/ Language: Deutsch / Genre:thriller / Series: Der dunkle Turm

Drei

Stephen King


Drei

Stephen King

1987

1

Für Don Grant

der mit diesen Romanen ein Risiko einging,

mit jedem einzelnen

Drei. Das ist deine Schicksalszahl. Drei? Ja, drei ist mystisch. Drei ist im Herzen des Mantras. Welche Drei? Der erste ist jung und dunkelhaarig. Er steht am Rand von Raub und Mord. Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen. Der Name des Dämons heißt Heroin. Was ist das für eine Dämon? Er versuchte zu sprechen, aber seine Stimme war dahin; er sah eine Karte vom Nichts ins Nichts flattern, die sich in der trägen Dunkelheit drehte und drehte. Auf ihr grinste ein Pavian über die Schulter eines jungen Mannes mit dunklem Haar; seine beunruhigend menschlichen Finger ware so tief im Nacken des Mannes vergraben, daß ihre Spitzen im Fleisch versunken waren. Der Revolvermann erkannte, daß der Pavian eine Peitsche in einer seiner klammernden würgenden Hände hielt. Das Gesicht des gepeinigten Mannes schien sich in stummem Entsetzen zu verzerren. Der Gefangene …Etwas beunruhigend, nicht? Ich brauche Medizin, dachter er. Nun gut, jetzt bin ich ein Mann ohne Nahrung und habe zwei Finger und einen Zeh weniger; ich wurde durch den Biß eines Monsters krank, und habe keine Medizin. Fieber, Revolvermann, kicherte der Mann in Schwarz. Was noch in dir ist, wurde von Feuer entzündet.

Inhaltsverzeichnis

Vorrede

I  Prolog: DER SEEFAHRER

II  DER GEFANGENE

Die Tür

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Eddie Dean

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Kontakt und Landung

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Der Turm

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Konfrontation und Schießerei

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III  Mischen

mischen

 mischen

 mischen

 Mischen

 mischen

 Mischen

 Mischen

 mischen

 mischen

IV  Die Herrin der Schatten

Detta und Odetta

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Veränderungen werden eingeläutet

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Odetta auf der anderen Seite

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Detta auf der anderen Seite

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V  Neuerliches Mischen

Neuerliches Mischen

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VI  Der Mörder

Bittere Medizin

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Der Honigtopf

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Roland nimmt seine Medizin

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Das Auserwählen

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VII  Letztes Mischen

Letztes Mischen

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Nachwort

Vorrede

Drei ist der zweite Band einer langen Geschichte mit dem Titel Der dunkle Turm, eine Geschichte, die teilweise von Robert Brownings erzählendem Gedicht ‘Childe Roland to the Dark Tower Came’ inspiriert wurde (das selbst wiederum King Lear einiges verdankt).

Der erste Band, Schwarz, erzählt davon, wie Roland, der letzte Revolvermann einer Welt, die sich ‘weitergedreht’ hat, schließlich den Mann in Schwarz einholt… einen Zauberer, den er lange Zeit verfolgt hat — wie lange genau, wissen wir noch nicht. Wie sich herausstellt, ist der Mann in Schwarz ein Bursche namens Walter, der sich in den Tagen, ehe die Welt sich weitergedreht hatte, die Freundschaft von Rolands Vater hinterhältig erschlichen hatte.

Rolands Ziel ist aber nicht dieses halb menschliche Wesen, sondern der dunkle Turm; der Mann in Schwarz — genauer, der Mann in Schwarz weiß — ist der erste Schritt auf der Straße zu diesem geheimnisvollen Ort.

Wer genau ist Roland? Wie war seine Welt, bevor sie sich ‘weitergedreht’ hat? Was ist der Turm, und weshalb sucht er ihn? Darauf wissen wir nur bruchstückhafte Antworten. Roland ist ein Revolvermann, eine Art Ritter, einer derjenigen, deren Aufgabe es war, eine Welt, welche von ‘Liebe und Licht erfüllt’ war, wie Roland sich erinnert, zu bewahren; zu verhindern, daß sie sich weiterdreht.

Wir wissen, daß Roland zu einer frühen Mannbarkeitsprobe gezwungen war, nachdem er herausfand, daß seine Mutter die Geliebte von Marten geworden war, einem viel größeren Zauberer als Walter (der Martens Verbündeter ist, was Rolands Vater nicht weiß); wir wissen, daß Marten Rolands Entdeckung geplant hat, weil er erwartete, daß Roland scheitern und ‘nach Westen’ geschickt werden würde; wie wir auch wissen, hat Roland bei dieser Prüfung triumphiert.

Was wissen wir sonst noch? Daß die Welt des Revolvermannes nicht völlig von unserer verschieden ist. Artefakte wie Benzinpumpen und bestimmte Songs (‘Hey Jude’ zum Beispiel oder die Zote, die mit den Worten ‘Bohnen, Bohnen, das musikalische Gemüse…’ anfängt) haben überlebt; ebenso Geräusche und Rituale, welche unseren verklärten Ansichten über den amerikanischen Wilden Westen seltsam ähneln.

Und es existiert eine Nabelschnur, die unsere Welt irgendwie mit der des Revolvermannes verbindet.

In einem Rasthaus an einer längst vergessenen Kutschenstraße, in einer großen und unfruchtbaren Wüste, trifft Roland einen Jungen namens Jake, der in unserer Welt gestorben ist. Ein Junge, der tatsächlich vom allgegenwärtigen (und gemeinen) Mann in Schwarz an einer Straßenecke gerempelt wurde. Jakes letzte Erinnerung ist die, daß er in seiner Welt — unserer Welt — von den Reifen eines Cadillac zermalmt wurde, als er mit dem Schulranzen in einer und dem Vesperkoffer in der anderen Hand zur Schule ging — und starb.

Bevor sie den Mann in Schwarz erreichen, stirbt Jake noch einmal… dieses Mal, weil der Revolvermann, der vor die zweitschmerzlichste Entscheidung seines Lebens gestellt wurde, beschlossen hat, seinen symbolischen Sohn zu opfern. Mit der Wahl zwischen Turm und Kind, möglicherweise zwischen Verdammnis und Erlösung, entscheidet sich Roland für den Turm.

»Dann geh«, sagt Jake zu ihm, bevor er in den Abgrund stürzt. »Es gibt mehr Welten als diese.«

Die letzte Konfrontation zwischen Roland und Walter findet in einem staubigen Golgatha verfallender Gebeine statt. Der Mann in Schwarz sagt Roland mit Tarotkarten die Zukunft voraus. Diese Karten zeigen einen Mann mit Namen ‘Der Gefangene’, eine Frau namens ‘Herrin der Schatten’ und eine dunkle Gestalt, die schlicht der Tod ist (»Aber nicht für dich, Revolvermann«, sagt ihm der Mann in Schwarz); diese Prophezeiungen sind das Thema dieses Buches, das von Rolands zweitem Schritt auf dem langen und schwierigen Weg zum dunklen Turm berichtet.

Am Ende von Schwarz sitzt Roland am Ufer des westlichen Meeres und betrachtet den Sonnenuntergang. Der Mann in Schwarz ist tot, Rolands Zukunft ungewiß; Drei fängt weniger als sieben Stunden später am selben Ufer an.

Teil I

Prolog: DER SEEFAHRER

Der Revolvermann erwachte aus einem wirren Traum, der aus nur einem einzigen Bild zu bestehen schien: dem des Seefahrers im Tarotblatt, aus dem der Mann in Schwarz dem Revolvermann dessen jämmerliche Zukunft vorhergesagt (oder jedenfalls so getan) hatte.

Er ertrinkt, Revolvermann, sagte der Mann in Schwarz, und niemand wirft ihm ein Seil zu. Der Junge Jake.

Aber dies war kein Alptraum. Es war ein guter Traum. Er war gut, weil er der Ertrinkende war, und das bedeutete, er war überhaupt nicht Roland, sondern Jake, und das war eine Erleichterung für ihn, weil es wesentlich besser war, als Jake zu ertrinken, denn als er selbst weiterzuleben, als ein Mann, der eines kalten Traumes wegen ein Kind verraten hatte, das ihm vertraute.

Gut, schon recht, ertrinke ich eben, dachte er und lauschte dem Dröhnen des Meeres. Laß mich ertrinken. Aber dies war nicht das Tosen offener Tiefen; es war das knirschende Geräusch von Wasser in einem Schlund voller Steine. War er der Seefahrer? Wenn ja, warum war das Land so nahe? Und war er nicht tatsächlich auf dem Land? Es war, als…

Eiskaltes Wasser drang durch seine Stiefel und lief an seinen Beinen hinauf bis zum Schritt. Er riß die Augen auf, und nicht seine fröstelnden Eier, die plötzlich, schien es, zur Größe von Walnüssen geschrumpft waren, holten ihn aus dem Traum zurück, auch nicht das Grauen zu seiner Rechten, sondern der Gedanke an seine Revolver… seine Revolver und, noch wichtiger, seine Patronen. Nasse Revolver konnte man rasch zerlegen, trocknen, ölen, nochmals trocknen und nochmals ölen und wieder zusammenbauen; nasse Patronen konnte man, wie nasse Streichhölzer, eventuell wieder benützen, möglicherweise auch nicht.

Das Grauen war ein kriechendes Ding, das von einer Woge emporgespült worden sein mußte. Es schleppte einen nassen, glänzenden Leib mühsam über den Sand. Es war etwa einen Meter lang und rund vier Meter von ihm entfernt. Es betrachtete Roland mit ausdruckslosen Stielaugen. Der lange, gezackte Schnabel klappte auf, und es fing an, ein Geräusch von sich zu geben, welches auf unheimliche Weise menschlicher Sprache glich: flehentliche, sogar verzweifelte Fragen in einer fremden Sprache.

»Did-a-chick? Dum-a-chum? Dad-a-cham? Ded-a-check?«

Der Revolvermann hatte schon Hummer gesehen. Dies war keiner, doch waren Hummer die einzigen Lebewesen, die er je gesehen hatte, mit denen dieses Wesen auch nur entfernte Ähnlichkeit aufwies. Es schien überhaupt keine Angst vor ihm zu haben. Der Revolvermann wußte nicht, ob es gefährlich war oder nicht. Seine eigene geistige Verwirrung war ihm einerlei — sein vorübergehendes Unvermögen, sich daran zu erinnern, wo er war und wie er hierher gelangt war, ob er den Mann in Schwarz tatsächlich eingeholt hatte oder ob alles nur ein Traum gewesen war. Er wußte nur, er mußte vom Wasser weg, bevor es seine Patronen überspülen würde.

Er hörte das knirschende, anschwellende Dröhnen des Wassers und sah von dem Wesen (es hatte innegehalten und hielt die Scheren hoch, mit denen es sich vorangeschleppt hatte, wodurch es auf absurde Weise wie ein Boxer aussah, der die Eröffnungsposition einnahm, die, wie Cort sie gelehrt hatte, die Ehrenposition genannt wurde) zu dem heranrollenden Brecher mit seiner Gischtkrone.

Es hört die Welle, dachte der Revolvermann. Was immer es ist, es hat Ohren. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine, die so gefühllos waren, daß er sie nicht spüren konnte, knickten unter ihm ein.

Ich träume immer noch, dachte er, doch das war selbst in seinem momentanen Zustand der Verwirrung eine Überzeugung, die zu verlockend war, als daß er sie wirklich glauben konnte. Er versuchte, nochmals aufzustehen, schaffte es fast, fiel dann aber zurück. Die Welle brach. Es gab kein zweites Mal. Er mußte sich damit begnügen, sich so zu bewegen, wie sich das Wesen zu seiner Rechten zu bewegen schien: Er grub beide Hände ein und zog seine Kehrseite den steinigen Kiesstrand entlang, weg von der Welle.

Er kam nicht weit genug, der Welle völlig zu entgehen, aber er kam für seine Zwecke weit genug. Die Welle begrub lediglich seine Stiefel. Sie kam bis fast an seine Knie, zog sich dann aber zurück. Vielleicht ging die erste nicht so weit, wie ich gedacht habe. Vielleicht.

Ein Halbmond stand am Himmel. Eine Nebelschwade verdeckte ihn, aber er spendete hinreichend Licht; der Revolvermann konnte sehen, daß die Halfter zu dunkel waren. Die Pistolen waren auf jeden Fall naß geworden. Es war unmöglich zu sagen, wie schlimm es war, ob die Patronen in den Zylindern oder die in den überkreuzten Patronengurten ebenfalls naß geworden waren. Bevor er es überprüfte, mußte er weg vom Wasser. Mußte…

»Dod-a-chock?« Viel näher. In seiner Sorge wegen des Wassers hatte er das Wesen vergessen, welches das Wasser gebracht hatte. Er sah sich um und stellte fest, daß es jetzt nur noch eineinhalb Meter entfernt war. Die Scheren waren im von Steinen und Muscheln übersäten Sand des Strandes vergraben, so zog es seinen Körper voran. Es hob den fleischigen, eingeschnürten Leib, wodurch es einen Augenblick einem Skorpion ähnelte, aber Roland konnte keinen Stachel am Ende des Körpers erkennen.

Wieder ein knirschendes Dröhnen, diesmal viel lauter. Das Wesen blieb auf der Stelle stehen und hob die Scheren wieder zu seiner eigentümlichen Version der Ehrenposition.

Diese Welle war größer. Roland schleppte sich wieder den Hang des Strandes hinauf, und als er die Hände ausstreckte, bewegte sich das Geschöpf mit den Scheren mit einer Schnelligkeit, die seine bisherigen Bewegungen nicht einmal angedeutet hatten.

Der Revolvermann verspürte ein grelles Auflodern von Schmerzen in der rechten Hand, aber jetzt war keine Zeit, darüber nachzudenken. Er schob mit den Absätzen seiner durchnäßten Stiefel, krallte sich mit den Händen fest und konnte so der Welle entkommen.

»Did-a-chick?« erkundigte sich die Monstrosität mit ihrer flehentlichen Hilfst du mir nicht? Siehst du nicht, daß ich verzweifelt bin?-Stimme; und Roland sah die Kuppen des ersten und zweiten Fingers seiner rechten Hand im gezackten Schnabel des Wesens verschwinden. Es schnellte erneut vor, und Roland hob die tropfende rechte Hand gerade noch rechtzeitig, um die beiden verbleibenden Finger zu retten.

»Dum-a-chum? Dad-a-cham?«

Der Revolvermann rappelte sich auf die Beine. Das Ding riß seine tropfnassen Jeans auf, schnitt einen Stiefel durch, dessen altes Leder weich, aber fest wie Eisen war, und riß ein Stück Fleisch aus Rolands Wade heraus.

Er zog mit der rechten Hand und stellte erst fest, daß zwei der Finger, die zum Ausführen dieses uralten Tötungsvorgangs notwendig waren, fehlten, als der Revolver in den Sand fiel.

Die Monstrosität schnappte gierig danach.

»Nein, Miststück!« fauchte Roland und trat danach. Es war, als hätte er gegen einen Felsblock getreten… der beißen konnte. Es riß das Ende von Rolands rechtem Stiefel weg, fast den ganzen großen Zeh, und zerrte den Stiefel vom Fuß.

Der Revolvermann bückte sich, hob den Revolver auf, ließ ihn fallen, fluchte und hatte schließlich Erfolg. Was einstmals so einfach gewesen war, daß er es nicht auf sich genommen hatte, darüber nachzudenken, war plötzlich zu einem dem Jonglieren vergleichbaren Trick geworden.

Das Wesen kauerte auf dem Stiefel des Revolvermanns, an dem es riß, während es seine stammelnden Fragen stellte. Eine Welle rollte dem Strand entgegen, die Gischt, welche ihren Gipfel krönte, sah im fahlen Licht des Halbmonds bleich und tot aus. Der Monsterhummer hörte auf, am Stiefel zu reißen, und hob die Scheren zur Boxerpose.

Roland zog mit der linken Hand und betätigte dreimal den Abzug. Klick, klick, klick.

Wenigstens wußte er jetzt über die Patronen in den Zylindern Bescheid.

Er steckte die linke Pistole ins Halfter. Um die rechte einzuhalftern, mußte er den Lauf mit der linken Hand nach unten drehen und dann an Ort und Stelle fallen lassen. Blut lief die abgegriffenen Eisenholzkolben entlang; Blut befleckte die Halfter und alten Jeans, an welche die Halfter mit Lederschnüren gebunden waren. Es floß aus den Stummeln, wo seine Finger gewesen waren.

Sein verstümmelter rechter Fuß war noch so taub, daß er nicht schmerzte, aber seine rechte Hand schrie. Die Geister geschickter und lange trainierter Finger, die sich bereits in den Verdauungssäften der Eingeweide dieses Dings zersetzten, schrien auf, daß sie noch da waren, daß sie brannten.

Ich sehe ernste Probleme auf mich zukommen, dachte der Revolvermann am Rande.

Die Welle wich zurück. Die Monstrosität senkte die Scheren und riß ein neuerliches Loch in den Stiefel des Revolvermannes, kam aber dann zu dem Ergebnis, daß der Träger ungleich wohlschmeckender gewesen war als dieses Stück Haut, das er irgendwie abgestreift hatte.

»Dud-a-chum?« fragte es und eilte mit gespenstischer Schnelligkeit auf ihn zu. Der Revolvermann wich auf Beinen zurück, die er kaum spüren konnte, und ihm wurde klar: Das Wesen mußte über eine Art Intelligenz verfügen. Es hatte sich ihm vorsichtig genähert, möglicherweise einen langen Strandabschnitt entlang, und war unsicher gewesen, was er war oder wozu er fähig sein würde. Hätte die spülende Welle ihn nicht geweckt, hätte das Ding sein Gesicht weggerissen, während er noch tief in seinen Traum versunken gewesen war. Jetzt war es zu dem Ergebnis gekommen, daß er nicht nur schmackhaft war, sondern auch verwundbar; leichte Beute.

Es war fast über ihm, ein eineinhalb Meter langes und dreißig Zentimeter hohes Ding, ein Lebewesen, das gut siebzig Pfund wiegen mochte und das ebenso ausschließlich fleischfressend war wie David, der Falke, den er als Junge besessen hatte — aber ohne Davids dumpfen Loyalitätssinn.

Der linke Absatz des Revolvermanns stieß gegen einen Stein, der aus dem Sand aufragte, und er stolperte am Rand des Fallens dahin.

»Dod-a-chock?« fragte das Ding scheinbar besorgt und betrachtete den Revolvermann mit seinen wankenden Stielaugen, während es die Scheren ausstreckte… dann kam eine Welle, und die Scheren schnellten wieder zur Ehrenposition in die Höhe. Doch jetzt zitterten sie ein klein wenig, und dem Revolvermann wurde klar, daß es auf den Laut der Welle reagierte, und dieser Laut wurde — jedenfalls für es — leiser.

Er trat über den Stein zurück, dann bückte er sich, während sich die Welle mit ihrem knirschenden Dröhnen am Strand brach. Sein Kopf war Zentimeter vom insektenhaften Gesicht der Kreatur entfernt. Eine der Scheren hätte ihm mühelos die Augen aus dem Gesicht reißen können, aber die zitternden Klauen, die so sehr an geballte Fäuste erinnerten, blieben zu beiden Seiten des papageienähnlichen Schnabels erhoben.

Der Revolvermann griff nach dem Stein, über den er fast gestürzt wäre. Er war groß und halb im Sand begraben, und seine verstümmelte rechte Hand heulte auf, als sich Sandkörner und die scharfen Kanten von Geröll in das bloße, blutende Fleisch bohrten, aber er zerrte den Stein frei und hob ihn, die Lippen über entblößten Zähnen gespannt, empor.

»Dad-a«, begann die Monstrosität, die die Scheren senkte und öffnete, während die Welle brach und ihr Tosen zurückwich, und der Revolvermann schlug den Stein mit aller Kraft nach unten.

Man hörte ein knirschendes Geräusch, als der unterteilte Rücken der Kreatur brach. Es zuckte heftig unter dem Stein, die hintere Körperhälfte hob sich und bebte, hob sich und bebte. Seine Laute wurden zu summenden Schmerzensrufen. Die Scheren öffneten sich und schlossen sich um nichts. Das Maul des Schnabels warf Sandklumpen und Kieselsteine hoch.

Doch als eine weitere Welle heranwogte, versuchte es wieder, die Scheren zu heben, und als es das tat, trat ihm der Revolvermann mit dem verbliebenen Stiefel auf den Kopf. Ein Laut, als würden viele trockene kleine Zweige gebrochen. Zähe Flüssigkeit spritzte unter dem Absatz von Rolands Stiefel hervor in zwei Richtungen. Sie sah schwarz aus. Das Ding krümmte und wand sich wie von Sinnen. Der Revolvermann trat fester mit dem Stiefel auf.

Eine Welle kam.

Die Scheren der Monstrosität hoben sich einen Zentimeter… zwei Zentimeter… zitterten und sanken dann nach unten, wo sie sich zuckend öffneten und schlossen.

Der Revolvermann nahm den Fuß weg. Der zackige Schnabel des Dinges, der ihm bei lebendigem Leibe zwei Finger und einen Zeh abgebissen hatte, ging langsam auf und zu. Ein Fühler lag abgebrochen im Sand. Der andere zitterte sinnlos.

Der Revolvermann trat wieder zu. Und noch einmal.

Er kickte den Stein mit einem angestrengten Grunzen beiseite und schritt an der rechten Körperseite der Monstrosität vorbei, während er methodisch mit dem linken Fuß trampelte, die Schale zerschmetterte und die bleichen Gedärme auf den dunkelgrauen Sand quetschte. Es war tot, aber er wollte dennoch auf seine Weise damit umspringen, er war noch niemals so grundlegend verletzt worden, in seinem ganzen Leben nicht, und alles war so unerwartet geschehen.

Er machte weiter, bis er die Kuppe eines seiner eigenen Finger im sauren Matsch des Dinges sah, bis er den weißen Staub unter dem Fingernagel erblickte, der vom Golgatha stammte, wo er und der Mann in Schwarz ihr langes Gespräch gehabt hatten, und dann wandte er sich ab und übergab sich.

Der Revolvermann schritt wie ein Betrunkener zum Wasser zurück, hielt die verletzte Hand ans Hemd, drehte sich von Zeit zu Zeit um und vergewisserte sich, daß das Ding nicht noch lebte, gleich einer zähen Wespe, die man immer wieder zerquetschen kann und die dennoch zuckt, die betäubt, aber nicht tot ist; um sich zu vergewissern, daß es ihm nicht folgte und mit der tödlich verzweifelten Stimme seine unverständlichen Fragen stellte.

Auf halbem Wege am Strand blieb er schwankend stehen, sah zu der Stelle, wo er gewesen war, und erinnerte sich. Er war offenbar direkt unterhalb der Flutlinie eingeschlafen. Er ergriff seine Tasche und den zerrissenen Stiefel.

Im kahlen Licht des Mondes sah er andere Geschöpfe derselben Art, und er konnte in den Zäsuren zwischen einer Welle und der nächsten ihre fragenden Stimmen hören.

Der Revolvermann wich einen Schritt nach dem anderen zurück, bis er den Grasrand des Strandes erreichte. Dort setzte er sich und erledigte alles, was ihm einfiel: Er bestreute die Stummel seiner Finger und Zehen mit dem letzten Rest seines Tabaks, um die Blutung zu stillen, und er trug ihn dick auf, obwohl das Brennen erneut begann (sein fehlender großer Zeh hatte sich zu dem Chor gesellt). Danach saß er nur noch da, schwitzte trotz der Kälte, machte sich Gedanken wegen Infektionen, fragte sich, wie er ohne die beiden fehlenden Finger seiner rechten Hand in dieser Welt bestehen wollte (was die Waffen anbetraf, so waren beide Hände gleichwertig gewesen, aber bei allem anderen regierte seine rechte Hand), fragte sich, ob der Biß des Dinges ein Gift enthalten haben mochte, das sich bereits in ihm ausbreitete, und fragte sich, ob der Morgen jemals kommen würde.

Teil II

DER GEFANGENE

Die Tür

1

Drei. Das ist deine Schicksalszahl.

Drei?

Ja, drei ist mystisch. Drei ist im Herzen des Mantras.

Welche drei?

Der erste ist jung und dunkelhaarig. Er steht am Rand von Raub und Mord. Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen. Der Name des Dämons heißt HEROIN.

Was ist das für ein Dämon? Ich kenne ihn nicht, nicht einmal aus Kindergeschichten.

Er versuchte zu sprechen, aber seine Stimme war dahin, die Stimme des Orakels, Sternendirne, Hure der Wende, beide waren dahin; er sah eine Karte vom Nichts ins Nichts flattern, die sich in der trägen Dunkelheit drehte und drehte. Auf ihr grinste ein Pavian über die Schulter eines jungen Mannes mit dunklem Haar; seine beunruhigend menschlichen Finger waren so tief im Nacken des Mannes vergraben, daß ihre Spitzen im Fleisch versunken waren. Als er näher hinsah, erkannte der Revolvermann, daß der Pavian eine Peitsche in einer seiner klammernden, würgenden Hände hielt. Das Gesicht des gepeinigten Mannes schien sich in stummem Entsetzen zu verzerren.

Der Gefangene, flüsterte der Mann in Schwarz (der einstmals ein Mann gewesen war, dem der Revolvermann vertraut hatte, ein Mann namens Walter) gesellig. Etwas beunruhigend, nicht? Etwas beunruhigend… etwas beunruhigend etwas

2

Der Revolvermann erwachte hochschreckend, winkte mit seiner verstümmelten Hand nach etwas und war überzeugt davon, daß sich binnen eines Augenblicks eines der monströsen Schalentiere aus dem Westlichen Meer auf ihn stürzen und verzweifelt in seiner fremden Sprache Fragen stellen würde, während es ihm das Gesicht vom Schädel riß.

Statt dessen flatterte ein Meeresvogel, den das Glitzern der Morgensonne auf seinen Hemdknöpfen angelockt hatte, mit erschrockenem Krächzen davon.

Roland setzte sich auf.

Seine Hand pochte übel und unablässig. Sein rechter Fuß ebenso. Beide Finger und der Zeh beharrten darauf, daß sie noch da waren. Die untere Hälfte seines Hemds war fort; was übriggeblieben war, erinnerte an eine ausgerissene Unterjacke. Mit einem Stück hatte er seine Hand verbunden, mit dem anderen den Fuß.

Geht weg, sagte er zu seinen fehlenden Körperteilen. Ihr seid jetzt Geister. Geht weg.

Das half ein wenig. Nicht viel, aber ein wenig. Sie waren Geister, richtig, aber lebhafte Geister.

Der Revolvermann aß ruckhaft. Sein Mund wollte wenig, sein Magen noch weniger, aber er bestand darauf. Als er es in sich hatte, fühlte er sich ein wenig kräftiger. Aber es war nicht mehr viel übrig; er war beinahe mittellos.

Dennoch mußte verschiedenes getan werden.

Er erhob sich unsicher auf die Beine und sah sich um. Vögel flogen und stießen hernieder, aber die Welt schien ausschließlich ihnen und ihm zu gehören. Die Monstrositäten waren verschwunden. Vielleicht waren sie Nachtlebewesen; vielleicht von den Gezeiten abhängig. Derzeit schien das einerlei zu sein.

Das Meer war gewaltig, es verschmolz an einem nebelverhangenen blauen Punkt, der unmöglich zu bestimmen war, mit dem Horizont. Während er nachdachte, vergaß der Revolvermann lange Augenblicke seine Schmerzen. Er hatte noch niemals soviel Wasser gesehen. Er hatte natürlich in Kindergeschichten davon gehört; seine Lehrmeister — jedenfalls einige — hatten ihm versichert, daß es existierte — aber sie nach all den Jahren der Trockenheit tatsächlich zu sehen, diese Unermeßlichkeit, diese erstaunliche Wassermasse, war schwer zu akzeptieren… sogar schwer zu sehen.

Er betrachtete es lange Zeit verzückt, zwang sich, es zu sehen, vergaß vorübergehend vor Staunen seine Schmerzen.

Aber es war Morgen, und es mußte noch verschiedenes getan werden.

Er tastete nach dem Kieferknochen in seiner Tasche, tastete behutsam mit der Handfläche, weil er nicht wollte, daß die Stummel seiner Finger damit in Berührung kamen, sollte er noch da sein, damit das unablässige Pochen der Hand nicht in schluchzende Schreie verwandelt wurde.

Er war noch da.

Gut.

Zum nächsten.

Er schnallte unbeholfen die Revolvergurte ab und legte sie auf einen sonnigen Felsen. Er nahm die Pistolen heraus, klappte die Trommeln auf und entfernte die nutzlosen Patronen. Er warf sie weg. Ein Vogel stieß auf den hellen Schimmer hernieder, den eine von ihnen zurückwarf, hob sie mit dem Schnabel auf, ließ sie dann fallen und flog wieder weg.

Auch die Revolver selbst mußten versorgt werden, hätten schon vorher versorgt werden müssen, aber da kein Revolver in dieser oder einer anderen Welt ohne Munition mehr als eine Keule war, legte er die Halfter selbst in den Schoß, ehe er etwas anderes tat, und strich sorgfältig mit der linken Hand über das Leder.

Jeder war von Schnalle und Klammer bis zu dem Punkt, wo die Gurte seine Hüften überkreuzten, feucht geworden; von dieser Stelle an schienen sie trocken zu sein. Er holte vorsichtig jede trockene Patrone aus den trockenen Abschnitten der Gurte. Seine rechte Hand versuchte ständig, das zu übernehmen, beharrte darauf, trotz der Schmerzen ihre Behinderung zu vergessen, und er stellte fest, daß sie immer und immer wieder zum Knie zurückkehrte, wie ein Hund, der zu dumm oder zu störrisch war, um Männchen zu machen. Er war, von seinen Schmerzen abgelenkt, ein- oder zweimal nahe daran, sie zu quetschen.

Ich sehe ernste Probleme auf mich zukommen, dachte er wieder.

Er legte diese hoffentlich noch guten Patronen auf einen Haufen, der entmutigend klein war. Zwanzig. Davon würden einige mit ziemlicher Sicherheit nicht losgehen. Er konnte sich auf keine von ihnen verlassen. Er nahm die restlichen heraus und legte sie auf einen anderen Haufen. Siebenunddreißig.

Nun, du warst sowieso nicht gut bestückt, dachte er, aber ihm war der Unterschied zwischen siebenundfünfzig verläßlichen Schüssen und möglicherweise zwanzig klar. Oder zehn. Oder fünf. Oder einem. Oder keinem.

Er schichtete die fraglichen Patronen zu einem zweiten Häufchen.

Er hatte noch seine Tasche. Das war eines. Er legte sie auf den Schoß, dann zerlegte er langsam seine Revolver und führte das Ritual der Reinigung durch. Als er damit fertig war, waren zwei Stunden verstrichen, und seine Schmerzen waren so groß, daß sein Kopf sich drehte; bewußtes Denken fiel ihm schwer. Er wollte schlafen. Das hatte er sich noch nie im Leben mehr gewünscht. Doch im Dienste der Pflicht gab es niemals einen akzeptablen Grund, sich zu drücken.

»Cort«, sagte er mit einer Stimme, die ihm fremd war, und lachte trocken.

Er setzte seine Revolver langsam, langsam wieder zusammen und lud sie mit den Patronen, die er für trocken hielt. Als er das erledigt hatte, hielt er denjenigen, der für seine linke Hand gemacht war, spannte ihn… und ließ den Hahn dann langsam wieder sinken. Er wollte es wissen, ja. Wollte wissen, ob er einen zufriedenstellenden Knall hören würde, wenn er den Abzug betätigte, oder nur ein nutzloses Klick. Aber ein Klick wäre bedeutungslos, und ein Knall würde lediglich zwanzig auf neunzehn verringern… oder neun… oder drei… oder keine.

Er riß einen weiteren Streifen von seinem Hemd ab, legte die anderen Patronen, die nicht naß geworden waren, hinein und band ihn unter Zuhilfenahme der linken Hand und der Zähne zu. Er legte sie in die Tasche.

Schlafe, verlangte sein Körper. Schlafe, du mußt jetzt schlafen, vor Einbruch der Dunkelheit, es ist nichts mehr übrig, du bist verbraucht

Er kam torkelnd auf die Beine und sah rechts und links den verlassenen Strand entlang. Dieser hatte die Farbe von Unterwäsche; die schon lange nicht mehr gewaschen worden war, und war von farblosen Muscheln übersät. Hier und da ragten große Felsen aus dem grobkörnigen Sand hervor; diese waren von Guano überzogen, dessen ältere Schichten die gelbe Farbe alter Zähne hatten und dessen frischere Flecken weiß waren.

Die Flutlinie wurde von trocknendem Tang gekennzeichnet. Er konnte Stücke seines rechten Stiefels und seine Wasserschläuche in der Nähe dieser Linie liegen sehen. Er betrachtete es fast als ein Wunder, daß die Schläuche nicht von den hohen Wellen aufs offene Meer hinausgetragen worden waren. Der Revolvermann ging langsam und ausgeprägt hinkend zu der Stelle, wo sie lagen. Er hob einen auf und schüttelte ihn an einer Ecke. Der eine war leer. Der andere enthielt noch ein wenig Wasser. Die meisten wären nicht imstande gewesen, einen Unterschied zwischen den beiden zu erkennen, aber der Revolvermann konnte sie ebenso unterscheiden wie eine Mutter ihre eineiigen Zwillinge. Er reiste schon lange, lange Zeit mit diesen Wasserschläuchen. Wasser gurgelte im Inneren. Das war gut — ein Geschenk. Entweder hätte die Kreatur, die ihn angegriffen hatte, oder jedwede andere diesen oder den anderen mit einem beiläufigen Biß oder einem Hieb mit den Scheren aufreißen können, aber das war nicht geschehen; und auch die Flut hatte sie verschont. Von dem Wesen selbst war keine Spur zu sehen, wenngleich er es weit oberhalb der Flutlinie erledigt hatte. Vielleicht hatten es andere Fleischfresser geholt, vielleicht hatte seine eigene Art ihm ein Begräbnis im Meer verschafft, so wie die Elaphaunten, gigantische Geschöpfe, von denen er in Kindergeschichten gehört hatte, angeblich ihre Toten begruben.

Er hob den Wasserschlauch mit dem linken Ellbogen, trank herzhaft und spürte, wie seine Kraft teilweise zurückkehrte. Der rechte Stiefel war natürlich ruiniert… doch dann verspürte er einen Funken der Hoffnung. Der Fuß selbst war unversehrt — zerkratzt, aber noch ganz —, und es könnte möglich sein, den anderen Stiefel passend zurechtzuschneiden und etwas daraus zu machen, was wenigstens vorübergehend hielt.

Schwäche stahl sich über ihn. Er kämpfte dagegen an, aber seine Knie knickten ein, und er setzte sich und biß sich dabei dummerweise auf die Zunge.

Du wirst nicht bewußtlos werden, sagte er grimmig zu sich. Nicht hier, wo heute nacht ein weiteres dieser Tiere zurückkommen und die Sache zu Ende bringen kann.

Daher stand er auf und band sich den leeren Schlauch um die Taille, aber er kam nur zwanzig Meter in Richtung der Stelle zurück, wo er die Revolver und die Tasche gelassen hatte, als er wieder hinfiel und halb bewußtlos wurde. Dort lag er eine Weile, eine Wange in den Sand gedrückt, und die Kante einer Muschel schnitt ihm so tief in den Kiefer, daß Blut kam. Es gelang ihm, aus dem Wasserschlauch zu trinken, dann kroch er zu der Stelle zurück, wo er erwacht war. Zwanzig Meter hügelaufwärts stand ein Josuabaum; er war verkümmert, würde aber wenigstens etwas Schatten spenden.

Für Roland sahen die zwanzig Meter wie zwanzig Meilen aus.

Dennoch schaffte er mühsam die Reste seiner Habseligkeiten zu jener winzigen Schattenpfütze. Dort lag er mit dem Kopf im Gras und dämmerte bereits Schlaf oder Bewußtlosigkeit oder Tod entgegen. Er sah zum Himmel und versuchte, die Zeit zu schätzen. Nicht Mittag, aber die Größe der Schattenpfütze, in der er lag, verriet ihm, daß der Mittag nahe war. Er hielt noch einen Augenblick durch, drehte den rechten Arm um und führte ihn dicht vor die Augen, um die vielsagenden roten Linien der Infektion anzusehen, eines Giftes, das sich konstant in seinen Leib hinein vorarbeitete.

Seine Handfläche war dunkelrot. Kein gutes Zeichen.

Ich werde linkshändig abtreten, dachte er, wenigstens etwas.

Dann holte ihn die Dunkelheit, und er schlief die nächsten sechzehn Stunden, während das Dröhnen des Westlichen Meeres ihm unablässig in die träumenden Ohren toste.

3

Als der Revolvermann wieder erwachte, war das Meer dunkel, aber im Osten herrschte schwaches Licht am Himmel. Der Morgen war unterwegs. Er richtete sich auf, und eine Woge der Übelkeit übermannte ihn fast.

Er neigte den Kopf und wartete.

Als die Übelkeit vergangen war, betrachtete er seine Hand. Sie hatte tatsächlich eine Infektion — eine deutliche rote Schwellung, die sich über die Handfläche und das Gelenk ausbreitete. Dort hörte sie auf, aber er konnte bereits die Ansätze anderer roter Linien erkennen, die schließlich zu seinem Herzen führen und ihn umbringen würden. Er war heiß und fiebrig.

Ich brauche Medizin, dachte er. Aber hier gibt es keine Medizin.

War er nur um zu sterben so weit gekommen? Er würde nicht sterben. Und sollte er trotz seiner Entschlossenheit sterben, so würde er auf dem Weg zum Turm sterben.

Wie bemerkenswert du bist, Revolvermann, kicherte der Mann in Schwarz in seinem Kopf. Wie unbezähmbar! Wie romantisch mit deiner dummen Besessenheit!

»Scheiß auf dich«, krächzte er und trank. Es war auch nicht mehr viel Wasser übrig. Vor ihm befand sich ein ganzes Meer, doch was nützte ihm das; Wasser, überall Wasser, aber nicht ein Tropfen zu trinken. Egal.

Er legte die Revolvergurte an, band sie fest — das dauerte so lange, daß das erste schwache Licht der Dämmerung sich bereits zum tatsächlichen Prolog des Tages aufgehellt hatte, als er fertig war — und versuchte aufzustehen. Er war erst davon überzeugt, daß es ihm gelingen würde, als er wirklich stand.

Er stützte sich mit der linken Hand an den Josuabaum, während er den nicht ganz leeren Wasserschlauch mit der rechten hochnahm und über die Schulter warf. Dann die Tasche. Als er sich gerade aufrichtete, wusch die Schwäche wieder über ihn hinweg, und er senkte den Kopf, wartete und zwang sich.

Das Schwindelgefühl ging vorbei.

Der Revolvermann machte sich mit den schlingernden, schwankenden Schritten eines Mannes im letzten Stadium noch zu Bewegungen fähiger Trunkenheit auf den Rückweg zum Strand hinunter. Dort stand er und betrachtete das Meer, das so dunkel wie Maulbeerwein war, dann holte er den letzten Rest Dörrfleisch aus der Tasche. Er aß die Hälfte, und diesmal akzeptierten Mund und Magen etwas williger. Er drehte sich um und aß die andere Hälfte, während er zusah, wie die Sonne über den Bergen aufging, wo Jake gestorben war. Anfangs schien sie an den grausamen und baumlosen Zähnen dieser Höhen hängenzubleiben, doch dann erhob sie sich über diese.

Roland hielt das Gesicht der Sonne entgegen, machte die Augen zu und lächelte. Er aß den Rest Dörrfleisch.

Er dachte: Nun gut, jetzt bin ich ein Mann ohne Nahrung und habe zwei Finger und einen Zeh weniger als zuvor; ich bin ein Revolvermann mit Patronen, die vielleicht nicht zünden; ich wurde durch den Biß eines Monsters krank und habe keine Medizin; ich habe noch für einen Tag Wasser, wenn ich Glück habe; und wenn ich mich bis zum Äußersten belaste, kann ich vielleicht noch ein Dutzend Meilen gehen. Ich bin, kurz gesagt, ein Mann am Rande von allem.

Welchen Weg sollte er gehen? Er war von Osten gekommen; nach Westen konnte er ohne die Kräfte eines Heiligen oder Erlösers nicht gehen. Blieben Nord und Süd.

Nord.

Das war die Antwort, die sein Herz gab. Daran bestand keine Frage.

Nord.

Der Revolvermann setzte sich in Bewegung.

4

Er ging drei Stunden lang. Er fiel zweimal hin, und beim zweiten Mal glaubte er nicht, daß er noch einmal imstande sein würde aufzustehen. Dann rollte eine Welle auf ihn zu, und zwar so nahe, daß ihm seine Revolver wieder einfielen, und er sprang ohne zu überlegen auf und stand auf Beinen, die wie Stelzen zitterten.

Er glaubte, daß er in diesen drei Stunden vier Meilen zurückgelegt hatte. Jetzt wurde die Sonne heiß, aber nicht heiß genug, um zu erklären, daß sein Kopf pochte und ihm der Schweiß übers Gesicht strömte; und auch der Wind vom Meer war nicht so heftig, daß er die plötzlichen Zitteranfälle erklären konnte, die ihn überfielen, die seinen Körper mit Gänsehaut überzogen und seine Zähne zum Klappern brachte.

Fieber, Revolvermann, kicherte der Mann in Schwarz. Was noch in dir ist, wurde von Feuer entzündet.

Jetzt waren die Linien der Infektion deutlicher hervorgehoben; sie waren vom rechten Handgelenk halb bis zum Ellbogen hinaufgewandert.

Er legte noch eine Meile zurück und leerte den Wasserschlauch. Er band ihn mit dem anderen um die Taille. Die Landschaft war monoton und unfreundlich. Rechts das Meer, links die Berge, unter den Sohlen seiner zusammengeschnittenen Stiefel der graue, von Muscheln übersäte Sand. Die Wellen kamen und gingen. Er hielt nach den Monsterhummern Ausschau, sah aber keine. Er kam aus dem Nichts und ging ins Nichts, ein Mann aus einer anderen Zeit, der, wie es schien, ein sinnloses Ende erreicht hatte.

Kurz vor Mittag fiel er wieder und wußte, er konnte nicht mehr aufstehen. Also war dies der Ort. Hier. Dies war schließlich das Ende.

Er lag auf Händen und Knien und hob den Kopf wie ein geschlagener Kämpfer… und in einer gewissen Entfernung, vielleicht eine Meile, vielleicht drei (es war schwer, an diesem einförmigen Strand Entfernungen zu schätzen, zumal er das Fieber in sich hatte, das seine Augäpfel nach innen und außen pulsieren machte), erblickte er etwas Neues. Etwas, das aufrecht auf dem Strand stand.

Was war es?

(drei)

Einerlei.

(drei ist deine Schicksalszahl)

Es gelang dem Revolvermann, wieder auf die Beine zu kommen. Er krächzte etwas, ein Flehen, das nur die kreisenden Meeresvögel hörten (wie glücklich wären sie, könnten sie mir die Augen aus dem Kopf picken, dachte er, wie glücklich über einen so schmackhaften Happen!), dann setzte er sich, schwankender denn je, in Bewegung und ließ eine Spur hinter sich, die aus unheimlichen Schlaufen und Schlingen bestand.

Er ließ keinen Blick von dem, was da vorne auf dem Strand stand. Wenn ihm das Haar in die Augen fiel, strich er es beiseite. Es schien nicht näher zu kommen. Die Sonne erreichte das Dach des Himmels, wo sie viel zu lange zu verweilen schien. Roland stellte sich vor, er wäre wieder in der Wüste, irgendwo zwischen der Hütte des letzten Grenzbewohners

(das musikalische Gemüse, je mehr du frißt, desto mehr du furzt)

und dem Rasthaus, wo der Junge

(dein Isaak)

auf ihn gewartet hatte.

Seine Knie knickten ein, streckten sich, knickten ein, streckten sich wieder. Als ihm das Haar wieder einmal in die Augen fiel, machte er sich nicht mehr die Mühe, es zurückzustreichen; er hatte nicht mehr die Kraft, es zurückzustreichen. Er sah zu dem Gegenstand, der mittlerweile einen schmalen Schatten in Richtung Hochland warf, und ging weiter.

Jetzt konnte er es erkennen, mit oder ohne Fieber.

Es war eine Tür.

Weniger als eine Viertelmeile davon entfernt, knickten Rolands Knie wieder ein, und dieses Mal konnte er ihre Scharniere nicht steif machen. Er stürzte, seine rechte Hand glitt über körnigen Sand und Muschelschalen, die Stummel seiner Finger kreischten, als frischer Schorf weggerissen wurde. Die Stummel fingen wieder an zu bluten.

Er kroch weiter. Kroch, während das stetige Rauschen, Dröhnen und Zurückweichen des Westlichen Meeres in seinen Ohren klang. Er benützte Ellbogen und Knie und grub Vertiefungen in den Sand oberhalb des Streifens schmutziggrünen Tangs, der die Flutlinie markierte. Er nahm an, daß der Wind immer noch wehte — er mußte wehen, denn die Kälte lief weiterhin durch seinen Körper —, aber der einzige Wind, den er hören konnte, waren die rasselnden Atemstöße, die in seine Lunge gesogen und hinausgeweht wurden.

Die Tür kam näher.

Näher.

Gegen drei Uhr an diesem langen Tag im Delirium, als sein Schatten zu seiner Linken lang geworden war, erreichte er sie schließlich. Er kauerte sich auf die Fersen und betrachtete sie argwöhnisch.

Sie war zwei Meter hoch und schien aus solidem Eisenholz gemacht zu sein, obschon der nächste Eisenholzbaum siebenhundert Meilen oder mehr von hier entfernt wachsen mußte. Der Türknauf sah aus, als wäre er aus Gold; ein filigranes Muster war darin eingearbeitet, das der Revolvermann schließlich erkannte: Es war das grinsende Gesicht des Pavians.

Es war kein Schlüsselloch im Knauf, darüber oder darunter.

Die Tür hatte Angeln, aber sie waren an nichts befestigt — jedenfalls scheint es so, dachte der Revolvermann. Das ist ein Geheimnis, ein höchst wundersames Geheimnis, aber spielt das wirklich eine Rolle? Du stirbst. Dein eigenes Geheimnis — das einzige, das letztendlich im Leben jedes Mannes und jeder Frau eine Rolle spielt — rückt näher.

Dennoch schien es eine Rolle zu spielen.

Diese Tür. Diese Tür, wo keine Tür sein sollte. Sie stand einfach hier auf dem grauen Strand, zwanzig Schritte oberhalb der Flutlinie, und schien ebenso ewig wie das Meer selbst zu sein, und jetzt warf sie einen schrägen Schatten ihrer eigenen Stofflichkeit nach Osten, während die Sonne nach Westen zog.

In einer Höhe von etwa zwei Dritteln waren zwei Worte in der Hochsprache mit schwarzen Buchstaben daraufgeschrieben:

DER GEFANGENE

Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen. Der Name des Dämons heißt HEROIN.

Der Revolvermann konnte ein leises Dröhnen hören. Zuerst dachte er, es müßte der Wind oder das Dröhnen seines eigenen fiebrigen Kopfes sein, aber er kam mehr und mehr zu der Überzeugung, daß es sich um den Lärm von Motoren handelte… und der kam von hinter dieser Tür.

Dann öffne sie. Sie ist nicht verschlossen. Du weißt, daß sie nicht verschlossen ist.

Statt dessen torkelte er ohne jegliche Anmut auf die Beine und schritt um die Tür herum zur anderen Seite.

Es gab keine andere Seite.

Nur den dunkelgrauen Strand, der sich immer weiter erstreckte. Nur die Wellen, die Muscheln, die Flutlinie, die Spuren seines eigenen Näherkommens — Stiefelabdrücke und Löcher, die seine Ellbogen gemacht hatten. Er sah noch einmal hin und riß ein wenig die Augen auf. Die Tür war nicht da, wohl aber ihr Schatten.

Er wollte die rechte Hand ausstrecken — oh, sie lernte so langsam ihren neuen Platz in dem, was von seinem Leben noch übrig war —, ließ sie sinken und hob statt dessen die linke. Er tastete, suchte nach festem Widerstand.

Wenn ich sie spüre, klopf ich auf nichts, dachte der Revolvermann. Das wäre eine interessante Tat, bevor ich sterbe!

Seine Hand ertastete nur Luft hinter der Stelle, wo sich die Tür — auch unsichtbar — hätte befinden sollen.

Nichts zu klopfen.

Und der Motorenlärm — falls es das wirklich gewesen war — war verschwunden. Jetzt war nur noch der Wind zu hören, die Wellen und das kranke Dröhnen in seinem Kopf.

Der Revolvermann schritt langsam wieder auf die andere Seite des Nichtvorhandenen und dachte schon, daß es eine Halluzination gewesen sein mußte, eine…

Er blieb stehen.

Eben noch hatte er nach Westen gesehen und einen freien Ausblick auf grauen Strand gehabt, und jetzt fiel sein Blick auf die solide Masse der Tür. Er konnte die Fassung des Knaufs sehen, die ebenfalls aus Gold zu sein schien, und daraus ragte der Schnappriegel wie eine stummelige Metallzunge hervor. Roland bewegte den Kopf zwei Zentimeter nach Norden, und die Tür war verschwunden. Bewegte ihn dorthin zurück, wo er gewesen war, und da war sie wieder. Sie erschien nicht; sie war einfach da.

Er ging den ganzen Weg herum und stand schwankend vor der Tür.

Er konnte auf der meerwärts gelegenen Seite um sie herumgehen, aber er war davon überzeugt, daß dasselbe geschehen würde, nur würde er dieses Mal umfallen.

Ich frage mich, ob ich von der Nichts-Seite durch sie hindurchgehen könnte?

Oh, es gab jede Menge, worüber man sich wundern konnte, aber die schlichte Wahrheit war die: Hier stand eine Tür einsam auf einem endlosen Strandabschnitt, und es gab nur zwei Möglichkeiten: sie aufzumachen oder zuzulassen.

Dem Revolvermann wurde mit schwacher Belustigung klar, daß er vielleicht doch nicht so schnell starb, wie er glaubte. Wäre das der Fall, würde er dann solche Angst haben?

Er streckte den Arm aus und berührte den Türknauf mit der linken Hand. Weder die tödliche Kälte des Metalls noch die dünne, feurige Hitze der eingravierten Runen überraschte ihn.

Er drehte den Knauf. Die Tür öffnete sich zu ihm, als er daran zog.

Er hatte viele Dinge erwartet, doch dies entsprach keinem davon.

Der Revolvermann sah hinein, erstarrte, stieß den ersten Entsetzensschrei seines Erwachsenenlebens aus und schlug die Tür zu. Sie hatte nichts, woran sie zuschlagen konnte, aber sie schlug dennoch zu, so daß die Meeresvögel kreischend von den Felsen aufstoben, auf denen sie sich niedergelassen hatten, um ihn zu beobachten.

5

Er hatte die Erde von einer hohen, unmöglichen Entfernung am Himmel aus gesehen — Meilen hoch, wie es schien. Er hatte die Schatten von Wolken gesehen, die auf der Erdoberfläche lagen und wie Träume darüber hinwegschwebten. Er hatte gesehen, was ein Adler sehen mochte, könnte er dreimal so hoch wie jeder Adler fliegen.

Durch diese Tür zu treten würde bedeuten, minutenlang schreiend in die Tiefe zu stürzen und sich am Ende tief in den Erdboden zu bohren.

Nein, du hast mehr gesehen.

Er dachte darüber nach, während er benommen und mit der verletzten Hand im Schoß vor der geschlossenen Tür im Sand saß. Die ersten schwachen Spuren waren jetzt schon oberhalb des Ellbogens. Die Infektion würde bald sein Herz erreicht haben, daran konnte kein Zweifel bestehen.

Er hörte Corts Stimme in seinem Kopf.

Hört mir zu, Maden. Hört um eures Lebens willen zu, denn eines Tages könnte es davon abhängen. Ihr seht niemals alles, was ihr seht. Ein Grund, weshalb sie euch zu mir schicken, ist der, daß ich euch zeige, alles zu sehen, was ihr nicht seht, wenn ihr etwas seht — was ihr nicht seht, wenn ihr Angst habt, wenn ihr kämpft, flieht oder fickt. Kein Mensch sieht alles, was er sieht, aber bis ihr Revolvermänner seid — das heißt, diejenigen unter euch, die nicht nach Westen gehen —, werdet ihr mit einem einzigen Blick mehr sehen als manche Männer in ihrem Leben. Und manches, was ihr bei diesem Blick nicht seht, werdet ihr hinterher im Auge eurer Erinnerung sehen — das heißt, wenn ihr lange genug lebt, daß ihr euch erinnern könnt. Denn der Unterschied zwischen Sehen und Nichtsehen kann der Unterschied zwischen Leben und Tod sein.

Er hatte die Erde aus dieser gewaltigen Höhe gesehen (und das war irgendwie schwindelerregender und beunruhigender als die Vision von Wachstum gewesen, welche ihm kurz vor dem Ende seiner Zeit mit dem Mann in Schwarz zuteil geworden war, denn was er hier gesehen hatte, war keine Vision gewesen), und der geringe Rest seiner Aufmerksamkeit hatte die Tatsache registriert, daß es sich bei dem Land, das er gesehen hatte, weder um eine Wüste noch um ein Meer gehandelt hatte, sondern um einen grünen Ort unvorstellbarer Üppigkeit, mit Wasserflächen, die den Gedanken an einen Sumpf in ihm erweckten, aber…

Wie wenig von deiner Aufmerksamkeit geblieben ist, spottete die Stimme von Cort gehässig. Du hast mehr gesehen!

Ja.

Er hatte Weiß gesehen.

Weiße Ränder.

Bravo, Roland! schrie Cort in seinem Verstand, und Roland schien einen Hieb der harten, schwieligen Hand zu spüren. Er zuckte zusammen.

Er hatte durch ein Fenster gesehen.

Der Revolvermann stand unter Anstrengung auf, streckte die Hand aus, spürte Kälte und brennende Linien dünner Hitze auf der Handfläche. Er machte die Tür wieder auf.

6

Der Anblick, den er erwartet hatte — die Erde aus einer gräßlichen, unvorstellbaren Höhe — war verschwunden. Er sah Worte, die er nicht verstand. Er verstand sie fast; es war, als wären die Großbuchstaben verzerrt worden…

Über den Worten war das Bild eines Gefährts ohne Pferde, eines Motorfahrzeugs, wie sie angeblich die Welt erfüllt hatten, bevor diese sich weitergedreht gehabt hatte. Plötzlich dachte er an die Worte, die Jake gesprochen hatte, als ihn der Revolvermann im Rasthaus hypnotisierte.

Dieses Gefährt ohne Pferde, neben dem eine lachende Frau mit einer Pelzstola stand, konnte das sein, was Jake in dieser seltsamen anderen Welt überfahren hatte.

Dies ist jene andere Welt, dachte der Revolvermann.

Plötzlich geschah etwas mit dem Anblick…

Er veränderte sich nicht; er bewegte sich. Der Revolvermann schwankte auf den Füßen, er verspürte Schwindel und einen Anflug von Übelkeit. Die Worte und das Bild senkten sich, und jetzt sah er einen Korridor mit einer doppelten Sitzreihe auf der anderen Seite. Einige waren frei, aber auf den meisten saßen Männer mit seltsamer Kleidung. Er vermutete, daß es Anzüge waren, aber er hatte dergleichen vorher noch niemals gesehen. Auch die Sachen um ihre Hälse konnten Binder oder Krawatten sein, aber auch solche hatte er noch nie gesehen. Und soweit er das erkennen konnte, war keiner von ihnen bewaffnet; er sah weder Dolche noch Schwerter, geschweige denn eine Feuerwaffe. Was waren das für vertrauensselige Schafe? Einige lasen mit winzigen Worten bedecktes Papier — die Worte hier und da von Bildern unterbrochen —, während andere mit Stiften, wie sie der Revolvermann noch nie gesehen hatte, auf Papier schrieben. Aber die Stifte bedeuteten ihm wenig. Es war das Papier. Er lebte in einer Welt, in der Gold und Papier in etwa denselben Wert hatten. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nicht soviel Papier gesehen. In diesem Augenblick riß ein Mann ein gelbes Blatt von dem Block auf seinem Schoß ab und knüllte es zu einem Ball zusammen, obwohl er erst die obere Hälfte der einen Seite und die andere noch überhaupt nicht beschrieben hatte. Dem Revolvermann war nicht so übel, daß er nicht eine Regung des Entsetzens angesichts solch unnatürlicher Verschwendung verspürt hätte.

Hinter den Männern befand sich eine gekrümmte weiße Wand und eine Fensterreihe. Einige waren von einer Art weißer Schiebeläden versperrt, aber hinter anderen konnte er blauen Himmel erkennen.

Jetzt näherte sich eine Frau dem Durchgang, eine Frau, die eine Art Uniform trug, aber keine, wie Roland sie je gesehen hatte. Sie war hellrot, und ein Teil davon bestand aus einer Hose. Er konnte die Stelle sehen, wo ihre Beine sich zum Schritt vereinigten. Das hatte er bei einer Frau, die nicht entkleidet war, noch niemals erblickt.

Sie kam der Tür so nahe, daß Roland glaubte, sie würde hindurchschreiten; er torkelte einen Schritt rückwärts und hatte Glück, daß er nicht fiel. Sie betrachtete ihn mit der einstudierten Höflichkeit einer Frau, die Dienerin und zugleich ihr eigener Herr ist. Das interessierte den Revolvermann nicht. Ihn interessierte, daß sich ihr Ausdruck nicht veränderte. Man erwartete nicht, daß eine Frau — oder überhaupt jemand — einen schmutzigen, schwankenden, erschöpften Mann so ansah, der überkreuzte Revolvergurte an den Hüften hatte, einen blutgetränkten Lappen um die rechte Hand und Jeans an, die aussahen, als wären sie mit einer Art von Säge bearbeitet worden.

»Hätten Sie gerne…«, fragte die Frau in Rot. Sie sagte noch mehr, aber der Revolvermann verstand nicht genau, was es bedeutete. Essen oder Trinken, dachte er. Dieser rote Stoff — Baumwolle war es nicht. Seide? Er sah ein wenig wie Seide aus, aber…

»Gin«, antwortete eine Stimme, und das verstand der Revolvermann. Plötzlich verstand er noch viel mehr.

Es war keine Tür.

Es waren Augen.

So verrückt das sein mochte, er sah einen Teil eines Gefährts, das durch den Himmel flog. Er sah durch die Augen eines anderen.

Wessen Augen?

Aber er wußte es. Er sah durch die Augen des Gefangenen.

Eddie Dean

1

Wie um seine Vorstellung, so verrückt sie auch war, zu bestätigen, erhob sich das, was der Revolvermann durch die Tür sah, plötzlich und glitt seitwärts. Der Anblick machte kehrt (wieder das Gefühl des Schwindels, das Gefühl, auf einer Scheibe mit Rädern zu stehen, einer Scheibe, die Hände, welche er nicht sehen konnte, hierhin und dorthin bewegten), und dann schwebte der Korridor an den Rändern der Tür vorbei. Er kam an einem Ort vorbei, wo mehrere Frauen, alle in denselben roten Uniformen, beisammenstanden. Es war ein Ort von Gegenständen aus Stahl, und er hätte trotz seiner Schmerzen und der Erschöpfung den in Bewegung befindlichen Blick gerne zum Stillstand gebracht, damit er sehen konnte, was die Gegenstände aus Stahl waren — eine Art Maschinen. Eine sah einem Ofen ähnlich. Die Armeefrau, die er schon gesehen hatte, schenkte den Gin ein, den die Stimme verlangt hatte. Sie schenkte aus einer sehr kleinen Flasche ein. Sie war aus Glas. Das Gefäß, in das sie einschenkte, sah wie Glas aus, aber der Revolvermann glaubte nicht, daß es tatsächlich Glas war.

Was die Tür zeigte, hatte sich weiterbewegt, bevor er mehr sehen konnte. Es folgte eine weitere dieser schwindelerregenden Wendungen, dann stand er vor einer Metalltür. Ein erleuchtetes Schild befand sich in einem schmalen Kästchen. Dieses Wort konnte der Revolvermann lesen. FREI, stand da.

Der Blick glitt ein wenig abwärts. Eine Hand stieß rechts von der Tür herein, durch die der Revolvermann sah, und ergriff den Knauf der Tür, die der Revolvermann vor sich hatte. Er sah die Manschette eines blauen Hemds, die etwas zurückgezogen war und störrische schwarze Härchen entblößte. Lange Finger. An einem ein Ring, in den ein Edelstein eingelassen war, bei dem es sich um einen Rubin oder einen Granat oder ein Stück billigen Tand handeln konnte.

Der Revolvermann dachte an die letzte Möglichkeit — es war zu groß und vulgär, um echt zu sein.

Die Metalltür schwang auf, und der Revolvermann sah in die seltsamste Kammer, die er je gesehen hatte. Sie bestand ganz aus Metall.

Die Ränder der Metalltür schwebten an den Rändern der Tür auf dem Strand vorbei. Der Revolvermann hörte, wie sie zugemacht und verriegelt wurde. Eine weitere dieser schwindelerregenden Drehungen blieb ihm erspart, daher vermutete er, der Mann, durch dessen Augen er sah, mußte hinter sich gegriffen haben, um sich einzuschließen.

Dann aber drehte sich der Blick — nicht ganz herum, nur halb —, und er sah in einen Spiegel und erblickte ein Gesicht, das er schon einmal gesehen hatte… auf einer Tarotkarte.

Dieselben dunklen Augen und der dunkle Haarschopf. Das Gesicht war ruhig, aber blaß, und in den Augen — Augen, durch die er jetzt eine Reflexion sah — erblickte Roland etwas von dem Grauen und Entsetzen jener vom Pavian besessenen Kreatur der Tarotkarte.

Der Mann zitterte.

Obendrein ist er krank.

Dann erinnerte er sich an Nort, den Grasesser aus Tull.

Er dachte an das Orakel.

Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen.

Plötzlich dachte der Revolvermann, daß er vielleicht doch wußte, was HEROIN war: etwas Ähnliches wie Teufelsgras.

Etwas beunruhigend, nicht?

Ohne nachzudenken, allein durch die schlichte Willenskraft, die ihn zum letzten von allen gemacht hatte, zum letzten, der weitermarschierte, nachdem Cuthbert und alle anderen gestorben waren oder aufgegeben hatten, Selbstmord oder Verrat begangen oder die Suche nach dem Turm einfach gelassen hatten; von der engstirnigen und desinteressierten Entschlossenheit getrieben, die ihn dem Mann in Schwarz durch die Wüste und vor der Wüste viele Jahre hatte folgen lassen, trat der Revolvermann durch die Tür.

2

Eddie bestellte einen Gin Tonic; es war wahrscheinlich keine gute Idee, betrunken durch den New Yorker Zoll zu gehen, und er wußte, wenn er anfing, würde er einfach weitertrinken — aber er brauchte etwas.

Wenn man runter muß und die Rolltreppe nicht finden kann, hatte Henry einmal zu ihm gesagt, dann muß man es eben so machen, wie man kann. Und sei es mit einer Schaufel.

Nachdem er seine Bestellung aufgegeben und die Stewardeß sich entfernt hatte, war ihm zumute, als müßte er sich gleich übergeben. Nicht sicher übergeben, nur vielleicht, aber es war besser, auf Nummer Sicher zu gehen. Mit zwei Pfund reinem Kokain und mit Gin im Atem durch den New Yorker Zoll zu gehen, mochte keine so gute Idee sein; aber zitternd und dazu mit trocknender Kotze auf den Hosen durch den Zoll zu gehen, wäre eine Katastrophe. Also besser auf Nummer Sicher gehen. Das Gefühl würde wahrscheinlich vorbeigehen, wie immer, aber lieber auf Nummer Sicher gehen.

Das Problem war, er war auf cool turkey. Cool, nicht cold. Weise Worte vom großen Weisen und bedeutenden Junkie Henry Dean.

Sie saßen auf dem Penthousebalkon des Regency Tower, noch nicht drauf, aber kurz davor, die Sonne schien ihnen warm in die Gesichter, sie waren so abgedröhnt… in den guten alten Zeiten, als Eddie gerade angefangen hatte, den Stoff zu schnupfen, und Henry selbst noch nicht zu seiner ersten Nadel gegriffen hatte.

Alle sprechen davon, daß sie auf cold turkey kommen, hatte Henry gesagt, aber bevor man das bekommt, bekommt man erst einmal cool turkey.

Und Eddie, der sich das Hirn zugedröhnt gehabt hatte, hatte wild angefangen zu kichern, weil er ganz genau wußte, wovon Henry sprach. Henry dagegen hatte nicht den Hauch eines Lächelns erkennen lassen.

In gewisser Weise ist cool turkey schlimmer als cold turkey, hatte Henry gesagt. Wenn man es bis cold turkey schafft, dann WEISS man, daß man kotzen wird, dann WEISS man, daß man das Zittern kriegt, dann WEISS man, daß man schwitzt, bis man meint, man ertrinkt darin. Cool turkey ist dagegen wie der Fluch der Vorfreude.

Eddie erinnerte sich, er hatte Henry gefragt, wie man es nannte, wenn ein Nadel-Freak (in jenen vagen Zeiten, die gerade erst sechzehn Monate her sein mochten, hatten sie sich beide feierlich geschworen, daß sie das selbst niemals werden würden) einen heißen Schuß bekam.

Das nennt man baked turkey, hatte Henry prompt geantwortet, und dann hatte er überrascht dreingeschaut, wie jemand schaut, wenn er etwas gesagt hat, das viel komischer ist, als es eigentlich beabsichtigt war, und sie sahen einander an und heulten dann vor Lachen und umklammerten einander. Baked turkey, damals ziemlich komisch, heute nicht mehr.

Eddie schritt den Mittelgang entlang, an der Kombüse vorbei in den vorderen Teil, überprüfte das Schild — FREI — und trat ein.

He, Henry, o großer Weiser und bedeutender Junkie, Großer Bruder, während wir noch beim Thema gefiederte Freunde sind, möchtest du meine Definition einer abgekochten Gans hören? Das ist, wenn der Zollbeamte am Kennedy zu der Überzeugung kommt, dein Aussehen ist ein wenig komisch, oder wenn es einer der Tage ist, wenn sie die Hunde mit den akademischen Spürnasen draußen haben, statt Port Authority, und die fangen an zu bellen und pissen auf den Boden, und sie erwürgen sich allesamt fast selbst an ihren Halsbändern, weil sie zu dir wollen, und wenn die Jungs vom Zoll dein ganzes Gepäck durchsucht haben, bitten sie dich in ein kleines Zimmer und fragen dich, ob es dir etwas ausmachen würde, dein Hemd auszuziehen, und du sagst, doch, das würde mir etwas ausmachen, weil ich mir auf den Bahamas eine Erkältung geholt habe, und die Klimaanlage hier drinnen ist so verdammt hoch eingestellt, daß ich fürchte, es könnte eine Grippe daraus werden, und sie sagen, ach ja, ist das so, und schwitzen Sie immer so, wenn die Klimaanlage zu hoch eingestellt ist, Mr. Dean, so, das machen Sie, wir bitten vielmals um Entschuldigung, aber machen Sie jetzt, und du gehorchst, und sie sagen, vielleicht sollten Sie besser auch noch Ihr T-Shirt ausziehen, weil es so aussieht, als hätten Sie vielleicht ein medizinisches Problem, Kumpel, diese Beulen unter ihren Achseln sehen aus, als könnten sie Lymphtumore sein oder so etwas, und du machst dir nicht einmal die Mühe, etwas anderes zu behaupten, wie ein Centerfield, der sich nicht einmal die Mühe macht, nach dem Ball zu jagen, wenn er auf eine bestimmte Weise geschlagen wurde, er dreht sich einfach um und sieht ihm zu, wie er in die Ehrentribüne fliegt, denn wenn er weg ist, ist er weg, und du nimmst also das T-Shirt ab, und schau her, haben Sie aber ein Glück, es sind gar keine Tumore, es sei denn, man würde sie Tumore am corpus der Gesellschaft nennen, gacker-gacker-gacker, sehen mehr wie Beutel aus, die mit Tesaband dort festgemacht wurden, und machen Sie sich übrigens keine Gedanken wegen des Geruchs, Junge, das ist nur Gans. Sie ist abgekocht.

Er griff hinter sich und schob den Riegel vor. Die Lichter in der Kabine wurden heller. Das Motorengeräusch war ein leises Dröhnen. Er drehte sich zum Spiegel um, weil er sehen wollte, wie er aussah, und plötzlich überkam ihn ein schreckliches, überzeugendes Gefühl: das Gefühl, daß er beobachtet wurde.

He, komm schon, hör auf, dachte er unbehaglich. Du bist doch angeblich der coolste Kerl der Welt. Darum haben sie dich geschickt. Darum haben sie

Aber plötzlich schien es, als wären das nicht seine eigenen Augen da im Spiegel, nicht Eddie Deans mandelbraune, fast grüne Augen, die im letzten Drittel seiner einundzwanzig Lebensjahre so viele Herzen geschmolzen und es ihm ermöglicht hatten, so viele Schenkel zu spreizen, nicht seine Augen, sondern die eines Fremden. Nicht Mandelbraun, sondern ein Blau von der Tönung verwaschener Levis. Augen, die kalt und präzise waren, unerwartete Wunder des Zielens. Kanoniersaugen.

Er sah — ganz deutlich — die Spiegelung einer Möwe in ihnen, die auf eine brechende Welle herabstieß und etwas daraus schnappte.

Er hatte noch Zeit zu denken: Was in Gottes Namen soll diese Scheiße? und dann wußte er, daß es nicht vorbeigehen würde; er würde sich doch übergeben müssen.

In der halben Sekunde, bevor er das tat, in der halben Sekunde, die er weiter in den Spiegel sah, sah er diese blauen Augen verschwinden… aber bevor das geschah, hatte er plötzlich das Gefühl, zwei Menschen zu sein… besessen zu sein, so wie das kleine Mädchen in Der Exorzist.

Er spürte deutlich einen neuen Verstand in seinem eigenen, und er hörte einen Gedanken, der nicht sein eigener Gedanke war, sondern mehr wie eine vom Funkgerät übermittelte Stimme: Ich bin durchgekommen. Ich bin in der Himmelskutsche.

Da war noch etwas, aber das hörte Eddie nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, so leise er konnte in die Kloschüssel zu kotzen.

Als er fertig war, noch ehe er sich auch nur den Mund abgewischt hatte, geschah etwas mit ihm, was ihm vorher noch niemals passiert war. Einen furchteinflößenden Augenblick lang war nichts nur ein leeres Intervall. Als wäre eine einzige Zeile in einer gedruckten Spalte fein säuberlich ausgelöscht worden.

Was ist das? dachte Eddie hilflos. Was, zum Teufel, ist diese Scheiße?

Dann mußte er wieder kotzen, und das war wahrscheinlich gut so; was immer man dagegen anführen mochte, das Erbrechen hatte wenigstens eines für sich: Solange man damit beschäftigt war, konnte man an nichts anderes denken.

3

Ich bin durchgekommen. Ich bin in der Himmelskutsche, dachte der Revolvermann. Und eine Sekunde später: Er sieht mich im Spiegel!

Roland wich zurück — er ging nicht, sondern wich zurück wie ein Kind, das sich in die fernste Ecke eines sehr langen Zimmers flüchtet. Er war in der Himmelskutsche; er war auch in einem Mann, der nicht er selbst war. Er war im Gefangenen. In jenem ersten Augenblick, als er ganz vorne gewesen war (anders konnte er es nicht beschreiben), war er mehr als im Inneren; er war beinahe der Mann gewesen. Er hatte die Krankheit des Mannes gespürt, was immer sie sein mochte, und hatte gemerkt, daß der Mann sich übergeben mußte. Roland begriff, daß er die Kontrolle über den Körper dieses Mannes erlangen konnte, sollte es nötig sein. Er würde seine Schmerzen erleiden, würde von dem Dämonen-Affen geplagt werden, der von ihm Besitz ergriffen hatte, aber wenn es nötig war, konnte er es.

Oder er konnte unbemerkt hierbleiben.

Als der Würgeanfall des Gefangenen vorbei war, schnellte der Revolvermann nach vorne — dieses Mal bis ganz vorne. Er begriff sehr wenig von dieser seltsamen Situation, und in einer Situation zu handeln, die man nicht versteht, heißt, die schrecklichsten Konsequenzen herausfordern, aber er mußte zweierlei wissen und zwar so verzweifelt, daß der Zwang zu wissen jedwede Konsequenzen, die sich ergeben mochten, überwand.

War die Tür, durch die er aus seiner eigenen Welt gekommen war, immer noch da?

Und wenn sie da war, war auch sein körperliches Selbst noch da, war es unbewohnt zusammengebrochen, starb es möglicherweise oder war es bereits tot, ohne seine Seele? Selbst wenn sein Körper noch lebte, er lebte vielleicht nur noch bis Einbruch der Nacht. Dann würden die Monsterhummer herauskommen, ihre Fragen stellen und am Strand nach Mahlzeiten suchen.

Er riß den Kopf, der einen Augenblick lang sein Kopf war, zu einem raschen Blick nach hinten herum.

Die Tür war noch da, war noch hinter ihm. Sie stand zu seiner eigenen Welt hin offen, ihre Angeln waren im Stahl dieser eigentümlichen Kabine verankert. Und ja, dort lag er, Roland, der letzte Revolvermann, auf der Seite, die verbundene rechte Hand auf dem Bauch.

Ich atme, dachte Roland. Ich muß zurückgehen und mich an eine andere Stelle bringen. Aber zuerst muß verschiedenes getan werden. Verschiedenes

Er gab den Verstand des Gefangenen frei und zog sich zurück, beobachtete und wartete, ob der Gefangene von seiner Anwesenheit wußte oder nicht.

4

Nachdem das Erbrechen aufgehört hatte, blieb Eddie mit fest zugekniffenen Augen über das Becken gebeugt stehen.

Eine Sekunde lang weggetreten. Weiß nicht, was es war. Habe ich mich umgedreht?

Er tastete nach dem Hahn und ließ kaltes Wasser laufen. Er spritzte es sich über Wangen und Stirn, ohne die Augen aufzumachen.

Als es sich nicht mehr länger vermeiden ließ, sah er wieder in den Spiegel.

Seine eigenen Augen sahen ihn an.

In seinem Kopf war keine fremde Stimme.

Kein Gefühl, beobachtet zu werden.

Du hattest einen Augenblick einen Aussetzer, Eddie, sagte der große Weise und bedeutende Junkie zu ihm. Bei einem, der auf cool turkey ist, kein außergewöhnliches Phänomen.

Eddie sah auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis New York. Das Flugzeug sollte um 4.05 EDT landen, aber in Wirklichkeit würde es zwölf Uhr Mittag sein. Showdown-Zeit.

Er ging zu seinem Sitz zurück. Sein Drink stand auf dem Klapptisch. Er trank zwei Schluck, dann kam die Stew wieder und fragte, ob sie noch etwas für ihn tun konnte. Er machte den Mund auf, um nein zu sagen, und dann folgte wieder einer dieser seltsam weggetretenen Augenblicke.

5

»Ich hätte gerne etwas zu essen, bitte«, sagte der Revolvermann mit Eddie Deans Mund.

»Wir servieren gleich einen heißen Snack, in…«

»Ich bin wirklich am Verhungern«, sagte der Revolvermann in aller Aufrichtigkeit. »Irgend etwas, und sei es ein Belegter…«

»Belegter?« Die Armeefrau sah ihn stirnrunzelnd an, und der Revolvermann sah hastig in den Verstand des Gefangenen. Sandwichdas Wort war so fern wie das Rauschen in einer Muschel.

»Und sei es ein Sandwich«, sagte der Revolvermann.

Die Armeefrau sah ihn zweifelnd an. »Nun… ich habe etwas Thunfisch…«

»Das wäre herrlich«, sagte der Revolvermann, obwohl er in seinem ganzen Leben noch nichts von einem Tun-Fisch gehört hatte. Er konnte es sich nicht leisten, wählerisch zu sein.

»Sie sehen etwas blaß aus«, sagte die Armeefrau. »Ich dachte, es wäre vielleicht Luftkrankheit.«

»Nur Hunger.«

Sie schenkte ihm ein geschäftsmäßiges Lächeln. »Mal sehen, was ich zusammenpanschen kann.«

Pandschen? dachte der Revolvermann verwirrt. In seiner eigenen Welt war pandschen ein umgangssprachlicher Ausdruck, der bedeutete, eine Frau mit Gewalt zu nehmen. Egal. Er würde etwas zu essen bekommen. Er hatte keine Ahnung, ob er es durch die Tür zu dem Körper bringen konnte, der es so dringend brauchte, aber eins nach dem anderen, eins nach dem anderen.

Pandschen, dachte er, und Eddie Dean schüttelte wie fassungslos den Kopf.

Dann zog sich der Revolvermann wieder zurück.

6

Die Nerven, versicherte ihm das große Orakel und der bedeutende Junkie. Nur die Nerven. Gehört alles zum cool turkey-Erlebnis, kleiner Bruder.

Aber wenn es die Nerven waren, wie kam es dann, daß er spürte, wie diese seltsame Schläfrigkeit über ihn kam — seltsam, weil er aufgekratzt, gereizt sein und diesen Drang, sich zu winden und zu kratzen verspüren sollte, der vor dem eigentlichen Zittern kam; selbst wenn er nicht in Henrys ‘cool turkey’-Stadium gewesen wäre, war da die Tatsache, daß er vorhatte, zwei Pfund Koks durch den US-Zoll zu schmuggeln, eine Straftat, auf die nicht weniger als zehn Jahre in einem Bundesgefängnis standen, und jetzt schien er plötzlich auch noch Aussetzer zu haben.

Trotzdem das Gefühl der Schläfrigkeit.

Er trank wieder von seinem Drink, dann ließ er die Augen zufallen.

Warum bist du umgekippt?

Bin ich nicht, sonst hätte sie sämtliches Notfallzeug geholt, das sie bei sich haben.

Also ausgerastet. So oder so, es ist nicht gut. Du bist in deinem ganzen Leben noch nie so ausgerastet. Eingenickt, ja, aber nicht ausgerastet.

Auch mit seiner rechten Hand war etwas seltsam. Sie schien zu pulsieren, als hätte er mit dem Hammer darauf geschlagen.

Er spannte sie, ohne die Augen aufzumachen. Kein Pulsieren. Keine blauen Kanoniersaugen. Und was die Aussetzer anbelangte, sie waren lediglich eine Kombination von cool turkey und einer gehörigen Dosis dessen, was das große Orakel und der bedeutende und so weiter zweifellos den Schmuggler-Blues nennen würde.

Aber ich werde trotzdem schlafen, dachte er. Was sagt man dazu?

Henrys Gesicht schwebte wie ein freigelassener Ballon an ihm vorbei. Keine Bange, sagte Henry. Alles wird gut, kleiner Bruder. Du wirst runter nach Nassau fliegen und dich im Aquinas einmieten, dort wird am Freitagabend ein Mann vorbeikommen. Einer der Guten. Er wird dir einen Schuß und genügend Stoff verschaffen, damit du übers Wochenende kommst. Sonntag nacht bringt er das Koks, und du gibst ihm den Schlüssel zum Schließfach. Montag machst du morgens die Routine, wie Balazar es gesagt hat. Der Bursche wird mitspielen; er weiß, wie es ablaufen soll. Nachmittags fliegst du zurück, und mit einem so ehrlichen Gesicht wie deinem, kommst du in Windeseile durch den Zoll, und wir werden noch vor Sonnenuntergang Steaks im Sparks essen. Es wird ein Spaziergang werden, kleiner Bruder, nichts weiter als ein Spaziergang.

Aber irgendwie war es dann doch mehr ein Gewaltmarsch geworden.

Das Problem bei ihm und Henry war, sie waren wie Charlie Brown und Lucy. Der einzige Unterschied war, ab und zu hielt Henry einmal den Football fest, damit Eddie ihn treffen konnte — nicht oft, aber manchmal. Einmal, im Heroinrausch, hatte Eddie sogar daran gedacht, er sollte Charles Schultz einen Brief schreiben. Lieber Mr. Schultz, würde er schreiben. Ihnen entgeht etwas, weil Sie Lucy IMMER in letzter Sekunde den Football wegziehen lassen. Sie sollte ihn ab und zu einmal wirklich festhalten. Nicht, daß Charlie Brown es jemals vorhersehen könnte, wissen Sie. Manchmal sollte sie ihn drei- bis viermal hintereinander festhalten, dann einen Monat lang gar nicht, dann einmal, dann wieder drei oder vier Tage nicht, und dann, Sie wissen schon, Sie werden verstehen. Das würde den Burschen ECHT fertigmachen, oder?

Eddie wußte, daß es den Burschen echt fertigmachen würde.

Er wußte es aus Erfahrung.

Einer der Guten, hatte Henry gesagt, aber der Mann, der gekommen war, war ein Ding mit teigiger Haut, einem britischen Akzent und einem Oberlippenbärtchen gewesen, das aus einem film noire der vierziger Jahre zu stammen schien, dazu gelbe Zähne, die nach innen gebogen waren wie die Zähne einer sehr alten Tierfalle.

»Haben Sie den Schlüssel, Señor?« fragte er, aber in seinem britischen Grundschulakzent hörte es sich mehr wie Senior an.

»Der Schlüssel ist in Sicherheit«, sagte Eddie, »falls Sie das meinen.«

»Dann geben Sie ihn mir.«

»So läuft das nicht. Sie sollen etwas haben, das mich übers Wochenende bringt. Sonntag nacht sollen Sie mir etwas bringen. Dann gebe ich Ihnen den Schlüssel. Sie gehen am Montag in die Stadt und holen etwas anderes damit. Ich weiß nicht was, weil mich das nichts angeht.«

Plötzlich hatte das Ding eine flache blaue Automatik in der teigigen Hand. »Warum geben Sie ihn mir nicht einfach, Señor? Ich spare Zeit und Mühe, Sie retten Ihr Leben.«

Junkie oder nicht, Eddie Dean war hart wie Stahl. Das wußte Henry; und noch wichtiger, Balazar wußte es. Darum war er geschickt worden. Die meisten glaubten, er wäre gegangen, weil er wieder bis über beide Ohren an der Nadel hing. Er wußte es, Henry wußte es, und Balazar auch. Aber nur er und Henry wußten, daß er auch gegangen wäre, wäre er clean wie frische Wäsche gewesen. Für Henry. Darauf war Balazar bei seinen Überlegungen noch nicht gekommen, aber scheiß auf Balazar.

»Warum stecken Sie das Ding nicht einfach weg, Sie kleiner Scheißer?« fragte Eddie. »Oder wollen Sie, daß Balazar jemanden herschickt, der Ihnen mit einem Messer die Augen herausschneidet?«

Das teigige Ding lächelte. Die Pistole war wie weggezaubert; an ihrer Stelle befand sich ein kleiner Umschlag. Er reicht ihn Eddie. »Kleiner Scherz, Sie verstehen.«

»Wenn Sie das sagen.«

»Ich sehe Sie Sonntag nacht.«

Er wandte sich zur Tür.

»Ich glaube, Sie warten besser.«

Das teigige Ding drehte sich mit hochgezogenen Brauen zu ihm herum. »Sie glauben, ich gehe nicht, wenn ich gehen will?«

»Ich glaube, wenn Sie gehen und dies ist schlechter Stoff, dann fliege ich morgen zurück. Dann stecken Sie echt in der Scheiße.«

Das teigige Ding drehte sich mürrisch herum. Es setzte sich auf den einzigen Sessel des Zimmers, während Eddie den Umschlag aufriß und eine kleine Menge brauner Substanz herausschüttete. Sah böse aus. Er sah das teigige Ding an.

»Ich weiß, wie es aussieht; sieht wie Scheiße aus, aber das ist nur der Verschnitt«, sagte das teigige Ding. »Ist gut.«

Eddie riß ein Blatt Papier vom Notizblock auf dem Tisch und trennte eine winzige Menge des braunen Pulvers von dem Häufchen ab. Er tauchte den Finger hinein und rieb ihn dann an der Zungenspitze. Eine Sekunde später spie er ins Waschbecken.

»Möchten Sie sterben? Ist es das? Verspüren Sie einen Todeswunsch?«

»Mehr ist nicht.« Das teigige Ding sah mürrischer denn je aus.

»Ich habe eine Reservierung für morgen«, sagte Eddie. Das war eine Lüge, aber er glaubte nicht, daß das teigige Ding über die Mittel verfügte, es nachzuprüfen. »TWA. Habe ich selbst gemacht, falls sich der Kontaktmann als Scheißer, wie Sie einer sind, erweisen sollte. Mir ist es egal. Eigentlich bin ich sogar erleichtert. Ich bin nicht für solche Unternehmen geschaffen.«

Das teigige Ding saß da und überlegte. Eddie saß da und konzentrierte sich darauf, sich nicht zu bewegen. Er wollte sich bewegen; er wollte ruckein und juckeln, zippeln und zappeln, hoppeln und flippen, er wollte seine Kratzer kratzen und seine Knöchel knöcheln lassen. Er spürte sogar, daß seine Augen zu dem Häufchen braunen Pulvers sehen wollten, obwohl er wußte, daß es Gift war. Er hatte sich morgens um zehn einen Schuß gesetzt; seither waren ebenso viele Stunden verstrichen. Aber wenn er etwas davon tat, würde sich die Situation ändern. Das teigige Ding tat mehr als nachdenken; es beobachtete ihn und versuchte, ihn einzuschätzen.

»Ich könnte vielleicht etwas auftreiben«, sagte es schließlich.

»Warum versuchen Sie es dann nicht?« sagte Eddie. »Aber um elf werde ich das Licht ausmachen und das BITTE NICHT STÖREN-Schild vor die Tür hängen, und wenn danach noch jemand klopft, werde ich den Portier anrufen und ihm sagen, daß mich jemand belästigt und er den Wächter schicken soll.«

»Sie sind ein Pisser«, sagte das Ding.

»Nein«, sagte Eddie. »Sie hatten einen Pisser erwartet. Ich bin aber mit zugeknöpftem Reißverschluß gekommen. Sie sind vor elf wieder da, und zwar mit etwas, das ich nehmen kann — muß nichts Besonderes sein —, sonst werden Sie ein toter Scheißer sein.«

7

Das teigige Ding war lange vor elf wieder da; er war um halb zehn zurück. Eddie vermutete, daß er den anderen Stoff die ganze Zeit im Auto gehabt hatte.

Dieses Mal etwas mehr Pulver. Nicht weiß, aber immerhin blaß elfenbeinfarben, was Anlaß zu gelinder Hoffnung gab.

Eddie kostete. Schien in Ordnung zu sein. Sogar besser als in Ordnung. Ziemlich gut sogar. Er rollte einen Geldschein und schnupfte.

»Also dann, bis Sonntag«, sagte das teigige Ding unwirsch und stand auf.

»Warten Sie«, sagte Eddie, als wäre er derjenige mit der Waffe. In gewisser Weise war er das auch. Balazar war die Waffe. Emilio Balazar war ein großkalibriges Schießeisen in New Yorks wunderbarer Welt der Drogen.

»Warten?« Das teigige Ding drehte sich um und sah Eddie an, als wäre es der Meinung, Eddie müsse verrückt sein. »Worauf?«

»Nun, ich habe gerade über Sie nachgedacht«, sagte Eddie. »Wenn ich von dem, was ich mir gerade eingepfiffen habe, echt krank werde, ist es aus. Wenn ich sterbe, ist es selbstverständlich aus. Ich habe nur gerade gedacht, wenn mir nur ein wenig übel wird, gebe ich Ihnen vielleicht eine zweite Chance. Sie wissen schon, wie in der Geschichte, in der der Junge die Lampe reibt und ihm drei Wünsche gewährt werden.«

»Es wird Sie nicht krank machen. Das ist China White.«

»Wenn das China White ist«, sagte Eddie, »dann bin ich Dwight Gooden.«

»Wer?«

»Vergessen Sie’s.«

Das teigige Ding setzte sich. Eddie saß mit einem kleinen Häufchen weißen Pulvers neben sich am Tisch des Hotelzimmers (das D-Con oder was immer es gewesen war, war schon längst das Klo runtergespült worden). Im Fernsehen wurden die Braves von den Mets zu Hackfleisch gemacht, dank WTBS und der großen Parabolantenne auf dem Dach des Hotels Aquinas. Eddie verspürte ein schwaches Gefühl der Ruhe, das aus seinem Hinterkopf zu kommen schien… aber in Wirklichkeit, das hatte er in medizinischen Fachzeitschriften gelesen, kam es aus einem Bündel Nervenfasern am Rückenmarksansatz, der Stelle, wo die Heroinsucht anfängt und eine unnatürliche Verdickung des Nervenstammes bewirkt.

Möchtest du eine rasche Heilung? hatte er Henry einmal gefragt. Brich dir das Rückgrat, Henry. Deine Beine werden nicht mehr funktionieren und dein Schwanz auch nicht, aber du wirst auf der Stelle keine Nadel mehr brauchen.

Henry hatte das überhaupt nicht komisch gefunden.

In Wahrheit hatte auch Eddie selbst es gar nicht so komisch gefunden. Wenn die schnellste Möglichkeit, den Affen auf dem Rücken loszuwerden, die war, sich die Wirbelsäule oberhalb dieser Nervenverdickung zu brechen, dann hatte man es mit einem verdammt gewichtigen Affen zu tun. Das war kein Kapuzineraffe, kein Maskottchen eines alten Abenteurers; das war ein böser alter Pavian.

Eddie fing an zu schnupfen.

»Okay«, sagte er schließlich. »Das wird gehen. Sie dürfen die Bühne verlassen, Scheißer.«

Das teigige Ding stand auf. »Ich habe Freunde«, sagte es. »Sie könnten hierherkommen und Sie in die Mangel nehmen. Sie würden flehen, mir zu sagen, wo der Schlüssel ist.«

»Ich nicht, Kumpel«, sagte Eddie. »Nicht dieser Junge.« Und lächelte. Er wußte nicht, wie das Lächeln aussah, aber es schien nicht sehr fröhlich gewesen zu sein, denn das teigige Ding verließ die Bühne, verließ sie schnell und drehte sich nicht noch einmal um.

Als Eddie Dean sicher war, daß er fort war, drückte er.

Fixte.

Schlief.

8

Wie er jetzt auch schlief.

Der Revolvermann, der irgendwo im Verstand dieses Mannes war (eines Mannes, dessen Namen er immer noch nicht wußte; der Kurier, den der Gefangene als ‘das teigige Ding’ bezeichnet hatte, hatte ihn nicht gewußt und daher nie ausgesprochen), betrachtete das alles, wie er einst als Kind Schauspiele betrachtet hatte, bevor die Welt sich weitergedreht hatte… jedenfalls dachte er, daß er so betrachtete, denn etwas anderes als Schauspiele hatte er nie gesehen. Hätte er jemals einen Film gesehen, hätte er zuerst daran gedacht. Was er nicht direkt sehen konnte, konnte er aus dem Verstand des Gefangenen herausholen, denn die Assoziationen waren nahe. Aber das mit dem Namen war komisch. Er kannte den Namen des Bruders des Gefangenen, aber nicht den des Mannes selbst. Aber Namen waren etwas Geheimes, voller Macht.

Und der Name des Mannes gehörte auch nicht zu den Dingen, die wichtig waren. Eines war die Schwäche der Sucht. Das andere war der in dieser Schwäche verborgene stählerne Charakter, wie ein guter Revolver, der in Treibsand versunken war.

Dieser Mann erinnerte den Revolvermann auf schmerzhafte Weise an Cuthbert.

Jemand kam näher. Der Gefangene, der schlief, hörte es nicht. Aber der Revolvermann, der nicht schlief, hörte es und kam wieder in den Vordergrund.

9

Großartig, dachte Jane. Da erzählt er mir, wie hungrig er ist, und ich mache ihm etwas zu essen, weil er irgendwie niedlich ist, und dann schläft er mir ein.

Doch dann machte der Passagier — etwa zwanzig, groß, mit sauberen, leicht verwaschenen Bluejeans und Paisleyhemd — die Augen auf und lächelte sie an.

»Dhanki sähr«, sagte er — jedenfalls hörte es sich so an. Beinahe archaisch… oder ausländisch. Schlaftrunkenes Sprechen, mehr nicht, dachte Jane.

»Gern geschehen.« Sie lächelte ihr bestes Stewardessenlächeln und war sicher, er würde gleich wieder einschlafen und das Sandwich noch nicht aufgegessen sein, wenn es die eigentliche Mahlzeit gab.

Nun, schließlich brachten sie einem bei, mit so etwas zu rechnen, nicht?

Sie ging wieder in die Kombüse, um zu rauchen.

Sie zündete das Streichholz an, hob es halb bis zur Zigarette, und dort verharrte es vergessen, weil sie einem nicht nur beibrachten, mit so etwas zu rechnen.

Ich fand ihn irgendwie niedlich. Hauptsächlich wegen seinen Augen. Seinen mandelbraunen Augen.

Aber als der Mann auf 3A vor einem Augenblick die Augen aufgemacht hatte, waren sie nicht mandelbraun gewesen; sie waren blau. Kein süßes Sexy-Blau wie Paul Newmans Augen, sondern die Farbe von Eisbergen. Sie…

»Au!«

Das Streichholz war bis zu ihren Fingern abgebrannt. Sie schüttelte es aus.

»Jane?« fragte Paula. »Alles klar?«

»Bestens. Tagträume.«

Sie zündete ein neues Streichholz an und machte die Sache dieses Mal richtig. Sie hatte erst einen Zug getan, als ihr eine vollkommen vernünftige Erklärung einfiel. Er trug Kontaktlinsen. Natürlich. Mit denen man seine Augenfarbe verändern konnte. Er war auf der Toilette gewesen. So lange, daß sie sich schon Sorgen gemacht hatte, er könnte luftkrank sein — er hatte eine blasse Gesichtsfarbe, den Ausdruck eines Mannes, dem nicht gut ist. Aber er hatte nur die Kontaktlinsen herausgenommen, damit er angenehmer schlafen konnte. Vollkommen logisch.

Sie spüren vielleicht etwas, sagte plötzlich eine Stimme aus ihrer eigenen, nicht so feinen Vergangenheit. Ein leichtes Kribbeln. Sie könnten etwas sehen, das nicht ganz in Ordnung ist.

Farbige Kontaktlinsen.

Jane Dorning kannte mehr als zwei Dutzend Menschen, die Kontaktlinsen trugen. Die meisten arbeiteten für die Fluggesellschaft. Niemand sprach je darüber, aber sie vermutete, einer der Gründe mochte sein, daß die Passagiere nicht gerne Flugpersonal mit Brille sahen — das machte sie nervös.

Von diesen allen kannte sie vielleicht vier, die farbige Kontaktlinsen hatten. Normale Kontaktlinsen waren teuer, farbige kosteten die Welt. Die Leute aus Janes Bekanntenkreis, die dieses Geld ausgaben, waren allesamt Frauen und alle überaus eitel.

Na und? Männer können auch eitel sein. Warum nicht? Er sieht gut aus.

Nein. Sah er nicht. Niedlich vielleicht, aber mehr auch nicht, und mit seiner blassen Haut schaffte er es auch nur eine Nasenlänge bis niedlich. Warum also farbige Kontaktlinsen? Flugpassagiere haben häufig Angst vor dem Fliegen.

In einer Welt, in der Entführungen und Drogenschmuggel zu etwas Alltäglichem geworden waren, hatte das Flugpersonal häufig Angst vor den Passagieren.

Die Stimme, welche diesen Gedankengang ausgelöst hatte, war die einer Lehrerin an der Stewardessenschule gewesen, einer zähen alten Veteranin, die ausgesehen hatte, als hätte sie schon für Wiley Post Briefe geflogen; sie hatte gesagt: Ignorieren Sie Ihre Verdachtsmomente nicht. Und wenn Sie alles vergessen, was Sie über den Umgang mit potentiellen oder tatsächlichen Terroristen gelernt haben, vergessen Sie eines nicht: Ignorieren Sie Ihre Verdachtsmomente nicht. In einigen Fällen wird die Besatzung beim Verhör aussagen, daß sie keine Ahnung hatten, bis der Mann eine Granate herauszog und sagte, biegen Sie links ab nach Kuba, sonst werden sich alle an Bord zum Kondensstreifen gesellen. Aber in den meisten Fällen gibt es zwei oder drei verschiedene Personen — hauptsächlich Stewardessen, wie Sie es in weniger als einem Monat sein werden —, die sagen, sie haben etwas gespürt. Ein leichtes Kribbeln. Das Gefühl, daß mit dem Mann auf 91C oder der jungen Frau auf 5A etwas nicht stimmt. Sie haben etwas gespürt, aber sie haben nichts getan. Wurden sie deswegen entlassen? Herrgott, nein! Man kann einen Menschen nicht verhaften lassen, weil einem nicht gefällt, wie er seine Pickel kratzt. Das wahre Problem ist, sie haben etwas gespürt… und es dann vergessen.

Die alte Veteranin hatte einen dicken Finger erhoben. Jane Dorning und ihre Klassenkameradinnen hatten gebannt zugehört, als sie sagte: Wenn Sie dieses leichte Kribbeln spüren, tun Sie nichts… aber das heißt nicht, daß Sie es vergessen sollen. Denn es besteht immer die winzige Möglichkeit, daß sie etwas verhindern können, ehe es angefangen hat… zum Beispiel einen nicht eingeplanten zwölftägigen Aufenthalt auf der Landebahn des Pißpot-Flughafens eines arabischen Landes.

Nur farbige Kontaktlinsen, aber…

Dhanki sähr.

Schlaftrunkenes Sprechen? Oder ein Ausrutscher in eine andere Sprache?

Sie würde ihn im Auge behalten, beschloß Jane.

Und sie würde es nicht vergessen.

10

Jetzt, dachte der Revolvermann. Jetzt werden wir es sehen, nicht?

Es war ihm gelungen, durch die Tür am Strand aus seiner Welt in diesen Körper zu gelangen. Jetzt mußte er herausfinden, ob er Gegenstände mit hinübernehmen konnte. Oh, nicht sich selbst; er war davon überzeugt, daß er selbst jederzeit durch die Tür in seinen eigenen vergifteten, kranken Körper zurückkehren konnte, sollte er den Wunsch verspüren. Aber andere Gegenstände? Stoffliche Gegenstände? Hier, vor ihm, befand sich zum Beispiel Essen; die Frau in der Uniform hatte es ein Tun-Fisch-Sandwich genannt. Der Revolvermann hatte keine Ahnung, was Tun-Fisch war, aber er erkannte einen Belegten, wenn er einen sah; auch wenn dieser hier seltsam ungebraten aussah.

Sein Körper brauchte Essen, und sein Körper brauchte Trinken, aber mehr als das alles brauchte sein Körper eine Art Medizin. Ohne sie würde er am Biß des Monsterhummers sterben. In dieser Welt mochte es so eine Medizin geben; in einer Welt, in der Gefährte höher als jeder Adler durch die Lüfte zogen, war alles möglich. Aber es wäre einerlei, wie gut die Medizin hier war, wenn es ihm nicht gelang, etwas Stoffliches durch die Tür zu transportieren.

Du könntest in diesem Körper leben, Revolvermann, flüsterte die Stimme des Mannes in Schwarz tief in seinem Kopf. Überlaß dieses Stück atmende Fleisch hier den Hummerwesen. Es ist sowieso nur ein Behältnis.

Das würde er nicht tun. Zunächst einmal wäre es der mörderischste Diebstahl, denn er würde sich nicht lange damit zufriedengeben, nur Passagier zu sein und durch die Augen dieses Mannes zu sehen, wie ein Reisender sich die Landschaft aus dem Fenster einer Kutsche heraus ansieht.

Zum anderen war er Roland. Sollte das Sterben erforderlich sein, so hatte er die Absicht, als Roland zu sterben. Er würde dabei sterben, wie er auf den Turm zukroch, sollte das erforderlich sein.

Dann meldete sich wieder der seltsam schroffe Pragmatiker zu Wort, der neben seiner romantischen Natur hauste wie ein Tiger neben einem Reh. Er mußte nicht ans Sterben denken, solange er sein Experiment nicht gemacht hatte.

Er nahm den Belegten. Er war in zwei Hälften geschnitten worden. Er nahm in jede Hand eine. Er machte die Augen des Gefangenen auf und sah durch sie hinaus. Niemand sah ihn an (aber in der Kombüse dachte Jane Dorning an ihn, und zwar sehr angestrengt).

Roland wandte sich zur Tür und trat mit den beiden Hälften des Belegten hindurch.

11

Zuerst hörte er das knirschende Dröhnen der heranbrandenden Welle; als nächstes hörte er den Protest zahlreicher Meeresvögel, die sich von den nächstgelegenen Felsen aufschwangen, während er sich mühsam in eine sitzende Haltung aufrichtete. (Die feigen Mistviecher haben sich angeschlichen, dachte er, und sie hätten bald Stücke aus mir herausgepickt, ob ich noch atme oder nicht — sie sind lediglich farbig angemalte Geier.) Dann stellte er fest, daß eine Hälfte des Belegten — die in seiner rechten Hand — auf den grauen Sand gefallen war, weil er sie mit einer gesunden Hand gehalten hatte, als er durch die Tür gekommen war, und jetzt hielt er sie in einer Hand — hatte sie gehalten —, die zum Teil amputiert worden war.

Er hob sie ungeschickt auf und hielt sie zwischen Daumen und Ringfinger, wischte soviel Sand wie möglich ab, dann biß er zögernd hinein. Einen Augenblick später schlang er es hinunter, ohne auf die Sandkörner zu achten, die zwischen seinen Zähnen knirschten. Sekunden später wandte er seine Aufmerksamkeit der anderen Hälfte zu. Sie war mit drei Bissen verschwunden.

Der Revolvermann hatte keine Ahnung, was Tun-Fisch war — er wußte nur, daß er köstlich schmeckte. Das schien ausreichend.

12

Im Flugzeug sah niemand das Thunfischsandwich verschwinden. Niemand sah, wie Eddie Deans Hände die beiden Hälften so fest hielten, daß Daumenabdrücke auf dem Weißbrot blieben.

Niemand sah das Sandwich transparent werden und dann verschwinden, so daß nur ein paar Krümel übrigblieben.

Etwa zwanzig Minuten nachdem das geschehen war, drückte Jane Dorning ihre Zigarette aus und durchquerte die Kabine. Sie holte ihr Buch aus der Handtasche, aber in Wirklichkeit wollte sie nur 3A noch einmal ansehen.

Er schien fest zu schlafen… aber das Sandwich war verschwunden.

Großer Gott, dachte Jane. Er hat es nicht gegessen; er hat es in einem Stück verschluckt. Und jetzt schläft er wieder? Soll das ein Witz sein?

Was immer das Kribbeln wegen 3 A in ihr verursachte, Mr. Jetzt-sind-sie-mandelbraun-jetzt-sind-sie-blau, kribbelte unaufhörlich weiter. Etwas an ihm stimmte nicht.

Etwas.

Kontakt und Landung

1

Eddie wurde von der Ansage des Kopiloten geweckt, daß sie in ungefähr fünfundvierzig Minuten auf dem Kennedy International Airport landen würden, wo die Sicht bestens war, der Wind mit zehn Meilen von Westen wehte und die Temperatur bei milden zweiundzwanzig Grad lag. Er sagte ihnen, falls er nicht mehr die Gelegenheit dazu bekommen sollte, er bedanke sich schon jetzt bei allen dafür, daß sie mit Delta geflogen waren.

Er sah sich um und erblickte Passagiere, die ihre Zollerklärungskarten und Ausweise überprüften — wenn man von Nassau kam, waren Führerschein und Kreditkarte einer hiesigen Bank normalerweise ausreichend, aber die meisten nahmen trotzdem ihre Pässe mit —, und Eddie spürte, wie sich ein Stahldraht in ihm zu spannen begann.

Er stand auf und ging auf die Toilette. Die Beutel mit dem Koks unter seinen Armen fühlten sich an, als wären sie sicher und fest verankert, sie schmiegten sich so unauffällig an seine Konturen wie im Hotelzimmer, wo ein leise sprechender Amerikaner namens William Wilson sie befestigt hatte. Nach dem Festkleben hatte der Mann, dessen Name Poe berühmt gemacht hatte (Wilson hatte Eddie lediglich verständnislos angesehen, als Eddie eine Anspielung darauf gemacht hatte), ihm das Hemd gereicht. Nur ein gewöhnliches Paisleyhemd, ein wenig verblichen, wie es jeder Hochschüler auf dem Rückflug von einem Kurzurlaub vor den Prüfungen tragen mochte… aber dieses war speziell geschneidert, um unliebsame Wölbungen zu verbergen.

»Um sicherzugehen, werden Sie vor der Landung alles überprüfen«, hatte Wilson gesagt. »Aber es wird alles gutgehen.«

Eddie wußte nicht, ob es gutgehen würde oder nicht, aber er hatte noch einen Grund, weshalb er aufs Klo wollte, bevor das Schild BITTE ANSCHNALLEN wieder aufleuchtete. Trotz aller Versuchung — und vergangene Nacht war es keine Versuchung mehr gewesen, sondern ein tobendes Bedürfnis —, war es ihm gelungen, einen letzten Rest des Stoffes aufzuheben, den das teigige Ding in seiner Dreistigkeit China White zu nennen gewagt hatte.

Der Zoll von Nassau war nicht der Zoll von Haiti oder Quincon oder Bogota, aber dennoch sahen Leute zu. Ausgebildete Leute. Er brauchte allen und jeden Vorteil, den er bekommen konnte. Wenn er etwas beruhigt durchging, nur ein klein wenig, verschaffte ihm das vielleicht die Überlegenheit, die erforderlich war.

Er schnupfte das Pulver, spülte das Stück Papier, in dem es gewesen war, das Klo runter, dann wusch er sich die Hände.

Wenn du es schaffst, wirst du es natürlich nie erfahren, oder? dachte er. Nein. Würde er nicht. Und es war ihm auch egal.

Auf dem Rückweg zu seinem Sitz sah er die Stewardeß, die ihm den Drink brachte, den er noch nicht leergetrunken hatte. Sie lächelte ihn an. Er lächelte ebenfalls, setzte sich, machte den Sicherheitsgurt zu, nahm das Flugjournal heraus, blätterte die Seiten um und betrachtete Bilder und Worte. Nichts hinterließ einen Eindruck in ihm. Der Stahldraht zog sich weiter um seine Eingeweide zusammen, und als das BITTE ANSCHNALLEN-Zeichen endlich aufleuchtete, flackerte es zweimal und brannte grell.

Das Heroin hatte gewirkt — sein Schniefen bewies es —, aber er konnte es eindeutig nicht spüren.

Aber kurz vor der Landung verspürte er wieder einen dieser beunruhigenden, ausgerasteten Augenblicke… kurz, aber eindeutig.

Die 727 überflog die Gewässer des Long Island Sound und setzte zur Landung an.

2

Jane Dorning war in der Kombüse der Business Class gewesen und hatte Peter und Anne geholfen, die letzten Gläser des Drinks nach dem Essen zu verstauen, als der Bursche, der wie ein College-Student aussah, in die Toilette der ersten Klasse ging. Als sie den Vorhang zwischen Business und erster zurückschob, ging er wieder zu seinem Sitz, und sie ging schneller, ohne darüber nachzudenken, und erwischte ihn mit ihrem Lächeln, das er aufschauend erwiderte.

Seine Augen waren wieder mandelfarben.

Schon gut, schon gut. Er ist vor seinem Nickerchen aufs Klo gegangen und hat sie herausgenommen; danach ist er wieder aufs Klo gegangen und hat sie eingesetzt. Mein Gott, Janey! Du bist eine Gans!

Aber das war sie nicht. Sie konnte nichts Bestimmtes feststellen, aber sie war auch keine Gans.

Er ist zu blaß.

Na und? Tausende Menschen sind zu blaß, sogar deine eigene Mutter, seit ihre Gallenblase zum Teufel ging.

Er hatte sehr fesselnde blaue Augen — vielleicht nicht so niedlich wie die mandelbraunen Kontaktlinsen —, aber eindeutig fesselnd. Also warum die Kosten und Mühen?

Weil er Designer-Augen mag. Genügt das nicht?

Nein.

Kurz vor BITTE ANSCHNALLEN und dem letzten Überprüfen machte sie etwas, das sie noch niemals vorher gemacht hatte, wobei sie immerzu an die alte Veteranin denken mußte. Sie füllte eine Thermoskanne mit heißem Kaffee und schraubte die rote Plastikhaube darauf, ohne vorher den Dichtungsstöpsel in den Flaschenhals zu drehen. Und die Haube drehte sie nur bis zur ersten Drehung der Spirale zu.

Susy Douglas machte die letzte Landeansage und sagte den Schafen, sie sollten die Zigaretten ausmachen, sagte ihnen, sie sollten verstauen, was sie herausgeholt hatten, sagte ihnen, daß jemand vom Bodenpersonal von Delta die Passagiere in Empfang nehmen würde, sagte ihnen, sie sollten überprüfen, ob sie ihre Zollerklärungskarten und Ausweise parat hatten, sagte ihnen, daß es jetzt erforderlich wäre, alle Tassen, Gläser und Kopfhörer einzusammeln.

Es überrascht mich, daß wir nicht noch nachprüfen müssen, ob sie trocken sind, dachte Jane gereizt. Sie spürte, wie sich ihr eigener Stahldraht um ihre Eingeweide legte und sich fest zusammenzog.

»Nimm meine Seite«, sagte Jane, nachdem Susy das Mikrofon eingehängt hatte.

Susy betrachtete die Thermoskanne, dann Janes Gesicht. »Jane? Ist dir schlecht? Du bist weiß wie eine…«

»Mir ist nicht schlecht. Nimm meine Seite. Ich werde es dir erklären, wenn du wieder da bist.« Jane warf den Notsitzen neben der linken Schleuse einen raschen Blick zu. »Ich will mit Blick auf die Passagiere sitzen.«

»Jane…«

»Nimm meine Seite.«

»Schon gut«, sagte Susy. »Schon gut, Jane. Kein Problem.«

Jane Dorning setzte sich auf den Notsitz direkt beim Gang. Sie hielt die Thermoskanne in der Hand und traf keine Anstalten, die Gurte anzulegen.

Sie wollte uneingeschränkte Kontrolle über die Thermoskanne, und dazu brauchte sie beide Hände.

Susy denkt, ich bin ausgeflippt.

Jane hoffte, daß sie es war.

Wenn Kapitän McDonald eine harte Landung macht, werde ich mir beide Hände verbrühen.

Das würde sie riskieren.

Das Flugzeug sank. Der Mann auf 3A, der Mann mit den zweifarbigen Augen und dem blassen Gesicht, beugte sich plötzlich nach vorne und zog seine Reisetasche unter dem Sitz hervor.

Jetzt, dachte Jane, jetzt holt er die Granate oder die automatische Waffe oder was immer er hat heraus.

Und in dem Augenblick, wenn sie es sah, genau in diesem Augenblick, würde sie die Haube der Thermoskanne in ihren plötzlich zitternden Händen herunterdrehen, und dann würde sich ein sehr überraschter Sohn Allahs auf dem Boden des Delta-Fluges 901 wälzen, während ihm die Haut im Gesicht kochte.

3 A machte den Reißverschluß der Tasche auf. Jane machte sich bereit.

3

Der Revolvermann war der Überzeugung, Gefangener oder nicht, daß dieser Mann in der hohen Kunst des Überlebens wahrscheinlich besser war als alle anderen Männer in der Himmelskutsche, die er gesehen hatte. Die anderen waren größtenteils dicke Wesen, und selbst die, die hinreichend fit aussahen, waren offen, unbedacht, mit den Gesichtern verzogener und verhätschelter Kinder, mit den Gesichtern von Männern, die letztlich kämpfen konnten — die vorher aber endlos lamentieren würden; man könnte ihre Eingeweide auf ihre Schuhe fallen lassen, und ihr letzter Gesichtsausdruck wäre wahrscheinlich nicht Wut oder Schmerz, sondern dümmliche Überraschung.

Der Gefangene war besser… aber nicht gut genug.

Die Armeefrau. Sie hat etwas gesehen. Ich weiß nicht was, aber sie hat gesehen, daß etwas nicht stimmt. Sie achtet in einer Weise auf ihn, wie sie auf die anderen nicht achtet.

Der Gefangene setzte sich. Betrachtete ein weich eingebundenes Buch, das er als ‘Magda-Zin’ bezeichnete, wenngleich es Roland keinen Pfifferling interessierte, wer Magda gewesen war. Der Revolvermann wollte kein Buch ansehen, so erstaunlich es sein mochte; er wollte die Frau in der Armeeuniform beobachten. Der Drang, nach vorne zu kommen und zu übernehmen, war sehr stark. Aber er hielt sich zurück… wenigstens vorerst.

Der Gefangene war irgendwohin gegangen und hatte eine Droge genommen. Nicht die Droge, die er selbst nahm, und keine Droge, mit der der Revolvermann seinen kranken Körper heilen konnte, aber eine, für die die Menschen viel Geld zahlten, weil sie gegen das Gesetz war. Er wollte diese Droge seinem Bruder geben, der sie wiederum einem Mann namens Balazar geben wollte. Der Handel würde abgeschlossen sein, wenn Balazar ihnen die Droge dafür gegeben hatte, die sie statt dieser nahmen — das hieß, wenn der Gefangene imstande war, ein dem Revolvermann unbekanntes Ritual auszuführen (und eine Welt, die so seltsam war wie diese, mußte zwangsläufig viele seltsame Rituale haben); es hieß ‘durch den Zoll kommen’.

Aber die Frau sieht ihn.

Konnte sie ihn daran hindern, durch den Zoll zu kommen? Roland dachte, daß die Antwort wahrscheinlich ja lautete. Und dann? Gefängnis. Und wenn der Gefangene ins Gefängnis kam, hatte er keine Möglichkeit, die Medizin zu bekommen, die sein von der Infektion befallener, sterbender Körper brauchte.

Er muß durch den Zoll kommen, dachte Roland. Er muß. Und er muß mit seinem Bruder zu diesem Mann namens Balazar gehen. Das gehörte nicht zum Plan, und dem Bruder würde es nicht gefallen, aber er muß es tun.

Denn ein Mann, der mit Drogen handelte, würde auch einen Mann kennen oder ein Mann sein, der die Kranken heilte. Ein Mann, der sich anhören würde, was nicht in Ordnung war, und dann… vielleicht.

Er muß durch den Zoll kommen, dachte der Revolvermann.

Die Antwort war so groß und einfach, so nahe, daß er sie beinahe überhaupt nicht gesehen hätte. Die Droge, die der Gefangene schmuggeln wollte, machte es so schwierig, durch den Zoll zu kommen, natürlich; es könnte eine Art Orakel geben, das zu Rate gezogen wurde, wenn Leute verdächtig schienen. Ansonsten, erkannte Roland, würde die Zollzeremonie die Einfachheit selbst sein, so. wie in seiner Welt das Überqueren einer Grenze in befreundetes Land. Man machte das Ehrenzeichen für den Herrscher dieses Landes — eine einfache vereinbarte Geste — und durfte passieren.

Er konnte Gegenstände von der Welt des Gefangenen in seine eigene nehmen. Der Tun-Fisch-Belegte hatte das bewiesen. Er würde die Beutel mit den Drogen nehmen, wie er den Belegten genommen hatte. Der Gefangene würde durch den Zoll gehen. Und dann würde Roland ihm die Beutel mit der Droge zurückgeben.

Kannst du das?

Ah, das war eine Frage, die hinreichend beunruhigend war, ihn vom Anblick des Wassers unter sich abzulenken. Sie flogen über einem offenbar riesigen Meer und wendeten jetzt wieder in Richtung Küste. Während sie das taten, kam das Wasser immer näher. Die Himmelskutsche kam herunter (Eddies Blick war flüchtig, nebensächlich; der des Revolvermanns so gebannt wie der eines Kindes, das seinen ersten Schnee fallen sieht). Er konnte Gegenstände mit in seine Welt nehmen, das wußte er. Aber sie wieder zurückbringen? Das war etwas, das er bisher noch nicht wußte. Er würde es herausfinden müssen.

Der Revolvermann griff in die Tasche des Gefangenen und schloß die Finger des Gefangenen um eine Münze.

Roland ging durch die Tür zurück.

4

Die Vögel flogen weg, als er sich aufrichtete. Dieses Mal hatten sie es nicht gewagt, so nahe heranzukommen. Er hatte Schmerzen, war benommen und fiebrig; doch es war erstaunlich, wie sehr ihn selbst die wenige Nahrung belebt hatte.

Er betrachtete die Münze, die er dieses Mal mit herübergebracht hatte. Sie sah wie Silber aus, aber die rötliche Färbung am Rand deutete darauf hin, daß sie in Wirklichkeit aus einem gewöhnlicheren Metall bestand. Auf der einen Seite war das Profil eines Mannes, das Adel, Mut und Starrsinn ausdrückte. Sein Haar, das am Schädelansatz gelockt und im Nacken gebunden war, deutete auch auf Eitelkeit hin. Er drehte die Münze herum und sah etwas so Verblüffendes, daß er mit rostiger, krächzender Stimme aufschrie.

Auf der Rückseite war ein Adler, das Muster seiner eigenen Flagge in jenen fernen Zeiten, als es noch Königreiche und Flaggen, die sie symbolisierten, gegeben hatte.

Die Zeit ist knapp. Geh zurück. Spute dich.

Aber er verweilte noch einen Augenblick nachdenklich. In seinem eigenen Kopf fiel ihm das Nachdenken schwerer — der Gefangene war alles andere als rein, aber er war zumindest vorläufig ein reineres Behältnis als er selbst.

Mit der Münze beide Wege zu versuchen, war nur ein Teil des Experiments, nicht?

Er nahm eine Patrone aus dem Gurt und legte sie zu der Münze in seiner Hand.

Roland trat wieder durch die Tür zurück.

5

Die Münze des Gefangenen war noch da, sie lag fest in der Hand in der Tasche. Er mußte nicht nach vorne kommen, um nach der Patrone zu sehen; er wußte, daß sie die Reise nicht geschafft hatte.

Er kam dennoch kurz nach vorne, denn eines mußte er wissen. Mußte er sehen.

Daher drehte er sich um, als wollte er das kleine Papierding auf der Sitzlehne hinter sich zurechtrücken (bei allen Göttern, die jemals waren, überall in dieser Welt war Papier), und sah durch die Tür. Er sah seinen eigenen Körper, der wie zuvor niedergesunken war, doch nun troff frisches Blut aus einer Schnittwunde an der Wange — das mußte durch einen Stein passiert sein, als er sich selbst verlassen hatte und herübergekommen war.

Die Patrone, die er zusammen mit der Münze gehalten hatte, lag unmittelbar vor der Tür im Sand.

Damit war alles beantwortet. Der Gefangene konnte durch den Zoll gehen. Seine Wachmänner mochten ihn von Kopf bis Fuß, von Arschloch bis Magen untersuchen und wieder zurück.

Sie würden nichts finden.

Der Revolvermann zog sich zurück, er war zufrieden und war sich wenigstens vorläufig noch nicht darüber im klaren, daß er das wahre Ausmaß seines Problems immer noch nicht begriffen hatte.

6

Die 727 machte einen ruhigen und glatten Landeanflug über den Salzmarschen von Long Island und zog eine rußige Spur verbrannten Treibstoffs hinter sich her. Das Fahrgestell wurde mit einem Rumpeln und einem Ruck ausgefahren.

7

3A, der Mann mit den zweifarbigen Augen, richtete sich auf, und Jane sah — sah tatsächlich — eine abgesägte Uzi in seinen Händen, bis ihr klar wurde, daß es sich lediglich um seine Zollerklärungskarte und eine kleine Handtasche handelte, wie sie Männer manchmal für ihre Pässe benützen.

Das Flugzeug setzte glatt wie Seide auf.

Sie drehte mit einem tiefen, bebenden Erschauern die rote Haube der Thermoskanne fest zu.

»Kannst ruhig Arschloch zu mir sagen«, sagte sie mit leiser Stimme zu Susy und schnallte sich jetzt, wo es zu spät war, an. Sie hatte Susy beim Landeanflug gesagt, was sie vermutete, damit Susy vorbereitet sein würde. »Du hättest allen Grund dazu.«

»Nein«, sagte Susy. »Du hast richtig gehandelt.«

»Ich habe übertrieben reagiert. Und das Essen geht auf meine Rechnung.«

»Den Teufel geht es. Und sieh ihn nicht an. Sieh mich an. Lächle, Janey.« Jane lächelte. Nickte. Fragte sich, was in Gottes Namen jetzt los war.

»Du hast seine Hände beobachtet«, sagte Susy und lachte. Jane stimmte ein. »Ich dagegen habe beobachtet, was mit seinem Hemd los war, als er sich hinunterbeugte, um seine Tasche zu holen. Er hat genügend Stoff darunter, daß man eine Auslage bei Woolworth damit bestücken könnte. Nur glaube ich nicht, daß er die Art Stoff bei sich hat, die man bei Woolworth kaufen kann.«

Jane warf den Kopf zurück und lachte wieder; sie fühlte sich wie eine Marionette. »Was machen wir jetzt?« Susy hatte fünf Dienstjahre mehr als sie, und Jane, die noch vor einer Minute geglaubt hatte, sie hätte die Situation unter einer Art verzweifelter Kontrolle, war jetzt nur froh darüber, daß sie Susy an ihrer Seite hatte.

»Wir machen gar nichts. Sag es dem Kapitän, während wir zum Flugsteig rollen. Der Kapitän spricht mit der Zollbehörde. Unser Freund stellt sich in die Reihe, wie alle anderen auch, aber dann wird er von ein paar Männern aus der Reihe geholt, die ihn anschließend in ein kleines Zimmer begleiten. Ich glaube, für ihn wird das das erste von vielen kleinen Zimmern sein.«

»Mein Gott.« Jane lächelte, doch rasten abwechselnd heiße und kalte Schauer durch sie hindurch.

Als die Gegenschubdüsen aufhörten zu dröhnen, machte sie den Verschluß ihrer Gurte auf, gab Susy die Thermosflasche, stand dann auf und klopfte an die Cockpittür.

Kein Terrorist, sondern ein Drogenschmuggler. Gott sei Dank für die kleinen Gefälligkeiten. Doch in gewisser Weise mißfiel es ihr. Er war niedlich gewesen.

Nicht sehr, aber ein wenig.

8

Er sieht es immer noch nicht, dachte der Revolvermann voll Zorn und dämmernder Verzweiflung. Ihr Götter!

Eddie hatte sich gebückt, um die für das Ritual erforderlichen Unterlagen zu holen, und als er wieder hochkam, sah ihn die Armeefrau an, deren Augen aus den Höhlen quollen und deren Wangen so weiß wie die Papierdinger auf den Sitzlehnen waren. Die Silberröhre mit der roten Spitze, die er zuerst für eine Art Nahrungsbehälter gehalten hatte, schien offenbar eine Waffe zu sein. Jetzt hielt sie sie zwischen den Brüsten. Roland dachte, noch einen Augenblick, dann würde sie sie wahrscheinlich nach ihm werfen oder den roten Deckel entfernen und auf ihn schießen.

Dann entspannte sie sich und schnallte den Harnisch zu, wenngleich der Ruck dem Revolvermann und dem Gefangenen verriet, daß die Himmelskutsche bereits gelandet war. Sie wandte sich zu der Armeefrau, neben der sie saß, und sagte ihr etwas. Die andere Frau lachte und nickte, aber der Revolvermann dachte, wenn das ein echtes Lachen war, dann war er eine Flußkröte.

Der Revolvermann fragte sich, wie der Mann, dessen Verstand vorübergehend zum Heim für das Ka des Revolvermannes geworden war, so dumm sein konnte. Teilweise lag es natürlich an dem, was er seinem Körper zuführte… das Teufelsgras dieser Welt. Teilweise, aber nicht ganz. Er war nicht weich und unaufmerksam, so wie die anderen, aber mit der Zeit konnte er es werden.

Sie sind so, wie sie sind, weil sie im Licht leben, dachte der Revolvermann plötzlich. Dem Licht der Zivilisation, das du, wie man dir beigebracht hat, mehr als alles andere verehren sollst. Sie leben in einer Welt, die sich nicht weitergedreht hat.

Wenn die Menschen in so einer Welt so wurden, war Roland nicht sicher, ob er nicht die Dunkelheit vorzog. »Das war, bevor die Welt sich weitergedreht hat«, sagten die Menschen in seiner Welt, und es wurde stets in einem Tonfall der Trauer um den Verlust ausgesprochen… aber möglicherweise war es Trauer ohne Nachdenken, ohne Bedacht.

Sie dachte, ich/er wollte eine Waffe holen, als ich/er mich hinunterbückte, um die Papiere zu holen. Als sie die Papiere gesehen hat, entspannte sie sich und tat, was alle getan haben, bevor die Himmelskutsche wieder auf dem Boden aufsetzte. Jetzt reden und lachen sie und ihre Freundin, aber ihre Gesichter — besonders ihr Gesicht, das Gesicht der Frau mit der Metallröhre, stimmt nicht. Sie reden, das stimmt, aber sie tun nur so, als würden sie lachen… und das liegt daran, daß sie über mich/ihn sprechen.

Die Himmelskutsche bewegte sich jetzt über eine lange Betonstraße, eine von vielen. Er achtete größtenteils auf die Frauen, aber aus den Augenwinkeln konnte der Revolvermann noch andere Himmelskutschen sehen, die sich auf anderen Straßen hin und her bewegten. Einige träge, andere mit großer Geschwindigkeit, gar nicht wie Kutschen, sondern mehr wie Geschosse, die aus Kanonen oder Pistolen abgefeuert worden waren und sich anschickten, sich in die Luft zu erheben. So verzweifelt seine Situation geworden war, ein Teil von ihm wollte von ganzem Herzen nach vorne kommen, damit er diese Fahrzeuge sehen konnte, die sich in die Lüfte schwangen. Sie waren von Menschen geschaffen, aber in jeder Beziehung ebenso sagenhaft wie der Große Federix, der einstmals im fernen (und höchstwahrscheinlich mythischen) Königreich Garlan gelebt hatte — wahrscheinlich noch sagenhafter, eben weil diese von Menschen geschaffen worden waren.

Die Frau, die ihm den Belegten gebracht hatte, öffnete ihren Harnisch (weniger als eine Minute nachdem sie ihn angelegt hatte) und ging zu einer kleinen Tür. Dort sitzt der Kutscher, dachte der Revolvermann, aber als die Tür geöffnet wurde und sie eintrat, konnte er sehen, daß es offenbar dreier Fahrer bedurfte, die Himmelskutsche zu steuern, und der noch so kurze Blick auf scheinbar eine Million Skalen und Anzeigen und Lichter, der ihm gewährt wurde, ließ ihn den Grund dafür einsehen.

Der Gefangene betrachtete das alles, sah aber nichts — Cort hätte ihn erst verhöhnt und dann durch die nächstbeste Wand geprügelt. Der Verstand des Gefangenen war völlig damit beschäftigt, die Tasche unter dem Sitz und seine Jacke aus der Ablage über ihm zu holen… und sich der Prüfung des Rituals zu stellen.

Der Gefangene sah nichts; der Revolvermann sah alles.

Die Frau hielt ihn für einen Dieb oder Verrückten. Er — oder möglicherweise war ich es, ja, das scheint wahrscheinlicher — hat etwas getan, das sie dazu brachte. Sie hat ihre Meinung geändert, und dann hat diese andere Frau sie wieder umgestimmt aber ich glaube, jetzt wissen sie, was wirklich los ist. Sie wissen, daß er vorhat, das Ritual zu entweihen.

Dann ging ihm wie mit einem Donnerschlag der Rest seines Problems auf. Zunächst einmal konnte er die Beutel nicht einfach mit in seine Welt nehmen, wie er die Münze mitgenommen hatte. Die Münze war nicht mit Klebeband am Körper des Gefangenen befestigt gewesen. Doch dieses Klebeband war nur ein Teil des Problems. Dem Gefangenen war das zwischenzeitliche Verschwinden einer Münze von vielen nicht aufgefallen, aber wenn er merkte, daß das, wofür er sein Leben riskiert hatte, plötzlich verschwunden war, würde er sicherlich durchdrehen… und was dann?

Es war mehr als wahrscheinlich, daß sich der Gefangene so irrational aufführen würde, daß er ebensoschnell im Gefängnis landen würde, als wäre er beim Akt der Entweihung erwischt worden. Der Verlust an sich wäre schlimm genug; wenn sich die Beutel unter seinen Achseln auf einmal in Nichts auflösen würden, würde er wahrscheinlich selbst denken, er wäre verrückt geworden.

Die Himmelskutsche, die jetzt auf dem Boden ochsengleich träge war, mühte sich in eine Linkskurve. Dem Revolvermann wurde klar, daß er sich den Luxus längeren Nachdenkens nicht mehr leisten konnte. Er mußte mehr tun, als nach vorne kommen; er mußte Kontakt mit Eddie Dean herstellen.

Sofort.

9

Eddie steckte Zollerklärungskarte und Ausweis in die Brusttasche. Der Stahldraht schlang sich jetzt unablässig um seine Eingeweide und schnürte sie fester und fester zusammen, so daß seine Nerven funkelten und kribbelten. Und plötzlich sprach eine Stimme in seinem Kopf.

Kein Gedanke; eine Stimme.

Hör mir zu, Junge. Hör genau zu. Und wenn du in Sicherheit bleiben möchtest, dann sieh zu, daß man deinem Gesicht nichts anmerkt, was weiterhin den Argwohn dieser Armeefrauen erregen könnte. Sie sind weiß Gott schon argwöhnisch genug.

Eddie dachte zuerst, er hätte die Kopfhörer der Fluggesellschaft noch auf und würde eine unheimliche Übertragung aus dem Cockpit empfangen. Aber die Kopfhörer waren vor fünf Minuten eingesammelt worden.

Sein zweiter Gedanke war, daß jemand neben ihm stand und redete. Er hätte beinahe den Kopf nach links gerissen, aber das war absurd. Ob es ihm gefiel oder nicht, die nackte Wahrheit war, die Stimme hatte in seinem Kopf gesprochen.

Vielleicht empfing er eine Übertragung, UKW, MW oder VHF, mit seinen Plomben. Er hatte von solchen Sachen geh…

Nimm dich zusammen, Wurm! Sie sind argwöhnisch genug, auch wenn du nicht aussiehst, als wärst du verrückt geworden!

Eddie richtete sich heftig auf, als wäre er gekniffen worden. Diese Stimme war nicht die von Henry, aber sie glich der von Henry, als sie noch Kinder droben in den Projects gewesen waren, Henry acht Jahre älter, die Schwester, die zwischen ihnen war, heute nur noch der Schemen einer Erinnerung; Selina war von einem Auto angefahren und getötet worden, als Eddie zwei und Henry zehn Jahre alt gewesen waren. Dieser schroffe Befehlston kam immer dann zum Vorschein, wenn Henry ihn etwas machen sah, das Eddie lange vor seiner Zeit in einen Kiefernholzsarg bringen konnte… so wie Selina.

Was beim blauen Fick ist hier los?

Du hörst keine Stimmen, die nicht da sind, antwortete die Stimme in seinem Kopf. Nein, nicht Henrys Stimme — älter, trockener… stärker. Aber wie Henrys Stimme… es war unmöglich, ihr nicht zu glauben. Das ist das erste. Du wirst nicht verrückt. Ich bin eine andere Person.

Ist das Telepathie?

Eddie bekam am Rande mit, daß sein Gesicht vollkommen ausdruckslos war. Er dachte, daß ihn das unter den gegebenen Umständen für einen Oscar als bester Schauspieler des Jahres qualifizieren sollte. Er sah zum Fenster hinaus und stellte fest, daß sich das Flugzeug dem für Delta reservierten Abschnitt des Ankunftsgebäudes des Kennedy International näherte.

Dieses Wort kenne ich nicht. Aber ich weiß, diese beiden Armeefrauen wissen, daß du

Es folgte eine Pause. Ein Gefühl — seltsamer, als man es beschreiben könnte —, als würden lebende Finger sein Gehirn wie einen Katalog durchblättern.

… Heroin oder Kokain bei dir hast. Ich weiß nicht, welches von beiden — aber es muß Kokain sein, denn du transportierst das, was du nicht nimmst, um das zu bekommen, was du nimmst.

»Welche Armeefrauen?« murmelte Eddie mit gedämpfter Stimme. Er merkte überhaupt nicht, daß er laut gesprochen hatte. »Wovon zum Teufel sprechen Sie…«

Wieder das Gefühl, geschlagen zu werden… so wirklich, daß er seinen Kopf davon klingeln hörte.

Halt den Mund, verdammtes Arschloch!

Schon gut, schon gut! Mein Gott!

Jetzt wieder das Gefühl suchender Finger.

Armeestewardessen, antwortete die fremde Stimme. Verstehst du mich? Ich habe keine Zeit, jeden einzelnen deiner Gedanken zu durchsuchen, Gefangener!

»Wie haben Sie…«, begann Eddie, dann machte er den Mund zu. Wie haben Sie mich genannt?

Vergiß es. Hör einfach zu. Unsere Zeit ist sehr, sehr knapp. Sie wissen es. Die Armeestewardessen wissen, daß du dieses Kokain hast.

Wie sollten sie? Das ist lächerlich!

Ich weiß nicht, wie sie zu ihrem Wissen gekommen sind, das ist auch nicht wichtig. Eine hat es den Kutschern gesagt. Die Kutscher werden es an diese Priester weitergeben, die das Ritual durchführen, dieses durch den Zoll gehen

Die Sprache der Stimme in seinem Kopf war geheimnisvoll, die Ausdrücke so daneben, daß es beinahe niedlich war… aber die Aussage kam laut und deutlich durch. Zwar blieb sein Gesicht ausdruckslos, aber Eddies Zähne schlugen mit einem schmerzhaften Klick aufeinander, und er sog leise zischend die Luft zwischen ihnen ein.

Die Stimme sagte, daß das Spiel gelaufen war. Er hatte das Flugzeug nicht einmal verlassen, und das Spiel war schon gelaufen.

Aber das war nicht wirklich. Dies konnte unmöglich wirklich sein. Es war nur sein Verstand, der in letzter Minute einen paranoiden kleinen Tanz aufführte, das war alles. Er würde nicht darauf achten. Nicht darauf achten, und es würde vorübergehen…

Du WIRST darauf achten, sonst kommst du ins Gefängnis, und ich sterbe! brüllte die Stimme.

Wer in Gottes Namen sind Sie? fragte Eddie zögernd und ängstlich, und er hörte, wie jemand in seinem Kopf einen tiefen, heftigen Seufzer der Erleichterung ausstieß.

10

Er glaubt mir, dachte der Revolvermann. Dank sei allen Göttern, die sind oder jemals waren, er glaubt mir!

11

Das Flugzeug kam zum Stillstand. Das BITTE ANSCHNALLEN-Zeichen erlosch. Der Jetway rollte vorwärts und stieß mit einem sanften Ruck gegen den vorderen Ausstieg.

Sie waren angekommen.

12

Es gibt einen Ort, wo du sie verstauen kannst, während du durch den Zoll gehst, sagte die Stimme. Einen sicheren Ort. Wenn du dann durch bist, kannst du sie wieder holen und diesem Mann Balazar bringen.

Inzwischen standen Passagiere auf und holten Sachen aus den oberen Ablagen; sie versuchten, mit Mänteln zurechtzukommen, für die es, so die Ansage aus dem Cockpit, zu warm war.

Nimm deine Tasche. Nimm deine Jacke. Und dann geh wieder in die Kammer.

Ka…

Oh. Waschraum. Klo.

Wenn sie denken, daß ich den Stoff habe, werden sie glauben, ich versuche ihn loszuwerden.

Aber Eddie war klar, daß es keine Rolle spielte. Sie würden die Tür nicht aufbrechen, weil das den anderen Passagieren angst machen würde. Und sie wußten, man konnte kein Kilo Kokain eine Flugzeugtoilette hinunterspülen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Und wenn die Stimme wirklich die Wahrheit sagte… und es einen sicheren Ort gab. Aber wo könnte das sein?

Kümmere dich nicht darum, verdammt! BEWEG DICH!

Eddie bewegte sich. Denn er hatte die Situation plötzlich begriffen. Er sah nicht alles, was Roland aufgrund seiner Ausbildung mit Schmerz und Präzision sehen konnte, aber er konnte die Gesichter der Stewardessen sehen — die wahren Gesichter, diejenigen hinter dem Lächeln und dem hilfreichen Weitergeben von Handgepäck und Kartons, die im vorderen Spind verstaut worden waren. Er konnte sehen, wie ihre Blicke auf ihn fielen, immer wieder, schnell wie Peitschenschläge.

Er nahm seine Tasche. Er nahm sein Jackett. Die Tür zum Jetway war geöffnet worden, die Passagiere bewegten sich bereits den Gang entlang. Die Tür zum Cockpit war offen, und da stand der Kapitän, der ebenfalls lächelte… aber auch die Passagiere der ersten Klasse beobachtete, die immer noch ihre Sachen zusammensuchten; er erblickte ihn — nein, suchte ihn heraus — und sah wieder weg, nickte jemandem zu, wuschelte einem Kind das Haar.

Jetzt war ihm kalt. Kein cold turkey, einfach nur kalt. Er brauchte die Stimme in seinem Kopf nicht, damit ihm kalt wurde. Kalt manchmal war das in Ordnung. Man mußte nur darauf achten, nicht so kalt zu werden, daß man erfror.

Eddie ging nach vorne, erreichte die Stelle, wo er links zum Jetway gehen mußte — und dann legte er plötzlich die Hand vor den Mund.

»Mir ist schlecht«, murmelte er. »Entschuldigen Sie bitte.« Er bewegte die Tür des Cockpits, die die zu der Ersten-Klasse-Toilette etwas versperrte, dann machte er die Tür des rechten Waschraums auf.

»Ich fürchte, Sie müssen das Flugzeug verlassen«, sagte der Pilot heftig, als Eddie die Waschraumtür aufmachte. »Es ist…«

»Ich glaube, ich muß mich übergeben, und das will ich nicht auf Ihre Schuhe tun«, sagte Eddie, »und auf meine auch nicht.«

Eine Sekunde später war er drinnen und hatte die Tür verriegelt. Der Kapitän sagte etwas. Eddie konnte es nicht verstehen, wollte es nicht verstehen. Wichtig war, daß er nur redete und nicht rief. Er hatte recht gehabt, niemand würde anfangen zu schreien, solange noch zweihundertfünfzig Passagiere darauf warteten, das Flugzeug durch die vordere Tür zu verlassen. Er war drinnen, er war vorübergehend in Sicherheit… aber was nützte ihm das?

Wenn sie da sind, dachte er, dann sollten sie besser etwas unternehmen, und zwar rasch, wer immer sie sein mögen.

Einen schrecklichen Augenblick war überhaupt nichts. Es war ein kurzer Augenblick, aber in Eddie Deans Kopf schien er sich fast endlos zu dehnen, wie Bonomo’s türkischer Honig, den Henry ihm im Sommer manchmal gekauft hatte, als sie noch Kinder waren; war er böse, prügelte Henry ihn windelweich, war er gut, kaufte Henry ihm türkischen Honig. So handhabte Henry seine höhere Verantwortung während der Sommerferien.

Gott, o Heiland, ich habe mir alles nur eingebildet, mein Gott, wie konnte ich nur so verrückt s

Mach dich bereit, sagte eine grimmige Stimme, ich kann es nicht alleine machen. Ich kann NACH VORNE kommen, aber ich kann dich nicht HINDURCH BRINGEN. Du mußt mir dabei helfen. Dreh dich um.

Plötzlich sah Eddie durch zwei Augenpaare, fühlte mit zwei Nervensystemen (aber nicht alle Nerven dieser anderen Person waren da; Teile des anderen waren weg, erst kurze Zeit weg, und schrien vor Schmerzen), nahm mit zehn Sinnen wahr, dachte mit zwei Gehirnen, und sein Blut schlug durch zwei Herzen.

Er drehte sich herum. An der Seite des Waschraums war ein Loch, ein Loch, das wie eine Tür aussah. Er konnte einen grauen, körnigen Strand dahinter sehen und Wellen von der Farbe alter Turnersocken, die sich daran brachen.

Er konnte die Wellen hören.

Er konnte das Salz riechen, ein Geruch, der so bitter wie Tränen in seiner Nase war.

Geh durch.

Jemand klopfte an die Tür des Waschraums und sagte ihm, daß er das Flugzeug sofort verlassen mußte.

Geh durch, verdammt!

Eddie ging stöhnend auf die Tür zu… stolperte… und fiel in eine andere Welt.

13

Er stand langsam auf und stellte fest, daß er sich die rechte Hand an einer Muschelschale aufgeschnitten hatte. Er betrachtete dümmlich das Blut, das über seine Lebenslinie rann, dann sah er einen anderen Mann rechts von sich, der sich langsam auf die Beine erhob.

Eddie schreckte zurück, sein Gefühl der Desorientierung und der verträumten Verwirrung wurde plötzlich von heftigem Entsetzen verdrängt; dieser Mann war tot und wußte es nur noch nicht. Sein Gesicht war hager, die Haut spannte über den Knochen seines Gesichts wie Stoffstreifen, die über Gelenke aus Metall gespannt worden waren — bis fast zu dem Punkt, da der Stoff reißen mußte. Das Gesicht des Mannes war bleich, abgesehen von hektischen roten Flecken über jedem Wangenknochen, auf dem Hals, auf beiden Seiten unter den Kieferknochen und einem einzigen Mal zwischen den Augen, als hätte ein Kind ein Kastensymbol der Hindus nachgeahmt.

Aber seine Augen — blau, ruhig, normal — waren lebhaft und von einer schrecklichen und unbeugsamen Vitalität erfüllt. Er trug dunkle Kleidung aus einem selbstgesponnenen Material; das schwarze Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, war grau verblichen, die Hosen erinnerten an Bluejeans. Revolvergurte kreuzten sich über seiner Hüfte, aber die Schlaufen waren beinahe leer. In den Halftern waren Revolver, die wie 45er aussahen — aber 45er antiker Machart. Das glatte Holz der Kolben schien von einem inneren Leuchten erfüllt zu sein.

Eddie, der gar nicht wußte, daß er die Absicht hatte zu sprechen, hörte sich dennoch etwas sagen. »Sind Sie ein Gespenst?«

»Noch nicht«, krächzte der Mann mit den Revolvern. »Das Teufelsgras. Kokain. Wie immer du es nennst. Zieh dein Hemd aus.«

»Ihre Arme…« Eddie hatte sie gesehen. Die Arme des Mannes, der aussah wie eine extravagante Art von Revolvermann in einem Spaghettiwestern, waren von häßlichen roten Linien überzogen. Eddie wußte ganz genau, was solche Linien bedeuteten. Sie bedeuteten Blutvergiftung. Sie bedeuteten, daß einem der Teufel mehr als nur in den Arsch pustete; er kroch bereits die Eingeweide hinauf, die zur Pumpe führten.

»Vergiß meine verdammten Arme!« sagte die bleiche Erscheinung zu ihm. »Zieh dein Hemd aus und schaff es weg!«

Er hörte Wellen; er vernahm das einsame Heulen eines Windes, der kein Hindernis kannte; er sah diesen verrückten sterbenden Mann und sonst nichts als Einsamkeit; und dennoch hörte er hinter sich die murmelnden Stimmen der aussteigenden Passagiere und gedämpftes Klopfen.

»Mr. Dean!« Diese Stimme, dachte er, ist in einer anderen Welt. Er zweifelte eigentlich nicht daran; er versuchte nur, es sich in den Kopf zu hämmern, wie man einen Nagel durch ein dickes Brett Mahagoni hämmert. »Sie müssen wirklich…«

»Du kannst es hier lassen und später wieder holen«, krächzte der Revolvermann. »Ihr Götter, begreifst du denn nicht, daß ich hier drüben reden muß? Und das tut weh! Und wir haben keine Zeit, du Idiot!«

Es gab Männer, die Eddie für den Gebrauch dieses Wortes umgebracht hätte… aber er hatte eine Ahnung, daß es kein Leichtes sein würde, diesen Mann zu töten, auch wenn er aussah, als könnte der Gnadentod gut für ihn sein.

Doch er spürte Aufrichtigkeit in diesen blauen Augen; sämtliche Fragen wurden von ihrem irren Blick untersagt.

Eddie knöpfte sein Hemd auf. Sein erster Impuls war, es einfach abzureißen wie Clark Kent, während Lois Lane an Eisenbahnschienen gefesselt war oder so etwas, aber im wirklichen Leben war das nicht so gut; früher oder später mußte man die fehlenden Knöpfe erklären. Daher schob er sie durch die Knopflöcher, während das Klopfen hinter ihm anhielt.

Er zog das Hemd aus den Jeans, zog es aus und ließ es fallen, so daß man die Klebebandstreifen über seiner Brust sehen konnte. Er sah aus wie ein Mann im letzten Stadium der Rekonvaleszenz nach einem Rippenbruch.

Er riskierte einen Blick hinter sich und sah eine offene Tür; ihre Unterkante hatte eine Fächerform in den grauen Sand des Strands gezeichnet, als jemand — wahrscheinlich der sterbende Mann — sie geöffnet hatte. Durch diese Tür sah er den Ersten-Klasse-Waschraum, das Waschbecken, den Spiegel… und darin sein eigenes verzweifeltes Gesicht und das schwarze Haar, das ihm über die Stirn und in die mandelbraunen Augen gefallen war. Im Hintergrund sah er den Revolvermann, den Strand, fliegende Meeresvögel, die kreischten und sich um weiß Gott was zankten.

Er zupfte an dem Band und fragte sich, wo er anfangen sollte, wie er den Anfang finden sollte, und eine benommene Art von Hoffnungslosigkeit überkam ihn. So mußte sich ein Hirsch oder ein Kaninchen fühlen, wenn es eine Landstraße zur Hälfte überquert hatte und dann den Kopf drehte und von den Scheinwerfern eines heranrasenden Autos gebannt wurde.

William Wilson, der Mann, dessen Name Poe berühmt gemacht hatte, hatte zwanzig Minuten gebraucht, das Band anzubringen. Sie würden die Tür zur Toilette der ersten Klasse in fünf, höchstens sieben Minuten aufbrechen.

»Ich bekomme diese Scheiße nicht ab«, sagte er dem wankenden Mann vor sich. »Ich weiß nicht, wer Sie sind oder wo ich bin, aber ich sage Ihnen, es ist zuviel Band und zuwenig Zeit.«

14

Deere, der Kopilot, schlug vor, Kapitän McDonald solle aufhören, gegen die Tür zu schlagen, als McDonald in seiner Frustration über die ausbleibende Reaktion von 3A damit angefangen hatte.

»Wohin soll er denn gehen?« fragte Deere. »Was kann er tun? Sich selbst das Klo runterspülen? Dazu ist er zu groß.«

»Aber wenn er etwas bei sich hat…«, begann McDonald.

Deere, der selbst bei mehr als einer Gelegenheit Kokain genommen hatte, sagte: »Wenn er etwas bei sich hat, hat er viel bei sich. Er kann es nicht wegschaffen.«

»Stellen Sie das Wasser ab«, schnappte McDonald plötzlich.

»Schon geschehen«, sagte der Navigator (der gelegentlich auch schon mehr als eine Prise geschnupft hatte). »Aber das dürfte unwichtig sein. Man kann auflösen, was in die Auffangbehälter gelangt, aber man kann es nicht verschwinden lassen.« Sie drängten sich um die Waschraumtür, deren BESETZT fröhlich leuchtete, und alle unterhielten sich in gedämpftem Tonfall. »Die Jungs von der Spurensicherung leeren sie, nehmen eine Probe, und der Kerl hängt.«

»Er kann immer sagen, jemand war vor ihm drinnen und hat es hineingeschüttet«, antwortete McDonald. Seine Stimme bekam einen nervösen Unterton. Er wollte nicht darüber reden, er wollte etwas tun, wenngleich ihm klar war, daß noch nicht alle Passagiere das Flugzeug verlassen hatten, und viele sahen mit mehr als gewöhnlicher Neugier zum Flugpersonal und den Stewardessen herüber, die sich um die Waschraumtür versammelt hatten. Die Besatzung für ihren Teil war sich nur zu sehr darüber im klaren, daß ein Vorgehen, das — nun, allzu aufsehenerregend war, das Schreckgespenst des Terroristen heraufbeschwören konnte, das heutzutage im Hinterkopf eines jeden Flugreisenden herumspukte. McDonald wußte, sein Navigator und Flugzeugingenieur hatten recht, er wußte, der Stoff war wahrscheinlich in Plastiktüten, auf denen sich die Fingerabdrücke des Schmugglers befanden, und dennoch hörte er im Geiste Alarmsirenen aufheulen. Etwas an der Sache stimmte nicht. Etwas in ihm schrie immerzu: Schnell! Schnell!, als wäre der Bursche von 3 A ein Spieler mit falschen Assen im Ärmel, die er jeden Augenblick auszuspielen gedachte.

»Er versucht nicht, die Spülung zu betätigen«, sagte Susy Douglas. »Er versucht nicht einmal, die Wasserhähne aufzudrehen. Wir würden hören, wie sie Luft saugen, wenn er es tun würde. Ich höre etwas, aber…«

»Gehen Sie«, sagte McDonald höflich. Sein Blick glitt zu Jane Dorning. »Sie auch. Wir kümmern uns darum.«

Jane wandte sich mit brennenden Wangen zum Gehen.

Susy sagte leise: »Jane hat ihn bemerkt, und ich habe die Wölbungen unter seinem Hemd gesehen. Ich glaube, wir bleiben, Kapitän McDonald. Sollten Sie Anklage wegen Insubordination erheben, dann können Sie das tun. Sie sollten nicht vergessen, daß Sie der Drogenfahndung einen verdammt großen Fang verpatzen könnten.«

Ihre Blicke begegneten einander, Feuerstein auf Stahl.

Susy sagte: »Ich bin siebzig-, achtzigmal mit Ihnen geflogen, Mac. Ich will Ihnen nur helfen.«

McDonald sah sie noch einen Augenblick an, dann nickte er. »Dann bleiben Sie. Aber ich möchte, daß Sie beide etwas zum Cockpit zurückweichen.«

Er stellte sich auf die Zehenspitzen, sah nach hinten und erblickte das Ende der Schlange, das gerade von der Touristenklasse in die Business Class gelangte. Zwei Minuten, vielleicht drei.

Er drehte sich zu dem Flughafenwachmann am Eingang des Jetways um, der gespürt zu haben schien, daß etwas nicht stimmte, denn er hatte sein Walkie-talkie vom Halfter genommen und hielt es in der Hand.

»Sagen Sie ihm, ich möchte Zollbeamte hier oben haben«, sagte McDonald leise zum Navigator. »Drei oder vier. Bewaffnet. Sofort.«

Der Navigator drängte sich durch die Schlange der Passagiere, entschuldigte sich mit einem unbekümmerten Grinsen und sprach leise auf den Wachmann ein, der daraufhin das Walkie-talkie an den Mund hob und ebenfalls leise hineinsprach.

McDonald — der in seinem ganzen Leben noch nichts Stärkeres als Aspirin genommen hatte, und selbst das nur selten — wandte sich an Deere. Seine Lippen waren zu einer dünnen weißen Linie zusammengekniffen, einer Narbe ähnlich.

»Sobald der letzte Passagier draußen ist, brechen wir diese Scheißhaustür auf«, sagte er. »Es ist mir gleich, ob der Zoll bis dahin hier ist. Ist das klar?«

»Roger«, sagte Deere und betrachtete das Ende der Schlange, das sich der ersten Klasse näherte.

15

»Hol mein Messer«, sagte der Revolvermann. »Es ist in meiner Tasche.«

Er gestikulierte in Richtung auf einen rissigen Lederbeutel, der im Sand lag. Er sah mehr wie ein großer Rucksack denn wie eine Tasche aus, etwas, das man bei Hippies zu sehen erwartet hätte, die den Appalachian Trail entlangzogen und sich von der Natur antörnen ließen (oder vielleicht ab und zu von einer Granate von einem Joint), aber diese sah echt aus, nicht nur wie eine Requisite für das Selbstbewußtsein eines Naturapostels; etwas, das jahrelanges hartes — möglicherweise verzweifeltes — Reisen hinter sich hatte.

Gestikulierte, deutete aber nicht. Konnte nicht deuten. Jetzt sah Eddie, weshalb der Mann einen schmutzigen Streifen seines Hemdes um die rechte Hand gewickelt hatte: Einige seiner Finger fehlten.

»Hol es«, sagte er. »Schneid das Band durch. Versuch, dich nicht selbst zu schneiden. Das kann leicht passieren. Du mußt vorsichtig sein, aber dennoch schnell handeln. Wir haben nicht viel Zeit.«

»Das weiß ich«, sagte Eddie und kniete im Sand. Dies alles war nicht wirklich. Das war es, das war die Lösung. Wie Henry Dean, der große Weise und bedeutende Junkie gesagt haben würde: Flipflop, hippety-hop, locker vom Hocker und over the top, das Leben ist Lüge, die Welt ist Schein, also hören wir Creedence und ziehn uns was rein.

Nichts war Wirklichkeit, es war alles nur ein ungewöhnlich echt wirkender Trip, daher war es das beste, einfach mitzumachen und sich treiben zu lassen.

Es war ein echt realistischer Trip. Er griff nach dem Reißverschluß — oder vielleicht würde es ein Velcro-Strip sein — an der ‘Tasche’ des Mannes, da sah er, daß sie von einer überkreuzt eingefädelten Wildlederschnur gehalten wurde, die an manchen Stellen gerissen und sorgfältig verknotet worden war — so fein verknotet, daß die Knoten noch durch die genähten Ösen gingen.

Eddie riß an dem oberen Band, zog die Öffnung der Tasche auseinander und fand das Messer unter einem etwas feuchten Päckchen, bei dem es sich um den um die Munition gewickelten Hemdstreifen handelte. Der Griff allein reichte aus, ihn zum Staunen zu bringen… er hatte den wahren, grau-weißen Farbton reinsten Silbers; darin eingraviert waren eine Reihe komplexer Muster, die das Auge auf sich lenkten, es anzogen…

Schmerzen explodierten in seinem Ohr, dröhnten durch seinen Kopf und stießen vorübergehend eine rote Wolke vor seine Sicht. Er fiel unbeholfen über die offene Tasche, lag im Sand und sah zu dem blassen Mann mit den zerschnittenen Stiefeln auf. Das war kein Trip. Die blauen Augen, die aus dem sterbenden Gesicht funkelten, waren die Augen absoluter Wahrhaftigkeit.

»Bewundere es später, Gefangener«, sagte der Revolvermann. »Benütze es vorläufig nur.«

Er spürte, wie sein Ohr pulsierte und anschwoll.

»Warum nennen Sie mich immerzu so?«

»Schneid das Band durch«, sagte der Revolvermann grimmig. »Wenn sie in deine Kammer eindringen, während du noch hier bist, wirst du, habe ich das Gefühl, sehr lange hier bleiben. Mit einer Leiche als Gesellschaft.«

Eddie zog das Messer aus der Scheide. Nicht alt; mehr als alt, mehr als uralt. Die Schneide, die fast bis zur Unsichtbarkeit geschärft war, schien in Metall eingefangenes Alter zu sein.

»Ja, sieht scharf aus«, sagte er, und seine Stimme war nicht fest.

16

Die letzten Passagiere gingen hinaus auf den Jetway. Eine alte Dame von etwa siebzig Lenzen, die den erlesenen Ausdruck von Verwirrung zur Schau stellte, wie ihn nur Erstflugreisende mit zu vielen Jahren oder zu wenig Englischkenntnissen fertigbringen können, blieb stehen und zeigte Jane Dorning ihre Tickets. »Wie soll ich nur jemals mein Flugzeug nach Montreal finden?« fragte sie. »Und was ist mit meinem Gepäck? Machen sie die Zollabfertigung hier oder dort?«

»Am Ende des Jetway befindet sich eine Auskunft, die Ihnen alle notwendigen Informationen geben kann, Ma’am«, sagte Jane.

»Nun, ich sehe keinen Grund, weshalb Sie mir nicht alle notwendigen Informationen geben können«, sagte die alte Frau. »Der Jetway ist immer noch voller Menschen.«

»Bitte gehen Sie weiter, Madam«, sagte Kapitän McDonald. »Wir haben ein Problem.«

»Bitte entschuldigen Sie, daß ich lebe«, sagte die alte Frau verschnupft. »Ich schätze, ich bin einfach vom Leichenwagen gefallen!«

Damit ging sie an ihnen vorbei, die Nase hatte sie gesenkt wie ein Hund, der ein noch ziemlich weit entferntes Feuer riecht. Sie umklammerte die Handtasche mit einer Hand und mit der anderen den Ticket-Umschlag (der so viele Bordkartenabrisse enthielt, daß man hätte glauben können, die Dame sei fast um den ganzen Erdball gekommen und hätte bei jedem Zwischenhalt das Flugzeug gewechselt).

»Wieder eine Dame, die vielleicht nie wieder mit Delta fliegt«, murmelte Susy.

»Es ist mir scheißegal, ob sie vorne in Supermans Höschen gesteckt fliegt«, sagte McDonald. »Ist sie die letzte?«

Jane schoß an ihnen vorbei, steckte den Kopf in die Business Class, dann in die Hauptkabine. Sie war verlassen.

Sie kam zurück und meldete, daß das Flugzeug leer war.

McDonald wandte sich zum Jetway und sah zwei uniformierte Zollbeamte, die sich ihren Weg durch die Menge erkämpften, sich entschuldigten, aber nicht die Mühe machten, sich nach den Leuten umzudrehen, die sie aus dem Weg stießen. Die letzte von diesen war die alte Dame, die ihren Ticket-Umschlag fallen ließ. Papierschnipsel flatterten und schwebten überallhin, und sie keifte schrill wie eine wütende Krähe hinter ihnen her.

»Okay«, sagte McDonald. »Ihr Jungs bleibt genau dort stehen.«

»Sir, wir sind Beamte der Bundeszollbehörde…«

»Ganz recht, und ich habe Sie angefordert und bin froh, daß Sie so schnell gekommen sind. Aber jetzt bleiben Sie bitte dort stehen, denn dies ist mein Flugzeug und der Bursche einer meiner Passagiere. Sobald er das Flugzeug verlassen hat und sich im Jetway befindet, gehört er Ihnen, und Sie können mit ihm machen, was Sie wollen.« Er nickte Deere zu. »Ich werde dem Hurensohn noch eine Chance geben, und dann brechen wir die Tür auf.«

»Mir recht«, sagte Deere.

McDonald pochte mit dem Handballen gegen die Waschraumtür und rief: »Kommen Sie raus, mein Freund! Ich habe das Reden satt!«

Keine Antwort.

»Okay«, sagte McDonald. »Los geht’s.«

17

Eddie hörte eine alte Frau in der Ferne sagen: »Bitte entschuldigen Sie, daß ich lebe! Ich schätze, ich bin einfach vom Leichenwagen gefallen!«

Er hatte die Hälfte der Klebebandstreifen durchgeschnitten. Als die alte Frau sprach, zuckte seine Hand ein wenig, und er sah einen Blutfaden seinen Bauch hinablaufen.

»Scheiße«, sagte Eddie.

»Da kann man jetzt nichts machen«, sagte der Revolvermann mit seiner heiseren Stimme. »Weitermachen. Oder wird dir beim Anblick von Blut schlecht?«

»Nur wenn es mein eigenes ist«, sagte Eddie. Das Band fing kurz über seinem Bauch an. Je höher er schnitt, desto schlechter konnte er sehen. Er kam fünf Zentimeter weiter, dann hätte er sich fast wieder geschnitten, als er McDonald zu den Zollbeamten sagen hörte: »Okay, ihr Jungs bleibt genau dort stehen.«

»Ich kann selbst weitermachen und mich vielleicht aufschlitzen, oder Sie können es versuchen«, sagte Eddie. »Ich kann nicht mehr sehen, was ich mache. Mein verfluchtes Kinn ist im Weg.«

Der Revolvermann nahm das Messer in die linke Hand. Die Hand zitterte. Wenn er die Klinge ansah, die mörderisch scharf geschliffen war, machte dieses Zittern Eddie extrem nervös.

»Vielleicht sollte ich es doch besser selbst versu…«

»Warte.«

Der Revolvermann sah seine linke Hand starr an. Es war nicht so, daß Eddie nicht an Telepathie glaubte, aber er hatte auch noch nie richtig daran geglaubt. Dennoch spürte er jetzt etwas, etwas so Greifbares und Echtes wie die Wärme, die von einem Ofen ausströmt. Nach ein paar Sekunden wurde ihm klar, was es war: Der seltsame Mann nahm seine ganze Willenskraft zusammen.

Wie, zum Teufel, kann er sterben, wo ich seine Kraft doch so deutlich spüre?

Die zitternde Hand wurde ruhiger. Wenig später zitterte sie kaum noch. Nach weniger als zehn Sekunden war sie so unerschütterlich wie ein Stein.

»Jetzt«, sagte der Revolvermann. Er kam einen Schritt näher und hob das Messer, und Eddie spürte, wie noch etwas anders von ihm ausging — Wundfieber.

»Sind Sie Linkshänder?« fragte Eddie.

»Nein«, sagte der Revolvermann.

»Mein Gott«, sagte Eddie und dachte, daß es ihm besser ginge, wenn er einen Moment die Augen zumachen würde. Er hörte das rauhe Flüstern des durchschnittenen Bandes.

»So«, sagte der Revolvermann und trat zurück. »Und jetzt zieh es ab, soweit du kannst. Ich wende mich dem Rücken zu.«

Jetzt wurde nicht mehr höflich an die Waschraumtür geklopft; dieses Mal hämmerte eine Faust. Die Passagiere sind draußen, dachte Eddie. Ende der Höflichkeiten. O Scheiße.

»Kommen Sie raus, mein Freund! Ich habe das Reden satt!«

»Reiß!« befahl der Revolvermann.

Eddie nahm einen breiten Streifen Klebeband in jede Hand und zog, so fest er konnte. Es tat weh, es tat höllisch weh. Hör auf zu wimmern, dachte er. Es könnte schlimmer sein. Du könntest eine so haarige Brust wie Henry haben.

Er sah nach unten und erblickte einen geröteten Streifen gereizter Haut etwa sieben Zentimeter unter dem Schlüsselbein. Die Stelle, wo er sich geschnitten hatte, war direkt über dem Solarplexus. Die Beutel mit Stoff baumelten jetzt wie schlecht verschnürte Satteltaschen unter seinen Achseln.

»Okay«, sagte die gedämpfte Stimme hinter der Tür. »Los ge…«

Eddie verlor den Rest Band mit einer unerwarteten Flutwelle von Schmerzen, als der Revolvermann es unzeremoniell von ihm abzog.

Er biß einen Schrei nieder.

»Zieh dein Hemd an«, sagte der Revolvermann. Sein Gesicht, das so blaß gewesen war, wie das Gesicht eines lebenden Menschen nach Eddies Meinung nur werden konnte, hatte jetzt die Farbe alter Asche angenommen. Er hielt das Bandgewirr (das jetzt in sich selbst verklebt war und in dem die Beutel wie seltsame Kokons wirkten) in der linken Hand, dann warf er es von sich. Eddie sah frisches Blut durch den behelfsmäßigen Verband an der rechten Hand des Revolvermanns tropfen. »Schnell.«

Ein pochendes Geräusch. Jetzt klopfte niemand mehr, um Einlaß zu bekommen. Eddie sah die Waschraumtür erbeben und die Lichter flackern.

Sie versuchten einzudringen.

Er hob sein Hemd mit Fingern auf, die plötzlich zu groß und zu ungeschickt zu sein schienen. Der linke Ärmel war von innen nach außen gekehrt. Er versuchte, ihn durch das Loch zurückzustopfen, verhedderte sich einen Augenblick mit der Hand und zog sie so heftig zurück, daß er den Ärmel mit herauszog.

Poch, und die Waschraumtür erbebte wieder.

»Großer Gott, wie kannst du nur so ungeschickt sein?« stöhnte der Revolvermann und rammte die eigene Faust in Eddies linken Hemdsärmel. Eddie hielt die Manschette, als der Revolvermann zog. Dann hielt ihm der Revolvermann das Hemd so wie ein Butler. Eddie zog es an und griff nach dem untersten Knopf.

»Noch nicht!« bellte der Revolvermann und wischte sich einen weiteren Streifen von seinem in Auflösung begriffenen Hemd ab. »Wisch dir den Bauch ab!«

Das tat Eddie, so gut er konnte. Aus der Wunde, die die Messerspitze gestochen hatte, tröpfelte immer noch Blut. Die Klinge war wirklich scharf. Scharf genug.

Er ließ den blutigen Streifen vom Hemd des Revolvermanns auf den Sand fallen und knöpfte das Hemd zu.

Poch. Dieses Mal erbebte die Tür nicht nur, sie wölbte sich im Rahmen. Eddie, der durch die Tür auf den Strand sah, erblickte die Flasche mit der Flüssigseife, die vom Waschbecken herunterfiel. Sie landete auf seiner Tasche.

Er hatte sein Hemd, das jetzt zugeknöpft war (und wie durch ein Wunder richtig zugeknöpft), in die Hose stecken wollen. Plötzlich kam ihm ein besserer Einfall. Er machte statt dessen den Gürtel auf.

»Dafür ist keine Zeit!« Der Revolvermann merkte, daß er schreien wollte, es aber nicht konnte. »Die Tür hält nur noch einen Tritt aus!«

»Ich weiß, was ich mache«, sagte Eddie, der hoffte, daß das stimmte, durch die Tür zwischen den Welten zurücktrat und dabei die Jeans aufknöpfte und den Reißverschluß herunterzog.

Nach einem verzweifelten, verzweifelnden Augenblick folgte ihm der Revolvermann, eben noch körperlich und voll leiblicher Schmerzen, im nächsten Augenblick lediglich kühles Ka in Eddies Kopf.

18

»Noch mal«, sagte McDonald grimmig, und Deere nickte. Nachdem alle Passagiere mittlerweile Flugzeug wie Jetway verlassen hatten, hatten die Zollbeamten die Waffen gezogen.

»Jetzt!«

Die beiden Männer stürmten vorwärts und rammten die Tür gemeinsam. Sie flog auf, ein Splitter blieb kurz am Schloß hängen und fiel dann auf den Boden.

Und da saß 3 A und hatte die Hose um die Knie, und die Zipfel seines verwaschenen Paisleyhemds verbargen — kaum — sein Glied. Sieht tatsächlich so aus, als hätten wir ihn auf frischer Tat ertappt, dachte Kapitän McDonald ernüchtert. Das Problem ist nur, die Tat, bei der wir ihn erwischt haben, ist nach meinen neuesten Informationen nicht gegen das Gesetz. Plötzlich konnte er das Pochen in seiner Schulter spüren, mit der er die Tür — wie oft? dreimal? viermal? gerammt hatte.

Er bellte lautstark: »Was in drei Teufels Namen machen Sie hier, Mister?«

»Nun, ich habe geschissen«, sagte 3A, »aber wenn Sie alle ein schlimmes Problem haben, dann kann ich mir den Hintern auch im Terminal abwischen…«

»Und ich nehme an, Sie haben uns nicht gehört, Klugscheißer?«

»Konnte nicht an die Tür kommen.« 3 A streckte die Hand aus, um es vorzuführen, und wenngleich die Tür jetzt schief an der Wand links von ihm hing, sah McDonald das ein. »Ich schätze, ich hätte aufstehen können, aber ich hatte da ein ziemlich verzweifeltes Problem in Händen. Nun, nicht unbedingt in Händen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und ich wollte es auch nicht in Händen haben, wenn Sie weiterhin verstehen.« 3A lächelte ein einnehmendes, leicht leutseliges Lächeln, das für Kapitän McDonald etwa ebenso echt wie ein Neundollarschein aussah. Wenn man ihm zuhörte, konnte man fast glauben, daß ihm nie jemand den einfachen Trick, sich nach vorne zu beugen, beigebracht hatte.

»Stehen Sie auf«, sagte McDonald.

»Mit Freuden. Wenn Sie vielleicht die Damen ein wenig zurücktreten lassen könnten?« 3A lächelte liebenswürdig. »Ich weiß, in unserer heutigen Zeit ist das altmodisch, aber ich kann nun mal nichts dafür, ich bin schüchtern. Tatsache ist, ich habe eine ganze Menge, weswegen ich schüchtern sein muß.« Er hielt die linke Hand hoch, Daumen und Zeigefinger etwa zwei Zentimeter auseinander, und blinzelte Jane Dorning zu, die knallrot wurde und sofort im Jetway verschwand, gefolgt von Susy.

Du siehst aber nicht schüchtern aus, dachte Kapitän McDonald. Du siehst aus wie die Katze, die gerade den Rahm gegessen hat, so siehst du aus.

Als die Stewardessen gegangen waren, stand 3 A auf und zog Unterhose und Jeans hoch. Dann griff er nach dem Knopf der Spülung, und Kapitän McDonald schlug ihm sofort die Hand weg, packte ihn an den Schultern und schob ihn in Richtung Mittelgang. Deere drehte ihm die Hand auf den Rücken, um ihn festzuhalten.

»Nicht zudringlich werden«, sagte Eddie. Seine Stimme war unbekümmert und genau richtig — glaubte er jedenfalls —, aber in seinem Inneren war alles im freien Fall. Er konnte diesen anderen fühlen, konnte ihn deutlich fühlen. Er war in seinem Verstand, beobachtete ihn genau und war bereit, selbst einzugreifen, sollte Eddie etwas versauen. Großer Gott, das alles mußte doch ein Traum sein, oder nicht? Oder nicht?

»Stehenbleiben«, sagte Deere.

Kapitän McDonald sah in die Toilette.

»Keine Scheiße«, sagte er, und als der Navigator eine unwillkürliche Lachsalve von sich gab, sah McDonald ihn finster an.

»Nun, Sie wissen ja, wie das so ist«, sagte Eddie. »Manchmal hat man eben Glück und es ist nur falscher Alarm. Aber ich habe ein paar echte Hämmer abgelassen, ich meine, ich spreche von Sumpfgas. Wenn Sie hier drinnen vor drei Minuten ein Streichholz angezündet hätten, dann hätten Sie einen Weihnachtstruthahn braten können, wissen Sie. Muß etwas gewesen sein, das ich gegessen habe, bevor ich an Bord gekommen bin, ich verm…«

»Schafft ihn fort«, sagte McDonald, und Deere, der ihn immer noch festhielt, stieß ihn aus dem Flugzeug und in den Jetway, wo jeder Zollbeamte einen Arm packte.

»He!« schrie Eddie. »Ich will meine Tasche! Und ich will meine Jacke!«

»Oh, wir möchten auch, daß Sie alle Ihre Habseligkeiten bekommen«, sagte einer der Beamten. Sein Atem, der stark nach Maalox und Magensäure roch, schlug Eddie ins Gesicht. »Wir interessieren uns sehr für Ihre Habseligkeiten. Und jetzt gehen wir, Kleiner.«

Eddie sagte ihnen immerzu, sie sollten es leichtnehmen, sachte treten, er könne sehr gut alleine gehen, aber später dachte er, daß seine Schuhspitzen den Boden des Jetway nur drei- oder viermal zwischen der Schleuse der 727 und dem Ausgang zum Terminal, wo drei weitere Zollbeamte und ein halbes Dutzend Männer vom Flughafenpersonal auf ihn warteten, den Boden berührt haben konnten. Die Bullen hielten eine kleine Menge Schaulustige zurück, die ihn mit unbehaglichem, lebhaftem Interesse ansahen, während er abgeführt wurde.

Der Turm

1

Eddie Dean saß auf einem Stuhl. Der Stuhl befand sich in einem kleinen weißen Zimmer. Es war der einzige Stuhl in dem kleinen weißen Zimmer. Das kleine weiße Zimmer war überfüllt. Das kleine weiße Zimmer war rauchverhangen. Eddie hatte nur Unterhosen an. Eddie wollte eine Zigarette. Die anderen sechs nein, sieben — Männer in dem kleinen weißen Zimmer waren angezogen. Drei — nein, vier — von ihnen rauchten Zigaretten.

Eddie wollte ruckein und juckeln. Eddie wollte zippeln und zappeln.

Eddie saß still und entspannt da und sah die Männer um ihn herum an, als wäre er nicht verrückt nach einem Schuß, als würde ihn allein die klaustrophobische Enge nicht schon verrückt machen.

Der Grund dafür war der andere in seinem Verstand. Zuerst hatte er eine Sterbensangst vor dem anderen gehabt. Jetzt dankte er Gott dafür, daß der andere da war.

Der andere war vielleicht krank, lag sogar im Sterben, aber er hatte noch soviel Stahl im Rückgrat, daß er diesem ängstlichen 21jährigen Junkie etwas davon abgeben konnte.

»Sie haben da sehr interessante rote Stellen auf der Brust«, sagte einer der Zollbeamten. In seinem Mundwinkel hing eine Zigarette. Er hatte eine ganze Packung in der Brusttasche. Eddie war zumute, als könnte er fünf Zigaretten aus dieser Packung nehmen, sie sich von einem Mundwinkel zum anderen in den Mund stecken, sie alle zusammen anzünden, tief inhalieren und sich entspannter fühlen. »Sieht wie ein Streifen aus. Sieht so aus, als hätten Sie dort etwas kleben gehabt, Eddie, und plötzlich beschlossen, daß es eine gute Idee wäre, es abzureißen und verschwinden zu lassen.«

»Ich habe auf den Bahamas eine Allergie bekommen«, sagte Eddie. »Das habe ich Ihnen doch gesagt. Ich meine, wir haben das alles jetzt schon mehrmals durchgekaut. Ich versuche, meine gute Laune nicht zu verlieren, aber das fällt mir zunehmend schwerer.«

»Scheiß auf Ihre gute Laune«, sagte der andere heftig, und Eddie erkannte diesen Ton. Er selbst hörte sich auch so an, wenn er die ganze Nacht in der Kälte auf den Dealer gewartet hatte, und dieser war nicht gekommen. Denn diese Burschen waren auch Junkies. Der einzige Unterschied: Leute wie er selbst und Henry waren der Stoff für diese Burschen.

»Was ist mit dem Loch in Ihrem Bauch? Woher kommt das, Eddie? Großer Hausputz?« Ein dritter Beamter deutete auf die Stelle, wo Eddie sich geschnitten hatte. Es hatte schließlich aufgehört zu bluten, aber es war noch eine dunkelrote Blase da, die aussah, als würde sie beim geringsten Drängen wieder aufbrechen.

Eddie deutete auf die rote Stelle, wo das Band gewesen war. »Es juckt«, sagte er. Das war nicht gelogen. »Ich bin im Flugzeug eingeschlafen — fragen Sie die Stewardeß, wenn Sie mir nicht glauben…«

»Warum sollten wir Ihnen nicht glauben, Eddie?«

»Ich weiß nicht«, sagte Eddie. »Haben Sie viele große Drogenschmuggler, die auf dem Weg zurück dösen?« Er machte eine Pause, ließ sie einen Augenblick darüber nachdenken, dann streckte er die Hände aus. Einige Fingernägel waren abgebissen. Andere waren eingerissen. Er hatte festgestellt, daß einem die Fingernägel zur Leibspeise wurden, wenn man auf cool turkey war. »Ich habe mir große Mühe gegeben, mich nicht zu kratzen, aber ich muß mir im Schlaf ziemlich eine verpaßt haben.«

»Oder während Sie high waren. Das könnte die Spur einer Nadel sein.« Eddie sah, daß sie es beide besser wußten. Wenn man sich einen Schuß so nahe am Solarplexus setzte, der Schaltzentrale des Nervensystems, würde man sich keinen weiteren Schuß mehr setzen können.

»Kommen Sie mir nicht damit«, sagte Eddie. »Sie sind mir so dicht ins Gesicht gekrochen, als Sie meine Pupillen angesehen haben, daß ich glaube, Sie wollten mir einen Zungenkuß geben. Sie wissen, daß ich nicht high war.«

Der dritte Zollbeamte sah verdrossen drein. »Für einen unschuldigen Hansguckindieluft wissen Sie verdammt viel über Drogen, Eddie.«

»Was ich in Miami vice nicht gesehen habe, habe ich aus dem Reader’s Digest. Und jetzt sagen Sie mir die Wahrheit — wie oft wollen wir das noch durchkauen?«

Ein vierter Beamter hielt eine kleine Plastiktüte hoch. Mehrere Fasern befanden sich darin.

»Das hier sind Fasern. Wir werden sie im Labor untersuchen lassen, aber wir wissen, woher sie stammen. Sie sind vom Klebeband.«

»Ich habe nicht geduscht, bevor ich das Hotel verlassen habe«, sagte Eddie zum viertenmal. »Ich war am Pool und habe mich gesonnt. Ich habe versucht, den Ausschlag loszuwerden. Den allergischen Ausschlag. Ich bin eingeschlafen. Ich hatte verdammtes Glück, daß ich das Flugzeug überhaupt erreicht habe. Ich mußte laufen wie der Teufel. Der Wind hat geweht. Ich habe keine Ahnung, was auf meiner Haut hängenblieb und was nicht.«

Ein anderer streckte die Hand aus und strich mit dem Finger über die fünf Zentimeter Fleisch an der Innenseite von Eddies linkem Ellbogen.

»Und das sind keine Nadelspuren.«

Eddie schob die Hand weg. »Moskitostiche. Das habe ich Ihnen gesagt. Fast verheilt. Großer Gott, das sehen Sie doch selbst!«

Sie sahen es. Dieser Deal war nicht über Nacht zustande gekommen, und Eddie hatte schon vor mehr als einem Monat aufgehört, in den Arm zu drücken. Henry hätte das nicht gekonnt, und das war einer der Gründe, weshalb es Eddie gewesen war, weshalb es Eddie hatte sein müssen. Wenn er unbedingt hatte fixen müssen, dann hatte er es am linken Oberschenkel getan, wo sein linker Hoden über der Haut des Schenkels lag… wie vergangene Nacht, als das teigige Ding schließlich den Stoff gebracht hatte, der in Ordnung gewesen war. Er hatte weitgehend nur geschnupft, und damit kam Henry nicht mehr aus. Das verursachte Gefühle, die Eddie nicht genau definieren konnte… eine Mischung aus Stolz und Scham. Wenn sie dort nachsahen, wenn sie seine Hoden hoben, konnte er ernsthafte Schwierigkeiten bekommen. Eine Blutprobe konnte ihn in noch größere Schwierigkeiten bringen, aber das war ein Schritt weiter, als sie ohne stichhaltige Beweise gehen konnten — und die hatten sie ganz schlicht und einfach nicht. Sie wußten alles, konnten aber nichts beweisen. Der Unterschied zwischen Wollen und Haben, hätte seine liebe alte Mutter gesagt.

»Moskitostiche.«

»Ja.«

»Und die roten Stellen sind eine Allergie.«

»Ja. Hatte ich schon, als ich auf die Bahamas geflogen bin; nur nicht so schlimm.«

»Hatte er schon, als er dorthin geflogen ist«, sagte einer der Männer zu einem anderen.

»Hm-hmm«, sagte der zweite. »Glaubst du das?«

»Sicher.«

»Glaubst du an den Weihnachtsmann?«

»Sicher. Als Kind habe ich mich einmal mit ihm zusammen fotografieren lassen.« Er sah Eddie an. »Haben Sie ein Foto dieser berühmten roten Stellen vor Ihrer Reise, Eddie?«

Eddie antwortete nicht.

»Wenn sie clean sind, warum wollen Sie dann keine Blutprobe machen lassen?« Das war wieder der erste Mann, der mit der Zigarette im Mundwinkel. Sie war fast bis zum Filter heruntergebrannt.

Eddie war plötzlich wütend — bis zur Weißglut wütend. Er lauschte nach innen.

Okay, antwortete die Stimme auf der Stelle, und Eddie spürte mehr als Zustimmung, er spürte eine Art uneingeschränkter Zustimmung. Er fühlte sich so, wie er sich fühlte, wenn Henry ihn in die Arme nahm, sein Haar zauste, ihm auf die Schulter klopfte und sagte: Das hast du gut gemacht, Junge. Laß es dir nicht zu Kopf steigen, aber das hast du gut gemacht.

»Sie wissen, daß ich clean bin.« Er stand unvermittelt auf — so unvermittelt, daß sie zurückwichen. Er sah den Raucher an, der ihm am nächsten stand. »Und ich will Ihnen was sagen, Baby, wenn Sie nicht sofort diesen Sargnagel aus meinem Gesicht nehmen, dann schlage ich ihn heraus.«

Der Mann wich zurück.

»Sie haben den Scheißetank des Flugzeugs bereits geleert. Großer Gott, Sie haben genügend Zeit gehabt, sich dreimal durchzuwühlen. Sie haben meine Sachen durchsucht. Ich habe mich gebückt und mir von einem von Ihnen den längsten Finger der Welt in den Arsch bohren lassen. Wenn die Krebsvorsorge ein Ausflug ist, dann war das eine gottverdammte Safari. Ich hatte Angst, nach unten zu sehen. Ich habe befürchtet, der Finger dieses Burschen würde aus meinen Schwanz rausgucken.«

Er sah sie alle böse an.

»Sie waren in meinem Arsch, sie waren an meinen Sachen, und ich sitze hier in der Unterhose und lasse mir von Ihnen Rauch ins Gesicht blasen. Sie wollen eine Blutprobe? Okay, dann bringen Sie jemanden her, der eine machen kann.«

Sie murmelten und sahen einander an. Überrascht. Unbehaglich.

»Aber wenn Sie das ohne Gerichtsbeschluß machen wollen«, sagte Eddie, »dann sollte der, der ihn durchführt, besser eine ganze Menge zusätzliche Spritzen und Reagenzgläser mitbringen, weil mich der Teufel holen soll, wenn ich allein pisse. Ich möchte einen Bundesmarschall hier haben, und ich möchte, daß sich jeder einzelne von Ihnen demselben gottverdammten Test unterzieht, und ich möchte Ihre Namen und Ausweisnummern auf jedem Reagenzglas, und weiter möchte ich, daß besagter Bundesmarschall sie in seine Obhut nimmt. Und worauf immer Sie meine untersuchen — Kokain, Heroin, Pillen, Pot, was auch immer —, ich möchte, daß dieselben Tests an den Proben von euch Jungs durchgeführt werden. Und dann möchte ich, daß die Ergebnisse meinem Anwalt übergeben werden.«

»Mann o Mann, IHREM ANWALT«, brüllte einer von ihnen. »Darauf läuft es bei euch Scheißkerlen letztendlich immer hinaus, nicht, Eddie? Sie hören von MEINEM ANWALT. Ich hetze Ihnen MEINEN ANWALT auf den Hals. Wenn ich diese Scheiße höre, ist mir zum Kotzen!«

»Um die Wahrheit zu sagen, ich habe momentan keinen«, sagte Eddie, und das war die Wahrheit. »Ich hätte nicht gedacht, daß ich einen brauchen würde. Sie haben mich vom Gegenteil überzeugt. Sie haben nichts, weil ich nichts habe, aber der Rock ‘n’ Roll hört einfach nie auf, nicht? Sie wollen, daß ich tanze? Hervorragend. Ich werde tanzen. Aber ich werde es nicht alleine tun. Ihr Jungs werdet auch tanzen müssen.«

Es folgte ein betretenes, peinliches Schweigen.

»Ich möchte, daß Sie noch einmal Ihre Hosen herunterziehen, Mr. Dean, bitte«, sagte einer von ihnen. Dieser Bursche war älter. Dieser Bursche sah aus, als hätte er das Sagen. Eddie dachte, daß diesen Burschen vielleicht — nur vielleicht — endlich dahintergekommen war, wo sich die frischen Einstiche befanden. Bisher hatten sie dort nicht nachgesehen. Seine Arme, seine Schultern, die Beine… aber nicht dort. Sie waren zu sicher gewesen, daß sie einen Schmuggler erwischt hatten.

»Ich habe es satt, Sachen auszuziehen, Sachen runterzuziehen und mir diese Scheiße anzuhören«, sagte Eddie. »Sie holen jemanden hierher, und wir machen jede Menge Blutproben, oder ich werde wieder gehen. Was wollen Sie?«

Wieder das Schweigen. Und als sie anfingen, einander anzusehen, wußte Eddie, daß er gewonnen hatte.

WIR haben gewonnen, verbesserte er sich. Wie heißt du, Kumpel?

Roland. Und du Eddie. Eddie Dean.

Du hörst gut zu.

Ich höre und sehe.

»Gebt ihm seine Kleidung«, sagte der alte Mann angewidert. Er sah Eddie an. »Ich weiß nicht, was Sie hatten oder wie Sie es losgeworden sind. Aber Sie sollen wissen, daß wir es herausfinden werden.«

Der alte Geck sah ihn an.

»Da sitzen Sie. Da sitzen Sie und grinsen beinahe. Nicht was Sie sagen, bringt mich zum Kotzen. Was Sie sind

»Ich bringe Sie zum Kotzen.«

»Eindeutig.«

»Junge, Junge«, sagte Eddie. »Das hab’ ich gern. Ich sitze hier in einem winzigen Zimmer und habe nur meine Unterwäsche an, und um mich herum sitzen sieben Männer mit Revolvern an den Hüften, und ich bringe Sie zum Kotzen? Mann, Sie haben ein echtes Problem.«

Eddie machte einen Schritt auf ihn zu. Der Zollbeamte verteidigte seine Position einen Augenblick, dann zwangen ihn Eddies Augen — eine verrückte Farbe, halb mandelbraun, halb blau — gegen seinen Willen zum Rückzug.

»ICH HABE NICHTS BEI MIR!« brüllte Eddie. »HÖREN SIE JETZT EINFACH AUF! HÖREN SIE AUF HASSEN SIE MICH IN RUHE!«

Wieder Schweigen. Dann drehte sich der alte Mann um und schrie jemanden an: »Haben Sie mich nicht verstanden? Bringen Sie seine Kleidung!«

Und damit war das erledigt.

2

»Glauben Sie, Sie werden verfolgt?« fragte der Taxifahrer. Er hörte sich amüsiert an.

Eddie drehte sich nach vorne. »Wie kommen Sie darauf?«

»Sie sehen immer zur Heckscheibe raus.«

»Ich habe nie gedacht, daß ich verfolgt werde«, sagte Eddie. Das war die völlige Wahrheit. Er hatte die Verfolger schon gesehen, als er sich das erste Mal umgedreht hatte. Die Verfolger, nicht den. Er mußte sich nicht umdrehen, um ihre Anwesenheit zu bestätigen. Freigänger aus einer Anstalt für geistig Behinderte hätten Mühe gehabt, Eddies Taxi an diesem Spätnachmittag im Mai zu verlieren; auf der L. I. E. herrschte kaum Verkehr. »Ich studiere Verkehrsmuster, das ist alles.«

»Oh«, sagte der Taxifahrer. In manchen Kreisen hätte eine so sonderbare Bemerkung Fragen nach sich gezogen, aber Taxifahrer in New York stellen selten Fragen; statt dessen erklären sie, für gewöhnlich in großem Stil. Die meisten dieser Erklärungen fangen mit den Worten Diese Stadt! an, als wären sie eine religiöse Beschwörung, die einer Predigt vorangehen… was üblicherweise auch so war. Statt dessen sagte dieser: »Wenn Sie denken würden, Sie werden verfolgt seien Sie versichert, das ist nicht der Fall. Ich wüßte es. Diese Stadt! Mein Gott! Ich habe selbst schon genügend Leute verfolgt. Sie wären überrascht, wie viele Leute in mein Auto springen und sagen: ‘Folgen Sie diesem Wagen.’ Ich weiß, klingt so, als würde man es nur in Filmen hören, richtig? Richtig. Aber wie man so sagt, das Leben ahmt die Kunst nach und die Kunst das Leben. Das kommt tatsächlich vor! Und wenn es darum geht, einen Verfolger abzuhängen, nichts leichter als das, wenn man weiß, wie man jemanden eine Falle stellen kann. Sie…«

Eddie schaltete den Taxifahrer auf ein Hintergrundmurmeln herunter und schenkte ihm gerade noch soviel Aufmerksamkeit, daß er an den richtigen Stellen nicken konnte. Wenn man darüber nachdachte, war das Geschwätz des Taxifahrers eigentlich ganz lustig. Einer der Verfolger war eine dunkelblaue Limousine. Eddie vermutete, daß die zum Zoll gehörte. Bei den anderen handelte es sich um einen Lieferwagen, auf dessen Seite sich die Aufschrift GINELLI’S PIZZA befand. Darunter war das Bild einer Pizza, aber die Pizza war ein lächelndes Jungengesicht, und der Junge leckte sich die Lippen; darunter wiederum befand sich die Unterschrift: ‘MMMHHHH! Eine GUUUUUTE Pizza!’ Ein junger städtischer Künstler mit Sprühdose und einem rudimentären Sinn für Humor hatte das Pizza durchgestrichen und MUSCHI darüber geschrieben.

Ginelli. Eddie kannte nur einen Ginelli; er hatte ein Restaurant, das Four Fathers hieß. Die Pizzeria war ein Tarnunternehmen, eine Fassade, eine Geldwäscherei. Ginelli und Balazar. Sie gehörten zusammen wie Hot dogs und Senf.

Gemäß dem ursprünglichen Plan hätten vor dem Terminal eine Limousine warten sollen, deren Chauffeur ihn zu Balazars Geschäftszentrum hätte bringen sollen, einem Saloon in der Stadtmitte. Aber natürlich hatten zum ursprünglichen Plan nicht zwei Stunden in einem kleinen weißen Zimmer gehört, zwei Stunden ununterbrochenen Verhörs durch eine Bande Zollbeamter, während eine andere Bande zuerst die Abfalltanks des Fluges 901 leerte und dann deren Inhalt durchkämmte, um nach der großen Ladung zu suchen, die sie vermuteten, der großen Ladung, die man nicht auflösen oder hinunterspülen konnte.

Als er herausgekommen war, hatte selbstverständlich keine Limousine mehr gewartet. Der Chauffeur hatte seine Anweisungen gehabt; wenn der Bote nicht 15 Minuten nach den letzten Passagieren aus dem Flughafengebäude kommt, nichts wie weg, und zwar schnell. Der Chauffeur würde nicht das Telefon der Limousine benützen, das eigentlich ein Funkgerät war, das man leicht abhören konnte. Balazar würde Leute anrufen, herausfinden, daß Eddie Ärger hatte, und sich selbst auf Ärger einstellen. Balazar war sich vielleicht über Eddies stählernen Charakter im klaren, aber das änderte nichts an der Tatsache, daß Eddie ein Junkie war. Man konnte sich nicht darauf verlassen, daß ein Junkie standhaft war.

Das schloß die Möglichkeit nicht aus, daß der Pizzalieferwagen einfach auf der zweiten Spur neben das Taxi fuhr, jemand eine Automatik aus dem Fenster des Pizzalieferwagens schob und den Rücksitz des Taxis in eine Art blutige Käseraspel verwandelte. Eddie hätte sich darüber mehr Sorgen gemacht, wenn sie ihn vier Stunden statt zwei festgehalten hätten, und noch mehr, wären es sechs statt vier gewesen. Aber nur zwei… er ging davon aus, Balazar würde wissen, daß er wenigstens so lange durchhalten konnte. Er würde wissen wollen, was aus seiner Ware geworden war.

Der wahre Grund, weshalb Eddie immerzu nach hinten sah, war die Tür.

Sie faszinierte ihn.

Während die Zollbeamten ihn halb getragen und halb die Treppe zur Verwaltung des Kennedy-Flughafens hinabgezerrt hatten, hatte er über die Schulter zurückgesehen, und da war sie gewesen, unwahrscheinlich, aber unzweifelhaft, unbestreitbar wirklich, und war in einem Abstand von drei Schritten hinter ihm hergeschwebt. Er hatte die Wellen sehen können, die unablässig herangebrandet und auf den Sand getost waren; er hatte gesehen, daß der Tag dort drüben allmählich dunkler wurde.

Die Tür war wie eines dieser Täuschungsbilder, in denen ein Bild verborgen war, schien es; anfangs konnte man den verborgenen Teil nicht finden, selbst wenn es ums Leben gegangen wäre, aber wenn man ihn erst einmal gefunden hatte, konnte man ihn gar nicht mehr übersehen, wie sehr man es auch versuchte.

Zweimal war sie verschwunden, als der Revolvermann ohne ihn zurückgegangen ist, und das war furchterregend gewesen. Eddie war sich wie ein Kind vorgekommen, dessen Taschenlampe erloschen ist. Das erste Mal war es während des Verhörs durch den Zoll geschehen.

Ich muß gehen, hatte Rolands Stimme deutlich die Frage übertönt, mit der sie ihn gerade bombardierten. Nur ein paar Augenblicke. Hab keine Angst.

Warum? fragte Eddie. Warum mußt du gehen?

»Was ist los?« hatte ihn einer der Zollbeamten gefragt. »Sie sehen auf einmal aus, als hätten sie Angst.«

Er hatte plötzlich Angst gehabt, aber nicht vor etwas, das dieser Idiot verstanden hätte.

Er sah über die Schulter, und die Zollbeamten hatten sich ebenfalls umgedreht. Sie sahen lediglich eine weiße Wand, welche mit weißen Paneelen verkleidet war, in die zur Schalldämmung Löcher gebohrt worden waren; Eddie sah die Tür, die die üblichen drei Schritte entfernt war (jetzt war sie in die Mauer der Verhörzelle eingelassen, eine Fluchtmöglichkeit, die seine Befrager nicht sehen konnten). Er sah noch mehr. Er sah Wesen aus dem Wasser herauskommen, Wesen, die wie Flüchtlinge aus einem Horrorfilm aussahen, bei dem die Spezialeffekte ein wenig überzeugender gelungen waren, als man sie haben wollte, so überzeugend, daß alles ganz echt aussah. Sie sahen wie gräßliche Mischlinge zwischen Krabben, Hummern und Spinnen aus. Sie gaben unheimliche Laute von sich.

»Am Durchdrehen, ja?« hatte einer der Zollbeamten gefragt. »Sehen Sie ein paar Insekten die Wände runterkriechen, Eddie?«

Das kam der Wahrheit so nahe, daß Eddie beinahe gelacht hätte. Er begriff aber, weshalb der Mann namens Roland zurückkehren mußte; Rolands Verstand war in Sicherheit — wenigstens vorläufig —, aber die Kreaturen bewegten sich auf seinen Körper zu, und Eddie vermutete, wenn Roland seinen Körper nicht umgehend von dort wegschaffte, würde er keinen Körper mehr haben, in den er zurückkehren konnte.

Plötzlich hörte er in seinem Kopf David Lee Roth plärren: O Iyyyyy…ain’t got no Und dieses Mal lachte er wirklich. Er konnte nicht anders.

»Was ist denn so komisch?« fragte ihn der Zollbeamte, der wissen wollte, ob er Insekten gesehen hatte.

»Diese ganze Situation«, hatte Eddie geantwortet. »Aber eher grotesk, nicht zum Brüllen. Ich meine, wenn dies ein Film wäre, dann wäre er eher von Fellini als von Woody Allen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Kommst du zurecht? fragte Roland.

Aber klar doch. KDG, Mann.

Das verstehe ich nicht.

Kümmere dich ums Geschäft.

Oh. Gut. Wird nicht lange dauern.

Und plötzlich war der andere verschwunden gewesen. Einfach weg. Wie ein so dünnes Rauchwölkchen, daß der leiseste Windhauch es fortwehen konnte. Eddie sah sich wieder um, sah lediglich weiße Wandverkleidungen, keine Tür, kein Meer, keine unheimlichen Monster, und er spürte, wie sich seine Eingeweide zusammenzogen. Kein Gedanke mehr, daß alles eine Halluzination gewesen war; immerhin war der Stoff verschwunden, mehr Beweise brauchte Eddie nicht. Aber Roland hatte ihm irgendwie… geholfen. Seine Anwesenheit hatte alles leichter gemacht.

»Wollen Sie, daß ich dort ein Bild aufhänge?« hatte einer der Zollbeamten gefragt.

»Nein«, sagte Eddie und stieß einen Seufzer aus. »Ich will, daß Sie mich hier rauslassen.«

»Sobald sie uns gesagt haben, was Sie mit dem Heroin gemacht haben«, sagte ein anderer. »Oder war es Koks?« Und damit fing alles von vorne an: Das Glücksrad dreht sich, und niemand weiß, wo es anhalten wird.

Zehn Minuten später — zehn sehr lange Minuten — war Roland plötzlich wieder in seinem Verstand. Eben noch fort, im nächsten Augenblick wieder da. Eddie spürte, daß er zutiefst erschöpft war.

Versorgt? fragte er.

Ja. Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat. Eine Pause. Ich mußte kriechen.

Eddie drehte sich wieder um. Die Tür war wieder da, aber jetzt zeigte sie einen etwas anderen Ausschnitt jener Welt, und ihm wurde klar, daß sie sich dort drüben ebenso mit Roland bewegte, wie sie sich hier mit ihm bewegte. Dieser Gedanke ließ ihn ein wenig erzittern. Es war, als wäre er durch eine unheimliche Nabelschnur mit dem anderen verbunden. Der Körper des Revolvermanns lag wie bisher zusammengesunken davor, aber jetzt sah er einen langen Strandabschnitt zur unregelmäßigen Flutlinie hinunter, wo die Monster knurrend und summend umherwanderten. Jedesmal, wenn eine Welle brach, hoben sie alle die Scheren. Sie sahen wie das Publikum in alten Dokumentarfilmen aus, wenn Hitler sprach und alle den Sieg heil!-Gruß machten, als hinge ihr Leben davon ab — was wahrscheinlich so gewesen war, wenn man genauer darüber nachdachte. Eddie konnte die qualvollen Spuren des Revolvermanns im Sand sehen.

Während Eddie hinsah, griff eines der Monster schnell wie der Blitz in die Höhe und fing eine Möwe aus der Luft, die sich zu dicht an den Boden gewagt hatte. Sie fiel in zwei blutspritzenden Hälften zu Boden. Die Teile waren von den gräßlichen Schalentieren verschlungen, noch bevor sie zu zucken aufgehört hatten. Eine einzige weiße Feder schwebte in die Höhe. Eine Schere riß sie herunter.

Heiliger Christus, dachte Eddie benommen. Seh sich einer diese Schnapper an.

»Warum sehen Sie immer nach hinten?« hatte einer der Männer gefragt.

»Ich brauche von Zeit zu Zeit ein Gegengift«, sagte Eddie.

»Wogegen?«

»Gegen Ihr Gesicht.«

3

Der Taxifahrer ließ Eddie vor dem Gebäude in Co-Op City aussteigen, dankte ihm für den Dollar Trinkgeld und fuhr weiter. Eddie stand einen Augenblick nur da, hatte die Reißverschlußtasche in einer Hand und die Jacke am Finger der anderen über die Schulter geworfen. Hier hatte er eine Zweizimmerwohnung mit seinem Bruder. Er stand einen Augenblick da und sah an dem Gebäude hinauf: ein Monolith mit allem Stil und Geschmack einer Saltines Box aus Backstein. Mit den vielen Fenstern sah es für Eddie wie ein Gefängnisblock aus, für ihn war der Anblick so deprimierend wie er für Roland — den anderen — erstaunlich war.

Niemals, nicht einmal als Kind, habe ich ein so hohes Bauwerk gesehen, sagte Roland. Und es gibt so viele!

Ja, stimmte Eddie zu. Wir wohnen wie Ameisen in ihrem Bau. Für dich mag das gut aussehen, Roland, aber ich sage dir, man hat es satt. Man hat es ziemlich schnell satt.

Das blaue Auto fuhr vorbei; der Pizzalieferwagen bog ein und kam näher. Eddie erstarrte und spürte, wie Roland in ihm ebenfalls erstarrte. Vielleicht hatten sie doch vor, ihn wegzupusten.

Die Tür? fragte Roland. Sollen wir durchgehen? Möchtest du das? Eddie spürte, daß Roland bereit war — zu allem —, aber seine Stimme war ruhig.

Noch nicht, sagte Eddie. Könnte sein, daß sie nur reden wollen. Aber sei bereit.

Ihm war klar, daß es unnötig gewesen war, das zu sagen; er spürte, daß Roland im Tiefschlaf bereiter sein würde, zu handeln und sich zu bewegen, als Eddie es in seinen wachsten Augenblicken je sein würde.

Der Pizzawagen mit den lächelnden Jungen auf der Seite kam näher. Das Beifahrerfenster wurde heruntergekurbelt. Eddie wartete vor dem Eingang zu seinem Wohnhaus, sein Schatten erstreckte sich lang von den Schuhspitzen, wartete darauf, was sich zeigen würde — ein Gesicht oder ein Gewehr.

4

Fünf Minuten nachdem die Zollbeamten schließlich aufgegeben hatten und Eddie gehen ließen, hatte Roland ihn zum zweitenmal verlassen.

Der Revolvermann hatte gegessen, aber nicht genug; er brauchte etwas zu trinken; am dringendsten aber brauchte er Medizin. Eddie konnte ihm noch nicht mit der Medizin helfen, die Roland wirklich brauchte (auch wenn er vermutete, daß der Revolvermann recht hatte und Balazar es konnte… wenn Balazar wollte). Aber simples Aspirin konnte vielleicht wenigstens das Fieber senken, das Eddie gespürt hatte, als der Revolvermann sich dicht über ihn beugte, um den hinteren Teil des Klebebandes durchzuschneiden. Er blieb vor dem Zeitungskiosk im Hauptgebäude des Flughafens stehen.

Habt ihr Aspirin, wo du herkommst?

Davon habe ich nie gehört. Ist das Zauberei oder Medizin?

Beides, schätze ich.

Eddie betrat den Kiosk und kaufte eine Packung extrastarkes Anacin. Er ging zur Snackbar und kaufte ein Paar dreißig Zentimeter lange Hot dogs und eine extragroße Pepsi. Er strich gerade Senf und Ketchup auf die Würstchen (Henry nannte die 30 Zentimeter langen Godzilla dogs), als ihm plötzlich einfiel, daß sie gar nicht für ihn waren. Roland mochte Senf und Ketchup vielleicht gar nicht. Roland konnte sogar Vegetarier sein. Dieses Zeug konnte Roland vielleicht sogar umbringen.

Nun, jetzt ist es zu spät, dachte Eddie. Wenn Roland sprach wenn Roland handelte —, wußte Eddie, daß dies alles Wirklichkeit war. Wenn er still war, kehrte ständig das schwindelerregende Gefühl zurück, daß alles ein Traum war — ein außergewöhnlich lebhafter Traum, den er hatte, während er an Bord der Delta 901 Richtung Kennedy Airport schlief.

Roland hatte ihm gesagt, er könne das Essen in seine eigene Welt tragen. Er sagte, er hätte das schon einmal getan, während Eddie schlief. Eddie fand es unmöglich, das zu glauben, aber Roland beharrte darauf, daß es stimmte.

Nun, wir müssen immer noch verdammt vorsichtig sein, sagte Eddie. Zwei Zollbeamte beschatten mich. Uns. Was, zum Teufel, ich auch jetzt immer sein mag.

Ich weiß, daß wir vorsichtig sein müssen, erwiderte Roland. Es sind nicht zwei; es sind fünf. Plötzlich verspürte Eddie eine der unheimlichsten Empfindungen seines ganzen Lebens. Er bewegte die Augen nicht, spürte aber, wie sie bewegt wurden. Roland bewegte sie.

Ein Mann im Muskelhemd, der in einen Telefonhörer sprach.

Eine Frau, die auf einer Bank saß und in ihrer Handtasche kramte.

Ein junger Farbiger, der außergewöhnlich hübsch gewesen wäre, abgesehen von einer Hasenscharte, die ein chirurgischer Eingriff nur unzureichend entfernt hatte, welcher die T-Shirts in dem Kiosk betrachtete, den Eddie vor nicht allzulanger Zeit verlassen hatte.

Äußerlich war nichts Ungewöhnliches an ihnen, aber Eddie sah ihnen trotzdem an, was sie waren, und es war, als würde man die versteckten Bilder in einem Suchbild erkennen, die man gar nicht mehr übersehen konnte, wenn man sie erst einmal entdeckt hatte. Er spürte stumpfe Hitze in den Wangen, weil ihn der andere auf etwas hatte hinweisen müssen, das er sofort hätte sehen sollen. Er hatte nur zwei gefunden. Diese drei waren etwas besser, aber nicht sehr; der Blick des Telefonierers war nicht leer, weil er sich die Person vorstellte, mit der er sprach, sondern lebhaft; er sah richtiggehend, und der Blick kehrte immer wieder dorthin zurück, wo Eddie sich aufhielt. Die Handtaschen-Frau fand nicht, was sie suchte, gab auch nicht auf, sondern wühlte immer endlos weiter. Und der Einkäufer hatte genügend Zeit gehabt, sich jedes einzelne T-Shirt auf dem Ständer mindestens ein dutzendmal anzusehen.

Plötzlich fühlte sich Eddie wieder wie ein Fünfjähriger, der Angst davor hatte, die Straße zu überqueren, wenn Henry ihm nicht die Hand hielt.

Achte nicht darauf, sagte Roland. Und mach dir keine Gedanken wegen des Essens. Ich habe Insekten gegessen, die noch so lebendig waren, daß einige davon meinen Hals hinunterkrabbeln konnten.

Ja, antwortete Eddie, aber dies ist New York.

Er nahm die Würstchen und das Getränk zum Ende des Tresens und stellte sich dort mit dem Rücken zum Durchgang des Hauptgebäudes. Dann sah er zur linken Ecke auf. Dort wölbte sich ein konvexer Spiegel gleich einem hypertonischen Auge. Er konnte seine sämtlichen Verfolger darin erkennen, aber keiner war so nahe, daß er das Essen und den Becher sehen konnte. Und das war gut so, denn Eddie hatte nicht die leiseste Ahnung, was damit passieren würde.

Leg das Astin auf die Fleischdinge. Und dann nimm alles zusammen in die Hände.

Aspirin.

Gut. Nenne es meinethalben Flutergork, wenn du willst, Gef… Eddie. Tu es einfach.

Er holte das Anacin aus der Tüte, die er in die Tasche gesteckt hatte, hätte es beinahe auf einen der Hot dogs gelegt, überlegte dann aber, daß Roland Mühe haben würde, auch nur das, was er selbst die Giftsicherung nannte, abzulösen, geschweige denn, es zu öffnen.

Er machte es selbst, schüttete drei Tabletten auf eine der Servietten, überlegte und fügte dann drei weitere hinzu.

Drei jetzt, drei später, sagte er. Wenn es ein Später gibt.

Gut. Danke.

Was jetzt?

Halte alles.

Eddie hatte wieder in den konvexen Spiegel gesehen. Zwei der Agenten schlenderten beiläufig auf die Snackbar zu; vielleicht gefiel es ihnen nicht, daß Eddie ihnen den Rücken zugekehrt hatte, vielleicht rochen sie einen kleinen Taschenspielertrick, den sie sich näher ansehen wollten. Wenn etwas geschehen sollte, sollte es besser schnell geschehen.

Er legte die Hände um alles, spürte die Wärme der Hot dogs in den Weißbrötchen, die Kälte der Pepsi. In diesem Augenblick sah er wie ein Familienvater aus, der dabei war, den Kindern einen Imbiß zu bringen… und dann fing das Zeug an zu schmelzen.

Er sah nach unten, seine Augen wurden so groß, daß er glaubte, sie müßten jeden Moment herausfallen und am Sehnerv herunterbaumeln.

Er konnte die Hot dogs durch die Brötchen sehen. Er konnte die Pepsi durch den Becher sehen, die eisgekühlte Flüssigkeit krümmte sich gemäß einer Form, die nicht mehr zu sehen war.

Dann konnte er die rote Kunststofftheke durch die Hot dogs sehen, und die weiße Wand durch das Pepsi. Seine Hände näherten sich einander, der Widerstand zwischen ihnen wurde immer geringer… und dann lagen sie Handfläche auf Handfläche aneinander. Das Essen… die Servietten… die Pepsi-Cola… die sechs Anacin… alles, was zwischen seinen Händen gewesen war, war weg.

Jesus sprang auf und spielte Fiedel, dachte Eddie benommen. Er sah zu dem konvexen Spiegel hinauf.

Die Tür war verschwunden… wie Roland aus seinen Gedanken verschwunden war.

Guten Appetit, mein Freund, dachte Eddie. Aber war diese fremde Präsenz, die sich Roland nannte, wirklich sein Freund? Das war noch lange nicht bewiesen, oder? Sicher, er hatte Eddies Speck gerettet, aber das bewies noch lange nicht, daß er ein Pfadfinder war.

Wie dem auch sei, er mochte Roland. Fürchtete ihn… aber er mochte ihn auch.

Vermutete, daß er ihn mit der Zeit liebgewinnen konnte, so wie er Henry liebhatte.

Guten Appetit, Fremder, dachte er. Iß gut, bleib am Leben… und komm zurück.

In der Nähe lagen ein paar senfverschmierte Servietten, die ein anderer Kunde liegengelassen hatte. Eddie knüllte sie zusammen, warf sie auf dem Weg hinaus in den Papierkorb neben der Tür und kaute Luft, als würde er den letzten Bissen von etwas verschlingen. Es gelang ihm sogar, ein Rülpsen zustande zu bringen, während er sich auf dem Weg zu den Schildern GEPÄCK und BODENTRANSPORT dem Farbigen näherte.

»Kein passendes Hemd gefunden?« fragte Eddie.

»Bitte?« Der Farbige wandte sich vom Monitor der American Airlines ab, den er vorgeblich studierte.

»Ich dachte mir, Sie suchen vielleicht nach einem mit der Aufschrift: BITTE FÜTTERT MICH, ICH BIN AGENT DER US-REGIERUNG«, sagte Eddie und ging weiter.

Während er die Treppe hinunterging, sah er, wie die Handtaschenkramerin hastig ihre Handtasche zuklappte und auf die Beine sprang.

Mann o Mann, das wird wie die Erntedank-Party der Macy’s werden.

Es war ein verdammt interessanter Tag gewesen, und Eddie vermutete, daß er noch nicht vorbei war.

5

Als Roland die Hummerwesen wieder aus den Wellen kommen sah (also hatte ihr Auftauchen nichts mit den Gezeiten zu tun; die Dunkelheit lockte sie heraus), verließ er Eddie Dean, um sich zu entfernen, bevor die Kreaturen ihn finden und fressen konnten.

Die Schmerzen hatte er erwartet, auf sie war er vorbereitet. Er lebte schon so lange mit Schmerzen, daß sie ihm fast wie alte Freunde waren. Aber es erschreckte ihn, wie schnell das Fieber zugenommen hatte und seine Kraft abnahm. Hatte er bislang nicht im Sterben gelegen, jetzt tat er es eindeutig. Gab es in der Welt des Gefangenen etwas so Starkes, daß es den Tod verhindern konnte? Vielleicht. Aber wenn er nicht binnen der nächsten sechs bis acht Stunden etwas davon bekam, würde es wohl keine Rolle mehr spielen. Wenn es so weiterging, würde ihm keine Medizin oder Magie in dieser oder einer anderen Welt mehr helfen können.

Zu gehen war unmöglich. Er mußte kriechen.

Er wollte sich gerade aufmachen, als sein Blick auf die verschlungenen klebrigen Streifen und die Beutel mit dem Teufelspulver fielen. Wenn er das hierließ, würden die Monsterhummer die Beutel mit ziemlicher Sicherheit aufreißen. Der Meerwind würde den Stoff in alle vier Himmelsrichtungen verwehen. Genau dort gehört er auch hin, dachte der Revolvermann grimmig, aber das konnte er nicht zulassen. Wenn der Zeitpunkt gekommen war, würde Eddie Dean eine Menge Ärger bekommen, wenn er dieses Pulver nicht vorzeigen konnte. Es war kaum möglich, Männer zu bluffen, wie dieser Balazar seiner Meinung nach einer war. Er würde sehen wollen, was er bezahlt hatte, und bis er es sah, würden die Waffen einer kleinen Armee auf Eddie gerichtet sein.

Der Revolvermann zog das zerknüllte Bündel Klebebänder zu sich und schlang es über den Nacken. Dann mühte er sich den Strand entlang.

Er war zwanzig Meter gekrochen — fast so weit, daß er sich in Sicherheit fühlte —, als ihm die gräßliche (und doch auf kosmische Weise komische) Erkenntnis kam, daß er die Tür hinter sich zurück ließ. Wozu in Gottes Namen nahm er das alles auf sich?

Er drehte den Kopf und erblickte die Tür nicht unten am Strand, sondern drei Schritte hinter sich. Roland konnte sie einen Augenblick nur anstarren und einsehen, was ihm die ganze Zeit über klar gewesen wäre, wären nicht das Fieber und der Lärm der Inquisitoren gewesen, die Eddie mit ihren endlosen Fragen bombardierten (Wo haben Sie, wie haben Sie, warum haben Sie, wann haben Sie — Fragen, die auf unheimliche Weise mit den Fragen der wuselnden Alptraumgestalten verschmolzen, welche aus den Wellen gekrochen und gekrabbelt kamen: Dad-a-chock? Dada-chum? Did-a-chick?), sowie das Delirium. So nicht.

Ich nehme sie überallhin mit, wohin ich gehe, dachte er, und er auch. Sie begleitet uns jetzt überallhin, folgt uns wie ein Fluch, den man nicht mehr loswerden kann.

Das alles schien so sehr der Wahrheit zu entsprechen, daß es außer Frage stand… wie noch etwas.

Wenn sich die Tür zwischen ihnen schloß, würde sie sich für immer schließen.

Wenn das geschieht, dachte Roland grimmig, muß er auf dieser Seite sein. Bei mir.

Was bist du doch für ein Ausbund an Ehre, Revolvermann! lachte der Mann in Schwarz. Er schien ein permanentes Heim in Rolands Kopf bezogen zu haben. Du hast den Jungen umgebracht; das war das Opfer, das es dir ermöglicht hat, mich zu erwischen und, vermute ich, die Tür zwischen den Welten zu erschaffen. Und jetzt hast du vor, deine Drei zu erwählen, einen nach dem anderen, und sie zu etwas zu verurteilen, was du selbst nicht haben wolltest: zu einem Leben in einer fremden Welt, in der sie so leicht wie ein Zootier sterben können, das man in der Wildnis aussetzt.

Der Turm, dachte Roland wild. Wenn ich den Turm gefunden und getan habe, was ich dort auch immer tun soll, wenn ich den grundlegenden Akt des Wiederaufbaus oder der Erlösung geleistet habe, für den ich auserwählt wurde, dann werden sie vielleicht

Aber das schrille Lachen des Mannes in Schwarz, des Mannes, der tot war, aber im befleckten Gewissen des Revolvermanns weiterlebte, ließ ihn den Gedanken nicht zu Ende führen.

Doch auch der Gedanke an den Verrat, den er begangen hatte, konnte ihn nicht von seinem Kurs abbringen.

Es gelang ihm, weitere zehn Meter zurückzuweichen, dann drehte er sich um und sah, daß selbst die größten der Ungeheuer nicht weiter als zwanzig Meter über die Flutlinie hinaus gelangen konnten. Er hatte bereits das Dreifache dieser Distanz zurückgelegt.

Das ist gut.

Nichts ist gut, antwortete der Mann in Schwarz fröhlich, und das weißt du auch.

Sei still, dachte der Revolvermann, und die Stimme gehorchte tatsächlich wie durch ein Wunder.

Roland schob die Beutel mit dem Teufelspulver in den Spalt zwischen zwei Steinen und deckte sie mit ausgerupftem spärlichem Schilf zu. Nachdem er das getan hatte, ruhte er kurz aus, während sein Kopf wie ein heißer Wasserschlauch pulsierte und seine Haut sich abwechselnd heiß und kalt anfühlte, dann rollte er durch die Tür in jene andere Welt zurück, in diesen anderen Körper, und ließ seine zunehmend tödliche Infektion eine Weile hinter sich zurück.

6

Als er zum zweitenmal in seinen Körper zurückkehrte, kam er in einen so tief schlafenden Körper, daß er einen Augenblick dachte, er wäre in ein komatöses Stadium verfallen… ein Stadium so geringer Körperfunktionen, daß er binnen weniger Augenblicke spüren würde, wie sein Bewußtsein den langen Niedergang in die Dunkelheit beginnen würde.

Statt dessen zwang er seinen Körper zu erwachen, drängte und schubste ihn aus der dunklen Höhle, in die er gekrochen war. Er beschleunigte seinen Herzschlag, zwang seine Nerven, die Schmerzen, die durch ihn rasten, erneut zu akzeptieren, weckte sein Fleisch in die stöhnende Wirklichkeit.

Jetzt war es Nacht. Die Sterne waren herausgekommen. Die Belegten, die Eddie ihm gekauft hatte, waren winzige warme Stellen in der Kälte.

Er verspürte keine Lust, sie zu essen, aber er würde sie essen. Doch zuerst…

Er betrachtete die weißen Tabletten in seiner Hand. Astin, nannte Eddie sie. Nein, das war nicht ganz richtig, aber Roland konnte das Wort nicht so aussprechen, wie es der Gefangene gesagt hatte. Letztendlich lief es auf Medizin hinaus. Medizin aus jener anderen Welt.

Wenn mir etwas aus deiner Welt nützen wird, Gefangener, dachte Roland grimmig, werden es, glaube ich, wohl mehr eure Gifte als eure Belegten sein.

Dennoch würde er es versuchen müssen. Es war nicht das, was er wirklich brauchte — wie Eddie glaubte —, aber etwas, das sein Fieber senken würde.

Drei jetzt, drei später. Wenn es ein Später gibt.

Er nahm drei Tabletten in den Mund, dann stieß er den Deckel — ein seltsames weißes Material, das weder Papier noch Glas war, aber von beidem etwas zu haben schien — von dem Becher, in dem sich das Getränk befand, und spülte sie hinunter.

Der erste Schluck verblüffte ihn so durch und durch, daß er einen Augenblick nur an einen Felsen gelehnt dalag. Seine Augen waren so weit aufgerissen und reglos, daß er sicherlich von jedem möglichen Passanten bereits für tot gehalten worden wäre. Dann trank er gierig, hielt den Becher in beiden Händen und war so sehr mit dem Getränk beschäftigt, daß er die verderblichen, pulsierenden Schmerzen in den Stummeln seiner Finger kaum bemerkte.

Süß! Ihr Götter, wie süß! Wie süß! Wie

Einer der kleinen flachen Eiswürfel in dem Getränk geriet ihm in den Hals. Er hustete, klopfte sich auf die Brust und würgte ihn heraus. Jetzt verspürte er neue Kopfschmerzen: die silbrigen Schmerzen, die davon herrühren, wenn man etwas zu Kaltes zu schnell trinkt.

Er lag still da und spürte sein Herz wie einen durchgedrehten Motor klopfen, spürte frische Energie so schnell in seinen Körper strömen, daß ihm war, als könnte er tatsächlich explodieren. Ohne darüber nachzudenken, was er tat, riß er ein weiteres Stück von seinem Hemd ab — es würde bald nur noch ein Lumpen sein, der um seinen Hals hing — und legte es über ein Bein. Wenn das Getränk leer war, würde er das Eis in den Stoffetzen kippen und daraus eine Packung für seine verletzte Hand machen. Aber seine Gedanken waren anderswo.

Süß! schrien sie immer und immer wieder und versuchten, den Sinn dessen zu erfassen oder sich wenigstens davon zu überzeugen, daß es einen Sinn gab, so sehr wie Eddie sich davon überzeugt hatte, daß der andere ein wahrhaftiges Wesen gewesen war und nicht eine Geistesverwirrung, die lediglich einen anderen Teil von ihm darstellte, der versuchte, ihn zu überlisten. Süß! Süß! Süß!

Das dunkle Getränk war mit Zucker versetzt, mit mehr noch, als selbst Marten — der hinter seinem ernsten asketischen Äußeren ein gewaltiges Leckermaul gewesen war — sich am Morgen oder Nachmittag in den Kaffee getan hatte.

Zucker… weiß… Pulver

Der Blick des Revolvermanns wanderte zu den Beuteln, die unter dem Gras, mit dem er sie zugedeckt hatte, kaum zu sehen waren, und fragte sich kurz, ob der Stoff in den Beuteln und der in dem Getränk ein und dasselbe sein mochten. Er wußte, daß Eddie ihn hier drüben, wo sie zwei verschiedene körperliche Wesen waren, genau verstanden hatte; er vermutete, wenn er körperlich in Eddies Welt überwechselte (und er wußte instinktiv, daß das möglich war… doch sollte sich die Tür schließen, während er drüben weilte, würde er für immer dort sein, so wie Eddie für immer hiersein würde, sollte die Tür sich während seiner Anwesenheit in Rolands Welt schließen), würde er die Sprache dort ebenso perfekt verstehen. Von seinen Aufenthalten in Eddies Verstand wußte er, daß sich die Sprachen der beiden Welten von vorneherein ähnlich waren. Ähnlich, aber nicht identisch. Hier war ein Sandwich ein Belegter. Dort bedeutete pandschen, etwas zusammenzubrauen. Also… war es nicht möglich, daß die Droge, die Eddie Kokain nannte, in der Welt des Revolvermannes Zucker wurde?

Doch bei genauerem Nachdenken war das unwahrscheinlich. Eddie hatte dieses Getränk in aller Öffentlichkeit und mit dem sicheren Wissen gekauft, daß er von den Priestern des Zolls beobachtet wurde. Des weiteren wußte Roland instinktiv, daß er vergleichsweise wenig dafür bezahlt hatte. Sogar noch weniger als für die fleischgefüllten Belegten. Nein, Zucker war nicht Kokain, aber Roland konnte nicht begreifen, wie jemand in einer Welt, in der eine so starke Droge wie Zucker so reichlich und billig war, Kokain oder irgendeine andere illegale Droge begehren konnte.

Er sah die Fleischbelegten wieder an und verspürte erste Regungen von Hunger… und erkannte voll Staunen und verwirrter Dankbarkeit, daß er sich besser fühlte.

Das Getränk? Lag es daran? Am Zucker in dem Getränk?

Das mochte ein Teil davon sein — aber ein geringer Teil. Zucker konnte die Kräfte neu beleben, wenn sie nachließen; das wußte er seit seiner Kindheit. Aber Zucker konnte keine Schmerzen lindern oder das Feuer im Leib löschen, wenn eine Infektion ihn in einen Brennofen verwandelt hatte. Doch genau das war mit ihm geschehen… geschah immer noch.

Das konvulsivische Zittern hatte aufgehört. Der Schweiß auf seiner Stirn trocknete. Die Angelhaken, die seinen Hals aufgerauht hatten, schienen zu verschwinden. So unglaublich es war, es war auch eine unbestreitbare Tatsache, nicht nur Einbildung oder Wunschdenken. (Eine Frivolität wie das letztere hatte sich der Revolvermann seit unbekannten und unerfindlichen Jahrzehnten nicht mehr geleistet.)

Seine fehlenden Finger und Zehen pulsierten und brüllten immer noch, aber er glaubte, daß auch diese Schmerzen gedämpft waren.

Roland legte den Kopf zurück, machte die Augen zu und dankte Gott.

Gott und Eddie Dean.

Mach nicht den Fehler und schenke ihm dein Herz, Roland, murmelte eine Stimme aus den tieferen Regionen seines Verstandes — dies war nicht die nervöse, keifend-garstige Stimme des Mannes in Schwarz oder die rauhe von Cort; dem Revolvermann erschien sie wie die seines toten Vaters. Du weißt, was er für dich getan hat, hat er aus eigenen persönlichen Bedürfnissen heraus getan; so wie du weißt, daß diese Männer — und mögen sie auch Inquisitoren sein — teilweise oder völlig recht haben, was ihn anbelangt. Er ist ein schwaches Geschöpf und der Grund, weshalb sie ihn festgenommen haben, war weder falsch noch übelwollend. Er hat Stahl in sich, das will ich nicht bestreiten. Aber auch Schwäche. Er ist wie der Koch Hax. Hax vergiftete widerwillig… aber Widerwille hat nicht die Schreie der Toten verstummen lassen, deren Eingeweide zerfetzten. Und es gibt einen Grund, auf der Hut zu sein

Aber Roland brauchte keine Stimme, die ihm diesen anderen Grund nannte. Er hatte ihn in Jakes Augen gesehen, als diesem schließlich sein Zweck klar geworden war.

Mach nicht den Fehler und schenke ihm dein Herz.

Guter Rat. Du hast dir selbst geschadet, indem du freundschaftliche Gefühle für diejenigen gefaßt hast, denen letztlich geschadet werden mußte.

Bedenke deine Pflicht, Roland.

»Die habe ich nie vergessen«, krächzte er heiser, während die Sterne gnadenlos herabfunkelten und die Wellen ans Ufer dröhnten und die hummerähnlichen Monster ihre idiotischen Fragen schrien. »Wegen meiner Pflicht bin ich verdammt. Und weshalb sollten sich die Verdammten abwenden?«

Er fing an, die Fleischbelegten zu essen, die Eddie ‘dogs’ nannte.

Roland begeisterte die Vorstellung nicht, Dog — ‘Hund’ — zu essen, und verglichen mit dem Tun-Fisch schmeckte dies wie Abfälle aus der Gosse. Aber hatte er nach diesem wunderbaren Getränk ein Recht dazu, sich zu beschweren? Er glaubte nicht. Außerdem war das Spiel zu weit fortgeschritten, um sich über solche Kleinigkeiten Gedanken zu machen.

Er aß alles, dann kehrte er zu dem Ort zurück, wo sich Eddie jetzt befand, in einem magischen Gefährt, das auf einer Straße aus Metall dahinraste, welche von anderen solchen Gefährten bevölkert war… Dutzenden, vielleicht sogar Hunderten, und nicht ein einziges wurde von einem Pferd gezogen.

7

Eddie war bereit, während der Pizzalieferwagen näher kam; Roland in ihm war noch bereiter.

Nur eine weitere Version von Dianas Traum, dachte Roland. Was war in der Kiste? Der Goldpokal oder die Giftschlange? Und gerade als sie den Schlüssel herumdreht und die Hände auf den Deckel legt, hört sie ihre Mutter rufen: »Wach auf Diana! Zeit zu melken!«

Okay, dachte Eddie. Welches von beiden? Die Dame oder der Tiger?

Ein Mann mit blassem, pickligem Gesicht und großen Hasenzähnen sah zum Beifahrerfenster des Pizzawagens heraus. Es war ein Gesicht, das Eddie kannte.

»Hi, Col«, sagte Eddie ohne Begeisterung. Hinter Col Vincent saß der alte Doppelthäßlich am Steuer — so nannte Henry Jack Andolini.

Aber Henry sagt ihm das nie ins Gesicht, dachte Eddie. Nein, natürlich nicht. Jack so etwas ins Gesicht zu sagen, wäre eine todsichere Methode, ins Gras zu beißen. Er war ein hünenhafter Mann mit der vorspringenden Stirn eines Höhlenmenschen und einem dazu passenden Kiefer. Er war durch Heirat mit Enrico Balazar verwandt… eine Nichte, Kusine oder sonst eine Tussie. Seine gigantischen Hände klammerten sich an das Lenkrad des Lieferwagens wie die Hände eines Affen an einen Ast. Störrische Haarbüschel wuchsen ihm aus den Ohren. Eddie konnte momentan nur eines dieser Haarbüschel sehen, weil Jack Andolini im Profil blieb und sich nicht einmal umdrehte.

Der alte Doppelthäßlich. Aber nicht einmal Henry (der, wie Eddie zugeben mußte, nicht unbedingt immer der taktvollste Mensch auf Erden war) hatte ihn jemals den alten Doppeltdämlich genannt. Colin Vincent war nicht mehr als ein verherrlichter Dummkopf. Aber Jack hatte genügend Grips hinter seiner Neandertalerstirn, daß er Balazars erster Leutnant geworden war. Eddie gefiel die Tatsache nicht, daß Balazar einen so wichtigen Mann geschickt hatte. Das gefiel ihm überhaupt nicht.

»Hi, Eddie«, sagte Col. »Hab’ gehört, du hast ‘n wenig Ärger gehabt.«

»Nichts Unüberwindbares«, sagte Eddie. Er merkte, daß er erst den einen und dann den anderen Arm kratzte, eine der typischen Junkie-Gesten, die er so heftig unterdrückt hatte, während sie ihn in Gewahrsam gehabt hatten. Er zwang sich, damit aufzuhören. Aber Col lächelte, und Eddie verspürte den Drang, die geballte Faust durch dieses Lächeln hindurch- und auf der anderen Seite wieder hinauszuschlagen. Er hätte es vielleicht auch getan… wäre Jack nicht gewesen. Jack sah immer noch starr geradeaus, ein Mann, der seine eigenen bruchstückhaften Gedanken zu denken schien, während er die Welt in ihren simplen Primärfarben und elementaren Beweggründen betrachtete, zu denen ein Mann mit dieser Intelligenz (dachte man, wenn man ihn betrachtete) fähig war. Aber Eddie war der Überzeugung, daß Jack an einem einzigen Tag mehr sah als Col Vincent in seinem ganzen Leben.

»Schon, gut«, sagte Col. »Das ist gut.«

Schweigen. Col sah Eddie an, lächelte und wartete darauf, daß Eddie wieder den Junkie Shuffle anfangen würde, sich kratzen, von einem Bein aufs andere treten wie ein kleiner Junge, der aufs Klo muß, wartete hauptsächlich, bis Eddie fragen würde, was denn los sei und ob sie zufällig etwas Stoff bei sich hätten.

Eddie sah ihn einfach nur an, er kratzte sich nicht, bewegte sich überhaupt nicht mehr.

Ein leichter Wind wehte ein Ring-Ding-Packpapier über den Parkplatz. Das kratzende Geräusch seines Dahinschlitterns und das heulende Klopfen der lockeren Ventile des Lieferwagens waren die einzigen Laute.

Cols wissendes Grinsen wurde unsicher.

»Spring rein, Eddie«, sagte Jack, ohne sich umzudrehen. »Machen wir eine Spazierfahrt.«

»Wohin?« fragte Eddie, der genau Bescheid wußte.

»Zu Balazar.« Jack drehte sich nicht um. Er spreizte einmal die Hände am Lenkrad. Während er das tat, funkelte ein großer Ring aus massivem Gold, abgesehen von dem Onyx, der sich wie das Auge eines Rieseninsekts darauf wölbte, am dritten Finger seiner rechten Hand. »Er will wissen, was aus seiner Ware geworden ist.«

»Ich habe seine Ware. Sie ist sicher.«

»Fein. Dann hat keiner einen Grund, sich Sorgen zu machen«, sagte Jack Andolini, sah aber nicht herüber.

»Ich glaube, ich möchte erst hinaufgehen«, sagte Eddie. »Ich möchte mich umziehen, mit Henry sprechen…«

»Und dir einen Schuß setzen, vergiß das nicht«, sagte Col und grinste sein breites Grinsen mit den gelben Zähnen. »Aber du hast nichts, womit du dir einen Schuß setzen kannst, Dada.«

Dad-a-chum? dachte der Revolvermann in Eddies Verstand, und beide bebten ein wenig.

Col sah dieses Beben, und sein Grinsen wurde noch breiter. Aha, da ist er endlich, sagte dieses Grinsen. Der gute alte Junkie Shuffle. Einen Augenblick hatte ich mir doch glatt Sorgen gemacht, Eddie. Die Zähne, die bei der Verbreiterung dieses Grinsens sichtbar wurden, waren auch nicht besser als die bisherigen.

»Wie das?«

»Mr. Balazar fand, daß es besser wäre, wenn eure Wohnung clean ist«, sagte Jack, ohne sich umzudrehen. Er fuhr damit fort, die Welt zu beobachten, wie es jeder Beobachter bei einem solchen Mann für unmöglich gehalten haben würde. »Falls jemand vorbeischaut.«

»Zum Beispiel Leute mit Durchsuchungsbefehlen der Bundesbehörde«, sagte Col. Sein Gesicht verharrte und gaffte lüstern. Jetzt konnte Eddie spüren, wie auch Roland die Faust durch dieses Grinsen schlagen wollte, dessen verfaulte Zähne es so abstoßend machten, so irgendwie unverzeihlich. Diese Übereinstimmung der Empfindungen heiterte ihn ein wenig auf. »Er hat eine Putzkolonne geschickt, die die Wände abgewaschen und sämtliche Teppiche gesaugt hat, und er wird dir keinen roten Cent dafür in Rechnung stellen, Eddie!«

Jetzt wirst du fragen, was ich habe, sagte Cols Grinsen. O ja, jetzt wirst du fragen, Eddie, mein Junge. Du kannst den Schneemann vielleicht nicht ausstehen, aber seinen Schnee unbedingt, oder? Und wo du jetzt weißt, wie Balazar sichergestellt hat, daß dein privater Vorrat verschwunden ist

Plötzlich flackerte ein häßlicher und furchteinflößender Gedanke durch seinen Verstand. Wenn der Stoff weg war…

»Wo ist Henry?« fragte er plötzlich und so schroff, daß Col überrascht zurückzuckte.

Endlich drehte Jack Andolini den Kopf. Er machte es langsam, als wäre es etwas, das er nur sehr selten tat, unter großen persönlichen Opfern. Man erwartete fast, alte, ungeölte Scharniere unter seinem Stiernacken quietschen zu hören.

»In Sicherheit«, sagte er, und dann drehte er den Kopf ebenso langsam wieder in seine ursprüngliche Haltung zurück.

Eddie stand neben dem Pizzalieferwagen und versuchte, die Panik zu unterdrücken, die in ihm aufstieg und drohte, das zusammenhängende Denken zu ertränken. Plötzlich war der Drang nach einem Schuß, den er bislang ziemlich gut im Zaum gehalten hatte, überwältigend stark. Er brauchte einen Schuß. Nach einem Schuß konnte er denken, konnte sich beherrschen…

Hör auf, brüllte Roland so laut in seinem Kopf, daß Eddie zusammenzuckte (und Col, der Eddies schmerzverzerrtes Gesicht irrtümlich für einen weiteren kleinen Schritt des Junkie Shuffle hielt, fing wieder an zu grinsen). Hör auf! Ich bin alle Beherrschung, die du brauchst!

Du verstehst das nicht! Er ist mein Bruder! Er ist mein verdammter Bruder! Balazar hat meinen Bruder!

Du redest, als wäre das ein Wort, das ich noch nie vorher gehört habe. Fürchtest du um ihn?

Ja! Mein Gott, ja!

Dann solltest du tun, was sie von dir erwarten. Weine. Winde dich und flehe. Bitte sie um diesen Schuß. Ich bin sicher, sie rechnen damit, und ich bin sicher, sie haben ihn. Mach das alles, sieh zu, daß sie deiner sicher sind, dann kannst du davon ausgehen, daß alle deine Befürchtungen gerechtfertigt sind.

Ich verstehe nicht, was du m

Ich meine, wenn du jetzt Schwäche zeigst, dann wirst du das Risiko, daß dein kostbarer Bruder getötet wird, immens vergrößern. Möchtest du das?

Schon gut. Ich bin cool. Es hört sich vielleicht nicht so an, aber ich bin cool.

Nennst du es so? Also gut. Ja. Dann sei cool.

»So sollte das Geschäft nicht ablaufen«, sagte Eddie, der an Col vorbei und direkt in Jack Andolinis Haarbüschelohr sprach. »Dafür habe ich Balazars Ware nicht gerettet und die Klappe gehalten, wo jeder andere fünf Namen für jedes Jahr weniger in der Anklage ausgespuckt hätte.«

»Balazar war der Meinung, dein Bruder wäre bei ihm sicherer«, sagte Jack, ohne sich umzudrehen. »Er hat ihn in Schutzhaft genommen.«

»Schön und gut«, sagte Eddie. »Dann dankst du ihm in meinem Namen, sagst ihm, ich bin wieder da, seine Ware ist sicher, und ich kann mich allein um Henry kümmern, so wie Henry sich immer um mich gekümmert hat. Sag ihm, ich habe ein Sechserpack auf Eis, und wenn Henry die Wohnung betritt, werden wir es uns teilen und anschließend in die Stadt kommen und das Geschäft so abwickeln, wie es geplant war. Wie wir es besprochen haben.«

»Balazar will dich sehen, Eddie«, sagte Jack. Seine Stimme war makellos, unbewegt. Er drehte den Kopf nicht. »Steig in den Lieferwagen ein.«

»Den kannst du dir dorthin stecken, wo die Sonne nicht hin scheint, Arschloch«, sagte Eddie und ging auf die Eingangstür des Wohnblocks zu.

8

Es war eine kurze Strecke, aber er hatte sie kaum halb bewältigt, als sich Andolinis Hand mit der Kraft eines Schraubstocks um seinen Oberarm legte. Sein Atem war heiß wie der eines Bullen in Eddies Nacken. Er hatte das alles in einem Zeitraum fertiggebracht, die man seinem Gehirn zugetraut hätte, seine Hand zum Öffnen der Autotür zu bewegen, wenn man ihn ansah.

Eddie drehte sich um.

Sei cool, Eddie, flüsterte Roland.

Cool, antwortete Eddie.

»Dafür könnte ich dich umbringen«, sagte Andolini. »Niemand sagt mir, daß ich mir was in den Arsch stecken soll, besonders kein kleiner Scheißer von einem Junkie, wie du einer bist.«

»Scheiß doch drauf«, schrie Eddie ihn an. Aber es war ein berechnender Schrei. Ein cooler Schrei, wenn man das kapieren konnte. Sie standen da, zwei dunkle Gestalten im goldenen horizontalen Licht eines Sonnenuntergangs im Frühsommer in der Wüste von Sozialwohnungen, die die Co-Op City der Bronx bilden, und die Leute hörten den Schrei und hörten das Wort umbringen, und wenn ihre Radios eingeschaltet waren, machten sie sie lauter, und wenn ihre Radios nicht eingeschaltet waren, schalteten sie sie ein und machten sie dann lauter, weil es so besser war, sicherer.

»Rico Balazar hat sein Wort gebrochen! Ich habe meinen Kopf für ihn riskiert, aber er seinen nicht für mich! Und eben darum sage ich dir, du sollst es dir in deinen verschissenen Arsch stecken, und ich sage ihm, er soll es sich in seinen verschissenen Arsch stecken, ich sage überhaupt jedem, dem ich es sagen will, er soll es sich in seinen verschissenen Arsch stecken!«

Andolini sah ihn an. Seine Augen waren so braun, daß es aussah, als wären sie ins Weiß geflossen und hätten das Gelb verblichenen Pergaments daraus gemacht.

»Ich sage Präsident Reagan, er soll es sich in seinen Arsch stecken, wenn er mir gegenüber sein Wort bricht, und scheiß auf seine Hämorrhoiden oder was immer er hat!«

Die Echos der Worte verhallten auf Backstein und Beton. Ein einziges Kind, dessen Haut gegen die weißen Basketballhosen und hohen Turnschuhe sehr dunkel aussah, stand ihnen gegenüber auf dem Spielplatz und beobachtete sie; seinen Basketball hielt es locker in der Beuge des Ellbogens an sich gepreßt.

»Fertig?« fragte Andolini, als das letzte Echo verklungen war.

»Ja«, sagte Eddie mit vollkommen normaler Stimme.

»Okay«, sagte Andolini. Er spreizte die anthropoiden Finger und lächelte. Und als er lächelte, geschahen gleichzeitig zwei Dinge; das erste war sein Charme, der so überraschend war, daß er den Leuten jede Möglichkeit der Gegenwehr nahm; das zweite war, man sah, wie intelligent er wirklich war. Wie gefährlich intelligent. »Können wir jetzt von vorne anfangen?«

Eddie strich mit den Händen durch das Haar, überkreuzte kurz die Arme, so daß er beide gleichzeitig kratzen konnte, und sagte: »Sollten wir wohl besser, denn dies führt zu nichts.«

»Okay«, sagte Andolini. »Niemand hat was gesagt, und niemand hat irgendwen beleidigt.« Dann fügte er, ohne den Kopf zu drehen oder den Rhythmus seiner Sprache zu unterbrechen, hinzu: »Steig in den Lieferwagen ein, Dummsack.«

Col Vincent, der durch die Tür, die Andolini offengelassen hatte, vorsichtig aus dem Lieferwagen ausgestiegen war, stieg so hastig wieder ein, daß er sich den Kopf anschlug. Er rutschte über die Sitzbank, sank mürrisch in seine vorherige Haltung und rieb sich den Schädel.

»Du solltest einsehen, daß sich das Geschäft geändert hat, als dich die Leute vom Zoll hopsgenommen haben«, sagte Andolini vernünftig. »Balazar ist ein großer Mann. Er muß Interessen schützen. Menschen beschützen. Und wie es der Zufall will, ist dein Bruder Henry einer von diesen Menschen. Glaubst du, daß das Scheiße ist? Wenn ja, solltest du lieber darüber nachdenken, wie Henry jetzt ist.«

»Mit Henry ist alles in Ordnung«, sagte Eddie, aber er wußte es besser und konnte dieses Wissen nicht aus seiner Stimme heraushalten. Er hörte es, und er wußte, Jack Andolini hatte es auch gehört. Es schien neuerdings so, als wäre Henry ununterbrochen high. Er hatte sich mit Zigaretten Löcher in die Hemden gebrannt. Er hatte sich mit dem elektrischen Dosenöffner eine Scheißwunde an der Hand zugefügt als er eine Dose Calo für Potzie, ihre Katze, aufgemacht hatte. Eddie wußte nicht, wie man sich mit einem elektrischen Dosenöffner schneiden konnte, aber Henry hatte es geschafft. Manchmal lagen auf dem Küchentisch pulverförmige Reste von Henrys Sachen, oder Eddie fand verkohlte Überreste im Waschbecken im Bad.

Henry, sagte er dann immer, Henry, du solltest darauf achten, es gerät außer Kontrolle, du bist eine wandelnde Feuersbrunst, die nur darauf wartet, zu entflammen.

Ja, okay, kleiner Bruder, antwortete Henry darauf, null Problemo, ich hab’ alles unter Kontrolle. Aber wenn er manchmal Henrys äschernes Gesicht und die ausgebrannten Augen ansah, dann wußte Eddie, daß Henry nie mehr irgend etwas unter Kontrolle haben würde.

Was er Henry sagen wollte, aber nicht konnte, hatte nichts damit zu tun, daß Henry sich umbrachte oder sie beide umbrachte. Er wollte sagen: Henry, sieht so aus, als würdest du nach einem Zimmer suchen, in dem du sterben kannst. Den Eindruck habe ich, und ich will, daß du verdammt noch mal damit aufhörst. Denn wenn du stirbst, wofür soll ich dann noch leben?

»Mit Henry ist nicht alles in Ordnung«, sagte Jack Andolini. »Er braucht jemanden, der auf ihn aufpaßt. Er braucht… wie heißt der Song? A bridge over troubled water — eine Brücke über unruhige Gewässer. Il Roche ist diese Brücke.«

Il Roche ist eine Brücke in die Hölle, dachte Eddie. Laut sagte er: »Ist Henry dort? Bei Balazar?«

»Ja.«

»Ich gebe ihm seine Ware, er gibt mir Henry?«

»Und deine Ware«, sagte Andolini, »vergiß das nicht.«

»Mit anderen Worten, das Geschäft wird normal abgewickelt.«

»Richtig.«

»Und jetzt erzähl mir bloß noch, daß du wirklich glaubst, es wird so laufen. Komm schon, Jack. Sag es mir. Ich will sehen, ob du es mir sagen kannst, ohne eine Miene zu verziehen. Und wenn du es sagen kannst, ohne eine Miene zu verziehen, will ich sehen, wie sehr deine Nase dabei wächst.«

»Ich verstehe dich nicht, Eddie.«

»Aber sicher. Balazar glaubt, daß ich seine Ware habe? Wenn er das denkt, dann muß er dumm sein, und ich weiß, daß er nicht dumm ist.«

»Ich weiß nicht, was er denkt«, sagte Andolini gelassen. »Ist nicht meine Aufgabe zu wissen, was er denkt. Er weiß, du hattest seine Ware, als du die Inseln verlassen hast, er weiß, der Zoll hat dich geschnappt und wieder laufen lassen, er weiß, du bist hier und nicht auf dem Weg ins Rikers, und daher weiß er, seine Ware muß irgendwo sein.«

»Und er weiß auch, daß der Zoll noch an mir klebt wie der Gummianzug an einem Taucher, weil Sie es wissen und ihm eine Art kodierte Nachricht über den Funk des Lieferwagens geschickt haben. So etwas wie ‘Doppelte Portion Käse, keine Sardellen’, richtig, Jack?«

Jack Andolini sagte nichts und sah gelassen drein.

»Aber sie haben ihm nur etwas gesagt, das er ohnehin schon wußte. Als würde man die Punkte eines Strichbilds verbinden, nachdem man schon gesehen hat, was es ist.«

Andolini stand im goldenen Licht des Sonnenuntergangs, das langsam hochofenorange wurde, sah weiter gelassen aus und sagte kein einziges Wort.

»Er denkt, sie haben mich umgekrempelt. Er denkt, sie benützen mich. Er denkt, ich sei dumm genug, mich benützen zu lassen. Kann ich ihm eigentlich nicht verdenken. Ich meine, warum nicht? Ein Fixer wird alles tun. Möchtest du nachsehen, ob ich eine Wanze habe?«

»Ich weiß, daß du keine hast«, sagte Andolini. »Ich habe etwas im Wagen. Ähnlich wie ein Störsender, nur fängt es kurze Funkübertragungen auf. Und was mich betrifft, ich glaube nicht, daß du für die Bullen arbeitest.«

»Ach ja?«

»Ja. Also steigen wir jetzt in den Lieferwagen und fahren wir in die Stadt, oder was?«

»Habe ich eine Wahl?«

Nein, sagte Roland in seinem Kopf.

»Nein«, sagte Andolini.

Eddie kam mit zum Lieferwagen. Der Junge mit dem Basketball stand immer noch auf der anderen Straßenseite.

»Verschwinde von hier, Junge«, sagte Eddie. »Du bist nie hier gewesen, du hast nichts und niemanden gesehen. Verpiß dich.«

Der Junge lief weg.

Col grinste ihn an.

»Rutsch rüber, Kumpel«, sagte Eddie.

»Ich finde, du solltest in der Mitte sitzen, Eddie.«

»Rutsch rüber«, wiederholte Eddie. Col sah ihn an, dann Andolini, der ihn aber nicht ansah, sondern lediglich die Fahrertür schloß und gelassen geradeaus sah wie Buddha an seinem freien Tag und es ihnen überließ, die Sitzordnung auszuarbeiten. Col sah Eddie noch einmal ins Gesicht und beschloß dann zu rutschen.

Sie fuhren nach New York — und obwohl der Revolvermann (der lediglich staunend noch größere und anmutigere Bauwerke betrachten konnte, und Brücken, die einen breiten Fluß wie stählerne Spinnweben überspannten, und Luftgefährte mit Rotoren, die wie seltsame, von Menschenhand geschaffene Insekten oben schwebten) es nicht wußte, war der Ort, zu dem sie fuhren, der Turm.

9

Enrico Balazar glaubte — wie Andolini — nicht, daß Eddie Dean für die Bundesbehörde arbeitete; Balazar wußte es, wie Andolini.

Die Bar war leer. Auf dem Schild an der Tür stand HEUTE ABEND GESCHLOSSEN. Balazar saß in seinem Büro und wartete darauf, daß Andolini und Col Vincent mit dem jungen Dean zurückkamen. Seine beiden persönlichen Leibwächter, Claudio Andolini, Jacks Bruder, und ‘Cimi Dretto, waren bei ihm. Sie saßen auf dem Sofa links von Balazars großem Schreibtisch und sahen fasziniert zu, wie das Kartenhaus, das Balazar baute, wuchs. Die Tür war offen. Hinter der Tür folgte ein kurzer Flur. Rechts führte er in den rückwärtigen Teil der Bar und die anschließende kleine Küche, wo ein paar einfache Nudelgerichte zubereitet wurden. Links befand sich das Büro der Buchhaltung und das Lager. In der Buchhaltung saßen drei weitere von Balazars ‘Herren’ — wie sie genannt wurden — und spielten mit Henry Dean Trivial Pursuit.

»Okay«, sagte George Biondi, »das ist wieder eine leichte, Henry. Henry? Bist du da, Henry? Erde an Henry, die Erdenmenschen brauchen dich. Bitte kommen, Henry. Ich wiederhole: Bitte kommen, H…«

»Ich bin da, ich bin da«, sagte Henry. Seine Stimme war die undeutliche, nuschelnde Stimme eines Mannes, der noch schläft, seiner Frau aber sagt, daß er wach ist, damit sie ihn noch fünf Minuten in Ruhe läßt.

»Okay. Es handelt sich um die Rubrik Kunst und Unterhaltung. Die Frage lautet… Henry? Schlaf mir verdammt noch mal nicht ein, Arschloch!«

»Ich schlafe nicht!« schrie Henry quengelig zurück.

»Okay. Die Frage lautet: ‘Welcher ungeheuer populäre Roman von William Peter Blatty, der im vornehmen Vorort Georgetown in Washington D. C. spielt, handelt von der dämonischen Besessenheit eines jungen Mädchens?«’

»Johnny Cash«, antwortete Henry.

»Mein Gott!« schrie Tricks Postino. »Das sagst du zu allem! Johnny Cash, das sagst du zu verdammt allem!«

»Johnny Cash ist alles«, antwortete Henry ernst, und darauf folgte ein Augenblick des Schweigens, der in seiner nachdenklichen Überraschung fast greifbar war… und dann eine körnige Lachsalve nicht nur von den Männern, die mit Henry im Zimmer waren, sondern auch von den beiden anderen ‘Herren’ im Lagerraum.

»Soll ich die Tür zumachen, Mr. Balazar?« fragte ‘Cimi leise.

»Nein, schon gut«, sagte Balazar. Er war ein Sizilianer zweiter Generation, aber seine Sprache hatte nicht die Spur eines Akzents, und es war auch nicht die Sprache eines Mannes, dessen Ausbildung auf der Straße stattgefunden hatte. Anders als viele seiner Zeitgenossen in dem Geschäft, hatte er die High-School abgeschlossen. Hatte sogar noch mehr getan: Er hatte zwei Jahre lang die Berufsschule besucht — NYU. Seine Stimme war, wie seine Geschäftsmethoden, leise und kultiviert und amerikanisch, und das machte seine körperliche Erscheinung ebenso täuschend wie die von Jack Andolini. Leute, die seine deutliche amerikanische Stimme zum erstenmal hörten, sahen fast immer verblüfft drein, als hörten sie eine besonders gute Bauchrednernummer. Er sah aus wie ein Farmer oder Restaurantsbesitzer oder kleiner Mafioso, der eher Erfolg gehabt hatte, weil er immer zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war, als wegen seiner Geisteskräfte. Er sah aus wie jemand, den die Klugscheißer einer vergangenen Generation ‘Schnurrbart-Pete’ genannt hatten. Er war ein dicker Mann, der sich wie ein Bauer kleidete. An diesem Abend trug er ein schlichtes weißes Baumwollhemd, das am Hals offen war (er hatte große Schwitzflecke unter den Achseln) und ebenso schlichte graue Stoffhosen. An den plumpen, bloßen Füßen hatte er braune Hausschuhe, die so alt waren, daß sie mehr wie Slipper denn Schuhe aussahen. Blaue und purpurne Krampfadern wanden sich auf seinen Knöcheln.

‘Cimi und Claudio sahen ihm fasziniert zu.

In den alten Zeiten hatten sie ihn Il Roche genannt — der Fels. Manche der Altvorderen nannten ihn immer noch so. In der rechten oberen Schublade seines Schreibtisches, wo andere Geschäftsleute Blöcke, Kugelschreiber, Büroklammern und dergleichen aufbewahren mochten, hatte Enrico Balazar immer drei Blatt Spielkarten. Aber er spielte nicht damit.

Er baute damit.

Er nahm zwei Karten und lehnte sie aneinander, so daß ein A ohne den Querstrich entstand. Daneben baute er ein weiteres A. Auf die Spitzen dieser beiden legte er eine Karte, so daß ein Dach entstand. Er machte ein A nach dem anderen und legte eine Karte darüber, bis das Kartenhaus seinen ganzen Schreibtisch einnahm. Beugte man sich hinab und sah hinein, erblickte man etwas, das wie ein Bienenstock aus Dreiecken aussah. ‘Cimi hatte diese Häuser Hunderte Male zusammenfallen sehen (auch Claudio hatte es oft gesehen, aber nicht so oft, weil er dreißig Jahre jünger war als ‘Cimi, der damit rechnete, daß er sich zusammen mit seinem Miststück von einer Frau bald in den Ruhestand auf eine Farm im nördlichen New Jersey zurückziehen konnte, die ihnen gehörte, wo er seine ganze freie Zeit dem Garten widmen würde… und dem Versuch, länger zu leben als das Miststück, das er geheiratet hatte; nicht seine Schwiegermutter, er hatte schon längst jedwedes Wunschdenken aufgegeben, das er einst gehegt haben mochte, er könnte einmal Fettucine beim Leichenschmaus von La Monstra essen. La Monstra war ewig, aber das Miststück zu überleben, dafür bestand immerhin eine geringe Hoffnung; sein Vater hatte ein Sprichwort gehabt, das übersetzt so etwas wie ‘Gott pißt dir jeden Tag die Rückseite deines Halses hinunter, aber er ertränkt dich nur einmal’ bedeutete. ‘Cimi war sich nicht ganz sicher, glaubte aber, das hieß, daß Gott letztendlich doch ein ziemlich guter Kerl war, und von daher konnte er wenigstens hoffen, daß er die eine überlebte, wenn nicht die andere), aber er war nur einmal Zeuge geworden, wie Balazar bei einem solchen Zusammenstürzen die Beherrschung verloren hatte. Meistens war ein Mißgeschick der Grund dafür — jemand schlug in einem Nebenzimmer eine Tür heftig zu, oder ein Betrunkener stolperte gegen eine Wand; zuzeiten hatte ‘Cimi ein Kartenhaus, für dessen Bau Mr. Balazar (den er immer noch Da Boß nannte, wie eine Figur in einem Chester Gould-Comic strip) Stunden aufgewendet hatte, zusammenstürzen gesehen, weil der Baß der Musikbox zu laut war. Mitunter stürzten die ätherischen Gebilde ohne ersichtlichen Grund zusammen. Einmal — dies war eine Geschichte, die er wenigstens fünftausendmal erzählt hatte und der jede Person, die er kannte, abgesehen von ihm selbst, überdrüssig geworden war — hatte Da Boß von den Trümmern zu ihm aufgesehen und gesagt: »Siehst du das, ‘Cimi? Dies ist die Antwort für jede Mutter, die jemals Gott verflucht hat, weil ihr Kind tot auf der Straße lag, für jeden Vater, der jemals den Mann verfluchte, der ihn ohne Arbeit von der Fabrik fortgeschickt hat, für jedes Kind, das jemals geboren wurde, Schmerzen zu erdulden, und sich nach dem Warum fragt. Unser Leben ist wie diese Häuser, die ich baue. Manchmal stürzen sie mit Grund ein, manchmal stürzen sie völlig ohne Grund ein.«

Für Carlocimi Dretto war dies die profundeste Darstellung des menschlichen