/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic

Deutschstunde

Siegfried Lenz


Deutschstunde

Siegfried Lenz

1968

Siggi Jepsen, Insasse einer Hamburger Besserungsanstalt, hat in der Deutschstunde versagt und muß den Aufsatz ‚Die Freuden der Pflicht‘nachliefern. Dem in seiner Zelle Eingeschlossenen drängt sich das Bild des Vaters in die Erinnerung, wie dieser als Polizeihauptwachtmeister in Rugbüll,

dem nördlichsten Polizeiposten Deutschlands

, dem international geachteten Maler Max Ludwig Nansen im Jahre 1943 das Malverbot überbringt. Der Vater war außerdem beauftragt, die strikte Einhaltung des Verbots zu überwachen. Siggi, damals zehn Jahre alt, hatte heimlich gemalte Bilder des Malers in Sicherheit gebracht, um sie vor dem Zugriff des Vaters zu schützen, der bis über das Kriegsende hinaus an seiner nun schon krankhaften Pflichttreue festhält. Um diese Geschichte gegensätzlicher Pflichtauffassungen gruppiert sich eine Fülle von Nebenhandlungen, die sich wie selbstverständlich in den weitgespannten Rahmen fügen.

≫Die präzise Phantasie des Autors ist auf den Weiten zwischen Torf, Watt und Meer, aber auch in den geduckten Fischerkaten der Menschen mit dem Zweiten Gesicht zu Hause. Eine in all ihrer Grenzenlosigkeit und wortkargen Größe doch beklemmend enge Welt aus Vorurteilen und starrer Beharrlichkeit entfaltet sich, mit hinreißender Sprachgewalt und epischer List porträtiert, zum Bild einer Epoche; jene ländliche Welt kleinbürgerlicher Pflichterfüllung, in der die Macht so leicht Wurzeln schlägt.≪ (Stuttgarter Zeitung)

Inhaltsverzeichnis

1 Die Strafarbeit

2 Das Malverbot

3 Die Möwen

4 Der Geburtstag

5 Verstecke

6 Das zweite Gesicht

7 Die Unterbrechung

8 Das Porträt

9 Heimkehr

10 Die Frist

11 Unsichtbare Bilder

12 Unterm Brennglas

13 Lebenskunde

14 Sehen

15 Die Fortsetzung

16 Furcht

17 Die Krankheit

18 Besuche

19 Die Insel

20 Die Trennung

Für L. H. L.

Kapitel 1

Die Strafarbeit

Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben. Joswig selbst hat mich in mein festes Zimmer gebracht, hat die Gitter vor dem Fenster beklopft, den Strohsack massiert, hat sodann, unser Lieblingswärter, meinen metallenen Schrank durchforscht und mein altes Versteck hinter dem Spiegel. Schweigend, schweigend und gekränkt hat er weiterhin den Tisch inspiziert und den mit Kerben bedeckten Hocker, hat dem Ausguß sein Interesse gewidmet, hat sogar, mit forderndem Knöchel, dem Fensterbrett ein paar pochende Fragen gestellt, den Ofen auf Neutralität untersucht, und danach ist er zu mir gekommen, um mich gemächlich abzutasten von der Schulter bis zum Knie und sich beweisen zu lassen, daß ich nichts Schädliches in meinen Taschen trug. Dann hat er vorwurfsvoll das Heft auf meinen Tisch gelegt, das Aufsatzheft - auf dem grauen Etikett steht: Deutsche Aufsätze von Siggi Jepsen —, ist grußlos zur Tür gegangen, enttäuscht, gekränkt in seiner Güte; denn unter den Strafen, die man uns gelegentlich zuerkennt, leidet Joswig, unser Lieblingswärter, empfindlicher, auch länger und folgenreicher als wir. Nicht durch Worte, aber durch die Art, wie er abschloß, hat er mir seinen Kummer zu verstehen gegeben: lustlos, mit stochernder Ratlosigkeit fuhr sein Schlüssel ins Schloß, er zauderte vor der ersten Drehung, verharrte wiederum, ließ das Schloß noch einmal aufschnappen und beantwortete so gleich diese Unentschiedenheit, sich selbst verweisend, mit zwei schroffen Umdrehungen. Niemand anders als Karl Joswig, ein zierlicher, scheuer Mann, hat mich zur Strafarbeit eingeschlossen.

Obwohl ich fast einen Tag lang so sitze, kann und kann ich nicht anfangen: schau ich zum Fenster hinaus, fließt da durch mein weiches Spiegelbild die Elbe; mach ich die Augen zu, hört sie nicht auf zu fließen, ganz bedeckt mit bläulich schimmerndem Treibeis. Ich muß die Schlepper verfolgen, die mit krustigem, befendertem Bug graue Schnittmuster entwerfen, muß dem Strom zusehen, wie er von seinem Überfluß Eisschollen an unseren Strand abgibt, sie hinaufdrückt, knirschend höherschiebt bis zu den trockenen Schilfstoppeln, wo er sie vergißt. Widerwillig beobachte ich die Krähen, die, scheint’s, eine Verabredung bei Stade haben: von Wedel her, von Finkenwerder und Hahnöfer-Sand schwingen sie einzeln heran, vereinigen sich über unserer Insel zu einem Schwarm, steigen und wenden in verwinkeltem Flug, bis sie sich auf einmal einem günstigen Wind anbieten, der sie nach Stade wirft. Das knotige Weidengebüsch lenkt mich ab, das glasiert ist und mit trockenem Reif gepudert; der weiße Maschendraht, die Werkräume, die Warntafeln am Strand, die hartgefrorenen Klumpen des Gemüselandes, das wir im Frühjahr unter Aufsicht der Wärter selbst bebauen: alles und sogar die Sonne lenkt mich ab, die, wie durch Milchglas getrübt, lange, keilförmige Schatten fordert. Und bin ich trotzdem einmal nahe daran, anzufangen, fällt mein Blick unweigerlich auf den zerschrammten, an Ketten hängenden Anlegeponton, an dem die gedrungene, messingblitzende Barkasse aus Hamburg festmacht, um pro Woche, sagen wir mal, bis zu zwölfhundert Psychologen abzusetzen, die sich geradezu krankhaft für schwer erziehbare Jugendliche interessieren. Ich kann nicht wegsehen, wenn sie den gekrümmten Strandweg heraufkommen, ins blaue Direktionsgebäude geführt werden und nach üblicher Begrüßung, womöglich auch nach Ermahnungen zu Vorsicht und unauffälligem Forschen, ungeduldig hinausdrängen, scheinbar absichtslos über unsere Insel schwärmen und sich an meine Freunde heranmachen: an Pelle Kastner zum Beispiel, an Eddi Sillus und den jähzornigen Kurtchen Nickel. Vielleicht interessieren sie sich deshalb so für uns, weil die Direktion errechnet hat, daß jeder, der auf dieser Insel gebessert worden ist, nach seiner Entlassung mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht wieder straffällig wird. Wenn Joswig mich nicht zur Strafarbeit eingeschlossen hätte, wären sie jetzt wohl auch hinter mir her, würden meinen Lebenslauf unter ihr wissenschaftliches Brennglas halten und sich bemühen, ein Bild von mir zu gewinnen. Aber ich muß die doppelte Deutschstunde nachholen, muß die Arbeit liefern, die ein hagerer, schreckhafter Doktor Korbjuhn und unser Direktor Himpel von mir erwarten. Auf Hahnöfer-Sand, der Nachbarinsel, die ebenfalls elbabwärts liegt Richtung Twielenfleth Wischhafen und auf der, wie bei uns, schwer erziehbare Jugendliche festgehalten und gebessert werden, wäre das nicht möglich: zwar gleichen sich die beiden Inseln sehr, zwar werden sie vom gleichen öltrüben Wasser belagert, von den gleichen Schiffen passiert, von den gleichen Möwen beansprucht, doch auf HahnöferSand gibt es keinen Doktor Korbjuhn, keine Deutschstunden, keine Aufsatzthemen, unter denen, Ehrenwort, die meisten sogar körperlich leiden. Viele von uns möchten daher lieber auf Hahnöfer-Sand gebessert werden, wo die seegehenden Schiffe zuerst vorbeikommen und wo die knatternde, zerrissene Flamme über der Raffinerie jeden dauerhaft grüßt.

Auf der Schwesterinsel, das ist sicher, hätte ich keine Strafarbeit erhalten, denn dort kann nicht geschehen, was bei uns geschah: hier genügte es, daß ein hagerer, nach Salbe riechender Mensch auf Korbjuhnsche Art in den Klassenraum trat, uns höhnisch, aber auch schreckhaft musterte, sich ein ≫Guten-Morgen-Herr-Doktor≪ wünschen ließ und ohne Ankündigung, ohne Warnung die Aufsatzhefte verteilte. Er sagte nichts. Er trat vielmehr, und ich meine: genußvoll, an die Tafel, ergriff die Kreide, hob die unansehnliche Hand und schrieb, während ihm der Ärmel bis zum Ellenbogen hinabrutschte, dabei einen trockenen, gelblichen, wenigstens hundertjährigen Arm freigab, das Thema an die Tafel, in seiner geduckten, schrägen Schrift, in der Schräge der Scheinheiligkeit. Es hieß: >Die Freuden der Pflicht.< Ich blickte erschrocken in die Klasse, sah nur gekrümmte Rücken, verstörte Gesichter; da lief ein Zischen von Bank zu Bank, Füße scharrten, Tischplatten wurden mit Seufzern gespickt. Ole Plötz, mein Nebenmann, bewegte seine fleischigen Lippen, las halblaut mit und bereitete seine Krämpfe vor. Charlie Friedländer, der begabt genug ist, nach Belieben blaß, grünlich, jedenfalls alarmierend ungesund zu erscheinen, so daß alle Erzieher ihn spontan von jeder Arbeit befreien — Charlie ließ bereits seine Atemkunst spielen, verfärbte sich zwar noch nicht, machte sich jedoch schon, unter geschickter Mitwirkung der Halsschlagader, Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe. Ich zog meinen Taschenspiegel heraus, winkelte ihn in Richtung zum Fenster, fing mir etwas Sonne und warf die Sonne gegen die Tafel, worauf Doktor Korbjuhn sich erschreckt umwandte, mit zwei Schritten die Sicherheit des Katheders gewann und uns von dort herab befahl, anzufangen. Noch einmal flog sein trockener Arm hoch, sein Zeigefinger wies in fordernder Starre auf das Thema: >Die Freuden der Pflicht<, und um allen Fragen auszuweichen, verfügte er: Jeder kann schreiben, was er will; nur muß die Arbeit von den Freuden der Pflicht handeln.

Ich halte meine Strafarbeit — bei gleichzeitiger Einschließung und vorläufigem Besuchsverbot — für unverdient; denn man läßt mich nicht dafür büßen, daß meiner Erinnerung oder meiner Phantasie nichts gelang, vielmehr hat man mir diese Abgeschiedenheit verordnet, weil ich, gehorsam nach den Freuden der Pflicht suchend, plötzlich zuviel zu erzählen hatte, oder doch so viel, daß mir kein Anfang gelang, so sehr ich mich auch anstrengte. Da es nicht beliebige, da es die Freuden der Pflicht sein sollten, die Korbjuhn sich von uns entdeckt, beschrieben, ausgekostet, jedenfalls eindeutig bewiesen wünschte, konnte mir niemand anderes erscheinen als mein Vater Jens Ole Jepsen, seine Uniform, sein Dienstfahrrad, das Fernglas, der Regenumhang, seine in unablässigem Westwind segelnde Silhouette auf dem Kamm des Deiches. Unter Doktor Korbjuhns mahnendem Blick fiel er mir sogleich ein: im Frühjahr, nein, im Herbst, dann also an einem dunklen, windfrischen Tag im Sommer schob er sein Fahrrad wie immer zum schmächtigen Ziegelweg hinab, hielt, wie immer, unter dem Schild ≫Polizeiposten Rugbüll≪, brachte die Pedale, indem er das Hinterrad hob, in die erwünschte Ausgangsstellung, verschaffte sich wie immer mit zwei Stößen den nötigen Schwung zum Aufsitzen und fuhr, zunächst schlingernd, stuckernd, vom Westwind aufgebauscht, ein Stück in Richtung zur Husumer Chaussee, die nach Heide und Hamburg weiterführt, bog beim Torfteich ab und fuhr, jetzt mit seitlichem Wind, an den maulwurfsgrauen Gräben entlang zum Deich, wie immer an der flügellosen Mühle vorbei, saß hinter der Holzbrücke ab und schob das Fahrrad schräg den wulstigen Deich hinauf, gewann dort oben, vor der Leere des Horizonts, eine unerwartete, den Raum betreffende Bedeutung, schwang sich abermals in den Sattel und segelte nun, eine einsame Tjalk, mit prallem, geblähtem und fast explodierendem Umhang, auf dem Kamm des Deiches entlang, nach Bleekenwarf, wie immer nach Bleekenwarf. Nie vergaß er seinen Auftrag. Wenn der Herbstwind Korvetten über den Himmel von Schleswig-Holstein trieb: mein Vater war unterwegs. Im scheckigen Frühjahr, bei Regen, an trüben Sonntagen, morgens und abends, in Krieg und Frieden schwang er sich auf sein Fahrrad und strampelte in die Sackgasse seiner Mission, die ihn immer nur nach Bleekenwarf führte von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Dies Bild, wie gesagt, diese mühselige Fahrt, zu der der Außenposten der Landpolizei Rugbüll — der nördlichste Polizeiposten Deutschlands — andauernd aufbrach, gelang meiner Erinnerung sofort, und um Korbjuhn zu dienen, dachte ich mich noch näher heran, band mir einen Schal um, ließ mich auf den Gepäckträger des Dienstfahrrades setzen und fuhr einfach mit nach Bleekenwarf wie so oft, hielt mich, wie so oft, mit klammen Fingern am Koppel meines Vaters fest, während der Gepäckträger mir mit seinem harten Gestänge rote Flecken in die Oberschenkel kniff. Ich fuhr mit und sah uns gleichzeitig, gegen den Hintergrund unentbehrlicher Abendwolken, gemeinsam auf dem Deich entlangfahren, ich spürte die Windstöße frei und scharf von der Einöde des Watts und sah uns beide von fern schwanken unter denselben Windstößen, und ich hörte meinen Vater stöhnen vor Anstrengung, nicht verzweifelt oder zornig über den Wind, sondern nur ordnungsgemäß stöhnen und, wie mir schien, mit heimlicher Genugtuung. Am Watt, am schwarzen winterlichen Meer entlang, fuhren wir nach Bleekenwarf, das ich kannte wie kein Anwesen außer der zerfallenden Mühle und unserm Haus; ich sah es daliegen auf schmutzigem Erdsockel, von Erlen flankiert, deren Kronen scharf gestriegelt und nach Osten hingebogen waren, ich versetzte mich vor das schwingende Holztor, öffnete es, blickte forschend auf Wohnhaus, Stall, Schuppen und das Atelier, aus dem mir, wie so oft, Max Ludwig Nansen zuwinkte, listig und vorsorglich drohend.

Sie hatten ihm damals verboten zu malen, und mein Vater, der Polizeiposten Rugbüll, hatte die Einhaltung des Malverbots zu überwachen durch alle Tages- und Jahreszeiten; er hatte, um das auch zu erwähnen, jede Erfahrung und Entstehung eines Bildes zu unterbinden, alle unerwünschten Behauptungen des Lichts, überhaupt polizeilich dafür zu sorgen, daß in Bleekenwarf nicht mehr gemalt wurde. Mein Vater und Max Ludwig Nansen kannten sich lange, ich meine: seit ihrer Kindheit, und da sie beide aus Glüserup stammten, wußten sie, was sie voneinander zu erwarten hatten, und vielleicht auch, was ihnen bevorstand und was einer dem anderen bereiten würde bei längerer Dauer der Lage.

Weniges liegt so wohlverwahrt im Tresor meiner Erinnerung wie die Begegnungen zwischen meinem Vater und Max Ludwig Nansen; deshalb schlug ich zuversichtlich mein Heft auf, legte meinen Taschenspiegel daneben und suchte die Fahrten meines Vaters nach Bleekenwarf zu beschreiben, nein, nicht allein die Fahrten, sondern auch all die Finten und Fallen, die er sich ausdachte für Nansen, die schlichten und komplizierten Listen, Pläne, die seinem langsamen Argwohn einfielen, Tricks, Täuschungen und, weil Doktor Korbjuhn es sich gewünscht hatte, schließlich auch die Freuden, die bei der Ausübung der Pflicht wohl abfielen. Es gelang nicht. Es glückte nicht. Immer wieder setzte ich an, schickte meinen Vater den Deich hinab, mit und ohne Umhang, bei Wind und bei Windstille, mittwochs und sonnabends: es half nicht. Da herrschte zuviel Unruhe, zuviel Bewegung und liederliche Fülle; noch bevor er Bleekenwarf erreichte, verlor ich ihn aus den Augen, weil es einen Aufruhr von Möwen gab, weil ein alter Torfkahn mit seiner Fracht kenterte oder ein Fallschirm über dem Watt schwebte.

Vor allem aber lief über den Vordergrund eine kleine, unternehmungslustige Flamme, die alle erinnerten Bilder und Begebenheiten versehrte, sie schmelzen und auflodern ließ, und, wenn die Flamme sie nicht erwischte, krümmte oder verkohlte oder, was auch vorkam, sie unter dem Zittern ihrer Glut verbarg.

So versuchte ich’s von der anderen Seite, dachte mich nach Bleekenwarf, um hier meinen Anfang zu finden, und grauäugig, listig bot sich Max Ludwig Nansen an, mir beim Trichtern der Erinnerung zu helfen: er lenkte meinen Blick auf sich, trat mir zuliebe aus seinem Atelier, tappte durch den Sommergarten zu den oft gemalten Zinnien, stieg langsam den Deich hinauf, wobei sich ein schweres, beleidigtes Gelb über den Himmel legte, das von dunklem Blau durchzuckt wurde, hob ein Fernglas und blickte nur eine Sekunde in Richtung Rugbüll, das genügte, um plötzlich ins Haus zu stürzen und sich im Innern zu verstecken. Fast hatte ich einen Anfang gefunden, als das Fenster aufgestoßen wurde und Ditte, Max Ludwig Nansens Frau, mir, wie so oft, ein Stück Streuselkuchen herausreichte. Da bot sich einfach zu viel an; ich hörte eine Schulklasse in Bleekenwarf singen; ich sah wieder eine kleine Flamme, ich hörte die Geräusche, die mein Vater bei nächtlichem Aufbruch verursachte. Jutta und Jobst, die fremden Kinder, überraschten mich im Schilf. Jemand warf Farben in einen Tümpel, der in dramatischem Orange aufleuchtete. Ein Minister sprach in Bleekenwarf. Mein Vater salutierte. Große Autos mit fremdem Nummernschild hielten in Bleekenwarf. Mein Vater salutierte. Ich träumte in der zerfallenden Mühle, im Versteck, wo die Bilder lagen: mein Vater führte eine Flamme an der Leine, löste das Halsband und befahl der Flamme: ≫Such!≪

Immer mehr verschränkte, überschnitt, verwirrte sich alles, bis mich auf einmal Korbjuhns warnender Blick traf; da reinigte ich, sozusagen, in gesammelter Anstrengung die von Gräben durchschnittene Ebene meiner Erinnerung, schüttelte die Nebenerscheinungen ab, um alles unverdeckt und leicht abbildbar vor mir zu haben, besonders meinen Vater und die Freuden der Pflicht. Ich erreichte es auch, hatte gerade alle entscheidenden Personen zu einer Paradeformation unter dem Deich aufgestellt, wollte sie auch schon vor mir defilieren lassen, als Ole Plötz, mein Nebenmann, aufschrie und sich in erfolgreichen Krämpfen aus der Bank fallen ließ. Der Schrei kappte alle Erinnerung, ein Anfang gelang mir nicht mehr, ich gab auf, und als Doktor Korbjuhn die Hefte einsammelte, gab ich ein leeres Heft ab.

Julius Korbjuhn konnte meine Schwierigkeiten nicht einsehen, glaubte mir nicht die Qual des Beginnens, konnte sich einfach nicht vorstellen, daß der Anker der Erinnerung nirgendwo faßte, die Kette straffte, sondern nur rasselnd und polternd, bestenfalls Schlamm aufwirbelnd über den tiefen Grund zog, so daß keine Ruhe eintrat, kein Stillstand, der nötig ist, um ein Netz über Vergangenes zu werfen.

Nachdem also dieser Deutschlehrer erstaunt mein Heft durchgeblättert hatte, rief er mich auf, betrachtete mich einerseits leicht angewidert, andererseits mit redlichen Bedenken, forderte eine Erklärung von mir und sah sich nicht in der Lage, mit dieser Erklärung zufrieden zu sein. Er bezweifelte den guten Willen sowohl meiner Erinnerung als auch meiner Phantasie, bestritt mir die Not des Anfangs, indem er nicht mehr sagte als: Du siehst nicht so aus, Siggi Jepsen, und behauptete mehrmals, daß die leeren Seiten gegen ihn gerichtet seien. Statt mir zu glauben, witterte er Widerstand, Aufsässigkeit und so weiter, und da für solche Lagen der Direktor zuständig ist, führte Korbjuhn mich nach der Deutschstunde, die mir nichts brachte als den Schmerz über eine tolle, verwackelte, jedenfalls unknüpfbare Erinnerung, in das blaue Direktionsgebäude hinüber, wo im ersten Stock, gleich neben der Treppe, das Zimmer des Direktors liegt.

Direktor Himpel, wie immer in Windjacke und Knickerbocker, war von etwa zweiunddreißig Psychologen umgeben, die sich geradezu fanatisch interessiert zeigten an den Problemen jugendlicher Krimineller. Auf seinem Schreibtisch stand eine blaue Kaffeekanne, lagen fleckige Seiten von Notenpapier, einige davon bedeckt mit seinen hastigen, landschaftlich engagierten Kompositionen, knappe Lieder, in denen die Elbe vorkam, meerfeuchter Wind, gebeugter, aber zäher Strandhafer, leuchtender Möwenflug, aber auch flatternde Kopftücher sowie der dringende Ruf des Nebelhorns: unser Inselchor ist dazu ausersehen, all diese Lieder aus der Taufe zu heben.

Die Psychologen verstummten, als wir das Zimmer betraten, hörten zu, was Doktor Korbjuhn dem Direktor zu melden hatte. Die Meldung kam leise, doch ich konnte hören, daß da abermals von Widerstand die Rede war und von Aufsässigkeit, und wie um das zu belegen, überreichte Korbjuhn mein leeres Aufsatzheft dem Direktor; der wechselte einen besorgten Blick mit den Psychologen, trat auf mich zu, rollte mein Heft zusammen und schlug sich damit kurz auf das eigene Handgelenk, dann auf die Knickerbocker und verlangte eine Erklärung. Ich sah in gespannte Gesichter, hörte ein zartes Knacken hinter mir, das entstand, als Korbjuhn seine Finger auszog, litt unter der gesammelten Erwartung meiner Umgebung. Durch das breite Eckfenster, vor dem ein Klavier stand, sah ich hinaus auf die Elbe, erkannte zwei Krähen, die sich im Flug um etwas Schlaffes, Hängendes, vielleicht um ein Stück Darm, stritten, das sie sich wechselweise entrissen, hinabwürgten, ausspuckten, bis es auf eine Eisscholle fiel und dort von einer wachsamen Möwe geschnappt wurde. Da legte der Direktor mir eine Hand auf die Schulter, nickte mir fast kameradschaftlich zu und bat mich noch einmal, vor all den Psychologen, um eine Erklärung, worauf ich ihm von meiner Not erzählte: wie mir das Wichtigste zu dem gewünschten Thema zuerst einfiel, dann aber verwackelte; wie ich kein Geländer finden konnte, das mich allmählich in die Erinnerung hinabführte. Von den vielen Gesichtern erzählte ich ihm, von dem unüberschaubaren Gedränge und all den Bewegungen quer durch meine Erinnerung, die mir jeden Anfang vermadderten, jeden Versuch vereitelten, auch vergaß ich nicht zu erwähnen, daß die Freuden der Pflicht bei meinem Vater noch andauerten und daß ich sie deshalb, um ihnen gerecht zu werden, nur ungekürzt schildern könne, jedenfalls nicht in willkürlicher Auswahl.

Erstaunt, vielleicht sogar verständnisvoll hörte der Direktor mir zu, während die Diplompsychologen flüsterten, noch näher traten und sich dabei anstießen und erregt zuraunten ≫Wartenburgischer Wahrnehmungsdefekt≪ oder ≫Winkeltäuschung≪ oder sogar, was ich besonders widerlich fand, ≫Kognitive Hemmung≪; da war ich schon bedient und so weiter, jedenfalls weigerte ich mich, in Anwesenheit dieser Leute, die mich unbedingt durchschauen wollten, noch mehr Erklärungen abzugeben: die Zeit auf dieser Insel hat mich genug gelehrt.

Nachdenklich zog der Direktor seine Hand von meiner Schulter, musterte sie kritisch, prüfte vielleicht, ob sie noch komplett war, und wandte sich dann, unter der erbarmungslosen Aufmerksamkeit seiner Besucher, zum Fenster, wo er ein Weilchen in den Hamburger Winter hinausblickte, sich wohl bei ihm Anregung und Rat holte, denn auf einmal wandte er sich mir zu und verkündete mit niedergeschlagenen Augen sein Urteil. Ich solle, so meinte er, in meine Zelle gebracht werden, in ≫anständige Abgeschiedenheit≪, wie er sagte, und zwar nicht, um zu büßen, sondern um ungestört einzusehen, daß Deutschaufsätze geschrieben werden müssen. Er gab mir also eine Chance. Er erläuterte, daß alle Ablenkungen, wie etwa Besuche meiner Schwester Hilke, von mir ferngehalten würden, daß ich meinen Pflichten — in der Besenwerkstatt und in der Inselbücherei — nicht nachzugehen brauchte, überhaupt versprach er, mich vor jeder Störung zu bewahren, und dafür erwartete er, daß ich, bei gleicher Essensration, meine Arbeit nachschrieb. Es kann ruhig, sagte er, dauern, solange es nötig ist. Ich solle den Freuden der Pflicht, sagte er, geduldig nachspüren. Ich meine, er sagte auch, ich solle alles bedachtsam tropfen und wachsen lassen, wie ein Stalaktit oder so; denn Erinnerung, das kann auch eine Falle sein, eine Gefahr, zumal die Zeit nichts, aber auch gar nichts heilt. Da horchten die Diplompsychologen auf, er aber schüttelte mir fast kameradschaftlich die Hand, Händeschütteln, darin hat er ja Erfahrung, ließ sodann Joswig rufen, unseren Lieblingswärter, machte ihn mit seinem Entschluß bekannt und sagte etwa: Einsamkeit, Siggi braucht nichts so sehr wie Zeit und Einsamkeit: achten Sie, daß er beides reichlich erhält. Danach gab er Joswig mein leeres Heft, und wir beide waren entlassen, schlenderten über den gefrorenen Platz — Joswig so bekümmert und vorwurfsvoll, als hätte ich ihm mit meiner Verurteilung zur Strafarbeit eine eigene Enttäuschung bereitet. Dieser Mann, der sich für nichts mehr begeistern kann außer für seine Altgeldsammlung und den Gesang des Inselchors, er zog sich beleidigt in sich selbst zurück, als er mich in meine Zelle brachte. Darum umschloß ich seinen Unterarm und bat ihn, mich nach Möglichkeit weniger vorwurfsvoll zu behandeln. Er ging aber nicht darauf ein, sondern sagte nur: Denk, so sagte er, an Philipp Neff, womit er mich indirekt davor warnte, es diesem Philipp Neff gleichzutun, einem einäugigen Jungen, den sie ebenfalls verurteilt hatten, eine Deutscharbeit nachzuschreiben. Zwei Tage und zwei Nächte, so kann man erfahren, soll dieser Junge sich abgemüht haben, einen Anfang zu finden, einen genügsamen Grund — es ging, soviel ich weiß, um das Korbjuhnsche Thema: >Ein Mensch, der mir auffiel< —, am dritten Tag schlug er einen Wärter nieder, brach aus, würgte mit einer unter uns unvergessenen Wirkung den Hund des Direktors, konnte bis zum Strand fliehen und ertrank bei dem Versuch, die Elbe im September zu durchschwimmen. Das einzige Wort, das Philipp Neff, dieser tragische Beweis für Korbjuhns unheilvolle Tätigkeit, in sein Heft geschrieben und hinterlassen hatte, hieß: Karunkel — was immerhin vermuten ließ, daß ihm ein Mensch mit einer Fleischwarze besonders aufgefallen war. Jedenfalls war Philipp Neff mein Vorgänger in dem festen Zimmer, das man mir nach meiner Ankunft auf der Insel für schwer erziehbare Jugendliche zugewiesen hatte, und als Joswig mich an sein Los erinnerte, indem er mich davor warnte, es ihm gleichzutun, ergriff mich eine unbekannte Angst, eine schmerzhafte Ungeduld: ich drängte mich zum Tisch und fürchtete mich vor ihm, wollte mich auf die alte Spur setzen und bangte, sie nicht wiederfinden zu können, ich zauderte und forderte, druckste und begehrte, wollte und wollte nicht — was zur Folge hatte, daß ich nur teilnahmslos zusah, wie Joswig mein Zimmer untersuchte, nein, nicht allein untersuchte, sondern zur Strafarbeit freigab.

Fast einen Tag lang sitze ich nun so, und vielleicht hätte ich schon angefangen, wenn da nicht, zur Ablenkung, Schiffe über den winterlichen Strom aufkämen, die zuerst nicht zu sehen, nur zu hören sind: das schwache Dröhnen der Maschinen kündigt sie an, dann ein Stoßen und Poltern, das die Eisschollen hervorrufen, die splitternd an der eisernen Bordwand entlangtrudeln, und dann, während das Stampfen härter und bestimmbarer wird, gleiten sie aus dem Zinngrau des Horizonts mit ganz und gar verwaschenen Farben, feucht, vibrierend, eher eine Erscheinung der Luft als des Wassers, und ich muß sie aufnehmen mit dem Blick und begleiten, bis sie querab und vorüber sind. Mit ihren eisverkrusteten Steven und Relings und Entlüftern, mit ihren glasierten Aufbauten und rauhreifbesetzten Spanten gleiten sie durch die Starre. Was sie zurücklassen, ist ein breiter, ungenauer Schnitt im treibenden Eis, eine Rinne, die mäanderförmig gegen den Horizont läuft, schmaler wird, zuwächst. Und das Licht, auf das Licht über der winterlichen Elbe ist kein Verlaß: zinngrau wird zu schneegrau, violett bleibt nicht violett, rot verzichtet auf sein Komplement, und der Himmel Richtung Hamburg ist vielfach gefleckt wie von Prellungen.

Drüben am Ufer, woher mattes Hämmern bis zu mir herüberklingt, steht ein schmaler, schmutziger Nebelschweif, der mir wie eine entrollte Fahne aus Mullbinde vorkommt. Näher zu mir, mitten über den Strom, hängt die Rußfahne des kleinen Eisbrechers ≫Emmy Guspel≪, der vor einer Stunde mit rabiatem Bug durch das bläulich schimmernde Treibeis pflügte; die längliche Qualmwolke will nicht sinken, will sich nicht auflösen, weil der Frost Streik ausgerufen hat und darum vieles unerledigt bleibt, sogar die Atemstöße bleiben sichtbar. Zweimal ist die ≫Emmy Guspel≪ schon vorübergedampft, denn sie muß das Eis in Bewegung halten, muß verhindern, daß sich da eine Stauung von Schollen bildet, ein Eispfropf im Strom, der eine geschäftliche Thrombose hervorrufen könnte.

Schräg stehen die Warntafeln unten am verlassenen Strand; Eisschollen haben sich an den Pfählen gescheuert und sie dabei gelockert, das Hochwasser hat nachgedrückt, der Wind hat sie schiefgeweht, so daß die Wassersportler, die die Warnung vor allem betrifft, schon den Kopf schräg legen müßten, um zu erfahren, daß jedes Anlegen, Festmachen und Zelten auf unserer Insel verboten ist. Zum Sommer, das ist sicher, werden sie die Pfähle wieder richten, denn es sind besonders die Wassersportler, die die Besserung der jugendlichen Gefangenen auf der Insel gefährden könnten: das ist die Meinung des Direktors, und das ist auch, wie man erfahren kann, die Meinung, die der Hund des Direktors vertritt.

Nur in unseren Werkräumen ist der Kreislauf weder geschwächt noch unterbrochen: Weil sie uns hier mit den Vorzügen der Arbeit bekannt machen wollen, sogar einen erzieherischen Wert in der Arbeit entdeckt haben, achten sie, daß keine Stille entsteht: das Summen der Dynamos in der Elektrowerkstatt, das Ting-Tong fallender Hämmer in der Schmiede, das schroffe Zischgeräusch der Hobel in der Tischlerei und das Hacken und Kratzen aus unserer Besenwerkstatt hören nie auf, lassen den Winter vergessen und erinnern mich, daß ich meine Aufgabe noch vor mir habe. Ich muß anfangen.

Der Tisch ist sauber, alt, mit dunkelnden Kerben bedeckt, mit eckigen Initialen und Jahreszahlen, Zeichen, die an einen Augenblick der Bitterkeit, der Hoffnung, aber auch des Starrsinns erinnern. Mein Heft liegt aufgeschlagen vor mir, bereit die Strafarbeit aufzunehmen. Ich kann mir keine Ablenkung mehr leisten, ich muß beginnen, ich muß den Schlüssel umdrehen, um den Tresor meiner Erinnerung, in dem alles verschlossen liegt, endlich zu öffnen, um all das hervorzuholen, was Korbjuhns Forderung erfüllt: ich soll ihm die Freuden der Pflicht bestätigen, ihre Wirkungen verfolgen, die in mir selbst enden, und zwar zur Strafe, ungestört, und so lange, bis der Nachweis gelungen ist. Ich bin bereit. Und da ich dabei voran muß, will ich zurückgehen, eine Auswahl treffen, einen Ort suchen, vielleicht doch den Polizeiposten Rugbüll, oder lieber gleich die ganze schleswig-holsteinische Ebene zwischen Glüserup, der Husumer Chaussee und dem Deich, das Land, das für mich nur von einem einzigen Weg durchschnitten ist, und der führt von Rugbüll nach Bleekenwarf. Auch wenn ich die Vergangenheit aus dem Schlaf wecken muß: ich muß anfangen. Also.

Kapitel 2

Das Malverbot

Im Jahr dreiundvierzig, um mal so zu beginnen, an einem Freitag im April, morgens oder mittags, bereitete mein Vater Jens Ole Jepsen, der Polizeiposten der Außenstelle Rugbüll, der nördlichste Polizeiposten von SchleswigHolstein, eine Dienstfahrt nach Bleekenwarf vor, um dem Maler Max Ludwig Nansen, den sie bei uns nur den Maler nannten und nie aufhörten, so zu nennen, ein in Berlin beschlossenes Malverbot zu überbringen. Ohne Eile suchte mein Vater Regenumhang, Fernglas, Koppel, Taschenlampe zusammen, machte sich mit absichtlichen Verzögerungen am Schreibtisch zu schaffen, knöpfte schon zum zweiten Mal den Uniformrock zu und linste — während ich vermummt und regungslos auf ihn wartete — immer wieder in den mißlungenen Frühlingstag hinaus und horchte auf den Wind. Es ging nicht nur Wind: dieser Nordwest belagerte in geräuschvollen Anläufen die Höfe, die Knicks und Baumreihen, erprobte mit Tumulten und Überfällen die Standhaftigkeit und formte sich eine Landschaft, eine schwarze Windlandschaft, krumm, zerzaust und voll unfaßbarer Bedeutung. Unser Wind, will ich meinen, machte die Dächer hellhörig und die Bäume prophetisch, er ließ die alte Mühle wachsen, fegte flach über die Gräben und brachte sie zum Phantasieren, oder er fiel über die Torfkähne her und plünderte die unförmigen Lasten.

Wenn bei uns Wind ging und so weiter, dann mußte man sich schon Ballast in die Taschen stecken — Nägelpakete oder Bleirohre oder Bügeleisen —, wenn man ihm gewachsen sein wollte. Solch ein Wind gehört zu uns, und wir konnten Max Ludwig Nansen nicht widersprechen, der Zinnadern platzen ließ, der wütendes Lila nahm und kaltes Weiß, wenn er den Nordwest sichtbar machen wollte — diesen wohlbekannten, uns zukommenden Nordwest, auf den mein Vater argwöhnisch horchte.

Ein Rauchschleier schwebte in der Küche. Ein nach Torf duftender, zuckender Rauschschleier schwebte im Wohnzimmer. Der Wind saß im Ofen und paffte uns das Haus voll, während mein Vater hin und her ging und offenbar nach Gründen suchte, um seinen Aufbruch zu verzögern, hier etwas ablegte, dort etwas aufnahm, die Gamaschen im Büro anlegte, das Dienstbuch am Eßtisch in der Küche aufschlug und immer noch etwas fand, was seine Pflicht hinausschob, bis er mit ärgerlichem Erstaunen feststellen mußte, daß etwas Neues aus ihm entstanden war, daß er sich gegen seinen Willen in einen vorschriftsmäßigen Landpolizisten verwandelt hatte, dem zur Erfüllung seines Auftrags nichts mehr fehlte als das Dienstfahrrad, das, gegen einen Sägebock gelehnt, im Schuppen stand.

So war es an diesem Tag vermutlich die aus Gewohnheit zustande gekommene äußere Dienstbereitschaft, die ihn schließlich zum Aufbruch zwang, nicht der Eifer, nicht die Berufsfreude und schon gar nicht die ihm zugefallene Aufgabe; er setzte sich wie so oft in Bewegung, anscheinend weil er komplett uniformiert und ausgerüstet war. Er variierte nicht seinen Gruß, bevor er ging, er trat wie immer auf den dämmrigen Flur, lauschte, rief gegen die geschlossenen Türen: Tschüß, nech!, erhielt von keiner Seite eine Antwort, war jedoch nicht verblüfft oder enttäuscht darüber, sondern tat so, als hätte man ihm geantwortet, denn er nickte befriedigt, zog mich nickend zur Haustür, wandte sich noch einmal an der Schwelle um und machte eine unbestimmte Geste des Abschieds, bevor der Wind uns aus dem Türrahmen riß.

Draußen legte er sich sogleich mit der Schulter gegen den Wind, senkte sein Gesicht — ein trockenes, leeres Gesicht, auf dem alles, jedes Lächeln, jeder Ausdruck von Mißtrauen oder Zustimmung sehr langsam entstand und dadurch eine unerhörte, wenn auch mitunter verzögerte Bedeutsamkeit erlangte, so daß es den Anschein hatte, als verstehe er alles zwar gründlich, aber zu spät — und ging vornübergebeugt über den Hof, auf dem der Wind spitze Kreisel drehte und eine Zeitung zerzauste, einen Sieg in Afrika, einen Sieg auf dem Atlantik, einen gewissermaßen entscheidenden Sieg an der Altmetallfront zerzauste und knüllte und gegen den Maschendraht unseres Gartens preßte. Er ging zum offenen Schuppen. Stöhnend hob er mich auf den Gepäckträger. Er packte das Fahrrad mit einer Hand an der Hinterkante des Sattels, mit der anderen an der Lenkstange und drehte es herum. Dann schob er es zum Ziegelweg hinab, hielt unter dem spitzen, auf unser Rotsteinhaus zielenden Schild ≫Polizeiposten Rugbüll≪, brachte das linke Pedal in günstige Ausgangsstellung, saß auf und fuhr mit straff geblähtem Umhang, der zwischen den Beinen mit einer Klammer zusammengefaßt war, Richtung Bleekenwarf.

Das ging gut bis zur Mühle oder sogar fast bis zur Holmsenwarf mit ihren wippenden Hecken, denn so lange segelte er gebläht und kräftig gebauscht vor dem Wind, doch dann, als er sich gegen den Deich wandte, den Deich gebeugt erklomm, glich er sofort dem Mann auf dem Prospekt ≫Mit dem Fahrrad durch Schleswig-Holstein≪, einem verbissenen Wanderer, der durch Versteifung, Krümmung und vom Sattel abgehobenem Gesäß bereitwillig die Mühsal erkennen ließ, mit der man sich hier fortbewegen muß auf der Suche nach heimischer Schönheit. Der Prospekt verriet jedoch nicht nur die Mühsal, er deutete auch das Maß der Geschicklichkeit an, das notwendig ist, um bei fallsüchtigem, seitlichem Nordwest mit dem Fahrrad auf dem Kamm des Deiches zu fahren; außerdem veranschaulichte er die in Windfahrten zweckmäßige Körperhaltung, ließ das Erlebnis des norddeutschen Horizonts ahnen, zeigte die schlohweißen Kraftlinien des Windes und bevorzugte als vertraute Garnierung des Deiches die gleichen blöden und verzottelten Schafe, die auch meinem Vater und mir nachblickten.

Da eine Beschreibung des Prospekts zwangsläufig zu einer Beschreibung meines Vaters werden muß, wie er auf dem Deich nach Bleekenwarf fuhr, möchte ich, zur Vervollständigung des Bildes, noch die Mantel—, Heringsund Lachmöwen erwähnen sowie die seltene Bürgermeistermöwe, die, dekorativ über dem erschöpften Radler verteilt, durch nachlässigen Druck etwas verwischt, wie weiße Staubtücher zum Trocknen in der Luft hingen.

Immer auf dem Kamm des Deiches entlang, auf dem schmalen Zwangskurs, der sich da braun im flachen Gras abzeichnete, die Stöße des Windes parierend, die blauen Augen gesenkt — so fuhr mein Vater mit seinem gefalteten, in der Brusttasche steckenden Auftrag den sanften Bogen des Wulstes aus, ohne Dringlichkeit, nur mühselig, so daß man vermuten konnte, sein Ziel sei das hölzerne, grau getünchte Gasthaus ≫Wattblick≪, in dem er einen Grog trinken und mit Hinnerk Timmsen, dem Wirt, einen Handschlag, vielleicht sogar einige Sätze wechseln werde.

Wir fuhren nicht so weit. Noch vor dem Gasthaus, das mit Hilfe von zwei begehbaren Holzbrücken auf dem Deich ruhte — und mich immer an einen Hund erinnerte, der seine Vorderpfoten auf eine Mauer gelegt hat, um darüber wegsehen zu können —, drehten wir ab, gewannen in beherrschter Schußfahrt den erlaufenen Pfad neben dem Deichfuß und bogen von da in die lange Auffahrt nach Bleekenwarf ein, die von Erlen flankiert, von einem schwingenden Tor aus weißen Planken begrenzt war. Die Spannung wuchs. Die Erwartung nahm zu — wie immer bei uns, wenn sich einer im April, bei diesem barschen Nordwest, durch das unverstellte Blickfeld bewegt mit erklärtem Ziel.

Seufzend ließ uns das Holztor ein, das mein Vater bei langsamer Fahrt mit dem Fahrrad aufstieß, er fuhr an dem unbenutzten, rostroten Stall vorbei, am Teich, am Schuppen, sehr langsam, gerade als wünschte er, vorzeitig entdeckt zu werden, fuhr dicht an den schmalen Fenstern des Wohnhauses vorbei und warf noch einen Blick in das angebaute Atelier, bevor er abstieg, mich wie ein Paket auf den Boden stellte und das Fahrrad zum Eingang führte.

Da bei uns niemand den Eingang eines Anwesens unentdeckt erreicht, brauche ich meinen Vater nicht klopfen oder fordernd in das Halbdunkel des Flurs hineinrufen zu lassen, auch brauche ich nicht den Fall nahender Schritte zu beschreiben oder Überraschung explodieren zu lassen; es genügt vielmehr, daß er die Tür aufstößt, seine Hand durch den Umhang schiebt und sie sogleich warm umspannt und auf und ab geschüttelt fühlt, worauf ihm nur zu sagen bleibt: Tag, Ditte -; denn die Frau des Malers war gewiß schon in dem Augenblick zur Tür gegangen, als wir in knapper Sturzfahrt den Deich verlassen hatten.

In ihrem langen, groben Kleid, das ihr das Aussehen einer strengen holsteinischen Dorfprophetin verlieh, ging sie uns voraus, erwischte in der Flurdunkelheit den Drücker der Wohnzimmertür, öffnete und bat meinen Vater, einzutreten. Mein Vater löste erst einmal die Klammer, die den Umhang zwischen den Oberschenkeln zusammenhielt — er spreizte dabei jedesmal seine Beine, gab in den Knien nach und fummelte so lange herum, bis er den Kopf der Klammer zwischen den Fingern hielt —, befreite sich vom Umhang, indem er nach unten wegtauchte, zog seine Uniformjacke glatt, öffnete ein wenig meine Vermummung und schob mich vor sich her in die Wohnstube.

Sie hatten eine sehr große Wohnstube auf Bleekenwarf, einen nicht allzu hohen, aber breiten und vielfenstrigen Raum, in dem mindestens neunhundert Hochzeitsgäste Platz gehabt hätten, und wenn nicht die, dann aber doch sieben Schulklassen einschließlich ihrer Lehrer, und das trotz der ausschweifenden Möbel, die dort herumstanden mit ihrer hochmütigen Raumverdrängung: schwere Truhen und Tische und Schränke, in die runenhafte Jahreszahlen eingekerbt waren und die einfach durch die gebieterische und dräuende Art ihres Dastehns Dauer beanspruchten. Auch die Stühle waren unverhältnismäßig schwer, gebieterisch; sie verpflichteten, möchte ich mal sagen, zu regungslosem Dasitzen und zu einem sehr sparsamen Mienenspiel. Das dunkle, plumpe Teegeschirr — sie nannten es Wittdüner Porzellan —, das auf einem Bord an der Wand stand, war nicht mehr in Gebrauch und lud zu Zielwürfen ein, aber der Maler und seine Frau waren duldsam und änderten nichts oder nur wenig, nachdem sie Bleekenwarf gekauft hatten von der Tochter des alten Frederiksen, der so skeptisch war, daß er sich, als er Selbstmord beging, vorsichtshalber die Ader öffnete, ehe er sich an einem der ungeheuren Schränke erhängte.

Sie änderten nichts am Mobiliar, wenig in der Küche, in der sich Pfannen, Töpfe, Fäßchen und Kannen streng ausgerichtet anboten; sie beließen an ihrem Platz die greisen Geschirrschränke mit den unbescheidenen Wittdüner Tellern und den maßlosen Terrinen und Schüsseln, sogar die Betten blieben an ihrem Ort, strenge, schmale Pritschen, die kärgsten Zugeständnisse an die Nacht.

Aber mein Vater sollte endlich, zumal er schon im Wohnzimmer steht, die Tür hinter sich schließen und Doktor Theodor Busbeck begrüßen, der wie immer allein auf dem Sofa saß, auf dem harten, vielleicht dreißig Meter langen Ungetüm, nicht lesend oder schreibend, sondern wartend, seit Jahren wartend in Ergebenheit, sorgfältig gekleidet und voll geheimnisvoller Bereitschaft, so als könnte die Veränderung oder die Nachricht, die er erwartete, in jedem Augenblick eintreffen. Auf seinem blassen Gesicht war fast nichts zu erkennen, das heißt, jeder Ausdruck, den eine Erfahrung auf ihm zurückgelassen hatte, war von einer planvollen Vorsicht wieder entfernt, abgewaschen worden; aber bereits wir wußten immerhin so viel, daß er als erster die Bilder des Malers ausgestellt hatte und auf Bleekenwarf lebte, seit seine Galerie zwangsgeräumt und geschlossen worden war. Lächelnd ging er meinem Vater entgegen, begrüßte ihn, ließ sich die Windstärke bestätigen, nickte auch lächelnd zu mir herab und zog sich wieder zurück. Nimmst du Tee oder Schnaps, Jens, fragte die Frau des Malers, mir ist nach Schnaps.

Mein Vater winkte ab. Nichts, Ditte, sagte er, heute nichts, und er setzte sich nicht wie sonst auf den Fensterstuhl, trank nicht wie sonst, sprach nicht wie sonst von seinen Schmerzen in der Schulter, die ihn seit einem Sturz vom Fahrrad heimsuchten, und versäumte es auch, die Vorfälle und näheren Begebenheiten auszubreiten, über die der Polizeiposten Rugbüll herrschte und unterrichtet sein mußte, vom folgenschweren Hufschlag über Schwarzschlachtung bis zur ländlichen Brandstiftung. Er hatte nicht einmal einen Gruß von Rugbüll mitgebracht und vergaß auch, nach den fremden Kindern zu fragen, die der Maler aufgenommen hatte. Nichts, Ditte, sagte er, heute nichts.

Er setzte sich nicht. Er streifte mit den Fingerkuppen die Brusttasche. Er blickte durch das Fenster zum Atelier hinüber. Er schwieg und wartete, und Ditte und Doktor Busbeck sahen, daß er auf den Maler wartete, freudlos, unruhig sogar, soweit mein Vater überhaupt Unruhe zeigen konnte, jedenfalls ließ ihn das, was er zu tun hatte, nicht gleichgültig. Sein Blick fand keinen Halt — wie immer, wenn er betroffen, wenn er unsicher und erregt war auf seine friesische Weise: er sah jemanden an und sah ihn nicht an, sein Blick traf und glitt ab, hob sich und wich aus, wodurch er selbst unerreichbar blieb und sich jeder Befragung entzog. So wie er dastand in der sehr großen Wohnstube auf Bleekenwarf, beinahe widerwillig in der schlecht sitzenden Uniform, unsicher und mit einem Blick, der nichts bekennen wollte, ging von ihm ganz gewiß keine Bedrohung aus.

Da fragte die Frau des Malers gegen seinen Rücken: Ist was mit Max? Und als er nickte, nichts als steif vor sich hinnickte, erhob sich Doktor Busbeck, kam näher und nahm Dittes Arm und fragte zaghaft: Eine Entscheidung aus Berlin?

Mein Vater wandte sich überrascht, wenn auch zögernd, um, sah auf den kleinen Mann, der sich für seine Frage zu entschuldigen schien, der sich für alles zu entschuldigen schien, und antwortete nicht, weil er nicht mehr zu antworten brauchte; denn beide, die Frau des Malers und sein ältester Freund, gaben ihm durch ihr Schweigen zu erkennen, daß sie ihn verstanden hatten und auch schon wußten, welch eine Entscheidung es war, die er zu überbringen hatte.

Natürlich hätte Ditte ihn jetzt nach dem genauen Inhalt seines Auftrags fragen können, und mein Vater, denke ich, hätte bereitwillig, auch erleichtert geantwortet, doch sie forderten ihn nicht auf, mehr zu sagen, standen eine Weile nebeneinander, und dann sagte Busbeck für sich: Jetzt auch Max. Mich wundert nur, daß es nicht schon früher passierte, wie bei den andern. Während sie sich in gemeinsamem Entschluß dem Sofa zuwandten, sagte die Frau des Malers: Max arbeitet, er steht am Graben hinterm Garten.

Das war schon abgewandt gesprochen und enthielt für meinen Vater gleichermaßen Hinweis wie Verabschiedung, worauf ihm nichts anderes mehr übrigblieb, als die Stube zu verlassen, nach dem er mit einem Achselzucken angedeutet hatte, wie sehr er seine Mission bedaure und wie wenig er selbst mit der ganzen Sache zu schaffen habe. Er schnappte sich seinen Umhang vom Ständer, stieß mich an, und wir beide gingen hinaus.

Langsam bewegte er sich an der kahlen Front des Hauses entlang, eher bekümmert als selbstsicher, stieß die Gartenpforte auf, stand jetzt im Schutz der Hecken und setzte seine Lippen in Tätigkeit, ließ sie Worte und ganze Sätze vorsorglich probieren, wie so oft, wie immer, wenn ihm eine Begegnung mehr als das Übliche an Sprache abzuverlangen drohte, ging dann zwischen den gelockerten und aufgeräumten Beeten, an dem strohgedeckten Gartenhaus vorbei zum Graben, der Bleekenwarf umschloß, einem schilfgesäumten ruhenden Gewässer, das die Einsamkeit des Anwesens erhöhte.

Da stand der Maler Max Ludwig Nansen.

Er stand auf der geländerlosen Holzbrücke und arbeitete im Windschutz, und weil ich weiß, wie er arbeitete, möchte ich ihn nicht ohne Vorbereitung unterbrechen, indem ich meinen Vater dazu bringe, ihm auf die Schulter zu tippen, ich möchte die Begegnung verzögern, weil es kein beliebiges Zusammentreffen ist und ich zumindest erwähnen will, daß der Maler acht Jahre älter war als mein Vater, kleiner von Wuchs, wendiger, unbeherrschter, vielleicht auch listiger und starrsinniger, obwohl sie beide ihre Jugend in Glüserup verbracht hatten. Glüserup: Herrje.

Er trug einen Hut, einen Filzhut, den er tief in die Stirn zog, so daß die grauen Augen im geringen, aber unmittelbaren Schatten der Krempe lagen. Sein Mantel war alt, am Rücken durchgescheuert, es war der blaue Mantel mit den unerschöpflichen Taschen, in denen er, wie er uns einmal drohend sagte, sogar Kinder verschwinden lassen konnte, wenn sie ihn bei der Arbeit störten. Diesen graublauen Mantel trug er zu jeder Jahreszeit, draußen und drinnen, bei Sonne und bei Regen, womöglich schlief er auch in ihm; jedenfalls gehörte der eine zum andern. Manchmal allerdings, an gewissen Sommerabenden, wenn sich über dem Watt die schwerfälligen Konvois der Wolken versammelten, konnte man auch den Eindruck haben, daß es lediglich der Mantel und nicht der Maler war, der da den Deich entlangwanderte und den Horizont inspizierte.

Was der Mantel nicht verbarg, das war nur ein Stück der zerknitterten Hose, und das waren die Schuhe, altmodische, aber sehr teure Schuhe, die bis zu den Knöcheln reichten und einen schmalen, schwarzen Wildledereinsatz hatten.

Wir waren es gewohnt, ihn so zu treffen, und so fand ihn auch mein Vater vor, der hinter der Hecke stand und, wie ich glaube, zufrieden gewesen wäre, wenn er nicht doch hätte stehen müssen, zumindest aber ohne den Auftrag, ohne das Papier in seiner Brusttasche und nicht zuletzt ohne Erinnerungen. Mein Vater beobachtete den Maler. Er beobachtete ihn nicht gespannt, nicht mit berufsmäßiger Aufmerksamkeit.

Der Maler arbeitete. Er hatte etwas mit der Mühle vor, mit der zerfallenden Mühle, die unbeweglich und flügellos im April stand. Leicht über ihren Drehkranz erhoben, stand sie wie eine plumpe Blume auf einem sehr kurzen Stengel, ein düsteres Gewächs, das seiner letzten Tage harrte. Max Ludwig Nansen machte etwas aus ihr, indem er sie entführte, in einen anderen Tag, eine andere Beziehung, in eine andere Dämmerung entführte, die da auf seinem Blatt herrschte. Und wie immer, während er arbeitete, redete der Maler; er sprach nicht mit sich selbst, er wandte sich an einen Balthasar, der neben ihm stand, an seinen Balthasar, den nur er sah und hörte und mit dem er schwatzte und zankte, dem er manchmal sogar eins mit dem Ellenbogen versetzte, so daß wir, obwohl wir keinen Balthasar sehen konnten, den unsichtbaren Gutachter auf einmal stöhnen hörten, und wenn nicht gleich stöhnen, so doch fluchen. Je länger wir hinter ihm standen, desto mehr begannen wir an Balthasar zu glauben, wir mußten ihn anerkennen, weil er sich mit seinen scharfen Atemzügen und seiner zischenden Enttäuschung bemerkbar machte und weil der Maler nicht aufhören wollte, ihn anzusprechen und ihn in ein Vertrauen zu ziehen, das er sogleich bedauerte. Auch jetzt, während mein Vater ihn beobachtete, stritt sich der Maler mit Balthasar, der auf den Bildern, in denen er gefangengesetzt war, einen violetten gesträubten Fuchspelz trug und schrägäugig war und einen Bart aus brodelndem Orange hatte, aus dem es glühend heraustropfte. Trotzdem blickte sich der Maler selten nach ihm um, er stand ziemlich fest bei der Arbeit, die Beine leicht gespreizt, beweglich in den Hüften, und zwar ebenso zur Seite wie nach vorn und hinten beweglich, und während der Kopf sich schräg legte, aus den Schultern hob, pendelte oder sich senkte wie zu einem Rammstoß, schien der rechte Arm von einer erstaunlichen Starre befallen: zäh wirkten seine Bewegungen, angestrengt, als ob da ein unberechenbarer, heikler Widerstand wirksam sei; doch obwohl der entscheidende Arm diese seltsame Versteifung zeigte, arbeitete sonst der ganze Körper des Malers mit.

Mit dem Verhalten seines Körpers bestätigte und beglaubigte er einfach das, was er gerade machte, und wenn er sich, etwa bei Windstille, den Wind vornahm, ihn zwischen Blau und Grün entstehen ließ, dann hörte man phantastische Flottillen in der Luft und das Schlagen von Segeln, und der Saum seines Mantels begann sogar zu flattern, und aus seiner Pfeife, falls er eine im Mund hatte, wurde der Rauch flach weggerissen — zumindest kommt es mir heute so vor, wenn ich daran denke.

Mein Vater sah ihm also bei der Arbeit zu, zögernd, bedrückt, er stand so lange da, bis er wohl die Blicke spürte, die uns aus dem Haus trafen, aus der Stube, die wir gerade verlassen hatten, da gingen wir langsam an der Hecke entlang, immer noch verfolgt von den Blicken, zwängten uns seitlich in einen Durchschlupf und standen gleich darauf am äußersten Rand der geländerlosen Holzbrücke.

Mein Vater sah in den Graben hinab und erkannte zwischen treibenden Schilfblättern und schwappender Entengrütze sich selbst, und dort gewahrte ihn auch der Maler, als er einen Schritt zur Seite machte und dabei in das stehende, nur von schwachen Schauern geriffelte Wasser hinabsah. Sie bemerkten und erkannten sich im dunklen Spiegel des Grabens, und wer weiß: vielleicht rief dies Erkennen eine blitzschnelle Erinnerung wach, die sie beide verband und die nicht aufhören würde, sie zu verbinden, eine Erinnerung, die sie in den kleinen schäbigen Hafen von Glüserup verschlug, wo sie im Schutz der Steinmole angelten oder auf dem Fluttor herumturnten oder sich auf dem gebleichten Deck eines Krabbenkutters sonnten. Aber nicht dies wird es wohl gewesen sein, woran sie beide unwillkürlich dachten, als sie einander im Spiegel des Grabens erkannten, vielmehr wird in ihrer Erinnerung nur der trübe Hafen gewesen sein, der Samstag, an dem mein Vater, als er neun war oder zehn, von dem glitschigen Tor stürzte, mit dem die Flut reguliert wurde, und der Maler wird noch einmal nach ihm getaucht und getaucht haben, so wie damals, bis er ihn endlich am Hemd erwischte, ihn hochzerrte und ihm einen Finger brechen mußte, um sich aus der Klammerung zu befreien.

Sie traten aufeinander zu, oben und unten, im Graben und auf der Brücke, gaben sich im Wasser und vor der Staffelei die Hand, begrüßten sich wie immer, indem sie, leicht zur Frage angehoben, den Vornamen des andern nannten: Jens? Max? Dann, während Max Ludwig Nansen sich schon wieder seiner Arbeit zuwandte, langte mein Vater in die Brusttasche, zog das Papier hervor, glättete es in der Schere zweier Finger und zauderte und überlegte im Rücken des Malers, mit welchen Worten er es überreichen sollte. Wahrscheinlich dachte er daran, das gestempelte und unterschriebene Verbot wortlos zu überreichen, allenfalls mit der Bemerkung: Da is was für dich aus Berlin, und gewiß hoffte er darauf, daß ihm unnötige Fragen erspart blieben, wenn er den Maler zunächst einmal selbst lesen ließ. Am liebsten hätte er die ganze Angelegenheit natürlich Okko Brodersen überlassen, dem einarmigen Postboten, aber da dies Verbot polizeilich übergeben werden mußte, war mein Vater, der Posten Rugbüll, dafür zuständig — wie er auch, und das würde er dem Maler noch beibringen müssen, dazu ausersehen war, die Einhaltung des Verbots zu überwachen.

Er hielt also den offenen Brief in der Hand und zauderte.

Er blickte zur Mühle, auf das Bild, wieder zur Mühle und wieder zum Bild. Unwillkürlich trat er näher heran, blickte jetzt vom Bild zur Mühle, wieder zum Bild und wieder zur flügellosen Mühle, konnte nicht wiederfinden, was er suchte, und fragte: Was soll’n das abgeben, Max? Der Maler trat zur Seite, deutete auf den Großen Freund der Mühle, sagte: Der Große Freund der Mühle und machte dem erdgrünen Hügel weiter klumpige Schatten. Da wird auch mein Vater den Großen Freund der Mühle bemerkt haben, der sich still und braun aus dem Horizont erhob, ein milder Greis, bärtig, vielleicht wundertätig, ein Wesen von freundlicher Gedankenlosigkeit, das sich ins Riesenhafte auswuchs. Seine braunen, rot unterfeuerten Finger waren gespannt, gleich würde er sacht gegen einen Flügel der Mühle schnippen, den er offenbar selbst gerade angesetzt hatte, er würde die Flügel der Mühle, die tief unter ihm in sterbendem Grau lag, in Bewegung bringen, schneller, immer schneller, bis sie die Dunkelheit zerschnitten, bis sie, von mir aus gesehen, einen klaren Tag herausmahlten und ein besseres Licht. Es würde den Flügeln der Mühle gelingen, das stand fest, denn die Züge des Greises nahmen bereits eine einfältige Genugtuung vorweg, auch ließen sie erkennen, daß der Alte auf schläfrige Weise erfolgsgewohnt war. Der Mühlenteich meldete zwar violetten Zweifel an, doch dieser Zweifel würde nicht recht behalten; der Große Freund der Mühle entkräftete ihn durch seine entschlossene Zuneigung.

Das is vorbei, sagte mein Vater, die wird sich nich mehr drehn, und der Maler: Morgen geht’s los, Jens, wart nur ab; morgen werden wir Mohn mahlen, daß es qualmt. Er unterbrach seine Arbeit, setzte die Pfeife in Brand, betrachtete mit pendelndem Kopf das Bild. Ohne hinzusehen, reichte er meinem Vater den Tabakbeutel, versicherte sich erst gar nicht, ob mein Vater sich eine Pfeife stopfte, sondern steckte den Beutel sogleich wieder in die unerschöpfliche Manteltasche und sagte: Da fehlt noch ein bißchen Wut, nicht Jens? Dunkelgrün fehlt noch — Wut; dann kann die Mühle losklappern.

Mein Vater hielt den Brief in der Hand, dicht am Körper hielt er ihn, in instinktiver Verborgenheit, aus der er ihn hervorziehen würde, wenn der Augenblick günstig wäre, denn er selbst traute es sich nicht zu, den Augenblick zu bestimmen. Er sagte: Die kriegt kein Wind mehr in Gang, auch keine Wut, Max, und der Maler: Die wird noch nach uns klappern, wart nur ab, morgen werden die Flügel um sich schlagen.

Vielleicht hätte mein Vater noch länger gezögert, wenn der letzte Satz nicht so zur Behauptung geraten wäre, jedenfalls streckte er auf einmal den Arm aus und, während er ihm den Brief hinhielt, drückte er sich so aus: Da, Max, da is was aus Berlin. Du hast es gleich zu lesen. Achtlos nahm der Maler den Brief aus seiner Hand und ließ ihn in der Manteltasche verschwinden, dann drehte er sich zu meinem Vater um, berührte ihn an der Schulter, stieß ihn noch einmal, und zwar kräftiger, in die Seite und sagte mit zusammengekniffenen Augen: Los, Jens, wir haun ab, solange Balthasar in der Mühle ist. Ich hab einen Genever, bei dem wächst dir an jeder Hand ein sechster Finger. Genever, mein Gott, nicht aus Holland, sondern aus der Schweiz, von einem Schweizer Museumsmenschen. Komm ins Atelier.

Doch mein Vater wollte nicht kommen, er zielte mit seinem Zeigefinger kurz in Richtung Manteltasche, sagte: Der Brief da, und nach einer Pause: Den Brief da hast du gleich zu lesen, Max, is aus Berlin, und weil ihm die mündliche Anweisung nicht auszureichen schien, trat er einen Schritt auf den Maler zu, wodurch sich dem die Brücke verengte und der Weg zum Haus. Also holte der Maler achselzuckend den Brief hervor, las den Absender — so, als wollte er dem Polizeiposten einen Gefallen tun —, nickte mit ruhiger Geringschätzung und sagte: Diese Idioten, diese; dann sah er schnell zu meinem Vater, und der Blick, der ihn traf, erstaunte ihn. Er zog den Brief aus dem Umschlag. Er las ihn stehend auf der Holzbrücke, und nachdem er ihn lange gelesen hatte — langsam, meine ich, und immer langsamer, stopfte er ihn zum zweiten Mal in die Tasche, verkrampfte sich, sah weg, sah über das flache Land unter dem Wind zur Mühle hinüber, schien sich durch einen Blick Rat zu holen: bei dem Labyrinth der Gräben und Kanäle, bei den zerzausten Knicks, bei dem Deich und den selbstbewußten Anwesen — ach was, er sah weg, um nicht meinen Vater ansehen zu müssen.

Ich habe mir das nicht ausgedacht, sagte mein Vater, und der Maler: Ich weiß. — Auch ändern kann ich nichts, sagte mein Vater. Ja, ich weiß, sagte der Maler und, seine Pfeife am Absatz ausklopfend: Ich hab’ auch alles verstanden, bis auf die Unterschrift: die Unterschrift ist unleserlich. — Die haben viel zu unterschreiben, sagte mein Vater, und der Maler erbittert: Sie glauben es ja nicht, sie glauben es selbst nicht, diese Narren: Malverbot, Berufsverbot, vielleicht noch Eß- und Trinkverbot: so etwas kann einer doch nicht mit leserlichem Namen unterschreiben. Er betrachtete mit geneigtem Kopf, sich vergewissernd, den Großen Freund der Mühle, der es braun und begabt fast geschafft hatte, der die Flügel, wenn nicht heute, so doch morgen in ratternde Bewegung bringen würde, und in diese Betrachtung hinein sagte mein Vater in der Weise, wie er Sprache gebrauchte: Das Verbot hat mit Kenntnisnahme in Kraft gesetzt zu werden, steht das nicht so geschrieben, Max? — Ja, sagte der Maler verwundert, so steht es geschrieben, und mein Vater leise, aber gut genug zu verstehen: Das mein ich doch, ab sofort. Da packte der Maler sein Arbeitszeug zusammen, allein, ohne Hilfe des Polizeipostens Rugbüll, er erwartete wohl auch keine Hilfe.

Sie schlüpften hintereinander durch die Hecke, gingen mit steifen Schritten durch den Garten.

Sie gingen zum Atelier, das an das Wohnhaus angebaut worden war, so, wie der Maler es sich gewünscht hatte, ein Atelier mit Oberlicht, ebenerdig, mit fünfundfünfzig Nischen und Winkeln, die durch alte Schränke und vollgestopfte Regale gebildet wurden und durch zahlreiche harte, provisorische Lagerstätten, auf denen, wie ich manchmal glaubte, all die drolligen oder auch drohenden Geschöpfe des Malers schliefen, die gelben Propheten und Geldwechsler und Apostel, die Kobolde und die grünen, verschlagenen Marktleute. Da schliefen wohl auch die Slowenen und Strandtänzer, und natürlich auch die krummgewehten Feldarbeiter; ich hab die Lagerstätten im Atelier nie gezählt. Auch die Zahl der Bänke und der mit Leinwand bespannten Feldstühle ließ vermuten, daß hier mitunter das ganze phosphoreszierende Volk herumsaß, das er aus seiner Phantasie entlassen hatte, einschließlich der trägen, blonden Sünderinnen. Kisten stellten die Tische vor, Marmeladengläser und gravitätische Krüge die Vasen; es waren so viele Vasen, daß man schon einen Garten verwüsten mußte, um sie zu füllen, und sie waren gefüllt, immer, wenn ich im Atelier war, stand auf auf jedem Tisch ein Strauß, das flammte nur so und warb für sich.

In einer Ecke beim Ausguß, gegenüber der Tür, stand ein langer Tisch auf Böcken, die keramische Werkstatt, und darüber auf einem Bord, trockneten Figuren und spitze Köpfe.

Sie kamen also herein, legten das Arbeitszeug ab, und der Maler ging, um aus der Holzkiste den Genever zu holen. Mein Vater setzte sich, stand auf, band den Umhang ab und setzte sich wieder. Er sah zu den schmalen Fenstern des Wohnhauses hinüber. Die Fenster waren leicht nach außen gewölbt und behielten alles für sich. In einer Kiste raschelte Holzwolle, Seidenpapier wurde zerrissen, dann schorrte etwas über den Atelierboden. Der Maler zog eine Flasche heraus, hielt sie hoch gegen das Licht, wischte sie am Mantel ab, hielt sie abermals gegen das Licht und war zufrieden. Er setzte die Flasche ab, angelte geschickt zwei Gläser von einem Bord, dicke, grüne, langstielige Gläser, die er ungeschickt, jedenfalls unsicherer als sonst, füllte, schob eines der Gläser meinem Vater hin und forderte ihn auf zu trinken.

Nicht wahr, Jens, sagte der Maler, nachdem sie getrunken hatten, und mein Vater, bestätigend: Weiß Gott, Max, weiß Gott. Der Maler füllte die Gläser noch einmal und stellte die Flasche hoch auf ein Bord, wo er sie nur mit Mühe wieder erreichen konnte, und dann saßen sie sich schweigend gegenüber, aufmerksam, aber nicht lauernd. Sie hörten, wie der Wind mit Getöse über das Haus ging und nebenan den Kamin untersuchte bis auf den Grund. Draußen auf dem Hof warf er eine Bande von Spatzen in die Luft und mischte sie mit einem Zug von Staren. Die Dachreiter und die Wetterfahne beruhigten sie nicht. Ein unbestimmter Brandgeruch war in der Luft, sie kannten den Geruch, hatten eine Erklärung für ihn: die Holländer brennen Torf, sagten sie beruhigt. Der Maler zeigte stumm auf das Glas, sie tranken, und danach stand mein Vater auf, durchflutet von der Wärme des Genevers, ging hin und her, ging so vom Tisch bis zu einem Eckregal, hob dort den Blick und ließ ihn auf dem Bild >Pierrot prüft eine Maske< ruhen, streifte auch den >Abend der Fohlen< und die >Zitronenfrau< und drehte wieder um und kam zum Tisch zurück — bis er endlich wußte, was er sagen wollte. Mit einer unbestimmten, aber doch umfassenden Bewegung gegen die Bilder sagte er: Und Berlin will das verbieten. Der Maler zuckte die Achseln. Es gibt andere Städte, sagte er, es gibt Kopenhagen und Zürich, es gibt London und New York, und es gibt Paris. — Berlin bleibt Berlin, sagte mein Vater, und dann: Warum glaubst du, Max? Warum verlangen sie es von dir? Warum sollst du aufhören zu malen? Der Maler zögerte. Vielleicht rede ich zuviel, sagte er. Reden? fragte mein Vater. Die Farbe, sagte der Maler, sie hat immer was zu erzählen: mitunter stellt sie sogar Behauptungen auf. Wer kennt schon die Farbe. — Im Brief steht noch was anderes, sagte mein Vater: da steht was von Gift. — Ich weiß, sagte der Maler mit säuerlichem Lächeln und, nach einer Pause: Gift mögen sie nicht. Aber ein bißchen Gift ist nötig — zur Klarheit. Er bog einen Blumenstengel zu sich herunter, ich glaube, es war eine Tulpe, schnippte mit den Fingern gegen die Blütenblätter wie der Große Freund der Mühle gegen die Flügel, schnippte oder schoß beinahe mit zielsicherem Zeigefinger die Blume nackt und ließ den Stengel wieder hochschnellen. Dann blickte er zur Flasche hinauf, holte sie jedoch nicht vom Bord. Mein Vater sah wohl ein, daß er Max Ludwig Nansen noch etwas schuldete, darum sagte er: Ich hab mir das alles nicht ausgedacht, Max, das kannst du mir glauben. Mit dem Berufsverbot habe ich nix zu tun, ich hab das alles nur zu überbringen.

Ich weiß, sagte der Maler, und dann: Diese Wahnsinnigen, als ob sie nicht wüßten, daß das unmöglich ist: Malverbot. Sie können vielleicht viel tun mit ihren Mitteln, sie können allerhand verhindern, mag sein, aber nicht dies: daß einer aufhört zu malen. Das haben schon andere versucht, lange vor ihnen. Sie brauchen doch nur nachzulesen: gegen unerwünschte Bilder hat es noch nie einen Schutz gegeben, nicht nur Verbannen, auch nicht durch Blendung, und wenn sie die Hände abhacken ließen, hat man eben mit dem Mund gemalt. Diese Narren, als ob sie nicht wüßten, daß es auch unsichtbare Bilder gibt.

Mein Vater umrundete knapp den Tisch, an dem der Maler saß, umkreiste ihn, fragte jedoch nicht weiter, sondern beschränkte sich darauf, festzustellen: Aber das Verbot is beschlossen und ausgesprochen, Max, das isses. — Ja, sagte der Maler, in Berlin, und er sah meinen Vater gespannt an, offen, wißbegierig, er ließ ihn nicht mehr mit seinen Blicken los, als wollte er ihn zu sagen zwingen, was er, der Maler, längst wußte, und ihm wird nicht entgangen sein, daß es meinem Vater schließlich nicht leichtfiel, zu erklären: Mich, Max — sie haben mich beauftragt, das Malverbot zu überwachen: daß du auch das nur weißt.

Dich? fragte der Maler, und mein Vater: Mich ja, ich bin am nächsten dran.

Sie sahen einander an, der eine sitzend, der andere stehend, maßen sich schweigend einen Augenblick, forschten wahrscheinlich nach den Kenntnissen, die sie übereinander besaßen, und stellten sich vor, wie sie miteinander verkehren würden in näherer Zukunft und so weiter, zumindest aber fragten sie sich, mit wem sie von nun an zu rechnen hätten, wenn sie sich hier oder dort begegneten. So, wie sie sich forschend musterten, wiederholten sie, meine ich, ein Bild des Malers, das einfach nur >Zwei am Zaun< hieß und auf dem zwei alte Männer, aufblickend in olivgrünem Licht, einander entdeckten, zwei, die sich lange gekannt haben mögen von Garten zu Garten, doch erst in diesem bestimmten Augenblick in erstaunter Abwehr wahrnahmen. Jedenfalls stelle ich mir vor, daß der Maler gern etwas anderes gefragt hätte, als er schließlich fragte: Und wie, Jens? Wie wirst du das Verbot überwachen? Mein Vater überhörte da schon die Vertraulichkeit, die in dieser Frage lag; er sagte: Sollst nur abwarten, Max.

Da stand auch der Maler auf, legte den Kopf ein wenig schräg und musterte meinen Vater gerade so, als ließe sich schon erkennen, wessen er fähig sei; und als mein Vater es für angebracht hielt, seinen Umhang zu nehmen und ihn zwischen den gespreizten Beinen mit einer Klammer zusammenzustecken, sagte der Maler: Wir aus Glüserup, was?, und mein Vater darauf, ohne den Kopf zu heben: Wir können auch nicht aus unserer Haut — wir aus Glüserup. — Dann behalt mich mal im Auge, sagte der Maler. Das soll sich wohl machen lassen, sagte mein Vater und streckte seine Hand aus, reichte sie Max Ludwig Nansen, der in sie einschlug und den Händedruck dauern ließ, während sie beide zur Tür gingen. Vor der Tür, die in den Garten führte, lösten sich ihre Hände. Mein Vater stand sehr dicht an der Tür, fast bedrängt von dem Maler, er konnte den Drücker nicht sehen, er vermutete ihn neben seiner Hüfte, und er griff mehrmals vorbei, bevor er ihn endlich ertastet hatte und ihn sogleich niederdrückte in dem Wunsch, sich aus der Reichweite des Malers herauszudrehen.

Der Wind riß ihn aus dem Türrahmen. Mein Vater hob unwillkürlich die Arme, breitete sie aus, doch bevor der Nordwest ihn anhob, legte er eine Schulter gegen den Wind und ging zu seinem Fahrrad.

Der Maler schloß die Tür gegen den Widerstand des Windes. Er trat an ein Fenster zum Hof. Wahrscheinlich wollte oder mußte er sogar schon sehen, wie mein Vater mit mir davonfuhr unter dem Wind. Mag sein, daß es ihn zum ersten Mal auch nach der Gewißheit verlangte, zu erfahren, ob mein Vater wirklich Bleekenwarf verließ, deshalb beobachtete er unsern mühseligen Aufbruch.

Ich schätze, daß auch Ditte und Doktor Busbeck uns nachblickten, bis wir am automatischen rot-weißen Leuchtfeuer waren, da wird Ditte gefragt haben: Ist es passiert?, und der Maler, ohne sich umzuwenden: Es ist passiert, und Jens soll das Verbot überwachen. — Jens? wird Ditte gefragt haben, und der Maler: Jens Ole Jepsen aus Glüserup: Er ist am nächsten dran.

Kapitel 3

Die Möwen

Das Guckloch in der Tür war besetzt. Ich spürte es gleich, brauchte nur den rinnenden, nadelfeinen Schmerz im Rücken zu deuten, um zu wissen, daß ein forschendes, sagen wir: kalt forschendes Auge sich hinter das Guckloch geklemmt hatte und mich beobachtete, während ich schrieb und schrieb. Zum ersten Mal fühlte ich mich beobachtet, als mein Vater und der Maler sich gerade zutranken; der lange, quälende Blick im Nacken wollte mich von da ab nicht mehr loslassen, lief prickelnd wie feiner Flugsand über meine Haut; dazu hörte ich vor meiner Zellentür tappende Schritte, Warnungen, auch halb erstickte Freudenrufe, so daß ich annehmen mußte, nicht weniger als zweihundertzwanzig Psychologen hätten sich auf dem zugigen Korridor eingefunden, um sich ungeduldig Aufschluß zu holen über mich und meine Strafarbeit.

Der Anblick, den ich ihnen vom Guckloch aus bot, muß sie so erregt haben, daß einige sich zu spontanen, unbeherrschten Ausrufen wie ≫Bulzer Symptom≪ oder ≫objektive Simultanschwelle≪ hinreißen ließen, und vielleicht, wer weiß, würde sich die Schlange auch jetzt noch am Guckloch vorbeischieben, wenn ich nicht den Auftritt gewaltsam beendet hätte: die Beunruhigung im Nacken, im Rücken den klopfenden Schmerz, sammelte ich in meinem Taschenspiegel das Licht der elektrischen Birne und warf es überraschend gegen das Guckloch. Der Strahl reinigte das Guckloch. Ein verstümmelter Ausruf war draußen zu hören, eine verstümmelte Warnung, dann ein Wogen und Trappeln und die Schritte einer Kolonne, die sich mit zunehmender Unachtsamkeit entfernte: mein Rücken war wieder entspannt, schmerzfrei.

Ich strich zufrieden über mein Aufsatzheft, machte neben dem Tisch einige Lockerungsübungen; da fuhr ein Schlüssel ins Schloß, die Tür sprang auf, und Joswig, immer noch gekränkt, trat wortlos, doch mit offener, fordernder Hand ein. Er forderte den Aufsatz, er verlangte den Tribut der Deutschstunde, den Himpel oder Korbjuhn, vermutlich aber Direktor Himpel ihn gebeten hatte einzutreiben. Ich tat erstaunt, ich tat erschrocken, und ich konnte ihm einen zurechtweisenden Blick nicht ersparen, doch unser Lieblingswärter lenkte nur meine Aufmerksamkeit in die beginnende Morgendämmerung über der Elbe und sagte: Her mit dem Zeug, damit du hier rauskommst; gleichzeitig griff er sich mein Heft, bog es, ließ die Seiten surrend am Daumen vorbeilaufen und überzeugte sich dabei, daß ich nicht untätig gewesen war.

Ich meine, es lag väterliche Zufriedenheit in seiner Stimme, als er sodann feststellte: Na also, Siggi, was sein muß, gelingt auch, selbst wenn es sich um einen Aufsatz handelt. Anerkennend legte er mir eine Hand auf die Schulter, lächelte, nickte. Er wies mich darauf hin, daß ich die ganze Nacht geschrieben hatte. Er stellte mir eine Belobigung des Direktors in Aussicht. Dankbar sah er mich an und erbot sich, mein Heft in das Direktionsgebäude hinüberzutragen, wollte sich auch schon zur Tür entfernen, als ich ihn anrief und mein Heft zurückforderte. Unser Lieblingswärter blickte verständnislos, auch mißtrauisch, preßte das eingerollte Heft zusammen, hob es hoch und sagte: Aber die Strafe, Siggi, sie ist doch hiermit verbüßt.

Ich schüttelte den Kopf. Ich sagte: Die Strafe, sie hat gerade begonnen. ≫Die Freuden der Pflicht≪ wurden einstweilen nur vorbereitet, weiter nichts. Alles ist noch am Anfang.

Karl Joswig blätterte in meinem Anfangskapitel, zählte die Seiten und fragte ungläubig: Du bist nicht fertig, obwohl du die ganze Nacht geschrieben hast? — Die Entstehung, sagte ich, ich habe gerade die Entstehung der Freude, und er darauf, schon wieder leicht gekränkt: Muß es so lang ausfallen? — Die Freuden dauerten nun mal lange, sagte ich, und dann: Eine Strafarbeit soll man doch wohl ernst nehmen? Er bestätigte es. Wenn die Strafe erfolgreich verläuft, sagte er, ist auch die Besserung erfolgreich verlaufen. Eben, sagte ich. Du weißt, was ich von dir erwarte, sagte er. Ja, sagte ich. Du bist mir eine gelungene Strafarbeit schuldig, sagte er, darum wirst du in diesem festen Zimmer bleiben, bis du fertig bist. Du wirst allein essen. Du wirst allein schlafen. Du wirst entscheiden, wann du zu uns zurückkehren willst.

Danach erinnerte er mich daran, was Direktor Himpel mir aufgetragen hatte, wiederholte, daß meine Strafarbeit unbefristet sei und so weiter, und zum Schluß, bevor er ging, um mein Frühstück zu holen, gab er mir mein Heft zurück und fragte mit aufrichtiger Teilnahme: Sind es schlimme Sachen, mit denen sie dich plagen?

Die Freuden der Pflicht, sagte ich.

Das tut mir leid, sagte er, und, kaum hörbar, sehr leid, Siggi, und unwillkürlich griff er in die Tasche, zog zwei zerknitterte Zigaretten heraus, ein flaches Streichholzheft, warf alles schnell unter meine Matratze und sagte ausdruckslos: Das Rauchen auf den Zimmern ist verboten. — Ja, sagte ich.

Damit ging er, und seit dem Frühstück stehe ich am vergitterten Fenster, sehe in die Morgendämmerung über der Elbe, über den eisbedeckten Strom, in den starke Schlepper und der Eisbrecher ≫Emmy Guspel≪ ihre kurzlebigen Muster schneiden. Schräg stehen die Bojen unter dem Druck des treibenden Eises. Richtung Cuxhaven wurde am Himmel ein ockerfarbenes Transparent entrollt, neben dem sich jetzt Schneewolken formieren. Die kleine zerrissene Flamme der Ölraffinerie duckt sich unter zunehmenden Windstößen, die immer stärker und wütender werden und das Rattern der Niethämmer von der Werft bis zu mir herübertragen.

In unseren Werkstätten, auch in der Inselbibliothek, in der der Spezialist für Handtaschen, Ole Plötz, mich nun vertritt, haben sie längst mit der Arbeit begonnen, doch das bedrückt mich nicht, ich habe keine Verlangen nach der Nähe meiner Freunde, nicht einmal Charlie Friedländer fehlt mir, er, der jeden und alles nachmachen kann, Stimmen und Bewegungen, Korbjuhns Stimme zum Beispiel, Himpels Bewegungen. Ich möchte hierbleiben, allein, allein in dieser Zelle, die mir wie ein wippendes Sprungbrett vorkommt, auf das sie mich geschickt haben, ich muß runter, ich muß springen und tauchen, einmal und noch einmal, so lange, bis ich alles hochgebracht habe, die Dominosteine der Erinnerung sozusagen, die ich auf meinem Tisch ansetzen möchte, Stück für Stück.

Schon wieder läuft ein Tanker elbabwärts, es ist der sechste seit dem Frühstück und heißt ≫Kishu Maru≪ oder ≫Kushi Maru≪, was liegt daran, er wird schon ankommen, ebenso wie die ≫Claire B. Napassis≪ und die ≫Betty Oetker≪. Hoch liegen sie aus dem Wasser, ihre Schrauben schlagen durch die Luft, quirlen eine Eiswassersuppe, sie werden an Glückstadt vorbeilaufen und an Cuxhaven, und auf der Höhe der Inseln, denke ich mir, werden sie dem Zwangsweg nach Westen folgen — auf unserer Höhe beinahe.

Doch ich möchte mich da erst gar nicht einschiffen, um auf einmal in Dharan oder Caracas zu landen, ich kann mir keine Versetzung durch Strömung oder Laune leisten, denn ich muß meinem Kurs folgen, der auch ein Zwangskurs ist, und der führt nach Rugbüll, an die Pier der Erinnerung, wo alles gestapelt und bereit liegt. Meine Fracht liegt in Rugbüll. Rugbüll ist der Hafen der Bestimmung, zumindest aber Glüserup, darum sollten wir das Ruder nicht sich selbst überlassen.

Wie beharrlich sich alles anbietet und aufdrängt, jetzt, wo die Leinen losgeworfen sind, und wie zuverlässig es sich wieder herstellen läßt: ich rolle einfach das flache Land aus, schneide ein paar Gräben und dunkle Kanäle hinein, die ich mit holländischen Schleusen bestücke, setze auf künstlichen Hügeln die fünf Mühlen hin, die ich von unserem Schuppen aus sehen konnte — darunter auch meine flügellose Lieblingsmühle —, und lege um die Mühlen und die weiß und rostrot getünchten Anwesen den Deich wie die schützende Beuge eines Arms, stelle im Westen noch den rotbemützten Leuchtturm auf und lasse die Nordsee an den Buhnen auflaufen — dort, wo der Maler sie aus seiner Bretterbude beobachtete in ihren Anläufen und Stürzen und schäumenden Waschungen —, und jetzt brauche ich nur dem schmächtigen Ziegelweg zu folgen, um mein Rugbüll vor mir zu haben, das heißt zunächst das Schild ≫Polizeiposten Rugbüll≪, unter dem ich so oft stand und auf meinen Vater wartete, manchmal auf meinen Großvater, selten auf Hilke, meine Schwester.

Wie regungslos jetzt alles zur Verfügung ist, das Land, das scharfe Licht, der Ziegelweg, die Torfteiche, das Schild, das an einen ausgebleichten Pfahl genagelt war, wie ruhig jetzt alles aufschwimmt aus unterseeischer Dämmerung, die Gesichter, die krummen Bäume, die Nachmittagsstunden, in denen der Wind sich legte, alles bringt sich in Erinnerung, und ich stehe wieder barfuß unter dem Schild, beobachte den Maler — oder nur den Mantel des Malers —, der schief über den Deich flattert und der Halbinsel zustrebt, und es ist Frühjahr bei uns im Norden mit salziger Luft und kaltem Wind, und ich warte wieder in meinem Versteck, in dem alten, radlosen Kastenwagen mit der aufwärtsgerichteten Deichsel, warte auf meine Schwester Hilke und auf ihren Verlobten, die gleich zur Halbinsel gehen werden, um Möweneier zu sammeln.

Ich hatte gequengelt und hatte sie gebeten, mich mitzunehmen zur Halbinsel, aber Hilke wollte nicht, Hilke entschied einfach: Das ist nichts für dich, und darum lag ich zusammengekauert auf der splittrigen Ladefläche des Kastenwagens, um sie zu erwarten und ihnen unbemerkt zu folgen, nach Möglichkeit unbemerkt. Mein Vater saß drinnen in seinem schmalen Büro, das ich nicht betreten durfte, und schrieb mit seiner schleifigen Handschrift Berichte, während meine Mutter sich im Schlafzimmer eingeschlossen hatte, wie so oft in jenem mißlungenen Frühjahr, in dem Hilke uns zum ersten Mal ihren Verlobten ins Haus gebracht hatte, ihren ≫Addi≪, wie sie Adalbert Skowronnek nur nannte. Ich hörte, wie sie aus dem Haus kamen, sah sie durch einen Spalt am Schuppen vorbeigehen zum Weg, Hilke voran in ihrer befehlsgewohnten, rechthaberischen Art, er wie immer mit steifen Beinen einen Schritt zurückhängend. Da wurden keine Finger verschränkt, meine ich, kein Arm suchte sich eine Ruhestellung an der Hüfte — in dieser kreuzweis gelegten Art —, auch schien ihnen nichts an einer Unterhaltung durch Drucksignale zu liegen, während sie dem Ziegelweg zustrebten unter den zischenden Geräuschen ihrer Regenmäntel und sich dann dem Deich zuwandten, ohne zurückzublicken. Sie gingen so, als ob sie wußten, daß sie beobachtet wurden, gehemmt, mit viel zu gleichartigen Bewegungen, vor allem aber bemüht, nichts anderes hervorzurufen als den Eindruck, daß das einzige, was sie zu finden hofften, Möweneier seien. Die unwillkürliche Versteifung des Rückens, der schwere Schritt, der an einen Schritt in Bleischuhen erinnerte, die Vermeidung jeder Berührung — all das schien nur eine Folge davon, daß die Gardine vor dem Schlafzimmerfenster sich sanft bewegte, sich bauschend hob und zurückfiel oder auch eilig gerafft wurde.

Ich wußte genau, daß sie dort stand. Ich wußte, daß sie von dort herabblickte, mißbilligend und auf ihre Weise außer sich, mit hochmütig gekrümmten Lippen, das strenge, rötliche Gesicht unbeweglich. Zigeuner, hatte sie nur leise und fassungslos zu meinem Vater gesagt, als sie erfuhr, daß Addi Skowronnek Musiker war, Akkordeonspieler, und daß er in demselben Hamburger Hotel ≫Pazifik≪ arbeitete, in dem auch Hilke als Kellnerin tätig war: Zigeuner, und danach hatte sie sich im Schlafzimmer eingeschlossen, Gudrun Jepsen, die mütterliche Säulenfigur meines Lebens.

Ruhig blieb ich auf dem Kastenwagen liegen, die Schläfen an die Ladefläche gepreßt, ein Knie angezogen, ich beobachtete die Gardine und horchte auf die Stimmen, die sich entfernten, zum Deich hin, zum Meer hin, und ich wartete, bis ich keine Bewegung mehr hinter dem Schlafzimmerfenster bemerkte und die Stimmen unhörbar geworden waren, da drückte ich mich ab, sprang von meinem Wagen herunter und flitzte gleich zum Graben neben der Straße, in dem ich den beiden folgte, schräg gegen die Böschung gelegt.

Hilke trug den Bastkorb. Sie ging jetzt leicht geneigt, als wollte sie Anlauf nehmen zu einem Sprung, als wollte sie den Bereich des Hauses mit einem einzigen Sprung verlassen. Ihre weißen Schuhe, die sie mit Schlemmkreide geweißt hatte, leuchteten auf dem ziegelroten Weg. Das lange Haar, das sie im Haus offen trug, hatte sie unter den Kragen des Mantels gestopft, doch nicht fest genug, nicht tief genug, denn es schob oder drückte sich wieder in kräftigen Strähnen hervor, so daß sie von hinten halslos aussah und ihr Kopf wie eine abgeplattete Kugel. Ihre eng zusammenstehenden Beine mit den harten, zu weit nach innen gerutschten Waden waren mitunter kurz vor dem Stolpern, die Waden streiften sich manchmal, stießen gegeneinander, doch das spürte sie nicht und hatte es nie gespürt, wahrscheinlich, weil in ihrem Gang die gleiche rücksichtslose und blinde Energie lag wie in allen ihren Tätigkeiten und den Plänen, die sie verfolgte. Ameise, möchte ich sagen, rote Ameise. Nicht ein einziges Mal sah sie sich um, versicherte sich nicht, bestätigte sich nichts, während er, Addi, der Akkordeonspieler, immer wieder schnell und auch genau zurücksah und sich in einem Gang fortbewegte, in dem ein leichtes Zögern, eine leichte Unentschiedenheit lag, und ich mußte schon damit rechnen, daß er mich entdeckte oder daß ihm plötzlich etwas einfiel, was er lieber tun wollte als Möweneier sammeln. Er hatte die Hände in den Taschen und rauchte, weil er fror, und der Wind warf die kleinen, zuckenden Wolken über seine Schulter. Von Zeit zu Zeit sprang er herum und ging einige Schritte rückwärts gegen den Wind, wobei er sich tief zusammenkrümmte in seinem Regenmantel, und ich konnte dann sein Gesicht erkennen, ein blasses, fiebrig aufgerauhtes Gesicht, das nur eines einzigen Ausdrucks fähig schien, einer vergnügten Duldsamkeit, die er zur Begrüßung trug und die er auch nicht ablegte, als er merkte, daß meine Mutter ihn nicht zum Sitzen aufforderte und daß die Nachbarn, zu denen Hilke ihn hinschleppte, nicht eine einzige Frage an ihn richteten. Niemand konnte ihm ansehen, woran er litt, niemand erfuhr von ihm selbst, worüber er sich freute und wovor er sich fürchtete, weil er nichts als diese vergnügte Duldsamkeit zur Schau trug, mit der er bei uns auftauchte und sich für immer unserm Gedächtnis einprägte.

Aber sie dürfen mir nicht abhanden kommen hinterm Deich, ich muß sie im Auge behalten, und ich folge ihnen, wie ich ihnen damals folgte: an die Böschung des Grabens geduckt, schmal und aufrecht im Schutz der Schleuse, dann schon sorgloser im bergenden Schilfgürtel und schließlich knapp unter dem Kamm des Deiches, wo ich mich, falls sie sich umsahen, nur zu bücken brauchte, um nicht entdeckt zu werden. Sie überquerten den Deich dort, wo mein Vater sein Fahrrad hinaufschob auf seinen unzähligen Fahrten nach Bleekenwarf, zögerten oben nicht einen Augenblick in üblicher Bewunderung des Meeres, sondern stürzten gleich zur Seeseite hinunter zu dem Pfad, der neben dem befestigten Ufer entlanglief, die Krümmung des Deiches wiederholend bis zum Gasthaus ≫Wattblick≪, bis zur Halbinsel.

Hier blieben sie stehen. Sie standen dicht nebeneinander. Hilke lehnte eine Schulter gegen seine Brust, deutete auf die Nordsee hinaus, wo ich nichts Bemerkenswertes erkennen konnte, beschrieb mit ausgestrecktem Arm einen langsamen Bogen, woraus hervorging, daß sie ihm die Nordsee schenkte samt allen Muscheln, Wellen und Minen und allen Wracks auf dem trüben Grund. Addi legte meiner Schwester eine Hand auf die Schulter. Er küßte sie. Dann nahm er ihr den Korb aus der Hand und gab ihr die Möglichkeit, ihn zu umarmen, doch Hilke umarmte ihn nicht, sondern sagte etwas, worauf er auch etwas sagte in gespannter Körperhaltung, zur sandhellen Spitze der Halbinsel deutete und nun seinerseits meiner Schwester ein Stück Nordsee schenkte, schätzungsweise anderthalb Quadratkilometer.

Das Meer schlug gegen die Steine der Uferbefestigung, es sprühte bis zu ihnen hin, und steile, schaumige Zungen schossen aus den Ritzen zwischen den Steinen hervor, fielen klatschend zurück, und draußen über der See wuchs eine dunkle Takelage aus Regenwolken, schob sich gebläht heran unter vollen Mars- und Bram- und Großsegeln, was Addi augenscheinlich veranlaßte, etwas zu sagen, worauf meine Schwester auch etwas sagte und sich lachend zurückbog, so daß ihm wohl nichts anderes übrigblieb, als ihren Arm zu packen in spielerischem Polizeigriff und sie abzuführen den fleckigen Pfad entlang.

Unmittelbar neben dem Pfad zog sich eine Flutlinie von Seetang, verdorrtem Pfeilgras und Geröll hin, und parallel zu ihr liefen andere, ältere Linien: jede große Flut hatte so ihre Markierung hinterlassen, ihren Erinnerungsstreifen, der von der winterlichen Kraft der See zeugte oder von ihrem winterlichen Grimm. Jede Flut hatte etwas anderes erbeutet, eine hatte weißgewaschenes Wurzelwerk aufs Land geschleudert, eine andere Korkstücke und einen zerschlagenen Kaninchenstall, da lagen Tangknollen und Muscheln und zerrissene Netze und jodfarbene Gewächse, die wie groteske Schleppen aussahen, und meine Schwester und der Akkordeonspieler gingen an allem vorbei zur Halbinsel. Sie stiegen nicht hinauf zum Gasthaus ≫Wattblick≪, sie gingen auf der Seeseite vorbei, Hand in Hand jetzt, von sprühender Gischt getroffen, mit brennenden Gesichtern. Draußen, wo die Halbinsel flach in die Nordsee stach, waren die schafwolligen Schaumkronen der Strandwellen zu sehen, die aus schwarzer Weite anliefen und sich im seichten Grund zerschlugen, wie ein Lauffeuer schäumten sie heran, bergauf und bergab, begleitet von einem unablässigen Summton.

Die Halbinsel stand in der See wie ein scharfer Schiffsbug, sie stieg nur langsam an zu einem gefalteten Dünenbuckel, der baumlos war, mit hartem Strandhafer bedeckt. Dort nisteten die Möwen. Dort bauten sie ihre kümmerlichen Nester in jedem Frühjahr; zwischen der Hütte des Vogelwarts und der Hütte des Malers, die frei am Fuß einer Düne lag und ein niedriges, aber sehr breites Fenster zum Meer hin hatte.

Ich ging jetzt auf dem Deich im Schutz des Gasthauses, verlor Hilke und ihren Addi aus den Augen, den Akkordeonspieler, der, vermutlich auf Wunsch meiner Schwester, sein Akkordeon mitgeschleppt hatte zu uns und gewiß auch schon daraufgespielt hätte, wenn meine Mutter nicht jedesmal mit schweigender Mißbilligung aus dem Zimmer gegangen wäre, sobald er nach dem Instrument gegriffen hatte, das mit den silbernen oder versilberten Initialen A. S. geschmückt war. Mein Vater hätte sich gern sein Lieblingslied vorspielen lassen, und ich hätte mir auch gern ein Lied von Addi gewünscht, doch da meine Mutter es offensichtlich nicht duldete, stand das schwere Akkordeon nur in Hilkes Zimmer herum. Ich überlegte mir schon, das Instrument heimlich auszuprobieren, nachts in meinem alten Kastenwagen.

Auf der hölzernen Plattform des Gasthauses blieb ich stehen, linste durch eines der beiden Aussichtsfenster in den Gastraum, in dem nur ein einziger, dunkler Mann an einem leeren Tisch saß, der Mann streckte mir die Zunge heraus, tat so, als wolle er den Aschenbecher nach mir werfen, auf dem eine abgenagte Makrelengräte lag, da flitzte ich unter der Fensterfront hindurch und gleich wieder auf die Böschung des Deiches, wo ich Hilke und ihren Verlobten schräg vor mir hatte. Sie gingen hintereinander auf den Steinen der Uferbefestigung, bis das Land sich senkte und in den flachen, hellen Strand der Halbinsel auslief, und als sie den Strand überquerten, Hand in Hand wieder, gegen den Hintergrund der See, zwischen Treibholz und Tang — als sie durch die Einsamkeit den Dünen zustrebten, da hätte man sie durchaus für Timm und Tine halten können, das Paar aus Asmus Asmussens Roman >Meeresleuchten<.

Nein, das ist unwahrscheinlich, denn Timm hätte nicht besorgt auf die Regenwand über der Nordsee gezeigt, er hätte vor allem nicht gefroren, so wie Addi fror, auch hätte er sich nicht so tief und erschrocken weggeduckt, als eine Blaumantelmöwe mit angewinkelten Schwingen auf ihn hinabstürzte, ein weißes Geschoß, das sich mit pfeifendem Geräusch näherte. Addi war so erschrocken, daß er sich nicht nur duckte, sondern auch wegdrehte, als die Möwe auf ihn hinabstürzte, so daß er nicht sah, wie sie dicht über ihm den Sturz auffing und sich vom Wind emporreißen ließ in sichere Höhe, wo sie gellende Warnungen ausstieß und ein Keckern und Klagen. So fing es immer an. Eine Möwe eröffnete den Angriff. Eine Blaumantelmöwe. Eine Stummelmöwe. Eine Hutmöwe. Keine Möwe an unserer Küste gibt ihre Eier freiwillig heraus. Sie greifen an. Rotäugig, gelbschnäbelig. Sie fliegen Scheinangriffe.

Das hatte der Akkordeonspieler noch nicht erlebt, möchte ich annehmen, wie auf einmal zwei Millionen Möwen gellend aufstoben, eine silbergraue Wolke über der Halbinsel entstehen ließen, die rauschend und flatternd mit irrsinniger Empörung stieg und fiel, eine Wolke, die kurvte, sich verschob und klatschend formierte, wobei ein weißer Regen von Möwenfedern niederging, oder, das ist vielleicht besser, ein Schnee aus Daunen, der das Tal zwischen den Dünen füllte, locker und warm, so daß meine Schwester und ihr Verlobter ohne weiteres hätten schlafen gehen können, wenn sie es gewollt hätten. Mir sprang das Herz, um es mal so auszudrücken.

Sobald die Möwen von ihren kümmerlichen Nestern aufgestiegen waren und einen neuen lärmenden Himmel gezogen hatten, lief ich den Deich hinab zum Strand, fand Deckung hinter einem zerschlagenen Fischkasten und lag atemlos in dem Toben, das die Luft erfüllte, fest in meiner Hand den Stock, mit dem ich, wenn es sein mußte, einer der blaugrauen Tauchermöwen den Kopf abschlagen würde. Vielleicht würde ich ihr auch nur einen Flügel abschlagen, sie nach Hause tragen und ihr das Sprechen beibringen.

Die Möwen hatten mich längst entdeckt, auch über mir kreiste die Wolke, auch über mir klatschten und flatterten zornige Schwingen, und während die schweren Bürgermeistermöwen Höhe zu gewinnen suchten wie schwere Bomber, kurvten die wendigen Stummelmöwen dicht über dem Strand, in eleganter Wut stießen sie auf mich hinab, mit sausendem Luftzug, winkelten vor mir ab und zogen in steiler Kurve weit aufs Meer hinaus, wo sie sich zu neuen Angriffen formierten.

Ich sprang auf, zog meinen Stock in schnellen Kreisen über dem Kopf, so wie irgend jemand — aber wer nur? — es mit seinem Schwert getan hatte, um unter dem Regen trocken zu bleiben, und so verließ ich den Strand, fuchtelnd, schlagend, lief unter den pfeilschnellen Angriffen den beiden Spuren nach, den einzigen Spuren im feuchten Sand.

Nur ein kurzer, angestrengter Lauf zwischen den lieblosen Gelegen, in denen die blaugrünen, grauen und schwarzbraunen Eier lagen, dann sah ich sie wieder vor mir.

Addi war tot. Er lag auf dem Rücken. Eine Sturmmöwe hatte ihn getötet, oder zehn Heringsmöwen und neunzig elegante Seeschwalben. Sie hatten ihn durchlöchert, durchbohrt. Meine Schwester kniete neben ihm, machte sich gelassen und sachgemäß, jedenfalls klaglos, an seiner Kleidung zu schaffen — sie, die alles beherrschte, plante

und festlegte und die alles ertragen konnte außer Unsicherheit und Zaudern — und senkte ihr Gesicht tief über sein Gesicht, umarmte ihn, legte sich über ihn, und sie schaffte es tatsächlich: Addis Beine machten wieder kurze stoßende, schlagende und zuckende Bewegungen, er warf seine Arme hoch, die Schultern wurden von einem Schüttelkrampf heimgesucht, sein Körper bäumte sich auf.

Ich vergaß alles. Meinen Stock gegen die stürzenden, klagenden Möwen schwenkend, lief ich zu ihnen hin, warf mich auf die Knie und sah, daß es durch Addis blaurot verfärbtes Gesicht zuckte, daß er die Kiefer aufeinanderpreßte und mit den Zähnen knirschte. Seine Finger waren gekrümmt, die Daumen fest in die Hand eingeschlagen. Seine Haut glänzte vor Schweiß. Wenn er den Mund öffnete, erkannte ich, daß seine Zungenspitze ganz vernarbt war.

Laß ihn, sagte meine Schwester, faß ihn nicht an. Sie hatte keine Zeit, um darüber erstaunt zu sein, daß ich plötzlich neben ihr war. Sie knöpfte Addis Hemd zu, streichelte scheu sein Gesicht, nicht erregt oder erschrocken, sondern scheu, und ich konnte beobachten, wie Addi sich unter ihrer Liebkosung beruhigte, aufseufzte und sich mit ängstlichem Lächeln erhob und mir zuwinkte, als er sah, daß ich mit meinem Stock die Möwen von ihm abhielt.

Hierhin und dorthin zuckte mein Stock, verblüffte die angreifenden Möwen, beendete ihren Sturz. Ich tat jetzt so, als hätte ich keine Zeit, auf die Vorwürfe einzugehen, die meine Schwester vorbereitete: ich focht für Addi. Ja. Ich kämpfte eine Kompaßrose frei. Mit Ausfallschritten, mit Sprüngen, mit Würfen aus dem Handgelenk setzte ich mich gegen die Vögel zur Wehr, während Hilke hastig Eier in den Bastkorb sammelte und Addi nur benommen dastand und sich den Nacken rieb, einen überraschend alten Nacken, wie ich feststellen mußte, durchfurcht und schon bißchen verledert.

Die Möwen wechselten auf einmal die Taktik. Sie hatten anscheinend gemerkt, daß sie mit Scheinangriffen nichts erreichten, nur einzelne Kamikaze-Vögel, Sturmmöwen vor allem, stürzten sich noch auf uns, die Schwimmfüße schön angelegt, mit aufgesperrtem, korallenrotem Schlund, mit Ju-87-Schwingen, doch das waren nur ein paar unaufgeklärte Nachzügler; denn die andern alle organisierten sich in flacher Wolke über uns, flatterten mit klatschendem Schlag auf der Stelle und griffen uns mit Geschrei an. Da Sturzflüge nicht halfen, sollte uns Möwengeschrei in die Flucht schlagen. Das kreischte. Das gellte. Das knarrte und keckerte. Das miaute. Spitz drang es ins Gehirn, ins Rückenmark, rief eine Gänsehaut hervor.

Addi hielt sich lächelnd die Ohren zu. Hilke sammelte gebückt Eier in den Bastkorb, getroffen und wieder getroffen von schrägem Möwenschiß. Ich warf meinen Stock nur noch in die Luft und verursachte damit federstäubenden Aufruhr. Mein Stock verschwand manchmal zwischen all den Leibern und Schwingen, und einmal traf ich eine Mantelmöwe an ihrem Bug, aber sie stürzte nicht, plumpste mir nicht vor die Füße. Ich konnte den erregten Möwenhimmel nicht durchlöchern. Ich konnte ihn nicht einschüchtern, auch nicht zur Ruhe bringen. Die Möwen lärmten, aber wir hielten dem Lärm stand.

Einmal schnappte eine Möwe nach meinem Bein, und weil mein Stock sie nicht traf, schleuderte ich ein Ei nach ihr, und das Ei zersprang auf ihrem Rücken, und das zerplatzende Dotter machte ihr gelbe Hoheitsabzeichen: nun flog sie für Brasilien.

Addi nickte mir anerkennend zu, er hatte den Treffer beobachtet, und er kam zu mir und zog mich unter seinen Regenmantel, weil uns von See her die ersten Böen anfuhren, die ersten scharfen Stöße, die den Strandhafer glatt an den Boden drückten und die den Sand in kleinen Fahnen emporrissen und ihn gegen meine nackten Beine warfen.

Er rief Hilke, die immer noch eifrig Eier sammelte. Er zeigte auf die Regenfront und auf die Nordsee. Kürzer war die Bogenlinie des Meeres, trüber, von einem weißlichen Vorhang verdeckt, der wehend auf uns zukam. Das Wasser blitzte und leuchtete im Vordergrund, und von den Kämmen riß der Wind glitzernde Schleppen auf.

Mach Schluß, rief Addi, aber meine Schwester hörte es nicht, oder sie hörte es und wollte nur noch den Korb vollsammeln, und so folgten wir ihr langsam, das heißt: ich bahnte uns einen Weg zu ihr zwischen den Möwen. Ich fühlte mich wohl unter Addis Regenmantel, erhielt mir nur einen Schlitz zum Sehen und Schlagen. Ich spürte die Wärme seines Körpers, lauschte auf seinen schnellgehenden Atem, empfand den leichten Druck seiner Hand als Wohltat auf meiner Schulter.

Mach Schluß, rief er wieder, denn plötzlich hörte der Wind auf, und es begann zu regnen. Hilke erschien klein und entrückt hinter der heftigen Schraffur des Regens, doch immer noch lief sie gebückt zwischen den lieblosen Gelegen, bis auf einmal ein Blitz über der See sprang oder vielmehr riß; das Wurzelwerk eines Blitzes riß im Erscheinen vor dem dunklen Horizont, und ein braver, ich möchte mal sagen, gemütlicher Donner rollte über die Nordsee heran; da richtete meine Schwester sich auf, blickte auf die See, dann auf uns, wies mit ausgestrecktem Arm auf ein Ziel und lief, von ihren nach innen gekehrten Waden stark behindert, gleich los in die bezeichnete Richtung, worauf uns nichts anderes übrigblieb, als ihr zu folgen.

Möwen stoben auf. Abwehrbereit sperrten sie ihre Schnäbel auf. Ein Wasserfall von irrsinnigem Geschrei stürzte auf uns herab, während wir vor Regen und Gewitter flohen, durch den Sand, durch das Dünental, über die Düne. Der Wind hatte wieder eingesetzt und warf uns den Regen entgegen, den Frühjahrsregen von Rugbüll, der den Gräben und Kanälen ihre Enge beweist, die Wiesen absaufen läßt, und der von den knochigen Hinterteilen des Viehs den getrockneten und verzottelten Winterspinat abwäscht.

Wenn es bei uns regnet, dann verliert das Land seine Offenheit, seine schutzlose Tiefe, ein zerstäubter Nebel hängt über ihm und nimmt einem die Sicht; alles wird niedrig, verkürzt sich oder wächst sich schwarz und knollenhaft aus, und es lohnt sich einfach nicht, unter irgendein Dach zu treten, um ein Ende des Regens abzuwarten, denn das Ende läßt sich nicht absehen, man kann es nur nach einem Erwachen glücklich feststellen. Wenn es nur geregnet hätte, wären wir gemächlich nach Hause gegangen, das nehme ich doch an, aber das Gewitter trieb uns zum Lauf über die Düne, die reißenden Blitze über der See, der Donner, die harten Böen; das war kein Gehen unter der Wucht dieses Unwetters, wir taumelten über den stumpfen und nassen Sand der Düne, immer noch Hilke folgend, die jetzt auf die Hütte des Malers zulief, die Hütte erreichte und sogleich die Tür aufriß, aber nicht schloß, sondern in der dunklen, vom Regen schraffierten Öffnung stehenblieb und uns winkte und zur Eile anspornte, bis wir bei ihr waren. Sie rief uns in die Hütte hinein. Sie warf die Tür zu und seufzte zufrieden auf.

Den Riegel, sagte der Maler, du mußt noch den Riegel vorschieben, und meine Schwester schlug mit ihrem Handballen gegen den Riegel, und dann standen wir triefend in der Hütte des Malers.

Ich tauchte gleich unter Addis Mantel hervor, ging um den Arbeitstisch herum an das breite Fenster und sah hinaus wie schon einmal und erwartete wie schon einmal, einen toten Mann in der Brandung zu erkennen, einen toten Flieger, den die Wellen gegen den Strand warfen und den der Sog dem Meer zurückgewann, und vielleicht wußte der Maler, wonach ich Ausschau hielt, denn er sagte nur lächelnd: Gewitter, heute gibt’s nur Gewitter.

Ich hatte ihn ja oft zu seiner Hütte begleitet, und ich hatte neben ihm auf dem Arbeitstisch gesessen, wenn er die Entstehung oder das Ende einer Welle beobachtete oder die Wolken oder das herrschsüchtige Licht über dem Meer, und damals, als wir gemeinsam den toten Flieger entdeckten, hatte er mich lange festgehalten auf dem Tisch und nur den weich driftenden, rollenden, entspannt treibenden Körper beobachtet, der den Rhythmus der Dünung so in sich aufgenommen hatte, daß er selbst leicht dünte und sich schlaff überschlug, ja, und es dauerte mir viel zu lange, bis wir endlich hinabliefen und den toten Flieger auf den Strand zogen.

Nur Gewitter, sagte er und lächelte in der Dämmerung, dann zog er ein großes Taschentuch heraus und trocknete mir das Gesicht ab, während ich die flockige Brandung absuchte und nach seiner Auffassung nicht still genug hielt, denn er befahl mir mehrmals: Still, halt doch mal still, Witt-Witt. Er war der einzige, der mich so nannte, warum auch nicht: Witt-Witt ist der eilige, besorgte Ruf der Strandläufer, mehr fällt ihnen nicht ein, vielleicht fiel dem Maler auch nicht mehr zu mir ein, jedenfalls nannte er mich so, und auf Witt-Witt sah ich mich nun um oder kam näher oder hielt still. Max Ludwig Nansen rieb mir auch das Haar trocken und den Hals und die Beine, und danach reichte er sein großes Taschentuch Hilke, die sich ebenfalls abzureiben begann und dann mit den Fingern ihr nasses, langes Haar strählte und preßte. Rauh und stoßweise kam der Wind von der See und rief hinter der Tür Tumulte hervor. Keine Möwe war jetzt zu sehen, nicht mal die Wächter waren in der Luft. Das Meer schäumte und glitzerte, und ich bückte mich, legte den Kopf tief zur Seite, sah über das Schäumen und Glitzern hin und dachte mir das Meer als Himmel und den dunklen Himmel als Meer, und als ich hochsah und mich umdrehte, entdeckte ich sie.

Jutta hockte lautlos und unbeweglich neben dem Schrank, sie hockte im Schneidersitz auf dem Boden, die Hände im Schoß, die mageren Schenkel so gespreizt, daß sich der Stoff ihres Kleides straff spannte, und ich sah, daß sie lächelte und nur das verstörte und fassungslose Lächeln von Addi erwiderte. Ich wunderte mich. Ich sah von einem zum andern, von Juttas knochigem, spottlustigem Windhundgesicht zu Addi, der nur steif und nutzlos dastand, eine verwunderte Kleiderpuppe und so weiter, deren ganze Verwunderung einem sechzehnjährigen Mädchen mit magerem Nacken, mit mageren Schenkeln und schnellen, unternehmungslustigen Augen galt — eben Jutta, die nie meinte, was sie sagte, und die Bleekenwarf verhext hatte, seit der Maler sie mit ihrem kleinen, gewalttätigen Bruder Jobst aufgenommen hatte nach dem Tod ihrer Eltern, die ebenfalls Maler gewesen waren.

Jedenfalls versuchte ich, dies stumme Erkennungsspiel zu begreifen, und ich wollte etwas sagen, doch da sagte schon meine Schwester: Reib dich ab, Addi, der Regen ist kalt, und gleichzeitig drückte sie ihm das Taschentuch in die Hand und stieß ihn auf ihre Art mit dem Ellenbogen auffordernd in die Seite, worauf er sie verständnislos anblickte, doch in schweigendem Gehorsam begann, sich abzurubbeln. Und während er das riesige Taschentuch gebrauchte, sagte Hilke zum Maler: Das ist Addi, mein Verlobter, er ist hier nur zu Besuch, und der Maler darauf, lächelnd in die Ecke weisend: Und das ist Jutta, sie wohnt bei uns mit ihrem Bruder. Darauf gab Hilke Jutta die Hand, Addi gab dem Maler die Hand, und nachdem ich Jutta die Hand gegeben hatte, gab ihr auch Addi die Hand, wobei mir einfiel, daß ich Max Ludwig Nansen noch gar nicht die Hand gegeben hatte und dies tat und damit erreichte, daß Hilke ihr Versäumnis begriff und schnell noch dem Maler die Hand gab, und fast hätte ich auch noch Hilke die Hand gegeben, wenn der Maler nicht zwischen uns getreten wäre, um seine Pfeife von einem Bord zu nehmen.

Ich hoffe, das geht bald vorüber, sagte Hilke. Das Gewitter, sagte der Maler, nicht der Regen. — Das hast du davon, sagte Hilke zu mir, warum bist du uns nachgegangen, und ich darauf: Ich bin schon naß, und ich sah, wie die Männer sich überrascht und in belustigter Anerkennung zublinzelten über meinen Kopf hinweg, und Addi bot dem Maler eine Zigarette an, doch der hielt nur seine Pfeife hoch und lehnte ab. Der Maler setzte seine Pfeife in Brand, trat ans Fenster der Hütte und sah hinaus in den Wind, in die Dunkelheit über dem Meer, wo vermutlich wieder etwas geschah, was nur er ausmachen konnte mit seinen grauen geduldigen Augen. Ich hatte ihm schon anzusehen gelernt, wenn er in einen Anblick unsichtbarer Vorgänge, Bewegungen Erscheinungen vertieft war, auch kannte ich die Haltung, die er einnahm, wenn er sich mit seinem Balthasar besprach oder mit ihm zankte. Es genügte mir, ihn zu beobachten, ich brauchte gar nicht seinem Blick zu folgen, um zu wissen, daß er seine Aufmerksamkeit an das phantastische Volk verloren hatte, das sein Auge überall erweckte: Regenkönige, Wolkenmacher, Wellengänger, Steuerleute der Luft, Nebelmänner, die großen Freunde der Mühlen, des Strandes und der Gärten: sie erhoben sich und zeigten sich ihm, sobald sein Blick sie lossprach von ihrem geduckten, heimlichen Leben.

Paffend stand er vor dem Fenster und starrte hinaus in die Brandung, mit verengten Augen, den Kopf gesenkt wie zu einen Rammstoß, während Jutta geräuschlos hervorkam aus der Dämmerung, lächelnd ihre starken Schneidezähne entblößte und sich von neuem Addis erstaunten Fragen stellte.

Da hörte ich Hilke auflachen. Sie schwenkte ein Blatt in der Hand. Sie hatte es unter einer Mappe vom Arbeitstisch weggezogen, ohne daß der Maler es gemerkt hatte. Was ist? fragte ich. Komm, sagte sie, komm nur, Siggi. Sie sah auf das Blatt und lachte wieder. Was fehlt dir? fragte ich, und sie legte das Blatt flach auf den Tisch, glättete es und fragte: Erkennst du ihn? Ja?

Möwen, sagte ich, lauter Möwen, denn zuerst erkannte ich nichts anderes als dies: eine stürzende, eine brütende, eine schwebend patrouillierende Möwe, doch dann entdeckte ich, daß jede Möwe eine polizeiliche Dienstmütze trug und einen Hoheitsadler auf dem gewölbten Bug, und dies nicht allein: alle Möwen glichen meinem Vater, sie hatten das lange, schläfrige Gesicht des Polizeipostens Rugbüll, und an ihren dreizehigen Füßen trugen sie sehr kleine Gamaschenstiefel, wie mein Vater sie trug. Tu das man in die Mappe, sagte der Maler mit zögernder Stimme, aber Hilke wollte nicht, Hilke bettelte: Schenk mir das, ja, bitte, schenk mir das, und der Maler wieder: Tu das in die Mappe, sag ich, und als Hilke das Blatt einfach zusammenrollen wollte, nahm er es ihr aus der Hand, schob es in die Mappe und sagte: Das könnt ihr nicht haben, das brauche ich noch. Dann zog er die Mappe zu sich herüber und legte einen Karton mit alten Farbtuben darauf. Wie heißt denn das Blatt, fragte Hilke.

Steht noch nicht fest, sagte der Maler, vielleicht aber >Lachmöwen im Dienst<, ich weiß noch nicht.

Dann nicht, sagte Hilke plötzlich, aber warum zeichnest du nicht mich? Du hast es mir einmal versprochen, oder mich und Addi; komm Addi, und meine Schwester griff nach dem Arm ihres Verlobten und schob ihn energisch dem Maler entgegen, mit einer Geste, die kaum etwas anderes besagen konnte als: dieser Mann läßt sich viel leichter porträtieren als vergleichbare Männer, nur zu. Es geht nicht, sagte der Maler. Warum, fragte meine Schwester, warum geht es nicht? — Ich hab mir die Hand verbrüht, sagte der Maler, und Hilke: Richtig verbrüht? und der Maler nickend: Auf lange Zeit verbrüht.

Das Gewitter stand jetzt über der Halbinsel, und es liegt nahe, schulmäßig zündende Blitze zu beschreiben, auf Böen und alle Variationen des Donners einzugehen, ich könnte die Verlorenheit der Hütte am Fuß der Dünen bestätigen, das Ächzen des Holzes unter Sturmstößen, die Bodenplanken könnte ich erzittern und den Kitt an der Scheibe platzen lassen: Gewitter von See her sind ja bei uns häufig verzeichnete Geschehnisse.

Aber nicht das Gewitter bedeutet meiner Erinnerung etwas, sondern die Feststellung meiner Schwester, daß die Hütte zu lange einen Besen entbehrt hatte oder eine ordnende Hand; das stellte sie fest beim Reißen der Blitze, und was jedem mißglückt wäre — ihr gelang es: Hilke entdeckte prompt die verborgene Handeule mit den steif gebogenen Borsten, fragte erst gar nicht, ob jemand etwas dagegen hätte, zog den Mantel aus, schubste die Hocker zur Seite und begann zu fegen. Zielbewußt kehrte sie den Sand in eine Ecke, drängte uns alle zum Arbeitstisch und setzte bei der Tür an. Sie türmte die Hocker aufeinander. Sie ordnete Liegendes auf den Regalen. Den vernachlässigten Spirituskocher wedelte sie rein. Hin und her bewegte sie sich mit ruhigem Eifer und fand die Hütte zu klein für ihre Geschäftigkeit und zögerte, die Hocker an ihren Platz zurückzustellen, weil das ein Ende bedeutet hätte.

Und Jutta. Jutta kauerte lächelnd auf einem hölzernen Schlafgestell, ihre starken Schneidezähne schimmerten, ihr Blick ruhte auf Addi, der sich verlegen hierhin und dorthin schubsen ließ. Er hätte gern etwas gesagt, womöglich hätte er am liebsten einen Fuß auf den wieselnden kleinen Besen gesetzt und zugetreten, das möchte ich annehmen, doch er schwieg nur und fügte sich gehorsam in alles, was Hilke ihm zumutete.

Ich weiß noch den Augenblick, wie er zusammenzuckte, ich weiß auch noch sein Erschrecken, als es auf einmal draußen an die Tür der Hütte klopfte, mitten im Gewitter fielen die Schläge gegen die Tür, und wir sahen uns alle ratlos an und zauderten und schließlich war es der Maler, der den Riegel aufzog und öffnete, obwohl Addi unmittelbar neben der Tür stand. Der Maler brauchte den Drücker nur loszulassen, der Wind warf die Tür an die Hüttenwand.

Gegen das Grau der Sanddünen, mit flatterndem Umhang, von Blitzen erhellt, die über sein Gewicht wetterten, verharrte mein Vater vor dem Eingang, ein behäbiger Nis, von mir aus, ein schwerfälliger Regenspuk, der uns lange im unklaren darüber ließ, was er wollte, denn er machte keine Anstalten, zu uns hereinzukommen, verharrte nur bedeutungsvoll und schien Spaß an unserer Unruhe zu finden, doch plötzlich sagte er tonlos: Siggi?

Hier, sagte ich und flitzte gleich zu ihm, und er stieß einen Arm aus seinem Umhang, packte mich am Gelenk und riß mich zu sich nach draußen, wandte sich wortlos um und zerrte mich durch den Wolkenbruch zum Deich.

Keine Ermahnung. Keine Drohung. Ich hörte nur sein leises Schnaufen und spürte die zornige Klammer am Handgelenk, während wir über die Dünen stolperten und dann hinauf auf den Deich, wo das Dienstfahrrad lag. Mein Vater sagte kein einziges Wort, und ich wagte nichts zu sagen, weil meine Angst mir vorauslief, weil ich in der Tiefe meiner Angst wußte, was mich erwartete, ein Wort hätte nichts geändert, und so saß ich verkrampft auf der Querstange, hielt mich ganz fest, während er anschob und aufsaß und es fertigbrachte, bei seitlichen Böen unter dem Gewitter anzutreten und den Deich hinabzufahren, ohne auch nur ein einziges Mal abzusteigen. Ich wußte, was ihm dieser Weg abverlangte an Kraft und Aufmerksamkeit. Ich hörte ihn dicht an meinem Kopf schnaufen und keuchen, hörte ihn ächzen, wenn er mit heftigen Regungen Windstöße parierte. Wenn er zumindest geflucht hätte! Wenn er mir eine geschmiert hätte, als er mich aus der Hütte riß! Alles wäre leichter gewesen, und ich hätte mich sogar mit meiner Angst befreunden können. Aber mein Vater schwieg auf der ganzen Fahrt, er strafte mich mit einem Schweigen, das die endgültige Strafe erst ankündigte, das war so üblich bei ihm: alles wurde angekündigt, vorbedeutet, er war kein Mann der Überraschung, und wenn er, sagen wir mal, aus beruflichen Gründen einzuschreiten hatte, dann tat er es nur selten ohne den Hinweis: Achtung, ich schreite jetzt ein.

Wortlos fuhren wir also den Deich hinab und dann über den Ziegelweg nach Hause; an der Treppe ließ er mich abspringen, befahl mir mit einer Bewegung des Zeigefingers, das Fahrrad in den Schuppen zu bringen, und als ich zurückkam, packte er wieder mein Handgelenk und zog mich ins Haus. Im Gehen befreite er sich aus dem Umhang, vermied es, mir in die Augen zu blicken — gerade als fürchte er, seine angesammelte Enttäuschung oder Wut könnte sich zu früh entladen —, und ging hinter mir die Treppe hinauf zu meinem Zimmer, in dem schon Licht brannte. Seit sie meinen älteren Bruder Klaas nach seiner Selbstverstümmelung abgeholt hatten, wohnte ich allein in dem Zimmer, mir gehörten die Wände und das Fensterbrett, ich hatte den ausziehbaren Tisch für mich, der ganz bedeckt war von einer blauen Meereskarte aus Leinwand, auf der die riskantesten Seeschlachten geschlagen wurden, und ich besaß sogar einen Schlüssel und konnte mein Zimmer abschließen. Es brannte Licht. Ich sah das Licht durch die Ritzen schimmern und wußte da auch gleich, wer im Zimmer hochaufgerichtet neben dem Schrank stand mit festem, strengem Haarknoten und gekrümmten Lippen, ich sah meine Mutter durch die geschlossene Tür in all ihrer anmaßenden Starre, und als Vater öffnete, blieb ich ohne Überraschung auf der Schwelle stehen. Er stieß mich ins Zimmer. Er blickte erwartungsvoll auf Gudrun Jepsen, die sich nicht rührte, die mich ansah wie von weit her. Er wartete sehr lange, ehe er sagte: Da ist er, und danach schräg durch das Zimmer ging mit großer Beflissenheit, fragend auf meine Mutter sah, den Stock unter meinem Bett hervorzog, wieder fragend auf meine Mutter sah, und dann zurückkam und sagte: Runter mit den Hosen. Ich wußte, daß er das sagen würde, doch ich tat nichts, um seinem Befehl zuvorzukommen, ich zog meine Hosen aus, reichte sie ihm, sah zu, wie er die nassen Hosen sorgfältig glättete und auf den Tisch legte, bückte mich noch nicht, sondern wartete erst den Befehl: Bück dich! ab, legte die Handflächen auf die zitternden Oberschenkel und richtete mich blitzschnell auf, bevor der erste Schlag erfolgt war.

Mißbilligend, ich meine sogar befremdet, ließ er den Stock sinken, suchte den Blick meiner Mutter, als ob er sich entschuldigen müßte für mein Versagen, doch meine Mutter rührte sich nicht. Der Stock hob sich wieder, ich bückte mich, spannte mein nacktes Gesäß und sah seitwärts auf meine Mutter, mit zusammengepreßten Zähnen, und auch diesmal richtete ich mich blitzschnell vor dem Schlag auf. Ich machte zwei Lockerungsschritte. Ich massierte einmal kurz mein Gesäß, trat zurück und krümmte mich unter dem immer noch erhobenen Stock. Diesmal war ich entschlossen, den Schlag hinzunehmen, doch bevor der Stock pfeifend niedersauste, wurden die Nägel des Fußbodens lebendig, Krebse kniffen sich in meinen Kniekehlen fest, ein Albatros hieb auf meinen Nacken ein, da war nichts zu machen: ich fiel auf die Knie und wimmerte.

Das hatte meine Mutter mir wohl nicht zugetraut, sie erwachte aus ihrer Starre, sie ließ die Hände sinken und blickte mich einmal mit müder Geringschätzung an, bevor sie achtlos und nicht mehr interessiert an meiner Bestrafung aus dem Zimmer ging. Verblüfft sah ihr mein Vater nach, wollte sie wahrscheinlich zurückhalten, murmelte ihr auch etwas hinterher, doch meine Mutter war schon draußen auf dem Gang, im Schlafzimmer, der Schlüssel drehte sich schon knackend herum.

Da zuckte mein Vater die Achseln, musterte mich verlegen, auch lustlos, und ich erkannte meine Chance: ich lächelte ihn wimmernd an und machte sogar einen Versuch, ihm zuzuzwinkern wie einem Komplizen nach bestandener Gefahr, doch das Zwinkern gelang mir augenscheinlich nicht, es geriet wohl mehr zur Grimasse, worauf mein Vater auf seine Taschenuhr blickte mich lustlos am Hemd packte und zum Tisch schleppte. Sorgfältig drückte er meinen Oberkörper auf den Tisch hinab. Ich stemmte mich leicht ab. Er drückte wieder. Ich stemmte mich leicht ab. Er hieb mir mit der flachen Hand auf die Nackenwirbel. Ich schlug auf den Tisch auf und stemmte mich leicht ab. Unter meinem Gesicht lag die blaue Meereskarte aus Leinwand, dehnten sich die Ozeane, über die ich träumerisch herrschte, wenn ich die großen Seeschlachten nachspielte: hier hatte ich mein Lepanto, mein Trafalgar geschlagen, hier hatten sich Skagerrak wiederholt und Scapa Flow und Orkney und die Gefechte von Falkland: schiffbrüchig trieb ich jetzt in den Gewässern meiner erträumten Triumphe, mit gestrichenen Segeln.

Ich hatte nicht damit gerechnet, daß schon der erste Schlag diesen siedenden Schmerz hervorrufen würde, weil doch Lustlosigkeit den Stock führte und eine gewisse Verdrossenheit, doch schon nach dem ersten Schlag lief ein heißer Striemen über mein Gesäß, und da ich mich aufbäumte, zwang mich die Linke meines Vaters nieder, tauchte mich in ein brennendes, tiefes Meer von Schmerz und Unterlegenheit, während die Rechte den Stock hob und ihn herabsausen ließ, scharf genug, aber auch eigentümlich zerstreut. Nachdem ich begonnen hatte, nach jedem Schlag mit einem hohen, trockenen, etwas übertriebenen Schrei zu reagieren, lauschte mein Vater von Zeit zu Zeit auf den Gang hinaus, wartend auf das Erscheinen meiner Mutter, der er mit meinen Schreien doch eine Entschädigung bot für ihre Enttäuschung.

Da die Geräusche meiner Bestrafung ihr Ohr erreichten in der Einsamkeit und Kühle des Schlafzimmers, konnte sie doch nicht gleichgültig bleiben, dachte er, und hörte nicht auf, den Kopf zu wenden, zu lauschen und hinüberzuspähen. Mein Vater. Der ewige Ausführer. Der tadellose Vollstrecker. Meine Mutter tauchte nicht mehr auf. Selbst als ich nur noch einen kurzen, erstickten Schrei ausstieß, der ihr neu sein mußte, erschien sie nicht, was meinen Vater offensichtlich mutlos machte: die letzten Schläge fielen nur noch mechanisch, und als ich mich umsah zu ihm, winkte er mich mit dem Stock zum Bett hinüber.

Ich ließ mich fallen. Die Stockspitze fuhr unter mein Kinn. Er zwang mich, zu ihm aufzusehen, und durch den Schleier der Tränen erschien er mir erschöpft und unglücklich, aber als wollte er diesen Eindruck bestreiten, fragte er mit angehobener Stimme: Was hast du zu sagen? Weil ich ihm eine Wiederholung der Frage ersparen wollte, antwortete ich rasch: Ich hab bei Gewitter im Haus zu sein. Er nickte und war zufrieden, zog die Stockspitze von meinem Kinn. Du hast bei Gewitter zu Hause zu sein, sagte er, ja: das verlangt deine Mutter, und das verlang auch ich: bei Gewitter — zu Hause.

Dann zerrte er die Bettdecke unter meinem Körper hervor, deckte mich zu und saß tatenlos auf dem Holzstuhl vor meinem Ozean, das Gesicht lauschend zur Schräge verzogen und hilflos, da er ohne Auftrag war und ohne Auftrag nur ein halber Mensch. Er war nicht ungeübt in stillem, trägem Dasitzen, auch genügte er sich durchaus in ereignislosen Winterstunden, in denen er ausdauernd den Ofen beobachten konnte, aber am meisten holte er doch ohne Zweifel aus sich heraus, wenn ihm eine überschaubare und unmißverständliche Aufgabe anvertraut wurde, in deren Verfolgung er, sagen wir mal, Fragen ausdenken und sie stellen mußte.

Ich wimmerte überzeugend. Ich beobachtete ihn mit einem Auge am Ellenbogen vorbei; die Striemen brannten, die Bettdecke lastete mit unerträglichem Gewicht auf der gesprungenen Haut, und ich wünschte ihn mir fort, verlangte nichts mehr, als allein zu sein, aber er ging und ging nicht und konnte mein Wimmern ertragen und alles.

Auf einmal stand er sogar auf und kam zu mir, tippte mir leicht auf die Schulter und meinte etwa: Du brauchst nicht mehr zu verstehn, als du gesagt bekommst, das genügt: hast du mich verstanden? Ich sagte: Ja, und, um ihn loszuwerden, noch einmal: Ja. — Brauchbare Menschen müssen sich fügen, sagte er, und ich hastig darauf: Ja, Vater, ja, und er wieder monoton und bedachtsam: Aus dir machen wir was Brauchbares, wirst sehn. Und plötzlich fragte er: Hat er gearbeitet, der Maler? Ich verstand ihn nicht schnell genug, und so fragte er abermals: In der Hütte, der Maler, hat er gearbeitet, als ihr da wart? Da sah ich erstaunt zu ihm auf und erkannte, daß einiges abhing von meiner Antwort und daß mein Wissen etwas bedeutete, und ich tat, als ob ich Schwierigkeiten hätte mit meiner Erinnerung oder, das ist vielleicht genauer, als ob die Schmerzen, die er mir beigebracht hatte, nun mein Gedächtnis verdunkelten. Möwen, sagte ich schließlich: Er hat uns Möwen gezeigt, und jede Möwe sah aus wie du. Mein Vater wollte da noch mehr wissen, viel mehr konnte ich ihm nicht sagen, aber das, was er erfahren hatte, war ja auch schon genug, um ihn zu verwandeln: vorbei war seine Unschlüssigkeit, er schien auf einmal erwacht, gelenkig, hellhörig, er zeigte regsames Minenspiel, er legte sich einen Ausdruck von überraschter Erbitterung zu und sah kurz aus dem Fenster mit einem Blick, in dem Warnung und Enttäuschung zugleich lagen — zumindest bilde ich mir das ein —, und dann, nie werde ich es vergessen, setzte er sich auf mein Bett, sah mich dringend an, prüfend, ja, auch inständig und sagte langsam: Wir werden zusammenarbeiten, Siggi. Ich brauche dich. Du wirst mir helfen. Gegen uns beide, da kann es keiner aufnehmen — nicht mal er. Du wirst für mich arbeiten, und ich werde aus dir dafür etwas Ordentliches machen. Es ist nötig. Und jetzt hör zu! Wimmer nicht mehr. Hör zu!

Kapitel 4

Der Geburtstag

Immer höher, schneller und steiler. Immer kraftvoller die Schwünge. Immer näher der breiten, zerzausten Krone des alten Apfelbaums, den noch Frederiksen gesetzt hatte, als er jung war. Das sauste nur so, wenn die Schaukel an zitternd straffen Seilen zurückfiel aus grüner Dämmerung, die Ringe knarrten, ein scharfer Luftzug entstand, und über Juttas gestrecktem, ausbalanciertem Körper flog das Muster der Geästeschatten. Hoch stieg sie auf, hielt sich eine Sekunde still in der Luft, stürzte, und in diesen Sturz mischte ich mich ein, indem ich das vorbeifliegende Schaukelbrett oder Juttas Hüfte oder ihren kleinen Hintern blitzschnell erwischte und vorwärts, aufwärts stieß in die Krone des Apfelbaums; wie von einem Katapult schnellte sie hinauf mit flatterndem Kleid, mit gespreizten Beinen, und der sausende Luftzug modellierte an ihr herum, zerrte ihr Haar nach hinten oder ließ das knochige, spottlustige Gesicht noch schärfer werden. Sie war darauf aus, sich mit der Schaukel zu überschlagen, und ich war darauf aus, ihr den nötigen Schwung zu liefern, aber wir schafften es nicht, selbst, als sie sich breitbeinig auf das Schaukelbrett stellte, schafften wir es nicht, weil der Ast zu krumm war oder der Schwung nicht groß genug: damals in des Malers Garten, an Doktor Busbecks sechzigstem Geburtstag. Und als Jutta merkte, daß ich es nicht schaffen würde, ließ sie sich wieder auf das Schaukelbrett hinab und schwang lächelnd und ehrgeizlos hin und her und hörte nicht auf, mich anzusehen auf eine von niemandem geschulte Art, bis sie mich auf einmal in der Grätsche ihrer mageren braunen Beine fing und festhielt: da wußte ich einfach nicht, was ich noch hätte wahrnehmen können außer ihre Nähe. Jedenfalls begriff ich ihre Nähe, und sie begriff, daß ich begriff, das möchte ich behaupten, und ich befahl mir, ganz ruhig zu sein und abzuwarten, was da noch geschehen könnte, aber es geschah nichts weiter: Jutta küßte mich nur trocken und nachlässig, öffnete die Klammer ihrer Beine, rutschte von der Schaukel und lief zum Haus hinüber, wo Ditte sich aus einem der vierhundert Fenster hinauslehnte und auf flacher Hand einige Stücke blaßgelben Streuselkuchen hielt, so wie man etwas den Vögeln hinhält.

Ich schnappte meinen Stock und lief hinterher. Ich sprang über die Blumenbeete und Stauden und versuchte, den Weg abzukürzen, doch all unsere Eile lohnte sich nicht, denn noch bevor Jutta oder ich am Fenster waren, sah ich Jobst aus dem strohgedeckten Gartenhaus hervorbrechen oder rollen, ein gewalttätiger Kugelblitz, ein feistes, aber flinkes Ungeheuer mit sehr kurzen Fingern und aufgeworfenen Lippen, das achtlos durch großen Mohn und Zinien stampfte, durch all die miteinander rivalisierenden Farben, und natürlich war er als erster am Fenster, riß die Kuchenstücke von Dittes Hand, schob sich zwei in die Tasche und schlang das dritte herunter mit genußvoll geschlossenen Augen. Ihm war anzusehen, daß er nichts herausrücken würde von dem erbeuteten Kuchen — nie hat der mal etwas gelockert, was in seinen Besitz geraten war —, darum versuchte Ditte erst gar nicht, ihn mit mahnenden Worten zu überzeugen, sondern winkte uns in die Wohnstube hinein.

Ich hätte Jutta gern eingeholt in der Düsternis des Flurs, aber sie war mir voraus, sie antwortete nicht auf meinen Anruf, öffnete schon die Tür, als ich noch nach ihr tastete zwischen einem Spalier von Kübeln, Besen und Truhen. Sie ließ die Tür offen. Sie wandte sich nicht einmal um.

Die Stille machte mich mißtrauisch, und ich ging leise bis zur Türschwelle und glaubte die Wohnstube leer und verlassen und dachte: Wo steigt denn nur der Geburtstag, wenn nicht hier, doch dann, als ich zögernd eintrat und mich umwandte, erschrak ich, wie jeder erschrocken wäre, der die Wohnstube betreten hätte, mit meinen Erwartungen: an dem schmalen, unbegrenzten Geburtstagstisch saß feierlich altersgraues Meergetier und trank schweigend Kaffee und würgte schweigend, ganz versenkt in eigensinnige Kontemplation, trockenen Sandkuchen und Nußtorten und blaßgelben Streuselkuchen herunter. Stelzbeinige Hummer, Krabben und Taschenkrebse hockten auf den hochmütigen, geschnitzten Sesseln von Bleekenwarf; hier und da verursachten harte, gepanzerte Glieder ein trockenes Knacken, eine Tasse klapperte, wenn knochige Hummerscheren sie absetzten, und einige streiften mich mit einem Blick aus gleichgültigen Stielaugen, unerschütterlich, mit der monumentalen Gleichgültigkeit gewisser Gottheiten, das möchte ich meinen. Dabei glich diese schweigende Versammlung von Meergetier durchaus Leuten, die ich kannte: zwei sahen aus wie die alten Holmsens von Holmsenwarf, ich glaubte Pastor Treplin zu entdecken und Lehrer Plönnies, und dann machte ich meinen Vater aus und sogar Hilke und Addi, und neben der zartesten Meerforelle, die so sehr Doktor Busbeck glich, saß mit abweisendem Gesicht und strengem Haarknoten als Zackenbarsch meine Mutter. Einer allerdings flatterte, quakte und bewegte sich lustig wie ein Laternenfisch, und das war der Maler.

Es war auch der Maler, der plötzlich rief: Laß man die Kinder am lütten Tisch ätn, aber da war Ditte schon neben mir und zog mich zu dem kleinen Tisch und drückte mich sanft nieder auf einen altmodischen Stuhl, der mich sogleich zwang, still zu sitzen und den Körper steif aufrecht zu halten, weil ich sonst auf der leicht abgeschrägten Sitzfläche ins Rutschen gekommen wäre. Ditte nahm mir den mit Reißnägeln besetzten Stock aus der Hand und legte ihn aufs Fensterbrett. Sie forderte Jutta auf, mir Milch einzuschenken, und drehte den runden Kuchenteller ein wenig, etwa um das Maß einer Viertelstunde. Dann langt man zu, sagte sie freundlich und klopfte mir den Nacken, bevor sie zurückkehrte zu der phantastischen Versammlung und sich dort auch gleich verwandeln ließ, als flache Seezunge Platz nahm.

Ich vergaß den Kuchen, ich vergaß auch die Milch. Unablässig beobachtete ich Jutta, die mir gegenübersaß und an deren Aufmerksamkeit mir auf einmal so viel gelegen war, daß ich ihr stumm befahl, mich anzusehen, und als dies mißlang, sie unter dem Tisch anstieß einmal und noch einmal, bis sie ihre Füße zurückzog — nicht vorwurfsvoll, sondern mit einem Gesicht, das erstarrt war vor Abwesenheit. Ich wußte nicht, was sie überlegte, träumte, erwog, ich sah nur in ihre dunklen, abwesenden Augen, in denen die Flammen der schrägstehenden Sonne glänzten; ich verfolgte, wie ihre starken Schneidezähne sich in den Kuchen senkten, abbissen, während ihr Blick an mir vorbeilief quer durch die Wohnstube, in der auch jetzt die Stille vieler Jahre lag und die Einsamkeit vergangener Winter.

Juttas rot-weiß kariertes Kleid, die dünnen Arme, das strähnige Haar, die blassen Lippen, die jedes Wort in jedem Augenblick widerrufen konnten: wie leicht die Erinnerung daran gelingt und wie wenig zu tun ist, um sie noch einmal an den kleinen Tisch zu bitten mir gegenüber, und wie prompt ich mein Erstaunen darüber wiederholen kann, daß sie die Schaukel und meine Anstrengungen an der Schaukel so schnell vergessen hatte. Aber so war Jutta:

in einer Sekunde noch anwesend, beteiligt oder mitverschworen, zog sie sich in der nächsten zurück. So war sie eben, aber ich hatte doch nicht damit gerechnet, daß sie plötzlich aufstehen und, den Streuselkuchen locker zwischen den Zähnen, quer durch die Stube zum Geburtstagstisch gehen, dort mit Addi Skowronnek kurz flüstern würde — so in einer Art, daß er allenfalls Überraschung, aber keinen Protest äußern konnte —, worauf sie sich geduckt zurückzog gegen die Tür hin und verschwand, ohne mir zuzuwinken.

Da verzichtete ich darauf, ihr zu folgen. Ich legte meinen Kuchen auf ihren Teller, ich goß meine Milch in ihr Glas. Ich setzte mich auf ihren Stuhl und sah nicht einmal durch das Fenster, wo ich sie im Garten, vor der Hecke, auf der geländerlosen Holzbrücke ohne Mühe hätte wiederfinden können. Die essende Versammlung vor Augen, begann auch ich zu essen, und weil auf dem kleinen Tisch noch ein dritter Teller und ein drittes Glas standen, aß ich vorsorglich den ganzen Kuchen, trank die ganze Milch — nein, das ist unwahrscheinlich: den Rest der Milch goß ich in den tiefen Kuchenteller und weckte die Katze, die auf dem dritten, auf Jobsts Stuhl hochrückig, mit eingeschlagenen Pfoten schlief, und lenkte ihren schrägen, glimmenden Blick auf die Geburtstagsmilch, die sie mit eingerollter Zunge, zunächst prüfend, dann hastig zu schlecken begann. Hinterher reinigte die Katze den Teller, so daß ich ihn wieder auf den Tisch stellen konnte, streckte sich tief, flach, leckte sich die Schenkel und kam mit vorsichtigen, langsamen Schritten auf meinen Schoß, drehte sich mehrmals um eine angenommene Achse und brach wie berechnet zusammen. Sie schlug eine gekrümmte Vorderpfote in meine Hand und schnurrte.

Ich sah auf die schweigende Gesellschaft, die immer noch würgte und schluckte und blubberte und sich bedeutungsvoll räusperte an dem unendlichen Tisch, der sich in ferner Trübnis hinzog, womöglich bis in die Trübnis des Watts und der Priele, und jetzt erkannte ich auch meinen Großvater, Per Arne Scheßel, den gierigen Esser und Heimatkundler, sowie den Deichgrafen Bultjohann und Andersen, einen zweiundneunzigjährigen Kapitän aus Glüserup, der mindestens in fünfundfünfzig Kulturfilmen als Kapitän herhalten mußte, weil sein ebenmäßig silbriger Bartkranz so gesucht war und die wäßrige Leere seines Blicks ohne weiteres als Fernweh ausgegeben werden konnte. Wenn ich alle aufzählen wollte, die an diesem Tisch saßen, wäre der Winter vorbei und die Elbe eisfrei, darum möchte ich nur noch Hilde Isenbüttel erwähnen und den ehemaligen Vogelwart Kohlschmidt; sie machte ich aus unter den beschuppten, bogenlippigen Gästen, und ich übersah auch nicht, daß eine phosphoreszierende Garnele mit kräftigen Waden mir unaufhörlich Zeichen machte, die nichts anders besagen sollten als: Wenn du Torte willst, komm her.

Ich wollte keine Torte. Ich wartete darauf, daß der Geburtstag begann, aber die Gesellschaft sah nicht so aus, als würde sie je aufhören zu essen, denn da seufzte, stöhnte, kapitulierte keiner vor dem unaufhörlich kreisenden Angebot der Kuchentürme und Torten, und am wenigsten mein heimatkundlicher Großvater, der wie ein weiser, mit Seepocken besetzter Hummer dahockte und langsam, aber beständig ganze Kuchenplatten in sich hineinbrockte, wodurch er den Kulturfilm-Kapitän offensichtlich herausforderte, es ihm gleichzutun. Wenn gegessen wurde bei uns, dann wurde gegessen, und zwar schon deshalb, weil, wie mein Großvater sagte, beim Essen die Zeit gleichmäßig vergeht, und daran schien ihnen allen gelegen, sogar der uniformierte Schellfisch, den man mit meinem Vater verwechseln konnte, löffelte nur deshalb holzschuhgroße Stücke von Nuß- und Honigtorten, um das unmerkliche Verstreichen der Zeit möglich zu machen.

Auch die Frauen waren darauf aus, den Widerstand der Zeit zu überspielen: während sie sich schläfrig über ein Stück hermachten, faßten sie schon das nächste ins Auge, und wenn sie zu würgen anfingen oder die Kinnbacken erlahmten, ließen sie dampfende Ströme von Kaffee fließen.

Aufschlußreich sind die Einzelheiten, die sich an einer Glüseruper Kaffeetafel bemerken lassen: sieht man von der trägen Gier ab, die zu dem verblüffenden Eingeständnis bereit ist, daß man einen Gastgeber schädigen muß, so sind vor allem rühmenswert die neun vorgeschriebenen Gebäcksorten, die in festgelegter Folge herumgereicht werden müssen, die Näpfe voller Würfelzucker, den man in den Kaffee tunkt, bevor man ihn zerkaut, ferner die Schüsseln geschlagener Sahne, die man sich auf den Kaffee kleckst, nachdem man zuvor klaren Schnaps dazugegossen hat.

Doch ich will diese Einzelheiten, aus denen durchaus eine Geschichte entstehen kann, nicht weiter ausspielen, möchte mir auch versagen, das Schweigen zu deuten, das am Tisch herrschte, vielmehr möchte ich, mit zugegebener Ungeduld, den Maler veranlassen, sich von seinem hohen geschnitzten Sessel zu erheben, zur Stirnseite des Tisches zu gehen, geradewegs zu Doktor Busbeck, der ja immerhin seinen sechzigsten Geburtstag hatte.

Ich meine, Busbeck erschien noch zarter, verlegener, als der Maler auf ihn zuging, wie eine Muschel nach einer Berührung schmolz er in sich zusammen, wurde grau, unscheinbar, warf noch einmal den Kopf zur Seite und blickte hinter sich, als vermutete er dort noch einen Busbeck, der weniger Schwierigkeiten hatte, mit der Aufmerksamkeit fertig zu werden, der er auf einmal ausgesetzt war. Der Maler beugte sich leicht über ihn in verdienter Vertraulichkeit, tätschelte ihm den Rücken und sprach ihm so Mut zu und sagte: Lieber Teo, liebe Freunde, und der liebe Teo duckte sich unter dieser Anrede, während die lieben Freunde schmunzelnd die Blicke hoben und den kleinen Mann noch verlegener machten, wenn das überhaupt möglich war.

Ich bin kein großer Freund von Worten, sagte der Maler und hatte ausnahmsweise recht damit und hielt sich auch an diese Feststellung, denn er beschränkte sich darauf, Busbeck an einen dreißig Jahre zurückliegenden Abend in Köln zu erinnern: wenn ich ihn recht verstanden habe, muß Ditte damals krank gewesen sein, sie lag zwar nicht in einem eiskalten, aber doch schäbigen Zimmer einer schäbigen Pension, vielleicht war auch eine Wäscheleine durchs Zimmer gespannt und die elektrische Birne von der Wirtin eigenhändig rausgedreht. Daß man die Miete schuldig war seit Monaten, vervollständigt nur die Vorstellung. Jedenfalls lag Ditte im Bett, ihr Atem ging allem Anschein nach mühselig, und der Maler, der sich erfolglos als Lehrer an einer Kunstgewerbeschule beworben hatte, wusch gerade das geliehene Geschirr ab, als ein Doktor Busbeck die unbeleuchteten Holztreppen zu ihnen hinauffand und mit erstaunlicher Scheu fragte, ob er etwas sehen dürfe. Das wollte man ihm nicht abschlagen. Man setzte ihn in eine Ecke am Fenster — so verstand ich’s — und gab ihm Gelegenheit, einige Mappen durchzusehen, und da er so wenig spürbar war in seiner Anwesenheit, ebenso leicht zu übersehen wie zu überhören, hatte man ihn — so verstand ich’s — beinahe schon vergessen und war auf alles andere gefaßt als darauf, daß der Besucher auf einmal an den wachstuchbespannten Tisch treten würde mit zehn Blättern in der Hand. Wortlos zählte er vierhundert Goldmark auf den Tisch und fragte dann lediglich, ob er wiederkommen dürfte. Da diese Frage als Bitte geäußert war, mochte sich ihr der Maler — wie er sagte — nicht widersetzen.

So etwas kann also durchaus auch geschehen, und der Maler erinnerte sich und Busbeck heiter an diesen Märztag in Köln, er wußte sogar das Datum, und unter häufiger Benutzung des Partizips dankte er seinem Freund für mitunter nachsichtig praktizierte Freundschaft durch dreißig Jahre. Und nun bist du bei uns in Bleekenwarf, Teo. Wir vergessen nicht, was du für uns. In Köln, aber auch in Luzern und Amsterdam. Denkend an die gemeinsamen Kämpfe gegen den großen Schalberg. Deshalb möchten wir dir heute an deinem sechzigsten. Mich in diesem Kreis umblickend, kann ich nur allgemeines Einverständnis. Ja, Teo.

Die Katze fuhr auf und sprang erschrocken von meinem Schoß, als sie sich an dem unabsehbaren Geburtstagstisch erhoben und auf Doktor Busbecks Wohl tranken, indem sie den weißen klaren zittrig zum Mund führten und ihn hinunterkippten auf eine Weise, als müßten sie zunächst einen Widerwillen überwinden. Geräuschvoll setzten sie die Gläser auf dem Tisch ab und zerrten die Stühle ruckend, umständlich wieder zu sich heran, während er, Doktor Busbeck, stehen blieb, zart und beweglich in seiner Verlegenheit und sich zu entschuldigen schien dafür, daß die Gesellschaft sich seinetwegen hatte erheben müssen. Er trat hinter den Stuhl. Er sah auf seine Hände hinab, die über die geschnitzte Lehne strichen. Dann sagte er, was er wohl schon oft gedacht hatte, stattete dem Maler und Ditte, aber auch allen anderen, seinen Dank ab und bedauerte, daß er ihnen zur Last falle schon so lange Zeit. Er ließ ahnen, daß dies nur ein vorläufiges Leben für ihn sein könne und daß die Würde der Vergangenheit ihm nicht mehr bedeute als die Würde der Gegenwart. Ich meine, er wagte es auch, von seiner Hoffnung zu sprechen und davon, daß er eines Tages an seinen Platz zurückkehren dürfte, an dem er nützlich sein könnte. Nicht ein einziges Mal, während er sprach, warf er einen Blick auf die Versammlung, nur Ditte sah er ab und zu an mit schrägem Hals und seitwärts gelegtem Kopf, und die Frau des Malers hielt ständig ein Lächeln für ihn bereit. Und wieder dankte er. Und wieder fühlte er sich geborgen, einbezogen, ausgezeichnet, ja, ausgezeichnet durch die Freundschaft eines Mannes, der draußen — er sagte einfach: draußen und bedachte vielleicht gar nicht die mitgesagte Bedeutung — als einer der größten Dramatiker des Lichts galt und so weiter. Und zum Schluß verbeugte er sich tatsächlich vor Ditte und der ganzen phantastischen Versammlung, griff hastig nach seinem Glas und kippte den Klaren, den ihm der Maler hingeschoben hatte. Danach war ihm Erleichterung anzumerken. Er nickte heiter über den Tisch diesem zu und jenem. Er schob die gesteiften Manschetten mehrmals geduldig unter den Jackenärmel. Er bat darum, ihm das Glas von neuem zu füllen mit weißem Klaren. Er wischte sich über die Stirn und war zufrieden.

Doktor Busbeck konnte auch zufrieden sein, da er doch sah, wieviel er uns anging, und als Max Ludwig Nansen sagte: Nu woll’n wir uns mal den Geschenktisch bekieken, hob Doktor Busbeck das blasse, ungezeichnete Gesicht und saß nur noch da, bis zwei ihn kurzerhand emporzogen aus seinem Stuhl und ihn vorangehen ließen zum Atelier, wo der Maler oder Ditte oder wahrscheinlich alle beide einen Geschenktisch aufgestellt und geschmückt hatten. Ich glitt sofort von meinem Stuhl, als die Gesellschaft sich erhob, war als erster in der Flurdämmerung und dann auch an der Tür zum Atelier, doch ein ärgerliches Zeichen meines Vaters hielt mich davon ab, auch als erster am Geschenktisch zu sein, aber als vierter war ich doch da. Was lag auf dem Tisch? Was hatten die zwischen Rugbüll und Glüserup für einen, der nicht zu ihnen gehörte, der aber durch Geschehnisse, die sie fast begriffen, in ihre Mitte verschlagen war, erübrigen wollen? Ich weiß noch die Schlipsnadel. Ich weiß noch die Flasche Korn und den Obstkuchen und den Kaffeewärmer und die Socken und ein Buch — Verfasser: Per Arne Scheßel im Selbstverlag — und ein Karton Talglichter. Ich weiß noch den Beutel Tabak. Den Schal weiß ich noch und ohne Zweifel die Flasche Kosakenkaffee, weil die von uns stammte. Ich weiß vor allem aber das Bild: >Segel lösen sich in Licht auf.<

Das Bild stand an der Rückseite des Tisches gegen die Wand gelehnt, neben ihm hatten die Flaschen Posten bezogen, vor ihm krümmten sich dienstbar die Socken, der Kaffeewärmer plusterte sich auf, der Obstkuchen warb um Vertrauen, und der Schal schlängelte sich um die Talglichter, als wollte er sie sanft ersticken: alle Geschenke waren auf sich bedacht, doch sie konnten nicht verhindern, daß das Bild sie in ihrer schlichten Dienstbarkeit herabsetzte.

Ich trat in Doktor Busbecks Blick und sah, wie er in das Licht des Bildes geriet, wie er auf das Bild zuging, zaghaft, mit ausgestreckter Hand, meinetwegen auch ungläubig, und ich sah auch, wie er das Bild leicht mit den Fingerspitzen berührte und gleich wieder zurücktrat und die Augen zusammenkniff und plötzlich kurz die Schultern hob, als ob er erschauerte. Da vereinigten sich Himmel und Meer. Da überredete ein weiches Zitronengelb ein lichtes Blau zur Selbstaufgabe. Schwebende Segel ließen Ferne vermuten, ließen eine abgeschlossene Geschichte vermuten und büßten ihr Weiß ein, um die erträumte Vereinigung ganz gelingen zu lassen. Die Segel lösten sich auf und erreichten durch ihre Auflösung, daß nichts mehr übrigblieb als Licht, und das Licht kam mir vor wie ein einziges Loblied. Wieder ging Doktor Busbeck mit ausgestreckter Hand gegen das Bild vor, und da sagte der Maler: Wie du siehst, Teo, ich hab noch ein bißchen dran zu tun. — Das ist fertig, sagte Busbeck, und der Maler darauf: Das Weiß, das will noch zuviel seggen. Und Teo Busbeck sagte auch: Das ist zuviel, Max, das kann ich nicht annehmen; doch der Maler zwinkerte ihm nur zu und sagte: Das sollst du auch erst, wenn’s fertig ist.

Sie standen jetzt alle um den Geschenktisch herum, schätzten, verglichen, begutachteten, rechneten den Wert in Mark und Pfennig aus, ließen schnelle taxierende Blicke wandern, um womöglich herauszufinden, wer was mitgebracht hatte: darüber hätte man dann sprechen können auf dem Heimweg. Sie nahmen die Geschenke zur Hand, ließen bewunderndes Interesse laut werden, reichten die Geschenke herum mit Hinweisen und ließen nichts unberührt, ungeprüft. Niemand wagte, ein Geschenk flüchtig oder gering zu behandeln. Sie hoben die Flaschen schnalzend hoch, stießen eine Faust in den Kaffeewärmer, steckten sich spaßeshalber die Schlipsnadel an, und Per Arne Scheßel versuchte, seine verdammten heimatkundlichen Erläuterungen anhand seines Buches zu geben, das er aufgeschlagen herumreichte. Das staunte und gab sich bewundernd und lobbereit. Das nickte, pfiff durch die Zähne. Das ertastete und erkundete, und Andersen, der Kulturfilm-Kapitän, zielte mit seinem braunen, knotigen Stock auf das Bild und sagte: Dat schallt woll in ’n Ärmelkanal sien? In ’n Ärmelkanal do hebt wi immer son Wetter haft. — In Glüserup ist das, sagte Bultjohann, in meinem Bezirk, und der Maler klopfte beiden auf die Schulter und gab beiden wortlos recht.

Sie legten die Geschenke zurück und drängten sich jetzt um das Bild und redeten, und ich ließ sie reden, denn barfuß auf der geländerlosen Holzbrücke vor der Hecke im Staudengarten lief Jutta und trug etwas, und ich sah noch durch die Scheibe, wie sie mit der schwarzen Last ins Gartenhaus flitzte: da zwängte ich mich durch den Kreis der bedenklich nickenden Bildbetrachter, holte meinen Stock aus dem Wohnzimmer, und als ich aus dem Fenster in den Garten sprang, kam Addi mir nach. Auch er sprang aus dem Fenster und lief quer über die Beete zum Gartenhaus, vielleicht hatte auch er Jutta gesehen, vielleicht hatte er sogar ein Zeichen von ihr bekommen, jedenfalls stürzte er an mir vorbei und knuffte mich in die Seite, als er mich überholte.

Auf dem gewellten schwarzen Erdboden im Gartenhaus lag Addis Akkordeon. Jutta stand spreizbeinig dahinter, gefaßt auf eine Auseinandersetzung, in spöttischer Erwartung, doch Addi sagte nichts, protestierte nicht, sondern starrte sie nur fassungslos an und schüttelte den Kopf. Spiel, sagte sie. Addi rührte sich nicht. Spiel doch, sagte sie, heute ist Geburtstag. Addi zuckte die Achseln. Dann spiel leise, sagte Jutta, und ich sagte: Leise, ja, nur für uns, und Addi schüttelte den Kopf. Früher hatte ich auch ein Akkordeon, sagte Jutta, ich hatte sogar zwei; und ich konnte auch spielen. — Dann spiel du, sagte ich, doch sie zeigte auf Addi und sagte: Er soll spielen, es ist sein Kasten. — Deine Mutter, sagte Addi zu mir, sie will es nicht. — Aber die andern wollen es, sagte ich, und dann wandten wir uns gleichzeitig zum Eingang, von woher ein Schatten fiel, wo Jobst stand, feist und grinsend, als ob er uns ertappt hätte. Er sah auf den Kasten, auf uns, wieder auf den Kasten, kam herein mit seinem stampfenden Schritt, befreite das Akkordeon aus dem Etui und löste die Lederriemen, und warum soll ich noch weiter verzögern, hinausschieben, was dann noch festgestellt werden muß: Addi fuhr beidhändig in die Lederschlingen, nickte uns auffordernd zu, und wir stellten uns in einer Reihe hinter ihm auf, und mit Alo-Ahe marschierten wir aus dem strohgedeckten Gartenhaus, jeder die Hände auf den Hüften seines Vordermanns.

Jutta hielt sich an Addis Hüfte fest, ich hielt mich an Juttas schmaler, knochiger Hüfte fest, und der warme Druck an meiner Hüfte, das waren die fleischigen Finger von Jobst. Entlang dem Gartenweg zum Atelier marschierten wir, wiegend, tänzelnd, gebeugt vor allem, und der Wind wehte, Addi spielte, und Hawaii sang seine allerschönsten Lieder in Bleekenwarf.

Drinnen klopften sie an die Scheiben und winkten uns zu, und unser etwas kurz geratener musikalischer Lindwurm schaukelte am Atelier, dann an den vierhundert Fenstern der Wohnstube vorbei, auf und ab zogen wir über die schwarzen Gartenwege, werbend, auffordernd, und ich weiß noch, daß Hilke die erste war, die sich unserem wiegenden Zug anschloß, und nach Hilke kamen Pastor Treplin und Holmsen und der Vogelwart Kohlschmidt und Ditte, und Ditte war es, die im Vorübergehen meinen Vater am Gelenk packte und seine Hand auf ihre Hüfte zog, und auf einmal hatte unser Zug einen eigenen Sog, eine unwiderstehliche Kraft, die sich aneignete und einverleibte, was am Weg stand, eine fröhlich schaukelnde Gewalt, die keinen mehr unbeteiligt ließ, der uns zu nahe geriet, so daß unsere Reihe wuchs und wuchs und schon mehrere Buchten warf. Auch der Maler war jetzt im Zug und der Deichgraf Bultjohann und Hilde Isenbüttel; nur meine Mutter fehlte, und ich wußte, daß sie nichts bewegen würde, sich uns anzuschließen: selbst der strenge Schatten ihrer Erscheinung in der Tiefe des Ateliers drückte noch hochmütige Weigerung aus: Gudrun Jepsen, geborene Scheßel. Dabei hätte sie sich doch ein Beispiel nehmen können an Kapitän Andersen, der mit seinen zweiundneunzig Jahren zumindest den Versuch machte, unsern wiegenden Lindwurm durch die Lüneburger Heide, durch den wunderschönen Sand zu begleiten: der photogene Greis drängte sich zwischen Addi und Jutta, beugte sich knackend nach vorn, und mir war, als ob ich es rascheln hörte, als ob da trockene Mohnkapseln aufbrachen und Mohn aus seinen Hosenbeinen rieselte, und der Alte schaukelte tatsächlich einige Meter mit, bis er, sozusagen, seinen herbstlichen Mohn verstreut hatte und atemlos zur Seite ausscherte. Addi führte uns, und Jutta hielt ihn an den Hüften fest und lenkte ihn, und nachdem wir durch den Garten gezogen waren, zwängten wir uns durch die Hecke und trappelten über die Holzbrücke, über die Wiese, den Deich hinauf und beinahe auf dem Grund der Nordsee bis nach England, wenn Addi sich nicht anders entschlossen hätte. Er machte eine gewaltsame Wendung, und als wir den Deich wieder hinabdrängten, wiederholte unser langer, wogender Körper ziemlich getreu die Bewegungen, die der Balg seines Akkordeons beschrieb unter Druck und Zug. Wir schoben uns wieder in Richtung Bleekenwarf, an dem Spalier der Erlen vorbei, die sich im Graben spiegelten und mit ihrem Spiegelbild nicht zufrieden sein konnten, da der Wind den Spiegel krüllte und beunruhigte, so daß die Stämme hin und her wedelten wie in einem unterseeischen Sturm. Um die Kette wenigstens nicht bei mir reißen zu lassen, hatte ich Jutta mit beiden Händen umfaßt, Jutta hatte auch Addi umfaßt, und ebenso umfaßten sich auch einige andere.

Und ich weiß noch, als wir ans schwingende Tor kamen, stand Okko Brodersen da, der einarmige Postbote. Sein Fahrrad lehnte am Außenpfosten. Er hatte ein Papier in der Hand und hielt es hoch — zum Zeichen, daß er berechtigt sei, sich hier aufzuhalten. Mitmachen, rief Jutta, und ich wiederholte: Mitmachen, und wir bedrängten ihn ganz schön und verleibten ihn uns ein mitsamt der Post, die er gebracht hatte. Am rostroten Stall vorbei, am Teich, am Schuppen, und als wir um das Atelier bogen, blickte ich zurück und sah, daß der Gänsemarsch sich aufgelöst hatte oder dabei war, sich aufzulösen, erschöpft und begeistert, immerhin auch begeistert — was meine Mutter doch erkannt haben muß. Doch selbst in seiner Auflösung folgte der Zug noch Addi, der spielend in den Garten einbog und dort Berliner Luft Luft Luft herstellte oder zumindest ahnen ließ, worauf einige begannen, Tische und Stühle herauszutragen nach vorsorglicher Beobachtung des Himmels über der Nordsee. Die glänzenden Ritzen zwischen den dunklen Wolken ermutigten uns, desgleichen die blauen Tümpel und das flockige Weiß schnell ziehender Wolken über uns. Wir verlegten den Geburtstag in den Garten.

So, und nun möchte ich keinen daran hindern, sich den kurzen Transport der Möbel vorzustellen, das Anheben, Abnehmen, das verkantete Bugsieren durch offene Fenster, überhaupt den gutgelaunten Tumult eines Umzugs ins Freie, den Addi mit >La Paloma< und >Rolling home< begleitete, denn ich muß meinen Stock suchen, ich muß meinen mit Reißzwecken besetzten Stock wiederfinden, den ich irgendwo hingelegt hatte, als sich der Zug bildete. Aber wo? Im Wohnzimmer? Im Atelier? Ich ging die Wege ab. Ich inspizierte die Stauden. Auf dem Hof suchte ich und am Schuppen. Mein Stock lag auf keinem Fensterbrett. Er schwamm nicht im Teich. Habt ihr meinen Stock gesehen? fragte ich die beiden Männer am Teich. Mein Vater und Max Ludwig Nansen schwiegen.

Sie antworteten nicht, schüttelten nicht einmal den Kopf, sondern schwiegen nur erregt, und ich suchte weiter, bis ich auf einmal einen Verdacht hatte und zurückschlenderte zum Teich, auf dem ein altes weißes Entenpaar vier jungen Enten Formationsschwimmen beibrachte. Im Schutz der gefällten, übereinanderliegenden Pappelstämme bewegte ich mich auf die alten Freunde aus Glüserup zu, schlüpfte durch einen Spalt in einen Hohlraum unter den Stämmen und sah durch einen fast ebenmäßigen Lichtschlitz den Maler und meinen Vater abgeschnitten in der Hüfte vor mir stehen, so nah, daß ich die Beutelung ihrer Taschen erkennen und sogar vermuten konnte, was sie in den Taschen trugen. Glatt und kühl war der Boden meines Verstecks, und der Wind fiel scharf durch die Ritzen zwischen den Stämmen ein. Indem ich mich hob oder in die Hocke ging, konnte ich die Männer verkleinern oder wachsen lassen, doch ihre Gesichter bekam ich nicht zu sehen, ihre Gesichter blieben außerhalb meiner Perspektive.

Zuerst merkte ich, daß der Maler da einen Brief in den Händen hielt, einen rot durchkreuzten Eilbrief, den er offensichtlich bereits gelesen hatte und den er nun meinem Vater zurückreichte, herrisch und außer sich, mit einer kurzen, heftigen Bewegung, und da wußte ich schon, daß mein Vater, vor der Wahl — entweder den Inhalt des Briefes mündlich zu wiederholen oder den Brief selbst sprechen zu lassen — sich wie immer für das entschieden hatte, was ihn am wenigsten beanspruchte. Er hatte den Maler einfach lesen lassen und nahm den Brief nun ruhig an sich mit seinen rötlich behaarten Händen und faltete ihn sorgsam, während der Maler sagte: Ihr seid verrückt, Jens, ihr könnt euch das nicht anmaßen.

Mir entging nicht, daß er von einer Mehrzahl sprach, der er meinen Vater jetzt schon ohne weiteres zuzählte. Ihr habt kein Recht dazu, sagte der Maler, und mein Vater darauf: Ich hab das nich geschrieben, Max, ich maß mir auch nix an, und er konnte seine Hände nicht daran hindern, eine Bewegung unbestimmter Hilflosigkeit zu machen. Nein, sagte der Maler, du maßt dir das nicht an, du sorgst nur dafür, daß sie sich ihre Anmaßung leisten können.

Was soll ich denn machen? fragte mein Vater kühl, und der Maler: Die Bilder von zwei Jahren — weißt du, was das heißt? Ihr habt mir Berufsverbot gegeben. Genügt euch das nicht? Was werdet ihr euch noch ausdenken? Ihr könnt doch nicht Bilder beschlagnahmen, die niemand zu Gesicht bekommen hat. Die nur Ditte kennt und allenfalls Teo. — Du hast den Brief gelesen, sagte mein Vater. Ja, sagte der Maler, ich hab ihn gelesen. — Dann weißt du auch, sagte mein Vater, daß verfügt worden ist, alle Bilder aus den letzten beiden Jahren einzuziehen: ich hab sie morgen verpackt auf der Dienststelle in Husum abzuliefern.

Sie schwiegen, ich blickte durch den Lichtschlitz zur Seite und sah zwei schmale Hosenbeine rund wie Ofenrohre aus der Haustür treten und hörte eine Stimme rufen: Wir vermissen euch, wann kommt ihr? Worauf der Maler und mein Vater zurückriefen: Gleich, wir kommen gleich. Das beruhigte die Ofenrohre, denn sie schritten steif wieder ins Haus hinein, und nach einer Weile hörte ich meinen Vater sagen: Vielleicht, Max, werden die Bilder zurückgeschickt eines Tages? Die Kammer prüft sie nur und schickt sie dir zurück? Es klang sogar glaubwürdig, wenn mein Vater, der Polizeiposten Rugbüll, so etwa fragte oder als Möglichkeit erwähnte, und niemand mochte ihm ein anderes Wissen zutrauen neben dem, das er mit seinen Worten bekanntgab. Der Maler schien so verblüfft, daß er Zeit brauchte zu einer Antwort.

Jens, sagte er dann in einem Ton von Bitterkeit und Nachsicht, mein Gott, Jens, wann wirst du merken, daß sie Angst haben und daß es die Angst ist, die ihnen rät, sowas zu tun: Berufsverbote auszusprechen, Bilder zu beschlagnahmen. Zurückschicken? Vielleicht in einer Urne. Die Streichhölzer, Jens, sind in den Dienst der Kunstkritik getreten — der Kunstbetrachtung, wie sie sagen.

Mein Vater stand dem Maler ohne Verlegenheit gegenüber, es gelang ihm sogar, in seiner Haltung ungeduldiges Begehren auszudrücken, das erkannte ich ohne Schwierigkeit, und ich war nicht überrascht, als er sagte: Is in Berlin verfügt worden, das genügt. Du selbst hast den Brief gelesen, Max. Ich muß dich auffordern, zugegen zu sein bei der Sichtung der Bilder. — Willst du die Bilder verhaften? fragte der Maler, und mein Vater darauf trocken und unnachsichtig: Wir werden feststellen, welche Bilder eingezogen werden müssen.

Ich schreib mir alles auf, damit sie morgen abgeholt werden können.

Ich muß mir die Augen wischen, sagte der Maler. Wisch sie nur, sagte mein Vater, dabei wird sich nichts verändern. — Ihr wißt nicht mehr, was ihr tut, sagte der Maler, und da rutschte meinem Vater der Satz raus: Ich tu nur meine Pflicht, Max. Da sah ich auf die Hände des Malers, kräftige, erfahrene Hände, die er sachte hob vor dem Leib und schnell in die Luft greifen ließ, und ich verfolgte auch, wie er die Finger zuerst spreizte und dann zur Faust schloß, als sei dies eine Entscheidung. Die Hände meines Vaters dagegen hingen schlaff und bereit an der Hosennaht, zwei gehorsame Wesen möchte ich mal sagen, jedenfalls machten sie sich nicht besonders bemerkbar. Gehen wir, Max? fragte er. Der Maler rührte sich nicht. Nur daß die sehn, ich hab meine Pflicht getan, sagte mein Vater, und der Maler plötzlich: Es wird euch nicht helfen. Es hat noch keinem geholfen. Holt euch, was euch Angst macht. Beschlagnahmt, zerschneidet, verbrennt: was einmal gewonnen ist, wird dableiben.

So kannst du nicht zu mir sprechen, sagte mein Vater. Zu dir? sagte der Maler, zu dir kann ich noch ganz anders sprechen: wenn ich dich nicht rausgeholt hätte damals, wärst du heute bei den Fischen.

Einmal muß man quitt sein, sagte mein Vater, und der Maler darauf: Hör zu, Jens, es gibt Dinge, die kann man nicht aufgeben. Ich habe damals nicht aufgegeben, als ich nach dir tauchte, und ich kann ebensowenig diesmal aufgeben. Damit du klar siehst: ich werde weiter malen. Ich werde unsichtbare Bilder machen. Es wird so viel Licht in ihnen sein, daß ihr nichts erkennen werdet. Unsichtbare Bilder.

Mein Vater hob die Hand, sichelte langsam in Höhe des Koppels und sagte warnend: Du weißt, Max, wozu ich verpflichtet bin. — Ja, sagte der Maler, ja, ich weiß, und.damit du es genau weißt: es kotzt mich an, wenn ihr von Pflicht redet. Wenn ihr von Pflicht redet, müssen sich andere auf was gefaßt machen. Mein Vater trat einen Schritt gegen den Maler vor, zwängte beide Daumen unters Koppel und straffte sich tatsächlich und sagte: ich frag nich nach den Möwenbildern — damit sind wir quitt. Aber ab heute, Max, paß auf! Mehr habe ich dir nicht zu raten: paß auf. — Ich bin darauf eingestellt, sagte der Maler, und mein Vater, nach einer Weile: Gehn wir, Max? — Wie du willst, sagte der Maler, gehn wir; doch bevor er ging, sagte er noch mit zögernder Stimme: Aber laß hier keinen was merken, Jens, vor allem ihn nicht: Teo. Der Polizeiposten Rugbüll schwieg, und ich nahm an, er sei einverstanden.

An meinem Lichtschlitz vorbei gingen sie nacheinander über den leeren, windigen Hof, ich hätte sie berühren, hätte sie erschrecken oder streifen können, doch ich tat es nicht, sondern ging tief in die Hocke und ließ die Männer aufwachsen in der Fortbewegung, und nachdem sie im Haus verschwunden waren, untersuchte ich erst einmal das neue Versteck, maß und prüfte und fand heraus, daß genügend Platz auch für zwei vorhanden wäre, etwa für Jutta und mich. Dann schlüpfte ich durch den Spalt hinaus, stand allein am Teich und bereitete den Enten ein rasches Skagerrak, indem ich vor, hinter und zwischen ihnen dekorative Fontänen aufspringen ließ. Ich gebrauchte unterschiedliche Kaliber dabei; das schwappte, wellte, kippte, warf sich schlank empor, so daß die Enten gezwungen waren, ihre Formation immer wieder zu ändern, um den Geschossen auszuweichen, und bevor ich in den Garten zurücklief, gab ich ihnen noch ein Gefühl für Sperrfeuer, wobei eine der jungen Enten die Beherrschung verlor, aus dem Verband ausscherte und sich, mit klatschendem Flügelschlag über das Wasser laufend, in das Planquadrat verirrte, wo meine Geschosse niedergingen: wäre sie bei den Alten geblieben, hätte sie keinen Treffer eingefangen.

Jedenfalls beeilte ich mich, in den Garten zu kommen, wo Addi immer noch spielte, das Lied von einem Mädchen spielte, das um jeden Preis, trotz bedenklichem Wellengetose, an die Seite ihres fernen Matrosen wollte, weil sie angeblich mit ihm zusammengehörte wie der Wind und das Meer und so weiter. Und zu dieser Melodie wurde auf dem großen Rasenplatz getanzt — nein, nicht getanzt: Hilde Isenbüttel vor allem, der Lehrer Plönnies, aber auch die alten Holmsens, stampften, trampelten, klotzten herum und schoben sich zäh und nachdenklich umeinander, um sich Appetit zu verschaffen für das bevorstehende Abendbrot. Ich merkte mir nicht genau, wer sich da alles Bewegung verschaffte, mich interessierte auch nicht, wer da auf Stühlen und Bänken saß unter wandernden Schatten — regungsloses, doch aufmerksames Meeresgetier —, denn ich hatte auf den ersten Blick die beiden Männer in der Tiefe des Ateliers entdeckt, schräg hintereinander stehend, mit angehobenen Schultern der eine, mit gesenktem Gesicht der andere. Ich linste durch die Scheiben. Sie waren allein im Atelier. Sie standen vor Doktor Busbecks Geschenktisch. Ich legte meine Hände neben meinem Gesicht auf die Scheibe, und jetzt, da die Biendung aufhörte, sah ich, daß sie vor dem Bild standen, auf dem Segel sich in Licht auflösten, und ich merkte, daß ein zäher Prozeß um das Bild geführt wurde: fordernd stieß der Zeigefinger meines Vaters auf das Bild herab, worauf der Maler sich mit seinem Körper davorstellte, da wurde beansprucht und verweigert, begehrt und zurückgewiesen — alles lautlos, in erregtem Aquariumschweigen; ich sah, wie sie sich stritten und zu überzeugen versuchten, und auf einmal nahm sich der Maler eine Farbtube, drückte einen kurzen Wurm raus, bückte sich vor dem Bild und veränderte oder vervollständigte etwas, indem er die Fingerkuppe, dann die Seite des Fingers und schließlich, wie so oft, den Handballen gebrauchte, während mein Vater steif und drohend hinter ihm stand wie ein Seezeichen in gefährlicher Strömung. Der Maler richtete sich auf, wischte sich die Finger ab. Ich erkannte einen Ausdruck von vorsichtiger Geringschätzung auf seinem Gesicht. Er blinzelte meinen Vater an, und der bedachte sich, nickte, schien keinen Einwand zu finden, jedenfalls nicht so rasch. Das nutzte der Maler aus, indem er meinen Vater abdrängte in uneinsehbare Winkel. Ich wußte, wie dieser Prozeß ausgegangen war. Ich wandte mich um, suchte Doktor Busbeck und sah ihn Arm in Arm mit Ditte unter dem Geästschatten des alten Apfelbaums: die Schatten strichen ihn durch.

Ich überlegte, ob ich durch eines der offenen Fenster in die Wohnstube klettern und von dort aus versuchen sollte, in das Atelier zu schlüpfen, als Addi plötzlich mitten im Lied abbrach und hinfiel wie einmal schon, und wie einmal schon mit den Beinen stieß und zuckte, sich aufbäumte und mit den Zähnen knirschte. Ich flitzte sofort zu ihm, aber vor mir war Hilke schon da, und wie in den Dünen kniete Hilke neben ihm und befreite ihn zuerst von der Last des ausgezogenen gekrümmten Instruments, das seine Brust umschloß gleich einer Schwimmweste.

Geht weg, sagte sie, geht weg, aber die andern kamen von allen Seiten heran, drängten näher, bildeten einen Kreis aus Betroffenheit, aus Staunen und wohl auch Furcht, denn sie sagten nichts, stießen sich nicht einmal an, sondern wechselten nur Blicke über Addi hinweg, dessen Gesicht sich verfärbt hatte, dessen Lippen fest aufeinandergepreßt waren. Alle standen sie da mit vorgeschobener Schulter: die Holmsens, die eben noch getanzt hatten, Pastor Treplin und der Vogelwart Kohlschmidt und der Deichgraf Bultjohann. Mein Großvater stand schweigend da, desgleichen Plönnies und Kapitän Andersen. Und hoch aufgerichtet, weniger betroffen als in herrischer Gleichgültigkeit, stand meine Mutter etwas außerhalb des Rings und beobachtete nicht Addi, sondern Hilke.

Nur einer zwängte sich durch den Kreis mit leisen, dringenden Worten, und das war Doktor Busbeck. Er wartete nicht. Er brauchte sich nicht zu erkundigen. Er bat um Durchlaß, kniete sich gegenüber von Hilke hin, zog sein Taschentuch und trocknete das schweißbedeckte Gesicht, wobei Addi selbst schon wieder die Augen öffnete und freundlich, vor allem verständnislos um sich sah.

Hei mutt wat to äten hebben, rief der KulturfilmKapitän. Niemand stimmte ihm zu. Jetzt geht es, sagte Hilke, jetzt ist es vorbei, während Addi sich mühsam aufstützte, sich mit Doktor Busbecks Hilfe erhob und verwirrt den Kreis musterte, der ihn umgab. Da konnte Hilke doch gar nichts Besseres einfallen, als seinen Arm zu nehmen und lächelnd mit ihm zunächst zur Schaukel hinunterzugehen, dann auf dem äußeren geschwungenen Weg weiter zum Gartenhaus, so daß der Versammlung einfach nichts anderes übrigblieb, als sich zu zerstreuen, obwohl einige, und besonders Per Arne Scheßel, nicht aufhörten, unter schweren Lidern auf die Stelle zu blicken, wo Addi gelegen hatte. Und dann sah ich, wie Addi meinen Stock am Gartenhaus aufhob, ihn Hilke zeigte und zu Hilke offensichtlich sagte: Das ist doch Siggis Stock, worauf ich hochsprang mit emporgeworfenen Armen und: Hier, hier rief, und nachdem Addi mich entdeckt hatte, warf er den Stock durch den Garten unter die Schaukel, wo ich ihn mir holte.

Ich wollte ihm zuwinken, doch ich tat es nicht, als ich sah, daß meine Mutter ihnen den Weg abschnitt und versuchte, sie am entlegenen alten Brunnen zu stellen, dort bei der Laube aus Flieder. Unter der Schaukel setzte ich mich hin, entfaltete mein blaues Taschentuch und befestigte es mit den Reißnägeln am Stock, und mit flatternder, blauer Fahne marschierte ich zurück, mitten in den Geburtstag hinein, immer wieder an Bänken, Tischen und Stühlen vorbei, wo man zuhauf saß, rauchte und flüsterte, nachdenklich zischte. Ich ließ meine Fahne flattern, ich warf sie hoch in die Luft, obwohl doch niemand in Rugbüll war, der es hätte erkennen und daraus seine Schlüsse ziehen können.

Bis hierher, einstweilen nur bis hierher, denn ich kann nicht verschweigen, daß es in dem Augenblick, in dem ich meine blaue Fahne hoch in die Luft warf, an meine Zellentür klopfte, sehr scheu, sehr verhalten klopfte, aber immer noch deutlich genug, so daß ich aus meiner Erinnerung regelrecht herausgeklopft wurde, mein Heft schloß und mich ärgerlich zur Tür drehte. Hinter dem Guckloch bewegte sich etwas, Braun löste Weiß ab. Ein glühender Knopf begann da zu rotieren. Blitzend sprangen einige Lichtpfeile zu mir herein. Ich stand wider Willen auf, als die Tür unerträglich langsam geöffnet wurde, wie in einem Kriminalfilm tat sie sich auf, gleichmäßig, eindringlich knarrend, jedenfalls mit einer Verzögerung, die auf keinen guten Besuch schließen läßt — da hätten nur noch wehende Gardinen gefehlt und ein Buch, das sich selbst aufblättert —, und weil ich dem Geburtstag in Bleekenwarf nicht zu lange fernbleiben wollte, sagte ich höflich: Komm rein, es zieht.

Er trat schnell ein, steppte zur Seite und überließ es Karl Joswig, den ich hinter ihm auf dem Korridor entdeckte, die Tür von außen zu schließen. Er war offensichtlich verlegen, seine Mundwinkel zuckten; er kam mir, wenn ich heute daran denke, wie ein junger Tierpfleger vor, der sich zum ersten Mal in den Käfig gewagt hat. Unsicher, doch sympathisch lächelte der junge Psychologe, tänzelte auf der Stelle hin und her. Die knappe Verbeugung, zu der er ansetzte, konnte ihm nicht gelingen, da er zu nah an der Tür stand. Er war drei, vielleicht fünf Jahre älter als ich, feingliedrig, sehr blaß. Seine Kleidung gefiel mir: sie war sportlich und etwas nachlässig. Ich konnte mir nicht erklären, warum er die linke Hand krampfhaft geschlossen hielt — vielleicht hielt er dort, sozusagen, ein Stück Zucker für mich bereit, vielleicht aber auch eine Waffe. Da ich ihn nicht gerufen hatte, begnügte ich mich damit, ihn schweigend zu mustern, wobei ich ihn mit einem Blick maß, in dem ärgerliches Erstaunen lag; mein Blick forderte ihn auf, sich kurz zu fassen.

Herr Jepsen? fragte er liebenswürdig, worauf ich nach kurzem Zögern ziemlich zugeknöpft antwortete: Allerdings. Diese Antwort schien ihn keineswegs zu entmutigen, er drückte sich mit dem Gesäß von der Tür ab, bot mir eine kraftlose Hand an und sagte: Mackenroth, Wolfgang Mackenroth; es freut mich, Ihnen zu begegnen. Er lächelte mir freundlich zu, zog seinen Mantel aus, legte ihn auf den Tisch, und mit einer Vertraulichkeit, die durch nichts gerechtfertigt war, legte er eine Hand auf meinen Ellenbogen, sah mich zuversichtlich an und fragte mich mit einer Geste, ob er meinen Stuhl haben könne. Ich schüttelte bedauernd den Kopf. Er konnte den Stuhl nicht haben. Falls Sie es nicht wissen, sagte ich, hier wird gearbeitet: ich befinde mich mitten in einer Strafarbeit.

Das war ihm bekannt. Der junge Psychologe wußte, was mir zugestoßen war, sparte nicht mit Anerkennung für mein Unternehmen, entschuldigte sich sogar für die Störung und berief sich auf eine Sondererlaubnis, die Direktor Himpel ihm ausnahmsweise gegeben hatte. Bitte, sagte er, bitte Herr Jepsen, Sie müssen mir helfen, es hängt einiges von Ihnen ab. Ich zog die Schultern hoch, ich murmelte höflich: Schmier ab, Junge, mir hilft auch keiner, und um ihm zu zeigen, daß ich keine Zeit für ihn hatte, setzte ich mich auf den einzigen Stuhl in meiner Zelle und spielte mit dem Taschenspiegel. Mein Taschenspiegel borgte sich Licht bei der elektrischen Birne, ließ den Lichtstrahl über Ofen, Ausguß, Fenster wandern, unterhielt sich kurz mit dem Guckloch, hinter dem Joswigs Auge Wache hielt, dekorierte die Decke mit ein paar flüchtigen Lichtgirlanden und schnitt lautlos die Zellentür in schmale Streifen. Da der junge Psychologe immer noch nicht ging, putzte ich mir zuletzt mit dem Lichtstrahl die Schuhe und tat alles, was man tut, wenn man sich allein fühlt. Ich übersah meinen Besuch, ich schlug mein Heft wieder auf und versuchte, mich lesend dem Garten von Bleekenwarf zu nähern. Wolfgang Mackenroth blieb. Er blieb und betrachtete mich aufmerksam und freundlich wie ein gerade erworbenes Eigentum, möchte ich mal sagen, einen noch ungewohnten Besitz, den man erst entdecken muß, und weil ich gegen meinen Willen spürte, daß dieser Wissenschaftler mir einfach durch sein kumpelhaftes Verhalten auf unerwünschte Weise sympathisch zu werden begann, fragte ich ihn, ob er sich nicht in der Tür geirrt habe. Sie, sagte er, Sie, Herr Jepsen und ich, wir sollten uns verbünden, und dann fing er an, mich mit seinen Absichten bekannt zu machen. Der junge Psychologe war gezwungen, eine Diplomarbeit zu schreiben. Das Unternehmen, das er seine freiwillige Strafarbeit nannte, sollte ihn wissenschaftlich weiterbringen. Geschickt für uns beide Zigaretten drehend, seinen Hals massierend, schlug er mir vor, Objekt seiner Diplomarbeit zu werden. Ich sollte eingehen in seine Diplomarbeit, wie er sagte, sollte sorgfältig verarbeitet werden. Ein wissenschaftliches Begräbnis erster Klasse sollte ich also erhalten. Mein kompletter Fall, so schlug er mit sympathischer Selbstironie vor, sollte von ihm aufbereitet werden, mit allen Höhen und Tiefen und so weiter. Einen Titel hatte er schon in der Tasche: Kunst und Kriminalität, so sollte die Arbeit heißen, dargestellt am Fall des Siggi J. Damit aber diese Diplomarbeit nicht nur gelinge, sondern in der wissenschaftlichen Welt geziemende — er sagte: geziemende Beachtung finde, sei meine Hilfe unerläßlich. Dafür bot er mir zwinkernd eine witzige Entschädigung an: ein sehr seltenes Angstgefühl, das, wie er meinte, die wahre Triebfeder meiner einmaligen Aktionen gewesen sei, wollte er die Jepsen-Phobie nennen — was mir die Möglichkeit bot, eines Tages das Wörterbuch der Psychologie zu erreichen.

Nachdem so der junge Wissenschaftler, mit der Sondererlaubnis von Direktor Himpel, all seine Pläne freimütig vor mir ausgebreitet hatte, blieb er neben dem Tisch stehen, legte mir eine Hand auf die Schulter, beugte sein Gesicht zu mir herab und inszenierte ein Lächeln, wie man es vielleicht unter Komplizen tauscht, aber doch wohl kaum zwischen einem Psychologen und einem jugendlichen Gefangenen. Das Lächeln verwirrte mich, und ich brachte es nicht fertig, ihn schweigend abblitzen zu lassen, zumal er flüsternd weitersprach und flüsternd erläuterte, wie er sich die Tendenz seiner Diplomarbeit vorstellte: verteidigen wollte er mich, freisprechen und bestätigen; meine Bilderdiebstähle wollte er rechtfertigen, und die Gründung meiner privaten Galerie in der alten Mühle wollte er als positive Leistung anerkennen; überhaupt versprach er, in mir den Grenzfall herauszuarbeiten und für mich eine Rechtsprechung zu fordern, die es noch nicht gab. Der leise, rechtschaffene Fanatismus, mit dem er mir alles entwickelte, machte ihn glaubwürdig. Ich muß zugeben, daß unter den zwölfhundert dressurbesessenen Psychologen, die unsere Insel mitunter in eine wissenschaftliche Manege verwandelten, Wolfgang Mackenroth der einzige war, dem ich bereit war, wenn auch mit Vorsicht, mein Vertrauen zu schenken.

Was mich nur ein bißchen an ihm störte, war, daß er zuviel von mir wußte. Er hatte meine Akte ganz gelesen, er war unterrichtet. Zuerst spielte ich mit dem Gedanken, ihm bei seiner Strafarbeit zu helfen und mir dabei seine Hilfe für meine Strafarbeit zu sichern, vor allem, wenn er sich bereitfinden würde, für den Nachschub von Zigaretten zu sorgen, doch als ich heraushörte, daß er mit Direktor Himpel beinahe befreundet war, ließ ich diesen Gedanken wieder fallen. Ich musterte ihn ausgiebig: das kleine blasse Gesicht, den schlanken Hals, seine zarten Hände; ich hörte kritisch auf seine Stimme, und obwohl er bei mir, je länger sein Besuch dauerte, nicht verlor, sondern noch gewann, sagte ich ihm, daß mir sein Angebot zu überraschend gekommen sei: Ich bedauerte. Ich erbat Bedenkzeit.

Aber besuchen, sagte er, besuchen darf ich Sie doch von Zeit zu Zeit? Das erlaubte ich ihm, und um ihn loszuwerden, nickte ich auch zu seinem Vorschlag, mir hin und wieder, in unregelmäßigen Abständen, ausgewählte, vor allem wohl kritische Abschnitte aus seiner Diplomarbeit hereinzureichen — er sagte: hereinzureichen. Er bedankte sich. Hastig, als fürchte er, ich könnte mein Einverständnis widerrufen, zog er seinen Mantel an, sagte: Ich werde Sie nicht enttäuschen, Herr Jepsen, gab mir freundschaftlich die Hand, ging zur Tür und klopfte von innen, worauf Karl Joswig, ohne sichtbar zu werden, die Tür öffnete und den jungen Psychologen herausließ. Ich horchte auf seine Schritte, er ging weg, er hatte es eilig.

Seitdem sitze ich an dem kerbenbedeckten Tisch und versuche, zur Geburtstagsfeier zurückzukehren, mich hinabzutasten an der Kette der Erinnerung, hier zu wohnen und dort zu sein, dort in Bleekenwarf, im Garten des Malers, unter feierlichem Meeresgetier, das auf das Abendbrot wartet. Ich könnte das Abendbrot auftragen lassen, ich könnte zunächst auch, vielleicht zu Ehren von Doktor Busbeck, einen großen Sonnenuntergang entwerfen, in dem Rot und Gelb sich pathetisch unterhalten, und schließlich ließe sich wohl auch in etwa achttausend Meter Höhe der Luftkampf beschreiben, der uns damals für einige Minuten beschäftigte, doch alles kann nichts daran ändern, daß ich der erste war, der die Geburtstagsfeier verließ. Ich verließ sie nicht freiwillig.

Wo war es? Wo schnappte sie mich? An der Schaukel, in der Laube, auf der Holzbrücke? Die blaue Fahne hatte ich jedenfalls in der Hand, und ich war auf der Suche nach etwas, der Wind hatte nachgelassen. Auf einmal stand meine Mutter vor mir, streng, sehr erregt, sie wollte etwas sagen und konnte es nicht, nur ein kurzes Stöhnen gelang ihr, und dann bleckte sie das gelbliche Gebiß, wie so oft, wenn sie außer sich war, wenn sie verletzt und enttäuscht war. Sie griff nach meiner Hand. Sie preßte meine Hand gegen ihre Hüfte. Ruckartig wandte sie sich um, warf den Kopf in den Nacken — gerade so weit, wie es der feste, mit Netz und Haarnadeln gesicherte und an eine glänzende Geschwulst erinnernde Haarknoten erlaubte, und riß mich mit aus dem Garten, aus dem Geburtstag. Mit ihrem erschreckenden Gang, der fast etwas Panisches hatte, lief die flache, hochgewachsene Frau mir voraus und zerrte mich über den Rasen, am Atelier vorbei über den Hof, immer noch ohne ein Wort und auch achtlos an dem Kulturfilm-Kapitän Andersen vorbei, der uns nichts anderes zugerufen hatte als: Bald gibt es was zu essen, und mit mir im Schlepp stieß sie das schwingende Holztor auf und stürzte über die lange, mit Erlen flankierte Auffahrt zum Deich, den wir gebückt erklommen und, ohne zurückzublicken auf Bleekenwarf, wieder verließen, indem wir zur Seeseite hinunterstolperten.

Aus mittlerer Entfernung, denke ich mir, mußte Gudrun Jepsen etwa den Eindruck einer Mutter gemacht haben, die in überzeugender Verzweiflung mit ihrem Sohn in die Nordsee gehen will. Schon überlegte ich, was ich tun sollte, wie groß vor allem meine Verpflichtung war, Mutter watend durch die Brandung zu begleiten und mit ihr gehorsam vor der Wrackboje zu versinken, als sie wieder die Richtung änderte und unter dem Deich weiterging, unsichtbar jetzt für alle, die uns von Bleekenwarf nachgeblickt hätten. Sie ließ meine Hand los. Sie befahl mir, voranzugehen, und ich fragte sie, ohne mich umzudrehen, warum wir den Geburtstag so plötzlich verlassen hatten. Ich bekam keine Antwort. Da fragte ich sie, ob Vater auch den Geburtstag verlassen hatte oder gleich verlassen würde, und sie schnaubte leicht und schwieg. Sie schwieg, bis wir am rotbemützten automatischen Feuer waren, da sagte sie: Schnell, komm schnell, ich muß ein Beruhigungspulver nehmen, ich muß mich hinlegen, und danach überholte sie mich und achtete nicht mehr darauf, ob ich ihr noch folgen konnte.

Aber ich hielt mich dicht hinter ihr, sprang neben ihr die Treppe hinauf und trat mit ihr zusammen in die Küche, wo sie gleich hinauflangte zu dem blanken, peinlich ausgerichteten Spalier der Reis-, Grieß-, Mehl-, Sago-, Graupenbehälter, die mit allem gefüllt waren, nur nicht mit dem, was die goldumrandete Aufschrift versprach; sie stülpte einen Behälter um, fischte sich aus einem Hügel von Röhrchen, Schachteln und Blechkästen eine kleine Spitztüte, deren Inhalt sie in ein Wasserglas schüttete und sitzend mit geschlossenen Augen trank. Ich stand neben ihr in angstvollem Gehorsam, zu dem sie mich gebracht hatte, und betrachtete sie interessiert und vorwurfsvoll: das spitze Kinn, die rotblonden Wimpern, die Nasenlöcher, die gekrümmten Lippen, und ich wagte nicht, sie zu berühren. Meine Mutter stemmte die Arme auf den Rand der Sitzfläche. Sie streckte ihren Körper. Für einen Augenblick hielt sie den Atem an. Ich fragte sie, ob das Pulver ihr schon helfe, und gleich darauf, ob ich zurück dürfe zum Geburtstag nach Bleekenwarf, und weil sie mir keine Antwort geben wollte, fragte ich, warum wir so schnell laufen mußten unter dem Deich. Jetzt sah sie mich aus schmalen Augen an, stand auf und befahl mir, ihr zu folgen.

Wir gingen nach oben, an meinem Zimmer vorbei, stiegen auf den Boden und öffneten die Tür zur Bodenkammer, in der Addi wohnte. Da stand sein Pappkoffer. Auf dem Fensterbrett blinkte sein Rasierzeug. Ein Pullover lag da. Unter dem Schemel warteten neue Segeltuchschuhe auf schönes Wetter. Eine Schirmmütze, ein Schal, ein Stapel Taschentücher lagen auf der Kommode, und auf dem Kopfkissen des Bettes lag ein Buch >Wir nahmen Narvik<. Pack alles zusammen, sagte meine Mutter, und, weil ich mich nicht rührte: Pack alles in den Koffer. Nochmals mußte sie mich auffordern, Addis Sachen in seinen Pappkoffer zu legen, und als ich es dann tat unter ihren kontrollierenden Blicken, sagte sie leise: Wir dürfen nichts vergessen, er soll alles mitnehmen, alles. Sie reichte mir einen billigen, gewiß unbenutzten Fotoapparat zu und sagte: Steck den zwischen die Socken. Einen Schlips legte sie selbst zusammen und steckte ihn unter die Oberhemden. Wir falteten, knifften, preßten, stauten, bis nichts mehr in der Kammer an Addi erinnerte, außer seinem Koffer; und als Gudrun Jepsen den Koffer aufnahm und hinaustrug, konnte niemand den Widerwillen übersehen, der ihre Hand versteifen ließ. Was dachte ich mir dabei? Ich dachte zuerst, daß sie Addi mit einem besseren Zimmer belohnen wollte, hoffte auch schon, ihn als Zimmergenossen zu bekommen; doch wir stiegen hinab bis zum Flur, und dort, neben dem Büro meines Vaters, ließ sie den Koffer aus Kniehöhe fallen, drückte ihn gegen die Wand und klopfte sich die Hände ab. Reist er ab? fragte ich, und sie, schon wieder beruhigt: Er hat hier nichts verloren, darum reist er ab; ich habe mit ihm gesprochen. — Warum, fragte ich, warum muß er abreisen? — Das verstehst du nicht, sagte meine Mutter und blickte durch das Fenster über das flache Land nach Bleekenwarf hinüber, und auf einmal, ohne sich zu bewegen oder die Stimme zu heben: Wir brauchen keinen Kranken in der Familie. — Reist Hilke auch ab? fragte ich da, worauf meine Mutter sagte: Das wird sich zeigen; bald werden wir wissen, welche Bande — sie sagte tatsächlich Bande — stärker sind.

Ich sah nur in ihr strenges rötliches Gesicht und wußte schon, daß der Geburtstag beendet war, daß sie mir zumindest nicht erlauben würde, noch einmal nach Bleekenwarf zu gehen; darum nickte ich, als sie mich ins Bett schickte mit einer Mettwurststulle. Ich verdunkelte mein Fenster. Ich zog mich aus und baute auf dem Stuhl neben dem Bett mein Päckchen, wie sie es mir beigebracht hatten: glatt gestrichen die Hosen, den Pullover zu einem viereckigen Neutrum gefaltet, darauf, mit den Kanten abschließend, das zusammengelegte Hemd, in peinlicher Übereinstimmung, das Unterhemd — in der umgekehrten Reihenfolge würde ich die Sachen am nächsten Morgen anziehen. Ich lauschte, im Haus war alles still.

Kapitel 5

Verstecke

Aber ich muß den Morgen beschreiben. Auch wenn wir mit jeder Erinnerung eine neue Bedeutung finden: ich muß da eine langsame Morgendämmerung stattfinden lassen, in der sich ein unaufhaltsames Gelb mit Grau und Braun auseinandersetzt, ich muß einen Sommer einführen mit unbegrenztem Horizont, mit Kanälen und Kiebitzflug, Kondensstreifen muß ich über den Himmel ziehen, das hallende Tuckern eines Kutters hinter dem Deich hörbar machen, ich muß, um diesen bestimmten Morgen wiederherzustellen, Bäume und Hecken verteilen, flache Gehöfte ohne Rauchsäulen, auch muß ich mit loser Hand schwarzweiß geflecktes Vieh über die Weiden verstreuen. Solch ein Morgen war es, als ich erwachte, erwachen mußte, weil es an meinem Fenster tickte und pickte, immer wieder und immer ungeduldiger, und zuerst blieb ich liegen und horchte nur auf die kleinen Schläge gegen das Glas: ich dachte an Zaunkönige. Dann ging ein prasselnder Regen nieder, ein Sandregen. Hart schlugen die winzigen Körner an die Scheibe. Ich setzte mich im Bett auf und beobachtete das Fenster, noch lief kein Sprung durch das Glas trotz aller Schläge. Und dann, nach einigen klickenden Treffern, die ich nur hören, nicht sehen konnte, erkannte ich die kurze, heranfliegende Sandfahne, die prasselnd und klatschend die Scheibe traf, und ich sprang aus dem Bett, lief ans Fenster und starrte hinaus in die windlose Morgendämmerung. Da sich nichts regte im Mittel- und Hintergrund, sprang die kurze Bewegung im Vordergrund sofort ins Auge, die Bewegung eines Arms, der hochgerissen wurde und Aufmerksamkeit forderte unten im Schuppen zwischen Sägebock und zerkerbtem Hauklotz, aber ich brauchte mehr als einen Augenblick, um meinen Bruder Klaas zu erkennen oder wiederzuerkennen, der dort unten stand in Uniform und mit dem plumpen weißen Verband — das möchte ich meinen. Darauf konnte auch niemand gefaßt sein, daß er hier auftauchen würde in solcher Morgenfrühe ohne Anmeldung: denn nach seiner Selbstverstümmelung erfuhren wir nur, daß er in einem Lazarett für Gefangene in Hamburg geheilt wurde, keiner von uns durfte ihn besuchen. Gesprochen wurde nicht über ihn, und die beiden Karten, die er aus dem Lazarett geschrieben hatte, waren ohne Antwort geblieben.

Klaas trat aus dem Schuppen, winkte mir, trat wieder zurück, und ich lief zum Bett, zur Tür, lauschte, lief wieder zum Bett, zog Hemd und Hosen an; bevor ich auf den Flur ging, gab ich ihm vom Fenster aus ein Zeichen. Auf dem Flur rührte sich nichts. Sie schliefen noch. Sie schliefen in ihren langen, rauhen Nachthemden. Unter schwerem Zudeck schliefen sie, auf harten, grauen, selbstgewebten Laken, und über den Schläfern blickten sich von den beiden einzigen, einander gegenüber hängenden Bildern Theodor Storm und Lettow-Vorbeck an, und beide, der Husumer Dichter und der General, wollten nicht von dem starräugigen Mißtrauen lassen, mit dem sie sich unaufhörlich musterten. Gegen die Wand geduckt, schlich ich vorbei, seitwärts die Treppe hinab, vorbei am Polizeiposten Rugbüll, der auf einem Bügel in der Flurgarderobe hing: der Stille dieses Hauses war kaum zu glauben. Wie kühl der Hausschlüssel war! Langsam drehte ich ihn um, ich spürte die Kraft der Feder, ich konnte den Schlüssel lautlos umdrehen, doch dann sprang die Tür auf mit einem knirschenden Geräusch, und ich dachte schon, daß jetzt oben mein Vater erscheinen würde und so weiter, aber alles blieb still. Ich zwängte mich hinaus. Vorsichtig zog ich die Tür zu und flitzte über den Hof in den Schuppen, und da kauerte wirklich Klaas, mein Bruder: helläugig, rundes Gesicht und kurzes blondes, verklebtes Haar. Sein verbundener Arm ruhte auf dem Hauklotz, seine Uniform stand offen am Hals. Mein Bruder kauerte dort mit all seiner Angst, und es war diese Angst, die nicht nur jede Frage unnötig machte, sondern auch alles zugab: den Ausbruch aus dem Gefangenenlazarett, die Umwege vor Streifen und Kontrollen, nächtliche Fahrt und Wanderung hier herauf, langes Sichern, geduckten Lauf — seine Angst erzählte alles über ihn.

Er sagte kein Wort zur Begrüßung, packte mich einfach am Hemd und zog mich zu sich hinab neben den Hauklotz, von wo aus wir das Schlafzimmerfenster beobachteten, das heißt, er sah fortwährend hinauf, während ich sein müdes, stumpfes Gesicht betrachtete, die schlammbespritzte Uniform und den plumpen Gipsverband, auf dem irgend jemand, vermutlich er selbst, eine Zigarette ausgedrückt hatte. Anscheinend rechnete er damit, daß man mich im Haus gehört, und, nachdem man mein leeres Bett gefunden hatte, vom Fenster aus nach mir Ausschau halten würde, doch da bauschte sich keine Gardine, kein Schatten erschien, und nach einer Weile drückte mein Bruder mich auf den Boden und setzte sich seufzend, spreizbeinig neben mich, den Rücken gegen die Wand des Schuppens gelehnt. Seine Lippen zitterten. Er fror vor Müdigkeit. Auf seinem Kinn schimmerten rötlich Bartstoppeln. Wo ist seine Mütze, dachte ich, und, da ich sie nicht fand, stellte ich mir einen Sprung vor, bei dem er sie verloren hatte, einen Sprung vom fahrenden Güterzug oder über einen Graben. Behutsam rutschte ich auf dem Boden nach vorn, ging auf die Knie und sah nah in sein Gesicht, bis er die Augen öffnete und sagte: Du mußt mich verstecken, Kleiner.

Ich half ihm, aufzustehen, er klammerte sich fest an mich, schwankte, wäre fast eingeknickt und hingefallen, aber dann fing er sich und lächelte zögernd und fragte: du hast doch ein gutes Versteck? — Ja, sagte ich, und von da an gehorchte er mir und war einverstanden damit, daß ich aus dem Schuppen trat und sicherte, und nicht nur dies: er sah nur noch mich an und war bereit, alles zu tun oder zu wiederholen, was ich befahl oder selbst tat. Ich lief bis zum alten Kastenwagen und duckte mich. Er lief bis zum alten Kastenwagen und duckte sich. Ich sprang über den Ziegelweg und rutschte die Böschung hinunter. Er sprang über den Ziegelweg und rutschte die Böschung hinunter. Vor bis zur Schleuse. Vor bis zur Schleuse. Ich sagte: Wir müssen über die Wiese ins Schilf, und er wiederholte: Ins Schilf, gut.

Er fragte nicht, wohin wir gingen oder wie weit, er folgte mir ohne Neugierde, auch ohne Ungeduld, und ich pflügte uns einen Kurs durch das Schilf mit ausgestreckten und spitz zusammenlaufenden Armen und hielt dabei auf den alten Mühlenteich zu und auf die flügellose, verfallende Windmühle, mit der der Wind nichts mehr anfangen konnte. Der sumpfige Boden federte. Manchmal gab die verfilzte Oberfläche nach, der Fuß brach ein, und torfbraunes Wasser sprudelte in die Löcher. Wir stöberten Wildenten auf. Ich sah überall Augen. Rauschend richtete sich das Schilf hinter uns auf. Die Wildenten flogen eine Schleife und fielen hinter uns wieder ein. In der grünen Dämmerung hatte ich das Gefühl, mich auf dem Grund der See zu bewegen, durch schlaff wallende Tangwälder, durch lauerndes Schweigen vorwärts. Dann lichtete sich der Schilfgürtel, und wir hatten den Mühlenteich vor uns und dahinter, auf rostigem Drehkranz, die Mühle. Da? fragte mein Bruder, und ich nickte, sicherte nach allen Seiten, bevor ich über den Holzzaun kletterte und zu dem befestigten Weg lief, der zur Mühle hinaufführte.

Wie soll ich meine Lieblingsmühle vorstellen: auf künstlichem Hügel stand sie, stand erwartungsvoll — wenn auch flügellos — gegen Westen, ihre Zwiebelkuppe war mit Schiefer besetzt, der achteckige, aus übereinandergenagelten Planken gebaute Turm hatte zwei Blitzschläge überstanden. Die hocheingeschnittenen, in weiße Rahmen gefaßten Fenster waren zerbrochen, das Flügelkreuz lag zerkleinert und verfaulend an der Ostseite im Gras, zwischen ausgedienten Mühlsteinen, speichenlosen Rädern und Hufeisen. Die zersplitterte Tür hatte sich lange nicht schließen lassen, bis ich den Boden abtrug und die Angeln neu richtete. Regen, Wind und die Jahre hatten die Rampe zum Einsturz gebracht. Es zog in meiner Mühle, es knackte, pfiff und polterte, und wenn der Wind umsprang von West nach Ost, dann rumorte es oben in der Kuppel, und ein Flaschenzug senkte sich quietschend aus der Höhe, konnte allerdings keine Last finden. Da wurden Glasscherben zerkleinert, da segelten Fledermäuse, die wie Pappstücke aussahen, lautlos über die Tenne, und lose Blechverkleidung schepperte unter der geringsten Berührung. Zerzaust und angeschlagen, verkommen, mit trockenen Scheißhaufen garniert, war meine Mühle sich selbst überlassen, stand schwarz und untauglich im Blickfeld zwischen Rugbüll und Bleekenwarf, und wenn sie überhaupt noch zu etwas diente, dann dazu, unser Erstaunen darüber hervorzurufen, daß sie jeden Orkan im Frühjahr überstand und die Herbststürme.

Aber wir dürfen nicht zu lange draußen bleiben, auch wenn da noch mehr über die Außenansicht der Mühle zu sagen wäre — beispielsweise über ihr Spiegelbild im Mühlenteich und über die eingekerbten Anfangsbuchstaben und Pfeile und Herzen in der Tür; denn wir haben keine Zeit zur Besichtigung, müssen gebückt den befestigten Weg hinauf, an der eingestürzten Rampe vorbei zum Eingang, der tief in den künstlichen Hügel eingeschnitten ist. Klaas selbst, das nehme ich doch an, gewahrte von meiner Mühle zunächst nicht mehr als ihre schwarze, starre Erhebung, er brauchte ja auch nicht mehr zu sehen, da er sich mir anvertraut hatte ohne Einschränkung, und keuchend trottete er hinter mir her, den verbundenen Arm gegen den Körper gepreßt, das Gesicht so tief gesenkt, daß er gerade noch meine nackten Beine sehen konnte.

Ich riß die Tür auf. Ich ließ ihn herankommen, schob ihn in den kühlen Treppenraum und schloß die Tür. Wir standen still nebeneinander. Wir lauschten nach oben, hörten jedoch nichts als das verhallende Tuckern des Kutters hinter dem Deich, nicht einmal das huschende Geräusch fliehender Mäuse war zu hören, obwohl das immer zu hören war, wenn man die Mühle betrat. Scharf und schmal einbrechendes Licht durchzitterte die Dämmerung. Zugluft muß ich erwähnen und das Schwanken der hölzernen Treppe, aber vielleicht bilde ich mir das Schwanken nur ein. Mein Bruder tastete nach meiner Hand und fragte: Hier? und ich sagte oben, oben ist meine Kammer; dann führte ich ihn die Treppe hinauf, in den Mahlraum; dort legte ich eine Leiter an, die ich hinter den alten Mehlkästen versteckt hielt, wir stiegen nach oben und zwängten uns durch eine Luke, zogen die Leiter zu uns herauf und legten sie noch einmal an, bis wir in einer Kammer fast unter der Kuppe waren: ich will sie meine Kammer nennen.

Klaas schob mich zur Seite und trat vor mir ein, er entdeckte sofort das Lager aus Schilf und Säcken neben dem Fenster, aber er legte sich nicht hin, setzte sich nicht einmal auf die Apfelsinenkiste, obwohl der Aufstieg ihm die letzte Kraft abverlangt hatte, vielmehr starrte er lächelnd und verwundert auf all die Bilder, fuhr sich mit der Hand über das verklebte Haar, wischte sich wohl auch über die Augen, ohne die Zahl und die Art der Bilder verringern bzw. verändern zu können. Es waren vor allem Reiterbilder, mit denen ich die Wände meines Verstecks in der Mühle bepflastert hatte. Bald nach Doktor Busbecks sechzigstem Geburtstag hatte ich damit begonnen, aus Kalendern, Zeitschriften und Büchern Reiterbilder auszuschneiden, mit denen ich zuerst nur die Ritzen, später die ganzen Wände beklebte: da sprengten Napoleons Kürassiere von der Wand, da ritt Kaiser Karl V. über das Schlachtfeld von Mühlberg, Fürst Jussupow zeigte sich in tatarischer Tracht auf feurigem Araber, und auf kleinem Andalusierschimmel trabte Königin Isabella von Bourbon in die Abendtrübnis. Dragoner, Kunstreiter, Jäger, Ritter saßen unterschiedlich im Sattel und begutachteten sich gegenseitig, und wer wollte, der konnte Hufschlag und Wiehern hören. Was ist denn hier los? fragte mein Bruder. Ausstellung, sagte ich, hier läuft eine Ausstellung.

Klaas nickte belustigt und gequält, schleppte sich zum Lager und ließ sich fallen, und ich setzte mich an das Kopfende und sah auf meine Bilder und dann auf ihn, der die Augen geschlossen hatte und auf etwas zu horchen schien, was ihn auch hier noch verfolgte und nicht zur Ruhe kommen ließ. Es gelang ihm nicht, sich zu entspannen, locker auszustrecken; immer war etwas an ihm in Bereitschaft: er suchte Deckung, er sammelte sich zum Sprung oder verbarg den plumpen Verband unter seinem Körper. Ich legte ihm eine Hand auf die Brust. Er zuckte zusammen. Ich wischte ihm den Schweiß vom Gesicht. Er fuhr auf. Erst, nachdem ich ihm eine Zigarette angesteckt hatte, wurde er ruhiger und hob beide Beine auf das Lager aus Schilf und Säcken, das für ihn ein wenig zu kurz war. Gefällt dir mein Versteck? fragte ich, und mein Bruder darauf, nachdem er mich lange angesehen hatte: Wenn du etwas sagst, bin ich erledigt. Keiner darf etwas wissen, und am wenigsten sie — zu Hause. Es ist ein gutes Versteck, Kleiner. — Es war noch niemand hier, sagte ich. Das ist gut, sagte er, es darf niemand wissen, daß ich hier bin. — Aber Vater, sagte ich, Vater kann es doch wissen: er wird dir helfen, und mein Bruder wieder sehr bedachtsam und beinahe drohend: Ich bring dich um, Kleiner, ich mach dich fertig, wenn du ihm etwas sagst, hast du verstanden? Er sah mich an aus seinen schmalen hellen Augen, erwartete wohl etwas von mir, packte mich auf einmal und warf mich hin neben seinem Lager und drückte mich auf den Boden mit dem Gewicht seiner Angst, bis ich merkte, was er erwartete, und ihm alles versprach, worauf er sich erschöpft, aber zufrieden zurückwarf und mir befahl, ein Pappstück aus dem zerbrochenen Fenster zu ziehen. Unsere Gesichter näherten sich einander, berührten sich fast, als wir hinausblickten über das flache morgendliche Land in der Sonne, das wir gemeinsam absuchten und erforschten bis zur fernen Beuge des Deiches, bis zum rotbemützten automatischen Leuchtfeuer: das Auto erkannten wir gleichzeitig. Von der Husumer Chaussee rollte es heran, die Sonne zerplatzte auf der Windschutzscheibe, es war ein dunkelgrünes Auto, das langsam dahinfuhr neben spiegelnden Gräben, plötzlich in den Ziegelweg nach Rugbüll einschwenkte und noch langsamer wurde, aber nicht hielt, hinter den struppigen Hecken von Holmsenwarf verschwand und wieder hervorkam, als ich nicht mehr damit rechnete. Wieder sprang blendendes Licht von der Windschutzscheibe ab. Kühe trotteten vor bis zum Draht, um das Auto zu erwarten, doch im letzten Augenblick erschraken sie und warfen den plumpen Bug im Sprung zur Seite, während das Auto lautlos weiterrollte und unter dem Schild ≫Polizeiposten Rugbüll≪ hielt. Da wurde ein Wagenfenster niedergekurbelt, ein Kopf schob sich schräg heraus und eine lederglänzende Schulter. Wenn der Mann, der sich da aus dem Fenster lehnte, nur lesen wollte, was auf dem Schild stand, brauchte er sehr lange, um die regengebleichte, zweimal nachgezogene Schrift zu entziffern.

Mein Bruder nahm fest meinen Arm, drückte zu in unabsichtlicher Erregung, als die Türen des Autos aufflogen und vier Männer in ledernen Mänteln ausstiegen und sich ohne weitere Verständigung, schulmäßig, man weiß schon wie, auf unser Haus zubewegten von verschiedenen Seiten, unser Haus geschickt, wenn auch locker einkreisten, vier Männer in gleichen Mänteln, mit den gleichen Hüten auf dem Kopf, und alle trugen die Hände in den Taschen. Ich meine, die hatten Übung darin, auszuschwärmen und sich unauffällig zu bewegen, einer setzte mühelos über den Gartenzaun.

Heute weiß ich, warum Klaas, ohne mich anzusehen, ohne den Druck auf meinen Arm zu verringern, plötzlich sagte: Hau ab, Kleiner, schnell, lauf nach Hause, und ich weiß auch, warum er mir keine Zeit mehr zu einer Frage ließ, sondern mich zur Luke schubste, dringend und unnachsichtig. Hau ab! Das war alles, was er sagte; nur später, als ich am Fuß der Leiter stand, rief er noch einmal: Essen — wenn du zurückkommst, bring was zu essen mit.

Da ich meinem Bruder Klaas immer gehorcht hatte, turnte ich an der Leiter hinab, wie er’s verlangte, versteckte die Leiter hinter den Mehlkästen, sprang, wie er’s verlangte, über die Auffahrt zum Deich, pflügte durch den Schilfgürtel, lief bis zur Schleuse vor und dann geduckt auf der Grabenböschung weiter. Am alten Kastenwagen konnte ich mich aufrichten und sorglos tun: von jetzt an war mir eine Entfernung vom Haus nicht nachzuweisen. Ich schlenderte zum Auto, das noch immer unter dem Schild stand, umrundete es, sah auf dem Tacho neugierig nach der Höchstgeschwindigkeit und drückte einmal auf die Hupe, was zur Folge hatte, daß ein kurzer, stämmiger Kerl im Ledermantel aus dem Haus stürzte und mich beim Kragen nahm. Wohin ich gehöre, wollte er wissen. Was ich in dieser Frühe hier draußen zu suchen hätte, sollte ich ihm sagen. Um alle Fragen auf einmal zu beantworten, nannte ich meinen Namen, zeigte auf das Fenster meines Zimmers und sagte: Da wohne ich. Es gelang ihm nicht, mir zu trauen; der stämmige Mann hielt mich am Hemdkragen fest und führte mich ins Haus, ins Büro meines Vaters.

Da saßen sie alle. Gegen das Licht saßen die drei Männer in Ledermänteln, und vor ihnen, nur mit Hose und Unterhemd bekleidet, die Hosenträger verkantet über der Schulter, weder rasiert noch gewaschen oder gekämmt, mit einem Wort: vor den steifen Silhouetten der mänteltragenden Männer saß ein betretener, offenbar gerade aus dem Schlaf getrommelter Polizeiposten Rugbüll, der mir mindestens wie fünfundneunzig vorkam. Als er gefragt wurde, ob ich sein Sohn sei und zum Haus gehöre, musterte er mich lange, er schien tatsächlich Mühe zu haben, mich wiederzuerkennen, doch auf eine wiederholte Frage nickte er, Gott sei Dank, schwach, aber er nickte, und daraufhörte das Zerren an meinem Hemdkragen auf. Der kurze stämmige Kerl ließ mich los, trat vor meinen Vater, legte die Hände auf dem Rücken zusammen und begann zu wippen, auf und ab wippte er mit seinen dicken Gummisohlen und blinzelte aus seinen Kalbsaugen den gerahmten Spruch an, der über dem Schreibtisch meines Vaters hing: Morgenstunde hat Gold im Munde. Weil keiner mich fortschickte, sah ich mich schnell in dem Büro um, das zu betreten mir mein Vater verboten hatte, aber da gab es nichts, was mich interessierte — es sei denn einen Stempelhalter mit vier darin hängenden Stempeln sowie eine geflochtene Troddel von einem Polizeisäbel, die matt silbrig schimmerte. Mein Vater saß nur schläfrig und ergeben da, als ob er überhaupt nichts zu sagen hätte, flach ruhten seine Hände auf den Oberschenkeln, der Oberkörper hielt sich steif an der Lehne, das Kinn war angezogen, und die Lippen standen offen. Er konnte nicht verbergen, daß er an etwas dachte, auch wenn er aus den Augenwinkeln den kurzen stämmigen Kerl beobachtete, der jetzt mit beleidigender Langsamkeit die Photographien betrachtete, mit denen die ganze Wand überm Schreibtisch bedeckt war.

Was erzählten die Photographien? Von Glüserup erzählten sie und von einem dunklen, engen Geschäft, in dem ein Peter Paul Jepsen frische Seefische anbot, sie gaben bekannt, daß dem Fischhändler Jepsen fünf Kinder geboren wurden, wovon eines, ein mageres Bürschchen, das für den Photographen immer das gleiche trockene Mißtrauen übrig hatte, eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Polizeiposten Rugbüll besaß. Vom Krabben-WettPulen zweier Familien berichteten die Photographien, sie stellten den Glüseruper Kinderchor vor und zwar mitten im Lied sozusagen, mit auf ewig aufgerissenen Mündern; ferner zeigten sie mit riesiger Spitztüte den Schüler Jens Ole Jepsen, zeigten den gleichnamigen Konfirmanden und den linken Verteidiger der Fußballmannschaft TuS Glüserup. Eine ovale Photographie erklärte, daß es einmal einen jungen Kanonier Jepsen gegeben hatte, der neben einer leichten Haubitze kniete wie vor einem Altar, derselbe Kanonier trug in Galizien einen Mantel und sang mit anderen Kanonieren einen Weihnachtsbaum an. Schräg hingestreckt vor einer schnurrbärtigen Sportsmannschaft lag ein Polizeischüler Jens Ole Jepsen, im Hintergrund erhoben sich drohend Hamburger Backsteinkasernen. Danach kam eine Gudrun Scheßel ins Spiel, die Photographien berichteten von ihrer Vorliebe für weiße Kleider und weiße Strümpfe, sie bewiesen die schreckliche Länge ihrer rotblonden Zöpfe, die bis auf den Hintern fielen, auch daß Gudrun Scheßel lesen konnte, wurde da bekanntgegeben, denn jede Photographie zeigte sie mit einem Buch in der Hand. Daß Jens Ole Jepsen und Gudrun Scheßel eines Tages zusammenkamen, belegte die Aufnahme einer starräugigen Hochzeitsgesellschaft, die stramm, jedenfalls steif und mit erhobenem Glas das Paar umstand und es anscheinend hochleben ließ auf disziplinierte Weise. Die Photographien beglaubigten eine Reise des Paars nach Berlin, eine andere Reise von Bingen nach Köln auf einem Rheindampfer, und schließlich behauptete eine Aufnahme, daß dem Paar drei Kinder geboren wurden: Hilke und Klaas waren deutlich zu erkennen, das haarlose Ungeheuer in der hochrädrigen Karre mußte ich sein.

Der stämmige Kerl im Ledermantel nahm sich Zeit, all die Photographien zu betrachten, während mein Vater nur ergeben dasaß und sich auch nicht rührte, als der Besucher das Dienstbuch nahm und die letzten Eintragungen überflog, die da in schleifiger Schrift gemacht worden waren. Die andern drei saßen nur als unbewegliche Silhouetten da; einer von ihnen rauchte, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Was zwischen ihnen zu sagen war, hatten sie sich wohl schon gesagt. Ich drückte mich in eine Ecke und wartete auf etwas, das geschehen mußte, aber plötzlich trat geräuschlos meine Mutter ins Büro, winkte mir knapp, packte mich und zog mich in die Küche, wo auf dem kleinen Tisch mein Frühstück stand: dick gekochte Haferflocken mit Zucker und eine Scheibe Brot, das mit Rhabarbermus bestrichen war. Iß, sagte sie tonlos, und ich aß unter ihren Blicken und merkte, daß sie unentwegt zum Büro hinüberlauschte. Die suchen was, sagte ich, und sie darauf: Sei ruhig und iß. — Die sind aus Husum, bestimmt, sagte ich. Du bist nicht gefragt, sagte sie, und sie schloß die Küchentür und goß sich eine Tasse Tee ein, den sie stehend trank. Ich fragte: Wollen sie Vater im Auto mitnehmen? Sie hob die Schultern. Ich weiß nicht, sagte sie langsam, setzte die Tasse ab und ging auf den Flur.

Ich linste einmal zur Mühle hinüber, in der Klaas lag und auf mich wartete, zog dann die verquollene Tür zur Speisekammer auf: ein Krug mit eingelegten Gurken, ein halbes Brot, gesalzenes Fleisch, Zwiebeln, eine Kumme mit ungesüßtem Rhabarbermus, ein Würfel Margarine, eine Mettwurst, vier rohe Eier, eine Tüte Mehl und einen Beutel Haferflocken, mehr konnte ich nicht entdecken. Ich leckte das Rhabarbermus von meiner Schnitte, brach das Brot und schob es in die Tasche. Im Büro wurden Stimmen laut. Der stämmige Kerl begann da zu sprechen, und auch von den andern nahmen einige das Wort, nur mein Vater sagte und sagte nichts, und auf einmal schlüpfte meine Mutter wieder zu mir in die Küche, ergriff hastig ihre Tasse und hob sie zum Mund: da kamen die Männer auch schon aus dem Büro und traten auf den Flur, jeder gab zum Abschied dem Polizeiposten Rugbüll die Hand, auch zu uns glotzten sie herein und wünschten guten Appetit und so weiter, bevor sie zögernd aus dem Haus traten und keineswegs gleich zu ihrem Auto gingen, sondern auseinandertraten und zunächst die Landschaft begutachteten, die Gräben, Wiesen und Hecken bis zum Deich hin absuchten mit geschultem Blick. Da bewegte sich nichts, da stand, lag und kauerte nichts, was ihren Verdacht hätte erregen können. Einer der Männer durchstöberte erfolglos den Schuppen, ein anderer inspizierte die Schleuse. Den verrotteten Kastenwagen überprüften sie auf Harmlosigkeit, und der kurze Stämmige holte sich aus dem Auto ein Fernglas und sah lange zu den Torfteichen hinüber. Sie machten keinen zufriedenen Eindruck, als sie zu ihrem Auto zurückgingen. Sie fuhren enttäuscht weg.

Mein Vater stand auf der Treppe und beobachtete, wie sie davonfuhren, langsam neben den Gräben; er stand so lange da, bis das Auto zur Husumer Chaussee hinauffuhr, dann erst kam er herein, setzte sich, wie er war, an den Küchentisch und legte beide Hände übereinander. Steif saß er da in dem groben Unterhemd, mit den verkanteten Hosenträgern, seine Augen tränten, sein Gebiß mahlte leicht und knirschend, und er übersah die Tasse Tee, die meine Mutter ihm hinschob, übersah auch mich — allerdings nicht aus Abwesenheit: sein Gesicht ließ erkennen, daß er nicht nur den Grund, sondern auch die Folgen des frühen Besuches verstanden hatte. Er rechnete. Er erwog und überlegte, verwarf und erwog von neuem. Seine Augenbrauen bewegten sich. Er atmete angestrengt. Und auf einmal hob er die rechte Hand, ließ sie schlaff auf den Tisch fallen und sagte zu meiner Mutter: Kann gut sein, daß er plötzlich vor der Tür steht. — Suchen sie ihn schon? fragte meine Mutter, und er darauf: Im Lazarett für Gefangene war er, da is er abgehaun. Sie suchen ihn überall. — Wann ist er ausgebrochen? fragte meine Mutter. Gestern, sagte er, gestern abend, und damit hat er sich alles versaut: ich hab mich erkundigt. Wenn Klaas das nicht gemacht hätte, wäre er mit Zuchthaus oder Strafbataillon weggekommen — jetzt hat er nix mehr zu erwarten. — Warum, fragte meine Mutter, warum hat er das gemacht? — Kannst ihn selbst fragen, sagte mein Vater: Auf einmal wird es klopfen und dann steht er vor dir, und dann kannst du ihn ja fragen. — Er kommt nicht hierher, sagte sie; nach allem, was er uns angetan hat, wird er’s wohl nicht wagen, hier aufzutauchen. — Er wird kommen, sagte mein Vater. Hier hat alles begonnen, hier wird auch alles aufhören für ihn: er wird ihnen direkt in die Arme laufen. — Willst du ihn etwa warnen? fragte sie; oder willst du ihn sogar verstecken, wenn er hier auftaucht? — Ich weiß nicht, sagte mein Vater, ich weiß nicht, was ich tun soll, aber sie darauf: Du weißt hoffentlich, was von dir erwartet wird.

Sie deckte den Tisch für ihn, holte das Brot, holte Margarine und die braune Kumme mit dem Rhabarbermus und schob alles nah an ihn heran und schien zufrieden, nachdem sie diese lästige Pflicht hinter sich hatte. Sie setzte sich nicht. Sie goß sich eine Tasse Tee ein, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Küchenschrank und sagte: Ich jedenfalls möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Wir sind fertig, Klaas und ich, und wenn er hier auftaucht, bin ich für ihn nicht zu sprechen. Mein Vater musterte das Frühstück, ohne davon zu essen. Du hast einmal anders von ihm gesprochen, sagte er, und außerdem is er verwundet. — Verstümmelt, sagte meine Mutter, Klaas ist nicht verwundet, sondern verstümmelt, und das hat er selbst besorgt. — Ja, sagte mein Vater, ja, ja: er hat sich verstümmelt, aber dazu is auch was nötig, und meine Mutter nach einer Pause: Angst, Angst ist dazu nötig, das stimmt. — Klaas war uns allen überlegen, sagte mein Vater, der Junge hatte mehr vor sich als ich. — Wir haben an ihn gedacht, sagte meine Mutter, wir haben immer nur an ihn gedacht: und er? Wenn er uns allen überlegen ist, dann hätte er sich doch ausrechnen können, wozu das alles führt, was er gemacht hat, hätte er doch. Jetzt ist es zu spät. Mein Vater aß und trank nichts. Er strich sich über das schüttere Haar und griff einmal an seine linke Schulter, als ob die alten Schmerzen sich wieder gemeldet hätten. Noch is Klaas nich da, sagte er, und wer weiß, ob er überhaupt durchkommt. — Und wenn er durchkommt? fragte meine Mutter. Ich weiß, was ich zu tun habe, sagte mein Vater mit einer Stimme, in der behutsamer Vorwurf lag. Er wandte meiner Mutter sein unrasiertes Gesicht zu, sah sie langsam an, sah sie abschätzend an und fügte hinzu: Was geschehen muß, wird geschehen, da kannst du ganz ruhig sein. Er stand auf, ging auf sie zu mit ausgestreckter Hand, doch sie wartete nicht auf seine Berührung: schnell setzte meine Mutter die Tasse ab, wich vor ihm zurück, ging rückwärts um den Tisch herum zur Tür und stieg ohne ein Wort nach oben und schloß sich höchstwahrscheinlich im Schlafzimmer ein.

Mein Vater zuckte die Achseln. Er streifte die Hosenträger ab, ging zum Ausguß und nahm von einem kleinen Eckbord Pinsel und Seife und begann sich, in leichter Grätschstellung, über dem Ausguß einzuseifen, wobei er mich im Auge behielt. Du hast ja wohl gehört, sagte er plötzlich, Klaas ist abgehaun, und es kann sein, daß er hier auftaucht. Ich kleckste mir Rhabarbermus auf die Haferflocken und sagte nichts. Er wird bestimmt hier auftauchen, sagte mein Vater, auf einmal wird er dasein, wird uns um dies bitten und um jenes, wird Lebensmittel verlangen, ein Versteck brauchen: daß du mir ja nix tust, ohne mir Bescheid zu sagen. Jeder, der ihm hilft, macht sich strafbar, auch du, auch du machst dich strafbar. Ich fragte: Was werden sie tun mit Klaas, wenn sie ihn haben? Worauf mein Vater, einen Schaumtropfen wie Rotz vom Finger schlackernd, nichts mehr zu sagen hatte als: Was er verdient hat. Dann hob er das Rasiermesser, verzerrte sein Gesicht, schabte von den Ohren abwärts und spitzte die Lippen wie zu einem Dauerpfiff, während ich zerstreut meine Haferflocken aß und viel Zeit verlöffelte, jedenfalls so lange den grauweißen Pamps löffelte, bis mein Vater sich rasiert hatte.

Auch jetzt wollte er weder trinken noch essen. Er wusch sein Rasierzeug, zog die Hosenträger über die Schultern, alles viel zu langsam und bedächtig, er suchte nach einem Knopf, der längst abgesprungen war, schneuzte sich und nahm sich auch noch die Zeit, nachdenklich in sein Taschentuch zu gucken, und dann ging er sogar noch ans Fenster und blickte ausdauernd zur Husumer Chaussee, wo nichts los war, wo nur die Sonne den Asphalt aufweichte.

Als er dann endlich, nach einigen weiteren Verzögerungen wie Schuhe putzen, Pfeife säubern, Wecker aufziehen, die Küche verließ und in sein Büro hinübertrottete, trank ich den für ihn bestimmten Tee, trug Brot, Margarine und die Kumme mit dem faserigen, sowohl ins Grüne als auch ins Rötliche spielenden Rhabarbermus in die Speisekammer, stellte alles an seinen Platz und lauschte; da nichts im Anzug war, schnitt ich ein paar daumendicke Scheiben vom Brot herunter und schob sie in den Hemdausschnitt, schob ein Stück Mettwurst und zwei Eier hinterher, worauf das Hemd sich über dem Gürtel beutelte. Sacht ließ ich die Vorräte nach hinten rutschen, so daß ich die kühlen Eier, das krümelige Brot an der Wirbelsäule spürte. Die Wurst stopfte ich in die Tasche. Ich schnitt auch noch einen Streifen von dem blassen gesalzenen Fleisch ab und ließ es an meine Wirbelsäule rutschen. Das Hemd wölbte sich jetzt hinten über meiner Hose wie ein natürlicher, wie ein sehr tief hängender Rucksack, doch es war mir immer noch nicht genug. Die Äpfel — ich dachte an die Gravensteiner auf dem Schrank in meiner Kammer und beschloß, einige davon in den Hemdausschnitt zu schieben. So verließ ich die Küche und stieg, bei jedem Schritt von Eiern, Brot und Fleisch wippend berührt und befeuchtet, die Treppe hinauf, hielt mich dicht an der Wand, kam auch unbemerkt nach oben und am feindlichen Schlafzimmer vorbei, öffnete die Tür zu mir und erschrak: in meinem Bett lag mit offenen Augen meine Mutter. Sie war nicht in ihrem Schlafzimmer, wie ich gedacht hatte, stand nicht, wie ich gedacht hatte, mit hochmütig herabgezogenen Lippen hinter der Gardine, um sich vom Deich, vom Horizont oder von den blinkenden Gewässern Trost zu holen; in meinem Bett lag sie, gekrümmt, bis zur Brust zugedeckt, die weißen, mit Sommersprossen und Leberflecken besäten Arme locker auf der Bettdecke. Was mich später kaum noch aufregte, da es zu oft passierte — an diesem Tag genügte der Anblick, um mich unbeweglich zu machen. Ich starrte sie nur an. Ich fragte nicht einmal: was soll es bedeuten, daß deine Mutter in deinem Bett und so weiter. Ihr Haar fiel sacht über das Kissen. Der eher flache Körper schien plump unter der Bettdecke. Wollte sie mich aus meiner Kammer verdrängen? So wie sie dalag, erinnerte sie mich an meine Schwester Hilke. In ihrem offenen Auge war keine Erklärung zu finden, und um Entschuldigung bat sie mich auch nicht. Eine feuchte, kühle Berührung an der Wirbelsäule mahnte mich, und ich überlegte, wie ich mich aus ihrem Gesichtskreis herausdrehen sollte: rückwärts, wie Katzen sich aus dem Bannkreis lösen, wollte ich mich herausziehen, langte nach dem Türdrücker, hatte die Schwelle schon unter mir, da sagte sie: Komm her, komm ganz nah heran. Ich tat es. Dreh dich um, sagte sie. Ich tat es und preßte mein Gesäß zusammen und glaubte wirklich, sie könnte den hängenden Beutel übersehen, den mein Hemd auf dem Rücken bildete, doch dann sagte sie: Pack aus, und ich ließ die Vorräte von der Wirbelsäule zum Bauchnabel gleiten, langte in den Hemdausschnitt und zog alles nacheinander hervor und legte es auf den Boden: das Brot, die Eier und den blassen Streifen gesalzenen Fleisches. Ich war vorbereitet auf jede Frage, hätte etwas von meinem Versteck erzählt — nicht in der Mühle, sondern auf der Halbinsel in der Hütte des Vogelwarts —, hätte auf meine Art die Notwendigkeit begründet, einen Vorrat für schlechte Zeiten anzulegen, doch meine Mutter wollte nichts wissen, sie sagte nur: Bring alles zurück in die Speisekammer — zurück. Sie sagte es nicht drohend oder warnend, auch nicht enttäuscht, ihre Stimme hatte einen leidenden Ton, als sie mir befahl, all die Sachen, die ich für Klaas ausgesucht hatte, an ihren Platz zurückzubringen, und ich sah sie lange und erstaunt an und wartete, wartete auf die selbstverständliche Ankündigung einer Strafe, doch meine Furcht hatte unrecht, und auf einmal lächelte meine Mutter sogar und nickte mir auffordernd zu: da zog ich mein Hemd aus der Hose, sammelte alles ein und trug es hinab in die Speisekammer.

Was war mit ihr geschehen? Warum bestrafte sie mich nicht? Warum schloß sie mich nicht ein? Ich legte die Eier zu den Eiern, das Fleisch zum Fleisch, die Wurst zur Wurst — nur die gebrochene Scheibe Brot behielt ich in der Tasche und hieb mehrmals mit der flachen Hand darauf, bis sich da nichts im Stoff der Hose abzeichnete.

Vom Küchenfenster aus beobachtete ich die Mühle, suchte und suchte nach einem Zeichen an der Luke, während mein Vater hinten im Büro auf seine Weise zu telefonieren begann, indem er kurze Aussagesätze in den Apparat brüllte und das jeweils letzte Wort mehrmals wiederholte. Er konnte einfach nicht unbemerkt telefonieren, und ich rechnete damit, daß meine Mutter, wie so oft, herunterkommen und die Tür zum Büro schließen würde — was seine Telefonate zwar nicht unverständlich, aber doch erträglich machte —, doch oben blieb alles ruhig. An der Luke, hinter der Klaas lag und auf mich wartete, war nichts zu entdecken. Papiere aus Husum erhalten, brüllte mein Vater. Ich stellte mir vor, daß mein Bruder schlief auf dem Lager aus trockenem Schilf und Säcken, auch im Schlaf noch in Bereitschaft, in seinem leichten Schlaf geduckt wie zu einem Sprung. Keine besonderen Vorkommnisse schrie mein Vater, Vorkomm-nis-se!

Ich überlegte, welchen Weg ich diesmal nehmen sollte, um unbemerkt in meine Mühle zu kommen, wanderte die Gräben entlang, blickte prüfend zum Deich hinüber, vermißte einen unterirdischen Gang, das möchte ich meinen, und während ich den Umweg festlegte, erkannte ich Okko Brodersen, der mit seiner Posttasche aus Richtung Holmsenwarf herüberkam. Der Postbote schwankte auf seinem Fahrrad. Seine verkratzte, lederne Tasche schien ihn daran zu hindern, Gleichgewicht zu finden. Meldung erfolgt dann umgehend, brüllte mein Vater.

Okko Brodersen hielt auf uns zu, fuhr ratternd über die kleine Brücke aus geschnittenen Stämmen, kam, in grummelndem Selbstgespräch, immer näher, machte Anstalten, den Pfahl mit dem Hinweisschild zu rammen, schlingerte jedoch knapp vorbei und landete nach schwungvollem Bogen an unserer Treppe. Fluchend stieg er ab, der leere, zusammengesteckte Ärmel seiner Uniformjacke zuckte und schlug aus wie unter elektrischen Stößen. Er zerrte die Posttasche vor den Bauch und stieg zu uns herauf, klopfte nicht, sondern kam einfach herein in die Küche und wünschte allen, die dafür in Frage kamen, ein grummelndes Guten Morgen; dann setzte sich Okko Brodersen an den Küchentisch, zog seine Taschenuhr raus und legte sie vor sich hin. Ruhig betrachtete er seine Uhr. Er schien zufrieden mit ihr, denn er nickte, doch als ich einen Blick auf seine Uhr werfen wollte, verhinderte er es, indem er mir eine Ansichtskarte aus Hamburg zuschob und sagte: Lies mal, wenn du lesen kannst: Hilke kommt zurück, deine Schwester will für immer nach Hause. Erfolgt umgehend, rief mein Vater in seinem Büro. Du kannst sie am Sonntag vom Bahnhof abholen, sagte der Postbote und begann wieder, mit erregter, aber zufriedener Aufmerksamkeit seine Taschenuhr zu betrachten — etwas, das er immer machte, sobald er sich gesetzt hatte, und es kam mir manchmal so vor, als ob seine Uhr den Tag anders berechnete und einteilte als andere Uhren, und daß er selbst einfach nur darauf aus war, den Unterschied zu begreifen.

Der alte, einarmige Postbote interessierte sich nicht für das Gebrüll meines Vaters im Büro. Schnaufend, in die Betrachtung seiner Uhr versenkt, wartete er, bis mein Vater den Hörer hinlegte und zu uns in die Küche kam, und jetzt stand er auf, die Männer gaben sich die Hand, nannten sich, zur Frage angehoben, beim Vornamen: Jens? Okko? Der Postbote nahm mir die Ansichtskarte ab und reichte sie zusammen mit einer Zeitung meinem Vater und setzte sich wieder hin. Er sah sich in der Küche um, er suchte etwas. Tee? fragte mein Vater, trinkst du eine Tasse Tee? — Das ist es, sagte der Postbote, das ist es, was ich brauche: eine Tasse Tee; und dann tranken sie und lobten abwechselnd den dunklen, stark gesüßten Tee, und sie beobachteten einander, während sie tranken, über den Rand der Tasse hinweg. Mehr taten sie nicht — und taten doch mehr, wenn man bedenkt, daß sie insgeheim unaufhörlich darauf aus waren, einen Anfang zu finden, einen bescheidenen Anfang für das, was sie voneinander wollten; denn darauf achten sie bei uns allemal: daß ein Anfang von etwas so nebenher gemacht wird, ohne die Stimme zu heben.

Darum kann ich Okko Brodersen nicht gleich beginnen lassen, ich muß, damit er sich selbst gleicht, abwarten, muß das Vorgespräch erwähnen, das beide Männer mit erstaunlichem Mut zu Pausen am Küchentisch führten — sie sprachen über Tiefflieger und Fahrradschläuche —, muß noch einmal die Ausführlichkeit ertragen, mit der sie sich nach dem Befinden ihrer Angehörigen erkundigten, auch muß ich ihrer langsamen, aber berechneten Bewegungen gedenken. Der leere Ärmel von Brodersens Uniformjacke wischte über den Küchentisch. Mein Vater bog und kniff die Zeitung zusammen. Brodersen blickte auf seine Uhr, als er von den Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Fahrradschläuchen erzählte. Der Polizeiposten Rugbüll hob von Zeit zu Zeit den Kopf, als hörte er verdächtige Geräusche im Haus.

So näherten sie sich einander, so bereitete einer den andern vor, lange und umständlich genug, bis der alte Postbote sich berechtigt glaubte, über den Grund seiner Anwesenheit deutlich zu sprechen. Er sagte: Du solltest ihn in Ruhe lassen, Jens, und mein Vater, der nichts anderes als dies erwartet zu haben schien: Jetzt fängst auch du an, jetzt redest du wie der alte Holmsen, der gestern abend hier reinsah und mir nichts anderes sagen konnte als: laß ihn in Ruhe. Aber was ist denn groß geschehen bisher? Das Malverbot is in Berlin beschlossen, das hab ich mir nich ausgedacht, und auch die Beschlagnahme der Bilder is in Berlin verfügt worden. Ich hab für alles meine Anweisungen und darüber bin ich nich hinausgegangen.

Es wird erzählt, daß du hinter ihm her bist, sagte der Postbote. Hinter ihm her, sagte mein Vater, was heißt hier: hinter ihm her? Einer mußte ihm doch beibringen, was gegen ihn verfügt worden ist, na, und das is eben meine Aufgabe hier. — Es wird erzählt, sagte der Postbote, daß du ihn im Auge behältst abends und morgens, und sogar in der Dunkelheit. — Das Malverbot hat überwacht zu werden, sagte mein Vater kurz, und Okko Brodersen, der auf diese Antwort gefaßt war: Es wird erzählt, daß du mehr tust, als einer tun sollte, jedenfalls mehr, als die Pflicht verlangt. — Ihr wißt nicht, was sie von mir erwarten, sagte mein Vater. Nein, sagte der Postbote, das wissen sie wohl nicht, aber sie glauben, darüber Bescheid zu wissen, was du selbst von dir erwartest in dieser Angelegenheit: es wird erzählt, daß du dir persönlich was vorgenommen hast. Der Polizeiposten Rugbüll zuckte die Achseln, er sah gelassen den Mann an, der auf mehreren Photographien im Büro neben ihm zu finden war — sogar auf dem ovalen Bild, das kniende Kanoniere vor ihrer Haubitze zeigte —, schloß die Augen, bedachte sich und nahm sich sehr viel Zeit, bevor er ungefähr sagte: Ich habe meinen Auftrag, er gibt sich seinen Auftrag. Ich hab ihm erklärt, was er nich tun soll, und er hat mir erklärt, was er auch weiter tun wird. Ich kann keine Ausnahme zulassen, aber er möchte die Ausnahme sein: bring das mal denen bei, die soviel zu erzählen haben. Geh ruhig zu ihnen und bring ihnen bei, daß jeder von uns nur das Seine tut: er und ich — wir haben uns gesagt, was zu sagen war, jeder kennt die Folgen.

Der Postbote nickte, er selbst schien nichts dagegen zu haben, und er ließ auch weiter offen, welche Meinung er persönlich vertrat. Einige machen sich Sorgen, sagte er, einige Leute machen sich deinetwegen Sorgen, weil sie glauben, daß die Zeit sich einmal ändern könnte: du weißt, daß er viele Freunde hat. — Ich weiß noch mehr, sagte mein Vater; mir is bekannt, was er denen im Ausland bedeutet, und daß sie ihn sogar bewundern, und ich weiß, daß es auch hier verschiedene gibt, die stolz auf ihn sind — das hat der alte Holmsen mir bestätigt —, stolz, weil er unsere Landschaft erfunden oder geschaffen oder bekanntgemacht hat. Ich hab sogar gehört, daß man im Westen oder Süden zuerst an ihn denkt, wenn man an unsere Gegend denkt …ich weiß schon genug, das könnt ihr mir glauben. Aber Sorgen? Wer seine Pflicht tut, der braucht sich keine Sorgen zu machen — auch wenn die Zeiten sich einmal ändern sollten. Es wird erzählt, sagte der Postbote, daß du die Bilder aus den letzten Jahren beschlagnahmt hast.

Da kam eine Verfügung aus Berlin, sagte mein Vater, und ich habe dafür gesorgt, daß die Bilder gut verpackt nach Husum transportiert wurden, was weiter mit ihnen passiert is, weiß ich nich.

Gingen nach Berlin weiter, sagte der Postbote, und wurden da zur Hälfte verbrannt und zur Hälfte verkauft, wie jemand erfahren haben will. — Weiß ich nich, sagte mein Vater, davon hab ich nix gehört, weil ich dafür nich zuständig bin, ich bin nur für Rugbüll zuständig.

Aber warum sie ihm Malverbot geben, sagte der Postbote, warum sie alles beschlagnahmen aus den letzten Jahren: das weißt du noch. — In der Verfügung steht, daß er dem Volkstum entfremdet is, sagte mein Vater, demgemäß is er staatsgefährdend und unerwünscht, einfach entartet — wenn du weißt, was ich meine.

Jedenfalls, sagte der Postbote, machen sich einige Leute Sorgen deinetwegen, zwei besonders, die nicht vergessen haben, daß er es war, der dich damals rausholte aus dem Hafenbecken in Glüserup. — Einmal is man quitt, sagte mein Vater, und wir sind quitt: damit du auch das nur weißt und den andern beibringen kannst, die soviel zu erzählen haben. Wir stammen beide aus Glüserup, er und ich, wir haben reinen Tisch gemacht: jetzt liegt es nur an ihm, wieviel sich noch aus der Sache entwickelt.

Trotzdem, sagte Okko Brodersen, solltest du ihn in Ruhe lassen, Jens, und während mein Vater ihn musterte, als ob er Mühe hätte, ihn zu verstehen, hob der Postbote seine Uhr auf, hielt sie lauschend an das Ohr, zog sie rasch auf und ließ sie in der Tasche verschwinden. Er stürzte den Rest des erkalteten Tees hinunter und stand geräuschvoll auf. Er hatte es sehr eilig — vielleicht, weil es ihm unangenehm war, daß er so viel geredet hatte, und ich half ihm, die Tasche zurechtzurücken. Flüchtig grüßte er meinen Vater zum Abschied, wartete nicht einmal auf die Erwiderung des Grußes, sondern ging hinaus und ließ einen Polizeiposten zurück, der weder erregt noch bekümmert war, der nicht aufsprang, der keinem drohte, der sich nicht einmal beunruhigt zeigte, sondern nur still sitzenblieb und auf seine eigene trockene und gemächliche Weise nachdachte.

Wie deutlich er nachdenken konnte. Obwohl er den Ausguß betrachtete, den langsam tropfenden, angelaufenen Messinghahn, war sein Blick gewissermaßen nach innen gerichtet, sein Atem wurde unhörbar, der Puls schien langsamer zu werden, auch schien der Oberkörper leicht in sich zusammenzusacken, während sich die Hände spannten, einander drückten oder preßten und die Spitzen seiner Füße unregelmäßig wippten. Es störte ihn nicht beim Nachdenken, wenn man sich in seinem Blickfeld bewegte, wenn man sich unterhielt oder arbeitete, er nahm keinen Anstoß daran.

Ich linste zu meiner Mühle hinüber, wo ich erwartet wurde. Das Brot wurde schwer und schwerer in meiner Tasche, jedenfalls machte es sich bemerkbar. Auf dem Fensterbrett lag meine blaue, selbstgemachte Fahne, ich nahm sie in die Hand und wedelte einen Augenblick vor dem Gesicht meines Vaters. Der Luftzug, vielleicht auch die Dauer des Signals, veranlaßten ihn, den Kopf zu heben, und ich erkannte sogleich, daß er mich einbezog in sein Nachdenken. Er brannte sich seine Stummelpfeife an. Er betupfte ein entstehendes Gerstenkorn am rechten Auge. Dann paffte er unter kleinen, platzenden Geräuschen seiner Lippen vor sich hin und inszenierte bedeutungsvolles Dasitzen. Ich hasse dieses herrische Sitzen, ich fürchte dieses Schweigen, das Bedeutung beansprucht, die feierliche Wortkargheit hasse ich, den Blick in die Weite und die schwer zu beschreibende Geste, und ich fürchte, fürchte unsere Gewohnheit, nach innen zu lauschen und auf Worte zu verzichten.

Der Polizeiposten Rugbüll blickte jetzt ausdauernd durch den Qualm auf die Wand, blickte verschleiert, seherisch, und ich hätte mich auch nicht gewundert, wenn da ein Fleck entstanden wäre, sich ein Ziegel gelockert hätte.

Ich wollte ihn um Erlaubnis bitten, das Haus zu verlassen, aber ich wagte es nicht, ich wagte nicht, ihn anzusprechen, den vorzeitlichen Blick auf mich zu lenken, und schweigend zog und verteilte ich liegende Achten im Raum und hätte fast das Spalier der Reis-, Grieß-, Sago-, Graupenbehälter vom Regal gefegt, als er mich auf einmal von hinten packte, mich zu sich heranzog und sagte: Vergiß nich, daß wir zusammenarbeiten: wenn du was siehst, mußt du es melden. Mit der Fahne, sagte ich, und er darauf: Wie du willst, nur melden mußt du’s. Gegen uns beide, Siggi, da wird es keiner aufnehmen.

Das hatte ich schon einmal von ihm gehört. Ich fragte schnell: Kann ich jetzt gehn? — Geh, sagte er, von mir aus geh auch nach Bleekenwarf, aber halt die Augen offen. Er wollte noch mehr sagen, aber das Telefon klingelte in seinem Büro, und er sprang auf und legte schreckhaft die Pfeife auf eine Untertasse, drückte das scharf gescheitelte Haar an und knöpfte sich im Gehen die Jacke zu: seine Meldung — Hier Polizeiposten Rugbüll, Jepsen — hörte ich schon draußen auf der Treppe.

Ich sprang die Treppen hinab, erreichte den Ziegelweg, erreichte ungesehen, zumindest ohne Anruf die Schleuse, kauerte mich da zusammen und ließ zur Sicherheit eine ganze Weile dunkles Wasser durch das Schleusentor quellen, bevor ich, einen Haken gegen den Deich schlagend und einen zweiten Haken gegen den Schilfgürtel, zur Mühle zurücklief. Schilfgürtel und Mühlenteich ließ ich unberührt, kam von der Rückseite diesmal, ging im Schatten des künstlichen Hügels und blieb lange genug an der zusammengestürzten Rampe stehen, wenigstens so lange, bis ich wußte, daß die beiden Männer auf der Wiese vor dem Friedhof wirklich bei der Drainage waren; dann kletterte ich nach unten zum Eingang und zog die Tür zur Treppe auf.

Ich sah ihn nicht gleich. Ich stand still in der Kühle, in der Dämmerung und horchte nach oben. Es knackte hinter den alten Mehlkästen — dort, wo die Leiter lag. Zugluft traf mich auf einmal, ein vorwurfsvoller Ruf drang zu mir — nein, kein Ruf, aber ein Geräusch, das einem Ruf glich, und wie immer segelte etwas durch den hohen Raum, strich durch die gefangene Dämmerung, flatterte und stürzte: Möwen waren es nicht. Dann, als ich die Leiter hervorziehen und ansetzen wollte, sah ich Klaas. Er lag neben den Mehlkästen, genau unter der Luke. Er hielt in der gesunden Hand ein Stück Seil, und über ihm pendelte langsam, lautlos, auch unschuldig die Kette des alten Flaschenzugs, mit der er sich hatte herablassen wollen. Er hatte die Kette mit dem Seil verlängern wollen, hatte beides zusammengesteckt, doch nur die Kette hatte sein Gewicht ausgehalten. Ich setzte die Leiter ab, kniete neben ihm, nahm ihm das Seil aus der Hand und zog es ganz unter ihm hervor: es war das Seil, an dem ich mich selbst bei einem Notfall herablassen wollte; es hatte unter meinem Lager gelegen. Gerissen war das Seil nicht, es hatte nur der Verbindung mit einer Kette widersprochen, war aus dem untersten Kettenglied ausgerauscht, wobei es, durch Zug und Klemmung, am Ende schwarz geworden war. Aber diese genaue Erklärung reicht nicht aus, um meinen Bruder auf die Beine zu bringen, denn nachdem ich ihm das Seil aus der Hand genommen hatte, blieb er immer noch gekrümmt liegen, oder, wenn man von oben auf ihn hinabgeblickt hätte, in geduckter Laufstellung, jedenfalls rührte er sich nicht und antwortete, wenn ich ihn vorsichtig schüttelte oder stieß, mit leichtem Stöhnen.

Ich holte das Brot aus der Tasche, hielt es ihm hin, dicht vor sein Gesicht hielt ich die bröcklige Schnitte und forderte ihn auf, zu essen oder wenigstens seine Augen zu öffnen, doch er stöhnte nur und hob den Arm mit dem plumpen Gipsverband an und ließ ihn zurückfallen. Ich brach das Brot. Langsam führte ich es an seine Lippen, drückte ein wenig, drückte stärker, bis ich den Widerstand der geschlossenen Zähne spürte: es gelang mir nicht, ihm das Brot in den Mund zu stopfen. Bewegen, ihn zu einem hölzernen Pfeiler schleifen, ihn mit dem Rücken gegen den Pfeiler aufsetzen: auch das konnte ich nicht, weil er einfach zu schwer war, und da es anscheinend nichts für mich zu tun gab, setzte ich mich neben Klaas hin und erzählte ihm von Zuhause.

Ich sprach geduldig auf sein rundes Gesicht hinab, ohne erkennen zu können, ob er mich verstand und was das, was er verstand, in ihm auslöste oder hervorrief, aber auch das änderte nichts daran, daß er nur gekrümmt vor mir lag: da blieb mir doch nichts anderes übrig, als von Zeit zu Zeit die Mühle zu verlassen, auf das zusammengestürzte Holzwerk der Rampe zu steigen und nicht nur ausdauernd die Drainagearbeiter zu beobachten, sondern auch ein Fuhrwerk aus Richtung Glüserup, einen einzelnen, unbeweglichen Mann auf der Plattform vom ”Wattblickünd wieder Haus und Schuppen des Polizeipostens Rugbüll. Wie lange soll ich die Beobachtung fortsetzen? Ich muß ja doch zugeben, daß, als ich einmal von meinen Beobachtungsstand ohne besonderen Argwohn herunterkam, mein Bruder Klaas nicht mehr vor den Mehlkästen lag, sondern sich allein aufgesetzt hatte und seinen Rücken gegen einen Pfeiler lehnte, der mit der Axt glattgehauen war. Allein hatte er es geschafft, und er atmete scharf ein und aus, sah mich mit gehetztem Blick an und bestätigte alles durch langsames Nicken: das panische Gefühl, das ihn plötzlich ergrifFen haben muß, nachdem ich ihn allein gelassen hatte, den Wunsch, mein Versteck, in dem er sich wohl wie in einer Falle vorkam, zu verlassen; den Versuch, den alten Flaschenzug mit Hilfe des Seils zu verlängern; das Hinabklettern mit einer Hand, den Absturz: alles bestätigte er und bestätigte auch den Schmerz im Unterleib, indem er die gesunde Hand darauf preßte, den Kopf zurücklegte und die Augen schloß. Auch jetzt wollte er nicht essen. Ich hielt ihm auf flacher Hand das Brot hin, doch er lehnte ab.

Weg, Kleiner, sagte er mühsam, bring mich hier weg. Und ich darauf: Komm nach Hause, Klaas, wenn du erst da bist, werden sie dir helfen. — Die Schmerzen, sagte er, hier unten die Schmerzen. — Ich bring dich nach Hause, sagte ich, und er wieder: Nicht dahin, nein, nicht nach Hause, da bin ich geliefert. Und ich darauf: Wohin denn sonst, wenn nicht nach Hause? Zu wem soll ich dich bringen? Klaas mußte es sich überlegt haben, er sagte nicht zufällig: Der Maler — bring mich zu ihm, und ich: Du weißt nicht, was passiert ist. — Er ist der einzige, sagte mein Bruder, er wird mich verstecken, das weiß ich. Du weißt nicht, was passiert ist, sagte ich wieder. Er wird es tun, sagte mein Bruder und drückte sich auch sogleich vom Boden ab, hielt sich am Holzpfeiler fest und winkte mich heran. Er winkte mich mit der verbundenen Hand heran, und sein Befehl geriet mehr zur Drohung. Der Maler, sagte er, ich hätte gleich zu ihm gehen sollen, ich hätte am Morgen schon bei ihm klopfen sollen.

Klaas ließ den Pfeiler los, stützte sich auf mich, prüfte, wieviel seines Gewichts er mir zumuten konnte, es war nicht sehr viel und wurde weniger mit jedem Schritt, und als wir draußen standen in der Sonne, zog er die Hand von meiner Schulter, hockte sich vor einer Pfütze hin und beschmierte den Gipsverband mit Dreck. Er machte es sorgfältig, und ich half ihm dabei, wir rieben den ganzen Verband mit nasser, torfbrauner Erde ein und tränkten ihn mehrmals in der Pfütze, bis er wie ein klumpiges, etwas zu lang ausgefallenes Torfstück aussah; dann brachen wir auf, flitzten am Mühlenteich vorbei und geduckt zu den Gräben, und je näher wir Bleekenwarf kamen, desto öfter versuchte ich ihn zu überreden, doch noch nach Hause zu kommen: er hörte mir unbeteiligt zu und antwortete nicht. Wir trauten der Stille nicht, wir trauten nicht dem sommerlichen Brüten über den schwarzen, lauwarmen Gräben: bei uns wird jeder gesehen, der aus dem Haus tritt, und da wir es beide wußten, ließen wir uns vom reinen Horizont nicht täuschen. Da wir beide wußten, daß bei uns immer einer aus weitsichtigen Augen über die Gräben und das flache Land blickt — unbeweglich, vom Zaun her, von einem Tor oder Fenster —, liefen wir auf Bleekenwarf zu, als ob man uns längst entdeckt hätte oder sogar schon hinter uns her wäre: in kurzen Sprüngen an den Schleusen vorbei, stampfend durch das Schilfgras der Böschungen, wir wateten durch die Tränke und rutschten über matschigen, von vielen Hufen zertretenen Boden an der Stelle, wo sie die Tiere zum Melken zusammentrieben, und ich weiß noch, wie der Draht der Zäune quietschte und zitterte, als wir ihn hastig auseinanderzogen, um durchschlüpfen zu können, und ich sehe uns tief an die Erde geschmiegt daliegen und lauschen. Ich lief mit, weil ich alles tat, wozu Klaas mich aufforderte; es hätte nicht einmal seiner Angst bedurft, auch nicht seiner Schmerzen, die ihn zum Stöhnen brachten, sobald wir uns hinwarfen. Und ich begleitete ihn bei diesem Lauf, obwohl ich davon überzeugt war, daß Max Ludwig Nansen uns vielleicht nicht nach Hause, aber doch zur Mühle zurückschicken würde. Das letzte Stück liefen wir aufrecht. Wir kamen in den Schutz der Hecke von Bleekenwarf. Hinter der geländerlosen Holzbrücke fiel Klaas hin und blieb liegen, versuchte es noch einmal, indem er sich mit den Knien hochstemmen wollte, aber er schaffte es nicht mehr. Er knickte wieder ein und blieb auf dem Gesicht liegen. Ich flitzte zum Durchschlupf, sah in den Garten, sah zum Haus hinüber, doch da war niemand, und so kehrte ich zu meinem Bruder zurück und zog und zerrte ihn auf die Seite. Ich bettete seinen Kopf auf einem Grasbüschel. Ich fragte ihn: Soll ich ihn jetzt holen? und, weil mein Bruder mich nur verständnislos anblickte, noch einmal dringend: Soll ich ihn holen? — Ja, sagte er leise, ja. Bevor ich ging, hockte ich mich hin und reinigte, so gut es möglich war, die Uniform meines Bruders, sammelte Gräser ab, rieb getrockneten Dreck ab und wischte seine Stiefel sauber. Seinen Kragen ordnete ich, knöpfte den Rock zu. Bleib ruhig liegen, sagte ich, geh hier nicht weg; dann verließ ich ihn.

Vom Durchschlupf aus, in bequemer Haltung, links und rechts einen Ast in der Hand, beobachtete ich Garten, Haus und Atelier, weil ich sichergehen wollte, weil ich weder Jutta noch Jobst, das kleine, feiste Ungeheuer, treffen oder sie gar einweihen wollte. Da liefen Hühner im Blumengarten zwischen den Beeten, Hamburger Goldsprenkel und Belgisch Leghorn, zwischen Lupinen und Zinnien scharrten sie, pickten Insekten von den Lilien herunter und so weiter. Niemand war zu erkennen, das Gartenhaus war leer. Die vierhundert Fenster weigerten sich, die geringste Auskunft zu geben. Wer hatte die Schaukel unter dem Apfelbaum angestoßen? Warum bewegte sich der große Mohn?

Zum Atelier, dachte ich, du mußt ihn im Atelier suchen, und ich trat in den Garten, schob mich an der Hecke entlang, wobei ich die Blumenbeete und das Haus im Auge behielt, kurvte über den geharkten Außenweg zur Rückwand des Ateliers. Ich hörte Stimmen, lauschte, nein, es war nur eine Stimme, die da gereizt Fragen stellte, höhnische Antworten gab. Die Tür war nicht verschlossen. Lautlos öffnete ich sie, schlüpfte hinein und hörte gleich wieder die Stimme des Malers aus einer Abseite: da zankte man sich ganz schön, will ich meinen, und es kann durchaus sein, daß es damals war, als der Maler sagte: Quatsch doch nicht, Balthasar, in jedem Bild gibt es nur eine Handlung: nämlich das Licht. Barfuß, auf festen Dielen, schlich ich mich näher an ihn heran — ich seh mich heute noch auf Zehenspitzen heranschleichen —, stellte mich auf eine der provisorischen Lagerstätten, zog eine hängende, als Vorhang dienende Decke zur Seite und sah ihn vor mir in seinem alten blauen Mantel, den Hut auf dem Kopf. Er arbeitete. Er zankte mit seinem Balthasar und arbeitete an der >Landschaft mit unbekannten Leuten<.

Das Bild war an der Innenseite der rechten Schranktür befestigt, auf der linken Seite, in offenen Fächern, lagen die Hilfsmittel, wie er seine Farben nannte. Ein doppelseitiger Stoß genügte, um die Schranktür zu schließen, Bild und Farben verschwinden zu lassen. Aber wer weiß, ob er die Schranktüren auch in diesem Augenblick auf einen Schritt, auf eine Stimme oder ein warnendes Geräusch hin geschlossen hätte: denn zu gründlich kam mir sein Streit mit Balthasar vor, zu versessen war er, dem Partner mit dem violetten Fuchspelz zu beweisen, daß die Landschaft, in der die riesigen, unbekannten Leute in einer berechneten Gruppe zusammenstanden, die Nähe von Gewalttat und Untergang nicht in sterbendem Licht oder in vergehenden Farben zeigen müßte, sondern in schreckhafter Grelle, in schreckhaftem Orange beispielsweise, in weißen, wie mit Deckfarbe aufgesetzten Tupfen. Ins Schwarzgrau einen scharfen Ruf: Gelb, Braun und Weiß — gleich hört die Stummheit auf, die Verhaltenheit, die Resignation, und das Drama beginnt. Und Erdgrün, unten legte er breit Erdgrün hin wie immer, das brauchte er einfach, aus Erdgrün ging alles bei ihm hervor: sein Balthasar konnte oder wollte das nicht einsehen.

Ich sah auf ihn, auf die unbekannten Leute und wieder auf ihn, der jetzt lauschend den Ausdruck seiner Personen wiederholte, die sich offensichtlich bedroht fühlten, fremd und ausgesetzt in einer Landschaft, die man nicht zufällig nach einer Wanderung erreicht, sondern in die man hineingeweht, gestoßen wird: da rechtfertigt sich schon das Entsetzen. Mich störten damals — und stören allerdings auch heute noch — die Kopfbedeckungen der unbekannten Leute, die waren eine Mischung zwischen Fez und Turban und schienen aus irgendwelchen türkischen Kriegen zu stammen. Aber ihr Befremden, ihre Furcht, ihre Verlorenheit waren ein für allemal durch die Stimmung dieser Landschaft bestätigt.

Aber ich möchte jetzt die Decke, die neben der provisorischen Lagerstätte als Vorhang diente, behutsam fallen lassen, möchte zur Tür zurückschleichen und noch einmal, sozusagen offiziell und geräuschvoll eintreten, denn das tat ich. Ich ging auf Zehenspitzen zum Eingang, klopfte, öffnete und schloß die Tür und rief: Onkel Nansen? Bist du hier, Onkel Nansen?

Er antwortete nicht gleich, erst nachdem er den Schrank geschlossen, den Schlüssel abgezogen hatte, rief er zurück: Was ist los? Wer ist da? und kam langsam aus der uneinsehbaren Tiefe des Ateliers näher, nicht brummig, nicht unwillig, als ob er bei der Arbeit gestört worden wäre, sondern gleichmütig latschend …Ich ließ ihn zur Tür kommen. Witt-Witt, sagte er, als er mich sah, und er sagte es ohne Erleichterung oder Überraschung: Na, WittWitt? Er horchte zurück, geradeso, als ob dieser Balthasar seine Abwesenheit ausnutzen, den Schrank öffnen und die Landschaft in seinem Sinne verändern könnte; dann fragte er: Hast was Besonderes? Ich zeigte wortlos zur Hecke hinüber, sagte: Klaas, und, da er mich nicht gleich verstand, sein graues Auge über mich hinwegblicken ließ: Klaas ist gekommen, du sollst ihm helfen.

Dein Bruder ist doch draußen, sagte er, ist verwundet im Lazarett. — An der Brücke liegt er, sagte ich, und sagte: Er wollte zu dir, nur zu dir. Jetzt raffte der Maler seinen Mantel zusammen, ließ die brennende Pfeife in einer Tasche verschwinden, lauschte noch einmal zu Balthasar zurück, wandte sich um und verließ das Atelier. Ich schloß die Tür, lief hinter ihm her. Ihr macht vielleicht Sachen, sagte er, mit kurzen Schritten durch den Garten stürmend, und ich darauf, gegen seinen kräftigen, wenn auch leicht gebeugten Rücken: Sie suchen ihn, sie waren schon zu Hause. — Nur Ärger hat man von euch, brummte er, nie laßt ihr uns zur Ruhe kommen. Da der langfallende blaue Mantel die Entstehung seiner Schritte verbarg, kam es mir so vor, als ob er vor mir hersegelte hart an seinem Zorn, oder doch zumindest von seiner Erbitterung getrieben, und wieder hörte ich seine vorwurfsvolle Stimme: Ihr macht vielleicht Sachen! Wir kürzten den Weg ab, liefen an der Hecke entlang bis zum Durchschlupf, verließen den Garten und fanden Klaas, wie ich ihn gebettet hatte: sein Kopf ruhte immer noch auf dem Grasbüschel. Der Maler beugte sich über ihn, der weite Mantel fiel über meinen Bruder, verhüllte und kühlte ihn womöglich, und ich sehe mich gezwungen, festzustellen, daß die Gruppe: eine Person liegend, die andere kniend in einwandfreier Trostübung, einem Lieblingsbild des Führers glich, das sich >Nach der Schlacht< nannte — nur war hier die kniende, gewissermaßen trostbringende Person augenscheinlich weiblichen Geschlechts. Der Maler wollte jedoch meinen Bruder nicht trösten, vielmehr wollte er sich nur überzeugen, was mit Klaas geschehen war und warum er ohne dekorativen Blutkranz an der Schläfe hinter seiner Hecke lag und auch jetzt nicht aufstand.

Klaas, sagte der Maler, Klaas, mein Jung, was ist los mit dir? Er hob den unbrauchbaren Arm hoch, durch den mein Bruder sich zweimal auf kürzeste Entfernung geschossen hatte, und ließ ihn wieder sinken. Er betastete ihn an der Schulter, an der Brust, dann am Unterleib, und nun zuckte Klaas zusammen und sagte: Nicht, da nicht. — Kannst du gehn? fragte der Maler, und Klaas darauf: Sicher, ich kann schon wieder hoch, jetzt geht es, und mit Hilfe des Malers setzte er sich auf, schüttelte sich, sagte: Ich muß verschwinden, und zog sich endgültig empor. Jesus Maria, sagte der Maler, ihr macht vielleicht Sachen! Ihr könnt einem schon einheizen! — Zu Hause, sagte mein Bruder, zu Hause kann ich mich nicht sehen lassen. Sie waren schon da, sie werden wiederkommen. — Ihr schafft es, einen immer in Sorge zu lassen, sagte der Maler und stützte meinen Bruder, und Klaas wieder, aufstöhnend: Wenn sie mich schnappen — diesmal bin ich erledigt. — Ihr laßt uns einfach nicht in Frieden, sagte der Maler und zog meinen Bruder sehr fest an sich, probte sodann den ersten Schritt und zog und schleppte ihn schimpfend, kopfschüttelnd und seine brummenden Anklagen wiederholend, weiter zum Durchschlupf und dann ein Stück durch den Garten zum Gartenhaus. Hier, in gedämpftem Licht, setzte er ihn auf einen breiten Stuhl aus poliertem Astwerk. Er hob das Gesicht meines Bruders — nicht als ob er Auge in Auge mit ihm reden wollte, sondern als gelte es, einen bestimmten Ausdruck wiederzufinden, der ihn eine Zeitlang bewogen hatte, meinen Bruder Klaas auf einigen seiner Bilder darzustellen: weil dem Gesicht von Klaas manchmal eine Ergriffenheit gelang, die zwar von unfreiwilliger, jedoch auch von vorbildlicher Schlichtheit war, hatte Max Ludwig Nansen ihn ins Abendmahlsbild aufgenommen, wo er grobknochig und erwartungsvoll in den Becher hineinguckte; Klaas ist, puppenhaft verdickt, auf dem >Stilleben mit rotem Pferd< zu finden, er steht schräg vor dem >Ungläubigen Thomas<, als wollte er ihm ein Bein stellen, und auf dem Bild >Strand mit Tänzern und zufälligen Sommergästen< ist es Klaas, der helläugig, mit blauem Gesicht dasteht und die Szene zu begreifen versucht.

Auf mehr als einem Dutzend Bilder beweist Klaas seine hervorragende Ergriffenheit, und als der Maler dort im Gartenhaus das Gesicht meines Bruders hob und es im Licht drehte, glaubte ich, daß er diesen bestimmten Ausdruck suchte, aber das kann es auch nicht gewesen sein, denn auf einmal fragte er: Weißt du, weißt du überhaupt, was du von mir verlangst? Klaas blickte ihn unbeteiligt an. Dann also weiter, sagte der Maler, auf, komm schon.

Wieder zog er meinen Bruder sehr fest an sich; wir traten aus dem Gartenhaus, gingen unter der Fensterfront entlang zum Hof, und während des ganzen Weges schimpfte und lamentierte der Maler und überhäufte uns — auch mich — mit Vorwürfen, weil wir Sachen machten, die nur seine Sorgen vermehrten. Erst auf dem Gang wurde er still. Er öffnete die Tür zum östlichen Flügel des Wohnhauses, wo neben den Fenstern ein Gang lief, von dem, sagen wir mal, einhundertzehn Türen abzweigten, schwere, graugrün gestrichene Türen, in deren Schlössern sehr große, offenbar selbstgeschmiedete Schlüssel steckten. Er schob meinen Bruder den Gang entlang, an allen Türen vorbei, hinter denen ich keine Leute, wohl aber Vögel vermutete: Geier mit nackten Hälsen, schwere Kondore, Steinadler, die mit herabgezogenen Lidern auf zerschrammten Bettpfosten hockten — ich wagte nicht, an den Türen zu horchen. In den Steinfußboden waren Jahreszahlen geschnitten, sechzehnhundertachtunddreißig, neunzehnhundertzwölf, darunter Initiale: A.J.F.; F.W.E; die Kanten der Rillen waren abgewetzt, und durch einige Steinplatten liefen Risse.

Öffnete der Maler die richtige Tür? War das der Raum, den er für Klaas ausersehen hatte? Jedenfalls blieb er unerwartet stehn, schloß eine Tür auf, verschwand, kehrte sofort wieder zurück, nickte und führte Klaas umsichtig in den Raum. Es war ein Badezimmer, das heißt: es war fast ein Badezimmer: irgend jemand, wahrscheinlich der alte Frederiksen, hatte diesen Raum zum Badezimmer bestimmt, hatte da eine Brause anbringen, eine Wanne hineinstellen lassen — ein mattweißes Ungetüm auf Greifenklauen —, doch weder Brause noch Wanne waren angeschlossen, es gab keinen Wasserhahn, keinen Abfluß, keine Leitungen, so daß man gezwungen war, anzunehmen, der ganze Plan sei aus Lustlosigkeit nicht ausgeführt worden oder, weil der alte Frederiksen Mühe hatte, den Raum wiederzufinden, allmählich in Vergessenheit geraten. Warum in dem unvollendeten, weitläufigen Badezimmer eine Garnitur gebrauchter Matratzen aufeinandergestapelt war, läßt sich heute kaum noch begründen, doch die Matratze war vorhanden, und der Maler warf einfach und klopfte ein Lager zurecht, ließ bei jedem Wurf Staubsäulen aufsteigen, die durch das dünn und schräg einfallende Sonnenlicht quollen; dann forderte er Klaas auf, sich hinzulegen.

Mein Bruder ließ sich auf alle viere hinab, kippte zur Seite und streckte sich aus. Er fror. Er fragte: Eine Decke — habt ihr eine Decke? — Du wirst bekommen, was du brauchst, sagte der Maler und räumte unter dem hochliegenden Fenster auf, klopfte eine Trittleiter zusammen und stellte sie weg, sammelte Bleirohre, Ventile, Metallsägen und Dichtungsmaterial auf und warf alles in eine Pappkiste, schob mit dem Fuß Mörtel und Papier und Kippen zusammen, nahm von einem Nagel ein mieses Jackett mit Fischgrätenmuster, klopfte die Taschen ab, faltete das Jackett und schob es meinem Bruder als Kopfkissen unter.

Klaas atmete angestrengt. Er blickte unglücklich zu mir auf. Wenn ich ihn heute so liegen sehe, durch allen Staub, durch den Dunst der Erinnerung, kommt es mir so vor, als ob er mir auch noch ein verstecktes Zeichen gegeben hätte, ein heimliches Signal, mit dem er mich bat, bei ihm zu bleiben. Staub fiel auf sein Gesicht und auf seine Lider. Ich verstand das Zeichen nicht. Der Maler ging kopfschüttelnd durch den Raum, sah sich an, was hier zu tun war und gab es auf. Mein Bruder drehte sich auf die Seite und schmiegte sein Gesicht in die Armbeuge. Er hat noch nichts gegessen, sagte ich und legte das Brot auf das Kopfende der Matratze. Alles der Reihe nach, sagte der Maler; wenn ihr solche Sachen macht, muß alles der Reihe nach geordnet werden. Nach und nach wird er schon bekommen, was er braucht. Komm jetzt, er soll allein sein; und ich werde mir überlegen, was hier passiert ist.

Kapitel 6

Das zweite Gesicht

Erst einmal lasse ich es dunkel werden und gebe die Verantwortung für den ersten Teil des Abends dem Bildwerfer, der registriertes Eigentum des Glüseruper Heimatvereins ist, gebraucht gekauft und vom Vorsitzenden, Per Arne Scheßel, den ich aus Gewohnheit meinen Großvater nenne, aufbewahrt, gereinigt und auch bedient wird. Der Bildwerfer steht auf einem Tisch, der Tisch steht im mittleren Gang, zu beiden Seiten des Ganges stehen schwere, sagen wir ruhig klobige Bänke, auf denen, aus unerklärlichen Gründen, den meisten Zuschauern kurzfristig die Beine absterben. Damit der Bildwerfer die Leinwand vollkommen trifft und deckt, hat man ihm an der Vorderseite die beiden Bücher untergeschoben, die für diesen Zweck immer bereitliegen: Storms >Die Söhne des Senators< und Klopstocks >Messias<, diese Bücher garantieren durch ihren Umfang, daß der Lichtstrahlenkegel mit dem Rand der Leinwand sauber abschließt.

Die Leinwand: das ist die Rückseite einer historischen Karte von Schleswig-Holstein, ein grauweißes, oben links leicht geflecktes Rechteck, das unter dem fordernden Lichtkegel die Konturen von Inseln, Küsten und Mündungen durchschimmern läßt und jedem Zweifler auch so noch beweist, daß dieses Land, wenn auch nicht vom Meer umschlungen, so doch zweiseitig von ihm bedrängt wird. Auf diese Leinwand blicken acht, was sage ich: zwölf oder sogar sechzehn Personen, die links und rechts zu beiden Seiten des Ganges sitzen; einige fühlen sich durchs Licht geblendet, das durch einen Schlitz seitlich aus dem Bildwerfer fällt und von den Glaswänden der Schränke und Kästen zurückgeworfen wird, die an den Wänden und zwischen den verdunkelten Fenstern stehen. Durch den Lichtkegel sirren Insekten, taumelt ein gedrungener Falter, der mehrmals die Entfernung zwischen Linse und Leinwand nachmißt, und jedesmal, wenn er irgendwo anstößt, einen kleinen metallenen Wirbel schlägt. Auf den Bänken unterhält man sich gedämpft, hier und da wird gehustet, geraucht wird nicht. Es ist warm.

Aus dem benachbarten Stall ist von Zeit zu Zeit reißendes Kettengeräusch zu hören, das etwa entsteht, wenn ein Tier den Kopf hochwirft; manchmal dringt auch ein Poltern hier herein oder ein rasendes Scharren. Windstöße. Hundegebell. Aus dem Halbdunkel schiebt sich das rote, längliche, sauertöpfische Gesicht meines Großvaters vor die Leinwand; selbst der Schattenriß seines Kopfes erscheint noch sauertöpfisch. Der Bauer Per Arne Scheßel lacht nicht und lächelt nicht, er zwinkert keinem zu, nicht einmal ein Winken hat er übrig; er steht einfach nur da, ragend und grüblerisch wie ein Fischreiher, was zur Folge hat, daß nicht mehr geflüstert, daß nur noch vereinzelt, allenfalls auf Vorschuß, gehustet wird: ich hoffe, damit ist man im Bilde.

So, und die nun eintretende Stille möchte ich dazu benutzen, um darauf hinzuweisen, daß sich bis hierher, bis zum Auftritt meines Großvaters vor der Leinwand, alle Abende auf Külkenwarf glichen, die der Heimat zwischen Husum und Glüserup, ihrem Wachsen und Werden, ihren reizvollen Ablagerungen, ihrem teuren Schlick, ihren Tieren, Pflanzen und Gräben, vor allem aber ihrem Wesen gewidmet waren. Wenn ich mich konzentriere, untertauche, so muß ich feststellen, daß mein Gedächtnis von den Begegnungen des Heimatvereins atmosphärisch vor allem dies bewahrt hat: das warme Halbdunkel, den Lichtkegel des Bildwerfers, die benommenen Insekten, die nahen Stallgeräusche und die flüsternde, ich möchte sagen: gutgelaunte Erwartung der Teilnehmer, die von Per Arne Scheßel schriftlich, im Winter öfter als im Sommer, nach Külkenwarf, dem sogenannten Stammsitz der Scheßels, eingeladen wurden.

Aber ich erinnere mich auch noch, daß da in den Sitzungen zwischen Wohnhaus und Stall, den mein Großvater in den Dienst der Heimatforschung gestellt hatte, verschlossene und unverschlossene Zeugnisse der Geschichte, der Kultur, und, natürlich, der landschaftlichen Eigenart ausgestellt waren. Nehmen wir, nur zum Beispiel, die Zackenharpune aus Rengeweih. Nehmen wir Schaber, Äxte und Hämmer aus Stein. Urnen möchte ich erwähnen. Armreifen der mittleren Bronzezeit, Schwertscheidenbeschläge sowie reichverzierte Pötte aus der jüngeren Steinzeit, die ich mich entschließen könnte, jederzeit für kurzstielige Blumen zu gebrauchen. Schwertgriffe, Holzgeschmeide und die bekannte Goldscheibe von Treenbarg kann ich nicht übergehen, ebensowenig die zahlreichen Erd-, Sand- und Gesteinsproben, die Bootsreste aus dem Norschlotter Moor, komische und indiskutable Kleidungsstücke von frühen Jägern und Moorbauern und schließlich, als Attraktion, die verdorrte, geschrumpfte, zu Leder verwandelte Leiche eines Mädchens, das mit einer Schlinge erwürgt worden war — selbstverständlich aus Rentierhaut —, und diese Schlinge immer noch wie ein riskantes Schmuckstück um den Hals trug. Nicht zuletzt die Bücher, die Spezialbibliothek, die Per Arne Scheßel zusammengetragen hatte: >Erdgeschichtliche Reise durch Schleswig-Holstein<, >Wirken und Werden an der Küste<, >Ein Leben in Schobüll<, >Meiner Inseln grünes Kleid<, >Das Wehen der Frühe<; und dann die Stapel seiner eigenen, im Selbstverlag erschienenen Broschüren und Bücher, darunter >Die Sprache der Grabhügel<, >Die Moor- und Opferfunde von Norschlotten< sowie >Die großen Sturmfluten und ihre Folgen< und so weiter.

Sollte jemand einen Titel oder einen Fund vermissen, so kann er ihn einfach dazuschreiben, ich möchte mich mit diesen Daten begnügen, weil ich meinen Großvater einfach nicht zu lange in den Lichtkegel des Bildwerfers blicken lassen kann, obwohl er, woran andere sich auch erinnern, ausdauernd ins Dunkle und ebenso ausdauernd und ohne Schaden in irgendeine Lichtquelle starren konnte. Außerdem sehe ich mich gezwungen, den Eindruck zu zerstreuen, daß jener der Heimatkunde gewidmete Abend, der in üblicher Weise begann, auch in üblicher Weise weitergeht und somit nur als ein Abend unter vielen beschrieben werden könnte.

Wie gesagt, bis zu dem Augenblick, wo Per Arne Scheßel vor die Leinwand trat, rechnete ich mit einem mittleren Abend ohne besondere Vorkommnisse, und das taten gewiß auch die meisten Teilnehmer, aber Überraschung lag schon in der Luft, als mein Großvater auf einmal beide Hände hob, verdächtig zur Tür spähte und darum bat, uns ganz still zu verhalten. Wir verhielten uns ganz still, sogar Kapitän Andersen bezwang seinen Husten. Hinter der Tür regte sich nichts. Unnachsichtig, den Mund leicht geöffnet und seine schlechten Zähne zur Schau stellend, behielt mein Großvater die Tür im Auge. Alle sahen jetzt dorthin, richteten sich auf, hielten den Atem an und schafften es dennoch nicht, daß ein untersetzter Rentierjäger, ein unzeitgemäßer Moorbauer oder König Sven, der frühe Englandfahrer, persönlich auftraten. Aber hinter der Tür tat sich, je länger wir dorthin blickten, doch etwas, der Glutklumpen einer Zigarette wurde da hinter der schmalen Milchglasscheibe sichtbar, ein Räuspern war zu hören, und während Per Arne Scheßel sich zu einer kargen, aber immer noch einladenden Geste bereitfand, trat endlich Asmus Asmussen ein, Autor des Buches >Meeresleuchten< und Ehrenvorsitzender des Glüseruper Heimatvereins. Obwohl er in Marineuniform, als Stabsobergefreiter eintrat, wurde er sofort erkannt, mit Rufen und Beifall begrüßt, worauf er leger, doch militärisch zurückgrüßte und die Zigarette ausdrückte. Der Schöpfer von Timm und Tine, der bei uns ziemlich populären Figuren aus dem >Meeresleuchten< — beide hatten sich, wenn ich mich nicht täusche, durch eine Flaschenpost kennengelernt, fanden diesen Austausch so ergiebig, daß sie auch als Verlobte und Verheiratete Flaschenpost wechselten, trieben das Spiel unermüdlich weiter, hielten die Flaschenpost auch noch in hohem Alter für die schönste, jedenfalls sparsamste Art der Mitteilung und gaben somit ihrem Autor die Möglichkeit, lange nach ihrem Tode immer noch an entlegenen Stranden verkorkte Post zu entdecken, mit der zeilenschindend bekenntnishafte Neuigkeiten von Timm und Tine nachgeliefert wurden. Also dieser Asmus Asmussen, der auf einem Vorpostenboot in der Nordsee Dienst tat, war auf einen Kurzurlaub von Bremerhaven heraufgekommen. Er war ein säbelbeiniger Mann mit starkem, gewissermaßen lohendem Haarwuchs, seine Halsmuskeln waren erschreckend ausgebildet wie bei einem Gewichtheber, der Blick beherrschte alle Spielarten zwischen kühn und gütig, und man hätte sich ihn nicht ohne weiteres als Schöpfer von Timm und Tine vorstellen können, wenn da nicht sein aufschlußreicher Mund gewesen wäre, ein empfindsamer, rundlicher Pfennigmund, will ich mal sagen. Der Mund verriet ihn. Geschickt zog er sich die Matrosenmütze mit den langen Bändern vom Kopf, hielt sie vorschriftsmäßig, Kokarde und Adler nach vorn, unterm Arm und ließ sich von meinem Großvater willkommen heißen. Er nickte fast zu jedem Satz des Willkommens. Er schien einverstanden damit, daß Per Arne Scheßel ihn zunächst einen intimen Kenner der Heimat nannte, dann einen wehrhaften Vorposten der Heimat, auch erhob er keine Einwände, als man in ihm den Gestalter von einheimischem Schicksal und schließlich sogar das Gewissen von Glüserup begrüßte. Asmus Asmussen nickte nur, und er lächelte zustimmend, als mein Großvater das Thema des Abends bekanntgab, zu dem ein Berufener sich äußern werde; das Thema hieß: >Meer und Heimat<; der Berufene: Asmus Asmussen. Darauf setzte sich mein Großvater.

Der Verfasser von >Meeresleuchten< legte seine Mütze auf den Tisch, achtete, daß die Bänder glatt und lang nach unten fielen, griff in seinen Brustausschnitt, langte tiefer, war immer noch nicht am Ziel, suchte jetzt, bei hochgezogenen Schultern und gespanntem Gesäß, in der Gegend der linken Hüfte, hielt grinsend still, zog langsam, sehr besorgt einen Briefumschlag mit Bildern heraus und hob den Briefumschlag hoch in den Lichtkegel: es konnte beginnen. Ich wollte sofort in die erste Bankreihe klettern, doch mein Vater hielt mich fest und drückte mich nieder, und so mußte ich bei ihm am Fenster bleiben und zusehen, wie Asmus Asmussen durch den mittleren Gang zum Bildwerfer ging, das erste Bild einlegte, aber es noch nicht zur Ansicht freigab.

Was war nur mit meinem Vater los? Während Asmus Asmussen sich bedankte, Grüße von draußen ablieferte und zu einer Einleitung ausholte, geriet mein Vater in eine Erregung, die ich an ihm nicht kannte. Er rutschte auf seinem Platz hin und her. Er betupfte sich mit den Fingerspitzen seine Augäpfel. Er knüllte sein Taschentuch, riß und zerrte an ihm. Den Oberkörper legte er manchmal so weit zurück, daß ich schon befürchtete, er werde hintenüberkippen und dem Vogelwart Kohlschmidt auf den Schoß fallen. Schweiß stand auf seiner Oberlippe. Mitunter schüttelte er sich wie unter unzumutbarem Druck von innen. Ein Ausdruck von Verwunderung lag auf seinem Gesicht, augenscheinlich schien er selbst nicht zu verstehen, was mit ihm vorging. Oft wischte er sich mit einer energischen, unduldsamen Bewegung über die Stirn.

Aber das fällt mir heute mehr auf als damals, als er mit seiner neuartigen Erregung neben mir saß, denn natürlich lauschte ich Asmus Asmussen, wartete vor allem auf das erste Bild, das er auf der Leinwand erscheinen lassen würde.

Asmussen jedoch ließ sich Zeit und sprach zunächst ausgiebig über den Titel >Meer und Heimat<. Er erwog den Titel, änderte ihn mehrmals, gewann oder preßte ihm einen neuen Sinn ab, indem er etwa statt des ≫und≪ ein ≫als≪ einfügte und die Anwesenden zu bedenken bat, welche Möglichkeiten hier auf einmal drin waren, wenn man das Meer als Heimat ansah. Er schlug auch vor, den Titel unbesorgt zu verkürzen und von >Meerheimat< zu sprechen, das erschien ihm noch umfassender, auch inniger, wie er sagte. Am längsten ruhte er sich indes auf der Variation ≫das heimatliche Meer≪ aus, hierzu fiel ihm am meisten ein: er arbeitete viel mit dem Begriff des Mütterlichen, ließ aber auch die Gewalt nicht aus, die zu Stärke, zu Hartnäckigkeit, zu Trotz erziehe, dann schlug er einen Bogen und bat uns, nachzudenken, wieviel geschehen müsse, damit wir das Meer ≫heimatliches Meer≪ nennen könnten. Eines aber, sagte er, sei sicher, man verteidigt kein beliebiges, man verteidigt nur ein heimatliches Meer.

Jetzt gab Asmus Asmussen das erste Bild frei. Auf der Leinwand schwebte ein Vorpostenboot auf einem Himmel aus flockigen Wellen, unter ihm stand ein trüber, angeschnittener Horizont. Wir lachten, bis ins riesenhafte vergrößerte Finger das Bild am Rand erfaßten und es umdrehten, und nun lag das Boot durchaus zufriedenstellend auf der See. Niemand zweifelte, daß der bewaffnete Fischdampfer, der da schwer krängte und übernahm, der sich schon vor der nächsten Welle zu ducken schien, das Vorpostenboot war, mit dem Asmus Asmussen in seiner Meerheimat auf Wache lag. Das Bild war vermutlich aus dem Krähennest aufgenommen, von der Besatzung war niemand zu erkennen — doch, auf der Flakplattform des Vorschiffes kauerten, von sprühender Gischt verdeckt, zwei Gestalten und winkten zu dem Fotografen hinauf. Wir ließen das Vorpostenboot, das keinen Namen, sondern nur eine Nummer trug, das einen verlorenen, zumindest aber hoffnungslosen Eindruck machte, auf uns wirken. Wir versetzten uns sozusagen an Bord, hoben ein Fernglas an die Augen oder ließen uns Nudeln mit Speck auffüllen. Was die beiden weißen Ringe an der 3,7-Doppellafette bedeuteten, wußte ich genau. Die Windstärke, die gerade herrschte, war allerdings nicht zu schätzen.

Dies ist unser Boot, sagte Asmus Asmussen mit einer Stimme, die gleichmäßig und drängend war, wie ein Gezeitenstrom im Priel, und fügte hinzu: Unser braves Boot. Bitte zu beachten, sagte er, daß es nur eins von vielen ist, ein Boot aus einer unendlichen Zahl von Booten, die tief gestaffelt auf dem heimatlichen Meer Dienst tun. Bei Tag und bei Nacht. Bei Regen. Bei Schneetreiben. In einer absolut sicheren Kette. Keinem gelingt es, durch diese Kette zu schlüpfen. Keinem Seehasen, erst recht keinem Engländer. So wie unser Boot hat der Führer unzählige andere Boote draußen hingelegt - er sagte: hingelegt.

Die Hand meines Vaters zuckte. Er hob den Arm, streckte ihn, zielte mit dem Zeigefinger auf das Vorpostenboot, würgte an einem Wort, konnte es jedoch nicht hervorbringen und ließ den Arm langsam wieder sinken, als Asmus Asmussen das nächste Bild in den Bildwerfer schob. Das nächste Bild zeigte eine leere Stelle auf dem Meer, darüber eine milchige Sonne. Das Boot war nicht zu erkennen, dennoch glaubte niemand, daß es schon versenkt worden war, weil sich da etwas weißlich und schaumig über das Wasser zog, was nur von einer Schiffsschraube hervorgerufen wird: eine kochende Hecksee. Das zweite Bild galt allein der Hecksee, die sich deutlich erkennbar, sich verbreiternd und schließlich verlaufend gegen den Horizont zog, ein leuchtender Streifen, von schnell sterbenden Schaummustern gebildet. Dat schallt woll ’ne Hecksee sin, rief Kapitän Andersen, und Asmus Asmussen darauf, mit nachgiebiger Stimme, die zum Staunen aufforderte: Draußen auf Vorposten, das heißt ja nicht nur Dienst, nicht wahr? Wer dem Meer widersteht, den liebt es, dem öffnet es sich mit seinen Stimmungen und Geheimnissen. Schallt dat ken Hecksee sin? wollte Kapitän Andersen wissen, doch Asmus Asmussen, auf lyrischen Kurs eingedreht, fuhr unbeirrt fort: Dem Außenstehenden, dem Fremden, wird sich die mannigfaltige Welt nicht öffnen, wer sich für ländliches Leben entschieden hat, wird die Zeichen des Meers nicht verstehen können. Bitte zu beachten, nicht wahr, daß auf diesem Bild ein Feuerwerk stattfindet — auch wenn es nicht gut rauskommt: wir nennen es Meeresleuchten. Das glimmt, das brennt, das wirft gelbe und grüne Blitze übers Meer: in solchen Augenblicken schweigen die Geschütze. Die ganze Hecksee wird zur leuchtenden Spur, besonders nachts. Es ist wie ein Gruß des Meeres an die Männer, denen es Heimatrecht eingeräumt hat. Eine Willkommensbotschaft an das abgeblendete Schiff, auf dem niemand schläft, solange die Lichtblitze Bug und Heck umspielen. Er schwieg und blickte unbeweglich auf das Bild; und vielleicht war er wie ich darauf aus, den plumpen Falter zu beobachten, der mehrere Versuche machte, sich in die Hecksee zu stürzen, doch nur matt gegen die Leinwand bumste. Es fiel Asmus Asmussen schwer, sich von dem Anblick dieser Aufnahme zu trennen, das möchte ich meinen, und er war ziemlich verdutzt, als der zweiundneunzigjährige, fotogene Kapitän Andersen wissen wollte: Kümmt dat Leuchten nich von son lütten Mist, Noctiluca, oder so ähnlich? Wi hebt dat oft hat. — Selbstverständlich, sagte Asmus Asmussen, hat das Leuchten seinen Grund: was bei entsprechender Reizung blitzt und funkelt, sind mikroskopische Bewohner des Wassers, Geißeltierchen sind es, wenn du’s genau wissen willst, bescheidene Einzeller. Aber sind sie nicht Teil des Meeres? Leuchtet nicht das eine im andern, durch das andere?

Er beantwortete die Frage nicht, erwartete auch von keinem andern, daß er sie beantworte, ließ einfach, in seiner Erinnerung Platz nehmend, eine Pause entstehen, und in diese Pause hinein rief mein Vater, sein Gesäß leicht von der Bank abhebend:

VP-22, VP-22.

Überrascht drehten sich einige der Zuschauer — so mein Großvater, Hilde Isenbüttel und Ditte — nach uns um, und Asmus Asmussen stellte erstaunt fest: Das ist die Nummer meines Bootes, tatsächlich, doch als man allgemein mehr von meinem Vater erwartete, lächelte der verlegen, machte eine unbestimmte Geste der Entschuldigung, ja der Hilflosigkeit und setzte sich langsam hin. Er legte eine Hand auf meinen Schenkel, brauchte eine ganze Zeit, bis er merkte, daß es nicht sein Schenkel war, und nahm darauf die Hand wieder fort. Ich konnte ihm sogar im Halbdunkel ansehen, daß irgend etwas mit ihm vorging, daß er erregt war, furchtsam, von mir aus auch gepeinigt, jedenfalls begann der Polizeiposten Rugbüll an jenem Abend, der dem heimatlichen Meer gewidmet war, ein Leiden zu zeigen, das — auch wenn es bei uns des öfteren vorkommt — einen gewissen Einfluß auf alle polizeilichen Vorgänge im Dienstbereich meines Vaters gewinnen sollte.

Aber ich will nur das Erforderliche zugestehen, nur eine Karte zur Zeit vom Stapel nehmen, denn Asmus Asmussen holt gerade das Meeresleuchten von der Leinwand und läßt ein neues Bild zu uns sprechen. Welch ein Bild? Es war wohl eine Abendstimmung, die er damals reinschob, auf dem Deck hatte man Feierabend gemacht, auch die Nordsee hatte Feierabend gemacht, und an der Reling lehnten einige Matrosen und blickten nicht in die reichlich vorhandene Weite, sondern auf einen anderen Matrosen, der auf einem Schifferklavier spielte und dabei den tiefstehenden Abendwolken, die durchaus eine hübsche Anzahl Blenheim-Bomber verbergen konnten, den Rücken zukehrte. Hier, sagte Asmus Asmussen, ist eigentlich nicht viel zu sehen. Ein Abend, nicht wahr. Freiwache. Man erholt sich bei einem Lied, während die Steuerbordwache — das sind wir — unablässig den Horizont beobachtet. Die Waffen schweigen, wie man sieht. Bakken und Banken ist vorbei. Selbstgefangener Schellfisch, Dorsch und Kabeljau, eine geschätzte Bereicherung des Speisezettels. Das Meer ernährt alle. Das Meer. Links oben, im Ausschnitt, unsere Vierlingsflak. Auf der Brückennock, allerdings nicht zu erkennen, der Kommandant. Aber dies Bild gibt nicht viel her. Hier, das ist vielleicht interessanter. Und Asmus Asmussen, intimer Kenner des Meeres, schob ein neues Bild ein. Da lag Morgensonne über der See, frei und klar, eine Sonne, in der man fröstelt. Lange Dünung. VP-22 rollte offensichtlich.

Der Posten Heck hatte gerade einige Möwen steigen lassen. Dünner Rauch stieg aus dem Schornstein, weckte Erinnerungen an früh entfachten, heimischen Herd. Vermutlich brühte der Koch mißmutig den ersten Kaffee. Vermutlich putzten sich die Männer von VP-22 gerade die skorbutgefährdeten Zähne. Aus dem Radio wurde vermutlich früher Gesang in alle Decks und Kammern übertragen. Bitte zu beachten, sagte Asmus Asmussen, daß die Bomben rechts oben in der Luft hängen. Vier Bomben, die jeden Augenblick. Gegen die Sonne sind sie nur schwer, aber bei genauem Hinsehen. Alle fallen an Steuerbordseite.

Ich sprang auf. Vor mir und neben mir strafften sich entspannt sitzende Körper. Das hatte niemand erwartet, keiner war gefaßt darauf: die Stimmung ließ keine Bomben zu; dem Morgen des Vorpostenbootes, das möchte ich meinen, wäre alles andere zu glauben gewesen als schwebende Bomben an Steuerbordseite. Dennoch entdeckten wir sie. Ein kaltblütiger Signalgast hatte die Bomben aufgenommen, zwei empfingen sogar ein schwärzliches Licht von der Morgensonne. Sie fielen in unterschiedlicher Höhe, eine Verbindungslinie zwischen ihren Heckflossen hätte eine Diagonale ergeben, gleich würden sie, eine nach der andern, aufs Wasser schmettern, würden sofort oder erst in vorgesehener Tiefe detonieren und jedem Maler von Seestücken perspektivische Reize liefern, vier mittelschwere, eher kleingeratene Bomben, die ein nicht sichtbares Flugzeug ausgeklinkt hatte. Eigene Geschwindigkeit, Fallwinkel, Kurs des Bootes: die Mathematik war in diesem Fall für VP-22.

Ein beliebiger Morgen, sagte Asmus Asmussen, und trotzdem. Man muß bereit sein. Das Meer schweigt zu allem. Schade, daß es nicht gelungen ist, den Aufschlag festzuhalten, die blühenden Fontänen: in meinem Tagebuch habe ich vom Garten der Fontänen gesprochen, durch den das Boot unbeirrbar seinen Kurs hält, und so weiter. Plötzlich rief Kapitän Andersen: Kümmt da nix hoch von unten? Asmus Asmussen schien die Frage nicht gleich verstanden zu haben, und als er dann doch antwortete, war eine Gereiztheit in seiner Stimme unüberhörbar. Die See verwischt die Spur der Bomben schnell, sagte er. Sicher, zuerst treiben Algen auf, Rotalgen, Braunalgen. Grünalgen nicht. Seegras und tote Fische bedecken die Oberfläche, darunter Goldbutt, Strufbutt und Seezungen, viele Dorsche. Selten Seeskorpione. Noch seltener Knorpelfisch wie Rochen oder Dornhaie. Überhaupt nicht Krebs- und Schalentiere. Das Meer nimmt diese Verluste gleichgültig hin. Nach kurzer Zeit wandert alles auseinander, sinkt und versinkt. Nach kurzer Zeit kann niemand mehr behaupten, daß da eine Bombe fiel. Das Meer tilgt alle Spuren. — Dropen het de woll nach? rief Andersen, und der Vortragende darauf: Es gab keine Verluste, wenn du das meinst.

Während Asmus Asmussen nun im Nebenlicht des Bildwerfers die weiteren Photografien prüfte, ordnete oder mischte, schlang mein Vater Knoten in sein riesiges, blauweißes Taschentuch, knotete einen Hasen, einen Igel, zog auch, mit nur einem Knoten in der Mitte, das Taschentuch straff auseinander und erhielt sogleich eine Schlange mit verschlucktem Kaninchen, und das alles machte er nicht, weil ihm die Bilder bekannt waren oder weil er sich langweilte. Er mußte sich ablenken. Er brauchte eine Erleichterung. Druck mußte er ablassen, denn, wahrhaftig, es fehlte nicht viel zu der Annahme, daß neben mir ein kleines, überbeanspruchtes Stauwerk saß. Wann würde es überlaufen? Es lief über, als Asmus Asmussen, mit der Zunge schnalzend, ein Bild einschob, das die Besatzung von VP-22 beim Rein-Schiff zeigte. Diesmal schwebten keine Bomben an Steuerbordseite, die See war ruhig. In einer Kette, mit angehobenem Besen, in gleichem Abstand zueinander, standen da sechs Seeleute auf Mitteldeck — unter ihnen der Schöpfer von Timm und Tine — und schrubbten rhythmisch die Planken weiß. Alle blickten in die Kamera. Alle lachten. Es machte ihnen augenscheinlich Freude, das Deck ihres Bootes zu schrubben, sie achteten nicht auf die umgestoßene Pütz, aus der sich flüssige Seife ergossen hatte. Trüber Himmel, schlechte Sicht. Im Hintergrund oder seitlich verborgen konnte man sich ein Schifferklavier vorstellen, das den Männern beim Schrubben half, im gleichen Rhythmus zu bleiben.

Sauberkeit, sagte Asmus Asmussen, das Meer verlangt Sauberkeit. Ich möchte auf die umgekippte Pütz hinweisen: vier solcher Pützen mit flüssiger Seife brauchen wir für Rein-Schiff! Auch eine schwimmende Heimat muß glänzen. Die Fischschuppe. Der Kiesel auf dem Grund. Die Nähe der Gefahr ist keine Entschuldigung für Dreck. Bitte den Schaum zu beachten.

Nein, rief mein Vater da, nein, Asmus, und er erhob sich, deutete mit ausgestrecktem Arm auf VP-22, würgte, rief dann wieder: Nein, Asmus, noch nicht, noch nicht.

Jetzt sahen fast alle zu uns her. Mein Vater wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn, schwankte leicht, machte den Versuch, sich von der Leinwand wegzudrehen, als ob er den Anblick der rhythmisch schrubbenden Seeleute nicht ertragen könnte. Asmus Asmussen ließ jedoch das Bild stecken, wandte sich meinem Vater zu, beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen und fragte: Was meinst du mit nein? Jetzt sahen alle zu uns her, gespannt auf die Antwort, die der Polizeiposten Rugbüll geben mußte, aber noch nicht gab, weil er sich zunächst hastig die beiden oberen Knöpfe seiner Uniformjacke aufknöpfte, dann seine Hände rieb in der Weise, als ob er sie trocken wusch. Immer noch zögerte mein Vater. Er trat an Asmus Asmussen heran. Ein Streifen Nebenlicht, der aus dem Bildwerfer fiel, teilte seine Wangen wie ein flammender Schmiß. Er legte Asmus Asmussen seine Hand auf den angewinkelten Unterarm, womöglich drückte er ihn. In den ersten Reihen links und rechts vom Gang standen einige auf, um mitzubekommen, was mein Vater zu sagen hatte. Also? fragte Asmus Asmussen und nahm instinktiv den Umschlag mit den noch nicht gezeigten Photographien an sich.

Es war sehr still in dem Raum, als der Polizeiposten Rugbüll, und zwar ruhiger als erwartet, auf einmal sagte: Geht nicht raus, Asmus, geht nicht raus, noch nicht, ich hab euch gesehn. — Wat segt hei? rief Kapitän Andersen, und jemand weihte ihn ein: Er hat etwas gesehn. — Ich habe euch im Rauch gesehn, sagte mein Vater, dann kam ein Wind und trieb den Rauch fort, und von euch war nix mehr zu sehn.

Nur der gleichmäßige Summton aus dem Bildwerfer und ein gedämpftes Rasseln und Scharren aus dem Stall waren zu hören. Auf der Leinwand grinsten immer noch die sechs Seeleute mit den angehobenen Besen und schrubbten ihr Boot rein für den vorausgesagten Untergang.

Ich hab euch im Rauch gesehen, sagte mein Vater wieder, und als der Rauch sich verzog, trieben nur Schwimmwesten und Rettungsflöße auf der See, leer. Es war dies, euer Boot, VP-22, das im Rauch stand. Er blickte sich um, suchte wohl nach Unterstützung und Bestätigung im Halbdunkel des Raums, in dem alle verblüfft — und nicht nur verblüfft — schwiegen, sondern auch erschrocken, betroffen vor allem — aber da wollte oder konnte niemand bestätigen, was er wider Willen gesehen hatte auf einer Leinwand, die nur für ihn persönlich gemacht und entrollt war. So wie er dastand, konnte man auch meinen, daß er gern um Entschuldigung gebeten hätte für das Gesagte. Mit hängenden Schultern, niederblickend stand er jetzt da, auffällig entspannt. Und Asmus Asmussen? Klopfte er meinem Vater beruhigend auf die Schulter? Ermunterte er ihn, aus intimer Kenntnis der See, die Aussichten für VP-zz etwas freundlicher zu beurteilen? Verbat er sich gar jede Einmischung in die Zukunft seines Bootes? Asmus Asmussen reichte meinem Vater die Hand. Er bedankte sich wortlos, indem er die Hand meines Vaters sehr lange in der seinen behielt und das Händepaar, das den Drang hatte, sich zu heben, immer wieder nach unten drückte oder riß. Erst als Kapitän Andersen rief: Kann hei schichtig kieken? sagte Asmus Asmussen, meinen Vater nicht nur erstaunt, sondern auch scheu musternd: Ich werde dran denken, Jens. Ich werde es auch den andern sagen. Wir wollen achtgeben.

Dann klopfte er meinem Vater beruhigend auf die Schulter, drehte ihn in der Hüfte und versetzte ihm einen berechneten Stoß, so daß mein Vater neben mir landete, ohne Überstürzung. Mühelos, trotz allem, fand er seinen Stuhl wieder, er setzte sich, der Druck hatte spürbar nachgelassen; statt dessen wirkte er erschöpft. Ausgepumpt wirkte er, niedergeschlagen. Aber das sahen die andern nicht, die immer noch aus dem Halbdunkel zu ihm herüberglotzten, einige sogar starr vor Befremden oder womöglich in der Furcht, daß mein Vater anfangen könnte, dem Bildwerfer Konkurrenz zu machen und alles, was sich auf der Leinwand zeigte, mit einem eigenen Bild entweder zu überdecken oder in Frage zu stellen.

Fang schon an, dachte ich, da legte Asmus Asmussen ein neues Bild ein und gewann sofort die allgemeine Aufmerksamkeit unseres Heimatvereins mit der Erklärung, daß die beiden Männer im Schlauchboot, die auf eine Bordwand zupaddelten, Amerikaner seien, Flieger. Das Bild war von schräg oben geschossen. Die Flieger trugen aufgeblasene Schwimmwesten, pralle Wülste bildeten sich an den Hälsen, es sah aus, als ob die Flieger von den Schwimmwesten erwürgt würden. Gleichzeitig stießen sie ihre Paddel ins Wasser, beide machten, soweit man das erkennen konnte, einen zufriedenen Eindruck. Sie paddelten in Gefangenschaft. Sie paddelten an die Bordwand von VP-22 heran, wo schon eine Strickleiter hing, eine Leine flog schon durch die Luft zum Schlauchboot hinab: alles Weitere ließ sich ohne Anstrengung voraussehen.

Unsere Dreikommasieben, sagte Asmus Asmussen. Gleich beim ersten Anflug holten wir sie runter. Rauchfahne. Notwassern. Sie schossen eine Leuchtkugel, als sie unten waren. In diesem Augenblick waren sie Schiffbrüchige. Sie wußten Bescheid. Amerikaner. Alles ist für sie ein Job, sagte mein Großvater, auch der Krieg. — Sie kennen keine Bindung, sagte Asmus Asmussen, ein innerer Auftrag ist ihnen unbekannt, sie fühlen sich überall zu Haus. — Sie essen nur Watte und trinken gefärbte Limonade, sagte mein sauertöpfischer Großvater, das hab ich selbst gelesen, ihre Nahrung ist typisch für sie. — Weil sie überall zu Hause sind, sagte Asmus Asmussen, deshalb sind sie nirgends zu Haus. Ihre Lieder: Lieder von Reisenden. Ihre Unterkunft: Unterkunft von Nomaden. Ihre Bücher: die Bücher von Wandersleuten. Amerikanisches Leben: das heißt: auf Widerruf leben, ohne dauerhafte Verpflichtung, vorläufig. Sagen wir: im Planwagen. — Zivilisten, sagte mein Großvater geringschätzig, lauter Zivilisten, selbst in Uniform. — Eben, sagte Asmus Asmussen, und danach glückte ihm der Satz: Die großen Stürme überstehen nur die Seßhaften.

Dieser Satz war abschließend gemeint. Asmus hatte bereits ein neues Bild aus dem Umschlag gezogen, wollte es gerade in den Bildwerfer legen, als mein Vater sich wieder in die Vorstellung einmischte — nicht, indem er seinen Senf als Polizeiposten zu dem Gespräch dazugab, vielmehr stakste er, während seine Lippen sich rasend bewegten, Wörter und Sätze ausprobierend, zu dem Vortragenden, klammerte sich an ihn mit den erfahrenen Bildern eines zukünftigen Unglücks vor Augen und sorgte für einen neuen Höhepunkt des Abends, indem er sagte: Du, Asmus, ich hab dich im Schlauchboot gesehen. Du hast dich nicht bewegt. Deine Hand hing ins Wasser über den Rand. Da war, Asmus, keiner bei dir, und nix war in der Nähe.

Mehr hatte mein Vater nicht zu sagen, das war wohl der Rest, mehr brauchte er auch nicht zu sagen. Der Vortragende hielt ihm abwehrend die ausgestreckten Hände entgegen, er ließ ihn nicht an sich herankommen, sagte: Warte, warte doch gefälligst. Aber du rührtest dich nicht im Schlauchboot, sagte mein Vater leise zu seiner Entschuldigung, und Asmus darauf: Ich möchte dich bitten, den Vortrag nicht dauernd zu unterbrechen.

Der Polizeiposten Rugbüll sah sich verzweifelt um. Er suchte etwas. Suchte er vielleicht eine Leinwand? Wollte er die Bilder, die er in der Dunkelkammer seines Kopfes entwickelt hatte, gegen eine helle Fläche werfen, um die Dringlichkeit des Erfahrenen zu beweisen? Dann nicht, murmelte er, dann eben nicht. Er verstand und bedachte ja alles sehr langsam: das war sein Glück, das ließ ihn manches ertragen, vor allem — sich selbst. Er hob seufzend die Schultern, steckte das Taschentuch ein, in das all seine Erregung eingebunden war. Ohne Erstaunen blickte er Hinnerk Timmsen entgegen, der sich — vermutlich von andern dazu aufgefordert — an ihn heranmachte, ihn am Ärmel faßte und fragte: Sollen wir gehen, Jens?

Mein Vater wunderte sich auch nicht darüber, daß die Zuhörer sich erhoben, als er durch den Mittelgang zur Tür stakste; von Hinnerk Timmsen, dem Wirt, geführt, ging er erleichtert hinaus — gerade so, als sei die offizielle, wenig erfreuliche Vorstellung zu Ende, und als sie schon an der Tür waren, sagte er: Von mir aus, Hinnerk, können wir gehen. Er bemerkte nicht das schweigende Spalier, durch das er gehen mußte, und ich selbst zögerte lange, wartete wohl, bis einige sich gesetzt hatten, ehe ich den beiden hinterherlief und hinaus auf den pfützenbedeckten Hof von Külkenwarf, wo ich die Männer Arm in Arm vor mir hatte, nein, das ist nicht richtig: Timmsen hielt meinen Vater eingehakt und führte ihn durch einen hellen Sommerabend den Weg zum Deich hinauf. Lohnt es sich, etwas über Hinnerk Timmsen zu sagen? Er trug einen Schal, der lang war wie die Kette der Berufe, in denen er sich rasch entschlossen versucht hatte und dennoch gescheitert war. Eine schlappe Fahne des Mißerfolgs: das war sein bis zu den Knien herabhängender Schal. Timmsen war Seemann gewesen, Viehhändler, Fabrikant von Getreidesäcken, er war Landarbeiter, Altwarenhändler und Losverkäufer gewesen, und bevor er, von einer Schwester, das Gasthaus ”Wattblick”geerbt hatte, waren wir ihm als Milchmann auf gummibereiftem Wagen begegnet. Seinem Temperament entsprechend hatte er am Anfang versucht, aus dem ”Wattblickëin ganz großes, sozusagen das erste Haus in der Gegend zu machen, es gab da Musik, er selbst trat als Ansager, Komiker und Trickkünstler auf; doch alles sprach gegen seine Mühen: noch während seines Vertrags brachen Gäste verstört auf, zahlten, ohne ihr Bier auszutrinken, flohen von gefüllten Tellern, sein Ehrgeiz wurde verkannt, und er hätte den Erfolg längst wieder in einer anderen Betätigung gesucht, wenn nicht der Krieg gekommen wäre.

Hinnerk Timmsen, ein entschlußfreudiger Mann, ein hochfahrender Mann, führte meinen Vater zum Deich hinauf. Ich ging mal hinter ihnen, mal vor ihnen. Sie beachteten mich nicht, sie hatten miteinander zu tun. Mein Vater litt unter dem, was er gesagt oder preisgegeben hatte, er schien keine genaue Erinnerung mehr zu besitzen, nur das Gefühl, daß er genötigt worden war, etwas zu bekennen, was man ihm übelgenommen hatte.

War es schlimm? fragte er immer wieder, sag, Hinnerk, war es schlimm, und der schwere, in vielen Berufen erfahrene Mann schüttelte den Kopf, hörte aber nicht auf, den zerknirschten Polizeiposten schräg von der Seite zu beobachten, ziemlich besorgt, das möchte ich meinen, manchmal sogar mit scheuer Bewunderung: anscheinend traute er ihm noch viel mehr zu, als er an diesem Abend erfahren hatte.

Jedenfalls trieb ihn seine Unruhe zur Eile, er schob und zog meinen Vater unter zerstreuten Beschwichtigungen vorwärts auf dem Kamm des Deiches, weiter und weiter hinab neben der langsam anlaufenden Nordsee, die ihre Kraft an den Buhnen verlor und sich nur noch gemächlich überschlug, wie in Zeitlupe. Kein Knallen, kein scharfer Sog an diesem Abend, kein Züngeln und steiles Aufschwappen zwischen den Steinen und gegossenen Blöcken. Hoch über uns zogen Flugzeuggeschwader Richtung Kiel. Der Jodgeruch des Meeres, die salzigen Winde: wie nah alles ist, wie sehr alles bereit ist, wiederzukehren, wenn man den Moment trifft, wenn man das Wort trifft, man braucht nur danach zu tasten oder nur zuzuhören, einer Stimme zu lauschen, die einen dann und wann erreicht.

Aber nur keine Erleichterungen, bloß nicht dieser Stimme vertrauen, die keine Zweifel kennt: hier ist der Deich, hier ist die Nordsee, und vor mir gehen die beiden Männer.

Wir gingen zum ”Wattblick”hinunter. Wir traten auf die hölzerne Plattform, die über den Deich hinausgebaut war. Die breiten Aussichtsfenster waren verdunkelt. Der kleine Luftsack, der die Windrichtung anzeigte, hing schlapp am Mast. Blaue Schatten lagen über der See, die von grauen Bändern geteilt wurden. Mein Vater hob sein Fahrrad aus dem Fahrradständer, drehte es um, da sagte Hinnerk Timmsen: Kommt rein, ein Glas. — Heute nicht, sagte mein Vater, und Timmsen drängend: Ein Glas nur, ja? Dann ging es eine Weile mit ja und nein, und zum Schluß stellte mein immer noch zerknirschter Vater sein Fahrrad wieder in den Ständer, und wir gingen hintereinander durch die Seitentür in den Gastraum, in dem keine Gäste waren, in dem nur Johanna saß und strickte und ihr Strickzeug nicht weglegte, als sie uns erkannte: Johanna, die früher mit Timmsen verheiratet war und jetzt für ihn arbeitete, antwortete nur sparsam auf unseren Gruß und verschanzte sich hinter ihrer Tätigkeit, und Timmsen selbst lotste uns zu einem Tisch und bemühte sich um den Polizeiposten.

Mit reichlich angestrengtem Eifer bemühte er sich um ihn: wischte energisch den Tisch sauber, sorgte für Untersätze, holte mit vielsagendem Grinsen die Rumflasche für besondere Gelegenheiten aus seinem Schrank, gab zu verstehen, wie großzügig er die Portion bemaß, und so weiter. Mit so viel Zuvorkommenheit hatte er meinen Vater noch nie bedient. Er verstieß auch gleich gegen die Abmachung, indem er die Flasche auf den Tisch stellte, zu beliebiger Selbstbedienung. Auf seinem Gesicht lag jetzt eine wahnwitzige, riskante Heiterkeit; diese Fröhlichkeit, die etwas Bedrohendes hatte, war offensichtlich schuld an dem überstürzten Aufbruch vieler Gäste, und ich weiß noch: es dauerte lange, ehe ich es wagte, von der Limonade zu trinken, die er mir hingestellt hatte. Er bedachte alles sehr genau, und bevor er sich zu uns setzte, vertrieb er Johanna, indem er ihr eine Grimasse schnitt und einen langen Zischlaut ausstieß, einen Laut, mit dem man Hühner vertreibt und der auch zur Folge hatte, daß die breite, nachlässig gekleidete Frau mit dem zusammengesteckten braunen Haarkranz sich erhob, ihre Handarbeit grollend zusammenraffte und verschwand. Er setzte sich zwischen uns. Er hob sein Glas und stieß mit meinem Vater an, stieß auch zwinkernd mit mir an und lieferte nachträglich den Grund zum Trinken: Auf dich, Jens, auf diesen aufschlußreichen Abend.

So saßen wir im ≫Wattblick≪, während auf Külkenwarf mit Sicherheit nach