ihr Bestes, um Mr. Rigger zu stützen«, erwiderte Robert. »Ich schlage vor, Sie gehen hin und helfen ihr. Seine Beine scheinen nicht besonders verläßlich.«

Christopher nahm dies achselzuckend hin. Er hievte sich aus seinem niedrigen Sessel. »Wenn Sie wirklich meinen, Sie müssen gehen…«

»Ich denke, wir sollten aufbrechen. Danke für…«

Die Worte verloren sich. Es gab nichts zu danken. Christopher machte ein amüsiertes Gesicht, und Jane kam Robert abermals zu Hilfe.

»…danke für Ihre wunderbare Vorstellung heute abend. Wir werden sie nicht vergessen.« Sie streckte die Hand aus. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen. Und auf Wiedersehen, Robert.«

»Auf Wiedersehen, Christopher.« Und dann mußte er es wohl oder übel sagen: »Kümmern Sie sich um Emma.«

Sie fuhren in unerlaubtem Tempo nach London zurück. Auf der Autobahn kletterte die Tachonadel höher und höher. 130, 140, 160 Stundenkilometer…

»Wir sind nicht allein auf dieser Autobahn«, bemerkte Jane. »Du könntest Schwierigkeiten kriegen.«

»Hab ich schon«, sagte Robert kurz und bündig.

»Hattest du Krach mit Emma?«

»Ja.«

»Ich fand, du sahst etwas besorgt aus. Worum ging’s?«

»Schnüffeln. Und Moralpredigten. Und Einmischung. Und den Versuch, einem im Grunde intelligenten Mädchen den kleinsten Funken Vernunft beizubringen. Sie hat auch schrecklich ausgesehen. Krank.«

»Ihr wird schon nichts fehlen.«

»Als ich sie das erste Mal sah, war sie braun wie eine Zigeunerin, mit Haaren bis zur Taille und schimmernder Pfirsichhaut.« Er erinnerte sich an das Wohlgefühl, als er sie zum Abschied küßte. »Warum müssen die Menschen sich selbst so furchtbare Dinge antun?«

»Ich weiß nicht«, sagte Jane. »Vielleicht wegen Christopher.«

»Wie fandest du ihn? Ich meine, abgesehen davon, daß du dich in ihn verliebt hast.«

Sie hörte darüber hinweg. »Er ist klug. Er ist aufrichtig. Er ist ehrgeizig. Ich glaube, er wird es weit bringen. Aber allein.«

»Du meinst, ohne Emma.«

»Würde ich sagen.«

Selbst um ein Uhr morgens war London hell erleuchtet; auf den Straßen fuhren noch überraschend viele Autos. Sie bogen in die Sloane Street ein, umrundeten den Sloane Square und kamen schließlich in die schmale Straße, die zu Janes Wohnviertel führte. Vor ihrem Häuschen stellte er den Motor des Alvis ab. Es war sehr still, das Kopfsteinpflaster glänzte im Licht der Straßenlaterne. Robert griff nach einer Zigarette, aber Jane war schneller. Sie steckte ihm die Zigarette in den Mund und gab ihm Feuer. In diesem Augenblick wirkten ihre Augen groß und geheimnisvoll umschattet, und unter dem Bogen ihrer Unterlippe bemerkte er einen kleinen, verlockenden Schatten, der aussah wie ein verwischter Fleck.

Sie ließ das Feuerzeug zuschnappen. »Es war ein gräßlicher Abend«, sagte er. »Und es tut mir leid.«

»War mal was anderes. Ich fand’s interessant.«

Er nahm die Mütze ab und warf sie auf den Rücksitz. »Meinst du«, sagte er, »sie leben zusammen? Ich meine, richtig?«

»Woher soll ich das wissen.« — »Aber sie liebt ihn.«

»Würde ich sagen.«

Sie schwiegen ein Weilchen. Dann streckte und dehnte Robert sich nach der langen Fahrt. Er sagte: »Wir sind überhaupt nicht zum Abendessen gekommen. Ich weiß nicht, wie’s bei dir aussieht, aber ich habe Hunger.«

»Wenn du willst, mach ich dir Rühreier. Und einen großen kalten Scotch on the rocks.«

»Du bist eine Überredungskünstlerin…«

Sie lachten leise. Nachtgelächter, dachte er. Bettgelächter. Er legte die Hand um ihren Nacken, schob die Finger in ihre Haare und beugte sich vor, um sie auf den Mund zu küssen. Sie schmeckte süß und frisch und kühl. Ihre Lippen öffneten sich, und er warf seine Zigarette fort und zog Jane fest in seine Arme.

Nach einer Weile löste er seinen Mund von ihrem. »Worauf warten wir, Jane?«

»Eins muß ich erst noch sagen.«

Er lächelte. »Worum geht’s?«

»Um mich. Ich will nichts anfangen, was nie zu Ende geführt wird. Ich will nicht, daß mir noch einmal weh getan wird. Auch nicht von dir, Robert, und Gott weiß, wie gern ich dich habe.«

»Ich werde dir nicht weh tun.« Es war ihm ernst, und er küßte den Schatten um ihren Mund.

»Und bitte«, sagte sie, »nichts mehr von den Littons.«

Er küßte ihre Augen und die Spitze ihrer kurzen Nase. »Das verspreche ich dir. Nichts mehr von den Littons.«

Dann ließ er sie los, und sie stiegen aus und schlossen die Wagentüren so leise, wie sie gelacht hatten. Jane kramte ihren Schlüssel hervor, Robert nahm ihn ihr ab und schloß die Tür auf. Sie gingen hinein, Jane knipste das Licht an und ging die schmale Treppe hinauf. Robert schloß sachte die Tür hinter ihnen.

9

Das Schönste an dem großen alten Haus in Milton Gardens waren die Sommerabende, die man dort verbringen konnte. Nach einem warmen, stickigen Junitag und den Abgasen im Stau auf der Kensington High Street war es ein wunderbares Gefühl, zur Haustür hereinzukommen und den Rest der Welt hinter sich zu lassen. Im Haus war es immer kühl. Es roch nach Blumen und Bohnerwachs, und im Juni waren die Kastanien dicht belaubt und voller rot-weißer Blüten, so daß die Terrassen der umliegenden Häuser dahinter verborgen und alle Verkehrsgeräusche gedämpft wurden; nur vereinzelt durchbrach ein Flugzeug die abendliche Stille.

Der heutige Tag war ein klassisches Beispiel für diese einzigartige Wohltat. Es donnerte, und seit dem Morgen war die Temperatur ständig gestiegen, während sich Gewitterwolken zusammenballten. Unter dieser spannungsgeladenen Atmosphäre schwelte die Stadt. Die Parks waren staubig und das zertretene Gras braun geworden, und die Luft war ungefähr so erfrischend wie ein Schluck benutztes Badewasser. Doch hier hatte Helen den Rasensprenger angestellt, und ein Schwall köstlich feuchter Luft wehte Robert durch die offene Tür am anderen Ende der Diele entgegen, als er ins Haus trat.

Er warf seinen Hut auf den Dielenstuhl, nahm seine Post und rief: »Helen?«

Sie war nicht in der Küche. Er ging durch die Diele, zur Tür hinaus und die Treppe zur Terrasse hinunter, und dort fand er sie, mit einem Teetablett, einem Buch — ungelesen — und einem Korb mit Näharbeiten. Sie trug ein ärmelloses Baumwollkleid und ausgebleichte Espadrilles, und die Sonne hatte auf ihrer Nase Sommersprossen hervorgezaubert, die aussahen wie Farbspritzer.

Während er über den Rasen ging, zog er seine Anzugjacke aus.

Helen lächelte. »Du hast mich beim Nichtstun erwischt.«

»Und recht hast du.« Er hängte die Jacke über die Lehne eines bemalten schmiedeeisernen Stuhls und ließ sich neben Helen fallen. »War das ein Tag! Ist noch Tee in der Kanne?«

»Nein, aber ich kann dir noch welchen machen.«

»Warum mach ich das nicht selbst?« sagte Robert automatisch, aber ohne große Begeisterung.

Sie erwiderte nichts auf diese hypothetische Frage, sondern stand einfach auf und ging mit der Teekanne ins Haus. Ein Teller mit Plätzchen stand da, er nahm sich eins, und während er es aß, lockerte er mit der anderen Hand seine Krawatte. Unter dem Rasensprenger war das Gras dicht und grün. Es mußte schon wieder gemäht werden. Er lehnte sich zurück und schloß die Augen.

Sechs Wochen war es nun her, seit er in Brookford gewesen war, um Emma Litton aufzuspüren, und in der ganzen Zeit hatte er kein Wort von ihr gehört. Nach etlichen Diskussionen mit Marcus und Helen hatte er Ben geschrieben, Emma lebe bei Christopher Ferris, den sie in Paris wiedergetroffen hatte. Sie arbeite am Repertoiretheater in Brookford. Es gehe ihr gut. Mehr könne er nicht sagen. Ben hatte erstaunlicherweise darauf geantwortet, nicht direkt, sondern in Form eines handschriftlichen Postskriptums in einem Brief an Marcus. Der eigentliche Brief war rein geschäftlich, mit Maschine auf dem eindrucksvoll geprägten Papier des Ryan Memorial Museum of Fine Arts geschrieben. Die Litton-Retrospektive sei vorbei. Sie sei in jeder Hinsicht ein nachhaltiger Erfolg gewesen. Jetzt sei die neue Ausstellung — eine posthume Sammlung von Zeichnungen eines Genies aus Puerto Rico, das kürzlich unter betrüblichen Umständen in einer Dachstube in Greenwich Village gestorben war — in vollem Gange, und Ben und Melissa wollten die Gelegenheit zu einer Reise nach Mexiko nutzen. Er beabsichtige, wieder mit dem Malen zu beginnen. Er wisse nicht, wann er nach London zurückkehren werde. Er sei mit lieben Grüßen immer Marcus’ Ben. Und dann, unter der Unterschrift, in Bens kaum leserlichem Gekritzel:

Habe einen Brief von R. Morrow bekommen. Bitte danke ihm. Emma hatte Christopher immer gern. Hoffe nur, seine Manieren haben sich gebessert.

Marcus zeigte es Robert. »Ich weiß nicht, was du erwartet hast«, sagte er trocken, »aber bekommen hast du dies.«

Das war es also. Zum erstenmal befand sich Robert in absoluter Übereinstimmung mit seiner Schwester Helen. Die Littons waren hochintelligent, unberechenbar und charmant. Aber sie weigerten sich, irgendwelchen Verhaltensregeln zu folgen, und sie wollten sich gegenseitig nicht helfen. Das machte sie zu unzumutbaren Menschen.

Zu seiner Verwunderung stellte er fest, daß Emma leicht zu vergessen war. Er konnte sie so herzlos aus seinem Gedächtnis streichen wie einen alten Koffer voll Trödel, verbannt in die dunkelsten Winkel eines entlegenen, staubigen Speichers. Und sein Leben war so ausgefüllt, daß die durch Emma hinterlassene Leere fast übergangslos von lohnenderen Gedanken besetzt wurde.

In der Galerie herrschte hektische Betriebsamkeit. Roberts Tage waren ein Karussell von potentiellen Kunden, ausländischen Besuchern und eifrigen jungen Künstlern, die Mappen brachten, prall gefüllt mit mittelmäßigen Werken. Ob Bernstein wohl eine Ausstellung für sie arrangieren würde? Ob Bernstein dieses vielversprechende neue Talent fördern könne? Die Antwort lautete gewöhnlich nein, das könne Bernstein leider nicht, aber Marcus war ein liebenswürdiger Mensch, und es war eine Hausregel, daß kein junger Mann nach Glasgow, Bristol oder Newcastle oder wo immer er herkam, zurückgeschickt wurde, ohne eine gute Mahlzeit im Magen und den Betrag für die Rückfahrt in der Tasche der von ehrlicher Arbeit fleckigen Jeans.

Robert stellte fest, daß seine Vitalität diesen Anforderungen absolut gewachsen war und daß seine Energie bei vollem Tempo nicht nachlassen konnte oder wollte. Er konnte es nicht ertragen, nichts zu tun zu haben, er füllte seine Freizeit mit unzähligen Aktivitäten, und erstaunlich viele davon waren mit Jane Marshall verbunden.

Daß ihre Arbeitszeiten nicht immer übereinstimmten, störte ihn durchaus nicht. Manchmal kam er auf dem Heimweg von der Galerie auf einen Drink in ihr Haus und traf sie noch mit einer Schürze an, meterweise Borten auf einen Vorhangstoff nähend, oder sie entwarf auf Millimeterpapier eine komplizierte, mit Bögen verzierte Blendleiste. Manchmal war sie nicht in der Stadt, und dann verbrachte er den Abend mit körperlicher Arbeit, indem er wild entschlossen den Garten umgrub oder den Rasen mähte.

An einem Wochenende fuhr er mit Jane nach Bosham, wo Janes Bruder ein kleines Cottage besaß und auf dem kabbeligen Wasser des Hard einen Katamaran vertäut hatte. Sie segelten den ganzen Sonntag, eine steife Brise wehte, die Sonne schien hell und sengend, und am Ende des Tages saßen sie, träge von der vielen frischen Luft, in der Dorfkneipe, tranken Bier vom Faß und spielten Pennyschnippen. Sie fuhren sehr spät nach London zurück, das Verdeck des Alvis war offen, und der Wind blies Wolkenfetzen vor die Sterne.

Am nächsten Tag sagte Helen zum tausendstenmal: »Ich finde, du solltest sie heiraten.«

Robert versuchte, sein schlechtes Gewissen zu ignorieren. »Mal sehen. Vielleicht«, entgegnete er ausweichend.

»Aber wann? Worauf wartest du?«

Er antwortete nicht, weil er es nicht wußte. Er wußte nur, daß jetzt nicht die Zeit war, um Pläne zu machen oder sich festzulegen oder mit dem Analysieren der Gefühle zu beginnen, die er für Jane hegte.

___________

Jetzt wurde er von Helen aus seinen Gedanken gerissen, die mit einem Teetablett zurückkehrte. Sie setzte es ab, und der Eisentisch knirschte unter den Steinen, als sie ihn näher an seinen Stuhl rückte. »Marcus hat heute mittag angerufen«, bemerkte sie.

Marcus war wieder in Schottland. Der schottische Baronet und Whiskyliebhaber, der so darauf erpicht gewesen war, sich von seinen Kunstschätzen zu trennen, wurde von seinem Sohn gebremst. Vermutlich wollte der junge Mann sein Erbe sichern. Jedenfalls weigerte er sich, dem Verkauf zuzustimmen, wenn nicht dreimal soviel gezahlt wurde, wie sein trinkfreudiger Vater gefordert hatte. Nach zahlreichen teuren Telefonaten hatte Marcus widerwillig eingesehen, daß ein weiterer Besuch in Schottland unumgänglich war. Das Geschäft hatte immer Vorrang vor persönlichen Neigungen und Vorlieben, und wenn er, um dieser Bilder habhaft zu werden, in feuchten Betten und eiskalten Zimmern schlafen und entsetzlich zubereitete Mahlzeiten verzehren mußte, dann nahm er das bereitwillig in Kauf.

»Wie kommt er voran?«

»Er war ziemlich zurückhaltend. Zweifellos hat er in einer hohen, prunkvollen Halle telefoniert, wo der alte Gutsherr an einem Ende zuhörte und der junge Gutsherr am anderen.«

»Hat er die Bilder?«

»Nein, aber er bekommt sie. Wenn nicht alle, dann wenigstens einige…« Sie entfernte sich von ihm und ging über den Rasen, um den Sprenger zu verrücken. »Den Raeburn will er unbedingt haben«, erklärte sie, »er will sich auf jeden Preis einlassen.«

Robert schenkte sich Tee ein und fing an, die Abendzeitung zu lesen. Als Helen zurückkam, reichte er ihr das in der Mitte aufgeschlagene Blatt.

»Was ist?« fragte sie.

»Das Mädchen. Dinah Burnett…«

»Wer ist sie?«

»Du solltest ihr Gesicht inzwischen kennen. Sie ist eine junge Schauspielerin mit einem tüchtigen Agenten. Jedesmal, wenn man eine Zeitung oder eine Illustrierte aufschlägt, ist ein Bild von ihr drin, wie sie auf einem Klavier hockt oder mit einem Kätzchen schmust oder etwas ähnlich Anstößiges.«

Helen machte ein komisches Gesicht beim Betrachten der aufreizenden, erotischen Fotografie und las die Bildunterschrift laut vor:

»Die rothaarige Dinah Burnett, die in der Fernsehserie Detectives einen so starken Eindruck beim Publikum hinterließ, ist jetzt mitten in den Proben für das neue Stück von Amos Monihan, The Glass Door, in dem sie ihre erste ernste Bühnenrolle hat. ›Ich habe Angst‹, verriet sie unserem Reporter. ›Aber ich bin so stolz, daß man mich für dieses wunderbare Stück ausgewählt hat.‹ Miss Burnett ist 22 und stammt aus Barnsley.«

»Ich wußte gar nicht, daß ein neues Stück von Amos Monihan in Arbeit ist. Wer inszeniert?«

»Mayo Thomas.«

»Dann muß sie gut sein. Erstaunlich, was für Talente sich hinter ausgesprochen dämlichen Gesichtern verbergen können. Aber warum hast du mir das gezeigt?«

»Eigentlich ohne Grund. Bloß daß Jane ihr eine Wohnung einrichtet. Zuerst sollte es eine recht bescheidene Angelegenheit werden, aber kaum hatte sie diese Rolle, hielt sie sich schon für eine Millionärin. Du weißt schon, verspiegelte Badezimmer und Bettüberwürfe aus weißem Nerz.«

»Sehr hübsch«, sagte Helen. Sie warf die Zeitung wieder auf seinen Schoß, aber ihm war heiß, er war zu träge, um sie aufzufangen, und so rutschte sie von seinem Knie und fiel auf die Erde. Kurz darauf räumte Helen abwesend das Teegeschirr zusammen. Sie nahm das Tablett und machte sich auf den Weg ins Haus.

»Wie sieht’s mit Abendessen aus?« fragte sie. »Gehst du zu Jane, oder bleibst du hier?«

»Ich geh zu Jane.«

»Schön. Ich esse ein Stück Käse. Zum Kochen ist es ohnehin zu heiß.«

Als sie fort war, zündete er sich eine Zigarette an. Er saß da, hörte den Tauben zu und sah zu, wie die Schatten auf dem Rasen immer länger wurden. Allmählich wurde es kühler, und er genoß die abendliche Ruhe des Gartens. Als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, stand er auf, ging ins Haus und hinauf in seine Wohnung, wo er duschte, sich rasierte und dann Jeans und ein leichtes Hemd anzog. Als er sich den ersten Drink des Abends einschenkte, klingelte das Telefon. Er füllte das Glas zur Hälfte mit Sodawasser, dann ging er zu seinem Schreibtisch und nahm den Hörer ab. Es war Jane.

»Robert?«

»Ja.«

»Liebling, ich bin’s. Hör zu, ich wollte dich bloß warnen, komm nicht vor acht hierher…«

»Warum, hast du einen Liebhaber bei dir?«

»Ich wünschte, es wäre so. Nein, es ist Dinah Burnett, sie hat eine neue Idee für ihr Badezimmer, Gott lasse ihre Seele verfaulen, und sie will nach der Probe vorbeikommen und es mit mir besprechen.«

»Für ein Mädchen, das so stolz darauf ist, in einem vollkommen idiotischen Stück zu spielen, steht ihr der Sinn sehr nach materiellen Dingen, findest du nicht?«

»Du hast wohl die Abendzeitung gelesen. Das Gewäsch macht mich krank.«

»Ich kann mir nicht erklären, wieso sie es nicht für nötig hielt zu erwähnen, daß sie eine Wohnung einrichtet und die bekannte Innenarchitektin Jane Marshall, siebenundzwanzig Jahre alt, Maße 103/80/110, hinzugezogen hat. Du hast hoffentlich nicht damit gerechnet, daß wir essen gehen — ich bin nicht richtig angezogen.«

»Natürlich nicht, es ist viel zu heiß. Ich hab kaltes Hähnchen da, ich dachte, ich mach einen Salat.«

»Und ich steuere eine eiskalte Flasche Wein bei.«

»Wunderbar.«

»Dann bis acht.«

»Gut, acht Uhr.« Er wollte gerade den Hörer auflegen, als sie noch einmal sagte: »Komm nicht früher«, und dann einhängte. Leicht verwirrt legte er den Hörer auf und sagte sich, daß er sich den merkwürdigen Unterton in ihrer Stimme eingebildet haben mußte. Seufzend ging er in die Küche, um Eis für seinen Drink zu holen.

Er kam absichtlich etwas zu spät, doch als er vor Janes Haus vorfuhr, parkte immer noch ein kleiner blauer Fiat vor ihrer Tür. Er hupte wie gewohnt zweimal und stieg aus, die Flasche Wein in der Hand. Gleich darauf ging die Haustür auf, und Jane stand da, in einer ausgebleichten rosa Baumwollhose und einem ärmellosen Oberteil. Sie wirkte ungewohnt hektisch, die Haare fielen ihr ins Gesicht, sie machte verzweifelte Gesten mit der Hand und deutete nach oben.

Er küßte sie belustigt. »Was ist los?«

Sie nahm ihm die Weinflasche ab. »Sie ist noch da. Sie will nicht gehen. Sie hört einfach nicht auf zu quatschen. Und jetzt wo du gekommen bist, werden wir sie ganz bestimmt nicht mehr los.«

»Wir sagen, wir wollen ausgehen und sind sowieso schon spät dran.«

»Schön, versuchen wir’s.« Sie hatten sich flüsternd unterhalten. Jetzt sagte sie mit klarer, förmlicher Stimme: »Ich war nicht sicher, ob du es bist oder nicht. Komm rauf.«

Er folgte ihr die schmale, steile Treppe hinauf. »Dinah, das ist Robert Morrow…« Nach der Begrüßung ging Jane mit dem Wein in die Küche. Er hörte die Tür des großen Kühlschranks auf- und zuklappen, als sie die Flasche wegstellte.

Dinah Burnett saß auf Janes großem Sofa am offenen Fenster, die Beine hochgezogen, mit einem Gesichtsausdruck, als erwarte sie einen Fotografen oder einen zukünftigen Liebhaber. Sie war ein schönes Mädchen, reif und blühend, und Robert stellte fest, daß keine Fotografie ihr voll gerecht werden konnte. Sie hatte kupferrote Haare, blaßgrüne Augen und Proportionen, die gemeinhin als »üppig« bezeichnet werden. Sie trug ein kurzes Hemdkleid in einem Grün, das zu ihren Augen paßte — es war offensichtlich entworfen worden, um soviel wie möglich von ihren glatten, wohlgerundeten Armen und endlos langen Beinen zu zeigen. Ihre Füße steckten in Holzsandalen, an den Handgelenken klimperten goldene Armreifen, und riesige Goldkreolen schimmerten durch die Fülle ihrer Haare. Ihre Zähne waren weiß und ebenmäßig, ihre Wimpern lang und pechschwarz. Es war kaum zu glauben, daß ihr Leben in Barnsley begonnen hatte.

»Guten Abend«, sagte Robert. Sie reichten sich die Hand. »Ich habe gerade alles über Sie in der Abendzeitung gelesen.«

»Ist das Foto nicht fürchterlich?« Man hörte immer noch die liebenswerten Spuren eines Yorkshire-Akzents heraus. »Ich seh aus wie eine heruntergekommene Barfrau. Aber immerhin, ich finde, es ist besser als nichts.«

Sie lächelte strahlend, bot ihren gesamten weiblichen Charme auf, um einen neuen, attraktiven Mann zu ködern, und Robert, von ihrer Freundlichkeit geschmeichelt und angetan, setzte sich ans andere Ende des Sofas. Sie fuhr fort: »Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein, aber Jane richtet mir meine neue Wohnung ein, und heute hab ich dieses sagenhafte Badezimmer in einer amerikanischen Zeitschrift entdeckt, und da mußte ich einfach nach der Probe herkommen und es ihr zeigen.«

»Wie geht’s mit dem Stück voran?«

»Oh, es ist sehr aufregend.«

»Wovon handelt es?«

»Also, es…«

In diesem Augenblick erschien Jane wieder aus der Küche und unterbrach sie brüsk: »Wie wär’s mit was zu trinken? Dinah, Robert und ich müssen leider bald aufbrechen, aber es bleibt gerade noch Zeit für einen Drink, bevor Sie gehen.«

»Oh, das ist lieb von Ihnen. Ich hätte gern ein Glas Bier.«

»Und du, Robert?«

»Hört sich gut an, aber laß mich’s holen…«

»Nein, laß, ich steh sowieso.« Sie ließ den Verschluß einer Bierflasche aufschnappen und schenkte gekonnt ein Glas ein, ohne Schaumkrone. »Dinah, Robert ist Kunsthändler, er arbeitet bei Bernstein in der Kent Street.«

»Oh, wirklich?« Dinah Burnett machte große Augen und wirkte interessiert, aber nicht viel klüger als vorher. »Sie verkaufen Bilder und so…?«

»Hm, ja…«

Jane brachte Dinah ihr Bier, zog einen kleinen Tisch heran und stellte das Glas darauf.

»Robert ist ein sehr dynamischer Mann«, sagte sie. »Dauernd flitzt er nach Paris oder Rom, um enorme Geschäfte abzuschließen, stimmt’s, Robert?« Sie ging zu ihrem Getränketablett zurück. »Dinah, Sie sollten sich von ihm ein Bild für Ihre neue Wohnung aussuchen lassen. Sie brauchen etwas Modernes über dem Kamin, und man kann nie wissen, es könnte eine Geldanlage werden. Dann haben Sie etwas zu verkaufen, wenn es mit den guten Rollen mal zu Ende geht.«

»Reden Sie nicht vom Ende. Ich hab gerade erst angefangen. Aber wäre das nicht sehr teuer?«

»Nicht so teuer wie das amerikanische Badezimmer.«

Dinah lächelte gewinnend. »Aber ein Badezimmer finde ich schrecklich wichtig.«

Jane hatte noch zwei Gläser eingeschenkt, eines davon reichte sie Robert. Dann setzte sie sich in den Sessel gegenüber dem Sofa und sah die beiden über den niedrigen Tisch hinweg an.

»Na schön, es ist Ihre Wohnung, Dinah«, sagte sie.

In ihrer Stimme schwang eine Spur Bitterkeit mit. Robert sagte rasch: »Sie haben mir noch nichts von dem neuen Stück erzählt… The Glass Door. Wann kommt es heraus?«

»Mittwoch. Diesen Mittwoch, genauer gesagt. Im Regent Theater.«

»Wir müssen versuchen, Karten zu bekommen, Jane.«

»Ja, natürlich«, sagte Jane.

»Der Gedanke an die Premiere macht mich so nervös, daß mir schlecht wird. Wissen Sie, es ist immerhin meine erste richtige Bühnenrolle, und wenn Mayo nicht so ein sagenhafter Regisseur wäre, hätte ich schon vor Wochen alles hingeschmissen…«

»Sie haben uns noch nicht erzählt, wovon es handelt.«

»Also, es geht um… ach, ich weiß nicht. Es geht um diesen jungen Mann aus einer Arbeiterfamilie. Und er schreibt ein Buch, und es wird ein Bestseller, und er wird so was wie eine Berühmtheit — im Fernsehen und so. Und dann mischt er beim Film mit, und die ganze Zeit wird er immer reicher und fieser, und er säuft und hat Affären und führt ein flottes Leben. Und am Ende fliegt ihm der ganze Rummel natürlich um die Ohren wie ein Kartenhaus, und er endet genau, wo er angefangen hat, bei seiner Mutter zu Hause in der Küche, mit seiner alten Schreibmaschine und einem leeren Blatt Papier. Hört sich kitschig an, ich weiß, aber es ist rührend und echt, und die Dialoge sind phantastisch.«

»Glauben Sie, daß es gut läuft?«

»Ich glaub schon. Aber ich bin natürlich voreingenommen.«

»Welche Rolle spielen Sie?«

»Oh, ich bin bloß eins von den vielen Mädchen. Aber ich bin anders, weil ich nämlich schwanger werde.«

»Reizend«, murmelte Jane.

»Aber es ist nicht anstößig, kein bißchen«, versicherte Dinah ihr. »Als ich den Text das erste Mal las, wußte ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Das wirkliche Leben, schätze ich.«

»Ja.« Jane trank aus, stellte das leere Glas hin und sah auf die Uhr. »Robert, ich geh nach oben und zieh mich um. Wir dürfen uns nicht verspäten. Sonst müssen alle auf uns warten.« Sie stand auf. »Sie entschuldigen mich, Dinah, nicht wahr?«

»Selbstverständlich, und danke, daß Sie mir mit dem Badezimmer so geholfen haben. Ich ruf Sie an und sag Ihnen, wofür ich mich entschieden habe.«

»Ja, tun Sie das.«

Als sie hinaufgegangen war, lächelte Dinah Robert wieder vertrauensvoll an. »Hoffentlich halte ich Sie nicht auf. Ich gehe sofort, wenn ich ausgetrunken habe, aber ich wohne im Augenblick in einem solchen Schutthaufen, es ist deprimierend. Und es ist so heiß, nicht? Ich wünschte, es gäbe ein Gewitter. Es wäre viel kühler, wenn es bloß donnern würde.«

»Es gibt heute abend eins, ganz bestimmt. Sagen Sie, wie sind Sie an die Rolle gekommen?«

»Also, Amos Monihan, Sie wissen schon, der das Stück geschrieben hat — er hat mich im Fernsehen in Detectives gesehen, und er hat Mayo Thomas angerufen und ihm gesagt, ich wäre die Richtige für die Rolle. Daraufhin kriegte ich einen Termin zum Vorsprechen. Das ist alles.«

»Und wer spielt die Hauptrolle? Den jungen Mann? Den Schriftsteller?«

»Das ist das Risiko. Die Sponsoren wollten einen großen Namen, eine Berühmtheit. Aber Mayo hat diesen Jungen entdeckt — er hatte ihn in einem Provinztheater gesehen, und irgendwie hat er den Geldgeber überzeugt, es mit ihm zu versuchen.«

»Sie haben einen Unbekannten in der Hauptrolle?«

Dinah nickte.

»Aber glauben Sie mir, er ist gut.«

Sie trank aus. Jane ging oben in ihrem Schlafzimmer hin und her, öffnete und schloß Schubladen. Robert stand auf, um Dinah das leere Glas abzunehmen. »Darf ich Ihnen die andere Hälfte einschenken?«

»Nein, wirklich nicht. Ich will Sie nicht länger aufhalten…« Sie stand auf, zog ihr Kleid herunter und warf die langen Haare zurück. »Wiedersehen, Jane«, rief sie die Treppe hinauf.

»Oh, auf Wiedersehen.« Jane hörte sich schon wesentlich freundlicher an.

Dinah ging die Treppe hinunter, und Robert folgte ihr in der Absicht, sie höflich hinauszubegleiten. Über ihren schimmernden Kopf hinweg beugte er sich vor, um den Riegel von Janes Haustür zurückzuschieben. Draußen schlummerte das Wohnviertel in der heißen, stickigen Abendluft.

»Ich drücke Ihnen für Mittwoch die Daumen«, sagte er.

»Nett von Ihnen.«

Sie traten auf die Straße. Er öffnete die Tür ihres Fiat für sie und fragte: »Wie heißt denn dieser junge Schauspieler?«

Dinah rutschte auf den Fahrersitz und zeigte dabei mehr Bein, als für den Blutdruck ihrer Mitmenschen gut war.

»Christopher Ferris«, erwiderte sie. »Christopher Ferris? Den kenne ich.« »Tatsächlich? Komisch.«

»Zumindest… kenne ich seine Schwester.«

»Ich weiß nichts von seiner Familie.«

»Hat er sie nie erwähnt? Emma?«

»Mit keinem Wort. Aber junge Männer reden ja auch normalerweise nicht über ihre Schwestern, oder?«

Sie lachte und schlug die Wagentür zu, aber das Fenster war heruntergekurbelt, und Robert lehnte sich mit dem Ellbogen darauf wie ein Vertreter mit einem Fuß in der Tür.

»Ich würde ihm gern Hals- und Beinbruch wünschen«, sagte er.

»Ich richte es ihm morgen aus.« »Könnte ich ihn anrufen?«

»Sicher, ich denke schon, aber Anrufe sind nicht gerade erwünscht, wenn wir arbeiten.« Und dann hatte sie plötzlich eine glänzende Idee. »Ich sag Ihnen was, ich habe irgendwo seine Privatnummer. Ich mußte ihn einmal für Mayo anrufen und ihm was ausrichten.«

Sie nahm ihre Handtasche vom Beifahrersitz und fing an zu kramen. Nacheinander förderte sie ein Textbuch, ein Portemonnaie, einen Schal, eine Flasche Sonnenöl und einen Kalender zutage. »Hier ist sie, Flaxman 88 81. Soll ich sie Ihnen aufschreiben?«

»Nein, ich kann sie mir merken.«

»Er ist jetzt vielleicht da… ich weiß nicht, was er in seiner Freizeit macht.« Sie lächelte wieder. »Na so was, daß Sie ihn kennen. Die Welt ist klein, nicht?«

»Ja, die Welt ist klein.«

Sie ließ den Motor an. »Es war nett, Sie kennenzulernen. Also dann, auf Wiedersehen.«

Er trat zurück. »Wiedersehen.«

Das kleine Auto brauste durch das Wohnviertel, und Robert sah ihm nach. An der Kreuzung am Ende der schmalen Straße hielt es kurz an, dann schoß es davon, bog links ab und war verschwunden; das Geräusch des Motors wurde von dem gleichmäßigen Brummen des Londoner Verkehrs verschluckt.

___________

Robert kehrte ins Haus zurück, schloß die Tür, ging nach oben. Aus dem Schlafzimmer kam kein Laut.

»Jane?«

Sie begann sofort geschäftig umherzugehen. »Jane.«

»Was ist?«

»Komm her.«

»Aber ich bin nicht…«

»Komm runter.«

Kurz darauf erschien sie im Morgenrock oben an der Treppe. »Was ist los?«

»Christopher Ferris«, sagte Robert.

Sie sah zu ihm herunter, ihre Miene war plötzlich verschlossen und abweisend.

»Was ist mit ihm?«

»Du hast gewußt, daß er in dem Stück mitspielt. Daß er die ganze Zeit in London war.«

Sie kam die Treppe herunter. Als ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren, sagte sie kühl: »Ja, ich hab’s gewußt.«

»Aber du hast es mir nicht erzählt. Warum?«

»Vielleicht, weil ich nichts davon halte, im Schlamm zu wühlen. Außerdem — du hast es versprochen. Nichts mehr von den Littons.«

»Das hier hat nichts mit dem Versprechen zu tun.«

»Warum machst du dann so einen Wirbel? Hör mal, Robert, ich denke in dieser Sache genau wie deine Schwester Helen. Bernstein sollte mit der geschäftlichen Tätigkeit für Ben Litton Schluß machen und sich auch aus seinen Familienangelegenheiten raushalten. Ich weiß über Emma Bescheid und über das Leben, das sie geführt hat, und sie tut mir leid. Ich bin mit dir nach Brookford gefahren, ich habe das abscheuliche kleine Theater gesehen und die gräßliche Wohnung. Aber sie ist erwachsen und, wie du selbst gesagt hast, sogar sehr intelligent… Christopher ist in London, na und? Das heißt doch nicht, daß er Emma im Stich gelassen hat. Es gehört zu seinem Job, und ich bin sicher, Emma hat dafür Verständnis.«

»Das erklärt noch lange nicht, warum du es mir nicht gesagt hast.«

»Vielleicht, weil ich von vornherein wußte, daß du dann im Kreis herumrennen würdest wie ein wildgewordener Schäferhund. Daß du dir die größten Katastrophen ausmalen und die schlimmsten Vorwürfe machen würdest, bloß weil das arme Kind Ben Littons Tochter ist. Robert, du hast sie gesehen. Sie will sich nicht helfen lassen. Und wenn du es versuchst, störst du bloß…«

Er sagte langsam: »Ich weiß nicht, ob du mich zu überzeugen versuchst oder dich selbst.«

»Ich versuche, dir die Wahrheit beizubringen.«

»Die Wahrheit ist, daß Emma mit einem Säufer in einem feuchten Kellerloch wohnt.«

»Hat sie sich das nicht selbst ausgesucht?«

Sie schleuderte ihm die Frage entgegen, und bevor er antworten konnte, schob sie sich an ihm vorbei zum Teewagen und begann, leere Gläser und Bierflaschenverschlüsse einzusammeln. Traurig betrachtete er ihre Rückenpartie, die glatten, modisch geschnittenen Haare, die zierliche Taille, die kleinen, tüchtigen Hände. Sie war unerbittlich.

Er sagte sanft: »Dinah Burnett hat mir Christophers Telefonnummer gegeben. Vielleicht ist es besser, wenn ich ihn von hier aus anrufe.«

»Tu, was du willst.« Sie trug die Gläser in die Küche. Robert griff nach ihrem Telefon und wählte die Nummer, die er sich gemerkt hatte. Jane kam zurück, um die leeren Flaschen einzusammeln.

»Hallo.« Es war Christopher.

»Christopher, hier spricht Robert Morrow. Erinnern Sie sich, ich war in Brookford …«

»Um Emma zu besuchen. Ja, natürlich. Wie nett! Woher wußten Sie, wo ich zu finden bin?«

»Dinah Burnett hat mir Ihre Nummer gegeben. Sie hat mir auch von The Glass Door erzählt. Meinen Glückwunsch.«

»Den können Sie sich aufheben, bis wir sehen, was die Kritiker zu sagen haben.«

»Es ist auch so eine große Leistung. Hören Sie, ich habe mich gefragt, was Emma macht.«

Christophers Stimme wurde wachsam. »Ja?«

Jane war aus der Küche zurück und stand jetzt am Fenster, die Arme verschränkt, und sah auf die Straße hinunter.

»Wo ist sie?«

»In Brookford.«

»In der Wohnung. Mit ihrem Freund?«

»Meinem Freund? Oh, Johnny Rigger? Nein, der ist weg. Er kam eines Morgens betrunken zur Probe, da hat der Regisseur ihn gefeuert. Emma ist allein.«

Robert bemühte sich, nicht die Geduld zu verlieren. »Sie sind nie auf die Idee gekommen, Marcus Bernstein oder mich anzurufen und uns zu informieren?«

»Na ja, ich hätte mich schon gemeldet, aber bevor ich aus Brookford wegging, mußte ich Emma versprechen, es nicht zu tun. Sie sehen also, ich konnte nicht.«

Robert wollte etwas erwidern, aber Christopher, der sich plötzlich viel jünger und weniger selbstsicher anhörte, fuhr fort: »Ich sag Ihnen, was ich getan habe. Ich kam mir irgendwie wie ein Schuft vor, Emma so allein zu lassen… da habe ich Ben geschrieben.«

»Sie haben wem geschrieben?«

»Ihrem Vater.«

»Aber was hätte er denn tun können, verdammt noch mal? Er ist in Amerika… er ist in Mexiko …«

»Ich wußte nicht, daß er in Mexiko ist; ich habe ihm per Adresse Galerie Bernstein geschrieben und gebeten, ihm den Brief nachzusenden. Ich fand, irgend jemand sollte wissen, was los war.«

»Und Emma? Arbeitet sie noch am Theater?«

»Als ich wegging, war sie noch dort. Wissen Sie, es hatte wirklich keinen Sinn, daß sie mit mir nach London kam. Ich probe von morgens bis abends, wir hätten uns nie gesehen. Außerdem, wenn The Glass Door nach einer Woche abgesetzt wird, brauche ich meinen alten Job in Brookford wieder. Tommy Childers hält ihn mir netterweise frei. Deshalb fanden wir, es wäre besser, wenn Emma dort bliebe.«

»Und wenn The Glass Door zwei Jahre läuft?«

»Ich weiß nicht, was dann wird. Aber im Moment, ich will es Ihnen ehrlich sagen, ist alles ein bißchen heikel. Das Haus, wo ich wohne — es gehört meiner Mutter. Ich wohne bei meiner Mutter. Sie sehen also, wie die Dinge liegen, ist es ein bißchen heikel.«

»Ja«, sagte Robert. »Ja, das sehe ich… wie Sie sagen, es ist heikel.«

___________

Er legte den Hörer auf. Ohne sich vom Fenster abzuwenden, fragte Jane: »Was ist heikel?«

»Er wohnt bei Hester, seiner Mutter. Und sie weigert sich offensichtlich, eine Litton über ihre Schwelle zu lassen. Streitsüchtige alte Ziege. Und der besoffene Mitbewohner ist rausgeflogen, Emma ist also allein. Und um sein Gewissen zu erleichtern, hat Christopher Ben Litton geschrieben, was passiert ist. Und ich würde am liebsten die ganze Bande zusammen an einen großen Mühlstein hängen und in einem bodenlosen See versenken.«

»Ich hab gewußt, daß es so kommen würde«, sagte Jane. Sie drehte sich jetzt zu ihm um, die Arme verschränkt, und er sah, daß sie nicht nur wütend war, sondern auch verstört. »Es könnte schön sein mit uns … das weißt du, nicht wahr, so gut wie ich. Und deswegen habe ich dir nichts von Christopher erzählt, weil ich wußte, wenn du es erfährst, würde alles zu Ende sein.«

Nur zu gern hätte er gesagt: »Es muß nicht zu Ende sein«, aber es war ihm unmöglich.

»Nach außen hin, Robert, hast du dein Versprechen die ganze Zeit gehalten. Du hast Emma nie erwähnt. Aber aus deinem Kopf, aus deinem Herzen ist sie nie verschwunden.«

Nachdem es nun offen ausgesprochen war, wußte er, daß es stimmte. »Ich weiß auch nicht«, sagte er schwach. »Ich fühle mich auf eine idiotische Art für sie verantwortlich.«

»Wenn du dich für sie verantwortlich fühlst, dann nur, weil du es willst. Und das ist nicht genug, Robert. Nicht für mich. Ich laß mich nicht darauf ein, die Zweitbeste zu sein. Lieber verzichte ich. Ich hatte gehofft, das sei dir klar. Für mich heißt es alles oder nichts. Ich kann das nicht alles noch mal durchmachen.«

Er verstand sie nur zu gut. Aber alles, was er sagen konnte, war, daß es ihm leid tat.

Sie nickte. »Ich denke… du solltest vielleicht lieber gehen.«

Noch immer hatte sie die Arme verschränkt, eine Barriere gegen ihn. Sie gab ihm keine Möglichkeit, Lebewohl zu sagen. Er konnte sie nicht küssen. Er konnte nicht leichthin bemerken: »War nett mit dir«, wie der nonchalante Held einer Gesellschaftskomödie. Und er konnte ihr nie verzeihen, daß sie versucht hatte, ihn von Emma fernzuhalten.

»Also dann«, sagte er. »Ich gehe jetzt.«

»Ja, tu das.« Aber als er sich anschickte, die Treppe hinunterzugehen, fiel ihr etwas ein. »Du hast den Wein hiergelassen.«

»Vergiß den Wein«, sagte Robert.

10

Der Gesang war zu Ende. Die Scheinwerfer wurden abgeblendet. Charmian in der Rolle des Oberon trat für ihre Schlußzeilen an die Rampe. Die Mendelssohnsche Musik — vom Band, denn im Theater von Brookford war kein Platz für ein Orchester — stahl sich durch die Dunkelheit des Zuschauerraumes und umgab das Publikum mit dem sanften Zauber einer Sommernacht.

Nun, bis Tages Wiederkehr,

Elfen schwärmt im Haus umher

Es war das Ende der ersten Woche von Ein Sommernachtstraum. Um das finanzielle Fiasko von Daisies on the Grass auszugleichen, war das Shakespearestück auf den Spielplan gesetzt worden. Es bedeutete zwar für alle Beteiligten doppelte Arbeit, garantierte dafür aber einen Zuschuß vom Art Council sowie volle Häuser. Das Publikum bestand vorwiegend aus Schülern und Studenten.

Emma arbeitete unterdessen nicht mehr für Collins, den Inspizienten. Sie hatten eine neue Assistentin, ein junges Mädchen, frisch von der Schauspielschule, beflissen, zäh und anscheinend unempfindlich gegen Collins’ spitze Zunge. Augenblicklich stand sie auf der Bühne, in der grauen Samttunika und den Silberflügeln der Elfe Spinnweb, denn die große Besetzung des Sommernachtstraums machte es notwendig, daß jedes Mitglied der Truppe eine Rolle übernahm.

Aus diesem Grund hatte Tommy Childers Emma gebeten, hinter der Bühne mitzuhelfen. In den vergangenen Wochen hatte sie in der Garderobe ausgeholfen, im Kulissenfundus gearbeitet, Texte getippt, und zwischendurch war sie ständig hinausgeflitzt, um Sandwiches und Zigaretten zu holen und unzählige Kannen Tee zu kochen.

Heute war sie als Souffleuse eingesetzt worden, und den ganzen Abend hatte sie ihre Augen auf das Soufflierbuch geheftet, in panischer Angst, die Zeile zu verlieren, ein Stichwort zu verpassen, jemanden hängenzulassen. Jetzt aber, da das Stück dem Ende zuging und sie den Rest auswendig kannte, lehnte sie sich zurück und beobachtete das Geschehen auf der Bühne.

Charmian trug eine Krone aus smaragdgrünen Blättern, einen silbernen Heroldstock in der Hand und eine silberne Strumpfhose an ihren langen, schlanken Beinen. Die Zuschauer, vom Zauber der Worte gefesselt, verhielten atemlos, gebannt.

Nun genung!

Fort im Sprung!

Trefft mich in der Dämmerung!

Um den engen Kulissenraum auf beiden Seiten der Bühne zu vergrößern, hatte Tommy Childers eine Rampe bauen lassen, die von der Bühne in den Mittelgang des Zuschauerraumes hinunterführte. Jetzt traten Oberon und Titania, mit einem Gefolge von Elfen, Hand in Hand über diese Rampe ab, ihre Gewänder flatternd wie überdimensionale Flügel. Sie liefen von der erleuchteten Bühne hinunter in die Dunkelheit, geschwind und leise, durch den Mittelgang und zur hinteren Flügeltür hinaus, mit so anmutiger Geschwindigkeit, daß sie fast ohne einen Laut, ohne eine Spur, verschwanden.

Und dann hatte Sara Rutherford, die den Droll als segelohrigen Teenager spielte, die Bühne für sich allein, mit einem einzigen Scheinwerfer.

Wenn wir Schatten euch beleidigt,

O so glaubt — und wohl verteidigt

Sind wir dann! — ihr alle schier

Habet nur geschlummert hier

Sie hatte eine kleine Flöte. Als sie zu »Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden« gelangte, spielte sie das Thema von Mendelssohns Ouvertüre. Dann triumphierend: »Begrüßt uns mit gewognen Händen.« Der Scheinwerfer ging aus, der Vorhang fiel, und A