/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Nirgendwo in Afrika

Stfanie Zweig


Nirgendwo in Afrika

Stefanie Zweig

1995

Im Andenken an meinen Vater

Kenia ist der Schauplatz diese autobiographischen Romans. Der jüdische Rechtsanwalt Walter Redlich aus Leobschütz rettet sich 1938 nach Ostafrika und kann noch im letzen Augenblick sien Frau Jettel und seine fünfjährige Tochter Regina nachholen.

Walter ist entschlossen, ein neues Leben in dem Lande zu beginnen, das ihn und diesen kleinen Teil der Familie vor dem Schlimmsten bewahrte. Doch insgeheim leidet er an seiner Liebe zu Deutschland — dem Land, das ihn nicht mehr haben wollte—, und die Eingewöhnung in diese gänzlich andere Welt fällt ihm wie auch Jettel schwer. Was den Eltern nicht gelingt, glückt ihrer Tochter Regiana: Rasch verfällt sie dem Zauber Afrikas, der überwältigenden Natur, den Menschen mit ihren Riten und Überlieferungen, die ihr zu Freunden werden. Und die Faszination der Tiere, ihren einzigen Spielgefährten. Auf der einsamen Fram Ol’ Joro Orok wirdh Owour, der Hausboy, zum Freund und zur Stütze der Familie.

Walter meldet sich zur britischen Army, und Regina besucht ein englisches Internat, sehnsuchtsvoll die Ferien erwartnd, die sie mit den Eltern in einem kleinen Zimmer im ehemaligen Nobelhotel Hove Court verbringt. Das Hotel ist zum Fluchtpunkt europäischer Emigranten geworden, einem eigenen Kosmos unterschiedlicher Existenzen, die ihre feudalen Erinnerungen gegen die trostlose Gegenwart setzen.

1946 erfüllt sich dann Reginas sehnlichster Wunsch, als Bruder Max geboren wird. Jetzt aber will Walter endgültig zurück nach Deutschland, während Regina längst ihre wahre Heimat gefunden hat.

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

16

17

18

19

20

21

22

23

24

1

Rongai, den 4. Februar 1938

Meine liebe Jettel!

Hol Dir erst mal ein Taschentuch, und setz Dich ganz ruhig hin. Du brauchst jetzt gute Nerven. So Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen. Jedenfalls viel früher, als wir je zu hoffen wagten. Seit meinem letzten Brief aus Mombasa, den ich Dir am Tag meiner Ankunft schrieb, ist so viel passiert, daß ich immer noch ganz wirr im Kopf bin. Ich war nur eine Woche in Nairobi und schon sehr niedergeschlagen, weil mir jeder sagte, daß ich mich hier ohne Englischkenntnisse gar nicht erst nach einer Arbeit in der Stadt umzusehen brauchte. Ich sah aber auch keine Möglichkeit, auf einer Farm unterzukommen, wie das hier fast jeder tut, um erst einmal ein Dach über dem Kopf zu haben. Dann wurde ich vor einer Woche zusammen mit Walter Süßkind (er stammt aus Pommern) zu einer reichen jüdischen Familie eingeladen.

Ich habe mir zunächst gar nicht viel dabei gedacht und nahm einfach an, die würden es hier auch nicht anders als meine Mutter in Sohrau halten, die ja immer irgendwelche armen Schlucker mit an ihrem Tisch sitzen hatte. Inzwischen weiß ich jedoch, was ein Wunder ist. Die Familie Rubens lebt schon seit fünfzig Jahren in Kenia. Der alte Rubens ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Nairobi, und die wiederum kümmert sich um die Refugees (das sind wir), wenn sie frisch ins Land kommen.

Bei Rubens’ (fünf erwachsene Söhne) war man ganz außer sich, als herauskam, daß Du und Regina noch in Deutschland seid. Hier sieht man die Dinge ganz anders als ich zu Hause. Du und Vater hattet also ganz recht, als Ihr nicht wolltet, daß ich allein auswandere, und ich schäme mich, daß ich nicht auf Euch gehört habe. Wie ich später erfuhr, hat mich Rubens schrecklich beschimpft, aber ich konnte ihn ja nicht verstehen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie lange es gedauert hat ehe ich kapierte, daß die Gemeinde für Dich und Regina die hundert Pfund für die Einwanderungsbehörden vorstrecken will. Mich hat man sofort auf eine Farm verfrachtet, damit wir alle drei erst mal eine Unterkunft haben und ich wenigstens etwas verdienen kann.

Das heißt, Ihr müßt so schnell wie möglich abfahren. Dieser Satz ist der allerwichtigste im ganzen Brief. Obwohl ich mich wie ein Schaf benommen habe, mußt Du mir jetzt vertrauen. Jeder Tag, den Du mit dem Kind länger in Breslau bleibst, ist verloren. Geh also sofort zu Karl Silbermann. Er hat die größte Erfahrung mit Auswanderungsproblemen und wird Dich zu dem Mann vom Deutschen Reisebüro bringen, der schon so anständig zu mir war. Er wird Dir sagen, wie Du am schnellsten an Schiffskarten kommst, und es ist ganz egal, was es für ein Schiff ist und wie lange es unterwegs sein wird. Wenn möglich, nimm eine Drei-Bett-Kabine. Ich weiß, das ist nicht angenehm, aber sehr viel billiger als die zweite Klasse, und wir brauchen jeden Pfennig. Hauptsache, Ihr seid erst mal an Bord und auf See. Dann können wir alle wieder ruhig schlafen.

Du mußt Dich auch sofort mit der Firma Danziger wegen unserer Kisten in Verbindung setzen. Du weißt, wir haben noch eine leer gelassen für Dinge, die uns einfallen. Sehr wichtig ist ein Eisschrank für die Tropen. Wir brauchen auch unbedingt eine Petromaxlampe. Sieh zu, daß sie Dir zusätzlich ein paar Strümpfe mitgeben. Sonst haben wir die Lampe und sitzen trotzdem im Dunkeln. Auf der Farm, auf der ich gelandet bin, gibt es kein elektrisches Licht. Kaufe auch zwei Moskitonetze. Wenn das Geld reicht, drei. Rongai ist zwar keine ausgesprochene Malariagegend, aber man weiß ja nicht, wo wir noch landen werden. Wenn der Platz für den Eisschrank nicht ausreicht, dann laß das Rosenthalgeschirr wieder auspacken. Wir werden es wohl in diesem Leben nicht mehr brauchen und haben uns schon von ganz anderen Dingen trennen müssen als von Tellern mit Blümchenmuster.

Regina braucht Gummistiefel und Manchesterhosen (Du übrigens auch). Wenn jemand ihr was zum Abschied schenken möchte, bitte um Schuhe, die ihr auch noch in zwei Jahren passen. Ich kann mir, jedenfalls heute, nicht vorstellen, daß wir einmal reich genug sein werden, um Schuhe zu kaufen.

Mach erst die Liste für das Auswanderungsgut, wenn Du alles beisammen hast. Es ist wichtig, daß jedes Stück aufgezählt wird, das mitgehen soll. Sonst gibt es schrecklichen Ärger. Und laß Dich bloß von keinem überreden, irgend jemandem etwas mitzunehmen. Denk an den armen B. Den Kummer mit dem Hamburger Zoll hat er nur seiner Gutmütigkeit zu verdanken. Wer weiß, ob er je nach England kommt und wie lange er unter Buchen wandern wird. Am besten Du sprichst so wenig wie möglich über Deine Pläne. Man weiß nicht mehr, was aus einem Gespräch werden kann und was aus Menschen geworden ist, die man ein Leben lang gekannt hat.

Von mir will ich heute nur kurz berichten, sonst schwirrt Dir auch der Kopf. Rongai liegt ungefähr tausend Meter hoch, ist aber sehr heiß. Die Abende sind sehr kalt (nimm also Wollsachen mit). Auf der Farm wächst hauptsächlich Mais, doch habe ich noch nicht herausgefunden, was ich mit ihm machen soll. Außerdem haben wir fünfhundert Kühe und jede Menge Hühner. Für Milch, Butter und Eier ist also gesorgt. Sieh zu, daß du ein Backrezept für Brot mitbringst.

Das, was der Boy bäckt, sieht aus wie Matze und schmeckt noch schlechter. Setzei kann er wunderbar, Rührei gar nicht. Und wenn er weiche Eier kocht, singt er ein ganz bestimmtes Lied. Leider ist das Lied zu lang, und die Eier werden immer hart.

Wie Du siehst, habe ich schon einen eigenen Boy. Er ist groß, natürlich schwarz (bitte mache Regina klar, daß nicht alle Menschen weiß sind) und heißt Owuor. Er lacht sehr viel, was mir bei meiner gegenwärtigen Unruhe guttut. Boys sind hier die Diener, aber es heißt gar nichts, wenn man einen Boy hat. Auf einer Farm hat man so viel Personal, wie man will. Du kannst also Deine Sorgen um ein Dienstmädchen sofort einstellen. Es leben hier sehr viele Menschen. Ich beneide sie, weil sie nicht wissen, was in der Welt geschieht und weil sie ihr Auskommen haben.

Im nächsten Brief erzähle ich Dir mehr von Süßkind. Er ist ein Engel, fährt heute nach Nairobi und will die Post mitnehmen. Da gewinnt man mindestens eine Woche, und ein reger Briefwechsel ist für uns jetzt sehr wichtig. Wenn Du antwortest, numeriere Deine Briefe und schreib genau, auf welchen Du antwortest. Sonst kommt unser Leben noch mehr durcheinander, als es schon ist. Schreib, so bald Du kannst, an Vater und Liesel, und nimm ihnen die Angst um uns alle.

Mein Herz zerspringt bei dem Gedanken, daß ich vielleicht schon sehr bald Dich und das Kind in die Arme schließen kann. Und es wird schwer, wenn ich daran denke, daß dieser Brief Deiner Mutter sehr weh tun wird. Nun bleibt ihr von ihren beiden Mädels nur noch eins, und wer weiß, wie lange. Aber Deine Mutter ist immer eine großartige Frau gewesen, und ich weiß, daß sie Dich und ihr Enkelkind lieber in Afrika weiß als in Breslau. Gib Regina einen dicken Kuß von mir und verpimple sie nicht. Arme Leute können sich keine Ärzte leisten.

Ich kann mir denken, in welche Aufregung Dich dieser Brief stürzen wird, aber du mußt jetzt stark sein. Für uns alle. Es umarmt Dich voller Sehnsucht

Dein alter Walter

P. S. Die Söhne von Mr. Rubens hätten Dir gefallen, richtig fesche Burschen. Wie früher bei uns in der Tanzstunde. Ich hielt sie alle für unverheiratet, habe jedoch später erfahren, daß ihre Frauen sich immer zum Bridge treffen, wenn es um uns Refugees geht. Das Thema hängt ihnen zum Hals heraus.

__________

Rongai, den 15. Februar 1938

Mein lieber Vater!

Ich hoffe, Du hast inzwischen von Jettel Nachricht bekommen und somit erfahren, daß Dein Sohn Farmer geworden ist. Mutter hätte bestimmt gesagt »schön, aber schwer«, doch Besseres kann sich ein gelöschter Rechtsanwalt und Notar nicht wünschen. Heute früh habe ich bereits ein neugeborenes Kalb aus dem Bauch einer Kuh gezogen und es Sohrau getauft. Ich hätte lieber bei der Geburt eines Fohlens Hebamme gespielt, denn Reiten habe ich ja bei Dir schon gelernt, ehe Du des Kaisers Rock angezogen hast.

Denk bloß nicht, daß es ein Fehler war, mich studieren zu lassen. Das scheint nur so im Augenblick. Wie lange mag es wohl dauern? Mein Chef, der nicht auf der Farm, sondern in Nairobi lebt, hat eine Menge Bücher im Schrank. Darunter die Encyclopaedia Britannica und ein lateinisches Wörterbuch. Ich könnte also hier in der Wildnis gar nicht Englisch lernen, wenn ich nicht Latein gelernt hätte. So aber kann ich mich bereits über Tische, Flüsse, Legionen und Kriege unterhalten und sogar sagen: »Ich bin ein Mann ohne Heimat.« Leider klappt das nur in der Theorie, denn hier auf der Farm sind nur Schwarze, und die sprechen Suaheli und finden es furchtbar ulkig, daß ich sie nicht verstehe.

Ich bin gerade dabei, im Konversationslexikon über Preußen nachzulesen. Wenn ich schon die Sprache nicht kann, muß ich mir ja Themen heraussuchen, die ich kenne. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie lange die Tage auf so einer Farm sind, aber ich will nicht klagen. Ich bin dem Schicksal dankbar, besonders seitdem ich die Hoffnung habe, Regina und Jettel bald hier zu haben.

Um Euch beide mache ich mir große Sorgen. Was ist, wenn die Deutschen in Polen einmarschieren? Die wird es nicht interessieren, daß Du und Liesel Deutsche geblieben seid und nicht für Polen optiert habt. Für die seid Ihr Juden, und glaub bloß nicht, daß Dir Deine Auszeichnungen aus dem Krieg etwas nutzen. Das haben wir ja nach 1933 erlebt. Andererseits dürftet Ihr, gerade weil Ihr nicht für Polen optiert habt, nicht unter die polnische Quote fallen, die ja überall die Auswanderung erschwert. Wenn Du das Hotel verkaufen würdest, könntest auch Du an Auswanderung denken. Vor allem für Liesel solltest Du es tun. Sie ist doch erst zweiunddreißig und hat bisher noch nichts vom Leben gehabt.

Ich habe einem ehemaligen Bankier aus Berlin (er zählt jetzt Säcke auf einer Kaffeefarm) von Liesel erzählt und daß sie noch in Sohrau ist. Der meinte, ledige Frauen seien bei den hiesigen Einwanderungsbehörden gar nicht ungern gesehen. Vor allem kommen sie gut als Kindermädchen bei den reichen englischen Farmersfamilien unter. Hätte ich die hundert Pfund, um für Euch beide zu bürgen, würde ich Dich noch ganz anders zur Auswanderung drängen. Es ist aber schon mehr als eine Gnade, daß ich Jettel und das Kind nachholen kann.

Vielleicht könntest Du Dich mal mit Rechtsanwalt Kammer in Leobschütz in Verbindung setzen. Der war bis zum Schluß hoch anständig zu mir. Als ich gelöscht wurde, sagte er mir zu, die Mandantengelder, die noch eingehen müßten, für mich in Verwahrung zu nehmen. Der würde Dir bestimmt helfen, wenn Du ihm erklärst, daß Du zwar immer noch ein Hotel, aber kein Geld hast. In Leobschütz weiß man ja, wie es den Deutschen in Polen all die Jahre ergangen ist.

Erst hier, wo ich so allein mit meinen Gedanken bin, kommt mir so richtig zu Bewußtsein, daß ich mich viel zu wenig um Liesel gekümmert habe. Sie hätte mit ihrer Herzensgüte und Opferbereitschaft nach Mutters Tod einen besseren Bruder verdient. Und Du einen Sohn, der Dir beizeiten gedankt hätte für alles, was Du für ihn getan hast.

Du brauchst mir wirklich nichts hierher zu schicken. Mit den freien Lebensmitteln von der Farm habe ich alles, was ich zum Leben brauche, und bin guter Hoffnung, daß ich eines Tages eine Stellung bekomme, bei der ich genug verdiene, um Regina zur Schule zu schicken (kostet hier enormes Geld, und Schulpflicht haben sie auch nicht).

Über Rosensamen würde ich mich allerdings sehr freuen. Dann würden auf diesem gottverdammten Fleck Erde die gleichen Blumen blühen wie vor meinem Vaterhaus. Vielleicht kann mir Liesel auch ein Rezept für Sauerkraut schicken. Ich habe gehört, daß Kraut hier gedeihen soll.

Es umarmt Euch beide in Liebe Euer Walter

__________

Rongai, den 27. Februar 1938

Meine liebe Jettel!

Heute kam Dein Brief vom 17. Januar an. Er mußte mir erst aus Nairobi nachgeschickt werden. Daß das überhaupt klappt, ist ein Wunder. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was Entfernungen in diesem Land bedeuten. Von mir zur Nachbarfarm sind es fünfundfünfzig Kilometer, und Walter Süßkind ist auf den schlechten, teilweise verschlammten Straßen drei Stunden unterwegs zu mir. Trotzdem war er bisher jede Woche da, um mit mir Schabbes zu feiern. Er stammt aus einem frommen Haus. Er hat das Glück, daß ihm sein Chef ein Auto zur Verfügung gestellt hat. Meiner, Mr. Morrison, glaubt leider, daß seit der Wüstenwanderung alle Kinder Israels gut zu Fuß sind. Ich bin nicht mehr von der Farm weggekommen, seitdem mich Süßkind hierher gebracht hat.

Leider gibt es keine Pferde. Der einzige Esel auf dieser Farm hat mich so oft abgeworfen, daß ich grün und blau war. Süßkind hat schrecklich gelacht und gesagt, afrikanische Esel könne man nicht reiten. Die ließen sich nicht für so dumm verkaufen wie die in deutschen Seebädern. Wenn du herkommst, wirst Du Dich auch daran gewöhnen müssen, daß es direkt ins Schlafzimmer regnet. Man stellt einfach einen Eimer auf und freut sich über das Wasser. Das ist nämlich kostbar. Vorige Woche hat es überall gebrannt. Ich war entsetzlich aufgeregt. Zum Glück war Süßkind gerade zu Besuch und hat mich über Buschfeuer aufgeklärt. Die gibt es hier immerzu.

Es tut mir gut zu wissen, daß der größte Teil Deines Briefes überholt ist. Inzwischen wirst Du ja erfahren haben, daß Deine Tage in Breslau gezählt sind. Bei dem Gedanken, Euch beide hier zu haben, schlägt mein Herz wie einst im Mai, als wir uns eine große Zukunft ausmalten. Heute wissen wir beide, daß nur eines wichtig ist — das Davonkommen.

Unbedingt weitermachen solltest Du mit Deinen Englischstunden, und es spielt wirklich keine Rolle, daß Dir der Lehrer nicht gefällt. Mit Spanisch kannst Du sofort aufhören. Das war doch nur für den Fall gedacht, daß wir Visa für Montevideo bekommen hätten. Um mit den Menschen auf der Farm zu reden, muß man Suaheli lernen. Da hat es der liebe Gott mal ausgesprochen gut mit uns gemeint. Suaheli ist eine sehr einfache Sprache. Ich konnte kein Wort, als ich nach Rongai kam, und jetzt bin ich schon soweit, daß ich mich leidlich mit Owuor verständigen kann. Er findet es wunderbar, wenn ich auf Gegenstände zeige und er mir dann die Dinge beim Namen nennen darf. Mich nennt er Bwana. So redet man hier die weißen Männer an. Du wirst die Memsahib sein (der Begriff wird nur für weiße Frauen gebraucht) und Regina das Toto. Das heißt Kind.

Vielleicht kann ich bis zu meinem nächsten Brief schon genug Suaheli, um Owuor klarzumachen, daß ich die Suppe nicht gern nach dem Pudding esse. Pudding kann er übrigens wunderbar kochen. Beim erstenmal habe ich viele schmatzende Geräusche gemacht. Er hat zurückgeschmatzt, und seitdem kocht er jeden Tag den gleichen Pudding. Eigentlich müßte ich mehr lachen, aber es lacht sich nicht gut allein. Nachts schon gar nicht, wenn man sich nicht gegen die Erinnerungen wehren kann.

Wenn ich bloß schon Nachricht von Dir hätte und ob Ihr Schiffskarten habt. Wer hätte je gedacht, daß es so wichtig werden könnte, aus der Heimat herauszukommen. Jetzt gehe ich zum Melken. Das heißt, ich sehe zu, während die Boys melken, und lerne die Namen der Kühe. Das lenkt ab.

Schreib bitte sofort, wenn Du meine Briefe bekommst. Und versuche, Dich so wenig wie möglich aufzuregen. Du kannst sicher sein, daß meine Gedanken Tag und Nacht bei Euch sind.

Einen dicken Kuß für Euch beide, Deine Mutter und Deine Schwester.

Dein alter Walter

__________

Rongai, den 15. März 1938

Meine liebe Jettel!

Heute kam Dein Brief vom 31. Januar. Er hat mich sehr traurig gemacht, weil ich Dir gar nicht helfen kann in Deiner Angst. Ich kann mir gut vorstellen, daß Du jetzt sehr viel Trauriges hörst, aber das müßte Dir auch zeigen, daß das Schicksal nicht nur uns getroffen hat. Es stimmt übrigens nicht, daß nur ich allein ausgewandert bin. Hier sind viele Männer, die erst versuchen wollen, eine Existenz zu schaffen, ehe sie die Familie nachholen, und die sind nun in der gleichen Lage wie ich — nur ohne das Glück, daß ein rettender Engel wie Rubens eingegriffen hat. Du mußt fest daran glauben, daß wir uns bald wiedersehen. Das sind wir dem lieben Gott schuldig. Es hat auch keinen Zweck, darüber zu grübeln, ob wir besser nach Holland oder nach Frankreich gegangen wären. Wir hatten ja gar keine Wahl mehr, und wer weiß, wozu es gut ist.

Es ist nicht mehr wichtig, daß sie Regina nicht in dem Kindergarten nehmen wollen. Und es spielt auch keine Rolle für unser ferneres Glück, daß Dich Leute nicht mehr grüßen, die Du seit Jahren kennst. Du mußt jetzt wirklich lernen, Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden. Unser Leben nimmt keine Rücksicht mehr darauf, daß Du als verwöhnte höhere Tochter aufgewachsen bist. In der Emigration zählt nicht das, was man war, sondern nur, daß Mann und Frau am selben Strang ziehen. Ich bin sicher, daß wir es schaffen. Wenn du nur schon hier wärst und wir damit beginnen könnten.

Einen ganz dicken Kuß für Euch beide Dein alter Walter

__________

Rongai, den 17. März 1938

Lieber Süßkind!

Ich weiß nicht, wie lange der Boy mit diesem Brief unterwegs sein wird. Ich habe vierzig Fieber und bin nicht immer klar im Kopf. Falls mir was passieren sollte, findest Du die Adresse von meiner Frau im Kästchen auf der Kiste neben meinem Bett.

Walter

__________

Rongai, den 4. April 1938

Meine geliebte Jettel!

Heute kam Dein Brief mit der so sehnsuchtsvoll erwarteten guten Nachricht. Süßkind hat ihn von der Bahnstation mitgebracht und ist natürlich schrecklich erschrocken, als ich in Tränen ausbrach. Stell Dir vor, dann hat der lange Lulatsch von einem Mann mitgeweint. Das ist das Gute, wenn man ein Refugee und kein deutscher Mann mehr ist. Man braucht sich seiner Tränen nicht zu schämen.

Wie lang wird mir die Zeit bis Juni werden, bis Ihr an Bord geht. Wenn ich mich richtig erinnere, ist die »Adolf Woermann« ein Luxusschiff und fährt rund um Afrika. Das heißt, daß Ihr oft und lange in den Häfen anlegen und länger unterwegs sein werdet als ich mit der »Ussukuma«. Versuche, die Zeit so gut wie möglich zu genießen, aber es ist besser für Euch, wenn Ihr Euch an Menschen haltet, die Neujahr im September feiern. Sonst gibt es überflüssige Probleme. Ich habe mich auf der Reise zu sehr in meiner Kabine verkrochen, und es war doch die letzte Gelegenheit, mit Menschen zu reden.

Schade, daß Du meinem Rat mit der Drei-Bett-Kabine nicht gefolgt bist. Das hätte uns viel Geld gespart, das uns nun hier fehlen wird, und dem Kind hätte eine fremde Schlafgenossin bestimmt nicht geschadet. Sie muß lernen, daß sie zwar Regina heißt, aber keine Königin ist.

Ich will jedoch nicht mit dir in einem Moment rechten, in dem ich so dankbar und glücklich bin. Es ist jetzt wichtig, daß Du deine Sinne beisammen hast und zusiehst, daß die Kisten mit Euch reisen können. Nicht, weil wir die Dinge so nötig brauchen, doch habe ich von Leuten gehört, die sich ihr Auswanderungsgut haben nachschicken lassen und heute noch darauf warten. Ich fürchte, Du hast nicht verstanden, wie wichtig ein Eisschrank für uns ist. In den Tropen braucht man den so nötig wie das tägliche Brot. Du solltest Dich doch noch mal bemühen, einen zu finden. Süßkind könnte mir Fleisch aus Nakuru mitbringen, ohne Eisschrank ist es jedoch schon nach einem einzigen Tag verdorben. Und Mr. Morrison nimmt es als Chef sehr genau. Eins seiner Hühner darf nur dann geschlachtet werden, wenn er auf die Farm kommt. Ich bin froh, daß er mich wenigstens die Eier essen läßt.

Gratuliere zur Petromaxlampe. Da müssen wir nicht mit Mr. Morrisons kostbaren Hühnern zu Bett gehen. Das Abendkleid hättest Du nicht kaufen sollen. Hier wirst Du keine Gelegenheit haben, es zu tragen. Du bist nämlich gewaltig im Irrtum, wenn Du glaubst, Leute wie Rubens würden Dich zu ihren Gesellschaften einladen. Erstens besteht eine gewaltige Kluft zwischen den alteingesessenen, reichen Juden und uns mittellosen Refugees, und zweitens lebt die Familie Rubens in Nairobi, und das ist weiter entfernt von Rongai als Breslau von Sohrau.

Ich darf Dir Deine falschen Vorstellungen von Afrika jedoch nicht verübeln. Ich hatte ja auch keine Ahnung, was uns erwartet, und staune immer noch über Dinge, die Süßkind nach zwei Jahren selbstverständlich findet. Suaheli kann ich schon recht gut und merke immer mehr, wie rührend sich Owuor um mich sorgt.

Ich war nämlich krank. An einem Tag hatte ich hohes Fieber, und da hat Owuor darauf gedrungen, daß ich nach Süßkind schickte. Der kam noch spät in der Nacht hier an und erkannte sofort, was mit mir los war. Malaria. Zum Glück hatte er Chinin dabei, und es ging mir schnell wieder besser. Du darfst jedoch nicht erschrecken, wenn Du mich siehst. Ich habe sehr abgenommen und bin ziemlich gelb im Gesicht. Du siehst, der kleine Spiegel, den mir Deine Schwester zum Abschied schenkte und der mir damals so überflüssig vorkam, ist doch sehr nützlich. Leider erzählt er meistens unerfreuliche Geschichten.

Durch meine Krankheit ist mir klargeworden, wie wichtig Medikamente sind in einem Land, in dem man nicht nach dem Arzt telefonieren kann und ihn auch gar nicht bezahlen könnte. Vor allem brauchen wir Jod und Chinin. Deine Mutter wird bestimmt einen Arzt kennen, der es noch gut mit Menschen wie uns meint und der Dir die Sachen verschafft. Laß Dir auch erklären, wieviel Chinin man einem Kind gibt. Ich will Dir keine Angst machen, aber in diesem Land muß man lernen, sich selbst zu helfen. Ohne Süßkind wäre es übel um mich bestellt gewesen. Und natürlich ohne Owuor, der nicht von meiner Seite gewichen ist und mich gefüttert hat wie ein Kind. Er will übrigens nicht glauben, daß ich nur ein Kind habe. Er hat sieben, aber, wenn ich ihn richtig verstanden habe, auch drei Frauen. Stell Dir vor, er müßte für die ganze Familie Bürgschaften besorgen! Aber er hat ja eine Heimat. Ich beneide ihn sehr. Auch, weil er nicht lesen kann und nicht mitbekommt, was in der Welt geschieht. Merkwürdigerweise scheint er jedoch zu wissen, daß ich eine ganz andere Art von Europäer bin als Mr. Morrison.

Erzähl Regina von mir. Ob sie ihren Papa noch erkennt? Was mag das Kind von den Dingen mitbekommen? Am besten Du sprichst erst auf dem Schiff mit ihr. Da macht es nichts mehr, wenn sie was ausplappert. Mach Du nicht zu viele Abschiedsbesuche. Sie brechen nur das Herz. Mein Vater wird auch Verständnis dafür haben, wenn Ihr nicht noch einmal nach Sohrau fahrt. Ich glaube, es wird ihm sogar recht sein. Und gib Deiner Mutter und Käte einen Kuß von mir. Es wird schlimm für die beiden sein, wenn der Tag der Trennung kommt. Manche Gedanken kann man gar nicht zu Ende denken.

Seid beide innigst umarmt Dein alter Walter

__________

Rongai, den 4. April 1938

Meine liebe Regina!

Heute bekommst du einen eigenen Brief, weil dein Papa so glücklich ist, daß er Dich bald wiedersehen wird. Du mußt jetzt besonders artig sein, abends immer beten und Mama helfen, wo du nur kannst. Die Farm, auf der wir alle drei leben werden, wird Dir bestimmt gefallen. Es sind nämlich sehr viele Kinder hier. Du mußt nur ihre Sprache lernen, ehe du mit ihnen spielen kannst. Hier scheint die Sonne jeden Tag. Aus Eiern kriechen kleine, niedliche Küken. Zwei Kälber sind auch schon geboren worden, seitdem ich hier bin. Aber eins mußt du wissen: Es werden nur Kinder nach Afrika hereingelassen, die keine Angst vor Hunden haben. Üb also, tapfer zu sein. Mut ist im Leben viel wichtiger als Schokolade.

Ich schicke Dir so viele Küsse, wie auf Deinem Gesicht Platz haben. Gib Mama, Oma und Tante Käte welche ab.

Dein Papa

__________

Rongai, den 1. Mai 1938

Mein lieber Vater, meine liebe Liesel!

Gestern kam Euer Brief mit Rosensamen, Sauerkrautrezept und den neuesten Sohrauer Nachrichten hier an. Wenn ich doch nur in Worte fassen könnte, was so ein Brief bedeutet. Ich komme mir wie der kleine Junge vor, dem Du, lieber Vater, von der Front geschrieben hast. In jedem Deiner Briefe kamen Mut und Vaterlandstreue vor. Nur kam damals keiner von uns auf den Gedanken, daß man den meisten Mut braucht, wenn man kein Vaterland mehr hat.

Ich mache mir noch größere Sorgen um Euch als zuvor, seitdem die Österreicher heim ins Reich geholt worden sind. Wer weiß, ob die Deutschen nicht ein ähnliches Glück für die Tschechen vorgesehen haben. Und was wird aus Polen? Ich habe mir immer vorgestellt, ich könnte etwas für Euch tun, wenn ich erst in Afrika bin. Aber natürlich habe ich nie geahnt, daß man im zwanzigsten Jahrhundert Menschen nur auf Kost und Logis anstellt. Bis Jettel und Regina hier sind, ist nicht an eine Veränderung zu denken. Auch danach wird es schwer sein, eine Stellung zu finden, bei der es zu Eiern, Butter und Milch zusätzlich noch ein Gehalt gibt.

Setzt Euch wenigstens mit einer jüdischen Stelle in Verbindung, die Auswanderer berät. Dafür lohnt sich auch die Reise nach Breslau. Da könntet Ihr Regina und Jettel noch einmal sehen. Ich wollte ja nicht, daß die beiden vor der Abfahrt noch einmal nach Sohrau kommen. Aus Jettels Briefen merke ich, wie nervös sie ist.

Vor allem, lieber Vater, mach Dir keine Illusionen mehr. Unser Deutschland ist tot. Es hat unsere Liebe mit Füßen getreten. Ich reiße es mir jeden Tag aufs neue aus dem Herzen. Nur unser Schlesierland will nicht weichen.

Ihr fragt Euch vielleicht, weshalb ich hier draußen so gut über die Welt Bescheid weiß. Das Radio, das mir Stattlers zum Abschied geschenkt haben, ist ein wahres Wunder. Ich bekomme Deutschland so klar wie zu Hause. Außer meinem Freund Süßkind (er lebt auf der Nachbarfarm und war schon in seinem ersten Leben Landwirt) ist das Radio der einzige Mensch, der mit mir Deutsch spricht. Ob es Herrn Goebbels gefallen würde, daß der Jude von Rongai den Durst nach Muttersprache mit seinen Reden stillt?

Den Genuß gestatte ich mir nur abends. Tagsüber rede ich mit den Schwarzen, was immer besser klappt, und erzähle den Kühen von meinen Prozessen. Die Tiere mit den sanften Augen haben für alles Verständnis. Erst heute morgen sagte mir ein Ochse, daß ich recht hatte, mich nicht von meinem BGB zu trennen. Trotzdem kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, daß es einem Farmer weniger nutzt als einem Rechtsanwalt.

Süßkind behauptet immer, ich hätte genau den Humor, um in diesem Land zu bestehen. Ich fürchte, er verwechselt da einiges. Übrigens würde Wilhelm Kulas hier große Karriere machen. Mechaniker nennen sich Ingenieure und finden schnell Arbeit. Wenn ich jedoch behaupten würde, ich sei zu Hause Justizminister gewesen, würde mich das auch keinen Schritt weiterbringen. Dafür habe ich meinem Boy beigebracht, »Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren« zu singen. Wenn einer so viel Mühe mit jedem Wort hat wie er, dauert das Lied genau viereinhalb Minuten und eignet sich wunderbar als Eieruhr. Meine weichen Eier schmecken jetzt wie zu Hause. Ihr seht, ich habe auch meine kleinen Erfolge. Schade, daß die größeren so lange dauern.

Voller Hoffnung, daß sich bei Euch doch etwas tun wird, umarmt Euch mit sehr viel Sehnsucht

Euer Walter

__________

Rongai, den 25. Mai 1938

Meine liebe Ina, meine liebe Käte!

Wenn Euch dieser Brief erreicht, sind Jettel und Regina, so Gott will, schon unterwegs. Ich kann mir denken, wie Euch zumute ist, aber in Worte kann ich nicht fassen, was mich bewegt, wenn ich an Euch und Breslau denke. Ihr habt Jettel geholfen, die Zeit unserer Trennung zu ertragen, und wie ich meine verwöhnte Jettel kenne, hat sie es Euch bestimmt nicht leichtgemacht.

Sorgt Euch nicht um Jettel. Ich bin bester Hoffnung, daß sie sich hier einleben wird. Bestimmt hat sie durch die Erfahrungen der letzten Jahre und besonders der letzten Monate begriffen, daß nur eines zählt, nämlich, daß wir zusammen und in Sicherheit sind. Ich weiß, liebe Ina, daß Du Dir oft Sorgen machst, weil ich ein Hitzkopf bin und Jettel ein störrisches Kind ist, das schnell die Fassung verliert, wenn es nicht nach seinem Willen geht, aber mit unserer Ehe hat das nichts zu tun.

Jettel war die große Liebe meines Lebens und wird es auch immer bleiben. So schwer sie es mir auch manchmal macht.

Du siehst, die ewige afrikanische Sonne öffnet Herz und Mund, aber ich finde, manche Dinge muß man beizeiten aussprechen. Und da ich gerade dabei bin: eine bessere Schwiegermutter als Du, meine geliebte Ina, gibt es nicht noch einmal. Ich spreche hier nicht von Deinen Bratkartoffeln, sondern von meiner ganzen Studentenzeit. Ich war neunzehn Jahre alt, als ich in Dein Haus kam und Du mir das Gefühl gabst, ich sei Dein Sohn. Wie lange scheint das her, und wie wenig habe ich Dir Deine Güte entgelten können.

Ihr braucht jetzt alle Kraft für Euch selbst. Große Hoffnung setzte ich auf Euren Briefwechsel mit Amerika. Nutzt jede Möglichkeit. Ich weiß, daß Du nicht viel vom Beten hältst, Ina, aber ich kann es nicht lassen, Gott um seinen Beistand zu bitten. Hoffentlich gibt er mir eines Tages Gelegenheit, ihm zu danken.

Jettel und Regina werden hier wie Fürsten empfangen werden. Für Regina habe ich ein wunderbares Bett aus Zedernholz mit einer Krone am Kopfende bauen lassen. (Ich habe hier zwar nichts zum Leben, darf aber so viele Bäume fällen, wie ich will.) Die Krone habe ich auf Papier gezeichnet, und Owuor, mein treuer Boy und Kamerad, hat einen fast nackten Riesen mit einem Messer angeschleppt, der unsere Krone schnitzte. So ein schönes Stück gibt es bestimmt in ganz Breslau nicht. Für Jettel haben wir den Pfad zwischen dem Wohngebäude und dem Plumpsklo mit Brettern gepflastert, damit sie nicht im Lehm versinkt, wenn sie in der Regenzeit muß. Hoffentlich erschrickt sie nicht zu sehr, wenn sie erlebt, daß man hier selbst die kleinsten Geschäfte genau berechnen muß. Zwischen Haus und Klo läuft man drei Minuten. Bei Durchfall weniger.

Grüßt mir das Rathaus und alle, die den Meinen beigestan-den haben. Und gebt gut auf Euch acht. Wie dumm komme ich mir vor, so etwas zu schreiben, aber wie soll man ausdrücken, was man empfindet?

In großer Liebe Euer Walter

__________

Rongai, den 20. Juli 1938

Meine geliebte Jettel!

Heute erhielt ich Deinen Brief aus Southampton. Kann ein einzelner Mensch so dankbar, glücklich und erleichtert sein? Endlich, endlich, endlich. Wir können uns wieder ohne Angst schreiben. Ich bewundere Dich sehr, daß du mir die Häfen angegeben hast, in denen die »Adolf Woermann« Post aufnimmt. Auf die Idee bin ich damals nicht gekommen. Dieser Brief geht also nach Tanger. Wenn die Post sich nach meinen Berechnungen richtet, müßte er Dich gut dort erreichen. Um Dir nach Nizza zu schreiben, wäre die Zeit zu knapp gewesen. Hoffentlich bist Du nicht zu enttäuscht. Ich weiß inzwischen sehr gut, wie es ist, wenn man auf Post wartet.

In Tanger wird Regina die ersten schwarzen Menschen sehen. Hoffentlich erschrickt unser kleiner Angsthase nicht zu sehr. Ich habe mich sehr gefreut, daß sie die Aufregungen der Abfahrt gut überstanden hat. Vielleicht haben wir sie immer für zarter gehalten, als sie ist. Wie es Dir zumute war, kann ich mir denken. Daß Deine Mutter Dich nach Hamburg begleitet hat, ist mir sehr nahegegangen. Daß ein Herz ohne Hoffnung immer noch an andere denken kann!

Laß Dir keine grauen Haare wachsen, weil Du nun doch nicht den Eisschrank gekauft hast. Wir legen Fleisch und Butter einfach in Dein neues Abendkleid und hängen das Ganze in der prallen Sonne in den Wind. So kühlt man hier wirklich Lebensmittel, wenn auch nicht in Seidenstoffen, aber wir können es ja versuchen. Dann hast Du das Gefühl, daß so ein Abendkleid wenigstens zu etwas nutze ist. Gestern habe ich Bananen gekauft. Nicht ein Pfund und nicht ein Kilo, sondern einen ganzen Stamm mit mindestens fünfzig Stück. Regina wird staunen, wenn sie so etwas sieht. Von Zeit zu Zeit kommen Frauen mit riesigen Bananenstauden vorbei und bieten sie auf den Farmen an. Beim erstenmal sind alle Schwarzen zusammengelaufen und haben sich fast totgelacht, weil ich nur drei Stück kaufen wollte. Die Bananen sind sehr billig (selbst für Nebbiche) und ganz grün, aber sie schmecken wunderbar. Ich wollte, alles würde hier so gut schmecken.

Ich glaube, Owuor freut sich, daß Ihr kommt. Mit mir war er drei Tage lang böse. Als ich nämlich endlich genug Suaheli gelernt hatte, um ganze Sätze zu bilden, habe ich ihm verraten, daß ich nicht jeden Tag den gleichen Pudding will. Das hat ihn vollkommen aus der Fassung gebracht. Immer wieder warf er mir vor, daß ich seinen Pudding schon am ersten Tag gelobt hätte. Dabei ahmte er meine schmatzenden Geräusche von unserer ersten Puddingbegegnung nach und sah mich höhnisch an. Ich stand wie ein begossener Pudel da und wußte natürlich nicht, was Abwechslung auf Suaheli heißt, falls es dieses Wort überhaupt gibt.

Es dauert sehr lange, ehe man die Mentalität der Menschen hier versteht, aber sie sind sehr liebenswert und bestimmt auch klug. Vor allem kämen sie nie auf die Idee, Menschen einzusperren oder sie aus dem Land zu jagen. Ihnen ist es egal, ob wir Juden oder Refugees oder unglücklicherweise gleich beides sind. An guten Tagen glaube ich manchmal, daß ich mich an dieses Land gewöhnen könnte. Vielleicht haben die Schwarzen eine Medizin (heißt hier Daua) gegen Erinnerungen.

Jetzt muß ich Dir noch von einem ganz großen Erlebnis erzählen. Vor einer Woche stand plötzlich Heini Weyl vor mir. Genau der mit dem großen Wäschegeschäft am Tauentzien-platz, den ich damals auf Vaters Rat hin aufsuchte, als ich gelöscht wurde und nicht wußte, wohin wir auswandern sollten. Heini hat mir ja damals zu Kenia geraten, weil man ja nur fünfzig Pfund pro Kopf brauchte.

Er ist schon seit elf Monaten im Land und hat versucht, in einem Hotel unterzukommen, was jedoch nicht geklappt hat. Kellner zu sein gilt als nicht standesgemäß für Weiße, und für die besseren Positionen muß man Englisch können. Nun hat er eine Stellung als Manager (ist hier jeder, selbst ich) auf einer Goldmine in Kisumu gefunden. Seinen Optimismus hat er behalten, obwohl Kisumu ein schrecklich heißes Klima haben soll und als Malariagegend verrufen ist. Weil Rongai auf dem Weg von Nairobi nach Kisumu ist, hat Heini in einem Wagen, den er für sein letztes Geld gekauft hat, mit seiner Frau Ruth bei mir Station gemacht. Wir haben die ganze Nacht gequatscht und uns von Breslau erzählt.

Owuor vergaß seinen Puddingärger und kam mit einem Huhn an, obwohl die ja nur für Mr. Morrison geschlachtet werden dürfen. Er behauptete, das Huhn sei ihm direkt vor die Füße gelaufen und tot umgefallen.

Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was Besuch auf der Farm bedeutet. Man kommt sich wie ein Toter vor, der wieder zum Leben erweckt worden ist.

Leider haben Weyls erzählt, daß Fritz Feuerstein und die beiden Brüder Hirsch verhaftet worden sind. Wie ich aus einem Brief von Schlesingers aus Leobschütz weiß, haben sie auch Hans Wohlgemut und seinen Schwager Siegfried geholt. Ich weiß das schon lange, aber ich hatte Angst, Dir von Verhaftungen zu schreiben, solange Du noch in Breslau warst. So habe ich Dir auch nie berichtet, daß unser guter, treuer Greschek, der es sich ja bis zum Schluß nicht nehmen ließ, zu einem jüdischen Anwalt zu gehen, mich im Zug bis nach Genua begleitet hat. Und einen Brief hierher hat er mir auch geschrieben. Hoffentlich versteht er, daß ich ihm um seinetwillen nicht geantwortet habe.

Was sind wir doch für Glückskinder, daß wir uns wieder ohne Angst schreiben können. Was spielt es da für eine Rolle, daß Du Dir auf der »Adolf Woermann« anhören mußt, wie die Nazis an Deinem Tisch das Hitlerbild anschwärmen? Du mußt wirklich lernen, Kränkungen nicht mehr wichtig zu nehmen. Das können sich nur reiche Leute leisten. Es zählt allein, daß Ihr auf der »Adolf Woermann« seid, und nicht, wer mitfährt.

In einem Monat wirst Du die Leute, die Dir auf den Magen schlagen, nicht mehr sehen. Owuor weiß überhaupt nicht, wie man Menschen kränkt.

Süßkind ist bester Hoffnung, daß sein Chef ihm erlauben wird, mit dem Wagen nach Mombasa zu fahren. Dann können wir Euch beide abholen und direkt hierherbringen. Direkt bedeutet übrigens eine Reise von mindestens zwei Tagen auf unge-teerten Straßen, aber wir können eine Nacht in Nairobi bei einer Familie Gordon unterkommen. Gordons leben schon vier Jahre dort und sind immer bereit, Neuankömmlingen zu helfen. Sollte Süßkinds Chef nicht einsehen, daß ein Refugee nach Monaten der Todesangst das Bedürfnis hat, seine Frau und sein Kind in die Arme zu schließen, dann sei nicht traurig. Einer von der Jüdischen Gemeinde wird Euch in Mombasa in den Zug nach Nairobi setzen und dann für die Weiterfahrt nach Rongai sorgen. Die Gemeinden sind hier großartig. Schade, daß das nur für die Ankunft gilt.

Ich zähle nicht mehr die Wochen, sondern die Tage und Stunden, bis wir uns wiedersehen, und komme mir dabei wie der Bräutigam vor der Hochzeitsnacht vor.

Sei innigst umarmt von Deinem alten Walter

2

»Toto«, lachte Owuor, als er Regina aus dem Auto hob. Er warf sie ein kleines Stück dem Himmel entgegen, fing sie wieder auf und drückte sie an sich. Seine Arme waren weich und warm, die Zähne sehr weiß. Die großen Pupillen der runden Augen machten sein Gesicht hell, und er trug eine hohe, dunkelrote Kappe, die wie einer jener umgestülpten Eimer aussah, die Regina vor der großen Reise im Sandkasten zum Kuchenbacken genommen hatte. Von der Kappe schaukelte eine schwarze Bommel mit feinen Fransen; sehr kleine schwarze Locken krochen unter dem Rand hervor. Über seiner Hose trug Owuor ein langes weißes Hemd, genau wie die fröhlichen Engel in den Bilderbüchern für artige Kinder. Owuor hatte eine flache Nase, dicke Lippen und einen Kopf, der wie ein schwarzer Mond aussah. Sobald die Sonne die Schweißtropfen auf der Stirn glänzen ließ, verwandelten sie sich in bunte Perlen. Noch nie hatte Regina so winzige Perlen gesehen.

Der herrliche Duft, der Owuors Haut entströmte, roch wie Honig, verjagte Angst und ließ ein kleines Mädchen zu einem großen Menschen werden. Regina machte ihren Mund weit auf, um den Zauber besser schlucken zu können, der Müdigkeit und Schmerzen aus dem Körper trieb. Erst spürte sie, wie sie in Owuors Armen stark wurde, und dann merkte sie, daß ihre Zunge fliegen gelernt hatte.

»Toto«, wiederholte sie das schöne, fremde Wort.

Sanft stellte sie der Riese mit den mächtigen Händen und der glatten Haut auf die Erde. Er ließ ein Lachen aus der Kehle, das ihre Ohren kitzelte. Die hohen Bäume drehten sich, die Wolken fingen an zu tanzen, und schwarze Schatten jagten sich in der weißen Sonne.

»Toto«, lachte Owuor wieder. Seine Stimme war laut und gut, ganz anders als die der weinenden und flüsternden Menschen in der großen grauen Stadt, von der Regina nachts träumte.

»Toto«, jubelte Regina zurück und wartete gespannt auf Owuors sprudelnde Fröhlichkeit.

Sie riß die Augen so weit auf, daß sie glitzernde Punkte sah, die im hellen Licht zu einem Ball aus Feuer wurden, ehe sie verschwanden. Papa hatte seine kleine weiße Hand auf Mamas Schulter gelegt. Das Wissen, wieder Papa und Mama zu haben, erinnerte Regina an Schokolade. Erschrocken schüttelte sie den Kopf und spürte sofort einen kalten Wind auf der Haut. Ob der schwarze Mann im Mond nie mehr lachen würde, wenn sie an Schokolade dachte? Die gab es nicht für arme Kinder, und Regina wußte, daß sie arm war, weil ihr Vater nicht mehr Rechtsanwalt sein durfte. Mama hatte ihr das auf dem Schiff erzählt und sie sehr gelobt, weil sie alles so gut verstanden und keine dummen Fragen gestellt hatte, doch nun, in der neuen Luft, die gleichzeitig heiß und feucht war, konnte sich Regina nicht mehr an das Ende der Geschichte erinnern.

Sie sah nur, daß die blauen und roten Blumen auf dem weißen Kleid ihrer Mutter wie Vögel umherflogen. Auch auf Papas Stirn leuchteten winzige Perlen, nicht so schön und bunt wie auf Owuors Gesicht, aber doch lustig genug, um zu lachen.

»Komm, Kind«, hörte Regina ihre Mutter sagen, »wir müssen sehen, daß du sofort aus der Sonne kommst«, und sie merkte, daß ihr Vater nach ihrer Hand griff, doch die Finger gehörten ihr nicht mehr. Sie klebten an Owuors Hemd fest.

Owuor klatschte in die Hände und gab ihr die Finger zurück.

Die großen schwarzen Vögel, die auf dem kleinen Baum vor dem Haus gehockt hatten, flogen kreischend zu den Wolken, und dann flogen Owuors nackte Füße über die rote Erde. Im Wind wurde das Engelshemd eine Kugel. Owuor weglaufen zu sehen, war schlimm.

Regina spürte den scharfen Schmerz in der Brust, der immer vor einem großen Kummer kam, aber sie erinnerte sich rechtzeitig, daß ihre Mutter gesagt hatte, sie dürfe in ihrem neuen Leben nicht mehr weinen. So kniff sie die Augen zu, um die Tränen einzusperren. Als sie wieder sehen konnte, kam Owuor durch das hohe gelbe Gras. In seinen Armen lag ein kleines Reh.

»Das ist Suara. Suara ist ein Toto wie du«, sagte er, und obwohl Regina ihn nicht verstand, breitete sie die Arme aus. Owuor gab ihr das zitternde Tier. Es lag auf dem Rücken, hatte dünne Beine und so kleine Ohren wie die Puppe Anni, die nicht mit auf die Reise hatte kommen dürfen, weil kein Platz mehr in den Kisten gewesen war. Noch nie hatte Regina ein Tier angefaßt. Aber sie spürte keine Angst. Sie ließ ihr Haar über die Augen des kleinen Rehs fallen und berührte seinen Kopf mit ihren Lippen, als hätte sie schon lange danach verlangt, nicht mehr nach Hilfe zu rufen, sondern Schutz zu geben.

»Es hat Hunger«, flüsterte ihr Mund. »Ich auch.«

»Großer Gott, das hast du in deinem ganzen Leben nicht gesagt.«

»Mein Reh hat das gesagt. Ich nicht.«

»Du bringst es hier noch weit, scheue Prinzessin. Du redest jetzt schon wie ein Neger«, sagte Süßkind. Sein Lachen war anders als das von Owuor, aber auch gut für die Ohren.

Regina drückte das Reh an sich und hörte nichts mehr als die regelmäßigen Schläge, die aus seinem warmen Körper kamen. Sie machte ihre Augen zu. Ihr Vater nahm das schlafende Tier aus ihren Armen und gab es Owuor. Dann hob er Regina hoch, als sei sie ein kleines Kind, und trug sie ins Haus.

»Fein«, jubelte Regina, »wir haben Löcher im Dach. So etwas hab’ ich noch nie gesehen.«

»Ich auch nicht, bis ich herkam. Warte nur ab, in unserem zweiten Leben ist alles anders.«

»Unser zweites Leben ist so schön.«

Das Reh hieß Suara, weil Owuor es am ersten Tag so genannt hatte. Suara lebte in einem großen Stall hinter dem kleinen Haus, leckte mit warmer Zunge Reginas Finger ab, trank Milch aus einer kleinen Blechschüssel und konnte schon nach einigen Tagen an zarten Maiskolben kauen. Jeden Morgen machte Regina die Stalltür auf. Dann sprang Suara durch das hohe Gras und rieb bei der Heimkehr den Kopf an Reginas braunen Hosen. Sie trug die Hosen seit dem Tag, an dem der große Zauber begonnen hatte. Wenn abends die Sonne vom Himmel fiel und die Farm in einen schwarzen Mantel hüllte, ließ sich Regina von ihrer Mutter die Geschichte von Brüderchen und Schwesterchen erzählen. Sie wußte, daß sich auch ihr Reh in einen Jungen verwandeln würde.

Als Suaras Beine länger waren als das Gras hinter den Bäumen mit den Dornen und Regina schon die Namen von so vielen Kühen kannte, daß sie ihrem Vater beim Melken sagen mußte, wie sie hießen, brachte Owuor den Hund mit weißem Fell und schwarzen Flecken. Seine Augen hatten die Farbe heller Sterne. Die Schnauze war lang und feucht. Regina schlang ihre Arme um den Hals, der so rund und warm war wie Owuors Arme. Mama rannte aus dem Haus und rief: »Du hast doch Angst vor Hunden.«

»Hier nicht.«

»Den nennen wir Rummler«, sagte Papa mit einer so tiefen Stimme, daß Regina sich verschluckte, als sie zurücklachte. »Rummler«, kicherte sie, »ist ein schönes Wort. Genau wie Suara.«

»Rummler ist aber Deutsch. Dir gefällt doch nur noch Suaheli.«

»Rummler gefällt mir auch.«

»Wie kommst du auf Rummler?« fragte Mama. »Das war doch der Kreisleiter in Leobschütz.«

»Ach, Jettel, wir brauchen unsere Spiele. Jetzt können wir den ganzen Tag Rummler, du Mistkerl, rufen und uns freuen, daß uns keiner verhaften kommt.«

Regina seufzte und streichelte den großen Kopf des Hundes, der mit seinen kurzen Ohren die Fliegen vertrieb. Sein Körper dampfte in der Hitze und roch nach Regen.

Papa sagte zu oft Dinge, die sie nicht verstand, und wenn er lachte, kam nur ein kurzer heller Ton, der nicht wie Owuors Gelächter vom Berg zurückprallte. Sie flüsterte dem Hund die Geschichte vom verwandelten Reh zu, und er schaute in die Richtung von Suaras Stall und begriff sofort, wie sehr sich Regina einen Bruder wünschte.

Sie ließ sich vom Wind die Ohren streicheln und hörte, daß ihre Eltern immer wieder Rummlers Namen nannten, aber sie konnte sie nicht richtig verstehen, obwohl die Stimmen sehr deutlich waren. Jedes Wort war wie eine Seifenblase, die sofort platzte, wenn man nach ihr greifen wollte.

»Rummler, du Mistkerl«, sagte Regina schließlich, doch erst als die Gesichter ihrer Eltern so hell wurden wie Lampen mit einem frischen Docht, erkannte sie, daß die drei Worte ein Zauberspruch waren.

Regina liebte auch Aja, die kurz nach Rummler auf die Farm gekommen war. Sie stand eines Morgens vor dem Haus, als die letzte Röte vom Himmel verschwand und die schwarzen Geier auf den Dornakazien den Kopf unter den Flügeln hervorholten. Aja war das Wort für Kinderfrau und schon deshalb schöner als andere, weil es sich ebensogut vorwärts wie rückwärts sprechen ließ. Aja war, genau wie Suara und Rummler, ein Geschenk von Owuor.

Alle reichen Familien auf den großen Farmen mit tiefen Brunnen auf den Rasenflächen vor den mächtigen Häusern aus weißem Stein hatten eine Aja. Ehe Owuor nach Rongai gekommen war, hatte er auf so einer Farm bei einem Bwana gearbeitet, der sich ein Auto und viele Pferde hielt und natürlich eine Aja für seine Kinder.

»Ein Haus ohne Aja ist nicht gut«, hatte er an dem Tag gesagt, als er die junge Frau von den Hütten am Ufer des Flusses anbrachte. Die neue Memsahib, der er beigebracht hatte, »senta sana« zu sagen, wenn sie danken wollte, hatte ihn mit ihren Augen gelobt.

Ajas Augen waren so sanft, kaffeebraun und groß wie die von Suara. Ihre Hände waren zierlich und an den Innenflächen weißer als Rummlers Fell. Sie bewegte sich so schnell wie junge Bäume im Wind und hatte eine hellere Haut als Owuor, obgleich beide zum Stamm der Jaluo gehörten. Wenn der Wind an dem gelben Umhang riß, der an einem dicken Knoten auf Ajas rechter Schulter lag, schaukelten die festen kleinen Brüste wie Kugeln an einem Strick. Aja wurde nie böse oder ungeduldig. Sie sprach wenig, aber die kurzen Laute, die sie aus ihrer Kehle ließ, klangen wie Lieder.

Lernte Regina von Owuor das Sprechen so gut und schnell, daß sie sehr bald von den Menschen besser verstanden wurde als ihre Eltern, so brachte Aja das Schweigen in ihr neues Leben. Jeden Tag nach dem Mittagessen saßen die zwei im runden Schattenfleck vom Dornenbaum, der zwischen dem Haus und dem Küchengebäude stand. Dort konnte die Nase besser als irgendwo sonst auf der Farm den Duft von warmer Milch und gebratenen Eiern jagen. Waren die Nase satt und die Kehle feucht, rieb Regina ihr Gesicht leicht am Stoff von Ajas Umhang. Dann hörte sie zwei Herzen klopfen, ehe sie einschlief. Sie wachte erst auf, wenn die Schatten lang wurden und Rummler ihr Gesicht leckte.

Es folgten die Stunden, in denen Aja aus langen Gräsern kleine Körbe flocht. Ihre Finger rissen kleine Tiere mit winzigen Flügeln aus dem Schlaf, und nur Regina wußte, daß es Luftpferde waren, die mit ihren Wünschen zum Himmel flogen. Aja machte beim Arbeiten kleine, schnalzende Laute mit der Zunge, aber sie bewegte dabei nie die Lippen.

Die Nacht hatte auch ihre immer wiederkehrenden Geräusche. Sobald es dunkel wurde, heulten die Hyänen, und von den Hütten drangen Gesangsfetzen herüber. Selbst im Bett fanden Reginas Ohren noch Nahrung. Weil die Wände im Haus so niedrig waren, daß sie nicht bis zum Dach reichten, hörte sie jedes Wort, das ihre Eltern im Schlafzimmer sprachen.

Auch wenn sie flüsterten, waren die Laute so deutlich wie die Stimmen vom Tage. In guten Nächten klangen sie schläfrig wie das Summen der Bienen und Rummlers Schnarchen, wenn er mit nur wenigen Bewegungen seiner Zunge den Napf geleert hatte. Es gab aber sehr lange und böse Nächte mit Worten, die beim ersten Heulen der Hyänen aufeinander losgingen, Angst machten und erst im Schweigen erstickten, wenn die Sonne die Hähne weckte.

Nach den Nächten mit dem großen Lärm war Walter morgens früher in den Ställen als die Hirten, die die Kühe melkten, und Jettel stand mit roten Augen in der Küche und rührte ihren Zorn in den Milchtopf auf dem rauchenden Ofen. Nach den Qualen der Nacht fand keiner von beiden mehr den Weg zum anderen, ehe die kühle Abendluft von Rongai die Glut des Tages löschte und sich der verwirrten Köpfe erbarmte.

In solchen Momenten einer Versöhnung voller Scham und Verlegenheit blieb Walter und Jettel nur das seltsame Wunder, das die Farm an Regina hatte geschehen lassen. Dankbar teilten sie Staunen und Erleichterung. Das verschüchterte Kind, das zu Hause die Arme hinter dem Rücken verschränkt und den Kopf gesenkt hatte, wenn es von Fremden nur angelächelt wurde, hatte sich als Chamäleon entpuppt. Regina war am Gleichmaß der Tage von Rongai gesundet. Sie weinte selten und lachte, sobald Owuor in ihrer Nähe war. Dann hatte ihre Stimme keinen Hauch von Kindlichkeit und sie selbst eine Entschlossenheit, die Walter neidisch machte.

»Kinder finden sich schnell ab«, sagte Jettel an dem Tag, als Regina erzählte, sie habe Jaluo gelernt, um mit Owuor und Aja in ihrer Sprache reden zu können, »das hat schon meine Mutter gesagt.«

»Dann gibt’s ja noch Hoffnung für dich.«

»Das finde ich nicht komisch.«

»Ich auch nicht.«

Walter bereute seinen kleinen Ausbruch sofort. Er vermißte sein früheres Talent zu harmlosen Scherzen. Seitdem seine Ironie bissig geworden war und Jettels Unzufriedenheit sie unberechenbar machte, hielten beider Nerven nicht mehr die kleinen Sticheleien aus, die ihnen in besseren Zeiten selbstverständlich gewesen waren.

Zu kurz hatten Walter und Jettel das Glück des Wiederfindens erleben dürfen, ehe die Niedergeschlagenheit zurückkehrte, die sie peinigte. Ohne daß sie es sich einzugestehen wagten, litten beide noch mehr an der erzwungenen Gemeinsamkeit, die die Einsamkeit auf der Farm ihnen abforderte, als an der Einsamkeit selbst.

Sie waren es nicht gewöhnt, sich vollkommen aufeinander einzustellen, und mußten doch jede Stunde des Tages ohne die Anregungen und Abwechslungen der Welt außerhalb ihrer Gemeinschaft miteinander verbringen. Der kleinstädtische Klatsch, den sie in den ersten Jahren ihrer Ehe belächelt und oft sogar als lästig empfunden hatten, erschien ihnen im Rückblick heiter und spannend. Es gab keine kurzen Trennungen mehr und so auch nicht die Wiedersehensfreude, die den Streitereien den Stachel genommen hatten und die ihnen in der Erinnerung wie harmlose Plänkeleien erschienen.

Walter und Jettel hatten sich seit dem Tag gestritten, an dem sie sich kennengelernt hatten. Sein aufbrausendes Temperament duldete keinen Widerspruch; sie hatte die Selbstsicherheit einer Frau, die ein auffallend schönes Kind gewesen und von ihrer früh verwitweten Mutter vergöttert worden war. In der langen Verlobungszeit hatten sie die Auseinandersetzungen über Banalitäten und ihrer beider Unfähigkeit zum Einlenken noch beschwert, ohne daß sie einen Ausweg gefunden hatten. Erst in der Ehe lernten sie das vertraute Wechselspiel zwischen kleinen Kämpfen und belebenden Versöhnungen als Teil ihrer Liebe zu akzeptieren.

Als Regina geboren wurde und sechs Monate später Hitler an die Macht kam, fanden Walter und Jettel mehr Halt aneinander als zuvor, ohne sich bewußt zu werden, daß sie bereits Außenseiter im vermeintlichen Paradies waren. Erst im monotonen Lebensrhythmus von Rongai erkannten sie, was tatsächlich geschehen war. Sie hatten fünf Jahre lang die Kraft ihrer Jugend für die Illusion eingesetzt, sich eine Heimat zu erhalten, die sie schon längst verstoßen hatte. Nun wurden beide von der Kurzsichtigkeit und dem Wissen beschämt, daß sie nicht hatten sehen wollen, was viele bereits sahen.

Die Zeit hatte leichtes Spiel mit ihren Träumen gehabt. Im Westen Deutschlands wurden schon am 1. April 1933 mit dem Boykott der jüdischen Geschäfte die Weichen für die Zukunft ohne Hoffnung gestellt. Jüdische Richter wurden aus dem Amt, Professoren von den Universitäten gejagt, Anwälte und Ärzte verloren ihre Existenz, Kaufleute ihre Geschäfte und alle Juden die anfängliche Zuversicht, der Schrecken würde nur von kurzer Dauer sein. Die Juden in Oberschlesien blieben jedoch dank des Genfer Minderheitenschutzabkommens zunächst vor einem Schicksal verschont, das sie nicht fassen konnten.

Walter begriff nicht, daß er dem Schicksal der Verfemten nicht entkommen konnte, als er seine Praxis in Leobschütz aufzubauen begann und sogar Notar wurde. So waren in seinen Erinnerungen die Leobschützer — freilich mit einigen Ausnahmen, die er namentlich aufzählen konnte und es in Rongai auch immer wieder tat — freundliche und tolerante Menschen. Trotz der auch in Oberschlesien beginnenden Hetze gegen die Juden, hatten es sich einige, deren Anzahl in seinem Gedächtnis immer größer wurde, nicht nehmen lassen, zu einem jüdischen Anwalt zu gehen. Er hatte sich mit einem Stolz, der ihm im Rückblick ebenso unwürdig wie vermessen erschien, zu den Ausnahmen der vom Schicksal Verdammten gezählt.

Am Tag, als das Genfer Minderheitenschutzabkommen auslief, erhielt Walter seine Löschung als Anwalt. Das war seine erste persönliche Konfrontation mit dem Deutschland, das er nicht hatte wahrhaben wollen. Der Schlag war vernichtend. Daß sein Instinkt ebenso versagt hatte wie sein Verantwortungsbewußtsein für die Familie, empfand er als sein nie wieder gutzumachendes Versagen.

Jettel hatte mit ihrer Lust am Leben noch weniger Sinn für die Bedrohung gehabt. Ihr hatte es genügt, umschwärmter Mittelpunkt eines kleinen Kreises von Freunden und Bekannten zu sein. Als Kind hatte sie, eher zufällig als beabsichtigt, nur jüdische Freundinnen gehabt, nach der Schule bei einem jüdischen Anwalt eine Lehre gemacht und durch Walters Studentenverbindung, den KC, wiederum nur mit Juden Kontakt gepflegt. Ihr machte es nichts aus, daß sie nach 1933 nur mit den Leobschützer Juden verkehren konnte. Die meisten waren im Alter ihrer Mutter und empfanden Jettels Jugend, ihren Charme und ihre Freundlichkeit als belebend. Zudem war Jettel schwanger und rührend in ihrer Kindlichkeit. Bald wurde sie von den Leobschützern ebenso verwöhnt wie von ihrer Mutter, und sie genoß, im Gegensatz zu ihren anfänglichen Befürchtungen, das kleinstädtische Leben. Und sobald sie sich langweilte, fuhr sie nach Breslau.

Sonntags ging es oft nach Tropau. Es war nur ein kurzer Spaziergang zur tschechischen Grenze. Dort gab es zum schmackhaften Schnitzel und der großen Tortenauswahl wenigstens für Jettel immer zusätzlich die Illusion, daß auch die Auswanderung, von der man schon deshalb gelegentlich sprechen mußte, weil so viele Bekannte es taten, nicht sehr viel anders sein würde als die heiteren Ausflüge in das gastliche Nachbarland.

Nie wäre Jettel auf die Idee gekommen, daß Bedürfnisse wie der tägliche Einkauf, Einladungen zu Freunden, die Reisen nach Breslau, Kinobesuche und ein teilnahmsvoller Hausarzt am Bett, sobald die Patientin nur erhöhte Temperatur hatte, nicht gestillt werden könnten. Erst der Umzug nach Breslau als Vorstufe zur Auswanderung, die verzweifelte Suche nach einem Land, das zur Aufnahme von Juden bereit war, die Trennung von Walter und schließlich die Angst, ihn nie mehr wiederzusehen und mit Regina allein in Deutschland zurückbleiben zu müssen, rüttelten Jettel wach. Sie begriff, was in den Jahren geschehen war, in denen sie eine Gegenwart genossen hatte, die schon lange keine Zukunft mehr versprach. Und so schämte sich auch Jettel, die sich für lebensklug gehalten und die geglaubt hatte, einen sicheren Instinkt für Menschen zu haben, im nachhinein ihrer Sorglosigkeit und Gutgläubigkeit.

In Rongai wucherten ihre Selbstvorwürfe und Unzufriedenheit wie das wilde Gras. In den drei Monaten, die sie auf der Farm war, hatte Jettel nichts anderes gesehen als Haus, Kuhstall und den Wald. Sie hatte einen ebenso großen Widerwillen gegen die Trockenheit, die bei ihrer Ankunft den Körper kraftlos und den Kopf willenlos gemacht hatte, wie gegen den bald darauf einsetzenden großen Regen. Er reduzierte das Leben auf den aussichtslosen Kampf gegen den Lehm und das fruchtlose Bemühen, das Holz für den Ofen in der Küche trocken zu bekommen.

Immer da war die Furcht vor Malaria und daß Regina todkrank werden könnte. Vor allem lebte Jettel in der ständigen Panik, Walter könnte seine Stellung verlieren und sie müßten alle drei von Rongai fort und hätten keine Unterkunft. Mit ihrem geschärften Sinn für die Realität erkannte Jettel, daß Mr. Morrison, der bei seinen Besuchen selbst zu Regina unfreundlich war, ihren Mann für die Geschehnisse auf der Farm verantwortlich machte.

Für den Mais war es erst zu trocken gewesen und dann zu naß. Vom Weizen war die Saat nicht aufgegangen. Die Hühner hatten eine Augenkrankheit; mindestens fünf Stück verendeten täglich. Die Kühe gaben nicht genug Milch. Die letzten vier neugeborenen Kälber waren keine zwei Wochen alt geworden. Der Brunnen, den Walter auf Mr. Morrisons Wunsch hatte bohren lassen, gab kein Wasser. Größer wurden nur die Löcher im Dach.

Der Tag, als das erste Buschfeuer nach dem großen Regen den Menengai zur roten Wand machte, war besonders heiß. Trotzdem stellte Owuor Stühle für Walter und Jettel vor das Haus. »Ein Feuer muß man ansehen, wenn es lange geschlafen hat«, sagte er.

»Warum bleibst du dann nicht hier?«

»Meine Beine müssen fort.«

Der Wind war zu stark für die Stunde vor Sonnenuntergang, der Himmel grau vom schweren Rauch, der in dichten Wolken über die Farm rollte. Die Geier flogen von den Bäumen. Im Wald kreischten die Affen, und auch die Hyänen heulten zu früh. Die Luft war stechend. Sie machte das Sprechen schwer, aber plötzlich sagte Jettel sehr laut: »Ich kann nicht mehr.«

»Mußt keine Angst haben. Das erstemal habe ich auch gedacht, das Haus brennt ab, und wollte die Feuerwehr holen.«

»Ich rede nicht vom Feuer. Ich halte es hier nicht mehr aus.«

»Du mußt, Jettel. Wir werden nicht mehr gefragt.«

»Aber was soll hier aus uns werden? Du verdienst keinen Cent, und unser letztes Geld ist bald weg. Wie sollen wir Regina in die Schule schicken? Das ist doch kein Leben für ein Kind, immer nur mit Aja unter dem Baum zu hocken.«

»Glaubst du, ich weiß das nicht? Die Kinder müssen bei den großen Entfernungen hier ins Internat. Das nächste ist in Nakuru und kostet fünf Pfund im Monat. Süßkind hat sich erkundigt. Wenn kein Wunder geschieht, können wir uns das auch in einigen Jahren nicht leisten.«

»Immer warten wir auf Wunder.«

»Jettel, so kurz hat uns der liebe Gott damit nicht gehalten. Sonst wärst du nicht hier, um dich zu beklagen. Wir leben, und das ist die Hauptsache.«

»Ich kann«, würgte Jettel, »das schon nicht mehr hören. Wir leben. Wozu? Um uns über tote Kälber und krepierte Hühner aufzuregen? Ich komme mir auch schon wie tot vor. Manchmal wünsche ich es mir sogar.«

»Jettel, sag das nie wieder. Um Himmels willen, versündige dich nicht.«

Walter stand auf und zog Jettel von ihrem Stuhl hoch. Er war reglos in seiner Verzweiflung und ließ es zu, daß die Wut in ihm Gerechtigkeit, Güte und Vernunft verbrannte. Dann aber sah er, daß Jettel weinte, ohne daß sie schluchzen konnte. Ihr bleiches Gesicht und ihre Hilflosigkeit rührten ihn. Endlich empfand er genug Mitleid, um seine Vorwürfe und den Zorn hinunterzuschlucken. Mit einer Sanftheit, die ihn ebenso betroffen machte wie zuvor seine Heftigkeit, zog Walter seine Frau an sich. Einen kurzen Moment wärmte er sich an der von früher her noch vertrauten Erregung, ihren Körper an seinem zu spüren, doch dann verweigerte ihm sein Kopf auch diesen Trost.

»Wir sind davongekommen. Wir haben die Verpflichtung weiterzumachen.«

»Was soll das schon wieder heißen?«

»Jettel«, sagte Walter leise und erkannte, daß er die Tränen, die ihn seit Tagesanbruch drückten, nicht mehr würde lange halten können, »gestern haben in Deutschland die Synagogen gebrannt. Sie haben die Scheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen und Menschen aus ihren Wohnungen geholt und halb totgeprügelt. Ich wollte es dir schon den ganzen Tag sagen, aber ich konnte nicht.«

»Woher weißt du? Wie kannst du so etwas sagen? Woher willst du das auf dieser verdammten Farm erfahren haben?«

»Ich habe heute früh um fünf den Schweizer Sender reinbekommen.«

»Sie können doch nicht einfach Synagogen anzünden. Kein Mensch kann so etwas tun.«

»Doch sie können. Diese Teufel können. Für die sind wir keine Menschen mehr. Die brennenden Synagogen sind nur der Anfang. Die Nazis sind nicht mehr zu bremsen. Siehst du jetzt ein, daß es keine Rolle spielt, wann und ob Regina lesen lernt?«

Walter scheute sich, Jettel anzuschauen, doch als er es schließlich wagte, merkte er, daß sie nicht begriffen hatte, was er ihr hatte sagen wollen. Für ihre Mutter und Käte, für seinen Vater und Liesel gab es keine Hoffnung mehr, der Hölle zu entkommen. Seitdem er morgens das Radio ausgeschaltet hatte, war Walter bereit gewesen, seine Pflicht zu erfüllen, die Wahrheit auszusprechen, aber der Moment der Herausforderung lähmte seine Zunge. Es war die Sprachlosigkeit, die ihn vernichtete, nicht der Schmerz.

Erst als es Walter gelang, seine Augen von Jettels bebendem Körper wegzuzwingen, fühlte er Leben in seinen Gliedern. Seine Ohren empfingen wieder Geräusche. Er hörte den Hund bellen, die Geier schreien, Stimmen von den Hütten und den dumpfen Klang der Trommeln aus dem Wald.

Owuor rannte durch das verdorrte Gras auf das Haus zu. Sein weißes Hemd leuchtete im letzten Licht des Tages. Er ähnelte so sehr den Vögeln, die sich groß machten, daß Walter sich beim Lächeln erwischte.

»Bwana«, keuchte Owuor, »Sigi na kuja.«

Es war gut, die Ratlosigkeit in den Augen vom Bwana zu sehen. Owuor liebte diesen Ausdruck, weil er seinen Bwana so dumm machte wie einen Esel, der noch die Milch der Mutter trinkt, und ihn selbst so klug wie die Schlange, die lange gehungert hat und durch ihren Kopf vor der Zeit Beute findet. Das schöne Gefühl, mehr zu wissen als der Bwana, war süß wie der Tabak im Mund, der noch lange nicht fertig gekaut ist.

Owuor nahm sich viel Zeit, ehe er sich von seinem Triumph trennte, aber dann verlangte es ihn doch nach der Erregung, die seine Worte auszulösen hatten. Er war schon dabei, sie zu wiederholen, als ihm aufging, daß der Bwana ihn gar nicht verstanden hatte.

So sagte Owuor nur »Sigi« und holte umständlich eine Heuschrecke aus seiner Hosentasche. Es war nicht leicht gewesen, sie beim Rennen am Leben zu halten, aber sie schlug noch mit den Flügeln.

»Das ist«, erklärte Owuor mit der Stimme einer Mutter, die ein dummes Kind hat, »eine Sigi. Sie war die erste. Ich habe sie für dich gefangen. Wenn die anderen da sind, fressen sie alles auf.«

»Was sollen wir machen?«

»Großer Lärm ist gut, aber ein Mund ist zu klein. Es hilft nichts, Bwana, wenn du allein schreist.«

»Owuor, hilf mir, ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Man kann die Sigi vertreiben«, erklärte Owuor und sprach nun genau wie Aja, wenn sie Regina vom Schlaf zurück in die Hitze holte. »Wir brauchen Töpfe und Löffel und müssen sie schlagen. Wie Trommeln. Noch besser ist es, wenn Glas zerbricht. Jedes Tier hat Angst, wenn Glas stirbt. Hast du das nicht gewußt, Bwana?«

3

Als am Tag nach den Heuschrecken die Sonne aufging, wußten alle auf den Schambas und in den Hütten, dazu die Trommeln aus den Wäldern von den fernen Nachbarfarmen, daß Owuor mehr war als nur ein Hausboy, der in den Töpfen rührte und aus zahmen kleinen Blasen wütende Löcher machte. Im Kampf gegen die Sigi war er schneller gewesen als die Pfeile der Massai. Owuor hatte die Männer und Frauen und auch alle Kinder, die schon laufen konnten, ohne dabei nach dem Tuch um die Hüften der Mutter zu greifen, zu Kriegern gemacht.

Ihre Schreie und der gewaltige Lärm von Töpfen, der Schall schwerer Eisenstangen, die aufeinandergeschlagen wurden, am meisten das schrille Gewitter von splitternden Glasscherben auf den großen Steinen hatten die Heuschrecken vertrieben, ehe sie auf die Schambas mit Mais und Weizen niederkamen. Sie waren weitergeflogen wie verirrte Vögel, die zu schwach sind, um ihr Ziel noch zu kennen.

Am Tag, als der Bwana wie ein Kind brüllte, das am eigenen Zorn verbrennt und Owuor zum rächenden Retter wurde, hatte er seinen Kämpfern sogar die runden Krals, in denen abends das Poscho gekocht wurde, in die Hand gedrückt. Nach dem großen Sieg hatte Owuor die Nacht nicht mit Schlafen vertan und auch seine Ohren nicht für die lauten Scherze der Freunde geöffnet. Zu sehr berauschte ihn das Wissen, daß er zaubern konnte, zu süß war der Geschmack im Mund, wenn er seine Zunge das Wort »Sigi« sagen ließ.

Am Tag nach dieser herrlich langen Nacht kehrte der Bwana zurück vom Melken, ehe die letzte Milch im Eimer war. Er rief Owuor ins Haus, als er gerade das Lied für die Eier beginnen wollte. Die Memsahib saß auf dem Stuhl mit der roten Decke, die wie ein Stück von der untergehenden Sonne aussah, und lächelte. Regina hockte auf dem Boden mit Rummlers Kopf zwischen den Knien. Sie schüttelte den Hund wach, als Owuor den Raum betrat.

Der Bwana hatte einen dicken schwarzen Ball in der Hand. Er faltete ihn auseinander, machte aus ihm einen Mantel und zog Owuors Hand zu sich, damit sie den Stoff fühlen konnte. Der Mantel war wie die Erde nach dem großen Regen. An den beiden Seiten und am Kragen glänzte ein Stoff, der noch weicher war als der am Rücken; ebenso sanft war die Stimme vom Bwana, als er Owuor den Mantel um die Schultern legte und sagte: »Der ist für dich.«

»Du schenkst mir deinen Mantel, Bwana?«

»Das ist kein Mantel, das ist eine Robe. Ein Mann wie du muß eine Robe tragen.«

Owuor probierte das fremde Wort sofort aus. Weil es weder aus der Sprache der Jaluo stammte noch Suaheli war, machte es ihm große Schwierigkeiten im Mund und in der Kehle. Die Memsahib und das Kind lachten. Auch Rummler öffnete sein Maul, aber der Bwana, der seine Augen auf eine Safari geschickt hatte, stand da wie ein Baum, der nicht hoch genug gewachsen ist, um seine Krone mit der Kühle des Windes zu tränken.

»Robe«, sagte der Bwana, »du mußt es oft sagen. Dann kannst du es so gut wie ich.«

Sieben Nächte lang zog Owuor, wenn er nach der Arbeit zu den Männern in den Hütten ging, hinter einem Busch den schwarzen Mantel an, der sich im Wind so gewaltig aufblähte, daß Kinder, Hunde und auch die alten Männer, die nicht mehr gut sehen konnten, wie verängstigte Vögel kreischten. Sobald der Stoff, der in der Sonne schwarzes Licht gab und selbst bei Mondlicht dunkler war als die Nacht, Hals und Schultern berührte, bemühten sich Owuors Zähne um das fremde Wort. Für Owuor waren Mantel und Wort ein Zauber, von dem er wußte, daß er mit seinem Kampf gegen die Heuschrecken zu tun hatte. Als die Sonne zum achtenmal aufging, wurde das Wort endlich so weich in seinem Mund wie ein kleiner Bissen Poscho. Es war gut, daß er nun dem Drang nachgeben durfte, mehr über den Mantel zu erfahren.

Bis es Zeit war, das Feuer in der Küche zu wecken, ließ sich Owuor vom Wissen satt machen, daß sein Bwana, die Memsahib und das Toto ihn seit einiger Zeit ebensogut verstanden wie Menschen, die keine Angst vor Heuschrecken und großen Ameisen hatten. Eine Weile ließ er noch die Frage wachsen, die seinen Kopf nun schon so lange unruhig machte, aber die Neugierde fraß an seiner Geduld, und er ging den Bwana suchen.

Walter stand am Blechtank und klopfte die Rillen ab, um zu hören, wie lange das Trinkwasser noch reichen würde, als Owuor frage: »Wann hast du die Robe getragen?«

»Owuor, das war meine Robe, als ich noch kein Bwana war. Ich trug die Robe zur Arbeit.«

»Robe«, wiederholte Owuor und freute sich, weil der Bwana endlich begriffen hatte, daß gute Worte zweimal gesagt werden mußten. »Kann ein Mann in der Robe arbeiten?«

»Ja, Owuor, ja. Aber in Rongai kann ich nicht in meiner Robe arbeiten.«

»Hast du mit deinen Armen gearbeitet, als du noch kein Bwana warst?«

»Nein, mit dem Mund. Für eine Robe muß man klug sein. In Rongai bist du klug. Nicht ich.«

Erst in der Küche wurde Owuor klar, weshalb der Bwana so anders war als die weißen Männer, für die er bis dahin gearbeitet hatte. Sein neuer Bwana sagte Worte, die einen Mund beim Zauber des Wiederholens trocken machten, die aber im Ohr und Kopf blieben.

Es dauerte genau acht Tage, bis die Kunde von den besiegten Heuschrecken in Sabbatia ankam und Süßkind nach Rongai trieb, obwohl bei den Kühen auf seiner Farm die ersten Fälle von Ostküstenfieber ausgebrochen waren.

»Mensch«, rief er noch aus dem Auto heraus, »aus dir wird noch ein Farmer. Wie hast du das bloß fertiggebracht? Mir ist das mein Lebtag nicht gelungen. Nach der letzten Regenzeit haben die Biester die halbe Farm leergefressen.«

Es wurde ein Abend voller Harmonie und Heiterkeit. Jettel trennte sich von den letzten Kartoffeln, die sie für eine besondere Gelegenheit aufbewahrt hatte, und brachte Owuor bei, schlesisches Himmelreich zu kochen und erzählte ihm von den getrockneten Birnen, die sie ihrer Mutter immer in dem kleinen Laden an der Goethestraße geholt hatte. Wehmütig, aber doch fröhlich zog sie den weißen Rock mit der rot-blau gestreiften Bluse an, die sie seit Breslau nicht mehr herausgeholt hatte, und durfte sich bald an Süßkinds Bewunderung berauschen.

»Ohne dich«, sagte er, »wüßte ich gar nicht mehr, wie schön eine Frau sein kann. Hinter dir müssen ja alle Männer von Breslau hergewesen sein.«

»So war es«, bestätigte Walter, und Jettel genoß es, daß seine Eifersucht nichts von ihrem früheren Ernst verloren hatte.

Regina mußte nicht ins Bett. Sie durfte vor dem Feuer schlafen und stellte sich vor, sobald sie von den Stimmen wach wurde, der Kamin wäre der Menengai und die schwarze Asche nach einem Buschfeuer Schokolade. Sie lernte einige neue Worte für die geheime Kiste in ihrem Kopf. Das Wort Reichsfluchtsteuer gefiel ihr am besten, obwohl es die meiste Mühe beim Merken machte.

Walter erzählte Süßkind von seinem ersten Prozeß in Leobschütz und wie er anschließend den unerwarteten Erfolg mit Greschek bei einem Schlachtfest in Hennerwitz begossen hatte. Süßkind versuchte, sich an Pommern zu erinnern, aber er verwechselte bereits die Jahre, Orte und Menschen, die er aus seinem Gedächtnis holte.

»Wartet ab«, sagte er, »das wird euch bald auch so gehen. Das große Vergessen ist das Beste an Afrika.«

Am Tag danach kam Mr. Morrison auf die Farm. Es gab keinen Zweifel, daß die Rettung der Ernte auch in Nairobi bekannt war, denn er reichte Walter die Hand, was er noch nie getan hatte. Noch auffallender war, daß er im Gegensatz zu seinen früheren Besuchen nun auch Jettels Zeichen verstand, die für ihn Tee gemacht hatte. Er trank ihn aus der Rosenthal-tasse mit den bunten Blumen und schüttelte jedesmal den Kopf, wenn er sich mit der silbernen Zange Zucker aus der Porzellandose nahm.

Als Mr. Morrison von den Kühen und Hühnern zurück ins Haus kam, nahm er den Hut ab. Sein Gesicht wirkte jünger; er hatte hellblondes Haar und buschige Augenbrauen. Er bat um eine dritte Tasse Tee. Eine Weile spielte er mit der Zuckerzange, und wieder schüttelte er den Kopf. Dann stand er plötzlich auf, ging an den Schrank mit dem lateinischen Wörterbuch und der Encyclopaedia Britannica, holte einen Serviettenring aus Elfenbein aus der Schublade und drückte ihn Regina in die Hand.

Der Ring erschien ihr so schön, daß sie ihr Herz klopfen hörte. Sie hatte sich aber so lange nicht mehr für ein Geschenk bedanken müssen, daß ihr nichts einfiel, außer »sente sana« zu sagen, obwohl sie wußte, daß ein Kind mit einem so mächtigen Mann wie Mr. Morrison nicht Suaheli sprechen durfte.

Ganz falsch war es aber wohl doch nicht, denn Mr. Morrison zeigte beim Lachen zwei goldene Zähne. Regina lief voller Spannung aus dem Haus. Zwar hatte sie Mr. Morrison schon oft gesehen, aber er hatte kein einziges Mal gelacht und sie auch kaum bemerkt. Wenn er sich so sehr verändert hatte, war er vielleicht doch ihr Reh, das zurück in einen Menschen verzaubert worden war.

Suara schlief unter dem Dornenbaum. Die Erkenntnis, daß in dem weißen Ring keine besondere Kraft steckte, nahm ihm ein wenig von seiner Schönheit. So flüsterte Regina nur »das nächstemal« in Suaras Ohr, wartete, bis das Reh seinen Kopf bewegte, und ging langsam zurück ins Haus.

Mr. Morrison hatte seinen Hut aufgesetzt und sah aus wie immer. Er machte aus seiner rechten Hand eine Faust und schaute zum Fenster hinaus. Einen Moment wirkte er ein bißchen wie Owuor am Tag, als die Heuschrecken kamen, doch er holte keinen flügelschlagenden, kleinen Teufel aus seiner Hose heraus, sondern sechs Geldscheine, die er einzeln auf den Tisch legte.

»Every month«, sagte Mr. Morrison und ging zu seinem Wagen. Erst heulte der Anlasser, dann Rummler, und schon kam die Staubwolke, in der das Auto verschwand.

»Mein Gott, was hat er bloß gesagt? Jettel, hast du ihn verstanden?«

»Ja. Also fast. Month heißt Monat. Das weiß ich genau. Wir haben das Wort im Kurs gehabt. Ich war auch die einzige, die es richtig aussprechen konnte, aber glaubst du, das Ekel von Lehrer hat mich gelobt oder wenigstens mit dem Kopf genickt?«

»Das ist doch jetzt ganz unwichtig. Was heißt das andere Wort?«

»Brüll doch nicht gleich. Das haben wir auch gehabt, aber ich kann mich nicht erinnern.«

»Du mußt. Das hier sind sechs Pfund. Das hat doch was zu bedeuten.«

»Month heißt Monat«, wiederholte Jettel.

Sie waren beide so erregt, daß sie sich eine Zeitlang immer nur die Scheine zuschoben, sie auf den Tisch blätterten und mit den Schultern zuckten.

»Mensch, wir haben doch ein Lexikon«, fiel es Jettel endlich ein. Sie kramte aufgeregt ein Buch mit gelb-rotem Einband aus einer Kiste. »Hier, tausend Worte Englisch«, lachte sie. »Tausend Worte Spanisch haben wir auch.«

»Die nutzen uns nichts mehr. Spanisch war doch für Montevideo. Soll ich dir mal was verraten, Jettel? Wir sind beide im Beruf gestorben. Wir wissen überhaupt nicht, nach welchem Wort wir suchen müssen.«

Erregt von der Erwartung, die ihre Haut verbrannte, setzte sich Regina auf den Boden. Sie begriff, daß ihre Eltern, die immerzu ein einzelnes Wort aus der Kehle holten und dabei wie Rummler rochen, wenn er hungrig war, ein neues Spiel erfunden hatten. Um die Freude lange zu genießen, war es besser, nicht selbst mitzumachen. Regina unterdrückte auch den Wunsch, Owuor und Aja zu holen, und knabberte so lange an Rummlers Ohr, bis er kleine, leise Freudenlaute ausstieß. Da hörte sie ihren Vater sagen: »Vielleicht weißt du, was Morrison gesagt hat?«

Regina wollte das Vergnügen, daß sie endlich im neuen Kreislauf der fremden Worte, Kopfschütteln und Schulterwackeln mitspielen durfte, noch ein wenig auskosten. Ihre Eltern rochen immer noch wie Rummler, wenn er zu lange auf sein Futter warten mußte. So machte sie schon mal den Mund auf, streifte den Serviettenring über ihre Hand und schob ihn Stück für Stück zum Ellbogen. Es war gut, daß sie von Owuor gelernt hatte, Laute einzufangen, die sie nicht verstand. Man mußte sie nur im Kopf einsperren und von Zeit zu Zeit herausholen, ohne den Mund aufzumachen.

»Every month«, erinnerte sie sich, doch sie ließ sich zu lange vom Staunen ihrer Eltern streicheln und versäumte so den richtigen Moment, um den Zauber zu wiederholen. Trotzdem wurden ihre Ohren belohnt, als ihr Vater sie lobte: »Du bist ein kluges Kind.« Dabei sah er aus wie der weiße Hahn mit dem blutroten Kamm. Doch verwandelte er sich zu schnell in den Vater mit den roten Augen der Ungeduld zurück, nahm das Buch vom Tisch, legte es jedoch sofort wieder hin, rieb die Hände aneinander und seufzte: »Ich bin ein Kamel. Ein richtiger Nebbich von einem Kamel.«

»Warum?«

»Man muß die Worte, die man im Lexikon sucht, auch buchstabieren können, Regina.«

»Dein Vater hat zu wenig Mumm, er denkt, und ich handle«, sagte Jettel. »Aver«, las sie vor, »heißt sich behaupten. Aviary ist ein Vogelhaus. Das ist ja noch blöder. Dann gibt es noch avid. Heißt begierig.«

»Jettel, das ist Mumpitz. So schaffen wir das nie.«

»Wozu ist denn ein Lexikon gut, wenn man nichts drin findet?«

»Also gut. Gib her. Jetzt schlage ich bei E nach. Evergreen«, las Walter, »heißt immergrün.«

Regina merkte zum erstenmal, daß ihr Vater noch besser spucken konnte als Owuor. Sie nahm ihre Hände von Rummlers Kopf und klatschte.

»Halt den Mund, Regina. Verdammt noch mal, das ist kein Kinderspiel. Evergreen wird es sein. Natürlich, Morrison hat von seinen immergrünen Maisfeldern gesprochen. Komisch, so etwas hätte ich ihm nie und nimmer zugetraut.«

»Nein«, sagte Jettel, und ihre Stimme wurde sehr leise, »ich hab’s. Wirklich, ich hab’s. Every heißt jeder, jeden, jedes. Du, Walter, every month muß jeden Monat heißen. Es kann gar nicht anders sein. Soll das etwa bedeuten, daß er uns jeden Monat sechs Pfund geben will?«

»Ich weiß es nicht. Wir müssen warten, ob sich das Wunder wiederholt.«

»Immer sprichst du von Wunder.« Regina lauerte, ob ihr Vater erkennen würde, daß sie die Stimme ihrer Mutter nachgeahmt hatte, aber weder ihre Augen noch ihre Ohren machten Beute.

»Diesmal hat er recht«, flüsterte Jettel, »er muß einfach recht haben.« Sie stand auf, zog Regina an sich und gab ihr einen Kuß, der nach Salz schmeckte.

Das Wunder wurde Wirklichkeit. Am Anfang eines jeden Monats kam Mr. Morrison auf die Farm, trank erst zwei Tassen Tee, besuchte seine Hühner und Kühe, ging zu den Maisfeldern, kam zurück für die dritte Tasse Tee und legte schweigend sechs einzelne Pfundnoten auf den Tisch.

Jettel konnte ihren Stolz aufblähen wie Owuor, wenn vom Schicksalstag die Rede war, der das Leben in Rongai verändert hatte. »Siehst du«, sagte sie dann, und Regina sprach die vertrauten Worte mit, ohne ihre Lippen zu bewegen, »was nützt dir deine ganze schöne Bildung, wenn du noch nicht einmal Englisch gelernt hast?«

»Nichts, Jettel, nichts, so wenig wie meine Robe.«

Wenn Walter das sagte, waren seine Augen nicht mehr so müde wie in den Monaten zuvor. An guten Tagen sahen sie aus wie vor der Malaria, und dann lachte er auch, wenn Jettel ihren Sieg auskostete, nannte sie »mein kleiner Owuor« und genoß in den Nächten die Zärtlichkeit, die sie beide schon für immer verloren gewähnt hatten.

»Sie haben mir in der Nacht einen Bruder gemacht«, erzählte Regina unter dem Dornenbaum.

»Das ist gut«, sagte Aja, »Suara wird kein Kind mehr.«

Abends schlug Walter vor: »Wir schicken Regina zur Schule. Wenn Süßkind das nächstemal in Nakuru ist, soll er sich erkundigen, wie man das macht.«

»Nein«, wehrte Jettel ab, »noch nicht.«

»Aber du hast doch so gedrängt. Und ich will es ja auch.«

Jettel merkte, daß ihre Haut zu brennen anfing, aber sie schämte sich nicht ihrer Verlegenheit. »Ich habe«, sagte sie, »nicht vergessen, was an dem Tag war, bevor die Heuschrecken kamen. Du hast damals gedacht, ich habe nicht kapiert, was du erzählt hast, aber ich bin nicht so dumm, wie du denkst. Regina kann auch noch lesen lernen, wenn sie sieben ist. Jetzt brauchen wir das Geld für Mutter und Käte.«

»Wie stellst du dir das vor?«

»Wir haben hier genug zum Sattwerden. Warum kann es nicht eine Weile so bleiben? Ich hab’s genau ausgerechnet. Wenn wir das Geld nicht anrühren, haben wir in siebzehn Monaten die hundert Pfund zusammen, um Mutter und Käte herzuholen. Und noch zwei Pfund übrig. Du wirst sehen, wir schaffen das.«

»Wenn nichts geschieht.«

»Was soll denn geschehen? Hier geschieht doch nie etwas.«

»Aber in der restlichen Welt, Jettel. Es sieht schlimm aus zu Hause.«

Jettels Eifer und Bereitschaft zum Verzicht, der Jubel, mit dem sie jeden Monat die sechs Pfund in ein Kästchen legte und immer wieder zählte, die Zuversicht, ihr würde es gelingen, die rettende Summe rechtzeitig zusammenzubekommen, waren für Walter schwerer zu ertragen als die Nachrichten, die er am Tag jede Stunde und oft auch in der Nacht hörte.

Die Abstände zwischen den Briefen aus Breslau und Sohrau wurden länger, die Briefe selbst, bei allem Bemühen, Angst zu verschweigen, so besorgniserregend, daß Walter sich oft fragte, ob seine Frau wirklich nicht merkte, daß Hoffnung Frevel war. Manchmal glaubte er sie tatsächlich arglos, war gerührt und beneidete sie. Wenn die Niedergeschlagenheit ihn jedoch so peinigte, daß er nicht einmal mehr Dankbarkeit für seine eigene Rettung empfinden konnte, schlug seine Verzweiflung um in Haß auf Jettel und ihre Illusionen.

Der Vater hatte von vergeblichen Versuchen, das Hotel zu verkaufen, geschrieben, daß er kaum noch ausgehe und daß nur noch drei jüdische Familien in Sohrau lebten, es ihm aber den Umständen nach gutgehe und er nicht klagen wolle. Einen Tag nach dem Brand der Synagogen schrieb er: »Liesel kann vielleicht nach Palästina auswandern. Wenn ich sie nur überreden könnte, sich von mir altem Esel zu trennen.« Seit dem 9. November 1938 hatte der Vater in seinen Briefen auch die zuversichtlichen Beschwörungen »Bis wir uns wiedersehen« gestrichen.

Den Briefen aus Breslau war in jeder Zeile die Angst vor Zensur anzumerken. Käte sprach von Einschränkungen, die »uns sehr zu schaffen machen« und erwähnte jedesmal gemeinsame Freunde, die »plötzlich verreisen mußten und nichts mehr von sich hören lassen«. Ina berichtete, daß sie keine Zimmer mehr vermieten konnte und schrieb »ich gehe nur noch zu bestimmten Zeiten aus dem Haus«. Das Geschenk zu Reginas Geburtstag im September war im Februar aufgegeben worden. Walter begriff die verschlüsselte Botschaft mit Schaudern. Seine Schwiegermutter und Schwägerin wagten nicht mehr, in größeren Zeiträumen zu rechnen, und hatten die Hoffnung aufgegeben, noch aus Deutschland herauszukommen.

Er litt an seiner Pflicht, Jettel mit der Wahrheit zu konfrontieren, und wußte, daß es Sünde war, es nicht zu tun. Wenn sie aber ihr Geld zählte und dabei wie ein Kind aussah, das die Erfüllung seiner Wünsche genau berechnet hat, ließ er jede Gelegenheit zur Aussprache ungenutzt. Sein Schweigen empfand er als Kapitulation, seine Schwäche ekelte ihn. Er ging nach Jettel ins Bett und stand vor ihr auf.

Die Zeit schien stillzustehen. Mitte August brachte Süßkinds Boy einen Brief mit der Mitteilung: »Jetzt haben wir endgültig das verfluchte Ostküstenfieber in Sabbatia. Vorerst ist es nichts mehr mit Schabbes. Ich muß für meine Kühe beten und versuchen, ob ich hier noch etwas retten kann. Falls bei Dir die Kühe im Kreis herumlaufen sollten, ist es zu spät. Dann ist die Seuche schon in Rongai.«

»Warum«, fragte Jettel aufgebracht, als Walter ihr den Brief zeigte, »kann er denn nicht kommen? Er ist doch nicht krank.«

»Er muß wenigstens auf der Farm sein, wenn seine Kühe krepieren. Auch Süßkind hat Angst um seine Stellung. Es kommen immer mehr Refugees ins Land und wollen auf den Farmen unterkommen. Das macht jeden von uns noch leichter ersetzbar.«

Süßkinds Besuche am Freitag waren der Höhepunkt der Woche gewesen, die Erinnerung an ein Leben mit Gesprächen, Abwechslung, gegenseitigem Geben und Nehmen, ein Funken Normalität. Nun waren Vorfreude und Freude dahin. Je eintöniger das Leben wurde, desto mehr dürstete Jettel nach Süßkinds Berichten aus Nairobi und Nakuru. Er wußte stets, wer neu ins Land gekommen und wo er untergekommen war. Noch mehr vermißte sie seine gute Laune, die Scherze und Komplimente, den Optimismus, der ihn immer nach vorne schauen ließ und sie selbst in ihrem Vertrauen auf die Zukunft bestätigte.

Walter litt noch mehr. Seitdem er auf der Farm war und erst recht nach seiner Malaria sah er in Süßkind den Retter aus lebensbedrohender Not. Er brauchte das selbstbewußte Naturell des Freundes, um nicht seinen depressiven Zuständen und der Sehnsucht nach Deutschland nachzugeben, die ihn an seinem Verstand zweifeln ließ. Süßkind war für ihn der Beweis, daß sich ein Mann mit dem Schicksal der Heimatlosigkeit abfinden konnte. Mehr noch: Er war sein einziger Kontakt zum Leben.

Selbst Owuor jammerte, daß der Bwana Sabbatia nicht mehr auf die Farm kam. Keiner wackelte so gut mit dem Mund wie er, wenn der Pudding hereingetragen wurde. Niemand konnte so laut lachen wie der Bwana Sabbatia, wenn Owuor die Robe trug und dabei »Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren« sang. »Bwana Sabbatia«, klagte Owuor, wenn wieder ein Tag ohne Besuch zur Nacht wurde, »ist wie eine Trommel. Die schlage ich in Rongai, und sie ruft vom Menengai zurück.«

»Auch unser Radio vermißt Süßkind«, sagte Walter am Abend des 1. September. »Die Batterie ist futsch, und ohne daß er sein Auto laufen läßt, können wir sie nicht aufladen.«

»Hörst du jetzt keine Nachrichten mehr?«

»Nein, Regina. Die Welt ist für uns gestorben.«

»Ist das Radio auch tot?«

»Mausetot. Jetzt können nur noch deine Ohren wissen, was es Neues gibt. Also leg dich auf die Erde und erzähl mir was Schönes.«

Freude und Stolz machten Regina schwindlig. Nach dem kleinen Regen hatte Owuor ihr beigebracht, sich flach und regungslos hinzulegen, um der Erde ihre Geräusche zu entlocken. Seitdem hatte sie oft Süßkinds Wagen gehört, ehe er zu sehen war, doch ihr Vater hatte ihren Ohren nie geglaubt, immer nur böse »Quatsch« gesagt und sich noch nicht einmal geschämt, wenn Süßkind tatsächlich gekommen war, nachdem sie ihn angekündigt hatte. Nun, da er keine Stimmen mehr aus einem toten Radio hörte, hatte er endlich begriffen, daß er ohne Reginas Ohren so taub wie der alte Cheroni war, der die Kühe zum Melken trieb. Sie fühlte sich stark und klug. Trotzdem ließ sie sich Zeit mit der Jagd auf jene Laute, die auf Safari über den Menengai mußten, ehe sie in Rongai zu hören waren. Erst am Abend nach dem Tod des Radios legte sich Regina auf den steinigen Pfad, der zum Haus führte, aber die Erde gab kein Geräusch frei außer dem Reden der Bäume im Wind. Auch am nächsten Morgen empfing sie nur Stille, aber um die Mittagszeit wurden ihre Ohren wach.

Als sie der erste Laut erreichte, wagte Regina es nicht, ihn auch nur durch ihren Atem zu stören. Bis zum zweiten hätte nur die Zeit vergehen dürfen, die ein Vogel braucht, um von einem Baum zum nächsten zu fliegen. Der Ton ließ aber so lange auf sich warten, daß Regina fürchtete, sie hätte ihr Ohr zu hoch gehalten und nur die Trommeln im Wald gehört. Sie wollte aufstehen, ehe Enttäuschung ihre Kehle trocken machte, dann sprang sie ein Klopfen in der Erde jedoch so heftig an, daß sie sich sogar beeilen mußte. Dieses eine Mal durfte ihr Vater nicht denken, sie hätte den Wagen gesehen und nicht zuvor gehört.

Sie hielt die Hände vor den Mund, um ihre Stimme schwer zu machen, und brüllte: »Schnell, Papa, Besuch kommt. Aber es ist nicht Süßkinds Auto.«

Der Lastwagen, der den steilen Hang zur Farm heraufkeuchte, war größer als alle anderen, die je nach Rongai gekommen waren. Die Kinder liefen von den Hütten zum Haus und drängten ihre nackten Körper aneinander. Ihnen folgten die Frauen mit den Säuglingen auf dem Rücken, die jungen Mädchen mit Kalebassen voll Wasser und die von bellenden Hunden getriebenen Ziegen. Die Schambaboys warfen ihre Hacken hin und verließen die Felder, die Hirten ihre Kühe.

Sie hielten die Arme über den Kopf, schrien, als seien die Heuschrecken zurückgekehrt, und sangen die Lieder, die sonst nur nachts von den Hütten herüberwehten. Das Gelächter der neugierigen und erregten Menschen stieß immer wieder in den Menengai hinein und kam als klares Echo zurück. Es verstummte so plötzlich, wie es begonnen hatte, und in dieser Stille kam der Lastwagen zum Stehen.

Erst sahen alle nur eine feine Wolke von roter Erde, die gleichzeitig hochstieg und vom Himmel fiel. Als sie sich auflöste, wurden die Augen groß und die Glieder starr. Selbst die ältesten Männer von Rongai, die schon nicht mehr die Regenzeiten zählten, die sie erlebt hatten, mußten ihre Augen erst besiegen, ehe sie zum Sehen bereit waren. Der Lastwagen war so grün wie Wälder, die nie trocken werden, und hinten auf der Ladefläche für Vieh hockten keine Ochsen und Kühe auf ihrer ersten Safari, sondern Männer mit weißer Haut und großen Hüten.

Neben der Aja und Owuor standen Walter, Jettel und Regina regungslos am Wassertank vor dem Haus und hatten Angst, den Kopf zu heben, aber alle sahen doch, daß der Mann neben dem Fahrer die Tür des Lastwagens aufstieß und langsam herunterkletterte. Er hatte eine kurze Khakihose an, sehr rote Beine und schwarzglänzende Stiefel, die bei jedem Schritt die Fliegen aus dem Gras hochtrieben. In der einen Hand hielt der Mann einen Bogen Papier, das heller war als die Sonne. Mit der anderen berührte er seine Mütze, die wie ein flacher, dunkelgrüner Teller auf seinem Kopf lag. Als der Fremde endlich den Mund aufmachte, bellte Rummler mit.

»Mr. Redlich«, befahl die große Stimme, »come along! I have to arrest you. We are at war.«

Noch immer hatte sich niemand bewegt. Dann klang ein vertrauter Laut vom Lastwagen herunter; es war Süßkind, der rief: »Mensch, Walter, sag nur, du weißt es nicht? Der Krieg ist ausgebrochen. Wir werden alle interniert. Komm, steig auf. Und mach dir keine Sorgen um Jettel und Regina. Die Frauen und Kinder werden noch heute abgeholt und nach Nairobi gebracht.«

4

Die jungen Männer mit den noch frischen Erinnerungen an englische Schulen und fröhliche Nächte in Oxford empfanden den Kriegsausbruch, so sehr sie ihn auch für das bedrohte Mutterland bedauerten, als eine nicht unwillkommene Abwechslung. Ebenso erging es den Veteranen mit den verwelkten Illusionen, die bei der Polizei in Nairobi und den Streitkräften im übrigen Land ihren Pflichten mit einer gewissen Verdrossenheit an der monotonen Routine des kolonialen Lebens nachkamen. Für sie ging es mit einem Mal nicht mehr nur um Viehdiebstähle, gelegentlich ausbrechende Stammeskampfe der Eingeborenen und Eifersuchtsdramen in der guten englischen Gesellschaft, sondern um die Kronkolonie selbst.

Die hatte in den letzten fünf Jahren immer mehr Menschen vom Kontinent aufgenommen, und gerade die konfrontierten nun die Behörden mit Neuland. In Friedenszeiten waren die mittellosen Flüchtlinge mit Namen, die sich gleich schwer aussprechen wie schreiben ließen, zwar schon wegen ihres scheußlichen Akzents und ihres für die britische Neigung zum Maßhalten als unsportlich empfundenen Ehrgeizes ein Ärgernis. Sie galten indes allgemein als diszipliniert und leicht lenkbar. Es war lange Zeit ein Hauptanliegen der Behörden gewesen, nicht am bewährten Lebens- und Wirtschaftsgefüge in Nairobi zu rütteln, also die Stadt von den Emigranten zu verschonen und sie auf Farmen unterzubringen. Dies war dank der Jüdischen Gemeinde, deren alteingesessene Mitglieder ebenso dachten, immer sehr rasch und zur großen Zufriedenheit der Farmer geschehen.

Der Krieg stellte andere Forderungen. Wichtig war nur noch, das Land vor Menschen zu schützen, die durch Geburt, Sprache, Erziehung, Tradition und Loyalität dem Feind verbundener sein könnten als dem Gastland. Die Autoritäten wußten, daß sie schnell und effizient handeln mußten, und sie waren zunächst absolut nicht unzufrieden mit der Art, wie sie die ungewöhnliche Aufgabe bewältigt hatten. Innerhalb von drei Tagen waren alle feindlichen Ausländer aus den Städten und auch von den weit auseinanderliegenden Farmen dem Militär in Nairobi übergeben und informiert worden, daß sie fortan nicht mehr den Status von »Refugees« hatten, sondern »Enemy Aliens« waren.

Es gab entsprechende Erfahrungen aus dem Weltkrieg, der ja nun der Erste war, und auch noch genug altgediente Offiziere, die wußten, was zu tun war. Interniert wurden alle Männer ab dem sechzehnten Lebensjahr; Kranke und Pflegebedürftige wurden auf Krankenhäuser mit entsprechenden Möglichkeiten zur Bewachung verteilt. Sofort geräumt wurden die Baracken des Zweiten Regiments der King’s African Rifles im Ngong, zwanzig Meilen von Nairobi entfernt.

Die Soldaten mit dem Auftrag, die Männer von den Farmen abzuholen, waren unerwartet rasch und äußerst gründlich vorgegangen. »Ein wenig zu gründlich«, wie Colonel Whidett, dem die Aktion »Enemy Aliens« unterstand, in seiner ersten Besprechung nach deren erfolgreichem Abschluß befand.

Die jungen Soldaten hatten den »bloody refugees«, wie sie sie in ihrem neubelebten Patriotismus nannten, bei der überstürzten Verhaftung nicht einmal Zeit gelassen, einen Koffer zu packen, und mit ihrem falsch dosierten Eifer ihren Vorgesetzten prompt vermeidbare Schwierigkeiten bereitet. Die Männer, die nur mit Hose, Hemd, Hut oder manchmal gar im Schlafanzug im Ngong abgeliefert wurden, mußten erst einmal eingekleidet werden. Im Mutterland wäre ein solches Problem sofort mit Häftlingskleidung zu lösen gewesen.

In Kenia war es aber so sittenwidrig wie geschmacklos, Weiße in die gleiche Kleidung zu stecken wie schwarze Gefangene. Es gab in den Gefängnissen des Landes keinen einzigen Europäer und folglich noch nicht einmal so selbstverständliche Dinge des täglichen Bedarfs wie Zahnbürsten, Unterhosen oder Waschlappen. Um nicht schon in den ersten Kriegstagen den Etat zu belasten und das Kriegsministerium in London zu unangenehmen Fragen zu provozieren, wurden die überraschten Bürger zu entsprechenden Spenden aufgerufen. Das führte zu peinlich spöttischen Leserbriefen im »East African Standard«.

Noch schlimmer wurde der Umstand empfunden, daß die Internierten nun ebenso Khakiuniformen trugen wie ihre Bewacher. Gerade in Militärkreisen erregte die ungewollte, aber notwendig gewordene Gleichheit der äußeren Erscheinung zwischen den Verteidigern der Heimat und ihren eventuellen Angreifern viel Unwillen. Gerüchte wollten nicht verstummen, daß die Männer vom Kontinent den Ernst der Lage mißbrauchten. Es gab bereits Berichte, daß sie einander feixend salutierten und, soweit sie Englisch sprachen, das Wachpersonal recht ungeniert nach dem Weg zur Front fragten. Die »Sunday Post« riet ihren Lesern: »Wenn Sie einen Mann in britischer Uniform treffen, lassen Sie ihn zu Ihrer eigenen Sicherheit zuerst ’God Save the King‘ singen.« Der »Standard« begnügte sich mit einem Kommentar, der allerdings die Überschrift »Skandal« trug.

Auch bei strengster Auslegung des Sicherheitsrisikos hätten Frauen und Kinder nicht sofort interniert werden müssen. Das Militär empfand es durchaus als ausreichend, nur Radios und Kameras zu konfiszieren, um zu verhindern, daß sie zur eventuellen Kontaktaufnahme mit dem Feind auf den europäischen Schlachtfeldern mißbraucht wurden. Andererseits erinnerte man sich, daß es auch 1914 und schon im Burenkrieg üblich gewesen war, Frauen und Kinder in Lagern zu konzentrieren. Noch stärker wog das Argument, daß es der britischen Tradition von Ehre und Verantwortungsbewußtsein widersprach, Wehrlose ohne männlichen Schutz auf einer Farm zurückzulassen. Wiederum wurde schnell und unbürokratisch vorgegangen. Keine Frau mußte bei Kriegsausbruch länger als drei Stunden allein auf einer Farm zurückbleiben.

Weibliche Internierte und erst recht Kinder waren nicht in Militärbaracken unterzubringen, aber auch da fand Colonel Whidett eine befriedigende Lösung. Ohne Rücksicht auf das Wochenendvergnügen der Farmer aus dem Hochland wurden das traditionsreiche Norfolk Hotel und das luxuriöse New Stanley als Quartier für die Familien der Enemy Aliens requiriert. Dieser Ausweg war schon deshalb geboten, weil es nur in Nairobi genug kompetente Beamte gab, um sich mit einem Zustand zu beschäftigen, der nicht auf Dauer so bleiben konnte.

Die internierten Frauen waren verblüfft, als sie nach den langen und beschwerlichen Fahrten von den Farmen in Nairobi ankamen. Sie wurden jubelnd vom Hotelpersonal empfangen, das bis dahin immer dazu angehalten worden war, Gäste freudig zu begrüßen, und das nicht mehr rechtzeitig auf die Veränderungen umgeschult werden konnte, die der Krieg mit sich brachte. Auch Ärzte, Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen und Lehrer waren in die beiden Hotels befohlen worden. Wegen der Dringlichkeit ihrer Einberufung rechneten sie mit Zuständen, die sie in einen Kausalzusammenhang mit einem Krieg brachten, doch merkten sie sehr schnell, daß es in diesem speziellen Fall weder um Ausbruch von Seuchen noch um psychologische Probleme ging, sondern um Verständigungsschwierigkeiten. Die hätten sich am besten mit Suaheli lösen lassen, das selbstbewußte Kolonialbeamte jedoch längst nicht so gut beherrschten wie die Menschen, die erst kurze Zeit im Land waren und so gar nicht den gängigen Vorstellungen von feindlichen Agenten entsprachen.

Der Transport von Nakuru, Gilgil, Sabbatia und Rongai traf als letzter im Norfolk Hotel ein. Jettel hatte schon auf der Fahrt, getröstet und beruhigt von der Schicksalsgemeinschaft, ihre Angst vor der ungewissen Zukunft und den Schock der plötzlichen Trennung von Walter überwunden und empfand die unerwartete Erlösung von der Einsamkeit und Eintönigkeit der Farm als Wohltat. Sie war so fasziniert von der Eleganz und der animierten Stimmung des Hotels, daß sie zunächst einmal, wie die anderen Frauen auch, die Ursache für die abrupte Wende in ihrem Leben aus dem Blickfeld verlor.

Auch Regina war geblendet. In Rongai hatte sie sich geweigert, auf den Lastwagen zu steigen, und mußte mit Gewalt hinaufgezerrt werden. Auf der Fahrt hatte sie nur geweint und nach Owuor, Aja, Suara, Rummler und ihrem Vater gerufen, doch der Glanz der vielen Lichter, die Gardinen aus blauem Samt an den hohen Fenstern, die Bilder in Goldrahmen und die roten Rosen in silbernen Kelchen, dazu die vielen Menschen und Düfte, die sie noch mehr erregten als die Bilder, lenkten sie sofort von ihrem Kummer ab. Sie stand mit offenem Mund da, hielt sich am Kleid ihrer Mutter fest und starrte die Krankenschwestern mit den gestärkten weißen Häubchen an.

Das Dinner hatte gerade begonnen. Es war eines jener sorgsam komponierten Menüs, für die das Norfolk nicht nur in Kenia, sondern in ganz Ostafrika berühmt war. Der Chefkoch, ein Mann aus Südafrika und mit Erfahrungen auf zwei Luxusschiffen, hatte nicht die Absicht, nur deshalb mit der Tradition des Hauses zu brechen, weil irgendwo in Europa ein Krieg ausgebrochen war und ausschließlich Frauen und Kinder im Speisesaal saßen.

Am Vortag war Hummer aus Mombasa angeliefert worden, Lamm aus dem Hochland und grüne Bohnen, Sellerie und Kartoffeln aus Naivasha. Zum Fleisch gab es die Minzsauce, die als legendäre Spezialität des Norfolk galt, Gratin auf französische Art, tropische Früchte in zartem Bisquit und eine Käseauswahl, die mit Stilton, Cheshire und Cheddar aus England durchaus noch dem Friedensangebot entsprach. Daß viele Portionen Hummer und Lamm unberührt in die Küche zurückgingen, führte der Koch am ersten Abend auf die Übermüdung der Gäste zurück. Als jedoch die Abneigung gegen Schalentiere und Fleisch anhielt, wurde ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde Nairobi um Rat gebeten. Er konnte zwar über die jüdischen Speisevorschriften aufklären, wußte aber auch nicht, weshalb die Kinder ihre Minzsauce über die Desserts gossen.

Der Koch verfluchte erst den »bloody war« und sehr bald die »bloody refugees«.

Auch ein geräumiges Hotel wie das Norfolk hatte nicht genug Platz für einen so ungewöhnlichen Ansturm von Gästen. So mußten sich zwei Frauen mit ihren Kindern ein Zimmer teilen. Man scheute sich, auf die Räumlichkeiten für das Personal zurückzugreifen. Die standen zwar frei, weil die Frauen und Kinder entgegen den üblichen Gewohnheiten im Norfolk ohne ihre persönlichen Boys und Ajas angereist waren, aber es widersprach dem Geschmacksempfinden des Hotelmanagers, Europäer in den Quartieren für Schwarze wohnen zu lassen.

Regina teilte mit einem Mädchen, das einige Monate älter war als sie, eine Couch. Das führte in der ersten Nacht zu Schwierigkeiten, weil beide als Einzelkinder nicht an engen Kontakt gewöhnt waren, überbrückte aber um so rascher Angst und Scheu. Inge Sadler war ein kräftiges Kind, das Dirndl trug und in Nachthemden aus blau-weiß kariertem Flanell schlief. Sie war sehr selbständig, liebenswürdig und sichtbar beglückt von der Aussicht auf eine Freundin. Ihren bayerischen Dialekt hielt Regina in den ersten Tagen für Englisch, aber sie gewöhnte sich schnell an die Aussprache der neuen Freundin und bewunderte sie, weil sie lesen und schreiben konnte.

Inge war noch ein Jahr in Deutschland zur Schule gegangen und bereit, ihre Kenntnisse an Regina weiterzugeben. Wenn Inge nachts aufwachte, weinte sie angstvoll und mußte von der Mutter beruhigt werden, die trotz ihrer Energie und Strenge am Tage so sanft wie Aja trösten konnte und Reginas Herz ebenso schnell eroberte, wie es Owuor im alten Leben getan hatte. Als Regina Frau Sadler von Suara erzählte, holte sie aus ihrem Handarbeitskorb blaue Wolle und häkelte ihr ein Reh.

Die Sadlers stammten aus Weiden in der Oberpfalz und waren erst ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch nach Kenia gekommen. Zwei Brüder hatten ein Bekleidungsgeschäft gehabt, der dritte war Landwirt. Ihre drei Frauen waren zu resolut, um dem Glanz der Vergangenheit nachzutrauern.

Sie strickten Pullover und nähten Blusen für ein renommiertes Geschäft in Nairobi und hatten ihre Männer ermutigt, eine Farm in Londiani zu pachten, die schon nach sechs Monaten erste Erträge brachte.

Inge hatte in Weiden das Pogrom vom 9. November erlebt und zusehen müssen, wie die Schaufenster des elterlichen Geschäfts zertrümmert, Stoffe und Kleider auf die Straße geworfen und die Wohnung geplündert worden waren. Ihr Vater und die beiden Onkel waren aus dem Haus gezerrt, geschlagen und nach Dachau verschleppt worden. Als sie nach vier Monaten wiederkamen, hatte Inge keinen der drei erkannt. In der zweiten Woche im Norfolk, weil sie sich ihres Weinens in der Nacht schämte, erzählte sie Regina von den Erlebnissen, über die sie nie mit ihren Eltern sprach.

»Mein Papa«, sagte Regina, als Inge fertig war, »hat keiner gehauen.«

»Dann ist er kein Jude.«

»Du lügst.«

»Ihr kommt ja gar nicht aus Deutschland.«

»Wir kommen«, erklärte Regina, »aus der Heimat. Aus Leobschütz, Sohrau und Breslau.«

»In Deutschland werden alle Juden verprügelt. Das weiß ich genau. Ich hasse die Deutschen.«

»Ich auch«, versprach Regina, »ich hasse die Deutschen.«

Sie nahm sich vor, sobald wie möglich ihrem Vater von ihrem neuen Haß, von Inge, den Kleidern auf der Straße und von Dachau zu erzählen. Obwohl sie den Vater viel seltener erwähnte als Owuor, Aja, Suara und Rummler, vermißte sie ihn und empfand die Trennung um so stärker, weil sie ihr Gewissen quälte. Sie hatte sich auf die Erde gelegt und den Lastwagen als erste gehört, der sie alle aus Rongai vertrieben hatte.

Am kleinen Teich mit den weißen Wasserlilien, auf denen in der Mittagshitze die Schmetterlinge wie gelbe Wolken lagen, verriet sie Inge: »Ich habe den Krieg gemacht.«

»Quatsch, die Deutschen haben den Krieg gemacht. Das weiß doch hier jeder.«

»Das muß ich meinem Papa erzählen.«

»Der weiß das schon.«

Erst nach diesem Gespräch fiel Regina auf, daß alle Frauen vom Krieg sprachen. Sie waren schon lange nicht mehr so fröhlich wie in der ersten Zeit der Internierung. Immer häufiger sagten sie: »Wenn wir erst wieder auf der Farm sind«, und keine der Frauen mochte an die Hochstimmung erinnert werden, in der sie in Nairobi angekommen war. Der veränderte Ton im Norfolk steigerte die Sehnsucht nach dem Farmleben.

Der Hotelmanager, ein hagerer und unliebenswürdiger Mann, hieß Applewaithe und gab sich schon längst keine Mühe mehr, seinen Ekel vor Menschen zu verbergen, die seinen Namen nicht aussprechen konnten. Er verabscheute Kinder, mit denen er bisher weder privat noch im Beruf zu tun gehabt hatte, und verbot den jungen Müttern, die Milch für die Babys in der Küche aufzuwärmen, Windeln auf den Balkon zu hängen und Kinderwagen unter die Bäume zu stellen. Immer deutlicher ließ er die Frauen spüren, daß sie für ihn ungebetene Gäste und, noch schlimmer, Enemy Aliens waren.

Nach der ersten verwirrenden Euphorie, die das Glück der Gemeinschaft bei ihnen ausgelöst hatte, kehrten die Frauen konsterniert und schuldbewußt in die Realität zurück. Fast alle hatten noch Angehörige in Deutschland und begriffen nun, daß es für Eltern, Geschwister und Freunde kein Entkommen mehr gab. Das Wissen um diese Endgültigkeit und dazu die Erkenntnis, wie ungewiß die eigene Zukunft war, lähmten sie. Sie sehnten sich nach den Ehemännern, die zuvor alle Entscheidungen allein getroffen und die Verantwortung für die Familie übernommen hatten und von denen sie noch nicht einmal wußten, wohin sie gebracht worden waren. Das Bewußtwerden der eigenen Ohnmacht machte sie ratlos und führte erst zu kleinlichen Zänkereien und dann zu einer Apathie, die sie in die Vergangenheit flüchten ließ. Die Frauen überboten sich in Schilderungen, wie gut sie es in einem Leben gehabt hatten, das mit jedem Tag der erzwungenen Untätigkeit heller in der Erinnerung strahlte. Sie schämten sich ihrer Tränen und noch mehr, wenn sie »daheim« oder »zu Hause« sagten und nicht mehr wußten, ob sie von den Farmen oder von Deutschland sprachen.

Jettel litt sehr am ungestillten Bedürfnis nach Schutz und Trost. Sie sehnte sich nach dem Leben in Rongai mit Owuors guter Laune und dem vertrauten Rhythmus der Tage, die ihr nicht mehr einsam, sondern voller Zuversicht und Zukunft erschienen. Sie vermißte selbst den Streit mit Walter, der im Rückblick zu einer Kette von zärtlichen Neckereien wurde, und sie weinte, sobald sie auch nur seinen Namen erwähnte. Nach jedem Ausbruch sagte sie: »Wenn mein Mann wüßte, was ich hier durchmache, würde er mich sofort holen.«

Meistens verzogen sich die Frauen in ihre Zimmer, wenn Jettel sich ihrer Verzweiflung hingab, aber eines Abends, als ihr Schmerz noch lauter war als sonst, schnauzte Elsa Conrad sehr unerwartet und sehr laut: »Hör endlich auf mit dem Geplärre und tu was. Glaubst du, wenn man meinen Mann fortgebracht hätte, würde ich hier herumsitzen und heulen? Ihr jungen Frauen seid zum Kotzen.«

Jettel war so verblüfft, daß sie sofort zu schluchzen aufhörte. »Was kann ich denn tun?« fragte sie mit einer Stimme, die alle Weinerlichkeit verloren hatte.

Seit dem ersten Tag im Norfolk war Elsa Conrad eine von allen respektierte Autorität, die keinen Widerspruch duldete. Sie fürchtete weder Auseinandersetzungen noch Menschen, war die einzige Berlinerin in der Gruppe und als einzige nicht jüdisch. Schon ihre äußere Erscheinung imponierte. Elsa, so dick wie unbeweglich, hüllte bei Tag ihre Körperfülle in lange, geblümte Gewänder und abends in tief ausgeschnittene Festkleider. Sie trug feuerrote Turbane, die die Babys so erschreckten, daß sie losbrüllten, wenn sie Elsa nur sahen.

Sie stand morgens nie vor zehn Uhr auf, hatte bei Mr. Applewaithe durchgesetzt, daß ihr Frühstück im Zimmer serviert wurde, und ermahnte ständig Kinder und mit der gleichen Ungeduld Frauen, die sich in ihrem Kummer vergruben oder sich über Kleinigkeiten beklagten. Gefürchtet wurde sie nur in den ersten Tagen. Ihre Schlagfertigkeit machte ihre Provokationen erträglich, ihr Humor versöhnte mit ihrem Temperament. Als sie ihre Geschichte erzählte, wurde sie zur Heldin.

Elsa hatte in Berlin eine Bar gehabt und nie die Angewohnheit, sich mit Gästen abzugeben, die ihr mißfielen. Wenige Tage nach den Synagogenbränden war eine Frau mit zwei Begleitern in Elsas Bar gekommen und hatte, noch im Mantel, Hetzreden gegen die Juden gehalten. Elsa hatte sie am Kragen gepackt, sie vor die Tür gesetzt und geschrien: »Wo glaubst du, kommt dein teurer Pelz her? Von den Juden gestohlen hast du ihn, du Hure.«

Das hatte ihr sechs Monate Zuchthaus und anschließend die sofortige Ausweisung aus Deutschland eingebracht. Elsa war mittellos in Kenia angekommen und schon in der ersten Woche von einem schottischen Ehepaar in Nanyuki als Kindermädchen engagiert worden. Mit den Kindern hatte sie sich nicht gut verstanden, mit den Eltern trotz der nur wenigen Brocken Englisch, die sie auf dem Schiff aufgeschnappt hatte, um so besser. Sie brachte ihnen Skat bei und dem Koch, Soleier einzulegen und Buletten zu braten. Bei Kriegsausbruch hatten sich die Schotten schweren Herzens von Elsa getrennt und nicht geduldet, daß sie auf den Lastwagen stieg. Sie hatten sie mit ihrem Wagen ins Norfolk gefahren und sie zum Abschied mit Flüchen auf die Engländer und Chamberlain umarmt.

Elsa kannte nur Sieg. »Was soll ich denn tun«, ahmte sie Jettels Stimme an dem Abend nach, als sie die Weichen für die Zukunft stellte. »Wollt ihr den ganzen Krieg hier hocken und Däumchen drehen, während man eure Männer festhält? Was schaut ihr mich denn so dämlich an? Könnt ihr nicht einmal vergessen, daß man euch auf Händen getragen hat? Setzt euch auf eure verwöhnten Hintern und schreibt an die Behörden. Es kann doch nicht so schwer sein, denen klarzumachen, daß die Juden nicht für Hitler sind. Eine von den feinen Damen wird doch bestimmt zur Schule gegangen sein und genug Englisch können, um einen Brief zu schreiben.«

Der Vorschlag, so wenig Erfolg er auch versprach, wurde schon deshalb angenommen, weil sich alle mehr vor Elsas Zorn fürchteten als vor der britischen Armee. Sie konnte ebenso gut organisieren wie reden und befahl vier Frauen mit ausreichenden Englischkenntnissen und Jettel wegen ihrer schönen Schrift, Briefe zu formulieren, die Schicksal dokumentierten und Standpunkte klärten. Mr. Applewaithe ließ sich unerwartet rasch überzeugen, daß es seine Pflicht war, die Post von Menschen weiterzuleiten, die das Hotelgelände nicht verlassen durften.

Mit einem so schnellen Erfolg der Aktion hatte selbst Elsa nicht gerechnet. Für die Militärbehörde war weder Ton noch Inhalt der Briefe ausschlaggebend, sondern der Umstand, daß ihr Bedenken gekommen waren. Nach den ersten Reaktionen aus London zweifelte man in Nairobi, ob tatsächlich alle Refugees hätten interniert werden müssen oder ob es nicht rationeller gewesen wäre, zuvor ihre politische Einstellung zu überprüfen.

Hinzu kam, daß viele Farmer mit der Einberufung zum Militär rechneten und ihre Farmen von den billigen und angenehm verantwortungsbewußten Refugees versorgt wissen wollten. Die Leserbriefspalte im »East African Standard« bestand fast ausschließlich aus Anfragen, weshalb ausgerechnet in Nairobi Kriegsgefangene in Luxushotels wohnen müßten. Auch die Besitzer vom Norfolk und New Stanley drängten fordernd auf deren Freigabe. Colonel Whidett hielt es für klug, zunächst einmal Flexibilität zu zeigen. Fürs erste gestattete er Kontakte für Ehepaare mit Kindern und stellte weitere Überlegungen in Aussicht. Genau zehn Tage, nachdem Mr. Applewaithe die Briefe bei der Militärbehörde abgegeben hatte, fuhren wieder die Lastwagen der Army vor. Sie hatten Auftrag, Mütter und Kinder ins Männerlager im Ngong zu bringen.

Den Männern war es wie ihren Frauen ergangen. Die Internierung hatte sie aus Einsamkeit und Sprachlosigkeit zurück ins Leben geholt. Der Rausch der Erlösung war gewaltig. Alte Bekannte und Freunde, die sich zum letztenmal in Deutschland gesehen hatten, trafen sich wieder; Schicksalsgenossen vom Schiff fielen einander in die Arme; Fremde stellten fest, daß sie gemeinsame Freunde hatten. Tage- und nächtelang wurden Erfahrungen, Hoffnungen und Ansichten ausgetauscht. Die Davongekommenen erfuhren vom Leid, das das eigene klein machte. Sie lernten, wieder zuzuhören, und durften reden. Es war, als wäre ein Damm gebrochen.

Nach der Zeit auf den Farmen allein mit Frau und Kindern und der Verpflichtung, Haltung zu bewahren und Angst zu verdrängen, oder auch nach Jahren allein auf einer Farm war jeder froh, in einer Gruppe von Männern zu leben. Wenigstens vorübergehend waren alle ohne wirtschaftliche Sorgen und ohne die quälende Gewißheit, daß eine Kündigung den sofortigen Verlust der Bleibe bedeutete. Schon die Atempause gaukelte dem Gemüt heilende Sicherheit vor. Es war Walter, der das danach immer wieder zitierte Wort prägte: »Jetzt haben die Juden endlich wieder einen König, der für sie sorgt.«

In den ersten Tagen im Camp war es ihm, als sei er nach langer Reise auf entfernte Verwandte gestoßen, denen er sich sofort verbunden fühlte. Der ehemalige Frankfurter Rechtsanwalt Oscar Hahn, seit sechs Jahren Farmer in Gilgil, Kurt Piakowsky, ein Arzt aus Berlin und nunmehr Leiter der Wäscherei im Krankenhaus von Nairobi, und der Erfurter Zahnarzt Leo Hirsch, der als Manager auf einer Goldmine in Kisumu untergekommen war, waren Bundesbrüder von Walter und allzeit bereit, mit ihm Erinnerungen an die gemeinsamen Freunde und Freuden der Studentenzeit auszutauschen.

Heini Weyl, der Freund aus Breslau, hatte sich trotz Gelbfiebers und Amöbenruhr in Kisumu weder Lebensmut noch Humor nehmen lassen. Ebenfalls Breslauer war Henry Guttmann, der viel beneidete Optimist. Er war zu jung gewesen, um in Deutschland Beruf und Existenz zu verlieren, und gehörte zum kleinen Kreis der Auserwählten, die mehr Zukunft als Vergangenheit hatten. Max Bilawasky, der sich innerhalb eines Jahres mit einer eigenen Farm in Eldoret ruiniert hatte, stammte aus Kattowitz und kannte Leobschütz.

Siegfried Cohn, ein Fahrradhändler aus Gleiwitz, war gut bezahlter Ingenieur in Nakuru und hatte auch sprachlich den Anschluß an sein neues Leben gefunden, indem er sein hartes Oberschlesisch mit nasalem englischem Klang durchsetzte. Überglücklich war Walter mit Jakob Oschinsky. Er hatte in Ratibor ein Schuhgeschäft gehabt, war auf einer Kaffeefarm in Thika untergekrochen und hatte auf einer Reise mal in Redlichs Hotel in Sohrau übernachtet. Er konnte sich gut an Walters Vater erinnern und schwärmte von Liesels Schönheit, Hilfsbereitschaft und Krautkuchen.

Alle Internierten hatten solche Erlebnisse. Sie holten unterdrückte Bilder aus der Versenkung, die wie ein Jungbrunnen für die verwirrten Seelen waren. Dennoch hielt die gute Stimmung bei den Männern nicht so lange an wie bei den Frauen.

Zu schnell wurde ihnen bewußt, daß Muttersprache und Erinnerungen kein ausreichender Ersatz waren für die Heimat, die gestohlene Habe, für den Verlust von Stolz und Ehre und für zerstörtes Selbstbewußtsein. Als die hastig vernarbten Wunden wieder aufbrachen, waren sie schmerzhafter als zuvor.

Der Krieg hatte den Funken Hoffnung erlöschen lassen, in Kenia schnell und nur deshalb Wurzeln zu schlagen, weil die Sehnsucht so gewaltig war, kein Außenseiter und Ausgestoßener mehr zu sein. Bei jedem starb endlich die lange Zeit wider alle Vernunft gehegte Illusion, den Zurückgebliebenen in Deutschland doch noch helfen und sie nach Kenia nachholen zu können. Obwohl er sich zu wehren versuchte, gab Walter seinen Vater und seine Schwester ebenso verloren wie schon die Schwiegermutter und Schwägerin.

»Von den Polen haben sie keine Hilfe zu erwarten«, erzählte er Oscar Hahn, »und für die Deutschen sind sie polnische Juden. Jetzt hat mir das Schicksal ein für allemal bestätigt, daß ich versagt habe.«

»Versagt haben wir alle, aber nicht jetzt, sondern 1933. Wir haben zu lange an Deutschland geglaubt und die Augen zugemacht. Verzagen dürfen wir nicht. Du bist nicht nur Sohn. Du bist auch Vater.«

»Ein schöner Vater, der noch nicht einmal das Geld für den Strick verdient, an dem er sich aufhängen kann.«

»So etwas darfst du noch nicht einmal denken«, sagte Hahn wütend. »Es werden so viele von uns sterben, die leben wollen, daß die Geretteten keine andere Wahl haben, als für ihre Kinder weiterzuleben. Davonkommen ist nicht nur Glück, sondern Verpflichtung. Vertrauen ins Leben auch. Reiß dir endlich Deutschland aus dem Herzen. Dann wirst du wieder leben.«

»Ich hab’s versucht. Es geht nicht.«

»Das dachte ich früher auch, und wenn ich jetzt an den feinen Frankfurter Rechtsanwalt und Notar Oscar Hahn denke, der eine Bombenpraxis und mehr Ehrenämter als Haare auf dem Kopf hatte, kommt er mir wie ein fremder Mann vor, den ich früher einmal flüchtig gekannt habe. Mensch Walter, nutz die Zeit hier, um mit dir selbst Frieden zu schließen. Dann kannst du wirklich neu anfangen, wenn wir hier rauskommen.«

»Gerade das macht mich so verrückt. Was wird aus mir und meiner Familie, wenn King George nicht mehr für uns sorgt?«

»Noch hast du deine Stellung in Rongai.«

»Das ’Noch‘ hast du besonders hübsch gesagt.«

»Wie wär’s, wenn du mich Oha nennst?« lächelte Hahn, »den Namen hat meine Frau für die Emigration erfunden. Fand ihn nicht so deutsch wie Oscar. Ist eine patente Frau, meine Lilly. Ohne sie hätte ich nie gewagt, die Farm in Gilgil zu kaufen.«

»Versteht sie denn so viel von der Landwirtschaft?«

»Sie war Konzertsängerin. Vom Leben versteht sie viel. Die Boys liegen ihr zu Füßen, wenn sie Schubert singt. Und die Kühe geben gleich mehr Milch. Du wirst sie ja hoffentlich bald kennenlernen.«

»Du glaubst also an Süßkinds Theorie?«

»Ja.«

»Leute wie Rubens«, pflegte Süßkind bei den Diskussionen um die Zukunft und die Haltung der Militärbehörde zu dozieren, »können es sich gar nicht leisten, daß man alle Juden zu Enemy Aliens stempelt und uns hier den ganzen Krieg schmoren läßt. Ich wette, der alte Rubens und seine Söhne sind schon dabei, den Engländern klarzumachen, daß wir lange vor ihnen gegen Hitler waren.«

Colonel Whidett mußte sich tatsächlich mit Problemen beschäftigen, für die er absolut unzureichend präpariert war. Er fragte sich fast jeden Tag, ob selbst schwerwiegende Differenzen mit dem Kriegsministerium in London unangenehmer hätten sein können als die regelmäßigen Besuche der fünf Brüder Rubens in seinem Büro, ganz zu schweigen von dem temperamentvollen Vater. Der Colonel gestand sich ohne Scham ein, daß ihn bis Kriegsausbruch die Ereignisse in Europa nicht sehr viel mehr interessiert hatten als die Stammeskämpfe zwischen den Jaluo und Lumbwa rund um Eldoret. Es irritierte ihn jedoch, daß die Familie Rubens so genau über wirklich schockierende Details im Bilde war und er sich wie ein Ignorant vorkam, wann immer sie ihn heimsuchte.

Whidett kannte keine Juden, sah er von den beiden Brüdern Dave und Benjie ab, denen er im ersten Jahr in der Boarding School in Epsom begegnet war und die ihm als widerlich ehrgeizige Schüler und miserable Cricketspieler in Erinnerung geblieben waren. Er fühlte sich also zunächst durchaus im Recht, wenn er in den unangenehmen Gesprächen, die die Zeit ihm aufzwang, auf das Herkunftsland der Internierten verwies und die daraus nicht zu unterschätzenden Schwierigkeiten für sein kriegführendes Mutterland. Allerdings erschienen ihm bedauerlicherweise seine Einwände sehr schnell nicht so stichhaltig wie ursprünglich gedacht. Schon gar nicht, wenn er sie vor seinen unwillkommenen Gesprächspartnern hervorbringen mußte, die die Beredsamkeit von arabischen Teppichhändlern und die Überempfindlichkeit von Künstlern hatten.

Ob Whidett wollte oder nicht, die Familie Rubens, die ältere Bindungen an Kenia hatte als er selbst und ein so gepflegtes Englisch sprach wie die »old boys« in Oxford, machte ihn nachdenklich. Widerstrebend begann er sich mit dem Schicksal von Menschen zu beschäftigen, denen »man anscheinend Unrecht getan« hatte. Diese vorsichtige Formulierung pflegte er indes nur im privaten Kreis zu gebrauchen und dann auch zögernd, entsprach es doch weder seiner Erziehung noch seinen Prinzipien, besser über die Vorgänge im verdammten Europa Bescheid zu wissen als andere.

So sagte Whidett zu, wenn auch ohne Vertrauen in sein Urteil, den Vorschlag zu überprüfen, ob nicht wenigstens jene Leute aus dem Camp entlassen werden konnten, die auf den Farmen arbeiteten und wohl keine Möglichkeiten hatten, Kontakt mit dem Feind aufzunehmen. Zu seiner Überraschung wurde der Entschluß in Militärkreisen als weitsichtig begrüßt. Er erwies sich auch sehr bald als nötig. Wegen der Lage in Abessinien kündigte London die Entsendung eines Infanterieregiments aus Wales an, für das der Colonel die Baracken im Ngong brauchte.

Die Lastwagen vom Norfolk und New Stanley fuhren an einem Sonntag nach dem Mittagessen im Camp vor. Die Kinder winkten verlegen, und die Mütter wirkten ebenso verkrampft, als die Männer in ihren Khakiuniformen am Stachel drahtzaun erschienen. Die meisten Frauen hatten sich angezogen, als seien sie zu einem Gartenfest der besten Gesellschaft geladen. Manche hatten dekolletierte Kleider an, die sie zuletzt in Deutschland getragen hatten; einige hielten kleine, verwelkte Blumen in der Hand, die die Kinder im Hotelgarten gepflückt hatten.

Walter sah Jettel in ihrer roten Bluse und mit den weißen Handschuhen, die sie sich zur Auswanderung gekauft hatte. Das Abendkleid fiel ihm ein, und er hatte Mühe, seinen Ärger herunterzuschlucken. Gleichzeitig aber wurde ihm bewußt, wie schön seine Frau war und daß er sie selbst in den intimsten und erfüllten Momenten mit seinem gebrochenen Herzen betrogen hatte, das nur noch den Pulsschlag der Vergangenheit zu beleben wußte. Er fühlte sich alt, verbraucht und unsicher.

Einige bange Sekunden, die ihm unbarmherzig lang vorkamen, war ihm auch Regina fremd. Sie erschien ihm in den vier Wochen der Trennung gewachsen, und auch ihre Augen waren anders als in den Tagen von Rongai, als sie mit Aja unter dem Baum gesessen hatte. Walter versuchte, auf den Namen vom Reh zu kommen, um die Gemeinsamkeit zu finden, nach der ihn verlangte, aber das Wort fiel ihm nicht mehr ein. Da sah er Regina auf sich zurennen.

Während sie wie ein junger Hund an ihm hochsprang und noch ehe sie ihre dünnen Arme um seinen Hals legte, begriff er mit lähmendem Erschrecken, daß er seine Tochter mehr liebte als seine Frau. Schuldbewußt und doch mit einer Erregung, die er als belebend empfand, schwor er, daß keine von beiden je die Wahrheit erfahren würde.

»Papa, Papa«, schrie Regina in Walters Ohr und holte ihn in die Gegenwart, die mit einem Mal so viel leichter zu ertragen war als zuvor, »ich hab’ eine Freundin. Eine richtige Freundin. Sie heißt Inge. Sie kann auch lesen. Und Mama hat einen Brief geschrieben.«

»Was für einen Brief?«

»Einen richtigen Brief. Damit wir dich besuchen dürfen.«

»Ja«, sagte Jettel, als sie Regina weit genug abgedrängt hatte, um Platz an Walters Brust zu finden, »ich habe eine Eingabe gemacht, damit du entlassen wirst.«

»Seit wann weiß meine Jettel, was eine Eingabe ist?«

»Ich mußte doch etwas für dich tun. Man kann doch nicht einfach dasitzen und Däumchen drehen. Vielleicht können wir bald zurück in unser Rongai.«

»Jettel, Jettel, was haben sie bloß aus dir gemacht? Du warst doch todunglücklich in Rongai.«

»Die Frauen wollen doch alle wieder auf die Farmen zurück.«

Der Stolz in Jettels Stimme rührte Walter. Noch mehr, daß ihr der Mut fehlte, ihn beim Lügen anzuschauen. Er hatte das Verlangen, ihr eine Freude zu machen, doch fielen ihm Schmeicheleien ebensowenig ein wie der Name vom Reh. Er war froh, als er Regina sprechen hörte.

»Ich hasse die Deutschen, Papa. Ich hasse die Deutschen.« -»Von wem hast du denn das gelernt?« »Von Inge. Sie haben ihren Vater verhauen und die Fenster in Dachau kaputtgeschmissen und alle Kleider auf die Straße geworfen. Inge weint in der Nacht, weil sie die Deutschen haßt.«

»Nicht die Deutschen, Regina, die Nazis.«

»Gibt es auch Nazis?«

»Ja.«

»Das muß ich Inge erzählen. Dann wird sie auch die Nazis hassen. Sind denn die Nazis so böse wie die Deutschen?«

»Nur die Nazis sind böse. Sie haben uns aus Deutschland vertrieben.«

»Das hat Inge nie gesagt.«

»Dann geh sie mal suchen und erzähl ihr, was dein Vater gesagt hat.«

»Du machst das Kind noch ganz verrückt«, schimpfte Jettel, als Regina fort war, aber sie ließ Walter keine Zeit zu einer Antwort. »Weißt du«, flüsterte sie »daß es keine Hoffnung mehr für Mutter und Käte gibt, seitdem wir Krieg haben?«

Walter seufzte, und doch spürte er nichts als die Erleichterung, daß er endlich offen reden durfte.

»Ja, ich weiß. Auch Vater und Liesel sitzen jetzt in der Falle. Und frag mich bloß nicht, wie wir damit fertig werden sollen. Ich weiß es nicht.«

Als Walter sah, daß Jettel weinte, umarmte er sie und war getröstet, daß Tränen, die ihm selbst schon lange nicht mehr kamen, sie noch erlösen konnten. Der kurze Augenblick der Gemeinsamkeit erschien ihm trotz des Anlasses zu kostbar, um ihn nicht wenigstens einige wenige Herzschläge lang der Niedergeschlagenheit zu entreißen. Dann aber zwang er sich, nicht noch einmal der Angst nachzugeben, die zum Schweigen verführte.

»Jettel, wir werden nicht mehr nach Rongai zurückkehren.«

»Warum? Woher willst du das wissen?«

»Ich habe heute morgen Post von Morrison bekommen.«

Walter nahm den Brief aus seiner Tasche und hielt ihn Jettel entgegen. Er wußte, daß sie ihn nicht lesen konnte, aber er brauchte die Gnadenfrist ihrer Ratlosigkeit, um sich selbst zu fassen. Er ließ es zu, daß er sich demütigte, indem er hilflos zusah, wie Jettels Augen sich an den Zeilen festfraßen, die ihm Süßkind vor ein paar Stunden übersetzt hatte.

»Dear Mr. Redlich«, hatte Morrison geschrieben, »I regret to inform you that there is at present no possibility of employing an Enemy Alien on my farm. I am sure you will understand my decision and wish you all the best for the future. Yours faithfully, William P. Morrison.«

»Schau mich an, Jettel, nicht den Brief. Morrison hat mir gekündigt.«

»Wo sollen wir denn hin, wenn du hier rauskommst? Was sollen wir Regina sagen? Sie fragt jeden Tag nach Owuor und Aja.«

»Am besten wir überlassen es Inge«, sagte Walter müde. »Ich werde Owuor auch vermissen. Unser Leben besteht nur noch aus Abschied.«

»Haben die anderen auch solche Briefe bekommen?«

»Ein paar von uns. Die meisten nicht.«

»Warum wir? Warum immer wir?«

»Weil du dir einen Nebbich als Mann ausgesucht hast, Jettel. Du hättest auf deinen Onkel Bandmann hören sollen. Der hat dir das schon vor unserer Verlobung gesagt. Komm, weine nicht. Da kommt mein Freund Oha. Der hat das Glück gehabt, daß die Nazis ihn schon 1933 gelöscht haben. Jetzt hat er eine eigene Farm in Gilgil. Du mußt ihn kennenlernen und brauchst dich nicht zu genieren. Er weiß Bescheid. Er hat sogar versprochen, uns zu helfen. Ich weiß nicht, wie er das machen will, aber es tut mir gut, daß er’s gesagt hat.«

5

Am 15. Oktober 1939 hingen am Schwarzen Brett im Camp Ngong zwei Veröffentlichungen, die bei den Refugees ein sehr unterschiedliches Echo hatten. Die Nachricht von der Versenkung des britischen Schlachtschiffs »Royal Oak« durch ein deutsches U-Boot war in militärisch knappem Englisch gehalten und sorgte schon deshalb für mehr Verwirrung als Anteilnahme, weil zunächst den wenigsten klarwurde, wer in der Bucht von Scapa Flow angegriffen und wer gesiegt hatte. Große Erregung löste indes die in fehlerfreiem Deutsch gehaltene Ankündigung aus, Enemy Aliens mit einer festen Anstellung auf einer Farm könnten mit ihrer Entlassung rechnen. Sofort fand das seit einigen Tagen kursierende Gerücht neue Nahrung, die Militärbehörden in Nairobi planten die Deportation von männlichen Internierten nach Südafrika.

»Jetzt muß ich mir also doch einen Manager für meine Farm nehmen«, erklärte Oha, als er nach langem Suchen Walter hinter der Latrinenbaracke aufstöberte.

»Warum? Du kommst doch bald hier raus.«

»Aber du nicht.«

»Nein, ich hab’ das große Los gezogen. Und Jettel und Regina auch. Schicken die auch Frauen und Kinder nach Südafrika?«

»Mensch, kapierst du denn nie etwas? Du wirst meine Farm leiten. Jedenfalls bis du eine Stellung gefunden hast. Es ist bestimmt nicht verboten, daß ein Enemy Alien einen anderen anstellt. Süßkind ist schon dabei, den Anstellungsvertrag zu übersetzen, den ich dir ausgestellt habe.«

Obwohl Süßkinds Umgang mit juristischen Formulierungen ungenau und unbeholfen war, stellte er Colonel Whidett zufrieden. Er hatte wenig Neigung, sich für den Rest des Kriegs mit Menschen zu beschäftigen, die sein Leben aus dem Lot brachten, und nur noch das Ziel, möglichst viele von ihnen zu entlassen. Er verfügte nicht nur, daß Oscar Hahn und Walter zu den ersten gehörten, die das Camp verlassen durften, sondern sorgte auch dafür, daß Lilly vom New Stanley und Jettel mit Regina aus dem Norfolk abgeholt und mit den beiden Männern nach Gilgil gebracht wurden.

»Warum tust du das alles für uns?« hatte Walter am letzten Abend im Ngong gefragt.

»Eigentlich müßte ich jetzt sagen, daß es meine Pflicht ist, einem Bundesbruder zu helfen«, hatte Hahn erwidert, »aber ich mach es einfacher. Ich hab’ mich an dich gewöhnt, und meine Lilly braucht Publikum.«

Die Farm von Hahns mit Kühen und Schafen auf sanften grünen Hügeln und Hühnern, die neben dem großen Gemüsegarten in einer Sandfläche scharrten, mit akkurat angelegten Maisfeldern und dem Haus aus weißem Stein vor dem kurzgeschorenen Rasen, um den Rosen, Nelken und Hibiskus wuchsen, hieß Arkadia und erinnerte an einen deutschen Gutshof. Die Wege um das Haus waren mit Stein belegt, die Außenwände vom Küchengebäude in blau-weißem Rautenmuster gestrichen, das Toilettenhaus grün und die hellen Holztüren vom Wohnhaus mit einer Lackfarbe überzogen.

Unter einer hohen Zeder stand eine mit lila Bougainvilleen bewachsene Laube mit weißen Stühlen vor einem runden Tisch. Manjala, der Hausboy, hatte um sein weißes Kanzu, in dem er die Mahlzeiten servierte, einen silbernen Gürtel, den Lilly auf dem letzten Faschingsball ihres Lebens getragen hatte. Der Pudel mit den schwarzen Locken, die in der Sonne wie winzige Stücke Kohle glänzten, hieß Bajazzo.

Walter und Jettel kamen sich auf Arkadia wie verirrte Kinder vor, die von ihren Rettern mit der Ermahnung zu Hause abgeliefert werden, nie mehr allein fortzulaufen. Es war nicht nur die Herzlichkeit und Gelassenheit ihrer Gastgeber, die ihnen neue Kraft gab, sondern die Geborgenheit in dem Haus selbst. Alles erinnerte sie an eine Heimat, die sie in solcher Üppigkeit nie kennengelernt hatten.

Die runden, mit grünem Leder überzogenen Tische, der wuchtige Frankfurter Schrank vor eierschalfarbenen Stores, mit grauem Samt bezogene Stüble, Ohrensessel mit Bezügen aus geblümtem englischem Leinen und eine Mahagonikommode mit goldenen Beschlägen stammten von Ohas Eltern, das schwere Tafelsilber, die Kristallgläser und das Porzellan aus Lillys Aussteuer. Es gab gefüllte Bücherschränke, an den hellen Wänden Kopien von Frans Hals und Vermeer und im Wohnzimmer das Bild einer Kaiserkrönung im Frankfurter Römer, vor dem Regina jeden Abend saß und sich von Oha Geschichten erzählen ließ. Vor dem Kamin stand ein Flügel mit einer weißen Mozartbüste auf einer roten Samtdecke.

Unmittelbar nach Sonnenuntergang trug Manjala Getränke in bunten Gläsern herein und bald darauf so vertraute Gerichte, als könne Lilly täglich bei deutschen Metzgern, Bäckern und Kolonialwarenhändlern einkaufen. Ihre Stimme, die selbst dann zu singen schien, wenn sie nach den Boys rief oder die Hühner fütterte, und Ohas Frankfurter Zungenschlag kamen Walter und Jettel wie Botschaften aus einer fremden Welt vor. Abends sang Lilly das Repertoire ihrer Vergangenheit.

Vor der Tür hockten die Boys; die Frauen standen mit Säuglingen auf dem Rücken vor den offenen Fenstern, und in den Pausen setzte sich der Pudel auf seine Hinterpfoten und bellte leise und melodisch in die Nacht. Obwohl Walter und Jettel solche musikalischen Erlebnisse nie kennengelernt hatten, vergaßen sie bei den nächtlichen Konzerten alle Bedrückung und gaben sich romantischen Gefühlen hin, die ihnen Hoffnung und Jugend zurückbrachten.

Oha hatte ebensogroße Freude an seinen Gästen wie sie an seiner Gastfreundschaft, denn weder er noch die Menschen auf der Farm konnten lange genug Lillys Bedürfnis nach neuen Zuhörern stillen, doch er wußte, daß der Zustand von beglückendem Geben und dankbarem Nehmen nicht von Dauer sein durfte.

»Ein Mann muß seine Familie ernähren können«, sagte er zu Lilly.

»Du redest wie früher, Oha. Du bist und bleibst ein Deutscher.«

»Leider. Ohne dich wäre ich in der gleichen trostlosen Lage wie Walter. Wir Juristen haben eben nichts gelernt außer dummes Zeug.«

»Da ist eine Sängerin doch besser dran.«

»Nur, wenn sie so ist wie du. Übrigens habe ich an Gibson geschrieben.«

»Du hast einen englischen Brief geschrieben?«

»Englisch wird er erst, wenn du ihn übersetzt hast. Ich könnte mir vorstellen, daß Gibson Walter gebrauchen kann. Aber sag ihm noch nichts. Die Enttäuschung wäre zu groß.«

Oha kannte Gibson, von dem er einige Male Pyrethrum bezogen hatte, nur flüchtig. Er wußte aber, daß er schon seit langem nach einem Mann suchte, der für sechs Pfund bereit war, auf seiner Farm in Ol’ Joro Orok zu arbeiten. Geoffry Gibson hatte eine Essigfabrik in Nairobi und nicht die Absicht, mehr als viermal im Jahr nach seiner Farm zu sehen, auf der er ausschließlich Pyrethrum und Flachs anbaute. Er reagierte schnell.

»Genau das Richtige für dich«, freute sich Oha, als Gibsons Zusage eintraf, »du bringst dort weder Kühe noch Hühner um, und von ihm selbst hast du auch nichts zu befürchten. Du mußt dir nur ein Haus bauen.«

Zehn Tage, nachdem ein kleiner Lastwagen auf der schlammigen Straße in die Berge von Ol’ Joro Orok gekeucht war, bekam das kleine Haus zwischen den Zedern sein Dach. Der indische Schreiner Daji Jiwan hatte mit dreißig Arbeitern von den Schambas das Haus für den neuen Bwana aus groben, grauen Steinen gebaut. Ehe das Dach mit Gras, Lehm und Dung beworfen wurde, durfte Regina zum letztenmal auf den Holzstangen sitzen, die, anders als bei den Hütten der Eingeborenen, nicht zu einer Spitze, sondern schräg zusammenliefen.

Regina ließ sich von Daji Jiwan mit den schwarzglänzenden Haaren, der hellbraunen Haut und den sanften Augen hochheben und kletterte genau zur Mitte des Dachs. Dort hatte sie seit der Ankunft in Ol’ Joro Orok so lange und schweigend gesessen wie in den Tagen, als sie noch ein Kind war, das nichts wußte und mit seiner Aja unter den Bäumen von Rongai gelegen hatte.

Sie schickte ihre Augen zum großen Berg mit der weißen Decke, von der ihr Vater behauptete, sie sei aus Schnee, und wartete, bis sie satt wurden. Dann machte ihr Kopf eine schnelle Bewegung zum dunklen Wald, aus dem abends die Trommeln die Schauris vom Tag erzählten und bei Sonnenaufgang die Affen kreischten. Als Hitze in ihren Körper kam, machte sie ihre Stimme stark und schrie ihren Eltern auf der Erde zu: »Es gibt nichts Schöneres als Ol’ Joro Orok.« Das Echo kam schneller, klarer und lauter zurück als in den Tagen, die nun nicht mehr waren, und der Menengai ihr geantwortet hatte. »Es gibt nichts Schöneres als Ol’ Joro Orok«, rief Regina noch einmal.

»Sie hat Rongai schnell vergessen.«

»Ich auch«, sagte Jettel. »Vielleicht haben wir hier mehr Glück.«

»Ach, eine Farm ist wie die andere, Hauptsache, wir sind zusammen.«

»War dir bange nach mir im Camp?«

»Sehr«, erwiderte Walter und fragte sich, wie lange die neue Gemeinsamkeit das Leben in Ol’ Joro Orok überleben würde.

»Schade um Owuor«, seufzte er, »er war ein Freund der ersten Stunde.«

»Da waren wir ja auch noch keine Enemy Aliens.«

»Jettel, seit wann bist du ironisch?«

»Ironie ist eine Waffe. Hat Elsa Conrad gesagt.«

»Bleib du mal bei deinen Waffen.«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, hier ist’s noch einsamer als in Rongai.«

»Ich fürchte fast. Ohne Süßkind.«

»Dafür«, tröstete Jettel, »ist es doch nicht so furchtbar weit nach Gilgil zu Oha und Lilly.«

»Nur drei Stunden, wenn man ein Auto hat.«

»Und ohne?«

»Dann ist Gilgil auch nicht besser erreichbar als Leobschütz.«

»Du wirst sehen, wir kommen wieder hin«, beharrte Jettel, »und außerdem hat Lilly fest versprochen, uns hier zu besuchen.«

»Hoffentlich erfährt sie nicht vorher, was sich die Leute hier erzählen.«

»Was denn?«

»Daß selbst die Hyänen es nicht länger als ein Jahr in Ol’ Joro Orok aushalten.«

Ol’ Joro Orok bestand nur aus ein paar Lauten, die Regina liebte, und aus dem Duka, einem winzigen Laden in einem Bau aus Wellblech. Der Inder Patel, dem das Geschäft gehörte, war ebenso wohlhabend wie gefürchtet. Er verkaufte Mehl, Reis, Zucker und Salz, Fett in Dosen, Puddingpulver, Marmelade und Gewürze. Waren Händler aus Nakuru bei ihm gewesen, bot er Mangos, Papayas, Kohlköpfe und Lauch an. Es gab Benzin in Kanistern, Paraffin in Flaschen für die Lampen, Alkohol für die Farmer der Umgebung und dünne Wolldecken, kurze Khakihosen und grobe Hemden für die Schwarzen.

Nicht nur wegen seines Warenangebots mußte der unfreundliche Patel bei Laune gehalten werden, sondern weil dreimal in der Woche ein Wagen von der Bahnstation in Thompson’s Falls abgeschickt wurde, der bei ihm die Post ablieferte. Wer Patels Mißfallen erregte, was schon geschah, wenn man sich beim Kaufen zuviel Bedenkzeit gönnte, wurde durch Postentzug bestraft und war von der Welt abgeschnitten. Der Inder hatte schnell heraus, daß Menschen aus Europa so begierig auf ihre Briefe und Zeitungen waren wie seine Landsleute auf Reis, von dem er ohnehin nie genug hatte.

In seiner verdrossenen Art empfand Patel sogar ein wenig Sympathie für die Refugees. Sie gingen zwar für seinen Geschmack übertrieben sorgsam mit ihrem Geld um, aber sie waren zu Enemy Aliens erklärt worden, und das war immerhin ein deutliches Zeichen, daß die Engländer sie nicht mochten. Seinerseits verabscheute Patel die Engländer, die ihn fühlen ließen, daß er für sie auf der gleich niedrigen Stufe stand wie die Schwarzen.

Gibsons Farm war sechs Meilen von Pateis Duka entfernt, lag dreitausend Meter hoch am Äquator und war größer als jede andere Farm in der Umgebung. Selbst Kimani, der schon dort gelebt hatte, ehe das erste Flachsfeld angelegt worden war, mußte lange überlegen, welchen Weg er zu gehen hatte, wollte er ein bestimmtes Ziel erreichen. Kimani, ein Kikuyu von ungefähr fünfundvierzig Jahren, war klein, klug und dafür bekannt, daß er mit der Zunge schneller war als eine flüchtende Gazelle mit ihren Beinen. Er befahl den Schambaboys, was sie auf den Feldern zu tun hatten, und hatte, so lange die Farm ohne einen Bwana war, auch ihren Lohn festgesetzt.

Sobald am späten Nachmittag der Schatten die vierte Rille des Wassertanks erreichte, schlug Kimani mit einem langen Stock gegen das dünne Blech und gab so das Zeichen für das Ende der Tagesarbeit. Als Herr der Zeit und auch, weil er die tägliche Ration Mais für den abendlichen Poschobrei verteilte, wurde Kimani von allen auf der Farm respektiert — selbst von den Nandis, die weder auf den Feldern arbeiteten noch Mais erhielten, sondern jenseits des Flusses lebten und eigene Herden hatten.

Kimani hatte sich schon lange einen Bwana auf der Farm gewünscht, wie es in Gilgil, Thompson’s Fall und selbst in Ol’ Kalao üblich war. Was nutzten ihm Ansehen und Anerkennung, wenn das Land, für das er sorgte, nicht gut genug für einen weißen Mann war? Das neue Haus nährte seinen Stolz. War abends die Arbeit beendet und legte sich Kälte auf die Haut, blieben die Steine noch warm genug, um den Rücken an ihnen zu reiben. Mit Daji Jiwan, der die Pracht vollbracht hatte, sprach er voller Achtung, obwohl er sonst die Inder noch weniger schätzte als die Menschen aus dem Stamm der Lumbwa.

Kimani gefielen der neue Bwana mit den toten Augen und die Memsahib mit dem zu flachen Bauch, der aussah, als würde aus ihm kein Kind mehr geholt werden. Sehr viel rascher als sonst tötete er seinen Argwohn gegen Fremde und verjagte seine Schweigsamkeit. Er führte Walter zu den Feldern am Rande des Waldes und bis zu dem Fluß, der nur in der Regenzeit Wasser hatte. Er nahm die kräftigen Blüten vom Pyrethrum und die leuchtend blauen vom Flachs in die Hand, machte auf die Farbe der Erde aufmerksam und immer wieder auf den Abstand, den die Pflanzen voneinander brauchten, um zu gedeihen. Kimani war schnell aufgegangen, daß der neue Bwana eine lange Safari hinter sich hatte und nichts von den Dingen wußte, die ein Mann zu wissen hatte.

Nach dem Haus baute Daji Jiwan ein Küchengebäude in der runden Form der Eingeborenenhütten und danach, sehr widerwillig, über eine tiefe Grube einen Bretterverschlag mit einer Bank, in die er drei Löcher von verschiedener Größe hineinschneiden ließ. Die Toilette war Walters Entwurf, und er war so stolz auf sie wie Kimani auf seine Felder. In die Holztür ließ er ein Herz schnitzen, das bald auf der Farm eine solche Attraktion wurde, daß sich Daji Jiwan doch noch mit dem Bau versöhnte, für den er selbst keine Verwendung hatte. Seine Religion verbot es ihm, den Körper zweimal an derselben Stelle zu entleeren.

Als die Küche fertig war, brachte Kimani einen Mann an, den er als seinen Bruder vorstellte, der Kania hieß und die Zimmer fegen sollte. Um die Betten zu machen, holte er Kinanjui von den Feldern. Kamau kam, um das Geschirr zu spülen. Er saß viele Stunden vor dem Haus und polierte Gläser, die er in der Sonne zum Leuchten brachte. Schließlich stand noch Jogona vor der Tür. Er war fast noch ein Kind und hatte Beine, die so dünn waren wie die Äste eines jungen Baums.

»Besser als eine Aja«, sagte Kimani zu Regina.

»War der mal ein Reh?« fragte sie.

»Ja.«

»Aber er redet nicht.«

»Er wird reden. Kessu.«

»Was soll er machen?«

»Für den Hund kochen.«

»Aber wir haben doch keinen Hund.«

»Heute haben wir keinen Hund«, sagte Kimani, »aber Kessu.«

Kessu war ein gutes Wort. Es hieß morgen, bald, irgendwann, vielleicht. Kessu sagten die Menschen, wenn sie Ruhe für Kopf, Ohr und Mund brauchten. Nur der Bwana wußte nicht, wie Ungeduld zu heilen war. Jeden Tag fragte er Kimani nach einem Boy, der der Memsahib in der Küche helfen sollte, aber da kaute Kimani Luft mit geschlossenen Zähnen, ehe er antwortete.

»Du hast doch einen Boy für die Küche, Bwana.«

»Wo, Kimani, wo?«

Kimani liebte dieses tägliche Gespräch. Oft ließ er, wenn es soweit war, kleine, bellende Geräusche aus seinem Mund. Er wußte, daß sie den Bwana ärgerten, doch er durfte nicht auf sie verzichten. Es war nicht leicht, den Bwana mit Ruhe zu zähmen. Seine Safari war zu weit gewesen. Kimanis hartnäckige Weigerung, die Lage zu klären, machte Walter unsicher. Jettel brauchte eine Hilfe in der Küche. Sie konnte den Brotteig nicht allein kneten, die schweren Behälter mit Trinkwasser nur mühsam heben und schon gar nicht, Kamau, den Geschirrspüler, bewegen, den rauchigen Ofen in der Küche zu versorgen oder das Essen von dort ins Haus zu tragen.

»Das ist nicht meine Arbeit«, sagte Kamau, sobald er um Hilfe gebeten wurde, und rieb weiter die Gläser blank.

Der tägliche Streit machte Jettel mißmutig und Walter nervös. Er wußte, daß er sich ohne ausreichendes Hauspersonal bei den Leuten auf der Farm lächerlich machte. Noch mehr ängstigte ihn der Gedanke, Mr. Gibson könne plötzlich auftauchen und dann sofort sehen, daß sein neuer Manager noch nicht einmal fähig war, für einen Boy in der Küche zu sorgen. Er spürte, daß ihm nicht viel Zeit blieb, um seinen Willen durchzusetzen.

Auf seinen Rundgängen mit Kimani fragte er Männer, die ihm besonders freundlich »Jambo« zuriefen oder die auch nur so aussahen, als hätten sie nichts dagegen, statt auf den Schambas im Hause zu arbeiten, ob sie nicht der Memsahib beim Kochen helfen wollten. Tag für Tag geschah das gleiche. Die angesprochenen Arbeiter drehten verlegen den Kopf zur Seite und stießen die gleichen bellenden Laute aus wie Kimani, schauten in die Ferne und liefen eilig davon.

»Es ist wie ein Fluch«, sagte Walter an dem Abend, als zum erstenmal Feuer im Haus gemacht wurde. Kania hatte sich den ganzen Tag mit dem neuen Kamin beschäftigt, ihn gekehrt, ausgewischt und das Holz davor zu einer Pyramide gestapelt.

Nun saß er zufrieden auf seinen Beinen, zündete ein Stück Papier an, blies die Flamme zärtlich zur Glut und lockte Wärme in den Raum.

»Was kann denn um Himmels willen so schwer daran sein, einen Boy für die Küche zu finden?«

»Jettel, wenn ich das wüßte, hätten wir einen.«

»Warum kommandierst du nicht einfach einen ab?«

»Als Kommandant habe ich zu wenig Erfahrung.«

»Ach, du mit deiner Vornehmheit. Im Norfolk haben alle Frauen erzählt, wie gut ihre Männer mit den Boys fertig werden.«

»Warum haben wir keinen Hund?« fragte Regina.

»Weil dein Vater zu blöd ist, auch nur einen Küchenboy zu finden. Hast du nicht eben gehört, was deine Mutter gesagt hat?«

»Ein Hund ist doch kein Küchenboy.«

»Herrgott, Regina, kannst du nicht einmal in deinem Leben den Mund halten?«

»Das Kind kann doch nichts dafür.«

»Mir reicht es schon, wenn du nach den Fleischtöpfen von Rongai jammerst.«

»Ich«, bohrte Regina, »hab’ nichts von Rongai gesagt.«

»Man kann auch sagen, ohne zu sagen.«

»Und du«, fiel es Jettel ein, »hast immer gesagt, eine Farm ist wie die andere.«

»Diese verfluchte hier nicht. Die hat einen Kamin, aber keinen Küchenboy.«

»Gefällt dir der Kamin nicht, Papa?«

Es war das Lauern in Reginas Stimme, das Walters Zorn entzündete. Er spürte nur noch den Drang, der ihm so kindisch wie grotesk erschien, nichts mehr zu hören und nichts mehr zu sagen. Auf dem Fensterbrett standen die drei Lampen für die Nacht.

Walter nahm sich seine, füllte Paraffin nach, zündete sie an und drehte den Docht so weit herunter, daß die Lampe nur einen schwachen Schimmer von Licht gab.

»Wohin gehst du?« schrie Jettel angstvoll.

»In die Kneipe«, brüllte Walter zurück, doch er merkte sofort, daß Reue ihm die Kehle aufrieb. »Ein Mann wird doch noch mal allein pinkeln gehen dürfen«, sagte er und winkte, als wollte er sich für längere Zeit verabschieden, aber der Scherz mißlang.

Die Nacht war kalt und sehr dunkel. Nur die Feuerstellen vor den Hütten der Schambaboys leuchteten als winzige, hellrote Punkte. Am Waldrand heulte ein Schakal, der zu spät zur Jagd aufgebrochen war. Walter war es, als verspotte auch er ihn, und er drückte seine Hände fest gegen die Ohren, aber das Geräusch verstummte nicht. Es narrte ihn so quälend, daß er in Abständen glaubte, ein Hund habe gebellt. Es waren die gleichen demütigenden Laute, die Kimani ausstieß, wenn er nach dem Küchenboy gefragt wurde.

Leise rief Walter Kimanis Namen, doch das Echo, das ihn verhöhnte, kam laut zu ihm zurück. Er wurde gewahr, daß die Rebellion seines Kopfes den Magen zu attackieren begann, und er hetzte weg vom Haus, um sich nicht vor der Tür übergeben zu müssen. Das Würgen brachte ihm keine Erleichterung. Der Schweiß auf der Stirn, das taube Gefühl in seinen klammen Händen und der feine Schleier vor den Augen erinnerten ihn an seine Malaria und den Umstand, daß er in Ol’ Joro Orok keinen Nachbarn hatte, zu dem er um Hilfe schicken konnte.

Er rieb die Augen und stellte erleichtert fest, daß sie trocken waren. Trotzdem spürte er Feuchtigkeit auf dem Gesicht und danach einen so beängstigenden Druck in seiner Brust, daß er zu stürzen glaubte. Als das Bellen immer lauter in seinem rechten Ohr dröhnte, warf Walter die Lampe ins Gras und machte seinen Körper steif. Wärme stieg in ihm auf. Ein Geruch, den er nicht deuten konnte, wehte zuerst eine Erinnerung zu ihm herüber und dämpfte dann seine Erregung. Ihm ging auf, daß die zitternden Bewegungen nicht von seinem Herzen kamen, und endlich spürte er auch die rauhe Zunge, die sein Gesicht ableckte.

»Rummler«, flüsterte Walter, »Rummler, du verdammtes Mistvieh. Wo kommst du her? Wie hast du mich gefunden?« Abwechselnd wiederholte er den Namen und Koseworte, die ihm zuvor nie eingefallen waren, hielt den kräftigen Nacken des Hundes mit beiden Händen, roch sein dampfendes Fell und merkte, daß seine Kräfte zurückkamen und er wieder deutlich sehen konnte.

Während Walter das aufgeregt hechelnde Tier im Rausch einer Seligkeit, die ihn genierte, an sich drückte und es staunend streichelte, blickte er sich scheu um, als fürchtete er, im Taumel seiner Zärtlichkeit überrascht zu werden. Da sah er eine Gestalt auf sich zukommen.

Schwerfällig, weil er sich nur mühsam aus der Umklammerung von übermäßiger Freude und Verlegenheit freimachen konnte, holte Walter die Lampe aus dem Gras und drehte den Docht hoch. Erst sah er nur eine Gestalt, die einer dunklen Wolke ähnelte, bald aber die Konturen eines kräftigen Mannes, der immer schneller lief. Walter glaubte auch, die Umrisse eines Mantels auszumachen, der bei jedem der großen Schritte flatterte, obwohl es seit Tagen keinen Wind mehr gegeben hatte.

Rummler winselte und bellte, ehe seine Stimme zu einem großen freudigen Heulen wurde, das einen kurzen Augenblick taub machte für jeden anderen Klang und dann plötzlich in Töne überging, die nur von einem Menschen stammen konnten. Laut und klar zerriß vertrauter Klang das Schweigen der Nacht.

»Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren«, sang Owuor und stellte sich in den gelben Schein der Lampe. Ein Fleck von seinem weißen Hemd leuchtete unter seiner schwarzen Robe.

Walter schloß die Augen und wartete erschöpft auf das Erwachen aus dem Traum, doch seine Hände fühlten den Rücken des Hundes, und Owuors Stimme blieb. »Bwana, du schläfst auf deinen Füßen.«

Walter brachte die Zähne auseinander, doch er konnte seine Zunge nicht bewegen. Er merkte noch nicht einmal, daß er die Arme ausgebreitet hatte, bis er Owuors Körper an seinem und den Seidenbesatz der Robe am Kinn spürte. Einige kostbare Sekunden ließ er es zu, daß Owuors Gesicht mit der breiten Nase und der glatten Haut die Züge seines Vaters annahm. Schneidend spürte er den Schmerz, als sich das Bild aus Trost und Sehnsucht auflöste, aber die Beglückung blieb.

»Owuor, du Mistvieh, wo kommst du her?«

»Mistvieh«, kostete Owuor das fremde Wort und schluckte Behagen, weil es ihm sofort gelungen war. »Aus Rongai«, lachte er, grub unter der Robe in seiner Hosentasche und holte ein kleines, sorgsam gefaltetes Stück Papier heraus. »Ich habe den Samen mitgebracht«, sagte er, »deine Blumen kannst du jetzt auch hier pflanzen.«

»Das sind die Blumen von meinem Vater.«

»Das sind die Blumen von deinem Vater«, wiederholte Owuor, »sie haben dich gesucht.«

»Du hast mich gesucht, Owuor.«

»Die Memsahib hat in Ol’ Joro Orok keinen Koch.«

»Nein. Kimani hat keinen für sie gefunden.«

»Er hat gebellt wie ein Hund. Hast du Kimani nicht bellen gehört, Bwana?«

»Ja. Aber ich wußte nicht, warum er bellte.«

»Das war Rummler, der aus Kimanis Mund gesprochen hat. Er hat dir gesagt, daß er mit mir auf Safari war. Es war eine lange Safari, Bwana. Aber Rummler hat eine gute Nase. Er hat den Weg gefunden.«

Owuor wartete voller Spannung, ob der Bwana den Scherz glauben würde oder ob er noch so dumm wie ein junger Esel war und nicht wußte, daß ein Mann auf Safari seinen Kopf und nicht die Nase eines Hundes brauchte.

»Ich war noch einmal in Rongai, Owuor, um meine Sachen zu holen, aber du warst nicht da.«

»Ein Mann, der fort muß aus seinem Haus, hat keine guten Augen. Ich wollte deine Augen nicht sehen.«

»Du bist klug.«

»Das«, freute sich Owuor, »hast du gesagt am Tag, als die Heuschrecken kamen.« Er schaute, während er sprach, in die Ferne, als wollte er die Zeit zurückholen, und doch spürte er jede Regung der Nacht. »Da ist die Memsahib kidogo«, jubelte er.

Regina stand vor der Tür. Sie schrie einige Male und immer lauter Owuors Namen, sprang an ihm hoch, während Rummler ihre nackten Beine ableckte, befreite ihre Kehle und schnalzte mit der Zunge. Auch als Owuor sie zurück auf die weiche Erde stellte und sie sich zu dem Hund hinabbeugte und sein Fell mit ihren Augen und dem Mund feucht machte, hörte sie nicht zu reden auf.

»Regina, was laberst du da dauernd? Ich versteh kein Wort.«

»Jaluo, Papa. Ich rede Jaluo. Wie in Rongai.«

»Owuor, hast du gewußt, daß sie Jaluo kann?«

»Ja, Bwana. Das weiß ich. Jaluo ist doch meine Sprache. Hier in Ol’ Joro Orok gibt es nur Kikuyus und Nandis, aber die Memsahib kidogo hat eine Zunge wie ich. Deshalb konnte ich zu dir kommen. Ein Mann kann nicht dort sein, wo er nicht verstanden wird.«

Owuor schickte sein Lachen in den Wald und danach auch zu dem Berg mit dem Hut aus Schnee. Das Echo hatte die Kraft, die seine hungrigen Ohren brauchten, und doch war seine Stimme leise, als er sagte: »Das weißt du doch, Bwana.«

6

Die Nakuru School auf dem steilen Berg über einem der berühmtesten Seen der Kolonie war beliebt bei jenen Farmern, die sich keine Privatschule leisten konnten und die dennoch Wert auf die Tradition und den guten Ruf einer Schule legten. Bei den renommierten Familien in Kenia galt die in Nakuru, weil sie staatlich war und sich ihre Schüler nicht aussuchen konnte, zwar als »etwas gewöhnlich«, aber Eltern, die sich aus finanziellen Gründen mit ihr abfinden mußten, pflegten diese bedauerliche Peinlichkeit mit einem deutlichen Hinweis auf die doch sehr außergewöhnliche Persönlichkeit des Direktors zu negieren. Er war ein Oxford-Mann mit den noch gesunden Ansichten aus der Zeit Königin Victorias und hatte vor allem keine neumodischen pädagogischen Ideen; Gewährenlassen und Verständnis für die Psyche der Kinder in seiner Obhut gehörten nicht zu seinen Prinzipien.

Arthur Brindley, in seiner Jugend in der Rudermannschaft von Oxford und im Ersten Weltkrieg mit dem Victoria Cross ausgezeichnet, hatte einen gesunden Sinn für Proportionen und entsprach genau dem Ideal der Erziehung im Mutterland. Er langweilte die Eltern nie mit pädagogischen Thesen, die sie nicht hören wollten und ohnehin nicht begriffen hätten. Ihm reichte allzeit der Hinweis auf das Motto der Schule. »Quisque pro omnibus« stand in goldfarbenen Lettern auf der Mittelwand der Aula und war auf dem Wappen eingestickt, das auf die Jakken, Krawatten und Hutbänder der Schuluniform genäht wurde.

Mr. Brindley war zufrieden und an guten Tagen sogar ein wenig stolz, wenn er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in dem imposanten Hauptgebäude aus weißem Stein und mit wuchtigen Rundsäulen am Haupteingang schaute. Die vielen kleinen Gebäude aus hellem Holz und mit Wellblechdächern, die als Schlafsäle dienten und von übertrieben klassenbewußten Anhängern der Privatschulen seiner Meinung nach absolut zu Unrecht als Personalquartiere verspottet wurden, erinnerten ihn an seine Kindheit in einem Dorf in der Grafschaft Wiltshire. Die akkurat angelegten Rosenbeete hinter den dichten Hecken um die Häuser für die Lehrer und der dichte Rasen zwischen den Hockeyfeldern und den Wohnungen für die Lehrerinnen ließen den Direktor an gutgeführte englische Landsitze denken. Der See mit seiner durch die Flamingos rosagetönten Oberfläche war noch nahe genug, um ein an englischer Sanftheit geschultes Auge zu entzücken, doch wiederum so weit entfernt, um bei Kindern kein unnötiges Verlangen nach Natur oder gar nach einer Welt jenseits der Schulgrenzen aufkommen zu lassen.

Seit einiger Zeit irritierten allerdings die niedrigen Bäume mit den dünnen Stämmen, um die sich wuchernde Pfefferbüsche rankten, den Direktor. Lange Zeit hatte er gefunden, daß die Bäume besonders gut in die karge Landschaft des Rift-Tals paßten, doch sie machten ihm kaum noch Freude, seitdem er täglich erleben mußte, daß sich neuerdings einige Kinder in ihrer Freizeit dorthin zurückzogen. Mr. Brindley hatte diese störende Flucht ins Private nie ausdrücklich verboten, allerdings auch keinen Grund für ein solches Verbot gehabt. Um so mehr verdroß ihn der Beweis, daß es gewissen Schülern und erst recht den neuen Schülerinnen auffallend schwerfiel, sich einem Leben zu stellen, das Individualismus und Außenseiter mißbilligte.

Für Arthur Brindley waren solche Abweichungen von der harmonischen Norm unstreitig eine Folge des Kriegs. Der Direktor mußte immer mehr Kinder in seine Schule aufnehmen, die zu wenig Sinn für die gute alte englische Tugend hatten, nicht aufzufallen und vor allem die Gemeinschaft vor die eigene Person zu stellen. Ein Jahr nach Kriegsausbruch hatten die Behörden in Kenia die allgemeine Schulpflicht für weiße Kinder eingeführt. Mr. Brindley empfand das nicht nur als Einschränkung der elterlichen Freiheit, sondern auch als eine recht übertriebene Anstrengung der Kolonie, es in Notzeiten dem bedrohten Mutterland gleichzutun.

Gerade für die Nakuru School im Zentrum des Landes brachte die Schulpflicht einschneidende Veränderungen. Sie mußte sogar Kinder von Buren aufnehmen und hatte sich noch glücklich zu schätzen, daß es nicht allzu viele waren. Die meisten wurden auf die Afrikaans-Schule in Eldoret geschickt. Diejenigen aus der Umgebung, die in Nakuru landeten, waren störrisch und machten trotz ihrer mangelhaften Sprachkenntnisse keinen Hehl aus ihrem Haß auf England. Weder versuchten sie, mit ihren Mitschülern auszukommen, noch ihr Heimweh zu verbergen. Trotzdem war der Umgang mit den hitzköpfigen kleinen Buren leichter als anfänglich vermutet. Sie verlangten keine Beachtung, und die Lehrkräfte brauchten nur dafür zu sorgen, daß sich die widerspenstigen kleinen Rebellen nicht zusammenrotteten und die Schulordnung störten.

Ein viel größeres Problem waren für den Direktor die Kinder der sogenannten Refugees. Wurden sie in der Schule von Eltern abgeliefert, die einen peinlichen Hang zu typisch kontinentalen Abschiedsszenen mit Händeschütteln, Umarmungen und Küssen hatten, wirkten sie wie die kleinen, jämmerlichen Gestalten aus den Romanen von Dickens. Ihre Schuluniformen waren aus billigem Stoff und bestimmt nicht in dem dafür zuständigen Geschäft für Schulbedarf in Nairobi gekauft, sondern von indischen Schneidern genäht worden. Kaum ein Kind hatte das Wappen der Schule.

Dies widersprach der gesunden Tradition der Gleichmachung durch die Schuluniform und wäre vor der Einführung der Schulpflicht Grund genug gewesen, solche Schüler gar nicht erst aufzunehmen. Der Direktor ahnte aber, daß er, falls er auf die bewährte Art verfuhr, unliebsame Diskussionen mit der obersten Schulbehörde in Nairobi heraufbeschwören würde. Arthur Brindley empfand die Situation als störend. Er war gewiß nicht intolerant gegen Menschen, von denen er gehört hatte, ihnen wäre Unrecht geschehen und sie hätten nicht dort bleiben können, wohin sie gehörten.

Seinem ausgeprägten Sinn für Fairneß widerstrebte es jedoch, daß jüdische Kinder durch die fehlenden Wappen irgendwie gezeichnet schienen. Für die Mädchen galt dies auch am Sonntag, denn ihnen fehlten die vorgeschriebenen weißen Kleider für den Kirchgang. Er war sicher, daß sie deswegen so große Schwierigkeiten machten, wenn ihnen befohlen wurde, zur Kirche zu gehen.

»Die verdammten kleinen Refugees«, wie Mr. Brindley sie im Kollegenkreis nannte, machten dem Direktor noch auf ganz andere Art zu schaffen. Sie lachten kaum, sahen immer älter aus, als sie tatsächlich waren, und hatten für englische Maßstäbe einen geradezu absurden Ehrgeiz. Kaum beherrschten diese ernsten, unangenehm frühreifen Geschöpfe die Sprache, und das war erstaunlich schnell der Fall, machten sie sich durch ihre Wißbegier und selbst für engagierte Pädagogen sehr lästiges Streben zu Außenseitern in einer Gemeinschaft, in der nur sportliche Erfolge zählten. Mr. Brindley, der Literatur und Geschichte mit sehr befriedigenden Resultaten studiert hatte, hegte selbst nicht solche Vorurteile gegen geistige Leistungen. Er hatte jedoch in langen Jahren gelernt, die doch sehr beruhigende Lethargie der Farmerskinder im Unterricht als typisch für das Lebensgefühl in der Kolonie zu akzeptieren. Mit Religion hatte er sich nie befassen müssen. So grübelte er oft, ob der übertriebene Lerneifer seinen Ursprung in der jüdischen Lehre haben könnte. Für nicht ganz ausgeschlossen hielt er auch seine These, daß Juden wohl von klein auf ein traditionsgebundenes Verhältnis zu Geld hatten und vielleicht nur das meiste aus den Schulgebühren herausholen wollten. Mr. Brindley bekam ja immer wieder mit, obgleich er solche Einblicke in die Privatsphäre verabscheute, daß sehr viele Refugee-Eltern die paar Pfund für die Schulgebühren nur mit äußerster Mühe zusammenkratzten und es auch dann nicht schafften, ihren Kindern die vorgeschriebene Summe Taschengeld zu geben.

Typisch erschien dem Direktor der Fall des Mädchens mit dem unaussprechlichen Vornamen und den drei aufgeregten Männern, die es vor sechs Monaten zum erstenmal in der Nakuru School abgeliefert hatte. Inge Sadler hatte damals kein Wort Englisch gesprochen, obgleich sie offenbar lesen und schreiben konnte, was ihrer Lehrerin allerdings eher als Hindernis denn als Vorteil erschienen war. In der ersten Zeit hatte das verschüchterte Kind nur geschwiegen und wie ein Mädchen vom Land gewirkt, das in einem Herrschaftshaus den Tee servieren soll.

Als Inge zu reden anfing, sprach sie fast fließend Englisch, sah man von einem störenden Rollen aller R-Laute ab. Danach waren ihre Fortschritte ebenso enorm wie irritierend. Miß Scriver, die sich sehr energisch gegen die Aufnahme eines Kindes ohne Sprachkenntnisse in ihrer Klasse gewehrt hatte, mußte selbst vorschlagen, Inge gleich zwei Klassen höher einzustufen. Eine solche Versetzung mitten im Schuljahr war in der Schule noch nie vorgekommen und wurde entsprechend ungern gesehen, weil weniger begabte Kinder eine Bevorzugung hatten wittern können. So etwas führte oft zu unliebsamen Disputen mit den Eltern.

Auch das Mädchen aus Ol’ Joro Orok mit einem ebenso unaussprechlichen Vornamen wie die kleine Streberin aus Londiani hatte es Mr. Brindley unmöglich gemacht, sein bewährtes Prinzip beizubehalten, keine Präzedenzfälle zu schaffen. Genau wie Inge vor ihr, hatte Regina in den ersten Wochen in der Nakuru School alle Vorgänge stumm verfolgt und ängstlich genickt, wenn sie angesprochen wurde. Dann ließ sie mit einer Plötzlichkeit, die Mr. Brindley schon ein wenig provozierend fand, ihre Lehrer merken, daß sie nicht nur Englisch gelernt hatte, sondern auch lesen und schreiben konnte. Auch Regina war soeben zwei Klassen höher eingestuft worden. Also saßen die zwei kleinen Refugees, die ohnehin unzertrennlich waren, wieder zusammen und würden gewiß sehr bald mit ihrem aufdringlichen Ehrgeiz für Unruhe sorgen.

Mr. Brindley seufzte, wann immer er an solche Komplikationen dachte. Aus Gewohnheit schaute er zu den Pfefferbüschen hin. Sein Ärger über Begabungen, die aus dem Rahmen fielen, erschien ihm kleinlich. Er fand es aber bezeichnend, daß ausgerechnet die beiden Mädchen, die ihn dazu gebracht hatten, seinen Prinzipien von gleicher Behandlung für alle untreu zu werden, sich immer wieder von der Gemeinschaft ausschlossen. Wie erwartet, sah er die kleinen schwarzhaarigen Fremdlinge im Gebüsch sitzen. Der Gedanke verdroß ihn, daß sie wahrscheinlich noch in der Freistunde lernten und am Ende miteinander auch Deutsch sprachen, obwohl außerhalb des Unterrichts alle Unterhaltungen in fremden Sprachen streng untersagt waren.

Der Direktor täuschte sich. Inge hatte immer nur dann Deutsch mit Regina gesprochen, wenn sie sich nicht mehr weiterzuhelfen wußte. Das unverhoffte Wiedersehen mit der Freundin aus dem Norfolk war ihr zunächst Glück genug, und sie hatte den ausgeprägten Instinkt einer Außenseiterin, nicht mehr als nötig aufzufallen. So trieb Inge, unbewußt und unbeirrt, Regina dazu, sich ebenso entschlossen aus ihrer Sprachlosigkeit zu erlösen, wie sie es einige Monate zuvor selbst getan hatte.

»Jetzt«, sagte sie, als Regina erstmals neben ihr sitzen durfte, »kannst du Englisch. Wir müssen nie mehr flüstern.«

»Nein«, erkannte Regina, »jetzt kann uns jeder verstehen.« Es war eine Schicksalsgemeinschaft zwischen zwei Gleichaltrigen von sehr verschiedenem Naturell. Inge empfand Regina als die gute Fee, die sie von der Qual der Einsamkeit befreit hatte. Regina bemühte sich nicht einmal um Kontakt zu ihren Mitschülerinnen. Die faszinierten sie, aber Inge reichte ihr. Beide Mädchen spürten, daß ihnen nicht nur die sprachlichen Barrieren ihres schwierigen Anfangs den Zugang zu der Gemeinschaft verwehrten. Die heiter-robusten Kinder der Kolonie, die trotz der unerbittlichen Schulordnung das Leben miteinander genossen, kannten nur die Gegenwart.

Sie sprachen nur selten von den Farmen, auf denen sie lebten, und fast immer ohne Sehnsucht von ihren Eltern.

Sie verachteten das Heimweh neuer Schülerinnen, verspotteten alles, was ihnen fremd war, und verabscheuten im gleichen Maße körperliche Schwäche wie gute Leistungen im Unterricht. Weder das kalte Bad morgens um sechs und der Dauerlauf vor dem Frühstück noch die angebrannten Süßkartoffeln mit fettem Hammelfleisch zum Mittagessen und selbst die Schikanen älterer Schüler, die Strafarbeiten und Prügel vermochten die Gelassenheit von Kindern zu erschüttern, die auch von ihren Eltern zur Härte erzogen wurden.

Sonntags machten sie sich nur widerwillig an die vorgeschriebenen Briefe nach Hause, während Inge und Regina die Stunde zum Schreiben als Höhepunkt der Woche empfanden. Trotzdem waren ihre Briefe nicht unbeschwert, wußten sie doch, daß ihre Eltern die englisch geschriebenen Briefe nicht lesen konnten, aber es fehlte ihnen der Mut, sich einem Lehrer anzuvertrauen. Inge half sich mit kleinen Bildern, die sie an den Rand malte, Regina mit Suaheli. Beide ahnten, daß sie gegen die Schulordnung verstießen, und beteten in der Kirche flehentlich um Hilfe. Inge hatte das so bestimmt.

»Juden«, erklärte sie jeden Sonntag, »dürfen auch in einer Kirche beten. Wenn sie dabei die Finger kreuzen.«

Sie war praktisch, resolut und nicht so empfindsam wie die Freundin, kräftiger und geschickter. Fantasie hatte sie keine und schon gar nicht Reginas Talent, mit Worten Bilder zu zaubern. Als die Freundinnen nicht mehr in die Muttersprache flüchten mußten, um einander zu verstehen, genoß Inge Reginas Schilderungen wie ein Kind, das sich von der Mutter vorlesen läßt.

Ausführlich, mit ausgeprägtem Sinn für Details, voller Sehnsucht und berauscht von ihren Erinnerungen erzählte Regina vom Leben in Ol’ Joro Orok, von ihren Eltern, Owuor und Rummler. Es waren Geschichten voller Verlangen, die sie aus einer sanften Welt heraufbeschwor. Sie trieben ihr Hitze in den Körper und Salz in die Augen, aber sie waren der große Trost in einer Welt von Gleichgültigkeit und Zwang. Regina konnte auch zuhören. Indem sie immer wieder nach der Farm in Lon-diani und Inges Mutter fragte, an die sie sich gut aus der Zeit im Norfolk erinnerte, brachte sie auch Inge dazu, Erinnerungen wie eine verfrühte Heimkehr zu empfinden. Beide Kinder haßten die Schule, fürchteten die Mitschülerinnen und mißtrauten den Lehrkräften. Als schwerste Bürde empfanden sie die Hoffnungen, die ihre Eltern in sie setzten.

»Vati sagt, ich darf ihm keine Schande machen und muß die Beste in der Klasse sein«, erzählte Inge.

»Das sagt Papa auch«, nickte Regina. »Ich wünsche mir oft«, fügte sie am vorletzten Sonntag vor den Ferien hinzu, »einen Daddy und keinen Papa.«

»Dann wäre dein Vater nicht dein Vater«, entschied Inge, die immer lange zögerte, ehe sie Regina auf der Flucht in die Fantasie folgte.

»Er wäre doch mein Vater. Ich wäre ja gar nicht Regina. Mit einem Daddy wäre ich Janet. Ich hätte lange blonde Zöpfe und eine Schuluniform aus ganz dickem Stoff, der nicht drückt. Und überall hätte ich Wappen, wenn ich Janet wäre. Ich könnte gut Hockey spielen, und keiner würde mich anstarren, weil ich besser lesen kann als die anderen.«

»Du könntest ja gar nicht lesen«, wandte Inge ein. »Janet kann ja auch nicht lesen. Sie ist schon drei Jahre hier und noch immer in der ersten Klasse.«

»Ihrem Daddy ist das bestimmt egal«, beharrte Regina, »alle haben Janet gern.«

»Vielleicht, weil Mr. Brindley in den Ferien mit ihrem Vater auf die Jagd geht.«

»Mit meinem Vater wird er nie auf die Jagd gehen.«

»Geht denn dein Vater auf die Jagd?« fragte Inge verblüfft.

»Nein. Er hat kein Gewehr.«

»Meiner auch nicht«, erwiderte Inge beruhigt. »Aber wenn er ein Gewehr hätte, würde er alle Deutschen totschießen. Er haßt die Deutschen. Meine Onkel hassen sie auch.«

»Nazis«, verbesserte Regina, »ich darf zu Hause die Deutschen nicht hassen. Nur die Nazis. Aber ich hasse den Krieg.«

»Warum?«

»Der Krieg ist an allem schuld. Weißt du das nicht? Vor dem Krieg mußten wir nicht zur Schule.«

»In zwei Wochen und zwei Tagen«, rechnete Inge aus, »ist alles vorbei. Dann dürfen wir nach Hause. Ich kann«, lachte sie, weil ihr der Einfall, der ihr soeben gekommen war, gut gefiel, »dich ja Janet nennen, wenn wir allein sind und uns keiner hört.«

»Quatsch. Das ist doch nur ein Spiel. Wenn wir allein sind und uns keiner hört, will ich ja auch nicht Janet sein.«

Auch Mr. Brindley sehnte sich nach den Ferien. Je älter er wurde, desto länger erschienen ihm die drei Monate Schulzeit.

Er hatte nicht mehr genug Freude an einem Leben mit Kindern und in der Gemeinschaft von Kollegen, die alle jünger waren als er und weder seine Ansichten noch seine Ideale teilten. Die Zeit vor den Ferien, wenn er die Examensarbeiten des Semesters lesen und die Zeugnisse ausstellen mußte, zehrte so an seiner Kraft, daß er selbst sonntags arbeitete.

Obwohl er erschöpft war und die Welt sich für ihn auf den monotonen Wechsel zwischen blauer und roter Tinte reduzierte, fiel Mr. Brindley sofort auf, daß die kleinen Refugees, wie er sie immer noch nannte, wenn er mit sich allein war, wieder einmal besonders gut bei den Prüfungen abgeschnitten hatten. Er lauerte auf die Irritation, die jede Abweichung von der Norm bei ihm auslöste, doch erstaunt merkte er, daß das gewohnte Unbehagen sich nicht einstellte.

Trotz seiner depressiven Gedanken über seine nachlassende Flexibilität ging er sogar weit genug von seinen Prinzipien ab, Mittelmaß sehr viel mehr zu schätzen als jene Brillanz, von der er fand, auf sie sei kein rechter Verlaß. Mit einem Trotz, der ihn verwunderte, weil er seinem Wesen nicht genehm war, sagte er sich, eine Schule hätte schließlich auch die Aufgabe, Kinder geistig zu formen und sie nicht nur auf sportliche Höchstleistungen hinzudrillen.

Ein wenig widerwillig bemerkte Mr. Brindley, daß ihm solche Gedanken nicht mehr seit seiner Studienzeit in Oxford gekommen waren. In guter Verfassung wäre er ihnen gewiß nicht nachgegangen, aber in seinem gegenwärtigen Zustand von verdrossener Müdigkeit und nicht erklärbarer Auflehnung belebten die Grübeleien Gefühle, die er sich in den langen Jahren als Direktor abgewöhnt hatte.

»Die Kleine aus Ol’ Joro Orok«, sagte er laut, als er Reginas Zeugnis sah, »ist wirklich eine erstaunliche Schülerin.«

Mr. Brindley hatte im allgemeinen eine Aversion gegen Leute, die zu Selbstgesprächen neigten. Trotzdem lächelte er, als er seine Stimme hörte. Unmittelbar darauf erwischte er sich bei dem Gedanken, daß er den Namen Regina gar nicht so unaussprechlich fand, wie er immer gedacht hatte. Schließlich hatte er lange Jahre Latein gelernt und das mit einiger Freude. So grübelte er nur, wie wohl die Deutschen auf die Idee kamen, ihre Kinder mit so anspruchsvollen Namen zu belasten. Er kam zu dem Ergebnis, daß dies wahrscheinlich mit ihrem Ehrgeiz zu tun hatte, auch in kleinen Dingen aufzufallen.

Ohne daß er sich überhaupt bemühte, ein Verhalten zu rechtfertigen, das ihm ebenso unpassend wie absonderlich erschien, suchte er Reginas Aufsatz aus einem Stapel Hefte auf dem Fensterbrett heraus und begann zu lesen. Schon die ersten Sätze machten ihn neugierig, das Ganze verblüffte ihn. Er hatte eine solche Ausdrucksweise noch nie bei einem achtjährigen Kind erlebt. Regina schrieb nicht nur fehlerfreies Englisch. Sie hatte auch einen gewaltigen Wortschatz und eine ungewöhnliche Fantasie. Besonders die Vergleiche, die für Mr. Brindley alle aus einer fremden Welt stammten und die ihn in ihrer übertriebenen Art rührten, beschäftigten ihn. Miß Blandford, die Klassenlehrerin, hatte an den Schluß des Aufsatzes »Well done!« geschrieben. Einem Impuls folgend, den er seiner Vorfreude auf die Ferien zuschrieb, nahm er Reginas Zeugnis und wiederholte das Lob in seiner steilen Schrift.

Es war nie Mr. Brindleys Art gewesen, sich mehr als nötig mit einem einzelnen Kind zu befassen. Er war auch stets gut damit gefahren, sich nicht von Emotionen zu einer Sentimentalität hinreißen zu lassen, die er in seinem Beruf als töricht empfand, aber weder Regina noch ihr Aufsatz gönnten ihm Ruhe. Lustlos begann er die übrigen Arbeiten zu lesen, doch es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Widerstrebend gab er der bei ihm seltenen Regung nach, in eine Vergangenheit einzutauchen, die er schon lange vergessen wähnte. Sie narrte ihn mit einer Bilderflut, die ihm in ihrer Ausführlichkeit kurios und aufdringlich erschien.

Um fünf Uhr ließ er sich, ganz gegen seine Überzeugung, dies nur zu tun, wenn er krank war, den Tee in seinen Räumen servieren. Er mußte sich zwingen, die abendliche Andacht in der Aula zu halten. Er erschrak sehr, daß er Reginas Gesicht in der Menge suchte, und hätte fast gelächelt, als ihm auffiel, daß sie beim Vaterunser nur die Lippen bewegte und nicht mitbetete. Mit jener Kompromißlosigkeit gegen sich selbst, die ihn sonst so gut vor den Gefährdungen weicher Regungen schützte, schalt sich Mr. Brindley einen alten Narren, aber er empfand doch den Beweis nicht unwillkommen, daß er längst nicht so erstarrt in der Routine des Alltags war, wie er häufig in dem nun endenden Semester gedacht hatte. Am nächsten Tag ließ er Regina rufen.

Sie stand in seinem Zimmer, sah blaß, dünn und für einen Direktor, der Wert darauf legte, daß auch die jüngeren Kinder Courage zeigten und genug Disziplin hatten, ihre Gefühle zu beherrschen, beleidigend schüchtern aus. Verärgert fiel Mr. Brindley ein, daß die meisten Kinder vom Kontinent nicht kräftig genug wirkten und zudem während der Schulzeit immer an Gewicht verloren. Wahrscheinlich, überlegte er, waren sie anderes Essen gewöhnt. Bestimmt wurden sie zu Hause verzärtelt und nicht angehalten, mit ihren Problemen allein fertig zu werden.

Er hatte in seiner Jugend auf einer Italienreise viele solche Beobachtungen gemacht und erlebt, wie Mütter ihre Kinder auf geradezu schamlose Weise vergötterten und sie zum Essen drängten. Manchmal wurmte es ihn immer noch, daß er damals die tyrannischen kleinen Prinzen und die aufgeputzten Prinzessinnen sogar beneidet hatte. Er merkte, daß er seine Gedanken hatte schweifen lassen. In letzter Zeit kam das bei ihm zu oft vor. Er war wie ein alter Hund, der nicht mehr wußte, wo er den Knochen vergraben hat.

»Bist du so verdammt klug, oder kannst du es einfach nicht aushalten, wenn du nicht die Erste in deiner Klasse bist?« fragte er. Sein Ton mißfiel ihm sofort. Er sagte sich betreten, daß es nicht seine Aufgabe sei und früher bestimmt nicht seinem Berufsethos entsprochen hätte, so mit einem Kind zu reden, das nichts anderes getan hatte, als sein Bestes zu geben.

Regina hatte Mr. Brindleys Frage nicht begriffen. Die einzelnen Worte waren ihr klar, aber sie ergaben keinen Sinn. Sie war erschrocken und geängstigt von den lauten Schlägen ihres Herzens, und so bewegte sie nur den Kopf ganz leicht von einer Seite zur anderen und wartete auf das Nachlassen der Trok-kenheit in ihrem Mund.

»Ich habe dich gefragt, warum du so gut lernst.«

»Weil wir kein Geld haben, Sir.«

Der Direktor erinnerte sich, irgendwo einmal gelesen zu haben, daß es eine jüdische Angewohnheit war, bei jedem Thema von Geld zu sprechen. Er hatte aber eine zu große Abscheu vor Verallgemeinerungen, um sich mit einer Erklärung zufriedenzugeben, die er einfältig und irgendwie gehässig fand. Er kam sich wie ein Jäger vor, der versehentlich die Mutter eines Jungtiers erlegt hatte, und er verspürte einen unangenehmen Druck im Magen. Auch das leichte Pochen seiner Schläfen machte ihn benommen.

Das Verlangen nach einer überschaubaren Welt ohne Komplikationen und mit den traditionellen Maßstäben, die einem alternden Mann Halt gaben, war wie ein körperlicher Schmerz. Einen kurzen Moment erwog Mr. Brindley, Regina wieder fortzuschicken, doch er sagte sich, daß es lächerlich wäre, ein Gespräch zu beenden, ehe es überhaupt angefangen hatte. Ob die Kleine noch wußte, wovon die Rede war? Wahrscheinlich, so eifrig sie war, alles mitzubekommen.

»Mein Vater«, unterbrach Regina das Schweigen, »verdient nur sechs Pfund im Monat, und die Schule hier kostet fünf.«

»Das weißt du so genau?«

»O ja, Sir. Mein Vater hat mir das gesagt.«

»Tatsächlich?«

»Er sagt mir alles, Sir. Vor dem Krieg konnte er mich nicht zur Schule schicken. Das hat ihn sehr traurig gemacht. Meine Mutter auch.«

Mr. Brindley war noch nie in der peinlichen Lage gewesen, die Höhe der Schulgebühren zu erörtern, und daß er ausgerechnet mit einer Schülerin, und noch dazu mit einer so kleinen, wie ein indischer Händler über Geld reden sollte, erschien ihm grotesk. Sein Sinn für Autorität und Würde gebot ihm, das Gespräch neu zu beginnen, wenn er es schon nicht beenden konnte, doch statt dessen fragte er: »Was hat der verfluchte Krieg damit zu tun?«

»Als der Krieg kam«, berichtete Regina, »hatten wir genug Geld für die Schule. Wir brauchten es ja jetzt nicht mehr für meine Großmutter und meine Tante.«

»Warum?«

»Die können nicht mehr aus Deutschland nach Ol’ Joro Orok kommen.«

»Was machen die denn in Deutschland?«

Regina spürte, daß ihr Gesicht brannte. Es war nicht gut, bei Angst die Farbe zu wechseln. Sie überlegte, ob sie nun erzählen mußte, daß ihre Mutter immer weinte, wenn jemand von Deutschland sprach. Vielleicht hatte Mr. Brindley noch nie von weinenden Müttern gehört, und bestimmt würden sie ihn stören. Er mochte ja noch nicht einmal weinende Kinder.

»Vor dem Krieg«, schluckte sie, »haben meine Großmutter und meine Tante Briefe geschrieben.«

»Little Nell«, sagte Mr. Brindley leise. Er war erstaunt, aber auch auf eine geradezu absurde Weise erleichtert, daß er endlich den Mut gefunden hatte, den Namen auszusprechen. Regina hatte ihn schon an Little Nell erinnert, als sie in sein Zimmer gekommen war, doch da hatte er sich noch gegen sein Gedächtnis wehren können. Merkwürdig, daß er nach all den Jahren ausgerechnet an diesen Roman von Dickens denken mußte. Er hatte ihn immer als einen seiner schlechtesten empfunden, zu sentimental, melodramatisch und ganz und gar unenglisch, nun erschien er ihm jedoch warmherzig und irgendwie auch schön. Es war schon kurios, wie sich die Dinge im Alter veränderten.

»Little Nell«, wiederholte der Direktor mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm absolut nicht mehr unangenehm war und ihn sogar erheiterte, »lernst du nur deshalb so gut, weil diese Schule so verdammt viel kostet?«

»Ja, Sir«, nickte Regina. »Mein Vater hat gesagt: Du darfst unser Geld nicht zum Fenster hinauswerfen. Wenn man arm ist, muß man immer besser sein als die anderen.«

Sie war zufrieden. Es war nicht leicht gewesen, Papas Worte in Mr. Brindleys Sprache zu bringen. Immerhin konnte er sich noch nicht einmal den Namen seiner Schülerinnen merken, und sicherlich hatte er auch noch nie von Menschen gehört, die kein Geld hatten, aber vielleicht hatte er sie doch verstanden.

»Dein Vater, ich meine, was hat er in Deutschland gemacht?« Hilflosigkeit machte Regina wieder stumm. Wie sollte sie in Englisch sagen, daß Papa ein gewesener Rechtsanwalt war?

»Er hat«, fiel ihr ein, »einen schwarzen Mantel angehabt, wenn er arbeitete, aber auf der Farm braucht er ihn nicht mehr. Er hat ihn Owuor geschenkt. Am Tag, als die Heuschrecken kamen.«

»Wer ist Owuor?«

»Unser Koch«, erzählte Regina und erinnerte sich mit Behagen an die Nacht, als ihr Vater geweint hatte. Warme Tränen ohne Salz. »Owuor ist von Rongai nach Ol’ Joro Orok gelaufen. Mit unserem Hund. Er konnte nur kommen, weil ich Jaluo kann.«

»Jaluo? Was zum Teufel ist denn das?«

»Owuors Sprache«, erwiderte Regina überrascht. »Owuor hat nur mich auf der Farm. Alle anderen sind Kikuyus. Außer Daji Jiwan. Der ist Inder. Und wir natürlich. Wir sind Deutsche, aber«, sagte sie hastig, »keine Nazis. Mein Vater sagt immer: Menschen brauchen ihre eigene Sprache. Und Owuor sagt das auch.«

»Du liebst deinen Vater sehr, nicht wahr?«

»Ja, Sir. Und meine Mutter auch.«

»Deine Eltern werden sich freuen, wenn sie dein Zeugnis sehen und deinen guten Aufsatz lesen.«

»Das können sie nicht, Sir. Aber ich werde ihnen alles vorlesen. In ihrer Sprache. Die kann ich auch.«

»Du kannst jetzt wieder gehen«, sagte Mr. Brindley und machte das Fenster auf. Als Regina fast schon an der Tür war, fügte er hinzu: »Ich glaube nicht, daß es deine Mitschülerinnen interessieren wird, was wir hier gesprochen haben. Du brauchst es ihnen nicht zu erzählen.«

»Nein, Sir. Das wird Little Nell nicht tun.«

7

Montags, mittwochs und freitags fuhr der Lastwagen, der zu breit für die enge Straße war und durch die zitternden Äste der Bäume getrieben werden mußte, von Thomson’s Falls nach Ol’ Joro Orok und lieferte in Pateis Laden außer den brauchbaren Dingen wie Paraffin, Salz und Nägel einen großen Sack mit Briefen, Zeitungen und Paketen ab. Kimani saß immer lange vor der Zeit der Entscheidung im Schatten der dichten Maulbeerbäume. Sobald er die ersten Umrisse der roten Staubwolke sah, die wie ein Vogel auf ihn zuflog, trieb er das Leben zurück in seine schlafenden Füße, stand auf und spannte seinen Körper wie die Sehne in einem schußbereiten Bogen. Kimani liebte diese regelmäßige Wiederkehr von Warten und Erwartung, denn als Überbringer von Post und Waren war er dem Bwana wichtiger als Regen, Mais und Flachs. Alle Männer auf der Farm beneideten Kimani um seine Bedeutung.

Besonders Owuor, der Jaluo mit den lauten Liedern, die das Gelächter in die Kehle vom Bwana zauberten, versuchte immer wieder, Kimanis Tage zu stehlen, doch der blieb stets ein glückloser Jäger nach einer Beute, die ihm nicht zustand. Es gab auch in den Hütten der Kikuyu viele junge Männer mit gesünderen Beinen und mehr Luft in der Brust als Kimani, die ohne Mühe zu Pateis Duka und zurück zur Farm hätten laufen können, aber die Kraft von Kimanis kluger Zunge wehrte jeden Angriff auf sein Recht ab.

Zog er morgens von seiner Hütte los, sah er noch die Sterne am Himmel; er traf erst bei dem üblen Hund Patel ein, wenn die Sonne gerade ansetzte, ihre Schatten zu verschlingen. Immer aber war es Kimani, der auf den Lastwagen warten mußte und nicht der Lastwagen auf ihn. Der lange Weg durch den Wald mit den schweigsamen schwarzen Affen, die nur bei dem Sprung von einem Baum zum anderen ihre weiße Mähne sehen ließen, war beschwerlich. An den heißen Tagen zwischen den Regenzeiten hörte Kimani schon auf dem Weg zum Laden seine Knochen schreien. Bei der Heimkehr brannten bereits die Feuer vor den Hütten. Da waren seine Füße so heiß, als hätten sie eilig Glut austreten müssen. Freude aber machte Kimanis Körper satt, obwohl er den ganzen Tag nur Wasser getrunken hatte. Die Memsahib füllte es immer am Abend zuvor in die schöne grüne Flasche.

Schlecht waren die Tage, wenn die Hyäne Patel die Frage nach Post für die Farm mit bösem Kopfschütteln beantwortete und dabei aussah, als hätte sie den Geiern die besten Brocken weggeschnappt. Der Bwana brauchte nämlich seine Briefe wie ein verdurstender Mann die paar Tropfen Wasser, die ihn davor schützen, sich für immer hinzulegen. Brachte Kimani nichts anderes aus Patels stinkendem Duka nach Hause als Mehl, Zucker und den kleinen Eimer mit dem halbflüssigen gelben Fett für die Memsahib, wurden die Augen vom Bwana glanzloser als das Fell eines sterbenden Hundes. Schon eine einzige Zeitung machte ihn fröhlich, und er nahm die kleine Rolle Papier mit einem Seufzer entgegen, der eine süße Medizin für Ohren war, die den ganzen Tag nur die Laute aus dem Maul von Tieren hatten fressen dürfen.

Der Bwana war nun seit drei kleinen und zwei großen Regenzeiten auf der Farm. Kimani reichte die Zeit, um — allerdings so langsam wie ein zu früh geborener Esel — die vielen Dinge zu begreifen, die zu Beginn seines neuen Lebens mit dem Bwana den Kopf schwergemacht hatten. Er wußte nun, daß die Sonne am Tag und der Mond in der Nacht dem Bwana nicht genug waren, nicht der Regen auf ausgetrockneter Haut oder ein laut schreiendes Feuer bei Kälte, nicht die Stimmen aus dem Radio, die sich keinen Schlaf gönnten, selbst nicht das Bett der Memsahib und die Augen der Tochter, wenn sie von der Schule im fernen Nakuru auf die Farm zurückkehrte.

Der Bwana brauchte Zeitungen. Sie fütterten seinen Kopf und schmierten seine Kehle, und die erzählte dann Schauris, von denen kein Mensch in Ol’ Joro Orok je gehört hatte.

Auf dem Weg vom Haus zu den Flachsfeldern und zu den blühenden Pyrethrumplantagen erzählte der Bwana vom Krieg. Es waren aufregende Geschichten von weißen Männern, die einander töteten, wie es in alten Zeiten die Massai mit ihren friedlichen Nachbarn getan hatten, deren Vieh und Frauen sie begehrten. Kimanis Ohren liebten die Worte, die wie ein kräftiger junger Wind waren, aber seine Brust spürte auch, daß der Bwana beim Reden an einer alten Traurigkeit kaute, denn er hatte nicht daran gedacht, sein Herz mitzunehmen, als er zu seiner langen Safari nach Ol’ Joro Orok aufgebrochen war. Einmal zog der Bwana aus seiner Hosentasche ein blaues Bild mit vielen bunten Flecken und zeigte mit dem Nagel seines längsten Fingers auf einen winzigen Punkt.

»Hier, mein Freund«, sagte er, »ist Ol’ Joro Orok«, und dann bewegte er den Finger ein wenig und sprach sehr langsam weiter. »Hier stand die Hütte von meinem Vater. Da komme ich nie wieder hin.«

Kimani lachte, denn seine große Hand konnte ohne Mühe beide Punkte auf dem blauen Bild gleichzeitig berühren, und doch erkannte er, daß sein Kopf nicht begriffen hatte, was der Bwana ihm sagen wollte. Mit den Bildern in den Zeitungen, die Kimani aus Patels Laden holte, war das anders. Er ließ sie sich immer wieder vom Bwana zeigen und lernte sie auch deuten.

Da gab es Häuser, die höher als Bäume waren, und doch wurden sie von den Gewehren aus den wütenden Flugzeugen niedergemacht wie der Wald vom Buschfeuer. Schiffe mit hohen Schornsteinen gingen im Wasser unter, als wären sie kleine Steine in einem nach dem großen Regen zu rasch angeschwollenen Fluß. Immer wieder zeigten die Bilder tote Männer. Manche lagen so ruhig auf der Erde, als wollten sie nach getaner Arbeit schlafen, andere waren geplatzt wie tote Zebras, die zu lange in der Sonne gelegen haben. Alle Toten hatten Gewehre neben sich liegen, aber die hatten ihnen nicht helfen können, denn im Krieg der gutbewaffneten Weißen hatte jeder Mann ein Gewehr.

Sprach der Bwana vom Krieg, dann immer auch von seinem Vater. Nie schaute er dabei Kimani an; er schickte seine Augen zu dem hohen Berg, ohne daß sie den Kopf aus Schnee sehen. Wenn er sprach, redete er mit der Stimme eines ungeduldigen Kindes, das tags den Mond und nachts die Sonne haben will, und sagte: »Mein Vater stirbt.«

Die Worte waren Kimani so vertraut wie sein eigener Name, und, obwohl er sich Zeit ließ, ehe er seinen Mund aufmachte, wußte er doch, was er zu sagen hatte, und fragte: »Will dein Vater sterben?«

»Nein, er will nicht sterben.«

»Ein Mann kann nicht sterben, wenn er nicht will«, sagte Kimani dann jedesmal. Anfangs hatte er seine Zähne beim Sprechen gezeigt, wie er es immer tat, wenn er fröhlich war, doch mit der Zeit gewöhnte er sich an, einen Seufzer aus seiner Brust zu lassen. Es bekümmerte ihn, daß sein Bwana, der so viel wußte, nicht klug genug wurde, um zu begreifen, daß Leben und Tod nicht die Sache von Menschen war, sondern nur vom mächtigen Gott Mungo.

Noch mehr als nach den Zeitungen mit den Bildern von den zerstörten Häusern und toten Männern verlangte es den Bwana nach Briefen. Über Briefe wußte Kimani genau Bescheid. Als der Bwana auf die Farm gekommen war, hatte Kimani noch geglaubt, ein Brief sei wie der andere. So dumm war er nicht mehr. Briefe waren nicht wie zwei Brüder, die zusammen aus dem Bauch ihrer Mutter gekommen waren. Briefe waren wie Menschen und nie gleich.

Es kam auf die Briefmarke an. Ohne sie war ein Brief nur ein Stück Papier und konnte nicht auf die kleinste Safari gehen. Eine einzige Marke mit dem Bild eines Mannes, der helles Haar und das Gesicht einer Frau hatte, erzählte von einer Reise, die ein Mann mit seinen Füßen schaffen konnte. Gerade solche Briefe holte Kimani oft aus Patels Duka. Sie kamen aus Gilgil und waren von dem Bwana, der beim Lachen seinen dicken Bauch tanzen ließ und eine Memsahib hatte, die schöner als ein Vogel singen konnte.

Die beiden kamen oft von Gilgil auf die Farm, und wenn der große Regen die Straße zu Lehm machte und die Freunde vom Bwana nicht nach Ol’ Joro Orok kommen konnten, schickten sie Briefe. Aus Nakuru kamen die Briefe von der Memsahib kidogo, die in der Schule schreiben lernte. Die gelben Kuverts hatten die gleiche Marke wie die aus Gilgil, aber Kimani wußte, wer den Brief geschrieben hatte, ehe der Bwana es ihm sagte. Bei denen von der kleinen Memsahib leuchteten seine Augen wie junge Flachsblüten, und nie roch seine Haut nach Angst.

Weit gereist waren Briefe mit vielen Marken. Sobald der Bwana sie in Kimanis Hand sah, nahm er sich noch nicht einmal Zeit, die Luft aus seiner Brust zu lassen, ehe er den Umschlag aufriß und zu lesen begann. Und es gab eine Briefmarke, die allein mehr Kraft hatte als alle anderen zusammen, um den Bwana in Brand zu setzen. Auch sie zeigte einen Mann ohne Arme und Beine, aber er war nicht blond. Das Haar, das von seinem Kopf stürzte, war so schwarz wie das von dem stinkenden Hund Patel. Die Augen waren klein, und zwischen seiner Nase und dem Mund wuchs ein sauber gepflanzter, sehr niedriger Busch aus dichtem schwarzen Haar. Kimani schaute sich gerade diese Marke gern und lange an.

Der Mann sah aus, als wollte er reden und als hätte er eine Stimme, die schwer von einem Berg zurückprallen konnte. Sobald der Bwana die Marke sah, wurden seine Augen zu tiefen Löchern und er selbst so steif wie ein Mann, der von einem wild gewordenen Dieb mit einer frisch geschliffenen Panga bedroht wird und der vergessen hat, wie sich ein Mann wehren muß.

Das Bild von dem Mann mit dem Haar unter der Nase trieb das Leben aus dem Körper vom Bwana, und er schwankte wie ein Baum, der noch nicht gelernt hat, sich unter dem Wind zu ducken. Ehe der Bwana so einen Brief voll Feuer aufriß, rief er immer: »Jettel.« Seine Stimme wurde dünn wie die eines Tieres, das nicht mehr den Willen hat, dem Tod davonzulaufen.

Trotzdem wußte Kimani, daß der Bwana gerade die Briefe bekommen wollte, die ihm angst machten. Er war immer noch wie ein Kind, das nicht genug Ruhe hat, nur dazusitzen und den Tag wie feine Erde durch die Finger rieseln zu lassen, bis der Kopf auf die Brust fällt und der Schlaf kommt. Kimani trieb es Salz in die Kehle, wenn er daran dachte, daß der Bwana die Erregung brauchte, die ihn krank machte, um noch Kraft in seinen Gliedern zu spüren.

Schon lange war kein solcher Brief mehr gekommen. Als aber Kimani am Tag vor der großen Flachsernte bei Patel nach Post fragte, griff der Inder in das Holzregal an der Wand und holte einen Brief heraus, der Kimanis großen Hunger nach Vertrautheit nicht befriedigte. Er sah sofort, daß der Brief anders war als jeder andere, den er bis dahin nach Hause getragen hatte.

Das Papier war dünn und machte in Patels Hand Geräusche wie ein sterbender Baum im ersten Wind des Abends. Das Kuvert war kleiner als die Umschläge sonst. Die bunte Marke fehlte. Kimani sah statt dessen einen schwarzen Kreis mit dünnen kleinen Linien in der Mitte, die winzigen Eidechsen ähnelten. Ein rotes Kreuz leuchtete auf der rechten Ecke des Umschlags. Es sprang Kimani schon von weitem an wie eine Schlange, die zu lange gehungert hat. Einen Moment fürchtete er, das rote Kreuz könnte auch Patel gefallen und er würde ihm den Brief gar nicht erst geben. Der Inder stritt aber gerade mit einer Kikuyu-Frau, die ihren Finger zu tief in einen Sack Zucker gesteckt hatte, und schob schimpfend den Brief über den dreckigen Tisch.

Erst im Wald blieb Kimani stehen, um, befreit von Patels bösen Augen, das Kreuz zu betrachten. Im Schatten leuchtete es noch heller als im Laden und war eine Freude für Augen, die selbst bei Tag unter den Bäumen immer nur die Farben der Nacht einfingen. Kniff Kimani das eine Auge zu und bewegte gleichzeitig seinen Kopf, fing das Kreuz zu tanzen an. Er lachte, als ihm aufging, daß er sich wie ein Affenkind benahm, das zum erstenmal eine Blume sieht.

Immer wieder fragte sich Kimani, ob das schöne rote Kreuz dem Bwana ebenso gut gefallen würde wie ihm oder ob es auch den bösen, brennenden Zauber hatte wie der Mann mit dem schwarzen Haar. Er konnte sich nicht entscheiden, so sehr er auch seinen Kopf zur Arbeit antrieb. Die Ungewißheit nahm ihm die Freude an dem Brief und machte die Beine schwer. Müdigkeit drückte seinen Rücken krumm und klebte in den Augen. Das Kreuz sah anders aus als im Laden und in der Zeit der langen Schatten. Es hatte sich die Farbe stehlen lassen.

Kimani erschrak. Er spürte, daß er die Nacht zu nahe an sich herangelassen hatte. Sie würde es ausnutzen, daß er ohne eine Lampe unterwegs war. Wenn er seinen Körper nicht stark machte und zur Eile antrieb, würde er die Hyänen hören, ehe er die ersten Felder sah. Das war nicht gut für einen Mann in seinem Alter. Er mußte das letzte Stück vom Weg rennen und, als er die ersten Felder erreichte, hatte er mehr Luft im Mund als in der Brust.

Die Nacht war noch nicht zur Farm gekommen. Vor dem Haus putzte Kamau die Gläser und fing den letzten roten Strahl Sonne ein. Er wickelte ihn in ein Tuch und ließ ihn wieder frei. Owuor saß auf einer Holzkiste vor der Küche und machte seine Nägel mit einer silbernen Gabel sauber. Er schickte seine Stimme zum Berg mit dem Lied, das Kimanis Haut immer zum Kochen und den Bwana zum Lachen brachte.

Die kleine Memsahib lief mit dem Hund zu dem Haus mit dem Herz in der Tür und sprang über das hohe gelbe Gras. Sie schwenkte die Lampe, die noch nicht angezündet war, als wäre sie so leicht wie ein Stück Papier. Kania schnitt mit seinem Besen runde Löcher in die Luft. Er kaute an einem Stöckchen, um seine Zähne, auf die er sehr stolz war, noch weißer zu polieren. Wie immer, wenn er auf Post lauerte, stand der Bwana bewegungslos wie ein Krieger, der den Feind noch nicht erblickt hat, vor dem Haus. Die Memsahib war neben ihm. Kleine weiße Vögel, die nur auf ihrem Kleid lebten, flogen zu den gelben Blumen auf dem schwarzen Stoff.

Keuchend von der Anstrengung des schnellen Laufens, wartete Kimani auf die Freude, die er sonst empfand, wenn die beiden auf ihn zuliefen, aber die Zufriedenheit zögerte ihre Ankunft zu lange hinaus und verschwand so plötzlich wie der Nebel am Morgen. Obwohl die Kälte schon an seiner Haut leckte, liefen ihm scharfe Tropfen von Schweiß in die Augen. Mit einem Mal kam sich Kimani wie ein alter Mann vor, der seine Söhne verwechselt und in den Söhnen von den Söhnen seine Brüder sieht.

Kimani spürte die Hand vom Bwana auf seiner Schulter, aber er war zu verwirrt, um Wärme aus dem vertrauten Genuß zu holen. Er bemerkte, daß die Stimme vom Bwana nicht kräftiger war als die eines Kindes, das die Brust seiner Mutter nicht sofort findet. Da wußte er, daß die Furcht, die wie ein plötzlich ausgebrochenes Fieber über ihn gekommen war, ihn rechtzeitig angetrieben hatte.

»Sie haben durch das Rote Kreuz geschrieben«, flüsterte Walter. »Ich wußte gar nicht, daß das geht.«

»Wer? Sag schon. Wie lange willst du den Brief noch in der Hand halten? Mach ihn auf. Ich habe schreckliche Angst.«

»Ich auch, Jettel.«

»Mach schon.«

Als Walter das dünne Blatt Papier aus dem Umschlag holte, fiel ihm das Herbstlaub im Sohrauer Stadtwald ein. Obwohl er sich sofort und verbissen gegen die Erinnerung wehrte, sah er in peinigender Deutlichkeit die Umrisse eines Kastanienblattes. Danach wurden seine Sinne stumpf. Nur die Nase narrte ihn noch mit einem Duft, der ihn quälte.

»Vater und Liesel?« fragte Jettel leise.

»Nein. Mutter und Käte. Soll ich dir vorlesen?«

Die Zeit, die Jettel brauchte, um ihren Kopf zu bewegen, war Gnadenfrist. Sie reichte Walter, die zwei unverkennbar in großer Not geschriebenen Zeilen zu lesen und dabei den Brief so dicht vor seinem Gesicht zu halten, daß er Jettel nicht anschauen mußte und sie ihn nicht sehen konnte.

»Meine Lieben«, las Walter vor, »wir sind sehr aufgeregt. Morgen müssen wir nach Polen zur Arbeit. Vergeßt uns nicht. Mutter und Käte.«

»Ist das alles? Das kann doch nicht alles sein?«

»Doch, Jettel, doch. Sie durften nur zwanzig Worte schreiben. Eins haben sie verschenkt.«

»Warum Polen? Dein Vater hat doch immer gesagt, die Polen seien noch schlimmer als die Deutschen. Wie konnten sie das nur tun? In Polen ist doch Krieg. Dort sind sie noch schlechter dran als in Breslau. Oder glaubst du, sie wollen versuchen, noch über Polen auszuwandern? Sag doch endlich was!«

Der Kampf, ob es eine verzeihbare Sünde sein könnte, Jettel zum letztenmal der Barmherzigkeit der Lüge anzuvertrauen, war nur kurz. Schon der Gedanke an Flucht erschien Walter Gotteslästerung und Fluch.

»Jettel«, sagte er und gab es auf, nach Worten zu suchen, um die Wahrheit erträglich zu machen, »du mußt es wissen. Deine Mutter wollte es so. Sonst hätte sie diesen Brief nicht mehr geschrieben. Wir dürfen nicht mehr hoffen. Polen bedeutet Tod.«

Regina lief langsam mit Rummler von der Toilette zum Haus. Sie hatte ihre Lampe angemacht und ließ den Hund auf dem mit hellen Steinen gepflasterten Pfad zwischen dem Rosenbeet und der Küche nach den schwankenden Schatten jagen. Der Hund versuchte, seine Pfoten in die schwarzen Flecke zu graben, und jaulte enttäuscht, sobald sie zum Himmel flogen.

Walter sah, daß Regina lachte, doch gleichzeitig hörte er, daß sie »Mama« schrie, als sei sie in Todesnot. Zunächst dachte er, die Schlange wäre aufgetaucht, vor der Owuor am Morgen gewarnt hatte, und er brüllte: »Bleib stehen.« Als die Schreie jedoch lauter wurden und jeden anderen Laut in der herbeistürzenden Dunkelheit verschluckten, erkannte er, daß es nicht Regina war, die nach ihrer Mutter rief, sondern Jettel.

Walter streckte seiner Frau beide Arme entgegen, ohne daß er sie erreichte, und es gelang ihm schließlich, einige Male ihren Namen in die Angst hineinzurufen. Aus der Scham, daß er unfähig zum Mitleiden geworden war, wurde Panik, die jedes seiner Glieder lähmte. Noch mehr demütigte ihn die Erkenntnis, daß er seiner Frau die furchtbare Gewißheit neidete, die das Schicksal ihm für seinen Vater und seine Schwester versagte.

Nach einer Zeit, die ihm sehr lang erschien, wurde ihm bewußt, daß Jettel aufgehört hatte zu schreien. Sie stand vor ihm mit hängenden Armen und bebenden Schultern. Da endlich fand Walter die Kraft, sie zu berühren und nach ihrer Hand zu greifen. Schweigend führte er seine Frau ins Haus.

Owuor, der sonst nie die Küche verließ, ehe er den Tee zum Abendessen aufgebrüht hatte, stand vor dem brennenden Kamin und schickte seine Augen zum gestapelten Holz. Auch Regina war schon da. Sie hatte ihre Gummistiefel ausgezogen und saß mit Rummler unter dem Fenster, als sei sie nie fortgewesen. Der Hund leckte ihr Gesicht ab, doch sie blickte zu Boden, kaute an einer Haarsträhne und drückte sich immer wieder an den massigen Körper des Tieres. Da wußte Walter, daß seine Tochter weinte. Er würde ihr nichts mehr erklären müssen.

»Mama hat mir versprochen«, schluchzte Jettel, ohne daß ihr noch Tränen kamen, »dazusein, wenn ich wieder ein Kind bekomme. Sie hat es mir ganz fest versprochen, als Regina geboren wurde. Kannst du dich nicht erinnern?«

»Nicht, Jettel, nicht. Erinnerungen quälen nur. Setz dich hin.«

»In die Hand hat sie es mir versprochen. Und sie hat immer ihre Versprechen gehalten.«

»Du darfst nicht weinen, Jettel. Tränen sind nicht mehr für unsereinen. Das ist der Preis, den wir zahlen müssen, daß wir davongekommen sind. Das wird nie mehr anders. Du bist nicht nur Tochter, du bist auch Mutter.«

»Wer sagt so was?«

»Der liebe Gott. Er hat es mir im Camp durch Oha sagen lassen, als ich nicht mehr weitermachen wollte. Und mach dir keine Sorgen, Jettel. Kinder werden wir keine mehr haben, bis die Zeit es wieder gut mit uns meint. Owuor, du holst der Memsahib jetzt ein Glas Milch.«

Owuor nahm sich noch mehr Zeit als an den Tagen ohne Salz, um sich zu entscheiden, welches Stück Holz er ins Feuer werfen sollte. Als er aufstand, sah er Jettel an, obwohl er zu Walter sprach.

»Ich werde«, sagte er mit einer Zunge, die lange brauchte, ehe sie ihm gehorchte, »die Milch warm machen, Bwana. Wenn die Memsahib zu viel weint, bekommst du wieder keinen Sohn.« Ohne sich umzudrehen, ging er zur Tür.

»Owuor«, rief Jettel, und ein großes Staunen machte endlich ihre Stimme wieder fest, »woher weißt du?«

»Alle auf der Farm wissen, daß Mama ein Baby kriegt«, sagte Regina und zog Rummlers Kopf auf ihren Schoß, »alle außer Papa.«

8

Dr. James Charters bemerkte das Zucken seiner linken Augenbraue und das ärgerliche Mißverständnis, als die beiden ihm unbekannten Frauen vor seinem Lieblingsbild mit den prächtigen Jagdhunden standen. Sie waren noch mindestens zwei Fuß von ihm entfernt und streckten ihm bereits die Hand entgegen. Das war Beweis genug, daß die Leute vom Kontinent stammten. Der geübt unauffällige Blick auf die kleine gelbe Karte neben dem Tintenfaß bekräftigte den Verdacht. Unter dem fremdartigen Namen fand Charters den Vermerk, daß das Stag’s Head die Patientin zur Konsultation angemeldet hatte.

Seit Kriegsausbruch war kein Verlaß mehr auf Hotelrezeptionen. Offenbar hatten sie Schwierigkeiten, Gäste einzuschätzen, die das ganze Lebensgefüge der Kolonie verändert hatten. In dem einzigen Hotel von Nakuru hatten fast ausschließlich die Farmer der Umgebung gewohnt, die sich ein paar freie Tage und die Illusion von Großstadtleben genehmigten, wenn sie ihre Kinder in der Schule ablieferten, zum Arzt mußten oder bei den Distriktbehörden zu tun hatten. In jener Zeit, die Charters bereits die gute alte nannte, obgleich sie tatsächlich noch keine vollen drei Jahre zurücklag, stiegen gelegentlich auch Jäger im Stag’s ab, meistens aus Amerika. Es waren sympathisch harte Burschen, die auf keinen Fall einen Gynäkologen brauchten und mit denen sich der Arzt, unbeschwert von beruflichen Dingen, gut unterhalten konnte.

Charters, der gerade neue Patientinnen nie länger warten ließ als nötig, nahm sich mit einem nur mühsam unterdrückten Seufzer Zeit zu weiteren unerfreulichen Grübeleien. Er lebte nicht mehr gern in Nakuru. Ohne den Krieg hätte er sich nach dem Tod seiner Tante und der unerwartet hohen Erbschaft eine Praxis in London gegönnt. Die Harley Street war schon früh sein Traum gewesen, doch hatte er das Ziel unvorsichtigerweise aus den Augen verloren, als er in zweiter Ehe eine Farmerstochter aus Naivasha heiratete. Seine junge Frau hatte ihn immer wieder umstimmen können und nun eine so panische Angst vor dem Blitzkrieg, daß sie auf keinen Fall mehr zu einem Umzug nach London zu bewegen war. Er tröstete sich mit einem Hochgefühl, das er sich jahrelang versagt hatte, und nahm keine Patientinnen mehr an, die nicht seinem gesellschaftlichen Niveau entsprachen.

Während Charters akribisch eine tote Fliege vom Fenster kratzte, betrachtete er in der Scheibe die beiden Frauen, die sich unaufgefordert auf die frischbezogenen Stühle vor seinem Schreibtisch gesetzt hatten. Zweifellos war die Jüngere die Patientin und eine Peinlichkeit, die ausschließlich auf die Unachtsamkeit von Miss Colins ging, die erst seit vier Wochen für Charters arbeitete und noch nicht die Intuition für Dinge hatte, die ihm wichtig waren.

Die Ältere der beiden, fand Charters mit einem Hauch von Interesse, das er im Angesicht der bestimmt auf ihn zukommenden Diskussionen recht unangebracht fand, hätte man, bis sie den Mund aufmachte, durchaus für eine Lady aus der englischen Provinz halten können. Sie war schlank, gepflegt, wirkte selbstsicher und hatte jenes schöne blonde Haar, das er bei Frauen schätzte. Sah irgendwie norwegisch aus, die grazile Person, und auf alle Fälle so, als sei sie es gewohnt, sich Arztbesuche etwas kosten zu lassen.

Die Patientin war mindestens im sechsten Monat, und, wie Charters erkannte, nicht in jenem gesundheitlichen Zustand, den er bei Schwangeren schätzte, wenn es keine leidigen Komplikationen geben sollte. Sie trug ein geblümtes Kleid, das ihm typisch für die Mode der dreißiger Jahre auf dem Kontinent erschien. Der lächerliche weiße Spitzenkragen erinnerte ihn auf geradezu groteske Weise an die Kleinbürgerfrauen der Viktorianischen Zeit und an den Umstand, daß er sich bisher nie mit ausgerechnet diesem Stand hatte beschäftigen müssen. Das Kleid betonte bereits die Brust und machte aus dem Bauch eine Kugel, wie Charters sie nur unmittelbar vor dem Geburtstermin gelten ließ. Bestimmt hatte die Frau schon im ersten Monat ihrer Schwangerschaft für zwei gegessen. Die fremden Völker waren durch nichts von ihren abwegigen Gewohnheiten abzubringen. Die Frau war blaß und sah angestrengt aus, verschüchtert wie ein Dienstmädchen, das ein uneheliches Kind erwartet, und geradezu so, als sei Schwangerschaft eine Strafe des Schicksals. Bestimmt war sie wehleidig. Charters räusperte sich. Er hatte nicht viele, aber doch sehr nachhaltige Erfahrungen mit den Leuten vom Kontinent. Sie waren übertrieben empfindlich und nicht kooperativ genug, wenn es darum ging, Schmerzen auszuhalten.

In den ersten Kriegsmonaten hatte Charters die Frau eines jüdischen Fabrikbesitzers aus Manchester von Zwillingen entbunden. Dem Paar war es durch die plötzliche Verknappung der Schiffspassagen nicht mehr gelungen, rechtzeitig nach England zurückzukehren. Die Leute waren sogar absolut korrekt gewesen und hatten, ohne zu murren, das stark überhöhte Honorar gezahlt, das Charters im Kollegenkreis als Schmerzensgeld für den Arzt bezeichnete. Trotzdem war ihm der Fall in schlechter Erinnerung geblieben. Er hatte ihn gelehrt, daß die jüdische Rasse im allgemeinen wohl nicht genug Disziplin aufbrachte, um in entscheidenden Momenten die Zähne zusammenzubeißen.

Damals hatte sich Dr. James Charters vorgenommen, nie mehr Patientinnen zu behandeln, die nicht seiner Denkart entsprachen, und er hatte auch jetzt nicht vor, eine Ausnahme zu machen, die nur beide Teile belastet hätte. Schon gar nicht im Fall einer Frau, die sich so augenscheinlich noch nicht einmal ein vernünftiges Umstandskleid leisten konnte.

Als Charters nicht mehr einfiel, was er sonst noch mit einem Fenster hätte machen können, als es ein paarmal aufzureißen und wieder zu schließen, wandte er sich seinen Besucherinnen zu. Irritiert merkte er, daß die blonde Frau bereits sprach. Es war genau, wie er befürchtet hatte. Der Akzent war ausgesprochen unangenehm und auf keinen Fall charmant norwegisch gefärbt wie in den hübschen Filmen, die man neuerdings sah.

Die Blondine hatte gerade gesagt: »Mein Name ist Hahn, und das hier ist Mrs. Redlich. Es geht ihr nicht gut. Schon seit dem vierten Monat.«

Charters räusperte sich zum zweitenmal. Es war kein zufälliges Hüsteln, sondern ein Ton mit genau dosierter Schärfe, der nicht zu weiteren Vertraulichkeiten animierte, ehe die Situation geklärt war.

»Machen Sie sich bitte keine Gedanken über das Honorar.«

»Das tue ich nicht.«

»Gewiß nicht«, erkannte Lilly und bemühte sich, Verlegenheit hinunterzuschlucken, ohne daß ihre Mimik sie verriet, »aber das ist alles geregelt. Mrs. Williamson hat uns geraten, Sie darauf aufmerksam zu machen.«

Angestrengt überlegte Charters, ob und wann er den Namen schon einmal gehört hatte. Er wollte gerade darauf hinweisen, daß Mrs. Williamson ganz gewiß nicht zu seinen Patientinnen gehörte, da fiel ihm ein, daß ein Zahnarzt, der so hieß, sich vor zwei Jahren in Nakuru niedergelassen hatte. Danach brauchte er noch einmal Zeit, bis er sich erinnerte, wo er den Namen außerhalb seines Wirkungskreises gehört hatte. Der unglückselige Mr. Williamson hatte in den Poloklub eintreten wollen, der jedoch nun mal keine Juden aufnahm. Eine recht peinliche Sache war das damals gewesen. Mindestens so provozierend wie die Erörterung von finanziellen Angelegenheiten, ehe der Arzt überhaupt Gelegenheit zu seiner ersten Untersuchung fand.

Charters fühlte sich brüskiert. Er zwang sich jedoch mit der Einsicht zur Gelassenheit, daß die Leute vom Kontinent vielleicht ohne Arg zu solchen Kruditäten neigten. Leider auch zu einem übertriebenen Mitteilungsbedürfnis, wie er betroffen feststellte, als ihm bewußt wurde, daß er den Redefluß der aufreizend blonden Frau doch nicht rechtzeitig gestoppt hatte. Er war bereits dabei, eine äußerst verwirrende Geschichte von unbekannten Leuten in Deutschland zu erfahren, die offenbar einen engen Bezug zu der Schwangeren hatten.

»Wie kommt es, daß sie im Stag’s Head wohnt?« unterbrach der Arzt Lillys Bericht. Er ärgerte sich sofort über seinen brüsken Ton, der so gar nicht zu seiner von allen so geschätzten verbindlichen Art paßte.

»Die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig. Wir glauben nicht, daß meine Freundin das Kind allein auf der Farm bekommen sollte.«

Es war klüger, fand Charters, keine weiteren Fragen zu stellen, wollte er nicht in die Lage gezwungen werden, daß er nur deshalb den Fall übernehmen mußte, weil er sich zu früh medizinisch involviert hatte. Mit der sorgsam bemessenen Andeutung eines Lächeln bekämpfte er sein Unbehagen.

»Sie kann wohl«, fragte er und nickte so abwesend in Jettels Richtung, daß er sie dabei nicht anzuschauen brauchte, »kein Englisch?«

»Nicht viel. Also fast gar nicht. Deshalb bin ich ja mitgekommen. Ich lebe in Gilgil.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber Sie werden wohl kaum bis zur Geburt hierbleiben und dann neben mir im Hospital stehen wollen, um zu dolmetschen.«

»Nein«, stotterte Lilly, »ich meine, so weit haben wir noch gar nicht gedacht. Mrs. Williamson hat Sie uns als den Arzt empfohlen, der uns helfen kann.«

»Mrs. Williamson«, entgegnete Charters nach einer Pause, die ihm genau richtig erschien, nicht zu lang und erst recht nicht zu kurz, »lebt noch nicht lange hier. Sonst hätte sie bestimmt Dr. Arnold erwähnt. Sie ist genau die Richtige für Sie. Eine ungewöhnliche Ärztin.«

So froh und erstaunt, wie er war, daß er genau in diesem Moment eine so elegante Lösung gefunden hatte, kostete es Charters Überwindung, sich seine Zufriedenheit nicht anmerken zu lassen. Die gute alte Janet Arnold war wahrhaftig seine Rettung. Manchmal vergaß er noch, daß sie jetzt in Nakuru lebte. Jahrelang war sie mit ihrem klapprigen Ford, der allein schon ein Witz war, in die entlegensten Gebiete kutschiert, um die Eingeborenen auf den Farmen und in den Reservaten zu behandeln.

Das alte Mädchen war eine Mischung aus Florence Nightingale und irischem Dickschädel und scherte sich keinen Deut um Geschmack, Konvention und Tradition. In Nakuru behandelte die ewige Rebellin Massen von Indern und Goanesen und natürlich auch viele Schwarze, von denen sie wohl kaum je einen Cent bekam, und bestimmt auch die Habenichtse vom Kontinent, für die schon ein gebrochener Arm eine finanzielle Katastrophe war. Jedenfalls hatte Janet Arnold ausschließlich Patienten, denen es nichts ausmachte, daß sie nicht mehr die Jüngste war und zudem noch eine verdammt unbritische Art hatte, ungefragt ihre Meinung zu sagen.

Charters legte den Kalender weg, in dem er zu blättern pflegte, wenn er bedauerlich deutlich werden mußte, und sagte: »Ich bin nicht der Mann für Sie, denn ich habe vor, in allernächster Zeit mal gründlich auszuspannen. Mrs. Arnold«, lächelte er, »wird Ihnen gefallen. Sie spricht mehrere Sprachen. Vielleicht auch die Ihres Volkes.«

Es störte ihn ein wenig, daß er zumindestens den letzten Satz nicht mit seinem gewohnten Takt formuliert hatte, und so fügte er mit einem Wohlwollen, das er als sehr gelungen empfand, hinzu: »Ich gebe Ihnen gern eine Empfehlung an Dr. Arnold mit.«

»Danke«, wehrte sich Lilly. Sie wartete, bis die Rage in ihr nur noch aus kleinen wütenden Stößen bestand, und sagte dann in der gleichen ruhigen Tonlage wie der Arzt, aber auf Deutsch: »Du arrogantes Schwein, du verdammtes Mistvieh von Arzt. Das haben wir alles schon gehabt, daß einer keine Juden behandelt.«

Charters ließ seine Augenbrauen nur leicht zucken, als er irritiert: »Pardon?« fragte, doch Lilly war aufgestanden und zog Jettel, die schwer atmete und gleichzeitig ihre Schultern zu straffen versuchte, vom Stuhl hoch. Schweigend verließen Lilly und Jettel den Raum. Sie kicherten in dem dunklen Flur und ließen es zu, daß die Albernheit, die sich nicht unterdrücken ließ, ihnen Hilflosigkeit und Frösteln nahm. Erst als sie im selben Augenblick verstummten, merkten sie, daß sie weinten.

Lilly hatte vorgehabt, wenigstens die ersten zwei Wochen von Jettels Wartezeit in Nakuru zu bleiben, doch schon am nächsten Tag erhielt sie einen Brief von ihrem Mann und mußte zurück nach Gilgil.

»Ich komme zurück, sobald mich Oha entbehren kann«, tröstete sie, »und das nächstemal bringen wir Walter mit. Es ist jetzt wichtig, daß du nicht mehr als nötig allein bist und ins Grübeln kommst.«

»Mach dir keine Sorgen, mir geht’s gut«, sagte Jettel, »Hauptsache, ich muß Charters nie wieder sehen.«

Am ersten Tag ohne Lillys Fürsorge und ansteckenden Optimismus bestand ihre Welt nur aus den schwarzen Löchern der Einsamkeit. »Ich muß sofort zurück«, schrieb sie an Walter, hatte jedoch keine Briefmarken und genierte sich, in ihrem schlechten Englisch am Empfang des Hotels danach zu fragen. Bereits Ende der Woche erschien ihr aber der nicht abgeschickte Brief als ein Wink des Schicksals.

Jettels Einstellung zu sich selbst hatte sich verändert. Ihr wurde bewußt, daß Charters und seine demütigende Behandlung sie gar nicht so sehr verletzt, sondern ihr paradoxerweise sogar Mut zu einem lange verdrängten Eingeständnis gegeben hatten.

Weder sie noch Walter hatten ein zweites Kind gewollt, aber keiner von beiden hatte gewagt, das auszusprechen. Jetzt, da Jettel allein mit ihren Gedanken war, brauchte sie keine Freude mehr zu heucheln. Sie machte sich klar, daß sie nicht stark genug war, allein auf der Farm mit einem Baby und der ständigen Angst zu leben, im entscheidenden Augenblick ohne ärztliche Hilfe zu sein, doch sie schämte sich nicht mehr ihrer Schwäche. Leichter zu ertragen erschien ihr auch die Scham, daß Hahns und die kleine Jüdische Gemeinde in Nakuru für sie das Hotelzimmer im Stag’s Head bezahlen mußten.

Jettel lernte, den kleinen Raum mit seiner kargen Einrichtung, ein auffälliger Kontrast zum Luxus der Aufenthaltsräume, als Schutz vor einer Welt zu empfinden, die ihr verschlossen war. Sie konnte sich mit keinem der Gäste unterhalten, kein Buch aus der Bücherei lesen und gab es nach einem einzigen Versuch auf, an den Radiosendungen teilzunehmen, die nach dem Dinner für die Gäste in Abendkleid und Smoking im Salon ausgestrahlt wurden. Nur zwei von ihren Kleidern paßten noch; ihre Haut wurde trocken und grau; sie hatte Mühe, ihre Haare in der kleinen Schüssel zu waschen, und ständig das Gefühl, sie müßte den übrigen Gästen ihren Anblick ersparen. So verließ sie ihr Zimmer nur zu den Mahlzeiten und zum täglichen Rundgang im Garten, den die Ärztin ihr bei jedem Besuch mit beschwörender Stimme und vielen Gesten verordnete.

»Babys need walks«, pflegte Dr. Arnold zu kichern, wann immer sie Jettels Bauch abtastete.

Sie hatte sich ein Leben lang auf die Natur und das körperliche Vermögen verlassen, sich selbst zu helfen, und ließ sich nie anmerken, daß Jettel ihr Sorgen machte. Die Ärztin kam jeden Mittwoch ins Stag’s Head, brachte vier Briefmarken mit und legte ein englisch-italienisches Wörterbuch und die letzte Ausgabe der Sunday Post auf den wackeligen Tisch, obwohl sie schon bei der ersten Konsultation erkannt hatte, daß beide nutzlos waren.

Janet Arnold war eine warmherzige Frau, die schwach nach Whisky und intensiv nach Pferden roch und noch mehr Zuversicht als gute Laune ausstrahlte. Sie umarmte Jettel zur Begrüßung, lachte schallend bei der Untersuchung und streichelte ihr beim Weggehen den Bauch.

Jettel drängte es, der kleinen, rundlichen Frau in der abgetragenen Männerkleidung ihre Sorgen anzuvertrauen und mit ihr über den Verlauf einer Schwangerschaft zu sprechen, die sie nicht als normal empfand. Die Sprachbarriere war nicht zu überwinden.

Am besten glückte noch die Verständigung auf Suaheli, aber beide Frauen wußten, daß sich da der Wortschatz nur für werdende Mütter eignete, die ihre Kinder auch ohne ärztliche Hilfe zur Welt bringen konnten. So beschränkte sich Dr. Arnold, sobald sie glaubte, alles Wesentliche gesagt zu haben, auf Worte aus allen fremden Sprachen, die sie in ihrem abenteuerlichen Leben aufgeschnappt hatte. Immer wieder versuchte sie es mit Afrikaans und Hindi. Ebenso vergebens suchte sie Hilfe bei den gälischen Lauten ihrer Kindheit.

Als junge Ärztin hatte Janet Arnold zu Beginn des Ersten Weltkriegs einen deutschen Soldaten in Tanganyka versorgt. An ihn selbst erinnerte sie sich nicht mehr, aber in seinen verlöschenden Lebenstagen hatte er oft »verdammter Kaiser« gesagt. Die beiden Worte hatte sie gut genug behalten, um sie an Patienten auszuprobieren, von denen sie mutmaßte, sie würden aus Deutschland stammen. In vielen Fällen war so das lachende Einverständnis entstanden, das Dr. Arnold als Heilerfolg wertete. Es tat ihr leid, daß ausgerechnet Jettel, die sie so gern wenigstens einmal fröhlich erlebt hätte, überhaupt nicht auf ihre Muttersprache reagierte.

Für Jettel war die Erfahrung neu, mit niemandem Trauer und Verzweiflung teilen zu können, und doch vermißte sie die Ansprache, nach der sie auf der Farm gedürstet hatte, nicht mehr. Oft wunderte sie sich, daß ihr auch Walter so wenig fehlte und daß sie sogar froh war, ihn so weit weg in Ol’ Joro Orok zu wissen. Sie spürte, daß seine Hilflosigkeit die ihrige nur vergrößert hätte. Um so mehr freute sie sich an seinen Briefen. Sie waren voll von einer Zärtlichkeit, die sie in unbeschwerten Jahren als Liebe empfunden hatte. Trotzdem grübelte sie, ob ihre Ehe je wieder mehr würde werden können als eine Schicksalsgemeinschaft.

Jettel glaubte nicht an ein gutes Ende ihrer Schwangerschaft. Noch immer lähmte sie der Schock im ersten Monat, als der Brief aus Breslau ihr alle Hoffnung für ihre Mutter und Schwester genommen hatte. Sie nahm den Kampf gegen die Vorahnung gar nicht erst auf, der Brief wäre ein Hinweis auf das Unheil, das ihr selbst drohte. Allein der Gedanke, sie solle neues Leben gebären, erschien ihr Hohn und Sünde.

Die Vorstellung ließ Jettel nicht mehr los, das Schicksal habe ihr bestimmt, der Mutter in den Tod zu folgen. Dann stellte sie sich quälend genau Walter und Regina auf der Farm vor und wie sich beide plagten, den mutterlosen Säugling durchzubringen. Manchmal sah sie auch Owuor lachend das Kind auf seinen großen Knien schaukeln, und schreckte sie nachts auf, merkte sie, daß sie nach Owuor und nicht nach Walter gerufen hatte.

Drohten Angst und Fantasie sie zu erdrücken, verlangte es Jettel nur nach Regina, die sie so nah und doch unerreichbar wußte. Die Nakuru School und das Stag’s Head waren nur vier Meilen voneinander entfernt, aber die Schulordnung gestattete es nicht, daß Regina ihre Mutter besuchte. Ebensowenig hätte sie Jettel erlaubt, ihre Tochter zu sehen. Nachts sah Jettel die Lichter der Schule auf dem Hügel brennen und klammerte sich an den Gedanken, Regina würde ihr aus einem der vielen Fenster zuwinken. Sie brauchte immer länger, um nach solchen Träumereien in die Realität zurückzukehren.

Auch Regina, die sich nie über die lange Trennung von den Eltern beklagt hatte, quälte sich. Fast täglich trafen im Hotel kurze, in unbeholfenem Deutsch geschriebene Briefe ein. Die Fehler und die ihr unverständlichen englischen Ausdrücke bewegten Jettel noch mehr als die in Blockschrift gemalte Bitten um Briefmarken. »Du must take care von dir«, stand am Anfang von jedem Brief, »that du nicht grang wirst.« Fast immer schrieb Regina: »Ich will dir besooken, aber ich erlaube es nicht. Wir sind hier soldiers.« Der Satz: »Ich freue mir auf das baby«, war stets mit roter Tinte unterstrichen, und oft hieß es: »Ich make wie Alexander the Great. Du must nicht have anst.«

Jettel erwartete die Briefe mit soviel Ungeduld, weil sie ihr tatsächlich Mut machten. Auf der Farm hatte es sie belastet, daß sie nur schwer Kontakt zu Regina fand, und nun waren ihr die Anhänglichkeit und Fürsorge ihrer Tochter einzige Stütze in ihrer Not. Jettel war es, als erlebe sie aufs neue die enge Verbindung zu ihrer Mutter. Jeder Brief machte ihr mehr bewußt, daß Regina mit ihren fast zehn Jahren kein Kind mehr war.

Nie stellte sie Fragen und begriff doch alles, was ihre Eltern bewegte. Hatte Regina nicht vor Walter gewußt, daß ihre Mutter schwanger war? Sie kannte sich mit Geburt und Tod aus und lief zu den Hütten, wenn eine Frau in Wehen lag, aber Jettel hatte nie den Mut gehabt, mit ihrer Tochter über die Dinge zu sprechen, die sie dort erlebte. Überhaupt hatte sie nur selten mit ihr ohne Befangenheit reden können, aber jetzt hatte sie den Drang, Regina ihre Sorgen anzuvertrauen.

Die Briefe an die Tochter fielen Jettel leichter als die an ihren Mann. Es wurde ihr Bedürfnis, ihren körperlichen Zustand genau zu schildern, und sehr bald empfand sie es als Befreiung, von ihrer seelischen Not zu schreiben. Wenn sie die Hotel-briefbögen mit ihrer großen, deutlichen Schrift füllte und sich die Blätter vor ihr stapelten, konnte sie noch einmal die zufriedene kleine Jettel aus Breslau sein, die beim geringsten Kummer nur eine Treppe hochzustürmen brauchte, um bei der Mutter Trost zu finden.

Ende Juli setzte der große Regen in Gilgil ein und ertränkte Jettels letzten Funken Hoffnung, Hahns könnten mit Walter bei ihr im Hotel auftauchen. In Nakuru kochten die Tage und auch die Nächte. Der Rasen im Hotelgarten verglühte in der verdursteten roten Erde, und die Vögel verstummten schon morgens. Die Luft vom salzigen See hatte eine so beißende Schärfe, daß ein zu tiefer Atemzug unvermittelt in Brechreiz überging. Schon um die Mittagszeit erstarb alles Leben.

Jeden Sonntag, wenn noch nicht einmal Aussicht auf Post von Regina bestand, kämpfte Jettel gegen die Versuchung, nicht aufzustehen, nichts zu essen und die Zeit im Schlaf herunterzuwürgen. Kaum war die Sonne am Himmel, wurde die feuchte Hitze so drückend, daß sie sich doch anzog und auf den Bettrand setzte. Dort konzentrierte sie sich nur darauf, jede unnötige Bewegung zu vermeiden. Stundenlang starrte sie auf die glatte Fläche des Sees, der kaum noch Wasser hatte, und wünschte sich nichts mehr, als ein Flamingo zu werden, der nur Eier auszubrüten hatte.

In dem Schwebezustand zwischen verdrossener Wachheit und unruhigem Dämmern war Jettel besonders empfänglich für Geräusche. Sie hörte die Hausboys den Ofen in der Küche anmachen, die Kellner im Speisesaal mit dem Besteck klappern, den kleinen Hund im Nebenzimmer winseln und jedes Auto, ehe es vor dem Hoteleingang haltmachte. Obwohl sie selten die Gäste sah, die mit ihr auf dem Flur wohnten, konnte sie deren Schritte, Stimmen und Husten unterscheiden. Chai, der barfüßige Kikuyu, der um elf Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags den Tee servierte, brauchte noch nicht einmal die Türklinke zu Jettels Zimmer zu berühren, und sie wußte schon, daß er da war. Nur als Regina kam, hörte sie nichts.

Es war der letzte Juli-Sonntag, als Regina dreimal klopfte und dann sehr langsam die Tür aufmachte, und Jettel ihre Tochter anstarrte, als hätte sie sie nie zuvor gesehen. In dem gespenstischen Augenblick ohne Sinne und Gedächtnis, ohne Freude und ohne Reaktion, betäubt von der Unfähigkeit zu begreifen, überlegte Jettel nur, in welcher Sprache sie reden sollte. Schließlich erkannte sie das weiße Kleid und erinnerte sich, daß die Nakuru School weiße Kleider für den wöchentlichen Kirchgang verlangte.

Der indische Schneider, der in regelmäßigen Abständen nach Ol’ Joro Orok kam und seine Nähmaschine unter einem Baum vor Patels Duka aufstellte, hatte es aus einer alten Tischdecke genäht. Er hatte sich die weißen Rüschen am Hals und an den Ärmeln nicht ausreden lassen und dafür drei Shilling extra genommen. Mit einem Mal erinnerte sich Jettel an jedes Wort des Gesprächs und wie Walter das Kleid gesehen und gesagt hatte: »Als Tischdecke in Redlichs Hotel hat es mir besser gefallen.«

Walters Stimme kam Jettel zu laut und sehr barsch vor, und sie setzte, sehr verärgert, zum Widerspruch an, doch die Worte klebten in ihrem Mund wie die alte, blaue Kittelschürze an ihrem Körper. Die Anstrengung war so groß, daß sich der Druck in ihrer Kehle löste und sie in Tränen ausbrach.

»Mummy«, rief Regina mit hoher, fremder Stimme. »Mama«, flüsterte sie in vertrauter Tonlage.

Sie atmete wie ein hetzender Hund, der nur die Beute sieht und nicht spürt, daß er sie schon verloren hat. Ihr Gesicht hatte das drohende Rot von nächtlich brennenden Wäldern. Schweiß lief von der Stirn durch eine feine Schicht von rötlichem Staub.

Dunkel tropfte die Nässe aus dem Haar auf das weiße Kleid.

»Regina, du mußt ja gerannt sein wie der Teufel. Wo kommst du bloß her? Wer hat dich hergebracht? Um Gottes willen, was ist passiert?«

»Ich hab’ mich hergebracht«, sagte Regina und kaute am Genuß, daß ihre Stimme wieder fest genug war, um den Stolz zu halten. »Ich bin auf dem Weg zur Church weggelaufen. Und das mache ich jetzt jeden Sonntag.«

Zum erstenmal, seit sie im Stag’s Head wohnte, spürte Jettel, daß Kopf und Körper noch zu gleicher Zeit leicht werden konnten, aber noch immer fiel ihr das Sprechen schwer. Reginas Schweiß roch süß und steigerte Jettels Verlangen, nichts als den dampfenden Körper ihrer Tochter zu fühlen und ihr Herz schlagen zu hören. Sie öffnete den Mund zu einem Kuß, doch ihre Lippen zitterten.

»Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren«, begann Regina und brach befangen ab. Sie konnte den einfachsten Ton nicht treffen und wußte es. »Owuors Lied«, sagte sie, »aber ich kann nicht so schön singen wie er. Ich bin nicht so klug wie Owuor. Weißt du noch, wie er in der Nacht zu uns kam? Mit Rummler. Und Papa hat geweint.«

»Du bist klug und gut«, sagte Jettel.

Regina gönnte sich nur die Zeit, die ihre Ohren brauchten, um die streichelnden Worte für immer zu behalten. Dann setzte sie sich zu ihrer Mutter aufs Bett, und beide schwiegen. Sie hielten sich aneinander fest und warteten geduldig darauf, daß aus dem Glück des Wiedersehens Freude wurde.

Jettel hatte noch immer nicht den Mut zu den Worten, die in ihr waren, aber sie konnte schon zuhören. Sie ließ sich erzählen, mit welcher Beharrlichkeit und Sehnsucht Regina den Ausbruch geplant und wie sie sich von der Gruppe der übrigen Mädchen getrennt hatte und auf das Hotel zugelaufen war. Es war eine lange und verwirrend umständliche Geschichte, die Regina mit der von Owuor erlernten Kunst der Wiederholungen immer wieder im gleichen Wortlaut vortrug und der Jettel trotz aller Bemühungen nicht folgen konnte. Sie merkte, daß ihr Schweigen Regina zu enttäuschen begann und war um so erschrockener, als sie sich fragen hörte: »Warum freust du dich so auf das Baby?«

»Ich brauche es.«

»Warum brauchst du ein Baby?«

»Dann bin ich nicht allein, wenn du und Papa tot sind.«

»Aber, Regina, wie kommst du auf so was? So alt sind wir doch nicht. Warum sollten wir sterben? Wer hat dir bloß so einen Unsinn eingeredet?«

»Deine Mutter stirbt doch auch«, erwiderte Regina und zerbiß das Salz in ihrem Mund. »Und Papa hat mir gesagt, daß sein Vater auch stirbt. Und Tante Liesel. Aber er hat gesagt, ich darf dir das nicht sagen. I’m so sorry.«

»Deine Großeltern und deine Tanten«, schluckte Jettel, »sind nicht mehr aus Deutschland herausgekommen. Das haben wir dir doch erklärt. Aber uns kann nichts passieren. Wir sind doch hier. Alle drei.«

»Vier«, verbesserte Regina und schloß zufrieden die Augen, »bald sind wir vier.«

»Ach, Regina, du weißt ja gar nicht, wie schwer es ist, ein Kind zu bekommen. Als du kamst, war alles anders. Ich werde nie vergessen, wie dein Vater durch die Wohnung getanzt ist. Jetzt ist alles so schrecklich.«

»Ich weiß«, nickte Regina. »Ich war bei Warimu dabei. Warimu ist fast gestorben. Das Baby kam mit den Füßen aus ihrem Bauch. Ich durfte mitziehen.«

Jettel drückte mit hastigen Bewegungen den Ekel zurück in ihren Magen. »Und du hast keine Angst gehabt?« fragte sie.

»Aber nein«, erinnerte sich Regina und überlegte, ob ihre Mutter einen Scherz gemacht habe. »Warimu hat ganz laut geschrien, und das hat ihr geholfen. Sie hat auch keine Angst gehabt. Nobody hatte Angst.«

Das Bedürfnis, Regina wenigstens ein kleines Stück von jener Geborgenheit zurückzugeben, die sie ihr zu lange vorenthalten hatte, wurde für Jettel zu einer Qual, die schwerer auszuhalten war als die Erkenntnis ihrer Niederlage. Regina erschien ihr so wehrlos, wie sie selbst war.

»Ich werde keine Angst haben«, sagte sie.

»Versprich mir das.«

»Ganz fest.«

»Du mußt es noch einmal sagen. Alles mußt du noch einmal sagen«, drängte Regina.

»Ich verspreche dir, daß ich keine Angst haben werde, wenn das Baby kommt. Ich habe nie gewußt, daß dir ein Baby so wichtig ist. Ich glaube nicht, daß sich andere Kinder so auf Geschwister freuen wie du. Weißt du«, erklärte Jettel und flüchtete zum nie versagenden Trost ihrer Erinnerungen, »ich habe mich immer so mit meiner Mutter unterhalten wie jetzt mit dir.«

»Du warst auch nicht in der Boarding School.«

Jettel versuchte, sich ihre Trauer nicht anmerken zu lassen, als sie in die Wirklichkeit zurückgeholt wurde. Sie stand auf und umarmte Regina. »Was ist«, fragte sie verlegen, »wenn die merken, daß du weggelaufen bist? Bekommst du keine Strafe?«

»Doch, aber I don’t care.«

»Heißt das, es macht dir nichts aus?«

»Ja. Es macht mir nichts aus.«

»Aber kein Kind will bestraft werden!«

»Ich will«, lachte Regina. »Weißt du, wenn wir eine Strafe haben, müssen wir Gedichte lernen. Ich liebe Gedichte.«

»Ich habe auch gern Gedichte aufgesagt. Wenn wir wieder alle zusammen auf der Farm sind, sage ich dir Schillers Glocke auf. Die kann ich noch.«

»Ich brauche Gedichte.«

»Wozu?«

»Vielleicht«, erklärte Regina, ohne zu merken, daß sie ihre Stimme auf Safari geschickt hatte, »muß ich mal ins Gefängnis. Dann werden sie mir alles fortnehmen. Meine Kleider, mein Essen und meine Haare sind dann weg. Sie werden mir auch keine Bücher geben, aber die Gedichte werden sie nicht bekommen. Die sind in meinem Kopf. Wenn ich sehr traurig bin, werde ich mir meine Gedichte sagen. Ich habe mir das alles genau ausgedenkt, aber das weiß niemand. Auch Inge weiß nichts von meinen Gedichten. Wenn ich das erzähle, geht der Zauber weg.«

Obwohl sie schneidende Schmerzen im Rücken und auch beim Atmen hatte, hielt Jettel ihre Tränen in sich, bis Regina gegangen war. Dann drückte sie ihre Trauer so heftig an sich wie zuvor ihre Tochter. Sie wartete fast mit Verlangen auf die Verzweiflung, deren Vertrautheit sie stützen würde. Staunend und auch mit einer Demut, die sie zuvor nie empfunden hatte, wurde ihr aber bewußt, daß der Wille zu ihr gekommen war, sich dem Leben zu stellen. Für Regina, die ihr den Weg gezeigt hatte, war Jettel entschlossen zu kämpfen. Es war nur noch der körperliche Schmerz, der sie in den Schlaf begleitete.

In der Nacht setzten, vier Wochen zu früh, die Wehen ein, und am nächsten Morgen sagte ihr Janet Arnold, daß das Kind tot war.

9

Der letzte Tag ohne die Memsahib war für Owuor süß wie der Saft von jungem Zuckerrohr und nicht länger als eine Nacht im vollen Mondlicht. Schon kurz nach Sonnenaufgang ließ er Kania die Bretter zwischen dem Ofen, Schrank und dem neu geschichteten Holzstapel mit kochendem Wasser schrubben. Kamau mußte alle Töpfe, Gläser und Teller und auch den von der Memsahib geliebten kleinen roten Wagen mit den winzigen Rädern in heiße Seifenlauge tauchen. Jogona badete den Hund so lange, bis er wie ein kleines weißes Schwein aussah. Kimani willigte auf Owuors Drängen noch zur rechten Zeit ein, mit seinen Schambaboys dafür zu sorgen, daß die Geier die Dornenbäume vor dem Haus freigaben. Owuor hatte mit dem Bwana nicht über die Geier gesprochen, aber sein Kopf sagte ihm, daß da weiße Frauen bestimmt nicht anders waren als schwarze. Wer den Tod gesehen hatte, wollte die Flügel der Geier nicht schlagen hören.

Owuor rieb mit einem Tuch, das so weich war wie der Stoff am Hals seines schwarzen Umhangs, den langen Kochlöffel ab und hörte erst auf, als ihn seine eigenen Augen im glänzenden Metall anblickten. Sie tranken bereits die Freude von den Tagen, die noch nicht gekommen waren. Es war gut, daß der Löffel bald wieder für die Memsahib in der dicken braunen Soße aus Mehl, Butter und Zwiebeln tanzen durfte. Während Owuor seine Nase mit dem Geruch von Freuden aufweckte, die sie zu lange hatte entbehren müssen, kehrte Zufriedenheit zu ihm zurück.

Es war nicht mehr so leicht wie in den gestorbenen Tagen von Rongai, für den Bwana allein zu arbeiten. Wenn er allein auf der Farm war, ließ er die Suppe kalt und den Pudding grau werden. Seine Zunge wußte nicht mehr, sich am Geschmack vom Brot festzuhalten, das aus dem Ofen kam. An dem bösen Tag, als die Memsahib mit dem Kind im Bauch nach Nakuru gebracht wurde, hatten die Augen vom Bwana aufgehört, sein Herz wachzutrommeln. Von da ab hatte er sich wie ein alter Mann bewegt, der nur noch auf die Rufe seiner schreienden Knochen wartet und die Stimme von Mungo nicht mehr hört.

In den Tagen zwischen der großen Trockenheit und dem Tod des Kindes hatte Owuor gedacht, der Bwana hätte keinen Gott, der seinen Kopf führte wie ein guter Hirte sein Ochsengespann, aber seit kurzem wußte Owuor, daß er sich da getäuscht hatte. Als der Bwana ihm von seinem toten Kind erzählte, war er es und nicht Owuor, der »Schauri ja mungo« sagte. Owuor hätte ebenso gesprochen, wenn ihm der Tod die Zähne gezeigt hätte wie ein verhungernder Löwe einer fliehenden Gazelle. Nur, fand Owuor, mußte ein Mensch Mungo nicht für ein Kind aus dem Schlaf holen. Für Kinder sorgte nicht Gott, sondern der Mann, der sie brauchte.

Selbst in der Erwartung des Tages, der das alte Leben ins Haus und in die Küche zurückbringen sollte, seufzte Owuor bei dem Gedanken, daß der Bwana nicht klug genug war, im Schlaf das Salz in seiner Kehle auszutrocknen. Ohne die Memsahib und seine Tochter machte der Bwana seine Ohren nur für das Radio frei. In den Wochen, da er dem Bwana hatte helfen wollen zu leben und nicht gewußt hatte wie, war Owuor müde geworden. Sein Rücken hatte zu schwer an der fremden Last getragen. So genoß er nun den Tag, an dem er sich nur um die kleine Memsahib zu kümmern hatte, wie ein Mann, der zu lange und zu schnell gelaufen ist und am Ziel nichts anderes tun muß, als sich unter einen Baum zu legen und den Wolken bei ihrer schönen Jagd ohne Beute zuzuschauen.

»Es ist gut«, sagte er und bohrte mit dem linken Auge ein Loch in den Himmel.

»Es ist gut«, wiederholte Regina und verwöhnte Owuor mit den weichen Lauten seiner Muttersprache.

Auch sie empfand den Tag vor Jettels Rückkehr anders als alle, die gewesen waren und die noch kommen würden. Sie saß am Rande des Flachsfeldes, das seine dünne Decke aus blauen Blüten im Wind ausschüttelte, und rührte mit den Füßen im zähen, roten Schlamm. Er machte den Körper warm und trieb jene angenehme Schläfrigkeit in den Kopf, die sie sich nur dann im gleißenden Tageslicht erlauben durfte, wenn sie allein mit Owuor war. Doch war Regina immer noch wach genug, um mit halb geschlossenen Augen zu verfolgen, wie aus ihren Gedanken kleine, bunte Kreise wurden, die der Sonne entgegenflogen.

Es war gut, daß ihr Vater schon am Tag zuvor mit Hahns nach Nakuru gefahren war. Während des großen Regens wurden die Straßen zu weichen Betten von Lehm und Wasser; aus einer Reise, die in den durstenden Monaten nur drei Stunden dauerte, wurde dann eine Safari, an der die Nacht kratzte. Mit trägen Bewegungen zog Regina ihre Bluse aus, holte eine Mango aus ihrer Hosentasche und biß hinein, doch ihr Herz schlug schnell, als ihr aufging, daß sie dabei war, das Schicksal herauszufordern. Sollte es ihr gelingen, die Mango zu essen, ohne einen Tropfen Saft zu verlieren, wollte sie dies als Zeichen sehen, daß Mungo noch an diesem Tag oder wenigstens am nächsten ein Wunder geschehen lassen würde.

Regina war erfahren genug, dem großen unbekannten und ihr doch so vertrauten Gott nicht die Form seiner Wohltat vorzuschreiben. Sie machte ihren Kopf fügsam und verschluckte das Verlangen in ihrem Körper, doch es kostete sie zuviel Kraft, ihren Wünschen das Gesicht zu nehmen. Sie vergaß die Mango. Als sie den warmen Saft auf ihrer Brust spürte und dann auch sah, daß ihre Haut gelb wurde, wußte sie, daß Mungo sich gegen sie entschieden hatte. Er war noch nicht bereit, ihr Herz aus seinem Gefängnis zu befreien.

Sie hörte einen kleinen jammernden Laut, der nur aus ihrem Mund stammen konnte, und schickte sofort ihre Augen zum Berg, damit Mungo ihr nicht zürnte. Regina hatte die Trauer um das verlorene Baby so wütend vertrieben wie ein Hund die Ratte, die sich an seinem vergrabenen Knochen festgebissen hat. Ratten ließen sich jedoch nie lange vertreiben. Sie kamen immer wieder. Reginas Ratte ließ sie nur manchmal am Tag, aber nachts nie vergessen, daß es auch in Zukunft sie allein war, die die hungrigen Herzen ihrer Eltern mit Stolz füttern mußte.

Regina wußte, daß ihre Mutter anders war als die Frauen von den Hütten. Wenn bei denen ein Kind starb, war die Zeit nicht länger als zwischen der kleinen und der großen Regenzeit, ehe der Bauch wieder dick wurde. Bei dem Gedanken, wie lange es dauern würde, ehe sie sich wieder auf ein Baby freuen durfte, biß Regina fest in den Kern der Mango und lauerte auf das Knirschen im Mund. Wenn erst die Zähne schmerzten, konnte der Kopf das Böse nicht halten. Die Traurigkeit kam aber sofort zurück, als Regina an ihre Eltern dachte.

Deren Ohren hatten keine Freude am Regen, und ihre Füße wußten nichts vom neuen Leben im Tau des Morgens. Von Sohrau sprach der Vater, wenn er mit Worten schöne Bilder malte, von Breslau die Mutter, wenn ihre Träume auf Safari gingen. Von Ol’ Joro Orok, das Regina in der Schule »home« und in den Ferien »Zuhause« nannte, sahen beide nur die schwarzen Farben der Nacht und nie die Menschen, die nur beim Lachen ihre Stimme laut werden ließen.

»Du wirst sehen«, sagte sie zu Rummler, »die machen kein neues Baby.«

Als Reginas Stimme ihn wach machte, schüttelte der Hund sein rechtes Ohr, als hätte ihn eine Fliege gestört. Er öffnete die Schnauze so lange, daß ihm der Wind die Zähne zu kalt machte, bellte einmal und zuckte am ganzen Körper, weil ihn das Echo erschreckte.

»Du bist ein dummes Luder, Rummler«, lachte Regina, »du kannst nichts im Kopf halten.« Verlangend rieb sie ihre Nase an seinem nassen Fell, das in der Sonne dampfte, und spürte, daß sie endlich ruhig wurde.

»Owuor«, erklärte sie, »du bist klug. Es ist gut, einen feuchten Hund zu riechen, wenn man nasse Augen hat.«

»Du hast sein Fell mit den Augen naß gemacht«, sagte Owuor. »Jetzt werden wir beide schlafen.«

Die Schatten waren so dünn und kurz wie eine junge Eidechse, als Regina am nächsten Tag die Lockrufe eines schwer atmenden Motors hörte. Sie hatte viele Stunden am Waldrand gesessen und dem Trommeln gelauscht, die Dik-Diks beobachtet und eine Affenmutter mit einem Kind unter dem Bauch beneidet. Als sie aber den ersten, noch sehr fernen Ton einfing, schaffte sie die Strecke bis zum aufgeweichten Weg doch noch rechtzeitig genug, um für das letzte Stück der Fahrt auf das Trittbrett zu springen.

Oha saß am Steuer und roch nach seinem selbstangebauten Tabak, neben ihm Jettel mit dem Duft von scharfer Krankenhausseife. Hinten saßen Lilly, Walter und Manjala, von dem sich Hahns in der Regenzeit nie trennten, weil er besser als jeder andere mit Autos umgehen konnte, die im Schlamm steckten. Der kleine weiße Pudel heulte, obwohl es nicht Abend war und Lilly noch kein Lied in der Kehle hatte.

Regina brauchte die kurze Fahrt im aufkommenden Wind, um ihre Sinne zu schärfen und die Augen an ihre Mutter zu gewöhnen. Sie erschien ihr anders als vor den Tagen, ehe die große Traurigkeit auf die Farm gekommen war. Jettel wirkte wie die schlanken, englischen Mütter, die kaum redeten und ihr Lächeln zwischen den Lippen behielten, wenn sie zu Beginn der Ferien ihre Kinder in der Schule abholten. Ihr Gesicht war rundlicher, die Augen so ruhig geworden wie die von satten Kühen. Die Haut hatte wieder den schimmernden Hauch von einer Farbe, die Regina in keiner der Sprachen beschreiben konnte, die sie kannte, obwohl sie es immer wieder versuchte.

Als der Wagen anhielt, standen Owuor und Kimani vor dem Haus. Kimani sagte nichts und bewegte auch sein Gesicht nicht, aber er roch nach frischer Freude. Owuor zeigte erst seine Zähne und rief dann: »Du Arschloch«, sehr deutlich und genau, wie es ihm der Bwana zur Begrüßung von Besuchern beigebracht hatte. Es war ein guter Zauber. Obwohl der Bwana aus Gilgil ihn kannte, lachte er laut genug für ein Echo, das nicht nur Owuors Ohren, sondern seinen ganzen Körper heiß machte.

»Du bist schön«, wunderte sich Regina. Sie küßte ihre Mutter und zeichnete mit den Fingern die Wellen in ihrem Haar nach. Jettel lächelte verlegen. Sie rieb ihre Stirn, sah scheu das Haus an, aus dem sie sich so oft fortgesehnt hatte, und fragte schließlich, immer noch befangen, jedoch ohne Zittern in der Stimme: »Bist du sehr traurig?«

»Aber nein. Weißt du, wir können ja mal ein neues Baby machen. Irgendwann«, sagte Regina und versuchte zu zwinkern, doch ihr rechtes Auge blieb zu lange offen, »wir sind ja alle noch so jung.«

»Regina so etwas darfst du Mama jetzt nicht sagen. Wir müssen beide dafür sorgen, daß sie sich erst mal erholt. Sie war sehr krank. Verdammt noch mal, ich hab’s dir doch genau erklärt.«

»Laß sie nur«, widersprach Jettel, »ich weiß schon, wie sie’s meint. Eines Tages machen wir ein neues Baby, Regina. Du brauchst ja ein Baby.«

»Und Gedichte«, flüsterte Regina.

»Und Gedichte«, bestätigte Jettel ernst, »du siehst, ich habe nichts vergessen.«

Das Feuer am Abend roch nach dem großen Regen, aber das Holz mußte schließlich seinen Kampf aufgeben und wurde zu einer Flamme voll Farbe und Wut. Oha hielt seine Hände vor die Glut, drehte sich plötzlich um, obwohl ihn niemand gerufen hatte, umarmte Regina und hob sie hoch.

»Wie kommt ihr beide bloß zu so einem hellsichtigen Kind?« fragte er.

Regina trank so lange die Aufmerksamkeit seiner Augen, bis sie ihre Haut warm und ihr Gesicht rot werden fühlte. »Aber«, sagte sie und zeigte zum Fenster, »es ist doch schon dunkel.«

»Bist eine kleine Kikuyu, Madamche«, erkannte Oha, »immer schön wortklauberisch. Du würdest eine schöne Juristin abgeben, aber das wird dir das Schicksal hoffentlich nicht antun.«

»Nein, nicht Kikuyu«, widersprach Regina, »ich bin Jaluo.« Sie schaute zu Owuor hin und fing den kleinen schnalzenden Ton auf, den nur sie beide hören konnten.

Owuor hielt ein Tablett in einer Hand und streichelte mit der anderen gleichzeitig Rummler und den kleinen Pudel. Später brachte er den Kaffee in der großen Kanne, die er nur an guten Tagen füllen durfte, und servierte die winzigen Brötchen, für die ihn sein erster Bwana schon gelobt hatte, als er noch nicht Koch gewesen war und nichts von weißen Menschen gewußt hatte, die schönere Scherze als die eigenen Stammesbrüder aus dem Kopf