/ Language: Deutsch / Genre:nonf_biography

Jenseits von Afrika

Tania Blixen


Jenseits von Afrika

Tania Blixen

1938

1

Ihr fesselnde Erlebnisbericht »Afrika, dunkel lockende Welt«, nach dem der Film entstand, ist eines der lebendigsten und poetischsten Bücher, das je über Afrika geschrieben wurde. Es sind Erinnerungen an ein verlorenes Paradies. Ein mächtiger Atem weht durch das ganze Werk, in dem uns eine große Erzählerin die fremdartige und fasziniernde Welt des schwarzen Kontinents erschließt.

Inhaltsverzeichnis

I  KAMANTE UND LULU

Die Ngongfarm

Ein schwarzes Kind

Der Wilde im Hause der Weißen

Eine Gazelle

II  EIN UNFALL AUF DER FARM

Der verhängnisvolle Schuß

Der Ritt in die Wildnis

Wamai

Wanyangerri

Ein Häuptling der Kikuju

III  GÄSTE AUF DER FARM

Große Tänze

Ein Gast aus Asien

Die Somalifrauen

Der alte Knudsen

Ein Flüchtling rastet auf der Farm

Freunde zu Gast

Der edle Pionier

Schwingen

IV  LOSE BLÄTTER

Wie der Wilde den Wilden erlöste

Glühwürmchen

Lebenswege

Esas Geschichte

Der Leguan

Farah und der Kaufmann von Venedig

Vom Stolz

Die Ochsen

Von den zwei Rassen

Kriegssafari

Das Zahlensystem im Suaheli

Die Mondfinsternis

Die Schwarzen und der Reim

Der Fall Kitosch

Afrikanische Vögel

Pania

Esas Tod

Die Eingeborenen und die Geschichte

Das Erdbeben

Giraffen reisen nach Hamburg

Der Professor und die Affen

Karomenya

Pooran Singh

Eine seltsame Begegnung

Der Papagei

V  ABSCHIED VON DER FARM

Schwere Zeiten

Kinanjuis Tod

Das Grab in den Bergen

Ausverkauf

Abschied

Reiten, Bogenschießen, die Wahrheit sagen

Teil I

KAMANTE UND LULU

Die Ngongfarm

Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlicher lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächte sind kalt.

Die geographische Lage und die Höhe haben vereint eine Landschaft geschaffen, die in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat. Nirgends ist etwas Üppiges oder Überschwengliches; es ist, als wäre Afrika hier gleichsam durch zweitausend Meter emporgeläutert zu einer starken und klaren Essenz seines Wesens. Die Farben sind trocken und glasiert wie Farben irdener Geschirre. Die Bäume haben ein lichtes zartes Laubwerk, und ihre Form ist anders als die europäischer Bäume, sie bilden keine Kronen und Kuppeln, sondern waagrechte Schichten. Vereinzelte hohe Bäume bekommen dadurch eine Ähnlichkeit mit Palmen, sie haben etwas Heroisches und Romantisches wie Schiffe mit vollen Segeln, und ein Waldrand wirkt seltsam: der ganze Wald scheint leicht zu schwingen. Aus dem Gras der großen Ebenen ragen verstreut die krummen, kahlen alten Dornbäume, und das Gras riecht würzig nach Thymian und Sumpfmyrte; an manchen Stellen ist der Duft so stark, daß er die Nase beizt. Alle Blumen auf den Hochebenen oder an den Schlinggewächsen und Lianen im Urwald sind gewissermaßen Verkleinerungen wie Blumen auf den Dünen; nur zu Beginn der Regenzeit sprießen große fleischige, schwerduftende Lilien auf den Hochebenen empor. Die Ausblicke sind unendlich weit. Alles, was man sieht, atmet Größe und Freiheit und unvergleichliche Vornehmheit.

Das wesentliche Element der Landschaft und des Lebens in ihr ist die Luft. Wer auf einen Aufenthalt im afrikanischen Hochland zurückblickt, den überkommt das Gefühl, er habe eine Zeitlang hoch in der Luft gelebt. Der Himmel ist selten mehr als blaßblau oder violett, und mächtige, aller Schwere bare, immerfort sich wandelnde Wolken türmen sich allenthalben und segeln an ihm dahin; aber die Bläue hat etwas Leuchtendes und färbt die Umrisse der Berge und nahen Wälder mit frischem tiefem Blau. Um die Tagesmitte beginnt die Luft über dem Lande sich zu regen wie eine aufsteigende Flamme, sie flimmert, wogt und schimmert wie rieselndes Wasser, spiegelt und verdoppelt alle Gegenstände und schafft große Fata Morganen. Es atmet sich leicht in der hohen Luft, man saugt Lebensgewißheit und Unbeschwertheit der Seele in sich. Im Hochland erwacht man in der Frühe und weiß: hier bin ich, wo ich sein sollte.

Die Ngongberge ziehen sich als langer Kamm von Nordwesten nach Südosten und sind von vier stolzen Gipfeln gekrönt, die wie reglose dunklere blaue Wellen gegen den Himmel stehen. Sie erheben sich zweitausendsiebenhundert Meter über das Meer und im Osten siebenhundert Meter über das umliegende Land; im Westen ist der Absturz tiefer und steiler, da fallen die Berge senkrecht ab in das große Rifttal.

Der Wind weht im Hochland beständig aus Nordnordost. Es ist der gleiche Wind, den sie unten an den Küsten Afrikas und Arabiens den Monsun nennen, der Ostwind, König Salomons liebstes Roß. Hier oben spürt man ihn nur, als wär’s der Widerstand der Luft, gegen den die Erde ostwärts durch den Raum rollt. Der Wind streicht gerade auf die Ngongberge zu, und an den Bergabhängen könnte man herrlich Drachen steigen lassen; der Luftstrom würde sie emporheben bis über die Berggipfel. Die Wolken, die mit dem Winde heranziehen, stoßen an die Hänge des Gebirges und umschweben es oder werden von dem Grat erfaßt und lösen sich in Regen auf. Die aber, die höher fliegen und den Kamm nicht streifen, zergehen westlich von ihm über der glühenden Wüste des Rifttales. Viele Male habe ich aus meinem Hause diese mächtigen Züge heranschweben sehen und staunend betrachtet, wie die stolzen wogenden Massen, kaum daß sie die Berge überflogen hatten, in der blauen Luft zergingen und verschwanden.

Von der Farm aus sah man die Berge mehrmals am Tage ihr Aussehen verändern, zuweilen schienen sie ganz nahe und dann wieder weit, weit entfernt. Abends, wenn es dunkelte, sah es zuerst, wenn man nach ihnen hinschaute, aus, als würde am Himmel ein silberner Strich um die ganze Silhouette des dunklen Berges gezogen; dann, wenn es finster wurde, schienen die vier Gipfel flacher und weicher zu werden, als strecke und dehne sich das Gebirge.

Von den Ngongbergen hat man einen einzigartigen Blick; südwärts sieht man die weite Ebene der großen Jagdgründe, die sich bis zum Kilimandscharo erstrecken, im Osten und Norden das parkartige Gelände der Vorberge mit dem Walde dahinter und das wellige Gebiet des Kikujureservats, das sich hundert Meilen weit zum Kenia hinzieht — ein Mosaik kleiner rechteckiger Maisfelder, Bananenhaine und Wiesen, und hier und da den blauen Rauch aus einem Eingeborenendorf, das wie ein Grüppchen spitziger Maulwurfshaufen sichtbar wird. Im Westen aber, tief unten, liegt die dürre Mondlandschaft des afrikanischen Tieflandes. Die braune Wüste ist regellos gemustert mit kleinen Flecken von Dornengebüsch, die Windungen der Flußläufe sind von zackigen dunkelgrünen Zwickeln umsäumt: das sind die Wälder der mächtigen breitästigen Mimosenbäume, mit Dornen wie Spieße; da gedeiht der Kaktus, da ist die Heimat der Giraffe und des Nashorns.

Das Bergland selbst in seinem Inneren ist unermeßlich groß, malerisch und wechselnd, voller Schlupfwinkel, langer Täler, Dickichte, grüner Hänge und felsiger Klippen. Hoch oben unter einem der Gipfel grünt sogar ein Bambushain. Quellen und Brunnen rieseln dort oben in den Bergen, ich habe an ihnen gelagert und gerastet.

Zu meiner Zeit hausten der Büffel, die Elenantilope und das Nashorn in den Ngongbergen, und mir hat es immer leid getan, daß nicht das ganze Bergland in das Jagdschutzgebiet eingeschlossen war. Nur ein kleiner Teil davon war geschützt, die Zacke am südlichen Gipfel bezeichnete die Grenze. Wenn die Kolonie sich entfaltet und die Hauptstadt Nairobi eine große Stadt wird, könnten die Ngongberge einen unvergleichlich schönen Wildpark abgeben. Aber schon in den letzten Jahren, die ich dort war, zogen die jungen Leute aus Nairobi mit ihren Motorrädern sonntags in die Berge und knallten ab, was sie zu Gesicht bekamen. Ich glaube, das Großwild wird aus dem Gebiet fort durch die Dornendickichte und Steinwüsten südwärts gewandert sein.

Oben auf den Bergen und auf den vier Gipfeln selbst war es bequem zu wandern; das Gras war kurz wie ein geschorener Rasen; hier und da sah das graue Gestein durch die Grasnarbe. Den Kamm entlang, die Gipfel auf und ab, lief, wie eine glatte Berg-und-Tal-Bahn, ein schmaler Wildwechsel. Eines Morgens, in der Zeit, als ich im Gebirge hauste, kam ich dort hinauf und ging den Wechsel entlang; da fand ich die frische Fährte und Losung eines Rudels von Antilopen. Die großen friedfertigen Tiere sind wohl gegen Sonnenaufgang in einer langen Kette den Kamm entlanggewandert, und man kann sich nicht vorstellen, daß sie zu einem anderen Zweck dort oben waren, als um tief hinab nach beiden Seiten ins weite Land zu schauen.

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Auf meiner Farm wurde Kaffee angebaut. Die Gegend lag eigentlich etwas zu hoch für Kaffee, man mußte sich mühselig durchschlagen; wir sind nie reich gewesen auf der Farm. Aber eine Kaffeepflanzung ist etwas, das einen festhält und nicht losläßt, es gibt immer etwas auf ihr zu tun, und meistens hinkt man mit seiner Arbeit ein wenig hintennach. Mitten in einem wilden, ungepflegten Lande ist ein Stück Boden, das bearbeitet und regelrecht bepflanzt ist, ein schöner Anblick. Später, als ich Gelegenheit hatte zu fliegen und meine Farm aus der Vogelschau kennenlernte, war ich sehr stolz auf meine Kaffeeplantage, die hellgrün in der graugrünen Landschaft dalag, und fühlte so recht, wie der Mensch ein tief eingewurzeltes Verlangen nach geometrischen Figuren hat. Das ganze Gebiet rings um Nairobi, besonders im Norden der Stadt, ist ähnlich bebaut; der Siedler, der da lebt, denkt und spricht unausgesetzt vom Pflanzen, Beschneiden oder Ernten des Kaffees und sinnt und grübelt nachts über Verbesserungen seiner Kaffeeaufbereitung.

Kaffeeanbau ist eine langwierige Arbeit. Sie geht durchaus nicht so glatt, wie man sich’s vorstellt, wenn man jung und hoffnungsvoll bei strömendem Regen die Kisten mit den zarten jungen Kaffeepflänzchen von der Baumschule holt und mit allem Gesinde aufs Feld zieht und darüber wacht, daß die Pflänzchen in die ordentlich gereihten Löcher ins nasse Erdreich gesetzt werden, in dem sie wachsen sollen, dicht beschattet gegen den Sonnenbrand durch Zweige aus dem Walde — denn Dämmerung ist die Zuflucht allen zarten Lebens. Es währt vier oder fünf Jahre, ehe die Sträucher Frucht tragen, und derweil können dürre Jahre über das Land kommen oder Krankheiten — die frechen wilden Unkräuter schießen in den Feldern dick empor, die Schwarzeiche mit ihren langen kratzigen Samenhülsen, die sich einem an die Kleider und Strümpfe heften. Einige Bäumchen sind schlecht gepflanzt, ihre Hauptwurzel ist verbogen, und sie sterben, sowie sie zu blühen beginnen. Man setzt über sechshundert Bäume auf einen Morgen, und ich hatte sechshundert Morgen Land mit Kaffee bepflanzt. Meine Ochsen zogen Pflüge und Eggen durch die Felder, auf und nieder, viele tausend Meilen zwischen den Baumreihen, geduldig in Erwartung künftigen Lohnes.

Zuzeiten ist es sehr schön auf einer Kaffeepflanzung. Zu Beginn der Regenzeit, wenn die Pflanzung in Blüte stand, bot sich ein leuchtendes Bild, eine Wolke von Kreide schien im Nebel und Geriesel sechshundert Morgen weit übers Land gebreitet. Die Kaffeeblüten haben einen zarten bitterlichen Duft, ähnlich wie Schwarzdornblüten. Wenn das Feld sich von den reifen Kirschen rötete, wurden die Weiber und die Kinder — die Watoto — mit hinausgenommen, um mit den Männern den Kaffee von den Bäumen zu pflücken. Auf Wagen und Karren wurde er dann hinuntergeschafft zur Aufbereitung am Fluß. Unsere technischen Einrichtungen waren nie so auf der Höhe, wie sich’s gehört hätte, aber wir hatten unsere Anlage selbst entworfen und gebaut und waren stolz auf sie. Einmal brannte sie gänzlich ab und mußte neu aufgebaut werden. Die große Trockentrommel drehte und drehte sich ohne Unterlaß, und die Bohnen rauschten in ihrem eisernen Bauch wie Kies, der am Strande unter der Brandung knirscht. Zuweilen wurde der Kaffee mitten in der Nacht getrocknet und mußte aus der Trockentrommel herausgeholt werden. Es war ein malerisches Schauspiel, wenn die vielen Windlichter den riesigen dunklen Raum voller Spinnweben und Kaffeeschalen erleuchteten und die glänzenden schwarzen Gesichter in ihrem Schein sich um die Trockenmaschine scharten — man hatte das Gefühl, als hinge das Anwesen in der Schwärze der afrikanischen Nacht wie ein heller Edelstein im Ohr eines Äthiopiers. Dann wurde der Kaffee geschält und gesichtet, mit der Hand sortiert und in Säcke verstaut, die mit Packnadeln vernäht wurden.

Wenn alles vorüber war, konnte ich in der Frühe, noch ehe es tagte, von meinem Bett aus hören, wie die Wagen, mit Kaffeesäcken hoch beladen — zwölf Säcke die Tonne —, von je sechzehn Ochsen gezogen, unter großem Gebrüll und Lärm der nebenherlaufenden Treiber den langen Hügel von der Aufbereitung herauf auf dem Weg nach dem Bahnhof Nairobi davonzogen. Es war angenehm, zu wissen, daß dieser Berg der einzige auf ihrem Wege war, denn die Farm lag tausend Fuß höher als die Stadt Nairobi. Abends ging ich dann dem heimkehrenden Zug entgegen; die müden Ochsen schritten vor den leeren Wagen mit hängenden Köpfen einher, von einem müden kleinen Toto gelenkt, und die Treiber ließen ihre Peitschen matt im Staub der Straße schleifen. Wir hatten alles getan, was wir konnten. Morgen oder übermorgen schwamm der Kaffee auf dem Meere, und wir durften nur hoffen, daß uns bei den großen Versteigerungen in London das Glück hold war.

Ich besaß sechstausend Morgen, also außer der Kaffeepflanzung noch genug freies Land. Einen Teil der Farm bedeckte Urwald und etwa tausend Morgen Squatterland oder sogenannte Schambas. Die Squatter sind Eingeborene, die auf der Farm eines Weißen mit ihrer Familie einige Morgen Land bekommen und dafür eine bestimmte Zahl von Tagen im Jahr für ihn arbeiten müssen. Meine Squatter freilich faßten das Verhältnis anders auf; viele von ihnen waren auf der Farm geboren und ebenso auch ihre Väter, so daß sie wahrscheinlich mich als eine Art Obersquatter auf ihrem Grund und Boden ansahen. Auf dem Squatterland ging es sehr viel lebendiger zu als auf der ganzen übrigen Farm, und das Schauspiel wechselte ständig mit den Jahreszeiten. Der Mais schoß hoch auf und ragte einem über den Kopf, wenn man auf den schmalen festgetretenen Fußpfaden durch die hohen, grünen, raschelnden Regimenter schritt. Dann wurde er geerntet, die Kolben wurden von den Weibern abgelesen und gedroschen, die Stengel und Hülsen wurden in Haufen gesammelt und verbrannt, so daß zuzeiten überall auf der Farm die dünnen blauen Rauchsäulen aufstiegen. Die Kikuju bauen auch Bataten an, mit Blättern wie Weinlaub, die sich am Boden zu einer dichtgeflochtenen Matte verschlingen, und verschiedene Arten großer gelber und grüngesprenkelter Kürbisse. Wenn man durch die Felder der Kikuju geht, ist immer das erste, was einem in die Augen sticht, das Hinterteil irgendeines alten Weibleins, das in seinem Acker buddelt, wie das Sinnbild des Vogels Strauß, der sein Haupt in den Sand steckt. Jede Kikujufamilie besitzt eine Reihe kleiner runder, spitzer Wohnhütten mit den zugehörigen Vorratshütten und dazwischen einen freien Platz, wo der Boden festgestampft ist wie Zement, wo der Mais geputzt wird und die Ziegen gemolken werden und die Kinder und Hühner umherlaufen. Ich habe auf den Kartoffelfeldern zwischen den Squatterhäusern in der blauen Abenddämmerung Spornhühner gejagt, die Waldtauben gurrten laut ihr Lied in den hochstämmigen zerzausten Bäumen, die hie und da in den Schambas aufragten als Reste des Urwalds, der einst die ganze Farm bedeckt hatte.

Und dann gehörten zur Farm noch einige tausend Morgen Grasland. Da wogte und bog sich das lange Gras wie Wellen des Meeres unter einem steifen Winde, und die kleinen Kikujububen hüteten die Kühe ihrer Eltern. In der kalten Jahreszeit nahmen sie sich in kleinen geflochtenen Körben glühende Kohlen aus den Hütten mit und verursachten zuweilen große Grasbrände, die für die Weidewirtschaft der Farm recht verhängnisvoll waren. In dürren Jahren kamen die Zebras und Antilopen bis zu den Weidegründen der Farm herab.

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Nairobi, unsere Stadt, lag, zwölf Meilen entfernt, unten in einem flachen Landstrich zwischen den Bergen. Da war das Haus des Gouverneurs, da residierten die großen Firmen, von da aus wurde das Land regiert. Es gibt kein Leben, in dem nicht eine Stadt eine Rolle spielt, und es macht wenig aus, ob man ihr wohl oder übel gesinnt ist, sie zieht die Gedanken an sich nach einem geistigen Gesetz der Schwere. Der helle Schimmer am Himmel, der nachts über der Stadt lag — ich konnte ihn an mehreren Stellen von meiner Farm aus sehen —, erregte meine Gedanken und rief Erinnerungen wach an die großen Städte Europas.

Als ich nach Afrika kam, gab es noch keine Autos im Lande, und wir ritten nach Nairobi oder fuhren in einem Wagen mit sechs Maultieren und stellten unser Gespann in den Stallungen des Hochlandtransports ein. Während meiner ganzen Zeit blieb Nairobi eine Stadt von recht gemischtem Aussehen; neben etlichen neuen Steinhäusern gab es ganze Viertel von Läden, Kanzleien und Wohnhäusern aus altem Wellblech, die sich unter langen Reihen von Eukalyptusbäumen die leeren staubigen Straßen entlangzogen. Die Kanzleien des Landgerichts, des Eingeborenenamtes, des Veterinäramtes waren erbärmlich untergebracht, und ich bewunderte die Beamten, daß sie in den niedrigen, glühendheißen Räumen überhaupt arbeiten konnten.

Aber trotz alledem war Nairobi eine Stadt, in der man Einkäufe machen, Neuigkeiten hören, in Hotels frühstücken und zu Abend essen und im Klub tanzen konnte. Und es war ein Ort voller Leben, ständig bewegt wie strömendes Wasser und wandlungsfähig wie alles Junge; es verwandelte sich von Jahr zu Jahr und zeigte jedesmal, wenn man von einem Jagdzug heimkehrte, ein neues Gesicht. Das neue Regierungsgebäude wurde errichtet, ein prächtiges kühles Haus mit schönem Ballsaal und hübschem Garten; prächtige Hotels wuchsen aus dem Boden, große eindrucksvolle Landwirtschaftsausstellungen und herrliche Blumenausstellungen wurden abgehalten, und die sogenannte elegante Welt der Kolonie bereicherte das Leben der Stadt von Zeit zu Zeit mit Hörfolgen spannender Skandale. Nairobi rief einem zu: »Genieße mich und deine Zeit. Wir kommen nie wieder so jung — will heißen: so ungebändigt und lebenshungrig — zusammen.« Zeitweilig habe ich mich mit Nairobi recht gut verstanden, und es gab eine Zeit, da fuhr ich durch die Stadt und dachte mir: Was wäre das Leben ohne die Straßen von Nairobi!

Die Viertel der Eingeborenen und der farbigen Einwanderer waren im Verhältnis zu der Europäerstadt sehr weitläufig angelegt.

Die Suahelistadt an der Straße zum Mathaigaklub genoß zwar in keinem Sinne einen guten Ruf, war aber ein lebensvoller, dreckiger und vergnüglicher Ort, in dem zu jeder Stunde des Tages alles mögliche passierte. Sie war größtenteils erbaut aus flachgehämmerten Petroleumkanistern in allen Stadien der Verrostung und bildete so wie eine steingewordene Anhäufung von Skeletten, deren Seele entwichen war, eine Art Korallenriff der vordringenden Zivilisation.

Die Somalistadt lag noch weiter entfernt von Nairobi, und zwar vermutlich weil die Sitte der Somali die strenge Abgeschiedenheit der Weiber fordert. Zu meiner Zeit kamen wohl einige schöne junge Somalifrauen, deren Namen in aller Munde waren, in die Basare, trieben da ihr Wesen und machten der Polizei von Nairobi viel zu schaffen. Es waren gescheite, verführerische Frauenzimmer. Aber die anständigen Somalifrauen ließen sich in der Stadt nicht sehen. Die Somalistadt war allen Winden preisgegeben, schattenlos und staubig — und mag ihre Bewohner wohl an ihre heimischen Wüsten gemahnt haben. Europäer, die lange Zeit, vielleicht Generationen lang, in der gleichen Gegend leben, können nie die völlige Gleichgültigkeit der Nomaden gegen die Umwelt ihrer Wohnstätte begreifen. Die Somalihäuser waren unregelmäßig verstreut auf der kahlen Erde und sahen aus, als seien sie mit einer Handvoll vierzölliger Stifte für ein paar Wochen zusammengenagelt. Man war überrascht, wenn man eintrat, sie so sauber und wohnlich zu finden, duftend nach arabischen Wohlgerüchen, ausgestattet mit Teppichen und Vorhängen, Messing- und Silberkesseln, Schwertern mit Elfenbeingriffen und feinen Klingen. Die Somalifrauen hatten ein würdiges und höfliches Benehmen, waren gastfrei und heiter; ihr Lachen klang wie silberne Glöckchen. Ich war ein häufiger Gast in der Somalistadt — mein Diener Farah Aden, der mich während meiner ganzen Zeit in Afrika begleitete, war ein Somali —, und ich habe viele von ihren Festen mitgefeiert. Eine große Somalihochzeit ist eine prächtige Feier mit vielen alten Bräuchen. Als Ehrengast wurde ich in die Brautkammer geführt, wo die Wände und das Brautbett mit alten, edlen, farbensatten Geweben und Stickereien behangen waren und die dunkeläugige junge Braut selbst von schwerer Seide, Gold und Bernstein strotzte.

Die Somali waren allenthalben im Lande Viehhändler und Kaufleute. Für die Beförderung ihrer Waren hielten sie sich in der Stadt kleine graue Esel; auch Kamele habe ich dort gesehen: stolze wetterfeste Geschöpfe der Wüste, erhaben über alles Leid, wie Kakteen, ja, wie die Somali selbst.

Die Somali bringen sich oft selbst ins Unglück durch ihre grimmigen Sippenfeindschaften. In der Beziehung empfinden und urteilen sie anders als die übrigen Menschen. Farah gehörte zur Sippe der Habr Junis, so daß ich selbst bei einem Streit deren Partei ergriff. Einmal kam es zu einer richtigen großen Schlacht in der Somalistadt, zwischen den zwei Sippen Dulba Hantis und Habr Chaolo; es wurde geschossen. Häuser wurden in Brand gesteckt und zehn oder zwölf Leute getötet, bis die Regierung eingriff. Farah hatte damals einen jungen Freund aus seiner Sippe, Said mit Namen, der ihn auf der Farm besuchte. Er war ein anmutiger Knabe, und mir tat es leid, als ich von meinen Leuten hörte, Said sei bei einer Familie der Habr Chaolo zu Besuch gewesen, als einer von der Sippe Dulba Hantis im Vorbeigehen aus Wut aufs Geratewohl zwei Schüsse durch die Hauswand feuerte, deren einer Said das Bein zerschmetterte. Ich sagte Farah, daß mir das Unglück seines Freundes naheginge. »Was? Said?« fuhr Farah auf. »Das ist ihm ganz recht geschehen. Warum muß er bei einem Habr Chaolo Tee trinken?«

Die Inder von Nairobi beherrschten das Geschäftsviertel der Eingeborenen im Basar, und die großen indischen Kaufleute Jevanjee, Suleiman Virjee, Allidina Visram besaßen ihre Villen am Rande der Stadt. Ihre Liebhaberei waren steinerne Treppenaufgänge, Balustraden und Vasen, die sie sich recht stümperhaft aus dem weichen Gestein der Gegend aushauen ließen, wie Bauwerke von Kindern aus roten gedrechselten Bausteinchen. Sie gaben Teegesellschaften in ihren Gärten mit indischen Kuchen im Stil der Villen; sie waren klug, weit gereist und sehr wohlerzogen. Aber die Inder in Afrika sind so eingefleischte Geschäftsleute, daß man nie weiß, ob man einem menschlichen Wesen gegenübersteht oder dem Oberhaupt einer Firma. Ich verkehrte in Suleiman Virjees Hause; als ich eines Tages auf den Gebäuden seines großen Warenhauses die Flagge halbmast wehen sah, fragte ich Farah: »Ist Suleiman Virjee tot?« — »Halb tot«, sagte Farah. »Setzt man denn hier die Flagge halbmast, wenn einer halbtot ist?« fragte ich. »Suleiman ist tot«, sagte Farah, »Virjee lebt.«

Bevor ich die Leitung der Farm übernahm, war ich eine eifrige Jägerin und bin manches Mal auf Safari ausgezogen. Aber als ich Farmerin wurde, hängte ich meine Gewehre in den Schrank.

Die Massai, das viehzüchtende Nomadenvolk, waren meine Nachbarn auf der Farm; sie lebten drüben auf dem anderen Flußufer. Zuweilen kam einer von ihnen zu mir und klagte über einen Löwen, der ihnen die Kühe raubte, und bat mich, auszuziehen und ihn für sie zu schießen. Das tat ich dann, wenn ich konnte. Manchmal ging ich an Samstagen hinaus auf die Orungisteppe und schoß ein oder zwei Zebras als Braten für meine Arbeiter; ein ganzer Schwanz vertrauensseliger junger Kikuju zog hinter mir her. Ich schoß Geflügel auf der Farm, Spornhühner und Perlhühner, die sehr schmackhaft waren. Aber auf Jagdzüge ging ich viele Jahre nicht mehr.

Doch erzählten wir uns auf der Farm noch oft von den Safaris, die wir mitgemacht hatten. Lagerplätze prägen sich in das Gedächtnis ein, als hätte man ein ganzes Stück seines Lebens auf ihnen verbracht. Man erinnerte sich an die Kurve einer Radspur im Gras der Steppe, als hätte sie sich einem ins Gemüt eingedrückt.

Auf Safari habe ich einmal eine Büffelherde von einhundertundneunundzwanzig Stück unter einem kupferbraunen Himmel einzeln aus dem Morgennebel hervortauchen sehen, als ob die dunklen, schwarzen, ehernen Tiere mit ihren mächtigen, seitlich geschwungenen Hörnern nicht auf mich zukämen, sondern vor meinen Augen erschaffen und stückweise, wie sie fertig wurden, herausgeschoben würden. Ich habe eine Herde von Elefanten durch den dichten Urwald wandern sehen, da, wo die Sonnenstrahlen sich zwischen dem dichten Gerank in lauter kleine Lichter und Flecken zerteilen; sie schritten aus, als hätten sie eine Verabredung am anderen Ende der Welt. Sie wirkten wie die riesenhaft vergrößerte Kante eines sehr alten, unendlich kostbaren persischen Teppichs von grüner, gelber und schwärzlichbrauner Farbe. Ich habe wiederholt die Giraffen durch die Steppe ziehen sehen mit ihrer seltsamen, unvergleichlichen pflanzlichen Anmut, als seien sie nicht eine Herde von Tieren, sondern eine Gattung langstengeliger, gesprenkelter Riesenblüten, die langsam vorwärts schwebten. Ich bin in der Frühe zwei Nashörnern auf ihrem Spaziergang gefolgt; sie sogen schnaubend und grunzend die Morgenluft ein, die so kalt ist, daß sie die Nüstern beizt, und sahen aus wie zwei klobige Felsblöcke, die durchs Tal kobolzten und ihren Spaß miteinander hatten. Ich habe den königlichen Löwen gesehen, wie er vor Sonnenaufgang im Schein des verblassenden Mondes über die graue Steppe heimkehrte vom nächtlichen Beutezug — dunkel zog sich seine Spur durch das silbrige Gras, sein Maul war noch rot bis an die Ohren —, oder bei seiner Mittagsrast, wenn er behaglich im Kreise der Seinen auf dem kurzen Rasen im hellen, frühlingszarten Schatten der Schirmakazien in seinem Lustgarten Afrika ausruhte.

Es war schön, all dieser Bilder zu gedenken, wenn es still und öde auf der Farm war. Und die wilden Tiere lebten noch da draußen in ihrem Revier, ich konnte hinausziehen und sie wiedersehen, wenn ich wollte. Ihre Nähe gab der Stimmung auf der Farm etwas Beschwingtes, Lockendes. Farah, der mit den Jahren einen warmen Anteil am Fortgang der Farm nahm, und meine anderen alten Jagdgenossen lebten in der Hoffnung auf neue Safaris.

Draußen in der Wildnis habe ich gelernt, hastige Bewegungen zu meiden. Die Tiere, denen man dort begegnet, sind scheu und wachsam, sie verstehen es, einem zu entwischen, wenn man es am wenigsten erwartet. Kein Haustier kann so still sein wie ein wildes Tier. Die Kulturmenschen haben die Fähigkeit des Stillseins verloren und müssen vom wilden Tier Ruhe lernen, wenn sie von ihm anerkannt werden wollen. Die Kunst der Bewegung ohne plötzlichen Ruck ist die erste, die der Jäger sich aneignen muß, zumal der Jäger mit der Kamera. Jäger dürfen nie ihrer Laune folgen, sie müssen sich anpassen an Wind und Farben und Geruch der Landschaft und müssen sich das Zeitmaß ihrer Umwelt einverleiben. Sie wiederholt zuweilen dieselbe Bewegung immer und immer wieder, und der Jäger muß das gleiche tun.

Wer den Rhythmus Afrikas erfaßt hat, wird finden, daß er in all seinen Melodien wiederkehrt. Was ich beim Wild des Landes gelernt hatte, kam mir zugute beim Umgang mit den Eingeborenen.

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Frauen und Weiblichkeit lieben ist eine Männereigenschaft, so wie Männer und Männlichkeit lieben eine Fraueneigenschaft ist, und so gibt es eine Leidenschaft für den Süden und seine Menschen, die nur der Nordländer empfindet. Die Normannen haben sich wohl auch in die fremden Länder verliebt, erst in Frankreich und dann in England. Die alten Mylords, die die Geschichtsschreiber und Romandichter des achtzehnten Jahrhunderts beständig auf Reisen nach Italien, Griechenland und Spanien zeigen, hatten gewißlich keinen einzigen südländischen Zug in ihrem Wesen, sondern wurden angelockt und gefesselt von Reizen, die ihnen völlig fremd waren. Die alten deutschen und skandinavischen Maler, Philosophen und Dichter, die zuerst nach Florenz und Rom kamen, sanken auf die Knie und beteten den Süden an.

Eine seltsame vernunftwidrige Milde gegenüber der fremden Welt trat in diesen sonst so unduldsamen Menschen zutage. So wie es einer Frau kaum je gelingen wird, einen echten Mann aus der Fassung zu bringen, und so wie kein Mann einer Frau ganz verachtenswert und nichtswürdig erscheint, solange er ein Mann bleibt, so haben auch die hitzigen rothaarigen Nordländer eine unendliche Langmut gegen tropische Länder und Völker bewiesen. In ihrem eigenen Land oder von ihren Verwandten ließen sie sich keine Unbill gefallen, aber die Dürre des afrikanischen Hochlands, Sonnenstich, Rinderpest und schludrige schwarze Dienstboten ertrugen sie mit Demut und Resignation. Ja, sogar ihr Anspruch auf Persönlichkeit verlor sich in dem Gefühl für die Möglichkeiten, die sich auftun, wenn sich Wesen verbinden, die eins werden können, weil sie unvereinbar sind. Südländer und Mischlinge haben diese Fähigkeit nicht, sie mißachten sie oder hassen sie. So hassen Männer, die die Männlichkeit verherrlichen, den seufzenden Liebhaber, und Frauen, die vor lauter Vernunft keine Geduld mit ihren Männern haben, sehen verächtlich auf Griseldis herab.

Ich habe schon in den ersten Wochen in Afrika eine große Liebe für die Eingeborenen gefaßt. Es war ein tiefes Gefühl, das jedem Alter und Geschlecht gleichermaßen galt. Die Entdeckung der schwarzen Rasse war für mich eine wunderbare Bereicherung der Welt. Ein Mensch, der mit einer angeborenen Liebe zu Tieren in einer Umwelt ohne Tier aufgewachsen wäre und erst spät im Leben mit Tieren in Berührung käme, oder ein Mensch, der eine instinktive Neigung für Holz und Wälder hätte und zum erstenmal als Zwanzigjähriger einen Wald beträte, oder ein Mensch mit musikalischem Gehör, der zufällig erst als Erwachsener zum erstenmal Musik zu hören bekäme, würde sich in der gleichen Lage befinden wie ich. Sowie ich mit den Eingeborenen in Fühlung gekommen war, fügte ich den Rhythmus meines täglichen Lebens dem großen Orchester ein.

Mein Vater war Offizier in der dänischen und französischen Armee; als ganz junger Leutnant bei Düppel schrieb er einmal nach Hause: »Nach Düppel zurückgekehrt, wurde ich Führer einer großen Abteilung: eine mühsame, aber herrliche Aufgabe. Die Liebe zum Krieg ist eine Leidenschaft wie jede Liebe; man liebt Soldaten, wie man Frauen liebt — bis zur Raserei; und die eine Liebe ist der anderen nicht im Wege, die Mädels wissen das. Aber die Liebe zu Frauen kann nur eine zur Zeit umfassen, die Liebe zu Soldaten umfaßt ein ganzes Regiment, und man wünscht nur immer, es möchte womöglich noch größer sein.« Geradeso ging es mir mit den Schwarzen.

Es war nicht leicht, den Schwarzen näherzukommen. Sie waren hellhörig, und wenn man sie erschreckte, flüchteten sie augenblicklich in ihre eigene Welt zurück wie die wilden Tiere, die bei einer raschen Bewegung verschwinden und einfach nicht mehr da sind. Ehe man den Schwarzen genau kennt, gelingt es einem kaum, von ihm eine gerade Antwort zu bekommen. Auf die direkte Frage, etwa wie viele Kühe er besitze, gibt er eine ausweichende Antwort: »So viele, wie ich dir gestern sagte.« Es geht einem Europäer gegen das Gefühl, solch eine Antwort hinzunehmen, aber wahrscheinlich geht es einem Schwarzen ebenso gegen das Gefühl, so geradezu gefragt zu werden. Wenn wir drängten oder versuchten, den Leuten eine Erklärung ihres Benehmens abzupressen, dann zogen sie sich zurück, solange es ging, und kehrten dann irgendeinen grotesken lustigen Spaß hervor, um uns auf eine falsche Spur zu lenken. Sogar kleine Kinder bewiesen in einer solchen Lage die Abgefeimtheit alter Pokerspieler, denen es ganz gleich ist, ob man ihre Karten unterschätzt oder überschätzt, solange man nur nicht weiß, was sie wirklich in der Hand halten. Da, wo wir an die Grundlage ihrer Existenz rührten, benahmen sich die Schwarzen wie Ameisen, in deren Haufen man mit einem Stock hineinsticht: sie besserten den Schaden mit unermüdlicher Kraft rasch und ruhig aus, als gelte es, eine Ungeschicklichkeit zu vertuschen.

Wir konnten nicht wissen und nicht ahnen, welcher Gefahren sie sich von uns versahen. Ich glaube, daß sie uns mehr fürchteten als einer, der plötzlich einen entsetzlichen Lärm hört, als einer, der Qual und Tod fürchtet. Aber es war schwer, draus klug zu werden, denn die Schwarzen sind groß in der Kunst der Verstellung. Frühmorgens in den Schambas kam es vor, daß ein Feldhuhn aufgescheucht vor meinem Pferde herlief, als sei ein Flügel gebrochen und als fürchte es, von den Hunden gepackt zu werden. Aber sein Flügel war nicht gebrochen, und es fürchtete die Hunde nicht, es konnte jederzeit vor ihnen aufflattern, es hatte nur seine Brut irgendwo in der Nähe und versuchte, unsere Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Geradeso wie der Vogel heuchelten die Schwarzen vielleicht Furcht vor uns aus einer anderen, tieferen Angst, deren Wesen wir nicht erraten konnten. Oder aber ihr Gehaben war nur ein wunderlicher Spaß, und in Wahrheit fürchteten uns diese scheuen Menschen überhaupt nicht. Die Schwarzen besitzen viel weniger als wir Weißen den Sinn für das Drohende im Leben. Zuweilen bin ich auf der Jagd oder auf der Farm in Augenblicken höchster Spannung den Blicken meiner schwarzen Begleiter begegnet und habe gespürt, wie wir einander fern waren und wie sie mein Vorgefühl von drohender Gefahr staunend betrachteten. Das brachte mich auf den Gedanken, daß sie vielleicht das Leben als ihr eigenstes Element empfinden, so wie wir es nie vermögen, wie Fische im tiefen Wasser, die um nichts in der Welt begreifen könnten, warum wir uns fürchten zu ertrinken. Diese Sicherheit, diese Schwimmkunst besitzen sie, dachte ich mir, weil sie sich ein Wissen erhalten haben, das uns in unseren frühesten Vorfahren verlorenging, das Afrika als einziger Kontinent uns wieder lehren kann: daß Gott und der Teufel eins sind, die ewige Macht, nicht zwei Unerschaffene, sondern ein Unerschaffener, und daß die Schwarzen weder die Personen verwechseln noch das Wesen zerteilen.

Auf unseren Jagdzügen und auf der Farm entwickelte sich meine Bekanntschaft mit den Schwarzen zu einer festen persönlichen Beziehung. Wir wurden gute Freunde. Ich fand mich damit ab, daß ich sie zwar nie ganz kennen und verstehen würde, daß sie mich aber durch und durch kannten und die Entscheidungen, die ich treffen würde, bereits wußten, ehe ich selbst entschieden hatte. Eine Zeitlang hatte ich noch eine kleine Farm oben in Gil-Gil; ich kampierte dort in einem Zelt und fuhr mit der Bahn zwischen Gil-Gil und Ngong hin und her. Manchmal, wenn es zu regnen begann, beschloß ich ganz plötzlich, in Gil-Gil aufzubrechen und in mein Haus zurückzufahren. Wenn ich dann nach Kikuju kam, unserer Eisenbahnstation, von der es noch zehn Meilen bis zur Farm waren, stand einer meiner Leute mit einem Maultier da, auf dem ich heimreiten konnte. Fragte ich ihn, woher sie gewußt hätten, daß ich herunterkäme, dann blickte er wie gelangweilt oder verlegen zur Seite, so wie wir es tun würden, wenn ein Tauber von uns verlangte, daß wir ihm ein Musikstück erklären sollten. Wenn die Schwarzen sich bei uns sicher fühlten vor ruckhaften Bewegungen und plötzlichen Geräuschen, dann sprachen sie viel offener mit uns, als je ein Europäer mit einem anderen spricht. Man durfte sich nie auf das verlassen, was sie sagten, und doch waren sie im tieferen Sinne wahrhaftig. Ein schönes Wort, das Würde heißt, bedeutet viel in der Welt der Schwarzen. Sie vollzogen, schien es, irgendwann eine Gesamteinschätzung einer Person, von der sie später niemals wieder abwichen.

Zeitweilig war das Leben auf der Farm sehr einsam, und an den stillen Abenden, wenn die Minuten aus der Uhr sickerten, schien das Leben selbst mit ihnen davonzusickern in lauter Sehnsucht nach einem weißen Menschen, mit dem man hätte sprechen können. Und doch fühlte ich immer das stille dämmerige Dasein der Schwarzen, das parallel mit meinem auf einer anderen Ebene verlief. Echos klangen von einem zum anderen.

Für mich waren die Schwarzen Fleisch und Blut gewordenes Afrika. Der hohe erloschene Vulkan von Longonot, der sich über dem Rifttal erhebt, die breiten Mimosenbäume an den Flüssen, der Elefant und die Giraffe waren nicht wirklicher Afrika als die Schwarzen, die kleinen Spieler auf der gewaltigen Bühne. Sie alle waren verschiedene Gestaltungen der einen Idee, Variationen über dasselbe Thema. Es war nicht eine einhellige Masse mannigfacher Atome, sondern eine Mannigfaltigkeit von Gebilden aus einhelligen Atomen, so wie ein Eichblatt und ein Ahorn und ein Gegenstand aus Eichenholz. Wir mit Schuhen an unseren Füßen, mit unserer beständigen Eile sind oft im Widerspruch mit der Landschaft. Die Schwarzen leben in Eintracht mit ihr, wenn ihre hohen, geschmeidigen, dunklen und dunkeläugigen Gestalten über Land wandern — immer einzeln hintereinander, so daß auch die großen Verkehrsadern des Landes nur schmale Fußpfade sind — oder wenn sie den Boden bearbeiten oder ihr Vieh weiden, ihre großen Tänze abhalten oder eine Geschichte erzählen, dann ist es Afrika, das reist, tanzt und spricht. Im Hochland wird man an das Wort des Dichters erinnert:

»Edel fand ich

Stets den Schwarzen

Und schal den Fremden.«

Die Kolonie verändert sich und hat sich, seit ich dort lebte, schon verändert. Wenn ich so genau, wie ich vermag, niederschreibe, was ich mit der Farm, mit dem Lande und mit den Bewohnern der Steppen und Wälder erlebt habe, so mag das in mancher Hinsicht ein historisches Interesse haben.

Ein schwarzes Kind

Kamante war ein kleiner Kikujubub, der Sohn eines meiner Squatter. Ich kannte meine Squatterkinder gut, denn sie arbeiteten für mich auf der Farm und kamen auch sonst ans Haus und ließen ihre Ziegen auf dem Rasen weiden, weil sie meinten, daß sich da vielleicht irgendwas Interessantes ereignen könnte. Aber Kamante muß schon einige Jahre auf der Farm gelebt haben, bevor ich ihn zu Gesicht bekam. Wahrscheinlich hat er sich verborgen gehalten wie ein krankes Tier.

Wir trafen uns zum erstenmal, als ich eines Tages über das Grasland der Farm ritt und er die Ziegen seiner Eltern hütete. Er war das bejammernswerteste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Sein Kopf war groß und sein Leib erschreckend klein und dürr, die Ellbogen und Knie starrten wie Knoten an einem Stock hervor, und seine Beine waren von der Hüfte bis zu den Zehen mit tiefen eiternden Geschwüren bedeckt. Auf der weiten Steppe sah er ganz besonders klein aus, so daß es einem unfaßlich schien, wie sich so viel Elend auf einem Häuflein zusammenfinden konnte. Als ich anhielt und mit ihm sprach, antwortete er nicht; er schien mich kaum zu sehen. In seinem platten, eckigen, gequälten und unendlich geduldigen Gesicht staken blicklose Augen, stumpf wie die Augen eines Verstorbenen. Er sah aus, als hätte er kaum mehr als eine Woche zu leben, und man meinte schon die Geier, die nahen Begleiter des Todes auf der Steppe, hoch in der fahlen glühenden Luft über seinem Kopf zu sehen. Ich sagte ihm, er sollte am nächsten Morgen zu meinem Haus kommen, ich wollte versuchen, ihn zu heilen.

Morgens zwischen neun und zehn war ich gewöhnlich der Arzt meiner Leute auf der Farm; ich hatte einen großen Patientenkreis, und meistens fanden sich mehrere — zuweilen bis zu einem Dutzend — Kranke bei mir ein.

Die Kukuju sind auf alles Unvorhergesehene gefaßt. Darin unterscheiden sie sich von den Weißen, die meist das Bestreben haben, sich vor dem Unbekannten und vor bösen Zufällen zu sichern. Der Neger steht auf gutem Fuße mit dem Schicksal, in dessen Hand er sein Leben verbringt; es ist gewissermaßen seine Heimat, das vertraute Dunkel seiner Hütte, das tiefe Erdreich, in dem er wurzelt. Er begegnet jeder Veränderung in seinem Leben mit großer Ruhe. Unter den Eigenschaften, die er von einem Herrn oder von einem Arzt oder von Gott erwartet, steht, glaube ich, die Phantasie an bevorzugter Stelle. Es mag die Vorliebe für dieses Zeichen der Macht sein, was dem Kalifen Harun al Raschid im Herzen von Afrika und Arabien den Ruhm eines idealen Herrschers erhalten hat, von dem man nie wußte, wessen man sich zu versehen habe, und nie sagen konnte, wo man ihm begegnen würde. Wenn der Afrikaner vom Wesen Gottes spricht, so ist es, wie in den letzten Kapiteln des Buches Hiob, ebendiese Eigenschaft, die unerschöpfliche Phantasie, die ihn am meisten überwältigt.

Dieser Anschauung meiner Leute verdankte ich meine Beliebtheit oder meinen Ruf als Arzt. Als ich hinausfuhr nach Afrika, reiste ich auf dem Schiff mit einem bedeutenden deutschen Gelehrten, der zum dreiundzwanzigstenmal auszog, um Versuche zur Heilung der Schlafkrankheit anzustellen und über hundert Ratten und Meerschweinchen auf dem Schiff mit sich führte. Er erzählte mir, die große Schwierigkeit bei der Behandlung der Eingeborenen sei nicht ihre Angst vor Schmerzen oder großen Operationen — da zeigten sie in der Regel keine Furcht —, sondern ihre Abneigung gegen jede Regel, jede wiederholte und systematische Behandlung — und diese war dem großen deutschen Arzt völlig unbegreiflich. Als ich dann selbst die Schwarzen kennenlernte, wurde mir gerade dieser Zug an ihnen einer der liebsten. Sie besaßen echten Mut, eine unverfälschte Liebe zur Gefahr, die mir die einzig richtige Antwort der Schöpfung auf die Verkündigung ihres Schicksals zu sein scheint, das Echo der Erde, wenn der Himmel gesprochen hat. Ich habe manchmal gedacht, ob nicht das, was sie im Grunde ihres Herzens an uns fürchten, die Pedanterie sei. Unter den Händen eines Pedanten würden sie vor Kummer sterben.

Meine Patienten warteten auf der gepflasterten Terrasse vor meinem Hause. Da hockten sie beisammen, alte abgezehrte Männer mit bösem Husten und Triefaugen; junge, schlanke, schwarzäugige Krieger mit zerschundenen Kinnladen und Mütter mit fiebernden Säuglingen, die ihnen wie kleine welke Blumen am Halse hingen. Oft gab es schlimme Brandwunden zu heilen, denn die Kikuju schlafen nachts in ihren Hütten beim offenen Feuer, und zuweilen stürzen die Stöße brennender Scheite oder Holzkohlen zusammen und fallen auf die Schläfer. Manches Mal, wenn meine Arzneivorräte zu Ende waren, habe ich gefunden, daß Honig eine recht gute Brandsalbe ist. Die Stimmung auf der Terrasse war erregt und voller Spannung, ähnlich der Stimmung in einem Spielklub in Europa. Der leise lebhafte Fluß der Gespräche verstummte, wenn ich heraustrat, aber diese Stille war geladen von Erwartung, denn jetzt war der Moment gekommen, wo das Unvorhergesehene geschehen konnte. Doch überließen sie es immer mir, den ersten Patienten auszuwählen, denn alles hat seine gebotenen Grenzen.

Ich verstand sehr wenig von der Heilkunst, nur eben so viel, als man in einem Lehrgang für erste Hilfeleistung lernt. Aber mein Ruf als Arzt hatte sich nach einigen zufällig geglückten Kuren festgesetzt und war von den katastrophalen Fehlern, die ich machte, nicht erschüttert worden. Wenn ich in der Lage gewesen wäre, meinen Patienten in jedem einzelnen Falle die Genesung zu garantieren — wer weiß, ob ihre Reihen sich nicht gelichtet hätten? Freilich hätte ich dann das Ansehen eines Fachmannes gewonnen — es gab noch einen außerordentlich tüchtigen Doktor in Volaia —, aber hätte man noch sicher glauben dürfen, daß der Herr mit mir war? Denn den Herrn hatten sie erkannt in den großen Jahren der Dürre, in den Löwen nachts auf den Steppen und den Leoparden, die um ihre Häuser schlichen, und in den Heuschreckenschwärmen, die über das Land kamen — niemand wußte, woher — und keinen Grashalm übrigließen, wo sie gehaust hatten. Sie erkannten ihn auch in den unfaßbar glücklichen Augenblicken, wenn der Schwarm über das Maisfeld hinwegzog und sich nicht niederließ oder wenn im Frühjahr der Regen zeitig und reichlich fiel und alle Felder und Steppen blühten und reiche Ernte gaben. Vielleicht war also der tüchtige Doktor aus Volaia doch nur eine Art Außenseiter, sowie es um die wirklich großen Dinge des Lebens ging?

Kamante erschien zu meiner Überraschung am Morgen nach unserer ersten Begegnung. Etwas abseits von den drei oder vier anderen Kranken, die auf mich warteten, stand er aufrecht da mit seinem halb erstorbenen Gesicht, als hätte ihn doch noch etwas Liebe zum Leben überkommen und als wollte er nun diesen letzten Versuch machen, es zu erhalten.

Mit der Zeit erwies er sich als vortrefflicher Patient. Er kam, wann es befohlen war, ohne sich je zu irren, er verstand auch die Tage zu zählen, wenn er jeden dritten oder vierten Tag kommen sollte, was bei Schwarzen eine seltene Fähigkeit ist. Die schmerzhafte Behandlung seiner Wunden ertrug er mit einem Stoizismus, wie ich ihn sonst nie erlebt habe. In all diesen Dingen hätte ich ihn den übrigen als Muster vorhalten können und tat es doch nicht, da er mir gleichzeitig mancherlei Kummer bereitete.

Selten, ganz selten habe ich ein so wildes Geschöpf gesehen, ein menschliches Wesen, das so gänzlich von der Welt geschieden und durch eine Art starrer, toter Resignation von allem Leben ringsum vollkommen abgesperrt war. Ich konnte ihn dazu bringen, zu antworten, wenn ich ihn fragte, aber niemals sagte er von sich aus ein Wort oder sah mich an. Er empfand keine Spur von Mitleid und warf den anderen kranken Kindern, wenn sie beim Waschen und Verbinden weinten, nur eine kleine spöttische Lache der Verachtung und des Besserwissens zu, ohne sie jedoch dabei anzusehen. Er verlangte nach keinerlei Berührung mit der Umwelt; die Berührungen, die er erfahren hatte, waren zu grausig gewesen. Seine Tapferkeit angesichts von Schmerzen war die Tapferkeit eines alten Kriegers. Es konnte nichts so schlimm sein, daß es ihn überrascht hätte; er war durch seine Erfahrung und seine Weltanschauung auf das Schlimmste vorbereitet.

Seine Haltung hatte etwas Großartiges und gemahnte an das Bekenntnis des Prometheus: »Qual ist mein Element, wie Haß das deine. Reiß mich in Stücke, mich kümmert’s nicht«, und: »Tu deine Schrecken auf, du bist allmächtig.« Aber an einem Geschöpf seiner Größe wirkte es so gequält, daß man darüber verzagen konnte. »Was mag Gott denken«, fragte ich mich, »angesichts einer solchen Haltung eines so kleinen Menschenkindes?«

Ich erinnere mich gut an das erste Mal, als er mich anschaute und aus eigenem Antrieb etwas zu mir sagte. Es muß eine ganze Weile nach unserer Bekanntschaft gewesen sein, denn ich hatte meine erste Heilmethode aufgegeben und versuchte etwas Neues, einen heißen Brei, der in einem meiner Bücher empfohlen war. In meinem Eifer, alles recht gründlich zu machen, hatte ich ihn zu sehr erhitzt, und als ich ihn auf sein Bein tat und den Verband darüberlegte, da sprach Kamante. »Msabu«, sagte er und blickte mich groß an. Die Schwarzen gebrauchen das indische Wort, wenn sie eine weiße Frau anreden, aber sie sprechen es etwas anders aus und machen ein afrikanisches Wort daraus, das einen eigenen Klang hat. In Kamantes Mund wurde es zu einem Hilferuf, aber zugleich zu einer Warnung, wie wenn ein vertrauter Freund einem bedeutete innezuhalten, da man im Begriff sei, etwas Unwürdiges zu tun. Ich habe mich später voller Hoffnung daran erinnert. Ich hatte meinen Ehrgeiz als Doktor, und es tat mir leid, daß ich den Brei zu heiß aufgelegt hatte, aber ich war doch froh, denn es war der erste Schimmer von Vertrautheit zwischen dem wilden Kinde und mir. Der erprobte Dulder, der nichts erwartete als Schmerzen, erwartete sie doch nicht von mir.

Was meine Heilkunst an ihm anlangte, sah die Sache freilich nicht hoffnungsvoll aus. Lange Zeit wusch und verband ich immer wieder seine Beine, aber die Krankheit überstieg mein Können. Von Zeit zu Zeit wurde es ein wenig besser, und dann brachen die Geschwüre an anderen Stellen wieder aus. Schließlich entschloß ich mich, ihn in das Hospital der schottischen Mission zu bringen.

Diese Entscheidung war schicksalsschwer und bedeutungsvoll genug, um auf Kamante Eindruck zu machen. Aber er wollte nicht mitgehen. Seine Erfahrungen und seine Weltanschauung erlaubten ihm zwar nicht, sich geradezu zu widersetzen, aber als ich ihn zur Mission fuhr und in dem langen Gebäude des Hospitals ablieferte, in einer Umgebung, die ihm ganz fremd und rätselhaft war, da zitterte er.

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Die Missionsstation der schottischen Kirche lag, mir benachbart, zwölf Meilen nach Nordwesten, fünfhundert Fuß höher als die Farm, und die französische katholische Mission lag im Osten, im Flachland, fünfhundert Fuß tiefer. Ich kannte keine Sympathien für Missionen, stand aber persönlich auf freundschaftlichem Fuß mit beiden und be dauerte, daß sie sich gegenseitig befehden mußten.

Die französischen Patres waren meine besten Freunde. Ich ritt öfter mit Farah hinüber, bei ihnen sonntags morgens die Messe zu hören, teils um wieder Französisch zu sprechen und teils weil der Ritt zur Mission so schön war. Die Straße führte eine lange Strecke durch die alte Akazienpflanzung des Forstamts, und der herbe, frische harzige Duft der Akazien hatte am Morgen etwas angenehm Belebendes. Es war eigentümlich, zu sehen, wie die römische Kirche, wo sie auch hinkommt, ihre Atmosphäre mit sich bringt. Die Patres hatten ihre Kirche selbst entworfen und unter Beihilfe ihrer schwarzen Gemeinde erbaut und waren mit Recht stolz auf sie. Die schöne große graue Kirche mit ihrem Glockenturm erhob sich auf einem breiten Hofraum über Terrassen und Treppen mitten in der Kaffeeplantage, der ältesten und bestgeführten in der Kolonie. An den zwei anderen Seiten des Hofraumes standen das Refektorium mit einem Säulengang davor und die Klostergebäude mit einer Schule und einer Mühle unten am Fluß; um an die Auffahrt zur Kirche zu gelangen, mußte man über eine bogengetragene Brücke reiten. Alles war aus grauem Stein gebaut, und wenn man auf sie zuritt, paßten sich die Gebäude schön in die Landschaft ein, sie hätten in einem südlichen Kanton der Schweiz oder in Norditalien liegen können.

Die liebenswürdigen Patres paßten mich an der Kirchentüre ab, wenn die Messe zu Ende war, und geleiteten mich zu einem petit verre de vin über den Hof in das geräumige kühle Refektorium. Da war es denn erstaunlich, zu hören, wie sie bis in den letzten Winkel genau alles wußten, was in der Kolonie vor sich ging. Sie sogen auch unter dem Vorwand einer freundlichen und teilnehmenden Konversation jede Neuigkeit aus einem heraus, die man etwa beherbergen mochte; wie eine kleine rührige Schar von braunen zottigen Bienen — sie trugen nämlich alle lange dicke Bärte — hängten sie sich an die Blüte, um ihren Honigvorrat zu gewinnen. Während sie aber am Leben der Kolonie so regen Anteil nahmen, waren sie als echte Franzosen zugleich Verbannte, geduldige, heitere Untergebene einer höheren Ordnung von geheimnisvoller Art. Wäre die unsichtbare Autorität nicht gewesen, die sie an ihren Platz wies, so wären sie, das fühlte man, nicht, wo sie waren, und ebenso die Kirche aus grauem Stein mit dem hohen Glockenturm und die Arkaden, die Schule oder irgend sonst ein Teil der Pflanzung und Station. Würde das befreiende Wort gesprochen, sie würden die Kolonie mir all ihren Begebenheiten verlassen und in pfeilgradem Bienenflug nach Paris zurückkehren.

Farah, der die zwei Pferde hielt, während ich in der Kirche und im Refektorium war, bemerkte wohl auf dem Heimweg zur Farm mein aufgeheitertes Wesen; er selbst war ein frommer Mohammedaner und rührte keinen Alkohol an, aber er hielt die Messe und den Wein für zueinandergehörige Bräuche meiner Religion.

Die französischen Patres kamen zuweilen auf ihren Motorrädern zur Farm und frühstückten bei mir, sie rezitierten mir Fabeln von La Fontaine und gaben mir gute Ratschläge für meine Kaffeepflanzung.

Die schottische Station kannte ich nicht so gut. Man hatte von oben einen herrlichen Blick über das ganze umliegende Kikujuland, aber die Station selbst machte den Eindruck, als sei sie blind, als sehe sie selbst nichts. Die schottische Kirche wandte viel Mühe darauf, die Eingeborenen in europäische Kleider zu stecken, womit sie ihnen freilich nach meiner Ansicht in keinem Sinne etwas Gutes tat. Dagegen hatte sie ein sehr gutes Hospital, das zu meiner Zeit unter der Leitung eines menschenfreundlichen, klugen Chefarztes, Doktor Arthurs, stand. Manch einem von den Leuten der Farm ist dort das Leben gerettet worden.

Kamante blieb drei Monate bei der schottischen Mission. In der Zeit sah ich ihn einmal. Ich kam auf dem Wege zum Bahnhof Kikuju an der Station vorbeigeritten, und die Straße führte eine Weile an dem Grundstück des Krankenhauses entlang. Ich sah Kamante von weitem, er stand etwas abseits von den übrigen Rekonvaleszenten. Damals ging es ihm schon so viel besser, daß er laufen konnte. Als er mich erblickte, kam er an den Zaun und rannte an ihm entlang, so weit er neben der Straße herlief. Er trabte auf seiner Seite des Zaunes wie ein Fohlen in der Koppel, wenn man zu Pferde vorüberkommt, und behielt mein Pony im Auge, sagte aber kein Wort. An der Ecke des Grundstücks mußte er haltmachen. Als ich weiterritt und zurückschaute, sah ich ihn stocksteif mit erhobenem Kopf dastehen und mir nachschauen, grad wie ein Fohlen, wenn man davonreitet. Ich winkte ihm wiederholt mit der Hand zu; zuerst erwiderte er überhaupt nicht, dann schlenkerte er plötzlich seinen Arm in die Höhe wie einen Pumpenschwengel, aber nur ein einziges Mal.

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Kamante kam am Ostersonntagmorgen wieder zu mir ins Haus und brachte mir einen Brief vom Krankenhaus, in dem es hieß, es gehe ihm viel besser und man halte ihn für geheilt. Er wußte wohl etwas von dem Inhalt, denn er betrachtete aufmerksam mein Gesicht, solange ich las, wollte aber nicht davon reden, denn er hatte Größeres im Sinne. Kamante trug immer eine gemessene oder verhaltene Würde zur Schau, diesmal aber strahlte er geradezu von unterdrücktem Triumph.

Alle Schwarzen haben einen starken Sinn für dramatische Wirkung. Kamante hatte seine Beine bis zum Knie sorgsam mit alten Binden umwickelt, um mir eine Überraschung zu bereiten. Es war klar: er sah die besondere Bedeutung des Augenblicks nicht in seinem eigenen Glück, sondern dachte selbstlos an das Vergnügen, das er mir machen wollte. Er erinnerte sich wohl, wie verzweifelt ich gewesen war, wenn meine Kuren mit ihm immer wieder mißrieten, und wußte, daß der Erfolg der Behandlung im Krankenhaus etwas Wunderbares war. Langsam, ganz langsam wickelte er die Binden vom Knie bis zur Ferse ab: darunter kamen zwei vollkommen heile Beine zum Vorschein, nur von blassen grauen Narben gezeichnet.

Als Kamante mein Staunen und meine Freude mit seiner großartigen Ruhe ausgekostet hatte, trat er mit der zweiten Überraschung hervor: er sei jetzt ein Christ. »Ich bin wie du«, sagte er. Er fügte hinzu, ich könne ihm vielleicht in Anbetracht unserer gemeinsamen Seligkeit eine Rupie schenken, da doch Christus heute auferstanden sei.

Er ging nach Hause, um die Seinen zu besuchen. Seine Mutter war eine Witwe und lebte auf einem entlegenen Teil der Farm. Nach dem, was sie mir später erzählte, scheint er an diesem Tage von seiner sonstigen Gewohnheit abgewichen zu sein und ihr über die Eindrücke bei den fremden Leuten und die Aufnahme im Hospital sein Herz ausgeschüttet zu haben. Aber nach dem Besuch bei der Mutter kam er wieder in mein Haus, als sei es selbstverständlich, daß er jetzt dahin gehöre. Er blieb von da in meinem Dienst, bis ich das Land verließ, beinahe zwölf Jahre.

Als ich ihn kennenlernte, sah Kamante aus, als wäre er sechs Jahre alt; er hatte aber einen Bruder, der etwa acht sein mochte, und beide Brüder behaupteten, Kamante sei der ältere von ihnen: ich glaube, er ist durch seine lange Krankheit im Wachstum zurückgeblieben und war also wohl neun Jahre alt. Er wuchs nun heran, wirkte aber doch immer zwergenhaft oder irgendwie mißgestalt, obgleich man nicht direkt mit dem Finger auf die Stelle deuten konnte, die diesen Eindruck erweckte. Sein eckiges Gesicht rundete sich mit der Zeit, er ging und bewegte sich normal; ich selbst fand ihn nicht übel aussehend, aber es kann sein, daß ich ihn ein wenig mit den Augen eines Schöpfers betrachtete. Seine Beine blieben lebenslänglich dünn wie Stecken. Eine phantastische Figur war er immer, halb spaßig, halb diabolisch; er hätte ohne viel Änderungen von einer Dachrinne von Notre-Dame in Paris herabglotzen können. Er hatte etwas Grelles und Lebendiges an sich; in einem Gemälde hätte er einen ungewöhnlich farbigen Flecken abgegeben; und so verlieh er meinem Hauswesen einen malerischen Zug. Er war niemals ganz richtig im Kopfe, oder wenigstens war er das, was bei einem Weißen äußerst wunderlich genannt worden wäre.

Er war ein nachdenklicher Mensch. Vielleicht hatten die langen Leidensjahre, die er ausgestanden hatte, in ihm die Neigung entwickelt, den Dingen nachzusinnen und über alles, was er sah, seine eigene Meinung zu bilden. Er blieb sein Leben lang ein Einzelgänger. Selbst wenn er dasselbe tat wie andere, tat er es auf eine besondere Art.

Ich hatte für die Leute der Farm eine Abendschule, in der ein Eingeborener den Unterricht versah. Ich bekam die Lehrer von den Missionsstationen und habe im Laufe der Zeit katholische, anglikanische und schottische Lehrer gehabt. Die Erziehung der Eingeborenen richtet sich nämlich streng nach religiösen Grundsätzen; soviel ich weiß, ist außer der Bibel und den Gesangbüchern kein Buch in die Suahelisprache übersetzt. Ich habe immer den Plan erwogen, Äsops Fabeln für die Eingeborenen zu übersetzen, habe aber, solange ich in Afrika war, nicht die Zeit dazu gefunden. Doch war mir die Schule einer der liebsten Aufenthalte auf der Farm, ich habe viele schöne Abendstunden in dem langen alten Wellblechschuppen verbracht, in dem die Stunden abgehalten wurden.

Kamante schloß sich gern an, wollte sich aber nicht zu den anderen Kindern auf die Bank setzen, sondern blieb etwas abseits stehen, als wollte er die Ohren willentlich gegen den Unterricht verschließen und sich nur lustig machen über die Einfalt der anderen, die sich brav hinführen ließen und zuhörten. Insgeheim aber sah ich ihn in meiner Küche aus dem Gedächtnis ganz langsam und ungeschlacht die Buchstaben und Figuren nachmalen, die er an der Schultafel gesehen hatte. Ich glaube nicht, daß er mit den anderen hätte Schritt halten können, wenn er gewollt hätte; etwas in ihm war früh im Leben verknotet oder versperrt, so daß es für ihn jetzt gewissermaßen normal war, unnormal zu sein. Er war sich selbst seiner Abgesondertheit wohl bewußt, mit der anmaßenden Seelengröße des echten Zwerges, der merkt, daß er anders ist als die übrige Welt, und darum die Welt für buckelig hält.

In Geldsachen war Kamante gerissen, er gab wenig aus und schloß mit den anderen Kikuju recht schlaue Geschäfte in Ziegen ab; er heiratete sehr jung, und eine Heirat ist bei den Kikuju eine kostspielige Sache. Damals hörte ich ihn tiefsinnige und eigenartige Reden über den Unwert des Geldes führen. Er stand in einem merkwürdigen Verhältnis zum Dasein, er meisterte es, aber er hatte keine hohe Meinung von ihm.

Er besaß nicht die Gabe, jemand zu bewundern. Für die Klugheit der Tiere zeigte er Verständnis und Anerkennung, aber während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich ihn nur ein einziges Mal die guten Fähigkeiten eines Menschen rühmen hören, und zwar einer jungen Somalifrau, die einige Jahre später auf die Farm zog. Er hatte ein kleines höhnisches Lachen, das er bei jeder Gelegenheit vernehmen ließ, besonders wenn sich jemand selbstsicher oder großsprecherisch aufspielte. Alle Schwarzen haben einen Zug von Schadenfreude; wenn etwas schiefgeht, empfinden sie ein prickelndes Vergnügen, das für Europäer etwas Verletzendes und Empörendes hat. Kamante brachte es darin zu einer seltenen Vollkommenheit, sogar bis zu einer eigentümlichen Selbstironie, mit deren Hilfe er seine eigenen Enttäuschungen und Fehlschläge beinahe ebenso wie die anderer genießen konnte.

Ich habe die gleiche Gesinnung an den alten Negerfrauen beobachtet, die mit allen Wassern gewaschen sind, die Blutsbrüderschaft mit dem Schicksal getrunken haben und dessen Ironie, wo immer sie sie trifft, mit einer Freude genießen, als sei es ihre eigene. Ich ließ an die alten Weiber auf der Farm sonntags morgens, wenn ich noch im Bett lag, durch meine Hausboys Schnupftabak austeilen. Zu diesem Behuf versammelte sich an den Sonntagen eine wunderliche Gesellschaft wie ein Schwarm von uralten ausgemergelten, abgerupften dürren Hühnern auf meinem Hof, und ein gedämpftes Gackern — denn die Schwarzen erheben nur selten ihre Stimme zu lauter Rede — klang durch die offenen Fenster meines Schlafzimmers herein. Eines Sonntagmorgens schoß das leise muntere Plätschern des Kikujugeschwabbels plötzlich zu schrillen Läufen und Kaskaden der Heiterkeit auf; etwas maßlos Komisches mußte da draußen passiert sein; ich rief Farah herein, um es mir erzählen zu lassen. Farah berichtete nicht eben gern. Es stellte sich nämlich heraus, daß er vergessen hatte, Schnupftabak einzukaufen, so daß die alten Weiber heute, wie sie sagten, »bure«, das heißt umsonst, von weit her gekommen waren. Der Vorfall blieb noch lange Zeit ein Quell der Heiterkeit für die alten Kikujuweiber. Manches Mal, wenn ich auf einem Pfad in den Maisfeldern eine von ihnen traf, blieb sie vor mir stehen und wies mit krummen Fingern auf mich, verzerrte ihr altes dunkles Gesicht zu einem Grinsen, daß alle Runzeln und Falten sich zusammenzogen, als hätte einer an einer verborgenen Schnur gezerrt, und erinnerte mich an den Sonntag, wo sie und ihre Mitschnupferinnen hatten laufen und laufen müssen bis zu meinem Haus, um schließlich zu hören, daß ich vergessen hatte, Tabak zu kaufen, und daß kein Bröselchen da war — ha, ha, Msabu!

Die Weißen behaupten oft, die Kikuju kennten keine Dankbarkeit. Kamante war keineswegs undankbar, er gab seinem Gefühl von Verpflichtung sogar mit Worten Ausdruck. Mehrere Male, noch viele Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen, unterbrach er sich bei seiner Beschäftigung, um mir einen Dienst zu leisten, den ich ihm nicht aufgetragen hatte, und wenn ich fragte, warum er das getan habe, dann sagte er, wenn ich nicht gewesen wäre, würde er jetzt längst tot sein. Er bezeigte seine Dankbarkeit auch noch auf andere Weise, durch eine Art wohlmeinende, hilfreiche oder vielleicht, richtiger gesagt, verzeihende Haltung gegen mich. Es kann sein, daß in ihm das Bewußtsein lebte, daß er und ich die gleiche Religion hatten. In einer Welt von Narren war ich wohl für ihn eine Art Obernarr. Seit dem Tage, an dem er in meinen Dienst trat und sein Schicksal an meines heftete, fühlte ich sein wachsames durchdringendes Auge auf mir, meine ganze Lebensführung unterlag seiner klaren unbestechlichen Kritik; ich glaube, er hat von Anfang an die Mühe, die ich mir gab, ihn zu heilen, für Anwandlungen eines Sonderlings angesehen. Doch bezeigte er immer großes Interesse und Verständnis und bemühte sich, mir in meiner großen Torheit ein Führer zu sein. Bei manchen Gelegenheiten merkte ich, daß er Zeit und Geist an das Problem wendete und seine Unterweisungen klüglich vorbereitete und anschaulich machte, damit es mir leichter fallen sollte, sie zu verstehen.

Kamante begann seine Laufbahn in meinem Hause als Hundepfleger, später wurde er mein medizinischer Assistent. Dabei merkte ich, wie geschickt er mit den Händen war, was man ihm auf den ersten Blick nie angesehen hätte. Ich versetzte ihn in die Küche als Hilfskoch oder Marmiton zu meinem alten Koch Esa, der später ermordet wurde. Nach Esas Tod wurde er sein Nachfolger und war für den Rest seiner Zeit mein Küchenchef.

Neger haben gewöhnlich sehr wenig Gefühl für Tiere, aber Kamante war darin, wie auch sonst, aus der Art geschlagen; er war der geborene Hundewärter und wußte sich so eins mit den Tieren, daß er häufig zu mir kam und mir berichtete, was sie wünschten oder vermißten oder überhaupt über dies und jenes dachten. Er muß auch in der Zeit, die er im Missionshospital verbracht hatte, die Augen offen gehabt haben, wenn auch, wie bei allem, was er tat, ohne jede Spur von Respekt oder Voreingenommenheit, denn er war ein umsichtiger, erfinderischer Assistent. Nachdem er aus dem Sprechzimmer in die Küche übergesiedelt war, kam er noch manches Mal herüber und griff bei dem oder jenem Krankheitsfall ein und gab mir sehr kluge Ratschläge.

Als Küchenchef aber war er schlechtweg einzigartig und jedem Vergleich entrückt. Da hatte die Natur einen Satz gemacht und alle Entwicklungsphasen des Geschickes und Talents übersprungen; was da geschah, war mystisch und unerklärbar wie überall, wo das Genie am Werk ist. Und Kamante besaß in der Küche, der Welt des Kulinarischen, alle Kennzeichen des Genies, einschließlich des Verhängnisses der Genialität: der Machtlosigkeit der Person über ihre eigene Macht. Wäre Kamante in Europa geboren und in die Hände eines tüchtigen Lehrers geraten, er wäre berühmt geworden und hätte eine der kuriosen Gestalten der Geschichte abgegeben. Sogar hier in Afrika machte er sich einen Namen — sein Verhältnis zu seiner Kunst war das eines Meisters.

Ich hatte selbst großes Interesse am Kochen und nahm bei meinem ersten Besuch in Europa Unterricht bei dem französischen Küchenchef eines berühmten Restaurants, weil ich mir dachte, daß es sehr unterhaltend sein müßte, sich in Afrika schöne Speisen bereiten zu können. Der Chef, Monsieur Perrochet, schlug mir damals vor, in sein Geschäft einzutreten, weil ich soviel Liebe zur Kunst bewies. Als ich nun in Kamante einen geistesverwandten Zunftgenossen entdeckte, ergriff mich die alte Liebe aufs neue. Unsere Zusammenarbeit schien ungeahnte Ausblicke zu eröffnen. Es gab für mich nichts Rätselhafteres als diesen natürlichen Instinkt eines Wilden für unsere Feinschmeckerkünste. Ich gewann eine ganz neue Vorstellung von unserer Zivilisation; schließlich war sie also doch gewissermaßen göttlich und von der Vorsehung gewollt. Ich kam mir vor wie ein Mensch, der seinen Glauben an Gott wiederfindet, weil ein Phrenologe ihm in dem menschlichen Gehirn den Sitz der theologischen Beredsamkeit aufzeigt: Konnte die Existenz der theologischen Beredsamkeit bewiesen werden, so war die Existenz der Theologie selbst mit bewiesen und schließlich die Existenz Gottes.

Kamante verfügte beim Kochen über eine unglaubliche Handfertigkeit. Die großen Tricks und tours de force der Kochkunst waren ein Kinderspiel für seine krummen schwarzen Hände; die wußten von allein alle Griffe für Omeletten, vol au vents, Soßen und Mayonnaisen. Er hatte ein besonderes Talent, alles leicht zu machen, so wie in der Legende das Christkind Vögel aus Lehm knetet und ihnen befiehlt zu fliegen. Er verachtete alle maschinellen Vorkehrungen, es behelligte ihn, daß sie keine Bewegungsfreiheit ließen, und als ich eine Maschine zum Schaumschlagen kaufte, tat er sie weg und ließ sie verrosten. Er schlug das Eiweiß mit einem Messer, mit dem ich sonst Rasen jätete, und sein Eierschaum türmte sich auf wie flockige Wolken. Als Koch hatte er ein durchdringendes, hellsichtiges Auge und griff sich die fetteste Henne aus einem ganzen Hühnerhof heraus oder wog bedächtig ein Ei in der Hand und wußte, wann es gelegt war. Er machte Pläne für die Vervollkommnung des Speisezettels und verschaffte mir durch irgendwelche Beziehungen von einem Freunde, der bei einem Arzt weit weg von uns arbeitete, Samen für einen wirklich ausgezeichneten Salat, wie ich ihn schon jahrelang vergebens gesucht hatte.

Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis für Rezepte. Er konnte nicht lesen und verstand kein Englisch; Kochbücher hatten also für ihn keinen Wert, und er mußte alles, was er lernte, in seinem Kopf aufspeichern, wobei er nach einer Ordnung verfuhr, die ich nie ergründen konnte. Er hatte die Gerichte nach irgendeiner Begebenheit benannt, die sich an dem Tage zugetragen hatte, an dem es ihm gezeigt worden war; so sprach er von der Soße des Blitzes, der den Baum traf, und von der Soße des grauen Pferdes, das starb. Er verwechselte nie zwei derartige Gerichte. Nur eines habe ich ohne jeden Erfolg ihm beizubringen versucht: das war die Reihenfolge der Gerichte innerhalb der Mahlzeit. Wenn ich Gäste zu Tisch hatte, mußte ich meinem Küchenchef ein Menü in Bildern aufzeichnen; erst einen Suppenteller, dann einen Fisch, dann ein Stück Geflügel oder eine Artischocke. Ich glaube nicht, daß dieser Mangel auf einem Versagen des Gedächtnisses beruhte, sondern er war, glaube ich, der Ansicht, daß alles seine Grenzen habe und daß er mit etwas derartig Unmateriellem seine Zeit nicht vergeuden könne.

Es ist eine aufregende Sache, mit einem Dämon zusammenzuarbeiten. Nominell gehörte die Küche mir, aber sowie unsere gemeinsame Tätigkeit begann, spürte ich, wie nicht nur die Küche, sondern die ganze Welt, in der wir uns zusammenfanden, in Kamantes Gewalt überging. Denn hier verstand er bis ins feinste, was ich von ihm wollte, und führte zuweilen meine Wünsche aus, bevor ich sie ausgesprochen hatte, während ich mir durchaus nicht erklären konnte, wie oder gar wann er dies oder das tat. Mir schien es unfaßlich, daß jemand in einer Kunst so groß sein konnte, deren eigentlichen Sinn er nicht verstand und für die er nichts empfand als Verachtung. Kamante hatte keine Ahnung, wie eine unserer Speisen schmecken mußte, und war, trotz seiner Bekehrung und seiner Beziehung zur Kultur, im Herzen ein waschechter Kikuju, der in den Traditionen seines Volkes wurzelte und in seinem Glauben an sie als die einzige menschenwürdige Art, zu leben. Er kostete zuweilen die Gerichte, die er kochte, aber mit einem Gesicht voller Argwohn, wie eine Hexe, die aus ihrem Kessel nippt. Er blieb bei den Maiskolben seiner Väter. Darin verließ ihn zuweilen sogar sein Scharfsinn, wenn er kam und mir eine Kikujudelikatesse, eine geröstete Knolle oder ein Stück Hammelfett anbot, wie ein Hund, der einem seinen Knochen als Geschenk vor die Füße legt. Im Grunde seines Herzens hielt er die Mühe, die wir uns mit unserer Nahrung machten, für eine Art Wahnsinn. Ich versuchte wiederholt, seine Ansichten darüber zu erforschen, aber obgleich er über alles mögliche sehr offen sprach, blieb er hierin verschlossen; und so arbeiteten wir Seite an Seite in der Küche und fragten nicht danach, was der andere von dem Wert der Kochkunst halten mochte.

Ich schickte Kamante zum Lernen in den Mathaigaklub und zu den Köchen meiner Bekannten in Nairobi, wenn ich bei ihnen ein neues Gericht vorgesetzt bekam; so wurde mit der Zeit, als er seine Lehrjahre hinter sich hatte, mein Haus in der ganzen Kolonie berühmt für eine leckere Tafel. Das machte mir große Freude. Mich verlangte nach einem Publikum für meine Kunst, und es freute mich, wenn meine Freunde herauskamen und bei mir speisten. Kamante fragte nach keines Menschen Lob. Trotzdem erinnerte er sich an die besonderen Vorlieben der Gäste, die öfter auf die Farm kamen. »Ich werde den Fisch in weißem Wein kochen für Bwana Berkeley Cole«, sagte er mit bedenklicher Miene, als spräche er von einem Geisteskranken, »er sendet Euch ja selbst weißen Wein, um Fisch darin zu kochen.« Um das Urteil eines Kenners zu hören, lud ich meinen alten Freund Charles Bulpett aus Nairobi zu Tisch. Bulpett war ein großer Reisender aus der vorigen Generation — auch er schon um ein Menschenalter jünger als Phileas Fogg —, er war in der ganzen Welt herumgekommen und hatte überall vom Besten gekostet, was sie zu bieten hatte; er hatte sich nicht darum gesorgt, seine Zukunft zu sichern, solange er die Gegenwart genießen konnte. In Sport- und Bergsteigerbüchern der fünfziger Jahre kann man von seinen athletischen Leistungen und seinen Bergtouren in der Schweiz und in Mexiko lesen; es gibt auch ein Buch von berühmten Wetten — »Wie gewonnen, so zerronnen« heißt es —, da kann man lesen, wie er um einer Wette willen in Frack und Zylinder über die Themse geschwommen ist; später hat er unter noch romantischeren Umständen als Leander und Lord Byron den Hellespont überquert. Ich war glücklich, als er zu einem Diner zu zweit auf die Farm kam; es ist ein besonderes Glück, einem Manne, den man gern hat, gute Sachen vorzusetzen, die man selbst gekocht hat. Zum Dank gab er seine Gedanken über das Essen und viele andere Dinge in der Welt zum besten und sagte mir, er habe niemals besser gespeist.

Der Prince of Wales hat mir die Ehre erwiesen, bei mir auf der Farm zu speisen, und hat meine Cumberlandsoße gerühmt. Dieses einzige Mal hörte auch Kamante aufmerksam zu, als ich vom Lob seiner Kochkunst berichtete, denn die Schwarzen haben einen sehr hohen Begriff von Königen und lieben es, von ihnen zu sprechen. Noch viele Monate später überkam ihn das Verlangen, das Lob noch einmal zu kosten; unvermittelt fragte er mich, wie in einem französischen Schulbuch gefragt wird: »Hat dem Sohn des Sultans die Soße zum Schwein geschmeckt? Hat er sie ganz aufgegessen?«

Kamante gab mir auch außer der Küche Beweise seines guten Willens. Er war bestrebt, mir im Rahmen seiner Vorstellungen von den Gütern und Gefahren des Lebens zu helfen.

Eines Nachts, nach Mitternacht, trat er plötzlich, mit einem Windlicht in der Hand, stumm, als verrichte er eine Pflicht, in mein Schlafzimmer. Es muß kurze Zeit nach seinem Eintritt bei mir gewesen sein, denn er war noch ganz klein und stand neben meinem Bett mit seinen weitgespreizten Ohren wie eine dunkle Fledermaus, die ins Zimmer gehuscht war, oder wie ein afrikanischer Wichtelmann, mit der Laterne in der Hand. Er sprach sehr feierlich. »Msabu«, sagte er, »ich glaube, du solltest aufstehen.« Ich setzte mich verdutzt im Bett auf; wenn etwas Ernstliches passiert wäre, dachte ich mir, würde doch Farah kommen, um mich zu holen; aber als ich Kamante sagte, er solle wieder gehen, regte er sich nicht von der Stelle. »Msabu«, sagte er wieder, »ich glaube, du solltest aufstehen. Ich glaube, Gott kommt.« Als ich das hörte, stand ich auf und fragte ihn, warum er das glaube. Er führte mich mit gemessenem Ernst ins Eßzimmer, das nach Westen, dem Gebirge zugewandt, lag. Durch die Glastüre erblickte ich ein seltsames Schauspiel. Im Gebirge loderte ein mächtiges Steppenfeuer, das Gras brannte vom Gipfel des Berges bis zur Ebene herab und bildete, vom Hause aus gesehen, eine fast senkrechte Linie. Es sah wahrhaftig aus, als ob eine gigantische Gestalt sich bewege und auf uns zukomme. Ich blieb eine Weile stehen und schaute hinaus, Kamante stand lauschend neben mir; dann begann ich ihm den Vorgang zu erklären. Ich glaubte, ihn damit zu beschwichtigen, denn ich dachte, er sei entsetzlich erschrocken. Aber meine Erklärung machte gar keinen Eindruck auf ihn; er hielt offenbar seine Aufgabe für erfüllt, er hatte mich gerufen. »Mag sein«, sagte er, »daß das so ist. Aber ich dachte, du solltest aufstehen, falls es Gott war, der kam.«

Der Wilde im Hause der Weißen

In einem Jahr blieb der große Regen aus.

Das ist ein furchtbares, gewaltiges Erlebnis, und der Farmer, der es durchgemacht hat, wird es nie vergessen. Noch Jahre später, fern von Afrika, im feuchten Klima des Nordens, wird er nachts beim Geräusch eines plötzlichen Regenschauers erwachen und aufschreien: »Endlich, endlich!«

In gewöhnlichen Jahren setzte die große Regenzeit in der letzten Woche des März ein und hielt an bis Mitte Juni.

Bis zum Beginn des Regens wurde die Welt täglich immer heißer und dürrer, sie fieberte wie in Europa vor einem schweren Gewitter, nur noch heftiger. Die Massai, meine Nachbarn auf dem anderen Flußufer, legten um diese Zeit Feuer an die strohdürre Steppe, um beim ersten Regen neues grünes Gras für ihr Vieh zu haben, und die Luft über den Steppen bebte von den mächtigen Flammen, die langen regenbogenfarbigen Rauchschwaden wälzten sich über das Gras, und die Hitze und der Brandgeruch wogten herüber auf das bebaute Land wie aus einem Hochofen. Riesenhafte Wolken ballten sich und zergingen wieder über der Landschaft, ein leichter, ferner Regenschauer malte schräge blaue Streifen überm Horizont. Alles dachte nur den einen Gedanken.

Eines Abends dann, kurz vor Sonnenuntergang, verengte sich die Umwelt rings um einen, die Berge traten näher und deutlicher hervor, verheißungsvoll tiefblau und grün gefärbt. Etliche Stunden später trat man hinaus und sah, daß die Sterne verschwunden waren, und fühlte, wie die Nachtluft weich und schwer und des Segens voll war.

Wenn dann ein rasch anschwellendes Rauschen über die Köpfe hinging, dann war es der Wind in den hohen Bäumen des Waldes, aber nicht der Regen. Wenn es am Boden hinlief, dann war es der Wind in den Büschen und im langen Gras, aber nicht der Regen. Wenn es nahe über der Erde raschelte und prasselte, dann war es der Wind in den Maisfeldern — der so ganz dem Regen ähnlich klang, daß man sich immer wieder täuschen ließ und doch schon dankbar war, das Ersehnte wenigstens in der Einbildung vorzufühlen —, aber nicht der Regen.

Aber wenn die Erde wie ein Schallbogen mit tiefem brünstigem Dröhnen antwortete und die ganze Welt ringsum in allen Richtungen des Raumes in der Höhe und der Tiefe zu singen anhub — das war der Regen. Das war wie das Heimkehren an die See, nach langem Fernsein, und wie die Umarmung des Geliebten.

Aber in einem Jahr blieb der lange Regen aus. Es war, als hätte die Allnatur sich von einem abgewandt. Es wurde kühler, an manchen Tagen war es gar kalt, aber kein Anzeichen von Feuchtigkeit war in der Luft. Alles wurde trockener, härter, und es war, als wäre alle Kraft und Anmut aus der Welt gewichen. Es war nicht schlechtes Wetter oder gutes Wetter, sondern die Verneinung jeglichen Wetters, als wäre es ins Nichtsein gebannt. Ein frostiger Wind, wie Zugluft, fuhr über die Köpfe hin, die Farben aller Dinge verblaßten, die Gerüche in den Feldern und Wäldern verwehten. Das Gefühl, bei den großen Mächten in Ungnade zu sein, war erdrückend. Im Süden dehnten sich die versengten Steppen, schwarz und wüst, von grauen und weißen Aschenstreifen durchzogen.

Mit jedem Tag, den wir nun vergebens auf den Regen warteten, wurden die Aussichten und Hoffnungen der Farm düsterer, bis sie entschwanden. Das Pflügen, Schneiden und Pflanzen der vergangenen Monate wurde zu einer Mühsal von Toren. Die Arbeit der Farm rann träge fort und stand still.

Auf den Steppen und in den Bergen trockneten die Wassertümpel aus, und viele neue Arten von Enten und Gänsen kamen zu meinem Teich. An den Weiher an der Grenze der Farm kamen die Zebras frühmorgens und bei Sonnenuntergang zum Trinken; sie kamen in langen Reihen, zwei- und dreihundert Stück, die Fohlen neben den Stuten, und fürchteten sich nicht, wenn ich mitten zwischen sie hineinritt. Wir versuchten, sie von unserem Land fernzuhalten um unserer Rinder willen, denn das Wasser in den Weihern sank. Noch war es eine Freude, da hinabzugehen, wo die Binsen, die im Schlamm wuchsen, einen grünen Flecken in die braune Landschaft malten.

Die Schwarzen verstummten in der Dürre, ich konnte kein Wort über die Aussichten aus ihnen herausbringen, obgleich man hätte meinen können, daß sie mehr von den Wetterzeichen wüßten als wir. Nicht weniger als ihre Existenz stand auf dem Spiel; es war nichts Unerhörtes für sie, wie vordem für ihre Väter, daß neun Zehntel der Herden in den großen Jahren der Dürre verlorengingen. Ihre Schambas lagen trocken da, nur ein paar matte welke Bataten und Maisstauden hielten stand.

Nach einiger Zeit machte ich mir ihre Art zu eigen und gab es auf, die harten Zeiten zu bereden und zu beklagen wie ein Geächteter. Aber ich war Europäerin und hatte nicht lange genug im Lande gelebt, um die absolute Passivität der Schwarzen mitmachen zu können, wie es manche Europäer tun, die seit vielen Jahrzehnten in Afrika leben. Ich war jung und mußte aus Selbsterhaltungstrieb meine Kräfte auf etwas konzentrieren, wenn ich von dem Staub auf den Wegen der Farm und dem Rauch in den Steppen nicht fortgeweht werden wollte. Ich begann, in den Abendstunden zu schreiben, Geschichten, Märchen und Erzählungen, die meinen Geist weit fort in andere Länder und Zeiten entführten. Ich hatte einige von den Geschichten einem Freund erzählt, wenn er zu Besuch auf die Farm kam. Wenn ich mich erhob und vor die Tür trat, wehte draußen ein grausamer Wind, der Himmel war klar und mit Millionen harter Sterne besät, alles war trocken. Zuerst schrieb ich nur an den Abenden, aber später setzte ich mich auch schon morgens zum Schreiben hin, wenn ich eigentlich auf den Feldern sein mußte. Es war schwierig, da draußen zu entscheiden, ob wir das Maisfeld wieder umpflügen und neu bepflanzen sollten und ob wir die welkenden Kaffeekirschen abpflücken sollten, um die Bäume zu retten, oder nicht. Ich schob die Entscheidung von Tag zu Tag hinaus.

Ich saß schreibend im Eßzimmer, und meine Papiere lagen auf dem ganzen Tisch verstreut, denn ich mußte zwischen meinen Geschichten Rechnungen und Voranschläge für die Farm schreiben und die kurzen verzweifelten Berichte meines Verwalters beantworten. Meine Hausboys fragten mich, was ich täte; als ich ihnen erzählte, ich versuchte, ein Buch zu schreiben, da nahmen sie es für einen letzten Versuch, die Farm durch die harten Zeiten zu retten, und bekundeten ihren Anteil daran. Sie kamen herein und standen lange Zeit da und beobachteten den Fortgang; in dem getäfelten Zimmer hatten ihre Köpfe so ganz die Farbe der Täfelung, daß es abends aussah, als wären es nur weiße Gewänder, die, an die Wand gelehnt, mich umstanden.

Mein Eßzimmer sah nach Westen und hatte drei lange Fenster, die sich auf die gepflasterte Terrasse, den Rasen und den Wald öffneten. Das Land senkte sich hier zum Fluß hinab, der die Grenze zwischen mir und den Massai bildete. Der Fluß selbst war vom Hause aus nicht zu sehen, aber man konnte seinen gewundenen Lauf an dem Band der großen dunkelgrünen Akazien verfolgen, die seine Ufer begleiteten. Drüben stieg das waldige Land wieder empor, und über den Wäldern lagen die grünen Steppen, die bis zum Fuß des Ngonggebirges reichten.

»Wäre mein Glaube so stark, daß er Berge versetzen könnte — dies wäre der Berg, den ich zu mir rufen würde.«

Der Wind wehte von Osten, die Türen meines Eßzimmers lagen windab und waren immer offen. Darum stand die Westseite des Hauses bei den Schwarzen in Gunst, sie wählten ihre Wege so, daß sie hier vorüberkamen, um mit dem, was drinnen vor sich ging, in Fühlung zu bleiben. Aus dem gleichen Grunde brachten die kleinen Hirtenjungen ihre Ziegen hierher und ließen sie auf dem Rasen weiden.

Diese kleinen Buben, die mit ihren elterlichen Ziegen und Schafen die Farm durchstreiften und nach Weideplätzen suchten, waren in gewisser Weise das Bindeglied zwischen dem Leben in meinem zivilisierten Hause und dem Leben der Wildnis. Meine Hausboys mißtrauten ihnen und sahen es nicht gern, wenn sie in die Zimmer kamen, aber die Kinder hatten eine echte Liebe und Begeisterung für Kultur, und für sie barg sie keine Gefahren, denn sie konnten ihrer, wann sie Lust hatten, wieder entraten. Das tragende Symbol der Kultur war für sie eine alte deutsche Kuckucksuhr, die im Eßzimmer hing. Inmitten eines Gebüsches von roten Rosen riß zu jeder vollen Stunde ein Kuckuck sein Türchen auf und schoß daraus hervor, um mit heller frecher Stimme die Zeit zu verkünden. Sein Erscheinen war für die jugendlichen Bewohner der Farm jedesmal ein neues Vergnügen. Am Stand der Sonne schätzten sie genau ab, wann der Mittagsruf fällig war, und um Viertel vor zwölf konnte ich sie von allen Seiten auf das Haus zuströmen sehen, hinter sich einen Schwanz von Ziegen, die sie nicht allein zurückzulassen wagten. Die Köpfe der Kinder und der Ziegen schwammen durch das Buschwerk und das lange Gras des Waldes wie die Köpfe von Fröschen in einem Teich. Sie ließen ihre Ziegen auf dem Rasen und kamen lautlos auf ihren nackten Füßen heran; die größeren waren zehn, die kleinsten zwei Jahre alt. Sie benahmen sich musterhaft und beachteten eine Art selbsterfundenes Besuchszeremoniell, das darin bestand, daß sie ungehindert im Hause umhergehen durften, solange sie nichts anfaßten, sich nicht setzten und nicht unangesprochen den Mund aufmachten. Wenn der Kuckuck hervorgestürzt kam, ging eine lebhafte Welle von Entzücken und verhaltenem Lachen durch die Schar. Zuweilen geschah es auch, daß einer von den kleinen Hirten, dem das Gefühl von Verantwortung für seine Ziegen abging, am frühen Morgen ganz allein hereinkam, sich lange vor die Uhr hinstellte, die stumm und verschlossen dahing, und ihr auf kikuju in langsamem Singsang eine Liebeserklärung vortrug und gemessenen Schrittes wieder davonging. Meine Hausboys lachten über die Hirtenbuben und trauten den Kindern zu, daß sie dumm genug wären, den Kuckuck für lebendig zu halten.

Doch kamen sie selber herein, um zu schauen, wie die Schreibmaschine arbeitete. Kamante stand bisweilen abends eine Stunde lang an der Wand, seine Augen, schwarze Tropfen unter den Lidern, gingen rastlos hin und her, als meinte er, auf die Art so viel von der Maschine lernen zu können, daß er sie auseinandernehmen und wieder zusammensetzen könnte.

Eines Abends blickte ich auf und begegnete seinen tiefen aufmerksamen Blicken; nach einer Weile fing er zu reden an.

»Msabu«, sagte er, »glaubst du, daß du ein Buch schreiben kannst?« Ich erwiderte, daß ich das nicht wisse. Will man sich ein Gespräch mit Kamante recht vorstellen, so muß man sich vor jedem Satz eine lange, bedeutsame, von Verantwortung erfüllte Pause denken. Alle Schwarzen sind Meister in der Kunst der Pause und geben damit einem Gespräch perspektivische Tiefe. Kamante machte nun eine solche lange Pause und sagte dann: »Ich glaube es nicht.« Ich hatte sonst niemanden, mit dem ich über mein Buch sprechen konnte; ich legte also mein Papier beiseite und fragte ihn, warum er das nicht glaube. Da merkte ich, daß er das Gespräch im voraus durchdacht und sich darauf vorbereitet hatte. Er hatte sich mit dem Rücken zur »Odyssee« hingestellt und legte nun den Band auf den Tisch. »Schau, Msabu«, sagte er, »das ist ein gutes Buch. Es hängt vom einen Ende bis zum anderen fest zusammen. Auch wenn man es hochhebt und schüttelt, geht es nicht kaputt. Der Mann, der das geschrieben hat, ist sehr klug. Aber das, was du schreibst«, fuhr er halb ärgerlich und halb freundschaftlich mitleidig fort, »das ist teils hier und teils da. Wenn die Leute mal vergessen, die Türe zuzumachen, dann fliegt es herum und fällt sogar auf den Boden, und du wirst böse. Das wird kein gutes Buch.« Ich erklärte ihm, daß es in Europa Leute gebe, die es richtig zusammensetzen könnten. »Wird dann dein Buch so schwer sein wie dieses?« fragte Kamante, die »Odyssee« in der Hand wiegend. »Nein«, sagte ich, »so schwer nicht, aber es gibt eben auch Bücher, die leichter sind.« — »Und auch so hart?« fragte er. Ich sagte, es sei recht kostspielig, ein Buch so hart zu machen. Er stand eine Weile still da und drückte dann seine wiedererwachte Hoffnung für mein Buch und vielleicht auch die Reue über seine Zweifel aus, indem er die am Boden verstreuten Blätter aufhob und sie auf den Tisch legte. Er ging aber noch immer nicht, blieb wartend am Tisch stehen und fragte dann ernsthaft: »Msabu, was ist in Büchern drin?« Als Beispiel erzählte ich ihm aus der »Odyssee« die Geschichte von dem Helden und Polyphem und wie Odysseus sich Niemand genannt und Polyphems Auge ausgestochen habe und festgeklammert am Bauch eines Widders entwischt sei. Kamante hörte mit großem Interesse zu und meinte, der Widder müsse wohl von der gleichen Rasse gewesen sein wie die Schafe von Herrn Long in Elmentaita, die er bei einer Viehschau in Nairobi gesehen hatte. Dann kam er auf Polyphem zurück und fragte mich, ob er schwarz gewesen sei wie die Kikuju. Als ich verneinte, wollte er wissen, ob Odysseus zu meinem Stamm oder meiner Familie gehört habe. »Wie sprach er«, fragte er, »das Wort Niemand in seiner Sprache aus? Sag es.« — »Er sagte Udeis«, sagte ich. »Er nannte sich Udeis, das hieß in seiner Sprache Niemand.«

»Mußt du auch von derselben Sache schreiben?« fragte er mich. »Nein«, sagte ich, »man kann schreiben, was man will. Ich möchte von dir schreiben.« Kamante, der im Laufe der Unterhaltung aufgeschlossen geworden war, zog sich plötzlich wieder in sich zurück; er sah an sich hinunter und fragte mich mit leiser Stimme, welchen Teil von ihm ich beschreiben wollte. »Ich möchte von der Zeit schreiben, wo du krank warst und mit den Schafen in die Steppe gingst«, sagte ich. »Was hast du damals gedacht?« Seine Augen wanderten durch das Zimmer hinauf und hinab, und schließlich sagte er unsicher: »Sijui — ich weiß nicht.« — »Hattest du Angst?« fragte ich ihn. »Ja«, sagte er nach einer Pause, »alle Buben in der Steppe haben manchmal Angst.« — »Wovor hattest du Angst?« fragte ich. Kamante schwieg eine Weile, dann schaute er mich an, und über sein Gesicht breitete sich das feine verschmitzte Lächeln, das ich an ihm so gut kannte. Vielleicht fand er, die Unterhaltung habe lange genug gedauert. »Vor Udeis«, sagte er, »die Buben in der Steppe haben Angst vor Udeis.«

Nach einigen Tagen hörte ich, wie Kamante den anderen Hausboys auseinandersetzte, das Buch, das ich schreibe, könne in Europa zusammengefügt werden, und mit ungeheurem Kostenaufwand könne es auch so hart gemacht werden wie die »Odyssee«. Allerdings glaube er nicht, daß es auch blau gemacht werden könne.

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Kamante besaß eine Gabe, die ihm in meinem Hause gut zustatten kam. Er konnte, scheint mir, weinen, wann er wollte. Wenn ich ihn einmal ernstlich schalt, stellte er sich aufrecht vor mich hin und sah mir ins Gesicht mit dem Ausdruck tiefer, sorgenvoller Traurigkeit, den die Mienen der Schwarzen unversehens annehmen können; dann schwollen seine Augen an und füllten sich mit schweren Tränen, die langsam einzeln herauskollerten und die Backen hinunterliefen. Ich wußte, es waren reine Krokodilstränen, und bei einem anderen hätten sie mich gerührt. Aber bei Kamante war es etwas anderes. Sein plattes hölzernes Gesicht sank in solchen Augenblicken zurück in die Welt der Finsternis und abgründigen Verlassenheit, in der er, jung wie er war, viele Jahre gelebt hatte. Solch dumpfe schwere Tränen mag er als kleiner Bub in der Steppe bei seinen Schafen geweint haben. Sie verwirrten mich, und die Fehler, die ich ihm verwies, gewannen ein anderes Gesicht, so daß ich nicht weiter über sie reden mochte. Das hatte freilich etwas Demoralisierendes. Aber ich glaube, kraft der echten menschlichen Vertrautheit, die zwischen uns bestand, wußte Kamante in seinem Herzen, daß ich seine Tränen der Zerknirschung durchschaute und nicht für mehr hielt, als sie waren — ja, er selbst hielt sie wohl mehr für eine Zeremonie, die man den höheren Mächten schuldete, als für einen Versuch zu betrügen.

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Er betonte häufig, daß er ein Christ sei. Ich wußte nicht, was er sich bei dem Namen dachte, und versuchte ein oder das andere Mal, ihn zu examinieren. Aber er erklärte, er glaube das, was ich glaube, und da ich ja wissen müsse, was ich glaubte, hätte es keinen Sinn, ihn auszufragen. Ich merkte, daß das mehr war als eine Ausrede; es war gewissermaßen ein positives Programm und Glaubensbekenntnis. Er hatte sich dem Gott der Weißen unterstellt. In seinem Dienst war er bereit, jeden Befehl zu befolgen, aber er hielt es nicht für seine Pflicht, einen Lebensplan zu ergründen, der am Ende ebenso unvernünftig sein konnte wie die Lebenspläne der Weißen selber. Zuweilen kam es vor, daß mein Verhalten den Lehren der schottischen Missionare, die ihn bekehrt hatten, widersprach; dann fragte er mich, wer recht habe.

Die Vorurteilslosigkeit der Schwarzen ist zutiefst befremdend, denn man erwartet eigentlich bei einem primitiven Volk, auf starre Tabubegriffe zu stoßen. Sie rührt, glaube ich, von der Bekanntschaft mit den verschiedenen Rassen und Völkern her und von den regen menschlichen Beziehungen, die Ostafrika erst durch die Elfenbein- und Sklavenhändler und in unserer Zeit durch die Siedler und Großwildjäger aufgenötigt worden sind. Beinahe jeder Schwarze, bis hinunter zu den Hirtenbuben der Steppe, hat im Laufe der Zeit schon mit einer ganzen Reihe von Nationalitäten Umgang gehabt, die für ihn so verschiedenartig sind wie für uns Sizilianer und ein Eskimo: mit Engländern, Juden, Buren, Arabern, Somali und Indern, Suaheli, Massai und Kavirondo. Hinsichtlich seiner Aufnahmefähigkeit für Ideen ist ein Schwarzer viel mehr Weltmann als ein Siedler aus der Vorstadt oder Provinz, der in einer gleichförmigen Umwelt mit einer Handvoll starrer Meinungen aufgewachsen ist — manches Mißverstehen zwischen Weißen und Schwarzen ist daraus zu erklären.

Es ist erschütternd, an sich selbst zu erleben, daß man den Schwarzen gegenüber als Person das Christentum vertritt.

Einmal kam ein junger Kikuju namens Kitau aus dem Kikujureservat und trat in meinen Dienst. Er war ein nachdenklicher Junge, ein umsichtiger, aufmerksamer Diener, und ich hatte ihn gern. Nach drei Monaten bat er mich eines Tages, ihm einen Empfehlungsbrief an meinen alten Freund, den Scheich Ali bin Salim, den Lewali des Küstengebietes in Mombasa, zu geben; er habe ihn in meinem Hause gesehen, sagte er, und wolle jetzt zu ihm gehen und für ihn arbeiten. Ich hatte keine Lust, Kitau gehen zu lassen, nachdem er sich gut eingearbeitet hatte, und sagte, ich wolle lieber seinen Lohn aufbessern. Nein, sagte er, er gehe nicht fort, um mehr Lohn zu bekommen, aber er könne nicht länger bleiben. Er erzählte, er sei daheim im Reservat zu dem Entschluß gekommen, entweder Christ oder Mohammedaner zu werden, habe aber nicht gewußt, was er wählen sollte. Darum sei er zu mir gekommen und habe bei mir gearbeitet, weil ich eine Christin sei, und sei drei Monate bei mir geblieben, um die »desturi« — die Art und Sitte — der Christen kennenzulernen. Von mir wolle er auf drei Monate zum Scheich Ali nach Mombasa gehen, um die »desturi« der Mohammedaner kennenzulernen, und danach wolle er entscheiden. Ich glaube, sogar ein Erzbischof, dem dieser Sachverhalt offenbart worden wäre, hätte gesprochen oder mindestens gedacht wie ich: Mein Gott, Kitau, das hättest du mir doch sagen können, als du eintratst.

Mohammedaner essen kein Fleisch von einem Tier, dessen Kehle nicht nach orthodoxem Ritus von einem Mohammedaner durchschnitten ist. Diese Regel war auf Jagdzügen häufig recht hinderlich, wenn man wenig Proviant mitführte und die Ernährung der Leute mit erlegtem Wild bestreiten mußte. Wenn man ein Kongoni schoß und es fiel, stürzten die Mohammedaner wie Wölfe auf es zu, um ihm noch rechtzeitig, bevor es verendete, die Kehle zu durchschneiden; erwartungsvoll und mit fiebernden Augen sah man ihnen nach, denn wenn sie sich mit hängenden Armen und Köpfen herunterbeugten, dann hieß es, daß das Kongoni verendet war, bevor sie es erreicht hatten, und daß man noch ein Kongoni anpirschen mußte, wenn die Mannschaft nicht verhungern sollte. Als ich zu Beginn des Krieges mit meinem Ochsenkarren auszog, traf ich am Abend vor der Abfahrt zufällig oben in Kijabe den mohammedanischen Scherif und fragte ihn, ob er meine Leute nicht für die Dauer des Jagdzuges von dem Gesetz befreien könne. Der Scherif war ein junger, aber weiser Mann; er sprach mit Farah und Ismael und erklärte sodann: »Diese Dame ist eine Jüngerin von Jesus Christus. Wenn sie ihr Gewehr abdrückt, wird sie sprechen oder zumindest in ihrem Herzen sagen: ›Im Namen Gottes.‹ Dies wird ihre Kugel ebenbürtig machen dem Messer eines rechtgläubigen Mohammedaners — so lang, als diese Reise währt. Ihr könnt das Fleisch der Tiere essen, die sie schießt.«

Das Ansehen der christlichen Religion hat in Afrika durch die gegenseitige Unduldsamkeit der christlichen Konfessionen viel gelitten.

Zu Weihnachten hatte ich, solange ich in Afrika lebte, die Gewohnheit, zur französischen Mission hinüberzureiten und die Mitternachtsmesse zu hören. Es war um diese Jahreszeit meist heiß — wenn man durch die Akazienpflanzungen ritt, hörte man das Läuten der Missionsglocken weithin durch die klare warme Luft. Eine Menge froher, bewegter Menschen war, wenn man ankam, auf dem Platz bei der Kirche versammelt; die französischen und italienischen Kaufleute aus Nairobi waren hinausgekommen, die Nonnen von der Klosterschule waren zugegen, und die Eingeborenengemeinde erschien in fröhlichen Festgewändern. Die schöne große Kirche strahlte von Hunderten von Kerzen und von großen Transparenten, die die Patres selbst verfertigt hatten.

Als es in dem ersten Jahr, seit Kamante in meinem Hause war, Weihnachten wurde, sagte ich ihm, ich würde ihn, da er auch ein Christ sei, mit zur Mette nehmen, und erzählte ihm in der Weise der Patres von all dem Schönen, das er dort sehen würde. Kamante hörte sich alles an, bewegte es in seinem Herzen und holte seine besten Kleider hervor. Als aber der Wagen vor der Türe stand, kam er in großer seelischer Erregung wieder und sagte, er könne unmöglich mitfahren. Er wollte mir keinen Grund sagen und wich meinen Fragen aus; schließlich rückte er heraus. Nein, er könne nicht mitgehen, er habe jetzt erst gehört, daß es die französische Mission sei, zu der ich ihn mitnehmen wolle, und er sei vor dieser Mission so dringend gewarnt worden, als er im Krankenhaus gewesen sei. Ich setzte ihm auseinander, das sei doch ein Mißverständnis, er müsse gleich mitkommen. Aber bei diesen Worten fing er vor meinen Augen an zu erstarren; wie bei einem Sterbenden verdrehten sich seine Augen, daß nur das Weiße hervorsah, auf dem Gesicht trat der Schweiß heraus. »Ich komme nicht mit. In der großen Kirche, das weiß ich, ist eine Msabu, die ist ›mbaia sana‹ — furchtbar böse.« Als ich das hörte, wurde ich sehr betrübt, aber ich sagte mir, daß ich ihn nun bestimmt mitnehmen mußte, damit ihn die Jungfrau selbst erleuchten möchte. Die Patres hatten in ihrer Kirche eine lebensgroße Figur der Heiligen Jungfrau aus Pappmasse, ganz in Weiß und Blau, und auf die Schwarzen machten Statuen in der Regel einen tiefen Eindruck, während es ihnen schwerfällt, die Darstellung eines Gemäldes zu verstehen. Ich versprach also Kamante, ihn zu schützen, und nahm ihn mit, und als er in die Kirche eintrat, immer dicht an meinen Fersen, vergaß er alle seine Bedenken. Es war die schönste Christmette, die ich je in der Mission miterlebt habe. In der Kirche stand eine große Krippe, eine Grotte mit der Heiligen Familie, frisch aus Paris importiert, von leuchtenden Sternen aus einem blauen Himmel erhellt, mit hundert Spielzeugtieren, hölzernen Kühen und schneeweißen baumwollenen Lämmern in etwas merkwürdigen Größenverhältnissen, die sicherlich in den Herzen der Kikuju helle Begeisterung erweckten.

Nachdem nun Kamante Christ geworden war, fürchtete er sich nicht mehr, eine Leiche zu berühren. Früher hatte er sich gefürchtet, und als ein Mann, der auf einer Bahre auf meine Terrasse gebracht worden war, dort starb, war er ebensowenig wie die anderen zu bewegen, mit anzufassen und ihn heimzutragen; er floh nicht wie die anderen, blieb aber regungslos wie eine kleine schwarze Statue auf dem Pflaster stehen. Warum die Kikuju, die persönlich so wenig Angst vor dem Tode haben, sich scheuen, eine Leiche anzufassen, während die Weißen, die den Tod fürchten, Tote unbedenklich berühren, das weiß ich nicht. Man spürt hier nur wieder, daß ihre Wirklichkeit von anderer Art ist als unsere Wirklichkeiten. Alle Farmer wissen, daß sie auf diesem einen Gebiet gegen den Schwarzen machtlos sind und daß man sich unnütze Mühe spart, wenn man ihn nicht erst zu zwingen versucht, denn er wird tatsächlich eher sterben als nachgeben.

Nun, da der Schrecken aus Kamantes Herz gewichen war, verachtete er die Regung seiner Stammesgenossen. Er spielte sich sogar ein wenig auf, um mit der Macht seines Gottes zu prahlen. Es fügte sich, daß ich Gelegenheit hatte, seinen Glauben zu erproben, und daß Kamante und ich im Laufe unseres Lebens auf der Farm zweimal miteinander einen Toten fortgetragen haben. Der eine war ein junges Kikujumädchen, das in der Nähe meines Hauses von einem Ochsenkarren überfahren wurde, und der andere war ein alter weißer Mann, der sich auf der Farm niederließ, eine Weile an ihrem Leben teilnahm und bei uns starb.

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Er war ein Landsmann von mir, ein alter, fast blinder Däne, Knudsen mit Namen, der sich eines Tages, als ich in Nairobi war, zu meinem Wagen durchtastete, sich vorstellte und mich bat, ihm auf meinem Gelände ein Haus zu geben, da er keinen Ort in der Welt habe, wo er bleiben könne. Ich war damals genötigt, die Zahl der weißen Angestellten auf der Plantage einzuschränken, und hatte einen leeren Bungalow, den ich ihm überlassen konnte. So kam er heraus und lebte sechs Monate auf der Farm.

Es war eine seltsame Sache, einen Mann wie ihn auf einer Hochlandfarm zu haben; er war so ganz ein Kind des Meeres, daß es war, als beherberge man einen alten Albatros mit gestutzten Schwingen. Er war gebrochen von den Mühsalen des Lebens, von Krankheit und Trunk, gebeugt und krumm, mit der sonderbaren Färbung, wie sie Rothaarige annehmen, wenn sie weiß werden; als hätte er wirklich Asche auf sein Haupt gestreut oder als wäre er von seinem Element gezeichnet und eingesalzen. Dabei glühte ein unaustilgbares Feuer in ihm, das keine Asche verschütten konnte. Er stammte aus einem dänischen Fischergeschlecht und war Matrose gewesen; später war er einer der allerersten Pioniere in Afrika; weiß Gott, welcher Wind ihn dahin verschlagen hatte.

Der alte Knudsen hatte sehr viele Berufe in seinem Leben versucht, vorzugsweise solche, die mit Wasser, Fischen oder Vögeln zusammenhingen, und hatte es in keinem zu etwas gebracht. Eine Zeitlang hatte er, wie er mir erzählte, ein prachtvolles Fischereigeschäft auf dem Viktoriasee besessen, mit vielen Meilen der besten Fischernetze der Welt und einem Motorboot. Aber während des Krieges hatte er alles verloren. In seinem Bericht von dieser Tragödie gab es einen dunklen Punkt, ein schicksalsschweres Mißverständnis oder den Verrat eines Freundes. Ich weiß nicht genau, was es war, denn die Geschichte blieb sich die verschiedenen Male, wenn er sie erzählte, nicht ganz gleich, und der alte Knudsen wurde entsetzlich aufgeregt, wenn er an diese Stelle des Berichtes gelangte. Doch muß er wohl auch wahre Tatsachen enthalten haben, denn als Ersatz für seine Verluste zahlte ihm die Regierung, solange er bei mir wohnte, eine Art Pension von einem Schilling pro Tag.

Er erzählte mir von alledem, wenn er gelegentlich zu mir ins Haus zu Besuch kam. Er suchte öfters Zuflucht bei mir, denn in seinem Bungalow fühlte er sich nicht recht wohl. Die kleinen Eingeborenenbuben, die ich ihm zur Bedienung gab, liefen ihm wieder davon, weil er sie erschreckte, wenn er wütend wurde: er stürzte dann plötzlich blindlings auf sie los und fuchtelte mit seinem Stock. Wenn er gut aufgelegt war, saß er bei mir auf der Veranda bei einer Tasse Kaffee und sang patriotische dänische Lieder, ungebeten und mit großem Kraftaufwand. Es machte uns beiden Vergnügen, miteinander dänisch zu sprechen, und wir tauschten oft Bemerkungen über die geringfügigsten Vorkommnisse auf der Farm aus, nur um der Sprache willen. Aber nicht immer hatte ich Geduld mit ihm, denn wenn er einmal dasaß, war es nicht leicht, ihn zum Schweigen und zum Gehen zu bewegen; er hatte, wie man sich denken kann, im täglichen Umgang viel vom »Ancient Mariner« oder »Old Man of the Sea«.

Er war ein großer Künstler im Knüpfen von Fischnetzen gewesen, den besten Netzen auf der ganzen Welt, wie er mir versicherte, und beschäftigte sich jetzt in seinem Bungalow auf der Farm damit, »Kibokos« zu machen, Peitschen aus Nilpferdleder, wie sie die Schwarzen gebrauchen. Er kaufte sich eine Nilpferdhaut bei den Eingeborenen oder bei den Farmern vom Naivaschasee, und wenn er Glück hatte, konnte er aus einer Haut fünfzig Kibokos machen. Ich besitze noch eine Reitpeitsche, die er mir geschenkt hat, eine sehr schöne Peitsche. Diese Tätigkeit verbreitete einen entsetzlichen Gestank rings um sein Haus, ähnlich dem Gestank beim Horst eines alten Aasgeiers. Später, als ich auf der Farm einen Teich anlegte, war er fast immer bei dem Teich zu finden, tief versonnen, wie ein Seevogel im Zoo.

Der alte Knudsen barg in seiner schwachen, eingesunkenen Brust das schlichte, stolze, zornmütige, wilde Herz eines Buben, der vor ungebrochener Kampfeslust glüht; er war ein großer romantischer Prahler und Kämpe. Er war ein starker Hasser wie selten einer, immer zorn- und wutentbrannt gegen beinahe alle Menschen und Einrichtungen, mit denen er in Berührung kam; er rief zum Himmel, er möchte Feuer und Schwefel auf sie herabregnen, und malte den Teufel mit der Plastik eines Michelangelo an die Wand. Er war begeistert, wenn er Leute hintereinanderbringen konnte, wie ein kleiner Junge, der zwei Hunde aufhetzt oder einen Hund auf eine Katze losläßt. Es war sehenswert und staunenswert, wie das Herz des alten Knudsen, der doch am Ende seines langen, harten Lebens schließlich sozusagen in einer stillen Bucht gestrandet war, wo er die Segel hätte streichen können, immer noch nach Auflehnung und Feindschaft schrie wie das Herz eines Jungen. Ich habe dieses Herz eines Berserkers bewundert.

Er sprach von sich nie anders als in der dritten Person, vom »alten Knudsen«, und nie, ohne in den höchsten Tönen sich zu brüsten und zu rühmen. Es gab auf der Welt nichts, was der alte Knudsen nicht unternehmen und leisten konnte, und keinen Meisterboxer, den der alte Knudsen nicht niederschlagen konnte. Sobald es um andere Leute ging, war er ein düsterer Pessimist und sah schon die wohlverdiente Katastrophe nahen, die all ihren Bemühungen ein Ende setzen würde. Aber in bezug auf sich war er ein leidenschaftlicher Optimist. Kurze Zeit bevor er starb, vertraute er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit einen gewaltigen Plan an. Der werde den alten Knudsen endlich zum Millionär machen und alle seine Feinde beschämen. Er werde, so kündigte er an, vom Boden des Naivaschasees die Hunderttausende von Zentnern Guano zutage fördern, die dort seit der Erschaffung der Welt von den Wasservögeln versenkt worden seien. Mit letztem ungeheurem Kraftaufwand machte er eine Reise von der Farm zum Naivaschasee, um die Einzelheiten seines Planes zu studieren und auszuarbeiten. Erfüllt von diesem Ruhmesglanz ist er gestorben. Das Projekt barg alle Elemente, die seinem Herzen teuer waren: tiefes Wasser, Vögel, verborgene Schätze, und war zudem behaftet mit dem Geruch von Dingen, über die man nicht mit Damen sprechen sollte. Über alledem sah er mit den Augen seines Geistes den triumphierenden alten Knudsen thronen, den Dreizack in der Hand, den Meeren gebietend. Ich erinnere mich nicht, ob er mir je erklärt hat, wie der Guano vom Boden des Sees heraufgeholt werden sollte.

Die großen Taten und Erfolge des alten Knudsen und seine Unüberwindlichkeit auf allen Gebieten, die ich immer wieder zu hören bekam, standen offenbar im Widerspruch mit der Gebrechlichkeit und Schwäche des alten Mannes, der sie mir berichtete; man konnte merken, daß man es mit zwei getrennten und wesensverschiedenen Personen zu tun hatte. Die gewaltige Gestalt des alten Knudsen ragte im Hintergrunde auf als unbesiegbarer und triumphierender Held all der Abenteuer, und der, den ich kannte und der nie müde wurde, mir von ihm zu erzählen, war sein alter, gebeugter, entkräfteter Diener. Dieser demütige Mann hatte sich’s zur Aufgabe seines Lebens gemacht, den Namen des alten Knudsen zu verkünden und zu preisen bis zum Tode. Denn er hatte ihn gesehen, den sonst niemand gesehen hatte, und darum konnte er keinen Unglauben anderer dulden.

Ein einziges Mal habe ich ihn die erste Person gebrauchen hören; das war einige Monate vor seinem Tode. Er hatte eine schwere Herzattacke gehabt, ähnlich der, die sein Leben beendete; da ich ihn eine Woche lang nicht auf der Farm gesehen hatte, ging ich zu seinem Bungalow hinunter, um mich nach ihm zu erkundigen. Ich fand ihn, vom Gestank der Nilpferdhaut umwittert, in einem sehr ärmlichen und unordentlichen Zimmer im Bett. Er war aschfahl im Gesicht, seine umflorten Augen lagen tief in den Höhlen. Er antwortete mir nicht und sagte kein Wort, als ich ihn anredete. Erst nach langer Zeit, als ich schon aufgestanden war, um zu gehen, sagte er plötzlich mit einer dünnen heiseren Stimme: »Ich bin sehr krank.« Diesmal war keine Rede vom alten Knudsen, der sicher niemals krank oder niedergeschlagen war; es war sein Diener, der sich dies eine Mal erlaubte, von seiner privaten Not und Angst zu sprechen.

Der alte Knudsen langweilte sich auf der Farm; darum sperrte er von Zeit zu Zeit die Türe seines Hauses zu, ging auf und davon und verschwand aus unserem Gesichtskreis. Das geschah wohl zumeist, wenn er von einem alten Freunde, irgendeinem Mitpionier aus der glorreichen Vergangenheit, hörte, der in Nairobi eingetroffen war. Er blieb dann eine Woche oder zwei aus, bis wir ihn schon ganz vergessen hatten, und kam dann gewöhnlich so zerrüttet und krank zurück, daß er sich kaum allein von der Stelle schleppen und seine Tür aufschließen konnte. Dann hielt er sich etliche Tage verborgen. Ich glaube, daß er sich in solchen Zeiten vor mir fürchtete, weil er meinte, ich würde seine Eskapaden sicher mißbilligen und seine Schwachheit ausnutzen, um über ihn zu triumphieren. Der alte Knudsen hegte, so gern er zuweilen von der Seemannsbraut sang, die die Wogen liebt, im Herzen einen tiefen Argwohn gegen die Frau und sah in ihr einen Feind des Mannes, der instinktiv und grundsätzlich drauf aus sei, ihm jeden Spaß zu verderben.

Vor dem Tage, an dem er starb, war er zwei Wochen lang auf diese Art fort gewesen, und kein Mensch auf der Farm wußte, daß er zurückgekehrt war. Aber er selbst schien diesmal eine Ausnahme von der Regel gemacht zu haben, denn er war auf dem Wege von seinem Hause zu mir, einem Fußpfad, der durch die Plantage lief, als er hinfiel und starb. Kamante und ich fanden ihn auf dem Wege, als wir nachmittags auszogen, um auf der Steppe im kurzen jungen Gras Pilze zu suchen; denn es war April, und die Regenzeit hatte begonnen.

Es fügte sich eigentümlich, daß ihn gerade Kamante fand, denn von allen Eingeborenen auf der Farm war er allein dem alten Knudsen freundlich gesinnt gewesen. Er hatte sich sogar zu ihm hingezogen gefühlt, als zu einem Auch-Abwegigen, und hatte ihm von Zeit zu Zeit aus freien Stücken Eier gebracht und auf seine Totos aufgepaßt, damit sie wenigstens nicht alle auf einmal davonliefen.

Der alte Mann lag auf dem Rücken, sein Hut war beim Fallen ein Stück weit fortgerollt, die Augen waren halb geschlossen. Er sah im Tode vollkommen gesammelt aus. — Nun bist du’s, alter Knudsen, war mein Gedanke.

Ich wollte ihn gern in sein Haus tragen, aber ich wußte, daß es zwecklos sein würde, einen Kikuju, der etwa des Wegs kam oder in den nahe liegenden Schambas arbeitete, zu Hilfe zu rufen; sie wären nur spornstreichs davongelaufen, wenn sie gesehen hätten, wozu ich sie rief. Ich befahl Kamante, nach Hause zu laufen und Farah zu Hilfe zu holen. Aber Kamante rührte sich nicht. »Warum willst du, daß ich laufe?« fragte er. »Du siehst doch«, sagte ich, »daß ich den alten Bwana nicht allein heben kann, und ihr Kikuju seid ja Narren, ihr habt Angst, einen Toten zu tragen.« Kamante verzog das Gesicht zu einem kleinen spöttischen Grinsen. »Du vergißt wieder, Msabu, daß ich ein Christ bin.« Er faßte den alten Mann bei den Füßen, ich hob ihn am Kopfende, und so trugen wir ihn miteinander zu seinem Bungalow. Von Zeit zu Zeit mußten wir innehalten, ihn niederlegen und rasten; dann stand Kamante aufrecht da und schaute gerade vor sich auf die Füße des alten Knudsen; so mochte es auf der schottischen Mission angesichts des Todes Sitte gewesen sein. Als wir ihn auf ein Bett gelegt hatten, suchte Kamante im Zimmer und in der Küche nach einem Tuch, um das Gesicht zu verdecken; er fand aber nur einen alten Sack. »Die Christen taten das im Hospital«, erklärte er mir.

Lange Zeit später erinnerte sich Kamante mit inniger Befriedigung an meine damalige Dummheit. Er arbeitete mit mir in der Küche, sichtlich insgeheim sich über etwas freuend, und brach plötzlich in Gelächter aus. »Weißt du noch, Msabu«, sagte er, »wie du damals vergessen hattest, daß ich ein Christ bin, und dachtest, ich würde Angst haben, dir zu helfen mit dem Mzungu Mzee — dem alten weißen Manne?«

Als Christ fürchtete sich Kamante auch nicht mehr vor Schlangen. Ich hörte ihn einmal den anderen Buben auseinandersetzen, daß ein Christ jederzeit seine Ferse der größten Schlange auf den Kopf setzen und sie zertreten könnte. Ich habe nicht gesehen, daß er das getan hätte, aber ich habe gesehen, wie er ganz still, mit ruhiger Miene, die Hände auf dem Rücken, dicht vor der Hütte des Kochs stehenblieb, als sich eine Puffotter auf dem Dache zeigte. Die anderen Kinder waren nach allen Seiten auseinandergeflogen, wie Spreu vorm Winde, und kreischten unmenschlich, indes Farah aus dem Hause mein Gewehr holte und die Puffotter abschoß. Als alles vorüber war und sich die Wogen wieder geglättet hatten, sagte Nyore, der Sohn des Sais, zu Kamante: »Kamante, warum hast du denn nicht deine Ferse auf den Kopf der bösen Schlange gesetzt und sie zertreten?« — »Weil sie auf dem Dach war«, sage Kamante.

Eine Zeitlang versuchte ich, mit Bogen und Pfeilen zu schießen. Ich war zwar kräftig, aber es fiel mir schwer, den Massaibogen, den Farah mir beschafft hatte, zu spannen; schließlich, nach langer Übung, wurde ich ein gewandter Bogenschütze. Kamante war damals ganz klein, er sah mir zu, wenn ich auf der Wiese meine Schießübungen machte, und schien seine Zweifel bei dem Unterfangen zu haben; eines Tages sagte er: »Bist du noch ein Christ, wenn du mit dem Bogen schießt? Ich dachte, ein Christ schießt mit dem Gewehr.« Ich zeigte ihm in meiner Bilderbibel die Illustration zu der Geschichte von Hagars Sohn. »Und der Herr war mit dem Knaben, und er wuchs heran und lebte in der Wildnis und wurde ein Bogenschütze.« — »Ja«, sagte Kamante, »er war wie du.«

Kamante hatte ein ebensolches Geschick für kranke Tiere wie für die eingeborenen Patienten. Er zog den Hunden Dornen aus den Pfoten und heilte einmal einen von ihnen, als er von einer Schlange gebissen worden war.

Eine Weile lebte in meinem Hause ein Storch mit einem gebrochenen Flügel. Er hatte einen entschieden würdevollen Charakter; er wanderte durch die Räume, und wenn er in mein Schlafzimmer kam, hatte er erbitterte Zweikämpfe, richtige Degenmensuren mit stolzgesträubten Flügeln gegen sein Ebenbild in meinem Spiegel zu bestehen. Er folgte Kamante durchs ganze Haus, und man mußte unwillkürlich meinen, daß er dessen steifen, gemessenen Gang absichtlich nachäffte. Ihre Beine waren gleich dick. Die kleinen schwarzen Buben hatten ein Auge für die Karikatur und schrien vor Vergnügen, wenn das Paar vorüberkam. Kamante verstand wohl den Witz, aber er achtete niemals darauf, was andere Leute von ihm dachten. Er schickte die kleinen Buben fort, um in den Morästen Frösche für den Storch zu fangen.

So fiel Kamante auch die Sorge für Lulu zu.

Eine Gazelle

Lulu kam aus den Wäldern zu mir, so wie Kamante aus den Steppen gekommen war.

Im Osten von meiner Farm lag das Ngongwaldreservat, das zu der Zeit noch nahezu ganz aus Urwald bestand. Ein afrikanischer Urwald ist ein geheimnisvoller Aufenthalt. Man reitet in die Tiefe eines alten Gobelins, der an manchen Stellen verblaßt, an anderen vom Alter gedunkelt, aber wunderbar reich an grünen Farbtönen ist. Den Himmel sieht man da drinnen nicht, wohl aber spielt das Sonnenlicht, das durch das Laub einfällt, auf mannigfache, seltsame Art im Gezweig. Die grauen Flechten, die wie lange Bärte an den Bäumen niederwallen, und die Schlingpflanzen, die allenthalben herabhängen, schaffen eine lauschige, verwunschene Stimmung im Urwald. Ich ritt dort öfters mit Farah an Sonntagen, wenn es auf der Farm nichts zu tun gab, hügelauf und -ab und quer über die kleinen gewundenen Waldbäche. Die Luft im Wald war kühl wie rieselndes Wasser und voll vom Duft der Pflanzen; in der beginnenden Regenzeit, wenn die Schlingpflanzen blühten, ritt man durch Wolken und aber Wolken von Wohlgerüchen. Eine afrikanische Gattung des wilden Seidelbastes, mit kleinen cremefarbigen klebrigen Blüten, strömte einen berauschenden Duft aus wie Flieder oder wilde Maiglöckchen. Hie und da sah man ausgehöhlte Knubben an ledernen Riemen im Geäst schweben; die Kikuju hängten sie auf, damit die wilden Bienen darin nisten und Honig sammeln sollten. Einmal, als wir um ein Waldstück bogen, sahen wir einen Leoparden auf dem Wege sitzen, wie eingewoben in einen Teppich.

Hier lebte, hoch überm Boden, das ruhelose, geschwätzige Volk der kleinen grauen Affen. Wo ein Affenrudel den Weg gekreuzt hatte, blieb der Geruch noch lange Zeit in der Luft haften, ein trockener, schaler Geruch nach Maus. Ritt man weiter, so hörte man plötzlich ein Rascheln und Schwirren über seinem Kopf, wo das Völkchen seines Weges vorüberzog. Hielt man sich still am gleichen Platz, so sah man nach einer Weile einen der Affen regungslos auf einem Baum hocken und entdeckte nicht lange danach, daß der ganze Wald ringsum von seiner Familie bevölkert war; wie Früchte saßen sie auf den Ästen, graue oder dunkle Gestalten, je nachdem wie die Sonne sie beschien, und ließen ihre langen Schwänze herabhängen. Sie stießen einen merkwürdigen Ton aus, einen schmatzenden Kuß mit nachfolgendem Hüsteln; wenn man ihn vom Boden her nachahmte, konnte man sehen, wie die Affen ihre Köpfe affektiert von einer Seite zur anderen wandten; sowie man jedoch eine hastige Bewegung machte, waren augenblicks alle weg, und man hörte nur noch das leiser werdende Klatschen der zurückschnellenden Baumwipfel, in denen sie verschwanden wie ein Schwarm von Fischen in den Wellen.

Im Ngongwalde habe ich auf einem schmalen Pfad, der sich durch dichtes Gesträuch wand, mitten an einem sehr heißen Tag den Riesenwaldeber gesehen, einen selten anzutreffenden Gesellen. Er kam plötzlich mit seinem Weib und drei Ferkeln in großer Hast an mir vorbei; die ganze Familie sah aus wie nach einem Muster, größer und kleiner, aus dunklem Papier ausgeschnittene Figuren, die sich vom sonnenbeschienenen grünen Hintergrund abhoben. Es war ein prachtvoller Anblick, wie eine Spiegelung in einem Waldsee, wie etwas, was vor tausend Jahren geschehen war.

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Lulu war eine junge Antilope vom Stamme der Buschböcke, die wohl die hübschesten aller afrikanischen Antilopen sind. Sie sind ein wenig größer als Damhirsche, leben in den Wäldern oder im Busch und sind scheu und ängstlich, so daß man sie nicht so häufig sieht wie die Antilopen der Steppe. Aber die Ngongberge und das umliegende Land waren ein schönes Revier für Buschböcke, und wenn man sein Lager im Gebirge aufschlug und frühmorgens oder bei Sonnenuntergang jagen ging, sah man sie aus dem Gehölz auf die Lichtungen hinaustreten, und wenn die Sonne sie beschien, leuchtete ihre Decke rot wie Kupfer. Die Männchen tragen ein fein geringeltes Gehörn.

Daß Lulu mein Hausgenosse wurde, geschah folgendermaßen:

Ich fuhr eines Morgens von der Farm nach Nairobi. Meine Aufbereitung auf der Farm war kurze Zeit vorher abgebrannt, und ich mußte viele Male in die Stadt fahren, um die Versicherungssumme festsetzen und mir auszahlen zu lassen; so hatte ich an dem frühen Morgen nichts als Zahlen und Voranschläge im Kopf. Als ich die Ngongstraße entlangfuhr, rief mich eine kleine Schar von Kikujukindern vom Wegrande her an und hielt mir einen ganz kleinen Buschbock hin. Ich wußte, daß sie das Kitzlein vermutlich im Busch gefunden hatten und es mir nun zu verkaufen gedachten, aber ich mußte mich beeilen, eine Verabredung in Nairobi einzuhalten, und hatte keine Gedanken für derlei frei; so fuhr ich also weiter.

Als ich abends zurückkehrte und wieder an der gleichen Stelle vorbeikam, gab es erneut ein großes Geschrei vom Straßenrand; die kleine Bande war immer noch da, recht müde und verdrossen, denn sie hatten den ganzen Tag versucht, das Kitzlein an andere Passanten zu verkaufen; um so mehr waren sie nun drauf aus, vor Sonnenuntergang das Geschäft noch zu machen, und hielten das Tierchen hoch in die Luft, um mich zu verlocken. Aber ich hatte einen langen Tag in der Stadt hinter mir und hatte mit der Versicherung Verdruß gehabt, so daß ich keine Lust verspürte, zu halten und zu schwatzen; ich fuhr an ihnen vorüber. Ich dachte auch nicht mehr an sie, als ich wieder zu Hause war, aß zu Abend und ging zu Bett.

In dem Augenblick, als ich eingeschlafen war, erwachte ich wieder von einem heftigen Gefühl des Grauens. Das Bild der Buben mit dem Kitzlein, das sich inzwischen verdichtet und Gestalt gewonnen hatte, trat mir deutlich, als wäre es gemalt, vor Augen, und ich setzte mich im Bett auf, schaudernd, als hätte jemand versucht, mich zu erwürgen. Was würde wohl, dachte ich, aus dem Kitzlein werden in den Händen seiner Häscher, die einen ganzen heißen Tag lang mit ihm am Weg gestanden und es an seinen gefesselten Läufen hochgehoben hatten? Es war sicher zu jung, um selbst zu äsen. Ich war zweimal am selben Tag an ihm vorbeigefahren, wie der Priester und der Levit in einer Person, und hatte ihm keinen Gedanken zugewendet, und nun, in diesem Augenblick, wo war es nun? Ich stand in einer wahren Panik auf und weckte alle meine Hausboys. Ich sagte ihnen, das Kitzlein müsse gefunden und mir bis zum Morgen gebracht werden, sonst würden sie alle aus meinem Dienst entlassen. Sie waren sofort bei der Sache. Zwei von den Burschen waren am Tage mit mir im Wagen gefahren und hatten sich für die Kinder und das Kitzlein nicht im mindesten interessiert, jetzt drängten sie vor und erzählten den anderen eine lange Liste von Einzelheiten über die Örtlichkeit und die Zeit und die Familien der Buben. Es war eine mondhelle Nacht, meine Leute stoben alle davon und verteilten sich, lebhaft die Sachlage beratend, in der Landschaft; ich hörte, wie sie sich immer wieder darüber verbreiteten, daß sie alle entlassen würden, wenn der Buschbock nicht gefunden würde.

In der Frühe des nächsten Morgens, als Farah mir meinen Tee hereinbrachte, kam Juma mit ihm herein und trug das Kitzlein auf seinem Arm. Es war ein Weibchen, und wir nannten es Lulu, was auf kisuaheli, wie sie mir sagten, Perle heißt.

Lulu war damals noch nicht größer als eine Katze und hatte große, stille violettblaue Augen. Sie hatte so zarte Läufe, daß man fürchtete, sie würden es nicht überstehen, zusammen- und auseinandergefaltet zu werden, wenn sie sich hinlegte oder erhob. Ihre Ohren waren weich wie Seide und unsagbar ausdrucksvoll. Ihre kühle Nase war schwarz wie ein Trüffel. Ihre winzigen Hufe gaben ihr das Aussehen einer jungen chinesischen Dame alten Stils mit bandagierten Füßen. Es war ein seltsames Erlebnis, ein so vollkommenes Geschöpf in Händen zu haben.

Lulu gewöhnte sich bald an das Haus und seine Bewohner und benahm sich, als sei sie daheim. In den ersten Wochen waren die polierten Fußböden in den Zimmern ein Problem in ihrem Leben, und sowie sie übern Rand der Teppiche geriet, rutschten ihre Beine nach allen vier Richtungen davon; es sah beängstigend aus, aber sie machte sich nicht allzuviel draus, und schließlich lernte sie, auf den Fußböden zu laufen; es klang, als ob jemand immerfort ärgerlich mit den Fingern trommelte. Sie war äußerst sauber in all ihren Gewohnheiten. Schon als Kind war sie eigensinnig, aber wenn ich ihr etwas verwies, was sie gern getan hätte, war es, als wollte sie sagen: »Nur ja keine Szene, bitte.«

Kamante zog sie mit der Milchflasche auf und sperrte sie abends ein, denn wir mußten uns in acht nehmen mit ihr, nach Einbruch der Dunkelheit strichen die Leoparden ums Haus. So hielt sie sich an ihn und folgte ihm überallhin. Von Zeit zu Zeit, wenn er nicht tat, was sie wollte, versetzte sie seinen hageren Beinen einen harten Puff mit ihrem jungen Kopf; sie war so anmutig, daß man unwillkürlich, wenn man die beiden zusammen sah, an eine neue paradoxe Illustration zu der Sage von der schönen Jungfrau und dem häßlichen Untier denken mußte. Kraft dieser großen Schönheit und Lieblichkeit eroberte sich Lulu eine überragende Stellung im Hause und wurde von jedermann mit Respekt behandelt.

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In Afrika habe ich nie eine andere Rasse Hunde gezüchtet als schottische Windhunde. Es gibt keinen Hund, der edler und anmutiger wäre. Sie müssen wohl viele Jahrhunderte mit Menschen gelebt haben, um sie so zu verstehen und sich ihnen so anzupassen. Man sieht sie auch auf alten Gemälden und Geweben, und sie haben selbst etwas in ihrem Aussehen und ihrem Gehaben, was ihrer Umgebung das Gepräge eines Gobelins gibt; sie erzeugen eine aristokratische Atmosphäre. Der erste des Geschlechts meiner Windhunde, namens Dusk, war mir zur Hochzeit geschenkt worden und hatte mich begleitet, als ich mein Leben in Afrika begann, auf meiner »Mayflower«-Fahrt, sozusagen. Er hatte einen ritterlichen, vornehmen Charakter. Er war bei mir in den ersten Monaten des Krieges, als ich mit meinen Ochsenwagen für die Regierung die Transporte im Massaireservat besorgte. Aber einige Jahre später wurde er von einem Zebra getötet. Zu der Zeit, als Lulu zu uns ins Haus kam, hatte ich zwei seiner Söhne bei mir.

Die schottischen Windhunde, die afrikanische Landschaft und die afrikanischen Menschen paßten gut zueinander. Vielleicht hing es mit der Lage zusammen, dem Hochlandrhythmus, der alle drei durchpulste, denn an der Küste in Mombasa wirkten sie nicht so organisch. Es war, als hätten der großen, weiten Landschaft mit ihren Steppen, Bergen und Flüssen die Windhunde gefehlt, um sie vollkommen zu machen. Alle schottischen Windhunde waren große Jäger und hatten bessere Nasen als die kurzhaarigen, aber sie gebrauchten bei der Jagd die Augen, und es war ein staunenswertes Schauspiel, zwei von ihnen zusammenarbeiten zu sehen. Ich nahm sie mit, wenn ich in das Wildschutzgebiet ritt — was ich eigentlich nicht durfte —, da hetzten sie die Herden der Zebras und Wildbeestantilopen über die Steppe, als stürmten alle Sterne entfesselt übers Firmament. Jagte ich im Massaireservat, so verlor ich kein waidwundes Stück, wenn ich die Windhunde bei mir hatte.

Schön waren sie auch im Urwald anzusehen, dunkelgrau gegen die satten grünen Tönungen. Einer von ihnen tötete, aus freien Stücken, einen großen alten Pavian; im Kampf wurde ihm durch einen Biß die Nase mittendurch gespalten; die Narbe verdarb zwar sein edles Profil, wurde aber von jedermann auf der Farm als Ehrenmal betrachtet, denn der Pavian ist ein übler Schädling und bei den Schwarzen verhaßt.

Die Windhunde waren kluge Tiere und wußten, wer in meinem Hause Mohammedaner war und keinen Hund berühren durfte. In den ersten Jahren in Afrika hatte ich einen Somalijäger namens Ismail; er starb, solange ich noch draußen war. Er war noch einer der Jäger aus der alten Schule, wie es sie heute nicht mehr gibt. Er war unter den echten alten Großwildjägern aus dem Anfang des Jahrhunderts aufgewachsen, als noch ganz Afrika ein einziger Wildpark war. Seine Berührung mit der Kultur beschränkte sich ausschließlich auf das Gebiet der Jagd, und sein Englisch war nichts als ein Jägerjargon. Als Ismail nach Somaliland zurückgekehrt war, bekam ich einen Brief von ihm, der war adressiert an die »Löwin Blixen« und fing an: »Verehrte Löwin.« Ismail war ein strenger Mohammedaner und wäre nicht um sein Leben einem Hund nahe gekommen; das hat ihm in seinem Beruf manches Mal zu schaffen gegeben. Aber mit Dusk machte er eine Ausnahme und hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn er im kleinen Jagdwagen mit uns fuhr, ja, er ließ Dusk sogar in seinem Zelt schlafen. Denn Dusk, sagte er, kenne einen Mohammedaner vom Ansehen, er würde ihn nie berühren. »Wahrhaftig«, beteuerte mir Ismail, »Dusk kann unterscheiden, ob einer im Herzen ein echter Mohammedaner ist.« Einmal sagte er zu mir: »Jetzt weiß ich, daß Dusk vom gleichen Stamme ist wie du selbst. Er lacht über die Menschen.«

So verstanden die Hunde auch Lulus Macht. Die Anmaßung der großen Jäger schmolz vor ihr dahin. Sie schubste sie von der Milchschüssel und von ihren Lieblingsplätzen vor dem Feuer fort. Ich hatte Lulu an einem Halsband ein Glöckchen angehängt, und es kam so weit, daß die Hunde, wenn sie das Klingeln des Glöckchens von weitem herannahen hörten, von ihren warmen Lagerplätzen am Feuer aufstanden und sich anderswo im Zimmer niederließen. Und doch konnte niemand sich feiner benehmen als Lulu, wenn sie eintrat und sich hinlegte, wie eine vollendete Dame, die zimperlich ihre Röcke an sich zieht und niemandem im Wege sein möchte. Sie trank ihre Milch mit höflich gezierter Schnauze, als hätte eine übereifrige Gastgeberin sie ihr aufgedrängt. Sie verlangte, hinter den Ohren gekrault zu werden, und machte eine niedliche Duldermiene dazu, wie eine junge Frau, die schnippisch ihrem Gatten eine Liebkosung gestattet.

Als Lulu heranwuchs und in ihrer jungen Anmut erblühte, war sie eine schlanke, zartgerundete Hindin, von der Nase bis zu den Zehen von unfaßlicher Schönheit. Sie sah aus wie eine genau gemalte Abbildung zu dem Heinelied von den weisen und edlen Gazellen am Ufer des Ganges.

Aber Lulu war im Grunde nicht edel, sie war, wie man sagt, vom Teufel geritten. Sie zeigte im höchsten Grade die weibliche Eigenart, scheinbar völlig in der Abwehr zu sein, ganz nur darauf bedacht, die Heilheit ihres Wesens zu wahren, indes sie in Wahrheit mit all ihren Kräften im Angriff stand. Gegen wen? Gegen die ganze Welt. Ihr Mutwille setzte sich über alle Grenzen und Maße hinweg, sie ging auf meinen Gaul los, wenn er ihr nicht gefiel. Ich mußte an den alten Hagenbeck in Hamburg denken, der gesagt hat, von allen Tiergattungen, einschließlich der Raubtiere, seien die Hirscharten die unberechenbarsten; man könne wohl einem Leoparden trauen, wer aber einem Bock traue, dem würde er früher oder später in den Rücken fallen.

Lulu blieb der Stolz des Hauses, auch als sie sich wie eine richtige schamlose Kokotte benahm, aber ihr Glück fand sie bei uns nicht. Zuweilen wanderte sie stundenlang, ganze Nachmittage lang, vom Hause fort. Zuweilen, wenn der Geist sie überkam und ihr Mißvergnügen an der Umwelt ihren Höhepunkt erreichte, vollführte sie, um ihrem Herzen Luft zu machen, auf der Wiese vor dem Hause einen Kriegstanz, der aussah wie ein Zickzack-Stoßgebet an Satan.

Oh, Lulu, dachte ich, ich weiß, daß du wunderbar stark bist und daß du höher springen kannst, als du hoch bist. Du zürnst uns jetzt, du wünschst, wir wären alle tot, und das wären wir auch, wenn wir dich reizen wollten, dein Mütchen an uns zu kühlen. Aber das Schlimme ist ja nicht, wie du jetzt meinst, daß wir dir Hindernisse in den Weg stellen, die du nicht überspringen kannst — und wie sollten wir das auch vermögen, du große Springerin? Das Schlimme ist, daß wir dir gar keine Hindernisse aufrichten. Die große Kraft ist in dir, Lulu, und die Hindernisse sind auch in dir — nur ist die Zeit noch nicht erfüllt, das ist das Ganze.

Eines Abends kam Lulu nicht heim, und wir sahen vergebens nach ihr aus, eine Woche lang. Das war ein harter Schlag für uns alle. Ein heller Klang hatte das Haus verlassen, und es war nur noch ein Haus wie andere Häuser. Ich mußte an die Leoparden am Fluß denken und sprach eines Abends über sie mit Kamante.

Wie gewöhnlich ließ er einige Zeit verstreichen, ehe er antwortete, um meine mangelnde Einsicht auszukosten. Erst nach einigen Tagen brachte er das Gespräch wieder darauf: »Du glaubst, daß Lulu tot ist, Msabu«, sagte er.

Ich wollte das nicht so geradezu aussprechen, aber ich sagte ihm, ich machte mir Gedanken darüber, daß sie nicht heimkomme.

»Lulu ist nicht tot«, sagte Kamante. »Sie ist verheiratet.«

Das war eine freudige Überraschung, und ich fragte ihn, woher er das wisse.

»O ja«, sagte er, »sie ist verheiratet. Sie lebt im Walde mit ihrem Bwana — ihrem Gatten oder Herrn. Aber sie hat die Menschen nicht vergessen, morgens kommt sie meistens ans Haus. Ich streue hinter der Küche Mais für sie aus, und da kommt sie, grad bevor die Sonne aufgeht, vom Walde herüber und ißt davon. Ihr Bwana kommt mit, aber er hat Angst vor den Menschen, weil er sie nie kennengelernt hat. Er steht unter dem großen weißen Baum am anderen Ende der Wiese. Aber bis zum Hause wagt er nicht zu kommen.«

Ich sagte Kamante, er solle mich das nächste Mal holen, wenn er Lulu sähe. Ein paar Tage später kam er vor Sonnenaufgang herein und rief mich.

Es war ein schöner Morgen. Die letzten Sterne verblaßten, während wir warteten, der Himmel war klar und heiter, aber die Welt, in die wir hinaustraten, lag in düsterer Stille und tief im Schweigen. Das Gras war feucht, unten bei den Bäumen, wo der Boden sich senkte, glitzerte es im Tau wie mattes Silber. Die Morgenluft war kalt, von jener zwickenden Kälte, die einem in nördlichen Ländern sagt, daß der Frost nicht fern ist. Sooft man es auch erlebt, dachte ich, immer wieder ist es in dieser schattigen Kühle unvorstellbar, daß die Glut der Sonne und der Glanz des Himmels nach wenigen Stunden kaum zu ertragen sein werden. Der graue Nebel lag auf den Bergen, ihre Gestalt auf seltsame Art verwischend; es mußte für die Büffel, die jetzt vielleicht dort waren, bitter kalt sein, an den Berghängen zu grasen wie in einer Wolke.

Die große Kuppel über unseren Köpfen füllte sich allmählich mit Helle, wie ein Glas sich mit Wein füllt. Plötzlich, unmerklich, fingen die Gipfel der Berge den ersten Sonnenstrahl auf und erglühten. Und langsam, wie die Erde sich der Sonne zuneigte, überzogen sich die Grasmatten am Fuß der Osthänge und die Wälder der Massai unter ihnen mit zartem Gold. Und jetzt leuchteten die hohen Baumwipfel in dem Walde auf unserer Seite des Flusses kupferrot auf. Das war die Stunde für den Flug der großen violettblauen Wildtauben, die jenseits des Flusses nisteten und zur Atzung in die Kapkastanien meines Waldes herüberkamen. Sie lebten hier nur eine kurze Zeit im Jahre. Die Vögel kamen überraschend schnell, wie eine leichte Kavallerieattacke in der Luft. Darum war die morgendliche Taubenjagd auf der Farm bei meinen Freunden in Nairobi so beliebt; um rechtzeitig, grad wenn die Sonne aufging, bei uns zu sein, fuhren sie so früh morgens aus, daß die Scheinwerfer ihrer Wagen noch leuchteten, wenn sie in meinen Auffahrtsweg einbogen.

Wenn man so in der feuchten Dämmerung stand und zu den vergoldeten Höhen und in den klaren Himmel schaute, bekam man ein Gefühl, als ginge man in Wirklichkeit auf dem Grunde des Meeres, mitten in der Strömung, und schaue zum Spiegel des Ozeans empor.

Ein Vogel fing zu singen an, und dann hörte ich, ein Stück weit entfernt im Walde, das Klingen eines Glöckchens. Ja, es war wahr, Lulu war wieder da und ihrer alten Heimat nahe. Der Ton näherte sich, ich konnte ihre Bewegungen am Rhythmus verfolgen, jetzt ging sie, blieb stehen, ging wieder weiter. Bei der Biegung um eine der Gesindehütten kam sie uns in Sicht. Plötzlich war es sonderbar und reizvoll, einen Buschbock so nahe am Hause zu sehen. Sie blieb reglos stehen, sie hatte wohl erwartet, Kamante zu treffen, aber nicht mich. Doch lief sie nicht davon, sie sah mir unerschrocken ins Auge, nicht eingedenk unserer vergangenen Scharmützel und ihrer undankbaren wortlosen Flucht.

Die Lulu des Waldes war ein höheres, freieres Wesen; ihr Herz hatte eine Wandlung erfahren, sie war geweiht. Hätte ich einmal eine junge Prinzessin in der Verbannung gekannt, zu einer Zeit, da sie erst Anwärterin auf ihren Thron war, und sie dann in ihrem vollen königlichen Schmuck, eingesetzt in alle ihre Rechte, wiedergesehen, so würde die Begegnung den gleichen Charakter gehabt haben wie diese. Lulu bewies nicht mehr Gesinnungslosigkeit als König Louis-Philippe, als er erklärte, der König von Frankreich erinnere sich nicht an die Tücken des Herzogs von Orléans. Sie war nun die vollendete Lulu. Der Geist des Angriffs war von ihr gewichen, denn wen oder warum sollte sie angreifen? Sie stand geruhsam da in ihrem göttlichen Recht. Sie kannte mich hinlänglich, um zu wissen, daß ich nicht zum Fürchten sei. Sie schaute mich eine Weile an, ihre tiefblauen opalisierenden Augen waren bar jeden Ausdrucks und zwinkerten nicht; mir fiel ein, daß die Götter und Göttinnen niemals zwinkern, und ich meinte, der kuhäugigen Hera von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Sie knabberte sorglos an einem Grashalm, als sie an mir vorüberging, machte einen anmutigen kleinen Satz und schritt weiter zur Küche, wo Kamante ihr den Mais auf den Boden gestreut hatte.

Kamante berührte mit einem Finger meinen Arm und wies gegen den Wald. Als ich der Richtung folgte, sah ich unter dem hohen Kapkastanienbaum einen männlichen Buschbock, eine kleine lohbraune Silhouette gegen den Rand des Waldes, mit einem schönen Gehörn, reglos wie ein Baumstamm. Kamante beobachtete ihn eine Zeitlang und lachte dann. »Schau nur«, sagte er, »Lulu hat ihrem Mann erklärt, daß hier beim Hause nichts zu fürchten ist, aber er wagt es doch nicht, herzukommen. Jeden Morgen denkt er sich, heut werd ich den ganzen Weg mitgehen, aber wenn er das Haus sieht und die Menschen, dann kriegt er einen kalten Stein im Magen« — das ist ein häufiger Zustand bei den Schwarzen, der die Arbeit auf der Farm oft genug behindert —, »und dann bleibt er bei dem Baume stehen.«

Lange Zeit kam Lulu frühmorgens ans Haus. Ihr helles Glöckchen verkündete die Sonne auf den Bergen, ich lag im Bett und wartete darauf. Manchmal blieb sie ein oder zwei Wochen aus, und wir vermißten sie und fingen an, von den Leuten zu sprechen, die ins Gebirge jagen gingen. Aber dann meldeten die Hausboys wieder: »Lulu ist da«, als wäre eine verheiratete Tochter des Hauses auf Besuch gekommen. Einige Male habe ich auch die Silhouette des Buschbocks zwischen den Bäumen gesehen, aber Kamante hatte recht: er brachte nie den Mut auf, den ganzen Weg bis zum Hause mitzugehen.

Eines Tages, als ich von Nairobi heimkam, lief mir Kamante, der vor der Küchentür auf mich gelauert hatte, sehr aufgeregt entgegen und erzählte, Lulu sei heute bei der Farm gewesen und habe ihr M’toto — ihr Kleines — bei sich gehabt. Nach einigen Tagen hatte auch ich die Ehre, ihr zwischen den Gesindehütten zu begegnen; sie war auf der Hut und hatte es wichtig; ein winziges Kitzlein, das ihr nicht von den Fersen wich, war grad so ungelenk in seinen Bewegungen, wie Lulu gewesen war, als wir sie kennenlernten. Es war kurz nach der Regenzeit, und während der Sommermonate war Lulu nachmittags und bei Tagesanbruch beim Hause zu finden. Sogar über Mittag blieb sie manchmal in der Nähe und hielt sich im Schatten der Hütten.

Lulus Kitzlein hatte keine Angst vor den Hunden und ließ sich rundum von ihnen beschnuppern, aber an die Schwarzen oder an mich konnte es sich nicht gewöhnen, und sowie wir versuchten, seiner habhaft zu werden, stoben Mutter und Kind davon.

Lulu selbst kam nach ihrer ersten langen Trennung vom Hause niemals mehr so nahe heran, daß einer von uns sie hätte berühren können. Im übrigen war sie zutraulich, sie hatte Verständnis dafür, daß wir ihr Kitzlein gern anschauen wollten, und nahm auch ein Stückchen Zucker von der ausgestreckten Hand. Sie trat an die offene Tür des Eßzimmers und schaute nachdenklich in das Dämmerlicht der Zimmer hinein, aber die Schwelle überschritt sie nicht wieder. Sie hatte inzwischen ihr Glöckchen verloren und kam und ging lautlos.

Meine Hausboys baten, ich sollte sie Lulus Kitzlein fangen und behalten lassen wie einst Lulu. Aber ich fand, das wäre eine rüde Erwiderung auf das noble Zutrauen Lulus gewesen.

Mir schien auch die freie Bindung zwischen meinem Hause und der Antilope als etwas Kostbares, Ehrwürdiges. Lulu kam herein aus der Wildnis, uns zu zeigen, daß wir mit ihrer Welt in Frieden lebten; mein Haus wurde durch sie so eins mit der afrikanischen Landschaft, daß niemand hätte sagen können, wo das eine zu Ende ging und das andere begann. Lulu wußte, an welchem Ort der Riesenwaldeber sein Lager hatte, sie hatte die Nashörner sich paaren sehen. Es gibt einen Kuckuck in Afrika, der an den heißen Tagen mittags in der Tiefe des Waldes ruft, wie der dröhnende Herzschlag der Welt; ich habe nie das Glück gehabt, ihn zu sehen; aber Lulu war vielleicht auf einem schmalen grünen Wildwechsel grad unter dem Ast vorübergestreift, auf dem der Kuckuck saß. Ich las damals in einem Buch über die alte große Kaiserin von China, wie die junge Yahanola nach der Geburt ihres Sohnes zu einem Besuch in ihr Elternhaus fuhr und in ihrer goldenen, grünverhangenen Sänfte die Verbotene Stadt verließ. Mein Haus, dachte ich mir, war nun wie das Haus des Vaters und der Mutter der jungen Kaiserin.

Die zwei Antilopen, die große und die kleine, waren den ganzen Sommer über in meiner Nähe, zuweilen war eine Pause von vierzehn Tagen oder drei Wochen zwischen ihren Besuchen, dann wieder sahen wir sie täglich. Zu Beginn der nächsten Regenzeit erzählten mir die Hausboys, Lulu sei wieder mit einem jungen Kitzlein da. Ich habe es selbst nicht gesehen, denn zu der Zeit kamen sie nicht in die unmittelbare Nähe des Hauses, aber späterhin habe ich im Walde drei Buschböcke beieinander entdeckt.

Das Band zwischen Lulu und ihrer Familie und meinem Hause blieb viele Jahre bestehen. Die Buschböcke waren häufig in der Umgebung des Hauses, sie kamen aus den Wäldern und kehrten in sie zurück, als wäre mein Land eine Provinz ihres wilden Reiches. Sie kamen meist kurz vor Sonnenuntergang und wandelten erst unter den Bäumen wie zarte dunkle Silhouetten auf dunklem Grün, aber wenn sie hervortraten, um in der Abendsonne auf der Wiese zu äsen, leuchteten ihre Decken wie Kupfer. Einer von ihnen war Lulu, denn sie kam bis ans Haus und strich gemächlich herum. Sie spitzte die Ohren, wenn ein Auto vorfuhr oder wir ein Fenster öffneten, und die Hunde kannten sie. Sie kriegte mit den Jahren eine dunklere Färbung. Einmal kam ich vors Haus gefahren und traf auf der Terrasse drei Buschböcke an dem Salz, das für meine Kühe ausgelegt war.

Es war merkwürdig, daß außer dem ersten großen Buschbock, Lulus Bwana, der mit erhobenem Gehörn unter der Kapkastanie gestanden hatte, sich nie ein männliches Tier unter den Antilopen zeigte, die zum Hause kamen. Anscheinend hatten wir es mit einem Waldmatriarchat zu tun.

Die Jäger und Naturfreunde der Kolonie interessierten sich für meine Buschböcke, und der Jägermeister kam auf die Farm heraus, um sie zu sehen, und traf sie auch an. Ein Korrespondent hat im »East African Standard« über sie geschrieben.

Die Jahre, in denen Lulu und die Ihren an mein Haus kamen, waren die glücklichsten meines Lebens in Afrika. Darum betrachtete ich hernach meine Bekanntschaft mit den Waldantilopen als eine besondere Gnade und ein Zeichen, daß Afrika mir wohlgesinnt war. Das ganze Land war darin beschlossen, gute Vorzeichen, uralte Bindungen und Lieder:

»Eile, mein Geliebter, und sei wie eine Hindin und wie ein junger Hirsch auf dem Berge der Wohlgerüche.«

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In den letzten Jahren in Afrika habe ich immer weniger und weniger von Lulu und den Ihren gesehen. In dem Jahre, bevor ich fortging, sind sie, glaube ich, nicht mehr gekommen. Es hatte sich alles verändert, im Süden der Farm war das Land an Siedler vergeben worden, der Wald war hier abgeholzt, und Häuser waren gebaut worden. Traktoren keuchten auf und nieder, wo vordem die Lichtungen ge wesen waren. Viele von den neuen Siedlern waren eifrige Jäger, und die Schüsse hallten durch die Landschaft. Ich glaube, das Wild verzog sich nach Westen und wechselte hinüber in die Wälder des Massaireservats.

Ich weiß nicht, wie lange eine Antilope lebt, vielleicht ist Lulu schon lange tot.

Oft, sehr oft, habe ich in den stillen Stunden des Morgengrauens geträumt, ich hörte Lulus helles Glöckchen, und mein Herz hat sich im Traum mit Freude erfüllt, ich bin erwacht und habe gemeint, irgend etwas Seltsames und Köstliches müsse gleich im nächsten Augenblick geschehen.

Wenn ich dann lag und an Lulu dachte, habe ich mich gefragt, ob sie in ihrem Leben im Walde wohl je von dem Glöckchen geträumt hat? Ob wohl durch ihren Geist, wie Schatten übers Wasser, Bilder von Menschen oder Hunden gezogen sind?

Wenn ich ein Lied weiß von Afrika, dachte ich, von der Giraffe und dem afrikanischen Neumond, der auf dem Rücken schwebt, von dem Pflug in den Feldern und den schwitzenden Gesichtern der Kaffeepflücker — weiß wohl Afrika ein Lied von mir? Zittert wohl die Luft über der Steppe in einer Farbe, die ich getragen habe, denken die Kinder ein Spiel aus, in dem mein Name vorkommt, oder wirft der volle Mond einen Schatten über den Weg, der so ist wie meiner, oder schauen die Ngongadler nach mir aus?

Von Lulu habe ich nichts wieder gehört, aber von Kamante und meinen anderen Hausboys habe ich wieder gehört. Erst vor einem Monat hatte ich den letzten Brief von ihm. Aber diese Botschaften aus Afrika kommen in einer seltsam unwirklichen Gestalt zu mir, sind mehr wie Schatten oder Trugbilder der Wirklichkeit als wie ihre Boten. Denn Kamante kann nicht schreiben und versteht kein Englisch. Wenn er oder einer meiner Leute den Gedanken faßt, mir Nachricht von sich zu geben, dann gehen sie zu einem der beruflichen indischen oder schwarzen Briefschreiber, die mit ihrem Schreibpult, Papier, Feder und Tinte vor dem Postamt sitzen, und setzen ihm auseinander, was in dem Brief stehen soll. Die beruflichen Schreiber können auch nicht allzuviel Englisch und verstehen eigentlich kaum zu schreiben, aber sie glauben, es zu verstehen. Um ihre Kunst zu zeigen, bereichern sie den Brief mit allerlei Zieraten, die es schwer machen, ihn zu entziffern. Sie haben auch die Gepflogenheit, die Briefe mit drei oder vier verschiedenen Arten Tinte zu schreiben; das mag irgendeinen Sinn haben, es wirkt aber so, als wäre ihnen die Tinte ausgegangen und als quetschten sie aus den verschiedenen Flaschen noch den letzten Tropfen aus. Das Ergebnis all dieser Bemühungen ist eine Botschaft von der Art, wie man sie vom Orakel von Delphi erhielt. Es steckt etwas in den Briefen, die ich bekomme, man fühlt, daß sie etwas Lebendiges enthalten, was dem Absender schwer auf dem Herzen gelegen hat, was ihn dazu gebracht hat, den langen Weg vom Kikujureservat bis zum Postamt zu gehen. Aber es ist mit Finsternis umkleidet. Das billige, schmierige kleine Stück Papier hat bis zu mir viele tausend Meilen wandern müssen, nun spricht und spricht, ja, schreit es mich an und sagt doch nichts.

Kamante geht auch als Briefschreiber eigene Wege. Er steckt drei oder vier Briefe in den gleichen Umschlag und bezeichnet sie als »erster Brief«, »zweiter Brief« und so fort. In allen steht dasselbe, immer und immer noch mal wiederholt. Vielleicht meint er durch die Wiederholung einen tieferen Eindruck zu machen — er hatte auch beim Sprechen diese Art, wenn er wollte, daß ich etwas besonders auffassen oder mir merken sollte —, vielleicht fällt es ihm schwer, aufzuhören, wenn er fühlt, daß er mit einem Freunde, der so sehr weit weg ist, Verbindung bekommen hat.

Kamante schreibt, daß er lange Zeit arbeitslos gewesen ist. Ich wundere mich nicht, das zu hören, denn er war wirklich Kaviar fürs Volk. Und dann bedurfte es ihm gegenüber eines »Sesam, öffne dich«. Das Zauberwort ist nun verloren, und der Stein hat sich für ewig über den mystischen Schätzen geschlossen, die er barg. Wo einst der große Küchenchef tief versonnen voller Weisheit wandelte, sieht heute niemand mehr etwas anderes als einen kleinen säbelbeinigen Kikuju, einen Zwerg mit stummem flachem Gesicht.

Was hat Kamante zu sagen, wenn er nach Nairobi geht und sich vor dem geldgierigen, hochnäsigen Briefschreiber aufstellt und ihm die Botschaft: anvertraut, die um die halbe Erdkugel gehen soll? Die Zeilen sind so krumm wie Kamantes Finger, und die Sätze des Briefes besagen nicht viel. Aber Kamante besitzt eine große Macht der Seele; wer ihn gekannt hat, wird sie auch aus dem krächzenden wirren Getön klingen hören, wie ein Echo der Harfe des Hirtenknaben David.

Ich setze das Bruchstück eines »zweiten Briefes« her:

»Ich bin nicht vergessen dich Memsahib. Ehrwürdige Memsahib. Nun alle deine Diener sie sind nicht glücklich, weil du sein außer dem Lande. Wenn wir sein Vogel, wir fliegen und sehen dich. Dann wir heimkehren. Dann deine alte Farm sein guter Ort für Küche, kleine Kälber, schwarze Menschen. Nun sie haben keine Kühe, Ziegen, Schafe, sie haben nichts. Nun alle bösen Menschen freuen sich im Herzen weil deine alten Diener, sie sein nun arme Leute. Nun Gott weiß in seinem Herzen das alles, zu helfen deinen Dienern.«

Und in einem »dritten Brief« zeigt Kamante an einem Beispiel, wie ein Schwarzer einem etwas Liebes sagen kann; er schreibt:

»Schreibe und sage uns, ob du kommst, wir glauben, du kommst. Weil wir denken, daß du noch immer erinnerst alle unsere Gesichter und unserer Mutter Namen.«

Ein Weißer, der einem etwas Freundliches sagen wollte, würde schreiben: »Ich kann Dich nie vergessen.« Der Afrikaner sagt: »Wir trauen dir nicht zu, daß du uns je vergessen wirst.«

Teil II

EIN UNFALL AUF DER FARM

Der verhängnisvolle Schuß

Am Abend des 19. Dezember trat ich vor dem Schlafengehen aus dem Hause, um zu schauen, ob es wohl regnen wollte. Viele Farmer im Hochland mögen um die gleiche Stunde das gleiche getan haben. Zuweilen, je nach der Gunst der Jahre, wurden uns um die Weihnachtszeit einige starke Güsse geschenkt, eine segensreiche Gabe für den jungen Kaffee nach der Blüte in der kurzen Regenzeit des Oktober. In dieser Nacht war kein Regen in Aussicht. Der Himmel war klar und von majestätischer Ruhe, voll flimmernder Sterne.

Am Äquator ist der Sternenhimmel reicher als im Norden, und man sieht ihn dort mehr, da man häufiger nachts im Freien ist. In Nordeuropa sind die Winternächte zu kalt, als daß man mit Behagen die Sterne betrachten könnte, und im Sommer sieht man sie kaum in dem hellen Nachthimmel, der blaß ist wie ein Hundsveilchen. Der tropische Nachthimmel hat etwas von der Freizügigkeit der katholischen Dome im Vergleich zu den protestantischen Kirchen, die nur zu Gottesdiensten Zutritt gestatten. Hier in dem mächtigen Raume kommt und geht ein jeder, hier ist der Ort, an dem sich etwas ereignet. In Arabien und Afrika, wo die Mittagssonne lebensgefährlich ist, ist die Nacht die Zeit für Reisen und Geschäfte. Hier sind die Sterne benannt worden, hier sind sie seit Jahrhunderten die Führer der Menschen und zeichnen ihnen die unendlichen Linien vor, quer über den Wüstensand und das Meer, nach Osten eine und nach Westen oder nach Norden und Süden. Autos ziehen gut bei Nacht, und es ist schön, unterm gestirnten Himmel einen Wagen zu lenken, es verleitet dazu, Ausflüge zu Freunden über Land auf den nächsten Vollmond zu verabreden. Auf Safari geht man bei Neumond, um eine ununterbrochene Kette mondheller Nächte vor sich zu haben. Es ist so seltsam, wenn man besuchsweise nach Europa kommt, zu sehen, wie die Bekannten in der Stadt ohne jede Beziehung, ja, fast ohne Kenntnis der Bewegungen des Mondes leben. Die junge Mondsichel war das Signal für die Kameltreiber Chadidschas, dessen Karawane aufbrach, sowie sie am Himmel sichtbar wurde. Von ihrem Anblick gebannt, wurde er einer der »Philosophen, die aus dem Mondschein das Gewebe des Weltalls spinnen«. Er hat sie viel betrachtet, sie wurde ihm zum Zeichen, in dem er siegte.

Ich galt etwas bei den Eingeborenen, weil ich mehrere Male als erste auf der Farm den neuen Mond wie einen silbernen Bogen im Abendrot sah; besonders weil ich drei Jahre hintereinander als erste im Monat Ramadan, dem heiligen Monat der Mohammedaner, den Neumond erspähte.

Der Farmer läßt seine Augen langsam rings um den Horizont wandern. Erst gegen Osten, denn von Osten kommt, wenn er kommt, der Regen, und dort steht leuchtend die Ähre im Sternbild der Jungfrau; dann gegen Süden, das Kreuz des Südens zu begrüßen, den Türhüter der großen Welt, den Schützer und Liebling der Wanderer, und höher hinauf, unter dem Lichtstrom der Milchstraße, Alpha und Beta im Kentauren. Im Südwesten blinkt Sirius, einer der Großen des Himmels, und der weise Kanopus, und im Westen über den zarten, kaum geschweiften Umrissen der Ngongberge das strahlende Dreigestirn der Edelsteine: Rigel, Beteigeuze und Bellatrix. Zuletzt wendet er sich nach Norden, denn nach Norden kehren wir am Ende wieder zurück, und stößt da auf den Großen Bären selbst, der jetzt freilich dank der himmlischen Perspektive friedlich auf dem Kopfe steht; das ist so ein echter Bärenspaß, der freut den nordischen Auswanderer.

Menschen, die nachts im Schlafe träumen, kennen ein Glück, das die Tageswelt nicht gewährt, eine stille Verzückung, ein Schweben der Seele, das wie Honig auf der Zunge ist. Und sie wissen auch, daß die Wonne der Träume das Gefühl der grenzenlosen Freiheit ist. Es ist nicht die Freiheit des Tyrannen, der der Welt seinen Willen aufdrängt, sondern die Freiheit des Künstlers, der keinen Willen hat, der frei von Willen ist. Die Freude des wahren Träumers besteht nicht im Inhalt des Traumes, sondern in etwas anderem: darin, daß sich alles ohne sein Zutun ereignet und seiner Einwirkung völlig entzogen ist. Große Landschaften erschaffen sich selbst, weite herrliche Ausblicke, schwellende und zarte Farben, Straßen, Häuser, die er nie gesehen, von denen er nie gehört hat. Fremde Menschen treten auf und sind Freunde oder Feinde, obgleich der Träumende nie etwas mit ihnen zu schaffen gehabt hat. Die Vorstellungen des Fliegens und Dahinjagens kehren in Träumen immer wieder, sie sind nicht minder berauschend. Erinnert man sich ihrer bei Tage, dann sind sie freilich matt und sinnlos, weil sie zu einem anderen Dasein gehören: kaum aber legt man sich nieder, so wird der Strom wieder eingeschaltet, und das Wunderbare kehrt ins Gedächtnis zurück. Und immer umfängt den Träumer das Gefühl der unermeßlichen Freiheit und durchströmt ihn wie Luft und Licht als überirdische Seligkeit. Er ist ein Auserwählter, er ist der eine, der nichts tun muß, zu dessen Reichtum und Glück alle Dinge sich zusammenfinden: die Könige zu Tharsis werden Gaben bringen. Er nimmt teil an einer großen Schlacht oder einem Fest und staunt, daß er mitten darinnen ist, indes er den Vorzug genießt, still dazuliegen. Erst wenn sich das Bewußtsein der Freiheit zu verlieren beginnt, wenn die Vorstellung des Müssens sich der Welt bemächtigt, wenn Eile oder Anstrengung sich einstellen, ein Brief zu schreiben, ein Zug zu erreichen ist, wenn man sich mühen muß, die Pferde im Traum in Galopp zu bringen, die Gewehre abzufeuern, dann sinkt der Traum von seiner Höhe herab und wird zum Alpdruck, dem ärmlichsten und gemeinsten unter den Träumen.

Wenn etwas in der wachen Welt dem Traumzustand nahekommt, so ist es eine große Stadt, in der man niemanden kennt, oder die afrikanische Nacht. Auch da ist unermeßliche Freiheit, auch da geschehen ringsum Dinge, bilden sich Schicksale; überall wird etwas getan, und doch geht es einen nichts an.

Kaum war die Sonne untergegangen, so füllte sich die Luft mit Fledermäusen, die lautlos umherflitzten wie Autos auf Asphalt; auch eine Nachtschwalbe schoß vorüber. Sie ist es, die sich zuweilen auf der Straße niedersetzt, daß ihre Augen vor den Scheinwerfern des Autos rot aufglühen, bevor sie im letzten Augenblick, dicht vor den Rädern, senkrecht emporschnellt. Die kleinen Sprunghasen sind unterwegs und regen sich auf ihre Art, plötzlich sich hinhockend und aufspringend im rhythmischen Wechsel wie winzige Känguruhs. Die Zikade singt ihren endlosen Sang im langen Gras, Gerüche rieseln über die Erde, und Sternschnuppen rieseln über den Himmel wie Tränen über eine Wange. Wir sind der Auserwählte, für den alles geschieht. Die Könige zu Tharsis werden Gaben bringen.

Ein paar Meilen tiefer im Massaireservat wechseln jetzt die Zebras ihre Weide; sie wandern wie helle Flecken über die graue Steppe; die Büffel grasen an den langen Hängen der Berge. Junge Leute von meiner Farm kamen vorüber; zu zweien oder dreien schritten sie wie schmale schwarze Schatten hintereinander über die Wiese. Sie waren frei und zogen auf eigene Faust los, sie waren nicht für mich unterwegs, es ging mich nichts an. Sie betonten das noch eigens; ihr Schritt wurde lässiger, als sie meine brennende Zigarette vor dem Hause bemerkten, sie grüßten, ohne stehenzubleiben.

»Jambo Msabu.«

»Jambo Morani« — junge Krieger —, »wo geht ihr hin?«

»Wir gehen zu Kathegus Manyatta. Bei Kathegu gibt’s heute abend eine große Ngoma. Gute Nacht, Msabu.« Wenn sie in größeren Gruppen zusammen zum Tanz gehen, haben sie ihre eigene Trommel bei sich; man hört sie weithin wie das Pochen eines leisen Pulsschlags im Geäder der Nacht. Und plötzlich rührt an das Ohr, das nicht gelauscht hat, ein Etwas, das nicht eigentlich ein Ton, sondern ein tiefes Zittern der Luft ist, das ferne kurze Brüllen des Löwen. Er ist unterwegs, er jagt, es geschieht etwas da draußen, wo er ist. Der Ton kommt nicht noch einmal, aber er hat den Horizont geweitet; die weiten Dungas und die Wassertümpel sind einem nah.

Als ich so vor meinem Hause stand, fiel nicht weit entfernt ein Schuß. Nur ein Schuß. Dann schloß sich ringsum wieder die Stille der Nacht. Nach einer Weile, als hätten sie innegehalten, um zu lauschen, und setzten nun aufs neue ein, hörte ich die Zikaden ihr eintöniges kleines Lied im Gras zirpen.

Ein vereinzelter Schuß in der Nacht hat etwas seltsam Bestimmtes und Schicksalhaftes. Es ist, als schreie einem jemand mit einem Wort etwas zu und sage es nicht noch mal. Ich stand eine Zeitlang und sann, was das wohl zu bedeuten habe. Niemand konnte um diese Stunde auf etwas zielen, und wer etwa ein Tier hätte verscheuchen wollen, der hätte zwei oder mehr Schüsse abgefeuert. Vielleicht schoß Pooran Singh, mein alter indischer Zimmermann, unten in der Aufbereitung auf ein paar Hyänen, die sich in den Hof geschlichen hatten und die Streifen Ochsenhaut fraßen, die da, mit Steinen beschwert, aufgehängt waren, um zu Riemen für unsere Wagen verarbeitet zu werden. Pooran Singh war kein Held, aber vielleicht hatte er doch um seiner Riemen willen die Tür seiner Hütte einen Spalt weit aufgemacht und seine alte Schrotflinte abgedrückt. Er hätte aber sicher beide Läufe abgefeuert und vermutlich geladen und noch mal geschossen, um die Wollust des Heldentums auszukosten. Aber ein Schuß und dann Stille?

Ich wartete noch eine Weile auf einen zweiten Schuß, aber es kam keiner, und als ich noch einmal zum Himmel aufschaute, sah ich, daß auch kein Regen kommen würde. Ich ging also zu Bett, nahm mir ein Buch vor und ließ die Lampe brennen. Wenn man in Afrika eines der Bücher aus der kostbaren Ladung vornimmt, die ein stolzes Schiff den weiten Weg von Europa hergetragen hat, dann liest man es so, wie ein Autor sein Buch gelesen wissen möchte, Gott bittend, er möge ihm die Kraft verliehen haben, es so schön zu Ende zu führen, wie er es begonnen hat. Der Geist wandert entrückt wie auf frischer tiefer grüner Fährte.

Zwei Minuten später sauste ein Motorrad in rasender Eile um die Kurve am Hause und hielt davor; jemand klopfte heftig an die Glastür meines Wohnzimmers. Ich warf ein Hemd und einen Mantel über, schlüpfte in die Schuhe, nahm die Lampe und trat hinaus. Draußen stand mein Verwalter mit wilden Augen, schweißtriefend im Schein der Lampe. Sein Name war Belknap; er war Amerikaner und ein besonders tüchtiger erfindungsreicher Mechaniker, aber von sprunghaftem Gemüte. Für ihn war alles immer entweder licht wie im Gottesreich oder ohne jeden Hoffnungsschimmer finster. Als er in meinen Dienst trat, verwirrte mich der Wechsel seiner Ansichten vom Leben und von der Zukunft und dem Zustand der Farm; ich kam mir vor wie auf einer Riesenschaukel, aber später gewöhnte ich mich an ihn. Das Auf und Ab war nichts anderes als eine Art Morgengymnastik der Seele, die ein lebhaftes Temperament nötig hat, wenn es sich nicht austoben kann und zu wenig erlebt; man trifft den Fall nicht selten in Afrika bei energischen jungen Leuten, besonders solchen, die früher jahrelang in der Stadt gelebt haben. Nun aber hatte ihn das Tragische selbst gepackt, und noch war er unentschieden, ob er sein hungerndes Gemüt sättigen und das Geschehene ausbeuten oder seinem grimmen Ernst entfliehen und es verkleinern sollte, und in diesem Zwiespalt sah er aus wie ein Junge, der aus allen Leibeskräften gerannt kommt, um ein Unheil zu berichten, und fing zu stottern an. Schließlich brachte er es doch als etwas Geringfügiges vor, denn er selbst spielte keine Rolle dabei, das Schicksal hatte ihn wieder einmal übergangen.

Inzwischen war Farah von seinem Haus herübergekommen und hörte seinen Bericht mit an.

Belknap erzählte, wie friedlich und lustig die Tragödie begonnen hatte. Sein Koch hatte Ausgang gehabt, und in seiner Abwesenheit hatte der siebenjährige Küchenjunge Kabero, ein Sohn meines alten Squatters und nächsten Nachbarn auf der Farm, des alten Fuchses Kaninu, in der Küche eine Gasterei veranstaltet. Als spätabends die Gesellschaft ausgelassen wurde, hatte Kabero sich das Gewehr seines Herrn geholt und den wilden Buben der Steppe und der Schambas den weißen Mann vorgemimt. Belknap war ein eifriger Geflügelzüchter, er mästete Kapaune und Poularden und kaufte auf dem Markt in Nairobi rassereine Küken auf. Um Habichte und Marder zu verscheuchen, hielt er auf seiner Veranda eine Schrotflinte bereit. Als wir später den Fall durchsprachen, behauptete Belknap, das Gewehr sei nicht geladen gewesen, die Kinder hätten die Patronen gefunden und es selbst geladen; ich glaube aber, daß ihn da sein Gedächtnis täuscht, denn sie hätten das kaum zustande gebracht, selbst wenn sie gewollt hätten, und es ist viel wahrscheinlicher, daß die Flinte diesmal geladen auf der Veranda stand. Jedenfalls war die Schrotladung im Lauf, als Kabero in kindlichem Überschwang und Taumel der Begeisterung mitten in die Schar seiner Gäste zielte und den Drücker abzog. Der Schuß dröhnte durchs Haus. Drei von den Kindern waren leicht verletzt und flohen entsetzt aus der Küche. Zwei waren noch drinnen, schwer verwundet oder tot. Belknap beschloß seinen Bericht mit einem langen Fluch auf den afrikanischen Kontinent und alles, was darin geschah.

Während er erzählte, waren meine Hausboys herausgetreten, dann waren sie ganz leise wieder hineingegangen und hatten ein Windlicht gebracht. Wir holten Verbandszeug und Desinfektionsmittel. Es wäre Zeitvergeudung gewesen, den Wagen in Gang zu bringen; wir rannten, so schnell wir konnten, durch den Wald zu Belknaps Haus. Das schwankende Windlicht warf unsere Schatten bald auf diese, bald auf jene Seite des engen Weges. Als wir weiterliefen, hörten wir mehrere Male kurze, rauhe, gepreßte Schreie eines Kindes in Todesangst.

Die Küchentüre flog auf, als ob der Tod, der eingebrochen war, wieder davoneilte und den Raum verwüstet hinter sich ließe wie einen Hühnerstall, in dem der Marder gehaust hat. Auf dem Tisch brannte eine Lampe und qualmte zur Decke empor; in dem engen Raum hing noch der Geruch von Pulverdampf. Die ganze Küche war mit Blut bespritzt, meine Füße glitten dann aus. Windlichter lassen sich schlecht an eine bestimmte Stelle hinhalten, aber sie erhellen ganz grell ein ganzes Zimmer oder eine Situation: ich erinnere mich an Dinge, die ich beim Schein eines Windlichtes gesehen habe, besser als an andere.

Ich kannte die Kinder, die der Schuß getroffen hatte, von der Steppe der Farm, auf der sie die elterlichen Schafe weideten. Wamai, Jogonas Sohn, ein lebensvoller kleiner Bub, der eine Zeitlang meine Schule besucht hatte, lag am Boden zwischen der Tür und dem Tisch. Er war nicht tot, aber nicht weit davon, und bewußtlos, obwohl er noch leise stöhnte. Wir hoben ihn zur Seite, um uns rühren zu können. Das Kind, das geschrien hatte, war Wanyangerri, der Jüngste von der Festgesellschaft. Er saß vornübergeneigt vor der Lampe, das Blut rann wie Wasser aus einer Röhre von seinem Gesicht, wenn man es noch so nennen konnte, denn er hatte anscheinend direkt vor dem Gewehr gestanden, als es los ging, und der ganze Unterkiefer war ihm abgeschossen. Er hatte seine Arme seitlich von sich gestreckt und bewegte sie auf und nieder wie Pumpenschwengel, so wie Hühner flattern, nachdem ihnen der Kopf abgeschlagen ist.

Wenn einem plötzlich ein derartiges Unglück vor Augen gestellt wird, denkt man nur an eine Rettung, das Heilmittel der Jäger und Tierhalter: sofort, so rasch wie möglich, koste es, was es wolle, zu töten. Und doch weiß man sofort, daß man nicht töten darf, und der Kopf schwindelt einem vor Grauen. Ich faßte mit den Händen den Kopf des Kindes und drückte ihn in meiner Verzweiflung, und als hätte ich es wirklich getötet, hörte es im selben Augenblick auf zu schreien; die Arme sanken schlaff herab, es saß still da, wie hypnotisiert. Ich weiß nun, wie einem zumute ist, wenn man durch Handauflegen heilt.

Es ist eine schwierige Sache, einen Patienten zu verbinden, dem das halbe Gesicht abgeschossen ist; bei dem Versuch, das Blut zu stillen, läuft man Gefahr, ihn zu ersticken. Ich mußte den kleinen Buben Farah auf den Schoß setzen, damit Farah das Köpfchen in der rechten Stellung halten konnte, denn wenn es vornüberfiel, konnte ich den Verband nicht anlegen, und wenn es zurücksank, strömte das Blut hervor und lief ihm in die Gurgel. Schließlich, als er still saß, gelang es mir, ihn zu verbinden. Wir trugen Wamai auf den Tisch und hoben das Licht in die Höhe, um ihn zu betrachten. Er hatte die volle Schrotladung in den Hals und die Brust bekommen; er blutete nicht stark, nur ein dünnes Rinnsal lief aus einem Mundwinkel herunter. Es war seltsam, dies Negerkind, das voller Leben gewesen war wie ein junges Böcklein, nun so still zu sehen. Während wir es anschauten, verwandelte sich sein Gesicht und nahm den Ausdruck des Staunens an. Ich schickte Farah nach Hause, den Wagen zu holen; es war keine Zeit zu verlieren, wir mußten die Kinder ins Krankenhaus bringen.

Während ich wartete, erkundigte ich mich nach Kabero, dem Buben, der das Gewehr abgefeuert und all dies Blut vergossen hatte. Belknap erzählte mir eine seltsame Geschichte von ihm. Wenige Tage vorher hatte Kabero seinem Herrn ein Paar alte Shorts abgekauft und sollte ihm von seinem Lohn eine Rupie dafür bezahlen. Als der Schuß fiel und Belknap in die Küche gelaufen kam, stand Kabero mitten im Zimmer, das rauchende Gewehr in der Hand. Er starrte Belknap einen Augenblick lang an, dann langte er tief in die Tasche der Shorts, die er grad erst gekauft und für die Abendgesellschaft angezogen hatte, holte eine Rupie heraus und legte sie mit der linken Hand auf den Tisch, während er mit der rechten das Gewehr drauf schmiß. Nach dieser Schlußabrechnung mit der Welt verschwand er, und zwar — was wir in dem Augenblick nicht wußten — tilgte er sich mit dieser großen Geste gleichsam vom Antlitz der Erde. Das Benehmen war für einen Schwarzen ungewöhnlich; denn in der Regel verstehen sie es, Schulden, besonders Schulden an Weiße, ihrem Gedächtnis fernzuhalten. Vielleicht war der Augenblick Kabero so sehr wie der Tag des Gerichts erschienen, daß es ihn drängte, sich ihm gewachsen zu zeigen, vielleicht hoffte er, sich für die Stunde der Not einen Freund zu sichern. Oder aber: der Schreck, der Knall und der Tod der Freunde ringsum hatte die enge Kruste seiner Vorstellungen so zertrümmert, daß Splitter aus der Peripherie bis in den innersten Kern seines Bewußtseins gedrungen waren.

Ich besaß damals einen Overlandwagen. Ich mag nichts gegen ihn sagen, denn er hat mir viele Jahre treu gedient. Aber er ließ sich nur selten bewegen, auf mehr als zwei Zylindern zu laufen. Seine Lichtanlage war nicht in Ordnung, so daß ich gewöhnlich bei der Fahrt zu den Tanzereien im Mathaigaklub ein Windlicht in einem rotseidenen Taschentuch als Rücklicht führte. Den Motor mußte man mit der Kurbel anwerfen, und an diesem Abend dauerte es lange, bis er parierte.

Freunde, die mich besuchten, hatten oft über den Zustand meiner Straßen geklagt. Bei der Todesfahrt dieser Nacht sah ich ein, daß sie recht hatten. Ich ließ erst Farah steuern, aber dann kam es mir vor, als lenke er mit Fleiß in die tiefsten Löcher und Radfurchen, und ich setzte mich selbst ans Steuer. Dazu mußte ich am Teich halten und mir die Hände im dunklen Wasser säubern. Die Strecke bis Nairobi schien mir endlos, ich meinte, ich müßte in der Zeit bis heim nach Dänemark kommen können, so lange dauerte es.

Das Eingeborenenhospital in Nairobi liegt auf dem Berge, kurz bevor man in die Mulde der Stadt hinabfährt. Es war finster und schien ausgestorben zu sein. Es kostete uns Mühe, das Haus wach zu kriegen, aber schließlich erwischten wir einen alten goanesischen Arzt oder Assistenten, der in einem wunderlichen Negligé erschien. Er war ein großer feister Mann von geruhsamem Wesen, der die sonderbare Gewohnheit hatte, erst mit der einen und dann mit der anderen Hand die gleiche Bewegung zu machen. Als ich Wamai aus dem Wagen heben half, meinte ich zu fühlen, daß er sich bewegte und ein wenig streckte, aber als wir ihn in das hell erleuchtete Zimmer des Krankenhauses brachten, war er tot. Der alte Goamann winkte mit der Hand nach ihm und sagte: »Der ist tot.« Und dann nach dem anderen: »Der lebt.« Ich habe den alten Mann nie wieder gesehen, denn ich bin nie wieder nachts in das Krankenhaus gekommen, und das war wohl seine gewöhnliche Dienstzeit. Damals schien mir sein Gehaben recht abgeschmackt, aber hinterher war es mir so, als wäre uns das Schicksal selbst, mit etlichen übereinandergezogenen weißen Mänteln angetan, auf der Schwelle des Hauses erschienen und hätte Leben und Tod richterlich zugeteilt.

Wanyangerri erwachte aus seiner Trance, als wir ihn hineintrugen, eine entsetzliche Angst erfaßte ihn, er wollte nicht dableiben, klammerte sich an mich und an jeden, der in seine Nähe kam, schrie und weinte ganz verzweifelt. Der alte Goamann beschwichtigte ihn schließlich mit einer Einspritzung, sah mich über seine Brille an und sagte: »Der lebt.« Ich überließ die beiden aufgebahrten Kinder, das tote und das lebendige, ihrem verschiedenartigen Schicksal.

Belknap, der uns auf seinem Motorrad gefolgt war — hauptsächlich um uns beim Ankurbeln des Motors zu helfen, falls er unterwegs versagte —, war der Ansicht, daß wir den Unfall der Polizei melden müßten. Wir fuhren also in die Stadt zur Polizeiwache in der River Road und gerieten dabei mitten in das Nachtleben von Nairobi. Als wir kamen, war kein weißer Polizeioffizier da, und wir warteten draußen im Wagen, solange man ihn holte. Die Straße war eine Allee von hohen Eukalyptusbäumen, dem Baum aller Pionierstädte des Hochlandes; nachts verbreiten sie mit ihren langen schmalen Blättern einen seltsamen, angenehmen Duft und haben im Licht der Straßenlaternen ein merkwürdiges Aussehen. Eine große, dralle junge Suahelifrau wurde von mehreren schwarzen Schutzleuten zur Polizeiwache gebracht, sie wehrte sich nach Kräften, zerkratzte ihnen die Gesichter und kreischte wie eine Sau. Etliche Raufbolde, die noch auf den Stufen der Wache sich aufs neue in die Haare zu geraten drohten, wurden eingeliefert, und ein anscheinend frisch ertappter Dieb kam die Straße herunter mit einem ganzen Gefolge von Nachtschwärmern, die seine Partei oder die Partei der Polizisten ergriffen und den Fall lärmend beredeten. Schließlich erschien ein junger Polizeioffizier, vermutlich geradewegs von einer Lustbarkeit. Belknap kam bei ihm nicht auf seine Kosten, denn er nahm seinen Bericht mit sachlichem Interesse und staunenswerter Geschwindigkeit auf, verfiel dann in tiefes Sinnen, ließ den Bleistift langsam über die Seite gleiten und steckte ihn schließlich, anscheinend befriedigt, wieder in die Tasche. Die Nachtluft ging kalt. Endlich konnten wir wieder heimfahren.

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Am nächsten Morgen, als ich noch im Bett lag, spürte ich an der konzentrierten Stille vor dem Hause, daß da viele Menschen versammelt waren. Ich wußte, wer es war: die alten Männer der Farm hockten da auf den Fliesen, schmatzend, schnupfend, spuckend und wispernd. Ich wußte auch, was sie wollten: sie waren gekommen, mir zu sagen, daß sie ein Kyama zu halten wünschten über den Fall des nächtlichen Schusses und des Todes der Kinder.

Ein Kyama ist eine Versammlung der Ältesten einer Farm, die von der Regierung Befugnis hat, örtliche Zwistigkeiten zwischen den Squattern zu schlichten. Die Mitglieder eines Kyama treten im Falle eines Verbrechens oder Unfalls zusammen und bebrüten das Geschehene wochenlang bei Hammelfleisch, Reden und Klagen. Ich wußte, daß die Alten nun die ganze Sache mit mir durchsprechen wollten und daß sie möglichst versuchen würden, mich in ihren Gerichtshof zu berufen, damit ich das letzte Urteil fällen sollte. Mir war in diesem Augenblick nicht danach zumute, in eine endlose Diskussion der nächtlichen Tragödie gezogen zu werden: ich ließ mein Pony holen, um auszureiten.

Als ich aus dem Hause trat, fand ich, wie erwartet, den ganzen Kreis der Ältesten zur Linken bei den Gesindehütten vereint. Mit Rücksicht auf ihre Würde als Gerichtshof taten sie, als sähen sie mich nicht, bis ihnen klar wurde, daß ich fortwollte. Nun humpelten sie auf ihren alten Beinen in größter Hast herbei und fuchtelten mit den Armen nach mir. Ich winkte ihnen einen Gruß zu und ritt davon.

Der Ritt in die Wildnis

Ich ritt ins Massaireservat. Um dahin zu kommen, mußte ich über den Fluß, dann war ich nach einer Viertelstunde im Wildschutzgebiet. Ich hatte lange Zeit gebraucht, bis ich von der Farm aus eine Stelle fand, wo ich den Fluß zu Pferde überqueren konnte: der Abstieg war felsig und die Böschung am anderen Ufer sehr steil, aber war man einmal drüben — dann jauchzte das beglückte Herz.

Hundert Meilen weit konnte man frei über die Steppe und offene wellige Ebenen reiten, da gab’s keine Zäune, keine Gräben, keine Straßen, keine menschliche Siedlung außer den Massaidörfern — und auch die waren das halbe Jahr verlassen, wenn die großen Wanderer mit Volk und Vieh auf andere Weiden zogen. Niederes Dorngestrüpp war gleichmäßig über die Ebene verstreut, und lange tiefe Täler durchzogen sie mit trockenen Flußbetten aus großen flachen Steinen, zwischen denen man nach Wildfährten suchen mußte, um hinüberzukommen.

Kurz vor der Regenzeit brennen die Massai das dürre Gras nieder; wenn dann die Steppe schwarz und öde daliegt, ist es keine Freude, auf ihr zu reiten: der schwarze rußige Staub, den die Hufe des Pferdes aufwirbeln, legt sich über einen und dringt in die Augen, und die verkohlten Grasstoppeln sind scharf wie Glassplitter, die Hunde reißen sich an ihnen die Pfoten wund. Aber wenn der Regen kommt und das junge grüne Gras die Steppe mit frischer Decke überzieht, dann meint man, auf Sprungfedern zu reiten; das Pferd wird vor Freude wie berauscht. Die verschiedenen Arten von Gazellen grasen auf den grünen Flächen und sehen von weitem aus wie Spielsachen auf einem Billardtisch. Man kann in eine Herde von Antilopen hineinreiten, die mächtigen zutraulichen Tiere lassen einen dicht heran, ehe sie sich aufmachen und gemächlich davontrotten, ihr langes Gehörn weit zurückgelegt über den gebogenen Hals, die große lose Wamme der Brust, die ihrem Umriß das Eckige gibt, pendelnd im schunkelnden Trab. Sie sehen aus, als kämen sie aus einem alten ägyptischen Grabrelief, nur daß sie dort Felder pflügen und ein sanfteres, häusliches Gepräge haben. Die Giraffe bleibt tiefer im Inneren des Schutzgebietes.

Zu gewissen Zeiten, im ersten Monat der Regenzeit, blüht hier eine wilde weiße duftende Nelke in solchen Massen, daß es von weitem scheint, als lägen ringsum Flecken von Schnee auf der Steppe.

Ich suchte in der Welt der Tiere Zuflucht vor der Welt der Menschen. Mein Herz war schwer von der Tragödie der Nacht. Die alten Männer, die vor meinem Hause hockten, waren mir unheimlich: so muß in früheren Zeiten einem Menschen zumute gewesen sein, der argwöhnte, eine Hexe aus seiner Nachbarschaft habe ihr Augenmerk auf ihn gerichtet oder trage unter ihren Kleidern verborgen ein wächsernes Kind, um es auf seinen Namen zu taufen.

Mein Verhältnis zu den Eingeborenen in bezug auf Rechtssachen war überhaupt von seltsamer Art. Da ich vor allen Dingen Frieden auf der Farm brauchte, konnte ich nicht gut abseits bleiben, denn ein Zwist zwischen den Squattern, der nicht förmlich beigelegt wurde, war wie eine gewisse Art Geschwüre, die es in Afrika gibt und die man Veitgeschwüre nennt: sie heilen, wenn man es nicht hindert, an der Oberfläche, eitern aber im Innern weiter, bis man sie auf den Grund ausschneidet und ganz ausreinigt. Die Schwarzen selbst wußten das und verlangten, wenn sie einen Streit aus der Welt schaffen wollten, von mir das Urteil.

Da ich ihre Satzungen nicht kannte, hatte die Rolle, die ich bei diesen großen Gerichtstagungen spielte, oft Ähnlichkeit mit der einer Primadonna, die keine Ahnung von ihrem Text hat und vom übrigen Ensemble mit durchbugsiert wird. Meine Alten ertrugen diesen Mangel taktvoll und geduldig. Zuweilen ergab sich aber auch die Rolle einer beleidigten Primadonna, die über ihren Part entrüstet ist, sich weigert, weiterzusingen, und von der Bühne abtritt. Wenn das geschah, nahm es mein Publikum als harten Schicksalsschlag hin, als einen Eingriff Gottes, der über ihren Verstand ging, und schaute schweigend zu.

Die Vorstellungen von Gerechtigkeit sind in Europa und Afrika nicht die gleichen, und die der einen Welt sind unerträglich in der anderen. Für den Afrikaner gibt es nur ein Mittel, Unheil zu heilen: der Schaden muß ersetzt werden. Nach Beweggründen einer Handlung fragt er nicht. Ob man einem Feinde auflauert und ihm im Dunkeln die Gurgel durchschneidet oder ob man einen Baum fällt und ein unachtsamer Fremder im Vorbeigehen getötet wird, das gilt bei der Bemessung der Strafe nach Auffassung der Eingeborenen gleich viel. Der Gemeinde ist Schaden zugefügt worden, und der muß aufgewogen werden, irgendwie und von irgend jemandem. Der Schwarze verschwendet keine Zeit und keinen Gedanken daran, die Schuld oder Absicht abzuwägen, sei es, daß er fürchtet, ins Unabsehbare zu geraten, sei es, daß er sich nicht zuständig fühlt. Aber wenn es gilt, mit endlosen Spitzfindigkeiten zu ergründen, wie ein Verbrechen oder ein Unfall in Schafe und Ziegen umgerechnet werden kann, dann kargt er nicht mit der Zeit und führt einen mit feierlicher Gebärde in das heilige Labyrinth der Sophisterei. All das ging damals gegen meinen Begriff von Gerechtigkeit.

In diesem Sittenkodex sind sich alle Afrikaner gleich. Die Somali sind in ihrem Charakter von den Kikuju völlig verschieden, sie verachten sie von ganzem Herzen, aber sie setzen sich daheim in Somaliland genauso zusammen, um einen Mord, Raub oder Betrug in Stücke Vieh umzurechnen, in ihre innig geliebten Kamele und Pferde, deren Namen und Stammbaum sie in ihren Herzen tragen.

Einmal kam Nachricht aus Nairobi, daß Farahs kleiner Bruder, ein zehnjähriger Bub, in einem Ort namens Buramur einen Stein aufgegriffen und einem Buben aus einer anderen Sippe an den Kopf geschmissen und ihm zwei Zähne ausgeschlagen hatte. Den Fall zu schlichten, trafen sich die Vertreter beider Sippen auf der Farm, hockten sich in Farahs Haus auf den Boden und verhandelten Nacht für Nacht. Es waren gebeugte Greise dabei, die in Mekka gewesen waren und den grünen Turban trugen, und freche junge Somali, die, wenn sie sonst nichts zu tun hatten, Jagdhelfer bei den großen europäischen Reisenden und Jägern waren, und dunkeläugige Jünglinge, die zaghaft ihre Familien vertraten, kein Wort sprachen, aber ehrfürchtig lauschten und lernten. Farah erzählte mir, die Sache würde darum so ernst genommen, weil das Gesicht des Buben verunstaltet sei und er es seinerzeit schwer haben werde, eine Frau zu finden, und seine Ansprüche hinsichtlich der Geburt und Schönheit seiner Braut werde herabsetzen müssen. Zuletzt wurde die Strafe auf fünfzig Kamele festgesetzt, also ein halbes »Wehrgeld«. Die fünfzig Kamele wurden im fernen Somaliland gekauft, um nach zehn Jahren dem Preis für ein Somalimädchen zugelegt zu werden und ihre Augen abzuwenden von den zwei Zahnlücken ihres Bräutigams. Vielleicht wurde damit der Grundstock für eine Tragödie gelegt. Farah meinte, er sei noch gut davongekommen.

Die Schwarzen auf der Farm fragten nicht danach, was ich über ihre Rechtsnormen dachte, sie kamen zu mir hauptsächlich, um sich Schadenersatz zu verschaffen für ein Mißgeschick, das sie befallen hatte.

Einmal, in der Kaffee-Erntezeit, wurde ein junges Kikujumädchen namens Wamboi nicht weit von meinem Hause von einem Ochsenwagen überfahren und getötet. Die Wagen brachten den Kaffee vom Felde zur Aufbereitung, und ich hatte verboten, daß jemand mitfuhr, sonst hätte ich auf jeder Fuhre eine Schar von lustigen Pflückerinnen und Kindern erlebt, die sich eine herrliche lange Reise durch die ganze Farm gegönnt hätten — denn kein Tier geht so langsam wie ein Ochse —, und das wäre den Tieren zuviel geworden. Die jungen Fuhrknechte brachten es aber nicht fertig, die traumäugigen Mädchen abzuweisen, die neben dem Wagen herliefen und um ihr Vergnügen bettelten; sie konnten sie nur dazu bringen, da, wo die Straße in Sicht des Hauses kam, wieder abzuspringen. Wamboi fiel dabei hin, und das Rad des Wagens ging über ihren kleinen schwarzen Kopf und brach ihr den Schädel, ein kleines Blutrinnsal sickerte in die Radfurche.

Ich schickte nach ihren alten Eltern, die vom Felde hereinkamen und über ihr zu klagen anhuben. Ich wußte, daß ihr Tod auch eine schwere Einbuße für sie bedeutete, denn das Mädchen war im heiratsfähigen Alter und hätte ihnen eine erkleckliche Summe in Schafen und Ziegen und ein oder zwei Kühe eingebracht. Damit hatten sie seit seiner Geburt gerechnet. Ich überlegte noch, wie weit ich ihnen helfen konnte, als sie mir zuvorkamen und mit großem Nachdruck vollen Schadenersatz von mir forderten.

Ich weigerte mich zu bezahlen. Ich hatte den Mädchen verboten, auf den Wagen mitzufahren, das wußte jedermann auf der Farm. Die Alten nickten, sie dachten nicht daran, das zu bestreiten, aber sie blieben unverrückbar bei ihrer Forderung. Zahlen mußte irgend jemand. Ein Widerspruch gegen diese Idee ging ebensowenig in ihren Kopf wie die Relativitätstheorie. Und es war nicht Habgier oder Trotz, was sie veranlaßte, mir auf den Fersen zu folgen, als ich den Streit abbrach und davonging, sondern eine Art Magnetismus, der sie an mich band, ein Naturgesetz.

Sie kauerten sich hin und warteten vor meinem Hause. Es waren arme Leute, klein und schmächtig; sie sahen aus wie ein Paar alte Dachse, die auf der Wiese kauerten. Sie hockten da, bis die Sonne unterging und ich ihre Gestalten kaum noch vom Gras unterscheiden konnte. Sie waren in tiefe Trauer versunken, ihre Verwaistheit und ihr Vermögensverlust verschmolzen zu einem einzigen übermächtigen Kummer. Farah war an dem Tage fort; als im Hause die Lampen angezündet wurden, schickte ich ihnen Geld hinaus, damit sie sich ein Schaf zum Nachtmahl kaufen konnten. Das war ungeschickt von mir; sie nahmen es fürs erste Zeichen der Erschöpfung einer belagerten Stadt und richteten sich für die Nacht ein. Ich weiß nicht, ob sie es je über sich gebracht hätten, fortzugehen, wenn ihnen nicht spätabends der Gedanke gekommen wäre, den jungen Ochsentreiber für ihren Schaden haftbar zu machen. Dieser Einfall bewog sie, plötzlich wortlos zu verschwinden und am nächsten Morgen früh nach Dagoretti zu wandern, wo unser Bezirkspolizeikommissar seinen Sitz hatte.

Damit brachten sie uns eine Kriminaluntersuchung und zahlreiche großmäulige schwarze Polizisten auf den Hals. Aber der Polizeikommissar wußte ihnen nichts anderes zu bieten, als daß der Ochsentreiber wegen Totschlags gehängt werden würde, und auch diese Aussicht schwand, als er den Fall geprüft hatte und die Ältesten sich weigerten, ein Kyama zu halten, nachdem er und ich von der Sache nichts mehr wissen wollten. So mußten sich denn die beiden Alten unter ein Gesetz der Relativität beugen, von dem sie nichts begriffen, wie andere Menschen auch.

Zuweilen wurden mir meine Ältesten mit ihrem Kyama recht lästig, und ich sagte ihnen, was ich von ihnen hielt. »Ihr alten Männer«, sagte ich, »schröpft die Jungen so, daß sie für sich selber kein Geld sparen können. Die Jungen können sich euretwegen überhaupt nicht rühren, und ihr kauft euch alle Mädchen selber.« Die Alten hörten aufmerksam zu, die kleinen schwarzen Augen in den dürren runzligen Gesichtern zwinkerten, die dünnen Lippen regten sich, als wiederholten sie meine Worte: es machte ihnen Freude, einen so vortrefflichen Grundsatz einmal klar ausgesprochen zu hören.

Bei aller Verschiedenheit unserer Anschauungen bot mir doch meine richterliche Stellung bei den Kikuju mancherlei Handhaben und war mir viel wert. Ich war damals jung und hatte wohl über die Begriffe Recht und Unrecht nachgedacht, aber doch meist vom Standpunkt des Menschen, dem Urteil gesprochen wird: auf dem Richterstuhl hatte ich noch nicht gesessen. Ich gab mir große Mühe, gerecht zu urteilen und auf der Farm Frieden zu halten. Manchmal, wenn die Probleme schwierig wurden, mußte ich mich zurückziehen und mir Bedenkzeit nehmen, gleichsam im Geiste mein Haupt verhüllend, damit niemand mir nahe kam und mich durch Reden störte. Das war für die Farmbewohner immer eine wirksame Geste, und ich hörte sie noch lange Zeit nachher mit Ehrfurcht von dem Fall reden, der so tief gewesen war, daß kein Mensch ihn in weniger als einer Woche ergründen konnte. Man kann auf Schwarze immer Eindruck machen, wenn man mehr Zeit an eine Sache verschwendet als sie selbst — aber leicht ist das nicht.

Daß die Schwarzen mich überhaupt als Richter haben wollten und mein Urteil gelten ließen, findet seine Erklärung in ihrer mythologischen oder theologischen Denkweise. Die Europäer haben die Fähigkeit, Mythen oder Dogmen zu bilden, verloren, und soweit wir solcher bedürfen, sind wir auf unseren ererbten Vorrat angewiesen. Der Geist der Afrikaner hingegen bewegt sich frei und ungehindert auf diesen dämmerigen und verborgenen Pfaden. Dieses Talent tritt in ihrem Verkehr mit den Weißen ganz stark hervor.

Etwas davon findet man in den Namen, die sie den Europäern schon nach kurzer Bekanntschaft zuweisen. Diese Namen muß man kennen, wenn man einen Läufer mit einem Brief zu einem Freunde schicken oder selbst den Weg zu seinem Hause erfragen will, denn die Schwarzen kennen ihn bei keinem anderen Namen. Ich hatte einen ungeselligen Nachbarn, der nie Gäste in sein Haus einlud, der hieß Sahani Moja, »ein Gedeck«; mein schwedischer Freund Erik Otter hieß Risassi Moja, »eine Patrone« — womit gesagt sein sollte, daß er nicht mehr als eine Patrone brauchte, um zu töten —, ein Name, bei dem man sich gerne nennen hört. Ein leidenschaftlicher Autofahrer meiner Bekanntschaft wurde »halb Mann — halb Wagen« genannt. Wenn die Schwarzen den Europäern Tiernamen geben — der Fisch, die Giraffe, der Mastochse —, dann bewegt sich ihr Geist in den Gefilden der alten Sagen, und diese Weißen figurieren, glaube ich, in ihrem dunklen Bewußtsein zugleich als Mensch und Tier.

In solchen Worten steckt Magie: ein Mensch, der viele Jahre in seinem ganzen Kreise unter dem Namen eines Tieres bekannt ist, der fühlt sich schließlich mit dem Tier verwandt, er erkennt sich selbst in ihm wieder. Wenn er nach Europa zurückkommt, dann befremdet es ihn, daß niemand ihn mehr mit dem Tier in Beziehung bringt.

Ich habe einmal im Londoner Zoo einen alten pensionierten Beamten getroffen, den ich in Afrika unter dem Namen Bwana Tembo, Herr Elefant, gekannt hatte. Er stand ganz allein vor dem Dickhäuterkäfig und war in die Betrachtung des Elefanten versunken. Vielleicht ging er da öfter hin. Seine schwarzen Dienstboten hätten das jedenfalls in der Ordnung gefunden, während wahrscheinlich in ganz London kein Mensch ihn verstand.

Der Geist der Schwarzen geht seltsame Wege und ähnelt dem Geist der Menschen von einst, die es ganz natürlich fanden, daß Odin, um die Welt zu durchschauen, sein eines Auge hergab, und die den Gott der Liebe in der Gestalt eines Kindes begriffen, das nichts von Liebe weiß. Wahrscheinlich sahen die Kikuju meine Größe als Richter gerade darin, daß ich von dem Gesetz, nach dem ich Recht sprach, keine Ahnung hatte.

Kraft ihrer mythischen Begabung können die Schwarzen einem auch etwas antun, wogegen man sich nicht wehren und wovor man nicht entfliehen kann. Sie können einen zum Symbol erheben. Ich merkte den Vorgang sehr wohl und hatte mir zum eigenen Gebrauch ein Wort dafür ausgedacht, ich nannte es im stillen die Aufrichtung der ehernen Schlange. Europäer, die lange Zeit unter Schwarzen gelebt haben, werden verstehen, was ich meine, wenn auch das Wort nicht ganz bibelgerecht angewandt ist. Ich glaube — trotz allem, was wir im Lande geleistet haben, allem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt und der Pax Britannica selbst —, daß dieses Aufrichten der ehernen Schlange der einzige wirkliche Gewinn ist, den die Schwarzen aus uns gezogen haben.

Sie konnten nicht alle Weißen zu diesem Behufe brauchen und nicht jeden in gleicher Weise. Sie verliehen uns in ihrer Weltordnung Rangstufen, je nach unserer Brauchbarkeit als eherne Schlangen. Viele meiner Freunde — Denys Finch-Hatton, Galbraith und Berkeley Cole, Sir Northrup MacMillan — genossen in dieser Eigenschaft bei Schwarzen hohe Ehre.

Lord Delamere war eine eherne Schlange ersten Ranges. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Hochland eine Reise machte, zu der Zeit, als die Heuschreckenplage über das Land ging. Die Heuschrecken waren im Vorjahr dagewesen, nun kroch ihre kleine schwarze Brut aus und fraß, was sie übriggelassen hatten, und ließ keinen Halm hinter sich zurück. Für die Schwarzen war das ein furchtbarer Schlag; nach allem, was sie überstanden hatten, war das mehr, als sie ertragen konnten. Es brach ihnen das Herz, sie röchelten und jaulten wie sterbende Hunde, sie rannten mit den Köpfen gegen die Mauer, die sich vor ihnen erhob. Da erzählte ich ihnen zufällig, ich sei durch Delameres Farm gefahren und hätte auf ihr Heuschrecken gesehen, ringsum auf allen Pflanzungen und Weiden, und fügte noch hinzu, Delamere sei in großer Wut und Verzweiflung gewesen. In diesem Augenblick wurden die Hörer ganz still und beinahe heiter. Sie fragten mich, was Delamere von dem Unglück gesagt hätte, und baten mich, es zu wiederholen, und sprachen dann nichts mehr.

Ich besaß als eherne Schlange nicht das Gewicht eines Lord Delamere, aber bei manchen Gelegenheiten erwies ich mich doch für die Schwarzen als brauchbar.

Während des Krieges, als das Schicksal der schwarzen Hilfstruppen auf dem ganzen Volk lastete, kamen die Squatter der Farm zu mir und hockten sich rings ums Haus. Sie sprachen nicht, nicht einmal miteinander, sie richteten ihre Augen auf mich und machten mich zu ihrer ehernen Schlange. Ich konnte sie nicht gut fortjagen, denn sie taten keinen Schaden, und außerdem, wenn ich sie vertrieben hätte, hätten sie sich anderswo wieder hingesetzt. Es war schwer, ihren Anblick zu ertragen. Was mir half, war der Gedanke, daß das Regiment meines Bruders damals in vorderster Linie bei Vinney Ridge lag: ich richtete meine Augen auf ihn und machte ihn zu meiner ehernen Schlange.

Für die Kikuju wurde ich zum Hauptleidtragenden oder Klageweib, sowie uns auf der Farm ein großes Unglück befiel. Das würde auch jetzt nach dem Unfall mit dem Jagdgewehr so werden. Da ich um die Kinder trauerte, kamen die Leute auf der Farm überein, die Sache auf die Seite zu schieben und sie vorläufig ruhen zu lassen. Hinsichtlich unserer Mißgeschicke schauten sie auf mich, wie die Gemeinde auf den Priester schaut, der den Kelch allein leert, aber in aller Namen.

Es ist etwas Eigenes um die Verzauberung: wird sie einem einmal zuteil, so kann man sie nie wieder ganz loswerden. Für mich war es peinlich, sehr peinlich, so am Pranger erhöht zu werden. Ich wäre dem Geschick gern entronnen. Und doch kommen noch Jahre später Ereignisse im Leben, bei denen man sich bei dem Gedanken ertappt: Muß ich mir das gefallen lassen? Ich, die ich eine eherne Schlange war?

Als ich zur Farm zurückritt, traf ich beim Überqueren des Flusses in der Furt mit einigen von Kaninus Söhnen zusammen, drei jungen Männern und einem Buben. Sie trugen Speere und kamen eilig herüber. Als ich sie ansprach und nach ihrem Bruder Kabero fragte, hielten sie mit trauriger Miene und gesenkten Blickes im Waten inne und antworteten leise. Kabero, sagten sie, sei nicht heimgekehrt, und seit er gestern abend davongelaufen sei, habe man nichts mehr von ihm gehört. Sie glaubten, daß er tot sei. Entweder habe er sich selbst in der Verzweiflung umgebracht — der Gedanke an Selbstmord ist allen Schwarzen, auch Kindern, ganz geläufig —, oder er habe sich im Busch verlaufen und sei von wilden Tieren gefressen worden. Seine Brüder hätten in allen Richtungen nach ihm gesucht, jetzt seien sie unterwegs ins Reservat, um ihn dort vielleicht zu finden.

Als ich auf meiner Seite die Uferböschung erstiegen hatte, wandte ich mich um und blickte über die Steppe; mein Gebiet lag höher als das Reservat drüben. Nirgends auf der Steppe war ein Lebenszeichen zu erblicken; nur in weiter Ferne sah man Zebras weiden und umhergaloppieren. Die Gruppe der Suchenden tauchte am anderen Ufer aus dem Gebüsch hervor und machte sich mit raschem Schritt im Gänsemarsch auf ihren Weg; die kleine Patrouille sah aus wie eine kurze Raupe, die sich durchs Gras schlängelte. Zuweilen blinkte die Sonne auf ihren Waffen. Sie schienen sich über ihre Richtung ziemlich im klaren zu sein. Wo war ihr Ziel? Die einzigen Wegweiser, die ihnen auf der Suche nach dem verlorenen Kinde helfen konnten, waren die Geier, die stets im Himmel schweben, wo ein toter Körper auf der Steppe liegt, und einem sicher anzeigen, wo der Löwe seine Beute geschlagen hat.

Aber diesmal würde es nur ein kleiner Körper sein, kein Festessen für die Vielfraße der Luft, nicht viele von ihnen würden über ihm lauern, und nicht lange würden sie bei ihm verweilen. Es war traurig, daran zu denken. Ich ritt heim.

Wamai

Ich ging zum Kyama in Begleitung von Farah. Ich nahm Farah bei allen Verhandlungen mit den Kikuju mit, denn er benahm sich zwar bei seinen eigenen Zwistigkeiten recht töricht und konnte wie alle Somali, wo seine Stammes- und Sippengefühle berührt wurden, völlig den Kopf verlieren, aber wenn andere Leute in Streit gerieten, bewies er Weisheit und Takt. Er war zudem mein Dolmetscher, denn er sprach vorzüglich Kisuaheli.

Ich wußte schon im voraus: der Hauptzweck des Prozesses war, aus Kaninu herauszuquetschen, was nur zu holen war. Seine Schafe würden nach allen Seiten davongetrieben werden, teils um die Eltern der toten und verwundeten Kinder zu entschädigen, teils um die Kosten des Kyama zu decken. Mir ging das von Grund aus gegen den Strich. Kaninu, sagte ich mir, hat seinen Sohn geradeso verloren wie die anderen Väter, und das Schicksal seines Kindes schien mir das tragischste von allen. Wamai war tot und aller Not ledig, und Wanyangerri war im Krankenhaus und wurde versorgt, aber Kabero war von allen verlassen, und niemand wußte, wo seine Gebeine lagen. Nun eignete sich Kaninu freilich ungewöhnlich gut für die Rolle des Ochsen, der zum Festschmaus gemästet ist. Er war einer meiner größten Squatter und stand auf meiner Pachtliste mit fünfunddreißig Stück Vieh, fünf Frauen und sechzig Ziegen. Sein Dorf lag dicht bei meinem Walde, ich sah seine Kinder und seine Ziegen oft genug und mußte immerfort seinen Weibern auf die Finger passen, weil sie mir die dicksten Bäume im Walde fällten. Ein Kikuju versteht nichts von Luxus, der Reichste lebt wie der Ärmste, und wenn ich in Kaninus Hütte trat, fand sich darin kein Möbelstück, außer vielleicht einem kleinen Holzschemel zum Sitzen. Aber Kaninus Dorf bestand aus vielen Hütten, und es wimmelte darin von alten Weibern, jungem Volk und Kindern, und der lange Zug von Rindern, die um die Melkzeit bei Sonnenuntergang über die Steppe auf das Dorf zuschritten, neben sich auf dem Grase ihre blauen Schatten mit sich ziehend — all das verlieh dem alten gebückten Manne im Fellmantel mit den tausend kleinen schmutzigen Furchen im dunklen häßlichen Gesicht unleugbar das Gepräge eines Nabobs der Farm.

Ich hatte mit Kaninu manchen hitzigen Streit ausgefochten, ich hatte ihm sogar gedroht, ihn von der Farm zu verjagen, und zwar wegen eines Gewerbes, das er betrieb. Kaninu stand mit dem benachbarten Massaistamm auf gutem Fuß und hatte vier oder fünf von seinen Töchtern hinüber verheiratet. Die Kikuju selbst erzählten mir, daß die Massai es in alten Zeiten unter ihrer Würde fanden, sich mit den Kikuju zu vermischen. Aber zu unserer Zeit hatte dies seltsame aussterbende Volk seinen Stolz zügeln müssen, um sein völliges Versiegen hinauszuzögern; die Massaifrauen hatten keine Kinder, und die jungen, fruchtbaren Kikujumädchen waren darum sehr gefragt. Kaninus Nachkommen waren durchwegs wohlgebaute Geschöpfe, und er hatte eine erkleckliche Zahl stattlicher munterer junger Rinder im Austausch gegen seine Töchter über die Grenze des Reservats herübergebracht. Mancher alte Kikujuhausvater ist damals auf die gleiche Art reich geworden. Der große Häuptling der Kikuju, Kinanjui, hat, wie man mir erzählt, mehr als zwanzig Töchter an die Massai vergeben und über hundert Stück Vieh dagegen erhalten. Aber seit einem Jahr war das Kikujureservat wegen Maul- und Klauenseuche mit Quarantäne belegt, und kein Vieh durfte mehr herübergeholt werden. Das war ein schwerer Schlag für Kaninus Geschäft. Denn die Massai sind Nomaden und wechseln ihren Wohnsitz je nach Jahreszeit, Regen und Weidegrund, und die Kühe in ihrer Herde, die von Rechts wegen Kaninu gehörten, waren weit verstreut und grasten zeitweilig vielleicht hundert Meilen weit weg, und niemand wußte, was dort mit ihnen geschah. Die Massai sind als Viehhändler skrupellos gegen jedermann, erst recht also gegen die Kikuju, die sie verachten; sie sind auch schöne Krieger und stark in der Liebe. In ihren Händen wandelten sich die Herzen von Kaninus Töchtern wie einst die Herzen der Sabinerinnen, und er konnte nicht mehr auf sie rechnen. Der alte gerissene Kaninu beschloß darum, sein Vieh in der Nacht, wenn der Bezirkskommissar und das Veterinäramt schliefen, übers Wasser schmuggeln zu lassen. Das war ein arglistiger Plan, denn die Quarantänebestimmungen gehören zu denen, die die Schwarzen gut begreifen und hochhalten. Wären die Kühe auf meinem Grund und Boden betroffen worden, so würde die Farm ebenfalls mit Quarantäne belegt worden sein. Ich schickte deshalb Wächter an den Fluß, um Kaninus Helfer abzufangen, und es gab in mondhellen Nächten aufregende Überfälle aus dem Hinterhalt und Hetzjagden den silbernen Flußlauf entlang; die Rinder, auf die es hauptsächlich ankam, wurden scheu und rannten nach allen Richtungen davon.

Jogona, der Vater des getöteten Kindes Wamai, war ein armer Mann. Er hatte nur ein altes Weib, und sein ganzer irdischer Besitz waren drei Ziegen. Es sah auch nicht aus, als würde er es je weiterbringen, denn er war ein sehr schlichter Mann. Ich kannte Jogona gut. Ein Jahr vor dem Unfall und der Einsetzung des Kyama war auf der Farm ein entsetzlicher Mord vorgefallen. Zwei Inder, die ein Stück weiter flußauf eine Mühle von mir gepachtet hatten und für die Kikuju Mais mahlten, waren nachts erschlagen worden, ihr Eigentum war geraubt, die Täter fand man nie. Der Mord scheuchte alle indischen Händler und Ladenbesitzer der Gegend auf; sie verschwanden, wie vom Sturm verweht; ich mußte Pooran Singh unten in meiner Fabrik mit einer alten Schrotflinte bewaffnen, und auch dann kostete es noch viel Überredung, ihn zum Bleiben zu bewegen. Auch ich glaubte, in den ersten Nächten nach dem Mord bei meinem Hause Fußtritte zu hören, und stellte darum eine Woche lang einen Nachtwächter auf, und dieser Mann war Jogona. Er war sehr sanftmütig und hätte gegen Mörder nichts ausgerichtet, aber er war ein freundlicher alter Mann, und es war nett, mit ihm zu plaudern. Er hatte das Benehmen eines fröhlichen Kindes, sein breites Gesicht hatte etwas Leuchtendes und Eindringliches, und sooft er mich sah, lachte er. Er schien sich auch jetzt sehr zu freuen, als er mich beim Kyama erblickte.

Aber der Koran, den ich damals studierte, sagt: »Du sollst das Recht nicht beugen zugunsten der Armen.«

Außer mir war noch ein Mitglied der Versammlung sich darüber im klaren, daß sie zusammengetreten war, um Kaninu zu schröpfen. Das war Kaninu selbst. Die anderen Alten saßen im Kreise herum, in gespannter Aufmerksamkeit alle Gedanken auf den bevorstehenden Prozeß richtend. Kaninu hockte am Boden und hatte seinen großen Ziegenfellmantel über den Kopf gezogen. Von Zeit zu Zeit kamen winselnde und wimmernde Töne darunter hervor wie von einem Hunde, den, des Jaulens müde, nur eben noch sein Elend am Leben erhält.

Die Alten wollten die Beratung mit dem Fall des verwundeten Kindes Wanyangerri beginnen, weil er ihnen Gelegenheit zu endlosem Gerede gegeben hätte. Wie hoch würde der Schadenersatz sein, wenn Wanyangerri tot wäre? Oder wenn er verstümmelt wäre? Wenn er die Sprache verloren hätte? Farah erklärte in meinem Namen, daß ich darüber nicht verhandeln würde, bevor ich in Nairobi gewesen wäre und den Arzt des Krankenhauses gesprochen hätte. Sie schluckten den bitteren Bissen und legten sich ihre Argumente für den nächsten Fall zurecht.

Es sei Aufgabe des Kyama, tat ich ihnen durch Farah kund, den Fall rasch abzutun und nicht den Rest ihres Lebens darüber zu brüten. Denn es sei klar, daß hier kein Mord, sondern ein Unfall geschehen sei.

Das Kyama ehrte meine Rede durch aufmerksames Gehör, aber kaum war sie beendet, wurde der Widerspruch laut.

»Msabu, wir wissen nichts«, sagten sie. »Aber wir sehen, daß du auch nicht genug weißt, und wir verstehen nur wenig von dem, was du uns sagst. Kaninus Sohn hat den Schuß abgefeuert. Wie wäre er sonst der einzige, der nicht getroffen wurde? Willst du mehr davon wissen, so wird Mauge es dir sagen. Sein Sohn war dabei, ihm ist ein Ohr abgeschossen worden.«

Mauge war einer der reichsten Squatter, gewissermaßen Kaninus Rivale auf der Farm. Er war stattlich anzuschauen, und seine Worte hatten Gewicht, obwohl er leise sprach und von Zeit zu Zeit innehalten mußte, um zu denken. »Msabu«, sagte er, »mein Sohn hat mir berichtet: Alle Buben hielten einer nach dem anderen das Gewehr in der Hand und richteten es auf Kabero. Aber er wollte ihnen nicht erklären, wie man damit schießt, er wollte es ihnen durchaus nicht erklären. Schließlich nahm er das Gewehr zurück, und im selben Augenblick schoß es, es verwundete alle Kinder und tötete Wamai, Jogonas Sohn. So und nicht anders hat es sich zugetragen.«

»Das habe ich schon gewußt«, sagte ich, »und das nennt man einen bösen Zufall oder ein Unglück. Geradeso hätte ich den Schuß aus meinem Hause abfeuern können — oder du, Mauge, aus deinem.«

Diese Worte erregten die Versammlung mächtig. Alles blickte auf Mauge, der sehr betreten dreinschaute. Dann sprachen sie eine Weile untereinander, ganz leise im Flüsterton. Schließlich griffen sie die Beratung wieder auf. »Msabu«, sagten sie, »dieses Mal verstehen wir nicht ein Wort von dem, was du sagst. Wir können nur vermuten, daß du eine Kugelbüchse im Sinn hast, da du selbst so gut mit der Büchse schießt, aber nicht so gut mit der Schrotflinte. Wäre es eine Kugelbüchse gewesen, dann hättest du ganz recht. Aber mit einer Schrotflinte kann kein Mensch von deinem Haus oder von Mauges Haus bis hinunter zum Hause von Bwana Menanya schießen und Leute töten, die in dem Hause sind.«

Nach einer kurzen Pause sagte ich: »Jedermann weiß jetzt, daß Kaninus Sohn den Schuß abgegeben hat. Kaninu wird Jogona eine Anzahl Schafe geben, um den Schaden auszugleichen. Aber jedermann weiß auch, daß Kaninus Sohn kein böses Kind war und Wamai nicht töten wollte, und darum wird Kaninu nicht so viele Schafe hergeben, als wenn es der Fall gewesen wäre.«

Darauf erwiderte ein Mann namens Ereri. Er war mit der Zivilisation in engere Berührung gekommen als die anderen, denn er hatte sieben Jahre im Gefängnis gesessen.

»Msabu«, sagte er, »du meinst, Kaninus Sohn sei nicht böse, und darum werde Kaninu nicht sehr viele Schafe bezahlen. Aber wenn sein Sohn Wamai hätte töten wollen und also ein böses Kind gewesen wäre, würde das für Kaninu gut sein? Würde er sich so darüber freuen, daß er gern viel mehr Schafe hergeben würde?«

»Ereri«, sagte ich, »du weißt, daß Kaninu seinen Sohn verloren hat. Du gehst selbst zur Schule und weißt, daß der Junge in der Schule klug war. Wenn er auch in allem übrigen so gut war, dann ist es schlimm für Kaninu, daß er ihn verloren hat.«

Nun trat eine lange Pause ein; kein Laut kam aus dem Kreise. Schließlich stieß Kaninu, als hätte er sich plötzlich auf ein vergessenes Leid oder eine versäumte Pflicht besonnen, einen langen Jammerton aus.

»Memsahib«, sagte Farah, »laß jetzt diese Kikuju die Zahl nennen, die sie im Sinne haben.« Er sprach auf kisuaheli zu mir, damit die Versammlung ihn verstehen sollte, und versetzte sie damit in große Bestürzung, denn eine Zahl ist etwas ganz Bestimmtes, und das gibt kein Schwarzer gern von sich. Farah ließ seine Augen ringsum kreisen und schlug mit höhnischer Miene vor: »Hundert.« Hundert Schafe waren eine phantastische Zahl, an die niemand im Ernst gedacht hatte. Die Alten fühlten sich dem Spott des Somali preisgegeben und sahen sich genötigt stillezuhalten. Ein ganz alter Mann wisperte: »Fünfzig.« Aber die Zahl schien nichts zu wiegen und verwehte im Luftzug von Farahs Witz. Nach einer Weile sagte Farah selbst in barschem Ton: »Vierzig«, wie ein alterfahrener Händler, der mit Ware und Geld Bescheid weiß. Das Wort entfesselte die verborgenen Gedanken der Versammelten; sie fingen an, lebhaft miteinander zu reden. Jetzt mußte man ihnen viel Zeit lassen, zu grübeln und zu gackern; aber immerhin: der Grund für die Verhandlungen war gelegt. Als wir wieder zu Hause waren, sagte Farah zuversichtlich: »Ich glaube, die Alten werden vierzig Schafe von Kaninu nehmen.«

Kaninu hatte bei dem Kyama noch eine schwere Prüfung zu bestehen. Der alte dickbäuchige Kathego, auch einer von den großen Squattern der Farm, erhob sich und schlug vor, die Schafe und Ziegen Kaninus durchzugehen und einzeln zu bestimmen, welche er abgeben sollte. Das war ganz gegen die Gepflogenheit eines Kyama. Jogona wäre nie auf diesen Gedanken verfallen, und ich konnte mir nur vorstellen, daß er auf einem Abkommen beruhte, das Kathego mit Jogona getroffen hatte, um sich einen Vorteil zu sichern. Ich wartete eine Zeitlang, um zu sehen, was dabei herauskommen würde. Kaninu schien sich anfangs in sein Martyrium zu ergeben, er barg sein Haupt und winselte beim Namen jedes Tieres, als würde ihm für jedes ein Zahn gezogen. Aber als Kathego schließlich, wenn auch zögernd, eine große gelbe, hornlose Ziege bezeichnete, da brach Kaninu das Herz, und mit seiner Kraft war es aus. Er tauchte mit großer Gebärde unter seinem Mantel hervor, brüllte auf mich ein wie ein Stier, hilfeheischend, wahrlich »aus tiefster Not«, bis er mit einem raschen Blick gewahr wurde, daß ich auf seiner Seite war und daß er seine gelbe Ziege nicht verlieren würde. Da setzte er sich ohne einen weiteren Laut hin und warf erst nach einer Weile Kathego einen ganz tiefen, höhnischen Blick zu.

Eine Woche verging mit Sitzungen und außerordentlichen Sitzungen des Kyama. Dann wurde der Schadenersatz endgültig auf vierzig Schafe festgesetzt, die Kaninu an Jogona zu zahlen hatte, ohne daß die Schafe, die abzuliefern waren, einzeln bezeichnet wurden.

Eine Woche später brachte Farah abends, als ich bei Tisch saß, die neuesten Nachrichten über den Fall.

Drei alte Kikuju aus Nyeri, erzählte er, seien tags zuvor auf der Farm eingetroffen. Sie hätten zu Hause in Nyeri von dem Vorfall gehört und sich auf den Weg gemacht, um vor die Schranken zu treten und zu erklären, Wamai sei nicht der Sohn von Jogona, sondern ein Sohn seines verstorbenen Bruders, und somit gebühre der Schadenersatz für seinen Tod von Rechts wegen ihnen.

Ich lächelte über diese Frechheit und meinte, das sehe den Kikuju von Nyeri ähnlich. Nein, sagte Farah nachdenklich, er glaube, sie seien im Recht. Jogona sei tatsächlich vor sechs Jahren aus Nyeri auf die Farm gekommen, und soviel er habe erkunden können, sei Wamai nicht Jogonas Sohn und »sei es nie gewesen«, wie Farah sich ausdrückte. Jogona, fuhr er fort, könne von Glück sagen, daß ihm vor zwei Tagen fünfundzwanzig von den vierzig Schafen übergeben worden seien. Sonst würde Kaninu sie nach Nyeri abtreiben lassen, um sich den Kummer zu ersparen, meinte Farah, sie noch auf der Farm sehen zu müssen, nachdem sie ihm nicht mehr gehörten. Aber Jogona könnte sich noch auf etwas gefaßt machen, denn die Kikuju von Nyeri seien nicht leicht abzuschütteln. Sie hätten sich auf der Farm eingenistet und drohten, den Fall vor den Bezirkskommissar zu bringen.

Ich war also schon vorbereitet, als einige Tage später vor meinem Hause die Leute aus Nyeri erschienen; es waren Kikuju von der niedersten Sorte, und sie sahen ganz aus wie drei zottige schäbige Hyänen, die hundertundfünfzig Meilen weit Wamais Blutspur nachgeschlichen waren. Mit ihnen erschien, in der größten Erregung und Bestürzung, Jogona. Der Unterschied in der Haltung der beiden Parteien rührte wohl daher, daß die Kikuju von Nyeri nichts zu verlieren hatten, während Jogona fünfundzwanzig Schafe besaß. Die drei Fremden hockten sich auf die Steine, ohne mehr Lebenszeichen von sich zu geben als drei Zecken auf einem Schaf. Ich hatte kein Verständnis für ihre Klage, denn wie die Dinge auch liegen mochten: sie hatten sich um das tote Kind bei Lebzeiten nicht gekümmert, und mir tat Jogona leid, denn er hatte sich bei dem Kyama gut benommen und trauerte, wie mir schien, um Wamai. Als ich Jogona vernehmen wollte, zitterte und stöhnte er nur, so daß es unmöglich war, etwas aus ihm herauszubringen, und wir vorderhand nicht weiterkamen.

Nach zwei Tagen aber erschien Jogona wieder, frühmorgens, als ich an meiner Maschine saß, und bat mich, seine Aussagen über seine Beziehungen zu dem toten Kinde und dessen Familie aufzuschreiben. Er wollte den Bericht vor den Bezirkskommissar in Dagoretti bringen. Jogonas schlichte Art hatte etwas Eindrucksvolles, weil er alles so stark erlebte und ganz frei von Eitelkeit war. Offenbar bedeutete ihm sein Entschluß etwas ganz Großes, keineswegs Ungefährliches, an das er mit Scheu heranging.

Ich schrieb seine Aussagen für ihn nieder. Es dauerte lange Zeit, denn der Bericht umfaßte Ereignisse, die mehr als sechs Jahre zurücklagen und außerdem recht verwickelt waren. Jogona mußte sich beim Erzählen oft unterbrechen und alles wieder genau durchdenken oder zurückgreifen und sich verbessern. Währenddessen hielt er meist seinen Kopf mit beiden Händen und versetzte ihm zuweilen einen heftigen Klaps, gleichsam um die Begebenheiten aus ihm hervorzuschütteln. Einmal lehnte er sein Gesicht gegen die Wand, wie es die Kikujuweiber tun, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringen.

Ich machte einen Durchschlag seines Berichtes, den ich heute noch besitze. Es war außerordentlich schwer, den Zusammenhang zu verfolgen, er enthielt eine Menge verwickelter Verhältnisse und nebensächliche Einzelheiten. Ich fand es nicht verwunderlich, daß Jogona Mühe hatte, sich auf alles zu besinnen, ich staunte eher, daß er sich überhaupt noch an die Tatsachen erinnerte. Der Anfang lautete:

»Zu der Zeit, als Waweru Wamai von Nyeri im Sterben lag — ›nataka kufa‹, zu sterben wünschte, sagt man auf kisuaheli —, hatte er zwei Frauen. Die eine Frau hatte drei Töchter, nach Wawerus Tod heiratete sie einen anderen Mann. Die andere Frau hatte Waweru noch nicht ganz bezahlt, er schuldete ihrem Vater für sie zwei Ziegen. Diese Frau verhob sich an einer Ladung Brennholz und hatte eine Fehlgeburt, niemand wußte, ob sie noch mal Kinder bekommen würde …«

In dieser Weise ging die Geschichte fort und führte den Leser durch das dichte Gestrüpp der Lebenszustände und -beziehungen der Kikuju:

»Dieses Weib hatte ein kleines Kind namens Wamai. Das war zu derselben Zeit krank, und die Leute meinten, es habe Fleckfieber. Waweru hatte seine Frau und ihr Kind sehr gern, und als er im Sterben lag, war er sehr bekümmert, weil er nicht wußte, was aus ihr werden würde, wenn er selbst tot wäre. Darum schickte er nach seinem Freunde Jogona Kanyagga, der nicht weit entfernt lebte. Jogona Kanyagga schuldete Waweru damals drei Schillinge für ein Paar Schuhe. Waweru schlug nun vor, sie sollten einen Vertrag machen …«

Der Vertrag lief darauf hinaus, daß Jogona seines sterbenden Freundes Weib und Kind zu sich nehmen und dafür dem Vater der Frau die zwei Ziegen geben sollte, die er ihm von der Kaufsumme noch schuldig war. Von da an wurde der Bericht zu einem Verzeichnis der Ausgaben, die Jogona infolge der Adoption des Kindes Wamai auf sich genommen hatte. Er hatte eine »ungeheuer gute Medizin« für Wamai gekauft, als er krank war, kurz nachdem er ihn zu sich genommen hatte. Ein andermal hatte er ihm beim indischen Händler Reis gekauft, weil er bei Mais nicht gut gedieh. Einmal hatte er fünf Rupien an einen benachbarten weißen Farmer zahlen müssen, weil der behauptete, Wamai habe einen seiner Truthähne in den Teich gejagt. Diese Summe baren Geldes, die er wohl unter großen Schwierigkeiten aufgebracht hatte, muß auf Jogona einen tiefen Eindruck gemacht haben, denn er kam wiederholt auf sie zurück. Aus Jogonas Verhalten ging hervor, daß er inzwischen ganz vergessen hatte, daß das Kind, das er jetzt verloren hatte, nicht sein Kind war. Die Ankunft und der Anspruch der Leute aus Nyeri hatten ihn in mehr als einer Hinsicht erschüttert. Ganz schlichten Menschen liegt es anscheinend nahe, Kinder anzunehmen und für sie wie für eigene zu empfinden; auch die weichherzigen europäischen Proletarier denken nicht anders.

Als Jogona endlich mit seiner Geschichte fertig war und ich alles niedergeschrieben hatte, sagte ich, ich wolle sie ihm nun vorlesen. Er wandte sich von mir ab, während ich las, wie um jede Ablenkung zu vermeiden.

Als ich aber seinen Namen vorlas: »… Darum schickte er nach seinem Freunde Jogona Kanyagga, der nicht weit entfernt lebte …«, da drehte er sein Gesicht schnell zu mir herüber und warf mir einen stolzen leuchtenden Blick zu, so überquellend von lachender Freude, daß der alte Mann zum Buben, zum wahren Sinnbild der Jugend wurde. Und ganz zuletzt, als das Schriftstück zu Ende war und ich seinen Namen las, der zur Bekräftigung unter seinem Daumenabdruck stand, wiederholte sich noch einmal dieser lebensfrohe offene Blick, diesmal inniger und sanfter, voll der neuen Würde.

Solch einen Blick warf Adam dem Herrn zu, als er ihn geformt hatte und ihm den Atem des Lebens in die Nüstern blies und der Mensch eine lebendige Seele wurde. Ich hatte ihn erschaffen und ihm sein Wesen gezeigt. Jogona Kanyagga, der ewig Lebende. Als ich ihm das Papier reichte, ergriff er es ehrfürchtig und begierig, steckte es gefaltet in einen Zipfel seines Mantels und hielt es mit der Hand fest. Er durfte es um nichts in der Welt verlieren, denn seine Seele war darin, und es war der Beweis seiner Existenz. Hier war etwas, was Jogona Kanyagga vollbracht hatte und was seinen Namen für alle Zeit erhalten würde: das Fleisch war Wort geworden und lebte unter uns voll Gnade und Wahrheit.

Die Welt des geschriebenen Wortes ist den Eingeborenen Afrikas in der Zeit, in der ich unter ihnen lebte, erschlossen worden. Ich konnte, wenn ich wollte, noch die Vergangenheit beim Schwanz erwischen und ein Stück auch unserer Geschichte nacherleben: die Zeit, in der den Massen des Volkes in Europa in gleicher Weise die Welt der Schrift offenbart wurde. In Dänemark geschah das vor hundert Jahren, und nach dem, was ich von Leuten erfahren habe, die zu meiner Kindheit schon sehr alt waren, muß ich glauben, daß die Wirkung ganz die gleiche war. Kaum je hat wohl der Mensch eine so demütige und begeisterte Anerkennung des l’art pour l’art an den Tag gelegt.

Anfangs wurden die Botschaften von einem jungen Eingeborenen an den anderen — denn obwohl einige von den Alten vom Zeitgeist ergriffen wurden und auch in meiner Schule ein paar ganz alte Leute saßen und geduldig das Abc durchackerten, hielt sich doch im ganzen die ältere Generation der Neuerung argwöhnisch fern —, anfangs wurden die Briefe von berufsmäßigen Schreibern abgefaßt. Nur wenige von den Schwarzen konnten lesen, und meine Hausboys und die Squatter und Arbeiter auf der Farm brachten darum ihre Briefe zu mir, um sie sich vorlesen zu lassen.

Als ich diese Briefe nacheinander öffnete und las, staunte ich über die Bedeutungslosigkeit des Inhalts. Ich machte den gewöhnlichen Fehler eines mit Vorurteilen behafteten Kulturmenschen. Man hätte ebensogut den Olivenzweig, den Noahs Taube heimbrachte, mit den Augen des Botanikers klassifizieren dürfen. Mochte er aussehen, wie er wollte, er wog mehr als die ganze Arche mit den Tieren darin: er war eine neue grüne Welt.

Die Briefe der Eingeborenen waren alle ziemlich gleich, sie hielten sich an ein erprobtes und ehrfürchtig bewahrtes Muster und lauteten ungefähr folgendermaßen: »Mein lieber Freund Kaman Morefu. Ich will nun die Feder in meine Hand nehmen« — im übertragenen Sinne, denn es war der Schreiber, der die Feder führte — »und Dir einen Brief schreiben, denn ich habe schon lange gewünscht, Dir einen Brief zu schreiben. Mir geht es gut, und meine Hoffnung ist, daß es Dir, mit Gottes Hilfe, sehr gut geht. Meiner Mutter geht es gut. Meiner Frau geht es nicht sehr gut, aber doch habe ich die Hoffnung, daß es Deiner Frau, mit Gottes Hilfe, gutgeht« — so folgte eine lange Liste von Namen mit einer kurzen, meist recht nichtssagenden, zuweilen aber auch ganz phantastischen Bemerkung über jeden. Dann schloß der Brief mit der Wendung: »Nun, mein Freund, will ich diesen Brief beenden, denn ich habe zu wenig Zeit, um Dir zu schreiben. Dein Freund Ndwetti Lori.«

Um ähnliche Botschaften junger strebsamer Europäer zu überbringen, haben sich vor hundert Jahren Postillione in den Sattel geschwungen, sind Pferde galoppiert, haben Posthörner geschmettert und ist Briefpapier mit geschweiften, goldenen Ecken fabriziert worden. Die Briefe sind ersehnt, geliebt und aufgehoben worden; ich habe selbst einige davon gesehen.

Bevor ich Kisuaheli sprechen lernte, hatte meine Mitwirkung bei diesem Schriftverkehr etwas sehr Eigenartiges; ich konnte etwas vorlesen, ohne ein Wort davon zu verstehen. Das Kisuaheli besitzt keine eigene Schrift, erst die Weißen haben die Sprache aufgezeichnet; die Worte werden genau nach der Aussprache geschrieben, so daß keine altertümliche Orthographie dem Leser Fallen stellt. So saß ich denn da und las die Schriftstücke buchstabengetreu, Wort für Wort, die Empfänger der Briefe umringten mich in atemloser Spannung und verfolgten den Text, den ich vortrug, ohne im mindesten zu wissen, worum es ging. Manchmal brachen sie bei meinen Worten in Tränen aus oder rangen die Hände, ein anderes Mal jauchzten sie vor Freude auf, aber meistens lachten sie, schüttelten sich ununterbrochen vor Lachen, während ich las.

Als ich allmählich anfing, zu verstehen, was ich las, merkte ich, daß eine Nachricht an Wichtigkeit um ein Vielfaches gewinnt, wenn sie niedergeschrieben ist. Mitteilungen, die mit Zweifel oder Geringschätzung aufgenommen worden wären, wenn man sie mündlich weitergegeben hätte — denn alle Schwarzen sind große Skeptiker —, galten nunmehr als unverbrüchliche Wahrheit. Die Schwarzen sind außerordentlich hellhörig, wenn beim Sprechen Worte verwechselt werden; derlei Fehler machen ihnen einen diebischen Spaß, und sie vergessen sie nie; man kann sich durch eine einzige Entgleisung der Zunge lebenslänglich einen Spitznamen zuziehen. Aber wenn im Geschriebenen sich ein Fehler fand, was oft vorkam, da die Schreiber recht ungebildete Leute waren, dann bestanden sie darauf, irgendeinen Sinn hineinzudeuten; sie grübelten und debattierten darüber, aber sie glaubten lieber das sinnwidrigste Zeug, als daß sie angenommen hätten, etwas Geschriebenes könne falsch sein. In einem der Briefe, den ich einem jungen Burschen der Farm vorlas, teilte der Schreiber unter anderem ganz lakonisch mit: »Ich habe einen Pavian gekocht.« Ich erklärte ihm, er wollte wohl sagen, er habe einen Pavian gefangen, weil im Kisuaheli die beiden Wörter eine gewisse Ähnlichkeit haben. Aber der Empfänger war damit gar nicht einverstanden. »Nein, Msabu, nein«, sagte er, »was hat er in meinem Brief geschrieben? Was steht da geschrieben?« — »Er hat geschrieben«, sagte ich, »daß er einen Pavian gekocht hat; aber wie käme er dazu, einen Pavian zu kochen? Und wenn er es wirklich getan hätte, dann würde er doch mehr davon schreiben, damit du wüßtest, warum und wie er es getan hat.« Der junge Kikuju war sehr niedergeschlagen über eine so kritische Einstellung zum geschriebenen Wort; er ließ sich seinen Brief geben, faltete ihn sorgfältig zusammen und zog mit ihm ab.

Der Bericht Jogonas, den ich aufgenommen hatte, erwies sich als höchst nützlich, denn nachdem der Bezirkskommissar ihn gelesen hatte, wies er die Berufung der Leute von Nyeri ab, und sie zogen maulend wieder heim in ihr Dorf, ohne von der Farm etwas profitiert zu haben.

Das Schriftstück wurde nun Jogonas großer Schatz. Ich habe es noch mehr als einmal wieder zu sehen bekommen, denn Jogona machte sich ein perlenbesticktes Ledersäckchen dafür und hängte es sich um den Hals. Von Zeit zu Zeit, meist sonntags morgens, erschien er unversehens vor meiner Tür, nahm sein Säckchen herunter, holte das Papier hervor und ließ es sich vorlesen. Einmal, als ich krank gewesen war und zum erstenmal wieder ausritt, erblickte er mich von ferne, rannte mir ein weites Stück nach und blieb atemlos neben meinem Pferde stehen, um mir sein Dokument zu überreichen. Bei jeder Lesung nahm sein Gesicht denselben Ausdruck tiefer frommer Siegesfreude an; hinterher glättete er das Papier sorgsam und tat es in das Säckchen zurück. Die Bedeutung des Dokumentes wurde durch die Zeit nicht verringert, sondern gesteigert, als wäre für Jogona das größte Wunder daran, daß es unverändert blieb. Die Vergangenheit, die festzulegen so schwer gewesen war, die sich wohl jedesmal, wenn er an sie dachte, zu verändern drohte, war hier eingefangen, besiegt und festgebannt vor seinen Augen. Sie war Geschichte geworden, an ihr war nun nichts Wandelbares mehr und kein Schatten einer Veränderung.

Wanyangerri

Als ich das nächste Mal nach Nairobi kam, besuchte ich Wanyangerri im Krankenhaus.

Ich hatte so viele Squatterfamilien auf meiner Farm, daß ich fast immer einen Patienten dort liegen hatte; ich war ständiger Gast des Hauses und stand mit der Oberin und den Wärtern auf gutem Fuß. Ich habe nie einen Menschen gesehen, der Schminke und Puder so dick auftrug wie die Oberin; mit ihrer weißen Haube und ihrem breiten Gesicht sah sie aus wie die russischen Holzpuppen, die sich öffnen lassen und innen wieder eine Puppe haben und in der wieder eine und die man unter dem Namen Katinka verkauft. Sie war eine liebe und tüchtige Oberin, wie man es von einer Katinka erwarten durfte. Donnerstags wurden alle Betten auf einen offenen Platz in der Mitte gebracht und die Gebäude geputzt und gelüftet; das war der netteste Tag im Krankenhaus. Vom Hof aus hatte man einen schönen freien Blick über die dürre Athisteppe im Vordergrund und weit hinaus auf den blauen Gipfel des Donyo Sabonk und die Kette der Muyberge. Es war recht wunderlich, die alten Kikujuweiber in Betten mit weißem Leinenzeug zu sehen, als lägen da alte abgezehrte Maulesel oder andere kranke Lasttiere; sie mußten selbst darüber lachen, taten es aber mit etwas säuerlicher Miene, wie Maulesel es auch tun würden, denn Eingeborene haben Angst vor Krankenhäusern.

Als ich Wanyangerri zum erstenmal im Krankenhaus sah, fand ich ihn so erschüttert und fassungslos, daß ich dachte, es wäre das beste für ihn, wenn er stürbe. Er hatte Angst vor allem, weinte die ganze Zeit, die ich bei ihm war, und flehte, ich sollte ihn zur Farm zurückbringen; er schüttelte sich und zitterte in seinem Verbande. Es verging eine Woche, ehe ich wieder hinkam. Diesmal war er ruhig und gesammelt und empfing mich mit Würde. Er war aber sehr froh, mich zu sehen, und der Wärter sagte mir, er habe mit Ungeduld meine Ankunft erwartet. Er konnte mir heute mit großer Bestimmtheit berichten — er stieß die Worte durch eine Röhre aus, die ihm im Munde steckte —, er sei tags zuvor getötet worden und würde nach einigen Tagen wieder getötet werden.

Der Arzt, der Wanyangerri behandelte, war während des Krieges in Frankreich gewesen und hatte vielen Verwundeten die Gesichter geflickt; er gab sich große Mühe mit ihm, und der Erfolg war erstaunlich. Er setzte ihm ein Metallband als Unterkiefer ein, befestigte es mit einem Scharnier an den erhaltenen Knochen des Gesichts und nähte die zerrissenen Fleischfetzen so zusammen, daß sich eine Art Kinn bildete. Er nahm, wie Wanyangerri mir erzählte, sogar ein Stück Haut von der Schulter, um das Flickwerk zusammenzuhalten. Als am Schluß der Behandlung der Verband abgenommen wurde, war das Gesicht des Kindes sehr verändert und sah sonderbar aus, wie der kinnlose Kopf einer Eidechse. Aber er war imstande, normal zu essen und zu sprechen, wenn er auch seit dem Unfall immer etwas lispelte. Das Ganze dauerte viele Monate. Als ich Wanyangerri besuchte, bat er mich um Zucker; ich brachte ihm dann immer ein paar Löffel voll in einem Stückchen Papier.

Soweit sie nicht vom Grauen vor dem Unbekannten einfach benommen und gelähmt sind, schimpfen und murren die Schwarzen im Krankenhaus dauernd und sinnen auf Mittel zu entkommen. Eines von diesen ist der Tod, den sie gar nicht fürchten. Die Europäer, die die Krankenhäuser gebaut und ausgestattet haben und darin arbeiten und mit großer Mühe die Kranken hinschaffen, beklagen sich bitter, daß die Schwarzen keine Dankbarkeit kennen und daß es ihnen gleichgültig ist, was man für sie tut.

Für Weiße liegt etwas Rätselhaftes und Lebenswidriges in dieser Einstellung der Eingeborenen. Es ist ihnen gleichgültig, was man für sie tut, ja, man kann nur wenig für sie tun, und was man tut, das vergeht, und man spricht nie mehr davon: sie danken einem nichts und tragen einem nichts nach, und selbst wenn man wollte, könnte man sich’s nicht anrechnen. Diese Einstellung hat etwas Erschreckendes, sie vernichtet einen als persönliches Wesen und überträgt einem eine Rolle, die man nicht frei wählt, als wäre man ein Naturereignis, als wäre man das Wetter.

Die zugewanderten Somali unterscheiden sich in dieser Hinsicht von den Eingeborenen des Landes. Sie haben ein lebhaftes Gefühl dafür, wie man sich zu ihnen verhält, ja, man kann sich kaum rühren, ohne sie in irgendeinem Sinn zu treffen, und zwar meist nicht, ohne sie tief zu verletzen. Sie haben einen feinen Sinn für Dankbarkeit und behalten eine Kränkung ihr Leben lang. Eine Wohltat bleibt, ebenso wie eine Beleidigung oder eine Nichtachtung, in ihrem Herzen wie in Stein gemeißelt. Sie sind strenge Mohammedaner und besitzen, wie alle Mohammedaner, ein Sittengesetz, nach dem sie einen beurteilen. Bei einem Somali kann man sein Ansehen in einer Stunde schaffen oder vernichten.

Unter den Eingeborenenstämmen nehmen die Massai eine besondere Stellung ein. Sie vergessen nichts, sie können dankbar sein, und sie bewahren ihren Groll. Sie bewahren alle ihren Groll gegen uns alle, und er wird nicht getilgt, ehe nicht der Stamm selbst getilgt ist.

Aber die vorurteilslosen Kikuju, Wakamba oder Kavirondo kennen kein Moralgesetz. Für sie ist jeder Mensch jeder Handlung fähig, und man kann sie nicht verletzen, selbst wenn man will. Ein Kikuju ist arm oder verdorben zu nennen, wenn es ihm etwas ausmacht, was man ihm antut. Aus ihrer Natur und der Tradition ihres Volkes heraus betrachten sie unsere Handlungen wie Ereignisse der Natur. Sie bewerten einen nicht, aber sie sind scharfe Beobachter. Die Summe ihrer Beobachtungen ergibt das, wofür sie einen halten, den guten oder bösen Namen.

Die ganz armen Menschen in Europa sind in der Beziehung ähnlich wie die Kikuju. Sie bewerten einen nicht, sie konstatieren einen. Wenn sie einen gern haben oder achten, dann tun sie es so, wie die Menschen Gott lieben: nicht für das, was man ihnen tut, ganz gewiß nicht für das Gute, das man ihnen tut, sondern für das, was man ist.

Eines Tages sah ich bei meinen Wanderungen durch das Krankenhaus drei neue Patienten, einen ganz schwarzen Mann mit einem dicken schweren Kopf und zwei Buben; alle drei hatten Verbände am Halse. Einer der Wärter auf der Station war ein rechter Kriecher und Schwätzer und berichtete mir mit Vorliebe von den Fällen, bei denen es etwas zu klatschen gab. Als er mich vor den Betten der Neuankömmlinge stehenbleiben sah, kam er heran und erzählte mir ihre Geschichte.

Es waren Nubier aus der Kapelle der afrikanischen Schützen, der schwarzen Truppe der Keniakolonie. Die Buben waren Trommler und der Mann Hornist. Der Hornist hatte viele Mißhelligkeiten in seinem Leben durchgemacht und darüber den Verstand verloren, was bei Schwarzen leicht vorkommt. Er hatte erst sein Gewehr nach rechts und links über die Baracken abgefeuert und, als die Patronen zu Ende waren, sich und die zwei Buben in seine Wellblechhütte eingesperrt und versucht, ihnen und sich die Kehle durchzuschneiden. Der Wärter bedauerte sehr, daß ich sie nicht gesehen hätte, wie sie eingeliefert wurden; sie seien vollkommen blutüberströmt gewesen, so daß man gedacht hätte, sie seien tot. Jetzt seien sie außer Gefahr, und der Mörder sei wieder ganz bei Sinnen.

Während der Erzähler seine Geschichte zum besten gab, folgten die drei, von denen sie handelte, in ihren Betten mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Worten. Sie unterbrachen ihn, um Einzelheiten zu berichten; die Buben, die nur mühsam reden konnten, wandten sich an den Mann im Mittelbett und ließen sich von ihm ihre Aussagen bestätigen, überzeugt, daß er sein Bestes tun würde, damit ich die Geschichte so wirkungsvoll wie möglich vorgesetzt bekäme. »Hast du nicht Schaum vorm Mund gehabt? Hast du nicht gekreischt?« fragten sie ihn. »Hast du nicht gesagt, du würdest mich in so kleine Stücke schneiden wie Heuschrecken?« Der Mörder sagte nur mit trüber Miene: »Ja, ja.«

Manchmal hatte ich in Nairobi einen halben Tag lang nichts zu tun, als auf eine geschäftliche Besprechung zu warten oder auf die Post aus Europa, wenn sich der Zug von der Küste verspätete. In solchen Fällen fuhr ich, wenn ich nichts Besseres wußte, zum Krankenhaus und holte mir ein paar von den Genesenden zu einer Vergnügungsfahrt. Zu der Zeit, als Wanyangerri behandelt wurde, hielt der Gouverneur Sir Edward Northey ein paar junge Löwen, die er dem Londoner Zoo schicken wollte, in einem Käfig beim Gouvernementsgebäude. Das war eine große Attraktion für die Insassen des Krankenhauses; alle baten, sie sehen zu können. Ich hatte den drei Regimentsmusikern versprochen, sie hinzufahren, sowie sie gesund genug waren, aber keiner wollte mit, bevor sie nicht alle drei soweit wären. Beim Hornisten dauerte es am längsten; einer der Buben war schon entlassen, bevor der Mann mitfahren konnte. Der Junge kam täglich ins Krankenhaus und erkundigte sich nach ihm, um ja nicht um seine Ausfahrt zu kommen. Ich traf ihn eines Nachmittags vor der Tür; er erzählte mir, der Hornist habe immer noch entsetzliches Kopfweh; aber das sei ja nicht zu verwundern, nachdem er so viele Teufel im Kopf gehabt habe.

Schließlich waren sie alle drei soweit und standen, in tiefe Betrachtung versunken, vor dem Käfig. Der eine junge Löwe, wütend, daß man ihn so lange anstarrte, sprang plötzlich in die Höhe, reckte sich und brüllte auf, so daß die Zuschauer erschraken und der kleinere von den Buben hinter dem Hornisten Schutz suchte. Als wir zurückfuhren, sagte er zu ihm: »Der Löwe war grad so böse wie du.«

Während dieser ganzen Zeit ruhte der Fall Wanyangerri draußen auf der Farm. Seine Verwandten kamen manchmal und fragten, wie es ihm gehe; aber außer seinem kleinen Bruder fürchteten sie sich anscheinend, ihn zu besuchen. Auch Kaninu kam spätabends bei mir vorbei, um sich nach dem Kinde zu erkundigen. Farah und ich versuchten gelegentlich, seine Leiden abzuwägen und in Schafe umzurechnen.

Einige Wochen nach dem Unfall kam Farah wieder mit Neuigkeiten zu mir.

Er trat in solchen Fällen herein, wenn ich bei Tisch saß, stellte sich am Ende der Tafel aufrecht hin und ging daran, meine Unwissenheit zu erleuchten. Farah sprach gut Englisch und Französisch, nur einige Fehler behielt er hartnäckig bei. So sagte er »außerdem« statt »außer« — »alle Kühe sind heimgekommen, außerdem die graue Kuh« —, und statt ihn zu verbessern, gebrauchte ich dieselben Wendungen, wenn ich mit ihm sprach. Sein Gesicht und seine Haltung waren sicher und würdevoll, aber der Anfang seiner Rede war oft dunkel. »Memsahib«, sagte er, »der Kabero.« Das war die Überschrift, ich wartete, was nun kommen würde.

Nach einer Pause nahm Farah das Thema auf. »Du glaubst, Memsahib«, sagte er, »Kabero sei tot und von Hyänen aufgefressen. Er ist nicht tot. Er ist bei den Massai.«

Zweifelnd fragte ich ihn, woher er das wisse. »Oh, ich weiß es«, sagte er. »Kaninu hat viele Töchter an die Massai verheiratet. Als Kabero keinen Menschen wußte, der ihm helfen würde, außerdem die Massai, lief er davon zu dem Mann seiner Schwester. Er hat freilich Schlimmes durchgemacht. Er hat eine ganze Nacht oben auf einem Baume gesessen, und die Hyänen haben unten gelauert. Jetzt lebt er bei den Massai. Da ist ein reicher alter Massai mit vielen hundert Kühen, der hat keine Kinder und möchte Kabero haben. Kaninu weiß das sehr gut und ist oft bei den Massai gewesen, um alles zu bereden. Aber er hat Angst, es dir zu sagen; er meint, wenn die Weißen es erfahren, dann wird Kabero in Nairobi gehängt werden.«

Farah sprach von den Kikuju immer in herablassendem Ton. »Die Massaiweiber«, sagte er, »bekommen keine Kinder. Sie möchten nur zu gern Kikujukinder haben. Sie stehlen sie sich oft. Aber dieser Kabero«, fuhr er fort, »wird zur Farm zurückkehren, wenn er groß ist; er wird nicht leben wollen wie die Massai, die immer von einem Ort zum anderen wandern. Die Kikuju sind zu faul dazu.«

Von der Farm aus konnten wir das tragische Schicksal des aussterbenden Massaistammes am anderen Ufer des Flusses Jahr um Jahr verfolgen. Sie waren Krieger, die nicht mehr kämpften, ein sterbender Löwe mit gekappten Klauen, ein entmanntes Volk. Man hatte ihnen ihre Speere, ja sogar ihre prächtigen Schilde genommen, und im Jagdschutzgebiet verfolgten die Löwen ihre Rinderherden. Ich hatte auf der Farm einmal drei junge Bullen, die verschnitten wurden, um als zahme Ochsen meine Pflüge und Wagen zu ziehen. Man sperrte sie im Hof der Aufbereitung ein. Nachts witterten die Hyänen das Blut, brachen ein und töteten sie. So, schien mir, war das Schicksal der Massai.

»Kaninus Frau«, sagte Farah, »ist traurig, daß sie ihren Sohn so viele Jahre entbehren soll.«

Ich ließ Kaninu nicht kommen, denn ich wußte nicht, ob ich Farahs Bericht trauen sollte oder nicht, aber als er das nächste Mal an mein Haus kam, trat ich hinaus und sprach mit ihm. »Kaninu«, fragte ich, »lebt Kabero? Ist er bei den Massai?« Ein Schwarzer ist nie unvorbereitet auf etwas, was man tut, und Kaninu brach in Schluchzen über sein verlorenes Kind aus. Ich hörte und sah ihm eine Weile zu. »Kaninu«, sagte ich dann, »bring Kabero hierher. Er wird nicht gehängt werden. Seine Mutter soll ihn bei sich auf der Farm haben.« Kaninu hatte sich in seinem Wehklagen nicht unterbrechen lassen, aber sein Ohr mochte das unselige Wort Hängen erhascht haben; sein Jammer wechselte in eine tiefere Tonart; er erging sich in Schilderungen des hoffnungsvollen Knaben und Beteuerungen seiner innigen Vorliebe für ihn.

Kaninu besaß eine Menge Kinder und Enkelkinder. Da sein Gehöft nicht weit von meinem Hause war, trieben sie sich immer in der Nähe herum. Unter ihnen war ein ganz kleines Enkelkind, der Sohn einer der Töchter, die Kaninu ins Massaireservat vergeben hatte, die aber zurückgekehrt war und ihr Kind mitgenommen hatte. Der Junge hieß Sirunga. Die Blutmischung trat in ihm in einer übersprudelnden Lebendigkeit hervor, einer solchen Fülle von Einfällen und Späßen, daß er kaum noch ein Mensch zu sein schien: ein flackerndes Flämmchen eher, ein Nachtvogel, ein kleiner Kobold der Farm. Aber er war epileptisch, und darum fürchteten sich die anderen Kinder vor ihm und jagten ihn weg, wenn sie spielten, und nannten ihn Scheitani — der Teufel —, so daß ich ihn zu mir ins Haus nahm. Da er krank war, konnte er nichts arbeiten, aber er versah um so vortrefflicher den Dienst eines Narren oder Witzboldes und folgte mir überallhin wie ein kleiner zappelnder schwarzer Schatten. Kaninu kannte meine Liebe zu dem Kinde und hatte sie bisher mit einem großväterlichen Lächeln abgetan; jetzt aber griff er sie auf, spielte sie gegen mich aus und entnahm ihr alle Gefühlswerte, die sie hergab. Er verkündete in großem Ernst, lieber möchte er Sirunga zehnmal von Leoparden zerrissen sehen als Kabero verlieren; ja, mehr noch, da Kabero verloren sei, möge auch Sirunga dahinfahren, ihm sei alles gleich um Kaberos willen. Kabero sei der Apfel seines Auges und das Blut seines Herzens gewesen.

War Kabero wirklich tot, so war dies Davids Klage über seinen Sohn Absalom, eine Tragödie, an die nicht zu rühren war, ein fruchtloser Redestrom. War er aber am Leben und verbarg sich bei den Massai, dann war das mehr als tragisch, dann war es Kampf oder Flucht, ein Ringen um das Leben eines Kindes.

Ich habe die Gazellen in der Steppe dieses Spiel treiben sehen, wenn ich versehentlich an die Stelle kam, wo sie ihr Neugeborenes verborgen hielten. Dann tanzten sie und blieben vor einem stehen, hüpften, kapriolten oder stellten sich lahm, als könnten sie nicht von der Stelle — alles nur, um die Aufmerksamkeit von ihrem Jungen abzulenken. Und plötzlich, buchstäblich unter den Hufen des Pferdes, sah man das Kitzlein, den winzigen Kopf flach aufs Gras gestreckt, mäuschenstill kauern, indes die Mutter um sein Leben tanzte. Ein Vogel kann das gleiche Theater aufführen, um seine Brut zu schützen, er schwirrt und flattert und spielt sogar höchst geschickt den Verwundeten, der seine gebrochene Schwinge am Boden schleift.

So spielte Kaninu sein Spiel vor mir. Stand wirklich dem Alten noch so viel Wärme und so viel Sprungkraft zu Gebote, wenn es um das Leben seines Kindes ging? Seine Knochen knackten beim Tanze; er vertauschte sogar sein Geschlecht, er nahm die Gestalt eines alten Weibes an, einer Henne, einer Löwin — das Spiel war so offenbar eine weibliche Erfindung. Es war ein groteskes Schaustück und hatte doch zugleich etwas Ehrwürdiges wie ein Strauß, der sein Weibchen beim Brüten der Eier ablöst. Keines Weibes Herz hätte der Vorführung ungerührt widerstanden.

»Kaninu«, sagte ich, »wenn Kabero zur Farm zurückkehren will, so kann er das tun, und es soll ihm kein Leid geschehen. Aber du selbst mußt ihn dann hierher zu mir bringen.« Kaninu wurde totenstill; er neigte sein Haupt und schritt bekümmert davon, als hätte er seinen letzten Freund auf dieser Welt verloren.

Ich möchte hier gleich erzählen, wie Kaninu dies Wort in seinem Herzen bewahrte und tat, wie ihm geheißen war. Sechs Jahre später, als ich den ganzen Vorfall schon fast vergessen hatte, ließ er mich eines Tages durch Farah um eine Unterredung bitten. Er stand vor dem Hause voller Würde, einen Fuß lässig von sich gestreckt, aber im innersten Herzen merklich unsicher. Er redete mich in verbindlichem Ton an. »Kabero ist wieder da«, sagte er. Ich beherrschte damals schon die Kunst der Pause und sagte kein Wort. Der alte Kikuju fühlte die Schwere meines Schweigens, er wechselte den Fuß, und seine Augenlider bebten. »Mein Sohn Kabero ist auf die Farm zurückgekehrt«, wiederholte er. Ich fragte: »Ist er von den Massai zurückgekehrt?« Augenblicklich, durch die Tatsache allein, daß er mich zum Reden gebracht hatte, nahm Kaninu unsere Versöhnung für vollzogen; er lächelte zwar noch nicht, aber alle die schlauen Fältchen seines Gesichtes richteten sich, als wären sie an einen Faden geknüpft und angezupft, auf ein Lächeln aus. »Ja, Msabu, ja, er ist von den Massai zurück«, sagte er, »er ist zurückgekehrt, um für dich zu arbeiten.« Die Regierung hatte in der Zwischenzeit das Kopanda eingeführt, die Registrierung aller Eingeborenen; wir mußten also einen Polizeibeamten von Nairobi kommen lassen, um aus Kabero einen rechtmäßigen Bewohner der Farm zu machen. Kaninu und ich verabredeten einen Tag.

Am bestimmten Tage erschienen Kaninu und sein Sohn lange vor dem Polizeibeamten. Kaninu stellte mir Kabero mit der harmlosesten Miene vor, aber im Grunde hatte er etwas Angst vor seinem heimgekehrten Sohne. Er hatte Grund dazu, denn das Massaireservat hatte ein Lämmlein von der Farm erhalten und gab uns einen jungen Leoparden zurück. Kabero muß wohl Massaiblut in den Adern gehabt haben; die Sitten und die Zucht der Massai allein hätten nie eine solche Verwandlung an ihm verrichten können. Da stand er nun, ein Massai vom Kopf bis zum Fuß.

Ein Massaikrieger ist ein schönes Bild. Diese jungen Leute haben im höchsten Maße die seelische Haltung, die wir schneidig nennen; so verstiegen und wild phantastisch, wie sie scheinen, sind sie doch ihrer eigensten Natur und ihrem eingeborenen Ideal unbeirrbar treu geblieben. Ihr Stil ist kein angelerntes Betragen, keine Nachäffung fremden Vorbilds, er ist von innen heraus gewachsen und ein Ausdruck des Volkes und seiner Geschichte, und ihre Waffen und Zierat sind so gut ein Teil ihres Wesens wie das Geweih des Hirsches.

Kabero hatte sich die Frisur der Massai zugelegt; er trug das Haar lang und zu einem dicken Zopf zusammengeschnürt mit einem Lederriemen um die Stirn. Er hatte sich die Kopfhaltung der Massai angewöhnt, das Kinn vorgestreckt, als präsentiere er sein mürrisches, freches Gesicht auf einem Tablett. Auch sonst hatte er das starre, passive, anmaßende Gehaben eines Kriegers, der sich als Gegenstand der Betrachtung hinstellt wie eine Statue, eine Gestalt, die sichtbar ist, aber selbst nicht sieht.

Die jungen Massaikrieger leben von Milch und Blut; mag sein, daß sie dieser Kost ihre wundervoll zarte und seidige Haut verdanken, ihre Gesichter mit den hohen Backenknochen und der kühn geschwungenen Kinnlade sind glatt und prall ohne Furche oder Falte; die düsteren blicklosen Augen sind eingebettet wie zwei dunkle Steine in ein Mosaik; überhaupt haben die jungen Morani etwas von den Gestalten in Mosaiken. Ihre Halsmuskeln schwellen in einer auffallend drohenden Weise wie der Nacken einer wütenden Kobra, eines Leoparden oder eines kämpfenden Stieres; diese Gedrungenheit ist so sehr ein Kennzeichen des Männlichen, daß sie wirkt wie eine Kriegserklärung an die ganze Welt, außer an das Weib. Der große Gegensatz oder die Übereinstimmung der glatten prallen Gesichter, der mächtigen Hälse und breiten gedrungenen Schultern, mit den erstaunlich schmalen Taillen und Hüften, die schlanken mageren Schenkel und Knie und die langen geraden sehnigen Beine geben ihnen das Aussehen von Geschöpfen, die durch harte Zucht ein Höchstmaß von Raublust, Gewaltsamkeit und Habgier erlangt haben.

Die Massai haben einen besonderen hohen Gang, sie setzen einen schmalen Fuß genau vor den anderen, die Bewegungen der Arme und Hände sind sehr elastisch. Wenn ein junger Massai mit Bogen und Pfeil schießt und die Sehne des Bogens schnellen läßt, hört man die Sehnen seiner langen Unterarme dem Pfeil in der Luft förmlich nachschwirren.

Der Polizeibeamte aus Nairobi war ein junger Mann, frisch von England eingetroffen und voller Eifer. Er sprach perfekt Kisuaheli, so daß ich und Kaninu nicht verstanden, was er sagte. Er vertiefte sich mit großem Ernst in den einstigen Unglücksfall mit der Schrotflinte und unterwarf Kaninu einem Kreuzverhör, unter dem der Kikuju zu Holz erstarrte. Als er fertig war, erklärte er mir, seiner Ansicht nach sei Kaninu erbärmlich behandelt worden, der ganze Fall müsse in Nairobi noch einmal aufgerollt werden. »Das wird Sie und mich Jahre unseres Lebens kosten«, sagte ich. Er bat, bemerken zu dürfen, daß das kein Gesichtspunkt sei, der bei Ausübung der Gerechtigkeit maßgebend sein dürfe. Kaninu sah mich an; einen Augenblick glaubte er, in eine Falle geraten zu sein. Schließlich stellte sich heraus, daß der Fall zu alt war, um nochmals aufgegriffen zu werden. Es geschah also nichts, außer daß Kabero ordnungsgemäß auf der Farm eingetragen wurde.

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Aber alles dies ereignete sich erst Jahre später. Sieben Jahre lang blieb Kabero für die Farm tot und wanderte mit den Massai, und Kaninu hatte derweil manches Schwere zu überstehen. Bevor der Fall für ihn erledigt war, traten noch Mächte ins Spiel, die ihn packten und zermalmten.

Viel kann ich nicht davon erzählen. Einmal, weil es verborgene Mächte seines Inneren waren, und dann, weil inzwischen für mich selbst Ereignisse eintraten, die meine Gedanken von Kaninu und seinem Schicksal abwandten und alles, was die Farm betraf, für mich in Dunst hüllten wie den fernen Gipfel des Kilimandscharo, den ich zuweilen von der Farm aus sehen konnte und zuweilen nicht. Die Schwarzen nahmen solche Zeiten der Geistesabwesenheit geduldig hin, als wäre ich wirklich aus ihrem Dasein in eine andere Sphäre entrückt, und sprachen hinterher so, als wäre ich inzwischen fort gewesen. »Der große Baum fiel um«, sagten sie, »mein Kind starb, während du bei den Weißen warst.«

Als Wanyangerri so weit genesen war, daß er das Hospital verlassen konnte, holte ich ihn auf die Farm zurück und sah ihn dann nur noch gelegentlich bei einer Ngoma oder auf der Weide.

Einige Tage nach seiner Rückkehr stellten sich sein Vater Wainaina und seine Großmutter vor meinem Hause ein. Wainaina war ein kleiner rundlicher Mann, eine Seltenheit unter den Kikuju, die fast durchwegs schlanke Leute sind. Er trug ein schütteres Bärtchen und hatte zudem noch die Eigenheit, daß er einem nicht gerade ins Gesicht sehen konnte. Er machte den Eindruck eines geistigen Troglodyten, der in Frieden gelassen sein will. Mit ihm kam seine Mutter, ein uraltes Kikujuweib.

Die schwarzen Frauen scheren sich den Kopf, und es ist merkwürdig, wie bald man selbst findet, daß diese kleinen runden, sauberen Schädel, die wie eine Art dunkler Nüsse aussehen, der einzig richtige Ausdruck des Fraulichen sind und daß ein Haarschopf auf dem Kopf einer Frau ebenso unweiblich ist wie ein Bart. Wainainas alte Mutter hatte die kleinen Büschel weißer Haare auf ihrem runzeligen Skalp wachsen lassen und erweckte dadurch, wie ein unrasierter Mann, den Eindruck der Verwahrlosung oder Schamlosigkeit. Sie lehnte sich auf ihren Stock und ließ Wainaina das Wort führen, aber ihr Schweigen hatte etwas Funkensprühendes, als wäre sie geladen mit einem zehrenden Lebensfeuer, von dem sie ihrem Sohn nichts abgegeben hatte.

Das Geschäft, um dessentwillen sie zu meinem Hause geschlurft kamen, war friedfertiger Natur. Wanyangerri, so erzählte der Vater, könne keinen Mais essen und sie seien arme Leute und hätten wenig Mehl und keine Milchkuh. Ich möchte ihnen doch, bis der Fall Wanyangerri geklärt sei, von meinen Kühen etwas Milch geben. Sonst wüßten sie nicht, wie sie das Kind am Leben erhalten sollten, bis der Schadenersatz geleistet sei.

Farah war an dem Tage wegen einer seiner Familienzwistigkeiten in Nairobi. In seiner Abwesenheit stimmte ich zu, daß Wanyangerri täglich etwas Milch von meiner Kuhherde erhalten sollte, und gab meinen Hausboys — die sich merkwürdig störrisch oder verlegen zeigten — Anweisung, sie jeden Morgen abholen zu lassen.

Darüber vergingen zwei oder drei Wochen, da erschien eines Abends Kaninu bei mir. Er stand unversehens im Zimmer, wo ich nach Tisch lesend am Feuer saß. Da die Schwarzen gemeinhin eine Aussprache im Freien vorziehen, war ich nach der Art, wie die Tür hinter meinem Rücken geschlossen wurde, auf eine überraschende Mitteilung gefaßt. Aber die erste Überraschung war die, daß Kaninu stumm blieb. Der große alte Kikuju sah sehr krank aus, er hing auf seinem Stock, sein Mantel schien keinen Leib zu bergen, seine Augen waren matt wie die Augen eines Toten, und er feuchtete unablässig die Lippen mit der Zunge an.

Als er schließlich zu sprechen begann, verkündete er nur langsam und verdrossen, er glaube, es stehe sehr schlimm. Nach einer Weile ließ er, als wäre es nicht der Rede wert, die Bemerkung fallen, er habe jetzt Wainaina zehn Schafe bezahlt. Und nun, fuhr er fort, verlange Wainaina von ihm auch noch eine Kuh und ein Kalb, und er werde sie ihm geben. Warum er das denn getan habe, fragte ich, da doch noch kein Urteil ergangen sei. Kaninu antwortete nicht, er sah mich nicht einmal an. Er war an diesem Abend der Wanderer oder Pilger, der keine bleibende Statt hat. Er war nur im Vorbeigehen hereingetreten, um mir zu berichten, und hatte es eilig, wieder fortzukommen. Ich konnte mir nur denken, daß er krank war, und sagte nach einer Pause, ich wolle ihn anderntags ins Hospital fahren. Da warf er mir einen kurzen, gequälten Blick zu: der alte Spötter mußte sich bitter verspotten lassen. Aber ehe er ging, tat er noch etwas Sonderbares: er hob die Hand zum Gesicht, als wische er sich Tränen ab. Es wäre ein Wunder gewesen, ein Ergrünen des Pilgerstabes, wenn Kaninu über Tränen verfügt hätte, und noch wunderbarer, wenn er keinen Nutzen daraus gezogen hätte. Ich überlegte, was wohl auf der Farm geschehen sein mochte, während ich mit meinen Gedanken anderswo gewesen war. Als Kaninu fort war, rief ich nach Farah und fragte ihn.

Farah war zuweilen für Angelegenheiten der Eingeborenen nicht zu haben, als seien sie zu geringfügig, als daß er sich bei ihnen aufhalten und ich sie anhören müßte. Schließlich ließ er sich herbei, mir zu erzählen, und sah dabei an mir vorüber zum Fenster hinaus auf die Sterne. Der tiefere Grund von Kaninus Zusammenbruch war Wainainas Mutter, die eine Hexe war und ihn verzaubert hatte.

»Aber Farah«, sagte ich, »Kaninu ist sicher viel zu alt und klug, um an Zauberei zu glauben.« — »Nein«, sagte Farah bedächtig, »nein, Memsahib. Denn dies alte Kikujuweib kann, glaube ich, wirklich so etwas tun.«

Die Alte hatte Kaninu gesagt, seine Kühe würden noch einsehen, daß es besser für sie gewesen wäre, wenn Kaninu sie sofort Wainaina gegeben hätte. Nun wurden Kaninus Kühe blind, eine nach der anderen. Unter dieser Prüfung brach Kaninu langsam das Herz, so wie die Knochen und Gelenke der Menschen, denen man einst zur Folter immer schwerere und schwerere Gewichte auflud.

Farah sprach von der Zauberkunst der Kikuju trocken und sachlich wie von einer Maul- und Klauenseuche auf der Farm, die zwar uns selbst nicht befiel, durch die wir aber unser Vieh verlieren konnten.

Spätabends saß ich noch und sann über das Zauberwesen auf der Farm. Zuerst sah alles so häßlich aus wie etwas, was sich aus einem alten Grabe gestohlen hatte und mit platt gedrückter Nase an meinen Fensterscheiben lauerte. Ich hörte die Hyänen unten vom Fluß her heulen, und mir fiel ein, daß die Kikuju von Werwölfen erzählten, alten Weibern, die nachts die Gestalt von Hyänen annahmen. Vielleicht trottete Wainainas Mutter jetzt den Fluß entlang und fletschte ihre Zähne in die Nacht hinaus. Ich hatte mich mit der Zeit an den Gedanken der Zauberei gewöhnt, sie erschien durchaus glaubhaft; in Afrika geht bei Nacht mancherlei um.

»Dies alte Weib ist gemein«, sagte ich zu mir auf kisuaheli, »sie gebraucht ihre Künste, um Kaninus Kühe blind zu machen. Und mir überläßt sie es, mit einer Flasche Milch von meinen Kühen ihr Enkelkind am Leben zu erhalten.«

Dieser Unfall, dachte ich, und was sich aus ihm gebiert, dringt ins Blut der Farm, und ich bin schuld daran. Ich muß frische Kräfte herbeiholen, oder die Farm wird zu einem bösen Traum, einem Nachtmahr. Ich weiß, was ich tue; ich werde Kinanjui rufen lassen.

Ein Häuptling der Kikuju

Der große Häuptling Kinanjui lebte etwa neun Meilen nordöstlich von der Farm im Kikujureservat, unweit der französischen Mission, und herrschte über mehr als hunderttausend Kikuju. Er war ein kundiger alter Mann von feinem Betragen und besaß echte Größe, obwohl er nicht Häuptling von Geburt war, sondern vor Jahren von den Engländern eingesetzt worden war, als sie mit dem rechtmäßigen Herrscher der Kikuju des Gebietes nicht mehr auskamen.

Kinanjui war mein Freund und hatte sich mir bei manchen Gelegenheiten hilfreich gezeigt. Sein Manyatta, zu dem ich einige Male hinüberritt, war ebenso dreckig und voller Fliegen wie die der übrigen Kikuju. Aber es war viel größer als alle, die ich kannte, denn kraft seiner Stellung als Häuptling hatte Kinanjui sich hemmungslos den Freuden des Ehelebens hingegeben. Das Dorf war voll von seinen Frauen jeden Alters, von schlabberhäutigen, zahnlosen, alten lahmen Hexen bis zu den zartesten, mondgesichtigen, gazellenäugigen Nymphen mit schimmernden Kupfergewinden um die Arme und schlanken Beine. Ringsum wimmelten seine Kinder, schwarmweise, wie die Fliegen. Die jungen Männer, seine Söhne, aufrechte Burschen mit kriegerischen Kopfschmuck, trieben sich in der Umgegend herum und stifteten manchen Unfug. Kinanjui erzählte mir einmal, er habe derzeit fünfundfünfzig Söhne, die alle Krieger, Morani, seien.

Zuweilen kam der alte Häuptling zu meiner Farm herüber, in einem prunkvollen Fellmantel, begleitet von zwei oder drei weißhaarigen Senatoren und etlichen seiner bewaffneten Söhne, um mir einen Freundschaftsbesuch zu machen oder sich von den Regierungsgeschäften zu erholen. Dann verbrachte er den Nachmittag in einem Liegestuhl, der für ihn auf den Rasen getragen wurde, und rauchte die Zigarren, die ich ihm hinausschickte, während seine Berater und seine Garde ringsum auf dem Rasen hockten. Meine Hausboys und Squatter kamen, sowie sie von seiner Ankunft hörten, herbei und umringten ihn und erzählten ihm von den Begebenheiten auf der Farm; der ganze Kreis bildete sozusagen eine Art politischen Klub im Schatten der hohen Bäume. Kinanjui wandte bei diesen Versammlungen einen eigenen Trick an: wenn er fand, daß die Gespräche sich zu sehr in die Länge zogen, dann legte er sich in seinen Stuhl zurück und schloß — ohne jedoch seine Zigarre ausgehen zu lassen — die Augen und atmete tief und langsam mit einem leisen gleichförmigen Schnarchton. Es war eine Art amtlicher Pro-forma-Schlaf, den er sich für die Sitzungen seines Staatsrats zugelegt haben mochte. Manchmal ließ ich einen Stuhl für mich hinaustragen, um mit ihm zu plaudern. Wenn das geschah, dann schickte er alles fort, um anzuzeigen, daß nunmehr die Welt allen Ernstes regiert werde. Als ich ihn kennenlernte, war Kinanjui nicht mehr, was er gewesen war; das Leben hatte ihm arg zugesetzt. Aber wenn er freimütig und offen mit mir allein sprach, bewies er eine große Originalität und einen reichen, kühnen, erfinderischen Geist; er hatte über das Leben nachgedacht und hielt an seinen entschiedenen Ansichten darüber fest.

Einige Jahre früher hatte sich ein Vorfall ereignet, der die Freundschaft zwischen mir und Kinanjui befestigt hatte.

Er war eines Tages zu mir gekommen, als ich mit einem durchreisenden Bekannten beim Frühstück saß, vor dessen Abreise ich mich dem Kikujuhäuptling nicht widmen konnte. Kinanjui rechnete wohl damit, daß ihm nach seinem langen Marsch in der Sonne für die Wartezeit etwas zu trinken angeboten würde, aber ich hatte gerade nichts, was ein Glas voll gemacht hätte. So füllten mein Freund und ich einen Tumbler mit den verschiedensten Sorten starker Schnäpse, die ich im Hause hatte. Je kräftiger die Mischung geriet, dachte ich mir, desto länger würde sie den Häuptling beschäftigen, und brachte sie ihm selbst hinaus. Kinanjui aber hatte kaum mit höflichem Lächeln seine Lippen genetzt, als er mir den innigsten Blick zuwarf, den ich je von einem Manne erhalten habe, sein Haupt zurücklegte und das Glas bis auf den letzten Tropfen leerte. Eine halbe Stunde später, als mein Freund eben fortgefahren war, kamen meine Hausboys herein und sagten: »Kinanjui ist tot.« Mir ging es durch und durch, und die Reue stand vor mir auf wie ein großes drohendes Gespenst. Ich ging hinaus, um ihn zu sehen.

Er lag im Schatten der Küche am Boden, das Gesicht ausdruckslos, die Lippen und Finger blau und totenkalt. Mir war wie einem, der einen Elefanten zur Strecke gebracht hat: durch eine Bewegung seiner Hand hat er verschuldet, daß ein mächtiges und königliches Geschöpf, das über die Erde gegangen ist und eine eigene Meinung von den Dingen der Welt gehabt hat, nicht mehr über sie geht. Entwürdigt sah er aus, denn die Kikuju hatten ihn mit Wasser begossen und ihm seinen großen Mantel aus Affenfell abgenommen. In seiner Nacktheit war er wie ein Tier, dem man die Trophäe geraubt, um derentwillen man es getötet hat.

Ich wollte Farah nach einem Arzt schicken, aber wir brachten den Wagen nicht in Gang, und Kinanjuis Begleiter baten uns dringend, noch etwas zu warten, ehe wir irgend etwas unternahmen.

Nach einer Stunde, als ich eben wieder hinausgehen wollte, um ihnen zuzureden, kamen meine Hausboys wieder herein und sagten: »Kinanjui ist nach Hause gegangen.« Er war plötzlich aufgestanden, hatte seinen Mantel umgeworfen, sein Gefolge um sich versammelt und war, ohne ein Wort zu sagen, die neun Meilen bis zu seinem Dorf zurückmarschiert.

Das konnte mir, glaube ich, Kinanjui nie vergessen, daß ich ein Risiko, ja, eine ernstliche Gefahr auf mich genommen hatte — denn es war streng verboten, Eingeborenen Alkohol zu geben —, um ihn glücklich zu machen.

Er kam später noch wiederholt zur Farm und rauchte eine Zigarre bei uns, aber von einem Schnaps war nie mehr die Rede. Ich hätte ihn ihm gegeben, wenn er den Wunsch geäußert hätte, aber ich wußte, daß er nicht wieder darum bitten würde.

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Ich schickte nun einen Läufer zu Kinanjuis Dorf und berichtete ihm den ganzen Unfall. Ich bat ihn, auf die Farm zu kommen und den Fall endgültig zu schlichten. Ich schlug vor, Wainaina die Kuh mit dem Kalb, von der Kaninu gesprochen hatte, zu geben und damit die ganze Sache zum Abschluß zu bringen. Ich konnte damit rechnen, daß Kinanjui kommen würde, denn er besaß eine Eigenschaft, die bei einem guten Freunde unschätzbar ist: er war zuverlässig.

Durch diesen Brief kam die ganze Geschichte, die eine Weile geruht hatte, aufs neue in Gang und fand einen dramatischen Abschluß.

Eines Nachmittags, als ich auf mein Haus zuritt, sah ich, wie ein Auto die Straße entlangraste und auf zwei Rädern in die Kurve bog. Es war ein scharlachroter Wagen mit viel glitzerndem Nickel; ich kannte ihn, er gehörte dem amerikanischen Konsul in Nairobi, und ich überlegte, was für ein dringendes Anliegen den amerikanischen Konsul wohl vermochte, in solchem Tempo bei mir vorzufahren. Als ich aber an der Rückseite des Hauses vom Pferde stieg, kam Farah mir entgegen und sagte, der Häuptling Kinanjui sei eingetroffen. Er war in seinem eigenen Auto gekommen, das er tags zuvor dem amerikanischen Konsul abgekauft hatte, und wollte nicht aussteigen, ehe ich ihn nicht darin gesehen hatte.

Ich fand Kinanjui in seinem Wagen, aufrecht sitzend, regungslos, wie ein Götterbild. Er trug seinen weiten Mantel von blauem Affenfell und auf dem Kopf eine Art Helm, wie ihn die Kikuju aus Schafsmägen machen. Er war schon von Natur eine imposante Gestalt, groß und breit, ohne eine Spur von Fett, er hatte ein stolzes, langes, knochiges Gesicht mit einer fliehenden Stirn wie die Indianer. Seine Nase war breit und so ausdrucksvoll, daß sie gleichsam den Mittelpunkt des Mannes bildete, so als wäre der ganze stattliche Leib nur dazu da, die breite Nase zu tragen. Wie der Rüssel eines Elefanten hatte sie etwas Kühnes, Forschendes und dabei Empfindsames und Kluges, herausfordernd und wachsam zugleich. Ohne sie hätte Kinanjui, wie der Elefant, das edelstgeformte Gesicht haben können, aber er hätte nicht so weise ausgesehen.

Kinanjui öffnete nicht den Mund und gab keinen Ton von sich, als ich ihn am Wagen begrüßte, er starrte gerade vor sich hin, so daß ich sein Gesicht im Profil zu sehen bekam wie den Kopf einer Medaille. Als ich herumging und vor den Wagen trat, drehte er seinen Kopf zur Seite, das königliche Profil mir zugewandt; vielleicht dachte er dabei wirklich an den Kopf des Königs auf einer Rupie. Einer seiner jüngeren Söhne machte den Chauffeur; der Motor kochte. Als die Zeremonie vorüber war, forderte ich Kinanjui auf auszusteigen. Er raffte seinen großen Mantel mit majestätischer Gebärde zusammen und stieg herab — und trat mit dieser einen Bewegung um zweitausend Jahre zurück auf eine Gerichtsstätte der Kikuju.

An der westlichen Wand meines Hauses stand eine steinerne Bank und vor ihr ein Tisch, dessen Platte ein Mühlstein war. Der Stein hatte eine tragische Geschichte: es war der obere Mühlstein aus der Mühle der zwei Inder, die ermordet worden waren. Nach dem Mord hatte niemand wieder gewagt, die Mühle zu übernehmen; sie stand lange Zeit leer und verlassen, und ich ließ den Stein an mein Haus bringen und als Tischplatte aufstellen; das erinnerte mich an Dänemark. Die indischen Müller hatten mir erzählt, ihr Mühlstein sei über die See aus Bombay gekommen, da die Steine in Afrika nicht hart genug seien. Auf der Oberseite war ein Muster eingraviert, in dem einige große braune Flecken zu sehen waren; meine Hausboys behaupteten, es sei das Blut der Inder, das nie wieder verschwinden würde. Der Mühlsteintisch war in gewissem Sinne der Mittelpunkt der Farm, denn ich pflegte an ihm zu sitzen, sooft ich mit den Schwarzen etwas zu verhandeln hatte. Von der steinernen Bank am Mühlstein aus haben Denys Finch-Hatton und ich einmal zu Neujahr die junge Mondsichel, Venus und Jupiter dicht beisammen in einer Gruppe am Himmel stehen sehen; es war ein so strahlendes Bild, daß man kaum glauben konnte, daß es wirklich sei; ich habe es nie wieder gesehen.

Ich nahm nun meinen Platz ein, Kinanjui zur Linken. Farah stellte sich rechts von mir auf und ließ sein wachsames Auge über die Kikuju schweifen, die sich vor dem Hause versammelten und von allen Seiten herbeiströmten, als sich die Nachricht von Kinanjuis Ankunft auf der Farm verbreitete.

Farahs Haltung gegenüber den Eingeborenen des Landes war ein sehenswerter Anblick. Sowenig wie der Ausdruck und die Mienen der Massaikrieger war sie von gestern oder vorgestern, sondern das Produkt von Jahrhunderten. Dieselben Kräfte, die sie gebildet hatten, hatten auch mächtige Bauwerke aus Stein errichtet; doch die waren längst zu Staub zerbröckelt.

Da, wo man das Land betritt, wenn man in Mombasa das Schiff verläßt, sieht man zwischen den alten hellgrauen Baobabbäumen — die nicht wie ein irdisches Gewächs, eher wie poröse Versteinerungen, wie gigantische Belemniten aufragen — graue Steintrümmer von Gebäuden, Minaretts und Brunnen. Ruinen der gleichen Art findet man die ganze Küste entlang, in Takaunga, Kalifi und Lamu. Es sind die Überreste von Städten der alten arabischen Elfenbein- und Sklavenhändler.

Die arabischen Kauffahrer kannten alle Fahrwasser der afrikanischen Küste und die blauen Pfade, die zum großen wohlvertrauten Handelsplatz Sansibar führten, einst, als Aladin dem Sultan vierhundert juwelenbeladene Sklaven schickte und die Sultanin, indes ihr Gatte auf der Jagd war, mit ihrem Negerliebsten schmauste und dafür mit dem Tode büßen mußte.

Wahrscheinlich brachten diese Händler, als sie reich wurden, ihre Harems mit nach Mombasa und Kalifi und blieben in ihren Landhäusern an der langhin schäumenden Brandung des Ozeans, während ihre Expeditionen ins Hochland drangen.

Denn aus dem wilden, herben Inland, von den brandgedörrten Steppen und den unerforschten wasserlosen Hochflächen, aus dem Lande mit den breitästigen Dornbäumen an den Flußufern und den winzigen, scharf duftenden wilden Blüten auf der schwarzen Erde quoll ihr Reichtum. Denn dort, auf dem Dache Afrikas, lebte der gewichtige, weise, majestätische Träger des Elfenbeins. Er wanderte, tief in Gedanken, und hatte keinen Wunsch, als allein gelassen zu werden. Aber er wurde verfolgt und von den vergifteten Pfeilen der kleinen schwarzen Wandorobo und den langen silberinkrustierten Vorderladern der Araber getötet; er wurde in Fallen gelockt und in Gruben gejagt, um seiner langen, glatten, hellbraunen Stoßzähne willen, auf die die Herren in Sansibar warteten.

Hier oben wurde auch Waldboden in kleinen Parzellen gerodet, ausgebrannt und mit Bataten und Mais bepflanzt von einem scheuen, friedliebenden Volk, das nicht recht zu kämpfen, nichts Rechtes zu erfinden wußte, aber seine Ruhe haben wollte und das ebenso wie das Elfenbein auf dem Markt gefragt war.

Die großen und kleinen Raubvögel kamen in Scharen heraufgezogen.

»Tous les tristes oiseaux mangeurs de chair humaine

S’assemblent. Et les uns laissant un crâne chauve,

Les autres aux gibets essuyant leur bec fauve

D’autres d’un mat rompu quittant les noirs agrès …«

Die kalten, sinnlichen Araber kamen, Todesverachtung im Herzen, den alten Rechnergeist voll Astronomie, Algebra und schöner Haremsfrauen. Und mit ihnen kamen ihre jüngeren illegitimen Halbbrüder, die Somali — draufgängerisch, zanksüchtig, nüchtern und habgierig —, und machten den Mangel der Geburt wett, indem sie eifrige Mohammedaner und treuere Erfüller der Gebote des Propheten wurden als die rechtmäßigen Erben. Die Suaheli schlossen sich an, selbst Sklaven und von sklavischem Sinn, grausam, unzüchtig, diebisch, voller List und Späße, im Alter zur Fettleibigkeit neigend.

Im Innern des Landes stießen sie mit den einheimischen Raubvögeln des Hochlandes zusammen. Die Massai drangen ein, schweigend, wie hohe, schmale schwarze Schatten, mit Speeren und schweren Schilden, argwöhnisch gegen Fremde, mit leichter Hand bereit, ihre Brüder zu verkaufen.

Die verschiedenartigen Vögel mögen hier oben zusammengehockt und beraten haben. Farah erzählte mir, daß in alten Zeiten, ehe die Somali ihre eigenen Weiber aus Somaliland herüberbrachten, ihre jungen Männer von allen Volksstämmen des Landes nur die Massaimädchen heiraten durften. Das mögen in manchem Sinne merkwürdige Ehen gewesen sein. Denn die Somali sind ein frommes Volk, und die Massai kennen keine Religion und haben keinen auch nur ahnenden Sinn für etwas Überirdisches. Die Somali sind sauber und geben wohl acht auf ihre Waschungen und Reinigungen, während die Massai ein schmutziges Volk sind. Die Somali legen auch großen Wert auf die Jungfräulichkeit ihrer Bräute; die jungen Massaimädchen aber nehmen es mit ihrer Moral recht leicht. Farah erklärte mir die Sache mit einem Wort. Die Massai, sagte er, sind nie Sklaven gewesen. Man kann sie nicht in der Sklaverei halten, man kann sie nicht einmal ins Gefängnis stecken. Sie sterben in der Haft innerhalb von drei Monaten; das englische Gesetz verurteilt deshalb keinen Massai zu Gefängnis, sie werden mit Geldbuße bestraft. Diese Unfähigkeit, unterm Joch am Leben zu bleiben, hat den Massai von allen Eingeborenenstämmen allein den gleichen Rang mit den eingewanderten Aristokraten verliehen. Alle diese Raubvögel lugten mit funkelnden Blicken nach den zahmen Negern des Landes aus. Die Somali nahmen dabei eine eigene Stellung ein. Somali taugen nicht viel, wenn man sie ohne Aufsicht läßt; sie sind sehr reizbar und vergeuden, sich selbst überlassen, viel Zeit und Blut an ihre Sippenzänkereien. Aber sie sind prächtige Helfer für jemanden, der befehlen kann, und die Araber mögen ihnen häufig die gefährlichen Unternehmungen und schwierigen Transporte anvertraut haben und selbst in Mombasa geblieben sein. Darum war ihr Verhältnis zu den Eingeborenen am ähnlichsten dem der Schäferhunde zu den Schafen. Unermüdlich, mit gefletschten scharfen Zähnen, hielten sie Wache über ihre Schützlinge. Drohten sie zu sterben, ehe die Küste erreicht war? Machten sie Miene auszubrechen? Die Somali haben einen geschärften Sinn für Geld und Geldeswert, sie mögen oft Nahrung und Schlaf für ihre Anbefohlenen geopfert haben und abgezehrt bis auf die Knochen von den Expeditionen heimgekehrt sein.

Noch heute steckt dieser Instinkt in ihnen. Als die spanische Grippe auf der Farm umging, wurde auch Farah von ihr befallen; aber er folgte mir, vom Fieber geschüttelt, ständig und brachte Arzneien für die Squatter und bewog sie, sie zu schlucken. Er hatte gehört, daß Paraffin gut gegen die Krankheit sei, und kaufte darum Paraffin für die Farm. Sein kleiner Bruder Abdullai, der damals bei uns war, litt schwer an der Grippe, und Farah machte sich große Sorgen um ihn. Aber das war nur eine Gefühlssache, eine geringfügige Privatangelegenheit. Seine Pflicht, sein Rasseinstinkt, seine Ehre riefen ihn zu den Arbeiten, der Farm, und der sterbende Schäferhund blieb bei der Herde. Farah hatte auch immer genaue Kunde von allem, was in den Kreisen der Eingeborenen vorging; woher er sie hatte, weiß ich freilich nicht, denn außer mit den Vornehmsten verkehrte er mit keinem Kikuju.

Die Schafe selbst, die geduldigen Massen, ohne Zähne oder Klauen, ohne Macht und irdische Beschützer, ertrugen ihr Geschick, wie sie es noch ertragen, kraft ihrer unerschöpflichen Gabe der Resignation. Sie starben nicht unter dem Joch, wie die Massai, oder bäumten sich gegen das Schicksal, wie die Somali, wenn sie sich gekränkt oder betrogen glaubten. Sie blieben Gott verbunden in der Fremde und in Ketten. Sie behielten sogar ein gewisses Selbstgefühl gegenüber denen, die sie verfolgten. Sie merkten sehr wohl, daß der Vorteil und die Ehre ihrer Peiniger auf ihnen selbst beruhte: sie waren die Hauptperson der Jagd und des Handels, sie waren die Ware. Auf ihrem langen Weg durch Blut und Tränen hatten sich die Schafe in der Tiefe ihrer dumpfen, dunklen Herzen eine eigene stummelschwänzige Philosophie zurechtgemacht und hegten keine hohe Meinung von Schäfern und Hunden. »Ihr habt keine Ruhe bei Tag und Nacht«, sagten sie, »ihr rennt keuchend herum mit hängender Zunge, euch fehlt der Schlaf bei Nacht, daß eure trockenen Augen tagsüber blinzeln — alles um unsretwillen. Ihr seid hier nur um unsretwillen. Ihr seid für uns da, nicht wir für euch.« Die Kikuju auf der Farm nahmen zuweilen einen frechen Ton gegen Farah an, wie wohl auch ein Lamm dem Schäferhund vor der Nase einen Satz macht, nur damit er aufstehen und rennen muß. Hier trafen sich nun die beiden, Farah und Kinanjui, der Schäferhund und der alte Leithammel. Farah stand aufrecht da in seinem rot und blauen Turban, seiner schwarzen, gestickten arabischen Weste und seinem seidenen arabischen Gewand, scharf beobachtend, eine Gestalt, wie sie malerischer auf der ganzen Welt nicht zu finden wäre. Kinanjui saß breit auf der Steinbank, nackt, bis auf den Affenfellmantel über den Schultern, ein alter Eingeborener, ein Stück Scholle des afrikanischen Hochlands. Sie behandelten sich gegenseitig mit Achtung; sobald sie jedoch nichts direkt miteinander zu tun hatten, gaben sie, einem unausgesprochenen Zeremoniell folgend, vor, einander nicht zu sehen.

Es war ein leichtes, sich die beiden vor hundert oder mehr Jahren vorzustellen, wie sie über eine Lieferung Sklaven verhandelten — unerwünschte Stammesgenossen, deren sich Kinanjui entledigen wollte; Farah, unablässig im Grunde seines Herzens den Gedanken wälzend, wie er wohl dem alten Häuptling selbst die Schlinge übern Kopf werfen und ihn als fetten Bissen seiner Sendung einverleiben konnte — Kinanjui, mit unfehlbarer Wendigkeit jedem Gedanken Farahs folgend und doch während der ganzen Sitzung unter dem Druck der Lage seufzend, unter dem Druck auch seines eigenen verschreckten Herzens: denn er war die Hauptperson, er war die Ware.

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Die große Versammlung, mit der der Unfall auf der Farm endgültig abgetan werden sollte, begann in friedlichem Geiste. Die Bewohner der Farm freuten sich alle, Kinanjui zu sehen. Die ältesten Squatter erhoben sich und traten herzu, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, und zogen sich wieder zurück, ihre Sitzplätze auf dem Rasen einzunehmen. Einige alte Weiber an der Peripherie des Kreises kreischten mir zum Gruß ihr »Jambo Jerrie!«. Jerrie ist ein Kikujuname, mit dem mich die alten Frauen auf der Farm nannten. Auch die ganz kleinen Kinder benutzten ihn. Die Jugend und die alten Männer nannten mich niemals Jerrie. Kaninu war inmitten seiner großen Familie zur Versammlung erschienen; wie eine alte Vogelscheuche, die durch ein Wunder zum Leben erwacht war, stand er da mit glühenden gespannten Augen. Wainaina und seine Mutter kamen heran und setzten sich ein Stück abseits von den anderen.

Ich teilte den Leuten langsam und in eindrucksvollem Tone mit, die Sache zwischen Kaninu und Wainaina sei nun entschieden, die Entscheidung sei zu Papier gebracht worden, und Kinanjui sei erschienen, um sie zu bekräftigen. Kaninu solle Wainaina eine Kuh mit einem Milchkalb übergeben, und damit solle der ganze Vorfall begraben sein, da niemand mehr von ihm etwas hören wolle.

Kaninu und Wainaina war das Urteil vorher mitgeteilt und Kaninu angewiesen worden, die Kuh mit dem Kalbe mitzubringen. Wainainas Wühlarbeit war nächtlicher Art, bei Licht war er wie ein Maulwurf über Tage und sah so sanft aus, wie eben ein Maulwurf dann aussieht.

Als ich den Vertrag vorgelesen hatte, forderte ich Kaninu auf, die Kuh herbeizuholen. Kaninu erhob sich und winkte mit beiden Armen, viele Male auf und nieder, zweien seiner Söhne zu, die die Kuh hinter den Gesindehütten bereithielten. Der Kreis öffnete sich, und die Kuh mit dem Kalbe wurde langsam in die Mitte geführt.

In diesem Augenblick schlug die Stimmung der Versammlung um, als zöge ein Ungewitter am Horizont herauf und stiege rasch zum Zenit empor.

Es gibt nichts in der Welt, was ein Kikuju so fesselnd und wichtig findet wie eine Kuh mit einem Milchkalb. Mord, Hexerei, Geschlechtstrieb, ja, die Wunderwelt der Weißen — alles verdunstet und schmilzt dahin neben dem glühenden Brand der Leidenschaft für das Vieh, der noch den Geruch der Steinzeit mit sich führt, wie eine Glut, die man mit dem Feuerstein entfacht.

Wainainas Mutter stieß ein langes Klagegeheul aus und schüttelte ihren dürren Arm und Finger in der Richtung auf die Kuh. Wainaina stimmte mit ein; stotternd, in gebrochener Rede, als spräche ein anderes Wesen durch seinen Mund, erhob er seine Stimme zum Himmel. Die Kuh wollte er nicht annehmen, das war die älteste Kuh aus Kaninus Herde, und das Kalb, das sie bei sich hatte, war das letzte, das sie je tragen würde.

Kaninus Sippe brüllte auf und knatterte ihn nieder mit einem wilden Schnellfeuer von Lobpreisungen der Kuh, aus dem tiefste Bitterkeit und Todesverachtung herauszuhören waren.

Das Gesinde der Farm brachte es nicht über sich, still zu bleiben, wo es um Wert und Unwert einer Kuh und eines Kalbes ging. Jeder von den Anwesenden gab seine Meinung zum besten. Die alten Männer packten sich an den Armen und preßten den letzten Rest von Luft aus ihren asthmatischen Kehlen, die Kuh zu preisen oder zu schmähen. Die schrillen Soprane ihrer alten Weiber gesellten sich dazu und kreischten im Kanon hinterdrein. Die jungen Männer schleuderten sich in tiefem Brustton kurze tödliche Schlagworte ins Gesicht. In wenigen Minuten siedete es auf dem Platz vor meinem Hause wie in dem Kessel einer Hexe.

Ich blickte auf Farah, und er blickte auf mich, aber wie ein Träumender. Ich sah es ihm an; er war wie ein halb aus der Scheide gezogenes Schwert, das jeden Augenblick blitzend nach rechts und links in den kämpfenden Schwarm fahren wollte, denn die Somali sind auch Viehzüchter und Viehhändler. Kaninu warf mir einen Blick zu wie ein Ertrinkender, der endgültig von der Strömung fortgerissen wird. Ich schaute mir die Kuh an. Es war eine graue Kuh mit tief geschwungenen Hörnern; sie stand geruhsam mitten im Wirbelsturm, den sie erregt hatte. Als alle Finger sich nach ihr reckten, fing sie an, ihr Kalb abzuschlecken. Mir schien, daß sie allerdings ein bißchen alt aussah.

Schließlich wandte ich meine Augen zurück zu Kinanjui. Ich weiß nicht, ob er die Kuh überhaupt angesehen hat. Während ich ihn betrachtete, zuckte er nicht einmal mit der Wimper. Er saß reglos da, als wäre er ein Klotz ohne Seele und Gefühl, den jemand vor dem Hause abgesetzt hatte. Er wandte der brüllenden Menge die Seite zu, und mir wurde klar, wie sehr doch das Profil das wahre Gesicht eines Königs ist. Es ist eine besondere Gabe der Schwarzen, sich derart durch eine einzige Bewegung in ein lebloses Ding zu verwandeln. Ich glaube nicht, daß Kinanjui hätte etwas sagen oder eine Bewegung machen können, ohne die Flammen der Leidenschaft anzufachen, so aber erdrückte er sie, indem er auf ihnen sitzen blieb.

Nach und nach ließ die Wut nach; die Leute hörten auf zu kreischen und fingen an, normal miteinander zu reden. Schließlich wurden sie einer nach dem anderen still. Wainainas Mutter humpelte, als sie sich unbeobachtet glaubte, an ihrem Stock ein paar Schritte näher, um die Kuh genauer zu betrachten. Farah wandte den Kopf und kehrte mit einem sauren Lächeln in die Kultur zurück.

Als alles still war, ließen wir die prozessierenden Parteien an den Mühlstein treten, die Daumen mit Wagenschmiere befeuchten und ihren Fingerabdruck unter die Vertragsurkunde setzen. Wainaina tat es sehr widerstrebend und winselte vor sich hin, als er den Daumen aufs Papier drückte, als ob es ihn versengte.

Das Schriftstück lautete:

Der nachfolgende Vertrag ist heute, den 26. September, in Ngong zwischen Wainaina wa Bemu und Kaninu wa Nyagga geschlossen worden. Der Häuptling Kinanjui ist zugegen und sieht alles.

Der Vertrag besagt, daß Kaninu an Wainaina eine Kuh mit einem Milchkalb zu liefern hat. Diese Kuh und das Milchkalb sollen Wainainas Sohn Wanyangerri gegeben werden, der am 19. November vorigen Jahres mit einer Schrotflinte angeschossen wurde, die Kaninus Sohn Kabero aus Versehen abdrückte. Die Kuh und das Kalb sollen das Eigentum Wanyangerris sein. Mit der Zahlung dieser Kuh und des Milchkalbes soll die Shauri endgültig geschlichtet sein. Niemand darf hiernach mehr über sie sprechen oder sie auch nur erwähnen.

Ngong, den 26. September

Kaninus Zeichen Wainainas Zeichen

Ich war zugegen und hörte die Verlesung des Schriftstückes.

Zeichen des Häuptlings Kinanjui

Die Kuh und das Milchkalb sind Wainaina in meiner Gegenwart übergeben worden.

Baronin Blixen

Teil III

GÄSTE AUF DER FARM

Große Tänze

Viele Gäste haben die Farm besucht. In Pionierländern ist Gastlichkeit eine Lebensnotwendigkeit nicht nur für die Fremden, sondern für den Siedler selbst. Ein Gast ist ein Freund, er bringt Neuigkeiten, gute oder schlimme, und sie sind Brot für das darbende Gemüt des Einsamen. Kommt ein echter Freund ins Haus, so ist er ein Himmelsbote, der einem das Engelsbrot reicht. Wenn Denys Finch-Hatton nach einer langen Expedition zurückkehrte, hungerte er nach einem Gespräch und fand mich auf der Farm nach Gesprächen hungernd; wir saßen am Abendbrottisch bis in die ersten Morgenstunden und redeten von allen Dingen, die uns in den Sinn kamen, und lachten vor Freude, daß wir ihrer noch Herr waren. Weiße, die lange Zeit allein unter Eingeborenen leben, gewöhnen es sich an, zu sagen, was sie meinen; sie haben ja keinen Grund oder Anlaß, sich zu verstellen, und wenn sie einander wieder begegnen, sprechen sie miteinander wie mit den Schwarzen. Wir dachten uns damals aus, daß die wilden Massai in ihren Manyattas am Fuß der Berge unser Haus leuchten sähen wie einen Stern in der Nacht, so wie die Bauern von Umbrien einst das Haus sahen, in dem der heilige Franz und die heilige Klara sich über göttliche Dinge besprachen. Die größten geselligen Ereignisse auf der Farm waren die Ngomas, die großen Tänze der Eingeborenen. Wir bewirteten dabei fünfzehnhundert oder gar zweitausend Gäste. Freilich war das, was das Haus zum Feste beitrug, recht bescheiden. Wir gaben den alten glatzköpfigen Müttern der tanzenden Nditos — der Jungfrauen — Schnupftabak und den Kindern — wenn sie zu den Tanzereien mitgenommen wurden — etwas Zucker zum Lutschen; Kamante verteilte ihn mit einem hölzernen Löffel. Und manchmal erbat ich beim Bezirkskommissar für meine Squatter die Erlaubnis, Tembo Pombe zu brauen, ein mörderisches Getränk aus Zuckerrohr. Aber die eigentlichen Festveranstalter, die unermüdlichen jungen Tänzer, brachten den Glanz und Prunk der Feier selber mit; sie waren immun gegen alles, was von außen herankam, und hielten sich an die Süßigkeit und Glut in ihrem Inneren. Nur eines forderten sie von der Außenwelt: einen ebenen Platz zum Tanzen. Den gab es bei meinem Hause; die Wiese unter den Bäumen war eben, und der freie Platz im Walde zwischen den Hütten der Boys war auch eingeebnet worden. Darum stand die Farm bei der Jugend des Landes hoch in Ehren, und Einladungen zu meinen Tanzfesten waren sehr geschätzt.

Die Ngomas wurden zuweilen bei Tage abgehalten und zuweilen bei Nacht. Am Tage brauchte eine Ngoma mehr Platz, da lockte sie viele Zuschauer an und mußte darum auf der Wiese stattfinden. Bei den meisten Ngomas stellten sich die Tänzer in einem großen Kreis oder mehreren kleinen Kreisen auf und hüpften mit zurückgeworfenem Kopf auf und nieder oder stampften im Rhythmus den Boden und ließen sich vorwärts auf einen Fuß fallen und rückwärts auf den anderen, oder sie schritten langsam und feierlich seitlich im Kreise herum, das Gesicht der Mitte zugewandt, in der die Vortänzer, aus dem Ring sich lösend, mimten, sprangen und liefen. Eine Tagesngoma hinterließ als Spur auf dem Rasen große und kleinere trockene braune Ringe, als wäre das Gras vom Feuer versengt, und nur langsam verschwanden diese Zauberkreise wieder.

Die großen Tagesngomas hatten mehr den Charakter eines Jahrmarkts als eines Balles. Massen von Zuschauern gesellten sich zu den Tänzern und scharten sich unter den Bäumen. Wenn das Gerücht von einer Ngoma sich weit genug verbreitete, konnten wir sogar die Lebedamen von Nairobi — Malaya ist ihr netter Name auf Suaheli — in großem Staat in Ali Khans Maultierwägelchen herbeikutschieren sehen, eingehüllt in Meter und Meter von lustigem großgemustertem Kattun — wenn sie sich niederließen, sahen sie wie Riesenblumen auf dem Grase aus. Die anständigen Mädchen der Farm in ihren traditionellen geölten und gefetteten ledernen Röcken und Mänteln rückten dicht an sie heran und beredeten unbekümmert ihre Kleider und ihr Gehaben, aber die Stadtschönen schlugen die Beine übereinander, blieben ungerührt wie glasäugige Puppen aus schwarzem Holz und pafften ihre kleinen Zigärrchen. Scharen von Kindern rannten, begeistert von der Tanzerei und begierig, alles zu lernen und nachzumachen, von einem Kreise zum anderen oder sammelten sich am Rand der Wiese, bildeten ihre eigenen Tanzkreise und hüpften auf und nieder.

Wenn die Kikuju zu einer Ngoma gehen, reiben sie sich mit einer Art hellem Rötel ein, der sehr begehrt ist und viel gekauft wird; das gibt ihnen ein seltsam »blondes« Aussehen. Die Farbe existiert sonst nicht in der Tier- oder Pflanzenwelt. Die jungen Leute bekommen etwas Versteinertes, wie in Fels gehauene Statuen. Die Mädchen mit ihren sittsamen, perlengestickten, gelbledernen Gewandungen färben sich und die Kleider mit der Erde und sehen aus, als seien sie eins mit ihnen, bekleidete Statuetten, an denen Bausch und Faltenwurf von kundigen Künstlern zierlich gebildet sind. Die jungen Männer sind bei der Ngoma nackt, legen aber um so größeren Wert auf ihre Frisuren; sie streichen den Rötel auf die Mähnen und Zöpfe und tragen stolz ihre steingemeißelten Köpfe. Während meines letzten Jahres in Afrika hat die Regierung verboten, den Kopf mit Rötel zu bestreichen. Bei beiden Geschlechtern ist die Aufmachung höchst wirkungsvoll: Diamanten und hohe Orden können den Trägern nicht eindeutiger das Gepräge von Gala verleihen. Sieht man von ferne in der Landschaft eine Gruppe rötelbemalter Kikuju auf dem Marsch, so schwingt die Luft von Festlichkeit.

Ein Freilufttanz leidet unter der Unbegrenztheit des Raumes, die Bühne ist viel zu weit für ihn — wo beginnt sie, wo ist sie zu Ende? Die kleinen Gestalten der vielen Tänzer mögen noch so leuchtend gefärbt, mit wallendem Gewoge ganzer Straußenschwänze am Kopf und mit kühnen ritterlichen Hahnenspornen aus Colobusaffenfell an den Knöcheln verziert sein — sie verschwinden doch, verstreut und versprengt unter den gewaltigen Bäumen. Auf dem weiten Schauplatz mit seinen großen und kleinen Ringen von Tänzern, verstreuten Zuschauergruppen und hin und her rennenden Kindern wird das Auge des Beschauers bald hier-, bald dorthin gehetzt. Die ganze Szene hat einige Ähnlichkeit mit alten Bildern, die eine Schlacht von weitem zeigen, wo man auf einer Seite die Kavallerie zur Attacke vorgehen, auf der anderen die Geschütze in Stellung gehen und einzelne Figürchen von Ordonnanzoffizieren kreuz und quer übers Feld galoppieren sieht. Eine Tagesngoma war auch eine höchst geräuschvolle Angelegenheit. Die Tanzmusik der Flöten und Trommeln ertrank zuweilen im Gebrüll der Zuschauer, und die Tanzmädchen selber stießen seltsame, langgedehnte, schrille Schreie aus, wenn bei einer bestimmten Tanztour der Männer ein Moran einen Sprung oder einen Speerschwung überm Kopf besonders prächtig vollführte. Ein unablässig plätschernder Strom von Geplauder entquoll den Scharen der Alten auf dem Rasen. Es war lustig, die alten zechenden Kikujuweiber zu beobachten, die, mit einer Kalebasse zwischen sich, in munteren Reden sich ergießend, die alten Tage wieder aufleben ließen, da sie noch selber im Ring der Tänzer mitgehüpft waren; die alten Gesichter wurden im Laufe des Nachmittags immer leuchtender vor Glück, je tiefer die Sonne sank und mit ihr auch die Tembo Pombe in der Kalebasse. Manches Mal, wenn sich zu einer der Gruppen ein alter Ehemann gesellte, wurde eines der Weiber so hingerissen von den Erinnerungen an die Tage der Jugend, daß sie torkelnd sich erhob und händeklatschend ein paar Laufschritte nach alter Ndito-Art vollführte. Die Masse achtete ihrer nicht, nur der kleine Kreis ihrer Zeitgenossen spendete begeistert Beifall.

Die nächtlichen Ngomas dagegen waren auf einen ernsten Ton gestellt. Sie wurden nur im Herbst abgehalten, wenn der Mais geerntet war, und nur bei Vollmond. Ich glaube nicht, daß sie für die Leute eine religiöse Bedeutung hatten; doch mögen sie früher eine solche gehabt haben: das Gehaben der Tänzer und der Zuschauer hatte etwas Geheimnisvolles und Weihevolles. Diese Tänze mögen tausend Jahr alt sein. Einige davon, auf die die Mütter und Großmütter der Tänzer besonderen Wert legten, wurden von den Siedlern für anstößig gehalten und aus diesem Grunde gesetzlich verboten. Einmal, als ich von einer Ferienreise nach Europa zurückkehrte, waren fünfundzwanzig meiner jungen Krieger mitten in der besten Kaffee-Erntezeit von meinem Verwalter ins Gefängnis eingeliefert worden, weil sie bei einer nächtlichen Ngoma auf der Farm einen verbotenen Tanz aufgeführt hatten. Mein Verwalter teilte mir mit, der Tanz sei für seine Frau ein Ärgernis gewesen. Ich schalt die Ältesten der Squatter, daß sie ihre Ngoma bei dem Hause des Verwalters abgehalten hatten, aber sie klärten mich auf, es sei bei Kathegos Manyatta, vier oder fünf Meilen entfernt, getanzt worden. Ich mußte nach Nairobi fahren und die Sache mit unserem Bezirkskommissar besprechen, der die ganze Tanzgesellschaft wieder zum Kaffeepflücken auf die Farm entließ.

Ein nächtlicher Tanz war ein schönes Schauspiel. Da war man nicht im Zweifel über den Umkreis der Bühne, er wurde von den Feuern gebildet und dehnte sich so weit, als das Licht leuchtete, ja, das Feuer selbst war das tragende Element der Ngoma. Es war zum Tanzen an sich nicht erforderlich, denn der Mondschein ist im afrikanischen Hochland wunderbar klar und weiß; es diente dazu, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Es verwandelte den Tanzplatz eigentlich erst in eine Bühne, es verschmolz alle Farben und Bewegungen zu einer Einheit.

Die Schwarzen übertreiben einen Effekt nur selten. Sie entfachten keine riesigen Scheiterhaufen. Das Brennholz wurde am Tage vorher von den Squatterweibern der Farm zusammengetragen, die sich wohl als die Gastgeberinnen der Veranstaltung fühlten, und wurde auf dem Tanzplatz in der Mitte des Kreises aufgestapelt. Die alten Weiber, die dem Tanzfest die Ehre ihrer Gegenwart erwiesen, nahmen nachts ihre Plätze um den Stapel in der Mitte ein und unterhielten von da aus einen Kreis von kleinen Feuern, wie einen Sternenkranz, die ganze Nacht hindurch. Die Tänzer dagegen sprangen und liefen außen um das Feuer herum, das nächtliche Dunkel des Waldes im Rücken. Der Platz mußte ziemlich groß sein, damit die Hitze und der Rauch den alten Zuschauern nicht in die Augen ging. Aber er war immerhin ein eingefriedeter Raum, wie ein großes Haus für alle, die darinnen waren.

Schwarze haben kein Verständnis für Kontraste, die Nabelschnur zur Natur ist bei ihnen nicht ganz zerschnitten. Sie hielten ihre Ngomas nur bei Vollmond ab. Wenn der Mond sein Bestes hergab, taten sie das Ihre dazu. Indes die Landschaft badete im sanften mächtigen Licht des Himmels, fügten sie zu der großen Illumination über Afrika ihren kleinen rotglühenden Schein.

Die Gäste trafen in kleinen Gruppen ein, zu dreien oder auch zu zwölf oder fünfzehn — wie sich eben die Freunde verabredet oder unterwegs zueinander gesellt hatten. Viele von diesen Tänzern wanderten fünfzehn Meilen weit her, um an der Ngoma teilzunehmen. Wenn sie zu mehreren reisten, brachten sie ihre Flöten und Trommeln mit, so daß in der Nacht eines großen Tanzes alle Straßen und Wege im Lande von Musik erklangen und erdröhnten, als würde vor dem Angesicht des Mondes ein riesiges Schellenspiel gerührt. Am Eingang zum Tanzplatz hielten die wandernden Gruppen inne und warteten, bis ihnen der Ring geöffnet wurde; kamen sie von weit her oder waren es Söhne großer Nachbarhäuptlinge, so wurden sie bisweilen von einem der alten Squatterweiber oder von den führenden Tänzern oder von den Tanzordnern hereingeholt.

Die Ordner der Ngoma waren junge Männer von der Farm, wie die anderen, nur hatten sie für die Einhaltung der Zeremonien des Tanzes Sorge zu tragen und taten sich auf ihre Würde viel zugute. Bevor der Tanz begann, stolzierten sie mit gerunzelten Brauen und strengen Mienen vor den Reihen der Tänzer auf und nieder und rannten, wenn der Kreis in Bewegung geriet, vom einen Ende zum anderen, um darüber zu wachen, daß alles nach Fug geschah. Sie schwangen eine wirksame Waffe, Bündel von Stäben, die sie an einem Ende brennend erhielten, indem sie sie von Zeit zu Zeit ins Feuer steckten. Sie hatten ein scharfes Auge auf die Tänzer, und sowie sie gewahr wurden, daß etwas Ungehöriges geschah, griffen sie sofort ein: mit schrecklichen Mienen und wildem Gebrüll schleuderten sie das ganze Bündel, mit dem brennenden Ende voraus, gegen den Leib des Übeltäters. Man konnte die Opfer unterm Streich zusammenknicken sehen, doch gaben sie nie einen Laut von sich. Es galt wohl nicht als ehrlos, mit Brandwunden von der Ngoma heimzukehren.

Bei einem der Tänze standen die Mädchen in sittsamer Haltung auf den Füßen der jungen Krieger und faßten sie mit den Händen um die Hüften, während die jungen Leute die Arme an dem Kopf der Mädchen vorbei vorstreckten und mit beiden Händen ihren Speer hielten, den sie von Zeit zu Zeit emporhoben und mit aller Wucht in den Boden stießen. Es gab ein hübsches Bild, als hätten die jungen Frauen der Sippe vor irgendeiner großen Gefahr an der Brust ihrer Männer Zuflucht gesucht und als schützten die Männer sie, indem sie sie auf ihren Füßen stehen ließen, vor Schlangen oder sonstigen Gefahren aus der Tiefe. Der Tanz dauerte stundenlang, und die Gesichter der Tänzer nahmen den Ausdruck engelhafter Entrücktheit an, als wären sie wahrhaftig alle bereit, füreinander zu sterben.

Es gab andere Tänze, bei denen die Tänzer zwischen den Feuern hinein- und wieder herausrannten und ein Vortänzer mehrmals sehr hohe Sprünge und Sätze vollführte und viele Speere geschwungen wurden; der Grundgedanke war, glaube ich, eine Löwenjagd.

Bei der Ngoma wirkten außer den Flöten und Trommeln auch Sänger mit. Manche von den Sängern waren weithin im Lande berühmt und wurden von fern hergeholt. Ihr Gesang war mehr ein rhythmisches Rezitieren als ein Singen. Sie waren Improvisatoren und machten ihre Balladen aus dem Stegreif, der Chor der Tänzer war wendig genug, rechtzeitig einzufallen. Es war reizvoll anzuhören, wie die einzelne weiche Stimme sich in den Nachthimmel erhob und ihr in regelmäßiger Folge der rhythmische Ruf der vielen jungen Stimmen antwortete. Aber da der Gesang die ganze Nacht fortging, von Zeit zu Zeit von den einfallenden Trommeln wirksam gesteigert, so wurde er mit der Zeit lähmend eintönig und zugleich seltsam aufreizend, als würde man weder ertragen, ihn noch einen Augenblick länger forttönen, noch, ihn verstummen zu hören.

Der berühmteste Sänger meiner Zeit kam von Dagoretti. Er hatte eine klare starke Stimme und war zudem selbst ein großer Tänzer. Beim Singen ging oder lief er im Inneren des Tanzringes mit langen gleitenden Schritten umher, bei jeder Bewegung halb hinkniend, die eine Handfläche an den Mundwinkel angelegt. Das geschah sicher, um den Schall zu verstärken, aber es wirkte so, als hätte er den Versammelten ein gefährliches Geheimnis anzuvertrauen. Er sah aus wie das leibhaftige Echo von Afrika. Er wußte bei seinen Zuhörern, je nach seinem Willen, eine heitere Stimmung oder kriegerische Begeisterung oder wahre Salven von Gelächter zu wecken. Er kannte ein prachtvolles Lied, einen Kriegsgesang, bei dem der Sänger, gleichsam von Dorf zu Dorf rennend, das Volk zum Kampf aufruft und ihm das Gemetzel und die Beute schildert. Vor hundert Jahren wäre den weißen Einwanderern bei diesem Lied das Blut in den Adern geronnen. Aber meistens gab er sich nicht so schreckenerregend. Eines Nachts sang er drei Lieder, und ich bat Kamante, sie mir zu übersetzen. Das erste war eine Phantasie; die Tanzgesellschaft erbeutete sich ein Schiff, und man segelte zusammen nach Ulaya. Das zweite wurde, wie Kamante mir erklärte, zum Ruhm der alten Weiber gesungen, der Mütter und Großmütter des Sängers und der Tänzer. Dies Lied hatte für mich etwas besonders Rührendes; es war lang und schien aufs genaueste die Weisheit und Güte der zahnlosen glatzköpfigen alten Kikujuweiber zu schildern, die um den Holzstoß in der Mitte des Kreises saßen und mit den Köpfen nickten. Das dritte Lied war kurz, löste aber so laute Lachsalven aus, daß der Sänger seine Stimme schrill erheben mußte, um sie zu übertönen, und selber beim Singen lachte. Die alten Weiber, die nun schon in der besten Laune waren, klatschten sich auf die Schenkel und sperrten die Mäuler auf wie Krokodile. Kamante war außerstande, mir den Text zu sagen; er behauptete, es sei Unsinn, und gab mir nur eine verkürzte Fassung. Das Thema war sehr einfach: Wegen einer Pestepidemie hatte die Regierung einen Preis auf jede tote Ratte ausgesetzt, die dem Bezirkskommissar geliefert wurde; in dem Liede wurde beschrieben, wie die Ratten, von allen Seiten gehetzt, in den Betten der alten und jungen Weiber Zuflucht suchten und was ihnen daselbst passierte. Die Einzelheiten, die mir jedoch vorenthalten wurden, müssen sehr lustig gewesen sein, sogar Kamante konnte sich beim Übersetzen eines säuerlichen Lächelns nicht enthalten.

Bei einer der nächtlichen Ngomas ereignete sich ein dramatischer Vorfall. Die Ngoma war eine Abschiedsfeier, die kurz vor meiner Europareise veranstaltet wurde. Wir hatten ein gutes Jahr hinter uns, und das Fest war groß aufgemacht; an die fünfzehnhundert Kikuju waren gekommen. Der Tanz hatte schon einige Stunden gedauert, als ich aus dem Hause trat, um noch eine Weile zuzuschauen, ehe ich zu Bett ging; man hatte mir einen Sessel vor eine der Gesindehütten gerückt, und ein paar alte Squatter sorgten für meine Unterhaltung.

Plötzlich lief durch den Ring der Tänzer eine Welle der Erregung, eine Überraschung oder Besorgnis, ein seltsames Rauschen, als bliese der Wind durch ein Schilfröhricht. Der Tanz verlangsamte sich mehr und mehr, wurde aber nicht abgebrochen. Ich fragte einen der alten Männer, was los sei. Er antwortete rasch mit leiser Stimme: »Massai wana kuja« — die Massai kommen.

Ein Läufer mußte die Nachricht gebracht haben, denn es verrann eine geraume Weile, ehe etwas Weiteres geschah; wahrscheinlich hatten die Kikuju Botschaft zurückgeschickt, die Gäste würden empfangen werden. Es war den Massai verboten, zu einer Ngoma der Kikuju zu kommen; zu viele Mißhelligkeiten waren schon aus derlei Besuchen erwachsen. Meine Hausboys kamen heran und stellten sich bei meinem Stuhl auf; alles blickte auf den Eingang des Tanzplatzes. Als die Massai hereintraten, hörte der Tanz auf.

Zwölf junge Massaikrieger erschienen im Ring, taten einige Schritte und blieben stehen; sie sahen nicht nach rechts und nicht nach links, blinzelten nur vor sich ins Feuer. Bis auf ihre Waffen und ihren prunkvollen Kopfputz waren sie nackt, einer hatte die Kopfzier aus Löwenfell auf, die der Moran im Kriege trägt. Ein breiter Streifen Scharlachrot zog sich von den Knien bis zum Fuß hinab, als rinne ihnen Blut die Beine entlang. Sie standen aufrecht, steifbeinig, mit zurückgeworfenen Köpfen stumm und todernst da; ihre Gebärden waren zugleich die von Eroberern und von Gefangenen. Man spürte, daß sie wider Willen zu der Ngoma gekommen waren. Das dumpfe Trommelschlagen war bis ins Reservat hinübergedrungen; es hatte fort und fort gedröhnt und die Herzen der jungen Krieger drüben erregt; die zwölf hatten nicht vermocht, dem Ruf zu widerstehen.

Auch die Kikuju waren tief erregt, aber sie nahmen ihre Gäste geziemend auf. Der Vortänzer der Farm führte sie in den Tanzring, wo sie in tiefem Schweigen Platz nahmen, und die Ngoma begann aufs neue. Es war aber nicht mehr die gleiche wie vorher, die Luft war geladen. Die Trommeln dröhnten lauter und in rascherem Takt. Hätte die Ngoma ihren Fortgang genommen, wir hätten gewiß großartige Kunststücke zu sehen bekommen; die Kikuju hätten ihr Bestes hergegeben, den Massai ihre Kraft und Gewandtheit im Tanzen zu zeigen. Aber es kam nicht dazu: es gibt Dinge, die lassen sich nicht erzwingen, wenn auch alles voll des besten Willens ist.

Was geschah, weiß ich nicht. Plötzlich schwankte der Ring und riß entzwei, ein gellender Schrei ertönte, in wenigen Sekunden war der ganze Platz vor uns eine einzige Masse rennender und drängender Menschen. Schläge klatschten, Körper fielen zu Boden, und hoch über den Köpfen blitzte ein Gewoge von Speeren. Wir sprangen alle auf, sogar die weisen Alten in der Mitte krabbelten auf ihren Holzstoß, um zu sehen, was vor sich