/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Theophilus North (de)

Thornton Wilder


Theophilus North – Ein Heiliger wider Willen

Thornton Wilder

1973

1

Frühling 1926. Theophilus North, ein junger Mann von knapp 30 Jahren aus Wisconsin, der wie Thornton Wilder als Sohn eines Zeitungsredakteurs in der Provinz aufgewachsen ist, in China deutsche Schulen besucht und in Yale Sprachn studiert hat, kommt unversehens nach Newport, Rhode Island, der Sommerresidenz der Reichen und der Superreichen, um sich von anstrengenden Lehrerjahren zu erholen.

Neun Ambitionen haben Theophilus Norths jugendliche Begeisterung entzündet — nicht immer der Reihe nach und mitunter gleichzeitig. Archäloge, Detektiv, Zauberer, Liebhaber, Schurke wollte er werden — der Schriftsteller war jedoch nicht vorgesehen. Kaum verdient er sich als Tennistrainer für Kinder und Sprachlehrer und Vorleser in vornehmen Häusern sein Brot, findet er schon Gelegenheit, gleich einem Schliemann in Troja, die Neun Städte von Newport zu entdecken und allen seinen Neigungen zu leben: er heilt mit »elektrischen« Händen ein junges Mädchen, er befreit einen alten Mann aus den Klauen seiner geldgierigen Familie, er entlarvt eine Fälscherbande und tröstet eine kinderlose Matrosenfrau.

Alle Abenteuer des Theophilos North sind von der neunten Ambition geprägt: ein freier Mensch zu sein, mit Menschen zu tun zu haben, ihr Schicksale teilnehmend zu gestalten, mit heller Vernunft, Witz und Freude am Spiel. Denn für Theophilus North — und für Thornton Wilder — ist der Mensch ein der Einsicht zugängliches, in der Beschränkung sich erfüllendes Wesen. Gewiß, den Ehrgeiz, ein Heiliger zu werden, hatte der Sechzehnjährige als vermessen empfunden, sobald er nicht mehr an die Existenz Gottes glaubte ; jetzt zeigen die Sommermonate in Newport Theophilus North aus Liebe zu den Menschen als Heiligen wider Willen.

Inhaltsverzeichnis

Die neun Ambitionen

Die neun Städte von Newport

Diana Bell

Das Wyckoff-Haus

»Neun Giebel«

RIP

Bei Mrs. Keefe

Die Fenwicks

Myra

Mino

Alice

»Der Hirschpark«

Bodo und Persis

Edweena

Der Dienstbotenball

Für Robert Maynard Hutchins

Die neun Ambitionen

Im Frühling 1926 kündigte ich meine Stellung auf.

Die ersten Tage nach einer solchen Entscheidung ähneln denen der Entlassung aus dem Hospital nach langer Krankheit. Man lernt langsam wieder gehen, hebt langsam und verwundert den Kopf.

Ich erfreute mich der besten Gesundheit, nur innerlich war ich erschöpft. Ich war viereinhalb Jahre lang als Lehrer an einer Knabenschule in New Jersey tätig gewesen und dreieinhalb Sommer lang als Tutor in einem von der Schule organisierten Ferienlager. Nach außen hin wirkte ich heiter und pflichtbewußt, aber im Grunde war ich zynisch und brachte andern Menschen, mit Ausnahme meiner nächsten Familienangehörigen, nur wenig Sympathie entgegen. Ich war neunundzwanzig Jahre alt, beinahe dreißig. Ich hatte zweitausend Dollar gespart — beiseite gelegt und nicht angetastet —, um entweder nach Europa zurückzukehren (ich hatte 1920/21 ein Jahr in Frankreich und Italien verbracht), oder um mich an irgendeiner Universität zu immatrikulieren.

Mir war noch gar nicht klar, was ich werden wollte. Auf keinen Fall Lehrer, obwohl ich wußte, daß ich dafür begabt war; dieser Beruf ist nur allzu häufig ein Sicherheitsnetz für solch unschlüssige Naturen wie mich. Ich mochte auch kein Schriftsteller werden, der seinen Unterhalt mit der Feder verdient; ich wollte viel tiefer ins Leben eintauchen. Sollte ich wirklich, was man so »schreiben« nennt, je aufgreifen, dann erst nach meinem fünfzigsten Jahr. Sollte es mir aber bestimmt sein, vorher zu sterben, besaß ich immerhin die Gewißheit, so vielfältige Erfahrungen wie nur irgend möglich gemacht zu haben — und nicht auf jenes noble, aber vorwiegend sitzende Streben nach den »schönen Künsten« beschränkt gewesen zu sein.

Berufe. Lebensläufe. Karrieren. Man tut gut daran, den Ambitionen, die in buntem Wechsel die Phantasie eines heranwachsenden Knaben oder Mädchens überfluten, Beachtung zu schenken. Sie hinterlassen tiefe Spuren. Wenn der erste Saft aufsteigt, läßt der zukünftige Baum bereits seine Umrisse erkennen. Wir werden durch die Verheißungen unserer Phantasie geformt.

Neun Ambitionen haben im Lauf der Jahre meine Begeisterung entzündet — nicht immer der Reihe nach, mitunter auch gleichzeitig; manche wurden begraben und später von neuem lebendig, mitunter sogar sehr lebendig, obschon in veränderter Form, und zu meiner eigenen Verwunderung waren sie erst wiederzuerkennen, nachdem die Ereignisse, die sie aus dem Unterbewußtsein heraufgeschwemmt hatten, bereits der Vergangenheit angehörten.

Die erste, und früheste, Ambition tauchte zwischen meinem zwölften und vierzehnten Jahr auf. Fast schäme ich mich, von ihr zu erzählen. Ich wollte ein Heiliger werden, ein Missionar unter primitiven Völkern. Ich hatte zwar noch nie einen Heiligen zu Gesicht bekommen, aber schon sehr viel darüber gehört und gelesen. Ich besuchte damals eine Schule in Nord-China, und die Eltern aller meiner Mitschüler (und auf ihre Art auch die Lehrer) waren Missionare. Es traf mich wie ein Schlag, als mir zum erstenmal auffiel, daß sie (vielleicht ohne es zu merken) die Chinesen für ein primitives Volk hielten. Ich wußte es besser. Trotzdem hat es mich nicht von meinem Plan abgebracht, als Missionar inmitten eines wirklich primitiven Stammes zu wirken. Ich würde ein beispielhaftes Leben führen und vielleicht sogar die Märtyrerkrone erringen. In den folgenden zehn Jahren überblickte ich allmählich die Schwierigkeiten dieser Laufbahn. So viel glaubte ich nun zu wissen, daß der Heiligenanwärter vollkommen in seiner Beziehung zu Gott aufgehen muß, in seinem Bestreben, Ihm zu gefallen und Seinen Kreaturen hier auf Erden zu dienen. Leider hatte ich bereits 1914 (in meinem siebzehnten Jahr) aufgehört, an die Existenz Gottes zu glauben; meine Vorstellung von dem zutiefst Göttlichen in meinen Mitmenschen (und in mir selbst) hatte sich verflüchtigt, und niemals würde ich den Geboten striktester Selbstlosigkeit, Wahrhaftigkeit und Keuschheit genügen können.

Vielleicht habe ich als Folge dieses kurzen Strebens eine zeit meines Lebens immer wieder auftauchende Kindlichkeit bewahrt. Mir fehlten Aggressionen und der Antrieb zum Wettkampf. Ich konnte mich über einfache Dinge freuen wie ein Kind, das am Meeresufer mit Muscheln spielt. Ich wirkte oft »leer« und abwesend. Manch einen störte das; sogar von mir geschätzte Freunde, Männer wie Frauen (vielleicht auch mein Vater), brachen die Beziehung ab mit dem Vorwurf, ich wäre nicht »seriös«, oder eben »einfältig«.

Meine zweite Ambition — eine Säkularisierung der ersten — war: Anthropologe unter primitiven Völkern, und dieses Interesse hat sich auch später immer wieder erneuert. Vergangenheit und Zukunft sind stets in uns gegenwärtig. Der Leser wird bemerken, daß der Anthropologe und sein Sprößling, der Soziologe, weiterhin durch dieses Buch geistern.

Dritte Ambition: Archäologe.

Vierte Ambition: Detektiv. Im dritten Collegejahr nahm ich mir vor, ein staunenerregender Detektiv zu werden. Ich las die einschlägige Literatur, nicht nur Kriminalromane, sondern auch Sachbücher über die verfeinerten wissenschaftlichen Methoden auf diesem Gebiet. Chief Inspector North sollte eine führende Rolle spielen unter allen, die unser Leben in dem braven Heim und der Werkstatt vor dem Einbruch des auflauernden Bösen und des Wahnsinns beschützen.

Fünfte Ambition: Schauspieler. Ein genialer Schauspieler. Diese Selbsttäuschung dürfte im Zusammenhang mit den übrigen acht Ambitionen nicht weiter überraschen.

Sechste Ambition: Zauberer. Ich hatte mir dieses Ziel nicht ausgesucht, und es fällt mir schwer, ihm einen Namen zu geben. Jedenfalls hatte es nichts mit Vorführungen auf einem Theater zu tun. Schon früh hatte ich eine heilende Kraft in mir entdeckt, eine Gabe, die an »Mesmerismus« erinnerte, oder — darf ich so sagen? — an Dämonenaustreibung. Ich begriff, worauf sich ein »Schamane« oder ein Medizinmann verläßt. Diese Gabe freute mich nicht, und ich machte auch nur selten davon Gebrauch: Er wurde mir, wie der Leser noch sehen wird, gelegentlich aufgezwungen. Ein gewisses Maß von Betrug und Quacksalberei gehört dazu. Je weniger Worte man darüber verliert, desto besser.

Siebente Ambition: der Liebhaber. Was für ein Liebhaber? Ein Allesfresser wie Casanova? Nein. Ein Liebhaber der edlen und erhabenen Frau, wie die provençalischen Troubadoure? Nein.

Jahre später hat mich ein höchst kenntnisreicher Gesprächspartner über den von mir vertretenen Typus belehrt. Sigmund Freud verbrachte jeden Sommer in Grinzing. Ich verbrachte damals auch einen Sommer in Grinzing und, ohne daß ich etwas dazu getan hätte, erhielt ich die Einladung, mich am Sonntagnachmittag zu seinen sogenannten »Plaudereien« in seiner Villa einzufinden. In einer dieser äußerst reizvollen Plaudereien kam auch die Rede auf den Unterschied zwischen »lieben« und »sich verlieben«.

»Herr Doktor«, sagte er, »kennen Sie eine alte englische Komödie — der Name ist mir entfallen —, in welcher der Held an einer ganz bestimmten Hemmung leidet? In Gegenwart von ›Damen‹ und wohlerzogenen Mädchen ist er scheu und stumm, er kann die Augen kaum vom Boden erheben. Aber in der Gegenwart von Dienst- und Barmädchen und den sogenannten ›emanzipierten Frauen‹ ist er äußerst dreist und unverschämt. Wissen Sie zufällig den Titel dieser Komödie?«

»Ja, Herr Professor, ›She Stoops to Conquer‹.«

»Und wer ist der Autor?«

»Oliver Goldsmith.«

»Danke vielmals. Wir Ärzte haben herausgefunden, daß Oliver Goldsmith auf beispielhafte Weise ein Problem dargestellt hat, das wir häufig bei unseren Patienten vorfinden. Ach, die Dichter haben alles gekannt.«

Er erklärte mir dann, wie dieses Problem mit dem Ödipus-Komplex zusammenhängt sowie mit dem Inzest-Tabu, demzufolge »ehrbare« Frauen, die mit der Mutter und den Schwestern des Mannes assoziiert werden, »jenseits des Erlaubten« stehen.

»Wissen Sie noch, wie der junge Mann heißt?«

»Charles Marlow.«

Er wiederholte den Namen, befriedigt lächelnd. Ich beugte mich vor und sagte: »Herr Professor, könnten wir dies nicht den Charles-Marlow-Komplex nennen?«

»Ja, das wäre durchaus angebracht. Ich habe schon lange nach einem passenden Namen gesucht.«

Theophilus litt, wie man so sagt (obwohl kein Leiden damit verbunden war), an dieser Hemmung. Mögen doch die anderen Monat um Monat den stolzen Schwan und die unnahbare Lilie umwerben und umschmeicheln und Theophilus die kecke Elster und das nickende Gänseblümchen überlassen!

Achte Ambition: der Schurke. Hier muß ich meine Zuflucht zu einem Fremdwort nehmen — el pícaro. Meine Neugier wirft ihre Netze weit aus. Mich hat immer ein Charakter fasziniert, der das Gegenteil meines neuenglisch-schottischen Erbes verkörpert — der Mann, der, einen Schritt dem Sheriff voraus, ein skrupelloses Leben führt, ohne festen Plan, ohne Ehrgeiz, am Rande der Ehrbarkeit; mit Vergnügen legt er die Dummköpfe herein, die Vorsichtigen, die Geldgierigen, die Nörgler und die Selbstgefälligen. Ich träumte davon, leichten Fußes, mit leichtem Gepäck und leichter Geldbörse die ganze Welt auszukundschaften, in Millionen Gesichter zu sehen und Hunger, Kälte und anderem Elend durch meinen Witz ein Schnippchen zu schlagen. Das gilt nicht nur für Betrüger, sondern auch für Abenteurer. Neiderfüllt hatte ich viele Lebensläufe studiert und dabei festgestellt, wie oft sie, zu Recht oder Unrecht, ins Gefängnis führten. Mein Instinkt sagte mir, und gelegentlich hatten Angstträume es mir bestätigt, daß eingesperrt zu sein das schlimmste Leiden sei, das ich mir vorstellen konnte. Zwar war ich hin und wieder ein fast gerissener Schurke gewesen, aber ich hatte mir vorher jedesmal das damit verbundene Risiko klar vor Augen geführt. Diese achte Ambition führt mich gradeswegs zu der letzten, die alle andern in den Schatten stellt.

Die neunte Ambition: ein freier Mensch zu sein. Man beachte all die andern nicht aufgegriffenen Projekte. Ich wollte weder Bankier, Kaufmann oder Rechtsanwalt werden, noch irgendeine Karriere einschlagen, die von Verwaltungs- und Aufsichtsräten bestimmt wurde — Politiker, Verleger, Weltreformer oder dergleichen kamen nicht in Frage. Ich mochte keinen Boß über mir dulden, überhaupt keine Beaufsichtigung. In all meinen Ambitionen drückte sich der Wunsch aus, mit Menschen zu tun zu haben — aber mit Menschen als Individuen.

Wie der Leser feststellen wird, wirkten alle diese Aspirationen weiterhin in mir fort. Wenn sie miteinander in Konflikt gerieten, brachten sie mir Scherereien; da sie aber einem inneren Bedürfnis entsprachen, verschaffte mir ihre Verwirklichung oft ein Gefühl tiefer Befriedigung.

Nach viereinhalb Jahren bedingter Gefangenschaft war ich nunmehr ein freier Mensch. Seit meiner Reise nach Übersee vor sechs Jahren hatte ich ein Tagebuch geführt (von dessen beträchtlichem Umfang das vorliegende Buch nur einen Auszug von viereinhalb Monaten bildet). Die meisten Eintragungen dieses Tagebuches zeichnen Charakterskizzen von Männern und Frauen, die ich kannte, und berichten von ihren Lebensläufen, soweit ich sie in Erfahrung bringen konnte. Ich selbst spielte nur die Rolle des Zeugen — obwohl sich einige noch unverdaute Brocken versuchter Selbstdarstellung unter den Notizen befinden. Fast könnte ich sagen, daß jene Porträtgalerie in den letzten zwei Jahren zu meinem eigentlichen Lebensinhalt geworden war. Erst viel später wurde mir klar, daß dieser Blick nach außen eine Form der Introspektion bildete. Wunderbar, wie die Natur immer wieder die Harmonie in uns herzustellen vermag.

Seit ich mich entschlossen hatte, meine Stellung aufzugeben, zwei Tage vor Verlassen der Schule, merkte ich, daß meine neugewonnene Freiheit mich verwandelte. Ich entdeckte den Geist des Spiels wieder — nicht des jugendlichen Spiels, des Sports (durch Regeln gebändigte Aggression), sondern des kindlichen Spiels, das nichts als Phantasie, nichts als Improvisation ist. Es stieg mir zu Kopf. Der Geist des Spiels fegte den Zynismus hinweg und die Gleichgültigkeit, die mich befallen hatten. Darüber hinaus erwachte in mir eine neue Bereitschaft zum Abenteuer, zum Risiko, das Verlangen, mich in das Leben anderer einzumischen, Spaß an der Gefahr zu haben.

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Der Zufall wollte es, daß ich 1926 von meiner Freiheit früher, als ich es erwartet hatte, Gebrauch machen konnte. Sechs Wochen vor Schulschluß brach in New Jersey eine Grippe-Epidemie aus. Die Schulklinik war schnell überbelegt, und Betten wurden im Turnsaal aufgestellt, der bald einem Lazarett glich. Eltern reisten an, um ihre Söhne mit nach Hause zu nehmen. Der Unterricht wurde abgebrochen und uns Lehrern freigestellt, wegzufahren. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen. Ich kehrte nicht einmal mehr in mein Elternhaus in Connecticut zurück, da ich dort erst vor kurzem genußreiche Osterferien verbracht hatte. Einem Kollegen, Eddie Linley, hatte ich einen Wagen abgekauft unter der Bedingung, daß er ihn von unserer Schule in New Jersey zu seinem Haus in Providence, Rhode Island, fahren würde, wo ich ihn dann übernehmen wollte. Ich kannte den Wagen recht gut. Er gehörte zu dem Ferienlager in New Hampshire, in dem Eddie ebenfalls als Tutor angestellt war. Wir fuhren abwechselnd mit den anderen Lehrern die Schüler — meist in den größeren Fahrzeugen — zur Kirche, zum Tanz oder ins Kino. Der kleine Wagen, »Hannah« genannt nach dem damals populären Schlager »Hartherzige Hanna«, wurde für kürzere Routinefahrten eingesetzt: zum Postamt ins nächste Dorf, zum Einkaufen, zum Arzt, und gelegentlich entführte sie ein paar Lehrer zu einem gemütlichen Gläschen Calvados. »Hannah« konnte auf eine lange Dienstzeit zurückblicken und stand kurz vor dem Zusammenbruch. Zwei Jahre zuvor hatte die Direktion des Ferienlagers sie Eddie für fünfzig Dollar verkauft. Eddie war ein geborener Mechaniker. Die arme »Hannah« wollte sich nur noch auf irgendeinem Schutthaufen in New Hampshire zur Ruhe legen, aber Eddie hielt sie unermüdlich am Leben. Er wußte über ihre Mucken Bescheid, er nahm sich ihrer an. »Hannah« pendelte zwischen New Hampshire, Rhode Island, und New Jersey hin und her. Ich bot ihm fünfundzwanzig Dollar unter der Bedingung, daß er mir ein paar knappe Anweisungen für den Notfall mitgebe. Er willigte ein, und ich fuhr ihn nach Trenton und wieder zurück. »Hannah« benahm sich bewunderungswürdig. Er lud mich ein, ihn nach Providence zu begleiten, aber ich sagte ihm, ich wolle eine Nacht in New York bleiben und mich erst am nächsten Tag bei ihm melden. Er erklärte sich bereit, zwei kleine Koffer und ein paar Bücher mitzunehmen — die geringen Habseligkeiten, die sich in den Jahren meiner Lehrtätigkeit angesammelt hatten, darunter die beiden Bände meines kostbaren Tagebuchs. Ich fuhr nach New York nur mit einer leichten Reisetasche. Von diesem Tage an, einem Dienstag, war ich endgültig frei.

Damals fand ich New York die wunderbarste Stadt auf der Welt, und heute, nach etwa fünfzig Jahren, bin ich noch immer derselben Meinung. Ich hatte bereits viele andere Städte kennen- und liebengelernt: Rom und Paris, Hong-Kong und Schanghai, wo ich einen Teil meiner Jugend verbracht hatte; später sollte ich mich auch in London, Berlin und Wien zu Hause fühlen. Aber keine Stadt kann es mit New York aufnehmen, mit seiner Vielfalt, seiner Fülle an Überraschungen und mit seinem Klima.

Außergewöhnlich an diesem Klima sind nicht nur die extreme Hitze und Kälte, sondern die von Sonnenlicht strahlenden Tage im strengen Winter und jene wunderbaren Tage eines wohltemperierten Wetters, mit denen New York in den Monaten Juli und August gesegnet ist. Überdies glaubte ich damals (und glaube heute noch daran) an die immer wieder von sogenannten Autoritäten verbreitete Theorie, derzufolge sich ein magnetähnliches Band, ungefähr hundert Meilen breit und tausend Meilen lang, unterhalb des Erdbodens von New York bis Chicago hinzieht. Menschen in dieser Gegend werden von einem galvanischen Strom belebt, sie sind wach, erfinderisch, optimistisch und sterben früh. Herzerkrankungen durch Überanstrengungen kommen häufig vor; jeder steht vor der Wahl des Achilles, und er muß sie akzeptieren: entweder ein kurzes, aber bewegtes Leben oder ein ruhiges und ereignisloses. Männer, Frauen und Kinder sind sich der Kraft bewußt, die aus dem Pflaster von New York und Chicago aufsteigt (samt allen dazwischen liegenden Städten), vor allem im Frühling und Herbst. Entomologen berichten, daß sogar Ameisen in diesen Zonen sich schneller fortbewegen.

Ich hatte vor, die Nacht — wie meist — in dem Klubhaus der Verbindung zuzubringen, der ich während meines Studiums in Yale angehört hatte, und ich wollte mich für den Abend verabreden. Von meiner Schule in New Jersey aus hatte ich einige meiner Freundinnen angerufen.

»Guten Morgen, hier ist Dr. Caldwell aus Montreal. Kann ich Mrs. Denham sprechen?«

Der Butler antwortete. »Mrs. Denham ist in North Carolina, Sir.«

»O danke vielmals. Ich melde mich wieder, wenn ich das nächste Mal in New York bin.«

»Danke sehr, Sir.«

»Guten Morgen, hier ist Dr. Caldwell aus Montreal. Kann ich Miß LaVigna sprechen?«

»Welche Miß LaVigna, Anna oder Grazia?«

»Miß Grazia, bitte.«

»Grazia nicht mehr wohnen hier. Sie einen Job haben in Newark. ›Aurora Schönheitssalon‹. Im Telefonbuch.«

»Vielen Dank, Mrs. La Vigna. Ich werde dort anrufen.«

Ich war derart enttäuscht, daß ich meinen Plan änderte. Ich stieg in New York nur um und fuhr sofort nach Providence weiter. Ich übernachtete in einem Hotel und ging am nächsten Nachmittag bei Eddie Linley vorbei, um mein Auto abzuholen.

Ich war mir nicht ganz klar, wie ich den Sommer verbringen sollte. Man hatte mir gesagt, in der Provinz Quebec könne man verhältnismäßig billig leben. Ich würde mich also kurz in der mir kaum bekannten Gegend von Boston aufhalten, mir Concord ansehen, Waiden Pond, Salem, und dann durch Maine nach Norden fahren und meinem Vater eine Ansichtskarte aus seinem Geburtsort schreiben … irgend so etwas.

Mir genügte, am Steuer meines eigenen Wagens zu sitzen, die Straßen der Nördlichen Hemisphäre vor mir … dazu vier Monate ohne eine einzige Verpflichtung.

Die neun Städte von Newport

Am frühen Nachmittag stellte ich mich also bei Eddie Linley ein, um »Hannah« und meine Sachen abzuholen. Ich bat Eddie, während der Fahrt durch die Stadt neben mir zu sitzen und mich noch einmal über die Idiosynkrasien des alten Autos zu unterrichten.

Plötzlich fiel mein Blick auf ein Schild: Newport, 30 Meilen

Newport! Ich wollte Newport wiedersehen, wo ich vor sieben oder acht Jahren gedient hatte, allerdings bescheiden, erst als Gemeiner, dann als Korporal der Küsten-Artillerie, die die Bucht von Narragansett verteidigen mußte.

In meiner Freizeit hatte ich oft auf langen Spaziergängen die Gegend durchstreift, und ich hatte die Stadt liebengelernt, die Bäume, das Meer, das Wetter, den nächtlichen Himmel. Ich kannte dort nur eine einzige Familie, gastfreundliche Menschen, die dem Gebot »Jeden Sonntag ein Soldat zum Abendessen« nachgekommen waren, und die Einwohner der Stadt hatten auf mich einen recht guten Eindruck gemacht. Von dem berühmten »Kurort der Schwerreichen« war wenig zu sehen, ihre Luxusvillen blieben den Blicken Neugieriger entzogen, und da das Benzin rationiert war, drehten sich nicht viele Räder auf der Bellevue Avenue. Als ich das Schild entdeckte, fiel mir ein, ich könnte mir durch eine Teilzeitbeschäftigung meinen Lebensunterhalt verdienen und brauchte meine Ersparnisse gar nicht anzugreifen. Ich setzte Eddie vor seiner Tür ab, schüttelte den verschiedenen Familienmitgliedern die Hände, bezahlte ihm die fünfundzwanzig Dollar, und los ging’s nach Newport auf der Insel Aquidneck.

Was für ein Tag! Was für ein Vorgeschmack des noch immer sich verzögernden Frühlings! Wie viele Anzeichen, daß ich mich dem Meer näherte!

»Hannah« benahm sich recht gut bis zur Stadtgrenze, dort begann sie zu husten und zu stolpern. Wir schafften aber noch Washington Square, wo ich anhielt und mich nach der Adresse des »Christlichen Vereins Junger Männer« erkundigte, nicht des CVJM für Soldaten und Matrosen gleich vor meiner Nase, sondern des CVJM für Zivilisten. Ich ging in einen Laden, in dem Zeitungen, Postkarten usw. verkauft wurden — die Besitzer treffen wir in dem Kapitel »Nino« —, und fragte telefonisch beim CVJM an, ob noch ein Zimmer frei wäre. Ich fügte munter hinzu, ich sei unter dreißig, als Angehöriger der Ersten Kongregationalen Kirche in Madison, Wisconsin, getauft und im übrigen ein ziemlich umgänglicher Mensch.

Eine müde Stimme antwortete: »Wozu die Aufregung, mein Lieber? Geht in Ordnung. Fünfzig Cents pro Nacht.« »Hannah« verweigerte die Weiterfahrt, ließ sich dann aber überreden, in die Thames Street einzubiegen. Ich hielt vor »Josiah Dexter. Garage. Reparaturen«. Ein Mechaniker untersuchte »Hannah« lange und nachdenklich und murmelte einige mir unverständliche Worte.

»Wieviel kostet das alles ungefähr?«

»Sieht mir nach fünfzehn Dollar aus.«

»Kaufen Sie alte Autos?«

»Mein Bruder. Josiah! Josiah!«

Das war im Jahre 1926, als alle Mechaniker, Elektriker und Klempner nicht nur zuverlässig waren, sondern auch in hohem Ansehen standen als Eckpfeiler eines jeden Haushalts, der etwas auf sich hielt. Josiah Dexter war viel älter als sein Bruder. Er hatte eins von jenen Gesichtern, wie man sie jetzt nur noch auf Daguerreotypien von Richtern und Vikaren findet. Auch er untersuchte das Auto. Sie berieten miteinander.

Ich sagte: »Ich verkaufe Ihnen den Wagen für zwanzig Dollar, wenn Sie mich und mein Gepäck zum CVJM fahren.«

Josiah Dexter sagte: »Abgemacht.«

Wir luden mein Gepäck in seinen Wagen um, und ich wollte schon einsteigen, als ich sagte: »Einen Augenblick!« Die Luft war mir zu Kopf gestiegen, war ich doch etwa eine Meile von dem Ort entfernt, an dem ich mit zwanzig und einundzwanzig Jahren einen Teil meines Lebens verbracht hatte. Ich drehte mich zu »Hannah« um und streichelte ihre Haube. »Lebwohl, Hannah, nichts für ungut, beiderseits. Verstehst du?« Dann flüsterte ich in den einen Scheinwerfer, der mir am nächsten war: »Alter und Tod kommen zu jedem von uns. Sogar der müdeste Fluß windet sich dem Meer entgegen. Oder wie Goethe sagt: ›Balde ruhest du auch‹.«

Dann setzte ich mich neben Mr. Dexter. Nachdem er langsam einen Block entlang gefahren war, sagte er: »Haben Sie den Wagen lange gehabt?«

»Genau eine Stunde und zwanzig Minuten bin ich der Eigentümer dieses Wagens gewesen.«

Nach dem nächsten Block: »Regt Sie alles so auf, das Ihnen gehört?«

»Mr. Dexter, ich war im Krieg auf Fort Adams stationiert. Jetzt bin ich wieder hier, seit einer Viertelstunde wieder in Newport. Es ist ein wunderbarer Tag. Es ist ein wunderbarer Ort. Ich bin überdreht. Traurigkeit ist die Kehrseite des Glücks.«

»Darf ich Sie fragen, was Sie zu dem Auto gesagt haben?«

Ich wiederholte meine Abschiedsworte, wobei ich ihm das Zitat ins Englische übersetzte. »Es sind Gemeinplätze, Mr. Dexter, aber in letzter Zeit habe ich eingesehen, wenn wir vor Gemeinplätzen zurückschrecken, schrecken die Gemeinplätze vor uns zurück. Ich mache mich nie über die Gedichte von Henry Wadsworth Longfellow lustig, der so viele glückliche Wochen in und um Newport verbracht hat.«

»Ich weiß.«

»Können Sie mir sagen, wo ich hier ein Fahrrad mieten kann?«

»Bei mir.«

»Dann werde ich in einer Stunde bei Ihnen in der Garage vorsprechen. Mr. Dexter, hoffentlich nehmen Sie mir meine Verdrehtheit nicht übel!«

»Wir Neu-Engländer haben dafür nicht viel übrig, aber ich habe nichts Kränkendes gehört. Was hatte dieser Deutsche doch gleich gesagt?«

»Er sprach zu sich selbst in einem Gedicht, spät in der Nacht, in einer Holzhütte im tiefen Wald. Er schrieb die Verse auf die Bretterwand. Sie hörten die letzten Worte des berühmtesten Gedichtes in deutscher Sprache. Er war Anfang dreißig. Mit dreiundachtzig fand er seine Ruhe.«

Wir hatten den Eingang des CVJM erreicht. Er hielt und saß einen Augenblick still da, die Hand auf dem Steuerrad, dann sagte er: »Morgen sind es fünf Wochen, daß ich meine Frau verloren habe … Sie hat viel von Longfellows Gedichten gehalten.«

Er trug mit mir das Gepäck in die Halle, drückte mir einen-Zwanzig-Dollar-Schein in die Hand, nickte kurz und sagte: »Guten Tag auch«, und verließ das Gebäude.

Eine Stunde später war Josiah Dexter nicht in seiner Garage, aber sein Bruder half mir, ein Velo — wie man damals sagte — auszusuchen. Ich fuhr die Thames Street entlang und dann den »Zehn-Meilen-Fahrweg«, vorbei an dem Eingang zu Fort Adams (»Korporal North, T!« — »Hier!«), vorbei an Agassiz-Haus (»Selten ist ein großer Reichtum an Wissen so leicht getragen worden«) bis zur Seemauer vor dem Budlong-Haus. Den Wind im Gesicht, schaute ich über das glitzernde Meer in Richtung Portugal.

Noch vor sechs Monaten — ich fühlte mich innerlich ja so erschöpft — hatte ich einen Kollegen abgekanzelt: »Schlag dir diese Ideen aus dem Kopf. Das Meer ist weder grausam noch freundlich. Es ist so wesenlos wie der Himmel. Nur eine große Ansammlung von H2O. Und selbst Worte wie ›groß‹ oder ›klein‹, ›schön‹ oder ›gräßlich‹ entsprechen lediglich den Vorstellungen und Wertbegriffen, die ein menschliches Wesen von durchschnittlicher Körpergröße darauf projiziert. Ebenso dichtet man Farben und Formen gerne Eigenschaften an, die dem entsprechen, was wir als angenehm oder unangenehm, eßbar oder ungenießbar, sexuell anziehend, unsern Sinnen schmeichelnd und dergleichen empfinden. Die ganze physische Welt ist eine leere Seite, auf der wir unsere ständig wechselnden Bemühungen, uns unserer Existenz bewußt zu werden, aufschreiben oder ausradieren. Beschränke dein Staunen auf ein Glas Wasser oder einen Tautropfen — beginne dort, du wirst nicht weiterkommen.« Aber an diesem Nachmittag spät im April brachte ich nur mühsam die Worte hervor: »O Meer! O mächtiger Ozean!«

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Ich fuhr die zehn Meilen der berühmten Straße nicht ganz ab, sondern kehrte auf einer Abkürzung in die Stadt zurück. Ich wollte durch ein paar Straßen gehen, die ich so oft während meines ersten Aufenthaltes in dieser Stadt durchwandert hatte. Vor allem wollte ich die Bauten meiner Lieblingsepoche — des achtzehnten Jahrhunderts — wiedersehen, Kirche, Rathaus, Villen, und dann die herrlichen Bäume von Newport: mächtig, schattenspendend und mannigfaltig. Im östlichen Teil von Rhode Island begünstigt das Klima, nicht der Boden, das Wachstum großer exotischer Bäume. Eine ganze Generation von Gelehrten hatte sich offenbar ein Vergnügen daraus gemacht, ausländische Bäume auf der Insel Aquidneck anzupflanzen, und danach hatte eine ganze Generation von Hochseeseglern miteinander gewetteifert, Exemplare aus fernen Ländern hierher zu bringen. Viel Mühe war damit verbunden gewesen. Karawanen von Eisenbahnwaggons hatten Erde aus dem Inneren herbeigeschleppt. Später stellte sich heraus, daß viele Bewohner nicht einmal die Namen der schönen Bäume auf ihrem Anwesen kannten. »Wir glauben, dies hier ist ein indischer Feigenbaum oder ein … Arekanusbaum.« »Ich glaube, Großvater hat gesagt, der hier stammt aus Patagonien … Ceylon … Japan …«

Zu meinen später wieder aufgegebenen Ambitionen hatte auch der Archäologe gehört. Ich hatte in Rom sogar fast ein Jahr dem Studium der Archäologie, ihren Methoden und Fortschritten gewidmet. Aber schon viel früher war ich — wie viele andere Jungen — von Schliemanns Entdeckung des antiken Troja fasziniert: neun Städte lagen dort übereinander. In den viereinhalb Monaten, über die dieses Buch berichtet, stellte ich fest, daß Newport sich aus neun Städten zusammensetzte, einige waren übereinandergelagert, andere ohne nähere Beziehung zu den übrigen geblieben, jede war auf ihre Weise schön, eindrucksvoll, absurd oder nichtssagend, und die eine beinahe schmutzig.

Die erste Stadt — sie trägt die Spuren der ersten Siedler — ist ein Dorf aus dem siebzehnten Jahrhundert mit dem berühmten runden Turm aus Stein, der, Schauplatz von Longfellows Gedicht »Das Gerippe in Waffen«, noch lange Zeit für ein Überbleibsel aus der Zeit der Wikinger gehalten wurde. Heute glaubt man, daß es sich um eine alte Mühle handelt, erbaut von dem Vater oder Großvater Benedict Arnolds.

Die zweite Stadt stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert und weist einige der schönsten öffentlichen und privaten Gebäude Amerikas auf. Es war diese Stadt, die eine so wichtige Rolle im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg spielte, denn von ihr aus führten die begeisterten und hochherzigen französischen Freunde unserer Erhebung unter Rochambeau und Washington die Kampagne zur Vertreibung der Briten aus ihren Stützpunkten entlang der Küste, was dem Krieg die Wendung zum guten Ende geben sollte.

Die dritte Stadt besteht aus den Überresten eines der blühendsten Seehäfen Neu-Englands, die sich jenseits der Thames Street in das zwanzigste Jahrhundert hinüberretten konnten. Die dritte Stadt mit ihren Werften und Docks und nach Teer und Werg riechenden Krämerläden, ihren flüchtigen Ausblicken auf trocknende Netze und zum Flicken ausgelegte Segel ist jetzt im wesentlichen auf die vor Anker liegenden Yachten und Vergnügungsdampfer angewiesen; ihre Vergangenheit lebt fort in einer Reihe schmutziger Bars und Tavernen, wie sie die Seeleute lieben, in die sich aber eine Landratte kaum ein zweites Mal wagen würde.

Die vierte Stadt gehört dem Heer und der Marine. Schon seit langem gibt es ein ganzes System von Festungswerken, um die Bucht von Narragansett zu verteidigen. Der Kriegshafen und die Ausbildungsstation sind während des Krieges beträchtlich ausgebaut worden — es ist eine Welt für sich.

Die fünfte Stadt wird seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts von einigen hochintellektuellen Familien aus New York, Cambridge und Providence bewohnt, nachdem sie das schöne Newport als Sommerfrische entdeckt hatten. (Nur wenige Leute aus Boston tauchten hier auf, da sie ihre Sommerfrischen an der Nord- oder Südküste verbrachten.) Der Philosoph in der Nachfolge Swedenborgs, Henry James, brachte seine Familie hierher, darunter der junge Philosoph William James und der junge Romancier Henry James. In seinem letzten, unvollendeten Roman »Der Elfenbeinturm« kehrt dieser in seiner Erinnerung zu den Häusern und Gärten zurück, die vom Klippenweg eingesäumt werden. Hier lebte bis in ihr hohes Alter Julia Ward Hower, Verfasserin des »Kampflieds der Republik«. Eine ganze Schar von Harvardprofessoren hatte sich eingefunden. Das Haus von John Louis Rudolph Agassiz, an dem ich soeben vorbeigefahren war, hatte man in ein Hotel umgewandelt, und das ist es bis heute, 1927, geblieben. Bei einem späteren Besuch gelang es mir, das fünfeckige Turmzimmer zu reservieren, und von diesem magischen Raum aus konnte ich nachts die Lichter von sechs verschiedenen Leuchttürmen sehen und das Heulen oder Läuten von ebenso vielen Bojen hören.

Die sechste Stadt wurde von den Millionären errichtet, den Unternehmensgründern, die von ihren Schlössern am Hudson oder ihren Villen in Saratoga Springs gekommen waren, da sie plötzlich gemerkt hatten, wie entsetzlich heiß der Sommer im Staate New York sein kann. Mit ihnen erschienen Eleganz, modischer Wettbewerb und das befriedigende Gefühl der Exklusivität. Dieses sogenannte »Große Zeitalter« war längst vorbei, vieles freilich blieb davon übrig.

In einer Großstadt mischt sich die Armee der Dienstboten mit der übrigen Bevölkerung, aber auf einer kleinen Insel, und gar einem kleinen Teil dieser Insel, bilden die Dienstboten eine siebente Stadt. Alle, die den Vordereingang des Hauses, in dem sie leben, nur betreten, um ihn zu putzen, werden sich ihrer Unentbehrlichkeit inne und entwickeln eine Art Untergrundsolidarität.

Die achte Stadt (wie die siebente Stadt von der sechsten abhängig) bevölkern Schlachtenbummler und Parasiten: neugierige Journalisten, Detektive, Mitgiftjäger, halbverrückte Anwärter auf soziales Prestige, Propheten, Gesundbeter, fragwürdige Protégés beiderlei Geschlechts — wunderbares Material für mein Tagebuch.

Endlich gab, gibt es und wird es noch lange geben die neunte Stadt des amerikanischen Mittelstandes, die Handel treibt, Kinder aufzieht und ihre Toten begräbt, viel zu beschäftigt, um den acht so eng benachbarten Städten besondere Beachtung zu schenken.

Ich beobachtete sie alle und machte meine Aufzeichnungen: allmählich fühlte ich mich wie Gulliver auf der Insel Aquidneck.

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Am Morgen nach meiner Ankunft holte ich mir Rat bei einem Mann, zu dem ich eine entfernte Beziehung zu haben glaubte — William Wentworth, Direktor des Casino. Vor zehn Jahren hatte mein Bruder noch während seines Studiums in Yale an den Tennis-Meisterschaften von New England teilgenommen und einen der vorderen Plätze belegt. Er hatte mir von Mr. Wentworths gewinnendem Wesen und seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft erzählt. Ich schlenderte durch den Eingang, besichtigte die Tennisplätze und die Anlage der Zuschauertribüne. Das Gebäude war — wie auch andere in Newport — von dem ebenso brillanten wie unglücklichen Architekten Stanford White entworfen worden. Wie jedes seiner Werke war es zugleich hervorragend durchdacht und phantasievoll. Obwohl der Frühling erst begonnen hatte, bildeten die berühmten Rasenplätze bereits einen Teppich aus Grün.

Ich klopfte an die Tür der Verwaltung und wurde von einem frisch aussehenden Mann um die Fünfzig eingelassen. Er streckte seine Hand aus und sagte: »Guten Morgen, Sir. Bitte nehmen Sie Platz. Womit kann ich Ihnen dienen?«

Ich erzählte ihm, daß mein Bruder an den Tennismeisterschaften teilgenommen hatte.

»Lassen Sie mich mal nachdenken. Neunzehnhundertsechzehn. Hier ist sein Bild. Und hier ist sein Name auf dem Pokal. Ich erinnere mich noch sehr gut an ihn, ein feiner Junge und ein erstklassiger Tennisspieler. Was macht er jetzt?«

»Er ist Geistlicher.«

»Gut«, sagte er.

Ich erzählte ihm von meinem Militärdienst auf Fort Adams. Ich erzählte ihm, daß ich vier Jahre ununterbrochen unterrichtet hatte, daß ich Abwechslung brauchte und einen weniger anstrengenden Stundenplan. Ich zeigte ihm den Entwurf einer Annonce, die ich in die Zeitung setzen wollte, und bat ihn um die Gefälligkeit, eine Abschrift davon mit Reißzwecken an das schwarze Brett des Casino zu heften. Er las und nickte.

»Mr. North, die Saison fängt erst an, aber es gibt immer Schüler, die aus irgendeinem Grunde jetzt zu Hause sind und einen Tutor brauchen. Meist wenden sie sich an die Lehrer der in der Nähe gelegenen Schulen, aber die Lehrer haben gegen Ende des Semesters kaum noch Zeit für sie. Vielleicht können Sie ihnen einige Schüler abnehmen. Aber es gibt noch eine andere Gruppe, die Ihre Dienste gewiß sehr gerne in Anspruch nimmt. Würden Sie sich bereit erklären, alten Leuten mit schlechten Augen vorzulesen?«

»Ja, Mr. Wentworth.«

»Alle nennen mich Bill, ich hingegen nenne jeden über sechzehn Mister. Spielen Sie auch Tennis?«

»Natürlich nicht so gut wie mein Bruder, aber ich bin zum Teil in Kalifornien aufgewachsen, und da spielt jeder Tennis.«

»Glauben Sie, daß Sie Kindern zwischen acht und fünfzehn Trainerstunden geben könnten?«

»Ich habe zahllose Trainerstunden gehabt.«

»Bis um zehn Uhr dreißig sind drei Plätze für Kinder reserviert. Der angestellte Trainer trifft erst Mitte Juni ein. Ich werde Ihnen gleich eine Tennisklasse zusammenstellen. Ein Dollar pro Stunde und Kopf. Sie können zwei Dollar pro Stunde für Ihr Vorlesen verlangen. Haben Sie Ihre Tennissachen mitgebracht?«

»Ich kann mir leicht welche beschaffen.«

»Wir haben ein ganzes Hinterzimmer voll mit diesem Zeug, weggeworfen, verloren, vergessen und so weiter. Ich habe sogar einen ganzen Stoß Flanellhosen auf Vorrat, chemisch gereinigt, damit sie nicht verkommen. Auch Schuhe und Schläger in allen Größen. Ich zeige Ihnen alles später. Können Sie tippen?«

»Ja, Bill.«

»Gut, dann setzen Sie sich mal hier an diesen Tisch und tippen Sie Ihre Annonce für die Zeitung. Sie sollten sich übrigens ein Postfach für die Antwortbriefe mieten. Und geben Sie die Telefonnummer des CVJM an. Ich muß mich jetzt um die Handwerker kümmern.«

Freundlichkeit ist nichts Ungewöhnliches, aber Freundlichkeit mit schöpferischer Phantasie verbunden, kann umwerfend wirken.

Ich bin selbst mitunter altruistisch — aber nur aus Freude am Spiel. Geben ist einfacher als nehmen. Ich schrieb:

T. Theophilus North

Yale, 1920. Lehrer an der Raritan-Schule in New Jersey; 1922-1926. Tutor für Schul- und Collegeexamen in Englisch, Französisch, Deutsch, Latein und Algebra. Mr. North steht zum Vorlesen in den genannten Sprachen sowie im Italienischen zur Verfügung. Zwei Dollar die Stunde. Adresse: CVJM, Zimmer 41

Ich ließ die Anzeige in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben der Zeitung erscheinen.

Schon nach vier Tagen gab ich Trainerstunden auf dem Tennisplatz, und die Arbeit machte mir Spaß. (Früher hatte ich mich für Tennis nicht sonderlich interessiert. Im Casino fand ich ein paar Handbücher mit vielen Eselsohren: »Die neue Tennisschule«, »Tennis für Anfänger«. Auch respektablere Berufe als der meine können nicht auf ein Element von Bluff verzichten.) Eine Woche lang bekam ich täglich Briefe und Telefonanrufe. Einer der ersten Briefe enthielt die Aufforderung, mich in den »Neun Giebeln« vorzustellen, was zu Komplikationen führen sollte — doch davon später. Eine alte Dame verlangte, ich solle aus den Werken von Edith Warton vorlesen, da sie Mrs. Warton noch gekannt hatte, als sie in Newport lebte; und derlei mehr. Die Telefonanrufe boten eine bunte Palette. Zum erstenmal machte ich die Erfahrung, wer sich der Öffentlichkeit stellt, läuft Gefahr, mit Spinnern, wie man sie leichthin nennt, in Kontakt zu kommen. Eine zornige Stimme ließ mich wissen, daß ich ein deutscher Spion wäre und daß »wir Sie nicht aus den Augen verlieren werden«. Eine Frau wollte mich überreden, Globo zu lernen und zu lehren, um die Welt auf den ewigen internationalen Frieden vorzubereiten.

Andere Anrufe muteten mir mehr zu.

»Mr. North, hier spricht Mrs. Denbys Sekretärin. Mrs. Denby möchte gerne wissen, ob Sie ihren Kindern jeden Donnerstagnachmittag zwischen drei Uhr dreißig und sechs Uhr dreißig vorlesen könnten.«

Ich merkte sofort, daß es sich um den freien Nachmittag des Kindermädchens handelte. Ich war noch immer leicht verdreht und zu allerhand Streichen aufgelegt. Am Telefon kann ich viel deutlicher und sogar unhöflicher werden als bei einer persönlichen Begegnung. Das liegt vermutlich daran, daß ich dem andern nicht in die Augen zu sehen brauche.

»Darf ich fragen, wie alt Mrs. Denbys Kinder sind?«

»Nun … sie sind sechs, acht und elf Jahre alt.«

»Wünscht Mrs. Denby, daß ich ihren Kindern ein bestimmtes Buch vorlese?«

»Das überläßt sie ganz Ihnen, Mr. North.«

»Ich danke Mrs. Denby. Würden Sie ihr bitte ausrichten, daß es unmöglich ist, ein Kind länger als vierzig Minuten lang mit einem Buch zu beschäftigen. Ich schlage vor, daß die Kinder Streichhölzer als Spielzeug erhalten sollten.«

»Oh!«

Ende des Gesprächs.

»Mr. North, Mrs. Hugh Cowperthwaite ist am Apparat. Ich bin die Tochter von Mr. Eldon Craig.«

Sie machte eine Pause, um mich die Würze des mir eingeräumten Privilegs auskosten zu lassen. Ich habe immer vergessen, woher der Reichtum meiner Arbeitgeber stammte. Bis heute weiß ich nicht, ob Mr. Craig in dem Rufe stand, er verdiene jedesmal einen halben Dollar, wenn die Tür eines Lastwagens mit Gefrierfleisch sich schloß, oder er verdiene ein Zehn-Cent-Stück, wenn ein Schlächter eine neue Rolle von braunem Packpapier holte.

»Ja, gnädige Frau?«

»Mein Vater möchte mit Ihnen besprechen, ob es Ihnen möglich wäre, ihm die Bibel vorzulesen … Ja, die ganze Bibel. Er hat sie bereits elfmal gelesen, und er möchte wissen, ob Sie sehr schnell lesen können … Sehen Sie, er will seinen eigenen Rekord brechen, der, wenn ich mich nicht irre, vierundachtzig Stunden beträgt.«

»Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, Mrs. Cowperthwaite.«

»Falls Sie ein Interesse daran haben, möchte er wissen, ob Sie vielleicht zu — Sondervereinbarungen bereit sind.«

»Sondervereinbarungen?«

»Nun ja, Rabatt sozusagen.«

»Ich verstehe. Der volle Betrag beläuft sich meiner Schätzung nach auf über hundertundfünfzig Dollar. Das ist gewiß eine ganz erhebliche Summe.«

»Ja, mein Vater möchte darum wissen, ob Sie eventuell …«

»Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, gnädige Frau? Ich könnte das Alte Testament auf Hebräisch lesen. Im Hebräischen gibt es keine Vokale, nur sogenannte ›Atempausen‹. Das würde die Zeit um sieben Stunden reduzieren. Vierzehn Dollar gespart.«

»Aber das würde er doch nicht verstehen, Mr. North.«

»Verstehen spielt hier keine Rolle, Mrs. Cowperthwaite. Mr. Craig hat das Alte Testament bereits siebenmal gehört. Es auf Hebräisch zu hören, würde bedeuten, Gottes eigene Worte zu hören, wie Er sie Moses und den Propheten diktiert hat. Außerdem könnte ich das Neue Testament auf Griechisch vorlesen. Griechisch ist voll von tonlosen Digammas und Enklitikons und Prolegomena. Kein Wort wird verlorengehen und meine Rechnung würde sich auf einhundertundvierzig Dollar reduzieren.«

»Aber mein Vater …«

»Ferner könnte ich im Neuen Testament die Worte unseres Herrn in seiner eigenen Sprache lesen, aramäisch. Sehr kurz und kondensiert. Es ist mir gelungen, die Bergpredigt in vier Minuten einundsechzig Sekunden zu lesen, nicht mehr und nicht weniger.«

»Würde auch nach diesen Regeln ein neuer Rekord Gültigkeit haben?«

»Es tut mir leid, daß Sie es nicht so sehen wie ich, Mrs. Cowperthwaite. Ihr verehrter Vater hat die Absicht, seinem Schöpfer zu gefallen. Ich mache Ihnen einen Sonderpreis: einhundertundvierzig Dollar.«

»Ich muß leider die Unterhaltung beenden, Mr. North.«

»Sagen wir einhundertunddreißig.«

Ende des Gesprächs.

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Bald radelte ich also die Avenue hinauf und hinunter wie ein Lieferjunge. Unterrichtsstunden. Lesungen. Die Arbeit machte mir Freude (die Fabeln von Lafontaine im »Hirschpark«, die Werke von Bischof Berkeley in den »Neun Giebeln«), aber bald stieß ich auf die allerseits bekannte Wahrheit, daß die Reichen niemals zahlen — oder nur gelegentlich. Ich verschickte meine Rechnungen alle vierzehn Tage, aber selbst die liebenswürdigsten Arbeitgeber übersahen sie geflissentlich. Ich griff mein Kapital an und wartete, aber mein Traum von einer eigenen Wohnung (ein Traum, der natürlich andere Träume nach sich zog) schien auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. Abgesehen von ein paar Verpflichtungen, nach Einbruch der Dunkelheit vorzulesen, war ich abends frei, und das machte mich ruhelos. Ich schaute in die Tavernen der Thames Street und der Langen Werft, spürte aber keine Lust, mich einer dieser trübe beleuchteten, lärmenden Runden anzuschließen. Kartenspiele waren in den Aufenthaltsräumen des CVJM erlaubt, vorausgesetzt, daß es nicht um Geld ging, doch mein Interesse schwand schnell ohne den Anreiz auf Gewinn.

Schließlich geriet ich in »Hermanns Billardsalon«, zwei langgestreckte Räume mit sieben Tischen unter grellen Hängelampen und einer Bar, an der gesetzlich erlaubte Getränke ausgeschenkt wurden, denn noch herrschte die Prohibition. Man drückte zwar ein Auge zu, wenn einer Alkohol in der eigenen Tasche mitbrachte, aber wie die meisten Spieler begnügte ich mich mit »Bevo«. Dieses Lokal sagte mir zu. An den Wänden standen zwei Reihen Bänke, eine erhöhte für die Zuschauer, eine niedere für die wartenden Spieler. Damals spielte man vor allem Poule. Es ist weniger ein fröhlicher als ein in sich gekehrter Sport, begleitet von Grunzlauten, stummen Schwüren, Stoßgebeten, unterbrochen durch Aufschreie des Triumphes oder der Verzweiflung. Die Habitues in »Hermanns Salon« waren Diener von den großen Besitzungen, Chauffeure, auch ein paar Verkäufer fanden sich ein, meistens jedoch Dienstboten. Gelegentlich wurde ich zum Mitspielen aufgefordert. Ich stellte mich vor als der Tennistrainer vom Casino, der für Anfänger Stunden gab. Ich spiele Poule ziemlich gut (viele Stunden lang in meiner Studentenzeit), aber ich spürte, daß man mich zusehends kühler behandelte. Ich wollte mir schon einen neuen Billardsalon suchen, als mich Henry Simmons adoptierte und damit meinem Außenseitertum ein Ende setzte.

Was sollte ich Henry nicht alles verdanken: seine Freundschaft zu mir, die Bekanntschaft mit seiner Verlobten Edweena, der unvergleichlichen Edweena, und mit Mrs. Cranston samt ihrer Pension sowie all das, was sich daraus ergab. Henry war ein hagerer englischer Diener von vierzig Jahren; sein Gesicht — länglich, rot, pockennarbig — belebten zwei dunkle, scharf beobachtende Augen. Seine Rede hatten sieben Jahre Amerika geläutert, doch in gehobener Stimmung fiel er in die Sprache seiner Jugend zurück, eine Sprache, die mich entzückte, weil sie Erinnerungen an Figuren derselben Herkunft bei Dickens und Thackeray heraufbeschwor. Er war bei einem bekannten Hochseesegler und Regatta-Enthusiasten angestellt, den er sehr bewunderte — ich werde ihn hier Timothy Forrester nennen. Wie auch andere seiner gesellschaftlichen Klasse und seiner Generation, stellte Mr. Forrester seine Yacht wissenschaftlichen Expeditionen und Forschungsfahrten zur Verfügung, wo ein Gentleman-Diener nicht am Platz gewesen wäre. Da er selbst daran teilnahm, blieb Henry oft monatelang allein in Newport zurück. Diese Einteilung paßte ihm um so mehr, als die Frau, die er heiraten wollte, den größten Teil des Jahres ebenfalls in Newport verbrachte. Henry trug stets wunderbar geschneiderte schwarze Anzüge, nur die auffallend bunten Westen zeugten von seinem individuellen Geschmack. Er war allgemein beliebt in »Hermanns Salon«, den er durch seine halblaut hingeworfenen Scherze um ein Element extravaganter und exotischer Komik bereicherte.

Offenbar hatte er mich ziemlich lange beobachtet und mich mit meiner Zeitungsannonce in Verbindung gebracht, denn als ich eines Abends bereits viel zu lange auf der Bank gewartet hatte, kam er plötzlich auf mich zu und sagte: »Sie hier, Professor! Wie wär’s mit einem Spielchen. Drei Sätze zu 12 1/2 Cents. Wie war doch gleich Ihr Name, Kamerad? Ted North? Ich heiße Henry Simmons.«

Zur Zeit unserer ersten Begegnung war Henry ein sehr unglücklicher Mensch. Sein Herr hatte sich einem Team angeschlossen, das die Vögel der Tierra del Fuego photographierte, und Henry haßte das Nichtstun. Seine Verlobte war ebenfalls verreist, und er vermißte sie aufs schmerzlichste. Wir spielten ohne viel zu reden. Ich hatte eine Glückssträhne, vielleicht auch hielt sich Henry zurück. Als das Spiel zu Ende war, leerten sich bereits die Räume. Er lud mich zu einem Drink ein. Einige Kisten Ale blieben hier stets für seinen persönlichen Gebrauch reserviert, ich aber bestellte das übliche Ersatzbier.

»Also, erzählen Sie von sich, Ted, sind Sie glücklich und zufrieden? Ich werde Ihnen sagen, wer ich bin. Ich stamme aus London und bin mit zwölf von der Schule abgegangen. Ich habe Schuhe geputzt und Barbierläden ausgefegt. Ich hab’ meine Augen aufgemacht und was gelernt. So bin ich ein Diener geworden, ein Gentleman-Diener.« Er hatte seinen Gentleman nach Amerika begleitet und war schließlich von Mr. Forrester engagiert worden. Er erzählte mir von seiner Edweena, die zur Zeit als Zofe eine Damengesellschaft auf einer berühmten Yacht bediente. Er zeigte mir einige bunte Postkarten, die sie ihm aus Jamaica, aus Trinidad und von den Bahamas geschickt hatte — ein magerer Trost.

Dann erzählte ich ihm meine Lebensgeschichte — Wisconsin, China, Kalifornien, Schulen und Anstellungen, Europa, der Krieg, zuletzt die Gründe, die mich nach Newport geführt hatten. Dann stießen wir miteinander an und unsere Freundschaft war besiegelt. Diesem ersten folgten noch viele Poulespiele mit anschließendem Gespräch. Beim zweiten oder dritten fragte ich ihn, warum die Spieler sich soviel Zeit ließen, mich aufzufordern. Lag es etwa daran, daß ich ein Neuankömmling war?

»Kamerad, in Newport ist man furchtbar mißtrauisch gegen Neuankömmlinge. Argwöhnisch, wenn Sie verstehen, was ich meine. Es gibt eine ganze Menge Typen, die wir hier nicht haben wollen. Nehmen wir einmal an, ich wüßte nicht, daß Sie in Ordnung sind. Verstanden? Darf ich jetzt ein paar Fragen stellen? Mr. North, sind Sie nach Newport abkommandiert worden?«

»Was soll das heißen?«

»Gehören Sie irgendeiner Organisation an? Hat man Sie mit einem besonderen Auftrag hierhergeschickt?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, warum ich herkam.«

»Ich frage wie bei einem Gesellschaftsspiel. Sind Sie ein Flikker?«

»Ein was?«

»Ein Detektiv?«

Die Wandlung bestimmter Wörter auf ihrem Weg von Land zu Land und durch die Jahrhunderte hat mir immer Vergnügen bereitet. »Flicker« ist ein Vogel, eine in Amerika vorkommende Spechtart, und der Titel eines Films im Jahre 1926. Aber in Frankreich ist ein »flic« ein Polizist oder ein Detektiv, dieses Wort muß den Kanal überquert haben und in den Slang der englischen Unterwelt eingedrungen sein. Nach Newport ist es wahrscheinlich von Henry selbst importiert worden. Ich hob die Hand wie zum Schwur. »Ich schwöre bei Gott, Henry, nie im Leben habe ich damit zu tun gehabt.«

»Als ich in der Zeitung las, daß Sie Latein unterrichten, wußte ich Bescheid. Kein Flicker hat sich jemals auf Latein eingelassen. Es ist nämlich so: nichts gegen den Job, man kann sein Geld auf hundert verschiedene Arten verdienen. Wenn die Saison beginnt, tauchen die Flicker scharenweise auf. Wochenlang findet jeden Abend ein großer Ball statt. Für prominente Besucher oder schwindsüchtige Kinder, zum Beispiel. Diamantencolliers. Versicherungsgesellschaften schicken ihre Männer her, als Kellner verkleidet. Manchmal werden sie sogar offiziell als Gäste eingeladen. Kleben mit ihren Augen an dem Gefunkel. Viele Familien sind so ängstlich, daß ein Flicker die ganze Nacht wach neben dem Safe sitzen muß. Eifersüchtige Ehemänner lassen ihre Frauen von einem Flicker beschatten. Ein Mann wie Sie kommt in die Stadt, kennt niemanden, kein triftiger Grund, hier zu sein. Vielleicht ist er ein Flicker — oder ein Dieb. Als erstes pflegt sich ein regulärer Flicker beim Polizeichef zu melden, um ihm reinen Wein einzuschenken. Aber viele machen das nicht, sie möchten ganz geheim bleiben. Sie können Gift darauf nehmen, daß Sie noch nicht drei Tage in der Stadt waren, als der Chef Sie bereits ins Auge gefaßt hatte. Gut, daß Sie gleich ins Casino gingen und den alten Bericht über sich ausgruben …«

»In Wirklichkeit über meinen Bruder.«

»Wahrscheinlich hat Bill Wentworth den Chef angerufen und ihm gesagt, daß er Vertrauen zu Ihnen hat.«

»Danke für diese Mitteilung. Doch Ihr Vertrauen nützt mir in ›Hermanns Salon‹ mehr als alles andere.«

»Es verkehren sogar hier ein paar Flicker, doch keinesfalls wollen wir einen Flicker unter uns haben, der vorgibt, keiner zu sein. Immer wieder hat man von einem Flicker gehört, der Smaragde stiehlt.«

»Und mit was für verdächtigen Typen könnte man mich noch verwechseln?«

»Das werde ich Ihnen später erzählen. Jetzt sind Sie dran.«

Ich erzählte ihm, was ich über die herrlichen Bäume von Newport herausgefunden und zusammengetragen hatte. Ich erzählte ihm von meiner Theorie der »Neun Städte von Newport« (und von Schliemanns Troja).

»Das sollte Edweena hören! Edweena liebt Fakten und das Herausschälen von Ideen aus Fakten. Sie sagt immer, die Leute in Newport können bloß klatschen und tratschen. Oh, diese Sache mit den Bäumen würde ihr gefallen und auch die Sache mit den neun Städten.«

»Bisher habe ich nur fünf ausfindig gemacht.«

»Vielleicht sind’s fünfzehn. Vielleicht können Sie das mit einer Freundin von mir, mit Mrs. Cranston besprechen. Ich hab ihr von Ihnen erzählt und sie möchte Sie gerne kennenlernen. Das ist eine ganz besondere Ehre, Professor, denn sie macht selten eine Ausnahme: im allgemeinen empfängt sie nur Diener oder Dienstboten bei sich zu Hause.«

»Aber ich bin ein Diener, Henry.«

»Darf ich Sie etwas fragen: in all diesen Häusern, in denen Sie Schüler haben, treten Sie da durch die Vordertür ein?«

»Nun … ja.«

»Sind Sie jemals zum Mittag- oder Abendessen eingeladen worden?«

»Zweimal, aber ich bin nie …«

»Dann sind Sie kein Diener.« Ich schwieg. »Mrs. Cranston weiß sehr viel von Ihnen, aber sie meinte, sie würde sich sehr freuen, wenn ich Sie zu einem Besuch überreden könnte.«

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»Mrs. Cranstons Pension«, im Schatten der Dreifaltigkeitskirche gelegen, war ein großes Gebäude, das aus drei aneinandergebauten Häusern bestand, so daß man nur die Wände hatte durchbrechen müssen. Die Sommerkolonie in Newport wurde von fast eintausend Dienstboten versorgt, von denen die meisten in dem Haus, in dem sie beschäftigt waren, auch schliefen. Mrs. Cranstons Pension war eine vorübergehende Bleibe für viele und eine ständige für wenige. Zur Zeit meines ersten Besuches waren die meisten der großen Häuser (die Cottages) noch nicht geöffnet, aber die bereits vorausgeschickten Dienstboten sollten alles für die Saison herrichten. In vielen Fällen hatten weibliche Dienstboten sich geweigert, die Nacht allein in den abgelegenen Häusern an der Ozeanstraße zu verbringen. Außerdem beherbergte Mrs. Cranston eine beträchtliche Anzahl von Aushilfen für besondere Gelegenheiten, obwohl sie mit aller Deutlichkeit erklärt hatte, kein offizielles Stellenvermittlungsbüro zu sein.

Das Haus war in der Tat ein Segen für die siebente Stadt — für die Alten, die vorübergehend Stellenlosen, die plötzlich Entlassenen — zu Recht oder häufiger zu Unrecht Entlassenen — und für Rekonvaleszenten. Der große Salon und die sich anschließenden Aufenthaltsräume neben dem Vestibül dienten als ein Treffpunkt und waren an Donnerstag- und Sonntagabenden überfüllt. In einem Rauchzimmer hinter dem vorderen Salon wurden gesetzlich erlaubtes Bier und Fruchtsäfte verabreicht für vertrauenswürdige Freunde des Hauses — männliche Dienstboten, Kutscher und sogar Küchenchefs. Das Speisezimmer war ausschließlich für die ständigen Gäste reserviert, sogar Henry hatte es noch nie betreten.

Mrs. Cranston achtete darauf, daß in ihrem Unternehmen das Dekorum gewahrt blieb, kein Gast hätte je ein unfeines Wort über die Lippen gebracht, und sogar der Klatsch über den jeweiligen Arbeitgeber hielt sich in Grenzen. Mit Staunen entdeckte ich, daß Geschichten über das legendäre Newport — die glorreichen Tage vor dem Ersten Krieg — nur selten erwähnt wurden, ebenso die Fehden zwischen den tonangebenden Familien, die Grobheiten einer berühmten Gastgeberin, die babylonische Extravaganz phantastischer Masken- und Kostümbälle, jeder kannte das alles. Auch in jüngster Zeit hatte es in den Sommermonaten nicht an großen Ereignissen gefehlt, an Verrücktheiten, Dramen und Melodramen, aber darüber unterhielt man sich nur streng vertraulich.

Mrs. Cranston ließ verlauten, es sei berufsschädigend, das Privatleben von Leuten durchzuhecheln, die uns ernähren. Sie war zwar jeden Abend anwesend, verzichtete jedoch darauf, über der allgemeinen Unterhaltung zu thronen. Sie pflegte reihum an den kleinen Tischen zu sitzen und bestellte lieber ihre Freunde, entweder allein oder zu zweit, zu sich. Sie hatte einen hübschen, vornehm frisierten Kopf und eine eindrucksvolle Figur, sie sah und hörte ausgezeichnet. In der Kleidung ahmte sie Damen nach, bei denen sie in jungen Jahren angestellt gewesen war — enggeschnürtes Oberteil, schwarze Jetperlen und ein halbes Dutzend rauschender Unterröcke. Nichts machte ihr mehr Vergnügen, als in irgendeiner problematischen Angelegenheit, die Diplomatie und eine gründliche Lebenserfahrung verlangte, um Rat gebeten zu werden. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß sie schon manche Seele vor dem Ertrinken gerettet hatte. Vom Geschirrwaschen und anderem niederen Küchendienst hatte sie sich in den Rang einer Zofe emporgearbeitet. Einem Gerücht zufolge — das ich erst jetzt nach so vielen Jahrzehnten weitergebe — hat es niemals einen »Mister« Cranston gegeben (Cranston ist ein kleiner Ort, etwa einen Krähenflug von Newport entfernt), ein bekannter Bankier soll ihr die Pension eingerichtet haben.

Mrs. Cranstons beste Freundin war die unvergleichliche Edweena, die auf unbegrenzte Zeit die Gartenwohnung zu ebener Erde gemietet hatte. Edweena wartete nämlich auf den längst überfälligen Zusammenbruch und Tod ihres alkoholischen Gatten im fernen London, um danach ihre Hochzeit mit Henry Simmons zu feiern. Ein Vorteil, den der Besitz der Gartenwohnung ihr eintrug, erkannten einige Beobachter ohne Mühe: Henry konnte nach Belieben ein- und ausgehen, ohne einen Skandal zu erregen.

Nach den Regeln des Hauses mußten sich sämtliche Damen — mit Ausnahme von Mrs. Cranston und Edweena — um dreiviertel elf für die Nacht zurückziehen, entweder auf ihr Zimmer im oberen Stock oder in ihre Bleibe in der Stadt. Die Herren gingen erst um Mitternacht. Henry war der große Favorit der Dame des Hauses, der er eine noch aus der Alten Welt stammende Ehrerbietung entgegenbrachte.

Diese letzten fünfviertel Stunden waren Henry (und unserer Gastgeberin) besonders lieb. Die Mehrzahl der Männer blieb an der Bar sitzen, aber gelegentlich leistete Mrs. Cranston ein sehr alter, leichenblasser Mr. Danforth Gesellschaft, ebenfalls ein Engländer, der einst in großen Häusern in Baltimore und Newport als ein zweifellos majestätischer Butler gedient hatte. Sein Gedächtnis ließ sehr nach, aber er wurde noch immer von Zeit zu Zeit eingestellt, um ein Büfett oder ein Vestibül durch seine Anwesenheit zu veredeln.

Um diese nächtliche Stunde stellte mich Henry Mrs. Cranston vor. »Mrs. Cranston, ich möchte gern, daß Sie meinen Freund Ted North kennenlernen. Er arbeitet im Casino und liest einigen Damen und Herren laut vor, deren Augen nicht mehr das sind, was sie früher waren.«

»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. North.«

»Danke vielmals, gnädige Frau, ich betrachte es als einen besonderen Vorzug.«

»Soweit mir bekannt ist, besitzt Ted nur einen Fehler, gnädige Frau, er kümmert sich nicht um anderer Leute Angelegenheiten.«

»Das macht ihn mir um so sympathischer, Mr. Simmons.«

»Henry überschätzt mich, Mrs. Cranston. Gewiß ist dies meine Absicht gewesen, aber während meines kurzen Aufenthaltes in Newport habe ich bereits entdeckt, wie schwierig es ist, nicht in halsbrecherische Situationen verwickelt zu werden.«

»Zum Beispiel mit jener Person, die ihren Eltern davonläuft. Es ist noch gar nicht lange her.«

Ich war wie vom Donner gerührt. Wie konnte jenes kurze Abenteuer publik geworden sein! Ich war gewarnt. Zum ersten Mal erfuhr ich, daß in Newport nichts geheim bleibt, auch nichts, was in einer Großstadt kaum bemerkt werden würde. (Schließlich wird Dienstpersonal hochgepriesen, wenn es seinem Arbeitgeber jeden Wunsch von den Augen abliest, und das erfordert eine niemals erlahmende Aufmerksamkeit. Aquidneck ist keine große Insel, und das Herz ihrer sechsten Stadt ist dementsprechend eng.)

»Gnädige Frau, man kann es mir nicht verübeln, wenn ich meinem Freund und Arbeitgeber im Casino einen Gefallen erweisen wollte.«

Sie senkte den Kopf und lächelte leise, doch mit Wohlwollen. »Mr. Simmons, entschuldigen Sie bitte, aber würden Sie vielleicht für ein paar Minuten in die Bar gehen? Ich möchte mit Mr. North etwas besprechen, was für ihn wichtig sein könnte.«

»Ja, aber gewiß, Verehrteste«, sagte Henry erfreut und verließ das Zimmer.

»Mr. North, diese Stadt hat eine ausgezeichnete Polizei und einen hochintelligenten Polizeichef. Sie setzt diese Kräfte nicht nur zum Schutz von Wertgegenständen einiger Bürger ein, sondern auch zum Schutz einiger ihrer Bürger vor sich selbst und vor unliebsamen Enthüllungen. Was immer man Ihnen vor zweieinhalb Wochen aufgetragen hat, Sie haben sehr geschickt gehandelt. Das Ganze hätte ebenso gut auch in einer Katastrophe enden können. Sollten Sie je wieder in eine solche Lage kommen, so bitte ich Sie, sich an mich zu wenden. Ich habe dem Polizeichef manche Gefälligkeit erwiesen, und er ist freundlicherweise auch mir und meinen Pensionsgästen oft gefällig gewesen.« Sie legte ihre Hand kurz auf die meine. »Merken Sie sich das bitte ein für allemal.«

»Ja, ganz gewiß. Ich danke Ihnen, Mrs. Cranston, daß Sie mir erlauben, Sie zu behelligen, wenn die Situation es erfordert.«

»Mr. Simmons! Mr. Simmons!«

»Ja, gnädige Frau?«

»Sie können wiederkommen, wir wollen ein wenig das Gesetz übertreten.« Sie läutete eine Tischglocke und gab dem Jungen an der Bar eine geheime Order. Zum Zeichen unserer Verbundenheit bekamen wir einen Drink serviert, den ich als Gin-Fizz in Erinnerung habe. »Durch Mr. Simmons habe ich schon gehört von Ihren Theorien über die Bäume und über die verschiedenen Städte in Newport. Wollen Sie es mir nicht mit Ihren eigenen Worten erzählen?«

Ich erzählte, Schliemann und Troja und alles. Meine Aufteilung Newports war natürlich noch unvollständig.

»So! So! Vielen Dank. Ach, wie wird sich Edweena freuen, davon zu hören. Ich habe zwanzig Jahre in der Bellevue-Avenue-Stadt gelebt, wie die meisten Gäste von mir im oberen Stock, aber jetzt bin ich eine Pensionsinhaberin in der letzten Ihrer Städte, und ich bin sogar noch stolz darauf. Henry Simmons sagt mir, die Männer in ›Hermanns Billardsalon‹ hielten Sie für einen Detektiv.«

»Ja, Mrs. Cranston, sie vermuteten sogar noch Schlimmeres, das er mir aber nicht verraten will.«

»Gnädige Frau, ich wollte unserem jungen Freund in den ersten Wochen nicht zuviel zumuten. Glauben Sie, er ist stark genug zu hören, daß er im Verdacht stand, ein Jiggala oder gar ein Schmierer zu sein?«

»Oh, Henry Simmons, Sie reden Ihre eigene Sprache. Sie meinen Gigolo. Ja, ich glaube, man sollte ihm alles sagen. Es wird ihm auf die Dauer nützen.«

»Ein Schmierer, Teddie, ist ein Journalist, der Unrat wittert, ein Skandal-Bluthund. Während der Saison schwirren sie wie Fliegen hier herum. Sie versuchen sogar, die Dienstmädchen zu bestechen, um zu erfahren, was vorgeht. Wenn sie keinen Schmutz finden, dann erfinden sie welchen. In England ist es genauso. ›Herzogstochter in Opiumhöhle — hier der genaue Bericht‹. Und Millionen und Millionen lesen mit Genuß über die verruchten Reichen. Jetzt ist Hollywood dran mit den Fillum-Stars. Die meisten Schmierer sind Frauen, aber es gibt auch viele Männer darunter. Mit denen wollen wir nichts zu tun haben, nicht wahr, Mrs. Cranston?«

Sie seufzte. »Man darf ihnen nicht alles ankreiden.«

»Wenn Teddy jetzt die Avenue hinauf und hinunter radelt, werden ihm Fühler dafür wachsen. Hat man sich schon an Sie herangemacht, alter Junge?«

»Nein«, sagte ich aufrichtig. Im nächsten Augenblick hielt ich den Atem an. Man hatte sich in der Tat schon an mich »herangemacht«, doch ich hatte nicht gemerkt, daß etwas dahinter steckte. Flora Deland! Ich werde später davon berichten. Mir fiel ein, daß ich mein Tagebuch einschließen sollte — es enthielt bereits geheimes Material.

»Und der Gigolo, Mr. Simmons?«

»Wie Sie wünschen, gnädige Frau. Sie werden mir verzeihen, wenn ich meinem Freund dann und wann einen Spitznamen gebe. Das ist so meine Art.«

»Und welchen Spitznamen würden Sie Mr. North jetzt geben?«

»Seine Zähne, Gnädigste, sie blenden mich. Dann und wann muß ich ihn ›Hacker‹ nennen.«

An meinen Zähnen war nichts Bemerkenswertes. Ich erklärte ihm, daß ich meine ersten neun Jahre in Wisconsin verbracht hatte, einem Staat mit viel Milchwirtschaft, der seine Kinder unter anderem mit ausgezeichneten Zähnen beschenkt. Henry hatte allen Grund, mich darum zu beneiden. Kinder, die im Herzen Londons aufwachsen, sind in dieser Hinsicht oft benachteiligt. Das konnte Henry nicht verschmerzen.

»Hacker, alter Junge, die Männer in ›Hermanns Billardsalon‹ glaubten eine Zeitlang, Sie wären einer von diesen …«

» … Gigolos.«

»Danke, gnädige Frau. Das ist Französisch und bedeutet Tanzpartner mit Ambitionen. Nächsten Monat werden sie uns heimsuchen wie die Heuschrecken. Mitgiftjäger. Sehen Sie, es gibt hier für Dutzende von Erbinnen keinen Mann ihrer Klasse. Heutzutage reisen diese jungen Leute mit Dr. Grenfell nach Labrador, um Büchsenmilch zu den Eskimos zu tragen, oder sie schwirren davon wie mein Herr, um Vögel am Südpol zu photographieren, oder sie ziehen auf eine Ranch in Wyoming und brechen sich beide Beine. Ein paar entschließen sich auch für Long Island, weil es dort so munter zugehen soll. Kein junger Mann kann sich unter den Augen von Eltern oder Verwandten amüsieren. Außer bei Segelregatten oder Tennisturnieren ist hier kein Mann unter dreißig weit und breit zu erblicken.«

»Kein Junggeselle unter vierzig, Henry.«

»Danke, gnädige Frau. Wenn also unsere Gastgeberinnen einen Ball für ihre schönen Töchter geben wollen, telephonieren sie ihrem lieben Freund, dem Admiral von der Marinestation, und erbitten von ihm vierzig junge Männer, die Walzer und Polka tanzen können, ohne zu stolpern. Die alten Damen haben aus Erfahrung gelernt, daß man außerordentlich viel Brunnenwasser in den Punsch gießen muß. Außerdem wenden sie sich an die Gesandtschaften in Washington, um Hausgäste für einen Monat einzuladen, junge Grafen und Marquis und Barone, die eben erst die unteren Sprossen der diplomatischen Leiter erklimmen. So wird’s gemacht. Hacker, ich bin in Ihr Land gekommen als Butler für einen Earl sechsten Grades. Er verlobte sich mit einer Tochter von Dr. Bosworth aus den ›Neun Giebeln‹. Er war einer der nettesten Kerle, die man je anzutreffen hofft, aber er fand nicht vor zwölf Uhr mittags aus dem Bett. Schlief bei Dinner-Parties. Er liebte das Essen, haßte aber das Warten zwischen den einzelnen Gängen. Trotz taktvollem Überreden meinerseits kam er zu jeder Verabredung genau eine Stunde zu spät. Seine Frau, so energisch wie ein Bienenschwarm, ließ sich von ihm für rund eine Million scheiden, sagt man … Das einzige, was ein ehrgeiziger junger Mann hier braucht, ist eine nette Konversation, ein Paar Lackschuhe und ein kleines anständiges Empfehlungsschreiben — alle Türen stehen ihm offen, einschließlich das Kasino mit einer Dauerkarte. Darum dachten wir zuerst, Sie wären einer von diesen …«

»Danke, Henry.«

»Mrs. Cranston, wir werden dennoch nicht gleich das Schlechteste von Mr. North annehmen, wenn er sich ein süßes kleines Ding mit Kupferminen oder Eisenbahnen anlacht.«

»Das würde ich Ihnen nicht empfehlen, Mr. North.«

»Ich habe auch nicht die Absicht, Mrs. Cranston. Aber darf ich wissen, warum Sie mir abraten?«

»Wer das Geld besitzt, besitzt auch die Peitsche, und wenn ein Mädchen in großem Reichtum aufgewachsen ist, glaubt sie, daß sie ein großes Gehirn besitzt. Mehr will ich jetzt nicht sagen. Wenn der Sommer um ist, werden Sie Ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben.«

Ich habe diese vormitternächtlichen Unterhaltungen sehr genossen. Da ich mir ohnehin zuweilen wie der schiffbrüchige, auf die Insel Aquidneck verschlagene Kapitän Lemuel Gulliver vorkam, der ihre Sitten und Gebräuche zu studieren sich anschickt, konnte ich mir nichts Besseres wünschen. Fernrohre stehen gewöhnlich auf drei Beinen. Ein Bein von mir stand bei meinen täglichen Besuchen in der Avenue auf sicherem Boden, ein zweites ruhte auf den Erfahrungen und Lebensweisheiten von Mrs. Cranstons Pension, ein drittes mußte ich mir erst noch suchen.

Ich hatte es keineswegs ehrlich gemeint, als ich Mrs. Cranston versprach, mich in einer schwierigen oder sogar gefährlichen Situation an sie zu wenden. Von Natur aus kümmere ich mich lieber um meine eigenen Angelegenheiten, halte den Mund und winde mich aus meinen Fehlern allein heraus. Wahrscheinlich würde Mrs. Cranston bald genug erfahren, daß ich in der Woche acht bis neun Stunden in den »Neun Giebeln« verbrachte, einem Cottage, wo es in der Tat seltsam zuging. Wahrscheinlich ahnte sie auch, daß ich in George Granberrys Haus in Dinge verwickelt werden sollte, die meine Kräfte überstiegen und jeden Moment in der Regenbogenpresse eine wahre Feuersbrunst der Enthüllungen auslösen konnten.

In der einen Angelegenheit, die mit meinem Vorlesen im Wyckoff-Haus zusammenhing, habe ich mich tatsächlich an sie um Rat und Hilfe gewandt und sie auch prompt erhalten.

Diana Bell

Da radelte ich also emsig die Avenue hinauf und hinunter, verdiente mir meinen Lebensunterhalt und legte außerdem noch Geld zurück, um mir eine kleine Wohnung zu mieten. Wie ich eines Morgens, etwa um die Mitte der dritten Woche, im Casino meine Trainingsklasse für Kinder beendet hatte und mich eben vor meinem literarischen Tagesprogramm duschen und umziehen wollte, hielt Bill Wentworth mich fest. »Mr. North, können Sie heute gegen Abend einmal vorbeikommen? Ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«

»Ja, natürlich, Bill. Würde Ihnen sechs Uhr fünfzehn passen?«

Ich hatte Bill näher kennengelernt und bewunderte ihn mehr und mehr. Ich war auch schon an einem Sonntag bei ihm zu Hause gewesen und hatte mit dem Ehepaar Wentworth, einer verheirateten Tochter und ihrem Mann — alles alteingesessene Rhode Islander — zu Abend gegessen. Jetzt schien mir Bill bedrückt, er sah mir in die Augen und sagte: »Als Sie bei uns waren, haben Sie ein paar von Ihren Abenteuern zum besten gegeben. Hätten Sie Lust zu einer kleinen, aber ungewöhnlichen Expedition? Sie können ohne weiteres ablehnen, falls Sie nicht mögen — zwischen uns würde sich nichts ändern. Es braucht allerdings ein bißchen Grips dazu, aber die Sache wird gut bezahlt.«

»Ja, gern, Bill, wenn ich Ihnen damit einen Gefallen erweisen kann. Schicken Sie mich ruhig zum Nordpol.«

»Das wäre zu auffällig. Es handelt sich nämlich um eine sogenannte geheime Mission.«

»Nichts ist mir lieber.«

Punkt sechs Uhr fünfzehn betrat ich sein Büro mit den Pokalen und Trophäen. Bill saß an seinem Schreibtisch und fuhr sich verzweifelt mit der Hand über das graue, kurzgeschnittene Haar. Er kam ohne Umschweife zur Sache.

»Ein Problem brennt mir auf den Nägeln. Unser Aufsichtsratsvorsitzender ist seit einigen Jahren Mr. Augustus Bell, ein New Yorker Geschäftsmann. Seine Frau und seine Tochter verbringen allerdings den größten Teil des Jahres hier in Newport. Nur im Winter fahren sie für ein paar Monate nach New York. Seine ältere Tochter Diana ist etwa sechsundzwanzig, also schon alt für ein Mädchen ihrer Herkunft. Es gibt bei uns ein Sprichwort: ›Sie hat zu viele Schuhe zertanzt.‹ Sie ist extravagant, lustig und ruhelos. Jedermann weiß, daß sie sich in New York mit unerwünschten Elementen umgibt. Die Zeitungen haben darüber berichtet — Sie können sich denken, was für Zeitungen. Dann geschah noch Schlimmeres. Vor zweieinhalb Jahren folgte ihr einer von diesen unerwünschten Typen hierher. Ihre Familie weigerte sich, ihn zu empfangen. Daraufhin brannte sie mit ihm durch. Man brachte sie zurück, sie war nicht weit gekommen. Polizei, Privatdetektive und so weiter. Die Zeitungen überschlugen sich … Es ist eine rechte Verlegenheit, daß Newport als Sommerfrische für junge Männer ihrer Klasse nicht mehr attraktiv ist. Newport wählt der Mann in mittlerem Alter und darüber.« Bill rang einen Augenblick mit sich selbst. »Jetzt geht es wieder los. Ihre Mutter hat in ihrem Zimmer den Brief eines Mannes gefunden, der übermorgen mit ihr durchbrennen will, um sie in Maryland zu heiraten. Es ist nicht leicht, Mr. North, mit reichen Leuten umzugehen. Mr. Bell ist der Ansicht, es wäre meine Pflicht, alles stehen und liegen zu lassen, um zwei erwachsenen Menschen nachzurennen und sie irgendwie festzuhalten. Er will nichts mehr mit Polizei und Privatdetektiven zu tun haben. Ich möchte mich da nicht einmischen und setze damit höchstwahrscheinlich meine Stellung aufs Spiel.«

»Natürlich helfe ich aus, Bill, nach Kräften.« Bill schwieg und versuchte seiner Gefühle Herr zu werden. »Wer ist der Mann?« fragte ich.

»Mr. Hilary Jones, Präsident des regionalen Turnlehrerverbandes. Er ist etwa zweiunddreißig Jahre alt, geschieden, und hat eine Tochter. Allgemein spricht man nur Gutes über ihn, auch seine ehemalige Frau.« Er nahm einen großen Briefumschlag vom Tisch. »Hier sind einige Pressephotos von Miß Bell und Mister Jones und auch Zeitungsberichte über die beiden. Können Sie chauffieren?«

»Ja, ich habe vier Sommer in dem Camp in New Hampshire alle möglichen Wagen chauffiert. Hier ist mein Führerschein; er läuft in drei Wochen ab.«

»Mr. North, ich habe mir eine große Freiheit herausgenommen, die sie mir hoffentlich nicht übelnehmen werden. Ich habe Mr. Bell gesagt, ich wüßte einen tatkräftigen jungen Mann mit Köpfchen, der mit Menschen umzugehen versteht. Ihren Namen habe ich nicht genannt, aber ich erwähnte, daß Sie in Yale studiert haben. Wie Mr. Bell übrigens. Sie sollen aber nicht mir zuliebe mitmachen. Es steht Ihnen frei, dieses heimtückische Geschäft widerlich zu finden und abzulehnen.«

»Bill, ich freue mich darauf, denn ich mag das, wenn meinem Köpfchen Aufgaben gestellt werden. Die ganze Geschichte möchte ich noch von Mr. Bell hören.«

»Er wird Sie fürstlich belohnen.«

»Halt! Das will ich mit ihm persönlich ausmachen. Wann kann ich ihn sehen?«

»Könnten Sie morgen abend um sechs hier in meinem Büro sein? Das gibt uns noch einen Tag Bedenkzeit.«

___________

Ich muß nun viel von dem bereits behandelten Stoff wiederholen, allerdings unter einem etwas anderen Blickwinkel. Am folgenden Abend saß Bill pünktlich um sechs Uhr in seinem Büro. Ein Herr von ungefähr fünfzig Jahren, dessen Haar und Schnurrbart verdächtig getönt wirkten, stürmte mit langen Schritten im Zimmer auf und ab und versetzte gelegentlich einem Stuhl einen Fußtritt.

»Mr. North, dies ist Mr. Bell. Mr. Bell, dies ist Mr. North. Setzen Sie sich bitte, Mr. North.«

Mr. Bell gibt einem Tennistrainer nicht die Hand.

»Mr. Bell, ich schlage vor, daß Sie zunächst mich sprechen lassen. Bitte, korrigieren Sie, was nicht stimmt.« Mr. Bell ließ ein unglückliches Grunzen vernehmen und tigerte weiter auf und ab.

»Mr. Bell hat ebenfalls in Yale studiert, er war dort ein höchst erfolgreicher Leichtathlet. Mit Unterbrechungen gehört er seit zwanzig Jahren dem Vorstand des Casinos an, was beweisen dürfte, wie sehr man ihn schätzt. Mr. Bell hat eine Tochter Diana, von klein auf eine hervorragende Tennisspielerin auf unseren Plätzen. Sie ist eine sehr attraktive junge Dame mit einem Schwarm von Freunden … vielleicht ein wenig eigenwillig. Darf ich so sagen, Mr. Bell?«

Mr. Bell versetzte den Fenstervorhängen einen Hieb und warf ein oder zwei Meisterschaftspokale um.

»Mr. und Mrs. Bell haben zufällig entdeckt, daß Miß Diana beabsichtigt, von zu Hause fortzulaufen. Sie ist schon einmal durchgebrannt, aber nicht sehr weit gekommen. In drei oder vier Staaten wurde die Polizei alarmiert und brachte Miß Diana nach Hause zurück. Ziemlich beschämend für ein so stolzes Mädchen.«

»O Gott, mach es kurz, Bill!«

»Mr. und Mrs. Bell leben fast das ganze Jahr über hier in Newport, verbringen aber ein paar Wintermonate in ihrer New Yorker Wohnung. Mr. Bell wird nichts dagegen einwenden, wenn ich seine Tochter eine unternehmungslustige junge Dame nenne — einige Reporter erwähnten regelmäßig, daß sie in der Öffentlichkeit mit unpassenden Begleitern gesehen wurde. So auch mit jenem Mann, mit dem man sie auf der Flucht aufgriff.«

Ich sah Bill an und merkte, daß er seinen Neu-England-Mumm in hohem Maße wiedergewonnen hatte. Mr. Bell sollte nicht so leicht davonkommen. »Mrs. Bell hat nun, unter der Wäsche ihrer Tochter versteckt, einen Brief gefunden. Ein Mann in Newport — ich kenne ihn flüchtig — teilt ihr darin seine Vorbereitungen mit für die auf morgen abend angesetzte Flucht. Geplant ist eine Fahrt nach Maryland, um dort so schnell wie möglich zu heiraten.«

»Gott im Himmel, Bill, ich halte das nicht aus!«

»Wessen Wagen werden sie nehmen, Bill?« fragte ich.

»Ihren Wagen. Er hat nur den Schulbus, mit dem er seine Teams zu den Sportveranstaltungen fährt. Sie wollen nachts mit der 10-Uhr-Fähre von der Insel nach Jamestown übersetzen, um dann mit einer zweiten Fähre zum Narragansett-Pier zu kommen. Natürlich will Mr. Bell nicht ein zweites Mal die Polizei rufen. Auch möchte die Familie nicht noch mehr Publicity haben in der sogenannten Skandalbeilage der Sonntagszeitungen.«

Mr. Bell ging wütend auf Bill zu. »Nun reicht’s mir aber.«

»Dies sind die Fakten, Mr. Bell«, antwortete Bill ruhig. »Wir müssen die Fakten auf den Tisch legen. Mr. North muß wissen, was wir von ihm verlangen.« Mr. Bell schüttelte die geballten Fäuste vor Bills Gesicht. »Es geht darum, Mr. North, daß Sie den beiden den Weg abschneiden, irgendwo, irgendwie, und Miß Diana wieder zurückbringen. Sie sind ein freier Mann, keinerlei Zwang wird auf Sie ausgeübt. Miß Diana ist eine erwachsene Frau, eventuell möchte sie unter keinen Umständen zu ihren Eltern zurückkehren. Mr. Bell bittet Sie als alter Yale-Mann lediglich um den einen Gefallen, es zu versuchen. Wären Sie damit einverstanden?«

Ich sah zu Boden.

Ich glaubte in keiner Weise an den Kosmos. Ich meinte, auch nicht an Loyalität oder Freundschaft zu glauben, aber da war Bill Wentworth, dessen Lebensstellung auf dem Spiel stand. Und da war noch dieser apoplektische Bulle, und Mrs. Bell, die in den Schubläden einer Sechsundzwanzigjährigen nach Briefen stöberte — und sie auch las.

Natürlich würde ich zusagen und erfolgreich handeln. Aber ich wollte es Mr. Bell nicht zu leicht machen.

»Was soll ich Ihrer Ansicht nach unternehmen, Mr. Bell?«

»Nun, den beiden folgen, am besten noch über Narragansett-Pier hinaus, damit Sie so weit wie möglich von Newport entfernt eingreifen, wie Ihnen gut scheint. Warten Sie ab, wo sie zum Essen anhalten oder für die Nacht absteigen. Demolieren Sie ihr Auto. Rennen Sie ihre Tür ein, wenn es sein muß. Machen Sie ihr klar, was für ein Dummkopf sie ist. Welche Schande sie über uns bringt. Wie sie ihrer Mutter das Herz bricht.«

»Wissen Sie etwas Ehrenrühriges über jenen Mann?«

»Was?«

»Dieser Mr. Jones, kennen Sie ihn?«

»Um Himmels willen, nein! Er ist ein Niemand! Ein Mitgiftjäger, ein erbärmlicher. Ein Stück Dreck.«

»Haben Sie den Brief von Mr. Jones bei sich, Mr. Bell?«

»Ja. Hier ist er, und der Teufel soll ihn holen!« Er zog den Brief aus der Tasche und warf ihn zwischen uns auf den Teppich. Bill und ich waren nun ebenfalls »Niemand« und »Dreck«.

Bill stand auf und nahm den Brief vom Boden. »Mr. Bell, wir bitten Mr. North, uns in einer äußerst vertraulichen Angelegenheit behilflich zu sein. Wir hoffen, daß er Erfolg hat und daß Sie und Mrs. Bell sich ihm dafür erkenntlich zeigen.«

Mr. Bell rang mit sich, mit erstickter Stimme sagte er: »Ich bin sehr verstört. Bitte entschuldigen Sie, daß ich den Brief auf den Boden geworfen habe.«

Ich sagte zu Bill: »Wir werden ihn in einen größeren Briefumschlag stecken, versiegeln und an Miß Bell adressieren mit dem Zusatz: ›Von Mr. Augustus Bell erhalten und ungelesen versiegelt von Bill Wentworth und Theophilus North.‹ Mr. Bell, darf ich Sie fragen, wo Ihre Tochter Mr. Jones kennengelernt hat?«

»Wir verbringen den größten Teil des Jahres in Newport. Meine Tochter und einige ihrer Freundinnen arbeiten als freiwillige Helferinnen im Krankenhaus. Diana ist wahnsinnig kinderlieb. Sie lernte diesen Mr. Jones kennen, als er seine dreijährige Tochter besuchte, die dort als Patientin lag. Er ist ein vulgärer, gewissenloser Mitgiftjäger, genau wie die andern. Wir haben uns diese Banditen oft genug vom Halse halten müssen. Das springt ja in die Augen.«

Einem solchen Mann kommt man nur mit folgendem Mittel bei: man starre ihn weiterhin erwartungsvoll an, als ob er sogleich das völlig überzeugende Wort finden würde. Ohne Zustimmung und Applaus schrumpfen diese Leute nämlich zusammen und schnappen nach Luft.

Nach einer Pause begann ich wieder. »Mr. Bell, ich möchte Ihnen gern ein paar vernünftige Bedingungen unterbreiten. Zunächst darf unter keinen Umständen von meiner Bezahlung die Rede sein. Ich werde Ihnen eine Rechnung in Höhe meiner Verluste schicken, die mir aus der Absage meiner hiesigen Verpflichtungen erwachsen. Es handelt sich also nicht um Bezahlung, sondern um Entschädigung. Ferner möchte ich ein Auto zur Verfügung haben, dunkelblau oder schwarz — wenn möglich ein Fabrikat, in dem drei Personen vorne sitzen können. Außerdem brauche ich einen guten Revolver.«

»Warum?«

»Ich werde keine konventionelle, sondern selbstverfertigte Munition verwenden. Sollte die Polizei das Auto Ihrer Tochter mit durchschossenen Reifen auf einer Autobahn in Rhode Island oder Connecticut finden, so steht das unweigerlich in der Zeitung. Ich kann einen Reifen sozusagen auf natürliche Weise durchlöchern. Ich möchte von Ihnen auch einen verschlossenen Briefumschlag mit zehn Zehn-Dollar-Scheinen für gewisse vielleicht notwendige Ausgaben. Ich werde das Geld wahrscheinlich nicht brauchen, in diesem Falle werde ich den Briefumschlag ungeöffnet Mr. Wentworth zurückgeben. Die wichtigste Bedingung aber ist diese: Ich werde, ob erfolgreich oder nicht, mit niemandem außer Ihrer Familie über diese Angelegenheit sprechen. Sind Sie mit meinen Bedingungen einverstanden?«

Er grunzte: »Ja.«

»Ich habe diese fünf Bedingungen schriftlich festgehalten. Wollen Sie bitte unterschreiben?«

Er las das Dokument durch und setzte zur Unterschrift an. Plötzlich sah er auf. »Natürlich bezahlen wir — ich bin bereit, Ihnen tausend Dollar zu bezahlen.«

»In diesem Falle, Mr. Bell, müssen Sie leider einen Kidnapper dingen, der Miß Bell gewaltsam zurückbringt. Um keinen Betrag in der Welt würde ich mich dazu hergeben. Meine Mission ist die Überredung, mehr nicht.«

Er sah mich verdutzt an, als würde er in eine Falle gelockt. Dann warf er Bill einen fragenden Blick zu.

»Ich habe nichts von diesen Bedingungen gewußt, Mr. Bell, aber ich halte sie für vernünftig.«

Mr. Bell unterzeichnete nun endgültig das Dokument und legte es auf den Tisch. Ich schüttelte Bill die Hand und sagte: »Wollen Sie den Vertrag bitte an sich nehmen? Ich werde morgen abend um sechs Uhr hier sein, um das Auto abzuholen.« Ich verbeugte mich leicht vor Mr. Bell und ging hinaus.

Der Portier vom CVJM borgte mir ein paar Straßenkarten von Rhode Island und Connecticut. Am folgenden Tag studierte ich sie mehrmals sehr sorgfältig. Die selbstverfertigte Munition war natürlich der reine Bluff, schiere Prahlhanserei. Beim Übungsschießen auf Fort Adams hatten wir Korkkugeln mit einer Nadel benutzt, die in die Zielscheibe eindrang. Ich nahm an, daß sie auch einen Autoreifen durchlöchern würde, und kaufte mir ein Paket.

___________

Das Auto war wunderschön. Ich ließ mich mit einer frühen Fähre nach Jamestown übersetzen und wartete am Anlegeplatz, bis ich Miß Bells Auto auf die zweite Fähre rollen sah. Miß Bell saß am Steuer. Ich fuhr hinterdrein in den großen, matt erleuchteten Schiffsrumpf. Sobald die Fähre abgelegt hatte, stieg Miß Bell aus und musterte, zwischen den Wagen umhergehend, die Gesichter der Insassen. Sie erblickte mich von weitem und kam geradeswegs auf mich zu. Mr. Jones folgte ihr verwirrt. Ich stieg aus meinem Auto aus und wartete nicht ohne Bewunderung auf sie. Sie war eine große, hübsche junge Frau mit dunklen Haaren und frischen Farben.

»Ich weiß, wer Sie sind, Mr. North. Sie trainieren den Kindergarten im Casino und mein Vater bezahlt Sie, damit Sie hinter mir herspionieren. Sie verdienen nicht einmal meine Verachtung. Sie sind ein minderwertiges Subjekt! Ich könnte Ihnen ins Gesicht spucken … Nun, haben Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung vorzubringen?«

»Ich bin hier in einer einzigen Eigenschaft, Miß Bell — als Vertreter des gesunden Menschenverstandes.«

»Sie!«

»Was Sie jetzt vorhaben, wird in der Presse zur Groteske verzerrt breitgetreten. Sie werden Mr. Jones um seine Karriere als Lehrer bringen.«

»Quatsch! Unsinn!«

»Ich kann nur hoffen, Sie heiraten Mr. Jones und Ihre Familie sitzt bei der kirchlichen Trauung in der ersten Reihe, wie es sich für eine Dame Ihres gesellschaftlichen Ranges gehört.«

»Ich halte es nicht aus. Ich halte es nicht aus, daß Polizisten und Detektive wie Spürhunde mich jagen und abschleppen. Ich werde wahnsinnig. Ich will tun und lassen, was mir paßt.«

Mr. Jones berührte leicht ihren Ellbogen. »Diana, laß uns anhören, was er zu sagen hat.«

»Ihn anhören? Ihn anhören? Diesen spionierenden Molch?«

»Diana, tu es doch!«

»Was, du willst mir Befehle geben?« Sie versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.

Noch nie habe ich einen Mann so erstaunt und zugleich so gedemütigt gesehen. Er senkte den Kopf. Sie schrie mich weiter an. »Ich verbitte mir jedes Nachspionieren. Nie mehr werde ich in dieses Haus zurückkehren. Jemand hat da meinen Brief gestohlen. Warum kann ich nicht leben wie jeder andere Mensch auch? Warum kann ich nicht mein eigenes Leben führen?«

Ich wiederholte mit ruhiger Stimme: »Miß Bell, ich bin hier als Vertreter des gesunden Menschenverstandes. Ich möchte Ihnen und Mr. Jones eine Menge Ärger und Kränkungen ersparen.«

Mr. Jones fand seine Sprache wieder. »Diana, du bist ja ganz anders als das Mädchen, das ich im Krankenhaus kennenlernte.«

Sie legte ihre Hand auf seine gerötete Backe. »Aber, Hilary, merkst du denn nicht, was für Blödsinn er redet? Er will uns einfangen. Er will uns zurückhalten …«

Ich fuhr fort: »Diese Überfahrt wird etwa eine halbe Stunde dauern. Wollen Sie Mr. Jones und mir erlauben, auf dem Oberdeck diese Angelegenheit in Ruhe miteinander zu besprechen?«

Er sagte: »Bei einer solchen Unterredung muß Diana dabeisein. Diana, ich frage dich nochmals, willst du dir nicht anhören, was er uns zu sagen hat?«

»Also schön, gehen wir nach oben«, sagte sie verzweifelt.

___________

Das Oberdeck wirkte wie ein billiger, seit zehn Jahren nicht mehr benutzter Tanzsaal. Es gab eine Theke für Kaffee und Sandwiches, die aber jetzt, zu Beginn der Saison, noch nicht in Betrieb war. Tische und Stühle waren schmutzig und verrostet. Die Lampen verbreiteten ein stahlblaues Licht, das sich gut zum Photographieren von Verbrechern geeignet hätte. Sogar Diana und Hilary — beides hübsche Menschen — wirkten häßlich.

»Wollen Sie zuerst sprechen, Miß Bell?«

»Wie konnten Sie diesen gräßlichen Job annehmen, Mr. North? Kinder im Casino haben Sie mir gezeigt und behauptet, sie mögen Sie.«

»Ich werde Ihnen später alle Fragen beantworten. Doch erst sollen Sie beide von sich erzählen.«

»Ich habe Hilary im Krankenhaus kennengelernt, wo ich als Helferin arbeitete. Er saß am Bett seiner Tochter, und es war wunderbar, wie die beiden sich miteinander unterhielten; da verliebte ich mich sofort in ihn. Die meisten Väter bringen ihren Kindern Schokolade mit oder eine Puppe und benehmen sich, als wünschten sie sich tausend Meilen weit weg. Ich liebe dich, Hilary, und ich bitte dich um Verzeihung wegen der Ohrfeige. Ich werde es gewiß nicht wieder tun.« Er legte seine Hand auf die ihre. »Mr. North, manchmal kann ich mich nicht beherrschen. Mein Leben war ein einziges Durcheinander und voller Fehler. Von drei Schulen hat man mich nach Hause geschickt. Wenn Sie — und mein Vater — mich jetzt wieder nach Newport zurückholen, dann mache ich Schluß — wie Tante Jeannine. Mein Fuß soll nie wieder Newport betreten, solange ich lebe. Hilarys Cousin in Maryland, wo wir heiraten wollen, sagt, daß Hilary dort an den vielen Schulen und Universitäten schon eine Stellung finden kann. Ich habe etwas Geld, das mir Tante Jeannine in ihrem Testament vermacht hat. Damit finanzieren wir im nächsten Jahr die notwendigen Operationen von Hilarys Tochter. Mr. North, was meint der gesunde Menschenverstand dazu, den Sie dauernd im Munde führen?«

Ein Augenblick des Schweigens.

»Danke, Miß Bell. Jetzt sind Sie an der Reihe, Mr. Jones.«

»Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich geschieden bin. Meine Frau ist Italienerin. Dem Rat ihres Anwalts folgend hat sie vor Gericht ausgesagt, wir paßten nicht zusammen, aber ich schätze sie noch immer. Sie arbeitet jetzt in einer Bank und … behauptet, glücklich zu sein. Wir beide bezahlen von unserm Gehalt Lindas Krankenhausrechnungen. Als ich Diana kennenlernte, trug sie eine Art blaugestreifter Schwesterntracht, und als ich sah, wie sie sich über Lindas Bett beugte, hielt ich sie für das schönste Wesen, dem ich je begegnet bin. Ich wußte nicht, daß sie aus einer der vornehmsten Familien kommt. Zum Mittagessen trafen wir uns an einem Ecktisch im Schottischen Tea-Room. Ich wollte bei ihren Eltern vorsprechen, wie das so Sitte ist. Aber Diana meinte, es wäre sinnlos … und uns bliebe nichts anderes übrig als eben das Unternehmen von heute abend.«

Schweigen. Jetzt war die Reihe an mir.

»Miß Bell, darf ich Ihnen etwas sagen? Ich habe nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich will Sie auch nicht abhalten, Mr. Jones zu heiraten. Doch ich spreche noch immer im Namen des gesunden Menschenverstandes. Verzichten Sie auf dieses Davonlaufen. Sie sind eine vielbeachtete junge Dame. Alles, was Sie tun, erhält eine Unmenge Publicity. Die Ihnen zustehende Ausreißquote haben Sie bereits überschritten. Ich erwähne es ungern, aber wissen Sie, daß Sie Millionen Amerikaner mit dem Spitznamen nennen, den diese Sonntagszeitungen Ihnen angehängt haben?«

Sie sah mich böse an. »Wie heißt er?«

»Verzeihen Sie, aber ich trage so billiges Journalistengeschwätz nicht weiter.«

Ich erzählte eine Lüge — oder vielleicht eine Halbwahrheit. Außerdem wollte ich nichts riskieren.

»Hilary, ich bin nicht hier, um mich beleidigen zu lassen.«

Sie stand von ihrem Stuhl auf, ging im Saal auf und ab und griff sich an die Kehle, als ob sie ersticke. Aber sie begriff. Wieder schrie sie: »Warum kann ich nicht so leben wie jeder andere?« Endlich setzte sie sich erneut an unseren Tisch und schnaubte verächtlich: »Nun, was schlagen Sie mir vor, Doktor Schnüffelnase vom gesunden Menschenverstand?«

»Ich schlage vor, daß wir von Narragansett mit derselben Fähre auch wieder zurückfahren. Sie kehren in Ihr Elternhaus zurück, wie von einer kleinen abendlichen Spazierfahrt. Später werde ich Ihnen einige Winke geben, wie Sie Mr. Jones einfacher und würdiger heiraten können. Ihr Vater wird Sie in die Kirche führen, und Ihre Mutter sitzt, wie es sich gehört, weinend in der ersten Reihe. Ihre kleinen Freunde sollen so zahlreich wie möglich zu der Trauung gebracht werden und Dutzende von Mr. Jones’ Schul-Teams werden sich einfinden. Die Zeitungen schreiben dann: ›Newports vielgeliebte Kinderfreundin heiratet Newports beliebtesten Lehrer.‹«

Kein Zweifel, dieses Bild blendete Miß Bell, aber sie hatte ein schweres Leben hinter sich. »Wie läßt sich das machen?«

»Sie bekämpfen schlechte öffentliche Meinung mit guter öffentlicher Meinung. Ich habe hier, in Providence und in New Bedford ein paar Journalistenfreunde. Die Welt, in der wir leben, schwimmt in Publicity. Man wird über den bemerkenswerten Mr. Jones schreiben und ihn zum Lehrer des Jahres in Rhode Island vorschlagen. Der Bürgermeister muß davon Notiz nehmen — wer baut uns das Newport von morgen? Da wird eine Medaille verliehen — und wer wäre geeigneter, sie zu überreichen? Kein geringerer als Augustus Bell, Aufsichtsratsvorsitzender des Casinos. Bellevue Avenue sieht sich mit Begeisterung demokratisch, patriotisch, philanthropisch und großherzig. Damit ist das Eis gebrochen.«

Ich wußte, das war alles reines Geflunker, aber ich hatte Bill Wentworth zuliebe einen Auftrag zu erledigen. Und ich wußte auch, daß eine Heirat zwischen den beiden mit einer Katastrophe enden würde. Meine billige Strategie wirkte.

Sie schauten einander an.

»Ich will nicht, daß mein Name in die Zeitung kommt«, sagte Hilary Jones.

Ich sah Diana in die Augen und sagte: »Mr. Jones will nicht, daß sein Name in die Zeitung kommt.«

Sie begriff. Sie sah mir ebenfalls in die Augen und zischte: »Sie Teufel!«

Hilary hatte seine Sicherheit wiedergewonnen. »Diana«, sagte er, »glaubst du nicht, wir sollten umkehren?«

»Wie du meinst, Hilary«, antwortete sie und brach in Tränen aus.

Bei unserer Ankunft erfuhren wir, daß die Fähre den Betrieb für die Nacht eingestellt hatte. Wenn wir Newport noch erreichen wollten, mußten wir mit dem Auto die vierzig Meilen bis Providence fahren und dann weitere dreißig Meilen bis Newport. Hilary und auch ich schlugen vor, daß wir in einem Wagen fahren sollten — der andere könnte am nächsten Morgen abgeholt werden. Diana weinte und weinte: sie sah ihr Leben als eine einzige große Enttäuschung. Sie murmelte, daß sie nicht chauffieren könne, nicht chauffieren wolle. Wir luden also das Gepäck der beiden in meinen Wagen um. Ich setzte mich ans Steuer. Sie zeigte auf mich und sagte: »Neben diesem Mann da will ich nicht sitzen.« Sie wählte den Fensterplatz und schlief ein, jedenfalls erweckte sie diesen Anschein.

Hilary war nicht nur Leiter der Sportabteilung des Gymnasiums, sondern auch Sportinspektor an allen anderen Schulen. Ich fragte ihn, welche Chancen er den verschiedenen Teams bei den kommenden, alljährlichen Schulwettkämpfen einräume. Da wurde er ganz lebhaft.

»Bitte nennen Sie mich Hill.«

»Gut. Und ich heiße Ted.«

Ich hörte von den Hoffnungen und Ängsten aller Teams, ich hörte von vielversprechenden Pitchers, die sich die Sehne verzerrten, und von begabten Läufern mit Muskelkrämpfen, von der Aussicht, die Mannschaft der Fall-River-Schule zu besiegen, von den Qualitäten des Calvert-Teams, des Cranston-Teams und des Rogers-Teams. Sehr detailliert. Sehr interessant. Es begann zu regnen, wir mußten Diana aufwecken und das Fenster schließen. Doch nichts konnte Hills informativen Redestrom bremsen. Kurz vor Mitternacht erreichten wir die Arbeiterviertel am Stadtrand von Providence. Diana öffnete ihre Handtasche, zog ein Päckchen Zigaretten heraus und zündete sich eine an. Hill saß versteinert da: seine zukünftige Frau rauchte!

Eine Tankstelle wollte eben schließen. Ich fuhr vor und ließ den Tank auffüllen. Ich fragte den Mann: »Sagen Sie, gibt es hier in der Nähe ein Lokal, wo man noch eine Tasse irischen Tee trinken kann?«

»Da ist ein Club gleich um die Ecke, der manchmal spät offen hat. Wenn Sie ein grünes Licht über dem Nebeneingang sehen, dann lassen die Sie rein.«

Das Licht brannte. »Wir müssen noch eine ganze Stunde fahren«, sagte ich zu den beiden. »Ich brauche einen kleinen Drink, damit ich wachbleibe.«

»Ich auch«, sagte Diana.

»Sie trinken also nicht, Hill? Kommen Sie trotzdem mit und beschützen Sie uns als unsere Leibwache bei einer Schlägerei.«

Ich habe vergessen, wie der Club hieß. »Gesellschaft für polnisch-amerikanische Freundschaft« oder »Les Copains Canadiens« oder »Club Sportivo Vittorio Emanuele«. Er war dunkel, gut besucht, mit herzlicher Atmosphäre. Jeder schüttelte jedem die Hand. Man erlaubte uns nicht mal, unsere Getränke selber zu bezahlen.

Diana wurde munter. Sie war umringt.

»Sie, Lady, Sie sind einfach fabelhaft.«

»Sie aber auch.«

Diana wurde zum Tanzen aufgefordert und ging mit. Hill und ich saßen an einem entlegenen Tisch. Er war erschlagen. Wir konnten uns nur schreiend über den Lärm hinweg verständlich machen.

»Ted?«

»Ja, Hill?«

»Ist sie so erzogen worden?«

»Es ist alles vollkommen harmlos, Hill.«

»Ich habe noch nie ein Mädchen gekannt, das raucht und trinkt — noch dazu mit fremden Männern.«

Wir sahen vor uns hin — geradewegs in die Zukunft. Bei der nächsten Pause der Musik sagte ich: »Hill?«

»Ja.«

»Sie haben einen Vertrag mit der Schulbehörde, nicht wahr?«

»Ja.«

»Läuft er jetzt etwa ab?«

Die Ellbogen auf dem Tisch, hatten wir nun den Kopf auf unsere gefalteten Hände gestützt. Er wurde puterrot. Er biß sich in die Knöchel der rechten Hand.

»Weiß Miß Bell Bescheid?« Hinter meiner Frage lagen noch andere Fragen. »Weiß sie, daß sie im ganzen Land keinen Ihrer alten Stellung entsprechenden Job finden? Daß für Sie nur noch private Clubs in Betracht kommen — Abmagerungsinstitute für Männer in mittleren Jahren?«

Gequält hob er langsam den Blick. »Nein.«

»Haben Sie Ihre Stellung schon gekündigt?«

»Nein.«

Vielleicht zum ersten Mal wurde ihm klar, daß seine Ehre auf dem Spiel stand.

»Begreifen Sie nicht? Wir haben uns so geliebt. Alles sah so einfach aus.«

Die laute Musik setzte wieder ein. Wir vermieden es, mit unsern Augen der jungen Frau zu folgen, die ein Tanzpartner dem andern wegschnappte. Schließlich schlug Hilary mir kräftig auf den Ellbogen: »Ted, helfen Sie mir, die Zelte abzubrechen.«

»Sie meinen, die kleine Party hier?«

»Nein, die ganze Geschichte.«

»Die ist bereits zu Ende, Hill. Hören Sie gut zu. Sie müssen sich während der Rückfahrt nach Newport ohne Pause über die Fußball-Chancen Ihres Teams verbreiten. Erzählen Sie uns alles, was Sie schon vorher erzählt haben, und alles noch etwas ausführlicher. Machen Sie genaue Angaben über Gewicht, Alter usw. jedes einzelnen Spielers. Lassen Sie sich durch nichts stören. Wenn Ihnen nichts mehr einfällt, nehmen Sie die College-Teams dran. Sie werden ja bald als Trainer für ein College-Team arbeiten.«

Ich stand auf und ging zu Diana. »Wir sollten jetzt aufbrechen, Miß Bell.«

Wir hatten einen großen Abgang — erneutes Händeschütteln, und »Danke schön« allerseits. Es hatte zu regnen aufgehört; die Nachtluft war wunderbar.

»Meine Herren, ich habe mich seit Jahren nicht mehr so amüsiert. Meine Schuhe sind hin. Diese ungestümen Kerle!«

Wir fuhren ab. Hilary hatte es die Sprache verschlagen, so half ich aus.

»Hill, wenn ich es mir recht überlege, müssen Sie doch am Abend immer ziemlich spät nach Hause kommen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und Ihre Frau hat sich gewiß beklagt, daß sie von morgens früh um sieben bis abends um acht Sie nicht zu Gesicht bekam?«

»Es tat mir schrecklich leid, aber was konnte ich machen?«

»Der Sonnabend war natürlich der schlimmste Tag, wenn Sie dann hundemüde von Woonsocket oder Tiverton heimkehrten. Sind Sie gelegentlich auch ins Kino gegangen?«

»Am Sonntag sind die Kinos geschlossen.«

Wir wandten uns wieder dem Fußball-Team zu. Ich stieß ihn heimlich an, das weckte ihn etwas auf. »Wendell Fusco von der Washington-Schule ist der kommende Mann. Sie sollten mal sehen, wie dieser Junge mit eingezogenem Kopf die Reihen durchbricht. Newport kann sehr bald stolz auf ihn sein.«

»Welche Disziplin trainieren Sie am liebsten, Hill?«

»Mittelstrecken wahrscheinlich. Ich bin selbst mal Mittelstreckenläufer gewesen.«

»Welche sportliche Veranstaltung gefällt Ihnen am besten?«

»Ich muß offen gestehen: Der große Newport-Stafettenlauf ist für mich das aufregendste Sportereignis des Jahres. Sie können sich nicht vorstellen, wie verschieden die Männer sind — ich nenne die Läufer ›Männer‹, das hebt ihre Moral. Sie sind alle zwischen fünfzehn und siebzehn. Jeder muß dreimal die Runde laufen, bevor er die Stafette dem nächsten Mann weitergibt. Nehmen Sie Bylinski, er ist der Kapitän der blauen Mannschaft. Er ist nicht so schnell wie die andern, aber er ist ein Denker. Er läuft gern als Zweiter. Er kennt die guten und schlechten Seiten seiner ›Männer‹ und jeden Millimeter der Rennbahn. Köpfchen, verstehen Sie, was ich meine? Und da ist Bobby Neuthaler, Sohn eines Gärtners in der Bellevue Avenue. Energisch, verbissen — und doch nervös. Bricht am Ende eines jeden Rennens in Tränen aus, egal ob Sieg oder Niederlage. Die andern Männer respektieren das, sie übersehen es. Ciccolino, er wohnt draußen am Point, dort in der Gegend habe ich auch gewohnt, als ich noch verheiratet war, ist der Clown der roten Mannschaft. Sehr schnell. Läuft wahnsinnig gern, aber er lacht immerzu. Das ist übrigens hochinteressant, Ted: vor jedem Rennen besuchen seine Mutter und seine ältere Schwester die Mitternachtsmesse in der Herz-Jesu-Kapelle und beten für ihn, bis sie zu Hause das Frühstück machen müssen. Stellen Sie sich das vor!«

Ich brauchte wirklich niemanden, der mir sagte, ich sollte mir das vorstellen. Mir war, als ob ich Homer zuhörte, dem blinden Bettler, wie er beim Mahle den Gesang vortrug von der Fürbitte der silberfüßigen Thetis bei Zeus für ihren Sohn Achilles:

Und sie setzte sich nahe vor ihn, umschlang mit der Linken / seine Knie und berührt’ ihn unter dem Kinn mit der Rechten: / Flehend zugleich begann sie zum herrschenden Zeus Kronion: / »Vater Zeus, wenn ich je mit Worten dir oder mit Taten / Frommt’ in der Götter Schar, so gewähre mir dieses Verlangen: / Ehre mir meinen Sohn, der frühhinwelkend vor anderen / Sterblichen ward!«

»Mensch, Ted, du solltest sehen, wie Roger Thompson den Stab abnimmt — ein kleiner Dicker, aber er legt seine ganze Seele hinein. Seinem Vater gehört die Eisdiele am unteren Ende des Strandbads. Unser Vertrauensarzt sagt, er läßt ihn nächstes Jahr nicht laufen; er ist erst vierzehn und es schadet seinem Herz, da er jetzt so schnell wächst.«

Der Katalog nahm kein Ende. Ich warf Diana — vernachlässigt, vergessen — einen Blick zu. Ihre Augen standen offen, sie wirkte gedankenversunken. Worüber hatten die beiden während der verliebten Stunden im Schottischen Tea-Room wohl gesprochen?

Hill wies mir den Weg bis vor die Tür seiner Pension. Während wir sein Gepäck aus dem Kofferraum holten, stieg Diana aus und betrachtete die menschenleere Straße der Neunten Stadt, die ihr Fuß so selten betreten hatte. Es war längst nach ein Uhr. Anscheinend hatte Hill seiner Pensionsmutter nichts von seiner Abreise mitgeteilt, denn er zog den Haustürschlüssel aus der Tasche.

Diana ging auf ihn zu. »Hilary, ich habe dich geohrfeigt. Bitte, gib mir jetzt auch eine Ohrfeige, dann sind wir quitt.«

Er trat ein paar Schritte zurück und schüttelte den Kopf. »Nein, Diana, nein!«

»Bitte.«

»Nein, nein. Ich danke dir für die glücklichen Stunden, die wir zusammen hatten. Und dafür, daß du so nett zu Linda gewesen bist. Willst du mir bitte einen Kuß geben, damit ich ihr sagen kann, du schickst ihr einen Kuß?«

Diana küßte ihn auf die Wange und stieg unsicher wieder in den Wagen, ihre Hand zitterte. Hill und ich gaben uns schweigend die Hand, und ich setzte mich wieder ans Steuer. Sie zeigte mir den Weg zu ihrem Haus. Als wir durch das große Tor rollten, sahen wir, daß eine Party im Gange war. Vor dem Haus parkten Autos mit schlafenden Chauffeuren. Sie murmelte: »Alle spielen wie verrückt Mahjong. Heute findet ein Turnier statt. Bitte fahren Sie mich zum Hintereingang. Ich will nicht, daß man mich mit Gepäck zurückkommen sieht.«

Sogar der Hintereingang besaß eine große Sandsteinauffahrt. Ich trug ihre Koffer vor den dunklen Eingang.

Sie sagte: »Nehmen Sie mich in die Arme.«

Ich legte meine Arme um sie, es war keine feste Umarmung, und unsere Gesichter berührten sich nicht. Sie wollte sich nur einen Augenblick an etwas halten, das nicht so steinern war wie das stolze Portal, unter dem wir standen. Sie zitterte unter der fröstelnden Erkenntnis der ewigen Wiederholungen in ihrem Leben.

Dienstboten gingen in der Küche umher; sie brauchte nur noch zu klingeln. Und sie klingelte.

»Gute Nacht«, sagte sie.

»Gute Nacht, Miß Bell.«

Das Wyckoff-Haus

Unter den ersten Antworten auf meine Annonce befand sich auch ein in zierlicher, altmodischer Schnörkelschrift geschriebener Brief einer Miß Norine Wyckoff, Bellevue Avenue Nummer soundso; darin bat sie mich, zwischen drei und vier an einem mir genehmen Tag bei ihr vorzusprechen. Sie wollte mit mir Vorlesestunden vereinbaren. Die Arbeit würde mich vielleicht langweilen; außerdem müsse sie mir einige Bedingungen stellen, die ich allerdings akzeptieren könnte oder nicht, wie es mir gefiele.

___________

Am nächsten Abend traf ich mich mit Henry Simmons zu einer Partie Billard. Gegen Ende der Partie fragte ich so nebenbei: »Henry, was weißt du von der Wyckoff-Familie?«

Mitten im Stoß hielt er inne, richtete sich auf und sah mich scharf an. »Komisch, daß du mich das fragst.«

Dann beugte er sich wieder über den Tisch und spielte weiter. Wir beendeten die Partie. Auf Henrys Wink hin stellten wir die Queues ein, bestellten unsere Getränke und schlenderten zu einem Tisch in der entferntesten Ecke der Bar. Als Tom die Bierseidel gebracht hatte und wieder verschwunden war, schaute Henry sich um und flüsterte: »Das Haus ist verhext. Skelette fliegen den Schornstein rauf und runter wie wahnsinnige Schmetterlinge.«

Ich hatte gelernt, Henry nicht zu drängen.

»Soviel ich weiß, gibt es in Newport vier Spukhäuser unter den großen Villen. Höchst unbehagliche Situation. Dienstmädchen wollen dort nicht arbeiten, sie weigern sich, über Nacht zu bleiben. Sie sehen Erscheinungen in Korridoren, sie hören Geräusche in Wandschränken. Nichts ist ansteckender als Hysterie. Zwölf Gäste zum Abendessen. Die Mädchen lassen Tablette fallen, schlagen ohnmächtig der Länge nach hin. Köchin nimmt Hut und Mantel und verläßt das Haus. Das gibt dem Haus einen schlechten Ruf, verstehst du? Kein Wachmann wird geloben, nachts die Runde durch das ganze Haus zu machen … Die Hepworth-Villa — an die Küstenwache verkauft. Chivers Cottage — da soll der Hausherr das französische Dienstmädchen erwürgt haben — alles unbewiesen. Die Familie hat eine Prozession von Priestern kommen lassen mit Kerzen und Weihrauch und dem ganzen Kram … sie vertrieb die Gespenster und verkaufte das Haus an eine Klosterschule. Colby Cottage — jahrelang unbewohnt, in einer Dezembernacht abgebrannt. Geh hin und schau dir’s an: nur noch Disteln. War früher berühmt für seine wilden Rosen. Nun zu deinem Wyckoff-Haus. Ein wunderbares Haus. Niemand weiß, was wirklich los war. Keine Leiche, kein Prozeß, kein Vermißter, nichts. Nur Gerüchte und Klatsch — aber das Haus hat einen schlechten Namen bekommen. Alte Familie, hochangesehene Familie. Schwerreich. Edweena sagt, könnte den Staat Texas kaufen oder verkaufen, ohne etwas zu merken. Vor dem Ersten Weltkrieg große Diners, Konzerte, Paderewski — sehr musikalische Familie —, dann gingen die ersten Gerüchte um. Miß Wyckoffs Eltern pflegten für wissenschaftliche Expeditionen Schiffe zu chartern. Er war Sammler, Muscheln und heidnische Gottheiten. Blieb oft ein halbes Jahr fort. So um 1911 kehrte er zurück, schloß das Haus ab und lebte in seinem New Yorker Stadthaus. Während des Krieges starben Mr. Wyckoff und seine Frau einen anständigen Tod in einem New Yorker Krankenhaus, sie ließen Miß Norine allein zurück, die letzte ihres Namens. Was sollte sie tun? Sie ist sehr mutig, geht nach Newport und macht den Familiensitz wieder auf, ihr Elternhaus, in dem sie aufwuchs. Aber nach Einbruch der Dunkelheit bleibt ihr keine Hilfe. Vor acht Jahren mietete sie eine Wohnung in den La Forge Cottages und fährt jetzt jeden Tag zum Wyckoff-Haus, lädt Leute zum Mittagessen ein, zum Tee — aber wenn die Sonne sinkt, sagen ihre Mädchen, der Butler und alle Diener: ›Wir müssen jetzt gehen, Miß Wyckoff‹, und gehen. Und dann fährt sie im Wagen mit ihrer Zofe zu den La Forge Cottages zurück und läßt hinter sich alle Lichter im Haus brennen …«

Schweigen.

»Henry, schwöre mir, gibt es wirklich nichts, was das Gerücht verursacht haben könnte? Mrs. Cranston weiß alles. Glaubst du nicht, daß sie eine Theorie bereit hat?«

»Mir hat sie nichts gesagt, und Edweena, das scharfsinnigste Mädchen auf der Aquidneck-Insel, weiß auch nichts.«

___________

Am nächsten Tag stand ich um drei Uhr dreißig vor dem Wyckoff-Haus. Ich bewunderte es seit langem. Ich stieg jedesmal von meinem Fahrrad, um meine Augen auf dem schönsten Cottage von Newport ruhen zu lassen. Ich war noch nie in oder auch nur in der Nähe von Venedig gewesen, aber ich erkannte sofort, daß das Haus im Stil von Palladio erbaut war und jenen berühmten Villen an der Brenta glich. Später sollte ich das Erdgeschoß sehr genau kennenlernen. Die Eingangshalle war groß, doch nicht erdrückend. Die Decke wurde von freskengeschmückten Säulen und Bogen getragen. Die breiten, marmorumrahmten Eingänge öffneten sich nach allen Seiten — zugleich schwerelos und einladend, sehr nobel. Ein älteres Mädchen öffnete mir die große Bronzetür und führte mich in die Bibliothek, wo Miß Wyckoff an einem vor das brennende Kaminfeuer gerückten Teetisch saß. Der Tisch war für ziemlich viele Gäste gedeckt, aber die Flamme unter der Teemaschine brannte noch nicht. Miß Wyckoff, die ich für etwa sechzig hielt, war ganz in schwarze Spitzen gekleidet. Sie fielen ihr von einem Häubchen über die Ohren und reichten in Rüschen und Volants bis auf den Boden. Ihr Gesicht war noch immer ungewöhnlich hübsch und drückte zugleich Aufrichtigkeit, Anmut und, wie Henry sagte, auch Mut aus.

»Vielen Dank, daß Sie gekommen sind, Mr. North.« Sie streckte die Hand aus, dann sagte sie zum Mädchen: »Vielleicht möchte Mr. North eine Tasse Tee trinken, bevor er uns verlassen muß. Sollte jemand anrufen, lassen Sie sich Name und Telefonnummer geben, ich werde später zurückrufen.« Als das Mädchen gegangen war, flüsterte sie mir zu: »Darf ich Sie bitten, die Tür zu schließen? Danke vielmals. Ich weiß, Sie haben viel zu tun. Sprechen wir also sofort über die Angelegenheit, deretwegen ich Sie hergebeten habe. Mein alter Freund Dr. Bosworth hat Sie mir aufs wärmste empfohlen.«

Sie hatten sich durch ein Zeichen verständigt. Die Reichen verhalten sich wie die Mitglieder einer Freimaurerloge, sie tauschen in verschlüsselter Sprache oder mit Kennworten Empfehlungen und Warnungen aus.

»Überdies konnte ich Ihnen mit Sicherheit trauen, sobald ich las, daß Sie in Yale studiert haben. Mein Vater hat in Yale studiert und ebenso mein Großvater. Auch mein Bruder, wäre er noch am Leben, hätte in Yale studiert. Ich bin der Ansicht, die Yale-Universität hat noch immer im wahren Sinn des Wortes ehrenwerte christliche Gentlemen herangebildet.« Sie war gerührt, ich war gerührt, Elihu Yale drehte sich im Grabe um. »Sehen Sie diese beiden häßlichen alten Koffer? Ich habe sie vom Dachboden herunterholen lassen. Sie sind voller Familienbriefe, die zum Teil sogar sechzig oder siebzig Jahre alt sind. Ich bin die letzte meines Namens, Mr. North. Die meisten Briefe sind inzwischen uninteressant geworden. Schon seit langem war es mein Wunsch, sie kurz durchzusehen … und, wenn möglich, zu vernichten. Meine Augen sind leider nicht mehr so gut, um Handgeschriebenes zu lesen, vor allem, wenn die Tinte schon verblaßt ist. Haben Sie gute Augen, Mr. North?«

»Ja, gnädige Frau.«

»In den meisten Fällen dürfte ein flüchtiger Blick auf Anfang und Ende des Briefes genügen. Meines Vaters wissenschaftliche Korrespondenz — er war ein bedeutender Gelehrter, ein Konchologe — liegt mit seiner Sammlung in der Yale-Universität, wo beides sicher aufgehoben ist. Wären Sie bereit, diese Aufgabe mit mir zusammen anzupacken?«

»Ja, Miß Wyckoff.«

»Beim Lesen alter Briefe besteht natürlich immer die Möglichkeit, daß intime Dinge zur Sprache kommen. Versprechen Sie mir als Yale-Absolvent und Christ, daß dies alles unter uns bleibt?«

»Ja, Miß Wyckoff.«

»In einer weiteren Angelegenheit muß ich Sie ebenfalls um Diskretion bitten. Mr. North, meine Situation in Newport ist ganz außergewöhnlich. Hat jemand mit Ihnen darüber gesprochen, über mich?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Ein Fluch lastet auf diesem Haus.«

»Ein Fluch?«

»Ja. Viele Leute glauben, es ist ein Spukhaus.«

»Ich glaube nicht, daß es solche Häuser gibt, Miß Wyckoff.«

»Ich auch nicht.«

Von diesem Augenblick an waren wir Freunde. Mehr noch, Verschwörer und Kampfgenossen. Sie erzählte mir von ihren Schwierigkeiten, Dienstboten zu finden, die bei Einbruch der Dunkelheit nicht das Haus verließen. »Es demütigt mich, meine Freunde nicht zum Abendessen einladen zu können, obwohl sie mich dauernd zu sich bitten. Es demütigt mich, bemitleidet zu werden … und zu spüren, wie auf meinen Eltern ein Verdacht lastet. Andere Frauen hätten wohl schon längst resigniert und das Haus aufgegeben. Aber hier habe ich meine Kindheit verlebt, Mr. North! Hier war ich glücklich! Abgesehen davon teilen viele Leute meine Ansicht, daß dies das schönste Haus in Newport ist. Nie werde ich es aufgeben. Solange ich lebe, werde ich dafür kämpfen.«

Ich sah sie ernst an. »Was wollen Sie damit sagen: kämpfen?«

»Das Haus rehabilitieren! Seinen Schatten vertreiben!«

»Wenn ich Sie recht verstehe, Miß Wyckoff, werden wir diese Briefe lesen, um einen Hinweis auf jenen ungerechtfertigten Verdacht zu finden?«

»Genau! Glauben Sie, daß Sie mir helfen können?«

Von einem Atemzug zum andern verwandelte ich mich in Chief Inspector North von Scotland Yard. »In welchem Jahr fiel Ihnen zum erstenmal auf, daß die Hausangestellten sich weigerten, über Nacht zu bleiben?«

»Mein Vater und meine Mutter unternahmen lange Expeditionen. Ich konnte sie nicht begleiten, weil ich immer furchtbar seekrank wurde. Ich wohnte bei Verwandten in New York und studierte Musik. Mein Vater kehrte 1911 hierher zurück. Wir hatten die Absicht, hierzubleiben, als er sich plötzlich anders entschloß. Er machte das Haus zu, entließ die Angestellten, und wir zogen alle nach New York. Den Sommer verbrachten wir jeweils in Saratoga Springs. Ich flehte ihn an, nach Newport zurückzukehren, aber er lehnte ab. Er hat niemals verraten, warum. Während des Krieges starben meine Eltern. Im Jahre 1919 war ich allein auf der Welt. Ich beschloß, nach Newport zurückzukehren und das ganze Jahr in diesem Haus zu verbringen. Damals stellte ich zum erstenmal fest, daß kein Dienstbote hier wohnen wollte.«

Fiel Miß Wyckoff irgend etwas ein, das diese Angelegenheit erhellen könnte? Hatte ihr Vater Feinde? Nein, überhaupt keine! Wurde die Polizei eingeschaltet? Was war da zu melden, außer dem Widerstand des Personals und den vagen Gerüchten über ein Spukhaus.

»Wer hütete das Haus, wenn Ihr Vater verreist war?«

»Alle Hausangestellten. Meinem Vater lag daran, jederzeit ohne Vorankündigung zurückkehren zu können. Die Leitung über das Ganze hatte ein Butler oder Majordomo, der schon seit Jahren bei uns war.«

»Miß Wyckoff, wir werden mit den Briefen zwischen den Jahren 1909 und 1912 beginnen. Wann soll ich kommen?«

»Kommen Sie doch jeden Tag um drei. Meine Freunde finden sich nicht vor fünf zu einer kleinen Tasse Tee bei mir ein.«

»Ich habe nur jeden zweiten Tag um drei Uhr Zeit. Ich bin morgen hier.«

»Danke, danke vielmals. Ich werde die Briefe aus den betreffenden Jahren aussortieren.«

Der große Weise Mann hatte das letzte Wort. »Es gibt keine Spukhäuser, Miß Wyckoff, nur erregbare, vielleicht auch boshafte Gemüter. Wir wollen herausfinden, worauf diese ganze Geschichte zurückgeht.«

Als ich am folgenden Nachmittag bei Miß Wyckoff eintrat, lagen die in Frage kommenden Briefe gebündelt und mit roten Bändchen verschnürt für mich bereit: die Briefe ihrer Eltern an sie; sechs Briefe ihres Vaters an ihre Mutter (die beiden waren selten auch nur einen Tag getrennt); die Briefe ihres Vaters an seinen Bruder (von ihm zurückgegeben) sowie die Antworten seines Bruders; die Briefe des Majordomo in Newport (Mr. Harland) an ihren Vater; Briefe ihres Vaters an seine Rechtsanwälte in New York und Newport sowie deren Antworten; und Briefe von Freunden und Verwandten an Mrs. Wyckoff. Das Lesen der privaten Korrespondenz war für Miß Wyckoff sehr schmerzlich, aber entschlossen sonderte sie viele zur Vernichtung aus. Winde, Stürme vor Borneo, Blizzards in New York, Gesundheit (ausgezeichnet), Hochzeiten und Sterbefälle in der Familie Wyckoff und ihrer Verwandtschaft, Pläne für das kommende Jahr und Änderungen dieser Pläne, »Unserer geliebten Tochter alles Liebe mit vielen Küssen«.

Miß Wyckoff und ich hatten uns in die Aufgabe geteilt, da sie feststellte, daß ihre Augen noch gut genug waren, die an sie gerichteten Briefe ihrer Eltern selber zu lesen. Wir arbeiteten also mit verteilten Rollen. Ich las die Schreiben von Mr. Harland: undichte Stelle im Dach repariert, fremde Leute weggeschickt, die um Besichtigung des Hauses ersuchten; Reparatur des Treibhauses, das übermütige Fastnachtsbummler beschädigt hatten, und so weiter. Dann vertiefte ich mich in die Briefe von Mr. Wyckoff an seinen Bruder: Entdeckung seltener Muscheln, zur Identifizierung an das Smithsonian Institute geschickt; Durchquerung der Sundastraße unter Lebensgefahr; »einverstanden mit finanziellen Transaktionen«; »entzückt von den musikalischen Fortschritten unsere Norine«.

Endlich entdeckte ich einen Hinweis auf diese unglückselige Geschichte. Der Brief war am 11. März 1911 in Newport geschrieben worden:

Ich nehme an, daß Du meinen gestern abgeschickten Brief vernichtet hast. Ich möchte diese ganze Sache begraben und vergessen. Ein Glück, daß ich Milly und Norine in New York gelassen habe. Sie sollen nur glückliche Erinnerungen an dieses Haus bewahren. Das gesamte Personal habe ich entlassen, bezahlt und mit einer fürstlichen Summe beschenkt. Ich habe nicht einmal Mr. Mullins (Mr. Wyckoffs Rechtsanwalt in Newport) davon verständigt. Jetzt habe ich einen neuen Verwalter engagiert und ein paar Hilfskräfte, die tagsüber hier arbeiten. In ein paar Jahren können wir vielleicht zurückkommen und das Haus wieder aufmachen, wenn diese ganze ekelhafte Geschichte vergessen sein wird.

Ich steckte diesen Brief in einen Umschlag, der für »Später noch einmal zu lesen« bereitlag.

Ich konnte mir jetzt vorstellen, was wahrscheinlich passiert war.

Als Student hatte ich im »Yale Literary Magazine« ein noch unausgegorenes Theaterstück veröffentlicht: »Die Trompete soll ertönen«. Ich hatte den Vorwurf von Ben Jonson »Der Alchimist« übernommen: Dienstherr begibt sich auf Reise von unbestimmter Dauer und läßt das Haus in der Obhut seiner ihm treu ergebenen Dienstboten; Dienstboten führen sich allmählich wie die Herren auf; Freiheit führt zu Zügellosigkeit, Dienstherr kehrt unangemeldet zurück und setzt dem ausschweifenden Treiben ein Ende. Was für ein lebensvoller Schriftsteller, dieser Ben Jonson.

Mr. Wyckoff hatte bei seiner Rückkehr Verkommenheit und Unordnung vorgefunden und vielleicht das Personal bei einer Orgie überrascht.

Aber wie konnte das zu Gerüchten über ein »Spuk«haus führen? Spuk — ein Wort, das unwillkürlich an Mord und dergleichen erinnert. Ich beschloß, das Miß Wyckoff gegebene feierliche Versprechen zu brechen und anderwärts Nachforschungen anzustellen. Außerdem wollte ich verhindern, daß unsere Lese-Nachmittage zu schnell enden sollten. Ich brauchte das Geld. An jedem Wochenende drückte mir das Mädchen, wenn es mich hinausbegleitete, einen Briefumschlag mit einem Scheck über zwölf Dollar in die Hand.

Ich sprach bei Mrs. Cranston kurz nach halb elf vor, als sich die um sie versammelten Damen eben für die Nacht zurückzogen. Ich verbeugte mich vor ihr und murmelte, daß ich gern etwas mit ihr besprochen hätte, setzte mich an die Bar und wartete bei einem Glas Ersatzbier, bis das Feld geräumt war. Als es soweit war, erhielt ich ein Zeichen. Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich neben sie. Wir plauderten erst ein paar Minuten über unsere Gesundheit, das Wetter, meine Absicht, mir eine kleine Wohnung zu mieten, meine wachsende Zahl von Vorleseverpflichtungen und so weiter. Dann sagte ich: »Mrs. Cranston, ich brauche Ihren klugen Rat in einer vertraulichen Angelegenheit, die mich im Augenblick sehr beschäftigt.«

Ich erzählte ihr von dem Vorhaben im Wyckoff-Haus, erwähnte aber nicht den von mir entdeckten wichtigen Brief.

»Eine traurige Geschichte! Eine traurige Geschichte!« sagte sie mit schlecht verhehltem Behagen, während sie die vor ihr stehende Tischglocke läutete. In den späten Abendstunden genehmigte sie sich gern ein hohes Glas mit etwas, das ich für Weißwein hielt. Als Jerry ihre Bestellung ausgeführt und sich wieder entfernt hatte, wiederholte sie: »Eine traurige Geschichte. Eine der ältesten und angesehensten Familien. Hat Ihnen Miß Wyckoff nichts erzählt?«

»Nicht alles, Mrs. Cranston. Sie hat nicht gesagt, warum das Haus in Verruf gekommen ist. Sie versicherte mir feierlich, daß sie keine Ahnung habe.«

»Sie weiß es auch nicht, Mr. North. Lesen Sie die Familienbriefe, die kurz vor dem Krieg geschrieben wurden?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Sind Sie auf etwas … Sensationelles gestoßen?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Sie können noch.«

Der Ausdruck »sensationell« ist in Newport sehr gefühlsbelastet. Die sechste Stadt lebte im blendend weißen — ich sollte wohl sagen, im neidgelben Licht einer enormen Publicity. Es war schlimm genug, für frivol zu gelten. Oder gar für skandalös. Aber man fürchtete nichts mehr als die Lächerlichkeit.

Mrs. Cranston ging einen Augenblick mit sich zu Rate, ergriff dann den Telephonhörer und wählte eine Nummer — die Nummer des Polizeichefs.

»Guten Abend, Mr. Diefendorf. Amelia Cranston am Apparat. Guten Abend. Wie geht’s Bertha? Und den Kindern? … Danke, mir geht’s ausgezeichnet … Ach, Sie wissen ja, am Donnerstagabend gibt es immer viel zu tun … Mr. Diefendorf, ein junger Mann ist hier bei mir, der von einer bestimmten, sehr angesehenen Dame in dieser Stadt engagiert wurde, um Nachforschungen über eine ziemlich unerfreuliche Familienaffaire anzustellen … Nein, o nein! Damit hat er nichts zu tun. Er wurde gebeten, die alten Familienbriefe vom Dachboden vorzulesen. Ich glaube, das sollten Sie wissen. Offiziell haben Sie ja nie damit zu tun gehabt, darum muß die Sache sehr vertraulich behandelt werden. Es besteht natürlich die Möglichkeit, daß er etwas findet und daß die Zeitungen darüber berichten. Ich habe volles Vertrauen zu dem jungen Mann, obwohl er selbstverständlich nicht Ihre Erfahrung und Ihr Urteil besitzt. Könnten Sie vielleicht in nächster Zeit an einem Abend hier vorbeikommen und Ihn sehen, oder soll er Sie in Ihrem Büro aufsuchen? Oh, das wäre aber wirklich sehr nett von Ihnen. Ja, er ist jetzt bei mir. Sein Name ist North … Ja, derselbe.« (Wahrscheinlich »derselbe«, der in die Diana-Bell-Geschichte verwickelt war.)

Unser gutes Einvernehmen zeigte sich, als Mrs. Cranston (die selten ein sarkastisches Wort über andere fallen ließ), mir einen Blick zuwarf und trocken bemerkte: »Nach meiner Erfahrung läßt sich der Polizeichef keine Gelegenheit entgehen, um sich aus dem Schoß seiner Familie zu entfernen.«

Wir brauchten nicht lange zu warten. Ich erhielt noch die Erlaubnis, ein zweites Bier zu bestellen. Der Chef war groß und breit und erweckte den Eindruck einer unbehaglichen Freundlichkeit. Später sollte ich erfahren, daß er wohl allzulange von der Arroganz der Reichen eingeschüchtert worden war, die einen vom Glück weniger Begünstigten gern für schwachsinnig halten. Zu seiner Verteidigung gab er vor, an der Wahrheit eines jeden zu ihm geäußerten Wortes zu zweifeln. Er reichte Mrs. Cranston herzlich und mir ein bißchen vorsichtig die Hand. Sie erzählte ihm kurz, worum es sich handelte und drückte erneut ihr Vertrauen zu mir aus.

»Mr. Diefendorf, ich glaube, beim Lesen dieser alten Briefe kann die ganze Geschichte ans Licht kommen, und vielleicht sollte sie das auch. Schließlich steht ja nichts Ehrenrühriges auf dem Spiel, niemand in der Familie wird belastet. Sie haben mir alles gesagt, was Sie darüber wußten, und ich habe mein Wort gehalten und geschwiegen wie das Grab. Sollte nun Mr. North in einem Brief einen deutlichen Hinweis finden, so vertraue ich ihm, daß er Sie zuerst davon verständigen wird. Und dann können Sie entscheiden, ob man Miß Wyckoff aufklären soll oder nicht.«

Die Augen des Chefs ruhten gedankenvoll auf mir. »Was hat Sie nach Newport geführt, Mr. North?«

»Ich war im letzten Kriegsjahr auf Fort Adams stationiert, und die Gegend hier hat mir gefallen.«

»Wie hieß damals der Kommandant?«

»General Kalb oder De Kalb.«

»Sind Sie hier in die Kirche gegangen?«

»Ja, in die Emmanuelskirche. Dr. Walter Lowrie war der Pfarrer.«

»Hat Ihnen Mr. Augustus Bell einen großen Betrag bezahlt, als Sie ihm seine Tochter zurückbrachten?«

»Ich sagte ihm von vornherein, daß ich nur meine abgesagten beruflichen Verpflichtungen vergütet haben möchte. Ich habe ihm zweimal eine Rechnung geschickt, aber sie steht immer noch offen.«

»Was hatten Sie und Ihr Fahrrad vor einigen Tagen in aller Frühe an Brenton’s Point zu suchen?«

»Ich liebe Sonnenaufgänge. Und das war einer der schönsten, den ich je in meinem Leben zu sehen bekam.«

Diese Auskunft bereitete ihm Mühe, und er betrachtete ein paar Minuten lang die Tischplatte. Wahrscheinlich erklärte er mein Benehmen mit den durch ein Universitätsstudium nun einmal hervorgerufenen Verrücktheiten.

»Was wissen Sie über das Wyckoff-Haus?«

»Daß es ein Spukhaus sein soll.«

Er resümierte die mir bereits bekannten Tatsachen … »auf einmal sprach man dann von Gespenstern … Mr. North, kurz nach dem Krieg war der Hafen viel belebter als heute. Mehr Yachten und Vergnügungsdampfer, dazu die Fall-River-Linie, der Fischereibetrieb und eine große Anzahl von Handelsschiffen. Seeleute trinken. Wir haben sie Nacht für Nacht aufgegriffen: sternhagelbetrunken, mit irren Augen, Delirium tremens. Der Besuch der Tavernen in der Thames Street war den Angehörigen der Marine-Ausbildungsstation verboten. Zu viel Schlägereien. Im Jahre 1918 mußten wir eines Nachts einen Mann einsperren, Bill Owens, Matrose auf einem Handelsschiff, ungefähr einundzwanzig, in Newport geboren und aufgewachsen. War jede Nacht besoffen, erzählte dann, was er Schreckliches im Wyckoff-Haus gesehen hatte. Das konnten wir nicht dulden. Und so haben wir Stück für Stück zusammengesetzt, was er alles in seiner Zelle zusammenphantasierte und brüllte.«

Hier ließ uns der Chef warten, während er sich eine Zigarre ansteckte. (In Mrs. Cranstons Salon war Rauchen verboten.)

»Mr. Wyckoff pflegte jeweils sechs bis acht Monate zu verreisen. Er war ein Sammler. Was war es doch gleich, Mrs. Cranston? Haifischzähne?«

»Muscheln und chinesische Kunst, Herr Polizeichef. Er hat alles dem großen Museum in New York vermacht« (Informationen in Newport waren nie akkurat; das lag an seinem intellektuellen Klima).

»Das Haus wurde solange von einem Super-Butler verwaltet namens Harland. Harland suchte sich seine Leute selber zusammen.«

»Mädchen, die er in New York auflas, Chef. Ich hatte nie etwas mit ihnen zu tun.«

»Das Haus war bis Mitternacht hell erleuchtet. Alles schien völlig in Ordnung zu sein. Owens, ein Junge von etwa zwölf Jahren, mußte das Spülwasser ausgießen und die Kohlen für die verschiedenen Kaminfeuer nach oben tragen — Handlangerdienste. Mrs. Cranston wird mir zustimmen, wenn ich sage, Dienstboten sind wie Schulkinder, sie brauchen eine starke Hand. Sobald der Lehrer das Klassenzimmer verläßt, treiben sie lauter Unfug.«

»Da ist leider was Wahres dran, Chef«, sagte Mrs. Cranston kopfschüttelnd. »Ich habe es immer wieder erlebt.«

»Mr. Wyckoff war kein Menschenkenner. Sein Butler Harland war so verrückt, wie man nur sein kann … Bill Owens sagte, man habe ihn nach der Arbeit jeden Abend um sechs Uhr nach Hause geschickt. Aber ein paarmal schlich er zum Haus zurück. Die Vorderzimmer waren hell erleuchtet, doch die Türen und Fenster des Speisezimmers mit Filzvorhängen verhängt. Dicken Filzvorhängen. Sie konnten ihr ruchloses Treiben nicht unten in die Küche verlegen — o nein, sie waren ja die Herren und mußten des Herrn Speisezimmer benutzen. Owens sagte, er habe sich in einem Schrank versteckt, um dann durch eine Spalte der Vorhänge zu gucken. Er beobachtete schreckliche Dinge. Er erzählte den Leuten in der Thames Street von Festgelagen, bei denen sich die Leute ausgezogen und wie Kannibalen benommen hätten.«

»Chef, dieses Wort haben Sie noch nie benutzt!«

»Nun, er hat’s benutzt. Ich bin überzeugt, er hat nichts Derartiges gesehen, er hat es nur geglaubt.«

»Gott im Himmel«, sagte Mrs. Cranston und bekreuzigte sich.

»Halbgares Fleisch mit den Fingern gegessen, da kann ein Junge von zwölf Jahren schon auf so etwas kommen.«

»Gott sei uns gnädig«, sagte Mrs. Cranston.

»Ich habe keine Ahnung, was Mr. Wyckoff sah, doch höchstwahrscheinlich die Filzvorhänge und auf dem Boden Flecken, die das rohe Fleisch hinterließ, dazu die Bestialität in den Augen der Dienstboten … Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber Gerüchte sind wie Gestank. Bill Owens’ Geschichten brauchten drei Jahre, um den Weg von der Thames Street in das Stellenvermittlungsbüro von Mrs. Turberville zu finden. Und Gerüchte malen auch immer schwärzer und schwärzer. Was meinen Sie, Mr. North?«

»Zunächst glaube ich, daß niemand ermordet oder auch nur verwundet wurde — in der Phantasie der Leute hat sich das rohe Treiben in Spuk verwandelt.«

»Und daran können wir leider nichts mehr ändern. Bedenken Sie, was sollte auf unserem Schreibtisch liegen? Die Phantasien eines Mannes im Delirium tremens ersetzen nicht eine eidesstattliche Aussage. Owens heuerte auf einem Schiff an, man hat nie wieder von ihm gehört. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Mr. North.«

Ich hatte erfahren, was ich erfahren wollte. Ich verabschiedete mich von ihm mit der gewohnten, unaufrichtigen Versicherung, ich würde jede Information sofort an ihn weiterleiten. Für mich war dieses eine Problem nun gelöst, aber meine Phantasie beschäftigte seit geraumer Zeit eine viel schwierigere Aufgabe: Wie ließ sich der »Fluch« bannen, der auf dem Wyckoff-Haus lag? Erklärungen und Appelle an die Vernunft haben nicht die Kraft, tief verwurzelte und sogar schon liebgewonnene Ängste zu verscheuchen.

Ich hatte eine noch unklare Idee.

Als ich mich eines Nachmittags wie üblich zum Vorlesen einfand, wartete in der Auffahrt ein Landauer mit zwei prächtigen Pferden und einem Kutscher. Zum Ausgehen angezogen empfing mich Miß Wyckoff in der Halle. Sie bat mich um Entschuldigung — man habe sie dringend gebeten, eine kranke Freundin zu besuchen, sie würde in einer halben Stunde wieder zurück sein. Ihr Hausmädchen stand neben ihr.

»Miß Wyckoff, geben Sie mir die Erlaubnis, die Zimmer im ersten Stock zu besichtigen? Was ich bisher von Ihrem Hause kennengelernt habe, finde ich so wunderschön, daß ich gern noch ein paar andere Zimmer sehen möchte.«

»Ja gewiß, Mr. North. Fühlen Sie sich hier wie zu Hause. Mrs. Delafield wird Ihnen gern alle Fragen beantworten.«

Es war ein wunderbarer Frühlingsnachmittag. Alle Türen standen offen. Ich besichtigte die große Halle von allen Seiten. Und zum erstenmal sah ich das Speisezimmer und die Bibliothek. Zahllose Feinheiten fesselten meine Aufmerksamkeit, aber am meisten bewunderte ich die Harmonie des Ganzen. Das ist Palladio, dachte ich, er selbst war der Erbe großer Meister, und hier finde ich einen Nachkommen von ihm, wie in Versailles, aber der italienische Einfluß ist hier stärker. Als ich durch die große Halle zu meinem Arbeitstisch zurückkehrte, sagte Mrs. Delafield: »Lange bevor der gnädige Herr auf seine Expeditionen ging, veranstaltete er hier oft musikalische Soireen. Haben Sie von Paderewski gehört, Mr. North? Er hat hier gespielt, und Ole Bull, der norwegische Violinist. Und Madame Nellie Melba, haben Sie von ihr gehört? Sehr, sehr gut war sie. Sich das jetzt vorzustellen! Es ist ein Jammer, finden Sie nicht?«

»Haben Sie jemals etwas Beunruhigendes gesehen oder gehört, Mrs. Delafield?«

»O nein, Sir, nicht das mindeste.«

»Wären Sie bereit, hier eine Nacht zu verbringen?«

»Lieber nicht, Sir. Es ist vielleicht albern von mir, aber wir sind nicht immer Herr unserer Gefühle. Verstehen Sie, Sir?«

»Was soll sich nach Ansicht der Leute hier abgespielt haben?«

»Ich will nicht davon sprechen und auch nicht daran denken, Sir. Die einen sagen das eine und die andern sagen das andre. Ich glaube, man sollte die Dinge ruhen lassen.«

___________

Das Vorlesen ging weiter. Miß Wyckoff war sichtlich erleichtert, daß wir bisher noch keine düstere Anspielung gefunden hatten. Wir lasen weiter aus reiner Freude am Lesen, denn die Wyckoffs waren herrliche Briefschreiber. Aber die Idee einer Lösung nahm in meinem Bewußtsein langsam feste Form an.

Ich habe von den verschiedenen Ambitionen erzählt, die mich in meiner Jugend der Reihe nach beschäftigt hatten. Ein Leben als Journalist befand sich nicht darunter. Mein Vater war vor und nach seiner konsularischen Amtszeit in China als Redakteur an einer Zeitung tätig gewesen. Er übte den Beruf mit einer Hingabe aus, die ich nie teilen konnte wegen des Beigeschmacks von Manipulation der öffentlichen Meinung, wenn auch in bester Absicht. Die Idee in meinem Kopf, mit der ich das Wyckoff-Haus »rehabilitieren« wollte, hing eben damit zusammen, aber ich wußte noch nicht recht, wie ich es anstellen sollte.

Der Zufall zeigte mir den Weg.

Mein Bericht über das Wyckoff-Haus zerfällt in zwei Teile. Der zweite Teil bringt mich in die achte Stadt der mir so nahe verwandten Schlachtenbummler und Parasiten. Er bringt mich zu Flora Deland.

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Von der fünften Woche an hatte ich in Newport einen anstrengenden Stundenplan beisammen. Der festangestellte Tennislehrer war zwar an das Casino zurückgekehrt, und ich wurde von der zweiten Trainerstunde für Kinder befreit, dafür gab ich den ganzen Tag in dem einen oder anderen Hause Französisch oder Latein oder Arithmetik. Ich suchte ein Lokal, in dem ich so ruhig, wie es in dieser Stadt möglich war, zu Mittag essen konnte. Ich fand im Herzen der neunten Stadt »Misses Laughlins Scottish Tea Room«, dort hatten Diana Bell und Hilary Jones sich ihre Liebe gestanden. Sekretärinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Hausfrauen beim Einkauf, schlichte Gäste besuchten das Lokal. Das Essen war einfach, gut gekocht und billig. Mir war eine seltsame Erscheinung dort aufgefallen, und ich hoffte, sie wiederzusehen: eine große Frau, allein an einem Tischchen, meiner Ansicht nach hochmodisch gekleidet. Eines Tages tauchte sie wieder auf. Ihr Hut glich einem Nest, auf dem ein exotischer Vogel hockte, und ihr kompliziert geschnittenes Kleid, aus einer Art Satin, der einmal, wenn mich nicht alles täuscht, »Changeant« genannt wurde, schillerte von Blau zu Grün wie eine Pfauenfeder. Vor dem Essen zog sie mit betont selbstverständlicher Anmut ihre Handschuhe aus und schob den Schleier nach oben. Donnerwetter. Was war denn das? Sooft sie das Lokal betrat oder verließ, ertönte das Rascheln von hundert Unterröcken. Was und wer war sie nur, und warum beehrte sie unser bescheidenes Lokal mit ihrem Besuch?

Ihr Gesicht war nicht eigentlich schön. Die Maßstäbe weiblicher Schönheit wechseln von einem Jahrhundert zum andern, mitunter sogar noch häufiger. Sie hatte ein längliches, dünnes, blasses und knochiges Gesicht, Henry Simmons nannte es, wie Sie später hören, ein Pferdegesicht. Man sieht es auf den französischen und flämischen Gemälden des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. 1926 war die netteste Bezeichnung dafür »aristokratisch«, eine Bezeichnung, die mehr apologetisch als schmeichelhaft klingt. Sensationell an ihr war ihre »Klassefigur«, wie wir lüsternen Soldaten auf Fort Adams das zu nennen pflegten, ihr »fabelhafter Bau« — »ein tolles Weib«.

Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als sie vor dem Fortgehen mit ausgestreckter Hand auf mich zukam und sagte: »Mr. North, wie ich annehme. Ich wollte mich Ihnen schon lange vorstellen. Ich bin Mrs. Edward Darley. Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?«

Sie nahm sich Zeit dazu, während ihre Augen in glücklicher vager Erinnerung auf den meinen ruhten. Mir fiel ein, daß eine Schauspielerin am Theater zuallererst lernt, sich hinzusetzen, ohne die Augen niederzuschlagen.

»Vielleicht kennen Sie mich besser unter meinem nom de plume. Ich bin Flora Deland.«

Ich hatte ein behütetes akademisches Leben geführt und war einer von jenen bedauernswerten dreißig Millionen Amerikanern, die noch nie etwas von Flora Deland gehört hatten. Von diesen dreißig Millionen hatte die Mehrzahl überhaupt nicht lesen gelernt. Trotzdem gab ich Laute der Anerkennung von mir.

»Sagt Ihnen das Leben in Newport zu, Mr. North?«

»Ja, sogar sehr.«

»Sie kommen ziemlich viel herum, nicht wahr? Sie sind ja überall. Sie lesen mit Dr. Bosworth diese faszinierenden Bücher von Bischof Berkeley und mit dem Skeelmädchen die Fabeln von Lafontaine. Welche Bildung in Ihrem Alter! Und geschickt sind Sie auch — ich meine erfinderisch. Wie Sie Diana Bell ihren Blödsinn ausgeredet haben — alle Achtung! Ich bin mit Diana über die Haverlys verwandt, sie ist eine weit entfernte Kusine von mir. So ein eigensinniges Mädchen. Wunderbar, daß Sie sie überzeugen konnten, ihr lächerliches Unternehmen aufzugeben. Sagen Sie mir, wie haben Sie das nur gemacht?«

Ich bin nie ein gut aussehender Mann gewesen. Was ich aufzuweisen habe, ist mir von meinen Vorfahren vermacht worden, einschließlich meines schottischen Kinns und jener wisconsinschen Zähne. Noch nie sind Frauen quer durch ein Zimmer auf mich zugekommen, um eine Bekanntschaft mit mir vom Zaun zu brechen. Ich fragte mich, was wohl hinter dieser auffallenden Liebenswürdigkeit stecken möge. Plötzlich kam mir ein Gedanke: Flora Deland war eine »Schmierantin«, eine journalistische Klatschtante. Mit ihr befand ich mich in der Achten Stadt der Parasiten und Schlachtenbummler.

Ich sagte: »Mrs. Darley … Oder wie soll ich Sie anreden, gnädige Frau?«

»Sagen Sie Miß Deland«, und leichthin fügte sie hinzu: »Sie können mich auch ruhig Flora nennen, ich bin eine berufstätige Frau.«

»Flora, ich kann Ihnen über Miß Bell nichts sagen, nicht ein Wort. Ich habe es versprochen.«

»Mr. North, ich meine doch nicht zur Veröffentlichung. Mich interessiert eben eine wendige Intelligenz. Ich mag Leute, die nicht auf den Kopf gefallen sind. Wahrscheinlich bin ich eine verhinderte Romanautorin. Wollen wir Freundschaft schließen, ja?« Ich nickte. »Ich lebe nämlich noch ein zweites Leben, das mit Zeitungen nichts zu tun hat. Ich habe ein Cottage am Narragansett-Pier und lade gerne am Wochenende ein paar Gäste zu mir ein. Ich habe ein kleines Gästehaus und kann Sie dort jederzeit unterbringen. Jeder von uns braucht gelegentlich etwas Abwechslung.« Sie stand auf und reichte mir wieder die Hand.

»Kann ich Sie beim CVJM anrufen?«

»Ja … ja.«

»Und wie darf ich Sie nennen, Theophilus?«

»Teddie ist mir am liebsten.«

»Sie müssen mir von Dr. Bosworth und Bischof Berkeley erzählen, Teddie. Und von den ›Neun Giebeln‹. Was für ein Haus! Nochmals: Auf Wiedersehen, Teddie, und bitte besuchen Sie mich in meinem lieben, kleinen ›Strandläufer‹, wo wir schwimmen und Tennis oder Karten spielen können.«

Ein berufstätiges Mädchen mit hundertzwanzig Millionen Lesern, einer Figur wie Nita Naldi und einer dunklen Samtstimme wie Ethel Barrymore … Oh, mein Tagebuch!

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Dies war nichts für Mrs. Cranston, dies mußte von Mann zu Mann besprochen werden. »Henry«, sagte ich, als wir in »Hermanns Salon« unsere Billardqueues einkreideten, »kennen Sie die Schmierer hier in der Stadt?«

»Komisch, daß du mich das fragst«, sagte er und führte einen Stoß aus. Nach der Partie wies er mich an den entferntesten Tisch und bestellte für uns das übliche.

»Komisch, daß du mich das fragst. Ich habe Flora Deland gestern auf der Straße gesehen.«

»Wer ist das?«

In allen Friseurläden und Billardsalons gibt es Tische und Regale mit altem und neuem Lesestoff für die wartenden Kunden. Henry ging zu einem Stoß und zog mit unbeirrbarer Sicherheit die Sonntagsbeilage einer Bostoner Zeitung hervor. Er schlug sie auf und breitete sie vor mir aus: »New Yorker Richter macht Mütter für steigende Scheidungsquote unter den Oberen Vierhundert verantwortlich. Von unserer Sonderkorrespondentin Flora Deland.«

Ich las den Artikel. Furchtbare Situation. Keine Namen, nur gewisse Anspielungen, die besser orientierte Leser als ich wahrscheinlich verstehen würden.

»Cowboy«, sagte Henry, der Wisconsin mitten in den Wilden Westen versetzte, »Flora Deland stammt von den ältesten und angesehensten Familien in New York und Newport ab. Nichts da von Eisenbahn- und Bergwerkparvenus. Die gute, alte Garde. Mit allem und jedem verwandt. Sehr leichtlebig, sehr ›emanzipiert‹, wie man heute sagt. Hat einige Fehler gemacht. Ein oder zwei Familien zerstören — na gut, aber eine Familie, die kein Geld besitzt … Nein, sie hat ihr Soll an verzeihlichen Fehlern längst überschritten. Ein Mann wird ihretwegen enterbt. Floras Verwandte wollen sie nicht mehr empfangen. Kannst du mir folgen, Cowboy? Was soll das arme Mädchen anfangen? Kann nicht einmal Geld borgen von Tante Henrietta, sie ist erledigt. Also greift sie zur Feder und wird eine Schmierantin. Enthüllungen, Indiskretionen. Zum Beispiel … viele Frauen überziehen ihr Konto; trauen sich nicht, es ihren Männern zu sagen. Wo kann man eine Diamanten-Tiara versetzen? In Wisconsin fressen die Leute so was. Unter dem Namen Deland schreibt sie halbwegs nachprüfbare Sachen, aber wir wissen, daß sie auch noch andere Pseudonyme besitzt. Sie hat eine Kolumne ›Was Susanne mir zuflüsterte‹, gezeichnet: Belinda. Du traust deinen Augen nicht. Muß einen Haufen Geld verdienen, so oder so. Hält auch Vorträge. ›Backfischjahre in Newport‹, lauter komische Geschichten, die beweisen, was für Affen wir hier sind.«

»Verbringt sie den ganzen Sommer in Newport, Henry?«

»Wohin soll sie gehen? Das La Forge Cottage kommt für sie nicht in Frage. Der Muenchinger-King hat vorgeschrieben — oder sagt es zumindest —, daß kein Gast länger als drei Nächte bleiben darf. Sie hat ein Haus am Narragansett-Pier. Dort ist mehr Betrieb als in Newport — besserer Strand, jüngere Leute, mehr Schlupfwinkel, auch Clubs, in denen man spielen kann — und so weiter.«

»Woher bekommt sie denn ihre Informationen?«

»Das weiß niemand. Wahrscheinlich setzt sie Spione ein, Krankenschwestern in Hospitälern, zum Beispiel. Patienten reden. In Schönheitssalons wird furchtbar viel ausgeplaudert. Von Dienstboten beinahe nichts.«

»Ist sie schön, Henry?«

»Schön? Schön! Mit ihrem Pferdegesicht!«

Die Einladung zum Besuch des »Strandläufers« erfolgte telefonisch. Sonnabend zum Abendessen, bis Montag früh. »Ich habe mehr als genug Badehosen für Sie hier. Sie brauchen ja nur tagsüber eine. Häufig baden wir um Mitternacht au naturel, um uns abzukühlen.« Um zu erfrieren, nehme ich an. Die Wassertemperatur in Neu-England ist vor August kaum erträglich.

Ich sagte zu, um Flora Deland für meine Pläne zur Rehabilitation des Wyckoff-Hauses einzuspannen. Flora Deland hatte mich eingeladen, weil sie sich von mir Informationen erhoffte. So faßte ich einen kleinen Handel ins Auge. Nicht im Traum fiel mir ein, daß sich daraus eine Liebesaffaire entwickeln könnte. Ich hatte mich noch niemals mit einer fast fünfzehn Jahre älteren Frau eingelassen, aber wie es in dem alten Kirchenlied heißt: »Wenn Pflicht dich ruft und die Gefahr / Da stelle deinen Mann.«

Mir lag viel daran, ungesehen (und von der Polizei unbemerkt) mit meinem Fahrrad die Insel zu verlassen. Ich hatte Glück. Als ich auf das erste Fährschiff wartete (wie der Leser sich erinnern wird, stieg man damals nach Narragansett in ein zweites Fährboot um), hörte ich, wie jemand aus einem Auto meinen Namen rief:

»Herr North!«

»Herr Baron!«

»Kann ich Sie mitnehmen? Ich fahre zum Narragansett-Pier!«

»Ich auch. Haben Sie noch Platz für mein Fahrrad?«

»Natürlich.«

Baron Egon Bodo von Stams hatte ich schon im Casino getroffen und mit ihm in meinem abenteuerlichen Deutsch lange Unterhaltungen geführt. Bis auf Bill Wentworth und mich nannten ihn alle einfach »Bodo«. Er war Attache bei der österreichischen Gesandtschaft in Washington und verbrachte zum zweitenmal seinen Sommerurlaub in Newport; er wohnte als Gast bei den Venables in »Surf Point«, sogar während ihrer Abwesenheit. Er war einer der liebenswertesten Menschen der Welt. Zwei Jahre älter als ich und von einer Direktheit und Offenheit, die an Naivität grenzte. Ich kletterte in seinen Wagen und schüttelte ihm die Hand.

Er sagte: »Ich bin übers Wochenende bei Miß Flora Deland eingeladen. Kennen Sie sie?«

»Ich bin auch dort.«

»Wunderbar! Ich wußte nicht, wen ich alles antreffen würde.«

Wir sprachen von diesem und jenem. Auf der zweiten Fähre fragte ich: »Wo haben Sie Miß Deland kennengelernt, Herr Baron?«

Er lachte. »Sie kam auf mich zu und stellte sich mir vor. Auf dem Wohltätigkeitsbasar für verkrüppelte Kinder in der Spring-Street-Kirche.«

Ich machte in der nächsten halben Stunde den Mund nicht mehr auf. Als wir uns der Einfahrt zum Cottage unserer Gastgeberin näherten, sagte ich: »Halten Sie bitte einen Augenblick an, Herr Baron. Sind Sie eigentlich im Bilde, zu wem Sie gehen?«

Er bremste und sah mich fragend an.

»Sie sind Diplomat, und ein Diplomat sollte ganz genau wissen, was um ihn herum vorgeht. Was wissen Sie über Miß Deland und ihre Interessen?«

»Nicht viel, old man.« (Bodo hatte in Eton studiert.) »Sie ist eine Kusine der Venables und schreibt Romane und dergleichen.«

Ich machte eine Pause und sagte dann: »Die Venables haben sie seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr eingeladen. Vielleicht werden sie es Ihnen übelnehmen, wenn sie von Ihrem Besuch hören. Flora Deland ist in diese Gesellschaftsklasse und diesen Kreis hineingeboren worden, aber sie hat beides verwirkt. Fragen Sie mich nicht wie, ich weiß es nicht. Sie verdient sich ihr Geld mit wöchentlichen Gesellschaftskolumnen. Gibt es bei Ihnen in Wien auch diese Gattung Journalisten?«

»O ja, in der Politik! Sie sind unverschämt.«

»Und Miß Deland schreibt unverschämt über das Privatleben von Männern und Frauen.«

»Wird sie auch über mich so schreiben?«

»Ich glaube nicht, aber sie wird erwähnen, daß Sie bei ihr zu Gast waren, und das gibt ihren Geschichten über andere den Anflug des Authentischen.«

»Aber das ist ja schrecklich! Vielen Dank, daß Sie es mir gesagt haben. Ich sollte Sie jetzt vor ihrem Haus absetzen, nach Newport zurückfahren, sie anrufen und mich mit einer Grippe entschuldigen.«

»Herr Baron, das wäre das Gescheiteste. Sie repräsentieren Ihr Land.«

Er drehte sich in seinem Sitz um und sagte mir ins Gesicht: »Und warum sind Sie dann hier? Wenn sie so schlimme Dinge treibt, warum lassen Sie sich von ihr einladen?«

»Herr Baron …«

»Reden Sie mich nicht mit Herr Baron an! Sagen Sie Bodo zu mir. Wenn Sie schon so nett sind, mich über einen Irrtum aufzuklären, so seien Sie bitte noch netter und nennen mich Bodo.«

»Danke. Ich werde nur in diesem Auto von Ihrer Erlaubnis Gebrauch machen. Ich bin ein Angestellter des Casinos. Außerdem ein Lehrer auf einem Fahrrad, der stundenweise bezahlt wird.«

»Aber wir sind in Amerika, Theophilus (was für ein herrlicher Name das ist!). Hier spricht nach fünf Minuten jeder jeden mit seinem Vornamen an.«

»Nein, wir sind nicht in Amerika. Wir befinden uns in einer kleinen exterritorialen Provinz, die klassenbewußter ist als Versailles.«

Er lachte und fragte dann wieder ernst: »Warum sind Sie hier?«

»Das werde ich Ihnen ein andermal erzählen.« Ich zeigte auf das Haus vor uns. »Das da ist ein Teil von Newports Demimonde. Miß Deland ist eine ›declassée‹; die Gesellschaft hat sie geächtet, aber im Sommer denkt sie nur noch an Newport — ihr verlorenes Paradies. Ich weiß nicht, wer außer uns heute abend bei ihr eingeladen ist, doch die Deklassierten halten genauso zusammen wie Ihr feinen Leute.«

»Ich komme mit. Es ist mir egal, was sie über mich schreibt.« Er ließ den Motor an, aber ich hielt ihn zurück.

»Ich bin an Flora Deland interessiert. Sie ist eine echte Paria und weiß, daß sie sich mit einem degradierenden Geschäft abgibt, aber sie macht es nicht ohne Bravour. Finden Sie sie schön?«

»Ja, sehr. Sie erinnert an eine flämische Elfenbeinmadonna. Wir besitzen so eine. Theophilus, verdammtnochmal, ich will mir das anschauen. Sie haben ganz recht: ich lebe in einer kleinen Arena wie ein Zirkuspferd. Ich muß ein paar Deklassierte kennenlernen. Wenn die Venables davon hören sollten, so werde ich mich bei ihnen entschuldigen. Ich werde mich sogar entschuldigen, bevor sie davon hören. Als Ausländer war ich eben nicht auf dem laufenden.«

»Aber Bodo, Ihr Gesandter könnte alles erfahren. Heute nacht betrinken sich die Gäste bestimmt; sie werden Gläser zerschmeißen. Alles mögliche kann passieren, denn Flora hat angekündigt, wir sollten zusammen splitternackt schwimmen gehen. Die Nachbarn werden uns der Polizei anzeigen, die uns ins Kittchen steckt. Das setzt Sie auf die schwarze Liste, Herr Baron — ich meine Bodo.«

Er saß einen Augenblick schweigend da. »Aber ich muß es mir anschauen. Theophilus, lassen Sie mich doch zum Essen dableiben. Hinterher werde ich sagen, daß ich einen Anruf aus Washington erwarte und deswegen nach Newport zurückfahren muß.«

»Gut, sagen Sie es ihr, sobald Sie zur Tür hereinkommen. Am Sonnabend geht die letzte Fähre um Mitternacht.«

Er schlug mir freudestrahlend auf den Rücken. »Du bist ein ganzer Kerl! Vorwärts!«

Der »Strandläufer« war ein hübsches kleines Cottage am Meer, ein gotisches Pfefferkuchenhäuschen aus der Zeit unserer Großmütter, lauter Spitzbogenfenster — kurz, ein »Kleinod«, wie mit der Laubsäge ausgesägt. Ein Butler führte uns zu dem Gästehaus, wo ein Dienstmädchen uns die Zimmer anwies. Bodo pfiff: silberne Bürsten, Kimonos und japanische Sandalen zum Baden. Toulouse-Lautrec-Plakate an den Wänden; der »Gesellschaftsalmanach« und »Der Große Gatsby« von Scott Fitzgerald auf jedem Nachttisch. Das Mädchen sagte: »Cocktails um sieben, meine Herren.«

Er erschien auf der Schwelle. »Theophilus …«

»Herr Baron, im Hinblick auf den Ort, an dem wir uns befinden, nennen Sie mich bitte Mr. North. Was möchten Sie wissen?«

»Sagen Sie mir noch einmal, was für Leute wir beim Essen treffen könnten.«

»Ein paar Männer aus Newport installieren hier ihre Mätressen für den Sommer; hoffentlich sind ein oder zwei von ihnen eingeladen. Wir werden keinem Juwelendieb begegnen, aber vielleicht einigen Detektiven, die im Auftrag von Versicherungsgesellschaften hinter ihnen her sind. Und dann gibt es da immer ein paar junge Leute, die gerne einen Fuß in die Tür der Gesellschaft stellen möchten, mit anderen Worten: Mitgiftjäger.«

»Oh!«

»Wir sind alle Abenteurer, Außenseiter, Anrüchige, louches.«

Er seufzte. »Und ich muß um elf wegfahren! Aber sind Sie denn in Sicherheit?«

»Ich will Ihnen noch einen weiteren Grund für mein Hiersein verraten. Ich arbeite an einem wohldurchdachten Plan und brauche Flora Delands Hilfe. Der Plan ist ganz harmlos. Wenn alles gut geht, werde ich Ihnen diese Geschichte am Ende der Saison erzählen.«

»So lange kann ich nicht warten.«

»Beim Abendessen werde ich für kurze Zeit die Unterhaltung an mich reißen. Wenn Sie gut zuhören, können Sie einen kleinen Einblick in meine Strategie gewinnen.«

Man hatte uns gebeten, uns nicht in Gesellschaftskleidung zu werfen, aber Flora empfing uns in einem wunderschönen Kleid aus gelber Seide, mit kleinen Tupfen aus gelbem Samt und allerlei Drum und Dran aus gelben Spitzen in immer wieder anderem Gelb. Mein Gesicht drückte Bewunderung aus.

»Hübsch, nicht wahr?« sagte sie. »Es ist von Worth, 1910; gehörte meiner Mutter. Baron, ich bin entzückt, Sie zu sehen. Möchten Sie einen Cocktail oder ein Glas Champagner? Ich trinke nur noch Champagner. Wir müssen beim Essen über Österreich reden. Meine Eltern wurden Ihrem Kaiser vorgestellt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich war noch zu jung dazu, natürlich. Aber ich sah ihn jeden Tag auf seinem Spaziergang in Ischl.«

Bodo drückte sein tiefstes Bedauern aus, daß er nach Newport zurückkehren müsse, er erwarte am Sonntagmorgen einen wichtigen Anruf seines Gesandten. »Mein Chef wickelt seine wichtigsten Geschäfte gern am Sonntag ab, und man hat mich verständigt, daß er anrufen würde.«

»Ach, wie schade, Baron! Sie müssen an einem andern Wochenende wiederkommen; wenn Sie wissen, daß Sie frei sind.«

Bei Tisch waren wir zehn, darunter nur vier Frauen. Neben Bodo saß eine typische Französin, Mlle. Desmoulins, die ihn (wie er mir später sagte) unausgesetzt ins Bein kniff, was er galant erwiderte. Ihr Chauffeur, vielmehr ihre Leibwache, erschien um zehn Uhr dreißig, und sie verabschiedete sich zärtlich von ihrem »bon petit Baron Miche-Miche« (Bodo war ein Meter achtzig groß). Da war ferner eine beleibte, juwelenbehängte alte Dame — Flora flüsterte mit zu, sie sei früher eine berühmte Operettensoubrette gewesen —, die kaum ein Wort sagte, aber doppelte Portionen verschlang von allem, was gereicht wurde. Da war ein junges Ehepaar aus New Orleans namens Jameson, das in der Nachbarschaft ein Cottage für den Sommer gemietet hatte, beide außerordentlich zurückhaltend und in steigendem Maße verblüfft.

Ich saß zu Floras Linken neben Mrs. Jameson und fragte sie, wo sie Miß Deland kennengelernt habe. »Durch Zufall hier im Dorf. Mein Mann hatte eine Auseinandersetzung mit einem Verkehrspolizisten, sie hat ihm herausgeholfen und uns beide zum Essen eingeladen. Mr. North, was sind das für Leute?«

»Das kann ich unter diesem Dach nicht diskutieren. Ich überlasse die Antwort Ihrem Scharfblick.«

»Mein Scharfblick ist sehr unsicher.«

»Sie sind auf dem richtigen Wege.«

»Danke. Wir gehen, sobald es sich einrichten läßt. Und Sie? Wie fühlen Sie sich?«

»Mrs. Jameson, ich bin ein Salamander. Ich kann in der Luft, im Feuer und im Wasser leben.«

Und dann waren noch drei junge Männer da, alle wunderbar angezogen (was man so zu einer zwanglosen Dinner-Party in einem berühmten Badeort trägt), alle in steigendem Maß betrunken und äußerst ungeniert.

Die Unterhaltung drehte sich um die vergangene Saison in Newport, um die Gesellschaften und Bälle, zu denen man eingeladen oder nicht eingeladen worden war; um berühmte, aber so idiotische Gastgeberinnen, daß niemand sie ernst nahm; um die abgrundtiefe Langeweile »dieses ganzen Lebens«.

Endlich kam der Augenblick, da ich das Wort ergriff.

»Flora, das Schönste an Newport sind die Bäume.«

»Die Bäume?« Alle sahen mich an.

Ich beschrieb die von Harvard-Gelehrten und Weltreisenden eingeführten Arten, beklagte die Armut des Bodens und ließ vor aller Augen lange Karawanen von Eisenbahnwaggons Erde aus Massachusetts heranrollen (eine durchaus mögliche Improvisation von mir). Ich erzählte von den Zedern des Libanon und von Buddhas Bo-Baum — »Wer in seinem Schatten schläft, träumt vom Nirwana; ich erhielt die Erlaubnis für die nächste Woche« —; vom chilenischen Taratara-Baum, dem sich kein Vogel je nähert; von dem Eukalyptus Australiens, dessen Gummi Asthma heilt; von der Esche Yggdrasill, dem »Baum des Lebens«, dessen Beeren die Melancholie und Selbstmordsehnsüchte junger Menschen heilen (»Es gibt eine solche Esche im Garten der Venables, bei denen der Baron jetzt wohnt«).

Bodo blickte überrascht zu mir hin.

»Teddie, Sie sind ein Engel«, rief Flora aus. »Ich könnte ja darüber einen Artikel schreiben!«

»Oh, es gibt eine Reihe ganz ungewöhnlicher Themen für Sie hier in Newport. Zum Beispiel dieses Haus, das ein berühmter italienischer Architekt, Dr. Lorenzo Latta, das schönste Haus in Neu-England — und das gesündeste genannt hat, im neunzehnten Jahrhundert gebaut. Er nannte es ›das Haus, das atmet‹, ›das Haus mit den Lungen‹.«

»Das Haus mit den Lungen! Welches meinen Sie denn?«

»Sie kennen es wohl kaum. In Newport gibt es auch ein Haus, dessen große Halle eine so perfekte Akustik besitzt, daß Paderewski bei seinem Spiel in Tränen ausbrach; er entschuldigte sich bei seinen Zuhörern und sagte, er hätte noch nie so herrlich gespielt.«

»Welches Haus meinen Sie jetzt?«

»Ich bin fast sicher, daß Sie es nicht kennen. Als der große norwegische Geiger Ole Bull dort ein Konzert gab, spielte er natürlich auf seiner Stradivari, aber nachher sagte er, der Raum selber wäre die schönste Stradivari der Welt.«

»Teddie, wie haben Sie das alles herausgefunden?«

»Es gibt auch ein Haus in Newport, in dem eine einfache Frau als Nonne hingebungsvoll Kranke pflegte, Schwester Colomba. Wahrscheinlich wird sie eines Tages kanonisiert werden: St. Colomba von Newport. Nach Einbruch der Dunkelheit knien immer Leute aus den Arbeitervierteln vor den Toren des Hauses. Die Polizei weiß nicht, was sie tun soll. Kann man kniende Menschen wegen Herumtreiberei verhaften?«

Flora war ganz fasziniert. Die alte Dame hörte zu essen auf. Die »Jiggalas«, die Glücksjäger und »Flickers« sahen sich verzweifelt nach einem starken Drink um.

»Flora, wenn Sie diese Geschichte aufschreiben könnten …«

»Und warum nicht Sie?«

»Ich kann doch nicht schreiben, Flora. Sie haben zahllose Artikel über Newport geschrieben, allerdings meist in satirischem Ton. Wenn Sie nun anfangen würden, die attraktiven Seiten von Newport zu schildern, so könnten Sie Ihren Verwandten eine große Freude machen — eine sehr große Freude.«

Das schlug ein. Sie saß da wie betäubt. Dann kniff sie mich unter dem Tisch in, was man gemeinhin Schenkel nennt, wie ich glaube.

Als wir vom Tisch aufstanden, flüsterte sie: »Sie sind ein Prachtkerl! Zum Verlieben! Und dazu auch ein ganz kleiner Teufel! Meine Herren, begeben Sie sich bitte in das Rauchzimmer. Baron, passen Sie auf, daß nicht zuviel getrunken wird. Später gehen wir alle schwimmen. Ich will nicht, daß einer einen Krampf bekommt und ertrinkt. Das ist nämlich schon zu oft passiert.«

Bodo und ich traten in den Garten hinaus. »Teddie, geben Sie mir einen Anhaltspunkt! Worum ging es eigentlich? Wozu diese Kriegslist? Sagen Sie nur ein Wort, damit ich auf der Rückfahrt nach Newport darüber nachdenken kann.«

»Gut, ich will Ihnen einen Anhaltspunkt geben. Haben Sie ein Schloß?«

»Ja.«

»Ein altes?«

»Ja.«

»Soll es in Ihrem Schloß spuken?«

»Teddie, wofür halten Sie mich? Es gibt keine Gespenster. Nur das Personal erzählt sich gerne Gruselgeschichten und fürchtet sich dann.«

»Bleiben die Dienstboten bei Ihnen?«

»Von einer Generation zur nächsten.«

»Nun, ich bin damit beschäftigt, ein angeblich verhextes Haus zu exorzieren. Dort weigern sich die Dienstboten, nach Einbruch der Dunkelheit zu bleiben. Die drei Häuser, über die Flora, schreiben soll, sind in Wahrheit eins. Aberglaube ist schwarze Magie und läßt sich nur mit weißer Magie bekämpfen. Darüber können Sie nachdenken.«

Er schaute zu den Sternen auf; er schaute hinab auf den Boden; er lachte. Dann legte er mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Teddie, Sie sind ein Gauner.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Und Sie behaupten, in Ihrem Leben kein festes Ziel zu haben!«

Er schüttelte lächelnd den Kopf. Dann wurde er sehr ernst. Noch nie hatte ich Bodo sehr ernst gesehen. »Ich werde Sie in Kürze nochmals um Rat bitten müssen. Ich muß mit einem bestimmten Problem fertig werden.«

»In Newport?«

»Ja, in Newport.«

»Kann es noch etwas warten?«

Sein Ernst hatte sich in Traurigkeit verwandelt. »Ja, es kann noch etwas warten.«

Bodo und ein »Problem, mit dem er fertig werden mußte«? Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Bis auf eine gewisse Naivität, die seiner Unschuld und Herzensgüte entsprang und ihn auch in den »Strandläufer« geführt hatte, schien er seiner Welt durchaus gewachsen. Was konnte das Problem nur sein?

»Jetzt will ich Ihnen auch einen Anhaltspunkt geben, Theophilus; ich bin ein Mitgiftjäger! Aber ich liebe die Erbin von Herzen — ich liebe sie von Herzen, und sie sieht mich nicht einmal an.«

»Kenne ich sie?«

»O ja.«

»Wer ist es?«

»Ich verrate Ihnen den Namen am Ende der Saison. Jetzt will ich mich von Flora verabschieden, um die letzte Fähre noch zu erwischen. Vergessen Sie nicht, mir später alles zu erzählen. Gute Nacht, alter Freund.«

»Gute Nacht, Herr Baron.«

Ich hatte ihn bis zum Gästehaus begleitet. Bei meiner Rückkehr in den »Strandläufer« waren die Jamesons und Mlle. Desmouline bereits gegangen. Die alte Dame war nach oben geschafft worden. Die drei jungen Leute sangen und zerschmissen Gläser.

»Was macht Ihr Kopf? Besser?« fragte Flora zärtlich.

Ich hatte nichts von Kopfschmerzen erwähnt. Ich sagte: »Ich muß mich mit einem Drink stärken. Darf ich mir einen Whisky eingießen, Flora?«

»Sie gehen auf Ihr Zimmer und legen sich hin, ich lasse Ihnen einen Drink bringen. Später werde ich zu Ihnen kommen, und wir werden uns ein bißchen miteinander unterhalten … Ich schicke die Jungen nach Hause. Sie benehmen sich unmöglich, und zum Schwimmen ist es jetzt viel zu kalt … Nein, die wohnen im Club der Angler und Jäger, ein Stückchen weiter unten … Ich will etwas Bequemeres anziehen, und wir sprechen dann über all diese ungewöhnlichen Häuser — falls es sie wirklich gibt, Teddie.«

Ich sagte den Clubmitgliedern gute Nacht. Wieder in meinem Zimmer, schlüpfte ich in den Kimono und die japanischen Sandalen. Ich hatte einen Stoß Notizen über die drei Aspekte des Wyckoff-Hauses mitgebracht. Der erste Aspekt enthielt ein Fünkchen Wahrheit; der zweite manches, was ich frei erfunden hatte; und der dritte war ein reines Phantasieprodukt. Diese Notizen konnte Flora als Unterlage für ihre Artikel benutzen. Ein kleiner Philippino brachte mir ein Tablett mit Flaschen und Eiswürfeln. Ich goß mir einen Drink ein und machte weitere Notizen. Endlich erschien meine Gastgeberin in einem leichten, bequemen Gewand unter einem langen dunkelblauen Cape.

»Sie haben ja schon Ihren Drink! Seien Sie ein Engel und gießen Sie mir ein Gläschen Champagner ein. Die Jungen sind sehr laut geworden, und ich muß auf die Nachbarn Rücksicht nehmen, die sich immer beschweren, wenn die jungen Leute Pistolen abfeuern und auf dem Dach herumklettern … Danke, ich trinke nur Champagner aus Stillweinen. Nun also, sagen Sie mir, wem gehören die Häuser, von denen Sie erzählt haben.«

Ich machte eine lange Pause und sagte dann: »Die drei Häuser sind in Wirklichkeit ein Haus, das Wyckoff-Haus.«

Sie richtete sich auf. »Aber da spukt es doch. Dieses Haus steckt voller Gespenster.«

»Flora, ich schäme mich für Sie. Sind Sie ein abergläubisches Dienstmädchen? Sie wissen doch, daß es keine Gespenster gibt.«

»Ich habe so viel irisches Blut, darum glaube ich alle Gespenstergeschichten! Nun erzählen Sie mir mehr.«

Ich überreichte ihr meinen Stoß Notizen. »Hier ist einiges Material, das Sie bei Gelegenheit für Ihre Artikel verwenden können — Artikel, die Sie zum Liebkind von Newport machen.«

»Bei Gelegenheit! Bei Gelegenheit! Morgen früh fange ich mit der Arbeit an. Zeigen Sie her.«

»Flora, ich bin nicht in der Stimmung, über Häuser zu sprechen. Ich kann jetzt nur an eines denken.« Ich erhob mich und stellte mich vor sie, indem ich ihre Knie zwischen den meinen zusammenpreßte. »Wenn eine schöne Frau einen Mann in den Schenkel kneift, so ist er berechtigt, weitere Zeichen« — ich beugte mich vor und küßte sie — »ihrer Zuneigung zu erwarten.«

»Oh, ihr Männer seid so exigeants.« Sie stieß mich weg, stand auf und ging in das Schlafzimmer.

In jener Nacht war vom Schreiben nicht mehr die Rede.

Die Arbeit begann am nächsten Morgen um elf.

»Lies mir deine Notizen vor«, sagte sie, während sie das gelbe Konzeptpapier der Journalisten und ein halbes Dutzend Bleistifte bereitlegte.

»Nein, ich möchte dir daraus erzählen, damit ich beim Reden deine schönen Augen vor mir habe.«

»Ihr Männer.«

»Da wäre also das Haus mit den Lungen. Ich muß weit ausholen: Kennst du New Haven, Connecticut?«

»Ich bin oft zu den Universitätsbällen in Yale eingeladen worden. Es war eine wunderbare Zeit.«

»Wo hast du gewohnt?«

»Ich wohnte mit einer Kusine im Hotel Taft und eine andere Kusine spielte die Anstandsdame.«

»Dann erinnerst du dich gewiß noch an die Ecke von New Haven Green. An einem kalten Tag überquerte ich mit einer Dame beim Hotel Taft diese Straße. Ein Wind zerrte Röcke und Hut der Dame in alle Richtungen. Plötzlich sagte sie, was mich sehr überraschte, denn sie war eine gesetzte Professorengattin: ›Verdammter Vitruvius!‹ Ich wußte von Vitruvius nur, daß er im antiken Rom gelebt und ein berühmtes Buch über Architektur und Städteplanung geschrieben hatte. ›Warum Vitruvius?‹ fragte ich. ›Wissen Sie denn nicht, daß in Neu-England viele Städte nach seinen Prinzipien angelegt wurden? Baut eure Städte wie einen großen Bratenrost. Studiert die Winde und Gegenwinde und so weiter. Laßt die Stadt atmen, gebt der Stadt Lungen. Paris und London haben sich zu spät auf seinen Rat besonnen. Boston hat seinen Park, aber die Straßen folgen den alten Kuhpfaden.‹ — Vitruvius’ Werk bezog sich natürlich auf Italien, wo es ziemlich kalt sein kann, aber nicht so kalt wie in New Haven. Vergiß nicht: jene Ecke beim Hotel Taft ist der einzig kühle, erträgliche Ort in ganz New Haven während der schrecklichen Sommerhitze. Die Tauben wissen das und versammeln sich dort zu Hunderten; und auch die Landstreicher. Die Weisheit des Vitruvius!«

»Teddie, warum reden wir eigentlich über Tauben und Strolche?«

»Jenes Haus ist im Stil Palladios gebaut worden, einem überzeugten Anhänger des Vitruvius. Und jetzt komme ich zur Sache: Ein bedeutender italienischer Architekt erklärte auf seiner Besichtigungstour durch Neu-England, dies sei das schönste und gesündeste Haus, das er je gesehen habe. In Neu-England gab es nur Holzhäuser mit einem zentralen Kamin, um das Haus im Winter zu heizen; aber diese Häuser sind fürchterlich heiß im Sommer, die Korridore falsch angelegt; die Zimmer des ersten und zweiten Stocks grenzen an den Kamin, und darum sind auch die Türen und Fenster falsch eingesetzt: Die Luft zirkuliert nicht, die schlechte Luft kann nicht abziehen. Aber die Architekten des Wyckoff-Hauses hatten genug Geld und gesunden Menschenverstand, um überall Kamine einzubauen; das Zentrum des Hauses besteht somit aus einer großen hohen Halle, die ein- und ausatmet. Miß Wyckoff sagte mir, hier kenne man den Schnupfen nicht, jenen verbreiteten großen amerikanischen Schnupfen! Das Haus wurde 1871 von einem italienischen Architekten gebaut, der eine Gruppe von Dekorateuren, Malern und Steinmetzen mitgebracht hatte; es ist ein Traum, heiter, gelassen, voller Frieden — gesunde Lungen und ein gesundes Herz!«

»Das will ich schreiben! Warte nur ab!«

»Das ist noch nicht alles. Hast du Musik gern, Flora?«

»Ich liebe Musik, alle Musik, bis auf die beiden entsetzlichen Langweiler Bach und Beethoven, und diesen anderen da, Mozetti.«

»Was hast du gegen ihn?«

»Mozetti? Er hat nur einen einzigen Einfall gehabt und ihn zu Tode geritten.«

Ich wischte mir die Stirn.

»Ich habe dir erzählt, wie Paderewski die Akustik in der großen Halle zu Tränen rührte. Er fragte die Wyckoffs, ob es sie stören würde, wenn er nach dem Aufbruch der Gäste noch eine Stunde für sich allein spielte. Nachdem Dame Nellie Melba dort gesungen hatte, überredete sie Thomas Alva Edison, nach Newport zu fahren, um ihre Plattenaufnahmen in jener Halle zu überwachen. Das Lied von der ›Letzten Rose‹ übertraf im Verkauf alle anderen Platten, bis Caruso kam. Madame Schumann-Heink sang den ›Rosenkranz‹ in jener Halle und mußte ihn dreimal wiederholen. Alle weinten wie kleine Kinder. Deinem ersten Artikel könntest du den Titel geben: ›Ein Haus perfekten Wohlbehagens‹, und dem zweiten ›Ein Haus himmlischer Musik‹. Newport wird dich vergöttern.«

»Hast du mir all diese Namen aufgeschrieben, Teddie?«

»Der dritte Artikel aber ist der beste. Vor vielen Jahren gab es in dieser Stadt eine Heilige. Sie wurde niemals Mitglied eines religiösen Ordens, weil sie weder lesen noch schreiben gelernt hatte; sie war eine Laienschwester, doch die arme Bevölkerung nannte sie Schwester Colomba. Sie verbrachte ihre Tage und Nächte mit den Kranken, den Alten und Sterbenden. Sie beruhigte die Fiebernden, sie betrat die Zimmer der ansteckend Kranken, ohne sich selbst je anzustecken. Ein kleiner Junge im Wyckoff-Haus hatte Diphtherie. Sie pflegte ihn täglich, und er wurde gesund. Ein Wunder, wie es hieß. Sie schlief in einem kleinen Zimmer ihm gegenüber, auf der andern Seite der Halle. Als sie in hohem Alter ihr Ende kommen fühlte, bat sie darum, in demselben Zimmer sterben zu dürfen. Wie ich schon bei Tisch erwähnte, knien die Leute in Scharen vor den Toren des Hauses, vor Schwester Colombas Zimmer.«

Flora legte in tiefer Bewegung ihre Hand auf die meine. »Bei mir werden Gläubige um Mitternacht leise Engelsstimmen vernehmen, Weihrauch wird duften … Bellevue Avenue … Wie hieß sie in Wirklichkeit?«

»Mary Colomba O’Flaherty.«

»Warte nur ab, was ich aus diesem Stoff machen kann! Gott im Himmel! Es ist dreiviertel eins! Gleich kommen meine Gäste zum Mittagessen. Gib mir deine Notizen. Ich werde sofort mit der Arbeit beginnen.«

___________

Was man auch über Flora Deland denken mag, sie war eine fleißige, arbeitsame Frau. Bienen und Ameisen könnten von ihr lernen. Meine Vorlesestunden bei Miß Wyckoff wurden zwei Wochen unterbrochen, da sie am Squam-See in New Hampshire alte Freunde in deren ländlichem Sommerhaus besuchte. Nach ihrer Rückkehr lud sie mich sofort zum Tee ein. Ich nahm aus Prinzip keine gesellschaftlichen Einladungen an, aber der Wunsch, Neues über die Fortschritte meines Planes zu erfahren, war stärker als alle Prinzipien.

Miß Wyckoff empfing mich höchst aufgeregt.

»Mr. North, etwas ganz Ungewöhnliches ist passiert; ich bin richtig ratlos. Eine Journalistin hat eine Artikelfolge über dieses Haus geschrieben! Sehen Sie sich die Stöße von Briefen an, die ich bekommen habe! Architekten wollen das Haus besichtigen und ihre Studenten mitbringen. Auch Musiker wollen das Haus sehen. Aus allen Teilen des Landes erhalte ich Anfragen von allen möglichen Leuten. Herden von Fremden klingeln von morgens bis abends an der Haustür.«

»Was haben Sie daraufhin unternommen, Miß Wyckoff?«

»Ich habe keinen einzigen Brief beantwortet. Und Mrs. Delafield hat Weisung, keine Fremden einzulassen. Was hätte ich Ihrer Ansicht nach tun sollen?«

»Haben Sie die Artikel jener Journalistin gelesen?«

»Dutzende von Leuten haben sie mir zugeschickt.«

»Haben Sie sich sehr geärgert?«

»Ich weiß nicht, von wem sie all diese Informationen hat. Es steht ja nichts Schlimmes drin, aber es stehen da hundert Dinge über dieses Haus, von denen ich keine Ahnung hatte … und dies ist doch mein Heim. Ich habe viele Jahre meines Lebens hier verbracht. Ich weiß nicht, ob das alles wahr ist oder nicht.«

»Miß Wyckoff, ich gestehe, daß ich die Artikel gelesen habe und sehr überrascht war. Aber Sie müssen zugeben, dies ist ein sehr schönes Haus. Ruhm ist eine Folge von Vortrefflichkeit, Miß Wyckoff. Ein Besitz von außergewöhnlicher Schönheit bringt gewisse Verpflichtungen mit sich. Haben Sie je Mount Vernon besucht?«

»Ja, Mrs. Tucker lud uns zum Tee ein.«

»Wußten Sie, daß Teile des Hauses zu bestimmten Wochenstunden besichtigt werden können? Ich schlage vor, daß Sie einen Sekretär engagieren, der das Ganze in die Hand nimmt. Lassen Sie Eintrittskarten drucken und von ihrem Sekretär an alle ernsthaften Interessenten schicken, mit genauer Zeitangabe, wann das Haus besichtigt werden kann.«

»Ich habe Angst, Mr. North. Wie soll ich die vielen Fragen beantworten?«

»Oh, Sie selbst werden nicht anwesend sein. Ihr Sekretär macht die Führungen und beantwortet alle Fragen sehr oberflächlich.«

»Danke. Danke. Mir bleibt wohl gar nichts anderes übrig. Aber, Mr. North, da ist noch ein viel ernsteres Problem.« Sie senkte die Stimme. »Leute wollen ihre Kranken herbringen … religiöse Schulen wollen in Gruppen hier beten. Ich habe noch nie von dieser Schwester Colomba gehört. Mein seliger Bruder, von dem ich Ihnen erzählte, war ein kränkliches Kind, und ich erinnere mich, daß wir in der Tat ein paar fromme Schwestern hier hatten; aber ich kann mich nicht an eine einzige erinnern.«

»Miß Wyckoff, es gibt ein altes griechisches Sprichwort: ›Weise nicht die Gabe der Götter zurück.‹ Sie sagten, über diesem Haus liege ein Fluch. Mir scheint, daß dieser Fluch sich jetzt auflöst … Ganz Newport spricht von diesem schönen und gesunden Haus und von dem Segen, den es birgt.«

»Mr. North, ich habe Angst. Ich habe etwas sehr Schlimmes getan. Sogar meine alten Freunde, die seit Jahren zu mir zum Tee kommen, möchten jetzt das Sterbezimmer von Schwester Colomba besichtigen. Was sollte ich machen? Ich habe ihnen etwas vorgeschwindelt und eine neben dem Zimmer meines armen Bruders gelegene Kammer ausgesucht, in der eine Nachtschwester wahrscheinlich geschlafen hat.«

»Sie können den nächsten Schritt bereits voraussehen, nicht wahr, Miß Wyckoff?«

»O Gott, o Gott. Was ist der nächste Schritt, Mr. North?«

»Die Dienstboten werden sich darum reißen, in diesem Haus wohnen zu dürfen.«

Sie legte die Hand auf den Mund und starrte mich an. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.«

Ich beugte mich vor und sagte leise, aber sehr deutlich: »Miß Wyckoff gibt sich die Ehre, Sie an dem-und-dem Tag zu einem Diner einzuladen. Nach dem Essen wird das Kneisel-Quartett mit einem berühmten Violinisten als Gast die beiden letzten Streichquintette von Wolfgang Amadeus Mozart zu Gehör bringen.«

Sie sah mich an. Sie stand auf, schlug die Hände zusammen und sagte: »Meine Kindheit! Meine wunderbare Kindheit!«

»Neun Giebel«

Als eine der ersten hatte Sarah Bosworth (Mrs. McHenry Bosworth), »Neun Giebel«, Bellevue Avenue Nummer soundso, mir ein kurzes Schreiben zukommen lassen. Ihr Vater, so lautete der Brief, Dr. James McHenry Bosworth, habe schon viele Vorleser engagiert, die sich aber mit wenigen Ausnahmen als unzulänglich erwiesen hätten. Könnte sich Mr. North Freitag morgen um elf Uhr zu einer Besprechung mit Mrs. Bosworth bei obenstehender Adresse einfinden? Dazu die Bitte um telephonische Bestätigung der Verabredung, etcetera, etcetera. Ich sagte telephonisch zu und begab mich sogleich in die Volksbücherei, um mich aus mehreren Nachschlagewerken über die Familie zu belehren.

Der Ehrenwerte Dr. James McHenry Bosworth war vierundsiebzig Jahre alt, Witwer, Vater von sechs Kindern sowie mehrfacher Großvater. Er hatte seinem Lande als Attaché gedient, als Staatssekretär, Minister und Botschafter in mehreren Ländern und drei Kontinenten. Außerdem war er Autor mehrerer Bücher über die Anfänge der amerikanischen Architektur, vor allem in Newport. Weitere Nachforschungen ergaben, daß er das ganze Jahr in Newport verbrachte und seine Kinder in der Umgebung — Portsmouth und Jamestown — Sommerhäuser besaßen. Mrs. McHenry Bosworth war seine Tochter, geschieden und kinderlos; sie hatte ihren Mädchennamen in dieser Form wieder angenommen.

An jenem Freitagmorgen gegen Ende April — es war der erste strahlende Frühlingstag — fuhr ich mit meinem Rad vor der Tür vor und läutete. Das Haus war weder ein französisches Château noch ein griechischer Tempel oder eine normannische Festung, sondern ein langgestrecktes, unregelmäßig gegliedertes Cottage mit einem vom Wetter silbrigen Schindeldach, mit weiten Veranden, Türmchen und Giebeln. Es stand in einem vornehmen Park mit mächtigen und erlesenen Bäumen. Das Innere des Hauses war nicht im geringsten rustikal. Durch die offene, festgehakte Haustür sah ich ein ganzes Aufgebot von Dienern in gestreiften Westen und von Dienstmädchen mit wehenden Schürzenbändern, die Fußböden bohnerten und Möbel polierten. Später sollte ich erfahren, daß die Möbel diese Pflege verdienten, denn hier befand sich die größte Privatsammlung von Newports berühmten Kunsttischlerarbeiten aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Ein gewaltiger Butler mit rotgestreifter Weste und grüner Schürze erschien unter der Tür. Ich brachte mein Anliegen vor. Seine Augen hefteten sich mißbilligend auf mein Fahrrad. »Äh … Sie sind Mr. North?« Ich wartete. »Im allgemeinen, Sir, wird diese Tür am Morgen nicht benutzt. Die Gartentür befindet sich gleich um die Ecke, zu Ihrer Linken.«

Ich hätte das Haus auch durch den Schornstein oder den Kohlenkeller betreten — aber der Butler gefiel mir nicht, seine hervorquellenden Augen, sein Doppelkinn und sein verächtlicher Ton. Es war ein wunderbarer Morgen. Mir war so wohl und ich war auf diesen Job nicht angewiesen. Ich nahm mir also Zeit. »Mrs. Bosworth hat mich gebeten, um diese Zeit hier vorzusprechen.«

»Diese Tür wird für gewöhnlich nicht benutzt …«

In meiner Jugend — und auch beim Militär — hatte ich gelernt, daß man Überheblichkeit und Arroganz am besten mit folgender Methode begegnet: einem liebenswürdigen, sogar ehrerbietigen Lächeln und einem leisen Wortschwall; unter Vortäuschung von partieller Taubheit rede man die Leute tot, schlage Haken, erzähle Schnurren. Unweigerlich ereifert sich daraufhin der Herr Wichtigtuer, verliert schließlich die Fassung und (die Hauptsache!) lockt andere Leute auf die Bildfläche.

»Danke vielmals, Mr. Gammage … Mr. Kammage. Ich nehme an, Sie erwarten den Klavierstimmer oder …«

»Was?«

»Oder den Hühneraugenoperateur. Was für ein herrlicher Tag, Mr. Gammage! Bestellen Sie bitte Mrs. Bosworth, daß ich hier war, wie sie es wünschte …«

»Mein Name ist nicht … Sir, gehen Sie bitte mit Ihrem Fahrrad zu der von mir angegebenen Türe …«

»Guten Morgen. Ich werde Mrs. Bosworth schreiben, daß ich hier war … Irasci celerem tarnen ut placabilis essem.«

»Sir, sind Sie taub oder verrückt?«

»Dr. Bosworth, ich kannte ihn gut in Singapore, Hotel Raffles, verstehen Sie. Wir spielten zusammen Fan-tan.« Ich flüsterte noch leiser. »Tempelglocken mit allem Drum und Dran. Palmenwedel von der Decke herunterfächelnd …«

»Lassen Sie mich … lassen Sie mich in Ruhe! Gehen Sie fort!«

Es wirkt immer: Andere Leute waren bereits auf der Bildfläche erschienen. Das Dienstboten-Kommando stand mit offenem Mund da. Eine hübsche Frau in mittleren Jahren zeigte sich in einiger Entfernung; eine junge Frau im blaßgrünen Leinenkleid (Persis selber) war die große Treppe heruntergekommen. Die »Neun Giebel« sind seitdem für mich zum Haus der unsichtbaren Lauscher geworden.

Die Dame in einiger Entfernung rief: »Willis, ich erwarte Mr. North … Persis, dies ist meine Angelegenheit … Mr. North, wollen Sie mir bitte in meinen Salon folgen.«

Die göttliche Persis schwebte zwischen Willis und mir zur Tür, hakte sie auf, ohne nach rechts oder links zu sehen, und verschwand. Ich dankte Mr. Willis (dem es glatt die Sprache verschlagen hatte) und schritt langsam durch die große Halle. In einem Salon entdeckte ich durch die offenstehende Tür ein großes Portrait, »Die drei Schwestern Bosworth«, 1899 gemalt, vielleicht von John Singer Sargent. Es zeigte drei reizende Mädchen, ausgestattet mit allen Vorzügen, einschließlich einer engelhaften Erscheinung. Diese drei Schwestern waren: Sarah, nach kurzer Ehe mit dem Ehrenwerten Algernon De Bailly-Lewyss nun Mrs. McHenry Bosworth; Mary, jetzt Mrs. Cassius Marcellus Leffingwell; und Theodora, jetzt Mrs. Terence Onslowe, die schon lange in Italien lebte. Mrs. Bosworth war sehr indigniert. »Ich bin Mrs. Bosworth. Bitte nehmen Sie Platz.«

Ich schaute mich um und bewunderte sowohl den Salon als auch die Lady. Es fiel mir auf, daß eine Tür zu meiner Linken angelehnt war; alle anderen Türen standen offen. Vermutlich hörte der Ehrenwerte Dr. Bosworth unserem Gespräch zu. Mrs. Bosworth hatte drei Bücher vor sich liegen, in jedem prangte ein farbiges Lesezeichen. Vermutlich bestimmte ein Lesezeichen die Seite, die den Bewerber den Kopf kosten sollte.

»Die Augen meines Vaters werden leicht müde. Aus den verschiedensten Gründen haben alle Vorleser versagt. Ich kenne seinen Geschmack. Um Ihnen Zeit zu ersparen, möchte ich Sie bitten, gleich oben auf dieser Seite zu beginnen.«

»Gern, Mrs. Bosworth.«

Ich ließ sie warten. Sieh mal an! Das Geschichtswerk meines alten Freundes Gibbon. Es stand nicht gut um das Ostreich am Mittelmeer, ein Durcheinander von höfischen Intrigen, Dutzende von byzantinischen Namen, Zungenbrecher aller Art; aber eine herzerfrischende Lektüre. Ich las langsam und mit Genuß.

»Danke vielmals«, sagte sie endlich und unterbrach mich mitten in einer Ermordung, stand auf und schloß unauffällig die Tür neben mir. »Ihr Lesen ist durchaus passabel. Doch leider ermüdet es meinen Vater sehr, wenn mit wechselnder Betonung vorgelesen wird. Ich glaube, ich sollte Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«

Hinter der geschlossenen Tür hörte man die Stimme eines alten Mannes: »Sarah! Sarah!« Sie reichte mir die Hand. »Danke vielmals, Mr. North. Guten Morgen!«

»Sarah! Sarah!« Im Nebenzimmer wurde eine Tischglocke geläutet, dann ein Gegenstand gegen die Tür geworfen, die sich öffnete, und eine Krankenschwester erschien. Ich schaute zu Boden, als ob ich etwas suchte. Willis erschien; Persis erschien.

»Willis, gehen Sie an Ihre Arbeit zurück. Persis, dies ist meine Angelegenheit.«

Und dann erschien der alte Mann selber. Er trug einen wattierten Schlafrock; auf der Nase tanzte sein Pincenez, und sein Van-Dyck-Bart stand waagrecht vor.

»Schick den jungen Mann zu mir herein, Sarah; endlich haben wir jemanden gefunden, der vorlesen kann. Du konntest bisher nur pensionierte Bibliothekare auftreiben mit einem Frosch im Hals, so wahr mir Gott helfe!«

»Vater, ich werde Mr. North zu dir hereinschicken. Geh sofort zurück an deinen Schreibtisch. Du bist ein kranker Mann. Du darfst dich nicht aufregen. Schwester, führen Sie meinen Vater am Arm.«

Zum zweiten Mal hatte ich Aufruhr in die »Neun Giebel« getragen. Ich mußte es anders anfangen. Nachdem die Zuschauer sich zurückgezogen hatten, setzte sich Mrs. Bosworth wieder auf ihren Sessel und bat mich, auch Platz zu nehmen. Wie sie mich haßte!

»Für den Fall, daß Dr. Bosworth Sie als Vorleser akzeptieren sollte, noch ein paar Ratschläge: Mein Vater ist ein alter Mann, vierundsiebzig, und sehr zart. Seine Gesundheit macht uns große Sorge. Außerdem hat er gewisse Idiosynkrasien, die Sie aber nicht beachten dürfen. Mit Vorliebe macht er generöse Versprechungen und extravagante Projekte. Sollten Sie sich dafür interessieren, handeln Sie sich ernste Ungelegenheiten ein.«

»Sarah! Sarah!«

Sie stand auf. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe. Haben Sie mich verstanden?«

Ich sah ihr in die Augen und sagte liebenswürdig: »Danke, Mrs. Bosworth.«

Das war weder die Antwort, die sie erwartet hatte, noch der gewohnte Ton. Sie antwortete scharf: »Wenn Sie nochmals schwierig werden, verlassen Sie augenblicklich dieses Haus.« Sie öffnete die Tür. »Vater, hier ist Mr. North.«

Dr. Bosworth saß in einem mit Kissen gepolsterten Sessel vor einem großen Tisch. »Bitte setzen Sie sich, Mr. North. Ich bin Dr. Bosworth. Sie kennen wahrscheinlich meinen Namen. Ich habe meinem Land in mancher Hinsicht nützlich sein können.«

»Ihre bemerkenswerte Karriere ist mir durchaus bekannt, Dr. Bosworth.«

»Hm … sehr gut. Darf ich fragen, wo Sie geboren sind?«

»In Madison, Wisconsin, Sir.«

»Was war Ihr Vater von Beruf?«

»Besitzer und Redakteur einer Zeitung.«

»Was Sie nicht sagen! Hat Ihr Vater auch eine Universität besucht?«

»Er studierte in Yale und promovierte dort.«

»Wirklich? Vous parlez français, Monsieur?«

»J’ai passé une année en France.«

Weitere Fragen folgten: Meine berufliche Tätigkeit seit Verlassen der Schule? Alter? Zivilstand? Zukunftspläne? Etcetera, etcetera.

Ich stand auf. »Dr. Bosworth, ich wollte mich in diesem Haus um eine Stellung als Vorleser bewerben. Dieser Posten soll bisher nicht zu Ihrer Zufriedenheit besetzt gewesen sein — ich fürchte, ich muß Sie ebenfalls enttäuschen. Guten Morgen.«

»Was? Was?«

»Guten Morgen, Sir.«

Er schien höchst erstaunt. Als ich aus seinem Zimmer durch die große Halle ging, rief er hinter mir her: »Mr. North! Mr. North! Erlauben Sie, daß ich mich rechtfertige!« Ich kehrte zur Tür seines Arbeitszimmers zurück. »Nehmen Sie doch Platz, Sir. Ich war nicht mit Absicht indiskret, bitte verzeihen Sie mir. Ich habe dieses Haus außer für einen Aufenthalt im Krankenhaus seit sieben Jahren nicht mehr verlassen. Wir Eingesperrten entwickeln leider allzuhäufig eine übertriebene Neugier auf unsere Umwelt. Akzeptieren Sie meine Entschuldigung?«

»Ja, Sir. Ich danke Ihnen.«

»Danke. Hätten Sie Zeit, mir heute morgen bis um zwölf Uhr dreißig vorzulesen?«

Ich hatte Zeit. Er legte mir ein frühes Werk von George Berkeley hin. Als die verschiedensten Glocken um zwölf Uhr dreißig die halbe Stunde schlugen, las ich den Absatz noch zu Ende und erhob mich. Er sagte: »Dies ist eine Erstausgabe. Vielleicht interessiert Sie auch die Widmung auf der Titelseite.« Ich klappte das Buch wieder auf und sah eine Widmung des Autors an seinen geschätzten Freund und Dekan Jonathan Swift. Es dauerte eine Weile, bis ich mich von meinem ehrfürchtigen Staunen erholt hatte. Dr. Bosworth fragte mich, ob Bischof Berkeley für mich ein Begriff sei. Ich sagte, daß ich während meines Studiums in der Berkeley Hall von Yale gewohnt hatte, daß der Philosoph einen Teil seiner Bibliothek der Universität vermacht hatte, was jeden Yale-Absolventen mit Stolz erfüllte — die Bücher waren mit Ochsenkarren von Rhode Island nach Connecticut transportiert worden; daß ich ferner einen großen Teil meiner Jugend in dem nach dem Bischof benannten Berkeley, Kalifornien, verbracht hatte, wo wir oft an diese Tatsache erinnert wurden. Wir beide sprachen den Namen verschieden aus, aber es handelte sich zweifellos um denselben Mann.

»Gott sei mir gnädig!« rief Dr. Bosworth. »Ein Harvard-Mann kann sich nur schwer vorstellen, daß auch andernorts ernsthafte wissenschaftliche Forschung geleistet wird.«

Wir vereinbarten, daß ich an vier Tagen in der Woche je zwei Stunden kommen sollte. George Berkeley ist nicht leicht zu lesen, und wir verfügten beide nicht über eine gründliche philosophische Schulung. Trotzdem ließen wir keinen Absatz unverdaut passieren.

Zwei Tage später unterbrach Dr. Bosworth unsere Lektüre, da er mir mit Verschwörerstimme etwas zuraunen wollte. Er stand auf, öffnete jäh die Tür zur großen Halle und spähte, ob sich Lauscher ertappen ließen, er wiederholte dieses Manöver an der Tür zu seinem Schlafzimmer, dann kehrte er an den Tisch zurück und fragte mich mit leiser Stimme: »Wissen Sie, daß Bischof Berkeley in Newport gelebt hat?« Ich nickte. »Ich beabsichtige, sein Haus Whitehall sowie die umliegenden fünfzig Morgen Land zu kaufen. Mein Plan ist noch mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Und streng geheim. Ich will hier eine Akademie der Philosophen gründen. Ich habe gehofft, Sie würden mir helfen, die Einladungen an die führenden Philosophen der Welt aufzusetzen.«

»Eine Einladung, Vorträge zu halten, Dr. Bosworth?«

»Pst … Pst! Nein, hier zu wohnen. Jeder würde ein eigenes Haus bekommen. Alfred North Whitehead und Bertrand Russell. Bergson, Benedetto Croce und Gentile. Wittgenstein — wissen Sie, ob er noch lebt?«

»Ich bin nicht ganz sicher, Sir.«

»Unamuno und Ortega y Gasset. Die Meister sollen jede Freiheit haben; sie mögen lehren oder nicht lehren, Vorträge halten oder keine Vorträge halten, sie brauchen sich nicht einmal zu treffen. Newport soll wie ein großer Leuchtturm auf einem Berge sein, ein Leuchtfeuer des Geistes, der erhabenen Gedanken. Wie viele Vorbereitungen müssen noch erledigt werden! Zeit! Zeit! Zeit! Man sagt mir, ich wäre ein kranker Mann.«

Er hörte hinter der Tür Schritte — oder glaubte sie zu hören —, hielt den Zeigefinger warnend an den Mund, und wir nahmen unsere Lektüre wieder auf. Die Akademie wurde eine Zeitlang nicht mehr erwähnt, anscheinend fürchtete er zu viele Spione in unserer Umgebung.

Am Ende der zweiten Woche fragte er mich, ob ich gegen die späten Abendstunden Einwände hätte; er liebe es, nachmittags eine lange Siesta zu halten und bleibe dann bis Mitternacht munter. Dies paßte mir um so besser, als mehr und mehr Verpflichtungen meine Vormittage ausfüllten. Die Bosworths gaben mehrmals in der Woche große Diners, aber der Gastgeber machte sich zur Gewohnheit, um zehn Uhr dreißig vom Tisch aufzustehen (er aß eine bestimmte Diät) und sich in die Bibliothek zurückzuziehen, wo ich auf ihn wartete. Im Laufe der Saison fanden diese zunehmend festlichen Anlässe immer häufiger statt. Der ehemalige Diplomat ließ es sich in kindischer Eitelkeit nicht nehmen, bei seinen Diners die Nationalfeiertage der Länder zu begehen, bei denen er akkreditiert gewesen war. Das gab ihm Gelegenheit, die ihm dort verliehenen Orden anzulegen. Zufällig fielen weder unser Unabhängigkeitstag noch der Bastillesturm mit meinen Besuchen zusammen, doch oft genug kam er strahlend herein und murmelte mir sanft zu, Polen blicke auf eine tragische, aber tapfere Geschichte zurück und Garibaldis (oder Bolivars oder Gustav Adolfs) Beitrag sei gar nicht zu überschätzen.

Wir setzten unsere Studien über Dekan Berkeleys Besuch der westlichen Hemisphäre fort, und Dr. Bosworth konnte sehen, daß mein Interesse fast so groß war wie das seine. Wie entzückt waren wir, als sich bei der Lektüre des »Analyst« herausstellte, daß »unser Mann« — jetzt Bischof Berkeley — Sir Isaac Newton und den mächtigen Leibniz mit ihren Grundlagen des Infinitesimalkalküls glatt zerschmettert und zu Pulver zerrieben hatte. Dr. Bosworth und ich waren Wickelkinder auf dem Gebiet der kosmologischen Physik, aber wir begriffen, worauf es ankam. Newtons Freund Edmund Halley (der mit dem Kometen) hatte sich über die Unvorstellbarkeit von Berkeleys Gottesbegriff mokiert, und der Bischof hatte geantwortet, daß Newtons infinitesimale »Fluxionen« ebenso »obskur, unvereinbar und prekär« seien wie alles andere, was sie zur Theologie beizutragen hätten, und er fügte hinzu: »Was sind denn diese Fluxionen … diese Geschwindigkeiten von unendlichem Wertzuwachs? Sie sind weder endliche Größen noch unendlich kleine Größen, noch einfach Nichts. Sollen wir sie die Geister abgeschiedener Größen nennen?« Krach! Bums! Die Struktur des Universums, ebenso wie die Prinzipien des christlichen Glaubens, waren — nach Ansicht des Bischofs — nur durch Intuition zu erkennen. Dr. Bosworth und ich sind nicht gerade im Arbeitszimmer herumgetanzt, aber die an den Türen lauschenden Spione müssen berichtet haben, daß Seltsames vorging — und das um Mitternacht! Das waren noch Giganten! Swift eingeschlossen, mein Schutzpatron, seit ich mir wie ein Gulliver vorkam. Wir waren im Herzen der zweiten Stadt, im achtzehnten Jahrhundert.

Seit unserm ersten Zusammentreffen hatte ich Dr. Bosworths übermäßiges Interesse an meiner Person in die Schranken gewiesen; unsere weiteren, nicht allzu häufigen Gespräche beschränkten sich nunmehr auf historische Themen, aber ich merkte, daß er immer noch von Neugier aufgefressen wurde. Wenn ein Millionär einen vom Schicksal weniger Begünstigten ins Herz schließt, so fragt er sich, nicht ohne heimliches Mitleid und Staunen, wie wir wohl mit unserm Elend und den uns auferlegten Entbehrungen »fertig werden«, kurz und gut, er fängt an sich auszurechnen, wieviel wir verdienen. Haben wir genug zu essen? Ich bin dieser Sorge in jenem Sommer ständig begegnet. Unausgesetzt wurden Teller mit Sandwiches oder Schalen mit Obst vor mich hingestellt. Nur ein einziges Mal (bei einer anderen Gelegenheit) habe ich eingewilligt, im Hause eines Arbeitgebers eine Tasse Tee anzunehmen, obwohl Einladungen zu Mittagessen, zu Diners und Gesellschaften sich häuften.

Mit Unbehagen stellte ich fest, daß Flora Delands unermüdliche Feder die Hauptschuld trug, wenn die Avenue sich übertrieben neugierig mit meiner Person beschäftigte. Wie ich bereits erwähnte, verlor Flora keine Zeit, Newport ganz für sich zu gewinnen. Ihre nationale (und auch lokale) Leserschaft hatte die Artikel über die neun Städte, über die herrlichen Bäume der Insel Aquidneck und die Wunder des Wyckoff-Hauses begeistert verschlungen. Ich hatte den »Strandläufer« mehrmals wieder besucht, aber die Blume unserer Freundschaft verblühte zusehends; Flora nörgelte an mir herum und zankte sich auch mit mir. Sie konnte nicht begreifen, warum ich nicht unter Aufbietung aller Kräfte in den Cottages meinen gesellschaftlichen Erfolg aufbaute, möglichst Arm in Arm mit ihr. Ich machte ihr unmißverständlich klar, daß ich bislang keine Einladung angenommen hätte und es auch nie zu tun gedächte. Bevor wir auseinandergingen, hatte sie noch einen sechsten Artikel veröffentlicht, ein überschwengliches Lob der kulturellen Renaissance, die über dieses Paradies auf Erden hereingebrochen war. Er wurde mir zugeschickt, aber ich habe ihn erst viel später gelesen. Ohne mich mit Namen zu nennen, beschrieb Flora einen unglaublich gebildeten jungen Mann, die »Sensation« der Sommerkolonie, der mit jung und alt Homer, Goethe, Dante und Shakespeare lese. Er habe den Browning-Klub neu belebt, dessen französische Matineen Baileys Strandbad entvölkerten. Ihr Artikel begann mit der zornigen Widerlegung des zwanzig Jahre alten Scherzwortes, daß die »Damen von Newport niemals den ersten Akt einer Oper hören noch den zweiten Teil eines Romans lesen würden«. Newport, so versicherte sie, ist — und war immer — eine der aufgeklärtesten Gemeinden des Landes, der Nährboden für George Bancroft, Longfellow, Lowell, Henry James, Edith Wharton und für Mrs. Edward Venable, Autorin jenes rührenden Gedichtbandes »Träume in einem Aquidneck-Garten«.

Freilich wußte ich damals noch nicht, daß ich auch aus einem weniger schmeichelhaften Grund in jenen Kreisen einer fast krankhaften Neugier begegnete.

Um Mitternacht begaben sich Dr. Bosworths Gäste jeweils in sein Arbeitszimmer, um sich ein zweites Mal von dem berühmten Gastgeber zu verabschieden. Ich stellte mich dann an die Wand in jener Haltung des Nichtvorhandenseins, die meiner Stellung entsprach. Mrs. Bosworth begleitete die Gäste nicht, aber Dr. Bosworth und Persis kümmerten sich darum, daß ich allen vorgestellt wurde, darunter auch ein paar ehemaligen oder momentanen Arbeitgebern von mir: Miß Wyckoff begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln, Bodo (ein häufiger Gast) mit einem brüderlich-uneleganten Wort auf Deutsch. Damen, die ich nie gesehen hatte, erzählten mir von den Fortschritten ihrer Kinder:

»Mein Michael will um jeden Preis Tennis-Champion werden, dank Ihrem Einfluß, Mr. North.«

Mrs. Venable: »Bodo sagte mir, daß Sie Bischof Berkeley lesen. Faszinierend, nicht wahr?«

Eine andere Dame: »Mr. North, Mr. Weller und ich geben Sonnabend in einer Woche eine kleine Tanzgesellschaft. Wohin darf ich die Einladung schicken?«

»Das ist sehr nett von Ihnen, Mrs. Weller, aber ich bin leider so beschäftigt, daß ich keine Einladungen annehmen kann.«

»Keine einzige Einladung?«

»Nein — vielen Dank — keine.«

Eine weitere Dame: »Mr. North, ist es zu spät für mich, Ihrer Robert-Browning-Gesellschaft beizutreten? Ich habe die Brownings immer so geliebt.«

»Gnädige Frau, ich kenne keine Browning-Gesellschaft in Newport.«

»Oh? — Oh? Vielleicht bin ich falsch informiert.«

Die Fenwicks, denen wir später noch begegnen, begrüßten mich herzlich und mit dem Lächeln von Komplizen. Ich wurde den Eltern von Diana Bell vorgestellt, die darauf nicht reagierten. Ich beugte mich vor und sagte mit leiser, dennoch deutlich hörbarer Stimme: »Ich habe Mr. Bell zweimal eine Rechnung geschickt für gewisse Dienste. Wenn er meine Rechnung nicht bezahlt, erzähle ich die ganze Geschichte Miß Flora Deland und sechzig Millionen Amerikaner lesen über den gestohlenen Brief. Guten Abend, Mrs. Bell.«

Das war gemein, das war meines Yale-Studiums nicht würdig. Sie starrte vor sich hin, aber die Rechnung wurde bezahlt. Mag, wer will, ein Gentleman sein.

Unter den Gästen lernte ich nach und nach alle Mitglieder des Familienclans kennen: Mr. und Mrs. Cassius Marcellus Leffingwell und ihre älteren Kinder, die Familie Edward Bosworth mit Kindern, dazu die Newton Bosworths mit ein oder zwei Kindern. Die Damen streckten jeweils die Hand aus und erklärten, sie seien entzückt, mich kennenzulernen, die Herren verweigerten mir mit steinernem Blick den Handschlag oder drehten mir den Rücken. Als diese Feindseligkeiten sich wiederholten, merkte ich, daß Gulliver solche Hinweise auf die »mores« der Insel Aquidneck genauer studieren sollte.

Ich fühlte mich nicht wohl in den »Neun Giebeln«. Ich war als Beobachter nach Newport gekommen, der sich auf nichts einläßt. Bei den Bosworths hatte ich das dunkle Gefühl, in ein Komplott aus einem spätelisabethanischen Drama gefährlich verwickelt zu werden. Ich hatte mir in diesem Hause bereits zwei Feinde gemacht: Willis verabscheute mich, und wenn ich Mrs. Bosworth in der großen Halle begegnete, senkte sie leicht den Kopf, aber ihr Blick sagte: »Sehen Sie sich vor, junger Mann, wir wissen, was Sie im Schilde führen …« Jeden Tag war ich drauf und dran, meinen Job hinzuwerfen. Andererseits genoß ich die Lektüre von Bischof Berkeleys Schriften, genoß ich Dr. Bosworths unermüdliches Bemühen, das nur eine halbe Meile von uns entfernte Newport des achtzehnten Jahrhunderts wieder lebendig zu machen. Ich interessierte mich sehr für Persis, Mrs. Tennyson, die mich mit einem merkwürdig verwunderten Mißtrauen betrachtete. Ich fragte mich, wie sie es das ganze Jahr hindurch in diesem Haus aushalten konnte, das von ihrer rachsüchtigen »Tante Sally« beherrscht wurde. Am meisten aber begeisterte mich meines Arbeitgebers absurde Vision, die größten lebenden Denker hier zu versammeln; eine Vision, über die er sich nur im Flüsterton äußerte. Ich hatte viereinhalb ereignislose Jahre in New Jersey verlebt, wo es keine Gefahren gegeben hatte und keine Visionen, keine Dramen und keine Wahnsinnigen — und sehr wenig Gelegenheit, all jene jugendlichen Ambitionen, die in mir schlummerten, auszuleben. Ich blieb also.

Ohne es zu wollen, sollte ich mich mehr und mehr in Schwierigkeiten verstricken. Ich hatte aus Dr. Bosworths Schrift »Häuser des 18. Jahrhunderts auf Rhode Island« vorgelesen. Am Schluß eines Kapitels, das eine detaillierte Beschreibung von Bischof Berkeleys »Whitehall« enthielt, äußerte ich meine Bewunderung für seine Kunst des Schreibens. »Dr. Bosworth, ich würde es als eine große Auszeichnung betrachten, wenn ich mit Ihnen das Haus besichtigen könnte. Wäre es möglich, daß wir einmal zusammen an einem Nachmittag dort hinfahren?«

Schweigen. Ich sah auf und bemerkte, daß er mich mit einem bangen, herzzerreißenden Blick ansah. »Ich wünschte, wir könnten es. Ich dachte, Sie verstehen … Leider bin ich körperlich nicht dazu in der Lage. Ich kann kaum länger als eine Viertelstunde das Haus verlassen und auch nur kurze Zeit im Park Spazierengehen. Ich werde dieses Haus nie mehr verlassen. Ich werde hier sterben.«

Ich erwiderte seinen Blick mit jenem passiven Ausdruck, den ich mir beim Militär angewöhnt hatte, wo die Unvernunft keine Grenzen kennt und uns Untergebenen nichts anderes übrigbleibt, als uns abgrundtief dumm zu stellen. Ich dachte im stillen: Er ist irre. Er ist total verrückt. Wir hatten oft nahezu drei Stunden ohne Unterbrechung in seinem Arbeitszimmer gesessen, und er pflegte mich dann ohne Eile zur Haustür zu begleiten. Ich wußte jetzt nur eins: daß ich nichts mehr davon hören wollte, kein Wort. Ich wollte nichts mit diesem flehentlichen, bittenden, abhängigen Ausdruck in seinem Gesicht zu tun haben. Ich war kein Arzt. Ich weiß nicht, was ich war, aber Dr. Bosworth besaß keine Menschenkenntnis, wenn er in mir einen mitfühlenden Zuhörer sah. Ein unglücklicher Mensch kann dann nicht den Mund halten, und ich sollte bald die ganze dumme und zugleich lächerliche Geschichte erfahren.

Hier muß ich jedoch meine Erzählung unterbrechen.

Zunächst muß ich erklären, warum Dr. Bosworths Dinergäste am Schluß der Einladung mich so verschieden behandelten.

Immer noch besuchte ich gelegentlich zu vorgerückter Stunde Mrs. Cranstons Pension, wo die Erwartung von Edweenas baldiger Rückkehr die Gemüter bewegte. Henry zeigte immer noch ihre Postkarten herum, auf denen von Walfischen und mächtigen Stürmen, von fliegenden Fischen und von den Schönheiten der Leeward-Inseln die Rede war. Die Unterhaltung plätscherte recht lebhaft dahin. Meistens spielte ich die Rolle eines aufmerksamen Zuhörers. Ich erwähnte nur obenhin meinen Job, nannte nur wenige Namen. Nachdem die anderen Damen sich zurückgezogen hatten, erlaubte uns Mrs. Cranston, Vornamen zu gebrauchen, was sonst gegen die Regeln des Hauses verstieß. Meist saß Mr. Griffin dabei, gedankenversunken oder geistesabwesend, doch ab und zu erheiterte er uns durch ein paar tiefsinnige Zusammenhanglosigkeiten. Mein Tagebuch nahm viele Reflexionen von Mrs. Cranston auf.

»Die Whitecombs!« verkündete Mrs. Cranston. »Wieder eine Totenwache, Henry. Ach, wenn doch nur Edweena hier wäre und Teddie ihre Theorie der Totenwache erklären könnte. Sagen Sie es ihm, Henry. Ich bin jetzt zu müde. Versuchen Sie’s, es wird ihn interessieren.«

»Unterbrechen Sie mich bitte, Gnädigste, wenn ich, wie so oft, auf dem Glatteis ausrutsche … Es handelt sich um folgendes, mein Guter: in Newport gibt es ungefähr ein Dutzend Häuser, in denen eine alte Person, männlich oder weiblich, auf einem Berg von Geld thront …«

»Zwanzig Häuser, Henry, mindestens zwanzig.«

»Vielen Dank, gnädige Frau. Nennen wir einmal diese Person den alten Mogel — einige sagen auch Mogul, man kann es so oder so aussprechen. Newport ist der einzige Ort im ganzen Land, wo reiche alte Männer länger leben als reiche alte Frauen. Diese Bemerkung haben Sie einmal gemacht, Mrs. Cranston.«

»Ja, es stimmt gewiß. Das gesellschaftliche Leben wirkt tödlich. Ein alter Mann zieht sich einfach in den oberen Stock zurück. Aber keine alte Frau verzichtet freiwillig auf das gesellschaftliche Leben.«

»Und der alte Mogel hat Söhne und Töchter und Enkelkinder, verliebt sich in seine Krankenschwester oder Sekretärin. Oder eine schöne geschiedene Frau taucht aus Europa auf, zupft ihn am Bart und streichelt ihm die Hand bei Tisch. Eine alte Dame verliebt sich in ihren Chauffeur; wir kennen Hunderte von Beispielen. Die Totenwache treibt das zum Wahnsinn. Zum Wahnsinn — und sie trifft Maßnahmen. Wir haben hier einige schreckliche Maßnahmen dieser Art erlebt. Schmeißt sie raus, zerschmettert sie …«

»Sie haben etwas vergessen, Henry.«

»Danke. Und das wäre, gnädige Frau?«

»Die Schnorrer, die für eine noble Sache schnorren …«

»Wie konnte ich die vergessen! Weltfriede. Universitäten, die ›Ihren Namen tragen sollen‹! Eskimos. Gefallene Mädchen, besonders beliebt. Alte Männer sind nämlich sehr weichherzig bei gefallenen Mädchen.«

»Hundefriedhöfe«, sagte Mr. Griffin.

»Wie gescheit Sie heute abend sind, Mr. Griffin! — Das alles stiehlt den Nächsten und Liebsten das Brot aus dem Munde!«

Das Zimmer schien unbehaglich heiß zu werden.

»Was für Gegenmaßnahmen treffen sie denn, Henry?« fragte ich.

»Zweierlei können sie unternehmen. Um einen Günstling unschädlich zu machen, arbeiten sie mit Verleumdungen. Sie streuen Märchen aus. Selbst wenn es sich um den nächsten Verwandten handelt. Das ist einfach. Aber als der Ziele höchstes — wie der Dichter sagt — versuchen sie, die Feder der Hand des Großmoguls zu entreißen, sie nehmen ihm die Vollmacht, Schecks auszuschreiben. Sie treiben ihn zum Wahnsinn, bis er zitternd in Tränen ausbricht. Vormundschaft. Sie machen ihn reif für die Vormundschaft.«

»Schrecklich«, sagte Mrs. Cranston und schüttelte den Kopf.

»Sie lassen eine Reihe von Ärzten und Anwälten aufmarschieren. Es gibt in dieser Stadt einen Mogel, der hat seit zehn Jahren keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt.«

»Seit acht Jahren, Henry.«

»Sie haben recht, wie immer, Mrs. Cranston.«

»Keine Namen, Henry.«

»Er ist genauso gesund wie Sie und ich. Aber alle reden ihm ein, daß er Sofakissenkrebs hat. Der große Spezialist aus New York kommt angefahren — so was läßt sich nur mit Spezialisten machen —, Spezialisten sind der Totenwache beste Freunde. Professor Nadel-und-Faden sagt, höchste Zeit, ich muß Sie mal wieder ein bißchen operieren. Der Mogel wird also hereingerollt, und sie schneiden ein Stückchen aus der betreffenden Gegend ab. Die Schwestern lachen sich ins Fäustchen. ›Zehntausend Dollar, bitte.‹«

»Henry, ich glaube, Sie sind auf dem Eis ein wenig ausgerutscht.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich übertreibe. Doch Teddie ist neu in der Stadt, man kann nie wissen, ob er nicht auch diesen Dingen begegnet.«

»Reden wir von etwas Erfreulicherem, Henry. Teddie, wem lesen Sie jetzt alles vor?«

»Meistens habe ich Kinder auf den Unterricht vorbereitet, Mrs. Cranston, eine ganze Anzahl von Angeboten mußte ich deswegen ablehnen. Im Augenblick ist es offenbar Mode, den Familienstammbaum bis auf William den Eroberer zurückzuführen.«

»Das ist schon immer so gewesen.«

Und die Unterhaltung ging weiter.

Ich kehrte nachdenklich zu meinem Zimmer zurück.

___________

Mein nächster Besuch in den »Neun Giebeln« war auf den folgenden Sonntagmorgen angesetzt. Dr. McPherson hatte plötzlich entschieden, daß die Sitzungen zu später Stunde nicht ratsam wären. Zu meiner Überraschung sah ich Dr. Bosworth zum Ausgehen angezogen und in eine Auseinandersetzung mit der Krankenschwester verwickelt. »Sie brauchen uns nicht zu begleiten, Mrs. Turner.«

»Aber Dr. Bosworth, ich muß mich an Dr. McPhersons Anordnungen halten und jederzeit um Sie sein.«

»Wollen Sie bitte das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich schließen, Mrs. Turner!«

»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich machen soll«, antwortete sie und ging hinaus.

Er flüsterte mir zu. »Lauschen! Immerzu lauschen!« Seine Augen suchten die Decke ab. »Mr. North, könnten Sie auf diesen Stuhl steigen, um zu sehen, ob da vielleicht so etwas wie ein Abhörgrammophon installiert ist?«

»Nein, Dr. Bosworth«, sagte ich laut. »Ich bin hier angestellt, um Ihnen vorzulesen. Ich bin kein Fachmann für Elektronik.«

Er hielt sein Ohr an die Schlafzimmertür. »Sie telephoniert im ganzen Haus herum. Kommen Sie, folgen Sie mir.«

Wir gingen durch die große Halle auf die Haustür zu, da rauschte Mrs. Leffingwell die Treppe herunter.

»Guten Morgen, lieber Papa. Guten Morgen, Mr. North. Wir kommen alle zum Mittagessen herüber. Ich bin schon früher hier, weil ich mit Sally besprechen wollte, ob wir in die Kirche gehen. Sie ist noch unentschlossen. Aber ich möchte viel lieber beim Vorlesen dabeisein. Mr. North, können Sie meinen Vater nicht überreden, daß ich mich Ihnen anschließen darf? Ich werde auch mäuschenstill sein.«

Etwas in ihrer Stimme erstaunte und schmerzte ihn. Er starrte sie einen Augenblick lang an und sagte: »Du auch, Mary?« dann fügte er schroff hinzu: »Unsere Diskussionen dürften dich kaum interessieren. Lauft, geht in die Kirche, amüsiert euch … Wir gehen in den Park, Mr. North.«

Es war ein wunderbarer Morgen, er hatte kein Buch mitgenommen. Wir saßen schweigend auf einer Bank unter den großen Bäumen. Plötzlich spürte ich, daß Dr. Bosworths Augen mit einem Ausdruck des Leidens, ja der Verzweiflung auf mich gerichtet waren.

»Mr. North, Sie sollen über meine Krankheit Bescheid wissen. Ich habe ein Nierenleiden, das nach Ansicht meiner Ärzte mit einer viel gefährlicheren Krankheit zusammenhängen kann, einer tödlichen Krankheit. Mir kommt das äußerst seltsam vor, zumal ich, abgesehen von einem gewissen lokalen Reiz, überhaupt keine Schmerzen habe. Aber ich bin kein Arzt, so muß ich dem Wort der Spezialisten vertrauen.« Seine Augen bohrten sich in die meinen. »Als eine Nebenerscheinung dieser unangenehmen Sache leide ich an einem Drang zu urinieren und muß es alle zehn oder fünfzehn Minuten versuchen.«

Ich erwiderte seinen Blick so ernst, wie er es sich nur wünschen konnte.

»Dr. Bosworth, Sie und ich haben stundenlang ohne Unterbrechung zusammengesessen, ohne daß Sie auch nur einmal das Arbeitszimmer verlassen hätten.«

»Das ist ja gerade das Lächerliche an der Geschichte. Vielleicht ist alles nur Einbildung, was ja Bischof Berkeley beständig nachzuweisen versuchte! Solange ich in meinem eigenen Haus bin, mich sozusagen ruhig verhalte, komme ich nicht in Verlegenheit. Man hat mir versichert, es handle sich nicht um das übliche Alt-Männer-Leiden; es hat nichts mit der Prostata zu tun; das macht es um so schlimmer.«

(Zum Teufel! Verdammt noch einmal! Kündige auf der Stelle! Nebenbei bemerkt, ich hatte alle vierzehn Tage Mrs. Bosworth als meiner angeblichen Arbeitgeberin eine Rechnung geschickt, ohne darauf eine Antwort zu erhalten. Dies war meine fünfte Woche. Sie schuldete mir über sechzig Dollar!)

Der alte Mann fuhr fort: »Ich habe meinem Land viele Jahre lang als Diplomat gedient. Öffentliche Verpflichtungen ziehen sich oft lange hin. Staatsbegräbnisse, Hochzeiten, Taufen, Parlamentseröffnungen, nationale Feiertage. Unvorhergesehene Verspätungen! Schneestürme in Finnland, Hurrikane in Burma! Das Warten auf Bahnhöfen und auf Tribünen! Ich war das Haupt meiner Delegation … Ich bin immer ein gesunder Mann gewesen, Mr. North, aber ich fing an, mich davor zu fürchten, mich vor dem kleinen Bedürfnis zu fürchten. Jetzt weiß ich, daß alles nur in meiner Einbildung existiert. Bischof Berkeley! Die Ärzte lachen mich hinter meinem Rücken aus. Einer von ihnen hat mir so eine Art Ziegeneuter aufgenötigt.« Hier bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und murmelte: »Ich werde in diesem Haus sterben oder in ihrem gräßlichen Krankenhaus.«

Schweigen. Er ließ die Hände fallen und flüsterte: »Das allerschlimmste aber ist das Gerücht, ich sei verrückt. Glauben Sie auch, daß ich verrückt bin?«

Ich hob die Hand, um Ruhe zu gebieten. Autoritär wie ein Richter und feierlich wie eine Eule sagte ich: »Dr. Bosworth, das alles ist mir nicht neu, ich kenne diese Nierenbeschwerden. Ich weiß darüber sehr genau Bescheid.«

»Was sagen Sie da?« Er packte mich am Ärmel. »Was sagen Sie da, junger Mann?«

»Als Student gab ich während eines Sommers Schwimm- und Sportunterricht in einem Badeort in Florida. Wie immer trat ein Hurrikan auf. Die Touristen bestellten ihre Stunden ab — ich war arbeitslos. So nahm ich einen Job als Lastwagenchauffeur an. Lange Fahrten, von Miami nach Winston-Salem, von St. Petersburg nach Dallas, Texas. Ein Lastwagenchauffeur hat nur drei Dinge im Kopf: die Zulage für schnelle Warenablieferung, das Wachbleiben am Steuer und Nierenbeschwerden. Das Gerüttel in einem Lastwagen von morgens bis abends legt sich auf das Wasserlassen; es ruft Störungen hervor. Chauffieren wirkt katastrophal auf die Nieren. Manche Männer haben Angst vor einer Harnverhaltung, und daß sie nie mehr pissen können. Andere spüren, wie Sie, einen dauernden Kitzel. Natürlich können sie heruntersteigen, sooft sie wollen; aber nichts kommt. Halt, ich habe eine Idee.«

»Eine Idee? Was … was für eine Idee?«

»Morgen gebe ich nur sehr wenige Stunden. Ich werde sie absagen und nach Providence fahren, wo es einen Rastplatz für Lastwagenschauffeure gibt. Dort verkauft man Pillen zum Wachbleiben und ein bestimmtes Zubehör mit einem ziemlich ordinären Namen, den ich hier jetzt nicht wiederholen möchte. Das werde ich Ihnen mitbringen und dann fahren wir zusammen nach Whitehall, um es auszuprobieren.«

Tränen liefen über das Gesicht des alten Mannes. »Wenn Sie das tun, Mr. North, wenn Sie das für mich tun, dann weiß ich, daß es noch einen Gott gibt! Das schwöre ich Ihnen.«

Ich war seit meinem achten Jahr nicht mehr in Florida gewesen, und ich hatte noch nie einen Lastwagen mehr als zwanzig Meilen gefahren — und das war der kleine Aushilfswagen des Ferienlagers gewesen. Aber in der Kaserne kann ein Mann leicht eine Unmenge meist skatologische Informationen aufschnappen.

»Ich habe drei Schüler am Vormittag. Sie, Dr. Bosworth, entschädigen mich für die ausgefallenen Stunden und kommen für die Fahrtkosten nach Providence auf sowie für das Zubehör, das ich hoffentlich auftreiben werde. Mein Budget ist sehr beschränkt, Dr. Bosworth. Ich glaube, das ganze Unternehmen kostet Sie zwanzig Dollar, vielleicht ist das Zubehör etwas teurer. Ich werde eine spezifizierte Rechnung vorlegen. Soll ich sie Ihnen oder Mrs. Bosworth zuschicken?«

»Was?«

Ich fuhr unbeirrt fort. »Ich habe Mrs. Bosworth alle zwei Wochen eine Rechnung für unsere gemeinsame Lektüre zugestellt, aber bis jetzt noch keinen Cent erhalten. Sie besitzt die Rechnungen.«

»Was? Das verstehe ich nicht!«

»Ich brauche Geld, um nach Providence zu fahren.«

»Kommen Sie ins Haus. Kommen Sie sofort mit mir ins Haus. Ich bin außer mir, untröstlich, Mr. North.«

Er lief wie ein Rennpferd auf das Haus zu. An der Tür stieß er auf Willis. »Willis, sagen Sie Mrs. Bosworth, sie möchte mir sofort mein Scheckbuch in das Arbeitszimmer bringen samt den Rechnungen von Mr. North.«

Langes Warten. Er schwang die Tischglocke. Persis trat ein. »Was ist, Großvater?«

»Ich möchte mit deiner Tante Sarah sprechen.«

»Sie ist wahrscheinlich in der Kirche.«

»Suche sie. Wenn sie ausgegangen ist, hole aus ihrem Schreibtisch mein oder ihr Scheckbuch. Sie hat vergessen, die Rechnungen von Mr. North zu bezahlen.«

»Großvater, sie hat strikte Anweisung gegeben, daß niemand ihren Schreibtisch aufmachen darf. Kann ich einen Scheck für dich ausschreiben?«

»Es geht um mein Scheckbuch. Ich werde ihren Schreibtisch öffnen.«

»Vielleicht kann ich sie finden, Großvater.«

Während des Wartens füllte ich die Zeit mit weiteren anschaulichen Berichten über die Leiden der Lastwagenchauffeure. Da wurde an die Tür geklopft; Willis trat ein und brachte in nobler Haltung ein Bronzetablett, auf dem sich ein Scheckbuch befand sowie meine beiden Couverts, geöffnet. Dr. Bosworth bat mich, ihm die Gesamtsumme für meine geleisteten und zukünftigen Dienste anzugeben. Er erinnerte sich meines vollen Namens und schrieb den Scheck aus. Ich quittierte die Rechnungen.

Mrs. Bosworth kam herein. »Vater, du hattest angeordnet, daß ich in diesem Haus die Ausgaben überwache.«

»Überwache sie! Bezahle sie!«

»Ich hatte angenommen, daß Mr. North mit einer monatlichen Bezahlung zufrieden sei.«

»Hier ist dein Scheckbuch für die Haushaltsausgaben. Ich habe Mr. North für unsere Lektüre bezahlt und für gewisse Einkäufe, die er noch für mich erledigen will. Würdest du so freundlich sein und mir mein Scheckbuch für meine privaten Ausgaben zurückgeben. Mr. North, könnten Sie die Stunden wie früher wieder auf den späten Abend verlegen?«

»Vater, Dr. McPherson ist der Ansicht, daß dir das schadet.«

»Einen schönen Gruß an Dr. McPherson … Mr. North, ich begleite Sie zur Tür. Ich bin jetzt zu aufgeregt, um weiterzuarbeiten. Darf ich Sie Dienstag abend erwarten?«

In der Halle schritten wir an Mrs. Bosworth vorbei. Sie sagte nichts, aber unsere Augen begegneten sich. Ich verbeugte mich leicht. Im Orient glaubt man daran, daß Haß töten kann; und ich bin in China aufgewachsen.

An der Tür flüsterte ihr Vater mir wie im Fieber zu: »Vielleicht werde ich wieder leben.«

Am nächsten Morgen stattete ich mich, dank Spenden von Bekannten im CVJM, mit einem schmutzigen Sweater, schmutzigen Hosen und einem zerbeulten Hut aus. Ich war ein Lastwagenchauffeur. Auf dem Rastplatz in Providence kaufte ich als Vorwand ein Schächtelchen Aufputschtabletten und erkundigte mich nach dem nächsten von uns Lastwagenchauffeuren frequentierten Drugstore. Er lag gegenüber auf der anderen Straßenseite. »O’Halloran’s Drugstore«. Ich kaufte noch mehr Aufputschtabletten und führte eine intime Unterhaltung mit Joe O’Halloran über gewisse Schwierigkeiten, die mir unterwegs zu schaffen machten.

»Ich werde Ihnen mal was zeigen, Jack. Zuerst haben sie’s für Babies erfunden, dann haben sie’s in größeren Ausführungen für Hospitäler und Irrenhäuser hergestellt, verstehen Sie?«

Ich entschied mich für eine mittlere Größe. »Mr. O’Halloran, ich habe Schmerzen in den Handgelenken und Vorderarmen. Haben Sie irgendein mildes, ein wirklich mildes schmerzstillendes Mittel? Nichts übermäßig Starkes, ich muß über vierhundert Meilen am Tag fahren.«

Er stellte eine Flasche mit scharlachroten Pillen auf den Ladentisch. »Wieviel soll ich nehmen?«

»Wenn man so viel fährt wie Sie, nicht mehr als eine pro Stunde.«

Riskierte ich zuviel? Ich überlegte mir das sehr gründlich. Medizin hatte nie zu meinen jugendlichen Ambitionen gehört, aber unter meinen neugierigen Interessen befand sie sich ganz oben. Nach meiner Überzeugung war Dr. Bosworth seit Jahren das Opfer einer wohlüberlegten Verschwörung, die eine Schwäche, wie sie häufig bei Diplomaten, Polizisten im Nachtdienst, Schauspielern und Musikern auftritt, für sich ausbeutete. In der Kaserne hatten ehemalige Chauffeure unter den Soldaten heitere Histörchen erzählt, es sei die reine »Hölle« gewesen, die feinen Damen zum Einkaufen in Geschäftsviertel zu fahren, wo es keine Parkplätze gab. Wenn Dr. Bosworth und ich tief im achtzehnten Jahrhundert steckten, schien ihm nichts zu fehlen; das intellektuelle Vergnügen entzückte ihn, und er hatte auch Selbstvertrauen. Aber sobald die Zwangsvorstellung ihn quälte, verwandelte er sich in ein klägliches und bemitleidenswertes Geschöpf. Wenn ich ein Risiko einging, so nur für mich und nicht für ihn. Ich konnte mir aber das Risiko — sogar mit Behagen — leisten.

Nachmittags um vier Uhr war ich wieder in Newport. Ich hatte zwei rote Pillen geschluckt; sehr bitter, im Grunde wirkungslos — bis auf ein etwas dumpfes Gefühl im Nacken. Ich rief meinen Arbeitgeber an.

»Ja, Mr. North? Ja, Mr. North?«

»Ich muß Ihnen etwas Wichtiges mitteilen. Können wir diese Leitung benutzen?«

»Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken. Sagen Sie mir doch Ihre Nummer. Ich rufe Sie vom Gärtnerhaus an.«

Er rief zurück. »Ja, Mr. North?«

»Dr. Bosworth, in einer Viertelstunde wird ein Telegrafenbote bei Ihnen ein Paket abgeben, das nur Sie gegen Ihre eigenhändige Unterschrift in Empfang nehmen dürfen. Sorgen Sie dafür, daß es niemand abfängt. Ich glaube, Sie werden den Inhalt gut gebrauchen können. Sie sagten mir, daß Sie um fünf Uhr in Ihrem Park Spazierengehen. Schlucken Sie vorher eine von den roten Pillen, Tausende von Männern nehmen sie täglich auf ihren Fahrten. Ungefähr nach zehn Minuten werden Sie einen kleinen Drang verspüren, der aber vorübergeht. Ignorieren Sie ihn. Das andere ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Sie können es nach ein oder zwei Wochen wegwerfen.«

Seine Stimme zitterte. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll … Ich werde an der Haustür sein … Dienstag abend hören Sie meinen Bericht.«

Als ich am Dienstagabend in sein Arbeitszimmer kam, packte er mich aufgeregt am Arm und schloß dann beide Türen. »Am ersten Nachmittag eine halbe Stunde! Heute morgen eine halbe Stunde! Heute nachmittag fünfundvierzig Minuten!«

»Das ist schön«, sagte ich ruhig.

»Schön? Schön?« Er wischte sich die Augen. »Mr. North, können Sie mich am Sonntagmorgen oder -nachmittag nach ›Whitehall‹ begleiten?«

»Ich bin leider jeden Sonntagmorgen bei Oberst Vanwinkle. Aber ich würde es als eine große Auszeichnung empfinden, wenn ich mit Ihnen an einem Sonntagnachmittag hinfahren dürfte.«

»Ja, ich werde auch meine Enkeltochter mitnehmen.«

Es klopfte. »Herein!«

Mrs. Bosworth trat ein. »Entschuldige die Störung, Vater. Ich muß mit dir unser Abendessen Dienstag in einer Woche besprechen. Die Thayers sind nach New York gereist. Wen möchtest du statt dessen einladen?« Ihr Vater murmelte verärgert ein paar Worte. »Entschuldige, Vater, aber ich muß wissen, ob du lieber die Ewings hier hast oder die Thorpes.«

»Sarah, wie oft muß ich dir noch sagen, daß ich beim Arbeiten nicht gestört sein will?«

Sie starrte mich an. »Vater, du benimmst dich in letzter Zeit äußerst seltsam. Ich glaube, diese Lektüre und vor allem diese Spaziergänge regen dich zu sehr auf. Du solltest Mr. North gute Nacht sagen und …«

»Sarah, du hast dein Auto und deinen Chauffeur. Ich möchte dich unter keinen Umständen stören. Bitte miete mir für morgen ein Auto mit Chauffeur für meinen persönlichen Gebrauch. Ich möchte morgen nach meiner Siesta fahren, um vier Uhr dreißig.«

»Du wirst doch nicht etwa …?«

»Was du ›seltsam‹ an mir findest, ist die Besserung meiner Gesundheit.«

»Ausfahren! Ohne die Erlaubnis von Dr. McPherson, deinem Arzt seit dreißig Jahren!«

»Dr. McPherson ist dein Arzt. Ich brauche im Augenblick keinen. Und sollte ich einen brauchen, so werde ich den jungen Dr. So-und-so, von dem mir Forebaugh erzählt hat, kommen lassen … Ich möchte jetzt meine Lektüre wieder aufnehmen.«

»Aber die Kinder …?«

»Edward? Mary? Was haben die damit zu tun?«

»Wir sind alle sehr besorgt. Wir lieben dich!«

»Dann wird es dich freuen, daß ich mich viel besser fühle. Ich möchte mit Persis sprechen.«

Persis erschien fast im gleichen Augenblick. Dies war das »Haus der Lauscher«.

»Persis, kannst du mich von jetzt ab jeden Nachmittag nach meiner Siesta auf einer kurzen Ausfahrt begleiten?«

»Mit dem größten Vergnügen, Großvater.«

»Sonntag in einer Woche werden wir Mr. North ›Whitehall‹ zeigen.«

Als sie das hörte, brach für Mrs. Bosworth das Haus zusammen. Sie würdigte mich keines Blickes. Ihr Verhalten ließ erkennen, daß die Zeit für durchgreifende Maßnahmen gekommen war.

Wir lasen weiter in dem Werk von Bischof Berkeley, wenn auch nicht mehr so angespannt. Dr. Bosworth sprudelte über vor Freude. Sie machten jetzt täglich eine Spazierfahrt auf dem »Zehn-Meilen-Weg«, und dann wollte er so schnell wie möglich Providence wiedersehen, wo sie im Hotel übernachten würden, »ohne Mrs. Turner«. Er träumte auch von einer Reise nach New York im Herbst — die Pläne für die Akademie!

Ein Sturm zog sich über meinem Kopf zusammen.

Ich genoß das Aufzucken der Blitze.

Die Leffingwells waren jetzt bei jedem Diner in den »Neun Giebeln« anwesend und schlossen sich stets der späten Parade in Dr. Bosworths Arbeitszimmer an. Mrs. Leffingwell reichte mir zur Begrüßung die Hand; ihr Gatte starrte mich an und schien etwas sagen zu wollen, aber der Kampf in seinem Innern zwischen schnaubender Wut und guter Erziehung ließ ihn jedesmal verstummen. (Cassius Marcellus erinnerte mich immer an »Vercingetorix oder der sterbende Gallier« — der einzige mir bekannte Kopf mit Schnurrbart unter den antiken Skulpturen — wahrscheinlich strohblond). Eines Abends kam es — wie bei allen Paraden — zu einer Stockung. Die Leffingwells traten vor mir auf der Stelle. Mrs. Leffingwell fing eine Unterhaltung mit mir an, über das Wetter, über die Schönheiten von Newport und über die Besserung im Befinden ihres Vaters, doch schließlich war sogar ihr Vorrat an Konversation erschöpft. Sie fächelte sich mit einem Taschentuch und lächelte reizend. Ihr Mann brummte: »Los, Mary. Geh weiter.«

»Ich kann nicht, Cassius. Mrs. Venable hält uns alle auf.«

Endlich löste sich Cassius’ Zunge. Er näherte sich mir mit vorgestrecktem Kopf und zischte (direkt aus »Die Mörderhand im Dunkel«): »Sehen Sie sich vor, North, demnächst werde ich Sie auspeitschen.«

Seine Frau hatte die Drohung gehört. »Cassius! Cassius! Ich warte hier nicht länger, bis wir bei meinem Vater an der Reihe sind. Komm nach oben!«

Aber er weigerte sich, er wollte mir seine Absicht noch deutlicher beibringen: »Vergessen Sie nicht, was ich gesagt habe: Auspeitschen!«

Ich blickte ihn ernst an. »Ist Auspeitschen im Süden immer noch üblich, Mr. Leffingwell? Ich dachte, das wäre vor fünfzig Jahren abgeschafft worden.«

»Cassius, komm mit!«

Es war ein Befehl, und er gehorchte — wahrscheinlich hatte er noch nicht genug getrunken.

Ein paar Nächte später fand ich im CVJM eine Nachricht für mich vor: »Lieber Mr. North, ich habe erfahren, daß ein Mitglied einer Familie — in der Sie vorlesen — in der ganzen Stadt verbreitet, daß er Ihnen Böses antun will. Ein Freind von mir — Sie haben ihn kennengelernt — hat veranlaßt, daß ein Wagen am Freitag um Mitternacht Sie abholt. Verlassen Sie das Haus nicht eher, als bis man Ihnen meldet, ein Auto mit Chauffeur warte draußen auf Sie.« Unterschrieben: »Ein Freind von der Spring Street.« Freinde waren es in der Tat.

Amelia Cranston hatte, mehr um Newports als um meinetwillen, zusammen mit dem Polizeichef beschlossen, daß einem Sommergast nichts zustoßen dürfe.

Am Freitag fand kein Diner statt. Dr. Bosworth und ich lasen »Die Philosophie Giambattista Vicos« von Benedetto Croce. Die italienischen Sprachkenntnisse meines Arbeitgebers waren besser als meine, und es machte ihm Vergnügen, mir über die schwierigen Passagen hinwegzuhelfen. Mit nicht weniger Vergnügen stellte er sich vor, daß in Kürze der Autor sein Gast und Nachbar in der »Akademie der Philosophen« sein würde. Ich las auch mit Vergnügen, weil der Autor und sein Gegenstand für mich neu waren, staunenswert und groß. Ich vergaß, daß man mich abholen wollte.

Um Viertel vor zwölf Uhr klopfte Persis Tennyson an die Tür und durfte eintreten. »Großvater, ich möchte heute nacht Mr. North nach Hause fahren. Bitte, laß ihn diesmal etwas früher aufhören, es ist schon spät.«

»Ja, meine Liebe. Meinst du: sofort?«

»Ja, Großvater, bitte.«

Ich wollte mich eben verabschieden, als Mrs. Bosworth unter der Tür erschien. Sie hatte den Vorschlag ihrer Nichte gehört. (In den »Neun Giebeln« ging niemand zu Bett, bevor nicht der gräßliche Mr. North das Haus verlassen hatte.) »Laß das bleiben, Persis. Es gehört sich nicht, daß du um diese Zeit noch in der Stadt herumfährst. Dorsey soll Mr. North in meinem Wagen nach Hause bringen.«

»Nun, mein Freund«, sagte Dr. Bosworth auf Italienisch, »heute nacht liegt es doch allen sehr am Herzen, Sie sicher nach Hause zu geleiten.«

Da meldete Willis, daß draußen ein Wagen für Mr. North bereitstehe.

»Was für ein Wagen, Willis, meiner?«

»Nein, gnädige Frau, der Wagen, den Mr. North bestellt hat.«

»Also gut«, sagte Persis, »bringen wir alle Mr. North an die Tür.«

Es war eine ganze Prozession, die mir durch die Halle das Geleit gab. Am Fuß der Treppe stürzte uns Mrs. Leffingwell aufgeregt entgegen: »Sally, ich kann Cassius nirgends finden. Er ist wahrscheinlich gar nicht im Haus. Hilf mir doch, ihn zu suchen. Wenn wir ihn nicht finden, werde ich Mr. North in meinem Wagen nach Hause fahren. Willis, haben Sie Mr. Leffingwell gesehen?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Wo ist er?«

»Gnädige Frau, draußen im Gebüsch.«

»Ja, Tante Mary«, sagte Persis. »Er liegt im Gebüsch, ich habe ihn auch gesehen. Deshalb wollte ich Mr. North nach Hause fahren. Er hatte etwas in der Hand.«

»Persis, nun genug davon!« sagte Mrs. Bosworth. »Halte den Mund! Geh auf dein Zimmer!«

Willis wandte sich an Mrs. Bosworth: »Gnädige Frau, kann ich Sie einen Augenblick allein sprechen?«

»Sprich, Willis!« befahl Mrs. Bosworth. »Was wollen Sie sagen? Was hatte Mr. Leffingwell in der Hand?«

»Einen Revolver.«

Mrs. Leffingwell war zu gut erzogen, um laut aufzukreischen. Sie piepste nur: »Cassius spielt schon wieder mit Schußwaffen. Er wird sich noch umbringen.«

Der Chauffeur, der nach mir gefragt hatte, trat auf uns zu. »Nicht jetzt, gnädige Frau. Wir haben ihm den Revolver abgenommen.« Und er hielt ihn uns vor die Nase.

»Und wer sind Sie?« fragte Mrs. Bosworth majestätisch. Der Chauffeur schlug den Rockaufschlag hoch und ließ seine Erkennungsmarke sehen.

»Gott im Himmel«, rief Dr. Bosworth aus.

»Und«, fragte Mrs. Bosworth, die gern eine Frage mit »Und« begann, »wer hat Ihnen erlaubt, meinen Grund und Boden widerrechtlich zu betreten?«

»Mr. Loft … Mr. Left … der Gentleman im Gebüsch … hat an drei verschiedenen Orten gedroht, Mr. North umzubringen. Da müssen wir eingreifen, gnädige Frau. Ist Mr. Leveringwell in Newport polizeilich gemeldet?«

»Mr. Leffingwell wohnt in Jamestown.«

»Der Chef hat uns gesagt, wir sollen keine Anzeige erstatten, wenn der Gentleman außerhalb des Landkreises Aquidneck gemeldet ist. Er muß sich jedoch verpflichten, während der nächsten sechs Monate die Gemeinde Newport nicht zu betreten. Felix, bring ihn herein.«

Mrs. Leffingwell sagte: »Bitte rufen Sie ihn jetzt nicht herein. Ich bin seine Frau und bürge dafür, daß er nicht mehr hierherkommt. Wir haben eine Farm in Virginia, wo ein Mann zu seiner Selbstverteidigung überall einen Revolver mit sich herumtragen kann.«

Man nennt dies »das letzte Wort«. Sie sprach es nicht ohne Grandezza und hätte dazu nicht hübscher aussehen können.

Mein Retter (»Joe«) hatte eine ständige Freikarte für alle Kinos. Er wußte, wie man sich in großen Häusern benimmt. »Wenn Mr. North jetzt aufbrechen will, der Wagen steht vor der Tür. Wir haben auch noch in Daubigny Cottage zu tun. Gute Nacht, meine Damen und Herren, entschuldigen Sie die Störung.«

Ich verbeugte mich stumm vor der versammelten Gesellschaft und ging.

Draußen sagte Joe zu seinem Kollegen: »Wollen mal sehen, wo der Strolch steckt.«

»Er klopft an die Hintertür, Joe. Vielleicht braucht er Hilfe?«

»Ach, die werden ihn schon finden … Der Chef sagt, wir sollen uns so wenig wie möglich mit diesen Leuten einlassen. Lauter verrückte Hühner, sagt er. Sollen ihre schmutzige Wäsche gefälligst selber waschen.«

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Mit auch nur einem Körnchen Anstand im Leibe hätte ich am nächsten Morgen kündigen müssen. Aber was ist schon eine kleine Familienszene, verglichen mit dem Vergnügen, Bischof Berkeley, Croce, Vico zu entdecken oder meine Augen auf Persis Tennyson ruhen zu lassen.

Als ich mich zu unserer Sonntagsausfahrt nach »Whitehall« einfand, erwarteten mich Dr. Bosworth und seine Enkelin an der Haustür. Es war ein wunderbarer Augustnachmittag (aber ich erinnere mich an lauter solche Nachmittage, denn auf der Insel Aquidneck regnete es — sehr rücksichtsvoll — nur, wenn die Bewohner schliefen).

Persis sagte: »Ich werde vorn bei Jeffries sitzen. Mr. North, nehmen Sie bitte neben Großvater Platz. Er fährt gern gemächlich, und ich weiß, er möchte sich mit Ihnen unterhalten.«

»Mrs. Tennyson, ich hatte noch nicht den Vorzug, Ihnen vorgestellt zu werden.«

»Was?« sagte Dr. Bosworth.

»Wir grüßen uns bloß«, sagte ich.

Persis lachte. »Geben wir uns also die Hand, Mr. North.«

Dr. Bosworth staunte. »Nie kennengelernt? Nie vorgestellt worden? In was für einem Haus lebe ich? Cassius liegt im Gebüsch. Polizisten zeigen Revolver vor. Sarah und Mary benehmen sich wie …« Er begann zu lachen. »Da muß sich ja ein alter Mann wie König Lear vorkommen.«

»Denken wir nicht mehr dran, Großvater.«

»Ja.« Er machte mich auf einige Häuser und Fensterrosetten aus dem 18. Jahrhundert aufmerksam. »Es gibt ein paar herrliche Häuser in dieser Stadt, doch sie zerfallen und verrotten. Niemand scheint einen Sinn für ihre Schönheit zu haben.«

»Dr. Bosworth, ich habe in Newport jemand gefunden, der uns bei den metaphysischen Passagen von Bischof Berkeley hätte helfen können.«

»Wer denn?«

»Sie kennen ihn gut, Baron Stams. Er hat in Heidelberg seinen Doktor in Philosophie gemacht.«

»Bodo? Gott im Himmel! Hat Bodo von irgend etwas eine Ahnung?«

»Er besitzt auch einen Doktor der politischen Wissenschaften von der Universität Wien.«

»Hast du das gehört, Persis? Er ist ein netter Mensch, ja, aber ich dachte, er sei auch nur einer aus Mrs. Venables Sammlung von Tanzpartnern. Du hast ihn doch immer für ziemlich belanglos gehalten, Persis?«

»Nicht belanglos, Großvater. Es ist nur schwer, mit ihm ins Gespräch zu kommen.«

»Ja, ich erinnere mich, daß du das gesagt hast. Es hat mich gewundert. Er scheint sich mit jeder Tischdame ohne Schwierigkeiten zu unterhalten, außer mit dir. Ein richtiger Gigolo. Tante Sally setzt ihn immer neben dich, und auch Mrs. Venable, soviel ich höre.«

Persis schwieg.

Dr. Bosworth wandte sich wieder an mich, vertraulich. »Ich dachte immer, er wäre ein Mitgiftjäger. Sie wissen doch, was ich meine: Adelstitel, gutes Aussehen, weiter nichts.«

Ich lachte.

»Warum lachen Sie, Mr. North?«

»Dr. Bosworth, in diesem Falle hat Baron Stams das Vermögen.«

»Er hat Geld, ja?«

Ich sah Dr. Bosworth in die Augen und sagte ebenso laut wie vorher: »Er hat ein Vermögen — hervorragenden Verstand sowie hervorragenden Charakter, eine vornehme Familie, eine gesicherte Karriere. Sein Land hat ihm einen Orden für Tapferkeit vor dem Feind verliehen und an seinen Wunden wäre er beinahe gestorben. Sein Schloß in Stams ist fast so schön wie das berühmte Kloster dort, das Sie gewiß kennen. Außerdem ist er furchtbar lustig.« Wieder lachte ich. »Das nenne ich mir ein Vermögen.«

Persis drehte uns ihr Profil zu. Sie schien beunruhigt und verwirrt.

Wir erreichten »Whitehall«, und ich hielt vor Ehrfurcht den Atem an. Von Bischof Berkeley stammt der Satz: »Westwärts nimmt das Reich seinen Lauf.« Und da standen wir, Pilger aus dem Osten.

Trotz Dr. Bosworths wiederholter freundlicher Aufforderung bin ich nie wieder mit ihm ausgefahren; doch von Persis Tennyson ließ ich mich einmal im Wagen mitnehmen — den Bericht über diese Fahrt im Sternenlicht muß ich auf später verschieben, auf das Kapitel »Bodo und Persis«, wo es eher hingehört. Persis begleitete nun ständig ihren Großvater — und lieferte sich damit Hals über Kopf einer Gefahr aus, der ich mehr und mehr entkam: »Favoritismus«. Mrs. Bosworth schlug ihr gegenüber einen zunehmend schrofferen Ton an, aber Persis blieb fest. Eines Nachmittags hatte ich Dr. Bosworth nach seiner täglichen Ausfahrt aufgesucht, da er mich kurz zu sprechen wünschte. Während er sich umzog und ich in seinem Arbeitszimmer auf ihn wartete, überhörte ich folgende Unterhaltung in der Halle:

»Du mußt zugeben, Tante Sally, daß diese Ausfahrten Großvater gut tun.«

»Du bist eine Ignorantin, Persis, sie bringen ihn um.«

»Ich habe Großvater gebeten, sich mir zuliebe von Dr. Tedeschi untersuchen zu lassen. Dr. Tedeschi hat ihm zu diesen Fahrten sehr zugeraten.«

»Wie konntest du eine solche Verantwortung auf dich nehmen? Dr. Tedeschi ist ein Scharlatan und noch dazu ein italienischer Scharlatan.«

Dr. Bosworth kam in sein Arbeitszimmer, übersprudelnd von neuen Ideen. Er wollte sein großes Projekt einem noch zu bildenden Aufsichtsrat unterbreiten. Geplant war ein Verwaltungsgebäude mit zwei Vortragssälen, einem großen und einem kleinen; ferner eine möglichst reichhaltige Bibliothek; mindestens neun Wohnhäuser; hohe Jahresgehälter für die Magister; und für die von ihnen ausgewählten Studenten ein Schlaf- und ein Speisesaal. Weitere Kosten wurden mit Bleistift am Rande vermerkt. Das Projekt würde Millionen und Millionen kosten. Sehr erheiternd.

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Zwei Tage später traf ich am Abend um die gewohnte Stunde ein. Persis erwartete mich vor dem Haus. Sie legte ihren Finger an die Lippen, runzelte die Augenbrauen und deutete auf die Halle. In ihrem Gesicht spiegelten sich Bestürzung und ein leichtes Amüsement. Sie sprach kein Wort. Ich klingelte und wurde von Willis eingelassen. In der Halle hielt mich Mrs. Bosworth in einiger Entfernung vom Arbeitszimmer ihres Vaters auf. Sie sagte leise, aber sehr deutlich: »Mr. North, seitdem Sie dieses Haus zum erstenmal betraten, haben Sie nichts als Verwirrung angerichtet. Sie sind ebenso dumm wie gefährlich. Wollen Sie mir bitte erklären, was Sie mit meinem Vater vorhaben?«

Ich antwortete noch leiser. »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Mrs. Bosworth.«

Es wirkte. Sie erhob die Stimme. »Dr. Bosworth ist ein sehr kranker Mann. Diese Anstrengungen können ihn das Leben kosten.«

»Ihr Vater hat mich eingeladen, ihn nach ›Whitehall‹ zu begleiten. Ich nahm an, daß dies mit Einwilligung des Arztes geschah.«

»Nahm an! Es steht Ihnen nicht zu, irgend etwas anzunehmen!«

Ich war kaum noch zu hören. »Dr. Bosworth erwähnte eine Erlaubnis seines Arztes.«

»Er weigert sich, seinen Arzt zu sehen, einen Mann, der ihn seit dreißig Jahren behandelt! Sie sind ein Störenfried, ein vulgärer Eindringling. Mr. North, ich war es, die Sie engagiert hat. Ihre Tätigkeit in diesem Hause ist hiermit gekündigt. Jetzt! Sofort! Wollen Sie mir bitte mitteilen, wieviel ich Ihnen noch schulde?«

»Danke … Dr. Bosworth erwartet mich. Ich werde mich noch von ihm in seinem Arbeitszimmer verabschieden.«

»Ich verbiete Ihnen, auch nur einen Schritt weiterzugehen!«

Ich hatte noch einen Trick in petto, ich wurde laut. »Mrs. Bosworth, Sie sind sehr blaß. Ist Ihnen nicht wohl? Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?«

»Mir fehlt nichts. Wollen Sie bitte nicht so brüllen.«

Ich flitzte hin und her unter lautem Geschrei: »Mr. Willis! Mr. Willis! Ist jemand da? Mrs. Turner! Schwester!«

»Hören Sie sofort mit diesem Unfug auf. Es fehlt mir nichts.«

Ich lief durch die Halle. »Riechsalz! Hilfe! Baldrian! Asafoetida!«

Ich warf einen Tisch um. Persis erschien. Mrs. Turner erschien. Willis erschien. Mägde tauchten aus der Küche auf.

»Seien Sie still! Ich bin vollkommen in Ordnung!«

»Rufen Sie einen Arzt! Mrs. Bosworth ist ohnmächtig geworden!« Mir fiel ein umwerfender Satz aus den Romanen des achtzehnten Jahrhunderts ein: »Schnürt sie auf!«

Willis schob Mrs. Bosworth so heftig einen Stuhl hin, daß sie darin versank, empört. Persis kniete nieder und streichelte ihre Hände. Da zeigte sich Dr. Bosworth unter der Tür seines Arbeitszimmers, und es wurde ganz still in der Halle. »Was ist geschehen, Sarah?«

»Nichts! Dieser Idiot hat viel Lärm um nichts gemacht!«

»Persis?«

»Großvater, Tante Sally ist plötzlich schlecht geworden. Zum Glück war Mr. North hier und hat um Hilfe gerufen!«

Es war hier wie in der großen Oper — die Erleichterung, die sich ausbreitet, wenn das Verborgene an den Tag kommt.

Mrs. Bosworth stand auf und ging auf ihren Vater zu. »Vater, entweder verläßt dieses Ungeheuer das Haus oder ich!«

»Willis, rufen Sie Dr. McPherson. Sarah, du bist müde. Du hast dich überarbeitet. Mrs. Turner, wollen Sie bitte Mrs. Bosworth auf ihr Zimmer begleiten. Geh zu Bett, Sarah, geh zu Bett! Persis, bleib hier, ja? Willis!«

»Ja, Sir?«

»Ich möchte einen Whisky mit Soda. Bringen Sie Mr. North auch einen.«

Whisky, das war’s, Mrs. Bosworth erkannte klar das Ende ihrer Herrschaft. Nach Jahren des Haferschleims: Whisky! Sie wandte sich der Treppe zu und fegte Mrs. Turner beiseite. »Fassen Sie mich nicht an! Ich kann sehr gut allein gehen!«

»Dr. Bosworth«, sagte ich, »aus Respekt vor Mrs. Bosworth werde ich meine ihr so unwillkommenen Besuche auf keinen Fall mehr fortsetzen. Darf ich noch einen Moment hierbleiben, um Ihnen für die Auszeichnung zu danken, die Sie mir erwiesen, indem ich hier mit Ihnen zusammen arbeiten durfte.«

»Was? Was? Das müssen wir noch besprechen. Persis, komm her.«

»Ja, Großvater.«

»Mr. North muß uns verlassen, wie er meint. Hoffentlich kann er es ermöglichen, mich von Zeit zu Zeit in den ›Lesesälen‹ aufzusuchen.«

Willis kam mit unseren Drinks. Dr. Bosworth erhob sein Glas und sagte: »Dr. Tedeschi hat mir heute einen kleinen Whisky am Abend erlaubt.«

Persis und ich tauschten keinen Blick, aber ich spürte, wir beide teilten das Gefühl des Gelingens.

Das war mein letzter Besuch in den »Neun Giebeln«.

Mrs. Bosworth und ich verließen das Haus; sie, um eine liebe Freundin in England zu besuchen, ich, um meine Dienste anderen zur Verfügung zu stellen. Doch dauerten, wie der Leser bereits weiß, meine Beziehungen zu einigen Bewohnern der »Neun Giebel« noch fort.

Gegen Ende des Sommers begegnete ich Dr. Bosworth durch Zufall. Er war genauso herzlich wie immer und vertraute mir an, daß er in seinem Alter den zahllosen Details, die mit der Gründung einer Akademie der Philosophen zusammenhingen, nicht mehr gewachsen sei. Ihm schwebte jetzt ein anderes — allerdings noch streng geheimes — Projekt vor: der Bau und die Finanzierung einer Klinik für jenen »hervorragenden jungen Arzt Dr. Tedeschi«.

RIP

Zu meiner Überraschung entdeckte ich Ende Juni, daß ein früherer Studienkollege von mir in Newports »sechster Stadt« lebte. Als ich eines Abends auf der Avenue nach Hause radelte, hörte ich plötzlich aus einem vorbeifahrenden Auto eine Stimme: »Theophilus! Theophilus! Was um Himmels willen machst du hier?« Ich hielt am Straßenrand an. Das Auto ebenfalls. Ein Mann stieg aus und kam lachend auf mich zu. Noch immer lachend schlug er mir auf den Rücken, boxte mich vor die Brust, packte meine Schultern und schüttelte mich wie eine Ratte. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich Nicholas Vanwinkle wiedererkannte. Natürlich hatte man ihn — auf der Schule, beim Militär, auf der Universität — nur »Rip« genannt. In seiner Familie hielt sich die Legende, Washington Irving habe Nicholas’ Großvater, seinen guten Bekannten, eines Tages schriftlich um die Erlaubnis gebeten, den Namen Vanwinkle für einen liebenswerten alten Mann, Rip, in einer Geschichte benutzen zu dürfen, die von den Holländern in den Catskills handelte. Sie wurde ihm gerne gewährt, und das Resultat ist der Welt wohlbekannt.

Noch ein zweites Mal erlangte der Name »Rip Van Winkle« weltweite Berühmtheit, denn der Mann, der in Bellevue Avenue so rauh mit mir umging, war das Kampffliegeras aus dem Ersten Weltkrieg; er zählte zu den vier am höchsten ausgezeichneten Kämpfern »auf unserer Seite« und war der Schrecken der Deutschen, die ihn zugleich bewunderten. Er gehörte zur Abschlußklasse 1916, aber unter den Absolventen von 1920 befanden sich viele, die lange vorher das College verlassen hatten, um in den Krieg zu ziehen. Die einen dienten vor Amerikas Kriegserklärung als Freiwillige in der kanadischen Armee, die anderen, wie mein Bruder und Bob Hutchins, gingen als Sanitäter nach Frankreich oder auf den Balkan, um dann später von Amerika übernommen zu werden. Von den Überlebenden dieser in alle Himmelsrichtungen versprengten Studenten kehrten viele nach Yale zurück, wo sie ihr Studium 1919 und 1920 fortsetzten. Ich hatte Rip nicht näher gekannt, er verkehrte in viel vornehmeren Kreisen als ich; er war die Blüte der jeunesse dorée und außerdem eine internationale Berühmtheit, doch hatte ich mich oft mit ihm im »Elisabethanischen Klub« unterhalten, wo er für uns die Rolle von Sir Philip Sidney spielte, dem Prototyp eines Ritters. Groß, gut aussehend, reich, ein hervorragender Sportler (obwohl er weder Fußball noch Baseball spielte) und in seinem Auftreten von einer Schlichtheit, die sich deutlich von der herablassenden Steifheit seiner »Clique«, den Söhnen der großen Stahl- und Banktrusts, abhob.

Durch Zufall traf ich ihn im Frühjahr 1921 eines Mittags in Paris auf der Avenue de l’Opera wieder, kurz nachdem ich mein einjähriges Studium in Rom beendet hatte. Wir standen vor dem Café de Paris, und er lud mich prompt zum Mittagessen ein. Er hatte noch nichts von seiner schlichten Spontaneität verloren. Am nächsten Tag wollte er nach Amerika zurückkehren, um »das wunderbarste Mädchen der Welt« zu heiraten. Es war eine zauberhafte Stunde. Damals ahnte ich nicht, daß er für unser Essen sein letztes Geld zusammengekratzt hatte.

In den letzten fünf Jahren hatte ich nichts von ihm gesehen und gehört. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, wenn eine Jugend zu Ende geht. Er war jetzt fünfunddreißig, wirkte aber wie ein guter Vierziger. Der Überschwang, mit dem er mich begrüßt hatte, wich bald einer kaum noch zu verbergenden Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit.

»Was treibst du so, Theo? Erzähl mir von dir. Ich bin zum Abendessen eingeladen, aber ich habe vor dem Umziehen noch eine ganze Stunde Zeit. Können wir uns nicht irgendwo zu einem Drink hinsetzen?«

»Ich habe nichts vor, Rip.«

»Gehen wir in den ›Muenchinger-King‹. Stell dein Rad auf den Rücksitz. Du, ich freu mich so, dich wiederzusehen. Du hast doch unterrichtet, stimmt das?«

Ich erzählte ihm, was ich alles gemacht hatte und was ich jetzt machte. Ich zog den Zeitungsausschnitt mit meiner Annonce aus meiner Brieftasche. Es war erfrischend und rührend, wie er sich so selbstlos für meine Person interessierte, aber bald merkte ich, daß es ihn zugleich auch erleichterte, nicht über sich selbst sprechen und nachdenken zu müssen. Schließlich verstummte ich. Er sah immer auf den Zeitungsausschnitt.

»Sprichst du alle diese Sprachen?«

»Ja, mit viel Glück und ein bißchen Bluff, Rip.«

»Hast du genug Schüler oder Zuhörer oder wie du sie nun nennst?«

»Gerade soviel, wie ich bewältigen kann.«

»Kannst du auch Deutsch?«

»Ich habe als Junge in China deutsche Schulen besucht und habe mich seitdem immer wieder mit dieser Sprache beschäftigt.«

»Theo?«

»Nenne mich Ted, ja, Rip? Theophilus ist zu umständlich und Theo zu plump. Alle nennen mich jetzt Ted oder Teddie.«

»Also gut … Hör zu, Ted, ich habe eine Idee. Im Frühling nächsten Jahres findet in Berlin ein Bankett statt und ein zweitägiges Treffen der Angehörigen aller Luftstreitkräfte. Das Kriegsbeil begraben, und so weiter, verstehst du? Einander über den Ozean hinweg die Hände reichen. Seid nett zu euren Feinden. Reden auf die Toten und all das. Ich möchte hin. Ich muß hin. Aber ich möchte vorher mein Deutsch etwas verbessern. Ich lernte zwei Jahre Deutsch auf der Schule, und ich hatte eine deutsche Großmutter. Bei dem Treffen möchte ich den Leuten zeigen, daß ich auf Deutsch zumindest herumstottern kann. Ted, könntest du mir zweimal die Woche je zwei Stunden geben?«

»Ja. Früh am Morgen. Würde dir das passen? Acht Uhr? Ich habe ein paar Tennisstunden weniger, weil die Berufstrainer wieder zurück sind.«

Er sah einen Augenblick auf den Tisch. »Es wird meiner Frau wahrscheinlich nicht recht sein. Aber dies möchte ich unbedingt machen, und, bei Gott, ich werde es machen.«

»Deine Frau will nichts mit Deutschland zu tun haben?«

»Ach, das ist es nicht. Sie hat hundert Gründe dagegen. Zum Beispiel, daß ich sie mit den Kindern allein in New York zurücklasse. Außerdem glaubt sie, die Erinnerung an den Krieg schadet mir. Verflucht nochmal, diese Reise würde mir so gut tun. Und dann natürlich die Kosten, Ted, diese überflüssigen Kosten. Verstehst du, ich liebe meine Frau, sie ist wunderbar, aber sie haßt überflüssige Ausgaben. Wir haben ein Haus in New York und das Cottage hier, das reicht ihr. Aber, Ted, ich muß hin. Ich muß ihnen die Hände schütteln. Das Kriegsbeil begraben — verstehst du. Ich soll drüben genauso berühmt sein wie Richthofen hier. Kannst du dir vorstellen, wie mir zumute ist?«

»Ja.«

»Du, es ist wunderbar, daß ich dich wiedergetroffen habe. Es gibt mir die nötige Kraft, die Sache durchzuboxen. Findest du nicht, daß ich schon aus Höflichkeit versuchen müßte, deutsch zu sprechen? Du kannst mich den Sommer über unterrichten, und ich werde wie ein Verrückter den Rest des Jahres dafür arbeiten. Weiß Gott, ich hab ja nichts anderes zu tun.«

»Was soll das heißen, Rip?«

»Ich habe ein Büro. Ursprünglich, um das Vermögen meiner Frau zu verwalten. Aber das Vermögen wuchs und wuchs und die Ratgeber auf der Bank wurden immer wichtiger und wichtiger — so daß ich immer weniger zu tun hatte.«

Ich verstand und antwortete schnell: »Was möchtest du denn tun?«

Er stand auf und sagte: »Tun? Tun? Schlag was vor. Straßenbahnschaffner. Telephontechniker.« Er wischte sich die Stirn. Dann mit forcierter Lustigkeit: »Ich möchte meine Verabredung heute abend schießenlassen und mit dir essen gehen, aber ich kann nicht.« Er setzte sich wieder.

»Gut«, sagte ich auf Deutsch. »Ich bleibe ja in der Stadt. Wir können einen anderen Abend ausmachen.«

Er schob nachdenklich sein Glas vor und zurück, als ob diese Möglichkeit kaum in Betracht käme. »Ted, erinnerst du dich, wie Gulliver im Land der kleinen Menschen …«

»In Liliput.«

»In Liliput durch Tausende von zarten Seidenfäden an die Erde gefesselt wurde? Das bin ich.«

Ich stand auf und sah ihm fest in die Augen. »Du wirst zu diesem Bankett nach Deutschland fahren.«

Er antwortete mit dem gleichen Ernst leise: »Ich sehe nicht, wie. Ich sehe nicht, woher ich das Geld nehmen soll.«

»Ich dachte immer, deine Familie sei sehr reich.«

»Weißt du nicht?« Er nannte seinen Geburtsort. »1921 sind in dieser Stadt drei große Gesellschaften und fünf prominente Familien bankrott gegangen.«

»Hattest du damals, bei unserem Pariser Treffen, schon eine Ahnung davon?«

Er deutete auf seinen Kopf. »Oh, mehr als eine Ahnung. Zum Glück war ich mit einem reichen Mädchen verlobt. Ich sagte ihr, daß ich außer meinem Abschiedssold nichts einbringe. Sie lachte und sagte: ›Darling, natürlich hast du Geld. Ich mache dich zu meinem Vermögensverwalter, und du wirst ein sehr gutes Gehalt beziehen.‹ Mit meinen letzten hundert Dollar kam ich gerade noch bis zur Kirche.«

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1919 und 1920, und auch in den unmittelbar darauffolgenden Jahren, habe ich mit vielen ehemaligen Kriegsteilnehmern gesprochen — um jetzt von all denen zu schweigen, die ich in einem späteren Krieg auf Befehl verhören mußte. (»Rips Krieg« verlebte ich, wie bereits berichtet, wohlbehalten unter den Verteidigern der Narragansett-Bucht.) Der Krieg hatte bei jedem ganz verschiedene Spuren hinterlassen, aber eine bestimmte Waffengattung — die Luftwaffe — zeigte deutliche Nachwirkungen. Die jungen Soldaten, die zu Wasser und zu Lande kämpften, erlebten, was einst Journalisten ihre »glorreiche Stunde« nannten: ein Gefühl großer Verantwortung, verbunden mit dem Bewußtsein, einer »Einheit« anzugehören, dazu das Erlebnis von Erschöpfung, Gefahr und Tod; viele belastete das Vernichten von Menschenleben. Aber die »Stunde« der ersten Generation von Kampffliegern enthielt noch einige andere Elemente. Der Luftkampf war damals neu, und seine Regeln und Praktiken wurden von Tag zu Tag improvisiert. Das Beherrschen technischer Errungenschaften über der Erde erfüllte die Flieger mit großer Genugtuung, wie sie auch keine grauhaarigen Offiziere als Vorgesetzte über sich hatten. Sie waren die Pioniere und Entdecker. Ihre Beziehungen untereinander und zum Feind waren im höchsten Maße kameradschaftlich. Sie entwickelten ohne Einmischung von außen einen Kodex der Ritterlichkeit mit den deutschen Fliegern. Keiner hätte sich einfallen lassen, ein kampfunfähig geschossenes feindliches Flugzeug auf seinem Rückflug anzugreifen. Wurde ein Gegner aus einem früheren Kampf wiedererkannt, so gab man ihm lachend ein Zeichen der Herausforderung.

Die Flieger lebten »homerisch«; eben davon handelt die Ilias — von jungem, heldenhaftem, bedrohtem Leben (Goethe lernte von Homer: »Da wir denn aber die Hölle eigentlich hier oben vorzustellen haben, so mag denn das auch für ein Leben gelten«). Viele Veteranen zerbrachen danach und führten mit den Ihren ein elendes Leben. (»Wir hatten nicht das Glück zu sterben«, sagte einer zu mir.) Andere fanden sich stoisch mit einem langen Leben ab. In einigen Fällen konnte man jedoch bei näherer Betrachtung feststellen, daß in ihnen eine »Feder gesprungen war«; eine Quelle ihres Muts und ihrer Heiterkeit war versiegt. Zu ihnen gehörte Rip.

Zunächst gab es ein längeres Hin und Her, wo wir uns früh um acht treffen würden. »Ich hätte die Stunden am liebsten bei mir zu Hause, aber die Kinder frühstücken um diese Zeit, und dann wird meine Frau dauernd hereinkommen, um mir zu sagen, was ich alles erledigen muß.«

»Bill Wentworth erlaubt uns gewiß, im Casino einen Aufenthaltsraum zu benutzen. Vielleicht müssen wir gelegentlich umziehen, wenn geputzt wird. Ich habe dich nie im Casino gesehen, nehme aber an, daß Euer Hochwohlgeboren dort Mitglied sind.«

Er grinste und hielt die Hand seitlich vor den Mund, als wollte er mir ein unheiliges Geheimnis anvertrauen. »Ich bin lebenslängliches Mitglied und von allen Beiträgen befreit.« Er stieß mir den Zeigefinger in die Rippen, als hätte er eine Tüte Bonbons gestohlen.

Der Unterricht begann; eine Stunde Vokabeln und Grammatik, danach eine Stunde Konversation, in der ich die Rolle eines deutschen Offiziers spielte. Rip besaß eine Sammlung von Kriegsbüchern in beiden Sprachen. Es verging keine Stunde, ohne daß er zum Telefon gerufen wurde und mit einer zusätzlichen Liste von Besorgungen zurückkam, aber er konnte sich ohne Schwierigkeiten sofort wieder konzentrieren. Offensichtlich machte ihm die Arbeit großen Spaß; sie half ihm, sich selbst wiederzufinden. Er bereitete sich eifrig auf den Unterricht vor, und ich auch (»Schularbeiten machen«, wie er sich auszudrücken pflegte). Mein Tagesprogramm ließ mir nicht viel Zeit, am Ende der Stunde noch zu plaudern, und ihm erging es ebenso. Wenn er aufstand, zog er sofort die Liste mit seinen Aufträgen zu Rate: Einschreibebriefe auf das Postamt tragen; den Hund zum Veterinär bringen; Miß So-und-So, die Halbtagssekretärin seiner Frau, abholen; Eileen um elf zur Tanzstunde bei Mrs. Brandon abliefern und um zwölf wieder abholen … Anscheinend brauchte Mrs. Vanwinkle ihren Wagen und Chauffeur den größten Teil des Tages für sich. Rip sah allmählich besser aus, er lachte häufiger und hatte auch etwas von seiner alten Ausgelassenheit zurückgewonnen. Aber es fiel kein Wort, daß er die Erlaubnis bekommen hätte, nach Deutschland zu fahren.

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Eines Abends besuchte ich Mrs. Cranston.

»Guten Abend, Mr. North«, sagte Mrs. Cranston huldvoll und beäugte ein Strohkästchen in meinen Händen. Es war mit Moos ausgepolstert und enthielt Adonisröschen, Vogelwicke und andere Blumen, deren Namen ich nicht kannte. »Wild wachsende Blumen! Mr. North, woher wissen Sie, daß ich diese Blumen über alles liebe?«

»Es ist wohl nicht erlaubt, sie auszugraben, aber ich bin extra zu diesem Zweck aus der Stadt hinausgeradelt. Ich habe auch einen Spaten und eine Taschenlampe mitgebracht, um die Blumen in Ihrem Garten an jedem von Ihnen gewünschten Platz einzupflanzen.«

In diesem Augenblick kam Henry Simmons zufällig von der Straße herein.

»Henry, sehen Sie nur, was Mr. North mir gebracht hat. Helfen Sie ihm doch, die Blumen unter Edweenas Fenster für ihre Rückkehr einzupflanzen. Ein Geschenk wie dieses ist ein Geschenk für uns alle, und ich danke Ihnen für mein Teil von ganzem Herzen.« Sie läutete ihre Tischglocke. »Jerry wird Ihnen einen Krug Wasser bringen. Dann werden sich die Blumen gleich wohl fühlen.«

Weder Henry noch ich waren erfahrene Gärtner, aber wir taten unser Bestes. Dann wuschen wir uns die Hände und gingen in den Salon zurück, wo uns illegale Drinks erwarteten.

»Wir haben Sie in letzter Zeit vermißt«, sagte Mrs. Cranston.

»Wir dachten schon, du würdest mit deiner Zuneigung nur noch den Narragansett-Pier beehren. Ehrenwort, Teddie.«

»Ich habe Sie auch vermißt, gnädige Frau, und dich, Henry. Ich gebe jetzt ein paar Stunden spät am Abend, und an gewissen Tagen habe ich so viel zu tun, daß ich um zehn todmüde ins Bett falle.«

»Hoffentlich überarbeitest du dich nicht und gehst dabei mit deinem Witz vor die Hunde, alter Junge.«

»Geld! Geld!« seufzte ich. »Ich bin immer noch auf der Jagd nach einer kleinen Wohnung. Ich habe mir ein Dutzend angesehen, aber die Miete ist unerschwinglich. Ein paar meiner erwachsenen Schüler wollten mir eine sehr annehmbare Wohnung in einem ehemaligen Stall oder einem leeren Gärtnerhaus als Geschenk überlassen, aber ich halte an der Regel fest, daß die Beziehung zwischen Mieter und Vermieter so unpersönlich wie nur möglich bleiben sollte.«

»Eine schöne Regel, die jedoch Ausnahmen zuläßt«, sagte Mrs. Cranston mit einer unmißverständlichen Anspielung auf Edweenas »Gartenwohnung« und wahrscheinlich noch mehrere Mietarrangements.

»Ich glaube, ich habe jetzt das Richtige gefunden. Die Wohnung liegt nicht in einer eleganten Gegend, sie ist bescheiden, aber sauber und gut eingerichtet, und ich werde sie mir leisten können, wenn ich den Preis noch ein bißchen herunterhandele. Ich bin von Hause aus nicht verschwenderisch, Mrs. Cranston, da mein Vater aus Neu-England und meine Mutter aus Schottland stammen. Ich bin nach Neu-England-Begriffen sparsam. Schuljungen würden sagen knauserig.«

Mrs. Cranston lachte. »Auf Rhode Island heißt das zugeknöpft. Ich gestehe offen, daß ich geschäftlich ziemlich zugeknöpft bin.«

Henry protestierte. »Aber Mrs. Cranston, Sie sind der freigebigste Mensch, den ich je getroffen habe. Sie haben ein Herz aus Gold.«

»Ich habe diesen Ausdruck nie gemocht, Henry. Ich hätte weder dieses Haus führen können, noch meinen Kopf über Wasser gehalten, wenn ich nicht vorsichtig gewesen wäre — ein Wort nach Ihrem Geschmack, Mr. North. Ich hasse natürlich filzigen Geiz, aber ich empfehle dringend, einen genauen Überblick über Geld und seine Möglichkeiten zu besitzen.« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und dachte einen Augenblick lang nach. »Vor zwanzig oder dreißig Jahren war Newport berühmt für seine Verschwendungssucht. Sie können sich nicht vorstellen, wieviel Geld in einer einzigen Nacht, geschweige denn in einer Saison verschleudert wurde. Aber Sie können sich auch nicht vorstellen, wieviel Geiz, Knickrigkeit und Pfennigfuchserei in dieser Stadt vorkommen — wie heißt schon das Gegenteil von Extravaganz, Mr. North?«

»Kleinlichkeit?«

»Das ist es.«

»Habgier?«

»Hören Sie sich das an, Henry! Das nenne ich mir Bildung. Immer den Nagel auf den Kopf treffen. Edweena findet, daß Extravaganz — nennen Sie mir noch ein andres Wort, Mr. North.«

»Übertriebene Verschwendung.«

»Oh, wie schön Sie das wieder gesagt haben — daß übertriebene Verschwendung und Geiz miteinander verwandt sind — zwei Seiten derselben Hoffnungslosigkeit. ›Newports Geiz‹, behauptete sie, ›war von einer ganz besonderen Art. Alle waren sie millionenschwer, aber ihr Benehmen ging wie eine Fieberkurve rauf und runter.‹ Da gab es eine vornehme Dame, die zweihundert auf Gold gedruckte Einladungen verschickte; Essen und Lohnpersonal wurde bei Delmonico oder Sherry bestellt. Aber vier Tage vor der Party bekam sie plötzlich irgendeine Attacke und sagte die ganze Geschichte ab. Nachdem dies mehrfach passiert war, arrangierten ihre nächsten Freunde ein ›Ersatz-Essen‹, für den Fall einer erneuten Absage. Dieselbe Dame bestritt auch zwei ganze Saisons mit zwei Abendkleidern; sie erschien entweder im schwarzen oder im purpurroten. Sie kaufte ihre Kleider schriftlich bei einer New Yorker Firma, vergaß aber stets, die Briefe in den Kasten zu stecken. Diese Leute glauben immer, daß niemand etwas merkt! In ihrem Inneren sitzt ein Dämon und raubt ihnen die Kraft, einer Ausgabe ins Auge zu sehen. Es ist einfach krankhaft.«

Es folgten weitere niederschmetternde Beispiele von Geiz und Sparsucht.

»Und da gibt es doch in dieser Stadt eine Frau«, sagte Henry, »eine sehr junge Frau, verheiratet mit einem Mann, der so berühmt ist wie General Pershing.«

»Beinahe, Henry.«

»Danke, gnädige Frau. Fast so berühmt wie General Pershing.«

»Keine Namen bitte! Das gehört zur Hausordnung.«

»Sie interessiert sich ausschließlich für Tiere. Sie hat den umliegenden Gemeinden ein halbes Dutzend Tierheime gestiftet und zahlt den Unterhalt. Sie sitzt im Vorstand des Tierschutzvereins. Sie wird hysterisch, wenn sie Federn auf einem Hut sieht. Aber die Geschichte …«

Mrs. Cranston unterbrach ihn: »Mr. North, sie macht ihre Besorgungen meist allein. Bindet sich einen dicken, braunen Schleier vor das Gesicht, steigt in ihren Wagen und fährt in das Viertel zu den Läden, die Schiffe mit Lebensmitteln beliefern. Sie schickt ihren Chauffeur hinein und läßt dem Schlächter sagen, daß ›Mrs. Edom‹ draußen mit ihm sprechen möchte. Mrs. Edom war früher einmal ihre Haushälterin. Sie kauft ein halbes Rind direkt aus dem Pökelfaß. Es dauert zwei Wochen, bis das Salz herausgewässert ist — halb herausgewässert. Das wird dem ›Volksheld‹ und seinen Kindern vorgesetzt. Sie fährt auch auf den portugiesischen Markt und kauft dort riesige Milchkannen voll Kohlsuppe mit dieser Linguiça-Wurst. Wenn die Dienstboten sich beschweren und kündigen, bekommen sie nicht einmal ein anständiges Abgangszeugnis. Die Dame besorgt sich Ersatz bei den Vermittlungsbüros für Einwanderer in Boston und Providence. Aber sie selber stammt aus einer alten Beilevue-Avenue-Familie. Ungefähr alle zehn Tage lädt sie Gäste ein, das Essen wird ihr von Providence ins Haus geliefert, und so schmeißt sie dann all das zusammengeknauserte Geld wieder raus. Oh, ich könnte die Wände hochgehen bei der Vorstellung, daß ihr wunderbarer Mann und ihre Kinder von Corned Beef und Kohlsuppe leben müssen, während sie Tausende von Dollars für Hunde und Katzen ausgibt.«

»Mrs. Cranston, bei uns in England gibt es ein Sprichwort: ›Gut zu Tieren, grausam zu Menschen‹.«

»Es ist krankhaft, Mr. North, sprechen wir von etwas Erfreulicherem.«

Ich erkannte, daß Mrs. Cranston einen unvorteilhaften Aspekt des von ihr geliebten Newport nur innerhalb gewisser Grenzen zu diskutieren wünschte.

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Der Deutsch-Unterricht machte weiterhin Fortschritte, aber das Aufwischen und Abstauben sowie die Anrufe aus Rips Haus förderten ihn nicht sonderlich. Eines Tages fragte mich Rip: »Hast du auch schon am Sonntagmorgen Stunden gegeben?«

»Ja.«

»Könntest du die eine Stunde nicht auf Sonntagmorgen um elf Uhr verlegen? Meine Frau ist dann in der Kirche. Ich nicht. Würde dir das passen? … Ich werde dich also nächsten Sonntag um dreiviertel elf im CVJM abholen. Ich habe ein Zimmer gefunden, wo wir ungestört arbeiten können. Ich bin nämlich Mitglied des ›Mönchs-Klubs‹; die Mitglieder gehen auf die Jagd, fischen, essen, trinken und machen ab und zu ein kleines Spielchen. Das Haus, gleich jenseits der Grenze von Massachusetts, hinter Tiverton, gehört einer Clique von unternehmungslustigen jungen Leuten. Frauen sind nicht zugelassen, aber von Zeit zu Zeit taucht mal ein Mädchen auf, aus New York, Bedford oder Fall River. Niemand geht vor Sonnenuntergang dorthin, schon gar nicht am Sonntag. Die Mönche haben die Jagd so ziemlich aufgegeben.« Er fügte mit seinem vertraulichen Grinsen hinzu: »Die Mitgliedschaft ist sehr teuer, aber sie haben mich zum Ehrenmitglied gemacht — keine Beiträge! Dort können wir wunderbar zusammen arbeiten.«

Die Vorstellung einer viertelstündigen Autofahrt störte mich zunächst ein wenig. Ich hatte Rip mehr und mehr schätzengelernt, aber ich wollte nicht erfahren, wie der auf dem Rücken liegende Gulliver durch tausend zarte Seidenfäden an den Boden gefesselt wurde. Die Situation war gewiß beklagenswert — doch was konnte ich dagegen unternehmen? Ich merkte, wie er darauf brannte, mir alles zu erzählen, die ganze traurige Angelegenheit. Bisher hatte ich Mrs. Vanwinkle noch nicht kennengelernt und fühlte auch kein Bedürfnis danach. Mich interessieren exzentrische Menschen immer, und mein Tagebuch ist voll von ihren »Porträts«, aber ich schrecke vor jenen Grenzfällen zurück, die sich bereits bedenklich dem Wahnsinn nähern: wilde Eifersucht, despotische Herrschsucht, neurotischer Geiz.

Ich fand Rips Frau total verrückt, und meine Ansicht wurde durch einen seltsamen Vorfall bestätigt, der meine berufliche Routine über den Haufen warf.

Ich mußte eine Schülerin, ein sechzehnjähriges Mädchen, für ihr Examen in Französisch vorbereiten. Penelope Temple und ich arbeiteten zusammen in der Bibliothek, als Mrs. Temple hereinstürzte: »Mr. North, verzeihen Sie, aber das Telephon im oberen Stock wird gerade benutzt, und ich muß einen Anruf hier abnehmen. Es wird kaum lange dauern.«

Ich stand auf. »Sollen wir in ein anderes Zimmer gehen, Mrs. Temple?«

»Das ist nicht nötig … Ich kenne diese Dame gar nicht … Ja, Mrs. Vanwinkle? Ich bin Mrs. Temple. Verzeihen Sie, daß ich Sie so lange warten ließ, aber mein Mann erwartet einen dringenden Anruf auf dem anderen Apparat … Ja … Ja … Ja, das stimmt, ich trug Reiherfedern auf dem Ball, auf dem das Photo gemacht wurde … Darf ich Sie einen Augenblick unterbrechen … Diese Federn haben meiner Mutter gehört. Sie sind mindestens dreißig Jahre alt. Wir haben sie sehr sorgsam aufbewahrt … Verzeihen Sie, daß ich Sie wieder unterbrechen muß … Die Federn sind bereits brüchig, und ich werde sie auf Ihren Wunsch hin vernichten … Nein, bitte lassen Sie Ihren Gatten nicht extra deshalb herkommen. Jedes Heim in Amerika würde sich durch seinen Besuch geehrt fühlen, aber Mr. Vanwinkle ist viel zu berühmt, um in der Stadt alte, kaputte Federn einzusammeln … Nein, Mrs. Vanwinkle, ich bitte Sie, mir zu glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß ich die Federn sofort vernichten werde. Guten Morgen, Mrs. Vanwinkle, danke für Ihren Anruf … Entschuldigen Sie, Mr. North. Penelope, ich glaube, die Frau ist geisteskrank.«

Zwanzig Minuten später läutete es an der Haustür, und ich hörte Rip mit Mrs. Temple sprechen.

Ich habe ihm gegenüber diese Episode natürlich nie erwähnt.

Unsere erste Fahrt nach Massachusetts fand an einem wunderbaren Sonntagmorgen Anfang Juli statt. Rip chauffierte wie der Teufel — wie alle ehemaligen Flieger. Sogar mit diesem alten Wagen überschritt er die in der Stadt und auf dem Land erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Die Polizei griff niemals ein, war vielmehr stolz, wenn er ihr zuwinkte. Um jeder vertraulichen Mitteilung über den gefesselten Gulliver vorzubeugen, stürzte ich mich in meine bereits abgewetzte Theorie über die neun Städte von Troja und Newport. Ferner erlaubte ich mir einen vom Thema weit abschweifenden Diskurs über den großen Bischof Berkeley, da wir an dessen Haus vorbeikamen. (»Ich wohnte im ›Berkeley Oval‹ während meines ersten Studentenjahres«, sagte er.) Ich war mit meinen Ausführungen beinahe zu Ende, als wir vor der Tür des Mönchs-Klubs vorfuhren. Er hielt an, blieb aber am Steuer sitzen und starrte vor sich hin.

»Ted?«

»Ja, Rip?«

»Du hast mich doch gefragt, was ich tun möchte.«

»Ja.«

»Ich möchte Historiker werden … Ist es dafür schon zu spät?«

»Rip, du hast deinen Platz in der Geschichte. Es ist nicht zu spät, alles, was du darüber weißt, auszubreiten und von dort aus weitere Kreise zu ziehen.«

Sein Gesicht verfinsterte sich. »Nein, darüber möchte ich nichts schreiben. Aber was du vorhin über das achtzehnte Jahrhundert in Newport gesagt hast — Rochambeau und Washington und Berkeley —, das hat mich plötzlich daran erinnert, daß ich immer schon Historiker werden wollte … Außerdem hat ein Historiker ein Arbeitszimmer mit einer Tür, die er abschließen kann — nicht wahr? Oder er kann eine beliebige Bibliothek aufsuchen, wo auf jedem Tisch ein Schild ›Ruhe‹ steht.«

»Rip«, äußerte ich aufs Geratewohl, »in New York ist dein Leben doch nicht anders als hier — tagsüber viele Laufereien und jeden Abend Einladungen?«

Er sagte leise: »Schlimmer, schlimmer. In New York muß ich die Einkäufe machen.«

»Aber ihr habt doch eine Wirtschafterin?«

»Ja, wir hatten Mrs. Edom. Wäre sie nur wieder bei uns! Tüchtig, weißt du, ruhig und tüchtig. Keine Kräche.«

Der Mönchs-Klub war vor der Revolution eine bekannte Taverne gewesen und hatte seitdem manche Veränderungen erfahren. Er hatte als Lagerhaus, Wohnhaus und Schule gedient, aber der alte Backsteinbau mit den vielen Schornsteinen und der großen Küche war fast ganz erhalten geblieben. Das Vorderzimmer mußte ursprünglich ein Tanzsaal gewesen sein, mit einer Galerie für die Kapelle gegenüber von dem großen Kamin. Die »Mönche« hatten das Haus als ein kleines luxuriöses Jagdschlößchen eingerichtet, bemerkenswert einige meisterhaft ausgestopfte Tiere. Wir arbeiteten im oberen Stock in einer Bibliothek, umgeben von Landkarten, Stößen von Sportmagazinen und Gesetzbüchern des Staates Massachusetts über Schiffahrt und Jagd. Das Zimmer, von dem aus man die Eingangstür überblicken konnte, war groß genug, um darin während unserer internationalen Schein-Dialoge auf- und abzugehen. Ein ideales Plätzchen. Um ein Uhr schlossen wir unsere Textbücher und fuhren widerstrebend nach Rhode Island zurück.

Am zweiten Sonntag morgen läutete das Telephon unten an der Treppe.

»Ich weiß, wer das ist! Komm mit, Ted, ich möchte, daß du dabei bist.«

»Ich will mir nicht deine Privatunterhaltungen anhören, Rip.«

»Aber ich will es. Du bist jetzt ein Teil meines Feldzuges. Laß wenigstens die Tür offen. Ich brauche dich als Rückendeckung, so wahr mir Gott helfe. — Hallo? Ja, dies ist der Mönchs-Klub … Du bist’s, Pam. Ich dachte, du wärst in der Kirche … Ich hab’s dir doch gesagt … Ja, ich habe meine Deutschstunde … Ich weiß, daß die Sonne scheint … Wir haben das alles doch längst besprochen. Die Kinder sind in Baileys Strandbad vollkommen sicher. Es gibt dort drei Bademeister — einen auf dem Beobachtungsturm und zwei in Ruderbooten. Am Strand sitzen mindestens dreißig Krankenschwestern, Kindermädchen, Ammen, Fräulein, Mademoiselles und Gouvernanten. Ich will nicht drei Stunden lang mit Hunderten von Weibern herumhocken … Kann Rogers sie nicht abholen? … Dann mache etwas mit Cynthia oder Helen oder den Winstons mit ihrem Chauffeur aus. Pamela, ich muß dir etwas mitteilen: ich gehe nie wieder in Baileys Strandbad … Nein, die Kinder werden nicht ertrinken. Beide hassen das Wasser. Sie sagen, es ssst-inkt … Nein, ich weiß nicht, wo sie das herhaben. Sie sagen, alle Kinder sagen es. Sie wollen an den öffentlichen Strand gehen, wo es eine richtige Brandung gibt … Ich möchte nicht gestört werden, wenn ich Stunde habe … Nein, es ist außer mir niemand im Haus, soviel ich weiß; die Angestellten sind in der Kirche … Pam, bleib du selbst und sprich nicht wie deine Mutter … Das möchte ich nicht am Telephon diskutieren … Pamela, sei lieb und vernünftig … Ich habe mich nie so ungezogen über deine Mutter geäußert, wie du es oft genug getan hast … Ich werde bestimmt vor ein Uhr dreißig zurück sein … Dieses Ferngespräch kostet eine Menge Geld … Ja, ich kaufe schnell noch etwas Eis im Milchgeschäft … Nein, im Milchgeschäft, weil ich da Kredit habe … Ich habe keinen Penny in der Tasche … Hör mal, ich muß jetzt wieder an die Arbeit, aber ich möchte bei meiner lieben Frau nicht aufhören; ich möchte, daß du zuerst aufhörst … Ja … Ja … Nein … Auf Wiedersehen … bald!«

Er kam mit hochgezogenen Augenbrauen zurück und sagte: »Gulliver und die hundert Seidenfäden. Jeden Tag zerschneide ich wieder ein paar.«

Ich schwieg, und wir machten uns wieder an unsere Arbeit. Er schien neu belebt, oder vielmehr stolz auf sich.

Ich wurde hier in eine Situation verwickelt, die über meine Kräfte ging. Und ich brauchte keinen guten Rat — der mir selten Gewinn brachte —, sondern Tatsachen; nicht Klatsch, sondern Fakten. Ich glaubte zu wissen, warum Rip als Mann so reduziert war. Doch ich wollte mehr über seine Frau erfahren. Ich wollte ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen, und dazu mußte ich über sie alle nur verfügbaren Tatsachen herausfinden. Ich hatte das Gefühl, daß Mrs. Cranston und Henry in dieser Hinsicht mir nicht weiterhelfen konnten.

Plötzlich fiel mir Bill Wentworth ein. Ich fragte ihn, ob er eine halbe Stunde für mich Zeit hätte. Am Ende des Tages saß ich wiederum in seinem Büro, umgeben von schimmernden Pokalen. Ich erzählte ihm von den Deutsch-Stunden, den dauernden Störungen und von der entwürdigenden Lage, in der mein Freund sich befand. »Bill, wie lange kennen Sie Oberst Vanwinkle?«

»Lassen Sie mich mal sehen. Pamela Newsome — so lernte ich sie kennen — brachte ihn im Sommer 1921 her, kurz nach ihrer Heirat.«

»Kannten Sie sie schon lange?«

»Seit ihrer Kindheit. Im Sommer war sie jeden Tag hier, seit ihrer Heirat sehe ich sie kaum noch. Ihre Eltern sind alte Newporter.«

»Wissen viele Leute in Newport, wie sie mit ihrem Mann umgeht?«

»Mr. North, die ganze Stadt macht sich über die beiden lustig.«

»Wie kommt es, daß sie über soviel Geld verfügt?«

»Die Newsomes sind nicht so sehr ein Familien- als ein Unternehmensverband. Mit einundzwanzig erhält jedes Kind einen ganzen Schwung Aktien — weit über eine Million, sagt man, und jedes Jahr kommt noch mehr dazu … Sie war ein sehr schwieriges Mädchen mit einem sehr schlechten Verhältnis zu ihren Eltern, die ihr vielleicht deshalb das Cottage in Newport überließen und seither den Sommer in Bar Harbor verbringen.«

»Entschuldigen Sie, Bill, meine offene Frage: Ist sie wirklich so geizig und berechnend, wie die Leute behaupten?«

»Meine Frau ist eine gute Freundin ihrer Haushälterin, Mrs. Edom. Eine großartige Person, charakterfest. Sie besuchte manchmal am Sonntagmorgen meine Frau, denn es brach ihr das Herz, was Pamela mit ihrem Mann anstellte. Sie können sich nicht vorstellen, was alles in diesem Hause vorging. Mrs. Edom kam zu meiner Frau, um sich bei ihr auszuweinen …«

»Bill, warum hat Oberst Vanwinkle so wenig Freunde?«

»Alle haben ihn gern. Und man bewundert ihn nicht nur, sondern liebt ihn. Aber Männern und Frauen gefällt nicht, was sie sehen. Mr. North, es hat hier vor dem Krieg viele junge Männer gegeben, die nichts taten — sie genossen ihr Leben, und niemand schien etwas dabei zu finden. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die jungen Leute haben Jobs, auch wenn sie das Geld nicht brauchen. Nichtstun ist altmodisch geworden, man macht sich darüber lustig. Und man weiß ja auch, wohin es führt. Man hat es oft genug erlebt — ein armer Mann heiratet ein schwerreiches Mädchen; sie knallt mit der Peitsche, und er springt wie ein Affe durch den Reifen.«

Ich schilderte ihm dann meine Version: der junge Mann, der zu früh seine »glorreiche Stunde« erlebt und dessen Vitalität und Willenskraft dadurch gebrochen wird. Ich erzählte ihm, wie Rip sich an mich klammerte, um mit meiner Hilfe etwas mehr Freiheit zu erlangen.

»Wenn Sie Einfluß auf ihn haben, dann sagen Sie ihm, daß er arbeiten soll. Wenn die Gerüchte stimmen, so hat er keinen Penny. Er muß sie auf allen vieren um sein Taschengeld bitten, das sie ihm nach Laune gibt oder verweigert. Ich will Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen, die ich noch keiner Menschenseele anvertraut habe … Zwei Jahre, nachdem er hierhergekommen war, wählte ihn der Aufsichtsrat des Casinos zum Ehrenmitglied. Ich bat ihn, doch einen Tag vorher bei mir vorbeizukommen, damit ich die Einzelheiten des Festaktes mit ihm besprechen könnte. Ich fragte ihn auch, ob seine Frau nicht mitkommen wollte, und er rief später zurück und sagte, sie würde zwar bei der Feier anwesend sein, könne aber wegen einer Sitzung des Tierschutzvereins nicht an der Besprechung teilnehmen. Na schön, er kam also — ich freue mich immer, wenn ich ihn sehe. Ein prachtvoller Kerl. Ich sagte ihm, daß ein Photograph dabei sein würde, wir wollten sein Bild aufhängen. Dort ist es! Wir geben nie Pressephotos aus, nur beim Tennisturnier. Ich sagte ihm auch, der Aufsichtsrat würde sich sehr freuen, wenn er in Uniform mit seinen Orden erschiene. Er erzählte mir, bei der Parade am 4. Juli hätte er in Uniform mit ein paar Orden neben dem Bürgermeister auf der Tribüne gesessen. Was für Orden man sich hier wünsche? Am liebsten die amerikanischen ›Großen Drei‹, sagte ich und die französischen und englischen dazu. ›Ich hab sie nicht mehr, Bill.‹ Und dann grinste er. Kennen Sie sein Grinsen?«

»O ja, wenn er von seinen Kriegserlebnissen oder von seinem Ruhm spricht, fängt er jedesmal zu grinsen an.«

»Er sagte, um seiner Frau ein Geschenk zu ihrem ersten Geburtstag nach der Hochzeit kaufen zu können, habe er die Orden in einem New Yorker Leihhaus verpfändet. Und jetzt will ich Ihnen noch etwas verraten: sie ist zu der Feier gar nicht gekommen. Sie haßt seinen Ruhm; sie fürchtet, er steige ihm zu Kopfe und verderbe ihn. Mr. North, dringen Sie darauf, daß er einen Job annimmt. Er wird ein anderer Mensch sein.«

»Danke, Bill. Hat er schon Angebote erhalten?«

»Natürlich — bei seinem Namen! Generaldirektorposten, unter anderem. Sie ist dagegen — kommt gar nicht in Frage. Sie wissen, daß er aus dem westlichen Teil des Staates New York stammt. Der Gouverneur wollte ein hohes Amt extra für ihn schaffen, vorausgesetzt, er nimmt seinen Wohnsitz in Albany. Gehalt etwa 20000 pro Jahr. Seine Frau hat sich totgelacht. Für sie ist das ein Butterbrot. Sie sagte, es erniedrige ihn.«

»Stimmt es, daß sie der Familie fast nur Corned Beef und Kohlsuppe vorsetzt?«

»Die Leute saugen sich alle möglichen Geschichten über sie aus den Fingern. Aber es stimmt, daß sie Konserven beim Großhandel einkauft.«

Es zahlt sich aus, die richtigen Leute um Rat zu fragen.

Am nächsten Sonntagmorgen vergnügten wir uns in der Bibliothek des Mönchs-Klubs mit dem Deklinieren unregelmäßiger Verben. Rip hatte den entscheidenden Punkt beim Erlernen einer Fremdsprache erreicht, wo Worte, die bisher nur gedruckt zur Kenntnis genommen wurden, Sprache werden — ein erhebender Moment.

»Na ja, Herr Major, ich kenne Sie.«

»Und ich kenne Sie, verehrter Herr Oberst. Sie sind der Herr Oberst Vanwinkle, nicht wahr?«

»Jawohl. War das nicht ein Katzenjammer über dem Hügel Saint-Charles-les-Moulins? Dort haben Sie meinen linken Flügel kaputtgemacht. Sie waren ein Teufel, das kann man sagen.«

Rip warf einen Blick aus dem Fenster. »Jesus! Da ist meine Frau!« Richtig, da stand der Wagen, und der Chauffeur kam auf das Haus zu. Es klingelte. »Geh runter. Tu so, als ob du der Steward vom Klub wärst. Sag, daß ich angeordnet habe, nicht vor ein Uhr gestört zu werden.«

Ich zog mir meine Sportjacke an. (»Yale 1920«). »Ich kann so keinen Steward vorstellen, aber immerhin ein Mitglied. Ich werde mir schon etwas ausdenken.« Ich ging langsam die Treppe hinunter und öffnete die Tür.

»Sir, Mrs. Edom möchte Oberst Vanwinkle sprechen.«

Ich warf einen verstohlenen Blick auf die tief verschleiert im Wagen sitzende Mrs. Edom und sagte laut: »Soviel ich weiß, möchte er unter keinen Umständen gestört werden. Ist zu Hause etwas Schlimmes passiert? Feuer? Blinddarmentzündung? Tollwut durch Hundebiß?«

»Ich … glaube nicht.«

»Warten Sie. Ich will sehen, ob er doch zu sprechen ist. Sagen Sie Mrs. Edom, daß der Deutschprofessor in puncto Störungen keinen Spaß versteht. Er ist ein echter Furor teutonicus.«

Rip erwartete mich auf der Treppe. »Sie will dich sprechen — als Mrs. Edom.«

»Sie kommt. Verlaß dich drauf. Nichts kann sie aufhalten.«

»Ich werde die Tür zum oberen Stock abschließen. Es ist schon zwölf Uhr dreißig. Ich bleibe unten und leiste ihr Gesellschaft.«

»Verdammt noch einmal, ich will hören, was du sagst. Ich werde mich der Länge nach auf den Boden der Galerie legen. Da kann sie mich von unten nicht sehen.«

Ich ging hinunter, verriegelte die Tür zur Treppe, steckte den Schlüssel in die Tasche, nahm mir eine Nummer der Zeitschrift »Yachting« und setzte mich hin, um zu lesen. Ich hörte ein Geräusch auf der Galerie. Rip hatte sich unter einer Wolldecke hingelegt. Es läutete wieder. Ich öffnete und sah mich einer zu allem entschlossenen Frau gegenüber — sie hatte jetzt ihren Schleier über den Hut zurückgeschlagen —, einer sehr gut aussehenden jungen Frau, außer sich vor Wut. Sie stieß die Tür auf und ging an mir vorbei ins Vorderzimmer.

»Guten Morgen.«

»Guten Morgen. Verzeihen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß nach den Regeln des Klubs Damen hier nicht zugelassen sind. Es gibt kein Empfangszimmer für Damen.«

»Wollen Sie bitte Oberst Vanwinkle ausrichten, Mrs. Edom wünsche ihn zu sprechen.«

»Gnädige Frau, wie Ihnen der Chauffeur bereits gesagt hat …«

Sie setzte sich. »Entschuldigen Sie, sind Sie der Klubsteward?«

»Nein«, sagte ich, aufs tiefste verletzt.

»Wer ist hier zuständig? Gibt es kein Personal?«

»Der Verwalter und seine Frau sind in der Kirche, glaube ich.«

»Vielleicht hätten Sie die Freundlichkeit, sich mir vorzustellen.«

Ich war die Freundlichkeit, oder darf ich sagen, der Charme selber. »Mrs. Edom, ich bin überzeugt, daß Sie über Männer-Klubs etwas Bescheid wissen. Nach unseren Regeln darf kein Mitglied mit dem Namen angesprochen werden, den es in seinem Privatleben führt … Wir reden uns gegenseitig mit den uns vom Abt verliehenen Namen an. Ich bin Bruder Asmodius. Das Mitglied, das Sie erwähnten, ist Bruder Bellerophon.«

»Kindischer Blödsinn.«

»Wie bei den Kreuzrittern im Mittelalter. Ich bin dazu noch Freimaurer und Mitglied einer Bruderschaft. In jedem Klub ist mir ein Name gegeben worden, den ich nur in diesem Klub benutzen darf. Bekanntlich machen das auch die Mönche eines religiösen Ordens. Meine Frau findet es unverzeihlich, daß ich ihr nicht jede Einzelheit unseres Rituals berichten kann … Sind Sie nicht die Wirtschafterin von Bruder Bellerophon?«

Sie starrte mich schweigend an. Dann stand sie auf und sagte: »Ich will mit dem Oberst sprechen.« Sie ging zu der Tür, die nach oben führte, und rüttelte an der Klinke.

Ich säuberte meine Fingernägel. »Ich nehme an, der Deutschprofessor hat sie verriegelt. Dem ist alles zuzutrauen.«

»Ich werde hier sitzenbleiben, bis der Oberst herunterkommt.«

»Möchten Sie etwas zu lesen haben, Mrs. Edom?«

»Nein, danke.«

Ich wandte mich schweigend wieder meiner Lektüre zu. Sie blickte um sich. »Ich sehe, daß ihr Mönche — wie ihr euch ja nennt — Hirsche schießt, Füchse und Vögel. Ein verabscheuungswürdiger Sport.«

»Er wird kaum noch ausgeübt. Sie wissen, warum.« Sie starrte mich schweigend an. »Aus Respekt vor Bruder Bellerophons Frau … Sie kennen ihren Feldzug gegen Tierquälerei. Was für eine wunderbare Frau das sein muß. Jahr für Jahr Hunden und Katzen und wilden Tieren das Leben zu retten! Ein großes Herz! Ein weites Herz!«

Ich schlenderte langsam durch das Zimmer und rückte ein Bild an der Wand zurecht. Nonchalant fügte ich hinzu: »Da ich gehört habe, was für eine gescheite Frau sie ist — und eine wunderbare Gattin und Mutter —, wundert es mich, daß sie ihre Kinder in Baileys Strandbad schickt. Meine Frau würde das meinen Kindern nie erlauben.«

»Was ist dagegen einzuwenden?«

»Ich bin überrascht, daß Sie überhaupt noch fragen, Mrs. Edom. Es ist nur wenige Meilen von der sehr befahrenen transatlantischen Schiffsroute und dem Golfstrom entfernt. Durch ein unglückliches Zusammenwirken von Land, Strömungen und Winden wird der über Bord geworfene Abfall Baileys Strandbad wie einem Magneten zugetrieben. Jeden Morgen harken die Angestellten körbeweise zusammen: Seemannsstiefel, verfaultes Obst, tote Papageien, Photos, die für Kinder ungeeignet sind, und nicht zu erwähnende unappetitliche Dinge.«

Sie starrte mich erschrocken an. »Das ist bestimmt nicht wahr …«

»Wie unhöflich von Ihnen, mir das zu sagen, Mrs. Edom. In diesem Klub bezichtigen sich Gentlemen nicht gegenseitig der Lüge.«

»Verzeihen Sie. Ich meinte ja nur, daß es mir schwerfällt, so etwas zu glauben.«

»Ich danke Ihnen … Ferner hörte ich, daß die Dame, von der wir gesprochen haben, die Mahlzeiten für ihre Familie und ihre Angestellten sehr sorgfältig auswählt. Meine Frau und ich sind der Ansicht, daß Kohlsuppe eines der nahrhaftesten — und schmackhaftesten — Gerichte ist, die es gibt. (Pause) Aber ein sehr erfahrener Arzt riet uns ab, Kinder unter zwölf Jahren die stark gewürzte Kohlsuppe mit Linguiça-Wurst vom portugiesischen Markt essen zu lassen … Und gepökeltes Rind und Schwein — ausgezeichnet! Die britische Flotte hat jahrhundertelang ihre Matrosen damit ernährt und die Meere beherrscht. Die Schlacht bei Trafalgar soll mit Corned Beef gewonnen worden sein. Derselbe Arzt gab jedoch meiner Frau zu verstehen, daß zuviel von diesem eingesalzenen Fleisch den kleinen Kindern schade, auch wenn es wochenlang in klarem Wasser gelegen hat.«

»Kommt Bruder Bellerophon — wie Sie ihn nannten — häufig in diesen Klub?«

»Nicht so häufig, wie wir es gern hätten. Ohne Übertreibung, er ist eines der beliebtesten und am meisten bewunderten Mitglieder. Die Klubmitglieder, alles sehr wohlhabende Männer, merkten sehr bald, daß seine Familie zu den vom Schicksal weniger Bevorzugten gehört. Sie machten ihn zum Ehrenmitglied, wodurch sich alle Beiträge erübrigen. Vier von ihnen, darunter auch ich, schlugen ihm hohe Positionen in ihren Gesellschaften und Geschäftsunternehmen vor. Bruder Prudentius bot ihm sogar die Stelle eines Vizepräsidenten in einer Lebensversicherungsgesellschaft in Hartford an. Bruder Candidus beschäftigt sich mit Siedlungsbauten in Florida. Bruder Bellerophons Name auf dem Briefkopf, seine stattliche Erscheinung, seine allenthalben gerühmte Redlichkeit könnten der Firma Millionen Dollar einbringen, die sie gerne mit ihm teilen würde. Und wir anderen standen nicht nach. Bruder Bellerophon aber hängt sehr an seiner Familie, seine Frau möchte nicht nach Connecticut oder Miami ziehen. Ich hoffe sehr, daß er es sich noch einmal überlegt und in meine Firma eintreten wird, sie hat es nötig.«

»Womit befaßt sich Ihre Firma?«

»Das möchte ich Ihnen lieber nicht sagen. Doch in Anbetracht seiner hohen Verdienste um dieses Land würde die Bundesregierung bei unseren Transaktionen gewiß ein Auge zudrücken.« Ich fügte leise hinzu: »Glauben Sie, daß noch Hoffnung auf seine Zusage besteht?«

»Bruder Asmodius, ich habe nicht die Absicht, diese Unterhaltung fortzusetzen.«

»Ein Mann muß arbeiten. Ein Mann muß auf eigenen Füßen stehen, gnädige Frau.«

»Ich werde jetzt sofort mit meinen Fäusten gegen diese Tür donnern!«

»Oh, Mrs. Edom, das bitte nicht. Sie werden mir noch die Mädchen aufwecken.«

»Mädchen! Was für Mädchen?«

»Am Wochenende pflegt es hier mitunter lustig zuzugehen. Alkohol und angenehme Gesellschaft aus New Bedford und Fall River. Die Mitglieder kehren oft zu sehr später Stunde in ihr Haus zurück. Aber wir gestatten ihren hübschen Freundinnen, hier auszuschlafen. Sie werden um zwei Uhr von einer Limousine abgeholt.«

»Mädchen! Wollen Sie etwa damit sagen, daß jetzt der Oberst sich dort oben mit einer Horde Isebels amüsiert?«

Ich machte ein nachdenkliches Gesicht. »An diesen Namen kann ich mich nicht erinnern … Ich habe eine Anita kennengelernt, eine Ruth, eine Lilian, eine Irene. Und eine Betty.«

»Ich verlasse augenblicklich dieses Haus. Nein, ich werde an die Tür donnern.«

»Gnädige Frau, als ein Klubmitglied muß ich verhindern, daß Sie in diesem Haus einen unziemlichen Aufruhr verursachen.« Scharf fügte ich hinzu: »Mrs. Edom ist mir als eine echte Lady geschildert worden, was man von ihrer Herrin allerdings nicht behauptet.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Ich zeigte auf die Uhr. »Sie brauchen nur noch eine Viertelstunde zu warten.«

»Was soll diese unverschämte Bemerkung bedeuten?«

»Es war keine unverschämte Bemerkung. Ich wollte nur Ihnen, Mrs. Edom, meine hohe Achtung aussprechen.«

»Ich warte …«

»Wenn Sie sich hinsetzen und aufhören, unsern Klub zu beschimpfen, werde ich … es Ihnen kurz erklären.«

Sie setzte sich wieder hin und starrte mich erwartungsvoll an. Ich polierte weiterhin meine Fingernägel und sagte aus dem Stegreif: »Meine liebe Frau ist im allgemeinen nicht