/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Wechselspiel der Liebe

Rosamunde Pilcher


Wechselspiel der Liebe

Rosamunde Pilcher

1976

(Deutsch von Dietlind Kaiser, 1992)

Inhaltsverzeichnis

1 Isobel

2 Marcia

3 Rose

4 Antony

5 Anna

6 Jason

7 Tuppy

8 Brian

9 Flora

10 Hugh

Kapitel 1

Isobel

Er hatte ihr den Rücken zugewandt, stand am Fenster, eingerahmt von den verschossenen Vorhängen, die sie vor vierzig Jahren ausgesucht hatte. Die Sonne hatte die leuchtenden Rosen zu einem blassen Rosa ausgebleicht, und der Stoff war so fadenscheinig, daß man ihn nicht mehr reinigen lassen konnte, weil er sich sonst völlig aufgelöst hätte. Aber sie liebte die Vorhänge; sie waren ihr vertraut wie alte Freunde. Seit Jahren versuchte ihre Tochter Isobel, sie dazu zu überreden, daß sie neue kaufte, aber Tuppy hatte gesagt: ≫So lange wie ich werden sie noch halten≪, ohne sich viel dabei zu denken.

≫So lange wie ich werden sie noch halten.≪

Und jetzt sah alles danach aus, daß es so kommen würde. Sie war siebenundsiebzig, und nachdem sie ein Leben lang immer kerngesund gewesen war, hatte sie zu spät und zu lange im Garten gearbeitet und sich eine Erkältung geholt, aus der eine Lungenentzündung geworden war. Sie erinnerte sich kaum an die Lungenentzündung — nur daran, daß der Arzt, als sie aus einem langen, dunklen Tunnel des Unbehagens wieder auftauchte, dreimal täglich kam und daß eine Krankenschwester da war, um Tuppy zu pflegen. Die Schwester, eine Witwe aus Fort William, hieß Mrs. McLeod. Sie war groß und hager, mit einem Gesicht wie ein verläßliches Pferd, und trug eine marineblaue Tracht mit einem gesteiften Schürzenlatz, unter dem ihre flache Brust wie ein Brett aussah, und Schuhe, die kein Ende nahmen. Trotz ihres wenig gewinnenden Äußeren war sie herzensgut.

Die Sache mit dem Tod war jetzt also keine ferne Möglichkeit mehr, über die man nicht nachdachte, sondern eine unbarmherzig näherrückende Tatsache.

Sie hatte nicht die geringste Angst davor, aber es kam ungelegen. Ihre Gedanken glitten so mühelos wie immer in letzter Zeit zurück, und sie dachte an sich als junge Ehefrau, zwanzig Jahre alt, der zum erstenmal bewußt wurde, daß sie schwanger war. Sie war verärgert und enttäuscht gewesen, weil das hieß, daß sie im Dezember so rund und riesieg sein würde wie die Albert Hall und zu keinem der Weihnachtsbälle gehen könnte. Ihre Schwiegermutter hatte Sie munter getröstet, indem sie sagte: ≫Ein Kind kommt nie zum gelegenen Zeitpunkt.≪ Vielleicht war es mit dem Sterben auch so. Man mußte es einfach hinnehmen, wenn es kam.

Es war ein strahlender Morgen gewesen, aber jetzt war die Sonne verschwunden, und ein kaltes Licht füllte das Fenster neben der Gestalt des Arztes. ≫Kommt Regen?≪ fragte Tuppy.

≫Eher Nebel vom Meer≪, sagte er. ≫Man kann die Inseln nicht sehen. Eigg ist vor etwa einer halben Stunde verschwunden.≪

Sie schaute ihn an, einen großen Mann, kräftig wie ein Felsen, ein tröstlicher Anblick in abgetragenern Tweed, der mit den Händen in den Taschen dastand, als habe er nichts Dringenderes zu tun. Er war ein guter Arzt, so gut, wie sein Vater gewesen war. Dennoch war es ihr anfangs etwas seltsam vorgekommen, daß jemand nach ihr sah und ihr Anweisungen gab, den sie als stämmigen kleinen Jungen in Shorts gekannt hatte, mit zerschrammten Knien und Sand im Haar.

Jetzt, als er im Licht stand, fiel ihr auf, daß dieses Haar an den Schläfen grau wurde. Plötzlich fühlte sie sich älter als je zuvor, älter noch als bei dem Gedanken an ihren bevorstehenden Tod.

≫Du wirst grau≪, sagte sie mit einer gewissen Schärfe, als habe er nicht das Recht, sich solche Freiheiten herauszunehmen.

Er drehte sich um, lächelte schuldbewußt, fuhr sich mit der Hand an den Kopf.

≫Ich weiß. Der Friseur hat es mir neulich gesagt.≪

≫Wie alt bist du?≪

≫Sechsunddreißig.≪

≫Noch ein Junge. Du dürftest noch nicht grau werden.≪

≫Vielleicht liegt es daran, daß es so anstrengend war, mich um Sie zu kümmern.≪

Unter der Tweedjacke trug er einen gestrickten Pullover. Er löste sich am Kragen auf und hatte vorn ein Loch, das gestopft werden mußte. Tuppy blutete das Herz. Er wurde nicht versorgt, nicht geliebt. Und er hätte überhaupt nicht hier sein sollen, vergraben in den West Highlands, wo er sich um die Alltagswehwehchen einer Gemeinde aus Heringsfischern und vereinzelten Pachtbauern kümmern mußte. Er hätte in London oder Edinburgh sein sollen, mit einem großen, eindrucksvollen Haus, einem Bentley vor der Tür und einem Messingschild am Eingang. Er hätte lehren oder in der Forschung arbeiten sollen — Aufsätze verfassen, Medizingeschichte schreiben.

Er war ein glänzender Student gewesen, wunderbar begeisterungsfähig und ehrgeizig; alle hatten eine glorreiche Karriere von ihm erwartet. Aber dann hatte er in London dieses törichte Mädchen kennengelernt; Tuppy konnte sich kaum noch an ihren Namen erinnern. Diana. Er hatte sie nach Tarbole mitgebracht, und niemand hatte sie leiden können, aber alle Einwände seines Vaters hatten ihn in seiner Entschlossenheit, sie zu heiraten, nur noch bestärkt. (Das lag in seinem Charakter. Hugh war von jeher stur wie ein Maulesel gewesen, und Widerspruch machte das noch schlimmer. Sein Vater hätte das wissen müssen. Er hatte es ganz falsch angepackt, und Wenn der alte Dr. Kyle noch am Leben gewesen wäre, hätte sie ihm das auch gesagt und kein Blatt vor den Mund genommen.)

Die Mesalliance war tragisch ausgegangen, und als alles vorbei war, sammelte er die Scherben seines Lebens auf und kehrte zurück nach Tarbole, um die Praxis seines Vaters zu übernehmen.

Jetzt lebte er allein, fristete das freudlose Dasein eines alternden Jungesellen. Er arbeitete zu schwer, und Tuppy wußte, daß er auf sich viel weniger achtete als auf seine Patienten und sein Abendessen meist aus einem Glas Whisky und einem Stück Pastete aus dem Pub bestand.

≫Warum hat Jessie McKenzie denn deinen Pullover nicht gestopft?≪ fragte sie.

≫Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich vergessen, sie darum zu bitten.≪

≫Du solltest wieder heiraten.≪

Er ging darauf nicht ein, sondern kam an ihr Bett zurück. Sofort löste sich das zusammengerollte Fellknäuel am Fußende von Tuppys Bett zu einem ältlichen Yorkshireterrier auf, fuhr von der Daunendecke hoch wie eine Kobra, knurrte wild und fletschte die vom Alter gelichteten Zähne.

≫Sukey!≪ schimpfte Tuppy, aber der Arzt war unbeeindruckt.

≫Sie wäre nicht mehr Sukey, wenn sie nicht damit drohen würde, mir an die Kehle zu gehen, sobald ich in Ihre Nähe komme.≪ Er streckte freundlich die Hand aus, und das Knurren schwoll zu einem grollenden Crescendo an. Er bückte sich nach seiner Tasche. ≫Ich muß gehen.≪

≫Wen besuchst du denn jetzt?≪

≫Mrs. Cooper. Und dann Anna Stoddart.≪

≫Anna? Was fehlt denn Anna?≪

≫Anna fehlt gar nichts. Im Gegenteil, es geht ihr bestens. Es verstößt zwar gegen meine Schweigepflicht, aber sie bekommt ein Kind.≪

≫Anna? Nach so langer Zeit?≪ Tuppy war hocherfreut.

≫Ich habe mir gedacht, daß Sie das aufheitert. Aber sagen Sie nichts darüber. Sie möchte es noch geheimhalten, jedenfalls vorerst.≪

≫Ich sage keinen Mucks. Wie geht es ihr?≪

≫Bis jetzt ausgezeichnet. Nicht mal Übelkeit am Morgen.≪

≫Ich drücke ihr die Daumen. Dieses Kind muß sie behalten. Du betreust sie gut, nicht wahr? Was für eine dumme Frage, selbstverständlich tust du das. Oh, wie mich das freut.≪

≫Kann ich noch etwas für Sie tun?≪

Sie musterte ihn und das Loch in seinem Pullover. Ihre Gedanken wanderten von Babys zu Hochzeiten und dann unausweichlich zu ihrem Enkel Antony. ≫Ja≪, sagte sie, ≫du kannst etwas für mich tun. Ich möchte, daß Antony mich mit Rose besucht.≪

≫Gibt es irgendeinen Grund, aus dem er das nicht tun sollte?≪

Er hatte mit seiner Antwort kaum merklich gezögert — oder bildete sie sich das nur ein? Sie warf ihm einen scharfen Blick zu, doch er beschäftigte sich angelegentlich mit dem klemmenden Verschluß seiner Tasche.

≫Es ist jetzt einen Monat her, seit sie sich verlobt haben≪, fuhr sie fort. ≫Und ich möchte Rose wiedersehen. Es ist fünf Jahre her, daß sie und ihre Mutter im Strandhaus gewohnt haben. Ich erinnere mich kaum noch, wie sie aussieht.≪

≫Ich habe gedacht, sie ist in Amerika.≪

≫Oh, das war sie auch. Sie ist nach der Verlobung abgereist. Aber nach dem, was Antony gesagt hat, muß sie jetzt wieder im Land sein. Er hat versprochen, sie mit nach Schottland zu bringen, aber weiter ist das noch nicht gediehen. Und ich möchte wissen, wann und wo sie heiraten wollen. Da gibt es soviel zu besprechen und zu erledigen, doch jedesmal, wenn ich Antony anrufe, sitzt er bloß in Edinburgh und murmelt Beschwichtigungen. Ich hasse es, wenn man mir mit Beschwichtigungen kommt. Es macht mich ausgesprochen gereizt.≪

Er lächelte. ≫Ich spreche mit Isobel darüber≪, versprach er.

≫Sie soll dir ein Glas Sherry geben.≪

≫Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich zu Mrs. Cooper muß.≪ Mrs. Cooper war die Posthalter von Tarbole und eine strikte Abstinenzlerin. ≫Sie hat sowieso schon eine schlechte Meinung von mir, auch ohne daß ich ihr Alkoholdunst ins Gesicht blase.≪

≫Alberne Person≪, sagte Tuppy. Sie lächelten sich in vollkommener Übereinstimmung an; er ging und schloß die Tür hinter sich. Sukey schlich sich nach oben und kuschelte sich in Tuppys Armbeuge. Der Fensterrahmen knarrte leicht, als draußen Wind aufkam. Sie schaute aus dem Fenster und sah, daß Regendunst die Scheibe beschlug. Bald war Zeit zum Mittagessen. Sie legte sich auf die Kissen zurück und ließ sich, wie so oft in letzter Zeit, zurück in die Vergangenheit treiben.

Siebenundsiebzig. Wo waren die Jahre geblieben? Das Alter schien unmerklich zu ihr gekommen zu sein, und sie war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Tuppy Armstrong war nicht alt. Andere Leute waren alt, wie die eigene Großmutter oder Gestalten in Büchern. Sie dachte an Lucilla Eliot in The Herb of Grace. Der Inbegriff der vollkommenen Matriarchin, sollte man meinen.

Aber Tuppy hatte Lucilla nie gemocht. Sie hielt sie für besitzergreifend und herrschsüchtig. Und sie verabscheute den Snobismus, der sich in Lucillas tadellos geschnittenen schwarzen Kleidern ausdrückte. Tuppy hatte ihr Leben lang nie ein tadellos geschnittenes schwarzes Kleid besessen. Sicher, eine Menge hübsche Sachen, aber nie ein tadellos geschnittenes schwarzes Kleid. Meistens begnügte sie sich mit alten Tweedröcken und Strickjacken mit Ellbogenflicken; robuste, unverwüstliche Kleidung, die nichts gegen das Stutzen von Rosen oder einen jähen Regenguß hatte.

Und doch, bei der richtigen Gelegenheit ging nichts über das alte Abendkleid aus blauem Samt, damit sie sich festlich und feminin fühlte. Vor allem, wenn sie etwas Eau de Cologne verspritzte und die altmodischen Brillantringe über die arthritischen Fingerglieder schob. Vielleicht würden sie ein Abendessen geben, wenn Antony mit Rose kam. Nichts Aufwendiges. Nur ein paar Freunde. Sie stellte sich die Platzgedecke aus weißem Leinen vor, die Silberleuchter und die Tischdekoration aus cremefarbenen Rosen.

Ganz leidenschaftliche Gastgeberin, fing sie mit der Planung an. Und falls Antony und Rose eine traditionelle Hochzeit wollten, mußte eine Gästeliste vom Armstrongschen Zweig der Familie gemacht werden. Vielleicht sollte Tuppy das jetzt tun und die Liste Isobel geben, damit sie wußte, wer eingeladen werden sollte. Nur für den Fall…

Plötzlich ertrug sie es nicht mehr, daran zu denken. Sie zog Sukeys kleinen Körper eng an den ihren und küßte den zerzausten, leicht stinkenden Kopf. Sukey leckte flüchtig in ihre Richtung und schlief weiter. Tuppy schloß die Augen.

Dr. Hugh Kyle blieb auf der Treppe stehen, die Hand am Geländer. Er machte sich Sorgen. Nicht nur um Tuppy, sondern auch wegen des Gesprächs, das er eben mit ihr geführt hatte. Dort stand er, eine geistesabwesende, einsame Gestalt mit besorgter Miene, weder oben noch unten.

Die große Halle unter ihm war leer. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine Glastür auf die Terrasse, in den Garten und zum Meer hinunter, das jetzt ganz im Nebel untergegangen war. Er sah die gebohnerten Böden, die abgetretenen Teppiche, die alte Truhe mit der Kupfervase mit Dahlien darin und die langsam tickende alte Standuhr. Es gab auch andere, weniger pittoreske Gegenstände, die das Familienleben der Armstrongs dokumentierten: Jasons ramponiertes Dreirad, aus dem Regen hereingeholt; die Körbe und Trinknäpfe der Hunde; ein Paar verschlamrnte Gummistiefel, liegengelassen, bis ihr Besitzer daran dachte, sie in die Garderobe zu räumen. Hugh war das alles seit eh und je vertraut, denn er hatte Fernrigg sein Leben lang gekannt. Aber jetzt war es, als warte und lausche das ganze Haus auf Neuigkeiten über Tuppy.

Es schien niemand dazusein, was allerdings nicht überraschte. Jason war in der Schule; Mrs. Watty war bestimmt in der Küche, mit dem Mittagessen beschäftigt. Isobel — er fragte sich, wo er sie finden könne.

Während ihm die Frage durch den Kopf ging, hörte er ihre Schritte im Wohnzimmer und das Kratzen von Plummers Pfoten auf den Parkettstreifen zwischen den Teppichen. Im nächsten Augenblick kam sie durch die offene Tür, den fetten alten Spaniel im Schlepptau.

Sie sah Hugh sofort, blieb reglos stehen und schaute zu ihm hinauf. Sie sahen sich an, und dann, weil er merkte, daß sich seine Sorgen in ihren Augen widerspiegelten, riß er sich hastig zusammen und setzte einen Ausdruck unerschütterlicher Munterkeit auf.

≫Isobel, ich habe mich gefragt, wo ich dich finde.≪

Sie sagte, nicht lauter als ein Flüstern: ≫Tuppy?≪

≫Nicht allzu schlimm.≪ Er schwenkte die Tasche, steckte die andere Hand in die Hosentasche und kam herunter.

≫Ich habe gedacht…Als ich dich da stehen sah…Ich habe gedacht…≪

≫Tut mir leid, ich war mit den Gedanken woanders. Ich wollte dich nicht erschrecken…≪

Er hatte sie nicht ganz überzeugt, doch sie versuchte zu lächeln. Sie war vierundfünfzig, die ein wenig linkische Tochter, die nie geheiratet hatte, statt dessen mit ihrer Zärtlichkeit ihre Mutter überschüttete, das Haus, den Garten, ihre Freunde, ihren Hund, ihre Neffen und jetzt Jason, der in Fernrigg House wohnte, während seine Eltern im Ausland waren. Ihr Haar, das während ihrer Kindheit feuerrot geleuchtet hatte, war jetzt rotblond mit weißen Strähnen darin, aber die Frisur hatte sich nicht verändert, so lange Hugh sich erinnern konnte. Auch ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert, war immer noch kindlich und unschuldig, vielleicht, weil sie ein so behütetes Leben geführt hatte. Ihre Augen waren so blau wie die eines Kindes und so empfindlich wie der Himmel an einem stürmischen Tag, zeigten jede Gefühlsbewegung wie ein Spiegel: sie glänzten vor Freude oder liefen über von den Tränen, die sie nie hatte zurückhalten können.

Als sie jetzt zu ihm aufschaute, waren sie voller Angst, und es war deutlich, daß Hughs Munterkeit sie nicht hatte beruhigen können.

≫Ist sie…Wird sie…?≪ Ihre Lippen konnten, wollten das gefürchtete Wort nicht formen. Er legte ihr die Hand unter den Ellbogen, führte sie energisch ins Wohnzimmer zurück und schloß die Tür hinter ihnen.

≫Sie könnte sterben, ja≪, sagte er. ≫Sie ist keine junge Frau mehr, und es hatte sie schlimm erwischt. Aber sie ist zäh. Wie altes Heidekraut. Sie hat eine gute Chance, durchzukommen.≪

≫Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie bettlägerig werden könnte — nicht mehr herumlaufen und tun könnte, was sie will. Das wäre ihr so zuwider.≪

≫Ja, ich weiß. Und ob ich das weiß.≪

≫Was können wir tun?≪

Er räusperte sich, fuhr sich mit der Hand über den Nacken. ≫Ich glaube, es gibt etwas, was sie aufheitern könnte. Wenn Antony herkäme und vielleicht dieses Mädchen mitbringen könnte, mit dem er verlobt ist…≪

Isobel warf ihm einen warnenden Blick zu. Auch sie konnte sich an ihn als kleinen Jungen erinnern, der manchmal eine rechte Plage gewesen war. ≫Hugh, nenn sie nicht auf diese abscheuliche Weise ‘dieses Mädchen’. Sie heißt Rose Schuster, und du kennst sie genauso gut wie wir alle. Nicht besonders gut, das gebe ich zu, aber du kennst sie.≪

≫Tut mir leid.≪ Isobel nahm stets jeden in Schutz, der auch nur entfernt mit der Familie zu tun hatte. ≫Also Rose. Ich glaube, Tuppy sehnt sich danach, sie wiederzusehen.≪

≫So geht es uns allen, aber sie war mit ihrer Mutter in Amerika. Die Reise war schon geplant, bevor sie und Antony sich verlobt haben.≪

≫Ja, ich weiß, aber vielleicht ist sie jetzt wieder da. Und Tuppy ist deshalb ganz unruhig. Vielleicht kannst du Antony einen kleinen Wink geben, ihn dazu überreden, daß er Rose herbringt, auch wenn es nur für ein Wochenende ist.≪

≫Er scheint immer soviel zu tun zu haben.≪

≫Ich bin mir sicher, wenn du ihm die Situation erklärst…Sag ihm, daß es vielleicht besser wäre, den Besuch nicht zu lange zu verschieben.≪

Wie er befürchtet hatte, schimmerten sofort Tränen in Isobels Augen. ≫Du glaubst also, daß sie stirbt.≪ Sie tastete schon im Ärmel nach einem Taschentuch.

≫Isobel, das habe ich nicht gesagt. Aber du weißt, wie Tuppy an Antony hängt. Er ist für sie eher ein Sohn als ein Enkel. Man kann sehen, wieviel ihr daran liegt.≪

≫Ja, Ja, ich sehe es auch.≪ Isobel putzte sich tapfer die Nase und steckte das Taschentuch wieder weg. Auf der Suche nach einer Ablenkung fiel ihr Blick auf die Sherrykaraffe. ≫Trink einen Schluck.≪

Er lachte; die Spannung löste sich. ≫Nein, danke. Ich muß zu Mrs. Cooper. Sie hat wieder Herzrasen, und das wird bestimmt schlimmer, wenn sie meint, daß ich getrunken habe.≪

Wider Willen lächelte Isobel auch. Die Familie hatte sich von jeher über Mrs. Cooper lustig gemacht. Gemeinsam gingen sie aus dem Zimmer und durch die Halle. Isobel öffnete die Tür und ließ die Kühle des feuchten, nebelverhangenen Morgens ein. Das Auto des Arztes, unten an der Treppe geparkt, war maß vom Regen.

Er wandte sich ihr zu. ≫Und versprich mir, daß du mich anrufst, sobald du dir auch nur eine Spur Sorgen machst.≪

≫Mach ich. Aber mit der Schwester im Haus brauche ich mir ja keine allzu großen Sorgen zu machen.≪

Es war Hugh gewesen, der darauf bestanden hatte, daß sie eine Schwester einstellten. Sonst, hatte er gesagt, müsse Tuppy ins Krankenhaus. Isabel hatte sofort panisch reagiert. Tuppy mußte schwer krank sein; und wo sollten sie eine Schwester finden? Ob Mrs. Watty etwas dagegen haben mochte? Würde sie Anstoß daran nehmen, würde es in der Küche böses Blut geben?

Aber Hugh hatte sich um alles gekümmert. Mrs. Watty und die Schwester hatten sich angefreundet, und Isobel konnte nachts ruhig schlafen. Hugh war wirklich ein Fels in der Brandung. Als sie sich von ihm verabschiedete, fragte sich Isobel, wohl zum hundertstenmal, was sie alle ohne ihn täten. Sie schaute ihm nach, als er in sein Auto stieg und abfuhr, die kurze Einfahrt zwischen den triefenden Rhododendronbüschen entlang, vorbei an dem Pförtnerhaus, in dem die Wattys wohnten, und durch das weiße Tor, das nie geschlossen wurde. Sie wartete, bis das Motorengeräusch verklang. Es war Flut, und sie hörte, wie sich die grauen Wellen an den Felsen unterhalb des Gartens brachen.

Sie fröstelte und kehrte ins Haus zurück, um Antony anzurufen.

Das Telefon stand in der Halle des altmodischen Hauses. Isobel setzte sich auf die Truhe und schlug die Nummer von Antonys Büro in Edinburgh nach. Sie konnte sich Telefonnummern nie merken und mußte die alltäglichsten Leute nachschlagen wie den Lebensmittelhändler und den Bahnhofsvorsteher. Mit einem Auge im Buch wählte sie sorgfältig und wartete, bis sich jemand meldete. Ihre ängstliehen Gedanken eilten in alle Richtungen: die Dahlien würden morgen verwelkt sein, sie mußte frische schneiden; war Antony schon beim Essen? Sie durfte nicht selbstsüchtig sein, was Tuppy anging. Für jeden Menschen kam die Zeit zum Sterben. Wenn sie nicht mehr in ihrem geliebten Garten arbeiten und keine kleinen Spaziergänge mit Sukey machen konnte, würde sie nicht mehr leben wollen. Aber was für eine unerträgliche Leere in ihrer aller Leben würde sie hinterlassen! Wider Willen betete Isobel heftig. Laß sie nicht sterben. Laß nicht zu, daß wir sie jetzt schon verlieren. O Gott, sei uns gnädig…

≫McKinnon, Carstairs und Robb. Sie wünschen?≪

Die muntere junge Stimme riß sie in die Realität zurück. Sie tastete wieder nach dem Taschentuch, wischte sich die Augen und faßte sich. ≫Oh, Entschuldigung, ich hätte gern Mr. Armstrong gesprochen. Mr. Antony Armstrong.≪

≫Wer spricht da, bitte?≪

≫Miss Armstrong. Seine Tante.≪

≫Augenblick.≪

Es klickte zweimal, dann kam wunderbarerweise Antonys Stimme. ≫Tante Isobel?≪

≫Oh, Antony…≪

Er war sofort auf das Schlimmste gefaßt. ≫Ist etwas passiert?≪

≫Nein. Nein, es ist nichts passiert.≪ Sie durfte keinen falschen Eindruck erwecken. ≫Hugh Kyle war hier. Er ist eben gegangen.≪

≫Geht es Tuppy schlechter?≪ fragte Antony unverblümt.

≫Er…er sagt, sie hält sich wunderbar. Er sagt, sie ist stark wie altes Heidekraut.≪ Sie versuchte, unbeschwert zu klingen, aber ihre Stimme versagte kläglich. Der todernste Ausdruck auf Hughs Gesicht ging ihr nicht aus dem Sinn. Hatte er ihr wirklich die Wahrheit gesagt? Hatte er sie nur schonen wollen? ≫Er…er hat sich jedenfalls kurz mit Tuppy unterhalten, und offenbar will sie dich unbedingt sehen, dich und Rose. Und ich habe mich gefragt, ob du etwas von Rose gehört hast — ob sie aus Amerika zurück ist?≪

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen. Isobel sprach hektisch weiter.

≫Ich weiß, wieviel du immer zu tun hast, und ich will nicht, daß du dir Sorgen machst…≪

≫Das geht schon in Ordnung.≪ Endlich sagte Antony etwas. ≫Ja. Ja, sie ist wieder in London. Ich habe heute morgen einen Brief von ihrbekommen.≪

≫Es bedeutet Tuppy soviel.≪

Wieder eine Pause, dann fragte Antony ruhig: ≫Wird sie sterben?≪

Isobel konnte nichts tun. Sie brach in Tränen aus, wütend auf sich selbst, aber sie war machtlos. ≫Ich ldots ich weiß es nicht. Hugh hat versucht, mich zu beruhigen, aber ich habe ihn noch nie so besorgt gesehen. Und es wäre grauenhaft, geradezu undenkbar, wenn mit Tuppy etwas wäre und sie dich und Rose nie zusammen gesehen hätte. Es hat ihr soviel bedeutet, daß ihr euch verlobt habt. Wenn du Rose herbringst, könnte das den entscheidenden Ausschlag geben. Dann hätte sie einen Grund…≪

Sie konnte nicht weitersprechen. Sie hatte nicht so viel sagen wollen, und sie konnte durch die Tränen nichts mehr sehen. Sie kam sich geschlagen vor, am Ende ihrer Kräfte, als wäre sie zu lange allein gewesen. Sie putzte sich wieder die Nase und schloß hilflos: ≫Bitte versuch es, Antony.≪

Es war ein Aufschrei, der von Herzen kam. Als er sprach, klang er fast so erschüttert wie sie: ≫Mir war ja nicht klar…≪

≫Ich glaube, es ist mir auch eben erst richtig klargeworden.≪

≫Ich werde Rose schon erreichen. Irgendwie richte ich es ein. Wir kommen am nächsten Wochenende. Versprochen.≪

≫Oh, Antony.≪ Eine Welle der Erleichterung überflutete sie. Sie würden kommen. Wenn Antony etwas versprach, hielt er immer Wort, und wenn die Welt unterging.

≫Und mach dir keine zu großen Sorgen um Tuppy. Wenn Hugh sagt, sie ist zäh wie Heidekraut, dann stimmt das vermutlich. Sie steckt uns allesamt in die Tasche, und wahrscheinlich wird sie uns alle überleben.≪

Isobel lächelte unter Tränen. ≫Das ist kein Ding der Unmöglichkeit.≪

≫Nichts ist unmöglich≪, sagte Antony. ≫Alles kann geschehen. Bis zum nächsten Wochenende.≪

≫Du bist ein Schatz.≪

≫Gern geschehen. Und liebe Grüße an Tuppy.≪

Kapitel 2

Marcia

Ronald Waring sagte, wohl zum fünftenmal: ≫Wir müssen nach Hause.≪

Seine Tochter Flora, benommen von der Sonne und schläfrig vom Schwimmen, sagte, ebenfalls zum fünftenmal: ≫Ich weiß≪ und beide rührten sich nicht. Sie saß zusammengekauert auf einer abschüssigen Granitplatte und schaute hinunter in die juwelenblaue Tiefe der riesigen Felsenbucht, in der sie ihr abendliches Bad genommen hatten. Die Sonne glitt am Himmel abwärts und verströmte die letzte Wärme über Floras Gesicht. Ihre Wangen waren noch salzig vom Meer; das nasse Haar klebte ihr im Nacken. Sie saß mit den Armen um die Beine geschlungen da, das Kinn auf den Knien, und kniff gegen das blendende Meer die Augen zusammen.

Es war Mittwoch, der letzte Tag eines vollkommenen Sommers. Oder gehörte der September offiziell schon zum Herbst? Flora konnte sich nicht daran erinnern. Sie wußte nur, daß sich der Sommer in Cornwall über das Ende der Jahreszeit hinaus zauberhaft in die Länge zog. Hier unten, im Schutz der Klippen, wehte kein Hauch, und die Felsen, vollgesogen mit dem Sonnenschein eines Tages, fühlten sich noch warm an.

Die Flut kam. Zwischen zwei mit Napfschnecken überzogenen Felsen ergoß sich das erste Rinnsal in die Bucht. Bald würde das Rinnsal zum Strom anschwellen, und die Vorhut der atlantischen Brecher würde die spiegelglatte Wasseroberfläche zerschmettern. Schließlich würden die Felsen überflutet werden, die Bucht würde untertauchen und versunken bleiben, bis die Ebbe sie wieder befreite.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie oft sie genau wie jetzt hier nebeneinandergesessen hatten, hypnotisiert von der Faszination einer Septemberflut. Doch an diesem Abend fiel es noch schwerer, sich loszureißen weil es der letzte war. Sie würden den Klippenweg hinaufgehen, von Zeit zu Zeit stehenbleiben, wie sie es immer taten, um auf den Ozean zurückzublicken. Sie würden den Weg über die Felder zum Seal Cottage einschlagen, wo Marcia sie erwartete, das Abendessen im Ofen und Blumen auf dem Tisch. Und nach dem Abendessen würde Flora sich das Haar waschen und ihren Koffer packen, weil sie morgen nach London zurückfuhr.

Es war alles von langer Hand geplant, und Flora mußte zurück, aber in diesem Augenblick konnte sie den Gedanken daran kaum ertragen. Vor allem war es ihr immer zuwider, ihren Vater zu verlassen. Sie schaute ihn an, wie er ein Stück von ihr entfernt auf dem Felsen saß. Sie sah seine Hagerkeit, die tief gebräunte Haut, die langen, bloßen Beine. Er trug unansehnliche Shorts und ein uraltes Hemd, an vielen Stellen geflickt, die Ärmel hochgerollt. Sie sah sein schütter werdendes Haar, zerzaust vom Schwimmen, und das vorspringende Kinn, während er einen Kormoran beobachtete, der dicht über der Wasseroberfläche vorbeiflog.

≫Ich will morgen nicht fort≪, sagte sie.

Er drehte sich um und lächelte sie an. ≫Dann bleib hier.≪

≫Ich muß fort. Das weißt du. Ich muß in die Welt hinaus und wieder selbständig werden. Ich war zu lange zu Hause.≪

≫Ich hätte es gern, wenn du immer hier wärst.≪

Sie ignorierte den jähen Kloß im Hals. ≫So was sollst du nicht sagen. Du sollst schroff und unsentimental sein. Du sollst dein Küken aus dem Nest werfen.≪

≫Kannst du schwören, daß du nicht wegen Marcia gehst?≪

Flora war aufrichtig. ≫Na ja, in bestimmter Hinsicht ist das natürlich auch ein Grund, aber nicht der ausschlaggebende. Jedenfalls mag ich sie furchtbar gern, das weißt du.≪ Als ihr Vater nicht lächelte, versuchte sie, einen Scherz daraus zu machen. ≫Schon gut, sie ist die typische böse Stiefmutter, wäre das ein ausreichender Grund? Und ich lauf weg, ehe sie mich zu den Ratten in den Keller sperrt.≪

≫Du kannst jederzeit zurückkommen. Versprich mir, daß du zurückkommst, wenn du keine Stelle findest oder es nicht so recht klappt.≪

≫Ich finde ohne jede Schwierigkeit Arbeit, und alles wird bestens klappen.≪

≫Das Versprechen will ich trotzdem.≪

≫Du hast es. Aber vermutlich wirst du es bereuen, wenn ich in einer Woche wieder bei euch vor der Tür stehe. Und jetzt —≪ sie griff nach dem Badetuch und einem Paar fadenscheinige Espadrilles — ≫müssen wir nach Hause.≪

Am Anfang hatte Marcia sich geweigert, Floras Vater zu heiraten. ≫Du kannst mich nicht heiraten. Du bist Altphilolog an einem angesehenen humanistischen Gymnasium. Du mußt eine ruhige, respektable Frau mit einem Filzhut heiraten, die mit Jungen umgehen kann.≪

≫Ich kann ruhige, respektable Frauen nicht leiden≪, hatte er leicht gereizt gesagt. ≫Wenn ich sie leiden könnte, hätte ich schon vor Jahren die Hausdame geheiratet.≪

≫Ich sehe mich einfach nicht als Mrs. Ronald Waring. Irgendwie paßt das nicht zu mir. ‘Und hier, Jungs, ist Mrs. Waring, die den Silberpokal im Hochsprung überreichen wird.’ Und da bin ich, stolpere über meine Füße, vergesse was ich sagen soll, lasse vermutlich den Pokal fallen oder überreiche ihn dem falschen Jungen.≪

Aber Ronald Waring war immer ein Mann gewesen, der wußte, was er wollte. Er war hartnäckig geblieben, hatte sie umworben und schließlich überredet. Sie hatten zu Beginn des Sommers geheiratet, in der winzigen, uralten Steinkirche, die modrig roch wie eine Höhle. Marcia hatte ein bezauberndes smaragdgrünes Kleid und einen riesigen Strohhut mit geschwungener Krempe getragen wie Scarlett O’Hara. Und ausnahmsweise hatte an Ronald Warings Aufmachung alles gestimmt, die Socken hatten zueinander gepaßt, die Krawatte war korrekt gebunden, nicht unter den obersten Kragenknopf gerutscht. Sie geben ein wunderbares Paar ab, dachte Flora, die Schnappschüsse von ihnen gemacht hatte, als sie strahlend aus der Kirche kamen. Auf den Fotos sah man, wie die steife Brise vom Meer an der Hutkrempe der Braut zerrte und das schütter werdende Haar des Bräutigams wie den Schopf eines Kakadus nach oben blies.

Marcia war in London geboren und aufgewachsen und irgendwie zweiundvierzig geworden, ohne je geheiratet zu haben — aller Wahrscheinlichkeit nach, meinte Flora, weil sie nie die Zeit dazu gefunden hatte. Sie hatte ihre berufliche Laufbahn als Schauspielschülerin begonnen, war dann zur Fundusverwalterin einer Provinztruppe aufgestiegen und hatte sich seit jenem nicht gerade vielversprechenden Anfang fröhlich durchs Leben geschlagen, offenbar von einer Gelegenheitsarbeit zur anderen. Zuletzt war sie Verkaufsleiterin in einem Laden in Brighton gewesen, der auf etwas spezialisiert war, was Marcia ‘arabischen Krempel’ nannte.

Obwohl Flora Marcia sofort gemocht und die Verbindung mit ihrem Vater heftig unterstützt hatte, waren gewisse unvermeidliche Vorbehalte wegen Marcias hausfraulicher Fähigkeiten vorhanden gewesen. Schließlich möchte keine Tochter ihren Vater zu lebenslänglichen Fertigpasteten, Tief- kühlpizzen und Dosensuppen verurteilen.

Aber selbst in diesem Punkt war es Marcia gelungen, die beiden zu überraschen. Sie erwies sich als ausgezeichnete Köchin und begeisterte Hausfrau und war dabei, im Garten alle möglichen unerwarteten Begabungen zu entwickeln. Gemüse wuchs in sauberen, militärischen Reihen; Blumen blühten, wenn Marcia sie nur anschaute, und auf dem tiefen Fenster- sims über der Küchenspüle standen zwei Reihen Tontöpfe mit Geranien und Fleißigen Lieschen, die sie selbst gezogen hatte.

Als sie an jenem Abend die Klippen hinauf und über die kühlen Felder gingen, kam Marcia, die aus dem Küchenfenster Ausschau gehalten hatte, ihnen entgegen. Sie trug grüne Hosen und einen Baumwollkittel, von knorrigen Bäuerinnenhänden üppig bestickt, und die letzten Sonnenstrahlen entflammten das leuchtende Haar.

Ronald Waring sah sie, lächelte glücklich und ging schneller. Flora trödelte hinter ihm her und dachte daran, daß zwei Menschen in mittleren Jahren, die sich nicht nur zärtlich, sondern leidenschaftlich verbunden waren, etwas ganz Besonderes seien. Als sie sich mitten auf der Wiese trafen und ohne Zurückhaltung oder Verlegenheit umarmten, war es, als ob sie sich nach einer monatelangen Trennung wiederfänden. Vielleicht empfanden sie das auch wirklich so. Der Himmel wußte, daß sie lange genug aufeinander gewartet hatten.

Marcia brachte Flora am nächsten Morgen an den Zug nach London. Die Tatsache, daß sie Flora zum Bahnhof fahren konnte, war für Marcia eine Quelle großen Stolzes und tiefer Befriedigung. Denn in ihrem reifen Alter hatte sie nicht nur den Ehestand versäumt, sondern auch nie Auto fahren gelernt.

Als sie danach gefragt wurde, zählte sie eine Reihe von Gründen auf, die diese Unterlassung erklärten. Sie sei technisch unbegabt, sie habe nie ein Auto besessen, und meistens sei jemand zur Hand gewesen, der sie gefahren habe. Aber als sie Ronald Waring geheiratet hatte und in einem kleinen Cottage im Niemandsland von Cornwall festsaß, lag auf der Hand, daß die Zeit gekommen war.

Jetzt oder nie, sagte Marcia und nahm Fahrstunden. Dann die Prüfungen. Drei. Bei der ersten fiel sie durch, weil sie mit dem Vorderrad über die bestiefelten Zehen eines Polizisten gefahren war. Bei der zweiten, weil sie, während sie versuchte, rückwärts einzuparken, unabsichtlich einen Kinderwagen streifte, in dem zum Glück kein Baby gelegen hatte. Weder Flora noch ihr Vater konnten sich vorstellen, daß sie den Mumm hätte, es noch einmal zu versuchen, doch sie unterschätzten Marcia. Sie versuchte es und bestand schließlich. Als ihr Mann bedauerte, er könne seine Tochter nicht zum Bahnhof bringen, weil er zu einer Lehrerkonferenz müsse, konnte Marcia also mit einigem Stolz sagen: ≫Das macht nichts. Ich fahre sie.≪

In gewisser Weise war Flora erleichtert. Sie haßte Abschiede, die beim Klang einer Pfeife unvermeidlich sentimental wurden. Wenn ihr Vater dabeigewesen wäre, hätte sie ihm vermutlich die Ohren vollgeheult was den Abschied für beide noch schlimmer gemacht hätte.

Es war wieder ein warmer und wolkenloser Tag, der Himmel so blau, wie er es das ganze Jahr gewesen war, der Adlerfarn golden. Außerdem lag ein Funkeln in der Luft, in dem sich die alltäglichsten Dinge kristallklar abzeichneten. Marcia stimmte in ihrem rauchigen Alt an: ≫Wunderschön ist dieser Morgen, wenn sich die Sonne erhebt…≪, hielt dann inne und bückte sich nach ihrer Handtasche, was hieß, daß sie eine Zigarette wollte. Das Auto schlingerte gefährlich über den Mittelstreifen und auf die falsche Straßenseite; deshalb sagte Flora schnell: ≫Laß nur, ich geb dir eine.≪ Als Marcia das Auto wieder auf den richtigen Kurs gebracht hatte, steckte Flora ihr die Zigarette in den Mund und gab ihr Feuer, damit Marcia nicht die Hände vom Lenkrad nehmen mußte.

Als die Zigarette brannte, sang Marcia weiter: ≫Wunderschön ist dieser Morgen, alles ist glücklich…≪ Sie hielt inne und runzelte die Stirn. ≫Liebes, schwörst du mir, daß du nicht meinetwegen in das scheußliche London zurückgehst?≪

Diese Frage war in der letzten Woche allabendlich in regelmäßigen Abständen gestellt worden. Flora holte tief Luft. ≫Nein. Ich habe es dir doch gesagt, nein. Ich nehme einfach die Fäden meines Lebens wieder auf und mache dort weiter, wo ich vor einem Jahr aufgehört habe.≪

≫Ich werde das Gefühl nicht los, daß ich dich aus deinem Zuhause vertreibe.≪

≫Aber das tust du nicht. Und sieh doch die Situation aus meiner Perspektive. Weil ich weiß, daß mein Vater eine wunderbare Frau gefunden hat, die sich um ihn kümmert, kann ich gehen und ihn mit reinem Gewissen verlassen.≪

≫Mir wäre wohler, wenn ich wüßte, was für ein Leben dich erwartet. Ich habe grausige Bilder vor Augen, wie du in einem möblierten Zimmer sitzt und kalte Bohnen aus der Büchse ißt.≪

≫Ich habe es dir doch gesagt≪, sagte Flora energisch, ≫ich finde schon eine Wohnung, und während ich mich umschaue, wohne ich bei meiner Freundin Jane Porter. Es ist alles abgemacht. Das Mädchen, das bei ihr wohnt, ist mit ihrem Freund verreist, ich kann also ihr Bett haben. Und wenn sie aus dem Urlaub zurückkommt, habe ich schon eine eigene Wohnung gefunden und eine tolle Stelle, und alles ist in Butter.≪

Marcia machte weiterhin ein finsteres Gesicht.

≫Schau mal, ich bin zweiundzwanzig, keine zwölf. Und eine wahnsinnig, wahnsinnig tüchtige Stenotypistin. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Sorge.≪

≫Aber versprich mir, daß du mich anrufst, wenn es nicht so recht klappt, dann komme ich und bemuttere dich.≪

≫Ich bin mein Leben lang nicht bemuttert worden und komme auch so zurecht.≪ Flora seufzte. ≫Tut mir leid. Das sollte nicht ganz so schroff klingen.≪

≫Überhaupt nicht schroff, Liebes, schließlich ist es eine schlichte Tatsache. Aber weißt du, je mehr ich darüber nachdenke, desto unglaublicher wird es.≪

≫Ich kann dir nicht recht folgen.≪

≫Das mit deiner Mutter. Daß sie dich und deinen Vater im Stich gelassen hat, als du noch ein kleines Kind warst. Ich meine, ich kann mir vorstellen, daß eine Frau ihren Mann verläßt. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie jemand einen solchen Schatz wie Ronald verläßt — aber bei einem Baby begreife ich das überhaupt nicht mehr. Es wirkt so unmenschlich. Man sollte doch meinen, wenn man sich die ganze Mühe gemacht hat, ein Kind zu bekommen, dann will man es auch behalten.≪

≫Ich bin froh, daß sie mich nicht behalten hat. Ich hätte nichts anderes gewollt. Ich weiß nicht, wie Pa es geschafft hat, aber eine schönere Kindheit hätte ich nicht haben können.≪

≫Du weißt, was wir sind, nicht wahr? Die Gründungsmitglieder des Fanclubs von Ronald Waring. Ich frage mich, warum sie gegangen ist. Deine Mutter, meine ich. Gab es da einen anderen Mann? Ich hab mich immer gescheut, danach zu fragen.≪

≫Nein, das glaube ich nicht. Sie haben einfach nicht zueinander gepaßt. Das hat Pa mir immer gesagt. Ihr gefiel es nicht, daß er ein Schulmeister ohne Ehrgeiz war, und er machte sich nichts aus Cocktailpartys und der großen Welt. Ihr gefiel auch nicht, daß er ewig mit seiner Arbeit beschäftigt war und immer aussah, als ob man ihn aus einem Kleidersack gekippt hätte. Und es war klar, daß er nie genügend Geld verdienen würde, um ihr den Lebensstil zu bieten, den sie sich vorstellte. Ich habe einmal ein Foto von ihr gefunden, hinten in einer Schublade. Sehr schick und elegant; in einem teuren Kostüm. Überhaupt nicht Pas Kragenweite.≪

≫Sie muß knallhart gewesen sein. Ich frage mich, warum sie überhaupt geheiratet haben.≪

≫Ich glaube, sie haben sich bei einem Skiurlaub in der Schweiz kennengelernt. Pa ist ein hervorragender Skiläufer — vielleicht hast du das nicht gewußt. Ich kann mir vorstellen, daß die Sonne beide geblendet hat oder daß die Alpenluft ihnen zu Kopf gestiegen ist. Vielleicht hat sie auch die sportliche Eleganz umgehauen, mit der er den Abhang hinunterfegte. Ich weiß nur, daß es passierte, daß ich auf die Welt kam, und daß es dann vorbei war.≪

Sie waren jetzt auf der Hauptstraße, näherten sich dem kleinen Bahnhof, auf dem Flora in den Zug nach London steigen sollte. ≫Ich hoffe≪, sagte Marcia, ≫daß er nicht mit mir zum Skilaufen fahren will.≪

≫Warum denn nicht?≪

≫Ich kann nicht Ski laufen.≪

≫Das würde für Pa keine Rolle spielen Er vergöttert dich, so wie du bist. Das weißt du doch?≪

≫Ja≪, sagte Marcia, ≫und bin ich nicht die glücklichste Frau unter der Sonne? Aber du wirst auch Glück haben. Du bist im Zeichen der Zwillinge geboren, und ich habe heute morgen für dich nachgeschaut — alle Planeten bewegen sich in die richtige Richtung; du mußt dir die Möglichkeiten nur zunutze machen.≪ Marcia glaubte felsenfest an Horoskope. ≫Das heißt, daß du innerhalb einer Woche eine sagenhafte Stelle und eine sagenhafte Wohnung findest und vermutlich auch einen sagenhaften großen, dunkelhaarigen Mann mit einem Maserati. Sozusagen ein Pauschalpaket.≪

≫Innerhalb einer Woche? Das läßt mir ja nicht viel Zeit.≪

≫Es muß aber alles innerhalb einer Woche passieren, denn am nächsten Freitag kommt ein neues Horoskop.≪

≫Ich will mal sehen, was ich tun kann.≪

Es war kein langer Abschied. Der D-Zug hielt nur einen Augenblick auf dem kleinen Bahnhof, und kaum waren Flora und ihr umfangreiches Gepäck an Bord, ging der Bahnhofsvorsteher den Bahnsteig entlang, warf die Türen zu und hob die Pfeife zum Mund. Flora lehnte sich aus dem Fenster, um Marcia einen Abschiedskuß zu geben. Marcia hatte Tränen in den Augen, und ihre Wimperntusche war zerlaufen.

≫Ruf an, sag uns, was los ist.≪

≫Mach ich. Versprochen.≪

≫Und schreib!≪

Für mehr blieb keine Zeit. Der Zug setzte sich in Bewegung, wurde schneller; der Bahnsteig verschwand in der Biegung. Flora winkte, der kleine Bahnhof und Marcias Gestalt in blauen Hosen wurden kleiner und glitten aus dem Blickfeld. Flora strich sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht, schloß das Fenster und ließ sich auf den Ecksitz im leeren Abteil fallen.

Sie schaute aus dem Fenster. Es war eine liebgewordene Gewohnheit zuzuschauen, wie alles davonglitt, genau wie sie sich, wenn sie in die entgegengesetzte Richtung fuhr, immer ab Fourbourne aus dem Fenster lehnte, um den ersten Blick auf die vertraute Landschaft zu werfen.

Jetzt war Ebbe, der Sand in der Mündung ein perlmuttern glänzendes Braun, blau gemustert, wo Tümpel trägen Wassers den Himmel widerspiegelten. In der Ferne lag ein Dorf mit weißen Häusern, die durch die Bäume schimmerten, dahinter kamen die Dünen, und einen Augenblick lang konnte man den Ozean hinter den fernen weißen Wellenbrechern sehen.

Die Schienenführten landeinwärts, und eine grasbewachsene Ebene kam in Sicht, während der Ozean hinter Strandbungalows verschwand. Der Zug holperte über ein Viadukt und durch die nächste Kleinstadt, und dann folgten kleine grüne Täler und weiße Cottages und Gärten, in denen sich Wäsche auf der Leine in der steifen Morgenbrise blähte. Der Zug donnerte an einem Bahnübergang vorbei. An der geschlossenen Schranke wartete ein Mann mit einem roten Traktor und einem Anhänger voller Strohballen.

Sie wohnten in Cornwall, seit Flora fünf Jahre alt war. Davor hatte ihr Vater in einem exklusiven und teuren Internat in Sussex Latein und Französisch unterrichtet. Die Arbeit war zwar angenehm, jedoch keine große Herausforderung, und ihm war der Gesprächsstoff mit den nerzbemäntelten Müttern seiner betuchten Schützlinge ausgegangen.

Er hatte sich immer danach gesehnt, am Meer zu wohnen, seit er als Junge die Ferien in Cornwall verbracht hatte. Deshalb bewarb er sich sofort, als die Stelle eines Altphilologen am humanistischen Gymnasium von Fourbourne vakant wurde, sehr zum Kummer des Internatsrektors, der das Gefühl hatte, der intelligente junge Mann sei zu Höherem berufen, als den Söhnen von Bauern, Ladenbesitzern und Bergbauingenieuren klassische Bildung einzutrichtern.

Aber Ronald Waring war hartnäckig. Anfangs hatten er und Flora in möblierten Zimmern in Fourbourne gewohnt, und ihre erste Erinnerung an Cornwall war diese kleine Industriestadt, umgeben von einer öden Landschaft, gespickt mit alten Zechen, die wie abgebrochene Zähne vor dem Horizont aufragten.

Aber als sie erst einmal heimisch geworden waren und ihr Vater in der neuen Stelle Fuß gefaßt hatte, kaufte er ein altes Auto, und an den Wochenenden machten Vater und Tochter sich auf die Suche nach einem anderen Ort zum Wohnen.

Schließlich waren sie der Wegbeschreibung des Immobilienmaklers in Penzance gefolgt, hatten die Straßen von St. Ives hinaus nach Lands End genommen, und nachdem sie zweimal falsch abgebogen waren, holperten sie einen steilen, dornenüberwucherten Weg entlang, der zum Meer führte. Sie bogen um eine letzte Kurve, überfuhren einen Bach, der ständig die Straße überflutete, und kamen zum Seal Cottage.

Es war ein bitterkalter Wintertag. Das Haus war baufällig, verfügte weder über fließendes Wasser noch über sanitäre Anlagen, und als sie schließlich die verzogene alte Tür aufgestemmt hatten, wimmelte es von Mäusen. Aber Flora hatte keine Angst vor Mäusen, und Ronald Waring verliebte sich nicht nur in das Haus, sondern auch in die Aussicht. Er kaufte es am selben Tag, und seither war es ihr Zuhause gewesen.

Anfangs hatten sie ein jämmerlich primitives Leben geführt. Man mußte darum kämpfen, sich warm und sauber zu halten und Essen auf den Tisch zu bekommen. Aber Ronald Waring war nicht nur Altphilologe sondern auch ein geselliger Mann mit viel Charme. Wenn er in einen Pub ging, wo er niemanden kannte, hatte er sich, wenn er ging, mit mindstens einem halben Dutzend Leuten angefreundet.

So fand er den Maurer, der die Gartenmauer reparierte und den eingesackten Kamin wieder aufbaute. So lernte er Mr. Pincher kennen, den Schreiner, und Tom Roberts, dessen Neffe Klempner war und an den Wochenenden Zeit hatte. So machte er die Bekanntschaft von Arthur Pyper und dadurch die von Mrs. Pyper, die jeden Tag würdevoll aus dem Nachbardorf herüberradelte, um Geschirr zu spülen, die Betten zu machen und ein mütterliches Auge auf Flora zu werfen.

Als sie zehn war, wurde Flora, sehr zu ihrem Verdruß, auf ein Internat in Kent geschickt, wo sie blieb, bis sie sechzehn war. Danach lernte sie Steno und Maschineschreiben, und danach machte sie einen Kochkurs für die feine Küche.

Als Köchin nahm sie Jobs in der Schweiz an (im Winter) und in Griechenland (im Sommer). Nach ihrer Rückkehr nach London arbeitete sie als Sekretärin, teilte sich mit einer Freundin eine Wohnung, wartete an Bushaltestellen, kaufte in der Mittagspause ein. Sie ging mit verarmten jungen Männern aus, die sich zu staatlich geprüften Bilanzbuchhaltern ausbilden ließen, und mit etwas weniger verarmten jungen Männern, die im Begriff waren, Boutiquen aufzumachen. Und dazwischen fuhr sie im Urlaub mit dem Zug nach Cornwall und zurück, half beim Frühjahrsputz und beim Braten des Weihnachtstruthahns.

Aber Ende des letzten Jahres, nach einer Grippe und einer unbefriedigenden Liebesgeschichte, war sie die Großstadt leid geworden. Sie fuhr über Weihnachten nach Cornwall und mußte nicht groß überredet werden, dort zu bleiben. Es war ein wunderbares, entspanntes Jahr gewesen. Als der Winter einem besonders schönen und zeitigen Frühling wich und der Frühling sich in den Sommer verwandelte, konnte sie bleiben und alles miterleben; keine Frist war ihr gesetzt, kein Tag im Kalender zeigte an, wann sie die Koffer packen und in die Tretmühle zurück mußte.

Sie nahm Arbeit an — zum Zeitvertreib und um etwas Geld zu verdienen —, aber immer nur vorübergehend, anspruchslose und im allgemeinen ganz amüsante Arbeit: Narzissen pflücken für einen Gärtner, der den einheimischen Markt belieferte, kellnern in einer Kaffeebar, Kaftane an Sommertouristen verkaufen, die ihr Geld unbedingt loswerden wollten.

Im Kaftanladen hatte sie Marcia kennengelernt und auf einen Drink ins Seal Cottage mitgenommen. Sie hatte mit ungläubiger Freude beobachtet, wie es zwischen Marcia und ihrem Vater sofort funkte. Und das war, wie sich bald herausstellte, keine vorübergehende Laune.

Die Liebe brachte Marcia zum Erblühen wie eine Blume und Floras Vater legte plötzlich soviel Wert auf sein Äußeres, daß er sich sogar aus freien Stücken eine neue Hose kaufte. Während die Beziehung stetig tiefer und stärker wurde, versuchte Flora, sich taktvoll zurückzuziehen, erfand Ausreden, sie nicht bei den Ausflügen in den Pub zu begleiten, und Gründe, abends auszugehen, damit sie Seal Cottage für sich hatten.

Als sie verheiratet waren, fing sie sofort damit an, über ihre Rückkehr nach London zu reden, aber Marcia hatte sie überredet, im Seal Cottage zu bleiben, wenigstens den Sommer über. Das hatte sie auch getan, doch ihre Zeit lief ab. Das war nicht mehr Floras Leben, ebensowenig wie Seal Cottage noch ihr Zuhause war. Im September, das versprach sie sich, würde sie nach London zurückkehren. Im September, sagte sie zu Marcia, räume ich euch alten Turteltauben das Feld.

Jetzt war das alles vorbei. Es lag schon in der Vergangenheit. Und die Zukunft? Du wirst Glück haben, hatte Marcia gesagt. Du bist im Zeichen der Zwillinge geboren, und alle Planeten bewegen sich in die richtige Richtung.

Aber Flora war sich nicht so sicher. Sie nahm den Brief aus der Jackentasche, der am Morgen gekommen war, den sie geöffnet, gelesen und dann schnell weggesteckt hatte, ehe Marcia danach fragen konnte. Er war von Jane Porter.

Mansfield Mews 8, S. W. 1C

Liebste Flora,

etwas ganz Übles ist passiert, und ich hoffe, der Brief erreicht Dich, ehe Du nach London fährst. Betsy, das Mädchen, mit dem ich zusammen wohne, hat einen grauenhaften Krach mit ihrem Freund gehabt und ist nach zwei Ferientagen in Spanien nach Hause gekommen. Sie ist jetzt hier in der Wohnung, heult die ganze Zeit und Wartet offensichtlich darauf, daß das Telefon klingelt, was es nicht tut. Das Bett, das ich Dir versprochen habe, ist also nicht frei. Ich würde Dich liebend gern in einem Schlafsack in meinem Zimmer unterbringen, aber die ganze Atmosphäre ist so geladen und Betsy so total unmöglich, daß ich es meinem schlimmsten Feind nicht zumuten möchte. Ich hoffe, Du kommst irgendwie zurecht, bis Du eine eigene Bude findest. Tut mir schrecklich leid, daß ich Dich im Stich lassen muß, aber ich hoffe, Du verstehst es. Ruf mich auf alle Fälle an, damit wir uns zu einem ausgiebigen Schwatz treffen können. Freue mich so darauf, Dich wiederzusehen, und es tut mir furchtbar, furchtbar leid, aber ich kann nichts dafür.

Alles, alles Liebe

Jane

Flora seufzte, faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder in die Tasche. Sie hatte nichts zu Marcia gesagt, weil Marcia in ihrer neuen Rolle als Ehefrau und Mutter einen erschreckenden Hang entwickelt hatte, sich in alles einzumischen. Hätte sie gewußt, daß Flora ohne Aussicht auf einen Schlafplatz nach London fuhr, hätte sie sich vermutlich geweigert, sie fahren zu lassen. Und als sie sich erst einmal entschlossen hatte, wußte Flora, daß sie es nicht ertragen könnte, ihre Abreise auch nur um einen Tag zu verschieben.

Jetzt erhob sich allerdings die Frage, was zu tun war. Natürlich hatte sie Freunde, aber nach einem Jahr wußte sie nicht recht, was sie machten, wo sie wohnten, nicht einmal, mit wem sie zusammenlebten. Ihre frühere Wohnungsgenossin war inzwischen verheiratet und nach Northumberland gezogen, und sonst gab es niemanden, von dem Flora das Gefühl hatte, sie könne aus heiterem Himmel anrufen und darum bitten, vorübergehend aufgenommen zu werden.

Es war ein Teufelskreis. Sie wollte keine Wohnung mieten, ehe sie eine Stelle gefunden hatte; andererseits war es schwierig, ohne ein Basislager, wo sie ihre Sachen abstellen konnte, bei den Stellenvermittlern die Runde zu machen.

Schließlich fiel ihr das Shelbourne ein, das kleine, altmodische Hotel, in dem sie mit ihrem Vater übernachtet hatte, wenn sie unterwegs zu einem ihrer seltenen Auslandsurlaube waren — etwa zum Skilaufen in Österreich oder zwei Wochen bei einem exzentrischen Freund von Ronald Waring, dem eine baufällige Mühle in der Provence gehörte. Das Shelbourne war nicht elegant, und wenn ihr Vater dort abgestiegen war, ganz bestimmt nicht teuer. Sie würde dort übernachten und morgen mit der Arbeitssuche anfangen.

Es war keineswegs eine perfekte Lösung, sondern eher ein Kompromiß. Und wie Marcia gern sagte, während sie die Krempe von einem Hut abtrennte und an einen anderen nähte, bestand das Leben aus Kompromissen.

Das Shelbourne war ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. Flora erinnerte es immer an einen alten Kahn, der in einem Staubecken vor Anker lag, während der Strom des Fortschritts vorbeifloß. Es lag an einer schmalen Straße am Ende von Knightsbridge, die früher elegant gewesen war, und wurde langsam erdrückt von neuen Nobelhotels, Bürogebäuden und Wohnhäusern. Aber es behauptete grimmig seinen Platz, wie eine alternde Schauspielerin, die sich weigert abzutreten.

Draußen summte das London von heute: Verkehrsstaus, Autohupen, das Dröhnen der Flugzeuge, der Zeitungsverkäufer an der Ecke, die jungen Mädchen mit den schwarz umrandeten Augen und klappernden Absätzen.

Aber wenn man durch die langsame Drehtür des Shelbourne ging, tat man einen Schritt zurück in die Vergangenheit. Nichts hatte sich verändert — nicht die Topfpalmen, nicht das Gesicht des Portiers; nicht einmal der Geruch, eine Mischung aus Desinfektionsmitteln, Bohnerwachs und Treibhausblumen, ein wenig wie in einem Krankenhaus.

Hinter dem Rezeptionstresen saß dieselbe traurige Frau in ihrem tristen schwarzen Kleid. War es möglich, daß es dasselbe Kleid war? Sie schaute zu Flora auf.

≫Guten Abend, Madam.≪

≫Könnte ich ein Einzelzimmer bekommen, nur für heute nacht?≪

≫Ich schaue nach…≪

Eine Uhr tickte. Flora wartete, ihre Lebensgeister sanken von Augenblick zu Augenblick; sie hatte halb gehofft, das Hotel wäre ausgebucht.

≫Ja, Sie können ein Zimmer haben, aber nach hinten hinaus, und ich fürchte…≪

≫In Ordnung, ich nehme es.≪

≫Wenn Sie sich bitte eintragen, ich rufe den Hausdiener, damit er Sie hinaufbringt.≪

Aber der Gedanke an lange, stickige Flure und ein düsteres Einzelzimmer am äußersten Ende war zuviel für Flora.

≫Jetzt noch nicht. Ich muß noch einmal weg. Zum Abendessen≪, improvisierte sie wild. ≫Ich komme gegen halb zehn zurück. Machen Sie sich keine Mühe mit dem Gepäck. Lassen Sie es einfach hier in der Halle stehen, bis ich wiederkomme. Ich bringe es dann hinauf.≪

≫Wie Sie wünschen, Madam. Aber wollen Sie denn Ihr Zimmer nicht sehen?≪

≫Nein. Es spielt keine Rolle. Es ist bestimmt sehr hübsch …≪ Sie fühlte sich, als müßte sie ersticken. Alles sah so grauenhaft alt aus. Sie griff nach ihrer Tasche und wich zurück, immer noch Entschuldigungen murmelnd. Fast hätte sie eine Topfpalme umgestoßen, konnte das gute Stück gerade noch retten und floh schließlich hinaus an die frische Luft.

Nach ein paar tiefen Atemzügen fühlte sie sich besser. Es zwar ein schöner Abend, kühl, aber klar, mit einem blauen Himmel, der sich über den Dächern spannte und über den vereinzelte rosige Wölkchen so träge trieben wie Ballons. Flora steckte die Hände in die Taschen und ging los.

Eine Stunde später war sie mitten in Chelsea, ging nach Süden in Richtung King’s Road. Die kleine Straße, gesäumt von hübschen Häusern mit kleinen Läden dazwischen, war ihr vertraut. Neu war dagegen das kleine italienische Restaurant. Vorher war dort ein Schuhmacher gewesen, in desser verstaubter Auslage Hundeleinen, Koffergurte und äußerst seltsame Plastikhandtaschen herumgelegen hatten.

Das Restaurant hieß Seppi’s. Auf dem Kopfsteinpflaster davor standen Lorbeerbäumchen in Kübeln; es hatte eim fröhlich rot—weiß gestreifte Markise und frische, weiß getünchte Wände.

Als Flora näher kam, ging die Tür auf, und ein Mann schleppte einen Tisch heraus, den er auf das Pflaster stellte. Er ging wieder hinein und kam mit zwei kleinen schmiedeeisernen Stühlen, einer rot-weiß karierten Tischdecke und einer Chiantiflasche im Strohmantel zurück. Dann begann er der Tisch zu decken.

Die Brise verfing sich im Tischtuch und brachte es zum Flattern. Der Mann schaute auf und sah Flora. Die dunkler Augen blitzten sie mit einem mediterranen Lächeln an.

≫Ciao, Signorina.≪

Italiener sind wunderbar, dachte Flora. Das Lächeln, der Gruß gaben ihr das Gefühl, sie sei eine alte Freundin. Kein Wunder, daß sie so erfolgreiche Gastronomen waren.

Sie lächelte. ≫Hallo. Wie geht’s?≪

≫Phantastisch. Wer könnte sich nach einem solchen Tag anders fühlen? Es ist wie in Rom. Und Sie sehen aus wie eine Italienerin, die den Sommer am Meer verbracht hat. Braungebrannt.≪ Er machte eine anerkennende Geste, zu der ein Kuß in die Luft und ausgebreitete Fingerspitzen gehörten. ≫Wunderbar.≪

≫Danke.≪ Sie schwieg entwaffnet, aber durchaus Willens dieses erfreuliche Gespräch fortzusetzen. Durch die offene Restauranttür wehten appetitanregende Gerüche — ein Hauch Knoblauch, herrliche rote Tomaten, Olivenöl. Flora merkte daß sie heißhungrig war. Sie hatte im Zug nicht zu Mittag gegessen, und es kam ihr vor, als sei sie kilometerweit gelaufen, seit sie das Shelbourne verlassen hatte. Die Füße taten ihr weh, sie war durstig.

Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz nach sieben. ≫Haben Sie offen?≪

≫Für Sie haben wir immer offen.≪

Sie akzeptierte das Kompliment und sagte : ≫Ich möchte nur ein Omelett oder so.≪

≫Sie, Signorina, bekommen alles, was Sie wollen…≪ Er trat beiseite und streckte einladend den Arm aus, und Flora folgte der charmanten Aufforderung und ging hinein. Innen war eine kleine Bar, und dahinter erstreckte sich das lange, schmale Restaurant. Gepolsterte Bänke, bezogen mit genopptem orangefarbenen Stoff, zogen sich an den Wänden entlang, davor standen gescheuerte Kiefernholztische mit frischen Blumen und bunten, karierten Servietten darauf. Die Wände waren verspiegelt, auf dem Boden lagen Strohmatten. Nach dem Geklapper, den Gerüchen und lauten italienischen Stimmen zu urteilen, die aus dieser Richtung kamen, befand sich die Küche ganz hinten. Alles war kühl und frisch, und Flora fühlte sich, als sei sie nach einem anstrengenden Tag endlich nach Hause gekommen. Sie bestellte ein Bier und machte sich dann auf die Suche nach der Damentoilette, wo sie sich Gesicht und Hände wusch und sich das Haar kämmte. Im Restaurant wartete der junge Italiener auf sie. Er hatte einen Tisch von der Wand zurückgezogen, so daß sie sich setzen konnte. Das Bier war kühl und sauber eingeschenkt, Schälchen mit Oliven und Nüssen zum Knabbern standen daneben.

≫Sind Sie sicher, daß Sie nur ein Omelett wollen, Signorina?≪ erkundigte er sich, als sie sich setzte. ≫Wir haben heute abend ausgezeichnetes Kalbfleisch. Meine Schwester Francesca wird es für Sie traumhaft zubereiten.≪

≫Nein, nur ein Omelett. Aber mit etwas Schinken darin. Und vielleicht einen grünen Salat.≪

≫Ich mache unsere ganz spezielle Salatsauce.≪

Bislang war das Lokal völlig leer gewesen, aber nun öffnete sich die Tür von der Straße her, weitere Gäste kamen herein und setzten sich an die Bar. Der junge Kellner eilte zu ihnen um die Bestellungen aufzunehmen. Flora nahm einen Schluck von dem eiskalten Bier und fragte sich, ob jede Laufkundin die zufällig dieses bezaubernde Lokal betrat, derart herzlich begrüßt wurde. Alle sprachen davon, daß London immer unangenehmer werde, daß die Leute abweisend und wenig hilfsbereit seien. Es war herzerwärmend, wenigstens ein Gegenbeispiel zu dieser Entwicklung zu erleben.

Sie stellte das Glas ab, schaute auf und sah ihr Bild in den langen Spiegel an der Wand gegenüber. Das verschossene Blau ihrer ]eansjacke und das Orangegelb der Lehne hinter ihr waren die Farben van Goghs. Und Sie selbst…sie sah ein schmales Mädchen mit kräftigen Zügen, dunkelbraunen Augen und einem Mund, der zu groß für ihr Gesicht war. Sie war gebräunt vom Sommer in Cornwall, die Haut schimmernd und rein, und ihr Haar hatte die Farbe von glänzendem Mahagoni, fiel locker bis auf Kinnlänge, sah aus wie das Haar eines Jungen, das dringend geschnitten werden mußte. Zu den verschossenen Jeans und der Jacke trug sie einen weißen Pullover und eine am Hals verknotete Goldkette. Ihre Hände, die aus den umgeschlagenen Ärmeln hervorschauten, waren schmalgliedrig und gebräunt wie ihr Gesicht.

Ich war zu lange aus London weg, dachte sie. In dieser lässigen Aufmachung kriege ich nie eine Stelle. Ich muß mir das Haar schneiden lassen. Ich muß…

Die Tür zur Straße ging auf und wieder zu. Eine junge Frau trat ein, rief ≫Hi, Pietro!≪ und kam einen Moment später durch die Bar ins Restaurant. Offensichtlich fühlte sie sich wie zu Hause. Ohne in Floras Richtung zu schauen, blieb sie an dem Tisch neben ihrem stehen, zog ihn von der Wand, um sich Platz zu schaffen, und warf sich dann mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Beinen auf die Bank.

So lässig, fast unverschämt waren ihre Bewegungen, daß Flora meinte, sie müsse eine Verwandte der italienischen Familie sein, die das Restaurant betrieb. Vielleicht eine Kusine aus Mailand, die in London arbeitete…

Hi, Pietro. Nein, natürlich keine Italienerin, ganz Amerikanerin. Aus dem New Yorker Zweig der Familie…

Diese interessante Möglichkeit beschäftigte Flora. Weil sie die junge Frau nicht anstarren wollte, musterte sie ihr Bild im Spiegel gegenüber. Sie schaute weg. Und dann wieder hin, so schnell, daß sie spürte, wie ihr Haar gegen ihre Wange wehte. Eine Sinnestäuschung, dachte sie. Eine klassische Sinnestäuschung.

Das Spiegelbild zeigte sie selbst.

Aber es war doch nicht sie, weil zwei Spiegelbilder zu sehen waren.

Die Neue merkte nichts von Floras hypnotisiertern Blick, zog sich einen bunten Seidenschal vom Kopf, schüttelte das Haar zurück, griff dann in eine schwarze Krokotasche, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie mit einem Streichholz aus dem Briefchen im Aschenbecher an. Sofort erfüllte der Geruch nach starkem französischen Tabak die Luft. Sie streckte einen gestiefelten Fuß aus, legte ihn ums Tischbein und zog den Tisch zu sich heran. Sie beugte sich vor, wandte den Kopf weg von Flora und rief wieder: ≫Hi, Pietro!≪

Flora konnte den Blick nicht vom Spiegel lösen. Das Haar der anderen war länger als ihres, aber es glänzte und hatte dasselbe Mahagonibraun. Sie war sorgfältig und kunstvoll geschminkt, aber das unterstrich nur noch die kräftigen Züge und den Mund, der für ihr Gesicht zu groß war. Ihre Augen waren dunkelbraun, die dichten Wimpern geschwärzt mit Wimperntusche. Sie griff nach dem Aschenbecher, und Flora sah den funkelnden Ring mit einem riesigen Stein und die scharlachroten Nägel, aber die Hände waren schlank und schmalgliedrig, genauso geformt wie Floras.

Sie waren sogar ähnlich angezogen, trugen beide Jeans und Pullover. Aber der Pullover der anderen war aus Kaschmir und ihre Jacke, die sie jetzt abgelegt hatte, aus dunklem, schimmerndern Nerz.

Der junge Kellner, der die Gäste an der Bar bedient hatte reagierte auf ihren Ruf und kam fast im Laufschritt herüber.

≫Signorina, ich bin untröstlich, ich dachte …≪

Langsam erstarrte er, seine Bewegungen, seine Worte, seine Stimme schienen zum Stillstand zu kommen wie ein altmodisches Grammophon, das man aufzuziehen vergessen hat.

Nach einer kleinen Pause sagte die junge Frau, die neben Flora saß: ≫Okay, was haben Sie gedacht? Es muß Ihnen doch klar sein, daß ich was zu trinken möchte.≪

≫Aber ich habe gedacht…Ich meine, ich habe doch schon…≪ Er war bleich geworden. Seine dunklen Augen wanderten vorsichtig zu Floras Gesicht. Er war so offensichtlich erschüttert, daß Flora nicht überrascht gewesen wäre, wenn er sich bekreuzigt oder die unheimliche mediterane Geste gemacht hätte, die den bösen Blick abwehren soll.

≫Pietro, um Himmels willen…≪

Aber mitten in diesem kleinen, entnervten Ausbruch schaute sie auf und sah Flora, die sie im Spiegel beobachtete.

Das Schweigen schien ewig zu währen. Schließlich sprach Pietro als erster. ≫Es ist verblüffend≪, murmelte er, beinahe ergriffen. ≫Es ist verblüffend.≪

≫Kann man wohl sagen, daß das verblüffend ist≪, sagte die junge Frau. Sie klang nicht mehr annähernd so selbstsicher wie vorher.

Aber Flora fiel nichts ein, was sie hätte sagen können.

Pietro schüttelte fassungslos den Kopf. ≫Aber Signorina Schuster, als die andere Signorina hereinkam, habe ich gedacht, das sind Sie.≪ Er wandte sich Flora zu. ≫Es tut mir leid. Sie müssen mich für aufdringlich gehalten haben, aber natürlich habe ich Sie mit Signorina Schuster verwechselt, sie kommt oft hierher, aber ich habe sie eine Weile nicht gesehen, und…≪

≫Ich habe Sie nicht für aufdringlich gehalten. Nur für ausgesprochen nett.≪

Die junge Frau mit den langen Haaren starrte Flora immer noch an. Ihre dunklen Augen wanderten über Floras Gesicht wie die eines Experten, der ein Porträt beurteilt. Jetzt sagte sie: ≫Sie sehen genauso aus wie ich≪, und es klang sogar eine Spur verärgert, als wäre das ein Affront.

Flora hatte das Gefühl, sie müsse sich verteidigen. ≫Und Sie sehen wie ich aus≪, sagte sie milde. ≫Wir ähneln uns.≪ Sie schluckte, weil sie immer noch durcheinander war. ≫Ich glaube, wir klingen vermutlich sogar ähnlich.≪

Das wurde sofort von Pietro bestätigt, der immer noch wie angewurzelt dastand und den Kopf hin- und herwandte, als verfolge er ein Tennismatch.

≫Das stimmt. Sie haben dieselbe Stimme, dieselben Augen. Sogar dieselbe Kleidung. Ich hätte das nie geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. Mamma mia, Sie könnten Zwillinge sein. Sie sind…≪ Er schnippte mit den Fingern, suchte nach dem richtigen Wort. ≫Sie sind gleich. Sie wissen schon?≪

≫Eineiig≪, sagte Flora rundheraus.

≫Genau! Eineiig! Es ist phantastisch!≪

≫Eineiige Zwillinge?≪ fragte die andere vorsichtig.

Die Verblüffung, mit der sie sich gegenseitig anstarrten, fiel schließlich auch Pietro auf.

≫Sie meinen, Sie haben sich noch nie gesehen?≪

≫Noch nie.≪

≫Aber Sie müssen Schwestern sein.≪

Er legte sich die Hand aufs Herz. Plötzlich sah es so aus, als könne er nichts mehr verkraften. Flora fragte sich schon, ob er ohnmächtig werden würde, doch sie hatte ihn unterschätzt. ≫Ich werde eine Flasche Champagner öffnen≪, verkündete er. ≫Auf Kosten des Hauses. Und ich trinke ein Glas mit, denn sie ein solches Wunder habe ich noch nie erlebt. Warten Sie hier…≪ fügte er hinzu und rückte überflüssigerweise die Tische näher an sie heran, als befürchte er, sie könnten weglaufen. ≫Rühren Sie sich nicht von der Stelle. Warten Sie hier≪, und er stürzte zurück an die Bar, das gestärkte weiße Jackett knisternd vor Wichtigkeit.

Sie hörten ihn kaum, merkten kaum, daß er ging. Schwestern. In Floras Kehle saß plötzlich ein merkwürdiger Kloß. Sie zwang sich, es auszusprechen. ≫Schwestern?≪

≫Zwillingsschwestern≪, verbesserte die andere. ≫Wie heißen Sie?≪

≫Waring. Flora Waring.≪

Die andere schloß die Augen und schlug sie wieder auf, ganz langsam. Als sie sprach, klang ihre Stimme mühsam beherrscht: ≫So heiße ich auch. Aber ich bin Rose.≪

Kapitel 3

Rose

≫Rose Waring?≪

≫Genaugenommen nicht. Eigentlich Rose Schuster. Ich führe Waring als zweiten Namen, weil mein Vater so hieß, aber mein Stiefvater heißt Harry Schuster. Und er ist schon seit vielen Jahren mein Stiefvater, deshalb habe ich immer Schuster geheißen. Waring ist mein zweiter Name.≪ Sie brach ab, war offenbar außer Atem gekommen. Sie schauten sich immer noch an, nach wie vor verblüfft, aber mit wachsender Vertrautheit.

≫Wissen Sie, wer Ihr richtiger Vater war?≪ fragte Flora schließlich.

≫Ich habe ihn nie gekannt. Er und meine Mutter haben sich getrennt, als ich ein Baby war. Ich glaube, er war Lehrer.≪

Flora dachte an ihren Vater. Mit seiner ausweichenden und zerstreuten Art konnte er einen zum Wahnsinn treiben, aber er war immer ehrlich und aufrichtig. Das ist ausgeschlossen, dachte sie. Es ist ausgeschlossen, daß er so etwas getan und mir nie etwas davon erzählt hat.

Das Schweigen zwischen den beiden Mädchen zog sich in die Länge. Rose hatte offenbar nichts mehr zu sagen. Flora suchte angestrengt nach Worten.

≫Ihre Mutter. Hieß sie…≪ Der Name, selten erwähnt, trieb aus ihrem Unterbewußtsein herauf. ≫Pamela?≪

≫Stimmt.≪

≫Wie alt Sind Sie?≪

≫Zweiundzwanzig.≪

≫Wann haben Sie Geburtstag?≪

≫Am siebzehnten Juni.≪

Das war der endgültige Beweis. ≫Ich auch.≪

≫Ich bin im Zeichen der Zwillinge geboren≪, sagte Rose, und es hatte etwas Verstörendes, mit welcher Selbstverständlichkeit sie Marcias Worte vom selben Morgen wiederholte. Sie lächelte. ≫Das könnte nicht passender sein, meinst du nicht auch?≪

Mein Zwilling. Meine Schwester. ≫Aber was ist passiert?≪ fragte Flora.

≫Ganz einfach. Sie haben beschlossen, sich zu trennen, und jeder hat ein Kind behalten.≪

≫Aber hast du je die leiseste Ahnung davon gehabt?≪

≫Nicht die leiseste. Du?≪

≫Nein. Deshalb bin ich ja so erschüttert.≪

≫Wieso sollte dich das erschüttern? Das ist doch ein ganz normales menschliches Verhalten. Schön ordentlich, äußerst fair.≪

≫Ich finde, sie hätten es uns sagen müssen.≪

≫Wozu wäre das gut gewesen? Was für einen Unterschied hätte es gemacht?≪

Es war klar, daß Rose die Situation mehr amüsierte als niederschmetterte. ≫Ich finde es irrsinnig komisch≪, fuhr sie fort. ≫Und am allerkomischsten ist, daß wir unseren Eltern auf die Schliche gekommen sind. Und was für ein sagenhafter Zufall, daß wir uns einfach so über den Weg gelaufen sind. Aus heiterem Himmel. Warst du schon mal in diesem Restaurant?≪

≫Noch nie.≪

≫Du meinst, du bist einfach so hereingekommen?≪

≫Ich bin erst heute abend in London angekommen. Im letzten Jahr war ich in Cornwall.≪

≫Das macht es ja noch unglaublicher. In dieser ganzen Riesenstadt…≪ Sie breitete die Hände aus und ließ den Satz in der Luft hängen.

≫Es heißt immer≪, sagte Flora, ≫daß London aus eine Haufen Dörfern besteht. Ich nehme an, wenn man sich an das eigene Dorf hält, trifft man zwangsläufig Leute, die man kennt.≪

≫Das kann man wohl sagen. Geh zu Harrod’s, und du stolperst pausenlos über Bekannte. Aber das hier ist trotzdem das Unglaublichste, was mir je passiert ist.≪ Sie warf das Haar aus der Stirn mit einer Geste, die Flora ein wenig erschrocken als ihre eigene erkannte. ≫Was hast du in Cornwall gemacht?≪ fragte Rose, als täte das etwas zur Sache.

≫Mein Vater und ich sind zusammen hingezogen. Er wohnt immer noch dort und unterrichtet.≪

≫Du meinst, er ist immer noch Lehrer?≪

≫Ja, er ist immer noch Schulmeister.≪ Es war grotesk, daß sie so vollkommen durcheinander war. Sie beschloß, den unheimlichen Zufall so sachlich zu behandeln, wie Rose das tat. ≫Und wie ist es dir ergangen?≪ fragte sie und fand, daß sie fremd klang, wie jemand auf einer förmlichen Cocktailparty.

≫Mutter hat wieder geheiratet, als ich zwei war. Er heißt Harry Schuster und ist Amerikaner, aber er hat den größten Teil seines Lebens für eine amerikanische Firma in Europa gearbeitet.≪

≫Du bist also in Europa aufgewachsen?≪

≫Und ob. Wenn es nicht Paris war, dann war es Rom, wenn es nicht Rom war, dann Frankfurt. Du weißt, wie das ist…≪

≫Ist er nett? Mr. Schuster, meine ich.≪

≫Ja. Lieb.≪

Und ungeheuer reich, dachte Flora und musterte den Nerz, den Kaschmir und die Krokotasche. Pamela, die dem armen Schulmeister davongelaufen war, hatte es beim zweitenmal viel besser getroffen.

Sie dachte an etwas anderes. ≫Hast du Geschwister?≪

≫Nein. Und du?≪

≫Ich bin auch ein Einzelkind und werde es wohl bleiben. Pa hat eben wieder geheiratet. Sie heißt Marcia, und sie ist sehr nett, aber nicht mehr ganz jung.≪

≫Wie sieht dein Vater aus?≪

≫Groß. Der typische Gelehrte, nehme ich an. Sehr lieb. Er trägt eine Hornbrille und ist vergeßlich.≪ Sie zögerte und fügte hinzu: ≫Und ausgesprochen wahrheitsliebend. Deshalb finde ich das alles ja so unglaublich.≪

≫Er hat dich noch nie mit einem Lügenmärchen abgespeist?≪

Flora war leicht schockiert. ≫Ich hätte mir nie vorstellen können, daß er fähig ist, die Wahrheit zu unterschlagen, vor einer Lüge ganz zu schweigen.≪

≫Er muß was Besonderes sein.≪ Rose drückte die Zigarette aus, zerrieb sie nachdenklich inmitten des Aschenbechers zu Krümeln. ≫Meine Mutter ist absolut dazu in der Lage, die Wahrheit zu unterschlagen, und auch dazu, eine faustdick Lüge zu erzählen. Aber sie kann ganz reizend sein. Wenn sie will!≪

Wider Willen lächelte Flora, weil Roses Schilderung dem, was sie sich immer vorgestellt hatte, so genau entsprach.

≫Ist sie hübsch?≪ fragte sie.

≫Superschlank und jugendlich. Nicht schön, aber alle Welt hält sie dafür. Es ist eine Art Zaubertrick.≪

≫Ist sie…ist sie jetzt in London?≪ Noch während sie die Frage stellte, dachte sie: Wenn sie hier ist und ich ihr begegne, was werde ich dann sagen? Was werde ich tun?

≫Nein, sie ist in New York. Sie, Harry und ich waren auf einer Amerikareise; ich bin erst letzte Woche nach Heathrow zurückgeflogen. Sie wollte, daß ich bleibe, aber ich mußte herkommen, weil…≪ Sie brach ab, griff nach einer Zigarette und wühlte in ihrer Handtasche nach dem Feuerzeug. ≫Ach, aus verschiedenen Gründen.≪

Flora wartete voller Hoffnung darauf, die Gründe zu erfahren, aber sie wurden von Pietro unterbrochen, der mit dem Champagner und drei Gläsern zurückkam. Mit einer gewisen Theatralik entkorkte er die Flasche und schenkte ein, wanderte mit dem Flaschenhals von Glas zu Glas, ohne einen Tropfen zu verschütten. Schließlich wischte er die Flasche mit einer gestärkten Serviette ab und griff nach seinem Glas.

≫Auf das Wiedersehen. Auf Schwestern, die sich gefunden haben. Ich glaube, das ist eine Fügung Gottes.≪

≫Danke≪, sagte Flora. ≫Prost≪, sagte Rose. Pietro ging mit feuchten Augen davon, und der Rest der Flasche blieb ihnen überlassen. ≫Vermutlich kriegen wir einen ganz schönen Schwips, aber das macht nichts. Wo waren wir?≪

≫Du hast gesagt, daß du aus den Staaten nach London zurückgekomrnen bist.≪

≫O ja. Aber jetzt überlege ich mir, ob ich nach Griechenland fliege. Vielleicht morgen oder übermorgen. Ganz schlüssig bin ich mir noch nicht.≪

Es klang nach einem wunderbaren Jet-set-Leben, von Augenblick zu Augenblick.

≫Wo wohnst du?≪ fragte Flora, darauf gefaßt, daß vom Connaught oder vom Ritz die Rede war. Aber offenbar brachte Harry Schusters Job außer den Apartments in Paris, Frankfurt und Rom auch eine Wohnung in London mit sich. Die Londoner Wohnung war in Cadogan Gardens. ≫Gleich um die Ecke≪, sagte Rose beiläufig. ≫Ich komme hierher, wenn ich was essen will. Und du?≪

≫Du meinst, wo ich wohne? Im Augenblick nirgends. Wie gesagt, ich bin erst heute aus Cornwall gekommen. Ich wollte bei einer Freundin wohnen aber das hat nicht geklappt, ich muß mir also eine Wohnung suchen. Ich muß mir auch einen Job suchen, aber das ist eine andere Geschichte.≪

≫Wo übernachtest du heute?≪

Flora erzählte ihr vom Shelbourne, dem in der Halle abgestellten Gepäck, den Topfpalmen und der erstickenden Atmosphäre. ≫Ich hatte ganz vergessen, wie deprimierend das ist. Aber das macht nichts, es ist ja nur für eine Nacht.≪

Ihr wurde bewußt, daß Rose sie mit einem kühlen und nachdenklichen Ausdruck in den dunklen Augen musterte. (Sehe ich je so aus? fragte sich Flora. Das Wort berechnend ging ihr durch den Kopf und mußte hastig unterdrückt werden.)

Dann sagte Rose: ≫Geh nicht in diese Kaschemme zurück.≪ Flora starrte sie an. ≫Das ist mein Ernst. Wir essen hier was, dann treiben wir ein Taxi auf und holen dein Gepäck, und dann fahren wir in Harrys Wohnung. Dort kannst du erst mal bleiben. Sie ist riesig, hat jede Menge Betten. Außerdem, wenn ich morgen nach Griechenland fliege und wir noch soviel zu besprechen haben, brauchen wir eine ganze Nacht für uns. Es ist sowieso alles ausgesprochen günstig; du kannst in der Wohnung bleiben, wenn ich weg bin. Du kannst dort bleiben, bis du was anderes gefunden hast.≪

≫Aber…≪ Flora merkte, daß sie aus einem unerfindlichen Grund nach Einwänden gegen diesen scheinbar so praktischen Plan suchte. ≫Aber macht das denn niemandem etwas aus?≪ war alles, was ihr einfiel.

≫Wem sollte das etwas ausmachen? Ich sage dem Pförtner Bescheid. Harry ist alles recht, was ich mache. Und Mutter…≪ Irgend etwas erheiterte sie. Sie beendete den Satz nicht und fing an zu lachen. ≫Was würde sie sagen, wenn sie uns jetzt sehen könnte? Wir sind uns begegnet, freunden uns an. Was würde deiner Meinung nach dein Vater dazu sagen?≪

Flora schreckte vor dem Gedanken zurück. ≫Das kann ich mir nicht vorstellen.≪

≫Wirst du ihm sagen, daß wir uns gefunden haben?≪

≫Ich weiß nicht. Vielleicht. Eines Tages.≪

≫War das grausam?≪ fragte Rose, plötzlich nachdenklich. ≫Eineiige Zwillinge zu trennen. Es heißt, daß eineiige Zwillinge die beiden Hälften desselben Menschen sind. Vielleicht war unsere Trennung so, wie wenn man einen Menschen in zwei Hälften schneidet.≪

≫Dann haben sie uns vielleicht einen Gefallen getan.≪

Roses Augen wurden schmal. ≫Ich frage mich≪, sagte sie, ≫warum meine Mutter mich wollte und dein Vater dich.≪

≫Vielleicht haben sie eine Münze geworfen.≪ Flora sprach unbeschwert, aber aus irgendeinem Grund ertrug sie den Gedanken daran nicht.

≫Wäre alles andersherum gekommen, wenn die Münze anders gefallen wäre?≪

≫Es wäre jedenfalls ganz anders gewesen.≪

Anders. Sie dachte an ihren Vater, an Seal Cottage im winterlichen Kaminfeuer, an den teerigen Geruch von brennendem Treibholz. Sie dachte an den zarten Vorfrühling und an das Meer im Sommer, auf dem die Sonnenstrahlen tanzten. Sie dachte an Rotwein in einer Karaffe mitten auf dem blankgescheuerten Tisch, an die tröstlichen Klänge von Beethovens Pastorale, die aus dem Plattenspieler donnerten. Und jetzt erinnerte sie sich an die herzliche und liebevolle Gegenwart von Marcia.

≫Hättest du es anders haben wollen?≪ fragte Rose.

Flora lächelte. ≫Nein.≪

Rose griff nach dem Aschenbecher und drückte die Zigarette aus. Sie sagte: ≫Ich auch nicht. Ich hätte nicht das geringste daran ändern wollen.≪

Jetzt war Freitag.

In Edinburgh hatte sich die Sonne nach einem Morgen voller Wolken und Regen endlich durch den trüben Dunst geschoben, der Himmel klarte auf, und die Stadt glitzerte im strahlenden Herbstlicht. Im Norden, jenseits vom tiefen Indigoblau des Firth of Perth, erstreckten sich die Hügel von Fife gelassen unter einem blaßblauen Himmel. Auf der anderen Seite der Princes Street glühten in den städtischen Blumenbeeten in den Waverly Gardens feurige Dahlien, und jenseits der Eisenbahnlinie stiegen die Felsen an zur eindrucksvollen Silhouette der Burg mit der fernen, wehenden Fahne.

Antony Armstrong, der aus seinem Büro am Charlotte Square kam, war völlig überrascht von der Schönheit des Nachmittags. Weil er sich am Montag freinehmen wollte, hatte er am Morgen besonders viel zu tun gehabt. Er hatte das Mittagessen ausfallen lassen, hatte nicht einmal aus dem Fenster geschaut, sondern einfach durchgearbeitet.

Mit sorgenvoller Miene eilte er zu seinem Wagen. Er wollte unbedingt den nächsten Flug nach London erreichen und sich auf die Suche nach Rose machen. Doch plötzlich blieb er stehen und sah sich um. Er bemerkte die Sonne, die sich auf dem immer noch feuchten Pflaster widerspiegelte die glitzernden, kupferfarbenen Blätter der Bäume auf dem Platz und den Geruch. Es war ein ländlicher Geruch, nach Herbst — eine Andeutung von Torf, Heide und der Wildnis der Hochebenen. Der Duft wehte mit einer frischen Brise von den gar nicht so weit entfernten Bergen herein. Antony stand mit dem Regenmantel über der Schulter und einer Übernachtungstasche in der Hand auf dem Pflaster, atmete tief ein und fühlte sich an Fernrigg und Tuppy erinnert. Es half ihm dabei, sich zu entspannen und nicht mehr so ängstlich zu sein.

Doch er hatte keine Zeit zu vergeuden, deshalb holte er sein Auto, fuhr nach Turnhouse, parkte das Auto wieder und checkte am Abflugschalter ein. Dann, weil er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, bis sein Flug aufgerufen wurde, ging er auf ein Sandwich und ein Glas Bier nach oben.

Der Barkellner war ein alter Bekannter, ihm von vielen Geschäftsreisen nach London vertraut.

≫Hab Sie eine ganze Weile nicht mehr gesehen, Sir.≪

≫Nein. Es muß einen Monat oder länger hersein.≪

≫Schinken oder Ei?≪

≫Geben Sie mir von jedem eins.≪

≫Wieder mal nach London?≪

≫Stimmt.≪

Der Barkellner lächelte wissend. ≫Geht nichts über ein freies Wochenende.≪

≫Vielleicht wird gar kein Wochenende daraus. Vielleicht komme ich morgen zurück. Es kommt ganz darauf an.≪

≫Machen Sie sich doch ein schönes Wochenende und amüsieren Sie sich.≪ Er schob den Krug mit Export über den Tresen. ≫In London ist herrliches warmes Wetter.≪

≫Hier ist es auch nicht so übel.≪

≫Nein, es sieht nach einem schönen Nachmittag aus. Sie werden bestimmt einen angenehmen Flug haben.≪

Er wischte den Tresen ab und wandte sich einem anderen Gast zu. Antony trug das Bier und die Sandwiches zu einem Tisch am Fenster, verstaute Regenmantel und Tasche und zündete sich eine Zigarette an.

Durchs Fenster, jenseits der Terrassenbrüstung, sah er die Berge mit den vom Wind getriebenen Wolken darüber. Er war hungrig. Das Bier und die Sandwiches warteten. Während er dasaß, zuschaute, wie die Wolkenschatten über die Pfützen auf den Start- und Landebahnen jagten, vergaß er seinen Hunger und beschäftigte sich in Gedanken wieder mit Rose. Dazu bedurfte es keiner besonderen Anstrengung. Wenn es um Rose ging, schienen seine Gedanken einen eigenen Willen zu entwickeln. Unaufhörlich kreisten sie um dieselben Fragen, wie Hamster im Laufrad.

Als wäre es eine Lösung für sein Dilemma, griff er in die Jackentasche und holte ihren Brief heraus, obwohl er ihn schon so oft gelesen hatte, daß er ihn auswendig konnte. Er steckte nicht in einem Umschlag, schlicht und einfach, weil er nicht in einem Umschlag angekommen war, sondern in einem schlampigen Päckchen, das eine Schatulle enthielt. Darin lag der Diamant-und-Saphir-Ring, den Antony ihr gekauft hatte.

Er hatte ihn ihr vor vier Monaten im Restaurant des Hotels Connaught gegeben. Sie waren mit dem Essen fertig, der Kellner brachte Kaffee, und irgendwie, ganz plötzlich, war der Augenblick gekommen: der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort, die richtige Frau. Wie ein Zauberkünstler hatte Antony die Schatulle aus der Tasche geholt, sie geöffnet und das Licht auf den Juwelen funkeln lassen.

Rose hatte sofort gesagt: ≫Was für ein hübscher Ring.≪

≫Er ist für dich≪, sagte Antony.

Sie schaute ihm in die Augen, ungläubig, geschmeichelt, aber etwas anderes lag auch noch in ihrem Blick. Er hatte nicht ausmachen können, was dieses andere war.

≫Es ist ein Verlobungsring≪, fuhr er fort. ≫Ich habe ihn heute morgen gekauft.≪ Aus irgendeinem Grund war es wichtig gewesen, daß er den Ring in der Hand hielt, während er sie fragte, ob sie ihn heiraten wolle, als hätte er gewußt, daß sie diesen materiellen Anreiz brauchte. ≫Ich glaube — und ich hoffe, du glaubst es auch — ich glaube, wir sollten heiraten.≪

≫Antony.≪

≫Sag das nicht so vorwurfsvoll.≪

≫Ich sage das nicht vorwurfsvoll. Ich bin nur überrascht.≪

≫Du kannst wohl kaum sagen: ‘Das kommt so plötzlich.’ Schließlich kennen wir uns seit fünf Jahren.≪

≫Aber nicht richtig.≪

≫Ich habe das Gefühl, als ob es so wäre.≪

Und in jenem Augenblick war Antony tatsächlich so zumute. Aber ihre Beziehung war ungewöhnlich, und am ungewöhnlichsten daran war, wie Rose immer wieder in seinem Leben auftauchte — ihm über den Weg lief, wenn er es am wenigsten erwartete, als wäre die ganze Beziehung vom Schicksal vorherbestimmt.

Und doch, als er ihr zum erstenmal begegnet war, hatte sie überhaupt keinen Eindruck auf ihn gemacht. Aber damals war er fünfundzwanzig gewesen und hatte mitten in einer Liebesgeschichte mit einer Schauspielerin gesteckt, die eine Saison lang in Edinburgh gastierte. Und Rose war erst siebzehn gewesen. Ihre Mutter, Pamela Schuster, hatte das Strandhaus in Fernrigg für einen Sommerurlaub gemietet. Antony, über das Wochenende zu Hause, begleitete Tuppy zu einem Picknick an den Strand, wurde vorgestellt und schließlich auf einen Drink ins Strandhaus eingeladen. Die Mutter war charmant und äußerst attraktiv, aber aus irgendeinem Grund hatte Rose an jenem Nachmittag schlechte Laune gehabt. Antony hatte ihre langbeinige Staksigkeit genausowenig gereizt wie ihr schmollender Ausdruck und die einsilbigen Antworten, die er bekam, wenn er versuchte, ein Gespräch anzufangen. Als er das nächste Mal einen Wochenendbesuch in Fernrigg machte, waren sie und ihre Mutter abgereist, und er verschwendete keinen weiteren Gedanken an die Schusters.

Aber dann, als er vor einem Jahr geschäftlich in London gewesen war, hatte er Rose mit einem ernsten jungen Amerikaner mit randloser Brille in der Bar des Savoy getroffen. Als er sie sah, konnte Antony kaum glauben, daß es dasselbe Mädchen war. Sie war schlank, sah phantastisch aus und zog die offene oder verstohlene Aufmerksamkeit jedes männlichen Wesens im Raum auf sich.

Antony ging hin und stellte sich vor, und Rose, vielleicht gelangweilt von ihrem unendlich ernsthaften Begleiter, reagierte mit einer Freude, die ihm schmeichelte. Sie sagte, ihre Eltern machten in Südfrankreich Urlaub. Sie fliege morgen nachmittag zu ihnen. Das hatte ein angenehmes Gefühl der Dringlichkeit geschaffen, und Rose ließ denn auch ohne viel Aufhebens ihren Amerikaner sitzen und ging mit Antony zum Abendessen. ≫Wann kommen Sie aus Südfrankreich zurück?≪ wollte er wissen, schon jetzt schlecht gelaunt bei dem Gedanken, sich von ihr verabschieden zu müssen.

≫Ich weiß es nicht. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.≪

≫Sind Sie denn nirgends angestellt?≪

≫Ach, ich wäre in jedem Job unnütz. Ich bin nie pünktlich und kann nicht tippen, also wäre ich bloß eine Last für alle. Außerdem habe ich es nicht nötig. Und würde bloß jemandem, der es verdient hat, die Butter vom Brot nehmen.≪

Antonys schottisches Gewissen veranlaßte ihn zu der Feststellung: ≫Sie sind eine Drohne. Eine Schande für die Gesellschaft.≪ Aber er sagte es lächelnd, weil sie ihn amüsierte, und Rose nahm keinerlei Anstoß daran.

≫Ich weiß.≪ Sie überprüfte in dem kleinen Spiegel, den sie aus ihrer Handtasche gefischt hatte, ihr kunstvolles Augen-Make-up. ≫Ist das nicht schrecklich?≪

≫Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie aus Südfrankreich zurückkommen.≪

≫Selbstverständlich.≪ Sie klappte die Puderdose zu. ≫Ganz bestimmt.≪

Aber sie hatte ihm nicht Bescheid gesagt. Antony hatte keine Ahnung, wo sie wohnte, und keine Londoner Adresse, deshalb konnte er sich nicht mit ihr in Verbindung setzen. Er schaute unter Schuster im Telefonbuch nach, doch die Nummer war nicht eingetragen. Diskret holte er bei Tuppy Erkundigungen ein, aber Tuppy konnte sich nur daran erinnern, daß die Schusters das Strandhaus gemietet hatten, und wußte nicht, unter welcher Adresse sie zu erreichen waren.

≫Warum willst du das wissen?≪ Ihre Stimme am Telefon klang neugierig.

≫Ich habe Rose in London wiedergetroffen. Ich möchte mich bei ihr melden.≪

≫Bei Rose? Diesem hübschen Kind? Wie spannend.≪

Als Antony sie wiedergefunden hatte, fing der Sommer an. In Londons Gärten duftete der Flieder, und ein Schleier aus eben erst grünenden Blättern überzog die Parks.

Antony war wieder einmal im Süden, um Gespräche mit einem Kunden seiner Firma zu führen. Beim Mittagessen bei Scott’s im Strand traf er einen alten Schulfreund, der ihn zu einer Party am selben Abend einlud. Der Freund wohnte in Chelsea, und als Antony die Wohnung im obersten Stockwerk betrat, war Rose der erste Mensch, den er sah.

Rose. Er wußte, eigentlich hätte er wütend auf sie sein müssen, aber statt dessen setzte sein Herz einen Schlag aus. Sie trug einen Anzug aus blauem Leinen, Schuhe mit hohen Absätzen, und das lange Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Sie sprach mit einem Mann, doch Antony machte sich gar nicht erst die Mühe, ihn näher zu betrachten. Sie war hier. Er hatte sie gefunden. Das Schicksal hatte sich eingeschaltet. Das Schicksal wollte nicht, daß sie getrennt blieben. Antony, aufgewachsen in den Highlands, glaubte fest an das Schicksal.

Er nahm einen Drink von einem vorbeigetragenen Tablett und ging hin, um Rose mit Beschlag zu belegen.

Dieses Mal war es vollkommen. Er hatte drei Tage in London, und sie fuhr nicht nach Südfrankreich. Soweit er feststellen konnte, fuhr sie nirgendshin. Ihre Eltern waren in New York, wo sich Rose mit ihnen treffen wollte — irgendwann. Nicht gleich. Sie wohnte im Apartment ihres Vaters in Cadogan Court. Antony meldete sich in seinem Club ab und zog ebenfalls ein.

Alles ging gut. Sogar das Wetter lächelte ihnen zu. Tagsüber schien die Sonne, Fliederzweige neigten sich vor dem blauen Himmel, Fensterkästen quollen über vor Blumen, und stets schienen die besten Plätze in Restaurants auf sie zu warten. Nachts segelte ein runder, silberner Mond über den Himmel und tauchte die Stadt in romantisches Licht. Antony gab in vollen Zügen Geld aus, und die untypische Orgie der Verschwendung gipfelte in jenem Morgen, an dem er zu einem Juwelier in der Regent Street ging und den Ring mit den Diamanten und Saphiren kaufte.

Sie waren verlobt. Er konnte es kaum glauben. Damit es wahr wurde, schickten sie ein Telegramm nach New York und riefen in Fernrigg an. Tuppy staunte, war aber begeistert. Sie sehnte sich schon lange danach, daß Antony heiratete und einen Hausstand gründete.

≫Du mußt sie herbringen. Es ist so lange her, seit sie hier war. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie sie aussieht.≪

Antony schaute Rose an und sagte: ≫Sie ist schön. Das Schönste, was es auf der Welt gibt.≪

≫Ich kann es nicht erwarten, sie wiederzusehen.≪

≫Sie sagt, sie kann es nicht erwarten≪, berichtete er Rose.

≫Ich fürchte, sie wird eine Weile warten müssen, Schatz. Ich muß erst noch nach Amerika. Ich habe es meiner Mutter und Harry versprochen. Er hat so tolle Pläne gemacht, und er regt sich immer furchtbar auf, wenn er sie ändern muß. Ich muß hin. Erklär es Tuppy.≪

Antony erklärte es. ≫Wir kommen bestimmt≪, versprach er. ≫Später, wenn Rose zurück ist. Ich bringe sie nach Fernrigg, und du kannst sie richtig kennenlernen.≪

Rose flog also nach New York, und Antony kehrte, benommen von Liebe und Glück, nach Edinburgh zurück. ≫Ich schreibe≪, hatte sie versprochen, aber sie schrieb nicht. Antony verfaßte in seiner Verliebtheit ganze Romane, die sie nicht beantwortete. Er wurde unruhig. Er schickte Telegramme, auf die er ebenfalls keine Antwort bekam. Schließlich raffte er sich zu einem ungeheuer teuren Anruf bei ihr zu Hause in Westchester County auf, doch Rose war nicht da. Ein Dienstbote ging ans Telefon, mit einem so starken Akzent, daß Antony so gut wie nichts verstand. Er konnte nur vermuten, Rose sei verreist, mit unbekannter Adresse, und es sei ungewiß, wann sie zurückkomme.

Ihm war schon ganz verzweifelt zumute, als die erste Postkarte eintraf. Es war ein Bild vom Grand Canyon mit einer hingekritzelten zärtlichen Botschaft, die ihm gar nichts sagte. Eine Woche später kam die zweite Karte. Rose blieb den ganzen Sommer in Amerika, und während dieser Zeit bekam er fünf Postkarten von ihr, eine unbefriedigender als die andere.

Klagende Nachfragen aus Fernrigg machten die Situation auch nicht besser. Antony gelang es, sie mit denselben Entschuldigungen abzuwimmeln, die er auch sich selbst gegenüber gebrauchte. Rose war einfach schreibfaul.

Aber trotz dieser Entschuldigungen machten ihm Zweifel zu schaffen und schwollen zu monströsen Wolken an, die seinen Horizont verfinsterten. Er verlor das Vertrauen zu seinem soliden, schottischen gesunden Menschenverstand. Hatte er sich zum Narren gemacht? Waren die zauberhaften Tage mit Rose in London nur eine blendende Illusion von Liebe und Glück gewesen?

Und dann geschah etwas was jeden Gedanken an Rose aus seinem Kopf vertrieb. Isobel rief aus Fernrigg an und sagte ihm, Tuppy sei krank: sie habe sich erkältet, daraus sei eine Lungenentzündung geworden, sie hätten eine Schwester eingestellt, die sie pflege. Isobel versuchte, ruhig zu klingen, und tat ihr Bestes, Antony zu beruhigen. ≫Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich bin sicher, daß alles gut wird. Ich wollte es dir bloß sagen. Ich beunruhige dich ungern, aber ich weiß, du willst es wissen.≪

≫Ich komme nach Hause≪, sagte er sofort.

≫Nein. Tu das nicht. Das würde sie mißtrauisch machen, sie würde denken, es steht schlimm um sie. Vielleicht, wenn Rose aus Amerika zurück ist. Falls sie…≪ Isobel zögerte hoffnungsvoll. ≫Vielleicht ist sie ja schon zurück?≪

≫Nein≪, sagte Antony. ≫Nein. Noch nicht. Aber ich bin sicher, daß sie jetzt bald kommt.≪

≫Ja≪, sagte Isobel. ≫Das glaube ich auch.≪ Es klang, als wolle sie ihn trösten, wie sie ihn immer getröstet hatte, wenn er als Kind traurig gewesen war. Antony wußte, daß er es war, der sie hätte trösten sollen. Dadurch fühlte er sich noch elender.

Es kam ihm vor, als mache er sich über einen gereizten Blinddarm Sorgen, während er gleichzeitig akute Zahnschmerzen hatte. Er wußte nicht, was er tun sollte, und schließlich, aus einer Unschlüssigkeit heraus, die seinem Wesen eigentlich vollkommen fremd war, tat er gar nichts.

Diese Unschlüssigkeit hielt eine Woche lang an, dann nahmen seine Probleme schlagartig ein Ende. Die Post brachte das schlampige Päckchen von Rose, in London abgestempelt, das den Verlobungsring enthielt und den einzigen Brief, den sie ihm je geschrieben hatte. Und während er immer noch unter Schock stand, kam der Zweite Anruf von Isobel. Dieses Mal war es Isobel nicht gelungen, tapfer zu sein. Tränen und Angst hatten die Oberhand gewonnen, und ihre zittrige Stimme verriet die erschütternde Wahrheit. Hugh Kyle machte sich offenbar Sorgen um Tuppy. Isobel hatte den Verdacht, es gehe ihr viel schlechter, als sie bisher angenommen hatten. Vielleicht würde sie sterben.

Tuppys einziger Wunsch war, Antony und Rose zu sehen. Sie sehnte sich nach ihnen, machte sich Sorgen, wollte Hochzeitspläne schmieden. Es wäre grauenhaft, sagte Isobel, wenn Tuppy ihn und Rose nie zusammen sehen könnte.

Es war klar, was das zu bedeuten hatte. Antony brachte es nicht übers Herz, Isobel die Wahrheit zu sagen, und schon als er hörte, wie er das unmögliche Versprechen machte, fragte er sich, wie er es halten sollte.

Mit der Ruhe des Verzweifelten machte er Pläne. Er sprach mit seinem Chef, bat mit so wenigen Erklärungen wie irgend möglich um ein langes Wochenende, das ihm zugestanden wurde. In störrischer Hoffnungslosigkeit rief er in der Wohnung der Schusters in London an; als sich niemand meldete, verfaßte er ein wortreiches Telegramm und schickte es ab. Er buchte einen Platz im Flugzeug nach London. Jetzt, auf dem Flughafen, während er darauf wartete, daß der Flug aufgerufen wurde, griff er in die Jackentasche und nahm den Brief heraus. Das Papier war dunkelblau und luxuriös, die Adresse auf dem Briefkopf dick eingeprägt.

Cadogan Court 82 London, S.W. 1

Aber leider konnte Roses Schrift mit der Adresse nicht mithalten. Sie war krakelig, so ungeformt wie die eines Kindes, und schlängelte sich über das Blatt, mit schiefen Zeilen und so gut wie nicht vorhandener Interpunktion.

Liebster Antony, es tut mir ungeheuer leid aber ich schicke Dir Deinen Ring zurück weil ich nun doch nicht glaube, daß ich Dich heiraten kann, es ist alles ein grauenhafter Fehler. Nicht nur grauenhaft weil Du lieb warst und mir unsere gemeinsame Zeit Spaß gemacht hat aber jetzt weiß ich, daß ich noch nicht bereit bin häuslich zu werden schon gar nicht in Schottland, ich meine ich habe nichts gegen Schottland, es ist ganz hübsch aber ich gehöre nicht dorthin. Nicht für immer, meine ich. Ich bin letzte Woche nach London geflogen und bleibe ein paar Tage hier, weiß nicht recht was ich dann mache. Meine Mutter läßt Dich grüßen aber sie glaubt ich sollte noch nicht heiraten und wenn doch, dann auf keinen Fall in Schottland leben. Sie glaubt auch nicht, daß ich dorthin passe. Es tut mir also ungeheuer leid aber besser jetzt als später. Scheidungen sind so unappetitlich und dauern so lange und kosten eine Menge Geld.

Alles Liebe ( trotzdem )

Rose

Antony faltete das Blatt zusammen, steckte es wieder in die Tasche und tastete nach dem glatten Leder der Schatulle mit dem Ring. Dann machte er sich über das Bier und die Sandwiches her. Er war kaum damit fertig, als sein Flug aufgerufen wurde.

Er war um halb drei in Heathrow, nahm den Bus zum Terminal und dann ein Taxi. London war merklich wärmer als Edinburgh und strahlte in der Herbstsonne. Die Bäume hatten sich noch kaum verfärbt und der Rasen im Park war abgetreten und braun nach dem langen Sommer. In der Sloane Street schien es von unbeschwerten Kindern zu wimmeln, die an der Hand elegant gekleideter junger Mütter von der Schule nach Hause gingen. Falls Rose nicht da ist, dachte er, setze ich mich und warte auf sie, verdammt noch mal.

Das Taxi bog auf den Platz ein und hielt vor dem vertrauten roten Backsteingebäude. Es war ein Neubau, äußerst nobel, mit Lorbeerbäumchen vor der breiten Steintreppe und jeder Menge Glas.

Antony bezahlte das Taxi und ging die Treppe hinauf durch die Glastür. Drinnen lag dunkelbrauner Teppichboden, an der Wand standen Palmen in Kübeln, und der Geruch von Leder und teuren Zigarren hing in der Luft.

Der Portier stand nicht hinter dem Tresen, war auch nirgends zu sehen. Vielleicht, dachte Antony, als er den Aufzugsknopf drückte, war er kurz weggegangen, um sich eine Abendzeitung zu besorgen. Der Lift schnurrte heran, die Türen öffneten sich geräuschlos. Als Antony eingetreten war, schlossen sie sich ebenso geräuschlos. Er drückte den Knopf für den vierten Stock und dachte daran, wie er mit Rose in den Armen in diesem Lift gestanden und sie jedesmal geküßt hatte, wenn sie ein weiteres Stockwerk passierten. Es war eine schmerzliche Erinnerung.

Der Aufzug hielt, die Türen öffneten Sich wieder. Er griff nach seiner Tasche, ging hinaus und den langen Flur entlang, blieb vor der Tür von Nummer 82 stehen und klingelte, ohne sich Zeit zum Nachdenken zu lassen. Drinnen ertönte das tiefe Surren der Klingel. Er stellte die Tasche ab, streckte die Hand aus, um sich gegen den Türrahmen zu lehnen, und wartete ohne viel Hoffnung. Sie war bestimmt nicht da. Er fühlte sich schon jetzt erschöpft bei dem Gedanken daran, was folgen würde.

Und dann hörte er plötzlich ein Geräusch. Er blieb bewegungslos stehen und lauschte. Eine Tür ging zu. Eine andere Tür ging auf. Schritte kamen über den kurzen Flur von der Küche her, und im nächsten Augenblick flog die Tür auf. Rose stand vor ihm.

Er starrte sie an wie ein Idiot, und die wildesten Gedanken jagten durch seinen Kopf. Sie war da, er hatte sie gefunden. Sie sah nicht allzu wütend aus. Sie hatte sich das Haar abschneiden lassen.

Sie sagte: ≫Ja?≪, was seltsam wirkte, aber es war ja auch eine seltsame Situation.

Antony sagte: ≫Hallo, Rose.≪

≫Ich bin nicht Rose≪, sagte Rose.

Kapitel 4

Antony

Jener Freitag versank für Flora in einem Nebel der Unsicherheit — eine Nachwirkung des unglaublichen Vortags. Sie hatte soviel vorgehabt und schließlich überhaupt nichts erreicht.

Wie geplant besuchte sie die Stellenvermittlungen und verschiedene Immobilienmakler, doch ihr Verstand verweigerte beharrlich die Beschäftigung mit den anstehenden Problemen.

≫Wollen Sie eine Stelle auf Zeit oder auf Dauer?≪ hatte das Mädchen bei der Stellenvermittlung gefragt, aber Flora starrte sie einfach nur an und erwiderte nichts, verfolgt von Bildern, die nichts mit Steno und Maschineschreiben zu tun hatten. Es war, als wären plötzlich Fremde in ein wohlgeordnetes Haus eingedrungen und hätten die Macht übernommen. Sie beanspruchten Floras Aufmerksamkeit in einem Maß, daß sie an nichts anderes mehr denken konnte.

≫In Fulham ist eine Souterrainwohnung zu vermieten. Sie ist natürlich recht klein, aber wenn es nur für Sie ist …≪

≫Ja.≪ Sie sollte sich die Wohnung anschauen. Es klang perfekt. ≫Ja. Ich werde darüber nachdenken.≪ Und sie trat auf die Straße hinaus und ging weiter, ziellos und geistesabwesend.

Ein Teil des Problems war natürlich, daß sie zuwenig geschlafen hatte und von den Ereignissen des Vortages körperlich erschöpft war. Es war ein verrückter Abend gewesen. Flora und Rose hatten gemeinsam bei Seppi’s zu Abend gegessen, den Champagner ausgetrunken, eine zweite Flasche geschenkt bekommen und beim Kaffee gesessen, bis Seppi sie angesichts einer Schlange von Gästen, die auf Tische warteten, widerstrebend gehen ließ. Rose hatte die Rechnung mit einer Kreditkarte bezahlt. Das Essen kostete mehr, als Flora für möglich gehalten hatte, aber Rose machte nur eine wegwerfende Handbewegung. Sie sagte, es bestehe kein Grund zur Sorge, Harry Schuster werde dafür aufkommen. Das mache er immer.

Sie trieben dann ein Taxi auf und fuhren zum Shelbourne Hotel, wo Rose abfällige Bemerkungen über die Einrichtung, das Personal und die Gäste machte, während Flora, verlegen und darum bemüht, nicht zu lachen, der traurigen Frau an der Rezeption die unerklärliche Situation erklärte. Schließlich wurde ein Hausdiener dazu überredet, die Koffer in das wartende Taxi zu schleppen, und sie fuhren zum Cardogan Court.

Die Wohnung lag im vierten Stock. Flora hätte sich solchen Luxus nie träumen lassen — so viele Teppiche, indirekte Beleuchtung und Installationen aus dem Raumfahrtzeitalter. Glastüren glitten auf, wenn man einen kleinen, mit Topfpflanzen überfüllten Balkon betreten wollte; die hauchzarten Leinenvorhänge schlossen sich auf Knopfdruck; in den Schlafzimmern war der Teppichboden weiß und etwa fünf Zentimeter dick (ärgerlich, wenn man einen Ring oder eine Haarnadel fallen ließ, sagte Rose); und die Bäder rochen allesamt nach besonders teuren Seifen und Badeölen.

Flora wurde lässig in ein Zimmer verfrachtet (blaßblaue Vorhänge aus Thaiseide und überall Spiegel) und zum Auspacken genötigt. Folgsam nahm sie ihr Nachthemd aus dem Koffer, während Rose auf dem Bett saß.

Plötzlich fiel Flora etwas ein. ≫Möchtest du sehen wie dein Vater aussieht?≪

≫Fotos!≪ Rose klang, als wäre ihr so etwas völlig neu.

Flora holte ein dickes Lederalbum hervor und reichte es Rose, und sie saßen nebeneinander auf dem breiten Bett, ein dunkler Kopf neben dem anderen, während die Spiegel überall im Zimmer das Bild der Zwillinge einfingen.

Da war Seal Cottage, der Garten, das Hochzeitsfoto, das Flora von ihrem Vater und Marcia gemacht hatte, als sie aus der Kirche kamen. Da war das große Foto von ihm, wie er auf den Felsen unterhalb des Cottage saß, Meer und Möwen im Hintergrund, das Gesicht gebräunt, das Haar in der Brise wehend.

Roses Reaktion war befriedigend. ≫Oh, er ist großartig! Wie ein umwerfender Filmstar mit Brille. Ich begreife ganz gut, warum meine Mutter ihn geheiratet hat. Und andererseits begreife ich es überhaupt nicht. Ich meine, ich kann mir nur vorstellen, daß sie mit einem Mann wie Harry verheiratet ist.≪

≫Du meinst, mit einem reichen Mann.≪

≫Ja, ich glaube schon.≪ Sie warf noch einen Blick auf das Foto. ≫Ich frage mich, warum sie überhaupt geheiratet haben. Glaubst du, daß sie irgend etwas gemeinsam hatten?≪

≫Vielleicht waren sie verliebt. Sie haben sich in einem Skiurlaub kennengelernt. Hast du das gewußt?≪

≫Ist das dein Ernst?≪

≫Skiurlaube sind ein bißchen wie Seereisen, jedenfalls habe ich das gehört. Berauschende Luft, gebräunte Körper und nichts zu tun, als sich körperlich anzustrengen und zu verlieben.≪

Rose grinste. ≫Das werd ich mir merken.≪ Plötzlich langweilten sie die Fotos. Sie warf sie auf den seidenen Bettüberwurf und schaute ihre Schwester lange an. Ohne die leiseste Änderung im Ton fragte sie: ≫Möchtest du baden?≪

Sie nahmen also beide ein Bad, und Rose stapelte Platten auf dem Plattenspieler, während Flora eine Kanne Kaffee kochte. In den Hausmänteln (Flora in ihrem alten aus dem Internat, Rose in einem Wunder aus wehender, mit Blumen übersäter Seide) saßen sie auf dem riesigen Sofa und redeten.

Und redeten. Viele Jahre mußten überbrückt werden. Rose erzählte Flora von dem Haus in Paris, ihrem Schulabschluß im Chäteau d’Oex und den Wintern in Kitzbühel. Und Flora informierte Rose über ihre Geschichte (die nicht annähernd so aufregend klang), schmückte den Fund und den Kauf von Seal Cottage nach besten Kräften aus, Marcias Ankunft in ihrem Leben und die Jobs, die sie in der Schweiz und in Griechenland angenommen hatte. Dabei fiel ihr etwas ein.

≫Rose, hast du gesagt, daß du nach Griechenland willst?≪

≫Vielleicht. Aber nach diesem Sommer, in dem ich in den USA herumgeflogen bin, habe ich allmählich das Gefühl, ich will nie wieder in ein Flugzeug steigen. Nie wieder.≪

≫Du meinst, du hast den ganzen Sommer dort verbracht?≪

≫Fast den ganzen. Harry hatte diese Reise seit Jahren geplant, und wir haben alles gemacht, sind die Stromschnellen im Salmon River hinuntergejagt und auf Maultieren den Grand Canyon entlanggeritten, mit Kameras behängt. Typische Touristen.≪ Sie runzelte die Stirn. ≫Wann hat dein Vater wieder geheiratet?≪

Es war schwierig, mit ihren Gedankengängen Schritt zu halten. ≫Im Mai.≪

≫Magst du Marcia?≪

≫Ja, das habe ich dir doch schon gesagt. Sie ist großartig, rundum.≪ Flora grinste, dachte an Marcias üppige Hüften und die spannenden Blusenknöpfe. ≫In mehr als einer Hinsicht.≪

≫Er sieht wirklich toll aus. Ich frage mich, wie er es geschafft hat, so lange ledig zu bleiben?≪

≫Ich habe keine Ahnung.≪

Rose legte den Kopf schief und schaute Flora unter langen, dichten schwarzen Wimpern hervor an. ≫Wie ist das bei dir? Bist du verliebt, verlobt, im Begriff zu heiraten?≪

≫Im Augenblick nicht.≪

≫Hast du je ans Heiraten gedacht?≪

Flora zuckte die Achseln. ≫Du weißt, wie das ist. Anfangs denkt man, jeder neue Mann, den man trifft, steht irgendwann neben einem vor dem Traualtar. Und dann ist es plötzlich nicht mehr so wichtig.≪ Sie schaute Rose neugierig an.

≫Und du?≪

≫Mir geht es genauso.≪ Rose stand auf und machte sich auf die Suche nach einer Zigarette. Sie zündete sie an, und dabei fiel das dunkle Haar nach vorn und verbarg ihr Gesicht. ≫Wie auch immer, wer will schon langweilige Hausarbeit und schreiende Kinder?≪

≫Vielleicht ist das gar nicht so schlimm.≪

≫Dir würde es vermutlich gefallen. Dir würde es vermutlich gefallen, mitten auf dem Land zu leben, irgendwo im Niemandsland.≪

Aus irgendeinem Grund fühlte sich Flora zur Verteidigung aufgerufen. ≫Ich mag das Landleben. Und ich würde überall leben, unter der Voraussetzung, daß ich mit dem Mann lebe, mit dem ich leben will.≪

≫Mit ihm verheiratet?≪

≫Das wäre mir lieber.≪

Rose griff nach der Zigarette und drehte Flora den Rücken zu. Sie ging zum Fenster, zog den Vorhang zurück und schaute auf den erleuchteten Platz hinunter. Nach einer Weile sagte sie: ≫Apropos Griechenland — wenn ich morgen fliegen und dich hier allein lassen würde, wäre das sehr schlimm für dich?≪

Es war schwer, nicht völlig verblüfft zu klingen. ≫Morgen?≪

≫Ich meine, am Freitag. Na ja, ich nehme an, das ist heute.≪

≫Heute?≪ Wider Willen kam Floras Stimme vor Überraschung ganz piepsig heraus.

Rose drehte sich um. ≫Es würde dir etwas ausmachen≪, sagte sie zu Flora. ≫Deine Gefühle wären verletzt.≪

≫Red keinen Unsinn. Du hast mich nur überrascht. Ich meine, ich habe nicht geglaubt, daß das mit der Reise nach Griechenland dein Ernst ist. Ich habe gedacht, du redest bloß darüber.≪

≫O doch. Ich habe sogar einen Platz im Flugzeug gebucht, aber ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich fliegen will. Aber plötzlich glaube ich, ich will. Du hältst das nicht für gemein von mir?≪

≫Selbstverständlich nicht≪, sagte Flora energisch.

Rose lächelte. ≫Weißt du, so ähnlich, wie ich gedacht habe, sind wir uns doch nicht. Du bist soviel ehrlicher, und das ist leicht zu durchschauen. Ich weiß genau, was du denkst.≪

≫Was denke ich?≪

≫Daß ich ein Miststück bin, weil ich dich allein lasse. Du fragst dich, warum ich plötzlich nach Griechenland muß.≪

≫Willst du es mir sagen?≪

≫Ich glaube, du hast es erraten. Es geht um einen Mann. Das hast du vermutet, nicht wahr?≪

≫Schon möglich.≪

≫Ich habe ihn auf einer Party in New York kennengelernt, kurz bevor ich nach London zurückgeflogen bin. Er lebt in Athen, aber gestern morgen habe ich ein Telegramm bekommen. Im Augenblick ist er auf Spetse, er hat dort von Freunden ein Haus gemietet. Er möchte, daß ich hinkornme.≪

≫Dann mußt du hin.≪

≫Das ist dein Ernst, nicht wahr?≪

≫Natürlich. Ich bin kein Grund für dich, in London zu bleiben. Außerdem muß ich mir Arbeit und eine Wohnung suchen.≪

≫Du bleibst hier in der Wohnung, ja?≪

≫Weißt du …≪

≫Ich bringe es mit dem Portier in Ordnung. Bitte.≪ Roses Stimme klang ängstlich, fast flehend. ≫Sag, daß du bleibst. Wenigstens ein paar Tage. Über das Wochenende. Es würde mir soviel bedeuten.≪

Flora war verwirrt, aber nichts sprach dagegen — es gab keinen Grund, eine derart angenehme Einladung auszuschlagen. ≫Na schön. Bis Montag. Aber nur, wenn du sicher bist, daß es in Ordnung geht.≪

≫Natürlich geht es in Ordnung.≪ Rose lächelte strahlend, mit Floras Lächeln. Sie kam durchs Zimmer und umarmte Flora. ≫Und jetzt komm und hilf mir packen.≪

≫Aber es ist drei Uhr morgens!≪

≫Das macht doch nichts. Koch noch eine Kanne Kaffee.≪

≫Aber…≪ Flora hatte sagen wollen: ≫Ich bin todmüde≪, doch sie schwieg. Rose war eben so. Sie hatte ein solches Tempo, daß man hinter ihr herwirbelte, in ihrem Windschatten gefangen, ohne genau zu wissen, wo es hinging.

Rose brach schließlich am Freitag um elf Uhr morgens zur esten Etappe ihrer langen Reise nach Spetse auf . Sie ließ Flora auf dem Pflaster vor dem Wohnblock stehen.

≫Auf bald≪, sagte sie und umarmte Flora zum Abschied. ≫Laß den Schlüssel beim Portier, wenn du ausziehst.≪

≫Schick mir eine Karte.≪

≫Natürlich. Es war toll. Ich melde mich.≪

≫Viel Spaß, Rose.≪

Rose sprang in das wartende Taxi, schlug die Tür zu und beugte sich aus dem offenen Fenster. ≫Paß auf dich auf!≪ rief sie und das, Taxi fuhr an, während Rose den Arm in der Nerzjacke schwenkte. Flora stand winkend da, bis das Taxi um die Ecke des Platzes bog und in der Sloane Street verschwand.

Das war es also gewesen. Es war vorbei. Flora drehte sich langsam um und ging hinein, fuhr im Lift nach oben und betrat die leere Wohnung. Sie kam sich fremd vor. Ohne Rose wirkte alles so still.

Sie ging ins Wohnzimmer und fing halbherzig damit an, Kissen aufzuschütteln, Vorhänge anfzuziehen und Aschenbecher zu leeren. Dann schaute sie sich Harry Schusters Bücherregale an. Beim Blättern vergaß sie die Hausarbeit und stellte fest, daß er Hemingway las, Robert Frost, Norman Mailer und Simenon (auf französisch). In den Gestellen am Plattenspieler standen Langspielplatten von Aaron Copland, und der Frederic Remington über dem Kamin dokumentierte einen gewissen Stolz auf sein Land und dessen beste Leistungen.

Harry Schuster nahm Gestalt an. Flora meinte, sie hätte ihn gemocht. Aber es war schwer, ähnlich freundliche Gefühle für eine Mutter zu empfinden, die einen nach der Geburt im Stich gelassen hatte, in ein sorgloses Eheleben weitergezogen war und die Zwillingsschwester mitgenommen hatte.

Aus den Gesprächen der letzten Nacht mit Rose und den Fotos hatte Flora sich ein so deutliches Bild von Pamela Schuster zusammengesetzt, als kenne sie diese Frau schon lange: schön und weltgewandt, nach teurem Parfum duftend, angezogen von Dior oder schlank wie ein Junge in verschossenen Jeans; Pamela in St. Tropez, beim Skilaufen in St. Moritz, beim Mittagessen im La Grenouille in New York; dunkle Augen, strahlend vor Vergnügen, kurz geschnittenes dunkles Haar, das Lächeln ein weißes Aufblitzen. Sie besaß allen Charme und alle Selbstsicherheit der Welt — aber Liebe, Zärtlichkeit? Flora war skeptisch.

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug mit silberhellen Schlägen zwölf. Der Morgen war vorbei. Flora riß sich zusammen, machte sich ein Sandwich, trank ein Glas Milch, griff nach ihrer Tasche und verließ die Wohnung.

Ohne Begeisterung machte sie sich auf Arbeitssuche. Am späten Nachmittag kam sie in die Wohnung zurück, ohne etwas erreicht zu haben. Völlig erschöpft vom Herumlaufen und Treppensteigen ging sie in die Küche und setzte den Kessel auf, um sich eine Tasse Tee zu kochen. Heute abend würde sie ein Bad nehmen, fernsehen und zeitig zu Bett gehen. Rose hatte darauf bestanden, daß sie über das Wochenende blieb. Vielleicht fühlte sie sich am Montag energischer und geschäftstüchtiger. Als das Wasser kochte, klingelte es an der Tür.

Das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Flora sagte: ≫Verdammt≪, stellte den Herd ab und ging zur Wohnungstür.

Als sie im Flur an einem Spiegel vorbeikam, erhaschte sie einen Blick auf sich, gleichermaßen müde und aufgelöst, mit glänzendem Gesicht und lässig hochgerollten weißen Blusenärmeln. Sie sah aus, als hätte sie den Fußboden geschrubbt. Seufzend öffnete sie die Tür.

Ein Mann — groß, schlank, ziemlich jung — stand davor. Er trug einen gutgeschnittenen braunen Fischgrätanzug, und sein Haar glänzte in dunklem Kupferrot, wie das Fell eines irischen Setters. Sein Gesicht war schön geschnitten, niit bleicher, sommersprossiger Haut — der Typ, der einen Sonnenbrand bekam, ehe er braun wurde. Die Augen waren hell und klar, ein grünliches Grau. Sie starrten Flora an, als erwarte er, daß sie den erstenSchritt tat. Schließlich sagte Flora: ≫Ja?≪

Er sagte: ≫Hallo, Rose.≪

≫Ich bin nicht Rose≪, sagte Flora.

Eine kurze Pause entstand, in der sich der Ausdruck des jungen Mannes kaum veränderte. Dann sagte er: ≫Wie bitte?≪, als habe er nicht richtig gehört.

≫Ich bin nicht Rose≪, wiederholte Flora etwas lauter, als wäre er schwerhörig oder blöd oder möglicherweise beides. ≫Ich bin Flora.≪

≫Wer ist Flora?≪

≫Ich≪, sagte Flora wenig hilfsbereit, bereute es aber sofort. ≫Ich meine, ich wohne über das Wochenende hier.≪

≫Das soll wohl ein Witz sein?≪

≫Nein, keineswegs.≪

≫Aber Sie sehen genauso aus…≪ Er brach ab und sah sie hilflos an.

≫Ja, ich weiß.≪

Er schluckte und sagte mit leicht brüchiger Stimme: ≫Zwillinge?≪

≫Ja.≪

Er versuchte es noch einmal. ≫Schwestern?≪

≫Ja.≪

≫Aber Rose hat keine Schwester.≪

≫Nein, sie hatte keine, aber jetzt hat sie eine. Ich meine, seit gestern abend.≪

Wieder entstand eine lange Pause, dann sagte der junge Mann: ≫Meinen Sie, daß Sie mir das erklären könnten?≪

≫ja, natürlich. Sehen Sie…≪

≫Meinen Sie, daß ich hereinkommen kann, ehe Sie mit der Erklärung anfangen?≪

Flora zögerte; ihre Gedanken überstürzten sich. Harry Schusters Wohnung, voll von kostbaren Dingen; sie war verantwortlich; ein unbekannter junger Mann, möglicherweise mit kriminellen Absichten…Jetzt war sie an der Reihe, einen Kloß im Hals hinunterzuschlucken.

≫Ich weiß nicht, wer Sie sind.≪

≫Ich bin Antony Armstrong. Ich bin ein Freund von Rose. Ich bin eben mit dem Flugzeug aus Edinburgh gekommen.≪ Flora zögerte immer noch. Der junge Mann wurde ungeduldig, vielleicht mit einer gewissen Berechtigung. ≫Hören Sie, fragen Sie Rose. Wenn sie nicht da ist, rufen Sie sie an. Ich warte.≪

≫Ich kann sie nicht anrufen.≪

≫Warum?≪

≫Sie ist nach Griechenland gefahren.≪

≫Griechenland?≪

Das ungläubige Entsetzen in seiner Stimme und die Art, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich, überzeugten Flora schließlich. Kein Mensch, was für üble Absichten er auch haben mochte, konnte einen solchen Schock vortäuschen. Sie trat zur Seite und sagte: ≫Kommen Sie herein.≪

Zu ihrer Erleichterung schien er sich sofort in der Wohnung zu Hause zu fühlen, legte Reisetasche und Regenmantel auf dem Stuhl im Flur ab, als habe er das schon oft getan. Schon etwas ruhiger fragte Flora, ob er eine Tasse Tee wolle. Er nickte, noch immer benommen. Sie gingen in die Küche, und Flora machte den Herd wieder an. Während sie Tassen und Untertassen aus dem Schrank nahm, spürte sie, daß er sie unverwandt anstarrte, jede ihrer Bewegungen beobachtete.

≫Indischen oder chinesischen?≪ fragte sie.

≫Indischen. Möglichst stark, bitte.≪ Er zog einen hohen Küchenhocker heran und ließ sich darauf nieder. ≫Jetzt erzählen Sie schon≪, sagte er.

≫Was wollen Sie wissen?≪

≫Sind Sie wirklich Roses Schwester?≪

≫Ja, wirklich.≪

≫Aber was ist passiert?≪

In so kurzen Worten wie möglich erzählte Flora es ihm: die gescheiterte Ehe von Ronald und Pamela Waring; die Trennung der Zwillinge; die beiden Schwestern, die bis zu der Begegnung gestern abend bei Seppi’s nichts voneinander gewußt hatten.

≫Sie meinen, das war erst gestern abend?≪

≫Das habe ich Ihnen doch gesagt.≪

≫Ich kann es kaum glauben.≪

≫Wir konnten es auch kaum glauben, aber so war es. Nehmen Sie Milch und Zucker?≪

≫Ja, beides. Und was ist dann passiert?≪

≫Wir haben zusammen zu Abend gegessen, und dann hat Rose mich hierher eingeladen, und wir haben die ganze Nacht geredet.≪

≫Und heute morgen ist sie nach Griechenland gefahren?≪

≫Ja.≪

≫Und was tun Sie hier?≪

≫Na ja, wissen Sie, ich bin erst gestern mit dem Zug aus Cornwall gekommen. Ich war ein Jahr lang aus London fort, habe dort bei meinem Vater und meiner Stiefmutter gewohnt. mantel ich habe hier noch keine Arbeit und auch keine Wohnung. Ich wollte mir heute etwas suchen, aber irgendwie hat das nicht geklappt. Rose hat mich sowieso gebeten, das Wochenende über hierzubleiben. Sie hat gesagt, es kommt nicht darauf an und es stört niemanden.≪ Sie drehte sich um, um Äntony seine Tasse zu reichen, und war auf seinen Gesichtsausdruck nicht vorbereitet. Wie um ihn zu beschwichtigen, fügte sie hinzu: ≫Sie hat dem Portier Bescheid gesagt.≪

≫Sagen Sie mir, hat. sie Sie ausdrücklich gebeten, über das Wochenende hierzubleiben?≪

≫Ja. Wieso? Hätte sie das nicht tun sollen?≪

Er nahm ihr die Tasse ab und rührte um, wandte die hellen Augen immer noch nicht von Floras Gesicht.

≫Hat sie Ihnen zufällig gesagt, daß ich komme?≪

≫Wußte sie denn davon?≪

≫Sie hat kein Telegramm erwähnt, das ich ihr geschickt habe?≪

≫Nein.≪ Flora war das ein Rätsel; sie schüttelte den Kopf. ≫Nichts. Sie hat nichts darüber gesagt.≪

Antony Armstrong nahm einen großen Schluck brühend-heißen Tee, dann stellte er die Tasse ab, stieg vom Hocker und ging hinaus. Gleich darauf war er wieder da, ein Telegramm in der Hand.

≫Wo haben Sie das gefunden?≪ fragte Flora.

≫Wo alle Leute Telegramme, Einladungen und Briefe aufbewahren, die sie beantworten wollen, wenn sie einen Augenblick Zeit haben — hinter der Zuckerdose auf dem Kaminsims. Nur daß es in dieser Wohnung ein polierter Alabasterklumpen ist.≪ Er hielt Flora das Telegramm hin. ≫Sie sollten es lesen.≪

ft Widerstrebend nahm Flora das Telegramm, während Antony wieder auf dem Hocker Platz nahm und weiter Tee trank.

≫Lesen Sie es schon.≪

Und sie las:

PÄCKCHEN UND BRIEF ERHALTEN. MUSS DICH UNBEDINGT SEHEN. TUPPY SCHWER KRANK. FLIEGE FREITAG NACH LONDON, BIN AM SPÄTEN NACHMITTAG BEI DIR. ANTONY.

Floras schlimmste Befürchtungen hatten sich bestätigt. Das war ein telegrafischer Hilferuf, wenn es je einen gegeben hatte. Und Rose hatte ihn ignoriert, hatte ihn Flora gegenüber nicht einmal erwähnt. Sie war davor weggelaufen.?

Es war schwer, sich einen intelligenten Kommentar auszudenken. Schließlich fragte sie: ≫Wer ist Tuppy?≪

≫Meine Großmutter. Hat Rose gesagt, warum sie nach Griechenland gefahren ist?≪

≫Ja, sie …≪ Flora schaute auf. Antony sah sie aufmerksam an. Urplötzlich hatte sie Angst, ihm zuviel zu verraten. Sie bemühte sich um ein unbekümmertes Gesicht und versuchte, sich eine unbekümmerte Lüge auszudenken, aber es nützte nichts. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie steckte bis zum Hals in der Sache, und es schien keinen Ausweg zu geben.

≫Ja?≪ drängte er.

Flora gab nach. ≫Sie besucht einen Mann, den sie in New York kennengelernt hat. Sie hat ihn kurz vor ihrer Rückkehr nach London auf einer Party kennengelernt. Er hat eine Villa auf Spetse gemietet und Rose eingeladen, zu ihm zu kommen.≪ Diese Information wurde mit steinernem Schweigen aufgenommen. ≫Sie hatte einen Platz im Flugzeug gebucht. Heute morgen ist sie abgereist.≪

Nach einer Weile sagte Antony: ≫Ich verstehe.≪

Flora hielt das Telegramm hoch. ≫Ich weiß nicht, was diese — Ihre Großmutter — mit Rose zu tun hat.≪

≫Rose und ich waren verlobt. Vor kurzem hat sie mir den Ring zurückgeschickt und die Verlobung gelöst. Tuppy weiß nichts davon. Sie glaubt immer noch, es bleibt bei der Heirat.≪

≫Und Sie wollen nicht, daß sie es erfährt?≪

≫Nein, das will ich nicht. Ich bin dreißig, und sie meint, es ist höchste Zeit, daß ich heirate. Sie möchte uns beide sehen, Pläne machen, über die Zukunft nachdenken.≪

≫Und was wollten Sie von Rose?≪

≫Daß sie mit mir nach Hause fährt. Die Verlobungsgeschichte bestätigt. Tuppy glücklich macht.≪

≫Sie anlügt, meinen Sie.≪

≫Nur ein einziges Wochenende lang.≪ Er fügte mit ernstem Gesicht hinzu: ≫Tuppy ist schwer krank. Sie ist siebenundsiebzig. Sie könnte sterben.≪

Das letzte, verzweifelte Wort hing in der Stille zwischen ihnen. Flora fiel nichts ein, was sie hätte sagen können. Geistesabwesend zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich an den Küchentisch, die Ellbogen auf die schimmernde Weiße Platte gelegt. Dann fragte sie betont sachlich: ≫Wo ist zu Hause?≪

≫Im Westen von Schottland. Arisaig.≪

≫Das sagt mir nichts. Ich war noch nie in Schottland.≪

≫Vielleicht sagt Ihnen Argyll etwas.≪

≫Leben Ihre Eltern dort?≪

≫Ich habe keine Eltern. Mein Vater ist im Krieg auf See verschollen und meine Mutter kurz nach meiner Geburt gestorben. Tuppy hat mich aufgezogen. Es ist ihr Haus.≪ Er fügte hinzu: ≫Es heißt Fernrigg.≪

≫Kennt Rose Tuppy?≪

≫Ja, aber nicht besonders gut. Vor fünf Jahren haben Rose und ihre Mutter im Sommer zwei Wochen lang das Strandhaus gemietet, und wir alle haben sie damals kennengelernt. Dann sind sie abgereist, und ich häbe nie wieder an die beiden gedacht, bis ich Rose vor etwa einem Jahr in London wiedergetroffen habe. Aber Tuppy hat sie seit damals nicht mehr gesehen.≪

Fernrigg. Argyll. Schottland. Rose hatte Schottland nicht erwähnt. Sie hatte von Kitzbühel gesprochen, von St. Tropez und dem Grand Canyon, aber Schottland hatte sie nicht erwähnt. Das alles erschien sehr verwirrend, doch eines war offensichtlieh. Als sie mit einer Krise konfrontiert wurde, hatte Rose beschlossen, davonzulaufen.

≫Sie…Sie haben gesagt, daß Sie aus Edinburgh kommen.≪

≫Ich arbeite in Edinburgh.≪

≫Fahren Sie dorthin zurück?≪

≫Das weiß ich nicht.≪

≫Was werden Sie tun?≪

Antony zuckte die Achseln und stellte die leere Tasse ab. ≫Weiß der Himmel. Allein nach Ferhrigg fahren, nehme ich an. Falls…≪ Er schaute Flora an und sprach weiter, als wäre das der natürlichste Vorschlag der Welt. ≫Falls Sie nicht mitkommen wollen.≪

≫Ich?≪

≫Ja, Sie.≪

≫Was könnte ich schon tun?≪

≫Sie könnten tun, als wären Sie Rose.≪

Was Flora wirklich kränkte, war die Ruhe, mit der er diesen unerhörten Gedanken vorbrachte: Er saß gelassen und gefaßt da, einen unglaublich unschuldigen Ausdruck im Gesicht. Schon seine ursprüngliche Idee, Rose dazu zu überreden, die Verlobung nach außen hin aufrechtzuerhalten, hatte Flora bis ins Mark schockiert. Aber das…

Sie war so verärgert, daß es ihr schwerfiel, etwas zu sagen. ≫Oh, vielen Dank≪, war alles, was sie herausbrachte, und auch das klang ausgesprochen schwach.

≫Warum nicht?≪

≫Warum nicht? Weil es eine ganz entsetzliche, grauenhafte Lüge wäre. Und weil es bedeuten würde, daß Sie jemanden täuschen, von dem ich glaube, daß Sie ihn sehr gern haben.≪

≫Ich bin entschlossen, sie zu täuschen, weil ich sie sehr gern habe.≪

≫Aber ich will niemanden täuschen, deshalb denken Sie sich lieber etwas anderes aus. Zum Beispiel, daßSie Ihre Tasche und Ihren Regenmantel nehmen, aus dieser Wohnung verschwinden und mich in Frieden lassen.≪

≫Sie würden Tuppy mögen.≪

≫Ich könnte niemanden mögen, den ich anlüge. Man kann nicht lügen, wenn man davon Schuldgefühle bekommt.≪

≫Tuppy würde Sie auch mögen.≪

≫Ich komme nicht mit.≪

≫Hilft es etwas, wenn ich bitte sage?≪

≫Nein.≪

≫Nur für ein Wochenende. Das ist alles. Nur das Wochenende. Ich habe es versprochen; Ich habe mein Leben lang noch kein Versprechen gebrochen, das ich Tuppy gegeben habe.≪

Flora merkte mit Schrecken, daß ihre Empörung nachließ. Es hatte keinen Sinn, sich von diesem entwaffnenden Menschen rühren zu lassen. Es hatte keinen Sinn zuzulassen, daß er ihr leid tat.

Sie schüttelte energisch den Kopf. ≫Ich mache es nicht. Tut mir leid. Ich kann nicht.≪

≫Doch, Sie können. Sie haben mir schon gesagt, daß Sie keine Stellung haben, keine Wohnung außer der hier. Und Ihr Vater ist in Cornwall, also macht er sich vermutlich keine Sorgen um Sie.≪ Er zögerte einen Moment. ≫Vielleicht macht sich aber sonst jemand Sorgen um Sie?≪

≫Sie meinen, gibt es einen Mann, der verrückt nach mir ist und alle fünf Minuten anruft? Den gibt es nicht.≪

Antony erwiderte nichts auf diesen Ausbruch, aber sie bemerkte einen Anflug von Heiterkeit in seinen Augen. ≫Ich weiß nicht, was daran so komisch ist≪, sagte sie.

≫Es ist nicht komisch, es ist haarsträubend. Ich habe immer gedacht, Rose sei das hinreißendste Wesen, das auf zwei Beinen herumläuft, und Sie sind ihr eineiiger Zwilling. Nicht persönlich gemeint, das versichere ich Ihnen, eine rein ästhetische Beurteilung. Was stimmt also nicht mit den Männern hier unten in diesem Land der schönen Worte? Haben sie keine Augen im Kopf?≪

Flora sah ihn zum erstenmal lachen. Vorher hatte sie ihn für einen recht gewöhnlich aussehenden jungen Mann gehalten, beinahe häßlich, wenn auch auf anziehende Weise. Aber wenn er lächelte, war er ziemlich umwerfend. Sie begriff, warum Rose seinem Charme erlegen war, und fragte sich, warum sie ihm den Laufpaß gegeben hatte.

Wider Willen lächelte Flora auch. ≫Für einen Mann, dem die Frau, die er liebt, eben weggelaufen ist, wirken Sie nicht besonders am Boden zerstört.≪

Sein Lächeln erstarb. ≫Nein≪, gab er zu. ≫Aber tief im Innnern bin ich ein gerissener, nüchterner schottischer Geschäftsmann, und ich hatte das Menetekel schon gesehen. Wie auch immer, wer nie einen Fehler macht tut überhaupt nichts. Und es war eine schöne Zeit.≪

≫Wenn sie nur nicht vor Ihnen davongelaufen wäre. Sie hat gewußt, daß Sie sie brauchen.≪

Antony verschränkte die Arme. ≫Ich brauche Sie auch≪, sagte er.

≫Ich kann so etwas nicht tun.≪

≫Sie haben mir eben gesagt, daß Sie noch nie in Schottland waren. Und hier bin ich, biete Ihnen auf dem Silbertablett eine kostenlose Reise an, und Sie lehnen ab. Ein solches Angebot bekommen Sie nie wieder.≪

≫Das will ich auch nicht hoffen.≪

≫Fernrigg würde Ihnen gefallen. Und Sie würden Tuppy mögen. Die beiden sind übrigens so miteinander verbunden, daß man sich das eine nicht ohne die andere vorstellen kann.≪

≫Lebt sie allein?≪

≫Himmel, nein. Wir sind eine große Familie. Tante Isobel, Watty, der Gärtner, Mrs. Watty, die Köchin. Und ich habe einen älteren Bruder namens Torquil mit einer Frau namens Teresa. Ich habe sogar einen Neffen namens Jason. Lauter Ärmstrongs.≪

≫Wohnt Ihr Bruder in Fernrigg?≪

≫Nein, er und Teresa sind am Persischen Golf. Er ist in der Ölbranche beschäftigt. Aber Jason haben sie zu Hause bei Tuppy gelassen, deshalb ist er jetzt in Fernrigg. Es ist ein traumhafter Ort für kleine Jungen. Das Haus liegt an der Küste, überall Meer und Sand zum Herumlaufen, und es gibt eine kleine Anlegestelle, wo Torquil und ich unser Dingi liegen hatten. Landeinwärts sind die Bäche voller Forellen und die Lochs überzogen mit Seerosen und jetzt, im September, blüht das ganze Heidekraut, und die Vogelbeeren sind scharlachrot. Wie Perlen. Sie sollten wirklich mitkomrnen.≪

Es war eine ganz besonders abgefeimte Verlockung. Flora, die Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn in den Händen, musterte Antony Armstrong nachdenklich. ≫Ich habe mal ein Buch über einen Mann namens Brat Farrar gelesen. Er hat sich für jemand anderen ausgegeben — er war ein Hochstapler — und mußte Monate damit verbringen, alles über sich zu lernen, über den Menschen, den er spielen wollte. Beim bloßen Gedanken daran hat es mich immer geschüttelt.≪

≫Aber —≪ Antony rutschte vom Hocker und setzte sich Flora gegenüber an den Tisch, so daß sie sich ins Gesicht sahen wie zwei Verschwörer. ≫Aber sehen Sie, das müssen Sie gar nicht. Weil niemand Rose kennt. Niemand hat sie in den letzten fünf Jahren gesehen. Niemand weiß, was sie gemacht hat, außer daß sie sich mit mir verlobt hat. Das ist alles, wofür sich die Familie interessiert.≪

≫Aber ich weiß gar nichts über Sie.≪

≫Das ist einfach. Ich bin männlich, ledig, dreißig Jahre alt und Presbyterianer. In Fettes ausgebildet, Praktikum in London, dann wieder nach Edinburgh zu der Firma, für die ich jetzt arbeite. Dort bin ich bis heute. Was wollen Sie noch wissen?≪

≫Ich möchte wissen, warum Sie glauben, daß ich so etwas Grauenhaftes tue.≪

≫Das ist nichts Grauenhaftes.. Es ist ein großer Gefallen. Nennen Sie es eine Freundlichkeit.≪

≫Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich kann es trotzdem nicht tun.≪

≫Wenn ich Sie noch einmal bitte. Wenn ich noch einmal bitte sage, denken Sie dann darüber nach? Und bedenken Sie, ich bitte nicht meinetwegen, es geht um Tuppy. Und auch um Isobel. Um Versprechen, die gehalten und nicht gebrochen werden. Bitte, Flora.≪

Sie sehnte sich danach, hart zu sein — sich nicht rühren zu lassen oder sentimental zu werden. Sie sehnte sich nach der Kraft, ihren Überzeugungen treu zu bleiben. Weil sie recht hatte. Sie wußte, daß sie recht hatte.

Vorsichtig fragte sie: ≫Wenn ich sage, ich komme mit, wann brechen wir dann auf?≪

Antonys Miene entspannte sich. ≫Heute abend. Genau gesagt, sofort. Kurz nach sieben geht ein Flugzeug; wenn wir beeilen, sollten wir es bekommen. Mein Auto steht auf dem Flughafen von Edinburgh. Wir können mit dem Auto nach Fernrigg fahren. Wir wären morgen früh dort.≪

≫Und wann wäre ich wieder hier?≪

≫Ich muß am Montag wieder arbeiten. Sie könnten am selben Tag den Flug von Edinburgh nach London nehmen.≪

Sie wußte instinktiv, daß sie ihm trauen konnte. Antony würde Wort halten. ≫Ich kann nicht Rose sein≪, warnte sie ihn. ≫Ich kann nur ich selbst sein.≪

≫Mehr verlange ich auch gar nicht von Ihnen.≪

Sie wollte ihm helfen. Sie mochte ihn, aber auf merkwürdige Weise hatte es auch etwas mit Rose zu tun. Ich bin meines Bruders Hüter.

≫Rose verhält sich nicht besonders entgegenkommend. Sie hätte nicht vor Ihnen weglaufen und Sie in einer solchen Patsche sitzenlassen dürfen.≪

≫Für die Patsche bin ich genauso verantwortlich wie sie. Rose schuldet mir nichts. Sie übrigens auch nicht.≪

Flora wußte, daß die letzte Entscheidung bei ihr lag. Aber es war schwer, nicht beeindruckt zu sein von der Mühe, die sich Antony Armstrong gab, um sein Versprechen zu halten. Vielleicht, sagte sie sich, wurde etwas Falsches richtig, wenn es aus den richtigen Gründen getan wurde — jedenfalls war es dann nicht ganz und gar schlecht.

Eine Lüge war eine gefährliche Angelegenheit. Floras bessere Instinkte, die ihr Vater über die Jahre weg mit viel Mühe kultiviert hatte, wehrten sich gegen einen derart hinnrissigen Plan. Und doch war es in gewisser Hinsicht die Schuld ihres Vaters. Er war verantwortlich für das Dilemma, in dem sie sich jetzt befand, weil er ihr nie etwas über Roses’ Existenz gesagt hatte.

Gleichzeitig brachen sich andere Gefühle Bahn, auf die sie nicht gefaßt war. Sie hingen mit Rose zusammen, und bei näherer Betrachtung bestanden sie zum Teil aus Neugier und zum Teil — Flora schämte sich — aus Neid. Rose schien soviel zu haben. Von Augenblick zu Augenblick wurde es schwerer, der Versuchung zu widerstehen, die dieser junge Mann ihr anbot: Rose zu werden, wenn auch nur für zwei Tage.

Er wartete. Schließlich begegnete sie über den Tisch hinweg seinem Blick und entdeckte beschämt, daß es im entscheidenden Moment gar nicht mehr auf Worte ankam. Er spürte, daß sie nachgegeben hatte. Ein jähes Lächeln erhellte sein Gesicht, und damit brach ihre letzte Verteidigungsstellung in sich zusammen.

≫Sie kommen mit!≪

≫Ich muß den Verstand verloren haben.≪

≫Sie kommen mit. Und Sie haben nicht den Verstand verloren, Sie sind wunderbar. Sie sind ein tolles Mädchen.≪

Ihm fiel etwas ein. Er holte ein Juwelierkästchen aus der Jackentasche, holte einen Ring mit Saphiren und Diamanten heraus, nahm Floras linke Hand und schob ihr den Ring über den Finger. Andächtig bemerkte sie, wie er an ihrer Hand glitzerte und funkelte — er sah wunderschön aus. Antony schloß ihre Finger zur Faust und nahm sie in beide Hände.

≫Danke≪, sagte er.

Kapitel 5

Anna

Jason Armstrong, sieben Jahre alt, setzte sich in dem großen Doppelbett neben seiner Urgroßmutter auf und hörte zu, während sie ihm Die Geschichte von den beiden bösen Mäusen vorlas. Eigentlich war er für die Geschichte zu alt. Er wußte es, und Tuppy wußte es, aber weil sie im Bett lag und krank war, sehnte er sich nach den Freuden der Kleinkindzeit. Als sie ihn wegschickte, um eine Gutenachtgeschichte zu holen, hatte er deshalb Die beiden bösen Mäuse ausgesucht, und sie war taktvoll gewesen, hatte kein Wort darüber verloren, sondern die Brille aufgesetzt, das Buch aufgeschlagen und zu lesen angefangen.

≫Es war einmal ein wunderschönes Puppenhaus.≪

Er fand, daß sie wunderbar vorlas. Sie tat es jeden Abend, wenn er gebadet und gegessen hatte, meistens im Wohnzimmer am Kamin. In letzter Zeit hatte sie ihm allerdings kaum noch vorlesen können, weil sie zu krank war. ≫Mach dir nur keine Sorgen um deine Uroma≪, hatte Mrs. Watty zu ihm gesagt.

≫Ich lese dir etwas vor≪, hatte Tante Isobel versprochen, und sie hatte Wort gehalten, aber es war nicht dasselbe wie Tuppys Vorlesen. Tante Isobel hatte nicht dieselbe Stimme. Und sie roch nicht nach Lavendel wie Tuppy.

Aber, wie Mrs. Watty gern sagte, ≫jede Wolke hat ihren Silberstreifen≪, und es ließ sich nicht leugnen, daß es etwas ganz Besonderes war, in Tuppys Bett zu sein. Es war ganz anders als die Betten anderer Leute, aus Messing, mit Knäufen verziert. Die Kissen waren riesig und steckten in herrlichen weißen Bezügen mit Monogramm; die Leinenlaken hatten einen Hohlsaum, waren uralt und voller interessanter Flicken und Stopfereien.

Auch die Möbel in Tuppys Zimmer wirkten verzaubert und geheimnisvoll. Sie waren aus geschnitztem Mahagoni und verbliehener Seide mit Knöpfen darauf. Auf dem Frisiertisch drängten sich Töpfchen mit Silberdeckeln und seltsame Dinge wie Korsettknöpfe und Haarnetze, von denen Tuppy ihm erzählt hatte, früher hätten Damen sie benützt, brauchten sie aber jetzt nicht mehr.

≫Es waren zwei rote Hummer und ein Schinken, Fisch und Pudding, und ein paar Birnen und Apfelsinen.≪

Die Vorhänge waren zugezogen, doch draußen kam Wind auf, und eine Bö fuhr durch das schlecht eingepaßte Fenster herein. Die Vorhänge blähten sich leicht, als verstecke sich jemand hinter ihnen. Jason rückte näher an Tuppy heran und war froh, daß sie da war. In letzter Zeit war er nicht gern allzuweit von ihr entfernt, für den Fall, daß etwas Unsagbares passierte und sie nicht mehr da war, wenn er zurückkam.

Sie hatten eine Schwester, eine richtige Krankenschwester, die nach Fernrigg gekommen war, um sich um Tuppy zu kümmern, bis es ihr besserging. Sie hieß Mrs. McLeod, und sie war den ganzen Weg von Fort William nach Tarbole mit dem Zug gekommen. Watty hatte sie in Tarbole mit dem Auto abgeholt. Sie und Mrs. Watty hatten sich angefreundet und unterhielten sich halb flüsternd bei unzähligen Tassen Tee am Küchentisch. Schwester McLeod war dünn und brettsteif. Sie hatte auch Krampfadern, was vielleicht einer der Gründe dafür war, daß sie sich mit Mrs. Watty angefreundet hatte. Sie verglichen dauernd ihre Krampfadern.

≫Eines Morgens waren Lucinda und Johanna fort zu einer Fahrt im Puppenwagen.≪

Unten, in der weitläufigen Halle, klingelte das Telefon. Tuppy las nicht weiter, sondern schaute auf und nahm die Brille ab.

Nach einer Weile sagte Jason: ≫Lies weiter.≪

≫Das Telefon klingelt.≪

≫Tante Isobel geht schon ran. Lies weiter.≪

Tuppy las weiter, aber Jason merkte, daß sie mit den Gedanken nicht bei Lucinda und Jane war. Dann hörte das Klingeln auf, und wieder unterbrach sie sich. Jason gab auf. ≫Wer ist das, was meinst du?≪ fragte er.

≫Ich weiß es nicht. Aber bestimmt kommt Isobel gleich rauf und sagt es uns.≪

Sie saßen nebeneinander im Bett, die alte Frau und der kleine Junge, erwartungsvoll. Der Klang von Isobels Stimme kam gedämpft die Treppe herauf, doch sie konnten nicht hören, was sie sagte. Schließlich das Klicken, als Isobel den Hörer auflegte, und dann hörten sie, Wie sie die Treppe heraufkam und den Flur entlang zu Tuppys Zimmer ging.

Die Tür ging auf, und Isobel steckte den Kopf herein. Sie lächelte, strahlte unterdrückte Aufregung aus. Das weiche, rötlichgraue Haar bildete einen unordentlichen Heiligenschein um ihr glückliches Gesicht. In solchen Augenblicken sah sie ganz jung aus, überhaupt nicht wie eine Großtante.

≫Wollt ihr eine erfreuliche Nachricht hören?≪ fragte sie, kam herein und machte die Tür hinter sich zu. Sukey, fast untergegangen in den Falten der seidenen Daunendecke, hob den Kopf und knurrte halbherzig. Isobel nahm keine Notiz von ihr. Sie beugte sich über das Fußende von Tuppys Bett und sagte: ≫Das war Antony, aus London. Er kommt über das Wochenende nach Hause und bringt Rose mit.≪

≫Er kommt.≪ Tuppy liebte Antony mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, aber jetzt klang sie, als müsse sie gleich weinen. Jason schaute sie ängstlich an, stellte aber erleichtert fest, daß keine Tränen zu sehen waren.

≫Ja, sie kommen. Nur für zwei Tage. Sie müssen beide am Montag zurück. Sie nehmen die Abendmaschine von London nach Edinburgh und kommen dann mit dem Auto her. Morgen früh sind sie da.≪

≫Ach, ist das nicht wunderbar?≪ Auf Tuppys faltigen Wangen glühten zwei Farbflecke. ≫Sie kommen wirklich.≪ Sie lächelte zu Jason hinunter. ≫Was hältst du davon?≪

Jason wußte alles über Rose. Er wußte, daß Antony sie eines Tages heiraten würde. Aber er sagte: ≫Ich kenne Rose doch gar nicht.≪

≫Nein, natürlich kennst du sie nicht. Du warst nicht hier, als sie und ihre Mutter im Strandhaus gewohnt haben.≪

Über das Strandhaus wußte Jason auch Bescheid. Es war früher eine Fischerkate gewesen, schmiegte sich in die Biegung der Bucht im Norden von Fernrigg. Tuppy hatte die Kate zu einem kleinen Cottage umbauen lassen, das sie im Sommer an Feriengäste vermietete. Aber jetzt war der Sommer vorbei, und das Strandhaus war zu, mit geschlossenen Fensterläden. Jason dachte manchmal, es wäre schön, dort zu wohnen und morgens aus der Tür zu treten, gleich in den Sand.

≫Wie ist sie denn?≪

≫Rose? Oh, sie war sehr hübsch. Sonst weiß ich wirklich nicht mehr viel über sie. Wo wird sie denn schlafen?≪ wandte sie sich an Isobel.

≫Ich habe gedacht, in dem kleinen Einzelzimmer, weil es wärmer ist als das große Zweibettzimmer, und das Bett ist frisch bezogen. Ich werde ein paar Blumen hineinstellen.≪

≫Und Antonys Zimmer?≪

≫Mrs. Watty und ich bringen es heute abend in Ordnung.≪

Tuppy legte Die Geschichte von den zwei bösen Mäusen weg. ≫Wir müssen ein paar Leute ein…≪

≫Hör mal, Mutter≪, unterbrach Isobel mit warnender Stimme, aber Tuppy nahm keine Notiz von ihr. Isobel brachte es offenbar nicht übers Herz, auf ihren Einwänden zu bestehen, vielleicht weil Tuppy so glücklich war.

≫Nur ein kleines Abendessen. Wann sollten wir es geben, was meinst du? Sonntag abend? Nein, das hat keinen Zweck, weil Antony nach Edinburgh zurück muß. Es muß morgen abend sein. Sag Mrs. Watty Bescheid, ja, Isobel? Vielleicht kann Watty ein paar Tauben schießen oder, noch besser, ein paar Moorhühner. Oder vielleicht hat Mr. Reekie Scampi für uns.≪

≫Ich kümmere mich darum≪, versprach Isobel, ≫unter einer Bedingung — daß du nicht versuchst, etwas selbst zu organisieren.≪

≫Nein, natürlich nicht, sei nicht albern. Und du mußt Mr. und Mrs. Crowther anrufen, und wir laden Anna und Brian Stoddart aus Ardmore ein; sie kennen Rose von damals, und ein Abend außer Haus wird Anna guttun. Du meinst doch nicht, daß es zu kurzfristig ist, Isobel, oder? Du mußt es ihnen erklären, sonst halten sie uns für unhöflich…≪

≫Sie werden es bestimmt verstehen, und sie halten uns sicher nicht für unhöflich.≪

Mr. Crowther war der presbyterianische Pfarrer aus Tarbole, und zu Mrs. Crowther ging Jason in den Kindergottesdienst. Er fand nicht, daß das nach einer besonders fröhlichen Party klang.

≫Muß ich auch kommen?≪ fragte er.

Tuppy lachte. ≫Nein, nicht, wenn du nicht willst.≪

Jason seufzte. ≫Lies doch endlich die Geschichte zu Ende.≪

Tuppy las weiter vor, und Isobel ging, um zu telefonieren und mit Mrs. Watty zu konferieren. Als Tuppy eben zur letzten Seite kann, mit dem Bild von Hunka Munka mit Kehrschaufel und Besen, kam Schwester McLeod herein. Mit ihrem gestärkten Rascheln und den großen roten Händen scheuchte sie Jason aus dem Bett und schickte ihn gutgelaunt fort, ließ ihm kaum noch die Zeit, seiner Großmutter einen Gutenachtkuß zu geben.

≫Du willst deine Uroma doch nicht müde machen≪, sagte sie. ≫Und was Dr. Kyle zu mir sagen würde, wenn sie morgen früh aussähe wie das Kätzchen am Bauch, will ich mir gar nicht erst vorstellen.≪

Jason, der schon gehört hatte, wie Dr. Kyle seinem Ärger Luft machte, konnte es sich durchaus vorstellen, beschloß aber, das für sich zu behalten.

Er ging langsam hinaus. Es war nett, daß Schwester McLeod Tuppy beim Gesundwerden half, aber es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie es nicht immer so eilig gehabt hätte. Er kam sich schlecht behandelt vor und trottete ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Mittendrin fiel ihm ein, daß morgen Samstag war, was hieß, daß er nicht in die Schule mußte. Und Antony kam. Vielleicht würde er Jason Pfeile und einen Bogen machen. Bestens gelaunt ging Jason schließlich zu Bett.

Als in Ardmore House das Telefon klingelte, war Anna Stoddart im Garten. In dieser Stunde zwischen Tageslicht und Dunkelheit besaß die Natur einen besonderen Zauber für sie, stärker denn je in dieser Jahreszeit, wenn es früher Abend wurde und das Zwielicht angefüllt war mit der Sehnsucht nach den blaugoldenen Abenden des Sommers, der vorüber war.

Es fiel ihr leicht, zum Teetrinken hineinzugehen, die Vorhänge zuzuziehen und am Kamin zu sitzen, die Gerüche und Geräusche von draußen zu vergessen. Aber dann rüttelte der Wind an der Fensterscheibe, eine Möwe schrie oder das Meer murmelte beim Herannahen der Flut, und Anna entschuldigte sich, zog Jacke und Gummistiefel an, griff zur Gartenschere, pfiff den Hunden und ging wieder hinaus.

Von Ardmore aus war der Blick auf die Küste und die Inseln spektakulär. Deshalb hatte Annas Vater Archie Carstairs sich diesen Platz für seine bombastische Granitxiilla ausgesucht. Wenn es einem nichts ausmachte, anderthalb Kilometer von Ardmore Village (wo es einen Gemischtwarenladen mit Postschalter, einen Jachtclub und sonst kaum etwas gab) entfernt zu sein und zehn Kilometer von den Geschäften in Tarbole, war es ein herrlicher Ort zum Leben.

Einer der Gründe, aus denen Anna diese Tageszeit so gern mochte, waren die Lichter. Kurz vor der Dunkelheit erschienen sie, leuchteten draußen auf dem Meer, die Küstenstraße entlang, von den hohen Bergen herunter, die sich landeinwärts erhoben; die Scheinwerfer der Fischerboote, die warmen gelben Fenster ferner Katen und Bauernhöfe. Die Straßenlaternen von Tarbole färbten den Nachthimmel mit einem rötlichgoldenen Widerschein, dahinter erstreckte sich Fernrigg wie ein langer Finger ins Meer, und oben auf der Anhöhe stand, halb hinter Bäumen verborgen, Fernrigg House.

Doch an diesem Abend war gar nichts zu sehen. Das Halblicht wirbelte Nebel heran, auf dem Meer tutete ein Nebelhorn, und Ardmore war vom Nebel isoliert wie ein vergessenes Haus am Ende der Welt.

Anna fröstelte. Daß sie über den Sund hinweg Fernrigg sehen konnte, war ihr immer ein Trost gewesen. Fernrigg hieß Tuppy Armstrong. Tuppy war der lebende Beweis dafür, daß ein Mensch ein zufriedenes und nützliches Leben führen konnte, umgeben von Angehörigen und Freunden, niemals verwirrt und voller Selbstzweifel, anscheinend rundum glücklich. Tuppy, so kam es Anna immer vor, hatte ihr erstaunliches Leben — das in gewisser Hinsicht auch tragisch gewesen war — in einer geraden Linie gelebt, war nie davon abgewichen, nie ins Straucheln gekommen, nie besiegt worden.

Bei ihren ersten Begegnungen mit Tuppy war Anna ein schüchternes kleines Mädchen gewesen, das einzige Kind eines ältlichen Vaters, der sich mehr für sein blühendes Geschäft und seine Jachtausflüge interessierte als für seine stille kleine Tochter. Annas Mutter war kurz nach Annas Geburt gestorben, deshalb hatte sich eine Reihe von Kindermädchen um Anna gekümmert, und ihre Schüchternheit und der stattliche Reichtum ihres Vaters hatten sie von Kindern ihres Alters ferngehalten.

Aber Tuppy hatte Anna nie das Gefühl gegeben, sie sei unscheinbar oder dumm. Sie hatte immer Zeit für Anna gehabt — Zeit zum Reden und Zeit zum Zuhören. ≫Ich will gerade Blumenzwiebeln stecken≪, sagte sie zum Beispiel. ≫Komm und hilf mir, und beim Arbeiten können wir uns unterhalten.≪

Bei der Erinnerung daran hätte Anna am liebsten geweint. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Tuppy krank war, ganz zu schweigen von der Vorstellung, daß Tuppy starb. Tuppy Armstrong und Hugh Kyle waren Annas beste Freunde. Brian war ihr Mann, und sie liebte ihn so sehr, daß es weh tat, doch er war nicht ihr Freund, war es nie gewesen. Manchmal fragte sie sich, ob andere Ehepaare Freunde waren, aber sie lernte andere Frauen nie so gut kennen, daß sie danach hätte fragen und es herausfinden können.

Sie schnitt die letzten Rosen, blasse Umrisse in der Düsternis. Sie hatte sie schon am Morgen schneiden wollen, es aber vergessen, und jetzt sammelte sie einen Strauß ein, ehe sie den ersten Frost bekamen. Die Stiele fühlten sich in ihren bloßen Händen kalt an, und beim Tasten im Dämmerlicht stach ihr ein Dorn in den Daumen. Der Duft der Rosen war schwach, als wären sie schon tot und von ihrer sommerlichen Pracht nicht mehr übrig als der Geruch.

Wenn sie wiederkommen — die neuen Knospen und dann die Blüten —, ist das Baby da, dachte sie.

Das hätte sie mit Vorfreude erfüllen müssen, aber statt dessen war es eher wie eine Beschwörungsformel, wie das Klopfen auf Holz. Sie wollte nicht daran denken, daß das Baby starb, daß es nie geboren wurde. Es hatte so lange gedauert, bis sie wieder schwanger geworden war. Nach fünf Jahren hatte sie die Hoffnung fast aufgegeben. Aber jetzt lag der lebendige Samen in ihr, wuchs jeden Tag. Sie machte Pläne: strickte ein winziges Jäckchen, holte die alte Korbwiege vom Dachboden, legte nachmittags die Beine hoch, wie Hugh es ihr geraten hatte.

Nächste Woche wollte sie nach Glasgow fahren, um jede Menge teurer Umstandskleider zu kaufen und zum Friseur zu gehen. Eine Frau war am schönsten, wenn sie schwanger war — das behaupteten die Zeitschriften — und Anna hatte plötzlich Visionen von sich als einem neuen Menschen: romantisch und feminin, von ihrem Mann geliebt und verehrt.

Bei den altmodischen Worten fuhr sie zusammen. Geliebt und verehrt. Sie schienen ihr Bewußtsein aus einer fernen Vergangenheit zu erreichen. Aber jetzt, wo das Kind kam, hatte sie vielleicht wirklich Grund zur Hoffnung.

Brian hatte sich immer ein Kind gewünscht. Jeder Mann wünschte sich einen Sohn. Die Tatsache, daß sie das letzte Kind verloren hatte, war allein Annas Schuld gewesen. Sie hatte sich zu viele Sorgen gemacht, sich zu leicht aufgeregt. Diesmal war es anders. Sie war älter, nicht mehr so daraüf erpicht zu gefallen, reifer. Dieses Kind würde sie nicht verlieren.

Es war inzwischen fast dunkel und recht kalt. Sie fröstelte wieder. Im Haus hörte sie das Telefon klingeln. Vermutlich würde Brian abnehmen, trotzdem wandte sie sich dem Haus zu und ging durch den Garten, über den feuchten Rasen, die schlüpfrige Steintreppe hinauf, über den knirschenden Kies und durch die Gartentür.

Das Telefon klingelte weiter. Brian war nicht aufgetaucht. Sie legte die Rosen hin und ging, ohne sich die Gummistiefel auszuziehen, durch den Flur zu dem Winkel unter der Treppe, in den ihr Vater, als das Haus vor vielen Jahren gebaut worden war, das lästige Gerät verbannt hatte. Inzwischen gab es in Ardmore weitere Telefone — im Wohnzimmer, in der Küche und neben dem Bettvon Anna und Brian—, aber dieser Apparat war in der stickigen Ecke geblieben.

Sie nahm ab. ≫Ardmore House.≪

≫Anna, hier ist Isobel Armstrong.≪

Angst packte Annai ≫Wie geht es Tuppy?≪

≫Wirklich gut. Sie sieht besser aus und ißt recht ordentlich. Hugh hat uns eine Schwester besorgt, eine Mrs. McLeod aus Fort William, und sie hat sich bestens eingelebt. Ich glaube, Tuppy hat sie ganz gern.≪

≫Gott sei Dank. Das ist wirklich eine große Erleichterung.≪

≫Anna, könntet ihr beide morgen zum Abendessen kommnen? Es ist recht kurzfristig, aber Antony kommt über das Wochenende nach Hause und bringt Rose mit, und natürlich war Tuppys erster Gedanke eine Einladung.≪

≫Wir kommen gern. Aber ist das nicht zuviel für Tuppy?≪

≫Tuppy wird nicht dabeisein, aber sie hat die Planung übernommen. Du weißt ja, wie sie ist. Und sie hat sich besonders gewünscht, daß ihr beide, du und Brian, kommt.≪

≫Liebend gern. Um wieviel Uhr?≪

≫Gegen halb acht. Und keine große Abendgarderobe, es ist nur die Familie, vielleicht noch die Crowthers…≪

≫Wie nett.≪

Sie plauderten noch eine Weile, dann legten sie auf. Isobel hatte nicht nach dem Baby gefragt, weil sie nichts davon wußte. Außer Brian und Hugh wußte es niemand. Anna wollte nicht, daß es sonst jemand erfuhr. Wenn die Leute davon wußten, würde sie es vielleicht nie bekommen.

Seufzend trat sie aus dem kleinen Verschlag heraus und zog Gummistiefel und Jacke aus. Sie erinnerte sich an Rose Schuster und ihre Mutter. Sie erinnerte sich an den Sommer, in dem sie das Strandhaus gemietet hatten, weil das der Sommer gewesen war, in dem Anna ihr Baby verloren hatte. Pamela Schuster und ihre Tochter gehörten also zu diesem Alptraum, obwohl es nicht ihre Schuld gewesen war, sondern die von Anna.

Sie erinnerte sich jetzt daran, daß Mrs. Schuster erschreckend weltgewandt gewesen war und ihre Tochter geradezu unverschämt jung. Der Glamour der beiden hatte die schüchterne Anna sprachlos gemacht. Deshalb hatten sie ihr auch nichts zu sagen. Nach ein paar beiläufigen Bemerkungen hatten sie Anna überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen.

Aber mit Brian hatten sie sich glänzend amüsiert. In der Wärme ihrer Aufmerksamkeit war er zur Hochform aufgelaufen, unterhaltsam und charmant, mit einem Witz, der dem der beiden gewachsen war. Anna, stolz auf ihren attraktiven Mann, hatte sich mit einem Platz im Hintergrund begnügt und war froh darüber gewesen. Sie fragte sich, ob Rose sich geändert hatte, ob die Verlobung mit einem so netten Menschen wie Antony ihrer Persönlichkeit die Schärfe genommen haben mochte.

Jetzt blieb sie lauschend stehen. Wo steckte Brian wohl? Das Haus war still. Sie ging zur Wohnzimmertür und öffnete sie. Das Zimmer war voller Licht, das Kaminfeuer prasselte. Brian saß ausgestreckt im Sessel und las den Scotsman. Ein Glas Whisky stand in seiner Reichweite.

Er senkte die Zeitung, als Anna näher kam, und schaute sie über den Rand hinweg an. Das Telefon stand auf dem Tisch neben ihm.

Sie sagte: ≫Hast du nicht gehört, daß das Telefon geklingelt hat?≪

≫Doch. Aber ich habe gedacht, es ist für dich.≪

Sie machte keine Bemerkung darüber, sondern kam zum Kamin, streckte die kalten Hände über das Feuer, wärmte sich. ≫Das war Isobel Armstrong≪, sagte sie.

≫Wie geht es Tuppy?≪

≫Es scheint ihr ganz gut zu gehen. Sie haben eine Schwester für sie eingestellt. Wir sind eingeladen, morgen in Fernrigg zu Abend zu essen. Ich habe gesagt, wir kommen.≪

≫Das ist von mir aus in Ordnung.≪

Er wandte sich wieder der Zeitung zu. Schnell, um das Gespräch in Gang zu halten, fügte Anna hinzu: ≫Antony kommt über das Wochenende nach Hause.≪

≫Das ist also der Grund zum Feiern.≪

≫Er bringt Rose mit.≪

Ein langes Schweigen entstand. Dann senkte Brian die Zeitung, faltete sie zusammen und legte sie auf seinen Schoß. ≫Rose?≪

≫Rose Schuster. Du weißt doch. Er ist mit ihr verlobt.≪

≫Ich habe gehört, sie ist in Amerika.≪

≫Offenbar nicht.≪

≫Du meinst, sie kommt über das Wochenende nach Fernrigg?≪

≫Das hat Isobel gesagt.≪

≫Wer hätte das gedacht≪, sagte Brian. Er setzte sich auf, trank sein Glas aus, stand langsam auf und ging hinüber zum Getränketisch, um sein Glas wieder zu füllen.

≫Ich war draußen und habe Rosen geschnitten≪, sagte Anna. Der Siphon zischte in Brians Glas. ≫Es regnet, Nebel kommt auf.≪

≫Das lag in der Luft.≪

≫Ich hatte Angst, daß wir Frost bekommen.≪

Mit dem Glas in der Hand kam Brian zum Kamin zurück und schaute in die Flammen.

Anna reckte sich. Über dem Kamin hing ein Spiegel, und ihre Spiegelbilder schauten sie an, nur leicht verzerrt: der Mann, schlank und dunkel, mit scharfgezogenen Augenbrauen, als hätte ein Künstler sie mit Tusche gezeichnet; und die Frau, klein, die ihm nur bis zur Schulter reichte, mollig und unscheinbar. Ihre Augen standen eng beieinander, die Nase war zu groß, ihr Haar, weder braun noch blond, kräuselte sich vom Nebeldunst.

Sie war von ihren Visionen von einer neuen Anna, verklärt durch die bevorstehende Mutterschaft, so überzeugt gewesen, daß ihr Spiegelbild ein Schock für sie war. Wer war diese Person, die sie aus dem blindgewordenen Spiegel anschaute? Wer war diese Person, diese Fremde, die neben ihrem gutaussehenden Mann stand?

Die Antwort kam, wie sie immer kam. Anna. Die unscheinbare Anna. Früher Anna Carstairs, jetzt Anna Stoddart. Und nichts würde sie jemals ändern.

Nach Antonys überstürzter Anreise, ihrer dramatischen Begegnung und ihrem Entschluß, ihn schließlich doch zu begleiten, nahm Flora an, sobald sie in Edinburgh seien, würden sie in sein Auto steigen und mit Höchstgeschwindigkeit nach Fernrigg fahren.

Aber nun, da sie tatsächlich dort waren, schien sich Antonys ganze Persönlichkeit zu verändern. Wie ein Mann, der nach Hause kommt und eine alte Jacke und bequeme Hausschuhe anzieht, entspannte er sich, drosselte das Tempo und schien es nicht mehr eilig zu haben.

≫Wir sollten etwas essen≪, sagte er, als sie beim Auto ankamen, Floras Koffer in den Kofferraum luden und einstiegen.

Sie schlaute ihn überrascht an. ≫Etwas essen?≪

≫Ja. Haben Sie keinen Hunger? Ich schon.≪

≫Aber Wir haben doch im Flugzeug gegessen.≪

≫Das war kein Essen. Das war ein Plastikimbiß. Und mir graut vor kaltem Spargel.≪

≫Aber wollen Sie denn nicht so schnell wie möglich nach Hause?≪

≫Wenn wir jetzt losfahren kommen wir um vier Uhr morgens an. Das Haus ist abgeschlossen, und entweder müssen wir drei Stunden lang draußen sitzen oder jemanden wecken, was zweifellos den ganzen Haushalt aus dem Schlaf reißt.≪ Er ließ den Motor an. ≫Wir fahren nach Edinburgh hinein.≪

≫Aber es ist spät. Ob wir da noch ein offenes Lokal finden?≪

≫Natürlich.≪

Also fuhren sie nach Edinburgh, Antony brachte sie in einen kleinen Club, in dem er Mitglied war, sie tranken einen Äperitif und aßen ausgezeichnet zu Abend, mit Kaffee zum Abschluß. Es war alles ganz locker und angenehm und paßte überhaupt nicht ins Bild. Es war fast Mitternacht, als sie schleßlich wieder nach draußen kamen. Der Wind vom Morgen hatte sich gelegt, und die Straßen von Edinburgh glänzten schwarz im dünnen, kalten Regen.

≫Wie lange brauchen wir?≪ fragte Flora, als sie wieder ins Auto stiegen, sich anschnallten und sich für die lange Fahrt zurechtsetzten.

≫In diesem Regen etwa sieben Stunden. Am besten schlafen Sie ein wenig.≪

≫Ich kann im Auto nicht gut schlafen.≪

≫Sie können es wenigstens versuchen.≪

Aber Flora schlief nicht. Sie war zu aufgeregt, zu ängstlich und hatte schon jetzt kalte Füße. Doch es gab kein Zurück mehr, was sie um so nervöser machte. In einer schönen, hellen Nacht hätte sie vielleicht versucht, ihre Nerven zu beruhigen, indem sie auf die vorbeigleitende Landschaft schaute, oder die Strecke auf der Karte verfolgt. Aber es regnete pausenlos, und nichts war zu sehen als die schwarze, nasse, gewundene Straße, die ihnen in endlosen Kurven und Biegungen entgegenkam und hinter ihnen wieder in der Dunkelheit versank, während die Reifen über den nassen Asphalt zischten.

Und doch wurde beim Fahren die Landschaft spürbar, trotz Dunkelheit und Nebel. Sie wurde einsamer, trosdoser, die Kleinstädte wurden seltener und lagen weiter auseinander. Sie fuhren an einem Loch entlang, der sich schimmernd in der Dunkelheit erstreckte, und dann stieg die Straße an, schlängelte sich den Abhang hinauf.

Durch das halboffene Fenster drang der Geruch nach Torf und Heide herein. Mehr als einmal mußte Antony das Auto abbremsen, weil ein verirrtes Schaf im Scheinwerferlicht sorglos über die Straße trottete.

Flora konnte Berge ausmachen — nicht die Hügel von zu Hause, die vertrauten Steinwälle Cornwalls, sondern richtige Berge, die steil aufragten und tiefe Schluchten und einsame Täler bildeten. In den Gräben wuchs Adlerfarn, schwer vom Regen, und immer hörte man, über den Automotor hinweg, das Plätschern und Rauschen von strömendem Wasser, das hie und da zu einem Tosen anschwoll, wenn ein Wasserfall von einem fernen, unsichtbaren Felsen in das steinige Bett eines Bachs neben der Straße hinunterstürzte.

Die Dämmerung zog an jenem nassen, grauen Morgen so allmählich herauf, daß Flora den Übergang kaum wahrnahm. Es war nur ein Aufhellen der Düsternis, kaum merklich, so daß man allmählich das weiße Glitzern einer Kate am Abhang bemerkte oder die Umrisse nasser Schafe erkannte, ehe man Gefahr lief, sie zu überfahren.

Während der Nacht war auf der Straße wenig Verkehr gewesen, aber jetzt kamen ihnen große Lastwagen entgegen, die mit dröhnenden Dieselmotoren an ihnen vorbeifuhren und Wellen schlammigen Wassers auf die Windschutzscheibe spülten.

≫Wo kommen die denn plötzlich her?≪ fragte Flora.

≫Daher, wo wir hinfahreen≪, antwortete Antony.

≫Aus Fernrigg?≪

≫Nein, aus Tarbole. Tarbole war früher ein unbedeutendes Fischerdorf, aber jetzt ist es ein großer Fischereihafen.≪

≫Wo fahren die Lastwagen hin?≪

≫Nach Edinburgh, Aberdeen, Fraserburgh — überallhin, wo sie die Heringe verkaufen können. Die Hummer werden nach Prestwick gebracht und direkt nach New York geflogen. Die Scampi kommen nach London, die Salzheringe nach Skandinavien.≪

≫Haben die Skandinavier denn nicht selber Heringe?≪

≫Die Nordsee ist leergefischt. Deshalb hat sich Tarbole so herausgemacht. Neuerdings geht es dort ausgesprochen wohlhabend zu. Alle Fischer haben neue Autos und Farbfernseher. Jason geht mit ihren Kindern in die Schule, und die haben keine hohe Meinung von ihm, weil wir in Fernrigg keinen Farbfernseher haben. Armer Kerl, das paßt ihm gar nicht.≪

≫Wie weit ist es von Fernrigg nach Tarbole?≪

≫Etwa zehn Kilometer.≪

≫Wie kommt er in die Schule?≪

≫Watty fährt ihn hin, der Gärtner. Er würde gern mit dem Rad fahren, aber Tuppy erlaubt es nicht. Sie hat völlig recht. Er ist erst sieben, und sie hat ständig Angst, daß er einen furchtbaren Unfall haben könnte.≪

≫Wie lange lebt er schon bei Tuppy?≪

≫Bis jetzt ein Jahr. Ich weiß nicht, wie lange er noch bleibt. Das hängt von Torquils Arbeit ab.≪

≫Fehlen ihm seine Eltern?≪

≫Ja, natürlich fehlen sie ihm. Aber der Persische Golf ist wirklich nicht der richtige Ort für ein Kind in seinem Alter. Und Tuppy wollte, daß er hierbleibt. Ihr gefällt das Haus nicht ohne einen kleinen Jungen, der es in Unordnung bringt. Es hat in Fernrigg immer kleine Jungen gegeben. Ich glaube, das ist einer der Gründe dafür, daß Tuppy so alterslos wirkt. Sie hatte nie Zeit, alt zu werden.≪

≫Und Isobel?≪

≫Isobel ist eine Heilige. Isobel hat sich um einen gekümmert, wenn man krank war, wenn einem schlecht geworden war. Sie ist mitten in der Nacht aufgestanden, um einem ein Glas Wasser zu bringen.≪

≫Sie hat nie geheiratet?≪

≫Nein. Ich glaube, das hing mit dem Krieg zusammen. Als er anfing, war sie noch zu jung, und als er aus war, wollte sie nur noch zurück nach Fernrigg. Und in den West Highlands wimmelt es nicht gerade von begehrenswerten Junggesellen. Sie hatte einmal einen Verehrer, aber der war ein Farmer mit der festen Absicht, sich Land auf der Isle of Eigg zu kaufen. Er machte den Fehler, Isobel dorthin mitzunehmen. Sie wurde auf der Überfahrt seekrank, und als sie dort ankam, hat es den ganzen Tag lang pausenlos geregnet. Das Farmhaus war unglaublich primitiv, mit einem Außenklo im Garten, auf der Heimfahrt wurde sie wieder krank, und danach starb die Geschichte eines natürlichen Todes. Wir waren alle begeistert, denn wir konnten den Kerl überhaupt nicht leiden. Er hatte ein knallrotes Gesicht und redete dauernd über die Rückkehr zum einfachen Leben. Ein schrecklicher Langweiler.≪

≫Hat Tuppy ihn gemocht?≪

≫Tuppy mag alle.≪

≫Wird sie mich mögen?≪

Antony wandte leicht den Kopf und lächelte. Es war ein schuldbewußtes Lächeln, aber auch verschwörerisch und eigentlich gar kein richtiges Lächeln.

≫Sie wird Rose mögen≪, sagte er.

Flora wurde wieder still.

Jetzt war es hell, der Regen war einem leichten, wehenden Dunst gewichen, der nach dem Meer roch. Die Straße führte bergab, durch Schneisen aus rosa Granit und über abfallende Hügel, bepflanzt mit Lärchen und Fichten. Sie kamen durch kleine Dörfer, die sich langsam auf den neuen Tag vorbereiteten, und an Lochs vorbei, deren dunkles Wasser unter dem Hauch des Westwinds bebte. Jede Biegung der Straße bot eine neue, herrliche Aussicht, und als das Meer schließlich vor ihnen lag, begriff Flora das erst, als sie sah, wie sich die salzigen Wellen an überwucherten Felsen vor einem weiteren Loch brachen.

Ein paar Kilometer fuhren sie am Ufer entlang. Flora sah eine Burgruine, das Gras um die Mauern herum kahlgefressen von Schafen; ein Wäldchen aus silbrigen Buchen, das Laub so kupfern verfärbt wie neue Pennies; eine Farm mit Schafkoppeln und einem bellenden Hund. Es war alles so abgelegen und wunderschön.

≫Wie romantisch≪, sagte sie. ≫Was für ein abgedroschenes Wort, aber mir fällt kein anderes ein. Es ist ein romantisches Land.≪

≫Das liegt daran, daß es das Land von Bonnie Prince Charlie ist. Verwurzelt in Traditionen und Nostalgie. Ursprung tausend verlorener Kämpfe, Ausgangspunkt langer Jahre des Exils und der Entvölkerung, Heimat all der wackeren Schottinnen, die sich auf eigene Faust durchgebissen haben.≪

≫Möchten Sie nicht hier leben? Ich meine, immer.≪

≫Ich muß Geld verdienen.≪

≫Könnten Sie das hier nicht?≪

≫Nicht als Bilanzbuchhalter. Da müßte ich Fischer sein. Oder Arzt wie Hugh Kyle. Er behandelt Tuppy, und er hat, abgesehen von wenigen Unterbrechungen, sein ganzes Leben hier verbracht.≪

≫Er muß ein glücklicher Mensch sein.≪

≫Nein≪, sagte Antony. ≫Dafür halte ich ihn eigentlich nicht.≪

Sie waren um halb sieben in Tarbole, fuhren den steilen Hügel zum kleinen Hafen hinunter, der jetzt die Stille genoß, die bald von den Booten gestört werden würde, die mit dem Fang der Nacht einliefen.

Weil es immer noch zu früh war, fuhr Antony die Hafenstraße entlang und parkte das Auto vor einem Holzschuppen mit Blick auf die Kais, Piers, Kräne und Räuchereien.

Als sie ausstiegen, schlug ihnen Kälte entgegen, die kräftig nach Meer, geteerten Leinen und Fisch roch. Über der Tür des Schuppens stand: Sandy Soutar. Tee, Kaffee, Snacks, und aus den beschlagenen Fenstern drang warmes, gelbes Licht.

Sie gingen hinein, über die alte Heringskiste, die als Stufe diente. Drin war es sehr warm, es roch nach frischem Brot und knusprigem Speck, und hinter dem Tresen schaute eine dicke Frau in einem geblümten Overall vom Teekessel auf, sah Antony und lächelte sofort zur Begrüßung.

≫Antony Armstrong. Gott im Himmel! Mal wieder im Lande?≪

≫Tag, Ina. Ich bin über das Wochenende nach Hause gekommen. Bekommen wir ein Frühstück?≪

≫Aber natürlich. Setzen Sie sich, fühlen Sie sich wie zu Hause.≪ Sie schaute an ihm vorbei auf Flora, mit vor Neugier funkelnden Augen. ≫Und ist das die junge Dame, die Sie mitgebracht haben? Wir haben gehört, daß Sie heiraten wollen.≪

≫Ja≪, sagte Antony, nahm Floras Hand und zog sie nach vorn. ≫Das ist Rose.≪

Das erste Mal. Die erste Lüge. Die erste Hürde.

≫Hallo≪, sagte Flora, und schon lag die Hürde hinter ihr. So einfach war das.

Kapitel 6

Jason

Tuppy war seit fünf Uhr wach, wartete seit sechs auf Antony und Rose.

Wenn sie gesund gewesen wäre, dann wäre sie aufgestanden, hätte sich angezogen, wäre hinuntergegangen in das stille, schlafende Haus Und hätte sich mit all den vertrauten Tätigkeiten beschäftigt, die sie als so beruhigend empfand. Sie hätte die Haustür aufgemacht, die Hunde hinausgelassen und wäre dann in die Küche gegangen, um den Kessel aufzusetzen, voller Vorfreude auf eine Tasse Tee. Dann wäre sie nach oben gegangen, hätte in den beiden vorbereiteten Zimmern die Elektroöfen eingeschaltet und sich vergewissert, daß alles bereit und gastfreundlich war, mit frischen Bettüberwürfen, Kleiderbügeln im Schrank, sauberem weißem Papier in den Schubladen.

Dann wieder hinunter, um die Hunde hereinzulassen, ihnen Kekse und einpaar liebevolle Klapse zu geben, die Vorhänge aufzuziehen, damit das Morgenlicht hereinkam, in der Glut des Kaminfeuers zu stochern und Torf nachzulegen. Alles wäre warm und gastlich gewesen.

Aber jetzt war sie alt und krank und mußte im Bett bleiben, während andere diese erfreulichen Aufgaben erledigten. Enttäuschung und Langeweile nagten an ihr. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre aufgestanden und hätte sich angezogen, und zum Teufel mit Isobel und Schwester McLeod und Hugh Kyle. Aber hinter ihrem Ärger steckte eine ganz reale Angst. Was für eine elende Heimkehr wäre es für Antony gewesen, wenn er seine Großmutter reglos unten an der Treppe gefunden hätte, weil sie nicht vernünftig genug war, das zu tun, was man ihr sagte.

Seufzend schickte sie sich in das Unvermeidliche. Sie aß einen Keks aus der Dose neben ihrem Bett und trank einen Schluck Tee, den die Schwester jeden Abend in einer Thermoskanne hinterließ. Sie würde sich in Geduld fassen. Krank zu sein war wirklich unerträglich langweilig.

Um sieben regte sich Leben im Haus. Sie hörte, wie Isobel aus ihrem Zimmer kam und hinunterging; sie hörte die Hunde und das Öffnen der Haustür, das Quietschen der kerkerähnlichen Eisenriegel und das Scheppern der großen Schlüssel.

Gleich darauf war auch Mrs. Wattys Stimme zu hören, und bald wehte der Geruch nach brutzelndem Frühstück von unten herauf. Als nächstes ging Jason ins Bad. Als er wieder herauskam, rief er über das Geländer hinunter: ≫Tante Isobel!≪

≫Ja?≪

≫Sind Rose und Antony da?≪

≫Noch nicht. Sie können jetzt jeden Augenblick kommen.≪

Tuppy schaute zur Tür. Der Griff bewegte sich, und gleich darauf schob sich Jasons blonder Kopf herein. ≫Ich bin wach≪, sagte sie. ≫Komm ruhig rein.≪

≫Sie sind noch nicht da≪, sagte er.

≫Bis du angezogen bist, sind sie vermutlich hier.≪

≫Hast du gut geschlafen?≪

≫Wie ein Murmeltier≪, log Tuppy. ≫Und du?≪

≫Auch. Glaub ich jedenfalls. Du weißt auch nicht, wo mein Ranger-T-Shirt ist, oder?≪

≫Vermutlich in der Wäsche.≪

≫Oh, schon gut. Ich schaue nach.≪

Er verschwand, ließ die Tür offen. Das nächste Ereignis war die Ankunft von Sukey, die nach ihrem Morgenbesuch im Garten sofort die Treppe heraufgekommen war. Sie trottete über den Boden und sprang mit Hilfe eines Stuhls auf Tuppys Bett. Ohne weitere Umstände nahm sie ihren üblichen Platz am Fußende der Decke ein.

≫Sukey!≪ tadelte Tuppy, aber Sukey hatte kein Gewissen. Sie schaute Tuppy einen Augenblick lang kühl an, dann machte sie es sich zum Schlafen bequem.

Dann hatte Schwester McLeod ihren Auftritt, zog Vorhänge auf, machte Fenster zu, stellte den Heizofen an und machte Tuppys Nippes zum Klirren, während sie mit schweren Schritten herumstapfte.

≫Wir müssen Sie zurechtmachen, ehe Ihr Enkel und die junge Dame kommen≪, sagte die Schwester fröhlich. Sie zog am Laken und an den Kissen, griff unter die Decke nach der Wärmflasche, fragte, was Tuppy zum Frühstück wolle. ≫Mrs. Watty brät Speck…sie sagt, Antony freut sich immer auf gebratenen Speck an seinem ersten Morgen daheim. Möchten eine eine kleine Portion davon?≪

Und dann, als Tuppy schon glaubte, sie könne keinen Augenblick länger warten, hörte sie Antonys Auto, das dröhnend die Straße heraufkam, durch das offene Tor in die Einfahrt mit den Schlaglöchern einbog. Das zweimalige Hupen, die quietschenden Bremsen und das Aufspritzen des Schottters durchbrachen die Morgenstille. (Tuppy fand, daß er immer zu schnell fuhr.) Unten brach das Chaos aus. Plummer bellte, Schritte kamen den Weg und den Flur entlang, die Tür öffnete sich, und fröhliche Stimmen erfüllten das Haus.

Da bist du ja. Wie schön, daß du da bist.

≫Hallo, Antony≪, rief Jason. ≫Hattest du eine gute Fahrt? Machst du mir Pfeil und Bogen?≪

Tuppy hörte Antonys Stimme. ≫Wie geht es Tuppy?≪ (Ihr Herz schmolz vor Liebe zu ihm.)

Dann wieder Jason: ≫Sie ist schon wach≪, die Stimme piepsig vor Aufregung. ≫Sie wartet auf dich.≪

Tuppy setzte sich auf, die Tür im Auge, und hörte, wie er heraufkam, wie üblich zwei Stufen auf einmal nehmend.

≫Tuppy!≪

≫Ich bin hier!≪

Mit langen Schritten kam er über den Flur zur Tür. Er stürmte in ihr Zimmer und strahlte dabei über das ganze Gesicht.

≫Tuppy.≪ Er trug Cordhosen, einen dicken Pullover und eine lange Lederjacke, und als er an ihr Bett kam, um sie zu küssen, kratzten seine Bartstoppeln sie an den Wangen. Sein Gesicht war kalt, er hatte zu langes Haar, und sie konnte kaum glauben, daß er tatsächlich da war.

Sie umarmten sich. Schließlich löste er sich von ihr. ≫Aber, du siehst phantastisch aus. Was bist du doch für eine alte Schwindlerin.≪

≫Mir fehlt gar nichts. Du bist später dran als üblich. War es eine scheußliche Fahrt?≪

≫Nein, es lief alles bestens. So gut, daß wir bei Sandy in Tarbole zum Frühstücken Station gemacht haben. Wir sind vollgestopft mit Würstchen und starkem Tee.≪

≫Rose ist dabei?≪

≫Ja. Sie ist unten. Möchtest du sie sehen?≪

≫Natürlich möchte ich sie sehen. Hol sie sofort herauf.≪

Er ging hinaus, und sie hörte, wie er hinunterrief: ≫Rose!≪ Keine Antwort. Dann, dieses Mal lauter: ≫Rose! Schnell, komm herauf. Tuppy wartet auf dich.≪

Tuppy schaute zur Tür. Als er wieder hereinkam, hielt er Rose an der Hand.

Sie wirkten beide schüchtern, fast verlegen, und sie fand das rührend, als habe die Liebe etwas von Antonys Firnis der Weltläufigkeit weggekratzt.

Sie sah Rose an und stellte fest, daß die fünf Jahre zwischen siebzehn und zweiundzwanzig ein hübsches, aber manchmal etwas schmollend wirkendes Mädchen in etwas ganz Besonderes verwandelt hatten. Sie sah die gebräunte Haut, rein, gesund und sauber; das glänzende braune Haar, die Augen — so dunkle, braune Augen. Tuppy hatte vergessen, wie dunkel sie waren. Sie trug die übliche Uniform der Jugend von heute verwaschene Jeans und einen Pullover, und darüber eine marineblaue Jacke mit Tartanfutter.

Rose sagte schüchtern: ≫Leider sehe ich ziemlich zerknittert aus.≪

≫Aber Liebes! Wie könntest du denn geschniegelt aussehen, wenn du die ganze Nacht unterwegs warst? Ich finde, du siehst reizend aus. Jetzt komm her und gib mir einen Kuß.≪

Rose kam herüber und beugte sich über Tuppy, um ihr einen Kuß zu geben. Das dunkle Haar fiel nach vorn und berührte Tuppys Wange. Roses Wange war glatt und kühl, erinnerte Tuppy an knackige, frisch gepflückte Äpfel.

≫Ich habe schon gedacht, ich bekomme dich nie zu sehen!≪

Rose setzte sich auf den Bettrand. ≫Es tut mir leid.≪

≫Du warst in Amerika?≪

≫Ja.≪

≫Wie geht es deiner Mutter?≪

≫Sehr gut.≪

≫Und deinem Vater?≪

≫Auch gut. Wir haben eine Rundreise gemacht.≪ Sie sah Sukey. ≫Oh, ist das Ihr…dein Hund?≪

≫Du erinnerst dich doch bestimmt an Sukey, Rose! Sie war immer dabei, wenn wir am Strand gepicknickt haben.≪

≫Sie…sie muß schon ziemlich alt sein.≪

≫Sie ist zehn. In Hundejahren ist das siebzig. Und damit ist sie immer noch jünger als ich. Ich habe mehr Zähne als sie, aber wenigstens war Sukey nicht so blöd wie ich und ist krank geworden. Habt ihr gesagt, ihr hättet schon gefrühstückt?≪

≫Ja≪, sagte Antony. ≫In Tarbole.≪

≫Ach, wie schade, Mrs. Watty brät eigens für euch Speck. Ihr müßt ein bißchen darin herumstochern oder wenigstens eine Tasse Kaffee trinken.≪

Sie lächelte Rose an und freute sich an dem Gedanken, daß sie Antony heiraten würde und daß sie hier war, in Fernrigg.

≫Zeig mir deinen Ring≪, bat sie, und Rose zeigte ihn ihr. Die Diamanten und Saphire glitzerten an der schlanken braunen Hand.

≫Was für ein hübscher Ring! Aberägentlich habe ich das schon vorher gewußt. Antony hat einen sehr guten Geschmack.≪

Rose lächelte. Es war ein alles umarmendes, strahlendes Lächeln, wie Tuppy es liebte…ganz weiße Zähne, die beiden Schneidezähne etwas schief, wodurch sie sehr jung und verletzlich wirkte.

≫Wie lange könnt ihr bleiben?≪ fragte Tuppy, der es liebsten gewesen wäre, wenn die beiden für immer hätten bleiben wollen.

≫Nur bis morgen abend≪, sagte Antony. ≫Wir müssen leider bald wieder zurück.≪

≫Zwei Tage. Wie kurz.≪ Sie tätschelte Roses Hand. ≫Macht nichts, Hauptsache, wir genießen es. Und heute abend gibt eine kleine Einladung, nur ein paar Gäste, weil es ein so besonderer Anlaß ist.≪ Sie bemerkte Antonys Gesichtsausdruck. ≫Mach jetzt bloß kein Theater. Das machen mir schon Isobel und die Schwester die ganze Zeit. Wußtet ihr, daß sie eine Schwester eingestellt haben, die sich um mich kümmert? Mrs. McLeöd, sie kommt aus Fort William.≪ Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. ≫Sie sieht genau wie ein Pferd aus.≪ Rose prustete los. ≫So ein Quatsch, aber es hilft Isobel sehr. Und natürlich komme ich nicht zu dem Abendessen. Ich werde hier sitzen, mit einem Essenstablett, und hören, wie ihr euch alle amüsiert.≪ Sie wandte sich Rose zu. ≫Ich habe Anna und Brian eingeladen — du erinnerst dich doch an sie, nicht wahr? Ja, natürlich erinnerst du dich. Ich habe gedacht, es freut dich, sie wiederzusehen.≪

Rose sagte: ≫Es wäre schön, wenn du auch dabei sein könntest.≪

≫Wie lieb du bist. Aber wenn ich noch eine Weile im Bett bleibe, bin ich bis zu eurer Hochzeit wieder auf den Beinen, und das ist das Allerwichtigste.≪ Sie lächelte wieder, ihr Blick huschte von einem Gesicht zum anderen. Sie schauten sie an, die beiden Augenpaare, ein so helles und ein so dunkles. Tuppy fiel auf, daß die dunklen Augen von Müdigkeit überschattet waren. ≫Rose, hast du denn wenigstens ein bißchen geschlafen?≪ fragte sie besorgt.

Rose schüttelte den Kopf. ≫Ich konnte nicht.≪

≫Ach, Liebes, da mußt du ja völlig erschöpft sein.≪

≫Bin ich auch, ein bißchen. Ganz plötzlich. Nur schläfrig.≪

≫Möchtest du ins Bett? Schlaf bis zum Mittagessen, dann fühlst du dich besser. Und vielleicht will Antony…≪

≫Ich bin munter≪, sagte Antony schnell. ≫Vielleicht mache am Nachmittag ein Nickerchen.≪

≫Aber Rose muß schlafen. Mrs. Watty soll dir eine Wärmeflasche machen. Und hinterher kannst du ein schönes Bad nehmen. Das möchtest du doch gern, nicht wahr?≪

≫Ja≪, gab Rose zu.

≫Dann machst du es auch. Und jetzt geht hinunter und eßt Mrs. Watty zuliebe etwas Speck, und sagt der Schwester, ich möchte jetzt mein Frühstück, und≪, fügte sie hinzu, als sie zur Tür gingen, ≫noch einmal vielen Dank, euch beiden, vielen Dank, daß ihr gekommen seid.≪

Das Aufwachen war seltsam. Das Bett war seltsam, wenn auch wunderbar weich und bequem. Der Stuck an der Decke war seltsam, das dunkle Rosa der zugezogenen Vorhänge fremd. Ehe sie sich richtig orientiert hatte, zog Flora den Arm unter der Decke hervor und schaute auf die Uhr. Elf. Sie hatte fünf Stunden geschlafen. Und hier war sie, in Fernrigg — Fernrigg House in Arisaig, in Argyll, in Schottland. Sie war Flora, aber jetzt war sie Rose, verlobt mit Antony Armstrong.

Sie hatte alle kennengelernt: Isobel, den kleinen Jason, Mrs. Watty, wogend, gesund und mehlig wie ein frischgebackenes Hörnchen, und Watty, ihren Mann, der in die Küche kam, während sie Kaffee tranken, mit sorgfältig abgetretenen Stiefeln und Fragen wegen des Gemüses. Alle schienen sich darüber zu freuen, daß sie da war, und nicht nur wegen Antony. Erinnerungen waren das Gebot der Stunde.

≫Und wie geht es Mrs. Schuster?≪ hatte Mrs. Watty gefragt. ≫Ich weiß noch, wie sie in jenem Sommer jeden Morgen heraufkam, um frische Eier zu holen, und Watty gab ihr meistens einen Salatkopf, weil sie sagte, ohne frischen Salat hält sie es keinen Tag lang aus.≪

Und Isobel erinnerte sich an ein bestimmtes Picknick, bei dem es so warm gewesen war, daß Tuppy darauf bestanden hatte, schwimmen zu gehen, und sich dafür einen eleganten Badeanzug von Pamela Schuster ausgeliehen hatte. ≫Sie hat keinem von uns erlaubt, ihr zuzuschauen, wie sie ins Wasser ging. Sie sehe unanständig aus, hat sie gesagt, aber in Wahrheit sah ausgesprochen hübsch aus, weil sie immer so schlank war.≪

Und Antony hatte Isobel gehänselt. ≫Wenn Tuppy euch nicht erlaubt hat hinzuschauen, woher weißt du dann, daß sie hübsch ausgesehen hat? Du mußt heimlich hingeguckt haben.≪

≫Ich wollte mich doch bloß vergewissern, daß sie keinen Krampf bekommt.≪ Nur Jason hatte sehr zu seinem Verdruß keine Erinnerungen. ≫Wenn ich bloß dagewesen wäre, als du hier warst≪, sagte er zu Flora und schaute sie mit unverhohlener Bewunderung an. ≫Aber ich war nicht da. Ich war irgendwo anders.≪

≫Du warst in Beirut≪, sagte Isobel. ≫Und selbst wenn du hier gewesen wärst, könntest du dich wahrscheinlich an nichts erinnern, weil du erst zwei warst.≪

≫Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zwei war. Ich kann mich an eine Menge erinnern.≪

≫An was zum Beispiel?≪ fragte Antony skeptisch.

≫Zum Beispiel…an Weihnachtsbäume?≪ sagte er hoffnungsvoll.

Flora fiel auf, daß alle lächelten, aber niemand ihn auslachte.

Obwohl er wußte, daß die anderen ihm nicht so ganz glaubte. hatte er seine Würde gewahrt.

≫Egal≪, fügte er hinzu, ≫an Rose würde ich mich ganz bestimmt erinnern.≪

Der Empfang hatte also nicht nur etwas mit der Tatsache zu tun, daß Röse und Antony angeblich heiraten wollten. Die Schusters hatten offenbar vor fünf Jahren von sich aus einen gewissen Eindruck gemacht, der noch in fröhlicher Erinnerung war, was jetzt vieles erleichterte.

Flora schaute wieder auf die Uhr Jetzt war es fünf nach elf, und sie war hellwach. Sie stand auf, ging zu den Fenstern hinüber, zog die Vorhänge auf und schaute über den Garten weg auf das Meer.

Der Regen hatte aufgehört, der Nebel löste sich auf. In der Ferne nahmen die Umrisse der Inseln schwach Gestalt an.

Es war Ebbe, man sah eine kleine Mole und den steilen Kiesstrand, zu dem der Garten in einer Reihe von Rasenterassen abfiel. Auf der einen Seite bemerkte sie einen mit Maschendraht eingezäunten Tennisplatz. Unter ihr war das Laub von Büschen scharlachrot und golden, und eine Eberesche trug schwer an der Last ihrer Beeren.

Flora schloß das Fenster und ging auf die Suche nach einer Badewanne. Was sie fand, war ein sargähnliches viktorianisches Monstrum, eingebettet in poliertes Mahagoni und mit so hohen Seitenwänden, daß man nur mühsam hineinsteigen konnte. Das Wasser war kochend heiß, ganz weich und braun verfleckt vom Torf. Das restliche Badezimmer samt Zubehör entsprach genau dem Stil der Wanne. Die Seife roch schwach nach Medizin, die Handtücher waren riesig, weiß und flauschig, und auf der Konsole stand eine Flasche mit dem Etikett Pimentöl. Alles war altmodisch und ungeheuer luxuriös.

Als sie gewaschen und angezogen war, ihr Bett gemacht und ihre Kleider aufgehängt hatte, wagte sich Flora aus dem Zimmer. Sie ging zum Ende des Ganges, wo die breite Treppe mit einer Reihe von Absätzen in die große Halle hinunterführte. Dort blieb sie stehen, lauschte auf ein Geräusch häuslicher Tätigkeit, hörte aber nichts. Sie sah Tuppys Schlafzimmertür, befürchtete jedoch, sie mitten in einem Nickerchen zu stören oder bei einem Gespräch mit ihrem Arzt oder der forschen, kompetenten Schwester. Sie ging die Treppe hinunter und sah das schwelende Feuer im großen Kamin, das nach Torf duftete.

Immer noch kein Laut. Flora kannte sich im Haus noch nicht recht aus und fand schließlich die Küche, wo zu ihrer Erleichterung Mrs. Watty am Tisch stand und einen Vogel rupfte. Mrs. Watty schaute durch ein Gestöber von Federn auf.

≫Hallo, Rose. Haben Sie sich schön ausgeruht?≪

≫Ja, danke.≪

≫Möchten Sie eine Tasse Kaffee?≪

≫Nein, nicht nötig. Ich habe mich gefragt, wo die anderen stecken.≪

≫Alle haben etwas vor. Jedenfalls soweit ich weiß. Die Schwester wartet auf den Arzt, Miss Isobel ist in Tarbole und macht Besorgungen für heute abend, und Antony und Jason sind nach Lochgarry gefahren, um herauszufinden, ob Willie Robertson die Schlaglöcher in der Einfahrt ausbessern kann. Jedesmal wenn er herkommt, will Miss Isobel von Antony, daß er etwas gegen die Schlaglöcher unternimmt, na, Sie wissen ja, wie das ist. Die Zeit reicht nie. Aber heute morgen war er einverstanden und ist zusammen mit Jason vor etwa einer Stunde weggefahren. Sie sind zum Mittagessen zurück.≪ Mrs. Watty griff nach einem mörderischen Messer und hackte den Hühnerkopf ab. ≫Es sieht also ganz so aus, als wären Sie sich selbst überlassen.≪

Flora wandte den Blick von dem abgehackten Kopf ab. ≫Kann ich Ihnen bei irgend etwas helfen? Ich könnte den Tisch decken. Oder Kartoffeln schälen.≪

Mrs. Watty lachte schallend. ≫Lieber Gott, das ist alles schon erledigt. Sie brauchen sich über nichts den Kopf zu zerbrechen. Machen Sie doch einen schönen Spaziergang. Der Regen hat aufgehört, und ein bißchen frische Luft kann Ihnen nicht schaden. Vielleicht möchten Sie zum Strandhaus hinuntergehen und schauen, ob es sich nach den vielen Jahren verändert hat.≪

≫Ja≪, sagte Flora. Das war eine gute Idee. Dann kannte sie das Strandhaus und konnte darüber reden, wie Rose es getan hätte. ≫Aber ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie man dorthin kommt.≪

≫Ach, das können Sie nicht verfehlen. Gehen Sie einfach ums Haus herum und den Weg zum Strand hinunter. Ziehen Sie aber lieber eine Jacke an. Heute morgen ist kein Verlaß auf das Wetter, obwohl der Nachmittag vielleicht schön und klar wird.≪

Nach dieser Mahnung holte Flora die Jacke aus ihrem Zimmer, ging wieder die Treppe hinunter und durch die Haustür hinaus. Der Morgen war kühl, frisch und feucht, roch nach welkem Laub, nach Torfrauch und nach dem salziegen Meer. Sie blieb einen Augenblick stehen, um sich zu orientieren, dann wandte sie sich nach links, ging über den Schotter vor dem Haus und kam zu einem Weg, der durch den abschüssigen Rasen zu einem dichten Rhododendrongebüsch führte.

Als sie schließlich aus dem Gebüsch heraustrat, gelangte sie an eine Gruppe neugepflanzter junger Fichten. Der Weg führte jedoch weiter, durch die jungen Bäume hindurch, bis sie zu einem Tor in einer Bruchsteinmauer kam. Dahinter und darunter wuchs Heidekraut, dann kamen Felsen und dann ein Strand mit dem weißesten Sand, den sie je gesehen hatte.

Ihr wurde bewußt, daß sie sich am südlichen Ufer eines vom Meer gespeisten Lochs befand. Jetzt, bei Ebbe, trennte nur ein schmales Rinnsal die beiden weißen Strände, und auf der anderen Seite stieg das Land zu flachen grünen Hügeln an, durchsetzt mit Schafskoppeln und Wiesen, auf denen das Heu in selbstgebauten Hecken trocknete.

Aus dem Schornstein einer kleinen Kate stieg blauer Rauch, vor der Tür lag ein Hund, und (wie immer in diesem Teil der Welt) Schafe sprenkelten den Abhang.

Auf dem Weg zum Wasser hielt Flora Ausschau nach dem Strandhaus. Sie sah es fast sofort, unverkennbar in die Biegung der Bucht geschmiegt, eingerahmt von einem Wäldchen aus knorrigen Eichen.

Als sie darauf zuging, fiel ihr die Holztreppe auf, die über die Felsen vom Strand heraufführte, und die Fassade des Häuschens mit den geschlossenen Fensterläden. Die Wände waren weiß gestrichen, das Dach schieferblau, die Türen und Läden grün. Sie ging die Treppe hinauf und sah die geflieste Terrasse, auf der ein Glasfiberdingi lag, neben einem Holzkübel mit den welkenden Resten sommerlicher Geranien.

Sie drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken an die Tür, betrachtete die Aussicht und versuchte, sich wie eine Schauspielerin mit einer neuen Rolle in Rose hineinzuversetzen. Rose mit siebzehn. Was hatte sie in jenem Sommer mit sich angefangen? Womit hatte sie die Zeit verbracht? War es schön und warm gewesen, so daß sie auf der Terrasse hatte sonnenbaden können? War sie bei Flut mit dem kleinen Dingi auf den Loch hinausgefahren? War sie geschwommen, hatte sie Muscheln gesammelt und war über den leuchtenden Sand gegangen?

Oder hatte sie sich zu Tode gelangweilt? Hatte sie die Tage schmollend verbracht, sich nach New York oder Kitzbühel oder einem anderen ihrer Jagdgründe gesehnt? Flora hätte es liebend gern gewußt, damit sie Rose hätte einschätzen können. Wenn nur Zeit gewesen wäre, ihre Schwester besser kennenzulernen.

Sie drehte sich um, ging rückwärts ein Stück vom Haus weg, schaute es an, versuchte, etwas von ihm zu erfahren. Aber die Fassade mit den geschlossenen Fensterläden war ein geheimnisvolles Gesicht, verriet ihr nichts. Sie gab es auf und ging zum Strand zurück, wo das glasklare Wasser den Sand leckte und Muscheln zum Sammeln lagen, glatt und heil in dem friedlichen Priel.

Sie hob eine auf und dann eine zweite und vertiefte sich so in diese müßige Beschäftigung, daß sie jedes Zeitgefühl verlor. Deshalb hatte sie keine Ahnung, wie lange sie dort gewesen war, als ihr plötzlich bewußt wurde, daß ihr jemand zuschaute. Sie sah von den Muscheln auf. Am Rand der schmalen Straße am Anfang des Loch parkte ein Auto. Es war vorher nicht dagewesen. Und daneben, reglos, die Hände in den Taschen, stand ein Mann.

Sie waren vielleicht hundert Meter auseinander. Aber sofort, als er merkte, daß Flora ihn gesehen hatte, nahm er die Hände aus den Taschen, kam die wenigen Schritte zum Strand herunter und über den Sand auf sie zu.

Flora war befangen. Sie und der näher kommende Mann waren die einzigen lebenden Wesen weit und breit (wenn man eine Reihe von gierigen Seevögdn nicht mitzählte), und verschiedene Phantasien blitzten in ihrem Kopf auf.

Vielleicht hatte er sich verfahren und wollte sie nach dem Weg fragen. Vielleicht suchte er nach einem Ort, an dem er mit seiner Frau und seiner Familie die nächsten Sommerferien verbringen konnte, und das Strandhaus war ihm ins Auge gestochen. Vielleicht war er ein streunender Lustmolch. Flora wünschte sich, sie hätte daran gedacht, einen Hund mitzunehmen.

Aber dann beruhigte sie sich. Selbst auf einige Entfernung strahlte er eine solide Rechtschaffenheit aus: seine Gestalt — er war ausgesprochen groß, breitschultrig und langbeinig —; sein bedächtiger, nicht überhasteter Schritt, der den Abstand zwischen ihnen mit der Leichtigkeit eines an das Laufen gewöhnten Mannes zurücklegte; seine konventionelle, ländliche Kleidung. Vielleicht ein Farmer oder ein Grundstücksbesitzer aus der Nachbarschaft. Sie stellte sich ein großes, zugiges Haus und Jagdeinladungen im August vor.

Es war an der Zeit, ihn zur Kenntnis zu nehmen, statt nur mit den Händen voller Muscheln dazustehen und ihn anzustarren. Flora versuchte es mit einem schwachen Lächeln, auf das er aber nicht reagierte. Er kam einfach näher, nahm Kurs auf sie wie ein Panzer. Er war vermutlich zwischen dreißig und vierzig, mit kräftigen Gesichtszügen; sein Haar, sein Anzug, selbst sein Hemd und die Krawatte hatten keine bestimmte Farbe und waren vollkommen unauffällig. Nur die Augen fielen auf. Sie waren von einem so strahlenden, dunklen Blau, daß Flora sich plötzlich hilflos fühlte. Sie war auf vieles gefaßt gewesen, aber nicht auf diesen eisigen Blick, dieses Funkeln der Feindseligkeit.

Schließlich blieb er stehen, keinen Meter von ihr entfernt, vor der Böschung zum Strand hinunter, das Gewicht auf einen Fuß verlagert. Der Wind regte sich und wehte eine Haarsträhne über Floras Wange. Sie strich sie zurück. Er sagte: ≫Hallo, Rose.≪

Ich bin nicht Rose.

≫Hallo≪, sagte Flora.

≫Frischen Sie glückliche Erinnerungen auf?≪

≫Ja, ich glaube schon.≪

≫Was ist es für ein Gefühl, wieder hier zu sein?≪ Seine Stimme hatte den weichen Tonfall der West Highlands. Er war also ein Einheimischer. Und er kannte Rose. Aber wer war er?

≫Es ist ein schönes Gefühl≪, sagte Flora und wünschte sich, ihre Stimme hätte selbstsicherer geklungen.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen. ≫Wissen Sie, ich hätte nie geglaubt, daß Sie tatsächlich wieder herkommen.≪

≫Das ist keine besonders freundliche Begrüßung. Oder?≪

≫Ich habe Sie nie für blöd gehalten, Rose. Tun Sie nicht so, als ob Sie von mir etwas anderes erwartet hätten.≪

≫Warum hätte ich nicht herkommen sollen?≪

Darüber hätte er fast gelächelt, aber sein Ausdruck wurde dadurch nicht freundlicher.

≫Ich glaube nicht, daß Sie oder ich diese Frage stellen müssen.≪

Allmählich wurde Flora ärgerlich. Es gefiel ihr gar nicht, auf so unverhohlene Abneigung zu stoßen.

≫Sind Sie den ganzen Weg zum Strand nur heruntergekommen, um mir das zu sagen?≪

≫Nein. Ich bin gekommen, um Ihnen etwas anderes zu sagen. Um Sie daran zu erinnern, daß Sie kein unschuldiger Teenager mehr sind. Sie sind mit Antony verlobt. Eine erwachsene Frau. Ich hoffe schlicht und einfach, und zwar um Ihretwillen, daß Sie gelernt haben, sich auch so zu benehmen.≪

Flora war fest entschlossen, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. ≫Das klingt wie eine Drohung≪, sagte sie so unbeschwert wie möglich.

≫Nein. Keine Drohung. Eine Warnung. Eine freundliche Warnung. Und jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Tag und überlasse Sie den Muscheln.≪

Er drehte sich um und ging, so plötzlich, wie er aufgetaucht war, anscheinend ohne Eile, aber mit seinen langen Schritten erstaunlich schnell.

Flora stand wie angewurzelt da und sah ihm nach. Er schien blitzschnell die Felsen erreicht zu haben, kletterte leichtfüßig hinauf, stieg ins Auto und fuhr Richtung Tarbole ab.

Sie stand immer noch völlig benommen da, die Muscheln in den Händen, während es in ihrem Kopf von Fragen wimmelte. Aber es schien nur eine Antwort darauf zu geben: Rose mußte mit siebzehn eine Liebesgeschichte mit diesem Mann gehabt haben. Sie konnte sich nicht vorstellen, was sonst emen solchen Groll, eine derart deutliche Abneigung erklärt hätte.

Sie ließ die Muscheln abrupt fallen und ging, erst langsam, dann schneller, zurück nach Fernrigg, das ihr jetzt wie ein sicherer Hafen erschien. Sie dachte daran, Antony von ihrer Begegnung zu erzählen, ihn ins Vertrauen zu ziehen, überlegte es sich dann aber anders.

Schließlich ging es sie eigentlich gar nichts an. Sie war Flora, nicht Rose. Sie war nur für zwei Tage in Fernrigg. Morgen fuhren sie ab, dann würde sie diese Leute nie wiedersehen.

Sie würde diesen Mann nie Wiedersehen. Er hatte Rose gekannt, aber das hieß nicht, daß er ein Freund der Armstrongs war. Selbst falls er ein Bekannter sein sollte, erschien es äußerst unwahrscheinlich, daß Tuppy einen derart unangenehmen Menschen in ihr Haus einlud.

Nachdem sie zu dieser Schlußfolgerung gekommen war, schwor sich Flora, den ganzen Vorfall zu vergessen. Dennoch konnte sie sich kaum gegen den Gedanken sträuben, daß Roses Benehmen möglicherweise ein wenig ungeschickt gewesen war.

Als sie aus dem Rhododendrondickicht auftauchte, stellte sie erleichtert fest, daß ihr Antony und Jason über den Rasen entgegenkamen. Sie trugen beide zerschlissene Jeans und weite Pullover. Jasons Segeltuchturnschuhe hatten Löcher an den Spitzen, und die Schnürsenkel waren offen. Als er Flora sah, rannte er auf sie zu, stolperte über die Schnürsenkel fiel auf die Nase, stand sofort wieder auf und rannte weiter. Flora fing ihn auf, als er sie erreichte, und wirbelte ihn herum.

≫Wir haben nach dir gesucht≪, sagte er. ≫Es ist gleich Zeit zum Mittagessen, und es gibt Shepherd’s Pie.≪

≫Tut mir leid. Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist.≪ Sie schaute über seinen Kopf hinweg Antony an.

≫Guten Morgen≪, sagte er und beugte sich unvermittelt herunter, um ihr einen Kuß zugeben. ≫Wie fühlst du dich?≪

≫Ausgezeichnet.≪

≫Mrs. Watty hat uns gesagt, daß du einen Spaziergang machst. Hast du das Strandhaus gefunden?≪

≫Ja.≪

≫Alles in Ordnung?≪

Er meinte nicht das Strandhaus, sondern Flora, wie ihr zumute war, wie sie mit der Situation zurechtkam, in die er gebracht hatte. Seine Sorge rührte sie, und weil sie ihn nicht beunruhigen wollte, lächelte sie und sagte entschieden, alles sei in bester Ordnung.

≫Warst du am Strandhaus?≪ fragte Jason.

≫Ja.≪ Sie gingen zum Haus zurück, Jason an Floras Hand. ≫Aber die Fensterläden sind zu, und ich konnte nicht hineinsehen.≪

≫Ich weiß. Watty macht das immer, wenn der Sommer vorbei ist, weil sonst Jungen aus Tarbole kommen und die Fenster einwerfen. Einmal hat einer ein Fenster eingeworfen, ist eingestiegen und hat eine Decke geklaut.≪ Aus Jasons Mund klang das verbrecherischer als ein Mord.

≫Und was hast du heute morgen gemacht?≪ fragte Flora.

≫Wir waren in Lochgarry bei Willie Robertson wegen der Löcher in der Einfahrt, und Willie will mit seiner Teerspritzmaschine kommen und alle zumachen. Er hat gesagt, er kommt nächste Woche.≪

Antony war sich da nicht so sicher. ≫Das heißt vermutlich nächstes Jahr≪, sagte er zu Flora. ≫Hier sind wir im Westen von Schottland, Zeit spielt keine Rolle. Mañana heißt gestern.≪

≫Und Mrs. Robertson hat mir Karamelbonbons geschenkt, und dann sind wir zur Pier von Tarbole gefahren, da liegt ein Schiff aus Dänemark, und sie Läden es voll mit Heringsfässern, und ich habe eine Möwe gesehen, die hat mit einem Bissen eine Makrele gefressen.≪

≫Silbermöwen sind immer so gierig.≪

≫Und heute nachmittag macht mir Antony Pfeil und Bogen.≪

≫Vielleicht≪, meinte Antony, ≫sollten wir Rose fragen, was sie gern möchte.≪

Jason schaute ängstlich zu ihr auf. ≫Du möchtest doch auch Pfeil und Bogen machen, ja?≪

≫Ja, gern. Aber das wird bestimmt nicht lange dauern. Vielleicht können wir noch etwas anderes machen. Zum Beispiel spazierengehen. Die Hunde gehen doch sicher gern spazieren?≪

≫Ja, Plummer schon, aber Sukey ist faul, sie sitzt am liebsten nur auf Tuppys Bett≪, antwortete Jason.

≫Ich muß sagen, sie scheint es dort sehr bequem zu haben.≪

≫Sie ist Tuppys Hund, weißt du. Sie hat schon immer Tuppy gehört. Tuppy liebt sie. Aber ich finde, Sukey stinkt scheußlich aus dem Maul.≪

Weil der Eßzimmertisch schon für das Abendessen gedeckt war, aßen sie in der Küche zu Mittag. Alle saßen um den großen, gescheuerten Tisch herum, auf dem eine blau-weiß karierte Tischdecke lag. In der Mitte stand ein Krug mit gelben Chrysanthemen. Antony saß am einen Ende des Tisches, Jason am anderen, Isobel, Schwester McLeod, Flora und Mrs. Watty an den Seiten. Es gab den versprochenen Shepherd’s Pie, danach Apfelkompott mit Sahne, alles ganz einfach, heiß und köstlich. Als sie mit dem Essen fertig waren, kochte Mrs. Watty Kaffee, und sie besprachen, wie sie den Rest des Tages verbringen wollten.

≫Ich werde im Garten arbeiten≪, verkündete Isobel. ≫Es wird ein schöner Nachmittag, und ich will mir diese Rabatte schon seit Tagen vornehmen.≪

≫Wir wollten einen Spaziergang machen≪, sagte Antony. ≫Dann könnt ihr Plummer mitnehmen.≪

Jason mischte sich ein. ≫Aber Antony, du hast gesagt…≪

Antony unterbrach ihn. ≫Wenn du noch einmal von Pfeil und Bogen redest, mache ich sie und erschieße dich dann damit, direkt ins Herz.≪ Er zielte mit einem imaginären Bogen auf Jason und schoß den Pfeil ab. ≫Peng.≪

≫Du darfst nie auf Leute schießen≪, sagte Jason altklug, ≫Falle nie mit dem Gewehr über andre Menschen her.≪

≫Das ist ein löblicher Vorsatz≪, sagte Antony, ≫aber schlechte Lyrik.≪ Er wandte sich Flora zu. ≫Wollen wir einen Augenblick zu Tuppy hinaufgehen?≪

Aber Schwester McLeod protestierte. ≫Mrs. Armstrong hat eine schlechte Nacht gehabt und überhauptnicht geschalfen, deshalb bitte nicht jetzt, wenn es Ihnen nichts ausmacht.

Ich gehe gleich nach oben und mache sie für ein Nickerchen zurecht. Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich zu sehr aufret.≪

Antony nahm das widerspruchslos hin. ≫Ganz wie Sie meinen, Schwester. Sie sind der Boss.≪ Die Schwester stand auf und überragte sie alle wie eine gestrenge Kinderfrau. ≫Aber wann dürfen wir zu ihr?≪

≫Wie wäre es heute abend vor dem Essen? Wenn Sie sich alle umgezogen und für die Party zurechtgemacht haben? Sie fände es bestimmt wunderbar, Sie alle so zu sehen.≪

≫In Ordnung. Sagen Sie ihr, daß wir gegen sieben kommen, alle in großer Robe.≪

≫Mach ich≪, sagte die Schwester. ≫Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich muß mich um meine Patientin kümmern. Und danke für das Mittagessen, Mrs. Watty, es war einfach köstlich.≪

≫Es freut mich, daß es Ihnen geschmeckt hat, Schwester.≪ Mrs. Watty strahlte und streckte den voluminösen Arm aus, um allen Kaffee nachzuschenken.

Als die Schwester gegangen war, stützte Antony die Ellbogen auf den Tisch und sagte: ≫Sie redet ja, als ob wir einen Riesenempfang geben, alle Herren in weißen Hemden und mit Monokel, und Tante Isobel mit den Familiendiamanten und einer Schleppe. Wer kommt denn überhaupt?≪

≫Anna und Brian. Und Mr. und Mrs. Crowther…≪

≫Das wird ja immer fröhlicher≪, murmelte Antony. Isobel warf ihm einen ziemlich kühlen Blick zu und sprach unverdrossen weiter. ≫Und Hugh Kyle, falls er nicht zu einer Entbindung, einem Blinddarm oder einem anderen Notfall gerufen wird.≪

≫Schon besser. Die Konversation wird zweifellos sprühen.≪

≫Jetzt spiel hier bloß nicht den Snob≪, warnte ihn seine Tante.

≫Mr. Crowther erwischt er bestimmt nicht auf dem falschen Fuß≪, bemerkte Mrs. Watty. ≫Der ist nicht auf den Mund gefallen.≪

Flora fragte: ≫Wer ist Mr. Crowther?≪

≫Der presbyterianische Pfarrer≪, erklärte Antony.

≫Und Mrs. Crowther hält Kindergottesdienst und hat riesengroße Zähne≪, steuerte Jason bei.

≫Jason!≪ rief Isobel streng, aber Antony grinste. ≫Damit sie dich besser fressen kann≪, sagte er. ≫Kommst du auch zur Party, Jason?≪

≫Nein≪, sagte Jason. ≫Ich will nicht. Ich esse hier mit Mrs. Watty zu Abend, und Tante Isobel hat mir eine Flasche Cola mitgebracht.≪

≫Wenn die Konversation im Eßzimmer zu zäh wird, komme ich bestimmt und leiste dir Gesellschaft≪, sagte Antony.

≫Antony!≪ mahnte Isobel, aber Flora hörte den liebevollen Unterton heraus. Vermutlich hatte Antony sie immer ein wenig aufgezogen, und das war einer der Gründe dafür, daß er ihr so fehlte und sie sich freute, wenn er nach Hause kam.

Die Konstruktion von Pfeil und Bogen nahm etwas Zeit Anspruch. Antonys bestes Taschenmesser und geeignete Schnur mußten gefunden werden und dann der richtige Zweig für den Bogen. Antony war sehr geschickt und hatte das offensichtlich schon oft gemacht, aber trotzdem genehmigte er sich etliche Flüche und Kraftausdrücke, bis der neue Bogen und ein paar Pfeile fertig waren. Dann zeichnete er mit einem Stück Kreide ein Ziel auf einen Baumstamm, und Jason spannte alle Muskeln seiner schmächtigen Arme an und schoß die Pfeile ab, meistens daneben, aber schließlich kam er dem Ziel etwas näher. Die Pfeile flogen jedoch nicht richtig.

≫Sie müssen gefiedert werden≪, sagte Antony zu Jason.

≫Wie macht man das?≪

≫Das zeig ich dir morgen; jetzt dauert es zu lange.≪

≫Zeig’s mir doch jetzt.≪

≫Nein. Jetzt gehen wir spazieren. Wir nehmen Plummer mit. Möchtest du mitkommen?≪

≫Ja.≪

≫Schön, räum Pfeil und Bogen weg, dann gehen wir.≪

Jason sammelte seine neuen Schätze ein und ging ins Haus, um sie hinter der Tür zu verstauen, neben einer angeschlagenen Krocketgarnitur und etlichen ramponierten Liegestühlen. Antony ging hinüber zu Flora und Plummer, die geduldig auf dem Rasen gesessen und darauf gewartet hatten, daß die Zielübungen zu Ende waren.

≫Tut mir leid≪, sagte er. ≫Es hat lange gedauert.≪

≫Schon in Ordnung. Man fühlt sich wie im Sommer, wenn man hier sitzt. Es ist auch ein richtiger Sommertag geworden.≪

≫Ich weiß. Das kann in diesem Teil der Welt vorkommen. Und morgen gießt es vermutlich aus Kübeln.≪ Jason kam über den Rasen zu ihnen zurückgerannt. Antony streckte Flora die Hand hin. ≫Komm≪, sagte er.

Sie gingen die Einfahrt hinunter, durch das Tor und über die Straße, den Berg hinauf, der sich hinter dem Haus erhob, überquerten Stoppelfelder und Weiden mit stämmigem Vieh, stiegen über einen Graben und machten einen Satz in tiefes Heidekraut, das von zickzackförmigen Schafspuren durchzogen war. Plummer, die Nase am Boden, mit peitschendem Schwanz, stöberte eine Moorhuhnfamilie auf, die aus dem Heidekraut zu ihren Füßen aufjagte, vor ihnen hersegelte und rief: Zurück, zurück, zurück.

Der Abhang wurde steiler, schob sich näher an den Horizont heran. Vor ihnen tauchten die Trümmer einer Kate auf, ein Ebereschenbaum mit scharlachroten Beeren am klaffenden Türloch, und daneben stand eine einsame Föhre Wache, vom steten Wind gebeutelt und verkrüppelt.

Vor der Kate floß ein Bach mit torfbraunem Wasser, der in einer Reihe von winzigen Wasserfällen den Abhang hinunterstürzte und tiefe Tümpel bildete, wo sich der dunkle Gischt unter den überhängenden Büscheln von Heidekraut sammelte wie Seifenschaum. Binsen wuchsen in Stauden, so grün wie Smaragde. Der Boden war sumpfig, und die weißen Schwanenblumen wehten im Wind. Sie überquerten den Bach mit Hilfe wackliger Trittsteine und traten zwischen die eingefallenen Mauern.

Sie hatten jetzt die Anhöhe erreicht. Auf allen Seiten fiel das Land nach unten ab, und plötzlich erstreckte sich vor ihnen eine atemberaubende Aussicht. Im Süden, hinter den waldigen Hügeln, lag der Sund Von Arisaig; im Norden reichte das blaue Gewässer eines Inlandlochs, gefangen zwischen massiven Felswänden, tief in die Hügel hinein. Und im Westen…

Sie saßen da, die Schultern an eine abbröckelnde Grenzmauer gestützt, und genossen die unvergleichliche Aussicht. Auf dem Meer im Westen, das jetzt strahlend blau war, tanzten Kupferflecken. Der Himmel war wolkenlos, die Sicht kristallklar, die Inseln lagen wie Trugbilder auf dem Wasser.

≫Was für eine Vorstellung≪, murmelte Flora, ≫hier zu leben und sich das jeden Tag anschauen zu können.≪

≫Ja, bloß kriegst du es selten zu sehen. Meistens kannst du vor lauter Regen die eigene Nasenspitze nicht sehen, und wenn es nicht regnet, bläst der Wind mit Stärke zwölf.≪

≫Verdirb’s mir nicht.≪

Er zitierte: ≫‘Ein karges Haus, ein karges Moor, ein unruhvoller Teich davor.’ Robert Louis Stevenson. Tuppy hat ihn Torquil und mir vorgelesen, wenn sie meinte, etwas Bildung könne uns nicht schaden.≪ Er zeigte mit dem Finger. ≫Die kleine Insel ist Muck. Und das ist Eigg. Die gebirgige Rhum, und dort zu deiner Rechten liegt Sleat, und dahinter Sleat the Cuillins.≪

Die fernen, nadelspitzen Gipfel glitzerten silbern vor dem Himmel. ≫Das sieht aus wie Schnee≪, sagte Flora.

≫Ist es auch. Wir müssen uns auf einen harten Winter gefaßt machen.≪

≫Und der Loch, der in den Bergen. Wie heißt der?≪

≫Das ist Loch Fhada. Du kennst doch den Loch am Strandhaus? Der gehört auch zum Loch Fhada. Der Süßwasserloch mündet ins Meer, direkt hier, unter der Überführung. Da ist ein Damm und eine Fischleiter zum Fangen von Lachsen…≪

Seine Stimme verebbte. Über dem Reden hatten sie Jason ganz vergessen. Er stand neben ihnen, hörte zu, machte ein verwirrtes Gesicht.

≫Warum?≪ fragte er. ≫Warum erzählst du Rose diese ganzen Sachen, als ob sie noch nie hiergewesen wäre? Das klingt, als ob sie noch nie in Fernrigg gewesen wäre.≪

Antony sagte: ≫Na ja, schon…≪

Aber Flora ergriff schnell das Wort. ≫Es ist so lange her, und mit siebzehn habe ich mich nicht besonders für die Ortsnamen interessiert. Aber jetzt interessiere ich mich dafür.≪

≫Ich glaube, weil du herkommen und hier leben wirst.≪

≫Nein, ich werde nicht herkommen und hier leben.≪

≫Aber wenn du Antony heiratest?≪

≫Antony lebt in Edinburgh.≪

≫Aber du wirst oft herkommen und hier wohnen, nicht wahr? Bei Tuppy?≪

≫Ja≪, mußte Flora ihm schließlich beipflichten, ≫ja, ich glaube schon.≪

Das etwas angespannte Schweigen, das die drei überkommen hatte, wurde taktvollerweise von Plummer durchbrochen, der trotz seines Alters, in dem er es besser hätte wissen müssen, plötzlich beschloß, ein Kaninchen zu jagen. Fort war er, rannte mit fliegenden Ohren durch das Heidekraut. Jason, der nur zu gut wußte, daß Plummer durchaus fähig war, das Kaninchen bis zum Ende der Welt zu verfolgen und ihn dabei völlig aus den Augen zu verlieren, setzte ihm nach.

≫Plummer! Plummer, du bist ein ganz ungezogener Hund. Komm zurück!≪ Er rannte auf spindeldürren Beinen, der Wind verwehte seine hohe Stimme. ≫Plummer, komm zurück!≪

≫Sollten wir ihm helfen?≪ fragte Flora.

≫Nein, er fängt ihn schon ein.≪ Antony wandte sich ihr zu. ≫Wir hätten es fast vermasselt, nicht wahr? Jason ist ein intelligentes Kind. Mir war gar nicht bewußt, daß er zugehört hat .≪

≫Ich hatte es auch vergessen.≪

≫Wirst du es heute abend auch schaffen? Was die Gespräche angeht, meine ich.≪

≫Wenn du in meiner Nähe bleibst, wird’s schon gutgehen.≪

≫Beim Mittagessen habe ich Tante Isobel nur aufgezogen. Es sind nette Leute.≪

≫Ja, da bin ich mir sicher.≪ Sie lächelte, um ihn zu beruhigen.

Er sagte langsam: ≫Weißt du, ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, daß du wie Rose aussiehst, aber nicht Rose bist. Das fällt mir immer wieder ein und trifft mich genauso hart wie beim ersten Mal.≪

≫Möchtest du, daß ich Rose wäre?≪

≫So habe ich das nicht gemeint. Ich habe nur gemeint, daß irgend etwas — vielleicht der Funke, der überspringt — hier fehlt.≪

≫Du meinst, daß du nicht so in mich verliebt bist, wie du es in Rose warst.≪

≫Aber Wenn ich nicht in dich verliebt bin, warum bin ich es dann nicht?≪

≫Weil ich Flora bin.≪

≫Du bist netter als Rose. Das weißt du, nicht wahr? Rose hätte keine Zeit für Jason gehabt. Rose hätte nicht gewußt, wie man mit Leuten wie Mrs. Watty und der Schwester redet.≪

≫Nein, aber sie hätte gewußt, was sie dir zu sagen hat, und das ist vielleicht wichtiger.≪

≫Sie hat mir Lebwohl gesagt≪, stellte Antony mit einer gewissen Bitterkeit fest. ≫Und ist mit irgendeinem griechischen Papagallo nach Spetse abgehauen.≪

≫Und du hast behauptet, du bist ein nüchterner Typ.≪

Er grinste wehmütig. ≫Ich weiß. Aber ich möchte gern heiraten, das ist das Komische daran. Schließlich bin ich dreißig, ich kann nicht den Rest meiner Tage als Junggeselle verbringen. Ich weiß auch nicht. Ich nehme an, ich habe einfach noch nicht die richtige Frau kennengelernt.≪

≫In Edinburgh muß es doch von richtigen Frauen wimmeln. Schottische Mädchen mit frischen Gesichtern, die allein in ihren Altbauwohnungen leben.≪

Er lachte. ≫Stellst du dir das Leben in Edinburgh so vor?≪

≫Für mich ist das Leben in Edinburgh ein Essen mit Antony Armstrong an einem nassen, schwarzen Abend.≪ Sie schaute auf die Uhr. ≫Weißt du, wenn Jason und Plummer wiederkommen, sollten wir nach Hause gehen. Falls Isobel die Familiendiamanten trägt, muß ich mir wenigstens die Haare waschen.≪

≫Ja, natürlich. Und Jason und ich haben versprochen, Watty beim Hühnerfüttern zu vertreten.≪ Er schaute sie an und prustete los. ≫Familienleben. Glanzvoll wie immer.≪ Er beugte sich herunter und gab ihr einen Kuß, einen richtigen, auf den Mund. Als er sich von ihr löste, fragte sie: ≫Ist das für Rose oder für Flora?≪

≫Für dich≪, sagte Antony.

An jenem Abend ging die Sonne in einer Flut aus flüssigem Gold und Rot hinter dem Meer unter. Flora, die sich das Haar gewaschen hatte und jetzt versuchte, es mit einem altmodischen Fön zu trocknen, den sie sich von Isobel ausgeliehen matte, ließ die Vorhänge offen und schaute dem Sonnenuntergang ungläubig zu. Allmählich, während das Licht sich veränderte, wechselten die Farben, und die Inseln wurden rosa und dann dunkelblau. Das Meer war ein Spiegel des Himmels, und als die Sonne schließlich verschwunden war, verdunkelte es sich zu einem tintigen Indigo, gesprenkelt von den Scheinwerfern der Fischerboote die für die Nachtarbeit aus Tarbole ausliefen.

Während sich das alles abspielte, hörte man, wie überall im Haus geschäftige Vorbereitungen für das abendliche Fest getroffen wurden. Leute gingen treppauf, treppab, zogen Vorhänge zu, schürten Feuer. Aus der Küche kam das Klappern von Töpfen und Porzellan, und köstliche Kochdüfte wehten nach oben.

Was sie anziehen sollte, war für Flora kein Problem, weil sie nur ein Ensemble mitgebracht hatte, das passend war: einen langen Rock aus türkisfarbener Wolle, eine Seidenbluse und einen breiten Gürtel, der beides zusammenhielt. Angesichts der Eile, mit der sie in London gepackt hatte, war es erstaunlich, daß sie daran gedacht hatte, auch nur diese Sachen mitzunehmen. Als sie sich angezogen, frisiert und die Augen geschminkt hatte, legte sie Ohrringe an und besprühte sich mit einem Parfum, das ihr Marcia zum Geburtstag geschenkt hatte. Der Geruch, wie das mit Gerüchen geht, brachte Marcia, ihren Vater und Seal Cottage so lebhaft zurück, daß sich Flora urplötzlich verloren vorkam.

Was machte sie hier? Die Antwort auf diese Frage war ungeheuerlich. Der Wahnsinn des ganzen Unterfangens traf sie wie ein Keulensehlag, und Panik überkam sie. Sie saß vor dem Spiegel, starrte ihr Bild an und wußte, daß der Abend vor ihr lag wie ein Alptraum voller Lügen. Sie würde sich zum Narren machen, würde sich verraten, würde Antony im Stich lassen. Und alle würden wissen, daß sie nichts war als eine Lüge auf zwei Beinen, eine Betrügerin der schlimmsten Sorte.

Der Instinkt sagte ihr, sie solle weglaufen. Jetzt. Ehe es jemand herausfinden konnte. Ehe jemand verletzt werden konnte. Aber wie hätte sie fliehen sollen? Und wohin? Und hatte sie Antony nicht eine Art Versprechen gegeben? Antony, der sich mit den besten Absichten auf das wahnsinnige Täuschungsmanöver eingelassen hatte, alles Tuppy zuliebe.

Sie versuchte, sich zusammenzureißen. Schließlich profitierten sie beide nicht davon. Sie hatten beide überhaupt nichts zu gewinnen, handelten sich höchstens für den Rest ihres Lebens ein schlechtes Gewissen ein. Im Grunde schadeten sie niemandem.

Oder doch? Den ganzen Nachmittag lang hatte Flora mit wilder Entschlossenheit nicht an den Mann am Strand gedacht. Aber jetzt war er wieder da, dieser große, feindselige Mann mit den verhüllten Drohungen, die er eine Warnung nannte. Solange es ihn gab, hatte es keinen Sinn, sich einzureden, die Lage sei einfach. Sie konnte nur hoffen, daß er mit den Armstrongs nichts zu tun hatte. Und schließlich war Tuppy der einzige Mensch, auf den es einkam. Vielleicht wurde etwas Falsches richtig, wenn es aus den richtigen Gründen getan wurde. Und wenn es je einen richtigen Grund gegeben hatte, dann war das Tuppy, die alte Frau in ihrem Zimmer auf der anderen Seite des Ganges, die jetzt darauf wartete, daß Flora ihr gute Nacht sagte.

Flora? Nein, nicht Flora. Rose.

Sie holte tief Luft, wandte sich vom Spiegel ab, zog die Vorhänge zu, machte das Licht aus, ging aus dem Zimmer und den Flur entlang zu Tuppys Tür. Sie klopfte, und Tuppy rief ≫Herein.≪

Flora hatte damit gerechnet, daß Antony bei ihr sei, doch Tuppy war allein. Das Zimmer lag im Halbdunkel, nur erhellt von der Nachttischlampe, die einen warmen Lichtkreis auf das große Bett am Ende des Zimmers warf. Darin, gestützt von vielen Kissen, saß Tuppy in einem frischen Batistnachthemd mit Spitze am Ausschnitt und in einem Bettjäckchen aus blaßblauer Shetlandwolle, mit Satinschleifen zugebunden.

≫Rose! Ich habe auf dich gewartet. Komm her, laß dich anschauen.≪

Flora trat ins Licht und zeigte sich. ≫Es ist nichts Großartiges, aber ich habe nichts anderes dabei.≪ Sie trat neben das Bett, um Tuppy einen Kuß zu geben.

≫Mit gefällt es. So jung und hübsch. Und mit dieser schmalen Taille siehst du so groß und schlank aus. Es gibt nichts Hübscheres als eine schmale Taille.≪

≫Du siehst auch hübsch aus≪, sagte Flora und setzte sich, auf den Bettrand.

≫Die Schwester hat mich herausgeputzt.≪

≫Das Bettjäckchen ist wunderschön.≪

≫Isobel hat es mir zu Weihnachten geschenkt. Ich trage es heute zum erstenmal.≪

≫War Antony schon bei dir?≪

≫Vor etwa einer halben Stunde.≪ ,

≫Hast du heute nachmittag geschlafen?≪

≫Ein bißchen. Und was hast du gemacht?≪

Flora erzählte, und Tuppy legte sich in die Kissen zurück und hörte zu. Das Licht fiel auf ihr Gesicht, sie sah gebrechlich und erschöpft aus, und Flora hatte plötzlich Angst um sie. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten der Müdigkeit, und ihre Hände, knorrig und braun wie alte Baumwurzeln, spielten unruhig mit dem Zipfel des Überschlaglakens, während Flora sprach.

Und doch war es ein wunderbares Gesicht. Als junges Mädchen war sie vermutlich nicht schön gewesen, aber im Alter kamen das kantige Gesicht und die Vitalität, die es ausstrahlte, zur Geltung, und sie wirkte auf Flora faszinierend. Ihre Haut, zart und trocken, gebräunt von einem Leben an der frischen Luft, war überzogen mit Falten; wenn man ihre Wange berührte,fühlte sie sich an wie ein welkes Blatt. Das weiße Haar war kurz und lockte sich um ihre Schläfen. Sie hatte durchstochene Ohrläppchen, in die Länge gezogen von dem schweren, altmodischen Schmuck, den sie ihr Leben lang getragen hatte. Ihr Mund hatte dieselbe Form wie Antonys, und sie hatten das herzliche, plötzliche Lächeln gemeinsam. Aber wirklich gefangen nahmen Tuppys Augen, tiefliegende Augen im strahlenden Blau von Immergrünblüten, wach und aufmerksam für alles, was sich tat.

≫…und dann sind wir nach Hause gekommen, die Jungs haben die Hühner gefüttert und die Eier abgenommen, und ich habe mir das Haar gewaschen.≪

≫Es sieht wunderschön aus. Es glänzt. Wie gepflegtes Holz. Hugh war eben hier, um nach mir zu sehen, und ich habe ihm von dir erzählt. Er ist jetzt unten, nimmt mit Antony einen Drink. Wie schön, daß er kommen konnte. Er hat soviel zu tun, der Ärmste. In gewisser Hinsicht ist er allerdings selbst schuld. Ich sage ihm dauernd; er soll sich einen Partner nehmen. In den letzten Jahren ist die Praxis für einen einzelnen viel zu groß geworden. Aber er schwört, daß er allein zurechtkommt. Ich glaube, es ist ihm lieber so. Dann hat er keine Zeit zum Grübeln und Unglücklichsein.≪

Flora dachte an das, was Antony über Hugh Kyle gesagt hatte.