/ Language: Deutsch / Genre:thriller

In einer kleinen Stadt

Stephen King


In einer kleinen Stadt

Stephen King

1991

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Castle Rock, Main: Eine kleine Stadt, die schon Cujo, der tollwütige Hund in Aufruhr versetzte. Auch George Stark, das zu einem mörderischen Leben erwachte Pseudonym des Schriftstellers Thad Beaumont, trieb dort sein Unwesen. Sheriff Alan Pangborn, an der Vernichtung des bösartigen Monsters maßgeblich beteiligt, sorgt noch immer für Ruhe und Ordnung.

Castle Rock ist eine Stadt, in der kleine Leute leben. Polly Chalmers zum Beispiel mit ihrer Näherei. Oder Hugh Priest, der den städtischen Müllwagen fährt und auf sein Leben zurückblickt, das ihm nicht viel Glück bescherte. Oder Danforth Keeton, der in einer argen Klemme steckt. oder Myra Evans. Oder Nettie Cobb…

Und dann kommen Fremde in die Stadt, Leland Gaunt. Aus Akron, Ohio, wie er behauptet — weiß der Geier, wo er wirklich herkommt. Er eröffnet einen Laden; Needful Things steht auf seinem Schild. Alge Baseballkarten gibt es dort zu kaufen, Vasen, Art Déco-Lampenschirme, Elvis-Presley-Fotos; bei Needful Things findet jeder der kleinen Leute von Castle Rock, was er zu seinem Leben braucht.

Und natürlich hat alles seinen Preis. Leland Gaunt hat Spaß an seinem Laden. Aber Preisschilder stellt er nicht auf. Der größte Spaß besteht für ihn darin, herauszufinden, was die kleinen Leute von Castle Rock für ihre geheimsten Träume, ihre verborgenen Sehnsüchte zu zahlen bereit sind. Billig ist nichts bei Needful Things. Wer dort kauft, verändert sein Leben.

Leland Gaunt weiß, was Menschen einander antun können. Auch Alan, der Sheriff, und Polly, beide ihren persönlichen Heimsuchungen ausgeliefert, erleben eine Zeit schlimmer Prüfungen — Prüfungen des Willens und des Verlangens. Es muß sich erweisen, ob sie fähig sind zu erkennen, was und wer ihr Widersacher in Wirklichkeit ist. Ihre Chancen, die Prüfung zu bestehen, sind gering — ebenso gering wie die der anderen kleinen Leute von Castle Rock.

Inhaltsverzeichnis

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I  GALA-ERÖFFNUNG

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II  SONDERANGEBOTE

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SIE WAREN SCHON EINMAL HIER

Für Chris Lavin —

er weiß auch nicht alle Antworten,

aber die, auf die es ankommt

Ladies and gentlemen, attention, please!

Come in close u’here everyone can see!

I got a tale to tell, it isn’t gonna cost a dime!

And if you believe that,

we’re gonna get along just fine.

— Steve Earle “Snake OH.”

I have heard of many going astray even in the village streets, when the darkness was so thick you could cut it with a knife, as the saying is

— Henry David Thoreau

Walden

SIE WAREN SCHON EINMAL HIER

Aber klar doch. Sicher. Ein Gesicht wie Ihres vergesse ich nie.

Kommen Sie herüber, lassen Sie mich Ihre Hand schütteln! Wissen Sie, ich habe Sie schon am Gang erkannt, noch bevor ich Ihr Gesicht gesehen habe. Sie hätten sich für Ihre Rückkehr nach Castle Rock keinen besseren Tag aussuchen können. Ist das nicht ein Prachtwetter? Bald fängt die Jagdzeit an, wo die Idioten in den Wäldern auf alles schießen, was sich bewegt und nicht leuchtendes Orange trägt, und dann kommen der Schnee und die Graupelschauer — aber all das hat noch ein Weilchen Zeit. Jetzt haben wir Oktober, und in The Rock lassen wir den Oktober dauern, so lange er mag.

Für mich ist das die beste Zeit des Jahres. Der Frühling ist schön hier, aber ich ziehe jederzeit den Oktober dem Mai vor. Der Westen von Maine ist ein Landstrich, der fast in Vergessenheit gerät, wenn der Sommer den Laden dichtmacht und all die Leute von ihren Cottages am See und oben auf dem View nach New York und Massachusetts zurückgekehrt sind. Die Leute hier sehen sie Jahr für Jahr kommen und gehen — hallo, hallo, hallo; auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, auf Wiedersehen. Es ist gut, wenn sie kommen, weil sie ihre Stadtdollars mitbringen, aber es ist auch gut, wenn sie gehen — ihre Stadtprobleme bringen sie nämlich auch mit.

Und Probleme sind es, über die ich vor allem reden möchte — können wir uns ein Weilchen hinsetzen? Am besten auf den Stufen zum Musikpavillon da drüben. Die Sonne scheint warm, und von hier, mitten im Stadtpark, kann man fast das ganze Geschäftsviertel überblicken. Sie müssen nur wegen der Splitter aufpassen. Die Stufen müssen abgeschliffen und frisch gestrichen werden. Das ist Hugh Priests Job, aber Hugh ist noch nicht dazu gekommen. Er trinkt, müssen Sie wissen. Das ist kein großes Geheimnis. In Castle Rock können die Leute Geheimnisse wahren, und sie tun es auch, aber das ist schwere Arbeit, und es ist schon lange her, seit zwischen Hugh Priest und schwerer Arbeit etwas bestand, das man als gutes Einvernehmen bezeichnen könnte.

Was das ist?

Ach, das. Also wissen Sie, mein Junge — ist das nicht ein schönes Stückchen Arbeit? Diese Zettel überall in der Stadt! Ich glaube, Wanda Hemphill (ihrem Mann Don gehört Hemphills’ Market) hat die meisten davon selbst angebracht. Reißen Sie’s ab und geben Sie es mir. Seien Sie nicht so ängstlich — es hat ohnehin niemand das Recht, den Musikpavillon im Stadtpark mit Zetteln zu bepflastern.

Heiliger Strohsack! Sehen Sie sich das an! WüRFEL UND DER TEUFEL, das steht ganz oben auf dem Zettel. In dicken, roten Buchstaben, aus denen Rauch aufsteigt, als wären die Dinger in der Hölle aufgegeben und durch Eilboten ausgeliefert. Ha! Jemand, der nicht weiß, was für ein verschlafenes kleines Nest diese Stadt ist, könnte wirklich glauben, es ginge allmählich abwärts mit uns. Aber Sie wissen ja, wie sich in einer Stadt dieser Größe die Dinge manchmal über jedes vernünftige Maß hinaus aufblähen. Und diesmal hat Reverend Willi zweifellos eine Hornisse unter der Bettdecke. Gar keine Frage. Kirchen in kleinen Städten … nun, ich glaube, darüber brauche ich Ihnen nicht viel zu erzählen. Sie kommen miteinander aus — so einigermaßen —, aber so richtig selig miteinander sind sie nie. Eine Zeitlang geht alles friedlich vonstatten, und eines Tages ist dann der Krach wieder voll im Gange.

Aber diesmal ist es ein ziemlich heftiger Krach, und er wird mit großer Erbitterung ausgetragen. Die Katholiken, müssen Sie wissen, wollen in der Halle der Kolumbus-Ritter am anderen Ende der Stadt etwas veranstalten, das sie Kasino-Nacht nennen. Am letzten Freitag des Monats, soviel ich weiß; der Reingewinn soll für Reparaturen am Dach der Kirche verwendet werden. Das ist Our Lady of Serene Waters — Sie müssen auf der Fahrt in die Stadt daran vorbeigekommen sein, wenn Sie durch Castle View gekommen sind. Hübsche kleine Kirche, nicht wahr?

Die Kasino-Nacht war Father Brighams Idee, aber es waren die Töchter der Isabella, die den Ball aufgefangen haben und damit losgerannt sind. Vor allem Betsy Vigue. Ich nehme an, ihr gefällt die Idee, sich in ihr raffiniertestes Schwarzes zu zwängen und Karten auszuteilen oder ein Rouletterad in Bewegung zu versetzen und zu sagen: “Ihre Einsätze bitte, meine Damen und Herren. Ihre Einsätze bitte.” Aber ich glaube, sie sind alle mehr oder weniger begeistert. Es wird zwar nur um Pfennige und Groschen gespielt, völlig harmlos, aber das Gefühl, ein bißchen verrucht zu sein, ist ja auch was.

Aber für Reverend Willie ist es keineswegs harmlos, und anscheinend halten er und seine Gemeinde es für mehr als nur ein bißchen verrucht. Eigentlich heißt er Reverend William Rose; Father Brigham hat er noch nie so recht gemocht, und der Father hält von ihm auch nicht sonderlich viel. (Übrigens war es Father Brigham, der damit angefangen hat, Reverend Rose “Steamboat Willie” zu nennen, und das weiß Reverend Willie.)

Zwischen diesen beiden Medizinmännern sind schon früher die Funken geflogen. Aber diese Sache mit der Kasino-Nacht ist mehr als nur ein Funken; man könnte schon von einem Buschfeuer reden. Als Willie hörte, daß die Katholiken vorhaben, in der Halle der Kolumbus-Ritter eine Nacht lang dem Glücksspiel zu frönen, ist er in die Luft gegangen. Er hat diese WüRFEL UND DER TEUFEL-Anschläge aus eigener Tasche bezahlt, und Wanda Hemphill und ihre Freundinnen aus dem Nähkränzchen haben sie überall angeklebt. Seitdem ist der einzige Ort, an dem die Katholiken und die Baptisten noch miteinander reden, die Leserbriefspalte in unserer kleinen Wochenzeitung, wo sie gegeneinander toben und wüten und einer dem anderen versichert, sein Weg führte stracks zur Hölle.

Schauen Sie dort hinunter, dann verstehen Sie, was ich meine. Die Frau, die gerade aus der Bank kommt, ist Nan Roberts. Ihr gehört Nan’s Luncheonette, und seit sich Pop Merrill zur ewigen Ruhe begeben hat, dürfte sie die reichste Frau der Stadt sein. Außerdem ist sie Baptistin, seit Hektor in den Windeln lag. Und aus der anderen Richtung kommt Al Gendron. Er ist so katholisch, daß neben ihm der Papst wie ein Waisenkind aussieht, und der Ire Johnny Brigham ist sein bester Freund. So, und nun schauen Sie genau hin! Sehen Sie, wie ihre Nasen hochgehen! Ha! Ist das nicht ein Schauspiel? Ich wette Dollars gegen Datteln, daß die Temperatur um zehn Grad gesunken ist, als die beiden aneinander vorbeigingen. Wie meine Mutter immer zu sagen pflegte — Leute haben mehr Spaß als sonst jemand, ausgenommen Pferde, und die merken es nicht.

Und nun schauen Sie dort hinüber. Sehen Sie den Streifenwagen, der vor dem Videoshop am Bordstein parkt? Das ist John LaPointe, der da drin sitzt. Er soll eigentlich nach Rasern Ausschau halten — im Geschäftsviertel darf man kaum mehr als Schritt fahren, müssen Sie wissen, vor allem, wenn die Schule aus ist —, aber wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie, daß er in Wirklichkeit auf ein Foto starrt, das er aus seiner Brieftasche herausgeholt hat. Ich kann es zwar von hier aus nicht sehen, aber um was es sich handelt, weiß ich so genau, wie ich den Mädchennamen meiner Mutter kenne. Das ist der Schnappschuß, den Andy Clutterbuck von John und Sally Ratcliffe auf dem Rummel in Fryeburg aufgenommen hat, vor ungefähr einem Jahr. Auf diesem Foto hat John seinen Arm um sie gelegt, und sie hält den Teddy, den er für sie in der Schießbude gewonnen hat, und beide sehen so glücklich aus, als wollten sie nie mehr auseinandergehen. Aber das war damals, und heute ist heute, wie man so sagt; inzwischen ist Sally mit Lester Pratt verlobt, dem Sportlehrer von der High School. Er ist ein waschechter Baptist, genau wie sie. John hat den Schock, sie zu verlieren, noch nicht überwunden. Haben Sie mitgekriegt, wie er geseufzt hat? Er hat sich in eine ganz hübsch schwermütige Stimmung hineingesteigert. Nur ein Mann, der noch immer verliebt ist (oder sich einbildet, es zu sein), kann so abgrundtief seufzen.

Ärger und Zwistigkeiten entstehen zumeist aus ganz gewöhnlichen Umständen, ist Ihnen das schon aufgefallen? Aus undramatischen Umständen. Ich zeige Ihnen ein Beispiel dafür. Sehen Sie den Mann, der da gerade die Treppe zum Gericht hinaufgeht? Nein, nicht den Mann im Anzug; das ist Dan Keeton, der Vorsitzende unseres Stadtrates. Ich meine den anderen — den Schwarzen im Overall. Das ist Eddie Warburton, der Nacht-Hausmeister der Stadtverwaltung. Beobachten Sie ihn ein paar Sekunden lang, und sehen Sie, was er tut. Da! Sehen Sie, wie er auf der obersten Stufe stehenbleibt und die Straße hinaufschaut? Ich wette weitere Dollars gegen weitere Datteln, daß es die Sunoco-Tankstelle ist, zu der er hinschaut. Die Sunoco gehört Sonny Jackett, und zwischen den beiden gibt es böses Blut, seit Eddie vor zwei Jahren seinen Wagen zu ihm gebracht hat, damit er sich das Getriebe ansieht.

Ich habe den Wagen noch genau vor Augen. Es war ein Honda Civic, nichts Besonderes. Aber für Eddie war er etwas Besonderes, weil es der erste und einzige brandneue Wagen war, den er in seinem Leben besessen hat. Und Sonny hat nicht nur Pfuscharbeit geleistet, sondern ihn obendrein noch übers Ohr gehauen. Das ist Eddies Version der Geschichte. Warburton benutzt nur seine Hautfarbe, um sich um die Bezahlung der Reparaturrechnung zu drücken — das ist Sonnys Version der Geschichte. Sie wissen, wie das so geht, nicht wahr?

Daraufhin zerrte Sonny Jackett Eddie Warburton vor Gericht. Ein Bagatellfall, sicher, aber es gab einiges Gebrüll, zuerst im Gerichtssaal und dann in der Vorhalle. Eddie behauptete, Sonny hätte ihn einen dämlichen Nigger genannt, und Sonny behauptete, nun, Nigger habe ich ihn nicht genannt, aber der Rest stimmt aufs Wort. Schließlich war keiner von beiden zufrieden. Der Richter verlangte von Eddie, daß er fünfzig Dollar ausspuckt, wozu Eddie sagte, das wären fünfzig Dollar zuviel, und Sonny sagte, das wäre bei weitem nicht genug. Und das nächste, was dann passierte, war ein Kabelbrand in Eddies neuem Auto, und es endete damit, daß Eddies Civic auf dem Schrottplatz draußen an der Town Road Nr. 5 landete. Und jetzt fährt Eddie einen ‘82er Oldsmobile, der Öl verliert. Eddie hat sich nie von dem Gedanken freimachen können, daß Sonny Jackett wesentlich mehr über diesen Kabelbrand weiß, als er je zugeben würde.

Nun ja, Leute haben mehr Spaß als sonst jemand, ausgenommen Pferde, und die merken es nicht. Ist das alles nicht mehr, als Sie an einem so warmen Tag verkraften können?

Aber so ist das Leben nun einmal in einer kleinen Stadt — ob sie nun Peyton Place heißt oder Twin Peaks oder Castle Rock, es sind Leute, die Kuchen essen und Kaffee trinken und hinter vorgehaltener Hand übereinander reden. Da ist Slopey Dodd, immer ganz allein, weil sich die anderen Bälger über sein Stottern lustig machen. Da ist Myrthle Keeton, und wenn sie ein bißchen verloren und verstört aussieht, als wüßte sie nicht recht, wo sie sich befindet oder was um sie herum vorgeht, so liegt das daran, daß ihr Mann (der Typ, der eben hinter Eddie Warburton die Treppe hinaufging) in den letzten sechs Monaten oder so ein völlig anderer geworden zu sein scheint. Sehen Sie, wie verschwollen ihre Augen sind? Ich nehme an, sie hat geweint oder schlecht geschlafen oder beides. Finden Sie nicht auch?

Und dort geht Lenore Potter. Sieht aus, als käme sie direkt aus einer Hutschachtel. Wahrscheinlich auf dem Weg zu Western Auto, um nachzufragen, ob ihr spezieller organischer Dünger eingetroffen ist. Um das Haus dieser Frau herum wachsen mehr Blumen, als Carter Leberpillen hat. Und sie ist ungeheuer stolz darauf. Bei den Damen der Stadt ist sie nicht sonderlich beliebt — sie halten sie für hochnäsig, wegen ihrer Blumen und ihrer Meditiererei, und wegen der Siebzig-Dollar-Dauerwelle, die sie sich in Boston machen läßt. Die Leute halten sie für hochnäsig, und da wir gerade zusammen auf diesen splittrigen Pavillonstufen sitzen, will ich Ihnen ein Geheimnis verraten: ich glaube, sie haben recht damit.

Alles ziemlich alltäglicher Kram, werden Sie vermutlich sagen, aber nicht all unsere Probleme in Castle Rock sind alltäglich; darüber müssen Sie sich klar sein. Niemand hat Frank Dodd vergessen, den Polizisten, der hier vor zwölf Jahren überschnappte und ein paar Frauen umbrachte, und den Hund haben sie auch nicht vergessen, der sich die Tollwut holte und Joe Camber umbrachte und den alten Säufer, der ein Stück die Straße hinunter lebte. Auch den guten alten Sheriff George Bannerman hat dieser Hund umgebracht. Heute tut Alan Pangborn seine Arbeit; er ist auch ein guter Mann, aber in den Augen der Stadt kann er Big George niemals das Wasser reichen.

Auch das, was mit Reginald “Pop” Merrill passiert ist, war nichts Alltägliches. Pop war der alte Geizkragen, dem der Trödelladen gehörte. Emporium Galorium, so hieß der Laden. Stand genau da, wo jetzt die Lücke ist, auf der anderen Straßenseite. Das Haus ist vor einiger Zeit abgebrannt, aber in der Stadt gibt es Leute, die gesehen haben (oder zumindest behaupten, gesehen zu haben) und es Ihnen nach ein paar Bier im Mellow Tiger auch erzählen werden, daß es wesentlich mehr war als nur ein simples Feuer, was das Emporium Galorium zerstörte und Pop Merrill das Leben kostete.

Sein Neffe Ace behauptet, vor diesem Brand wäre seinem Onkel irgend etwas Unheimliches zugestoßen — so etwas wie aus The Twilight Zone. Natürlich war Ace nicht einmal hier, als sein Onkel ins Gras biß; er saß gerade im Gefängnis von Shawshang den Rest der vier Jahre ab, zu denen er wegen Einbruchs verurteilt worden war. (Die Leute haben schon immer gewußt, daß es mit Ace Merrill einmal ein böses Ende nehmen würde; als er zur Schule ging, war er einer der übelsten Typen, die je in dieser Stadt lebten, und es muß mindestens hundert Kinder gegeben haben, die schnell auf die andere Straßenseite überwechselten, wenn sie Ace auf sich zukommen sahen, mit den Schnallen und Reißverschlüssen, die an seiner Motorradjacke klimperten, und den Nägeln unter seinen Bergarbeiterschuhen, die aufs Pflaster dröhnten.) Dennoch glauben ihm die Leute, müssen Sie wissen; vielleicht war wirklich etwas seltsam an dem, was Pop an diesem Tag widerfahren ist, aber vielleicht ist auch das nur Gerede drüben in Nan’s Laden, bei Kaffee und Apfelkuchen.

Höchstwahrscheinlich geht es hier nicht anders zu als da, wo Sie zu Hause sind. Leute, die sich über Religion in die Haare geraten, Leute, die Fackeln schwenken, Leute, die Geheimnisse hüten, Leute, die einen Groll hegen — sogar hin und wieder eine unheimliche Geschichte wie das, was an dem Tag, an dem Pop in seinem Trödelladen umkam, passiert oder nicht passiert ist — eine Geschichte, die einem langweiligen Tag ein bißchen Würze verleiht. Castle Rock ist immer noch ein recht hübsches Städtchen, in dem man leben und es sich gutgehen lassen kann, wie es auf dem Schild am Ortseingang heißt. Die Sonne scheint hell auf den See und auf die Blätter der Bäume, und an einem klaren Tag können Sie von Castle View bis nach Vermont hinüberschauen. Die Sommergäste geraten sich wegen der Sonntagszeitungen in die Haare, und auf dem Parkplatz vom Mellow Tiger kommt es am Freitagabend oder am Samstagabend (manchmal an beiden Abenden) hin und wieder zu einer Prügelei; aber die Sommergäste reisen immer wieder ab, und auch die Prügeleien dauern nicht ewig. The Rock ist immer einer der guten Orte gewesen, und wissen Sie, was wir sagen, wenn jemand verrückt spielt? Wir sagen Er kommt darüber hinweg oder Sie kommt darüber hinweg.

Henry Beaufort zum Beispiel hat es satt, daß Hugh Priest immer, wenn er betrunken ist, gegen das Rock-Ola tritt — aber Henry wird darüber hinwegkommen. Wilma Jerzyck und Nettie Cobb sind wütend aufeinander — aber auch Nettie wird vermutlich darüber hinwegkommen, und bei Wilma Jerzyck gehört das Wütendsein einfach zum Leben. Sheriff Pangborn trauert noch immer um seine Frau und seinen jüngeren Sohn, die bei einem Unfall ums Leben kamen; das war wirklich eine Tragödie, aber mit der Zeit wird auch er darüber hinwegkommen. Polly Chalmers’ Arthritis wird und wird nicht besser — sie wird sogar schlimmer, jeden Tag ein bißchen mehr —, und sie wird vielleicht nicht darüber hinwegkommen, aber sie wird lernen, damit zu leben. Wie Millionen andere auch.

Hin und wieder geraten wir aneinander, aber meistens geht alles seinen normalen Gang. So ist es jedenfalls immer gewesen, bis jetzt. Doch nun muß ich Ihnen ein wirkliches Geheimnis verraten, mein Freund; vor allem deshalb habe ich Sie gebeten, sich zu mir zu setzen, als ich sah, daß Sie wieder in der Stadt sind. Ich glaube, uns stehen Probleme ins Haus — wirklich schwerwiegende Probleme. Ich kann es riechen, direkt hinter dem Horizont, wie ein nicht in die Jahreszeit passendes Gewitter mit vielen Blitzen. Der Streit zwischen den Baptisten und den Katholiken über die Kasino-Nacht, die Bälger, die sich über den armen Slopey und sein Stottern lustig machen, John LaPointes Fackel, Sheriff Pangborns Trauer — ich glaube, diese Dinge werden sich neben dem, was uns bevorsteht, wie ziemlich kleine Fische ausnehmen.

Sehen Sie das Haus da drüben auf der anderen Seite der Main Street? Drei Türen von der Lücke entfernt, wo früher das Emporium Galorium stand? Mit der grünen Markise davor? Ja, genau das meine ich. Die Fenster sind alle zugekalkt, weil der Laden noch nicht geöffnet ist. NEEDFUL THINGS steht auf dem Schild — aber was zum Teufel soll das heißen? Ich weiß es auch nicht, aber das ist der Ort, von dem das ungute Gefühl auszugehen scheint.

Genau von diesem Laden.

Schauen Sie noch einmal die Straße hinauf. Sehen Sie den Jungen dort? Der sein Fahrrad schiebt und aussieht, als hätte er den schönsten Tagtraum, den ein Junge jemals hatte? Verlieren sie ihn nicht aus den Augen, mein Freund. Ich glaube, er ist es, der alles ins Rollen bringt.

Nein, ich sagte schon, ich weiß nicht, was — nicht genau. Aber beobachten Sie den Jungen. Und bleiben Sie eine Weile hier, ja? Ich habe ein sehr schlimmes Gefühl, und wenn etwas passiert, könnte es gut sein, wenn es einen Zeugen gibt.

Ich kenne den Jungen — den, der sein Fahrrad schiebt. Sie vielleicht auch. Er heißt Brian Soundso. Ich glaube, sein Dad verkauft drüben in Oxford oder South Paris Türen und Fensterläden.

Behalten Sie ihn im Auge, ich bitte Sie. Behalten Sie alles im Auge. Sie waren schon einmal hier, aber es wird sich vieles ändern.

Ich weiß es.

Ich spüre es.

Ein Unwetter braut sich zusammen.

Teil I

GALA-ERÖFFNUNG

1

1

In einer kleinen Stadt ist die Eröffnung eines neuen Ladens so etwas wie eine Sensation.

Für Brian Rusk war es keine so große Sache wie für manche anderen Leute; seine Mutter zum Beispiel. Er hatte gehört, wie sie fast den ganzen letzten Monat mit ihrer besten Freundin Myra Evans am Telefon darüber diskutiert hatte (sie hatte ihm erklärt, daß er das nicht Klatschen nennen dürfte — Klatschen wäre eine häßliche Angewohnheit, und so etwas tat sie nicht). Die ersten Handwerker waren bei dem alten Haus, in dem zuletzt die Western Maine Realty and Insurance residiert hatte, ungefähr um die Zeit herum erschienen, als die Schule wieder anfing, und seither hatten sie dort fleißig gearbeitet. Nicht, daß jemand sich vorstellen konnte, was sie da drinnen taten; ihre erste Amtshandlung war gewesen, ein großes Schaufenster einzusetzen, und ihre zweite, es zuzukalken und damit undurchsichtig zu machen.

Vor zwei Wochen war an der Tür ein Schild aufgetaucht, das unter einem durchsichtigen Plastik-Saugnapf an einer Schnur hing.

ERÖFFNUNG DEMNÄCHST!

stand auf dem Schild.

NEEDFUL THINGS

EINE NEUE ART VON LADEN

“Sie werden Ihren Augen nicht trauen!”

“Wahrscheinlich nur ein weiterer Trödelladen”, hatte Brians Mutter zu Myra gesagt; dabei hatte sie auf der Couch gelegen, mit einer Hand den Hörer gehalten und mit der anderen Kirschen mit Schokoladenüberzug gegessen und sich im Fernsehen Santa Barbara angesehen. “Nur ein Trödelladen mit einem Haufen imitierter frühamerikanischer Möbel und schimmliger alter Kurbeltelefone. Da gehe ich jede Wette ein.”

Das war gewesen, kurz nachdem das neue Schaufenster eingesetzt und zugekalkt worden war, und angesichts der Gewißheit, mit der seine Mutter davon sprach, hätte Brian eigentlich nicht daran zweifeln können, daß das Thema damit erledigt war. Aber bei seiner Mutter schien kein Thema jemals erledigt zu sein. Ihre Vermutungen und Annahmen schienen so endlos zu sein wie die Probleme der Serienhelden in Santa Barbara und General Hospital.

Vergangene Woche war die erste Zeile des Schildes, das an der Tür hing, geändert worden. Jetzt lautete sie

GALA-ERÖFFNUNG 9. OKTOBER

BRINGEN SIE IHRE FREUNDE MIT!

Brian war an dem neuen Laden nicht so interessiert wie seine Mutter (und einige der Lehrer; er hatte gehört, wie sie im Lehrerzimmer der Castle Rock Middle School darüber redeten, als er gerade mit dem Postdienst an der Reihe war), aber er war elf Jahre alt, und ein gesunder Elfjähriger interessiert sich für alles, was neu ist. Außerdem faszinierte ihn der Name des Ladens. Needful Things; was hatte das zu bedeuten?

Er hatte die abgeänderte erste Zeile letzten Dienstag auf dem Heimweg gelesen. An den Dienstagnachmittagen kam er spät aus der Schule. Brian war mit einer Hasenscharte geboren, und obwohl sie wegoperiert worden war, als er sieben Jahre alt war, mußte er noch immer zur Sprechtherapie gehen. Gegenüber jedermann, der ihn danach fragte, behauptete er eisern, daß er diese Stunden haßte, aber das tat er nicht. Er war heftig und hoffnungslos in Miss Ratcliffe verliebt und wartete die ganze Woche darauf, daß diese Stunde auf dem Plan stand. Der Unterricht an den Dienstagen schien tausend Jahre zu dauern, und die letzten beiden Stunden verbrachte er immer mit einem angenehmen Kribbeln im Magen.

Außer ihm waren nur vier Kinder in der Klasse, und keines von ihnen kam aus Brians Wohngegend. Darüber war er froh. Nach einer Stunde mit Miss Ratcliffe im selben Zimmer war er zu hingerissen, um an Gesellschaft Spaß zu haben. Er liebte es, den Heimweg am späten Nachmittag langsam hinter sich zu bringen, wobei er gewöhnlich sein Fahrrad schob, anstatt sich draufzusetzen, und er träumte von ihr, während in den schräg einfallenden Strahlen der Oktobersonne um ihn herum gelbe und goldfarbene Blätter herabsegelten.

Sein Weg führte ihn über den zwei Blocks langen Abschnitt der Main Street gegenüber dem Stadtpark, und an dem Tag, an dem er sah, daß auf dem Schild die Gala-Eröffnung angekündigt war, hatte er die Nase am Glas der Tür plattgedrückt, weil er zu sehen hoffte, was an die Stelle der langweiligen Schreibtische und der fadgelb gestrichenen Wände der ausgezogenen Western Maine Realty and Insurance getreten war. Aber seine Neugier blieb unbefriedigt. Eine Jalousie war angebracht und vollständig heruntergezogen worden. Brian sah nichts als das Spiegelbild seines eigenen Gesichts und seiner abschirmenden Hände.

Am Freitag, dem 4. Oktober, war in Castle Rocks Wochenzeitung, dem Call, eine Anzeige für den neuen Laden erschienen. Die Anzeige war von einer Wellenlinie umrandet, und unter dem gedruckten Text befand sich eine Zeichnung von Engeln, die Rücken an Rücken dastanden und lange Trompeten bliesen. Vom Zeitpunkt der Eröffnung, 10 Uhr, einmal abgesehen, erfuhr man aus der Anzeige nichts, was man nicht auch auf dem Schild lesen konnte, das an dem Saugnapf aufgehängt war der Name des Ladens war Needful Things, er würde am 9. Oktober um 10 Uhr eröffnet werden, und natürlich “Sie werden Ihren Augen nicht trauen.” Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, welche Art von Waren der oder die Besitzer von Needful Things zu verkaufen gedachten.

Dies schien Cora Rusk erheblich zu irritieren — zumindest so stark, daß sie eines ihrer seltenen Samstagmorgen-Gespräche mit Myra führte.

“Ich werde meinen Augen bestimmt trauen”, erklärte sie. “Wenn ich diese gedrechselten Betten sehe, die angeblich zweihundert Jahre alt sind, aber bei denen Rochester, New York, auf den Rahmen gestempelt ist, was jeder sehen kann, der sich die Mühe macht, sich zu bücken und unter den Volant der Tagesdecke zu schauen, dann traue ich meinen Augen voll und ganz.”

Myra erwiderte etwas, Cora hörte zu, fischte Planters Peanuts aus der Dose, jeweils eine oder zwei auf einmal, und stopfte sie sich in den Mund. Brian und sein kleiner Bruder Sean saßen im Wohnzimmer auf dem Fußboden und sahen sich im Fernsehen Zeichentrickfilme an. Sean war völlig versunken in die Welt der Schlümpfe, aber Brian hatte sich dieser Gesellschaft kleiner blauer Leute nicht völlig hingegeben, sondern lauschte mit einem Ohr der Unterhaltung.

“So ist es!” hatte Cora Rusk noch selbstsicherer und mit noch mehr Nachdruck als üblich erklärt, nachdem Myra eine besonders bissige Bemerkung gemacht hatte. “Hohe Preise und schimmlige alte Telefone!”

Gestern, am Montag, war Brian nach der Schule mit zwei oder drei Freunden durch das Geschäftsviertel gefahren. Sie fuhren auf die dem neuen Laden gegenüberliegende Straßenseite, und er sah, daß im Laufe des Tages irgendwer eine dunkelgrüne Markise angebracht hatte. Die Vorderfront trug in weißen Buchstaben die Aufschrift NEEDFUL THINGS. Polly Chalmers, die Dame, der die Schneiderei gehörte, stand auf dem Gehsteig, die Hände auf die bewundernswert schmalen Hüften gestemmt, und betrachtete die Markise mit einem Ausdruck, in dem sich Verblüffung und Bewunderung abzuwechseln schienen.

Brian, der einiges über Markisen wußte, bewunderte sie selbst. Es war die einzige richtige Markise in der ganzen Main Street, und sie verlieh dem neuen Laden ein ganz besonders Aussehen. Das Wort “exquisit” gehörte zwar nicht zu seinem Alltagsvokabular, aber er wußte sofort, daß es in Castle Rock keinen zweiten Laden gab, der so aussah wie dieser. Durch die Markise sah er aus wie ein Laden, wie man ihn vielleicht in einer Fernsehshow sah. Im Vergleich dazu wirkte Western Auto auf der anderen Straßenseite schäbig und hinterwäldlerisch.

Als er nach Hause kam, lag seine Mutter auf dem Sofa, sah Santa Barbara, aß einen Little Debbie Creme Pie und trank Diätcola. Seine Mutter trank immer Diätcola, wenn sie sich die Nachmittagsserien anschaute. Weshalb sie das tat, wußte Brian nicht so recht, angesichts dessen, was sie damit hinunterspülte, aber er hielt es für zu gefährlich, sie danach zu fragen. Das konnte sie veranlassen, ungehalten zu werden, und wenn seine Mutter ungehalten wurde, tat man gut daran, in Deckung zu gehen.

“Hey, Ma!” sagte er, warf seine Bücher auf den Tresen und holte die Milch aus dem Kühlschrank. “Weißt du schon? Der neue Laden hat jetzt eine Markise.”

“Was ist los?” Ihre Stimme driftete aus dem Wohnzimmer herüber.

Er schenkte sich Milch ein und kam an die Schwelle. “Eine Markise”, sagte er. “An dem neuen Laden.”

Sie setzte sich auf, fand die Fernbedienung und drückte auf den Knopf, der den Ton ausschaltete. Auf dem Bildschirm redeten Al und Corinne weiter über ihre Santa Barbara-Probleme in ihrem Santa Barbara-Lieblingsrestaurant, aber nur ein Lippenleser hätte sagen können, was für Probleme das waren. “Was?” sagte sie. “An diesem Needful Things-Laden?”

“Ja”, sagte er und trank einen Schluck Milch.

“Du sollst nicht schlürfen”, sagte sie und stopfte sich den Rest ihres Schokoladenriegels in den Mund. “Das hört sich scheußlich an. Wie oft habe ich dir das schon gesagt?”

Ungefähr ebenso oft, wie du mir gesagt hast, ich sollte nicht mit vollem Mund reden, dachte Brian, aber er sagte nichts. Er hatte schon in frühen Jahren gelernt, sich mit Worten zurückzuhalten.

“Tut mir leid, Mom.”

“Was für eine Markise.”

“Eine grüne.”

“Gepreßt oder Aluminium?”

Brian, dessen Vater für die Dick Perry Siding and Door Company in South Paris Fassadenverkleidungen verkaufte, wußte genau, wovon sie sprach, aber wenn es so eine Markise gewesen wäre, dann wäre sie ihm kaum aufgefallen. Markisen aus Aluminium oder Preßmetall sah man an jeder Straßenecke. Bei fast der Hälfte der Häuser in Castle Rock beschatteten sie die Fenster.

“Weder noch”, sagte er. “Sie ist aus Stoff. Segeltuch, glaube ich. Sie ragt so weit vor, daß man darunter im Schatten stehen kann. Und sie ist gerundet, so.” Er beugte die Hände (vorsichtig, um seine Milch nicht zu verschütten) zu einem Halbkreis. “An der Vorderfront steht der Name. Sieht wirklich gut aus.”

“Das ist doch nicht zu fassen!”

Das waren die Worte, mit denen Cora gewöhnlich Erregung oder Erbitterung zum Ausdruck zu bringen pflegte. Brian trat für den Fall, daß es sich um das letztere handelte, vorsichtshalber einen Schritt rückwärts.

“Was meinst du, was es ist, Ma? Vielleicht ein Restaurant?”

“Ich habe keine Ahnung”, sagte sie und griff nach dem Princess-Telefon auf dem Beistelltisch. Um es zu erreichen, mußte sie die Katze Squeebles, die Fernsehzeitung und eine Dose Diätcola beiseiteschieben. “Aber es hört sich irgendwie faul an.”

“Mom, was bedeutet Needful Things eigentlich? Ist das so etwas wie …”

“Stör mich jetzt nicht, Brian. Mummy hat zu tun. Im Brotkasten sind Devil Dogs, wenn du einen möchtest. Aber nur einen, sonst verdirbst du dir den Appetit aufs Abendessen.” Sie wählte bereits Myras Nummer, und gleich darauf diskutierten sie überaus angeregt über die grüne Markise.

Brian, der keinen Devil Dog wollte (er liebte seine Ma sehr, doch manchmal verdarb ihm schon das Zusehen, wie sie aß, den Appetit), setzte sich an den Küchentisch, schlug sein Mathematikbuch auf und machte sich an die Hausaufgaben. Er war ein intelligenter, gewissenhafter Junge, und die Mathematik war der einzige Teil der Hausaufgaben, den er nicht schon in der Schule erledigt hatte. Während er methodisch Kommas verschob und dividierte, lauschte er dem Teil, den seine Mutter zu dem Gespräch beitrug. Sie teilte Myra abermals mit, daß sie bald noch einen Laden haben würden, in dem stinkende alte Parfumflaschen und Bilder von den toten Verwandten irgendwelcher Leute verkauft würden, und daß es wirklich eine Schande war, wie solche Läden kämen und gingen. Da draußen gab es einfach zu viele Leute, erklärte Cora, deren Motto im Leben hieß, Geld zu kassieren und sich dann aus dem Staub zu machen. Als sie von der Markise sprach, klang es, als hätte sie jemand nur deshalb anbringen lassen, um sie zu kränken, und als wäre ihm das voll und ganz gelungen.

Ich glaube, sie denkt, jemand hätte es ihr sagen müssen, hatte Brian gedacht, während sein Bleistift über das Papier glitt, Zahlen übertrug und abrundete. Ja, genau das war es. Sie war neugierig, das war Nummer eins. Und sie war stocksauer, das war Nummer zwei. Und die Summe von beiden machte sie fast verrückt. Nun, sie würde es bald genug herausfinden. Und wenn sie es tat, würde sie ihn vielleicht in das große Geheimnis einweihen. Und wenn sie dazu zu beschäftigt war, würde er es vielleicht erfahren, indem er einem ihrer Nachmittagsgespräche mit Myra zuhörte.

Aber wie es sich ergab, fand Brian noch vor seiner Mutter oder Myra oder sonst irgend jemand in Castle Rock eine ganze Menge über Needful Things heraus.

2

Auf dem Heimweg von der Schule am Nachmittag vor der planmäßigen Eröffnung von Needful Things fuhr Brian fast überhaupt nicht auf seinem Fahrrad; er war in einen intensiven Tagtraum versunken (der nicht über seine Lippen gekommen wäre, selbst wenn man ihn mit glühenden Kohlen oder giftigen Taranteln gefoltert hätte), in dem er Miss Ratcliffe gefragt hatte, ob sie mit ihm zur Castle County Fair gehen würde, und sie zugesagt hatte.

“Danke, Brian,”, sagt Miss Ratcliffe, und Brian sieht kleine Tränen der Dankbarkeit in den Winkeln ihrer blauen Augen — Augen von so dunkler Farbe, daß sie fast gewittrig aussahen. “Ich bin — in letzter Zeit sehr traurig. Ich habe nämlich meinen Liebsten verloren.”

“Ich werde Ihnen helfen, ihn zu vergessen”, sagte Brian, und seine Stimme ist gleichzeitig rauh und zärtlich, “wenn Sie mich — Bri nennen.”

“Danke”, flüstert sie, und dann, wobei sie sich so weit vorbeugt, daß er ihr Parfüm riechen kann — einen traumhaften Wildblumenduft — sagt sie: “Danke — Bri. Und da wir, zumindest heute abend, Mädchen und Junge sein werden anstatt Lehrerin und Schüler, darfst du mich — Sally nennen.”

Er ergreift ihre Hände. Schaut ihr in die Augen. “Ich bin nicht einfach irgendein Junge”, sagt er. “Ich kann Ihnen helfen, ihn zu vergessen — Sally.”

Sie scheint fast hypnotisiert zu sein von seinem unerwarteten Verständnis, seiner unerwarteten Männlichkeit; er mag zwar erst elf sein, denkt sie, aber in ihm steckt mehr von einem Mann, als in Lester je gesteckt hat! Ihre Hände umfassen die seinen fester. Ihre Gesichter kommen sich näher — näher

“Nein”, murmelt sie, und jetzt sind ihre Augen so groß und so nahe, daß er beinahe das Gefühl hat, in ihnen zu ertrinken, “nein, das darfst du nicht, Bri — es ist nicht recht …”

“Es ist recht, Baby”, sagt er, und er drückt seine Lippen auf die ihren.

Nach ein paar Augenblicken löst sie sich von ihm und flüstert zärtlich

“He, Junge, paß gefälligst auf, wo du hintrampelst!”

Aus seinem Tagtraum herausgerissen, stellte Brian fest, daß er gerade vor Hugh Priests Pickup-Laster gewandert war.

“Entschuldigung, Mr. Priest”, sagte er, wobei er heftig errötete. Mit Hugh Priest war nicht gut Kirschen essen. Er war beim Amt für Öffentliche Arbeiten angestellt und hatte, wie es hieß, das hitzigste Temperament in ganz Castle Rock. Brian beobachtete ihn genau. Wenn er Anstalten machen sollte, aus seinem Laster auszusteigen, gedachte Brian auf sein Fahrrad zu springen und ungefähr mit Lichtgeschwindigkeit die Main Street hinunterzufahren. Er hatte nicht die Absicht, die nächsten Wochen im Krankenhaus zu verbringen, nur weil er davon geträumt hatte, mit Miss Ratcliffe zur County Fair zu gehen.

Aber Hugh Priest hatte eine Flasche Bier zwischen den Schenkeln, im Radio sang Hank Williams jr. “High and Pressurized”, und das alles war ein bißchen zu erfreulich für eine so drastische Maßnahme wie die, an einem Dienstagnachmittag einen kleinen Jungen zusammenzuschlagen.

“Du solltest die Augen offenhalten”, sagte er, setzte die Flasche an, trank einen Schluck und starrte Brian tückisch an, “denn das nächstemal mache ich mir nicht die Mühe, anzuhalten. Dann fahre ich dich einfach über den Haufen. Da kannst du lange winseln, Bürschchen.”

Er legte den Gang ein und fuhr davon. Brian verspürte den verrückten (und gnädigerweise flüchtigen) Drang, ihm Das ist doch nicht zu fassen! nachzuschreien. Er wartete, bis der orangerote Laster in die Linden Street abgebogen war, dann setzte er seinen Weg fort. Der Tagtraum von Miss Ratcliffe war leider für heute verdorben. Hugh Priest hatte Brian in die Wirklichkeit zurückgeholt. Miss Ratcliffe hatte sich nicht mit ihrem Verlobten Lester Pratt gestritten; sie trug nach wie vor ihren Verlobungsring mit dem kleinen Brillianten und fuhr nach wie vor seinen blauen Mustang, während sie darauf wartete, daß ihr eigener Wagen aus der Werkstatt zurückkam.

Brian hatte Miss Ratcliffe und Mr. Pratt erst am Vorabend gesehen, als sie zusammen mit einem Haufen anderer Leute auf der Lower Main Street die WüRFEL-UND-DER-TEUFEL-Anschläge an die Telegraphenmasten klebten.

Sie hatten Hymnen gesungen. Die Sache war nur, daß die Katholiken auftauchten, sobald sie fertig waren, und die Zettel wieder abrissen. In gewisser Hinsicht war das ziemlich lustig — aber wenn er größer gewesen wäre, hätte Brian alles getan, was in seinen Kräften stand, um Zettel welcher Art auch immer zu beschützen, die Miss Ratcliffe mit ihren geheiligten Händen angeklebt hatte.

Brian dachte an ihre tiefblauen Augen, ihre langen Tänzerinnenbeine, und verspürte das dumpfe Erstaunen, das ihn immer überkam, wenn ihm bewußt wurde, daß im Januar aus Sally Ratcliffe, was herrlich klang, Sally Pratt werden würde, was sich für Brian anhörte, als stürzte eine dicke Frau eine kurze, harte Treppe hinunter.

Nun, dachte er, während er auf die andere Straßenseite überwechselte und dann langsam die Main Street hinunterging, vielleicht überlegt sie es sich noch anders. Unmöglich ist das nicht. Vielleicht hat Lester Pratt auch einen Autounfall, oder er bekommt einen Gehirntumor oder etwas dergleichen. Vielleicht stellt sich sogar heraus, daß er rauschgiftsüchtig ist. Miss Ratcliffe würde niemals einen Süchtigen heiraten.

Gedanken dieser Art spendeten Brian eine bizarre Art von Trost, aber sie änderten nichts an der Tatsache, daß Hugh Priest den Tagtraum kurz vor seinem Höhepunkt zerstört hatte (wo er Miss Ratcliffe küßte und sogar ihre rechte Brust berührte, während sie sich auf dem Rummelplatz im Liebestunnel befanden). Es war ohnehin ein ziemlich absurder Gedanke gewesen, daß ein elfjähriger Junge mit seiner Lehrerin einen Jahrmarkt besuchte. Miss Ratcliffe war hübsch, aber sie war auch alt. Sie hatte in der Sprechtherapie einmal erwähnt, daß sie im November vierundzwanzig würde.

Also legte Brian seinen Tagtraum vorsichtig an den Faltstellen zusammen, ungefähr so, wie ein Mann ein oft gelesenes, hochgeschätztes Dokument vorsichtig zusammenlegt, und verstaute ihn wieder auf dem Bord im Hintergrund seines Bewußtseins, auf das er gehörte. Er schickte sich an, auf sein Fahrrad zu steigen und den Rest des Heimwegs fahrend zurückzulegen.

Doch genau in diesem Moment passierte er den neuen Laden, und sein Blick fiel auf das Schild an der Tür. Etwas daran hatte sich geändert. Er hielt sein Fahrrad an und betrachtete es.

Das Schild mit den Zeilen

GALA-ERÖFFNUNG 9. OKTOBER

BRINGEN SIE IHRE FREUNDE MIT!

war verschwunden. An seine Stelle war ein kleines, quadratisches Schild getreten, rote Buchstaben auf weißem Untergrund.

GEÖFFNET

stand darauf, und

GEÖFFNET

war alles, was darauf stand. Brian stand da, das Fahrrad zwischen den Beinen, betrachtete es, und sein Herz begann, ein wenig schneller zu schlagen.

Du willst doch nicht etwa hineingehen? fragte er sich. Ich meine, selbst wenn der Laden wirklich einen Tag früher aufgemacht hat, willst du doch nicht hineingehen, stimmt’s?

Warum nicht? gab er sich selbst die Antwort.

Nun — weil das Schaufenster nach wie vor zugekalkt ist. Die Jalousie an der Tür ist immer noch heruntergezogen. Wenn du da hineingehst, kann alles mögliche passieren. Alles mögliche.

Klar, zum Beispiel, daß der Typ, dem der Laden gehört, Norman Bates ist oder sonst jemand, der die Kleider seiner Mutter anzieht und seine Kunden ersticht.

Vergiß es, sagte der ängstliche Teil seines Verstandes, doch dieser Teil hörte sich an, als wüßte er bereits, daß er verloren hatte. Irgend etwas daran ist unheimlich.

Aber dann dachte Brian daran, wie er seiner Mutter davon erzählen würde. Er würde ganz lässig sagen: “Übrigens, Mom, du weißt doch, dieser neue Laden, Needful Things. Ja, er hat einen Tag früher aufgemacht. Ich war drin und habe mich umgesehen.”

Daraufhin würde sie blitzschnell mit der Fernbedienung den Ton ausschalten, das war so sicher wie das Amen in der Kirche! Sie würde alles darüber hören wollen!

Diesem Gedanken konnte Brian nicht widerstehen. Er stellte sein Fahrrad auf den Ständer, trat in den Schatten der Markise — unter ihrem Baldachin schien es mindestens fünf Grad kühler zu sein — und näherte sich der Tür von Needful Things.

Als er die Hand auf den großen, altertümlichen Messing-Türknauf legte, kam ihm der Gedanke, daß das Schild ein Irrtum sein mußte. Wahrscheinlich hatte es direkt hinter der Tür gelegen, für morgen, und jemand hatte es aus Versehen aufgehängt. Er hörte kein einziges Geräusch hinter der heruntergezogenen Jalousie; der Laden machte einen verlassenen Eindruck.

Aber nachdem er nun schon einmal so weit gekommen war, probierte er den Knauf — und er drehte sich ganz leicht unter seiner Hand. Der Riegel klickte zurück, und die Tür von Needful Things schwang auf.

3

Drinnen war es düster, aber nicht dunkel. Brian sah, daß Lichtschienen (eine Spezialität der Dick Perry Siding and Door Company) installiert worden waren, und ein paar der an den Schienen angebrachten Strahler brannten. Sie waren auf eine Reihe von Vitrinen gerichtet, die an den Wänden des großen Raumes standen. Die Vitrinen waren noch ziemlich leer. Die Strahlen ergossen ihr Licht über die wenigen Gegenstände, die in ihnen lagen.

Der Fußboden, der aus nackten Dielen bestanden hatte, als dies noch Western Maine Realty and Insurance gewesen war, war jetzt mit dickem Teppichboden bedeckt, der die Farbe von Burgunder hatte. Die Wände waren eierschalenweiß gestrichen worden. Ein dünnes Licht, so weiß wie die Wände, sickerte durch das zugekalkte Schaufenster herein.

Es ist trotzdem ein Irrtum, dachte Brian. Er hat noch nicht einmal seine Ware bekommen. Wer immer das GEÖFFNET-Schild irrtümlich an die Tür gehängt hat, hat auch irrtümlich die Tür unverschlossen gelassen. Unter diesen Umständen gebot es die Höflichkeit, die Tür wieder zuzumachen, aufs Fahrrad zu steigen und davonzufahren.

Dennoch widerstrebte es ihm, sofort wieder zu verschwinden. Schließlich sah er jetzt das Innere des neuen Ladens. Seine Mutter würde den ganzen Rest des Nachmittags mit ihm reden, wenn sie das erfuhr. Das Verrückte daran war: er wußte nicht so recht, was er sah. Da war ein halbes Dutzend

(Ausstellungsstücke)

Gegenstände in den Vitrinen, und die Strahler waren auf sie gerichtet — eine Art Generalprobe vermutlich —, aber er vermochte nicht zu sagen, was für Gegenstände es waren. Was sie nicht waren, wußte er dagegen genau — es waren keine gedrechselten Betten und keine schimmligen Kurbeltelefone.

“Hallo?” rief er unsicher, nach wie vor an der Tür stehend. “Ist jemand da?”

Er war im Begriff, den Türknauf zu ergreifen, und die Tür wieder zuzuziehen, als eine Stimme erwiderte: “Ich bin da.”

Eine hochgewachsene Gestalt — eine Gestalt, die auf den ersten Blick unvorstellbar hochgewachsen zu sein schien — kam durch eine Türöffnung hinter einer der Vitrinen. Vor der Türöffnung hing ein dunkler Samtvorhang. Brian durchzuckte ein kurzer und ziemlich heftiger Angstkrampf. Doch dann fiel das Licht von einem der Strahler auf das Gesicht des Mannes, und Brians Angst legte sich. Der Mann war ziemlich alt, und sein Gesicht war sehr gütig. Er musterte Brian interessiert und erfreut.

“Die Tür war nicht abgeschlossen”, setzte Brian an, “und da dachte ich …”

Natürlich ist sie nicht abgeschlossen”, sagte der hochgewachsene Mann. “Ich fand, ich könnte den Laden schon heute nachmittag für eine kurze Weile öffnen — für eine Art Vorbesichtigung. Und du bist mein allererster Kunde. Komm herein, mein Freund. Tritt ein und laß etwas von dem Glück zurück, das du mitbringst!”

Er lächelte und streckte die Hand aus. Das Lächeln war ansteckend. Brian fühlte sich sofort zu dem Besitzer von Needful Things hingezogen. Er mußte über die Schwelle treten und in den Laden hinein, um die Hand des hochgewachsenen Mannes zu ergreifen, und er tat es ohne eine Spur von Bedenken. Die Tür schwang hinter ihm zu und verriegelte sich von selbst. Brian bemerkte es nicht. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, zu registrieren, daß die Augen des Mannes tiefblau waren — sie hatten genau dieselbe Farbe wie die Augen von Miss Sally Ratcliffe. Sie hätten Vater und Tochter sein können.

Der Griff des hochgewachsenen Mannes war sicher und kraftvoll, aber nicht schmerzhaft. Dennoch war er irgendwie unangenehm. Irgendwie — glatt. Auf irgendeine Art zu hart.

“Ich freue mich, Sie kennenzulernen”, sagte Brian.

Diese tiefblauen Augen richteten sich auf sein Gesicht wie abgeschirmte Eisenbahnlaternen.

“Auch ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen”, sagte der hochgewachsene Mann, und so kam es, daß Brian Rusk den Besitzer von Needful Things früher kennenlernte als alle anderen Einwohner von Castle Rock.

4

“Mein Name ist Leland Gaunt”, sagte der hochgewachsene Mann. “Und du bist …”

“Brian. Brian Rusk.”

“Sehr schön, Mr. Rusk. Und da du mein erster Kunde bist, werde ich dir auf jeden Gegenstand, der dich interessiert, einen ganz speziellen Preis einräumen.”

“Danke”, sagte Brian, “aber ich glaube nicht, daß ich in einem Laden wie diesem irgend etwas kaufen kann. Ich bekomme mein Taschengeld erst am Freitag, und …” Er warf wieder einen zweifelnden Blick auf die Vitrinen. “Und es sieht nicht so aus, als hätten Sie schon Ihre ganze Ware hereinbekommen.”

Gaunt lächelte. Seine Zähne waren schief und sahen ziemlich gelb aus in dem trüben Licht, aber Brian empfand das Lächeln trotzdem als bezaubernd, und wieder fühlte er sich fast gezwungen, es zu erwidern. “So ist es”, sagte Leland Gaunt. “Der Großteil meiner Ware, wie du es nennst, trifft erst heute abend ein. Aber ich habe schon jetzt ein paar interessante Dinge anzubieten. Schau dich um, junger Mann. Ich würde gern zumindest deine Meinung hören — und ich nehme an, du hast eine Mutter? Natürlich hast du eine. Ein netter junger Mann wie du ist bestimmt keine Waise. Habe ich recht?”

Brian nickte, noch immer lächelnd. “Ja. Mom ist jetzt zu Hause.” Ein Gedanke kam ihm. “Möchten Sie, daß ich sie herbringe?” Doch schon in dem Moment, in dem die Frage seinen Mund verlassen hatte, bedauerte er sie. Er wollte seine Mutter nicht herbringen. Morgen würde Mr. Leland Gaunt der ganzen Stadt gehören. Morgen würden seine Ma und Myra Evans damit anfangen, ihn zu betatzen, zusammen mit all den anderen Damen von Castle Rock. Brian vermutete, daß Mr. Gaunt Ende des Monats, vielleicht schon sogar Ende der Woche aufgehört haben würde, einen so seltsamen und andersartigen Eindruck zu machen, aber jetzt tat er es, jetzt gehörte er Brian Rusk und Brian Rusk allein, und Brian wollte, daß es so blieb.

Deshalb war er froh, als Mr. Gaunt eine Hand hob (die Finger waren extrem schlank und extrem lang, und Brian fiel auf, daß Zeige-und Mittelfinger genau gleich lang waren) und den Kopf schüttelte. “Keineswegs”, sagte er. “Das ist genau das, was ich nicht möchte. Sie würde bestimmt eine Freundin mitbringen wollen, nicht wahr?”

“Ja”, sagte Brian und dachte an Myra.

“Vielleicht sogar zwei Freundinnen oder drei. Nein, so ist es besser, Brian — ich darf dich doch Brian nennen?”

“Natürlich”, sagte Brian überzeugt.

“Danke. Und mich nennst du Mr. Gaunt, weil ich dir an Jahren, wenn auch vielleicht nicht an Weisheit, überlegen bin — einverstanden?”

“Geht in Ordnung.” Brian wußte nicht recht, was diese Bemerkung von Mr. Gaunt zu bedeuten hatte, aber es machte Spaß, diesen Mann reden zu hören. Und seine Augen waren wirklich toll — Brian konnte kaum den Blick von ihnen abwenden.

“Ja, so ist es viel besser.” Mr. Gaunt rieb seine langen Hände aneinander, und dabei entstand ein zischendes Geräusch. Das war etwas, worauf Brian gern verzichtet hätte. Wenn Mr. Gaunt auf diese Weise seine Hände aneinander rieb, dann hörte sich das an wie eine Schlange, die aufgeregt ist und sich überlegt, ob sie zubeißen soll. “Du wirst es deiner Mutter erzählen, ihr vielleicht sogar zeigen, was du gekauft hast, wenn du etwas kaufen solltest …”

Brian überlegte, ob er Mr. Gaunt erzählen sollte, daß sich seine gesamte Barschaft auf grandiose einundneunzig Cents belief, und entschied sich dann dagegen.

“… und sie wird es ihren Freundinnen erzählen, und die erzählen es dann ihren Freundinnen — verstehst du, Brian? Du wirst eine bessere Reklame für mich sein, als es eine Anzeige in der Lokalzeitung jemals sein könnte. Selbst wenn ich dich dazu anheuern würde, mit Sandwichplakaten durch die Straßen zu laufen, könnte ich nicht mehr erreichen!”

“Wenn Sie meinen”, pflichtete Brian ihm bei. Er hatte keine Ahnung, was ein Sandwichplakat war, aber er war ganz sicher, daß er nie zulassen würde, daß man ihn mit so etwas herumlaufen sah. “Es würde mir wirklich Spaß machen, mich umzusehen.” Und er war zu höflich, um hinzuzufügen: Auch wenn es kaum etwas zu sehen gibt.

“Dann sieh dich um!” sagte Mr. Gaunt und deutete auf die Vitrinen. Brian stellte fest, daß er eine lange, rote Samtjacke trug. Er dachte, daß es sich dabei vielleicht um einen Hausrock handeln könnte wie in den Sherlock-Holmes-Geschichten, die er gelesen hatte. Sie sah gut aus. “Fühl dich wie zu Hause, Brian!”

Brian wanderte langsam zu der der Tür am nächsten stehenden Vitrine. Er warf einen Blick über die Schulter; er war ganz sicher, daß Mr. Gaunt ihm auf Schritt und Tritt folgen würde, aber Mr. Gaunt stand neben der Tür und beobachtete ihn leicht belustigt. Es war fast, als hätte er Brians Gedanken gelesen und herausgefunden, wie sehr es Brian zuwider war, wenn der Besitzer eines Ladens ihm auf Schritt und Tritt folgte, während er sich irgendetwas ansah. Vermutlich hatten die meisten Ladenbesitzer Angst, daß man etwas zerbrechen oder stehlen würde — oder beides.

“Laß dir Zeit”, sagte Mr. Gaunt. “Einkaufen ist ein Vergnügen, wenn man sich Zeit lassen kann, und eine Qual in den unteren Körperregionen, wenn man es nicht kann.”

“Sagen Sie, kommen Sie von irgendwo jenseits des Großen Teiches?” fragte Brian. Mr. Gaunts Art, sich auszudrücken, interessierte ihn. Sie erinnerte ihn an den alten Herrn, der Masterpiece Theatre moderierte, das sich seine Mutter gelegentlich ansah, wenn in der Fernsehzeitung stand, es wäre eine Liebesgeschichte.

“Ich”, sagte Mr. Gaunt, “komme aus Akron.”

“Liegt das in England?”

“Das liegt in Ohio”, erklärte Leland Gaunt würdevoll, und dann entblößte er seine kräftigen, unregelmäßigen Zähne zu einem sonnigen Lächeln.

Das kam Brian komisch vor, auf die gleiche Art, wie ihm manchmal der Text in Fernsehshows wie Cheers komisch vorkam. Überhaupt hatte er bei alledem das Gefühl, als wäre er in eine Fernsehshow geraten, eine, die ein wenig mysteriös war, aber nicht eigentlich beängstigend. Er mußte lachen.

Ihm blieben ein paar Sekunden, um sich Sorgen zu machen, ob er unhöflich war (vielleicht deshalb, weil seine Mutter ihm immer vorwarf, er wäre unhöflich, und Brian deshalb überzeugt war, in einem riesigen und fast unsichtbaren Spinnennetz von Benimmregeln zu leben), und dann fiel der hochgewachsene Mann in sein Gelächter ein. Die beiden lachten gemeinsam, und alles in allem konnte Brian sich nicht erinnern, jemals einen so angenehmen Nachmittag wie diesen erlebt zu haben.

“Nur zu, sieh dir alles an”, sagte Mr. Gaunt und schwenkte die Hand. “Über unsere Lebensgeschichten unterhalten wir uns ein andermal.” Also sah sich Brian alles an. In der größten Vitrine, die aussah, als böte sie bequem Platz für zwanzig oder dreißig Objekte, lagen nur fünf Dinge. Das war eine Pfeife. Daneben lag ein Foto von Elvis Presley in seiner weißen Auftrittskluft mit dem Tiger auf dem Rücken und einem roten Halstuch. The King (wie seine Mutter ihn immer nannte) hielt ein Mikrofon an die aufgeworfenen Lippen. Der dritte Gegenstand war eine Polaroidkamera. Der vierte war ein polierter Stein mit einer mit Kristallen gefüllten Aushöhlung in der Mitte. Die Kristalle fingen das Licht des Strahlers ein und blitzten und funkelten. Der fünfte war ein Holzsplitter, ungefähr so dick und lang wie einer von Brians Zeigefingern.

Er deutete auf den Stein. “Das ist eine Druse, nicht wahr?”

“So ist es. Du bist ein gebildeter junger Mann, Brian. Ich habe kleine Etiketten für die meisten meiner Objekte, aber sie sind noch nicht ausgepackt — wie der größte Teil meiner Ware. Ich werde arbeiten müssen wie der Teufel, wenn ich bis zur Eröffnung morgen früh fertig sein will.” Aber er schien sich deshalb keinerlei Sorgen zu machen und in aller Ruhe da stehenbleiben zu wollen, wo er stand.

“Was ist das?” fragte Brian und deutete auf den Splitter. Er dachte bei sich, daß dies ein überaus merkwürdiges Stück Ware für einen kleinen, ländlichen Laden war. Er hatte vom ersten Augenblick an eine starke Zuneigung zu Leland Gaunt gefaßt, aber wenn der Rest seiner Ware von dieser Art war, dann würde er, davon war Brian überzeugt, in Castle Rock nicht lange Geschäfte machen. Wenn man Dinge verkaufen wollte wie Pfeifen und Fotos von The King und Holzsplitter, dann war New York der Ort, in dem man seine Geschäfte eröffnete — zumindest glaubte er das anhand der Filme, die er gesehen hatte.

“Ah!” sagte Mr. Gaunt. “Das ist ein wirklich interessantes Stück! Ich will es dir zeigen.”

Er durchquerte den Raum, ging um die Vitrine herum, zog ein dickes Schlüsselbund aus der Tasche und wählte, fast ohne hinzuschauen, einen Schlüssel aus. Er hob den Deckel und nahm den Splitter vorsichtig heraus. “Streck die Hand aus, Brian.”

“Das sollte ich lieber nicht tun”, sagte Brian. Als Einheimischer in einem Staat, in dem der Tourismus einer der wichtigen Wirtschaftszweige ist, war er im Laufe der Zeit in einer ganzen Reihe von Geschenkartikelläden gewesen, und er hatte eine Menge Plakate gesehen, auf denen dieses kleine Gedicht stand: “Hübsch anzusehen / und angenehm zu halten, / aber wer es zerbricht, / der muß es behalten.” Er konnte sich vorstellen, wie seine Mutter reagieren würde, wenn er den Splitter — oder was immer das war — zerbrach und Mr. Gaunt, nun nicht mehr zu freundlich, ihm mitteilte, daß sich der Preis auf fünfhundert Dollar belief.

“Warum nicht?” fragte Mr. Gaunt und hob die Augenbrauen — aber es war im Grunde nur eine einzige Braue; sie war buschig und erstreckte sich oberhalb des Nasenansatzes in einer ununterbrochenen doppelten Wellenlinie.

“Nun, ich bin ziemlich ungeschickt.”

“Unsinn”, erwiderte Mr. Gaunt. “Ich erkenne ungeschickte Jungen, wenn ich sie vor mir sehe. Du gehörst nicht zu dieser Sorte.”

Er ließ den Splitter in Brians Handfläche fallen. Brian betrachtete ihn ziemlich überrascht; er war sich nicht einmal bewußt gewesen, daß er die Hand geöffnet hatte, bis er jetzt den Splitter dort liegen sah.

Aber er fühlte sich überhaupt nicht an wie ein Splitter; er fühlte sich eher an wie …

“Er fühlt sich an wie Stein”, sagte er zweifelnd und hob den Blick, um Mr. Gaunt anzusehen.

“Sowohl Holz als auch Stein”, sagte Mr. Gaunt. “Das Holz ist versteinert.”

“Versteinert”, staunte Brian. Er betrachtete den Splitter genauer, dann fuhr er mit einem Finger daran entlang. Er war glatt und höckerig zugleich. Irgendwie war es ein nicht völlig angenehmes Gefühl. “Er muß sehr alt sein.”

“Mehr als zweitausend Jahre”, pflichtete Mr. Gaunt ihm ernsthaft bei.

“Donnerwetter!” sagte Brian. Er fuhr zusammen und hätte beinahe den Splitter fallen gelassen. Er schloß seine Hand um ihn herum zur Faust, damit er nicht auf den Boden fallen konnte — und ganz plötzlich überkam ihn ein ganz merkwürdiges, verzerrendes Gefühl. Plötzlich fühlte er sich — wie? Schwindelig? Nein; nicht schwindelig, aber weit weg. Als ob ein Teil von ihm aus seinen Körper herausgehoben und davongefegt worden wäre.

Er konnte sehen, wie Mr. Gaunt ihn interessiert und belustigt musterte, und Mr. Gaunts Augen schienen plötzlich so groß zu werden wie Untertassen. Dennoch war dieses Gefühl der Desorientierung nicht beängstigend; es war eher aufregend und bestimmt angenehmer, als das glatte Holz sich unter seinen erkundenden Fingern anfühlte.

“Schließ deine Augen, Brian”, forderte Mr. Gaunt ihn auf. “Schließ deine Augen, Brian, und sage mir, was du fühlst.”

Brian machte die Augen zu und stand einen Moment lang da, ohne sich zu bewegen; sein rechter Arm war ausgestreckt, die Faust umschloß den Splitter. Er sah nicht, wie sich Mr. Gaunts Oberlippe einen Augenblick lang über die langen, krummen Zähne hob wie die eines Hundes und sein Gesicht zu etwas machte, das eine Grimasse des Vergnügens oder der Vorfreude sein mochte. Er hatte das vage Gefühl von Bewegung — einer korkenzieherähnlichen Art von Bewegung. Ein Geräusch, schnell und leicht; patschpatsch … patschpatsch … patschpatsch. Dieses Geräusch kannte er. Es war …

“Ein Schiff!” rief er entzückt, ohne die Augen zu öffnen. “Ich habe das Gefühl, auf einem Schiff zu sein!”

“Ach, wirklich?” sagte Mr. Gaunt, und für Brian hörte es sich an, als wäre es unvorstellbar weit weg.

Das Gefühl wurde stärker; jetzt war ihm, als ginge es auf und ab, quer über lange, träge Wellen. Er konnte die fernen Schreie von Vögeln hören, und — mehr in der Nähe — die Laute vieler Tiere; Kühe muhten, Hähne krähten, das tiefe Fauchen einer sehr großen Katze — kein Anzeichen von Wut, sondern ein Ausdruck der Langeweile. In diesem Augenblick konnte er beinahe Holz (das Holz, von dem, da war er ganz sicher, dieser Splitter stammte) unter seinen Füßen fühlen, und er wußte, daß er an diesen Füßen keine Converse-Turnschuhe trug, sondern nur Sandalen, und …

Dann verschwand es, schrumpfte zu einem winzigen, hellen Punkt wie das Bild auf dem Fernsehschirm, wenn der Strom ausfällt, und dann war es fort. Er öffnete die Augen, erschüttert und hingerissen.

Seine Hand hatte sich um den Splitter herum zu einer so festen Faust geballt, daß es ihn eine bewußte Willensanstrengung kostete, sie wieder zu öffnen, und die Fingergelenke knarrten wie rostige Scharniere.

“Junge, Junge”, sagte er leise.

“Schön, nicht wahr?” fragte Mr. Gaunt vergnügt und zog den Splitter aus Brians Hand mit der geistesabwesenden Geschicklichkeit eines Arztes, der einen Splitter aus Fleisch zieht. Er legte ihn wieder an seinen Platz und schloß mit einer schwungvollen Bewegung die Vitrine ab. “Schön”, pflichtete Brian ihm bei, und das Entweichen seines angehaltenen Atems war fast ein Seufzer. Er bückte sich, um den Splitter zu betrachten. Die Hand, in der er ihn gehalten hatte, kribbelte noch immer ein bißchen. Diese Gefühle; das Aufwärts- und Abwärtskippen des Decks, das Anplätschern der Wellen gegen den Rumpf, der Eindruck von Holz unter seinen Füßen — diese Dinge dauerten in ihm fort, obwohl er (mit einem Gefühl echter Trauer) vermutete, daß sie vergehen würden, wie Träume vergehen.

“Kennst du die Geschichte von Noah und seiner Arche?” fragte Mr. Gaunt.

Brian runzelte die Stirn. Er war ziemlich sicher, daß es eine Geschichte aus der Bibel war, aber er neigte dazu, bei der Sonntagspredikt und bei der Bibelstunde am Donnerstag einfach abzuschalten. “War das so etwas wie ein Schiff, das in achtzig Tagen um die Welt segelte?”

Mr. Gaunt lächelte abermals. “So etwas Ähnliches, Brian. Etwas sehr Ähnliches. Nun, dieser Splitter soll von der Arche Noah stammen. Natürlich kann ich nicht behaupten, daß er wirklich von der Arche Noah stammt, weil die Leute dann denken würden, ich wäre ein Schwindler von der übelsten Sorte. Es dürfte heutzutage rund viertausend Leute auf der Welt geben, die versuchen, Holzstücke zu verkaufen, die angeblich von der Arche Noah stammen — und ungefähr vierhunderttausend, die versuchen, Stücke vom Wahren Kreuz Christi an den Mann zu bringen —, aber ich kann behaupten, daß er mehr als zweitausend Jahre alt ist, weil er mit Hilfe der Radiokarbonmethode datiert worden ist, und ich kann behaupten, daß er aus dem Heiligen Land stammt, obwohl er nicht auf dem Berg Ararat gefunden wurde, sondern auf dem Berg Boram.”

Das meiste davon rauschte über Brian hinweg, nicht aber der springende Punkt. “Zweitausend Jahre”, stieß er hervor. “Donnerwetter! Sind Sie ganz sicher?”

“Das bin ich”, sagte Mr. Gaunt. “Ich habe ein Zertifikat vom M. I. T., wo der Splitter datiert worden ist, und das gehört natürlich zu dem Objekt dazu. Aber weißt du, ich persönlich glaube, daß er wirklich von der Arche stammen könnte.” Er betrachtete einen Moment lang nachdenklich den Splitter, dann trafen seine leuchtenden blauen Augen auf die haselnußbraunen von Brian. Sofort stand Brian im Bann dieses Blickes. “Schließlich ist der Boram in Luftlinie nicht einmal siebzehn Kilometer vom Ararat entfernt, und in den zahlreichen Historien der Welt, besonders denjenigen, die über Generationen hinweg mündlich überliefert wurden, bevor irgend jemand sie schließlich zu Papier gebracht hat, sind schon wesentlich größere Fehler unterlaufen als der endgültige Ruheplatz eines Schiffes, selbst eines großen. Habe ich recht?”

“Ja”, sagte Brian. “Klingt logisch.”

“Und außerdem — er erzeugt ein merkwürdiges Gefühl, wenn man ihn in der Hand hält. Würdest du das nicht auch sagen?”

“Wahrhaftig!”

Mr. Gaunt lächelte, fuhr dem Jungen durchs Haar und brach damit den Bann. “Du gefällst mir, Brian. Ich wünschte, alle meine Kunden wären so zum Staunen bereit wie du. Das Leben wäre wesentlich einfacher für einen bescheidenen Handelsmann wie mich, wenn es in der Welt immer so zuginge.”

“Wieviel — wieviel würden Sie für so etwas verlangen?” fragte Brian. Er deutete auf den Splitter mit einem Finger, der nicht ganz stetig war. Erst jetzt wurde ihm bewußt, wie tief ihn diese Erfahrung bewegt hatte. Es war gewesen, als hielte man sich eine Muschelschale ans Ohr und hörte das Rauschen des Meeres — aber dreidimensional und in Stereo. Er wünschte sich inbrünstig, daß Mr. Gaunt ihm noch einmal erlauben würde, den Splitter zu halten, vielleicht sogar etwas länger, aber er wußte nicht, wie er ihn darum bitten sollte, und Mr. Gaunt bot es ihm nicht an.

“Nun ja”, sagte Mr. Gaunt, legte die Fingerspitzen unter dem Kinn zusammen und schaute Brian verschmitzt an. “Bei einem Objekt wie diesem — und bei den meisten der guten Dinge, die ich verkaufe, bei den wirklich interessanten Dingen — hängt das vom Käufer ab. Von dem, was der Käufer dafür zahlen will. Was würdest du zahlen wollen, Brian?”

“Ich weiß es nicht”, sagte Brian und dachte an die einundneunzig Cents in seiner Tasche, und dann stieß er hervor: “Eine Menge!

Mr. Gaunt warf den Kopf zurück und lachte herzlich. Als er das tat, fiel Brian auf, daß er sich in einer Beziehung in dem Mann getäuscht hatte. Als er hereingekommen war, hatte er geglaubt, Mr. Gaunts Haare wären grau. Jetzt sah er, daß sie nur an den Schläfen silbrig waren. Er muß unter einem der Strahler gestanden haben, dachte Brian.

“Nun, das alles war überaus interessant, Brian, aber ich habe wirklich noch eine Menge zu tun, bevor ich morgen früh um zehn den Laden aufmachen kann, und deshalb …”

“Natürlich”, sagte Brian, zurückgerissen in die Welt der guten Manieren (die ihm, wie seine Mutter ihm oft und gern erklärte, fast vollständig abgingen). “Ich muß auch gehen. Bitte entschuldigen Sie, daß ich Sie so lange aufgehalten habe …”

“Nein, nein! Du verstehst mich falsch!” Mr. Gaunt legte eine seiner langen Hände auf Brians Arm. Brian zog seinen Arm zurück. Er hoffte, diese Geste würde nicht unhöflich erscheinen, aber selbst wenn es so war, konnte er nichts dagegen tun. Mr. Gaunts Hand war hart und trocken und irgendwie unangenehm. Im Grunde fühlte sie sich kaum anders an als das versteinerte Holz, das angeblich von Noahs Arche stammte, oder wie immer das hieß. Aber Mr. Gaunt war zu sehr bei der Sache, um Brians instinktives Zurückweichen zur Kenntnis zu nehmen. Er verhielt sich so, als hätte er und nicht Brian gegen die guten Sitten verstoßen. “Ich fand nur, daß wir zum Geschäft kommen sollten. Es hat wirklich nicht viel Sinn, daß du dir die paar Dinge anschaust, die ich bis jetzt ausgepackt habe; es sind nicht viele, und von denen, die ausgepackt sind, hast du die interessantesten gesehen. Aber ich weiß ziemlich genau, was ich auf Lager habe, auch ohne ein Inventarverzeichnis, und vielleicht habe ich etwas, das du gern hättest, Brian. Was hättest du gern?”

“Himmel”, sagte Brian. Es gab tausend Dinge, die er gern hätte, und das war nur ein Teil des Problems; wenn die Frage so unverblümt gestellt wurde wie jetzt, vermochte er nicht zu sagen, welches von den tausend Dingen er am liebsten hätte.

“Es ist am besten, wenn man über dergleichen nicht zu eingehend nachdenkt”, sagte Mr. Gaunt. Er sprach ganz lässig, aber es war nichts Lässiges in seinen Augen, die Brians Gesicht eingehend musterten. “Wenn ich dich fragen würde: ‘Brian Rusk, was ist es, das du in diesem Augenblick lieber hättest als alles andere auf der Welt?’, was würdest du antworten? Schnell!”

“Sandy Koufax”, erwiderte Brian prompt. Er hatte nicht gewußt, daß seine Hand offen gewesen war, um den Splitter von Noahs Arche aufzunehmen, bis er gesehen hatte, daß er darauf lag, und er hatte nicht gewußt, was er auf Mr. Gaunts Frage antworten würde, bis er hörte, wie die Worte aus seinem Mund kamen. Aber in dem Augenblick, in dem er sie hörte, wußte er, daß es die richtigen Worte gewesen waren.

5

“Sandy Koufax”, sagte Mr. Gaunt nachdenklich. “Interessant.”

“Natürlich nicht Sandy Koufax selbst”, sagte Brian, “sondern seine Baseballkarte.”

“Topps oder Fleers?” fragte Mr. Gaunt.

Brian hatte nicht geglaubt, daß der Nachmittag noch besser werden könnte, aber plötzlich war er es geworden. Mr. Gaunt wußte über Baseballkarten nicht weniger gut Bescheid als über Splitter und Drüsen. Es war erstaunlich, wirklich erstaunlich.

“Topps.”

“Ich vermute, es ist seine Neulingskarte, an der du interessiert bist”, sagte Mr. Gaunt bedauernd. “Ich glaube nicht, daß ich damit dienen kann, aber …”

“Nein”, sagte Brian. “Nicht die von 1954. Die von ‘56. Die hätte ich gern. Ich habe eine Sammlung von 1956er Baseballkarten. Mein Dad hat mich darauf gebracht. Es macht wirklich Spaß, und es gibt nur wenige, die wirklich teuer sind — Al Kaline, Mel Parnell, Roy Campanella und solche Größen. Fünfzig Karten habe ich schon. Darunter die von Al Kaline. Hat achtunddreißig Dollar gekostet. Ich habe eine Menge Rasen gemäht, um Al zu bekommen.”

“Das kann ich mir vorstellen”, sagte Mr. Gaunt mit einem Lächeln.

“Nun, wie gesagt, die meisten ‘56er Karten sind nicht übermäßig teuer — sie kosten fünf Dollar, sieben, manchmal zehn. Aber ein Sandy Koufax in gutem Zustand kostet neunzig oder hundert Dollar. 1956 war er noch kein großer Star, das stellte sich erst später heraus, damals, als die Dodgers noch in Brooklyn waren. Damals nannte jedermann sie die Da Bums. Das jedenfalls hat mir mein Dad erzählt.”

“Dein Dad hat zweihundertprozentig recht”, sagte Mr. Gaunt. “Ich glaube, ich habe etwas, das dich sehr glücklich machen wird, Brian. Warte hier.”

Er verschwand wieder hinter dem Vorhang und ließ Brian vor der Vitrine mit dem Splitter, der Polaroidkamera und dem Foto von The King stehen. Brian tanzte vor Hoffnung und Vorfreude fast von einem Bein aufs andere. Er befahl sich selbst, nicht so ein Schwachkopf zu sein; selbst wenn Mr. Gaunt tatsächlich eine Sandy Koufax-Karte haben sollte, und selbst wenn es eine Topps-Karte aus den Fünfzigern war, dann würde sich wahrscheinlich herausstellen, daß es eine ‘55er oder ‘57er war. Und angenommen, es war wirklich eine ‘56er? Was würde sie ihm nützen mit weniger als einem Dollar in der Tasche?

Nun, ich kann sie mir ansehen, oder etwa nicht? Ansehen kostet nichts. Auch das war einer der Lieblingssprüche seiner Mutter.

Aus dem Zimmer hinter dem Vorhang drangen die Geräusche von Kästen, die bewegt und mit dumpfem Aufprall auf dem Boden abgesetzt wurden. “Nur eine Minute, Brian”, rief Mr. Gaunt.

Es hörte sich an, als wäre er ein wenig außer Atem. “Ich bin ganz sicher, daß hier irgendwo ein Schuhkarton sein muß …”

“Bitte machen Sie sich meinetwegen keine Mühe, Mr. Gaunt”, rief Brian zurück und hoffte inbrünstig, daß sich Mr. Gaunt so viel Mühe machen würde, wie erforderlich war.

“Es könnte natürlich auch sein, daß dieser Karton zu der Sendung gehört, die noch unterwegs ist”, sagte Mr. Gaunt zweifelnd.

Brians Herz sank.

Dann: “Aber ich war ganz sicher — warte! Hier ist er!”

Brians Herz erhob sich — es tat noch mehr, als sich zu erheben. Es flog empor und beschrieb einen Salto rückwärts.

Mr. Gaunt kehrte durch den Vorhang zurück. Sein Haar war eine Spur zerzaust, und auf dem Revers seines Hausrocks war ein Staubfleck. In der Hand hielt er einen Karton, der einmal ein Paar Air Jordan-Turnschuhe enthalten hatte. Er stellte ihn auf den Tresen und nahm den Deckel ab. Brian stand neben ihm und schaute hinein. Der Karton war voll von Baseballkarten, von denen jede in ihrer eigenen Plastikhülle steckte, genau wie die, die Brian manchmal in The Baseball Card Shop in North Conway, New Hampshire, kaufte.

“Ich glaubte, es wäre ein Inventarverzeichnis dabei, aber da habe ich Pech gehabt”, sagte Mr. Gaunt. “Aber weißt du, ich habe eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was ich auf Lager habe — sonst ließe sich ein Geschäft, in dem man alles mögliche verkauft, überhaupt nicht machen —, und ich bin ganz sicher, daß ich gesehen habe …”

Er beendete den Satz nicht und begann, die Karten schnell durchzublättern.

Brian sah, wie die Karten vorbeihuschten, sprachlos vor Erstaunen. Der Mann, dem The Baseball Card Shop gehörte, hatte eine recht gute Kollektion von alten Karten, aber neben den Schätzen, die in diesem einen Schuhkarton steckten, verblaßte der gesamte Bestand seines Ladens. Da waren Kautabakkarten mit den Fotos von Ty Cobb und Pie Traynor. Da waren Zigarettenkarten mit den Fotos von Babe Ruth und Dom DiMaggio und Big George Keller und sogar Hiram Dissen, dem einarmigen Werfer, der in den Vierzigern für die White Sox gespielt hatte. LUCKY STRIKE GREEN HAS GONE TO WAR! verkündeten viele der Zigarettenkarten. Und da, nur ganz flüchtig zu sehen, ein breites, ernsthaftes Gesicht über einem Pittburgh-Dresshemd …

“Mein Gott, war das nicht Honus Wagner?” keuchte Brian. Sein Herz fühlte sich an wie ein sehr kleiner Vogel, der ihm in die Kehle geraten war und nun dort gefangen saß und flatterte. “Das ist die allerseltenste Baseballkarte in der ganzen Welt.”

“Ja, ja”, sagte Mr. Gaunt geistesabwesend. Seine langen Finger arbeiteten sich flink durch die Karten, Gesichter aus einer anderen Ära, eingefangen unter durchsichtiger Plastikfolie, Männer, die auf den Putz gehauen und den Ball geworfen hatten und übers Spielfeld gerannt waren, Helden eines grandiosen und längst vergangenen Goldenen Zeitalters, eines Zeitalters, das für diesen Jungen noch in glücklichen Träumen lebendig war. “Von jedem etwas, das ist es, was ein erfolgreiches Geschäft ausmacht, Brian. Vielfalt, Vergnügen, Staunen, Befriedigung — letzten Endes das, worum es auch in einem erfolgreichen Leben geht —, ich erteile keine Ratschläge, aber wenn ich es täte, könnte es nicht schaden, wenn du dich an diesen erinnern würdest — laß mich sehen — irgendwo — irgendwo — ah!

Er zog eine Karte aus der Mitte des Kastens heraus wie ein Illusionist, der einen Trick vorführt, und legte sie triumphierend in Brians Hand.

Es war eine Sandy Koufax.

Es war eine ‘56er Topps-Karte.

Und sie war signiert.

“Für meinen guten Freund Brian, mit den besten Wünschen, Sandy Koufax.”

Und dann entdeckte er, daß er kein Wort herausbringen konnte.

6

Er schaute zu Mr. Gaunt hoch. Sein Mund arbeitete. Mr. Gaunt lächelte. “Das habe ich weder arrangiert noch geplant, Brian. Es ist einfach ein Zufall — aber ein hübscher Zufall, findest du nicht?”

Brian konnte noch immer nicht sprechen und begnügte sich deshalb mit einem Kopfnicken. Die Plastikhülle mit ihrem kostbaren Inhalt fühlte sich seltsam schwer an in seiner Hand.

“Hol sie heraus”, forderte Mr. Gaunt ihn auf.

Als Brians Stimme endlich wieder aus seinem Mund herausdrang, hörte sie sich an wie das Krächzen eines sehr alten Invaliden. “Ich trau mich nicht.”

“Nun, ich tue es”, sagte Mr. Gaunt. Er nahm Brian die Hülle ab, schob den sorgfältig manikürten Nagel eines Fingers hinein und zog die Karte heraus. Er legte sie in Brians Hand.

Er konnte winzige Vertiefungen in der Oberfläche sehen — sie stammten von der Spitze des Stiftes, den Sandy Koufax benutzt hatte, um seinen Namen hinzuschreiben — ihrer beider Namen. Koufax’ eigene Unterschrift war fast identisch mit der gedruckten, aber die gedruckte lautete Sanford Koufax und das Autogramm Sandy Koufax. Außerdem war sie tausendmal besser, weil sie echt war. Sandy Koufax hatte diese Karte in der Hand gehalten und sein Zeichen darauf hinterlassen, das Zeichen seiner lebendigen Hand und seines magischen Namens.

Aber außerdem stand noch ein weiterer Name auf der Karte — Brians eigener. Irgendein Junge, der so hieß wie er, hatte vor dem Spiel auf dem Übungsplatz von Ebbets Field gestanden, und Sandy Koufax, der wirkliche Sandy Koufax, jung und kräftig, die Jahre des Ruhms noch vor sich, hatte die ihm entgegengestreckte Karte genommen, die vermutlich noch nach süßem rosa Kaugummi roch, und hatte sein Zeichen darauf hinterlassen — und meines obendrein, dachte Brian.

Plötzlich war es wieder da, das Gefühl, das über ihn hinweggefegt war, als er den Splitter aus versteinertem Holz in der Hand gehalten hatte. Nur war es diesmal viel, viel stärker.

Der Duft von Gras, süß und frisch gemäht.

Lautes Klatschen von Esche auf Pferdehaut.

Rufe und Gelächter vom Trainingsplatz der Schlagmänner.

“Hallo, Mister Koufax, würden Sie mir bitte ein Autogramm geben?”

Ein schmales Gesicht. Braune Augen. Dunkles Haar. Die Kappe wird kurz abgenommen, er kratzt sich den Kopf unmittelbar oberhalb des Haaransatzes, dann setzt er die Kappe wieder auf.

“Klar, Junge.” Er nimmt die Karte. “Wie heißt du?”

“Brian, Sir — Brian Seguin.”

Kratz, kratz, kratz auf der Karte. Der Zauber: das niedergeschriebene Feuer.

“Willst du auch Baseball-Spieler werden, wenn du groß bist, Brian?” Die Frage klingt mechanisch, wie auswendig hergesagt, und er spricht, ohne das Gesicht von der Karte zu heben, die er in seiner großen rechten Hand hält, damit er mit seiner wenig später berühmten linken Hand schreiben kann.

“Ja, Sir.”

“Aber fleißig trainieren!” Und er gibt die Karte zurück.

“Ja, Sir!”

Aber er geht bereits davon, dann verfällt er in einen gemächlichen Trab auf dem frisch gemähten Gras, trabt auf den Trainingsplatz zu, und sein Schatten trabt neben ihm her

“Brian? Brian?

Lange Finger schnippten unter seiner Nase — Mr. Gaunts Finger. Brian arbeitete sich aus seiner Trance heraus und sah, daß Mr. Gaunt ihn anschaute, belustigt.

“Bist du noch da, Brian?”

“Entschuldigung”, sagte Brian und errötete. Er wußte, daß er die Karte zurückgeben sollte, sie zurückgeben und den Laden verlassen, aber er schien nicht imstande zu sein, sie loszulassen. Mr. Gaunt schaute ihm abermals in die Augen — direkt in den Kopf, wie es schien —, und wieder war es ihm unmöglich, den Blick abzuwenden.

“Also”, sagte Mr. Gaunt leise, “nehmen wir an, Brian, du wärest der Käufer. Nehmen wir es einmal an. Wieviel würdest du für diese Karte bezahlen wollen?”

Brian spürte, wie sich Verzweiflung wie ein Bergrutsch auf sein Herz legte.

“Alles, was ich habe, sind …”

Mr. Gaunts linke Hand flog hoch. “Pst!” sagte er streng. “Kein Wort davon! Der Käufer darf den Verkäufer nie wissen lassen, wieviel er hat! Da könntest du dem Verkäufer gleich die Brieftasche aushändigen und obendrein noch das, was du in den Taschen hast, auf den Fußboden werfen! Wenn du nicht lügen kannst, dann halt den Mund! Das ist die erste Regel für einen fairen Handel, Brian, mein Junge.”

Seine Augen — so groß und dunkel. Brian hatte das Gefühl, in ihnen zu schwimmen.

“Diese Karte hat zwei Preise, Brian. Halb und Halb. Die eine Hälfte ist Bargeld. Die andere ist eine Tat. Hast du verstanden?”

“Ja”, sagte Brian. Er fühlte sich wieder weit weg — weit weg von Castle Rock, weit weg von Needful Things, sogar weit weg von sich selbst. Das einzig Wirkliche an diesem weit entfernten Ort waren Mr. Gaunts große, dunkle Augen.

“Der Geldpreis für diese signierte Sandy Koufax-Karte von 1956 ist fünfundachtzig Cents”, sagte Mr. Gaunt. “Erscheint dir das angemessen?”

“Ja”, sagte Brian. Seine Stimme war weit weg und winzig. Er spürte, wie er schwand, dahinschwand — und sich dem Punkt näherte, an dem jedes klare Erinnern aufhören würde.

“Gut”, sagte Mr. Gaunts gütige Stimme. “Bis hierher hat unser Handel gute Fortschritte gemacht. Und was die Tat betrifft — kennst du eine Frau namens Wilma Jerzyck, Brian?”

“Wilma, natürlich”, sagte Brian aus seiner Dunkelheit heraus. “Sie wohnt in der Straße, die unserem Block gegenüberliegt.”

“Ja, ich glaube, da wohnt sie”, pflichtete Mr. Gaunt ihm bei. “Und nun hör genau zu, Brian.” Er mußte weitergesprochen haben, aber Brian konnte sich nicht erinnern, was er gesagt hatte.

7

Das nächste, dessen er sich bewußt war, war, daß Mr. Gaunt ihn sanft auf die Main Street hinausschob, ihm erklärte, wie sehr er sich freute, ihn kennengelernt zu haben, und ihn bat, seiner Mutter und all seinen Freunden zu erzählen, daß er freundlich empfangen und fair behandelt worden war.

“Klar”, sagte Brian. Er fühlte sich verwirrt — aber gleichzeitig fühlte er sich sehr wohl, als wäre er gerade aus einem erholsamen Nachmittagsschlaf erwacht.

“Und komm wieder”, sagte Mr. Gaunt, kurz bevor er die Tür zumachte. Brian betrachtete sie. Auf dem Schild, das jetzt da hing, stand

GESCHLOSSEN

8

Brian hatte das Gefühl, als wäre er stundenlang in Needful Things gewesen, aber die Uhr an der Bank besagte, daß es erst zehn Minuten vor vier war. Es waren kaum zwanzig Minuten gewesen. Er schickte sich an, auf sein Fahrrad zu steigen, dann lehnte er die Lenkstange gegen einen Baum und griff in die Hosentaschen.

Aus der einen zog er sechs funkelnde Kupfermünzen.

Aus der anderen zog er die Sandy Koufax-Karte mit dem Autogramm.

Ganz offensichtlich hatten sie tatsächlich irgendeinen Handel abgeschlossen, aber Brian konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, worin er bestanden hatte — und er wußte nur, daß Wilma Jerzycks Name gefallen war.

Für meinen guten Freund Brian, mit den besten Wünschen, Sandy Koufax.

Welchen Handel sie auch abgeschlossen haben mochten, dies war es wert.

Eine Karte wie diese war praktisch alles wert.

Brian steckte sie behutsam in seinen Ranzen, damit sie nicht verbiegen konnte, stieg aufs Rad und fuhr schnell nach Hause. Er lächelte auf dem ganzen Weg.

2

1

Wenn in einer kleinen Stadt in Neuengland ein neuer Laden eröffnet wird, dann legen die Einwohner — auch wenn sie in mancher anderen Hinsicht ausgemachte Hinterwäldler sind — eine kosmopolitische Einstellung an den Tag, mit denen ihre Vettern in den Großstädten kaum wetteifern können. In New York oder Los Angeles zieht eine neue Galerie vielleicht eine kleine Schar möglicher Kunden und simpler Sehleute an, bevor sich die Türen zum ersten Mal öffnen; vor einem neuen Club kann sich sogar eine Schlange bilden, mit Absperrung durch die Polizei und einer Schar von paparazzi, bewaffnet mit Zubehörtaschen und Teleobjektiven, die erwartungsvoll dahinter stehen. Man hört angeregtes Stimmengemurmel, wie unter Theaterbesuchern am Broadway vor der Premiere eines neuen Stückes, das, ob Riesenerfolg oder totaler Reinfall, auf jeden Fall zu Bemerkungen Anlaß gibt.

Wenn in einer kleinen Stadt in Neuengland ein neuer Laden eröffnet wird, dann findet sich, bevor die Türen aufgehen, nur selten eine Schar ein, und zu einer Schlange kommt es nie. Wenn die Jalousien hochgezogen sind, die Türen aufgeschlossen und das neue Geschäft der Kundschaft zugänglich ist, dann kommen und gehen die Kunden in einem dünnen Rinnsal, das ein Außenseiter zweifellos mit Desinteresse erklären würde — wahrscheinlich ein schlechtes Omen für den künftigen Wohlstand des Ladenbesitzers.

Was wie Mangel an Interesse aussieht, verhüllt oft nur eifrige Erwartung und noch eifrigeres Beobachten. Cora Rusk und Myra Evans waren nicht die einzigen beiden Frauen in Castle Rock, die in der Woche, bevor der Laden eröffnet wurde, ausgedehnte Telefongespräche über Needful Things führten. Dieses Interesse und diese Erwartung ändern jedoch nichts an dem konservativen Verhaltenskodex der Leute in einer kleinen Stadt. Gewisse Dinge tut man einfach nicht, vor allem in den strikten Yankee-Enklaven nördlich von Boston. Das sind Kommunen, die alljährlich neun Monate lang ganz auf sich allein gestellt existieren, und es gilt als schlechtes Benehmen, zu früh und zu viel Anteilnahme an den Tag zu legen oder auf irgendeine Art erkennen zu lassen, daß man mehr empfindet als nur ein flüchtiges Interesse, sozusagen.

Die Erkundung eines neuen Ladens in einer kleinen Stadt und die Teilnahme an einer gesellschaftlich wichtigen Party in einer großen Stadt sind beides Aktivitäten, die bei denen, die sich daran zu beteiligen gedenken, ein gewisses Maß an Erregung auslösen; und für beides gibt es Regeln — Regeln, die unausgesprochen, unumstößlich und einander seltsam ähnlich sind. Die wichtigste davon ist: Niemand darf als erster eintreffen. Natürlich muß irgend jemand gegen diese Kardinalregel verstoßen, sonst käme überhaupt niemand, aber ein neuer Laden bleibt, nachdem das GESCHLOSSEN-Schild im Fenster umgedreht worden ist und zum erstenmal GEÖFFNET anzeigt, gewöhnlich mindestens zwanzig Minuten leer, und ein erfahrener Beobachter kann mit ziemlicher Sicherheit darauf wetten, daß die ersten Besucher in einer Gruppe erscheinen — zwei, drei, wahrscheinlich jedoch vier Damen.

Die zweite Regel besagt, daß die ersten Kunden eine Höflichkeit an den Tag legen, die fast ans Eisige grenzt. Die dritte ist, daß niemand (zumindest beim ersten Besuch) dem Ladenbesitzer irgendwelche Fragen über seine Herkunft oder seine Bonität stellt. Die vierte ist, daß ihm niemand ein Willkommensgeschenk überreicht, schon gar nicht ein so heikles wie einen selbstgebackenen Kuchen. Die letzte Regel ist so unumstößlich wie die erste: Niemand darf als letzter gehen.

Diese feierliche Gavotte, die man den “Tanz der weiblichen Erkundung” nennen könnte, dauert gewöhnlich zwei Wochen bis zwei Monate; wenn ein Ortsansässiger einen Laden eröffnet, findet sie überhaupt nicht statt. In diesem Fall gleicht die Eröffnung eher einem Kirchenessen in der Old Home Week — zwanglos, lebhaft und ziemlich fade. Aber wenn der neue Handelsmann Von Außerhalb kommt (es wird immer so ausgesprochen, daß man die großen Anfangsbuchstaben hören kann), dann ist der Tanz der weiblichen Erkundung so sicher wie die Tatsache des Todes und der Schwerkraft. Wenn die Probezeit vorüber ist (niemand gibt eine Anzeige in der Zeitung auf, die darauf hinweist, aber irgendwie wissen es trotzdem alle), dann passiert eines von zwei Dingen: entweder nehmen die Geschäfte einen normalen Verlauf, und zufriedene Kunden bringen verspätete Willkommensgeschenke und Einladungen, oder der neue Laden geht nicht. In Städten wie Castle Rock spricht man gelegentlich von einem “bankrotten Laden”, und zwar bereits Wochen oder sogar Monate, bevor die glücklosen Inhaber diesen Tatbestand selbst feststellen.

Aber in Castle Rock gab es eine Frau, die sich nicht an die allgemeinen gültigen Regeln hielt, so unumstößlich sie anderen auch erscheinen mochten. Diese Frau war Polly Chalmers, die Inhaberin von You Sew and Sew. Die meisten Leute erwarteten auch nicht von ihr, daß sie sich wie ein normaler Mensch benahm; die meisten Damen von Castle Rock (und viele der Herren) hielten Polly Chalmers für exzentrisch.

Polly stellte die selbsternannten Richter über das gute Benehmen in Castle Rock vor eine ganze Reihe von Problemen. Zum einen konnte sich niemand über die grundlegende Tatsache klar werden: stammt Polly Aus Dem Ort oder stammte sie Von Außerhalb? Gewiß, sie war in Castle Rock geboren, aber sie hatte den Ort, von Duke Sheehan in andere Umstände gebracht, im Alter von achtzehn Jahren verlassen. Das war 1970 gewesen, und sie war nur einmal zu Besuch gekommen, bevor sie 1987 endgültig zurückkehrte.

Dieser kurze Besuch hatte Ende 1975 begonnen, als ihr Vater an Darmkrebs starb. Nach seinem Tod hatte Lorraine Chalmers einen Herzinfakt gehabt, und Polly war geblieben, um ihre Mutter zu pflegen. Lorraine hatte im zeitigen Frühjahr 1976 einen zweiten, diesmal tödlichen Herzinfakt erlitten; und nachdem ihre Mutter in Homeland zur letzten Ruhe bestattet worden war, war Polly (um die sich inzwischen, soweit es die Damen der Stadt betraf, eine echte Aura des Geheimnisvollen gebreitet hatte) wieder abgereist.

Diesmal für immer war die übereinstimmende Ansicht, und als die letzte noch verbliebene Chalmers, die alte Tante Evvie, 1981 starb und Polly nicht an der Beerdigung teilnahm, schien diese Ansicht erwiesene Tatsache geworden zu sein. Aber vier Jahre später war sie tatsächlich zurückgekehrt und hatte ihre Schneiderei eröffnet. Zwar wußte niemand Genaueres, aber man ging allgemein davon aus, daß sie das neue Unternehmen mit Tante Evvie Chalmers’ Geld finanziert hatte. Wem sonst hätte die verrückte alte Schachtel es hinterlassen sollen?

Die besonders interessierten Zuschauer der comédie humaine in Castle Rock (und das waren die meisten) zweifelten nicht daran, daß, wenn Polly ihren kleinen Laden zum Erfolg führte und in der Stadt blieb, der größte Teil der Dinge, die sie zu gern gewußt hätten, im Laufe der Zeit ans Licht kommen würde. Aber in Pollys Fall blieb sehr vieles im dunkeln. Und das war wirklich ziemlich aufreibend.

Sie hatte einige Jahre in San Francisco gelebt, soviel war bekannt, aber viel mehr nicht — Lorraine Chalmers war, was ihre ungeratene Tochter anging, verschlossen gewesen wie eine Auster. War Polly dort oder irgendwo anders zur Schule gegangen? Sie führte ihr Geschäft, als hätte sie eine Handelsschule besucht und eine Menge gelernt, aber niemand konnte es mit Sicherheit sagen. Sie war allein, als sie zurückkehrte; aber war sie jemals verheiratet gewesen, entweder in San Francisco oder an irgendeinem der anderen Orte, in denen sie die Jahre zwischen damals und heute verbracht hatte? Auch das wußte niemand. Man wußte nur, daß sie niemals den Sheehan-Jungen geheiratet hatte — er war bei den Marines eingetreten, hatte dort ein paar Jahre gedient und verkaufte jetzt irgendwo in New Hampshire Immobilien. Und weshalb war sie nach all den Jahren zurückgekehrt, um zu bleiben?

Vor allem fragten sie sich immer wieder, was aus dem Kind geworden sein mochte. Hatte die hübsche Polly es abtreiben lassen? Hatte sie es zur Adoption freigegeben? Hatte sie es behalten? Wenn ja, war es gestorben? War es noch am Leben, besuchte irgendwo eine Schule und schrieb seiner Mutter hin und wieder einen Brief? Auch das wußte niemand, und in mancher Hinsicht waren es diese unbeantworteten Fragen, die den Leuten am meisten zu schaffen machten. Das junge Mädchen, das mit einem Brötchen im Ofen die Stadt in einem Greyhound-Bus verlassen hatte, war jetzt eine Frau von fast vierzig Jahren und lebte und arbeitete bereits seit vier Jahren wieder in der Stadt, und bisher kannte man noch nicht einmal das Geschlecht des Kindes, das der Grund ihrer Abreise gewesen war.

Erst kürzlich hatte Polly Chalmers der Stadt einen neuen Beweis für ihre Exzentrizität geliefert, wenn ein solcher überhaupt noch erforderlich gewesen wäre: sie hatte sich mit Alan Pangborn zusammengetan, dem Sheriff von Castle County; und Sheriff Pangborn hatte erst vor anderthalb Jahren seine Frau und seinen jüngeren Sohn begraben. Dieses Verhalten war nicht direkt ein Skandal, aber es war zweifellos exzentrisch, und deshalb war niemand überrascht, zu sehen, wie Polly Chalmers um zwei Minuten nach zehn Uhr am Morgen des 9. Oktober auf dem Gehsteig der Main Street von ihrer Tür zu der von Needful Things hinüberging. Sie waren nicht einmal von dem überrascht, was sie in ihren behandschuhten Händen trug: einen Tupperware-Behälter, der nur eine Torte enthalten konnte.

Das war zu erwarten gewesen, sagten die Einheimischen, als sie sich später darüber unterhielten.

2

Vor dem Schaufenster von Needful Things war der Kalk abgewaschen worden, und ungefähr ein Dutzend Objekte waren darin ausgestellt — Uhren, ein silbernes Medaillon, ein Gemälde, ein wunderschöner dreiteiliger Bilderrahmen, der nur darauf wartete, daß ihn jemand mit den Fotos seiner Lieben füllte. Polly warf einen beifälligen Blick auf diese Gegenstände, dann ging sie zur Tür. Auf dem Schild, das dort hing, stand GEÖFFNET. Als sie sie aufstieß, bimmelte über ihrem Kopf ein Glöckchen — es war erst nach Brian Rusks Vorbesichtigung angebracht worden.

Der Laden roch nach neuem Teppichboden und frischer Farbe. Er war von Sonnenlicht erfüllt, und als sie eintrat und sich interessiert umschaute, drängte sich ihr der Gedanke auf: Dies ist ein Erfolg. Bisher ist noch kein Kunde über die Schwelle getreten — sofern nicht ich einer bin —, und schon ist es ein Erfolg. Bemerkenswert. Derart vorschnelle Urteile waren sonst nicht ihre Art, und ebensowenig ihr Gefühl der Anerkennung auf den ersten Blick, aber beides ließ sich nicht leugnen.

Ein hochgewachsener Mann beugte sich über eine der Vitrinen. Als das Glöckchen bimmelte, schaute er auf und lächelte sie an. “Hallo”, sagte er.

Polly war eine praktische Frau, die ihren eigenen Kopf kannte und in der Regel mochte, was sie darin vorfand, und deshalb war der Moment der Unsicherheit, die sie überkam, als sie diesem Fremden in die Augen schaute, schon als solcher verwirrend.

Ich kenne ihn, war der erste klare Gedanke, der diese unerwartete Wolke durchbrach. Ich bin diesem Mann schon einmal begegnet. Wo?

Doch das war nicht der Fall, und diese Gewißheit kam einen Augenblick später. Es war ein déja vu, dieses Gefühl irrtümlicher Erinnerung, das von Zeit zu Zeit fast jedermann überkommt, ein Gefühl, das verstörend ist, weil es gleichzeitig so traumhaft und so prosaisch ist.

Ein paar Sekunden lang war sie aus der Fassung und konnte ihn nur lahm anlächeln. Dann bewegte sie ihre linke Hand, um den Tortenbehälter sicherer zu fassen, und ein grausamer Bolzen aus Schmerz fuhr durch den Handrücken und in zwei grellen Dornen zum Handgelenk. Es fühlte sich an, als steckten die Zinken einer großen Chromgabel tief in ihrem Fleisch. Es war Arthritis, und es tat verflucht weh, aber zumindest brachte es sie wieder zur Besinnung, und sie sprach ohne erkennbare Verzögerung — aber sie dachte, daß es durchaus möglich war, daß der Mann es doch bemerkt hatte. Er hatte strahlende, nußbraune Augen, die aussahen, als würden sie sehr vieles bemerken.

“Hi”, sagte sie. “Mein Name ist Polly Chalmers. Mir gehört die kleine Schneiderei zwei Türen weiter. Und da wir Nachbarn sind, dachte ich, ich sollte herüberkommen und Sie in Castle Rock willkommen heißen, bevor der Ansturm losgeht.”

Er lächelte, und sein ganzes Gesicht leuchtete auf. Sie spürte, wie ein Lächeln ihre Lippen anhob, obwohl ihre linke Hand noch immer teuflisch weh tat. Wenn ich nicht bereits Alan lieben würde, dachte sie, könnte ich ohne weiteres vor diesem Mann in die Knie gehen. Zeig mir das Schlafzimmer, Meister, ich gehe mit. Mit einem Anflug von Belustigung fragte sie sich, wie viele der Damen, die bis zum Ende des Tages auf einen kurzen Blick hier hereinschauen würden, wohl völlig in ihn vernarrt sein würden. Sie sah, daß er keinen Ehering trug; weiteres Öl ins Feuer.

“Ich bin entzückt, Sie kennenzulernen, Ms. Chalmers”, sagte er und trat vor. “Ich bin Leland Gaunt.” Er streckte ihr die rechte Hand entgegen, als er auf sie zukam; dann runzelte er die Stirn, weil sie rasch einen kleinen Schritt zurücktrat.

“Es tut mir leid”, sagte sie, “aber ich gebe niemandem die Hand. Bitte halten Sie mich nicht für unhöflich. Ich habe Arthritis.” Sie stellte den Tupperware-Behälter auf die nächste Vitrine und hob ihre Hände, die in Glacehandschuhen steckten. Sie hatten nichts Groteskes an sich, aber sie waren eindeutig deformiert, die linke ein wenig stärker als die rechte.

In der Stadt gab es Frauen, die glaubten, Polly wäre tatsächlich stolz auf ihre Krankheit; weshalb sonst, so argumentierten sie, wäre sie so darauf versessen, ihre Hände sofort vorzuzeigen? Genau das Gegenteil war der Fall. Obwohl nicht eitel, war Polly doch an ihrer Erscheinung interessiert genug, daß die Häßlichkeit ihrer Hände sie verlegen machte. Sie zeigte sie, so schnell sie konnte, und jedesmal, wenn sie es tat, schoß ihr ganz kurz immer wieder der gleiche Gedanke durch den Kopf — so kurz, daß er ihr nur sehr selten bewußt wurde. So. Das ist erledigt. Jetzt können wir zu dem übergehen, was gerade anliegt.

Die anderen Leute ließen gewöhnlich selbst ein gewisses Maß an Unbehagen oder Verlegenheit erkennen, wenn sie ihnen ihre Hände zeigte. Gaunt tat es nicht. Er ergriff ihren Oberarm mit Händen, die sich außergewöhnlich kräftig anfühlten, und schüttelte ihn anstelle der Hand. Sie hätte es als eine bei der ersten Begegnung unangemessen intime Geste empfinden können, aber das war nicht der Fall. Die Geste war freundschaftlich, kurz, sogar ein wenig amüsant. Dennoch war sie froh, daß sie kurz war. Seine Hände fühlten sich trocken und unangenehm an, selbst durch den leichten Herbstmantel hindurch, den sie anhatte.

“Es muß sehr schwierig sein, gerade mit dieser Behinderung eine Schneiderei zu betreiben, Ms. Chalmers. Wie schaffen Sie das?”

Das war eine Frage, die ihr nur sehr wenige Leute stellten, und sie konnte sich nicht erinnern, daß irgend jemand, Alan ausgenommen, sie jemals so direkt gestellt hatte.

“Ich habe den ganzen Tag genäht, solange ich konnte”, sagte sie. “Mit zusammengebissenen Zähnen, könnte man sagen. Jetzt habe ich ein halbes Dutzend Mädchen, die halbtags für mich arbeiten, und ich beschränke mich fast nur noch auf das Entwerfen. Aber ich habe nach wie vor meine guten Tage.” Das war eine Lüge, aber eine, die kaum Schaden anrichten konnte, zumal sie in erster Linie ihrem eigenen Interesse diente.

“Nun, ich bin froh, daß Sie herübergekommen sind. Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen — ich hatte heftiges Lampenfieber.”

“Wirklich? Warum?” Sie war bei der Beurteilung von Leuten noch weniger vorschnell als bei der Beurteilung von Örtlichkeiten und Ereignissen, und sie war verblüfft — sogar ein wenig bestürzt —, daß sie sich so schnell und so scheinbar selbstverständlich zu Hause fühlte bei einem Mann, den sie vor weniger als einer Minute kennengelernt hatte.

“Ich habe mich gefragt, was ich tun würde, wenn niemand kommt. Überhaupt niemand, den ganzen Tag über.”

“Sie werden kommen”, sagte sie. “Sie werden einen Blick auf Ihre Ware werfen wollen — niemand scheint eine Vorstellung davon zu haben, was in einem Laden angeboten wird, der Needful Things heißt —, aber was noch wichtiger ist, sie werden einen Blick auf Sie werfen wollen. Es ist nur so, daß in einer kleinen Stadt wie Castle Rock …”

»… niemand zu interessiert erscheinen möchte”, beendete er den Satz für sie. “Das weiß ich — ich habe meine Erfahrungen mit kleinen Städten. Mein Verstand sagt mir, daß das, was Sie eben sagten, voll und ganz der Wahrheit entspricht. Aber da ist noch eine andere Stimme, die immer wieder behauptet: ›Sie werden nicht kommen, Leland, alter Freund, oh nein, sie werden nicht kommen, sie werden in Scharen wegbleiben, wart’s nur ab.‹«

Sie lachte, und plötzlich erinnerte sie sich, daß ihr ganz genau so zumute gewesen war, als sie You Sew and Sew eröffnet hatte.

“Aber was ist das?” fragte er und berührte den Tupperware-Behälter mit einer Hand. Dabei fiel ihr auf, was Brian Rusk bereits gesehen hatte: Zeige- und Mittelfinger dieser Hand waren genau gleich lang.

“Es ist eine Torte. Und wenn ich diese Stadt nur halb so gut kenne, wie ich sie zu kennen glaube, dann wird es die einzige sein, die Sie heute bekommen.”

Er lächelte sie an, offensichtlich erfreut. “Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen, Ms. Chalmers — ich bin überwältigt.”

Und sie, die nie jemanden schon bei der ersten Begegnung oder nach kurzer Bekanntschaft aufforderte, sie beim Vornamen zu nennen (und die jedermann, der sich dieses Privileg unaufgefordert anmaßte — Grundstücksmakler, Versicherungsagenten, Autoverkäufer — mit Argwohn betrachtete), hörte sich zu ihrer eigenen Verwunderung sagen: “Und wenn wir schon Nachbarn sein werden — sollten Sie mich dann nicht Polly nennen?”

3

Die Torte war eine Schokoladentorte, wie Leland Gaunt feststellte, indem er den Deckel anhob und schnupperte. Er lud sie ein, zu bleiben und ein Stück mit ihm zu essen. Polly erhob Einwände. Gaunt bestand darauf.

“Sie haben jemanden, der sich um Ihren Laden kümmert”, sagte er, “und niemand wird es wagen, zumindest in der nächsten halben Stunde einen Fuß in den meinen zu setzen — damit sollte dem Protokoll Genüge getan sein. Und ich habe tausend Fragen über die Stadt.”

Also gab sie nach. Er verschwand hinter dem Vorhang am hinteren Ende des Ladens, und sie hörte, wie er eine Treppe hinaufstieg — wahrscheinlich wohnte er im Obergeschoß, wenn vielleicht auch nur fürs erste —, um Teller und Kuchengabeln zu holen. Während sie auf seine Rückkehr wartete, wanderte Polly umher und sah sich um.

Ein gerahmtes Schild an der Wand neben der Tür, durch die sie hereingekommen war, besagte, daß der Laden Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag von zehn bis siebzehn Uhr geöffnet sein würde. Dienstag und Donnerstag war er geschlossen, “außer auf Verabredung”, und zwar bis zum späten Frühjahr — oder, dachte Polly mit einem innerlichen Lächeln, bis diese verrückten und unberechenbaren Touristen und Sommergäste auftauchten und dicke Dollarbündel schwenkten.

Sie kam zu dem Schluß, daß Needful Things ein Raritätenladen war. Ein Raritätenladen der gehobenen Klasse, hätte sie auf den ersten Blick gesagt, aber eine genauere Betrachtung der zum Verkauf stehenden Gegenstände machte ihr klar, daß er sich so leicht nicht kategorisieren ließ.

Die Stücke, die ausgestellt gewesen waren, als Brian Rusk am Nachmittag zuvor in den Laden gekommen war — Druse, Polaroidkamera, das Foto von Elvis Presley, die paar anderen Dinge —, waren nach wie vor da, aber inzwischen waren ungefähr vier Dutzend andere dazugekommen. An einer der eierschalenfarbenen Wände hing ein kleiner Teppich, der vermutlich ein kleines Vermögen wert war — er stammte aus der Türkei und war alt. In einer der Vitrinen befand sich eine Kollektion von Zinnsoldaten, möglicherweise gleichfalls alt; aber Polly wußte, daß alle Zinnsoldaten, selbst diejenigen, die am Montag vor einer Woche in Hongkong gegossen worden waren, einen alten Eindruck machten.

Die angebotenen Gegenstände waren höchst unterschiedlicher Natur. Zwischen dem Foto von Elvis, das ihr vorkam wie eine Sache, die man auf jedem amerikanischen Jahrmarkt für 4.99 Dollar erstehen konnte, und einer völlig uninteressanten Wetterfahne in Form des amerikanischen Adlers lag ein Art Déco-Lampenschirm aus Buntglas, der bestimmt achthundert, möglicherweise sogar bis zu fünftausend Dollar wert war. Ein zerbeulter, uninteressanter Teekessel wurde flankiert von zwei herrlichen poupées, und was diese wunderschönen französischen Püppchen mit ihren geschminkten Wangen und den Strumpfbändern an den Beinen wert waren, konnte sie nicht einmal vermuten.

Da war eine Sammlung von Baseball-und Tabakskarten, ein ausgebreiteter Stapel von Trivialzeitschriften aus den Dreißigern (Weird Tales, Astounding Tales, Thrilling Wonder Stories), ein Radioapparat aus den Fünfzigern in diesem widerlichen Blaßrosa, das die Leute jener Zeit an Gerätschaften, wenn auch nicht in der Politik, offenbar bevorzugt hatten.

Vor den meisten — wenn auch nicht allen — ausgestellten Gegenständen standen kleine Etiketten; DRUSE MIT DREIFACH-KRISTALLEN, ARIZONA stand auf einem; SATZ VON STECKSCHüSSELN auf einem anderen. Das Etikett vor dem Splitter, der Brian so verblüfft hatte, verkündete, daß es sich um VERSTEINERTES HOLZ AUS DEM HEILIGEN LAND handelte. Auf den Etiketten vor den Karten und den Zeitschriften stand: WEITERE AUF ANFRAGE VORRäTIG.

Alle Gegenstände, ob Schatz oder Schund, hatten, wie ihr auffiel, eines gemeinsam: an keinem von ihnen befand sich ein Preisschild.

4

Gaunt kehrte mit zwei kleinen Tellern zurück — einfachem Porzellan, nichts Besonderem —, einem Kuchenmesser und zwei Gabeln. “Da oben herrscht noch ein völliges Durcheinander”, gestand er, nahm den Deckel von dem Behälter ab und legte ihn beiseite (wobei er ihn umdrehte, damit er auf der Vitrine, auf der er die Torte servierte, keinen Glasurring hinterließ). “Ich werde mich nach einem Haus umsehen, sobald der Laden richtig läuft, aber fürs erste wohne ich im Obergeschoß. Alles steckt noch in Pappkartons. Ich hasse Pappkartons. Ist es so recht?”

“Nicht so ein großes Stück”, protestierte Polly. “Meine Güte!”

“Okay”, sagte Mr. Gaunt heiter und legte das große Stück Torte auf einen der Teller. “Dann nehme ich es. Friß, Vogel, friß! Soviel für Sie?”

“Noch dünner.”

“Ein noch dünneres Stück kann ich nicht abschneiden”, sagte er und trennte eine schmale Scheibe ab. “Das duftet köstlich. Nochmals vielen Dank, Polly.”

“Mehr als gern geschehen.”

Es duftete wirklich köstlich, und sie hielt nicht Diät, aber ihre anfängliche Weigerung war mehr gewesen als Zurückhaltung bei einem ersten Besuch. In den letzten drei Wochen hatte in Castle Rock ein herrlicher Altweibersommer geherrscht, aber am Montag war es kühl geworden, und seit dem Wetterumschlag waren ihre Hände eine Pest. Der Schmerz würde vermutlich ein wenig nachlassen, sobald sich ihre Gelenke an die niedrigeren Temperaturen gewöhnt hatten (darum betete sie jedenfalls, und so war es bisher immer gewesen, aber sie war nicht blind gegenüber dem progressiven Charakter der Krankheit); doch seit dem frühen Morgen war es sehr schlimm. Wenn es so war wie jetzt, dann wußte sie nicht, was sie mit ihren Verräterhänden tun oder nicht tun konnte, und nur deshalb hatte sie sich anfangs geweigert.

Jetzt streifte sie die Handschuhe ab und beugte versuchsweise die rechte Hand. Ein Speer aus hungrigem Schmerz schoß durch ihren Unterarm bis zum Ellenbogen. Sie beugte sie abermals mit zusammengepreßten Lippen. Der Schmerz kam, aber diesmal war er nicht so intensiv. Sie entspannte sich ein wenig. Es würde gehen. Nicht gerade großartig, nicht so angenehm, wie Tortenessen eigentlich sein sollte, aber es würde gehen. Sie nahm behutsam ihre Gabel auf, beugte die Finger so wenig wie möglich, als sie sie ergriff. Als sie den ersten Bissen zum Munde führte, sah sie, daß Gaunt sie mitfühlend beobachtete. Gleich wird er mich bemitleiden, dachte sie verdrossen, und mir erzählen, wie schlimm die Arthritis seines Großvaters war. Oder die seiner Ex-Frau. Oder die von sonstjemandem.

Aber Gaunt bemitleidete sie nicht. Er aß einen Bissen Torte und verdrehte gespielt komisch die Augen. “Nähen und Schnittmuster sind ja schön und gut”, sagte er, “aber Sie hätten ein Restaurant aufmachen sollen.”

“Oh, ich habe sie nicht gebacken”, sagte sie, “aber ich werde das Kompliment an Nettie Cobb weitergeben. Sie führt mir den Haushalt.”

“Nettie Cobb”, sagte er nachdenklich, während er von seinem Tortenstück einen weiteren Bissen abtrennte.

“Ja — kennen Sie sie?”

“Oh, das bezweifle ich.” Er sprach auf die Art eines Mannes, der plötzlich in die Gegenwart zurückgerufen worden ist. “Ich kenne überhaupt niemanden in Castle Rock.” Er warf ihr aus den Augenwinkeln heraus einen verschlagenen Blick zu. “Irgendeine Chance, daß sie sich abwerben ließe?”

“Nicht die geringste”, erwiderte Polly lachend.

“Ich wollte Sie nach den Grundstücksmaklern fragen”, sagte Gaunt. “Welcher ist Ihrer Meinung nach der vertrauenswürdigste in dieser Gegend hier?”

“Oh, sie sind alle Diebe, aber Mark Hopewell ist vermutlich nicht schlimmer als die anderen auch.”

Er unterdrückte ein Auflachen und hielt sich die Hand vor den Mund, um keine Krümel zu verspritzen. Dann begann er zu husten, und wenn ihre Hände nicht so wehgetan hätten, hätte sie ihm freundschaftlich ein paarmal den Rücken geklopft. Erste Begegnung oder nicht — sie mochte ihn.

“Entschuldigung”, sagte er, noch immer leise kichernd. “Aber sie sind alle Diebe, nicht wahr?”

“So ist es.”

Wenn sie eine andere Art Frau gewesen wäre — eine, die die Geschehnisse ihrer Vergangenheit weniger vollständig für sich selbst behielt —, dann hätte Polly jetzt damit angefangen, Leland Gaunt die wichtigsten Fragen zu stellen. Weshalb war er nach Castle Rock gekommen? Wo war er gewesen, bevor er hierher kam? Hatte er vor, lange zu bleiben? Hatte er Familie? Aber sie war nicht diese andere Art Frau, und deshalb begnügte sie sich damit, seine Fragen zu beantworten; sie tat es außerdem gern, da keine sie selbst betraf. Er wollte wissen, wie die Stadt beschaffen war, wieviel Verkehr im Winter auf der Main Street herrschte, ob es in der Nähe einen Laden gäbe, in dem er einen hübschen kleinen Jotul-Ofen kaufen konnte, wie hoch die Versicherungsprämien wären, und tausend andere Dinge. Er holte aus dem blauen Blazer, den er trug, ein dünnes, in schwarzes Leder gebundenes Notizbuch und hielt bedächtig jeden Namen fest, den sie erwähnte.

Sie schaute auf ihren Teller und stellte fest, daß sie ihre Torte aufgegessen hatte. Ihre Hände schmerzten nach wie vor, aber weniger als bei ihrem Eintreffen. Sie erinnerte sich, daß sie sich fast gegen das Herkommen entschieden hatte, weil die Schmerzen so unerträglich gewesen waren. Doch jetzt war sie froh, daß sie gekommen war.

“Ich muß jetzt gehen”, sagte sie nach einem Blick auf die Uhr. “Rosalie wird glauben, ich wäre gestorben.”

Sie hatten im Stehen gegessen. Jetzt stapelte Gaunt die Teller aufeinander, legte die Kuchengabeln darauf und drückte den Deckel wieder auf den Behälter. “Sie bekommen ihn wieder, sobald ich die Torte aufgegessen habe. Geht das in Ordnung?”

“Natürlich.”

“Sie werden ihn vermutlich im Laufe des Nachmittags bekommen”, sagte er.

“So eilig ist es nun auch wieder nicht”, sagte sie, als Gaunt sie zur Tür begleitete. “Es war nett, Sie kennenzulernen.”

“Danke, daß Sie vorbeigekommen sind”, sagte er. Einen Augenblick lang glaubte sie, daß er ihren Arm ergreifen würde, und empfand beim Gedanken an seine Berührung eine Art Widerwillen, was natürlich albern war — aber er tat es nicht. “Sie haben aus etwas, von dem ich befürchtete, es würde ein gräßlicher Tag werden, so etwas wie einen Festtag gemacht.”

“Das Geschäft wird gut gehen.” Polly öffnete die Tür, dann hielt sie inne. Sie hatte ihm keinerlei Fragen über ihn selbst gestellt, aber in einem Punkt war sie neugierig, zu neugierig, um zu gehen, ohne danach zu fragen. “Sie haben alle möglichen interessanten Dinge …”

“Danke.”

“… aber keines ist mit einem Preis ausgezeichnet. Weshalb?”

Er lächelte. “Das ist eine meiner kleinen Eigenheiten, Polly. Ich war seit jeher der Ansicht, daß zu jedem Handel, der der Mühe wert ist, auch ein gewisses Maß an Feilschen gehört. Wahrscheinlich bin ich in einer früheren Inkarnation ein Teppichhändler aus dem Mittleren Osten gewesen. Vermutlich aus dem Irak, wie ich zu meiner Schande gestehen muß.”

“Also verlangen Sie, was der Markt jeweils hergibt?” fragte sie mit nur einem leichten Anflug von Hänselei.

“So könnte man es ausdrücken”, erwiderte er ernsthaft, und wieder fiel ihr auf, wie tief seine nußbraunen Augen waren — auf ganz merkwürdige Weise schön. “Ich würde eher sagen, daß das Bedürfnis den Wert bestimmt.”

“Ich verstehe.”

“Tun Sie das wirklich?”

“Nun — ich glaube es zumindest. Es erklärt jedenfalls den Namen des Ladens — Needful Things, Dinge, nach denen ein Bedürfnis besteht.”

Er lächelte. “Möglich”, sagte er. “Ja, das ist durchaus möglich.”

“Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Mr. Gaunt …”

“Leland, bitte. Oder nur Lee.”

“Leland, also. Und wegen der Kundschaft brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich müssen Sie spätestens am Freitag einen Wachmann anheuern, der sie bei Geschäftsschluß aus dem Laden scheucht.”

“Glauben Sie das wirklich? Das wäre herrlich.”

“Auf Wiedersehen.”

Ciao”, sagte er und machte die Tür hinter ihr zu.

Er blieb noch einen Moment stehen und sah Polly Chalmers nach, wie sie die Straße entlangging, und die Handschuhe an ihren Händen glatt strich, so deformiert und ein so bestürzender Kontrast zu allem übrigen, das schlank und hübsch war, wenn auch nicht übermäßig bemerkenswert. Gaunts Lächeln wuchs. Als seine Lippen zurückwichen und seine unregelmäßigen Zähne entblößten, wurde es unangenehm räuberisch.

“Du wirst deinen Zweck erfüllen”, sagte er leise in dem leeren Laden. “Du wirst deinen Zweck bestens erfüllen.”

Seine Lippen wichen noch weiter zurück, und jetzt kam ein Zahnfleisch zum Vorschein, so dunkel, daß es aussah wie frische Wunden, und er begann zu lachen.

5

Pollys Vorhersage erwies sich als richtig. Bei Ladenschluß an diesem Tage waren fast alle Damen von Castle Rock — zumindest diejenigen, die eine Rolle spielten — und mehrere Männer in Needful Things erschienen, um sich kurz umzusehen. Fast alle ließen es sich angelegen sein, Mr. Gaunt zu versichern, daß sie nur einen Augenblick Zeit hätten, weil sie zu irgend etwas anderem unterwegs wären.

Stephanie Bonsaint, Cynthia Rose Martin, Barbara Miller und Francine Pelletier waren die ersten; Steffie, Cyndi Rose, Babs und Francie erschienen in einem Grüppchen, sich gegenseitig Schutz gewährend, keine zehn Minuten nachdem man gesehen hatte, wie Polly den neuen Laden verließ (die Nachricht von ihrem Fortgehen verbreitete sich schnell und gründlich über das Telefon und den leistungsfähigen Buschtelegrafen, der durch die Hinterhöfe Neuenglands verläuft).

Steffie und ihre Freundinnen sahen sich um. Stießen Ooohs und Aaahs aus. Sie versicherten Gaunt, sie könnten nicht lange bleiben, weil dies ihr Bridge-Tag war (wobei sie nicht erwähnten, daß die allwöchentliche Partie im allgemeinen nicht vor vierzehn Uhr begann). Francie fragte ihn, woher er käme. Gaunt sagte Akron, Ohio. Steffie fragte ihn, ob er schon lange im Antiquitätengeschäft wäre. Gaunt teilte ihr mit, daß er seinen Laden eigentlich nicht für ein Antiquitätengeschäft hielte. Cyndi wollte wissen, ob er schon lange in Neuengland lebte. Eine ganze Weile, erwiderte Gaunt, eine ganze Weile.

Alle vier stimmten später darin überein, daß der Laden interessant war — so viele merkwürdige Dinge! —, aber die Unterhaltung war sehr unbefriedigend gewesen. Der Mann war verschlossen wie Polly Chalmers, vielleicht sogar noch verschlossener. Dann wies Babs auf das hin, was sie alle wußten (oder zu wissen glaubten): daß Polly der erste Mensch in der Stadt war, der den neuen Laden tatsächlich betreten hatte, und daß sie einen Kuchen mitgebracht hatte. Vielleicht, so spekulierte Babs, kannte sie Mr. Gaunt — aus der Zeit zuvor, der Zeit, die sie anderswo verbracht hatte.

Cyndi Rose hatte Interesse an einer Lalique-Vase geäußert und Mr. Gaunt (der sich in der Nähe aufhielt, sich aber, wie sie alle beifällig registrierten, nicht aufdrängte) gefragt, wieviel sie kosten sollte.

“Welchen Preis halten Sie für angemessen?” fragte er lächelnd.

Sie erwiderte sein Lächeln, ziemlich kokett. “Oh”, sagte sie. “Ist das die Art, auf die Sie Geschäfte machen, Mr. Gaunt?”

“Das ist die Art”, pflichtete er ihr bei.

“Nun, wenn Sie mit Yankees feilschen wollen, werden Sie mehr verlieren als gewinnen”, sagte Cyndi Rose, während ihre Freundinnen sie mit dem angespannten Interesse von Zuschauern bei einem Tennismatsch in Wimbledon beobachteten.

“Das”, sagte er, “wird sich finden.” Seine Stimme klang immer noch freundlich, aber jetzt war sie außerdem auch ein wenig herausfordernd.

Diesmal betrachtete Cyndi Rose die Vase eingehender. Steffie Bonsaint flüsterte ihr etwas ins Ohr. Cyndi Rose nickte.

“Siebzehn Dollar”, sagte sie. Die Vase sah aus, als wäre sie fünfzig Dollar wert; ein Bostoner Antiquitätengeschäft würde sie vermutlich mit hundertachtzig Dollar auszeichnen.

Gaunt legte die Fingerspitzen unter dem Kinn zusammen — eine Geste, die Brian Rusk wiedererkannt hätte. “Ich glaube, ich müßte mindestens fünfundvierzig haben”, erklärte er mit leichtem Bedauern.

Cyndi Roses Augen leuchteten auf; da lagen Möglichkeiten. Anfangs hatte sie in der Lalique-Vase nicht mehr gesehen als einen Gegenstand flüchtigen Interesses, kaum mehr als ein weiteres Unterhaltungs-Brecheisen, das man bei einem mysteriösen Mr. Gaunt ansetzen konnte. Jetzt betrachtete sie sie eingehender und sah, daß es wirklich ein schönes Stück war, das in ihrem Wohnzimmer genau am rechten Ort stehen würde. Die Blumengirlande, die den langen Hals der Vase umgab, paßte genau zur Farbe ihrer Tapete. Bis Gaunt auf ihr Angebot mit einem Preis reagiert hatte, der nur ein Fingerbreit außerhalb ihrer Reichweite lag, war ihr nicht bewußt gewesen, daß ihr an der Vase soviel lag, wie sie jetzt glaubte.

Sie beriet sich mit ihren Freundinnen.

Gaunt beobachtete sie, sanft lächelnd.

Das Glöckchen über der Tür bimmelte, und zwei weitere Damen kamen herein.

Der erste reguläre Geschäftstag von Needful Things hatte begonnen.

6

Als der Ash Street Bridge Club zehn Minuten später Needful Things verließ, trug Cyndi Rose Martin einen Plastikbeutel. Darin befand sich, in Seidenpapier eingewickelt, die Lalique-Vase. Sie hatte sie für einunddreißig Dollar plus Mehrwertsteuer erworben, fast ihr gesamtes Nadelgeld, aber sie war so glücklich darüber, daß sie fast schnurrte.

Gewöhnlich überkamen sie nach einem derartigen Impulskauf Zweifel und ein Anflug von Scham, die Gewißheit, daß sie, wenn schon nicht regelrecht betrogen, so doch ein wenig übers Ohr gehauen worden war; aber heute nicht. Dies war ein Handel, bei dem sie voll auf ihre Kosten gekommen war. Mr. Gaunt hatte sie sogar aufgefordert, wiederzukommen, hatte gesagt, er hätte ein Gegenstück zu dieser Vase, das mit einer Sendung im Laufe der Woche eintreffen würde — vielleicht schon morgen! Die, die sie gekauft hatte, würde auf dem kleinen Tisch in ihrem Wohnzimmer wunderbar aussehen, aber wenn sie zwei hatte, dann würde sie sie an beiden Enden des Kaminsims aufstellen, und das wäre eine Wucht.

Auch ihre drei Freundinnen waren der Ansicht, daß sie ein gutes Geschäft gemacht hätte, und obwohl sie ein wenig enttäuscht waren, weil sie so wenig über Mr. Gaunts Herkunft erfahren hatten, hatten sie doch, aufs Ganze gesehen, eine recht gute Meinung von ihm.

“Er hatte wunderschöne grüne Augen”, sagte Francie Pelletier ein wenig verträumt.

“Waren sie grün?” fragte Cyndi Rose leicht verblüfft. Sie selbst hatte gedacht, sie wären grau. “Ist mir nicht aufgefallen.”

7

Am späten Nachmittag erschien Rosalie Drake von You Sew and Sew in ihrer Kaffeepause in Needful Things, begleitet von Pollys Haushälterin Nettie Cobb. Im Laden waren mehrere Frauen, die sich umschauten, und in der hinteren Ecke durchstöberten zwei Jungen von der Castle County High School einen Pappkarton mit Comic-Heften und tauschten aufgeregt murmelnd Bemerkungen aus — es war erstaunlich, wie viele der Stücke, die sie zum Vervollständigen ihrer Sammlungen brauchten, hier vorhanden waren; darin waren sie sich völlig einig. Sie hofften nur, daß sich die Preise als nicht zu hoch erweisen würden. Aber um das zu erfahren, mußten sie fragen, denn an den Kunststoffhüllen, in denen die Hefte steckten, klebten keine Preisschilder.

Rosalie und Nellie begrüßten Mr. Gaunt, und Gaunt bat Rosalie, Polly nochmals für die Torte zu danken. Sein Blick folgte Nettie, die sich nach dem Bekanntmachen entfernt hatte und nun etwas sehnsüchtig eine kleine Kollektion von Buntglas betrachtete. Er ließ Rosalie stehen, die das Foto von Elvis neben dem VERSTEINERTEN HOLZ AUS DEM HEILIGEN LAND betrachtete, und trat zu Nettie.

“Mögen Sie Buntglas, Miss Cobb?” fragte er leise.

Nettie fuhr ein wenig zusammen — sie hatte das Gesicht und das fast schmerzlich scheue Wesen einer Frau, die beim Klang einer Stimme zusammenfährt, so leise und freundlich diese auch sein mochte, wenn sie aus der Gegend ihres Ellenbogens kam — und lächelte nervös.

“Missus Cobb, Mr. Gaunt, auch wenn mein Mann schon vor geraumer Zeit verstorben ist.”

“Es tut mir leid, das zu hören.”

“Das braucht es nicht. Es ist vierzehn Jahre her. Eine lange Zeit. Ja, ich habe eine kleine Kollektion von Buntglas.” Sie schien fast zu zittern, ungefähr so, wie eine Maus zittert, wenn sich eine Katze nähert. “Nicht, daß ich mir so etwas wie diese herrlichen Stücke hier leisten könnte. Sie sind wunderschön. So müssen die Dinge im Himmel aussehen.”

“Nun, ich will Ihnen etwas verraten”, sagte er. “Als ich diese Stücke erstand, habe ich eine ganze Menge Buntglas gekauft, und es ist bei weitem nicht so teuer, wie Sie vielleicht meinen. Hätten Sie Lust, morgen vorbeizukommen und einen Blick darauf zu werfen?”

Sie fuhr abermals zusammen und trat einen Schritt beiseite, als hätte er ihr vorgeschlagen, am nächsten Tag wiederzukommen, damit er sie ein paarmal in den Busen zwicken konnte — vielleicht so lange, bis sie schrie.

“Oh, ich glaube nicht … donnerstags habe ich immer viel zu tun, müssen Sie wissen … bei Polly … donnerstags stellen wir immer das ganze Haus auf den Kopf, müssen Sie wissen …”

“Sie sind ganz sicher, daß Sie nicht hereinschauen können?” schmeichelte er. “Polly hat mir erzählt, daß Sie die Torte gebacken haben, die sie mir heute morgen brachte …”

“War sie in Ordnung?” fragte Nettie nervös. Ihre Augen verrieten, daß sie damit rechnete, daß er nein sagte — nein, sie war nicht in Ordnung, ich habe Bauchschmerzen davon bekommen und einen fürchterlichen Durchfall, und deshalb werde ich dir wehtun, Nettie, ich werde dich ins Hinterzimmer zerren und dich in den Busen zwicken, bis du Zetermordio schreist.

“Sie war wunderbar”, sagte er beruhigend. “Sie erinnerte mich an die Torten, die meine Mutter zu backen pflegte — und das ist schon sehr lange her.”

Das war genau der richtige Ton, den man bei Nettie anschlagen mußte. Sie hatte ihre Mutter sehr geliebt, ungeachtet der Prügel, die sie von ihr bezogen hatte, wenn diese Dame, was sie häufig tat, die Nacht in Tanzlokalen und Kneipen verbracht hatte. Nettie entspannte sich ein wenig.

“Dann ist es ja gut”, sagte sie. “Ich bin wirklich froh, daß sie Ihnen geschmeckt hat. Natürlich war es Pollys Idee. Sie ist so ziemlich die netteste Person, die es gibt.”

“Ja”, sagte er. “Nachdem ich sie kennengelernt habe, glaube ich das ohne weiteres.” Er warf einen Blick auf Rosalie Drake, aber Rosalie betrachtete nach wie vor die Auslagen. Dann wendete er sich wieder an Nettie und sagte: “Ich habe einfach das Gefühl, daß ich in Ihrer Schuld stehe …”

“Oh, nein!” sagte Nettie, plötzlich wieder verschreckt. “Sie schulden mir nichts. Überhaupt nichts, Mr. Gaunt.”

“Bitte schauen Sie herein. Ich kann sehen, daß Sie einen Blick für Buntglas haben — und ich könnte Ihnen Pollys Tortenbehälter zurückgeben.”

“Ja — nun, ich glaube, ich könnte in meiner Pause kommen …” Netties Augen sagten, daß sie nicht glauben konnte, was sie aus ihrem eigenen Mund vernahm.

“Wunderbar”, sagte er und verließ sie rasch, bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte. Er trat zu den Jungen und fragte sie, ob sie etwas gefunden hätten. Sie zeigten ihm zögernd mehrere alte Ausgaben von The Incredible Hulk und The X-Men. Fünf Minuten später verließen sie den Laden mit den meisten der Comic-Hefte in den Händen und einem Ausdruck fassungslosen Glücks auf den Gesichtern.

Die Tür hatte sich kaum hinter ihnen geschlossen, als sie schon wieder geöffnet wurde. Cora Rusk und Myra Evans traten ein. Sie schauten sich um mit Augen, so funkelnd und gierig wie die von Eichhörnchen in der Zeit des Nüssesammelns, und steuerten sofort auf die Vitrine zu, die das Foto von Elvis enthielt. Cora und Myra beugten sich darüber, girrten aufgeregt, und schienen sich von dem Anblick überhaupt nicht mehr losreißen zu können.

Gaunt beobachtete sie lächelnd.

Das Glöckchen über der Tür bimmelte abermals. Die neu Angekommene war so massig wie Cora Rusk, aber bei Cora war es Fett, und diese Frau wirkte kräftig — auf die Art, auf die ein Holzfäller mit einem Bierbauch kräftig wirkt. An ihrer Bluse trug sie einen großen weißen Button. Die roten Buchstaben verkündeten:

KASINO-NACHT — DES SPASSES WEGEN!

Das Gesicht der Dame hatte den Charme einer Schneeschaufel. Ihr Haar, von einem wenig bemerkenswerten und leblosen Braunton, war zum größten Teil von einem Tuch verdeckt, das fest unter dem breiten Kinn verknotet war. Sie ließ den Blick ein oder zwei Sekunden lang über das Innere des Ladens schweifen; ihre tiefliegenden kleinen Augen schossen hin und her wie die Augen eines Revolvermanns, der sich in einem Salon umsieht, bevor er die Pendeltür aufstößt und ein Höllenspektakel anrichtet. Dann trat sie ein.

Nur wenige der Frauen, die zwischen den Vitrinen umherwanderten, gönnten ihr mehr als nur einen flüchtigen Blick, aber Nettie Cobb musterte die neu Angekommene mit einem seltsamen Ausdruck, in dem sich Abscheu und Haß mischten. Dann huschte sie von dem Buntglas fort. Die Bewegung zog den Blick der neu Angekommenen auf sich. Sie sah Nettie mit einer Art massiver Verachtung an, dann entließ sie sie.

Das Glöckchen über der Tür bimmelte, als Nettie den Laden verließ.

Mr. Gaunt beobachtete dies alles mit großem Interesse.

Er ging zu Rosalie hinüber und sagte: “Ich glaube, Mrs. Cobb ist ohne Sie gegangen.”

Rosalie schaute überrascht drein. “Warum …”, setzte sie an; doch dann fiel ihr Blick auf die neu Angekommene mit dem unübersehbar zwischen den Brüsten angesteckten Kasino-Nacht-Button. Sie betrachtete den an der Wand hängenden türkischen Teppich mit dem gebannten Interesse eines Kunstschülers, die Hände auf die massigen Hüften gestemmt. “Oh”, sagte Rosalie. “Bitte, entschuldigen Sie mich. Ich muß jetzt auch gehen.”

“Die beiden scheinen sich nicht gerade zu lieben”, bemerkte Mr. Gaunt.

Rosalie lächelte, aber sie war beunruhigt.

Gaunt warf abermals einen Blick auf die Frau mit dem Kopftuch. “Wer ist das?”

Rosalie rümpfte die Nase. “Wilma Jerzyck”, sagte sie. “Entschuldigen Sie mich — ich muß Nettie unbedingt einholen. Sie ist sehr nervös, wie Sie vielleicht bemerkt haben.”

“Natürlich”, sagte er und begleitete Rosalie zur Tür. Dann setzte er für sich selbst hinzu: “Sind wir das nicht alle?”

Dann tippte Cora Rusk ihm auf die Schulter. “Was kostet dieses Foto von The King?” fragte sie.

Leland Gaunt drehte sich um und bedachte sie mit seinem strahlendsten Lächeln. “Nun, reden wir darüber”, sagte er. “Was ist es denn Ihrer Ansicht nach wert?”

3

1

Castle Rock neuestes Handelsunternehmen war seit etwa zwei Stunden geschlossen, als Alan Pangborn langsam die Main Street hinunter und auf das Gebäude der Stadtverwaltung zufuhr, in dem sich auch das Büro des Sheriffs und die Polizeistation von Castle Rock befanden. Er saß hinter dem Lenkrad seines Wagens, den niemand für ein Polizeifahrzeug halten konnte: eines 1986er Ford Town and Country Kombis. Des Familienwagens. Er fühlte sich niedergeschlagen und halb betrunken. Er hatte zwar nur drei Bier gehabt, aber sie hatten ihm schwer zugesetzt.

Er warf im Vorüberfahren einen Blick auf Needful Things und registrierte beifällig — genau wie Brian Rusk — die dunkelgrüne Markise, die über den Gehsteig vorragte. Er war über derartige Dinge weniger gut informiert (er hatte keine Verwandten, die für die Dick Perry Siding and Door Company in South Paris arbeiteten), aber er fand, daß sie der Main Street, in der sich die meisten Ladenbesitzer mit falschen Fassaden begnügt hatten, einen Anflug von Eleganz verlieh. Bisher wußte er noch nicht, was der neue Laden anbot — Polly würde es wissen, wenn sie, wie geplant, am Morgen hineingeschaut hatte —, aber auf Alan machte er den Eindruck eines jener intimen französischen Restaurants, in die man das Mädchen seiner Träume führt, bevor man versucht, sie mit Süßholzraspeln ins Bett zu bekommen.

Er vergaß den Laden, sobald er ihn passiert hatte. Einen Block weiter unten signalisierte er seine Absicht, links abzubiegen, und fuhr in die schmale Gasse zwischen dem massigen Ziegelbaustein der Stadtverwaltung und dem weiß verschalten Haus der Wasserwerke. Am Eingang der Gasse war ein Schild angebracht: NUR FÜR DIENSTFAHRZEUGE.

Das Gebäude der Stadtverwaltung hatte die Form eines auf dem Kopf stehenden L, und in dem von den beiden Flügeln gebildeten Winkel befand sich ein kleiner Parkplatz. Drei der Parkbuchten waren mit BÜRO DES SHERIFFS gekennzeichnet. Auf einem von ihnen parkte Norris Ridgewicks klappriger alter VW-Käfer. Alan setzte seinen Wagen daneben, schaltete die Scheinwerfer aus und langte nach dem Türgriff.

Plötzlich überfiel ihn die Depression, die ihn umschlichen hatte, seit er The Blue Door in Portland verlassen hatte; die ihn umschlichen hatte, wie in den Abenteuergeschichten, die er als Junge gelesen hatte, Wölfe ein Lagerfeuer umschlichen. Er ließ den Türgriff los, blieb hinter dem Lenkrad des Kombis sitzen und hoffte, daß sie vorübergehen würde.

Er hatte den Tag im Distriktsgericht in Portland verbracht und in vier problemlosen Fällen für die Anklage ausgesagt. Zum Distrikt gehörten vier Counties — York, Cumberland, Oxford und Castle —, und von allen Polizisten, die in diesen Counties amtierten, hatte Alan Pangborn die weiteste Anreise. Deshalb versuchten die drei Distriktsrichter die ihn betreffenden Fälle, soweit es möglich war, zu bündeln, damit er die weite Fahrt nur ein- oder zweimal im Monat zu machen brauchte. Auf diese Weise war es ihm möglich, tatsächlich einige Zeit in dem County zu verbringen, das zu beschützen er geschworen hatte, anstatt auf den Straßen zwischen Castle Rock und Portland. Aber es bedeutete auch, daß er sich nach einem dieser Tage bei Gericht fühlte wie ein Junge von der High School, der aus der Aula herausstolpert, nachdem er die Eignungsprüfung für ein Studium hinter sich gebracht hat. Er hätte wissen müssen, daß es sich nicht empfahl, danach zu trinken; aber Harry Cross und George Crompton waren gerade auf dem Weg zu The Blue Door gewesen und hatten darauf bestanden, daß Alan sich ihnen anschloß. Dafür hatte es einen guten Grund gegeben; eine Serie eindeutig miteinander verknüpfter Einbrüche, die in allen ihren Amtsbereichen stattgefunden hatten. Doch der wirkliche Grund dafür, daß er mitgegangen war, war der, den die meisten falschen Entschlüsse gemeinsam haben: es schien eben nur ein guter Gedanke zu sein.

Nun saß er hinter dem Lenkrad seines Wagens, der einmal der Familienwagen gewesen war, und erntete, was er aus eigenem Entschluß gesät hatte. Sein Kopf schmerzte leise. Er spürte mehr als einen Anflug von Übelkeit. Aber das schlimmste war die Depression — sie war wieder da, mit ihrer ganzen Kraft.

Hallo! rief sie vergnügt von ihrem sicheren Platz in seinem Kopf aus. Hier bin ich, Alan! Schön, dich zu sehen. Weißt du was? Hier ist es, das Ende eines langen, schweren Tages, und Annie und Todd sind immer noch tot! Denkst du noch an den Samstagnachmittag, an dem Todd seinen Milchshake auf dem Vordersitz verschüttete? Genau da, wo jetzt deine Aktentasche liegt, nicht wahr? Und daß du ihn angeschrien hast? Wow! Das hast du nicht vergessen, nicht wahr? Doch? Nun, das macht nichts, Alan, denn ich bin hier, um dich daran zu erinnern!. Dich immer wieder zu erinnern! Immer wieder!

Er hob seine Aktentasche an und starrte wie gebannt auf den Sitz. Ja, der Fleck war da, und ja, er hatte Todd angeschrien. Todd, warum stellst du dich immer so verdammt ungeschickt an? Etwas in der Art, keine große Sache, aber nicht gerade das, was man zu seinem Kind sagen würde, wenn man wüßte, daß es keinen Monat mehr zu leben hat.

Ihm kam der Gedanke, daß nicht das Bier das eigentliche Problem war; es war der Wagen, den er nie richtig ausgeräumt hatte. Er war den ganzen Tag mit den Gespenstern seiner Frau und seines jüngeren Sohnes herumgefahren.

Er beugte sich vor und öffnete das Handschuhfach, um seinen Strafzettelblock herauszuholen — ihn bei sich zu haben, selbst wenn er den Tag in Portland verbrachte, um vor Gericht auszusagen, war eine unumstößliche Gewohnheit —, und griff hinein. Seine Hand stieß auf einen röhrenförmigen Gegenstand, der mit leisem Aufprall auf den Boden des Kombis fiel. Er legte den Block auf seine Aktentasche und bückte sich, um aufzuheben, was da aus dem Handschuhfach herausgefallen war. Er hielt es hoch, so daß das Licht der Natrium-Bogenlampe darauf fiel, und starrte es lange Zeit an, wobei er spürte, wie sich der alte, grauenhafte Schmerz des Verlustes und des Kummers in ihm ausbreitete. Pollys Arthritis steckte in ihren Händen; die seine steckte offenbar in seinem Herzen, und wer vermochte zu sagen, wer von ihnen den schlimmeren Teil abbekommen hatte?

Die Dose hatte natürlich Todd gehört — Todd, der zweifellos in dem Neuheitenladen in Auburn gelebt hätte, wenn sie es zugelassen hätten. Der Junge war wie verzaubert gewesen von den billigen Scherzartikeln, die dort verkauft wurden: Quietschkissen, Niespulver, Tröpfelgläser, Seife, die den Händen des Benutzers die Farbe von Vulkanasche verlieh, Hundekot aus Plastik.

Dieses Ding ist immer noch hier. Seit neunzehn Monaten sind sie nun tot, und es ist immer noch hier. Wie in aller Welt konnte ich das übersehen?

Alan drehte die Dose in seiner Hand um, erinnerte sich, wie der Junge gebettelt hatte, dieses besondere Ding von seinem Taschengeld kaufen zu dürfen; er erinnerte sich, wie er selbst es ihm verweigert und das Sprichwort seines eigenen Vaters zitiert hatte: Ein Narr und sein Geld bleiben nicht lange zusammen. Und wie Annie ihm auf ihre sanfte Art ins Gewissen geredet hatte.

Also weißt du, du Amateurzauberer, du hörst dich an wie ein waschechter Puritaner. Wundervoll! Was glaubst du denn, von wem er diese verrückte Liebe zu Gags und Tricks geerbt hat? In meiner Familie hing bei niemandem ein gerahmtes Foto von Houdini an der Wand, das kannst du mir glauben. Willst du etwa behaupten, daß du in den heißen, wilden Tagen deiner Jugend nie das eine oder andere Tröpfelglas gekauft hast? Daß du nicht ganz versessen darauf gewesen wärst, diesen uralten Trick mit der Schlange in einer Nußdose zu besitzen, wenn du ihn irgendwo in einem Schaufenster entdeckt hättest?

ER hatte einen Haufen von Ja und Aber von sich gegeben, sich angehört wie ein aufgeblasener Schwätzer, der keinen Spaß versteht. Schließlich hatte er die Hand vor den Mund halten müssen, um ein verlegenes Grinsen zu verbergen. Annie hatte es trotzdem gesehen. Annie sah immer alles. Das war ihre Gabe gewesen — und mehr als einmal seine Rettung. Ihr Sinn für Humor — und auch ihre Fähigkeit, die Dinge im richtigen Verhältnis zu sehen — waren immer besser gewesen als seine. Schärfer.

Gönn es ihm, Alan — er ist nur einmal jung. Und es ist wirklich irgendwie lustig.

Er hatte zugestimmt. Und —

— und drei Wochen später hatte er seinen Milchshake auf dem Sitz verschüttet, und abermals vier Wochen später war er tot! Sie waren beide tot! Wow! Stell dir das vor! Die Zeit vergeht wahrhaftig wie im Fluge, nicht wahr, Alan? Aber mach dir deshalb keine Sorgen! Mach dir keine Sorgen, weil ich dich immer wieder daran erinnern werde! Jawohl! Ich werde dich daran erinnern, denn das ist mein Job, und den werde ich erledigen!

Auf der Dose stand TASTEE-MUNCH MIXED NUTS. Alan drehte den Deckel ab, und anderthalb Meter zusammengepreßte grüne Schlange schnellte heraus, prallte gegen die Windschutzscheibe und landete auf seinem Schoß. Alan betrachtete sie, hörte in seinem Kopf das Lachen seines Sohnes, und begann zu weinen. Sein Weinen war undramatisch, lautlos und erschöpft. Wie es schien, hatten seine Tränen viel gemeinsam mit den Besitztümern seiner toten Lieben; es war nie ein Ende abzusehen. Es waren zu viele, und gerade wenn man anfing, sich zu entspannen, und zu denken, es wäre endlich vorbei, die Bude wäre sauber, dann fand man noch eines. Und noch eines. Und noch eines.

Warum hatte er zugelassen, daß Todd dieses verdammte Ding kaufte? Warum steckte es immer noch in diesem verdammten Handschuhfach? Und warum war er überhaupt mit diesem verdammten Town and Country-Wagen gefahren?

Er zog sein Taschentuch aus der Gesäßtasche und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann drückte er die Schlange — billiges grünes Kreppapier mit einer darin verborgenen metallenen Sprungfeder — langsam wieder in die falsche Nußdose. Er schraubte den Deckel wieder auf und ließ die Dose nachdenklich auf seiner Hand hüpfen.

Wirf das verdammte Ding fort.

Aber er glaubte nicht, daß er das fertigbrachte. Jedenfalls nicht heute abend. Er warf den Scherzartikel — den letzten, den Todd je in dem Geschäft gekauft hatte, das er für den schönsten Laden der Welt hielt — wieder ins Handschuhfach und knallte die Klappe zu. Dann langte er abermals nach dem Türgriff, nahm seine Aktentasche und stieg aus.

Er atmete tief die frühabendliche Luft ein, hoffte, daß sie helfen würde. Sie tat es nicht. Er konnte zersetztes Holz riechen und Chemikalien, einen faden Geruch, der regelmäßig von der rund dreißig Meilen weiter nördlich gelegenen Papierfabrik in Rumford herüberwehte. Er würde Polly anrufen und sie fragen, ob er vorbeikommen dürfte, beschloß er — das würde ein wenig helfen.

Nie wurde ein wahrerer Gedanke gedacht! pflichtete die Stimme seiner Depression nachdrücklich bei. Erinnerst du dich übrigens, Alan, wie er sich über diese Schlange gefreut hat? Er hat sie bei allen Leuten ausprobiert! Norris Ridgewick hätte vor Schreck beinahe einen Herzanfall bekommen, und du hast so heftig gelacht, daß du dir fast in die Hose gemacht hättest! Erinnerst du dich? War er nicht springlebendig? War er nicht großartig? Und Annie — erinnerst du dich, wie sie gelacht hat, als du es ihr erzähltest? Auch sie war springlebendig und großartig, nicht wahr? Natürlich war sie am Ende nicht mehr ganz so springlebendig und auch nicht mehr ganz so großartig, aber das ist dir nicht aufgefallen, nicht wahr? Weil du vollauf mit deinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt warst. Die Sache mit Thad Beaumont zum Beispiel — die ist dir einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Was in seinem Haus am See passiert ist und wie er sich, nachdem alles vorüber war, immer wieder betrank und dich dann anrief. Und dann hat seine Frau die Zwillinge genommen und ihn verlassen … Mit alledem und dazu noch dem täglichen Kleinkram warst du vollauf beschäftigt, nicht wahr? Zu beschäftigt, um zu sehen, was zu Hause vor sich ging. Zu dumm, daß du es nicht bemerkt hast. Denn wenn du es bemerkt hättest, dann wäre sie vielleicht noch am Leben! Auch das ist etwas, das du nicht vergessen solltest, und deshalb werde ich dich immer wieder daran erinnern … immer wieder … immer wieder. Okay? Okay!

An der Seite des Wagens, direkt über dem Benzin-Einfüllstutzen, hatte er einen fast halbmeterlangen Kratzer entdeckt. War das nach Annies und Todds Tod passiert? Er wußte es wirklich nicht, und es spielte auch keine große Rolle. Er ließ die Finger darübergleiten und nahm sich abermals vor, den Wagen zu Sonnys Sunoco-Tankstelle zu bringen und den Schaden beheben zu lassen. Andererseits — weshalb die Mühe? Warum brachte er das verdammte Ding nicht einfach zu Harrie Ford in Oxford und handelte ihn gegen etwas Kleineres ein? Der Kilometerstand war noch relativ gering; der Wagen würde wahrscheinlich mit einer ganz hübschen Summe in Zahlung genommen werden …

Aber Todd hat seinen Milchshake auf dem Vordersitz verschüttet! meldete sich die Stimme in seinem Kopf entrüstet zu Wort. Das hat er getan, als er noch LEBTE, Alan, alter Freund! Und Annie

“Halt die Klappe”, sagte er.

Er erreichte das Gebäude, dann blieb er stehen. Dicht davor, so dicht, daß die Tür seines Büros eine Delle hineingeschlagen hätte, wenn jemand sie vollständig aufriß, parkte ein großer roter Cadillac Seville. Er brauchte nicht auf das Zulassungsschild zu schauen, um zu wissen, was darauf stand: KEETON 1. Er ließ eine Hand nachdenklich über die glatte Karosserie gleiten, dann ging er hinein.

2

Sheila Brigham saß in der kleinen, von Glaswänden umgebenen Telefonzentrale, las in der Zeitschrift People und trank ein Yoo-Hoo. Von ihr abgesehen, war die Kombination aus Sheriffs-Büro und Polizeistation Castle Rock leer — bis auf Norris Ridgewick.

Norris saß hinter einer alten elektrischen IBM-Schreibmaschine und arbeitete mit der gequälten, atemlosen Konzentration, die nur er bei der Erledigung des Papierkrams aufzubringen vermochte, an einem Bericht. Er pflegte wie gebannt auf die Maschine zu starren; dann beugte er sich abrupt vor wie ein Mann, dem man einen Schlag in den Magen versetzt hat, und hieb kurz und heftig auf die Tasten ein. Er blieb lange genug in seiner gekrümmten Position, um lesen zu können, was er geschrieben hatte, dann stöhnte er leise. Es folgte das klip-rep! klick-rep! klick-rep!, wenn Norris das Korrekturband der IBM benutzte, um irgendeinen Fehler zu korrigieren (er verbrauchte im Durchschnitt ein Korrekturband pro Woche). Es folgte eine unheilschwangere Pause, und dann begann der Zyklus wieder von vorn. Nachdem er etwa eine Stunde auf diese Weise verbracht hatte, warf Norris den fertiggestellten Bericht in Sheilas Eingangskorb. Ein- oder zweimal in der Woche waren diese Berichte sogar verständlich.

Norris schaute auf und lächelte, als Alan das kleine Dienstzimmer durchquerte. “Hi, Boss, wie stehen die Dinge?”

“Nun, für die nächsten zwei oder drei Wochen steht Portland nicht wieder auf dem Programm. Hat sich hier irgendetwas getan?”

“Nur das Übliche. Aber Sie haben ganz hübsch rote Augen, Alan. Haben Sie wieder einmal ein paar Joints geraucht?”

“Ha, ha”, sagte Alan verdrossen. “Ich habe mit ein paar Cops ein paar Bier getrunken, und dann habe ich auf einer Strecke von dreißig Meilen in die unabgeblendeten Scheinwerfer anderer Leute gestarrt. Haben Sie ein Aspirin zur Hand?”

“Immer”, sagte Norris. “Das wissen Sie doch.” Norris’ unterste Schreibtischschublade enthielt seine Privatapotheke. Er zog sie auf, wühlte darin, brachte ein Riesenglas mit erdbeerfarbenem Kaopektat zum Vorschein, starrte einen Moment auf das Etikett, schüttelte den Kopf, verstaute es wieder in der Schublade und wühlte weiter. Schließlich hatte er ein Glas mit einem Aspirinpräparat gefunden.

“Ich habe einen kleinen Job für Sie”, sagte Alan, nahm das Glas und ließ zwei Aspirin in seine Hand fallen. Zusammen mit den Tabletten fiel eine Menge weißer Staub heraus, und Alan fragte sich unwillkürlich, weshalb Aspirinpräparate immer mehr Staub erzeugten als der Markenartikel Aspirin. Er fragte sich außerdem, ob er vielleicht den Verstand verlor.

“Hören Sie, Alan, ich muß noch zwei von diesen E-9-Mistdingern schreiben, und …”

“Kein Grund zur Aufregung.” Alan trat an den Wasserkühler und zog einen Pappbecher aus dem Zylinder an der Wand. Der Wasserkühler gluckerte, als er den Becher füllte. “Sie brauchen nur das Zimmer zu durchqueren und die Tür zu öffnen, durch die ich eben hereingekommen bin. So einfach, daß selbst ein Kind es fertigbrächte, stimmt’s?”

“Was …”

“Sie dürfen nur nicht vergessen, Ihren Strafzettelblock mitzunehmen”, sagte Alan und spülte das Aspirin hinunter.

Auf Norris Ridgewicks Gesicht erschien ein betroffener Ausdruck. “Ihr Block liegt doch hier auf dem Schreibtisch, gleich neben Ihrer Aktentasche.”

“Ich weiß. Und da bleibt er auch, jedenfalls heute abend.”

Norris musterte ihn eine ganze Weile. Schließlich fragte er: “Buster?”

Alan nickte. “Buster. Er parkt wieder einmal auf dem Behindertenplatz. Das letzte Mal habe ich ihm gesagt, daß ich ihm das in Zukunft nicht mehr durchgehen lasse.”

Der Vorsitzende des Stadtrates von Castle Rock, Danforth Keeton III, hieß bei allen Leuten, die ihn kannten, Buster — aber alle städtischen Angestellten, die ihren Job behalten wollten, achteten peinlich genau darauf, daß sie ihn, wenn er zugegen war, nur Danforth oder Mr. Keeton nannten. Nur Alan, der ein gewählter Beamter war, wagte es, ihn mit Buster anzureden; auch das hatte er nur zweimal getan, als er sehr wütend gewesen war. Aber vermutlich würde er es wieder tun, denn Dan “Buster” Keeton war ein Mann, über den man, wie Alan Pangborn fand, sehr leicht in Wut geraten konnte.

“Also los!” sagte Norris. “Sie tun es, Alan, okay?”

“Ich kann nicht. Nächste Woche findet die Sitzung des Stadtrates statt, auf der über die Zuteilung von Geldern entschieden wird.”

“Er haßt mich schon jetzt”, sagte Norris bedrückt. “Das weiß ich.”

“Buster haßt alle Leute außer seiner Frau und seiner Mutter”, sagte Alan, “und was seine Frau betrifft, bin ich da nicht einmal sicher. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß ich ihn im Laufe des letzten Monats mindestens ein halbdutzendmal darauf hingewiesen habe, daß er seinen Wagen nicht auf unserem einzigen Behindertenparkplatz abstellen darf, und ich finde, daß damit jetzt endlich Schluß sein muß.”

“Und ich könnte mir denken, daß dann mit meinem Job Schluß ist. Das ist wirklich übel, Alan, ganz im Ernst.” Norris Ridgewick sah aus wie eine Reklame für When Bad Things Happen to Good People.

“Regen Sie sich ab”, sagte Alan. “Sie klemmen einen Fünf-Dollar-Strafzettel hinter seinen Scheibenwischer. Er kommt zu mir und fordert mich als erstes auf, Sie vor die Tür zu setzen.”

Norris stöhnte.

“Ich weigere mich. Dann fordert er mich auf, den Strafzettel zu zerreißen. Auch das lehne ich ab. Dann, morgen nachmittag, wenn er Gelegenheit gehabt hat, deshalb eine Weile zu schäumen, gebe ich nach. Und wenn ich an der nächsten Sitzung des Stadtrates teilnehme, ist er mir eine Gefälligkeit schuldig.”

“Alles schön und gut, aber was ist er mir schuldig?”

“Norris, wollen Sie ein neues Impuls-Radargerät oder nicht?”

“Also …”

“Und was ist mit einem Faxgerät? Davon reden wir schon seit mindestens zwei Jahren.”

Ja! rief die Stimme in seinem Kopf mit ihrer falschen Fröhlichkeit. Du hast angefangen, davon zu reden, als Annie und Todd noch lebten! Weißt du das noch, Alan? Erinnerst du dich, wie es war, als sie noch lebten?

“Dann muß ich wohl”, sagte Norris. Er griff nach seinem Strafzettelblock mit einem Gesicht; auf dem mit Großbuchstaben Traurigkeit und Resignation geschrieben waren.

“Guter Mann”, sagte Alan mit einer Herzlichkeit, die er nicht empfand. “Ich bin noch eine Weile in meinem Büro.”

3

Er schloß die Tür und wählte Pollys Nummer.

“Hallo?” sagte sie, und er wußte sofort, daß er ihr nichts von der Depression erzählen würde, die ihn überfallen hatte. Heute abend hatte Polly ihre eigenen Probleme. Schon an dem einen Wort, das sie gesagt hatte, erkannte er, wie es um sie stand. Die beiden l in Hallo waren leicht verschliffen. Das passierte nur, wenn sie ein Percodan genommen hatte — vielleicht auch mehr als nur eines. Percodan nahm sie nur, wenn die Schmerzen sehr stark waren. Obwohl sie es nie ausgesprochen hatte, konnte Alan sich vorstellen, daß sie mit Grausen dem Tag entgegensah, an dem auch Percodan nicht mehr helfen würde.

“Wie geht es dir, meine Hübsche?” fragte er, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und legte eine Hand über die Augen. Das Aspirin schien gegen sein Kopfweh nicht viel auszurichten. Vielleicht sollte ich sie um ein Percodan bitten, dachte er.

“Alles in bester Ordnung.” Er hörte, wie vorsichtig sie sprach, sich von einem Wort zum anderen bewegte wie eine Frau, die Trittsteine benutzt, um einen Bach zu überqueren. “Wie steht es bei dir? Du hörst dich müde an.”

“Das bin ich immer, wenn ich mit Anwälten zu tun gehabt habe.” Er schob den Gedanken, sie zu besuchen, beiseite. Sie würde sagen: Aber natürlich, Alan, und sie würde sich freuen, ihn zu sehen — fast so sehr, wie er sich freuen würde, sie zu sehen. Aber die Belastung würde für sie größer sein, als sie an diesem Abend verkraften konnte. “Ich glaube, ich gehe nach Hause und lege mich zeitig hin. Es macht dir doch nichts aus, wenn ich nicht mehr vorbeikomme?”

“Nein, Liebling. Vielleicht wäre es sogar ein wenig besser, wenn du nicht kämest.”

“Ist es schlimm heute abend?”

“Es war schon schlimmer”, sagte sie vorsichtig.

“Das beantwortet meine Frage nicht.”

“Nun, nicht allzu schlimm.”

Deine Stimme verrät, daß du mich anlügst, meine Liebe, dachte er.

“Gut. Wie steht es mit dieser Ultraschall-Therapie, von der du mir erzählst hast? Hast du darüber etwas erfahren?”

“Nun, es wäre schon gut, wenn ich mir anderthalb Monate in der Mayo-Klinik leisten könnte, aber ich kann es nicht. Und behaupte nicht, du könntest es, Alan, denn ich bin ein bißchen zu müde, um dich einen Lügner zu nennen.”

“Ich dachte, du hättest etwas vom Boston Hospital gesagt …”

“Nächstes Jahr”, sagte Polly. “Im nächsten Jahr soll dort eine Abteilung für Ultraschall-Therapie eingerichtet werden. Vielleicht.”

Es trat eine kurze Pause ein, und er wollte sich gerade verabschieden, als sie weitersprach. Jetzt war ihre Stimme ein wenig klarer. “Ich habe heute morgen in den neuen Laden hineingeschaut. Ich hatte von Nettie eine Torte backen lassen und habe sie mitgenommen. Was sich natürlich ganz und gar nicht gehörte — Damen überreichen bei einer Ladeneröffnung keine Backwaren. Das ist praktisch in Stein eingemeißelt.”

“Wie sieht er aus? Was wird dort angeboten?”

“Von allem etwas. Wenn du mir den Revolver auf die Brust setzen würdest, würde ich sagen, es ist ein Kuriositäten- und Raritätenladen, aber im Grunde entzieht er sich jeder Beschreibung. Du mußt ihn dir selbst ansehen.”

“Hast du den Besitzer kennengelernt?”

“Mr. Leland Gaunt aus Akron, Ohio”, sagte Polly, und jetzt konnte Alan tatsächlich den Anflug eines Lächelns in ihrer Stimme hören. “Die elegante Damenwelt von Castle Rock wird ihm zu Füßen liegen — das zumindest ist meine Vermutung.”

“Welchen Eindruck hattest du von ihm?”

Als sie weitersprach, war das Lächeln in ihrer Stimme noch deutlicher zu hören. “Also, Alan, um ganz ehrlich zu sein — ich liebe dich, und ich hoffe, du liebst mich, aber …”

“Das tue ich”, sagte er. Sein Kopfweh ließ ein wenig nach. Er glaubte nicht, daß es Norris Ridgewicks Aspirin war, das dieses kleine Wunder bewirkte.

“… aber mein Herz hat etliche Takte zugelegt. Und du hättest Rosalie und Nettie sehen müssen, als sie wiederkamen …”

Nettie!” Er nahm die Füße vom Schreibtisch und setzte sich auf. “Nettie hat doch Angst vor ihrem eigenen Schatten!”

»Stimmt. Aber da Rosalie sie überredet hatte, mit ihr hinzugehen — du weißt ja, daß sich das arme Mädchen nicht getraut, allein irgendwohin zu gehen —, habe ich, als ich heute nachmittag nach Hause kam, Nettie gefragt, was sie von Mr. Gaunt hielte. Alan, ihre trüben alten Augen leuchteten regelrecht auf. ›Er hat Buntglas!‹, sagte sie ›wunderschönes Buntglas! Er hat mich sogar eingeladen, morgen wiederzukommen und mir noch mehr davon anzusehen.‹ Ich glaube, so viel auf einmal hat sie in den letzten vier Jahren nicht geredet. Und deshalb sagte ich: ›War das nicht nett von ihm, Nettie?‹ Und sie sagte: ›Ja, und wissen Sie, was?‹ Natürlich fragte ich, was ich wissen sollte, und Nettie sagte: ›Und vielleicht tue ich es sogar!‹«

Alan lachte laut und herzlich. “Wenn Nettie willens ist, ihn ohne eine Duenna zu besuchen, dann muß ich ihn überprüfen. Er scheint wirklich ein Charmeur zu sein.”

“Nun, es ist merkwürdig — er ist kein gut aussehender Mann, jedenfalls nicht auf die Art eines Kinostars, aber er hat wundervolle braune Augen. Sie lassen sein ganzes Gesicht aufleuchten.”

“Sieh dich vor, Lady”, grollte Alan. “Meine Eifersucht fängt an, sich zu regen.”

Sie lachte ein wenig. “Ich glaube nicht, daß du dir Sorgen zu machen brauchst. Aber da ist noch etwas.”

“Und zwar?”

“Rosalie sagte, Wilma Jerzyck wäre hereingekommen, während Nettie dort war.”

“Ist irgendetwas passiert? Wurden Worte gewechselt?”

“Nein. Nettie starrte die Jerzyck an, und die kräuselte verächtlich die Lippen — so drückte Rosalie es aus —, und dann huschte Nettie hinaus. Hat Wilma Jerzyck in letzter Zeit wieder wegen Netties Hund angerufen?”

“Nein”, sagte Alan. “Dazu bestand kein Grund. Ich bin im Laufe der letzten sechs Wochen an einem halben Dutzend Abenden an Netties Haus vorbeigefahren. Der Hund bellt nicht mehr. Es war nicht mehr als ein bißchen Welpengekläff. Jetzt ist er ein wenig erwachsener geworden, und er hat eine gute Herrin. Die Möblierung in Netties Oberstübchen mag ein bißchen dürftig sein, aber was den Hund angeht, hat sie ihre Pflicht getan — wie nennt sie ihn?”

“Raider.”

“Nun, Wilma Jerzyck wird sich etwas anderes suchen müssen, auf dem sie herumhacken kann; Raider gibt nichts mehr her. Aber das wird sie tun. Das tun Frauen wie Wilma immer. Und im Grunde war es ohnehin nicht der Hund. Wilma war die einzige Person in der ganzen Nachbarschaft, die sich beklagt hat. Es war Nettie. Leute wie Wilma haben eine Nase für Schwäche. Und an Nettie Cobb gibt es eine Menge zu riechen.”

“Ja.” Pollys Stimme klang traurig und nachdenklich. “Weißt du, daß Wilma Jerzyck sie eines Abends angerufen und erklärt hat, wenn Nettie den Hund nicht zum Schweigen brächte, käme sie herüber und schnitte ihm die Kehle durch?”

“Nun”, sagte Alan gelassen, “ich weiß, daß Nettie dir das erzählt hat. Aber ich weiß auch, daß Wilma Nettie einen fürchterlichen Schrecken eingejagt hat und daß Nettie — Probleme gehabt hat. Ich will nicht behaupten, daß Wilma Jerzyck zu einem derartigen Anruf nicht imstande wäre, denn das ist sie. Aber es könnte sein, daß das nur in Netties Phantasie passiert ist.”

Daß Nettie Probleme gehabt hatte, war eine ziemliche Untertreibung, aber es gab keine Veranlassung, mehr zu sagen; beide wußten, wovon die Rede war. Nach Jahren in der Hölle, verheiratet mit einem Rohling, der sie auf jede Art mißhandelte, auf die ein Mann eine Frau mißhandeln kann, hatte Nettie Cobb ihrem Mann, während dieser schlief, eine Fleischgabel in den Hals gestoßen. Sie hatte fünf Jahre in Juniper Hill verbracht, einer geschlossenen Anstalt in der Nähe von Augusta. Dann war sie im Rahmen eines Arbeits-Entlassungsprogramms zu Polly gekommen. Nach Alans Ansicht hätte sie es nicht besser treffen können, und Netties sich ständig bessernder Gemütszustand bestätigte ihn in dieser Ansicht. Vor zwei Jahren hatte Nettie ein eigenes kleines Haus in der Ford Street bezogen, sechs Häuserblocks vom Geschäftsviertel entfernt.

“Ja, Nettie hat in der Tat Probleme”, sagte Polly, “aber ihre Reaktion auf Mr. Gaunt war wirklich verblüffend. Sie schien regelrecht hingerissen zu sein.”

“Ich muß wirklich hingehen und mir selbst ein Bild von diesem Mann machen”, sagte Alan.

“Erzähl mir, was du von ihm hältst. Und achte auf seine braunen Augen.”

“Ich bezweifle, daß sie so auf mich wirken werden, wie sie offenbar auf dich gewirkt haben”, sagte Alan trocken.

Sie lachte wieder, aber diesmal fand er, daß es ein wenig gezwungen klang.

“Versuch, ein bißchen Schlaf zu bekommen”, sagte er.

“Tue ich. Danke fürs Anrufen, Alan.”

“Gern geschehen.” Er schwieg einen Moment. “Ich liebe dich, meine Hübsche.”

“Danke, Alan — ich liebe dich auch. Gute Nacht.”

“Gute Nacht.”

Er legte den Hörer auf, drehte den Schwenkarm der Schreibtischlampe so, daß sie einen Lichtfleck auf die Wand warf, legte die Füße wieder auf den Schreibtisch und faltete die Hände vor der Brust, als wollte er beten. Er streckte die Zeigefinger aus. An der Wand reckte ein Schattenkaninchen die Ohren. Alan schob die Daumen zwischen die ausgestreckten Finger, und das Schattenkaninchen wackelte mit der Nase. Alan ließ das Kaninchen quer über den Lichtfleck hoppeln. Was zurückstapfte, war ein Elefant, der seinen Rüssel schwenkte. Alans Hände bewegten sich mit fast unheimlicher Gewandheit. Die Tiere, die er erschuf, nahm er kaum zur Kenntnis; es war eine alte Gewohnheit von ihm, seine Art, auf seine Nasenspitze herabzuschauen und “Om” zu sagen.

Er dachte über Polly nach; Polly und ihre schlimmen Hände. Was tun mit Polly?

Wenn es nur eine Sache des Geldes gewesen wäre, hätte er sie bereits morgen nachmittag in einem Zimmer der Mayo-Klinik untergebracht — verbrieft, gesiegelt und abgeliefert. Er hätte es getan, selbst wenn das bedeutet hätte, daß er sie in eine Zwangsjacke stecken und mit Sedativen vollpumpen mußte, um sie dorthin zu bekommen.

Aber es war nicht nur eine Sache des Geldes. Ultraschall als Behandlungsmethode für degenerative Arthritis steckte noch in den Kinderschuhen. Eines Tages würde sich vielleicht herausstellen, ob sie so wirkungsvoll war wie der Salk-Impfstoff oder ein Schwindel wie die Phrenologie. Auf jeden Fall hatte es jetzt noch keinen Sinn. Die Chancen, daß nichts dabei herauskam, standen tausend zu eins. Was er fürchtete, war nicht der Verlust des Geldes, sondern Pollys enttäuschte Hoffnungen.

Eine Krähe — so geschmeidig und lebensecht wie eine Krähe in einem Zeichentrickfilm von Walt Disney — flatterte langsam über sein Graduierungszeugnis von der Polizeiakademie in Albany. Ihre Flügel verlängerten sich, und aus der Krähe wurde ein prähistorischer Pterodaktylus mit schiefgelegtem Kopf, der auf den Aktenschrank in der Ecke zu und aus dem Scheinwerferlicht herausschwebte.

Die Tür ging auf. Das traurige Basset-Gesicht von Norris Ridgewick schaute herein. “Ich habe es getan, Alan”, sagte er, und seine Worte hörten sich an wie die eines Mannes, der den Mord an mehreren Kleinkindern gesteht.

“Gut, Norris”, sagte Alan. “Und ich verspreche Ihnen, daß Sie nicht derjenige sein werden, der es ausbaden muß.”

Norris musterte ihn ein paar Sekunden lang mit seinen feuchten Augen, dann nickte er zweifelnd. Er schaute auf die Wand. “Machen Sie Buster, Alan.”

Alan grinste, schüttelte den Kopf und griff nach der Lampe.

“Nun machen Sie schon”, drängte Norris. “Ich habe seinem verdammten Wagen einen Strafzettel verpaßt — ich verdiene es. Machen Sie Buster, Alan. Bitte! Das haut mich um.”

Alan warf einen Blick über Norris’ Schulter, sah niemanden und krümmte eine Hand gegen die andere. Auf der Wand stapfte ein massiger Schattenmann mit schaukelndem Bauch durch den Lichtfleck. Er hielt einmal an, um seine Schattenhose hinten hochzuziehen, dann stapfte er weiter, wobei er den Kopf heftig von einer Seite zur anderen drehte.

Norris’ Lachen war laut und glücklich — das Lachen eines Kindes. Einen Augenblick lang drängte sich Alan die Erinnerung an Todd auf, und dann schob er sie beiseite. Für diesen Abend genug davon, bitte, Gott.

“Himmel, das ist wirklich eine Wucht!” sagte Norris, noch immer lachend. “Sie sind zu spät geboren, Alan — Sie hätten bei der Ed Sullivan Show Karriere machen können.”

“So, und nun verschwinden Sie”, sagte Alan.

Immer noch lächelnd machte Norris die Tür hinter sich zu.

Alan ließ Norris — mager und ein wenig von sich selbst eingenommen — über die Wand wandern, dann schaltete er die Lampe aus und zog ein abgeschabtes Notizbuch aus der Gesäßtasche. Er blätterte es durch, bis er eine leere Seite fand, und schrieb Needful Things. Darunter notierte er: Leland Gaunt, Cleveland Ohio. War das richtig? Nein? Er strich Cleveland durch und schrieb Akron. Vielleicht verliere ich wirklich den Verstand, dachte er. Auf eine dritte Zeile notierte er: Überprüfen.

Er steckte das Notizbuch wieder in die Tasche, dachte daran, nach Hause zu gehen, und schaltete statt dessen die Lampe wieder ein. Bald wanderte die Schattenparade abermals über die Wand: Löwen und Tiger und Bären. Wie Sandburgs Nebel schlich sich die Depression auf kleinen Katzenfüßen wieder an ihn heran. Die Stimme begann wieder, von Annie und Todd zu reden, und nach einer Weile hörte Pangborn auf sie. Er tat es wider Willen — aber mit wachsender Versunkenheit.

4

Polly lag auf ihrem Bett, und nachdem ihr Gespräch mit Alan beendet war, drehte sie sich auf die linke Seite, um den Hörer aufzulegen. Er fiel ihr aus der Hand und landete auf dem Boden. Das Unterteil des Princess-Telefons rutschte langsam über den Nachttisch und hatte offensichtlich vor, seiner anderen Hälfte Gesellschaft zu leisten. Bei dem Versuch, danach zu greifen, schlug ihre Hand gegen die Kante des Nachttisches. Ein monströser Bolzen aus Schmerz durchbrach die dünne Wand, die das Percodan über ihre Nerven gespannt hatte, und raste bis in ihre Schulter hinauf. Sie mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzuschreien.

Das Unterteil des Telefons glitt über die Tischkante und prallte mit einem einmaligen Ping! der darinsitzenden Glocke auf den Boden. Sie hörte das monotone, idiotische Piepen des Freizeichens, das zu ihr heraufdriftete. Es klang wie ein Insektenschwarm, den man über Kurzwelle im Radio hört.

Sie dachte daran, das Telefon aufzuheben mit den Klauen, die jetzt auf ihrer Brust lagen, allerdings nicht zufassend — heute abend ließen sich ihre Finger überhaupt nicht bewegen —, sondern drückend, wie eine Frau, die Akkordeon spielt, und plötzlich war es ihr zuviel; selbst etwas so Einfaches wie das Aufheben eines heruntergefallenen Telefons war ihr zuviel, und sie begann zu weinen.

Der Schmerz war jetzt hellwach, hellwach und rasend, und verwandelte ihre Hände — vor allem die, mit der sie angestoßen war — in Fiebergruben. Sie lag auf dem Bett, schaute durch ihre verschleierten Augen zur Decke empor und weinte.

Oh, ich würde alles dafür geben, um diese Schmerzen loszuwerden, dachte sie. Ich würde alles dafür geben, alles, alles Erdenkliche.

5

Um zehn Uhr abends an einem Werktag war die Main Street von Castle Rock verschlossen wie ein Chubb-Safe. Die Straßenlaternen warfen Kreise aus weißem Licht auf die Gehsteige und die Fassaden der Geschäfte und verzerrten ihre Perspektive, so daß die Straße aussah wie ein menschenleeres Bühnenbild. Bald, so konnte man denken, würde eine einsame Gestalt in Frack und Zylinder — Fred Astaire oder vielleicht auch Gene Kelly — auftauchen und von einem dieser Lichtkreise in den nächsten tanzen und ein Lied davon singen, wie einem Mann zumute war, wenn seine Liebste ihm den Laufpaß gegeben hat und alle Lokale geschlossen sind. Dann würde, am anderen Ende der Main Street, eine weitere Gestalt auftauchen — Ginger Rogers oder vielleicht Cyd Charisse —, die ein Abendkleid trug. Sie würde auf Fred (oder Gene) zutanzen und ein Lied davon singen, wie einer Frau zumute war, wenn ihr Liebster sie versetzt hat. Sie würden einander sehen, eine kunstvolle Pause einlegen und dann vor der Bank oder vielleicht vor You Sew and Sew miteinander tanzen.

Statt dessen erschien Hugh Priest auf der Bildfläche.

Er sah weder aus wie Fred Astaire noch wie Gene Kelly, es gab keine Frau am anderen Ende der Main Street, die einer romantischen Zufallsbegegnung mit ihm entgegenstrebte, und tanzen tat er bestimmt nicht. Dafür trank er; er hatte seit vier Uhr nachmittags ununterbrochen im Mellow Tiger getrunken. An diesem Punkt der Festivität war schon normales Gehen eine Kunst, von eleganten Tanzschritten ganz zu schweigen. Er ging langsam, passierte einen Lichtkreis nach dem anderen, und sein hoher Schatten fiel auf die Fassade des Barbiersalons, des Western Autos, des Videofilm-Verleihs. Er torkelte leicht, der Blick der rötlichen Augen ging starr geradeaus, über seinem Bauch wölbte sich das verschwitzte blaue T-Shirt (auf der Vorderseite standen über der Zeichnung einer riesigen Stechmücke die Worte MAINE STATE BIRD) in einer langen, herabsackenden Kurve.

Der Pickup des Amtes für Öffentliche Arbeiten, den er gefahren hatte, stand nach wie vor auf dem unbefestigten Parkplatz des Tiger. Hugh Priest war der nicht sonderlich stolze Besitzer mehrerer Anzeigen wegen Trunkenheit am Steuer, und nach der letzten — die ihm einen sechsmonatigen Führerscheinentzug eingebracht hatte — hatten dieser Bastard Keeton, seine Mitbastarde Fullerton und Samuels und ihre Mitziege Williams (das vierte Mitglied des Stadtrates von Castle Rock war eine Frau) keinen Zweifel daran gelassen, daß sie, was ihn betraf, am Ende ihrer Geduld angelangt waren. Die nächste Anzeige würde wahrscheinlich den entgültigen Entzug seines Führerscheins mit sich bringen und bestimmt den Verlust seines Jobs.

Das war für Hugh kein Grund, mit dem Trinken aufzuhören — keine Macht der Erde hätte das fertiggebracht —, aber es hatte ihn zu einem festen Entschluß veranlaßt: nicht trinken und fahren. Er war einundfünfzig Jahre alt, und das war ein bißchen zu spät im Leben, um sich noch nach einem neuen Job umzusehen, insbesondere mit einer langen Vorstrafenliste wegen Trunkenheit am Steuer, die ihm folgte wie eine Blechdose, die man einem Hund an den Schwanz gebunden hat.

Deshalb ging er heute abend zu Fuß nach Hause, und es war ein verdammt langer Marsch, und da war ein gewisser Kollege namens Bobby Dugas, der morgen eine Menge würde zu erklären haben, sofern er nicht mit ein paar Zähnen weniger nach Hause gehen wollte, als er zur Arbeit mitgebracht hatte.

Als Hugh Nan’s Luncheonette passierte, setzte ein leichter Nieselregen ein. Was seine Laune nicht gerade besserte.

Er hatte Bobby, der auf seinem Heimweg direkt an Hughs Behausung vorbeifuhr, gefragt, ob er an diesem Abend auf ein paar Bier in den Tiger hereinschauen würde. Bobby Dugas hatte gesagt: Klar doch, Hubert — Bobby nannte ihn immer Hubert, was verdammt nochmal nicht sein Name war (auch dieser Scheiß würde sich ändern, und zwar bald). Klar doch, Hubert, ich komme wahrscheinlich gegen sieben vorbei, wie gewöhnlich.

Also war Hugh im Vertrauen darauf, nach Hause gebracht zu werden, falls er ein wenig zu blau sein sollte, um selbst fahren zu können, ungefähr fünf Minuten vor vier auf den Parkplatz des Tiger abgebogen (er hatte ein bißchen früher Feierabend gemacht, sogar fast anderthalb Stunden früher, aber wenn schon, Deke Bradford war nicht in der Nähe gewesen) und hatte sich ins Vergnügen gestürzt. Und als es sieben war, was passierte? Kein Bobby Dugas! Verflucht und zugenäht! Und als es acht und neun und halb zehn wurde, was passierte? Genau dasselbe!

Zwanzig vor zehn hatte Henry Beaufort, der Wirt und Besitzer des Mellow Tiger, Hugh aufgefordert, einen langen Schuh zu machen und Leine zu ziehen. Hugh war stinkwütend gewesen. Es stimmte, er hatte der Jukebox einen Tritt versetzt, aber sie hatte ständig diese verdammte George Jones-Platte gedudelt.

“Was sollte ich denn tun — einfach hier sitzen und mir das anhören?” hatte er Henry gefragt. “Du solltest die Platte rausnehmen, das ist alles. Der Kerl hört sich an, als hätte er einen epileptischen Anfall.”

“Du hast noch nicht genug gehabt, das ist mir klar”, sagte Henry, “aber hier hast du alles gehabt, was du bekommst. Den Rest mußt du dir schon aus deinem eigenen Kühlschrank holen.”

“Und wenn ich nein sage?” fragte Hugh.

“Dann rufe ich Sheriff Pangborn an”, sagte Henry gelassen.

Die anderen Gäste des Tiger — es waren nicht viele so spät am Abend eines Werktages — folgten interessiert diesem Wortwechsel. Die Männer waren vorsichtig in Hughs Gegenwart, besonders wenn er einen in der Krone hatte, aber den Wettbewerb um den Titel Beliebtester Mann von Castle Rock würde er niemals gewinnen.

“Ich täte es nicht gern”, fuhr Henry fort, “aber ich würde es tun. Ich habe es satt, daß du immer gegen mein Rock-Ola trittst.”

Hugh dachte daran, zu sagen: Dann werde ich wohl statt dessen ein paarmal gegen dich treten müssen, du französischer Hundesohn. Doch dann dachte er an diesen fetten Bastard Keeton, der ihn vor die Tür setzen würde, weil er in der Kneipe Stunk gemacht hatte. Natürlich, wenn er wirklich vor die Tür gesetzt wurde, würde er ein entsprechendes Schreiben in der Post finden, Schweine wie dieser Keeton machten sich nie die Hände schmutzig (oder riskierten eine Lippe), indem sie die Nachricht persönlich überbrachten, aber der Gedanke daran half — er drehte den Thermostat ein wenig herunter. Und er hatte tatsächlich zwei Sechserpacks zu Hause, eines im Kühlschrank und das zweite im Schuppen.

“Okay”, sagte er. “Ich habe von diesem Laden ohnehin die Schnauze voll. Gib mir meine Schlüssel.” Denn die hatte er Henry ausgehändigt, vorsichtshalber, als er sich sechs Stunden und achtzehn Bier zuvor an der Theke niedergelassen hatte.

“Nein.” Henry wischte sich die Hände an einem Handtuch ab und sah Hugh entschlossen an.

“Nein? Was zum Teufel soll das heißen?”

“Das heißt, daß du zu betrunken bist, um fahren zu können. Ich weiß es, und wenn du morgen früh aufwachst und merkst, wie sich dein Kopf anfühlt, dann wirst du es auch wissen.”

“Hör zu”, sagte Hugh geduldig. “Als ich dir die verdammten Schlüssel gab, da dachte ich, ich würde nach Hause gebracht. Bobby Dugas hat gesagt, er würde auf ein paar Bier hereinschauen. Es ist nicht meine Schuld, daß dieser Idiot nicht aufgetaucht ist.”

Henry seufzte. “Das tut mir leid, aber das ist nicht mein Problem. Ich könnte belangt werden, wenn du jemanden über den Haufen fährst. Ich glaube nicht, daß dir das viel ausmachen würde, aber bei mir ist es anders. Ich muß zusehen, daß ich meinen Arsch bedeckt halte. In dieser Welt gibt es niemanden, der einem diese Arbeit abnimmt.”

Hugh spürte, wie Wut, Selbstmitleid und ein rudimentäres Ekelgefühl an die Oberfläche seines Bewußtseins drängten wie eine üble Flüssigkeit, die aus einem seit langem vergrabenen Faß mit Giftmüll aussickert. Er schaute auf seine Schlüssel, die hinter der Theke hingen, neben einem Plakat, auf dem stand WENN DIR UNSERE STADT NICHT GEFäLLT, DANN SCHAU IN DEN FAHRPLAN. Dann wanderte sein Blick wieder zu Henry. Mit Bestürzung registrierte er, daß er nahe daran war, in Tränen auszubrechen.

Henry schaute an ihm vorbei auf die paar anderen noch anwesenden Gäste. “He! Fährt einer von euch in Richtung Castle Hill?”

Die Männer schauten auf ihre Tische und sagten nichts. Einer oder zwei ließen ihre Knöchel knacken. Charlie Fortin schlenderte bewußt langsam auf die Herrentoilette zu. Niemand gab eine Antwort.

“Siehst du?” sagte Hugh. “Also los, Henry, gib mir die Schlüssel.”

Henry hatte mit entschlossener Endgültigkeit den Kopf geschüttelt. “Wenn du noch einmal wiederkommen und hier ein paar Bier trinken willst, dann mußt du zu Fuß gehen.”

“Also gut, dann gehe ich eben zu Fuß!” sagte Hugh. Seine Stimme war die eines schmollendes Kindes am Rande eines Wutanfalls. Er durchquerte das Lokal mit gesenktem Kopf und zu harten Fäusten geballten Händen. Er wartete darauf, daß jemand lachte. Fast hoffte er sogar, daß jemand es tun würde. Dann würde er ein bißchen Reinemachen veranstalten, und scheiß auf den Job. Aber der Laden war still bis auf Reba McIntyre, die etwas über Alabama winselte.

“Du kannst dir deine Schlüssel morgen abholen!” rief Henry ihm nach.

Hugh sagte nichts. Mit einer gewaltigen Willensanstrengung hielt er sich davon ab, im Vorbeigehen einen seiner abgetragenen gelben Arbeitsstiefel in Henry Beauforts verdammtes altes Rock-Ola zu knallen. Dann trat er mit gesenktem Kopf hinaus in die Dunkelheit.

6

Aus dem leichten Nieseln war ein feiner Sprühregen geworden, und Hugh vermutete, daß sich dieser Sprühregen, bis er zu Hause angekommen war, in ein anhaltendes, durchweichendes Gießen verwandelt haben würde. Sein Pech. Er wanderte stetig weiter; jetzt torkelte er nicht mehr so stark (die Luft hatte einen ernüchternden Einfluß auf ihn) und ließ die Augen rastlos von einer Seite zur anderen schweifen. Er war nervös, und er hoffte, es würde jemand vorbeikommen und eine Lippe riskieren. Heute abend würde selbst eine kleine Lippe ausreichen. Er dachte kurz an den Jungen, der gestern vor seinen Laster gelaufen war, und wünschte sich verdrossen, daß er dem Bengel einen Tritt versetzt hätte, daß er über die ganze Straße flog. Und das wäre nicht seine Schuld gewesen, ganz und gar nicht. Zu seiner Zeit hatten die Bälger aufgepaßt, wohin sie gingen.

Er passierte die leere Stelle, an der das Emporium Galorium gestanden hatte, bevor es niederbrannte, You Sew and Sew, Castle Rock Hardware … und dann passierte er Needful Things. Er sah in das Schaufenster, warf einen Blick zurück auf die Main Street (nur noch ungefähr anderthalb Meilen; vielleicht schaffte er es doch noch, bevor es anfing, richtig zu gießen), und dann blieb er plötzlich stehen.

Seine Füße hatten ihn an dem neuen Laden vorbeigetragen, und er mußte umkehren. Über der Schaufensterauslage brannte eine einzige Birne und warf ihr sanftes Licht über die drei darin ausgestellten Gegenstände. Das Licht ergoß sich auch über sein Gesicht und bewirkte dort eine wundersame Verwandlung. Plötzlich sah Hugh aus wie ein müder kleiner Junge, der gerade gesehen hat, was er sich zu Weihnachten wünscht — was er zu Weihnachten haben muß, weil ganz plötzlich auf Gottes weiter Welt nichts anderes mehr zählte. Der Gegenstand in der Mitte des Schaufensters wurde von zwei geriffelten Vasen flankiert (Nettie Cobbs geliebtem Buntglas, aber das wußte Hugh natürlich nicht, und wenn er es gewußt hätte, wäre es ihm auch völlig egal gewesen).

Es war ein Fuchsschwanz.

Plötzlich war es wieder 1955, er hatte gerade seinen Führerschein bekommen und fuhr im ‘53er Ford Cabrio seines Vaters zu einem Spiel der Western Maine Schoolboy Championship — Castle Rock gegen Oxford Hills. Es war ein ungewöhnlich warmer Novembertag, warm genug, um das alte Kabrio aus dem Stall zu holen und das Verdeck zurückzuklappen (das heißt, wenn man eine Horde heißblütiger Jungen war, bereit, willens und imstande, ein bißchen Rabatz zu machen); sie hatten zu sechst in dem Wagen gesessen. Peter Doyon hatte eine Flasche Log Cabin-Whiskey mitgebracht, Perry Como war im Radio, Hugh Priest saß hinter dem weißen Lenkrad, und an der Antenne flatterte ein langer, üppiger Fuchsschwanz, genau so einer wie der, den er jetzt im Schaufenster dieses Ladens betrachtete.

Er errinerte sich, daß er zu dem flatternden Fuchsschwanz hochgeschaut und gedacht hatte, daß er, wenn er einmal ein eigenes Kabrio besaß, auch so einen Fuchsschwanz haben würde.

Er erinnerte sich, daß er die Flasche abgelehnt hatte, als sie auf ihrer Runde zu ihm kam. Er fuhr, und man trank nicht, während man fuhr, denn man war verantwortlich für das Leben anderer. Und an noch etwas erinnerte er sich: an die Gewißheit, daß dies die schönste Stunde des schönsten Tages in seinem Leben war.

Die Erinnerung überraschte und schmerzte, weil sie so klar war und alle Sinne mit einbezog — das rauchige Aroma brennenden Laubs, die in den Reflektoren der Leitplanke funkelnde Novembersonne; und jetzt, wo er den Fuchsschwanz im Schaufenster von Needful Things betrachtete, kam ihm der Gedanke, daß es tatsächlich der schönste Tag in seinem Leben gewesen war, einer der letzten Tage, bevor ihn der Suff in seinen geschmeidigen, gummiartigen Griff bekam und ihn in eine üble Variante von König Midas verwandelte: seither schien sich alles, was er angefaßt hatte, in Scheiße verwandelt zu haben.

Plötzlich dachte er: Ich könnte mich ändern.

Eine Idee von faszinierender Klarheit.

Ich könnte nochmal von vorn anfangen.

War so etwas möglich?

Ja, ich glaube, manchmal geht es. Ich könnte diesen Fuchsschwanz kaufen und ihn an der Antenne meines Buick befestigen.

Aber sie würden lachen. Die Kerle würden lachen.

Welche Kerle? Henry Beaufort? Dieser kleine Scheißer Bobby Dugas? Und wenn schon. Kauf diesen Fuchsschwanz, knote ihn an die Antenne und fahr los

Wohin?

Nun, wie wär’s für den Anfang mit diesem Donnerstagabend-Treffen der Anonymen Alkoholiker drüben in South Paris?

Einen Augenblick lang verblüffte und erregte ihn diese Möglichkeit, ungefähr so, wie der Anblick des Schlüssels, den ein nachlässiger Wärter im Schloß der Zellentür steckengelassen hat, einen Gefangenen mit einer langjährigen Strafe verblüffen und erregen würde. Einen Augenblick lang konnte er tatsächlich sehen, wie er das tat, zuerst eine weiße Marke bekam, dann eine rote, dann eine blaue, und wie er von Tag zu Tag von Monat zu Monat nüchtern blieb. Kein Mellow Tiger mehr. Schade. Aber auch keine Zahltage mehr mit der Angst, daß in dem Umschlag außer seinem Scheck auch das Entlassungsschreiben steckte, und das war entschieden das Schlimmste, das ihm passieren konnte.

In diesem Augenblick, in dem er vor dem Schaufenster von Needful Things stand und den Fuchsschwanz betrachtete, sah Hugh eine Zukunft. Zum erstenmal seit Jahren sah er eine Zukunft, und dieser wunderschöne orangefarbene Fuchsschwanz mit seiner weißen Spitze schwebte durch sie hindurch wie ein Schlachtenbanner.

Dann brach die Realität wieder über ihn herein, und die Realität roch nach Regen und feuchter, schmutziger Kleidung. Für ihn würde es keinen Fuchsschwanz geben, keine Treffen der Anonymen Alkoholiker, keine Marken, keine Zukunft. Er war einundfünfzig Scheißjahre alt, und mit einundfünfzig war man zu alt für Zukunftsträume. Mit einundfünfzig mußte man nur noch rennen, um der Lawine der eigenen Vergangenheit zu entkommen.

Aber wenn jetzt Geschäftszeit gewesen wäre, hätte er trotzdem einen Versuch unternommen. Ganz bestimmt hätte er das. Er wäre hineingegangen, in voller Lebensgröße, und hätte gefragt, was dieser Fuchsschwanz im Schaufenster kosten sollte. Aber es war zehn Uhr abends, die Main Street war verschlossen wie der Keuschheitsgürtel einer Eiskönigin, und wenn er morgen früh aufwachte mit dem Gefühl, als hätte ihm jemand einen Eispickel zwischen die Augen gerammt, dann würde er diesen herrlichen Fuchsschwanz und seine leuchtende rötlichbraune Farbe wieder vergessen haben.

Dennoch verweilte er noch einen Moment länger, ließ schmutzige, schwielige Finger über das Glas gleiten wie ein Kind vor einem Spielzeuggeschäft. In den Winkeln seines Mundes regte sich ein kleines Lächeln. Es war ein sanftes Lächeln, und auf Hugh Priest Gesicht wirkte es fehl am Platze. Dann hatte irgendwo oben in Castle View ein Wagen ein paar Fehlzündungen, die sich in der regennassen Luft anhörten, als würde ein Gewehr abgefeuert, und Hugh fand schnell wieder zu sich selbst zurück.

Scheiß drauf. Was zum Teufel bildest du dir eigentlich ein?

Er wendete sich von dem Schaufenster ab und drehte sein Gesicht in die Richtung, in der sein Zuhause lag — wenn man die Zweizimmer-Bude mit dem angebauten Holzschuppen, in der er wohnte, ein Zuhause nennen konnte. Als er unter der Markise hindurchging, schaute er auf die Tür — und blieb abermals stehen.

Auf dem Schild, das daran hing, stand natürlich

GEÖFFNET

Wie ein Mann in einem Traum streckte Hugh die Hand aus und probierte den Knauf. Er ließ sich mühelos drehen. Über seinem Kopf bimmelte ein silbernes Glöckchen. Das Geräusch schien aus unvorstellbarer Ferne zu kommen.

Ein Mann stand in der Mitte des Ladens. Er wischte mit einem Staubwedel über die Oberfläche einer Vitrine und summte. Als das Glöckchen bimmelte, wendete er sich Hugh zu. Er schien nicht im mindesten überrascht, an einem Mittwochabend um zehn Minuten nach zehn jemanden auf seiner Schwelle stehen zu sehen. Das einzige, was Hugh in diesem Moment der Verwirrung an diesem Mann auffiel, waren seine Augen — sie waren so schwarz wie die eines Indianers.

“Sie haben vergessen, Ihr Schild umzudrehen, Mann”, hörte Hugh sich sagen.

“Keineswegs”, erwiderte der Mann höflich. “Ich schlafe nicht gut, und an manchen Abenden komme ich dann auf die Idee, den Laden noch einmal zu öffnen. Schließlich weiß man nie, wann ein Mann wie Sie vorbeikommt — und irgendetwas entdeckt, das er gern haben möchte. Wollen Sie nicht hereinkommen und sich umsehen?”

Hugh Priest kam herein und machte die Tür hinter sich zu.

7

“Da ist ein Fuchsschwanz …” setzte Hugh an, dann mußte er abbrechen, sich räuspern und von vorn anfangen. Die Worte waren nicht mehr gewesen als ein heiseres, unverständliches Gemurmel. “Da ist ein Fuchsschwanz im Schaufenster.”

“Ja”, sagte der Besitzer. “Ein Prachtstück, nicht wahr?” Jetzt hielt er den Staubwedel vor sich, und seine indianerschwarzen Augen musterten Hugh interessiert über das Federbüschel hinweg, das die untere Hälfte seines Gesichtes verdeckte. Den Mund des Mannes konnte Hugh nicht sehen, aber ihm kam der Gedanke, daß er lächelte. Gewöhnlich bereitete es ihm Unbehagen, wenn Leute — vor allem Leute, die er nicht kannte — ihn anlächelten. Dann hatte er das Gefühl, zuschlagen zu müssen. Heute abend jedoch schien es ihm nichts auszumachen. Vielleicht nur deshalb, weil er noch immer halb blau war.

“Ja”, pflichtete Hugh ihm bei. “Es ist ein Prachtstück. Mein Dad hatte ein Kabrio mit genau so einem Fuchsschwanz an der Antenne, damals, als ich noch ein Kind war. In diesem kleinen Drecksnest gibt es eine Menge Leute, die nicht glauben würden, daß ich jemals ein Kind war, aber ich war es. Genau wie alle anderen Leute auch.”

“Natürlich.” Die Augen des Mannes blickten nach wie vor in die von Hugh, und etwas überaus Seltsames passierte — sie schienen größer zu werden. Hugh war offensichtlich nicht imstande, seinen Blick von ihnen abzuwenden. Zuviel direkter Augenkontakt war auch etwas, was ihm das Gefühl eingab, zuschlagen zu müssen. Aber auch das schien heute abend völlig in Ordnung zu sein.

“Damals dachte ich, dieser Fuchsschwanz wäre so ziemlich die coolste Sache auf der Welt.”

“Natürlich.”

“Cool — das war das Wort, das wir damals benutzten. Nicht so einen Scheiß wie super. Oder geil — ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll. Sie etwa?”

Aber der Besitzer von Needful Things schwieg; er stand nur da und musterte Hugh Priest mit seinen schwarzen Indianeraugen über den Federn seines Staubwedels.

“Auf jeden Fall möchte ich ihn kaufen. Kann ich ihn haben?”

“Natürlich”, sagte Leland Gaunt zum drittenmal.

Hugh empfand Erleichterung und ein plötzliches, überwältigendes Glücksgefühl. Plötzlich war er ganz sicher, daß alles in Ordnung kommen würde — alles. Das war total verrückt; er schuldete so ziemlich jedermann in Castle Rock und den umliegenden drei Städten Geld, er hatte in den letzten sechs Monaten täglich damit rechnen müssen, seinen Job zu verlieren, sein Buick lag in den letzten Zügen und wurde nur noch von Gebeten zusammengehalten — aber das Gefühl war da. Unbestreitbar da.

“Wieviel?” fragte er. Plötzlich fragte er sich, ob er sich einen so herrlichen Schweif überhaupt leisten konnte, und verspürte einen Anflug von Panik. Lag das außerhalb seiner Möglichkeiten? Und noch schlimmer — wenn es ihm morgen oder übermorgen gelang, das Geld irgendwo aufzutreiben, nur um dann feststellen zu müssen, daß der Kerl ihn bereits verkauft hatte?

“Nun, das kommt darauf an.”

“Kommt darauf an? Worauf kommt es an?”

“Darauf, wieviel zu zahlen Sie bereit sind.”

Wie ein Mann in einem Traum zog Hugh seine abgeschabte Brieftasche aus der Gesäßtasche.

“Stecken Sie sie wieder ein, Hugh.”

Habe ich ihm meinen Namen genannt? Habe ich?

Hugh konnte sich nicht erinnern, aber er steckte die Brieftasche wieder ein.

“Leeren Sie Ihre Taschen aus. Gleich hier, auf diese Vitrine.”

Hugh leerte seine Taschen aus. Er legte sein Taschenmesser, eine Rolle Gerts, sein Zippo-Feuerzeug und ungefähr einen Dollar und fünfzig Cents Kleingeld auf die Vitrine. Die Münzen klirrten auf dem Glas.

Der Mann beugte sich vor und betrachtete das Häufchen. “Das dürfte so ziemlich hinkommen”, bemerkte er und fuhr mit dem Staubwedel über das bescheidene Häufchen. Als er ihn zurückzog, lagen Messer, Feuerzeug und Gerts nach wie vor da. Die Münzen waren verschwunden.

Hugh registrierte es ohne eine Spur von Überraschung. Er stand da, reglos wie ein Spielzeug mit verbrauchten Batterien, während der hochgewachsene Mann zum Schaufenster hinüberging und mit dem Fuchsschwanz zurückkehrte. Er legte ihn auf die Vitrine, neben das geschrumpfte Häufchen von Hughs Tascheninhalt.

Langsam steckte Hugh eine Hand aus und strich mit ihr über das Fell. Es fühlte sich kühl und üppig an; es knisterte vor seidiger Elektrizität. Darüber zu streichen war, als striche man über eine klare Herbstnacht.

“Schön?” fragte der hochgewachsene Mann.

“Schön”, pflichtete Hugh ihm abwesend bei und machte Anstalten, den Fuchsschwanz an sich zu nehmen.

“Tun Sie das nicht”, sagte der hochgewachsene Mann scharf, und Hughs Hand fuhr sofort zurück. Er sah Gaunt mit einer Betroffenheit an, die so tief ging, daß sie fast in Kummer umschlug. “Wir sind uns noch nicht handelseinig.”

“Nein”, stimmte Hugh zu. Ich werde hypnotisiert, dachte er. Verdammt nochmal, der Kerl hat mich doch tatsächlich hypnotisiert. Aber das machte nichts. Es war sogar irgendwie — angenehm.

Er griff wieder nach seiner Brieftasche, wobei er sich so langsam bewegte wie ein Mann unter Wasser.

“Lassen Sie sie stecken, Sie Esel”, sagte Mr. Gaunt ungeduldig und legte seinen Staubwedel beiseite.

Hughs Hand fiel wieder herunter.

“Weshalb glauben so viele Leute, sämtliche Antworten steckten in ihren Brieftaschen?” fragte der Mann verdrossen.

“Ich weiß es nicht”, sagte Hugh. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. “Es hört sich ein bißchen albern an.”

Schlimmer”, fuhr Gaunt ihn an. Seine Stimme hatte jetzt den nörgeligen, leicht ungleichmäßigen Tonfall eines Mannes, der entweder sehr müde oder sehr wütend ist. Er war tatsächlich müde; es war ein langer, anstrengender Tag gewesen. Vieles war bereits geleistet, aber die Arbeit hatte gerade erst angefangen. “Viel schlimmer. Es ist geradezu kriminell stupide. Wissen Sie was, Hugh? Die Welt ist voll von Leuten, die etwas haben möchten, aber nicht begreifen, daß alles, alles verkäuflich ist — sofern man willens ist, den Preis dafür zu zahlen. Sie erweisen diesem Gedanken Lippendienste und gratulieren sich im übrigen zu ihrem gesunden Zynismus. Nun, Lippendienste sind ein Scheißdreck. Der letzte Scheißdreck!

“Scheißdreck”, pflichtete Hugh ihm mechanisch bei.

“Für Dinge, die die Leute wirklich haben möchten, Hugh, steckt die Antwort nicht in der Brieftasche. Die dickste Brieftasche in der Stadt ist nicht soviel wert wie der Schweiß in der Achselhöhle eines arbeitenden Menschen. Der letzte Scheißdreck! Und Seelen! Wenn ich jedesmal, wenn ich jemand sagen höre, »Für dieses oder jenes würde ich meine Seele hergeben«, einen Groschen bekäme, dann könnte ich das Empire State Building kaufen!” Er beugte sich noch weiter vor, und jetzt wichen in einem breiten, ungesunden Lächeln seine Lippen von seinen unregelmäßigen Zähnen zurück. “Sagen Sie mir, Hugh: was im Namen allen auf der Erde herumkrauchenden Viehzeugs sollte ich mit Ihrer Seele anfangen?”

“Nichts vermutlich.” Seine Stimme klang, als käme sie von weither. Sie schien vom Grunde einer tiefen, dunklen Höhle zu kommen. “Ich glaube, sie ist in letzter Zeit in keinem sonderlich guten Zustand.”

Plötzlich entspannte sich Mr. Gaunt und richtete sich auf. “Genug mit diesen Lügen und Halbwahrheiten. Hugh, kennen Sie eine Frau namens Nettie Cobb?”

“Die verrückte Nettie? Jeder in der Stadt kennt die verrückte Nettie. Sie hat ihren Mann umgebracht.”

“Ich weiß. Und jetzt hören Sie zu, Hugh. Hören Sie genau zu. Danach können Sie Ihren Fuchsschwanz nehmen und nach Hause gehen.”

Hugh Priest hörte genau zu.

Draußen regnete es heftiger, und Wind war aufgekommen.

8

“Brian!” sagte Miss Ratcliffe scharf. “Brian Rusk! Von dir hätte ich das wirklich nicht erwartet! Komm her! Und zwar sofort!”

Er saß in dem Kelleraum, in dem die Sprachtherapie stattfand, in der hinteren Reihe, und er hatte etwas Schlimmes getan — etwas sehr Schlimmes, nach dem Klang von Miss Ratcliffes Stimme zu urteilen —, aber was es war, wußte er nicht, bis er aufstand. Da sah er, daß er nackt war. Eine fürchterliche Welle der Scham flutete über ihn hinweg, aber gleichzeitig war er erregt. Als er auf seinen Penis hinabschaute und sah, wie er sich versteifte, empfand er Bestürzung und Begeisterung gleichzeitig.

“Du sollst herkommen, habe ich gesagt!”

Er machte sich langsam auf den Weg in den vorderen Teil des Raumes, angestarrt von den anderen — Sally Meyers, Donny Frankel, Nonie Martin und dem armen, leicht beschränkten Slopey Dodd.

Miss Ratcliffe stand mit den Händen auf den Hüften vor ihrem Schreibtisch; ihre Augen funkelten, und eine prachtvolle Wolke von dunkel kastanienbraunem Haar umschwebte ihren Kopf.

“Du bist ein böser Junge, Brian — ein ganz böser Junge.”

Er ließ den Kopf sinken und nickte dumpf, aber sein Penis erhob SEINEN Kopf, und demnach schien es, als gäbe es zumindest einen Teil von ihm, dem es überhaupt nichts ausmachte, böse zu sein. Der es sogar GENOSS, böse zu sein.

Sie gab ihm ein Stück Kreide in die Hand, und als sich ihre Hände berührten, spürte er, wie ein leichter Stromstoß ihn durchfuhr. “Und jetzt”, sagte Miss Ratcliffe streng, “schreibst du fünfhundertmal ICH WILL DEN REST MEINER SCHULD FÜR MEINE SANDY KOUFAX-KARTE BEZAHLEN an die Tafel.”

“Ja, Miss Ratcliffe.”

Er begann zu schreiben, wobei er sich auf die Zehenspitzen stellen mußte, um die Oberkante der Tafel zu erreichen, und war sich der warmen Luft auf seinem nackten Hintern bewußt. Er hatte gerade ICH WILL DEN REST MEINER SCHULD geschrieben, als er spürte, wie Miss Ratcliffes weiche, glatte Hand seinen Penis umfaßte und dann sanft zu zupfen begann. Einen Augenblick lang glaubte er in Ohnmacht zu fallen, so gut fühlte sich das an.

“Schreib weiter”, sagte sie streng hinter ihm, “dann mache ich auch weiter.”

“M-M-Miss R-R-Ratcliffe, was ist mit meinen Z-Z-Zungenübungen!” fragte Slopey Dodd.

“Halt den Mund, sonst fahre ich dich auf dem Parkplatz über den Haufen, Slopey”, sagte Miss Ratcliffe.

Während sie redete, fuhr sie fort, an Brians Penis zu ziehen. Jetzt stöhnte er. Das war schlecht, das wußte er, aber es war ein gutes Gefühl. Es war ein überaus gutes Gefühl. Es fühlte sich an wie etwas, das er brauchte. Es war genau das Richtige.

Dann drehte er sich um, und es war nicht Miss Ratcliffe, die neben ihm stand, sondern Wilma Jerzyck mit ihren großen, runden, blassen Gesicht und ihren dunkelbraunen Augen, die aussahen wie zwei in einen Klumpen Teig gedrückte Rosinen.

“Er wird sie zurückverlangen, wenn du nicht zahlst”, sagte Wilma. “Und das ist noch nicht alles. Er wird …”

9

Brian Rusk erwachte so plötzlich, daß er fast aus dem Bett gefallen und auf dem Fußboden gelandet wäre. Sein Körper war schweißgebadet, sein Herz klopfte wie ein Schmiedehammer, und sein Penis war ein kleiner, harter Ast in seiner Pyjamahose.

Er setzte sich auf, am ganzen Leibe zitternd. Sein erster Impuls war, den Mund zu öffnen und nach seiner Mutter zu schreien, wie er es getan hatte, wenn ein Alptraum ihn gequält hatte, als er noch klein war. Aber er war nicht mehr klein, er war elf Jahre alt — und schließlich war dies ohnehin nicht gerade die Art von Traum, von der man seiner Mutter erzählte.

Er legte sich zurück und starrte mit weit geöffneten Augen ins Dunkle. Er warf einen Blick auf die auf dem Tisch neben seinem Bett stehende Digitaluhr und sah, daß es vier Minuten nach Mitternacht war. Er konnte hören, wie der Regen, jetzt ziemlich heftig, an die Scheibe seines Schlafzimmerfensters prasselte, gepeitscht von großen, heulenden Windböen. Es hörte sich fast an wie Hagel.

Meine Karte. Meine Sandy Koufax-Karte ist weg.

Sie war nicht weg. Er wußte, daß sie nicht weg war, aber er wußte auch, daß er nicht wieder einschlafen konnte, bevor er sich vergewissert hatte, daß sie nach wie vor da war, in dem Ringbinder, in dem er seine wachsende Sammlung von Topps-Karten aus dem Jahre 1956 aufbewahrte. Er hatte nachgesehen, bevor er gestern morgen zur Schule ging, hatte es wieder getan, als er nach Hause kam, und gestern abend, nach dem Abendessen, hatte er das Baseballtraining mit Stanley Dawson abgebrochen, um ein weiteres Mal nachzusehen. Er hatte Stanley gesagt, er müsse auf die Toilette. Und bevor er ins Bett kroch und das Licht ausmachte, hatte er noch einen letzten Blick darauf geworfen. Ihm war bewußt, daß die Karte zu einer Art Besessenheit geworden war, aber dieses Bewußtsein änderte nichts.

Er sprang aus dem Bett, fast ohne zu spüren, daß die kalte Luft auf seinem Körper eine Gänsehaut hervorrief und seinen Penis erschlaffen ließ. Er ging leise zu seiner Kommode und ließ die Form seines eigenen Körpers zurück, die der Schweiß auf dem Laken eingezeichnet hatte. Der Ringbinder lang auf der Kommode in einem Flecken aus weißem, von der Laterne vor dem Fenster einfallenden Licht.

Er nahm ihn herunter, schlug ihn auf und durchblätterte hastig die Folien aus durchsichtigem Kunststoff mit den Taschen, in die man die Karten steckte. Er überging Mel Parnett, Whitey Ford und Warren Spahn — Schätze, auf die er einst mächtig stolz gewesen war —, fast ohne sie eines Blickes zu würdigen. Er durchlebte einen Moment entsetzlicher Panik, als er bei den Seiten am hinteren Ende des Binders angekommen war, denen, die noch leer waren, ohne Sandy Koufax gesehen zu haben. Dann begriff er, daß er in seiner Hast mehrere Seiten gleichzeitig umgeblättert hatte. Er ging zurück und ja, da war es — dieses schmale Gesicht, diese leicht lächelnden entschlossenen Augen, die unter dem Schirm seiner Mütze hervorschauten.

Für meinen guten Freund Brian, mit den besten Wünschen, Sandy Koufax.

Seine Finger fuhren über die schrägen Linien des Autogramms. Seine Lippen bewegten sich. Er war wieder beruhigt — oder fast beruhigt. Die Karte gehörte noch nicht richtig ihm. Dies war nur eine Art — Probelauf. Da war etwas, das er noch tun mußte, bevor sie ihm wirklich gehörte. Brian war nicht völlig sicher, was das war, aber er wußte, daß es irgendwie mit dem Traum zusammenhing, aus dem er gerade erwacht war, und er zweifelte nicht daran, daß er es wissen würde, wenn die Zeit

(morgen? im Laufe des heutigen Tages?)

gekommen war.

Er klappte den Ringbinder zu — auf der mit Klebeband auf den Einband geklebten Karteikarte standen in säuberlichen Druckbuchstaben die Worte BRIANS SAMMLUNG BITTE NICHT BERÜHREN! — und legte ihn wieder auf die Kommode. Dann kehrte er ins Bett zurück.

Die Sache, daß er die Sandy Koufax-Karte besaß, hatte nur einen Haken. Er hatte vorgehabt, sie seinem Vater zu zeigen. Auf dem Heimweg von Needful Things hatte er sich vorgestellt, wie es sein würde, wenn er sie ihm zeigte. Er, Brian, gespielt beiläufig: Hey, Dad, ich habe gerade in dem neuen Laden eine ’56er erstanden. Willst du sie sehen? Sein Dad würde sagen, okay, nicht sonderlich interessiert, er würde nur in Brians Zimmer mitkommen, um dem Jungen einen Gefallen zu tun — aber wie seine Augen aufleuchten würden, wenn er sah, welches Glück Brian gehabt hatte! Und wenn er die Widmung sah …!

Ja, er würde staunen und entzückt sein, ganz bestimmt. Er würde Brian wahrscheinlich auf den Rücken klopfen, und sie würden beide eine Hand heben und die Handflächen zusammenklatschen lassen.

Aber was kam danach?

Dad würde Fragen stellen. Das war es, was danach kommen würde. Und genau das war das Problem. Sein Vater würde erstens wissen wollen, wo er die Karte gekauft hatte, und zweitens, woher er das Geld hatte, um eine solche Karte zu kaufen, die a) selten, b) in hervorragendem Zustand und c) signiert war. Die gedruckte Unterschrift auf der Karte lautete Sanford Koufax, und das war der richtige Name des berühmten Baseballspielers. Handschriftlich unterschrieben hatte er jedoch mit Sandy Koufax, und in der seltsamen und manchmal recht kostspieligen Welt der Sammler von Baseballkarten bedeutet das, daß sie durchaus einen Marktwert von hundertfünfzig Dollar haben konnte.

In Gedanken formulierte Brian eine mögliche Antwort.

Ich habe sie aus dem neuen Laden, Dad — Needful Things. Der Mann dort hat mir einen wirklich tollen Rabatt gegeben — er hat gesagt, die Leute bekämen mehr Lust, seinen Laden aufzusuchen, wenn er die Preise niedrig hielte.

So weit, so gut, aber selbst ein Junge, der erst in einem Jahr an der Kinokasse den vollen Preis würde zahlen müssen, wußte, daß es damit nicht ausgestanden war. Wenn man sagte, daß man etwas zu einem wirklich günstigen Preis gekauft hatte, waren die Leute immer interessiert. Zu interessiert.

Ach ja? Wieviel hat er nachgelassen? Dreißig Prozent? Vierzig? Hat er sie dir für den halben Preis verkauft? Das wären immer noch sechzig oder siebzig Dollar, Brian, und ich weiß, daß soviel Geld nicht in deiner Sparbüchse steckt.

Nun — in Wirklichkeit war es ein bißchen weniger, Dad.

Okay. Dann sage mir, wieviel du dafür bezahlt hast.

Also — fünfundachtzig Cents.

Er hat dir eine signierte 1956er Sandy Koufax-Baseballkarte in erstklassigem Zustand für fünfundachtzig Cents verkauft?

Ja, das war der Punkt, an dem es ungemütlich werden würde.

Inwiefern? Er wußte es ganz genau, es würde Stunk geben, da war er ganz sicher. Irgendwie würden sie ihm einen Vorwurf daraus machen — sein Dad vielleicht nicht, aber seine Mom ganz bestimmt.

Sie konnten sogar versuchen, ihn dazu zu zwingen, daß er sie zurückgab, und das war etwas, was überhaupt nicht in Frage kam. Sie war nicht nur signiert; sie war für Brian signiert.

Kam nicht in Frage.

Er war nicht einmal imstande gewesen, sie Stan Dawson zu zeigen, als Stan zum Baseballtraining herüberkam, obwohl er es nur zu gern getan hätte — Stan wäre gelb geworden vor Neid. Aber Stan sollte Freitag bei ihnen schlafen, und Brian konnte sich nur zu gut vorstellen, wie er zu Brians Dad sagte: Was sagen Sie zu Brians Sandy Koufax-Karte, Mr. Rusk? Ein erstklassiges Stück, nicht wahr? Dasselbe galt für seine anderen Freunde. Brian war auf eine der großen Wahrheiten kleiner Städte gestoßen: viele Geheimnisse — im Grunde alle wirklich wichtigen Geheimnisse — kann man niemandem anvertrauen. Weil Neuigkeiten die Runde machen, und zwar schnell.

Er befand sich in einer merkwürdigen und unerfreulichen Position; er hatte etwas Großartiges erworben und konnte es niemandem zeigen. Das hätte seine Freude über die Neuerwerbung trüben können und tat es auch bis zu einem gewissen Grade, aber es verschaffte ihm auch eine geheime Befriedigung. Er stellte fest, daß er sich nicht eigentlich über die Karte freute, sondern sich vielmehr an ihr weidete, und damit war er auf eine weitere der großen Wahrheiten gestoßen: sich insgeheim an etwas weiden zu können, verschafft einem ein ganz besonderes Vergnügen. Es war fast, als wäre eine Ecke seines zumeist offenen und gutherzigen Wesens abgetrennt und dann mit einem speziellen, schwarzen Licht ausgeleuchtet, das alles, was darin versteckt war, sowohl verzerrte als auch verschönerte.

Und er dachte nicht daran, sie wieder herzugeben.

Auf gar keinen Fall.

Dann solltest du bezahlen, was du dafür noch schuldig bist, flüsterte eine Stimme tief in seinem Bewußtsein.

Er würde es tun. In dieser Beziehung gab es keine Probleme. Er glaubte zwar nicht, daß das, was er tun sollte, sonderlich nett war, aber er war ziemlich sicher, daß es auch nichts absolut Widerwärtiges war. Nur ein … ein …

Nur ein Streich, flüsterte eine Stimme in seinem Bewußtsein, und er sah die Augen von Mr. Gaunt — dunkelblau, wie das Meer an einem klaren Tag, und seltsam beruhigend. Das ist alles. Nur ein kleiner Streich.

Ja, nur ein Streich, wie immer der aussehen mochte.

Kein Problem.

Er kroch tiefer unter seine Daunendecke, drehte sich auf die Seite, schloß die Augen und begann sofort einzuschlafen.

Etwas ging ihm durch den Kopf, als er und Bruder Schlaf einander näherkamen. Etwas, das Mr. Gaunt gesagt hatte. Du wirst eine bessere Reklame für mich sein, als es eine Anzeige in der Lokalzeitung jemals sein kann. Aber er konnte die wunderbare Karte, die er gekauft hatte, niemandem zeigen. Wenn schon ein bißchen Nachdenken ihm das klargemacht hatte, einem elfjährigen Jungen, der nicht einmal intelligent genug war, um Hugh Priest aus dem Wege zu gehen, wenn er die Straße überquerte — würde dann ein kluger Mann wie Mr. Gaunt nicht auf die gleiche Idee kommen?

Nun, vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Erwachsene dachten anders als normale Leute. Außerdem hatte er die Karte, oder etwa nicht? Und sie steckte in seinem Ringbinder, genau da, wo sie hingehörte, oder etwa nicht?

Die Antwort auf beide Fragen lautete ja, und so ließ Brian die ganze Geschichte auf sich beruhen und versank wieder in Schlaf, während der Regen gegen sein Fenster peitschte und der rastlose Herbstwind in den Nischen unter der Dachtraufe heulte.

4

1

Der Regen hatte am Donnerstag bei Tagesanbruch aufgehört, und um halb elf, als Polly aus dem Vorderfenster von You Sew and Sew hinausschaute und Nettie Cobb sah, begannen die Wolken aufzubrechen. Nettie hatte einen zusammengerollten Regenschirm bei sich und trippelte, die Handtasche unter den Arm geklemmt, die Main Street entlang, als fürchtete sie, daß gleich hinter ihr irgendein neues Unwetter das Maul aufreißen könnte.

“Wie geht es deinen Händen heute morgen, Polly?” fragte Rosalie Drake.

Polly seufzte innerlich. Die gleiche Frage, nur eindringlicher gestellt, würde sie Alan am Nachmittag beantworten müssen — sie hatte versprochen, sich gegen drei mit ihm zum Kaffee in Nan’s Luncheonette zu treffen. Leuten, die einen schon seit langem kannten, konnte man nichts vormachen. Sie sahen die Blässe auf deinem Gesicht und die dunklen Ringe unter deinen Augen. Und was noch wichtiger war — sie sahen den gequälten Ausdruck in den Augen.

“Viel besser heute, danke”, sagte sie. Das war mehr als nur ein bißchen übertrieben; es ging besser, aber viel besser?

“Ich dachte, bei dem Regen und alledem …”

“Was die Schmerzen auslöst, läßt sich nie absehen. Das ist das Gemeine daran. Aber lassen wir das. Komm schnell her, Rosalie, und sieh aus dem Fenster. Ich glaube, wir erleben ein kleines Wunder.”

Rosalie gesellte sich gerade noch rechtzeitig zu Polly, um zu sehen, wie sich die kleine, trippelnde Gestalt mit dem Regenschirm — nach der Art zu schließen, wie sie ihn hielt, hatte sie vielleicht vor, ihn als Schlagstock zu benutzen — der Markise von Needful Things näherte.

“Ist das wirklich Nettie?” fragte Rosalie fast keuchend.

“Sie ist es wirklich.”

“Mein Gott, sie geht hinein!”

Aber einen Moment lang schien es, als hätte Rosalies Vorhersage dem Vorhaben einen Riegel vorgeschoben. Nettie näherte sich der Tür — dann wich sie zurück. Sie ließ den Schirm von einer Hand in die andere wandern und betrachtete die Ladentür von Needful Things, als lauere dahinter eine Schlange, die sie beißen könnte.

“Los, Nettie”, sagte Polly leise. “Nun geh schon, Mädchen!”

“Wahrscheinlich hängt das GESCHLOSSEN-Schild an der Tür”, sagte Rosalie.

“Nein, er hat jetzt ein anderes, auf dem steht DIENSTAGS UND DONNERSTAGS NUR AUF VERABREDUNG. Ich habe es gesehen, als ich heute morgen vorbeikam.”

Nettie näherte sich abermals der Tür. Sie griff nach dem Knauf, dann wich sie wieder zurück.

“Gott, das haut mich vom Stuhl”, sagte Rosalie. “Sie sagte, sie würde vielleicht noch einmal hingehen, und ich weiß, wie versessen sie auf Buntglas ist; aber ich hätte nie gedacht, daß sie es wirklich tun würde.”

“Sie hat mich gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie das Haus in ihrer Pause verließe, um in den neuen Laden hinüberzugehen und meinen Tortenbehälter abzuholen”, murmelte Polly.

Rosalie nickte. “Unsere Nettie, wie sie leibt und lebt. Früher hat sie mich sogar um Erlaubnis gefragt, wenn sie auf die Toilette mußte.”

“Ich hatte den Eindruck, als hoffte ein Teil von ihr, daß ich sagen würde, nein, es ist zuviel zu tun. Aber ich glaube, ein anderer Teil von ihr hoffte gleichzeitig, daß ich ja sagte.”

Pollys Augen beobachteten unverwandt den heftigen Kampf, der weniger als vierzig Meter entfernt tobte, ein Kleinkrieg zwischen Nettie Cobb und Nettie Cobb. Wenn sie tatsächlich hineinging — was für ein gewaltiger Schritt nach vorn würde das für sie sein!

Polly spürte einen dumpfen, heißen Schmerz in ihren Händen, schaute hinunter und sah, daß sie sie ineinander verkrampft hatte. Sie zwang sich, sie locker hängen zu lassen.

“Es ist nicht der Tortenbehälter und auch nicht das Buntglas”, sagte Rosalie. “Er ist es.”

Polly warf ihr einen fragenden Blick zu.

Rosalie lachte und errötete ein wenig. “Oh, ich meine nicht, daß Nettie sich in ihn verliebt hat oder etwas dergleichen, auch wenn sie etwas verträumt aussah, als ich sie draußen einholte. Er war nett zu ihr, Polly. Das ist alles. Ehrlich und nett.”

“Viele Leute sind nett zu ihr”, sagte Polly. “Alan gibt sich alle Mühe, liebenswürdig zu sein, und trotzdem hat sie Angst vor ihm.”

“Unser Mr. Gaunt hat eine besondere Art, nett zu sein”, sagte Rosalie einfach, und wie zum Beweis dafür sahen sie, wie Nettie nach dem Türknauf griff und ihn drehte. Sie öffnete die Tür, und dann stand sie, ihren Regenschirm umklammernd, auf dem Gehsteig, als wäre der seichte Brunnen ihrer Entschlossenheit bereits wieder gänzlich versiegt. Polly war plötzlich ganz sicher, daß Nettie nun die Tür wieder schließen und davoneilen würde. Ihre Hände ballten sich, Arthritis oder nicht, zu lockeren Fäusten.

Los, Nettie. Geh hinein. Riskiere es. Kehr in die Welt zurück.

Dann lächelte Nettie, offenbar eine Reaktion auf etwas, das weder Polly noch Rosalie sehen konnten. Sie ließ den Schirm sinken, den sie bisher vor der Brust gehalten hatte — und ging hinein.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß.

Polly drehte sich zu Rosalie um und war gerührt, als sie Tränen in ihren Augen sah. Die beiden Frauen sahen sich einen Moment lang an, dann umarmten sie sich lachend.

“Ein weiter Weg, Nettie!” sagte Rosalie.

“Zwei Punkte für unsere Mannschaft”, pflichtete Polly ihr bei, und die Sonne brach durch die Wolken in ihrem Kopf, gut zwei Stunden bevor sie es schließlich auch am Himmel über Castle Rock tun würde.

2

Fünfzehn Minuten später saß Nettie Cobb auf einem der hochlehnigen Polsterstühle, die Mr. Gaunt an einer Wand seines Ladens aufgestellt hatte. Ihr Schirm und ihre Handtasche lagen vergessen neben ihr auf dem Fußboden. Gaunt saß dicht bei ihr, seine Hände hielten die ihren, seine scharfen Augen blickten in ihre unsicheren. Auf einer der Vitrinen stand ein Buntglas-Lampenschirm neben Polly Chalmers’ Tortenbehälter. Der Lampenschirm war ein in bescheidenem Maße prachtvolles Exemplar und hätte in einem Antiquitätengeschäft in Boston dreihundert Dollar oder mehr gekostet; dennoch hatte ihn Nettie Cobb gerade für zehn Dollar und vierzig Cents erstanden, die gesamte Barschaft, die sie in ihrer Tasche gehabt hatte, als sie den Laden betrat. Doch schön oder nicht, im Augenblick war er ebenso vergessen wir ihr Schirm.

“Eine Tat”, sagte sie jetzt. Sie hörte sich an wie eine Frau, die im Schlaf spricht. Sie bewegte leicht die Hände, wie um die von Mr. Gaunt fester zu ergreifen. Er erwiderte den Griff, und auf ihrem Gesicht erschien ein kleines Freudenlächeln.

“So ist es. Es ist im Grunde nur eine Kleinigkeit. Sie kennen doch Mr. Keeton?”

“Oh ja”, sagte Nettie. “Ronald und sein Sohn Danforth. Ich kenne sie beide. Welchen meinen Sie?”

“Den jüngeren”, sagte Mr. Gaunt und streichelte ihre Handflächen mit seinen langen Daumen. Die Nägel waren leicht gelblich und ziemlich lang. “Den Vorsitzenden des Stadtrats.”

“Sie nennen ihn Buster hinter seinem Rücken”, sagte Nettie und kicherte. Es war ein unschönes Geräusch, ein wenig hysterisch, aber Mr. Gaunt schien nicht beunruhigt zu sein. Im Gegenteil — das Geräusch von Netties Lachen schien ihm zu gefallen. “Das tun sie, seit er ein kleiner Junge war.”

“Ich möchte, daß Sie das, was Sie mir für den Lampenschirm noch schuldig sind, bezahlen, indem Sie Buster einen Streich spielen.”

“Einen Streich?” Nettie schaute vage bestürzt drein.

Gaunt lächelte. “Etwas ganz Harmloses. Und er wird nie erfahren, daß Sie es waren. Er wird glauben, es wäre jemand anders gewesen.”

“Oh.” Nettie schaute an Mr. Gaunt vorbei auf den Buntglas-Lampenschirm, und einen Augenblick lang schärfte etwas ihren Blick — Besitzgier vielleicht, möglicherweise auch nur simples Verlangen und Freude. “Also …”

“Keine Sorge, Nettie. Niemand wird es je erfahren — und Sie haben den Lampenschirm.”

Nettie sprach langsam und nachdenklich. “Mein Mann hat mir eine Menge Streiche gespielt. Vielleicht macht es Spaß, einmal jemand anderem einen Streich zu spielen.” Sie sah wieder ihn an, und jetzt war das, was ihren Blick schärfte, Bestürzung. “Wenn es ihm nicht schadet. Ich will ihm nicht wehtun. Wissen Sie, ich habe meinem Mann wehgetan.”

“Es wird ihm nicht wehtun”, sagte Mr. Gaunt sanft und streichelte Netties Hände. “Es wird ihm kein bißchen wehtun. Ich möchte nur, daß Sie etwas in sein Haus bringen.”

“Wie soll ich in Busters Haus …”

“Hier.”

Er legte ihr etwas in die Hand. Einen Schlüssel. Sie schloß die Hand darum.

“Wann?” fragte Nettie. Ihre träumerischen Augen waren zu dem Lampenschirm zurückgekehrt.

“Bald.” Er gab ihre Hände frei und stand auf. “Und nun, Nettie, muß ich unbedingt diesen wunderhübschen Lampenschirm für Sie in einen Karton packen. Mrs. Martin wollte kommen, um sich ein paar Lalique-Vasen anzusehen, in …” Er sah auf die Uhr. “Großer Gott, in einer Viertelstunde! Aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, daß Sie gekommen sind. Heutzutage gibt es kaum noch Leute, die die Schönheit von Buntglas zu würdigen wissen — die meisten Leute sind nichts als Händler mit Registrierkassen anstelle von Herzen.”

Auch Nettie war aufgestanden und betrachtete den Lampenschirm mit den sanften Augen einer Verliebten. Die nervöse Ängstlichkeit, mit der sie sich dem Laden genähert hatte, war völlig verschwunden. “Er ist herrlich, nicht wahr?”

“Ganz herrlich”, pflichtete Mr. Gaunt ihr liebenswürdig bei. “Und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich es mich macht, zu wissen, daß er ein gutes Heim haben wird, einen Ort, an dem jemand mehr tut, als ihn nur Mittwoch nachmittags abzustauben, und der ihn dann, nachdem er das jahrelang getan hat, in einem unachtsamen Moment zerbricht, die Scherben auffegt und sie ohne eine Spur von Bedauern in den Mülleimer schüttet.”

“Das würde ich nie tun!” rief Nettie.

“Ich weiß, daß Sie das nicht tun würden”, sagte Mr. Gaunt. “Das ist eines der Dinge, die Sie so liebenswert machen, Netitia.”

Nettie sah ihn verblüfft an. “Wie kommt es, daß Sie meinen Namen wissen?”

“Dafür habe ich ein besonderes Organ. Ich vergesse nie einen Namen oder ein Gesicht.”

Er verschwand hinter dem Vorhang im Hintergrund des Ladens. Als er zurückkehrte, hielt er ein Stück weiße Pappe in der einen und einen großen Packen Seidenpapier in der anderen Hand. Er legte das Seidenpapier neben den Tortenbehälter (es begann sofort, sich mit unerklärlichen kleinen Windungen und Biegungen zu etwas auszudehnen, das aussah wie ein großes Mieder) und ging daran, die Pappe zu einem Karton zu falten, der genau die richtige Größe für den Lampenschirm hatte. “Ich weiß, daß der Gegenstand, den Sie gerade gekauft haben, bei Ihnen in den besten Händen sein wird. Deshalb habe ich ihn an Sie verkauft.”

“Wirklich? Ich dachte — Mr. Keeton — und der Streich …”

“Nein, nein, nein!” sagte Mr. Gaunt, halb lachend und halb empört. “Einen Streich kann jeder spielen. Den Leuten macht es Spaß, anderen Streiche zu spielen! Aber Dinge Menschen zu überlassen, die sie lieben und brauchen — das ist etwas völlig anderes. Manchmal, Netitia, glaube ich, daß das, was ich in Wirklichkeit verkaufe, Glück ist — was meinen Sie?”

“Nun”, sagte Nettie ernsthaft, “ich weiß, daß Sie mich glücklich gemacht haben, Mr. Gaunt. Sehr glücklich.”

Er entblößte seine krummen, unregelmäßigen Zähne zu einem breiten Lächeln. “Gut! Das ist gut!” Mr. Gaunt schob das Mieder aus Seidenpapier in den Karton, deponierte den Lampenschirm in die knisternde Weiße, machte den Karton zu und verschloß ihn mit einem Stück Klebeband. “So, das hätten wir! Ein weiterer zufriedener Kunde hat gefunden, was er haben wollte!”

Er streckte ihr den Karton entgegen. Nettie nahm ihn. Und als ihre Finger die seinen berührten, durchfuhr sie ein Abscheu, obwohl sie sie noch ein paar Augenblicke zuvor mit großer Kraft — und sogar Inbrunst — ergriffen hatte. Aber dieses Zwischenspiel kam ihr schon jetzt verschwommen und unwirklich vor. Er stellte den Tupperware-Behälter auf den weißen Karton. Sie sah, daß in dem letzteren etwas lag.

“Was ist das?”

“Ein paar Zeilen an Ihre Arbeitgeberin”, sagte Gaunt.

Sofort war Netties Gesicht wieder verängstigt. “Doch nicht über mich?

“Großer Gott, nein!” sagte Gaunt lachend, und Nettie entspannte sich wieder. Wenn Mr. Gaunt lachte, waren Widerstand oder Mißvertrauen unmöglich. “Geben Sie gut acht auf Ihren Lampenschirm, Netitia, und kommen Sie bald wieder.”

“Das werde ich tun”, sagte Nettie, und das hätte eine Antwort auf beide Aufforderungen sein können, aber in ihrem Herzen (jenem geheimnisvollen Behältnis, in dem Bedürfnisse und Ängste einander ständig bedrängten wie Fahrgäste in einem überfüllten U-Bahn-Wagen) spürte sie, daß sie zwar vielleicht einmal wiederkommen würde; aber der Lampenschirm würde der einzige Gegenstand bleiben, den sie bei Needful Things gekauft hatte.

Und wenn schon. Es war ein herrlicher Gegenstand, genau das, was sie sich schon immer gewünscht hatte, das einzige, das sie zur Vervollständigung ihrer bescheidenen Sammlung noch brauchte. Sie dachte daran, Mr. Gaunt zu erzählen, daß ihr Mann vielleicht noch am Leben wäre; wenn er nicht vor vierzehn Jahren einen ganz ähnlichen Buntglas-Lampenschirm zerbrochen hätte, daß es das gewesen war, was ihr den Rest gegeben und sie schließlich zu ihrer Tat getrieben hatte. Er hatte im Laufe ihrer gemeinsamen Jahre viele ihrer Knochen zerbrochen, und sie hatte ihn am Leben gelassen. Doch schließlich hatte er etwas zerbrochen, was sie wirklich brauchte, und da hatte sie ihn umgebracht.

Sie entschied, daß sie Mr. Gaunt das nicht zu erzählen brauchte.

Er sah aus wie ein Mann, der es möglicherweise bereits wußte.

3

“Polly! Polly, sie kommt heraus!”

Polly verließ die Schneiderpuppe, an der sie gerade langsam und vorsichtig einen Saum hochgesteckt hatte, und eilte ans Fenster. Sie und Rosalie standen Seite an Seite und beobachteten, wie Nettie Needful Things in einem Zustand verließ, den man nur als schwerbeladen bezeichnen konnte. Ihre Tasche hatte sie unter den einen Arm geklemmt, den Regenschirm unter den anderen, und in den Händen hielt sie einen weißen Karton, auf dem sie Pollys Tupperware-Behälter balancierte.

“Vielleicht sollte ich hinausgehen und ihr helfen”, sagte Rosalie.

“Nein.” Polly streckte eine Hand aus und hielt sie sanft zurück. “Lieber nicht. Ich glaube, das würde sie nur verlegen und nervös machen.”

Sie beobachteten, wie Nettie die Straße heraufkam. Jetzt trippelte sie nicht mehr, als könnte ein Sturm über sie hereinbrechen; jetzt wirkte sie fast wie vom Sturm getrieben.

Nein, dachte Polly. Nein, das stimmt nicht. Es ist eher eine Art — Schweben.

Ihr Verstand stellte ganz plötzlich eine jener merkwürdigen Querverbindungen her, die fast den Charakter von Verweisen haben, und sie brach in Gelächter aus.

Rosalie betrachtete sie mit gehobenen Brauen. “Was ist?”

“Es ist der Ausdruck auf ihrem Gesicht”, sagte Polly und beobachtete, wie Nettie mit langsamen, träumerischen Schritten die Linden Street überquerte.

“Was meinst du damit?”

“Sie sieht aus wie eine Frau, die gerade mit einem Mann im Bett war — und ungefähr drei Orgasmen hatte.”

Rosalie errötete, warf nochmals einen Blick auf Nettie, und dann lachte sie laut heraus. Polly fiel in das Gelächter ein, und die beiden Frauen lagen sich in den Armen, schaukelten vor und zurück und lachten hemmungslos.

“Himmel”, sagte Alan Pangborn, der gerade in den Laden gekommen war. “Damen, die am Vormittag um Viertel vor elf lachen! Für Champagner ist es noch zu früh, also was ist los?”

“Vier!” sagte Rosalie, wie von Sinnen lachend. Tränen liefen ihr über die Wangen. “Ich hatte den Eindruck, es müßten vier gewesen sein!”

Dann ging es wieder los, sie lagen sich in den Armen und lachten atemlos, während Alan mit den Händen in den Taschen seiner Uniformhose dastand und ratlos lächelte.

4

Ungefähr zehn Minuten bevor in der Fabrik die Zwölf-Uhr Sirene ertönte, erschien Norris Ridgewick in Zivil im Büro des Sheriffs. Er hatte die mittlere Schicht von zwölf bis einundzwanzig Uhr, das ganze Wochenende über, und das war genau das, was ihm gefiel. Sollte doch ein anderer die Schweinereien auf den Highways und Nebenstraßen von Castle County wegräumen, nachdem um ein Uhr nachts die Lokale schlössen; er konnte es, hatte es bei vielen Gelegenheiten getan, sich dabei aber fast immer die Seele aus dem Leibe gekotzt. Manchmal kotzte er sich sogar die Seele aus dem Leib, wenn die Unfallopfer schon wieder aufgewacht waren und herumwanderten und schrien, sie dächten nicht daran, in das Röhrchen zu blasen, sie kennen ihre verfassungsmäßigen Rechte. Norris hatte nun einmal einen solchen Magen. Sheila Brigham zog ihn immer auf, indem sie sagte, er gliche dem Deputy Andy in der Fernsehserie Twin Peaks, aber Norris wußte, daß das nicht zutraf. Deputy Andy weinte, wenn er Tote sah. Norris weinte nicht, aber er neigte dazu, sich über ihnen zu erbrechen, so, wie er sich damals fast über Homer Gamache erbrochen hätte, als er ihn gefunden hatte, in einem Graben in der Nähe des Homeland-Friedhofs, totgeschlagen mit seiner eigenen Armprothese.

Norris sah auf den Dienstplan, stellte fest, daß sowohl Andy Clutterbuck als auch John LaPointe Streife fuhren, und dann auf das Tages-Bulletin. Nichts für ihn, und auch das war so, wie es ihm gefiel. Um den Tag vollkommen zu machen — zumindest das, was davon noch übrig war —, war seine Zweituniform aus der Reinigung zurückgekommen — ausnahmsweise einmal genau am versprochenen Tag. Das sparte ihm die Fahrt nach Hause zum Umziehen.

An dem Plastikbeutel der Reinigung hing ein Zettel: “Hey, Barney, du schuldest mir 5,25 Dollar. Laß mich nicht wieder hängen, sonst wirst du ein betrübterer und weiserer Mann sein, wenn die Sonne untergeht.” Er war mit Clut unterschrieben.

Auch die Anrede auf dem Zettel tat Norris’ guter Laune keinen Abbruch. Sheila Brigham war die einzige Person im Sheriff-Büro von Castle Rock, die bei Norris an Twin Peaks dachte (Norris hatte den Eindruck, daß sie zudem die einzige Person im Büro war, die sich — von ihm selbst einmal abgesehen — diese Sendung überhaupt ansah). Die anderen Deputies — John LaPointe, Seat Thomas, Andy Clutterbuck — nannten ihn Barney nach dem Don Knotts-Charakter in der alten Andy Griffith Show. Das irritierte ihn manchmal, aber nicht heute. Vier Tage mittlere Schicht, dann drei Tage frei. Eine ganze Woche aus Seide lag vor ihm. Das Leben konnte grandios sein.

Er holte eine Fünf- und eine Eindollarnote aus seiner Brieftasche und legte sie auf Cluts Schreibtisch. “Hey, Clut, mach dir einen schönen Tag”, schrieb er auf die Rückseite eines Berichtsformulars, setzte schwungvoll seinen Namen darunter und legte das Formular neben das Geld. Dann streifte er den Plastikbeutel von der Uniform und nahm sie mit in die Herrentoilette. Er pfiff, während er sich umzog; dann betrachtete er sein Spiegelbild und ließ beifällig die Brauen zucken. Er war auf Draht. Hundertprozentig auf Draht. Die Bösewichter von Castle Rock würden gut daran tun, heute auf der Hut zu sein, sonst …

Im Spiegel erhaschte er eine Bewegung hinter sich, aber bevor er mehr tun konnte, als den Kopf zu drehen, war er bereits gepackt, herumgewirbelt und gegen die Kacheln neben den Urinbecken geschleudert worden. Sein Kopf prallte an die Wand, seine Mütze fiel herunter, und dann sah er in das runde, gerötete Gesicht von Danforth Keeton.

“Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht, Ridgewick?” fragte er.

Norris hatte den Strafzettel, den er am Abend zuvor unter den Scheibenwischer von Keetons Cadillac geklemmt hatte, total vergessen. Jetzt fiel er ihm wieder ein.

“Lassen Sie mich los!” sagte er. Er bemühte sich um einen entrüsteten Ton, aber was er hervorbrachte, hörte sich an wie ein gequältes Winseln. Er spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Wann immer er wütend oder nervös war — und im Moment war er beides —, errötete er wie ein junges Mädchen.

Keeton, der Norris um zwölf Zentimeter überragte und gute fünfzig Kilo schwerer war, schüttelte den Deputy kurz und heftig, dann ließ er ihn los. Er zog den Strafzettel aus der Tasche und schwenkte ihn unter Norris’ Nase. “Ist das Ihr Name auf dem Scheißding oder nicht?” fragte er, als hätte Norris es bereits abgestritten.

Norris Ridgewick wußte sehr gut, daß es seine Unterschrift war, zwar mit einem Gummistempel ausgeführt, aber völlig leserlich, und daß der Strafzettel von seinem Block stammte.

“Sie haben auf dem Krüppelplatz geparkt”, sagte er, trat von der Wand weg und rieb sich den Hinterkopf. Das würde bestimmt eine gewaltige Beule geben. Als seine anfängliche Überraschung wich (und Buster hatte ihm einen Mordsschrecken eingejagt, das konnte er nicht abstreiten), wuchs sein Zorn.

“Auf was?”

“Auf dem Behinderten-Platzplatz!” brüllte Norris. Und außerdem war es Alan selbst, der mich angewiesen hat, den Strafzettel auszuschreiben! wollte er eigentlich hinzusetzen, aber er tat es nicht. Warum diesem fetten Schwein die Genugtuung verschaffen, daß er den Schwarzen Peter weitergab? “Sie sind schon des öfteren verwarnt worden, Bu … Danforth, und das wissen Sie recht gut.”

Wie haben Sie mich genannt?” fragte Danforth Keeton unheildrohend. Auf seinen Hängebacken hatten sich rote Flecken von der Größe von Kohl-Rosen ausgebreitet.

“Das ist ein gültiger Strafzettel”, sagte Norris, ohne auf die letzte Frage einzugehen, “und soweit es mich betrifft, täten Sie gut daran, zu bezahlen. Sie haben Glück, wenn ich Sie nicht auch noch wegen tätlichen Angriffs auf einen Polizeibeamten anzeige.”

Danforth lachte. Das Geräusch wurde klanglos von den Wänden reflektiert. “Ich sehe keinen Polizeibeamten”, sagte er. “Ich sehe nur ein Stückchen Scheiße, das so verpackt ist, daß es wie Dörrfleisch aussieht.”

Norris bückte sich und hob seine Mütze auf. Sein Magen hatte sich vor Angst zusammengekrampft — Danforth Keeton war nicht gerade der Mann, den man gern zum Feind hatte —, aber sein Zorn war in Wut umgeschlagen. Seine Hände zitterten. Dennoch brauchte er nur einen Moment, um sich die Mütze fest auf den Kopf zu setzen.

“Sie können das mit Alan ausmachen, wenn Sie wollen …”

“Ich mache das mit Ihnen aus!”

“… aber für mich ist die Sache erledigt. Sehen Sie zu, daß Sie die Strafe binnen dreißig Tagen bezahlen, Danforth, sonst müssen wir kommen und Sie abholen.” Norris richtete sich zu seiner ganzen Höhe von einem Meter und fünfundsechzig Zentimetern auf und setzte hinzu: “Wir wissen nämlich, wo Sie zu finden sind.”

Er setzte sich in Bewegung. Keeton, dessen Gesicht jetzt aussah wie ein Sonnenuntergang nach einer Atomexplosion, trat vor, um ihm den Weg zu verstellen. Norris blieb stehen und richtete einen Finger auf ihn.

“Wenn Sie mich anrühren, stecke ich Sie in eine Zelle, Buster. Darauf können Sie sich verlassen.”

“Okay, das war’s”, sagte Keeton mit gequetschter, tonloser Stimme. “Das war’s. Sie sind entlassen. Ziehen Sie Ihre Uniform aus und sehen Sie sich nach einem anderen Job …”

“Nein”, ertönte eine Stimme hinter ihnen, und beide drehten sich um. Alan Pangborn stand auf der Schwelle der Herrentoilette.

Keeton ballte die Hände zu fetten weißen Fäusten. “Sie halten sich da heraus.”

Alan trat ein und ließ die Tür langsam hinter sich zugleiten. “Nein”, sagte er. “Ich war es, der Norris angewiesen hat, diesen Strafzettel auszuschreiben. Ich habe ihm außerdem gesagt, daß ich vorhätte, ihn vor der nächsten Sitzung des Stadtrates zurückzuziehen. Es ist ein Zettel über fünf Dollar, Dan. Was zum Teufel ist in Sie gefahren?”

Alans Stimme verriet Erstaunen. Er war erstaunt. Buster war — selbst in seinen besten Zeiten — nie ein sehr umgänglicher Mann gewesen, aber ein solcher Ausbruch war selbst für ihn uncharakteristisch. Seit dem Ende des Sommers schien der Mann ständig überreizt zu sein — Alan hatte oft das ferne Belfern seiner Stimme gehört, wenn der Stadtrat eine Sitzung abhielt —, und in seinen Augen lag ein fast gehetzter Ausdruck. Er fragte sich kurz, ob Keeton vielleicht krank war; aber das war eine Frage, mit der er sich später beschäftigen würde. Im Augenblick mußte er eine relativ unerfreuliche Situation bereinigen.

“Nichts ist in mich gefahren”, sagte Keeton verdrossen und strich sich das Haar zurück. Es bereitete Norris eine gewisse Befriedigung, zu sehen, daß Keetons Hände gleichfalls zitterten. “Ich habe nur die Nase gestrichen voll von eingebildeten Affen wie diesem hier — ich bemühe mich, eine Menge für diese Stadt zu tun — Teufel nochmal, ich habe eine Menge für diese Stadt hier erreicht — und ich habe diese ständige Verfolgung satt …” Er hielt einen Moment inne, seine fette Kehle arbeitete, und dann stieß er hervor: “Er hat mich Buster genannt! Sie wissen genau, wie sehr mir das zuwider ist!”

“Er wird sich entschuldigen”, sagte Alan ruhig. “Nicht wahr, Norris?”

“Das weiß ich noch nicht”, sagte Norris. Seine Stimme bebte, und sein Magen hatte sich verkrampft, aber er war noch immer wütend. “Ich weiß, daß er es nicht gern hört, aber die Wahrheit ist, daß er mich überrumpelt hat. Ich stand da, schaute in den Spiegel, um mich zu vergewissem, daß meine Krawatte richtig sitzt, als er mich packte und gegen die Wand schleuderte. Ich bin ganz schön mit dem Kopf dagegengeprallt. Großer Gott, Alan, ich weiß nicht, was ich gesagt habe.”

Alans Blick wanderte wieder zu Keeton. “Stimmt das?”

Keeton schlug die Augen nieder. “Ich war wütend”, sagte er, und Alan vermutete, daß das das Höchste war, was ein Mann wie er als spontane und ungezielte Entschuldigung hervorzubringen vermochte. Er schaute wieder zu Norris, um zu sehen, ob der Deputy das begriff. Es sah aus, als wäre das möglicherweise der Fall. Das war gut; es war ein guter Schritt auf dem Weg zur Entschärfung dieser häßlichen kleinen Stinkbombe. Alan entspannte sich ein wenig.

“Können wir diesen Fall als erledigt betrachten?” fragte er beide Männer. “Das Ganze auf Konto Erfahrung verbuchen und zur Tagesordnung übergehen?”

“Von mir aus, ja”, sagte Norris nach kurzem Überlegen. Alan war gerührt. Norris war knochendürr, er hatte die Angewohnheit, in den Streifenwagen, die er benutzte, halbvolle Dosen mit Pepsi und Seven Up stehenzulassen, und seine Berichte waren ein Graus — aber er hatte ein großes Herz. Er gab nach, aber nicht, weil er vor Keeton Angst hatte. Wenn der massige Vorsitzende des Stadtrats glaubte, das wäre der Grund, dann irrte er sich gewaltig.

“Es tut mir leid, daß ich Sie Buster genannt habe”, sagte Norris. Es tat ihm nicht leid, kein bißchen, aber es tat nicht weh, das zu behaupten. Vermutlich.

Alan richtete den Blick auf den dicklichen Mann in dem grellen Sportjackett und dem am Hals offenen Golfhemd.

“Danforth?”

“Also schön, es ist nie passiert”, sagte Keeton. Er sprach in einem Ton übersteigerter Großmütigkeit, und Alan spürte, wie eine vertraute Welle des Abscheus über ihn hinwegflutete. Eine Stimme, die tief irgendwo in seinem Inneren steckte, die primitive Krokodilstimme des Unterbewußtseins, meldete sich kurz, aber deutlich zu Wort: Warum hast du nicht einen Herzanfall, Buster? Warum tust du uns nicht den Gefallen und fällst tot um?

“Also gut”, sagte er. “Dann ist ja alles …”

Falls”, sagte Keeton und reckte einen Finger hoch. Alan hob die Brauen. “Falls?”

“Falls wir etwas mit diesem Strafzettel tun können.” Er streckte ihn Alan entgegen, zwischen zwei Finger eingeklemmt, als wäre es ein Lappen, mit dem irgendeine dubiose Pfütze aufgewischt worden war.

Alan seufzte. “Kommen Sie mit in mein Büro, Danforth. Wir reden darüber.” Er wendete sich an Norris. “Sie haben jetzt Dienst, richtig?”

“Richtig”, sagte Norris. Sein Magen war immer noch ein Klumpen. Seine guten Gefühle waren verschwunden, vermutlich für den Rest des Tages; daran war dieses fette Schwein schuld. Und Alan würde den Strafzettel zurücknehmen. Er hatte Verständnis dafür — Politik —, aber das bedeutete nicht, daß es auch ihm gefallen mußte.

“Müssen Sie noch hierbleiben?” fragte Alan. Das kam der Frage, die er eigentlich stellen wollte, am nächsten. Müssen Sie das ausdiskutieren? — mit Keeton, der dastand und sie beide wütend anfunkelte.

“Nein”, sagte Norris. “Ich habe etliches zu erledigen. Wir sprechen uns später, Alan.” Er verließ die Herrentoilette und passierte Keeton ohne einen Blick. Und obwohl Norris das nicht wußte, unterdrückte Keeton mit einer großen — fast heroischen — Anstrengung einen irrationalen, aber sehr heftigen Drang, ihn mit einem Tritt in den Hintern hinauszubefördern.

Alan beschäftigte sich damit, seine eigene Erscheinung im Spiegel zu überprüfen, um Norris Zeit zum Verschwinden zu geben, während Keeton an der Tür stand und ihn ungeduldig beobachtete. Dann stieß Alan die Tür auf und kehrte mit Keeton auf den Fersen in den Dienstraum zurück.

Auf einem der beiden Stühle neben der Tür zu seinem Büro saß ein adretter kleiner Mann in cremefarbenem Anzug und las ostentativ in einem großen, ledergebundenen Buch, bei dem es sich nur um die Bibel handeln konnte. Alans Stimmung sank. Er war ziemlich sicher gewesen, daß an diesem Vormittag nicht allzu Unangenehmes mehr passieren würde — es fehlten nur noch ein oder zwei Minuten bis Mittag, also hätte die Annahme eigentlich zutreffen müssen —, aber er hatte sich geirrt.

Reverend William Rose klappte seine Bibel zu (deren Einband fast genau die Farbe seines Anzugs hatte) und sprang auf. “Chief-äh Pangborn”, sagte er. Reverend Rose war einer jener hundertfünfzigprozentigen Baptisten, die ihren Worten, wenn sie emotional aufgewühlt sind, noch einen unbestimmten Laut anhängen. “Kann ich Sie einen Moment sprechen?”

“Lassen Sie mir bitte fünf Minuten Zeit, Reverend Rose. Ich muß vorher noch etwas anderes erledigen.”

“Dies ist-äh überaus wichtig.”

Davon bin ich überzeugt, dachte Alan. “Dies auch. Fünf Minuten.”

Er öffnete die Tür und bedeutete Keeton, in sein Büro einzutreten, bevor Reverend Willie, wie Father Brigham ihn zu nennen pflegte, noch ein weiteres Wort von sich geben konnte.

5

“Wahrscheinlich handelt es sich um die Kasino-Nacht”, sagte Keeton, nachdem Alan die Tür seines Büros geschlossen hatte. “Eines kann ich Ihnen sagen. Father John Brigham ist ein dickköpfiger Ire, aber er ist mir immer noch wesentlich lieber als dieser Kerl da draußen. Rose ist ein unglaublich arroganter und aufgeblasener Kerl.”

Schloß da jemand von sich auf andere? dachte Alan.

“Nehmen Sie Platz, Danforth.”

Keeton tat es. Alan trat hinter seinen Schreibtisch, hielt den Strafzettel hoch und zerriß ihn in kleine Fetzen, die er dann in den Papierkorb warf. “So. Okay?”

“Okay”, sagte Keeton und machte Anstalten, sich zu erheben.

“Nein, bleiben Sie noch einen Moment sitzen.”

Keetons buschige Brauen zogen sich unter seiner hohen, rosa Stirn zu einer Gewitterwolke zusammen.

“Bitte”, setzte Alan hinzu. Er ließ sich auf seinem eigenen Drehstuhl nieder. Seine Hände kamen zusammen und versuchten, eine Amsel zu machen; Alan ertappte sich dabei und faltete sie fest auf der Schreibunterlage.

“Nächste Woche findet eine Sitzung des Stadtrates statt, auf der über Budgetangelegenheiten und den Haushalt für das nächste Jahr geredet werden soll …” begann Alan.

“So ist es”, knurrte Keeton.

“… und das ist eine politische Sache”, fuhr Alan fort. “Das ist mir klar, und Ihnen ist es auch klar. Ich habe gerade ein voll gültiges Strafmandat zerrissen — aus politischen Erwägungen.”

Keeton lächelte ein wenig. “Sie leben schon lange genug in dieser Stadt, um zu wissen, wie die Dinge liegen, Alan. Eine Hand wäscht die andere.”

Alan bewegte sich auf seinem Stuhl, der dabei leise knarrte und quietschte -Geräusche, die er manchmal nach einem langen, harten Tag noch im Traum hörte. Dies schien so ein Tag werden zu wollen.

“Ja”, sagte er. “Eine Hand wäscht die andere. Aber nur bis zu einem gewissen Grade.”

Die Augenbrauen zogen sich wieder zusammen. “Und was bedeutet das?”

“Das bedeutet, daß es einen Punkt gibt, sogar in kleinen Städten, an dem die Politik aufhört. Bedenken Sie, daß ich kein ernannter Beamter bin. Die Mitglieder des Stadtrats mögen den Daumen auf dem Portemonnaie haben, aber mich haben die Leute gewählt. Und sie haben mich gewählt, damit ich sie beschütze und dem Gesetz Geltung verschaffe. Darauf habe ich einen Eid geleistet, und den gedenke ich zu halten.”

“Wollen Sie mir etwa drohen? Denn wenn Sie das tun …”

Genau in diesem Augenblick schrillte die Fabriksirene. Sie war hier drinnen nur gedämpft zu hören, aber Keeton fuhr trotzdem zusammen, als wäre er von einer Wespe gestochen worden. Seine Augen waren einen Moment lang weit aufgerissen und seine Hände umklammerten wie weiße Klauen die Lehnen seines Stuhls.

Alan war abermals erstaunt. Er ist nervös wie eine rossige Stute. Was zum Teufel ist los mit ihm?

Zum erstenmal stellte sich ihm die Frage, ob Mr. Danforth Keeton, der schon jahrelang Vorsitzender des Stadtrats von Castle Rock gewesen war, bevor Alan selbst von diesem Ort gehört hatte, sich vielleicht auf etwas eingelassen hatte, das nicht ganz koscher war.

“Ich drohe Ihnen nicht”, sagte er. Keeton begann, sich zu entspannen, aber behutsam — als fürchte er, die Fabriksirene könnte wieder losgehen, nur um ihm einen Schrecken einzujagen.

“Das ist gut. Weil es nicht nur eine Sache des Daumens auf dem Portemonnaie ist, Sheriff Pangborn. Der Stadtrat hat — zusammen mit den drei County Commissioners — das Recht, die Anstellung — oder Entlassung — der Deputies des Sheriffs zu genehmigen. Neben vielen anderen Genehmigungsrechten, die Ihnen sicher bekannt sind.”

“Das ist nur ein Gummistempel.”

“So ist es bisher immer gewesen”, pflichtete Keeton ihm bei. Er zog eine Roi-Tan-Zigarre aus der Innentasche seines Jacketts und rollte sie zwischen den Fingern, so daß das Zellophan knisterte. “Das bedeutet nicht, daß es so bleiben muß.”

Und wer droht jetzt wem? dachte Alan, sprach es aber nicht aus. Statt dessen lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und musterte Keeton. Keeton hielt seinem Blick ein paar Sekunden lang stand, dann senkte er ihn auf die Zigarre und begann, an der Umhüllung zu zupfen.

“Wenn Sie das nächste Mal auf dem Behinderten-Parkplatz stehen, schreibe ich den Strafzettel selbst aus, und der bleibt bestehen”, sagte Alan. “Und wenn Sie jemals wieder Hand an einen meiner Deputies legen, dann verhafte ich Sie wegen Körperverletzung. Und das wird geschehen, ganz gleich, wie viele Genehmigungsrechte der Stadtrat hat. Weil Politik bei mir nur bis zu einem gewissen Punkt geht. Haben Sie mich verstanden?”

Keeton betrachtete eine ganze Weile seine Zigarre, als meditierte er. Als er wieder zu Alan aufschaute, hatten sich seine Augen in kleine, glitzernde Steine verwandelt. “Wenn Sie herausfinden wollen, wie hart mein Arsch ist, Sheriff Pangborn, dann machen Sie nur so weiter.” Auf Keetons Gesicht stand Wut geschrieben — ja, ganz eindeutig —, aber Alan hatte den Eindruck, daß da außerdem noch etwas anderes geschrieben stand. Er glaubte, daß es sich um Angst handelte. Sah er das? Roch er das? Er wußte es nicht, und es war auch nicht wichtig. Aber wovor Keeton Angst hatte — das konnte wichtig sein. Das konnte sogar sehr wichtig sein.

“Haben Sie mich verstanden?” wiederholte er.

“Ja”, sagte Keeton. Er streifte mit einer plötzlichen Bewegung das Zellophan von der Zigarre und ließ es auf den Boden fallen. Er steckte die Zigarre in den Mund und sprach darum herum. “Und haben Sie mich verstanden?”

Der Stuhl quietschte und knarrte, als Alan sich wieder vorbeugte. Er musterte Keeton ernst. “Ich habe verstanden, was Sie sagten, aber was ich beim besten Willen nicht verstehe, ist, wie Sie sich verhalten, Danforth. Wir sind zwar nie Busenfreunde gewesen, Sie und ich …”

Das bestimmt nicht”, sagte Keeton und biß die Spitze seiner Zigarre ab. Einen Augenblick lang dachte Alan, sie würde gleichfalls auf dem Fußboden landen, und war bereit, es durchgehen zu lassen — Politik —, aber Keeton spie sie auf die Handfläche und deponierte sie dann in dem sauberen Aschenbecher auf dem Schreibtisch. Sie saß darin wie ein kleiner Hundedreck.

“… aber wir haben immer gut zusammengearbeitet. Und nun dies. Ist etwas nicht in Ordnung? Wenn das der Fall ist, und ich kann Ihnen helfen …”

“Nichts ist nicht in Ordnung”, sagte Keeton und stand plötzlich auf. Er war abermals wütend — mehr als nur wütend. Alan konnte fast den Dampf sehen, der aus seinen Ohren kam. “Ich habe nur die Nase voll von dieser — Verfolgung.

Das war das zweite Mal, daß er dieses Wort gebrauchte. Das Wort erschien Alan seltsam und beunruhigend. Er empfand sogar dieses ganze Gespräch als beunruhigend.

“Nun, Sie wissen, wo ich zu finden bin”, sagte Alan.

“Bei Gott, ja!” sagte Keeton und ging zur Tür.

“Und bitte, Danforth — denken Sie an den Behinderten-Parkplatz.”

“Scheiß auf den Behinderten-Parkplatz!” sagte Keeton und knallte die Tür zu.

Alan saß an seinem Schreibtisch und betrachtete lange Zeit nachdenklich die geschlossene Tür. Dann ging er um den Schreibtisch herum, hob die auf dem Boden liegende zerknitterte Zellophanhülle auf, warf sie in den Papierkorb und ging zur Tür, um Steamboat Willie hereinzubitten.

6

“Mr. Keeton schien ziemlich erregt zu sein”, sagte Rose. Er ließ sich vorsichtig auf dem Stuhl nieder, den der Vorsitzende des Stadtrats gerade geräumt hatte, betrachtete mißfällig die in dem Aschenbecher liegende Zigarrenspitze und deponierte dann die cremefarbene Bibel sorgfältig in der Mitte seines schmalen Schoßes.

“Im nächsten Monat steht ein Haufen Budgetberatungen an”, sagte Alan unbestimmt. “Das ist für die Mitglieder des Stadtrates ein ziemlicher Streß.”

“Ja”, pflichtete Rev. Rose ihm bei. “Denn Jesus-äh spricht: Gebet dem Kaiser, was der Kaiser ist, und Gott, was Gottes ist.”

“So ist es”, sagte Alan. Plötzlich wünschte er sich, er hätte eine Zigarette, so etwas wie eine Lucky Strike oder eine Fall Mall, vollgestopft mit Teer und Nikotin. “Und was kann ich Ihnen heute mittag geben, R … Reverend Rose?” Er wurde sich mit Grausen bewußt, daß er ganz nahe daran gewesen war, den Mann Reverend Willie zu nennen.

Rose nahm seine runde, randlose Brille ab und polierte die Gläser; dann setzte er sie wieder auf und verdeckte damit zwei kleine rote Flecke an seiner Nase. Sein schwarzes Haar, angeklatscht mit irgendeinem Mittel, das Alan riechen, aber nicht identifizieren konnte, glänzte im Licht der in die Decke eingelassenen Leuchtstoffröhren.

“Es handelt sich um die Schändlichkeit, der Father Brigham den Namen Kasino-Nacht gegeben hat”, verkündete Rev. Rose schließlich. “Sie erinnern sich vielleicht, Chief Pangborn, daß ich bereits bei Ihnen war, kurz nachdem ich von dieser gräßlichen Idee gehört hatte, und verlangt habe, daß Sie sich im Namen-äh des Anstands weigern, ein derartiges Unternehmen zuzulassen.”

“Reverend Rose, wenn Sie sich erinnern würden …”

Rose hob gebieterisch eine Hand, steckte die andere in die Tasche seines Jacketts und zog eine Broschüre heraus, die fast die Dicke eines Taschenbuches hatte. Es war, wie Alan betroffen (aber nicht wirklich überrascht) feststellte, die gekürzte Ausgabe der Sammlung der Gesetze des Staates Maine.

“Jetzt bin ich hier, um zu verlangen, daß Sie dieses Unternehmen nicht nur im Namen des Anstands verbieten, sondern im Namen des Gesetzes.

“Reverend Rose …”

“Ich beziehe mich auf Abschnitt 24, Artikel 9, Paragraph 2 der Gesetze des Staates Maine”, fiel ihm Rev. Rose ins Wort. Seine Wangen waren jetzt heftig gerötet, und Alan wurde bewußt, daß alles, was er in den letzten Minuten geschafft hatte, der Tausch eines Irren gegen einen anderen gewesen war. “Wenn nicht anders-äh angegeben”, las Rev. Rose vor, und seine Stimme hatte jetzt den Predigtton, mit dem seine durchweg hingebungsvolle Gemeinde so vertraut war, “laufen Glücksspiele, wie zuvor in Abschnitt-äh 23 definiert, bei denen Einsätze von Geld eine Bedingung des Spiels darstellen, dem Gesetz zuwider.” Er klappte die Broschüre zu und musterte Alan. Seine Augen funkelten. “Laufen dem Gesetz-äh zuwider!” rief er.

Alan verspürte ganz kurz den Drang, die Arme hochzuwerfen und Gelobt sei Jesus Christus! zu rufen. Als er vorüber war, sagte er: “Ich kenne diese Abschnitte, die sich auf das Glücksspiel beziehen, Reverend Rose. Ich habe sie nach Ihrem damaligen Besuch bei mir nachgelesen und sie auch Albert Martin gezeigt, der einen Großteil der juristischen Arbeit für die Stadt erledigt. Seine Meinung war, daß Abschnitt 24 auf Unternehmen wie diese Kasino-Nacht nicht anzuwenden ist.” Er hielt einen Moment inne, dann setzte er hinzu: “Und ich muß Ihnen sagen, daß ich derselben Meinung bin.”

“Unmöglich!” spie Rose. “Sie haben vor, ein Haus des Herrn zu einer Spielhölle zu machen, und Sie wollen behaupten, das wäre legal?

“Es ist ebenso legal wie die Bingo-Spiele, die in der Halle der Töchter der Isabella seit 1931 abgehalten werden.”

“Dies-äh ist nicht Bingo! Dies ist Roulette-äh! Dies ist Kartenspiel um Geld! Dies ist” — die Stimme des Rev. Rose bebte — “Würfeln-äh.”

Alan ertappte seine Hände beim abermaligen Versuch, einen Vogel zu machen, und diesmal verschränkte er sie auf der Schreibtischunterlage. “Ich habe Albert gebeten, eine schriftliche Stellungnahme von Jim Tierney, dem Generalstaatsanwalt von Maine, einzuholen. Die Antwort war die gleiche. Es tut mir leid, Reverend Rose, ich weiß, daß Ihnen das zuwider ist. Was mich betrifft, so habe ich Probleme mit Kindern auf Skateboards. Ich würde sie verbieten, wenn ich könnte, aber ich kann es nicht. In einer Demokratie müssen wir uns gelegentlich mit Dingen abfinden, die uns nicht gefallen oder die wir nicht gutheißen.”

“Aber dies ist Glücksspiel!” sagte Rev. Rose, und jetzt schwang in seiner Stimme echte Empörung. “Dies ist Glücksspiel um Geld! Wie kann so etwas legal sein, wenn das Gesetz ausdrücklich sagt …”

“In der Form, in der sie es tun, ist es nun einmal kein Glücksspiel um Geld. Jeder — Teilnehmer — leistet am Eingang eine Spende. Dafür erhält er eine entsprechende Menge Spielgeld. Zum Schluß der Veranstaltung wird eine Reihe von Preisen — kein Geld, sondern Sachpreise — verauktioniert. Ein Videorecorder, eine Mikrowelle, ein Staubsauger, ein Eßgeschirr, Dinge dieser Art.” Und irgendein tanzendes Teufelchen veranlaßte ihn, hinzuzufügen: “Und soweit ich weiß, können die anfänglichen Spenden sogar von der Steuer abgesetzt werden.”

“Es ist eine sündhafte Schändlichkeit”, sagte Rev. Rose. Die Farbe war aus seinen Wangen gewichen. Seine Nüstern waren geweitet.

“Das ist ein moralisches Urteil, kein juristisches. Auf diese Art werden derartige Veranstaltungen überall im Lande durchgeführt.”

“Ja”, sagte Rev. Rose. Er erhob sich, umklammerte seine Bibel und hielt sie wie einen Schild von sich. “Von den Katholiken. Die Katholiken sind ganz versessen auf das Glücksspiel. Ich werde dem einen Riegel vorschieben, Chief-äh Pangborn. Mit Ihrer Hilfe oder ohne sie.”

Alan stand gleichfalls auf. “Noch etwas, Reverend Rose. Es heißt Sheriff Pangborn, nicht Chief. Und ich kann Ihnen nicht vorschreiben, was Sie von Ihrer Kanzel herab sagen, ebensowenig wie ich Father Brigham vorschreiben kann, was er in seiner Kirche veranstaltet oder in der Halle der Töchter der Isabella oder der Halle der Kolumbus-Ritter — das heißt, soweit es das Gesetz des Staates nicht ausdrücklich verbietet —, aber ich kann Sie ermahnen, vorsichtig zu sein, und ich glaube, ich muß Sie ermahnen, vorsichtig zu sein.”

Rose musterte ihn kalt. “Was meinen Sie damit?”

“Ich meine, daß Sie aufgebracht sind. Gegen die Plakate, die Ihre Leute überall in der Stadt angebracht haben, ist nichts einzuwenden, und auch nicht gegen die Briefe an die Zeitung, aber es gibt Grenzen der Einmischung, die Sie nicht überschreiten dürfen. Ich gebe Ihnen den Rat, den Dingen ihren Lauf zu lassen.”

“Als Jesus-äh die Huren und die Geldwechsler im-äh Tempel sah, hat er nicht in einer geschriebenen Gesetzessammlung nachgeschlagen, Sheriff. Als Jesus sah, wie diese schlechten Männer und Frauen das Haus des Herrn schändeten, kümmerte er sich nicht um Grenzen der Einmischung. Unser Herr tat das, was er für rechtens hielt!

“Ja”, sagte Alan ruhig, “aber Sie sind nicht Er.”

Rose musterte ihn lange und eindringlich. Seine Augen funkelten wie Gasflammen, und Alan dachte: Großer Gott, dieser Mann ist völlig übergeschnappt.

“Guten Tag, Chief Pangborn.”

Diesmal machte Alan sich nicht die Mühe, ihn zu korrigieren. Er nickte nur und streckte die Hand aus, obwohl er genau wußte, daß sie nicht ergriffen werden würde. Rose machte kehrt und stapfte zur Tür, die Bibel noch immer vor der Brust.

“Lassen Sie diese Sache durchgehen, Reverend Rose, okay?” rief Alan ihm nach.

Rose drehte sich weder um, noch erwiderte er etwas. Er marschierte durch die Tür und knallte sie hinter sich so heftig zu, daß das Glas im Rahmen klirrte. Alan ließ sich wieder hinter seinem Schreibtisch nieder und drückte die Handflächen gegen die Schläfen.

Kurz darauf steckte Sheila Brigham schüchtern den Kopf zur Tür herein. “Alan?”

“Ist er fort?” fragte Alan, ohne aufzuschauen.

“Der Prediger? Ja. Er ist abgebraust wie ein Märzwind.”

“Elvis hat das Gebäude verlassen”, sagte Alan hohl.

“Wie bitte?”