/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Sie

Stephen King


Sie

Stephen King

1987

1

»Am Morgen hatt sie ihm den Daumen abgeschnitten und am Abend kam sie fröhlich in das Zimmer, wo er in seinem Nebel von Drogen und Schmerzen saß und die verbundene linke Hand an die Brust hielt und sie hatte eine Kuchen bei sich und sie sang ›Happy Birthday to You‹ mit ihrer tonale aber klanglosen Stimme obwohl gar nicht sein Geburtstag war und auf dem ganzen Kuchen Kerzen waren in in der Mitte direkt in die Butterkrem gesteckt wie eine zusätzliche Kerze war sein Daumen sein grauer toter Daumen…«

Annie Wilkes lebt in Abgeschiedenheit auf ihrer Farm. Niemand kommt sie besuchen, niemand ruft sie an; die Leute nennen sie die »Drachenlady«. Anny Wilkes, die ehemalige Krankenschwester, will nur das Beste für ihre Mitmenschen; sie befreite schon manche arme Kreatur von ihren Lieden, sie ließ schon manche Leiche verschwinden.

Der Zufall spielt ihr ihren Lieblingsschriftsteller Paul Sheldon in die Hände. Mütterlich nimmt sie das wehrlose Unfallopfer auf und heilt Paul mit ihren eigenen speziellen Mitteln. Und mehr noch: sie wird ihm helfen, sein bisher bestes Buch zu schreiben — mit ihren eigenen speziellen Mitteln…

Inhaltsverzeichnis

I  ANNIE

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II  MISERY

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 KAPITEL 1

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 KAPITEL 1

 KAPITEL 2

 KAPITEL 3

 KAPITEL 4

 KAPITEL 5

 KAPITEL 6

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III  PAUL

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 KAPITEL 32

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 KAPITEL 37

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IV  GÖTTIN

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Dieses Buch ist für

Stephanie und Jim Leonard,

die wissen, warum.

Junge, das tun sie.

GÖTTIN AFRIKA

Ich möchte mich für die Hilfe von drei Medizinern bedanken, die mir mit dem fachlichen Teil dieses Buches geholfen haben. Es sind:

Russ Dorr, P.A.

Florence Dorr, R.N.

Janet Ordway, M.D. und Doktorin der Psychiatrie

Sie haben, wie immer, bei den Dingen geholfen, die eigentlich gar nicht auffallen. Wenn Sie einen dicken Fehler finden, dann ist der von mir.

Selbstverständlich existiert keine Novril genannte Droge, aber es gibt verschiedene Medikamente auf Kodein-Basis, die damit vergleichbar sind, und unglücklicherweise sind Krankenhäuser und Apotheken manchmal nachlässig, wenn es darum geht, solche Medikamente unter strengem Verschluß zu halten und genau darüber Buch zu führen.

Orte und Personen in diesem Buch sind frei erfunden.

S.K.

Teil I

ANNIE

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,

blickt der Abgrund auch in dich hinein.

FRIEDRICH NIETZSCHE

1

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rrfnn ummr nnnnss

fnnn

Diese Laute: trotz der Benommenheit.

2

Aber manchmal wurden die Laute schwächer — wie die Schmerzen —, zurück blieb nur die Benommenheit. Er erinnerte sich an Dunkelheit: Undurchdringliche Dunkelheit war da vor der Benommenheit gewesen. Bedeutete das, daß er Fortschritte machte? Es werde Licht (und sei es nur nebulös), und das Licht war gut, und so weiter, und so weiter? Hatten diese Laute in der Dunkelheit existiert? Er kannte auf keine dieser Fragen eine Antwort. War es überhaupt sinnvoll, sie zu stellen? Auch darauf wußte er die Antwort nicht.

Die Schmerzen waren irgendwo unter den Lauten. Die Schmerzen waren östlich der Sonne und südlich von seinen Ohren. Mehr wußte er nicht.

Eine gewisse Zeitspanne, die sehr lang zu sein schien (und es daher auch war, da die Schmerzen und der stürmische Benommenheit alles waren, das existierte), waren diese Laute die einzige externe Realität. Er hatte keine Ahnung, wer er war und wo er war, und es kümmerte ihn auch nicht. Er wünschte sich, er wäre tot, aber aufgrund der schmerzgetränkten Benommenheit, die seinen Verstand wie eine sommerliche Sturmwolke erfüllte, wußte er nicht, daß er es wünschte.

Im Laufe der Zeit stellte er fest, daß es Zeitspannen des Nichtschmerzes gab und daß diese zyklischer Natur waren. Und zum ersten Mal, seit er aus der völligen Schwärze aufgetauchte, welche der Benommenheit vorangegangen war, hatte er einen Gedanken, der unabhängig von seiner wie auch immer beschaffenen momentanen Situation existierte. Dieser Gedanke galt einem abgebrochenen Zaunpfahl, welcher am Revere Beach aus dem Sand herausragte. Seine Mutter und sein Vater hatten ihn, als er noch ein Kind war, häufig zum Revere Beach mitgenommen, und er hatte stets darauf bestanden, daß sie ihre Decke an einer Stelle ausbreiteten, von wo er diesen Pfahl im Auge behalten konnte, der für ihn immer wie ein einzelner herausragender Fangzahn eines begrabenen Monsters ausgesehen hatte. Er saß gern da und sah zu, wie die Flut kam und den Pfahl bedeckte. Stunden später dann, wenn Sandwiches und Kartoffelsalat gegessen waren und die letzten Tropfen Flüssigkeit aus Vaters großer Thermosflasche herausgekippt worden waren, kurz bevor Mutter sagte, es wäre an der Zeit, zusammenzupacken und wieder heimzufahren, da zeigte sich der verrottete Pfahl erneut — anfangs nur eine zwischen den einlaufenden Wellen kurz aufscheinende Spitze, dann mehr und mehr. Wenn sie ihre Abfälle in die große Tonne mit der Aufschrift HALTET DEN STRAND SAUBER geworfen hatten und Paulies Spielsachen zusammengesucht waren

(das ist mein Name Paulie ich bin Paulie und heute Abend wird Mama Johnson’s Babyöl auf meinen Sonnenbrand reiben dachte er im Innern des Brummschädels, in dem er jetzt hauste)

und sie die Decke zusammengelegt hatten, war der Pfahl fast vollständig wieder aufgetaucht, seine schwärzlichen, schlammglatten Seiten waren von schaumigen Gischtwölkchen umgeben. Das liegt an den Gezeiten, hatte sein Vater ihm zu erklären versucht, aber er hatte immer gewußt, daß es an dem Pfahl lag. Die Gezeiten kamen und gingen, der Pfahl blieb. Nur konnte man ihn manchmal nicht sehen. Ohne den Pfahl gab es keine Gezeiten.

Diese Erinnerung kreiste, kreiste schwindelerregend wie eine schwerfällige Fliege. Er versuchte zu greifen, was immer sie bedeuten mochte, aber für eine lange Zeit unterbrachen ihn die Laute.

fnnn

lesssss llllsss

mmmr nnnnss

Manchmal hörten die Laute auf. Manchmal hörte er auf.

Seine erste wirklich klare Erinnerung an dieses Jetzt, an dieses Jetzt außerhalb der stürmischen Benommenheit, war die an das Aufhören, an die plötzliche Erkenntnis, daß er nicht mehr atmen konnte, und das war recht so, das war gut, das war eigentlich wunderbar; er konnte eine bestimmte Menge Schmerzen ertragen, aber genug war genug, und er war froh darüber, aus dem Rennen zu sein.

Dann wurde ein Mund über seinen gestülpt, ein Mund, der ohne jeden Zweifel einer Frau gehörte, trotz der harten, speichellosen Lippen, und der Wind aus dem Mund dieser Frau blies in seinen eigenen Mund ein und blähte die Lungen auf, und als die Lippen zurückgezogen wurden, da roch er seine Wärterin zum ersten Mal, roch sie mit dem Ausströmen des Atems, den sie in ihn gezwängt hatte, wie ein Mann ein Teil von sich in eine unwillige Frau zwängen mochte, ein scheußlicher Geschmack, eine Mischung aus Vanilleplätzchen und Schokoladeneis und Hühnerklein und Erdnußbuttertbrötchen.

Er hörte eine Stimme schreien: »Atmen Sie, gottverdammt! Atmen Sie, Paul!«

Die Lippen senkten sich wieder herab. Der Atem blies wieder seinen Hals hinunter. Blies hinunter wie der Sogwind, der einer schnellen Untergrundbahn folgt und Zeitungsblätter und Süsigkeitenpapier mit sich wirbelt, und die Lippen wurden zurückgezogen, und er dachte:

Um Himmels willen, laß nichts davon durch die Nase entweichen, aber er konnte nicht anders, und oh, dieser Gestank, dieser Gestank, dieser verdammte GESTANK.

»Atmen Sie, gottverdammt!«, kreischte die unsichtbare Stimme, und er dachte: Das werde ich, alles, aber bitte mach das nicht mehr, infiziere mich nicht mehr, und er versuchte es, aber bevor er damit anfangen konnte, drückte sie erneut die Lippen auf seine, Lippen, die so trocken waren wie Streifen gesalzenen Leders, und sie vergewaltigte ihn wieder mit ihrem Atem.

Als sie die Lippen diesesmal wegnahm, ließ er ihren Atem nicht entweichen, sondern stieß ihn hinaus und sog gierig von sich aus Luft ein. Stieß sie aus. Wartete darauf, daß sich seine unsichtbare Brust wieder von sich aus hob, wie sie es sein ganzes Leben lang getan hatte, ohne sein Zutun. Als sie es nicht tat, reagierte er mit einem weiteren keuchenden Einsaugen, und dann schließlich atmete er wieder aus eigenem Antrieb, und zwar so schnell er konnte, um ihren Geruch und Geschmack aus sich herauszubekommen.

Gewöhnliche Luft hatte noch niemals so köstlich geschmeckt.

Er begann wieder in den Nebel zurückzusinken, aber bevor die trüber werdende Welt völlig verschwunden war, hörte er die Stimme der Frau murmeln: »Puh! Das war nahe dran!«

Nicht nahe genug, dachte er und schlief ein.

Er träumte von dem Pfahl, und zwar so wirklichkeitsgetrue, daß er fast glaubte, er könne die Hand ausstrecken und mit der Handfläche über die grünschwarze rissige Oberfläche streichen.

Als er zu seinem vorherigen Zustand des Halbbewußtseins zurückkehrte, gelang es ihm, die Verbindung zwischen dem Pfahl und seiner momentanen Situation herzustellen — er schien in seine Hand hinein zu schweben. Die Schmerzen waren nicht wie die Gezeiten. Das war die Lektion des Traumes, der in Wirklichkeit eine Erinnerung war. Die Schmerzen schienen nur zu kommen und zu gehen. Die Schmerzen waren wie dieser Pfahl, manchmal überspült und manchmal sichtbar, aber immer da. Wenn die Schmerzen ihn durch die dichte, steingraue Wolke hindurch nicht peinigten, dann war er dafür sehr dankbar, aber er ließ sich nicht mehr zum Narren halten — sie waren immer noch da und warteten nur darauf zurückzukehren. Und es war nicht nur ein Pfahl, es waren deren zwei; die Schmerzen waren die Pfähle, und ein Teil von ihm wußte, lange bevor dieses Wissen seinem Verstand völlig zugänglich war, daß es sich bei den Pfählen um seine eigenen gebrochenen Beine handelte.

Aber es dauerte noch eine lange Zeit, bis es ihm möglich war, die getrocknete Schicht Speichel aufzubrechen, die seine Lippen zusammenhielt, und zu krächzen: »Wo bin ich?« Eine Frage, die an die Frau gerichtet war, welche mit einem Buch in der Hand neben dem Bett saß. Der Name des Mannes, der das Buch geschrieben hatte, war Paul Sheldon. Er identifizierte ihn ohne Überraschung als seinen eigenen.

»Sidewinder, Colorado«, sagte sie, als es ihm schließlich möglich war, die Frage zu artikulieren. »Mein Name ist Annie Wilkes. Und ich bin …«

»Ich weiß«, sagte er. »Sie sind mein Fan Nummer Eins.«

»Jawohl«, sagte sie lächelnd. »Ganz genau das bin ich.«

3

Dunkelheit. Dann die Schmerzen und die Benommenheit. Dann die Erkenntnis, daß die Schmerzen, obschon konstant, manches Mal doch durch einen unbehaglichen Kompromiß begraben wurden, den er für Erleichterung hielt. Die erste wirkliche Erinnerung: aufzuhören und vom stinkenden Atem der Frau ins Leben zurückvergewaltigt zu werden.

Die nächste wirkliche Erinnerung: ihre Finger, die ihm in regelmäßigen Abständen etwas in den Mund stopften, etwas Ähnliches wie Contac-Kältungskapseln, aber da er kein Wasser im Mund hatte, lagen sie einfach nur da, und wenn sie schmolzen, dann nahm er einen unglaublich bitteren Geschmack wahr, der ein klein wenig an Aspirin erinnerte. Es wäre gut gewesen, diesen bitteren Geschmack auszuspucken, aber er wußte es besser. Denn dieser bittere Geschmack war es, der die Flut über den Pfahl hinwegspülen ließ

(PFÄHLE es sind PFÄHLE es sind ZWEI okay es sind zwei na gut jetzt sei still einfach nur still psssst ssssst)

und ihn eine Zeit lang vergessen sein ließ.

Das alles fand in weit auseinanderliegenden Intervallen statt, dann aber, als die Schmerzen selbst nicht zurückzuweichen, sondern zu erodieren begannen (wie der Pfahl am Revere Beach mittlerweile erodiert sein mußte, dachte er, denn nichts währt ewig — auch wenn das Kind, das er einst gewesen war, über eine solche Häresie gespottet haben würde), begannen die Dinge zunehmend rascher einzuwirken, bis schließlich die objektive Welt, mit all ihrem Ballast von Erinnerungen, Erfahrungen und Vorurteilen, sich weitgehend wieder stabilisiert hatte. Er war Paul Sheldon, er schrieb zwei Arten von Romanen, gute und Bestseller. Er war zweimal verheiratet gewesen, zweimal geschieden. Er rauchte zu viel (hatte er jedenfalls, bevor das alles, was immer »das alles« auch sein mochte, begonnen hatte). Etwas sehr Schlimmes war ihm zugestoßen, aber er war noch am Leben. Die dunkelgraue Wolke begann, sich schneller und schneller aufzulösen. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sein größter Fan ihm die alte klappernde Royal mit dem grinsenden Zahnlückenmund und der Ducky-Daddles-Stimme brachte, aber Paul begriff schon lange vorher, daß er in einem verfluchten Schlamassel steckte.

4

Der vorhersehende Teil seines Verstandes sah sie schon, bevor er wußte, daß er sie sah, und mußte sie ganz sicher verstanden haben, bevor er wußte, daß er sie verstand — weshalb sonst hätte er so harte, unheilvolle Bilder mit ihr assoziiert? Wann immer sie das Zimmer betrat, mußte er an die Gottheiten denken, welche von abergläubischen Afrikanern in den Romanen von H. Rider Haggard angebetet wurden, und an die Steine, und an Untergang.

Die Vorstellung von Annie Wilkes als afrikanisches Götzenbild aus Sie oder König Salomons Diamanten war albern und auf seltsame Weise zutreffend zugleich. Sie war eine große Frau, die, abgesehen von der beachtlichen, aber abweisenden Rundung ihres Busens unter dem grauen Strickpullover, den sie ständig anhatte, überhaupt keine weiblichen Kurven zu haben schien — keine hervorstechende Rundung von Hüften oder Gesäßbacken oder auch nur Waden unter der endlosen Abfolge von Wollröcken, die sie im Haus trug (sie zog sich in ihr unsichtbares Schlafzimmer zurück und zog Jeans an, wenn sie Arbeiten draußen zu erledigen hatte). Ihr Körper war groß, jedoch nicht großzügig. Sah man sie an, mußte man unwillkürlich an Klumpen und Straßensperren, nicht an aufnahmebereite Körperöffnungen oder gar an entblößte Stellen, an Spalten, denken.

Am meisten aber vermittelte sie ihm das beunruhigende Gefühl von Festigkeit, als besäße sie keinerlei Blutgefäße oder innere Organe; als wäre sie nur von einer Seite zur anderen und von oben bis unten die solide Annie Wilkes. Mehr und mehr war er davon überzeugt, daß ihre Augen, die sich zu bewegen schienen, lediglich aufgemalt waren und sich nicht mehr als die Augen von Porträts zu bewegen schienen, deren Blicke einen in dem Zimmer, in dem sie hängen, scheinbar in jeden Winkel verfolgen. Er hatte den Eindruck, würde er die ersten beiden Finger einer Hand zum V formen und in ihre Nasenlöcher bohren, so würde er kaum mehr als Bruchteile eines Zentimeters eindringen können, bevor er gegen ein solides (wenn auch etwas nachgiebiges) Hindernis stoßen würde, ja, daß sogar ihr grauer Strickpullover und die altmodischen Hausröcke und verblichenen Jeans für draußen Teile dieses soliden, faserigen, blutgefäßlosen Körpers waren. Daher war der Eindruck, sie könnte ein Götzenbild in einem leidenschaftlichen Roman sein, eigentlich keineswegs überraschend. Wie eine Göttin vermittelte sie nur eines: ein Gefühl des Unbehagens, welches sich zunehmend zum Entsetzen hin steigerte. Alles andere nahm sie, ebenfalls wie eine Göttin.

Nein, Augenblick, das war nicht ganz gerecht. Sie gab in der Tat noch etwas anderes. Sie gab ihm die Tabletten, welche die Flut über die Pfähle hinwegspülen ließen.

Die Tabletten waren die Gezeiten, Annie Wilkes war die lunare Präsenz, die sie ihm in den Mund schob. Alle sechs Stunden brachte sie ihm zwei, anfangs tat sich ihre Anwesenheit lediglich als ein Fingerpaar kund, welches in seinem Mund bohrte (und er lernte recht bald, begierig an diesen bohrenden Fingern zu saugen, obschon sie einen bitteren Geschmack hatten), später dann kam sie in ihrem Strickpullover und einem von ihren halben Dutzend Röcken, für gewöhnlich mit einer Taschenbuchausgabe eines seiner Romane unter dem Arm. Nachts erschien sie ihm in einem fußeligen rosa Gewand, ihr Gesicht glänzte durch eine Art Creme (er konnte die vornehmliche Zutat dieser Creme ganz eindeutig erkennen, wenngleich er die Flasche niemals gesehen hatte, aus der sie sie herausnahm; der schafartige Geruch von Lanolin war stark und aufdringlich), und rüttelte ihn aus seinem betäubten, traumbedrängten Schlaf, die Tabletten in einer Hand; der blatternarbige Mond räkelte sich im Fenster über einer ihrer soliden Schultern.

Nach einer Weile — nachdem seine Besorgnis zu groß geworden war, sie noch länger zu missachten — gelang es ihm herauszufinden, was sie ihm einflößte. Es war ein schmerzstillendes Mittel auf Kodeinbasis namens Novril. Der Grund dafür, daß sie ihm die Bettpfanne so selten bringen mußte, war nicht nur der, daß er von einer Diät lebte, die fast ausschließlich aus Flüßigkeit und Brei bestand (zuvor, als er in der Wolke war, hatte sie ihn intravenös ernährt), sondern auch, daß Novril bei Patienten, die es einnahmen, zu Verstopfung führte. Eine weitere Nebenwirkung deutlich ernsterer Natur war Atemlähmung bei empfindlichen Patienten. Paul war nicht besonders empfindlich, aber er war fast achtzehn Jahre lang starker Raucher gewesen war, aber er hatte zumindest einmal aufgehört (vielleicht noch öfter, in der Benommenheit, an die er sich nicht erinnern konnte). Das war, als sie ihm die Mund-zu-Mund-Beatmung gegeben hatte.

Es konnte sich um einen Zwischenfall gehandelt haben, wie sie sich eben manchmal zutragen, aber später begann er zu argwöhnen, daß sie ihn mit einer versehentlichen Überdosis fast umgebracht hatte. Sie wußte nicht so viel von dem, was sie tat, wie sie selbst glaubte. Das war nur eines an Annie, das ihm Angst machte.

Etwa zehn Tage nachdem er aus der dunklen Wolke aufgetaucht war, fand er drei Dinge fast gleichzeitig heraus. Das erste war, daß Annie Wilkes über einen erheblichen Vorrat an Novril verfügte (tatsächlich hatte sie eine Vielzahl der verschiedensten Drogen). Das zweite war, daß er novrilsüchtig geworden war. Das dritte war, daß Annie Wilkes auf gefährliche Weise verrückt war.

5

Die Dunkelheit war den Schmerzen und der Sturmwolke vorausgegangen; er begann sich an das zu erinnern, was der Dunkelheit vorausgegangen war, als sie ihm erzählte, was ihm zugestoßen war. Das war, kurz nachdem er die traditionelle Wenn-der-Schläfer-erwacht-Frage gestellt und sie ihm geantwortet hatte, daß er sich in der kleinen Stadt Sidewinder in Colorado befand. Des Weiteren hatte sie ihm erzählt, daß sie jeden seiner acht Romane mindestens zweimal gelesen hätte, ihre persönlichen Favoriten, die Misery-Romane, sogar vier-, fünf-, vielleicht sechsmal. Sie wünschte nur, er würde sie schneller schreiben. Sie sagte, sie hätte kaum glauben können, daß ihr Patient wirklich der Paul Sheldon war, selbst nachdem sie seinen Ausweis in der Brieftasche gesehen hatte.

»Wo ist meine Brieftasche?«, fragte er.

»Ich habe sie sicher für Sie verwahrt«, sagte sie. Ihr Lächeln brach plötzlich zu einer argwöhnischen Wachsamkeit zusammen, die ihm ganz und gar nicht gefiel — es war, als würde man eine tiefe, beinahe von Sommerblumen verdeckte Kluft auf einer strahlenden, fröhlichen Wiese entdecken. »Glauben Sie, ich hätte etwas daraus gestohlen?«

»Nein, selbstverständlich nicht. Es ist nur, daß …« Es ist nur, daß mein ganzes früheres Leben darin enthalten ist, dachte er. Mein Leben außerhalb dieses Zimmers. Außerhalb der Schmerzen. Außerhalb der Art und Weise, wie die Zeit sich zu dehnen scheint wie der lange rosa Faden eines Kaugummis, den ein Kind sich aus dem Mund zieht, wenn es sich langweilt. Denn genau so ist es in der letzten Stunde, bevor es die Tabletten gibt.

»Was dann, Mister Man?«, beharrte sie, und er stellte aufgeschreckt fest, daß der argwöhnische Gesichtsausdruck zunehmend finsterer wurde. Die Kluft wurde breiter, als würde hinter ihrer Stirn ein Erdbeben wüten. Er konnte das konstante, schrille Heulen des Windes draußen hören, und plötzlich sah er sie im Geiste, wie sie ihn aufhob und über ihre solide Schulter warf, wo er wie ein über eine Steinmauer geworfener Rupfensack hängen würde, wie sie ihn hinaustrug und in eine Schneeverwehung warf. Dort würde er erfrieren, aber bevor das geschah, würden seine Beine pulsieren und schreien.

»Es ist nur, mein Vater hat mir immer eingeschärft, meine Brieftasche stets im Auge zu behalten«, sagte er und war selbst erstaunt, wie mühelos ihm diese Lüge über die Lippen kam. Sein Vater hatte eine Lebensphilosophie daraus gemacht, Paul so gut es ging nicht wahrzunehmen, und soweit Paul sich erinnern konnte, hatte er ihm nur einen einzigen Rat in seinem Leben gegeben. An Pauls vierzehntem Geburtstag hatte sein Vater ihm ein in Folie eingeschweißtes Red-Devil-Kondom gegeben. »Nimm das in deine Brieftasche«, hatte Roger Sheldon gesagt, »und wenn du draußen im Drive-in jemals erregt wirst, dann nimm dir eine Sekunde Zeit, wenn du erregt genug bist, zu wollen, aber noch nicht erregt genug, daß dir alles scheißegal ist, und zieh das über. Es gibt schon zu viele Mistkerle auf der Welt, und ich möchte nicht zusehen, wie du mit sechzehn in die Armee flüchten mußt.«

Jetzt fuhr Paul fort: »Ich glaube, er hat mich so oft ermahnt, auf meine Brieftasche zu achten, daß es mir wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wenn ich Sie beleidigt habe, dann tut mir das wirklich aufrichtig leid.«

Sie entspannte sich. Lächelte. Die Kluft schloß sich. Die Sommerblumen wiegten sich wieder fröhlich. Er stellte sich vor, wie er die Hand durch dieses Lächeln hindurchstieß und nichts als flexible Dunkelheit fand. »Sie haben mich nicht beleidigt. Sie ist an einem sicheren Ort. Warten Sie — ich habe etwas für Sie.«

Sie entfernte sich und kam mit einem dampfenden Teller Suppe zurück. Gemüse schwamm darin. Wich, aber solide, Er war nicht imstande, viel zu essen, aber er aß mehr, als er zuerst für möglich hielt. Sie wirkte zufrieden. Während er die Suppe aß, erzählte sie ihm, was geschehen war, und als sie es erzählte, erinnerte er sich an alles, er dachte sich, daß es gut war, zu wissen, wieso man sich beide Beine gebrochen hatte, aber die Art und Weise, wie er dieses Wissen erfuhr, war abstoßend — als wäre er eine Person in einem Buch oder einem Theaterstück, eine Person, deren Erinnerung nicht wie Geschichte wiedergegeben, sondern wie Literatur erfunden wurde.

Sie war mit dem Geländewagen nach Sidewinder gefahren, um Futter für ihre Tiere und ein paar Lebensmittel einzukaufen … und um die Taschenbücher in Wilson’s Drug Center durchzusehen — das war am Mittwoch vor mittlerweile fast zwei Wochen gewesen, und die neuen Taschenbücher wurden immer dienstags geliefert.

»Ich hatte sogar an Sie gedacht«, sagte sie und löffelte Suppe in seinen Mund; dann wischte sie professionell mit einer Serviette ab, was ihm übers Kinn lief. »Deswegen ist es ja ein so bemerkenswerter Zufall, verstehen Sie? Ich hatte gehofft, Miserys Kind wäre endlich als Taschenbuch erschienen, aber ich hatte kein Glück.«

Es war ein Sturm aufgezogen, sagte sie, aber bis zum Nachmittag dieses Tages waren die Meteorologen sicher gewesen, daß er nach Süden weiterziehen würde, in Richtung New Mexico und zum Sangre de Cristos.

»Ja«, sagte er und erinnerte sich tatsächlich, als er es sagte. »Sie meldeten, er würde abdrehen. Darum bin ich überhaupt erst aufgebrochen.« Er versuchte, seine Beine zu bewegen. Die Folge waren schreckliche Schmerzen, und er stöhnte.

»Tun Sie das nicht«, sagte sie. »Wenn Sie Ihre Beine zum Sprechen bringen, Paul, dann werden sie nicht mehr verstummen … und ich kann Ihnen erst in zwei Stunden wieder Tabletten geben. Ich gebe Ihnen ohnehin schon zu viel.«

Warum bin ich nicht in einem Krankenhaus? Das war eindeutig die Frage, die er stellen wollte, aber er war sich nicht sicher, ob es eine Frage war, die sie beide ausgesprochen wissen wollten. Jedenfalls noch nicht.

»Als ich zur Futtermittelhandlung kam, sagte Tony Roberts zu mir, daß ich besser auf die Tube drücken sollte, wenn ich vor dem Sturm noch nach Hause wollte, und ich sagte …«

»Wie weit sind wir von der Stadt entfernt?«, fragte er.

»Ein gutes Stück«, antwortete sie unbestimmt und sah zum Fenster. Es folgte eine eigentümliches Intervall des Schweigens, und Paul hatte Angst vor dem, woran er dachte. Er sah eine Kluft in einer alpinen Wiese, eine Schwärze, wo keine Blumen wuchsen, wo ein Sturz ewig dauern konnte. Es war das Gesicht einer Frau, die vorübergehend losgelöst von allen Stationen und Marksteinen ihres Lebens war, eine Frau, welche nicht nur die Erinnerung vergessen hatte, die sie gerade darbieten wollte, sondern die Erinnerungen selbst. Er hatte einmal eine Nervenheilanstalt besucht — das war schon Jahre her, als er für Misery recherchiert hatte, das erste von den vier Büchern, die in den vergangenen acht Jahren sein Haupteinkommen bestritten hatten — und da hatte er diesen Blick gesehen … besser gesagt, diesen Nichtblick. Das Wort, mit dem er definiert wurde, lautete Katatonie, doch das, was ihm angst machte, hatte kein so präzises Wort — es war vielmehr ein vager Vergleich: In diesem Augenblick glaubte er, daß ihre Gedanken genauso geworden waren wie ihr physisches Selbst: solide, faserig, ohne Lebenskanäle und ohne Öffnungen.

Dann wurde ihr Gesicht allmählich wieder klar. Die Gedanken schienen wieder in sie einzuströmen. Doch dann dachte er, daß strömen nicht ganz richtig war. Sie wurde nicht aufgefüllt, wie ein Swimming-pool oder ein Gezeitenbecken; sie wärmte sich auf. Ja sie lief warm wie ein kleines elektrisches Gerät. Ein Toaster oder vielleicht ein Heizkissen.

»Ich sagte zu Tony: ›Der Sturm wird nach Süden abdrehen. ‹« Sie sprach anfangs langsam, beinahe benommen, aber dann erreichten ihre Worte wieder einen normalen Tonfall und den Fluß eines Gesprächs. Aber jetzt war er wachsam. Alles, was sie sagte, hörte sich ein wenig seltsam an, ein wenig außergewöhnlich. Wenn man Annie zuhörte, dann war das, als hörte man ein Lied, das in der falschen Tonart gespielt wurde.

»Aber er sagte: ›Er hat seine Meinung geändert.‹

›Ach je!‹, sagte ich. ›Dann schwinge ich mich besser auf mein Pferd und reite los.‹

›Ich würde in der Stadt bleiben, Miss Wilkes‹, sagte er. ›Sie sagen jetzt im Radio, daß es ein gehöriger Sturm werden wird, und niemand ist darauf vorbereitet.‹

Aber ich mußte selbstverständlich zurück — außer mir ist niemand da, der die Tiere füttern könnte. Die nächsten Nachbarn sind die Roydmans, und die wohnen Meilen von hier entfernt. Außerdem können die Roydmans mich nicht leiden.«

Als sie die letzten Worte aussprach, schielte sie ihn verschlagen an, und als er nicht antwortete, klopfte sie auf gebieterische Weise mit dem Löffel gegen den Rand der Schüßel.

»Fertig?«

»Ja, danke, ich bin satt. Es war sehr gut. Haben Sie viel Vieh?«

Weil, dachte er bereits, wenn das der Fall ist, dann mußt du auch eine Art Hilfe haben. Wenigstens einen Lohnarbeiter. »Hilfe« war auf jeden Fall das Zauberwort. Es schien jedenfalls das Zauberwort, da er gesehen hatte, daß sie keinen Ehering trug.

»Nicht sehr viel«, sagte sie. »Ein halbes Dutzend Legehennen. Zwei Kühe. Und Misery.«

Er blinzelte.

Sie lachte. »Sie werden mich nicht für besonders nett halten, eine Sau nach der tapferen und wunderschönen Frau zu nennen, die Sie erfunden haben. Aber das ist ihr Name, und ich wollte nicht respektlos sein.« Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, fügte sie hinzu: »Sie ist sehr freundlich.« Die Frau rümpfte die Nase, und einen Moment lang wurde sie zur Sau, bis hinab zu den störrischen Barthaaren, die vereinzelt auf ihrem Kinn wuchsen. Sie gab die Laute eines Schweins von sich: »Oiink! Oiiink! Chrrr-Chrrr!«

Paul sah sie mit aufgerissenen Augen an.

Sie bemerkte es nicht, sie war wieder abwesend, ihr Blick war unscharf und nachdenklich. Nichts spiegelte sich in ihren Augen, abgesehen von der Nachttischlampe, und diese zweimal, beide Male leicht verschwommen.

Schließlich zuckte sie ein wenig zusammen und fuhr fort: »Ich kam etwa fünf Meilen weit, dann setzte der Schneefall ein. Es ging schnell — wenn es hier einmal anfängt, geht es immer schnell. Ich kroch mit eingeschalteten Scheinwerfern dahin, und da sah ich Ihr Auto umgestürzt neben der Straße liegen.« Sie sah ihn missbilligend an. »Sie hatten Ihre Scheinwerfer nicht eingeschaltet.«

»Ich wurde von dem Unwetter überrascht«, sagte er und erinnerte sich in diesem Augenblick daran, wie er überrascht worden war. Er erinnerte sich jedoch noch nicht daran, daß er gleichzeitig sehr betrunken gewesen war.

»Ich habe angehalten«, sagte sie. »Wäre es an einer hangaufwärts gelegenen Straßenstelle gewesen, hätte ich es wahrscheinlich nicht getan. Nicht gerade sehr christlich, ich weiß, aber es lag bereits sechs Zentimeter Schnee auf der Straße, und nicht einmal mit Allradantrieb kann man sich sicher sein, wieder anfahren zu können, wenn die Räder erst einmal stillstehen. Es ist viel einfacher, zu sich selbst zu sagen: ›Oh, wahrscheinlich konnten sie aus dem Wagen herausklettern und haben jemanden gefunden, der sie mitgenommen hat‹, und so weiter, und so weiter. Aber es war auf der Kuppe des dritten Hügels schon am Hof der Roydmans vorbei, und dort ist es ein ganzes Stück lang flach. Daher hielt ich am Straßenrand an, und kaum war ich ausgestiegen, hörte ich ein Stöhnen. Das waren Sie, Paul.«

Sie bedachte ihn mit einem sehr seltsamen mütterlichen Grinsen.

Zum ersten Mal machte sich in Paul Sheldons Verstand deutlich ein Gedanke breit: Ich bin hier in Schwierigkeiten. Mit dieser Frau stimmt etwas nicht.

6

In jenem Zimmer, das möglicherweise ein Gästezimmer sein konnte, saß sie die nächsten zwanzig Minuten an seiner Seite und redete. Während sein Körper die Suppe verarbeitete, nahmen die Schmerzen in den Beinen wieder zu. Er zwang sich dazu, sich auf das zu konzentrieren, was sie sagte, aber damit war er nur teilweise erfolgreich. Sein Verstand hatte sich zweigeteilt. Mit einer Seite hörte er ihrem Bericht darüber zu, wie sie ihn aus dem Wrack seines 74er Camaro gezogen hatte — das war die Seite, wo die Schmerzen pulsierten und pochten wie zwei alte abgesplitterte Pfähle, welche zwischen den Wellen der zurückweichenden Flut gerade eben sichtbar zu werden begannen. Mit der anderen konnte er sich im Boulderado Hotel sehen, wo er seinen neuen Roman zu Ende schrieb, der — Gott sei Dank für diese kleine Gust — nicht von Misery Chastain handelte.

Er hatte alle möglichen Gründe, nicht über Misery zu schreiben, aber einer ragte überr alle anderen hinaus, in Metall gegossen und unerschütterlich. Misery — Gott sei Dank für diese große Gunst — war endlich tot. Sie war fünf Seiten vor dem Ende von Miserys Kind gestorben. Im ganzen Haus war kein Auge trocken geblieben, als das geschah, auch das von Pauls nicht — aber die weningen Tränen aus seinen Sehnerven waren von hysterischem Gelächter verursacht.

Als er sein neues Buch beendet hatte, einen zeitgenössischen Roman über einen Autodieb, hatte er sich daran erinnert, wie er den letzten Satz von Miserys Kind getippt hatte: »Und so verließen Ian und Geoffrey gemeinsam den Friedhof von Little Dunthorpe; sie gaben sich in ihrem Kummer gegenseitig Halt und waren entschlossen, ihr Leben wiederzufinden.« Während er diese Zeile schrieb, hatte er so heftig gekichert, daß es ihm schwergefallen war, die richtigen Tasten zu anzuschlagen — er hatte mehrmals verbessern müßen. Gott sei Dank für das gute alte IBM-Korrekturband. Er hatte ENDE darunter geschrieben, und dann war er durch das Zimmer gehüpft — eben das Zimmer im Boulderado Hotel — und hatte geschrien: Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, ich bin endlich frei! Das dumme Weib ist endlich in die ewigen Jagdgründe eingegangen!

Der neue Roman trug den Titel Schnelle Autos, und als er den beendet hatte, hatte er nicht gelacht. Er saß einfach einen Augenblick vor der Schreibmaschine und dachte: Damit hast du vielleicht gerade den nächstjährigen American Book Award gewonnen, mein Freund. Und dann nahm er …

»… einen kleinen Bluterguß an Ihrer rechten Schläfe, aber das sah nicht weiter schlimm aus. Es waren Ihre Beine … ich sah auf der Stelle, wenngleich das Licht immer schwächer wurde, daß Ihre Beine nicht …«

… den Telefonhörer und bestellte beim Zimmerservice eine Flasche Dom Pérignon. Er erinnerte sich: Während er darauf wartete, ging er in dem Zimmer auf und ab, dort, wo er seit 1974 jedes seiner Bücher zu Ende geschrieben hatte; er erinnerte sich daran, daß er dem Kellner einen Fünfzigdollarschein als Trinkgeld gegeben und ihn gefragt hatte, ob er den Wetterbericht gehört hatte; er erinnerte sich daran, daß ihm der zufriedene, geschmeichelte und grinsende Kellner gesagt hatte, der Sturm, der sich momentan auf sie zu bewegte, solle nach Süden abdrehen, nach New Mexico; er erinnerte sich daran, wie kalt sich die Flasche angefühlte, erinnerte sich an das leise Plopp des Korkens, als er ihn herauszog; er erinnerte sich an den trockenen, herb-säuerlichen Geschmack des ersten Glases; wie er seine Reisetasche geöffnet und sein Flugticket nach New York betrachtet hatte; er erinnerte sich, wie er aus einer Laune des Augenblicks heraus beschlossen hatte …

»… daß ich Sie am besten sofort nach Hause bringe! Es war eine Heidenarbeit, Sie zum Auto zu schleppen, aber ich bin eine große Frau — wie Sie vielleicht bemerkt haben —, und ich hatte einen Stapel Decken auf der Rückbank. Ich schaffte Sie hinein und wickelte Sie ein, und schon da dachte ich, trotz des schwindenden Lichts, daß Sie mir bekannt vorkamen! Ich dachte mir, vielleicht …«

… den alten Camaro aus dem Parkhaus zu holen und einfach nach Westen zu fahren, anstatt das Flugzeug zu nehmen. Was zum Teufel erwartete ihn schon in New York? Die Stadtwohnung, verlassen, kahl, abweisend, wahrscheinlich ausgeraubt. Scheiß drauf!, dachte er und trank noch mehr Champagner. Nach Westen, junger Mann, nach Westen! Der Einfall war so verrückt gewesen, daß er irgendwie schon wieder Sinn ergab. Nur die Kleidung wechseln und sein …

»… Tasche, die ich gefunden habe. Die lud ich auch ein, aber sonst habe ich nichts gesehen, und ich hatte Angst, Sie könnten mir wegsterben oder so, daher feuerte ich die Old Bessie an und …«

… Manuskript von Schnelle Autos mitnehmen, und dann ab nach Vegas oder Reno oder vielleicht sogar in die Stadt der Engel. Er erinnerte sich auch daran, daß ihm der Einfall anfangs ein wenig albern vorgekommen war — eine Reise, die der Junge von vierundzwanzig Jahren, der er gewesen war, als er seinen ersten Roman verkauft hatte, vielleicht unternommen hätte, aber doch nicht ein Mann, dessen vierzigster Geburtstag schon zwei Jahre zurücklag. Nach einigen weiteren Gläsern Champagner erschien der Einfall aber nicht mehr ganz so albern zu sein. Er schien beinahe nobel. Eine Art Große Odyssee nach Irgendwo, eine Methode, sich nach dem Fantasieterrain des Romans wieder an die Wirklichkeit zu gewöhnen. Und so war er …

»… vollkommen ohne Besinnung! Ich war sicher, daß Sie sterben würden … Ich meine, ich war sicher! Daher holte ich Ihre Brieftasche aus der Innentasche, holte den Führerschein heraus und sah den Namen, Paul Sheldon, und ich dachte mir: ›Oh, das muß ein Zufall sein‹, aber das Bild auf dem Führerschein sah auch wie Sie aus, und da bekam ich solche Angst, daß ich am Küchentisch Platz nehmen mußte. Zuerst dachte ich, ich würde ohnmächtig werden. Nach einer Weile fing ich an zu denken, vielleicht war auch daß das Bild nur ein Zufall — diese Führerscheinfotos sehen ja nie jemandem ähnlich —, aber dann fand ich Ihre Mitgliedskarte der Writers Guild und eine vom PEN, und da wußte ich, Sie waren …«

… in Schwierigkeiten, als es anfing zu schneien, aber er war noch in die Boulderado Bar gegangen und hatte George zwanzig Dollar Trinkgeld gegeben, damit er ihm eine zweite Flasche Dom besorgte, und die hatte er getrunken, während er auf der I-70 in die Rockies fuhr, unter einem Himmel von der Farbe von Kanonenmetall, und irgendwo östlich vom Eisenhower-Tunnel war er von der Schnellstraße abgebogen, weil die Straßen frei und trocken waren, der Sturm nach Süden abdrehte, also zum Teufel damit, und er Angst vor dem gottverdammten Tunnel hatte. Er hatte eine alte Bo Diddley-Aufnahme auf dem Kassettenrekorder abgespielt, während er fuhr, und daher hörte er kein Radio, bis schließlich der Camaro ernstlich anfing zu rutschen und zu schlittern, und erst da war ihm klargeworden, daß es sich hier nicht um ein harmloses Landgewitter handelte, sondern um die Ausläufer des Sturms. Vielleicht zog der Sturm doch nicht nach Süden ab; vielleicht raste der Sturm direkt auf ihn zu, und er steckte bis über beide Ohren in Schwierigkeiten,

(so wie du jetzt in Schwierigkeiten steckst)

aber er war gerade betrunken genug gewesen zu denken, daß er hindurchfahren konnte. Daher hatte er nicht in Cana angehalten und um Unterschlupf gebeten, sondern war weitergefahren. Er erinnerte sich daran, wie sich der Nachmittag in stumpfegraue Chromlinse verwandelt hatte. Er erinnerte sich daran, wie die Wirkung des Champagners nachließ. Er erinnerte sich daran, wie er sich nach vorn gebeugt hatte, um die Zigarettenpackung vom Armaturenbrett zu nehmen, das war in dem Augenblick, als die letzte Bö begann und er versuchte, mittendurch zu fahren, aber es wurde immer schlimmer; er erinnerte sich an ein lautes, dumpfes Poltern, und dann tauschten das Oben und Unten der Welt die Plätze. Er hatte …

»… geschrien! Und als ich Sie schreien hörte, da wußte ich, daß Sie überleben würden. Sterbende schreien selten. Sie haben nicht die Energie dazu. Das weiß ich. Ich beschloß Sie am Leben zu halten. Daher holte ich meine schmerzstillenden Medikamente und brachte Sie dazu, welche einzunehmen. Danach sind Sie eingeschlafen. Als Sie erwachten, fingen Sie wieder an zu schreien, und ich gab Ihnen mehr. Eine Weile hatten Sie Fieber, aber das habe ich auch wegbekommen. Ich gab Ihnen Keflex. Sie waren ein- oder zweimal dicht dran, aber das ist jetzt vorbei, das verspreche ich Ihnen.« Sie stand auf. »Aber jetzt ist es Zeit, daß Sie sich ausruhen, Paul. Sie müßen wieder zu Kräften kommen.«

»Meine Beine schmerzen.«

»Ja, das kann ich mir denken. In einer Stunde bekommen Sie wieder Ihre Medizin.«

»Jetzt. Bitte.« Es beschämte ihn zu flehen, aber er konnte nicht anders. Die Flut war zurückgegangen, die gesplitterten Pfähle lagen bloß, sie waren spürbar und greifbar, Dinge die er weder mißachten konnte noch beachten durfte.

»In einer Stunde.« Nachdrücklich. Mit Löffel und Suppenschüßel in der Hand ging sie zur Tür.

»Warten Sie!«

Sie drehte sich um und sah ihn mit einem strengen und zugleich liebevollen Ausdruck an. Der Ausdruck gefiel ihm nicht. Er gefiel ihm ganz und gar nicht.

»Es ist zwei Wochen her, seit Sie mich gefunden haben?«

Sie sah wieder unbestimmt und gereizt drein. Er würde noch herausfinden, daß ihr Zeitgefühl alles andere als gut war. »Ungefähr.«

»Ich war bewußtlos?«

»Fast die ganze Zeit.«

»Was habe ich gegessen?«

Sie sah ihn an.

»IV«, sagte sie knapp.

»IV?«, sagte er, und sie missdeutete seine fassungslose Verblüffung als Unwissenheit.

»Ich habe Sie intravenös ernährt«, sagte sie. »mit Schläuchen. Daher stammen die Narben an Ihren Armen.« Sie sah ihn mit Augen an, die plötzlich ausdruckslos und abschätzend waren. »Sie verdanken mir Ihr Leben, Paul. Ich hoffe, Sie vergessen das nicht.«

Dann ging sie hinaus.

7

Die Stunde verging. Irgendwie und endlich verging die Stunde.

Er lag im Bett und schwitzte und zitterte gleichzeitig. Aus dem Nebenzimmer hörte er zuerst die Stimmen von Hawkeye und Hot Lips, dann die Discjockeys von WKRP, dem wildesten und verrücktesten Rundfunksender in Cincinnati. Die Stimme eines Ansagers wurde laut, pries Ginsu-Messer an, nannte eine 800er-Telefonnummer und informierte die Zuschauer in Colorado, die es kaum noch erwarten konnten, ein Set Ginsu-Messer zu kaufen, daß die Telefonzentralen besetzt waren und warteten.

Auch Paul Sheldon hielt sich bereit.

Als die Uhr im Nebenzimmer acht schlug, erschien sie prompt wieder und brachte zwei Kapseln und ein Glas Wasser.

Er stützte sich erwartungsvoll auf die Ellbogen, während sie sich auf das Bett setzte.

»Vor zwei Tagen habe ich endlich Ihr neues Buch bekommen«, sagte sie zu ihm. Eis klirrte in dem Glas. Es war ein nervtötendes Geräusch. »Miserys Kind. Gefällt mir … Es ist so gut wie alle anderen. Besser! Das beste!«

»Danke«, brachte er heraus. Er konnte den Schweiß auf der Stirn spüren. »Bitte meine Beine große Schmerzen …«

»Ich habe gewußt, daß sie Ian heiraten würde«, sagte sie und lächelte verträumt, »und ich glaube, daß Geoffrey und Ian irgendwann wieder Freunde werden. Oder nicht?« Aber sie fuhr sofort fort: »Nein, nicht verraten! Ich möchte es selbst herausfinden. Es soll von Dauer sein. Es dauert immer so lange, bis ein neues herauskommt.«

Die Schmerzen pulsierten in seinem Bein und bildeten einen Stahlreif um seinen Unterleib. Er berührte sich dort unten und glaubte zu spüren, daß sein Becken unversehrt war, aber es fühlte sich dennoch verdreht und fremdartig an. Unterhalb der Knie schien nichts intakt zu sein. Er wollte es nicht sehen. Er sah die verdrehten, klumpigen Formen, die sich unter dem Laken abzeichneten, und das genügte ihm.

»Bitte! Miss Wilkes! Die Schmerzen …«

»Nennen Sie mich Annie. Das tun alle meine Freunde.«

Sie gab ihm das Glas. Es war kühl und feucht beschlagen. Die Kapseln behielt sie. Die Kapseln in ihrer Hand waren die Flut. Sie war der Mond, und sie hatte die Gezeiten gebracht, welche die Pfähle überschwemmen würden. Sie führte sie zu seinem Mund, den er auf der Stelle weit öffnete … und dann zog sie sie zurück.

»Ich habe mir die Freiheit genommen, in Ihre Tasche zu sehen. Das macht Ihnen doch nichts aus, oder?«

»Nein. Selbstverständlich nicht. Die Medizin …«

Die Schweißperlen auf seiner Stirn fühlten sich abwechselnd heiß und kalt an. Würde er schreien? Er hielt es nicht für ausgeschlossen.

»Ich habe darin ein Manuskript gefunden«, sagte sie. Sie hielt die Kapseln in der rechten Hand, die sie jetzt ganz langsam kippte. Sie fielen in ihre linke Hand. Er folgte ihnen mit den Augen. »Es heißt Schnelle Autos. Kein Misery-Roman, das weiß ich.« Sie sah ihn ein klein wenig missbilligend an — aber, wie schon zuvor, nicht ohne eine Spur von Liebe. Es war ein mütterlicher Blick. »Im neunzehnten Jahrhundert gab es keine Autos, ob nun schnell oder langsam!« Sie kicherte über ihren kleinen Scherz. »Ich habe mir auch die Freiheit genommen, ein wenig darin zu blättern … Das stört Sie doch hoffentlich nicht?«

»Bitte«, stöhnte er. »Nein, aber bitte …«

Sie neigte die linke Hand. Die Kapseln rollten, zögerten, dann fielen sie mit einem kaum hörbaren Klickern wieder in ihre rechte Hand.

»Und wenn ich es lesen würde? Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich es lesen würde?«

»Nein …« Seine Knochen waren zerschmettert. Seine Beine waren mit eiternden Glassplittern gespickt. »Nein …« Er verzog das Gesicht — wie er hoffte — zu einem Lächeln. »Nein, selbstverständlich nicht.«

»Denn ohne Ihre Einwilligung würde ich so etwas selbstverständlich niemals tun«, sagte sie ernst. »Dazu respektiere ich Sie zu sehr. Es ist sogar so, Paul, daß ich Sie liebe.« Plötzlich und auf beunruhigende Weise wurde sie purpurrot. Eine der Kapseln fiel ihr aus der Hand und auf die Bettdecke. Paul griff danach, aber sie war schneller. Er stöhnte, aber sie beachtete es nicht. Nachdem sie die Kapsel an sich genommen hatte, wurde sie wieder abwesend und sah zum Fenster. »Ihren Verstand«, sagte sie. »Ihre Kreativität. Das habe ich gemeint.«

In seiner Verzweiflung sagte er, weil ihm nichts anderes einfiel: »Ich weiß. Sie sind mein Fan Nummer eins.«

Dieses Mal erwärmte sie nicht nur, sie entflammte. »Das ist es!«, rief sie aus. »Genau das ist es! Und es macht Ihnen nichts aus, wenn ich es in dieser Eigenschaft lese, nicht wahr? Mit aller Liebe eines … eines Fans? Auch wenn mir Ihre anderen Bücher nicht so gut gefallen wie die Misery-Romane?«

»Nein«, sagte er und schloß die Augen. Meinethalben kannst du Papierhütchen aus den Manuskriptseiten falten, wenn du möchtest, aber … bitte … ich sterbe hier drinnen

»Sie sind so gütig«, sagte sie sanft. »Ich habe immer gewußt, daß Sie das sein würden. Als ich Ihre Bücher gelesen habe, da wußte ich es. Ein Mann, der Misery Chastain erfinden konnte, der sie sich erst ausdenken und ihr dann Leben einhauchen konnte, der kann nicht anders sein.«

Plötzlich waren ihre Finger in seinem Mund, eine schockierend intime Geste, aber auf schmutzige Weise höchst willkommen. Er saugte die Kapseln zwischen ihnen heraus und schluckte sie, noch bevor sie ihm das Wasserglas an den Mund halten konnte.

»Wie ein Baby«, sagte sie, aber er konnte sie nicht sehen, weil er die Augen geschlossen hatte, und nun spürte er, wie seine Tränen zu fließen begannen. »Aber gütig. Ich möchte Sie so vieles fragen … möchte so vieles wissen.«

Die Federn ächzten, als sie aufstand.

»Wir werden hier sehr glücklich sein«, sagte sie, und wenngleich ein Blitzschlag des Entsetzens in Pauls Herz fuhr, öffnete er immer noch nicht die Augen.

8

Er schwebte. Die Flut kam, und er schwebte. Im Nebenzimmer tönte das Fernsehgerät eine Weile, dann nicht mehr. Manchmal schlug die Uhr, und er versuchte, die Schläge zu zählen, aber er verzählte sich immer mittendrin.

IV. Durch Schläuche. Daher stammen die Narben an Ihren Armen.

Er stützte sich auf einen Ellbogen und tastete nach der Lampe, und schließlich gelang es ihm, sie einzuschalten. Er betrachtete seine Arme und sah in der Armbeuge verblassende Farbschattierungen, Purpur und Ocker, in der Mitte eines jeden Blutergußes ein mit schwarzem Blut gefülltes Loch.

Er legte sich zurück, starrte an die Decke und lauschte dem Heulen des Windes. Er befand sich beinahe auf dem Gipfel der Great Divide, es war tiefer Winter, er war in der Gewalt einer Frau, die nicht richtig im Kopf war, einer Frau, die ihn intravenös ernährt hatte, als er bewußtlos gewesen war, einer Frau, die einen offenbar unerschöpflichen Vorrat an Drogen besaß, einer Frau, die niemandem gesagt hatte, daß er hier war.

Das alles war wichtig, aber allmählich wurde ihm klar, daß etwas anderes noch wichtiger war: Die Flut ging bereits wieder zurück. Er begann auf das Läuten ihres Weckers im Obergeschoß zu warten. Er würde noch geraume Zeit nicht läuten, aber er mußte allmählich anfangen, darauf zu warten.

Sie war verrückt, aber er brauchte sie.

Oh, ich stecke in verdammten Schwierigkeiten, dachte er und starrte blind zur Decke hinauf, während sich auf seiner Stirn wieder Schweißtropfen bildeten.

9

Am nächsten Morgen brachte sie ihm wieder Suppe und teilte ihm mit, daß sie vierzig Seiten von dem gelesen hatte, was sie sein »Manuskript-Buch« nannte. Sie sagte ihm, sie fände es nicht so gut wie seine anderen Bücher.

»Man kann nur schwer folgen. Es springt immer in der Zeit hin und her.«

»Technik«, sagte er. Er befand sich irgendwo zwischen »Schmerzen« und »keine Schmerzen«, daher konnte er ein wenig besser über das nachdenken, was sie sagte. »Technik, das ist alles. Das Thema … das Thema diktiert die Form.« Auf unbestimmte Weise ging er davon aus, daß solche Tricks des Schreibens sie interessieren, vielleicht sogar faszinieren würden. Gott, er wußte, sie hatten die Teilnehmer der Schriftsteller-Workshops fasziniert, die er ab und zu abgehalten hatte, als er noch jünger war. »Sehen Sie, der Verstand des Jungen ist verwirrt, und daher …«

»Ja! Er ist sehr verwirrt, und das macht ihn weniger interessant. Nicht uninteressant — ich bin mir sicher, Sie könnten sich gar keine uninteressante Person ausdenken —, aber weniger interessant. Und dann die Sprache! Jedes zweite Wort ist ein unanständiges Wort! Es hat …« Sie sprach unaufhörlich, während sie ihm die Suppe automatisch einflößte und, wenn er kleckerte, fast ohne hinzusehen sein Kinn abwischte, wie eine erfahrene Sekretärin es nicht nötig hat, auf die Tastatur der Schreibmaschine zu sehen; daher begriff er ohne Mühe, daß sie Krankenschwester war. Keine Ärztin, o nein; eine Ärztin hätte nicht gewußt, wann er sabbern würde, sie hätte auch nicht das Herabtropfen der Suppe so exakt vorhersehen können.

Wenn der Meteorologe, der diesen Sturm vorhergesagt hat, in seinem Job nur halb so gut gewesen wäre, wie Annie Wilkes in ihrem ist, dann wäre ich jetzt nicht in dieser verfluchten Scheißlage, dachte er verbittert.

»Es hat keine Noblesse!«, schrie sie plötzlich, sprang auf und schüttete ihm beinahe die Rindfleischsuppe in sein blasses, nach oben gerichtetes Gesicht.

»Ja«, sagte er geduldig. »Ich verstehe, was Sie meinen, Annie. Es ist richtig, daß Tony Bonasaro keine Noblesse hat. Er ist ein Junge aus den Elendsvierteln, der versucht, aus seiner schlimmen Umgebung herauszukommen, verstehen Sie, und was diese Worte anbelangt … jeder benutzt diese Worte in …«

»Sicher nicht!«, sagte sie und bedachte ihn mit einem warnenden Blick. »Was, glauben Sie, mache ich, wenn ich in die Futtermittelhandlung gehe? Was glauben Sie, was ich dort sage? ›Komm, Tony, gib mir eine Tüte von diesem verdammten Schweinefutter, alter Hurenbock, und dazu einen hurengroßen Sack Hühnermais und eine abgewichste Medizin gegen Ohrwürmer‹? Und was denken Sie, antwortet er mir? ›Hast verflucht recht, Annie, komm her, verflucht noch mal‹?«

Sie sah ihn an, und inzwischen sah ihr Gesicht aus wie ein Himmel, aus dem jeden Augenblick Tornados hervorspringen konnten. Er legte sich ängstlich zurück. Die Suppenschüßel zitterte in ihrer Hand. Ein oder zwei Tropfen fielen auf die Decke.

»Und dann gehe ich die Straße hinunter zur Bank und sage zu Mrs. Bollinger: ›Hier ist ein verdammt großer Scheißkerl von ’nem Scheck, und Sie geben mir jetzt besser fünfzig beschissene Dollars, so abgewichst schnell Sie nur können‹? Glauben Sie, als sie mich dort in den Zeugenstand schleppten, oben in Den…«

Ein Strahl schlammfarbener Rindfleischsuppe ergoß sich auf die Decke. Sie sah den Fleck an, dann ihn, und ihr Gesicht wurde runzlig wie ein schmutziges Laken. »Da! Sehen Sie, was ich durch ihre Schuld gemacht habe!«

»Tut mir leid.«

»Sicher! Sollte es auch«, kreischte sie und schleuderte die Schüßel in eine Ecke, wo sie zerschellte. Suppe spritzte an der Wand empor. Er sperrte den Mund auf.

Da schaltete sie ab. Sie saß vielleicht dreißig Sekunden vollkommen reglos da. Während dieser Zeit schien Paul Sheldons Herz überhaupt nicht zu schlagen.

Sie erwachte stufenweise wieder zum Leben, und plötzlich kicherte sie.

»Mein Temperament«, sagte sie.

»Tut mir leid«, sagte er mit trockener Kehle.

»Sollte es auch.« Ihr Gesicht erschlaffte wieder, und sie sah geistesabwesend zur Wand. Er dachte, sie würde wieder ausrasten, aber stattdessen hobe sie ihre Nase vom Bett.

»In den Misery-Büchern müßen Sie solche Ausdrücke nicht benutzen, weil man damals solche Ausdrücke überhaupt nicht kannte. Sie waren noch gar nicht erfunden. Schlimme Zeiten brauchen schlimme Wörter, nehme ich an, aber das damals war eine bessere Zeit. Sie sollten bei Ihren Misery-Büchern bleiben, Paul. Ich sage das im völligen Ernst. Als Ihr Fan Nummer eins.«

Sie ging zur Tür, wo sie sich zu ihm umdrehte. »Ich werde dieses Manuskript-Buch wieder in Ihre Tasche tun und statt dessen Miserys Kind weiterlesen. Vielleicht nehme ich mir das andere wieder vor, wenn ich damit fertig bin.«

»Tun Sie das nicht, wenn es Sie zu sehr aufregt«, sagte er. Er versuchte zu lächeln. »Es gefällt mir nicht, wenn Sie sich so aufregen. Ich bin nähmlich von Ihnen abhängig.«

Sie erwiderte sein Lächeln nicht. »Ja«, sagte sie. »Das sind Sie. Das sind Sie, nicht, Paul?«

Sie ging hinaus.

10

Die Flut ging zurück. Die Pfähle waren wieder sichtbar. Er wartete darauf, daß der Wecker klingeln würde. Die Wanduhr schlug zweimal. Er lag auf den aufgeschüttelten Kissen und behielt die Tür im Auge. Sie kam herein. Sie trug eine Schürze über dem Strickpullover und einem ihrer Röcke. In einer Hand hielt sie einen Putzeimer.

»Ich nehme an, Sie möchten Ihre Schlummermedizin«, sagte sie.

»Ja, bitte.« Er gab sich Mühe, sie gewinnend anzulächeln, und empfand wieder diese Scham — er kam sich selbst grotesk vor, wie ein Fremder.

»Ich habe sie«, sagte sie. »Aber zuerst muß ich den Schlamassel in der Ecke aufwischen. Den Schlamassel, den Sie gemacht haben. Sie müßen warten, bis ich das getan habe.«

Er lag im Bett, seine Beine bildeten unter der Decke ein Muster wie abgebrochene Zweige, kalter Schweiß rann ihm in kleinen Strömen das Gesicht herunter; er sah ihr zu, wie sie in die Ecke ging, den Eimer abstellte, und sich dann niederknite, um die Scherben der Schüßel aufzuheben, und sie brachte sie hinaus und sie kam zurück und kniete neben den Eimer nierder und fischte darin nach etwas und holte einen seifigen Lappen heraus und wrang ihn aus und begann, die angetrocknete Suppe von der Wand zu reiben. Er lag da und sah ihr zu und begann zu zittern, und das Zittern machte seine Schmerzen schlimmer, aber er konnte nichts dafür. Einmal drehte sie sich um und sah ihn zittern und das Bettlaken mit seinem Schweiß tränken, da sah sie ihn mit einem so verschlagenen und wissenden Lächeln an, daß er sie ohne weiteres hätte umbringen können.

»Es ist angetrocknet«, sagte sie und drehte das Gesicht wieder in die Ecke. »Ich fürchte, das wird eine Weile dauern, Paul.«

Sie schrubbte. Der Fleck verschwand langsam von der Wand, aber sie tauchte immer wieder den Lappen ein, wrang ihn aus, schrubbte und wiederholte dann den ganzen Vorgang. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber die Vorstellung — die Gewissheit —, daß sie wieder weggetreten war und die Wand noch stundenlang schrubben könnte, peinigte ihn.

Schließlich — kurz bevor die Uhr einmal schlug, also kurz vor zwei Uhr dreißig — stand sie auf und ließ den Lappen ins Wasser fallen. Ohne ein Wort trug sie den Eimer aus dem Zimmer. Er lag im Bett und lauschte dem Ächzen der Dielen, anhand dessen er abschätzen konnte, wo sich ihre Masse gerade befand, er hörte, wie sie das Wasser aus dem Eimer schüttete — und, unglaublich, das Aufdrehen des Hahns, als sie neues einließ. Er fing lautlos an zu weinen. Die Flut war noch niemals so weit zurückgegangen; er sah nichts anderes als trocknend eLehmfladen und die gesplitterten Pfähle, welche ihre ewigen schmerzenden Schatten warfen.

Sie kam zurück und blieb nur einen Augenblick unter der Tür stehen, wobei sie sein nasses Gesicht mit der Mischung aus Strenge und mütterlicher Liebe betrachtete. Dann glitt ihr Blick in die Ecke, wo keine Spur des Suppenflecks mehr zu sehen war.

»Jetzt muß ich nachwischen«, sagte sie, »sonst wird die Seife einen dunklen Fleck hinterlassen. Ich muß das alles machen; ich muß alles richtig machen. Wenn man allein lebt, so wie ich, ist das keine Entschuldigung, etwas schlampig auszuführen. Meine Mutter hatte einen Leitspruch, Paul, und nach dem lebe ich. ‘Einmal übel, nie mehr gut’, pflegte sie zu sagen.«

»Bitte«, stöhnte er. »Bitte, die Schmerzen, ich sterbe.«

»Nein. Sie sterben nicht.«

»Ich schreie«, sagte er und begann heftiger zu weinen. Das Weinen tat weh. Es tat seinen Beinen weh und seinem Herzen. »Ich kann nicht anders.«

»Dann schreien Sie«, sagte sie. »Aber vergessen Sie nicht, daß Sie diese Schweinerei gemacht haben. Nicht ich. Es ist einzig und allein Ihre Schuld.«

Irgendwie gelang es ihm, nicht zu schreien. Er sah zu, wie sie tauchte und wrang und spülte, tauchte und wrang und spülte. Dann endlich, als die Uhr — im Wohnzimmer, wie er vermutete — drei schlug, stand sie auf und ergriff den Eimer.

Sie wird jetzt hinausgehen. Sie wird hinausgehen, und ich werde hören, wie sie das Spülwasser in den Ausguß kippt, und dann kommt sie vielleicht stundenlang nicht zurück, weil sie noch nicht fertig damit ist, mich zu bestrafen.

Aber anstatt zu gehen, kam sie ans Bett und suchte in der Tasche ihrer Schürze. Sie holte nicht zwei Kapseln heraus, sondern drei.

»Hier«, sagte sie zärtlich.

Er stopfte sie sich in den Mund, und als er aufsah, konnter er sehen, wie sie ihm den gelben Putzeimer entgegenhielt. Er füllte schließlich sein ganzes Gesichtsfeld aus, einem herabrstürzenden Mond nicht unähnlich. Graues Wasser schwappte über den Rand auf die Bettdecke.

»Spülen Sie sie damit hinunter«, sagte sie. Ihre Stimme war immer noch zärtlich.

Er sah sie an, sein Gesicht war ganz Augen.

»Los doch«, sagte sie. »Ich weiß, daß Sie sie trocken hinunterschlucken können, aber glauben Sie mir, ich kenne Mittel und Wege, dafür zu sorgen, daß sie gleich wieder hochkommen. Schließlich ist es nur Wischwasser. Es wird Ihnen nicht schaden.«

Sie ragte wie ein Monolith über ihm auf und hielt den Eimer ein wenig geneigt. Er konnte sehen, wie sich der Lappen langsam in der grauen Brühe drehte wie ein ertrunkener Kadaver; er sah die dünne Schicht Seife obenauf schwimmen. Ein Teil von ihm stöhnte innerlich, aber nichts in ihm zögerte. Er trank hastig, spülte die Tabletten hinunter und stellte fest, daß der Geschmack wie damals war, wenn seine Mutter ihn gelegentlich gezwungen hatte, sich die Zähne mit Seife zu putzen.

Sein Magen drehte sich, und er gab einen erstickten Laut von sich.

»Ich würde mich nicht übergeben, Paul. Vor neun Uhr gibt es keine mehr.«

Sie sah ihn einen Moment mit ihrem leeren, nichtssagenden Blick an, dann leuchtete ihr Gesicht auf, und sie lächelte.

»Sie werden mich nie mehr so aufregen, nicht wahr?«

»Nein«, flüsterte er. Den Mond erzürnen, welcher die Gezeiten brachte? Was für eine schlimme Vorstellung!

»Ich liebe Sie«, sagte sie und küßte ihn auf die Wange. Sie ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, und trug den Putzeimer so, wie eine kräftige Bäuerin eine Milchkanne tragen mochte, ohne eingehend darüber nachzudenken, etwas vom Körper weg, damit nichts verschüttet wurde.

Er legte sich zurück und schmeckte Schrot und Gibs in Mund und Kehle. Schmeckte Seife.

Ich werde nicht kotzen … ich werde nicht kotzen … ich werde nicht kotzen.

Schließlich spürte er, wie dieser Gedanke weniger dringend wurde, und ihm wurde klar, daß er schlafen würde. Er hatte alles lange genug unten behalten, damit die Medizin ihre Wirkung tun konnte. Er hatte gewonnen.

Diesmal.

11

Er träumte, daß er von einem Vogel gefressen wurde. Es war kein guter Traum. Es tat einen Knall, und er dachte: Ja, gut, weiter so! Erschießt ihn! Erschießt das verdammte Vieh!

Dann erwachte er und wußte, es war lediglich Annie Wilkes, die die Hintertür zugeschlagen hatte. Sie war hinausgegangen, um die Hausarbeiten zu erledigen. Er hörte das Knirschen ihrer Schritte im Schnee. Sie ging an seinem Fenster vorbei; sie hatte einen Parka an und die Kapuze übergezogen. Ihr Atem wehte vor ihr her, bis er von ihrem sich vorwärts bewegenden Gesicht geteilt wurde. Sie sah nicht zu ihm herein, er vermutete, daß sie sich ganz auf die Arbeiten im Stall konzentrierte. Die Tiere füttern, den Stall ausmisten, vielleicht ein paar Zaubersprüche aufsagen — bei ihr hätte ihn das nicht verwundert. Der Himmel hatte eine dunkle Purpurfärbung — Sonnenuntergang. Siebzehn Uhr dreißig, vielleicht achtzehn Uhr.

Die Flut war noch nicht zurückgegangen, und er hätte wieder einschlafen können — er wollte wieder einschlafen —, aber er mußte über diese bizarre Situation nachdenken, solange er noch vernünftig denken konnte.

Das Schlimmste war seine Entdeckung, daß er nicht einmal, wenn er konnte, darüber nachdenken wollte, wenngleich ihm bewußt war, daß er der Situation nur dann ein Ende würde machen können, wenn er darüber nachdachte. Sein Verstand versuchte, das Thema von sich zu schieben, wie ein kleines Kind seinen Teller von sich schiebt, obwohl man ihm gesagt hat, daß es erst vom Tisch aufstehen darf, wenn es aufgegessen hat.

Er wollte nicht darüber nachdenken, weil es schon schlimm genug war, die Situation am eigenen Leib zu erleben. Er wollte nicht darüber nachdenken, weil ihn stets beunruhigende Gedanken heimsuchten, wenn er es tat — daß sie ausraten könnte, daß er, wenn er sie sah, stets an Götzenstatuen und Steinbilder denkten mußte, und jetzt der gelbe Plastikeimer, der wie ein Mond vor seinen Augen aufgegangen war. Wenn er daran dachte, so änderte das an seiner Situation nichts, tatsächlich war es sogar schlimmer, als überhaupt nichts zu denken, aber wenn er sich Annie Wilkes und seine Situation in ihrem Haus vergegenwärtigte, dann drängten sich ihm diese Gedanken unwillkürlich auf und verdrängten alle anderen. Sein Herz begann, zu schnell zu schlagen, größtenteils aufgrund seiner Angst, aber teilweise auch wegen seiner Scham. Er sah immer wieder, wie er die Lippen an diesen gelben Putzeimer presste, er sah das Spülwasser mit dem Seifenfilm und dem Putzlappen, der darin schwamm, das alles sah er, und dennoch hatte er getrunken und keinen Sekundenbruchteil gezögert. Er würde niemals jemandem davon erzählen, sollte er hier je wieder herauskommen, und er vermutete, er würde auch versuchen, sich selbst zu belügen, aber er wußte auch, daß es ihm niemals gelingen würde.

Doch so elend ihm auch war (sehr elend), er wollte dennoch leben.

Denk darüber nach, gottverdammt! Jesus Christus, bist du schon so feige geworden, daß du es nicht einmal mehr versuchen kannst?

Nein — aber fast so feige.

Dann kam ihm ein seltsamer, zorniger Gedanke: Sie mag das neue Buch nicht, weil sie zu dumm ist, es zu verstehen.

Der Gedanke war nicht nur seltsam; unter den gegebenen Umständen war es völlig einerlei, was sie von Schnelle Autos hielt. Aber über das nachzudenken, was sie gesagt hatte, war immerhin eine neue Richtung, und auf sie wütend zu sein, war besser, als vor ihr Angst zu haben, und daher konzentrierte er sich mit ziemlichem Eifer auf diese neuen Gedanken.

Zu dumm? Nein. Zu festgefahren. Nicht nur unwillig, sich zu verändern, sondern allein der Vorstellung einer Veränderung gegenüber ablehnend.

Ja. Und wenngleich sie verrückt war, unterschied sich ihre Aufnahme seines schriftstellerischen Werks wirklich so sehr von den Hunderttausenden anderer Menschen des Landes — neunzig Prozent davon Frauen —, die es kaum erwarten konnten, die neue fünfhundertseitige Episode aus dem turbulenten Leben des Findelkinds zu erfahren, das sich aufgemacht hatte, einen Edelmann aus der Gegend zu heiraten? Nein, überhaupt nicht. Sie wollten Misery, Misery, Misery. Jedes Mal, wenn er eine Pause von einem oder zwei Jahren gemacht hatte, um einen der anderen Romane zu schreiben — die er als seine »ernsthaften« Arbeiten betrachtete, und zwar anfangs mit Gewissheit, dann mit Hoffnung und schließlich mit einer Art von grimmiger Verzweiflung —, hatte er eine wahre Flut von Protestbriefen von diesen Frauen erhalten, von denen viele ihrerseits als »Ihr Fan Nummer eins« unterschrieben waren. Der Tonfall dieser Briefe variierte von Bestürzung (irgendwie schmerzte das immer am meisten) über Mißbilligung bis hin zu offenem Zorn, aber die Aussage war stets dieselbe: Es ist nicht das, was ich erwartet hatte, es ist nicht das, was ich wollte. Bitte schreiben Sie wieder über Misery. Ich möchte wissen, was Misery weiter tut. Er konnte ein modernes Unter dem Vulkan, Tess von den d’Urbervilles oder Schall und Wahn schreiben; es wäre einerlei. Sie wollten Misery, Misery, Misery.

Man kann nur schwer folgen … das macht ihn weniger interessant … Und dann die Sprache!

Wut loderte in ihm empor. Wut über ihre verstockte Festigkeit, Wut darüber, daß sie ihn tatsächlich hatte entführen können — daß sie ihn hier als Gefangenen halten und ihn zu der Entscheidung zwingen konnte, schmutziges Wischwasser aus einem Putzeimer zu trinken oder unter den Schmerzen seiner zerbrochenen Beine zu leiden — und dann, zu alledem — auch noch die Dreistigkeit aufzubringen, das Beste zu kritisieren, das er jemals geschrieben hatte.

»Scheiß auf dich und deine unanständigen Worte, die du nicht leiden kannst«, sagte er, und mit einem Mal fühlte er sich besser, fühlte sich wieder als er selbst, auch wenn er wußte, daß dieses Rebellieren bemitleidenswert und sinnlos war — sie war im Stall, wo sie ihn nicht hören konnte, und die Flut hatte die Pfähle sicher überspült. Dennoch …

Er erinnerte sich daran, wie sie hereingekommen war, ihm die Kapseln vorenthalten hatte und um die Erlaubnis bat, das Manuskript von Schnelle Autos lesen zu dürfen. Er spürte, wie Scham und Demütigung sein Gesicht heiß werden ließen, aber nun hatte sich echte Wut dazugesellt: Sie war von einem Funken zu einem lodernden Flammenmeer geworden. Er hatte niemals jemandem ein Manuskript gezeigt, bevor er es korrigiert und neu abgetippt hatte. Niemals. Nicht einmal Bryce, seinem Agenten. Niemals. Er hatte nicht einmal …

Einen Augenblick brach seine Gedankenkette einfach ab. Er hörte das leise Muhen einer Kuh.

Nun, er hatte nicht einmal eine Kopie gemacht, bevor er die korrigierte Fassung fertig hatte.

Das Manuskript von Schnelle Autos, das sich jetzt in Annie Wilkes’ Besitz befand, war tatsächlich das einzige Exemplar auf der ganzen Welt. Er hatte sogar seine Notizen verbrannt.

Zwei Jahre harter Arbeit; es gefiel ihr nicht, und sie war verrückt.

Sie mochte Misery; Misery galt ihr ganzes Interesse, nicht irgendeinem fluchenden kleinen Autodieb aus Spanish Harlem.

Er erinnerte sich daran, daß er gedacht hatte: Meinethalben kannst du Papierhüte aus den Manuskriptseiten falten, wenn du möchtest, aber … bitte

Wut und Demütigung brandeten wieder heran und weckten das erste dumpfe Pochen in seinen Beinen. Ja. Die Arbeit, der Stolz auf die Arbeit, der Wert der Arbeit selbst … all diese Dinge verblassten zu den Laterna Magica-Schatten, die sie im Grunde genommen waren, wenn die Schmerzen schlimm genug wurden. Daß sie ihm das antat — daß sie ihm das antun konnte, wo er doch sein gesamtes erwachsenes Leben in der Gewissheit verbracht hatte, daß das Wort Schriftsteller die wichtigste Definition seiner selbst war —, ließ sie vollkommen monströs erscheinen, ein Ding, dem er entkommen mußte. Sie war wirklich ein Götze, und wenn sie ihn nicht umbrachte, dann sicher das, was in ihm war.

Jetzt hörte er das gierige Grunzen des Schweins — sie hatte gedacht, es würde ihn kränken, aber er fand, Misery war ein ausgezeichneter Name für ein Schwein. Er erinnerte sich daran, wie sie es nachgeahmt hatte, wie sie die Oberlippe zur Nase hin hochgewölbt hatte, wie die Wangen scheinbar flacher geworden waren, wie sie einen Augenblick tatsächlich wie ein Schwein ausgesehen hatte: Oiink! OIIINKK!

Aus dem Stall vernahm er ihre Stimme: »Schweiiiin-chen! Put-put-put!«

Er legte sich zurück, bedeckte die Augen mit einem Arm und versuchte, sich an seine Wut zu klammern, denn mit dieser Wut fühlte er sich tapfer. Ein tapferer Mann konnte denken. Ein Feigling nicht.

Er hatte es mit einer Frau zu tun, die Krankenschwester gewesen war — dessen war er sich ganz sicher. War sie noch Krankenschwester? Nein, denn sie ging nicht zur Arbeit. Weshalb ging sie ihrem Beruf nicht mehr nach? Das schien auf der Hand zu liegen. Sie hatte eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und wenn er das selbst durch den Schleier der Schmerzen, in denen er lebte, bemerkt hatte, dann mußte es ihren Kollegen sicher auch aufgefallen sein.

Zudem verfügte er über ein paar zusätzliche Informationen, um zu beurteilen, wie viele Tassen sie nicht mehr im Schrank hatte, oder? Sie hatte ihn aus dem Wrack seines Autos gezerrt, und anstatt die Polizei oder einen Krankenwagen zu rufen, hatte sie ihn in ihr Gästezimmer gebracht, hatte ihm Injektionsnadeln in den Arm gestochen und eine ganze Menge Drogen in seinen Körper gepumpt. So viel, daß er mindestens einmal eine Atemlähmung gehabt hatte, wie sie es ausdrückte. Sie hatte niemandem erzählt, daß er hier war, und daß sie das bisher nicht getan hatte, bedeutete zwangsläufig auch, daß sie es auch weiterhin nicht vorhatte.

Hätte sie ebenso gehandelt, wenn sie Joe Blow aus Kokomo am Unfallort gefunden hätte? Nein. Nein, das glaubte er nicht. Sie hatte ihn bei sich behalten, weil er Paul Sheldon war, und sie

»Sie ist mein Fan Nummer eins«, murmelte Paul und bedeckte die Augen wieder mit seinem Arm.

Dort, in der Dunkelheit, erblühte eine schreckliche Erinnerung: Seine Mutter hatte ihn mit in den Zoo in Boston genommen, und er hatte einen riesengroßen Vogel angesehen. Er hatte die schönsten Federn — rot, purpurn und königsblau — gehabt, die er jemals gesehen hatte … und die traurigsten Augen. Er hatte seine Mutter gefragt, woher der Vogel stammte, und als sie Afrika geantwortet hatte, da war ihm klar geworden, daß das Tier dazu verdammt war, in diesem Käfig zu sterben, fern von dort, wo es nach Gottes Fügung eigentlich sein sollte, und er hatte geweint, und seine Mutter hatte ihm eine Eistüte gekauft, und eine Weile hatte er aufgehört zu weinen, aber dann war es ihm wieder eingefallen, und er hatte wieder angefangen, und sie hatte ihn nach Hause gebracht und hatte ihm während der Fahrt in der Straßenbahn gesagt, daß er eine Heulsuse und ein Schwächling war.

Die Federn. Die Augen.

Das Pulsieren in seinen Beinen begann sich zu beschleunigen.

Nein. Nein, nein.

Er presste die Ellbogenbeuge fester auf die Augen. Aus dem Stall konnte er in Abständen polternder Geräusche vernehmen. Selbstverständlich konnte er unmöglich erkennen, was sie waren, aber in seiner Fantasie

(Ihren VERSTAND Ihre KREATIVITÄT das habe ich gemeint)

konnte er sehen, wie sie mit den Absätzen ihrer Stiefel Heuballen vom Dachschober herunterkickte, konnte sie auf den Stallboden purzeln sehen.

Afrika. Dieser Vogel kommt aus Afrika. Aus

Dann hörte er in Gedanken plötzlich ihre schrille, schreiende Stimme, die seine Gedanken vorher wie mit einem Messer abschnitt: Glauben Sie, als sie mich dort in den Zeugenstand schleppten, oben in Den

In den Zeugenstand. Als sie mich in den Zeugenstand schleppten, oben in Denver.

Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe?

(»Ich weiß gar nicht, woher er das hat.«)

Ich schwöre.

(»Er schreibt IMMER solche Sachen auf.«)

Nennen Sie uns Ihren Namen.

(»Niemand in MEINEM Zweig der Familie hatte eine so blühende Fantasie.«)

Annie Wilkes.

(»So lebhaft!«)

Mein Name ist Annie Wilkes.

Er wollte sie dazu bringen, mehr zu sagen; sie wollte nicht.

»Komm schon«, murmelte er, den Arm über den Augen — so konnte er am besten denken, konnte sich am besten etwas vorstellen. Seine Mutter erzählte Mrs. Mulvaney auf der anderen Seite des Zauns gern, was für eine blühende, lebhafte Fantasie er hatte, was für reizende kleine Geschichten er immer aufschrieb (ausgenommen natürlich, wenn sie ihn eine Heulsuse und einen Schwächling nannte). »Komm schon, komm schon, komm schon.«

Er konnte den Gerichtssaal in Denver sehen, konnte Annie Wilkes im Zeugenstand sehen, sie trug jetzt keine Jeans, sondern ein rustikales purpur-schwarzes Kleid und einen grässlichen Hut. Er konnte sehen, daß der Gerichtssaal voll von Zuschauern war, daß der Richter kahlköpfig war und eine Brille aufhatte. Der Richter hatte einen weißen Schnurrbart. Unter dem weißen Schnurrbart hatte er ein Muttermal. Der weiße Schnurrbart bedeckte es größtenteils, aber nicht ganz.

Annie Wilkes.

(»Mit drei konnte er schon lesen! Können Sie sich das vorstellen!«)

Dieser Geist von … von Fans-Liebe

(»Er schreibt ständig etwas auf, denkt sich ständig etwas aus.«)

Jetzt muß ich nachwischen.

(»Afrika. Dieser Vogel kommt aus«)

»Komm schon«, flüsterte er, aber er kam nicht weiter. Der Verteidiger bat sie, ihren Namen zu nennen, und sie wiederholte immer wieder, daß sie Annie Wilkes war, aber mehr sagte sie nicht; sie saß mit ihrem faserigen und soliden, geheimnisvollen Körper, der die Luft verdrängte, einfach nur da und sagte immer wieder ihren Namen, aber mehr nicht.

Während er immer noch darüber nachdachte, weshalb die ehemalige Krankenschwester, die ihn als Gefangenen hielt, eines Tages in Denver im Zeugenstand gewesen war, schlief Paul Sheldon ein.

12

Er befand sich auf einer Krankenstation. Große Erleichterung überkam ihn — so stark, daß er fast geweint hätte. Etwas war geschehen, während er schlief, jemand war gekommen, oder vielleicht hatte Annie es sich doch irgendwie anders überlegt. Es spielte keine Rolle. Er war im Haus der Monsterfrau eingeschlafen und er war im Krankenhaus aufgewacht.

Aber sie hätten ihn doch sicher nicht auf eine so große Station gebracht? Sie war ja so groß wie ein Flugzeughangar! Und voll von identischen Reihen von Männern (mit identischen Flaschen voll Nährlösung, die von identischen IV-Gestellen neben ihren Betten herabhingen). Er richtete sich auf und sah, daß die Männer ebenfalls alle identisch waren — sie alle waren er. Dann hörte er in der Ferne eine Uhr schlagen, und er begriff, daß das Läuten von jenseits der Mauer des Schlafes zu ihm drang. Dies war ein Traum. Seine Erleichterung wurde von Traurigkeit abgelöst.

Die Tür am anderen Ende der riesigen Station wurde geöffnet, und Annie Wilkes kam herein — aber sie hatte ein langes Schürzenkleid an und trug eine Plezmütze auf dem Kopf; sie war wie Misery Chastain in Miserys Liebe angezogen. Über einem Arm hielt sie einen Weidenkorb. Der Inhalt war mit einem Handtuch zugedeckt. Unter seinen Blicken schlug sie das Handtuch zurück. Sie griff hinein, holte eine Handvoll einer Substanz heraus und schleuderte sie dem ersten schlafenden Paul Sheldon ins Gesicht. Er sah, daß es sich um Sand handelte — dies war Annie Wilkes, die so tat, als wäre sie Misery Chastain, die so tat, als wäre sie der Sandmann. Die Sandfrau.

Dann sah er, daß das Gesicht des ersten Paul Sheldon zu etwas abstoßend Weißem verbrannte, als es von dem Sand berührt wurde, und Angst ergriff ihn und riß ihn aus dem Traum heraus und ins Schlafzimmer, wo Annie Wilkes über ihn gebeugt stand. In einer Hand hielt sie das umfangreiche Taschenbuch Miserys Kind. Das Lesezeichen verriet, daß sie etwa zwei Drittel davon gelesen hatte.

»Sie haben gestöhnt«, sagte sie.

»Ich hatte einen schlechten Traum.«

»Wovon?«

Er sagte das Erste, was ihm einfiel, das nicht der Wahrheit entsprach.

»Afrika.«

13

Am nächsten Morgen kam sie zu spät, und ihr Gesicht hatte die Farbe von Asche. Er hatte gedöst, aber er wurde auf der Stelle wach und stützte sich auf die Ellbogen.

»Miss Wilkes? Annie? Alles in O…«

»Nein.«

Herrgott, sie hatte einen Herzanfall, dachte er und war einen Augenblick in Panik, die sich jedoch unverzüglich in Freude verwandelte. Sollte sie doch einen haben! Einen schweren! Ein ganz verdammten Brustaufreißer! Er wäre mehr als froh, auf dem Boden zum Telefon zu kriechen, wie sehr es auch schmerzen würde. Er würde über Glasscherben zum Telefon kriechen, sollte es nötig sein.

Und es war ein Herzanfall … aber nicht der richtige.

Sie kam auf ihn zu, nicht gerade taumelnd, aber schlingernd, ein wenig wie ein Matrose, der nach einer langen Fahrt übers Meer zum ersten Mal wieder Land unter den Füßen spürt.

»Was …« Er versuchte sich vor ihr zu ducken, aber es gab kein Entkommen. Er hatte das Kopfteil des Bettes hinter sich und dahinter die Wand.

»Nein!« Sie erreichte die Seite des Bettes, stieß dagegen, schwankte und drohte einen Augenblick, auf ihn zu fallen. Dann stand sie einfach nur da, sah mit einem papierweißen Gesicht auf ihn herunter, die Sehnen in ihrem Nacken standen hervor, und eine Ader pulsierte mitten auf ihrer Stirn. Sie öffnete schnappend die Hände, ballte sie zu soliden felsähnlichen Fäusten und öffnete sie wieder.

»Sie … Sie … Sie Schmutzfink!«

»Was … ich verstehe nicht …« Aber dann verstand er, und seine gesamte Körpermitte schien mit einem Mal hohl zu werden und dann ganz zu verschwinden. Er erinnerte sich daran, wo gestern Abend ihr Lesezeichen gewesen war, sie hatte zwei Drittel des Buches hinter sich gehabt. Sie hatte es zu Ende gelesen. Sie wußte jetzt alles, was sie wissen mußte. Sie wußte, daß Misery gar nicht die Unglückliche war, sondern Ian. Sie saß in ihrem Wohnzimmer gesessen, das er immer noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, und hatten den Mund klaffend aufgesperrt und die Augen aufgerissen, als Misery schließlich die Wahrheit erkannte, ihre Entscheidung fällte und zu Geoffrey ging? Hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt, als ihr klar wurde, daß Misery und Geoffrey keineswegs eine heimliche Affäre hinter dem Rücken des Mannes hatten, den sie beide liebten, sondern ihm das größte Geschenk machten, dessen sie fähig waren — das Geschenk eines Kindes, welches er für sein eigenes halten würde? Hatte ihr Herz schneller geschlagen, als Misery Ian offenbarte, daß sie schwanger war, und Ian sie an sich gepresst und immer wieder gemurmelt hatte, während ihm Tränen aus den Augen liefen: »Meine Liebste, oh, meine Liebste!«? In diesen wenigen Sekunden war er sich sicher, daß alles genau so gewesen war. Aber anstatt vor fassungslosem Kummer zu weinen, wie sie es hätte tun sollen, als Misery auf dem Kindbett ihr Leben aushauchte, als sie den Jungen gebar, den Ian und Geoffrey wahrscheinlich gemeinsam großziehen würden, war sie wie von Sinnen vor Zorn.

»Sie kann nicht tot sein!«, schrie Annie Wilkes ihn an. Ihre Hände öffneten und ballten sich in einem immer schnelleren Rhythmus. »Misery Chastain KANN NICHT TOT SEIN!«

»Annie … Annie, bitte …«

Auf dem Nachttisch stand ein Glaskrug voll mit Wasser. Sie ergriff ihn und schüttete den Inhalt auf ihn. Kaltes Wasser spritzte ihm ins Gesicht. Ein Eiswürfel landete neben seinem linken Ohr und rutschte auf dem Kissen hinab und in die Mulde an seiner Schulter. In Gedanken

(»So lebhaft!«)

sah er, wie sie mit dem Krug auf sein Gesicht einschlug, sah sich an Schädelbasisbruch und Gehirnblutung inmitten einer kalten Flut von Eiswasser sterben, während sich Gänsehaut auf seinen Armen bildete.

Sie wollte es tun; darin bestand kein Zweifel.

Im allerletzten Augenblick jedoch riß sie den Krug von ihm weg und schleuderte ihn stattdessen zur Tür, wo er zerschellte wie zuvor die Suppenschüßel.

Sie sah ihn wieder an und strich sich mit den Handrücken das graumelierte Haar aus dem Gesicht — zwei harte kleine Flecken von Rot waren inzwischen in dem Weiß erblüht.

»Schmutzfink!«, keuchte sie. »Oh, Sie elender Schmutzfink, wie konnten Sie nur!«

Sie sprach hastig und gepresst, ihre Augen blitzen wie auf dem Gesicht angebrachte Nieten — er war sich in diesem Augenblick ganz sicher, daß sein Leben davon abhing, was er in den nächsten zwanzig Sekunden sagte.

»Annie, im Jahre 1871 kam es nicht selten vor, daß Frauen im Kindbett starben. Misery gab ihr Leben für ihren Mann und ihren besten Freund und ihr Kind. Der Geist von Misery wird immer …«

»Ich will nicht ihren Geist!«, kreischte sie, formte die Finger zu Krallen und fuchtelte vor seinem Gesicht herum, als wollte sie ihm die Augen auskratzen. »Ich möchte sie! Sie haben sie umgebracht! Sie haben sie ermordet!« Sie ballte die Hände wieder zu Fäusten und stieß die Arme wie Kolben herunter, auf jeder Seiten seines Kopfes einen. Sie bohrten sich tief in die Kissen, und er wurde herumgeschleudert wie eine Flickenpuppe. Seine Beine loderten, und er schrie auf.

»Ich habe sie nicht umgebracht!«, schrie er.

Sie erstarrte und betrachtete ihn mit diesem verkniffenen schwarzen Gesichtsausdruck — dem Ausdruck der Kluft.

»Natürlich nicht«, sagte sie verbittert und sarkastisch. »Und wenn nicht Sie, Paul Sheldon, wer dann?«

»Niemand«, sagte er leiser. »Sie ist einfach gestorben.«

Letztlich, wußte er, entsprach das der Wahrheit. Wäre Misery Chastain eine reale Person gewesen, hätte er, darüber war er sich im Klaren, durchaus von der Polizei gebeten werden können, »die Polizei bei ihren Ermittlungen zu unterstützen«, wie die offizielle Formulierung lautete. Schließlich hatte er ein Motiv — er hatte sie gehasst. Seit dem dritten Buch hatte er sie gehasst. Vor vier Jahren hatte er zum ersten April privat eine schmale Broschüre binden lassen, die er an ein Dutzend enger Freunde verschickt hatte. Sie trug den Titel Miserys Hobby. Darin verbrachte Misery ein ausgelassenes Wochenende auf dem Lande, wo sie Growler, Ians geliebten Irish Setter, bumste.

Er hätte sie ermorden können … aber er hatte es nicht getan. Letztlich war Miserys Tod, wenngleich er sie zunehmend verabscheute, eine Überraschung für ihn gewesen. Er war sich selbst bis zuletzt treu geblieben und hatte die Kunst das Leben nachahmen lassen, wie blaß auch immer, bis Miserys abgedroschene Abenteuer endeten. Sie war eines sehr unerwarteten Todes gestorben. Auch seine fröhlichen Kapriolen konnten daran daran nichts ändern.

»Sie lügen«, flüsterte Annie. »Ich dachte, Sie wären gütig, aber das sind Sie nicht. Sie sind nichts weiter als ein verlogener alter Schmutzfink.«

»Sie ist entschlafen, das ist alles. Das passiert manchmal. Wie im wirklichen Leben, wenn jemand plötzlich …«

Sie warf den Nachttisch neben dem Bett um. Die flache Schublade fiel heraus. Seine Armbanduhr und das Kleingeld, das er in der Tasche gehabt hatte, fiel mit heraus. Er drängte sich noch weiter von ihr weg.

»Sie müßen denken, ich bin von vorgestern«, sagte sie. Sie rollte die Lippen von den Zähnen zurück. »Ich habe während meiner Arbeit Dutzende Menschen sterben sehen — Hunderte, wenn ich genau darüber nachdenke. Manchmal gehen sie schreiend und manchmal gehen sie im Schlaf — sie entschlafen einfach, genau wie Sie gesagt haben.

Aber Figuren in Büchern entschlafen NICHT einfach so! Gott holt uns zu sich, wenn er befindet, daß unsere Zeit gekommen ist, und für die Personen in seiner Geschichte ist der Schriftsteller Gott, er hat sie gemacht, so wie Gott UNS gemacht hat, und niemand kann sich direkt an Gott wenden verlangen, daß er eine Erklärung gibt, gut, okay, aber was Misery anbelangt, so will ich Ihnen eines sagen, Sie Schmutzfink, ich will Ihnen sagen, daß Gott zufällig zwei gebrochene Beine hat und sich in MEINEM Haus aufhält und MEIN Essen ißt und …«

Da schaltete sie wieder ab. Sie richtete sich auf, die Arme hingen schlaff zu ihren Seiten herab, und sie sah zur Wand, wo eine alte Fotografie des Triumphbogens hing. Sie stand da, und Paul lag in dem Bett, runde Abdrücke im Kissen neben seinen Ohren, und sah zu ihr auf. Er konnte das Wasser aus dem Krug auf den Boden tropfen hören, und er dachte darüber nach, daß er einen Mord begehen konnte. Das war eine Frage, die er sich von Zeit zu Zeit gestellt hatte, selbstverständlich rein akademisch, aber jetzt war sie das nicht mehr, und er wußte die Antwort. Wenn sie den Krug nicht geworfen hätte, dann hätte er ihn selbst auf dem Boden zerschmettert und versucht, ihr mit einer Scherbe die Kehle aufzuschlitzen, während sie so reglos wie ein Schirmständer über ihn gebeugt gewesen war.

Er sah nach unten, was sich aus der Schublade ergossen hatte, aber da war nur das Kleingeld, ein Kugelschreiber, ein Kamm und seine Uhr. Keine Brieftasche. Noch entscheidender: kein Schweizer Taschenmesser.

Sie kam stufenweise und allmählich wieder zurück, und nun war immerhin ihr Zorn verraucht. Sie sah traurig auf ihn herab.

»Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe. Ich glaube, ich sollte Ihnen eine Zeitlang aus dem Weg gehen. Bei Ihnen zu bleiben wäre nicht gerade … klug.«

»Gehen? Wohin?«

»Spielt keine Rolle. Einen Ort, den ich kenne. Wenn ich hierbleibe, werde ich etwas Unkluges tun. Ich muß nachdenken. Auf Wiedersehen, Paul.« Sie durchquerte das Zimmer.

»Kommen Sie zurück, um mir meine Medizin zu geben?«, fragte er aufgeschreckt.

Sie ergriff den Türknauf und zog die Tür zu, ohne ihm eine Antwort zu geben. Zum ersten Mal hörte er, wie ein Schlüssel umgedreht wurde.

Er hörte ihre Schritte den Flur entlang verschwinden; er zuckte zusammen, als er sie wütend herumbrüllen hörte — Worte, die er nicht verstehen konnte, und wieder etwas zerschellte. Eine Tür wurde zugeschlagen. Ein Motor keuchte und sprang an. Das leise, knirschende Quietschen von Reifen, die auf festgestampftem Schnee anfahren. Dann wurde der Motorenlärm leiser. Er wurde zu einem Brummen, dann zu einem Summen, dann war er gar nicht mehr zu hören.

Er war allein.

Allein in Annie Wilkes’ Haus, in diesem Zimmer eingesperrt. An dieses Bett gefesselt. Die Entfernung zwischen hier und Denver war wie … nun, wie die Entfernung zwischen dem Zoo von Boston und Afrika.

Er lag auf dem Bett und sah zur Decke, seine Kehle war trocken, und sein Herzschlag raste.

Nach einer Weile schlug die Uhr im Wohnzimmer Mittag, und die Flut begann zurückzugehen.

14

Einundfünfzig Stunden.

Er wußte es genau dank des Stiftes, des Flair-Fineliners, den er zum Zeitpunkt des Unfalls in der Tasche gehabt hatte. Es war ihm gelungen, sich zum Boden zu beugen und ihn aufzuheben. Jedesmal, wenn die Uhr schlug, machte er eine Zeichen auf seinem Arm — vier vertikale Linien, dann eine Diagonale, die das Quintett vervollständigte. Als sie zurückkam, hatte er zehn Fünferblöcke und einen Einzelstrich. Die kleinen Gruppen waren anfangs ordentlich, wurden aber zunehmend verwackelter, als seine Hände zu zittern angefangen hatten. Er glaubte nicht, daß ihm eine einzige Stunde entgangen war. Er hatte gedöst, aber niemals richtig geschlafen. Das Läuten der Uhr weckte ihn jedes Mal, wenn eine Stunde verstrichen war.

Nach einer Weile begann er Hunger und Durst zu verspüren — trotz der Schmerzen. Es wurde zu einer Art Pferderennen. Anfangs lag König des Schmerzes Längen voraus, Ich Habe Hunger lag zwölf Pferdelängen zurück. Verdammt Durstig war im Staub fast nicht zu sehen. Dann, bei Sonnenuntergang am Tag, nachdem sie fortgegangen war, ließ Ich Habe Hunger den bislang führenden König des Schmerzes sogar ein wenig hinter sich zurück.

Den größten Teil der Nacht hatte er abwechselnd gedöst oder war in kalten Schweiß gebadet und von der Gewissheit erfüllt erwacht, daß er sterben würde. Nach einer Weile begann er zu hoffen, daß er sterben würde. Alles wäre ihm recht gewesen, um aus seiner Lage zu entfliehen. Er hatte bisher keine Ahnung gehabt, wie schlimm Schmerzen werden konnten. Die Pfähle wuchsen und wuchsen. Er konnte die Muskeln sehen, welche sie verkrusteten, konnte bleiche, ertrunkene Dinge erkennen, die in den Fugen des Holzes lagen. Sie gehörten zu den Glücklichen. Für sie hatte das Leid ein Ende. Gegen drei Uhr hatte er einen sinnlosen Schreikrampf …

Am Mittag des zweiten Tages — vierundzwanzigste Stunde — wurde ihm schließlich klar, daß ihn noch etwas anderes quälte, so schlimm die Schmerzen in seinen Beinen und dem Becken auch waren. Es war der Entzug. Dieses Pferd konnte er Junkies Rache nennen, wenn er wollte. Er brauchte die Kapseln in mehr als einer Hinsicht.

Er dachte daran zu versuchen, vom Bett aufzustehen, aber der Gedanke an den Sturz und die damit verbundene Eskalation des Schmerzes hielt ihn davon ab. Er konnte sich nur zu gut vorstellen,

(»So lebhaft!«)

wie es sich anfühlen würde. Er hätte es vielleicht dennoch versucht, aber sie hatte die Tür abgeschlossen. Was konnte er anderes tun, als wie eine Schlange dorthin zu kriechen und dann davor liegen zu bleiben?

In seiner Verzweiflung schlug er zum ersten Mal mit den Händen die Decke zurück und hoffte, daß es nicht so schlimm sein würde, wie die Formen unter der Decke erahnen ließen. Es war nicht so schlimm; es war schlimmer. Voller Entsetzen starrte er das an, was unterhalb der Knie aus ihm geworden war. In Gedanken hörte er die Stimme von Ronald Reagan in Kings Row, die kreischte: »Wo ist der Rest von mir?«

Der Rest von ihm war da, und es bestand vielleicht die Hoffnung, es zu überstehen; die Aussichten darauf schienen nun ferner denn je, aber er vermutete, daß es technisch möglich war … doch es war durchaus möglich, daß er nie wieder gehen konnte — sicherlich nicht bevor seine Beine nochmals gebrochen worden waren, möglicherweise an mehreren Stellen gleichzeitig, mit Stahl aneinandergeklammert, gnadenlos generalüberholt und fünfzig anderen schmerzhaften Unwürdigkeiten unterzogen.

Sie hatte sie geschient — selbstverständlich hatte er das gewußt, hatte er doch die starren, unnachgiebigen Formen gespürt, aber bis jetzt hatte er nicht gewußt, womit sie es gemacht hatte. Seine Schienbeine waren mit kurzen Stahlrohren geschient worden, die wie abgesägte Teile von Aluminiumkrücken aussahen. Diese Stangen hatte sie dicht mit Klebeband umwickelt, so daß er vom Knie abwärts ein wenig wie Im-Ho-Tep aussah, als dieser in seiner Gruft gefunden wurde. Die Beine selbst ähnelten bis zu den Knien auf seltsame Weise Meandern: hier ein Knick nach außen, dort nach innen verdreht. Sein linkes Knie — ein pulsierendes Schmerzzentrum — schien überhaupt nicht mehr zu existieren. Da war eine Schienbein, ein Schenkel, und dazwischen ein übelkeiterregendes Etwas, das an eine Salzkuppel erinnerte. Die Schenkel waren böse geschwollen und schienen ein klein wenig nach außen gekrümmt zu sein. Schenkel, Schritt, sogar sein Penis waren immer noch mit verblassenden Blutergüßen bedeckt.

Er hatte gedacht, seine Schienbeine wären gebrochen. Das war nicht so, wie sich herausstellte. Sie waren pulverisiert.

Stöhnend und weinend zog er die Decke wieder darüber. Es war unmöglich, sich aus dem Bett zu wälzen. Es war besser, hier zu sterben, besser, diese Ebene des Schmerzes zu akzeptieren, so unerträglich sie auch war, bis aller Schmerz ein Ende hatte.

Gegen vier Uhr am zweiten Tag holte Verdammt Durstig schließlich auf. Er hatte schon eine ganze Weile bemerkt, wie trocken sein Mund und die Kehle waren, aber nun schien das Gefühl deutlicher zu werden. Seine Zunge fühlte sich zu dick und zu groß an. Geschwollen und schmerzend. Er fing an, an den Krug zu denken, den sie ausgeschüttet hatte.

Er döste, erwachte, döste.

Der Tag ging zu Ende. Es wurde Nacht.

Er mußte urinieren. Er legte die Bettdecke über den Penis, um einen behelfsmäßigen Filter herzustellen, und urinierte durch diesen hindurch in seine hohlen und zitternden Hände. Er versuchte, es als Recycling zu sehen, und trank das wenige, was er hatte halten können, aus der hohlen Hand, dann leckte er sich die feuchten Handflächen ab. Auch das war etwas, wovon er keinem erzählen würde, sollte es ihm jemals gelingen, aus dieser mißlichen Lage zu entkommen.

Er fing an zu glauben, daß sie tot war. Sie war zutiefst labil, und labile Menschen nahmen sich manchmal das Leben. Er sah sie mit Old Bessie an den Straßenrand fahren, eine Kaliber 44 unter dem Sitz hervorholen, sie in den Mund schieben und sich damit erschießen. »Wenn Misery tot ist, möchte ich auch nicht mehr leben. Adieu, grausame Welt!«, schrie Annie durch den Schleier ihrer Tränen und zog den Abzug.

Er kicherte, dann stöhnte er, dann schrie er. Der Wind schrie mit ihm … aber ansonsten nahm er keine Notiz von ihm.

Oder ein Unfall? War das möglich? O ja, Sir! Er sah sie, wie sie grimmig und viel zu schnell fuhr, und dann

(»Von MEINER Seite der Familie hat er das nicht!«)

schaltete sie plötzlich ab und kam sofort von der Straße ab. Abwärts, abwärts, abwärts. Ein Aufprall, dann explodierte sie in einem Feuerball und starb, ohne es überhaupt zu merken.

Wenn sie tot war, dann würde er hier sterben, wie eine Ratte in der Falle.

Er hoffte darauf, daß die Bewußtlosigkeit kommen und ihn erlösen würde; aber die Bewußtlosigkeit dachte gar nicht daran; stattdessen kam Stunde Nummer dreißig, dann Stunde Nummer vierzig; jetzt verschmolzen König des Schmerzes und Verdammt Durstig zu einem einzigen Pferd (Ich Habe Hunger war schon lange zurückgefallen und weit abgeschlagen im Staub), und er fühlte sich wie ein Stück lebendes Gewebe auf einem Träger oder ein Wurm am Haken — jedenfalls wie etwas, was sich endlos wand und krümmte und nur darauf wartete zu sterben.

15

Als sie hereinkam, da dachte er zuerst, sie müßte ein Traum sein, aber dann gewann die Realität — oder lediglich das nackte Überleben — die Oberhand, und er fing an, zu stöhnen und zu betteln und zu flehen, alles gebrochen, alles aus einem tiefen Brunnen der Unwirklichkeit heraus. Das Einzige, was er deutlich sah, war, daß sie ein dunkelblaues Kleid trug und einen Hut mit Zweigen aufhatte — ganz genau die Kleidung, in der er sie sich im Zeugenstand in Denver vorgestellt hatte.

Sie hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, ihre Augen funkelten vor Lebhaftigkeit und Vitalität. Sie war so hübsch, wie Annie Wilkes es wohl überhaupt sein konnte, und wenn er später versuchte, sich an diese Szene zu erinnern, dann sah er in aller Deutlichkeit nur die leuchtenden Wangen und den Hut mit den Zweigen vor sich. Aus einem letzten Bollwerk geistiger Gesundheit und klarer Urteilsfähigkeit heraus hatte der rationale Paul Sheldon gedacht: Sie sieht aus wie eine Witwe, die nach zehn Jähren Enthaltsamkeit gerade zum ersten Mal wieder gefickt worden ist.

In der Hand hielt sie ein Glas Wasser — ein großes Glas Wasser.

»Trinken Sie das«, sagte sie und schob ihm eine vom Aufenthalt draußen noch kühle Hand unter den Nacken, damit er sich aufrichten und ohne sich zu verschlucken trinken konnte. Er trank drei gierige Schlucke, die Poren auf der trockenen Wüste seiner Zunge weiteten sich und tobten unter dem Schock des Wassers, ein wenig davon rann ihm am Kinn hinab und auf das T-Shirt, das er anhatte, und dann zog sie es ihm weg.

Er flehte danach und streckte die zitternden Hände aus.

»Nein«, sagte sie. »Nein, Paul. Kleine Schlucke, sonst werden Sie sich übergeben.«

Nach einer Weile gab sie es ihm zurück und gestattete ihm zwei weitere Schlucke.

»Die Medizin«, sagte er hustend. Er saugte an seinen Lippen, strich mit der Zunge über sie, dann saugte er an der Zunge. Er konnte sich undeutlich daran erinnern, wie er seine eigene Pisse getrunken hatte, wie warm und salzig sie gewesen war. »Die Kapseln … Schmerzen … bitte, Annie, bitte, um Gottes willen, helfen Sie mir, die Schmerzen sind so schlimm «

»Ich weiß, aber Sie müßen mir zuhören«, sagte sie und betrachtete ihn mit diesem strengen, aber mütterlichen Ausdruck. »Ich mußte fortgehen und nachdenken. Ich habe lange nachgedacht, und ich hoffe, ich habe gut nachgedacht. Ich war mir nicht ganz sicher; meine Gedanken sind häufig durcheinander, das weiß ich. Ich akzeptiere es. Daher konnte ich mich nicht erinnern, wo ich in der Zeit gewesen war, nach der sie mich dauernd fragten. Daher betete ich. Ich sagte: ›Lieber Gott, Paul Sheldon könnte tot sein, wenn ich zurückkomme.‹ Aber Gott sagte: ›Er wird nicht tot sein. Ich verschone ihn, damit du ihm den Weg weisen kannst.‹ «

Sie sprach »weisen« fast wie »weinen« aus, aber er konnte sie kaum noch hören; seine Augen verschlangen das Glas Wasser. Sie gab gab ihm noch drei Schlucke. Er schlabberte wie ein Pferd, rülpste, dann schrie er auf, als Krämpfe ihn schüttelten.

Während all dessen sah sie ihn gütig an.

»Ich werde Ihnen Ihre Medizin geben und Ihren Schmerzen ein Ende bereiten«, sagte sie, »aber zuerst müßen Sie etwas tun. Ich bin gleich wieder da.«

Sie stand auf und ging zur Tür.

»Nein!«, schrie er.

Sie achtete gar nicht darauf. Er lag im Kokon seines Schmerz im Bett und versuchte, nicht zu stöhnen, aber er stöhnte dennoch.

16

Zuerst dachte er, er wäre ins Delirium gefallen. Was er sah, war zu bizarr, um wirklich zu sein. Als Annie zurückkam, schob sie einen Holzkohlegrill vor sich her.

»Annie, ich habe schreckliche Schmerzen.« Tränen rannen seine Wangen herab.

»Ich weiß, mein Lieber.« Sie küßte seine Wange, die Berührung ihrer Lippen war so sanft wie der Fall einer Feder. »Bald.«

Sie ging wieder hinaus, und er sah den Holzkohlegrill verständnislos an, etwas, das für eine sommerliche Veranda bestimmt war und jetzt in seinem Zimmer stand und unerbittliche Bilder von Götzen und Opfergaben heraufbeschwor.

Und natülich hatte sie auch an ein Opfer gedacht — als sie zurückkam, trug sie das Manuskript von Schnelle Autos bei sich, das einzige existierende Resultat von zwei Jahren harter Arbeit. In der anderen Hand hielt sie eine Packung Diamond Blue Tip Streichhölzer.

17

»Nein«, sagte er weinend und zitternd. Ein Gedanke arbeitete in ihm, brannte wie Säure in ihm: Für weniger als hundert Piepen hätte er das Manuskript in Boulder fotokopieren können. Jeder — Bryce, seine beiden Exfrauen, verdammt, sogar seine Mutter — hatte ihm immer wieder gesagt, daß es verrückt war, nicht mindestens eine Kopie seiner Arbeit zu machen und sicher zu deponieren; schließlich konnte das Boulderado abbrennen oder seine New Yorker Wohnung; es konnte einen Tornado oder eine Überschwemmung oder eine andere Naturkatastrophe geben. Er hatte sich ohne vernünftigen Grund stets beharrlich geweigert: Ihm wahr immer gewesen, als wäre es ein Unheil, Kopien zu machen.

Nun, hier waren Unheil und Naturkatastrophe in einem vereinigt; hier war der Hurrikan Annie. In ihrer Unschuld war ihr offenbar nie der Gedanke gekommen, daß es irgendwo eine andere Kopie von Schnelle Autos geben könnte, und wenn er nur auf sie gehoört hätte, wenn er die lumpigen hundert Dollar investiert hätte …

»Doch«, antwortete sie und hielt ihm die Streichhölzer hin. Das Manuskript, sauberes weißes Hammermill Bond Papier, die Titelseite obenauf, lag in ihrem Schoß. Ihr Gesicht war immer noch ruhig und gelassen.

»Nein«, sagte er und wandte sein brennendes Gesicht von ihr ab.

»Doch. Es ist schmutzig. Davon abgesehen ist es auch nicht gut.«

»Sie würden das Gute nicht erkennen, wenn es auf Sie zukommen und Ihnen die Nase abbeißen würde!«, schrie er sie an, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Sie lachte sanft. Ihr Temperament war offensichtlich in Urlaub gegangen. Aber, dachte Paul, der Annie Wilkes kannte, es konnte jeden Augenblick völlig unerwartet zurückkehren, die Koffer in den Händen: Konnte es nicht ertragen, weg zu sein! Wie geht es euch?

»Zunächst einmal«, sagte sie, »würde das Gute mir nicht die Nase abbeißen. Das Böse ja, aber nicht das Gute. Zweitens, ich erkenne das Gute, wenn ich es sehe — Sie sind gut, Paul. Sie brauchen nur ein wenig Hilfe. Und jetzt nehmen Sie die Streichhölzer.«

Er schüttelte den Kopf steif hin und her. »Nein.«

»Doch.«

»Nein!«

»Doch.«

»Nein, gottverdammt!«

»Gebrauchen Sie ruhig schmutzige Wörter. Ich habe sie alle schon einmal gehört.«

»Ich werde es nicht tun.« Er schloß die Augen.

Als er sie wieder öffnete, hielt sie ihm ein Stück Karton entgegen, auf dem mit hellblauen Buchstaben das Wort NOVRIL zu lesen war. Unter der Artikelbezeichnung stand in roten Buchstaben MUSTER. Dann: VERSCHREIBUNGSPFLICHTIG. Unter dieser Warnung befanden sich vier eingeschweißte Kapseln. Er griff danach. Sie zog den Karton aus seiner Reichweite.

»Wenn Sie es verbrannt haben«, sagte sie, »gebe ich Ihnen die Kapseln — alle vier, glaube ich —, und die Schmerzen werden vergehen. Sie werden sich wieder besser fühlen, und wenn Sie sich wieder gefaßt haben, werde ich das Bettzeug wechseln — wie ich gesehen habe, haben Sie sich naß gemacht, und das muß unangenehm für Sie sein. Sie werde ich auch umziehen. Danach werden Sie hungrig sein, und ich kann Ihnen etwas Suppe geben. Vielleicht etwas Toast ohne Butter. Aber bevor Sie es nicht verbrannt haben, Paul, kann ich gar nichts tun. Tut mir leid.«

Seine Zunge wollte sagen: Ja! Ja, einverstanden!, und daher biß er darauf. Er rollte sich wieder von ihr weg — weg von dem verlockenden Pappkarton, der ihn in den Wahnsinn trieb, den weißen Kapseln in ihren durchsichtigen Folien. »Sie sind der Teufel«, sagte er.

Wieder erwartete er Wut und erntete stattdessen ein mitleidiges Lächeln mit einem Unterton wissender Traurigkeit.

»O ja! Ja! Das denkt ein Kind, wenn Mami in die Küche kommt und es mit dem Reinigungsmittel aus der Spüle spielen sieht. Selbstverständlich sagt es das nicht auf diese Weise, weil es nicht über Ihren Bildungsstand verfügt. Es sagt einfach: ‘Mami, du bist böse!«’

Ihre Hand strich ihm das Haar aus der heißen Stirn. Die Finger glitten an seiner Wange hinab und über den Nacken, dann drückten sie kurz seine Schulter, voller Mitgefühl, bevor sie weggezogen wurden.

»Die Mutter fühlt sich schlecht, wenn das Kind zu ihr sagt, daß sie böse ist, oder wenn es über das weint, was ihm weggenommen wurde, so wie Sie jetzt weinen. Aber sie weiß, daß sie recht hat, und so tut sie ihre Pflicht. Wie ich meine tue.«

Ein dreifaches dumpfes Pochen, als Annie mit den Knöcheln auf das Manuskript klopfte — 190 000 Wörter und fünf Leben, für die der gesunde, schmerzfreie Paul Sheldon viel empfunden hatte, 190 000 Wörter und fünf Leben, die er mit jedem verrinnenden Augenblick entbehrlicher fand.

Die Tabletten. Die Tabletten. Er mußte die verfluchten Tabletten haben.

»Paul?«

»Nein!«, schluchzte er.

Das leise Klappern der Kapseln in ihrer Folien — Stille, dann das hölzerne Rasseln der Streichhölzer in der Schachtel.

»Paul?«

»Nein!«

»Ich warte, Paul.«

O warum in Christi Namen ziehst du diese beschissene Horatio-an-der-Brücke-Schau ab und wen, um Himmels willen, willst du damit beeindrucken? Glaubst du, dies ist ein Film oder ein Fernsehspiel und irgendein Publikum bewundert deine Tapferkeit? Du kannst tun, was sie verlangt, oder du kannst durchhalten. Wenn du durchhältst, dann wirst du sterben, und sie wird das Manuskript so oder so verbrennen. Was also hast du vor, hier zu liegen und für ein Buch zu leiden, von dem halb so viele Exemplare verkauft werden würden wie von dem wenigst erfolgreichen Misery-Buch, das du jemals geschrieben hast, und auf das Peter Prescott in seiner feinsten vornehmsten, verächtlichmachendesten Weise scheißen würde, wenn er es für das große literarische Orakel Newsweek bespricht? Komm schon, komm schon, sei schlau! Selbst Galileo hat widerrufen, als er sah, daß es ihnen ernst war!

»Paul? Ich warte. Ich kann den ganzen Tag warten. Wenngleich ich befürchte, daß Sie über kurz oder lang ins Koma fallen werden; Sie befinden sich augenblicklich, glaube ich, in einem benahe komatösen Stadium, und ich habe eine Menge …«

Ihre Stimme dröhnte weiter.

Ja! Gib mir die Streichhölzer! Gib mir einen Flammenwerfer! Gib mir eine Baby Huey und eine Ladung Napalm! Ich werde einen taktischen Atomsprengkopf darauf abwerfen, wenn du das möchtest, du abgefickte feine Dame!

So sprach der Opportunist, der überleben wollte. Aber ein anderer Teil von ihm, sterbend, fast selbst schon komatös, heulte weiter in der Dunkelheit: Hundertneunzigtausend Wörter! Fünf Leben! Zwei Jahre Arbeit! Und der eigentliche Hauptgrund: Die Wahrheit: Was du von der VERDAMMTEN WAHRHEIT gewußt hast!

Die Bettfedern knirschten, als sie aufstand.

»Nun! Ich muß schon sagen, Sie sind wirklich ein verstockter kleiner Junge, und ich kann nicht die ganze Nacht an Ihrem Bett sitzen, auch wenn ich es gerne tun würde! Immerhin bin ich fast eine Stunde lang gefahren und habe mich beeilt, hierher zu gelangen. Ich werde in einer Weile noch mal hereinschauen und sehen, ob Sie Ihre M…«

»Dann verbrennen Sie es doch!«, rief er ihr nach.

Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein«, sagte sie, »ich kann es nicht tun, so gern ich Ihnen auch den Schmerz ersparen würde, den Sie empfinden müßen.«

»Warum nicht?«

»Weil«, sagte sie steif, »Sie es aus eigenem freiem Willen tun müßen.«

Da begann er zu lachen, und ihr Gesicht lief zum ersten Mal, seit sie zurückgekommen war, dunkelrot an, und sie verließ das Zimmer mit dem Manuskript und den Streichhölzern.

18

Als sie eine Stunde später zurückkam, nahm er die Streichhölzer.

Sie legte die Titelseite auf den Grill. Er versuchte, eines der Blue Tips zu entzünden, doch es gelang ihm nicht, weil er entweder die Reibefläche verfehlte oder sie ihm aus der Hand fielen.

Daher nahm Annie die Schachtel und zündete ein Streichholz an und drückte ihm das brennende Streichholz in die Hand, und er berührte eine Ecke des Papiers und ließ dann das Streichholz in den Grill fallen und sah fasziniert zu, wie die Flamme erst züngelte und dann verschlang. Diesmal hatte sie eine Fleischgabel bei sich, und als das Blatt anfing, sich zu rollen, stieß sie es mit der Gabel durch das Gitter des Grills.

»Das wird ewig dauern«, sagte er. »Ich kann nicht …«

»Nein, wir werden es beschleunigen«, sagte sie. »Aber Sie müßen ein paar der Seiten selbst verbrennen, Paul — als Symbol dafür, daß Sie verstehen.«

Jetzt legte sie die erste Seite von Schnelle Autos auf den Grill, Worte, die er, wie er sich erinnerte, vor etwa vierundzwanzig Monaten in seiner New Yorker Wohnung geschrieben hatte: »Ich habe keine Reifen«, sagte Tony Bonasaro und trat zu dem Mädchen, das die Stufen herunterkam, »und ich lerne nur langsam, aber ich fahre schnell.«

Oh, das brachte diesen Tag wieder zurück, wie wenn genau der richtige Golden Oldie im Radio lief. Er erinnerte sich, wie er in der Wohnung von Zimmer zu Zimmer gegangen war, voll großer Einfälle für sein Buch, mehr als groß, erhaben, und dann das schmerzvolle Ausarbeiten. Er erinnerte sich, daß er an eben diesem Tag einen BH von Joan unter dem Sofakissen gefunden hatte, was deutlich zeigte, wie die Reinigungsfirma ihre Arbeit machte; er erinnerte sich den Verkehr von New York gehört zu haben, und leise das monotone Läuten einer Kirchenglocke, welche die Gläubigen zur Messe rief.

Er erinnerte sich daran, wie er sich gesetzt hatte.

Wie immer empfand er die gesegnete Erleichterung des Beginns, ein Gefühl, als fiele er in ein mit hellem Licht gefülltes Loch.

Wie immer das bedrückende Wissen, daß er nicht so gut schreiben würde, wie er schreiben wollte.

Wie immer das Entsetzen, es nicht fertigstellen zu können, gegen eine leere Wand zu beschleunigen.

Wie immer das wunderbare, freudige, aufgeregte Gefühl einer begonnenen Reise.

Er sah Annie Wilkes an und sagte deutlich, aber nicht laut: »Annie, bitte zwingen Sie mich nicht dazu.«

Sie hielt das Streichholz unbeweglich vor ihm und sagte: »Sie können tun, was Sie wollen.«

Also verbrannte er das Buch.

19

Sie ließ ihn die erste Seite, die letzte Seite und neun Seitenpaare aus verschiedenen Stellen des Manuskripts verbrennen — weil neun, sagte sie, eine Zahl von Macht war, und die neun verdoppelt bedeutete Glück. Er sah, daß sie die Schimpfwörter mit schwarzem Filzstift übermalt hatte, jedenfalls so weit, wie sie gelesen hatte.

»Gut«, sagte sie, als das neunte Paar verbrannt war. »Sie waren ein guter Junge und ein echter Sportsmann, und ich weiß, daß Sie das fast ebenso schmerzt wie Ihre Beine, daher möchte ich es nicht mehr länger hinausziehen.«

Sie schob den Grill beiseite und warf den Rest des Manuskripts hinein, wobei sie die verkohlten schwarzen Überreste der Seiten, die er bereits verbrannt hatte, niederdrückte. Im Zimmer stank es nach Streichhölzern und verbranntem Papier. Riecht wie die Toilette des Teufels, dachte er halb im Delirium, und wenn sich in der runzligen Walnuß, zu der sein Magen zusammengeschrumpft war, irgendetwas befunden hätte, dann hätte er es ganz gewiß ausgekotzt.

Sie zündete ein weiteres Streichholz an und gab es ihm in die Hand. Irgendwie gelang es ihm, sich hinüberzubeugen und das Streichholz in den Grill zu werfen. Es spielte keine Rolle mehr. Es spielte keine Rolle.

Sie stieß ihn an.

Er öffnete erschöpft die Augen.

»Es ist ausgegangen.« Sie zündete ein weiteres Streichholz an und gab es ihm in die Hand.

Und irgendwie gelang es ihm, sich noch einmal hinüberzubeugen, rostige Motorsägen wüteten in seinen Beinen als er es tat, und das Streichholz an eine Ecke des Manuskriptstapels zu halten. Dieses Mal breitete sich die Flamme aus und erlosch nicht gleich am Streichholz wieder.

Er lehnte sich zurück, schloß die Augen, lauschte dem Prasseln, spürte die volle, kochende Hitze.

»Meine Güte!«, rief sie erschrocken.

Er öffnete die Augen und sah, daß verkohlte Papierstücke von den Lufströmungen über dem heißen Grill in die Höhe gewirbelt wurden.

Annie hastete aus dem Zimmer. Er konnte hören, wie Wasser aus dem Hahn in den Putzeimer lief. Er sah benommen zu, wie ein großes Stück Glut sich auf einem der Vorhänge niederließ. Er sah einen kurzen Funken — er hatte Zeit, zu überlegen, ob das Zimmer vielleicht Feuer fangen würde —, der einmal aufleuchtete und dann ausging, wobei er ein winziges Loch in dem Gazestoff hinterließ, wie von einer Zigarette. Asche regnete auf sein Bett. Ein wenig landete auf seinen Armen. Es war ihm so oder so einerlei.

Annie kam zurück, ihre Augen versuchten überall gleichzeitig hinzusehen, die Spur jeder verbrannten Seite zu verfolgen, die emporstob und herumwirbelte. Flammen loderten über den Rand des Grills.

»Meine Güte«, sagte sie nochmals, hielt den Wassereimer hoch und sah sich um, während sie abzuschätzen versuchte, wo sie das Wasser hinschütten sollte und ob sie überhaupt schütten mußte. Ihre Lippen zitterten und waren feucht von Speichel. Während Paul sie beobachtete, schnellte ihre Zunge heraus und befeuchtete sie erneut. »Meine Güte! Meine Güte!« Mehr schien sie nicht sagen zu können.

Trotz seiner Schmerzen, die ihn fest im Griff hatten, verspürte Paul einen Augenblick intensivster Freude — so also sah Annie Wilkes aus, wenn sie Angst hatte. Es war ein Anblick, an den er sich gewöhnen konnte.

Eine weitere Seite wurde emporgewirbelt, an dieser züngelten noch blaue Flämmchen, und das überzeugte sie. Mit einem weiteren »Meine Güte!« schüttete sie den Inhalt des Eimers in den Grill. Es zischte gewaltig, und eine Dampfwolke stieg empor. Der Geruch war naß und grässlich, verkohlt und dennoch irgendwie sahnig.

Als sie hinausging, schaffte er es ein letztes Mal, sich auf die Ellbogen aufzurichten. Er sah in den Grill und erblickte etwas, was wie ein verkohlter Holzstamm aussah, das in einem Brackwasser trieb.

Nach einer Weile kam Annie Wilkes zurück.

Es war unglaublich, aber sie summte.

Sie richtete ihn auf und schob ihm die Kapseln in den Mund.

Er schluckte sie, legte sich zurück und dachte: Ich werde sie umbringen.

20

»Essen Sie«, sagte sie aus weiter Ferne, und er empfand einen stechenden Schmerz. Er öffnete die Augen und sah sie neben sich sitzen — zum ersten Mal befand er sich tatsächlich auf gleicher Höhe mit ihr und sah ihr ins Gesicht. Er erkannte auch voll betäubter, ferner Überraschung, daß er zum ersten Mal seit ungezählten Äonen wirklich saß … wirklich aufrecht saß.

Wer gibt’nen Scheißdreck drauf? dachte er und ließ die Lider wieder zufallen. Die Flut war gekommen. Die Pfähle waren bedeckt. Die Flut war schließlich doch noch gekommen, und wenn sie wieder zurückging, dann ging sie vielleicht für immer zurück, daher ritt er die Wellen, solange es Wellen zu reiten gab, er konnte später über das Sitzen nachdenken …

»Essen Sie!«, sagte sie, gefolgt von einem erneuten Schmerz. Er summte gegen die linke Seite seines Kopfes und ließ ihn winseln und versuchen, zurückzuweichen.

»Essen Sie, Paul! Sie müßen hinreichend aufwachen, um etwas zu essen, oder …«

Zzzzzing! Sein Ohrläppchen. Sie kniff es.

»’Kay«, murmelte er. »’Kay! Reißen Sie es nicht ab, um Himmels willen.«

Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Jedes Lid fühlte sich an, als würde ein Betonblock daran hängen. Auf der Stelle war der Löffel in seinem Mund und schüttete heiße Suppe seine Kehle hinab. Er schluckte, um nicht zu ertrinken.

Plötzlich und wie aus dem Nichts — das erstaunlichste Comeback, das dieser Kommentator jemals gesehen hat, meine Damen und Herren! — galoppierte Ich Habe Hunger ins Blickfeld. Es war, als hätte dieser erste Löffel Suppe seine Eingeweide in hypnotische Trance versetzt. Den Rest verschlang er, so schnell er ihn in den Mund löffeln konnte, und während er schlang und schlürfte, schien er immer mehr Hunger zu haben, anstatt weniger.

Er erinnerte sich sehr vage daran, wie sie den bedrohlichen, rauchenden Grill hinausgerollt und dafür etwas hereingerollt hatte, was er in seinem drogenumnebelten, schwindenden Bewußtsein für einen Einkaufswagen gehalten hatte. Dieser Eindruck hatte ihn weder überrascht noch verwundert; immerhin war er bei Annie Wilkes. Grills, Einkaufswagen; morgen vielleicht eine Parkuhr oder ein Atomsprengkopf. Wenn man im Tollhaus lebte, nahm der Irrwitz einfach nie ein Ende.

Er war eingenickt, aber jetzt wurde ihm klar, daß der Einkaufswagen ein zusammengeklappter Rollstuhl gewesen war. In ihm saß er jetzt, seine steifen gebrochenen Beine ragten waagerecht vor ihm auf, seine Beckengegend fühlte sich unangenehm geschwollen und nicht sehr glücklich über die neue Haltung an.

Sie hat mich hineingesetzt, während ich weggetreten war, dachte er. Mich hochgehoben. Totes Gewicht. Herrgott, muß sie kräftig sein.

»Fertig!«, sagte sie. »Es freut mich zu sehen, wie brav Sie Ihre Suppe gegessen haben, Paul. Ich glaube, Sie werden genesen. Wir wollen nicht sagen ›so gut wie neu‹ — freilich nicht —, aber wenn wir keine mehr von diesen … diesen Widerwärtigkeiten haben … werden Sie sicherlich genesen. Jetzt werde ich Ihr hässliches altes Bettzeug wechseln, und wenn das geschehen ist, wechsle ich Ihre hässlichen alten Sachen, und wenn Sie dann keine allzu großen Schmerzen und immer noch Hunger haben, dann werde ich Ihnen etwas Toast geben.«

»Danke, Annie«, sagte er unterwürfig und dachte: Deine Kehle, Annie. Wenn ich kann, dann werde ich dir eine Chance geben, die Lippen zu lecken und »Meine Güte!« zu sagen. Aber nur einmal, Annie.

Nur einmal.

21

Vier Stunden später war er wieder in seinem Bett, und er hätte alle seine Bücher für nur eine einzige Kapsel Novril verbrannt. Während er saß, hatte ihm das Sitzen nichts ausgemacht — da war genügend Stoff in seinem Blutkreislauf gewesen, um die halbe preußische Armee einzuschläfern —, aber jetzt fühlte es sich an, als wäre im unteren Teil seines Körpers ein ganzer Bienenschwarm losgelassen worden.

Er schrie sehr laut — das Essen mußte irgendwie angeschlagen haben, denn er konnte sich nicht daran erinnern, daß er, seit er aus der dunklen Wolke aufgetaucht war, so laut hatte schreien können.

Er spürte, daß sie lange Zeit vor der Schlafzimmertür stand, bevor sie tatsächlich hereinkam, regungslos, abgeschaltet, mit herausgezogenem Stecker, ohne mehr zu sehen als den Türknauf oder vielleicht das Muster der Linien ihrer Handflächen

»Hier.« Sie gab ihm seine Medizin — diesesmal zwei Kapseln.

Er schluckte sie und hielt ihr Handgelenk, damit sie ihm das Glas halten konnte.

»Ich habe Ihnen in der Stadt zwei Geschenke gekauft«, sagte sie, als sie sich aufrichtete.

»Tatsächlich?«, krächzte er.

Sie deutete auf den Rollstuhl, der in einer Ecke brütete, die Beinschienen aus Stahlrohr starr ausgefahren.

»Das andere werde ich Ihnen morgen zeigen. Und nun schlafen Sie, Paul.«

22

Aber er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er schwebte auf der Droge und dachte über die Situation nach, in der er sich befand. Jetzt schien sie sich ein wenig entspannt zu haben. Er konnte leichter darüber nachdenken als über das Buch, das er geschaffen und dann vernichtet hatte.

Dinge … isolierte Dinge wie Stoffstücke, welche man zusammennähen konnte, um eine Steppdecke zu machen.

Sie waren Meilen von den nächsten Nachbarn entfernt, die, wie Annie behauptete, sie nicht leiden konnten. Wie hießen sie? Boynton. Nein, Roydman. Das war es. Roydman. Und wie weit von der Stadt entfernt? Sicher nicht allzu weit. Er befand sich innerhalb eines Kreises, dessen kleinster Durchmesser fünfzehn und dessen größter Durchmesser fünfundvierzig Meilen betragen konnte. Annie Wilkes’ Haus befand sich in diesem Kreis, ebenso das der Roydmans, die Stadt Sidewinder, wie erbarmenswert klein sie auch sein mochte …

Und mein Auto. Mein Camaro ist auch irgendwo in diesem Kreis. Hat die Polizei ihn gefunden?

Er glaubte nicht. Er war weithin bekannt; wenn ein auf seinen Namen zugelassenes Auto gefunden worden wäre, dann hätten einige grundlegende Nachforschungen ergeben, daß er in Boulder gewesen und dann verschwunden war. Die Entdeckung seines schrottreifen und verlassenen Autos hätte eine Suche ausgelöst, Schlagzeilen in den Zeitungen …

Sie sieht sich niemals die Nachrichten im Fernsehen an oder hört sie im Radio — es sei denn mit Ohrstöpseln oder Kopfhörern.

Es war alles ein wenig wie mit dem Hund in der Sherlock-Holmes-Geschichte, der nicht bellte. Sein Auto war nicht gefunden worden, weil die Polizei nicht hier gewesen war. Wäre es gefunden worden, dann hätten sie bestimmt jeden in diesem hypothetischen Kreis überprüft, oder nicht? Und wie viele Menschen konnten sich in diesem Kreis aufhalten, so nahe am Westhang? Die Roydmans, Annie Wilkes, vielleicht zehn oder zwölf andere?

Und die Tatsache, daß man es bisher nicht gefunden hatte, bedeutete nicht, daß man es überhaupt nicht finden würde.

Seine lebhafte Fantasie (die er von niemandem von der mütterlichen Seite der Familie geerbt hatte) übernahm jetzt das Ruder. Der Polizist war groß und auf eine kalte Weise hübsch, die Koteletten vielleicht ein wenig länger, als die Dienstvorschriften zuließen. Er hatte eine dunkle Brille auf, in der sich die Person, die er verhörte, sehen konnte. Seine Stimme hatte den leichten Akzent des Mittelwestens.

Unten am Humbuggy Mountain haben wir ein umgestürztes Auto gefunden, das einem berühmten Schriftsteller namens Paul Sheldon gehört. Es wurde etwas Blut auf dem Sitz und dem Armaturenbrett gefunden, aber keine Spur von ihm selbst. Muß herausgekrochen sein, vielleicht ist er sogar unter Schock davongelaufen

Das war ein Witz, wenn man den Zustand seiner Beine bedachte, aber selbstverständlich konnten sie nicht wissen, welche Verletzungen er davongetragen hatte. Sie würden lediglich vermuten, daß er noch kräftig genug gewesen war, sich wenigstens eine gewisse Strecke fortzuschleppen, da er nicht aufzufinden war. Ihre Ermittlungen würden eine so unwahrscheinliche Möglichkeit wie Entführung nicht berücksichtigen, anfangs jedenfalls nicht, und später wahrscheinlich auch nicht.

Erinnern Sie sich, ob Sie am Tag des Sturms jemanden auf der Straße gesehen haben? Einen großen Mann, zweiundvierzig Jahre alt, sandfarbenes Haar? Trug wahrscheinlich Bluejeans und ein kariertes Flanellhemd und einen Parka? Könnte einen verstörten Eindruck gemacht haben? Wußte vielleicht nicht einmal, wer er war?

Annie würde dem Polizisten in der Küche einen Kaffee servieren; Annie würde sorgsam darauf achten, daß alle Türen zwischen seinem Schlafzimmer und der Küche geschlossen waren, falls er stöhnte.

Aber nein, Officer — ich habe keine Menschenseele gesehen. Ich fuhr, so schnell ich konnte, von der Stadt nach Hause, nachdem Tony Roberts mir gesagt hatte, daß dieser schlimme Sturm doch nicht nach Süden abdrehen würde.

Der Polizist stellte die Kaffeetasse ab und stand auf: Nun, wenn Sie jemanden sehen sollten, auf den die Beschreibung passt, Ma’am, dann werden Sie uns hoffentlich verständigen, und zwar so schnell Sie können. Er ist eine große Berühmtheit. War im People-Magazin. Und in ein paar anderen.

Das werde ich ganz bestimmt, Officer!

Und damit würde er sich verabschieden.

Vielleicht war so etwas Ähnliches bereits geschehen, und er wußte es nur nicht. Vielleicht hatte das reale Gegenstück seines Polizisten, oder seine wirklichen Gegenstücke, Annie Wilkes besucht, während er besinnungslos war. Weiß Gott, er hatte eine Menge Zeit bewußtlos oder unter Drogen verbracht. Eingehenderes Nachdenken überzeugte ihn aber davon, daß das unwahrscheinlich war. Er war nicht Joe Blow aus Kokomo, kein unterwegs verloren gegangener Durchreisender. Er war in People gewesen (erster Bestseller), und in Us (erste Scheidung); an einem Sonntag war in Walter Scotts Personality Parade eine Frage über ihn gestellt worden. Es hätte sicher vergewissernde Rückfragen gegeben, möglicherweise telefonisch, möglicherweise von den Polizisten persönlich. Wenn eine Berühmtheit — selbst eine Quasi-Berühmtheit, so wie ein Schriftsteller — verschwand, liefen die Räder heiß.

Du stellst nur Mutmaßungen an, Mann.

Vielleicht Mutmaßungen, vielleicht Schlußfolgerungen. Wie auch immer, es war besser, als nur hier zu liegen und gar nichts zu tun.

Was war mit der Leitplanke?

Er versuchte sich zu erinnern, aber es gelang ihm nicht. Er konnte sich nur erinnern, daß er nach seinen Zigaretten gegriffen hatte, dann die erstaunliche Art und Weise, wie Boden und Himmel die Plätze vertauscht hatten, dann Dunkelheit. Aber wieder führten ihn seine Schlußfolgerungen (oder gebildete Rückschlüße, wenn man patzig sein wollte) zu der angenehmen Überzeugung, daß mehr an der Sache sein mußte. Zerschmetterte Planken und umgefahrene Katzenaugen wären den Straßenarbeitern sicher aufgefallen.

Also was genau war geschehen?

Er hatte an einer Stelle die Kontrolle über das Fahrzeug verloren, wo es keine nennenswerte Böschung gab — gerade so viel, daß ein Auto sich überschlagen konnte. Wäre die Böschung steiler gewesen, hätten Leitplanken dort sein müßen. Wäre die Böschung steiler gewesen, wäre es für Annie Wilkes schwerer, wenn nicht gar unmöglich gewesen, ihn zu holen, geschweige denn zur Straße zurückzuschleppen.

Also wo war sein Auto? Selbstverständlich unter Schnee begraben.

Paul legte seinen Arm über die Augen und sah einen Schneepflug die Straße entlangfahren, wo er vor zwei Stunden seinen Unfall gehabt hatte. Der Pflug ist am Ende dieses Tages ein schwacher orangefarbener Fleck im dichten Schneetreiben. Der Mann, der ihn fährt, ist bis auf die Augen eingemummt, auf dem Kopf hat er eine altmodische Bahnarbeitermütze aus blauweißem, gefüttertem Stoff. Rechts von ihm, am Fuß eines flachen Hügels, welcher sich nicht weit von hier zu einer typischen Hochlandschlucht vertiefen wird, liegt Paul Sheldons Camaro, der blassblaue HART FÜR PRESIDENT-Aufkleber an der hinteren Stoßstange ist ungefähr das hellste dort unten. Der Bursche, der den Schneepflug fährt, sieht das Auto nicht; der Aufkleber an der Stoßstange ist schon zu verblichen, um aufzufallen. Die Pflüge beeinträchtigen seinen Sehbereich zur Seite, außerdem ist es schon fast dunkel, und er ist geschafft. Er möchte nur diese letzte Fahrt hinter sich bringen, damit er den Schneepflug abgeben und sich etwas Heißes hinhter die Binde kippen kann.

Er fährt vorüber, und der Pflug schleudert Schneemassen an den Straßenrand. Der Camaro, der ohnedies schon bis zu den Fenstern eingesunken ist, ist jetzt bis fast zum Dach zugedeckt. Später, im tiefsten Zwielicht des Sturms, wenn selbst die Dinge direkt vor einem unwirklich aussehen, kommt der Fahrer der zweiten Schicht vorbei, der in der Gegenrichtung fährt ist und ihn vollends zudeckt.

Paul öffnete die Augen und sah zur Gipsdecke hinauf. Dort oben befanden sich eine ganze Reihe haarfeiner Risse, die ein Trio ineinander verschlungener H zu bilden schienen. Im Verlauf der endlosen Tage, die er hier liegen mußte, sind sie ihm schon sehr vertraut geworden, und jetzt fuhr er sie mit den Augen wieder nach und dachte dabei müßig an H-Worte wie Haß und Hirnstörung und Hexe und Hilflosigkeit.

Ja.

So könnte es gewesen sein. Könnte so gewesen sein.

Hatte sie daran gedacht, was passieren würde, wenn sein Auto gefunden wurde?

Vielleicht. Sie war verrückt, aber deshalb war sie noch lange nicht dumm.

Dennoch war ihr nie der Gedanke gekommen, daß er einen Durchschlag von Schnelle Autos haben könnte.

Ja. Und sie hatte recht. Die Nutte hatte recht. Ich hatte keinen.

Bilder der verkohlten Seiten drängten an die Oberfläche, die Laute, der Geruch der Vernichtung — er knirschte mit den Zähnen, um die Bilder zu vertreiben und seinen Verstand vor ihnen zu verschließen; lebhaft war nicht immer gut.

Nein, du hattest keinen, aber neun von zehn Schriftstellern hätten einen gehabt — wenigstens dann, wenn sie so viel Geld bekommen würden wie du, selbst für deine Nicht-Misery-Bücher. Sie hat nicht einmal daran gedacht.

Sie ist kein Schriftsteller.

Aber sie ist auch nicht dumm, darin sind wir uns doch beide einig. Ich glaube, sie ist sehr von sich überzeugt — sie hat nicht nur ein großes Ego, sondern eines das eindeutig grandios ist. Das Manuskript zu verbrennen schien für sie das einzig Richtige zu sein, und die Vorstellung, daß ihr Wissen, was richtig ist, von so etwas Nebensächlichem wie einem Fotokopierer oder ein paar Rollen Vierteldollarmünzen kurzgeschlossen werden könnte … dieses Piepsen ist ganz einfach nie über ihren Radarschirm gewandert, mein Freund.

Seine übrigen Schlußfolgerungen glichen vielleicht Häusern, die auf Treibsand erbaut waren, aber diese Ansicht von Annie Wilkes schien für ihn so fest wie der Fels von Gibraltar. Aufgrund seiner Recherchen für Misery verfügte er über mehr als nur ein durchschnittliches Wissen über Neurosen und Psychosen, und er wußte, daß ein am Rande psychotischer Mensch einander abwechselnde Perioden tiefster Depressionen und fast aggressiver Fröhlichkeit und Ausgelassenheit haben konnte, das aufgeblähte und beeinträchtigte Ego beherrschte alles, eindeutig davon überzeugt, daß aller Augen auf ihm oder ihr ruhten, eindeutig davon überzeugt, daß er oder sie die Hauptrolle in einem gewaltigen Drama spielte, auf dessen Ausgang Millionen mit angehaltenem Atem warteten.

Ein solches Ego unterdrückte ganz einfach bestimmte Denkweisen. Diese Denkweisen waren vorhersehbar, weil sie sich alle in dieselbe Richtung veriefen: von der labilen Persönlichkeit zu Objekten, Situationen oder anderen Personen außerhalb des Einflußbereichs des Subjekts (oder der Fantasie: für den neurotischen Menschen mochte es einige Unterschiede geben, aber für den psychotischen waren sie ein und dasselbe).

Annie Wilkes hatte gewollt, daß Schnelle Autos vernichtet wurde, daher hatte es für sie nur dieses eine Exemplar gegeben.

Vielleicht hätte ich das verdammte Ding retten können, wenn ich ihr erzählt hätte, daß noch mehr Kopien davon existieren. Sie hätte eingesehen, daß es sinnlos ist, das Manuskript zu vernichten. Sie

Sein Atem, der allmählich schläfrig, langsamer geworden war, blieb ihm plötzlich im Halse stecken, und er riß die Augen auf.

Ja, sie hätte eingesehen, daß es sinnlos war. Sie hätte sich eingestehen müßen, daß es hier etwas gab, was sich ihrem Einfluß entzog. Ihr Ego hätte verletzt und keifend reagiert …

Mein Temperament!

Wenn sie unzweifelhaft vor der Tatsache gestanden hätte, daß sie sein »schmutziges Buch« nicht vernichten konnte, hätte sie sich dann nicht dafür entschieden können, statt dessen den Verfasser des schmutzigen Buches zu vernichten? Schließlich existierte keine Kopie von Paul Sheldon.

Sein Herzschlag raste. Im Nebenzimmer begann die Uhr zu schlagen, und über sich hörte er ihre polternden Schritte über der Decke. Das leise Rauschen ihres Urinierens. Die Toilettenspülung. Das schwere Stapfen ihrer Schritte, als sie wieder zu Bett ging. Das Ächzen von Bettfedern.

Sie werden mich nie mehr so aufregen, nicht wahr?

Sein Verstand versuchte plötzlich, in einen Galopp auszubrechen, wie ein überzüchteter Traber, der Tempo machen will. Was, wenn überhaupt, bedeutete all diese Groschenroman-Psychoanalyse bezüglich seines Autos? Wenn es gefunden wurde? Was bedeutete das für ihn?

»Einen Moment mal«, flüsterte er in der Dunkelheit. »Einen Moment mal, bleib dran. Langsam.«

Er legte die Hand auf die Augen und beschwor wieder den Polizisten mit der dunklen Sonnenbrille und den zu langen Koteletten herauf. Unten am Humbuggy Mountain haben wir ein umgestürztes Auto gefunden, sagte der Polizist, und bla-bla-bla.

Aber diesesmal bittet Annie ihn nicht auf einen Kaffee herein. Dieses Mal fühlt sie sich erst wieder sicher, als er das Haus verlassen hat und schon ein gutes Stück die Straße hinabgefahren ist. Sogar in der Küche, sogar durch zwei geschlossene Türen zwischen ihnen und dem Gästezimmer, und obwohl der Gast bis unters Kinn mit Drogen vollgepumpt ist, könnte der Polizist ein Stöhnen hören.

Wenn sein Auto gefunden wurde, dann würde Annie Wilkes wissen, daß sie in Schwierigkeiten war; und unwillkürlich begann er sehr leise zu wimmern, aber im aufkeimenden Entsetzen seiner Erkenntnis bemerkte er es fast nicht.

Sie würde keine Schwierigkeiten bekommen, weil sie ihn mit in ihr Haus genommen hatte, besonders dann nicht, wenn es näher war als Sidewinder (was Paul vermutete); dafür würden sie ihr wahrscheinlich einen Orden und eine lebenslange Mitgliedschaft im Misery-Chastain-Fanklub verleihen (zu Pauls endlosem Verdruß gab es diesen tatsächlich). Das Problem war, sie hatte ihn in ihr Haus gebracht und im Gästezimmer einquartiert und niemand etwas davon erzählt. Nicht einmal ein Anruf im hiesigen Krankenhaus: »Hier spricht Annie von der Humbuggy Mountain Road, und ich habe einen Burschen hier, der ein bisschen aussieht, als hätte King Kong ihn zum Trampolinspringen benutzt.« Das Problem war, sie hatte ihn mit Stoff vollgepumpt, zu dem sie ganz sicher keinen Zugriff haben durfte — jedenfalls nicht, wenn er auch nur halb so süchtig geworden war, wie er vermutete. Das Problem war, sie hatte den Drogen eine seltsame Behandlung folgen lassen, hatte Infusionsnadeln in seine Arme gesteckt und seine Beine mit abgesägten Aluminiumröhren von Krücken geschient. Das Problem war, Annie Wilkes war oben in Denver im Zeugenstand gewesen … und ganz bestimmt nicht als Zeugin, dachte Paul. Ich würde das Haus und eine ganze Menge darauf wetten.

Sie sieht also dem Polizisten nach, der mit seinem spiegelblanken Streifenwagen die Straße hinabfährt (das heißt, spiegelblank bis auf die verkrusteten Brocken von Salz und Schnee, die in den Radkästen und unterhalb der Stoßstangen kleben), und sie fühlt sich wieder sicher … aber nicht allzu sicher, denn mittlerweile ist sie wie ein aufgeschrecktes Tier. Sehr, sehr aufgeschreckt.

Die Polizei wird suchen, suchen, suchen, weil er eben nicht der gute alte Joe Blow aus Kokomo ist; er ist Paul Sheldon, der literarische Zeus, dessen Stirn Misery Chastain entsprungen ist, Liebling der Wühltische und Herzblatt der Supermärkte. Wenn sie ihn nicht finden, stellen sie vielleicht die Suche ein oder suchen anderswo, aber vielleicht hat einer der Roydmans sie in jener Nacht vorbeifahren sehen und etwas Seltsames auf der Rückbank von Old Bessie bemerkt, etwas in eine Steppdecke Gewickeltes, etwas vage Menschenähnliches. Und selbst wenn sie nichts gesehen hatten, sie würde es den Roydmans durchaus zutrauen, sich eine Geschichte auszudenken, die sie in Schwierigkeiten bringen würde; sie konnten sie nicht ausstehen.

Die Polizei konnte möglicherweise zurückkommen, und nächstes Mal war ihr Hausgast vielleicht nicht mehr so ruhig.

Er erinnerte sich daran, wie ihre Augen unruhig hin und her geflizt waren, als das Feuer im Grill um ein Haar außer Kontrolle geraten wäre. Er konnte sehen, wie sie sich mit der Zunge die Lippen leckte. Er konnte sehen, wie sie hin und her ging und dabei die Fäuste ballte und öffnete, wie sie alle paar Augenblicke in das Gästezimmer schaute, wo er weggetreten in seiner Wolke lag. Hin und wieder stieß sie ein »Meine Güte!« hervor, in das leeren Zimmer hinein.

Sie hatte einen seltenen Vogel mit wunderschönen Federn gestohlen — einen seltenen Vogel, der aus Afrika kam.

Und was würden sie tun, wenn sie es herausfanden?

Nun, selbstverständlich würden sie sie wieder in den Zeugenstand rufen. Sie wieder nach Denver in den Zeugenstand rufen. Und diesesmal kam sie vielleicht nicht mehr als freier Mensch heraus.

Er nahm den Arm von den Augen. Er betrachtete die ineinander verschlungenen H, die trunken über die Decke torkelten. Er mußte den Ellbogen nicht über die Augen legen, um den Rest zu sehen. Sie würde vielleicht noch einen Tag oder eine Woche zu ihm halten. Es erforderte vielleicht noch einen Anruf oder einen Besuch der Polizei, bis sie beschloss, ihre rara avis loszuwerden. Aber letztlich würde sie es tun, so wie wilde Hunde anfangen, ihre zu unrecht getötete Beute zu vergraben, wenn man sie lange genug gejagt hat.

Sie würde ihm statt zwei Tabletten fünf geben oder ihn vielleicht mit einem Kissen ersticken; vielleicht würde sie ihn einfach erschießen. Sicher bewahrte sie irgendwo ein Gewehr — fast jeder, der im Hochland lebte, hatte eines —, und das würde dem Problem ein Ende bereiten.

Nein — nicht das Gewehr.

Zu gefährlich.

Konnte Spuren hinterlassen.

Bisher war nichts davon geschehen, weil niemand das Auto gefunden hatte. Man suchte vielleicht in New York oder L. A. nach ihm, aber ganz bestimmt nicht in Sidewinder, Colorado.

Aber im Frühling.

Die H torkelten über die Decke. Hilflos. Hoffnungslos. Hinüber.

Das Pochen in seinen Beinen wurde beharrlicher; wenn die Uhr das nächste Mal schlug, würde sie kommen, aber er hatte fast Angst davor, daß sie ihm seine Gedanken im Gesicht ablesen konnte wie die knappe Synopse einer Kurzgeschichte, die zu grausam ist, niedergeschrieben zu werden. Sein Blick wanderte nach links. Dort hing ein Kalender an der Wand. Das Bild zeigte einen Jungen, der mit dem Schlitten einen Berg hinunterfuhr. Laut diesem Kalender war es Februar, aber wenn seine Berechnungen richtig waren, mußte es bereits Anfang März sein. Annie Wilkes hatte einfach vergessen, die Seite abzureißen.

Wie lange würde es noch dauern, bis der schmelzende Schnee den Camaro freilegte, dessen New Yorker Nummernschild und die Zulassung im Handschuhfach, die auf den Namen Paul Sheldon lautete? Wie lange noch, bis der Polizist sie anrief oder sie es in der Zeitung las? Wie lange noch bis zum Tauwetter?

Sechs Wochen? Fünf?

So lange könnte ich noch zu leben haben, dachte Paul und begann zu zittern. Inzwischen waren seine Beine hellwach, erst als sie hereingekommen war und ihm eine weitere Dosis Medizin gegeben hatte, konnte er einschlafen.

23

Am nächsten Abend brachte sie ihm die Royal. Es war eine Büromaschine aus einer Zeit, als solche Gegenstände wie elektrische Schreibmaschinen, Farbfernsehgeräte und Selbstwähltelefone noch Science-Fiction waren. Sie war so schwarz und proper wie ein Paar Halbschuhe. In die Seiten waren Glasplatten eingelassen, die einen Blick auf die Federn, Schalter, Typen und Zahnräder der Maschine freigaben. An einer Seite ragte der mangels Benutzung stumpf gewordene Griff, mittels dessen man den Wagen zurückschieben konnte, wie der Daumen eines Anhalters nach vorn. Die Walze war staubig, die gummierte Oberfläche rau und zerschrammt. Die Buchstaben ROYAL verliefen halbkreisförmig an der Front der Maschine. Sie stellte sie grunzend ans Fußende des Bettes, zwischen seine Beine, nachdem sie ihm einen Augenblick zur Inspizierung hingehalten hatte.

Er starrte sie an.

Grinste sie ?

Gütiger Himmel, es sah tatsächlich so aus.

Wie auch immer, er spürte förmlich, wie sich Ärger anbahnte. Das Band war ein verblichenes Zweifarbenband, rot und schwarz.

Er hatte vergessen, daß es solche Farbbänder überhaupt gab. Der Anblick von diesem hier rief keine angenehmen nostalgischen Gefühle in ihm wach.

»Nun?« Sie lächelte erwartungsvoll. »Was meinen Sie?«

»Hübsch!«, sagte er sofort. »Eine echte Antiquität.«

Ihr Lächeln verdüsterte sich. »Ich habe sie nicht als Antiquität gekauft. Ich habe sie aus zweiter Hand gekauft. In gutem Zustand.«

Er reagierte mit sofortiger Nervosität: »He! Es gibt gar keine antiken Schreibmaschinen — wenn man es sich genauer überlegt. Eine gute Schreibmaschine kann ewig halten. Diese alten Büro-Babys sind Panzer!«

Hätte er sie erreichen können, hätte er sie getätschelt. Wenn er sie hätte erreichen können, hätte er sie geküßt.

Ihr Lächeln kehrte zurück. Sein Herz schlug ein wenig langsamer.

»Ich bekam sie bei Used News. Ist das nicht ein alberner Name für ein Geschäft? Aber Nancy Dartmonger, das ist die Inhaberin, ist ja auch eine alberne Person.« Annie wurde ein wenig dunkler, aber er erkannte sofort, daß sie nicht seinetwegen dunkler wurde — der Überlebensinstinkt, fand er heraus, mochte durchaus nur ein Instinkt sein, aber er erzeugte einige Phänomene, die telepathischer Wahrnehmung schon verdächtig nahe kamen. Er stellte fest, daß er sich auf ihre Launen und Stimmungsumschwünge, an ihre Zyklen, gewöhnte; er lauschte ihrem Ticken, als wäre sie eine aufgezogene Uhr.

»Nicht nur albern, sondern schlecht. Dartmonger! Eigentlich müßte sie Hurenmonger heißen! Zweimal geschieden, und jetzt lebt sie mit einem Barkeeper zusammen! Daher habe ich, als Sie sagten, sie wäre eine Antiquität …«

»Sie sieht gut aus«, sagte er.

Sie machte eine lange Pause, und dann sagte sie, gleichsam wie ein Geständnis: »Das N fehlt.«

»Tatsächlich?«

»Ja — sehen Sie?«

Sie neigte die Schreibmaschine so, daß er den Halbkreis der Typen sehen und die fehlende Type erkennen konnte, die aussah wie eine Zahnlücke in einem ansonsten altersschwachen aber intakten Mund.

»Ich sehe.«

Sie stellte sie wieder hin. Das Bett schwankte ein wenig. Paul schätzte, daß die Schreibmaschine gute fünfzig Pfund wiegen konnte. Sie stammte aus einer Zeit, als es keine Legierungen gab, keine Kunststoffe … und keine sechsstelligen Vorschüße für Bücher, keine Bücher zum Film, kein USA Today, keine Entertainment Tonight, keine Berühmtheiten, die Werbespots für Kreditkarten und Wodka machten.

Die Royal grinste ihn an und verhieß Unheil.

»Sie wollte fünfundvierzig Dollar, hat sie mir dann aber für vierzig überlassen. Wegen dem fehlenden N.« Sie lächelte ihn derb an. Keine Närrin, sollte dieses Lächeln sagen.

Er lächelte auch. Die Flut war da. Das machte sowohl das Lächeln und das Lügen einfacher. »Für vierzig überlassen? Sie meinen, Sie haben gar nicht gefeilscht?«

Annie plusterte sich ein wenig auf. »Ich habe ihr gesagt, N wäre ein wichtiger Buchstabe«, räumte sie ein.

»Gut für Sie! Verdammt!« Das war eine neue Entdeckung: Speichelleckerei war einfach, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hatte.

Ihr Lächeln wurde verschlagen, sie forderte ihn auf, an ihrem köstlichen Geheimnis teilzuhaben.

»Ich sagte ihr, N wäre ein Buchstabe im Namen meines Lieblingsschriftstellers.«

»Zwei Buchstaben im Namen meiner Lieblingskrankenschwester.«

Ihr Lächeln wurde zu einem Strahlen. Es war unglaublich, aber ihre soliden Wangen erröteten sogar. So muß es aussehen, dachte er, wenn man im Mund eines Götzenbildes aus einem H.-Rider-Haggard-Roman einen Ofen installieren würde. So würde es dann in der Nacht aussehen.

»Sie Schmeichler!«, sagte sie einfältig.

»Bin ich nicht!«, sagte er. »Überhaupt nicht.«

»Nun!« Sie sah einen Augenblick weg, nicht leer, sondern einfach zufrieden und ein wenig geschmeichelt, und sie ließ sich einen Augenblick Zeit, um ihre Gedanken zu sammeln. Paul hätte sich sogar ein wenig an der Situation erfreuen können, wäre da nicht die Schreibmaschine gewesen, die so solide wie die Frau wirkte und ebenfalls einen Schaden hatte; sie saß mit ihrem Zahnlückengrinsen da und verhieß Unheil.

»Der Rollstuhl war viel teurer«, sagte sie. »Die Preise für Klinikzubehör sind förmlich explodiert, seit ich …« Sie verstummte, runzelte die Stirn, räusperte sich. Dann sah sie ihn wieder lächelnd an. »Aber es wird Zeit, daß Sie aufrecht sitzen, und ich trauere dem Geld kein bisschen nach. Selbstverständlich können Sie nicht im Liegen tippen, oder?«

»Nein …«

»Ich habe ein Brett … auf die richtige Größe gesägt … und Papier … warten Sie!«

Sie stürmte wie ein junges Mädchen aus dem Zimmer und ließ Paul und die Schreibmaschine einander anstarrend zurück. Sein Grinsen verschwand in dem Augenblick, als sie ihm den Rücken zudrehte. Das der Royal freilich blieb gleich. Später ging er davon aus, daß er ganz genau gewußt hatte, worauf das hinauslaufen würde, so wie er gewußt hatte, wie sich die Schreibmaschine anhören würde, wie sie durch die Lücke klappern würde wie Ducky Daddles, diese alte Trickfilmfigur.

Sie kam mit einer Packung Corrasable Bond und einem etwa neunzig Zentimeter breiten und einen Meter zwanzig langen Brett zurück.

»Sehen Sie!« Sie legte das Brett auf die Armlehnen des Rollstuhls, der wie das Skelett eines feierlichen Besuchers neben dem Bett stand. Er konnte schon den Geist seiner selbst hinter diesem Brett sehen, eingezwängt wie ein Gefangener.

Sie stellte die Schreibmaschine so auf das Brett, daß sie dem Geist zugewendet war, und legte die Packung Corrasable Bond — das Schreibmaschinenpapier, welches er am meisten auf der Welt hasste, weil die Buchstaben immer so verschmierten, wenn man die Seiten zusammenschob — daneben. Nun hatte sie eine Art Arbeitszimmer für einen Krüppel geschaffen.

»Was meinen Sie?«

»Sieht gut aus«, sagte er und sprach die größte Lüge in seinem Leben ohne Schwierigkeiten aus, dann stellte er die Frage, deren Antwort er bereits kannte. »Und was, glauben Sie, werde ich dort schreiben?«

»Oh, aber Paul!«, sagte sie, drehte sich zu ihm um, und ließ die Augen aufgeregt in ihrem geröteten Gesicht tanzen . . »Ich glaube nicht, ich weiß es! Sie werden mit dieser Schreibmaschine einen neuen Roman schreiben! Ihren besten! Miserys Rückkehr!«

24

Miserys Rückkehr. Er empfand überhaupt nichts. Er vermutete, ein Mann, der sich gerade mit einer Motorsäge die Hand abgesägt hatte, mochte dieselbe Art von Nichts verspüren, während er mit benommener Überraschung den abgetrennten Stumpf betrachtete.

»Ja!« Ihr Gesicht strahlte wie ein Scheinwerfer. Sie hatte die kräftigen Hände vor der Brust ineinander verhakt. »Ein Buch nur für mich, Paul! Meine Bezahlung dafür, daß ich Sie wieder gesund gemacht habe! Die einzige Kopie des neuesten Misery-Buchs! Ich werde etwas haben, was niemand sonst auf der Welt haben wird, so sehr sie es sich auch wünschen mögen! Stellen Sie sich das einmal vor!«

»Annie, Misery ist tot.« Aber unglaublicherweise dachte er: Ich könnte sie zurückbringen. Der Gedanke erfüllte ihn mit müdem Widerwillen, aber nicht mit Überraschung. Ein Mann, der es fertigbrachte, aus einem Putzeimer zu trinken, sollte eigentlich auch in der Lage sein, eine Auftragsarbeit zu schreiben.

»Nein, ist sie nicht«, antwortete Annie verträumt. »Selbst als ich … als ich wütend auf Sie war, da wußte ich, daß sie nicht wirklich tot ist. Ich wußte, daß Sie sie nicht umbringen könnten. Weil Sie gut sind.«

»Bin ich das?«, sagte er und betrachtete die Schreibmaschine. Sie grinste ihn an. Wir werden schon herausfinden, wie gut du wirklich bist, Kumpel, flüsterte sie.

»Ja!«

»Annie, ich weiß nicht, ob ich in diesem Rollstuhl sitzen kann. Beim letzten Mal…«

»Beim letzten Mal hatten Sie Schmerzen. Das kann ich mir denken. Und beim nächsten Mal werden Sie wieder Schmerzen haben. Vielleicht sogar noch ein wenig größere. Aber der Tag wird kommen — und das wird nicht mehr lange dauern, auch wenn es Ihnen vielleicht länger erscheinen mag als es ist —, da werden die Schmerzen nachlassen. Nachlassen. Nachlassen.«

»Annie, verraten Sie mir eines?«

»Natürlich, mein Lieber!«

»Wenn ich diese Geschichte für Sie schreibe …«

»Roman! Einen schön dicken, wie die anderen — vielleicht sogar noch dicker!«

Er schloß die Augen einen Moment, dann öffnete er sie wieder. »Okay — wenn ich diesen Roman für Sie schreibe, werden Sie mich dann gehen lassen, wenn ich fertig bin?«

Einen Augenblick umwölkte Unbehagen ihr Gesicht, dann sah sie ihn vorsichtig und argwöhnisch an. »Das hört sich an, als würde ich Sie hier wie einen Gefangenen halten, Paul.«

Er sagte nichts, sah sie nur an.

»Ich glaube, wenn Sie damit fertig sind, werden Sie … werden Sie der Belastung, wieder unter Menschen zu gehen, gewachsen sein«, sagte sie. »Wollten Sie das hören?«

»Das wollte ich hören, ja.«

»Also wirklich! Ich weiß, Schriftstellern sagt man Egomanie nach, aber bisher wußte ich nicht, daß das auch Undankbarkeit bedeutet!«

Er sah sie weiter unverwandt an, und nach einigen Augenblicken wandte sie sich ungeduldig und ein wenig verschnupft ab.

Schließlich sagte er: »Ich brauche alle Misery-Bücher, wenn Sie sie haben, weil ich keine Konkordanz habe.«

»Selbstverständlich habe ich sie!«, sagte sie. Dann: »Was ist eine Konkordanz?«

»Das ist ein Ordner mit losen Blättern, in dem ich alles Misery-Material aufbewahre«, sagte er. »Personen und Schauplätze, mehr nicht, aber mit drei- bis vierfachen Querverweisen. Zeittafeln. Historischer Hintergrund…«

Er sah, daß sie ihm kaum zuhörte. Dies war das zweite Mal, daß sie keinerlei Interesse an einem Kniff seines Berufes zeigte, der eine ganze Klasse von Möchtegern-Schriftstellern in Bann gehalten hätte. Der Grund, dachte er, war schlicht und einfach. Annie Wilkes war das perfekte Publikum, eine Frau, die Geschichten liebte, ohne das geringste Interesse für die Mechanismen aufzubringen, wie sie zustande kamen. Sie war die Verkörperung des viktorianischen Archetyps des Dauerlesers. Sie wollte nichts von seiner Konkordanz und seinen Tabellen hören, weil für sie Misery und die Personen um sie herum vollkommen real waren. Tabellen bedeuteten ihr nichts. Hätte er von einer Volkszählung in Little Dunthorpe erzählt, hätte sie das wahrscheinlich mehr interessiert.

»Ich werde dafür sorgen, daß Sie die Bücher bekommen. Sie sind ein wenig eselsohrig, aber das ist schließlich ein Zeichen dafür, daß ein Buch häufig gelesen und geliebt wurde, nicht?«

»Ja«, sagte er. Dieses Mal brauchte er nicht zu lügen. »Ja, das ist es.«

»Ich werde versuchen, das Buchbinden zu lernen«, sagte sie verträumt. »Ich werde Miserys Rückkehr selbst binden. Von der Bibel meiner Mutter abgesehen wird es das einzige richtige Buch sein, das ich besitze.«

»Das ist gut«, sagte er, nur um etwas zu sagen. Er fühle sich ein wenig übel im Magen.

»Ich gehe jetzt hinaus, damit Sie ihre Denkerkappe aufsetzen können«, sagte sie. »Ist das aufregend! Finden Sie nicht?«

»Doch, Annie. Finde ich auch.«

»In einer halben Stunde bringe ich Ihnen etwas Hühnchenbrust, Kartoffelbrei und Erbsen. Sogar ein wenig Pudding, weil Sie so ein artiger Junge gewesen sind. Und ich werde dafür sorgen, daß Sie Ihre Medizin rechtzeitig bekommen. Sie können sogar eine zusätzliche Tablette für die Nacht haben, wenn Sie möchten. Ich möchte mir sicher sein, daß Sie gut schlafen, denn morgen früh müßen Sie sich an die Arbeit machen. Sie werden schneller genesen, wenn Sie arbeiten, da bin ich ganz sicher!«

Sie ging zur Tür, dort blieb sie einen Augenblick stehen, dann warf sie ihm groteskerweise eine Kußhand zu. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Er wollte die Schreibmaschine nicht ansehen, und eine Zeit lang widerstand er dem Wunsch auch, es dennoch zu tun, aber schließlich wendete sich sein Blick hilflos in ihre Richtung. Sie saß grinsend auf dem Brett. Sie anzusehen war ein wenig, als würde er ein Folterinstrument ansehen — Eisenschuh, Streckbank, Rad —, das außer Betrieb war, jedoch nur vorläufig.

Ich glaube, wenn Sie damit fertig sind, werden Sie … werden Sie der Belastung, wieder unter Menschen zu gehen, gewachsen sein.

Ach, Annie, du hast uns beide belogen. Ich wußte es, und du wußtest es auch. Ich habe es deinen Augen angesehen.

Das begrenzte Panorama, die sich jetzt vor ihm auftat, war außerordentlich unangenehm: noch sechs Wochen zu leben, in denen er unter seinen gebrochenen Beinen leiden und seine Bekanntschaft mit Misery Chastain, nunmehr Carmichael, erneuern mußte, anschließend ein hastiges Begräbnis im Hinterhof. Oder vielleicht würde sie seine sterblichen Überreste an Misery das Schwein verfüttern — das würde eine gewisse Gerechtigkeit bedeuten, so schwarz und teuflisch sie auch sein mochte.

Dann tu es eben nicht. Mach sie wütend. Sie ist so schon eine wandelnde Flasche Nitroglyzerin. Schubs sie ein wenig an. Bring sie zum Explodieren. Besser, als leidend hier herumzuliegen.

Er versuchte, zu den verschlungenen H hinaufzusehen, aber nicht lange danach sah er wieder zu der Schreibmaschine. Sie stand stumm und klobig auf dem Brett, voller Worte, die er nicht schreiben wollte, und grinste mit ihrem Zahnlückenmaul.

Ich glaube nicht, daß das dein Ernst ist, alter Junge. Ich glaube, du möchtest am Leben bleiben, auch wenn es wirklich schmerzt. Wenn es bedeutet, Misery noch einmal auferstehen zu lassen, wirst du es tun. Jedenfalls wirst du es versuchen — aber vorher wirst du dich mit mir auseinandersetzen müßen … und ich glaube, ich mag dein Gesicht nicht.

»Gleichstand«, krächzte Paul.

Dieses Mal versuchte er, aus dem Fenster zu sehen, wo gerade wieder Schnee fiel. Es dauerte jedoch nicht lange, da sah er die Schreibmaschine wieder mit einer widerwärtigen Faszination an, und er vermochte nicht einmal zu sagen, wann er den Blick wieder auf sie gerichtet hatte.

25

In den Rollstuhl zu gelangen tat nicht so weh, wie er vermutet hatte, und das war gut so, denn er wußte aus Erfahrung, daß es hinterher verdammt weh tun würde.

Sie stellte ein Tablett mit Essen auf das Brett, dann schob sie den Rollstuhl zum Bett. Sie half ihm, sich aufzurichten — ein dumpfer, stechender Schmerz flackerte in seinem Becken auf, ließ aber wieder nach —, dann beugte sie sich zur Seite, und ihr Hals presste sich gegen seine Schulter wie der Hals eines Pferdes. Einen Augenblick konnte er das Pochen ihres Pulses fühlen, und er verzog angewidert das Gesicht. Dann hatte sie ihm den rechten Arm fest um die Schultern gelegt und den linken unter die Gesäßbacken geschoben.

»Versuchen Sie, sich unterhalb der Knie nicht zu bewegen, während ich das mache«, sagte sie und schob ihn dann einfach auf den Stuhl. Sie tat es so mühelos, als würde sie ein Buch in die freie Stelle ihres Bücherregals schieben. Ja, sie war kräftig. Auch wenn er in guter Verfassung gewesen wäre, wäre der Ausgang eines Kampfes zwischen ihm und Annie fraglich gewesen. In seinem jetzigen Zustand wäre es, als würde man den Wally Cox gegen den Boom Boom Mancini antreten lassen.

Sie legte das Brett vor ihn. »Sehen Sie, wie gut es passt?«, sagte sie und ging das Essen holen.

»Annie?«

»Ja?«

»Ich frage mich, ob Sie diese Schreibmaschine herumdrehen könnten, so daß sie zur Wand hin steht.«

Sie runzelte die Stirn. »Warum, um alles in der Welt, sollte ich das tun?«

Weil ich nicht möchte, daß sie mich die ganze Nacht hindurch angrinst.

»Ein alter Aberglaube von mir«, sagte er. »Ich drehe immer die Schreibmaschine zur Wand, bevor ich zu schreiben anfange.« Er machte eine Pause, dann fügte er hinzu: »Tatsächlich sogar jeden Abend, während ich schreibe.«

»Eine alte Gewohnheit also«, sagte sie. »Ich bemühe mich immer, alte Gewohnheiten zu respektieren.« Sie drehte sie herum, so daß sie nur die leere Wand angrinste. »Besser?«

»Viel besser.«

»Sie sind so ein Dummerchen«, sagte sie, kam zu ihm und begann ihn zu füttern.

26

Er träumte von Annie Wilkes am Hofe eines legendären arabischen Kalifen, wo sie Dämonen und Dschinns heraufbeschwor und dann mit einem fliegenden Teppich durch den Palast flog. Als der Teppich an ihm vorbeiraste (das Haar wehte hinter ihr her, ihre Augen waren so leuchtend und hart wie die eines Schiffskapitäns, der zwischen Eisbergen navigiert), sah er, daß er nur aus grünen und weißen Fäden geknüpft war, und das Muster war ein Nummernschild aus Colorado.

Es war einmal, rief Annie ihm zu. Es war einmal eine Zeit, da es sich zutrug. Dies geschah in den Tagen, als der Großvater meines Großvaters noch ein kleiner Junge war. Dies ist die Geschichte, wie ein armer Junge. Ich hörte sie von einem Mann, der. Es war einmal. Es war einmal.

27

Als er erwachte, schüttelte Annie ihn, und grelles Sonnenlicht strahlte zum Fenster herein — es hatte aufgehört zu schneien.

»Aufwachen, Schlafmütze!«, trällerte Annie beinahe. »Ich habe Joghurt und ein schönes gekochtes Ei für Sie, und dann wird es Zeit, daß Sie anfangen.«

Er betrachtete ihr erwartungsvolles Gesicht und verspürte ein seltsames neues Gefühl — Hoffnung. Er hatte geträumt, daß Annie Wilkes Scheherazade war, ihr solider Körper war in wallende Gewänder gekleidet gewesen, die großen Füße steckten in rosa verzierten Pantoffeln mit Schnäbeln, während sie auf ihrem fliegenden Teppich flog und die Beschwörungen sang, welche die Türen zu den besten Geschichten öffnen. Aber natürlich war nicht Annie Scheherazade. Er war es. Und wenn das, was er schrieb, gut genug war, wenn sie es nicht über sich bringen konnte, ihn umzubringen, bevor sie herausgefunden hatte, wie alles aufgelöst wurde, einerlei wie laut und wie sehr ihre tierischen Instinkte schrien, daß sie es tun sollte, daß sie es tun mußte

Könnte er dann nicht eine Chance haben?

Er sah an ihr vorbei und stellte fest, daß sie die Schreibmaschine herumgedreht hatte, bevor sie ihn weckte; sie grinste ihn mit ihrem fehlenden Zahn freudestrahlend an und sagte ihm, daß es schön war, zu hoffen, und gut, sich ewig strebend zu bemühen, aber letzten Endes war es allein der Untergang, der etwas galt.

28

Sie schob ihn ans Fenster, so daß zum ersten Mal seit Wochen die Sonne auf ihn schien, und er hatte den Eindruck, als würde seine blasse Haut, die stellenweise ein wenig wundgelegen war, murmelnd ihre Freude und ihre Dankbarkeit bekunden. Eine Spur Frost hatte sich auf den Innenseiten der Fenster niedergeschlagen, und wenn er die Hand ausstreckte, konnte er die Kälte wie eine Kuppel um das Fenster herum spüren. Dieses Gefühl war erfrischend und irgendwie nostalgisch, wie ein Brief von einem alten Freund.

Zum ersten Mal seit Wochen — ihm kam es wie Jahre vor — konnte er eine Geografie sehen, welche sich von der seines Zimmers mit seinen unveränderlichen Parametern unterschied — blaue Tapete, Bild des Triumphbogens, der lange, lange Monat Februar, symbolisiert durch den Jungen, der mit dem Schlitten bergab fuhr (er glaubte, daß sein Verstand sich jedes Mal an diesen Jungen erinnern würde, wenn der Januar dem Februar wich, auch wenn er diesen Monatswechsel noch fünfzigmal erleben durfte). Er sah so angestrengt in diese Welt hinaus, wie er damals, als Kind, seinen ersten Film — Bambi — angesehen hatte.

Der Horizont war ganz nah; das war in den Rockies immer so, da weite Panoramen unweigerlich von aufragenden Felsgestein abgeschnitten wurden. Der Himmel hatte eine makellose, frühmorgendliche Farbe, unschuldig und wolkenlos. Ein Teppich aus grünem Wäld erstreckte sich am nächstgelegenen Hügel empor. Zwischen dem Haus und dem Waldrand lagen schätzungsweise dreihundert Hektar offenes Gelände — die Schneedecke darüber war makellos weiß. Man konnte unmöglich sagen, ob das Land darunter beackert wurde oder eine offene Wiese war. Nur ein einziges Gebäude unterbrach den Blick auf dieses weite Gelände: ein sauberer roter Stall. Wenn sie von ihrem Vieh gesprochen hatte oder wenn er sie grimmig am Fenster hatte vorbeistapfen sehen, wobei sie ihre Atemwölkchen mit dem undurchdringlichen Bug ihres Gesichts zerteilte, hatte er sich immer ein baufälliges Gebilde vorgestellt, wie eine Illustration aus einem Kinderbuch mit Geistergeschichten — der Dachfirst von der jahrelangen Schneelast gebeugt, die Fensterscheiben leer und staubig, ein paar zerbrochen und mit Karton behelfsmäßig geflickt, hohe Doppeltüren, die vielleicht aus den Angeln und nach außen hingen. Dieses saubere und ordentliche Bauwerk jedoch sah mit der dunkelroten Farbe und den schmucken cremefarbenen Verzierungen wie die Großgarage eines wohlhabenden Landedelmannes aus. Davor stand ein Jeep Cherokee, der etwa fünf Jahre alt sein mochte, aber gut gepflegt war. Auf einer Seite stand ein Fisher-Pflug in einem selbst gezimmerten Holzverschlag. Um den Pflug am Jeep zu befestigen, mußte sie lediglich vorsichtig zu dem Holzverschlag zurückstoßen, so daß sich die Haken am Jeep in die Ösen am Pflug einführen ließen, und dann den Sicherungsschalter am Armaturenbrett drücken. Das perfekte Gespann für eine alleinstehende Frau, die keinen Nachbarn hatte, den sie um Hilfe bitten konnte (abgesehen natürlich von diesen Schmutzfinken von Roydmans, und von denen hätte Annie wahrscheinlich keinen Teller Schweinefleisch angenommen, selbst wenn sie am Verhungern gewesen wäre). Der Boden neben dem Weg war sauber gepflügt, ein Beweis für die Tatsache, daß sie den Pflug tatsächlich benutzte, aber die Straße konnte er nicht sehen — hier behinderte das Haus selbst sein Gesichtsfeld.

»Wie ich sehe, bewundern Sie meinen Stall, Paul.«

Er drehte sich verblüfft herum. Die hastige und unwillkürliche Bewegung weckte seine Schmerzen aus ihrem Schlummer. Sie knurrten dumpf in dem, was von einen Schienbeinen übrig war, und in der geschwollenen Salzkuppel seines linken Knies. Sie drehten sich um und peinigten ihn mit Nadelstichen in ihrem Gefängnis aus Knochen, dann schlummerten sie ganz langsam wieder ein.

Sie hatte Nahrung auf dem Tablett. Weiche Nahrung, Invalidennahrung … aber sein Magen knurrte, während er sie betrachtete. Als sie zu ihm ging, stellte er fest, daß sie weiße Schuhe mit Kreppsohlen anhatte.

»Ja«, sagte er. »Er ist sehr schön.«

Sie legte das Brett auf die Armlehnen des Rollstuhls, dann stellte sie das Tablett darauf. Sie zog einen Stuhl an seine Seite und sah ihm zu, wie er zu essen begann.

»Utschibutschi! Ohne Fleiß kein Preis, pflegte meine Mutter immer zu sagen. Ich halte ihn so ordentlich, weil die Nachbarn zu tratschen anfangen würden, wenn ich es nicht täte. Sie suchen ständig nach einem Weg, es mir zu zeigen oder Gerüchte über mich in die Welt zu setzen. Daher halte ich alles ordentlich. Den Schein zu wahren ist sehr, sehr wichtig. Was den Stall anbelangt, so ist es wirklich nicht viel Arbeit, wenn man immer hinterher ist. Dafür zu sorgen, daß der Schnee nicht durchs Dach bricht, ist das pupsigste Problem.«

Das pupsigste Problem, dachte er. Das mußt du dir für das Annie-Wilkes-Lexikon in deinen Memoiren merken — wenn du je Gelegenheit haben solltest, deine Memoiren zu schreiben, heißt das. Zusammen mit Schmutzfink und utschibutschi und allen anderen, die im Laufe der Zeit ganz sicher noch dazukommen werden.

»Vor zwei Jahren ließ ich von Billy Haversham Heizbänder in das Dach einbauen. Man legt nur den Schalter um, dann werden sie heiß und schmelzen das Eis. Diesen Winter werde ich sie nicht mehr lange brauchen — sehen Sie, wie das Eis schon von allein zu schmelzen beginnt?«

Die Gabel mit Ei hatten den halben Weg zum Mund zurückgelegt. Dort verharrte sie, während er zum Stall hinaussah. Entlang der Dachkante sah er eine Reihe Eiszapfen. Die Spitzen der Eiszapfen tropften — tropften schnell. Jeder Tropfen funkelte, wenn er in einen schmalen Kanal aus Eis auf den Boden fiel.

»Wir haben schon sieben Grad, und es ist noch nicht einmal neun Uhr!« Annie plapperte unverdrossen weiter, während Paul sich vorstellte, wie die hintere Stoßstange des Camaro allmählich im schmelzenden Schnee sichtbar wurde, so daß die Sonne sich darauf spiegeln konnte. »Selbstverständlich wird das Wetter nicht anhalten — wir haben noch zwei oder drei harte Tage vor uns und möglicherweise noch einmal einen Sturm. Aber der Frühling kommt, Paul, und meine Mutter pflegte immer zu sagen, die Hoffnung des Frühling ist wie die Hoffnung des Himmels.«

Er legte die Gabel mit dem Ei auf den Teller zurück.

»Möchten Sie den letzten Bissen nicht? Schon satt?«

»satt«, stimmte er zu, und in Gedanken sah er derweil die Roydmans von Sidewinder nach Hause fahren, sie sahen ein grelles Aufblitzen, das Mrs. Roydman blendete, so daß sie blinzelte und schützend die Hand hob — Was ist denn dort unten, Ham? … Sag mir nicht, daß ich verrückt bin, dort unten ist etwas! Die Spiegelung hat mich fast blind gemacht! Fahr zurück, das möchte ich mir einmal genauer ansehen!

»Dann nehme ich das Tablett mit«, sagte sie, »und Sie können anfangen.« Sie bedachte ihn mit einem sehr warmen Gesichtsausdruck. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin, Paul.«

Sie ging hinaus und ließ ihn sitzen und die Eiszapfen am Rand des Daches betrachten, von denen Wasser hinab auf den Boden tropfte.

29

»Ich hätte gern anderes Papier, wenn Sie welches besorgen können«, sagte er, als sie zurückkam und Schreibmaschine und Papier auf das Brett beförderte.

»Ein anderes als dieses?«, fragte sie und klopfte auf die in Zellophan eingehüllte Packung Corrasable Bond. »Aber das war das teuerste von allen! Ich habe mich extra erkundigt, als ich im Schreibwarengeschäft war!«

»Hat Ihre Mutter Ihnen nie beigebracht, daß das teuerste nicht unbedingt immer das Beste ist?«

Annies Stirn verfinsterte sich. Ihre anfangs defensive Haltung war Gekränktheit gewichen. Paul vermutete, daß Wut folgen würde.

»Nein, das hat sie nicht. Sie hat mir jedoch gesagt, Mister Neunmalklug, daß man billig bekommt, wenn man billig kauft

Das Klima in ihr, hatte er herausgefunden, war wie das Frühlingswetter im Mittlwesten. Sie war eine Frau voller Tornados, die nur aufs Lobrechen warteten, und wäre er ein Farmer gewesen, der zum Himmel schaute, wie er nun Annies Gesicht sah, hätte er auf der Stelle seine Familie geholt und sie in den Sturmkeller geführt. Ihre Stirn war zu weiß. Ihre Nasenflügel hoben und senkten sich regelmäßig wie die eines Tieres, das Feuer wittert. Ihre Hände hatten wieder angefangen, wie fon Federn getriben aufzuspringen und sich zu ballen, sie fingen Luft ein und zerquetschten sie.

Die Tatsache, daß er sie so sehr brauchte und daß er so verwundbar war, schrie ihn an, damit aufzuhören und sie zu besänftigen, solange noch Zeit war — wenn überhaupt noch Zeit war —, wie ein Stamm in einem Rider Haggard-Roman seine Göttin besänftigt haben würde, wenn sie zornig war, indem er ihrem Abbild ein Opfer darbrachte.

Aber es gab noch einen anderen Teil in ihm, berechnender und nicht so feige, der ihn daran erinnerte, daß er nicht Scheherazade spielen konnte, wenn er jedes Mal, wenn sie innerlich kochte, ängstlich und unterwürfig wurde. Wenn er das tat, würde sie nur umso mehr kochen. Wenn du nicht etwas hättest, was sie über alle Maßen begehrt, überlegte dieser Teil von ihm, hätte sie dich unverzüglich ins Krankenhaus gebracht oder dich später getötet, um sich vor den Roydmans zu schützen — denn für Annie ist die Welt voll von Roydmans, für Annie lauern sie hinter jedem Gebüsch. Und wenn du dieses Miststück jetzt nicht in die Schranken weist, Paulie, dann wirst du es nie mehr können.

Sie begann schneller zu atmen, beinahe zu hyperventilieren; auch der Rhythmus ihrer sich ballenden Hände wurde schneller, und er wußte, in wenigen Augenblicken würde sie an ihm vorüber sein.

Er nahm daher allen Mut zusammen, den er noch besaß, und bemühte sich um exakt den richtigen Tonfall aus scharfer und doch fast beiläufiger Gereiztheit, als er sagte: »Sie können getrost damit aufhören. Wütend zu werden wird nicht das geringste ändern.«

Sie erstarrte, als hätte er sie geschlagen, und sah ihn verletzt an.

»Annie«, sagte er, »das ist keine große Angelegenheit.«

»Es ist ein Trick«, sagte sie. »Sie wollen mein Buch nicht schreiben, und daher denken Sie sich Tricks aus, damit Sie nicht anfangen müßen. Das habe ich genau gewußt. Oh, Junge. Aber es wird Ihnen nichts nutzen. Es …«

»Das ist dummes Zeug«, sagte er. »Habe ich gesagt, daß ich nicht anfangen werde?«

»Nein … nein, aber …«

»Sehen Sie. Ich werde es nämlich tun. Und wenn Sie hierherkommen und es sich ansehen, dann werde ich Ihnen zeigen, was das Problem ist. Bringen Sie bitte diesen Webster-Becher mit.«

»Den was?«

»Den kleinen Becher mit Kugelschreibern und Bleistiften«, sagte er. »In Zeitungen nennet man sie manchmal Webster-Becher. Nach Daniel Webster.« Das war eine Lüge, die er sich ganz spontan ausgedacht hatte, aber es hatte den beabsichtigten Effekt — sie sah verwirrter denn je drein und fühlte sich offensichtlich in einer Welt von Spezialisten verloren, zu der sie keinen Zugang hatte. Die Verwirrung hatte ihrer Wut die Heftigkeit (und damit den Zündstoff) genommen; er sah jetzt, daß sie sich nicht mehr sicher war, ob sie überhaupt das Recht hatte, wütend zu sein.

Sie brachte den Becher mit den Stiften und knallte ihn auf das Brett, und er dachte: Gottverflucht! Ich habe gewonnen! Nein — das stimmte nicht. Misery hatte gewonnen.

Aber das ist auch nicht ganz richtig. Es war Scheherazade. Scheherazade hat gewonnen.

»Was«, sagte sie mürrisch.

»Sehen Sie her.«

Er riß die Packung Corrasable auf und holte ein Blatt heraus. Er griff nach einem frisch gespitzten Bleistift und zog eine Linie auf dem Papier. Dann nahm er einen Kugelschreiber und zog darunter eine zweite Linie. Dann strich er mit dem Daumen über die etwas rauhe Oberfläche des Papiers. Beide Linien verschmierten in die Richtung seiner Daumenbewegung, die Bleistiftlinie etwas mehr als die, die er mit Kugelschreiber gezogen hatte.

»Sehen Sie?«

»Na und?«

»Farbband wird genauso verschmieren«, sagte er. »Nicht ganz so schlimm wie die Bleistiftlinie, aber schlimmer als die Kugelschreiberlinie.«

»Haben Sie vor, über jede Seite mit dem Daumen zu rubbeln?«

»Über einen Zeitraum von Wochen, selbst Tagen hinweg, wird das Zusammenschieben der Blätter ausreichen, um die Buchstaben hinreichend zu verschmieren«, sagte er, »und wenn ein Manuskript in Arbeit ist, dann wird häufig darin geblättert. Man muß immer irgendwo nachlesen, um einen Namen oder ein Datum zu suchen. Mein Gott, Annie, das Erste, was man in diesem Geschäft herausfindet, ist die Tatsache, daß Lektoren Manuskripte, die auf Corrasable Bond geschrieben wurden, beinahe ebenso sehr hassen wie sie handgeschriebene Manuskripte hassen.«

»Nennen Sie es nicht so. Ich hasse es, wenn Sie es so nennen.«

Er sah sie aufrichtig verwirrt an. »Was so nennen?«

»Wenn Sie das Talent, welches Gott Ihnen gegeben hat, verdrehen, indem Sie es ein Geschäft nennen. Das hasse ich.«

»Tut mir leid.«

»Sollte es auch«, erwiderte sie steinern. »Sie könnten sich ebenso gut eine Hure nennen.«

Nein, Annie, dachte er und wurde plötzlich wütend. Ich bin keine Hure. Schnelle Autos drehte sich darum, keine Hure zu sein. Dieses Miststück Misery sterben zu lassen — dabei ging es auch genau darum, wenn ich darüber nachdenke. Ich bin an die Westküste gefahren, um meine Befreiung von der Hurerei zu feiern. Was du getan hast, war schlicht und einfach, mich aus dem Autowrack zu ziehen, nachdem ich den Unfall hatte, und mich wieder in die Krippe zu stecken. Zwei Dollar normal, für vier Dollar wird dir Hören und Sehen vergehen. Und ab und zu sehe ich ein Flackern in deinen Augen, das mir verrät, daß ein Teil von dir das auch weiß. Ein Geschworenengericht könnte dich vielleicht wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit freisprechen, Annie, aber ich nicht. Nicht dieser Junge.

»Ein interessanter Kritikpunkt«, sagte er. »Und um wieder auf das Thema Papier zurückzukommen …«

»Ich bringe Ihnen Ihr utschibutschi Papier«, sagte sie mürrisch. »Sagen Sie mir nur, was ich holen soll, dann hole ich es.«

»Solange Sie wissen, daß ich auf Ihrer Seite bin …«

»Daß ich nicht lache. Seit dem Tod meiner Mutter vor zwanzig Jahren ist niemand mehr auf meiner Seite gewesen.«

»Dann glauben Sie, was Sie wollen«, sagte er. »Wenn Sie sich so unsicher sind, daß Sie glauben, ich wäre Ihnen nicht dankbar dafür, daß Sie mir das Leben gerettet haben, dann ist das Ihr Problem.«

Er betrachtete sie verschlagen und sah wieder ein Flackern von Unsicherheit, von Glauben-Wollen, in ihren Augen. Gut. Sehr gut. Er sah sie mit aller Aufrichtigkeit an, die er zustande bringen konnte; dabei stellte er sich in Gedanken wieder vor, wie er eine Glasscherbe in ihren Hals drückte und ein für alle Mal das Blut abließ, welches ihr verrücktes Gehirn versorgte.

»Wenigstens sollten Sie glauben können, daß ich auf der Seite des Buches bin. Sie sagten, Sie wollten es binden. Ich nehme an, Sie möchten das Manuskript binden? Die getippten Seiten?«

»Selbstverständlich habe ich das gemeint.«

Kann ich mir denken. Denn wenn du das Manuskript zu einem Drucker bringen würdest, könnte man Fragen stellen. Du magst naiv sein, was die Welt von Büchern und Verlagen anbelangt, aber nicht so naiv. Paul Sheldon ist verschwunden, und der Drucker könnte sich daran erinnern, daß er ein Romanmanuskript erhalten hat, in dem Paul Sheldons berühmteste Figur die Hauptrolle spielt — und das etwa zu der Zeit, als der Mann verschwunden ist, nicht? Und er würde sich ganz sicher an die Anweisungen erinnern — Anweisungen, die so ungewöhnlich sind, daß jeder Drucker sich daran erinnern würde. Ein gedrucktes Exemplar von einem Romanmanuskript.

Nur eines.

»Wie sie ausgesehen hat, Officer? Nun, sie war eine große Frau. Sah ein wenig wie ein steinernes Götzenbild aus einem H. Rider Haggard-Roman aus. Einen Augenblick, ich habe ihren Namen und ihre Anschrift hier in der Kartei … Lassen Sie mich den Rechnungsdurchschlag heraussuchen …«

»Auch dagegen ist nichts einzuwenden«, sagte er. »Ein gebundenes Manuskript kann verdammt gut aussehen. Sieht wie eine gute Faksimileausgabe aus. Aber ein Buch sollte lange halten, Annie, und wenn ich es auf Corrasable schreibe, dann werden Sie in etwa zehn Jahren nichts weiter haben als ein Bündel leere Seiten. Es sei denn, natürlich, Sie stellen es nur ins Regal.«

Aber das würde sie natürlich nicht wollen, oder? Himmel, nein. Sie würde es jeden Tag herausholen wollen, vielleicht sogar alle paar Stunden. Herausnehmen und es bewundern.

Ihr Gesicht hatte einen seltsamen Ausdruck angenommen. Ihm gefiel diese Verstocktheit nicht, dieser beinahe ostentative Ausdruck von Halsstarrigkeit. Er machte ihn nervös. Ihre Wut konnte er mittlerweile abschätzen, aber dieser neue Ausdruck hatte etwas an sich, was ebenso undeutbar wie kindisch war.

»Sie müßen nichts mehr sagen«, meinte sie. »Ich habe Ihnen bereits zugesagt, daß Sie Ihr Papier bekommen. Was für eine Sorte?«

»In diesem Schreibwarenladen, wo Sie kaufen …«

»Im Paper Patch.«

»Ja, Paper Patch. Sagen Sie ihnen, Sie möchten zwei Ries — ein Ries, das sind fünfhundert Blatt …«

»Das weiß ich, Paul. Ich bin nicht dumm.«

»Ich weiß, daß Sie nicht dumm sind«, sagte er und wurde noch nervöser. Die Schmerzen in seinen Beinen hatten wieder zu murmeln begonnen, und in seinem Becken schrien sie bereits vernehmlich — er saß jetzt fast eine Stunde lang, und die Brüche dort unten begannen, sich darüber zu beschweren.

Bleib ruhig, um Himmels willen — du darfst nicht alles aufs Spiel setzen, was du erreicht hast!

Aber habe ich etwas erreicht? Oder ist das nur Wunschdenken?

»Verlangen Sie zwei Ries weißes holzfreies SM-Papier. Hammermill Bond ist eine gute Marke; Triad Modern auch. Zwei Ries SM werden weniger als diese Packung Corrasable kosten, und sie dürften ausreichen, das Buch zu entwerfen und in die Endfassung zu tippen.«

»Ich gehe sofort«, sagte sie und stand unvermittelt auf.

Er sah sie erschrocken an und begriff, daß sie wieder gehen wollte, ohne ihm seine Medikamente zu geben; und diesesmal saß er aufrecht. Das Sitzen schmerzte bereits; wenn sie zurückkam, würden die Schmerzen unerträglich sein, auch wenn sie sich beeilte.

»Das müßen Sie nicht«, sagte er hastig. »Das Corrasable genügt für den Anfang — schließlich werde ich es ohnehin noch einmal überarbeiten müßen …«

»Nur ein Dummkopf würde versuchen, gute Arbeit mit schlechten Werkzeugen anzufangen.« Sie griff die Packung Corrasable Bond, dann nahm sie das Blatt mit den beiden verschmierten Linien und knüllte es zu einem Ball zusammen. Beides warf sie in den Papierkorb, dann drehte sie sich wieder zu ihm um. Dieser steinerne, verstockte Ausdruck bedeckte ihr Gesicht wie eine Maske. Ihre Augen glitzerten wie polierte Münzen.

»Ich werde jetzt gehen«, sagte sie. »Ich weiß, Sie wollen so schnell wie möglich anfangen, da Sie auf meiner Seite sind« — die letzten Worte sprach sie mit einem ätzenden Sarkasmus aus (und, wie Paul vermutete, mit mehr Haß auf sich selbst, als ihr jemals verspürt hatte) — »daher werde ich mich nicht einmal damit aufhalten, Sie wieder ins Bett zu legen.«

Sie lächelte, ein Zurückziehen der Lippen, das auf groteske Weise marionettenhaft wirkte, und kam mit den lautlosen weißen Krankenschwesterschuhen an seine Seite. Ihre Finger berührten sein Haar. Er zuckte zusammen. Er versuchte, es nicht zu tun, aber es gelang ihm nicht. Ihr tot-lebendiges Lächeln wurde noch breiter.

»Ich befürchte zwar, wir werden den tatsächlichen Start von Miserys Rückkehr um einen Tag verschieben müßen … vielleicht zwei … vielleicht sogar drei. Ja, es könnte drei Tage dauern, bis Sie wieder sitzen können. Wegen der Schmerzen. Zu schade. Ich hatte bereits den Champagner im Kühlschrank. Ich werde ihn wieder auf das Regal zurückstellen müßen.«

»Annie, ich kann wirklich anfangen, wenn Sie …«

»Nein, Paul.« Sie ging zur Tür, dort drehte sie sich um und sah ihn mit ihrem versteinerten Gesicht an. Nur ihre Augen, diese polierten Münzen, waren unter dem Wulst der Brauen lebhaft. »Ich möchte Sie gern mit einem Gedanken hier zurücklassen. Sie denken vielleicht, Sie können mich zum Narren halten oder austricksen; ich weiß, ich sehe langsam und dumm aus. Aber ich bin nicht dumm, Paul; und nicht langsam.«

Plötzlich brach ihr Gesicht entzwei. Die steinerne Verstocktheit barst, darunter kam die Fratze eines bis zum Irrsinn wütenden Kindes zum Vorschein. Einen Augenblick glaubte Paul, das Ausmaß seines Entsetzens würde ihn umbringen. Hatte er geglaubt, er hätte die Oberhand gewonnen? Hatte er das wirklich? Konnte man tatsächlich Scheherazade spielen, wenn man sich in der Gewalt einer Verrückten befand?

Sie raste durch das Zimmer auf ihn zu, die feisten Schenkel flogen, die Knie bogen sich, die Ellbogen schossen in der abgestandenen Luft wie Kolben hin und her. Das Haar wippte und flog ihr ums Gesicht, nachdem es sich von der Haarnadel gelöst hatte. Jetzt war ihre Annäherung nicht lautlos; sie war wie die Ankunft von Goliath, der ins Tal der Gebeine stapfte. Das Bild des Triumphbogens erzitterte ängstlich an der Wand.

»Hiiiii-jahhh!«, kreischte sie, dann schlug sie die Faust mit aller Gewalt auf den Salzstock, der einst Paul Sheldons linkes Knie gewesen war.

Er warf den Kopf zurück und heulte, die Adern an Stirn und Nacken traten deutlich vor. Schmerzen explodierten in seinem Knie und hüllten ihn ein, weiß, grell strahlend, eine Supernova.

Sie riß die Schreibmaschine von dem Brett und stellte sie knallend auf den Kaminsims, wobei sie das tote Gewicht hob, als wäre es ein leerer Pappkarton.

»Sie werden einfach hier sitzen bleiben«, sagte sie und zog die Lippen zu diesem an Leichenstarre gemanenden Grinsen zurück, »und Sie werden darüber nachdenken, wer hier das Sagen hat, und was ich tun kann, um Ihnen Schmerzen zuzufügen, sollten Sie versuchen, mich zu übertölpeln oder auszutricksen. Sie werden hier sitzen, und Sie können gern schreien, wenn Sie möchten, weil niemand Sie hören wird. Niemand kommt hierher, weil alle wissen, daß Annie Wilkes verrückt ist, sie wissen alle, was sie getan hat, auch wenn sie freigesprochen wurde.«

Sie ging wieder zur Tür und drehte sich wieder um, und er, in Erwartung eines neuerlichen Angriffs, schrie auch wieder, was ihr Grinsen noch breiter machte.

»Ich will Ihnen noch etwas sagen«, meinte sie leise. »Sie denken, ich sei damit davongekommen, und da haben sie recht. Denken Sie darüber nach, Paul, während ich in der Stadt bin und Ihr utschibutschi Papier kaufe.«

Sie ging hinaus und schlug die Zimmertür so heftig zu, daß das ganze Haus erzitterte. Dann hörte er, wie das Schloß klickte.

Er lehnte sich am ganzen Leib zitternd im Rollstuhl zurück, versuchte aber, nicht zu zittern, weil das schmerzte, aber er konnte nicht anders. Tränen rannen an seinen Wangen herab. Immer wieder sah er sie durch das Zimmer stürmen, immer wieder sah er, wie sie die Faust auf die zerschmetterten Überreste seines Knies schlug, wobei sie alle Kraft eines Betrunkenen aufbrachte, der auf eine Eichenbalken hämmert; immer wieder wurde er von dieser schrecklichen blauweißen Nova des Schmerzes verschluckt.

»Bitte, lieber Gott, bitte«, stöhnte er, als draußen der Cherokee mit einem Poltern und einem Brüllen angelassen wurde. »Bitte, lieber Gott, bitte — hol mich hier raus oder töte mich … hol mich hier raus oder töte mich.«

Das Brüllen des Motors entfernte sich die Straße hinab, und der liebe Gott tat weder das eine noch das andere, und so saß er tränenüberströmt und mit seinen Schmerzen da, die mittlerweile zur Gänze erwacht waren und durch seinen Körper wüteten.

30

Viel später dachte er, daß die Welt, in ihrer nimmermüden Perversion, das, was er als nächstes machte, wahrscheinlich als heldenhafte Tat einstufen würde. Und er hätte es wahrscheinlich zugelassen, aber im Grunde genommen war sein Vorgehen nichts weiter als ein allerletzter Versuch der Selbsterhaltung.

Leise, weit entfernt schien er die irrwitzig enthusiastische Stimme eines Sportreporters zu hören — Howard Cosell oder Warner Wolfe oder vielleicht der ständig ausgeflippte Johnny Most —, der die Szene beschrieb, als wären seine Bemühungen, an ihren Drogenvorrat heranzukommen, bevor die Schmerzen ihn umbrachten, ein seltsames Sportereignis — vielleicht ein probeweiser Ersatz für Monday Night Football. Wie sollte man eine solche Sportart überhaupt nennen? Wettlauf zur Droge?

»Ich kann einfach nicht glauben, welche Courage dieser Sheldon heute aufbringt!«, ereiferte sich der Sportreporter in Paul Sheldons Kopf. »Ich glaube nicht, daß irgendjemand im Annie Wilkes-Stadion — oder daheim an den Bildschirmen — glaubte, er hätte auch nur die geringste Chance, nach dem Schlag, den er einstecken mußte, diesen Rollstuhl in Gang zu bringen, aber ich glaube … ja, so ist es! Er bewegt sich! Schauen wir uns einmal die Wiederholung an!«

Schweiß rann ihm an der Stirn hinab und lief stechend in seine Augen. Er leckte sich eine Mischung aus Salz und Tränen von den Lippen. Das Zittern hörte nicht auf. Die Schmerzen waren wie das Ende der Welt. Er dachte: Es kommt der Punkt, da wird selbst die Erörterung des Schmerzes überflüßig. Niemand weiß, daß es Schmerzen dieses Ausmaßes auf der Welt gibt. Niemand. Es ist, als wäre man von Dämonen besessen.

Einzig und allein der Gedanke an die Tabletten, an das Novril, welches sie irgendwo im Haus aufbewahrte, trieb ihn zum Handeln an. Die abgeschlossene Schlafzimmertür … die Möglichkeit, daß sie die Drogen gar nicht unten im Badezimmer aufbewahrte, wie er vermutete, sondern sie irgendwo versteckt hatte … die Möglichkeit, daß sie zurückkommen und ihn ertappen konnte … das alles zählte nicht, das alles waren lediglich Schatten hinter den Schmerzen. Er würde sich jedem Problem stellen, wenn es eintrat, oder er würde sterben. Das war alles.

Wenn er sich bewegte, sank das Feuerband unterhalb der Taille und in den Beinen noch tiefer ein, es umklammerte seine Beine wie mit glühenden, nach innen gerichteten Stacheln versehene Gürtel. Aber der Rollstuhl bewegte sich. Er begann sehr langsam, sich zu bewegen.

Er konnte ihn etwa vier Schritte weit rollen, bis ihm klar wurde, daß er den Rollstuhl lediglich an der Tür vorbei und sinnlos in die Ecke des Zimmers rollen würde, wenn es ihm nicht gelang, ihn zu drehen.

Er umklammerte das rechte Rad und erschauerte,

(denk an die Tabletten, denk an die Erlösung durch die Tabletten)

dann drückte er es so heftig nach unten, wie er konnte. Gummi quietschte kaum hörbar auf dem Boden, dem Piepsen von Mäusen nicht unähnlich. Er drückte noch einmal, seine einstmals kräftigen Muskeln zitterten wie Gallert, die Lippen zog er über die Zähne zurück, und der Rollstuhl drehte sich ganz langsam.

Er umklammerte beide Räder und brachte den Stuhl wieder ins Rollen. Diesmal kam er fünf Schritte weit, bevor er seine Richtung wieder korrigieren mußte. Nachdem er das bewerkstelligt hatte, schaltete er ab.

Fünf Minuten später schwamm er in die Wirklichkeit zurück und vernahm wieder die leise, anstachelnde Stimme des Sportreporters im Kopf: »Er versucht erneut, ins Rennen zu kommen! Ich kann gar nicht glau-ben, was dieser Sheldon für einen Mumm aufbringt!«

Der vordere Teil seines Verstandes kannte nur die Schmerzen; es war der hintere Teil, der seine Augen dirigierte. Er sah sie nahe bei der Tür und rollte darauf zu. Er streckte die Hand danach aus, aber seine Fingerspitzen reichten nur bis fünf Zentimeter über den Boden, wo eine ihrer Haarnadeln hingefallen war, als sie ihn angegriffen hatte. Er biß sich auf die Lippen und bemerkte gar nicht, wie der Schweiß ihm über Gesicht und Nacken lief und das Pyjamaoberteil dunkel färbte.

»Ich glaube nicht, daß er diese Nadel aufheben kann, Leute — es war eine fan-tas-tische Anstrengung, aber ich fürchte, damit sind wir am Ende.«

Nun, vielleicht nicht.

Er ließ sich im Rollstuhl ein wenig nach rechts kippen, wobei er zunächst nicht auf die Schmerzen in der rechten Seite achtete, Schmerzen, die sich wie eine ständig anschwellende Druckblase anfühlten, nicht unähnlich einem schmerzenden Zahn —, aber dann gab er nach und schrie. Wie sie gesagt hatte, war ohnehin niemand da, der ihn hören konnte.

Seine Fingerspitzen waren immer noch zwei Zentimeter vom Fußboden entfernt, sie glitten kurz über der Haarnadel dahin, und seine Hüfte fühlte sich auf der rechten Seite nun tatsächlich an, als würde sie mit einer Detonation von aus abstoßender, schädlicher Knochenmasse nach außen explodieren.

O Gott bitte bitte hilf mir

Trotz der Schmerzen neigte er sich noch weiter hinüber. Seine Finger berührten die Nadel, schoben sie aber lediglich einen halben Zentimeter weiter. Immer noch nach rechts gebeugt, glitt Paul im Rollstuhl ein wenig nach unten und schrie erneut wegen der Schmerzen in den Beinen. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen, sein Mund war offen, die Zunge hing zwischen seinen Zähnen herunter wie die Zugschnur an einer Jalousie. Speicheltropfen troffen ihm aus dem Mund und fielen auf den Boden.

Er klemmte die Haarnadel zwischen die Finger …, schob sie höher, … hätte sie um ein Haar fallen lassen … dann hatte er sie sicher in der geballten Faust.

Als er sich aufrichtete, führte das zu neuerlichen Schmerzen; als er wieder normal saß, konnte er eine ganze Weile nichts anderes tun, als sitzen und keuchen und den Kopf so weit nach hinten neigen, wie es die harte Lehne des Rollstuhls zuließ. Die Haarnadel lag auf dem Brett über den Armlehnen des Rollstuhls.

Eine Weile war er sich ganz sicher, daß er kotzen würde, aber das gab sich.

Was machst du da?, schalt ein Teil seines Verstandes nach einer Weile erschöpft. Wartest du darauf, daß die Schmerzen nachlassen? Werden sie nicht. Sie zitiert immer ihre Mutter, aber deine Mutter hatte schließlich auch ein paar kluge Sprüche auf Lager, nicht wahr?

Ja. Hatte sie.

Während er dasaß, den Kopf zurückgelegt hatte, das Gesicht schweißnaß und glänzend, das Haar an die Stirn geklebt, sprach Paul einen Laut aus, gleichsam als Zauberspruch: »Es gibt vielleicht Feen, es gibt vielleicht Elfen, doch Gott hilft denen, die sich selber helfen.«

Ja. Also hör auf zu warten, Paulie — die einzige Elfe, die sich hier sehen lassen wird, ist das beispiellose Schwergewicht Annie Wilkes.

Er bewegte sich wieder, schob den Rollstuhl langsam durch das Zimmer zur Tür. Sie hatte sie abgeschlossen, aber er glaubte, sie öffnen zu können. Tony Bonasaro, der jetzt nur noch vile schwarze Ascheflöckchen war, war Autodieb gewesen. Als Teil seiner Vorbereitungen, Schnelle Autos zu schreiben, hatte Paul die Methoden des Autodiebstahls mit einem zähen, alten Polizisten namens Tom Twyford durchgesprochen. Tom hatte ihm gezeigt, wie man die Zündung kurzschloss, wie man die dünnen und flexiblen Metallstreifen, die Autodiebe »Slim Jims« nannten, dazu benutzte, ein Schloß aufzubrechen, wie man einen Diebstahlalarm abschaltete.

Oder, hatte Tom an einem Frühlingstag in New York vor ungefähr zwei Jahren gesagt, angenommen, Sie wollen überhaupt kein Auto stehlen. Sie haben ein Auto, aber das Benzin wird knapp. Sie haben einen Schlauch, aber das Auto, das Sie sich als unfreiwilligen Spender ausgesucht haben, hat einen abschließbaren Tankdeckel. Ist das ein Problem? Überhaupt nicht, wenn man Bescheid weiß; denn die meisten Tankdeckelschlösser sind Mickey Maus. Man braucht nur eine Haarnadel.

Paul brauchte fünf endlose Minuten des Rangierens, bis er den Rollstuhl genau dort hatte, wo er ihn haben wollte, so daß der linke Reifen fast die Tür berührte.

Das Schlüsselloch war altmodisch und erinnerte Paul an die Illustrationen von John Tenniel für Alice im Wunderland, welche in der Mitte einer matten Schlüsselplatte angebracht waren. Er glitt im Rollstuhl ein Stück nach unten — wobei er ein einziges bellendes Stöhnen von sich gab — und sah hindurch. Er sah einen kurzen Flur, der ganz eindeutig zum Wohnzimmer führte: ein dunkelroter Teppich auf dem Boden, ein mit ähnlichem Material gepolstertes altmodisches Sofa, eine Stehlampe, von deren Schirm Quasten herunterhingen.

Links, auf halbem Weg des Flurs, befand sich eine Tür, die halb offen stand. Pauls Puls schlug schneller. Das war mit ziemlicher Sicherheit das untere Badezimmer — er hatte oft genug gehört, wie sie hier Wasser einließ (auch damals, als sie den Putzeimer gefüllt hatte, aus dem er so enthusiastisch getrunken hatte), und war das nicht auch die Stelle, von der sie immer kam, wenn sie ihm seine Medizin brachte?

Er glaubte, daß es so war.

Er umklammerte die Haarnadel. Sie fiel ihm aus den Fingern auf das Brett und rutschte auf dessen Rand zu.

»Nein!«, schrie er heiser und schlug mit der Hand darauf, bevor sie herunterfallen konnte. Er schloß die Faust darum, und schaltete wieder ab.

Wenngleich er es nicht sicher sagen konnte, war er der Meinung, daß er diesesmal länger weggetreten war. Die Schmerzen schienen — abgesehen von der qualvollen Pein in seinem linken Knie — ein wenig nachgelassen zu haben. Die Haarnadel lag auf dem Brett auf den Armlehnen des Rollstuhls. Diesesmal entkrampfte er die Finger der rechten Hand mehrmals, bevor er sie aufhob.

Jetzt, dachte er, während er sie in der rechten Hand hielt und gerade bog. Du wirst nicht zittern. Konzentriere dich auf diesen Gedanken. DU WIRST NICHT ZITTERN.

Er streckte die Hand mit der Haarnadel aus und steckte sie ins Schlüsselloch, während er zuhörte, wie der Sportreporter in seinem Kopf

(so lebhaft!)

sein Vorgehen beschrieb.

Schweiß rann ihm wie Öl unablässig über das Gesicht. Er lauschte … aber mehr noch fühlte er.

Die Zuhaltung in einem billigen Schloß ist nichts weiter als ein Kipphebel, hatte Tom Twyford gesagt und die Hand bewegt, um es zu demonstrieren. Sie wollen einen Schaukelstuhl umkippen? Nichts leichter als das, nicht? Sie packen einfach die Kufen und werfen die Mutter um … nichts weiter. Und mit so einem Schloß muß man es genauso machen. Den Kipphebel nach oben drücken und dann schnell den Tankdeckel aufmachen, bevor er wieder zurückschnappen kann.

Er hatte den Kipphebel zweimal, aber in beiden Fällen glitt die Haarnadel ab, und der Kipphebel schnappte zurück, bevor er auch nur versuchen konnte, sie zu öffnen. Die Haarnadel war bereits verbogen. Er befürchtete, daß sie nach weiteren zwei bis drei Versuchen zerbrechen würde.

»Bitte, Gott«, sagte er und schob sie wieder hinein. »Bitte, Gott, was meinst du? Nur einemal Erfolg für den Jungen, mehr verlange ich nicht.«

(»Leute, Sheldon hat sich heute wirklich tapfer geschlagen, aber dies wird sein letzter Versuch sein. Die Zuschauer halten gebannt den Atem an…«)

Er schloß die Augen, die Stimme des Sportreporters wurde unhörbar, während er angestrengt auf die leisen Geräusche der Haarnadel im Schloß hörte. Jetzt! Er spürte Widerstand! Der Kipphebel! Er konnte sehen, wie er da drinnen lag wie die gekrümmte Kufe eines Schaukelstuhls, auf die Zunge des Schlosses drückte und sie festhielt, ihn festhielt.

Mickey Maus, Paul. Nur ruhig bleiben.

Wenn man solche Schmerzen hatte, fiel es einem schwer, ruhig zu bleiben.

Er hielt den Türknauf mit der linken Hand — um das zu bewerkstelligen, mußte er unter dem rechten Arm durchgreifen — und begann, sanften Druck auf die Haarnadel auszuüben. Noch etwas … noch etwas …

In Gedanken konnte er sehen, wie sich die Zuhaltung in ihrem staubigen kleinen Alkoven bewegte, er konnte sehen, wie die Zunge des Schlosses zurückwich. Sie mußte nicht ganz zurückgehen, nein, es war unnötig, den Schaukelstuhl herumzuwirbeln, um bei Tom Twyfords Vergleich zu bleiben. Nur der Augenblick, wenn das Schloß frei war … dann ein Ruck …

Die Nadel fing gleichzeitig an, sich zu biegen und abzurutschen. Er spürte es und drückte in seiner Verzweiflung so fest er konnte nach oben, drehte den Knauf und drückte gegen die Tür. Er hörte ein Schnappen, als die Nadel brach und ein Teil ins Schloß hineinfiel, und er dachte einen trüben Augenblick über seinen Misserfolg nach, bevor er feststellte, daß sich die Tür langsam öffnete und die Zunge des Schlosses aus der Platte herausragte wie ein Stahlfinger.

»Christus«, flüsterte er. »Christus, ich danke dir.«

Sehen wir uns die Wiederholung an!, brüllte Warner Wolfe ausgelassen in seinen Gedanken, während Tausende im Annie Wilkes-Stadion — ganz zu schweigen von den Millionen an den heimischen Fernsehgeräten — in donnernden Beifall ausbrachen.

»Noch nicht, Warner«, krächzte er und begann mit der langwierigen und erschöpfenden Tätigkeit, den Rollstuhl so zu manövrieren, daß er direkt vor der Tür stand.

31

Er erlebte einen schlimmen — nein, nicht nur schlimmen, einen grässlichen, entsetzlichen — Augenblick, als er dachte, der Rollstuhl würde nicht durch die Tür passen. Er war nicht mehr als fünf Zentimeter zu breit, aber das waren fünf Zentimeter zu viel. Sie hatte ihn zusammengeklappt hereingebracht, deshalb hast du ihn zuerst für einen Einkaufswagen gehalten, informierte ihn sein Verstand niedergeschlagen.

Schließlich gelang es ihm doch noch, sich durchzuquetschen — gerade so —, indem er sich direkt vor die Tür stellte und dann die Hände ausstreckte, so daß er sich am Türrahmen festhalten und ziehen konnte. Die Naben der Räder schabten am Holz, aber es gelang ihm hinauszukommen.

Danach schaltete er wieder ab.

32

Ihre Stimme redete durch die Benommenheit auf ihn ein. Er öffnete die Augen und sah, daß sie eine Schrotflinte auf ihn gerichtet hatte. Ihre Augen blitzten aufgebracht. Speichel glänzte feucht auf ihren Zähnen.

»Wenn Sie Ihre Freiheit so sehr wollen, Paul«, sagte Annie, »dann werde ich sie Ihnen gern gewähren.«

Sie spannte beide Hähne.

33

Er zuckte zusammen und wartete auf den Knall der Schrotflinte. Aber selbstverständlich war sie überhaupt nicht da; sein Verstand hatte den Traum bereits als solchen erkannt.

Kein Traum — eine Warnung. Sie könnte jederzeit zurückkommen. Jederzeit.

Das Licht, welches durch die halb offen stehende Badezimmertür hereinfiel, hatte sich verändert; es war heller geworden. Es sah wie Nachmittagslicht aus. Er wünschte sich, die Uhr würde schlagen, damit er wußte, wie spät es wirklich war, aber die Uhr war auf gehässigte Weise stumm.

Beim letzten Mal ist sie fünfzig Stunden weggeblieben.

Das ist sie. Und diesesmal könnte sie achtzig wegbleiben. Du könntest den Cherokee aber auch in fünf Sekunden vorfahren hören. Falls du es nicht weißt, mein Freund, die Meteorologen können zwar Tornadowarnungen ausgeben, aber wenn es darum geht zu bestimmen, wann und wo sie genau zuschlagen werden, dann wissen sie einen Scheißdreck.

»Weiß Gott«, sagte er und rollte den Rollstuhl zum Bad. Er sah hinein und erblickte einen schlichten Raum mit weißen, sechseckigen Fußbodenkacheln. Eine Badewanne auf Tatzenpfoten stand darin, unter den Wasserhähnen verliefen rostige Spuren. Daneben stand ein stoffbespannter Wäscheschrank. Gegenüber der Wanne befand sich ein Waschbecken. Über dem Waschbecken war das Medizinkästchen.

Der Putzeimer stand in der Wanne — er konnte den gelben Rand sehen.

Der Flur war so breit, daß er den Rollstuhl herumrangieren und direkt vor der Badezimmertür bringen konnte, aber mittlerweile schmerzten seine Arme vor Erschöpfung. Er war ein schwächliches Kind gewesen, daher hatte er sich als Erwachsener bemüht, in Form zu bleiben, aber seine Muskeln waren jetzt die eines Invaliden, das schwächliche Kind war wieder da, als wären all die Liegestütze, das Jogging und die Stunden an der Nautilus-maschine nur ein Traum gewesen.

Wenigstens war diese Tür breiter — nicht viel, aber ausreichend, so daß das Durchkommen weniger haarsträubend war. Paul holperte über die Schwelle, dann rollten die Räder mühelos über die glatten Fliesen. Er roch etwas Saures, das er sofort mit Krankenhaus assoziierte — möglicherweise Lysol. Hier gab es keine Toilette, aber das hatte er vermutet — die Wasserspülung hörte er nur von oben, und jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel ihm auf, daß er jedes Mal wenn er die Spülung hörte selbst die Bettpfanne gebracht bekam. Hier befanden sich nur Badewanne, Waschbecken und der Wäscheschrank, dessen Tür offen stand.

Er betrachtete kurz die ordentlichen Stapel Handtücher und Waschlappen — beide kannte er von den Gelegenheiten, da sie ihn gewaschen hatte —, dann konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf das Medizinschränkchen über dem Waschbecken.

Es war außerhalb seiner Reichweite.

So sehr er sich auch anstrengte, es war dennoch gut zwanzig Zentimeter von seinen Fingerspitzen entfernt. Er sah es, dennoch streckte er die Arme aus, weil er nicht glauben wollte, daß das Schicksal oder Gott oder wer auch immer so grausam sein konnte. Er erinnerte an einen Außenfeldspieler, der verzweifelt nach einem Home-run-Ball hinterherläuft, den er unmöglich erwischen kann.

Paul gab einen verletzten, ratlosen Laut von sich, senkte die Hand und lehnte sich keuchend zurück. Die graue Wolke senkte sich über ihn. Er hinderte sich mit reiner Willenskraft daran, wieder abzuschalten, dann sah er sich nach etwas um, womit er die Tür des Medizinschränkchens öffnen konnte, und erblickte einen O-Cedar-Mopp, der mit seiner blauen Stange steif in der Ecke lehnte.

Den möchtest du dazu nehmen? Wirklich? Nun, ich glaube, das könntest du. Öffne die Tür des Medizinschranks, und stoße einfach einen Teil des Inhalts ins Waschbecken. Aber die Fläschchen werden zerbrechen, und selbst wenn keine Fläschchen drin sind, was unwahrscheinlich ist, weil jeder mindestens eine Flasche Listerine oder Scope im Medizinschrank hat, wirst du das, was heruntergefallen ist, nicht wieder hineinbekommen. Und wenn sie zurückkommt und das Durcheinander sieht, was dann?

»Ich werde ihr sagen, daß es Misery war«, krächzte er. »Ich sage ihr, sie hat die Sachen heruntergeworfen, als sie nach einem Elixier suchte, das sie wieder zum Leben erwecken konnte.«

Dann brach er in Tränen aus — aber selbst durch die Tränen hindurch suchte er den Raum ab und hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, irgendetwas, einer Möglichkeit, einer beschissenen Mög…

Er sah noch einmal in den Wäscheschrank, und plötzlich stand sein keuchender Atem still. Er riß die Augen auf.

Sein erster flüchtiger Blick hatte die Stapel zusammengelegter Bett- und Kissenbezüge und Handtücher und Waschlappen wahrgenommen. Jetzt sah er auf den Boden des Schranks, und dort standen ein paar rechteckige Pappkartons. Ein paar trugen die Aufschrift UPJOHN. Ein paar trugen die Aufschrift LILLY. Ein paar trugen die Aufschrift CAM PHARMACEUTICALS.

Er drehte den Rollstuhl heftig herum, wobei er sich weh tat, aber er achtete nicht darauf.

Bitte, Gott, mache, daß es nicht ihr Vorrat an Shampoo ist oder ihre Tampons oder Bilder ihrer heiligen toten Mutter oder

Er tastete nach einem der Kartons, zog ihn heraus und öffnete die Klappen. Kein Shampoo, keine Avon-Pröbchen. Ganz im Gegenteil. In dem Karton befand sich ein wüstes Durcheinander verschiedener Medikamente, die meisten in kleinen Packungen mit der Aufschrift MUSTER. Ganz unten rollten ein paar Tabletten verschiedener Farbe offen herum. Einige davon, etwa Motrim und Lopressor, die Bluthochdrucktabletten, die sein Vater in den letzten Lebensjahren genommen hatte, waren ihm bekannt, von anderen hatte er noch nie etwas gehört.

»Novril«, murmelte er und wühlte hektisch in dem Karton herum, während Schweiß über sein Gesicht rann und seine Beine pochten und pulsierten. »Novril, wo ist das beschissene Novril?«

Kein Novril. Er klappte den Karton wieder zu und schob ihn in den Schrank zurück, wobei er nur einen halbherzigen Versuch unternahm, ihn wieder genau so hinzustellen, wie er ihn vorgefunden hatte. Dürfte einerlei sein, sah sowieso aus wie eine verfluchte Müllkippe aus …

Indem er sich weit nach links beugte, gelang es ihm, einen zweiten Karton aufzuheben. Er machte ihn auf und konnte kaum glauben, was er sah.

Darvon. Darvocet. Darvon Compound. Morphose und Morphose Complex. Librium. Valium. Und Novril. Dutzende und Aberdutzende Probepäckchen. Entzückende Päckchen. Herrliche Päckchen. O entzückende, herrliche, gesegnete Päckchen. Er riß eines auf und sah die Kapseln, die sie ihm alle sechs Stunden gab, in ihrer Folie.

VERSCHREIBUNGSPFLICHTIG stand auf der Packung.

»Gütiger Heiland, ich verschreibe sie mir!«, schluchzte Paul. Er riß das Zellophan mit den Zähnen auf und zerbiß drei der Kapseln, ohne auf den bitteren Geschmack zu achten. Er hielt inne, betrachtete die fünf, die noch in Zellophan eingeschweißt waren, und schluckte eine vierte.

Er sah sich rasch um, mit auf die Brust gepreßtem Kinn und lebhaften, ängstlichem Augen. Er wußte zwar, daß es zu früh war, irgendeine Linderung zu spüren, aber er spürte sie dennoch — die Tabletten zu besitzen schien wichtiger zu sein, als die Tabletten zu nehmen. Es war, als hätte man ihm die Herrschaft über den Mond und die Gezeiten verliehen — oder als hätte er einfach nach oben gegriffen und sie sich genommen. Es war ein unermesslicher Gedanke, ehrfurchtgebietend … aber auch erschreckend, mit einem Beigeschmack von Schuld und Blasphemie.

Wenn sie jetzt zurückkommt

»Schon gut — okay. Hab schon verstanden.«

Er sah in den Karton und versuchte abzuschätzen, wie viele Proben er mitnehmen konnte, ohne daß sie bemerkte, wie eine kleine Maus namens Paul Sheldon ihre Vorräte angeknabbert hatte.

Über diesen Gedanken kicherte er, ein schriller, erleichterter Laut, und er spürte, daß das Medikament nicht nur in seinen Beinen wirkte. Er hatte seinen Schuß bekommen, wenn man es mit dem üblichen Begriff ausdrücken wollte.

Beweg dich, Idiot. Du hast keine Zeit, dich darüber zu freuen, wie high du bist.

Er nahm fünf Packungen — insgesamt dreißig Kapseln. Er mußte sich zwingen, nicht mehr zu nehmen. Die verbleibenden Proben mischte er durcheinander und hoffte, das Ergebnis würde so kunterbunt aussehen, wie er alles vorgefunden hatte. Er klappte den Karton zu und schob ihn wieder in den Wäscheschrank.

Ein Auto kam näher.

Er schreckte mit weit aufgerissenen Augen hoch. Er ließ die Hände auf die Armlehnen des Rollstuhls fallen und umklammerten sie in äußester Heftigkeit. Wenn es Annie war, dann war er ertappt, und das dürfte alles gewesen sein. Es würde ihm niemals gelingen, dieses klobige, übergroße Ding rechtzeitig ins Schlafzimmer zurückzubugsieren. Vielleicht gelang es ihm, sie einmal mit dem O-Cedar-Mopp zu schlagen, bevor sie ihm wie einem Huhn den Hals herumdrehte.

Er saß mit den Probepackungen Novril auf dem Schoß im Rollstuhl, betrachtete die steif ausgestreckten Beine und wartete darauf, ob das Auto in die Einfahrt einbiegen oder weiterfahren würde.

Der Motorenlärm schwoll endlos an … dann wurde er wieder leiser.

Okay. Brauchst du noch eine deutlichere Warnung, Paul-Baby?

Ganz gewiß nicht. Er sah die Kartons zum letzten Mal an. Er hatte den Eindruck, als würden sie genauso aussehen wie vorher, bevor er sie durchsucht hatte — wenngleich er sie durch den Nebel des Schmerzes hindurch gesehen hatte und sich nicht ganz sicher sein konnte —, aber er wußte, die Anordnung der Kartons war vielleicht nicht so zufällig, wie er vermutete, oh, ganz und gar nicht. Sie hatte die überdeutliche Wahrnehmung einer zutiefst neurotischen Person; es konnte sein, daß sie sich die Lage jedes einzelnen Kartons genau eingeprägt hatte. Sie warf vielleicht nur einen flüchtigen Blick herein und bemerkte auf eine geheimnisvolle Weise sofort, was geschehen war. Diese Gedanken verursachten jedoch keine Furcht in ihm, sondern vielmehr ein Gefühl der Resignation — er hatte die Medizin gebraucht, und es war ihm irgendwie gelungen, aus seinem Zimmer herauszukommen und sie sich zu beschaffen. Wenn das zu Konsequenzen führte, zu einer Bestrafung, dann konnte er sich ihr immerhin mit dem sicheren Wissen stellen, daß er nicht anders als eben so gehandelt haben konnte. Von allem, was sie ihm angetan hatte, war diese Resignation eindeutig ein Symptom des Schlimmsten — sie hatte ihn in ein schmerzzerrüttetes Tier verwandelt, das keinerlei moralische Wahlfreiheit mehr hatte.

Langsam rollte er mit dem Stuhl rückwärts aus dem Badezimmer hinaus, wobei er sich häufig umsah, ob er nicht etwa vom Kurs abkam. Vorher hätte ihn jede einzelne dieser Bewegungen vor Schmerzen aufschreien lassen, aber jetzt verschwanden die Schmerzen unter einer wunderbaren, glasigen Oberfläche.

Er rollte auf den Flur, als ihm ein schrecklicher Gedanke kam: Wenn der Boden im Bad feucht gewesen war, oder gar ein wenig schmutzig …

Er starrte auf den Boden, und einen Augenblick war die Vorstellung, er mußte auf diesen sauberen weißen Fliesen Spuren hinterlassen haben, so überzeugend, daß er sie tatsächlich sah. Er schüttelte den Kopf und sah noch einmal hin. Keine Spuren. Aber die Tür stand weiter offen als vorher. Er rollte vorwärts und lenkte den Rollstuhl ein wenig nach rechts, so daß er an den Türknauf herankommen konnte, und zog die Tür halb zu. Er betrachtete sie, dann zog er sie noch etwas näher zum Rahmen. So. Das sah gut aus.

Er griff nach den Rädern und wollte den Stuhl drehen, so daß er in sein Zimmer zurückrollen konnte, als ihm klar wurde, daß der Rollstuhl mehr oder weniger in Richtung Wohnzimmer stand, und im Wohnzimmer hatten die meisten Menschen ihr Telefon stehen, und …

Licht flutete seinen Verstand wie Sonnenschein eine nebelverhangene Wiese.

»Hallo, Polizeirevier Sidewinder, Officer Humbuggy am Apparat.«

»Hören Sie mir gut zu, Officer Humbuggy. Hören Sie mir ganz genau zu und unterbrechen Sie mich nicht, denn ich weiß nicht, wie viel Zeit ich habe. Mein Name ist Paul Sheldon. Ich rufe von Annie Wilkes’ Haus an. Ich bin seit mindestens zwei Wochen, vielleicht sogar seit einem Monat ihr Gefangener. Ich …«

»Annie Wilkes!«

»Kommen Sie sofort hierher. Schicken Sie einen Krankenwagen. Und seien Sie um Himmels willen hier, bevor sie zurückkommt …«

»Bevor sie zurückkommt«, stöhnte Paul. »O ja. Unbedingt.«

Wie kommst du darauf, daß sie überhaupt ein Telefon besitzt? Hast du sie jemals jemanden anrufen hören? Wen sollte sie auch anrufen? Ihre guten Freunde, die Roydmans?

Aus der Tatsache, daß sie niemanden hat, mit dem sie den ganzen Tag tratschen kann, folgt noch lange nicht, daß sie sich nicht bewußt ist, wie schnell ein Unfall geschehen ist; sie könnte die Treppe herunterfallen und sich einen Arm oder ein Bein brechen, der Stall könnte Feuer fangen

Wie oft hast du dieses mutmaßliche Telefon schon läuten hören?

Also gibt es da eine Mindestanforderung, ja? Das Telefon muß mindestens einmal täglich läuten, sonst kommt die Firma Mountain Bell und nimmt es wieder mit? Darüber hinaus warst du ohnedies nur selten bei Bewußtsein.

Du versuchst dein Glück. Du weißt genau, daß du dein Glück versuchst.

Ja. Das wußte er, aber der Gedanke an das Telefon, das Gefühl des kühlen schwarzen Plastik unter den Fingern, das er sich vorstellte, das Klicken der Wählscheibe oder das anhaltende Freizeichen, wenn er die 0 wählte — das alles waren Verführungen, denen er nicht widerstehen konnte.

Er drehte den Rollstuhl so herum, daß er direkt in Richtung Wohnzimmer stand, dann schob er in an.

Das Zimmer roch muffig, ungelüftet und seltsam müde. Die Vorhänge vor dem halbrunden Fenster waren zwar nur halb zugezogen, man konnte das aufregende Panorama der Berge dahinter sehen, und dennoch schien es in dem Zimmer viel zu dunkel zu sein — weil die Farben zu dunkel waren, dachte er. Rot war vorherrschend, als hätte jemand hier drinnen eine große Menge Blut verschüttet.

Über dem Kaminsims hing die getönte Fotografie einer strengen Frau, deren winzige Äuglein in dem fleischigen Gesicht zu verschwinden schienen. Der Rosenknospenmund war geschürzt. Das Foto, welches sich in einem vergoldeten Rokokorahmen befand, hatte die Größe des Präsidentenfotos in einem sehr großen Postamt. Paul mußte niemanden fragen, um zu wissen, daß dies Annies heilige Mutter war.

Er rollte weiter in das Zimmer. Die linke Seite seines Rollstuhls stieß gegen ein kleines Kaffeetischchen, auf dem Nippesfiguren standen. Sie erzitterten klappernd, und eine davon — ein Keramikpinguin, der auf einem Keramikeisblock saß — fiel herunter.

Ohne nachzudenken streckte er die Hand aus und fing ihn auf. Die Geste war fast beiläufig … aber dann setzte die Reaktion ein. Er hielt den Pinguin fest in der geschlossenen Hand und versuchte, sein Beben zu unterdrücken. Du hast ihn aufgefangen, keine Aufregung, außerdem liegt ein Teppich darunter, wahrscheinlich wäre er ohnehin nicht zerschellt

Aber WENN er zerschellt wäre!, kreischte sein Verstand als Antwort, WENN er zerbrochen wäre! Bitte, du mußt wieder in dein Zimmer gehen, bevor du etwas hinterläßt, eine Spure asst

Nein. Noch nicht. Noch nicht, wie groß seine Angst auch sein mochte. Denn dies hatte ihn zu viel gekostet. Wenn es einen Lohn dafür gab, dann wollte er ihn haben.

Er sah sich im Zimmer um, das mit schweren, klobigen Möbeln ausgestattet war. Es hätte von den Fenstern und dem atemberaubenden Panorama der Rockies dahinter beherrscht sein sollen, stattdessen wurde es vom Bild dieser dicken Frau beherrscht, die in dem abscheulichen Rahmen mit seinen Verzierungen und Schnörkelchen und vergoldeten Kinkerlitzchen gefangen war.

Auf dem Tisch am anderen Ende des Sofas, wo sie zum Fernsehen sitzen würde, stand ein schlichtes normales Wählscheibentelefon.

Vorsichtig, wobei er kaum zu atmen wagte, stellte er den Keramikpinguin (JETZT IST MEINE GESCHICHTE ERZÄHLT!, lautete die Inschrift auf dem Eisblock) wieder auf den Nippes-Tisch und rollte durch das Zimmer auf das Telefon zu.

Vor dem Sofa stand ein Tisch, um den er in einem weiten Bogen herumfuhr. Auf diesem stand ein Strauß Trockenblumen in einer hässlichen grünen Vase, und das Ganze sah mehr als toplastig aus, als würde es umkippen, wenn er nur sanft darüberstrich.

Draußen waren keine Autos zu hören — nur das Pfeifen des Windes.

Er griff mit einer Hand nach dem Telefonhörer und nahm ihn langsam ab.

Ein seltsam vorausahnendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit überfiel ihn, noch bevor er den Hörer ans Ohr gehalten und nichts gehört hatte. Er legte den Hörer langsam wieder auf, und eine Strophe aus einem alten Roger-Miller-Song fiel ihm ein, die einen gewissen sinnlosen Sinn ergab: No phone, no pool, no pets … I ain’t got no cigarettes

Er folgte der Telefonleitung mit den Augen und sah die kleine rechteckige Steckdose über der Fußleiste, sah auch, daß der Stecker steckte. Alles sah perfekt und funktionstüchtig aus.

Wie der Stall mit seinen Heizbändern..

Den Schein zu wahren ist sehr, sehr wichtig.

Er schloß die Augen und sah Annie, die den Stecker herausnahm und Elmer’s-Glue-Leim in das Loch in der Steckdose füllte. Sah sie den Stecker in den weißen Leim drücken, wo er erstarren und für ewige Zeiten festfrieren würde. Die Telefongesellschaft würde niemals erfahren, daß etwas nicht stimmte, es sei denn, jemand rief Annie an und meldete, daß die Leitung gestört war. Aber niemand rief Annie jemals an, oder? Sie bekam jeden Monat eine Rechnung für ihr totes Telefon, die sie prompt bezahlte, aber das Telefon war nichts weiter als ein Bühnenrequisit, Bestandteil ihres niemals endenden Bemühens, den Schein zu wahren, wie der saubere Stall mit der frischen roten Farbe und den cremefarbenen Verzierungen und den Heizbändern, um im Winter das Eis abzuschmelzen. Hatte sie das Telefon für den Fall einer Expedition wie dieser unbrauchbar gemacht? Hatte sie die Möglichkeit vorhergesehen, daß er aus dem Zimmer herauskommen könnte? Das bezweifelte er. Das Telefon — das funktionierende Telefon — wäre ihr sicher schon lange vor seiner Ankunft auf die Nerven gegangen. Sicher hatte sie nachts wach gelegen und zur Decke gestarrt, hatte dem Hochlandheulen des Windes gelauscht und sich alle Menschen vorgestellt, die mit Missfallen oder offener Boshaftigkeit an sie dachten — alle Roydmans dieser Welt —, Menschen, die, jeder und jederzeit, sie anrufen und ins Telefon schreien konnten: Du hast es getan, Annie! Sie haben dich nach Denver gebracht, und wir wissen, daß du es getan hast! Man wird nicht bis nach Denver gebracht, wenn man unschuldig ist. Sie hätte selbstverständlich eine Geheimnummer verlangen können und hätte sie auch bekommen — jeder, der eines nicht unerheblichen Verbrechens angeklagt worden und freigesprochen worden war, hätte das getan (und wenn die Verhandlung in Denver gewesen war, dann mußte es etwas großes gewesen sein) —, aber selbst eine Geheimnummer hätte eine zutiefst neurotische Person wie Annie Wilkes nicht lange beruhigt. Sie hatten sich alle gegen sie verschworen, sie konnten die Nummer herausfinden, wenn sie wollten, wahrscheinlich gaben die Anwälte der Anklage sie mit Freuden jedem, der sie haben wollte, und jemand würde sie haben wollen, o ja — denn sie sah die Welt als dunklen Ort voll von regsamen Menschenmassen, Meeren gleich, ein riesiges böses Universum um eine winzige Bühne herum, auf der ein einziger greller Scheinwerfer nur eines beleuchtete — sie selbst. Daher war es am besten, das Telefon abzuschalten, es zum Schweigen zu bringen, wie sie ihn zum Schweigen bringen würde, wenn sie wüßte, daß er bis hierher gekommen war.

Panik breitete sich schrill in seinem Denken aus und sagte ihm, daß er von hier verschwinden und in sein Zimmer zurück mußte, er mußte die Tabletten irgendwo verstecken und zu seinem Platz am Fenster zurückkehren, damit sie, wenn sie zurückkam, keinen Unterschied feststellen konnte, überhaupt keinen Unterschied, und diesesmal stimmte er der Stimme zu. Er stimmte ihr von ganzem Herzen zu. Er rollte sich behutsam vom Telefon fort, und als er den einzigen freien Flecken des Zimmers erreicht hatte, begann er mit der mühevollen Aufgabe, den Rollstuhl herumzudrehen, wobei er peinlich genau darauf achtete, dabei nicht gegen den Tisch zu stoßen.

Er hatte die Wendung beinahe vollführt, als er ein Auto näher kommen hörte und wußte, einfach wußte, daß sie es war, die aus der Stadt zurückkam.

34

Er verlor beinahe das Bewußtsein in diesem größten Entsetzen, welches er jemals verspürt hatte, beinahe das Bewußtsein, einem Erschrecken, das von tiefen und unmännlichen Schuldgefühlen beherrscht wurde. Plötzlich erinnerte er sich an das einzige Ereignis seines Lebens, das in seiner verzweifelten emotionalen Beschaffenheit diesem entfernt nahe kam. Er war zwölf Jahre alt gewesen. Es war in den Sommerferien, sein Vater arbeitete, seine Mutter wollte den Tag mit Mrs. Kaspbrack von gegenüber in Boston verbringen. Er hatte ihre Packung Zigaretten gesehen und sich eine angezündet. Er rauchte sie und fühlte sich dabei elend und prächtig zugleich; er dachte sich, daß sich Einbrecher so fühlen mußten, wenn sie eine Bank ausgeraubt hatten. Als er die Zigarette halb geraucht und das Zimmer sich mit Rauch gefüllt hatte, hörte er, wie sie unten die Eingangstür öffnete. »Paulie? Ich bin es — ich habe meine Geldbörse vergessen!« Er hatte wie von Sinnen den Rauch weggefächelt, wußte aber, daß es keinen Sinn haben würde, wußte, daß er erwischt werden würde, wußte, daß er eine Tracht Prügel bekommen würde.

Diesmal würde er mehr als eine Tracht Prügel bekommen.

Er erinnerte sich an den Traum, den er während einer seiner Bewußtlosigkeit gehabt hatte: Annie, die die beiden Hähne der Schrotflinte spannte und sagte: Wenn Sie Ihre Freiheit so sehr wollen, Paul, dann werde ich sie Ihnen gern gewähren.

Der Motorenlärm wurde leiser, als das heranfahrende Auto verlangsamte. Sie war es.

Paul griff mit Händen, die er kaum spüren konnte, nach den Rädern des Rollstuhls und rollte sich auf den Flur hinaus. Einen Blick erübrigte er für den Keramikpinguin auf seinem Eisblock. Stand er am selben Platz wie vorher? Er konnte es nicht sagen. Er würde einfach hoffen müßen.

Er rollte mit zunehmender Geschwindigkeit den Flur entlang zur Tür seines Zimmers. Er hatte gehofft, mühelos hindurchschießen zu können, war aber etwas von der Bahn abgekommen. Nur ein wenig … aber die Tür war so eng, daß ein wenig genügte. Der Rollstuhl prallte gegen den rechten Türrahmen und sprang ein Stück zurück.

Hast du die Farbe angekratzt?, kreischte sein Verstand. O Jesus Christus, hast du die Farbe angekratzt, hast du eine Spur hinterlassen?

Keine abgeblätterte Farbe. Er sah eine winzige Delle, aber keine abgeblätterte Farbe. Gott sei Dank. Er stieß ein Stück zurück und navigierte hektisch, um durch die schmale Öffnung zu gelangen.

Der Automotor wurde lauter, er kam immer näher, verlangsamte immer noch. Jetzt konnte er das Knirschen der Winterreifen hören.

Sachte … Sachte geht es besser

Er rollte vorwärts, und dann verkanteten sich die Radnaben am Rahmen der Schlafzimmertür. Er stieß heftiger, wußte aber, daß es nichts nutzen würde, er steckte im Türrahmen fest wie der Korken in einer Weinflasche, konnte weder vor noch zurück …

Er versuchte es mit einem letzten Ruck, die Muskeln in seinen Armen zitterten wie zu stark gespannte Violinsaiten, dann passierte der Rollstuhl mit einem leisen, quietschenden Geräusch die Tür.

Der Cherokee bog in die Einfahrt ein.

Sie hat Päckchen bei sich, bibberte sein Verstand, das Schreibmaschinenpapier, vielleicht ein paar andere Dinge zusätzlich, und sie wird vorsichtig gehen, weil alles vereist ist; du bist jetzt im Zimmer, das Schlimmste ist überstanden, es ist noch Zeit, noch Zeit …

Er rollte weiter ins Zimmer und wendete dann in einem ungeschickten Halbkreis. Als er den Rollstuhl parallel zur offenen Schlafzimmertür rollte, hörte er, wie der Motor des Cherokee ausging.

Er beugte sich zur Seite, ergriff den Türknauf und versuchte, die Tür zu schließen. Die Zunge des Schlosses, die immer noch wie ein steifer Stahlfinger herausragte, prallte gegen den Türrahmen. Er drückte mit dem Daumen dagegen. Sie begann sich zu bewegen … dann verharrte sie. Verharrte felsenfest und verhinderte, daß die Tür geschlossen werden konnte.

Er starrte sie einen Augenblick dümmlich an und dachte dabei an den alten Armeespruch: Was schiefgehen KANN, das GEHT auch schief.

Bitte, Gott, das reicht, war es nicht genug, daß sie das Telefon unbrauchbar gemacht hat?

Er ließ die Zunge los. Sie schnalzte wieder vollständig heraus. Er drückte sie wieder hinein und traf dabei auf dasselbe Hindernis. Im Innern des Schlosses hörte er ein seltsames Klappern, und da begriff er. Das war der Teil der Haarnadel, der abgebrochen war. Er war irgendwo so hineingefallen, daß die Zunge des Schlosses sich nicht mehr vollständig zurückschieben ließ.

Er hörte, wie die Tür des Cherokee geöffnet wurde. Er hörte sie sogar grunzen, als sie ausstieg. Er hörte das Rascheln von Papiertüten, als sie ihren Einkauf zusammensuchte.

»Komm schon«, flüsterte er und begann, die Zunge vorsichtig hin und her zu schieben. Sie ließ sich jedes Mal etwa einen halben Zentimeter hineinschieben, dann war Schluß. Er konnte die gottverdammte Haarnadel im Schloß klappern hören. »Komm schon … komm schon … komm schon …«

Er weinte wieder, merkte es aber nicht, Schweiß und Tränen vermischten sich auf seinen Wangen; er merkte lediglich ganz am Rande, daß er immer noch starke Schmerzen hatte, trotz der Drogen, die er geschluckt hatte; daß er einen hohen Preis für seinen kleinen Ausflug bezahlen mußte.

Nicht so hoch wie der Preis, den sie dich zahlen lassen wird, wenn du diese gottverdammte Tür nicht wieder zubekommst, Paulie.

Er hörte ihre vorsichtigen, knirschenden Schritte, während sie durch die Einfahrt zum Haus ging. Das Rascheln von Tüten … dann das Klirren der Hausschlüssel, als sie sie aus der Tasche holte.

»Komm schon … komm schon … komm schon …«

Als er diesesmal drückte, vernahm er ein Klicken im Schloß, und die Zunge ließ sich einen halben Zentimeter ins Schloß zurückschieben. Noch nicht genug, um es wieder zu schließen, aber beinahe.

»Bitte … komm schon …«

Er begann, die Zunge schneller hin und her zu schieben, wackelte daran und hörte, wie sie die Küchentür aufmachte. Dann, wie eine hässliche Reminiszenz an jenen Tag, als seine Mutter ihn beim Rauchen erwischt hatte, rief Annie fröhlich: »Paul? Ich bin es! Ich habe Ihr Papier!«

Ertappt! Ich bin ertappt! Bitte, Gott, nein, Gott, laß nicht zu, daß sie mir wehtut, Gott

Er presste den Daumen krampfhaft gegen die Zunge des Schlosses und hörte ein gedämpftes Schnappen, als die Haarnadel brach. Die Zunge glitt ganz in das Schloß hinein. In der Küche hörte er ein Surren, als sie den Reißverschlußes ihres Parka öffnete.

Er schloß die Schlafzimmertür. Die Zunge rastete klickend ein,

hat sie das gehört? muß es muß es gehört haben!)

so laut wie ein Startschuß aus einer Pistole.

Er rollte den Rollstuhl in Richtung Fenster. Er rollte und rangierte immer noch als er ihre Schritte bereits im Flur hören konnte.

»Ich habe Ihr Papier, Paul! Sind Sie wach?«

Niemals … niemals rechtzeitig … Sie wird es hören

Er führte eine allerletzte Drehung aus und rollte vor das Fenster, als sie den Schlüssel ins Schloß steckte.

Es wird nicht funktionieren … die Haarnadel … und sie wird misstrauisch werden

Aber das Stück Fremdmetall mußte ganz bis zum Grund des Schlosses gefallen sein, denn der Schlüssel funktionierte perfekt. Er saß in seinem Stuhl, hatte die Augen halb geschlossen und hoffte mit aller Verzweiflung, daß er genau dort stand, wo er vorher gestanden hatte (oder zumindest so nahe daran, daß sie es nicht bemerken würde), er hoffte, sie würde sein schweißnasses Gesicht und seinen zitternden Körper einfach als Anzeichen dafür werten, daß er seine Medizin zu lange nicht bekommen hatte, am allermeisten jedoch hoffte er, daß er keine Spuren hinterlassen hatte …

In dem Augenblick, als die Tür aufschwang, sah er nach unten und stellte fest, daß er bei seiner verzweifelten Suche nach einzelnen Fährten die allerbreiteste Spur völlig übersehen hatte: die Päckchen mit dem Novril lagen immer noch in seinem Schoß.

35

Sie hatte zwei Packungen Papier, und sie hielt in jeder Hand eine hoch und lächelte. »Genau das, was Sie verlangt hatten, nicht? Triad Modern. Hier sind zwei Ries, und zwei habe ich noch in der Küche. Für alle Fälle. Sie sehen also …«

Sie verstummte, runzelte die Stirn und sah ihn an.

»Sie triefen vor Schweiß … und ihre Gesichtsfarbe ist sehr hektisch.« Sie machte eine Pause. »Was haben Sie hier drinnen gemacht?«

Und wenngleich das die leise Stimme der Panik in ihm wieder zum Kreischen brachte und ihm einzureden versuchte, daß er ertappt war und aufgeben konnte, daß er gestehen und auf Gnade hoffen sollte, gelang es ihm, ihrem argwöhnischen Blick mit ironischer Gelassenheit zu begegnen.

»Ich glaube, Sie wissen genau, was ich gemacht habe«, sagte er. »Ich habe gelitten.«

Sie holte ein Kleenex aus der Rocktasche und strich ihm damit über die Stirn. Das Kleenex nass. Sie lächelte ihn mit dieser schrecklichen falschen Mütterlichkeit an.

»War es sehr schlimm?«

»Ja. Ja, das war es. Kann ich jetzt …«

»Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht wütend machen. Leben und lernen, sagt man das nicht so? Nun wenn sie leben, dann werden Sie es schon noch lernen.«

»Kann ich jetzt meine Tabletten haben?«

»In einer Minute«, sagte sie. Ihr Blick ruhte ununterbrochen auf seinem schwitzenden Gesicht, der wächsernen Farbe und den hektischen roten Flecken. »Zuerst möchte ich mich vergewissern, ob es nicht noch etwas gibt, was Sie brauchen. Nichts, das die dumme alte Annie Wilkes vergessen hat, weil sie nicht versteht, wie ein Mister Neunmalklug ein Buch schreibt. Ich möchte sicher sein, daß Sie mich nicht wieder in die Stadt schicken, um Ihnen ein Diktiergerät zu bringen oder vielleicht ein spezielles Paar Schreibhausschuhe oder so etwas. Denn wenn Sie das wollen, dann gehe ich. Ihr Wunsch ist mir Befehl. Ihr Wunsch ist mir Befehl. Ich werde Ihnen selbstverständlich vorher Ihre Tabletten geben. Ich werde sofort Old Bessie anwerfen und losfahren. Also, Mister Neunmalklug, was sagen Sie? Ist jetzt alles bereit?«

»Alles bereit«, sagte er. »Annie, bitte …«

»Und Sie werden mich nicht mehr wütend machen?«

»Nein. Ich werde Sie nicht mehr wütend machen.«

»Denn wenn ich wütend bin, dann bin ich nicht mehr ich selbst.« Sie senkte den Blick. Sie betrachtete seine Hände, die er fest über die Probepäckchen Novril presste. Sie sah sehr lange hin.

»Paul?«, fragte sie leise. »Paul, warum halten Sie Ihre Hände so?«

Er begann zu weinen. Es waren die Schuldgefühle, die ihn weinen ließen, und das war am schlimmsten für ihn: Zusätzlich zu allem, was diese monströse Frau ihm angetan hatte, erzeugte sie auch noch Schuldgefühle in ihm. Daher weinte er schuldbewußt … aber auch aufgrund einer kindlichen Niedergeschlagenheit.

Er sah zu ihr auf, während Tränen über seine Wangen liefen, und spielte die allerletzte Karte, die er in der Hand hatte.

»Ich möchte meine Tabletten«, sagte er, »und ich möchte die Bettflasche. Ich habe es die ganze Zeit angehalten, während Sie weg waren, Annie, aber ich kann es nicht mehr lange halten, und ich möchte mich nicht wieder naß machen.«

Sie lächelte zärtlich und strahlend und strich ihm das wirre Haar aus der Stirn. »Mein armer Liebling. Annie hat Sie eine Menge durchmachen lassen, nicht wahr? Zu viel! Böse alte Annie! Ich werde beides sofort holen.«

36

Er hätte es nicht gewagt, die Tabletten unter dem Teppich zu verstecken, auch wenn er der Meinung gewesen wäre, er hätte genügend Zeit, bis sie zurückkam — die Päckchen waren klein, aber die Wölbungen wären dennoch deutlich gewesen. Als er hörte, wie sie ins untere Bad ging, nahm er sie, griff unter Schmerzen um seinen Körper herum und schob sie sich hinten in die Unterhose. Die scharfen Kartonkanten stachen in die Spalte zwischen seinen Gesäßbacken.

Sie kam mit der Bettflasche in der einen Hand zurück, einer altmodischen Vorrichtung aus Blech, das auf absurde Weise wie ein Föhn aussah. In der anderen Hand hielt sie zwei Kapseln Novril und ein Glas Wasser.

Zwei weitere zusätzlich zu denen, die du vor einer halben Stunde genommen hast, könnten dich ins Koma fallen lassen und umbringen, dachte er, und eine zweite Stimme in ihm antwortete: Soll mir recht sein.

Er nahm die Tabletten und schluckte sie mit Wasser.

Sie hielt ihm die Bettflasche hin. »Brauchen Sie Hilfe?«

»Ich kann es allein«, sagte er.

Sie wandte sich diskret ab, während er seinen Penis in die kalte Röhre fummelte und urinierte. Er sah sie zufällig an, als das hohle Plätschern ansetzte, und stellte fest, daß sie lächelte.

»Fertig?«, fragte sie Augenblicke später.

»Ja.« Er hatte wirklich ziemlich dringend urinieren müßen — in aller Aufregung hatte er keine Zeit gehabt, an so was zu denken.

Sie nahm ihm die Bettflasche ab und stellte sie vorsichtig auf den Boden. »Und jetzt wollen wir Sie wieder ins Bett legen«, sagte sie. »Sie müßen erschöpft sein … und Ihre Beine müßen ja schon eine Oper singen.«

Er nickte, wenngleich er in Wirklichkeit überhaupt nichts spürte — die zwei Tabletten zusätzlich zu denen, die er selbst genommen hatte, rissen ihn mit alarmierender Geschwindigkeit in Richtung Bewußtlosigkeit, er begann bereits, das Zimmer durch graue Gazeschleier zu sehen. An einen Gedanken klammerte er sich — sie würde ihn ins Bett legen, und wenn sie das tat, mußte sie blind und ohne Tastsinn sein, um nicht zu spüren, daß die Rückseite seiner Unterwäsche mit winzigen Päckchen vollgestopft war.

Sie rollte ihn neben das Bett.

»Nur noch einen Augenblick, Paul, dann können Sie ein Nickerchen machen.«

»Annie, könnten Sie noch fünf Minuten warten?«, stieß er hervor.

Sie sah ihn an, und ihr Blick wurde wieder misstrauisch.

»Ich dachte, Sie hätten große Schmerzen, Kumpel.«

»Habe ich«, sagte er. »Es tut weh … zu sehr weh. Hauptsächlich das Knie. Wo Sie … äh, wo Sie die Beherrschung verloren haben. Ich kann noch nicht liegen. Könnten Sie mir noch fünf Minuten Zeit geben, um … um…«

Er wußte, was er sagen wollte, aber es entglitt ihm immer wieder. Entglitt ihm in das Grau hinein. Er sah sie hilflos an und wußte, daß er doch noch erwischt werden würde.

»Um die Medizin wirken zu lassen?«, fragte sie, und er nickte dankbar.

»Selbstverständlich. Ich werde den Einkäuf verstauen und dann gleich zurückkommen.«

Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, griff er hinter sich, holte die Päckchen heraus und stopfte eines nach dem anderen unter die Matratze. Die grauen Gazeschleier wurden dichter, ihre Farbe veränderte sich unaufhaltsam von Grau zu Schwarz.

Ich muß sie so weit hinunterschieben, wie ich kann, dachte er blind. Sehr weit, damit sie sie nicht mit dem Bettlaken herauszieht, wenn sie das Bett macht. So weit hinunter, wie du wie du

Er schob das letzte unter die Matratze, dann sah er zur Decke empor, wo die H einen trunkenen Tanz vollführten.

Afrika, dachte er.

Jetzt muß ich nachwischen, dachte er.

Oh, ich bin in solchen Schwierigkeiten hier, dachte er.

Spuren, dachte er. Habe ich Spuren hinterlassen? Habe ich

Paul Sheldon verlor das Bewußtsein. Als er erwachte, waren vierzehn Stunden verstrichen, und draußen schneite es wieder.

Teil II

MISERY

Das Schreiben verursacht kein Leid,

es wird aus Leid geboren.

MONTAIGNE

1

MISERYS RÜCKKEHR

Von Paul Sheldon

Für Annie Wilkes

KAPITEL 1

Wenngleich Ian Carmichael nicht für alle Juwelen aus dem Goldschatz der Queen aus Little Dunthorpe weggezogen wäre, so mußte er sich eines doch eingestehen: Wenn es in Cornwall regnete, dann regnete es heftiger als sonst wo in England.

An einem Haken in der Diele hing ein altes Stück Handtuch, und nachdem er den tropfnassen Mantel aufgehängt und die Stiefel ausgezogen hatte, nahm er es, um sich das dunkelblonde Haar abzutrocknen.

Aus dem Wohnzimmer konnte er leise, wie aus der Ferne, die Klänge von Chopin hören, und er verharrte, das Stück Handtuch immer noch in der linken Hand, um zuzuhören.

Die Feuchtigkeit, die nun seine Wange hinabrann, waren nicht Regentropfen, sondern Tränen.

Er erinnerte sich noch, wie Geoffrey zu ihm gesagt hatte: Du darfst niemals vor ihren Augen weinen, alter Junge — das ist das Einzige, was du niemals tun darfst!

Geoffrey hatte selbstverständlich recht gehabt — der gute alte Geoffrey hatte fast immer recht –, aber manchmal, wenn er allein war, wurde ihm auf schreckliche Art und Weise bewußt, wie knapp Misery dem Sensenmann entronnen war, und dann war es ihm beinahe unmöglich, die Tränen zurückzuhalten. Er liebte sie so sehr; ohne sie würde er sterben. Ohne Misery würde es schlicht und einfach kein Leben mehr für ihn und in ihm geben.

Die Geburt war lang und schwer gewesen, aber nicht länger oder schwerer als bei vielen anderen jungen Damen, hatte die Hebamme gesagt. Erst nach Mitternacht, nachdem Geoffrey bereits eine Stunde weggeritten war, um den Doktor zu holen, obwohl ein Sturm aufgzogen war, wurde die Hebamme besorgt. Das war, als die Blutungen angefangen hatten.

»Guter alter Geoffrey!« Diesesmal sagte er es laut, während er in die riesige und mollig warme West Country Küche hineinging.

»Haben’se was gesagt, junger Sair?«, fragte ihn Mrs. Ramage, die schrullige, aber liebenswerte Haushälterin der Carmichaels, als sie aus der Waschküche kam. Wie immer saß ihr Häubchen schief auf dem Kopf, und sie roch nach dem Getränk, welches sie immer noch, nach all den Jahren, für ihr geheimes Laster hielt.

»Nicht bewußt, Mrs. Ramage«, sagte Ian.

»So, wie man Ihren Mantel draußen tropfen hört, sind Sie zwischen den Ställen und dem Haus ja beinahe ertrunken!«

»Aye, bin ich beinahe«, sagte Ian und dachte: Wenn Geoffrey nur zehn Minuten später mit dem Doktor gekommen wäre, ich glaube, sie wäre gestorben. Das war ein Gedanke, den er stets mit aller Anstrengung von sich zu weisen suchte — er war sinnlos und grausam zugleich –, aber der Gedanke an ein Leben ohne Misery war so schrecklich, daß er ihn manchmal ganz einfach nicht verdrängen konnte, wenn er sich von verstohlen aufdrängte und ihn überraschte.

Nun, mitten hinein in seine düsteren Gedanken erscholl nun das herzhafte Quäken eines Kindes — seines Sohnes, der nun wach und mehr als bereit für sein Nachmittagsmahl war. Ganz leise konnte er Annie Wilkes geschäftig hantieren hören, diese tüchtige Kinderschwester, die sofort begann, ihn zu beruhigen und sein Lätzchen zu wechseln.

»Der junge Stammhalter is heute bei guter Stimme«, bemerkte Mrs. Ramage. Ian hatte noch einen Augenblick Zeit, sich mit unablässiger Verwunderung zu vergegenwärtigen, daß er der Vater eines Sohnes war, dann hörte er die Stimme seiner Frau unter der Tür:

»Hallo, Liebling.«

Er sah auf, sah seine Misery an, sein Herzblatt. Sie stand ein wenig geneigt unter dem Türbogen; ihr kastanienrotes Haar mit dem geheimnisvollen tiefroten Funkeln, das an sterbenden Bernstein erinnerte, fiel aufregend über ihre Schultern. Ihre Gesichtsfarbe war immer noch zu blaß, aber die Wangen bekamen allmählich wieder Farbe, wie Ian sehen konnte. Ihre Augen waren dunkel und tief, der Schein der Küchenlampe funkelte in jedem, winzigen und wertvollen Diamanten gleich, welche auf dunkelstem Juweliersfilz blitzten.

»Mein Liebling!«, rief er aus und lief auf sie zu wie an jenem Tag in Liverpool, als ihn die Gewissheit erfüllt hatte, daß die Piraten sie entführt hatten, wie Mad Jack Wickersham ihm geschworen hatte.

Mrs. Ramage erinnerte sich plötzlich an etwas, was sie noch in der Waschküche zu erledigen hatte, und ließ sie alleine — aber sie entfernte sich mit einem Lächeln im Gesicht.

Auch Mrs. Ramage hatte Momente, da sie darüber nachdachte, wie das Leben weitergegangen wäre, wenn der Doktor und Geoffrey in jener dunklen und stürmischen Nacht vor zwei Monaten eine Stunde später gekommen wären oder wenn die riskante Bluttransfusion, bei der ihr junger Herr so tapfer sein eigenes Blut in Miserys ausgeblutete Adern gepumpt hatte, nicht funktioniert hätte.

»O mein Mädchen«, sagte sie zu sich selbst, während sie den Flur entlanghastete. »Über manche Sachen sollt man besser gar nich nachdenken.« Ein guter Rat — ein Rat, den Ian sich auch schon selbst gegeben hatte. Aber sie hatten beide feststellen müßen, daß guter Rat sich manchmal leichter geben als befolgen ließ.

In der Küche zog Ian Misery dicht an sich, er spürte seine Seele leben und sterben und wieder leben, während er den süßen Geruch ihrer warmen Haut einatmete.

Er berührte die Rundung ihrer Brüste und spürte das starke und gleichmäßige Schlagen ihres Herzens.

»Wenn du gestorben wärst, wäre ich mit dir gestorben«, flüsterte er.

Sie legte ihm die Arme um den Nacken und presste ihre festen Brüste noch mehr gegen seine Hände. »Pssst, Liebling«, flüsterte Misery, »und sei nicht albern. Ich bin hier… direkt hier. Und nun küß mich! Wenn ich sterbe, dann vor Verlangen nach dir.«

Er drückte den Mund auf ihre Lippen und vergrub die Hände tief in den Locken ihres kastanienroten Haares, und für ein paar Augenblicke existierte gar nichts, außer ihnen beiden.

2

Annie legte die drei Manuskriptseiten neben ihm auf den Nachttisch, und er wartete gespannt, was sie dazu sagen würde. Er war neugierig, aber eigentlich nicht nervös — es hatte ihn tatsächlich selbst überrascht, wie leicht es ihm gefallen war, sich wieder in Miserys Welt zu versetzen. Ihre Welt war simple und melodramatisch, aber das änderte nichts an der Tatsache, daß die Rückkehr dorthin ihm keineswegs so zuwider gewesen war, wie er befürchtet hatte — es war sogar einigermaßen beruhigend gewesen, als würde man ein Paar ausgetretene Hausschuhe anziehen. Daher klappte sein Kiefer herunter, und er war aufrichtig aus dem Häusschen, als sie sagte:

»Das ist nicht richtig.«

»Es … es gefällt Ihnen nicht?« Er konnte es kaum glauben. Wie konnten ihr die anderen Misery-Romane gefallen haben, und das hier nicht? Es war so misery-mäsig, daß es schon fast eine Karikatur war — die matronenhafte Mrs. Ramage süffelte Fusel in der Speisekammer, Ian und Misery begrapschten sich wie geile Schulkinder, die gerade vo einer freitagabendlichen Tanzveranstaltung nach Hause kamen, und …

Jetzt war sie diejenige, die bestürzt aussah.

»Gefallen? Selbstverständlich gefällt es mir. Es ist wunderschön. Als Ian sie in die Arme nahm, da mußte ich weinen. Ich konnte nicht anders.« Ihre Augen waren tatsächlich ein wenig rot. »Und daß Sie Baby Thomas’ Kinderschwester nach mir benannt haben … das war sehr reizend.«

Er dachte: Und klug — wenigstens hoffe ich das. Und übrigens, Tussi, der Name des Babys sollte Sean sein, falls es dich interessiert; ich habe ihn geändert, weil ich sonst zu viele von diesen beschissenen N nachtragen müßte.

»Dann fürchte ich, daß ich nicht verstehe …«

»Nein, offensichtlich nicht. Ich habe nicht gesagt, daß es mir nicht gefällt, ich sagte, es ist nicht richtig. Es ist Betrug. Sie müßen es ändern.«

Hatte er sie einmal für das perfekte Publikum gehalten? O Junge. Eines muß man dir lassen, Paul — wenn du einen Fehler machst, dann aber richtig. Aus der Dauerleserin war ein gnadenlose Lektor geworden.

Ohne daß er es überhaupt bemerkt hätte, nahm Pauls Gesicht unwillkürlich den Ausdruck tiefer und aufrichtiger Konzentration an, den es immer hatte, wenn er einem Lektor zuhörte. Er bezeichnete ihn als seinen »Kann ich Ihnen behilflich sein, Lady?«-Gesichtsausdruck. Das lag daran, daß die meisten Lektoren wie Frauen waren, die an eine Tankstelle fahren und dem Mechaniker sagen, er möge bitte das beseitigen, was unter der Motorhaube klopfte oder wonk-wonk unter dem Armaturenbrett machte, und zwar bitte, wenn möglich, sofort. Aufrichtige Konzentration war gut, weil sie ihnen schmeichelte, und wenn Lektoren geschmeichelt waren, gaben sie manchmal einige ihrer albernen Ansichten auf.

»Inwiefern ist es ein Schwindel?«, fragte er.

»Nun, Geoffrey ist weggeritten, um den Doktor zu holen«, sagte sie. »Das ist soweit richtig. Das geschah in Kapitel 38 von Miserys Kind. Aber der Doktor kam nicht, wie Sie genau wissen, weil Geoffreys Pferd mit dem Huf am Tor des elenden Mr. Cranthorpe hängen blieb — ich hoffe, daß dieser Schmutzfink seine gerechte Strafe in Miserys Rückkehr bekommt, Paul, das hoffe ich wirklich —, als es darüber hinwegspringen wollte , und Geoffrey brach sich die Schulter und ein paar Rippen und lag die ganze Nacht dort im Regen, bis der Schäferjunge daherkam und ihn fand. Also konnte der Doktor nicht kommen. Sehen Sie?«

»Ja.« Plötzlich war es ihm unmöglich, den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden.

Er hatte geglaubt, sie würde sich den Lektorenhut aufsetzen, vielleicht sogar den Zylinder des Ko-Autors, und versuchen, ihm zu sagen, was er schreiben sollte und wie er es schreiben solle. Aber das war nicht der Fall. Zum Beispiel Mr. Cranthorpe. Sie hoffte, Mr. Cranthorpe würde seine gerechte Strafe bekommen, aber sie verlangte es nicht. Sie sah den kreativen Verlauf der Geschichte als etwas außerhalb ihres Einflußes an, wenngleich sie ihn ganz offensichtlich in ihrem Einflußbereicht hatte. Aber manche Dinge ließen sich einfach nicht bewerkstelligen. Kreativität oder mangelnde Kreativität hatten damit nichts zu tun; die zu tun war so unsinnig, als würde man die Aufhebung der Schwerkraft verkünden oder versuchen, mit einem Backstein Tischtennis zu spielen. Sie war wirklich eine Dauerleserin, aber Dauerleserin bedeutete nicht Dauertrottel.

Sie gestattete ihm nicht, Misery zu töten … aber gleichzeitig gestattete sie ihm auch nicht, sie mittels eines Tricks wieder zum Leben zu erwecken.

Gütiger Himmel, dachte er, ich habe sie aber doch sterben lassen. Was soll ich denn jetzt tun?

»Als ich ein Mädchen war«, sagte sie, »wurden in den Kinos noch Serials gezeigt. Pro Woche eine Folge. Masked Avenger, Flash Gordon, sogar eine über Frank Buck, den Mann, der nach Afrika reiste, um wilde Tiere zu fangen, und der Löwen und Tiger zähmen konnte, indem er sie nur ansah. Erinnern Sie sich an diese Serials?«

»Ich erinnere mich daran, aber Sie können doch nicht so alt sein, Annie — Sie müßen sie im Fernsehen gesehen haben, oder Sie hatten einen älteren Bruder oder eine Schwester, die ihnen davon erzählt hat.«

Neb