/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary / Series: Reader's Digest Auswahlbűcher

Bestseller Sonderband 1986

Stefan Murr


Reager’s Digest Auswahlbücher — Sonderband 1986

Stefan Murr and Henry Denker and Gerry M. Glaskin

1986

Inhaltsverzeichnis

I  Affäre Nachtfrost

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Stefan Murr

II  Horowitz und Mrs. Washington

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Henry Denker

III  Das Geheimins von Landfall

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Gerry M. Glaskin

Teil I

Affäre Nachtfrost

Eine Kurzfassung des Buches von Stefan Murr.

Was will der sowjetische Geheimdienst von dem deutschen Beamten Fritz Seyfried, der glücklich verheiratet ist und in geordneten Verhältnissen lebt?

Die östlichen Strategen wissen, wo sie den Hebel ansetzen müssen.

Was geschah mit Obersturmführer Henning von Loßwitz am 15. januar 1945 beim Rückzug der deutschen Truppen in Polen?

Der KGB hat sogar darauf die Antwort in seiner Kartei.

Was kann Fritz Seyfried tun, um den Kampf mit dem übermächtigen Feind durchzustehen?

Vielleicht findet seine Frau Anne in letzter Minute eine Lösung. Aber auch für die Russen steht viel auf dem Spiel. Sie haben den Mann, auf den es ihnen ankommt, ins Visier genommen, und sie verfolgen ihr Ziel rücksichtslos.

1

Der Abend, der sein Leben zum zweitenmal von Grund auf veränderte, war dunkel, windig und kalt. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen. Stoffel und Steffi hatte er von der Leine gelassen, und die beiden Cockerspaniels schossen schnüffelnd auf der Schneefläche hin und her. Manchmal blieben sie zitternd stehen und blickten mit angewinkeltem Vorderbein zurück zu ihrem Herrn.

Fritz Seyfried hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und einen langen Wollschal lose darumgeschlungen. Er ging diesen Weg jeden Tag um dieselbe Zeit, denn die Hunde brauchten ihre Regelmäßigkeit. Während er sie hier oben im Wald spazierenführte, stellte Anne unten im Haus ein kaltes Abendessen auf den Tisch.

Nach einigen Minuten kam er an die Stelle, wo sich durch eine Schneise der Blick auf das Moseltal öffnete. Als er sich abwendete, um, wie er es stets hier tat, umzukehren, schienen ihn einen Augenblick lang seine Sinne zum Narren zu halten. Er sah auf dem leicht abfallenden Waldweg plötzlich drei anstatt zwei Cockerspaniels tollen. Er rief die Namen seiner beiden Lieblinge, die aufs Wort gehorchten und auf ihn zuliefen. Der dritte Spaniel schoß noch eine Weile in der Schneise hin und her und näherte sich dann auch.

Fritz Seyfried schüttelte den Kopf. »Ich dachte schon, ich sehe Gespenster«, sagte er zu dem Mann, der plötzlich aus dem Dunkeln aufgetaucht war und neben ihm stand. Der Fremde lachte. Das gehe ihm auch manchmal so, und dann stelle sich doch alles als ganz normal heraus. Danach beschäftigte er sich angelegentlich mit einer kalten Pfeife. Fritz Seyfried betrachtete den Mann aus den Augenwinkeln. Ungefähr ein Mensch wie ich selbst, dachte er, fünfzig oder etwas mehr, Wintertrenchcoat mit Seidenlammkragen, glatt zurückgekämmtes, etwas schütteres Haar, wahrscheinlich nicht gerade ein Topmanager, eher einer, der sich unter Ausnutzung aller Bausparfinessen und Staatsdarlehen ein Eigenheim erwirtschaftet hat. Das Gesicht des Mannes war flächig und glatt rasiert, eine Brille, die auch jetzt in der Dunkelheit opalisierte, verdeckte die Augen. Alles in allem erweckte der Fremde einen jovialen, freundlichen, aber unscheinbaren Eindruck — wie Herr Jedermann.

»Originelle Namen haben Sie ihnen gegeben«, sagte der Fremde.

»Ein Rüde und eine Hündin«, antwortete Fritz Seyfried. »Dreieinhalb Jahre alt. Gerade im schönsten Alter.«

»Ich weiß«, sagte der Fremde. »Asta ist im gleichen Alter.«

»Ich muß nach Hause.« Fritz Seyfried schlang die Leine einmal um das Gelenk, nachdem er die Karabinerhaken an die Halsbänder der Tiere geschlossen hatte. Mit der freien Hand deutete er den Waldweg hinunter. »Haben Sie die gleiche Richtung?«

»Nein, nein«, antwortete der Fremde. »Ich bleibe noch, aber wir werden uns sicher Öfter hier begegnen.«

Die Hunde drängten heimwärts, und so nickte Seyfried nur. Unbeweglich stand der Fremde da und sah ihm nach.

Da Fritz Seyfried den Hausschlüssel im anderen Mantel hatte, läutete er. Anne öffnete. Weil sie nasse Hände hatte, tat sie es mit dem Ellbogen, ließ die Tür offenstehen und ging sofort wieder in die Küche. Fritz zog den Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und band die Hunde los. Dann rieb er sich die Hände und sah zufrieden um sich. Er liebte das Haus und seine Behaglichkeit. Aus der Küche heraus auf ihn einredend, wollte Anne, wie jeden Abend, alles genau wissen: was er für einen Arbeitstag gehabt habe, wie es mit dem Verkehr gewesen sei, ob er Appetit habe.

Während er pedantisch die Gardinen vor das Panoramafenster zog und die Winternacht aussperrte, brachte Anne das Abendessen. Anne war fünfzehn Jahre jünger als er und dunkelblond. Sie hatte eine stämmige Figur und trug gerne Hosen. In der Gesellschaft für Konzertfreunde, im Tennisclub und bei Veranstaltungen von Fritz Seyfrieds Amt galt sie als apart, war eine begehrte Tänzerin und eine geschickte, diplomatische Gesprächspartnerin.

»Du warst heute ziemlich lange mit Stoffel und Steffi weg«, sagte Anne und biß in ein Käsebrot.

»Ich habe eine Bekanntschaft gemacht«, antwortete Fritz. »Da muß einer zugezogen sein. Hat auch einen Cockerspaniel. Wir würden uns sicher noch öfter treffen, sagte er. Na, irgendwann werde ich schon erfahren, wer er ist.«

___________

Diese Annahme erwies sich indessen als Irrtum. Den bürgerlichen Namen seines neuen Bekannten sollte Fritz Seyfried niemals kehnenlernen. lernen. Der Name, unter dem ihn sein Vermieter und der Briefträger kannten, war falsch, und seinen richtigen Namen kannten derzeit nur drei Männer, von denen keiner ihn jemals preisgeben würde.

Diese Männer wußten, was sie wollten, und hatten die Macht, es zu tun. Sie waren außerdem überzeugt, daß das, was sie taten, das Richtige war. Zwei von ihnen glaubten überdies daran, daß dem System, dem sie dienten, die Zukunft gehörte. Der dritte, Leonid Konstantinowitsch Alikin, Oberst im KGB, dem russischen Komitee für Staatssicherheit, und Koordinator der Aktivitäten der UdSSR und der DDR zur Auflärung operativer Geheimnisse der westdeutschen Bundeswehr, war der einzige unter den drei Männern, der seine Fähigkeiten jedem System zur Verfügung gestellt hätte, das ihm die höchste Machtfülle verlieh und ihn am großzügigsten bezahlte.

Der zweite jener Männer hieß Fjodor Petrowitsch Popow. Dieser Mann trug stets einen Zivilanzug und hatte im übrigen das Aussehen eines kleinen, ausgemergelten Mathematiklehrers mit schütterem, angegrautem Haar, verkniffenem Mund und einer randlosen Brille. Nichtsdestoweniger zählte er zu den gefährlichsten Männern der Welt. Ihm unterstand der legendenumwitterte Zentralindex des sowjetischen Generalstabes im Zentrum Moskaus, in dessen Akten und auf dessen Datenträgern eine ungeheure Anzahl von Personen, Querverbindungen und Informationen gespeichert sind. Er war der Mann, dessen Lebensaufgabe darin bestand herauszufinden, wie man an Personen irgendwo auf der Welt herankommen konnte, deren Bereitschaft zur Mithilfe der dritte der Männer besonders aus militärischen Gründen für notwendig hielt.

Dieser Dritte war Alexei Adrianowitsch Soltjakin, Chef der II. Abteilung der sogenannten GRU, des Zentralen Geheimdienstes des Generalstabs der Sowjetarmee. Dieser Mann besaß nicht nur einen militärischen Rang, sondern er war wirklich Soldat: ein großer, kräftiger Mensch mit einer Neigung zur Körperfülle, der ein breitflächiges Gesicht hatte, in welchem listige Äuglein glitzerten. Darüber sprangen buschige Brauen vor, die dunkel geblieben waren, obwohl das dichte Haupthaar schon silberweiß glänzte.

Diese drei Männer saßen in einem Konferenzraum des Verteidigungsministeriums. Alikin und Soltjakin waren weit in ihre Sessel zurückgelehnt und hörten Fjodor Petrowitsch Popow zu, der Akten und Papiere vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

Nach dem Ende von Popows Vortrag blieb Alikin noch mit halbgeschlossenen Augen in der bequemen Haltung, die er beim Zuhören eingenommen hatte, und dachte nach. Dann öffnete er die Augen.

»Und wie seid ihr auf diesen Mann aufmerksam geworden?« fragte er.

»Durch einen Zufall«, sagte Popow. »Es fing damit an, daß wir den Auftrag erhielten, unser gesamtes Aufklärungsmaterial aus den Kriegstagen zu überprüfen und alle Vorgänge von Bedeutung neu zu systematisieren. Dabei stieß ich auch auf unsere Stabsakte über von Loßwitz. Henning von Loßwitz war uns bekannt als der dienstgradjüngste Obersturmführer der Waffen-SS, soviel also wie ein Oberleutnant. Er war Kompaniechef einer Panzereinheit der Deutschen, der die Fronterprobung der jeweils neuesten Panzerentwicklungen der Faschisten anvertraut war. Ein fanatischer Soldat mit großer Fachkunde und persönlicher Courage. Einer von denen, die wir gerne lebend gehabt hätten. Die Offiziere dieses Verbandes wurden häufig in Hitlers Hauptquartier kommandiert. Als sich 1943 bei Kursk und Orel das Blatt wendete und die Faschisten zurückmußten, stiegen unsere Chancen, solcher Leute habhaft zu werden, und es entstand eine Akte. Diese Akte schloß mit einem schriftlichen Bericht aus dem Februar 1945, als unsere Truppen an der Oder angelangt waren. Von Loßwitz’ Einheit war zum Zeitpunkt unserer Baranów-Offensive am 12. Januar 1945 der 4. Panzerarmee des Generals Graeser unterstellt.«

Soltjakin nickte bestätigend. »Von denen blieb nicht viel übrig damals. Die Front der Faschisten riß schon in den ersten beiden Stunden auseinander, und wir trieben sie im Verlauf von zwei Tagen zurück bis an den Pilica-Fluß.«

»In diesem Bericht hier«, fuhr Popow fort, »steht, daß von Loßwitz an den Kämpfen um den Pilica-Übergang beteiligt war. Am 15. Januar überrannten unsere Truppen einen deutschen Hauptverbandsplatz, auf dem die Faschisten nur ihre Toten zurückgelassen hatten. Unter ihnen fanden wir auch einen Toten, der das Soldbuch und die Erkennungsmarke von Henning von Loßwitz bei sich trug.«

»Und wie kam der Berichterstatter damals darauf, daß der Tote nicht von Loßwitz war?« fragte Alikin.

»Die kamen überhaupt nicht darauf. Er kam darauf, er …« Soltjakins massiges Kinn deutete in die Richtung von Popow. »Und das erst Jahre danach.«

»Nicht nur die Toten des Hauptverbandsplatzes fielen uns damals in die Hände«, fuhr Popow fort, »sondern auch die Dokumente und Listen. Daraus war zu ersehen, daß ein einfacher SS-Mann namens Fritz Seyfried schwer verwundet eingeliefert worden war. Unter den Toten fehlte dieser Fritz Seyfried aber. Und seine Papiere fehlten auch. Sie wissen, daß wir damals die Papiere gefallener Faschisten brauchten, um mit ihnen unsere eigenen Leute nach drüben zu schicken. Aus diesem Grund wurde es vermerkt.«

»Und daraus haben Sie auf der Stelle geschlossen …«, begann Alikin einen Satz, der aber angesichts Popows eisigem Lächeln gefror.

»Ich habe das ad acta gelegt, Genosse Oberst, und es fiel mir erst wieder ein, als einige Jahre später die zweite Komponente dazukam. Einer unserer Leute schickte damals eine Routinemeldung aus Westdeutschland, die besagte, daß ein Mann namens Fritz Seyfried als Experte für Panzerfragen in die damalige Organisation des Generals Gehlen eingetreten war. Die Amerikaner betrieben die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Und dieser Mann, Fritz Seyfried, ging mir monatelang nicht aus dem Kopf. Ich wußte genau, daß ich einer Sache von allergrößter Bedeutung auf der Spur war, und fand das verbindende Glied nicht. Ich hielt mir oft den Verlauf unserer damaligen Fronten vor Augen, versuchte mich in Operationen, Stimmungen, Wetterlagen, Landschaften, Jahreszeiten hineinzuversetzen, und ganz allmählich entstand in meinem Unterbewußtsein wieder dieser 14. Januar an der mit Treibeis bedeckten Pilica. In einer Nacht gegen drei Uhr morgens ließ ich mich ins Amt fahren und zog mit diesen Vorgang von Loßwitz noch einmal heraus. Und da wurde ich dann endlich fündig.« Popow breitete drei engbeschriebene Blätter vor sich auf der Tischplatte aus. »Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß der damalige Obersturmführer Henning von Loßwitz in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar die Identität jenes gefallenen SS-Mannes Fritz Seyfried angenommen hat und unter diesem Namen direkt an derjenigen Stelle in Westdeutschland sitzt, auf die Genosse Rodionowski unsere Bemühungen konzentriert sehen will.«

»Haben Sie Beweise?« fragte Alikin.

»Wie man es nimmt«, antwortete Popow. Er verdunkelte den Raum und betätigte einen Originalvorlagenprojektor. Unversehens befanden sich die drei Männer in jenem unterirdischen Befehlsbunker, von dem aus der Führer in den letzten Kriegsmonaten nach dem Attentat seine Dispositionen getroffen hatte. Hitler selbst war auf der rechten Bildseite zu sehen, wo er durch eine Lupe eine Fotografie betrachtete, die ihm augenscheinlich von einem der drei jungen SS-Führer übergeben worden war, die ihn in schwarzer Panzertruppen-uniform auf der linken Bildseite halbkreisförmig einrahmten. »Mir fiel die Ähnlichkeit sofort auf, als ich es sah. Haben Sie den geringsten Zweifel?«

Popow rückte in dem Projektor an der Vorlage und legte ein Bild Fritz Seyfrieds aus jüngster Zeit daneben. Es zeigte Seyfried, der in gebückter Haltung mit einem seiner Hunde spielte. Das Haar war schütter und das Gesicht satter geworden, doch die Zeichnung der Augenbrauen, der Augenschnitt, die breite Nasenwurzel und die schmale Form der Lippen waren unverkennbar.

»Wie alt ist der Mann heute, Fjodor Petrowitsch?«

»Knapp sechsundfünfzig Jahre. Jahrgang 1924.«

»Und wie alt wäre der echte Fritz Seyfried?«

»Über den echten Fritz Seyfried war wenig in Erfahrung zu bringen. Wir haben einen Suchantrag beim Roten Kreuz stellen lassen. Es scheint niemanden zu geben, der sich um ihn kümmert. Familien dieses Namens gab es im Banat, in den Karawanken, im Sudetenland. Der echte Seyfried scheint Volksdeutscher gewesen zu sein.«

»Und die Familie von Loßwitz? Hat sich da auch niemand um den Sprößling bemüht?«

»Da gibt es nur noch zwei entfernte Verwandte«, erwiderte Popow. »Für die ist von Loßwitz als vermißt gemeldet und die Sache erledigt. Und Seyfried ist niemand, dessen Bilder durch die Presse gehen. Die müßten ihm schon persönlich begegnen und ihn direkt erkennen. Das ist unwahrscheinlich und auch bisher noch nicht geschehen. Auch über von Loßwitz hatten wir einen Suchauftrag beim Roten Kreuz lanciert. Seine Spur endet am 15. Januar 1945, sechsundzwanzig Kilometer westlich der Stadt Tomaszów, wahrscheinlich in einem Sammelgrab.«

Alikin betrachtete nachdenklich das überlebensgroße Foto auf der Projektionsfläche. Nach einer Weile sagte er: »Seyfried ist der Mann, der angeblich Zugang zu allem hat, was wir wissen müssen. Von mir aus haben Sie grünes Licht, Genossen.«

In diesem Augenblick wurde der eine Flügel der schweren eichenen Doppeltür geöffnet. Zwei weitere Männer betraten mit raschen, energischen Schritten den abgedunkelten Raum. Die drei Anwesenden erhoben sich. Der eine der Eintretenden, im dunkelblauen Maßanzug mit Nadelstreifen, mittelgroß, mit randloser Brille und in die Halbglatze übergehender hochgewölbter Stirn, war Dmitri F. Ustinow, Verteidigungsminister der UdSSR. Der zweite, untersetzt, in zweireihigem Waffenrock mit dunklem Binder und langer dunkler Hose, war L. A. Rodionowski, General der Raketentruppen und Chef des Generalstabs der Roten Armee.

Ustinow reichte jedem der drei anwesenden Männer kurz die Hand. Eine weitere knappe Handbewegung ließ die Männer Platz nehmen. Adolf Hitler und seine jungen Offiziere verschwanden von der Projektionsfläche. »Haben Sie die Genossen schon informiert, Soltjakin?« fragte der Minister.

»Wir haben soeben Details besprochen, als Sie eintraten«, antwortete Soltjakin. »Man kommt an jeden Mann im Westen heran. Die Frage ist nur, zu welchem Preis.«

»In diesem Fall ist es anders«, sagte Popow. »Wir wollen keinen V-Mann auf die übliche Ochsentour anwerben, sondern wir brauchen einen bestimmten Mann für bestimmte Informationen.«

»Und diese Informationen sollen so brisant sein, daß Sie von mir verlangen, meine ›Gruppe Nachtfrost‹ dafür zu gefährden?« fragte Alikin fast beiläufig. »Dazu wollten Sie uns etwas sagen, Genosse Ustinow.«

Der Minister ließ seinen Blick über die Gesichter der anwesenden Männer schweifen. Dabei funkelten die Gläser seiner Brille. Dann begann er zu sprechen: »Die Deutschen haben ein Verfahren zur Panzerungsherstellung erfunden, das ihren kommenden Kampfpanzer Leopard 2 praktisch unverwundbar macht. Wenn wir auch von uns aus nach Westen nicht angreifen wollen, so können wir doch eines Tages dazu gezwungen werden. Mit einer konventionell unverwundbaren NATO-Panzerwaffe können auch gegen unsere an Zahl und Feuerkraft überlegenen Korps tödliche Stöße tief in die Flanke geführt werden. Wenn wir nicht innerhalb von etwa zwölf Monaten im Besitz dieses Geheimnisses sind, könnten wir vor der Situation stehen, unsere operative Planung umzukrempeln und neu zu gliedern. Sollten Sie also an eine Person herankommen, die Zugriff zu den Unterlagen hat, dürfte dieser Mann unsere wichtigste Figur der achtziger Jahre auf dem westeuropäischen Schachbrett sein. Haben Sie einen solchen Mann?«

Popow betätigte den Schalter des Projektors. Überlebensgroß erschien wieder der Führer im Kreise seiner jungen Offiziere.

»Wir haben ihn, Genosse Ustinow. Diesen hier.« Ein Lichtpfeil geisterte über die Projektionsfläche, blieb über dem Kopf eines der jungen Männer stehen. »Obersturmführer Henning von Loßwitz, schon damals Hitlers Panzerexperte für die Fronterprobung neuer Typen, arbeitet heute unter geänderter Identität an maßgebender Stelle beim Amt für Wehrtechnik und Beschaffung der Bundeswehr.«

»Und an diesen Mann ist heranzukommen?«

Popow antwortete: »Wir sind schon an ihm dran. Das Ganze läuft im Bereich der Gruppe Nachtfrost an. Das sind unsere am besten getarnten und informierten Leute in Westdeutschland. Nachtfrost hat ihm zunächst Drohne angehängt. Der Kontakt läuft so, daß er jederzeit ausgebaut werden kann.«

»Ist der Mann Ihnen sicher?«

»Absolut sicher«, sagte Popow; »Er kann nur einsteigen oder Selbstmord begehen. An Fritz Seyfried kann man nur auf zwei Wegen herankommen.«

»Und die sind?« fragte Alikin.

»Einmal seine gesellschaftliche Stellung, und zum zweiten seine Frau Anne. Seyfrieds Schwiegervater ist Reinhard Hobarth, ein Altliberaler im Abgeordnetenhaus von West-Berlin. Mann mit Prinzipien, früher Nazigegner, Zentralfigur der Koalitionsquerelen im Berliner Senat. Ein Mann, der eine saubere Weste hat. Der Schwiegersohn ist fest einbetoniert in die bourgeoisen Gesellschaftsstrukturen und voll etabliert. Das wirkt sich bis in seine Stellung im Amt und die gesellschaftliche Reputation des Ehepaares in dessen Kreisen am Wohnort aus. Seyfried gilt in der Gesamtbeurteilung als integer. Wo immer er jemanden ins Vertrauen zöge, würde er sich sein eigenes Grab schaufeln. Die Drohung mit der Enthüllung, daß ein etablierter bürgerlicher Rüstungsfunktionär, Schwiegersohn Hobarths, Geheimnisträger der Bundeswehr, früher Hitlers Vertrauter in Panzerfragen war, Dutzende unschuldiger Zivilisten aus Feigheit in die Luft gesprengt und dann einen Generalstabsmajor des deutschen Heeres kaltblütig ermordet hat, das alles dürfte genügen, um auch einen stahlharten Fritz Seyfried gefügig zu machen.« Und nach einer Pause: »Wenn er überhaupt noch stahlhart sein sollte. So etwas überlebt sich im Westen.«

»Zivilisten? Mord?« fragte Alikin. »Wann ist das geschehen?«

»Diese Details wird General Soltjakin Ihnen anschließend vortragen. Beim Übergang unserer Truppen über die Pilica am 14. Januar 1945 ist nämlich noch mehr geschehen als das, was Sie bereits wissen.«

»Januar ’45 …« Alikin schüttelte den Kopf. »Das ist fünfunddreißig Jahre her. Das ist doch bei denen verjährt.«

Popow lächelte. »Die Abgeordneten des westdeutschen Bundestages haben die gesetzliche Verj ährungsfrist für Mord generell aufgehoben. Danach kann Seyfried wegen eines Mordes im Jahr 1945 unbegrenzt verfolgt und belangt werden.«

»Ein Mord vor fünfunddreißig Jahren, Popow … Wenn Sie da mit; einem Strafprozeß operieren, werden Sie Beweise liefern müssen. Haben Sie daran gedacht?«

»Natürlich habe ich daran gedacht«, sagte Popow. »Und ich versichere Ihnen, ich hätte die Sache gar nicht angefaßt, wenn ich diesen Beweis nicht liefern könnte.« Er wendete sich an Generalmajor Soltjakin. »Und nun bist du an der Reihe, Alexei Adrianowitsch. Erzähle uns, was das 3. Gardeschützenkorps beim Übergang über die Pilica am Morgen des 15. Januar 1945 vorgefunden und protokolliert hat.«

2

Am 12. Februar war die Kälte, die für eine gewisse Zeit geherrscht hatte, längst gebrochen. Fritz Seyfried hatte Anne am Abend vorher gebeten, den Wecker rechtzeitig zu stellen, weil er diesen Tag auf einem Panzerschießplatz der Bundeswehr verbringen mußte und den Hubschrauber bereits um sechs Uhr auf den Start- und Landepunkt vor seinem Amt bestellt hatte. Also hatte der Wecker im Schlafzimmer der Seyfrieds schon um vier Uhr gesummt. Im Morgenmantel hatte Anne rasch ein Frühstück herangezaubert, während Fritz Überfallhosen, Schnürstiefel, ein grobes Hemd und einen Pullover angezogen hatte. Das Frühstück nahm er im Stehen in der Küche ein, nachdem er seiner Frau zuvor zum Geburtstag gratuliert hatte. Dabei hatte er ihr versprochen, pünktlich zu dem kleinen Fondue-Essen wieder zurück zu sein, das sie für ihren Vater, die Schwester und zwei befreundete Ehepaare heute abend arrangiert hatte.

Nachdem er seinen zu solcher Stunde ohnehin nicht sehr großen Appetit befriedigt hatte, zog er seinen schon ziemlich mitgenommenen Parka an, verließ das Haus und fuhr in sein Amt.

Als er in die Nähe des Gebäudes kam, sah er, in das Licht von Scheinwerfern getaucht, den dunkelgrünen Hubschrauber bereits warten. Seyfried fuhr den Wagen vor das Hauptportal und bat den Nachtportier, ihn in die Tiefgarage zu bringen. Er ging rasch hinüber zu der Maschine, wo er die Besatzung und den Major aus dem Ministerium begrüßte, den man ihm zur Begleitung geschickt hatte. Die Männer bestiegen den Hubschrauber, die Türen wurden geschlossen, und knatternd setzten sich die Rototblätter in Bewegung. Die Maschine hob ab und ging auf Kurs. Neunzig Minuten nach dem Start trafen sie auf dem Truppenübungsplatz Munsterlager ein.

In einer halben Stunde begann die Übung. Es waren starke Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. In einer Baracke versammelten sich bei einem Becher Kaffee die Offiziere und Techniker, Wissenschaftler und Industriellen, die an diesem Tage an der ersten praktischen Erprobung des epochemachenden, in deutschen Labors entwickelten Panzerstahls teilnahmen. Fritz Seyfried, der bei Entwicklung, Erprobung und Verwendung dieses Materials an einer zentralen Koordinationsstelle saß, begrüßte fast alle der Anwesenden.

Schon nach wenigen Minuten meldete eine Ordonnanz, daß die Fahrzeuge bereitstanden. Man begab sich nach draußen. Die Männer bestiegen offene geländegängige Fahrzeuge. Das Erprobungsgelände war weitläufig und leicht hügelig. Der Konvoi fuhr die Zieldarstellungen ab.

Ein Offizier im schwarzen Barett erläuterte. Es handelte sich um Prototypen des neuen Materials, quadratische Panzerplatten im Durchmesser von etwa zwei mal zwei Meter, die, teils in Betonbettungen, teils in Holzattrappen eingebaut, im Gelände standen. Alle waren angeschlossen an feinnervige Registriersysteme, denn die Reaktion des beschossenen Materials mußte wissenschaftlich-technisch bis in die winzigsten Einzelheiten hinein analysiert und ausgewertet werden. Der so entstehende Bericht war ein Teil jenes Informationsprogramms, das Fritz Seyfried später den Verteidigungsministern des Bündnisses in einer geheimgehaltenen Konferenz in Brüssel präsentieren sollte.

Nachdem das Zielgelände abgefahren war, steuerte der Konvoi einen von einem sonderbaren zuckerhutähnlichen Bunker gekrönten Hügel an, wo Feldstecher hinter einer hölzernen Brustwehr bereitlagen. Nachdem sämtliche Teilnehmer des Erprobungsschießens ihre Plätze eingenommen hatten, führte der Panzergeneral, der die Übung leitete, ein kurzes Telefongespräch und erklärte den übrigen Herren, daß er soeben das Feuer freigegeben habe.

Die Feldstecher richteten sich auf einen etwa zwei Kilometer entfernten Waldrand zur Rechten, wo nach wenigen Augenblicken Panzerfahrzeuge zwischen den Bäumen hervorbrachen und nach einem genau ausgearbeiteten Plan das Feuer auf die Attrappen im Gelände eröffneten. Orangerote Feuerbälle quollen aus den Mündungen der Geschütze, weißgraue Qualmwolken waagerecht vor sich herfegend.

Drei Stunden lang war das Ubungsfeld ein Hexenkessel hin und her jagender Panzerriesen, heulender Geschosse, aufspritzender Einschlagfontänen und im Winde abtreibender weißgrauer Qualmschwaden. Anschließend wurde das Zielgelände abgefahren und die Feuereinwirkung auf die einzelnen Attrappenziele in Augenschein genommen.

Angesichts der offensichtlichen Widerstandskraft des neuentwickelten Materials stieg die Stimmung unter den Herren beträchtlich. Im Barackenlager waren ein einfacher Imbiß und ein Umtrunk vorbereitet. In der Wärme der Baracke und befeuert durch die herumgereichten Schnäpse, lockerte sich die Stimmung noch weiter. Trinksprüche wurden ausgebracht. Fritz Seyfried war der Mittelpunkt mancher Diskussionsgruppe. Gegen drei sah er auf die Uhr und verabschiedete sich. Heute sei der Geburtstag seiner Frau, und er habe versprochen, pünktlich zu sein.

In einem Geländewagen wurde Seyfried zu seinem Hubschrauber zurückgefahren, startete wenig später und landete kurz nach halb fünf auf der kreisförmigen Betonplatte vor seinem Amt. Da er schon einmal hier war, beschloß er, noch nach der Tagespost zu sehen. Serafin Kullnau, der Chefpförtner, staunte nicht schlecht, als er Seyfried mit dreckigen Hosen und Stiefeln die Treppe zum Hauptportal heraufkommen sah. Er eilte zur Schwingtür und riß sie dem Ministerialdirigenten Fritz Seyfried auf.

»’n Abend, Herr Seyfried. Verdammt dreckiges Wetter heute für ’n Flug mit so einem Vogel, was?«

»Es geht, es geht. Tun Sie mir einen Gefallen, Kullnau?«

»Aber immer, Herr Seyfried.«

»Dann rufen Sie meine Frau an, daß wir gut runtergekommen sind. Und sagen Sie ihr, daß ich pünktlich nach Hause komme.«

Kullnau zog Seyfried die Aufzugstür auf. »Mach ich, Herr Seyfried. Herr Lockschmidt wartet auf Ihren Anruf« Die Aufzugstür fuhr zu.

Im neunten Stock verließ Seyfried den Fahrstuhl und schritt den Flur entlang.

In seinem Zimmer angelangt, nahm er den Telefonhörer ab. Lockschmidt war von Kullnau schon verständigt worden, daß Seyfried wieder im Amt war, und stand auf Abruf bereit. Was denn anliege, fragte Seyfried.

»Das Ministerium hat ein Memorandum wegen der NATO-Ministerkonferenz geschickt«, sagte Lockschmidt.

»Wie kommt denn so etwas an dich, Hans?« fragte Seyfried. »Das ist doch gar nicht dein Ressort.«

Hans Lockschmidt hatte im Amt für Wehrtechnik und Beschaffung drei heikle Aufgaben, nämlich die Pflege der Öffentlichkeitsarbeit, die Wahrnehmung der Pflichten als Sicherheitsbeauftragter und den Vorsitz des Personalrats im Amt.

»Es geht dabei nicht um Sachfragen«, beeilte sich Lockschmidt festzustellen. »Es geht nur um Zeitpunkt, Ablauf und Organisation. Aus diesem Grund ist der Vorgang bei mir gelandet. Wenn es dir recht ist, komme ich damit rauf. Wie war das Schießen?«

»Der erwartete Erfolg«, sagte Seyfried. »Es ist mir recht. Ich warte auf dich.«

Seyfried legte den Hörer auf und begann, die Post durchzusehen. Schon nach wenigen Augenblicken trat Hans Lockschmidt in sein Büro, mit dem elastischen Schritt des fünfzehn Jahre Jüngeren. Er hatte einen Schnellhefter in der Hand, den er auf Seyfrieds Schreibtisch klatschen ließ, bevor er sich Seyfried gegenüber setzte. Seyfried blätterte den Schnellhefter flüchtig durch und legte ihn dann zurück auf den Schreibtisch. »In drei bis vier Wochen können sie die Analyse und Auswertung über das heutige Erprobungsschießen fertig haben, sagte General Harms.«

»Das wäre dann ungefähr Anfang bis Mitte März.« Lockschmidt machte sich eine Notiz.

Seyfried öffnete den Seitenschrank und holte eine Kognakflasche hervor. Auf ein aufforderndes Augenzwinkern hin holte Lockschmidt zwei Gläser. Seyfried goß ein und schob eines von ihnen zu Lockschmidt hinüber. Sie prosteten einander zu.

Seyfried sah auf die Armbanduhr. »Jetzt mach ich, daß ich nach Hause komme. Ihr erscheint ja heute abend auch?«

Lockschmidt und seine Frau Ray, eine charmante Indonesierin, gehörten zu den Gästen, die Arme Seyfried zu dem Fondue-Essen erwartete.

»Natürlich«, sagte Lockschmidt. »Wie war das mit dem Anzug?«

»Leger«, meinte Seyfried und hob den Hörer des Telefons ab, um Kullnau zu bitten, ihm den Wagen aus der Tiefgarage zu fahren. Lockschmidt ging aus dem Zimmer, und Seyfried löschte das Licht und verließ den Raum.

Unten in der Eingangshalle kam ihm Kullnau bereits entgegen, die Wagenschlüssel in der erhobenen Hand. »Der Wagen steht vorne, Herr Seyfried. Ihre Batterie hätte es nötig. Wenn Sie ihn mal ein paar Stunden nicht brauchen, lasse ich Ihnen das machen.«

Seyfried nahm die Schlüssel in Empfang. »Danke, Kulinau. Immer dasselbe bei diesem Wetter. Ich komme darauf zurück.«

___________

Als Seyfried den Berg hinauffuhr und um die Kurve bog, sah er Friskas Wagen vor dem Haus stehen. Obwohl er gewußt hatte, daß Friska und sein Schwiegervater heute zum Geburtstagsfondue kommen würden, hatte er den Tag über nicht mehr daran gedacht. Er mochte seinen Schwiegervater, den weißhaarigen alten Herrn, mit fast achtzig noch immer angefüllt mit liberalen Prinzipien und demokratischen Idealen. Friska war Annes Zwillingsschwester und folglich ebenfalls heute Geburtstagskind, in Wesen, Äußerem und Charakterzügen Anne außerordentlich ähnlich, einstmals Franziska getauft, was Anne nicht hatte aussprechen können. Deshalb wär ihr das kürzere Friska geblieben.

Als Fritz den Wagen geparkt hatte und das Haus betrat, hörte er bereits die dröhnende Stimme des alten Herrn und das Lachen der Frauen. Er hängte seine Feldmütze an einen Haken in der Garderobe und betrat, während erdie Knöpfe des Parka öffnete, das Wohnzimmer mit dem schönen Blick auf das Lichtermeer des Mosel- und Rheintales. Der alte Herr stand mit einem halbgeleerten Whiskyglas in der Hand vor dem Kamin.

»Hallo!« tiefer, als er seinen Schwiegersohn sah, und hob sein Glas. »Da bist du ja.« Er wartete, bis Fritz die Frauen begrüßt hatte, und hielt ihm dann die Rechte hin.

»Wo hast du Heinz gelassen?« fragte Seyfried seine Schwägerin.

»Der hat schon früh einen Termin. Wir feiern morgen abend zusammen in Berlin nach.«

Heinz Pankraz war seit ein paar Jahren Rechtsanwalt in Berlin, Partner einer großen Kanzlei, die sich in erster Linie mit Wirtschaftsrecht befaßte.

Der alte Hobarth goß jetzt auch Fritz einen Whisky ein und drängte ihm das Glas jovial auf. Sie prosteten auf die beiden Geburtstagskinder. Während dieser Zeremonie läutete es an der Eingangstür. Es kamen neue Gäste. Anne schickte Fritz nach oben, damit er sich duschen und umkleiden konnte. Als er nach einer halben Stunde erfrischt wieder nach unten kam, waren Lockschmidts eingetroffen, und Bastians aus Bad Godesberg wurden noch erwartet. Fritz wehrte Stoffel und Steffi ab, die an ihm hochsprangen. »Am besten gehe ich noch mit den beiden raus«, rief er Anne zu, die mit der Stundenfrau in der Küche wirtschaftete.

Arme erklärte, daß es bis zum Essen noch zwanzig Minuten dauern werde. Fritz fuhr in einen hellen Regenmantel und stülpte sich eine Mütze auf den Kopf. Er nahm die Leine vom Brett, hakte sie bei den beiden Spaniels an den ledernen messingbeschlagenen Halsbändern ein und machte sich mit den Hunden auf den gewohnten Weg.

Auf den Mann, den sie Drohne nannten, traf er an der Weggabelung in der Waldparzelle, dort, wo der alte Meilenstein stand. Der Schnee war verschwunden. Es war feucht, finster und kalt. Die beiden Männer standen nebeneinander und beobachteten das Herumtollen ihrer Lieblinge.

Der Fremde machte eine Bemerkung über das Wetter. Er hatte diese Szene lange erwogen. Es kam alles darauf an, einen alarmierenden Einstieg zu finden, der Seyfried so schockierte, daß er von vornherein in die Defensive geriet. Aber sein Opfer machte es ihm leichter, als er zu hoffen gewagt hatte. Seyfried rückte mit der Linken an seiner Mütze und sagte: »Eigentlich wird es Zeit, daß wir uns bekannt machen …«

Er hielt dem anderen die Rechte hin und stockte, als der Fremde keinerlei Anstalten traf, sie zu ergreifen.

»Das ist nicht notwendig, Loßwitz. Ich weiß genau, wer Sie sind.«

Seyfried zog seine Rechte zurück. Er hatte nicht damit gerechnet, daß es noch einmal kam. Er schwieg und starrte den anderen an. Was wollte dieser Mann von ihm?

Die erste und einfachste Möglichkeit war, daß der Mann durch einen Zufall auf die Spuren seiner, Seyfrieds, früheren Existenz gestoßen war, aber keine Detailkenntnisse besaß; daß er nun auf gut Glück versuchte, in Erfahrung zu bringen, was aus der Sache herauszuschlagen war. Diese Möglichkeit wäre harmlos. Er würde dem Mann die kalte Schulter zeigen.

Die zweite Möglichkeit lag in intimerer Detailkenntnis und einer gezielten privaten Erpressung. Auch in diesem Fall, überlegte Fritz Seyfried kühl, war es zweifellos das beste, Hochmut zu zeigen und ohne ein weiteres Wort nach Hause zu gehen.

Die dritte Möglichkeit war die gefährlichste. Es war die Möglichkeit, daß hinter diesem Mann andere Männer standen, andere Interessen, Systeme und Welten. Fritz Seyfried wußte natürlich, daß seine waffentechnischen Kenntnisse für viele andere von unschätzbarem Wert waren. In seinem Amt war er deshalb Geheimnisträger Nummer eins.

Mehr und mehr verdichtete sich während der wenigen Sekunden, die er schwieg, die Befürchtung, daß es sich um diese dritte und gefährlichste Möglichkeit handelte. In diesem Fall mußte er erfahren, was der Mann wußte und was er wollte.

Nachdem ihm all dies in computerhafter Schnelligkeit durch den Kopf gegangen war, fragte Fritz Seyfried den Fremden, wer er sei, woher er den genannten Namen zu kennen glaube und was er mit all dem wolle.

Der Fremde schien etwas Ähnliches erwartet zu haben. »Wer ich bin, muß ich Ihnen leider verheimlichen. Es zu wissen, würde Ihnen auch nichts nützen. Was ich von Ihnen will, werde ich Ihnen zu gegebener Zeit mitteilen. Und was ich von Ihnen weiß, sage ich Ihnen jetzt. Ich habe vor mir Klaus Heinrich, genannt Henning von Loßwitz, geboren am 25. April 1924 in Rodtkau in Schlesien. Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt von Feldafing am Starnberger See, zuletzt Obersturmführer in der 7. SS-Panzerdivision. Träger des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes und gefallen am 15. Januar 1945 in Tomaszów an der Pilica.« Der Fremde machte eine bedeutsame Pause, bevor er fortfuhr: »Ihr Leichnam ruht in polnischer Erde, Loßwitz. Trotzdem werden Sie kaum bestreiten können, daß ich diesem Mann derzeit gegenüberstehe.«

Fritz Seyfried brauchte den Mann gar nicht mehr zu fragen, woher er so viel wußte. »Ihre Informationen können nur aus Unterlagen in den Archiven der sowjetischen Armee stammen«, sagte er mit rauher Stimme. »Ich nehme das zur Kenntnis. Ich gebe zu, ich bin derjenige, den Sie in mir vermuten. Was wollen Sie damit erreichen? Ich war Soldat wie Millionen andere, überzeugt, für die richtige Sache einzutreten. Mein Jahrgang und mein Dienstgrad fallen unter die Jugendamnestie.«

Der Mann ihm gegenuber lachelte. »Dann lst die Frage also nur noch, Loßwitz, weshalb Sie damals in die Identität des Gefreiten Fritz Seyfried geschlüpft sind und warum Sie diese bis zum heutigen Tage behalten haben. Hatten Sie etwas zu verbergen?« Der Mann, den sie Drohne nannten, machte eine Pause und fragte mit verändertem Tonfall: »Der Name Kayser ist Ihnen doch gegenwärtig, Loßwitz? Herbert Kayser, Major im Generalstab, 1a der 103. Volksgrenadierdivision, oder?«

In Fritz Seyfried glomm die Vergangenheit auf. Womit zum Teufel hatte er es verdient, daß diese Erinnerungen gerade heute aus der Vergessenheit emporstiegen? »Ich habe das Haus voller Gäste«, fuhr er den Fremden an. »Hat das nicht Zeit bis …«

»Nein«, erwiderte der andere kurz. »Der tote Major läßt sich aus Ihrem Leben nicht mehr tilgen. Sie haben gehofft, daß die Verjährungsfrist für Mord verstreichen würde, bevor man Ihre wirkliche Identität entdeckte.«

»Das war alles ganz anders«, sagte Seyfried.

»So was können Sie leicht behaupten«, antwortete der Fremde ungerührt. »Aber haben Sie dafür Zeugen? Können Sie das beweisen?«

»Zeugen?« fragte Seyfried. »Beweise? Wie wollen Sie heute nach Fünfunddreißig Jahren noch etwas beweisen?«

»Wir können das«, sagte der andere. »Wir werden einen Prozeß aufrollen. Wir werden beweisen, daß es so war, wie wir sagen. Unsere Akten besagen, daß Sie in der Nacht von Tomaszów die Pilicabrücke aus Angst zu früh gesprengt haben …«

»Nein«, rief Seyfried, »das ist nicht wahr.«

»Und daß Sie«, fuhr der Fremde fort, »den Generalstabsmajor Herbert Kayser, der Sie daran hindern wollte, durch zwei Pistolenschüsse in den Rücken ermordet haben.«

»Sie müssen wahnsinnig sein. Das wollen Sie also alles beweisen?«

»Ja«, sagte der Mann mit der opalisierenden Brille. »Die Sache hat mehrere Seiten. Die Angehörigen des toten Majors leben noch. Wenn wir sie davon in Kenntnis setzen, daß der Major nicht im Kampf vor dem Feind‘gefallen, sondern hinterrücks von einem Untergebenen erschossen worden ist, der noch lebt und sich der Verantwortung bis heute entzogen hat, werden sie sicher diesem Prozeß beitreten und außerdem Schadenersatzansprüche stellen. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, wie all das von Ihren Vorgesetzten im Amt, von der Öffentlichkeit oder von Ihrem Schwiegervater aufgenommen würde, von Ihrer Frau ganz zu schweigen.«

»Hören Sie auf«, herrschte Seyfried den Unbekannten an. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich das Haus voller Gäste habe. Ich brauche Bedenkzeit.« Zwischen den Bäumen hallte eine suchende Stimme. »Was soll ich denen denn sagen?«

»Ihnen wird schon etwas einfallen«, antwortete der Mann. »Und denken Sie daran: Sie haben es mit einer Organisation zu tun, die erreicht, was sie erreichen will. jeder Kontakt, jeder falsche oder für uns verdächtige Schritt würde tödliche Folgen haben. Wir kennen Ihre Gewohnheiten, wir hören jedes Wort, das Sie in Ihrem Hause und auch in Ihrem Amt sprechen. Wir kennenjedes Telefonat, das Sie oder Ihre Frau führen. Sie können uns nirgends entrinnen, Seyfried. Sie haben nur zwei Möglichkeiten, entweder Sie schließen sich uns an, oder …«

»Oder …?« fragte Seyfried.

»Oder Sie nehmen alles in Kauf, was sich daraus ergibt, daß Sie es nicht tun. Sie haben ein paar Tage Zeit, um sich auf Ihre neue Situation einzustimmen. Danach werden Sie erneut angesprochen werden. Man wird Ihnen dann Einzelheiten mitteilen. Gute Nacht.« Mit diesem zynischen Gruß verschwanden der Mann mit der Brille und sein Hund zwischen den Fichten.

Fritz Seyfried war mit Stoffel und Steffi, die sich inzwischen ausgetobt hatten, allein. Weiter unten erkannte er jetzt in der Dunkelheit Hans Lockschmidt an dessen weißem Regenmantel.

Seyfrieds erster Impuls bestand in dem übermächtigen Wunsch, niemanden zu sehen, mit keinem zu reden, bevor er nicht den Schock dieser Viertelstunde überwunden hatte.

So wie die Dinge lagen, half jetzt aber nur der Versuch, Haltung zu bewahren.

»Fritz, Menschenskind, warum sagst du denn nichts«, hörte er die atemlose Stimme des Freundes. »Steht hier mitten im Wald herum …« Hans Lockschmidt hatte Seyfried erreicht, stand ihm schnaufend und vorwurfsvoll gegenüber. »Was ist denn mit dir? Anne ist Völlig aus dem Häuschen wegen des Essens.«

»Bei einem Fondue kann doch nichts verderben«, sagte Seyfried tonlos.

Lockschmidt faßte ihn unter und sah ihm ins Gesicht. »Dir ist doch nichts passiert, Fritz? Du siehstja völlig verstört aus.«

Seyfried schüttelte den Kopf. »Mir ist nichts passiert, Hans. Mir ist nur nicht ganz wohl. Der Streß auf dem Schießplatz heute, die Fliegrei bei diesem Schweinewetter. Wer weiß …«

»Du solltest dir vielleicht wirklich nicht mehr alles zumuten, was sie von dir verlangen«, sagte Lockschmidt und drängte Seyfried in Richtung auf den Nachhauseweg.

___________

Der Abend war verdorben. Nicht einmal die lautstarke vitale Bonhomie des alten Hobarth vermochte daran noch etwas zu ändern. Anne bekämpfte ebenso verbissen ihren Ärger wie Friska ihre Verwunderung. Lockschmidt und seine Frau Ray versuchten, eine Konversation aufrechtzuerhalten, und Dr. Bastian, der Hausarzt der Seyfrieds, beobachtete Fritz, sein leichenblasses Gesicht, seine zerfahrenen Antworten und seine unruhigen Hände mit wachsender Sorge.

Fritz Seyfried sah die Runde seiner Gäste, den gepflegten Tisch mit den schimmernden Kerzen wie durch einen Schleier. Zweifellos hatte seine Welt seit heute abend einen tiefen, klaffenden Sprung. In seinem Kopfbegann sich alles zu drehen.

Plötzlich bemerkte er das bärtige Gesicht Doktor Bastians neben sich, auf der anderen Seite spürte er Lockschmidt. Die beiden Männer brachten ihn nach oben. Schließlich lag er ohne Jackett, mit offenem Hemdkragen auf seinem Bett und sah das sorgenvolle Gesicht Doktor Bastians über sich schweben. Er spürte die nach seinem Puls suchenden Fingerspitzen. Etwas später brachte Anne das Instrumentenköfferchen, das sie aus Doktor Bastians Wagen geholt hatte. Er hörte, Wie Bastian Anne mitteilte, daß sein Blutdruck 160 zu 100 betrage und mithin für sein Alter etwas zu hoch sei.

»Bleib ein paar Minuten ruhig liegen«, sagte der Arzt. »Dann kannst du ja wieder runterkommen, wenn dir danach ist.«

Ein Glas Wasser auf dem Nachttisch, zwei Dragees daneben, das Klicken der sich schließenden Tür, dann empfand Fritz Seyfried endlich das beruhigende Gefühl des Alleinseins. Er verschränkte die Hände unter dem Nacken und überdachte seine Lage.

Diese Schweine hatten ihn möglicherweise ziemlich fest im Griff. Durch die Aufliebung der Verjährungsfrist war dem Geheimdienst eines potentiellen Feindstaates Tür und Tor geöffnet worden, seine persönliche Existenz, seine Reputation, seine gesellschaftliche Stellung zu vernichten — und sei es auch mittels eines kaltblütigen Meineids. Viele Stimmen hatten Zweifel darüber erhoben, ob eine exakte Beweisführung nach mehr als dreißig Jahren überhaupt noch möglich war. Mochte für die Befürworter der Gesetzesänderung die Vielzahl der Fälle und die Schrecklichkeit einzelner von ihnen maßgeblich gewesen sein, für ihn, Fritz Seyfried, war nur sein eigener Fall maßgeblich.

Während Fritz Seyfried über alles das nachdachte, hörte er unten jemanden Klavier spielen. Das konnte nur Friska sein. Über diesem Klavierspiel mußte er eingeschlummert sein. Er bemerkte nicht, wie es schließlich äufhörte, vernahm auch nicht, wie die Gäste sich verabschiedeten.

Er wachte auf, als Anne kam. Er hörte sie nebenan im Bad rumoren wie jeden Abend. Danach kam sie herüber, stand vor dem Bett, sah auf Fritz herunter und bemerkte, daß er die Augen geöffnet hatte. Sie sah, daß er weder die Dragees genommen noch das Glas Wasser getrunken hatte.

»Willst du dich nicht endlich ausziehen, Fritz?« fragte sie, während : sie unter die Decke schlüpfte. Fritz erhob sich wortlos und begann, sich auszukleiden.

»Was ist eigentlich in dich gefahren?« fuhr sie fort. »Erst kommst du eine halbe Stunde zu spät zu unserem Geburtstagsessen, dann redest du kein Wort, entschuldigst dich damit, daß dir nicht gut ist, denkst aber nicht daran, Doktor Bastians Mittel zu nehmen.«

Fritz legte sich neben Anne ins Bett und blieb mit offenen Augen auf dem Rücken liegen.

»Mit dir ist doch irgend etwas los«, hörte er sie sagen. »Du verschweigst mir etwas.«

»Nichts«, antwortete Seyfried. »Schlaf jetzt. Für mich war heute ein anstrengender Tag. Morgen früh sieht alles anders aus.«

Anne murmelte »gute Nacht« und Wälzte sich vorwurfsvoll im Bett herum.

Plötzlich spürte sie die Hand ihres Mannes, die zu ihr herübertastete und sich fest auf ihren Mund preßte. Fritz näherte seinen Mund ihrem Ohr und flüsterte: »Keine Angst, Anne. Kein lautes Wort. Sprich auf keinen Fall. Tu, was ich tue.«

Sie fuhr hoch und starrte ihn an, als er sich in dem schwachen, durch das Fenster hereinfallenden Licht aus dem Bett schwang und dabei warnend den Finger auf den Mund legte. Er öffnete die Tür zum Bad, nahm ihre beiden Morgenmäntel, warf Anne den ihren zu und schlüpfte in seinen eigenen. Sie tat kopfschüttelnd, was Fritz ihr vormachte, und folgte ihrem Mann.

Sie schlichen abwätts in das Erdgeschoß, Fritz bog um die Ecke zum Keller. Im Tiefgeschoß öffnete er zwei Stahltüren. Schließlich befanden Sie sich im Heizungsraum. Fritz schaltete das Licht ein.

»Hier kannst du reden, aber leise«, sagte er, holte zwei Kisten unter dem Regal hervor und schob eine Anne hin.

»Was soll dieses Theater, Fritz?«

»Wir werden uns für lange Zeit nur noch hier unten offen unterhalten können, Anne. Dieser Raum ist wahrscheinlich abhörsicher. In jedem anderen werden wir überwacht. Auch am Telefon.«

»Also ist doch etwas los.«

»Natürlich ist etwas los. Jemand will uns brutal unter Druck setzen. Was immer aus dieser Sache wird, oben mußte ich vortäuschen, daß ich dir gegenüber schweigen würde. Und das müssen wir auch weiterhin aufrechterhalten.«

»Unter Druck setzen«, wiederholte Anne. »Hängt es mit deiner Arbeit zusammen?«

»Wahrscheinlich.« Fritz Seyfried ergriff beschwörend die Hände seiner Frau. »Anne«, sagte er, »was du jetzt hören wirst, wird dich ziemlich schaffen. Die anderen rechnen damit, daß ich nicht den Mut habe, es dir zu sagen. Aber ich werde es doch tun. Hör mir zu und versuche, mich zu verstehen.«

Danach erzählte Fritz Seyfried seiner Frau die Geschichte seines Lebens, so wie Fjodor Petrowitsch Popow sie den zusammengetragenen Akten entnommen und in die Datenspeicher des Zentralindex der GRU in Moskau eingespeist hatte. Er brauchte dazu etwas mehr als eine halbe Stunde.

Dieser Bericht nahm seine Frau stark mit. »Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll«, murmelte sie, als er geendet hatte. »Vielleicht kannst du nicht verstehen, was das bedeutet, wenn eine Frau ihren Mann neu einordnen muß. Ich bin so schrecklich bürgerlich. Für mich ist das sehr schwer.«

»Wirst du es versuchen?« fragte er bittend.

»Natürlich«, antwortete sie. »Und mit dieser Geschichte wollen sie dich fertigmachen? Oder gibt es noch etwas? Dann sage mir bitte alles.«

»Es gibt noch etwas«, sagte er nach einer Weile. »Wenn meine Vermutung stimmt, dann haben wir den ganzen Geheimdienstapparat der Russen gegen uns. Und das ist verdammt ernst. Sie haben da eine alte Geschichte aus den letzten Kriegstagen ausgegraben. Es geht um eine Sache, wegen der sie mir mit einer Mordanklage drohen. Eine Sache, die jetzt auch nicht mehr verj ährt, nachdem die Fristen aufgehoben worden sind.«

»Einer Mordanklage? Um Gottes willen, Fritz …«

»Ich habe am 14. Januar 1945 einen deutschen Generalstabsmajor erschossen. Wenn sie das so nachweisen, wie sie es darstellen, wäre es nach Motiv und Begehungsart tatsächlich ein Mord. Sollten sie wirklich einen haben, der das beschwört, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu tun, was sie von mir wollen.«

»Was ist dann?«

»Dann lassen sie das alles ruhen, behaupten sie. Sie sagen, daß dann äußerlich alles beim alten bleibt.«

»Äußerlich«, wiederholte Anne. »Und sonst? Zwischen uns?«

»Zwischen uns kann es nur die Wahrheit geben, Anne.«

»Und was ist die Wahrheit?«

»Die Wahrheit ist, daß ich keinen Mord begangen habe. Wieviel Zeit auch inzwischen vergangen ist, was auch immer unaufgeklärt geblieben ist, eines weiß ich gewiß: Ich habe mir nichts vorzuwerfen.«

3

Seit den frühen Morgenstunden des 12. Januar 1945 befanden sich Hitlers Armeen erneut auf der Flucht nach Westen. Nachdem vor eineinhalb Jahren die sowjetischen Armeen mit zermalmender Wucht aus dem Raum von Orel zum Gegenangriff angetreten waren, hatte es für des Führers Heeresgruppen kein Atemholen mehr gegeben.

Im Spätherbst 1944 war eine Linie von der Ostsee entlang der Weichsel bis hinunter an die schneebedeckten Waldberge der Karpaten erreicht worden. Niemand hatte den geringsten Zweifel daran, daß jetzt, nachdem auch die entscheidende Schlacht in Frankreich für die Deutschen verloren war, die Sowjets den Willen und die Mittel aufbringen würden, die geschwächten deutschen Armeen den restlichen Weg durch Polen vor sich herzujagen.

Nur Adolf Hitler und sein Wehrmachtführungsstab hatten die sich jenseits der Weichsel aufbauende Offensivmacht bagatellisiert und die den Winter über eingefrorene Weichselfront mit Kräften besetzt, die den sowjetischen Armeen im Schnitt um das Zehnfache unterlegen waren. Hitler vertrat zwanzig Meter unter den zerbombten Ruinen der Reichskanzlei mit fanatisch glänzenden Augen, jedoch bereits mit gebeugter Gestalt und fahrigen Händen, seine unreflektierten Vorstellungen. »Der Gegner ist verbraucht, meine Herren. Er hat keine Kräfte mehr, jetzt mitten im Winter über die Weichsel eine Offensive vorzubringen, die ihn über ungedecktes Gelände in einem Zuge bis an die Oder führen müßte.«

Hitler sah hoch, nahm die Brille, mit der er nicht fotografiert werden durfte, von den Augen, blickte auf die drei Offiziere ihm gegenüber und dann auf Keitel und Jodl. Beide stimmten ihrem Führer vorbehaltlos zu, während die drei jungen Männer, keiner von ihnen älter als dreiundzwanzig Jahre, in strammer Haltung vor Hitler standen. Einem, dem Obersturmführer Henning von Loßwitz, glänzte am Hals das Ritterkreuz, das sein Führer ihm vor wenigen Minuten eigenhändig umgehängt hatte.

Hitler wendete sein aufgedunsenes Gesicht jetzt den drei Offizieren in der schwarzen Uniform der Panzertruppe zu. »Und wenn das wider alle Erwartungen doch geschehen sollte«, sagte er mit seiner brüchig gewordenen Stimme, »dann werden der Fanatismus, der Todesmut und die Tapferkeit der deutschen Soldaten, wie schon so oft in der Geschichte, auch mit diesem Tatarenansturm aus dem Osten fertig werden.«

Keitel und Jodl nickten beif‘ällig, die drei jungen Männer nahmen eine noch straffere Haltung an, die Bunkertür wurde geöffnet, und Hitler entfernte sich mit schlurfendem Schritt. Damit endete für Henning von Loßwitz, damals noch keine einundzwanzigj Jahre alt, die erste und einzige Begegnung mit seinem Führer.

Sie wurde festgehalten in einer auf Hitlers Wunsch aufgenommenen Fotografie, jener Fotografie, die sechsunddreißig Jahre später vor den kritischen Augen Dimitri Ustinows von der Projektionsfläche im Konferenzraum des Verteidigungsministeriums in Moskau zurückstrahlte.

Die jungen Männer wurden nach einem weiteren flüchtigen Händedruck durch Keitel und Jodl entlassen. Sie stiegen, von bewaffneten Leibwächtern begleitet, zahllose Stufen nach oben und erblickten das Tageslicht durch die treibenden Qualmschwaden eines amerikanischen Bombenangriffs, der soeben über einen Teil der Stadt hinweggerollt war. Die drei jungen Männer hatten einen zusätzlichen Urlaubstag erhalten und würden sich auf dem Gefechtsstand der Einheit, zu der sie gehörten, westlich der Weichsel wieder treffen.

Für den jungen von Loßwitz war die Audienz bei Hitler, der er mit der Begeisterung seiner zwanzig Jahre entgegengefiebert hatte, eine entsetzliche Enttäuschung. Wie es an den Fronten stand, konnte jeder, der wollte, täglich sehen. Seitdem von Loßwitz in dem muffigen Bunker jenem bleichen, schwammigen und phrasendreschenden Hitler gegenübergestanden hatte, wußte er, daß dieser Mann die Dinge nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Jahrelang hatte man ihm Führungseigenschaften eingebleut wie Härte gegen sich selbst, Zielbewußtsein, mitreißende Begeisterungsfähigkeit, schnelle und mutige Entschlüsse. Mit diesen Leitsprüchen hatte er sich sein Ritterkreuz erkämpft, und nichts von alledem hatte er bei dem kranken und verklemmten Mann bemerkt, der es ihm soeben umgehängt hatte.

Er brauchte eine Nacht und den ganzen folgenden Tag, um sich über seine Eindrücke klarzuwerden. Am Abend des nächsten Tages bestieg Henning von Loßwitz am Bahnhof Friedrichstraße einen Zug, der ihn nach Kielce brachte.

Zwei Tage später riß in der allerersten Morgenfrühe das Vorbereitungsfeuer des russischen Angriffs bei Baranów von Loßwitz aus einem unruhigen Schlaf. Das Bauernhaus, das ihm und seinen Männern als Quartier diente, lag nicht in der vordersten Linie, und das schlagartig einsetzende Feuer ging drei bis vier Kilometer weiter vorne auf die Stellungen der Grenadiere nieder. Dennoch warf seine Erschütterung den Verputz von den Wänden und schlug die Scheiben klirrend nach innen. Die Männer sprangen von den Strohsäcken auf und stürzten nach draußen. Es war noch vollständig dunkel, aber der gesamte östliche Horizont war eine einzige feuerspeiende Wand.

In der Kate schrillte das Telefon. Loßwitz wurde mit seiner Kompanie Alarmbereitschaft befohlen. Aufsitzen, anwerfen und weitere Befehle abwarten. Mit dröhnenden Motoren standen die Panzer da, nach Osten gerichtet, die Kanonen feuerbereit. Nach einer halben Stunde sah von Loßwitz von dort ein Beiwagenkrad kommen. Der Fahrer hielt an und schrie zu Loßwitz hinauf: »Der Iwan ist durch! Bei den 170ern und bei den 212ern auch! Er kommt mit Panzern und Infanterie!«

Von Loßwitz meldete seinem Kommandeur, daß er mit seiner Kompanie nach vorne in den Abschnitt der 170er und 212er fahren wolle, wo der Russe durchgebrochen sei. Er bekam jedoch Anweisung, die Umfassung zu umgehen und schnellstmöglich bis zum Fluß Pilica zurückzufahren. Offenhalten der Brücke für Trosse, Versprengte und Flüchtlinge bis zum letzten Augenblick vor dem Eintreffen der Russen. Erst dann würden Pioniere die Brücke sprengen.

Von Loßwitz war es durch Einsatz seiner überlegenen Feuerkraft und größeren Schnelligkeit geglückt, sich mit vier seiner Panzer von den russischen Verfolgern zu lösen. Rechts und links der Straße bemerkte er zurückgehende Fahrzeuge, fliehende eigene Grenadiere, Leute in Gruppen, darunter Offiziere in Stabswagen. Dazwischen sah er Gefallene, brennende Gehöfte, verqualmende Fahrzeuge, die ganze zerstörerische Kraft des Krieges. Ihm zuckte das Wellington-Wort durchs Gehirn, daß das Schlimmste nach einer verlorenen Schlacht eine gewonnene Schlacht sei. Und dies hier war eine verlorene Schlacht.

Das Kriegstagebuch der vierten Panzerarmee meldete, daß die russische Offensive von Baranów die deutsche Front in weniger als zwei Stunden aufgerissen habe. Die kleine Einheit von Henning von Loßwitz’ Panzern glich einem Kiesel in einem reißenden Hochwasser, der schneller und schneller von den unaufhaltsamen Fluten mitgerissen wird.

In den späten Vormittagsstunden des 14. januar 1945 näherten sich Henning von Loßwitz und seine Kameraden der Schleife, wo in einer flachen Senke das Flüßchen Pilica an der kleinen Stadt Tomaszów, damals ein Ort mit fünfzehntausend Einwohnern, vorbeifließt. In diesen Tagen war die Pilica von Treibeis bedeckt, gesäumt von flachen, schneebedeckten Uferhängen, die verbunden waren durch eine eiserne Bogenbrücke, über die auch die Gleise einer Schmalspurbahn liefen. An dieser Brücke herrschte noch ein Anflug von militärischer Ordnung. Eine Einheit Feldgendarmerie unter Führung eines brutalen und unsympathischen Hauptmanns regelte den ununterbrochenen Strom der Truppen, Verwundetentransporte und Zivilisten, die zu Fuß oder mit Fahrzeugen jeder Art an die Brücke herandrängten. Es gab einen Wortwechsel, bis der Junge von Loßwitz sich verständlich gemacht hatte, daß er Befehl hatte, westlich der Pilica eine Riegelstellung aufzubauen und die Sowjets so lange als irgend möglich am Übergang über den Fluß zu hindern.

In dem Städtchen war die Hölle los. Durch die Straßen drängte sich der Flüchtlingsstrom, und wer in der Stadt selbst nur irgend konnte, rüstete sich zum Aufbruch, während deutsche Heeresverbände sich zögernd sammelten, um sich auf eine vorübergehende Verteidigung des Pilicaübergangs einzurichten.

Dem jungen Loßwitz leuchtete es ein, als man ihm sagte, diese Verteidigung sei notwendig, um weiter rückwärts die in alle Winde zerstreuten eigenen Einheiten notdürftig wieder zusammenzufassen, damit der Iwan nicht in einem einzigen Anlauf deutschen Boden erreichte. Denn die letzten Illusionen waren mittlerweile zerstoben. Jedem war klargeworden, daß es nicht mehr darum ging, diesen Krieg zu gewinnen oder zu verlieren, sondern nur noch darum, nicht in einem Strom von Blut und Chaos von ihm verschlungen zu werden.

Im Lauf des Tages richtete von Loßwitz eine Kompaniebefehlsstelle in einem dem Flußlauf und der Brücke zugekehrten Haus am östlichen Stadtrand ein. Es mußte einem Schneidermeister gehört haben, denn er fand Stoffpuppen mit halbfertigen Anzügen, darunter sogar den unvollendeten Waffenrock für einen deutschen Heeresbeamten im Majorsrang. Im Oberstock gab es Schlafstuben mit Betten.

Der relativ massive Keller war zu drei Vierteln in den Boden versenkt und von hinten zugänglich. Nach vorne zum Fluß hin gab es in Höhe des Bürgersteigs zwei Luken, durch eiserne Lochplatten verschließbar, die nach innen an die niedrige Decke hochgeklappt und dort befestigt werden konnten. In diesen Raum ließ Loßwitz seine Nachrichtenmittel verlegen. Die Kellerfenster boten einen günstigen Ausblick auf die Brücke und auf die zu ihr hinführende Straße am gegenüberliegenden Ufer des Flusses.

Auf dieser Straße herrschte ein von Viertelstunde zu Viertelstunde zunehmendes Chaos. Nachdem die Feldpolizisten den fliehenden deutschen Verbänden die Brücke bevorrechtigt frei machen ließen, sammelte sich auf der gegenüberliegenden Seite ein stetig größer werdender Haufen von Menschen, Fahrzeugen und Tieren an.

Von Loßwitz ging hinaus, um seine Besatzungen zu inspizieren. Unterwegs beobachtete er einen feldgrauen Geländewagen des Heeres, der sich den durch die Gassen von Tomaszów fliehenden Kolonnen entgegendrängte und an der Stelle, wo die Straße zwischen den Häusern heraustrat, anhielt. Ein jüngerer Major im Mantel mit Pelzkragen und ein Oberleutnant, der ein Kartenbrett in den Händen hielt, stiegen aus. Die beiden Offiziere begutachteten die Lage, die sie an der Brücke vorfanden. Sie bemerkten die Kabel, welche in den Keller hineinliefen, und schlossen daraus das Vorhandensein einer Vermittlung oder einer Befehlsstelle. Von Loßwitz eilte dort hinüber und meldete. Er bemerkte, als der Major den Mantel zurückschlug, um eine Zigarettenpackung hervorzuholen, die karmesinroten Streifen an seiner Reithose, welche die Zugehörigkeit zum Generalstab anzeigten.

Diesen Mann stellte der Oberleutnant als Major Kayser, 1a der 103. Volksgrenadierdivision vor, sich selbst als Oberleutnant Sturm eines dieser Division unterstellten Pionierbataillons.

»Wann, glauben Sie, werden die Russen hier sein?« war die erste Frage, die der Major dem jungen von Loßwitz stellte.

»Das kann jeden Augenblick der Fall sein, Herr Major«, antwortete von Loßwitz.

»Die 103. kommt hier zur rechten Zeit«, sagte der Major. »Wir haben sie gerade neu aufgestellt. Sie wird im Lauf der Nacht an die Pilica-Front geschoben. Und so lange, bis unsere Bataillone hier eingewiesen sind, halten Sie die Flußschleife und den Stadtrand, Obersturmführer. Zeigen Sie mir bitte jetzt Ihre Befehlsstelle.«

»Dann dürfte ich Ihnen unterstellt worden sein, Herr Major?«

»Unterstellt, jawohl. Hat Ihnen das noch niemand gesagt?«

Das Telefon schnurrte. Der Fernsprechgefreite nahm ab und reichte von Loßwitz den Hörer. Auf diese Weise erfuhr von Loßwitz, daß er für die kommende Nacht der 103. direkt unterstellt sei und deren Weisungen zu befolgen habe. Von Loßwitz legte auf. Der Major nickte.

»Den Laden hier werden wir schon schmeißen. So eine Pleite wie an der Weichsel wird uns nicht passieren. Dafür sorgen wir schon.«

Major Kayser forderte von Loßwitz durch eine Bewegung seines Kinnes auf, zur Kellerluke hinauszublicken. Er tat es und sah, daß draußen an der Brücke weitere Feldgendarmen und Offiziere aufgetaucht waren, die mit gezogener Pistole die versprengten Soldaten aus dem Menschenstrom fischten und zu einem frierenden und vor Angst schlotternden Haufen antreten ließen.

»Waren Sie zufällig vorgestern um ein Uhr dreißig am Brückenkopf, Herr Major?«

Der Major wußte nicht recht, wie er diese Frage auffassen sollte.

»Nein«, sagte er. »Warum?«

»Weil Sie dann wüßten, daß man Konjews Artillerie und Panzer mit denen da nicht aufhalten kann.«

Der Major schnaufte vor Wut, und sein Gesicht lief rot an. »Was erlauben Sie sich!« schrie er von Loßwitz an. »Glauben Sie, wegen dieses Lamettas da am Hals oder weil Sie Ihren Verein für eine Art Garde halten, können Sie Dienstälteren gegenüber unverschämt werden? Nehmen Sie Haltung an und hören Sie zu, was ich Ihnen für Weisungen gebe: Die Brücke ist zur Sprengung vorbereitet. Der Kommandeur hat befohlen, daß das Pionierbataillon vorsorglich zum Bau einer Auffangstellung weiter südlich eingesetzt wird. Ich lasse Ihnen den Zündapparat durch Oberleutnant Sturm hier hereinlegen. Sie können die Brücke selbst sprengen, wenn es brenzlig wird.«

Von Loßwitz bestätigte den ihm erteilten Befehl, und der Oberleutnant verschwand, um die Zündschaltung einrichten zu lassen. »Und Ihnen rate ich, nicht noch einmal eine solche Lippe zu riskieren, sonst komme ich Ihnen disziplinarisch.«

Loßwitz wendete sich abrupt zum Fenster um. Er hatte für diesen trockenen, hustenden Ton ein äußerst feines Ohr. Das war der Abschußknall der Kanone eines T 34.

»Was haben Sie denn?« wollte der Major wissen.

»Merken Sie nichts?«

»Was soll ich denn merken?« fragte der Major und trat auch ans Fenster.

»Der Russe kommt«, sagte von Loßwitz.

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte der Major.

»Erstens höre ich es«, antwortete von Loßwitz. »Und zweitens …«

Er reichte dem Major das Glas, und der richtete es ein.

»Kaum noch Flüchtlinge«, bestätigte er und erstarrte. »Wann?«

Von Loßwitz hob die Schultern. »Nicht vor einer Stunde, schätze ich. Wenn wir Glück haben, kriegen wir den größten Teil der Leute dort drüben herüber.«

»Was gehen Sie denn diese Leute an?«

»Sie haben mir die große Lippe verboten, Herr Major.«

»Also reden Sie schon, Mann«, sagte der Major.

»Weil der Russe«, sagte von Loßwitz, »nach unseren Erfahrungen in solchen Situationen alles rücksichtslos zusammenschießt, was ihm im Wege ist, wenn er eine Brücke unzerstört haben will. Möchten Sie sich das ansehen, Herr Major?«

»Nein«, erwiderte der Major entgeistert.

»Eben«, sagte der junge Loßwitz. »Ich auch nicht. Deshalb gehen mich die Leute dort drüben etwas an.«

Jetzt hörte auch der Major durch das stärker werdende Schneetreiben das leise, trockene, noch weit entfernte Pochen. Er biß sich auf die Unterlippe und drehte sich auf dem Absatz herum. »Ich muß zum Gefechtsstand«, sagte er.

Unter der Tür prallte der Major fast mit Oberleutnant Sturm zusammen, der, den kastenförmigen Zündschalter unter dem Arm, den Kellerraum betrat. Er schloß das Gerät an das freie Kabelende an und stellte den viereckigen Kasten auf die umgeworfene Kabeltrommel. Der Fernsprechgefreite nahm ein Gespräch entgegen und übermittelte Sturm einen neuen Befehl. Hastig erläuterte Sturm Loßwitz die Bedienung des Zündschalters. Dann verschwand er.

___________

En hübscher Junge, etwa zwölf Jahre alt und mit klarem Blick, stand, seitdem er in einem schiebenden und stoßenden Pulk von Pferden, Wagen und Menschen über die Brücke gekommen war, an ihrem westlichen Ende und wartete. Dabei fielen ihm die grauen Pakete auf, mit denen die frisch ausgebohrten Löcher in dem Betonsockel der Brücke ausgefüllt waren. Er war intelligent genug, um zu wissen, daß die Brücke gesprengt werden würde. Sein Blick folgte dem schwarzen Kabel, das diese Pakete und Löcher miteinander verband, dann in einem langen Bogen durchhing, an zwei hohen Masten befestigt die Uferstraße überspannte und weiter drüben in einer Kellerluke verschwand.

Der Junge überlegte nur kurz, blickte noch einmal zurück über den Fluß und überquerte die Straße.

Dort sah Henning von Loßwitz ihn stehen, als er zur Luke blickte. »Was ist los, Junge!« rief er dem Buben zu.

Der Junge hatte schöne braune Augen, einen blonden Haarschopf, auf dem eine unförmige Ballonmütze saß, und schlotterte vor Kälte, weil er nur ein kariertes Hemd mit offenem Kragen und darüber eine Leinenj acke trug.

»Sind Sie der Offizier, der die Brücke sprengt?« fragte der Junge zu Loßwitz’ Überraschung in einem etwas ungewohnt klingenden Deutsch.

»Komm herein, Junge«, sagte Henning von Loßwitz und schickte den Fernsprechgefreiten hinaus, um den Kleinen hereinzubringen. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt. Sorgsam schüttelte der Junge die Flocken von der Mütze, bevor er zu von Loßwitz in den Kellerraum trat, wo ein flackerndes Wachslicht brannte.

»Warum willst du das wissen?« fragte von Loßwitz den Jungen.

»Meine Eltern und meine Schwester«, der Junge deutete mit dem Daumen, »sind noch drüben. Mich haben welche auf einem schnelleren Wagen mitgenommen. Wenn Sie rausschauen, können Sie sie vielleicht sehen. Darf ich mal?« Der Junge griff nach dem Fernglas und sah durch das Fenster. »Da«, sagte er. »Ich sehe sie. Das ist das rote Kopftuch meiner Mutter. Sie sind ziemlich weit hinten, Herr Offizier. Aber sie werden doch noch herüberkommen?«

Von Loßwitz suchte mit den Augen den Kamm der jenseitigen Uferböschung ab und sah zweimal einen aufleuchtenden gelblichweißen Schein, dem ein zweimaliger scharfer Knall ziemlich weit hinten folgte. Das waren Konjews T 34. Von Loßwitz schätzte, daß sie noch gut fünfhundert Meter hinter dem Böschungskamm standen. »Wir sprengen erst im allerletzten Moment«, sagte er.

»Sie werden doch herüberkommen«, flehte der Junge noch einmal.

»Das verspreche ich dir. Vielleicht haben sie Glück. Und jetzt nimm eine Kiste, und setz dich da hinten in die Ecke.«

Vor der Brücke bahnte sich eine Panik an. Rascher und rascher aufeinander folgte jetzt der scharfe Doppelknall von jenseits der Höhe. An der Brücke verkeilten sich Wagen, Pferde und Menschen. Sekundenlang suchte von Loßwitz in der einfallenden Dämmerung nach der Mutter des Jungen mit dem roten Kopftuch und fand sie auch. Aber sie war zu weit zurück, um ernsthaft Hoffnung zu haben. Er bemerkte, daß die nächsten Knalle bereits dreifach hallten. Und dann sah er die verhaßte Kontur des T 34 mit dem wanzenförmigen Turm.

Der Russe feuerte, kaum daß von Loßwitz ihn gesehen hatte. Die Granate schlug in ein Gebäude ein und setzte es sofort in Brand. Aber auch einer von Loßwitz’ eigenen Richtkanonieren hatte ihn entdeckt. Von dem Dach des Hauses, neben dem der Panzer getarnt stand, fegte Schnee, als er schoß. Und er traf exakt. Drüben stieg eine öliggelbe Flammensäule auf. Die Panzerschlacht hatte begonnen.

Von Loßwitz schickte die Männer, die sich noch im Keller befanden, auf ihre Gefechtspositionen. Sie stießen, als sie den Keller verließen, mit Major Kayser zusammen. Fluchend drängte sich der Offizier durch die ihm entgegenstürmenden Soldaten.

»Was ist mit der Brücke?« schrie er.

»Noch zu früh.«

Der Major stürzte ans Fenster. Am anderen Ende der Brücke drängten noch immer Gespanne und mehrere hundert Menschen, die schrien und gestikulierten. Er sah weiter drüben auf dem flachen Hügelkamm die beiden nächsten T 34 auftauchen.

»So lassen Sie doch endlich diese verdammte Brücke hochgehen!« brüllte der Major.

»Wo haben Sie denn Ihre Nerven, Mann?« schrie von Loßwitz und deutete hinaus. Er kannte seine Richtkanoniere, und er behielt recht. Zweimal feuerten seine Kanonen und setzten dort drüben einen weiteren Panzer in Brand. Der dritte Schuß traf den zweiten von ihnen. »Die kriegen keinen Fuß auf den Boden, solange wir sie so erledigen können. Lassen Sie doch den Menschen da drüben ihre Chance, über den Fluß zu kommen. Brenzlig wird’s erst, wenn die schwere Werfer nachziehen und uns hier mit Stalinorgeln eindecken. Solange haben wir Zeit mit der Brücke.«

»Sie sind ein Hasardeur, Mann!« kreischte der Major.

»Wenn wir das nicht wären, wären wir gar nicht bis hierher gekommen.«

Der Gefechtslärm verstärkte sich. Quer über den Fluß lieferten sich Konjews T 34 und von Loßwitz’ Tiger-Panzer ein Wildes Gefecht. Keiner der Russenpanzer kam so weit, daß er gezielt auf die kleiner werdende Menschentraube am anderen Ende der Brücke schießen konnte.

Noch hatte jeder Fliehende eine Chance.

Jedoch hielt der Major dieser Nervenbelastung nicht stand. Mit verzerrtem Gesicht und erhobenen Fäusten drohte er Loßwitz. »Ich bin verantwortlich dafür, daß kein Sowjetpanzer über den Fluß kommt. Sprengen Sie jetzt die Brücke. Das ist ein Befehl.«

»Ich weigere mich, diese Brücke zu früh zu sprengen«, sagte von Loßwitz. »Ich gebe Ihnen die Garantie …«

»Ich wünsche keine Garantien, ich befehle die sofortige Sprengung.«

Von draußen kroch ekliger Gestank in den Keller. In der Ecke heulte der verängstigte Junge vor sich hin. Der Major wendete sich abrupt um. Von Loßwitz hatte etwas zu lange gebraucht, um die Nullacht aus der Halfter zu bringen, nachdem er die Absicht des Majors erkannt hatte. Eigentlich hatte er ihn nur mit vorgehaltener Waffe davon abhalten wollen, durch einen übereilten Hebeldruck für die Menschen dort drüben die unwiderrufliche Katastrophe auszulösen. Aber der Major hatte den Zündhebel schon nach oben gezogen. Von Loßwitz konnte ihn nur noch daran hindern, den Schalter wieder nach unten zu stoßen. Wenn er das erreichen wollte, mußte er schießen.

Schnell entschlossen tat er es. Zweimal kurz hintereinander. Danach ließ von Loßwitz die Pistole fallen und stürzte nach vorn, aber der taumelnde Körper des Offiziers stieß den Zündhebel wieder nach unten und löste im Fallen die Sprengung aus.

Sekundenlang glich die Nacht einem berstenden Inferno. Geblendet suchte von Loßwitz sich in dem durch die Kellerluken eingedrungenen Explosionsqualm zurechtzufinden. Er hörte das Schluchzen des Jungen in der Ecke, tastete nach ihm und zerrte ihn aus dem Keller. Draußen sah er, daß sich Panzer von drüben auf einen oder zwei seiner Panzer eingeschossen hatten. Sein eigener war dabei. Einer seiner Männer kam ihm entgegen.

»Alles in Ordnung, Henning?«

»In Ordnung. Hier, pack den Jungen, kümmert euch um ihn. Seine Leute hat es eben erwischt … oder es erwischt sie in diesem Augenblick …«

Von drüben war das Schnarren feuernder Maschinengewehre zu hören. Im Chaos der Brückenexplosion war es den Russen geglückt, in Schußposition zu kommen.

Wenige Sekunden später wurde Henning von Loßwitz beim Einsteigen in seinen Panzer von den Splittern einer russischen Panzergranate getroffen und an Hüfte, Gesäß und Oberschenkel schwer verletzt.

___________

Er erwachte von dem Rütteln und Stoßen eines Lkw, in dem er und zahlreiche andere auf einer Strohschütte lagen. Es war Nacht. Der Hauptverbandsplatz befand sich auf einem weitläufigen Gutshof, und man war im Aufbruch. Aber noch operierten die letzten Ärzte im Dunst von Alkohol und schwelenden Petroleumlampen, noch waren die letzten zurückgebliebenen Schwestern in Aktion. In Reihen warteten die mit Morphiumspritzen zwischenversorgten Verwundeten auf das Skalpell.

Manche kamen indessen nicht unter das Messer, weil sie ihre Leiden überstanden hatten. Zu diesen gehörte der SS-Mann Fritz Seyfried, dem man die Augen zudrückte, nachdem er schon zur Operation vorbereitet gewesen war.

Als sie Henning von Loßwitz operiert hatten, mußte eine junge, energische 0perationsschwester den noch in tiefer Bewußtlosigkeit liegenden jungen Mann wieder ankleiden und für einen der letzten Transporte fertigmachen.

Sie griff nach seinen Uniformstücken.

»Doktor«, sagte sie zu einem der Arzte und hielt dem völlig erschöpften Chirurgen das Dienstgradabzeichen Henning von Loßwitz’ vor die Augen, »die Russen sind morgen früh über der Pilica. Das meinen alle hier. So dürfen sie den nicht erwischen. Sonst war Ihre ganze Mühe umsonst, verstehen Sie, Doktor?«

Der Arzt verstand nur zu gut. »Was wollen Sie dagegen machen, Schwester? Denken Sie nicht daran, sonst drehen Sie durch.«

Die Schwester sah zu dem Leichnam des Fritz Seyfried hinüber. »Mit dessen Uniform könnte er durchkommen.«

»Ich habe nichts gesehen, Schwester«, sagte der Arzt. »Die Toten, die wir hierlassen müssen, werden ohnehin als vermißt gelten. Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

So zog die energische Rote-Kreuz-Schwester dem bewußtlosen von Loßwitz die verdreckte Uniform des SS-Mannes Fritz Seyfried über, in deren Taschen das Soldbuch steckte, und hängte ihm auch Seyfrieds Erkennungsmarke um den Hals.

In der gleichen Nacht verließ der Verwundetenkonvoi den Gutshof und erreichte die Oder vier Tage später. Auf dem verschneiten, mit blutigem Mull, Uniformen und Tragbahren übersäten Gutshof blieben siebenundzwanzig tote Soldaten zurück, einer davon mit Uniform und Papieren des Obersturmführers Klaus Heinrich von Loßwitz. Jedoch gab dieser Tote der Kommission der Sowjets, die damit beauftragt war, die Papiere gefallener Deutscher für ihre subversiven Aufträge hinter der deutschen Front aufzubereiten, Rätsel auf.

Am 15. Januar in den frühen Morgenstunden beschoß ein ganzes Regiment sowjetischer Geschütze das Städtchen Tomaszów und machte es dem Erdboden gleich.

Nur kleine Teile der kampfunerfahrenen 103. Volksgrenadierdivision und nur wenige Männer aus der Kompanie des jungen von Loßwitz entkamen nach Westen.

Der sowjetische Kommandeur ließ am Ostufer des Flusses die toten Zivilisten und Pferde beiseite schaffen und die Trümmer wegräumen. Dann schlugen seine Pioniere eine Pontonbrücke über den Fluß. Einer der ersten, die ihren Fuß in das zerstörte Städtchen setzten, war der Hauptmann im Stabe des 3. Gardeschützenkorps, Alexei Adrianowitsch Soltjakin, damals neunundzwanzig Jahre alt.

Er besichtigte die zerstörten Stellungen und kam auch in den Keller des Schneidermeisters, wo er die Leiche des Majors Herbert Kayser fand, der von rückwärts aus einer deutschen Armeepistole erschossen worden war.

Er fand die Befehle und Papiere, die in dem Bunker zurückgeblieben waren und wonach der SS-Obersturmführer von Loßwitz den Auftrag gehabt hatte, die Pilica-Brücke rechtzeitig vor der Inbesitznahme durch die Sowjets zu sprengen. Dieser Wehrmacht-Stabsoffizier hier konnte, soweit Soltjakin das zu beurteilen vermochte, nur ein Opfer eines Restes von Menschlichkeit geworden sein, den er sich vielleicht noch bewahrt gehabt hatte. Wahrscheinlich hatte er die Zivilisten drüben noch retten wollen. Aber Kapitän Soltjakin hatte die Totenkopfteufel als fanatische und rücksichtslose Kämpfer kennengelernt. Über diesen Vorgang fertigte er befehlsgemäß ein Protokoll an.

4

Stunden waren vergangen, als Fritz Seyfried in seinem Heizungskeller den Bericht über die Nacht von Tomaszów beendet-hatte. Seine Frau hatte ihn ohne Unterbrechungsprechen lassen.

»Und das ist die volle Wahrheit?«

»Das ist die volle Wahrheit, Anne.«

»Und damit wollen sie dich jetzt fertigmachen.«

Fritz Seyfried nickte.

»Du warst doch völlig im Recht,; Fritz.«

»Moralisch gewiß. Aber wie Juristen das sehen, weiß ich nicht. Wenn sie mich damals erwischt hätten, wäre mir-das Standgericht sicher gewesen. Heute sieht man das vielleicht anders.«

»Du hast mir noch nicht erzählt, wie es war, als du merktest, daß du in eine andere Uniform gesteckt worden warst.«

»Stimmt«, sagte Seyfried. »Wir fuhren von dem Gutshof in Polen vier Tage und vier Nächte und kamen eines Nachts in der Festung Glogau an. Dort wurden wir in einen Güterzug mit Viehwagen verfrachtet. Ich sehe noch den Sani vor unseren. Pritschen stehen und unentwegt ›Seyfried Fritz, Seyfried Fritz‹ rufen und in die Runde blicken Bis mich endlich einer von uns angestoßen hat. ›Heißt du nicht Seyfried? Mensch, melde dich doch.‹ Als ich immer noch nicht reagierte, fummelte mir der Kamerad das Soldbuch aus der Brusttasche, drückte es mir in die Hand und schrie ›hier‹. ›Na endlich‹, sagte der Sani und las meine Verletzungen vor, die stimmten. Der Kamerad neben mir sagte zu dem Sani: ›Und einen Dachschaden hat er auch, schreib das gleich noch mit dazu.‹ Nun fing ich zu überlegen an, überprüfte meine Erkennungsmarke, die Uniform, die Wäsche, die Rangabzeichen, die zu Fritz Seyfried und nicht zu mir paßten. Irgend jemand mußte diese also absichtlich ausgetauscht haben. Wenn es ein Versehen gewesen wäre, hätte irgend etwas differiert. Nachdem ich wieder so weit auf den Beinen war, daß ich alle Ereignisse der letzten Tage beurteilen und auseinanderhalten konnte, beschloß ich, es bei Fritz Seyfried zu belassen. Zunächst hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich war schließlich Offizier. Andererseits hatte ich Adolf Hitler gesehen. Ich hatte der Wahrheit ins Gesicht geblickt. Für mich war die Hoffnung lächerlich, daß die Russen ihren Triumphzug in Reichweite des endgültigen Sieges stoppen würden. Außerdem hatte ich einen von unseren Leuten kaltblütig und von rückwärts erschossen. Mit diesem Vorfall quälte ich mich noch jahrelang herum. Man wußte ja damals nicht, ob man im Recht war, wenn man etwas aus Gewissensgründen tat. Wochenlang lebte ich mit der Angst, daß mich jemand erkennen würde. Aber es geschah nichts. Wir lagen in dem Gebiet, das die Engländer übernahmen, als das Ende kam. Als Henning von Loßwitz war ich schlesischer Adliger. Von meiner Familie wußte ich nichts. Ich konnte nur ahnen, was auf dem Gut passiert war. Und alle diese Befürchtungen wurden mir später in schrecklicher Weise bestätigt. Als Fritz Seyfried las ich in meinem Soldbuch, daß ich am 9. August 1921 geboren worden war. Du hast also einen drei Jahre jüngeren Mann, als du bisher dachtest.«

Anne lächelte. »Damit werde ich fertig.«

»Meinen Geburtsort konnte ich dem Soldbuch entnehmen. Aber ich brauchte volle Fünf Jahre, um herauszubekommen, wo der überhaupt lag. Es ist ein Dreihundertseelendorf im tiefsten Banat. Eine Rückkehr in den Familienschoß derer von Loßwitz hätte mich in eine Mühle von Untersuchungen, Überprüfungen und Verhören gebracht. Deshalb beließ ich es bei Fritz Seyfried.«

»Dann bin ich also jetzt doch endlich adlig geworden«, spottete Anne. »Das habe ich mir schon immer gewünscht. Wenn Papa das wüßte.«

»Er darf auf keinen Fall jemals etwas davon erfahren. Die wissen genau, wo sie ansetzen. Die rechnen damit, daß ich es nicht einmal dir sage. Aber ich bin froh, daß ich es getan habe. Mir ist wohler jetzt.«

»Fritz«, sagte Anne, »wir haben doch bei uns auch einen Geheimdienst oder so etwas. Kann man denn denen das nicht sagen?«

»Ich habe schon dran gedacht«, sagte Fritz. »Aber die überwachen uns mit den raffiniertesten Mitteln, da darfst du gewiß sein. Immerhin, es gibt vielleicht eine schwache Möglichkeit. Lange bevor ich in das Amt eintrat, hatte ich mit denen zu tun. Damals hat der Bundesnachrichtendienst damit gerechnet, daß einem seiner Leute einmal so etwas passieren könnte wie mir jetzt. Für so einen Fall war vorgesehen, ein bestimmtes Inserat in einer bestimmten Zeitung aufzugeben. Die hatten dann die Möglichkeit, das zu überwachen und sich hintenrum an den Betreffenden heranzupirschen.«

»Was für eine Zeitung und was für ein Inserat?« fragte Anne.

Fritz sah seine Frau an. »Keine Ahnung. Weder von der Zeitung noch von dem Text. Ich erinnere mich nur, daß es ein verschlossener Umschlag war, den sie mir übergeben haben. Er war ockerfarben, mit dern Behördenaufdruck und dem Bundesadler darauf.«

»Und wo hast du diesen Umschlag aufgehoben?«

Fritz Seyfried sah seine Frau schuldbewußt an. »Ich habe keine Ahnung. Es ist ja auch schon viele Jahre her. So lange, daß es zweifelhaft ist, ob die Zeitung noch existiert, ob der Dienst noch in Funktion ist, der diese Inserate überwacht hat.«

»Gesetzt den Fall«, sagte Anne, »Wir finden diesen Umschlag mit dem Bundesadler, und gesetzt den Fall, das mit der Übermittlung klappt noch so, wie du es dargestellt hast, und die kommen mit dir ins Gespräch: Was kann dir dann passieren?«

Fritz Seyfried hob die Schultern. »Weiß ich es, Anne? Wegen der Identität habe ich die wenigsten Sorgen. Waffen-SS-Männer, die nichts Besonderes verbrochen haben, sind heute rehabilitiert. Aber schließlich habe ich etwas Besonderes verbrochen. Ich habe einen Major des deutschen Generalstabs erschossen, was Hunderte von Flüchtlingen dann das Leben gekostet hat, und diese Kerle von KGB und GRU wissen es. Ich kann mich nicht vor ein Schwurgericht zerren und feststellen lassen, ob ich damals einen Mord begangen habe oder nur einen Totschlag, oder ob ich sogar nur Nothilfe geleistet habe. Genausogut könnte ich mich vorzeitig pensionieren lassen und mich aus der Gesellschaft zurückziehen.«

»Wir müssen dieses Risiko mit dem Inserat eingehen, Fritz«, sagte Anna »Irgend etwas wird schon geschehen. Alles ist besser, als sich widerspruchs- und tatenlos in diese Sache hineinziehen zu lassen. Wem würdest du es anvertrauen, dieses Inserat aufzugeben?«

»Am unverfänglichsten ginge das noch von meinem Amt aus. Der alte Kullnau tut mir schon mal einen Gefallen. Oder Hans …«

Seyfried brach so plötzlich ab, daß Anne ihn anblickte. »Was denkst du?«

Fritz antwortete nicht. Er konnte seiner Frau unmöglich sagen, was ihm bei Nennung dieses Namens durch den Kopf geschossen war. Daß Hans Lockschmidt mit fast allen sein Ressort berührenden Organisations- und Öffentlichkeitsfragen direkt zu tun hatte. Daß Hans schließlich auch sein persönliches Leben so genau kannte …Mein Gott, das traf zum Beispiel aber auch auf Bastians zu oder auf jeden beliebigen anderen, mit dem er oder Anne Verbindung hatte oder befreundet war.

Nein, er konnte Anne unmöglich sagen, daß mit dem Einbruch dieses Eishauches in ihr Leben unsichtbar und lautlos auch die Angst und das Mißtrauen eingetreten waren und sie nicht mehr verlassen würden, bis diese Affäre zu einem Ende gelangt wäre. Er schob das alles mit einem innerlichen Ruck zur Seite.

»… Hans, ja«, wiederholte er. »Ich glaube, das ist das richtige. Und jetzt laß uns nach oben gehen und sehen, ob wir diesen Umschlag finden. Aber kein Wort.«

Fritz schaltete das Licht aus.

Im Dunkeln begaben sie sich nach oben und betraten Fritz Seyfrieds Arbeitsraum.

Sie verständigten sich durch Kopfnicken und Handzeichen und begannen lautlos und vorsichtig in dem von der Straße hereinfallenden ungewissen Licht ihre Suche nach dem gelben Umschlag, durchwühlten Schubladen und Konferenzmappen, inspizierten Hängeregistraturen, leerten Kartons und Schachteln, die schon Jahrzehnte nicht mehr berührt worden waren.

Endlich fanden sie den Umschlag mit dem Aufdruck des Bundesadlers. Vorsichtig öffnete Fritz die Hülle. Mit dem darin befindlichen Bogen traten beide ans Fenster und lasen ihn im fehlen Lichtschein der Straßenlampe. Der Text auf dem Bogen war mit Maschine geschrieben und lautete: »Streng vertraulich. Zeitschrift: Der Rheinland-Pfälzische Elektrohandel. Text: Gebrauchte Bügelmaschine zu verkaufen. Chiffre: KR 799 B 14.«

___________

Beim Frühstück lud Friska Arme zu einem schon lange versprochenen Besuch bei ihr und ihrem Mann in Berlin ein und konnte sich keinen Reim auf den Blick machen, den Anne ihrem Mann zuwarf. Fritz jedoch verstand seine Frau sofort. Sehr gut, hieß das, dann kann ich alles gefahrlos mit Heinz durchsprechen. Dann wissen wir über das Rechtliche Bescheid, ohne daß du dich exponierst.

Im Amt angekommen, verhielt Fritz sich so normal wie möglich. Er zwang sich dazu, mit der Vorstellung zu leben, daß jeder, der ihm hier begegnete, auch zur Gegenseite gehören könnte. Er stellte fest, daß die Zeitschrift »Der Rheinland-Pfälzische Elektrohandel« tatsächlich noch erschien. Er nahm Füller und Papier und schrieb den Text, den sie nachts so mühevoll gesucht hatten, nieder. Eine Briefmarke und einen Briefumschlag hatte er in seinem Schreibtisch. Er legte dem Text einen Geldschein bei und verschloß den Brief. Dann bat er Hans Lockschmidt zu sich.

Als Lockschmidt das Zimmer betrat, war er erfreut, daß Seyfrieds Zustand sich anscheinend gebessert hatte. »Was hast du gestern abend nur gehabt? Das war ja beängstigend. Und jetzt? Geht es wieder?«

Ja, es gehe wieder, bestätigte Seyfried. Vielleicht sei es gestern doch ein kleiner Kollaps gewesen. Ach hier, übrigens, wenn Hans so nett sein wolle, er verlasse doch mittags fast immer das Haus, einfach in den nächsten Briefkasten. »Du bist doch so nett?«

»Natürlich«, sagte Lockschmidt. Damit schob er den Brief in die Brusttasche seines Jacketts, stand auf und verließ das Zimmer.

Fritz Seyfried wußte nicht, daß Hans Lockschmidt in seinem eigenen Büro den Umschlag sorgfältig öffnete und auf dem Tischkopierer im Nebenraum eine Fotokopie davon anfertigte, wie es sein Auftrag war. Dann schob er das Original und das Geld wieder in den Umschlag, verschloß diesen erneut und tat im übrigen das, worum Fritz ihn gebeten hatte.

Der Tag und der Abend verliefen wie in normalen Zeiten. Friska und der alte Hobarth wollten am nächsten Tag zurück nach Berlin reisen. Abends saß man um den Kamin. Der alte Hobärth erzählte aus seinem Leben, die Frauen strickten, und Seyfried tauchte seit langer Zeit zum erstenmal eine Pfeife.

Befriedigt machte er sich klar, daß niemand, der jetzt etwa die Gespräche abhörte, auf den Gedanken kommen könnte, daß sich in diesem Hause etwas Ungewöhnliches ereignet hatte.

Als das Feuer herabgebrannt war, erhoben sie sich, um schlafen zu gehen.

Nach einer halben Stunde war das Haus ruhig. E1ne weitere halbe Stunde später tastete Fritz im Bett nach dem Arm seiner Frau und schüttelte ihn leicht, um sie zur nächtlichen Lagebesprechung im Heizungskeller aufzufordern. Anne hatte bereits darauf gewartet und war sofort aus dem Bett.

»Hat es geklappt mit dem Inserat?« wollte sie von Fritz wissen, als sie sich neben dem brausenden Ölbrenner eingerichtet hatten.

»Ja«, sagte Fritz. »Hans hat es gemacht. Ich bin gespannt, ob da überhaupt noch jemand reagiert.«

»Wie habe ich das mit dem Besuch bei Friska gemacht, heute früh?«

»Hervorragend, Anne. Du hast völlig recht, das ist alles besser, als widerspruchslos den Kopf in den Sand zu stecken. Und Heinz wird uns gut beraten.«

»Ich habe mir deine ganze Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Der Mann mit dem Spaniel hat dich gefragt, ob du Zeugen hättest?«

»Natürlich. Ich habe ihm angedeutet, daß alles ganz anders war, als es vielleicht aus gesehen hat. Da fragte er, ob ich das beweisen könne.«

»Und du sagtest nein?«

»Ja. Was sollte ich sonst sagen?«

»Du warst mit diesem Major, während die Brücke in die Luft flog, allein?«

»Ja. Es gab keine Zeugen.«

»Fritz, wie wollen die denn dann beweisen, daß es so war, wie sie behaupten?«

»Nichts leichter als das. Ich denke, daß die Sowjets auf diese ganze Sache aufmerksam geworden sind, nachdem sie die Stadt eingenommen hatten. Da ist wahrscheinlich ein Bericht aufgenommen worden, und auf den ist jetzt die GRU oder der KGB gestoßen. Und die haben das überprüft. Und jetzt kaufen sie sich irgend jemanden, der ihnen den Eid dazu schwört. Auf diesem Gaul reiten sie vollkommen sicher. Die wissen doch auch, daß ich es mir gar nicht leisten kann, die Sache bis vor ein Gericht kommen zu lassen, wenn ich nicht sicher bin, daß ich mich entlasten kann.«

»Ich hab da einen verrückten Gedanken, Fritz.«

»Was für einen?«

»Aber lach mich nicht aus. Mir geht der Junge nicht aus dem Kopf, von dem du erzählt hast.«

»An den Jungen habe ich auch schon gedacht, Anne. Aber das ist sinnlos, glaube es mir.«

»Erzähl es mir trotzdem noch einmal, Fritz.«

Fritz erzählte also die Geschichte der Nacht von Tomaszów noch einmal bis dahin, wo er sich nach der Sprengung der Pilica-Brücke in dem raucherfüllten Bunker wieder zurechtzufinden versuchte.

»Und da hörtest du das Weinen dieses Buben«, sagte Anne. »Also warst du doch gar nicht mit dem Major allein, als es passierte?«

»Der Junge saß in einer Ecke auf einer Kiste und heulte«, erklärte Fritz Seyfried.

»Wie alt war das Kind, sagtest du?«

»Zehn, elf«, sagte Seyfried. »Vielleicht auch zwölf.«

Anne dachte nach. »Wenn der Junge den Krieg überlebt hat, dann ist er heute 47 Jahre alt. Und diese Nacht war ein einschneidendes Erlebnis für ihn. Vielleicht, nein sicher sogar eines der entscheidendsten Erlebnisse seines ganzen bisherigen Daseins. Wenn er noch lebt, dann kann er sich an diese Nacht in allen Einzelheiten erinnern.«

Fritz Seyfried schüttelte zweifelnd den Kopf. »Du kannst dir nicht recht vorstellen, wie es damals zwischen Weichsel und Oder ausgesehen hat. Es spricht nichts dafür, daß der Junge da durchgekommen ist, und wenn ja, daß wir ihn jemals finden.«

»Sag das nicht. Es sprach auch nichts dafür, daß du es überleben würdest, und du hast es doch geschafft. Über seinen Namen, seine Familie, seine Herkunft hat er dir nichts gesagt?«

»Ich kann mich nicht erinnern, Anne. Ich glaube, er war ein Wolhyniendeutscher, so klang seine Aussprache.«

»Als du ihn in dem verqualmten Bunker gefunden hattest, was hast du da gemacht?«

»Ich zerrte ihn hinter mir her zum Ausgang. Draußen war es schon fast dunkel. Die Russen hatten sich auf zwei meiner Panzer eingeschossen. Einer davon war mein eigener. Da mußte ich rein. Wir standen mitten im Panzerfeuer, als mir einer von meinen Unterführern entgegenkam, dessen Panzer sie noch nicht ausgemacht hatten. Ich habe ihm den Jungen gegeben und ihn gebeten, sich um ihn zu kümmern. Ich glaube, daß ich ihm gegenüber eine flüchtige Andeutung gemacht habe, was mit den Eltern des Kindes passiert war. Was dann weiter geschehen ist, weiß ich nicht, Ich wurde wenige Sekunden danach aus dem Verkehr gezogen.«

»Und was war das für ein Mann?«

»Das war der Hauptscharführer Ansgar Gottwald, der Kommandant meines Panzers drei. Ich weiß noch, daß er aus Solingen stammte. Die Eltern hatten einen kleinen Kürschnerladen.«

»Vielleicht existiert die Firma noch«, sagte Anne.

»Ich habe deine angeborene Hartnäckigkeit manchmal ein bißchen belächelt, Anne. Aber du hast recht. Wir müssen den Versuch wagen. Gottwald muß ja, wenn er noch lebt, wissen, was er mit dem Buben gemacht hat. Nur, ich kann das nicht tun.«

»Dann werde ich es tun«, sagte Anne. »Auf ein Postamt werde ich ja noch gehen können. Da hole ich mir die Adresse aus dem Telefonbuch. Und wenn ich sie finde, dann fahre ich hin. Ob sie uns beschatten?«

»Wahrscheinlich.«

Anne überlegte. »Wenn ich will, daß sie etwas wissen, brauche ich nur zu telefonieren?«

Fritz lächelte. »Sieh dich vor, Liebling, daß diese Sache nicht anfängt, dir Vergnügen zu machen. Vergiß nie, wie gefährlich sie ist. Frag mich bei allem, was du machst. In dieser Sparte habe ich mehr Erfahrung als du.«

»Also gut«, sagte Anne. »Morgen früh mache ich telefonisch einen Termin bei meiner Friseuse aus. Das dauert bei einer Frau immer zwei, drei Stunden. Solange ich in der Stadt bin, wird keiner auf mich aufpassen, falls es überhaupt jemand tut. Wenn ich fertig bin, versuche ich auf irgendeinem Postamt herauszufinden, ob es Gottwald in Solingen noch gibt. Wenn ich eine Adresse finden sollte, fahre ich nach Hause und rufe Doris in Köln an. Ich werde mich bei meiner besten Freundin bitter beklagen, daß das Vertrauensverhältnis zwischen dir und mir immer schlechter wird. Ich fürchte, daß eine Frau im Spiel ist. Ich muß mich einfach mal richtig ausheulen, verstehst du. Ich werde mit Doris einen Besuch ausmachen und zu ihr fahren. Da muß ich ohnehin vorbei, wenn ich nach Solingen will. Übermorgen fahr ich von dort aus nach Solingen und spreche mit Gottwald. Was hältst du davon?«

»Klingt alles recht unverfänglich. An dir ist eine Agentin verlorengegangen.«

»Was ist zwischen dir und dem Kerl mit dem Hund abgemacht worden?«

»Ich soll in Kürze an einem unerwarteten Ort und zu einem unerwarteten Zeitpunkt wieder angesprochen werden. Ich werde so tun, als stiege ich auf die Sache ein, um ihnen keinen Grund zu geben, die Schraube anzuziehen. Dann können wir nur noch warten, ob sich auf das Inserat hin jemand meldet. Wie es weitergeht, steht in den Sternen.«

Am nächsten Tag verlief alles wie abgesprochen. Kurz nach dem Frühstück reisten Friska und der alte Hobarth ab. Friska brachte ihn zum Flughafen und fuhr selbst von dort aus weiter nach Berlin.

Soweit Anne sich überzeugen konnte, hatte man ihr keinen Schatten angehängt, als sie in die Stadt fuhr. Nach dem Friseur begab sie sich auf das Postamt und sah mit Spannung das Telefonbuch der Stadt Solingen durch.

Unter dem Namen Gottwald fand sie den Eintrag: »Gottwald, Lilli und Ansgar, Moden.«

Anne schrieb sich die Adresse und Rufnummer auf. Anschließend betrat sie eine Konditorei, bestellte sich eine heiße Schokolade und überlegte. Nach dem Eintrag im Telefonbuch war das ein Geschäft, in dem beide Ehegatten arbeiteten. Dort konnte man tagsüber also nur stören. Ebenso unklug wäre es, bei diesen Leuten anzurufen. Es schien ihr am erfolgversprechendsten zu sein, mit Gottwald spontan in Kontakt zu kommen. Und das würde sie am besten morgen abend versuchen.

Sie holte ihr schwarzes, kleines Kabriolett aus dem Parksilo, fuhr nach Hause und führte das Telefongespräch mit Doris.

Die Freundin fiel aus allen Wolken. Da sie eine verwöhnte und etwas geschwätzige Arztwitwe war, deren Mann eine Menge Geld hinterlassen hatte, hatte Fritz Seyfried niemals besondere Sympathie für sie aufbringen können. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber was Anne ihr jetzt über Fritz und ihre Ehe auftischte, schlug dem Faß den Boden aus.

Anne gelang es, ihre Lage so bemitleidenswert darzustellen, daß Doris vor Teilnahme zerfloß. »Pack deinen Koffer, setz dich ins Auto und komm zu mir«, sagte sie resolut.

Dieses Angebot kam Anne wie gerufen. Sie rief Fritz im Amt an und bereitete ihn darauf vor, daß er sie heute abend nicht antreffen würde, wenn er nach Hause käme. Er nahm es mit Fassung auf. Anne versorgte den Haushalt, richtete für Fritz etwas zu essen und verließ gegen drei Uhr das Haus.

Es fiel ihr nicht leicht, bei Doris die vernachlässigte Ehefrau zu spielen, zumal Doris Fragen stellte, auf die Anne nicht vorbereitet war. Schließlich gelang es ihr, sie abzulenken, und sie überlegten, wie sie die beiden geschenkten Tage am schönsten ausnützen konnten.

___________

Der Abend war windstill und von trockener, angenehmer Kälte. Wie auch an den Abenden vorher, sah Fritz zuerst den dritten Hund mit Steffi und Stoffel in der Dunkelheit herumtollen. Unmittelbar danach trat der Mann aus dem Schatten der Fichten heraus und gesellte sich zu ihm.

»Wohin ist Ihre Frau verreist, Seyfried?«

»Woher wissen Sie, daß sie verreist ist?«

»Wir wissen, was bei Ihnen vorgeht, Seyfried. Also, wohin?«

»Wenn Sie ohnehin alles wissen, wozu dann die Frage?« sagte Seyfried. »Sie haben es tatsächlich geschafft, zwischen mir und meiner Frau eine Krise heraufzubeschwören. Meine Frau ist deshalb zu einer Freundin nach Köln gefahren.«

»Mit Ihrer Frau werden Sie schon einig werden, Seyfried. Wie haben Sie sich entschlossen?«

»Ich bin mir nicht klar, ob Sie vertrauenswürdig genug sind, um mit Ihnen zusammen eine Sache von solchem Umfang durchzuziehen.«

Etwas Ähnliches war Drohne während seiner langen Tätigkeit als Agent noch nie vorgekommen. Wie sollte er sich Verhalten? Die Angriffsvorbereitung war ja nicht seine Sache, sondern die Sache von Nachtfrost selbst gewesen. Er kannte Nachtfrost nur als Stimme. Dieser bei verschiedenen Telefongesprächen mit unterschiedlichen Methoden verstellten Stimme hatte Drohne Datum und Stunde des Angriffs aufFritz Seyfried vorgeschlagen. Nachtfrost war nach kurzer Überlegung damit einverstanden gewesen. Aber als er sich dies jetzt alles noch einmal blitzschnell durch den Kopf gehen ließ, durchfuhr Drohne Angst. Plötzlich stand die Erkenntnis vor ihm, daß es ihm niemals gelingen würde, der Stimme eine Verantwortung zuzuschieben. Wenn irgend etwas bei dieser Sache schiefging, war er es, er ganz allein, der dafür bezahlte. »Sie haben sich also entschlossen, Seyfried«, sagte er nach einer langen Pause.

»Ich bin nicht daran interessiert, daß die Vorgänge von damals unterdrückt bleiben«, sagte Seyfried, »und ich statt dessen wegen Landesverrats vor Gericht komme. Was für Garantien können Sie mir geben?«

»Garantien, in diesem Job?«

»Wissen Sie, was Sie von mir verlangen?« antwortete Seyfried. »Landesverrat. Es geht Ihnen doch wohl um den Panzerstahl aus Herne? Ich bin verpflichtet, mein Fachwissen vor Ihnen geheimzuhalten. Aber meine Frau ist mir wichtiger als dieser Halbstaat, von dem keiner so recht weiß, ob er ein Vaterland oder eine Zweckschöpfung ist. Also sagen Sie schon, was Sie mir zu sagen haben.«

»Es wird in absehbarer Zeit zu einer Konferenz von sieben Verteidigungsministern interessierter NATO-Staaten kommen, denen Sie Ihre Neuschöpfung in einer streng geheimen Sitzung präsentieren werden.«

Seyfried nickte.

»Es ist uns bekannt«, fuhr Drohne fort, »daß die wissenschaftliche Denkschrift über Forschung, Entwicklung, Fertigung und Anwendung dieser Substanz bei den Vereinigten Hütten in Herne ausgearbeitet und dokumentiert wird. Auch das Testergebnis des Probeschießens in Munsterlager vom vergangenen Donnerstag fließt in diesen Bericht mit ein.«

»Sie sind wirklich sehr gut informiert«, sagte Seyfried. »Was soll ich tun?«

»Wir wollen zwischen dem Tag, an dem Sie in Herne diese Denkschrift abholen, und der Ministerkonferenz in den Besitz der Denkschrift kommen. Wir erwarten demzufolge, daß Sie den Termin der Ministerkonferenz so vorschlagen, daß Sie dazu Gelegenheit haben.«

»Glauben Sie denn, daß diese Schrift in Form eines Schnellhefters ausgeliefert wird, Mann, den man einfach unter den Kopierer legt?«

»Nein«, sagte der Fremde höflich. »Sie erhalten diese Denkschrift auf einem Magnetband gespeichert, das in Ihrem Rechenzentrum auf Mikrofilm umgesetzt wird. Ein Exemplar davon möchten wir gerne haben. Das ist alles.«

»Welche Sicherheiten haben Sie eigentlich, daß ich Ihnen bei der Stange bleibe?«

Drohne fuhr mit der Hand in die Innentasche seines Mantels und zog ein Instrument heraus, das nicht größer als eine Zigarettenschachtel war.

»Sie haben soeben hier und ebenfalls bei unserem letzten Gespräch auf einen hochsensibilisierten Tonträger gesprochen«, sagte er freundlich. »Sie selbst haben auf die Ereignisse von damals angespielt, die Sie gerne verheimlichen möchten. Ich glaube nicht, daß es sich für Sie lohnen würde, uns Schwierigkeiten zu machen.« Nach diesen Worten pfiff er seinem Hund und war kurz darauf im Schatten der Fichten verschwunden.

5

Anne Seyfried erreichte Solingen gegen achtzehn Uhr dreißig am folgenden Tag. Das Haus, das sie suchte, lag am anderen Ende der Stadt in einer Straße, die wohl früher einmal eine ruhige Wohnstraße gewesen war, in der sich aber jetzt ebenso viele Autos stauten wie in allen anderen Straßen auch. Es war zweistöckig und lag an der Ecke zu einer Seitenstraße, in die Anne einbog, um das Kabriolett in einem Hof zu parken.

Sie stieg aus. Das Untergeschoß des Hauses war zu einem Laden umgebaut worden. Der Ladeneingang befand sich zwischen geschickt angeordneten Spiegeln. »Gottwald-Moden« stand in geschwungenen Goldbuchstaben quer über der Tür.

Drinnen gab es von bunten Kleidern bis hin zu Regenmänteln mit pelzbesetzten Kragen und modischen Mützchen und Pullovern so ziemlich alles für Damen. Eine Etagere mit lässig darübergestreutem Modeschmuck und ledernen Accessoires war von innen vor die Tür geschoben.

Anne fand den Privateingang auf der Rückseite des Hauses. Im Oberstock waren zwei Fenster erleuchtet.

Als sie läutete, wurde eines von ihnen geöffnet. Sie erkannte die Silhouette eines Mannes.

»Ja bitte, zu wem möchten Sie denn?« rief er.

»Zu Ihnen«, antwortete Anne. »Falls Sie Herr Gottwald sind.«

»Herr Gottwald? Wissen Sie nicht, daß Herr Gottwald im vorigen Jahr gestorben ist? Was hätten Sie denn von ihm gewollt?«

Anne war unschlüssig. »Das kann ich Ihnen so zwischen Tür und Angel schwer erklären. Wer sind Sie denn?«

»Ich bin Rolf Schubert. Ich … naja, ich kümmere mich sozusagen ein bißchen um das alles hier. Kommen Sie privat oder geschäftlich? Wenn Sie privat kommen, sollten Sie vielleicht besser mit Frau Gottwald sprechen.«

»Ist sie da?« rief Anne nach oben.

»Nein«, sagte der Mann. »Heute abend ist im Eugeniensaal eine Modenschau. Da hat sie die Conférence.«

»Wo ist der Eugeniensaal?« fragte Anne.

»Warten Sie«, sagte der Mann. »Ich fahre Sie hin.«

Das Fenster klirrte, oben erlosch das Licht. Kurze Zeit später stand der Mann ihr gegenüber. Ungefähr Annes Alter, mittelgroß, dunkle Haartolle, sonnengebräuntes Gesicht. Ein unkomplizierter Typ. Zu allem, um das er sich hier kümmerte, gehörte ganz sicher auch Ansgar Gottwalds Witwe.

Er gab ihr die Hand, musterte fachkundig ihren Zobelmantel, warf bei dieser Gelegenheit einen ebenso fachkundigen Blick auf Annes Beine und öffnete schließlich das Kipptor einer Garage. »Bis Sie sich in den Einbahnstraßen zurechtfinden und dann auch noch einen Parkplatz kriegen, bin ich dort und wieder zurück«, sagte er, als sie neben ihm im Wagen saß.

Das Hotel Eugenienhof besaß einen Saal mit Balustraden, Emporen und Tischnischen sowie einer Bühne. Es gab blitzendes Messing, schwere Plüschportieren und riesige Lüster. Aus dem Saal klangen die Rhythmen einer Band.

Am Eingang verkaufte eine Frau Anne eine Eintrittskarte und zeigte ihr Frau Gottwald.

Kurz darauf saß Anne an einem der Tische, nippte an einem Glas Orangensaft und betrachtete die Frau, von der für sie und Fritz möglicherweise eine Menge abhing. Sie beobachtete, wie die Einlaßdame Frau Gottwald auf sie aufmerksam machte und Lilli Gottwald, die mit einem Mikrofonkabel kämpfte, zu ihr herübersah. Das Licht der Lüster erlosch, Spotlights flammten auf, und die Show begann abzurollen.

Auf dem erhöhten Laufsteg tänzelten Mannequins in Hosenanzügen und Kleidern, schwangen und wendeten Pelze, Mäntel, Kasacks, Kostüme. Und Lilli Gottwald sagte das alles mit etwas verkrampftem Humor an.

Sie mußte, wie Anne selbst, etwa vierzig sein, war sehr blond und wohlfrisiert und trug ein Abendkleid aus flaschengrünem Taft, dessen Rock kokett geschlitzt war. Anne wartete geduldig. Als in der Pause die Kronleuchter wieder heller wurden, die Band pausierte und die Leute den Saal verließen, um frische Luft zu schnappen, kam Lilli Gottwald an Annes Tisch.

»Ich bin Lilli Gottwald«, sagte sie und setzte sich auf einen der freien Stühle. »Sie sind nicht von hier, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Anne. »Ich bin eigentlich gekommen, um mit Ihrem Mann zu sprechen.«

»Kannten Sie meinen Mann?«

»Nein, ich kannte ihn nicht«, sagte Anne.

»Ach so. Ich dachte … Frau …, wie darf ich Sie anreden?«

Anne nannte ihren Namen. »Sie haben das ja ziemlich groß aufgezogen, hier.«

»Das hätte er alles gar nicht sehen dürfen«, antwortete Frau Gmtwald. »Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann säßen wir noch immer in einer überalterten Werkstatt und würden die Pelzkrägen der Hautevolee reparieren. Als er aus dem Krieg zurückgekehrt ist, hat er gemeint, daß er nur mit Arbeit zu etwas kommen würde, der arme Kerl.«

»Nun«, sagte Anne, »anscheinend ist er wirklich zu etwas gekommen.«

Lilli Gottwald sah Anne ein wenig mitleidig an. »Ja, zu einer Kürschnerlunge ist er gekommen. Das war alles, und daran ist er dann auch gestorben. Mein Mann hat nie begriffen, daß man durch mehr Arbeit nicht unbedingt mehr Geld bekommt. Man muß Geld zu mehr Geld machen. Aber was wollten Sie eigentlich von meinem Mann?« fragte sie und erhob sich, weil die Musiker ihre Plätze wieder einnahmen.

Die Gäste der Modenschau strömten zurück in den Saal.

»Ich will etwas ganz Persönliches. Ein paar Fragen, die Ihren verstorbenen Mann betreffen.« Lilli Gottwalds Gesicht drückte unverhohlene Ablehnung aus.

Deshalb beeilte sich Anne Seyfried hinzuzusetzen: »Es ist für mich und meinen Mann sehr wichtig und bringt für Sie keinerlei Nachteile.«

Lillis Gesichtsausdruck wurde freundlicher. »Dann ist es am besten, wenn Sie nachher mit mir und Rolf nach Hause fahren. Hier kommen wir doch zu keinem ruhigen Wort.« Dann wendete sie sich wieder ihrer Tätigkeit zu.

Nach Ende des zweiten Teiles stiegen die beiden Fräuen zu Rolf, der schon auf sie wartete, in den Wagen. »Ich habe mir schon gedacht, daß sie noch mal mit heraus zu uns kommt«, sagte er, als er den Wagen beschleunigte. »Ich habe was kalt gestellt.«

Später, als sie oben zusammensaßen und Lilli berichtet hatte, wie die Show abgerauscht war, wie sie es ausdrückte, fragte sie Anne, um was es denn nun eigentlich ginge.

»Tja«, sagte Anne, »eigentlich geht es um die Zeit, als Ihr Mann Soldat war.«

»Ausgerechnet«, sagte Lilli. »Muß das sein?«

»Er hat ihr nämlich immer die Geschichten von seinen Heldentaten erzählt, und das ist Lilli ganz schön auf die Nerven gegangen«, sagte Schubert.

Anne hatte verschiedene Annäherungsstrategien durchgespielt, dann aber beschlossen, nach Möglichkeit bei der Wahrheit zu bleiben, »Haben Sie jemals von ihm den Namen von Loßwitz gehört?« fragte sie.

»Den Namen habe ich sogar oft von ihm gehört. Das war eine ganze Weile sein Boß, damals. Und was haben Sie mit diesem Loßwitz zu schaffen?«

»Ich bin seine Frau.«

»Ich denke, Sie heißen Seyfried«, sagte Lilli. »Wie verstehe ich denn das alles? Dieser Loßwitz ist gefallen, ziemlich zum Schluß. Irgendwo in Polen, wie hieß das doch gleich …?«

»Tomaszów«, sagte Anne.

»Sie schwindeln doch«, sagte Lilli. »So hat das nicht geheißen.«

»Dann war es ein Fluß«, sagte Anne. »Er heißt Pilica.«

»Ja, so hat es geheißen«, sagte Lilli Gottwald kopfschüttelnd. »Aber was kann von dem ganzen Blödsinn von damals heute noch wichtig sein? So wichtig, daß Sie extra hierher fahren … In was wollen Sie uns denn da reinbringen? Und dann wollen Sie mir noch aufbinden, daß Sie Loßwitz’ Witwe sind.«

»Seine Frau«, verbesserte Anne. »Das ist ein Unterschied.«

Rolf Schubert schaltete sich ein. »Bevor wir überhaupt weiterreden — können Sie beweisen, was Sie sagen?«

»Nein«, sagte Anne. »Nichts kann ich beweisen. Sie müssen mir glauben, daß Henning von Loßwitz noch am Leben ist und daß ich wirklich seine Frau bin.«

»Aber ich kann das Gegenteil beweisen«, sagte Lilli und verließ das Zimmer. Gleich darauf trat sie wieder ein. Sie hatte eine Fotografie in der Hand, auf der sich sechs oder sieben junge Männer mit nackten Oberkörpern an einem russischen Sommertag vor einem verstaubten Panzer hatten fotografieren lassen. Lilli legte das Bild vor Anne auf den Tisch. »Welcher von denen ist denn nun Ihr Mann?« fragte sie triumphirend.

Anne brauchte das Foto gar nicht ein zweites Mal anzusehen. Figur, Gesichtsschnitt und Haarschnitt des zweiten von links waren so unverkennhar die von Fritz, daß sie ohne Zögern auf diesen zeigte und sagte: »Da steht er doch. Und welcher ist Ihr verstorbener Mann?«

»Der rechts neben ihm«, sagte Lilli Gottwald verblüfft.

»Vertrauen Sie mir jetzt?« fragte Anne.

»Eins zu null.« Lilli Gottwald warf sich wieder in ihren Sessel, starrte Anne neugierig an und fügte hinzu: »Also, dann schießen Sie los.«

Anne Seyfried weihte Rolf Schubert und Ansgar Gottwalds Witwe so weit in die Geschichte Fritz Seyfrieds ein, wie es ihr notwendig erschien, und beendete ihren Bericht mit den Worten: »An diesem Abend erschoß mein Mann in dem Befehlsstand einen deutschen Major, der die Nerven verloren hatte und die Brücke zu früh in die Luft jagen wollte, während noch Hunderte von Menschen auf ihr waren. Daraus will man ihm jetzt einen Mordprozeß machen.«

»Also Erpressung?« sagte Rolf Schubert fachkundig.

»So ähnlich«, antwortete Anne. »Aber er hat eine Chance. Während sich das alles im Bunker abspielte, war bei ihm ein etwa zwölf Jahre alter volksdeutscher Junge. Wenn wir den finden würden, könnten wir versuchen, die Wahrheit zu beweisen. Das letzte, was meinem Mann vor seiner schweren Verwundung noch bewußt in Erinnerung geblieben ist, war, daß er das Kind Ihrem Mann übergeben und ihn gebeten hat, sich darum zu kümmern. Das war es, was ich Ihren verstorbenen Mann fragen wollte: Was ist mit diesem Kind geschehen?«

Anne Seyfried schwieg. Auch die beiden anderen sagten lange nichts. Schließlich war es Lilli, die redete: »Ich kann Ihnen sagen, wie es weiterging. Mein Mann hatte also plötzlich ein schreiendes verzweifeltes Bündel Mensch in den Armen. Das ganze Ufer lag unter Beschuß. Loßwitz hatte es soeben erwischt. Er hob das Kind seinem Richtkanonier hinauf. Dann stieg Ansgar auch ein und ließ den Lukendeckel zufallen. Sie hielten diese Stellung bis etwa Mitternacht, wurden dann aus ihren Deckungen geschossen und mußten türmen. Es ging rückwärts. Irgendwo zwischen Weichsel und Oder trafen sie dann in einem Dorf noch auf eine deutsche Zivildienststelle. Rotes Kreuz oder so. Denen konnte er den Jungen übergeben.«

»Und der Name?« fragte Anne. »Wußte er denn den Namen nicht?«

»Doch«, sagte Lilli Gottwald. »Den Namen dieses Jungen wußte mein Mann. Als mein Mann ihn abgab, klammerte sich das Kind an ihn, und mein Mann hat ihm dann einen Zettel mit seinem Namen und seiner Adresse aufgeschrieben. Wenn er mal einen Freund brauchte nach dem Krieg, hat mein Mann gesagt, dann solle ihm der Junge schreiben.«

»Und? Hat er das getan?«

»Mein Mann sagt, er habe es getan. Zweimal sogar.«

»Hat er Ihnen den Namen denn nicht genannt?«

»Nein«, sagte Lilli Gottwald. »Er hat mir den Namen nicht gesagt, und ich habe nicht danach gefragt. Aber warten Sie mal …« Sie wendete sich an Rolf Schubert. »Hast du die Kiste mit den Sachen von Ansgar schon fortgebracht?«

»Sie steht noch unten in der Garage«, antwortete Schubert. Lilli Gottwald wendete sich wieder Arme zu.

»Mein Mann hat nämlich nie etwas weggeworfen. Die beiden Postkarten müßten noch in dieser Kiste sein.«

Die zum Abtransport bestimmte Kiste war von Rolf Schubert zugenagelt worden und stand an der Rückwand der Garage. Schubert hatte die Strickjacke ausgezogen und brach den Deckel mit Hammer und Stemmeisen wieder auf.

Beim Schein einer schirmlosen Deckenbirne begannen Rolf Schubert und Lilli Gottwald die Papiere noch einmal zu durchwühlen. Endlich richtete Lilli Gottwald sich auf. In der Hand hielt sie zwei durch eine verrostete Büroklammer zusammengehaltene, stark mitgenommene Postkarten.

»Kommen Sie, lesen wir das oben«, sagte sie. »Laß alles hier liegen, Rolf. Wir können es morgen in Ordnung bringen.«

Im Wohnzimmer hielt Anne die Postkarten unter das helle Licht einer Stehlampe.

Die erste stammte aus dem Jahr 1945. Sie begann mit der noch kindlichen Anrede: Lieber Onkel Ansgar. Als Absender trug sie den Namen Jost Marschal.

Die Karte stammte aus einem der zahlreichen Sammellager für verschleppte Personen in der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Ihr Inhalt schilderte in gedrängter Kürze den Leidensweg des jungen Marschal bis in dieses Lager und drückte den Wunsch aus, daß Onkel Ansgar ihn dort doch bald einmal besuchen möge.

Die zweite Karte aus dem Jahre 1949 begann förmlich mit den Worten: »Sehr geehrter Herr Gottwald.« Der Absender wohnte im Bezirk Berlin, Stöttnerstraße 14, Rückgebäude. In dieser Karte teilte Jost Marschal mit, daß er das große Glück habe, von dem verdienten Vorkämpfer für die Rechte der Arbeiterklasse, Max Wentzell, adoptiert zu werden, und daß ihm eine Laufbahn im Dienste der Errichtung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden offenstehe.

Lilli Gottwald überließ Anne die beiden Karten zu treuen Händen. Als Anne sie und Rolf Schubert noch einmal eindringlich darauf hinwies, wie gefährlich es sein könnte, wenn jemand von ihrem Besuch erfahren würde, versprachen beide, niemandem gegenüber auch nur ein Sterbenswort zu sagen.

6

Einige Kilometer südlich von München liegt Pullach. Hier residiert, ins Leben gerufen in enger Zusammenarbeit zwischen Amerikanern und Deutschen durch den ehemaligen Wehrmachtgeneral Gehlen, der Nachrichtendienst der Bundesrepublik unter der Bezeichnung BND.

Am 14. Februar 1980 herrschte im südlichen Bayern starker Föhn. Günther Mallée hatte am Morgen nicht die Bundesstraße genommen, sondern war auf Nebenwegen von Thalkirchen aus über Großhesselohe nach Pullach gelangt.

Er fuhr an der Mauer entlang, welche das Dienstgelände umgab, und betätigte frühzeitig die Lichthupe. Der Polizist in seiner vorspringenden Glaskanzel bemerkte das Zeichen und sorgte dafür, daß das Tor offenstand, als Mallée in das Gelände einbog. Ein anderer Polizist kontrollierte wie jeden Morgen Mallées Papiere und Wagen und bedeutete ihm dann weiterzufahren.

Günther Mallée war beim BND Chef derjenigen Abteilung, die sich mit der Abwehr operationeller Aktivitäten ausländischer Geheimdienste auf dem Boden der Bundesrepublik beschäftigte.

Zu seinem festen Tagesablauf gehörte es, morgens als erstes die schriftlichen Eingänge durchzusehen. Da die Vormittagspost noch nicht zugestellt und sortiert war, handelte es sich nur um dienstinterne Vorgänge. Es genügte, sie zur Kenntnis zu nehmen und das jeweilige Blatt mit dem kurzen Handzeichen zu versehen. Als Mallée das erledigt hatte, rief er die Sekretärin und gab ihr die Mappe. »Und dann bitten Sie Herrn Pless zu mir.« Auf diesen Auftrag folgte regelmäßig Mallées Morgenzigarette, deren erste Züge er in den wenigen Minuten genoß, die Rüdiger Pless brauchte, um aus dem Nachbarbau zu ihm herüberzukommen.

Mallée war groß, schlank und sportlich, obwohl er die Vierzig überschritten hatte. Sein Gesicht, das gleichzeitig Ehrgeiz und Charme ausdrückte, sein Typ, wirkten auf Frauen.

Pless kam nicht durch das Vorzimmer, und er kam, wenn Mallée ihn gerufen hatte, ohne anzuklopfen. Er war mittelgroß, zehn Jahre jünger als sein Chef, mit beginnender Stirnglatze und randloser Brille. Ein agiler, fleißiger Kanzleibeamter und hervorragender, loyaler und vertrauenswürdiger Mitarbeiter.

Die erste Begrüßung der beiden Männer geschah seit Jahr und Tag durch Handschlag.

Danach setzte sich Pless vor den Schreibtisch, und Mallée schob ihm eine ausfahrbare Platte entgegen, auf der Pless für gewöhnlich seine Unterlagen ausbreitete, während er vortrug.

»Noch etwas?« fragte Mallée, nachdem alles erledigt war.

»Ja«, antwortete Pless und zog aus dem letzten Fach der Vorgangsmappe eine handgeschriebene Notiz hervor. »PÜ Bonn gibt ein Notinserat durch.«

Mallée sah Pless erstaunt an. »Ein Notinserat? Wen betrifft es?«

»Ich weiß es noch nicht«, sagte Pless. »Ich weiß nicht einmal, was ich damit anfangen soll. Sie haben es gerade eben durchtelefoniert, und ich wollte nicht fragen. Die Zentrale muß informiert erscheinen, auch wenn sie es nicht ist. Darf ich Sie um eine Information bitten?«

»Na, so lange sind Sie ja noch nicht bei uns«, sagte Mallée. »PÜ, was das ist, wissen Sie?«

»Natürlich«, antwortete Pless. »Die Presseüberwachung. Sie arbeiten die Anzeigen aller Zeitungen durch. Aus der Chiffrenummer des Inserats ist zu ersehen, um wen es sich handelt.«

»Geben Sie mal her«, sagte Mallée, und Pless reichte ihm die Notiz über den Schreibtisch. »Haben Sie auf die Chiffre geachtet?«

»Ich habe den Vorgang noch nicht überprüft«, sagte Pless. »Ich sprach gerade mit Bonn, als Sie mich rufen ließen.«

»Sehen Sie mal«, begann Mallée und wartete, bis Pless um den Schreibtisch kam und ihm über die Schulter sah. »KR 799 B 14. Das ist eine alphanumerische Chiffre von acht Zeichen. Daß dies ein elektronisches Zuordnungsmerkmal ist, kann jeder sehen, der das Inserat überprüft. Deshalb sind in den letzten Jahren diese Chiffren nicht mehr vergeben worden.«

»Die haben auch nicht mitgeteilt, in welcher Zeitung das Inserat erschienen ist«, sagte Pless.

»Das ist gleichgültig«, antwortete Mallée und erhob sich hinter seinem Schreibtisch. »Die Chiffre enthält alle wichtigen Merkmale. Kommen Sie, begleiten Sie mich runter ins Rechenzentrum.«

Mallée öffnete die Tür und hinterließ seiner Sekretärin, wo er zu finden sei.

Der Zugang zum Tiefbunker der Elektronik befand sich im Inneren eines der Gebäude, die wie gewöhnliche Siedlungshäuser über das Gelände verteilt waren. Mit einem Aufzug ging es abwärts. Als die Männer den Fahrstuhl verließen, befanden sie sich zwanzig Meter unter dem Erdboden in einem mit Spannteppichen ausgelegten und durch gedämpftes Licht erhellten Vorraum. Als sie eine Lichtschleuse durchschritten hatten, leuchtete ein in die Wand eingelassenes Transparent auf, wo sich der Kennungsschlitz befand.

Mallée fütterte ihn mit seiner Sicherheitskarte, und eine Stahltür schwang zurück.

Sie befanden sich jetzt in einem ebenfalls mit gedämpftem Licht und gedämpften Geräuschen angefüllten Großraum. Zahllose Bildschirme schimmerten in fluoreszierendem Grün.

Mallée fragte sich zu dem Chef der Systemtechnik durch und zeigte ihm die Notiz. Nachdem der Mann im weißen Mantel eine Weile überlegt hatte, forderte er die beiden Besucher auf, ihm zu folgen. In einer entfernteren Ecke des Großraums sprach er einen Operator an, der gerade eine neue Bandspule auf ein kompliziertes Gerät legte.

»Sehen Sie mal, das gehört doch zu Ihrem Bereich?«

Der Operator prüfte die Kennziffer. »Ja«, sagte er. »Ein ziemlich altes Programm. Wollen Sie es gleich haben?«

Mallée nickte. »Es kann sehr wichtig sein.«

Der Operator nahm das Band wieder heraus, verschwand damit und kam nach einigen Minuten mit einem anderen Speicherband und einer Programmspule zurück. Nachdem er beides eingelegt hatte streckte er die Hand noch einmal nach dem Zettel aus. Von diesem ablesend gab er Programm und Kennung ein. Dann deutete er auf einen freien Bildschirm und ließ Mallée und Pless allein.

Über die gewölbte Glasscheibe geisterten grünliche Striche und Schatten. Schließlich formierten sich diese Lichtpunkte und bildeten Zeilen. Mallée und Pless lasen ab, daß die Chiffre sich auf ein Inserat bezog, das in der Fachzeitschrift Der Rheinland-Pfälzische Elektrohandel eingerückt worden war.

Der Auftraggeber mußte laut Kennziffer ein gewisser Fritz Seyfried sein, geboren am 9. August 1921 in Kronenfeld im Banat, von April 1951 bis Juni 1961 Angehöriger der Organisation Gehlen und später des Bundesnachrichtendienstes, danach versetzt zum Amt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz, Leiter der Projektstelle 14, zuständig für gepanzerte Fahrzeuge des Heeres und deren Ausrüstung.

Als zusätzliche Information flimmerten auf dem Bildschirm die Feststellungen, daß Seyfried Geheimnisträger sei, verheiratet sei und in geordneten finanziellen Verhältnissen lebe. Über Leichtsinn, Schulden, Leidenschaften sei nichts bekannt. Seyfried sei als loyaler Beamter von bürgerlicher Lebensweise und gefestigtem Charakter anzusehen.

»Können Sie mir diesen Text ausdrucken lassen?« fragte Mallée den Operator, der inzwischen wieder hereingekommen war.

»Selbstverständlich, Herr Mallée«, antwortete er.

Mallée und Pless schritten durch den riesigen unterirdischen Raum zurück zum Ausgang und fuhren mit dem Aufzug wieder an die Erdoberfläche. In Mallées Arbeitszimmer angelangt, zündeten sie sich Zigaretten an.

»Nichts von erpreßbarer Vergangenheit«, sagte Mallée. »Wie beurteilen Sie die Sache?«

»Entweder steht der Mann unter Druck«, erwiderte Pless. »Oder die Gegenseite testet, was bei uns auf so ein Inserat hin passiert.«

»Dann müßten sie Seyfried schon angeworben oder umgedreht haben, denn über die Chiffre verfügt er allein. Ich möchte unterstellen, daß Seyfried das Inserat selbst aufgegeben hat. Das beweist, daß der Mann überwacht wird oder mindestens glaubt, daß er überwacht wird. Das heißt im Klartext, daß wir mit unserer Reaktion äußerst vorsichtig sein müssen.« In diesem Augenblick wurde die Tür zum Sekretariat geöffnet und der Ausdruck des Textes überbracht. Mallée nahm die Papierfahne in Empfang, lehnte sich in seinem Sessel zurück und las den Ausdruck noch einmal aufmerksam durch. Schließlich legte er das Papier vor sich auf den Schreibtisch, stützte die Arme auf die Seitenlehnen seines Sessels und sah Pless über die Spitzen der aneinandergelegten Finger an. »AWB, Projektstelle 14.« Mallée rückte nach vorne, seine Hand pochte energisch auf das Blatt Papier. »Pless … das da … das ist der erste Auftritt von Nachtfrost, so wahr ich hier sitze.«

Mit vor der Brust verschränkten Armen sprach Mallée weiter: »Seit Jahren ist mir klar, daß Rodionowski und Alikin hinter dem Projekt SR 707 her sind. Wir wissen aber auch noch etwas anderes, nämlich daß die Leute um Alikin eine Operationsgruppe auf das Projekt angesetzt und eingeschleust haben, die drüben unter dem Deckwort Nachtfrost läuft. Das ist aber auch alles. Hinter SR 707 verbirgt sich eine Panzerungsentwicklung für den Leopard 2, die durch ein Zusammenwirken von metallurgischer Legierung und fahrzeugtechnischer Verarbeitung praktisch eine neue Dimension im Panzerbau darstellt und jede mit dem Leopard 2 ausgerüstete Panzertruppe bis auf weiteres unverwundbar macht. Projektstelle 14 ist die Nahtstelle, an der Planungsanstoß, Entwicklung, Fertigung, Erprobung und Lieferung dieses Materials zusammenlaufen. Die Panzerung ist das einzige, was an dieser Kiste wirklich geheimgehalten wird. Und dieser Seyfried scheint der Mann zu sein, auf den die Sowjets ihre Bemühungen konzentrieren. Es könnte sein, Pless, daß es uns jetzt gelingt, Nachtfrost auf die Spur zu kommen.«

»Wenn es kein Bluff ist«, sagte Pless.

Aber davon wollte Mallée nichts hören. »Stellen Sie sich nur mal vor, da schleust Alikin vor drei Jahren eine ganze Operationsgruppe ein, von der wir zwar genau wissen, was sie beabsichtigt, aber sonst nichts. Und die stellt sich tot, als gäbe es sie überhaupt nicht, um in dem Augenblick aufzutauchen, wo ihre Operationen Erfolg versprechen. Und jetzt meldet sich genau der Mann, den ich auch anvisieren würde, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Das ist kein Zufall. Und auch kein Bluff. Das ist System. Und ich will wissen, was dahintersteckt. Was schlagen Sie vor?«

»Wenn Sie recht haben, daß der Mann beschattet wird, geht nichts schriftlich und auch nichts über das Telefon«, überlegte Pless.

Mallée nickte zustimmend. »Wir haben doch für solche Fälle eine Klempnerfirma an der Hand«, fuhr Pless fort. »Wie wäre es mit der?«

»Gut«, sagte Mallée. »Lassen Sie Seyfried in einem Werbebrief durch Boten eine Aufforderung zukommen, daß er sich unter einer Adresse, die wir ihm ebenfalls mitteilen, einen Klempner ins Haus bestellen soll. Diese Briefe müssen aber in jedes Haus und jeden Briefkasten der ganzen Gegend kommen, damit der Einwurf bei Seyfried nicht auffällt.«

Pless stand auf. »In Ordnung, Herr. Mallée. Ich werde Sie auf dem laufenden halten.«

»Und lassen Sie einmal die Archive durchsehen, Pless. Ich bin sicher, daß es über Seyfried eine Akte gibt. Die möchte ich hier auf meinem Schreibtisch haben. Je schneller, desto besser.«

7

Anne sah den Jungen kommen. Er benützte ein Mofa und hatte eine Segeltuchtasche umgehängt, aus der er jedesmal so viele Briefe nahm, wie zu dem Haus Briefkästen gehörten. Sie sah ihn die Vorgärten durchqueren und die Umschläge in die Schlitze stecken. Sie hörte ihr eigenes Gartentor klappen und dann die Schritte des Jungen auf dem Plattenweg.

Hätte Anne nicht nasse Hände gehabt, so hätte sie ihm zugerufen, daß er sich seine Mühe sparen solle, denn bei Seyfrieds landeten Werbeschriften ausnahmslos im Papierkorb.

So geschah es auch mit dem hektographierten Schreiben einer Schneiderfirma für Herrenmaßhemden, das außerordentlich günstige Angebote bei Abnahme von mindestens drei Stück verhieß.

Nachdem Anne mit dem Namen und der Adresse des Jungen von Tomaszów aus Solingen zurückgekehrt war, hatte sie in der Nacht im Heizungskeller Fritz alle Einzelheiten ihres Besuches bei Lilli Gottwald berichtet. Sie sei fest entschlossen, sich in Berlin mit ihrem Schwager zu beraten und zu versuchen, im Ostteil der Stadt etwas über das Schicksal von Jost Marschal in Erfahrung zu bringen. Neben alldem hofften sie auf eine Reaktion des eigenen Abwehrdienstes auf das Inserat. Dies allerdings hatte sich Anne viel zu dramatisch vorgestellt, um es mit einem Werbebrief in Verbindung zu bringen.

Kurz bevor sie nach oben gingen, fragte ihr Mann nach der Post, und Anne antwortete, daß nur die Stromrechnung und ein Werbebrief gekommen seien. In seinem Arbeitszimmer deutete sie, mit den Schultern zuckend, auf den Papierkorb.

Fritz bückte sich und Wühlte das Werbeschreiben wieder zwischen den anderen Papieren hervor. Im Licht der Lampe auf seinem Schreibtisch zeigte er Anne die unauffällig mitten in den übrigen Text lancierten Zeilen:

Rufen Sie unter der Nummer 24738 die Firma Wallmann an, und bestellen Sie wegen verstopfter Toilette einen Installateur. Warten Sie auf jeden Fall, bis dieser Sie auf das Problem anspricht.

Anne war so überrascht, daß Fritz sie nur mit Mühe daran zu hindern vermochte, auf der Stelle offen über die Mitteilung zu sprechen. Sie mußte ihre Ungeduld bezähmen, bis sie wieder im Keller waren. Als Fritz endlich die Eisentür hinter sich geschlossen hatte, sagte er: »Das mit dem Installateur mußt du in die Hand nehmen. Der Mann wird zu einer Zeit kommen, wenn ich nicht hier, sondern im Amt bin. Du mußt ihn über alles informieren. Frage ihn nach allem, was dir unklar ist. Dann rufst du Friska an und verabredest mit ihr deinen Besuch in Berlin. Auch bei Friska beklagst du dich über meine Unausstehlichkeit. In Berlin berätst du dich eingehend mit Heinz und läßt dir sagen, wie wir uns verhalten sollen.«

»Ich gehe auch in den Ostteil und versuche, etwas über Jost Marschal zu erfahren.«

Die Vorstellung, daß Anne in einer so komplizierten Sache ausgerechnet in Ost-Berlin Nachforschungen anstellen wollte, gefiel Fritz gar nicht. Nach kurzem Überlegen aber nickte er zustimmend. »Frage aber auf alle Fälle Heinz über notwendige Vorsichtsmaßnahmen und riskiere nichts, hörst du? Und jetzt müssen wir die Toilette verstopfen. Wir dürfen nichts an einer Nachlässigkeit scheitern lassen. Such altes Zeitungspapier zusammen, das möglichst stark aufquillt, und mach alles, wovon es immer heißt, daß man es nicht darf. Nimm das WC im Erdgeschoß, damit du den Monteur unverfänglich in den Keller führen und dort ungestört mit ihm sprechen kannst.«

»Kindereien«, sagte Anne, aber Fritz überzeugte sie davon, daß in ihrer Situation Kindereien und Ernst gefährlich nah beieinanderlagen. Schweigend arbeiteten sie die nächsten zwanzig Minuten daran, die Toilette im Erdgeschoß in einen für einen Installateur glaubwürdig verstopften Zustand zu versetzen, bevor sie sich wieder zu Bett begaben.

Nachdem sie sich am nächsten Morgen lang und breit über den Defekt im Abfluß der unteren Toilette unterhalten hatten, rief Anne die ihnen durch den Werbebrief übermittelte Telefonnummer mit etwas klopfendem Herzen an, sobald Fritz das Haus verlassen hatte. Es meldete sich die angekündigte Firma. Anne teilte dem Mann den Defekt mit, und der versprach, in den nächsten Tagen den Monteur zu schicken. Anne bat, daß dieser Besuch schon heute stattfinden solle, da sie eine Reise nach Berlin beabsichtige und sonst tagsüber niemand zu Hause sei. Schließlich sagte der Mann zu, daß ein Installateur am späten Vormittag bei Seyfrieds vorbeikommen würde.

Um so überraschter war Anne, als sich bereits gegen zehn Uhr dreißig ein Mann sehen ließ. Er kam mit einem unscheinbaren Kleinwagen, trug einen fast neuen hellblauen Arbeitsoverall und einen gelben Plastikhelm und hatte keine Tasche bei sich. Er erklärte, er komme von der Firma Wallmann. Danach verlangte er den defekten Toilettenabfluß zu sehen. Anne führte ihn dorthin. Der Mann begutachtete den Schaden und sagte dann, dafür habe er nicht das notwendige Gerät mitgebracht.

»Aber ich habe Ihrem Chef doch genau gesagt, um was es sich handelt«, meinte Anne.

»Ja, wissen Sie«, erwiderte der Mann, »der hat mich nur über Funk erwischt, weil Sie es eilig gemacht haben. Ich hole mir die Spirale und komme noch einmal wieder.«

Der von der Installationsfirma Wallmann wirklich geschickte Mann kam über eine Stunde später. Auch er in einem blauen Monteuranzug, jedoch ohne Helm, dafür aber mit dem erforderlichen Arbeitszeug. Auch er ließ sich die Schadensstelle zeigen und machte sich sofort an die Arbeit.

Anne erwähnte, daß ja nun ein anderer Mann geschickt worden sei als der, der die Sache begutachtet habe.

Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, sagte der Handwerker: »Von uns ist kein Mann geschickt worden, Frau Seyfried. Das kann nur ein Irrtum sein. So … und jetzt zeigen Sie mir noch den Keller, wo das Rohr durchläuft.«

Im Keller zog der Installateur Notizbuch und Stift hervor und sagte: »Wir können hier nur wenige Minuten bleiben. Geben Sie mir bitte knappe Antworten, Frau Seyfried.« Er fragte Anne nach dem Zeitpunkt des Kontaktes, nach der Art, auf die man an Fritz herangetreten war, nach dem Aussehen und nach Besonderheiten des Agenten, der das gemacht hatte, und nach den Informationen, um die es ging.

Anne antwortete ihm, so gut sie es vermochte, mit Ausnahme aller Fakten, die den Tod des Majors Herbert Kayser betrafen. Denn bezüglich dieser Vorgänge, so hatte Anne mit ihrem Mann abgesprochen, sollte sie so lange schweigen, bis Klarheit darüber herrschte, ob es Fritz gelingen würde, sich zu entlasten. Als letztes stellte der Mann die Frage, ob Fritz Seyfried im Zusammenhang mit dieser Affäre jemals den Begriff Nachtfrost gebraucht habe.

»Nachtfrost?« sagte Anne. »Nein, ich glaube, das Wort hat mein Mann noch nie verwendet. Weshalb fragen Sie danach?«

»Es wäre am besten, wenn Sie dieses Wort wieder vergessen würden«, antwortete er. »Aber Sie sind bei uns an der richtigen Adresse. Sagen Sie Ihrem Mann, daß er sich so verhalten soll, als ginge er auf die Sache ein, weil ihm gar nichts anderes übrigbleibt.«

»Das hat er bisher auch schon getan.«

»Das war richtig. Wir schalten uns zum notwendigen Zeitpunkt wieder ein. Er soll mit niemandem mehr über diese Sache sprechen. Auch und gerade nicht in seinem Amt.«

»Ich nehme an, Sie werden den Burschen mit dem Hund verhaften, sobald er sich wieder an meinen Mann wendet?«

»Das werden wir nicht tun, Frau Seyfried. Hinter dem Burschen mit dem Hund stehen andere Männer. Und auf die kommt es uns an.«

»Aber das kann doch gefährlich werden.«

»Diese ganze Sache ist gefährlich. Ihr Mann muß Vertrauen zu unserer Umsicht und unserer Erfahrung haben.«

Der Mann verließ das Haus ebenso unverdächtig, wie er es betreten hatte, nachdem er Anne einen Personal-Leistungsschein hatte unterschreiben lassen.

Als er fortfahr, bemerkte Anne, daß der Lieferwagen, mit dem er gekommen war, tatsächlich den Schriftzug der Installationsfirma Wallmann & Sohn trug.

Mit dem Verschwinden des Kombiwagens war für Anne der Zeitpunkt gekommen, mit ihrer Schwester Friska in Berlin zu sprechen.

Am Abend sprach sie sich auf die gewohnte Weise mit Fritz ab und berichtete ihm von dem Besuch am Vormittag.

»Dann haben wir jetzt Zeit bis kurz vor meinem Flug zu den Stahlwerken nach Herne«, sagte er und überprüfte seinen Kalender.

»Das sind knapp drei Wochen.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte Anne.

»Aber begib dich nicht in Gefahr«, bat Fritz. »Sprich alles, was du tust, mit Heinz ab.«

»Fritz«, sagte sie, »hast du im Zusammenhang mit dieser Affäre jemals das Wort Nachtfrost gehört?«

»Nachtfrost? Nein«, erwiderte Fritz. »Warum willst du das wissen?«

»Der Mann wollte es wissen. Und er fügte hinzu, ich sollte dieses Wort so schnell wie möglich vergessen.«

Fritz sah seine Frau eine Weile an. »Im Gegenteil«, sagte er. »Merke dir dieses Wort gut. Und wenn du irgendwann daraufstößt, sieh dich vor.«

Am nächsten Tag saß Anne Seyfried in der zweiten Morgenmaschine nach Berlin-Tegel. Heinz erwartete sie am Gate. Anne fand es besser, ihn nicht schon jetzt über den wahren Grund ihrer Reise aufzuklären.

Er brachte Arme nach Kohlhasenbrück, wo sie wohnten, und fuhr anschließend in seine Kanzlei.

Das spitzgiebelige Haus, das Heinz und Friska bewohnten, bot Geborgenheit und Wärme. Es war in den dreißiger Jahren gebaut worden und strahlte Behaglichkeit aus. Das ebenerdige Wohnzimmer stand voller Bücher. Hier klärte Anne ihre Schwester bei mehreren Gläsern trockenem Martini über den wirklichen Grund ihres Besuches auf — ohne dabei jedoch schon die ganze Geschichte ihres Mannes preiszugeben.

Wie immer, wenn Friska etwas aufregte, bekam sie Hunger. In der Küche machten sich die beiden Frauen Spiegeleier und Bratkartoffeln. Das habe sie ja alles gar nicht gewußt, sagte Friska kauend. Sonst hätte sie Papa nicht zum Abendessen eingeladen. Aber jetzt konnte sie ihn natürlich auch nicht wieder ausladen, denn sonst müßte sie ihm den Grund erklären. »Dann müssen wir eben über uns ergehen lassen, zwei Stunden zu politisieren«, fügte sie hinzu. »Aber danach wird Heinz dir sicher helfen, soweit er kann.«

Heinz Pankraz kam kurz nach sieben und brachte den alten Herrn gleich mit.

Friska hatte das Abendessen schon vorbereitet, und sie saßen um den runden Tisch und ließen es sich schmecken.

»Heinz will den Kamin schüren«, sagte Friska nach dem Essen. »Laßt uns rübergehen.«

»Mein Weinglas nehme ich aber mit, um es auszutrinken«, meinte der alte Herr. »Danach ruf mir bitte ein Taxi. Ich will frühzeitig nach Hause.«

Heinz Pankraz kämpfte eine Weile mit dem feuchten Holz, bis der Kamin brannte. Eine halbe Stunde blieb der alte Hobarth noch, dann brach er auf. Friska bestellte ein Taxi und brachte ihren Vater hinaus, als der Fahrer läutete.

Als Friska zurückkam, hatte ihr Mann sich eine Kaschmirweste übergezogen und seine Pfeife angezündet.

»Also Anne, schieß los«, sagte sie. Und zu Heinz gewendet: »Was du jetzt hören wirst, Heinz, hättest du dir nicht träumen lassen.«

Heinz Pankraz schob die Pfeife in den anderen Mundwinkel. »So schlimm wird’s schon nicht sein.« Er sah seine Schwägerin aufmerksam an. »Ist etwas mit Fritz?«

»Es ist etwas mit Fritz«, antwortete Anne. »Ob du es glaubst oder nicht, er ist in eine Spionageaffäre verwickelt worden.«

Nun nahm der Anwalt seine Pfeife aus dem Mund und sah Anne mit zurückhaltendem Staunen an. »Das glaubst du doch selber nicht«, brachte er endlich heraus.

»Es geht um Verschlußsachen aus seinem Amt«, erklärte Anne. »Um die Panzerung der nächsten Leopard-Generation, sagt er. Wir können uns in unseren eigenen vier Wänden nicht mehr offen unterhalten und müssen uns nachts in den Heizungskeller schleichen, wenn wir es tun wollen. Wir sind mit unseren Nerven schon fast am Ende.«

»Warum geht Fritz nicht zum nächsten Polizeirevier und meldet es? Er ist doch normalerweise ein entschlossener Charakter.«

»Leider ist alles viel komplizierter«, sagte Anne. »Aus diesem Grund bin ich auch hergekommen. Wir brauchen deinen juristischen Rat. Es geht schon damit los, daß Fritz gar nicht Fritz heißt, auch nicht Seyfried, sondern Henning von Loßwitz. Und damit, daß er in den beiden letzten Kriegsjahren Obersturmführer in der Waffen-SS und Ritterkreuzträger war und am 14. Januar 1945 einen deutschen Generalstabsmajor erschossen hat, mit dem er bei einer Brückensprengung in Konflikt geraten war.«

Heinz Pankraz sah seine Schwägerin sprachlos an. Auch Friska wendete sich überrascht ihrer Schwester zu.

»Und das haben die ausgegraben und erpressen ihn damit?« fragte der Anwalt schließlich.

»Ja«, erwiderte Anne.

»Was hat denn die Sache mit dem deutschen Major auf sich? Du mußt mir alles erzählen, was du weißt.«

Anne begann mit ihrem Bericht. Sie benötigte fast zwei Stunden, bis sie alles wiedergegeben hatte — bis zu dem Augenblick, als die Brücke in die Luft geflogen war.

»Also in den Rücken«, sagte Heinz nachdenklich. »Für den, der die Sache nach den äußeren Tatumständen beurteilt, liegt danach ein klarer Mordfall vor. Heimtückisch aus niedrigen Beweggründen … Das sieht ziemlich übel für Fritz aus. Aber du wolltest noch weiter erzählen, Anne.«

Nun berichtete Anne Seyfried, wie sie auf den Gedanken gekommen war, den Jungen ausfindig zu machen, und wie es ihr tatsächlich geglückt war, über den Verbleib des Kindes etwas in Erfahrung zu bringen. Sie zog die beiden Postkarten hervor und reichte sie ihrem Schwager.

Der Anwalt beugte sich vor, um sie im Licht der Stehlampe sorgfältig und genau zu lesen.

Schließlich lehnte er sich wieder zurück. »Wenn du diesen Mann wirklich findest«, sagte er, »und wenn er bereit ist, so könnte das an der Sache eine ganze Menge ändern.«

Anne atmete hörbar auf.

»Du darfst nicht zu früh hoffen, Anne«, sagte Pankraz. »Aber nehmen wir einmal das Günstigste an — Fritz war in einer ausgesprochenen Notstandssituation. Allerdings — die Notstands- oder Notwehrsituation muß derjenige beweisen, der sich auf sie beruft. Und die da drüben werden wissen, daß das ziemlich schwierig für Fritz werden dürfte.«

»Fritz meint, daß sie sich jemand gekauft haben, der gegen ihn einen Meineid schwört«, sagte Anne.

Pankraz nickte. »Damit hat er wahrscheinlich recht.«

»Er meint aber, daß das nicht gelingen könne, wenn wir jemanden finden, der seine Darstellung bestätigt. Er meint, auf den Prozeß könnte er es ankommen lassen, wenn er sicher ist, sich entlasten zu können.«

»Auch damit hat er recht, Anne«, sagte der Anwalt. »Aber was ist, wenn ihr diesen Mann nicht findet? Oder wenn er nicht bereit ist auszusagen? Oder wenn er nicht kann?«

»Wieso nicht kann?« sagte Anne. »Eine Zeugenaussage kann doch jeder machen.«

Heinz Pankraz zog die beiden Postkarten auseinander und hielt Anne die eine von ihnen hin. »Hast du dir das genau durchgelesen, Anne? Der Mann ist drüben … Selbst wenn du ihn finden würdest, ist es sehr zweifelhaft, ob die ihn in einem westdeutschen Strafprozeß auftreten ließen. Zumal es immerhin um einen Offizier der Waffen-SS geht. Was macht Fritz also, wenn ihr nicht mit einem Zeugen rechnen könnt?«

»Dann wird er tun, was diese Leute von ihm verlangen, wenn er keine Möglichkeit sieht, die Wahrheit zu beweisen.«

»Um Himmels willen«, sagte Friska, »das darf doch einfach nicht passieren. Kann Fritz nicht einfach hingehen — ich meine, zu einem Gericht oder zu einem Staatsanwalt — und denen alles sagen und um eine Aussetzung der Strafverfolgung bitten?«

»Das würde heißen, daß Fritz Vertrauen zu einer Strafbehörde aufbringen müßte«, entgegnete der Anwalt.

»Was hat das mit Vertrauen zu tun?« fragte Friska.

Heinz Pankraz antwortete: »Wenn jemand erpreßt wird, dann kann die Staatsanwaltschaft von der Strafverfolgung eines Delikts, mit dem er erpreßt wird, absehen, wenn nicht wegen der Schwere der Tat eine Sühne unerläßlich ist. Du bist doppelt vom persönlichen Ermessen eines beliebigen Juristen abhängig. Er kann die Strafverfolgung aussetzen, aber muß es nicht. Im Fall von Fritz kann die Frage, ob seine Tat so schwer war, daß — immer nach Ansicht des Staatsanwaltes, wohlgemerkt — eine Sühne unerläßlich ist, nur entschieden werden, wenn ein Verfahren gelaufen ist. Wenn also das geschieht, was wir nicht wollen. Ich kenne keinen Staatsanwalt, dem ich dieses Problem anvertrauen möchte. Nein, nein, eure größte Chance wäre, zu einer Aussage dieses Jost Marschal zu kommen. Wenn ihr das sicher habt, könnt ihr den Prozeß riskieren. Sonst nicht.«

»Dann fahre ich morgen rüber in den Ostteil«, sagte Anne, während sie die beiden Postkarten, die Pankraz ihr zurückgegeben hatte, wieder in die Handtasche schob. »Wie fange ich das an?«

»Indem du einfach durch die Grenzübergangsstelle gehst«, erklärte Friska. »Mit deinem westdeutschen Paß brauchst du für einen Eintagesausflug keine Formalitäten zu erfüllen. Nachts um zwölf mußt du nur wieder im Westteil sein, und du darfst kein Geld mit herausnehmen.«

»Stell dir das trotzdem alles nicht so leicht vor«, warf der Anwalt ein. »Schließlich bewegst du dich dort auf dem Boden eines Polizeistaates — und du stellst Nachforschungen in einer sehr heiklen Angelegenheit an. Du mußt dich also so unauffälhg wie möglich benehmen. Wenn du etwas falsch machst, kannst du in recht unangenehme Situationen kommen. Am besten nehme ich dich morgen früh im Wagen mit in die Stadt und setze dich an der richtigen Stelle ab.«

___________

Das Frühstück am nächsten Morgen war um Viertel vor acht. Eine halbe Stunde später saß Anne neben Heinz Pankraz im Wagen auf dem Weg ins Zentrum. Im Bezirk Tiergarten bog Heinz auf die Fahrbahn am Landwehrkanal ein, wo sie nach kurzer Fahrt die Potsdamer Brücke erreichten. Er blieb auf dem südlichen Ufer des Kanals, den er erst an der übernächsten Brücke kreuzte. Von dort aus ging es hinüber zur Sektorengrenze und dann entlang den mit Inschriften bemalten Quadern der Mauer. Sie kreuzten die Friedrichstraße und erreichten nach wenigen Minuten den reizlosen Moritzplatz.

Hier ließ Heinz Pankraz seine Schwägerin aussteigen und erklärte ihr den Weg.

Dieser Weg führte vorbei an einer Baracke westlicher Grenzpolizei auf eine Lücke in der Betonmauer zu. Anne Seyfried durchschritt die Mauer, danach die Sperren. Ein Grenzpolizist forderte ihren Ausweis.

Sie stand einige Minuten an einem Schalter, um Geld umzuwechseln, danach an einem anderen, um ihren Paß wieder in Empfang zu nehmen.

Ein zweiter Grenzpolizist prüfte ihn, verglich wiederholt mit mißtrauisch auf ihr Gesicht gerichteten Blicken dieses mit dem Paßfoto und wies ihr, nachdem er ihr das Dokument und die in ihm liegenden Informationspapiere übergeben hatte, den Weg zu dem rückwärtigen Ausgang der Grenzübergangsstelle. Dort prüfte ein dritter Grenzpolizist ihren Paß zum letzten Mal, wünschte ihr stereotyp einen angenehmen Aufenthalt in der Hauptstadt der DDR und ließ sie passieren.

Nachdem Anne einige Minuten in Richtung Innenstadt gegangen war, sah sie am Bordstein eines der in hechtgrauer Farbe gespritzten Taxis stehen. Sie blieb stehen und fragte den Fahrer, ob das Taxi frei sei.

Der Mann nickte. Anne stieg ein und zog die Tür zu.

»Wo soll’s denn hingehen, junge Frau? Zum erstenmal hier bei uns im Arbeiter- und Bauernstaat?«

Anne schmunzelte. Das war ein Berliner Taxifahrer, wie er ihr ebensogut drüben auf der anderen Seite der Mauer hätte begegnen können.

»Gibt es hier ein Einwohnermeldeamt?« fragte sie ihn, und der Mann sah sie erstaunt an.

»Und ob es hier ein Meldeamt gibt, junge Frau. Wollen Sie dorthin?«

»Ja, ich brauche eine Adresse«, sagte Anne.

Der Mann nickte, ließ den Motor an und legte den Gang ein. »Sie müssen aber vorsichtig sein«, sagte er nach einiger Zeit. »Hier bei uns gibt es jede Menge Leute, die Westverbot haben. Es könnte sein, daß Sie die Leute in Schwierigkeiten bringen, wenn Sie auf dem Meldeamt nach ihnen fragen. Zu wem wollen Sie denn?«

Anne öffnete ihre Handtasche und zog die vergilbten Postkarten hervor. Sie nannte dem Mann die Adresse: Stöttnerstraße 14, Rückgebäude, zweiter Stock.

»Das ist oben am Prenzlauer Berg«, sagte der Mann. »Haben Sie sich da auch nicht geirrt, junge Frau?«

»Nein«, sagte Anne. »Warum meinen Sie?«

Das sei nicht gerade die feinste Gegend in der Hauptstadt der DDR, antwortete der Fahrer. »Ziemlich alte Kästen und stehengeblieben von früher. Soll ich Sie da erst mal hinfahren? Vielleicht kriegen Sie was raus, ohne daß Sie zur Polizei müssen.«

»Aber die Adresse ist fast dreißig Jahre alt«, sagte Anne zweifelnd.

»Versuchen können wir es trotzdem.«

Anne war einverstanden, und der Mann steuerte den Wagen quer über die Karl-Marx-Allee und durch die Hans-Beimler-Straße nordwärts in Richtung Prenzlauer Berg. Nach etwa zwanzig Minuten hielt er vor dem Haus Stöttnerstraße 14 an. Anne blickte durch das Wagenfenster auf vierstöckige Mietskasernen, von deren Fronten der Verputz in großen Platten abgesprungen war. Unter den Balkonen fehlten Gesimseteile, leere Wäscheleinen baumelten im Wind.

Anne zog aus ihrer Handtasche einen größeren Geldschein in westdeutscher Währung hervor und steckte ihn dem Fahrer zu, während sie ihn bat, hier auf sie zu warten. Der Mann strich den Geldschein sorgfältig glatt und legte ihn wie einen Schatz zwischen die Seiten seines Fahrtenbuches.

Sie stieg aus. Die Namensschilder befanden sich in der Durchfahrt, daneben hingen Briefkästen. Anne überflog die Namen. Der, den sie suchte, war nicht dabei. Sie durchquerte den Hof. Aber auch im Hausflur des Rückgebäudes fand sie weder Marschal noch Wentzell irgendwo verzeichnet. Dennoch stieg sie die vier Treppen nach oben, um sich an den Wohnungstüren selbst zu überzeugen. Jedoch war auch dieser Versuch vergeblich.

Im obersten Stockwerk läutete Anne an einer der beiden Wohnungstüren. Eine noch junge Frau in ordentlicher Kleidung, die gerade dabei war, sich ihre Lockenwickler aus dem Haar zu entfernen, öffnete die Tür.

Anne nannte ihren Namen und fragte nach Jost Marschal oder Wentzell.

»Der wohnt nicht hier. Der hat auch in den letzten fünf Jahren nicht hier gewohnt, so lange leben wir nämlich schon in diesem Haus. Aber unten, im ersten Stock rechts, wohnt Frau Elisabeth Butte. Das ist eine alte Dame, die schon seit vor dem Krieg hier wohnt. Die müßte etwas darüber wissen. Warten Sie, ich gehe eben mit Ihnen runter.«

Die junge Frau nahm ihren Wohnungsschlüssel vom Brett. Dann trat sie zu Anne ins Treppenhaus und begleitete sie hinunter in den ersten Stock. Dort läutete sie an der Tür, auf der der Name E. Butte stand. Als sie geöffnet wurde, spannte sich die vorgelegte Sperrkette. Frau Butte war mindestens achtzig Jahre alt. Sie hatte matte, hellgraue Augen und feine schlohweiße Haare.

»Ich bin’s nur, Frau Butte«, sagte Annes Begleiterin. »Ich bringe Ihnen eine Dame, die gern eine Auskunft von Ihnen gehabt hätte.«

Das Mißtrauen schwand ein wenig aus den Augen der alten Frau. »Ach, Sie sind’s, Frau Jung. Kommen Sie nur herein. Und Sie auch …« Die Tür wurde ganz geöffnet. Frau Jung verabschiedete sich wieder.

Frau Butte führte Anne in eine einfache Wohnküche, nötigte sie, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst auf die Kante des Stuhls. Womit sie Anne denn nun helfen könne?

Anne stellte auch ihr die Frage nach Jost Marschal oder Wentzell. Dabei zog sie die Postkarten des Jungen aus ihrer Handtasche und reichte die spätere von ihnen Frau Butte. Die alte Frau setzte umständlich ihre Brille auf und las Text und Absender der Karte.

»Ja, an den Namen Wentzell erinnere ich mich. Damals, als alles zusammenbrach, rückten die Freunde, so haben wir nämlich die Russen zu nennen, hier ein. Und dann fingen die Freunde an, von drüben die alten Kommunisten einzufliegen, denen sie leitende Posten zuschanzen wollten. Und die mußten dann ja bevorzugt untergebracht werden. Da waren natürlich auch Idealisten dabei. Zu denen hat der Max Wentzell gehört. Und dann war plötzlich auch dieser Junge da. Den hat er schließlich adoptiert.«

»Und das war Jost Marschal?« fragte Anne.

»So wie es hier steht, ja.«Die Frau gab Anne die Karte zurück.

»Und bis wann hat Max Wentzell mit dem Jungen hier gewohnt?« fragte Anne.

»Ja, warten Sie mal …« Frau Butte dachte nach. »Der Junge hatte dann eines Tages Uniform an, kasernierte Volkspolizei hieß das zuerst, dann später Volksarmee. Da war er nur noch selten hier. Der Wentzell ist dann nach einer Nierenoperation in der Charité gestorben. Vielleicht bis ‘55 oder ‘56. Später habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

»Und wo er hingezogen ist, Frau Butte, wissen Sie das?«

»Nein«, sagte die alte Frau. »Aber ich hoffe, daß Sie ihn finden werden.«

Schweren Herzens verließ Anne die Wohnung der alten Frau. Geduldig wartete draußen das hechtgraue Taxi. Anne fuhr zurück in die Innenstadt. Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der Fahrer an.

»Na, dann wünsche ich Ihnen recht viel Erfolg mit Ihrem Jost Marschal, junge Frau«, sagte er und ließ das Wechselgeld in ostdeutscher Mark, das Anne ihm wieder zuschob, in seine Jackentasche klimpern. Er sah Anne nach, als sie entschlossenen Schrittes in dem Gebäude verschwand, vor dessen Portal ein Volkspolizist hin und her wanderte.

Anne suchte auf der Orientierungstafel nach der Meldestelle. Die befand sich im ersten Obergeschoß. Sie stieg die breite steinerne Treppe empor und betrat einen größeren, durch hölzerne Pultbarrieren unterteilten Raum, über deren einzelnen Arbeitsplätzen Pappkartons die Anfangsbuchstaben der Namen anzeigten, die hier verwaltet wurden. Anne begab sich zu dem Platz, über dem sie den Buchstaben W entdeckte.

Hinter diesem Schalter saß eine vollbusige Frau mit einem schwarzen Haarwust auf dem Kopf, die nach einiger Zeit wortlos und fragend zu Anne hochsah.

»Ich hätte gerne die jetzige Adresse eines Herrn Jost Wentzell gewußt«, sagte Anne. »Seine letzte Adresse war Stöttnerstraße 14.«

Die Frau rollte sich den Karteiwagen näher heran und begann zu suchen. Anne blickte sich im Saal um und bemerkte dabei auch eine zweite, unscheinbare Angestellte, die der Vollbusigen gegenüber saß geduckt wie eine kleine graue Maus. Sie warf verstohlen ab und zu einen Blick durch ihre nickelgeränderte Brille. Anne lächelte ein wenig und senkte grüßend den Kopf, während die Frau sofort wieder ihren Blick auf das Papier richtete, das sie bearbeitete. Anne hörte die Stimme der Vollbusigen. Sie hielt eine Karteikarte in der Hand.

»Darf ich Sie fragen, was Sie von Herrn Wentzell wünschen? Wentzell-Marschal übrigens.«

Anne beschlich ein beunruhigendes Gefühl, als sie die kalten Augen der Frau sah. »Ich möchte nur seine jetzige Adresse wissen«, antwortete sie.

»Sie sind doch aus dem Westen, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Anne. »Aus Westdeutschland, warum?«

»Woher haben Sie den Namen des Herrn Wentzell?« fragte die Frau. »Wie kommen Sie dazu, sich darum zu kümmern, wo er wohnt?«

»Es geht um eine ziemlich alte Sache«, sagte Anne und reichte der Frau Jost Marschals Postkarten über den Tresen. »Ich möchte nur eine Auskunft von ihm haben.«

Die Frau las aufmerksam, was auf den Karten stand. »Die Karten sind an Herrn Ansgar Gottwald gerichtet. Sind Sie Frau Gottwald?«

»Nein«, sagte Anne. »Mein Name ist Seyfried.«

»Wie kommen Sie dann zu diesen Karten?«

»Ich sagte Ihnen doch schon, daß das ziemlich kompliziert ist, es ist eine rein private Angelegenheit«, murmelte Anne. »Können Sie mir nicht endlich die neue Anschrift geben?«

Die Frau erhob sich und schob den Drehstuhl zurück. »Sie müssen ein paar Minuten warten«, sagte sie zu Anne. »Dort drüben ist eine Bank. Sie werden aufgerufen!« Mit diesen Worten wendete sie sich um, ging zwischen den Arbeitstischen hindurch und verschwand durch eine Tür.

Anne spürte den Blick der kleinen grauen Maus teilnahmsvoll auf sich gerichtet. Sie lächelte der Maus noch einmal zu und ging dann hinüber zu der Holzbank.

Es verging fast eine Viertelstunde, bis Anne die Frau wieder erblickte. Sie winkte Anne, ihr zu folgen. Anne erhob sich, durchschritt eine Tür und dann einen kurzen Flur. Die Frau öffnete eine Tür und ließ Anne in ein Büro vorangehen.

In diesem Büro befanden sich zwei Männer. Der eine von ihnen war in Zivil, hatte ein fliehendes Kinn und blondes, glatt zurückgekämmtes Haar über abstehenden Ohren und trug eine dunkle Hornbrille.

Der andere war ein Volkspolizist in zu kurzen Stiefeln und zu kurzem Mantel. Der Blonde saß hinter seinem Schreibtisch, der Uniformierte stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen in einer Ecke und beobachtete den Vorgang.

»Das ist sie, Genosse Amtsvorsteher«, sagte die Vollbusige.

»Es ist gut, Genossin Angerer. Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit.«

Arme hörte das Klappen der Tür. Der Blonde erhob sich, reichte Anne die Hand über den Schreibtisch und nannte seinen Namen, den sie sich nicht merkte. Er wies flüchtig auf einen der beiden Holzstühle, die vor dem Schreibtisch standen, und Anne setzte sich. »Frau Seyfried, wenn ich richtig gehört habe?«

Anne bejahte. Der Amtsvorsteher hielt die Postkarten Jost Marschals zwischen den Fingern und las sie noch einmal durch. »Und Sie interessieren sich für den Genossen Jost Wentzell-Marschal?«

»Ja«, sagte Anne.

»Und was möchten Sie gerne von dem Genossen Wentzell-Marschal wissen, Frau Seyfried?«

»Ich möchte ihn um Auskunft über persönliche Angelegenheiten bitten, über ein Ereignis, das im Januar 1945 stattgeunden hat.«

Der Amtsvorsteher nahm die Karteikarte, die vor ihm lag, in die Hand und sagte staunend: »1945 war Wentzell-Marschal noch ein Kind. Haben Sie Herrn Wentzell-Marschal jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen?«

»Nein«, sagte Anne.

»Wissen Sie irgend etwas Näheres über ihn? Über seinen Beruf, über sein Aufgabengebiet?«

»Nichts«, antwortete Anne. »Ich wußte nicht einmal, ob er noch lebt.«

»Und glauben Sie wirklich, daß Ihnen der Genosse Wentzell eine Auskunft zu Ereignissen geben kann, die er als Kind erlebt hat?«

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe es«, sagte Anne.

»Sehen Sie, Frau Seyfried«, der Amtsvorsteher faltete die Hände vor sich auf der Schreibtischplatte, »uns sind hier in gewisser Weise die Hände gebunden. Wir haben bestimmte gesetzliche Vorschriften für die Staatssicherheit, die wir beachten müssen. Ich kann Ihnen in dieser Sache leider nicht helfen.«

»Es ist aber sehr wichtig, daß ich mit ihm spreche«, wiederholte Anne entmutigt. Der Amtsvorsteher hob bedauernd die Schultern.

Der Volkspolizist trat an Anne heran. »Sie sind heute aus Berlin-West eingereist, Frau Seyfried?« Anne nickte. »Bitte, weisen Sie Ihre Ausweis- und Reisepapiere vor.«

Anne zog ihren Reisepaß hervor, in welchem auch die Einreisepapiere lagen, die man ihr am Grenzübergang ausgehändigt hatte. Der Polizeibeamte verglich lange das Paßfoto mit Annes Gesicht und die Einreisepapiere mit den Angaben im Paß. Schließlich reichte er Anne den Reisepaß zurück. Der Amtsvorsteher öffnete Anne die Tür.

»Kann ich bitte die Karten von Jost Marschal zurückbekommen?« bat Anne.

Der Amtsvorsteher zögerte. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte er dann. »Wir werden diese Karten dem Genossen Wentzell-Marschal übermitteln. Und wenn er es für zweckmäßig hält, wird er sich selbst mit Ihnen in Verbindung setzen.« In diesem Augenblick läutete schrill durch das ganze Gebäude die Glocke. »jetzt müssen Sie sich aber beeilen«, sagte der Amtsvorsteher. »Sonst müssen Sie bis vierzehn Uhr dreißig hier im Haus bleiben. Und das werden Sie kaum wollen.«

Als Anne die Schalterhalle durchschritt, befanden sich fast alle Angestellten in der Mittagspause. Einzig die kleine graue Maus hockte vor ihren Akten, und es schien Anne, als gebe sie ihr ein Zeichen. Anne durchquerte die Halle und beugte sich über die Barriere. Unruhig ließ die kleine Frau ihre furchtsamen Augen hin und her wandern. »Stellen Sie keine Fragen, meine Dame«, flüsterte sie hektisch. »Prägen Sie sich ein: Strausberg, General-Tschuikow-Kaserne.«

Anne war so aufgeregt, daß sie sich anschickte, trotz der Warnung der Maus eine Frage an sie zu richten. Aber ein kurzes energisch abwehrendes Kopfschütteln der kleinen Frau hielt sie zurück. »Sie tut sich immer dick mit ihrer Linientreue, die Angerer«, fuhr die Maus fort. »Es macht mir Spaß, ihr mal eins auszuwischen. Jetzt gehen Sie. Und merken Sie sich: Strausberg, General-Tschuikow-Kaserne.«

Die Maus blätterte in ihren Papieren, als hätte sie nie mit irgend jemandem gesprochen. Anne durchquerte die Halle und kam durch die Schwingtür ins Treppenhaus. Unten im Vestibül kam ihr der Volkspolizist entgegen.

»Auf welcher Dienststelle sind Sie gewesen?« fragte er.

»Ich war bei dem Vorsteher des Meldeamtes«, erwiderte Anne.

»Warten Sie«, sagte der Uniformierte und begab sich in die glasumkleidete Pförtnerkabine. Anne sah ihn den Telefonhörer aufnehmen, eine Nummer wählen und dann mit jemandem sprechen. Endlich legte er auf, verließ die Loge und schloß das Portal auf. »In Ordnung, meine Dame«, sagte er, als er Anne hinausließ. »Und Weiterhin noch einen angenehmen Aufenthalt in der Hauptstadt der DDR.«

Die Stimmung dieses Wintertages schien Anne Seyfried, als sie hinaus auf die Straße trat, noch trostloser als vorher. Niedergeschlagen machte sie sich auf den Weg zurück zu dem Grenzübergang, durch den sie West-Berlin wieder betreten mußte.

Sie absolvierte die Formalitäten und hielt erschöpft auf der anderen Seite der Sperrmauer ein Taxi an, dessen Fahrer erfreut zur Kenntnis nahm, daß Anne bis in den äußersten südwestlichen Winkel der Stadt wollte.

In Kohlhasenbrück angekommen, sehnte sich Anne zuerst nach einem heißen Bad und dann nach einer Stunde Ruhe. Als sie zum Abendessen in einem Kaminkleid mit langem Rock nach unten kam, war Heinz Pankraz schon zu Hause. Sie sprachen fast ausschließlich über das, was Anne an diesem Tag erlebt hatte.

»Das erste und das wichtigste«, sagte der Anwalt, »ist, daß Marschal überhaupt noch am Leben ist. Und daß er auch zu finden ist. Das zweite‘ daß es nicht so leicht zu sein scheint, ihn zu sprechen. Hattest du den Eindruck, daß das Mißtrauen auf der Meldebehörde auf der Nennung des Namens beruhte oder auf einem Vermerk auf der Karteikarte?«

»Auf einem Vermerk«, sagte Anne. »Die Angerer wurde schlagartig anders, als sie die Karte in der Hand hatte.«

»Und es gehe um die Staatssicherheit, sagten sie?«

Anne nickte. »Vielleicht gehört er zu den Leuten mit Westverbot, wie die es ausdrücken. Dann wäre dieser Jost Wentzell-Marschal mit Gewißheit ein hohes Tier.«

»Bei denen hat so ziemlich jeder Huster etwas mit Staatssicherheit zu tun«, sagte Pankraz nachdenklich. »Hast du die Postkarte noch mal zur Hand, Anne?«

»Nein«, sagte Anne. »Ich habe sie denen leichtsinnigerweise gezeigt, und die haben sie behalten. Sie sagten, sie würden die Karte Wentzell-Marschal übermitteln. Und wenn er das für zweckmäßig hielte, würde er sich selbst mit mir in Verbindung setzen.« Anne schwieg einen Augenblick. »Aber das kann er gar nicht«, fuhr sie fort, »Denn die haben von mir nicht einmal eine Adresse.«

»Mein Gott, Anne, das wäre das wenigste. Sie haben deinen Paß gesehen, deinen Namen und deinen Wohnort notiert.«

Anne wurde plötzlich leichenblaß. »Dann kann es ja sein, daß ich Fritz viel mehr geschadet als genützt habe, Heinz.«

»Das kann durchaus sein«, meinte Friska. »Aber das konnten wir alle nicht wissen.«

»Doch«, sagte der Anwalt. »Wenn wir ein bißchen mehr auf die Formulierung auf der Postkarte geachtet hätten.«

»Du hast also nicht den geringsten Anhaltspunkt, Anne?« fragte Friska.

»Doch«, antwortete Anne. »Als ich durch die Schalterhalle zum Ausgang zurückging, machte mir die Frau, die der Angerer am Arbeitstisch gegenüber sitzt, ein Zeichen. Sie flüsterte mir zu, ich solle mir zwei Worte einprägen: Strausberg und General-Tschuikow-Kaserne.«

»Strausberg ist ein Städtchen, vielleicht dreißig Kilometer östlich von Berlin«, erläuterte Heinz. »Dort sitzen die obersten Kommandostellen der Nationalen Volksarmee und die Verbindungsstäbe zur Besatzungstruppe und zum Warschauer Pakt. Und Tschuikow hieß der General, der 1945 Berlin eingeschlossen und erobert hat. Ich möchte glauben, daß dein Jost Marschal in dieser Kaserne einen wichtigen Posten hat, Anne.«

»Dann muß ich versuchen, dorthin zu kommen, Heinz«, sagte Anne. »Ich muß diesen Mann finden und mit ihm selbst sprechen. In zwei bis drei Wochen muß ich den Zeugen haben, weil dann die Sache für Fritz brisant wird.«

»Aber Anne«, widersprach Friska, »an so etwas ist gar nicht zu denken. Nach Strausberg kannst du nicht in einem Tagesausflug mit deinem westdeutschen Paß kommen. Dorthin brauchst du eine persönliche Einladung und eine Bestätigung der dortigen Polizei. Dann kannst du ein Visum beantragen. Das alles dauert schon allein drei bis vier Wochen.«

»An Wentzell-Marschal kommst du mit ziemlicher Sicherheit nicht ran«, fuhr Heinz Pankraz fort. »Und selbst wenn, so lassen die doch nie einen Militär vor einem westdeutschen Gericht aussagen. Wir müssen außerdem damit rechnen, daß sie drüben deine Personalien notiert haben und früher oder später darauf kommen, daß du mit dieser Sache in Verbindung stehst, die für sie so wichtig ist. Es bleibt Fritz eigentlich gar nichts anderes übrig, als das Spiel der eigenen Nachrichtenleute mitzuspielen. Denn wenn er jetzt aussteigt und denen da drüben liefert, was sie haben wollen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis man ihn dafür zur Rechenschaft zieht. Daß die drüben diese Informationen haben, kann auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Und von wem sollen sie sie nach allem, was der BND von der Sache weiß, schon anders haben als von Fritz?«

»Aber denen ist ganz egal, was aus uns wird«, sagte Anne. »Denen geht es ausschließlich um die Sache.«

»Das kann sein«, sagte Heinz Pankraz. »Dennoch weiß ich im Augenblick keinen besseren Rat.«

Anne bemerkte, daß ihre Schwester sie nachdenklich ansah. Friska stand auf. »Aber ich weiß einen«, sagte sie. »Komm mal mit, Anne, dann zeig ich dir was.«

Anne stand ebenfalls auf und folgte Friska hinaus in die Diele. Dort hing über einer Konsole ein Wandspiegel. Friska schaltete das Deckenlicht ein, stellte sich vor den Spiegel und zog Anne neben sich.

»Wozu sind wir schließlich Schwestern«, sagte sie. »Sieh mal …«

Sie griff in Annes Haar und raffte es so nach hinten, daß die Ohren frei wurden.

Heinz Pankraz stand in der Tür. »Ihr seid verrückt!« rief er. »Das ist ein Risiko, das ihr nicht eingehen könnt.«

»Ich verstehe gar nichts«, sagte Anne.

»Sie will dich mit ihrem Berliner Personalausweis nach drüben schicken«, erklärte Pankraz trocken. »Mit dem kann sie nämlich einen Antrag für eine Fahrt nach außerhalb Berlins stellen. Das dauert keine drei Wochen, sondern nur drei Tage.«

»Hol mir deinen Ausweis, Friska. Aber rasch«, bat Anne.

»Ich warne euch«, mahnte Pankraz.

Friska brachte den Ausweis und schlug die Lichtbildseite auf. Anne verglich das Foto mit ihrem Gesicht im Spiegel.

»Ich bringe sie zu meinem Friseur, der färbt und schneidet ihr das Haar genau wie meines, da ist überhaupt nichts dabei.«

»Beim Haarefärben vielleicht nicht«, sagte der Anwalt. »Aber wenn du dann mit Friskas Papieren wegen einer heißen Sache bei denen dort drüben illegal einreisen willst, da ist schon etwas dabei. Ich verstehe dich nicht, Friska. Seit Jahr und Tag wohnst du in dieser Stadt, verfolgst die Tagespolitik. Du kennst diesen ganzen perversen Überwachungsapparat, den die drüben aufgebaut haben, und ermutigst deine eigene Schwester, da blindlings reinzutappen.«

»Du willst es Friska also verbieten?« fragte Anne trocken.

Heinz Pankraz antwortete: »Ich habe meiner Frau nichts zu verbieten. Friska ist ein erwachsener Mensch. Was dazu zu sagen ist, habe ich gesagt.« Er verließ die Diele und knallte die Tür hinter sich zu.

»Was sagst du dazu?« fragte Arme nach einer Weile ihre Schwester.

»Daß er recht hat.«

»Was würdest du an meiner Stelle tun?«

»Ich würde trotzdem fahren«, antWortete Friska dann. »Ich weiß, daß Fritz erledigt ist, wenn sie ihm das alles mit Erfolg anhängen. Ich würde versuchen, diesen Mann zu finden.«

8

Für Fritz Seyfried vergingen die Tage viel zu langsam. Sein Kalender über dem Schreibtisch wurde mehr und mehr für ihn zur Uhr, die nicht Monate, Wochen oder Tage, sondern allenfalls noch Stunden anzeigte.

Im Zusammenwirken mit dem Leiter seines Amtes und dem Ministerium auf der Hardthöhe war die Konferenz der NATO-Minister für Donnerstag, den 12. März, vorgesehen. Das bedeutete, daß sein Flug zu den Vereinigten Hütten nach Herne am Dienstag, dem 10. März, stattfinden mußte. Um seine Präsentation vor den Ministern zu vervollständigen und zu koordinieren, mußte er bis spätestens Mittwoch, den 4. März, im Besitz der Denkschrift über das Ergebnis des Testschießens sein.

Neben der Organisation der Geheimkonferenz galt es, auch die Tagesarbeit abzuwickeln, ohne daß in seinem Verhalten eine Veränderung erkennbar wurde. Das fiel ihm schwer, aber es glückte. Obwohl er seine gesamte Umgebung, vom Pförtner bis zum Amtschef, vom Nachbarn bis zum Postboten, mit geschärfter Aufmerksamkeit beobachtete, gab es nichts, was ihm als ungewöhnlich oder verdächtig aufgefallen wäre. Auch im Verhalten Hans Lockschmidts stellte er keine Veränderungen fest. Mit Lockschmidt besprach er die Einzelheiten der Reise nach Herne.

»Wir müssen das Material aus Herne am 11. März hier haben, damit es noch vervielfältigt werden kann«, sagte Seyfried.

»Wie hast du dir das gedacht?« fragte Lockschmidt. »Willst du selbst fliegen, oder willst du es holen lassen?«

»Ich fliege selbst«, antwortete Fritz. »Bei mir scheint das Zeug am besten aufgehoben zu sein. Wir werden uns auf eine Vervielfältigung des in Herne gespeicherten Materials vorbereiten müssen. Du kannst das schon mal mit dem Rechenzentrum abklären.«

»Gut«, sagte Lockschmidt und steckte seinen Schreibstift weg. »Das wäre im Augenblick alles. Was hörst du von Anne?«

»Nichts«, entgegnete Fritz. »Sie ist für ein paar Tage bei Heinz und Friska. Ich habe das Gefühl, daß ihr das recht gut tut.«

»Bei euch hat es in der letzten Zeit Spannungen gegeben, nicht wahr?« Lockschmidt schob seine Unterlagen zusammen und erhob sich.

Seyfried sagte: »Wir sind recht gute alte Freunde, Hans, aber Spannungen zwischen Anne und mir sollte ich mit ihr ausmachen.«

»Ich wollte mich nicht aufdrängen«, entschuldigte sich Lockschmidt.

»Ich weiß«, antwortete Fritz.

Nachdenklich sah Fritz Seyfried seinem Mitarbeiter nach, als dieser das Zimmer verließ. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, daß es vielleicht auch Hans Lockschmidt sein könnte, der skrupellos genug war, Anne und ihn in die schwerste Krise ihres Lebens zu stürzen.

Der Rest des Tages verlief wie Hunderte von anderen Tagen. Da er zu Hause allein war, blieb Fritz länger als gewöhnlich im Amt. Als es Zeit wurde, sich um die Hunde zu kümmern, war es meist schon ziemlich ruhig geworden. In dem marmorverkleideten Vestibül sah er Kullnau mit sorgenvollem Gesicht auf sich zukommen, als er das Haus verließ.

»Gut, daß ich Sie mal allein erwische, Herr Seyfried«, sagte der alte Pförtner.

Seyfried blieb stehen. »Was gibt es, Herr Kullnau?«

Der alte Mann druckste herum. »Ich wollte Sie schon seit einiger Zeit darauf ansprechen … Sie bearbeiten doch in Ihrem Büro auch vertrauliche Vorgänge, nicht wahr?«

»Ja, gewiß«, sagte Fritz verwundert. »Warum fragen Sie danach?«

»Es kommt mir manchmal So vor, als würde in Ihrem Zimmer herumspioniert, Herr Seyfried.«

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Fritz. »Haben Sie denn Beobachtungen gemacht?«

»Ich bin schon ein alter Mann«, sagte der Pförtner. »Ich kann mich natürlich auch täuschen. Aber manchmal habe ich mir in der letzten Zeit eingebildet, ich hätte Lichtschein dort oben gesehen, vor allem, wenn ich bei meinen nächtlichen Runden durch den Garten komme und zufällig mal nach oben sehe.«

»Wie? Die Raumbeleuchtung etwa?« fragte Fritz.

»Nein«, sagte Kullnau. »Eher wie eine Taschenlampe oder auch ein Blitzgerät. Haben Sie denn noch nie irgend etwas Verdächtiges bemerkt?«

»Nein«, sagte Fritz. »Noch nie. Ich kann mir das auch gar nicht vorstellen. Wer noch im Haus ist, können Sie doch feststellen. Und anders als auf dem normalen Weg ist hier gar nicht hereinzukommen.«

»Das stimmt nicht, Herr Seyfried. Für den, der sich auskennt, gibt es mehr als einen Weg, in dieses Gebäude zu kommen.«

»Haben Sie das schon einmal mit dem Sicherheitsbeauftragten besprochen, Herr Kullnau?«

»Jawohl, Herr Lockschmidt weiß das und will auch Abhilfe schaffen.«

Wirre Gedanken schossen Fritz Seyfried durch den Kopf. Gedanken an Dutzende von Sekretärinnenfällen, wo Vertrauenspersonen Nachschlüssel und Minikameras besaßen und damit mehr oder weniger wichtige Dokumente fotografierten. Irgendwoher mußte Drohne die Einzelheiten der Arbeitsunterlagen seines Bereiches kennen. Demnach konnte Fritz bereits drei verschiedene Funktionsträger ausmachen: Drohne, einen zweiten, der ihm wahrscheinlich hier im Hause zuarbeitete, und einen dritten, der alles in der Hand hatte, das Ergebnis in Empfang nahm und zur Auswertung an seine Auftraggeber weiterleitete.

Um diesen dritten ging es den Leuten vom Bundesnachrichtendienst, die den Klempner zu Anne geschickt hatten. Mit der Bezeichnung Nachtfrost mußte der Drahtzieher gemeint sein. Und das war ein anderer als der, der möglicherweise mit Taschenlampe und Minikamera in seinem Büro zweitrangige Vorgänge abbildete.

»Gut, daß Sie mich darauf angesprochen haben, Herr Kullnau«, sagte Fritz. »Wenn Ihnen wieder etwas auffallen sollte, verständigen Sie mich.«

Kullnau grüßte und verschloß hinter Fritz Seyfried gewissenhaft die Tür. Wenn Kullnau recht hatte, überlegte Fritz, dann mußte er von Drohne schon in Kürze wieder angesprochen werden.

So geschah es auch. Und zwar bereits am folgenden Abend.

Fritz hatte nicht erwartet, daß der Mann ohne seinen Hund auftauchen würde. »Wo haben Sie denn Asta?« fragte er, als er den Fremden neben sich bemerkte.

»Ich brauche Asta nicht mehr«, sagte der andere. »Wir sind ja nun ins Gespräch gekommen. Wohin ist Ihre Frau verreist, Seyfried?«

»Warum fragen Sie eigentlich, wenn Sie es doch ohnehin schon wissen? Sie ist bei ihrer Schwester in Berlin, weil sie der Stimmung überdrüssig ist, die Sie uns ins Haus geliefert haben.«

Der Mann nickte. »Ich habe noch eine Frage an Sie. Was, glauben Sie, wird mit Ihnen geschehen, wenn Sie uns die gewünschten Details geliefert haben?«

»Ich nehme an, dann werden Sie mich in Frieden lassen.«

»Wie kommen Sie zu diesem Schluß, Seyfried?«

»Ganz einfach: Es ist nur eine einmalige Sache, die Sie von mir haben wollen, keine laufende Information. Wenn Sie haben, was Sie brauchen, werden Sie daran interessiert sein geheimzuhalten, daß Sie es haben. Sie können nicht daran interessiert sein, daß meine Verbindung zu Ihnen durch eine weiterhin aufrechterhaltene Erpressung herauskommt. Aus dem gleichen Grund können Sie an mir keinen Mord riskieren. Daß Ihre Auftraggeber meine Information tatsächlich besitzen, wird, wenn überhaupt, erst viel später bekanntwerden, wenn über das alles längst Gras gewachsen ist. Es ist für Sie also das Vernünftigste, Ihre Zusagen einzuhalten.«

»Das ist Ihre Begründung dafür, daß Sie bereit sind, unsere Bedingungen zu erfüllen?«

»So ist es.«

Der Fremde war äußerst zufrieden. »Sie lassen sich von der Vernunft leiten. Das ist sehr selten. Dafür habe ich eine gute Nachricht für Sie.«

»Und die wäre?«

»In zwei oder drei Wochen ist das alles für Sie erledigt. Sie werden bis zum 5. März im Besitz des Berichtes über das letzte Probeschießen sein und ab 10. März die Fertigungsunterlagen aus Herne in der Hand haben. Dazu kommen die verarbeitungstechnischen Verfahrensanweisungen für den Einbau der Panzerung in den Kampfwagen, die jetzt schon in Ihrem Tresor liegen. Von allen diesen Unterlagen werden in Ihrem Haus voraussichtlich Kopien für die Ministerkonferenz am 12. oder 13. März in Brüssel gefertigt. Hiervon brauchen wir je ein auf Mikrofilm genommenes Exemplar zu einem Zeitpunkt zwischen dem 11. und dem 13. März. Die genaue Zeit, der genaue Ort und die Übergabemodalitäten werden Ihnen durch den Fensterschlitz Ihres Wagens rechtzeitig zugeben. Hieran müssen Sie sich sehr genau halten.«

»Dann werden wir uns also bei der Übergabe zum letztenmal sehen?«

»Vermutlich«, sagte der Fremde. »Tut Ihnen das leid?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Fritz Seyfried und pfiff seinen Hunden.

»Ich habe mich fast ein bißchen an Sie gewöhnt.«

Dieses Mal blieb Drohne auf dem Waldweg stehen und sah Fritz nach, wie er mit Stoffel und Steffi zwischen den Bäumen davonschritt.

Nach einer Weile glaubte Fritz Seyfried in seinem Rücken ein sonderbares Geräusch zu hören. Er dachte, der Fremde habe ihm ein Zeichen gegeben, blieb stehen und wendete sich um. Aber er konnte den Mann mit der Brille nirgends mehr entdecken.

Am nächsten Morgen schlang Fritz Seyfried — wie immer, wenn seine Frau verreist war —- sein Frühstück in der Küche stehend herunter. Als er dabei nachdenklich durch das Fenster auf die Straße schaute, fuhren drei Polizeifahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Wald: ein normaler Funkstreifenwagen, ein Kastenwagen mit kriminalistischem Gerät und als letzter ein Transportwagen.

Er stellte die Kaffeetasse ab, ging nach draußen in die Garderobe und fuhr in den grüngrauen Parka. Er nahm die Hausschlüssel vom Haken, pfiff den Hunden und verließ mit ihnen das Haus. Oben im Wald bemerkte er schon aus der Ferne die Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen, ungefähr an der Stelle, wo er am vergangenen Abend geglaubt hatte, das sonderbare Geräusch zu hören.

Als er sich der Gruppe genähert hatte, sah er, daß Vermessungen vorgenommen und in der Dämmerung des Wintermorgens Blitzlichtaufnahmen gemacht wurden. Mitten auf dem Wege lag auf dem Rücken mit leicht gespreizten Beinen und verkrampften Händen die Leiche eines Mannes, dessen Mantel Fritz Seyfried sofort erkannte. Sein Gesicht war mit einem roten Gummituch zugedeckt.

Einige andere Bewohner der Häuser am Habichtsberg standen herum; ihren Gesprächen entnahm Fritz, daß die Polizei schon ziemlich früh durch einen Anwohner verständigt worden war, der beim Jogging den Leichnam entdeckt hatte.

Die Taschen des Mannes seien sorgfältig geleert gewesen, hieß es. Die Frage, ob irgend jemand aus der Nachbarschaft diesen Mann schon einmal gesehen hatte, hätte gar nicht erst gestellt werden können, weil der Mann mit einem stumpfgefeilten Projektil in das Gesicht geschossen worden und infolgedessen bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet war. Fritz Seyfried wurde von niemandem eine Frage gestellt.

Der Tote konnte auch späterhin nicht identifiziert werden. In einer Entfernung von einer Viertelstunde zu Fuß entdeckte man einen bei einer bekannten Firma gemieteten Leihwagen. Aber der Name des Mieters war falsch.

Am Tatort fand man weder Fingerabdrücke noch die Hülse der abgefeuerten Patrone, noch das Geschoß selbst. Auch Fußspuren waren nicht zu entdecken. Entweder hatte es keine gegeben, oder sie waren sorgfältig verwischt worden. Der Leichnam mußte auf Gemeindekosten bestattet werden.

9

Anne Seyfried gestand sich ein, daß sie Angst hatte. Sie trug den mit Pelz gefütterten Wildledermantel Friskas, dazu ihre Wollmütze. Die Ledertasche hing über ihrer Schulter. Sie hielt es für unauffälliger, nicht den Wagen ihrer Schwester zu benutzen, sondern die Grenze zu Fuß zu überschreiten. Anne war auf der westlichen Seite des Überganges Sandkrugbrücke aus einem Bus gestiegen und bewegte sich auf die Baracken des Übergangs zu.

Sie schritt direkt auf die verglaste Wachkanzel zu und passierte die Durchfahrt der Sperrmauer. Der Grenzbeamte unmittelbar dahinter überprüfte lediglich die Gültigkeit der Dokumente und bildete keine Gefahr. Er gab Anne den Personalausweis ihrer Schwester zurück und deutete auf die überdachte Durchfahrt, wo die Kontrolle der Identität und der Geldwechsel vollzogen wurden. Sie gab dem Beamten den Ausweis. Er gehörte zu der blassen, überkorrekten Sorte mit stechenden Augen.

Mit größter Sorgfalt hatte Anne sich unter Friskas Mithilfe im Frisiersalon ihrer Schwester das Haar genauso schneiden, tönen und legen lassen, Wie auch Friska es trug. Selbst Heinz Pankraz hatte zugeben müssen, daß eine glänzende Täuschung geglückt war.

Mit Erleichterung vermerkte Anne, daß auch der Blasse mit der kerzengerade auf dem dunklen Haar sitzenden Schirmmütze die Täuschung nicht durchschaut hatte. Er gab ihr den Ausweis zurück und legte die Hand an den Mützenschirm.

Die Zollkontrolle fand weiter hinten statt. Der dortige Beamte prüfte die Zettel, die Arme mit Friskas Hilfe schon vorgefertigt hatte. »Sie wollen nach Strausberg, Frau Pankraz?« Der Mann gab ihr die ineinandergesteckten Papiere zurück und sah sie interessiert an.

Anne lächelte. »Märkische Schweiz, es soll sehr hübsch dort sein.«

»Aber sicher«, sagte der Mann. »Ich stamme aus einem Dorfdort in der Nähe. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik.«

Anne umrundete die rot-weiß bemalten Sperrbalken und befand sich im Ostteil der Stadt. Zu Fuß ging sie die wenigen hundert Meter bis zur Chausseestraße. Dort hielt sie ein Taxi an und ließ sich zum Ostbahnhof fahren. Anne bezahlte, betrat die ebenerdig gelegene Schalterhalle und löste eine Rückfahrkarte nach Strausberg. Sie hatte Glück, denn der nächste Zug fuhr in etwas weniger als zehn Minuten. Sie stieg nach oben zu den Bahnsteigen und in einen der bereits wartenden Waggons ein. Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung, rumpelte über eiserne Brücken, die stille Kanäle überspannten, und fuhr endlich über flaches, mit winterlich entlaubten Bäumen bestandenes Land, das allmählich hügeliger wurde. Auf einem Bahnhof namens Eggersdorf mußte sie umsteigen. Für den Rest der Strecke brauchte der Zug nicht mehr viel länger als eine Viertelstunde. In Strausberg herrschte reges Leben. Es schien vollgestopft zu sein mit feldgrau uniformierten Soldaten. Anne fand ein Taxi und fragte den Fahrer, ob er die General-Tschuikow-Kaserne kenne.

»Natürlich kenne ich die«, antwortete der Mann. »Wollen Sie etwa dorthin?«

Der Fahrer war ein noch junger Mann, nicht älter als fünfundzwanzig, schätzte Anne. Er trug eine sportlich karierte Schirmmütze mit einer flauschigen Bommel darauf. Er musterte Anne interessiert.

»Nicht von hier, was? Na, dann steigen Sie mal ein.«

Anne setzte sich neben ihn und zog die Tür zu. Der Mann fuhr los.

»Die Kaserne liegt aber ziemlich weit außerhalb«, sagte er. »Die lassen nicht gernejeden die Nase da reinstecken, verstehen Sie?«

»Mich interessiert nicht, was die dort machen«, sagte Anne. »Ich möchte jemanden besuchen.«

Der Mann warf ihr einen zweifelnden Blick zu: Noch nie war ihm jemand begegnet, der zu einem privaten Besuch in die Tschuikow-Kaserne wollte. Schon gar nicht eine Frau, die aus dem Westen kam.

Der Wagen ließ die letzten Häuser des Städtchens hinter sich. Die Fahrt ging jetzt durch eine sanfte Hügellandschaft. Nach einigen Kilometern dehnte sich links ein großer Gebäudekomplex in einer Geländemulde. Zahlreiche Bauten waren von einer stacheldrahtbewehrten Mauer umgeben, und in regelmäßigen Abständen erhoben sich Wachtürme. Die Straße weitete sich zu einem ausgedehnten Platz, auf dem zahlreiche zivile und militärische Fahrzeuge abgestellt waren. Die Mauer war durchbrochen von einer breiten Einfahrt. Im Hintergrund sperrte eine Schranke die Einfahrt, vor der ein bewaffneter Posten patrouillierte. Auf dem Platz vor dem Wachgebäude hielt der Taxifahrer an und nannte Anne den Fahrpreis. Anne hielt ihm einen aufgerundeten Betrag in Westmark hin.

»Dürfen Sie das so nehmen?«

»Nee, nee, gute Frau«, sagte der Mann. »Wir sind ein volkseigener Betrieb. Da müssen Bons und Kasse zusammenstimmen. Sie müssen mir das schon in der Landeswährung zahlen.«

Anne suchte also das Geld in Östlicher Währung zusammen und gab es ihm, fügte aber einen westlichen Schein hinzu. »Das dürfen Sie aber sicher annehmen.«

Der Mann dankte, steckte das Geld weg und ließ Anne aussteigen. »Da drüben müssen Sie sich anmelden.«

Vor der Kaserne herrschte starker militärischer Verkehr. Anne fiel auf, weil sie die einzige Frau war, die die mit modernem Mobiliar ausgestattete Eingangshalle betrat. Über dem Empfangstisch prangte ein Hinweis, sich hier anzumelden und seine Ausweispapiere bereitzuhalten. Anne trat heran und sagte: »Ich hätte gern Herrn Jost Wentzell-Marschal gesprochen. Ist er im Haus?«

Der junge diensttuende Unteroffizier hatte ein breitflächiges gutmütiges, von einer Tolle dunkelblonder Haare gekröntes Gesicht. Er blickte Anne erstaunt an, als habe sie soeben nach dem Oberkommandierenden der Truppen des Warschauer Paktes persönlich gefragt. Er stemmte die Hände auf die Tischkante und sagte: »Den Genossen Wentzell-Marschal, so. Würden Sie mir bitte sagen, was Sie von ihm wollen?«

»Das möchte ich ihm gerne selbst mitteilen«, antwortete Anne. »Können Sie mir nicht sagen, ob er hier ist?«

Der Mann hatte sein Erstaunen überwunden und fand zu seinem normalen dienstlichen Ton zurück. »Darf ich bitte Ihre Personaldokumente sehen?« Anne zog aus der Umhängetasche den Westberliner Ausweis ihrer Schwester und gab ihn dem Mann. Er öffnete ihn nicht einmal, sondern ließ ihn zwischen zwei Fingern wippen und sagte: »Das geht nicht, meine Dame. Mit einem Westausweis ist jedes Betreten des Dienstgeländes verboten. Strenggenommen dürften Sie sich nicht einmal in diesem Raum hier aufhalten. Hier, nehmen Sie Ihre Papiere. Ich habe nichts gesehen. Aber gehen Sie.«

Anne nahm den Personalausweis nicht entgegen. »Könnte darüber nicht Herr Wentzell-Marschal entscheiden? Ich bin sicher, er würde erlauben, daß ich ihn besuche, wenn er hört, um was ich ihn bitten möchte.«

»Ausgeschlossen«, sagte der gutmütige Unteroffizier. »Das sind Anordnungen, an denen auch ein Oberst nicht rütteln kann. Hier können Sie den Genossen Wentzell-Marschal nicht sprechen.«

»Können Sie mir denn nicht wenigstens die Privatadresse oder die Telefonnummer geben?« fragte Anne. »Es ist wirklich sehr wichtig.«

Die Kompetenz des Unteroffiziers war überfordert. Er legte Annes Ausweis vor sich auf die Tischplatte und schlug ihn auf. »Nehmen Sie Platz und warten Sie«, sagte er. Zwei oder drei Soldaten, die hinter Anne warteten, machten ihr neugierig Platz. Während sie zu einer Sitzgelegenheit hinüberging, telefonierte der Mann mit seinem Vorgesetzten. Er erhielt die Zusicherung des Vorgesetzten, daß dieser in Kürze selbst nach dem Rechten sehen werde, legte auf und wendete sich den anderen Wartenden zu.

Es dauerte nicht lange, bis der wachhabende Offizier die Halle betrat. Er schritt zu dem jungen Mann hinter dem Schalter, ließ sich von ihm informieren und nahm Annes Ausweis entgegen. Dann sah Anne ihn auf sich zukommen. Sie erhob sich. Der Mann blieb vor ihr stehen, legte die Hand an den Mützenschirm und nannte seinen Namen.

»Frau Klara Franziska Pankraz?« las er von dem Ausweis ab. »Sie haben nach Oberst Wentzell-Marschal gefragt?«

»Ja«, sagte Anne. »Ich möchte ihn gern sprechen.«

»Das können Sie hier nicht, Frau Pankraz. Dies ist ein Stabsquartier der Streitkräfte des Warschauer Paktes. Personen aus dem westlichen Ausland sind auf diesem Gelände nicht zugelassen. Sie kennen den Obersten?«

»Nein«, sagte Anne. »Auch er kennt mich nicht.«

»Was wollen Sie dann von ihm, Frau Pankraz?«

»Das kann ich Ihnen nur schwer erklären«, sagte Anne. »Es geht um eine Sache aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges.«

»Aus dem Zweiten Weltkrieg? Frau Pankraz, seit damals hat sich Vieles auf der Welt verändert.« Der Mann klappte den Ausweis zu und gab ihn Anne zurück. »Ich gebe Ihnen den Rat, nach Berlin-West zurückzureisen und den Oberst Wentzell-Marschal so rasch wie möglich zu vergessen.«

Der Offizier salutierte, ging Anne voran und hielt ebenso höflich wie unmißverständlich die Tür auf.

Diesen Vorgang beobachtete der Fahrer des Taxis, das Anne hierher gebracht hatte. Er hatte ohnehin nicht daran gezweifelt, daß es so und nicht anders kommen würde. Als Anne sah, daß er noch nicht fortgefahren war, ging sie quer über den weitläufigen Platz zu ihm hinüber. »Nicht geklappt, was?« fragte er und öffnete Anne von innen die Tür. Anne stieg vorne ein.

»Nein«, sagte sie und fügte hinzu: »Sie sagten vorhin, daß Sie sich hier sehr gut auskennen.«

»Ja, sicher«, sagte der Mann. »Warum?«

Anne zog einen größeren Geldschein aus ihrer Tasche, reichte ihn dem Fahrer und sagte: »Kennen Sie den Oberst Wentzell-Marschal?«

Der Mann faltete den Geldschein wie beiläufig zusammen und schob ihn in die äußere Tasche seines Blousons. »Ja, ich kenne ihn. Ich habe ihn schon öfter gefahren. Wollen Sie zu dem?«

»Ja«, sagte Anne. »Wie kann ich das anstellen?«

Der Fahrer sah auf die Armbanduhr. »In etwa Fünfundzwanzig Minuten wird der Oberst die Kaserne verlassen und wie jeden Montag nach Karlshorst fahren. Wenn Sie mir die Zeit bezahlen, warte ich hier und zeige ihn Ihnen.«

Anne sah den Mann dankbar an, der jetzt die Einfahrt zur Kaserne beobachtete.

Der Oberst war äußerst pünktlich. Zwei Minuten nach halb eins näherte sich ein eisengrauer Wartburg dem Schlagbaum. Die Schranke schnellte hoch, der Posten trat zur Seite und nahm Haltung an.

»Das ist er«, sagte der Taxifahrer. »Er fährt nach Karlshorst.«

»Können Sie dem Wagen folgen? Vielleicht kann ich ihn ansprechen, wenn er dort fertig ist.«

»Wissen Sie eigentlich, was das ist, wo er hinfährt?«

»Nein«, sagte Anne, »keine Ahnung.«

»Das sowjetische Oberkommando«, erklärte ihr der Fahrer.

Der Wartburg bog jetzt aus dem Kasernengelände auf die Straße nach Südwesten ein. Das Taxi fuhr hinter dem Armeefahrzeug in einer Entfernung von etwa siebzig Metern her. Nach einiger Zeit bog das Armeefahrzeug nach rechts auf eine kleinere, aber ebenfalls geteerte Straße ab, die zwischen zwei Reihen entlaubter knorriger Apfelbäume dahinlief. Der Fahrer des Wartburg wendete sich halb zu dem Obersten um. »Uns folgt ein Taxi, Genosse Oberst.«

Der Oberst ließ sich nicht in der Lektüre seiner Dokumente stören, »Das ist Zufall, Dirk«, sagte er. »Wer soll uns in einem Taxi folgen.«

Aber der Fahrer beobachtete das Taxi im Außenspiegel. »Jetzt gibt er mir ein Blinkzeichen«, sagte er.

»Also laß ihn vorfahren«, brummte der Oberst.

»Nein«, erwiderte der junge Soldat. »Er will nicht vorfahren. Er will, daß wir anhalten.«

Der Oberst drehte sich um. In diesem Moment betätigte der Fahrer von Annes Taxi seine Lichthupe erneut.

»Also, halt an, Dirk«, sagte der Oberst. »Steig aus und frag, was er will.«

Der Fahrer bremste und ließ den Wartburg ausrollen.

»Was machen Sie denn da?« fragte in dem Taxi Anne den Fahrer.

»Ich denke, Sie wollen ihn sprechen«, sagte der Taxifahrer. Er hielt das Taxi etwa zwanzig Meter hinter dem Armeefahrzeug auf der winterlich einsamen Landstraße an. Der Taxifahrer stieg aus und ließ die Tür offen. Auch aus dem Wartburg stieg der Fahrer aus. Er ließ die Tür seines Fahrzeugs geöffnet und kam nach hinten. Anne sah, wie der Fahrer ihres Taxis die Brusttasche seines Blousons öffnete, den Geldschein hervorzog, den sie ihm gegeben hatte, und ihn dem Uniformierten zeigte. Dabei deutete er mit dem Daumen nach rückwärts.

»Ich hab da eine Frau drin, aus dem Westen. Die hat mit Geld gegeben, damit ich ihr behilflich bin, deinen Chef zu bespitzeln. Sag das dem Genossen Oberst. Du hast doch den Genossen Oberst Wentzell bei dir drin?«

»Hab ich«, sagte der Soldat. »Was will sie von dem Oberst?«

Der Taxifahrer zuckte mit den Schultern. Anne sah, wie er sich umwendete und mit dem Soldaten auf das Taxi zukam. Neugierig beugte sich der junge Mann herab und starrte sie an.

»Was wollen Sie von dem Genossen Oberst Wentzell?«

»Fragen Sie Herrn Wentzell-Marschal, ob er sich nicht an den 14. Januar 1945 erinnert«, sagte Anne. »Das war der Tag, an dem seine Eltern ums Leben kamen. Gehen Sie und fragen Sie ihn.«

Anne sah den jungen Mann nach vorne zu dem Wartburg stapfen. Dort öffnete er die Fondtür. »Die Frau läßt fragen, ob Sie sich noch an den 14. Januar 1945 erinnern.«

Der Oberst sah ihn fragend, voll ungläubiger Uberraschung an.

»Sie sagte, das sei der Tag, an dem Ihre Eltern ums Leben gekommen seien.«

»Das gibt es doch nicht«, erwiderte der Oberst nach einer Weile.

»Ich habe es genau verstanden«, entgegnete der Soldat.

»Schon gut, Dirk«, sagte der Oberst. Der Soldat sah zu seinem Erstaunen, wie sein Chef die Papiere neben sich auf den Rücksitz legte und sich anschickte, den Wagen zu verlassen. Der junge Mann richtete sich auf, nahm Haltung an und legte die Hand auf den Türgriff, als Wentzell-Marschal ausstieg.

Anne sah ihn auf das Taxi zukommen und verließ ebenfalls ihren Platz. Der Mann, der ihr entgegenkam, war groß und stattlich. Er hatte ein breites und dennoch scharfgeschnittenes Gesicht, in dem das Auffallendste die weit auseinanderstehenden, dunkelbraunen Augen und ein Mund mit ein wenig aufgeworfenen Lippen waren.

Außer seiner straffen Haltung und einem ablehnenden Gesichtsausdruck hatte der Mann nichts Militärisches an sich. Er trug einen bräunlichen Mantel, einen karierten Allerweltsschal und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Er hatte beide Hände in die Taschen des Mantels geschoben und blieb vor Anne stehen.

»Ihr Name?« fragte er.

»Ich heiße Franziska Pankraz.«

»Der Fahrer sagt, daß Sie mir nachspionieren.«

Ein kalter scharfer Wind wehte über die flachen Felder, Anne schlug den Pelzkragen hoch. »Ich habe nicht die Absicht, Ihnen nachzuspionieren. Aber ich muß Sie sprechen.«

»Wieso müssen?« sagte Wentzell. »Was haben Sie mit diesem Datum zu schaffen, das mein Fahrer mit übermittelt hat?«

»Sie erinnern sich also an dieses Datum?« fragte Anne.

»Zeigen Sie mir bitte Ihre Papiere«, sagte der Oberst anstelle einer Antwort.

Anne entnahm ihrer Tasche den Ausweis, den sie dem Obersten hinhielt. Sie bemerkte, daß der Fahrer des Obersten und der Fahrer des Taxis in einiger Entfernung beieinanderstanden und zu ihr und Wentzell-Marschal herübersahen. Der Mann nahm den Ausweis schlug ihn auf, verglich Gesicht und Foto mit prüfendem Blick und behielt ihn in der Hand, nachdem er ihn wieder zugeklappt hatte. Mit der anderen Hand griff er in den Mantel. Er zog einen Briefumschlag aus der Brusttasche und entnahm ihr die Postkarten, die man Anne auf der Meldebehörde abgenommen hatte. »Sind Sie die Dame, von der diese Karten stammen?«

»Ja«, bestätigte Anne. »Und Sie sind wirklich Jost Wentzell-Marschal. Sonst hätte man sie Ihnen nicht geschickt.«

»Dann sind also jetzt drei verschiedene Namen im Spiel«, sagte Wentzell-Marschal. »Der erste ist Ansgar Gottwald in Solingen, an den diese Karten hier gerichtet sind. Der zweite ist Klara Franziska Pankraz, der in diesem Ausweis steht. Und der dritte ist Anne Seyfried, den mir die Meldebehörde in Berlin als Überbringerin dieser Karten genannt hat. Können Sie mir sagen, was ich davon halten soll?«

»Das ist eine sehr komplizierte Sache, Herr Wentzell-Marsthal. Sie hängt mit dem 14. Januar 1945 zusammen.«

»Was wollen Sie?«

»Herr Wentzell«, sagte Anne, »es geht um das Schicksal meines Mannes. Es war nicht einfach, Sie zu finden und bis hierher vorzudringen. Ich habe viel auf mich genommen. Das hat seinen Grund. Ich bin die Frau des damaligen Obersturmführers Henning von Loßwitz, der am 14. januar 1945 die Sprengung der Brücke über die Pilica hinausschieben wollte, bis Hunderte von Flüchtlingen die Brücke passiert haben würden, und dabei einen deutschen Major erschoß, der die Nerven verloren hatte. Später kam mein Mann durch verschiedene Umstände zu dem Namen, den er noch heute trägt.«

»Ein SS-Obersturmführer? Frau Loßwitz, Seyfried, Pankraz oder wie Sie wirklich heißen, ich zweifle an Ihrem Verstand, mich mit einer solchen Geschichte zu belästigen.« Der Oberst klappte noch einmal den Ausweis auf. »Und was ist das für ein Ausweis?«

»Es ist der Ausweis meiner Zwillingsschwester«, antwortete Anne.

»Ich mußte Sie schnell sprechen, und der ordentliche Weg hätte Wochen gedauert.«

»Dann sind Sie also mit einem falschen Dokument in die Deutsche Demokratische Republik eingereist«, stellte Oberst Wentzell-Marschal fest. »Und das sagen Sie mir direkt ins Gesicht.«

»Was hätte ich sonst tun sollen?« erwiderte Anne. »Es war die einzige Chance für meinen Mann und für mich.«

Der Mann sah hinüber zu der Stelle, wo die beiden Fahrer sich unterhielten. »Hallo, Sie da!« rief er dem Taxifahrer zu, der sofort zu ihm herüberkam. »Ich belobige Sie wegen Ihrer Aufmerksamkeit und Sozialistischer Wachsamkeit. Wie heißen Sie?«

»Wilfried Turner, Genosse Oberst.«

»Haben Sie gedient?«

»Jawohl, Genosse Oberst. Sechste Panzer in Jüterbog.«

»Gut. Genosse Turner, nennen Sie der Dame ihren Fahrpreis. Sie wird mich nach Karlshorst begleiten müssen.«

Der Mann sah Anne triumphierend an und nannte einen korrekten Preis.

Anne bezahlte, und der Mann gab ihr mit dem Wechselgeld auch den Westgeldschein zurück, den sie ihm zugesteckt hatte.

»Bestechen und bespitzeln können Sie dann im Westen wieder«, sagte er, nahm vor dem Oberst in Zivil Haltung an, bestieg seinen Wagen und wendete.

»Was habe ich ihm nur getan?« sagte Anne.

»Dazu sind die Taxifahrer in unserer Republik verpflichtet. Verfolgungsjagden a la Chikago sind hierzulande Sache der Polizei. Steigen Sie jetzt bitte ein.«

»Was haben Sie mit mir vor?« fragte Anne, während sie in den Wartburg stieg. Wentzell-Marschal schob sich von der anderen Seite neben sie.

»Das weiß ich noch nicht«, sagte er. »Wahrscheinlich werde ich Sie dem nächsten Polizeiposten übergeben.«

Der Fahrer stieg ebenfalls ein.

»Fahr zu, Dirk«, befahl der Oberst. »Wir sind ziemlich spät dran.«

Jedoch ging Oberst Jost Wentzell-Marschal jener 14. Januar 1945 nicht mehr aus dem Kopf. Wie schon bei der überraschenden Ankunft der alten Postkarten wanderten seine Gedanken — völlig gegen seinen Willen — wieder zurück, verdichteten sich bruchstückhafte Erinnerungen, Fakten, die er erst später durch Nachforschungen erfahren hatte, zu einem immer klareren Bild. Denn in einem Punkt hatte Anne Seyfried bei den Besprechungen mit ihrem Mann durchaus recht gehabt: Die damaligen Ereignisse gehörten zu den entscheidendsten im bisherigen Leben des Obersten.

Vor seinen Augen zog wieder jener kalte Winterabend vor mehr als fünfunddreißig Jahren vorbei. Er spürte förmlich die beißende Kälte, fühlte, wie er zitterte und vor Angst schrie. Aber sein Weinen vermochte absolut nichts auszurichten gegen den Höllenlärm, der diese Nacht erfüllte. Der Fahrer, dem Ansgar Gottwald das weinende Kind hinaufreichte, zerrte Jost nach oben und hob ihn durch das Turmluk in das Innere des Panzers. Drinnen war es finster und gleichzeitig stickig und kalt. Die Männer, die in dieser Stahlhölle lebten, erschienen dem Kind wie riesige schwarze Teufel. Sie schoben ölgetränkte Lumpen, zerfetzte Ladehandschuhe und Werg zusammen, legten ihn darauf und deckten ihn mit einer Uniformbluse zu. Einer hielt ihm ein hart gewordenes Stück Brot hin und strich Marmelade darauf. Während Jost Marschal das in sich hineinschlang, schlief er ein, erschöpft und übermüdet.

Umgeben vom Gestank des Wergbündels und unter dem dürftigen Schutz der verschwitzten Uniformbluse, entwickelte sich bei dem Kind allmählich ein Gefühl des Geborgenseins, vor allem seit der Panzer nicht mehr getroffen wurde und auch die Explosionen seiner eigenen Kanone verstummt waren. Damals war dem Jungen noch nicht bewußt, daß die Fahrt, die er miterlebte, nicht etwa ein geordneter Rückzug war, sondern eine wilde Flucht.

Gegen Abend des 17. Januar erreichten die Flüchtenden ein polnisches Dorf im Warthegau. Auch hier trafen sie auf disziplinlose Truppen, Versprengte und eine im vollen Aufbruch befindliche Bevölkerung.

In diesem Dorf gab es noch die Reste einer Versorgungsorganisation, eine Frontleitstelle und eine Dienststelle des Roten Kreuzes. Hier übergab Ansgar Gottwald den kleinen Jost Marschal, den er drei Tage bei sich im Panzer gehabt hatte, an Angehörige des Roten Kreuzes. Das Kind weinte und schrie und klammerte sich so heftig an Gottwald, daß dieser ihm hastig einen Zettel zuschob, auf dem er ihm seine Heimatadresse aufgeschrieben hatte.

Jost Marschal zog mit einem großen Treck in nordwestliche Richtung. Noch bevor dieser Elendszug die Oder erreichte, überholte ihn die vormarschierende Sowjetarmee. Für die sowjetischen Truppen, welche den letzten Ansturm auf das Deutsche Reich in einer ungeheuren Anstrengung und ohne nennenswerte Reserven vollzogen, bildeten diese Menschen schon bald ein größeres Problem als der fliehende Feind. Mit dem Überschreiten der deutschen Grenzen jedoch fielen den Sowjets auch diejenigen Anlagen und Einrichtungen in die Hände, in denen die Deutschen ihre Kriegsgefangenen untergebracht hatten und die jetzt leer standen. Nach und nach bedienten Sich die Russen dieser Lager, um einen Teil des menschlichen Strandgutes, welches der große Sturm zurückgelassen hatte, zu sammeln und zu registrieren.

Der Frühsommer des Jahres 1945 war heiß und staubig. Es war die Zeit, da die sonnendurchglühten Landstraßen zwischen Weichsel und oder voll waren von Kolonnen von Menschen, die auf Leiterwagen ihre Habe westwärts schleppten.

An einem dieser Tage wurden schon frühmorgens zwischen den Großraumbaracken des Lagers Woldenberg rohe Holztische in den Schatten getragen und wackelige Stühle dahinter gestellt. Kurz danach saßen auf diesen Stühlen die Offiziere einer sowjetischen Kommission mit ihren Gehilfinnen. Vor den Tischen stauten sich in langen Schlangen die Lagerinsassen, um registriert zu werden.

Zu der verantwortlichen Kommission gehörte auch der Major beim Stabe des 3. Gardeschützenkorps, Alexei Adrianowitsch Soltjakin, der sich erfolgreich damit beschäftigt hatte, das deutsche Operationsgebiet durch eigene Leute mit den Papieren gefallener Deutscher unterwandern zu lassen, wodurch der sowjetische Vormarsch noch beschleunigt werden konnte. Eine Qualifikation übrigens, die ihn viele Jahre später dazu befähigte, den wichtigen Posten des Leiters der Abteilung II der GRU, zuständig für die Auflärung in westeuropäischen Ländern, einzunehmen.

In der langen Reihe der Lagerinsassen, die darauf warteten, in die vorbereiteten Listen eingetragen zu werden, stand auch Jost Marschal, der eben an diesem Tage seinen dreizehnten Geburtstag recht freudlos feierte. Er fiel dem Major schon auf, als er nach einer Stunde Wartezeit an den Tisch herantrat und dabei höflich, wie er erzogen war, die Mütze vom Kopf nahm. Außerdem war der Fall selten, daß ein Kind allein, ohne Familie, die Flucht überlebt hatte.

Dem Offizier gefielen die großen, braunen, traurigen Augen des Jungen. Er stellte ihm in gutmütig holprigem Deutsch die sich aus der vorgedruckten Liste ergebenden Fragen: Name, Vorname, Vorname des Vaters, Geburtsort. Nachdem ein weiblicher Feldwebel alles das eingetragen hatte, fragte der Major, was aus den Eltern des Kindes geworden war, und erfuhr, daß sie ums Leben gekommen seien. Als er hörte, daß dies in Tomaszów an der Pilica passiert war, wurde sein Interesse größer. Er fragte den Jungen Jost Marschal nach Einzelheiten seiner Erlebnisse in Tomaszów aus, und der Junge erzählte dem sowjetischen Offizier alles, was er wußte.

Nur eines wußte er nicht mit Sicherheit, nämlich den genauen Augenblick, in dem seine Eltern und seine Schwester den Tod gefunden hatten. Er glaubte aber, daß sie mit der Brücke in die Luft gejagt worden waren.

Der Major Soltjakin klopfte dem Jungen auf die Schulter und sprach ihm Mut zu. In der Seele des Jungen nahm er nun als dritter nach dem SS-Obersturmführer von Loßwitz und dessen Oberscharführer Gottwald die Stelle ein, die durch den Tod seines Vaters vakant geworden war.

»Was machen wir mit ihm?« hörte der Junge ihn in russischer Sprache den weiblichen Feldwebel fragen.

»Sehen Sie ihn für ein Waisenhaus oder ein Erziehungsheim vor, Genosse Major«, antwortete die Frau.

Der junge sagte in russischer Sprache: »Bitte, bitte nicht in ein Heim, Herr Offizier.«

»Du sprichst Russisch, junge?«

»Ich kann mich mit dem Herrn Offizier in Russisch, Ukrainisch, Polnisch und Deutsch unterhalten. Aber bitte, bitte nicht in ein Heim.« Er sei auch fleißig, sagte der Junge, sei an Arbeit gewöhnt, Kartoffeln schälen, Schweine füttern, Kühe melken, das alles sei besser als ein Heim.

In ukrainischer Sprache fragte ihn der weibliche Feldwebel nach seinem Geburtsdatum. Der 27. Juni 1932, antwortete Jost Marschal in der gleichen Sprache. Der weibliche Feldwebel und der Major sahen einander erstaunt an.

»Dann hat der Junge heute Geburtstag«, stellte der weibliche Feldwebel fest. Und diese einfache Bemerkung entschied über das weitere Leben von Jost Marschal.

Der Major winkte den Jungen aus der Reihe der übrigen Wartenden heraus, an die sonnendurchglühte Barackenwand, wo das Kind den ganzen Nachmittag auf einem Sägebock hockte und die Beine baumeln ließ. Als die Sonne sank und die Kommission zusammenpackte, nahm Major Soltjakin den jungen Jost Marschal, der heute dreizehn Jahre alt geworden war, mit aus dem Lager. In einem rumpeligen Geländewagen der Roten Armee hielt Jost Marschal seinen Einzug in Berlin, wo der Major zum Stab der sowjetischen Militäradministration gehörte, die in einer Kaserne in Karlshorst ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Es war nicht zu vermeiden, daß Oberst Jost Wentzell-Marschal auf dem gleichen Wege, auf dem heute, fünfunddreißig Jahre später, sein Fahrer Dirk den Wartburg der Nationalen Volksarmee steuerte, an all dies dachte.

Er dachte auch daran, wie er die folgenden Monate bei den Russen in der Kaserne zugebracht hatte, verwöhnt und verhätschelt von den dicken Küchenfrauen. Er dachte an die Zeit, als die siegreichen Russen aus Moskau diejenigen deutschen Kommunisten der ersten Stunde in das von ihnen besetzte Gebiet einflogen, die vor den Verfolgungen Hitlers geflohen waren. Zu ihnen hatte Max Wentzell gehört, ein Dreher aus Oranienburg bei Berlin, den Oberst Tulpanow für einen wichtigen Posten beim Wiederaufbau der Stadt und später beim Aufbau des sozialistischen deutschen Staates vorgesehen hatte.

Major Soltjakin, auf der Suche nach Adoptiveltern deutscher Herkunft, war auf Max Wentzell aufmerksam gemacht worden und hatte ihn zu sich nach Karlshorst bestellt. Der alte Wentzell und der Junge Jost hatten sich gut leiden können, und Soltjakin hatte Wentzell beschworen, die außerordentlichen Fähigkeiten in sprachlicher, organisatorischer und praktischer Hinsicht, die er bei dem jungen Jost entdeckt hatte, zu fördern und zu entfalten.

So war Max Wentzell mit dem Jungen in eine Wohnung im Bezirk Prenzlauer Berg gezogen und hatte ihn kurz darauf adoptiert. Er hatte ihn auf Schulen geschickt und ausbilden lassen. Als Jost die Zwanzig überschritten hatte, erbot sich Soltjakin, seinen Einfluß für eine bedeutende Laufbahn Josts im Rahmen des militärischen Paktsystems geltend zu machen. Aus Jost Wentzell-Marschal war einer der ersten Offiziersanwärter der kasernierten Volkspolizei geworden. Als diese in die Nationale Volksarmee überführt wurde, stand Jost Wentzell-Marschal kurz vor der Beförderung zum Oberleutnant.

Der Oberst schreckte aus seinen Gedanken hoch und wurde sich der Frau wieder bewußt, die neben ihm saß. »Was machen wir nun mit Ihnen?«

»Ich kann Ihnen keinen Rat geben, was Ihre Dienstpflichten betrifft«, sagte Arme nach einer Weile. »Aber ich habe nicht grundlos diese Reise gemacht und dabei gesetzliche Vorschriften übertreten. In dieser Sache geht es um Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.«

»Ich kann mich nicht mit Ihnen auf eine Grundsatzdiskussion über Moralfragen einlassen«, sagte der Offizier.

»Die Sache ist so, daß mein Mann wegen eines Mordes verurteilt werden kann, an dem ihn keine Schuld trifft, weil er in einer Notstandssituation für bedrängte Menschen gehandelt hat.«

»Sie verlangen also einfach von mir, daß ich Ihnen glaube, was Sie sagen. Sie haben sich hier eingeschlichen, ich begegne Ihnen zum ersten Mal, Sie kommen aus einem Land, für das ich nichts übrig habe. Und Sie verlangen von mir, daß ich Ihnen glaube.«

»Es wäre für Sie zweifellos die einfachste Lösung, mir nicht zu glauben«, sagte Anne. »Ich kann Sie natürlich nicht daran hindern, es sich leichtzumachen.«

Nach einiger Zeit sagte der Oberst: »Ich habe mir angehört, was Sie vorzubringen haben. Und ich habe Ihnen dazu nichts weiter zu sagen.«Er beugte sich vor. »Dirk, wo ist das nächste Polizeirevier?«

»In Neuenhagen, Genosse Oberst.«

»Dann fahr dorthin.«

Das Revier der Volkspolizei befand sich in einem bauernhausähnlichen einstöckigen Backsteingebäude. Dirk konnte den Dienstwagen fast unmittelbar vor dem Eingang anhalten. Er öffnete die Tür. Wentzell verließ den Wagen und ließ auch Anne aussteigen. Anne und Oberst Wentzell-Marschal betraten die Revierstube. Der Oberst nahm den Hut ab und wies sich aus. »Wentzell«, sagte er. »Oberst der Nationalen Volksarmee.«

Der eine Beamte nahm dienstliche Haltung an, und der andere hörte zu tippen auf.

»Diese Frau hat mich angehalten«, fuhr der Oberst fort. »Sie behauptet, aus Berlin-West zu sein. Sie hat ihre Geldmittel irgendwie verschlampt und muß zurück zum Grenzübergang. Überprüfen Sie das.«

»Jawohl, Genosse Oberst«, sagte der Polizist und wendete sich an Anne. »Ihre Ausweispapiere bitte.«

Wie in Trance zog Anne Seyfried ihre Papiere aus der Umhängetasche und reichte sie dem Polizisten. Der Mann überprüfte sie.

»Und Sie haben keinerlei Zahlungsmittel?«

Anne wußte nicht, wie ihr geschah. Endlich begann sie zu begreifen, daß Jost Wentzell-Marschal beabsichtigte, ihr eine Chance zu geben. Der Wachtmeister konnte nicht wissen, daß der Oberst ihre unzutreffende Identität bereits entdeckt hatte. Der Fahrer saß draußen im Wagen. Sie stotterte: »Ja … nein … vielmehr, ich meine … ich habe mein Portemonnaie verloren, irgendwo … im Taxi vielleicht oder auf der Straße. Jetzt kann ich mit keinem Verkehrsmittel fahren. Und zu Fuß kenne ich mich nicht aus.«

Der Polizist gab Anne die Dokumente zurück. »Die Papiere sind in Ordnung, Genosse Oberst. Was soll geschehen?«

»Geben Sie der Frau das Geld, daß sie fahren kann … sonst gibt es nur Scherereien. Oder warten Sie …« Oberst Wentzell öffnete den Mantel und brachte Kleingeld hervor. »Was kostet die Stadtbahn? Man kann doch von hier direkt bis Bahnhof Friedrichstraße fahren?«

Der Polizist nannte einen geringen Geldbetrag, den Oberst Wentzell Anne hinhielt. »Sie bringen das in Ordnung, Wachtmeister. Die Dame wird eine Verlustanzeige aufgeben wollen.«

Noch bevor Anne sich darüber schlüssig werden konnte, wie sie sich verhalten sollte, hatte Wentzell-Marschal die Revierstube verlassen. Anne starrte auf das Kleingeld in ihrer Hand.

Draußen stieg Wentzell-Marschal in den Wartburg. »Fahr zu, Dirk«, sagte er und begann sich erneut in die Papiere zu vertiefen.

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Der sowjetische Feldpolizist prüfte mit äußerster Gewissenhaftigkeit die Papiere des Obersten Wentzell, salutierte und ließ den Wartburg passieren. Dirk wußte, zu welchem Gebäude er in dem ausgedehnten Kasernenkomplex fahren mußte, und hielt davor an. Der Oberst schob die Papiere in die Mappe, verschloß diese und verließ das Fahrzeug.

Wentzell war beim Verbindungsstab des Sowjetischen Oberkommandos zur Nationalen Volksarmee wohlbekannt. Er wurde begrüßt, grüßte wieder und betrat schließlich ein Büro, in dem General Rajewski hinter seinem mächtigen Schreibtisch saß.

Der Besuch, den Oberst Wentzell General Rajewski jeden Montag abstattete, war eine Routinesache. Als das Sachliche erledigt war, erhob sich General Rajewski.

»Und jetzt habe ich noch eine persönliche Überraschung für Sie, Oberst Wentzell.«

Der General war ein noch jugendlicher Mann mit hagerem Gesicht, scharfer Nase und schwarzem Schnauzbart. Seine Figur war schlank, fast hager. Er ging zu einer Tür, die sich hinter seinem Schreibtisch befand, und schloß sie auf. Sie führte in einen kleineren Konferenzraum. Dort stand am Fenster ein weiterer Mann in Generalsuniform, der sich umwandte, als die Tür geöffnet wurde.

Wentzell blieb verblüfft stehen. »Alexei Adrianowitsch«, sagte er langsam. »Das ist wirklich eine Überraschung. Du hast mir gar nichts mitgeteilt.«

Die beiden Männer umarmten sich. General Soltjakin hielt Wentzell an den Oberarmen fest und betrachtete ihn fast väterlich. Er sagte: »Es ist ziemlich plötzlich gekommen, Jostin. Und General Rajewski hat mir am Telefon gesagt, daß du jeden Montag hier bist. Bist du heute abend frei? Natürlich bist du frei, wenn dein alter Kumpel eigens aus Moskau kommt, um mit dir einen heben zu gehen.«Soltjakin sah auf seine teure Armbanduhr. »Es ist gerade die richtige Zeit, Jostin. Ich ziehe mich um, dann fahren wir in die Stadt und essen zu Abend. Ich lade dich ein, und wir plaudern von alten Zeiten.«

Beide Männer zogen ihre Mäntel an und verabschiedeten sich von Rajewski. Sie verließen das Gebäude und gingen zu Fuß zur Wache. Als sie die Kontrollprozedur überstanden hatten, begaben sie sich zu der von einer hohen Mauer umgebenen Siedlung, wo höhere Offiziere aus Moskau ihre Bleibe hatten, wenn sie sich in Karlshorst aufhielten. Dort standen ältere Einfamilienhäuser. In einem von ihnen war für Soltjakin ein Geschoß mit Schlafraum, Wohnraum und Bad reserviert.

Die Angehörigen der sowj etischen Streitkräfte hausten spartanisch, auch die Generale. Die Zimmer waren klein, fast unmöbliert und erleuchtet durch eine von der Decke herunterbaumelnde Glühbirne. In diesem Appartement bewahrte General Soltjakin Zivilkleidung auf. »Setz dich«, sagte er zu Jost Wentzell. »In einer Viertelstunde bin ich bereit.« Er verschwand in dem kleinen Schlafgemach. Dort hörte Jost Wentzell ihn sich auskleiden und später die Brause aufdrehen. Kurz danach kam er in das Zimmer, in dem Jost Wentzell aufihn wartete. Er trug einen altmodischen Anzug.

»Also«, dröhnte er, fuhr in einen zweireihigen Mantel und hieb Jost Wentzell auf die Schulter, als dieser sich erhob. »Ich habe Appetit, Jostin. Laß uns in die Stadt fahren.«

Die beiden Männer verließen das Haus. Das silberweiße volle Haupthaar ließ der General unbedeckt.

»Na, wohin gehen wir?« fragte Soltjakin auf dem Weg zum Taxistandplatz.

»Wie wäre es mit dem ›Ganymed‹?« sagte Wentzell. »Das ist an der Weidendammer Brücke, Schiffbauerdamm, neben dem Brecht-Theater.«

»Nicht schlecht.« Soltjakin nickte zustimmend.

Über Treptow nahm das Taxi seinen Weg in die Innenstadt. Es passierte den Alexanderplatz, bog ab, links das Rote Rathaus mit seinem charakteristischen viereckigen Turm, dann der Dom. Schließlich gelangte es in die noblen, von warm leuchtenden Scheinwerfern bestrahlten Gebäudezeilen, die den oberen Teil der Straße Unter den Linden säumten. Grünlich angestrahlt sah General Soltjakin am Ende der Allee den weltberühmten Klotz des Brandenburger Tores, bevor das Taxi nach rechts in die Friedrichstraße einbog.

Der General ließ es sich nicht nehmen, das Taxi zu bezahlen. »Ob überhaupt noch etwas frei ist?« fragte Jost Wentzell, als sie die Tür zum Lokal aufstießen.

»Wo denkst du hin, Jostin? Ich bekomme überall Platz, wo ein Resident der GRU sitzt. Und hier in Berlin sitzen gleich mehrere.«

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Der Oberkellner zuckte bedauernd mit den Schultern, leider seien alle Tische reserviert. Der General öffnete den Mantel, zog wie beiläufig einen Ausweis aus der Brusttasche und hielt ihn dem Ober vors Gesicht. Die Wirkung war erstaunlich. Der Kellner wurde um mehrere Zentimeter kleiner, half Soltjakin und Wentzell aus dem Mantel, eilte wieselgleich zu der Schwingtür, die in das Innere des Lokals führte, hielt sie auf und machte eine ruckartig befehlende Geste mit der Hand.

Er wies auf einen behaglichen Ecktisch, von welchem gerade ein Kellner die Reservierungskarte nahm, um sie auf einen anderen Tisch zu stellen. Dann brachte er die Speisekarten, für den General in russischer Sprache.

Wentzell und Soltjakin waren schon beim Dessert und der dritten Flasche Tokajer, als Soltjakin auf das zu sprechen kam, was ihn nach Karlshorst geführt hatte. »Weißt du eigentlich, Jostin«, sagte er, »daß du drauf und dran bist, zur Schlüsselfigur unserer Strategie für den Rest dieses Jahrhunderts zu werden?«

Jost Wentzell lachte. »Du machst wohl einen Scherz.«

»Nein«, erwiderte der General. »Es ist mein Ernst, Jostin. Paß auf: Die Westdeutschen haben einen Panzerstahl entwickelt, bei dem wir das Nachsehen haben, wenn es je zum Ernstfall kommen sollte. Generalstabschef Rodionowski meint, daß unser Offensivkonzept gefährdet ist, wenn wir die NATO-Panzer nicht mehr wirksam ausschalten können. Deshalb will er wissen, wie die das gemacht haben. Ich habe ihm versprochen, es herauszukriegen. Und du mußt mir dabei helfen, Jostin.«

»Und wie soll ich das machen, Alexei Adrianowitsch?«

Der General rückte näher an Jost Wentzell heran. »Wir haben da einen Mann im Fadenkreuz«, sagte er, »der sitzt an der Schaltstelle für diese Dinge, drüben in Westdeutschland. Und du kennst diesen Mann.«

»Ich? Alexei Adrianowitsch, ich habe strenges Westverbot in der Republik. Ich kenne überhaupt keinen westdeutschen Bürger.«

»Und doch kennst du ihn«, beharrte der Russe. »Nur war er damals noch nicht Bürger der westdeutschen Revanchistenrepublik, verstehst du. Du hast mir damals, als wir uns kennenlernten, von der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1945 berichtet … Was hast du? Was siehst du mich so an?«

Bei der Nennung dieses Datums war dem General nicht entgangen, daß die Augen Jost Wentzells sich verengt und einen verblüfft fragenden Ausdruck angenommen hatten. Der Deutsche war eine kurze Zeit versucht, seinem Freund zu erklären, wie erstaunt er war, heute schon zum zweiten Mal auf dieses Datum angesprochen zu werden.

Doch war an diesem Tisch vielleicht nicht der richtige Platz, um darüber zu reden.

»Sprich nur weiter«, sagte Jost Wentzell. »Was ist mit dieser Nacht vom 14. zum 15. Januar 1945?«

»Ich bin darauf aufmerksam geworden, Jostin, als du mir erzähltest, was du in dem Befehlsstand der Faschisten an der Pilica erlebt hast.«

Wentzell nickte. »Das habe ich dir erzählt, ja.«

»Und da wußtest du noch nicht, daß mich das besonders deswegen interessiert hat, weil ich zu dem Stab gehörte, der über diese Ereignisse das Protokoll gemacht hat.«

»Stimmt«, sagte Jost Wentzell. »Das hast du mir erst viel später gesagt. Aber was hat das alles mit dem westdeutschen Rüstungsboß zu tun, den ich angeblich kennen soll?«

»Du hattest mir doch erzählt, daß einer von den Faschisten einen anderen erschossen hat, als sie die Brücke in die Luft jagten. Der, der erschossen wurde, war Herbert Kayser, Major im Generalstab der Faschisten. Sein Mörder ist nicht belangt worden.«

»Was geht es uns heute, nach so langer Zeit, noch an, ob die Faschisten bestraft werden, die sich damals gegenseitig umgebracht haben?«

»Es geht uns etwas an. Es geht nämlich nicht um den, der erschossen worden ist, sondern um den, der ihn erschossen hat.« Der General zog die Brieftasche heraus, entnahm ihr eine Fotografie und reichte sie Jost Wentzell.

Oberst Wentzell-Marschal erkannte den Obersturmführer Henning von Loßwitz sofort. »Tatsächlich«, sagte er. »Dieser hier.« Soltjakin nickte befriedigt und nahm die Fotografie wieder an sich.

»Das ist der Mann, der uns über den neuen Panzerstahl der Westdeutschen Bundeswehr alles sagen kann, was wir darüber wissen müssen. Prost, mein Junge.«

Die beiden Männer stießen die Gläser aneinander, tranken und setzten sie ab. Soltjakin schob die Fotografie zurück in die Brieftasche, aus der er gleichzeitig ein doppelt gefalztes Blatt Papier zog, das er auseinanderfaltete und vor Jost Wentzell auf den Tisch legte. »Lies dies hier durch, mein Sohn, und unterschreib es. Dann wirst du verstehen, daß ich sagte, daß du unsere strategische Schlüsselfigur werden wirst.«

Jost Wentzell-Marschal nahm das Papier und begann zu lesen.

Ich, Jost Wentzell, Angehöriger der Nationalen Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik, gebe hiermit folgendes zu Protokoll und bin damit einverstanden, daß diese Aussage vor allen zur Entgegennahme einer eidesstattlichen Erklärung berechtigten Stellen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland als solche gewertet wird:

Am 14. Januar 1945 erreichte ich auf der Flucht vor den zu erwartenden Kämpfen zwischen der zurückweichenden Naziarmee und den siegreichen Sowjettruppen die an dem Fluß Pilica gelegene polnische Stadt Tomaszów. Über den Fluß führte eine Brücke, die noch intakt war, als ich die Stadt erreichte. Ich konnte über diese Brücke gelangen. Auf dem Westufer des Flusses wurde ich gewahr, daß die Brücke bereits zur Sprengung vorbereitet war.

Da ich von meiner Familie getrennt worden war, ging ich in den Keller, von dem ich vermutete, daß von ihm aus die Sprengung vorgenommen werden sollte. Dort traf ich den Obersturmführer der Waffen-SS, Henning von Loßwitz, wie ich beeide, identisch mit dem jetzigen Fritz Seyfried, wohnhaft in Koblenz, Am Habichtberg 14. Ich flehte ihn an, mit der Sprengung so lange zu warten, bis meine Eltern und meine Schwester außer Gefahr seien, die ich unter zahlreichen anderen Flüchtlingen am jenseitigen Ufer schon sehen konnte.

Dieser SS-Offizier wies mich barsch zurecht. Die militärischen Erfordernisse könnten nicht an den persönlichen Wünschen einzelner orientiert werden. Er habe den Befehl, die Brücke zu sprengen, und das werde er tun. Noch während ich den SS-Offizier anflehte, Menschlichkeit zu üben, betrat ein Major der deutschen Wehrmacht den Bunker. Er sah die Menschen auf der anderen Seite der Brücke und befahl dem SS-Offizier, mit der Sprengung zu warten, bis die Flüchtenden vom anderen Flußufer die Brücke überschritten hätten. Der SS-Offizier widersetzte sich. Es kam zu einem scharfen Wortwechsel, in dessen Verlauf der Major den angeschlossenen Zündapparat aus der Reichweite des SS-Offiziers zu bringen suchte. Um die Sprengung doch sofort ausführen zu können, tötete der SS-Offizier den Major mit zwei Schüssen in den Rücken. Anschließend löste der SS-Offizier die Sprengung aus, obschon sich zu diesem Zeitpunkt Hunderte von Menschen, darunter auch meine Eltern und meine Schwester, auf der Brücke befanden und weitere Hunderte auf der anderen Seite noch daraufwarteten, sie zu überschreiten.

Ich bin bereit, diese Aussage im Rechtshilfeverfahren vor Richtern oder Staatsanwälten der Bundesrepublik Deutschland auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik auch mündlich zu wiederholen.

Jost Wentzell ließ das Papier sinken. »Und damit willst du diesen Seyfried vor Gericht bringen?«

»Nein, nein«, sagte der General. »Damit will ich vermeiden, daß das geschieht. Wenn er uns sagt, was wir von ihm wissen wollen.«

»Wer hat dir diese Geschichte erzählt?«

»Niemand, Jostin. Ich habe sie persönlich recherchiert. An Ort und Stelle. Am Morgen, nachdem es geschehen war. Warum fragst du?«

»Weil sie nicht wahr ist«, entgegnete Oberst Wentzell-Marschal.

Der General starrte Jost Wentzell sprachlos an. »Nicht wahr? Was fällt dir ein? Du hast sie mir doch erzählt. Und ich habe mich selbst überzeugt …« Der General hielt inne und rief den Oberkellner. »Alles zusammen.« Er legte Jost Wentzell die Hand auf den Unterarm. Nicht hier, mein junge, hieß das, laß uns draußen weitersprechen, wo wir sicher sind, daß uns niemand zuhört.

Der General bezahlte die Rechnung, und sie traten sofort ins Freie.

»Wieso ist es ›nicht wahr‹?« setzte Soltjakin das Gespräch fort, als sie über die Weidendammer Brücke gingen.

»Ein Teil des Berichts ist wahr«, sagte Wentzell. »Aber es war nicht der Major, der die Leute retten wollte, sondern der andere.«

»Jostin«, sagte der General. Er blieb stehen. »Es kann doch nicht der SS-Mann gewesen sein …, du mußt dich täuschen.«

»Ich täusche mich nicht, Alexei Adrianowitsch. Ich erinnere mich genau.«

Die beiden Männer erreichten wieder die Straße Unter den Linden. Es war spät geworden, und der Verkehr hatte nachgelassen. Jost Wentzell hob den Arm, und ein Taxi hielt. Der General versank im Rücksitz. Wentzell sah im Dämmerlicht des Wageninneren den weißen Haarschopf des alternden Offiziers sich hin und her bewegen, als verstehe er noch immer nicht recht, daß die Sache nicht so gewesen sein sollte, wie er sie sich zurechtgelegt hatte.

Jost Wentzell nannte dem Fahrer als Ziel die Kaserne in Karlshorst. Die beiden Männer schwiegen, bis das Taxi vor dem Haus anhielt, das General Soltjakin bewohnte. Soltjakin raffte sich auf und stieg aus. »Warten Sie hier«, sagte er in seinem harten Deutsch. »Sie’müssen meinen Freund nach Strausberg fahren.«

Auch Jost Wentzell verließ das Taxi. Sie schlenderten die nächtlich stille Villenstraße entlang. Der Nebel des Alkoholrausches war verflogen. General Soltjakin sah in diesem Augenblick sehr klar. »Ich habe Angst, ich habe Angst um dich, mein Sohn. Jost«, sagte er und zog Wentzell mit sich, zurück in Richtung auf das Taxi, »ich muß dir nicht erst sagen, welche Dimension die Sache hat, in der wir stecken. Du mußt das Persönliche davon trennen. Du mußt, verstehst du. Alles andere wäre tödlich. Wir brauchen den Druck gegen Seyfried. Du weißt, was diese Information für uns bedeutet. Man kennt deinen Namen bis hinauf ins Politbüro. Mit dir steht und fällt die wichtigste Auflärung in Westeuropa seit dem Zweiten Weltkrieg. Auf dich setzen Ustinow, Rodionowski und Alikin.«

»Und du«, fügte Jost Wentzell hinzu.

»Ich auch«, antwortete Soltjakin. »Ich kann erst wieder ruhig schlafen, wenn ich deinen Namenszug auf diesem Papier habe.«

Jost Wentzell bemerkte mit Erstaunen die fahrige Erregung des Älteren, als er den Mantel öffnete, das Papier aus der Brusttasche zog, es auseinanderfaltete und es ihm fast flehentlich hinhielt.

»Dann gib es her.« Wentzell ergriff den Bogen und legte ihn vor sich auf die noch warme Motorhaube des wartenden Taxis. Er nahm den Schreibstift, den der General ihm hinhielt, und setzte im kalten Licht der Peitschenlampe mit fester Hand seinen vollen Namen unter den Text. »Hier, Genosse«, sagte er. »Damit du wieder ruhig schlafen kannst. Ich habe niemals vergessen, was du für mich getan hast. Du warst zu mir wie ein echter Freund, noch mehr, wie ein wirklicher Vater, Alexei Adrianowitsch. Alles, was ich erreicht habe und bin in diesem Staat, verdanke ich dir.« Er faltete das Papier und gab es mit dem Stift dem älteren Mann mit den silbergrauen Haaren. Der General umarmte Jost Wentzell-Marschal, holte dann die Aktentasche und übergab sie dem Obersten. Der stieg in das wartende Taxi und fuhr davon.

10

Über Moskau schien eine strahlende winterliche Sonne. Sie leuchtete auf einer zarten Schneedecke, die sich über die Parks, Flußufer und Hausdächer gebreitet hatte und die grünlichen Kuppeln des Kreml wie ein heiteres Schmuckstück ausjade und Eis wirken ließ. Um zehn Uhr war die Besprechung in Ustinows Ministerium angesetzt. Man traf sich dieses Mal nicht im Konferenzsaal, sondern in den Diensträumen des zuständigen Ressortchefs der GRU für Westeuropa, Generalmajor Alexei Adrianowitsch Soltjakin. Als der KGB-Oberst Alikin eintraf, bemerkte er zu seinem Mißvergnügen, daß er nicht der erste war. Er fiel nicht gern auf und schätzte es nicht, wenn andere sich erhoben, um ihn zu begrüßen. Außer Alikin und dem General befand sich derzeit nur noch Fjodor Petrowitsch Popow im Zimmer, der Chef des Zentralindexes, wie stets in unscheinbarern Zivilanzug und mit betont gleichgültiger Miene.

Generalstabschef Rodionowski kam nur wenige Minuten später, gab den Anwesenden flüchtig die Hand und versank in einem freien Sessel. Soltjakin reichte ihm eine Mappe mit Unterlagen. »Also, Genossen, berichten Sie«, sagte Rodionowski. »Wie ist diese Sache mit dem Panzerstahl der Westdeutschen angelaufen?«

»Ausgezeichnet«, erwiderte Alikin. »Der Mann, den wir anvisiert haben, ist vorbehaltlos eingestiegen.«

»War das nicht die Operation, die über die Hunde ging?« fragte General Rodionowski, der als passionierter Jäger und Hundefreund galt.

»So ist es«, knurrte Alikin. »Und dennoch hat sich der Hundetrick als gefahrvoll erwiesen.«

»Wieso?« fragte Soltjakin.

»Weil sich der V-Mann mit dem. Decknamen Drohne, den Nachtfrost eingesetzt hatte, einen unverzeihlichen Fehler hat zuschulden kommen lassen. Hätte Seyfried nicht wider Erwarten gut gespurt, hätten wir fünf Jahre verloren und mehr.«

»Wie hat er das angestellt?« fragte Rodionowski.

Alikin zog den ledernen Aktenkoffer auf seine Knie, öffnete ihn und entnahm ihm ein Wiedergabegerät von der Größe einer kleinen Zigarrenschachtel. »Am besten hören Sie selbst«, sagte er und legte einen Schalter um. Ein wenig krächzend und mit störenden Geräuschen unterlegt, klang aus dem Gerät das zweite Gespräch, das Drohne mit Fritz Seyfried geführt hatte: »Ich bin mir nicht klar, ob Sie vertraunswürdig genug sind, um mit Ihnen zusammen eine Sache von solchem Umfang durchzuziehen.«

»Das ist der Gipfel der Frechheit«, murmelte Popow.

Rodionowski war der einzige, der das Deutsche nicht verstand. Er ließ sich den Sinn dieser Worte von Soltjakin übersetzen. »Von wem haben Sie diese Aufnahme, Leonid Konstantinowitsch?«

»Von Nachtfrost über Seidenschwang«, sagte Alikin.

»Und wer ist Seidenschwang?«

Soltjakin antwortete: »Wir haben der Nachtfrost-Gruppe einen Führungsoffizier des Staatssicherheitsdienstes der DDR gegeben, der wiederum von Genosse Alikin direkt überwacht wird. Auf diesem Weg ist das Tondokument hierher gekommen.«

»Ich habe diesen Menschen, der Drohne hieß, nur ein einziges Mal persönlich gesehen«, sagte Alikin. »Ich war schon damals skeptisch. Ich hielt ihn für zu alt und zu geschwätzig. Wollen Sie den Genossen Viktor Seidenschwang hereinbitten lassen, Alexei Adrianowitsch?«

General Soltjakin erhob sich, ging zu seinem Schreibtisch und betätigte die Gegensprechanlage, die ihn mit seinem Vorzimmer verband. Er ließ wissen, daß die Anwesenheit des deutschen Oberstleutnants Seidenschwang jetzt erwünscht sei.

Viktor Seidenschwang betrat das Zimmer kurze Zeit danach. Er trug die feldgraue Uniform der NVA, silberne geflochtene Fangschnüre unter der rechten Achsel, die Mütze vorschriftsmäßig zwischen Arm und Körper geklemmt. Er sah General Rodionowski und erstarrte in straffer Haltung. Der General erhob sich mühsam, um Seidenschwang die Hand zu reichen. Er wies auf den letzten noch freien Sessel, und der Oberstleutnant nahm Platz, blieb jedoch auf der vorderen Kante sitzen.

»Berichten Sie kurz über unser Gespräch im Wagen auf der Fahrt nach Karlshorst, nachdem wir Drohne eingewiesen hatten.«

»Sie äußerten Zweifel an der Tauglichkeit dieses Mannes für die gestellte Aufgabe, Genosse Alikin. Sie sagten, der Mann sei zu alt, zu wenig belastungsfähig.«

»Und warum ist es dann doch bei diesem Mann geblieben?« fragte Rodionowski.

»Weil alles schon eingeleitet, ein Terminplan erstellt und die Gesamtoperation zeitlich festgelegt war, Genosse General.«

»Es scheint«, sagte Alikin, »als ob auch Nachtfrost zu dem gleichen Urteil über Drohnes Qualifikation gekommen ist wie ich selbst. Dieser Mann ist nämlich nicht mehr am Leben. Und zwar seit dem Tag, an dem er Seyfried die entscheidenden Weisungen zur Beschaffung des von uns gewünschten Materials gegeben hat.«

»Weiß man etwas über die polizeilichen Ermittlungen?« fragte Popow.

Alikin antwortete: »Es ist dafür gesorgt, daß die Untersuchungen im Sand versickern, wie bei Todesfällen dieser Art üblich.«

»Dann wird Seyfried das Material an Nachtfrost persönlich übergeben müssen«, sagte Popow.

»Das ist richtig«, sagte Alikin nach einer Pause.

»Aber es bringt unsere ganze Front in Westdeutschland zum Einsturz, wenn wir Seyfried mit Nachtfrost konfrontieren.«

»Falls Seyfried das überleben sollte«, setzte Alikin kalt hinzu.

»Seyfried hat keine Ahnung, was Drohnes Tod für ihn bedeuten kann. Er weiß ja nicht einmal etwas über die Existenz von Nachtfrost. Es ist Ihre Aufgabe, Seidenschwang, dafür zu sorgen, daß er darüber auch weder etwas erfährt noch vermutet. Wie Nachtfrost dann agiert, muß ihm überlassen bleiben. Wir brauchen Seyfried nur ein einziges Mal. Danach ist er für uns so unwichtig wie ein Blatt im Wind. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ist bekannt, wie Seyfried überhaupt auf die Offensive reagiert hat?« fragte General Soltjakin.

»Er scheint gar nicht reagiert zu haben«, antwortete der Deutsche.

»Wir haben sämtliche Unterhaltungen zwischen ihm und Drohne auf dem Recorder und außerdem drei volle Tonbandspulen mit Telefongesprächen des Ehepaares. Es ist nicht das geringste Verdächtige dabei. Seyfried ist scharf attackiert worden. Er reagiert gereizt. Seine Frau schiebt das auf eine Weibergeschichte. Sie heult sich aus, zuerst bei einer Freundin in Köln, dann in Berlin.«

»In Berlin?« fragte Soltjakin. »Was zum Teufel macht sie in Berlin?«

»Ihr Vater ist bei den Liberalen im Abgeordnetenhaus, die Schwester verheiratet mit einem Anwalt in Kohlhasenbrück.«

»Kohlhasenbrück …«, sagte Soltjakin nachdenklich, »das habe ich schon gehört. Wo ist Kohlhasenbrück?«

Seidenschwang beeilte sich zu antworten: »Im Südwestwinkel von Berlin-West, Genosse General. Dort, wo wir den Schlauch nach Steinstücken abtreten mußten.«

»Das liegt doch direkt an der Grenze«, sagte Soltjakin. »Können Sie danicht mal reinhorchen? Anwalt…das hat einen schlechten Geruch.«

»Haben Sie die Adresse, Seidenschwang?« fragte Alikin.

Der Deutsche bejahte.

»Und die technischen Möglichkeiten haben Sie auch?«

»Gewiß«, antwortete Seidenschwang. »Elektroakustische Richtmikrofone neuester Ausführung. Wir können das versuchen. Aber dazu muß ich telefonieren.«

»Gedulden Sie sich«, sagte Alikin. »Wir sind ohnehin gleich am Ende.« Er wendete sich wieder der Runde zu. »Die Angelegenheit tritt in ihre Endphase, Genossen. Am zehnten März reist Seyfried zu den Vereinigten Hütten nach Herne. Das ist in zehn Tagen. Von dort bringt er das Material mit in das Amt, wo es für die Ministerkonferenz kopiert wird. Eine dieser Kopien ist für uns bestimmt. Den Übergabetreff wird Nachtfrost selbst festlegen.«

»Ach übrigens«, fügte Soltjakin hinzu, »wir haben das Material gegen Seyfried komplett. Hier haben Sie eine Fotokopie der Aussage, die wir in einem Prozeß gegen ihn verwenden werden. Sie können nach Ihrem Ermessen Gebrauch davon machen.«

Der General reichte dem Deutschen eine schmale Konferenzmappe aus weichem Leder, welche die schriftlich festgehaltene Aussage des Obersten Jost Wentzell-Marschal enthielt.

»Gehorsamsten Dank, Genosse General«, sagte Seidenschwang und schob die Konferenzmappe unter den einen Arm. »Kann ich jetzt telefonieren?«

Soltjakin zeigte auf das eine der beiden Telefone auf seinem Schreibtisch. Während er sich wieder den anderen Herren zuwendete, verlangte der Deutsche eine Blitzverbindung mit dem Ministerium für Staatssicherheit in Berlin.

11

Anne Seyfrieds Ausreise aus Ost-Berlin hatte sich unerwartet reibungslos vollzogen. Mit Oberst Wentzells Fahrgeld in der Tasche, hatte sie das Polizeirevier verlassen und sich auf den Weg zum Bahnhof gemacht.

Mit großer Spannung hatten Heinz und Friska ihrem Bericht zugehört. Wie immer, wenn Heinz Pankraz seine Gedanken besonders konzentrierte, stand er auf. »Versucht doch einmal, euch in Wentzell-Marschal hineinzudenken. Er ist ein wichtiger Mann im Warschauer Pakt, vielleicht sogar eine Schlüsselfigur. Auf jeden Fall ein Mann mit Westverbot, jemand, der einen Westkontakt zu melden verpflichtet ist, wenn er ihn schon nicht vermeiden kann. Und dieser Mann wird nun in unmittelbarer Nähe wichtiger militärischer Stäbe mit einem solchen Westkontakt konfrontiert. Und das auch noch in Anwesenheit eines Taxichauffeurs und seines eigenen Fahrers, die den ganzen Vorgang beobachten und bezeugen können. Was soll er machen? Meldet er die Sache pflichtgemäß, bringt er sich selbst in die größten Schwierigkeiten, setzt Untersuchungen in Gang, gibt Dinge der Vergangenheit preis, die er vielleicht auch lieber ruhen lassen möchte. Nein, für Wentzell-Marschal ist es doch wirklich am besten, er sieht nichts und hört nichts, läßt seinen Westkontakt weder festnehmen noch verhören‘ sondern so schnell wie möglich dorthin abschieben, wo er hergekommen ist. Hat von den beiden Fahrern einer bemerkt, Anne, daß Wentzell dich sozusagen als illegal eingereist entlarvt hat?«

Anne schüttelte den Kopf. »Die Fahrer haben sich in diesem Augenblick die Füße vertreten.«

Der Anwalt nickte bestätigend. »Seht ihr. Gebt euch keiner Täuschung hin. Das alles hat nichts mit Menschlichkeit zu tun. Oder gar mit Mitgefühl. Das ist einfach Berechnung, reiner Selbsterhaltungstrieb.«

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Um so mehr wunderte es Friska Pankraz, als sie am nächsten Tag etwa gegen elf Uhr vormittags den Telefonhörer abhob und eine unbekannte Männerstimme vernahm. Dieser Mann nannte seinen Namen nicht, erkundigte sich aber, ob Friska eine Zwillingsschwester habe. Als Friska diese Frage bejahte, trug der Mann ihr auf, ihrer Schwester zu bestellen, daß sie sich am folgenden Tag, also am Mittwoch, dem 2. März, um Punkt zehn Uhr vormittags in Ost-Berlin im Museum, und zwar im Saal des Pergamonaltars, einfinden solle. Keine Minute früher und auch keine Minute später. Friska stellte Rückfragen, jedoch beantwortete der Fremde keine von ihnen, sondern sagte nur noch, daß Friskas Schwester über alles genau Bescheid wisse und daß keine Erklärungen notwendig seien. Friska erklärte dem Anrufer, daß Annes Koffer schon zur Abreise gepackt bereitstünden. Der Mann erwiderte, die Vereinbarung werde in Annes persönlichem Interesse getroffen und Anne wisse das. Danach knackte es in der Leitung. Friska legte auf. Anne war mit Heinz in die Stadt gefahren, um ihr Flugticket für die Abendmaschine in den Westen zu buchen. Es war durchaus möglich, daß sie jetzt in der Kanzlei erreichbar war. Friska wählte die Nummer und behielt recht. Sie berichtete ihrer Schwester von dem Telefongespräch, das sie soeben geführt hatte. Annes Entschluß war innerhalb von Sekunden getroffen. Sie ließ sich mit dem Büro der Fluggesellschaft verbinden und buchte ihren Flug nach Westen von heute auf die letzte Maschine für den morgigen Abend um. Ein Angebot ihres Schwagers, an ihrer Stelle an dem vereinbarten Treffpunkt zu erscheinen, lehnte sie ab. Sie verließ das Büro, um bei Friskas Friseur die Ähnlichkeit zu dem Foto in ihrem eigenen Reisepaß so gut wie möglich wiederherstellen zu lassen.

Anne benützte wie bei ihrem ersten Besuch den Grenzübergang an der Heinrich-Heine-Straße. Der Weg zur altehrwürdigen Museumsinsel war kurz. Anne Seyfried legte ihn zu Fuß zurück. Zwischen dem Palast der Republik und dem Außenministerium betrat sie den Marx-Engels-Platz. Der Eingang zu den alten Sammlungen befand sich noch immer am Kupfergraben. Man erreichte ihn auf einer Notbrücke, die über einen Kanal führte. Eine schmale Steintreppe klebte an einer hoch aufragenden Mauer. Anne erschrak, als sie die Besucherkolonne auf der Zugangstreppe bemerkte. Keine Minute früher und auch keine später, hatte Friska ihr eingeschärft. Aber noch war genügend Zeit. Die Menschenschlange bewegte sich träge vorwärts. Endlich befand Anne sich im Innern des Gebäudes. Eine beengte Kasse, eine beengte Garderobe, eine schmale steinerne Treppe, dann öffnete sich in diffusem gelblichgrauem, aber warmem Licht ein Saal, angefüllt mit assyrischen Kultfiguren. Es war fünf Minuten vor zehn. Anne drängte sich durch die Menschen zum Saal des Pergamonaltars.

Um Punkt zehn bemerkte sie Wentzell-Marschal mit einem aufgeschlagenen Reiseführer in der Hand. Er war in die Betrachtung des Inhaltes einer Glasvitrine vertieft, welche Details des Pergamonfrieses enthielt. Anne trat neben ihn und betrachtete ebenfalls das Ausstellungsstück.

Unauffällig begann Jost Wentzell-Marschal die Unterhaltung, während er mit Anne von Vitrine zu Vitrine schlenderte. Schließlich zog er sie in die Nische hinter dem Marmorsockel eines der beiden Seitenaltäre, wo er sich mit ihr auf den Treppenstufen niederließ. An dieser Seite fiel das Paar nicht auf, aber Wentzell konnte jeden beobachten, der den Saal betrat.

»Stellen Sie keine Fragen«, sagte Wentzell-Marschal. »Sie werden doch nie verstehen, warum ich Sie gebeten habe, noch einmal hierher zu kommen.«

»Ich nehme an, daß es der gleiche Grund ist, aus dem Sie mich nach Hause geschickt haben, anstatt mich verhaften zu lassen«, gab Anne zurück.

»Ich bewundere Ihren Mut«, entgegnete der Oberst. »Was bringt eine Frau dazu, für ihren Mann das alles zu tun?«

»Ich sagte es Ihnen schon«, antwortete Anne. »Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ich habe keine Geheimnisse.«

»Also, dann reden Sie.«

»Erinnern Sie sich an den Tag, den ich Ihnen genannt habe, Herr Wentzell?«

»Ich erinnere mich an ihn.«

»Glauben Sie mir, daß ich die Frau von Henning von Loßwitz bin?«

»Haben Sie eine Fotografie Ihres Mannes dabei?«

Anne schwieg betreten. »Daran habe ich nicht gedacht«, sagte sie schließlich.

»Das ist das Wichtigste, wenn man auf eine solche Reise geht wie Sie.«

»Sie haben recht. Ich habe nicht daran gedacht. Aber er sieht jetzt auch anders aus als damals.«

»Darauf kommt es nicht an«, erwiderte Oberst Wentzell. »Sie werden verstehen, daß ein Mann in meiner Lage auf einem Nachweis bestehen muß, wenn er aus dem Westen anvisiert wird. Es ist ohnehin illegal, daß ich hier mit Ihnen spreche.«

»Dazu muß ich etwas weiter ausholen. Darf ich erzählen?«

»Erzählen Sie«, sagte der Offizier. »Deshalb habe ich Sie hierherkommen lassen.«

Anne erzählte Jost Wentzell-Marschal in wenigen Sätzen die Lebensgeschichte ihres Mannes bis zu dem Tag, da der Obersturmführer Henning von Loßwitz im Tiefbunker der Reichskanzlei von Adolf Hitler das Ritterkreuz verliehen bekommen hatte.

»Und das hat er wirklich angenommen?« murmelte Jost Wentzell.

»Darauf ist er womöglich noch stolz gewesen.«

»Er war an diesem Tag genau zwanzig Jahre alt«, erklärte Anne. »Er war unter einem autoritären Regime aufgewachsen und erzogen worden. Er hatte von den Verbrechen des Systems, dem er diente, nicht die geringste Ahnung. Und er glaubte, für eine gerechte Sache zu kämpfen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Jost Wentzell.

»Nichts weiter. Jeder anständige Mensch glaubt, für eine gerechte Sache einzutreten. Wer weiß, daß es nicht so ist, und es dennoch tut, ist entweder kein anständiger Mensch, oder er steht unter Zwang. Was können Sie einem zwanzigjährigen Idealisten schon vorwerfen? Daß er Idealist ist?«

Jost Wentzell-Marschal dachte nach. Er dachte dabei an sich selbst und an die Geschichte seines eigenen Lebens. Er erinnerte sich, daß es im höheren operativen Interesse eines militärischen Paktes lag, in einen Erkenntniskomplex einzudringen, zu welchem der Mann dieser Frau den Schlüssel besaß. Er erinnerte sich, daß man diesen Mann dazu zwingen mußte, seine Informationen preiszugeben, da er es freiwillig nicht tun würde. Und er erinnerte sich schließlich, daß sein alter väterlicher Freund und Vertrauter Alexei Adrianowitsch Soltjakin, Generalmajor der Sowjetarmee, um seine, Jost Wentzells, Sicherheit fürchtete, sofern er nicht seine Aussage gegen den Mann dieser Frau abzugeben bereit war. Und das, obwohl der General wußte, daß es eine falsche Aussage sein würde. In was hatte er sich eingelassen?

»Kommen Sie zur Sache«, sagte Wentzell.

Anne Seyfried berichtete hastig weiter. Als sie zum ersten Mal den Jungen mit den braunen Augen erwähnte, unterbrach sie Wentzell.

»Was erzählte Ihr Mann darüber?« fragte der Offizier. »Sprach er den Jungen an, oder hat der Junge ihn angesprochen?«

»Mein Mann sprach den Jungen an«, sagte Anne. »Er sah das Kind vor der Kellerluke stehen. Es herrschte Chaos an der Brücke. Der Junge tat meinem Mann leid.«

Oberst Wentzell-Marschal nickte. Dann drängte er Anne weiterzuerzählen. »Und wie kamen Sie auf den Namen des Jungen?« fragte er, als Anne geendet hatte.

»Ich fragte meinen Mann aus, bis er mir den Namen des Unterführers nannte, dem er das Kind übergeben hatte. Von seiner Witwe erhielt ich die Postkarten des Jungen, die Sie in Ihrer Brieftasche haben. Ich nehme an, Sie werden nicht leugnen, daß Sie der Junge sind.«

»Und was wollen Sie von mir?« wollte Jost Wentzell weiter wissen, nachdem er eine ganze Weile geschwiegen hatte.

»Wegen des Todes des Majors und dem damit verbundenen Tod Hunderter von Menschen droht man meinem Mann jetzt mit einem Mordprozeß. Sie sind der einzige Mensch, Oberst Wentzell, der vor Gericht bezeugen kann, daß mein Mann nicht in Mordabsicht geschossen hat, sondern vielmehr aus Nothilfe für schuldlose und bedrohte Menschen. Und ich will, daß Sie diese Aussage für meinen Mann machen, weil sie die Wahrheit ist.«

Jost Wentzell-Marschal antwortete nicht sofort. »Was ist aus den Eltern des Jungen geworden? Und aus seiner Schwester?«

Nach einer langen Pause antwortete Anne: »Sie wissen so gut wie ich, daß Ihre Familie damals ums Leben gekommen ist, Jost Wentzell. Warum fragen Sie mich danach? Es fällt mir schwer, Ihnen darauf zu antworten.«

»Weil die Faschisten sie in die Luft gesprengt haben, verstehen Sie? Ob das der Mann von der Waffen-SS gemacht hat oder der andere, bleibt sich gleich. Die Sowjets haben diesen Krieg nicht angefangen. Aber ihr habt es getan. Und Ihr Mann gehört zu denen, die da mitgemacht und sie auf dem Gewissen haben.«

»Das stimmt nicht ganz«, entgegnete Anne ruhig. »Zumindest nicht, was diesen Fall und ähnliche Vorfälle betrifft. Nicht nur die Deutschen hatten nämlich beim Rückzugskampf um die Flußübergänge eine besondere Taktik entwickelt, sondern auch die Russen. Keine sowjetische Truppe nahm Rücksicht auf Zivilisten und Flüchtlingstrecks, wenn sie in Reichweite einer Brücke kam, die sie unzerstört in ihren Besitz bringen wollte. Eine zerstörte Brücke hielt die Armee damals einen Tag lang auf. Das wissen Sie als Offizier besser als ich. Und auf einen Tag kam es den Oberkommandierenden in diesen entscheidenden Wochen an. Wer im Wege stand, wurde niedergeschossen. Ihre Familie ist auf diese Weise ums Leben gekommen, Oberst Wentzell. Nicht durch die Sprengung.«

Es entstand erneut eine lange Pause.

»Sie haben mir noch nicht gesagt, ob Sie mir jetzt glauben«, sagte Anne.

»Ich glaube Ihnen«, erwiderte Oberst Wentzell. »Sie haben diese Ereignisse genauso geschildert, wie ich sie in meiner schwachen Erinnerung habe. Aus diesem Grunde glaube ich auch, was Sie über meine Familie berichten.«

»Und werden Sie Ihre Aussagen zugunsten meines Mannes machen?«

»Sehen Sie«, sagte der Oberst. »Sie sind zwar mutig, aber naiv. In dieser Sache stoßen übergeordnete Interessen aufeinander, gegenüber denen Ihre und meine Interessen eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Die Aussage, die Sie von mir wünschen, könnte ich nur drüben machen, in Ihrem Land. Ich könnte sie nur mündlich machen und nur dann, wenn ich dort bliebe. Ich habe für dieses Land nichts übrig, für sein Profitdenken, seine Kriminalität, seinen Egoismus und seinen rücksichtslosen Kommerz. Vielleicht gehörte Ihr Mann wirklich nicht zu den Schlimmsten, die es damals gab. Mein Versprechen, die Aussage zu machen, würde aber bedeuten, daß ich bereit wäre, dieses Land hier zu verraten und zu verlassen. Auch ich habe Bindungen, Freunde, Pflichten. Eine Frau wie Sie wird verstehen, daß ich das nicht kann.«

In diesem Augenblick sah Oberst Wentzell den Mann. Er war allein und hatte soeben den Saal betreten, den er aufmerksam und doch unauffällig mit den Augen absuchte. Er trug einen dunkelblauen Anorak, wie sie derzeit in den Textilgeschäften angeboten wurden, dazu eine braune Pelzmütze; er hatte lange, rötlichbraune Koteletten. Oberst Wentzell wußte sofort, daß dieser Mann beauftragt war, ihn zu beobachten. »Und auch vielleicht gar nicht mehr könnte«, setzte er hinzu. Dann senkte er die Stimme. »Stehen Sie sofort unauffällig auf, und verlassen Sie den Saal … Sofort!« herrschte er sie an, als Anne ihn fassungslos anstarrte. »Gehen Sie und fragen Sie nicht.«

Er versenkte sich in die Lektüre des Reiseführers und spürte, wie Anne neben ihm aufstand und aus seinem Gesichtskreis verschwand. Unter gesenkten Augenlidern beobachtete er, wie sie, an dem Mann sich vorbeidrängend, den Pergamonsaal verließ, wie der Mann im blauen Anorak ihr einen Augenblick lang unschlüssig nachsah und dann wieder den Saal mit den Augen absuchte. Es schien Jost Wentzell-Marschal, als habe ihn dieser Mann soeben erst entdeckt. Aber sicher war er sich nicht.

Als Anne das Museum verließ, fühlte sie sich wie vor den Kopf geschlagen. Nach allem, wie Jost Wentzell-Marschal sich ihr gegenüber verhalten hatte, war es ihr unbegreiflich, warum er sie so abrupt weggeschickt hatte. Wen hatte sie vor sich gehabt? Einen Parteigänger, Opportunisten, Furchtsamen oder Getriebenen? Würde sie jemals erfahren, was in dieser Stunde mit Jost Wentzell-Marschal im Pergamonmuseum wirklich geschehen war?

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Es war kurz vor achtzehn Uhr, als Dirk den Dienstwagen vor dem Block anhielt, in welchem Wentzell-Marschal wohnte, und seinem Chef die Fondtür aufhielt. Wentzell verließ den Wagen und bestellte Dirk für den nächsten Morgen zur gewohnten Zeit. Er schloß die Haustür auf und stieg nach oben zu seiner Wohnung.

Auch höhere Offiziere der Nationalen Volksarmee wohnen nicht komfortabel. Es gibt eine Küche mit Elektroherd und Warmwasserspeicher, ein Bad mit Waschautomat, ein Wohn-, ein Schlaf- und ein Arbeitszimmer sowie einen Abstellraum. In dem kleinen Raum, der ihm für häusliche Arbeiten, Basteleien und Hobbys diente — Jost Wentzell war ein passionierter Anhänger des Modellflugsportes —, erledigte der Oberst ein paar schriftliche Kleinigkeiten und ging dann hinüber ins Wohnzimmer, um sich eine Reportage über Polen im Fernsehen anzuschauen.

Er hörte, daß unten vor dem Haus die Tür eines Wagens zugeschlagen wurde, und trat ans Fenster. Vor der Haustür stand ein geländegängiges Stabsfahrzeug der Armee. Aus dem Fahrzeug stiegen ein Feldwebel und ein Hauptmann. Den Fahrer, der am Steuer sitzen blieb, sah Jost Wentzell schemenhaft durch die Windschutzscheibe. Der Oberst beobachtete, wie der Hauptmann dem Feldwebel die Weisung gab, neben dem Kübelwagen zu warten. Der Mann begann, mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf dem Gehsteig hin und her zu wandern. Wenig später läutete die Türglocke.

Wentzell öffnete dem Hauptmann. Der salutierte und nannte Dienstgrad und Namen. Danach erklärte er Jost Wentzell, daß er ihm ein Schreiben des Genossen Armeegeneral zu übergeben habe, welches er gleichzeitig aus seiner Kartentasche holte. Wentzell nahm es in Empfang und überflog es.

Das Schreiben enthielt einen Befehl des Oberkommandos, Oberst Wentzell-Marschal habe an einem morgen beginnenden gemeinsamen Manöver sowjetischer und deutscher Streitkräfte im Raum Görlitz teilzunehmen.

»Wo muß ich mich melden und wann?« fragte der Oberst, während er das Schreiben zusammenfaltete und zurück in den Umschlag schob. Der Hauptmann antwortete: »Gestatten Sie, Genosse Oberst, daß wir Sie an Ort und Stelle bringen.«

»Wie, sofort?« fragte der Oberst.

»Sofort«, sagte der Hauptmann. »Für Unterkunft und Ausrüstung ist gesorgt.«

»Dann muß ich Sie bitten, sich kurz zu gedulden.«

Der Mann nahm die graue Pelzmütze vom Kopf und stellte sich vor die Flurgarderobe, um zu warten, während Jost Wentzell sich zurückzog, um sich umzukleiden. Das war rasch geschehen. Nach kurzer Zeit trat Wentzell in voller Uniform wieder in den Flur.

»Wir können fahren, Genosse Hauptmann«, sagte er. »Wie lange wird die Übung dauern?«

»Darüber hat man mit nichts mitgeteilt«, erwiderte der Offizier, setzte die Mütze auf und öffnete die Flurtür, um den Oberst vorangehen zu lassen.

Unten sprang der Fahrer aus dem Kübelwagen und riß die Türen auf. Jost Wentzell stieg auf den Rücksitz. Von der anderen Seite her schob sich der Hauptmann neben ihn. Der Feldwebel stieg auf den Beifahrersitz. Die Türen knallten zu, und schwankend setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.

12

Es war der 9. März, und in den feuchten Wäldern sprossen die ersten Palmkätzchen. Mit wachsender Unruhe hatten Fritz und Anne Seyfried den morgigen Tag näherkommen sehen.

Kein Bote war erschienen und hatte eine verschlüsselte Nachricht oder Anweisung in den Briefkasten geworfen, kein Telegramm war eingetroffen, absolut nichts war geschehen, woraus hätte geschlossen werden können, daß Günther Mallée dem von ihm aufgespürten und in seinen Akten unter dem Stichwort Nachtfrost laufenden Nachrichtenkomplex SR 707 überhaupt noch Beachtung schenkte.

Was Anne aus Berlin mitgebracht hatte, war niederschmetternd. Zwar hatte Fritz staunend zur Kenntnis genommen, daß es Anne tatsächlich geglückt war, den Jungen von Tomaszów ausfindig zu machen und sogar mit ihm zu sprechen. Aber die Erkenntnis, daß aus diesem Jungen offenbar ein wichtiger Stabsoffizier der Streitkräfte des Warschauer Paktes geworden war, hatte die Hoffnung, eine Aussage dieses Mannes zugunsten der Sache von Fritz zu erreichen, zunichte gemacht.

Jetzt, am letzten Abend vor dem Flug zu den Vereinigten Hütten nach Herne, hielt es das Ehepaar nicht zu Hause. Gegen sechs Uhr zogen Fritz und Anne sich an, nahmen die Hunde an die Leine, verließen das Haus und machten einen ausgedehnten Spaziergang hinauf in die Wälder des Habichtsberges.

An einer Stelle, wo sie sicher waren, unbeobachtet sprechen zu können, fragte Anne: »Was willst du jetzt tun, Fritz?«

»Von wollen kann ja wohl keine Rede mehr sein, Anne. Wenn unsere Leute nichts von sich hören lassen, werde ich tun, was die anderen von mir verlangen.«

Den einmal eingeschlagenen Weg beschritt Fritz Seyfried am folgenden Tag, dem 10. März. Um elf Uhr vormittags hörte er den Hubschrauber der Luftwaffe auf dem Landepunkt im Garten des Amtes herumknattern, den Lockschmidt für seinen Flug nach Herne geordert hatte. Lockschmidt kam ins Zimmer, um ihm die Ankunft mitzuteilen.

Fritz fuhr in den hellen Trenchcoat. »Hast du alles für die Sicherheit des Materials vorbereitet, das ich mitbringe? Ich will es sofort vervielfältigen und dann in den Stahltresor bringen.«

Hans Lockschmidt nickte. »Das Rechenzentrum ist besetzt. Die warten. Die Maschine, die sie brauchen, ist freigehalten. Und für den Zutritt zum Tresor übernimmt Kulinau den Nachtdienst. Der ist auf das Ding eingespielt und vereidigt. Der Neue noch nicht. Für den Rückflug warten auf dich zwei Gorillas vom MAD in Herne. Es kann nichts passieren. Ich habe für alles gesorgt.«

»Fein«, sagte Fritz Seyfried. »Dann kann’s ja losgehen.«

Von Lockschmidt begleitet, verließ er sein Dienstzimmer und verschloß es.

Als sie aus dem Aufzug traten, grüßte Kullnau.

»Sie haben den Turnus gewechselt, Kullnau«, sagte Seyfried.

»Gleich für die ganze Woche, Herr Seyfried«, erklärte Kullnau. »Das macht mir nichts aus. Meine Frau ist ohnehin auf Kur. Was soll ich abends zu Hause.« Er hielt Seyfried die Tür auf. Fritz verließ das Haus und schlug den Kragen hoch. Hans Lockschmidt begleitete ihn zur Maschine. Der kreisende Rotor ließ die Mäntel flattern. Der Pilot hielt die Tür auf.

»Also dann, bis später«, sagte Fritz, schüttelte Lockschmidt die Hand und bestieg den vibrierenden olivgrünen Kasten. Die Tür schlug zu, die Maschine erhob sich taumelnd in die Luft.

Nach einer Stunde lag das Ruhrgebiet unter ihm. Fritz Seyfried sah hinunter. Eine Stadt ging in die andere über, zusammengekettet durch die Stränge der Autobahnen und Bahnlinien, Fabrikkomplexe und Hochofenbatterien. Fritz bewunderte den Piloten, der es anscheinend verstand, aus dem Wald von Schloten und Fabrikanlagen genau denjenigen Komplex herauszufinden, der zu den Vereinigten Hütten gehörte. Die Maschine legte sich schief, kreiste, blieb stehen. Unten hatte man auf einem Werkshof ein gelbes Landekreuz ausgelegt und winkte mit Kellen. Der Hubschrauber senkte sich zwischen die Schlote und Hochöfen und setzte mit einem sanften Ruck auf. Als der Rotor stillstand, kam ein Techniker herangelaufen und öffnete die Tür. Fritz Seyfried stieg aus. Zwei Herren kamen auf ihn zu, stellten sich vor. Sie wiesen auf einen in der Nähe wartenden Wagen, alle liefen hinüber und stiegen ein. Die Fahrt ging in einen entfernten Teil der Werksanlage.

Der Wagen hielt vor einer modernen Halle. Sie betraten einen Flur ohne Tageslicht, an dessen Ende es eine Tür gab. »Von hier aus wird die Walzstraße gesteuert«, sagte einer von Seyfrieds Begleitern und öffnete sie. Seyfried trat in einen Raum, durch dessen kanzelförmige Glaswände man in eine riesige Werkshalle sah, auf deren Grund weißglühende Stahlmassen wie unmittelbar aus den Pforten der Hölle hervorschossen, in Bettungen geleitet und kanalisiert wurden. Durch eine weitere Tür ging es in einen fensterlosen Raum, an dessen Wänden Plantafeln und Berechnungen angebracht waren. In der Mitte gab es eine Sitzgruppe um einen niedrigen Tisch. Der eine der beiden Männer ließ Seyfried eintreten und schloß die Tür wieder hinter ihm.

Günther Mallée erhob sich und reichte Seyfried die Hand. Auch die beiden anderen anwesenden Männer erhoben sich. Den einen von ihnen stellte Mallée als Rüdiger Pless vor, den anderen als Hauptmann Kurt Steinkopf vom Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr.

»Sie werden überrascht sein, nicht die Herren von den Vereinigten Hütten zu sehen, die Sie erwartet haben«, sagte Mallée. »Wollen Sie nicht Ihren Mantel ablegen?«

Fritz Seyfried öffnete seinen Trenchcoat, und der Hauptmann nahm ihn ihm ab. Sie setzten sich.

»Kaffee, Kognak, Fruchtsaft, Gebäck? Was möchten Sie?« fragte Pless.

»Kaffee und etwas Gebäck«, antwortete Seyfried, und Pless hob den Hörer des Telefons ab, um das Gewünschte zu bestellen.

»Sie haben mich auf eine harte Probe gestellt, meine Herren«, eröffnete Fritz Seyfried das Gespräch.

»Es ging nicht anders«, entgegnete Mallée. »Zeitpunkt und Ort hier boten sich an. Jede frühere Nachricht an Sie wäre gefährlich gewesen. Meine Begleiter und ich haben mit den Massen der Arbeiter und Angestellten heute morgen das Werk betreten. Und dieser Raum ist absolut abhörsicher. Ich hoffe, wir haben Ihnen keine Schwierigkeiten bereitet.«

»Meine Frau hat es ziemlich mitgenommen«, sagte Fritz Seyfried. »Aber es ist sehr wichtig, daß es heute zu diesem Gespräch kommt, denn es ist schließlich fünf vor zwölf. Und wenn Sie mir aus dieser Geschichte heraushelfen wollen, brauchen Sie vielleicht noch ein paar Einzelheiten.«

»Heraushelfen?« Die drei Herren sahen einander überrascht an.

»Wie meinen Sie das? Und von welchen Einzelheiten sprechen Sie?«

»Meinen Sie die Sache mit dem Mord in Ihrer unmittelbaren Umgebung?« fragte Mallée. »Können Sie uns dazu Angaben machen?«

»Natürlich«, sagte Seyfried. »Der Tote war der Mann mit dem Hund, der mich angezapft hat.«

Mallée und Pless lehnten sich überrascht zurück, und Steinkopf verlangte Einzelheiten. Seyfried gab sie ihm, und Steinkopf machte sich Notizen.

»Ich nehme an, Nachtfrost hat mit der ganzen Sache etwas zu tun«, schloß er. »Was oder wer verbirgt sich eigentlich hinter diesem Decknamen?«

Pless antwortete: »Vermutlich hat Ihre Frau Ihnen diesen Namen weitergegeben. Unser Verbindungsmann hatte ihn ihr ja genannt. Zu Ihrer Information: Nachtfrost ist die uns bekannte Chiffre für eine nachrichtendienstliche Operationsgruppe, die der sowjetische KGB eingeschleust hat, mit dem ganz eng umrissenen Ziel, die neue Panzerung für den Leopard 2 zu erkunden.«

Steinkopf schaltete sich ein. »Für diesen Zweck scheinen die Sowjets einen eigens eingeschleusten Agenten eingesetzt zu haben. Zu diesem Mann haben wir bisher nicht die geringste Spur. Unsere Kollegen vom Bundesnachrichtendienst haben zwar in der Sowjetunion den Decknamen herausgebracht und sind darüber informiert, daß es sich um einen sowjetischen Spitzenmann in der Größenordnung von Sorge oder Abel handeln muß, mehr aber nicht. Was hat Ihnen der Mann mit dem Hund für Details gegeben, bevor er starb?«

Fritz Seyfried antwortete: »Sie wollen eine Kopie des für die Ministerkonferenz bestimmten Materials zwischen heute und Donnerstag. Der Übergabetreffsoll mir rechtzeitig mitgeteilt werden. Sie wußten, auf welche Weise das Material gespeichert ist, das ich hier abhole, und mit welcher Technik es vervielfältigt werden kann. Sie erwarten das Material reproduziert auf Mikrofilm.«

»Also warten Sie jetzt auf die Aufforderung zum Übergabetreff?« fragte Pless.

»Ja«, sagte Seyfried. »So ist es vereinbart.«

»Und wie soll Ihnen diese Mitteilung zugeben?«

»Die Vorderfenster meines Wagens haben Tag und Nacht so weit offenzustehen, daß eine schriftliche Mitteilung eingeworfen werden kann«, erklärte Seyfried.

»Und welches Zeichen ist vereinbart, daß Sie das Material in Händen haben?« erkundigte sich Steinkopf.

»Keines«, sagte Seyfried.

Die Männer sahen einander verblüfft an. »Keines?« fragte Mallée.

»Denken Sie doch bitte noch einmal nach, Herr Seyfried. Das ist unmöglich.«

»Keines«, bekräftigte Seyfried. »Ich brauche nicht noch einmal nachzudenken. Wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sagen. Sie rechnen fest damit, daß ich das Material heute hier mit hinausnehme.«

Es klopfte. Eine Kantinenfrau brachte auf einem Tablett Kaffee und Gebäck und verschwand dann wieder.

»Ich dachte eigentlich, daß Sie mich fragen würden, welchen Grund ich hatte, auf diese Sache einzugehen und nicht sofort alles abzulehnen«, sagte Seyfried, während Mallée Kaffee in die Tassen goß.

»Aber warum denn?« fragte Mallée. »Das, worauf Sie da anspielen, wissen wir doch alles.«

»Was wissen Sie?« wollte Seyfried wissen. »Wollen Sie mir das bitte näher erklären, Herr Mallée.«

Mallée griff nach dem Schnellhefter, den Pless auf den Tisch gelegt hatte, und schlug ihn auf. »Sie erinnern sich doch, Herr Seyfried, daß Sie von April 1951 bis zum Juli 1961 in den Diensten unserer Organisation standen?«

»Sehr gut sogar. Sonst hätte ich ja auch die Chiffre für das Inserat gar nicht in Händen gehabt, mit dem ich mich an Sie gewendet habe.«

Mallée nickte und blätterte in der Akte. »Sie haben sich dem General damals als hervorragender, in der Fronterprobung erfahrener und in der Analyse solcher Erfahrungen versierter Experte in Panzerfragen empfohlen. Was Sie natürlich nicht wissen konnten, ist, daß unsere Organisation die hervorragenden Fachkenntnisse, die Ihre Gespräche mit dem General verrieten, nicht in Übereinstimmung bringen konnte mit den Personalien des einzigen Fritz Seyfried, den wir im deutschen Wehrmachtsarchiv ausfindig machen konnten, nämlich eines Fritz Seyfried, geboren am 9. August 1921 in Kronenfeld im Banat, zuletzt SS-Mann in einer Artillerieabteilung der 4. Panzerarmee, vermißt seit dem Gefecht an der Pilica am 15. Januar 1945. Das schien unseren Sicherheitsleuten damals nicht zusammenzupassen. Und da Sie Ihre Einheit, Ihren Dienstgrad und Ihre Verwendung über den uns genannten und als falsch erkannten Namen hinaus verschwiegen, schloß der General, daß Sie einer Eliteeinheit angehört haben, der man Kriegsverbrechen vorwarf, oder daß Sie selbst sich solcher Verbrechen schuldig gemacht hatten. Wir waren natürlich verpflichtet, diesen Widersprüchen nachzugehen, und taten das mit der gebotenen Diskretion. Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen, jedenfalls fanden unsere Leute in mühevoller Kleinarbeit Frau Beate Mengendorff, die damals als Operationsschwester auf dem Hauptverbandsplatz arbeitete, der dem Pilica-Abschnitt zugeteilt war. Wir konnten ihr auch eine Fotografie vorweisen, die Sie zusammen mit zwei Kameraden bei einem Vortrag vor Adolf Hitler zeigte. Frau Mengendorff erklärte uns schriftlich, daß sie damals Ihre Identität gegen diejenige des SS-Mannes Fritz Seyfried austauschte, der auf dem Operationstisch seinen Verwundungen erlegen war.«

Günther Mallée löste ein schon leicht vergilbtes Blatt aus dem Ordner und hielt es Fritz Seyfried hin. »Hier ist ihre eidesstattliche Erklärung. Wollen Sie sie sehen?«

Fritz Seyfried nahm das Blatt und las die Erklärung, die das letzte Rätsel löste, das für ihn bisher noch über den Ereignissen von damals gelegen hatte. Er gab das Blatt zurück. Mallée heftete es wieder in den Ordner. »Seit 1952«, sagte er, »wußte die Organisation, daß sie es mit Henning von Loßwitz, Obersturmführer und Chef einer Panzerkompanie derselben Division wie Fritz Seyfried, zu tun hatte.« Mallée schloß den Ordner. »Kann ich Ihnen noch irgendeine Auflärung geben?«

»Ja, eine Frage noch: Aus welchem Grund haben Sie mir eigentlich das alles verschwiegen?«

Mallée lächelte vielsagend. »Das hat Herr Pless rekonstruiert. Pless, wollen Sie Herrn Seyfried auf seine Frage antworten?«

»Fünf Jahre lang hoffte die Welt damals«, sagte Pless, »daß sie nach diesem wahnwitzigen Krieg und seinen noch wahnwitzigeren Verbrechen eine bessere Welt werden würde. Aber dann zeigte sich, daß diese Hoffnung trog. Bald wurden wieder Experten gesucht. Sie waren einer von ihnen. Und was für eine Vergangenheit ein Mann hatte, den wir brauchten, war — wenigstens vorerst — nicht so wichtig. Der General war froh, Sie zu haben. Es war für ihn auch gleichgültig, was Sie vorher gemacht hatten, wenn Sie Ihr Fach verstanden. Nur wissen mußte er es. Und als er es erfahren hatte, kam es ihm gelegen, daß Sie mit geänderter Identität in seiner Organisation arbeiteten. Warum sollten wir uns in Dinge mischen, die uns nach dem Ergebnis unserer Ermittlungen nichts mehr angingen und geklärt waren? Ihre Identität betrachteten wir von da an als Ihre Privatsache.«

»Soll das heißen«, sagte Fritz Seyfried, »daß Sie wegen des Todes des Majors Kayser auch eine Mordanklage für nicht haltbar ansahen?«

»Tod eines Majors Kayser?« fragte Mallée. »Mordanklage? Wovon reden Sie, Herr Seyfried?«

»Sie haben doch vorhin selbst von dem Verdacht von Kriegsverbrechen gesprochen«, sagte Seyfried konsterniert. »Ich dachte …«

»Das hat Herr Mallée nur ganz allgemein gesagt«, schaltete sich Pless ein. »Haben Sie das auf sich bezogen?«

»Oder haben Sie etwa Anlaß, eine solche Anklage zu fürchten?« sagte Mallée. »Vielleicht jetzt, da die Verjährungsfristen aufgehoben worden sind? Das wäre uns neu.«

»Ich wundere mich«, entgegnete Fritz Seyfried, »daß Ihnen nicht der Gedanke gekommen ist, hinter der Erpressung könnte mehr stecken als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Truppenteil, ein Dienstgrad und eine damals kriegswichtige Aufgabe.«

»Und dieses ›mehr‹ war der Tod eines Majors Kayser?« fragte Mallée interessiert. »Darüber werden Sie uns berichten müssen, Herr Seyfried. Das ist sehr wichtig.«

»Wie Sie wollen«, gab Seyfried zurück. »Zumindest wissen Sie dann, wie es wirklich war, gleichgültig, wie ein Prozeß ausgehen würde.«

»Sprechen Sie«, forderte ihn Mallée auf. Die Herren lehnten sich in ihren Sesseln zurück, und Seyfried begann seinen Bericht.

Als er fertig war, meinte Steinkopf: »Dafür werden Sie Beweise brauchen.«

»Richtig.« Seyfried nickte. »Ich erinnerte mich eines kleinen wolhyniendeutschen Jungen, der sich während dieses ganzen Vorgangs in meinem Bunker am Ufer der Pilica befand. Meine Frau fuhr los und brachte den Namen heraus. Dann reiste sie nach Berlin und auch nach Ost-Berlin, wo sie herausfand, daß dieser Junge noch lebt. Die Spur führte sie nach Strausberg in der Märkischen Schweiz. Dort und später noch einmal in Ost-Berlin konnte sie mit dem Mann sprechen, der damals als Kind Zeuge der Ereignisse an der Pilica war. Er heißt Jost Wentzell-Marschal und ist Oberst der Nationalen Volksarmee der DDR.«

Die Verblüffung der drei zuhörenden Männer war perfekt. Mallée faßte sich als erster: »Sie wollen damit doch nicht andeuten, daß Ihre Frau zweimal mit Oberst Wentzell-Marschal persönlich gesprochen hat, Seyfried?«

»Was heißt andeuten?« sagte Seyfried. »Es war so.«

»Wissen Sie eigentlich, wer Wentzell-Marschal ist?« platzte Pless heraus.

»Keine Ahnung«, erwiderte Seyfried.

»Wentzell-Marschal«, erklärte Mallée, »ist ein Günstling Generalmajor Alexei Adrianowitsch Soltjakins, des zuständigen GRU-Chefs für unseren Bereich. Er spricht vier slawische Sprachen fließend und ist als Koordinator des gesamten Übersetzungswesens im Warschauer Pakt einer der wichtigsten Geheimnisträger dieser Organisation. Über sein Büro läuft alles. Er steht an zur Beförderung zum General. Wentzell-Marschal hat bisher noch kein westlicher Bürger auch nur zu Gesicht bekommen. Und Sie wollen behaupten, daß Ihre Frau zweimal mit diesem Mann gesprochen hat. Bei allem Wohlwollen, Seyfried, aber das nehme ich Ihnen nicht ab.«

»Es ist aber so«, wiederholte Seyfried. »Fragen Sie meine Frau, wenn Sie Einzelheiten wissen wollen.«

»Und was soll Wentzell-Marschal Ihrer Frau gesagt haben?« fragte Pless.

»Er hat ihr bestätigt, daß die Vorgänge sich so abgespielt haben, wie ich sie geschildert habe«, sagte Fritz Seyfried.

»Und ist Wentzell bereit, diese Aussage auch vor einem deutschen Gericht zu machen?«

»Bisher noch nicht«, antwortete Seyfried wahrheitsgemäß.

»Das habe ich mir doch gedacht«, sagte Mallée. »Ihre Frau wird diesen Mann nie wieder zu Gesicht bekommen, Seyfried. Daß es ihr einmal geglückt sein soll, klingt wie ein Märchen. Niemals werden die Ostdeutschen oder die Sowjets diesen Mann einen einzigen Schritt ins westliche Ausland tun oder auch nur vor einer westdeutschen Richterkommission eine Aussage machen lassen. Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, Mann.«

»Ich kann dazu nichts sagen«, meinte Fritz Seyfried. »Ich war bei diesen Gesprächen nicht anwesend. Wie soll es weitergehen? Was schlagen Sie vor?«

Mallée goß neuen Kaffee nach. »Sehen Sie«, sagte er nach einer Weile des Nachdenkens, »die Sache mit dem toten Major stellt uns natürlich vor eine ganz neue Situation …«

»Und zwar vor keine unangenehme«, vollendete Seyfried den Satz. »Allmählich fange ich an, das richtig zu verstehen. Sobald Sie meine Annonce erhalten haben, vermuteten Sie, endlich an Nachtfrost heranzukommen — von dessen Existenz Sie ja schon lange wußten. Aber solange ich nur mit meiner falschen Identität und meiner militärischen Vergangenheit erpreßt wurde, wie Sie vermuteten, hätte ich ja noch abspringen können. Mit dem fetten Köder eines Mordes dagegen sieht die Sache für mich natürlich ganz anders aus — und damit auch für Sie.«

»Nun ja …«, Mallée zögerte. »Wir wissen noch gar nicht, ob es uns überhaupt glückt, an Nachtfrost heranzukommen. Aber versuchen müssen wir es.«

»Sie sind also entschlossen, mich zu verheizen‘ damit Sie Nachtfrost ausschalten können.«

»So dürfen Sie es nicht nennen, Seyfried.«

»Wie soll ich es sonst nennen? Das ist ein hinterhältiger Trick, Mallé. Da mache ich nicht mit.«

»Alles wird unter einem Höchstmaß von Sicherheitsvorkehrungen ablaufen. Es ist fast kein Risiko damit verbunden.«

»Fast«, sagte Seyfried. »Ich bin kein Mann der Nachrichtendienste, Mallée. Da ist mir ein ›fast‹ als Berufsrisiko schon zu hoch. Ich werde Ihnen diesen Gefallen nicht tun.«

»Sie werden müssen«, erwiderte Mallée. »Sie können Ihren Rechtfertigungsgrund für den Tod des Majors nicht beweisen. Sie müssen mit mir zusammenarbeiten, weil es Ihre einzige Chance ist, der Schlange den Kopf abzuschlagen. Ich wiederhole, Sie müssen, Seyfried. Aber es wäre mir lieber, Sie würden wollen.«

Es entstand eine Pause, in der alle drei Männer Fritz Seyfried gespannt ansahen. »Also gut«, sagte dieser endlich. »Geben Sie mir Ihre Weisungen, Mallée.«

Es war eine Kapitulation vor den Argumenten der Vernunft. Die Spannung wich. Die Männer räusperten sich wieder, tranken Kaffee.

»Schön«, sagte Pless. »Sie erhalten jetzt von uns einen Aktenkoffer, in dem sich Magnetbänder mit gespeichertem wissenschaftlichem Material befinden. Dieses Material ist fingiert, aber das könnte erst festgestellt werden, wenn es systematisch ausgewertet wird. Von entscheidender Bedeutung bei diesem Unternehmen ist, daß wir sofort von dem Übergabetreff Kenntnis erhalten. Sofort, Herr Seyfried, verstehen Sie? Denn die Gegenseite wird auf Tempo drängen, um die Sache hinter sich zu bringen. Unsere Leute liegen in ständiger Bereitschaft, aber wir müssen die Nachricht ebenso schnell in Besitz haben wie Sie.«

»Wie soll ich das machen?«

»Die schriftliche Nachricht wird in Ihren Wagen geworfen, sagten Sie?«

»Ja.«

»Gut. Haben Sie eine Tankstelle, an der Sie regelmäßig tanken?«

»Ja«, antwortete Fritz Seyfried. »Warum?«

»Wie lange ist diese Tankstelle geöffnet?«

»Rund um die Uhr.«

»Wunderbar«, sagte Pless. »Sorgen Sie von jetzt an dafür, daß Ihr Tank immer so weit leer ist, daß es unverfänglich ist, wenn Sie zum Tanken fahren. Und wenn Sie die Nachricht vorfinden, ist Ihr erster Weg zu dieser Tankstelle, wo Sie zusammen mit dem Geld dem Tankwart oder dem Mann an der Kasse auch diese Nachricht übergeben. Wir sorgen dafür, daß kein Mißverständnis auftritt. Dann befolgen Sie genau die Anweisungen, die Ihnen erteilt worden sind. Das ist alles. Das andere machen wir. Welche Tankstelle ist es?«

Fritz Seyfried nannte Namen und Adresse. Pless schrieb beides auf.

»Was passieren wird, kann ich Ihnen nicht voraussagen«, meinte Mallée. »Aber ich kann Ihnen versichern, daß wir das Menschenmögliche tun werden.«

»… um Nachtfrost in den Griff zu bekommen«, vollendete Seyfried den Satz, stand auf und knöpfte sein Jackett zu. Die anderen Herren erhoben sich ebenfalls.

»Auch, um Ihnen Schutz zu geben«, fügte Pless hinzu.

»Mit allem einverstanden?« fragte Mallée den Hauptmann vom Militärischen Abschirmdienst.

»Wie abgesprochen, Herr Mallée«, antwortete der Offizier. Er bückte sich, um einen neben seinem Sessel stehenden Aktenkoffer aufzuheben.

Fritz Seyfried fuhr in seinen Trenchcoat. Steinkopf schloß mittels der Schlaufe einer kurzen Kette den Koffer an Seyfrieds Handgelenk, und Seyfried nahm den Griff in die Hand. Steinkopf behielt den Schlüssel.

»Dann kann die Sache also anrollen«, sagte Mallée.

Ein kurzes Kopfnicken, eine knappe Verbeugung. Seyfried verließ in Steinkopfs Begleitung das Zimmer und durchschritt den Schaltraum. Draußen auf dem fensterlosen Flur warteten zwei Männer. Ihre Mäntel trugen sie offen, so daß die Neunmillimeter in den Achselhalftern unter den Jacketts sichtbar waren. Steinkopf übergab dem einen von ihnen den Schlüssel zur Stahlkette an Seyfrieds Handgelenk. Anschließend verabschiedete er sich.

Rechts und links begleitet von den beiden Männern, schritt Fritz Seyfried durch den langen Flur, bestieg den Wagen und fuhr zum Landeplatz, wo der Hubschrauber wartete. Zu dritt gingen sie hinüber und verschwanden in der offenen Einstiegluke.

Vor dem Amt erwartete eine Anzahl von Männern die Ankunft der Maschine. Unter ihnen Hans Lockschmidt. In einer eng geschlossenen Gruppe begaben sich die Männer hinüber zum Portal, stiegen die Treppen nach oben und gelangten zum Rechenzentrum. Ein Sicherheitsbeamter postierte sich vor dem Eingang. Hans Lockschmidt überprüfte den Abschluß der Vorbereitungen, die Anwesenheit des nötigen Personals und die Einsatzbereitschaft der erforderlichen Maschinen.

»Ruft mich an, kurz bevor ihr fertig seid, damit ich die Unterbringung im Tresor vorbereiten kann«, sagte Lockschmidt. Damit verließ er das Rechenzentrum. Der Sicherheitsbeamte wanderte in der Nähe des Eingangs hin und her, nachdem er Seyfried den Koffer abgekettet hatte.

Seyfried bestellte ohne Skrupel acht Kopien des gespeicherten Materials auf Mikrofilm, und die Techniker machten sich an die Arbeit. Nach zwei Stunden waren die Abzüge entwickelt, und Fritz Seyfried rief hinauf zu Lockschmidt. Als dieser das Rechenzentrum betrat, hatte Seyfried bereits die acht Päckchen in dem Aktenkoffer bei den Originalbändern verstaut. Im kleinen Konvoi brachten die Männer den Aktenkoffer ins Haupthaus, wo Kullnau mit bereitgehaltenem Schlüs‘sel auf sie wartete.

In Kullnaus Loge befand sich ein Wandtresor. Von diesem aus waren die elektronischen und Selenzellensicherungen des Haupttresors abzuschalten. Zur Öffnung des Wandtresors bedurfte es eines Schlüssels, den der Pförtner in Verwahrung hatte, und eines zweiten, den nur einige Beamte im Rang eines Regierungsdirektors des Amtes besitzen durften. Zu ihnen zählte Hans Lockschmidt. Die Öffnung des Panzertores im Stahlkeller selbst erforderte einen weiteren Schlüssel und die Kenntnis der achtstelligen, täglich wechselnden Chiffrezahl. Diese Öffnung durfte nur durch dazu berechtigte Beamte, ohne Anwesenheit der Pförtner, vorgenommen werden.

Nach diesem Ritual wurde der Tresor geöffnet und der Aktenkoffer in einem mit einer Gitterklappe verschließbaren Fach verwahrt. Während Lockschmidt zu den beiden Sicherheitsbeamten hinüberging, die in einer Ecke, der Vorschrift entsprechend, ihre Neunmillimeterpistolen entluden, zog Kullnau Seyfried zur Seite.

»Seien Sie wachsam, Herr Seyfried. Ich habe vorhin in der Tiefgarage den Eindruck gehabt, als hätte jemand an Ihrem Wagen herumgemacht. Ich habe das Fahrzeug sofort überprüft, aber nichts gefunden.«

Seyfried dankte und stellte keine weiteren Fragen. Als er unten auf seinem reservierten Platz den Citroén aufschloß, sah er die Nachricht in dem Augenblick, als die Innenbeleuchtung sich einschaltete. Im schwachen Schein des Lämpchens las er die kurze Mitteilung:

Fahren Sie morgen nacht Punkt 22 Uhr 30 auf die Autobahn in Richtung Cochem. Sie erhalten dann eine unmißverständliche weitere Weisung.

Fritz Seyfried faltete den Zettel so, daß er zwischen einen zusammengefalteten größeren Geldschein paßte, und steckte beides in die Tasche seines Mantels. Dann fuhr er zu seiner Tankstelle.

Pless’ Leute hatten rasch gearbeitet. Die Frau an der Kasse wußte Bescheid. Sie sah Seyfrieds Wagen an die Zapfstelle fahren. Als er bezahlte, fühlte sie die Mitteilung in dem gefalteten Geldschein und schob ihn unbewegten Gesichtes in die Schublade der Registrierkasse. Ebenso unbewegten Gesichtes gab sie Seyfried das Wechselgeld heraus und wünschte dem Kunden einen guten Abend und angenehme Fahrt.

13

»Sind wir jetzt fertig?« fragte der General und legte die Hände in einer Weise flach vor sich auf die Kante des Mahagonischreibtisches, die keine Zweifel daran aufkommen ließ, daß es für den Besucher angenehmer wäre, wenn er die Frage mit ja beantworten würde.

Der Mann tat es. Er sagte sogar »Jawohl, Genosse General«, sammelte die Blätter, die er beschrieben hatte, ein, faltete sie einmal und schob sie in die Innentasche seiner Jacke. Danach erhob er sich und sah auf General Soltjakin herunter. Der Offizier machte keinerlei Anstalten, sich ebenfalls zu erheben. Nur eine Pranke löste sich von der Schreibtischplatte und wies auf die Tür. »Sie können dort hinausgehen, wo Sie hereingekommen sind«, sagte er und wendete sich der Arbeit zu, bei der ihn der Besucher unterbrochen hatte. Dabei schob er die schwere, dunkle Hornbrille wieder vor die Augen und sah nicht mehr hoch, während der Mann in seinem ungebügelten, zu hellen Anzug mit den zu kurzen Hosenbeinen zur Tür ging.

Soltjakin konnte sich die Kontur der Kanaille, die Alikin ihm auf den Hals gehetzt hatte, auch vorstellen, ohne daß er ihr nachstarrte und sich dabei noch etwas vergab. Welch ein Segen, daß wenigstens die Armee noch einen Staat im Staate bildete, einen Hort der Ordnung und der Disziplin in einer Gesellschaft von Denunzianten, Spitzeln, Karrieremachern und Opportunisten. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und starrte auf die Tür, hinter der sein ungebetener Gast verschwunden war.

Sein erster Impuls war, sofort Rodionowski anzurufen, den alten Waffengefährten aus der Zeit, da sie gemeinsam den Warthegau, den Oderbruch und Berlin erobert hatten. Aber dann überlegte er sich, daß er Rodionowski mit dieser Sache erst kommen durfte, wenn er Fakten besaß. Und Fakten konnte er, so wie die Dinge lagen, nur von einem einzigen Menschen bekommen, und das war Jost Wentzell-Marschal.

Der General zog das Telefon zu sich herüber, das ihn unmittelbar mit den Kommandostellen in Deutschland verband. Er verlangte und erhielt eine Sofortverbindung mit den Stäben der Deutschen in Strausberg. jedoch meldete sich in der Operationsabteilung des Obersten Wentzell niemand. Er fragte sich von Dienststelle zu Dienststelle durch und erhielt überall unklare oder gar keine Auskünfte. Schließlich verlangte er erneut eine Verbindung, dieses Mal mit General Igor Iwanowitsch Rajewski, dem sowjetischen Verbindungsoffizier in Karlshorst.

Der Kamerad in Deutschland war selbst am Apparat. Soltjakin nannte seinen Namen. »Ich kann Jostin Wentzell nirgends erreichen, Igor Iwanowitsch. Ich telefoniere in diesem ganzen verdammten Strausberg herum und kann ihn nirgends erwischen.«

»Hast du es zu Hause versucht, Genosse?«

»Zu Hause … Ich habe nicht einmal Jostins Nummer zu Hause. Weißt du auch nichts, Igor Iwanowitsch?«

»Doch, ich weiß etwas«, sagte der Mann in Karlshorst. »Ich habe einen Zettel hier, daß Oberst Wentzell den nächsten Routinebesuch bei mir nicht wahrnehmen wird. Hier … hier ist es … Das muß eine Sache von höchster Stelle sein. Jost Wentzell ist überraschend zu einer gemeinsamen Übung kommandiert worden. Das kocht schon seit einer Woche. Man will den Polen Dampf machen, damit sie es nicht zu weit treiben.«

Soltjakin empfand Erleichterung. Eine gemeinsame Übung? Und schon seit über einer Woche im Gespräch? Dann konnte es nichts Ernsthaftes sein. »Wann ist diese Übung, Igor Iwanowitsch? Und wo?«

»Sie beginnt übermorgen im Morgengrauen und findet im Raum der unteren Neiße statt. Zwischen Muskau und Görlitz.«

»Ich danke dir, Igor Iwanowitsch.«

Der alternde Mann lehnte sich zurück und starrte vor sich hin. Wenn Alikin seine Spitzel ihm schon hierher ins Ministerium geschickt hatte, dann hatte er sie erst recht zu Jost geschickt. Übung hin, Übung her, zu lange hatte General Soltjakin in nachrichtendienstlichen Stellungen gedient, um nicht allzu genau die hinterhältigen Aktionen der Nachbarn vom KGB zu durchschauen.

Er stand auf, ging zum Fenster hinüber und blickte auf den Innenhof hinunter. Was hatte er eigentlich schon? Er hatte keine Familie und keine Frau. Er hatte keinen Gott. Er hatte auch keine Zukunft. Der eigentliche Sinn seines Lebens hieß Jost Wentzell. Und auf Jost Wentzell hatten sie die Hunde gehetzt. Als Soltjakin sich das klargemacht hatte, wußte er, was zu tun war.

Er ging zurück zu seinem Schreibtisch, griff nach dem Hörer des Telefons und verlangte seinen Ordonnanzoffizier. Der Offizier betrat nach kurzer Zeit den Raum. Soltjakin bedeutete ihm, daß er überraschend morgen sehr früh eine Reise in die Deutsche Demokratische Republik anzutreten habe. Man möge ihm die seinem Stab zur Verfügung stehende Kuriermaschine bereitstellen, um ihn nach Marxwalde zu bringen; und dorthin möge man einen Wagen beordern. Die Fahrt gehe in den Raum Muskau – Görlitz.

Kurz nach halb sieben Uhr, als es gerade hell wurde, startete das Kurierflugzeug von einem Militärflugplatz im Nordosten der Stadt und flog vor einem sich ausbreitenden winterlichen Morgenrot her nach Westen; Soltjakin sah unter sich die eintönigen Ebenen Weißrußlands und erwachende Industriestädte, später dann Polen.

Schon im Glanz eines sonnigen Vormittags rollte die Maschine auf der Landebahn von Marxwalde, nur wenige Kilometer westlich des Oderbruchs, aus. Von der dortigen Kommandantur aus führte Soltjakin ein Telefongespräch mit Rajewski, der ihm den Ort des Gefechtsstandes nannte, von dem aus die Übung geleitet wurde.

Wenig später saß der General in einer Limousine, die südwärts rollte. Vor Cottbus verließ der Wagen die Hauptverkehrsstraße, die nach Görlitz führte, und wendete sich dem Flüßchen Neiße zu, das sich weiter südlich durch sanft abfallende, verschneite Wiesenhänge wand. Soltjakin begegnete fast nur noch Militärfahrzeugen. Von Westen drängten sich Kiefernwälder an die Straße heran. In ihnen befanden sich die Unterkünfte sowjetischer Verbände. Der Zutritt war durch Barrieren versperrt. An einem Schilderhaus bog der Wagen des Generals ein und hielt an. Der Posten prüfte gewissenhaft Papiere und Identität, salutierte und gab die Weiterfahrt frei.

Soltjakins Fahrer folgte den Hinweiszeichen in die Tiefe der Waldungen hinein zum Verbindungsstab der Volksarmee. Überall längs des sandigen Waldweges verbargen die Kiefern das Kriegsgerät einer modernen Armee, Panzer, Geschütze, Raketentransporter, Brückenbau- und Nachrichtenfahrzeuge.

Soltjakin fand den deutschen Obersten in einem Stabszelt. Er übertrug auf einer Generalstabskarte polnisch klingende Ortsnamen aus kyrillischen Buchstaben in lateinische und sah erst hoch, als die Gestalt des Generals den Eingang des Zeltes verdunkelte. Der General kam herein, und die Männer umarmten sich.

Soltjakin nahm die Mütze ab und sah sich interessiert um. »Was habt ihr denn hier zusammengezogen, Jostin?«

»Drei Divisionen, Alexei Adrianowitsch. Aber das müßtest du eigentlich besser wissen als ich.«

»Ich? Nichts weiß ich. Ich habe von diesem Unternehmen durch Zufall gehört, als ich am Telefon nach dir herumfragte. Und was soll das Ganze?«

»Morgen früh in der Dämmerung soll eine Abteilung aus der Bereitstellung ohne Pionier- und Brückenbaugerät die Neiße durchqueren und drüben auf polnischem Boden einen gepanzerten Brückenkopf bilden. Hier, sieh es dir an.«

Soltjakin trat an den Kartentisch und ließ sich von Jost Wentzell die Operation erklären. »Wissen die Polen eigentlich etwas von dieser — Übung?« fragte er.

»Keine Ahnung. Darüber ist nichts bekanntgegeben worden. Ich weiß nur, daß drüben auch Einheiten von euch Bereitschaftsstellungen bezogen haben.«

Der General schüttelte unangenehm berührt den Kopf. Warum hatte man das alles vor ihm verheimlicht? Es ging zwar nicht um sein eigentliches Aufgabengebiet, aber wenigstens hatte er bisher von solchen Operationen Kenntnis gehabt. »Ich muß ausführlich mit dir sprechen, Jostin«, sagte er.

»Vielleicht heute abend«, antwortete Jost Wentzell. »Ich fahre morgen früh in einem der Amphibienpanzer den Angriff mit.«

»Sieh zu, daß du das heute abend möglich machen kannst, mein Junge. Es ist sehr wichtig. Aber jetzt muß ich mich wohl bei deinem Kommandeur melden.«

Oberst Wentzell trat mit dem General hinaus vor das Zelt und wies ihm den Weg. Soltjakin stapfte davon.

Der deutsche Kommandeur, Oberst Kuehne, residierte in einer Baracke, die der hier liegenden sowjetischen Stammeinheit als Kultur- und Gemeinschaftsraum diente. Nach dem obligatorischen Prost mit dem Wodka sagte der Oberst in holprigem, thüringisch gefärbtem Russisch: »Die Übung steht unter der Leitung vom Genossen General Michalionow. Vielleicht sollten Sie doch auch dort sich anmelden. Ich lasse Sie hinbegleiten.«

Wenig später stapfte also Soltjakin neben einer Ordonnanz her weiter durch den Wald und traf General Michalionow in einem Stabszelt.

Der General saß in Hosenträgern auf einem Feldstuhl und las in der Armeezeitung, als Soltjakin eintrat. Er legte die Zeitung beiseite und fuhr in seinen Rock. »Der Genosse Oberst Kuehne hat Sie schon angemeldet«, sagte er, während er den Waffenrock zuknöpfte. »Die GRU schickt Sie, Genosse Soltjakin?«

»Die GRU schickt mich nicht, Genosse Michalionow. Ich bin sozusagen privat hier. Oberst Wentzell ist ein guter Freund von mir. Ich will den Abend mit ihm verbringen. Können Sie für meine Verpflegung und Unterbringung sorgen?«

General Michalionow konnte das. Soltjakin bekam eine Stube in einer Baracke zugewiesen und eine Verpflegungskarte für die Offiziere des Manöverstabes.

»Morgen früh können Sie einen Platz auf der Tribüne bekommen und den Neißeübergang beobachten«, sagte Michalionow. »Diese Operation ist eine Stabsrahmenübung zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit der Führungstechnik gemischtnationaler Verbände.

Stellen Sie sich vor, ein Gehirn und ein gesamtes Nervensystem sind in voller Tätigkeit, aber bewegt wird nicht mehr als eine kleine Zehe. Das ist eine Abteilung des Regiments des Genossen Oberst Kuehne, der auch Oberst Wentzell zugeteilt worden ist. Die sprachliche Synchronisation der Befehlsübermittlung ist mit die wichtigste Aufgabe bei einer solchen Operation.«

General Soltjakin nickte vor sich hin. Das klang alles glaubhaft und plausibel. Für eine kurze Zeit wich die Sorge. Michalionow ließ Soltjakin durch eine Ordonnanz zu seinem Quartier bringen.

Beim Mittagessen hatte der General nur kurz Gelegenheit, mit Jost Wentzell zu sprechen. Der Oberst sagte, daß er sich gegen siebzehn Uhr dreißig freimachen könne. Allerdings dürfe das Stabsgelände nicht mehr verlassen werden.

General Michalionow, der am Kopfende des langen Holztisches saß, machte sich seine eigenen Gedanken, als er Soltjakin und den Obersten beim Gespräch beobachtete. Er dachte an einige Merkwürdigkeiten, die Wentzellg Kommandierung begleitet hatten. Der Offizier sei in einem der ersten Panzer einzusetzen, die durch den Fluß tauchen würden, hatte es geheißen. Dann kam die eigentümliche Anweisung, daß die Nummer dieses Panzers nach oben bekanntzugeben sei. Sie solle außerdem weiß nachgezogen und besonders deutlich kenntlich gemacht werden.

Der Kommandeur hatte alle diese Anweisungen