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The Green Mile

Stephen King


The green Mile

Stephen King

1996

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Inhaltsverzeichnis

I  Einleitung

VORWORT: EIN BRIEF

II  Der Tod der jungen Mädchen

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III  Die Maus im Todesblock

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IV  Coffeys Hände

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V  Der qualvolle Tod

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VI  Reise in die Nacht

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VII  Coffeys Vermächtnis

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VIII  Nachwort des Autors

Teil I

Einleitung

Ich leide bisweilen an Schlaflosigkeit — was Leser dieses Romans mit der Chronik der Abenteuer von Ralph Roberts nicht überraschen wird —, und so versuche ich, für die schlaflosen Nächte eine Geschichte parat zu haben. Ich erzähle sie mir selbst, während ich in der Dunkelheit liege, schreibe sie im Geiste, als würde ich sie auf der Schreibmaschine oder mit der Textverarbeitung des Computers tippen. Oftmals kehre ich zum Anfang zurück, verändere Formulierungen, füge Gedanken hinzu, streiche Absätze, entwickle den Dialog. In jeder schlaflosen Nacht fange ich wieder von vorne an und komme ein wenig weiter, bevor ich einschlafe. Nach der fünften oder sechsten Nacht habe ich für gewöhnlich ganze Brocken von Prosa in der Erinnerung gespeichert. Dies klingt vermutlich ein bißchen verrückt, aber es ist tröstlich und als Zeitvertreib allemal besser als Schafe zählen.

Diese Geschichten nutzen sich schließlich ab wie ein Buch, das man immer wieder liest (‘Wirf es weg und kauf ein neues, Stephen’, sagte meine Mutter manchmal mit einem gereizten Blick auf einen geliebten Comic oder ein Taschenbuch. ‘Das ist ja ganz zerfleddert.’) Dann wird es Zeit, eine neue Geschichte zu suchen, und während meiner Schlaflosigkeit hoffe ich, daß mir bald eine neue einfällt, denn schlaflose Stunden sind lang.

1992 oder 1993 arbeitete ich an einer Gutenachtgeschichte, die ich ‘Wenn du deinen Augen nicht trauen kannst taufte. Sie handelte von einem Mann in der Todeszelle — von einem riesigen Schwarzen — der ein Interesse an Taschenspielertricks entwickelt, während der Tag seiner Hinrichtung naht. Die Geschichte mußte in der ersten Person erzählt werden, von einem alten Kalfakter, der einen Karren mit Büchern durch den Zellentrakt rollte und außerdem Zigaretten, billige Modeartikel und Kinkerlitzchen wie Haarwasser und Flugzeuge aus Wachspapier verkaufte. Am Ende der Geschichte, kurz vor seiner Hinrichtung, sollte der riesige Gefangene, Luke Coffey, sich selbst verschwinden lassen.

Es war eine gute Idee, aber die Story gelang mir einfach nicht. Ich versuchte hunderte Varianten, doch es klappte immer noch nicht. Ich gab dem Erzähler eine zahme Maus, die auf seinem Karren mitfuhr, und dachte, dies würde helfen, tat’s aber nicht. Der beste Teil war der Anfang: ‘Dies geschah 1932, als das Staatsgefängnis noch in Evans Notch war. Und der elektrische Stuhl natürlich — den die Insassen Old Sparky nannten’. Das klappte anscheinend; nichts sonst paßte zusammen. Schließlich ließ ich Luke Coffey zugunsten einer Geschichte über einen Planeten fallen, auf dem die Leute aus einem bestimmten Grund zu Kannibalen werden, wenn es regnet. Und ich mag diese Story immer noch, also Hände weg, verstanden?

Dann, ungefähr anderthalb Jahre später, kam mir die Idee mit den Todeszellen wieder in den Sinn, aber mit einem anderen Blickwinkel — was wäre, dachte ich, wenn der riesige Bursche irgendein Heiler wäre. Statt eines angehenden Zauberers, ein Simpel der für Morde verurteilt wurde, die er nicht begangen, sondern hatte ungeschehen machen wollen?

Die Geschichte war zu gut, um zur Schlafenszeit vergeudet zu werden, befand ich, obwohl sie im Dunkeln begonnen hatte, und so ließ ich den ersten Absatz wieder aufleben und arbeitete im Geiste das erste Kapitel aus, bevor ich mit dem Schreiben begann. Der Erzähler wurde ein Wärter im Todestrakt anstatt eines Kalfakters, aus Luke Coffey wurde John Coffey (mit einer Verbeugung vor William Faulkner, dessen Christusgestalt Joe Christmas ist), und die Maus wurde …nun, Mr. Jingles.

Es war eine gute Geschichte, das wußte ich von Anfang an, aber sie war ungeheuer schwer zu schreiben. Andere Dinge beschäftigten mich und gingen mir anscheinend leichter von der Hand — das Drehbuch für die Fernseh-Miniserie The Shining zählte dazu —, und ich ließ erst einmal die Finger von The Green Mile. Ich hatte das Gefühl, eine Welt fast ohne Vorgabe zu starten, denn ich wußte fast nichts vom Leben in einem Todestrakt im Grenzgebiet des Südens während der Weltwirtschaftskrise. Recherchen können das natürlich beheben, doch ich dachte, daß die Recherche vielleicht meinen anfälligen Sinn fürs Wundersame, den ich in meiner Geschichte gefunden hatte, zerstören könnte. Irgendwie wußte ich von Anfang an, daß ich keine Realität beschreiben wollte, sondern den Mythos. So machte ich weiter, sammelte Wörter und hoffte auf einen Zündfunken, auf eine Erleuchtung, auf irgendein Wunder.

Das Wunder kam in Form eines Fax von Ralph Vicinanza, meinem Agenten für Auslandsrechte, der mit einem britischen Verleger über die Fortsetzungsromane gesprochen hatte, die vor einem Jahrhundert von Charles Dickens verfaßt worden waren. Ralph fragte mich — in der geringschätzigen Art von jemand, der nicht erwartet, daß aus der Idee etwas wird —, ob ich vielleicht Interesse hätte, mich an dieser Form zu versuchen. Mann, ich sprang sofort darauf an. Mir wurde gleich klar, wenn ich dem Projekt zustimmte, mußte ich The Green Mile auch zu Ende schreiben. Ich fühlte mich wie ein römischer Soldat, der die Brücke über den Rubikon in Brand steckt, als ich Ralph anrief und ihn bat, den Vertrag abzuschließen. Das tat er, und den Rest kennen Sie. John Coffey, Paul Edgecombe, Brutal Howell, Percy Wetmore …sie übernahmen und gaben der Geschichte Leben. Es war toll.

The Green Mile erfuhr eine Art zauberische Akzeptanz, die ich nie erwartet hätte. Es hätte leicht eine kommerzielle Katastrophe werden können. Aber die Reaktion der Leser war wundervoll, und diesmal ließen sich sogar die meisten Kritiker hinreißen. Ich glaube, ich verdanke die gute Aufnahme des Buchs den scharfsinnigen Vorschlägen meiner Frau und viel von seinem kommerziellen Erfolg der harten Arbeit der Verlagsmitarbeiter von Dutton Signet.

Das Erlebnis aber, Fortsetzungsromane zu verfassen, habe ich allein gehabt. Ich schrieb wie ein Wahnsinniger, versuchte den verrückten Veröffentlichungsplan einzuhalten und gleichzeitig das Buch so anzulegen, daß jede Fortsetzung einen eigenen kleinen Höhepunkt hat, wobei ich hoffte, daß alles paßte. Mir war klar, daß man mich hängen würde, wenn es nicht paßte. Manchmal fragte ich mich, ob Charles Dickens sich auch so fühlte und hoffte, daß die in der Handlung aufgeworfenen Fragen sich selbst beantworteten. Wahrscheinlich ja. Zu seinem Glück bedachte Gott den guten Charles ein bißchen mehr, als er die Talente verteilte.

Ich erinnere mich, daß ich bisweilen dachte, es wimmelte in den Fortsetzungen von den ungeheuerlichsten Anachronismen, aber es stellte sich heraus, daß es bemerkenswert wenige gab. Sogar der kleine ‘heiße Comic’ mit Popeye und Olive Oil traf genau ins Schwarze: nach der Veröffentlichung von Band 6 schickte mir jemand einen Sonderdruck von solch einem Comic, der um 1927 herum verlegt worden war. In einem denkwürdigen Bild treibt es Wimpy mit Olive und ißt dabei einen Hamburger. Teufel, es geht nichts über die menschliche Phantasie, oder?

Nach der erfolgreichen Veröffentlichung von The Green Mile gab es viele Diskussionen darüber wie — oder ob — der Stoff als vollständiger Roman herausgegeben werden sollte. Die Veröffentlichung in Fortsetzungen war eine wunde Stelle für mich und ebenso für einige Leser, denn der Preis war sehr hoch für ein Paperback; ungefähr neunzehn Dollar für alle sechs Fortsetzungen. Aus diesem Grund war ein Verkauf aller sechs Bände im Schuber anscheinend nie die ideale Lösung. Dieser Band, ein Taschenbuch zu einem günstigeren Preis, ist anscheinend die beste Lösung. So ist hier The Green Mile in einem Band und fast so, wie es in Fortsetzungen veröffentlicht wurde (ich habe die Szene geändert, in der Percy Wetmore, in eine Zwangsjacke gesteckt, eine Hand hebt, um sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen).

Irgendwann möchte ich den Roman völlig überarbeiten, zu einem Band umschreiben, den es diesem Format nicht geben kann, und neu veröffentlichen. Bis dahin muß dies hier reichen. Es freut mich, daß so viele Leser Freude daran hatten. Und Sie wissen ja, The Green Mile erwies sich schließlich doch noch als ziemlich spannende Gutenachtgeschichte.

Stephen King

Bangor, Maine

6. Februar 1997

VORWORT: EIN BRIEF

27. Oktober 1995 Liebe treue Leser,

das Leben ist eine launische Sache. Die Geschichte, die in diesem kleinen Buch beginnt, gibt es in dieser Form wegen der zufälligen Bemerkung eines Immobilienmaklers, den ich nie kennengelernt habe.

Es geschah vor einem Jahr auf Long Island. Ralph Vicinanza, ein alter Freund und Geschäftspartner (er verkauft hauptsächlich die Veröffentlichungsrechte für Bücher und Kurzgeschichten ins Ausland), hatte dort gerade ein Haus gemietet. Der Immobilienmakler bemerkte, daß das Haus ‘wie etwas aus einer Geschichte von Charles Dickens’ aussah.

Ralph erinnerte sich an die Bemerkung, als er seinen ersten Gast im Haus begrüßte, den britischen Verleger Malcolm Edwards. Er erzählte Edwards davon, und sie plauderten über Dickens. Edwards erwähnte, daß Dickens viele seiner Romane in Fortsetzungen veröffentlicht hatte, entweder als Beilage in Zeitschriften oder als eigene Ausgaben, sogenannte ‘Chapbooks’ (ich weiß nicht, woher diese Bezeichnung für ein Buch kommt, das kleiner als ein durchschnittliches ist, aber der vertrauliche und freundschaftliche Klang des Wortes hat mir stets gefallen). An einigen der Romane, fügte Edwards hinzu, wurde noch geschrieben und korrigiert, während die ersten Folgen bereits veröffentlicht wurden; Charles Dickens war ein Romanautor, der offenbar keine Angst vor Terminschwierigkeiten hatte.

Dickens’ in Fortsetzungen veröffentlichte Romane waren enorm beliebt; sogar so beliebt, daß einer davon eine Tragödie in Baltimore heraufbeschwor. Eine große Gruppe von Dickens-Fans drängte sich im Hafen auf einem Pier und wartete auf die Ankunft eines englischen Schiffes mit Exemplaren der letzten Fortsetzung von The Old Curiosity Shop an Bord. Wie es heißt, stürzten in dem Gedränge einige der Möchtegern-Leser ins Wasser und ertranken.

Ich bezweifle, daß weder Malcolm noch Ralph jemanden ertrinken sehen wollen, aber sie waren neugierig, was geschehen würde, wenn heutzutage wieder die Veröffentlichung eines Romans in Fortsetzungen versucht werden Würde. Keinem von beiden war auf Anhieb bewußt, daß es das schon mindestens zweimal gegeben hatte (es gibt wirklich nichts Neues unter der Sonne). Tom Wolfe veröffentlichte die erste Fassung seines Romans Fegefeuer der Eitelkeiten in Fortsetzungen im Rolling Stone Magazine, und Michael McDowell (The Amulett, Gilded Needles, The Elementals und das Drehbuch Beetlejuice) veröffentlichte einen Roman mit dem Titel Blackwater in Fortsetzungen im Taschenbuch. Dieser Roman — eine Horrorstory über eine Südstaatler-Familie mit der unangenehmen Eigenart, sich in Alligatoren zu verwandeln — war nicht McDowells bester, aber er wurde trotzdem ein guter Erfolg für Avon Books.

Die beiden Männer spekulierten weiter, was geschehen würde, wenn ein Autor von Unterhaltungsliteratur heutzutage versuchte, einen Roman in Chapbooks zu veröffentlichen — in kleinen Taschenbüchern, die vielleicht für ein Pfund oder zwei in Großbritannien oder für vielleicht drei Dollar in Amerika verkauft werden würden (wo die meisten Taschenbücher jetzt 6,99 Dollar oder 7,99 Dollar kosten). Jemand wie Stephen King könnte solch einem Experiment vielleicht einen interessanten Start gehen, meinte Malcolm, und dann unterhielten sie sich über andere Themen.

Ralph vergaß die Idee mehr oder weniger, aber sie fiel ihm im Herbst 1995 wieder ein, als er von der Frankfurter Buchmesse zurückkehrte, einer Art internationaler Handels-Show, bei der jeder Tag für ausländische Agenten wie Ralph ein Showdown ist. Er brachte mir das Thema Fortsetzung/Chapbook zusammen mit einer Reihe von anderen Ideen an, von denen die meisten automatisch abgelehnt wurden.

Die Idee mit dem Chapbook wurde jedoch nicht automatisch abgelehnt; im Gegensatz zum angebotenen Interview in der japanischen Ausgabe des Playboy oder der Tournee durch die baltischen Republiken, für die alle Spesen vergütet werden sollten, beflügelte sie meine Phantasie. Ich bezweifle, daß ich ein moderner Dickens bin — wenn es so jemanden gibt, dann ist das vermutlich John Irving oder Salman Rushdie —, aber ich habe stets Geschichten geliebt, die in Episoden erzählt werden. Es ist eine Form, auf die ich zum erstenmal in der Saturday Evening Post stieß, und sie gefiel mir, weil das Ende jeder Episode Leser und Schriftsteller zu fast gleichen Partnern machte — man konnte eine ganze Woche lang versuchen, die nächste Windung der Schlange herauszufinden. Außerdem, so kam es mir vor, las und erlebte man diese Geschichten intensiver, weil sie rationiert waren. Man konnte sie nicht verschlingen, selbst wenn man das wollte (und wenn die Story gut war, tat man es dennoch).

Das Beste von allem: Bei mir zu Hause lasen wir Geschichten oft laut vor — an einem Abend mein Bruder David, am nächsten ich, am übernächsten meine Mutter, dann wieder mein Bruder. Es war eine seltene Möglichkeit, ein geschriebenes Werk zu genießen wie die Filme und Fernsehprogramme (Rawhide, Bonanza, Route 66), die wir uns gemeinsam ansahen; sie waren ein Familienereignis. Erst Jahre später wurde mir klar, daß Dickens’ Romane in seiner Zeit auf sehr ähnliche Art und Weise erfreut hatten. Der Unterschied war nur, daß sie über Jahre hinweg am Kamin bei dem Schicksal von Pip und Oliver und David Copperfield mit leiden mußten oder sich freuen konnten — nicht nur ein paar Monate lang (selbst die längsten Serien in der Post hatten selten mehr als acht Fortsetzungen).

Es gefiel mir noch etwas anderes an der Idee, ein Aspekt, den wohl nur der Verfasser von Spannungsromanen und Gruselgeschichten voll zu schätzen weiß: Bei einer Geschichte, die in Fortsetzungen veröffentlicht wird, gewinnt der Schriftsteller eine Überlegenheit über den Leser, die er sonst nicht genießen kann: Einfach gesagt, treue Leser, Sie können nicht vorausblättern und sehen, wie die Sache ausgeht.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich einmal in unser Wohnzimmer spazierte, als ich zwölf oder so war, und meine Mutter in ihrem geliebten Schaukelstuhl saß. Verstohlen blinzelte sie auf das Ende eines Agatha-Christie-Taschenbuchs, während ihr Finger das Buch erst bis Seite 50 oder so aufgeschlagen hielt. Ich war entsetzt, und das sagte ich ihr (ich war zwölf Jahre alt, wohlgemerkt, ein Alter, in dem Jungs verschwommen zu erkennen beginnen, daß sie alles wissen). Ich erklärte ihr, wenn man das Ende eines Krimis liest, bevor man tatsächlich dort anlangt, ist das so, als esse man die Marmelade eines Berliners und werfe dann den Berliner selbst weg. Sie lachte ihr wundervolles ungeniertes Lachen und sagte, das möge vielleicht so sein, aber manchmal könne sie einfach nicht der Versuchung widerstehen. Der Versuchung erliegen, das war eine Sache, die ich verstehen konnte: das passierte mir auch oft, sogar mit zwölf. Aber jetzt gibt es endlich ein amüsantes Mittel gegen die Versuchung. Bis die letzte Episode im Buchhandel eintrifft, weiß keiner, wie The Green Mile ausgeht, und das schließt mich vielleicht ein.

Ralph Vicinanza konnte es unmöglich wissen, aber er erwähnte die Idee, einen Roman in Fortsetzungen zu veröffentlichen, bei mir in einem psychologisch perfekten Augenblick. Ich hatte mit einer Romanidee gespielt, mit einem Thema, bei dem mir klar war, daß ich es früher oder später anpacken mußte: der elektrische Stuhl. ‘Old Sparky’ hat mich fasziniert, seit ich meinen ersten James-Cagney-Fihn sah, und die ersten Geschichten über Todeszellen, die ich las (in einem Buch von Warden Lewis E. Lawes mit dem Titel Twenty Thousand Years in Sing Sing), regten die dunklere Seite meiner Phantasie an. Ich fragte mich, wie es sein mag, wenn man diese letzten vierzig Yards zum elektrischen Stuhl geht und weiß, daß man dort stirbt. Und, was das anbetrifft, wie mag es sein, wenn man der Mann ist, der den zum Tode Verurteilten festschnallt oder den Hebel betätigt? Was würde solch ein Job einem nehmen? Oder, noch gruseliger, was würde er einem vielleicht geben?

Ich hatte diese Grundideen im Laufe der vergangenen zwanzig oder dreißig Jahre bei einer Reihe verschiedener Rahmenhandlungen versucht, stets tastend, versuchsweise. Ich hatte einen erfolgreichen Roman geschrieben, der im Gefängnis spielt (Rita Hayword and Shawshank Redemption), und war zu dem Schluß gelangt, daß dieses Thema vermutlich ideal für mich war, als diese Idee zur Sprache kam. Es gab vieles, was mir daran gefiel, aber vor allem faszinierte mich die Stimme des Erzählers: leise, ehrlich, vielleicht ein bißchen naiv — er ist ein Stephen King-Erzähler, wie ich mir keinen besseren vorstellen kann. So machte ich mich an die Arbeit, aber auf vorsichtige Weise und mit Unterbrechungen. Das meiste des zweiten Kapitels wurde während eines durch Regen bedingten unfreiwilligen Aufenthaltes im Fenway Park geschrieben!

Als Ralph anrief, hatte ich ein gefülltes Notizbuch mit gekritzelten Seiten von The Green Mile, und ich erkannte, daß ich einen Roman aufbaute, während ich meine Zeit mit dem Überarbeiten eines bereits fertigen Buchs (Desperation — Sie werden es bald sehen, treue Leser) hätte verbringen sollen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit The Green Mile so weit, daß ich nur die Wahl hatte, es wegzulegen (und vermutlich nie wieder aufzunehmen) oder auf alles andere zu verzichten und weiterzumachen.

Ralph schlug eine mögliche dritte Alternative vor, eine Geschichte, die auf die gleiche Art und Weise geschrieben werden konnte, wie sie gelesen wurde — in Fortsetzungen. Und mir gefiel auch der riskante Aspekt: Verknall dich in den Job, schaffe es nicht, ihn termingerecht durchzuziehen, und auf einmal wollen dich ungefähr eine Million Leser skalpieren. Keiner weiß das besser als ich, abgesehen von meiner Sekretärin Juliann Eugley. Wir erhalten jede Woche Dutzende wütender Briefe, in denen das nächste Buch des Dark-Tower-Zyklus gefordert wird (Geduld, Fans von Roland; noch ein Jahr oder so, und. Euer Warten wird ein Ende haben, das verspreche ich). Einer dieser Briefe enthielt ein Polaroidfoto, das : einen Teddybär in Ketten zeigt, und dazu ist die Botschaft aus den ausgeschnittenen Buchstaben von Schlagzeilen aus Zeitungen und Zeitschriften aufgeklebt: BRING DAS NÄCHSTE DARK-TOWER-BUCH SOFORT HERAUS, ODER DER BÄR STIRBT. Ich habe das Bild in meinem Büro aufgehängt, um mich an zweierlei zu erinnern: an meine Verantwortung und daran, wie wunderbar es ist, daß Leute sich tatsächlich ein wenig um die Geschöpfe meiner Phantasie sorgen.

Jedenfalls habe ich mich entschieden, The Green Mile in einer Serie kleiner Taschenbücher herauszubringen, in der Art und Weise des 19. Jahrhunderts, und ich hoffe, Sie werden mir schreiben und mir sagen, ob Ihnen (a) die Story gefällt und ob Sie (b) die selten genutzte, aber ziemlich amüsante Art der Veröffentlichung in Fortsetzungen mögen. Es war zweifellos ein Ansporn beim Schreiben der Geschichte, obwohl sie in diesem Augenblick (an einem regnerischen Abend im Oktober 1995) weit entfernt von der Fertigsstellung ist, auch nicht in einem Rohentwurf, und das Ende ungewiß bleibt. Dies ist ein Teil der Spannung bei der ganzen Sache, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt mit Vollgas durch dichten Nebel fahre.

Vor allem möchte ich sagen, wenn Sie nur halb soviel Spaß beim Lesen haben, wie ich beim Schreiben hatte, können wir beide zufrieden sein. Genießen Sie es — und warum lesen Sie es nicht vor, abwechselnd mit Freunden? Das wird auf jeden Fall die Zeit verkürzen, bis die nächste Fortsetzung an Ihrem Kiosk oder bei Ihrem Buchhändler zu haben ist.

Unterdessen — passen Sie auf sich auf, und seien Sie gut zueinander.

Stephen King

Teil II

Der Tod der jungen Mädchen

1

Dies geschah 1932, als das Staatsgefängnis noch in Cold Mountain war. Und als der elektrische Stuhl ebenfalls dort war.

Die Insassen machten natürlich Witze über den Stuhl, wie Leute immer über Dinge scherzen, die ihnen Angst einjagen, denen sie jedoch nicht entkommen können. Sie nannten ihn Old Sparky oder Big Juicy. Sie rissen Witze über die Stromrechnung und über Direktor Moores, der in diesem Herbst zum Thanksgiving Day das Abendessen selbst kochen mußte, weil seine Frau Melinda zu krank dazu war.

Aber für diejenigen, die auf diesem Stuhl Platz nehmen mußten, war es mit dem Humor schnell vorbei. Während meiner Zeit in Cold Mountain hatte ich die Aufsicht bei achtundsiebzig Hinrichtungen (eine Zahl, die sich mir unauslöschlich eingeprägt hat; ich werde mich auf meinem Sterbebett noch daran erinnern), und ich denke, daß den meisten dieser Männer erst richtig klar wurde, was geschehen würde, wenn ihre Knöchel an das robuste Eichenholz von Old Sparkys Beinen geschnallt wurden.

Dann kam die Erkenntnis (man sah in ihren Augen kaltes Entsetzen), daß ihre Beine die Karriere beendet hatten. Das Blut rann noch in ihnen, die Muskeln waren noch kräftig, aber sie waren erledigt. Sie würden nie wieder über Land spazieren oder mit einem Mädchen auf einer Fete tanzen.

Old Sparkys Gäste erkannten ihren Tod von den Knöcheln an aufwärts. Eine große schwarze Kapuze aus Seide wurde ihnen über den Kopf gestülpt, nachdem sie ihre letzten, meistens zusammenhanglosen Worte gesagt hatten. Die Kapuze sollte angeblich für sie sein, aber ich habe immer gedacht, daß sie für uns war, damit wir nicht das schreckliche Entsetzen in ihren Augen sahen, wenn sie erkannten, daß sie mit gebeugten Knien sterben würden.

Es gab keinen Todestrakt in Cold Mountain, nur Block E, der abseits von den anderen vier Blocks stand, nur ungefähr ein Viertel so groß und aus Backstein statt aus Holz und mit einem schrecklich kahlen Eisendach, das wie ein Augapfel im Delirium in die Sommersonne starrte. In Block E , gab es sechs Zellen, drei auf jeder Seite eines breiten Mittelgangs, und jede Zelle war fast zweimal so groß wie die Zellen in den anderen vier Blocks. Es waren Einzelzellen. Großer Komfort für ein Gefängnis (besonders in den dreißiger Jahren), aber die Insassen hätten gern mit Zellen in einem der anderen Blocks getauscht, glauben Sie mir.

Während meiner Jahre als Wärter in Block E gab es niemals eine Zeit, in der alle sechs Zellen gleichzeitig belegt waren — man muß Gott auch für kleine Gefälligkeiten dankbar sein. Höchstens vier Zellen waren belegt mit Schwarzen und Weißen (in Cold Mountain gab es keine Rassentrennung bei den wandelnden Toten), und das war ein kleines Stück Hölle.

In einer Zelle war eine Frau, Beverly McCall. Sie war schwarz wie Pik-As und schön wie die Sünde, für die man nie genug Nerven hat, um sie zu begehen. Sie hatte es sechs Jahre lang hingenommen, von ihrem Mann geschlagen zu werden, aber keinen einzigen Tag ertragen, daß er fremdging. An dem Abend, an dem sie herausfand, daß er sie betrog, wartete sie auf den unglückseligen Lester McCall, bei seinen Kurnpeln (und vermutlich bei seiner Geliebten, mit der er äußerst kurzfristig ein Verhältnis angefangen hatte) als der Scharfe Les bekannt, oben auf der Treppe zur Wohnung über seinem Friseurladen. Sie wartete, bis er seinen Mantel halb ausgezogen hatte, und verteilte dann seine betrügerischen Gedärme auf seinen zweifarbigen Schuhen. Dazu benutzte sie eines seiner eigenen Rasiermesser.

Zwei Nächte, bevor sie auf Old Sparky Platz nehmen mußte, rief sie mich zu ihrer Zelle und sagte, sie wäre in einem Traum von ihrem afrikanischen Geistergott besucht worden. Er riet ihr, den Sklavennamen aufzugeben und unter ihrem Namen in Freiheit zu sterben: Matuomi. Das war ihre Bitte, daß auf dem Totenschein der Name Beverly Matuomi stehen sollte. Ich nehme an, ihr Geistergott gab ihr keinerlei Vornamen oder einen, an den sie sich nicht erinnern konnte. Jedenfalls sagte ich ja, okay, prima. In den Jahren als Gefängniswärter lernt man unter anderem, daß man dem zum Tode Verdammten nie etwas abschlagen soll, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Im Fall von Beverly Matuomi war es ohnehin gleichgültig. Der Gouverneur rief am nächsten Nachmittag gegen drei Uhr an und wandelte die Todesstrafe in ‘lebenslänglich’ in der Frauenhaftanstalt Grassy Valley Penal Facility um — wir sagten damals, alles Penal und kein Penis. Es freute mich, als ich Bevs runden Hintern nach links zum Ausgang statt nach rechts zum Stuhl gehen sah, das kann ich Ihnen sagen.

Fünfunddreißig Jahre oder so später — es mußten mindestens fünfunddreißig sein — sah ich diesen Namen in der Zeitung unter dem Foto einer schmalgesichtigen schwarzen Lady mit weißem Haar und einer Brille mit Rheinkieseln an der Fassung. Es war Beverly. Sie hatte die letzten zehn Jahre ihres Lebens als freie Frau verbracht und die Bücherei der Kleinstadt Raines Falls ziemlich auf eigene Faust vor der Schließung gerettet, hieß es im Nachruf. Beverly hatte auch in der Sonntagsschule gelehrt und war in diesem Nest in der tiefsten Provinz sehr beliebt gewesen. BIBLIOTHEKARIN STARB AN HERZVERSAGEN, lautete die Überschrift, und darunter in kleiner Schrift, fast als nachträglicher Einfall: Verbüßte über zwei Jahrzehnte Gefängnisstrafe wegen Mordes.

Nur die Augen, groß und glänzend hinter der Brille mit den Rheinkieseln an der Fassung, waren dieselben. Es waren die Augen einer Frau, die noch mit über siebzig Jahren nicht zögern würde, sich ein Rasiermesser aus dem blauen Topf mit Desinfektionslauge zu schnappen, wenn der Drang übermächtig wurde. Man erkennt Mörder, selbst wenn sie als alte Bibliothekarinnen in verschlafenen Kleinstädten enden. Jedenfalls erkennt man welche, wenn man so viele Mörder gehütet hat wie ich. Nur einmal habe ich das Wesen meines Jobs in Frage gestellt. Ich nehme an, deshalb schreibe ich dies.

Der breite Gang durch die Mitte des E-Blocks war mit Linoleum von der Farbe müder alter Limonen ausgelegt, und so wurde das, was in anderen Gefängnissen Letzte Meile hieß, in Cold Mountain Green Mile genannt. Ich glaube, sie maß von Süden nach Norden, vom Anfang bis zum Ende, sechzig lange Schritte. Am Anfang war der Gefängnistrakt, am Ende war eine T-förmige Kreuzung. Ein Abbiegen nach links bedeutete Leben — wenn man das, was im sonnenverdorrten Hof lief, als Leben bezeichnen konnte —, und viele bogen ab; viele lebten jahrelang so, ohne sichtliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Diebe und Brandstifter und Sexualverbrecher, alle redeten ihre Sprache und spazierten auf ihre Weise und machten ihre kleinen Händel.

Ein Abbiegen nach rechts war jedoch etwas anderes. Zuerst kam man in mein Büro (wo der Teppich ebenfalls grün war; ich wollte es immer ändern, kam aber nicht dazu) und trat vor meinen Schreibtisch, der links vom Sternenbanner und rechts von der Staatsflagge flankiert war. Auf der hinteren Seite waren zwei Türen. Eine führte in die kleine Toilette, die ich und die Wärter von Block E (manchmal sogar Direktor Moores) benutzten; die andere Tür führte zu einer Art Lagerschuppen. Dort endete man, wenn man die Grüne Meile ging.

Es war eine kleine Tür — ich mußte den Kopf einziehen, wenn ich hindurchging, und John Coffey mußte sich sogar setzen und rutschen. Man gelangte auf einen kleinen Treppenabsatz, und drei Zementstufen führten hinab auf einen Plankenboden. Es war ein elender Raum ohne Heizung und mit Eisendach, genau wie das Dach des Blocks, an den der Raum angebaut war. Im Winter war es darin so kalt, daß man seinen Atem sehen konnte, und im Sommer war es stickig und heiß. Bei der Hinrichtung von Elmer Manfred — im Juli oder August 1930 war das, glaube ich — wurden neun Zeugen ohmnächtig. Auf der linken Seite des Lagerschuppens war wieder Leben. Werkzeuge (alle in Halterungen, mit Ketten gesichert, als wären es Gewehre statt Spaten und Hacken), Textilien, Säcke mit Samen für die Frühjahrsaussaat in den Gefängnisgärten, Kartons mit Toilettenpapier, Paletten mit Rohlingen für die Gefängnisschlosserei und sogar Säcke mit Kalk zum Markieren des Baseball- und Football-Spielfeldes — die Sträflinge spielten auf der sogenannten Weide, und in Cold Mountain freute man sich sehr auf Nachmittage im Herbst, an denen gespielt wurde.

Rechts war, wieder einmal — der Tod. Old Sparky persönlich stand auf einer Plankenplattform in der Südostecke des Lagerraums, mit stämmigen Eichenbeinen, breiten Eichenarmen, die den Angstschweiß von Hunderten Leuten in den letzten paar Minuten ihres Lebens aufgesogen hatten, und mit der Metallmütze, die für gewöhnlich keck hinten auf dem Stuhl hing wie das Käppi eines Roboter-Kids in einem Comic strip von Buck Rogers. Ein Kabel führte von der Mütze fort durch ein Loch mit einer Dichtungsmanschette in der Wand hinter dem Stuhl. Auf einer Seite stand ein feuerverzinkter Eimer. Wenn man hineinschaute, sah man einen runden Schwamm, der genau in die Metallmütze paßte. Vor Hinrichtungen wurde er in Salzlake getränkt, damit er besser die Stromladung leiten konnte, die durch den Draht strömte, durch den Schwamm und in das Gehirn des zum Tode Verdammten.

2

1932 war das Jahr von John Coffey. Die Einzelheiten standen in den Zeitungen, und jeder, der sich dafür interessierte, konnte sie lesen — jeder, der mehr Energie hat als ein sehr alter Mann, der dem Ende seines Lebens in einem Pflegeheim in Georgia entgegendöst.

Ich erinnere mich, daß es ein heißer Herbst war, wirklich ein sehr heißer Der Oktober war fast wie August, und die Frau des Direktors, Melinda, war im Krankenhaus in Indianola. Es war der Herbst, in dem ich die schlimmste Blaseninfektion meines Lebens hatte, nicht schlimm genug, um mich ins Krankenhaus zu bringen, aber fast schlimm genug, um mir bei jedem Pinkeln den Tod zu wünschen. Es war der Herbst von Delacroix, dem kleinen, fast kahlköpfigen Franzosen mit der Maus, der Mann, der im Sommer kam und diesen raffinierten Trick mit der Holzrolle machte. Doch hauptsächlich war es der Herbst, in dem John Coffey in den Block E kam, zum Tode verurteilt wegen der Sexualmorde an den Detterick-Zwillingen.

Bei jeder Schicht waren vier oder fünf Wärter im Block, aber viele davon waren Springer. Dean Stanton, Harry Terwilliger und Brutus Howell (die Männer nannten ihn ‘Brutal’, aber das war ein Scherz, denn er konnte trotz seiner enormen Körpergröße keiner Fliege etwas zuleide tun, wenn es nicht sein mußte) sind inzwischen verstorben, und ebenfalls Percy Wetmore, der wirklich brutal und obendrein blöde war. Percy hatte nichts im Block E zu suchen, wo ein bösartiges Naturell nutzlos und manchmal gefährlich war, aber er war ein angeheirateter Verwandter des Gouverneurs, und so blieb er.

Es war Percy Wetmore, der Coffey in den Block führte, mit dem vermutlich traditionellen Ruf: ‘Eine wandelnde Leiche! Hier ist eine wandelnde Leiche!’

Es war immer noch so heiß wie die Angeln der Tür zur Hölle, Oktober oder nicht. Die Tür zum Gefängnishof wurde geöffnet und ließ eine Flut von Licht und den größten Mann herein, den ich je gesehen hatte, abgesehen von den Basketballtypen im Fernsehen. Er trug Ketten an den Armen und um seine faßartige Brust, Eisenketten an den Knöcheln, verbunden mit einer Kette, die klirrte wie hinabfallende Münzen, als er über den grünen Gang zwischen den Zellen ging.

Percy Wetmore war an einer Seite, der dünne, kleine Harry Terwilliger an der anderen, und sie wirkten wie Kinder, die einen gefangenen Bär begleiteten. Sogar Brutus Howell sah im Vergleich zu Coffey wie ein Kind aus, und Brutal war über einsachtzig und stämmig, ein Football-Halbstürmer, der sich als Profispieler versucht hatte, bis er gefeuert worden und nach Cold Mountain zurückgekehrt war.

John Coffey war ein Schwarzer wie die meisten der Märmer, die für eine Weile in Block E blieben, bevor sie in Old Sparkys Schoß starben. Er war fast zwei Meter groß, nicht geschmeidig wie die Basketballtypen im Fernsehen, aber breitschultrig und mit Muskeln bepackt. Sie verpaßten ihm die größte blaue Gefängniskluft, die sie im Lager finden konnten. Dennoch hatten die Hosenbeine über seinen narbigen Knöcheln Hochwasser. Das Hemd war offen auf seiner faßartigen Brust, und die Ärmel waren zu kurz. Er hielt seine Mütze in einer riesigen Hand, was vielleicht gut war; auf seinem kahlen, mahagonifarbenen Ball von Kopf hätte sie ausgesehen wie die Art Mütze, die ein Orgel spielender Mönch trägt, nur blau statt rot.

Er sah aus, als könnte er die Ketten so leicht sprengen wie Sie das Band um ein Weihnachtsgeschenk, aber wenn Sie in sein Gesicht sahen, wußten Sie, daß er so etwas nicht tun würde. Er war nicht blöde — obwohl Percy das dachte und ihn bald Blödmann nannte — sondern er wirkte wie jemand, der sich verirrt hat. Er schaute sich verunsichert um, als wollte er ergründen, wo er war. Vielleicht sogar, wer er war. Mein erster Gedanke war, daß er wie ein schwarzer Samson aussah, nachdem Dalila ihn geschoren hatte, bis sein Schädel so glatt war wie ihre kleine treulose Hand, und ihm damit allen Spaß genommen hatte.

„Wandelnde Leiche!“ trompetete Percy und zerrte an der Handschelle dieses menschlichen Bären, als glaubte er tatsächlich, er könnte ihn bewegen, wenn sich Coffey entschied, keinen weiteren Schritt aus eigenem Antrieb zu machen. Harry sagte nichts, aber er wirkte peinlich berührt.

„Wandelnde Leiche!“

„Das reicht“, sagte ich. Ich war in Coffeys zukünftiger Zelle und saß auf seiner Pritsche. Ich hatte natürlich gewußt, daß er kam, und war dort, um ihn zu begrüßen und die Verantwortung für ihn zu übernehmen, aber ich hatte keine Ahnung gehabt, wie groß er war. Percy bedachte mich mit einem Blick, der sagte, wir alle wissen, daß du ein Arschloch bist (mit Ausnahme des Blödmanns natürlich, der nur weiß, wie man kleine Mädchen vergewaltigt und ermordet), aber er sagte nichts.

Die drei blieben außerhalb der Zellentür stehen, die offenstand. Ich nickte Harry zu, der sagte: „Bist du sicher, daß du dort drinnen mit ihm zusammensein willst, Boß?“ Ich hatte Harry Terwilliger noch nicht oft so nervös gehört — er hatte während des Gefangenenaufstands vor sechs oder sieben Jahren an meiner Seite gestanden und war nicht zurückgewichen, auch nicht, als Gerüchte die Runde machten, daß einige der Krawallbrüder Waffen hatten —, aber in diesem Augenbth klang er nervös.

„Werde ich irgendwelche Probleme mit dir haben, großer Junge?“ fragte ich, blieb auf der Pritsche sitzen und bemühte mich, nicht so erbärmlich auszusehen oder zu klingen, wie ich mich fühlte — diese schon erwähnte Blaseninfektion war noch nicht so schlimm, wie sie schließlich wurde, aber ich fühlte mich auch nicht wie am Strand, das kann ich Ihnen sagen.

Coffey schüttelte langsam den Kopf — einmal nach links, einmal nach rechts, und dann richtete er ihn wieder auf die Mitte aus. Als mich sein Blick erst einmal gefunden hatte, ließ er mich nicht mehr los.

Harry hielt ein Klemmbrett mit Coffeys Formularen darauf. „Gib es ihm“, sagte ich zu Harry. „Gib es ihm in die Hand.“

Harry tat es. Der große Trottel nahm es wie ein Schlafwandler.

„Jetzt bring es zu mir, großer Junge“ sagte ich, und Coffey gehorchte. Seine Ketten klirrten. Er mußte sich ducken, um die Zelle betreten zu können.

Ich blickte an ihm hinauf und hinab, um seine Größe als Fakt zu registrieren, nicht als optische Illusion. Es stimmte: zwei Meter, einen Zentimeter mehr oder weniger. Sein Gewicht war mit einhundertdreißig Kilo angegeben, aber ich denke, das war nur schlecht geschätzt; er mußte über drei Zentner schwer sein. In der Rubrik ‘Narben und besondere Kennzeichen’ war in der krakeligen Schrift von Magnusson, dem alten Kalfakter in der Registratur, das Wort zahlreiche eingetragen.

Ich blickte auf. Coffey war ein Stück zur Seite geschlurft, und Harry stand auf dem Gang vor der Zelle mit Delacroix — er war der einzige andere Gefangene in Block E, als Coffey eintraf. Del war ein schmächtiger Typ mit fast kahlem Kopf und der besorgten Miene eines Buchhalters, der weiß, daß seine Veruntreuungen bald entdeckt werden. Eine zahme Maus saß auf seiner Schulter.

Percy Wetmore lehnte am Türpfosten der Zelle, die soeben John Coffeys Zelle geworden war. Percy hatte seinen Hickory-Schlagstock aus dem speziell angefertigten Holster genommen, in dem er ihn trug, und schlug damit in die linke Handfläche, als wäre der Schlagstock ein Spielzeug, mit dem er sich jetzt gern beschäftigen würde. Und auf einmal konnte ich es nicht ertragen, Percy dort herumstehen zu sehen.

Vielleicht lag es an der für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Hitze, vielleicht an der Blaseninfektion, die meinen Unterleib erhitzte und das Jucken meiner Flanellunterwäsche fast unerträglich machte. Vielleicht lag es auch an dem Wissen, daß der Staat mir einen Schwarzen zum Hinrichten geschickt hatte, der einem Idioten gleichkam, und Percy ihn offenbar zuerst ein bißchen mit dem Schlagstock bearbeiten wollte. Vermutlich kam alles zusammen. Was auch immer es war, ich vergaß für eine Weile seine politischen Verbindungen. „Percy“, sagte ich. „Drüben im Krankenrevier ziehen sie um.“

„Bill Dodge hat die Aufsicht über die Operation Umzug.“

„Das weiß ich“, sagte ich. „Geh und hilf ihm.“

„Das ist nicht mein Job“, sagte Percy. „Dieser blöde Lulatsch ist mein Job.“ Er verabscheute große Leute. Er war nicht schmächtig wie Harry Terwilliger, aber klein. Ein Zwerghahn, der Typ, der Leute provoziert, besonders wenn die Chancen alle bei ihm lagen. Und eitel mit seinem Haar. Er konnte kaum die Hände davon lassen.

„Dann ist dein Job erledigt“ sagte ich. „Geh rüber ins Krankenrevier.“

Er schob trotzig die Unterlippe vor. Bill Dodge und seine Männer transportierten Kartons und Bettwäsche und sogar die Betten; das ganze Krankenrevier zog in ein neues Fachwerkgebäude an der Westseite des Gefängnisses um. Heiße Arbeit, schweres Heben. Percy Wetmore wollte sich davor drücken.

„Die haben genug Leute“, sagte er.

„Dann geh rüber und schau ihnen bei der Arbeit zu“ sagte ich mit erhobener Stimme.

Ich sah, daß Harry zusammenzuckte, und ignorierte es. Wenn der Gouverneur Direktor Moores anwies, mich zu feuern, weil ich an dem falschen Gefieder gerupft hatte, mit wem würde Hal Moores dann meine Stelle besetzen? Mit Percy? Das war ein Witz. „Es ist mir wirklich egal, was du tust, Percy, solange du für eine Weile von hier verschwindest.“

Einen Augenblick lang dachte ich, er würde stur sein und wirklich Schwierigkeiten machen, während Coffey die ganze Zeit dastand wie die größte stehengebliebene Uhr der Welt. Dann rammte Percy seinen Schlagstock zurück in sein handgefertigtes Holster — verdammt blödes Ding für einen eitlen Fatzke — und stolzierte den Gang hinauf.

Ich erinnere mich nicht, welcher Wärter an diesem Tag Dienst am Wachpult hatte — einer der Springer, nehme ich an —, aber Percy mußte seine Miene mißfallen haben, denn er grollte, als er vorbeiging: „Hör mit dem blöden Grinsen auf, oder ich wische dir Scheißer das Grinsen aus dem Gesicht.“ Es rasselten Schlüssel, eine Tür ging auf, es fiel für einen kurzen Moment Sonnenschein vom Hof auf den Gang, und dann war Percy Wetmore verschwunden, wenigstens für den Augenblick. Delacroix’ Maus flitzte von einer Schulter des kleinen Franzosen zur anderen hin und her, und ihre Barthaare zuckten.

„Ruhig, Mr. Jingles“, sagte Delacroix, und die Maus verharrte auf seiner linken Schulter, als hätte sie ihn verstanden. „Sei ganz still und ganz ruhig.“ Mit Delacroix’ Akzent klang ruhig wie rü-ig.

„Du legst dich hin, Del“, sagte ich schroff. „Ruh dich aus. Dies geht dich ebenfalls nichts an.“

Er gehorchte. Er hatte eine junge Frau vergewaltigt und getötet und dann ihre Leiche hinter dem Apartmenthaus abgelegt, in dem sie gewohnt hatte, sie mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt, um den Beweis seines Verbrechens zu vernichten, wie er es sich in seinem wirren Kopf ausgedacht hatte. Das Feuer hatte auf das Haus übergegriffen, es in Brand gesetzt, und sechs weitere Leute waren bei dem Feuer umgekommen, darunter zwei Kinder.

Es war das einzige Verbrechen, das er begangen hatte, und jetzt war er nur ein sanftmütiger Mann mit besorgtem Gesicht, einer kahlen Birne und ringsum langem Haar, das bis über seinen Hemdkragen fiel.

Er würde bald auf Old Sparky Platz nehmen, aber was auch immer ihn zu dieser schrecklichen Sache getrieben hatte, war bereits aus ihm heraus, und jetzt legte er sich auf seine Pritsche und ließ seinen kleinen Gefährten quiekend über seine Hände laufen.

In gewisser Weise war das das Schlimmste: Old Sparky verbrannte nie, was in ihnen war, und das Gift, das man ihnen heutzutage injiziert, brachte es nicht zum Schlafen. Es entkommt, springt zu jemand anderem, so daß wir nur Hüllen töten, die ohnehin nicht mehr wirklich leben.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit dem Riesen zu.

„Wenn ich dir von Harry diese Ketten abnehmen lasse, wirst du dann nett sein?“

Er nickte. Das Nicken war ruckartig wie sein Kopfschütteln: Kopf runter, Kopf rauf und in die Ausgangsstellung. Er sah mich mit seinem sonderbaren Blick an. Es lag eine Art Frieden in seinen Augen, aber kein Frieden, der mir das Gefühl gab, daß ich ihm trauen konnte. Ich krümmte einen Finger und winkte Harry zu mir, der zu Coffey ging und die Ketten aufschloß. Harry zeigte jetzt keine Furcht, auch nicht, als er sich zwischen Coffeys baumstammartige Beine kniete, um die Fußeisen aufzuschließen, und das beruhigte mich etwas. Es war Percy, der Harry nervös gemacht hatte, und ich vertraute Harrys Instinkten. Ich vertraute den Instinkten all meiner Männer von Block E mit Ausnahme von Percy.

Ich halte Neuen im Block eine kleine Ansprache, aber bei Coffey zögerte ich, denn er wirkte so anormal, und nicht nur wegen seiner Größe.

Als Harry zurücktrat (Coffey war die ganze Zeit während der Entkettung reglos geblieben, so ruhig wie ein Percheronpferd), schaute ich zu meinem neuen Schutzbefohlenen auf, tippte mit dem Daumen auf das Klemmbrett und fragte: „Kannst du reden, großer Junge?“

„Jawohl, Sir, Boß, ich kann reden“, sagte er. Seine Stimme war ein tiefes, stilles Grollen. Es erinnerte mich an einen frisch getunten Traktormotor. Er hatte keinen richtigen Südstaatlerakzent, aber seine Sprechweise war die eines Südstaatlers, was ich später bemerkte. Als wäre er vom Süden, nicht aus dem Süden. Er klang nicht ungebildet, aber auch nicht gebildet. In seiner Sprache wie in so vielen anderen Dingen war er ein Geheimnis. Vor allem seine Augen beunruhigten mich — es war eine Art friedliche Abwesenheit darin, als sei er weit, weit fort.

„Dein Name ist John Coffey?“

„Jawohl, Sir, Boß, wie das Getränk, nur anders geschrieben.“

„Du kannst also buchstabieren? Lesen und schreiben?“

„Nur meinen Namen, Boß“, sagte er ernst.

Ich seufzte und gab ihm dann eine Kurzversion meiner einstudierten Ansprache. Ich war bereits zu dem Schluß gelangt, daß er keine Probleme machen würde. In diesem Punkt hatte ich recht und unrecht.

„Mein Name ist Paul Edgecombe“, sagte ich. „Ich bin der Oberwärter in Block E — der Chef der Wärter. Wenn du etwas von mir willst, nenn meinen Namen und frag nach mir. Wenn ich nicht da bin, wende dich an diesen anderen Mann — er heißt Harry Terwilliger. Oder du fragst nach Mr. Stanton oder Mr. Howell. Hast du das verstanden?“

Coffey nickte.

„Erwarte nur nicht, daß du bekommst, was du willst, es sei denn, wir entscheiden, daß du es brauchst — dies ist kein Hotel. Kannst du mir immer noch folgen?“

Er nickte abermals.

„Dies ist ein ruhiger Ort, großer Junge — nicht wie der Rest des Gefängnisses. Hier sind nur du und Delacroix dort drüben. Du wirst nicht arbeiten; du wirst hauptsächlich herurnsitzen. So hast du Zeit, um über die Dinge nachzudenken.“

Zuviel Zeit für die meisten, aber das sagte ich nicht. „Abends lassen wir das Radio laufen, wenn alles in Ordnung ist. Magst du Radio hören?“

Er nickte, jedoch zweifelnd, als sei er sich nicht sicher, was Radio ist. Ich fand später heraus, daß das in gewisser Weise stimmte. Coffey wußte Dinge, wenn er damit konfrontiert wurde, doch zwischendurch vergaß er sie. Er kannte die Hauptpersonen von Unser Sonntagsmädchen, hatte aber nur eine äußerst verschwommene Erinnerung an den Inhalt der bisherigen Folgen der Serie.

„Wenn du dich ordentlich aufführst und die Mahlzeiten nimmst, wie sie dir aufgetischt werden, wirst du nie die Einzelzelle dort unten am fernen Ende sehen und auch nicht in eine Zwangsjacke gesteckt werden. Du wirst zwei Stunden am Nachmittag Hofgang haben, von vier bis sechs Uhr, mit Ausnahme der Samstage, wenn der Rest der Häftlinge die Footballspiele austrägt. Besuch kannst du an Sonntagnachmittagen haben, sofern du jemanden hast, der dich besuchen will. Hast du jemanden, der dich besucht, Coffey?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe niemand, Boß“, sagte er.

„Nun, dann dein Anwalt.“

„Ich glaube, den sehe ich nie wieder“, sagte er.

„Der wurde mir geliehen.“

„Ein Pflichtverteidiger?“

Er nickte.

„Ich schätze, der wird den Weg hier herauf in die Berge nicht finden.“

Ich schaute ihn genauer an, um zu sehen, ob er einen kleinen Scherz versuchte, aber das war anscheinend nicht der Fall. Und ich hatte wirklich auch nichts anderes erwartet. Mit Berufungen war es nichts bei jemandem wie John Coffey, nicht zu dieser Zeit; die Anwälte hatten ihren Tag im Gericht — oder zwei oder drei — und dann wurden die Klienten von der Welt vergessen, bis in der Zeitung stand, daß ein gewisser Typ ein wenig Elektrizität gegen Mitternacht verbraucht hatte. Aber ein Mann mit Frau, Kindern oder Freunden, der sich auf die Besuche an den Sonntagnachmittagen freut, war leichter zu disziplinieren, wenn es in diesem Punkt ein Problem gab. Bei Coffey gab es anscheinend kein Problem, und das war gut. Denn er war so verdammt groß.

Ich rutschte auf der Pritsche hin und her, und dann sagte ich mir, daß ich mich vielleicht behaglicher in meinen unteren Regionen fühlen würde, wenn ich aufstand, und so tat ich es.

Coffey wich respektvoll vor mir zurück und verschränkte die Hände.

„Deine Zeit hier kann leicht oder hart sein, großer Junge, es liegt ganz an dir. Ich bin hier, um dir zu sagen, daß du es für uns alle ebensogut leichtmachen könntest, denn letzten Endes kommt es auf das gleiche hinaus. Wir werden dich so behandeln, wie du es verdienst. Hast du noch irgendwelche Fragen?“

„Laßt ihr ein Licht an, wenn es Zeit zu schlafen ist?“ fragte er prompt, als hätte er nur auf die Gelegenheit gewartet.

Ich blinzelte ihn an. Neuankömmlinge in Block E hatten mir viele komische Fragen gestellt — einer hatte sich nach der Größe der Brust meiner Frau erkundigt —, aber so etwas hatte noch keiner wissen wollen.

Coffey lächelte ein wenig verlegen, als ob er wüßte, daß wir ihn für blöde halten würden, aber nichts dafür konnte. „Weil ich manchmal ein bißchen Angst im Dunkeln habe“, sagte er. „Es ist ein fremder Ort.“

Ich schaute ihn an, diesen Riesen, und fühlte mich sonderbar gerührt. Sie rühren einen, wissen Sie; man sieht sie nicht, wenn das Schlechte in ihnen durchbricht, die Dämonen, die ihre Greueltaten begehen.

„Ja, es ist die ganze Nacht ziemlich hell hier“, sagte ich. „Die Hälfte der Lampen längs der Meile ist von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens an.“ Dann wurde mir klar, daß er keine Ahnung hatte, wovon ich redete — er konnte die Grüne Meile nicht vom Mississippi-Schlamm unterscheiden —, und so klärte ich ihn auf. „Im Korridor.“

Er nickte erleichtert. Ich bin mir nicht sicher, ob er wußte, was ein Korridor war, aber er konnte die Zweihundert-Watt-Birnen in ihren Drahtkäfigen sehen.

Dann tat ich etwas, was ich noch nie bei einem Gefangenen getan hatte — ich reichte ihm die Hand. Selbst heute weiß ich nicht, warum. Vielleicht, weil er Angst vor der Dunkelheit gehabt hatte. Harry Terwilliger blinzelte verwundert, das kann ich Ihnen sagen. Coffey ergriff meine Hand mit überraschender Sanftheit. Meine Hand verschwand fast in seiner, und das war alles. Ich hatte eine weitere Motte in meiner Todesflasche. Wir hatten die Prozedur hinter uns.

Ich verließ die Zelle. Harry zog die Schiebetür zu und schloß beide Schlösser ab. Coffey stand noch einen Moment da, als wisse er nicht, was er tun sollte, dann setzte er sich auf seine Pritsche, verschränkte die gewaltigen Hände zwischen den Knien und senkte den Kopf wie jemand, der trauert oder betet. Dann sagte er etwas mit dieser sonderbaren Fast-Südstaatlerstimme. Ich hörte es ganz deutlich, und ich erschauerte, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel über seine Taten wußte — man braucht nicht zu wissen, was jemand getan hat, um ihn zu beköstigen und zu pflegen, bis es an der Zeit ist, daß er für seine Schuld bezahlt.

„Ich kann nichts dafür, Boß“, sagte er. „Ich wollte es zurückhalten, aber es war zu spät.“

3

„Du wirst Ärger mit Percy bekommen“, sagte Harry, als wir den Korridor entlang in mein Büro gingen. Dean Stanton — sozusagen der dritte Mann in meinem Führungsstab — in Wirklichkeit haben wir solche Rangfolge nicht; Percy Wetmore hätte sich mit seinen Beziehungen im Nu hineingedrängt — saß hinter meinem Schreibtisch und brachte Akten auf den neuesten Stand, ein Job, für den ich anscheinend nie Zeit hatte.

Er blickte kaum auf, als wir eintraten, rückte nur seine kleine Brille höher auf den Nasenrücken und vertiefte sich wieder in seine Schreibarbeit.

„Ich habe mit diesem Scheißer Arger gehabt seit dem Tag, an dem er herkam“, sagte ich, lockerte vorsichtig die Hose von meinem Schritt und zuckte zusammen. „Hast du gehört, was er gerufen hat, als er diesen großen Kerl brachte?“

„Das war nicht zu überhören“, sagte Harry. „Ich war dabei, weißt du.“

„Ich war auf dem Klo und hörte es ebenfalls“, sagte Dean. Er zog ein Blatt Papier zu sich heran, hielt es gegen das Licht, so daß ich sehen konnte, daß außer Schreibmaschinenschrift ein Kaffeering darauf war, und warf es in den Papierkorb. „Wandelnde Leiche. Der muß das in einem der Magazine gelesen haben, die er so liebt.“

Und so war es vermutlich. Percy Wetmore war ein begeisterter Leser von Argosy, Stag und Men’s Adventure. In jeder Ausgabe war anscheinend eine Gefängnisgeschichte, und Percy las sie begierig wie jemand, der Forschungen betreibt. Als ob er herauszufinden versuchte, wie er sich aufführen sollte. Er glaubte wohl die Anleitungen in diesen Magazinen zu finden.

Ich hatte ihn seit vier Monaten bei mir — er war kurz nach der Hinrichtung von Anthony Ray, dem Killer mit der Axt, zu uns gekommen, und er hatte noch an keiner Hinrichtung teilgenommen, obwohl er einer vom Schaltraum aus beigewohnt hatte.

„Er kennt wichtige Leute“, sagte Harry. „Er hat Beziehungen. Du wirst dich verantworten müssen, weil du ihn aus dem Block geschickt hast, und es wird noch härter für dich, weil du von ihm erwartet hast, daß er richtig arbeitet.“

„Das habe ich nicht erwartet“, sagte ich, und das stimmte. Aber ich hatte es im stillen gehofft. Bill Dodge war nicht der Typ, der jemand herumstehen und bei schwerer Arbeit zuschauen ließ. „Ich habe im Augenblick mehr Interesse an dem großen Jungen. Werden wir Probleme mit ihm haben?“

Harry schüttelte entschieden den Kopf.

„Er war lammfromm im Gericht unten im Trapingus County“, sagte Dean. Er nahm die kleine randlose Brille ab und begann die Gläser an seiner Weste zu polieren. „Natürlich trug er jede Menge Ketten, aber er hätte Stunk machen können, wenn er das gewollt hätte, darauf kann ich wetten. Das ist ein Reim, Sohn.“

„Ich weiß“, sagte ich, obwohl mir der Reim nicht aufgefallen war. Ich hasse es einfach, wenn Dean Stanton den Überlegenen spielt.

„Der ist groß, wie?“ sagte Dean.

„Das ist er“, stimmte ich zu. „Riesig.“

„Vermutlich müssen wir Old Sparky auf die höchste Stufe einstellen, um Coffeys Arsch zu braten.“

„Mach dir keine Sorgen um Old Sparky“, sagte ich geistesabwesend. „Er macht alle Großen klein.“

Dean massierte die Seiten seiner Nase, wo es feurig rote Flecken von seiner Brille gab, und nickte. „Ja“, sagte er. „Da ist was Wahres dran.“

Ich fragte: „Weiß einer von euch, woher er kam, bevor er in …Tefton auftauchte? Es war doch Tefton, nicht wahr?“

„Ja“, sagte Dean. „Tefton, unten im Trapingus County. Bevor er dort auftauchte und tat, was er tat, hat ihn anscheinend keiner gekannt. Er trieb sich einfach herum, nehme ich an. Du wirst vielleicht etwas mehr aus den Zeitungen in der Gefängnisbücherei finden, wenn es dich wirklich interessiert. Die Bücherei zieht vermutlich nicht vor nächster Woche um.“ Er grinste. „Du könntest deinen kleinen Freund vielleicht eine Etage über dir meckern und stöhnen hören.“

„Das sollte ich mir vielleicht mal ansehen“, sagte ich, und später am Nachmittag tat ich es.

Die Gefängnisbücherei war hinten in dem Gebäude, das die Autowerkstatt des Gefängnisses werden sollte — das war jedenfalls der Plan. Weiteres Schmiergeld für jemand, dachte ich insgeheim, aber wir hatten die Wirtschaftskrise, und ich behielt meine Meinung für mich — wie ich die Klappe über Percy hätte halten sollen, aber manchmal kann man sich einfach nicht zurückhalten. Mit dem Mundwerk handelt man sich meistens mehr Probleme ein als mit dem Schwanz. Die Autowerkstatt wurde übrigens nie realisiert — im nächsten Frühjahr wurde das Gefängnis fast hundert Kilometer entfernt nach Brighton verlegt. Wieder ein kleines Geschäft im Hinterzimmer, nehme ich an. Weiteres Schmiergeld. Nichts für mich.

Die Verwaltung war in ein neues Gebäude an der Ostseite des Hofs verlegt worden. Das Krankenrevier zog um (welcher Bauernlackel die Idee gehabt hatte, ein Krankenrevier in den zweiten Stock zu verlegen, war nur ein weiteres der Geheimnisse des Lebens).

In der Bücherei gab es noch einen Teil des Inventars — nicht, daß es jemals viel gegeben hätte —, aber sonst war sie ausgeräumt. Das alte Gebäude war eine heiße Holzbude, die sich zwischen den Blocks A und B drängte. Deren Toiletten befanden sich hinten im Block, und in der ganzen Bücherei roch es immer leicht nach Pisse, was vermutlich der einzige gute Grund für den Umzug war. Die Bücherei war ein L-förmiger Bau und nicht viel größer als mein Büro. Ich hielt nach einem Ventilator Ausschau, aber die waren alle schon abmontiert.

Es mußte um die vierzig Grad Celsius warm sein, und ich spürte ein heißes Pochen in meinem Unterleib als ich mich setzte. Wie bei einem entzündeten Zahn. Ich weiß, das ist absurd, wenn man die Region bedenkt, von der wir hier reden, aber ich finde keinen anderen Vergleich. Es wurde viel schlimmer während und nach dem Pinkeln, was ich getan hatte, bevor ich zur Bücherei gegangen war.

Nur ein anderer Typ war dort, ein dürrer alter Kalfakter namens Gibbons. Er döste in einer Ecke mit einem Wildwestroman auf dem Schoß und der Mütze über den Augen. Die Hitze störte ihn ebensowenig wie das Ächzen und Poltern und die gelegentlichen Flüche aus dem Krankenrevier über der Bücherei (wo es mindestens zehn Grad heißer sein mußte; ich hoffte, Percy Wetmore genoß es).

Ich störte Gibbons ebenfalls nicht, sondern ging zur kurzen Seite des L, wo die Zeitungen und Zeitschriften aufbewahrt wurden. Ich befürchtete, daß sie schon mit den Ventilatoren abtransportiert worden waren, aber das waren sie nicht, und die Sache mit den Detterick-Zwillingen war leicht zu finden; sie hatte vom Tag nach dem Verbrechen im Juni an bis zum Prozeß im Juli auf den Titelseiten gestanden. Damals fanden die Prozesse viel früher statt.

Bald vergaß ich die Hitze und das Poltern von oben und Old Gibbons’ Schnarchen. Der Gedanke an diese neunjährigen Mädchen — an ihr blondes lockiges Haar und ihr liebes Zwillingslächeln — im Zusammenhang mit dem riesigen finsteren Coffey war unangenehm, aber unmöglich zu ignorieren. Angesichts seiner Größe konnte man sich leicht vorstellen, daß er sie tatsächlich verschlungen hatte wie ein Riese in einem Märchen.

Was er getan hatte, war sogar noch schlimmer, und es war Glück für ihn gewesen, daß er nicht gleich dort am Flußufer gelyncht worden war. Das heißt, wenn man es als Glück bezeichnen konnte, über die Grüne Meile zu gehen und sich auf Old Sparkys Schoß zu setzen.

4

König Baumwolle war im Süden siebzig Jahre vor all diesen Ereignissen entthront worden und würde nie wieder König sein, aber in jenen dreißiger Jahren lebte er wieder ein bißchen auf. Es gab keine großen Baumwollplantagen mehr, aber vierzig oder fünfzig gedeihende Farmen im südlichen Teil unseres Staates. Klaus Detterick besaß eine dieser Farmen. Nach dem Standard der 1950er Jahre hätte man ihn nur eine Stufe über bettelarm betrachtet, doch in den Dreißigern galt er als wohlhabend, weil er seine Rechnung beim Kaufmann an den meisten Monatsenden in bar bezahlte und dem Bankdirektor in die Augen schauen konnte, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegneten. Das Farmhaus war sauber und geräumig. Zusätzlich zur Baumwolle gab es Hühner und ein paar Kühe. Klaus Detterick und seine Frau hatten drei Kinder: Howard, der zwölf oder so war, und die Zwillinge Cora und Kathe.

An einem warmen Abend Anfang Juni dieses Jahres baten die Mädchen ihre Eltern, auf der Veranda an der Seite des Hauses zu schlafen, und sie erhielten die Erlaubnis. Dies war ein großes Abenteuer für sie. Ihre Mutter gab ihnen kurz vor neun Uhr den Gutenachtkuß, als das letzte Licht am Himmel erloschen war. Sie sah die Mädchen erst wieder, als sie in ihren Särgen lagen und der Leichenbestatter den schlimmsten Schaden kaschiert hatte.

Landfamilien gingen in jenen Tagen früh zu Bett — ‘wenn es dunkel unter dem Tisch wird’, pflegte meine Mutter zu sagen — und schliefen tief und fest. Gewiß taten das Klaus, Marjorie und Howie Detterick in der Nacht, in der die Zwillinge verschwanden. Klaus wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Bowser, dem großen Halbblut-Collie der Familie, geweckt worden, wenn er gebellt hätte, aber Bowser tat das nicht. Nicht in dieser Nacht und niemals wieder.

Klaus stand beim ersten Tageslicht auf, um die Kühe zu melken. Die Veranda befand sich an der Seite des Hauses, dem Stall abgewandt, und Klaus kam nicht in den Sinn, nach den Mädchen zu schauen. Daß Bowser sich nicht zu ihm gesellte, war nicht alarmierend. Der Hund fühlte sich erhaben über Kühe und Hühner, und für gewöhnlich versteckte er sich in seiner Hundehütte hinter dem Stall, wenn die Arbeiten erledigt wurden, es sei denn, er wurde gerufen, aber das mußten schon energische Rufe sein.

Marjorie kam ungefähr eine Viertelstunde nach ihrem Mann nach unten, nachdem ihr Mann seine Stiefel angezogen hatte und zum Stall gestampft war. Sie machte Kaffee und briet Speck. Der Geruch von Speck und Kaffee lockte Howie aus seinem Zimmer unter dem Dach herunter, aber nicht die Mädchen von der Veranda. Marjorie schickte Howie hinaus, um sie zu holen, während sie Eier in das Fett des Specks schlug. Klaus würde die Mädchen nach dem Frühstück frische Eier aus dem Hühnerstall holen lassen.

Doch an diesem Morgen wurde im Haus der Dettericks nicht gefrühstückt. Als Howie von der Veranda zurückkehrte, war er bleich, und seine zuvor schläfrigen Augen waren weit aufgerissen.

„Sie sind weg“, sagte er.

Marjorie eilte auf die Veranda, zuerst ärgerlich, dann beunruhigt. Sie sagte später, sie habe, wenn sie überhaupt etwas dachte, angenommen, daß die Mädchen einen Spaziergang in der Morgendämmerung gemacht hätten, um Blumen zu pflücken. Das oder etwas ähnlich Dummes, was so junge Mädchen treiben. Ein Blick, und sie erkannte, warum Howie totenbleich war.

Sie schrie nach Klaus — schrie gellend —, und Klaus eilte im Laufschritt zu ihr. Seine Arbeitsstiefel waren weiß, weil er bei dem schrecklichen Schrei einen halben Eimer Milch darüber verschüttet hatte. Er fand auf der Veranda etwas, bei dem die Beine der tapfersten Eltern weich geworden wären. Die Decken, in die sich die Mädchen gehüllt hatten, als die Nacht kälter geworden war, lagen in einer Ecke. Die Tür der Gitterwand um die Veranda war mit Gewalt aus der oberen Angel gerissen worden und hing schief in den Hof. Und auf den Brettern der Veranda und der Treppe jenseits der zerstörten Tür waren Blutflecken.

Marjorie flehte ihren Mann an, die Mädchen nicht allein zu suchen und nicht ihren Sohn mitzunehmen, wenn er doch losziehen wollte, aber sie hätte sich den Atem sparen können. Er nahm die Schrotflinte, die er in der Abstellkammer hoch oben außer Reichweite kleiner Hände aufbewahrte, und gab Howie den .22er, den er zu seinem Geburtstag im Juli hätte bekommen sollen. Dann zogen sie los, und keiner von beiden beachtete die schreiende, weinende Frau, die wissen wollte, was sie tun würden, wenn sie auf eine Bande von Landstreichern oder eine Horde bösartiger Nigger stießen, die von der Erziehungsanstalt drüben in Laduc geflüchtet sein mochte. Ich denke, in diesem Punkt hatten die Männer recht. Das Blut auf der Veranda war nicht mehr flüssig, aber es war noch zäh und eher rot als kastanienbraun, wie es wird, wenn es ganz getrocknet ist. Die Entführung mußte vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden haben. Klaus mußte sich gesagt haben, daß noch eine Chance für die Mädchen bestand, und er wollte sie nutzen.

Keiner der beiden verstand etwas vom Spurenlesen — sie waren Sammler, keine Jäger, Männer, die in den Wäldern in der Saison mit auf die Jagd nach Rotwild gingen, weil man es von ihnen erwartete, nicht, weil sie es sich wünschten. Und rings um das Farmhaus gab es im Dreck Spuren, die sich alle in einem für sie undeutbaren Gewirr überlappten. Sie gingen um den Stall herum und sahen sofort, warum Bowser, ein schlechter Beißer, aber guter Beller, keinen Alarm geschlagen hatte. Er hing halb in und halb aus der Hundehütte, die aus übriggebliebenen Stallbrettern gebaut worden war (es war sogar ein Schild mit der sorgfältig gemalten Aufschrift Bowser über der gewölbten Öffnung der Hundehütte — ich sah ein Foto davon in einer der Zeitungen), und sein Genick war gebrochen. Es bedurfte gewaltiger Kraft, um einem so großen Tier das anzutun, sagte der Ankläger später vor der Jury bei John Coffeys Prozeß, und dann schaute er lange und bedeutungsvoll auf den riesigen Angeklagten, der hinter dem Tisch der Verteidigung saß, den Blick niedergeschlagen hatte und nagelneue Sträflingskleidung trug, die an sich schon wie eine Verdammung wirkte.

Neben dem Hund fanden Klaus und Howie ein Stück. Wurst. Die Theorie — eine vernünftige, daran habe ich keinen Zweifel — besagte, daß Coffey zuerst den Hund mit der Wurst geködert und ihm dann, als er zu fressen begonnen hatte, das Genick mit seinen mächtigen Franken gebrochen hatte.

Jenseits des Stalls erstreckte sich Dettericks Nordweide, auf der an diesem Tag keine Kühe weiden würden. Sie war naß vom Morgentau, und darin waren Spuren zu sehen, die offenbar nach Nordwesten führten.

Selbst in seiner fast hysterischen Verfassung zögerte Klaus Detterick zuerst, der Spur zu folgen. Es war keine Furcht vor dem Mann oder den Männern, die seine Töchter entführt hatten, sondern die Besorgnis, daß er den Spuren in der falschen Richtung folgte, während vielleicht jede Sekunde zählte.

Howie löste das Dilemma, indem er einen Fetzen gelben Baumwollstoff von einem Busch gleich hinter dem Rand des Hofes pflückte. Man zeigte Klaus denselben Fetzen, als er auf der Zeugenbank saß, und er begann zu heulen, als er ihn als ein Stück von der Pyjamahose seiner Tochter Kathe identifizierte. Zwanzig Schritte jenseits davon hing auf einem Wacholderstrauch ein grünes Stoffstück, das zu Coras Nachthemd paßte, das sie getragen hatte, als sie ihren Eltern den Gutenachtkuß gegeben hatte.

Die Dettericks, Vater und Sohn, liefen los mit vorgereckten Waffen wie Soldaten, wenn sie umkämpftes Gebiet unter heftigem Beschuß durchqueren. Wenn mich irgend etwas an den Ereignissen dieses Tages erstaunt, dann die Tatsache, daß der Junge, der verzweifelt hinter seinem Vater her hetzte (und oftmals kaum Anschluß halten konnte), nicht stürzte und Klaus Detterick aus Versehen eine Kugel in den Rücken schoß.

Das Farmhaus war ans Telefonnetz angeschlossen — ein anderes Anzeichen für die Nachbarn, daß die Dettericks wohlhabend waren, wenigstens in bescheidenem Maße in miserablen Zeiten —, und Marjorie rief über die Vermittlung so viele der Nachbarn an, die ebenfalls Telefon hatten, wie sie nur konnte. Sie erzählte von der Katastrophe, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel über sie gekommen war. Sie wußte, daß jeder Anruf größere Kreise ziehen würde, als ob Kiesel in einen stillen Teich geworfen wurden. Dann hob sie den Hörer ein letztes Mal ab und sprach die Worte, die fast ein Markenzeichen in den frühen Telefonsystemen waren, jedenfalls im ländlichen Süden: „Hallo, Vermittlung, sind Sie in der Leitung?“

Die Lady von der Vermittlung war es, aber einen Augenblick lang war sie sprachlos; die wackere Frau war ganz aus dem Häuschen. Schließlich fand sie die Sprache wieder. „Ja, Ma’am, Mrs. Detterick, ich bin es, O mein Gott, ich bete, daß Ihre kleinen Mädchen wohlan sind …“

„Ja, danke“, sagte Marjorie. „Aber sagen Sie Gott, daß er bitte lange genug wartet, damit Sie mich mit dem Sheriff’s Office in Tefton verbinden können, ja?“

Der Sheriff des Trapingus County war ein alter Knabe mit Säufernase, einem Bauch wie eine Waschtonne und mit weißem Haar, das so dünn war, daß es wie der Flaum eines Pfeifenreinigers aussah. Ich kannte ihn gut; er war oft in Cold Mountain gewesen, um zuzusehen, wie ‘seine Jungs’ ins Jenseits gingen. Zeugen der Hinrichtung saßen auf den gleichen Klappstühlen, auf denen Sie vielleicht auch schon gesessen haben, bei Beerdigungen oder bei Kirchenfeiern oder Bingospielen auf dem Land (wir mieteten sie in jenen Tagen bei einem Verleih), und jedesmal, wenn Sheriff Homer Cribus sich auf einen solchen Klappstuhl setzte, wartete ich auf ein Knacken, das ein Zusammenkrachen ankündigen würde. Ich befürchtete und wartete zugleich darauf, daß der Klappstuhl zusammenbrechen würde, aber dieser Tag kam niemals. Kurze Zeit danach — es kann nicht länger als einen Sommer nach der Entführung der Detterick-Mädchen gewesen sein — erlitt der Sheriff einen Herzanfall in seinem Büro, offenbar, während er ein siebzehnjähriges schwarzes Mädchen namens Daphne Shurtleff vögelte. Es gab viel Gerede darüber, denn er zeigte sich immer vor der Wahl mit seiner Frau und sechs Söhnen — das war die Zeit, in der man ‘Baptist oder weg vom Fenster’ war, wenn man für ein öffentliches Amt kandidieren wollte. Aber die Leute lieben einen Scheinheiligen, wissen Sie — sie erkennen einen der ihren darin und fühlen sich immer gut, wenn jemand mit Hose runter, Pimmel rauf erwischt wird und sie es nicht selbst sind.

Er war außer scheinheilig auch unfähig und der Typ, der sich beim Streicheln der Katze irgendeiner Lady fotografieren ließ, wenn ein anderer — zum Beispiel Deputy Rob McGee — seine Knochen riskiert hatte, indem er auf den Baum geklettert war und die Pussycat der Lady heruntergeholt hatte.

McGee hörte sich Marjorie Dettericks gestammelte Worte vielleicht zwei Minuten lang an, und dann unterbrach er sie mit vier oder fünf Fragen — schnell und knapp, wie ein trainierter Boxer kleine kurze Geraden zum Gesicht tupft, die Art Treffer die so fix und hart sind, daß Blut läuft, bevor der Gegner etwas spürt.

Als sie die Fragen beantwortet hatte, sagte er: „Ich rufe Bobo Marchant. Der hat Hunde. Sie rühren sich nicht von der Stelle, Mrs. Detterick. Wenn Ihr Mann und Ihr Sohn zurückkehren, sollen sie sich ebenfalls nicht vom Fleck rühren.“

Ihr Mann und ihr Sohn waren unterdessen der Spur des Entführers ungefähr drei Meilen nach Nordwesten gefolgt, aber sie verloren die Fährte, als sie aus dem freien Gelände in den Kiefernwald führte. Sie waren Farmer, keine Jäger wie ich schon sagte, und inzwischen wußten sie, daß sie hinter einem Tier her waren. Unterwegs hatten sie das gelbe Oberteil von Kathes Pyjama gefunden und ein weiteres Stück von Coras Nachthemd. Beide Stücke waren blutgetränkt, und weder Klaus noch Howie hatten es so eilig wie zu Beginn der Verfolgung; eine kalte Gewißheit mußte in ihre heißen Hoffnungen gesickert und hinabgesunken sein wie kaltes Wasser, weil es schwerer ist.

Sie warfen einen Blick in den Wald, hielten Ausschau nach Anzeichen auf die Mädchen, fanden keine, warfen an einer anderen Stelle einen zweiten Blick in den Wald, ebenso ohne Resultat, und dann einen dritten. Diesmal fanden sie Blutspritzer auf den Nadeln einer Kiefer. Sie gingen ein Stück in die Richtung, in die das Blut zu weisen schien, und begannen die Prozedur mit dem Blickewerfen von neuem.

Es war inzwischen neun Uhr, und hinter sich hörten sie jetzt die Rufe von Männern und das Bellen von Hunden.

Rob McGee hatte eine Posse in der Zeit zusammengestellt, die Sheriff Cribus gebraucht hätte, um eine erste Tasse Kaffee mit Brandy zu trinken, und eine Viertelstunde später holten sie Klaus und Howie Detterick ein, die verzweifelt den Waldrand absuchten. Bald zogen die Männer weiter, und Bobos Hunde führten sie an. McGee ließ Klaus und Howie mitkommen — sie wären nicht umgekehrt, wenn er es befohlen hätte, ganz gleich, wie sehr sie das Ergebnis der Suche fürchteten, und McGee mußte das erkannt haben —, aber er ließ sie ihre Waffen entladen. McGee behauptete, die anderen hätten das ebenfalls getan, der Sicherheit wegen. Er sagte ihnen nicht (und keiner sonst klärte sie auf), daß die Dettericks die einzigen waren, die ihre Munition dem Deputy hatten aushändigen müssen. Die Dettericks waren aufgewühlt und hatten nur den Wunsch, den Alptraum hinter sich zu bringen, und so taten sie, was von ihnen verlangt wurde.

Als Rob McGee die Dettericks dazu brachte, ihre Waffen zu entladen und die Patronen abzuliefern, rettete er vermutlich John Coffeys elendes Leben.

Die kläffenden Hunde zogen sie durch vielleicht zwei Meilen Kiefernwald, immer weiter nach Nordwesten. Dann gelangten sie an das Ufer des Trapingus River, der an dieser Stelle breit ist und langsam ostwärts durch niedrige, bewaldete Hügel fließt, wo Familien namens Gray und Robinette und Duplissey immer noch eigene Mandolinen herstellten und oftmals aus verfaulten Zähnen spuckten, während sie pflügten; es war tiefste Provinz, wo Männer am Sonntagmorgen Schlangen fingen und in der Sonntagnacht Geschlechtsverkehr mit ihren Töchtern hatten. Ich kannte ihre Familien; die meisten davon hatten Old Sparky von Zeit zu Zeit eine Mahlzeit geschickt.

Am anderen Ufer des Flusses konnten die Männer der Posse die Schienen einer Nebenlinie der Great Southern Railroad sehen, auf denen sich die Junisonne spiegelte. Ungefähr anderthalb Meilen flußabwärts zu ihrer Rechten führte eine Bockbrücke über den Fluß zum Kohlenrevier von West Green.

Dort fanden sie einen großen zertrampelten Fleck im Gras und zwischen niedrigen Büschen, und der Fleck war so blutig, daß viele der Männer in den Wald zurückliefen und ihr Frühstück von sich gaben. Sie fanden auch den Rest von Coras Nachthemd auf dieser blutigen Stelle, und Howie, der sich bis zu diesem Zeitpunkt bewundernswert gehalten hatte, prallte zurück gegen seinen Vater und wurde fast ohnmächtig.

Und hier hatten Bobo Marchants Hunde die erste und einzige Meinungsverschiedenheit an diesem Tag. Es waren insgesamt sechs, zwei Bluthunde, zwei Schäferhunde und zwei terrierartige Bastardhunde. Die Bastardhunde wollten nach Nordwesten, am Trapingus River entlang flußaufwärts, und der Rest wollte in die andere Richtung, nach Südosten. Alle verhedderten sich in ihren Leinen, und obwohl über diesen Teil nichts in den Zeitungen stand, kann ich mir die wilden Flüche vorstellen, die Bobo auf sie niederprasseln ließ, während er seine Hände benutzte — sie waren zweifellos seine große Stärke —, um die Leinen zu entwirren. Ich habe ein paar Hundeführer gekannt in meinem Leben, und nach meiner Erfahrung entsprechen sie bemerkenswerterweise alle einem bestimmten Typus.

Bobo stoppte sie an kurzen Leinen und hielt ihnen das Stück von Cora Dettericks Nachthemd unter die Nasen, um sie daran zu erinnern, was sie an einem Tag hier draußen taten, an dem es gegen Mittag um die vierzig Grad Celsius heiß sein Würde und die Mücken bereits in Schwärmen um die Köpfe der Possebeteiligten schwirrten. Die Hunde schnüffelten noch einmal, stimmten mit Gebell ab, welche Richtung sie wählen sollten, und dann zogen sie alle flußabwärts.

Zehn Minuten später blieben die Männer plötzlich stehen, denn sie hörten auf einmal mehr als nur das Kläffen der Hunde. Es war mehr ein Heulen als ein Bellen, ein Geräusch, das kein Hund jemals von sich gegeben hatte, nicht einmal in größter Not vor dem Sterben. Es waren Laute, die keiner der Männer jemals von irgend etwas gehört hatte, aber es war ihnen allen sofort klar, daß sie von einem Menschen stammten. Das sagten sie jedenfalls, und ich glaubte ihnen. Ich glaube, ich hätte es ebenfalls erkannt. Ich habe Menschen auf ihrem Weg zu dem elektrischen Stuhl so schreien gehört. Nicht viele — die meisten verschließen sich und gehen entweder still oder scherzen, als wäre es ein Klassenausflug —, aber ich habe ein paar erlebt. Für gewöhnlich diejenigen, die glauben, daß die Hölle ein realer Ort ist, und wissen, daß sie am Ende der Grünen Meile auf sie wartet.

Bobo nahm seine Hunde wieder an die kurze Leine. Sie waren wertvoll, und er wollte sie nicht an den Psychopathen verlieren, der heulend und sabbernd dort am Flußufer hockte. Die anderen Männer luden ihre Waffen durch und packten sie fester. Dieses Heulen hatte sie alle erschauern lassen, und der Schweiß unter ihren Achseln und auf dem Rücken fühlte sich an wie Eiswasser.

Wenn Männer so erschauern, brauchen sie einen Führer, um den Weg fortzusetzen, und Deputy McGee übernahm diese Rolle. Er trat an die Spitze und ging forsch (ich wette, er fühlte sich in diesem Augenblick jedoch ganz anders) zu einer Gruppe Erlen, die zur Rechten aus dem Wald ragte, und der Rest folgte ihm nervös mit fünf Schritten Abstand. McGee verharrte nur einmal, und zwar, um dem größten der Männer — Sam Hollis — einen Wink zu geben, nahe bei Klaus Detterick zu bleiben.

Auf der anderen Seite der Erlen gab es eine Lichtung bis zum Waldrand zur Rechten. Links war der lange, sanft abfallende Hang des Flußufers. Alle stoppten auf der Stelle, wie vom Blitz getroffen. Ich nehme an, sie hätten viel dafür gegeben, nicht sehen zu müssen, was da vor ihnen war, und keiner von ihnen würde es jemals vergessen, es war die Art Alptraum, die jenseits der Vorgänge von gutem und normalem Leben liegt — Abendgottesdienste, Spaziergänge auf dem Land, ehrliche Arbeit, Küsse der Liebe im Bett. Jeder Mensch hat einen Totenschädel in sich, und ich sage Ihnen, daß ein Totenkopf in den Leben aller Menschen ist. Sie sahen es an diesem Tag, diese Männer — sie sahen, was manchmal hinter dem Lächeln grinst.

Auf dem Flußufer saß in einer verwaschenen, blutbefleckten Latzhose — der größte Mann, den sie jemals gesehen hatten — John Coffey. Seine gewaltigen Plattfüße waren nackt. Er trug ein verblichenes rotes Kopftuch, wie es Frauen vom Land tragen, wenn sie zur Kirche gehen. Mücken schwirrten in einer dunklen Wolke um ihn herum. In jedem Arm hielt er die Leiche eines nackten Mädchens. Ihr blondes Haar, einst lockig und leicht und seidig, klebte jetzt verfilzt und blutig an ihren Köpfen. Der Mann, der sie hielt, heulte den Himmel an wie ein mondsüchtiges Kalb, Tränen rannen über seine dunkelbraunen Wangen, und sein Gesicht war vor Schmerz und Trauer verzerrt. Er atmete stoßweise, seine Brust hob sich, bis sich die Träger der Latzhose spannten, und dann stieß er die angestaute Luft aus, um wieder langgezogen zu heulen. So oft liest man in der Zeitung: ‘Der Killer zeigte keine Reue’, aber das war hier nicht der Fall. Es zerriß John Coffey fast, was er angerichtet hatte — aber er würde leben. Die Mädchen nicht. Sie waren auf schwerwiegendere Art und Weise zerrissen worden.

Keiner wußte später zu sagen, wie lange sie dort standen und auf den heulenden Mann starrten, der seinerseits über den Fluß hinweg zu einem Zug auf der anderen Seite schaute, der auf die Brücke zu fuhr, die das Wasser überspannte. Es war, als ob sie eine Stunde lang oder ewig hinschauten und sich der Zug trotzdem nicht weiterbewegte. Er schien auf der Stelle zu treten wie ein Kind bei einem Wutanfall, und die Sonne verschwand nicht hinter einer Wolke, und der grauenvolle Anblick wurde nicht vor ihren Augen ausgelöscht.

Er war dort vor ihnen, so real wie ein Hundebiß. Der schwarze Mann wiegte sich auf und ab, und Cora und Kathe schaukelten mit ihm vor und zurück wie Puppen in den Armen eines Riesen. Die Muskeln der blutbefleckten gewaltigen Arme des Mannes spannten sich, entspannten sich, spannten sich, entspannten sich, spannten sich, entspannten sich.

Es war Klaus Detterick, der die makabre Idylle zerstörte. Schreiend warf er sich auf das Monster, das seine Töchter vergewaltigt und ermordet hatte. Sam Hollis kannte seinen Job und versuchte sein Bestes, doch er schaffte es nicht. Er war gut einen Kopf größer als Klaus und mindestens siebzig Pfund schwerer, aber Klaus schüttelte scheinbar mühelos seine Arme ab, mit denen er ihn festhalten wollte.

Klaus flog förmlich auf Coffey zu und versetzte ihm noch im Flug einen Tritt an den Kopf. Sein Arbeitsstiefel, bedeckt mit verschütteter Milch, die in der Wärme bereits sauer geworden war, traf Coffeys linke Schläfe, doch Coffey schien überhaupt nichts zu spüren. Er saß nur da, stieß ein klagendes Heulen aus, wiegte sich vor und zurück und schaute über den Fluß. Ich stelle mir vor, daß er fast wie ein Bild aus einem Bibeldruck wirkte, der getreue Anhänger des Kreuzes, der durch einen Kiefernwald zum Gelobten Land schaut — wenn nicht die Leichen auf seinen Armen gewesen waren.

Vier Männer mußten den hysterischen Farmer von John Coffey zurückreißen, und er versetzte Coffey ich weiß nicht wie viele harte Schläge, bis sie es schließlich geschafft hatten, ihn zu bändigen. Coffey war es anscheinend gleichgültig, ob er angegriffen wurde oder nicht; er schaute einfach weiter über den Fluß hinweg und wehklagte.

Detterick verlor alle Energie, als er schließlich von Coffey weggezerrt wurde, als ob eine sonderbare elektrisierende Strömung durch den riesigen schwarzen Mann hindurchgelaufen wäre (ich neige dazu, in elektrischen Metaphern zu denken; verzeihen Sie mir), und als Dettericks Kontakt mit dieser Energiequelle schließlich unterbrochen wurde, erschlaffte er wie ein Mann, der einen Stromschlag abbekommen hatte, sank am Flußufer auf die Knie, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. Howie kniete sich neben ihn, und sie umarmten sich, Stirn an Stirn.

Zwei Männer paßten eine Weile auf sie auf, während der Rest einen waffenstarrenden Ring um den auf und ab schaukelnden, wehklagenden Schwarzen bildete. Er nahm anscheinend immer noch nicht wahr, daß außer ihm jemand da war. McGee schritt näher zu ihm, trat unsicher von einem Fuß auf den anderen und ging dann in die Hocke.

„Mister“, sagte er mit ruhiger Stimme, und Coffey verstummte sofort. McGee schaute in Augen, die vom Heulen blutunterlaufen waren. Diese Augen weinten und blickten dennoch irgendwie teilnahmslos, distanziert und gelassen. Ich fand bei Coffeys Einlieferung, es waren die sonderbarsten Augen, die ich jemals gesehen hatte, und McGee hatte damals vor mir dasselbe empfunden.

„Wie die Augen eines Tiers, das noch nie einen Menschen gesehen hat“, sagte er einem Reporter kurz vor dem Prozeß.

„Mister, hörst du mich?“ fragte McGee.

Langsam rückte Coffey. Immer noch hielt er seine entsetzlichen Puppen auf den Armen. Ihr Kinn war auf die Brust gesunken, so daß ihr Gesicht nicht zu sehen war, eine der wenigen Barmherzigkeiten, die Gott an diesem Tag gewährte.

„Hast du einen Namen?“ fragte McGee.

„John Coffey“, sagte er mit schwerer, tränenerstickter Stimme. „Coffey wie das Getränk, nur anders geschrieben.“

McGee nickte und wies dann auf den Latz von Coffeys Hose, der gewölbt war. Es sah aus, als ob Coffey darin eine Waffe hatte — nicht, daß ein Mann von Coffeys Größe eine Feuerwaffe brauchte, um einigen größeren Schaden anzurichten, wenn er sich entschied loszulegen. „Was ist da drin, John Coffey? Vielleicht ein Ballermann? Eine Pistole?“

„Nein, Sir“, sage Coffey mit seiner schweren Stimme, und mit diesen sonderbaren Augen — mit Tränen gefüllt und mit schmerzlichem Ausdruck an der Oberfläche, distanziert und unheimlich gelassen darunter, als ob der wahre John Coffey woanders wäre, zu einer anderen Landschaft schaute, wo ermordete kleine Mädchen kein Grund zur Aufregung waren — blickte er Deputy McGee ständig an. „Das ist nur ein kleines Mittagessen.“

„So, ein kleines Mittagessen, richtig?“ fragte McGee, und Coffey nickte und sagte: „Jawohl, Sir“, und aus seinen Augen rannen Tränen, und aus seiner Nase lief Rotz.

„Und wo bekommen Leute wie du ein kleines Mittagessen her, John Coffey?“ McGee zwang sich, ruhig zu sein, obwohl er jetzt die Mädchen riechen konnte und die Fliegen über die Stellen der Leichen kriechen sah, die noch feucht waren. Der Anblick der Haare der toten Mädchen war am schlimmsten, sagte er später, und das stand in keiner Zeitung; man hielt es für zu gräßlich, um es zu veröffentlichen.

Ich erfuhr es von dem Reporter, der die Geschichte geschrieben hatte. Ich besuchte ihn später, als John Coffey eine Art Besessenheit für mich wurde. McGee sagte diesem Reporter, daß das blonde Haar der Mädchen nicht mehr blond gewesen war. Es war kastanienbraun. Blut war aus dem Haar ihre Wangen hinabgelaufen wie bei schlechtem Haarefärben, und man brauchte kein Arzt zu sein, um zu sehen, daß ihre Schädel mit der Kraft dieser gewaltigen Arme zusammengeschlagen worden waren. Vielleicht hatten sie geschrien. Vielleicht hatte er sie zum Verstummen bringen wollen. Wenn die Mädchen Glück gehabt hatten, dann war das vor den Vergewaltigungen geschehen.

Ein solcher Anblick macht es schwer für einen, klar zu denken, sogar für einen Mann, der so entschlossen war, seine Pflicht zu tun, wie Deputy McGee. Unklares Denken konnte zu Fehlern und vielleicht zu noch mehr Blutvergießen führen. McGee atmete tief durch und beruhigte sich. Er versuchte es jedenfalls.

„Sir, ich erinnere mich nicht genau, woher ich das Essen habe, fällt mir nicht ein“, sagte John Coffey mit tränenerstickter Stimme, „aber es ist ein kleines Mittagessen, das stimmt, Brötchen und ich glaube eine Essiggurke.“

„Ich möchte mir das selbst ansehen, wenn es dir nichts ausmacht“, sagte McGee. „Beweg dich jetzt nicht, John Coffey. Tu es nicht, Junge, denn es zielen genug Waffen auf dich, um dich von der Hüfte an aufwärts verschwinden zu lassen, wenn du auch nur mit einem Finger zuckst.“

Coffey schaute über den Fluß hinweg und ließ McGee reglos gewähren, als er vorsichtig in den Latz griff und etwas hervorzog, das in Zeitungspapier gewickelt und mit einem Bindfaden verschnürt war. McGee entfernte den Bindfaden und schlug das Zeitungspapier auf, obwohl er ziemlich überzeugt war, daß es genau das enthielt, was Coffey gesagt hatte — ein kleines Mittagessen. Da waren ein Brötchen mit Schinkenspeck und Tomatenscheiben und ein Marmeladenbrötchen. Ebenfalls eine Gurke, eingewickelt in die Comicseite, deren Inhalt John Coffey niemals kapiert hätte. Keine Würstchen. Bowser hatte die Würstchen von John Coffeys kleinem Mittagessen bekommen.

McGee reichte das Mittagessen über die Schulter zu einem der anderen Männer, ohne den Blick von Coffey zu nehmen. Er war zu nahe bei dem schwarzen Riesen, um sich erlauben zu dürfen, auch nur eine Sekunde in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen. Das Mittagessen, wieder eingepackt und mit dem Bindfaden verschnürt, landete schließlich bei Bobo Marchant, der es in seinem Rucksack verstaute, in dem er Happen für seine Hunde aufbewahrte (und ein paar Köder zum Angeln, das hätte mich jedenfalls nicht gewundert). Es wurde nicht als Beweismittel beim Prozeß verwendet — die Justiz in diesem Teil der Welt ist schnell, aber nicht so schnell, wie ein Schinkenspeck-Tomaten-Brötchen verdirbt —, aber es gab Fotos davon.

„Was ist hier passiert, John Coffey?“ fragte McGee mit seiner tiefen, ernsten Stimme. „Willst du mir das erzählen?“

Und Coffey sagte zu McGee und den anderen fast genau das gleiche, was er zu mir sagte; es waren auch die letzten Worte, die der Verteidiger der Jury bei Coffeys Prozeß sagte: „Ich konnte nichts dafür“, sagte John Coffey mit den ermordeten, geschändeten nackten Mädchen auf seinen Armen. Tränen rannen wieder über seine Wangen. „Ich versuchte es aufzuhalten, aber es war zu spät.“

„Junge, du bist unter Mordverdacht verhaftet“, sagte McGee, und dann spuckte er John Coffey ins Gesicht.

Die Geschworenen zogen sich eine Dreiviertelstunde zurück. Gerade genug Zeit, um etwas zu Mittag zu essen. Ich frage mich, ob sie Appetit hatten.

5

Ich denke, Sie wissen, daß ich all das nicht an einem heißen Oktobernachmittag in der bald nicht mehr existierenden Gefängnisbücherei herausfand, aus alten Zeitungen in ein paar Orangenkartons, aber ich erfuhr genug, um an diesem Abend keinen Schlaf zu finden. Als meine Frau um zwei Uhr morgens aufstand und mich in der Küche sitzen sah, wo ich Buttermilch trank und eine selbstgedrehte Zigarette rauchte, fragte sie mich, was los wäre, und ich belog sie, eines der wenigen Male in unserer langen Ehe. Ich sagte, ich hätte wieder mal Krach mit Percy Wetmore gehabt.

Das stimmte natürlich, aber das war nicht der Grund, weshalb ich noch so spät auf war. Für gewöhnlich konnte ich die Gedanken an Percy im Büro zurücklassen.

„Nun, vergiß diesen faulen Apfel und komm ins Bett“, sagte meine Frau. „Ich habe etwas, das dir beim Einschlafen helfen wird, und du kannst soviel davon haben, wie du willst.“

„Das klingt gut, aber ich denke, wir lassen das besser“, sagte ich. „Mein Wasserwerk ist nicht in Ordnung, und ich möchte dich nicht anstecken.“

Sie hob eine Augenbraue. „Wasserwerk? Ich nehme an, du hast dir das von einer Nutte geholt, als du beim letzten Mal in Baton Rouge warst.“ Ich war nie in Baton Rouge und habe folglich dort auch keine Nutte angerührt, und wir beide wußten das.

„Es ist nur eine einfache Blaseninfektion“ sagte ich. „Meine Mutter pflegte zu sagen, Jungen holen sich die beim Pinkeln, wenn der Nordwind bläst.“

„Deine Mutter pflegte auch den ganzen Tag im Haus zu bleiben, wenn sie etwas Salz verschüttet hatte“, erwiderte meine Frau. „Dr. Sadler…“

„Nein“, unterbrach ich mit erhobener Hand. „Er wird mir Sulfat verordnen, und bis zum Wochenende werden alle Ecken meines Büros vollgekotzt sein. Ich werde den Dingen ihren Lauf lassen, aber unterdessen halte ich es für besser, daß wir uns vom Spielplatz fernhalten.“

Sie gab mir einen Kuß auf die Stirn, gleich über meiner linken Augenbraue, was immer ein Kribbeln bei mir hervorruft, wie Janice nur zu gut weiß. „Armes Baby. Als ob dieser schreckliche Percy Wetmore nicht reicht. Komm bald ins Bett.“

Das tat ich, aber vorher trat ich auf die hintere Veranda hinaus, um mich zu erleichtern (und ich prüfte vorher mit angefeuchtetem Finger die Windrichtung; was uns unsere Eltern sagen, wenn wir klein sind, bleibt selten unbeachtet, ganz gleich, wie albern es sein mag). Das Pinkeln im Freien ist eine der Freuden des Landlebens, die sich bei den Poeten nie ganz herumgesprochen hat, aber in dieser Nacht war es keine Freude; das Wasser, das aus mir rann, brannte wie ein Strahl von brennendem Petroleum. Aber ich dachte, es wäre an diesem Nachmittag noch ein bißchen schlimmer gewesen, und ich wußte, daß es vor zwei oder drei Tagen schlimmer gewesen war. Ich hoffte, daß ich auf dem Wege der Besserung war. Niemals war eine Hoffnung unbegründeter. Keiner hatte mir gesagt, daß manchmal ein Bazillus, der sich festgesetzt hat, wo es warm und feucht ist, einen Tag oder zwei ausruhen kann, bevor er wieder erstarkt. Es hätte mich überrascht, wenn ich das gewußt hätte. Es hätte mich noch mehr überrascht, wenn ich erfahren hätte, daß es in fünfzehn oder zwanzig Jahren Pillen geben würde, mit denen diese Infektion in Rekordzeit aus dem Körper verbannt werden konnte. Und wenn diese Pillen auch ein wenig Magenbeschwerden oder Durchfall bewirken konnten, brauchte man davon nicht zu kotzen wie von Dr. Sadlers Sulfatpillen. Damals, 1932, konnte man nicht viel mehr tun, als abzuwarten und das Gefühl zu ignorieren, daß jemand einem Petroleum ins Wasserwerk geschüttet und dann mit einem Streichholz angezündet hatte.

Ich knöpfte die Hose zu, ging ins Schlafzimmer und schlief schließlich ein. Ich träumte von Mädchen mit scheuem Lächeln und Blut im Haar.

6

Am nächsten Morgen lag ein pinkfarbener Notizzettel auf meinem Schreibtisch. Ich sollte so schnell wie möglich zum Büro des Direktors kommen. Natürlich wußte ich, worum es ging — es gab ungeschriebene, aber sehr wichtige Regeln in dem Spiel, und ich hatte mich gestern eine Zeitlang nicht daran gehalten —‘ und so zögerte ich meinen Besuch beim Direktor so lange wie möglich hinaus. Wie den Besuch beim Doktor wegen meiner Probleme mit dem Wasserwerk, nehme ich an. Ich war stets der Ansicht gewesen, daß der Spruch ‘Verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst besorgen’ überbewertet wird.

Jedenfalls hetzte ich mich nicht ab, um Direktor Moores aufzusuchen. Statt dessen zog ich meinen Uniformrock aus, hängte ihn über die Rückenlehne meines Stuhls und schaltete den Ventilator an — es war wieder ein heißer Tag. Dann setzte ich mich hinter den Schreibtisch und ging Brutus Howells Bericht über die Nachtschicht durch. Es gab nichts Beunruhigendes.

Delacroix hatte nach dem Einschließen kurz geweint — das tat er in den meisten Nächten, und er weinte mehr um sich als um die Leute, die er lebend gerüstet hatte, dessen bin ich mir ziemlich sicher —, und dann hatte er Mr. Jingles, die Maus, aus der Zigarrenkiste genommen, in der sie geschlafen hatte. Das hatte Del beruhigt, und er hatte den Rest der Nacht wie ein Baby geschlafen. Mr. Jingles hatte wahrscheinlich den längsten Teil der Nacht auf Delacroix’ Bauch verbracht, den Schwanz über die Pfoten gelegt, die Augen offen. Es war, als hätte Gott entschieden, daß Delacroix einen Schutzengel brauchte, aber in Seiner Weisheit hatte er sich gesagt, daß es nur eine Maus sein konnte für so eine Ratte wie unseren mörderischen Freund aus Louisiana.

Natürlich stand nicht all das in Brutals Bericht, aber ich hatte selbst genug Nachtschichten gehabt, um zwischen den Zeilen lesen zu können. Da war eine kurze Notiz über Coffey. ‘Lag wach, meistens ruhig, heulte vielleicht etwas. Ich versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen, aber nach ein paar mürrischen Antworten von Coffey gab ich auf. Paul oder Harry haben vielleicht mehr Glück.’

‘Ein Gespräch in Gang bringen’ war ein Schwerpunkt unseres Jobs. Ich wußte es zu diesem Zeitpunkt nicht, aber wenn ich es aus der Sicht dieses seltsamen Alters betrachte (ich denke, Alter muß seltsam für die Leute sein, die es durchmachen), verstehe ich, was es war und warum ich es damals nicht erkannte — es war zu groß, so entscheidend für unsere Arbeit, wie unser Atmen für unser Leben war. Es war nicht wichtig, daß die Springer gut darin waren, ‘ein Gespräch in Gang zu bringen’, aber es war lebenswichtig für mich und Harry und Brutal und Dean…, und das war einer der Gründe, weshalb Percy Wetmore solch eine Katastrophe war.

Die Insassen haßten ihn, die Wärter haßten ihn, jeder haßte ihn wahrscheinlich, mit Ausnahme von seinen politischen Verbindungen, Percy selbst und vielleicht (aber nur vielleicht) seiner Mutter. Er war wie eine Dosis Arsen in einem Hochzeitskuchen, und ich denke, ich wußte, daß er von Anfang an Unheil bedeutete. Er war wie ein Unglück, das eintreten würde. Was uns andere anging, so hätten wir über die Vorstellung gespottet, daß wir hauptsächlich nicht als Wärter fungierten, sondern als Psychiater der zum Tode Verdammten — ein Teil von mir will heute immer noch darüber spotten —, aber wir wußten, wie man ein Gespräch in Gang bringt, und ohne Gespräche hatten die Männer, die dem Tod ins Auge sahen, die Neigung, wahnsinnig zu werden.

Ich notierte am Fuß von Brutals Bericht, daß ich mit John Coffey reden sollte — es wenigstens versuchen sollte —, und widmete mich dann einer Notiz von Curtis Anderson, dem stellvertretenden Gefängnisdirektor. Anderson erwartete eine TDH-Anweisung für Edward Delacrois (Schreibfehler von Anderson, der Name lautete richtig Eduard Delacroix). TDH stand für Tag der Hinrichtung, und laut Notiz hatte Curtis Anderson aus glaubwürdiger Quelle erfahren, daß der kleine Franzose den Spaziergang kurz vor Halloween antreten würde — er schätzte, am 27. Oktober, und Curtis Andersons Schätzungen basierten meist auf zuverlässigen Informationen. Aber zuvor konnten wir einen Neuzugang namens William Wharton erwarten.

‘Er ist das, was man Problemkind nennt’, hatte Curtis in seiner linkslastigen und irgendwie pingeligen Schrift geschrieben. ’Verrückt/wild und stolz darauf. Er ist im vergangenen Jahr oder so durch den ganzen Staat gestreift, hat drei Leute bei einem Überfall umgelegt, darunter eine schwangere Frau, und eine vierte Person bei der Flucht erschossen. Einen Staatspolizisten. Fehlte nur noch eine Nonne und ein Blinder.’ Ich lächelte ein bißchen über diese Amnerkung. ‘Wharton ist neunzehn Jahre alt und hat die Tätowierung Billy the Kid auf dem linken Oberarm. Sie werden ihm ein paarmal einen auf die Nase geben müssen, aber seien Sie dabei vorsichtig. Diesem Mann ist einfach alles gleichgültig.’ Den letzten Satz hatte er dick unterstrichen und hinzugefügt: ‘Könnte auch ein Dauerkunde sein. Hat Berufung eingelegt, und da ist die Tatsache, daß er minderjährig ist.’

Ein verrückter Junge, der Berufung eingelegt hatte und bestimmt eine Weile bei uns blieb. Oh, das alles klang einfach prima. Plötzlich kam mir der Tag heißer denn je vor, und ich konnte den Besuch bei Direktor Moores nicht länger aufschieben.

Ich habe während meiner Jahre in Cold Mountain für drei Direktoren gearbeitet, und Hal Moores war der letzte und beste davon. Absolut ehrlich, geradeaus, auch wenn ihm selbst der beschränkte Humor Curtis Andersons fehlte, aber mit genug politischem Geschick, um seinen Job während dieser harten Jahre zu behalten — und mit genug Integrität, um sich nicht von seiner Pflicht abbringen zu lassen. Er würde nicht mehr aufsteigen, aber damit hatte er sich anscheinend abgefunden. Er war damals acht- oder neunundfünfzig und hatte ein tief zerfurchtes Bluthund-Gesicht, bei dessen Anblick sich Bobo Marchant vermutlich wie zu Hause gefühlt hätte. Er hatte weißes Haar, und seine Hände zitterten von irgendeiner Art Schüttellähmung, aber er war ein starker Mann.

Im vergangenen Jahr, als ein Gefangener ihn im Hof mit einer Latte von einer Kiste angegriffen hatte, war Moores unerschütterlich gewesen und hatte sich behauptet. Er hatte das Handgelenk des Scheißkerls gepackt und so hart verdreht, daß das Brechen von Knochen geklungen hatte wie das Knacken von trockenen Ästen in einem Feuer. Der Scheißkerl hatte alle Angriffslust verloren, war in die Knie gegangen und hatte dort im Dreck kniend nach seiner Mutter geschrien. „Ich bin nicht deine Mutter“, hatte Moores mit seiner kultivierten Südstaatlerstimme gesagt, „aber wenn ich das wäre, würde ich meinen Rock anheben und auf dich pissen, aus dem Schoß, der dich geboren hat.“

Als ich sein Büro betrat, wollte er aufstehen, aber ich forderte ihn mit einer Geste auf sitzenzubleiben. Ich nahm auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz und erkundigte mich nach dem Wohlergehen seiner Alten …, doch in unserem Teil der Welt sagt man das anders.

„Wie geht es Ihrem schönen Mädchen?“ fragte ich, als ob Melinda erst siebzehn Lenze erlebt hätte statt zwei- oder dreiundsechzig. Meine Anteilnahme war echt — sie war eine Frau, die ich selbst hätte lieben und heiraten können, wenn uns das Leben zusammengeführt hätte —, aber es konnte auch nicht schaden, wenn ich ihn ein bißchen vom Hauptthema ablenkte.

Er seufzte tief. „Nicht so gut, Paul. Überhaupt nicht so gut.“

„Wieder Kopfschmerzen?“

„Nur einmal in dieser Woche, doch es war schlimmer denn je. Sie lag vorgestern fast den ganzen Tag flach. Und jetzt hat sie diese Schwäche in der rechten Hand.“ Er hob die rechte Hand mit den Leberflecken. Wir beide sahen sie einen Moment lang zittern, bevor er sie sinken ließ. Ich kann Ihnen sagen, er hätte fast alles dafür gegeben, mir nicht sagen zu müssen, was er mir zu sagen hatte, und ich hätte fast alles dafür gegeben, es nicht hören zu müssen. Melindas Kopfschmerzen hatten im Frühjahr begonnen, und den ganzen Sommer hatten ihre Arzte gesagt, daß es ‘durch nervöse Spannungen bedingte Migräneanfälle’ seien, vielleicht verursacht durch den Streß wegen der bevorstehenden Pensionierung ihres Mannes. Doch beide konnten den Ruhestand kaum erwarten, und meine Frau hatte mir gesagt, daß Migräne kein Leiden des Alters, sondern der Jugend ist; wenn die daran Leidenden Melinda Moores’ Alter erreichten, ging es ihnen für gewöhnlich besser, nicht schlechter. Und nun diese Schwäche der Hand. Es klang nicht nach nervöser Spannung für mich; es klang wie ein verdammter Schlaganfall.

„Dr. Haverstrom will sie ins Krankenhaus in Indianola einliefern“ sagte Moores. „Sie untersuchen lassen. Den Kopf röntgen lassen, meint er. Wer weiß, was sonst. Sie fürchtet sich zu Tode.“ Er schwieg kurz und fügte dann hinzu: „Ehrlich gesagt, ich auch.“

„Ja, aber Sie sollten dafür sorgen, daß sie sich untersuchen läßt“, sagte ich. „Warten Sie nicht. Wenn sich herausstellt, daß es etwas ist, was sie beim Röntgen sehen können, werden sie es vielleicht beheben können.“

„Ja“, stimmte er zu, und dann trafen sich kurz unsere Blicke — das einzige Mal während dieses Teils unseres Gesprächs, wie ich mich erinnere. Es war die Art von absolutem, realistischem Verständnis zwischen uns, das keine Worte brauchte. Es konnte ein Schlag sein, ja. Es konnte auch Krebs sein, und wenn das der Fall war, waren die Chancen, daß die Ärzte in Indianola etwas tun konnten, gering bis Null. Dies war 1932, bedenken Sie das, und selbst so etwas relativ Einfaches wie eine Blaseninfektion bedeutete entweder die Einnahme von Sulfat und Übelkeit oder leiden und warten.

„Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme, Paul. Reden wir jetzt über Percy Wetmore.“

Ich stöhnte und schloß die Augen.

„Ich wurde heute morgen aus der Hauptstadt angerufen“, sagte der Direktor mit ruhiger Stimme. „Es war ein ziemlich ärgerlicher Anruf, wie Sie sich sicher vorstellen können. Paul, der Gouverneur ist so beschäftigt, daß er fast nicht da ist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und seine Frau hat einen Bruder, der ein Kind hat. Dieses Kind ist Percy Wetmore. Percy rief gestern abend seinen Daddy an, und Percys Daddy rief Percys Tante an. Muß ich Ihnen den Rest erzählen?“

„Nein“, sagte ich. „Percy hat gepetzt. Wie der Streber in der Schule dem Lehrer erzählt, daß Jack und Jill auf der Toilette geknutscht haben.“

„Ja“, stimmte Moores zu, „so ungefähr.“

„Wissen Sie, was zwischen Percy und Delacroix passierte, als Delacroix eingeliefert wurde?“ fragte ich. „Percy und sein verdammter Hickory-Schlagstock?“

„Ja, aber…“

„Und Sie wissen, wie er manchmal damit auf die Gitterstäbe schlägt, nur um die Gefangenen zu erschrecken? Er ist gemein und blöde, und ich weiß nicht, ob ich ihn noch länger ertragen kann. Das ist die Wahrheit.“

Wir kannten uns seit fünf Jahren. Das kann eine lange Zeit sein für Männer, die gut miteinander auskommen, besonders wenn ein Teil des Jobs der Tausch von Leben gegen Tod ist. Ich will damit sagen, daß er mich verstand. Nicht, daß ich den Job hinschmeißen würde; nicht bei der Wirtschaftskrise, die außerhalb der Gefängnismauern herumging wie ein gefährlicher Verbrecher, den man nicht einsperren konnte wie unsere Schutzbefohlenen. Bessere Märmer als ich standen arbeitslos auf der Straße. Ich hatte Glück und wußte es — die Kinder waren erwachsen, und die Hypothek, dieser zentnerschwere Marmorblock der mich fast erdrückt hatte, war seit zwei Jahren von meiner Brust. Aber ein Mann muß essen, und seine Frau muß ebenfalls etwas zu essen haben. Außerdem schickten wir unserer Tochter und dem Schwiegersohn zwanzig Bucks, wann immer wir es uns erlauben konnten (und manchmal auch, wenn wir es uns nicht erlauben konnten, Janes Briefe jedoch besonders verzweifelt klangen). Er war ein arbeitsloser High-School-Lehrer, und wenn einen das nicht in jenen Tagen für Verzweiflung qualifizierte, dann hatte das Wort keine Bedeutung. Also nein, man gab keinen Job mit regelmäßigem Lohnscheck auf, nicht, wenn man kaltes Blut hatte.

Aber mein Blut war in diesem Herbst nicht kalt. Die Temperaturen waren ungewöhnlich für die Jahreszeit, und die Infektion in mir hatte den Thermostat noch höher gestellt. Wenn man in einer solchen Situation ist, kann einem sehr leicht die Faust ausrutschen, ohne daß man es will. Und wenn einem die Faust bei einem Mann mit Beziehungen wie Percy Wetmore ausrutscht, kann man ebensogut gleich betteln gehen, denn dann ist man erledigt, und es gibt keine Rückkehr mehr in den Job. „Halten Sie durch“, sagte Moores ruhig. „Ich habe Sie zu mir gebeten, um Ihnen das zu sagen. Ich weiß aus guter Quelle — genauer gesagt, von der Person, die mich heute morgen anrief —, daß Percy ein Gesuch in Briar eingereicht hat und dem Gesuch stattgegeben wird.“

„Briar“, sagte ich. Das war Briar Ridge, eines der beiden staatlichen Krankenhäuser. „Was macht dieser Bengel? Eine Tournee bei staatlichen Einrichtungen?“

„Es ist ein Verwaltungsjob. Bessere Bezahlung und Schreibarbeiten, anstatt Krankenbetten bei dieser Hitze herumzuschleppen.“ Er grinste mich schief an. „Wissen Sie, Paul, Sie wären ihn vielleicht schon los, wenn Sie ihn nicht mit Van Hay in den Schalterraum geschickt hätten, als der Chief ging.“

Einen Moment lang kamen mir seine Worte so merkwürdig vor, daß ich keine Ahnung hatte, worauf er hinaus wollte. Vielleicht wollte ich keine Ahnung haben.

„Wohin sonst hätte ich ihn schicken können?“ fragte ich. „Menschenskind, er wußte kaum, was er in dem Block tat! Ihn zum Mitglied des aktiven Hinrichtungsteams zu machen…“ Ich sprach nicht zu Ende. Konnte es nicht. Die Möglichkeit, etwas zu vermasseln, war unendlich groß.

„Dennoch sollten Sie ihn für Delacroix einsetzen. Das heißt, wenn Sie ihn loswerden wollen.“

Ich schaute ihn an, und meine Kinnlade sackte hinab. Schließlich konnte ich sie wieder anheben, wo sie hingehörte, damit ich reden konnte. „Was sagen Sie da? Daß er eine Hinrichtung aus nächster Nähe erleben will, damit er riecht, wie die Eier des Typen braten?“

Moores zuckte die Achseln. Seine Augen, deren Ausdruck so weich gewesen war, als er über seine Frau gesprochen hatte, blickten jetzt hart. „Delacroix’ Eier werden braten, ob Wetmore beim Team ist oder nicht“, sagte er. „Richtig?“

„Ja, aber er könnte die Hinrichtung vermasseln. Hal, er wird sie ganz sicher vermasseln. Und vor dreißig Zeugen oder so — Reporter, die den weiten Weg von Louisiana gemacht haben.“

„Sie und Brutus Howell werden dafür sorgen, daß er das nicht tut“, sagte Moores. „Und wenn er es trotzdem tut, kommt es in seine Personalakte und wird immer noch darin stehen, wenn seine politischen Verbindungen zum Teufel sind. Verstehen Sie?“

Ich verstand. Es bereitete mir Übelkeit und Schrecken, aber ich verstand.

„Er will vielleicht bleiben, um Coffeys Hinrichtung zu erleben, aber wenn wir Glück haben, bekommt er alles, was er braucht, von Delacroix’ Hinrichtung. Sorgen Sie nur dafür, daß er für diese eine Hinrichtung eingesetzt wird.“

Ich hatte vorgehabt, Percy wieder in den Schalterraum zu schicken, dann hinab in den Tunnel als Bewacher der Bahre, mit der Delacroix zum Fleischwagen über die Straße gegenüber vom Gefängnis gebracht werden würde, aber ich warf all diese Pläne über meine Schulter ab, ohne noch einmal hinzublicken. Ich nickte. Ich hatte das Gefühl zu wissen, daß ich ein Risiko einging, aber es machte mir nichts aus. Wenn ich dadurch Percy Wetmore loswerden würde, dann würde ich dem Teufel in die Nase zwicken. Er konnte an dieser Hinrichtung teilnehmen, Van Hay anweisen, den Hebel zu betätigen, und dann durch das Schaltergitter schauen; er konnte beobachten, wie der kleine Franzose auf dem Blitz ritt, den er, Percy Wetmore, aus der Flasche gelassen hatte. Sollte er seinen ekelhaften kleinen Kitzel haben, wenn ein vom Staat sanktionierter Mord das für ihn war. Sollte er dann nach Briar Ridge gehen, wo er ein eigenes Büro mit Ventilator haben würde. Und wenn sein angeheirateter Onkel bei der nächsten Wahl aus dem Amt abgewählt wurde und Percy herausfinden mußte, was Arbeit in der harten, alten sonnenverdorrten Welt bedeutete, wo nicht all die bösen Buben hinter Gittern eingesperrt waren und man manchmal selbst Schläge erhielt, war das um so besser.

„In Ordnung“, sagte ich und stand auf. „Ich werde ihn bei Delacroix’ Hinrichtung in der ersten Reihe einsetzen. Und unterdessen werde ich ihn in Frieden lassen.“

„Gut“, sagte Moores und erhob sich ebenfalls. „Wie steht es übrigens mit Ihrem Problem?“ Er wies taktvoll in Richtung meines Unterleibs.

„Ist anscheinend ein wenig besser geworden.“

„Nun, das ist prima.“ Er ging mit mir zur Tür. „Was ist übrigens mit Coffey? Wird er ein Problem sein?“

„Ich denke, nein“, sagte ich. „Bis jetzt verhielt er sich ruhig wie ein toter Hahn. Er ist seltsam — sonderbare Augen — aber ruhig. Wir beobachten ihn natürlich trotzdem. Machen Sie sich keine Sorgen.“

„Sie wissen natürlich, was er getan hat.“ ‘

„Klar.“

Er führte mich bis ins Vorzimmer, in dem die alte Miss Hannah auf ihre Underwood-Schreibmaschine einhämmerte, wie sie es scheinbar seit dem Ende der letzten Eiszeit getan hatte, wie es mir vorkam. Ich war froh, daß ich gehen durfte. Alles in allem hatte ich das Gefühl, gut davongekommen zu sein. Und es war schön zu wissen, daß es also doch eine Chance gab, Percy zu überleben.

„Schicken Sie Melinda eine ganze Kiste mit meinen besten Wünschen“, sagte ich. „Und kaufen Sie sich keine zusätzliche Kiste von Sorgen. Es stellt sich vielleicht heraus, daß es nur Migräne ist.“

„Aber sicher“ sagte er, und während seine Augen Angst widerspiegelten, lächelten seine Lippen. Die Kombination kam verdammt nahe an das Lächeln eines Ghouls heran.

Ich kehrte zu Block E zurück, zu einem neuen Arbeitstag. Es gab Papierkram zu lesen und zu schreiben, Böden mußten mit dem Mop aufgewischt werden, Mahlzeiten mußten serviert werden, ein Dienstplan für die kommende Woche mußte aufgestellt werden, und es gab hundert Einzelheiten, um die ich mich kümmern mußte. Aber hauptsächlich gab es Warten — im Gefängnis gibt es immer viel davon, so viel, daß es nie zu Ende geht. Warten darauf, daß Eduard Delacroix über die Grüne Meile ging, warten auf William Wharton mit der großen Klappe und der Billy-the-Kid-Tätowierung; und vor allem warten darauf, daß Percy Wetmore aus meinem Leben verschwinden würde.

7

Delacroix’ Maus war eines von Gottes Geheimnissen. Ich sah niemals eine Maus in Block E vor diesem Sommer und nach diesem Herbst ebenfalls keine, als Delacroix an einem heißen, gewitterschwülen Abend im Oktober aus unserer Gesellschaft ausschied — auf eine so entsetzliche Art, daß ich mich kaum überwinden kann, mir alles in Erinnerung zu rufen. Delacroix behauptete, daß er seine Maus dressiert hatte, deren Leben bei uns als Steamboat Willy begonnen hatte, aber ich denke, es war andersherum. Dean Stanton empfand es ebenso und auch Brutal. Beide waren an dem Abend dabei, als die Maus ihren ersten Auftritt hatte, und Brutal sagte: „Das Ding ist bereits halb zahm und zweimal so gescheit wie dieser Cajun, der sich für den Besitzer hält.“

Dean und ich saßen in meinem Büro und gingen die Akten vom vergangenen Jahr durch, bereiteten Nachfaßschreiben an Zeugen von fünf Hinrichtungen vor und Nachfaßschreiben zu Nachfaßschreiben bei weiteren sechs, die bis ins Jahr 1929 zurückreichten. Im Grunde wollten wir nur eines wissen: Waren sie zufrieden mit dem Service? Ich weiß, das klingt grotesk, aber es war eine wichtige Überlegung. Als Steuerzahler waren sie unsere Kunden, aber sehr besondere. Leute, die sich die Zeit nehmen und sich die Mühe machen, um Mitternacht zuzuschauen, wie ein Mensch stirbt, haben einen besonderen, dringenden Grund dabeizusein, und wenn die Hinrichtung eine angemessene Bestrafung ist, dann sollte dieses Bedürfnis befriedigt werden. Sie hatten einen Alptraum erlebt. Der Zweck der Hinrichtung ist es, ihnen zu zeigen, daß der Alptraum vorüber war. Vielleicht funktioniert das sogar so. Manchmal.

„Hey!“ rief Brutal außerhalb der Bürotür, wo er am Wachpult am Ende des Gangs saß. „Hey, ihr beiden! Kommt schnell her!“

Dean und ich tauschten einen besorgten Blick, denn wir dachten, etwas wäre dem Indianer aus Oklahoma passiert (sein Name war Arlen Bitterbuck, aber wir nannten ihn ‘Chief’ oder, in Harry Terwilligers Fall, Chief Ziegenkäse, denn so roch Bitterbuck nach Harrys Ansicht) oder dem Typen, den wir ’President‘ nannten. Doch dann begann Brutal zu lachen, und wir eilten hin, um zu sehen, was los war. Lachen in Block E klang fast so fehl am Platze wie in einer Kirche.

Old Toot-Toot, der Kalfakter, in jenen Tagen für den Essenswagen zuständig, hatte seinen Wagen mit den Leckereien vorbeigerollt, und Brutal hatte sich für eine lange Nacht eingedeckt — drei belegte Brötchen, zwei Limo und zwei Teilchen. Außerdem eine Portion Kartoffelsalat, die Toot zweifellos aus der Gefängnisküche geklaut hatte, zu der er eigentlich keinen Zugang haben durfte. Brutal hatte das Dienstbuch geöffnet vor sich liegen, und es kam einem Wunder gleich, daß er noch nichts darüber verkleckert hatte. Natürlich hatte er gerade erst mit dem Mampfen angefangen.

„Was ist los?“ fragte Dean.

„Der Staat muß den Geldsack in diesem Jahr genug geöffnet haben, um einen neuen Knastwärter einzustellen“, sagte Brutal, immer noch lachend. „Seht euch das an.“

Brutal wies hin, und wir sahen die Maus. Ich begann ebenfalls zu lachen, und Dean lachte mit. Man mußte einfach lachen, denn diese Maus sah aus wie ein Wächter, der viertelstündliche Patrouillen machte, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war: ein winziger pelziger Wärter, der sich vergewisserte, daß keiner versuchte, auszubrechen oder Selbstmord zu begehen. Er trottete ein Stück auf der Grünen Meile auf uns zu und drehte den Kopf hin und her, wie um die Zellen zu überprüfen. Dann huschte er ein paar Schrittchen weiter und peilte wieder zu den Zellen links und rechts. Daß wir unsere gegenwärtigen Insassen schnarchen hörten, trotz des Gelächters, machte es irgendwie sogar noch lustiger.

Es war eine völlig normale braune Maus, abgesehen davon, daß sie die Zellen zu überprüfen schien. Sie ging sogar in zwei der Zellen hinein, huschte gewandt zwischen den Gitterstäben hindurch, worum sie unsere Gefangenen, ehemalige und gegenwärtige, sicherlich beneidet hätten, wie ich mir vorstellen kann. Die Maus ging in keine der besetzten Zellen, nur in die leeren. Und schließlich hatte sie uns fast erreicht. Ich erwartete, daß sie kehrtmachte, aber das tat sie nicht. Sie zeigte überhaupt keine Furcht vor uns.

„Es ist nicht normal, daß sich eine Maus den Menschen so nähert“, sagte Dean Stanton ein wenig nervös. „Vielleicht hat die Maus Tollwut.“

„O mein Gott“, sagte Brutal, während er einen Happen Cornedbeef-Brötchen kaute. „Der große Mäuse-Experte. Der Mausmann. Siehst du Schaum an der Schnauze, Mausmann?“

„Ich kann die Schnauze überhaupt nicht sehen“ sagte Dean, und das brachte uns alle wieder zum Lachen. Ich konnte den Mund ebenfalls nicht sehen, aber ich sah die schwarzen kleinen Knopfaugen und konnte darin kein Anzeichen auf Wahnsinn oder Tollwut entdecken. Die Augen blickten interessiert und intelligent. Ich habe Männer in den Tod geschickt — Männer mit angeblich unsterblichen Seelen —, die mich dümmer angeschaut haben als diese Maus.

Sie huschte die Grüne Meile hinauf bis dicht vor das Pult der Wache — das Pult war nichts Besonderes, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, sondern nur so ein Pult, hinter dem Lehrer in der Grundschule sitzen. Und dort verharrte sie und schlang den Schwanz um die Pfoten, so spröde, wie eine alte Lady ihren Rock ordnet.

Mir verging plötzlich das Lachen, und ich spürte eisige Kälte bis in meine Knochen dringen. Ich möchte sagen, ich wußte nicht, warum ich dieses Gefühl hatte — keiner rückt gern mit etwas heraus, bei dem er lächerlich klingt oder aussieht —, aber natürlich wußte ich es, und wenn ich Ihnen die Wahrheit über den Rest sagen kann, werde ich Ihnen wohl auch die Wahrheit über diese Sache preisgeben können.

Einen Moment lang stellte ich mir vor, diese Maus zu sein, überhaupt kein Gefängniswärter, sondern einfach ein zum Tode verurteilter Verbrecher dort auf der Grünen Meile, verurteilt und verdammt und dennoch zu einem Pult hinauf blickend, das für sie doch Meilen hoch sein mußte (wie der Richtersitz Gottes eines Tages zweifellos auf uns wirken wird), und zu den lautstarken, blau uniformierten Giganten, die dahinter saßen. Giganten, die ihresgleichen erschossen oder mit Besen erschlugen oder mit Fallen fingen, mit Fallen, die ihnen das Rückgrat brachen, während sie vorsichtig über das Wort SIEGER krochen, um an dem Käse auf der kleinen Kupferplatte zu knabbern.

Es stand kein Besen bei dem Pult der Wache, aber ein Eimer mit Mop und dem Aufwischlappen noch darum. Ich hatte den grünen Linoleumboden und alle sechs Zellen aufgewischt, bevor ich mich mit Dean an die Kartei gesetzt hatte. Ich sah, daß Dean sich den Mop schnappen und damit zuschlagen wollte. Ich legte eine Hand auf sein Handgelenk, als seine Finger gerade den Besenstiel berührten.

„Laß das“, sagte ich.

Er zuckte mit den Schultern und zog seine Hand zurück. Ich hatte das Gefühl, daß er sie ebensowenig erschlagen wollte wie ich.

Brutal brach ein Stückchen vom Corned-beef-Brötchen ab und hielt es lockend zwischen zwei Fingern über das Pult zu der Maus hin. Die Maus schien mit noch lebhafterem Interesse hinaufzuschauen, als wüßte sie genau, was es war. Vielleicht war es so; ich sah, wie ihre Barthaare zuckten, während sie schnüffelte.

„Ah, Brutal, nein!“ rief Dean und schaute dann mich an. „Laß das nicht zu, Paul! Wenn er das verdammte Ding füttert, könnte er ebensogut einen roten Teppich für alles auf vier Beinen ausrollen.“

„Ich möchte nur sehen, was sie tun wird“, sagte Brutal. „Sozusagen im Interesse der Wissenschaft.“ Er schaute mich an — ich war der Boß, selbst bei so kleinen Abweichungen von der Routine wie dieser. Ich überlegte und zuckte die Achseln, als wäre es mir gleichgültig. In Wirklichkeit wollte ich ebenfalls sehen, was die Maus tun würde.

Nun, sie fraß es natürlich. Es war schließlich die Zeit der Wirtschaftskrise. Aber die Art und Weise, wie sie fraß, faszinierte uns alle. Sie näherte sich dem Stück Brötchen, schnüffelte auf dem Weg dorthin und setzte sich dann davor wie ein Hund, der Männchen macht, schnappte es sich und riß das Brot auseinander, um an das Fleisch zu gelangen. Sie machte es so bedächtig und wissend wie ein Mensch, der sich ein gutes Roastbeef-Abendessen in seinem Lieblingsrestaurant gönnt. Ich sah niemals ein Tier so fressen, nicht einmal einen gut dressierten Haushund. Und während die Maus fraß, ließ sie uns die ganze Zeit nicht aus den Augen.

„Entweder eine clevere Maus oder eine höllisch hungrige“, sagte jemand hinter uns. Es war Bitterbuck. Er war aufgewacht und stand jetzt an den Gitterstäben der Zelle, nackt bis auf ausgebeulte Boxershorts. Er hielt eine selbstgedrehte Zigarette zwischen dem zweiten und dritten Knöchel seiner rechten Hand, und sein eisengraues Haar lag in Zöpfen über den Schultern, die einst vermutlich muskulös gewesen waren, jetzt jedoch zu verspecken begannen.

„Kennst du irgendwelche Indianerweisheiten über Mäuse, Chief?“ fragte Brutal und beobachtete, wie die Maus fraß. „Wir sind alle ziemlich überrascht über die Art, wie sie das Stück Corned beef zwischen den Pfoten hält, es gelegentlich dreht oder darauf schaut, als wollte sie es bewundern und würdigen.“

„Nö“, sagte Bitterbuck. „Kannte mal einen Krieger, der behauptete, seine Handschuhe wären aus Mäusehaut, aber das kaufte ich ihm nicht ab.“ Dann lachte er, als wäre die ganze Sache ein Scherz, und zog sich von den Gitterstäben zurück. Wir hörten die Pritsche knarren, als er sich wieder hinlegte.

Das war anscheinend für die Maus das Signal zum Gehen. Sie fraß zu Ende, was sie zwischen den Pfoten hielt, schnüffelte an dem, was übriggeblieben war (hauptsächlich Brot mit Senf), schaute uns an, als wollte sie sich unsere Gesichter einprägen, damit sie sie wiedererkannte, wenn wir uns später begegneten. Dann machte sie kehrt und huschte auf dem Weg davon, auf dem sie gekommen war, diesmal ohne zu verharren und die Zellen zu überprüfen. Die Eile erinnerte mich an das weiße Kaninchen in den Abenteuern von Alice im Wunderland, und ich lächelte. Sie verharrte nicht bei der Tür zur Gummizelle, sondern verschwand darunter. Die Gummizelle hatte weiche Wände — für Leute, deren Gehirn ein wenig weich geworden war. Wenn wir die Zelle nicht für den eigentlichen Zweck brauchten, bewahrten wir darin Reinigungsutensilien und ein paar Bücher auf (überwiegend Western von Clarence Mulford, aber auch ein Buch — das nur bei besonderen Anlässen verliehen wurde — mit einer illustrierten Geschichte, in der Popeye, Pluto und sogar Wimpy, der Hamburger, sich abwechselnd beharkten und Olive Oyl vernaschten). Es gab auch Utensilien für künstlerische Arbeiten darin, einschließlich der Buntstifte, die Delacroix später so gut benutzte. Nicht, daß das schon jetzt unser Problem gewesen wäre; dies war früher, halten Sie sich das vor Augen. In der Gummizelle war auch die Zwangsjacke, die niemand tragen wollte — weiß, aus doppelt genähtem Segeltuch und mit den Knöpfen und Schnallen und Riemen am Rücken.

Wir alle wußten, wie wir ein Problemkind im Nu in diese Jacke stecken konnten. Sie wurden nicht oft gewalttätig, unsere verlorenen Jungs, aber wenn sie das wurden, Bruder, dann wartete man nicht darauf, bis sich die Lage von selbst besserte.

Brutal griff in die Schublade des Pults und nahm das große, in Leder gebundene Buch mit dem golden aufgestempelten Wort BESUCHER darauf. Normalerweise blieb dieses Buch von einem Monat zum nächsten in der Schublade. Wenn ein Gefangener Besuch bekam — es sei denn, es war ein Anwalt oder Geistlicher —, dann ging er hinüber zu dem Raum neben der Kantine, der diesem Zweck diente. Die Arkade nannten wir diesen Ramn, ich weiß nicht, warum.

„Was, zum Teufel, machst du da?“ fragte Dean Stanton und spähte über die Gläser seiner Brille hinweg, als Brutal das Buch aufldappte und nach Besuchern von Männern blätterte, die jetzt tot waren.

„Ich erfülle Vorschrift neunzehn“, sagte Brutal und fand die aktuelle Seite. Er nahm einen Bleistift, beleckte die Spitze — eine eklige Angewohnheit, die er einfach nicht aufgeben konnte — und schickte sich zum Schreiben an.

Vorschrift 19 besagte: ‘Jeder Besucher von Block E hat einen gelben Ausweis der Verwaltung vorzuzeigen und ist ohne Ausnahme im Besucherbuch zu vermerken.’

„Er ist übergeschnappt“, sagte Dean zu mir.

„Er zeigte uns den Ausweis nicht, aber ich werde das diesmal durchgehen lassen“, sagte Brutal. Er leckte noch einmal an der Bleistiftspitze und schrieb dann 21:49 Uhr in die Spalte BEGINN DER BESUCHSZEIT.

„Klar, warum nicht, die großen Bosse machen vielleicht bei Mäusen Ausnahmen“, sagte ich.

„Natürlich tun sie das“, stimmte Brutal zu. Er drehte den Kopf, schaute auf die Wanduhr hinter dem Pult und schrieb dann 22:01 Uhr in die Spalte ENDE DER BESUCHSZEIT. Die längere Spalte zwischen den Uhrzeiten war für NAME DES BESUCHERS bestimmt. Nach einer Weile angestrengten Nachdenkens — vermutlich, um zu überlegen, wie es geschrieben wurde, denn ich bin überzeugt, daß der Gedanke schon in seinem Kopf war — schrieb Brutus Howell sorgfältig Steamboat Willy, wie die meisten Leute in jenen Tagen Mickey Mouse nannten. Das lag an dem ersten Tonfilm-Comic, in dem sie die Augen verdrehte, mit den Hüften wackelte und an der Schnur der Pfeife im Ruderhaus des Dampfschiffs zog. „So“, sagte Brutal, klappte das Buch zu und legte es in die Schublade zurück. „Alles ordnungsgemäß erledigt.“

Ich lachte, aber Dean, der sogar ernst blieb, wenn er einen Scherz erkannte, runzelte die Stirn und polierte heftig seine Brillengläser.

„Du wirst Arger bekomen, wenn jemand das sieht.“ Dean zögerte und fügte hinzu: „Der falsche Jemand.“ Er zögerte wieder, schaute sich kurzsichtig um, als erwarte er fast, daß den Wänden Ohren gewachsen waren, bevor er zu Ende sprach: „Jemand wie das Arschloch Percy Wetmore.“

„Hm“, sagte Brutal. „Der Tag, an dem Percy Wetmore hier an diesem Pult sitzt, wird der Tag meiner Kündigung sein.“

„Du wirst nicht zu kündigen brauchen“ sagte Dean. „Sie werden dich feuern, weil du Blödsinn ins Besucherbuch geschrieben hast — wenn Percy das Richtige in die richtigen Ohren flüstert. Du weißt, daß er das kann.“

Brutal blickte finster drein, sagte jedoch nichts. Ich nahm an, daß er später ausradieren würde, was er geschrieben hatte. Und wenn nicht, dann würde ich es tun.

Am nächsten Abend, nachdem wir Bitterbuck und dann President hinüber zu Block D zum Duschen gebracht hatten — die Häftlinge dort waren zuvor eingeschlossen worden —, fragte mich Brutal, ob wir nicht mal nach Mickey Mouse dort in der Gummizelle schauen sollten.

„Ich nehme an, das sollten wir tun“ erwiderte ich. Wir hatten am vergangenen Abend viel über diese Maus gelacht, aber ich wußte, wenn Brutal und ich sie dort in der Gummizelle fanden — besonders wenn sie eine der gepolsterten Wände angeknabbert hatte —, würden wir sie totschlagen. Es war besser, den Kundschafter zu töten, ganz gleich, wie amüsant er sein mochte, als mit all den vielen Pilgern leben zu müssen, die ihm folgten. Und, ich sollte es Ihnen nicht sagen, aber keiner von uns war sehr zimperlich bei einem kleinen Mäuse-Mord. Schließlich wurden wir vom Staat dafür bezahlt, Ratten zu töten.

Aber wir fanden Steamboat Willy alias Mickey Mouse, später bekannt als Mr. Jingles, nicht in dieser Nacht, weder in den weichen Wänden rüstend noch hinter irgendwelchem Gerümpel, das wir in den Gang hinaus schleppten. Es war eine Menge Gerümpel, mehr, als ich erwartet hatte, denn wir hatten die Gummizelle lange nicht benutzt. Das würde sich mit der Ankunft von William Wharton ändern, aber das wußten wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Glück für uns.

„Wo ist sie geblieben?“ fragte Brutal schließlich und wischte sich mit einem blauen Halstuch den Schweiß vom Nacken. „Kein Loch, keine Spalte, natürlich das da, aber…“ Er wies auf den Wasserabfluß im Boden. Unterhalb des Gitters, durch das die Maus nicht hindurch konnte, war ein Drahtnetz, durch das nicht einmal eine Fliege hätte schlüpfen können. „Wie ist die Maus reingekommen? Wie ist sie rausgekommen?“

„Keine Ahnung“ sagte ich.

„Steamboat Willy ist hiergewesen, nicht wahr? Ich meine, wir drei haben sie gesehen.“

„Ja, sie verschwand unter der Tür. Sie mußte sich hineinzwängen, aber sie schaffte es.“

„Menschenskind“, sagte Brutal. „Es ist gut, daß die Sträflinge sich nicht so klein machen können, nicht wahr?“

„Da hast du recht“, sagte ich und ließ meinen Blick ein letztes Mal auf der Suche nach einem Loch, einer Spalte oder sonstwas über die gepolsterten Wände schweifen. „Komm, laß uns gehen.“

Steamboat Willy tauchte drei Nächte später wieder auf, als Harry Terwilliger am Pult Wachdienst hatte. Percy war ebenfalls da, und er jagte die Maus über die Grüne Meile zurück mit dem gleichen Besen, den Dean ebenfalls hatte benutzen wollen. Die Maus entkam Percy mit Leichtigkeit. Sie schlüpfte durch den Spalt unter der Tür der Gummizelle und hängte Percy und seinen Besen um eine Handbreite ab.

Percy fluchte lauthals, schloß die Tür auf und gab all diesen Scheiß von neuem von sich. Es war lustig und unheimlich zugleich, sagte Harry. Percy schwor, daß er die gottverdamrnte Maus schnappen und ihr den kleinen Kopf abreißen würde, aber das gelang ihm natürlich nicht. Verschwitzt und zerzaust kehrte er eine halbe Stunde später zurück, wischte sich Haarsträhnen aus der Stirn, stopfte den Saum seines Hemds hinten in die Uniformhose und erklärte Harry (der bei dem Radau ruhig hinter dem Pult sitzengeblieben war und gelesen hatte), daß er einen Streifen Isolierband zwischen Tür und Boden kleben werde; das würde das Schädlings-Problem lösen.

„Was immer Sie für das Beste halten, Percy“, sagte Harry und blätterte eine Seite der Pferdeschmonzette um, die er las. Er sagte sich, Percy würde vergessen, den Spalt unter der Tür mit Isolierband zu blockieren, und damit hatte er recht.

8

Spät in diesem Winter, lange nachdem diese Ereignisse vorüber waren, kam Brutal eines Nachts zu mir, als nur wir beide Dienst hatten, Block E vorübergehend leer war und all die anderen Wärter vorübergehend versetzt worden waren. Percy war nach Briar Ridge gegangen.

„Komm her“, sagte Brutal mit sonderbar gepreßter Stimme, woraufhin ich ihn scharf ansah. Ich war soeben aus einer kalten Nacht mit Graupelschauern gekommen und wischte die Schultern meines Mantels ab, bevor ich ihn aufhängte.

„Ist was nicht in Ordnung?“ fragte ich.

„Nein“ sagte er, „aber ich habe herausgefunden, wo Mr. Jingles rein und raus kam. Als er das erstemal kam, meine ich, bevor Delacroix ihn übernahm. Willst du es sehen?“

Natürlich wollte ich das. Ich folgte ihm über die Grüne Meile zur Gummizelle. Alles Zeug, das wir dort aufbewahrt hatten, war jetzt draußen auf dem Gang. Brutal hatte offenbar die Flaute im Verkehr mit Kunden genutzt, um etwas aufzuräumen. Die Tür stand offen, und ich sah darin unseren Eimer mit dem Schrubber. Der Boden, mit dem gleichen limonengrünen Ton wie die Grüne Meile selbst, trocknete nach dem Aufwischen. In der Mitte der Zelle stand eine Trittleiter, die sonst im Lagerraum aufbewahrt wurde, der zugleich zufällig als letzter Stop der vom Staat zum Tode Verurteilten diente. Ein Sims ragte hinter der Leiter nahe bei der Decke hervor, die Art, auf der ein Handwerker sein Werkzeug oder ein Maler den Eimer mit Farbe abstellt. Darauf lag eine Taschenlampe. Brutal reichte sie mir.

„Steig dort rauf. Du bist kürzer als ich, so kommst du vielleicht nicht ganz heran, aber ich werde deine Beine halten.“

„Ich bin da unten kitzlig“, sagte ich und stieg die Leiter hinauf. „Besonders an den Knien.“

„Ich werde daran denken.“

„Gut“, sagte ich, „denn eine gebrochene Hüfte ist ein zu hoher Preis, um festzustellen, woher eine einzelne Maus kommt.“

„Wie?“

„Schon gut“ Mein Kopf reichte fast bis an die mit einem Gehäuse umgebene Birne in der Mitte der Decke, und ich spürte, daß die Leiter ein wenig unter meinem Gewicht wackelte. Ich konnte den Winterwind draußen heulen hören. „Halt mich nur ja fest.“

„Ich habe dich, keine Sorge.“ Er hielt meine Knöchel mit festem Griff, und ich stieg noch eine Stufe höher. Jetzt war mein Kopf nicht mehr weit von der Decke entfernt, und ich konnte die Spinnweben in dem Winkel sehen, wo die Dachbalken zusammenstießen. Ich leuchtete mit der Taschenlampe, konnte jedoch nichts entdecken, was das Risiko rechtfertigte, hier oben zu sein.

„Nein“, sagte Brutal. „Du schaust zu weit weg, Boß. Sieh nach links, wo diese Balken zusammenkommen. Siehst du sie? Von einem ist ein bißchen Farbe abgeblättert.“

„Ich sehe es.“

„Leuchte auf die Verbindungsstelle.“

Ich tat es und sah fast sofort, was er mir zeigen wollte. Die Balken waren mit Holzdübeln zusammengefügt, mit einem halben Dutzend, und ein Dübel fehlte. Dort war jetzt ein schwarzes, rundes Loch von der Größe eines Fünfundzwanzig-Cent-Stücks. Ich schaute darauf und blickte dann zweifelnd über die Schulter zu Brutal. „Es war eine kleine Maus“, sagte ich. „Aber eine so kleine? Mann, das bezweifle ich.“

„Aber dorthin ist sie gegangen“, sagte Brutal. „Davon bin ich felsenfest überzeugt.“

„Ich begreife nicht, wie du das glauben kannst.“

„Neig dich näher hin — keine Angst, ich halte dich — und blase in das Loch.“

Ich tat, was er verlangte, hielt mich mit der linken Hand an einem der anderen Dachbalken fest und fühlte mich ein bißchen besser, als ich Halt hatte. Der Wind draußen heulte wieder; Luft drang durch dieses Loch und blies in mein Gesicht. Ich konnte den scharfen Atem einer Winternacht im südlichen Grenzland riechen und etwas anderes ebenso.

Der Geruch von Pfefferminz.

Laßt nicht zu, daß Mr. Jingles etwas passiert, glaubte ich Delacroix mit bebender Stimme sagen zu hören. Ja, ich konnte das hören, und ich konnte die Wärme von Mr. Jingles spüren, als der Franzose ihn mir übergab, nur eine Maus, kleiner als die meisten der Gattung zweifellos, aber eine Maus. Laß nicht zu, daß dieser böse Indianer meiner Maus etwas antut, hatte er gesagt, und ich hatte es versprochen, wie ich ihnen vor dem Ende immer alles verspreche, wenn der Gang über die Grüne Meile keine vage Vorstellung oder Hypothese mehr ist, sondern wirklich angetreten werden muß. Schickst du diesen Brief an meinen Bruder, den ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe? Ich verspreche es. Betest du fünfzehn Ave Maria für meine Seele? Ich verspreche es. Laßt du mich unter meinem Spitznamen begraben und ihn auf meinen Grabstein schreiben? Ich verspreche es. Das war die Art und Weise, wie man sie gut auf den Weg brachte, wie man dafür sorgte, daß sie geistig gesund auf dem Stuhl am Ende der Grünen Meile saßen. Ich konnte natürlich nicht all diese Versprechen einhalten, aber ich hielt das Versprechen ein, das ich Delacroix gegeben hatte. Der Franzose selbst hatte bitter dafür zu büßen gehabt. Der böse Indianer hatte der Maus nichts antun dürfen, kein zweites Mal, aber er hatte seine Wut an Delacroix ausgelassen und ihn oft traktiert. Oh, ich wußte, was er verbrochen hatte, klar, aber keiner verdiente, was mit Eduard Delacroix geschah, als er in Old Sparkys grausame Umarmung fiel.

Ein Geruch von Pfefferminz.

Und noch etwas. Weiter hinten in diesem Loch.

Ich nahm mit der rechten Hand einen Federhalter aus meiner Brusttasche — mit der Linken hielt ich mich immer noch an dem Balken fest —, und ich machte mir keine Sorgen mehr, daß Brutal unabsichtlich meine empfindlichen Knie berühren und mich kitzeln konnte. Ich schraubte mit einer Hand die Kappe des Federhalters ab, stieß dann die Spitze in das Loch und pulte etwas heraus. Es war ein winziger Holzsplitter, der leuchtend gelb gefärbt war, und ich hörte wieder Delacroix’ Stimme, so deutlich diesmal, daß sein Geist in dieser Zelle bei uns hätte sein können — in der Zelle, in der William Wharton so viel seiner Zeit verbringen sollte.

Hey, ihr Jungs! sagte die Stimme diesmal — die lachende, erstaunte Stimme eines Mannes, der vergessen hat, wenigstens für eine kleine Weile, wo er ist und was ihn erwartet. Kommt und seht euch an, was Mr. Jingles kann! Und dann zeigte er uns Kunststücke, die Mr. Jingles auf der Holzrolle machte.

„Allmächtiger“ flüsterte ich, und mir stockte der Atem.

„Du hast noch einen Splitter gefunden, nicht wahr?“ fragte Brutal. „Ich habe drei oder vier gefunden.“

Ich stieg hinab und leuchtete mit der Taschenlampe auf Brutals große Handfläche, die er mir hinstreckte. Darauf lagen einige Holzsplitter wie Mikadostäbchen für Kobolde. Zwei waren gelb wie der Splitter, den ich gefunden hatte. Einer war grün, einer rot. Sie waren nicht mit Farbe, sondern mit Wachsbuntstiften gefärbt.

„O Mann“, sagte ich mit leiser, bebender Stimme. „Es sind Stücke von dieser Holzrolle, nicht wahr? Aber warum? Warum hier oben?“

„Als Kind war ich nicht so groß wie jetzt“, sagte Brutal. „Ich wuchs am meisten zwischen fünfzehn und siebzehn. Bis dahin war ich ein Knirps. Und als ich zum erstenmal zur Schule ging, fühlte ich mich so klein wie … nun, so klein wie eine Maus, würdest du vermutlich sagen. Ich hatte schreckliche Angst. Weißt du, was ich tat?“

Ich schüttelte den Kopf. Draußen raunte der Wind. In den Winkeln der Dachbalken erzitterten die Spinnweben wie unter einer Bö. Ich war nie an einem so unheimlichen Platz gewesen, und dort, als wir auf die Splitter der Rolle schauten, auf der die Maus Kunststückchen gezeigt hatte, begriff mein Verstand, was mein Herz verstanden hatte, seit John Coffey über die Grüne Meile gegangen war: Ich konnte diesen Job nicht länger ertragen. Wirtschaftskrise hin, Wirtschaftskrise her. Ich konnte nicht noch mehr Männer durch mein Büro und in den Tod gehen sehen. Auch nur einer mehr würde einer zuviel sein.

„Ich bat meine Mutter um eines ihrer Taschentücher“ sagte Brutal. „Wenn mir zum Heulen zumute war und ich mich klein fühlte, dann konnte ich daran schnüffeln und ihr Parfüm riechen, und ich fühlte mich nicht mehr so schlecht.“

„Du denkst — was? Daß die Maus etwas von dieser farbigen Rolle abgebissen hat, als Erinnerung an Delacroix? Daß eine Maus…“

Ich blickte auf. Für einen Moment glaubte ich, Tränen in seinen Augen zu sehen, aber ich nehme an, ich irrte mich. „Ich will nichts sagen, Paul. Aber ich fand sie hier oben, und ich roch Pfefferminz genau wie du — du weißt, daß du es gerochen hast. Und ich kann dies nicht länger tun. Ich werde es nicht länger tun. Wenn ich noch einen Mann auf diesen Stuhl bringe, wird es mich umbringen. Ich werde am Montag ein Versetzungsgesuch zum Jugendgefängnis einreichen. Wenn ich vor der nächsten Hinrichtung versetzt werde, ist das prima. Wenn nicht, werde ich auf den Job pfeifen und wieder als Farmer arbeiten.“

„Was hat es denn jemals auf deiner Farm gegeben außer Steinen?“

„Das macht nichts.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Ich denke, ich werde mich dir anschließen.“

Er schaute mich genau an, vergewisserte sich, daß ich mich nicht über ihn lustig machte, und dann nickte er, als sei es eine abgemachte Sache.

Der Wind heulte wieder, diesmal so stark, daß die Dachbalken ächzten, und wir schauten beide mit einem unbehaglichen Gefühl zu den gepolsterten Wänden. Ich glaube, für einen Moment konnten wir William Wharton hören — nicht Billy the Kid, der nicht, er war für uns seit seinem ersten Tag im Block ‘Wild Bill’ —, wie er schrie und lachte und uns sagte, wir würden verdammt froh sein, ihn loszuwerden, wir würden ihn niemals vergessen. In diesen Dingen hatte er recht.

Was Brutal und ich in dieser Nacht in der Gummizelle abgemacht hatten, kam genau so. Es war fast, als hätten wir einen feierlichen Eid auf diese winzigen Stücke von gefärbtem Holz geleistet. Keiner von uns beiden nahm jemals an einer anderen Hinrichtung teil. John Coffeys Exekution war die letzte.

Teil III

Die Maus im Todesblock

1

Das Pflegeheim, in dem ich die letzten T-Striche und I-Punkte setze, heißt Georgia Pines. Es ist ungefähr sechzig Meilen von Atlanta und so an die hundert Lichtjahre vom Leben der meisten Menschen entfernt — sagen wir mal, der meisten Menschen unter achtzig. Sie, die das hier lesen, sollten aufpassen, daß Sie später nicht an einem solchen Ort landen. Es ist kein grausamer Ort, jedenfalls meistens nicht. Es gibt Kabelfernsehen, das Essen ist gut (obwohl man verdammt wenig kauen kann), aber auf seine Weise ist er ein Pulverfaß, wie es der Block E im Staatsknast Cold Mountain war.

Es gibt dort sogar einen Typen, der mich ein wenig an Percy Wetmore erinnert, der den Job in der Green Mile bekam, weil er mit dem Gouverneur verwandt war. Ich bezweifle, daß dieser Knabe hier mit jemand Wichtigem verwandt ist, obwohl er sich so aufführt. Brad Dolan heißt er. Er kämmt sich ständig das Haar, wie Percy es tat, und er hat immer etwas zu lesen in seiner Gesäßtasche. Während es bei Percy Magazine wie Argosy und Men’s Adventure waren, hat Brad diese kleinen Taschenbücher mit den bezeichnenden Titeln wie Derbe Witze oder Schwarzer Humor. Er fragt ständig die Leute, warum Franzosen bei Rot über die Kreuzung gehen oder wie viele Polacken man braucht, um eine Glühbirne einzuschrauben, oder wie viele Sargträger es bei einer Beerdigung in Harlem gibt. Wie Percy ist Brad ein Blödmann, der nur etwas lustig findet, wenn es boshaft ist. Etwas, das Brad neulich sagte, kam mir wirklich gescheit vor, aber ich rechne ihm das nicht als Verdienst an; selbst eine stehengebliebene Uhr geht zweimal am Tag richtig, wie das Sprichwort sagt. „Du hast einfach Glück, daß du nicht diese Alzheimer Krankheit hast, Paulie“, sagte er. Ich hasse es, wenn er mich Paulie nennt, aber das läßt er einfach nicht sein. Ich habe es aufgegeben, mir das zu verbitten. Es gibt noch andere Redensarten — keine Sprichwörter —, die auf Brad Dolan passen: ‘Man kann ein Pferd zum Wasser führen, es jedoch nicht zum Saufen zwingen’ ist eine dieser Redensarten. ‘Man kann ihn herausputzen, aber nicht mit ihm ausgehen’ ist eine andere. Ja, Brad ist ein Schwachkopf wie Percy.

Als er die Bemerkung über Alzheimer machte, wischte er den Boden im Solarium auf, wo ich mir gerade die Seiten ansah, die ich schon geschrieben hatte. Es waren sehr viele, und ich denke, es werden jede Menge mehr, bis ich fertig bin.

„Alzheimer, weißt du wirklich, was das ist?“ fragte er.

„Nein“, erwiderte ich, „aber du wirst es mir bestimmt sagen, Brad.“

„Das ist AlDS für alte Leute“, scherzte er, und dann brach er in Gelächter aus. Haha-haha-haha- haaah, wie er das immer bei seinen idiotischen Witzen macht.

Ich lachte nicht, denn seine Worte hatten irgendwo einen Nerv bei mir getroffen. Nicht, daß ich Alzheimer habe, obwohl ich hier im schönen Georgia Pines viel davon sehe. Ich leide nur an den typischen Gedächtnisschwächen eines alten Knackers. Diese Probleme haben mehr mit wann als mit was zu tun. Beim Durchblättern dessen, was ich bis jetzt geschrieben habe, gewinne ich den Eindruck, daß ich mich an alles erinnere, was 1932 geschah; nur die Reihenfolge bringe ich manchmal durcheinander. Aber wenn ich aufpasse, kann ich wohl selbst das auf die Reihe bringen.

John Coffey kam zu Block E und der Green Mile im Oktober 1932, zum Tode verurteilt, weil er die neunjährigen Detterick-Zwillinge ermordet hatte. Das ist mein Orientierungspunkt, und wenn ich den im Auge behalte, sollte ich prima zurechtkommen. William ‘Wild Bill’ Wharton kam nach Coffey; Delacroix war vor ihm da. Ebenso die Maus, die von Brutus Howell — ’Brutal‘ für seine Freunde — Steamboat Willy und von Delacroix schließlich Mr. Jingles genannt wurde.

Wie auch immer Sie sie nennen, die Maus kam zuerst, sogar vor Del — es war noch Sommer, als sie auftauchte, und wir hatten zwei weitere Gefangene auf der Green Mile: den Chief, Arlen Bitterbuck, und den Präsidenten, Arthur Flanders.

Diese Maus. Diese gottverdammte Maus.

Delacroix liebte sie, aber Percy Wetmore mochte sie kein bißchen.

Percy haßte sie von Anfang an.

2

Die Maus kehrte ungefähr drei Tage später zurück, nachdem sie von Percy zum erstenmal über die Green Mile — der Korridor zum heißen Stuhl, benannt nach dem grünen Linoleumboden —- gejagt worden war. Dean Stanton und Bill Dodge unterhielten sich über Politik — was in jenen Tagen bedeutete, daß sie über Roosevelt und Hoover sprachen —— Herbert, nicht J. Edgar. Sie aßen Ritz-Kräcker aus einer Schachtel, die Dean bei dem alten Toot-Toot vor circa einer Stunde gekauft hatte. Percy stand auf der Türschwelle vom Büro und übte schnelles Zücken seines geliebten Schlagstocks, während er zuhörte. Er zog den Schlagstock aus diesem albernen handgearbeiteten Halfter, das er irgendwo aufgetrieben hatte, wirbelte ihn um die Hand (oder versuchte es, meistens wäre der Knüppel hinuntergefallen, wenn er ihn nicht mit einer Lederschlaufe am Handgelenk gesichert hätte) und schob ihn dann ins Halfter zurück. Ich hatte in dieser Nacht frei, aber Dean berichtete mir am folgenden Abend alle Einzelheiten.

Die Maus kam über die Green Mile wie zuvor. Sie hopste heran, stoppte und schien die leeren Zellen zu überprüfen. Nach einer Weile sprang sie unverzagt weiter, als hätte sie die ganze Zeit gewußt, daß es eine lange Suche werden würde, der sie aber gewachsen war.

Der Präsident war zu dieser Zeit wach und stand an der Zellentür. Dieser Typ schaffte es, sogar in seinem Knastblau piekfein auszusehen. Wir wußten allein durch sein Aussehen, daß er nicht für den elektrischen Stuhl bestimmt war, den wir Old Sparky nannten, und wir hatten recht — keine Woche nach Percys zweiter Jagd auf diese Maus wurde das Todesurteil für den Präsidenten in ‘lebenslänglich’ umgewandelt, und er gesellte sich zu den normalen Knastbrüdern.

„Hey!“ rief er. „Hier ist ’ne Maus! Was ist das eigentlich für ’ne Bruchbude?“ Er lachte dabei, aber Dean meinte, er klang auch empört, als hätte selbst eine Mordanklage nicht ganz gereicht, um die Arroganz aus seiner Seele zu vertreiben. Er war der Regionalleiter einer Immobilienfirma namens Mid-South — Realty Associates gewesen und hatte sich für clever genug gehalten, ungestraft seinen halb senilen Vater aus einem Fenster im dritten Stock zu werfen und die Lebensversicherung — die doppelte Summe für Unfalltod — zu kassieren. In diesem Punkt hatte er sich geirrt, aber vielleicht nicht sehr.

„Halt die Klappe, du Scheißer“, sagte Percy, aber das kam ziemlich automatisch. Sein Blick war auf die Maus gerichtet. Er hatte seinen Schlagstock ins Halfter zurückgeschoben und eins seiner Magazine hervorgeholt, aber jetzt warf er es auf das Pult des Wachhabenden und zog den Schlagstock wieder aus dem Leder.

Er klopfte mit dem Knüppel lässig gegen die Knöchel seiner linken Hand.

„Hurensohn“ sagte Bill Dodge. „Ich habe hier noch nie ’ne Maus gesehen.“

„Ah, die ist richtig nett“, gab Dean zurück. „Und hat überhaupt keine Angst.“

„Woher weißt du das?“

„Der Mausebengel war schon ein paarmal in der Nacht hier. Percy hat ihn ebenfalls gesehen. Brutal nennt ihn Steamboat Willy.“

Percy schnaubte bei diesen Worten, aber im Augenblick hielt er die Klappe. Er klopfte jetzt schneller mit dem Schlagstock auf seinen linken Handrücken.

„Sieh dir die Maus genau an“, sagte Dean. „Sie ist schon mal bis zum Pult gekommen. Ich will sehen, ob sie es wieder macht.“

Das tat sie, wobei sie einen weiten Bogen um den Präsidenten machte, als passe ihr der Geruch des Vatermörders nicht. Die Maus überprüfte zwei der leeren Zellen, lief in einer sogar auf die kahle Pritsche ohne Matratze und schnüffelte, bevor sie zur Green Mile zurückkehrte. Und Percy stand die ganze Zeit da, klopfte und klopfte, sagte zur Abwechslung mal nichts, wollte, daß die Maus ihre Rückkehr bereute. Wollte ihr eine Lektion erteilen.

„Gut, daß ihr Jungs sie nicht auf Old Sparky grillen müßt“, meinte Bill hämisch. „Da hättet ihr höllisch zu tun, sie an die Klammern anzuschließen und ihr die Kappe aufzusetzen.“

Percy schwieg immer noch, aber er packte den Schlagstock langsam fester und hielt ihn, wie ein Zigarrenraucher eine gute Zigarre hält.

Die Maus stoppte wie zuvor dicht vor dem Wachpult, und sie schaute zu Dean auf wie ein Gefangener vor der Richterbank.

Ihr Blick schweifte kurz zu Bill hinauf, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Dean zu. Percy war anscheinend Luft für sie.

„Er ist ein tapferer kleiner Bastard, das muß man ihm lassen“, sagte Bill. Er hob die Stimme ein wenig. „Hey! Hey! Steamboat Willy!“

Die Maus zuckte leicht zusammen und spitzte die Ohren, aber sie ergriff nicht die Flucht und zeigte keinerlei Anzeichen, daß sie abhauen wollte.

„Seht euch das jetzt mal an“, sagte Dean, der sich daran erinnerte, wie Brutal die Maus mit einem Stück seines Corned-beef-Brötchens gefüttert hatte. „Ich weiß nicht, ob er es wieder tun wird, aber…“

Er brach ein Stückchen vom Ritz-Kräcker ab und warf es der Maus hin.

Sie schaute ein oder zwei Sekunden mit ihren scharfen schwarzen Augen auf den orangefarbenen Bissen, und ihre Schnurrbarthärchen zuckten, als sie daran schnüffelte Dann nahm sie das Stückchen Kräcker zwischen die Pfoten, setzte sich auf und begann daran zu knabbern.

„Mann, das kann doch nicht wahr sein!“ rief Bill. „Ißt so manierlich wie ein Pfaffe am Samstagabend im Gemeindehaus!“

„Sieht für mich eher aus wie ein Nigger, der ’ne Wassermelone frißt“, bemerkte Percy, aber keiner der Wärter beachtete ihn. Ebensowenig wie der Chief oder der Präsident, was das anbetraf.

Die Maus verspeiste das Stück Kräcker, blieb aber auf dem eingezogenen Schwanz hocken, auf dem sie zu balancieren schien, und schaute zu den Riesen in Blau hinauf.

„Laß mich mal“, sagte Bill. Er brach ein weiteres Stück Kräcker ab, neigte sich über das Wachpult und ließ das Stück vorsichtig fallen. Die Maus schnüffelte, rührte es jedoch nicht an.

„Muß satt sein“, sagte Bill. ‘

„Quatsch“, wandte Dean ein. „Sie weiß, daß du ein Springer bist, das ist alles.“

„Springer, ich? Na, das gefällt mir! Ich arbeite hier fast so oft wie Harry Terwilliger! Vielleicht sogar öfter!“

„Reg dich ab, Alter, reg dich ab“, erwiderte Dean grinsend. „Aber paß auf und guck, ob ich nicht recht habe.“ Er warf ein anderes Stück Kräcker vor das Wachpult. Und tatsächlich nahm die Maus es zwischen die Pfoten und begann wieder zu essen. Bill Dodges Spende ignorierte sie völlig. Aber bevor sie mehr als ein oder zwei kleine Appetithäppchen vertilgen konnte, warf Percy seinen Schlagstock wie einen Speer nach ihr.

Die Maus war ein kleines Ziel, und das mußte man Percy lassen, es war ein verdammt guter Wurf, der ‘Willy’ vielleicht enthauptet hätte, wenn seine Reflexe nicht so blitzschnell gewesen wären. Die Maus duckte sich — ja, genau wie ein Mensch es getan hätte — und ließ den Bissen Kräcker fallen.

Der schwere Hickory-Schlagstock sauste über ihren Kopf und die Wirbelsäule, so dicht, daß das Fell vom Luftzug aufgeplustert wurde (das sagte Dean jedenfalls, und so gebe ich es weiter, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich glaube), knallte dann auf das grüne Linoleum und prallte von dort aus gegen die Gitterstäbe einer leeren Zelle. Die Maus wartete nicht ab, um festzustellen, ob es ein Versehen gewesen war; anscheinend erinnerte sie sich an einen dringenden Termin irgendwo, machte kehrt und flitzte den Gang hinunter zu der Gummizelle.

Percy schrie frustriert auf — er wußte, wie nahe er an einem Volltreffer dran gewesen war — und raste hinter der Maus her. Bill Dodge wollte ihn am Arm festhalten, vielleicht instinktiv, aber Percy riß sich los und hetzte weiter. Trotzdem, sagte Dean, vermutlich rettete diese kurze Verzögerung Steamboat Willy das Leben, das immer noch akut gefährdet war. Percy wollte die Maus nicht nur killen, sondern zu Mus zerquetschen, und so rannte er in großen, komischen Sprüngen wie ein Hirsch hinterher und stampfte mit seinen schweren Arbeitsschuhen über den Gang.

Die Maus konnte Percys letzten beiden Sprüngen gerade noch ausweichen, indem sie im Zickzack lief. Mit einem letzten Zucken des langen pinkfarbenen Schwanzes tauchte sie unter der Tür hinweg und war — bye-bye, Fremder — verschwunden.

„Scheiße“, schrie Percy und schlug mit der flachen Hand gegen die Tür. Dann begann er seine Schlüssel zu sortieren, offenbar mit der Absicht, die Gummizelle aufzuschließen und die Jagd fortzusetzen.

Dean schritt über den Gang zu ihm, absichtlich langsam, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Ein Teil von ihm wollte Percy auslachen, berichtete er mir, aber ein anderer Teil wollte den Kerl packen, herumwirbeln, ihn gegen die Tür der Zelle nageln und die Scheiße aus ihm herausschlagen. Natürlich war das hauptsächlich auf sein Erschrecken zurückzuführen; unser Job in Block E bestand darin, Krawall auf ein Minimum zu beschränken, und Krawall war praktisch Percy Wetmores zweiter Vorname. Die Arbeit mit ihm glich in etwa dem Versuch, eine Bombe zu entschärfen, während jemand hinter einem steht und dann und wann die Teller eines Beckens gegeneinander schmettert. Mit anderen Worten — entnervend. Dean erzählte, er konnte diese Genervtheit in Arlen Bitterbucks Augen sehen — sogar in den Augen des Präsidenten, obwohl dieser Gentleman für gewöhnlich so kalt wie Eis war.

Und da war noch etwas. Im Unterbewußtsein akzeptierte Dean die Maus bereits als — nun, vielleicht nicht als Freund, aber als einen Teil des Lebens im Block. Das machte das, was Percy getan hatte und zu tun versuchte, zu etwas Unrechtem. Auch wenn es eine Maus war, der er etwas antun wollte. Und die Tatsache, daß Percy nie verstehen würde, warum sein Tun etwas Unrechtes war, zeigte beispielhaft, warum er nicht für die Arbeit taugte, die er glaubte bewältigen zu können.

Als Dean das Ende des Korridors erreichte, hatte er sich wieder unter Kontrolle und wußte, wie er die Sache schaukeln wollte.

Percy konnte es nicht ertragen, sich vor anderen lächerlich zu machen, und wir alle wußten das.

„Wieder ausgetrickst“, stellte Dean fest, grinste ein bißchen und sah Percy schadenfroh an.

Percy bedachte ihn mit einem bösen Blick und wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Paß auf, was du sagst, Brillenschlange. Ich bin gereizt. Mach es nicht noch schlimmer.“

„Du willst wieder alles umräumen, wie?“ fragte Dean, wobei er nur mit den Augen lachte. „Nun, wenn du diesmal alles aus der Zelle geräumt hast, würde es dir etwas ausmachen, den Boden aufzuwischen?“

Percy schaute auf die Tür. Schaute auf seine Schlüssel. Dachte an ein weiteres langes, heißes, fruchtloses Herumwühlen in dem Raum mit den Gummiwänden, während alle herumstanden und zuschauten …auch der Chief und der Präsident.

„Ich verstehe, verdammt noch mal, nicht, was so lustig ist“ sagte er. „Wir brauchen keine Mäuse im Block — wir haben bereits genug Ungeziefer hier, da können wir gut auf Mäuse verzichten.“

„Wie du meinst, Percy“, antwortete Dean und hob beschwichtigend die Hände. Am nächsten Abend erzählte er mir, daß er einen Moment lang befürchtet hatte, Percy würde auf ihn losgehen.

Bill Dodge schlenderte herbei und glättete die Wogen. „Den hast du fallen lassen“, sagte er und überreichte Percy den Schlagstock. „Ein kleines bißchen tiefer, und du hättest dem kleinen Bastard das Genick zerschmettert.“

Bei diesen Worten schwoll Percys Brust an. „Ja, das war kein schlechter Wurf“, meinte er und schob sorgfältig seinen Schädelbrecher in das alberne Halfter. „Ich war Werfer im High-School-Team. Durch meine guten Würfe wurden wir Baseballmeister.“

„Tatsächlich?“ fragte Bill in respektvollem Tonfall (obwohl er Dean zuzwinkerte, als sich Percy abwandte), und das reichte, um die Lage zu entschärfen.

„Ja“ sagte Percy. „Ich habe sogar mal jemanden bei den Profis in Knoxville niedergeworfen. Diese Stadtjungs wußten gar nicht, was sie getroffen hatte. Wäre ein perfektes Match gewesen, wenn der Läufer nicht so ein lahmes Arschloch gewesen wäre.“

Dean hätte es dabei belassen können, aber er hatte ein höheres Dienstalter als Percy, und eine Aufgabe, die einem Dienstälteren zusteht, ist es, den noch Unerfahrenen etwas beizubringen, und zu dieser Zeit — vor Coffey, vor Delacroix — dachte er immer noch, Percy wäre vielleicht lernfähig. So packte er Percy am Handgelenk. „Du solltest mal überlegen, was du soeben getan hast“, sagte Dean.

Er erklärte mir später, er wollte ernst, aber nicht mißbilligend klingen. Jedenfalls nicht zu mißbilligend.

Doch bei Percy klappte das nicht. Er mochte nicht lernen …, aber das lernten wir erst mit der Zeit.

„Hey, Brillenschlange, ich weiß, was ich getan habe — ich habe versucht, diese Maus zu erledigen! Bist du blind oder was?“

„Du hast aber auch Bill, mich und die anderen erschreckt“, erwiderte Dean. und wies in die Richtung von Bitterbuck und Flanders.

„Na und?“ fragte Percy und richtete sich auf. „Die sind hier nicht im Kindergarten, falls du das noch nicht bemerkt hast. Auch wenn ihr sie meistens so behandelt.“

„Nun, ich mag es nicht, so erschreckt zu werden, grummelte Bill, „und ich arbeite hier, Wetmore, falls du es noch nicht gemerkt hast. Ich bin keiner deiner beschissenen Knastbrüder.“

Percy schaute ihn aus schmalen Augen und mit einer Spur von Unsicherheit an.

„Und wir erschrecken sie nicht mehr als nötig, weil sie unter starker Anspannung stehen“, ergänzte Dean. Er sprach immer noch leise. „Leute, die unter starker Anspannung stehen, können durchdrehen. Sich selbst etwas antun. Anderen etwas antun. Manchmal können auch Leute wie wir durch sie in Schwierigkeiten geraten.“

Um Percys Mund zuckte es. ‘In Schwierigkeiten geraten’ war eine Vorstellung, die ihm nicht behagte. ‘Schwierigkeiten machen’ war in Ordnung, selbst in welche zu geraten war nicht in Ordnung.

„Unser Job ist reden, nicht brüllen“, sagte Dean.

„Wer Gefangene anbrüllt, hat die Kontrolle über sich verloren.“

Percy wußte, wer dieses ‘Gebot’ aufgestellt hatte — ich. Der Boß. Es gab keine Liebe zwischen Percy Wetmore und Paul Edgecombe, und dies war noch im Sommer, vergessen Sie das nicht — lange bevor die wirklichen Festlichkeiten begannen. „Du wirst deine Sache besser machen, wenn du dies hier als Intensivstation eines Krankenhauses betrachtest. Da fährt man am besten, wenn man ruhig bleibt …“

„Ich betrachte es als einen Eimer Pisse, in dem man Ratten ersäuft“ erwiderte Percy. „Und jetzt laß mich in Ruhe.“

Er riß sich von Deans Hand los, trat zwischen Dean und Bill und stolzierte mit gesenktem Kopf über den Gang davon. Er geriet etwas zu nahe an die Seite der Präsidentenzelle — so nahe, daß Flanders ihn hätte schnappen und ihm vielleicht den Schädel mit seinem eigenen geliebten Schlagstock hätte einschlagen können, wenn er dieser Typ gewesen wäre. Das war er natürlich nicht, aber der Chief war es vielleicht. Wenn der Chief eine Gelegenheit bekommen hätte, dann hätte er Percy vermutlich den Schädel eingeschlagen, nur um ihm eine Lektion zu erteilen.

Was Dean zu diesem Thema sagte, als er mir diese Geschichte am nächsten Abend erzählte, habe ich seither nie vergessen, denn es erwies sich als eine Art Weissagung.

„Wetmore versteht nicht, daß er keinerlei Macht über sie hat“, sagte Dean. „Daß nichts, was er tun kann, die Dinge für sie wirklich verschlechtert, weil sie nur einmal hingerichtet werden können. Solange er das nicht rafft, ist er eine Gefahr für sich selbst und für jeden anderen hier.“ Percy ging in mein Büro und knallte die Tür hinter sich zu.

„Allmächtiger“, stöhnte Bill Dodge. „Der ist wie ein geschwollenes und entzündetes Ei vom Sack.“

„Das ist noch stark untertrieben“, sagte Dean.

„Ach, sieh die Sache doch mal positiv“, sagte Bill. Er forderte die Leute stets zum positiven Denken auf; das ging einem so auf den Geist, daß man ihm jedesmal am liebsten die Nase breitgeschlagen hätte, wenn er damit anfing. „Deine Zaubermaus ist immerhin entkommen.“

„Ja, aber wir werden sie nicht mehr sehen“ sagte Dean. „Ich kann mir vorstellen, daß der verdammte Percy Wetmore sie diesmal für immer verjagt hat.“

3

Das war logisch, aber falsch. Schon am nächsten Abend kehrte die Maus zurück, genau am ersten der beiden freien Abende, die Percy zustanden, bevor er in die Nachtschicht wechselte.

Steamboat Willy tauchte gegen sieben Uhr auf. Ich war dort und sah seine Rückkehr, und Dean war ebenfalls dabei. Auch Harry Terwilliger. Harry saß am Wachpult. Ich hatte eigentlich Tagschicht, war aber länger dort geblieben, um eine zusätzliche Stunde mit Chief Bitterbuck zu verbringen, dessen Hinrichtung nahte.

Bitterbuck war äußerlich stoisch, wie es der Tradition seines Stammes entsprach, aber ich sah die Furcht vor dem Ende in ihm wie eine giftige Blume wachsen. So sprachen wir miteinander. Man konnte mit ihnen tagsüber reden, aber das war nicht so gut, weil Rufe und Unterhaltungen (ganz zu schweigen von gelegentlichem Lärm bei Schlägereien) vom Hof herüberdrangen, das Stampfen der Maschinen in der Schlosserei und hin und wieder die Schreie eines Wärters zu hören waren — nimm diese Hacke, oder leg jene Harke weg, oder beweg deinen faulen Arsch, Harvey. Nach vier Uhr am Nachmittag wurde es ein wenig besser und nach sechs Uhr noch besser. Die Zeit von sechs bis acht Uhr war optimal. Danach spürte man, daß sich die düsteren Gedanken wieder in ihre Gehirne stahlen — man sah es in ihren Augen so deutlich wie den Schatten eines Nachmittagsbarts —, und dann gab man am besten auf. Sie hörten noch, was man sagte, aber es ergab keinen Sinn mehr für sie. Nach acht Uhr dachten sie an die schlaflose Nacht und ihre Schrecken, sie stellten sich vor, wie sich die Kappe anfühlen würde, wenn sie auf ihrem Kopf befestigt wurde, und wie die Luft in der schwarzen Kapuze riechen würde, die über ihr schweißnasses Gesicht gestreift wurde. Aber ich erwischte den Chief zu einer guten Zeit. Er erzählte mir von seiner ersten Squaw und wie sie zusammen eine Hütte oben in Montana gebaut hatten. Das waren die glücklichsten Tage seines Lebens gewesen, sagte er. Das Wasser war so rein und so kalt, daß man jedesmal, wenn man davon trank, das Gefühl hatte, sich in den Mund zu schneiden.

„Hey, Mr. Edgecombe“, sagte er. „Meinen Sie, wenn ein Mann ehrlich bereut, was er falsch gemacht hat, daß er vielleicht in die Zeit zurückkehren darf, die seine glücklichste war, um dort für immer zu leben? Könnte so der Himmel sein?“

„Genau das glaube ich“, antwortete ich, was eine Lüge war, die ich nicht im geringsten bereute. Ich hatte auf dem hübschen Knie meiner Mutter viele Dinge über die Ewigkeit gelernt, und ich glaube, was die Heilige Schrift über Mörder sagt — daß es kein ewiges Leben für sie gibt. Ich denke, sie gehen schnurstracks zur Hölle, wo sie qualvoll verbrennen, bis Gott schließlich Gabriel mit einem Nicken auffordert, die Posaune des Jüngsten Gerichts zu blasen. Wenn er das tut, schließen sie die Augen …und sind vermutlich froh, daß sie es hinter sich haben. Aber ich gab nie eine Spur von diesem Glauben an Bitterbuck oder einen der anderen preis. Ich nehme an, daß sie es tief, in ihrem Herzen wußten. Wo ist dein Bruder? Sein Blut wird über dich kommen, sagte Gott zu Kain, und ich bezweifle, daß die Worte für dieses besondere Problemkind sehr überraschend waren. Ich wette, er hörte Abels Blut bei jedem seiner Schritte aus der Erde zu ihm wimmern.

Der Chief lächelte, als ich ihn verließ. Vielleicht dachte er an seine Hütte in Montana und an seine Squaw, die mit nackten Brüsten im Schein des Feuers lag. Er würde bald in ein wärmeres Feuer wandern, da gab es für mich keinen Zweifel.

Ich ging über den Gang zurück, und Dean erzählte mir von seiner Meinungsverschiedenheit mit Percy in der vergangenen Nacht. Ich glaube, Dean hatte auf mich gewartet, damit er mir davon berichten konnte, und ich hörte aufmerksam zu. Beim Thema Percy hörte ich immer aufmerksam zu, denn ich stimmte mit Dean hundertprozentig überein — ich fand, daß Percy der Typ war, der eine Menge Probleme machen konnte, sowohl uns allen als auch sich selbst.

Als Dean zu Ende erzählt hatte, kam Toot-Toot mit seinem roten Imbißwagen vorbei, den er mit handgeschriebenen Bibelzitaten beklebt hatte (‘VERGELTET ihr also Jehova, du törichtes und unweises Volk?’ Fünftes Buch Mose. ‘Und wahrlich, nach eurem BLUT, nach euren Seelen, werde ich fordem’ Erstes Buch Mose, und ähnlich heitere, aufmunternde Gedanken). Toot-Toot verkaufte uns einige belegte Brötchen und Popcorn. Während Dean nach Kleingeld in seiner Tasche suchte, sagte er, wir würden Steamboat Willy nicht mehr sehen, dieser verdammte Percy Wetmore hätte ihn für immer verjagt, da krächzte Toot-Toot: „Was ist denn das da?“

Wir schauten hin, und da kam die Maus der Stunde höchstpersönlich mitten auf der Green Mile entlang. Sie hopste ein Stück näher, verharrte, schaute sich mit den glänzenden, kleinen schwarzen Augen um und näherte sich dann wieder ein Stück „Hey, Maus!“ rief der Chief, und die Maus verharrte und schaute ihn an, wobei ihre Barthaare zuckten. Ich sage Ihnen, es war, als hätte das verdammte Ding gewußt; daß es gerufen worden war. „Bist du eine Art Geister-Führer?“ Bitterbuck warf der Maus ein Stückchen Käse von seinem Abendessen hin. Es landete direkt vor der Maus, aber Steamboat Willy würdigte es kaum eines Blickes, sondern setzte seinen Weg über die Green Mile fort und schaute in leere Zellen.

„Boß Edgecombe!“ rief der Präsident. „Meinen Sie, dieser kleine Bastard weiß, daß Wetmore nicht hier ist? Mir kommt es bei Gott so vor!“

Ich hatte das gleiche Gefühl…, aber ich wollte es nicht laut aussprechen.

Harry kam auf den Gang und zog seine Hose hoch wie immer, wenn er ein paar erfrischende Minuten auf dem Klo verbracht hatte. Er blieb stehen und starrte mit großen Augen auf die Maus. Toot-Toot starrte ebenfalls, und das schiefe Grinsen machte die untere wabbelige und zahnlose Hälfte seines Gesichts auch nicht schöner.

Die Maus verharrte an der Stelle, die zu ihrem üblichen Rastplatz geworden war, schlang den Schwanz um die Pfoten und schaute uns an. Abermals wurde ich an den Anblick von Richtern erinnert, die hilflose Gefangene verurteilen …, doch hatte es jemals einen so kleinen und furchtlosen Gefangenen gegeben? Sie war natürlich kein wirklicher Gefangener; sie konnte kommen und gehen, wie es ihr beliebte. Doch der Gedanke ließ mich nicht los, und es kam mir wieder in den Sinn, daß die meisten von uns sich so klein fühlen würden, wenn wir uns nach dem Tod Gottes Richtertisch nähern. Aber nur wenige von uns werden es schaffen, so furchtlos zu blicken.

„Allmächtiger!“ rief der alte Toot-Toot. „Da sitzt sie, groß wie Billy, der gebraten wird.“

„Du hast das Beste ja noch nicht gesehen, Toot“, sagte Harry. „Schau dir das an.“ Er griff in die Brusttasche und holte ein Stück getrockneten Apfel heraus, das in Wachspapier gewickelt war. Er brach ein Stück des nach Zimt duftenden Dörrobstes ab und warf es auf den Boden. Das Stück war trocken und hart, und ich dachte, es würde an der Maus vorbeihüpfen, doch sie streckte eine Pfote aus, so lässig, wie man nach einer Fliege ausholt, um die Zeit totzuschlagen, und schnappte es mühelos. Wir alle lachten bewundernd und überrascht. Bei diesem lautstarken Ausbruch hätte die Maus erschrocken davonhuschen sollen, doch sie zuckte kaum. Sie nahm das Apfelstückchen zwischen die Pfoten, leckte ein paarmal daran, ließ es dann fallen und schaute zu uns auf, wie um zu sagen: Nicht schlecht, aber was habt ihr sonst noch? Toot-Toot öffnete seinen Karren, nahm ein Sandwich heraus, wickelte das Papier ab und zwackte ein Stück Mortadella ab.

„Gib dir keine Mühe“, sagte Dean.

„Was soll das heißen?“ fragte Toot-Toot. „Es gibt keine Maus auf der Welt, die Mortadella verschmäht, wenn sie drankommen kann. Hast du denn keine Ahnung von Mäusen?“

Aber ich wußte, daß Dean recht hatte, und ich sah Harry am Gesicht an, daß er es auch wußte. Es gab Springer, und es gab Stammpersonal. Irgendwie kannte die Maus den Unterschied. Irre, aber wahr. Der alte Toot-Toot warf das Stück Mortadella hin, und wirklich, die Maus wollte nichts damit zu tun haben. Sie schnüffelte nur einmal daran und wich dann etwas zurück „Nicht zu glauben!“ sagte Toot-Toot, und es klang beleidigt.

Ich streckte ihm die Hand hin. „Gib es mir.“

„Was — dasselbe Sandwich?“

„Dasselbe. Ich bezahle dafür.“

Toot-Toot gab es mir. Ich hob die obere Scheibe Weißbrot hoch, riß ein anderes Stückchen Mortadella ab und warf es über das Wachpult hinweg zu der Maus. Die Maus nahm es sofort zwischen die Pfoten und begann zu mampfen. Die Mortadella war im Nu verzehrt. „Das kann doch nicht wahr sein!“ rief TootToot. „Teufel, Teufel! Gib mir das!“

Er nahm mir das Sandwich aus der Hand, riß ein viel größeres Stück Mortadella ab — kein Fitzelchen, sondern diesmal fast die halbe Scheibe — und warf es so nahe zu der Maus, daß Steamboat Willy es fast als Hut getragen hätte. Die Maus zog sich wieder zurück, schnüffelte (keine Maus hatte jemals solch ein üppiges Mahl während der Wirtschaftskrise bekommen — jedenfalls nicht in unserem Staat) und blickte dann zu uns auf.

„Los, friß das!“ befahl Toot-Toot, und er klang beleidigter denn je. „Was ist mit dir los?“

Dean nahm das Sandwich und warf ein Stückchen Mortadella zu der Maus hin — inzwischen erinnerte das an die merkwürdige Prozedur bei einer Kommunion. Die Maus nahm das Stück Mortadella sofort und schlang es hinunter. Dann drehte sie sich um und marschierte den Gang hinunter zur Gummizelle, wobei sie unterwegs anhielt, um in zwei leere Zellen zu spähen und in einer dritten einen kurzen Inspektionsbesuch zu machen. Mir kam wieder in den Sinn, daß sie jemanden suchte, und diesmal verdrängte ich den Gedanken nicht so schnell.

„Das werde ich keinem erzählen“, beschloß Harry. Er klang halb scherzend, halb ernst. „Erstens würde das niemanden interessieren. Und zweitens würde es niemand glauben.“

„Sie hat nur von euch etwas angenommen!“ sagte Toot-Toot und schüttelte ungläubig den Kopf, bückte sich mit seinen alten Knochen, hob auf, was die Maus verschmäht hatte, und schob es in seinen zahnlosen Mund, um es hinunterzuschlingen. „Warum hat sie das getan?“

„Ich habe eine bessere Frage“, sagte Harry. „Woher wußte sie, daß Percy frei hat?“

„Das wußte sie nicht“, sagte ich. „Es war einfach Zufall, daß die Maus heute abend aufgetaucht ist.“

Es wurde im Laufe der Zeit immer schwieriger, das zu glauben, denn die Maus ließ sich nur blicken, wenn Percy nicht da war, wenn er frei hatte, zu einer anderen Schicht eingeteilt war oder sich in einem anderen Teil des Gefängnisses aufhielt. Wir — Harry, Dean, Brutal und ich — sagten uns, daß sie Percys Stimme oder seinen Geruch kennen mußte. Wir vermieden zuviel Gerede über die Maus — über ihn. Wir waren offensichtlich ohne ein Wort der Absprache übereingekommen, daß es etwas Besonderes verderben würde …und etwas Schönes wegen seiner Fremdheit und Zartheit. Willy hatte uns schließlich in einer Art ausgewählt, die ich selbst jetzt noch nicht verstehe. Vielleicht lag Harry richtig mit seinen Worten, es wäre nicht gut, anderen Leuten davon zu erzählen, nicht nur, weil sie es nicht glauben würden, sondern auch, weil es ihnen gleichgültig wäre.

4

Dann nahte die Hinrichtung von Arlen Bitterbuck, der in Wahrheit kein richtiger Häuptling, sondern Ältester seines Stammes im Washita Reservat und außerdem ein Mitglied des Cherokee Council war. Er hatte sturzbetrunken einen Mann getötet — genauer gesagt, waren sie beide betrunken gewesen. Der Chief hatte dem Mann mit einem Zementblock den Schädel eingeschlagen. Es war um ein Paar Stiefel gegangen. Daher wollten am siebzehnten Juli in jenem verregneten Sommer meine Stammesältesten sein Leben beenden.

Die Besuchszeit für die meisten Gefangenen in Cold Mountain war so starr wie Stahlträger, aber das galt nicht für unsere Jungs in Block E. So durfte Bitterbuck am sechzehnten in den langen Ramn gehen, der an die Cafeteria grenzte — die Arkade. Sie war genau in der Mitte mit Maschendraht und darin eingeflochtenen Streifen von Stacheldraht geteilt. Hier würde der Chief von seiner zweiten Squaw und denjenigen seiner Kinder besucht werden, die noch etwas von ihm wissen wollten. Es war an der Zeit, Abschied zu nehmen.

Er wurde von Bill Dodge und zwei anderen Springern dorthin gebracht. Wir übrigen hatten Arbeit vor uns — eine Stunde mit mindestens zwei Proben. Drei, wem wir es schaffen konnten.

Percy protestierte nicht, als er für die Bitterbuck-Hinrichtung zu Jack Van Hay in den Schaltraum gesteckt wurde; er war zu unerfahren, um zu wissen, ob man ihm eine gute oder schlechte Stelle zugewiesen hatte. Er wußte nur, daß er durch ein rechteckiges Fenster mit Drahtgeflecht schauen konnte, und obwohl es ihm sicher nichts ausmachte, auf die Rückseite des Stuhls statt auf die Vorderseite zu blicken, würde er nahe genug sein, um die Funken fliegen zu sehen.

Gleich außerhalb dieses Fensters hing ein schwarzes Wandtelefon ohne Kurbel oder Wählscheibe. Dieses Telefon konnte nur angewählt werden, und zwar ausschließlich von einem Ort aus: dem Büro des Gouverneurs. Ich habe im Laufe der Jahre viele Knastfilme gesehen, in denen das amtliche Telefon klingelt, wenn man gerade den Hebel betätigen will, um irgendeinen armen unschuldigen Trottel zu rösten, aber unseres hat nie geklingelt während all meiner Jahre in Block E, kein einziges Mal. In den Filmen ist die Rettung billig. Ebenso die Unschuld. Man zahlt einen Vierteldollar, und dafür bekommt man sie. Wahres Leben kostet mehr, und meistens fallen die Antworten anders aus.

Wir hatten eine Schneiderpuppe unten im Tunnel für den Transport zu dem Fleischwagen, und wir hatten den alten Toot-Toot für die übrige Probe. Im Laufe der Jahre war Toot-Toot das traditionelle Double für den Todeskandidaten geworden, auf seine Weise altehrwürdig wie der Puter, zu dem man sich Weihnachten an den Tisch setzt, ob man nun Puter mag oder nicht. Die meisten anderen Wärter mochten Toot-Toot, amüsierten sich über seinen lustigen Akzent — ein bißchen französisch, aber mehr kanadisch als cajun, weich geworden durch die Jahre der Einkerkerung im Süden. Sogar Brutal hatte mächtig Spaß an Old Toot. Ich jedoch nicht. Ich fand, daß er auf seine Weise eine ältere und blassere Version von Percy Wetmore war, ein Mann, der zu zimperlich war, um sein Fleisch selbst zu töten und zu braten, der aber den Geruch eines Barbecues einfach liebte.

Wir waren für die Übung alle anwesend, wie wir es bei dem richtigen Ereignis sein würden. Brutus Howell war für den ‘Innendienst’ zuständig, wie wir es nannten. Er würde dem Todeskandiaten die Kappe aufsetzen, die Telefonleitung des Gouverneurs überwachen, von seinem Platz an der Wand aus den Arzt rufen, wenn er gebraucht werden sollte, und den Befehl zu Stufe zwei geben, wenn es soweit war. Wenn alles gut verlief, würde sich keiner von uns Lorbeeren verdienen. Wenn es nicht gutging, würde Brutal von den Zeugen und ich vom Direktor zur Schnecke gemacht werden. Keiner von uns beklagte sich darüber; es hätte nichts genutzt. Die Welt dreht sich, das ist alles. Man kann sich ergeben mit ihr drehen oder aufstehen, um zu protestieren und sich von ihr fortwirbeln lassen.

Dean, Harry Terwilliger und ich gingen für die erste Übung in die Zelle von Chief Bitterbuck, kurz nachdem Bill und seine Helfer Bitterbuck aus dem Block und hinüber zur Arkade geführt hatten. Die Zellentür stand offen, und der alte Toot-Toot mit seinem weißen zerzausten Haar setzte sich auf die Pritsche von Chief Bitterbuck.

„Das Laken ist voller Flecken“, bemerkte Toot-Toot. „Er muß versucht haben, es loszuwerden, bevor ihr Jungs ihm die Eier bratet.“ Und er kicherte.

„Halt die Klappe, Toot“, sagte Dean. „Laß uns das ernsthaft durchspielen.“

„Okay.“ Toot-Toot setzte sofort eine todernste Miene auf. Aber seine Augen funkelten. Nie sah Old Toot-Toot lebendiger aus, als wenn er den Todgeweihten mimte.

Ich trat vor. „Arlen Bitterbuck, als Beamter des Gerichts und des Staates …blablabla …habe ich den Vollstreckungsbefehl von blablabla …zur Hinrichtung um zwölf Uhr am …blablabla. Treten Sie bitte vor.“

Toot stand von der Pritsche auf. „Ich trete vor, trete vor, trete vor“ sagte er.

„Drehen Sie sich um“, forderte Dean, und als Toot-Toot es tat, untersuchte Dean die schuppigen Haare auf seinem Kopf.

Oben auf dem Schädel würde der Chief morgen abend rasiert werden, und Deans Uberprüfung würde dann sicherstellen, daß er keine Auffrischung der Rasur brauchte. Stoppeln könnten die Stromzuführung behindern, was die Dinge erschwerte. Alles, was wir heute taten, sollte die Dinge erleichtern.

„In Ordnung, Arlen, gehen wir“, sagte ich zu Toot-Toot, und wir gingen.

„Ich gehe über den Gang, über den Gang, über den Gang“, sagte Toot. Ich flankierte ihn links. Dean ging rechts von ihm. Harry war direkt hinter ihm. Am Ende des Gangs bogen wir rechts ab, fort vom Leben auf dem Gefängnishof und hin zum Tod, wie er im Vorratsraum gestorben wurde. Wir betraten mein Büro, und Toot sank auf die Knie, ohne auf eine Aufforderung zu warten. Er kannte das Drehbuch vermutlich besser als jeder von uns. Gott wußte, daß Toot-Toot länger dort gewesen war als wir alle.

„Ich bete, ich bete, ich bete“, sagte Toot-Toot und hielt die knorrigen Hände hoch. Sie wirkten wie in diesem berühmten Kupferstich, Sie wissen vielleicht, welchen ich meine. „Der Herr ist mein Hirte und so weiter.“

„Wer ist Bitterbucks Geistlicher?“ fragte Harry. „Wir werden keinen Cherokee-Medizinmann hier haben, der seinen Schwanz schüttelt, oder?“

„Eigentlich…“ „Ich bete, ich bete, ich bete immer noch zu Jesus“, fiel mir Toot-Toot ins Wort.

„Halt die Schnauze, du alter Blödmann“ sagte Dean.

„Ich bete!“

„Dann aber stumm.“

„Wo bleibt ihr, Jungs?“ brüllte Brutal aus dem Vorratsraum. Der war ebenfalls für unsere Probe geleert worden. Wir waren wieder in der Todeszone, okay, man konnte es fast riechen.

„Bepiß dich nicht!“ brüllte Harry zurück „Sei nicht so gottverdammt ungeduldig!“

„Ich bete“, wiederholte Toot-Toot und zeigte sein ekelhaftes Totenkopfgrinsen. „Ich bete um Geduld, um ein bißchen gottverdammte Geduld.“

„Eigentlich ist Bitterbuck ein Christ — sagt er“, erklärte ich den anderen, „und er ist vollkommen glücklich mit dem Baptistenknaben, der für Tillman Clark kam. Schuster heißt er. Ich mag ihn auch. Er ist schnell, und er regt sie nicht so auf. Auf die Füße, Toot. Du hast für heute genug gebetet.“

„Ich gehe“, sagte Toot. „Gehe wieder, gehe wieder, jawohl, Sir, gehe auf der Green Mile.“

Obwohl er so klein war, mußte er sich ein wenig ducken, um durch die Tür auf der fernen Seite des Büros zu gehen. Wir anderen mußten den Kopf noch mehr einziehen. Dies war mit einem echten Gefangenen ein riskanter Moment, aber als ich zu der Plattform hinüberblickte, wo Old Sparky stand, und sah, daß Brutal seine Waffe gezogen hatte, nickte ich zufrieden. Genau richtig.

Toot-Toot ging die Treppe hinab und blieb stehen. Die Klappstühle, ungefähr vierzig, standen bereits an Ort und Stelle. Bitterbuck würde in einem bestimmten Winkel zur Plattform gehen, der ihn in sicherer Entfernung zu den Zuschauern halten würde, und ein halbes Dutzend Wärter würde außerdem für Sicherheit sorgen. Bill Dodge würde die Leitung des Sicherheitstrupps übernehmen. Wir hatten trotz des jeweils bevorstehenden derben Gewaltaktes noch nie einen Zeugen durch einen zum Tode verdammten Gefangenen in Gefahr gebracht …, und dabei wollte ich es belassen.

„Bereit, Jungs?“ fragte Toot-Toot, als wir am Fuß der Treppe von meinem Büro wieder die ursprüngliche Formation eingenommen hatten.

Ich nickte, und wir gingen zu der Plattform. Oftmals dachte ich an dieser Stelle, daß wir wie eine Gruppe von Fahnenträgern wirkten, die ihre Fahnen vergessen hatten.

„Was soll ich eigentlich tun?“ rief Percy hinter dem Maschendrahtfenster zwischen Hinrichtungs- und Schaltraum.

„Schau zu und lerne“, rief ich zurück.

„Und laß die Finger von deiner Wienerwurst“, murmelte Harry leise. Toot-Toot hörte es jedoch und kicherte.

Wir eskortierten ihn auf die Plattform, und Toot drehte sich von selbst um — die Aktion eines alten Hasen. „Hinsetzen“, sagte er. „Hinsetzen, hinsetzen, setze mich auf Old Sparkys Schoß.“

Ich ließ mich vor seinem rechten Bein auf das rechte Knie nieder. Dean sank vor seinem linken Bein auf das linke Knie. Dies war der Punkt, an dem wir am anfälligsten für einen Angriff waren, sollte der Todeskandidat durchdrehen …, was gelegentlich passierte. Wir beide drehten das gebeugte Knie leicht nach innen, um unsere Weichteile zu schützen. Wir senkten unser Kinn, um unsere Kehle zu schützen. Und wir beeilten uns natürlich, die Knöchel so schnell wie möglich festzubinden, um die Gefahr auszuschalten. Der Chief würde für seinen letzten Spaziergang Slipper tragen, aber ‘es hätte schlimmer sein können’ ist kein großer Trost für einen Mann mit zertretenem Kehlkopf. Oder für einen Mann, der sich am Boden krümmt und dessen Eier zu der Größe von Tennisbällen anschwellen, während rund vierzig Zuschauer — viele davon Gentlemen der Presse — auf diesen Klappstühlen sitzen und die ganze Chose beobachten.

Wir klammerten Toot-Toots Knöchel fest. Die Klammer auf Deans Seite war ein wenig größer, denn sie führte den Saft. Wenn sich Bitterbuck morgen hinsetzte, würde seine linke Wade rasiert sein. Indianer haben im allgemeinen wenig Körperhaare, aber wir würden kein Risiko eingehen.

Während wir Toot-Toots Knöchel befestigten, band Brutal sein rechtes Handgelenk fest. Harry trat ruhig vor und befestigte das linke Handgelenk. Als sie fertig waren, nickte Harry Brutal zu, und Brutal rief zu Van Hay: „Stufe eins!“

Ich hörte Percys Frage an Jack Van Hay, was das bedeutete (kaum zu glauben, wie wenig er wußte, wie wenig er während seiner Zeit in Block E aufgeschnappt hatte), und Van Hays gemurmelte Erklärung. Heute bedeutete Stufe eins nichts, doch wenn er Brutal das morgen sagen hörte, würde Van Hay den Hebel betätigen, der den Generator hinter Block B anschaltete. Die Zeugen würden den Generator als stetiges leises Summen hören, und die Lichter im ganzen Gefängnis würden heller werden. In den anderen Zellentrakten würden Gefangene das bemerken und denken, es wäre geschehen, die Hinrichtung wäre vorüber, obwohl sie in Wirklichkeit erst begann.

Brutal trat um den Stuhl herum, damit TootToot ihn sehen konnte. „Arlen Bitterbuck, Sie sind zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt worden, das Urteil wurde von einer Jury beschlossen und von einem Richter dieses Staates verkündet. Gott erhalte die Bürger dieses Staates. Haben Sie etwas zu sagen, bevor das Urteil vollstreckt wird?“

„Ja“, antwortete Toot-Toot mit glänzenden Augen und zahnlosem glücklichem Grinsen. „Ich möchte ein gebratenes Hähnchen mit Soße auf den Flügeln, ich möchte in deinen Hut scheißen, und ich möchte Mae West auf meinem Gesicht sitzen haben, weil ich ein geiler Mösenlecker bin.“

Brutal bemühte sich, seine todernste Miene beizubehalten, aber das war unmöglich. Er warf den Kopf zurück und lachte los. Dean brach am Rand der Plattform zusammen, als hätte er einen Bauchschuß erlitten. Er hielt den Kopf zwischen den Knien, heulte wie ein Kojote und preßte eine Hand auf die Stirn, als wollte er das Gehirn dahinter an Ort und Stelle halten. Harry schlug mit dem Kopf gegen die Wand und stieß komische Laute aus, als stecke ein Bissen Essen in seiner Kehle fest. Sogar Jack Van Hay, ein Mann, der nicht gerade durch seinen Sinn für Humor bestach, wieherte vor Lachen. Mir war natürlich ebenfalls zum Lachen zumute, aber ich konnte mich irgendwie beherrschen. Morgen nacht würde es wirklich passieren, und ein Mann würde dort sterben, wo Toot-Toot jetzt saß.

„Halt die Klappe, Brutal“, sagte ich. „Du auch, Dean. Harry. Und Toot, noch so eine Bemerkung, und es wird deine letzte sein. Dann lasse ich Van Hay auf Stufe zwei schalten.“

Toot grinste mich an, als wollte er sagen, das ist ein guter Witz, Boß Edgecombe, ein wirklich guter, doch das Grinsen ging in leichte Besorgnis über, als in ihm der Verdacht keimte, daß ich es ernst gemeint haben könnte. „Was ist los mit dir?“ fragte er.

„Es ist nicht lustig“, erwiderte ich. „Das ist los, und wenn du zu blöd bist, um das zu kapieren, dann solltest du die Schnauze halten.“ Doch es war lustig, in gewisser Weise, und ich nehme an, das war es, was mich wirklich wütend machte.

Ich schaute mich um und sah, daß Brutal mich anstarrte und immer noch ein bißchen grinste.

„Scheiße“, sagte ich. „Ich werde zu alt für diesen Job.“

„Unsinn“, meinte Brutal, „du bist in der Blüte deiner Jahre, Paul.“ Aber das war ich nicht, genausowenig wie er, und wir beide wußten es. Das Wichtige war jedoch, daß der Lachanfall vorübergegangen war. Das war gut, denn ich wollte auf keinen Fall, daß sich morgen nacht jemand an Toot-Toots blöde Bemerkung erinnerte und loslachte. Sie glauben, es sei unmöglich, daß ein Wärter einen Lachanfall bekommt, während er einen zum Tode Verurteilten an den Zeugen vorbei zum elektrischen Stuhl führt, aber wenn Leute unter Streß stehen, kann alles passieren. Und über so etwas würde man noch nach zwanzig Jahren reden.

„Wirst du still sein, Toot?“ fragte ich.

„Ja“, antwortete er wie der Welt ältestes schmollendes Kind und wandte sein Gesicht zur Seite.

Ich nickte Brutal zu, daß er mit der Übung weitermachen solle. Er nahm die Kapuze vom Messinghaken hinten am Stuhl, streifte sie über Toot-Toots Kopf und zog sie unter dem Kinn fest, wodurch das Loch oben so weit wie möglich geöffnet wurde.

Dann neigte sich Brutal vor, nahm den nassen runden Schwamm aus dem Eimer, drückte mit einem Finger auf den Schwamm und leckte die Fingerspitze ab.

Danach legte er den Schwamm in den Eimer zurück Morgen würde er das nicht tun. Morgen würde er den feuchten Schwamm in die Kappe stecken, die oben auf der Rückenlehne des Stuhls hing. Heute nicht; es war nicht nötig, Toots alten Kopf naß zu machen.

Die Kappe war aus Stahl, und die Halteriemen baumelten auf jeder Seite herab. Sie sah fast aus wie der Helm eines Landsers. Brutal setzte sie auf Toot-Toots Kopf und rückte sie über dem Loch in der schwarzen Kapuze zurecht.

„Ich bekomme die Kappe, die Kappe, die Kappe“ sagte Toot, und jetzt klang seine Stimme gepreßt und gedämpft. Die Riemen hielten seine Kiefer fast geschlossen, und ich hatte den Verdacht, daß Brutal die Riemen etwas fester angezogen hatte, als es zum Zweck der Übung nötig gewesen wäre. Er trat zurück, blickte zu den leeren Sitzen und sagte: „Arlen Bitterbuck, Elektrizität wird jetzt durch deinen Körper strömen, bis du tot bist, gemäß dem Gesetz des Staates. Möge Gott deiner Seele gnädig sein.“

Brutal wandte sich zu dem rechteckigen Draht- geflechtfenster. „Stufe zwei!“

Der alte Toot, der vielleicht an seine frühere komische Einlage anknüpfen wollte, begann sich auf dem Stuhl aufzubäumen und um sich zu schlagen, wie es Old Sparkys echte Gäste fast nie taten. „Jetzt brate ich!“ brüllte er. „Ich brate, ich brate. Jaaaa! Ich bin ein gebratener Truthahn!“

Mir fiel auf, daß Harry und Dean ihn überhaupt nicht beachteten. Sie hatten sich von Old Sparky abgewandt und spähten zu der Tür, die in mein Büro führte. „Nicht zu glauben!“ sagte Harry. „Einer der Zeugen ist einen Tag zu früh gekommen.“

Auf der Türschwelle saß die Maus — sie hatte den Schwanz um die Pfoten gerollt und beobachtete mit glänzenden schwarzen Augen das Geschehen.

5

Die Hinrichtung verlief gut — wenn man jemals so etwas als ‘gut’ bezeichnen kann (was ich stark bezweifle), dann war die Exekution von Arlen Bitterbuck, Stammesältester der Washita Cherokee, eine gute. Er hatte seine Zöpfe nicht richtig hingekriegt — seine Hände hatten zu sehr gezittert —, und seine älteste Tochter, eine Frau Anfang Dreißig, hatte sie schön und gleichmäßig flechten dürfen. Sie wollte Federn in die Spitzen flechten, die Schwungfedern eines Falken, ’seines‘ Vogels, aber das durfte ich nicht zulassen. Sie könnten Feuer fangen und brennen. Natürlich erzählte ich ihr das nicht, sondern erklärte ihr nur, daß es gegen die Vorschriften sei. Sie protestierte nicht, senkte nur den Kopf und hielt die Hände an die Schläfen, um ihre Enttäuschung und Mißbilligung zu zeigen. Diese Frau benahm sich sehr würdevoll, und dadurch garantierte sie praktisch, daß ihr Vater das gleiche tun würde.

Der Chief verließ seine Zelle ohne Protest oder Zögern, als seine Zeit gekommen war. Manchmal mußten wir ihre Finger gewaltsam von den Gitterstäben lösen, an die sie sich klammerten — ich habe in meiner Zeit ein paar gebrochen und nie das gedärnpfte Knacken vergessen —, aber der Chief war Gott sei Dank keiner dieser Typen. Er ging mit festen Schritten über die Green Mile zu meinem Büro und kniete sich dort hin, um mit Bruder Schuster zu beten, der mit seiner kleinen Blechkarre von der Heavenly Light Baptist Church heruntergekommen war. Schuster sprach für den Chief ein paar Psalme, und der Chief begann zu weinen, als der Psalm drankam, in dem jemand neben den stillen Wassern liegt. Aber es war nicht schlecht, keine Hysterie, nichts in dieser Art. Es kam mir so vor, als ob der Chief an stilles Wasser dachte, das so rein und kalt war, daß man das Gefühl hatte, sich in den Mund zu schneiden—, wenn man davon trank.

Eigentlich mag ich es, sie ein wenig weinen zu sehen. Es beunruhigt mich, wenn sie das nicht tun.

Viele kommen ohne Hilfe nicht mehr von den Knien hoch, aber der Chief hatte in dieser Hinsicht keine Probleme. Er schwankte erst ein bißchen wie berauscht, und Dean wollte ihn stützen, doch Bitterbuck fand bereits aus eigener Kraft das Gleichgewicht wieder, und so gingen wir hinaus.

Fast alle Klappstühle waren besetzt, und die Leute tuschelten leise miteinander, als warteten sie auf den Beginn einer Trauung oder Beerdigung. Zum ersten und einzigen Mal zögerte Bitterbuck. Ich weiß nicht, ob ihn irgendeine bestimmte Person beunruhigte oder alle zusammen, aber ich hörte ihn leise seufzen, und der Arm, den ich hielt, spannte sich. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, daß sich Harry Terwilliger näherte, um einen Rückzug des Chiefs zu verhindern, falls er sich plötzlich zu der harten Tour entscheiden sollte.

Ich verstärkte meinen Griff und tippte mit einem Finger auf die Innenseite seines Arms. „Ruhig, Chief“, sagte ich aus dem Mundwinkel, ohne die Lippen zu bewegen. „Das einzige, was die Leute von dir in Erinnerung behalten werden, ist die Art und Weise, wie du hinausgehst, also zeig ihnen etwas Gutes — zeig ihnen, wie ein Washita das schafft.“

Er blickte mich von der Seite an und nickte leicht. Dann nahm er einen der Zöpfe, die seine Tochter geflochten hatte, und küßte ihn. Ich schaute zu Brutal, der protzig hinter dem Stuhl stand; er sah beeindruckend aus in seiner besten blauen Uniform — alle Knöpfe des Rocks waren poliert worden und glänzten, die Mütze saß in perfektem Winkel auf seiner großen Birne. Ich nickte ihm leicht zu, und er nickte zurück, während er vortrat, um Bitterbuck auf die Plattform zu helfen, wenn er Hilfe brauchte. Es stellte sich heraus, daß keine nötig war.

Es dauerte weniger als eine Minute von dem Zeitpunkt an, als sich Bitterbuck auf den Stuhl setzte, bis zu dem Moment, an dem Brutal leise „Stufe zwei!“ über die Schulter rief. Die Beleuchtung wurde etwas gedämpfter, aber nur ein wenig; man hätte es übersehen, wenn man nicht genau hingeschaut hätte. Das bedeutete, daß Van Hay den Hebel betätigt hatte, den irgendein Witzbold mit dem Schildchen MABELS HAARTROCKNER versehen hatte. Aus der metallenen Kappe klang ein leises Summen, und Bitterbuck ruckte nach vorne gegen die Klammern und den Gurt um seine Brust. Drüben an der Wand beobachtete ihn der Gefängrüsarzt mit ausdrucksloser Miene und zusammengepreßten Lippen, die wie ein Strich wirkten. Es gab kein Aufbäumen oder Fuchteln mit den Armen, wie der alte Toot-Toot es bei der Übung gezeigt hatte, nur dieses starke Vorwärtsdrängen, wie ein Mann mit den Hüften nach vorne drängt, während er einen starken Orgasmus hat. Das blaue Hemd des Chiefs spannte sich an den Knöpfen, drohte sie abzusprengen, und dazwischen war ein wenig Haut zu sehen.

Und es gab diesen Geruch. Nicht schlecht an sich, aber unangenehm in diesem Zusammenhang. Ich habe nie in den Keller des Hauses meiner Enkelin gehen können, wenn sie mich zu ihr bringen, obwohl dort ihr kleiner Junge seine Eisenbahn aufgebaut hat, die er seinem Ur-Opa gern zeigen würde. Die Züge machen mir nichts aus, wie Sie bestimmt erraten — ich kann einfach den Transformator nicht ertragen, Die Art, wie er summt. Und wie er riecht, wenn er warm wird. Selbst nach all den Jahren erinnert mich dieser Geruch an Cold Mountain.

Van Hay gab ihm dreißig Sekunden und stellte dann den Saft ab. Der Arzt trat vor, setzte dem Chief das Stethoskop auf die Brust und lauschte.

Von den Zeugen kam jetzt kein Laut; es war still wie in einem Mausoleum. Der Arzt richtete sich auf und schaute durch das Drahtgeflechtfenster. „Desorganisiert“, stellte er fest und machte eine kreisende Bewegung mit einem Finger. Er hatte ein paar zufällige Herzschläge aus Bitterbucks Brust gehört, Vermutlich so bedeutungslos wie die letzten Zuckungen eines geköpften Hähnchens, aber es war besser, auf Nummer Sicher zu gehen. Man will ja nicht, daß er sich auf der Bahre plötzlich aufsetzt und wie am Spieß brüllt, wenn man ihn durch den Tunnel trägt.

Van Hay schaltete auf Stufe drei, und der Chief ruckte wieder vorwärts und wiegte sich unter dem Stromstoß ein wenig hin und her. Der Doc lauschte von neuem, und dann nickte er. Es war vorüber: Wir hatten wieder einmal erfolgreich zerstört, was wir nicht erschaffen können. Einige der Leute im Publikum begannen wieder leise zu murmeln; die meisten saßen mit gesenktem Kopf da und schauten auf den Boden. Wie betäubt. Oder beschämt.

Harry und Dean kamen mit der Bahre. Es war eigentlich Percys Aufgabe, ein Ende der Bahre zu übernehmen, aber das wußte er nicht, und keiner hatte sich die Mühe gemacht, es ihm mitzuteilen. Der Chief, noch immer mit der schwarzen Seidenkapuze über dem Kopf, wurde von Brutal und mir auf die Bahre geladen, und wir trugen ihn, so schnell wir konnten, durch die Tür, die zum Tunnel führte, ohne richtig zu rennen. Rauch — zuviel davon — stieg aus dem Loch oben in der Kapuze auf, und es stank entsetzlich.

„O Mann!“ rief Percy mit bebender Stimme. „Was ist das für ein Gestank?“

„Geh aus dem Weg!“ schrie Brutal und drängte sich an ihm vorbei, um zu der Wand zu gelangen, an der ein Feuerlöscher hing.

Es war einer dieser alten chemischen, die man noch aufpumpen mußte. Dean streifte unterdessen die Kappe ab. Es war nicht so schlimm, wie es hätte sein können.

Bitterbucks linker Zopf schwelte wie feuchtes Laub.

„Laß das Ding hängen!“ sagte ich. zu Brutal. Ich wollte keine Ladung chemischen Schleims von dem Gesicht des Toten wischen, bevor wir ihn in den Fleischwagen verfrachteten. Ich klatschte dem Chief auf den Kopf (Percy starrte mich dabei die ganze Zeit entgeistert an), bis der Schwelbrand gelöscht war und kein Rauch mehr aufstieg. Dann trugen wir die Leiche die zwölf Holzstufen zum Tunnel hinab. Dort war es kalt und feucht wie in einem Verlies, und wir hörten das monotone Geräusch von tropfendem Wasser. Hängelampen mit krummen Schirmen — die Lampenschirme wurden in der Gefängniswerkstatt angefertigt — beleuchteten eine Backsteinröhre, die dreißig Fuß unter dem Highway verlief. Die Decke war gewölbt und naß. Jedesmal, wenn ich durch den Tunnel ging, fühlte ich mich wie eine Gestalt aus einer Geschichte von Edgar Allan Poe.

Im Tunnel wartete ein Karren. Wir luden Bitterbucks Leiche darauf, und ich überprüfte sie ein letztes Mal, um mich zu vergewissern, daß der Zopf nicht mehr brannte. Er war ziemlich verkohlt, und mit Bedauern sah ich, daß die niedliche kleine Schleife an dieser Seite des Kopfes nur noch schwarzer Brei war.

Percy gab dem Toten eine Ohrfeige. Bei dem Klatschen zuckten wir alle zusammen. Percy schaute uns mit einem spöttischen, arroganten Lächeln an, und seine Augen glitzerten. Dann blickte er wieder auf Bitterbuck. „Adios, Chief“, sagte er. „Ich hoffe, die Hölle ist heiß genug für dich.“

„Laß das sein“, fuhr Brutal ihn an, und seine Stimme klang hohl und pathetisch durch den tropfenden Tunnel. „Er hat für seine Schuld bezahlt. Sein Konto ist ausgeglichen. Laß die Finger von ihm.“

„Ah, blas dich nicht auf“, erwiderte Percy, aber er wich unsicher zurück, als sich Brutal auf ihn zu bewegte und sein Schatten groß hinter ihm aufragte wie der des Affen in Poes Erzählung über die Rue Morgue. Aber statt sich Percy zu greifen, schnappte sich Brutal den Karren und schob Arlen Bitterbuck langsam zum fernen Ende des Tunnels, wo die letzte Fahrt auf ihn wartete; der Wagen parkte auf dem Standstreifen neben dem Highway. Die Hartgummireifen des Karrens wimmerten auf dem Boden; sein Schatten geisterte über die gewölbte Backsteinwand, wurde verzerrt und verschwamm. Dean und Harry zogen das Laken über das Gesicht des Chiefs, das bereits den wächsernen unmenschlichen Ausdruck aller toten Gesichter angenommen hatte, der Gesichter der Unschuldigen und Schuldigen gleichermaßen.

6

Als ich achtzehn war, starb mein Onkel Paul — nach dem ich benannt worden bin — an einem Herzanfall. Meine Eltern nahmen mich mit nach Chicago zu seiner Beerdigung und zum Besuch von Verwandten der Familie väterlicherseits, von denen ich viele noch nie gesehen hatte. Wir waren fast einen Monat unterwegs. Einerseits war das ein schöner Ausflug, ein nötiger und aufregender, andererseits ein schrecklicher. Wissen Sie, ich hatte mich in die junge Frau verknallt, die zwei Wochen nach meinem neunzehnten Geburtstag meine Ehefrau werden sollte. Eines Nachts, als meine Sehnsucht nach ihr wie ein außer Kontrolle geratenes Feuer in meinem Herzen und meinem Kopf brannte (O ja, ganz recht, auch in meinen Lenden), schrieb ich ihr einen Brief, der einfach nicht enden wollte — ich schüttete ihr mein ganzes Herz darin aus und schaute nie zurück, was ich geschrieben hatte, weil ich befürchtete, aus Feigheit aufzuhören. Ich hörte nicht auf, und als mir eine innere Stimme ziemlich ungehalten sagte, daß es verrückt sei, solch einen Brief abzuschicken, ignorierte ich sie wie ein Kind, das nicht an die Konsequenzen seines Handelns denkt. Ich habe mich oft gefragt, ob Janice diesen Brief aufbewahrt hat, aber ich konnte nie genug Mut sammeln, um diese Frage an sie zu richten. Ich weiß nur mit Sicherheit, daß ich den Brief nicht fand, als ich nach der Beerdigung in ihren Sachen stöberte, und natürlich, daß diese Tatsache allein nichts bedeuten muß. Ich nehme an, ich fragte nie, weil ich befürchtete, daß diese flammende Epistel ihr weniger bedeutete als mir.

Der Brief war vier Seiten lang. Ich dachte, ich würde in meinem Leben nie etwas Längeres schreiben, und nun sehen Sie sich das hier an. All dies, und immer noch kein Ende in Sicht. Wenn ich gewußt hätte, daß die Geschichte so lang wird, hätte ich sie bestimmt niemals angefangen. Mir war nicht klar, wie viele Türen das Schreiben aufschließt — als ob der alte Füllfederhalter meines Daddys in Wirklichkeit überhaupt kein Füller ist, sondern eine sonderbare Art Dietrich. Die Maus ist vermutlich das beste Beispiel, um klarzumachen, wovon ich rede — Steamboat Willy, Mr. Jingles, die Maus auf der Green Mile.

Bis ich mit dem Schreiben anfing, war mir nicht klar, wie wichtig er (ja, er) war. Zum Beispiel die Art, wie Mr. Jingles nach Delacroix zu suchen schien, bevor er eintraf — ich bezweifle, daß mir das je in den Sinn kam, jedenfalls nicht bewußt, bis ich mit dem Schreiben und der Erinnerung begann.

Ich nehme an, ich will damit sagen, daß ich nicht weiß, wie weit ich zurückgreifen muß, um Ihnen von John Coffey zu erzählen, oder wie lange ich ihn dort in seiner Zelle lassen muß, einen Mann, der so riesig war, daß seine Füße nicht nur über das Ende der Pritsche ragten, sondern bis auf den Boden hinabhingen. Ich will, daß Sie ihn nicht vergessen, in Ordnung? Ich möchte, daß Sie ihn dort sehen, wie er zur Decke seiner Zelle starrt, lautlos weint oder die Hände vors Gesicht schlägt. Ich möchte, daß Sie ihn hören, seine Seufzer, die wie Schluchzen klingen, sein gelegentliches Stöhnen. Dies waren nicht die Laute der Qual und Verzweiflung, die wir manchmal in Block E hörten, wilde Schreie mit Spuren von Reue darin. Wie seine feuchten Augen unterschieden sie sich auf eine unergründliche Art von dem Schmerz, den wir gewohnt waren. In gewisser Weise — ich weiß, wie verrückt dies klingen wird, natürlich weiß ich das, aber es hat keinen Sinn, etwas so Langes wie das hier zu schreiben, wenn man nicht mit ganzem Herzen dabei ist —, also in gewisser Weise war es, als trauerte er um die ganze Welt, ein zu großes Gefühl, um es jemals ganz auszulöschen. Manchmal setzte ich mich zu ihm, sprach mit ihm, wie ich es auch mit all den anderen tat — das Reden war der größte und wichtigste Teil unserer Arbeit, wie ich wahrscheinlich schon erwähnt habe —, und versuchte, ihn zu trösten. Ich bezweifle, daß mir das jemals gelang, und ein Teil meines Herzens war froh darüber, daß er litt, und fand, daß er das verdiente. Ich spielte sogar manchmal mit dem Gedanken, den Gouverneur anzurufen (oder Percy damit zu beauftragen? — Teufel, der Gouverneur war sein verdammter Onkel, nicht meiner) und um einen Aufschub der Hinrichtung zu bitten. Wir sollten ihn noch nicht rösten, hätte ich gesagt. Es ist noch zu schmerzlich für ihn, quält ihn noch zu sehr, rumort in seinen Gedärmen, als würde ein schöner spitzer Stock darin herumgedreht. Geben Sie ihm noch neunzig Tage, Euer Ehren, Sir. Lassen Sie ihn weiterhin sich selbst antun, was wir ihm nicht antun können.

Es ist dieser John Coffey, den ich Ihnen in Erinnerung halten muß, während ich fortfahre und zu Ende bringe, was ich angefangen habe — dieser John Coffey, der auf seiner Pritsche lag, der aus gutem Grund Angst vor der Dunkelheit hatte, denn wäre es nicht denkbar, daß in der Finsternis zwei Gestalten mit blonden Locken auf ihn warteten — keine kleinen Mädchen mehr, sondern rachsüchtige Harpyien? Dieser John Coffey, aus dessen Augen immer Tränen rannen wie Blut aus einer Wunde, die niemals heilen kann.

7

Der Chief wurde also gegrillt, und der Präsident ging — jedenfalls bis Block C, die Heimat der meisten der hundertfünfzig Lebenslänglichen von Cold Mountain. Das Leben des Präsidenten sollte noch zwölf Jahre dauern.

Er wurde 1944 in der Gefängniswäscherei ertränkt. Nicht in der Gefängniswäscherei von Cold Mountain; Cold Mountain schloß 1933. Ich bezweifle aber, daß es für die Insassen einen Unterschied machte — Mauern sind Mauern, wie die Wärter sagen, und Old Sparky war vermutlich in seiner neuen kleinen Todeskammer genauso tödlich, wie er es in Cold Mountain gewesen war.

Zurück zu dem Präsidenten. Jemand drückte ihn mit dem Gesicht voran in einen Bottich mit Flüssigkeit für die chemische Reinigung und hielt ihn fest. Als die Wärter ihn wieder herauszogen, war sein Gesicht fast völlig verschwunden. Sie mußten ihn anhand seiner Fingerabdrücke identifizieren. Alles in allem wäre er vielleicht besser mit Old Sparky dran gewesen …, aber dann hätte er nicht die zusätzlichen zwölf Jahre gehabt, nicht wahr? Ich bezweifle jedoch, daß er sich darüber in der letzten Minute seines Lebens viele Gedanken gemacht hat, als seine Lunge zu lernen versuchte, wie man Hexlite und Reinigungslauge atmet.

Der Täter wurde niemals geschnappt. Da arbeitete ich natürlich schon lange nicht mehr im Gefängnis, aber Harry Terwilliger schrieb mir davon. ‘Sein Urteil wurde in lebenslänglich umgewandelt, weil er weiß war’, schrieb Harry. ‘Aber am Ende erwischte es ihn ebenfalls. Ich betrachte es einfach als einen langen Aufschub der Hinrichtung, der schließlich abgelaufen war.’

Als der Präsident fort war, gab es eine ruhige Zeit für uns in Block E. Harry und Dean wurden vorübergehend versetzt, und eine Weile waren nur ich, Brutal und Percy auf der Green Mile. Was eigentlich hieß, nur ich und Brutal, denn Percy zog sich ziemlich zurück. Ich kann Ihnen sagen, dieser junge Mann war ein Genie darin, Ausreden zu finden, damit er bestimmte Dinge nicht zu tun brauchte. Und oft (aber nur, wenn Percy nicht da war) tauchten die anderen Jungs auf, um einen ‘guten Plausch’ zu halten, wie Harry es nannte. Bei vielen dieser Anlässe zeigte sich auch die Maus. Wir fütterten sie, und sie saß da, aß so ernst wie Salomon und beobachtete uns mit ihren glänzenden kleinen, schwarzen Augen.

Es waren ein paar gute Wochen, ruhig und locker trotz Percys ständiger Meckerei und Stänkerei. Aber alles Gute endet mal, und an einem regnerischeri Montag im späten Juli — habe ich Ihnen erzählt, wie verregnet und kühl dieser Sommer war? — saß ich auf der Pritsche in einer offenen Zelle und wartete auf Eduard Delacroix.

Er kam mit einem unerwarteten Paukenschlag. Die Tür, die zum Hof führte, flog auf, eine Flut von Licht fiel herein, Ketten rasselten, und eine angsterfüllte Stimme stammelte in einer Mischung aus Englisch und Cajun-Französisch (ein Dialekt, den die Wärter in Cold Mountain da bayou nannten), und Brutal brüllte: „Hey! Hör auf! Verdammt noch mal, laß das, Percy!“

Ich war auf der Pritsche, die für Delacroix bestimmt war, fast eingedöst, aber plötzlich war ich hellwach, und mein Puls begann zu rasen. Radau dieser Art hatte es in Block E fast nie gegeben, bevor Percy kam; er brachte ihn mit wie einen üblen Gestank.

„Los, los, du verdammte französische Schwuchtel!“ keifte Percy und ignorierte Brutal völlig. Dann kam er und zerrte mit einem Arm einen Typen heran, der nicht viel größer als ein Kegel auf der Kegelbahn war. In der anderen Hand schwang Percy seinen Schlagstock. Seine Zähne waren gebleckt in einer Grimasse der Anstrengung, und sein Gesicht war hochrot. Dennoch sah er nicht ganz unglücklich aus.

Delacroix versuchte, mit ihm Schritt zu halten, aber er hatte eiserne Fußfesseln, und ganz gleich, wie schnell er schlurfte, Percy zerrte ihn schneller mit. Ich sprang aus der Zelle und konnte Delacroix gerade noch rechtzeitig auffangen, als er stürzte, und so lernten Del und ich uns kennen.

Percy umrundete ihn mit erhobenem Schlagstock, und ich hielt ihn mit einem Arm zurück. Brutal keuchte heran und sah so schockiert und verblüfft über all das aus, wie ich mich fühlte.

„Lassen Sie nicht zu, daß er mich noch mehr schlagen, M’seu“, stammelte Delacroix. „S’il vous plaît, si’l vous plaît!“

„Laß mich los, weg da!“ brüllte Percy und sprang vor. Er schlug Delacroix mit seinem Schlagstock auf die Schultern. Delacroix hob schreiend die Arme, und der Stock donnerte mit einem stetigen Klatschen gegen die Ärmel seines blauen Gefängnishemdes. Ich sah ihn in dieser Nacht ohne Hemd, und der Junge war von Weihnachten bis Ostern mit blauen Flecken und Beulen übersät. Bei diesem Anblick fühlte ich mich schlecht. Er war ein Mörder, und keiner liebte ihn, aber das war nicht die Art und Weise, wie die Dinge in Block E liefen. Jedenfalls nicht, bis Percy kam.

„Halt!“ schrie ich. „Hör auf! Was ist überhaupt los?“ Ich versuchte, mich zwischen Delacroix und Percy zu schieben, aber das funktionierte nicht gut. Percy drosch weiterhin mit dem Schlagstock auf Delacroix ein, mal links, mal rechts an mir vorbei. Früher oder später würde er aus Versehen mich treffen, und dann würde es auf dem Gang eine Schlägerei geben, ganz gleich, welche Beziehungen Percy nach oben hatte. Ich würde mir nicht allein helfen können — und Brutal voraussichtlich eingreifen. Wissen Sie, in gewisser Weise wünsche ich, es wäre so gekommen. Es hätte vielleicht einige der Dinge geändert, die später geschahen. „Verdammter Schwuler! Ich werde dich lehren, deine Pfoten von mir zu lassen, du mieser Arschgrabscher!“

Klatsch! Klatsch! Klatsch! Und jetzt blutete Delacroix aus einem Ohr und schrie. Ich gab den Versuch auf, ihn abzuschirmen, packte ihn an der Schulter und schleuderte ihn in seine Zelle, wo er bäuchlings auf der Pritsche landete. Percy flitzte um mich herum und verpaßte ihm einen letzten harten Schlag auf den Hintern — sozusagen als Nachschlag. Dann packte Brutal ihn — Percy, meine ich — an den Schultern und zerrte ihn auf den Gang hinaus. Ich schloß schnell die Schiebetür der Zelle. Dann wandte ich mich Percy zu, ohne zu wissen, ob mein Schock und meine Bestürzung oder die Wut siegen würde. Percy war zu diesem Zeitpunkt ein paar Monate bei uns, lange genug für uns alle, um zu dem Schluß zu gelangen, daß wir ihn nicht leiden konnten, aber eben hatte ich zum erstenmal in vollem Umfang erkannt, wie unbeherrscht er war.

Er stand da und starrte mich an, nicht ganz furchtlos — er war im Grunde ein Feigling, daran habe ich nie gezweifelt —, aber immer noch zuversichtlich, daß ihn seine Beziehungen schützen würden. In diesem Punkt hatte er recht. Ich nehme an, es gibt trotz allem, was ich gesagt habe, Leute, die nicht verstehen, warum das so war, aber diese Leute kennen die Bezeichnung Weltwirtschaftskrise nur aus Geschichtsbüchern. Wenn Sie dort gewesen wären, dann wäre es mehr als ein schlichter Begriff in einem Buch gewesen, und wenn Sie einen festen Job gehabt hätten, Bruder, dann hätten Sie fast alles getan, um ihn zu behalten. Inzwischen war ein wenig Farbe aus Percys Gesicht gewichen, aber seine Wangen waren immer noch gerötet, und seine Haare, normalerweise zurückgekämmt und pomadisiert, waren ihm in die Stirn gefallen.

„Was, zum Teufel, hatte das alles zu bedeuten?“ fragte ich. „In meinem Block wurde noch nie — noch nie! — ein Gefangener geschlagen!“

„Der kleine schwule Bastard hat versucht, mir zwischen die Beine zu greifen, als ich ihn aus dem Transporter gezogen habe“, sagte Percy. „Er hat die Prügel herausgefordert, und ich würde sie ihm jederzeit wieder verpassen.“

Ich schaute ihn an, zu verblüfft, um Worte zu finden. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß selbst der frechste Homosexuelle auf Gottes grüner Erde getan haben könnte, was Percy soeben behauptet hatte. Die Verlegung in ein vergittertes Apartment an der Green Mile brachte im allgemeinen nicht mal die geilsten Gefangenen in sexy Stimmung. Ich schaute zu Delacroix, der geduckt auf der Pritsche kauerte und immer noch die Arme schützend vors Gesicht hielt. Seine Arme waren mit Handschellen gefesselt, und eine Kette verlief zwischen seinen Fußfesseln. Dann wandte ich mich Percy zu. „Verschwinde“, sagte ich. „Ich werde später mit dir reden.“

„Wird das in deinem Bericht erwähnt?“ fragte er trotzig. „Denn falls es so sein sollte, werde ich einen eigenen Bericht schreiben.“ Ich wollte keinen Bericht schreiben; ich wollte nur, daß er mir aus den Augen ging. Das teilte ich ihm mit.

„Die Sache ist erledigt“, schloß ich. Ich sah, daß Brutal mich mißbilligend ansah, ignorierte es jedoch. „Los, verschwinde. Geh zur Verwaltung und sag, daß du Briefe lesen und in der Poststelle helfen sollst.“

„Klar.“ Er hatte seine Fassung wiedergewonnen oder die übergeschnappte Arroganz, die ihm als Fassung diente. Er strich sich das Haar aus der Stirn — seine Hände waren weich und weiß und zierlich, die Hände eines Teenie-Girls, hätten Sie gedacht — und näherte sich der Zelle. Delacroix sah ihn, duckte sich ängstlich auf der Pritsche und brabbelte in einer Mischung aus Englisch und undefinierbarem Französisch vor sich hin.

„Ich bin mit dir noch nicht fertig, Pierre“, sagte Percy, und dann zuckte er zusammen, als er Brutals gewaltige Franken auf seiner Schulter spürte.

„Doch, das bist du“, erwiderte Brutal. „Und jetzt verpiß dich. Du stinkst.“

„Du machst mir keine Angst, du nicht!“ behauptete Percy. „Kein bißchen.“ Er blickte zu mir. „Ihr beide nicht.“ Aber er hatte Schiß. Das sahen wir deutlich in seinen Augen, und es machte ihn nur noch gefährlicher. Ein Typ wie Percy weiß nicht mal selbst, was er von einer Minute zur anderen machen wird.

Was er in genau diesem Augenblick machte, war ein bühnenreifer Abgang. Er stolzierte mit langen arroganten Schritten über den Gang davon. Bei Gott, er hatte der Welt gezeigt, was passierte, wenn ein schmächtiger, fast kahlköpfiger kleiner Franzose versuchte, ihm an die Nüsse zu gehen, und er verließ das Schlachtfeld als Sieger.

Ich hielt meine kleine Begrüßungsansprache, wies darauf hin, daß wir an den meisten Abenden Radio hören konnten — Make Believe Ballroom und Our Gal Sunday —, und versprach, daß wir ihn bestens behandeln würden, wenn er sich uns gegenüber ebenso verhalten würde. Diese kleine Predigt war nicht das, was Sie als einen meiner großen Erfolge bezeichnen können. Er heulte dabei die ganze Zeit, kauerte geduckt und verängstigt ganz am Fußende der Pritsche, so weit von mir entfernt, wie er konnte, ohne sich in die Wand zu verkriechen. Jedesmal, wenn ich mich bewegte, zuckte er zusammen, und ich bezweifle, daß er ein Wort von dem verstand, was ich sagte. Vermutlich war das auch gleichgültig. Diese besondere Predigt ergab ohnehin nicht viel Sinn. Eine Viertelstunde später war ich wieder am Wachpult, hinter dem der erschüttert wirkende Brutus Howell saß und an der Spitze des Bleistifts lutschte, der für Eintragungen ins Besucherbuch benutzt wurde. „Hörst du mit dem Lutschen auf, bevor du dich vergiftest, Mann?“ fragte ich.

„Allmächtiger“ sagte er und legte den Bleistift hin. „Ich will nie mehr so ein Theater erleben, wenn ein Gefangener in unseren Block kommt.“

“Mein Daddy pflegte zu sagen, aller guten Dinge sind drei“, gab ich zurück. „Ich nehme an, das trifft auch auf die schlechten zu.“

„Nun, ich hoffe, dein Daddy hat in diesem Punkt Scheiße gelabert“, erwiderte Brutal, aber das hatte mein Daddy natürlich nicht. Es gab einen Windstoß, als John Coffey eingeliefert wurde, und einen heftigen Sturm, als Wild Bill zu uns kam — ‘ komisch, aber es kommt anscheinend wirklich alles immer dreimal. Die Geschichte, wie wir Wild Bill kennenlemten, als er zur Green Mile kam und versuchte, einen Mord zu begehen, werde ich in Kürze erzählen; eine faire Warnung. „Was war das mit Delacroix? Hat er Percy zwischen die Beine gefaßt?“ fragte ich.

Brutal schnaubte. „Er war an den Füßen gefesselt, und Percy hat ihn zu schnell herausgezogen, das war alles. Delacroix stolperte und stürzte. Er streckte im Reflex die Arme vor, wie es jeder machen würde, der fällt, und eine Hand streifte Percy vorne an der Hose. Es war ein Mißgeschick.“

„Meinst du, Percy wußte das?“ fragte ich. „Hat er das vielleicht als Vorwand benutzt, weil er Delacroix ein bißchen verprügeln wollte? Weil er ihm zeigen wollte, wer hier das Sagen hat?“

Brutal rückte langsam. „Ja. Ich denke, so war es vermutlich.“

„Dann müssen wir ihn im Auge behalten“, sagte ich und fuhr mir mit der Hand durchs Haar. Als ob der Job nicht schon hart genug war. „Gott, ich hasse das. Ich hasse ihn.“

„Ich auch. Und willst du noch etwas wissen, Paul? Ich verstehe ihn nicht. Er hat Beziehungen, das verstehe ich, aber warum nutzt er sie, um einen Job auf der verdammten Green Mile zu bekommen? Überhaupt irgendwo im Strafvollzug? Warum nicht für einen Posten im Verwaltungsdienst oder so? Gewiß hätten ihm seine Leute etwas Besseres zuschustern können, wenn er sie darum gebeten hätte. Warm ist er also hier?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich wußte es nicht. Es gab vieles, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wußte. Ich nehme an, ich war naiv.

8

Danach wurden die Dinge wieder normal …jedenfalls für eine Weile. Unten in der County-Hauptstadt bereitete sich der Staat vor, John Coffey den Prozeß zu machen, und Sheriff Homer Cribus vom Trapingus County rümpfte die Nase über den Vorschlag, daß eine lynchwillige Menschenmenge der Gerechtigkeit schneller Genüge tun könnte. Nichts davon spielte für uns eine Rolle, in Block E schenkten wir Nachrichten nicht viel Aufmerksamkeit. Das Leben auf der Green Mile war in gewisser Weise wie das in einem schalldichten Raum. Von Zeit zu Zeit hörte man ein Gemurmel, das vielleicht draußen in der Welt eine Explosion war, aber das war auch schon alles. Sie wollten mit John Coffey nichts überstürzen, sondern sich ihrer Sache ganz sicher sein.

Percy piesackte Delacroix ein paarmal, und schließlich zog ich Percy zur Seite und forderte ihn auf, in mein Büro zu kommen. Es war nicht das erste Gespräch mit Percy über sein Verhalten, und es würde nicht das letzte sein, aber es führte mir so klar wie nie vor Augen, was er war. Er hatte das Herz eines grausamen Bengels, der nicht in den Zoo geht, um die Tiere zu betrachten, sondern um sie in ihren Käfigen mit Steinen zu bewerfen.

„Du läßt ihn jetzt in Ruhe, verstanden?“ sagte ich. „Du hältst dich fern von ihm, es sei denn, ich gebe eine besondere Anweisung.“

Percy kämmte sein Haar zurück und strich mit seinen zarten Händchen darüber. Dieser Junge liebte es einfach, über sein Haar zu streicheln. „Ich habe ihm nichts getan“, antwortete er. „Ich habe ihn nur gefragt, was für ein Gefühl es ist, zu wissen, daß man ein paar Babys verbrannt hat, das war alles.“ Percy schaute mich unschuldig mit großen Kulleraugen an.

„Du hörst damit auf, oder es gibt einen Bericht“, drohte ich.

Er lachte. „Schreib jeden Bericht, den du willst. Dann schreibe ich auch einen, wie ich schon sagte. Mal sehen, wer besser dabei abschneidet.“

Ich neigte mich vor, die Hände) auf meinem Schreibtisch aufgestützt, und sprach in einem Tonfall, der — wie ich hoffte — klang wie der eines Freundes, der einem etwas Vertrauliches mitteilt. „Brutus Howell kann dich nicht besonders leiden“, begann ich. „Und er ist dafür bekannt, daß er einen eigenen Bericht anfertigt, wenn er jemanden nicht leiden kann. Er ist kein Genie im Umgang mit einem Füllfederhalter, und er kann es nicht lassen, an diesem Bleistift herumzulutschen, aber er schreibt starke Berichte mit seinen Fäusten, wenn du verstehst, was ich meine.“

Percys selbstgefälliges Lächeln verschwand. „Was willst du damit sagen?“

„Ich will nichts sagen, ich habe es gesagt. Und wenn du einem von deinen Freunden von diesem Gespräch erzählst, werde ich behaupten, daß du das Ganze erfunden hast.“ Ich schaute ihn unschuldig und ernst an. „Außerdem versuche ich, dein Freund zu sein, Percy. Wer gescheit ist, hört auf einen guten Rat, heißt es. Und warum willst du dir überhaupt Arger wegen Delacroix einhandeln? Er ist es nicht wert.“

Und eine Zeitlang klappte es. Es herrschte Frieden. Ein paarmal konnte ich Percy sogar mit Dean oder Harry losschicken, wenn Delacroix mit dem Duschen an der Reihe war. Wir schalteten abends das Radio ein, Delacroix begann sich in der spärlichen Routine von Block E etwas zu entspannen, und es herrschte Frieden.

Dann hörte ich ihn eines Abends lachen.

Harry Terwilliger saß am Wachpult, und bald lachte er ebenfalls. Ich stand auf und ging zu Delacroix’ Zelle, um zu sehen, was er zu lachen hatte. „Schauen Sie mal, Capitaine!“ sagte er, als er mich sah. „Ich ‘abe eine Maus dressieren!“

Es war Steamboat Willy. Er war in Delacroix’ Zelle. Mehr noch: Er saß auf Delacroix’ Schulter und schaute mit seinen kleinen glänzenden Augen ruhig durch die Gitterstäbe zu uns. Sein Schwanz war um die Pfoten geschlungen, und er wirkte völlig entspannt. Und Delacroix? Freunde, man hätte nicht gedacht, daß es derselbe Mann war, der noch vor einer Woche, geduckt und vor Angst schlotternd, auf seiner Pritsche gehockt hatte. Er wirkte jetzt wie meine Tochter am Weihnachtsmorgen, wenn sie die Treppe herunterkam und die Geschenke sah.

„Sehen Sie das an!“ rief Delacroix. Die Maus saß auf seiner rechten Schulter. Delacroix streckte den linken Arm aus. Die Maus hüpfte auf Delacroix’ Kopf, benutzte sein Haar (das wenigstens hinten noch dicht genug war), um daran hochzuklettern, und flitzte auf der anderen Seite den Arm hinunter. Delacroix kicherte, als ihn der Schwanz der Maus am Hals kitzelte. Die Maus lief über den Arm bis zu seinem Handgelenk, machte kehrt, flitzte wieder den Arm hinauf, blieb auf Delacroix’ linker Schulter sitzen und ringelte den Schwanz um die Pfoten. „Nicht zu glauben!“ sagte Harry.

„Ich ‘abe ihr beigebracht“, erklärte Delacroix stolz. Quatsch, dachte ich, aber ich hielt den Mund. „Er heißt Mr. Jingles.“

„Unsinn“, sagte Harry gutmütig. „Er heißt Steamboat Willy wie die Mickey Mouse in dem Comicfilm. Boß Howell hat ihm diesen Namen gegeben.“

„Es ist Mr. Jingles“, beharrte Delacroix. Bei jedem anderen Thema wäre er kompromißbereit gewesen, aber beim Namen der Maus blieb er unnachgiebig. „Er ‘at mir in die Ohr geflüstert. Chef, kann ich eine Kistchen für ihn ‘aben? Eine petite Kiste für meine Maus, damit Mr. Jingles ‘ier mit mir schlafen kann? Bitte, Capitaine.“ Seine Stimme klang flehend und schmeichelnd, wie ich es schon tausendmal gehört hatte. „Ich stelle ihn unter meine Bett, und sie niemals wird machen Ärgeeer, niemals.“

„Dein Englisch wird viel besser, wenn du etwas haben willst“, sagte ich, um Zeit zu gewinnen.

„Oh, oh“, murrnelte Harry und stieß mich mit dem Ellenbogen an. „Da kommt Ärgeeer.“

Aber Percy sah nicht nach Krawall aus, nicht an diesem Abend. Er streichelte sich nicht durchs Haar und fummelte auch nicht an seinem Schlagstock herum, und der oberste Knopf seines Uniformhemds war tatsächlich aufgeknöpft. Zum erstenmal sah ich ihn so, und es war erstaunlich, was eine so kleine Veränderung bewirken kann. Am meisten verblüffte mich jedoch seine Miene. Sie strahlte Ruhe aus. Keine heitere Ruhe, aber die Gelassenheit eines Mannes, der auf die Dinge warten kann, die er sich wünscht. Das war eine gewaltige Veränderung für einen jungen Mann, dem ich erst vor ein paar Tagen mit Brutus Howells Fäusten drohen mußte.

Delacroix sah die Veränderung jedoch nicht. Er preßte sich ängstlich gegen die Wand seiner Zelle und zog die Knie bis vor die Brust. Seine Augen schienen zu wachsen, bis sie fast sein halbes Gesicht einnahmen. Die Maus kletterte auf seine Glatze und hockte sich hin. Ich weiß nicht, ob Mr. Jingles sich daran erinnerte, daß er ebenfalls Grund hatte, Percy zu mißtrauen, aber es sah ganz danach aus. Vielleicht roch er einfach die Furcht des kleinen Franzosen und reagierte darauf.

„Aha“ sagte Percy. „Sieht aus, als hättest du einen Freund gefunden, Eddie.“

Delacroix setzte zum Sprechen an — ich vermute mal, er wollte Percy trotzig erklären, was passieren würde, wenn Percy seinem neuen Freund etwas antun würde —, aber er brachte keinen Ton heraus. Seine Unterlippe zitterte ein bißchen, doch das war schon alles. Mr. Jingles, oben auf seiner Glatze, zitterte nicht. Er saß vollkommen ruhig mit den Hinterfüßen in Delacroix’ Haarkranz und den Vorderpfoten auf Delacroix’ kahler Platte und sah Percy geradezu abschätzend an. Wie man einen alten Feind taxiert.

Percy schaute mich an. „Ist das nicht die Maus, die ich gejagt habe? Die in der Gummizelle haust?“

Ich nickte. Mir kam in den Sinn, daß Percy den neu benannten Mr. Jingles seit dieser letzten Jagd nicht mehr gesehen hatte und er keine Anstalten machte, ihn jetzt zu jagen.

„Ja, das ist sie“, sagte ich. „Nur behauptet Delacroix, daß ihr Name Mr. Jingles ist, nicht Steamboat Willy. Er sagt, die Maus habe ihm das ins Ohr geflüstert.“

„Tatsächlich?“ erwiderte Percy „Wunder gibt es immer wieder, nicht wahr?“ Ich erwartete fast, daß er seinen Schlagstock ziehen und gegen die Gitterstäbe klopfen würde, nur um Delacroix zu zeigen, wer der Boß war, doch er stand nur mit den Händen auf den Hüften da und schaute in die Zelle.

Aus keinem Grund, den ich hätte in Worte kleiden können, sagte ich: „Delacroix hat soeben nach einer kleinen Kiste gefragt, Percy. Er denkt, daß die Maus darin schlafen wird, nehme ich an. Daß er sie als Kuscheltier halten kann.“ Ich bemühte mich um einen skeptischen Tonfall und spürte mehr, als daß ich es sah, wie Harry mich überrascht anblickte. „Wie denkst du darüber?“

„Ich denke, die Maus wird ihm vermutlich eines Nachts, wenn er schläft, auf die Nase scheißen und abbauen“, antwortete Percy ruhig, „aber das ist das Problem des Franzosen. Ich habe gestern eine schöne Zigarrenkiste auf Toot-Toots Karren gesehen. Ich weiß allerdings nicht, ob er sie weggeben würde. Vielleicht will er einen Nickel dafür, möglicherweise sogar einen Dime.“

Jetzt riskierte ich einen Blick zu Harry und sah, daß sein Mund offenstand. Dies war zwar noch nicht ganz die Verwandlung des Ebenezer Scrooge von einem Geizhals in einen noblen Spender an einem Weihnachtsmorgen, nachdem sich in der Nacht die Geister mit ihm beschäftigt hatten, aber es kam dem verdammt nahe.

Percy neigte sich näher zu Delacroix und steckte den Kopf zwischen die Gitterstäbe.

Delacroix wich sogar noch weiter zurück. Ich schwöre bei Gott, daß er in die Wand gekrochen wäre, wenn er das gekonnt hätte.

„Hast du einen Nickel oder vielleicht einen Dime, um eine Zigarrenkiste zu bezahlen?“ fragte er.

„Ich ‘abe vier Pennies“, sagte Delacroix. „Ich gebe für eine Zigarrenkiste, wenn es eine gute, s’il est bon.“

“Weißt du was?“ fragte Percy. „Wenn dieser zahnlose alte Hurensohn dir die Zigarrenkiste für vier Pennies verkauft, dann klaue ich etwas Watte von der Krankenstation, um sie damit auszupolstern. Das wird ein richtiges Mäuse-Hilton, wenn es fertig ist.“ Er blickte mich an. „Ich soll einen Bericht über meine Eindrücke im Schaltraum bei Bitterbucks Hinrichtung schreiben“, sagte er. „Gibt es einen Füller in deinem Büro, Paul?“

„Klar“, erwiderte ich. „Formblätter ebenfalls. Im Schreibtisch in der linken oberen Schublade.“

„Na prima“, sagte Percy und stolzierte davon.

Harry und ich tauschten einen Blick „Meinst du, daß er krank ist?“ fragte Harry. „War er vielleicht bei seinem Arzt und hat erfahren, daß er nur noch drei Monate zu leben hat?“

Ich gestand, daß ich nicht die geringste Ahnung hatte, was da los war. Das stimmte zu diesem Zeitpunkt und noch eine Weile danach, aber dann fand ich es heraus. Und ein paar Jahre später hatte ich ein interessantes Gespräch beim Abendessen mit Hal Moores. Zu der Zeit konnten wir offen reden, denn der Direktor war pensioniert worden, und ich arbeitete in der Jugendstrafanstalt. Es war eine dieser Mahlzeiten, bei denen man zuviel trinkt und zuwenig ißt, so daß die Zungen gelockert werden. Hal erzählte mir, daß Percy sich über mich und über die Arbeit auf der Green Mile im allgemeinen beschwert hatte. Das war kurz nach dem Tag, an dem Delacroix in den Block gekommen war und Brutal und ich Percy davon abgehalten hatten, den kleinen Franzosen halbtot zu prügeln. Am meisten hatte Percy gewurmt, daß ich ihn aufgefordert hatte, mir aus den Augen zu gehen. Er war der Ansicht, daß ein Verwandter des Gouverneurs sich so etwas nicht zu bieten lassen brauchte.

Nun, Moores erzählte mir, er habe Percy so lange hingehalten wie möglich, und als ihm klargeworden sei, daß Percy seine Beziehungen spielen lassen wollte, damit ich einen Tadel erhielt oder wenigstens in einen anderen Teil des Gefängnisses versetzt wurde, hatte er, Moores, Percy in sein Büro gezogen und ihm gesagt, wenn er aufhörte, solchen Wind zu machen, würde er dafür sorgen, daß Percy bei Delacroix’ Hinrichtung sozusagen die erste Geige spielen durfte. Er würde direkt neben dem elektrischen Stuhl stehen. Ich würde wie immer die Leitung haben, aber die Zeugen würden das nicht wissen; für sie würde es aussehen, als wäre Mr. Percy Wetmore der Leiter der Hinrichtung. Moores hatte nur versprochen, was wir bereits diskutiert hatten und was ich akzeptiert hatte, aber Percy wußte das nicht. Er hatte zugestimmt, seine Drohung, mich versetzen zu lassen, zu vergessen, und die Atmosphäre in Block E war angenehmer geworden. Er war sogar einverstanden gewesen, daß Delacroix Percys frühere Nemesis als Haustier halten durfte. Es ist erstaunlich, wie sich einige Leute ändern können, wenn sie den richtigen Ansporn bekommen: In Percys Fall brauchte Direktor Moores nur die Chance anzubieten, einem kleinen glatzköpfigen Franzosen das Leben zu nehmen.

9

Toot-Toot fand, daß vier Pennies viel zuwenig für eine erstklassige Corona-Zigarrenkiste waren, und damit hatte er vermutlich recht —- Zigarrenkisten waren hochbegehrt und -bezahlt im Knast. Man konnte darin unzählige kleine Dinge aufbewahren, der Geruch war angenehm, und irgend etwas an ihnen erinnerte unsere Kunden daran, wie es war, frei zu sein. Weil Zigaretten im Gefängnis erlaubt waren, Zigarren jedoch nicht, nehme ich an.

Dean Stanton, der zu dieser Zeit wieder im Block war, spendierte einen Penny, und ich steuerte ebenfalls einen bei. Als Toot-Toot immer noch unzufrieden war, wurde er von Brutal bearbeitet. Zuerst forderte er ihn auf, sich wegen seiner Geldgier zu schämen, und dann versprach er, daß er, Brutus Howell, ihm persönlich sofort nach Delacroix’ Hinrichtung die Zigarrenkiste zurückgeben würde. „Mag sein oder nicht, daß sechs Pennies zuwenig sind, wenn du diese Zigarrenkiste verkaufst, darüber könnten wir streiten“ meinte Brutal, „aber du mußt zugeben, daß es ein stolzer Preis ist, wenn du sie verleihst. Er wird in einem Monat, allerhöchstens in sechs Wochen, über die Green Mile gehen. Und diese Zigarrenkiste wird wieder auf deinem Karren stehen, bevor du sie überhaupt vermißt.“

„Ein weichherziger Richter könnte ihm Aufschub gewähren, und dann wäre er immer noch hier und könnte auf alte Bekannte pfeifen“, wandte Toot-Toot ein, aber er wußte es besser, und Brutal wußte, daß er es wußte. Der alte Toot-Toot hatte diesen verdammten Karren mit Bibelzitaten praktisch seit den Tagen des Pony Express durch Cold Mountain geschoben, und er hatte viele Informationsquellen …bessere als unsere, dachte ich damals. Er wußte, daß im Fall Delacroix kein Richter weichherzig sein würde. Seine einzige Hoffnung war der Gouverneur, der im allgemeinen wenig milde bei Leuten war, die ein Dutzend seiner Wähler gebraten hatten.

„Und selbst wenn er keinen Aufschub bekommt, wird diese Maus bis Oktober in die Zigarrenkiste scheißen, vielleicht sogar bis zum Thanksgiving“, wandte Toot ein, aber Brutal merkte, daß Toots Widerstand erlahmte. „Wer wird denn eine Zigarrenkiste kaufen, die von einer Maus als Scheißhaus benutzt wurde?“

„O Mann!“ rief Brutal. „Das ist das Blödeste, was ich jemals von dir gehört habe, Toot. Ich meine, das ist die Höhe. Erstens wird Delacroix die Kiste so sauberhalten, daß man daraus essen könnte — bei seiner Liebe für diese Maus wird er die Kiste sauberlecken, wenn es nötig ist.“

„Nun übertreib mal nicht“, sagte Toot-Toot und rümpfte die Nase.

„Zweitens“ fuhr Brutal fort, „ist Mäusescheiße ohnehin keine große Sache. Das sind nur kleine harte Köttel, die wie Schrotkügelchen aussehen. Die kannst du einfach rausschütteln. Überhaupt kein Problem.“

Toot-Toot erkannte, daß weiterer Protest sinnlos war; er war erfahren genug, um zu wissen, wann er einer scharfen Brise trotzen konnte und wann es besser war, sich einem Hurrikan zu beugen. Dies war nicht gerade ein Hurrikan, aber wir Blaujacken mochten die Maus, es gefiel uns, daß Delacroix die Maus hatte, und das war zumindest ein Sturm. So bekam Delacroix die Zigarrenkiste, und Percy hielt sein Wort — zwei Tage später war der Boden der Kiste mit weicher Baumwollwatte aus der Krankenstation gepolstert. Percy überreichte sie persönlich, und ich konnte die Furcht in Delacroix’ Augen sehen, als er durch die Gitterstäbe griff, um sie entgegenzunehmen. Er befürchtete, Percy würde seine Hand schnappen und ihm die Finger brechen. Ich war ebenfalls besorgt, aber nichts geschah. Das war der Moment, an dem ich Percy fast ein bißchen mochte, aber selbst da konnte ich nicht den Ausdruck kalter Belustigung in seinen Augen übersehen. Delacroix hatte ein Haustier; Percy hatte ebenfalls eins. Delacroix würde seines behalten, verhätscheln und lieben — solange er konnte. Percy würde geduldig warten (jedenfalls so geduldig, wie ein solcher Typ das konnte) und. seines dann lebendig verbrennen.

„Das Mäuse-Hilton ist eröffnet“ sagte Harry. „Die einzige Frage ist, wird der kleine Kerl es benutzen?“ Die Frage wurde beantwortet, als Delacroix Mr. Jingles auf eine Hand nahm und ihn behutsam in die Zigarrenkiste setzte. Die Maus kuschelte sich in die weiße Watte, und fortan fühlte sie sich darin heimisch, bis …Nun, ich werde zur rechten Zeit zum Ende der Mr.-Jingles-Geschichte kommen.

Toot-Toots Befürchtungen, daß sich die Zigarrenkiste mit Mäusekot füllen würde, erwiesen sich als völlig unbegründet. Ich sah niemals auch nur einen einzigen Köttel darin, und Delacroix sagte das gleiche — nicht einmal in seiner Zelle war einer. Viel später, ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem Brutal mir das Loch im Dachbalken zeigte und wir die gefärbten Holzsplitter fanden, entfernte ich einen Stuhl aus der Ostecke der Gummizelle und fand dort einen kleinen Haufen Mäusekot. Die Maus war anscheinend immer zum selben Platz gegangen, um ihr Geschäft zu verrichten, so weit von der Zelle fort wie möglich. Hier ist noch etwas: Ich sah die Maus niemals pinkeln. Und für gewöhnlich können Mäuse den Wasserhahn kaum für zwei Minuten abstellen, besonders wenn sie fressen. Ich sage es Ihnen, das verdammte Ding war eines von Gottes Geheimnissen.

Ungefähr eine Woche nach Mr. Jingles’ Einzug in die Zigarrenkiste rief Delacroix mich und Brutal zu seiner Zelle, weil er uns etwas zeigen wollte. Das wollte er so oft, daß es uns nervte — wenn Mr. Jingles sich auch nur auf den Rücken rollte und die Pfoten in die Luft streckte, war es für den kleinen Cajun das Niedlichste auf Gottes Erde —, aber diesmal sahen wir etwas wirklich Arnüsantes.

Delacroix war nach seiner Verurteilung fast völlig von der Welt vergessen worden, aber er hatte eine Verwandte — eine alte Tante, glaube ich —, die ihm einmal pro Woche schrieb. Sie hatte ihm auch eine große Tüte Pfefferminzbonbons geschickt, die Sorte, die damals unter dem Markennamen Canada Mints verkauft wurde. Die Pfefferminzbonbons sahen wie große pinkfarbene Pillen aus. Delacroix durfte natürlich nicht die ganze Tüte auf einmal haben — es waren fünf Pfund, und er hätte sie verschlungen, bis wir ihn mit Magenkrämpfen auf die Krankenstation hätten bringen müssen. Wie fast jeder Mörder auf der Green Mile hatte er überhaupt keinen Sinn für Mäßigung. Wir gaben ihm jeweils ein halbes Dutzend Pfefferminzbonbons auf einmal, und auch nur dann, wenn er daran dachte, darum zu bitten.

Mr. Jingles saß neben Delacroix auf der Pritsche, als wir dorthin kamen, hielt eines dieser pinkfarbenen Bonbons zwischen den Pfoten und mampfte es zufrieden. Delacroix war einfach überwältigt vor Freude — er benahm sich wie ein Pianist, der seinem fünfjährigen Sohn beim noch zögerlichen Spielen seiner ersten klassischen Passagen zuschaute. Aber verstehen Sie mich nicht falsch; es war wirklich lustig, echt zum Schreien. Das Pfefferminzbonbon war halb so groß wie Mr. Jingles, und sein Bauch unter dem weißen Fell war bereits kugelrund aufgebläht.

„Nimm es ihm weg, Eddie“, sagte Brutal halb lachend, halb entsetzt. „Allmächtiger, der frißt, bis er platzt. Ich kann den Pfefferminzgeruch bis hier riechen. Wie viele hast du ihm gegeben?“

„Das ist sein zweites“ antwortete Delacroix und schaute etwas nervös auf Mr. Jingles’ Bauch. „Meinst du wirklich …du weißt schon …, daß er platzt?“

„Schon möglich“, meinte Brutal.

Das war genug Autorität für Delacroix. Er griff nach dem Pfefferminzbonbon, von dem nur noch die Hälfte übrig war. Ich rechnete damit, daß die Maus ihn beißen würde, aber Mr. Jingles überließ ihm sanftmütig den Rest des Bonbons. Ich blickte zu Brutal, und er schüttelte ein wenig den Kopf, als wollte er sagen, nein, er könne das auch nicht verstehen. Dann ließ sich Mr. Jingles in die Zigarrenkiste plumpsen und legte sich wie ein erschöpfter alter Mann auf die Seite. Wir alle drei mußten bei diesem Anblick lachen. Danach gewöhnten wir uns daran, daß die Maus neben Delacroix saß, ein Pfefferminzbonbon zwischen den Pfoten hielt und so manierlich speiste wie eine alte Lady bei einer nachmittäglichen Teegesellschaft. Und Delacroix und Mr. Jingles waren eingehüllt in den Duft, den ich später in dem Loch im Dachbalken wahrnahm — in den halb bitteren, halb süßen Geruch von Pfefferminzbonbons.

Da gibt es noch eine Sache, die ich Ihnen über Mr. Jingles erzählen sollte, bevor ich mit der Ankunft von William Wharton weitermache, als wirklich ein Orkan über Block B hereinbrach.

Ungefähr eine Woche nach der Sache mit den Pfefferrninzbonbons — also exakt zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns sagten, daß Delacroix seinen Liebling wohl nicht zu Tode füttern würde — rief uns der Franzose zu seiner Zelle. Ich war vorübergehend allein, Brutal war aus irgendeinem Grund zur Verwaltung gerufen worden, und nach den Vorschriften durfte ich mich unter solchen Umständen keinem Gefangenen nähern. Aber weil ich an einem meiner guten Tage ’ Delacroix beim Kugelstoßen zwanzig Meter weit geworfen hätte, entschied ich mich, gegen die Vorschriften zu verstoßen und mir anzuhören, was er wollte.

„Gucken Sie das an, Boß Edgecombe“, sagte er. „Sie gleich sehen, was Mr. Jingles tun kann!“ Er griff hinter die Zigarrenkiste und zog eine kleine hölzerne Rolle hervor, eine Garnspule ohne Garn.

„Woher hast du die?“ fragte ich, obwohl ich es zu wissen glaubte. Es gab wirklich nur eine Person, von der er die Rolle bekommen haben konnte.

„Von Toot-Toot“, sagte er. „Schauen Sie zu, Boß.“

Ich schaute bereits zu und sah Mr. Jingles in seiner Zigarrenkiste, wie er sich aufstellte und sich mit den Vorderpfoten am Rand der Kiste stützte, die schwarzen Augen auf die Rolle gerichtet, die Delacroix zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand hielt. Ich fühlte, daß es mir kalt den Rücken hinunterlief. Ich hatte noch nie gesehen, daß eine Maus etwas mit so viel Eifer — mit so viel Intelligenz — vorgeführt hatte, und ich habe es seither nie wieder erlebt. Ich kann wirklich nicht glauben, daß Mr. Jingles ein übernatürlicher Besucher war, und wenn ich bei Ihnen diesen Eindruck erweckt habe, tut es mir leid, aber ich habe nie bezweifelt, daß er ein Genie seiner Art war.

Delacroix beugte sich vor und rollte die garnlose Spule über den Zellenboden. Sie rollte ganz leicht und gleichmäßig — wie zwei Räder, die durch eine Achse verbunden sind. Die Maus war wie der Blitz aus der Kiste heraus und flitzte hinter der Rolle her wie ein Hund hinter einem Stock. Ich stieß einen Laut der Überraschung aus, und Delacroix lächelte.

Die Spule rollte gegen die Wand und prallte zurück. Mr. Jingles umrundete sie und schob sie zurück zur Pritsche, wobei er von einem Ende der Rolle zum anderen wechselte, wenn es so aussah, als würde sie vom Kurs abweichen. Er schob die Rolle bis gegen Delacroix’ Fuß. Dann blickte er auf, als wollte er sich vergewissern, daß Delacroix keine dringenderen Aufgaben mehr für ihn hatte (vielleicht das Lösen eines arithmetischen Problems oder die grammatische Analyse eines lateinischen Textes). Offensichtlich zufrieden nach dieser Runde, kehrte die Maus in die Zigarrenkiste zurück und machte es sich darin gemütlich.

„Du hast ihm das beigebracht“ stellte ich fest.

„Jawohl, Boß Edgecombe“, sagte Delacroix breit lächelnd. „Er ‘olt die Rolle jedesmal. Verdammt gerissen, nix wahr?“

„Und die Spule?“ fragte ich. „Woher wußtest du, daß du so etwas für ihn besorgen sollst?“

„Er ‘at mir in die Ohr geflüstert, daß er sie will“, antwortete Delacroix mit heiterer Gelassenheit.

„Genau wie geflüstert seine Name.“

Delacroix zeigte all den anderen Jungs Mr. Jingles’ Trick …allen außer Percy. Für Delacroix zählte nicht, daß Percy den Vorschlag mit der Zigarrenkiste gemacht und die Watte für ihn besorgt hatte. Delacroix war wie einige Hunde; wenn man sie einmal tritt, vertrauen sie einem nie wieder, ganz gleich, wie nett man zu ihnen ist.

Ich kann Delacroix noch jetzt hören, wie er ruft: „Hey, ihr Leute! Kommen und sehen, was Mr. Jingles kann!“ Und dann drängten sich Blau-Uniformierte vor der Zelle — Brutal, Harry, Dean und sogar Bill Dodge. Und alle waren verblüfft und staunten wie ich, als ich das zum erstenmal gesehen hatte.

Drei oder vier Tage nach der Uraufführung von Mr. Jingles’ Trick mit der Spule stöberte Harry Terwilliger in dem Material für Kunst und Bastelarbeiten, das wir in einer Ecke der Gummizelle aufbewahrten. Er fand die Buntstifte und brachte sie mit einem Lächeln zu Delacroix, das fast verlegen wirkte „Ich dachte mir, du möchtest die Rolle vielleicht in verschiedenen Farben bemalen“, sagte er. „Dann wäre dein kleiner Freund wie eine Zirkusmaus oder so.“

„Eine Zirkusmaus!“ Delacroix sah völlig verzückt und glücklich aus. Ich nehme an, er war wirklich glücklich, vielleicht zum erstenmal in seinem ganzen erbärmlichen Leben. „Das ist er ja auch! Eine Zirkusmaus! Wenn ich ‘ier raus bin, wird er mich reich machen wie die Star von eine Zirkus. Ihr werdet sehen!“

Percy Wetmore hätte Delacroix zweifellos darauf hingewiesen, daß er beim Verlassen von Cold Mountain in einem Ambulanzwagen liegen würde, dessen Blaulicht oder Sirene nicht eingeschaltet zu werden brauchte, aber Harry war feinfühliger. Er riet Delacroix nur, die Spule möglichst schnell bunt anzustreichen, weil er die Buntstifte nach dem Abendessen zurückbringen mußte.

Del färbte die Rolle schön bunt. Als er fertig war, leuchtete ein Ende der Rolle gelb, das andere war grün, die Mitte war feuerrot. Wir gewöhnten uns daran, daß Delacroix trompetete: „Maintenant, mésieurs et mesdames! Le cirque présentement le mous’ amusant et amazeant!“ Er sprach zwar nicht genau so, aber es gibt Ihnen eine Vorstellung von seinem seltsamen Französisch. Dann stieß er diesen langgezogenen kehligen Laut aus — ich nehme an, es sollte ein Trommelwirbel sein — und rollte die Spule. Mr. Jingles flitzte hinterher und rollte sie mit der Nase oder sogar den Pfoten zurück — und das war wirklich eine Show, für die man bezahlt hätte, um sie in einem Zirkus zu sehen, finde ich. Delacroix und der Auftritt seiner Maus mit der buntbemalten Spule war unser Hauptvergnügen zu der Zeit, als John Coffey in unsere Obhut kam, und so blieben die Dinge für eine Weile. Dann meldete sich meine Blaseninfektion zurück die eine Zeitlang Ruhe gegeben hatte, und William Wharton traf ein, und der Teufel war los.

10

Die meisten Daten habe ich vergessen. Ich nehme an, ich könnte meine Enkelin Danielle bitten, einige davon aus Zeitungsarchiven herauszusuchen, aber was hätte das für einen Sinn? Die wichtigsten Daten stehen ohnehin nicht in den Zeitungen, zum Beispiel der Tag, an dem wir zu Delacroix’ Zelle gingen und die Maus auf seiner Schulter sitzen sahen, oder der Tag, an dem William Wharton zum Block kam und beinahe Dean Stanton umbrachte. Vielleicht ist es besser, so weiterzumachen wie bisher. Letzten Endes interessiert das Datum nicht besonders, wenn man sich erinnert, was man erlebt hat, und es in die richtige Reihenfolge bringt.

Ich weiß, daß sich die Dinge ein bißchen drängten. Als ich schließlich Delacroix’ Hinrichtungspapiere mit dem Termin von Curtis Andersons Büro erhielt, stellte ich erstaunt fest, daß das Datum des Rendezvous unseres Cajuns mit Old Sparky etwas vorverlegt worden war, eine Sache, die fast beispiellos war, sogar in jenen Tagen, in denen man noch nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen mußte, um jemanden hinzurichten. Es war ein Unterschied von zwei Tagen, glaube ich, vom siebenundzwanzigsten Oktober auf den fünfundzwanzigsten. Nageln Sie mich nicht auf den genauen Tag fest, aber ich weiß, daß ich nahe dran bin. Ich erinnere mich, daß ich dachte, Toot-Toot würde seine Corona-Zigarrenkiste sogar früher zurückbekommen als erwartet.

Wharton hingegen kam später als erwartet zu uns. Zum einen dauerte sein Prozeß vier oder fünf Tage länger, als Andersons für gewöhnlich verläßlich Quellen gedacht hatten (bei Wild Billy konnte man sich auf nichts verlassen, wie wir bald feststellen würden, einschließlich unserer in Jahren bewährten und angeblich narrensicheren Methoden der Gefangenenbewachung). Dann, nachdem er für schuldig befunden worden war — immerhin etwas, das nach Plan verlief —, wurde er zu Untersuchungen ins Indianola General Hospital eingeliefert. Er hatte während des Prozesses eine Reihe von angeblichen Anfällen gehabt, Zweimal so ernst, daß er auf den Boden knallte, wo er zitternd und zuckend herumlag und um sich schlug. Whartons Pflichtanwalt behauptete, Wharton leide an Epilepsie und sei unzurechnungsfähig gewesen, als er die Verbrechen begangen habe; die Anklage behauptete, seine Anfälle seien simuliert, die Schauspielerei eines Feiglings, der verzweifelt sein Leben retten wollte. Nachdem die Jury die sogenannten ‘epileptischen Anfälle’ mit eigenen Augen gesehen hatte, entschied sie auf Schauspielerei. Der Richter war gleicher Meinung, ordnete jedoch nach dem Schuldspruch an, daß vor der Vollstreckung des Urteils eine Reihe von Untersuchungen durchgeführt werden sollten. Gott weiß, warum; vielleicht war der Richter nur neugierig.

Es war ein Wunder, daß Wharton nicht aus dem Krankenhaus flüchtete (und keinem von uns entging die Ironie, daß Direktor Moores’ Frau Melinda zur selben Zeit im selben Krankenhaus war), aber er tat es nicht. Ich nehme an, er war von Bewachern umstellt worden und hatte immer noch die Hoffnung, auf Grund seiner Epilepsie — wenn es sie gab — für unzurechnungsfähig erklärt zu werden.

Das war nicht der Fall. Die Arzte stellten fest, daß mit seinem Gehirn alles in Ordnung war — jedenfalls physiologisch —, und Billy ‘the Kid’ Wharton wurde nach Cold Mountain überführt. Das muß um den achtzehnten Oktober herum gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß Wharton ungefähr zwei Wochen nach John Coffey und eine Woche vor Delacroix’ Hinrichtung eintraf.