/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Das Vorbild

Siegfried Lenz


Das Vorbild

Siegfried Lenz

1973

Drei erfahrene Pädagogen, ein Rektor aus Lüneburg, eine Lektorin und Herausgeberin von Lehrbüchern aus Hamburg und ein Vertreter der jüngeren Lehrergeneration aus Diepholz kommen in Hamburg zusammen, um in offiziellem Auftrag an einem neuen deutschen Lesebuch zu arbeiten. »Lebensbilder – Vorbilder«, so heißt das Kapitel, das sie in eigener, gemeinsamer Verantwortung herausgeben sollen. Ausgerüstet mit Ideen und Vorschlägen, treffen die drei so unterschiedlichen Erzieher in einer kleinen Pension, ihrer Tagungsstätte, zusammen, jeder davon überzeugt, das ausgewählte Vorbild durchsetzen zu können. Sichtend, wertend, urteilend, immer auf der Suche nach der Hauptfigur, dem »Vorbild«, das auch heutigen Schülern als gültiges Ideal präsentiert werden kann, tauschen sie unermüdlich Geschichten aus, verwerfen sie, können sich nicht einigen. Doch während sie selbst »vorbildhaften« Stoff für andere prüfen, müssen sie es sich gefallen lassen, selbst überprüft zu werden: durch private Konflikte, durch biographische Schwierigkeiten.

Inhaltsverzeichnis

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Langsam, langsam; sie können doch nicht auf einmal da sein. Sie können doch nicht wie zufällig auf einem dunstigen, novemberlichen Bahnsteig ankommen oder sich unvorbereitet in dem trüben, von einem Leitergerüst gefangengesetzten Hotel vorfinden, als wären sie mit der Paketpost eingetroffen. Man kann ihnen doch nicht die Mühsal der Annäherung erlassen, sie einfach nur hineinstoßen in den mit Waffen überladenen Tagungsraum und sie dann vorzeigen bei zäh richtender Beschäftigung — in dieser Stadt, die selbst über jeden richtet, der sich in ihr aufhält. Und sie können doch auch nicht, einmal ins Schwerefeld von Hamburg geraten, in schroffer Umzäunung vorgeführt werden, so als gäbe es hier nur sie und ihre bemessene Aufgabe, denn wer hier ankommt mit Aufträgen, Plänen, Bereitschaften, wird unwillkürlich gemessen, wird ausgespielt und verglichen — also auch er, auch Valentin Pundt, dieser mächtige, steife Mann mit dem scheitellosen Haar, den eine Rolltreppe hochbaggert in die Halle des Hauptbahnhofs.

Es wird gleich zugegeben: dieser Mann, der im dünnen Licht der Halle zögert, der sich gleich zum falschen Ausgang wenden wird — in einer Hand einen Lederkoffer, in der anderen eine fleckige, schwere Aktentasche: Valentin Pundt, der in seiner Jugend Beckmann begegnet ist und prompt von ihm gemalt wurde — Norddeutscher Lehrer —, er ist einer der drei Sachverständigen, die im Auftrag eines Arbeitskreises der Kultusministerkonferenz an einem repräsentativen Lesebuch für Deutschland arbeiten; diesmal in Hamburg, in einem nassen November, der alles verschmiert.

Unschlüssig, von keinem bemerkt, die Gruppe müder stumpfgesichtiger Männer im Blick behaltend, die ihre Pappkartons spazierenführen wie quengelnde, widerstrebende Kinder, wendet er sich dem falschen Ausgang zu und erfährt schon auf dem kurzen Weg, welche Angebote diese Stadt bereithält, wie sie die Ereignisse mischt. Während sie also in förderlicher Zurückgezogenheit den dritten Abschnitt eines ganz neuen Lesebuchs für Deutschland beraten werden, feiert unter anderem der hiesige Hafen sein mehr als siebenhundertjähriges Jubiläum, und die Marine wirbt mit einem Tag der Offenen Tür. Da werden folglich Wimpel, da werden Flaggen knatternd von Leinen und Masten abstehen, man darf den Feuerleitstand betreten und eine Salve gegen die Altonaer Kühlhallen loslassen, ein Koch wird den Koch spielen und an jedermann bedrohliche Portionen Labskaus verteilen.

Nein, hier sind Sie falsch, dies ist der Ausgang Glockengießerwall, die Kirchenallee ist auf der anderen Seite, sagt ein Bahnpolizist; und deshalb geht Valentin Pundt zum zweitenmal durch die trübe, zugige Halle und wundert sich über die Achtlosigkeit, mit der zwei Frauen den Boden der Halle fegen und den extra breiten Besen gegen die Schuhe von Stehenden stoßen. Scharf setzen sie die Besen auf, die Borsten zischen über die schmutzigen Fliesen, bringen den Staub in Aufruhr, der sich wolkig erhebt, bis unter das erblindete Glasdach hinaufsteigt, wo struppige Tauben eine dauernde Gefangenschaft verbringen. Valentin Pundt weiß, daß er am Ausgang Kirchenallee erwartet wird, neben einem Briefkasten, einem »unübersehbaren« Briefkasten, wie ihn Frau Dr. Süßfeldt beschrieben hat; das könnte für andere ein Grund sein, den Schritt zu wechseln, forscher, gespannter, ungeduldiger dem Treffpunkt zumstreben, vielleicht sogar mit sich selbst eine Wette abzuschließen, daß oder daß nicht, doch dieser Mann, rauhhäutig, abweisend und offensichtlich bemüht, die Schwere seines Gepäcks nicht anzuerkennen, watet nur steif und ebenmäßig durch die Trübnis der Halle, in seinem langfallenden Lodenmantel, der eine beachtliche Feuchtigkeit aufzubewahren scheint, die Feuchtigkeit einer herbstlichen Fichtenschonung womöglich, und man kann schon die kurzgewachsenen Türken, die Griechen und Jugoslawen verstehen, die beim Anblick von Valentin Pundt ihre wärmenden Gespräche unterbrechen, sich anstoßen, bedeutungsvoll zunicken und ihm grinsend nachsehen, wie er dem Ausgang zustrebt, wobei es ihm gelingt, die Formation einer entgegenkommenden Schulklasse aufzuschlitzen. Wer ihm jetzt noch nachsieht, erkennt, daß er nur knapp hinaustritt, das verschlossene Gesicht nach links wendet, dort augenscheinlich — denn er blickt nicht nach rechts — den »unübersehbaren« Briefkasten entdeckt, allerdings auch nicht mehr als den Briefkasten, was ihn jedoch weder ratlos noch unsicher macht, sondern nur dazu veranlaßt, unter wildwachsenden Augenbrauen die nähere Umgebung durchzumustern, unerbittlich, bei langsamer Drehung in den Hüften. Nichts; er wird nicht erwartet, obwohl er am richtigen Ausgang steht. Der Zug hatte keine Verspätung. Am Datum ist nicht zu zweifeln. Der übergroße Briefkasten hat hier keine Konkurrenz; dennoch wird er nicht erwartet.

Valentin Pundt entschließt sich, zu telefonieren, geht schräg durch die Halle, erwägt, auf einen der Besen zu treten, die zischend gegen ihn vorstoßen, verweist jedoch nur die beiden formlosen Frauen durch einen Blick und schließt sich, ohne das Gepäck abzusetzen, der Reihe der Wartenden vor den Telefonzellen an.

Was macht sein Gepäck so schwer? Das schrumpelige Backobst, von dem er hin und wieder bei der Arbeit angeboten hat und auch diesmal wieder anbieten wird, kann es nicht sein; ebensowenig die geschnürten Katzenfelle, mit denen er sein Rheuma zähmt; es wird an den Flaschen mit selbstgebranntem Korn liegen, ohne die er nie verreist, ein hausgemachter Klaret, den er, lauschend im Bett sitzend, vor dem Frühstück kippt und aus dem er nach eigenen Worten »so eine Botschaft empfängt« — wenn Sie wissen, was ich meine. Und natürlich wird die Schwere seines Gepäcks nicht zuletzt auch durch all die Ordner und Notizen begründet, durch Zeitschriften und Bücher, die er unbarmherzig, wenn auch nicht wahllos, hineingezwängt hat in Fächer und Nebenfächer sowie durch das zweiteilige Manuskript Die Erfindung des Alpbabets, an dem er seit vierzehn Jahren arbeitet, und das er sich in den Sitzungspausen vornehmen möchte, ohne Erfolg, selbstverständlich.

Doch jetzt können wir die Schlange der Wartenden verkürzen, Valentin Pundt eine Zelle zuweisen, allerdings kann er sie noch nicht betreten, da die Vorstellung hinter der Glastür kein Ende nehmen will, die volkstümliche Pantomime, die ein Bursche mit ölglänzendem Kraushaar und sehr breiten Koteletten anbietet: Pundt, immer dazu aufgelegt, einer Sache sofort einen Namen zu geben, nennt das alles »Mißglückte Versöhnung«, was da mit ziellosem Lächeln, mit flehender Hand und schräger Kopfhaltung beginnt, sich zusehends versteift und ungläubig verhärtet, ohne jedoch in banger Werbung nachzulassen, denn immer noch werden zaghafte Appelle an Einsicht oder Verständnis geäußert, was aber augenscheinlich auf der anderen Seite wirkungslos bleibt, so daß nun auf spitzmündiges Warnen ein Ausbruch von Fassungslosigkeit und Vorwurf folgt, unterstützt von einer Schuhspitze, die gegen die Zellenwand stößt, und von einer Hand, die fordernd mit einer Münze gegen die Flanke des Apparats tickt, auch das ohne Wirkung, wie sich herausstellt, worauf der telefonierende Pantomime zu atmen aufhört, den Kopf einzieht wie zu einem Rammstoß und mit einem Gesicht, das nichts zeigt als schlimme Undurchdringlichkeit, den Hörer auf die Gabel knallt und aus der Zelle stürzt und gleich zu laufen beginnt in Richtung auf ein beschlossenes Ziel.

Nun aber ist Valentin Pundt dran. Er wuchtet sein Gepäck in die Zelle, setzt den Koffer gegen die Wand, stellt die Tasche auf den Koffer und klemmt sie mit einem Knie fest, und in dieser Haltung sucht er nach dem Brief, da steht die Nummer drauf, wie warm der Hörer ist, wie feucht und beschlagen. — Hier spricht Pundt, Rektor Pundt aus Lüneburg, ich bin verabredet mit Frau Doktor Süßfeldt. — Haben wir nicht, sagt eine gehemmte Männerstimme und legt auf. Valentin Pundt wählt noch einmal, er hört dieselbe Männerstimme, er sagt: Bitte, Doktor Rita Süßfeldt. — Sie waren doch schon einmal da, sagt die Männerstimme, und Pundt darauf: Hier Pundt aus Lüneburg. Doktor Süßfeldt wollte mich von der Bahn abholen, es kann sein, daß wir uns verfehlt haben. — Sie ist zur Bahn gefahren, sagt die Männerstimme, vor einer Stunde schon, und wenn nix passiert, wenn sie keinen Rentner überfährt und keinen Polizisten, wird sie auch kommen und Sie abholen. Valentin Pundt will antworten, doch im Hintergrund hört er eine übelnehmende Frauenstimme: Laß das, Heino, du sollst nicht ans Telefon; mit wem sprichst du eigentlich? — Lüneburg, sagt Heino, jemand aus Lüneburg möchte Rita sprechen. — Ja? — Hier Süßfeldt, sagt die Frauenstimme, und Valentin Pundt wiederum: Pundt hier, Rektor Pundt aus Lüneburg. Frau Doktor Süßfeldt wollte mich von der Bahn abholen, offenbar haben wir uns verfehlt, wenn Sie ihr bitte ausrichten würden, daß ich direkt zur Tagungsstätte fahren werde, zum Hotel, ja. — Tun Sie das nicht, sagt die Frauenstimme, meine Schwester ist unterwegs zu Ihnen, sie ist bereits vor einer Stunde abgefahren, den Weg zum Bahnhof hat sie schon oft gemacht. — Danke, sagt Valentin Pundt und hängt ein, bugsiert sein Gepäck aus der Zelle, verläßt diesmal die Halle durch einen Nebenausgang und strebt auf den »unübersehbaren« Briefkasten zu.

Er stellt sich neben den Briefkasten und wartet, und im Prisma der Erwartung dehnt und vervielfacht sich alles, wächst sich aus zu bedrückender Größe: die ernsten Fassaden dieser hamburgischen Hotels rücken zusammen und bedrängen das Schauspielhaus; die Kaufhäuser versuchen, jedermann den Weg zu verstellen; die Prozession der Autos, die nur aus Lieferwagen von Chemischen Reinigungen und Büromöbelgeschäften zu bestehen scheint, erlaubt keinem das Überqueren der Straße. Ein Zeitungsverkäufer wirbt mit einem beispiellosen Bankrott. Das traditionelle Geschenk Norwegens, ein mit Stricken gefesselter Tannenbaum, wird auf einem Spezialwagen vorbeigefahren. Dort verdicken sich die Schnüre der Passanten vor einer Ampel. Mißmutig, mit klammen Fingern, laden sie hier Kabelrollen ab. Und über allem streitet sich das Licht mit diesem diesigen November.

Valentin Pundt wartet neben dem Briefkasten am Hauptbahnhof. Diesmal werden sie also, während Kollegen im Süden im gleichen Auftrag an einem Gegenmodell arbeiten, den dritten Abschnitt des neuen Lesebuchs für Deutschland fertigstellen: Lebensbilder — Vorbilder. Die beiden ersten Kapitel sind zusammengestellt, überprüft, beschlossen; zügig, fast ohne Widerstand, hat man sich auf Arbeit und Feste geeinigt; zäher, lustloser dagegen ist Heimat und Fremde entstanden, es hat da gereizte Nachfrage und spöttische Antwort gegeben, und wenn auch das, was erarbeitet wurde, als abgeschlossen gilt: bezweifelt wird es immer noch — nicht von ihm allerdings, nicht von Valentin Pundt. Er denkt an die mühselige, halbherzige Einigung am Schluß der letzten Sitzung. Wie anstrengend es ist, andere zu überzeugen, wie trostlos, selbst überzeugt zu werden. Damals war er gut vorbereitet. Wo sie nur bleibt?

Ein hochbeiniges, froschgrünes Auto kommt in leichtfertigem Slalom zwischen wartenden Taxis heran und hält vor ihm. Hinter verschmierten Scheiben winkt eine Hand, schnell, schnell, hier ist Halteverbot, die Hand pocht gegen die Scheibe, drängt Valentin Pundt zur Eile, der ist bereit, der hat sein Gepäck nicht einen Augenblick abgesetzt, umrundet schon das Auto und sieht, wie die Tür geöffnet wird, die Sitzlehne nickend und dienstbereit nach vorn kippt, das ist die Aufforderung, Koffer und Tasche — Vorsicht, da sind Flaschen drin — auf den Rücksitz zu bugsieren, da springt die Lehne auch schon zurück, er zwängt sich hinein und wirft die Tür zu, ohne zu merken, daß der langfallende Mantel eingeklemmt wird: Guten Morgen.

Rita Süßfeldt fährt an. Jhretwegen brauchte es weder Rückspiegel noch Seitenspiegel zu geben. Sie fährt an mit einem Seufzer der Genugtuung, wie immer, wenn sie einem Verkehrszeichen seine Entbehrlichkeit bewiesen hat, und der Mann auf dem Nebensitz wendet ihr das Gesicht zu und bedankt sich knapp. Rita Süßfeldt beobachtet den einzigen noch arbeitswilligen, wenn auch ermüdeten Scheibenwischer: seit zwanzig Minuten fahre sie um den Hauptbahnhof herum, immer in derselben Richtung, sie habe es sich abgewöhnt, hier nach einem Parkplatz zu suchen, schließlich müsse man ja einmal aufeinandertreffen, zwangsläufig, jedenfalls habe er gut daran getan, am Briefkasten zu warten, wie ausgemacht. Rita Süßfeldt fährt, wie gesagt, steuert das leichte Auto an der Tankstelle vorbei durch die Einbahnstraße, eine wippende Zigarette zwischen den geschminkten, aber nicht zuende geschminkten Lippen, das war voraussagbar, auch der zu helle Ton des Lippenstifts und die grauen Flecken auf Rock und Mantel waren voraussagbar, Ascheflecken, die sie achselzuckend verreibt, manchmal lächelt sie in gespielter Bekümmerung, wenn der fahle, gekrümmte Wurm von der Zigarette fällt und auf ihren Kleidetn zerplatzt. Wie leicht sie es jedermann macht, wiedererkannt zu werden; immer noch, denkt Valentin Pundt — der sie freimütig abfragt mit seinen Blicken —, immer noch dieser Eindruck, als sei sie gerade irgendwo hastig aufgebrochen, mit einem Schreckensschrei und einem belegten Brötchen zur Garderobe gestürzt — immer noch, und in allem, dieser unausgeführte Entwurf ihrer selbst. Offen ist der Mantel, der durchsichtige Schal nur lose gebunden, das Stirnband, das dem kräftigen, rötlichen Haar Strenge auferlegen soll, sitzt schief; im Hotel wird Rektor Pundt außerdem entdecken, daß Rita Süßfeldt nur einen Ohrring trägt. Alles an ihr ist bedacht, geplant, eingeleitet, sie hat alles Nötige begonnen, doch ein unerwarteter Einfall, eine Ablenkung oder einfach überlegene Lustlosigkeit haben sie daran gehindert, das Begonnene auch zu beschließen.

Rauch steigt kräuselnd von der wippenden Zigarette auf, zieht über das glatte, sommersprossige Gesicht, über die gleichmäßig gewölbte Kinderstirn, sie muß die Augen schließen, sie wischt sich beim Fahren mit einer Hand über die tränenden Augen, gleich wird auch die andere Hand das Steuer loslassen, was Valentin Pundt jedoch nicht schert oder etwa besorgt macht, denn der geschätzte Schulmann, der gerade pensionierte Rektor ist nach eigenen Worten ein »erklärter Nichtfahrer«. Ob er sich wieder mit soviel schauderhafter Sorgfalt vorbereitet habe? — Er sei geziemend vorbereitet. — Ob er außer den verabredeten Texten auch noch neue Texte mitgebracht habe? — Er habe sich — die schwere Pädagogenhand zielt auf den Koffer — mit Texten ausreichend versehen. — Und Backobst? Werde er in kritischen Augenblicken wieder in der Lage sein, Backobst kreisen zulassen? — Er werde dazu in der Lage sein.

Rita Süßfeldt lächelt und verchafft sich lächelnd Vorfahrt, manchmal unter Mithilfe heftiger und etwas zu groß geratener Dankesgesten, und die Hinweise anderer Autofahrer, daß da ein Mantel eingeklemmt, daß da ein beachtliches Stoffdreieck zur Tür heraus, daß da jedenfalls etwas Schlappes, Hängendes die Fahrbahn feudelt — all diese Hinweise mißversteht sie grundsätzlich und nimmt sie, wenn nicht als fröhlichen, so doch als bewundernden Gruß.

Sie will über die Kennedy-Brücke, das gelingt nicht, scheitert einfach daran, daß die Auffahrt anscheinend über Nacht verlegt wurde, doch man fährt bereits in gewünschter Richtung zur Lombardsbrücke hinab, an der Kunsthalle vorbei, die an diesem Morgen — der Schnee oder Regen, vermutlich aber den ortsüblichen Schneeregen bereithält — Trübsinn angelegt hat, und zwar den termingerechten Trübsinn, dem der Backstein jedesmal im November verfällt.

Ob er, Valentin Pundt, nicht die Ausstellung sehen möchte, die gerade eröffnet werden ist, eine sehenswerte Ausstellung: Kinderbildnisse europäischer Maler? Wenn er Zeit finde, werde er sich die Ausstellung ansehen. Überhaupt — sie läßt das Steuer los, um einen Batzen herabgefallener Asche in den dunkelblauen Wollrock zu reiben —, Hamburg habe eine Menge zu bieten, gerade in diesen Novembertagen, und man müsse sich schon gewaltsam Zeit nehmen, um das Wichtigste mitzubekommen. Zum Beispiel habe der Hafen Jubiläum. In Planten un Blomen finde zum Beispiel die traditionelle Skandinavische Lebensmittel-Ausstellung statt. Unterhaltsame Veranstaltungen biete auch die Werbewoche Freundschaft mit der Polizei. Und die Bach-Woche. Und der Internationale Puppenspieler-Kongreß. Die nötige Zeit, sich etwas davon herauszupicken, werde man schon finden: der Doktor Dunkhase sei ohnehin verreist und keine erst in ein paar Tagen zurück.

Rita Süßfeldt biegt hinter der Lombardsbrücke rechts ab, es gelingt ohne Folgen, sie fährt an der Alster entlang, die nun unbevölkert ist, stumpf und schieferfarben; da formieren sich keine Segel zum Ballett, gläserne Versicherungsbauten, in denen einheimisches Unglück lautlos verwaltet wird, suchen erfolglos ihr zitterndes Spiegelbild, die hölzernen Landungsstege werden nicht mehr von hängeärschigen Schwänen besetzt und fauchend verteidigt. Jetzt, Ende November, gehört die Alster allein den wilden Enten, die in regungslosen Schnüren weit draußen auf dem Wasser treiben, rundlich, wie dunkle Glaskugeln eines verankerten Netzes. Vor der gängigen Grafik der Trauerweiden, auf dem sogenannten Wanderweg, weniger durch Nebel als durch Dunst um Genauigkeit gebracht, führen erstaunlich mangelhaft bekleidete junge Leute Hamburger Liebespaare vor: man hält sich in spielerischem Würgegriff, man wendet den einfachen und den Doppel-Nelson an, probiert das Ausheben, läßt den soliden Schwitzkasten gelten, und alle Augenblicke wächst man unter langen Mähnen mit den Köpfen zusammen. Valentin Pundt, der geschätzte Pädagoge, mustert die Frau auf dem Fahrersitz und denkt an eine Glaskugel, in der ein künstliches Schneegestöber das winzige Blockhaus und die Fichtenschonung verbirgt.

Die Ampel an der Alten Rabenstraße springt auf Rot um, Pundt liest den Namhn der Straße, leise Zuerst, dann fragt er: Alte Rabenstraße? Und da die Frau es bestätigt, streicht er sich über das scheitellose graue Haar und über die Stirn, so, als müßte er sich etwas zurückrufen oder herbeizwingen, was er zwar nicht vergessen, aber doch verschoben hat auf eine unbestimmte Zukunft: dies also ist die Alte Rabenstraße? — Ja. — Ich muß da mal vorbei, etwas abholen, was seit sechs Wochen wartet; es dauert nicht lange. Die Frau bemerkt den veränderten Ausdruck seines Gesichts, diese gesammelte Härte und plötzliche Zurückweisung, die doch eine Antwort sein müssen auf etwas, und deshalb fragt sie: Gleich? Wollen wir gleich? — Wenn es sich machen läßt, sagt Valentin Pundt. Da der linke Blinker seine Tätigkeit regelmäßig im Herbst, spätestens nach dem ersten Schneefall, einstellt, dreht Doktor Süßfeldt die Scheibe herunter, streckt den linken Arm hinaus und gibt dem Hintermann, leicht mit den Fingern schnippend, zu verstehen, daß sie, sobald die Ampel wieder Grün zeigt, nach links abbiegen werde, in die Alte Rabenstraße.

Es ist eine kurze, abschüssige Straße, langsam, können wir etwas langsamer fahren, da ist ein älteres Haus mit einem Vorgarten, nicht größer als ein Bettlaken, hier muß es sein: darf man hier halten? Rita Süßfeldt kann weder vor sich noch hinter sich ein Schild entdecken, sie hält, sie bietet ihre Hilfe an, doch Rektor Pundt schüttelt den Kopf: was dort aufbewahrt werde, könne er allein tragen, nur ein Karton und ein Koffer, alles stehe bereit seit Wochen, vielen Dank. Und er arbeitet sich heraus aus dem engen, aber warmen Auto, schiebt eine Schulter vor, dreht sich um dreißig Grad und senkt den Nacken, bringt sodann ein Bein und den Rücken heraus und, nach vorn abgestemmt, schließlich den ganzen Körper. Der Mantelsaum, der rechte Mantelsaum ist schwarz und verdickt, scheint sich etwas zusammengezogen zu haben, wodurch der Eindruck entsteht, als falle der Mantel ungleich lang — später, im Hotel, wird Valentin Pundt alles näher untersuchen. jetzt durchquert der mächtige, barhäuptige Mann erst einmal den kümmerlichen Vorgarten, drückt einen Klingelknopf, stößt die Tür auf und tritt in das Haus, ohne zurückzusehen.

Rita Süßfeldt, freie Lektorin und Herausgeberin von Lesebüchern, ist überrascht, wie schnell Pundt zurückkehrt; jedenfalls hält er sich an seine Voraussage, kommt schon wieder mit Koffer und verschnürtem Karton, man wird kaum, vielleicht überhaupt nicht gesprochen haben, sein Gesicht ist immer noch gekennzeichnet von Härte und einer fast erbitterten Weigerung, und daß er ein besonderes Verhältnis zu den Gepäckstücken hat, beweist er durch die langfingrige Vorsicht, mit der er sie zum Auto trägt und auf dem Rücksitz verstaut. Holfentlich keine neuen Texte, sagt Rita Süßfeldt, und Pundt, tonlos und geradeaus blickend: Ein Nachlaß. Der Nachlaß meines Sohnes.

Sie wenden, sie fahren wieder zur Alster hinab, und dann fragt die Frau, ob man nicht immer, wenn man von einem Nachlaß spreche, einen Tod voraussetzen müsse, und der Mann sagt: Ja. Und dann fragt die Frau, ob es auch in diesem Fall so sei, und der Mann sagt: es sei so. Und weiter fragt die Frau, ob es ein Unglücksfall gewesen sei, und der Mann sagt: es sei Selbstmord gewesen, in jenem Haus unter freundlichen Menschen, am Ende eines sorglosen und nie gefährdeten Studiums. Und wieder fragt die Frau — ihre Fragen fester und enger verklammernd —, ob das Unglück sich unmittelbar vor dem Examen ereignet habe, und der Mann sagt: nein; die Stunde des Selbstmords sei genau bestimmt worden, alles sei zwei Tage nach einem nicht nur mühelos, sondern auch mit Auszeichnung bestandenen Examen geschehen. Und bedachtsam fragt die Frau, welche Gründe zu solch einer Tat führen könnten, und der Mann sagt: er wisse einstweilen keine Gründe. Und leiser fragt die Frau, was Valentin Pundts Sohn studiert habe, und der Mann sagt: sein Sohn habe Geschichte und Pädagogik studiert.

Es läßt sich ohne weiteres annehmen, daß die Frau gern weiterfragen möchte und auch in der Lage wäre, das Geschehnis mit ihren Fragen weiter einzugrenzen, vielleicht so lange, bis zwar nicht alles, aber doch einiges durchsichtig geworden ist — doch dort ist das Hotel, man muß nach links abbiegen, obwohl ein durchgehender weißer Strich dagegen ist, man muß sich auf die schmale, von verwitterten Pfosten bemessene Einfahrt konzentrieren – die eisernen Gitterflügel sind geöffnet — und dann mit Schwung den steilen gewundenen Teerweg nehmen, der zur Hotel-Pension Klöver, Inhaberin Ida Klöver, hinaufführt und vor dem überdachten Eingang endet. Das Hotel, von einem Gerüst gefangengesetzt — es ist nicht zu entscheiden, ob die Arbeiten bereits beendet sind oder erst beginnen werden — bekennt auf den ersten Blick, daß es in seiner Jugend, jedenfalls vor dem ersten Weltkrieg, nichts als Privat-Villa sein wollte, eine durch und durch hamburgische Villa, und das heißt: raumverdrängend, melancholisch und gediegen. Es liegt zurückgezogen, aber unübersehbar am bevorzugten Hang, ein sahnefarbener Kasten mit schmalen Fenstern und aufgesetzten Türmchen, in die Schießscharten eingelassen sind. Und es liegt so, daß die Alster, besonders im Sommer, als Bucht oder als Bay erscheint, sprühend vor Licht, eine Bay, die man weniger in träumerischer als in trockener Erwartung ins Auge faßt, weil da womöglich fleißige Schoner aufkommen könnten, um gesammelten Pfeffer, Kaffee und das einträgliche Sandelholz abzufahren. Hier hat sich Erinnerung ihren Alterssitz geschaffen.

Doch sie müssen ankommen. Sie müssen das Haus betreten, das Rita Süßfeldt als Tagungsstätte ausgesucht hat – zentral gelegen und überraschend still, hieß es in ihrem Brief —, vor allem müssen sie das Gepäck in die dämmrige, nußbaumgetäfelte Halle tragen.

Da steht Janpeter Heller. Der dritte Sachverständige steht erwartungsvoll vor dem nie benutzten Kamin, er ist schon einen Tag früher angekommen, hat Rita Süßfeldt schon begrüßt, jetzt stößt er sich mit dem Rücken von der Marmorplatte ab und geht mit verzogenem Gesicht und vorgegebener Trauer auf Valentin Pundt zu, ihre Hände fahren ineinander, bewegen sich jedoch nicht wie in üblicher Begrüßungsfreude, sondern verhalten sich ruhig, beinah andachtsvoll, gerade so, als ob man sich gegenseitig kondolieren wolle.

Was beabsichtigt Janpetet Heller? Was hofft er? Der junge Experte, der einen verwaschenen, aber immer noch weinroten Pullover trägt, der seinem zurückfliehenden Kinn einen Bart wachsen ließ, den er scharf nach vorn kämmt, hofft nicht weniger — und das sagt er gleich zur Begrüßung —, als daß es auf dieser Sitzung zu rascher Einigung kommt, ja, er möchte einen »Rekord an Einverständnis« aufstellen, und zwar nicht, weil der dritte Abschnitt des Lesebuchs es besonders zuläßt oder dafür geeignet ist, es sei vielmehr diese Stadt, es sei Hamburg mit seinen Angeboten, das eine zügige Arbeit nahelegt. Wir können uns nämlich nur bedauern, sagt er, wenn wir nicht Zeit herausschlagen für die Theater-Diskussion Was geschieht hinter unteren Bühnen? Wir begehen ein Versäumnis, sagt er, wenn wir nicht die Ausstellung Moderne Fotografie mitnehmen. Und Beat und Lyrik im Wartesaal. Und die Demonstration aufblasbarer Möbel. Und das Konzert mit den Monkees. Überhaupt alles, was er aus dem Terminkalender Wohin in unterer Stadt? für sich herausgefischt habe und worauf man zu Hause, in Diepholz, vergebens warte. Er glaubt sich verständlich gemacht zu haben. Er blickt seine Kollegen an. Nun gut, Lebensbilder — Vorbilder: wer fühlt sich nicht von ihnen sattsam umstellt, wem wurden sie nicht von Kindesbeinen an verordnet, jeder hatte doch so einen wechselvollen Umgang mit ihnen, nun braucht man sie doch nur aus dem hoch hängenden Rahmen zu schneiden, sozusagen. Keine Zustimmung, nur ein unscheinbares, ein abwesendes Nicken, seine Kollegen mustern noch die ungewohnte Halle, wollen oder können sich nicht festlegen, und als Valentin Pundt etwas sagt, reicht es nur Zu der Feststellung: Sie haben einen Ohrring verloren. Rita Süßfeldt weiß es, sie winkt geringschätzig ab, mit aufschlußreicher Resignation: es werde ihr wohl nie gelingen, zwei Ohrringe zu gleicher Zeit einzusetzen, einer spiele immer Versteck; ja, sie weiß es. Janpeter Heller kann jetzt schon absehen, daß es schwierig sein wird, den Beginn der Sitzung vorzulegen oder, woran ihm gelegen ist, eine beschleunigte Behandlung des dritten Kapitels ausdrücklich abzumachen; deshalb weicht er in eine Hoffnung aus: Gut vorbereitet? Wenn wir alle gut vorbereitet sind, könnten wir die Sache bald im Kasten haben, das geforderte Pensum: Lebensbilder — Vorbilder; ich habe nämlich noch etwas Privates zu ordnen.

Nicht zu lange, sie dürfen einfach nicht zu lange unbemerkt in der dämmrigen Halle der Hotel-Pension Klöver stehenbleiben, denn wer hier eintritt, braucht sich, um entdeckt zu werden, weder rufend noch klingelnd verständlich zu machen; selbst schweigende Anwesenheit hat hier unmittelbar zur Folge, daß im ersten Stock eine Tür geht, daß ein mürrisches Selbstgespräch hörbar wird, dann eine schnaufende Annäherung, bei der man unwillkürlich das Gesicht hebt, und wer auch noch den Seufzer versteht, der ihn vom Treppenabsatz erreicht, macht sich sofort Vorwürfe, hier überhaupt eingetreten zu sein, zumindest bereitet er gleich eine Entschuldigung vor.

Ida Klöver, die Inhaberin, ist solche Entschuldigungen offenbar gewöhnt, sie wedelt schon auf der Treppe mit lascher, vielberingter Hand, ist gut, ist erledigt, und sie steigt angestrengt herab, bewegt von einem alten, vielleicht schon erschöpften, aber immer noch wirksamen Mechanismus, dem sie nichts entgegensetzen kann: eine Frau in schwarzem Kostüm, schwerfüßig, mit losem Wangenfleisch. Ihr Gesicht erzählt, was sie für sich selbst übrig hat, ihr freies, regsames Gesicht, das den Ausdruck von Überdruß nicht mehr loswerden kann.

Sie begrüßt ihre Gäste mit Handschlag, und auf dem kurzen Weg zur Empfangsloge gibt sie ungefragt Auskunft über ihre Schwierigkeiten: ohne Mann, in ihrem Alter, mit unzureichendem Personal, da verliere man seine Freude daran, ein Hotel zu leiten. Sie schiebt Pundt eine geöffnete Kladde hin, bittet ihn, sich einzutragen. Sie spricht auf seinen gebeugten Rücken hinab: Ja, wir hatten ein Hotel in Südwest-Afrika; achtundzwanzig Jahre waren wir dort, mein Mann und ich. Gleichgültig schließt sie die Kladde, legt sie aufs Fensterbrett und reicht Pundt einen Schlüssel mit den Worten: Lange wird’s nun nicht mehr gehn; lange nicht. Sie zögert, da war noch etwas — ja, es wurde angerufen, ein Anruf für Herrn Heller: Sie möchten Ihre Frau nicht besuchen, nicht heute abend. Dann bittet sie, ihr zu folgen, diese wenigen Stufen hinauf, hier, durch die Schiebetür: das ist unser Konferenz-Zimmer, wie Sie sehen, ein Raum mit Erinnerungen, hier ist man ungestört — falls Wünsche bestehen, kann man einfach läuten, und jetzt darf ich Sie wohl sich selbst überlassen.

Hier also, in diesem helltapezierten Raum — die Tapete zeigt fröhliche Szenen aus der Geschichte menschlichen Arbeitslebens, vornehmlich fröhliche Sackträger —, wird man tagen, unter verglasten, durchweg kränklich erscheinenden Fotografien, die alle etwas überbelichtet sind und den immer gleichen melancholischen Riesen vorstellen, der neben erlegter Beute kniet, steht, einmal auch mit aufgestütztem Oberkörper liegt. Kreuzweis Speere an den Wänden, Speere mit hölzernem und eisernem Schaft, mit Kupfer- oder Lederverzierung. Bogen, die einander gegenüber hängen und darauf warten, daß einer ihnen den Pfeil auflegt und sie auszieht. Pfeile in Köchern und zu losem Strauß zusammengebunden, Pfeile mit Knochen-, Eisen- und Steinspitzen. Verformte, aber handliche Äxte bieten ihren Dienst an; ein Blasrohr will ausprobiert werden.

Hier wird man tagen. Die Korbsessel stehen so da, als setzten sie knisternd ein Gespräch fort, das gerade in ihnen geführt worden ist. Der breite Palisandertisch empfiehlt sich als Ablage, desgleichen ein Teetisch auf Rädern. Hier also wird man sie ausbreiten und wenden, die Lebensbilder — Vorbilder, hier wird man sie prüfen, abschätzen, aussondern, bis im gemeinsam geschüttelten Sieb das Eine zurückgeblieben ist, das Erwünschte, Zu dem jeder ja sagen kann. ja, hier wird man sitzen und tagen.

Valentin Pundt setzt sich nicht, wie Rita Süßfeldt, probeweise in einen Sessel, er beobachtet mißtrauisch die hohen Fenster, hält eine Hand über das Fensterbrett und stellt sogleich fest, daß es hier zieht, begnügt sich indes nicht mit dieser Entdeckung, sondern weist gleich darauf den Heizungsrohren nach, daß sie ebenfalls Zugluft entlassen, und da sein Mißtrauen weder vor dem — allerdings sehr großen — Schlüsselloch haltmacht noch vor dem Blasrohr, erwägt er, womit er beide — Schlüsselloch und Blasrohr — verstopfen kann; Fenster und Heizungsrohresollen wohl später drankommen. Nichts einmwenden, sagt er, gegen den Raum habe ich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, wir können die Zugluft abstellen.

Die hat Janpeter Heller noch nie gestört, wird ihn auch nicht stören. Der junge Experte prüft für sich die Schärfe der Waffen, indem er eine Fingerkuppe leicht auf Speerspitzen, Pfeilspitzen und auf die Spitzen zweischneidiger Jagdmesser drückt, gerade so weit, daß es zu einem kleinen Schmerz reicht; sie sind brauchbar, sagt er, falls wir uns nicht einigen können, diese Sachen sind sehr brauchbar. Er erwartet kein Lächeln auf seine zu naheliegende Bemerkung. Man scheint zuversichtlich zu sein, zumindest Doktor Süßfeldt, die noch einmal beiläufig den Raum vermißt mit langfallenden Schritten und dabei auf gewonnene Erfahrungen und Kenntnisse aus den ersten beiden Sitzungen hinweist. Hat man sich nicht beinahe spontan geeinigt bei dem Kapitel Arbeit und Fleiß? Und ist man sich nicht nähergekommen in nützlichen Auseinandersetzungen bei Heimat und Fremde? Wer will da von mangelnden Voraussetzungen sprechen? Außerdem habe sie schon herausgehört, daß diesmal jeder vorbereitet sei.

Da kann man doch nur zusammentreten — unter dem matt glänzenden Gehörn eines Antilopenbocks — und nach kurzem gegenseitigen Abfragen die Stunde der ersten Sitzung festlegen, sagen wir: heute nachmittag, sagen wir: um drei. jeder ist einverstanden und gibt sein Einverständnis zu erkennen auf eine ihm entsprechende Weise: nickend oder, wie Pundt, mit kurzem zustimmendem Brummen. Und jeder überschlägt dann für sich die verbliebene Zeit, teilt sie ein, bewirtschaftet sie im voraus: bis drei also; da kann ich noch, da muß ich, da könnte ich, jedenfalls sollten wir uns jetzt trennen, um dann zur vorgesehenen Zeit, gerüstet und gut aufgelegt, bewaffnet mit Kenntnissen, unnachgiebig, doch verzichtbereit, wo es sein muß, mit der uns anvertrauten Arbeit zu beginnen. Der Abschied findet in der Halle statt.

Hier könnte man wegblenden. Hier könnte man die drei ungleichen Sachverständigen aus dem Blickfeld beurlauben, sie in eine unerhebliche Zwischenzeit entlassen, die der Vorbereitung dient oder der Einstimmung, und mit ihren Worten könnte auch ich sagen: bis drei also; um drei sehen wir uns wieder, wenn die, sozusagen, entscheidende Arbeit beginnt. Doch wir bestehen darauf, ihnen nachzusehen. So bringen wir also Rita Süßfeldt dazu, sich kühn, doch folgenlos in den Verkehrsstrom auf dem Harvestehuder Weg einzufädeln; sie nimmt bei Gelb die Kreuzung Mittelweg, fährt geradeaus zum Klosterstern — nicht, weil sie dort hin müßte, sondern weil sie einfach vergißt, links abzubiegen —, fährt die Rothenbaumchaussee hinauf bis zur Oberstraße, biegt rechts ab in die Hochallee und noch einmal rechts in die Innocentiastraße — nur Einheimische werden den Umweg ermessen.

Es ist sicher, daß Janpeter Heller Pundt dabei hilft, das Gepäck aufs Zimmer zu bringen — Vorsicht, im großen Koffer sind Flaschen drin —, das Gepäck in der Mitte des Raums absetzt, einen prüfenden Blick durchs Fenster wirft und feststellt, daß Pundt fast der gleiche Ausschnitt der Alster geboten wird wie ihm selbst; dann geht er rückwärts zur Tür, eilig, als fürchte er, der alte Mann könnte ihn in ein Gespräch ziehen: bis später.

Und Valentin Pundt? Der verschließt die Tür, ehe er den großen Koffer auf den Gepäckständer wuchtet, hängt den Lodenmantel über einen Bügel, melkt aus dem verdickten Mantelsaum schmutzige Wassertropfen heraus, die er mit einem Taschentuch aufnimmt, stutzt auf einmal und hebt gleichzeitig Reisetasche und Karton auf den Tisch.

Und Rita Süßfeldt stürzt mit einem angedeuteten Kuß an ihrer älteren Schwester Margarethe vorbei und wehrt jede Neuigkeit ab, indem sie die Hände kapitulationsbereit hebt: jetzt nicht, Mareth, auch keine Heino-Geschichten, bitte halt ihn mit vom Leibe in den nächsten Stunden, denn ich muß arbeiten, ich muß mich noch vorbereiten; aber einen Tee könntet ihr mitbringen und zwei Scheiben Toast.

Und Janpeter Heller hebt ein Bein kreisend über die Stuhllehne und setzt sich und sackt zusammen vor den mehrfarbigen Ordnern mit Papieren, er bedeckt sein Gesicht mit den Händen und bietet jedem Beobachter das Beispiel eines zwar nicht aussichtslos, aber doch angestrengt nachdenkenden Mannes, bis er sich unerwartet aufsetzt, den Telefonhörer abhebt, wählt und, obwohl sich auf der Gegenseite niemand ausdrücklich gemeldet hat, mein Recht sagt, und dann: Ich hab doch wohl das Recht, das Kind wiederzusehen, wenn du schon nicht willst, also melde dich, ich hör doch deinen Atem, und außerdem warst du zu einem Treffen bereit — immer, wenn ich in dieser Stadt bin; also warum soll ich dich nicht besuchen?

Und der alte Pädagoge dröselt die verknoteten Schnüre auf, lüftet den Deckel des Kartons, beugt sich über den Inhalt, ohne etwas zu berühren oder herauszunehmen; vielmehr mustert er nur starr die kleinen Packen von Briefen und Fotografien, Schreibheften, die von Gummibändern zusammengehalten werden, sein Blick gleitet über den leeren Wechselrahmen, über das Bleistiftbündel und die Meerschaumpfeife mit dem zersplitterten Mundstück, und jetzt verschließt er den Karton, stellt ihn unter den Tisch, zögert und trägt ihn schließlich zum Schrank.

Und Doktor Süßfeldt fährt mit steifem Zeigefinger an dem Spalier der großen-braunen Briefumschläge entlang, die wie Lohntüten auf einem Regal stehen, fischt sich einige Umschläge heraus und setzt sich an den bedrohlich zugewachsenen Schreibtisch, der ihr nur noch Beschäftigung im Din-A4-Format zugesteht, steckt sich eine Zigarette an und liest, was sie selbst auf die braunen Umschläge geschrieben hat: III. Lebensbilder — Vorbilder. Und nach dem dritten Versuch zu telefonieren — immer wurde abgenommen, nie hat sich eine Stimme gemeldet —, öffnet Heller den blaßgrünen Ordner, hebt einen handgeschriebenen Zettel ab, liest, ohne daß ihn die eigenen Worte erreichen: Fühle mit jedem, der Vorbilder nötig hat.

Und nach einem Schluck seines selbstgebrannten Korns zieht Pundt aus dem Hauptfach der Ledertasche die benötigten Manuskripte heraus und bleibt gleich bei dem Satz hängen, mit dem er selbst in seiner harten, steilen Schrift Bedenken gegen einen Vorschlag angemeldet hatte: Als Vorbild ungeeignet, da mehrdeutig.

Und Rita Süßfeldt nickt wie in abermaliger Bestätigtigung und bekennt sich zu der in privater Kurzschrift gemachten Notiz, daß von einem Vorbild zweierlei ausgehe: Verpflichtung und Herausforderung; diese Notiz wird unterstrichen werden.

Immer kürzer die Abstände, immer mehr geraten sie aneinander, nun, bei der Vorbereitung, sie sehen sich schon, sie hören bereits ihre Stimmen — Stimmen der Verteidigung, der Werbung, aber auch Stimmen des Zweifels und der Ablehnung —, jetzt schon, beim Sichten, beim Lesen und Wiederlesen, fühlt sich keiner von ihnen mehr allein, vielmehr umstellt und dauernd kontrolliert von den andern: sie wissen, daß alles schon begonnen hat.

2

Etwas näher zusammen, ruhig ein bißchen vorbeugen, die Papiere können so liegen bleiben: gleich zu Anfang wollen wir hier im Konferenzraum der Pension Klöver ein Erinnerungsfoto machen, mit Selbstauslöser, ja, ich habs gleich. Janpeter Heller blickt vom Sucher seines Fotoapparats auf, prüft und überprüft die von ihm arrangierte Gruppe, versetzt sich selbst neben Rita Süßfeldt und linst noch einmal, den Winkel erfragend und krausnasig, in den Sucher: der Gruppe fehlt etwas. Valentin Pundt fehlt etwas, der steif, in hochgeschlossener Hausjacke dasitzt, starräugig und vorwurfsvoll, als wollte er das Objektiv einschüchtern; und Rita Süßfeldt fehlt etwas, da ihre sommersprossigen Hände sich anscheinend vervielfältigt haben und über dem breiten Palisandertisch ein Wurf- und Fangspiel mit dem letzten Ohrring vorführen. Was aber? Dies ist ja kein unmerklicher Augenblick, er besagt schon etwas, denkt Heller, und auf einmal tritt er an die sogenannte »Wand der Erinnerung«, sieht sich triumphierend um und pflückt da behutsam einige Waffen herunter, ein sehr dünnes Jagdmesser für Doktor Süßfeldt, eine Lanze für Valentin Pundt und für sich selbst einen Pfeil mit bleicher, vielfach gezackter Haifischzahn-Spitze: das ist schon besser, ein sichtbarer Ausdruck dafür, daß man nicht waffenlos zusammengekommen ist, doch wenn schon, dann möchte Rita Süßfeldt das Blasrohr. Heller zieht das Jagdmesser ein und reicht der Frau das Blasrohr.

So, und nun die persönliche Bewaffnung der Kamera vorzeigen, dieser Augenblick soll aufgehoben werden mit allem, was sichtbar ist, also auch mit den Papieren, Notizen, Büchern, und vielleicht, wenn die Aufnahme scharf genug gerät, wird sie für immer belegen, daß auf der ersten Sitzung ein Vorbild durchleuchtet oder vermessen wurde — es ist Hellers Vorschlag —, das in einer Geschichte von O. H. Peters entdeckt werden konnte. Das Manuskript liegt dreifach obenauf und heißt: Die Absage. Sie haben sie längst ausgetauscht und gelesen, sie haben die Geschichte längst abgeklopft, abgehorcht und mit Zettelchen gespickt, auf denen der diagnostische Befund festgehalten ist: kann man ihre Tauglichkeit bescheinigen? Volle Verwendungsmöglichkeit? Bedingte Verwendungsmöglichkeit? Lohnt überhaupt ihre Entdeckung?

Janpeter Heller kann sich jetzt ruhig mit seinem sprechenden, jedenfalls geständnisbereiten Erinnerungsfoto aufhalten — dies ist und bleibt sein Vorschlag, sein Beitrag, den er nach langen und enttäuschenden Streifzügen, auch nicht frei von Bedenken, hiermit anbieten möchte. Die Absage von O. H. Peters. Also:

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Die Sprechstunde war vorbei. Nur noch ein Patient wartete draußen, er war angemeldet, seine Karteikarte lag bereits auf dem Tisch, doch bevor mein Vater ihn hereinrufen ließ, ging er wieder an den Medizinschrank und schenkte sich ein Glas ein. Und wie jedesmal, so wollte er auch diesmal mir ein Glas einschenken, doch ich lehnte ab. Es waren sehr kleine Gläser, er trank sie schnell aus und stand danach einen Augenblick stumm und mit offenem Mund da. Er wischte sich mit dem Handballen über die Lippen. Er zwinkerte mir zu. Er legte mir eine Hand auf die Schulter und stellte fest, wie gut mit der weiße Kittel paßte, den er mir geliehen hatte; sein Kittel. Nicht einmal dies brauchte sich zu ändern, sagte mein Vater: mit seiner Stellung als Vertrauensarzt könnte ich sogar seine Kittel übernehmen, wenn ich nur wollte. Ich sollte Schluß machen mit langer Fahrt, den Schiffsarzt an den Nagel hängen, und übernehmen, was er sich geschaffen hatte in den Jahren: eine kleine, aber solide Privatpraxis und dies hier, die Stellung eines Vertrauensarztes bei einer Rentenbehörde. Fünf Jahre auf See sind genug, sagte er. An Bord gibt es keine Aufgaben für einen Mediziner, sagte er, zwischen Brest und Kapstadt wird einem Mediziner doch nur dies geboten: Blinddärme und abgequetschte Finger.

Ich verfolgte seine Bewegungen, sie waren genau und berechnet, es waren nicht die Bewegungen eines alten Mannes. Ich hörte auf seine Stimme, die immer noch so klang, wie mein Gedächtnis sie aufbewahrt hatte, mild und seimig, die Stimme eines Geistlichen. Und er hatte immer noch diesen abgleitenden Blick, als könnte er kein Gegenüber ertragen. Er war zuvorkommend. Er war scherzbereit. In den fünfziger Jahren hätte er in jedem deutschen Film den Hausarzt spielen können. Warum zögerst du, fragte er. Ist dir das nicht genug? Ich zuckte die Achseln. Ich sagte: Draußen wartet noch ein Patient — und mein Vater ging zur Tür und ließ ihn hereinrufen, während ich auf meinem Stuhl am Fenster sitzenblieb.

Mein Vater las die Karte des letzten Patienten. Er zerbiß dabei eine Pfefferminztablette. Er fächelte sich mit der Karte Luft zu. Dann trat der Patient ein, und mein Vater ging ihm entgegen und begrüßte ihn vertraulich, als wollte er ihm ein Bündnis anbieten, ein Bündnis gegen die Krankheit. Es war ein alter, mürrischer Patient, der an einem Stock ging. Er lehnte den Stock gegen den Schreibtisch und stülpte seine Mütze über den Knauf. Sein dünnes, aber langes Haar schob sich über den Jackenrand, als er sich setzte. Fordernd sah er meinen Vater an. Er hieß Boysen und arbeitete im Hafen. Wie fast jeden Patienten sprach mein Vater auch ihn im vertraulichen Plural an: Wo fehlt’s uns denn? Was können wir dagegen machen? Boysen zog den orthopädischen Schuh mit der hochgewölbten Kappe aus. Schweigend wickelte er Bandagen ab und einen grauen Verband. Mein Vater setzte einen Schemel hin, und Boysen hob seinen Fuß auf den Schemel. Der Fuß war blau angelaufen, über den Spann zogen sich gelbe Streifen,. die Knöchel des deformierten und narbenbedeckten Fußes waren wundrot. Die Narben stammten von Geschossen. Boysen forderte meinen Vater mürrisch auf, sich »das einmal anzusehen«: die alte Verwundung und jetzt die Quetschungen an einer Luke. Er hatte Schmerzen. Er musterte meinen Vater aus schmalen, kalten Augen und verlangte zu wissen, warum man ihm immer mehr Prozente abstrich von seiner Erwerbsunfähigkeit. Nach dem Krieg waren es noch fünfundzwanzig Prozent, die sie ihm bei der Rente anrechneten, jetzt waren es nur noch fünfzehn. Und er sah den Tag voraus, an dem es noch weniger werden würden. Er forderte seineProzente zurück, und mein Vater sollte ihm dabei helfen.

Mein Vater untersuchte den Fuß. Er strich behutsam den Spann hinab bis zu den Zehenstümpfen. Er bat Boysen, seinen Fuß fest aufzusetzen und einen Probeschritt zu machen; dabei wandte der Patient mir sein Gesicht zu und blickte mich feindselig und mißtrauisch an. Mein Vater sah sich die Röntgehaufnahmen an, die der Patient mitgebracht hatte, dann beklopfte er mit der Kuppe des Zeigefingers den Fuß und stellte durch massierende Bewegungen die Schmerzempfindlichkeit fest. Mit abgewandtem Blick sagte er voraus, daß die Schwellung bald zurückgehen werde, eine Entzündung ließe sich nicht nachweisen. Boysen sagte, daß ihm damit nicht geholfen sei, er verlangte eine gerechte Prozentzahl, was mit dem Fuß los sei, wisse er selber, das bekäme er zu spüren beim Gehen und Stehen. Ich konnte meinem Vater ansehen, daß die Untersuchung für ihn beendet war, der Befund feststand; trotzdem zögerte er, den Patienten zu entlassen. So machte er es immer. Indem er die Untersuchung in die Länge zog, zeigte er an, daß er alles berücksichtigen wollte, was zugunsten des Patienten sprechen könnte. Schließlich bat er mich, zu ihm zu kommen. Er forderte mich auf, Boysens Fuß zu untersuchen. Ich tat es und wollte zu meinem Stuhl zurückgehen, doch Boysen versperrte mir mit einer ausgestreckten Hand den Weg. Und Sie? fragte er, was schätzen Sie? Ist dieser Fuß nicht mehr wert als fünfzehn Prozent? Muß man da nicht etwas drauflegen? — Das sieht schlimm aus, sagte ich. Schlimm, wiederholte er geringschätzig, schlimm: dafür kann sich keiner was kaufen.

Mein Vater hat ihn, den Verband und die Bandagen wieder anzulegen. Er selbst setzte sich an den Schreibtisch und schrieb Buchstaben und Ziffern auf Boysens Karte. Also wieviel, fragte Boysen, wieviel hab ich zu erwarten?

Ich weiß nicht, sagte mein Vater, das endgültige Resultat wird Ihnen brieflich zugestellt werden, brieflich, ja. — Mehr als diese schäbigen fünfzehn? fragte Boysen. Wir haben neue Richtlinien, sagte mein Vater, wir treffen alle Entscheidungen in Übereinstimmung mit unseren Richtlinien.

Schade, sagte Boysen, schade, daß man nie einen von denen zu Gesicht bekommt, die sich solche Richtlinien ausdenken. — Ich verstehe Ihre Erbitterung, sagte mein Vater. Ich wette, fuhr Boysen fort, daß keiner von denen auf eine Rente angewiesen ist. Richtlinien: dahinter geht man doch nur in Deckung. Ruhig gab mein Vater dem Patienten einen langstieligen Schuhanzieher. Er stützte ihn beim Anziehen. Er reichte ihm Stock und Mütze und begleitete ihn zur Tür. Wie lange wird’s dauern, fragte Boysen zum Abschied. Es hängt nicht allein von mir ab, sagte mein Vater.

Wir zogen die Kittel aus und hängten sie in den Schrank. Ich las die Karteikarte, versuchte die Eintragungen zu entschlüsseln, die mein Vater gemacht hatte. Das verstehst du nicht, sagte er, noch nicht. Und er sagte: wir müssen strenge Urteile fällen, mein Junge, es sind zu viele, die auf dieser Welle zu reiten versuchen. Er kann froh sein, wenn er seine fünfzehn Prozent behält. Du willst ihm nicht mehr geben, fragte ich. Mehr? sagte er. Hältst du mehr für angemessen? — ja, sagte ich. Er nahm mir die Karteikarte aus der Hand und steckte sie in einen Kasten. Er legte mir die Hand auf die Schulter. Sanft schob er mich zum Fenster. Unten auf der Straße stand Boysen und drohte mit dem Stock einem Radfahrer hinterher, bevor er durch den Regen tickend davonging. Du hast also noch nicht abgemustert, sagte mein Vater. Nein, sagte ich, wir sind ins Dock gegangen, und ich habe nur meinen Urlaub genommen. Aber du wirst abmustern, sagte er, jetzt wirst du es tun. — Warum? fragte ich. Jetzt wirst du hier gebraucht, sagte er.

Er war in Eile. Sie hatten ihn in ein Komitee gewählt, das einen Kongreß vorbereitete. Er mußte zur ersten Sitzung. Er wollte mich ein Stück im Auto mitnehmen, doch ich lehnte ab. Wir fuhren zusammen im ratternden Aufzug nach unten, und vor dem Eingang trennten wir uns. Ich ging durch den dünnen, sprühenden Regen in die Richtung, die auch Boysen eingeschlagen hatte. In den Anlagen saß ein Kerl auf einer Bank und schnitzte einen Namen in die Rückenlehne: Paul war hier. Von hier aus konnte ich mein Schiff im Dock sehen. Die achteren Aufbauten ragten in hellem Grau über die rostfarbenen Dockwände empor. Eine kümmerliche Rauchfahne hing flach überm Schornstein. Ich fragte den Kerl nach der Karolinensttaße. Er wies mit dem Knauf des Messers zur Stadt hinauf, und ich folgte seinem Hinweis. Zweimal mußte ich noch fragen, dann fand ich die Karolinenstraße.

Ein leerer Kinderwagen stand im Flur, ein Fahrrad blockierte die Tür zum Keller. Obwohl es ein Neubau war, liefen Risse über die Flurdecke, und die gekalkten Wände waren gezeichnet von Schrammen und Kratzern. Vom Eisengeländer platzte die Ölfarbe ab. Ich las die Namen auf den Türschildern. Ein Junge, der lautlos erschienen war, beobachtete mich dabei, und er stieg mit mir hinauf, Stock für Stock, und hörte nicht auf, mich zu beobachten, bis ich den Namen fand und am altmodischen Klingelknopf drehte.

Seine Frau öffnete mir. Sie musterte mich weniger mißtrauisch als gereizt. Sie war schmal und flachbrüstig, unter ihren Augen lagen tiefe Schatten, ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich. Ich fragte sie, ob ihr Mann zu sprechen sei, und sie sagte gereizt, daß er für niemanden zu sprechen sei, nicht einmal für sie selbst. Sie wollte die Tür schließen. Ich sagte: ich möchte Ihrem Mann einen Rat geben, weiter nichts, einen Rat, den er vielleicht gut gebrauchen kann. Sie ließ mich eintreten und schloß hinter mir ab. Sie ließ mich vorausgehen durch den trüben Korridor, an der Garderobe vorbei, an der nur Mützen hingen. Dort liegt er, sagte sie.

Boysen lag auf einem Sofa in der Küche. Neben dem Sofa stand eine gelbe Plastikschüssel, auf dem Herd zischte ein Wasserkessel; anscheinend bereitete er ein Fußbad vor. Er erkannte mich sofort. Er war nicht sehr überrascht, zumindest legte sich seine Überraschung schon nach kurzer Zeit. Seine Frau prüfte die Temperatur des Wassers im Kessel. Keiner von ihnen bot mir einen Platz an, keiner forderte mich auf, zu sagen, warum ich gekommen war. Hören Sie zu, sagte ich; ich war dabei, als Sie untersucht wurden. — Dann wissen Sie ja Bescheid, sagte er, und jetzt lassen Sie mich zufrieden, oder schulde ich Ihnen etwas? — Ich möchte Ihnen einen Rat geben, sagte ich, ich bin nur gekommen, um Ihnen einen Rat zu geben. — Mir? fragte er mißtrauisch und massierte seinen Fuß. Ich kenne Ihren Fall, sagte ich, und ich weiß, wieviel Ihnen daran liegt, Ihre fünfzehn Prozent zu behalten, wegen der Rente. Es ist nicht einmal sicher ob es dabei bleibt, und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. — Behalten Sie Ihre Kenntnisse für sich, sagte er, und lassen Sie mich mfrieden: ich habe mir abgewöhnt, noch etwas zu erwarten. — Wir haben es uns abgewöhnt, sagte seine Frau, er und ich: mein Herzschaden wurde nicht anerkannt, und eines Tages wird auch sein Fuß nicht mal fünf Prozent wert sein. Wir haben es uns abgewöhnt, noch etwas zu erwarten.

Sie goß Wasser in die Schüssel. Ihre Hand rührte das Wasser. Vorwurfsvoll sah sie ihn an und stellte den Kessel auf den Herd zurück. Gehen Sie in die Bromberger Straße, sagte ich, Nummer zwölf, dort ist die Privatpraxis. Melden Sie sich da als Privatpatient, ziehen Sie Ihr bestes Zeug an, lassen Sie sich noch einmal untersuchen von demselben Arzt. — Warum? fragte die Frau, warum soll er das tun? — Solche Ratschläge können Sie für sich behalten, sagte Boysen, und nun lassen Sie mich zufrieden. — Das Resultat wird günstiger ausfallen, sagte ich. Wenn Sie Wert darauf legen, daß Ihr Fuß etwas einbringt, dann tun Sie das, vielleicht können Sie Ihre Prozente sogar verbessern. Verschwinden Sie, sagte Boysen, ich hab Sie nicht gerufen. — Hören Sie nicht! sagte seine Frau. Wer sind Sie eigentlich? — Einer von diesen Prozenthändlern, sagte Boysen; er war bei meiner Untersuchung dabei. — Fang schon an, sagte die Frau gereizt und zeigte auf die Schüssel, fang an, sonst wird das Wasser wieder kalt.

Sie erwiderten nicht einmal meinen Gruß. Sie ließen mich gehen, und ich sperrte die Wohnungstür auf und ging hinaus. Ich fuhr zu meiner Pension am Dammtor. Es war für mich angerufen worden, ein Studienfreund hatte mich zum Essen eingeladen, und auch meine Reederei hatte anrufen lassen. Ich legte mich auf das Bett, sah auf das alte Marktbild aus Norddeutschland. Es war eine frühe Fotografie: Fischer verkauften Störfleisch von einem Leiterwagen. Nachdem ich einige Stunden geschlafen hatte, rief ich bei der Reederei an. Sie hatten eine Aufgabe für mich. Sie brauchten einen Arzt auf der Frisia, die eine Reise zu den Antillen machen sollte. Die Frisia war eine Neuerwerbung, und dies sollte ihre Jungfernfahrt nach dem Umbau sein. Ich sagte nicht zu, versprach aber, mir das Angebot zu überlegen. Und ich versprach ihnen, mich am nächsten Tag zu entscheiden.

Ich hatte noch nicht gefrühstückt, als mein Vater anrief. Er wunderte sich, daß ich meinen zweiten Urlaubstag fast ausschließlich in der Pension zugebracht hatte. Wieder versuchte er, mich zu überreden, doch nach Hause zu ziehen, ich lehnte ab. Solange Mutter im Sanatorium war, wollte ich nicht mit ihm in dem großen Haus wohnen. Er lud mich in seine Praxis ein. Er bestand darauf, mit die Neuerungen zu zeigen. Ich konnte es ihm nicht abschlagen, und nach dem Frühstück fuhr ich hinaus in die Bromberger Straße. Seine Privatpraxis lag in einem Villenparterre, es war ein Klinkerbau, den alte Rotbuchen umgaben. Als ich durch den Garten ging, winkte er mir aus dem Fenster; durch seine »geheime« Tür konnte ich gleich zu ihm. Er hatte uns Kaffee kochen lassen, und dazu bot er mir wieder ein öliges Getränk in sehr kleinen Gläsern an, die er im Schreibtisch verwahrte. Ich ließ es bei Kaffee, und ich ließ ihn sprechen: von seinem Alter, von dem, was er erreicht hatte, und von der Notwendigkeit, sein Werk zu übernehmen und fortzusetzen. Der Tisch ist hier bereitet, mein Junge, sagte er, du brauchst nur an ihm Platz zu nehmen, du allein. Wer sonst soll ihn erben?

Immer, wenn er einen Patienten empfing, ging ich in ein Nebenzimmer und beobachtete die Fische in einem Aquarium. Ich gab ihnen Trockenfutter. Ich säuberte das Aquarium von Algen und zog den Sauger über den Grund.

Dann rief er mich wieder zu sich und fuhr fort, wo er aufgehört hatte: Draußen auf See gibt es keine Aufgaben für einen Mediziner; häng den Schiffsarzt an den Nagel; übernimm das, was ich erreicht habe. Er wiederholte sich unaufhörlich. Er gab’s nicht auf, mir die Vorteile auszubreiten. Die entscheidende Frage aber zögerte er immer noch hinaus. Wieder kam ein Patient, wieder ging ich ins Nebenzimmer. Wie unvermutet die Fische nach der Beute schnappten! zuerst sah es so aus, als wollten sie vorbeischwimmen. Gleichgültig und gar nicht zielbewußt kamen sie näher. Plötzlich peitschten sie nach vorn, krümmten sich, stießen kraftvoll zu und schnappten sich ihren Teil. Ich beugte mich über das Aquarium. Ich stupste einen fast durchsichtigen Fisch mit dem Schlammabsauger, da ging die Tür zum Korridor. Als ich mich umwandte, wurde die Tür bereits wieder geschlossen, dann jedoch, in überraschendem Entschluß, noch einmal geöffnet.

Auf der Türschwelle stand Boysens Frau. Sie trug ein Kostüm und eine schwarze Lacktasche. Sie entschuldigte sich. Ich hab’ den Ausgang nicht finden können, sagte sie. Ich zeigte in die Richtung, wo der Ausgang lag, und ging unwillkürlich auf sie zu. Was machen Sie hier? fragte sie. Besuch, sagte ich, ich bin hier nur zu Besuch. Sie lächelte vorsichtig. Sie sah aus, als ob sie sich Hoffnungen machte auf etwas. Sind Sie schon drin gewesen? fragte ich und nickte zum Sprechzimmer hinüber. Jetzt haben wir es, sagte sie, was festzustellen war, ist festgestellt, jetzt muß ich nur noch zum Röntgen. Dies ist mein letzter Versuch. Sie zog die Tür zu und wandte sich zum Ausgang.

Mein Vater erwartete mich hinter seinem Schreibtisch. Er bot mir einen Platz an. Er erhob sich, als ich meinen Regenmantel aus dem Schrank nahm. Du willst gehen? fragte er. Sie haben einen Auftrag für mich, sagte ich; sie brauchen einen Arzt auf der Frisia, die eine Reise zu den Antillen macht. — Aber doch nicht heute, sagte er. In der kommenden Nacht, sagte ich, aber vorher muß ich noch in meine Pension.

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Dies also, Die Absage, ist und bleibt Janpeter Hellers Vorschlag für den dritten Abschnitt des Lesebuchs, sein Beitrag, den er in einem Sammelband aufgestöbert hat und verteidigt gegen Pundts bedächtige Einwände, gegen Doktor Süßfeldts hartnäckige Nachfragen, während draußen der erwartete Schneeregen die Alster unkenntlich macht und hier im Konferenzraum zum zweitenmal Magda erscheint, das finstere Hausmädchen der Hotelpension Klöver, um eine Portion Tee mit Rum, einen Kaffee und einen Apfelsaft zu servieren. Die Waffen, die Heller sich für das Erinnerungsfoto ausgesucht hatte, hängen wieder an der Wand, bis auf den Pfeil mit der gezackten Haifischzahn-Spitze, den wiegt er in der Hand, den gebraucht er zu gedankenlosen Zielübungen, mitunter skandiert er mit ihm die eigene Rede. Brennt eigentlich Licht? Es brennt kein Licht. Magda hat es zwar eingeschaltet bei ihrem Eintritt, doch Heller hat es wieder ausgemacht, weil die Dämmerung, die Schummrigkeit, die dauerhafte Novembertrübnis ihnen nicht nur ausreichend, sondern auch förderlich erscheint bei ihrer Aufgabe.

Also dieser namenlose Schiffsarzt: von ihm möchte Rektor Pundt, die schweren Pädagogenhände ruhig auf dem Tisch zasammengelegt, noch etwas mehr erfahren; denn nach allem, was er aus der Geschichte von O. H. Peters herausgelesen habe, erkenne er noch nicht, was den Schiffsarzt als Vorbild geeignet erscheinen lasse. Man möchte ihm eine zusammenfassung erlauben, ihn unterbrechen, falls es notwendig sei.

Da sei also ein junger Schiffsarzt, der das Angebot erhält, die Privatpraxis seines Vaters und gleichzeitig dessen Stellung als Vertrauensarzt einer Rentenbehörde zu übernehmen —, ein warmes und sozusagen gut gepolstertes Nest. Bevor er sich entscheidet, entdeckt er, daß sein Vater Krankheit mit zweierlei Maß mißt, daß der Vertrauensarzt schematisch verweigert, was der Privatarzt freundlich zugesteht; und diese Entdeckung genügt dem Schiffsarzt, läßt ihn auf das Angebot verzichten. Er geht wieder auf ein Schiff. Absage also, Weigerung, Verzicht: aber reiche das schon aus, um vorbildhafter Haltung zu entsprechen? Er, Valentin Pundt, übersehe nicht, daß dieser Schiffsarzt auch handelt, etwa, indem er Boysen einen Tip dafür gibt, wie man sich durch List seine Gerechtigkeit zurückholen kann, aber all das reiche nicht hin, sei zu mager, lasse viel zu wünschen übrig. Zum Beispiel eine außergewöhnliche Lage. Ein unerhörtes Dilemma. Eine herausfordernde Wahl. Soll darin vielleicht die Lehre eines Vorbilds liegen, daß man sich entzieht? Einfach nur nein sagt und den Seesack schultert? Janpeter Heller möge es ihm nicht übelnehmen, aber soviel Plätze hat die Marine nun auch wieder nicht frei.

Rita Süßfeldt, nie locker entspannt, immer wenn auch in unscheinbarer Bewegung, nimmt eine neue Zigarette aus der geöffnet daliegenden Schachtel, zündet sie an dem Glutklumpen einer Kippe an, streicht ihren Rock glatt über den festen, fleischigen Schenkeln. Jetzt möchte sie etwas sagen. Welch eine Verpflichtung denn von diesem Vorbild ausgehe, möchte sie wissen, welch ein Beispiel es setze, wofür es stehe. Dieser Schiffsarzt entscheidet sich für den Abschied, für geordnete Flucht. Gut. Aber ist das genug? Sie bittet sich vorzustellen, was geschähe, wenn jeder nach einer verdrießlichen Erfahrung keinen anderen Ausweg wüßte, als seinen Hut zu nehmen. Davongehen: sei das nicht das typische Verlangen der Lauen, der Schmollenden, jedenfalls von Leuten, die sich den Luxus eines guten Gewissens durch Teilnahmslosigkeit bewahren möchten? Ihr, Doktor Süßfeldt, könne dieser Schiffsarzt nicht imponieren. Ja, wenn er geblieben wäre! Wenn er das Angebot seines Vaters angenommen hätte! Und wenn er dann, auf jedes Risiko hin, versucht hätte, die Verhältnisse zu ändern! Bleiben: darin liege das größere Wagnis, aber auch die größere Möglichkeit. Ein Vorbild, das eine Fahrkarte in der Tasche trägt? Undenkbar, jedenfalls für sie, Rita Süßfeldt, die jetzt bedauernd die Schultern hebt, Heller zulächelt und etwas leiser mit abschließendem Zweifel feststellt, daß man dem siebten bis neunten Schuljahr solch ein Vorbild ja wohl nicht auftischen könne.

Nun ist Heller dran — das heißt zuerst der Korbsessel, in dem er sich ruckhaft bewegt, was ein Knirschen und Knistern zur Folge hat, gerade so, als liefe ein kleines Feuer durch dünnes Unterholz —, und er setzt sich auf, mißmutig, doch gelassen, und tippt mit der Pfeilspitze auf seinen Beitrag: er sei nicht überrascht, mit dieser Mißdeutung habe er sogar gerechnet, denn sei es nicht immer so, daß, wenn drei sehr unterschiedliche Leute ein und dieselbe Geschichte lesen und wiedererzählen — daß darin bei der Wiedererzählung der Eindruck entstehe, es handle sich um drei verschiedene Geschichten? Das sei rechtmäßig, das sei ganz in Ordnung. Aber wundern müsse er sich doch darüber, wie der Kern unentdeckt bleiben konnte, das Zentrum, das — er möchte es mal so sagen: unscheinbare, aber herausfordernde Symbol. Die Absage heiße die Geschichte, nicht wahr? Sie könne mit dem gleichen Recht Die Kündigung heißen. Was dem jungen Schiffsarzt nämlich angeboten werde, das sei ja nicht weniger als ein sorgloses, paradiesisches Wohlleben, der Herr habe ihm alles bereitet, nur wegsehen müsse er, nicht weiterforschen und alle Fragen unterdrücken: dies sei der Preis. Mit einem Fuß stehe dieser Schiffsarzt bereits im väterlich bestellten Garten, doch dann werde er von einem Wissen unterwandert, das ihm keine Wahl lasse: er entscheide sich für Unsicherheit, für das Risiko, vor allem aber für Unabhängigkeit. Er kündige. Wie das nur habe unentdeckt bleiben können! Da bemerkt Valentin Pundt trocken, daß das ja auch an O. H. Peters liegen könne, und Rita Süßfeldt, die Möglichkeiten des achten Schuljahres im Auge, fragt sich, ob das Paradies auf jeden Fall eine belastende Adresse darstelle und ob ein Vorbild da unter allen Umständen ausziehen müsse.

Janpeter Heller wirft den Pfeil auf die Manuskripte, steht auf, umrundet langsam den Tisch, trinkt im Stehen einen Schluck Kaffee und setzt die Tasse hart ab. Sammelt er sich? Holt er aus? Jedenfalls bietet er den Anblick eines Mannes, der sich sammelt und vorbereitet, um etwas Fälliges loszuwerden, etwas längst Erwartetes. Er zieht den weinroten Pullover in die Länge, beweist der Wolle ihre Dehnbarkeit; dann geht er auf seinen Platz zurück und. stellt fest, was vor allem Anfang hätte festgestellt werden müssen: die Anmaßung nämlich, die darin liegt, Vorbilder auszusuchen, sie im Lesebuch untermbringen und jungen Menschen zu servieren — hier habt ihr euern Leonidas, euern Doktor Schweitzer, eifert ihm nach. Wenn Sie mich fragen: Vorbilder sind doch nur eine Art pädagogischer Lebertran, den jeder mit Widerwillen schluckt, zumindest mit geschlossenen Augen. Die erdrücken doch den jungen Menschen, machen ihn unsicher und reizbar, und fordern ihn auf ungeziemende Weise heraus. Vorbilder im herkömmlichen Sinn, das sind doch prunkvolle Nutzlosigkeiten, Fanfarenstöße einer verfehlten Erziehung, bei denen man sich die Ohren zuhält. Alles, was sich von den Thermopylen bis nach Lambarene überlebensgroß empfiehlt, ist doch nur ein strahlendes Ärgernis, das nichts mit dem Alltag zu tun hat. Peinliche Überbautypen, um es mal so auszudrücken. Und wenn er, Heller, mal ganz bekenntnishaft werden dürfe: wer heute das Kapitel »Vorbilder« behandeln wolle, sollte nicht von exemplarischen Situationen, sondern vom Alltag ausgehen, von beispielhaftem Verhalten im Alltag. Nicht dröhnende Entscheidungen, sondern die unscheinbare, die zivile, die leise und dennoch nutzbringende Tat: die möchte er, wenn überhaupt, in einem Lesebuch ausgebreitet sehen, und deshalb habe er Die Absage vorgeschlagen. Nun hoffe er, daß man ihn verstanden habe.

Valentin Pundt hat ihn auf seine Weise verstanden, er antwortet zunächst mit einer bedächtigen Geste in Brusthöhe, einer schräg abwärts geführten Geste, die bekanntgibt, daß er etwas sogleich abgeschnitten oder weggewischt haben möchte, zum Beispiel den Eindruck, daß es hier um Persönliches gehe oder daß womöglich ein verworfener Text einer persönlichen Niederlage gleichkomme. Wir sind hier, sagt Pundt, um zu erfragen, welche Vorbilder heute noch taugen, und um uns schließlich darauf zu einigen, was wir aus dem »gewonnenen Angebot« in das Lesebuch aufnehmen. Vielleicht gelingt es uns, ein Vorbild gemeinsam herzustellen, sagt Rita Süßfeldt. Jedenfalls, sagt Pundt, kann behauptet werden, daß die Jugend nach Vorbildern verlangt; unsere Aufgabe ist es, ihr die Vorbilder zu zeigen, die unserer Zeit entsprechen. — Und die unwillkürlich verpflichten und herausfordern, sagt Doktor Süßfeldt. Oder die auf Möglichkeiten einer Bewährung hinweisen, sagt Valentin Pundt. Wobei das Vorbild selbst durchaus problematisch, also menschlich, sein soll, sagt Rita Süßfeldt. Ich denke an einen Maßstab für Augenblicke der Ungewißheit, sagt Pundt, an eine Hilfe bei Entscheidungen, und ich denke an den Zwang zum Vergleich: das Hervorragende sollte zum Vergleich einladen. Das Hervorragende ist asozial, sagt Heller, es belastet sich selbst; mit dem Hervorragenden kann sich niemand solidarisieren. Da möchte Rita Süßfeldt mit Recht wissen, was sich denn überhaupt noch als Vorbild verwenden läßt, und Pundt muß unwillkürlich zustimmen durch gleichmäßiges, lang andauerndes Nicken.

jetzt zeigt Janpeter Heller nicht nur, daß er vorbereitet, sondern auch worauf er vorbereitet ist, und stehend an der »Wand der Erinnerung«, regungslos und mit zurückgelegtem Kopf wiederholt er Gedachtes und ruft ein paar Vorbilder ins dämmrige Konferenzzimmer, die er gleich zu Anfang abkanzeln und aussortieren möchte, sattsam bekannte Erscheinungen, die zeilenschindend durch jedes Lesebuch geistern und denen er, ein für allemal, Untauglichkeit bescheinigen möchte.

Er läßt also den unvermeidlichen Kapitän auftreten, der, einer trostlosen Gewohnheit folgend, mit seinem Schiff untergeht, ohne etwas für seine Rettung versucht zu haben: Heller attestiert ihm zugleich blinde und blödsinnige Pflichterfüllung und entläßt ihn mit der schlechtesten Zensur. Er zitiert den bekannten Festungskommandanten herein, der mit seiner Besatzung bis zum letzten Schuß auf dem Posten blieb, um der Zivilbevölkerung einen Fluchtweg offenzuhalten: dieser Typ, sagt Heller, muß einfach als Unglück angesehen werden, weil er nie begreifen wird, daß man nicht ein Leben durch ein anderes aufwiegen kann. Er winkt den frühvollendeten Bergsteiger heran, der sich beweisen zu müssen glaubte, daß man die Eigernordwand auch im Winter, allein, und gegen alle Warnungen durchsteigen könnte; ihn läßt Heller wortlos durchfallen, mit wischender Handbewegung. Der erfolgreiche Forscher, der sich um die Folgen seiner Entdeckungen nicht schert; der vertraute Herrscher, der zwar einen Wegelagerer amnestiert, seinen zweifelnden Bruder jedoch in die Verbannung schickt; der Pionier, der die Pulverladung auf seinem Rücken zur Explosion bringt, um eine Bresche in eine feindliche Stellung zu sprengen: alle gängigen Spielarten des Vorbilds erhalten von Heller eine Gelegenheit zum Auftritt, werden ironisch begutachtet, geprüft und als Ladenhüter einer anmaßenden Pädagogik wieder entlassen. Diese Typen dürfen wir nicht verkaufen, sagt er. Wir müssen sie in den Giftschrank schließen, sagt er. Wenn schon Vorbilder, dann möchte man etwas von ihnen lernen können; von diesen aber läßt sich nichts lernen, nicht einmal mit Vorsicht.

Valentin Pundt läßt seine Tüte mit Backobst kreisen, bietet schrumpelige Pflaumen an, Aprikosen, getrocknete Apfelringe, und mit seiner stummen und- eindringlichen Nötigung erreicht er auch, daß jeder in die Tüte hineinlangt, sich bedient und unter aufforderndem Blick auch zu essen beginnt. Während Heller verdrossen kaut, die verklebten Zahnreihen gewaltsam auseinanderreißt und schon einen Pfeilköcher dazu ausersieht, die Pflaumenkerne aufzunehmen, holt Doktor Süßfeldt eine angebissene Aprikosenscheibe noch einmal aus dem Mund, betrachtet sie nicht nur erstaunt, sondern auch befremdet, und ißt dann mit düsterer Erwartung weiter, so als befürchte sie gleich eine Explosion. Und Pundt? Der kaut ergeben, träge, nicht genußvoll, eher mit der lethargischen Ausdauer, mit der ein Koalabär seinen Eukalyptus kaut.

Der alte Pädagoge, den Beckmann grün auf rostrot gemalt hat, nickt. Er sei einverstanden damit, daß man auch Vorbilder auf den Speicher der Vergangenheit schickt, wenn sie keiner verbindlichen Erfahrung mehr entsprechen. Er habe nichts gegen eine schonungslose Besichtigung, bei der unzeitgemäßen Idolen der Laufpaß gegeben wird. In Frage stellen: das gehöre ja zur Aufgabe des Erziehers, und die Anstiftung zu begründetem Zweifel bestätige ihn erst. Aber wird nicht immer und immer von ihm erwartet, daß er auch etwas anbietet, empfiehlt, vorschlägt? In Verruf bringen, bloßstellen, vom Sockel heben, zur Strecke bringen: ja, darin sei man geübt. Aber was bietet man denn nun an? Lassen Sie doch mal sehen, Heller, was Sie noch im Skat haben. Ein Vorbild sagt ebensoviel über sich selbst aus wie über den, der es sich erwählt. Vielleicht möchten Sie Ihren Musterkoffer öffnen und uns mit Ihrer Wahl bekanntmachen.

Ist Janpeter Heller auch darauf vorbereitet? Er nimmt einen Pflaumenkern aus dem Mund. Er klemmt den Kern zwischen Daumen und Zeigefinger fest. Er zielt auf das Fenster, entscheidet sich jedoch anders und schnippt den Kern in das waagerecht hängende Blasrohr. Er setzt sich wieder an den Tisch. Vorbilder, sagt er: schon der Begriff sei heute fragwürdig und mißverständlich geworden, er möchte ihn ersetzen, möchte das ganze Kapitel des Lesebuchs anders überschreiben, etwa: Das Selbstverständliche. Wenn er »Vorbild« höre, sei er schon versucht, den Blick zu heben, eine Art Habt-Acht-Stellung einzunehmen. Horizontaler, alles muß horizontaler werden, und das heißt: irdischer. Beispiele? Man brauche doch nur hinzusehen: der Sozialfürsorger, der entdeckt, daß seine Arbeit vergeblich war, und der dennoch nicht auf gibt; die beiden Vertreter der ost- und westdeutschen Wasserstraßendirektion, die zwar weisungsgebunden, doch zäh und bereitwillig über Erleichterungen für die Binnenschifiahrt verhandeln; der Stadt-Archivar, dem man Vorteile in Aussicht stellt, wenn er gewisse Dokumente unter besonderen Verschluß nimmt, und der gleichwohl seinen Sohn dazu überredet, eine Doktorarbeit über Die Rolle führender Persönlichkeiten in O. in der Zeit von 1933 bis 1945 zu schreiben; der Polizist, der vor einer hingehaltenen Fotografie zugibt, den Namen des Kollegen zu kennen, der da einem zusam-mengebrochenen Studenten ins Gesicht tritt. Man fragt nach Angeboten: sind das keine Angebote?

Valentin Pundt zögert mit seiner zustimmung, ihm will das allgemein Verpflichtende dieser Vorbilder noch nicht einleuchten, und er wendet langsam das Gesicht zu Doktor Süßfeldt, die automatisch die Schultern hebt, die jetzt unbedingt etwas wissen muß: Es ist doch hoffentlich noch nicht halb sechs? — Es ist viertel vor sechs, sagt Heller. Sie muß aufbrechen, sie hätte längst aufbrechen müssen, um rechtzeitig zu ihrer Jury-Sitzung ins Winterhuder Fährhaus zu kommen, wo über die Verleihung des Züllenkoop-Preises abgestimmt werden soll. Züllenkoop-Preis? Er wird jährlich verliehen, für die beste journalistische Arbeit zum Thema »Hamburger Tradition«. Rita Süßfeldt entschuldigt sich für den plötzlichen Aufbruch, man wird sich ja wiedersehen, man wird die Suche nach einem erträglichen Vorbild fortsetzen, doch um zügiger, in jedem Fall aussichtsreicher voranzukommen, möchte sie vorschlagen, daß man sich entschiedener an die ausgesuchten Texte hält, also das nächstemal gleich Pundts Vorschlag auf den Tisch bringt, er heißt doch Die Falle, nicht wahr? Eben.

Heller macht Licht, erkennt in ihrer Hand einen kleinen, aufblitzenden Gegenstand, den Autoschlüssel, der an einem Kettchen hängt und propellerartig um den Zeigefinger gewirbelt wird. Heller reicht ihr den Schal. Sie stopft ihn in die Ledermappe, zusammen mit den Papieren. Der Mantel läßt sich da nicht mehr hineinstopfen, den läßt sie sich von Pundt um die Schultern legen, dann gibt sie den Männern die Hand, eine kühle, sehr glatte Hand, läßt sich noch einmal die Uhrzeit sagen und stürzt mit einem in mittlerer Lage angesetzten Schreckensschrei, der mehr vermuten als befürchten läßt, zur Tür und durch die Halle der Pension. Beide Männer lauschen ihr nach, beide rechnen offenbar damit, daß Rita Süßfeldt zurückkehren wird, es dauert lange, bis sie sich entspannt einander zuwenden, lustlos an den Tisch herantteten und, als ob sie sich verabredet hätten, im gleichen Augenblick ihre verstreuten Papiere einsammeln und sie auf das übereinstimmende Format zurechtklopfen.

3

Hier, in Hamburg, stimmen die Auskünfte: wer die Pension Klöver verläßt, wer an der Alster entlanggeht in Richtung Stadt, wer nicht die kurzen, zerlaufenden Lichter auf dem Wasser beobachtet, sondern die wegführenden Straßen streng mitzählt, und wer sich schließlich auf der Höhe eines weißen Anlegestegs schroff nach rechts wendet, der braucht nicht mehr auf das Schild unter der Peitschenlampe zu blicken, der hat die Alte Rabenstraße selbst gefunden.

Pundt hat sie selbst gefunden. In feuchtem, niederziehendem Mantel durchquert er ein Handtuch von Vorgarten, klingelt an der Außentür, sieht im Flur das Licht aufspringen. Da ist ein Knistern vor seinem Gesicht, ein krabbelndes und knackendes Geräusch, als wenn Krebse sich in einem Blechkasten bewegen: die Sprechanlage. Darf schon gesprochen werden? Muß vielleicht? Pundt ist hier, noch einmal: Rektor Pundt aus Lüneburg. Er zieht den leeren Porträtrahmen aus der Manteltasche, drückt die Tür auf, tritt in den Flur, folgt jedoch nicht gleich der erstarrten, einladenden Geste des Mannes, der ihn freundlich in blauem Bademantel erwartet, vielmehr säubert er zunächst seine Schnürstiefel auf einem Abtreter, aus Kokosfasern, sorgfältig, genußvoll. Pundt gelingt es, einfach durch die Art seiner Annäherung — sein Kopf ist schräggelegt, eine Hand weist den leeren Rahmen vor, die andere verhält hüfthoch in bittender Offenheit — ausreichende Entschuldigungen auszudrücken für die abermalige Störung. Sie sind uns immer willkommen, Herr Pundt, treten Sie doch ein.

Hans Meister, der sein Jahrgang sein könnte, der ihm im Korridor aus dem Mantel hilft, lächelt ihn sanft und ermutigend an — es ist das gleiche Lächeln, das Herr Meister auf allen Plakaten zeigt, mit denen die Wände des Korridors bis zur letzten Tür bepflastert sind: Herr Meister als entlassener Krankenhauspatient, der im Schutz seiner Versicherung jeder Zukunft entgegenlächelt; hier ermutigt Herr Meister mit einer Brille vom Fachmann alle Kurzsichtigen und Weitsichtigen, dort, auf einem rotweißen Plakat, läßt er Gärtnerschürze und Heckenschere für die Verheißungen des Hausbesitzes sprechen; als Fußleidender, als Ferienreisender, als Konteninhaber und Feinschmecker findet Herr Meister Gründe zum Lächeln und bestätigt auf jedem Plakat, daß auch das Alter nicht ohne Aussichten ist.

Meine Frau hat sie aufgehängt, sagt Herr Meister.

Dort, hinter der Tür mit der Milchglasscheibe, am Ende des Korridors, hat Harald gewohnt, dort hat er es getan. Pundt streift die Tür im Abdrehen mit seinen Blicken. Er hatte den Mantel nicht ausziehen wollen, nun hat er ihn ausgezogen und folgt, den Stellrahmen in der Hand, dem hartnäckig lächelnden Mann ins Wohnzimmer. Guten Tag, Frau Meister. Die Frau sitzt an einem ovalen Tisch, vor sich einen Stapel von Katalogen, in denen, farbig illustriert, holländische Blumenzwiebeln angeboten werden; augenscheinlich hatte der Mann ihr gegenüber gesessen und auf einem Block die Bestellnummern notiert. Pundt dankt für den angebotenen. Stuhl, verzichtet jedoch auf jedes weitere Angebot; sogar einen weißen Klaren schlägt er aus, von dem Herr Meister behauptet: wer den trinkt, möchte sofort seine Lebensgeschichte erzählen.

Wie könnte er den Grund seines Besuches schnell umschreiben, zu dieser Stunde, wie könnte er sich einleiten, ohne die Lust zu beeinträchtigen, die Meisters bei der gewiß abendfüllenden Auswahl der Blumenzwiebeln gewinnen? Man kann ertrinken in all den Namen, sagt Frau Meister, in den Tulpen-Namen. Königin Sirikit: das geht noch, auch Lady of Leicester ist denkbar, aber einige heißen: Kuß der Sonne oder Erhardts Triumph, mit diesen muß man sich erst befreunden; aber diese hier: Licht von Aurich, ausgerechnet Aurich, wo ich zur Schule ging.

Pundthat kein Verhältnis zu Blumen, er sagt: kein übertriebenes Verhältnis. Er möchte sich aber noch einmal für die Störung entschuldigen, jetzt, er möchte erklären, daß ihn nur eine bestimmte Hoffnung hierher geführt habe. Er bewegt den leeren Bilderrahmen zwischen den Fingern, dreht ihn, läßt ihn leicht kippen, gerade so, als suchte er nach einer Lichtquelle, die er sammeln und weiterwerfen könnte auf ein noch zu bestimmendes Ziel. Er stellt den Rahmen auf den Tisch, dreht der Frau die mattgraue Fläche zu: dieser Rahmen also fand sich im Nachlaß, leer, ohne passenden Inhalt, dennoch muß der junge ihn benutzt haben, wie Spuren beweisen, was insbesondere die aufgebogenen Klammern beweisen, und er habe die Hoffnung, daß sich Herr oder Frau Meister erinnern können, wo der Rahmen stand und welch ein Gesicht er umschlossen hielt. Pundt ist dankbar für jede Auskunft; er sagt: Jeder Hinweis wird mich weiterbringen, und er nimmt den Rahmen wieder an sich, hält ihn einmal der Frau hin, dann dem Mann, nicht fordernd oder bedrängend, sondern nur hilfsbereit, er will ihnen helfen bei dem Versuch, sich zu erinnern, denn sie sind schon unterwegs, er spürt es an dem gespannten Schweigen, sieht es an ihren angestrengten Gesichtern, daß sie auf der Suche sind, um wiederzufinden, was einmal in den Rahmen gehört hat.

Der Mann gibt als erster auf, nein, sagt er, nein, ich kann mich nicht erinnern, und er schlägt den Kragen hoch, steckt die Ärmel des Bademantels zusammen, als ob er fröre. Er bedauert. Er lächelt sein sanftes, ermutigendes Meister-Lächeln, das gesucht ist, für das man ihn bezahlt. Die Frau indes sitzt immer noch regungslos da, steifnackig, eine untersetzte Frau mit körniger Haut; sie beißt sich auf die Lippen, massiert mit zwei Fingern die Schläfe, gibt, sich erinnernd, einen Schmerz zu, und dann steht sie auf, geht den Männern voraus auf den Korridor und in das Zimmer, in dem Harald gelebt hat. Hier, sagt sie und legt eine Hand auf die Ecke des kahlen, von Brandflecken gesprenkelten Schreibtisches, hier hat der Rahmen gestanden, und das Bild: ein blonder Mann mit sehr langem Haar, ja, und mit einer Gitarre. Hier hat es gestanden. Es war ein Mann mit einer Gitarre, jetzt erinnere ich mich.

Valentin Pundt mustert dringend das eiserne Bettgestell, das Fensterbrett, den zur Hälfte offenstehenden Schrank; sie verweigern jede Auskunft. Er zieht die Schublade des altmodischen Nachttischchens auf; sie ist leer; er sieht, über den Schreibtisch gelehnt, in den Papierkorb; kein Rest. Nirgendwo eine Spur, ein Überbleibsel, ein Zeichen, und er wiederholt langsam, echohaft: Mit einer Gitarre.

Sie lösen sich aus dem Zimmer, zäh, sie schieben sich hintereinander auf den Korridor zur Garderobe, als die Türklingel einen Tobsuchtsanfall bekommt; das ist Überfall, das ist höchste Alarmstufe, doch während Pundt, den feuchten Mantel in der Hand, erschrocken lauscht, geht die Frau ruhig seufzend zur Tür und öffnet und steht wartend da in unabänderlicher Resignation. Warum mußt du Sturm klingeln, Tom, mein Gott, warum kannst du nicht klingeln wie ein erwachsener Mensch? Ulli wartet! Also deswegen. Ulli wartet, und Tom will sich an ihnen vorbeidrängen mit gutmütigem Grinsen, ein sehr magerer, hochaufgeschossener Junge, dem ein dreieckiges Hasengesicht regsamen Ausdruck verleiht. Ich brauch mein Schneehemd. Er braucht sein Schneehemd. Es macht ihm nichts aus, daß man ihm zusieht, wie er ein Schneehemd über den Pullover zieht, ein knöchellanges Schneehemd mit gelben Altersflecken, das, wer weiß, schon auf den verschneiten Ebenen Rußlands gelegen hat oder einen Soldaten im karelischen Winter tarnte, und an die weiße Brust heftet er sich eigenhändig ein Eisernes Kreuz, das er aus seiner Schulmappe hervorkramt, vermutlich also in der Schule eingetauscht hat.

Tom, sagt Herr Meister, das ist Haralds Vater, und Tom gibt Pundt die Hand ohne Erstaunen oder besondere Aufmerksamkeit, er hält nicht einmal in der Bewegung inne, will nur fort, will zu Ulli, der draußen im Schneeregen wartet. Vielleicht kennt Tom den Mann mit der Gitarre? Pundt hält ihm den leeren Rahmen hin, sagt: Auf dem Tisch, auf dem Schreibtisch hat er gestanden, erinnern Sie sich vielleicht? Tom im Schneehemd braucht sich nicht zu bedenken, nicht anzustrengen: Mike war das, Mike Mitchner, wer denn sonst; Mike war Haralds Mann. Da ist eine leichte Verwunderung in seiner Stimme, da könnte man eine dringende Gegenfrage raushören: Mike — wißt ihr das denn nicht mehr? Mike in seinen Anfängen allerdings, als Protestsänger, nicht der heutige Mike, der große, erfolgreiche Mike, zu dem er, Tom, jetzt aufbricht, dem zu Ehren er sich das Schneehemd angezogen hat; diesen Mike hätte sich Harald nicht auf den Tisch gestellt, leider. Heute tritt er zum erstenmal inder Ernst-Merck-Halle auf, eine ganz steile Sache: Licht, Bewegung und Musik. Ein Amerikaner? fragt Pundt. Nicht doch, sagt Tom, er war auf unserer Schule, Mike Mitchner ist nur sein Künstlername, bis zum Abitur hörte er auf Neidhart Zoch. Und mit gespielter Förmlichkeit sagt Tom zu Herrn Meister: es kann spät werden, teure Eltern, sorgt euch nicht um euren selbständig denkenden Sohn. Nimm den Hausschlüssel mit, sagt die Frau. Träum von deiner Jugend, Mütterchen, sagt Tom. Vorsicht, sagt Herr Meister, gib acht auf deine Worte. — Sie sind alle vergoldet, Väterchen, merkst du das nicht?

Tom im geräumigen Hemd, Tom der Schneehase schiebt eine Hand auf den Rücken, ertastet den Türdrücker, setzt aus seiner Höhe zu übertrieben respektvoller Verbeugung an, da fragt Pundt, den leeren Rahmen sorgfältig in seiner Manteltasche verstauend: Wenn Sie nichts dagegen haben — ich möchte Sie gern begleiten; vielleicht bringt es mich weiter. Herr und Frau Meister nicken ihm freundlich zu. Unterbrechung der Verbeugung, Heben des Blicks, Tom ist nicht überrascht, scheint noch nie durch irgend etwas überrascht worden zu sein: Wenn Sie Erlaubnis haben, sagt er, wenn Sie weiterkommen wollen — Sie können uns begleiten, von mir aus.

Auch Ulli hat nichts dagegen, obwohl sein mürrisches Schweigen anders ausgelegt werden könnte; gebeugt unter seiner Jugend, mißmutig, kopfhängerisch, latscht er neben Valentin Pundt durch den Schneeregen und scheint allenfalls auf das Klicken der Metallkette zu lauschen, die er unter fransigem Afghanermantel trägt. Barhäuptig geht der Pädagoge zwischen ihnen, kurzlebiger Schnee schmilzt auf seinem Haar, sein Gesicht glänzt vor Nässe. Schon beginnt er, dem Erlebten Zensuren zu geben.

Dort ist die Moorweide mit dem ziegelroten Turm, dahinter der Dammtor-Bahnhof, der mit seinem breiten, geteilten Eingang die abendliche Prozession der Fußgänger ansaugt; in Trauben, in Ketten streben sie ihm entgegen, bepackt mit Taschen, Stofftieren, Decken, Rucksäcken, aufblasbaren Gummimatratzen: haben sie den Bahnhof zu ihrem Zuhause bestimmt? Wir müssen auch da durch, sagt Tom und grüßt gelassen, grüßt schneekühl einen Trupp junger Leute, die ein Metallbett auf ihren Schultern tragen, ein mit grünen und rosafarbenen Girlanden geschmücktes Bett, von dem ein ruhendes Mädchen ein langes, gestiefeltes Bein wippend herabhängen läßt. Pundt bemerkt, wie andere stehenbleiben, so wie er selbst stehengeblieben wäre, um diese zwar lockere, aber zielsichere Prozession zu betrachten, all die hochgestimmten minderjährigen Zeitgenossen, die so selbstverständlich ihr Schaffell, ihren Angora-Umhang spazierenführen, die sich den Schnee aus hochgekämmten Papua-Frisuren oder lang fallenden Schillerlocken schütteln, die sich mit Ketten und Amuletts und gewichtigen Fingerringen bewaffnet haben, als müßten sie sich gegen einen bösen Zauber schützen. Mit der Prozession wird Pundt durch den Bahnhof geschwemmt, ein Fremdkörper, vereinnahmt, ein aufschwimmendes Wrackteil, das von einer Strömung entführt wird, hinüber zum Ausstellungsgelände, zur großen Halle, in den abgesperrten Garten aus »Licht, Bewegung und Musik«.

Ich hab Sie mir anders vorgestellt, sagt Tom auf einmal. Anders? Harald — er nannte Sie manchmal den »Wegweiser«, der nur eine Richtung kennt, nur in eine Richtung zeigt, ein Chausseeschild, Sie wissen; ich schätze, dies ist nicht Ihre Richtung, und dennoch kommen Sie mit. — Harald? fragt Pundt, und Tom darauf: Wenn ich mich nicht verhört habe, mußte er jeden Tag auf ein Kalenderblatt schreiben, wann er die Schule verließ und wann er zu Hause eintraf; Sie kontrollierten diese Eintragungen. — Schöne Scherze, sagt Ulli düster. Weil Sie was gegen Umwege haben, sagt Tom, durfte er auch keine Umwege machen; über jede ungewisse Minute mußte er Rechenschaft ablegen, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Deshalb finde ich’s Klasse, daß Sie sich Mike ansehen wollen.

Stauungen entstehen, Strömungen treffen aufeinander. Die Prozession wird gehemmt, durchlöchert, durchwirkt von Besucher-Pulks, die, mit Prospekten eingedeckt, mit Proben beschwert, aus der Skandinavischen Lebensmittel-Ausstellung heraussickern, wo man den Norden zwischen den Zähnen hatte, einen wirtlichen, einen schmackhaften Norden, der aus seiner Vorliebe für Mayonnaisen keinen Hehl macht und all seine Angebote kunstvoll bekleckert. Stimmen, geblähte Erinnerung, vergewissernde Fragen: wie heißt das weiche Geklebe? Ködboller sind doch Fleischklöße, oder? Der Renderschinken hat mich — gegen das Bier läßt sich nichts — Smörbröd sollte man unbedingt — über die Pasteten kann man nur. Man erklärt sich Gesehenes. Nachgeschmeckt wird da. Es werden Beschlüsse gefaßt.

Die Prozession bewegt sich wieder ungehemmt auf die große Halle zu, ein gewaltloser und dennoch ungestümer Zug, der den vereinzelten Polizisten das Recht auf Anwesenheit bestreitet — einfach durch die augenscheinliche Friedfertigkeit, die von den mitgeführten Gegenständen ausgeht: in offenen Ledertaschen entdeckt Pundt Brettspiele, Mensch-ärgere-dich-nicht zum Beispiel; er entdeckt einen Stapel Micky-Maus-Hefte, Strickzeug sogar. Pundt kann nicht aufhören, zu bewerten. In welch einen Aufbruch ist er hineingeraten? Ist das ein Abschied, eine Lossagung? Soll hier ein Reich der Minderjährigen gegründet werden? Ein verschontes Luft- und Traumreich, fern von den Erwachsenen? Wird man ihm womöglich den Zutritt verwehren, ihm, dem Alten, dem Grauhaar, dem Feind? Am Eingang muß jetzt ein Gedränge inszeniert werden, jedoch nicht, weil die Prozession ihre Disziplin aufgegeben hätte, sondern weil die Eigentümer von Betten, Matratzen, Steppdecken nicht schnell genug ihre Eintrittskarten aus der Tasche fischen können. Lasten werden hochgeschwungen, werden nun auf Köpfen, auf Schultern getragen …

Hier hab ich die Verantwortung, sagt Tom, halten Sie sich nur an mich, dann gehn Sie nicht verloren. Pundt erhält eine Karte und wird eingelassen ohne Mißtrauen, ohne Prüfung — er darf im Mantel einen Raum betreten, in dem sich seit zwei Tagen und zwei Nächten Licht in Musik verwandelt und Musik sich Bewegung erfindet. Der violette Strahl zweier Scheinwerfer schwingt, tanzt, zuckt durch den Raum, jetzt treffen beide Pundt, sammeln sich auf ihm, halten ihn gemeinsam fest, als hätten sie in ihm den Gegner entdeckt, den Fremden, der sich hier eingeschlichen hat, und er schließt die Augen, da lassen die Lichter ihn wieder los und schwingen, Zacken, Girlanden, Kreise ziehend, durch den Raum und zur Bühne zurück, wo sie eine Glocke über die beiden Kapellen stülpen. Rektor Pundt öffnet die Augen und steht vor einem unabsehbaren Terrarium: da sind Grotten unter einem Stuhlgebirge, da sind Pfade und Tunnel, da hat sich die Sorglosigkeit eine Plattform errichtet und die Vorsicht ein Versteck hinter Wolldecken. Auf einer Gummimatratze, mit verflochtenen Pfoten, liegen zwei Siebenschläfer, ein gefleckter Hamster mit Sonnenbrille, der sich von Zeit zu Zeit Puffreis in den Mund hineinregnen läßt, scheint ihren Schlaf zu bewachen. Springmäuse in sehr kurzen Röcken huschen gemeinsam zur Toilette, vorbei an den erschöpft tanzenden Gürteltieren, die sich mit ihren lang ausgezogenen Lippen aneinander festgesaugt haben. Pundt steht. Pundt hält sich fest. Was er sieht, möchte er auf seine Weise sehen. Unter der Bühne spielen zwei Meerschweinchen, eins sitzend, das andere liegend, rauchend Schach, während eine Negerin in weißen, strammen Höschen rhythmisch in die Hände klatscht und den Kopf pendelnd hin- und herbewegt. Molche verlassen gerade mit klopfenden Flanken die Tanzfläche, beziehen Ruhestellung unter einem Fenster, einen von ihnen glaubt Pundt zu erkennen aus einer anderen Welt: Schüler Eckelkamp. Und über das ganze schlafende, tanzende, spielende, in jedem Fall zufriedene Inventar huschen violette und gelbe Lichter und streiten sich mit den süßlichen Rauchwolken, die vom Grund des Terrariums zur Decke steigen.

Pundt findet einen Klappstuhl und beobachtet die beiden erschöpften Kapellen, die sich nicht wahrzunehmen scheinen, die auch etwas musikalisch bezeugen, was weit auseinander liegt: die berechtigte Schwermut der Baumwollpflücker und die nicht weniger berechtigte Trauer eines lateinamerikanischen Partisanen. Sie spielen verhalten, in sich gekehrt spielen sie, da wird kein Appell vorbereitet und schon gar keine Herausforderung, vielmehr lassen sie aus ihrer Versunkenheit nur Bilder der Klage aufsteigen, nutzloser Klage, wie man sich denken kann. Pundt möchte rauchen, doch obwohl viele es tun, wagt er es nicht. Er zieht den Mantel aus und legt ihn über die Knie. Unten am Ende der Treppe taucht Tom auf, der nicht mehr allein unter seinem Schneehemd steckt, sondern seine Tarnung mit einem Mädchen teilt, das gerade seinen Kopf durch den breiten Halsausschnitt zwängt, das Haar schüttelt, das vergnügte Gesicht hebt und Applaus erwartet für diese gelungene Vereinigung zum Doppelwesen. Werden sie stolpern? Aufeinanderfallen? Sie bleiben stehen, gegen eine Wand gelehnt. Der Stoff des Schneehemds wird lebendig, verrät, daß ihre Hände sich zu unterhalten beginnen. Ulli schnürt in berechneter Diagonale auf eine Gruppe andächtig hockender Burschen zu. Sie haben einen Kreis gebildet, und im Kreis wandert, mit leerer Würde weitergereicht, eine qualmende Pfeife, Friedenspfeife, Wonnepfeife, die Pfeife des Vergessens, die auch Ulli erhält, nun, da er sich wortlos hingehockt und seine Zeit gewartet hat. Ihr Blick ist hoffnungsvoll in die Ferne gerichtet, gleich werden sie ihren Kometen sehen, oder den Schweif ihres Kometen, der sie über alles erfahrene Unrecht in Physik, Mathe und Latein hinwegtröstet. Müder Beifall für die beiden Kapellen, das heißt für den Entschluß der Kapellen, aufzuhören und abzutreten; dennoch schieben sie winkend ab, räumen die Bühne für einen Paradiesvogel, der in leuchtendem Seidenhemd und mit alleswissendem Lächeln auftritt, sich das Mikrofon angelt, eine knappe Dressurnummer mit dem Kabel abzieht und dann einen Augenblick konzentriert dasteht, als habe er nicht nur etwas, sondern alles zu verkünden, zumindest ein neues Zeitalter. Und es trifft zu: sein Auftritt wird angesagt, seine leibhaftige Gegenwart. Er wird erscheinen, unter uns sein, er wird unserer Sehnsucht einen neuen Ausdruck finden: MIKE MITCHNER. Der Paradiesvogel wendet sich um, stopft über dem Hintern sein Seidenhemd in die Hose, blickt regungslos in die Kulissen, und siehe: jetzt steigt er heraus mit seiner Gitarre, breitet die Arme aus und gibt das Signal für ein gellendes Erwachen.

Pundt erschrickt. Das schüttelt sich, schreit auf, springt auf die Füße, schießt an die Oberfläche. Das flitzt nach vorn, stampft, das wirft den Schlaf und alle genügsame Trägheit ab und bereitet dem blonden, hohlwangigen Jungen ein kreischendes Willkommen. Pundt hört Kreissägen, Trillerpfeifen, Stahlbohrer, rotierende Schleifsteine, Blechscheren und, obwohl »erklärter Nichtfahrer«, den Fiepton luftlassender Autoreifen. Gespreizte Finger recken sich zur Bühne hinauf. Heulend, klatschend, auch haareraufend schieben sie sich unter der Bühne zusammen, werden gleich auf die Bühne stürmen und den langmähnigen Jungen, dessen rötlicher Bart schimmert, als ob er geölt sei, in gläubiger Raserei in Stücke reißen, um ihn an Ort und Stelle, ohne besondere zutaten, zu verzehren oder so ähnlich, doch jetzt rührt er sich, gibt die Haltung auf, die sowohl ergeben als auch segnend genannt werden kann, und hebt lächelnd einen Fuß auf einen Stuhl. Sofort wird die Länge des von Wildlederhosen umschlossenen Schenkels erkennbar. Der Paradiesvogel hängt das Mikrofon an einen Ständer, geht rückwärts ab und schnippt auf einmal in die Luft, worauf mehrfarbige Lichter aufflammen, die tanzend durch die Halle schwingen, bis sie ihn gefunden haben, sich auf ihm ausruhen: MIKE MITCHNER Der schlägt jetzt probeweise einen Akkord an, senkt das Gesicht, wünscht sich Stille, aber erreicht sie nicht, er ist es gewohnt, er ist auf alles vorbereitet, und plötzlich richtet er den Oberkörper auf und erstarrt. Er hat etwas entdeckt, nein, er hat nur einen Punkt in der Halle angenommen, an dem er sich festsieht — Pundt vielleicht? —, und dann eröffnet er mit Midnight-Letter. Mike Mitchner stöhnt. Er schluchzt. Preßlaute, eigentümlich erkaltet, bestätigen die Not, die er mit seinem Midnight-Letter hatte, hat und immer noch haben wird, denn dieser Brief, um Mitternacht geschrieben, soll Katy alles, aber auch alles sagen, vor allem soll er die Einsamkeit aufheben und der Kälte ein Ende setzen, doch was mitternächtlich gelingt und auszureichen scheint, will am Morgen nicht mehr genügen, erweist sich einfach als schal, lahm, unangemessen, was den Briefschreiber, der bei Mitternacht auf Inspiration, beim Morgen aber auf zerstörerische Kontrolle abonniert ist, immer wieder daran hindert, den unzureichenden Brief abzuschicken, das kommt nicht oft vor. Die Zuhörer werden ergriffen von den rhythmischen Wellen des Leids, sie verstehen Mitch, sie haben offensichtlich die gleichen Sprachprobleme, und sie stöhnen mit ihm, schluchzen mit ihm, und ein sehr junges Mädchen mit kurzen, formlosen Waden wirft sich auf den Boden und robbt im Kreis herum. Hin und her fliegt ihr Kopf, ihr Haar fegt über den Boden wie ein wild geführter Mop: sucht sie das Wort, das zufriedenstellende Wort für Mike Mitchner?

Rektor Pundt will es so verstehen; alles, was da geschieht, möchte er auf seine Weise sehen, erfahren, bewerten, und als Mike Mitchner, seinen Körper zum Fragezeichen verziehend, leise und zum Schlag der Gitarre wissen möchte: Who can take my beat away? — da steht der Pädagoge auf, zufrieden, daß er sich nicht durch die Reihe klemmen muß, und strebt dem Ausgang zu.

Er ist der einzige, der in diesem Augenblick die Halle verläßt, er weiß, daß sein Auszug als Absage, als Demonstration verstanden werden kann, darum senkt er das Gesicht, winkelt den Oberkörper weit nach vorn: so gewinnt er den Einlaß und läuft auf einen Ordner auf, der von Mike Mitchner so magnetisiert ist, daß jetzt alles passieren könnte unter seinen Augen. Der Ordner fährt ihn an, hebt einen Arm und bedroht Pundt mit dem Ellenbogen. Drüben, Mann, sagt er, die Lebensmittelproben können Sie drüben abstauben, in der Ausstellung, hier sind Sie ein Querschläger. Pundt entschuldigt sich, bleibt stehen, findet den Mut, um eine Auskunft zu bitten: wo es zu den Garderoben geht, zu Herrn Mitchners Garderobe? Mann, sagt der Ordner, wenn Sie ein Autogramm haben wollen: schreiben Sie, ich rate Ihnen, schreiben Sie, denn vor seiner Tür bricht gleich der Vesuv aus, wenn Sie wissen, was ich meine. Also dort sind die Garderoben, aber gehn Sie nicht hin, Mann.

Pundt mißachtet die Warnung, fragt sich von Ordner zu Ordner weiter, gleich hat er die Garderoben, Hilfs-Garderoben, gefunden, doch hier, in Augenhöhe, ist ein kleines offenes Schiebefenster, von dem aus man die Halle, oder doch einen Teil der Halle, übersehen kann: tief unten, von gleitenden und kreisenden Lichtern aus. dem Halbdunkel geschnitten, eine Hydra von Mikrofonen dicht vor dem Mund, singt Mitchner immer noch mit gepreßt klagender Stimme von der unbarmherzigen Hitze, die sengend über seinem Leben liegt, eine offenbar schicksalhafte Hitze, die nur ein anderer von ihm nehmen kann, ein lange Erwarteter, ein heimlich Erwählter, und. während er nun den Blick wandern läßt über den Saum eingebildeter Horizonte, können ihn viele seiner Zuhörer nicht mehr leiden sehen. Gellende Angebote. Erkennungszeichen. Gekrümmte Körper, gekrümmt wie Blätter im Feuer. Explodierendes Mitgefühl. Ich, ruft ein Mädchen, ich, ich, ich, Mike! Flatternde Hände. Ein Junge unter weißem Sturzhdm steigt auf die Bühne, will Mike umarmen, forttragen, entführen in selige, vor allem wohltemperierte Kellergemeinschaft — zwei Ordner ziehen ihn zurück. Mike unterbricht sich nicht, es scheint nicht die ersehnte Offerte zu sein, und er singt auch dann noch weiter, als sich ein sehr junges Mädchen — Quinta, denkt Pundt, allenfalls Quinta — aus einer gewürfelten Bluse pellt und Mike mit zwar nacktem, aber flachem Oberkörper Kühlung verspricht.

Pundt vergewissert sich, ob man ihn, den Alten, den Zaungast beobachtet. Er zieht sich vom Fenster zurück, geht weiter in Richtung der Garderoben, und jetzt braucht er nicht mehr zu fragen: der Haufen dort, die drängende Ansammlung, die sich selbst durch Druck und Gegendruck in dünende Bewegung bringt, bestätigen ihm, daß er sein Ziel erreicht hat. Er irrt sich: einstweilen hört er keine Anspielungen, keine ironischen Zurufe — na, Opa, auch ‘n Autogramm? —, vielmehr scheint ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, den Platz zu behaupten, den sie sich, auf Mike Mitchners Auftritt verzichtend, erobert haben. Pundt zwängt sich in die bewegliche Mauer der Körper hinein, die Arme abwehrbereit vor der Brust, besorgt um Spielraum, Atemraum, und sanft kippend, zurückwogend, unter berechnetem Einsatz seines Gewichts gelingt es ihm, in die Ansammlung einmdringen und sich amöbenhaft gegen die Tür vorzuarbeiten. Und jetzt, bei erfolgreichem Vordringen, hört er Flüche, die ihm gelten, hört Warnungen und spöttischen Anruf: He, Opa, mal halblang, Opa; hast dich wohl verirrt, Opa! Sie haben ihn entdeckt, sie machen sich gegenseitig auf ihn aufmerksam, dennoch stoßen sie ihn nicht aus ihrer Mitte aus, einfach weil die Furcht, durch eine strudelhafte Bewegung selbst an den Rand zu geraten, größer ist als der Wunsch, ihn losmwerden. Soll er sich jetzt zurückziehen, den Plan aufgeben?

Pundt, der unablässig die Tür im Auge behält, entdeckt plötzlich, daß die Tür von innen geöffnet wird; da wird ruckweise gerückt, da vergrößert sich unter stetigem Schlagen ein Spalt, und im Spalt taucht, heulend begrüßt, nicht etwa Mike Mitchner auf, sondern ein Mann, der Janpeter Heller gleicht — nein, es ist Janpeter Heller, der sich im weinroten Pullover emporreckt und mit bogenförmigen Gesten der Beschwichtigung die nötige Ruhe für eine Ansage herstellen möchte. Also, es wird gleich losgehen. Jeder wird bedient. Aber man möchte zurücktreten, sich in einer Reihe aufstellen, geordnet vorrücken: das zu jedermanns Vorteil. Sie glauben ihm nicht, vielleicht verstehen sie ihn auch nicht, jedenfalls verformt der Haufen sich nicht zu dünn ausgezogener Schlange, was Heller zu der achselzuckenden Feststellung veranlaßt: Wenn nicht — dann nicht.

So ist es: jetzt entdeckt er Pundts Gesicht unter dem ungescheitelten Haar, zögert, zeigt die nötige Betroffenheit bei diesem Wiedererkennen, muß aber glauben, daß es Pundt und tatsächlich Pundt ist, denn wer sonst würde ihm so überrascht und hilfesuchend zuwinken? Und da es keinen Zweifel mehr gibt, vergrößert Heller den Spalt um schätzungsweise fünfzehn Grad, fordert eine Gasse — macht doch mal Platz! —, stößt sogar einen teilenden Arm in die Menge, die zwar quengelt und lärmt angesichts dieser Bevorzugung, aber doch widerwillig Platz macht, so daß Pundt es schafft, Hellers ausgestreckte Hand zu erfassen und sich zum Spalt vorzuziehen, in die Garderobe.

Erschöpftes Aufatmen, verdutzte Musterung: Sie hier? — Sie hier? — Wie Sie sehen: Neidhart war mein Schüler, sagt Heller, damals in den Hamburger Jahren. Ich kann Ihnen eine Ehrenkarte geben. — Danke, sagt Pundt, ich brauche nur eine Auskunft, privat. — Nichts gehört? — Doch, sagt Pundt, er sei in der Halle gewesen, er habe Herrn Mitchner gehört, Herrn Mitchners Gemeinde, eine junge Gemeinde, ja, die gerade erweckt wurde und eine Art mystischer Vereinigung feiert. Er, Pundt, sei nicht ohne Eindruck, jedenfalls.

Heller bietet ihm einen Holzschemel an und macht ihn bekannt mit einem jungen athletischen Christus, der ein lindgrünes Pulloverhemd über der Hose und über dem Hemd einen breiten Lackledergürtel mit extra breiter Schnalle trägt; Jürgen Klepatsch, Neidharts Betreuer. Klepatsch, ein überlanges Handtuch um den Hals geschlungen, blickt von seinem Kreuzworträtsel auf und hebt zum Gruß den Zeigefinger, läßt ihn eine Sekunde versteift schräg aufwärts ragen, dann sinnt er weiter über die Papageienart mit drei Buchstaben. Und ich dachte schon: sieh an, der Herr Pundt ist ein Liebhaber, vielleicht sogar ein Sachverständiger von Neidharts Musik, sagt Heller. Nein, nein, nur privat. Trotzdem, Herr Kollege, es freut mich, daß wir uns hier begegnen, in dieser Halle, bei dieser Veranstaltung. Sehn Sie dort auf dem Fensterbrett? Pundt wendet den Kopf und blickt zum Fensterbrett, auf dem Stapel von Briefen, Karten, Autogrammheften liegen und ein gesonderter Stapel von Fotografien. Achtzehntausend im Monat, sagt Heller, und in raunender Wiederholung: achtzehntausend Zuschriften in jedem Monat, wahrscheinlich mehr als der Bundespräsident. Pundt könnte länger darauf antworten, doch er beschränkt sich auf ein einziges Wort, sagt nur: Enorm.

Sprechchöre? Sind das Sprechchöre vor der Tür? Heller legt ein Ohr an die Tür, lauscht, preßt eine Wange gegen das Holz und läßt einmal mit hochgezogenen Schultern und leicht nach vorn geneigtem Oberkörper, die Füße in Lauf- oder gleich in Fluchtstellung, das Abbild eines Lauschers entstehen. Sie werden ungeduldig da draußen, hören Sie? Mike, wir stehen hier zuhauf, mach die Bude endlich auf! Pundt tritt näher an die Tür heran, hört jetzt deutlich die Sprechchöre, er unterscheidet sogar die Stimme eines Mannes, der sich gellend bemüht, der Menge einen neuen Text beizubringen.

Sie kennen Neidhart persönlich? fragt Heller. Nein, er war mit meinem Sohn befreundet, vielleicht kann er mir etwas sagen, was mich weiterbringt. Jetzt wirft Jürgen Klepatsch den Bleistift in einer Art auf das großgedruckte Kreuzworträtsel, daß man sogleich annehmen möchte, die Papageienart kann niemals drei, sie muß fünf, womöglich sechs Buchstaben haben. Mikes Betreuer geht zum Ausguß. Er dreht den Wasserhahn auf. Er nimmt aus einem Lederetui einen beutelförmigen Waschlappen, in den er seine Hand hineinzwängen kann. Das Frotteetuch dunkelt, als er es unter den vollen Wasserstrahl hält. Er legt den nassen Waschlappen über den Rand des Beckens. Was noch? Die Flasche mit dem Kölnisch Wasser. Er stellt die Flasche auf das Fensterbrett, ans Kopfende der Couch, setzt die Kuppen seiner Finger gegeneinander, drückt und bewegt sie, bereitet sie auf die gewohnte Arbeit vor. Er öffnet die schmale Tür zum Bühneneingang. Kommt er nicht endlich? Er kommt.

Dahinten, im Schlepptau des Paradiesvogels, stelzbeinig und gegen den ansteigenden Boden geneigt, kommt Mike Mitchner, allein in seiner Erschöpfung, jedenfalls unachtsam gegenüber den Komplimenten, mit denen der Paradiesvogel ihn spickt: Wunderbar, Mike; unerreicht, Mike; so kannst nur du sein. Schwarz vor Schweiß ist sein Hemd von den Achselhöhlen bis zum Gürtel, Pundt erkennt es, während Mike die Arme ausbreitet und schwankend die seitliche Begrenzung des Ganges ertastet, er wankt tatsächlich mit geschlossenen Augen, nicht enttäuscht oder fassungslos, sondern noch in seiner Ermattung mit sich selbst zufrieden, da er auch diesmal seinen Grundsatz befolgte, sich nie zu schonen, sondern alles von sich zu fordern und zu geben.

Sie bugsieren ihn in die Garderobe, drehen ihn gegen das Licht, heben seine Arme über den Kopf und rollen ihm, der ergeben und immer noch mit geschlossenen Augen dasteht, das Hemd bis zur Schulter hoch, führen ihn schließlich zur Couch, wo Jürgen Klepatsch ihm das Hemd über den Kopf zieht und ihn geschickt niederdrückt auf den kühlen, seidig schimmernden Stoff. Mike Mitchner liegt auf dem Bauch, das Gesicht der Wand zugekehrt, heftig atmend. Von Hellers Blick dauerhaft befragt, möchte Pundt etwas sagen, er möchte sagen, daß er nicht gewußt hat, um welch ein »Stück zehrender Arbeit« es sich hier handelt, doch nun werden alle Blicke von Klepatsch angezogen, der mit der Hand in den Waschlappen fährt und ihn auf Mikes fettlosem, doch pickligem Rücken spazie— renführt, zuerst hier tapft, da tupft, Linien zieht, Bogen entwirft, feuchte Initiale breit hinschreibt, die er gleich darauf mit dem überlangen Handtuch fortwischt. Schweigend beobachtet Pundt, wie der Betreuer seinen bärtigen Schützling auf den Rücken dreht, den Waschlappen von neuem tränkt und ihn sanft über das Gesicht zieht, danach klatschend die unbehaarte Brust bearbeitet und mit fast inständiger Sorgfalt Handgelenke und Achselhöhlen abreibt: Who can take my beat away? Klepatsch verspritzt in unerhörter, zumindest von Pundt noch nie erlebter Großzügigkeit Kölnisch Wasser über die Couch, das heißt, er schlackert es energisch aus der Flasche heraus. Spritzer finden Mikes Rücken, die enge Wildlederhose, die Gouch; unter diesem Regen muß jeder erwachen, denkt Pundt, und ist schon nicht mehr erstaunt über den Eifer, mit dem der Betreuer Mikes Haar auskämmt, der jetzt natürlich nicht mehr liegt, der vielmehr spreizbeinig, feierabendlich, wie eine Bäuerin dasitzt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt.

Er ist fertig, fiüstert Heller, nach jedem Auftritt ist er völlig fertig; und Pundt, ebenso leise: man braucht mehr als Kraft, kann ich mir vorstellen. Nun hebt Klepatsch ein frisches, rosafarbenes Hemd über Mike, senkt es langsam auf ihn herab, wobei er darauf achtet, daß die Hände durch die Ärmellöcher stoßen und der Kopf durch den Ausschnitt emportaucht, und in diesem Augenblick greift Mike, weil das Zeremoniell es so verlangt, nach einer schwebenden Zigarette in der Luft, die sich allerdings nicht findet — doch, der Betreuer hat die Zigarette längst angeraucht und steckt sie in die erwartungsvolle Fingerschere, die zukneift und das glimmende Stäbchen zum Mund führt.

Wie war ich? fragt Mike plötzlich. Los, sagt mal, wie war ich? — Du warst du, sagte der Paradiesvogel, und sonst niemand. — Wenn das man genug ist, sagt Mike und steht auf und sieht zum erstenmal Pundt im Hintergrund vor der Tür, sieht ihn und erwartet keineswegs von ihm selbst, sondern von Janpeter Heller eine Auskunft oder Erklärung, und Heller winkt den alten Pädagogen heran und darf vorstellen: Herr Pundt — Herr Zoch. Das scheint Mike zu genügen, er will schon abdrehen, da sagt Heller: Privat, Herr Pundt möchte dich privat sprechen, darum habe ich ihn hereingelassen, worauf sich Mike noch einmal Pundt zuwendet, hoch aufgerichtet, die Daumen in die aufgenähten Taschen eingehängt. Privat? Valentin Pundt sagt: Harald, mein Sohn Harald — Sie kannten ihn? Harald Pundt? Student.

Ist etwas passiert mit ihm? fragt Mike. Er ist tot, sagt Pundt.

Mike Mitchner wendet sich ab, verschiebt die Stapel von Briefen, Autogrammheften, Fotografien, und mit angezogenem Kinn spricht er langsam auf sie hinab. Ja, er könne sich an Harald erinnern, obwohl es lange Zeit her sei — in meiner Zeit als Protestsänger —, er könne sich an ihn erinnern, an das Kellerlokal, an die Gulaschsuppe, das Lokal hieß »Vierter August«, er wisse auch nicht, warum — vielleicht war das der Hochzeitstag des Wirts —, also dort habe man zusammengesessen, der ganze Kreis, die Gulaschsuppe sei sehr scharf und billig gewesen, und bei dieser Klasse-Suppe habe der Kreis die schwebenden Fälle behandelt, mehr oder weniger ein Freundeskreis, ja, der seine Aufgabe darin sah, zu verhindern, daß ein grobes Unrecht, sagen wir ruhig: eine beispiellose Sauerei zu schnell von der Bühne verschwand und vergessen wurde. Deshalb schrieb der Kreis Leserbriefe, bündelweise; man habe die Fälle behandelt, sie in eine Reihenfolge gebracht und danach die Redaktionen mit einer Welle von Leserbriefen eingedeckt. Harald? Was könnte er sonst über ihn sagen? Er löffelte seine Suppe wie die andern, schrieb seine Briefe wie die andern. Etwas Besonderes? Seine Begeisterung vielleicht, ja, er erinnere sich an Haralds Begeisterungsausbrüche, an die man sich erst gewöhnen mußte, sie erfolgten automatisch, fast bei jedem Vorschlag, eine mitunter kaum zu begründende Begeisterung, die alle Pläne begleitete. Mehr könne er nicht sagen. Mehr nicht. Und Mike Mitchner dreht sich wieder zu Pundt um und hebt bedauernd die Schultern. Es ist wenig, ich weiß. Nein, sagt Pundt, Sie haben mir sehr geholfen, ich danke Ihnen, und entschuldigen Sie die Störung. Der Sänger steht da und blickt nur noch auf Janpeter Heller, der Pundt ein Zeichen macht: bald, wir sehn uns ja bald.

4

Dieser Polizist ist Rita Süßfeldt unbekannt. Er gibt zwar an, auf dem nahen Revier in der Oberstraße Dienst zu tun, er will sogar, und zwar bereits seit anderthalb Jahren, auf seinen täglichen Streifengängen durch die Innocentiastraße gekommen sein, dennoch hat sie ihn nie zuvor gesehen, weder allein noch in Begleitung eines der anderen Beamten, die ihr nicht nur bekannt, sondern auf unterschiedliche Weise zugetan sind. Schon beim ersten Anblick dieses betretenen, freudlosen Gesichts weiß sie, daß dieser Mann noch nie eine Flasche Cognac von ihr erhalten hat; sie weiß außerdem, daß sie sich mit ihm noch nie auseinanderzusetzen brauchte über ihre eigene Art der Teilnahme am Verkehr. Deshalb kann er nicht ihretwegen gekommen sein, und er ist auch nicht ihretwegen gekommen, wie er gleich im Flur bekanntgibt: Sagen Sie, wohnt hier ein Merkel, Doktor Heino Merkel? Rita Süßfeldt entscheidet sich für eine indirekte Antwort, sie weist stumm auf die halbgeöffnete Schiebetür, hinter der das Wohnzimmer beginnt oder vielmehr, was dem ersten Eindruck näher kommt, ein großzügig organisiertes Möbellager mit ererbten Sitzecken, Schränken, Truhen, Kommoden, Standuhren und Tischen. Da bieten sich Nußbaum und Kirschholz an; es bedrängen sich eine italienische Kredenz, ein gotisches Schrankungetüm, ein Renaissancetisch, von geschnitzten Einhörnern getragen, ein Biedermeiertisch, ein Fauteuil mit Beauvais-Tapisserie. Der fremde Polizist zögert, es ist das gleiche Zögern, das uns davon abhält, auf einer ausgestellten Sitzgelegenheit im Völkerkunde-Museum Platz zu nehmen — doch Rita Süßfeldt, eine Hand gegen das ererbte Möbellager aus gestreckt, ermuntert ihn: Setzen Sie sich, falls Sie etwas Passendes finden. Der Polizist setzt sich und stülpt seine Mütze über eine mit Silber eingefaßte Bürste, in die sich ein silberbeschlagener Kamm verbissen hat. Auf allen Tischen liegen silberne Dosen, Spiegel, stehen Apothekerwaagen und kleine Mörser herum.

Rauchen Sie? Der Polizist raucht nicht, trinkt nicht, zumindest nicht im Dienst; wie geborgt dasitzend, hebt er den Blick zu den Bildern, zu den oval gerahmten Familienbildern, die ausnahmslos blasse, noble, hasenköpfige Männer zeigen, die sich als hanseatische Senatoren verkleidet haben und die, auch wenn sie leicht verschleiert aus dem Rahmen blicken, etwas von dem strengen Sinn für Barzahlung ahnen lassen. Rita Süßfeldt bemerkt den Blick; von ihr wird der unbekannte Polizist nicht erfahren, daß ihre Familie sechs Senatoren und einen Bürgermeister gestellt hat, von ihr nicht.

Sie müssen sich etwas gedulden, sagt sie, mein Vetter wird noch abgehalten. Sogleich nickt der Polizist und richtet sich, die Arme auf die geschnitzten Armlehnen hebend, sichtbar aufs Warten ein, er scheint darin geübt. Wir haben sowieso nur ein paar Fragen zu stellen, sagt der Polizist. Fragen? Ja — da hat wieder einer im Tierheim nachts die Käfige geöffnet und Tiere befreit. — Ach so! Rita Süßfeldt zieht sich zurück. Nein, sie verschwindet nur vorübergehend in ihrem Arbeitszimmer, angelt ein Buch von einem hochgelegenen Regal, dann kehrt sie zurück und legt das Buch mit Freundlichkeit neben die Mütze des Polizisten: Falls Sie mal reinschauen wollen, ein Werk meines Vetters, aus früheren Jahren, er ist Archäologe. Der Polizist bedankt sich, bevor er den Titel gelesen hat, gibt noch einmal zu verstehen, daß ihm Warten nichts ausmacht, und steht auf und bleibt so lange stehen, bis die Frau — über eine mit Kokos ausgelegte Treppe — den ersten Stock erreicht, eine Türe geöffnet und wieder geschlossen hat.

Das Buch heißt: …und die Arche schwamm doch, der historische Bootsbau vor der Sintflut. Jetzt setzt sich der Polizist. Die Schritte über ihm, Deckenhöhe dreiachtzig, müssen die Schritte der Frau sein, forsche, fast überstürzte Schritte, die sich nun tackend, vermutlich über die Fliesen eines Badezimmers, hinbewegen und abrupt aufhören. Keine Stimmen, keine Geräusche. Drüben im Arbeitszimmer läutet viermal das Telefon, niemand hebt ab. Mäßig interessiert, lauscht der Polizist dem Schlag der zahlreichen Uhren, greift dann träge zum Buch, liest und gibt lesend nicht mehr her als andere Leser.

Oben drückt Rita Süßfeldt die mattweiße Tür auf. Die Vorhänge sind zugezogen. Es brennen: die Deckenlampe, die Nachttischlampe und eine Schreibtischlainpe auf schwarzem, gebogenem Fuß. Auf dem Fußboden liegen Bücher, Kissen, Zeitungsausschnitte und Kleidungsstücke, allerdings nicht sorgsam abgelegt, sondern gewaltsam hingefeuert und verstreut wie nach einer Auseinandersetzung, wovon besonders die Bücher erzählen, die mit abgerissenen Seiten herumliegen oder in verkrampftem Spagat. Was aber niemand übersehen kann, und was diesen Raum von ähnlichen Räumen unterscheidet, ist der hohe, sowohl im Boden als auch in der Wand verankerte Stuhl, ein düsterer, wenn auch stilreiner Koloß, der ganz für sich dasteht, in einer Art unbarmherziger Bereitschaft. Dieses harte, mannshohe Ungetüm verpflichtet zu der Annahme, daß es nicht zu friedlichem Dasitzen aufgestellt ist, eher könnte man sich denken, daß hier Platz nimmt, wer verhört, angeklagt oder operiert werden soll.

Jetzt sitzt Heino Merkel in dem Stuhl, der ehemalige Archäologe. Er ist gefesselt. Lederriemen zwingen seine Handgelenke auf die Lehne, spannen sich kreuzweis vor seiner Brust, steife, knarrende Riemen, die mit Krampen am Stuhl befestigt sind. Der schmale, ausgezehrte Körper ist seitlich verrutscht, bezwungen von einer Kraft, die sich als stärker erwies, der Kopf hängt nach vorn und weist ein Stück künstlicher Schädelplatte vor; Striemen an den Unterarmen zeugen von vergeblicher Auflehnung gegen die Fessel. Der Mann regt sich, sein Kopf beginnt sanft zu pendeln, die Finger erproben ihre Gelenkigkeit, greifen, krümmen sich. Er hebt das Gesicht, ein erstauntes Gesicht, auf dem die dauernde Bereitschaft liegt, sich zu entschuldigen, lächelt hilflos, während Margarethe Süßfeldt ausdauernd seinen Nacken massiert und dabei die Vorwürfe sortiert, die er noch jedesmal zu hören bekam. Kaum belebt er sich unter der Wohltat der Massage, da zeigt sich auch schon frisches Schuldbewußtsein auf seinem Gesicht, er möchte die Hand der Frau erfassen, er möchte — fassungslos über die abermalige Heimsuchung —, ihr Gesicht zu sich herabwinken und ihr etwas zuflüstern, doch die Fesseln, die er selbst am Stuhl befestigt hat, ziehen ihn ruckhaft zurück. Er stöhnt leise, weniger vor Schmerzen als deshalb, weil ihm die Berührung nicht gelingt, von der er sich Erleichterung erhofft.

Mareth, sagt er, Mareth, ich hab’ alles versucht, aber es kam zu schnell. Und die Frau, über ihn hinwegsprechend: Du hast uns wieder enttäuscht. Du bist nicht zeitig genug in den Stuhl gegangen. Du hast uns zu spät gerufen. Und der Mann: Aber ich hab’ doch stillgehalten, ich hab’ euch doch keine Schwierigkeiten gemacht. Und die Frau, mit monotoner Strenge: Du hast Rita verletzt, du hast dein Zimmer verwüstet. Wenn es so weitergeht, Heino, können wir dich nicht bei uns behalten. Und der Mann wieder, in jäher Angst: Nicht in eine Anstalt, Mareth, bitte nur nicht in eine Anstalt, ich werde mich bessern. Ich werde euch rufen. Und die Frau: Oft, das hast du schon oft versprochen. Und der Mann: Aber ich hab’ doch gut durchgehalten. Das letzte Mal — es ist lange her. Weißt du, wie lange ich durchgehalten habe? Und die Frau, die Massage beendend: Wir mußten dich diesmal in den Stuhl bringen. Wir mußten dich fesseln. Du hast Rita an der Schulter verletzt. Und der Mann, jetzt aufgerichtet im Stuhl und mit glaubwürdigem Eifer: Es gibt automatische Schnappschlösser, Mareth. Ich werde solch ein Schloß besorgen und es selbst an den Riemen befestigen. Die Schwestern stehen vor dem Stuhl, tauschen einen Blick, Rita löst unter ermahnendem zuspruch die Riemen, doch der Mann erhebt sich nicht, der Mann bleibt sitzen und reiht ruhig seine Handgelenke, atmet wie zur Kontrolle geräuschvoll ein und aus, dann knöpft er sein Hemd zu und biegt die Spitzen seines Hemdkragens zurecht: er weiß, was sie von ihm erwarten. Und er weiß, welche Spuren er beseitigen muß.

Während er die Socken hochzieht, die Hose abklopft, der Krawatte einen gefühlvollen Knoten macht, wiederholt er Versprechungen; doch das kennen die Frauen, sie wollen es nicht mehr hören, denn sie sind, auf geheime Verabredung, schon dabei, das Zimmer aufzuräumen, eine Ordnung hermstellen, die leichter vergessen läßt; schon winkt Rita beschwichtigend zu dem Mann hinüber, zerstreut allerdings und in einer Knappheit, die ihre Eile verrät. Wie spät ist es eigentlich?

Sie muß fort. Rita Süßfeldt muß zu einer Sitzung in die Hotel-Pension Klöver, wo diesmal über Pundts Vorschlag abgestimmt werden soll. Entschuldigt, Mareth, aber vorher muß ich die Sache noch einmal lesen — vorausgesetzt, daß ich das Manuskript wiederfinde. Was ist das für ein Mann, Pundt, fragt Mareth, auf der Ecke eines Taschentuchs kauend, und ihre Schwester, überrascht, denkt über Valentin Pundt nach und muß feststellen, daß sie ohne Schwierigkeiten zu zwei, drei Ansichten über ihn kommen kann. Pundt? Wer Pundt ist? In jedem Fall grauhaarig und aus Lüneburg. Manchmal kommt er mir vor wie ein Aussichtsturm in der Heide, der selbst zwar alles überragt und übersieht, der es aber jedem anderen schwermacht, das Gesehene zu überprüfen. Warum? Da fehlt sozusagen ein Geländer, eine Treppe, ein Aufstieg. Ein pensionierter Schuldirektor, der auf Backobst schwört, so als Beruhigungsmittel für alle Stimmungen, weißt du. Beckmann hat ihn porträtiert in seiner Jugend. Wenn du schon so fragst: sobald du von Pundt die Zeit wissen möchtest, sieht er zuerst auf seine Taschenuhr, dann wie selbstverständlich auf seine Armbanduhr, errechnet das Mittel der Differenz und sagt dir unter Vorbehalt, wie spät es ist. Sein Sohn — ich glaube, sein Sohn hat sich umgebracht. Aber ich muß sein Manuskript suchen, das, was er vorgeschlagen hat; wir sind beim Kapitel »Vorbilder«; genauer: Lebensbilder — Vorbilder.

Lies es uns doch vor, sagt Mareth. Das Ganze? — Lies es vor, bitte, Heino wird auch gern zuhören, zumindest wird es ihm guttun, nicht wahr, Heino? — Ja, Mareth, ich höre gern zu, wenn Rita vorliest, und das Manuskript — vielleicht steckt es in dem braunen Briefumschlag, Rita hatte ihn in der Hand vorhin, er liegt auf meinem Schreibtisch. Schau mal nach… Siehst du!

Also vorlesen: man setzt sich zurecht, verengt die Aufmerksamkeit, der Oberkörper hat schon die nötige Starre und drückt Bereitschaft aus, auch die Hände, lose auf den Schenkeln ruhend, bezeugen Erwartung oder schon Konzentration. Wie gesagt, das ist Pundts Vorschlag, der Text, den er für unser Lesebuch ausgesucht hat, sagt Rita Süßfeldt, zählt mit angefeuchtetem Zeigefinger die Seiten ab und spricht aus, was sie beim Abzählen erwägt: Vielleicht ist es nützlich, wenn gerade ihr euch das mal anhört, ihr mit eurer Unbefangenheit. Auf ein Vorbild müssen wir uns ja einigen. Hört zu! Der Autor heißt Kai Köster — vermutlich ein Pseudonym —, und das Beispiel selbst heißt: Die Falle. Seid ihr soweit? Also:

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Ja, ich hätte ihm befehlen müssen, vor mir herzulaufen, auf jede Gefahr hin, vor mir durch die langen, hartgestampften Gänge der alten Kasematten, zwischen den Schienen, auf denen keine Munitionsschlitten mehr standen, so hätte ich ihn im Auge behalten können, klar gegen den bogenförmigen Ausgang, gegen das Schneelicht.

Ich wäre sicher gewesen, ich hätte meinen Teil getan, gleichgültig, was dann mit ihm geschehen wäre, draußen im verschneiten Hof, auf dem gefrorenen Strand — wenn er nur vor mir gelaufen wäre, diese Handvoll von einem Mann, dies Fliegengewicht mit seiner blechernen, ewig nörgelnden Stimme, ich hätte darauf achten müssen. Vielleicht hätte ich ihn aber auch zurückschicken sollen, in jener Nacht, in den Dünen bei den Kasematten, vielleicht wäre er mit einer Strafe davongekommen, wenn er sich seiner Lagerwache gestellt hätte, ich weiß es nicht, ich kann es nicht entscheiden, vor allem deswegen nicht, weil das Lager bald nach unserem Rückzug evakuiert und das langsame Schiff, das sie westwärts bringen sollte, versenkt wurde. Und ich weiß auch nicht, was ich täte, wenn alles noch einmal geschähe, in einer gleichen Nacht, bei hartem Ostwind von der See, wenn noch einmal solch eine Begegnung stattfände oder, ich muß wohl sagen, verhängt würde, auf der Mittelwache, unvorbereitet. Wenn mich wieder einer anriefe, aus einer Schneemulde, zusammengekauert, frierend in dem dünnen, gestreiften Drillich, wenn wieder einer, ganz bedenkenlos, im selbstverständlichen Vertrauen auf Hilfe, sich aus dem Dunkel meldete: Kumpel? hörst du mich, Kumpel? hilf mir, Kumpel! —, würde ich ihn dann nicht, dem alten Anspruch folgend, hochziehen und fortbringen, in die Wärme erst einmal, in die Sicherheit, in eine Sicherheit? Wieder stellt er sich ein, der schlimme Wunsch nach Grundsätzen, die uns versteinern lassen, die alles vereinfachen, hier Soll und hier Haben, sie verleihen eine Schutzschicht, diese Grundsätze, man ist imprägniert, undurchlässig, abweisend, gerade in solch einer Nacht, wenn man seine Mittelwache schiebt, in den Dünen, über die der Ostwind Schneefahnen treibt, und sich dann plötzlich einer meldet, der sich doch fürchten und deshalb schweigen müßte. Woher nahm er nur den Mut, mich Kumpel zu nennen, er, von dem mich alles trennte, den ich in der Hand hatte vom ersten Augenblick an, was entdeckte er an mir, das ihn zu dieser Anrede veranlaßte, als ich von den Kasematten in die Dünen aufstieg und er unvermutet vor mir lag, in der Schneemulde, durch die verharschte Oberfläche gebrochen und offenbar zu kraftlos, um sich von allein zu erheben. Obwohl er wissen mußte, daß ich im Wache gehörte, tat er es, denn er sah mich ja von den Kasematten heraufsteigen, die damals als Munitionsdepot dienten, alte, an den Boden geduckte Befestigungen, in denen auf unabsehbaren Regalen Seeminen und Torpedos lagerten, es waren überholte Modelle von Torpedos und aus der Mode gekommene Minen, denen man anscheinend nicht mehr sehr viel zutraute, die zu vernichten man sich aber nicht entschließen konnte; so hob man sie auf, und wir bewachten sie schon im zweiten Winter. Außerdem sah er doch, daß ich bewaffnet war, und wer ein Gewehr trug, mußte sein erklärter Gegner sein, doch anstatt regungslos zu liegen, mich vorbeigehn zu lassen — und ich wäre vorbeigegangen, ohne ihn entdeckt zu haben —, rief er mich an, streckte mir beide Arme entgegen, knochige, sehr dünne Arme, die ich mit einer Hand hätte umschließen können: Kumpel? Hilf mir, Kumpel! Da lag er in dem dünnen, gestreiften Drillich, barhäuptig, kurz geschoren, in dieser fleckigen Dunkelheit, die mir noch erlaubte, sein Gesicht zu erkennen, ein scharfes, rechthaberisches Gesicht voller Selbstzufriedenheit — nein, das erkannte ich nicht gleich, das habe ich später in ihn hineingesehen, nach den Erfahrungen, die ich mit ihm machte, aber dies bemerkte ich doch: er war vollkommen furchtlos. Er, dem es gelungen war, aus dem gesicherten Lager zu entfliehen, den sie mit Hunden suchten, die nur seiner Spur im Schnee zu folgen brauchten, er fürchtete sich nicht, schien nicht einmal sehr beunruhigt, als er landeinwärts lauschte, dorthin, wo weit hinter den Dünen, weit hinter einem zähen Kiefemwald, das Lager war. Bring mich hier weg, Kumpel, sagte er, stand mühsam auf und machte eine ungeduldige Bewegung, zeigte auf die dunklen Kasematten hinunter, als ob er wüßte, daß es dort Sicherheit für ihn gab, mach schon, komm, laß uns gehen; doch ich zögerte, ich nahm das Gewehr von der Schulter, den altmodischen Beutekarabiner, so blieb ich stehn und sah ihn an, und fern hinter ihm, in der Nacht unter dem Horizont, flammte und zuckte es hell auf, von dort her rückte die Front näher.

Wir standen uns gegenüber, ich mit all meiner Überlegenheit und er, seltsam, keineswegs mutlos und aufgabebereit, so, als ob alles für ihn zu Ende sei, vielmehr schien er erfüllt von der fraglosen Gewißheit, daß ich, den er Kumpel nannte, ihn nicht ausliefern werde; und diese Gewißheit erstaunte mich, machte mich unsicher, und vielleicht hatte ich da schon zum erstenmal das Gefühl, daß ich ihm nicht gewachsen sei.

Keinen Namen, ich weiß bis heute nicht seinen Namen; sein Los und seine Tat waren ihm Ausweis oder Eingeständnis genug, allenfalls seine Kleidung, die ja alles über seine Herkunft sagte, zumindest über den letzten Ort, an dem er sich aufgehalten hatte, deshalb glaubte er wohl, nichts weiteres zugeben zu müssen. Und dann ging er an mir vorbei, unbekümmert um die Warnung, die ich schweigend ausdrückte, behutsam schob er den Lauf meines Gewehrs zur Seite, suchte nach meiner Spur im Schnee, die ihm den Abstieg von der Düne erleichtern sollte, doch meine Schrittweite war zu groß für ihn, für seine Kraftlosigkeit, ich stützte ihn widerwillig, ich bewahrte ihn davor, zu stürzen, in einer Schneewehe zu versacken, mein Gewehr hing längst wieder über der Schulter. Ich folgte ihm hinab zu den Kasematten, warnte ihn vor dem verschneiten Graben, zwang ihn nieder in den Schatten des Walls, und vor einem Belüftungsrohr, das schneebemützt aus dem Boden stand, kniend und eng nebeneinander, redete ich auf ihn ein, daß er hier nicht bleiben könnte, in diesem bewachten Depot, in diesem kontrollierten Verlies, das ihm zur Falle werden mußte; eher sollte er am Strand entlang nach Osten gehen, bis zu dem kleinen Hafen, der voll war mit Wracks, dort könne er ein Versteck finden, warten, bis alles vorüber war.

Wie nah war sein unrasiertes Gesicht, die dunklen Augen, er klammerte sich an meinen Arm, hörte nicht auf, mich anzusehen aus dieser unerwünschten Nähe, und ich erkannte, daß in der Tiefe seiner Augen etwas glomm, ein Wunsch, eine absurde Zuversicht: Hier, Kumpel, hier bin ich am sichersten, bring mich rein. Ich weigerte mich, ich entzog mich seinem Griff, heftig, vielleicht zu heftig, denn er fiel aufs Gesicht und blieb liegen, beim Belüftungsrohr, im Schnee. Draußen auf See, ziemlich weit, schossen sie Leuchtkugeln, anscheinend ging dort ein Schiff unter, rote und gelbe Leuchtkugeln, die zitternd in der Höhe standen und in einem Bogen erloschen, über der grauen See, über treibenden Flößen vermutlich und den Schreien und Hilferufen aus dem Wasser. Ich hörte sie und hörte sie nicht, als ich den Wall entlangging, allein, ohne Entschluß, bis zur eisernen Treppe, die zum Notausgang führte, zum zweiten Hauptausgang, wie wir sagten, und hier öffnete ich die beiden Stahltüren und horchte nur, horchte in das schwach erleuchtete Labyrinth, sah über das schimmernde Spalier der veralteten Minen und Torpedos, über denen Flaschenzüge umsonst baumelten; dann ging ich zurück zu der Stelle, wo er immer noch lag, wie ich ihn verlassen hatte, mit dem Gesicht im Schnee. Zuerst stieß ich ihn mit dem Fuß an, dann hob ich ihn auf, zerrte ihn, ärgerlich, mit mir zur eisernen Treppe.

Diese Nacht, dachte ich, ein wenig Wärme, ein wenig Schlaf, nur eine Nacht, dann muß er sehen, wo er bleibt, dann endet meine Hilfe, von der die anderen nichts erfahren dürfen, am wenigsten der Wachhabende. Es gelang mir, den zwar leichten, aber steifen und kraftlosen Mann die Treppe hinaqubringen, niemand beobachtete uns, für eine Nacht also, sagte ich, führte ihn durch den zweiten Hauptaus gang in das Innere der Kasematten, wo er kein Interesse zeigte für das, was ihn umgab, für die Torpedos nicht und nicht für die gehörnten Minen, auch die Frist, die ich nannte, nahm er nicht zur Kenntnis. Unter den Flaschenzügen, unter den Laufkatzen schob ich ihn vorwärts, alles mußte ich für ihn übernehmen, das Lauschen, das Sichern, doch ich brachte ihn unbemerkt in die Kabelkammer, schloß hinter uns die feuersichere Tür und schaltete das elektrische Licht an. Stumm zeigte ich auf Kabelrollen, dort konnte er schlafen, oben auf dem breiten Regal, hinter der Wand summte nur eine Elektromaschine, ja, er entschied sich für das Regal, schubste Werkzeugkästen zur Seite, und ich half ihm hinauf, wieder zu heftig, denn ich hatte nicht seine Leichtigkeit bedacht.

Ich sehe mich, wie ich ihm da auf seine Lagerstätte hinaufhalf, lustlos, nicht anders, als ob ich ein Gerät abstellte, denn uns verband nichts, wir teilten nichts, im Gegenteil, er bewirkte, daß der Pegel meines Unwillens oder meiner Reizbarkeit stieg, weil er ungerufen in meine auskömmlichen Tage eingebrochen war und mich zu Handlungen zwang, die mich belasteten, und wenn nicht dies, mir doch eine Unruhe abverlangten, die ich mit ersparen wollte. Er rollte sich auf die Seite, stützte seinen Kopf auf, seine dunklen großen Augen musterten mich, nicht dankbar, das möchte ich meinen, eher nachdenklich, erwägend, und dann deutete er auf meinen Schal, den dunkelblauen Marineschal, und wußte auf einmal, was er benötigte: Leib mir den Schal, Kumpel, der wird mir helfen, seit meiner Jugend hab ich’s auf der Brust. Komm, Kumpel, du tust ein gutes Werk. Ich schüttelte den Kopf, band aber schon den Schal ab und reichte ihn ins Regal hinein, kein Gruß danach, nicht mal ein Nicken zum Abschied, so sehr hatte mich sein unangemessener Wunsch aus der Fassung gebracht, ich löschte wortlos das Licht, und im Dunkeln sagte ich: Diese Nacht nur, hörst du, es geht nur diese Nacht. Er antwortete nicht. Ich ließ ihn allein.

Das Ende der Wache, ich konnte nicht das Ende meiner Wache erwarten, die ich auf dem hartgetrampelten Wall verbrachte, nicht in den Dünen, auch nicht wie sonst auf dem gefrorenen Strand, wo es unter jedem Schritt sanft krachte und platzte, wo ich oft das Angetriebene untersuchte, Flanken zum Beispiel, zerschlagene Flöße, all das Treibende, das die See behielt, in dieser Zeit, in der ihr mehr als genug zufiel.

Nach meiner Ablösung meldete ich mich im Wachraum, keine besonderen Vorkommnisse, nur draußen auf See muß wieder etwas geschehen sein, sie schossen Leuchtkugeln, nein, sonst keine besonderen Vorkommnisse, und der Wachhabende entließ mich für die restlichen Stunden der Nacht, für schlaflose Stunden, denn ich erkannte, daß ich, da ich ihm schon Sicherheit verschafft hatte, nun auch eine andere Sorge würde übernehmen müssen: ich konnte ihn nicht dort liegen lassen, ohne ihm etwas zu essen und zu trinken zu bringen. Da es das einzige Frühstück wäre, das ich mit ihm zu teilen hätte, beschloß ich, die Hälfte des Brotes und der Margarine abzuzweigen und es ihm in einem günstigen Augenblick, zur Zeit der Mitternachtsruhe, oder vielleicht schon früher, während einer Zigarettenpause, zu bringen; doch noch vor dem Frühstück gab es einen Appell, unten in den Kasematten, nicht weit von der Kabelkammer, eine peinliche Befragung, weil da irgend jemand unter Minen und Torpedos hingeschissen hatte, während meiner Wache oder in der darauffolgenden, und wir mußten uns vor dem unschuldigen Scheißhaufen versammeln und uns rechtfertigen, einer nach dem andern. Es gab keinen Augenblick, ich konnte erst mittags zu ihm gehen, in sein Versteck, in seine Falle, wo er mich zwar nicht vorwurfsvoll, aber ungeduldig erwartete mit ausgestreckter Hand, hungrig, vor allem aber durstig, da die Kabel, wie er sagte, schmerzhaften Durst verursachten, und er gab seine Enttäuschung darüber zu erkennen, daß ich ihm nichts Trinkbares mitgebracht hatte. Ich wollte ihm von dem morgendlichen Appell erzählen, wollte ihn bezichtigen und zurechtweisen, ich konnte es nicht, es gelang mir einfach nicht, als ich ihn, auf einer Kabelrolle sitzend, beim Essen beobachtete, die Mühe ersah, die es ihn kostete, mit seinen schlechten Zähnen das harte Brot zu zerkauen. Flüssigkeit, Kumpel, sagte er, Flüssigkeit ist wichtiger als Brot, das nächste Mal mußt du dafür sorgen, irgend etwas zu trinken, und wenn es Wasser ist, oder besser noch, bei meinem Magen, ist Tee.

Er hatte sich meinen Schal um den Hals gebunden, die Enden in die Drillichjacke gesteckt und tief, fast bis zum Gürtel, hinuntergezogen, anscheinend hatte er vergessen, daß es mein Schal war, daß ich ihn brauchte beim Außendienst, denn es fror über Tag, es herrschte eine entschiedene und trockene Kälte, gegen die eine verschleierte Sonne nicht ankam, die niedrig über den Horizont wanderte. Ich beließ ihm also den Schal, nahm mir nur vor, ihn dem Mann wieder abzuknöpfen, sobald ich ihn in der nächsten Nacht hinausführte, an den Strand, oder in die Dünen, wo ich ihn gefunden hatte; und um ihn an unsere Abmachung zu erinnern — aber war es denn eine Abmachung? — oder um ihm noch einmal die Unabänderlichkeit meines Entschlusses deutlich zu machen, sagte ich: Heute nacht, hörst du, heute nacht mußt du hier verschwinden.

Er antwortete mit kleinen, flatternden Gesten, die mich abspeisen sollten, ja, ja, nun wart doch ab, bis ich zu Kräften gekommen bin, bis ich den Marsch zu dem ostwärts gelegenen Hafen schaffe, den du mir genannt hast. Wie er mich ansah, nachdem er gegessen hatte, er machte den Eindruck eines Mannes, der nach einem geziemenden ersten Wort suchte, nach dem Anfang für eine schwerwiegende Eröffnung, die er mir vielleicht aus Dankbarkeit anbieten wollte, da er doch nichts besaß als seine Erlebnisse, und die fühlte ich schon auf mich zukommen, unerbetene Erlebnisse, Stationen seiner Biografie, mit denen er sich revanchieren wollte für meine Hilfe, und deren Kenntnis mich ihm, wer weiß, auf belastende Weise verbunden hätte, und ich war, ja, ich war erleichtert, daß er mir ersparte, was ich unter seinem Schweigen befürchtet hatte. Er gab nichts preis, am wenigsten seinen Namen; ich war einverstanden damit: je mehr er mir vorenthielt, desto weniger ging er mich an, und ich wollte mich nicht verpflichten lassen durch ein Wissen, auf das ich nicht aus war, zumal da ich ihn schon in der folgenden Nacht fortschicken würde.

Und im Gedanken an den beschlossenen Abschied goß ich ein Drittel meiner Rumportion, die ich bei Dienstschluß empfangen hatte, in die Feldflasche mit Tee, süßte das Getränk mit braunem Zucker und brachte es ihm gegen Abend, dazu ein halbes Kochgeschirr voll in Fett geschmorter Nudeln, die ich unter meinem Mantel verbarg.

Diesmal machte er mir Vorwürfe, leise, eindringlich, er hat mich zu überlegen, ob es noch von Verantwortung zeuge, wenn ich ihm Alkohol anböte, bei seinem Magen, bei seiner Konstitution, vor allem in seiner Lage, und er reichte mir mißbilligend die Feldflasche zurück, an deren Öffnung er nur gerochen hatte: Wenn du mich fertigmachen willst, Kumpel, dann aber anders, dann nicht mit Alkohol, sagte er, und ließ ein Mißtrauen erkennen, das nicht gerechtfertigt war. Aber mit diesem Mißtrauen erreichte er, daß ich unter seltsamem Zwang fortging, in die Küche schlich und dort die Feldflasche mit lauwarmem, aber reinem Tee füllte, den er, nach umständlicher Geschmacksprobe, zu trinken begann, andachtsvoll, wie mir vorkam, doch ohne ein Wort des Danks. Und dann gab ich ihm auf seine Bitte Tabak und Zigarettenpapier; ich selbst hätte mir nie erlaubt, in der Kabelkammer zu rauchen, auch kein anderer hätte es hier wagen dürfen, er durfte es, in seinem Fall begünstigte ich es sogar — vielleicht nur deswegen, weil ich ihn fortschicken würde in der kommenden Nacht; ja, das war es, die von mir verfügte Frist, mit der ich ihm zu verstehen gab, wie sehr er in meiner Hand war, ließ mich großzügig sein, ließ mich Ausnahmen machen.

Meine Kameraden kümmerten sich nicht um mich, es waren ausnahmslos ältere Leute, Familienväter, Ernährer ohne besonderen Traum, die in der Freizeit Briefe schrieben, Karten spielten oder schliefen; hier kümmerte sich niemand um den anderen, man lebte mit dem Gedanken, daß diese Wache nichts bedeutete und daß man auseinandergehen würde, wenn alles vorbei wäre, für immer auseinander. Auch wenn wir uns nicht beargwöhnten: ich durfte nicht sorglos sein, ich konnte keinen ins Vertrauen ziehen, ich sicherte gründlich, wenn ich zur Kabelkammer ging, und besonders gründlich in der Nacht, in der ich ihn fortschicken wollte.

Diese Nacht kam mir milder vor, erträglicher, sie schien mir — ich weiß nicht, warum — geeigneter zur Flucht als die Nacht, in der ich ihn gefunden hatte, in den Dünen oben, von denen nun violette Schatten fielen, unter einem verschleierten Himmel. Die See lief träge gegen den Strand an, fast ohne Geräusch.

Da alles abgemacht und besprochen war, hoffte ich, ihn bereit zu finden, fertig zum Aufbruch, vor Ungeduld dicht bei der Tür, und in dieser Erwartung öffnete ich und rief ins Dunkel: Komm, komm jetzt, doch es regte sich nichts, er gab kein Signal, also mußte ich in die Kammer und Licht machen, und da lag er in seinem Regal und blinzelte mich an. Ich stieß ihn an, ein befehlender Wink, komm jetzt, worauf er zielsicher meine Hand nahm, die Finger öffnete und sie mit bedauerndem Ausdruck an seinen Kiefer führte, einen geschwollenen Kiefer, wie die Finger bei der Reibung feststellten, in dem eine klopfende Hitze saß. Das war seine Erklärung: er ließ mich die Geschwulst betasten, und als ich die Aufforderung, herabzusteigen, dennoch wiederholte — lascher allerdings, unsicherer —, kam er mit unerträglichen Zahnschmerzen, tischte mir Fieber auf, sogar Gleichgewichtsstörungen, ob ich es denn nicht fühlte, ob ich es nicht sähe — natürlich fühlte und sah ich es, keine Überredung war nötig, um ihm zu glauben, daß er litt, aber wie lange sollten die Leiden dauern! Gereizt, aufgebracht fragte ich ihn tatsächlich, wie lange seine Leiden wohl dauern sollten, nicht nur mit Rücksicht auf mich, sondern auch auf ihn selbst, denn schließlich mußte er damit rechnen, eines Tages entdeckt zu werden — wenn ich kann, Kumpel, sagte er, sobald ich kann, bist du mich hier los, aber so kannst du mich nicht wegschicken, fühl nur die Schwellung, die Hitze, in diesem Zustand komm’ ich nicht weit.

Er bat um feuchte Umschläge. Er bat um schmerzstillende Tabletten, augenscheinlich ohne sich zu fragen, ob ich die Möglichkeit hatte, seine Wünsche zu erfüllen, am liebsten hätte er mich zur Eile aufgefordert, das sah ich ihm an.

Wenn ich heute daran denke, wenn ich unsere Begegnungen noch einmal geschehen lasse, in der Kabelkammer zuerst, später in dem Raum, in dem die Elektromaschine summte, wenn ich ihn aus mildernder Entfernung und in heutiger Gefahrlosigkeit noch einmal aufrufe, dann muß ich zugeben, daß er mich zwar nicht beherrschte, aber mich doch an sich fesselte mit seinem Los, meine Selbständigkeit einschränkte durch seine Wünsche, und mir bei allem, was ich tat, das Gefühl beibrachte, nicht genug getan zu haben; ich weiß nicht, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Jedenfalls brachte ich ihm, was er wünschte, unter Risiken für uns beide, einmal verlangte er sogar eine Zeitung, und nach der Lektüre beschwerte er sich bei mir über den unerträglichen Optimismus, von dem die Zeitung durchtränkt sei; nebenher prüfte er mich listig, wie weit auch ich diesem Optimismus verfallen sei. Er trug mittlerweile einen Pullover von mir, er trug meine Strümpfe, und damit er nicht Tag und Nacht meinen Schal trage, brachte ich ihm ein Handtuch, das sie mir von zu Hause geschickt hatten, und wie diese Gegenstände, so wanderte auch mein Denken zu ihm hinüber, stetig, unabänderlich, selbst während des Dienstes dachte ich an ihn, weniger im Sinne zufälliger Erinnerung, sondern so, als sei er eine Daueraufgabe für mich geworden oder eine Dauerprüfung.

Nachdem er vier Tage und vier Nächte in seinem Versteck verbracht hatte, hörte ich auf, an eine Frist zu denken, ich ertrug ihn und seine Ansprüche, auch die nicht geäußerten, die besonders — wie ich das andere ertrug, die Wachen, die Monotonie, die Nachrichten, und dabei hätte ich ihn mir fortwünschen müssen, denn dem Wachhabenden schien etwas aufgefallen zu sein, er sah mich anders an als sonst, schnitt überraschend meinen Weg, einmal, mittags, stellte er mich sogar, als ich schon mit leerem Kochgeschirr aus dem Depot kam. Ich überließ es ihm, zu bestimmen, wann er fortwollte, es war seine Flucht, es würde seine Angst sein und sein Hunger, die ihn dann begleiteten, vor allem mußte er ohne Schmerzen sein.

Haßte ich ihn? Manchmal, wenn er Wünsche äußerte — ich brauch’ dein Rasierzeug, Kumpel —, wenn er sich über das Essen mokierte, wenn er weghörte, sobald ich von meinen Schwierigkeiten sprach, in solchen Augenblicken, ja, da haßte ich ihn, zumindest bedauerte ich, mich auf alles eingelassen zu haben. Nachts, auf meinen Wachen, während er unten schlief, beobachtete ich von den Dünen den Horizont hinter dem Kiefernwald, den kurzen Widerschein von Flammen, das sprunghafte Leuchten, das näher und näher kam, und mit ihm die Geräusche der sich nähernden Front, und wenn ich dann zu ihm ging in der Erwartung, daß meine Schilderungen ihn zu einer Entscheidung bringen würden, war ich jedesmal erstaunt über den Gleichmut oder die Kaltblütigkeit: Wer weiß, Kumpel, sagte er, wer weiß, ob mit dem Ende alles vorbei ist.

Bei solchen Reden, nach solchen abschließenden Äußerungen, hatte ich trotz aller Grundsätze das Verlangen, mehr über ihn zu erfahren, herauszufragen, warum er im Lager war und welchen Beruf er hatte, doch ich unterdrückte jede Neugierde und fand mich damit ab, ihm Berufe zuzumessen und Gründe zu erfinden, die ihn ins Lager gebracht haben könnten.

Am sechsten Abend, bevor er sich auf das Essen stürzte, griff er nach meiner Hand, führte gespannt, mundoffen meine Finger an seinen Kiefer: Merkst du was, Kumpel, die Schwellung ist weg, ich bin fieberfrei. Er sah mich an, er spürte, was ich dachte, und er zögerte nicht, es auszusprechen, mit listigem Lächeln, als habe er mir ein Geschenk anzubieten, das einzige Geschenk, das ich mir wünschte: er hatte beschlossen, seine Flucht fortzusetzen, ostwärts, wie ich es ihm geraten hatte, und da ich bei aller Erleichterung nur nickte, mich jedenfalls gelassener gab, als er vermutet hatte, fragte er enttäuscht nach einem angemessenen Ausdruck der Freude. Wo bleibt die Freude, Kumpel? Ich gehe, ich falle dir nicht mehr zur Last, das ist doch ein Anlaß zur Freude.

Ich schenkte ihm meinen Schal, bat ihn, das Handtuch mitzunehmen, die Strümpfe anzubehalten, außerdem versprach ich, ihm am nächsten Tag Verpflegung zu bringen — keine großen Mengen, damit durfte er nicht rechnen, aber Brot für zwei Tage, Margarine und ein Stück geräucherter Wurst: das würde ich ihm hereinreichen. Er überhörte mein Angebot, er nahm es gleichgültig zur Kenntnis. Zum Abschied gab er mir diesmal die Hand, nicht bedeutungsvoll allerdings, nicht so, als wollte er damit umfassenden Dank ausdrücken, sondern eher versehentlich, beiläufig, und dann ließ ich ihn allein, damit er, wie er selbst sagte, die letzte Nacht dazu benutzen konnte, auf Vorschuß zu schlafen, auf einer Persenning zusammengekrümmt, beim Summen der Elektromaschine.

Fünf Kilometer, wenn nicht mehr, war der nächste Ort entfernt, in dem unsere Verpflegungsstation lag, dorthin schickten sie mich, am Morgen, mit dem geräumigen Schlitten, und wie immer, so hoffte ich auch diesmal etwas mehr herauszuschlagen, ein Mehr an Brot oder Tabak, das ich ihm Würde bringen können, und ich zog allein durch die Dünen, durch den blendenden Wintermorgen. Flugzeuge waren in der Luft. In der Ferne, beruhigend weit, unterhielten sich schwere Geschütze. Der Schlitten, übermütig, pendelte und schlenkerte hinter mir, überholte mich links oder rechts, wenn es abwärts ging, auf dem gefrorenen Schnee, manchmal fing ich ihn so schroff mit der Ziehleine ab, daß er sich in der Bewegung aufbäumte, senkrecht stellte. Parallel zum Strand wanderten, glitten wir nach Westen, wir hatten uns den Weg selbst erlaufen, wir von der Wachmannschaft, einen gewundenen, unübersichtlichen und darum kurzweiligen Weg, der plötzlich von den Dünen wegführte und über verschneite Acker lief, zum Ausgang des Ortes, zu der requirierten Scheune, in der wir, einander abwechselnd, unsere Verpflegung holten.

Da geschah etwas auf dem Hof der Scheune, da hatten sich Lastwagen versammelt, die beladen wurden, ich sah es schon von weitem, daß da ein Aufbruch stattfand, nicht überstürzt, aber doch eilig, Kisten und Dosen und Eimer wanderten über eine Kette aus der Scheune zu den Ladeflächen, und ich erkannte den Verpflegungsbullen, der, vor dem Scheunentor stehend, die Arbeit verteilte und lenkte.

Ich zog den Schlitten auf den Hof, vorbei an den Lastwagen, ich wich der Kette aus, drang bis zur Scheune vor und ging mit dem Anforderungsschein zum Verpflegungsbullen, der mich kaum ansah, jetzt keine Zeit für mich hatte: Wir werden verlegt, Menschenskind, sagte er, wir sind nicht mehr zuständig für euch, doch plötzlich schien er mich wiederzuerkennen, mein Erscheinen erinnerte ihn an etwas, das man ihm aufgetragen hatte, und dann erfuhr ich, daß auch wir verlegt werden sollten; man hatte bereits telefoniert meinetwegen, ich sollte auf dem schnellsten Wege zurückkehren, zu den Kasematten. Ich ließ den Schlitten auf freiem Feld stehen, er behinderte meinen Lauf, er ließ mich nicht so schnell vorwärtskommen, wie die Furcht es mir auferlegte, die Furcht um ihn, den sie, so dachte ich, vielleicht schon entdeckt hatten, womöglich verhört, mehr aber noch als diese Furcht hetzte mich der Gedanke, daß sie sich doch nicht absetzen konnten mit allen Minen und Torpedos, die mußten zurückbleiben, die altmodischen, immer noch brauchbaren Waffen, aber nicht so, nicht unzerstört. War nicht schon alles für den Fall eines Rückzugs vorbereitet?

Über die Dünen hinab zum Strand, dort ging es schneller, der Lauf verlangte mir nicht soviel ab an Kraft, auch wenn der Grund weicher war, dafür fand der Fuß verläßlichen Halt, sobald er durch die schwache Frostdecke gebrochen war, und ich lief, begleitet von meinem langen Schatten, neben der winterlichen See, die mit breiten Zungen über den Strand leckte. Draußen mahlte ein Konvoi westwärts, weit auseinandergezogen, vielleicht entstand er auch erst, ein Konvoi von fünfzehn oder zwanzig Schiffen, der von Torpedobooten und Minensuchern flankiert wurde. Dort die schwarzen Öffnungen, die schlitzhaften Mäuler im Schnee: das waren die Kasematten, und die Punkte, die sich von ihnen entfernten, die die Dünen hinaufstrebten, das waren meine Kameraden, also hatte der Rückzug schon begonnen, sie setzten sich bereits ab, möglicherweise suchten sie auch nur Deckung in einer Mulde, Sicherheit für den Augenblick, in dem sich die getarnten Verliese unter der Gewalt der Sprengung heben und auffalten würden. Ich lief, ohne auf den Boden zu achten, den Blick unablässig auf die Wälle und abgeflachten Hügel gerichtet, immer in der Erwartung, daß sie, klumpig, zerrissen, hochfliegen würden, weiße Trümmer, eingeschlossen von Rauchsäulen und Feuer, dann rief mich einer an, von oben, aus den Dünen und befahl mir, mich hinzuwerfen. Ich tat, als verstände ich ihn nicht, ich überhörte seine Warnung, übersah die dringenden Zeichen, einmal im Lauf, lief ich weiter, gehetzt von meiner Furcht, taub gegenüber der Trillerpfeife des Wachhabenden.

Die Stahltüren standen offen. Licht brannte in den Gängen. Ich versuchte zu rufen, es gelang nicht, also mußte ich zu ihm, durch das Labyrinth, dessen Wände sich das Echo meiner Schritte zuspielten, zu ihm, der auf seiner Persenning lag und nicht wußte, was eingeleitet war und gleich geschehen würde. Mißbilligend blickte er zu mir auf, rieb sich den Hals und. sagte: Das Essen, Kumpel, bringst du mir am letzten Tag nichts zu essen? — da hatte ich ihn schon gepackt, hochgezogen. Komm, schrie ich, komm jetzt!

Mein Gesicht, meine Angst, mein Befehl, der keinen Einwand duldete, ließen ihn erkennen, daß dies nicht die Zeit für Gegenfragen war, seine Witterung für Gefahr alarmierte ihn sofort und brachte ihn zu einer Bereitschaft, die ich ihm nicht zugetraut hätte: Los, weg hier. Ich lief ihm voraus, an den Spalieren der schwarzbäuchigen Waffen entlang, unter vervielfältigten und hämmernden Schritten auf den Haupteingang zu, nichts anderes mehr wahrnehmend als mein Keuchen und das rhythmische Dröhnen in meinem Kopf. Das zählte, das setzte aus und zählte von neuem, während ich zwischen den Schienen stolperte und ihn hinter mir glaubte, weil weder die hämmernden Schritte aufhörten noch der heftige, stoßweise Atem, das konnte ich doch nicht allein sein, nicht ich allein, und einmal spürte ich auch eine kurze Berührung und nahm an, daß nur er mich berührt haben konnte, er, der hinter mir herlief.

Wir erreichten den Ausgang, ja, wir gewannen den Strand und liefen geduckt auf die Dünen zu — nicht dort, wo meine Kameraden lagen, vielmehr zur andern, zur östlichen Seite — doch bevor wir sie noch erreichten, riß mich die Druckwelle der Explosion um. Ich preßte mich an den Sand und spürte, wie der Boden sich schüttelte, abschrägte, einmal und noch einmal, und dann, als sich alles schon beruhigt zu haben schien, kam der Schlag, der mich hochwarf, die Erde wankte, wölbte sich auf, gleich mußte sie platzen. Ich lag mit den Füßen im Wasser. Langsam, auf allen vieren kroch ich aufs Land, ruckweise eine Spur in den Sand ziehend. Ich erhob mich auf die Knie, suchte den Strand ab bis zum Fuß der Dünen.

Hatten wir nicht zusammen den Ausgang erreicht? Waren wir nicht gemeinsam zu den Dünen hinübergelaufen, bis uns die Druckwelle niederwarf? Hatte er denn nicht neben mir gelegen? Ich konnte ihn nicht finden.

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Rita Süßfeldt legt die Blätter der Erzählung auf den Fußboden, zündete sich eine Zigarette an, inhaliert, indem sie den Rauch zunächst in trägen Ringen zwischen den Lippen hervortreten läßt, ihn nachdenklich ansieht und ihn plötzlich, mit lautlos schnappender Bewegung, wieder einzieht, tief in die Lunge hinein. Sie hebt das Gesicht: wie sitzen die zuhörer da? Mareth, offensichtlich immer noch an den winterlichen Strand verschlagen, hat ihr schätzungsweise sechstes Papiertaschentuch gegessen oder doch zerkaut; unmerklich schwankend, die Lider halb herabgezogen, so sitzt sie da, ziemlich verkrampft. Der Mann dagegen, Heino Merkel, scheint sozusagen der Erzählung entgegengerutscht zu sein. Er hält sich nur mehr auf der äußersten Kante des kolossalen Stuhls, das Kinn in eine Hand gestützt, die Lippen spitz zusammengezogen. Da habt ihr also Pundts Vorschlag, sagt Rita Süßfeldt, diese Geschichte wünscht er in unserm Lesebuch zu sehen als Zeugnis für vorbildhaftes Verhalten. Wenn ihr mich fragt: mir kommt die Sache wie eine zu glatte Kletterstange vor, an der kein Schüler hochkommt. Was mich stört, ist einfach die Fraglosigkeit, mit der Pundts Vorbild seine Rolle spielt, dieser fraglose Automatismus: er liest den Flüchtigen auf, nicht wahr, er versteckt ihn ohne Erkundigung, er versorgt ihn mit Lebensmitteln, ohne nach seinem Namen zu fragen, und schließlich ist er zum Selbstopfer bereit, ohne zu wissen, für wen er sich da opfert. Auch wenn die Tat des Wachtpostens gerade durch die Anonymität des Verfolgten aufgewertet werden soll: hier, scheint mir, wird das Gute zu pünktlich abgelassen. Und die einzige Aufforderung, die von allem ausgeht, heißt doch wohl: frag nicht, eifer mir nach. Ist das aber menschlich? Alltäglich? Was sagst du, Mareth?

Mareth ist noch nicht soweit, die muß angeblich die Bilder auswischen, die ein Urteil erschweren, aber für den Anfang möchte sie einfach mal wissen, zu welch einem Beispiel denn die Haltung des Wachtpostens verpflichten solle. Was er vorführe, nicht wahr, sei eine Art von widerwilliger Hilfeleistung. Lustloses Mitgefühl, wenn sie nicht alles täusche. Dies aber könne und werde sie nicht für Pundts Vorschlag gewinnen, denn was solle beispielhaft sein an widerwillig geleisteter Hilfe, an gereiztem Beistand?

Da ist, zu Mareths Erstaunen, Heino Merkel anderer Ansicht: gerade die Lustlosigkeit der Hilfeleistung habe ihn überzeugt, und der Versuch des Wachtpostens, sich nicht durch nähere Kenntnisse zu belasten. Er hilft, obwohl er einsieht, daß diese Hilfe ihn in Konflikte stürzt, ihn aus der angenehmen Lethargie holt, die ihm bisher geholfen hat, den ganzen Stumpfsinn zu ertragen. Insofern könne es zu keiner anderen als zu einer widerwilligen Hilfeleistung kommen, er begreife das sehr gut.

Rita Süßfeldt hebt die losen Blätter auf, sie muß fort, gewiß wird sie schon erwartet in der Hotel-Pension Klöver: Mein Gott, ihr müßt mich entschuldigen.

Jetzt klopft es, klopft schon zum zweitenmal, scheu, anfragend, als wollte sich jemand, ohne zu stören, in Erinnerung bringen. Der Polizist, das wird der Polizist sein. Bei uns? fragt Mareth. Er hat einige Fragen zu stellen, deshalb habe ich ihn ins Wohnzimmer geführt. Und er sitzt dort die ganze Zeit? Allein? — Ich habe ihn mit Lektüre versorgt, sagt Rita in einem Ton, als könne man für einen Polizisten nicht mehr tun, und geht zur Tür. Warte, sagt Mareth, sie tritt neben den Stuhl, in dem der schmale Mann sich in erschrockener Abwehr zurücklegt, wie so oft zu Geständnis und Widerruf bereit. Sie blickt streng von oben auf ihn herab, da braucht er nichts mehr zu gestehen, weil sie auch schweigend in der Lage ist, sich Aufschluß zu holen über das, was sie wissen muß. Ich werde mit der Polizei sprechen, sagt Mareth, zum letztenmal, ich werde ihr deine Geschichte erzählen, vielleicht schützt sie dich.

Es ist ein neuer Polizist, sagt Rita, in jedem Fall ist er mir unbekannt. Leider muß ich jetzt gehn. Geh nur, ich übernehm das schon, sagt die Schwester und öffnet die Tür.

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Wenn Magda, das finstere Hausmädchen der Hotel-Pension Klöver, Erfrischungen bringt, wenn sie vor der Tür des Konferenzzimmers stehenbleibt, das Tablett in eine Hand nimmt und lauscht, bevor sie klopft, dann scheint es ihr mitunter, als ob da drinnen am Palisandertisch, unter gekreuzten und gebündelten Waffen, nicht eine Konferenz stattfindet — eine Tagung, wie die fischverarbeitende Industrie, die Hamburger Floristen oder die Müllverbrennungsfachleute sie hier schon gehalten haben —, sondern daß man sich da nur ablöst in Grabreden, Trauerreden, und gelegentlich gereizte Klage führt; Kein Beifall, kein rollendes Gelächter, keine begeisterte Zustimmung, die durch die Flure dröhnt. Immer bricht man ab, sobald sie den Raum betritt, benutzt die Zeit des Servierens zu verbissener Lektüre oder macht einige Lockerungsschritte, nur die Frau bittet sie regelmäßig um einen neuen Aschenbecher.

Der Mann in der Hausjacke fragte sie einmal überraschend, ob sie, Magda, ein Vorbild habe, und als sie nach einiger Not Caterina Valente nannte, zeigte es sich, daß er den Namen noch nie gehört hatte. Sie serviert eilig, sie serviert lustlos, da man ihr doch keine Aufmerksamkeit schenkt, sie gar nicht zu bemerken scheint mit ihrem weißen Häubchen auf der knubbeligen Stirn, allenfalls ihre breiten, abgebissenen Fingernägel finden das Interesse der rothaarigen Frau!

Also das waren: einmal Kaffee, einmal Tee, einmal Apfelmost. Sie bittet zu quittieren und verläßt den Raum und hört sogleich hinter der Tür, wie der Mann in der Hausjacke bedächtig das Wort nimmt und da weniger etwas fordert als zu bedenken gibt, nämlich die Erwartungen des Auftraggebers, die Wünsche der Auftraggeber. Diese Wünsche sind genau benannt, sie sind geäußert und festgelegt auf zahlreichen Konferenzen, und da die Ministerien besonderen Wert auf das Kapitel: Lebensbilder — Vorbilder legen, kann man es nicht einfach auslassen, nur weil Herr Heller gerade entdeckt hat, daß die Suche nach einem Vorbild eine prekäre Huldigung an die Leithammel-Idee sei. Zu dieser Ansicht hätte er, Heller, ja auch früher kommen und den Auftrag zurückgeben können. Nun habe man sich mit allen Auftraggebern, auch dem Verlag, geeinigt; der Inhalt des Lesebuchs sei beschlossen, und an diesen Beschluß habe man sich zu halten — es sei denn, man gibt dem Gegenvorschlag den Vorzug.

Auch Neugierde kann jetzt Magda nicht zum Bleiben veranlassen, sie zieht sich zurück, während Pundt in der ihm eigentümlichen Erregtheit die Stimme senkt, leiser und leiser spricht, die Handballen gegeneinanderreibt und immer längere Sätze abspult, als wolle er das Wort vorerst nicht abgeben, oder als sei fortwährendes Sprechen das einzige Ventil, das ihm noch Erleichterung verschafft nach dieser Auseinandersetzung, nach dieser Absage. Er sei nicht beleidigt, weil man seinen Vorschlag abgelehnt habe, er könne einsehen, daß man sich bei einem solchen Unternehmen zusammenraufen müsse, aber daß er, Heller, nach allen Vorarbeiten, Abstimmungen und sogar Einigungen auf einmal das Ganze in Frage stellt und das dritte Kapitel einen verkrampften pädagogischen Klimmzug nennt: das befremde ihn. Das erscheine ihm ungerecht und abgeschmackt. Um zu erfahren, wie unrecht er habe, brauche er doch nur einer beliebigen Diskussion mit jungen Leuten zuzuhören: an einem gewissen Punkt wird immer noch nach den zureichenden Vorschlägen der Älteren gefragt — was habt ihr uns eigentlich zu bieten? —, und es wäre in jedermanns Sinne, wenn durch die geöffnete Tür ein paar Vorbilder hereinspazierten, die sich selbst empfehlen und für ein Ende der Entscheidungslosigkeit sorgen. Das sei nun mal ein eingeborener, ein angestammter Wunsch, in einem unübersichtlichen Gelände nach Wegweisern Ausschau zu halten; er, Pundt, habe sie in seiner Jugend gebraucht, und die heutige Jugend, schwankend zwischen so vielen Möglichkeiten, brauche sie ebenso und gebe ihren Bedarf ja auch offen zu erkennen. Insofern, das möchte er nachdrücklich, auch mit angebrachter Schärfe feststellen, sei ihre Arbeit alles andere als der Versuch, eine, wie Heller es nannte, heroische Sülze aufzukochen, mit Hilfe von Lorbeerblättern und Geschichte. Die Tat, und zwar die beispielhafte Tat, verbreite durchaus keinen säuerlichen Geruch; sie sei immer noch beachtens-, sei empfehlenswert und, aus eigener pädagogischer Erfahrung gesprochen, auch schmackhaft.

Hört Janpeter Heller überhaupt zu? Ist er zufriedengestellt? Hat Rektor Pundt seine aggressiven Bedenken zerstreut, ihn wenigstens zu glimpflichen Vergleichen gebracht? Der junge Experte, dessen kaum bewimperter Blick selten von den exotischen Waffen loskommt, der immer einen Pfeil oder ein Jagdmesser vor sich hat, deren Schärfe er an seiner eigenen Haut überprüft bis zur Grenze des zumutbaren — Heller erwacht, als er angeredet wird, befreit sich sichtbar aus geruhsamer Versunkenheit und gibt mit einer schlaffen Handbewegung zu erkennen, daß er alles mitbekommen habe. Nun möchte er nur noch wissen, ob Pundt fertig sei. Ja?

Gut, dann habe er hier auch einiges »mit Nachdruck« festzustellen: im Namen von ahnungslosen Schülern möchte er protestieren gegen die Art, wie hier, typisch systemkonform, versucht werde, jungen Leuten einen Minderwertigkeitskomplex beizubringen, indem man sie zwingt, vor erdrückenden Denkmälern zu leben. Warum wolle man nicht verzichten auf die Einschüchterung durch Autoritäten? Warum könne man den unbeschriebenen Blättern nicht das Gefühl der Erbärmlichkeit ersparen, das sich doch vor lastenden Idolen einstellen muß? Und warum bestehe man darauf, das Geschenk des freien Verhaltens durch die würgende Verpflichtung zum Exemplarischen zu entwerten? Ihn, Heller, komme da schlicht der Konfirmationskaffee hoch, wenn er an diese pädagogische Vergewaltigung denke. Es ließe sich doch anders vorgehen. Man könne sich doch zum Beispiel auf die Voraussetzung einigen, daß jeder sein eigenes Vorbild ist oder es doch werden kann — wenn er nur eine Chance erhält, sich zu verwirklichen in seinen besten Möglichkeiten. Und ein Lesebuch müßte eben darauf eingehen: es sollte zeigen, wie sich unerweckte oder durch die Verhältnisse blockierte Möglichkeiten verwirklichen lassen. Alles andere sei Grünkohl von achtzehnhunderteinundsiebzig. Und wenn Pundt daran zweifle, solle er sich mal jetzt, gelockert und gerecht, mit kritischem Abstand, an die Stelle eines Schülers versetzen, dem der Wachtposten aus der Falle als Vorbild serviert wird: was kann ihm diese Figur sagen für sein kleinkariertes alltägliches Leben? Welch einen Gewinn an Erkenntnis kann sie ihm bringen? Er, Heller, würde solch eine entlegene, beinah schon exotische Empfehlung vielleicht gespannt, in jedem Fall verständnislos zur Kenntnis nehmen und sofort wieder vergessen. Valentin Pundt verengt seine Augen, seine trockenen Lippen zittern, er neigt den Kopf in nachsichtiger Herablassung, er hat etwas in der Hinterhand, er setzt an, hält inne — es ist das übliche Innehalten vor dem Gebrauch des letzten Arguments —, doch er will oder kann nicht mehr zurück: Gut, sagt er, wenn Ihnen dieser Vorschlag so entlegen vorkommt, so exotisch, dann habe ich wohl das Recht, Ihnen zu erklären, daß dieser Bericht so erfahren wurde, wie er geschrieben ist. Es hat diese Kasematten gegeben; es hat den flüchtigen Mann gegeben und den Wachtposten, der ihn versteckte.

Sie? fragt Rita Süßfeldt. Nein, sagt Valentin Pundt, ich war der Wachhabende damals, ich war verantwortlich für die gelagerten Waffen, und ich spürte, daß da etwas ohne mein Wissen geschah, etwas Illegales, Verbotenes, doch ich konnte nicht erfahren, was es war, obwohl ich darauf aus war und mehr Runden ging als üblich. Was damals wirklich geschah, erfuhr ich erst, als man mir den Bericht zuschickte; die Falle ist keine aufbereitete Legende, keine erfundene Vorlage, sondern ein Teil meiner persönlichen Erfahrung: Wahrheit.

So mit Bekenntnissen beschwert und unter Zuhilfenahme der letzten Drohung, die von sogenannter »Wahrheit« ausgeht, glaubt Pundt tatsächlich, alle Zweifel und Einwände abgebogen zu haben, und während er sich zurücklehnt, möchte er fast um Entschuldigung bitten für den Gebrauch der äußersten Begründung.

Heller ist weder überrascht noch eingeschüchtert. Machen wir uns nichts vor, sagt er gleichmütig: es gibt taugliche und untaugliche Wahrheiten. Es gibt Wahrheiten, die uns nichts angehen, und andere, die unmittelbar für eine Vermehrung von Helligkeit sorgen. jedenfalls sei erlebte Wahrheit noch keinesfalls beispielhafte und mitteilenswerte Wahrheit. Er möchte Pundt nicht zu nahe treten, es liege ihm vor allem fern, hier persönlich zu werden, doch im Interesse der Sache sehe er sich gezwungen, festzustellen, daß die persönliche Erfahrung vieler Menschen nur aus alten Hüten besteht oder aus Käseauflauf. Sie gewinnt doch erst dann einen Wert, wenn andere sich in dieser persönlichen Erfahrung erkennen können. Meine Erfahrung ist nichts wert ohne die gleichartige Erfahrung anderer. Nach einer verabreichten Wahrheit möchte ich mehr wissen über mich selbst. Die entlegene Wahrheit des Wachtpostens komme ihm vor wie eine Gabe von Rumpelstilzchen: niemand weiß, wie sie heißt.

Pundt steht wortlos auf. Pundt rafft mit verschlossenem Gesicht seine Papiere zusammen, er strafft sich, er legt den Kopf übertrieben weit zurück: dies ist nicht die Haltung, in der man übersieht, einlenkt, Versöhnliches äußert. Bleibt ihm noch etwas zu sagen? Er macht einige Schritte in Richtung zur Tür, dreht sich um, nein, er versucht sich zu verbeugen, gegen den Tisch, steif, knapp, bis zu einem früh wirkenden Widerstand, der ihn in die Senkrechte zurückklappen läßt, und mit einer Stimme, der man das Bemühen um einen Frostmantel anmerkt, gibt er zu verstehen, daß er es nicht gewohnt sei, Meinungsverschiedenheiten in solch einer Tonart auszutragen. Und er sagt zu Heller: Die Belehrungen, Herr Kollege, die ich nötig habe, erteile ich mir selbst.

Danach verläßt Pundt das Konferenzzimmer, die Papiere unter einen Arm geklemmt, mit undurchsichtigem Gesicht, zumindest gibt sein Gesicht nicht preis, was er beschlossen hat — den endgültigen oder nur vorübergehenden Abbruch der Arbeit.

Das Horchen bringt nichts ein. Vom Warten wird nichts besser. Gehen Sie, sagt Rita Süßfeldt, gehen Sie ihm nach und entschuldigen Sie sich: ich habe das Gefühl, Sie sind etwas zu hart eingestiegen. Janpeter Heller ist anderer Ansicht, er läßt eine Pfeilspitze in seinen Radiergummi dringen, er hebt den aufgespießten Gummi in Augenhöhe. Das Lesebuch hat zwar drei Herausgeber, sagt er, aber die Verantwortung dafür läßt sich nicht dritteln. Und da er nicht belastet werden möchte mit etwas, das er selbst nicht gewollt habe, sollte es keine Unklarheiten geben. Wohin gegenseitige Rücksichtnahme führe, das könne man ja aus anderen Lesebüchern erfahren, sattsam. Da ist Rita Süßfeldt schon unterwegs, segelnd, die brennende Zigarette in der weggestreckten Hand, die Treppe hinab, energisch durch die Halle und die Treppe hinauf, die zu den Wohnzimmern führt; natürlich hat sie die Tür offengelassen. Heller schließt seufzend die Tür, zwängt einen Finger in Doktor Süßfeldts Zigarettenschachtel, merkt, daß die Schachtel leer ist, worauf er, zufrieden mit sich selbst, ans Fenster tritt, eine Weile dem Hamburger November zusieht, der über alles sein Grau pinselt, bis er, auf einem Gerüst schräg über sich, die beiden ungleichen Klempner entdeckt, die mit Zinkblech arbeiten.

Ein alter dunkelhäutiger Klempner bringt einem sehr jungen Klempner in unverwaschener, hängender Berufskleidung bei, wie Zinkblech geschnitten wird, vermutlich für eine Dachkehle, und weil der junge Klempner offensichtlich Schwierigkeiten bei der Konzentration hat, weil sein Blick abgleitet und ein niedrig fliegendes Flugzeug sucht oder den Verkehrsstrom beobachtet oder sich an einen Rentner hängt, der mit spitzem Spazierstock vor dem Wind streunendes Papier aufpickt, weil also der sehr junge Klempner, anstatt durch Augenschein zu lernen, die größere Freude in der Ablenkung findet, schneidet ihm der alte Klempner mit der Blechschere den Daumen ab, zumindest befiehlt er der Schere, sich dicht an den Daumen heranzubeißen, und jetzt, wo die Schere nur noch — einmal zuzuschnappen brauchte, unterbricht der alte Klempner seine Arbeit, macht den Lehrling — es ist gewiß ein Lehrling — auf die Gefahr aufmerksam, in der sein Daumen sich befindet, und um den Augenblick erzieherisch zu nutzen; hält er den eigenen linken Zeigefinger hoch, dem das vorderste Glied fehlt: soweit kann es kommen, soweit wird es kommen, wenn du nicht bei der Sache bist. Und jetzt hol uns das Essen.

Heller sieht dem Lehrling zu, der mit klammen Fingern herabklettert; er selbst wünscht sich auf das Gerüst hinauf, vor Pundts Fenster, dort möchte er unbemerkt kauern und hören, woran der Rektor aus Lüneburg so empfindlich Anstoß genommen hat, daß er das Zimmer verließ. Aber er möchte auch erfahren, was Rita Süßfeldt zu sagen hat, wie sie seine Bekenntnisse einschätzt — diese Frau, die es ihm nicht leicht macht, sich angemessen zu verhalten: fühlt er sich zur Nachsicht aufgefordert, nötigt sie ihm Bewunderung ab, hat er sich gerade auf getarnte Gleichgültigkeit eingerichtet, zwingt sie ihn wider Willen zu privater Anteilnahme.

Er nickt grüßend dem jungen Klempner zu; der erschrickt, greift sich vom Fenstersims eine Ledertasche, nimmt den Griff zwischen die Zähne und klettert verstört wieder nach oben, auf das Gerüst — schneller als nötig, wie Heller feststellt, und gerade so, als ob sie hinter ihm her wären. Heller geht zur Tür. Er sieht auf seine Uhr: dies wäre eine Zeit, um zu telefonieren, doch bevor er in die verlassene Halle hinuntergeht, hört er Doktor Süßfeldts Schritte, die sich wie immer überstürzt nähern, geplagt und zur Eile angetrieben von Abmachungen, Befürchtungen, von wirklichen oder eingebildeten Terminen.

Los, sagt sie, Sie müssen sich entschuldigen, er ist bereit, die Entschuldigung anzunehmen. Gehn Sie rauf, ich habe alles eingeleitet. Später, sagt Heller. Es hängt sehr viel davon ab; auch für unsere Aufgabe hängt viel davon ab, daß Sie sich entschuldigen; denn wie soll es weitergehen, wenn Herr Pundt seine Mitarbeit aufsagt? Wenn er abreist? Wer will wissen, wer dann der dritte Mann sein wird? Wir müssen uns doch einigen können. — Gut, sagt Heller, ich weiß zwar nicht, wofür ich mich zu entschuldigen habe, aber sobald ich aus der Stadt zurück bin, werde ich es tun, ich werde dem grollenden Heideläufer die Hand geben, damit wir gemeinsam unseren dreistimmigen Kanon über das Vorbild weitersingen können. Einstweilen steht etwas anderes auf dem Spiel.

Rita Süßfeldt blickt ihn unschlüssig an, sie hat mit einer anderen Entscheidung gerechnet, nun wird sie noch einmal mit Pundt sprechen müssen, nur eine rasche Verständigung, und danach, falls er Wert darauf legt, könnte sie ihn, Heller, in die Stadt mitnehmen, weil ihr Weg ohnehin in die Stadt führt. Heller ist einverstanden, er geht schon voraus zum Auto, das unverschlossen ist, das auch zur Nacht unverschlossen bleibt — offene Autos ziehen keinen an, behauptet Doktor Süßfeldt, und sie ist bereit, zu beweisen, daß sie mit dieser Psychologie bisher erfolgreich war.

Schwacher, aber intensiver Dauerregen. Schlechte Sicht. Klebrige Novemberluft, die auch dem Winzigen, dem Schwerelosen keine Verflüchtigung erlaubt — alles hängt am Boden. Sott und Ruß verschmieren die Scheiben, man kann mit dem Finger zeichnen. Richtung Stephansplatz? Von mir aus: Stephansplatz. Die Windschutzscheibe beschlägt, Heller zieht ein Tuch aus dem Handschuhfach und beginnt zu wischen, ausdauernd auf seiner Seite, hastig verstoßend auf der Seite von Rita Süßfeldt, die eine Zigarette wippend zwischen den Lippen hält. Immerhin ein Vorteil, sagt Heller: der intakte Wischer ist auf Ihrer Seite. Die Frau zuckt die Achseln. Wenn er nicht mehr mitmacht, sagt sie, müssen Sie das Fenster runterkurbeln und mich dirigieren: haben wir alles schon gemacht.

Hinter Regen und Sott, hinter dem Schleier aus Abgasen entdeckt Heller das Hamburger Funkhaus und neben dem Pförtnerhäuschen die auf schmutzigem Rasen ruhende Plastik, die die Arme über den Kopf gehoben hat. Dort, sagt Rita Süßfeldt, der Mann aus Bronze: er ringt die Hände übers Programm. Heller kennt den Witz, er ist ihm vertraut aus einer Zeit, als er selbst gesuchter Teilnehmer an Diskussionen über pädagogisch-politische Themen war, ein nicht sehr gelittener, dafür aber gefürchteter Teilnehmeer, der im Einverständnis mit dem Redakteur der Sendung für Unruhe zu sorgen hatte, für heißen Dampf. Nie hat er das Funkhaus anders erlebt denn als Baustelle, von Gerüsten umschlossen, besetzt von Maurern, Betongießern und Malern, die auch heute bei der Arbeit sind, die überdachte Verbindungsbrücken bauen, Dachgärten anlegen und die Betonwand für einen Teich gießen, in dem sich auch Goldfische von mehr als achtzig Zentimeter Länge wohl fühlen sollen.

Sie fahren die Rothenbaumchaussee hinab, später kann man unbesorgt, und das heißt rechts herum, abbiegen, hinter dem Dammtor-Bahnhof. Wo sind die traulichen Ruinen, denkt Heller, wo ist die essenswarme Kellerkneipe; er findet nichts wieder, weil ihm im entscheidenden Augenblick die Wand des immer gleichen Lastzuges die Sicht nimmt, den Rita Süßfeldt einmal von links, dann von rechts überholen will. Der Lastzug hat Matratzen geladen, seine Wände werben für eine Dr.-Grotappel-Matratze: Im Hellen und im Schummer — wir garantieren Schlummer. Das Deutsch der Werbung, denkt Heller und sagt, mit dem Daumen auf die Matratzen-Reklame zeigend: man müßte mal die Sprache der Werbung untersuchen. Und die Gesinnung, sagt Rita Süßfeldt. Anstelle der backenbärtigen Vorbilder, sagt Heller, sollten wir dies Kapitel in unser Lesebuch aufnehmen: Sprache und Gesinnung der Werbung. Da wird Herr Pundt allerdings gleich seine Rückfahrkarte benutzen. Ich kenne ihn seit über zehn Jahren, sagt Doktor Süßfeldt, er ist ein fähiger Pädagoge, sagen Sie nichts gegen ihn. Aber politisch, sagt Heller, politisch scheint er sich zu verhalten wie ein Löschpapier.

Plötzlich stemmt er sich mit beiden Händen gegen das Handschuhfach, der Wagen rutscht, gleitet, bei ganz leichter Schräglage, über die feuchten Straßenbahnschienen, gleich werden sie Dr. Grotappels Matratzen erproben, doch noch vor der Ampel gelingt es Rita Süßfeldt, aus den Schienen herauszukommen und zu bremsen. Sie hat weder Hellers Anstrengung bemerkt noch seine Furcht, sie sagt vergnügt: bei Glatteis und bei Regen sollte jeder Gegenverkehr abgeschafft werden. Heller stimmt ihr spontan zu, überlegt, um wieviel ruhiger es wäre, wenn von drüben, von der Gegenfahrbahn, keine Taxis, keine Lastwagen und vor allem nicht die beiden Zementtransporter mit den sacht rotierenden Trommeln herüberdrohten, als versuchten sie, das kleine, froschgrüne Auto anzunehmen.

Doch weiter vorn muß etwas los sein, Polizisten stehen auf der Straße, die die Fahrer durch Handbewegungen auffordern, langsamer zu fahren, und dann sehen sie eine lockere Kette von Polizisten, die dem zögernden Verkehr entgegensteht, ihn umleitet, alle Fahrzeuge folgen rechtwinklig angelegten uniformierten Armen, alle biegen in Nebenstraßen ab, bis auf Rita Süßfeldt: die nimmt mit einem kurzen Aufseufzen das lockere Hindernis, ist schon durch und vorbei, und da sie von Rückspiegeln nichts hält, erfährt sie auch nicht, daß zwei Polizistenin schulmäßigem Reflex zur Seite springen und ihr sodann ein paar Schritte hinterherlaufen, winken, drohen, und sich schließlich damit begnügen müssen, ihre Nummer zu notieren. Sie aber ist vorbei, fährt jetzt allein über eine gereinigte Straße ohne Gegenverkehr, und als Heller zurückblickend sagt: das wird ins Auge gehn, weist sie darauf hin, daß die Woche der Freundschaft mit der Polizei erst gerade begonnen hat. Wie mühelos der Dammtor-Bahnhof passiert wird, wie folgenlos man sich einordnen kann, wenn man die Straße allein für sich hat, so zügig erreicht man sonst nicht den Stephansplatz.

Der Stephansplatz ist nicht abgesperrt, er ist besetzt, überflutet. Eine Wand schiebt sich ihnen entgegen, eine unaufhaltsame Wanderdüne, die von Spruchbändern und Plakaten überragt wird wie von hausgemachten Feldzeichen. Fröhlicher Zorn trägt die Bewegung, und auf den Gesichtern liegt noch die Ungläubigkeit über das schnell Erreichte: die Straßen in Besitz genommen, den Verkehr unterbunden, alle Begrenzungen aufgehoben. Arm in Arm, selbstgewiß, mit verhaltenem Schritt ziehen sie durch den Regen, Jungen und Mädchen, und in Sprechchören wiederholen sie, was Spruchbänder und Plakate fordern: die Fahrpreiserhöhung für Schülermonatskarten muß rückgängig gemacht werden. Sie fordern Gerechtigkeit, sie verlangen Einsicht. Anstatt mehr für Forschung und Bildung zu tun, verteuern die Verantwortlichen noch den Weg zu den Lehrstätten, indem sie die Fahrpreise für Straßenbahnen, U-Bahn und S-Bahn hinaufsetzen. Ein Streifen mit Karikaturen zeigt Hamburg auf den Stationen zur Verödung.

Angeführt wird der wogende Zug von einem hohlwangigen Jungen mit Megaphon und Mami-Frisur, der rückwärts voranschreitet und, nach einleitender, beschwörender Geste, der Menge den skandierten Unmut abverlangt: Der weise Senat wird gebeten — raubt keine Schülermoneten! Rückwärts schreitend streift der Junge das kleine Auto, in dem Heller und Rita Süßfeldt sitzen, und wer jetzt aus der Vogelperspektive, etwa vom Dach der Zentralpost, den Demonstrationszug beobachtete, zusähe, wie das Auto eingeschnürt und umschlossen wird, der könnte gar nicht anders, der müßte an einen zuckend arbeitenden Magen denken, der da unter Druck und Reibung etwas aufnimmt und verdaut, und tatsächlich scheint das Auto immer heftiger umdünt, es scheint mitzuwogen, ein verschluckter, aber schließlich doch unverdaulicher Fremdkörper, der später ausgeschieden wird.

Doch obwohl es zu heben beginnt, obwohl es wackelt und schlingert, stürzt das Auto nicht um, keine Scheibe zersplittert, keine Stichflamme erhellt den Grimm, der sie alle vereint und voranträgt, und nun wird eine Tür geöffnet, langsam, gegen den Widerstand der vorbeidrängenden Flut, und ein Mann in offenem Regenmantel, unter dem ein weinroter Pullover zu erkennen ist, klemmt sich hinaus. Er hat kaum Boden unter den Füßen, steht noch verzogen da, da wird er schon aufgenommen, mitgeschwemmt, Arm in Arm verhakt mit Nebenleuten, ein neues Kettenglied — oder muß man nicht sagen: ein alter Schäkel, der, gerade noch passend, eingehängt wurde? Es wäre der gerechtere Vergleich, denn alle, die Heller einkeilen und fortziehen, sie lassen sich auch nicht mit Hilfe von Bärten und wuchernden Koteletten in die Nähe seines Alters bringen, sie sind sehr viel jünger, sie müßten ihn rechterdings als einen von der anderen Seite behandeln, doch eine Witterung scheint ihnen zu sagen, daß er trotz des Altersunterschieds einer der ihren ist, ein Gleichgesinnter, dessen Empörung sich einstellt, sobald sie gebraucht wird.

Heller wechselt den Platz mit einer scheuen, pummeligen Schülerin und geht jetzt außen, als Flügelmann, nur wenige Schritte von den jungen Polizisten entfernt, die zu tun haben, um jeden ansteckenden Kontakt zu vermeiden, die gerade in der Praxis lernen, wie man Zurufe überhört, Gespräche vermeidet und Gelassenheit vorzeigt, wenn man angepflaumt wird.

Janpeter Heller weiß, warum er sich dem Zug angeschlossen hat. Ein Plakat schräg vor ihm, mit Blaustiften an einen Besenstiel gepinnt, unterrichtet ihn, daß der Fahrpreis für eine einfache Fahrt auf den städtischen Verkehrsmitteln um fünfzehn Pfennig, der Preis für eine Schülermonatskarte um drei Mark fünfzig erhöht worden ist. Er erfährt von der Schülerin, die von ihrer Körperwärme bereitwillig an seinen Unterarm abgibt, daß ein Mitglied des Senats zu einer Diskussion gezwungen werden soll, außerdem wird eine angemessene Erklärung überreicht werden. Die Erklärung ist vorbereitet, die Diskussionsteilnehmer sind benannt. Hat denn keiner an die Bannmeile gedacht?

Vorn, in Höhe der elektrischen Uhr, staut sich der Zug, die Bewegung wird gedämmt, aufgefangen, man läuft aufeinander auf, schiebt, drückt, doch von der Spitze kommt ein wiegender Gegendruck zurück, auf einmal geht es nicht weiter. Was ist los? Warum geht es nicht weiter? Wie lange noch? Frag doch selbst.

Heller verläßt sich nicht auf die Auskunft hochgewachsener Schüler, er zieht die Hände spitz vor der Brust zusammen, zwängt und pflügt sich durch die Reihen, an nasser Wolle vorbei, an tropfendem Haar, vorbei an naß glänzenden Regenmänteln. Niemand kennt ihn, dennoch läßt man ihn, ohne zu maulen, durch, einfach, weil man ihm etwas zutraut. Vorn stehen, tief gestaffelt, zwei Reihen von Polizisten, stehen plaudernd da, abwartend, während einige ihrer Vorgesetzten, die auf den ersten Blick als Vorgesetzte zu erkennen sind, mit der Spitze des Zuges verhandeln, gutartig, wie Gesten verraten, auch eindringlich, vor allem aber unter Zuhilfenahme eines einzigen Arguments, das andauernd wiederholt wird.

Heller steht neben dem Jungen mit dem Megaphon und der Mami-Frisur, die von blinkenden Perlmutt-Kämmen gebändigt wird. Heller läßt sich sagen, daß die Grenze der Bannmeile erreicht ist. Heller, gesprächsbereit, läßt sich, obwohl er die Antworten kennt, über die Folgen aufklären, die aus einer Verletzung der Bannmeile entstehen können. Heller erwägt, unter welchen Bedingungen eine Abordnung des Zuges eine vorbereitete Erklärung im Rathaus übergeben darf. Heller überläßt es dem Demonstrationskomitee, zu entscheiden, ob man die zulässige Abordnung von drei Vertretern ins Rathaus schicken will. Heller, nur noch allein redend, sieht sich gegenüber dem Chef des Einsatzkommandos zu einer Auslegung des Demonstrationsrechts gezwungen, da er unterschiedliche Auffassungen entdeckt hat. Heller läßt den folgenden Satz hören: Wir müssen endlich mit dem Irrtum aufräumen, daß alle, die einen erschlichenen Vorsprung an Macht oder an Informationen haben, auch automatisch zum Herrschen taugen. Heller ist es schließlich, der, nachdem die Abordnung losgezogen ist, die Parole aus gibt, sich hinzuhocken, den Stephansplatz besetzt zu halten und die Rückkehr der eigenen Vertreter aquwarten.

Die Menge hockt sich hin. Wer einen Regenmantel hat, zieht ihn sich über den Kopf, hebt die Arme in Segelstellung und bietet seinem Nebenmann Schutz an. Zwischen gekrümmten, zu loser Faust geschlossenen Fingern werden Zigaretten gehalten. Transistoren, auf verschiedene Stationen eingestellt, beginnen mit einem Wettstreit. Die Polizisten stehen in Gruppen beisammen, hören einem der ihren zu und können ihren Blick nicht von dem ungeheuren, krummrückigen Gegenüber wenden, von dem nur dunkle Laute herüberwehen, zunehmend, abnehmend, wie Gezeiten.

Aus Richtung Lombardsbrücke nähert sich jetzt eine Straßenbahn, mit unvermeidlichem Schleifgeräusch, unter metallischem Singen der Hochspannungsleitung. Heller sieht ihr entgegen, dem runden, wulstigen Metallbug, der nur gemacht erscheint, Hindernisse von den Schienen zu stoßen, sie kommt auf ihn zu, wird langsamer, hält kurz vor ihm — so nah, daß er, wenn er wollte, den schwarzen Stoßwulst mit der Hand berühren könnte. Der Schaffner steigt aus, sieht verwirrt über die hockenden Körper, geht dann zu der Gruppe der vorgesetzten Polizisten hinüber, fragt an, lamentiert da, scheint auch etwas zu erreichen, denn der Chef des Einsatzkommandos begleitet ihn zu seinem Wagen zurück und sagt zu Heller: Ihr müßt die Schienen freigeben, die Bahn muß durch.

Heller blickt sich um, überall zwinkerndes und grinsendes Einverständnis, er wendet sich an den Chef und sagt: Von uns aus kann die Bahn passieren. Der Schaffner zieht mehrmals an seinem Lederseil und gibt das Zeichen zur Abfahrt, ohne daß sich die Bahn in Bewegung setzt. Sie werden die Schienen sofort räumen, sagt der Chef des Kommandos ruhig. Dies ist eine angemeldete Demonstration, sagt Heller. Ist mir bekannt, sagt der Chef, aber Sie haben sich verpflichtet, den Verkehr nicht zu behindern.

Behindert hier jemand den Verkehr? fragt Heller nach hinten. Auf ein Zeichen des Chefs — ein verabredetes Zeichen, das aufgenommen und weitergegeben wird durch die Ketten der gestaffelten Polizisten — schieben sich aus einer Seitenstraße zwei dunkelgrüne Lastwagen, die rückwärts an die Straßenbahn heranfahren. Zusammengerückt und mit kurzem Schritt nähert sich eine erste Welle von Polizisten, deren Bewegung beeinträchtig zu werden scheint durch eine automatisch wirkende Hemmung oder Blockierung — eine Folge der Ungewißheit vermutlich, denn noch läßt sich nicht voraussagen, wie ihr Vorrücken enden wird. Einzelne Pfiffe begleiten sie; verstreute Schmähungen, ein Buh aus dem Stimmbruch. Diese Unweigerlichkeit, die ein Gleichschritt hat oder vorgibt. Kann man da sitzenbleiben? Hier und da erheben sich einige Schüler, ruckartig, wie Gewächse im Zeitraffer, bereit, etwas zu tun, und doch unsicher angesichts der raumgewinnenden Polizei. Der Junge mit dem Megaphon fordert jedermann auf, sitzen zu bleiben: Wir wollen hier auf unsere Antwort warten.

Die Polizisten schwenken auf die Straßenbahn zu, ihr Schritt wird noch kürzer, sie treten fast auf der Stelle. Der Chef legt Wert auf die Einhaltung der Vorschriften und fordert Heller, vor allem Heller, ein letztes Mal auf, die Schienen zu räumen, andernfalls er sie gewaltsam, und so weiter. Heller und die Schüler feixen. Da Sie unserer mehrmaligen Aufforderung nicht nachgekommen sind, sagt der Chef, ohne die Stimme zu heben, sehen wir uns gezwungen, das Nötige zu veranlassen. Im Namen der Allgemeinheit, denkt Heller, im Namen der Deutschen Bank und aller bewahrenden Kräfte. Der Chef, in grüngrauen Lederhandschuhen, gibt abermals ein schnell verständliches, gewiß aus der Fibel stammendes Zeichen, worauf sich die Polizisten erst einmal lockern, durch Zwischenrufe verständigen und sich dann sachgemäß und immer nur zu zweit über die Sitzenden hermachen. Ein energischer Griff unter die Achseln, ein schnürender Griff um die Beine, und die zwar widerspenstigen, aber durchsackenden Körper werden von den Polizisten gelüftet, zu den Lastwagen geschleppt und, unter Ausnutzung eines errechneten Schwunges, auf die Ladefläche geworfen. Die Polizisten arbeiten nicht wahllos, sie versuchen nur, der Straßenbahn eine Schneise freizulegen, doch anscheinend schalten sie es nicht und werden es nie schaffen, denn kaum haben sie einen von den Schienen gehoben, wird die Lücke durch andere Schüler aufgefüllt. Heller, längst auf der Ladefläche, sieht lächelnd der hoffnungslosen Räumarbeit zu; was er den zurückgebliebenen raten wollte, tun diese auch ohne seinen Ratschlag, und er drängt sich beim Anfahren an die hochgeschlossene und festgehakte Klappe und macht den Seßhaften zum Abschied das V-Zeichen. Zwei Polizisten mißbilligen das Zeichen und unterbrechen den Film, indem sie die Zeltplane zuziehen.

Heller läßt sich zwischen den anderen auf der Ladefläche nieder. Hier darf nicht geraucht werden. Wohin fahren wir? Weiß jemand, wohin wir fahren? Klassische Preisfrage, sagt Heller, müßt ihr doch kennen: im geschlossenen Güterwagen unterwegs sein und aus geschätzter Geschwindigkeit, aus geschätzter Zeit und meinetwegen noch aus der Länge des Haars den eigenen Standort bestimmen.

Der Junge mit dem Megaphon fragt einen der begleitenden Polizisten: Würden Sie mir freundlicherweise sagen, wohin Sie uns bringen werden? Es antwortet nicht der gefragte Polizist, sondern sein Kollege; er sagt: Halt deine Fresse! Heller spürt Erschütterungen in seinem Körper, das ist grobes Kopfsteinpflaster, also in jedem Fall am Dammtor vorbei; vielleicht auch an der Universität, wenn die nur mitmachen würden, jetzt aus den Vorlesungen kämen und die beiden Lastwagen festkeilten — oder fahren sie ostwärts über die Kennedy-Brücke? Plötzlich sind die Beatles unter ihnen, die Beatles singen Let it be, doch der Polizist, der schon keine Auskunft über das Ziel geben wollte, gibt ihnen keine Chance. Stellt den Scheißkasten ab, sagt er, dies ist keine Fahrt ins Grüne.

Soll die Fahrt gestreckt werden? Soll der Versuch gemacht werden, Hamburg durch eine Zeltplane erahnend zu beschreiben? Wäre das eine Gelegenheit, ein Muster für die Relativität der Wahrnehmungen zu liefern? Es stinkt nach Fischmehl: also bin ich in Eidelstedt — nach dieser Methode vielleicht? Würde die Einbildungskraft unter der Zeltplane ein Hamburg zustande bringen, das dem wirklichen ebenbürtig, womöglich sogar überlegen wäre?

Die Lastwagen drehen ab, rollen über einen Erdbuckel, eine Torschwelle, scheren jedenfalls aus dem Verkehr aus und fahren anscheinend über einen zementierten windigen Platz. Kein scharfer Sog von Straßenbahnen strafft die Zeltplane, dafür lassen Fallwinde sie flattern und das Dach sich kuppelartig aufwölben. Nun halten sie.

Die Klappen, die die Ladeflächen sichern, fallen herab. Aussteigen! Los, runter vom Wagen! Und aufstellen. In einer Reihe, ihr Säcke; falls ihr wißt, was eine Reihe ist. Eine Schülerin, langhaarig, eine aschblonde Undine, verbittet sich in sanftem Ton die Anrede, worauf der Polizist, eine Sekunde verdattert, süßsauer salutiert und nur sagt: das gnädige Fräulein ist auch eingeladen, die Ständer in die Hand zu nehmen. Und nun aufgepaßt, rechts um, herrgottnochmal, und dann bis zum Dienstgebäude. Im Gänsemarsch schlurfen sie zum Dienstgebäude der Polizeikaserne, ziehen sich ein paar ausgetretene Steinstufen hinauf, nehmen Aufstellung im gefeudelten Korridor, der nach Sparsamkeit und Lysol riecht. Ausweise bereithalten, sagt ein Polizist, es werden jetzt die Personalien aufgenommen; nur nicht drängeln, jeder kommt dran.

Als Fünfter betritt Heller das Dienstzimmer. Grünliches Lampenlicht. Vor dem Fenster, das auf den Kasernenhof hinausgeht, ein karger Schreibtisch. Hinter der altmodischen, aber treuen Remington ein nicht weniger bejahrter Polizist, der mit zwei Fingern tippt; neben ihm, stehend, über die Maschine gebeugt, ein Kollege. Keine Stühle. An der getünchten Wand der Kalender einer Dosenmilchfabrik und die gerahmte Fotografie des ehemaligen Bautruppführers, der mit westfälischer Unbeweglichkeit in den Raum starrt. An der linken Schreibtischseite ein klemmender Rollschrank.

Heller kommt herein, bleibt an der Tür. Der stehende Polizist, sachlich: Bitte, kommen Sie doch näher. Ihren Ausweis? Heller: Ich trage keinen Ausweis. Nie. Der alte Polizist: Ein anderes Dokument? Führerschein vielleicht? Heller, mit überlegenem Lächeln: Es tut mir leid. Ich trage grundsätzlich keine amtlichen Hundemarken. Der alte Polizist, scharf über die hinabgerutschte Brille spähend: Aber Sie wissen, daß es eine Ausweispflicht gibt. Heller: Die läßt sich nicht mit der Würde des einzelnen vereinbaren. Der stehende Polizist: Vielleicht sind Sie dann ausnahmsweise so freundlich, uns Ihren Namen zu sagen. Heller, achselzuckend: Janpeter Heller, Janpeter in einem Wort, und da als nächstes wohl das Geburtsdatum drankommt: geboren am fünfzehnten Januar dreißig in Hamburg, Ecke Bundesstraße — Rentzelstraße in einer Taxe, die Nummer der Taxe ist mir entfallen.

Der stehende Polizist tauscht mit dem Kollegen einen Blick: Jahrgang dreißig, da gehen Sie ja schon auf die Vierzig zu. Heller, vergnügt: Wollen Sie damit sagen, daß ich jünger aussehe? Der stehende Polizist: Mit achtunddreißig hat man die Schule hinter sich, im allgemeinen. Heller: Man sieht ja, was dabei herausgekommen ist. Wenn’s nach mir ginge, ich würde gern eine zweite Schulpflicht für alle Fünfzigjährigen erlassen. Der alte Polizist: Beruf? Heller: Studienrat. Der alte Polizist: An welcher Schule? Heller: Diepholzer Gymnasium. Der stehende Polizist überrascht: Nicht in Hamburg? Sie unterrichten nicht in Hamburg? Heller, gleichmütig: Es gibt auch außerhalb Hamburgs Gymnasien. Der stehende Polizist, eifrig in die Lücke stoßend: Und was hat Sie dazu bewogen, an der Hamburger Demonstration teilzunehmen? Wissen Sie überhaupt, um was es ging? Heller: Wenn Sie mich so fragen — um den Widerstand gegen das Profitdenken. Der stehende Polizist unbeirrt: Es geht um die Verteuerung der Schülerfahrkarten. Und ich möchte wissen, warum Sie hier demonstrieren, wenn Sie selbst gar keine Hamburger Verkehrsmittel benutzen. Sie sind hier doch nicht wohnhaft. Heller seufzend: Das hatte ich ganz vergessen. Falls ich in Zukunft an einer Demonstration teilnehme, werde ich mir vorher eine Wohnsitzbescheinigung verschaffen. Der alte Polizist, persönlich interessiert: Sind Sie nur nach Hamburg gekommen, um an der Demonstration teilzunehmen? Heller: Nein. Der alte Polizist: Aus beruflichen oder aus privaten Gründen? Heller: Ich glaube nicht, daß ich verpflichtet bin, Ihnen auf diese Fragen zu antworten. Aber wenn Sie’s unbedingt wissen wollen: es findet eine Konferenz statt. Der alte Polizist: Was für ‘ne Konferenz? Heller, nicht ohne Genugtuung: Eine pädagogische Arbeitstagung. Wir stellen ein neues Lesebuch zusammen, einige Kollegen und ich. In öffentlichem Auftrag. Der alte Polizist, verwundert: Ein Lesebuch? Heller: zum Lesen, ja — falls Sie wissen, was ich meine. Der alte Polizist, lächelnd: Na, Sie werden die jungen Leute ja gut bedienen, nehme ich an. Heller: Es wäre schon viel erreicht, wenn die Polizei nicht den Ehrgeiz hätte, uns Konkurrenz zu machen. In pädagogischer Hinsicht. Der alte Polizist mustert Heller mit gründlichem Blick: Vielleicht, Herr Heller, hat Ihnen das noch niemand gesagt, gut, dann möchte ich es Ihnen sagen. In all meiner Praxis ist mir noch niemand so erbarmungswürdig vorgekommen wie ein betagter Revolutionär. Einer, der nicht den Mut hat, zu seinen Jahren und Erfahrungen zu stehen. Unmögliches glauben — das kann man nur zu seiner Zeit, am Anfang. Die jungen Leute, die können es sich leisten, »alles oder nichts« zu verlangen. In Ihrem Alter, da sollte man die Grenzen erkannt haben. Heller, abrupt: Falls der Nachhilfeunterricht beendet ist, darf ich wohl gehen. Der alte Polizist: Von mir aus. Bitte. Sie können gehen. Heller verschwindet grußlos.

Draußen auf dem Korridor empfangen sie ihn mit Fragen und vergnügter Wißbegier: Wie war’s? Tat’s weh? Was wollen die Bullen wissen? Doch Heller winkt ab und zeigt Eile, am Spalier vorbeizukommen. Er springt die Steintreppe hinab, geht forsch über den Hof der Polizeikaserne; die Wache am Eingang übersieht er. Unentschlossen ist er nicht. Er strebt gleich zur Straßenbahnhaltestelle hinüber, wo eine bärbeißige Mutter — Plastikhäubchen über dem strähnigen Haar, zwei Einkaufstaschen, ein Blumenstrauß in aufgeweichtem Papier — ihre Überlegenheit gegen einen kleinen Jungen ausspielt, der nichts anderes will, als den gelben, öffentlichen Papierkorb durchzugrabbeln und, nach Möglichkeit, zu entleeren. Immer wieder reißt die Mutter ihn zurück, schlägt mit flacher Hand auf den hängenden, offenbar gepolsterten Hintern, und da dies nicht hilft, ins Gesicht. Der Junge trampelt, brüllt, streckt die verfetteten Arme dem Papierkorb entgegen. Die Mutter setzt auch die zweite Einkaufstasche ab, rüttelt den Jungen, gleich wird sie ihm einen Arm ausreißen, da klaubt Heller ein paar alte Fahrkarten aus dem Papierkorb, hält sie dem brüllenden Jungen vor die Nase, kassiert von der Mutter einen drohenden Blick. Der Junge steckt die Fahrkarten sofort lachend in den Mund.

Jetzt kommt die Straßenbahn. Heller steigt ein, wird bis zur Mitte vorgeschoben, hier hängt er sich mit dem rechten Arm in einen Haltering ein. Die Bahn scheint für schwer Erkältete reserviert zu sein, das blafft, das hustet trocken, das schnieft, zieht hoch, ringt pfeifend nach Luft. Sogar den Fahrer scheint es erwischt zu haben, der sich bei jedem Halt ausschweifend schneuzt und seine getöreten, tränenden Augen im Rückspiegel betrachtet.

Heller legt seinen Mund auf den Ärmel des Regenmantels. Fragen nach Stationsnamen beantwortet er mit Kopfschütteln. Um Berührungen zu vermeiden, preßt er sich in die schmale Nock neben der Aussteigeplattform, legt den Kopf an die Scheibe, sieht hinaus: schwarze Bäume, Mauern, Schaufenster. Die Peitschenlampen werfen ein kränkliches Licht. Diesen Weg ist Heller schon einmal gefahren, an einem ähnlichen Nachmittag, doch ohne Erinnerung. Dort ist der Isebek-Kanal, er muß aussteigen. Heller geht ein Stück zurück, dann den Sandweg am Kanal entlang, dessen Spiegel der Regen zerschlägt, die Bootsschuppen drüben sind verlassen. Er könnte sich dem geklinkerten Mietskasten ebensogut von der Vorderseite nähern, am Tabakladen, an der Friseurstube und an der Sparkassenfiliale vorbei, denn auch so würde er in den unebenen Torweg gelangen und danach auf einen quadratischen Hof, doch Heller entscheidet sich für die Rückseite, wahrscheinlich, weil er hier weniger Gefahr läuft, erkannt zu werden. Er geht auf dem schmalen Gehsteig durch den rückwärtigen Torweg, der kein Auto durchläßt, nicht einmal ein gewöhnliches Fuhrwerk, sondern nur Fußgänger, Kinderwagen. In den Putz der Wand gerissen sind neue, zotige Zeichnungen und Inschriften. Heller bleibt auf dem Innenhof stehen. Da sind die Klopfstangen für Teppiche und Läufer, und hier, hinter magerem Gesträuch, die Sandkästen für die Kinder — auch diesmal werden einige vergessene Backformen überwintern, blecherne Krabben, Schnabeltiere, dazu die unvermeidliche Schaufel.

Heller blickt sich um, überlegt: wenn er auf die Müllkästen neben der Klopfstange stiege, könnte er die ganze Wohnküche übersehen, vielleicht auch das Kinderzimmer; er steigt also auf die Müllkästen, drückt sich gegen die Mauer: ja, sie sind da. Sie sitzen beide in der Eßnische, die Frau und das Kind, Charlotte und Stefanie. Charlotte trägt ihr Haar noch wie früher, im Nacken gesammelt und mit einer Spange verschlossen, auf der — Heller weiß es — entweder ein Zierfalter oder eine Zierraupe sitzt. Eine Teetasse steht auf dem Tisch und ein Milchglas. Stefanie greift sich in den Mund, zieht etwas heraus und reicht es der Frau, die es ihrerseits zwar nicht in den Mund schiebt, aber doch — bei hochgezogenen Lippen — gegen die Zähne hält und sich aufrichtend zur Schau stellt: Na, ist es so schlimm? Und um sich selbst zu versichern, hebt sie einen weißen Handspiegel, und unter den skeptischen Blicken des Mädchens kommt sie zu dem Schluß: das ist doch wirklich nicht schlimm.

Eine Gebißspange, also hat Stefanie eine Gebißspange bekommen. Die Frau reicht dem Mädchen die Gebißspange zurück, fordert sie auf, die Spange einzusetzen, und dann beugt sie sich zum Gesicht des Mädchens hinab, hebt den Spiegel und entblößt abermals ihre Zähne: Sieh doch selbst, Stefanie, ist der Unterschied so groß? Mit und ohne Spange — das fällt doch kaum auf. Charlotte nimmt Stefanie in den Arm, küßt sie flüchtig auf den Mund: Siehst du, ich merke sie gar nicht. Nun geben sie sich die Hand, das heißt, Charlotte nimmt Stefanies Hand, sie scheinen etwas abzumachen, einander zu geloben; vermutlich wird sie dem Kind wieder eine ihrer Belohnungen anbieten, so wie sie für alles Belohnungen ausgesetzt hat, fürs Zähneputzen, fürs Aufräumen, jetzt also auch für das Tragen der Gebißspange. Die ganze Welt möchte sie ändern und in Gang halten mit Hilfe eines Systems von Belohnungen.

Plötzlich hebt die Frau den Kopf, richtet sich auf und lauscht; sie muß ein Signal gehört haben, und jetzt springt sie auf, sieht noch einmal in den Spiegel, bevor sie das Mädchen mit langem Zeigefinger ermahnt und, den Rock glättend, den Pulloversitz verbessernd, auf den Flur hinausgeht. Sie bekommt Besuch. Im Abdrehen wendet sie ihr Gesicht dem Fenster zu, dieses zweifelnde, unbewegte Gesicht, von dem Heller lange glaubte, daß es sich nie verändern könnte, einfach weil Charlotte bei allem schon die zweite, und das heißt die schlimmere Möglichkeit vorwegnahm und bedachte, sogar wenn sie über sich selbst sprach, kommentierte der Zweifel ihre Worte.

Stefanie, allein, nimmt die Gebißspange wieder in die Hand, hält sie weit von sich, schneidet ihr eine Grimasse und setzt sie hastig wieder ein, als die Frau zurückkommt. Sie bringt einen Mann in die Wohnküche, einen krausköpfigen Athleten im Regenmantel, der begrüßt Stefanie onkelhaft — nein, das möchte Heller vielleicht so haben; aber im Gruß liegt doch eine Vertraulichkeit, die zugibt, daß man einander kennt. Der Mann zieht den Mantel nicht aus. Er setzt sich zu dem Kind, nähert ihm sein Gesicht, spricht auf es ein, womöglich zieht er da Komplimente ab über den schönen Sitz der Gebißspange. Er erlaubt sich eine wischende Liebkosung, mit breiter Hand ausgeführt, vom Nacken über den Hinterkopf zur Stirn. Charlotte entschuldigt sich bei ihm, offensichtlich will sie sich bereitmachen zum Aufbruch.

Ein Geräusch, das Klappern von Satteltaschen an Fahrrädern, zwingt Heller, seine Beobachtung zu unterbrechen. Er schwingt sich von den Müllkästen herunter; dort, durch den rückwärtigen Torweg, kommen zwei Männer mit Fahrrädern, also schlendert er durch den vorderen Torweg, biegt kurz ab und bleibt gleich vor dem Schaufenster der Sparkasse stehen, das mit grauem Samt ausgelegt ist — in der Mitte ebenmäßig gerafft — und nichts ausstellt außer einem getippten Aushang mit den täglichen Wechselkursnotierungen. Ein Plakat hängt da auch noch, an der Seite der Scheibe: Hast du was, bist du was. Heller steht vor dem leeren Schaufenster — was sollen die auch ausstellen? —, liest die Wechselkurse, tritt auf einmal zurück und läuft zur Telefonzelle auf der anderen Seite der Straße. Die Nummer weiß er auswendig, wird er immer auswendig wissen. Er stellt sich vor, wie sie aufhorcht, zögert, dann aus dem Badezimmer auf den Flur geht und den Hörer abnimmt.

Charlotte? Leg nicht auf, ich weiß, daß du da bist, ich weiß auch, daß du Besuch hast. Von mir aus brauchst du nicht zu antworten, aber hör mir zu … Nein, nicht später, Stefanie ist beschäftigt, und ihr kommt noch zeitig genug … Und wenn er hundertmal dein Chef ist, bitte hör mir jetzt zu, oder ich muß dich in der Praxis aufsuchen, ich war heute schon einmal drauf und dran, aber am Stephansplatz — mir ist etwas dazwischengekommen. Du weißt, daß ich ein Recht habe, das Kind zu sehen, du selbst warst damit einverstanden, hörst du mir noch zu? … Dann ist es gut. Ich bleibe noch einige Tage in Hamburg, wohne bei Klöver, die Hotel-Pension an der Alster, du weißt schon, du hast ja dort bereits angerufen … Gib mir eine Nachricht, wann ich das Kind sehen kann, und ob auch wir uns sprechen können … Wo ich jetzt bin? Eben, genau da. Es hat einen Zweck, daß wir uns sehen, ich werde dir beweisen … Abrechnungen? Was meinst du mit Abrechnungen? Eure Vierteljahres-Abrechnung? Die könnt ihr von mir aus gleich machen. Also wirst du anrufen? … Gut, wenn du willst, werde ich es tun, heute noch. Spät … Morgen? Dann morgen. Charlotte? Charlotte?

Heller hängt den Hörer ein, verläßt die Telefonzelle, er strebt dem Buchladen an der Ecke zu: ob sie ihn wiedererkennen? Das Personal hat gewechselt. Eine junge staksige Verkäuferin bietet ihm ihre Hilfe an, er winkt ab, er kenne sich aus, ein alter Kunde, den es zufällig vorbeigeführt habe; da ist er schon bei den drehbaren Ständern mit Taschenbüchern, legt den Kopf auf die rechte Schulter, überfliegt die Titel, sieht an ihnen vorbei auf die Straße hinaus zum Hauseingang, wo sie jetzt gleich auftauchen müssen oder bereits auftauchen, denn Heller knickt in der Hüfte ein und sucht Deckung hinter dem Ständer. Der Mann führt Charlotte zum Auto, öffnet ihr die Tür. Warum zaudert sie und blickt aufmerksam zur Telefonzelle hinüber und dann in beiden Richtungen die Straße hinab. Sie spürt die Nähe, sie spürt vor allem, daß sie in diesem Augenblick gesehen wird, und sie steht noch suchend da, während die Scheinwerfer aufflammen, jetzt endlich steigt sie ein. Die Verkäuferin beobachtet, wie Heller, den Ständer als Deckung benutzend, das abfahrende Auto beobachtet und dabei das Körpergewicht riskant verlagert. Sie ist vorübergehend allein in der Buchhandlung, sie muß etwas fragen, und sie fragt: Haben Sie etwas gefunden? Ja, sagt Heller, dieses Taschenbuch, Hörspiele, und wenn Sie ihn haben, den Spiegel.

6

Wie nimmt man eine förmliche Entschuldigung entgegen? Valentin Pundt, die Hände auf der Lehne des Schreibtischsessels, unterdrückt den Atem, beugt den Nacken, starrt so gesammelt auf den Bettvorleger, als wolle er mit stierendem Blick ein Loch hineinbrennen; die Beine übrigens sind leicht gespreizt und tragen zu gleichen Teilen. Er hört konzentriert zu, er nimmt die Entschuldigung nachdenklich zur Kenntnis, wahrscheinlich bewertet er sie bereits nach Form, und Inhalt: Es war wirklich nicht so gemeint, es lag mir fern, Herr Pundt, gerade Ihre persönliche Erfahrung als alten Hut oder Käseauflauf zu bezeichnen, es entsprach ganz und gar nicht meiner Absicht — und wenn Sie mich fragen, ich bin betroffen, ich bin fassungslos, daß gerade Sie mich so mißverstehen konnten, denn Sie selbst haben doch zu Anfang klargestellt, daß es bei allen Sitzungen und Bewertungen nicht um Persönliches gehe, doch wenn ich tatsächlich etwas gesagt haben soll, was Ihre Gefühle verletzt hat, so mag das an meiner besonderen Anteilnahme an diesem Kapitel des Lesebuchs liegen, schließlich hat jeder einzelne von uns das Ganze zu verantworten; in diesem Sinne bitte ich Sie um Entschuldigung.

Das wär’s eigentlich, sagt eine hinterhergeschickte Geste, die Pundt nicht bemerkt, da er noch mit der Bewertung der Entschuldigung beschäftigt zu sein scheint; doch schließlich nickt er, es ist ein zustimmendes Nicken, und die Hand, die sich jetzt Heller entgegenhebt, ist denn auch nicht nur bereit zur Vergebung, sondern auch zu einem errechneten Glückwunsch zur bestandenen Prüfung. Sie geben sich die Hand, Pundts Lodenmantel, auf einem Bügel an der Tür, ist Zeuge, die Konferenz hat kein vorzeitiges Ende gefunden.

Setzen Sie sich doch, sagt Pundt, setzen Sie sich ruhig auf mein Bett, falls es Ihnen nichts ausmacht, ich werde uns etwas eingießen. Er öffnet seinen Koffer und hebt ein Handtuch-Knäuel heraus, zupft am Handtuch, zieht es lächelnd zurück, bis ein weißer Flaschenhals zum Vorschein kommt: mein Selbstgebrannter, müssen Sie wissen, ich gab ihm den Namen Großes Lüneburger Kikeriki, ein Korn, den ich vor dem Frühstück brauche, ermunternd wie ein Hahnenschrei. Er gießt zwei Zahnputzgläser halbvoll und verwahrt die Flasche wieder im Koffer. Er trinkt Heller zu. Es ist gut, Herr Kollege, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. — Auf Ihr Wohl, Herr Pundt. Sie trinken zweimal, sie sehen sich an. Wirklich, sagt Heller, das Zeug — es ist eine Art großes Wecken! — Dann hab’ ich nicht zuviel gesagt: ein Anruf des Morgens, sogar jetzt, sogar am Abend spürt man das.

Da ist leicht reden, da ist unverfänglich reden, sie könnten dabei bleiben, Gefühlen Namen zu geben und dem wohligen Feuer im Innern mit Vergleichen beizukommen, doch auf die Dauer könnte Heller nicht schweigend den braunen Umschlag übersehen, der auf Pundts Schreibtisch liegt, zumal er weiß, was in ihm steckt. In seinem Zimmer liegt der gleiche Umschlag, von dem gleichen Absender, mit gleichem Inhalt: Nach allem, Herr Pundt, scheint das unsere letzte Hoffnung zu sein. Unsere Vorschläge sind, wenn ich so sagen darf, durchgefallen, nun bietet sich nur noch das hier an, Doktor Süßfeldts Beispiel. Ein umstrittenes Kapitel, Lebensbilder — Vorbilder, sperriger jedenfalls, als vorauszusehen war, und wenn es so weitergehen sollte, ich meine: wenn uns auch der letzte Vorschlag enttäuscht, müssen wir uns wohl vertagen; denn mit gutem Willen allein ist hier nichts getan.

Hier kann Valentin Pundt nicht zustimmen, außerdem möchte er an die gesetzten Termine erinnern, an den Ablieferungs- und an den Erscheinungstermin; nein, Herr Kollege, wenn wir auseinandergehen diesmal, müssen wir uns geeinigt haben; das Kapitel muß fertig werden. Da fragt Heller mit gebotener Vorsicht an, ob der Text denn schon gefunden sei, oder ob er, Pundt, vielleicht in Doktor Süßfeldts Vorschlag den Text sehe, den sie ohne große Bedenken in das Lesebuch aufnehmen könnten. Wenn wir etwas hinzufügen dürften, sagt Pundt, eine kleine Operation, eine hilfreiche Bearbeitung — wir hätten, glaube ich, das Beispiel gefunden. — Kürzen, sagt Heller, wir dürfen leider nur kürzen, aber lohnt sich das überhaupt bei diesem Autor? — Hartmut König ist ein bekannter und beliebter Lesebuchautor. — Eben, sagt Heller, und das schon seit vierzig Jahren, und wenn wir ihn nicht endlich auf den Speicher bringen, wird er uns noch weitere vierzig Jahre einreden, daß der Teutoburger Wald von Holzköhlern bewohnt wird. Er, Heller, habe diese Geschichte, Das Zugeständnis, zwar nur einmal gelesen, er könne sich nicht an jede Einzelheit erinnern, doch die Mutter sehe er noch vor sich, diese unausrottbare Lesebuch-Mutter, die mit ihrer fröhlichen Sorge alle Krisen und Veränderungen überlebt.

Rektor Pundt sei da anderer Ansicht, er habe Das Zugeständnis mehrmals gelesen, und allein der Anfang habe ihn mehr als überzeugt. Ob er, Heller, sich an den Anfang erinnere?

Die dreckigen, verspritzten Fenster der Kellerwohnung; das reibende Ledertuch; der feste, fleischige Arm, der das Tuch führt, kreisförmig zuerst, dann gitterförmig über Glasbreite. Und wie allmählich, mit zunehmender Klarheit, das schöne spöttische Gesicht des Jungen hinter der Scheibe auftaucht, sozusagen hervorgewischt wird, bis es der Mutter deutlich wird, daß es weder ein Wunschbild noch ein Trugbild ist, sondern daß da wirklich der Junge hockt und sie mustert — Kalle, Sie wissen, den sie ganz und gar nicht erwarten durfte. Heller weiß es, oh ja, er erinnere sich, und ihm falle auch ein, daß die Freude des Wiedererkennens sich nur kurz zeigte und gleich wieder erlosch, als die Frau den Jungen — Kalle, nicht wahr? — in die Wohnung ließ und hier mit stummem Mißtrauen verfolgte, wie er an den Brotkorb ging, aß und dazu kalte Milch trank.

Bis dahin habe Heller es ja auch durchaus für möglich gehalten, dem Vorschlag zuzustimmen, zwar sei ihm der Gedanke, eine Mutter als Vorbild zu präsentieren, zu aufdringlich, zu naheliegend und zu platt erschienen, andererseits habe er hier die Chance gesehen, eine Frau in der Rolle des Idols anzubieten. Aber dann erweise es sich, daß auch diese Mutter zum Typ der deutschen Lesebuch-Mutter gehöre, eine gütige Kummernuß, nicht wahr, voll Liebe und Verzicht: sie durchschaut ihren Kalle, sie merkt sofort, daß ihn die Jugendstrafanstalt nicht, wie er vorgibt, für ein Wochenende auf Ehrenwort beurlaubt hat, sondern daß er stiften gegangen ist; trotzdem wäscht sie ihm nicht den Kopf, sie kocht ihm Milchreis, in mütterlicher Ergebenheit, Milchreis mit Zimt, seine Lieblingsspeise.

Pundt muß Heller darauf hinweisen, daß dieser etwas vergessen habe; seit anderthalb Jahren habe die Frau den Jungen nicht mehr gesehen — so lange sei er bereits in der Jugendstrafanstalt —, und der Mann sitze die gleiche Zeit im Gefängnis, wegen gemeinsamen Einbruchs übrigens: das gehöre zum Verständnis dieses Charakters. Und wenn er, Heller, etwas tiefer in seinem Gedächtnis grabe, müsse er zugeben, daß die Szene nicht ohne Eindruck sei: der geflohene junge, nervös, hastig essend am Tisch, und ihm gegenüber, still, geduldig, alles wissend und dennoch glücklich, die Mutter. Und wenn er, Heller, die Geschichte noch einmal gelesen hätte, wüßte er, daß die Frau sehr wohl mit Kalle ins Gericht geht, daß sie ihm den Kopf wäscht — dann nämlich, als er gleich nach dem Essen über Geld zu reden beginnt. Er braucht Geld, die Mutter kann ihm nichts geben, und da, als er beschließt, einen Freund aufzusuchen, um sich zusammen mit ihm Geld für das Wochenende zu beschaffen — da greift die Mutter ein und sorgt dafür, daß er ganz klein wird und den Plan aufgibt.

Ob nicht in diesem Augenblick die Polizei erscheine, vergewissert sich Heller, und Pundt, mit der Sicherheit wiederholter Lektüre, bestätigt das und ruft dem jungen Kollegen in Erinnerung, wie die Mutter Kalle in einem Bodenloch neben der Wasseruhr versteckt, bis wieder reine Luft ist.

Leider, stellt Heller fest, denn damit beginne für ihn der verschlungene Weg einer penetranten Mutterliebe, mild wie Vanillesauce. Wenn er sich vorstelle: statt das einzig Vernünftige zu tun und den Jungen gleich der Polizei mitzugeben — alles geschehe doch schließlich vier Wochen vor Kalles regulärer Entlassung —, verstecke sie ihn, damit er sein unterhaltsames Wochenende habe. Und zieht los, nachdem sie ihm eingeschärft hat, im Versteck zu bleiben. Und will sich einen Vorschuß geben, lassen von ihrem Arbeitgeber, in dieser Schnellimbißbude. Und versucht, da dies zu keinem Erfolg führt, Geld bei der Nachbarin zu leihen. Und gerade beginnt man inständig zu fürchten, hoffentlich trägt sie nun nichts ins Leihhaus, um das kurzweilige Wochenende zu ermöglichen, da holt sie auch schon, melodramatisch einwandfrei, ihren Verlobungsring hervor, putzt ihn selbstverständlich versonnen und macht sich auf den schlurfenden Opfergang zum Leihhaus, wo sie offensichtlich schon seit längerer Zeit Stammkundin ist.

Pundt ist nun erstaunt, er muß bekennen, daß er nicht ein einziges Mal den Geschmack von Vanillesauce auf der Zunge gehabt habe, und er bittet Heller zu erläutern, was denn abgeschmackt an dem Wunsch einer Mutter sei, ihrem Jungen ein unterhaltsames Wochenende zu ermöglichen, das er so lange entbehrt hat. Und der Gang zum Leihhaus? Ob er denn nicht wisse, wie viele Leute ihre Rechnung mit dem Leihhaus machten? Ob er denn nicht erfahren habe, daß alles sein Muster braucht und findet? Die Not ebenso wie das Vorbild?

Es gehe doch, sagt Heller, um das Wohl dieses Tunichtguts. Er soll in vier Wochen entlassen werden, eine freiwillige Rückkehr würde ihm vielleicht eine unwesentliche Strafverlängerung einbringen, aber nun beginnt, anstelle des Kopfes, der sogenannte Mutterbusen zu denken, und der beschließt, daß der Junge eine Zerstreuung verdient hat. Sicher, alles finde sein Muster, aber den Film mit dem Leihhaus habe er zu oft gesehen, als daß er ihm noch glauben könnte, gerade ein Muster müsse auch von der Einzigartigkeit erzählen und uns in die Ecke drängen, wo wir nur noch feststellen können: so ist es. Doch damit möchte er nun nicht sagen, daß ihm an Königs Geschichte nichts gefallen habe; er sei vielmehr mehr als einverstanden mit der Blendentechnik, in der der Autor diese Stationen beschreibt: der Junge, mit Taschengeld gepolstert, auf der Suche nach einem unterhaltsamen Wochenenderlebnis — typengerecht natürlich auf St. Pauli —, und auf der anderen Seite, allein, die Mutter, die ausschließlich im Zustand des Wartens vorgeführt wird. Das habe ihn, Heller, sogar sehr überzeugt, einfach weil da etwas bewegt und erkennbar werde. Ein ergiebiget Kontrast: der Junge unterwegs von Kneipe zu Kneipe, zusammen mit alten Freunden, im Lärm, in der Menge, auf der Suche nach etwas, das er nicht finden wird, weil er es nicht bestimmen kann; und die Mutter, lesend, am Radio oder nur angestrengt lauschend, auf ihre Art auch um Zerstreuung bemüht in ihrer Einsamkeit. Dies sei aber auch alles.

Und die Szene in der Spielhalle? fragt Pundt. Das Spiel, das sie gegeneinander führen, an den Automaten zuerst und dann an der Würfelbank? Sei das nichts? Zeige sich bei Kalles Verlust nicht der Neigungswinkel einer guten Erzählung, in der das Unvermeidliche ja nicht nur sein Recht finden, sondern auch vorbereitet werden soll? In dem Augenblick nämlich, als der Junge das Geld seiner Mutter verliert — später pumpt er sich Geld von einem Freund, das er ebenfalls verliert —, werde das Unvermeidliche vorbereitet, und zwar auf unauffälligste Weise. Ob Heller denn das nicht zugeben wolle?

Heller ist bereit, das zuzugeben, doch er frage sich — und werde nicht aufhören, sich zu fragen —, ob diese Mutter das Vorbild abgibt, das sie benötigen und das sich selbst empfiehlt. Denn was geschieht? Der Junge verliert das mühsam zusammengekratzte Geld seiner Mutter, verliert noch mehr, und gerät dadurch in die Klemme. Was erscheint da unausbleiblich? Ein Ding. Es muß demnach ein Ding gedreht werden, an dem unbeteiligt zu sein der Junge sich nicht leisten kann, umso weniger, als er doppelter Schuldner ist. Heller könne sich nicht helfen: ihm komme das stark ausgefahren vor, da lassen alle Schablonen grüßen, und von ferne winke der Illustrierten-Roman. Sein Unmut wäre ja noch erträglich, wenn die Freunde sich das nötige Kleingeld aus einer Tankstelle beschaffen, aus der Kasse eines Nachtkinos oder, wenn es schon sein müsse, in einem Striptease-Lokal; doch wer könne noch die Eingebung verantworten, daß sie sich das Geld just in dem Leihhaus gewaltsam holen, in dem Kalles Mutter ihren Verlobungsring versetzt hat? Lasse sich Marmelade überhaupt noch dicker auftragen? Und spüre er, Pundt, nicht einen ziehenden Schmerz an den Zahnhälsen, wenn ihm solch eine Brücke gebaut werde?

Jetzt fischt Pundt die Tüte mit dem Backobst heran, bedrängt Heller mit seinem Angebot, der nimmt einen getrockneten Apfelring, legt ihn auf sein Knie: Später, ich esse später.

Lieber Herr Kollege Heller, haben Sie sich schon einmal die Mühe gemacht, herauszufinden, wie zahlreich die arrangierten Zufälle in Ihrem Leben sind? Sehen Sie! Ich verstehe Ihre Skepsis, die sich dagegen wehrt, daß es ausgerechnet das Leihhaus sein muß, in dem sich die Jungen Geld verschaffen, doch vielleicht verringert sich Ihre Skepsis, wenn ich Ihnen sage, daß Leihhäuser zu den bevorzugten Objekten gehören, die gewaltsam heimgesucht werden. In diesem Fall gibt die Wirklichkeit — genauer: die statistische Wirklichkeit — dem Autor recht.

Trostlos, sagt Heller, sobald die Wirklichkeit recht behält, bricht die Trostlosigkeit aus. Das will Valentin Pundt durchaus nicht einleuchten, für ihn sei die Wirklichkeit nun einmal das, woran alles gemessen werde, aber wenn er jetzt bekennen dürfe, was der Grund seiner Unzufriedenheit mit der Geschichte sei, und was er gern hinzugefügt sehen möchte: also Kalle bricht mit seinen Freunden im Leihhaus ein — er erinnere sich doch —, es sind nur ein paar Groschen in der Kasse, damit kann er seine Schulden nicht begleichen, deshalb läßt er Uhren und Schmuck mitgehen, soviel seine Taschen aufnehmen. Ein Nachtwächter überrascht sie, sie müssen fliehen, auf der Flucht verlieren sie einander. Nach längerem Suchen, im Morgengrauen, kommt Kalle nach Hause. Die Mutter ist am Tisch eingeschlafen. Ob Heller das noch gegenwärtig habe? Ja? Dann wisse er sicher auch noch, daß der Junge gleich zu Bett geht, während die Mutter seine Sachen forträumt und dabei die Beute der Nacht entdeckt. Die Mutter leert die Taschen, legt Uhren, Ringe, Halsbänder in einen Karton. Und jetzt, Herr Kollege, möchte ich etwas hinzufügen: unter dem Diebesgut sollte die Mutter ihren Verlobungsring wiederfinden, den sie selbst versetzt hat. Wäre das nicht dramatischer? Gäbe das nicht der ganzen Erzählung eine stärkere Bindung? Der Junge stiehlt unwissend den Ring, den die Mutter beliehen hat, um Geld für ein unterhaltsames Wochenende zu beschaffen. Nun?

Tschaikowsky, sagt Heller, er höre dazu Musik von Tschaikowsky; und wenn es die UFA noch gäbe, dieser Film wäre unvermeidlich. Er, Heller, möchte Pundt nicht zu nahetreten, aber dieser Geschichte sei beim besten Willen nicht aufzuhelfen, mit keiner Veränderung. Aber der Schluß? Der Schluß, ja, der spreche natürlich für die Mutter, die diesmal die Polizeibeamten an das Lager des Jungen führt — vermutlich, weil sie ihm etwas ersparen möchte, denn es wird angedeutet, daß sie den Karton ans Leihhaus zurückschicken wird. So schroff, so lustlos kann Valentin Pundt den Schluß nicht beurteilen; vielmehr sehe er gerade in der Unerkennbarkeit des Motivs einen Reiz für Auslegungen: hat die Mutter die Polizisten nur deshalb ans Lager des Jungen geführt, um ihm eine neue Anklage zu ersparen, oder war es ihr Gerechtigkeitssinn, der sie dazu überredete? Es gebe Anzeichen für beide Auffassungen, doch unbestreitbar sei wohl, daß es sich hier um ein Vorbild handle, das nun einmal nicht aus alpiner Höhe herabblicke, ein Beispiel aus dem Alltag, außerdem aus gehätschelter sozialer Niederung, wie es sich Heller doch wünsche.

Janpeter Heller hebt den getrockneten Apfelring in Augenhöhe, zögert, bläst kurz und scharf über ihn hin, als wolle er ihn entstauben, inspiziert ihn von neuem und kann sich immer noch nicht entschließen, zuzubeißen — nun legt er ihn auf den Schreibtisch. Er sehe sich außerstande, für Doktor Süßfeldts Vorschlag zu stimmen, denn wenn sich hier auch ein handlicher Lesebuch-Konflikt anbiete — Schwanken zwischen Mitleid und Gerechtigkeit —, als Ganzes reiche ihm die Geschichte nicht aus. Glauben Sie mit, Herr Pundt, bevor ich diese Arbeit übernahm, habe ich ein Dutzend Lesebücher durchgeackert. Wenn die Gesellschaft wirklich so ist, wie sie sich in diesen Büchern spiegelt, dann scheinen wir allesamt auf einer Lämmerwiese zu leben: die Väter brauchen nur die Ärmel aufzukrempeln, damit sich alle Probleme lösen, und die Mütter scheinen nur da zu sein, um jedes erfahrene Leid mit einem Napfkuchen zu belohnen. Ich habe mir vorgenommen, daß das Ergebnis unserer Arbeit anders aussieht.

Da steht Valentin Pundt abrupt auf, geht ans Fenster und starrt länger als üblich in die Dunkelheit, und, halb zurückgewandt, über die Schulter sagt er: Ich möchte nur wissen, wo wir jetzt angelangt sind, am Anfang oder am Ende. Noch ist nicht aller Tage Abend, sagt Heller, wir haben doch noch eine Chance. Mir will nicht einleuchten, sagt Pundt, daß es in dieser Zeit kein Beispiel für vorbildhaftes Verhalten geben soll, über das wir uns ohne Schwierigkeiten verständigen könnten. Die beispielhafte Tat — sie geschieht doch überall, im Verborgenen und in der Öffentlichkeit. — Aber dadurch, daß sie geschieht, sagt Heller, empfiehlt sie sich noch nicht für ein Lesebuch. Jeder von uns hat einen Vorschlag gemacht, und jeder war wohl erstaunt über die Bedenken der anderen. Und das beweist, daß wir nicht das richtige Beispiel gefunden haben.

Sollen wir uns etwa gemeinsam auf die Suche machen? fragt Pundt. Es klopft. — Wie bitte? — Es hat geklopft, sagt Heller, schon zum zweitenmal.

Magda steht auf dem Flur, finster, gekränkt, alles, um das man sie bittet, scheint mit Kränkung verbunden zu sein. Also da ist ein Telefonanruf für Herrn Pundt, sie habe das Gespräch schon nach oben gelegt, auf das Flurtelefon, Herr Pundt brauche nur abzunehmen.

Pundt stürzt zum Telefon; obwohl er sich auch anders, gemäßigter dorthin bewegen könnte, stürzt er hinaus, als erwarte er Nachrichten von ungewöhnlicher Bedeutung. Heller wirft den Apfelring in die Backobsttüte. Er beugt sich über Pundts Schreibtisch, schlägt das ziegelsteindicke Manuskript auf: Die Erfindung der Alphabets. Er liest: haben Knotenschrift, Bilderschrift und Rebusschrift zwar beigetragen, doch kann heute die Behauptung als gesichert gelten, daß die Mutter aller neuen gebräuchlichen Alphabete das phönizische Alphabet ist. Ohne Zweifel handelt es sich bei diesem Alphabet um eine künstlerische Erfindung ersten Ranges. Die Silbe wird bezeichnet durch die Konsonanten, sie sind die Herrscher, die Träger der Wortbedeutung; was der Leser an Vokalen braucht, mag er selbst ergänzend hinzufügen. Der Leser ist also aufgefordert, mit Hilfe des selbstgefundenen Vokals die Bedeutung eines Wortes zu schattieren — welch eine Verpflichtung zu schöpferischer Aufmerksamkeit! Unter semitischen Völkern ist das übrigens …

Heller klappt das Manuskript zu; er spürt, daß er beobachtet wird. Ja, Fräulein Magda? Sie steht im Türausschnitt auf dem Korridor. Das Mädchen möchte eine Bitte äußern, im Namen von Frau Klöver: Herr Heller habe jetzt nun schon zum viertenmal die Waffen aus dem Konferenzraum in sein Zimmer hinaufgenommen, das sei nicht statthaft, deshalb habe sie Pfeil und Messer wieder an den alten Platz gehängt, nur damit er Bescheid wisse. Daran können Sie sehen, wie sehr ich mich bei Ihnen fürchte, sagt Heller, und, in gespielter Sorge: Wissen Sie vielleicht eine Möglichkeit, diese Furcht zu verringern? Magda begreift ihn nicht, Magda mißt ihn mit anklagendem Blick, Magda wirft den Kopf zur Seite, geht nach links ab.

Von rechts erscheint Valentin Pundt, die Hände auf dem Rücken, nachdenklich und in Zweifeln befangen. Hoffentlich nichts Unangenehmes, sagt Heller, und Pundt darauf, zerknirscht: Ich hätte unserem gemeinsamen Urteil nicht vorgreifen sollen, doch ich hab’s ihr beigebracht, ich habe Frau Süßfeldt erklärt, daß auch ihr Vorschlag, Das Zugeständnis, durchgefallen ist. — Und wie hat sie’s, sozusagen, aufgenommen? — Sie hat uns eingeladen, sagt Pundt, zu sich nach Hause, zu einem Frühstück, zu einem »epischen Frühstück«, wenn Sie sich darunter etwas vorstellen können. Mich hat sie jedenfalls daran erinnert, daß ich mein Abendbrot noch vor mir habe.

7

Im regensicheren Niedergang zum Kellerlokal »Vierter August« verkündet eine Tafel: Unrere Spezialität: Gulaschsuppe. Pundt öffnet die selbstschließende Tür, schiebt sich mit einer Kraulbewegung durch den Spalt der Filzportiere und tritt auf etwas Weiches, Nachgiebiges, den extra breiten Fußabtreter. Hier also. Er hat sich das Lokal anders vorgestellt — rohe Holztische, eine niedrige, lastende Decke, schwebender Qualm, den ein scheppernder Ventilator vergeblich quirlt, dam, milieugerecht, Zementfußboden und in ewiger zugluft blakende Kerzen. Stattdessen findet er nur die vermutete niedrige Decke wieder, und auch die ist nicht, wie er es sich vorgestellt hat, von Rußschleiern überzogen, sondern mit Sperrholz verkleidet und englischrot getüncht. Die Tische sind mit blauweiß karierten Tischtüchern bedeckt, auf denen Plastikkörbchen erste Angebote machen: Salzbrezeln, Nüsse, Chips. Von einer gläsernen Blumenbank grüßt die genügsame Lästerzunge, und die Wandlampen scheinen unter fröhlichen Bauerngardinen hervor. Hier also.

Pundt zieht seine Schuhsohlen über den Fußabtreter, wischend, und beobachtet die sehr jungen Leute an den Tischen, die sich jetzt aus Gesprächen lösen, ihre Mahlzeit unterbrechen, sich aufsetzen und ihn unwillkürlich mustern, nicht zurückweisend, aber doch abschätzend. Obwohl sie sich gegenseitig mit Blicken auf ihn aufmerksam machen, zaudert er nicht, schiebt sich vielmehr an ihnen vorbei zu dem einzigen noch unbesetzten Tisch, nun unter spürbarer Mißbilligung und Zurückweisung, und nach einem nickenden Gruß zu dem jungen, kahlköpfigen Wirt hinüber zieht er den Mantel aus und setzt sich.

Warum verständigen sie sich über ihn? Warum erhalten sie ihm ihre unwillige Aufmerksamkeit? Hat er, der Eindringling, der Störenfried, verhindert, daß sie, die offensichtlich alle miteinander bekannt sind, unter sich bleiben können? Eine Kellnerin, schwarzer Rock, schwarzer Pullover, fragt nach seinem Wunsch — einmal Gulaschsuppe, bitte — und macht dem Wirt ein Zeichen, der es aufnimmt, an die Durchreiche zur Küche klopft und dem halben Gesicht, das in der Öffnung erscheint, einen senkrecht gestellten Daumen entgegenhält: einmal wie üblich. Verebben seinetwegen die Gespräche? Löffelt man vielleicht seinetwegen langsamer, lustloser? Wo wird Harald gegessen haben, denkt Pundt — vor dem blaßgrünen Kachelofen, dort unter der hochgelegenen Fensterluke, oder neben der Glasvitrine bei der Theke, in der für eilige Gäste Rundstücke mit Käse, Schinken und gebratenen Koteletts bereitliegen? Duzte er den Wirt ebenso wie einige der jungen Gäste, die von ihrem Platz zur Theke hinüberrufen: Berti, noch zwei Blonde? Wie ist er, wie sind sie alle hier darauf verfallen, ausgerechnet das »Vierter August« zu ihrem Lokal zu machen, diesen Keller von penibler und, man muß schon sagen, verpflichtender Häuslichkeit?

Pundt steht auf, geht in Richtung zur Theke, will anscheinend zu den Toiletten, die hier mit ortsüblichem Frohsinn gezeichnet sind — ein Mädchen in bauschigem Dirndlrock: Sie; ein schlanker Zylinderträger: Er. Vor der Theke jedoch bleibt Pundt stehen, beugt sich dem Wirt entgegen, der, wie Pundt erst jetzt entdeckt, auf einem Drehschemel sitzt: ob er mal etwas fragen dürfte? Sicher, sagt der Wirt. Ob ihm ein Gast bekannt sei, Harald Pundt? Er habe hier verkehrt. — Sind Sie von der Behörde? fragt der Wirt. Oh nein, er sei alles andere als von der Behörde, er habe nur private Gründe. Über unsere Gäste, sagt der Wirt, geben wir keine Auskunft, grundsätzlich nicht. Dann möchte Pundt wenigstens wissen, ob er, der Wirt, sich an solch einen Gast erinnern könne: mittelgroß, grauäugig, stark gekraustes Haar, Harald Pundt mit Namen. Diese Beschreibung, sagt der Wirt, trifft auf schätzungsweise zwanzig Prozent meiner Gäste zu. Aber der Name? Mit Namen belaste ich mich grundsätzlich nicht, sagt der Wirt, gleichbleibend distanziert. Danke, vielen Dank.

Pundt kehrt an seinen Tisch zurück, die Kellnerin bringt ihm seine Gulaschsuppe und wünscht ihm guten Appetit, und unter den forschenden Blicken des Wirts beginnt er zu essen, die Papierserviette in den Halsausschnitt geklemmt, so, wie er es gewohnt ist. Was trauen sie ihm hier zu? Glaubt der Wirt vielleicht, daß er nach Glasstücken löffelt, nach Insekten, verdorbenem Fleisch? Zugluft — woher kommt diese Zugluft?

Pundt blickt zur Tür, ein junges Paar arbeitet sich da lachend durch die Filzportiere, scheint sich verfangen zu haben, dreht und befreit sich endlich gegenseitig und kommt, nach allen Seiten grüßend, herein; beide tragen amerikanische Armeemäntel, der Junge und das Mädchen mit den schwarzen, gelb beschleiften Rattenschwänzen, dessen Stimme zwitschernd und metallen klingt wie eine eilige Friseurschere. Sie stützen sich auf die Theke auf, begrüßen den Wirt mit Handschlag; nun wenden sie sich um und spähen nach einem Platz.

Ist das nicht Rektor Pundt? Das ist doch Rektor Pundt! Sind Sie es wirklich? Der Junge zieht das Mädchen an Pundts Tisch: Wie hat es Sie denn hierher geblasen? — Guten Tag, Herr Eckelkamp, sagt Pundt stehend, die Papierserviette zusammengeknüllt in einer Hand. — So trifft man sich wieder. — Ich hab’ Sie neulich schon gesehn, sagt Pundt, von weitem, bei dieser musikalischen Veranstaltung. Rektor Pundt. Schüler Eckelkamp. Nun komm her, Mischa, und gib dein Pfötchen meinem alten Klassenlehrer, Rektor Pundt. Darf ich vorstellen: Rektor Pundt, Mischa Kröger, meine — nun was? — mein Hermelin. Wir dürfen uns doch zu Ihnen setzen? Berti: drei Blonde vom Faß!

Sie sitzen da in einem Ring von Schweigen, unter lautlosen Verständigungen, in die auch der Wirt einbezogen wird, und zumindest Schüler Eckelkamp sucht sich zu fassen: Das nenne ich eine gelungene Überraschung.

Unverhofftes Wiedersehen: da verringert sich zuerst wie von selbst die verfügbare Sprache, aufplatzende Freude verwendet unverhältnismäßig viele Ausrufezeichen, man findet Mut zu Wiederholungen und sucht nach einem Einstieg. Nein, ich bin nicht privat in Hamburg; wir haben mal wieder eine Konferenz, Lesebuch-Konferenz. — Kunstgeschichte, ich habe zwei Semester Kunstgeschichte gehört, jetzt sind wir umgesattelt, Mischa und ich: Wirtschaftswissenschaft. — Sie, Eckelkamp, und Wirtschaftswissenschaft? — Das einzige, was sich heute noch zu studieren lohnt. — Und was sagt Ihr Vater dazu? — Der wird es erfahren, wenn ich fertig bin. Nein, also, Rektor Pundt hier, im »Vierten August«, immerhin hat Ihre Nase Sie dorthin geführt, wo’s die beste Gulaschsuppe gibt.

Unverhofftes Wiedersehen: allmählich geht der Überraschung der Wind aus den Segeln, man treibt langsam durch gemeinsame Vergangenheit, holt heran, was schließlich von allem übrigbleibt — Geschichten. Und Guntram, der Bastler: kennen Sie ihn noch? Er studiert Geschichte. Und Klaus, der Furunkel, ist allen Ernstes zur Bundeswehr gegangen. Und Hebbi, Sie wissen schon, der unterm Tisch immer Magazine ausschnitt, wird Zahnmediziner.

Die Kellnerin bringt das Bier, und sie trinken auf diese Begegnung. Immer weiter die Spirale hinab, immer weniger bleibt übrig an gemeinsamer Erinnerung, nun wartet das Persönliche darauf, abgerufen zu werden, das, was man für immer bewahren wird: Wissen Sie noch, Herr Pundt, den Streit, den wir beide hatten? Es ging um die Konsequenz. Sie ließen uns einen Aufsatz schreiben: Konsequentes und inkonsequentes Verhalten; ich möchte gern mal wissen, wie Sie heute darüber denken, nach all den Jahren.

Pundt brütet steif vor sich hin, pflügt da augenscheinlich in seiner Erinnerung. Wir gerieten nämlich aneinander, weil ich, zu Ihrem Verdruß, die Inkonsequenz nicht nur verteidigte, sondern sie vorstellte als einzige Chance der Selbstbehauptung; da gingen Sie ganz schön aus sich heraus und verlangten, daß jeder, der A sagt, auch B sagen muß. Ich mußte meinen Aufsatz vor der Klasse vorlesen, und danach versuchten Sie, ihn auseinanderzunehmen oder sogar madig zu machen: Inkonsequenz als Haltung des Wankelmuts und listiger Angeglichenheit. Dämmert es Ihnen? Auf die Gefahr des Irrtums, sagten Sie, und ohne umukehren, müssen wir unsere Entwürfe zu Ende bringen, denn unsere größten Verbündeten sind Starrsinn und Ausdauer. Ihnen fiel sogar die »Würde der Ausdauer« ein. Mir kommt es vor, als wäre es gestern. Ich muß Ihnen sagen, Herr Pundt, bisher sprachen alle Erlebnisse für meine Ansicht. Und wofür sprechen Ihre Erfahrungen?

Erst einmal braucht Pundt einen Korn, einen Doppelten, wenn’s geht, dann gibt er zu, daß auch er sich an diese Meinungsverschiedenheiten erinnere, leider nur dunkel, leider unzureichend, doch er freue sich, wie sehr hier etwas nach- und fortwirkte, was er als Problem vorgestellt beziehungsweise seinen Schülern eingeimpft habe. Ja, er sei auch heute noch der Meinung, daß konsequentes Verhalten verläßliches und, auf die Dauer gesehen, siegreiches Verhalten sei, einfach weil es uns bis zur Grenze führe, bis zur äußersten Grenze.

Hier entdeckt Mischa Kröger eine Gelegenheit zum Vorwurf: Du hast mir nie etwas davon erzählt, sagt sie zu Schüler Eckelkamp, und dieser darauf: Wenn du reif bist, Mischa, mit der Zeit erfährst du auch das. Es geht nämlich darum, ob das Hermelin, wie bisher, konsequent sterben soll, sobald es einige Dreckflecken auf seinem hübschen Pelz erhält, oder ob es sich zu der Inkonsequenz bereitfinden kann, mit einigen Flecken weiterzuleben. Du siehst doch den Unterschied, oder?

Gib mir lieber eine Salzbrezel, sagt Mischa und winkt beschwichtigend zu einem der Nebentische hinüber: später, wartet doch ab. Pundt nimmt einen Schluck Korn, einen langen Schluck Bier, und gleich darauf wieder einen Schluck Korn — so soll es sein —, und plötzlich fragt er: Sie kommen schon länger hierher, in dieses Lokal? — Seit anderthalb Jahren, sagt Eckelkamp, beinah täglich, und falls Sie sich über den Namen wundern: alles, was in Bertis Leben — Berti ist der Wirt — von Bedeutung war, passierte am vierten August: geboren, geheiratet, durch’s Examen gefallen, und sogar seine Erbtante starb am vierten August; deswegen. — Dann kennen Sie gewiß viele, die hier verkehren? — Viele, ja. — Sie kannten auch Harald? — Ja, ich kannte auch Harald. Ich habe Ihren Sohn oft hier getroffen, dort war sein Lieblingsplatz, unter dem Ventilator, dort sprachen wir auch manchmal über Sie, Herr Pundt. Wissen Sie, wie Sie bei uns hießen? — Ja, sagte Pundt, »der Wegweiser«; trafen Sie sich auch außerhalb des Lokals? — Er war Pädagoge, wir hatten kaum Berührungspunkte, sagt Eckelkamp, und auf einmal: Warum hat er das getan, warum? Pundt sieht schweigend und starr über die Tische hinweg, nicht so, als denke er über eine Antwort nach, viel eher in der strengen Erwartung, daß ihm selbst, der so lange und ergebnislos gefragt hat, nun eine Antwort gegeben wird, von Eckelkamp oder irgendeinem anderen in diesem Raum. So dasitzend, mit diesem Blick, mit diesem unnachgiebigen Verlangen, bestätigt er nebenher noch einmal den Maler Beckmann, der ihm auf dem Porträt schon damals jene grüblerische Unnachsichtigkeit zuerkannt hat, mit der er sein Gegenüber zwingt, Farbe zu bekennen.

Hört er, was Eckelkamp auf den Tisch hinab erzählt? Erreicht es ihn überhaupt?

Eckelkamp erzählt, wo er Harald zum letztenmal sah, wenige Wochen, bevor es geschah, folglich auch nur wenige Wochen vor Haralds Examen, und es war auf dem Fischmarkt in St. Pauli, sehr früh an einem Sonntag. Waren Sie schon einmal da? Dort wird ja nicht nur verkauft, was das Meer hergibt, sondern einfach alles, von dem man glaubt, daß es einen Wert haben könnte. Da standen sie also in der Frühe, Harald und Lilly, vor der Karte, auf der ein feierlich gekleideter Schnellsprecher unterhaltsam Aale versteigerte. Gemeinsam zog man weiter durch ein Spalier verblüffender Waren — an diesem Morgen wurden erstaunlich viele gebrauchte Trinkwasserhalme feilgehalten — auf der Suche nach einem altmodischen großen Vogelbauer, das Lilly sich wünschte. Lilly ist so: sie wünscht sich etwas, und sobald sie es hat, vergißt sie, daß sie es sich gewünscht hat. Wir kauften kein Vogelbauer, sondern ein Meerschweinchen, das Lilly immer schon haben wollte, und Harald trug es im Karton und fütterte es später in der Kneipe, wo wir frühstückten. Nein, Harald schien nicht verändert, als wir dort draußen saßen und uns die vergammelte Prüfungsordnung vornahmen, und ich weiß noch, daß er gute Gründe dafür fand, warum an einer Reform dieser Ordnung auch bisher Ungeprüfte mitarbeiten sollten, und gerade sie. Bevor wir gingen, schenkte er das Meerschweinchen heimlich einem kleinen Geschwisterpaar — sie wird’s nicht merken, flüsterte er mir zu, Lilly wird sich nicht mehr daran erinnern, daß sie sich ein Meerschweinchen nicht nur gewünscht, sondern auch besessen hat. Das war die letzte Begegnung, auf dem Fischmarkt, an einem Sonntagmorgen, und Harald war wie sonst: der ungeduldige Zuhörer, der große Plänemacher.

Valentin Pundt regt sich, er senkt die Schultern, legt die Hände aufeinander und wendet das Gesicht seinem ehemaligen Schüler zu: es ist doch nicht so, als ob man eine Tür macht und weggeht, man weiß doch, daß man etwas in Kauf nehmen muß, was war denn nur mit ihm los? — Ob er, Pundt, denn schon einmal mit Lilly Fligge gesprochen habe? — Nein, er höre diesen Namen zum erstenmal. — Aber es sei nun einmal Lilly, die Harald besser gekannt habe als jeder andere, und wenn überhaupt jemand, dann sei sie es, die die Gründe kenne. Lilly Fligge, ja, diese erhitzte Quecksilberkugel. Da möchte Pundt, er möchte tatsächlich wissen, was die beiden verbunden habe — wörtlich: Welch eine Art von Verbindung bestand zwischen ihnen? Doch für solch eine Frage kann Schüler Eekelkamp kein Verständnis haben, er übergeht sie einfach und bietet statt einer gerichteten Antwort eine Auskunft an, die noch gar nicht verlangt wurde: wenn man vor dem »Vierten August« stehe, mit dem Rücken zum Eingang natürlich, dann nach links blicke, entdecke man schräg gegenüber ein Feinkostgeschäft mit monumentalen Auslagen, und vier Stockwerke über diesen Auslagen zwei riesige Fenster; falls dahinter Licht brenne, sei Lilly zu Hause und damit auch zu sprechen; das habe er von Harald erfahren.

Der alte Pädagoge nimmt diese Auskunft nickend zur Kenntnis, er fragt nicht nach, und er gibt auch nicht zu erkennen, ob und wem er sich entschlossen habe. Jedenfalls — Eckelkamp schlägt einen Haken und springt wie selbstverständlich im Gespräch zurück — jedenfalls möchte er heute sagen, daß bei der erkannten Vorläufigkeit aller Erfahrung konsequentes Verhalten unangebrachtes Verhalten sei. Wenn wir erfahren, daß unsere Einsichten nur vorübergehend gelten, müssen wir doch wohl auch unser Verhalten ändern — von Zeit zu Zeit. Ob er, Pundt, ihm nicht darin zustimmen möchte? Pundt stimmt zwar nicht zu, findet aber, daß diese Ansicht »etwas für sich habe«, man sollte wohl noch einmal darüber sprechen, vielleicht bei besserer Gelegenheit; was er jetzt tun möchte, das sei: zahlen. Da protestiert Eckelkamp, der ehemalige Schüler besteht darauf, seinen ehemaligen Lehrer einzuladen, und während sein rechter Zeigefinger kreisförmige, besitzanzeigende Bewegungen über das Tischtuch macht, gibt er mit der linken Hand dem Wirt ein Zeichen: das alles übernehme ich, Berti.

Langer, etwas zu bedeutungsvoller Händedruck, ein Abschied, den jeder hier verfolgt — vielleicht sehn wir uns sogar im »Vierten August« wieder, warum nicht? —, dann geht Pundt, den niederziehenden Mantel zuknöpfend, an den Tischen vorbei zum Ausgang, gespickt von den Blicken der jungen Gäste, von Getuschel begleitet, und bevor er den Arm durch die Portiere schiebt, sieht er noch einmal zurück zu Schüler Eckelkamp, verschlossen, unbewegt.

Valentin Pundt zieht sich am eisernen Geländer die Zementstufen hinauf, linst durch den Schneeregen über die Straße, dort ist das Feinkostgeschäft und vier Stockwerke darüber die beiden erleuchteten Fenster. In den Auslagen des Feinkostgeschäfts entdeckt Pundt Herrn Meister wieder: auf einem Plakat, vor ceylonesischer Landschaft, gut gelaunt, doch seiner Verantwortung bewußt, schmeckt er den besten Tee für uns alle vor. Über der Zeile der Geschäfte erheben sich die schmutzigen Fassaden alter, sehr geräumiger Wohnhäuser, die Wände neben den unscheinbaren Eingängen sind bepflastert mit weißen Emailleschildern, auf denen sich, nach und ohne Vereinbarung, besonders drei Berufsgruppen empfehlen, ohne die man, so scheint es, in dieser Stadt nicht auskommen kann: Rechtsanwälte, Zahnärzte, Steuerhelfer.

Warum ist die Haustür nicht verschlossen? Pundt steht im Flur und macht sich mit der in älterer Plakatschrift gedruckten Hausordnung bekannt, die verlangt, daß die Tür im Winter ab acht, im Sommer ab neun Uhr verschlossen wird. In einer Etage über ihm verschleift sich ein Schritt, wird langsam unhörbar. Schlüsselgeräusch und Türschnappen bleiben aus. Pundt geht den Flur hinab, der mit zweifarbigen Fliesen ausgelegt ist, unter sehr hohen, an den Rändern schon erblindeten Spiegeln, die sich seit sechzig Jahren gegenseitig kontrollieren, vorbei an einem Fahrstuhl, den man nicht mal mehr auf eigene Gefahr benutzen darf. Er liest die Namensschilder auf den ausnahmslos braungelb gestrichenen — Braungelb gilt hier als »Sparfarbe« —, Wohnungstüren dieses hamburgischen Mietshauses, und obwohl er es nicht möchte, muß er glauben, daß hinter jeder Tür etwa neun Parteien zu Hause sind, außerdem Konsulate, Verlagsfilialen und sogar das Sekretariat einer Akademie.

Hier wohnt Lilly Fligge; auf einer Visitenkarte wird gebeten, viermal zu klingeln. Pundt betätigt die Klingel wie einer, der Morsen gelernt hat, lässig und dennoch akkurat gibt er viermal kurz, tritt von der Tür zurück und beobachtet den Spion, der sich sogleich verschatten muß; doch der Spion bleibt leer, und im Gefühl, vielleicht nicht gehört werden zu sein, klingelt Pundt abermals. Da kommt jemand, jetzt kommt jemand: harter Schritt, schnelle, zielbewußte Annäherung, eine im Gehen gesummte Melodie, und nun wird die Tür mehr aufgerissen als aufgezogen, und auf der Schwelle steht ein roter Hosenanzug. Ja, bitte? — Pundt, Valentin Pundt, aus Lüneburg. Der Name scheint nicht spontan auszureichen, gibt den Weg noch nicht frei auf den weitläufigen Korridor, deshalb fügt Pundt hinzu: Ich bin Haralds Vater. Das regsame Gesicht unter dem kurzgelockten Haar hebt sich ihm entgegen, und mit einem Ausdruck von Überraschung und Ungläubigkeit: Haralds Vater? — Ja, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?

Sicher, aber sicher, auch wenn es kein günstiger Augenblick ist, was ich gleich sagen möchte — kommen Sie —, kein passender Zeitpunkt, denn ich bin mächtig am Wühlen und Ausmisten — hier müssen wir weiter —, am Packen, um genauer zu sein, denn morgen geht’s los, nach Aberdeen, für ein ganzes Semester — Vorsicht, hier sind zwei Stufen —, als Austausch-Studentin nach Aberdeen, ja, was natürlich kein Grund ist, mein Zimmer aufzugeben, das kann gut und gern ein Kommilitone übernehmen für die Zeit, denn daß ich in Aberdeen nicht hängenbleibe, das ist nun vollkommen sicher — so, jetzt nach links —, trotzdem fragt man sich, ob nicht auch ein Austausch-Semester Grund genug ist, sein Testament zu machen, schließlich besuchen einen beim großen Packen ganz ungewohnte Gefühle, die Ihnen wohl auch nicht ganz unbekannt sind — hier sind wir, treten Sie ein —, jedenfalls soll dies mein längster Aufenthalt im Ausland werden.

Eine Mitrailleuse, denkt Pundt, diese Rede hört sich an wie eine Mitrailleuse‘ und am Ende wird es nichts geben, was wiederholt werden könnte. Hoffentlich stört Sie nicht diese Verwüstung — nehmen Sie doch Platz —, und wenn Sie erlauben, möchte ich weiterpacken; den Plattenspieler können Sie abstellen.

Da sitzt Rektor Pundt in einem unerträglich hellen Zimmer, in dem alle Möbel so flach sind, daß man sich fragen muß, warum man nicht überhaupt auf sie verzichtet hat: auf diesen Tisch beispielsweise, der in seinen Augen etwa die Höhe einer Streichholzschachtel erreicht, auf diese Sessel—, die einen knapp über dem Boden und noch dazu in gekrümmter Lage abfangen, oder auf diese Bettcouch, die einem normal gewachsenen Menschen wohl nicht erlaubt, sich im Sitzen auszuziehen. Alles niedrig, flach und geduckt, alles verkürzt und dem Fußboden zugewachsen, gerade so, als rechnete man mit einem Sturm, der keinen Widerstand finden, der ins Leere laufen soll. Valentin Pundt möchte und könnte wohl auch nicht entscheiden, wie seine jetzige Haltung genannt zu werden verdient; vielleicht lagert er, jedenfalls hält er einen der Sessel besetzt und kommt sich darauf vor wie auf einem Floß, dahintreibend durch eine auslaufende Flut, die um ihn herum die mitgeschwemmte Beute verweist: Schuhe, Schnellhefter, Kleiderbügel, Dosen und Zierflaschen, sogar ein Sparschwein ist zu erkennen, und natürlich Bücher, Koffer, Unterwäsche, sperrmäulige Reisetaschen. Lilly Fligge im roten Hausanzug watet durch das Treibende, birgt es, sortiert, schichtet und verstaut es, auch einige gerahmte Fotografien, obenauf Mike Mitchner.

Sie scheint vergessen zu haben, wer in ihrem Zimmer sitzt und ihr beim Packen schweigend zusieht, vielleicht aber fürchtet sie sich auch davor, befragt und erinnert zu werden, und gibt deshalb nicht die Rede ab, denkt Pundt; doch plötzlich, weit vom Fenster her und leiser als sonst, wendet sie sich an ihn. Sie sagt: Ich weiß nicht, warum Sie gekommen sind, ob Sie mir etwas erzählen oder etwas von mir erfahren wollen, doch Sie sollen gleich wissen, daß Harald und ich uns getrennt hatten — einige Wochen, bevor es geschah.

Pundt sieht ihr abwartend entgegen, sie hat einen Pullover in den Händen, dessen Reißverschluß aufgesprungen ist und den sie zu reparieren versucht unter der Stehlampe am Fenster, jetzt kommt sie zurück, begleitet von einem schlappenden Laut, den die weiten Aufschläge — Zimmermannsaufschläge — ihrer Hosen hervorrufen. Sie legt sich den Pullover an, wirft die leeren Ärmel über die Schulter, eine kurze, skeptische Umarmung vor dem Spiegel, dann wird der Pullover in der Luft gefaltet und verschwindet in einer Reisetasche. Einen Kursus, denkt Pundt, sie sollte einen Kursus im Packen nehmen, vielleicht in der Volkshochschule.

Wir hatten uns getrennt, ja, in gutem Einvernehmen, sagen wir: freundschaftlich; denn wir hatten beide eingesehen, daß es nicht weitergehen konnte, nicht so. Das kann nicht der Grund gewesen sein, sagt Pundt, und sie darauf: Nein, das war nicht der Grund; es gibt immer mehrere Gründe, zumindest zwei; auch für Harald wird es mehrere Gründe gegeben haben. Sie öffnet eine Schublade, bindet sich probeweise Kopftücher um, leuchtende,: bedruckte Tücher, die sie unschlüssig dem Spiegel entgegenhält; schließlich rafft sie alle zusammen und stopft sie achselzuckend in den Koffer: bei dem ständigen Wind, den man in Aberdeen voraussetzen darf, kann man nicht genug Kopftücher haben.

Sie haben ihn besser gekannt als jeder andere, sagt Pundt — welche Gründe waren es? Was ich von ihm kannte, war nicht viel, zumindest war es nicht das Entscheidende, sagt Lilly Fligge, und abgewandt, während ihre Arme in den offenen Einbauschrank tauchen: Wenn Sie mich fragen — und wenn ich das Kind einmal beim Namen nennen darf: sehr früh, in seiner Jugend schon, hat man ihm etwas beigebracht, was sich immer bedenklicher bei ihm auswuchs, eine Manie, eine Besessenheit, ja, das war es, und vielleicht könnten Sie mir sagen, woran es lag, daß er immer auf der Jagd nach Gründen war, nach Belegen. Alles mußte belegt und begründet werden, jede Abwesenheit, jeder Gedanke und jeder Wunsch, und wenn er etwas tat, dann mußte es im voraus gerechtfertigt erscheinen. Nur merkwürdig: er, der für alles Gründe brauchte, ließ uns im unklaren darüber, welche Gründe es denn nun waren, die ihn zu diesem Schritt zwangen.

Sie zieht einen Packen wollener Strümpfe heraus, gelbe, blaue, rote Kniestrümpfe, die sie einzeln, aus halber Höhe, in die offene Reisetasche fallen läßt. Vielleicht wissen Sie, sagt Pundt, worunter er am meisten litt? — Harald? Ich weiß nicht. Manchmal, wenn er keine Zigaretten mehr hatte, kam er zu Fuß aus der Alten Rabenstraße hierher und klingelte, abends um elf, ja, und dann saß er auf dem Boden — er saß am liebsten auf dem Boden — und suchte nach Gründen für ein bestimmtes Verhalten, für gewisse Anstrengungen, auch nach Gründen für diese oder jene Politik; nie sagte er, worunter er litt — ausgenommen vielleicht, aber das zählte bei ihm wohl nicht: das Examen. — Und wenn er es verbarg? — Er muß es verborgen haben, offensichtlich, denn sonst wäre es nicht geschehen; und wenn Sie schon so fragen: da wir nun einmal keine Gründe kennen, sind wir auf Vermutungen angewiesen, und ich, ich persönlich vermute, daß das, was Harald so gut verbergen konnte, Angst war.

Sie schlägt den Deckel des großen Koffers zu, die Schlösser schnappen nicht ein, weil eine riesige Keksdose, die sofort ihr Profil ins Leder drückt, sich nicht zusammenpressen läßt, auch nicht durch das Gewicht eines Körpers, also wird die Keksdose in der hölzernen Bücherkiste reisen, warum auch nicht.

Angst, fragt Pundt, Harald Angst?

Er saß hier, ich hatte zu arbeiten, es ist lange her. Er hatte etwas in der Zeitung gelesen, was ihn beschäftigte: ein Junge hatte sich einen Klappstuhl auf den Times Square gestellt, in New York; dort saß er einen ganzen Tag, neben sich einen Kanister. Am Abend schrieb er etwas auf einen Zettel, reichte ihn dem nächsten Passanten, übergoß sich mit Benzin und riß ein Streichholz an. Auf dem Zettel stand: …und es lohnt sich auch nicht. Es war ein Student, der vor seinem Examen stand.

Ich hatte zu arbeiten, aber ich weiß noch: Harald beklopfte immer wieder den unvollständigen Satz, erfand ihm einen Sinn, suchte nach Begründungen, ja, und dann entschied er, daß es Angst und Überdruß gewesen sein müssen, und zwar nicht nur vor dem Examen, sondern vor allem, was den Jungen danach erwartete: …und es lohnt sich auch nicht, ja, das stand auf dem Zettel. Ich vermute, Harald hatte eine ähnliche Angst; wenn Sie mich fragen — er fühlte sich einfach nicht den Forderungen gewachsen, die auf ihn zukamen, er mit seinem Komplex, alles belegen und rechtfertigen zu müssen. Eine Erklärung muß man ja finden, wenn etwas geschieht; dies ist meine Erklärung.

Sie kniet sich vor dem mehrfarbigen Spalier der Schuhe hin, mustert sie ratlos, schnappt sich dann einige Plastiktüten und stopft die Schuhe hinein, jede Tüte rabiat verschnürend. Wohin damit? Also auch in die Bücherkiste. Sie glauben also nicht, sagt Pundt, daß es ein Protest sein sollte? Lilly Fligge schüttelt den Kopf: Es war kein gerichteter Protest; natürlich ist die Absage unübersehbar, natürlich ist sein Nein deutlich genug — darüber wundere ich mich noch heute: daß er das letzte, was er tat, nicht wie sonst belegt hat, sondern im Ungewissen ließ.

Aufseufzend überblickt sie das Gepäck, all die Dinge, die darauf warten, noch verpackt zu werden: Wirklich, Herr Pundt, Packen ist für mich die erlesenste Strafarbeit. Sie geht zur Notküche hinüber, dort, wo der Ausguß ist, und im Gehen entschuldigt sie sich dafür, daß sie nichts anbieten könne — mir ist alles termingerecht ausgegangen —, doch Valentin Pundt winkt ab, schon gut, nur keine Sorge deswegen, und gleichgültig verfolgt er, wie sie ihre Handgelenke unter den Wasserstrahl hält, stoßweise atmend. Das hab ich von Harald gelernt. — Was? — Diese Art der Erfrischung.

Stürzt Pundt? Hat er eine Kolik? Wird er von plötzlichem Schmerz gekrümmt? Er versucht nur aufzustehen von dem sehr flachen Sessel, rutscht weg, fängt sich wieder, verharrt einen Augenblick in kauernder Haltung und richtet sich erfolgreich auf. Wenn Sie Lust haben, sagt Lilly Fligge, könnten wir hinübergehn, ins »Vierter August«, auf einen Sprung nur, doch Pundt, dem die Verlegenheit nicht entgeht, aus der dieser Vorschlag stammt, lehnt dankend ab und verweist auf die dringende Aufgabe, die auf dem Fußboden gelöst werden muß. Ihm bleibe nicht viel zu sagen: er habe zu danken; er sei weitergekommen; er wünsche eine gute Reise.

8

Janpeter Heller ist gegen Blumen, und wenn nicht gegen Blumen, so doch gegen die — wie er sagt — »ererbte deutsche Unsitte«, jedem Gastgeber mit einem Strauß ins Gesicht zu springen, das sei doch wohl eine der lästigsten und blödsinnigsten Konventionen, denn wenn man jemanden einlade, und sei es zum Frühstück, dann wird man ja wohl nicht das Schlimmste von ihm erwarten, und deshalb sollte man es dem Gast erlassen, mit einem nicht mal preiswerten Symbol der Friedfertigkeit herumzuwedeln.

Pundt indes besteht auf Blumen; er unterwerfe sich gern einem Zwang, wenn dadurch Freude entstehe, er sei nur unschlüssig, welche Blumen zu Rita Süßfeldt paßten, langstielige Nelken vielleicht? Die Nelke, sagt Heller, ist die erklärte Lieblingsblume deutscher Bauarbeiter, Baumeister und Bauunternehmer; wer diese Berufsgruppe zu sich ins Haus lädt, muß mit Nelken rechnen. Also was dann? Mich dürfen Sie nicht fragen, sagt Heller, ich bin grundsätzlich nur für Stangenspargel. Jetzt zeigt Pundt mit Entschiedenheit auf die gelben Blütenbälle einer Chrysantheme, die scheinen Rita Süßfeldt zu entsprechen, jedenfalls kommen sie ihm passend vor: also diese Chrysanthemen hier, aber ohne viel Beiwerk. Der Verkäufer zögert nicht, Pundt zu seiner Wahl zu beglückwünschen. Sie stehen am Eppendorfer Baum, um neun soll das »epische Frühstück« beginnen: müssen wir nun nach links oder nach rechts? Valentin Pundt, der die Blumen trägt, der die Blumen in beider Namen überreichen wird, kennt den Weg; und es ist notwendig, daß sie ihn zurücklegen, auf Tuchfühlung, an nassen Häuserfronten entlang, unter mittleren Fallwinden, die nach Papier stöbern, nach lose gebundenen Schals. An der Post vorbei, wo eine Schwadron verdrossener Briefträger ihre gelben bepackten Fahrräder aus einer Einfahrt herausführt, an der Apotheke vorbei und an der Deutschen Bank, die bei jedem Wetter helfend mit Kleinkrediten einspringt — Heller und Pundt, die der Wind und der Schneeregen bearbeitet, müssen mit nassen Gesichtern und flatternden Mänteln in die Rothenbaumchaussee einbiegen, und wer jetzt im Auto an ihnen vorbeiführe, müßte den Eindruck haben, daß der alte Pädagoge gleichgültiger, ja geringschätziger auf das Wetter reagiert als der junge.

Barhäuptig, aufrecht vor allem — nicht so weggeschrumpft in seinen Mantel wie Heller — spricht er in den Wind, der seine Worte entführt und verstümmelt. Er fragt etwas, er möchte wissen, ob Heller schon einmal bei Rita Süßfeldt…? — Nein, nein. — Ob er dann vielleicht ihre Schwester kenne, oder ihren Vetter? — Auch nicht, nein. — Aber Doktor Merkel, von ihm müsse er gehört oder gelesen haben; er wird wohl anwesend sein. — Nichts gehört, nichts gelesen. — Und es wurde doch so viel über ihn — im Radio, ja, und in der Presse, und welche Illustrierte man auch aufschlug damals. Archäologe, dessen wichtigstes Buch: … und die Arche schwamm doch — der historische Bootsbau vor der Sintflut. Heller dämmert es: Gab’s da nicht einen Film? — Es sollte einen geben, ja, und Doktor Merkel war verpflichtet als wissenschaftlicher Berater. Die Arche wurde nach seinen Angaben… Er bestimmte, welche Tiere… Hinunter bis zur gemeinen Feldmaus… Alle Vorbereitungen hat er selbst, ja, und als gedreht werden sollte, dieses Angebot. Angebot? Die Gesellschaft erhielt ein anonymes Angebot. jemand wollte den Schutz der Tiere übernehmen, die an Bord waren — Sie verstehen: bezahlter Schutz. Man konnte sich nicht … auch nicht nach einem zweiten Angebot. Und da ist es dann … Was? — Auf seiner Wache. Sie hatten Wachen eingeteilt. Kein drittes Angebot. Auf seiner Wache der Brand. Die Arche mit den Tieren. Er wurde schwer verletzt. Die Arche verbrannte mit allen Tieren, und seither… — Was ist seither? — Sie werden ihn gleich kennenlernen: Doktor Merkel. — Es hat also keinen Film…? — Nein. Aber mir ist, als hätte ich ihn irgendwo… — Wir müssen jetzt nach rechts, sagt Pundt und reibt sich die tränenden Augen. Dort drüben wohnt Frau Süßfeldt.

Sie gehen schräg über die Straße, kopfschüttelnd erwartet von einem breiten Mann mit Doggengesicht, der sie barsch anspricht, der von ihnen sofort wissen möchte, warum und für wen wohl Fußgängerstreifen angelegt werden, und der auch gleich die Frage zufriedenstellend beantwortet haben möchte, was aus ihnen vermutlich geworden wäre, wenn ein Eiltransporter nicht mehr rechtzeitig hätte bremsen können.

Was sagt man da? Heller, über die Zurechtweisung verärgert, über die Frage belustigt, weist den Mann auf den akuten Personalmangel bei der Polizei hin und empfiehlt ihm, sich im nächsten Revier zu bewerben. Und nach dem Passieren einer kniehohen Pforte, in dem etwa briefmarkengroßen Vorgarten, sagte Heller zu Pundt: Hilfspolizisten; nirgendwo gibt’s so viele freiwillige Hilfspolizisten wie bei uns. Pundt scheint das nicht gehört zu haben, er hat schon die Klingel im Auge, zupft schon mit spitzen Fingern das Papier von den Blumen — was für schöne Astern, wird Rita Süßfeldt gleich sagen. Dennoch wartet er, bis Heller neben ihm auf dem Treppenabsatz steht; jetzt drückt er den Knopf.

Da kommt Rita Süßfeldt, mit vorgehaltenen Händen kommt sie, mit frischgewaschenem, noch nicht ganz getrocknetem Haar, in moosgrünem Kleid, lächelnd öffnet sie die Tür und sagt: Willkommen, ihr Mörder, nun habt ihr auch meine Geschichte umgebracht. Sie hatte einen leichten Tod, sagt Heller. Und dies haben wir Ihnen zum Trost mitgebracht, sagt Pundt, hoffentlich sind es Ihre Blumen. Was für schöne Astern, sagt Doktor Süßfeldt und zeigt auf die Garderobe: hier können Sie sich aufhängen.

So, und jetzt ziehen sie hintereinander ins Eßzimmer ein, Rita Süßfeldt voran — der Reißverschluß auf dem Rücken ist nur zur Hälfte hochgezogen, vielleicht haben ihn die Haken des schnürenden Büstenhalters gebremst —, und automatisch erheben sich von einem unsterblichen Sofa Mareth und Heino Merkel und gehen den Gästen mit warmer, ausgestreckter Hand entgegen. Sie lösen sich so sachte aus dem Hintergrund, daß es den Anschein hat, als stiegen sie selbst aus einem der vierundachtzig Rahmen, aus denen magere, hasenköpfige Vorfahren den Besucher auf Zahlungsfähigkeit testen, oder als entließen sie sich selbst aus dem halbhohen Spalier der Büsten, die in einer Art augenloser Würde auf die nächste Eiszeit warten.

Darf ich mal eben bekannt machen. Von Ihnen hab’ ich schon viel … Angenehm … Es freut mich, daß ich Sie nun auch persönlich… Angenehm. Nicht überkreuz. Ganz meinerseits. Und nun darf ich zu Tisch bitten.

Janpeter Heller, der nicht nur diese, der jede Begrüßung süßsauer über sich ergehen läßt, blickt auf den gedeckten Frühstückstisch und hat eine Vision: auf diese erstaunlich winzigen Näpfchen und Schüsselchen, die gefüllt sind mit Haferflocken, gequollenen Weizenkörnern, mit Corn-flakes und Mais, werden sich im nächsten Augenblick Banden einheimischer Vögel stürzen, die sich schon im Garten versammelt haben und nur noch auf Rita Süßfeldts Signal warten. Diese armseligen Roggenkekse, dieses fahle Toastbrot, diese kaum erkennbaren Schinkenwürfel und die Fingerhüte mit Marmelade müssen als Vogelfrühstück Spatzen und Finken zugedacht sein, die gleich hereinfliegen werden, um sich zänkisch, mit gelüfteten Flügeln, über das Futter hermmachen. Ja, dies kann nicht nur, dies muß ein Vogelfrühstück sein.

Nun langen Sie man tüchtig zu, auch Sie, Herr Heller; Mareth sagt das, Rita Süßfeldts schwarzgekleidete Schwester, und um ein Beispiel zu geben, schaufelt sie etwa drei Weizen- und vier Maiskörner auf ihren Teller, atmet schon angestrengt, mustert mit schrägäugiger Skepsis die Menge, gerade so, als ob sie sich doch zuviel vorgenommen habe, dann auf einmal beginnt sie fröhlich loszukauen. Rita Süßfeldt tut es ihr nach, Heino Merkel tut es ihr nach, und was macht Valentin Pundt?

Der alte Pädagoge, dem das bereits genossene »Lüneburger Kikeriki«, einen brennenden Ball in den Magen senkte, leert mit einer einzigen bohrenden Bewegung das Butterfäßchen, leert mit einer Drehung seines Teelöffels auch den Marmeladenbehälter, streicht und kleckst beides, Butter und Marmelade, auf zwei Scheiben Knäckebrot, klebt jeder geschmierten eine ungeschmierte Scheibe obenauf, läßt es aber immer noch nicht genug sein, sondern legt die Doppeldecker zu einer vierstöckigen Stulle zusammen und schlägt, während die Schwestern einen fassungslosen Blick wechseln, friedlich seine Zähne hinein. Schon wird deutlich, daß Pundt, der diese Mahlzeit ganz für sich das »Frühstück des Offenbarungseids« nennt, entschlossen ist, seinem Körper nicht vorzuenthalten, was dieser am Morgen gewohnt ist; darum wird Heino Merkel vorsichtshalber nach neuem Brot geschickt, außerdem soll er Tomaten und Käse mitbringen.

Tee, wer möchte Tee mit Kandis? Heller natürlich, und er hält Rita Süßfeldt die Tasse hin und hört sie fragen, ob denn nun mit ihrem Vorschlag das ganze Projekt gestorben sei; es gebe doch nur zwei Möglichkeiten: entweder bitte man, aus dem Auftrag entlassen zu werden, oder man setze die Arbeit fort in der Hoffnung, doch noch das Modell eines Vorbilds auszugraben, das von allen akzeptiert werden kann. Sie sehe ein, daß bei einem repräsentativen Lesebuch für Deutschland gerade das Kapitel Lebensbilder — Vorbilder einer peinlichen Musterung ausgesetzt werden muß; die drei vorgelegten Entwürfe hielten dieser Musterung nicht stand; folglich könne man sich doch nur verabschieden — oder weitermachen. Sie bitte jetzt um ein deutliches Wort, auf die Anwesenheit ihrer Schwester und ihres Vetters solle man keine Rücksicht nehinen, die seien eingeweiht und Auseinandersetzungen gewohnt. Also, was solle geschehen?

Da sitzen sie in dem erleuchteten, vollgestopften Eßzimmer, von Büsten und Porträts bedrängt, nicht einmal erstaunt über die Entschiedenheit der Frage, die ja nun fällig war, aber doch in schweigsamer Ungewißheit; nur das sanfte Krachen des Knäckebrots ist zu hören, ein Schrapen und Mahlen und spitzzuüngiges Zischen. Davon ist Pundt überzeugt: Wenn wir den Auftrag zurückgeben, werden sich andere finden, die ihn annehmen, und sie werden vermutlich keine Schwierigkeiten haben, die erwünschten Vorbilder zutechtzukneten und ins Lesebuch einzubacken. Vielleicht sollte man schon deshalb weitermachen, um das zu verhindern; wenn er jetzt mal eine Tomate haben dürfte.

Heller hält den Kandis in rotierender Bewegung, er blickt auf seine Tasse hinab, auf die Spitze des Teelöffels, die die klirrenden Kandisstückchen im Kreis treibt, und ruhig, achselzuckend bekennt er, daß er dies vorausgesehen habe, diesen Augenblick, wo nichts mehr bleiben würde als die Frage: nach Hause fahren oder unter neuen Vorzeichen weitermachen. Das liege am Thema, an der unmöglichen Aufgabe, an dem autoritätsfixierten Verlangen, jungen Menschen einen pädagogischen Koloß vor die Nase zu setzen. Man habe es ja gesehen: alle Vorschläge seien geprüft und verworfen werden, und so werde es weitergehen, zwischen Prüfen und Verwerfen, man werde Beispiele nur auftischen, um sie abzuräumen, ja, es liege am Thema Vorbilder, daß sie nicht zu Pott gekommen seien, an der schrecklichen Mißverständlichkeit dieser Erscheinung, und falls sich jemand darüber wundern sollte, daß sie im ersten Anlauf gescheitert seien — er, Heller, wundere sich nicht darüber. Und wenn es nach ihm ginge, so sollte man es bei der erfolglosen Suche belassen, man sollte den Auftrag zurückgeben, mit der Bemerkung vielleicht, daß alle untersuchten Vorbilder sich bei genauem Abklopfen als breitärschige Pappkameraden der Erziehung erwiesen hätten, anders ausgedrückt, natürlich; den Vorschuß brauchte man nicht zurückzuzahlen, zwei Kapitel »stünden« ja. Im übrigen sollte man nach Hause fahren, mit der Genugtuung, unzähligen Schülern das Fürchten erspart zu haben. Janpeter Heller blickt auf, sucht nicht sein Gegenüber, will nicht erfahren, ob und wie grundsätzlich man mit ihm einig ist, er wendet das Gesicht und sieht in den schmutzigen Garten hinaus, wo die struppigen Hecken es längst aufgegeben haben, dem Wind Widerstand zu leisten.

Will Pundt etwas sagen? Er möchte, verzichtet aber darauf, weil er gerade einer Tomate mit dem Sägemesser zusetzt, sie energisch in Scheiben schneidet und die Scheiben nicht etwa für sich ißt, sondern zum Erstaunen der Schwester mit Maiskörnern bedeckt, auf bescheidene Roggenkekse packt und sie sich dann, man muß schon sagen, mit artistischem Schwung in den Hals wirft, worauf jedesmal seine Augäpfel vorquellen. Rita Süßfeldt, eine nicht nur hastige, sondern auch gedankenlose Esserin, hat längst ihre Haferflocken gelöffelt, sitzt jetzt mit kalter Zigarette da, rauchbereit, und die Zigarette pressend und auf der Tischplatte festklopfend, möchte sie von Heller mal wissen, ob der Fehlschlag nicht darauf zurückzuführen sei, daß man sich nicht ausreichend über die Eigenschaften verständigt habe, die ein zeitgemäßes Vorbild besitzen sollte. Was das sein könnte? Sie denke zum Beispiel an vorläufige und beschränkte Gültigkeit eines Vorbilds und daran, daß es sich widerlegen lassen muß durch wechselnde Lagen; sagen wir so: die jeweilige Konstellation entscheidet darüber, welch ein Verhalten vorbildhaft genannt werden kann; andere Konstellationen beanspruchen andere Erscheinungen. Wenn man nun davon ausginge, von dieser erklärten Befristung, von dieser Geltung auf Widerruf: lasse sich dann nicht vielleicht ein Beispiel finden, das alle zufriedenstellt? Der Gewinn wäre Bescheidenheit in der Empfehlung.

Dies will Janpeter Heller nicht bezweifeln, und wenn überhaupt, dann möchte er ein Vorbild aufgerichtet sehen, das bescheiden und problematisch zugleich ist — ein Feigling könne es ebensogut abgeben wie ein Marodeur oder ein gesellschaftlichet Störenfried —, aber je mehr er in diese Aufgabe eintauche, desto schonungsloser müsse er sich sagen, daß jedes offerierte Vorbild, pädagogisch gesehen, auf eine Beleidigung des jungen Menschen hinauslaufe: da ihr zu dumm seid, um euren eigenen Kurs abmstecken, habt ihr allemal ragende Leuchttürme nötig, also haltet Ausschau nach Leonidas, Schweitzer, Kennedy, und laßt euch durch sie beraten. Aber liege die Aufgabe eines Erziehers nicht auch in der Vorbereitung auf unvermeidlichen Schiffbruch, auf Irrtum, Enttäuschung, eigenes Risiko? Sei man gut beraten, wenn man versucht, dem jungen Menschen nötige Erfahrungen vorzuenthalten, selbst gemachte Erfahrungen, die ihm erst ein Augenmaß für die Wirklichkeit verschaffen? Anstatt ihm ein sichtversperrendes Vorbild auf den Weg zu stellen: sollte man nicht eher darum bemüht sein, die eigenen kritischen Fähigkeiten zu schärfen? Er, Heller, könne sich nicht helfen, aber radikal gesagt, erschienen ihm Vorbilder wie Zwangsangebote für Unmündige, Dumme, notorisch Ratlose.

Pundt sucht ein Ei, findet aber nur Radieschen, die er eine Weile unschlüssig anstarrt, gerade so, als ob man noch etwas anderes mit ihnen anfangen könnte, als sie aufzuessen; plötzlich beginnt er, sie in kleine Würfel zu hacken, vermischt sie ausschweifend mit dem Schinken und mutet den soeben entdeckten Brotbelag einer Toastscheibe zu. Das sollten Sie einmal probieren, lieber Kollege Heller, da haben Sie saftige Frische und ehrwürdigen Rauchgeschmack in bisher unbekannter Verbindung; übrigens teile ich überhaupt nicht Ihre Meinung. Und breit und aufmerksam mahnend möchte Rektor Pundt hier einmal einwerfen, daß es offenbar immer noch kein übereinstimmendes Verständnis dafür gibt, was ein Vorbild zu sein habe. Da sei gesagt worden, daß es dazu dienen solle, die eigenen kritischen Fähigkeiten zu ersetzen — ein handfestes Brevier für alle Lebenslagen, in dem Antworten auf alle folgenreichen Fragen zu finden sind.

Ihm stelle sich das nun ganz anders dar. Ein Vorbild, wie es ihm vorschwebe, sei doch geradezu ein Anlaß, die kritischen Fähigkeiten zu entwickeln, mit seiner Hilfe werden Situationen ausprobiert; es führt vor, was möglich ist von Fall zu Fall, es veranschaulicht, wozu eine Bedingungslosigkeit führt, mit der man ihm folgt. Das Stichwort, wir können durchaus sagen, das pädagogisch sinnträchtige Stichwort heißt: Selbstversetzung. Wir versetzen uns rigoros in den anderen und erfahren uns selbst. Auf dem Weg der Selbstversetzung erkennen wir das Verbindende, aber auch das Trennende, wir stimmen zu und grenzen uns ab, wir besichtigen, was uns erlebbar erscheint, und lernen verstehen. Nicht auf Wiederholbarkeit kommt es an, sondern darauf, den Unterschied zu ermessen, und das hat, wenn ich nicht irre, durchaus mit Kritik zu tun; wenn ich jetzt noch um etwas Tee bitten dürfte.

Das ist im Sinne von Rita Süßfeldt gesprochen, sie entdeckt eine »frappierende Nähe« zu ihren Ansichten, und im sympathischen Schwindelgefühl der ersten Zigarette möchte sie feststellen, daß sich doch hier eine Gemeinsamkeit zeigt, mit der sich etwas anfangen lasse. Sie habe den Verdacht, daß die Unstimmigkeit oder sogar Lustlosigkeit nur deshalb auftreten konnte, weil man die falschen Beispiele bemüht habe; der Schiffsarzt, der sich seiner Aufgabe entzieht, der widerwillig helfende Wächter und, na ja, die gegen ihre Gefühle handelnde Mutter — Beispiele, die nur in bester Absicht ausgesucht wurden, und das sei zuwenig. Man hätte anders vorgehen sollen. Wie? Nun, man hätte sich zunächst die tauglichen Eigenschaften eines Vorbilds benennen sollen, um dann nach entsprechenden Beispielen zu suchen; doch jetzt möchte sie etwas vorschlagen. Noch längst nicht zu Aufgabe und Abschied bereit, möchte Rita Süßfeldt vorschlagen, daß jeder sein Ersatzbeispiel erzählt, wobei sie einfach voraussetze, daß jeder eins gehabt habe bei der Vorarbeit, also das zweite, das Notbeispiel, das nicht zur Sprache gekommen ist, weil man ihm nicht zutraute, die Prüfung zu bestehen. Welch einen Zweck das habe? zumindest könne man vergleichen, und sie, Rita Süßfeldt, sei schon immer eine Liebhaberin des Vergleichens gewesen: meinetwegen sollten wir es uns auch erzählen, als Abschiedsgeschenk. Und dies ist, kurz gesagt, mein Ersatzbeispiel:

Da liegt ein Schiff in den Mahlsänden vor der norddeutschen Küste, aufgegeben von der Besatzung, aufgegeben von den Bergungsschleppern, den Winterstürmen überlassen. Fotografien, die in mehrwöchigen Abständen aufgenommen werden, beweisen die gründliche Arbeit der See und der Stürme: die Aufbauten sind zerschlagen, das Wrack sackt tiefer und tiefer, der Krängungswinkel nimmt zu; das Schiff scheint verloren zu sein. Nach anderthalb Jahren kauft der Chef einer kleinen, privaten Bergungsfirma das Wrack gegen alle Ratschläge und Warnungen. Er rüstet eine Bergungsflotte aus, und im Frühjahr beginnt er mit der Arbeit und läßt eine Rinne in die Sünde baggern. Ruhige See, mäßige Winde — das Wetter ist günstig, doch bei dem ersten Abschleppversuch kentert ein Schlepper, die Arbeit muß unterbrochen werden. Ende des Sommers fahren sie wieder hinaus, baggern, richten das Wrack auf, es bewegt sich beim Abschleppversuch, es löst sich zumindest vom Grund. Die Bergungsfirrna hat keinen Gewinn gemacht bis zum Herbst, in dem die Arbeit unterbrochen werden muß, denn in der Zeit der Stürme kann die Flotte nicht draußen sein. Sie warten bis zum Frühjahr, der Chef leiht sich Geld, wieder muß zuerst die Rinne vertieft werden, in einem plötzlichen Sturm werden einige Männer über Bord gewaschen, das Bergungsunternehmen muß wieder unterbrochen werden. Alle raten dem Chef zur Aufgabe, am dringlichsten seine Frau, doch er wagt noch zwei weitere Versuche, und vor den Herbststürmen gelingt es, das Wrack von den Sänden zu schleppen. Es schwimmt auf, die See ist friedlich, in einer atemlosen Prozession wird das Wrack zur Küste geschleppt. Nachts kommt Nebel auf, und im Nebel wird das Schiff von einer schnellen Fähre gerammt.

So ungefähr, sagt Rita Süßfeldt, nur mit lockeren Strichen, nur in Andeutung mein Ersatzbeispiel: das Vorbild als Traum von Ausdauer. Niemand will dazu etwas sagen, vorerst nicht, Pundt löffelt die letzten Maiskörner aus einer Porzellankumme, Heller kommt von einem Stich nicht los, der mittelalterliches Jagdleben festhält, eine Sauhatz offensichtlich, bei der die beiden berittenen Jäger seltsamerweise nicht das friedlich erscheinende Wild, sondern die vor Jagdfieber tollen Hunde spießen.

Hat Rektor Pundt denn kein Ersatzbeispiel auf Lager? Doch, doch, aber nach allem Erfahrungsaustausch möchte er es erst gar nicht erzählen, oder wenn, dann auch nur knapp, denn das Vorbild, das sich hier anbietet… — also denken Sie sich den Wartesaal einer Bahnhofsstation, leergeräumt, schlecht erleuchtet, es ist Abend. Hat man schon erlebt. Auch dies ist erlebt. Auf dem mit Sand bestreuten Holzfußboden liegen gefangene Soldaten und richten sich für die Nacht ein; der Zug, der sie ins Lager bringen soll, wird für den nächsten Morgen erwartet. Vor den Fenstern, vor dem Ausgang, vor der Tür zu den Toiletten kauern übermüdete Posten. Am späten Abend, die Soldaten schlafen bereits, bleibt ein Transportzug auf der Station liegen, der in umgekehrter Richtung fährt; er bringt Soldaten, die ihre Gefangenschaft hinter sich haben, nach Hause. Zwei Transporte, zwei Richtungen, zwei Stimmungen. Um Mitternacht werden die Entlassenen ebenfalls in den Wartesaal gebracht, eine Schnur wird gespannt, die Gruppen dürfen sich nicht vermischen. Bei der herrschenden Enge allerdings läßt es sich nicht vermeiden, daß einige Soldaten aus den verschiedenen Transporten eng nebeneinanderliegen; kann man sich vorstellen.

Und hier nun liegen zwei Soldaten nebeneinander, ein alter, der die Gefangenschaft hinter sich hat, und ein sehr junger, dem sie bevorsteht. Ihre Körper berühren sich, ihre Gesichter sind einander so nah, daß sie fiüstern können, ohne von den Posten gehört zu werden. Und flüsternd befragt der Alte den Jungen, läßt zuerst seine Parolen und Gerüchte entwerten, läßt sich von zu Hause erzählen; sie stammen aus derselben Stadt. Es braucht nicht befürchtet zu werden, daß jetzt etwa verwandtschaftliche Beziehungen festgestellt werden, oder daß gemeinsame Erinnerungen an Straßen, Plätze, Gerüche den Rest des Nachtgesprächs bestimmen. Auf eine direkte Frage sagt der junge Soldat, daß er Vogelkundler werden wollte, dann sprechen sie über die Bedingungen des Lebens zu Hause, und zuletzt ist es der alte Soldat, der dem jungen zum Schlaf rät. Man hat zu schlafen gelernt in allen Lagen, man ist nicht empfindlich. Als der junge Soldat geweckt wird, ist der Transport schon fort, der Transport, der in die Gefangenschaft führt. In seiner Manteltasche findet er einen geschnitzten Holzvogel und ein Papier, den Entlassungsschein. Die Soldaten müssen sich zum Zählappell aufstellen, die Zahl stimmt, sie dürfen den Zug besteigen, der eine neue Lokomotive bekommen hat.

Ja, sagt Pundt, das war also mein Ersatzbeispiel, und Sie brauchen Ihre Einwände erst gar nicht zu äußern, da ich vermutlich mehr gegen dieses Vorbild habe als Sie selbst. Obwohl hier ja alles stillschweigend geschieht: den lautstarken Appell kann niemand überhören. Und wie oft gerät man schon in Gefangenschaft, nicht wahr, wie oft bietet sich einem der Augenblick, in dem man fremdes Schicksal übernehmen möchte. Ein Vorbild ohne Lehre, zumindest ohne annehmbare Lehre können wir wohl doch nicht offerieren; wenn ich jetzt noch etwas Saft haben dürfte und dazu von dem Zwieback. Alle sehen zu, wie Pundt, gut berechnet, verdünnten Quark auf den Zwieback kleckst, alle warten darauf, daß beim ersten zubiß Sperrholz bricht, trockner Mörtel platzt, Mäuse an Fußleisten nagen, doch alle Geräusche, mit denen der Zwieback sonst überrascht, bleiben aus, da er augenscheinlich feucht geworden ist.

Nun wäre ja der Kollege Heller dran, aber niemand fordert ihn auf, sein Notbeispiel bekanntzugeben, da ihm niemand eins zutraut; so ist das Erstaunen berechtigt, das Heller mit der ruhigen Feststellung hervorruft, er habe nicht nur Ersatz mitgebracht, sondern, wie er glaube, ein durchaus verwendungsfähiges Beispiel, das er nur deshalb unter Verschluß gehalten habe, weil er dem ganzen Auftrag immer weniger abgewinnen könne; er sei nun mal gegen jede Art von pädagogischer Götterspeise. Ohne für sein zweites Beispiel zu werben, möchte er es hier einfach mal vorzeigen, weniger zur Begutachtung als zur Kenntnisnahme — also denken Sie sich überschwemmtes Land, zum Beispiel die norddeutsche Tiefebene nach einer Sturmflut. Ein Floß aus Benzinkanistern treibt in der Dämmerung an Baumwipfeln vorbei, hält auf verlassene Gehöfte zu. Ein alter Mann sitzt auf dem Floß, neben ihm liegen Kisten, Beutel. Mit dem selbstgemachten Paddel hebt er schlaffe, im Wasser hängende Telefondrähte über sich und das Floß hinweg. Er paddelt gemächlich, ausdauernd, das Wasser ist strömungslos. Sobald die Motorboote der Pioniere auftauchen, macht er an Baumkronen fest und wartet, bis sie außer Sicht sind.

Ich überspringe seine Beobachtungen, Sicherungen, seine unaufhörlichen Selbstgespräche, die er in der Geschichte führt. Er paddelt auf ein abgelegenes Gehöft zu, urnkreist es, bewegt sich trudelnd auf der Höhe der Regenrinne um das Haus, die Bodenluke ist offen. Er bindet sein Floß an. Er steigt durch die Bodenluke in das Haus ein, es könnte Obstbauern gehören, die hier seit Generationen sitzen. Ausdauer und Sparsamkeit haben sie wohlhabend gemacht. Der Alte öffnet Schränke und Kommoden, die sie hier herauf-, aber nicht mehr fortgebracht haben. Er durchschnüffelt Körbe. Er untersucht, was an eisernen Haken von den Dachbalken herabhängt. Hier und da findet er Brauchbares, das er entweder in einen Sack steckt oder zur Bodenluke trägt. Bei der zweiten Durchsuchung eines Schranks scheint er seinen größten Fund zu machen, einen altmödischen Silberschmuck, den er sofort auf das Floß bringt und in einem wasserdichten Beutel verstaut. Er löst sogleich die Leine, will fortpaddeln, da hört er das Wimmern. Es braucht ihn nichts anzugehen, er treibt das Floß mit lautlosen Schlägen fort, rasch zuerst, dann immer langsamer, und während er dahintreibt, kann man die Entstehung eines Entschlusses beobachten: er paddelt zurück; er findet eine Frau mit einem Säugling unter dem Dach, und obwohl er annehmen muß, daß sie seine Mitwisserin ist, bringt er sie auf sein Floß. Nie fällt ein Wort zwischen ihnen. Unter mürrischen Selbstgesprächen paddelt er dem Horizont zu, dem Eisenbahndamm, den Lichtern entgegen. Dort ist eine Hilfsstation. Keinen Gruß zum Abschied, keinen Dank, er überläßt es den andern, der Frau vom Floß zu helfen, ünd sie, die erkannt hat, was in seinem Beutel steckt, blickt ihm nicht nach, als er, auf Brot und heißen Kaffee verzichtend, eilig abstößt und davonpaddelt, auf die zurückgedämmte Einöde hinaus.

Ja, sagt Heller, das war’s — ein Beispiel, das er hiermit nur vorzeigen wollte, er erwarte nicht, daß man jetzt über seine Tauglichkeit rede, aber vielleicht mache es deutlich, worauf es ihm ankomme: wenn schon Vorbild, dann muß es uns die Bekanntschaft vermitteln mit einer Lebenssituation; so ungefähr. Pundt möchte offensichtlich etwas sagen, doch er verzichtet, als er bemerkt, daß auch Rita Süßfeldt eine erwogene Rede erst gar nicht beginnt, sondern sich unter den mahnenden Blicken ihrer Schwester mit Krümelbürste und zierlicher Krümelschaufel über einen Batzen Asche hermacht, der neben ihre Tasse gefallen ist. Von Beispielen gesättigt, aber nicht zufrieden, mit Blicken, die sich an Entferntes hängen, ertragen sie das ausbrechende Schweigen, das doch nur dies bedeuten kann: man wird den Auftrag zurückgeben, man wird auseinandergehen, man wird den übernächsten Zug nach Lüneburg und Diepholz nehmen.

Jetzt regt sich zum erstenmal Heino Merkel. Der scheue, ausgezehrte Mann, der sich so unscheinbar machen kann, daß man ihn übersicht, dem sicher auch daran liegt, übersehen zu werden — er möchte, da er solange zuhören durfte, hier auch mal gern etwas bekennen. Oder himzufügen. Oder, wenn es erlaubt ist, eine persönliche Ansicht äußern. Und niederblickend, die Troddeln der gehäkelten Tischdecke flechtend, verknotend und wieder lösend, läßt er sich von Mareth Erlaubnis geben und bittet vorsorglich um Entschuldigung für das, was er zu sagen vorhat. Also Vorbilder: in unserem Gedächtnis festgefrorene Ungeheuer, die uns zur Heldenverehrung drängen. Dazu aber, so glaube er, fehle es uns an Zeit und Verständnis. Zu bestreiten allerdings sei es nicht, daß es wünschbare Handlungen gibt, die vorbildhaft genannt werden können. Was macht diese Handlungen zeitgemäß? Seiner, Heino Merkels Meinung nach dies: daß sie nicht allein verpflichten, sondern auch Widerspruch zulassen. Sagen wir: ein heutiges Vorbild kann uns nur auf exemplarische Weise umstritten vorkommen. Ein grandioses Durcheinander, das mehrere Lehren zugleich erteilt. Um mal ein Beispiel zu nennen.

Der Archäologe hebt sein Gesicht, zögert in diesem Ring von Erwartung, der sich um ihn gelegt hat, dann sagt er schnell: Lucy Beerbaum, und leiser: Lucy Beerbaum aus unserer Straße. Wir kannten sie von ferne zu Lebzeiten. Sie hat alle Eigenschaften.

Lohnt es sich, die unterschiedliche Art festzuhalten, in der dieser Vorschlag zur Kenntnis genommen wird? Mareth, zum Beispiel, vergißt in trockener Überraschung weiterzuatmen; Rita Süßfeldt wiegt zweifelnd den Kopf wie ein Holsteiner Brauereipferd; Rektor Pundt versetzt seine immer blutleeren Lippen in mächtige, grimassierende Kaubewegung, und Heller zuckt nur einmal die Achseln und gibt zu, daß ihm zu diesem Namen nichts einfällt. Heino Merkel hat mit dem Erstaunen über seinen Vorschlag gerechnet, er hat die Überraschung vorausgesehen und den pünktlichen Zweifel; er wartet, er nimmt nichts zurück.

Du weißt doch wohl, daß sie ein Sonderling war, sagt Mareth, und daß sie sich sonderbar verhielt. — Steckt nicht in jedem Vorbild ein Sonderling, fragt Heino Merkel, und Mareth darauf: Ja, ja, mag sein, aber ihr Verhältnis zu den Sachen, beispielsweise zu ihrem Haus, wo findest du in dieser Straße ein Haus, das in einem so herausfordernden Rosa gestrichen ist? Schließlich war diese Frau ja erst Ende fünfzig. Zweimal war ich bei ihr, sagt Rita Süßfeldt, in diesem Haus, wo größter Wert auf überflüssigen Raum gelegt wurde. Ich interviewte sie, nachdem sie den französischen Palmenorden bekommen hatte, und sie bat mich, nur sachliche, keine persönlichen Fragen zu stellen. Eine Schauspielerin? fragt Pundt, ist das nicht eine Schauspielerin, Lucy Beerbaum? Biologin, sagt Heino Merkel, sie war Wissenschaftlerin, weltbekannt. Sie ist tot, seit knapp zwei Jahren; sie starb hier in unserer Straße. Freiwillig, fügt Mareth hinzu, ja, Lucy Beerbaum starb freiwillig: das lange Hungern hatte sie so entkräftet, daß sie keiner Krankheit mehr gewachsen war. Eine umstrittene Frau, sagt Heino Merkel, eine umstrittene Wissenschaftlerin, ein zeitgemäßes Vorbild.

Da möchte Heller, der den Namen Lucy Beerbaum noch nie gehört hat, zu Recht wissen, aus welchem Grund die Frau hungerte, bis sie starb, und Heino Merkel scheint daran gelegen, die Antwort keinem andern zu überlassen: hastig auf den Tisch hinabsprechend, flicht er Daten, Meinungen, Geschehnisse zusammen und bringt eine erloschene Spur zum Vorschein, die er zu beachten und zu prüfen bittet.

Vor zwanzig Jahren; Sie müssen wissen, daß Lucy Beerbaum nicht von hier stammt; zwar haben ihre Eltern einige Jahre in dieser Stadt gelebt, doch sie selbst ist in Griechenland geboren und vor zwanzig Jahren hierhergekommen. Sie lebte zusammen mit ihrer Haushälterin Johanna; im Institut hatte sie eine eigene Abteilung. Längere Zeit lebten zwei Nichten in ihrem Haus, die vor allem die Verschiedenartigkeit deutlich machten, die zwischen Geschwistern bestehen kann. Jeden Morgen ging sie in zerstreuter Freundlichkeit zur Straßenbahn-Haltestelle, oft grüßte sie mit Verspätung zurück. Ihre Art, sich zu kleiden, bestimmte sie ausschließlich selbst; ihr hartes und dabei immer noch mädchenhaftes Profil hätte Münzpräger anregen können. An jedem Mittwochabend fanden Diskussionen in ihrem Haus statt; mit einem Kreis von ausgesuchten Studenten besprach sie ihre gesellschaftlichen und politischen Überzeugungen. Man kannte ihre äußerste Bescheidenheit; ihr ganzes häusliches Leben mutet beiläufig an. Als in ihrem Geburtsland das Militär die Macht übernahm, ließ sie sich vom Institut beurlauben. Und als sie erfuhr, daß ihr Jugendfreund und einige Kollegen zu den politischen Gefangenen gehörten, die die neuen Mächtigen auf eine Insel bringen ließen, drückte sie ihre Anteilnahme auf eigene Art aus: sie gönnte sich nur mehr den gleichen Bewegungsraum, den die Gefangenen hatten, lebte nur noch unter den Bedingungen, unter denen die Gefangenen leben mußten. Obwohl man im Institut auf ihre Arbeit nicht verzichten konnte, weigerte sie sich, ein anderes Leben als das einer Gefangenen nach eigenem Beschluß zu führen; den Arzt, der sich um sie kümmerte, wollte sie nicht zu oft empfangen. Sie verzichtete auf Lektüre, Post beantwortete sie nur selten, und wenn, dann mit der Zahl von Wörtern, die den Gefangenen zugestanden wurden. Den Direktor des Instituts bat sie einmal, sich an die Besuchszeit zu halten, die man den Gefangenen gewährte.

In dieser Zeit der freiwilligen Gefangenschaft kündigte Johanna, die langjährige Haushälterin, zweimal, weil sie den Wunsch zur methodischen Vernachlässigung nicht glaubte erfüllen zu können; beide Male kehrte sie schon nach wenigen Stunden zurück. Viel ist zu erzählen über die wechselnden Zustände, die als Folge des Mangels auftraten, viel über das Verhältnis von Johanna und Lucy Beerbaum, die angeordnet hatte, daß im Haus alles so weitergehen sollte, als wäre nichts geschehen. Jedenfalls, nachdem sie achtundachtzig Tage gehungert hatte, stand es fest, daß sie ihrem Körper zuviel zugemutet hatte.

Das ist erwiesen; dennoch gibt es hier vieles an Erlebtem, was offen und unbeweisbar erscheint, obwohl manches geschrieben wurde über Lucy Beerbaums unerhörte Gefangenschaft, sogar ein Theaterstück, das seine Premiere erlebte. Aus allen von ihm aufbewahrten und gesammelten Darstellungen — gerade ist auch eine romanhafte Biografie erschienen — geht hervor, daß das Bild dieser bescheidenen, nicht einmal sehr alten Frau kaum beschreibbar ist: eben verläßlich erfaßt, beginnt es zu schwanken, eben mit soviel Bemühung auf seine Außerordentlichkeit bestimmt, zeigt es Alltägliches vor, das den Blick vererigt. Gerade deshalb läßt sich aber aus diesem bezeugten Leben etwas erwirtschaften, etwas Brauchbares im Sinne der Aufgabe, ein Vorbild, das bestätigt und bezweifelt werden will. Nur erwirtschaftet muß es werden, aufgefunden, heraus gelöst aus einem Überangebot an Mitgeteiltem.

Er, Heino Merkel, möchte anheimstellen. Er sei bereit zur Mithilfe. Er sei bereit, das Gesammelte herauszurücken. Und er würde sich, ja, er würde sich freuen, wenn Lucy Beerbaums Versuch, eine gewagte und hoffnungslose Solidarität zu verwirklichen, Beachtung fände und eines Tages von jungen Menschen besprochen würde, so oder so. Ohne Vorbilder zu leben, bedeute zwar auch ihm: menschlicher zu leben, doch lasse sich in diesem Fall vielleicht fragen, wie ein Idol für Zeitgenossen auszusehen hätte.

Was wird Heller zu diesem Vorschlag sagen? Besonders er, der so offensichtlich bereit ist zu Aufgabe und Abschied? Er will etwas sagen, aber vor ihm stellt Rita Süßfeldt fest, daß ja unmöglich das ganze Leben von Lucy Beerbaum durchleuchtet und abgeliefert werden kann, vielmehr müsse man sich doch wohl, wenn überhaupt, an einen Ausschnitt halten, an ein Geschehnis, das nach allen Seiten hin für sich spricht, Signale gibt.

Also Laubsägearbeit, sagt Heller, jeder bewaffnet sich mit einer Laubsäge, mißt sich was zurecht, zeichnet vor, und dann sägen wir uns aus dieser Sperrholz-Biografie die ergiebigsten Stücke heraus, die wir später auch noch leimen können; jetzt wird’s beinah schöpferisch.

Und Rektor Pundt? Der schließt die Augen, legt die Hände auf dem Tisch zusammen und bekennt, daß er etwas sehe, daß da etwas aufsteige und sich auch schon, behaupte, nämlich eine Gewißheit, daß sie hier auf guter Spur seien. Da ist etwas drin, sagt er, da zeichnet sich schon jetzt etwas ab, noch nicht genau, aber als Versprechen bereits erkennbar; Tee gibt’s wohl keinen mehr? Das macht nichts, meinetwegen soll kein frischer aufgegossen werden; aber ein Stück Kandis werde ich mir zum Abschluß genehmigen.

Mareth bittet sozusagen um mildernde Umstände für ihr Urteil, doch sei sie einfach außerstande, Lucy Beerbaum soviel beizumessen oder soviel aus ihr herauszuholen, daß da gleich eine lesebuchreife Erscheinung entstehen könnte; zu lange habe sie auf Nachbarschaft gelebt, zu häufig habe sie absonderliches Verhalten beobachtet; sie könne sich Lucy Beerbaum in keinem Augenblick als Vorbild erscheinen lassen, nicht mal zur Zeit der Fruhjahrs-Migräne.

Leuchtschrift, denkt Janpeter Heller, auch dieser unscheinbare, dieser stille Protest, flammt auf einmal wie eine Leuchtschrift auf, wenn wir ihn nur genügend hervorheben und bewerten; doch wenn es schon sein muß, sollten wir auch darauf hinweisen, wieviel im Dunkeln zurückbleibt. Und er sagt: Manches ist unbekannt, vieles ist offen, und wir haben bei allem die Möglichkeit, auszuwählen. In jedem Fall sollte uns Lucy Beerbaum einen Versuch wert sein.

Rita Süßfeldt blickt Heller an, es ist ein Blick voll erstaunter Dankbarkeit, sie möchte ihm zunicken jetzt, zulächeln oder zu verstehen geben, welch ein Einverständnis besteht zwischen ihren Ansichten, aber Heller hebt nicht sein Gesicht.

Was ich besitze, sagt Heino Merkel, werde ich Ihnen zur Verfügung stellen. Meine Sammlung wird Ihre Suche erleichtern. Ich sage Ihnen voraus: Sie werden Entdeckungen machen, und Sie werden gewiß finden, was Sie bisher nicht gefunden haben. Wenn Sie noch einen Moment warten wollen, ich habe das Material in meinem Zimmer. Wenn mich nicht alles täuscht, sagt Pundt, ein nützliches Frühstück. Ich werde Ihnen doch noch frischen Tee aufgießen, sagt Rita Süßfeldt, jetzt ist mir auch danach.

9

Hier ist die Hochbahnstation Landungsbrücken. Wie soll man sie nachmachen? Man wirft also eine steile Böschung auf, verlegt einen matten Schienenstrang — er gehört zum »Ring über Hafen« —, setzt einen zwar überdachten, doch erstaunlich zugigen Bahnsteig hin, behängt die Wandflächen mit Schuh- und Versicherungsreklamen, sorgt für ein geschlitztes Behältnis, in das der Reisende abgefahrene Fahrtausweise werfen kann: fast ist die Station sichtbar. Pfefferminz- und Zigarettenautomaten lassen sich noch aufstellen, Papierkörbe, sodann harte plumpe Holzbänke für Wartende, die sich, wenn sie wollen, noch kurz vor der Abfahrt davon überzeugen können, daß für den tiefliegenden, im Weitwinkel erfaßbaren Hafen immer nur Bewegung bezeichnend ist, auch in der ausgeflaggten Jubiläumswoche.

Vom Bahnsteig aus erscheinen die Bewegungen auf dem Wasser verwirrend und ungelenkt: das überholt einander, das passiert einander, das bringt sich auf Kollisions- und Ausweichkurs, schleppen läßt sich das, schieben und bugsieren — als Zuschauer hat man da ständig etwas zu befürchten. Was noch? Eine Schwingtür ist nötig, die die Station begrenzt, eine zur Hälfte verglaste Tür, die über dem Boden zerkratzt ist, zerschrammt von den Tritten und Stößen der Reisenden; hinter ihr läßt man einige Steintreppen hinablaufen, bis zu einer Plattform, auf der eine mannshohe Waage jedermann mürrisch auffordert, sein Gewicht zu prüfen. Hier, auf der Plattform, hängt man nun die flache Fußgängerbrücke ein, die die Straße in sicherer Höhe überspannt und hinabführt bis zu den knarrenden Pontons im Wasser: also Landungsbrücken.

Am Geländer der Fußgängerbrücke, Baskenmütze auf dem Kopf, Aktentasche gegen die Hüfte gepreßt, in Wildlederschuhen, die von Nässe geschwärzt werden, steht Janpeter Heller und beobachtet den einlaufenden Hochbahnzug, dessen Wagen sich nach leichter Kurve zurechtschütteln, bevor sie abgebremst werden. Heller steht am ausgemachten Treffpunkt. Jetzt tritt er vom Geländer weg auf die Fußgängerbrücke. Sein Blick springt die Türen entlang, die klickend und zischend auf fliegen, da sind sie, das sind sie, Charlotte und das Kind in gleicher Kleidung, beide in dunkelblauen gefütterten Wettermänteln, beide mit langfallendem, kariertem Schal. Was soll die übereinstimmende Kleidung hervorheben, demonstrieren? Hellers Arm fliegt hoch, er winkt zum Bahnsteig hinauf, wo Charlotte ihn längst entdeckt hat; doch anstatt zurückzuwinken, nimmt sie das Gesicht des Kindes in beide Hände, bewegt es langsam wie ein Scherenfernrohr auf Hellers Standort zu — und nun hat Stefanie ihn gefunden und winkt zurück, in ihrer Art, mit versonnenen Greifbewegungen. Warum kommen sie nicht? Warum setzt Charlotte dem Drängen des Kindes einen eigenen, stärkeren Druck entgegen, der es da oben festhält? Heller winkt eine Aufforderung hinüber, wartet dort, ich hol’ euch, dann läuft er die Treppe hinauf, zwängt sich durch den Stau an der Schwingtür, springt auf den Bahnsteig hinaus, da hört er die Stimme im Lautsprecher: zurückbleiben bitte! — und sieht im gleichen Augenblick Charlotte mit langem, schwingendem Schritt in den Zug treten. Die Türen schnappen zu, der Zug fährt an, und Heller wartet der Türscheibe entgegen, hinter der Charlotte stehen wird, stehen muß, und jetzt kommt der Wagen heran und trägt ein bewegungsloses Gesicht vorbei, in dem all ihre aufmerksame Skepsis versammelt ist.

Tag, Pappi, was hast du mir mitgebracht? Das Kind ist zu ihm gekommen, hat das Einkaufsnetz auf den Boden gelegt, läßt sich hochheben und streift an Hellers Wangen ein paar ungenaue Küsse ab, an denen sich die Gebißspange beteiligt. Erst werden wir etwas Warmes trinken, und dann wollen wir sehen, was ich dir mitgebracht habe. Sie nehmen sich an der Hand, sie gehen über die Fußgängerbrücke zum Hafen hinunter, am lockeren Spalier weißer Fahnenmasten vorbei, an deren Spitzen Hamburger Tuch in Böen steif absteht oder knallend und klatschend bewegt wird. Auch die Schlepper haben geflaggt, die Barkassen und Fähren und natürlich die mattgrauen Kriegsschiffe, doch ganz über die Toppen geflaggt haben nur die Bäderschiffe, die, vor kurzem noch auf flimmernder Kreuzfahrt, rechtzeitig zum Jubiläum des Heimathafens zurückgekehrt sind. Ich habe dir auch etwas mitgebracht, Pappi, hier im Netz; rat mal. — Dort gehen wir hinein, sagt Heller.

Hier im Lokal sind die sanften und entschiedenen Anstrengungen nicht zu spüren, mit denen die Elbe die Pontons anlüftet und, insoweit es die Verankerung zuläßt, weggleiten läßt, all das langsame Dünen, das Heben und weiche Sacken, das einem draußen die Beine wie von selbst auseinanderzwingt — hier bleibt es unbemerkt in diesem kahlen, leicht überschaubaren Lokal, in dem eine alte Kellnerin den Schlaf des einzigen Besuchers bewacht, der sein Gesicht auf die Tischplatte gelegt hat.

Ans Fenster? Also gehen wir ans Fenster. Das Kind legt das Einkaufsnetz auf den Tisch, läßt sich ergeben aus dem Mantel pellen, schiebt sich rückwärts auf den viel zu breiten Stuhl hinauf und kämpft mit dem Netz, versucht es reißend und ruckend zu öffnen, von Heller nicht unterstützt, sondern nur mit unerbittlicher Aufmerksamkeit beobachtet. Mach du mal. Heller öffnet das Netz mit einem einzigen Griff, und Stefanie schüttet den Inhalt auf dem Tisch aus.

Was darf es sein, fragt die Kellnerin und führt vor, wie ein Lächeln entstehen kann gegen jede Absicht, ein leichtes und werbendes Lächeln, das dem Kind gilt. Milch oder Kakao gibt’s wohl nicht? Nein. Dann Tee und Kaffee, und zum Kaffee einen Kirsch.

Stefanie befreit kleine weiße Papptafeln aus braunem Packpapier, schiebt sie Heller hinüber, rutscht vom Stuhl und geht an seine Seite, um ihm, wie früher, nötige Erklärungen zu geben: Guck mal, das hab’ ich gemalt für dich! Ein Boot und eine Ente auf dem Isebek-Kanal; hier ist die Brücke, die ging nicht mehr rauf, und auf der Brücke stehst du, dich bekam ich auch nicht mehr rauf, und hier oben ist noch eine kleine Ente, die brennt.

Also immer noch, von Charlotte gewünscht und gefördert, diese grenzenlosen Malversuche, bei denen schon damals Stapel von Kinderzeichnungen entstanden, Blätter, die sie noch jedesmal erstaunen ließen und die sie beinah andachtsvoll sammelte, verschickte oder sogar als Gastgeschenk mitnahm, wenn sie eingeladen waren. Heller mustert die bemalten Papptafeln durch, die er fächerartig ineinandersteckt wie zu groß geratene Spielkarten: wie früher erzählen die wilden, geschwätzigen Farben von fliegenden Booten und abstreichenden Krähenschwärmen, von Katzen und rosa beschleiften Fischen, von der sonntäglich steifen Puppenfreundin Zwita und immer wieder von einem fremden, feierlichen Mann mit Zylinder unter künstlichem Himmel. Und das, Pappi, ist die Ostsee, da waren wir im Sommer, ich hab’ meinen Ball im Sand vergraben: dies ist der begrabene Ball. Ja, sagt Heller langsam, und das Kind jetzt schnell und wißbegierig, die Aktentasche im Auge: Und du? Was hast du mir mitgebracht? Och, nur was Kleines, du mußt es selbst auspacken: hier.

Wie rabiat Stefanie die Gummibänder von dem Päckchen abzieht. Ein Kaufmannsladen? Sieh doch selbst! Die schmalen grauen Augen des Kindes, das im Nacken gesammelte braune Haar, die von blasser Haut weich umspannten Wangen: Heller hält sich an Ausschnitt und Einzelheit, fragt alles unbemerkt ab, als sei er darauf aus, Veränderungen festzustellen. Ein Kochherd? Eine elektrische Küche für »Die kleine Köchin«, sagt Heller, mit richtigen Töpfen und Pfannen, mit Kessel und Bratenschüssel; jetzt kannst du endlich selbst kochen, richtig kochen, und was du kochst, das kannst du auch essen.

Stefanie packt den kleinen, hellroten Kochherd aus, befreit winziges Küchengerät aus Seidenpapier, setzt mit quietschender Freude die Geräte auf den vorbestimmten Platz, ordnet und richtet aus, und nach einem Augenblick nachdenklicher Prüfung entscheidet sie: Ich werd’ es malen, Pappi, gleich, meinen Malkasten hab’ ich immer bei mir. Nicht jetzt, sagt Heller, nicht hier; du kannst es zu Hause malen; und das Kind: Dann siehst du es doch nicht.

Die Kellnerin bringt Tee und Kaffee, nähert sich mit breitem Lächeln, jetzt setzt sie das Tablett ab, ihre Hand gleitet behutsam über das winzige Küchengerät, sie fragt Stefanie: Werde ich auch zum Essen eingeladen? Deine Hände, sagt Stefanie, deine Hände sind ganz zerkratzt; hat das deine Katze gemacht? Die Kellnerin blickt sich unwillkürlich nach dem schlafenden Mann um, blickt auf ihre von verschorften Blutspuren gezeichneten Hände und antwortet leise: Keine Katze; und zu Heller gewandt: Er, mit seinem Schrott; immer wenn ich ihm beim Verlesen helfe, reiß’ ich mir die Hände auf. Sie blickt scharf und vorwurfsvoll zu dem Tisch hinüber, an dem der Mann immer noch schläft, ein matt schimmernder Lederbuckel, sehr entspannt und in so waghalsiger Haltung, als habe er für diesen Schlaf alle Schwerkraft beurlaubt.

Heller zahlt gleich. Trink jetzt deinen Tee, Stefanie. Ich möchte die kleine Küche malen. Später, zu Hause kannst du sie malen. Kommst du mit? Wir wollten doch ein Schiff besichtigen, sagt Heller; weil der Hafen Jubiläum hat, dürfen wir heute Schiffe besichtigen. Aber danach kannst du doch mitkommen: du bist nie zu Hause! Trink deinen Tee erst einmal. Die kleine Küche möchte ich für dich malen, zum Mitnehmen. Ja, ja, aber jetzt trink, solange der Tee heiß ist. Heller kippt mit verzerrtem Gesicht seinen Kirsch, zieht Zigaretten aus einem Automaten, blickt rauchend auf das Kind, das weder enttäuscht noch schmollend, sondern nur nachdenklich die kleine Küche und den Malkasten ins Netz legt — so sorgsam, als hätte Stefanie eine Belohnung zu erwarten. Früher hast du bei uns geschlafen, ich weiß das noch. Heller könnte jetzt antworten, ein Verweis zumindest böte sich an, eine Ermahnung, doch er schweigt und beschäftigt sich mit einer zunehmenden Gereiztheit, die alle vorhandene Freude abzulösen beginnt. Er wendet das Gesicht ab; draußen auf dem Ponton zieht eine Schulklasse vorbei, drängt sich vor den Laufsteg des aufgeputzten Minenlegers, und auf ein Zeichen des Lehrers stürmt die Klasse an Bord, um das freigegebene Spielzeug zu beschlagnahmen. Mit wessen Stimme spricht Stefanie? Hat Charlotte das Kind für diese Begegnung vorbereitet? Geimpft? Mit Fragen ausgerüstet? Was darf er als ihren Anteil ansehen? Komm, sagt er, wir gehen, wir werden jetzt das Schiff besichtigen. Ich muß noch mal. Dann beeil dich. Dort drüben ist die Toilette.

Das Kind rutscht vom Stuhl, schert zögernd an dem schlafenden Mann vorbei; wie ungleich die Beine erscheinen in den ausgebeutelten, Ringe werfenden Strumpfhosen, wie steif der Rock absteht über dem gepolsterten Hintern, und der Oberkörper — beim Anblick des schmalen Oberkörpers, den ein weißgrauer Pullover umschließt, muß Heller an eine Glühbirne denken. Als brauchte sie eine letzte Ermutigung, bleibt Stefanie vor der Tür zur Toilette stehen und blickt fragend zu Heller herüber: Nun geh schon. Warum hatte er so darauf bestanden, das Kind zu sehen? Hatte ihn die Erinnerung nicht gewarnt? All die Augenblicke der Ungeduld, des Überdrusses, all die Gelegenheiten, die ihn an seiner Tauglichkeit als Vater selbst zweifeln ließen: hatte er alles vergessen?

Janpeter Heller läßt es wie von selbst Abend werden, hängt fleckige Dunkelheit über die Stadt, im Nebenzimmer ist das Kind endlich eingeschlafen unter Charlottes zureden, doch hier in dem Raum, den er sein Arbeitszimmer nennt — getünchte Wände, eine durchgesessene Couch, Bücherstapel auf dem Fensterbrett und auf den Dielen —, hier sitzen sie bei leichtem Rotwein, seine Pennäler und er, und sind sich schon wieder einig, daß der Schüler den Unterrichtsplan mitbestimmen muß. Stickige Luft. Geruch nach Rotwein und Asche. Genußvolles Verschwörerspiel. Verschwörermief. Verschwörerflüstern. Also das kann man doch nicht allein den Paukern überlassen. Für wen ist denn der Unterrichtsplan, wenn nicht… Hier feiert doch der gewöhnlichste Wissensvorsprung…Das letzte Mittel, mit dem sich die Autorität… Was uns vor allem fehlt, Herr Heller, das sind Lehrer wie Sie … Trotzdem werde ich euch jetzt rausschmeißen, denn morgen früh müssen wir wieder… Und dann kommt Charlotte noch einmal in sein Zimmer, lüftet, leert stumm die Aschenbecher, sammelt die Gläser ein und kommt zurück und bleibt in der offenen Tür stehen, in der Haltung resignierten Protests: So nicht, Jan, so kann es nicht weitergehen; ich hab’ es dir oft gesagt, ich muß es dir auch heute sagen: so können wir doch nicht leben auf die Dauer, so öffentlich.

Du wirst nie verstehen, Charlotte: diese jungen Leute brauchen meine Hilfe, zumindest meine Formulierungshilfe. Sie wollen etwas verändern, aber sie sind darauf angewiesen, daß Erfahrung ihnen beisteht. Es ist meine Aufgabe, ihnen zu helfen.

Ach, Jan, du benimmst dich, als seist du einer von ihnen: du sprichst wie sie, du kleidest dich wie sie, du spielst dich an sie heran, als ob ihr Wohlwollen dir das Wichtigste sei. Ja, sie sind begeistert von dir, und du genießt es. Sie machen dich zu ihrem Vertrauten, diese Jungen und Mädchen von neunzehn, und du revanchierst dich dafür, indem du vergißt, was dich von ihnen trennt. Es ist traurig, Jan, glaub mir.

Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, Charlotte, wenn du zugehört hättest — sie brauchen mich. Du hättest es gespürt. Warum bist du nie dabei? Früher, da waren meine Probleme auch deine Probleme, du hast teilgenommen an allem; jetzt — du hast dich zurückgezogen.

Oh nein, Jan, ich habe mich nicht zurückgezogen; du hast mir nur zu verstehen gegeben, daß es dir auf meine Teilnahme nicht mehr ankommt. Es ist nicht mehr viel geblieben, worüber wir noch miteinander sprechen; nur das Notdürftigste, das uns über den Tag bringt, über die Wochen. Überleg mal, jan — wieviel ist geblieben, was uns noch gemeinsam angeht? Die Mahlzeiten und die üblichen Nachfragen, wie es dem Kind geht; und das alles findet statt an der Grenze der Rufweite. — Ich weiß nicht, Charlotte, was du vermißt. — Du weißt es nicht? Früher, da hast du mir mitunter das Gefühl gegeben, daß du mich brauchst, daß dir an meinem Ratschlag liegt oder meinem Interesse: in den ersten Jahren, als wir alles zusammentrugen, als alles so schwierig war. — Wie lang ist das her? — Ach, Jan, ich bin müde.

Heller hebt das Gesicht, dort kommt Stefanie mit ausgebreiteten Armen aus der Toilette gesegelt, ein Rockzipfel steckt noch in der wollenen Strumpfhose. Sie läuft auf ihn zu, läßt sich auffangen. Sie fragt: Mußt du gleich wieder zur Schule? — und er darauf: Wir wollen uns anziehen und dann ein Schiff besichtigen.:

Und er pellt dem Kind wieder den Mantel an, schlingt den Schal zu losem Knoten, grüßt zur Kellnerin hinüber, die seinen Gruß nicht oder nur unmerklich erwidert.

Tippend, mit den Fingerspitzen schiebt er das Kind vor sich her durch das Lokal, hinaus auf den langen Anlege-Ponton, an dem sich knarrend graue Schiffswände reiben. Posten stehen vor den Laufstegen, in sauberem Paradepäckchen, freundlich und gutgelaunt, wie Ausrufer: Hereinspaziert, heute kann jeder, wollen Sie nicht mal? Das Hafenjubiläum gibt jedem die Chance.

Die Elbe geht schwarzgrau vorbei, zur Mitte hin, wo die böigen Winde unbehindert arbeiten, entsteht ein Feld kurzer, dekorativer Wellen, so gleichmäßig, als habe ein Marinemaler sie entworfen. Wie immer fährt Treibendes hinab, das jeder für sich aufzählen kann. Barkassen legen aus Gewohnheit ein Netz von Kielwasserlinien über das sichtbare Stück des Flusses. Und dieser Elefant dort, dem man den Rüssel festgebunden hat, ist ein Getreidesauger. Und dort: weiß stäubend, kreischend, flügelschlagend und immer hungrig, das sind Lachmöwen.

Obwohl es jetzt weder regnet noch schneit, glänzen die Gesichter, von feuchtem Novemberwind massiert, vor Nässe ebenso wie die Fahnenmasten, die Poller und die Decks der Schiffe. Auf welches gehen wir denn nun? Auf dieses? Gut.

Der junge Posten salutiert schmunzelnd vor ihnen, als sie Hand in Hand über den glitschigen Laufsteg an Bord des Minenlegers gehen, wo ein Bootsmann sie willkommen heißt und sogleich in Sicherheit bringt vor einer Schulklasse, die von der Brücke stürzt, kollert und fuchtelnd zum Achterschiif stürmt. Sie fallen alle über Gleitschienen. Sie schubsen sich gegen aufgeschossenes Tauwerk. Sie pressen sich gegen die Reling und schreien und triumphieren: die Seeschlacht scheint gut ausgegangen zu sein…

Kommen Sie, sagt der Bootsmann, ich führe Sie. Seine Stimme ist etwas zu laut, befehlsgewohnt; sie klingt, als ob sie sich vielen und dann noch bei Seewind verständlich machen möchte. Heller ist nicht die prompte Skepsis entgangen, mit der dieser Bootsmann — drahtig, peinlich rasiert, säbelbeinig — seinen Bart gemustert hat; er will sogar schnelle Abneigung festgestellt haben. Heller kennt diesen Blick und diesen Vorbehalt.

Dies ist ein Minenleger und damit ein Spezialfahrzeug unserer Bundesmarine, sagt der Bootsmann und säbelt mit hartem Schritt über das Mitteldeck. Wir unterscheiden E-Minen, Magnet-Minen, Geräusch-Minen; diese können ihre Aufgabe sowohl in verankertem als auch in treibendem Zustand erfüllen. Unser Boot heißt Admiral Tittgens, nach einem Führer der Minenleger im Ersten Weltkrieg; er ist unser Vorbild. Wofür, fragt Heller leise, und der Bootsmann, ohne zurückzusehen: Admiral Tittgens gilt eben als Vorbild aller Minenleger, in der Messe können Sie ein Bild von ihm sehen. Jetzt schlage ich vor, daß wir