/ Language: Deutsch / Genre:prose_history

Der Name der Rose

Umberto Eco


Der Name der Rose

Umberto Eco

1982

1

Inhaltsverzeichnis

Natürlich, eine alte Handschrift

Prolog

I  Erster Tag

PRIMA

TERTIA

SEXTA

GEGEN NONA

NACH NONA

VESPER

KOMPLET

II  Zweiter Tag

METTE

PRIMA

TERTIA

SEXTA

NONA

NACH VESPER

KOMPLET

NACHT

III  Dritter Tag

VON LAUDES BIS PRIMA

TERTIA

SEXTA

NONA

VESPER

NACH KOMPLET

NACHT

IV  Vierter Tag

LAUDES

PRIMA

TERTIA

SEXTA

NONA

VESPER

KOMPLET

NACH KOMPLET

NACHT

V  Fünfter Tag

PRIMA

TERTIA

SEXTA

NONA

VESPER

KOMPLET

VI  Sechster Tag

METTE

LAUDES

PRIMA

TERTIA

NACH TERTIA

SEXTA

NONA

VON VESPER BIS KOMPLET

NACH KOMPLET

VII  Siebenter Tag

NACHT

NACHT

VIII  Epilog

IX  Anhang

Natürlich, eine alte Handschrift

Am 16. August 1968 fiel mir ein Buch aus der Feder eines gewissen Abbé Vallet in die Hände: Le manuscript de Dom Adson de Melk, traduit en français d’après l’édition de Dom J. Mabillon (Aux Presses de l’Abbaye de la Source, Paris 1842). Das Buch, versehen mit ein paar historischen Angaben, die in Wahrheit recht dürftig waren, präsentierte sich als die getreue Wiedergabe einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, die der große Gelehrte des 17. Jahrhunderts, dem wir so vieles für die Geschichte des Benediktinerordens verdanken, angeblich seinerseits im Kloster Melk gefunden hatte. Der kostbare Fund — meiner, also der dritte in zeitlicher Folge — heiterte meine Stimmung auf, während ich in Prag die Ankunft einer mir teuren Person erwartete. Sechs Tage später besetzten sowjetische Truppen die gebeutelte Stadt. Ich konnte glücklich die österreichische Grenze bei Linz erreichen, begab mich von dort aus weiter nach Wien, wo ich mit der langersehnten Person zusammentraf, und gemeinsam machten wir uns, aufwärts dem Lauf der Donau folgend, auf die Rückreise.

In einem Zustand großer Erregung las ich, fasziniert, die schreckliche Geschichte des Adson von Melk, und so heftig ließ ich mich von ihr packen, daß ich gleichsam aus dem Stand eine Rohübersetzung anfertigte. Rasch füllten sich mehrere jener großen Hefte der Papeterie Joseph Gibert, in denen es sich so angenehm schreiben läßt, wenn die Feder geschmeidig ist. Unterdessen erreichten wir die Gegend von Melk, wo in einer Biegung des Flusses noch heute steil das herrliche, mehrmals im Lauf der Jahrhunderte restaurierte Stift aufragt. Wie der Leser unschwer errät, fand ich in der Klosterbibliothek keine Spur der Adsonschen Handschrift.

Noch ehe wir Salzburg erreichten — es war eine tragische Nacht in einem kleinen Hotel am Mondsee — fand unsere idyllische Reise zu zweit ein abruptes Ende, und die Person, mit der ich gereist war, entschwand, wobei sie das Buch des Abbé Vallet mitnahm — nicht aus Bosheit, sondern infolge der wirren und brüsken Art, in der unsere Beziehung endete. So blieben mir lediglich eine Anzahl vollgeschriebener Quarthefte und eine große Leere im Herzen.

Monate später, in Paris, entschloß ich mich, der Herkunft meines erstaunlichen Fundes auf den Grund zu gehen. Von den wenigen Hinweisen, die ich dem französischen Buch entnommen hatte, war mir der folgende, außerordentlich detaillierte und präzise Quellenvermerk geblieben:

Vetera analecta, sive collectio veterum aliquot operum & opusculorum omnis generis, carminum, epistolarum, diplomaton, epitaphiorum, &, cum itinere germanico, adnotationibus & aliquot disquisitionibus R. P. D. Joannis Mabillon, Presbiteri ac Monachi Ord. Sancti Benedicti e Congregatione S. Mauri. — Nova Editio cui accessere Mabilonii vita & aliquot opuscula, scilicet Dissertatio de Pane Eucharistico, Azymo et Fermentato, ad Eminentiss. Cardinalem Bona. Subjungitur opusculum Eldefonsi Hispaniensis Episcopi de codem argumento Et Eusebii Romani ad Theophilum Gallum epistola, De cultu sanctorum ignotorum, Parisiis, apud Levesque, ad Pontem S. Michaelis, MDCCXXI, cum privilegio Regis.

Unschwer fand ich die Vetera Analecta in der Bibliothèque Sainte Geneviève, doch zu meiner großen Überraschung wich die dort vorhandene Ausgabe in zwei Punkten von der zitierten ab: erstens war als Verleger Montalant, ad Ripam Augustinianorum (prope Pontem S. Michaelis) angegeben, und zweitens war das Datum zwei Jahre früher. Überflüssig zu sagen, daß diese Analecta keinerlei Manuskript eines Adson oder Adso von Melk enthielten — es handelt sich vielmehr, wie jeder selbst nachprüfen kann, um eine Sammlung von mehr oder minder kurzen Texten, während die von Vallet übersetzte Geschichte sich über mehrere hundert Seiten erstreckte. Ich konsultierte daraufhin eine Reihe illustrer Mediävisten, unter anderem den teuren und unvergeßlichen Etienne Gilson, doch es gab keinen Zweifel: die einzigen existierenden Vetera Analecta waren jene, die ich in der Sainte Geneviève gefunden hatte. Ein Besuch in der Abbaye de la Source, unweit von Passy, und ein Gespräch mit meinem alten Freund Dom Arne Lahnestedt überzeugten mich ferner, daß kein Abbé Vallet jemals Bücher mit dem Druckvermerk dieser Abtei (die überdies gar keine Druckerei besitzt) veröffentlicht hat. Man kennt die Nachlässigkeit französischer Gelehrter bei der Angabe halbwegs zuverlässiger Quellenvermerke, doch dieser Fall überstieg jeden vernünftigen Pessimismus. War mir etwa eine Fälschung in die Hände gefallen? An das Buch von Vallet konnte ich mittlerweile nicht mehr heran (oder jedenfalls wagte ich nicht, es von der Person zurückzuerbitten, die es mir entführt hatte), und so blieben mir lediglich meine Aufzeichnungen, an denen ich nunmehr zu zweifeln begann.

Es gibt magische Augenblicke von großer körperlicher Erschöpfung und heftiger innerer Spannung, in denen einem zuweilen Visionen von Menschen erscheinen, die man früher gekannt hat (»en me retraçant ces details, j’en suis à me demander s’ils sont réels, ou bien si je les ai rêvés«). Wie ich später aus dem schönen Büchlein des Abbé de Bucquoy erfuhr, gibt es ebenso auch Visionen von Büchern, die noch nicht geschrieben worden sind.

Hätte sich nicht ein weiterer Zufall ereignet, ich stünde noch heute ratlos da mit meiner Frage nach dem Ursprung der unerhörten Geschichte des Adson von Melk. Doch als ich im Jahre 1970, während eines Aufenthaltes in Buenos Aires, die Regale eines kleinen Antiquariats an Corrientes durchstöberte, unweit des berühmten Patio del Tango an jener großen Straße, fiel mir die kastilianische Version eines Buches von Milo Temesvar in die Hände, Vom Gebrauch der Spiegel beim Schachspiel, das zu zitieren (aus zweiter Hand) ich bereits in meiner Studie Apokalyptiker und Integrierte Gelegenheit hatte, wo ich sein jüngeres Werk Die Apokalypsen-Händler besprach.

Es handelte sich bei meinem Fund um die spanische Übersetzung des inzwischen unauffindbaren Originals in georgischer Sprache (Tbilissi 1934), und zu meiner allergrößten Überraschung las ich darin ausführliche Zitate aus der Handschrift des Adson — nur daß als Quelle weder Vallet noch Mabillon angegeben waren, sondern Pater Athanasius Kircher (aber welches seiner Werke?). Zwar versicherte mir inzwischen ein Gelehrter, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte (und er nannte Belege aus dem Gedächtnis), der große Jesuit habe niemals von einem Adson aus Melk gesprochen. Aber ich habe die Stellen bei Temesvar mit eigenen Augen gesehen, und die Episoden, auf die er Bezug nahm, glichen aufs genaueste denen des von Vallet übersetzten Manuskripts (insbesondere die Beschreibung des Labyrinths erlaubte keinerlei Zweifel).

Mithin kam ich zu dem Schluß, daß die Erinnerungen des Mönches Adson offenbar teilhaben an der Natur der Ereignisse, über die er berichtet: wie jene sind sie umgeben von vielen dunklen Geheimnissen, angefangen bei der Person des Autors und bis hin zu jener so detailliert beschriebenen Abtei, über deren geographische Lage er sich beharrlich ausschweigt, so daß wir nur durch Konjekturen eine vage Zone in Nordwestitalien, etwa zwischen Pomposa und Conques vermuten können; am ehesten dürfte der Ort des Geschehens irgendwo an den Hängen des Apennin zwischen Piemont, Ligurien und der französischen Grenze zu finden sein (also in den Bergen an der Riviera oder, um es mit Dante zu sagen, zwischen Lerici und La Turbie). Was die Zeit des Geschehens betrifft, so versetzt uns Adsons Bericht in die letzte Novemberwoche des Jahres 1327, doch wann der Autor ihn niedergeschrieben hat, ist unklar. Bedenkt man, daß er zur Zeit des Geschehens Novize war und zur Zeit der Niederschrift seiner Erinnerungen an der Schwelle des Todes stand, so ist anzunehmen, daß sein geheimnisumwittertes Manuskript in den letzten zehn oder zwanzig Jahren des 14. Jahrhunderts entstand.

Spärlich sind also, bei Licht besehen, die Gründe, die mich zu bewegen vermochten, meine Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Der geneigte Leser möge bedenken: was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfaßten Textes.

Vor allem stellte sich mir die Frage, welchen Stil ich wählen sollte. Der Versuchung, mich an volkssprachlichen Vorbildern der Epoche zu orientieren, mußte ich widerstehen. Ein solches Verfahren wäre ganz ungerechtfertigt gewesen — nicht nur, weil Adson lateinisch schrieb, sondern mehr noch, weil aus der gesamten Diktion des Textes klar hervorgeht, daß seine Kultur (oder die der Abtei, von der er so offenkundig beeinflußt war) ganz andere Wurzeln hatte. Es handelt sich fraglos um eine über Jahrhunderte akkumulierte Summe von Kenntnissen und Stilgewohnheiten, die sich mit der spätmittelalterlich-klerikalen Bildungstradition verknüpft. Adson dachte und schrieb als ein Mönch, der gegen die sprachlichen Umwälzungen seiner Epoche resistent geblieben ist und sich, aufs engste verbunden mit den Büchern der Bibliothek, von deren Schicksal er uns so eindrucksvoll zu berichten weiß, an den Schriften der Kirchenväter und ihrer scholastischen Interpreten geschult hat. Was die Sprache und die gelehrten Zitate betrifft, so hätte sein Manuskript (läßt man die gelegentlichen Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse beiseite, die der Autor im übrigen stets nur gleichsam unter vielfachem Kopfschütteln und wie vom Hörensagen erwähnt) ohne weiteres im 12. oder 13. Jahrhundert geschrieben worden sein können.

Andererseits unterliegt es keinem Zweifel, daß sich Vallet beim Übersetzen des Adsonschen Mönchslateins in sein neugotisches Französisch durchaus einige Freiheiten erlaubt hat, nicht immer nur solche stilistischer Art. So sprechen zum Beispiel die Personen der Handlung des öfteren von den Heilkräften der Natur und vor allem gewisser Kräuter, wobei sie unverkennbar Bezug nehmen auf jenes Buch der geheimen Mächte, das dem Albertus Magnus zugeschrieben wird und im Verlauf der Jahrhunderte unzählige Emendationen erfahren hat. Daß Adson es kannte, ist gewiß, gleichwohl bleibt die Tatsache, daß er Abschnitte daraus zitiert, die allzu wörtlich an manche Rezepte des Paracelsus erinnern — oder auch an Interpolationen einer Albertus-Edition, die mit Sicherheit aus der Tudorzeit stammt.2 Wie ich später herausfand, zirkulierte zu der Zeit, als Vallet die Adsonsche Handschrift übertrug (?), in Paris eine mittlerweile ganz und gar unzuverlässige Edition des Grand sowie des Petit Albert aus dem frühen 17. Jahrhundert.3 — Doch freilich, wer wollte andererseits ausschließen, daß der Text, auf den sich Adson, beziehungsweise die von ihm aufgezeichnete Diskussion der Mönche bezog, nicht zwischen Glossen, Anmerkungen und Appendizes auch einige Annotationen enthielt, die in der späteren Tradition verarbeitet worden sind?

Sollte ich schließlich das Latein in jenen Passagen beibehalten, in denen es schon der Abbe Vallet unübersetzt gelassen hatte, wohl um das Flair der Zeit zu bewahren? Es gab dafür eigentlich keine überzeugenden Gründe, wenn man von einer vielleicht übertriebenen Treue zur Vorlage absieht. Ich habe das Übermaß eliminiert, doch einiges stehengelassen.4 Und ich fürchte ein wenig, mich dabei so verhalten zu haben wie jene schlechten Romanciers, die, wenn sie Franzosen in die Handlung einführen, ihnen Ausrufe in den Mund legen wie »parbleu!« oder »la femme, ah! la femme!«.

So bin ich, alles in allem, zutiefst von Zweifeln erfüllt. Eigentlich weiß ich gar nicht so recht, was mich schließlich bewogen hat, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen und den Bericht des Adson von Melk der geneigten Öffentlichkeit vorzulegen, als ob er authentisch wäre. Sagen wir: es war eine Geste der Zuneigung. Oder, wenn man so will, ein Akt der Befreiung von zahllosen uralten Obsessionen.

Ich schreibe (will sagen: bearbeite meine Rohübersetzung) ohne Präokkupationen um Fragen der Aktualität. In den Jahren, da ich den Text des Abbe Vallet entdeckte, herrschte die Überzeugung, daß man nur schreiben dürfe aus Engagement für die Gegenwart und im Bestreben, die Welt zu verändern. Heute, mehr als zehn Jahre danach, ist es der Trost des homme de lettres (der damit seine höchste Würde zurückerlangt), wieder schreiben zu dürfen aus reiner Liebe zum Schreiben. So fühle ich mich denn nun frei, aus schierer Lust am Fabulieren die Geschichte des Adson von Melk zu erzählen, und es erscheint mir stärkend und tröstlich, daß sie so unendlich fern in der Zeit ist (heute, da das Erwachen der Vernunft all jene Monster vertrieben hat, die ihr Schlaf einst zeugte), so herrlich frei von allen Bezügen zur Gegenwart, so zeitlos fremd unseren Hoffnungen und Gewißheiten.

Denn es ist eine Geschichte von Büchern, nicht von den Kümmernissen des Alltags, und ihre Lektüre mag uns dazu bewegen, mit dem großen Imitator a Kempis zu rezitieren: »In omnibus requiem quaesivi, et nusquam inveni nisi in angulo cum libro.«5

5. Januar 1980

ANMERKUNG

Das Manuskript des Adson ist in sieben Tage gegliedert und jeder Tag in mehrere Abschnitte, die den liturgischen Stunden entsprechen. Die Kapitelüberschriften, in der dritten Person formuliert, sind wahrscheinlich von Abbé Vallet hinzugefügt worden. Doch da sie nützlich sind zur Orientierung des Lesers und im übrigen keineswegs den Gebräuchen der Volksliteratur jener Zeit widersprechen, hielt ich es nicht für nötig, sie zu entfernen.

Einiges Kopfzerbrechen haben mir Adsons Bezugnahmen auf die kanonischen Stunden bereitet — nicht nur weil deren genaue Bestimmung je nach Regionen und Jahreszeiten schwankt, sondern auch weil man im 14. Jahrhundert die Vorschriften der Ordensregel des hl. Benedikt sehr wahrscheinlich nicht mehr allzu streng befolgt haben dürfte.

Unter Berücksichtigung des Kontexts und nach einem Vergleich der ursprünglichen Regel mit der Beschreibung des mönchischen Lebens, die Edouard Schneider in seinem Buch Les heures bénédictines (Grasset, Paris 1925) gegeben hat, scheint mir jedoch folgende Schätzung annähernd zuzutreffen:

Mette

(lat.

Matutina

, der Nachtgottesdienst, bei Adson zuweilen auch mit dem älteren Ausdruck

Vigiliae

bezeichnet) = frühmorgens zwischen 2.30 Uhr und 3.00 Uhr;

Laudes

(das Morgenlob, in der älteren Tradition

Matutinae

genannt) = zwischen 5.00 Uhr und 6.00 Uhr, so daß der Gottesdienst bei Anbruch der Dämmerung endet;

Prima

(die erste Stunde) = gegen 7.30 Uhr, kurz bevor es hell wird;

Tertia

(die dritte Stunde) = gegen 9.00 Uhr;

Sexta

(die sechste Stunde) = 12.00 Uhr mittags; in Klöstern, deren Mönche im Winter nicht auf den Feldern arbeiteten, war dies auch die Stunde des Mittagsmahls;

Nona

(die neunte Stunde) = zwischen 14.00 Uhr und 15.00 Uhr;

Vesper

(der Abendgottesdienst) = gegen 16.30 Uhr, bei Einbruch der Dämmerung (der Regel zufolge mußte das Abendmahl eingenommen werden, bevor es dunkel war);

Komplet

(das Nachtgebet, auch

Completorium

genannt) = gegen 18.00 Uhr; um 19.00 Uhr hatten die Mönche zu schlafen.

Prolog

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Das selbige war im Anfang bei Gott, und so wäre es Aufgabe eines jeden gläubigen Mönches, täglich das einzige eherne Faktum zu wiederholen, dessen unumstößliche Wahrheit feststeht. Doch videmus nunc per speculum in aenigmate,6 die Wahrheit verbirgt sich im Rätsel, bevor sie sich uns von Angesicht zu Angesicht offenbart, und nur für kurze Augenblicke (oh, wie so schwer zu fassende!) tritt sie hervor im Irrtum der Welt, weshalb wir ihre getreulichen Zeichen entziffern müssen, auch wo sie uns dunkel erscheinen und gleichsam durchwoben von einem gänzlich aufs Böse gerichteten Willen.

Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheit, teilhabend schon am immerwährenden Licht der himmlischen Klarheit, zurückgehalten nur noch von meinem schweren und siechen Körper in dieser Zelle meines geliebten Klosters zu Melk, hebe ich nunmehr an, diesem Pergament die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse anzuvertrauen, deren Zeuge zu werden mir in meiner Jugend einst widerfuhr. Verbatim will ich berichten, was ich damals sah und vernahm, ohne mich zu erkühnen, daraus einen höheren Plan abzuleiten, vielmehr gleichsam nur Zeichen von Zeichen weitergebend an jene, die nach mir kommen werden (so ihnen der Antichrist nicht zuvorkommt), auf daß es ihnen gelingen möge, sie zu entziffern.

Der Herr gewähre es mir in seiner Gnade, ein klares Bild der Ereignisse zu entwerfen, die sich zugetragen in jener Abtei, deren Lage, ja selbst deren Namen ich lieber verschweigen möchte aus Gründen der Pietät. Es geschah, als das Jahr des Herrn 1327 sich neigte — dasselbe, in welchem der Kaiser Ludwig gen Italien zog, um die Würde des Heiligen Römischen Reiches wiederherzustellen gemäß den Plänen des Allerhöchsten und zur Verwirrung des ruchlosen, ketzerischen und simonistischen Usurpators, der damals in Avignon Schande über den heiligen Namen des Apostolischen Stuhles brachte (ich spreche von der sündhaften Seele jenes Jakob von Cahors, den die Gottlosen als Papst Johannes XXII. verehrten).

Vielleicht empfiehlt es sich zum besseren Verständnis des Geschehens, in welches ich mich hineingezogen fand, daß ich zunächst in Erinnerung rufe, was sich in jenem Abschnitt dieses Jahrhunderts zutrug, so wie ich es damals begriff, als ich es miterlebte, und wie es mir heute, ergänzt um später Gehörtes, im Rückblick erscheint — wenn mein Gedächtnis imstande ist, die Fäden so vielfältiger und höchst verwirrender Ereignisse richtig zusammenzuknüpfen.

Bereits in den ersten Jahren des Jahrhunderts hatte Papst Clemens V. den Heiligen Stuhl nach Avignon transferiert, um Rom dem Ehrgeiz der örtlichen Adelsgeschlechter zu überlassen — woraufhin die heiligste Stadt der Christenheit, zerrissen von Machtkämpfen ihrer weltlichen Herren, sich schrittweise in einen Zirkus, ja ein Bordell verwandelte. Sie nannte sich Republik und war doch keine, durchzogen von bewaffneten Banden, geplagt von Gewalttätigkeiten und Plünderungen. Kirchenmänner, die sich der weltlichen Jurisdiktion entzogen, scharten Horden von Missetätern um sich und gingen auf Raub, das Schwert in der Hand, Prälaten mißachteten ihre Amtspflichten und betrieben korrupte Geschäfte. War es angesichts dessen nicht allzu verständlich, wenn nun das Caput Mundi erneut und mit Recht zum Ziel und Maß all derer wurde, die nach der Krone des Heiligen Römischen Reiches trachteten und die Würde der weltlichen Herrschaft wiederherstellen wollten, wie sie einst ruhmreich erglänzte zu Zeit der Cäsaren?

So kam es, daß Anno Domini 1314 zu Frankfurt am Main fünf deutsche Fürsten den Herzog Ludwig von Bayern zum höchsten Lenker des Reiches wählten. Am selben Tage hatten jedoch auf dem anderen Ufer des Main bereits der Pfalzgraf bei Rhein und der Erzbischof von Köln den Herzog Friedrich von Österreich zur selben Würde erkoren. Zwei Kaiser für einen Thron und ein Papst für deren zwei — eine Situation, die wahrlich nur höchste Verwirrung stiften konnte …

Zwei Jahre später wurde in Avignon der neue Papst gewählt: besagter Jakob von Cahors, ein alter Fuchs von zweiundsiebzig Jahren, der sich, wie bereits erwähnt, Johannes XXII. nannte — und gebe der Himmel, daß niemals wieder ein Pontifex Maximus darauf verfalle, sich einen so grenzenlos diskreditierten Namen zu wählen! Als Franzose und treuer Diener des Königs von Frankreich (die Bewohner jenes verderbten Landes sind stets geneigt, die Interessen der eigenen Landsleute vorzuziehen, gänzlich unfähig, die Welt insgesamt als ihr geistiges Vaterland zu betrachten) hatte er König Philipp den Schönen gegen die Ritter des Templerordens unterstützt, als dieser sie (wohl zu Unrecht) schlimmster Verbrechen zieh, um sich ihrer immensen Reichtümer zu bemächtigen, Arm in Arm mit besagtem korrupten Prälaten. Inzwischen hatte sich auch König Robert von Neapel in die Sache mit eingemischt und, um seine Vorherrschaft über die italienische Halbinsel aufrechtzuerhalten, den neuen Papst dazu überredet, keinen der beiden deutschen Kaiser anzuerkennen, auf daß er selber Generalkapitän des Kirchenstaates bleibe.

Im Jahre 1322 schlug Ludwig der Bayer seinen Rivalen Friedrich. Johannes, nun den einen Kaiser noch heftiger fürchtend als vorher die zwei, exkommunizierte den Sieger, woraufhin dieser seinerseits den Papst als Ketzer anklagte. Einfügen muß ich hier, daß im selben Jahre zu Perugia das Generalkapitel der franziskanischen Brüder getagt hatte — mit dem Ergebnis, daß nun ihr Ordensgeneral Michael von Cesena, anknüpfend an die Lehre der sogenannten »Spiritualen« (von denen zu sprechen ich noch Gelegenheit haben werde), die These der radikalen Armut Christi zur Glaubenswahrheit erhob: Wenn Christus mit seinen Jüngern, so lautete sie, je etwas besessen habe, dann nur als usus facti7 , nie aber als weltliches Eigentum. Eine würdige Resolution, gedacht zur Wahrung der Tugend und Reinheit des Ordens, doch sie mißfiel dem neuen Papst sehr, denn offenbar sah er darin ein Prinzip, das seinen eigenen Ansprüchen als Oberhaupt der Kirche entgegenstand — wollte er doch dem Kaiser das Recht auf die Wahl der Bischöfe absprechen und sich statt dessen selber das Recht auf die Investitur des Kaisers anmaßen. Sei es nun aus diesen oder aus anderen Gründen, jedenfalls verurteilte Johannes im Jahre 1323 die Thesen der Franziskaner in seinem Dekretale Cum inter nonnullos.

Dies, denke ich, war wohl der Zeitpunkt, an welchem Ludwig in den Franziskanern, die dem Papst nunmehr feindlich gesonnen waren, mächtige Alliierte zu sehen begann. Durch ihre Thesen über die Armut Christi bestärkten sie in gewisser Weise die Auffassungen der kaiserlichen Theologen, namentlich der Gelehrten Marsilius von Padua und Johannes von Jandun. So kam es schließlich dazu, daß Ludwig, nachdem er sich mit dem geschlagenen Friedrich verständigt hatte, wenige Monate vor den Ereignissen, die ich hier zu berichten gedenke, über die Alpen nach Italien zog. Kampflos erreichte er Mailand, ließ sich von den dort versammelten Bischöfen die Lombardenkrone aufsetzen, geriet in Streit mit den Fürsten Visconti, obwohl sie ihn freundlich empfangen hatten, belagerte Pisa, ernannte Castruccio, den Herzog von Lucca, zum Reichsvikar (womit er wohl einen Fehlgriff getan haben dürfte, wüßte ich doch keinen grausameren Menschen zu nennen, außer vielleicht Uguccione della Faggiola) und rüstete sich zum Marsch auf Rom, gerufen vom dortigen Stadtfürsten Sciarra Colonna.

Dies war die Lage, als ich — damals ein blutjunger Benediktiner-Novize im Stift zu Melk — aus der Klosterruhe gerissen ward, denn mein Vater, ein Baron im Gefolge Ludwigs, hielt es für richtig, mich mitzunehmen, auf daß ich die Wunder Italiens sähe und anwesend sei bei der erwarteten Kaiserkrönung in Rom. Indessen beanspruchte die Belagerung Pisas seine militärischen Dienste, und ich nutzte die Zeit, mich ein wenig umzutun in toskanischen Städten, halb aus Langeweile und halb aus Neugier. Doch dieses freie und regellose Leben ziemte sich nicht, wie meine Eltern meinten, für einen dem kontemplativen Dasein gewidmeten Jüngling, und so gaben sie mich auf den Rat des Marsilius, der Gefallen an mir gefunden hatte, in die Obhut eines gelehrten Franziskaners, des Bruders William von Baskerville, der sich zu jener Zeit gerade anschickte, eine geheimnisvolle Mission zu erfüllen, die ihn durch eine Reihe berühmter Städte und ehrwürdiger Abteien Italiens führen sollte. So wurde ich sein Adlatus und sein Schüler zugleich — und hatte es nicht zu bereuen, denn an seiner Seite erlebte ich Dinge, die es wahrhaftig wert sind, dem Gedenken der Nachwelt überliefert zu werden, wie ich es nun tun will.

__________

Was Bruder William tatsächlich suchte, wußte ich damals nicht, und um die Wahrheit zu sagen, ich weiß es noch heute nicht. Mir scheint fast, er wußte es selber nicht recht. Was ihn antrieb, war einzig sein nimmermüdes Streben nach Wahrheit, gepaart mit seinem steten und fortwährend von ihm selber genährten Verdacht, daß die Wahrheit nie das sei, was sie in einem gegebenen Augenblicke zu sein schien. Vielleicht haben ihn auch die dringlichen Anforderungen der Zeitläufte in jenen Jahren ein wenig von seinen Lieblingsstudien abgelenkt. Mit welcher Mission er beauftragt war, blieb mir während unserer ganzen Reise verborgen, jedenfalls sprach er mir gegenüber niemals davon. Gewiß versuchte ich, mir aus da und dort aufgeschnappten Fetzen seiner Gespräche mit den Äbten der Klöster, die wir besuchten, ein vages Bild von der Art seines Auftrags zu machen, doch wollte es mir nicht gelingen, bis wir unser Ziel erreichten, wovon ich noch sprechen werde. Wir brachen in nördlicher Richtung auf, doch folgte unser Reiseweg nicht einer geraden Linie, und wir verweilten in verschiedenen Abteien. So kam es, daß wir, obgleich unser letztes Ziel eher im Osten lag, allmählich weiter und weiter nach Westen abbogen, ungefähr dem Gebirgszug folgend, der sich von Pisa zu den Paß wegen des heiligen Jakob erstreckt, wodurch wir in eine Gegend gerieten, die näher zu nennen mir nicht ratsam erscheint wegen der schrecklichen Dinge, die sich dort zutragen sollten; immerhin kann ich sagen, daß ihre weltlichen Herren treu zum Kaiser hielten und daß die dortigen Äbte unseres Ordens sich in gemeinsamer Übereinkunft dem ketzerischen und korrupten Papst widersetzten. Unsere Reise währte zwei Wochen, in welchen so manches geschah, und das gab mir Gelegenheit, meinen neuen Lehrmeister besser kennenzulernen (wenn auch nie gut genug, wie ich mir immer sage).

Ich werde mich auf den folgenden Seiten nicht mit Personenbeschreibungen aufhalten (es sei denn, ein bestimmter Gesichtsausdruck oder eine Geste erscheinen als Zeichen einer zwar stummen, aber deshalb nicht minder beredten Sprache), denn wie Boethius sagt: Nichts ist flüchtiger als die äußere Form, sie welkt und vergeht wie die Blumen des Feldes beim Anbruch des Herbstes, und welchen Sinn hätte es, heute etwa von dem Abt Abbo zu sagen, er habe stechende Augen und bleiche Wangen gehabt, wo er doch nun mit seiner ganzen Umgebung zu Staub zerfallen ist, und des Staubes todkündendes Grau färbt seinen mürben Körper (während allein seine Seele — so Gott will — in einem nie verlöschenden Licht erglänzt)? Indessen: von Bruder William möchte ich sprechen, einmal wenigstens hier, ein und für allemal, denn bei seinem Anblick fesselten mich noch die feinsten Gesichtszüge, und es gehört ja zum Wesen des Jünglings, sich zu begeistern für einen älteren, weiseren Mann, nicht nur bezaubert vom Charme seiner Worte und vom Scharfsinn seines Geistes, sondern sehr wohl auch betört von der äußeren Form seines Körpers, die einem lieb und teuer erscheinen mag wie die Gestalt eines Vaters, dessen Bewegungen man studiert und in dessen Antlitz man die geringsten Zeichen des Unmuts ebenso rasch erkennt wie die Andeutung eines Lächelns — ohne daß auch nur ein Schatten von wollüstiger Begierde diese besondere Art körperlicher Liebe (vielleicht die einzige wirklich reine) befleckt.

Die Menschen von ehedem waren groß und schön, die heutigen sind wie unreife Kinder und Zwerge, doch diese Tatsache ist nur eine der vielen, die das Elend unserer vergreisenden Welt bezeugen. Die Jugend will nichts mehr lernen, die Wissenschaft ist im Verfall, die ganze Welt steht auf dem Kopfe, Blinde führen andere Blinde und lassen sie in die Grube stürzen, die Vögel schießen hernieder, bevor sie sich in die Lüfte erheben, der Esel spielt auf der Leier, die Ochsen drehen sich im Tanz. Maria liebt nicht mehr das kontemplative Leben und Martha liebt nicht mehr das tätige Leben, Lea ist unfruchtbar, Rahel schaut lüstern drein, Cato geht ins Bordell und Lukrez wird weibisch. Alles ist abgewichen von seinem vorgezeichneten Wege. Dank sei dem Herrn, daß ich in solch finsteren Zeiten einen Lehrmeister hatte, der mir die Wißbegier einflößte und den Sinn für den aufrechten Gang, welcher nicht wankt noch weicht, auch wenn der Weg holprig wird.

Die physische Erscheinung Williams von Baskerville war so eindrucksvoll, daß sie noch die Aufmerksamkeit des zerstreutesten Beobachters auf sich gezogen hätte. Seine hohe Gestalt überragte die eines gewöhnlichen Mannes, und durch ihre Schlankheit wirkte sie sogar noch größer. Er hatte scharfe, durchdringende Augen, und die schmale, leicht gebogene Nase verlieh seinem Antlitz den Ausdruck einer lebhaften Wachsamkeit (außer in jenen Momenten der Starre, von denen ich noch sprechen werde). Auch sein Kinn verriet einen starken Willen, mochte sein langgezogenes Gesicht, das voller Sommersprossen war (wie man es oft bei Leuten aus dem Inselreich zwischen Hibernia und Northumbria sieht), zuweilen auch Unsicherheit und Verblüffung ausdrücken können. Mit der Zeit begriff ich dann freilich, daß diese scheinbare Unsicherheit in Wirklichkeit bloße Neugier war, doch anfangs wußte ich wenig von dieser Tugend und hielt sie eher für eine Leidenschaft der lüsternen Seele; ich war der Ansicht, daß der vernünftige Geist sich nicht an ihr nähren dürfe, seine Nahrung sei einzig die reine Wahrheit, die man (wie ich meinte) von Anfang an kennt.

Kindisch, wie ich war, fesselten mich als erstes die flaumighellen Haarbüschel, die aus Bruder Williams Ohren kamen, und seine dichten blonden Brauen. Er mochte ungefähr fünfzig Lenze zählen, war also schon ziemlich alt, doch er bewegte seinen unermüdlichen Körper mit einer Leichtigkeit, die mir selber oft abging. Seine Energie schien unerschöpflich, wenn es rasch und gezielt zu handeln galt. Von Zeit zu Zeit aber, gleichsam als hätte sein Lebensgeist teil an der Gangart des Krebses, wich er zurück in Phasen der Trägheit, und stundenlang sah ich ihn dann lang ausgestreckt auf seiner Bettstatt in der Zelle liegen, kaum eine Silbe murmelnd und keinen Muskel in seinem Gesicht bewegend. Bei solchen Gelegenheiten erschien ein Ausdruck von Leere und Abwesenheit in seinem Blick, und ich hätte ihn fast schon unter dem Einfluß einer Visionen erzeugenden Kräutersubstanz gewähnt, hätte nicht die Enthaltsamkeit seines ganzen Lebenswandels mir einen solchen Verdacht untersagt. Gleichwohl sei nicht verschwiegen, daß er im Verlauf unserer Reise sich manchmal an einem Wiesensaum oder Waldrand aufhielt, um irgendein Kraut zu sammeln (vermutlich immer dasselbe) und es dann mit selbstvergessener Miene zu kauen. Etwas davon trug er immer bei sich und aß es in den Momenten höchster Spannung (von denen wir viele hatten in der Abtei!). Als ich ihn einmal fragte, um was für ein Kraut es sich handele, sagte er lächelnd, ein guter Christ könne zuweilen auch von den Ungläubigen etwas lernen, und als ich ihn bat, mich davon kosten zu lassen, erwiderte er, wie in den höheren Künsten gebe es auch in den niederen paidikoi und ephebikoi und gynaikeioi und so weiter, und was gut sei für einen alten Franziskaner, sei deshalb noch lange nicht gut für einen jungen Benediktiner.

In den Wochen unseres Beisammenseins hatten wir nicht viel Gelegenheit, ein geregeltes Leben zu führen. In der Abtei mußten wir die Nächte durchwachen und fielen tagsüber vor Müdigkeit um, auch nahmen wir nicht regelmäßig an den Gottesdiensten teil. Auf der Reise kam es allerdings selten vor, daß William nach der Komplet noch aufblieb, und im allgemeinen lebte er äußerst genügsam. Manchmal, vor allem in der Abtei, verbrachte er halbe Tage im Klostergarten und examinierte Pflanzen, als wären sie Chrysoprase oder Smaragde, und dann wiederum sah ich ihn in der Krypta zwischen den Schätzen herumgehen und einen mit Smaragden und Chrysoprasen besetzten Reliquienschrein betrachten, als sei er ein Stechapfelstrauch. Ein andermal verbrachte er einen halben Tag im großen Saal des Skriptoriums und blätterte in Manuskripten, als suche er darin nichts anderes als sein Vergnügen (während sich um uns die Leichen grausam ermordeter Mönche häuften). Eines Tages traf ich ihn im Garten, wo er anscheinend vollkommen ziellos umherschlenderte, als hätte er Gott nicht Rechenschaft abzulegen über sein Tun. In Melk war mir eine andere Art von Zeitvertreib beigebracht worden, und ich sagte ihm das. Woraufhin er mir antwortete, die Schönheit des Kosmos bestehe nicht nur aus der Einheit in der Vielfalt, sondern auch aus der Vielfalt in der Einheit. Mir kam diese Antwort recht fragwürdig vor, ja geprägt von einer naiven, ungeschliffenen Empirie, aber später sollte ich lernen, daß Bruder Williams Landsleute häufig die Dinge in einer Weise zu definieren pflegen, in welcher das klare Licht der Vernunft keine allzu große Rolle spielt.

Während unseres Aufenthalts in der Abtei sah ich seine Hände stets bedeckt vom Staub der Bücher, vom Gold der noch frischen Miniaturen oder von gelblichen Substanzen, die er in Severins Hospital berührt hatte. Man mochte meinen, er könne nur mit den Händen denken, was mir eher eines Mechanikus würdig schien (und der Mechanikus, so hatte man mich gelehrt, ist moechus, er verhält sich ehebrecherisch gegenüber der vita intellectualis, anstatt im keuschesten Ehebunde mit ihr vereint zu sein). Doch wenn Bruder Williams Hände die zartesten Dinge berührten, etwa gewisse Handschriften mit noch feuchten Miniaturen oder brüchige, vom Zahn der Zeit ganz zerfressene Buchseiten, so besaß er, wie mir schien, eine außerordentliche Feinfühligkeit — die gleiche, die er im Umgang mit seinen Maschinen bezeugte. Jawohl, mit seinen Maschinen, denn dieser seltsame Mann trug in seinem Reisebeutel merkwürdige Instrumente mit sich herum, die ich noch nie gesehen hatte und die er seine wunderbaren kleinen Maschinen nannte. Maschinen, so sagte er mir, seien Ausflüsse der Kunst, die ihrerseits die Natur imitiert, und von dieser reproduzierten sie nicht die Form, sondern die Wirkungsweise. So erklärte er mir mit der Zeit die Funktion der Augengläser, des Astrolabiums und des Magneten. Anfangs freilich fürchtete ich, es handle sich um eine Art Hexerei, und stellte mich schlafend, wenn er in klaren Nächten aufstand, um (mit einem seltsamen Dreieck in der Hand) die Sterne zu beobachten. Die Franziskaner, die ich in Italien und in meiner Heimat kennengelernt hatte, waren einfache Männer gewesen, oft sogar Analphabeten, und so überraschte mich seine hohe Bildung. Er aber sagte lächelnd, die Franziskaner seiner Inselheimat seien von anderem Schlage: »Roger Bacon, den ich als meinen Meister verehre, hat uns gelehrt, daß der göttliche Plan sich eines Tages durch die Wissenschaft der Maschinen verwirklichen wird, die eine magia naturalis et sancta ist. Und kraft der Natur wird man eines Tages Navigationsinstrumente bauen, dank welcher die Schiffe unico homine regente 8 übers Meer fahren können, und sogar wesentlich schneller als jene, die angetrieben werden von Segeln oder von Rudern. Und es wird Wagen geben ‘ut sine animali moveantur cum impetu inaestimabili, et instrumenta volandi et homo sedens in medio instrumenti revolvens aliquod ingenium per quod alae artificialiter compositae aerem verberent, ad modum avis volantis’9 . Und winzige Instrumente, die ungeheure Gewichte heben, und Fahrzeuge, mit denen man auf dem Grunde des Meeres fahren kann.«

Auf meine Frage, wo diese Maschinen denn seien, antwortete er, einige habe man schon in alten Zeiten gebaut und andere auch in den unseren, »ausgenommen die Instrumente zum Fliegen, die ich nicht gesehen habe, und ich kenne auch keinen, der sie gesehen hätte, aber ich kenne einen Gelehrten, der sie gedacht hat. Man kann auch Brücken bauen, die sich ohne Säulen oder andere Stützen über die Flüsse spannen, und andere unerhörte Maschinen. Aber sei nicht bekümmert, wenn sie noch nicht existieren, denn das heißt nicht, daß sie nie existieren werden. Ich sage dir, Gott will, daß sie existieren, und gewiß existieren sie längst schon in seinem Geist, auch wenn mein Freund William von Ockham solch eine Existenzweise der Ideen bestreitet, und nicht weil wir über die göttliche Natur entscheiden könnten, sondern gerade weil wir ihr keinerlei Grenze zu setzen vermögen.« Das war nicht der einzige widersprüchliche Satz, den ich aus seinem Munde vernahm; doch selbst heute, da ich nun alt geworden und klüger als damals bin, habe ich immer noch nicht ganz verstanden, wie er so großes Vertrauen in seinen Freund von Ockham setzen und zugleich immerfort auf die Worte Bacons schwören konnte. Wahrlich, es waren finstere Zeiten, in denen ein kluger Mann sich genötigt sah, Dinge zu denken, die zueinander im Widerspruch standen!

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Wohlan, ich habe von Bruder William gesprochen und manches berichtet, was vielleicht noch keinen rechten Sinn ergibt, doch ich wollte gleichsam mit dem Anfang beginnen und zunächst die unzusammenhängenden Eindrücke wiedergeben, die ich damals von ihm gewann. Wer er war und was er bewirkte, wirst du, lieber Leser, wohl besser an seinen Taten erkennen, die er während unseres Aufenthaltes in der Abtei vollbrachte. Auch habe ich dir kein vollständiges Bild versprochen, sondern eher (das allerdings wirklich) einen Tatsachenbericht über eine Reihe von denkwürdigen und schrecklichen Ereignissen.

Während ich so meinen Lehrmeister jeden Tag besser kennenlernte in langen Stunden gemeinsamer Wanderschaft voller nicht enden wollender Gespräche, die ich von Fall zu Fall wiedergeben werde, wenn es mir geboten scheint, erreichten wir schließlich den Fuß des Berges, auf welchem sich die besagte Abtei erhob. Und so wird es nun Zeit, daß auch mein Bericht sich ihr nähert, wie damals wir Wandersleute es taten — und gebe Gott, daß meine Hand nicht zittert, wenn ich nun niederzuschreiben beginne, was dann geschah.

Teil I

Erster Tag

PRIMA

Worin man zu der Abtei gelangt und Bruder William großen Scharfsinn beweist.

Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, und so bedeckte ein frischer weißer Schleier, kaum mehr als zwei Finger hoch, den Boden. Noch bei Dunkelheit, gleich nach Laudes, hatten wir talabwärts in einem Dorf die Messe gehört. Dann waren wir aufgebrochen, um beim ersten Tageslicht in die Berge zu gehen.

Als wir den steilen Pfad erklommen, der sich die Hänge hinaufwand, sah ich zum erstenmal die Abtei. Nicht ihre Mauern überraschten mich, sie glichen den anderen, die ich allerorten in der christlichen Welt gesehen, sondern die Massigkeit dessen, was sich später als das Aedificium herausstellen sollte. Es war ein achteckiger Bau, der aus der Ferne zunächst wie ein Viereck aussah (die höchstvollendete Form, Ausdruck der Beständigkeit und Uneinnehmbarkeit der Stadt Gottes). Seine Südflanke ragte hoch über das Plateau der Abtei, während die Nordmauern unmittelbar aus dem Berghang zu wachsen schienen gleich schräg im Fels verwurzelten Bäumen. Von unten gesehen schien es geradezu, als verlängerte sich der Felsen zum Himmel, um in einer gewissen Höhe, ohne sichtbaren Wandel in Färbung und Stoff, zum mächtigen Turm zu werden — ein Werk von Riesenhand, geschaffen in größter Vertrautheit mit Himmel und Erde. Drei Fensterreihen skandierten den Tripelrhythmus des Aufbaus, dergestalt daß, was physisch als Quadrat auf der Erde stand, sich spirituell als Dreieck zum Himmel erhob. Beim Näherkommen sahen wir dann, daß aus der quadratischen Grundform an jeder ihrer vier Ecken ein siebeneckiger Turm hervorsprang, der jeweils fünf Seiten nach außen kehrte, so daß mithin vier der acht Seiten des größeren Achtecks in vier kleinere Siebenecke mündeten, die sich nach außen als Fünfecke darstellten. Niemandem wird die herrliche Eintracht so vieler heiliger Zahlen entgehen, deren jede einen erhabenen geistigen Sinn offenbart: acht die Zahl der Vollendung jedes Vierecks, vier die der Evangelien, fünf die der Weltzonen, sieben die der Gaben des Heiligen Geistes. Nach Umfang und Form erschien mir der Bau nicht unähnlich jenen gewaltigen Burgen, die ich später im Süden der italienischen Halbinsel sah, Castel Ursino oder auch Castel del Monte, aber dank seiner uneinnehmbaren Lage wirkte er düsterer noch als jene und war sehr wohl dazu angetan, den Wanderer, der sich ihm nahte, erschauern zu lassen. Dabei konnte ich noch von Glück sagen, daß ich ihn erstmals an einem klaren Herbstmorgen erblickte und nicht etwa an einem stürmischen Wintertag.

Jedenfalls flößte mir die Abtei alles andere als Gefühle der Heiterkeit ein, ich empfand bei ihrem Anblick eher ein Schaudern und eine seltsame Unruhe. Und das waren, weiß Gott, keine Phantasiegespinste meiner furchtsamen Seele, es war vielmehr die korrekte Deutung unzweifelhafter Vorzeichen, dem Fels eingeschrieben seit jenem Tage, da einst die Riesen Hand an ihn legten, bevor noch die Mönche in ihrem vergeblichen Streben sich erkühnten, ihn zum Hüter des göttlichen Wortes zu weihen.

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Als nun unsere Mulis die letzte Steilkehre erklommen und wir an eine Kreuzung gelangten, an welcher rechts und links zwei Seitenpfade begannen, verharrte mein Meister einen Augenblick und betrachtete aufmerksam die Ränder des Weges, den Weg selbst und die Bäume darüber; eine Reihe von immergrünen Pinien formte an dieser Stelle so etwas wie ein natürliches Dach, überzogen mit einer dünnen Schneeschicht.

»Reiche Abtei«, sagte er. »Dem Abt gefällt es, glanzvoll in der Öffentlichkeit aufzutreten.«

Da ich es bereits gewohnt war, ihn zuweilen höchst sonderbare Bemerkungen machen zu hören, schwieg ich dazu. Auch weil wir nach wenigen Schritten plötzlich Stimmen vernahmen und gleich darauf hinter einer Wegbiegung ein aufgeregt gestikulierender Trupp von Mönchen und Laienbrüdern erschien. Einer von ihnen trat sofort, als er uns erblickte, auf uns zu und begrüßte uns mit ausgesuchter Höflichkeit: »Willkommen, meine Herren! Wundert Euch nicht, daß ich mir schon denken kann, wer Ihr seid, denn man hat uns Euren Besuch angekündigt. Ich bin Remigius von Varagine, der Cellerar dieses Klosters. Und wenn Ihr, wie ich vermute, Bruder William von Baskerville seid, muß der Abt sogleich unterrichtet werden. Du«, befahl er einem aus seinem Gefolge, »lauf zurück und melde, daß unser Besuch sich der Einfriedung nähert!«

»Ich danke Euch, Herr Cellerar«, erwiderte freundlich mein Meister, »und Eure Höflichkeit schätze ich um so mehr, als Ihr, um mich zu begrüßen, Eure Suche unterbrochen habt. Aber macht Euch keine Sorgen, das Pferd ist hier vorbeigelaufen und auf den rechten Seitenpfad abgebogen. Es kann nicht weit gekommen sein, denn bei der Müllhalde wird es stehenbleiben. Es ist zu klug, um sich auf den Steilhang zu wagen.«

»Wann habt ihr es gesehen?« fragte der Cellerar.

»Wir haben es gar nicht gesehen, nicht wahr, Adson?« erwiderte William zu mir gewandt mit heiterer Miene. »Aber wenn Ihr Brunellus sucht, so werdet Ihr das edle Tier dort finden, wo ich es Euch gesagt habe.«

Der Cellerar zögerte, schaute William verblüfft ins Gesicht, warf einen Blick in den Seitenpfad und fragte schließlich: »Brunellus? Woher wißt Ihr?«

»Nun«, antwortete William, »es liegt doch auf der Hand, daß Ihr Brunellus sucht, das Lieblingspferd Eures Abtes, den besten Renner in Eurem Stall; einen Rappen, fünf Fuß hoch, mit prächtigem Schweif; kleine runde Hufe, aber sehr regelmäßiger Galopp; schmaler Kopf, feine Ohren, aber große Augen. Er ist nach rechts gelaufen, ich sage es Euch, und auf jeden Fall solltet Ihr Euch beeilen.«

Der Cellerar verharrte noch einen Augenblick unschlüssig, gab dann den Seinen ein Zeichen und stürzte sich ihnen voran in den Pfad zur Rechten, indes unsere Mulis sich wieder in Bewegung setzten. Von Neugier gedrängt hob ich an, William mit Fragen zu überschütten, doch er bedeutete mir zu schweigen und die Ohren zu spitzen. Und in der Tat vernahmen wir kurz darauf einen Freudenschrei, und wenig später erschien an der Wegbiegung hinter uns wieder der Trupp, nun mit dem Rappen am Zügel. Sie holten uns ein, betrachteten uns im Vorbeigehen, immer noch völlig verblüfft, von der Seite und eilten voraus zur Abtei. Mich dünkte, daß William sogar seinen Schritt ein wenig verlangsamte, um ihnen mehr Zeit zu lassen, das Vorgefallene zu berichten. Tatsächlich hatte ich auch schon bei anderen Gelegenheiten bemerkt, daß mein guter Meister, wiewohl in jeder Hinsicht ein Mann von allerhöchster Tugend, zuweilen ein wenig dem Laster der Eitelkeit nachgab, wenn es darum ging, seinen Scharfsinn zu beweisen, und nachdem ich ihn bereits als gewandten Diplomaten schätzen gelernt, begriff ich nun: Er wollte sein Ziel erreichen als einer, dem der Ruf eines außerordentlich klugen Mannes vorausgeht.

»Nun sagt mir aber«, konnte ich schließlich nicht an mich halten, »wie habt Ihr es angestellt, das alles zu wissen?«

»Mein lieber Adson«, antwortete er, »schon während unserer ganzen Reise lehre ich dich, die Zeichen zu lesen, mit denen die Welt zu uns spricht wie ein großes Buch. Meister Alanus ab Insulis sagte:10

omnis mundi creatura

quasi liber et pictura

nobis est et speculum

und dabei dachte er an den unerschöpflichen Schatz von Symbolen, mit welchen Gott durch seine Geschöpfe zu uns vom ewigen Leben spricht. Aber das Universum ist noch viel gesprächiger, als Meister Alanus ahnte, es spricht nicht nur von den letzten Dingen (und dann stets sehr dunkel), sondern auch von den nächstliegenden, und dann überaus deutlich. Ich schäme mich fast, dir zu wiederholen, was du doch wissen müßtest: Am Kreuzweg zeichneten sich im frischen Schnee sehr klar die Hufspuren eines Pferdes ab, die auf den Seitenpfad zu unserer Linken wiesen. Schön geformt und in gleichen Abständen voneinander, lehrten sie uns, daß der Huf klein und rund war und der Galopp von großer Regelmäßigkeit, woraus sich auf die Natur des Pferdes schließen ließ und daß es nicht aufgeregt rannte wie ein scheuendes Tier. An der Stelle, wo die Pinien eine Art natürliches Dach bildeten, waren einige Zweige frisch abgeknickt, genau in fünf Fuß Höhe. An einem der Maulbeersträucher — dort, wo das Tier kehrtgemacht haben mußte, um den rechten Seitenpfad einzuschlagen mit stolzem Schwung seines prächtigen Schweifes — befanden sich zwischen den Dornen noch ein paar tiefschwarze Strähnen … Und du wirst mir doch wohl nicht weismachen wollen, du habest nicht gewußt, daß dieser Seitenpfad zur Müllhalde führt; schließlich hatten wir bereits von der unteren Wegbiegung aus den breiten Strom der Abfälle steil am Hang zu Füßen des Ostturms gesehen, der eine häßliche Spur im Schnee hinterließ. Und wie die Kreuzung lag, konnte der Pfad nur in diese Richtung führen.«

»Gewiß«, sagte ich, »aber der schmale Kopf, die feinen Ohren, die großen Augen …?«

»Ich weiß nicht, ob der Rappe sie wirklich hat, aber ich bin überzeugt, daß die Mönche es glauben. Meister Isidor von Sevilla lehrt, die Schönheit eines Pferdes verlange, ‘ut sit exiguum caput, et siccum, pelle prope ossibus adhaerente, aures breves et argutae, oculi magni, nares patulae, erecta cervix, coma densa et cauda, ungularum soliditate fixa rotunditas’11 . Wenn also das Pferd, dessen Spur ich gesehen, nicht wirklich das beste wäre im Stall der Abtei, wie erklärst du dir dann, daß nicht nur die Stallburschen nach ihm suchten, sondern der Bruder Cellerar höchstpersönlich? Und ein Mönch, der ein Pferd für hervorragend hält, kann gar nicht anders, als es — ungeachtet seiner natürlichen Formen — so zu sehen, wie es ihm die Auctoritates beschrieben. Zumal« — und hierbei lächelte er maliziös in meine Richtung — »wenn er ein belesener Benediktiner ist …«

»Gut, gut«, sagte ich, »aber wieso ‘Brunellus’?«

»Möge der Heilige Geist dir etwas mehr Grips in den Kürbis geben, mein Sohn!« rief der Meister aus. »Welchen Namen hättest du ihm denn sonst gegeben, wenn selbst der große Buridan, der nun bald Rektor in Paris werden wird, keinen natürlicheren wußte, als er von einem schönen Pferd reden sollte?«

So war er, mein Herr und Meister. Er vermochte nicht nur im großen Buch der Natur zu lesen, sondern auch in der Art und Weise, wie die Mönche gemeinhin die Bücher der Schrift zu lesen und durch sie zu denken pflegten — und wie wir sehen werden, sollte ihm diese Fähigkeit in den folgenden Tagen noch überaus nützlich werden. Im übrigen schien mir seine Erklärung so evident, daß meine Schmach, nicht von allein darauf gekommen zu sein, rasch wettgemacht wurde durch meinen Stolz, nun teilzuhaben an dieser Erkenntnis, und ich beglückwünschte mich gleichsam selbst zu meinem Scharfsinn. So groß ist die Kraft der Wahrheit, daß sie — wie die Schönheit — sozusagen von selber um sich greift. Und gelobt sei der Name unseres Herrn Jesus Christus für diese schöne Erkenntnis!

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Doch zurück zu meiner Erzählung, ich schwatzhafter Greis verweile zu lange bei Marginalien. Berichtet sei lieber, daß wir zum Tor der Abtei gelangten, und auf der Schwelle empfing uns der Abt, begleitet von zwei Novizen, die ihm eine goldene Schale mit Wasser reichten. Und als wir von unseren Maultieren stiegen, wusch er Bruder William die Hände, umarmte ihn und hieß ihn willkommen mit einem Kuß auf den Mund, indes der Cellerar sich meiner annahm.

»Dank Euch, Abbo«, sagte Bruder William. »Es ist mir eine große Freude, den Fuß in Euer Hochwürden Kloster zu setzen, dessen Ruhm diese Berge weit übersteigt. Ich komme im Namen Unseres Himmlischen Herrn, und als seinem Diener habt Ihr mir Ehre erwiesen. Aber ich komme zugleich auch im Namen unseres weltlichen Herrn, wie dieser Brief hier Euch lehren wird, und in seinem Namen danke ich Euch für Euren Empfang.«

Der Abt nahm den Brief, warf einen Blick auf das kaiserliche Siegel und meinte, in jedem Falle seien vor William schon andere franziskanische Brüder mit solchen Briefen gekommen (eine Antwort, die wieder einmal bewies, so sagte ich mir nicht ohne heimlichen Anflug von Stolz, wie schwer es ist, einen Benediktiner-Abt aus der Fassung zu bringen). Dann bat er den Bruder Cellerar, uns in unsere Unterkünfte zu führen, während die Stallburschen sich unserer Tiere annahmen, und verließ uns mit dem Versprechen, uns später Besuch abzustatten, wenn wir uns ein wenig erholt haben würden. So traten wir in den großen Hof. Vor unseren Augen erstreckten sich die verschiedenen Gebäude der Abtei weitläufig über ein sanft gewelltes Plateau, das in Form einer flachen Mulde (oder Alpe) unter dem Gipfel des Berges lag.

Auf die Anlage der Abtei werde ich noch verschiedentlich genauer zu sprechen kommen, hier mag ein erster Überblick genügen. Am Torbau (der einzigen Öffnung in der Umfassungsmauer) begann eine von Bäumen gesäumte Allee, die zur Kirche des Klosters führte. Zur Linken dieser Allee erstreckten sich in einem weiten Halbkreis Obst- und Gemüsegärten (darunter, wie ich später erfuhr, auch der hortulus botanicus), begrenzt von zwei flachen Gebäuden vor der nordwestlichen Mauer, dem Hospital und dem Badehaus. Im Hintergrund, links von der Kirche und durch ein Gräberfeld von ihr getrennt, erhob sich gewaltig das Aedificium. Das Nordtor der Kirche öffnete sich zum Südturm des massiven Quaders, der seinen Westturm frontal dem Blick des Besuchers darbot, links mit der Umfassungsmauer verschmelzend und hinter ihr, hoch gekrönt vom gerade noch sichtbaren Nordturm, den steil abfallenden Hang überragend. Rechts von der Kirche, an ihre Südwand gelehnt, gruppierten sich einige Bauten um einen offenen Hof mit Kreuzgang — ohne Zweifel das Dormitorium, die Wohnung des Abtes und die Unterkünfte der Pilger, zu denen wir nun durch einen lieblichen Garten geleitet wurden. Rechter Hand öffnete sich eine weite Ebene bis zur südlichen Umfassungsmauer, vor welcher wir, soweit die erwähnten Gebäude nicht unseren Blick verstellten, noch eine Reihe flacher Bauten erblickten — Stallungen, Mühlen, Olivenpressen, die Unterkünfte der Laienbrüder und wohl auch die Zellen der Novizen. Dank der Ebenmäßigkeit des Geländes war es den Erbauern dieser heiligen Stätte gelungen, die Vorschriften der korrekten Ausrichtung akkurater noch zu befolgen, als es Honorius Augustoduniensis oder Wilhelm Durandus je hätten verlangen können. Am Stand der Sonne erkannte ich die genaue Ausrichtung des Kirchenportals nach Westen, mithin wiesen Chor und Altar nicht minder genau nach Osten. Und die Morgensonne konnte genau im Moment ihres Aufgangs sowohl die Mönche im Dormitorium wecken als auch das Vieh in den Ställen. Nie habe ich eine schönere und trefflicher angelegte Abtei gesehen, obwohl ich später in meinem Leben durchaus nach Sankt Gallen kam und nach Cluny und nach Fontenay und in andere Abteien, die womöglich noch größer waren als diese, nicht aber so wohlproportioniert. Von allen anderen jedoch unterschied sich diese durch die Massigkeit ihres festungsartigen Aedificiums. Auch ohne den geübten Blick eines Baumeisters sah ich sofort, daß dieser Bau wesentlich älter sein mußte als die übrigen, errichtet womöglich zu anderen Zwecken, so daß die restliche Anlage wohl erst in späteren Zeiten hinzugefügt worden war — freilich derart harmonisch, daß die Ausrichtung des Aedificiums sich jener der Kirche aufs schönste anpaßte, beziehungsweise umgekehrt. Wahrlich, unter allen Künsten ist die Architektur in der Tat diejenige, die am kühnsten trachtet, in ihrem Rhythmus jene Ordnung des Universums widerzuspiegeln, welche die Alten kosmos nannten, was soviel heißt wie prachtvoll geschmückt, gleicht sie doch einem prächtigen Tier, das wir staunend bewundern ob der Vollendung und herrlichen Proportion seiner Glieder. Und gelobt sei der Herr Unser Schöpfer, der — wie Augustinus lehrt — alles so trefflich eingerichtet in Zahlen, Gewichten und Maßen!

TERTIA

Worin Bruder William ein lehrreiches Gespräch mit dem Abt führt.

Der Cellerar war ein feister Mensch mit groben, aber jovialen Zügen, kahl, aber noch rüstig, klein und flink. Er geleitete uns zu unseren Zellen im Pilgerhaus. Genauer gesagt, er geleitete uns zu der für meinen Meister vorgesehenen Zelle und versprach, am nächsten Tag auch mir eine freizumachen, denn ich sei schließlich, wenngleich Novize, immerhin Gast der Abtei und folglich mit größter Ehrerbietung zu behandeln. Für die erste Nacht müsse ich jedoch vorliebnehmen mit einer länglichen Nische in der Zellenwand, die er mit frischem Stroh hatte auslegen lassen. Dort nächtigten, fugte er erklärend hinzu, gelegentlich die Diener adliger Herren, wenn diese Wert darauf legten, während ihres Schlafes bewacht zu werden.

Die Mönche brachten uns Wein und Käse, Oliven, Brot und süße Rosinen und ließen uns dann allein, auf daß wir uns ausruhen könnten. Wir aßen und tranken mit großem Appetit. Mein Meister hatte nicht die strenge Gewohnheit der Benediktiner, beim Mahle zu schweigen. Doch er sprach stets so klug und erbaulich, daß es war, als läse ein Mönch aus den Viten der Heiligen vor.

Mich beschäftigte immer noch die Geschichte mit dem Rappen Brunellus, und so fragte ich William, kaum daß wir allein waren: »Als Ihr die Spuren im Schnee und an den Zweigen laset, kanntet Ihr doch Brunellus noch nicht. In gewisser Weise sprachen doch diese Spuren nur ganz allgemein von Pferden, oder jedenfalls von einem Pferd dieser Art und Rasse. Könnte man daher nicht sagen, daß uns das Buch der Natur lediglich abstrakte Wesenheiten verkündet, wie zahlreiche ehrwürdige Theologen lehren?«

»Keineswegs, lieber Adson«, erwiderte mir der Meister. »Gewiß gaben mir jene Spuren für sich genommen nur das Pferd als verbum mentis in den Sinn, und als solches hätten sie es mir überall in den Sinn gegeben. Doch an diesem Ort und zu dieser Stunde des Tages lehrten sie mich, daß zumindest eines von allen denkbaren Pferden dort vorbeigekommen sein mußte. Also befand ich mich bereits auf halbem Wege zwischen der Vorstellung des Begriffes ‘Pferd’ und der Erkenntnis eines einzelnen Pferdes. Und in jedem Falle war mir das, was ich vom Pferd im allgemeinen wußte, durch eine besondere Spur ins Bewußtsein gerufen worden. Ich war also in diesem Augenblick sozusagen gefangen zwischen der Besonderheit jener Spur und meiner Unkenntnis, die gerade erst angefangen hatte, die noch recht blasse Gestalt einer allgemeinen Vorstellung anzunehmen. Wenn du etwas von weitem siehst und nicht weißt, was es ist, wirst du dich damit begnügen, es als einen Körper von Ungewisser Ausdehnung zu definieren. Bist du näher herangekommen, so wirst du es vielleicht als ein Tier definieren, wenn du auch noch nicht weißt, ob es ein Pferd oder ein Esel ist. Hast du dich ihm noch mehr genähert, so wirst du sagen können, daß es ein Pferd ist, wenn du auch noch nicht weißt, ob es Brunellus oder Favellus ist. Erst wenn du nahe genug herangekommen bist, wirst du erkennen, daß es Brunellus ist (beziehungsweise dieses bestimmte und kein anderes Pferd, wie immer du es nennen willst). Und das ist dann schließlich die volle Erkenntnis, die Wahrnehmung des Einmaligen. So war ich vor einer Stunde noch darauf gefaßt, jedem denkbaren Pferd zu begegnen, aber nicht etwa aufgrund der Weiträumigkeit meines Geistes, sondern aufgrund der Beschränktheit meiner Wahrnehmung. Und der Wissensdurst meines Geistes wurde erst in dem Augenblick gestillt, als ich das einzelne Pferd erblickte, das die Mönche am Zügel führten. Da erst wußte ich wirklich, daß meine vorausgegangenen Überlegungen mich der Wahrheit nahegebracht hatten. Die Ideen, mit deren Hilfe ich mir bis zu diesem Moment ein Pferd vorgestellt hatte, das ich noch niemals zuvor gesehen, waren mithin reine Zeichen, wie die Spuren im Schnee nur Zeichen der allgemeinen Idee des Pferdes waren — und Zeichen oder Zeichen von Zeichen benutzen wir nur, solange wir keinen Zugang zu den Dingen selbst haben.«

Schon früher hatte ich William mit großer Skepsis von den allgemeinen Ideen sprechen hören und mit großem Respekt von den einzelnen Dingen. Und damals wie in den folgenden Tagen schien mir, daß diese Neigung sowohl mit seiner britannischen Herkunft als auch mit seinem Franziskanertum zu tun hatte. An diesem Tage jedoch war er zu erschöpft, um sich auf theologische Dispute einzulassen, und so verzog ich mich in meinen Winkel, hüllte mich in meine Decke und versank alsbald in einen tiefen Schlaf.

Wäre jemand hereingekommen, er hätte mich für ein lebloses Bündel halten können. Und das tat denn wohl auch der Abt, als er um die dritte Stunde in unsere Zelle trat, um mit William zu sprechen. So kam es, daß ich unbemerkt ihr erstes Gespräch mitanhören konnte — ohne Arglist und böse Absicht, denn es wäre, nachdem ich nun einmal aufgewacht war, gewiß unhöflicher gewesen, mich dem Besucher plötzlich zu offenbaren, als in Demut still zu verharren, wie ich es tat.

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Eintrat also Pater Abbo, der Abt. Er entschuldigte sich für die Störung, erneuerte seinen Willkommensgruß und sagte, er müsse mit William unter vier Augen sprechen über eine sehr ernste Sache.

Zunächst aber wolle er ihn beglückwünschen zu der Geschicklichkeit seines Verhaltens in der Geschichte mit dem Pferd, wie er das bloß angestellt habe, so genaue Angaben über ein Tier zu machen, das er niemals zuvor gesehen. William erklärte ihm knapp und ohne viel Aufhebens seinen Gedankengang, und der Abt zeigte sich aufs höchste erfreut über soviel Scharfsinn. Freilich habe er auch nichts anderes erwartet von einem Manne, dem der Ruf so großer Klugheit vorangehe. Im übrigen habe er einen Brief vom Abt in Farfa erhalten, in dem nicht nur von der Mission die Rede sei, mit welcher William vom Kaiser betraut worden (und über die in den nächsten Tagen noch zu sprechen sein werde), sondern auch davon, daß mein kluger Meister in England und Italien als Inquisitor tätig gewesen sei und sich in einer Reihe von Prozessen durch große Klarsicht in Verbindung mit großer Menschlichkeit hervorgetan habe.

»Sehr gefreut hat es mich zu erfahren«, fügte Abbo hinzu, »daß Ihr Euch in zahlreichen Fällen für die Unschuld des Angeklagten entschieden habt. Gewiß glaube ich — und in diesen schlimmen Zeiten mehr denn je — an die Präsenz des Bösen in allen menschlichen Dingen«, und bei diesen Worten blickte er sich unwillkürlich um, als vermutete er den bösen Feind in einem Winkel der Zelle, »aber ich glaube auch, daß der Böse oft über Umwege tätig wird. Und ich weiß, daß er seine Opfer dazu zu bringen vermag, ihre Untaten so zu vollführen, daß die Schuld auf einen Gerechten fällt, wobei es ihm dann ein besonderes Vergnügen ist, den Gerechten anstelle des Sukkubus brennen zu sehen. Leider sind viele Inquisitoren bemüht, ihren Eifer unter Beweis zu stellen und dem Angeklagten um jeden Preis ein Geständnis zu entlocken, weil sie meinen, ein guter Inquisitor sei nur, wer jeden Prozeß mit einem Schuldspruch beendet …«

»Auch Inquisitoren können Werkzeuge des Teufels sein«, warf William ein.

»Schon möglich«, gab Abbo vorsichtig zu, »denn die Pläne des Allerhöchsten sind unerforschlich. Doch liegt es mir fern, auch nur den Schatten eines Verdachts auf so wohlverdiente Männer zu werfen. Im Gegenteil, ich wende mich heute an Euch als einen von ihnen. In dieser Abtei ist nämlich etwas geschehen, das die Aufmerksamkeit und den Rat eines Mannes von Eurem Scharfsinn und Eurer Umsicht erheischt. Von Eurem Scharfsinn, um es aufzuklären, und von Eurer Umsicht, um es hernach (gegebenenfalls) wieder gnädig zuzudecken. Denn oft kommt man nicht umhin, die Schuld eines Mannes herauszufinden, der ein Vorbild an Heiligkeit sein sollte, aber dabei so vorzugehen, daß man den Grund des Übels beseitigen kann, ohne den Schuldigen damit der öffentlichen Verachtung preiszugeben. Wenn ein Hirte fehlgeht, muß er von den anderen Hirten isoliert werden. Aber wehe, wenn die Herde an ihren Hirten zu zweifeln begönne.«

»Ich verstehe«, sagte William. Bereits bei früheren Gelegenheiten hatte ich bemerkt, daß er, wenn er sich so verständnisvoll äußerte, in dieser höflichen Formel meist einen Dissens oder jedenfalls ein Erstaunen verbarg.

»Deswegen«, fuhr der Abt fort, »bin ich der Meinung, daß Fälle, die den Fehltritt eines Hirten betreffen, stets nur Männern wie Euch anvertraut werden sollten — Männern, die nicht nur gut und böse zu unterscheiden wissen, sondern auch opportun und nichtopportun. Es freut mich, daß Ihr immer nur dann verurteilt habt, wenn …«

»… der Angeklagte schlimme Verbrechen begangen hatte wie Vergiftungen, Verführung unschuldiger Kinder und andere Verruchtheiten, die auszusprechen meine Lippen nicht wagen …«

»… daß Ihr immer nur dann verurteilt habt«, fuhr der Abt unbeirrt von der Unterbrechung fort, »wenn die Präsenz des Dämons so offenkundig für jedermann war, daß man nicht anders hätte verfahren können, da Nachsicht skandalöser gewesen wäre als das Verbrechen selbst.«

»Wenn ich jemanden schuldig gesprochen habe«, präzisierte William, »dann weil er tatsächlich Verbrechen so schlimmer Art begangen hatte, daß ich ihn guten Gewissens dem weltlichen Arm überlassen konnte.«

Der Abt schien ein wenig verunsichert. »Warum sprecht Ihr so beharrlich von schlimmen Verbrechen, ohne Euch zu ihren teuflischen Ursachen äußern zu wollen?«

»Weil das Schlußfolgern von den Wirkungen auf die Ursachen eine so schwierige Sache ist, daß allein Gott der Richter sein kann. Uns Menschen fällt es bereits dermaßen schwer, einen ursächlichen Zusammenhang herzustellen zwischen einer so offenkundigen Wirkung wie etwa dem Brand eines Baumes und dem Blitz, der ihn verbrannte, daß der Versuch, lange Ketten von Ursachen und Wirkungen zu konstruieren, mir ebenso wahnhaft erscheint wie der Versuch, einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reicht.«

»Der Doktor von Aquin«, gab Abbo zu bedenken, »scheute sich nicht, mit der Kraft seiner bloßen Vernunft die Existenz des Allerhöchsten zu beweisen, indem er von einer causa zur anderen zurückging bis zu der durch nichts verursachten causa prima.«

»Wer bin ich«, erwiderte demütig Bruder William, »daß ich dem hochgelahrten Aquinaten widersprechen könnte? Auch wird ja sein Beweis der Existenz Gottes durch so viele andere Zeugnisse unterstützt, daß seine Argumentation sich von alledem nur bestärkt sieht. Gott spricht zu uns im Innersten unserer Seele, wie bereits Augustinus wußte, und Ihr, Abbo, hättet das Lob des Herrn gesungen und die Evidenz seiner Gegenwart anerkannt, auch wenn der große Thomas nicht …« Er unterbrach sich und fugte hinzu: »So denke ich jedenfalls.«

»Oh, gewiß doch«, beeilte der Abt sich zu versichern — und in dieser sehr feinen Weise beendete mein kluger Meister eine scholastische Diskussion, die ihn sichtlich nicht sehr zu reizen vermochte. Dann ergriff er wieder das Wort:

»Kommen wir auf die Prozesse zurück. Stellt Euch vor, ein Mann ist durch Vergiftung getötet worden. Das ist eine empirische Tatsache. Angesichts gewisser untrüglicher Zeichen kann ich mir durchaus vorstellen, daß ein anderer Mann die Vergiftung verursacht hat. An derart einfachen Ketten von Wirkung und Ursache kann mein Verstand sich mit einem gewissen Selbstvertrauen entlangbewegen und den Giftmischer dingfest zu machen versuchen. Wie aber kann ich die Kette nun dadurch komplizieren, daß ich mir als Anstifter der bösen Tat eine weitere, diesmal nicht menschliche, sondern teuflische Kraft vorstelle? Nicht daß dergleichen unmöglich wäre, auch der Teufel hinterläßt klare Zeichen auf seinem Weg, wie es Euer Rappe Brunellus tat. Aber warum sollte ich danach suchen? Genügt es nicht, wenn ich weiß, daß der Schuldige dieser bestimmte Mensch ist, um ihn dem weltlichen Arm zu übergeben? In jedem Falle wird er für seine Tat mit dem Tode bestraft, Gott möge ihm vergeben.«

»Aber mich dünkt, daß Ihr bei einem Prozeß vor drei Jahren in Kilkenny, bei dem mehrere Personen schändlichster Untaten angeklagt waren, den Eingriff des Teufels durchaus nicht geleugnet habt, nachdem die Schuldigen einmal gefunden waren.«

»Aber ich habe ihn auch nicht mit offenen Worten behauptet. Ich habe ihn nicht geleugnet, das ist wahr. Wer bin ich denn, daß ich mir Urteile über das Wirken des Bösen erlauben dürfte? Zumal in Fällen« — und auf diesem Gedanken schien William insistieren zu wollen — »in denen jene, die das Inquisitionsverfahren eröffnet haben, der Bischof, die Richter der Stadt und das ganze Volk, vielleicht sogar die Beschuldigten selbst den Nachweis einer Präsenz des Bösen offenbar sehnlichst wünschen? Vielleicht ist das überhaupt der einzige wahre Beweis für das Wirken des Teufels: die Intensität, mit welcher alle Beteiligten in einem bestimmten Augenblick danach verlangen, ihn am Werk zu sehen …«

»Ihr wollt also sagen«, fragte der Abt ein wenig beunruhigt, »daß in vielen Prozessen der Teufel nicht nur im Schuldigen sein Unwesen treibe, sondern womöglich auch und vor allem in den Richtern?«

»Wie könnte ich wagen, so etwas zu behaupten?« fragte William zurück, und die Frage war offenkundig so formuliert, daß der Abt verstummen mußte — woraufhin William sein Schweigen nutzte, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Im Grunde sind das doch längst vergangene Dinge. Ich habe jene noble Tätigkeit aufgegeben, und wenn ich es tat, so war es der Wille des Herrn …«

»Ohne Zweifel«, gab Abbo zu.

»… und nun beschäftige ich mich mit anderen delikaten Fragen. Und gern würde ich mich mit der beschäftigen, die Euch quält, wenn Ihr mir sagen würdet, um was es geht.«

Wie mir schien, war es dem Abt ganz recht, die Diskussion beenden und auf sein Problem kommen zu können. Jedenfalls begann er nun umständlich und mit großer Vorsicht in der Wahl seiner Worte von einem seltsamen Vorfall zu berichten, der sich wenige Tage vor unserer Ankunft zugetragen und, wie er sagte, große Unruhe unter den Mönchen ausgelöst habe. Wenn hier davon die Rede sein solle, so im Wissen, daß William ein großer Kenner der menschlichen Seele und der Wege des Bösen sei, und daher in der Hoffnung, daß er vielleicht einen Teil seiner kostbaren Zeit damit verbringen möge, Licht zu bringen in eine sehr dunkle und schmerzliche Sache. Vorgefallen sei nämlich, daß Bruder Adelmus von Otranto, ein Mönch von noch jungen Jahren, aber gleichwohl schon bekannt als exzellenter Miniaturenmaler, der die Manuskripte der Klosterbibliothek mit wunderbaren Vignetten zu schmücken pflegte, eines Morgens von einem Ziegenhirten tot auf dem Grunde der Schlucht unter dem Ostturm des Aedificiums gefunden worden sei. Da die anderen Mönche ihn während der Komplet im Chor noch gesehen, nicht aber mehr bei der Frühmette, müsse er wohl in den dunkelsten Stunden der Nacht in die Tiefe gestürzt sein. Es sei eine stürmische Nacht gewesen, eisige Schneeflocken, hart wie Hagelkörner, seien von einem scharfen Nordwind durch die Luft gewirbelt worden. Durchnäßt vom Schnee, der erst getaut und dann zu Eisklumpen gefroren sei, habe man schließlich die Leiche des Unglücklichen am Fuße des Steilhangs gefunden, aufgeschürft von den Felsvorsprüngen, über die er hinabgestürzt. Ein elender und schlimmer Tod, Gott möge sich seiner erbarmen. Wegen der vielen Stöße, die der Körper offensichtlich beim Sturz erlitten, sei es nicht leicht gewesen, den Punkt zu bestimmen, von dem er gefallen sein mußte. Sicher aber aus einem der Fenster, die sich in drei Reihen an drei Seiten des großen Turmes zum Abgrund öffneten.

»Wo habt Ihr den Toten begraben?« fragte William.

»Auf dem Friedhof natürlich«, antwortete der Abt. »Ihr habt ihn vielleicht gesehen, er erstreckt sich neben dem Garten von der Nordseite der Kirche zum Aedificium.«

»Ich verstehe«, sagte William, »und ich begreife nun Euer Problem. Wenn der Ärmste, Gott behüte, Selbstmord begangen hätte (denn es war ja kaum anzunehmen, daß er aus Versehen hinuntergefallen ist), so hättet Ihr am folgenden Morgen eins dieser Fenster offen vorfinden müssen, aber Ihr fandet sie alle wohlverschlossen, und vor keinem von ihnen fanden sich Wasserspuren.«

Wie ich bereits gesagt habe, war der Abt ein Mann von großer Selbstbeherrschung und diplomatischer Unerschütterlichkeit, aber diesmal konnte er seine Überraschung nicht verbergen und schaute so verblüfft drein, daß ihm keine Spur von jener Würde blieb, die sich laut Aristoteles einem ernsthaften und gesetzten Manne ziemt. »Wer hat Euch das gesagt?«

»Nun, Ihr selbst habt es mir gesagt«, erwiderte William. »Wäre ein Fenster offengestanden, so hättet Ihr doch gleich angenommen, daß der Unglückliche sich hinabgestürzt haben mußte. Nach dem, was ich von außen sehen konnte, handelt es sich um große Fenster mit Butzenscheiben, und Fenster dieser Art pflegen sich in Mauern von solcher Stärke gewöhnlich nicht auf ebener Erde zu öffnen. Hättet Ihr also eines von ihnen offen gefunden, so wäre Euch — da auszuschließen war, daß der Unglückliche sich hinausgebeugt und dabei das Gleichgewicht verloren hatte — nur der Gedanke an Selbstmord geblieben. Und in diesem Falle hättet Ihr ihn nicht in geweihter Erde begraben. Da Ihr ihn aber christlich begraben habt, müssen die Fenster geschlossen gewesen sein, und da sie geschlossen waren und mir noch nie, nicht einmal in Hexenprozessen, ein sündhaft aus dem Leben Geschiedener begegnet ist, dem Gott oder der Teufel es gestattet hätten, aus der Tiefe wieder heraufzuspringen, um die Spuren seiner sündigen Tat zu verwischen, liegt es auf der Hand, daß der vermeintliche Selbstmörder wohl in Wahrheit eher gestoßen worden sein muß, sei’s von der Hand eines Menschen oder von der eines Dämons. Und nun fragt Ihr Euch, wer das gewesen sein mag, der den armen Bruder Adelmus, ich will nicht sagen hinuntergestürzt, aber doch mindestens irgendwie seines Willens beraubt und dann, vielleicht in betäubtem Zustand, auf das Fenstersims gehievt haben könnte, und Ihr seid bestürzt, weil offenbar eine böse Macht, sei sie natürlich oder übernatürlich, nun in der Abtei umgeht.«

»So ist es …«, gab der Abt zu, und es war nicht ganz klar, ob er damit Williams Worte bestätigte oder sich selber Rechenschaft über die Richtigkeit dessen ablegte, was mein kluger Meister so scharfsinnig dargelegt hatte. »Aber woher wißt Ihr, daß wir unter keinem der Fenster Wasserspuren fanden?«

»Weil Ihr mir gesagt habt, daß in jener Nacht ein heftiger Nordwind tobte. Folglich konnte das Wasser nicht gegen Fenster gedrückt werden, die sich nach Osten öffnen.«

»Wahrlich, man hat mir noch nicht genug berichtet von Eurem Scharfsinn«, rief der Abt aus. »Ihr habt recht, es war tatsächlich kein Wasser da, und nun weiß ich auch, warum. Es hat sich alles so zugetragen, wie Ihr sagt. Versteht Ihr jetzt meine Besorgnis? Es wäre schon schlimm genug, wenn einer meiner Mönche sich mit der schrecklichen Sünde des Suizids befleckt hätte. Aber ich habe Grund zu der Annahme, daß ein anderer von ihnen sich mit einer mindestens ebenso schrecklichen Sünde befleckt hat. Und wenn es nur das wäre …«

»Wieso meint Ihr, es müsse einer der Mönche gewesen sein? In Eurer Abtei leben doch auch zahlreiche andere Menschen, Stallburschen, Ziegenhirten, Knechte …«

»Gewiß, es ist zwar eine kleine, aber reiche Abtei«, nickte der Abt mit unverhohlenem Stolz. »Hundertfünfzig Knechte für sechzig Mönche. Aber die Sache hat sich im Aedificium zugetragen. Im Aedificium befinden sich, wie Ihr vielleicht schon wißt, zwar unten die Küche und das Refektorium, aber in den beiden Obergeschossen das Skriptorium und die Bibliothek. Nach dem Abendmahl wird das ganze Gebäude geschlossen, und eine strenge Regel verbietet jedem, es zu betreten.« Die Frage Williams erratend, fügte er rasch hinzu: »Auch den Mönchen, aber …«

»Aber?«

»Aber ich halte es für ausgeschlossen, ganz und gar ausgeschlossen, versteht Ihr, daß einer der Knechte den Mut aufbrächte, das Aedificium nachts zu betreten.« Ein Anflug von herausforderndem Lächeln blitzte in seinen Augen auf, erlosch aber sogleich wieder. »Sagen wir: sie hätten viel zu große Angst, wißt Ihr … Manchmal müssen Verbote für die Laien mit einer gewissen Drohung unterstrichen werden, etwa mit der Voraussage, daß dem Ungehorsamen etwas Schreckliches widerfahren könnte, etwas Übernatürliches selbstverständlich. Ein Mönch dagegen …«

»Verstehe.«

»Nicht nur, was Ihr meint. Ein Mönch könnte noch andere Gründe haben, sich an einen verbotenen Ort zu wagen. Gründe, die — wie soll ich sagen? — die begründet sein mögen, wenn auch wider die Regel …«

William bemerkte das Unbehagen des Abtes und warf eine Frage ein, die ihm wohl aus der Klemme helfen sollte, aber sein Unbehagen nur noch verstärkte: »Als Ihr eben von der Möglichkeit eines Mordes spracht, sagtet Ihr: Und wenn es nur das wäre. Was meintet Ihr damit?«

»Sagte ich das? Nun ja, man tötet nicht ohne einen Grund, wie pervers er auch sein mag, und ich zittere bei dem Gedanken an die Perversität der Gründe, die einen Mönch dazu bewegen können, einen Mitbruder umzubringen. Das meinte ich.«

»Sonst nichts?«

»Nichts, was ich Euch sagen könnte.«

»Meint Ihr damit: Nichts, was Ihr mir sagen dürftet?«

»Ich bitte Euch, Bruder William, Frater William!« Der Abt betonte beide Anreden gleichermaßen. William errötete heftig und murmelte:

»Eris sacerdos in aeternum.«12

»Danke«, antwortete der Abt.

Oh, mein Gott, welch schreckliches Geheimnis war es, an das meine beiden unvorsichtigen Herren in diesem Augenblick rührten, der eine von Angst getrieben und der andere von Neugier? Denn wiewohl erst Novize und noch auf dem Wege zu den Mysterien des heiligen Priesteramtes, begriff selbst ich unerfahrenes Kind, daß der Abt offenbar etwas wußte, was er unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses erfahren hatte — etwas besonders Schlimmes und Sündhaftes, das mit dem tragischen Ende des Mönches Adelmus zu tun haben könnte. Und das war vielleicht auch der Grund, warum er nun Bruder William bat, ein Geheimnis aufzudecken, das er ahnte, aber niemandem offenbaren durfte, wobei er hoffte, mein scharfsinniger Meister werde kraft seines Verstandes erhellen, was er, der Abt, kraft des hehren Gebotes der Barmherzigkeit im dunkeln lassen mußte.

»Also gut«, sagte William schließlich. »Darf ich den Mönchen Fragen stellen?«

»Ihr dürft.«

»Kann ich mich frei bewegen in der Abtei?«

»Ich gebe Euch die Erlaubnis.«

»Werdet Ihr mir die Aufgabe coram monachis übertragen?«

»Noch heute abend.«

»Gut, aber ich werde sofort beginnen, noch ehe die Mönche wissen, mit welcher Aufgabe Ihr mich betraut habt. Ich wollte ohnehin schon seit langem — und das ist nicht der letzte Grund meines Besuches hier — Eure Bibliothek besichtigen, von der man bewundernd in allen Klöstern der Christenheit spricht.«

Der Abt fuhr auf, tat fast einen Satz, und seine Züge verhärteten sich. »Ihr könnt Euch frei in der ganzen Abtei bewegen, wie ich gesagt habe. Nicht aber im Obergeschoß des Aedificiums, nicht in der Bibliothek!«

»Warum nicht?«

»Ich hätte es Euch vorher erklären sollen, aber ich dachte, Ihr wüßtet es schon. Unsere Bibliothek ist nicht wie die anderen …«

»Ich weiß, daß sie mehr Bücher als jede andere Bibliothek der Christenheit hat. Ich weiß, daß verglichen mit Euren Beständen diejenigen der Abteien von Bobbio oder Pomposa, von Cluny oder Fleury eher dem Spielzimmer eines Kindes gleichen, das gerade lesen zu lernen beginnt. Ich weiß, daß die sechstausend Codizes, derer sich Novalesa vor mehr als einem Jahrhundert rühmte, im Vergleich zu den Euren wenig sind, und vielleicht befinden sich viele von jenen nun hier. Ich weiß, daß Eure Abtei das einzige Licht ist, das die Christenheit den sechsunddreißig Bibliotheken von Bagdad, den zehntausend Handschriften des Wesirs Ibn al-Alkami entgegenzusetzen hat, daß die Zahl Eurer Bibeln den zweitausendvierhundert Koranabschriften gleichkommt, derer sich Kairo rühmt, und daß die Realität Eurer Schätze eine glänzende Widerlegung der stolzen Legende jener Ungläubigen darstellt, die Vorjahren behaupteten (vertraut mit dem Fürsten der Lüge, wie sie es sind), die Bibliothek von Tripolis besitze sechs Millionen Bände und sei bewohnt von achtzigtausend Kommentatoren und zweihundert Schreibern.«

»So ist es, gelobt sei der Herr!«

»Ich weiß, daß unter Euren Mönchen viele sind, die von weither kommen aus anderen Abteien; manche für kurze Zeit, um ein Manuskript zu kopieren, das anderswo unauffindbar ist, und die Kopie mit nach Hause zu nehmen, nicht ohne Euch zum Dank eine andere kostbare Handschrift gebracht zu haben, die Ihr dann kopieren laßt und Eurem Schatz einverleibt; andere bleiben für lange Jahre, manche gar bis zu ihrem Tod, da sie nur hier die Werke finden, die ihre Forschung erleuchten. So habt Ihr unter Euch Franzosen, Hispanier, Germanen, Dakier und Griechen. Ich weiß auch, daß Kaiser Friedrich Euch vor vielen Jahren ersuchte, ein Buch über die Prophezeiungen des legendären Zauberers Merlin zu kompilieren und ins Arabische zu übersetzen, auf daß er es dem Sultan von Ägypten zum Geschenk machen könne. Ich weiß schließlich auch, daß selbst ein so ruhmreiches Kloster wie Murbach in unseren traurigen Zeiten keinen einzigen Schreiber mehr hat und daß in Sankt Gallen nur noch wenige Mönche leben, die des Schreibens kundig sind, denn heutzutage sind es die Städte, in denen sich Zünfte und Gilden ausbreiten, bestehend aus weltlichen Schreibern, die im Dienst und Auftrag der Universitäten arbeiten, so daß es allein noch Eure Abtei ist, die tagtäglich den Ruhm Eures Ordens erneuert, was sage ich: mehrt und zu immer neuen Höhen treibt!«

»Monasterium sine libris«, zitierte versonnen der Abt, »est sicut civitas sine opibus, castrum sine numeris, coquina sine suppellectili, mensa sine cibis, hortus sine herbis, pratum sineßoribus, arbor sine foliis13 … Ja, unser Orden! Als und solange er wuchs am Doppelgebot der Arbeit und des Gebetes, war er Licht für die ganze bekannte Welt, Hort des Wissens, Zuflucht einer antiken Bildung, die unterzugehen drohte in Feuersbrünsten, Plünderungen und Erdbeben, Brutstätte einer neuen Schrift und Pflegestätte der alten … Oh, Ihr wißt, wir leben in finsteren Zeiten, und erst vor wenigen Jahren — es treibt mir die Zornes- und Schamröte ins Gesicht, wenn ich daran denke — sah sich das Konzil zu Vienne veranlaßt, ausdrücklich zu betonen, daß jeder Mönch verpflichtet ist, sich an die Gebote zu halten! Ora et labora …, doch wie viele unserer Abteien, die noch vor zweihundert Jahren blühende Zentren der Größe und Heiligkeit waren, sind heute Zufluchtsstätten für Faulpelze! Mächtig ist der Orden noch immer, doch der Gestank der Städte kreist unsere heiligen Stätten mehr und mehr ein, das Volk Gottes ist heute dem Handel zugetan und den Händeln und Fehden zwischen Parteien, Klüngeln und Cliquen. Drunten in den dicht besiedelten Ebenen, wo der Geist der Heiligkeit keine Herberge findet, spricht man nicht nur die Volkssprache (von Laien kann man schließlich nichts anderes erwarten), sondern man schreibt sie bereits! Möge nie eins dieser Bücher in unsere Mauern gelangen, würde es doch zwangsläufig zu einem Herd und Nährboden der Häresie! Die Sünden der Menschen haben die Welt an den Rand des Abgrunds getrieben, schon ist die Welt durchdrungen vom Abgründigen, das aus dem Abgrund hervorsteigt. Und wie Honorius sagte, werden morgen die Körper der Menschen kleiner sein als es heute die unseren sind, so wie heute die unseren kleiner sind als es einst die der Alten waren. Mundus senescit, die Welt vergreist! Wenn Gott unserem Orden noch einen Auftrag gegeben, so ist es heute der, sich dieser Fahrt in den Abgrund entgegenzustemmen, den Schatz des Wissens, den unsere Väter uns anvertraut haben, zu wahren, zu hüten und zu verteidigen. Die göttliche Vorsehung hat gewollt, daß die Weltregierung, die ursprünglich im Osten saß, sich mit dem Herannahen der Zeit immer mehr gen Westen verlagert hat, um uns darzutun, daß sich die Welt ihrem Ende nähert, hat doch der Lauf der Dinge bereits die Grenzen des Universums erreicht. Doch bis das Jahrtausend endgültig zerfällt und jene bestia immunda, die wir Antichrist nennen, zum vollen, wenn auch nur kurzen Triumph gelangt, ist es unsere Aufgabe und Mission, den Schatz der christlichen Welt zu wahren und das Wort Gottes zu hüten, wie er es den Propheten und Aposteln offenbarte, wie es die Väter getreu wiederholten, ohne ein Jota zu ändern, und wie es in den Schulen ausgelegt wurde — mag sich heute auch in den Schulen die Schlange der Hoffart, des Neides und der Unvernunft einnisten. Noch sind wir in dieser Abenddämmerung Flamme und hohes Leuchtzeichen am Horizont. Und solange diese Mauern stehen, werden wir Wahrer und Wächter bleiben des göttlichen Wortes.«

»Wohlan, so sei es«, nickte William andächtig. »Aber was hat das alles damit zu tun, daß man die Bibliothek nicht besichtigen darf?«

»Seht, Bruder William«, erklärte der Abt, »um das große und heilige Werk zu verrichten, das diese Mauern krönt«, und bei diesen Worten wies er durch das Fenster auf den massigen Bau des Aedificiums, dessen Türme sogar die Abteikirche überragten, »haben gottesfürchtige Männer jahrhundertelang arbeiten müssen, und während der ganzen Zeit haben sie eherne Regeln befolgt. Die Bibliothek ist nach einem Plan entstanden, der allen Beteiligten dunkel geblieben ist in all den Jahrhunderten, keiner der Mönche war und ist je befugt, ihn zu kennen. Allein der Bruder Bibliothekar weiß um das Geheimnis, er hat es von seinem Vorgänger erfahren und gibt es vor seinem Tode weiter an seinen Adlatus, damit, falls ein plötzlicher Tod ihn heimsucht, die Bruderschaft nicht dieses kostbaren Wissens beraubt wird. Doch beider Lippen sind durch das Geheimnis versiegelt. Allein der Bibliothekar hat das Recht, sich im Labyrinth der Bücher zu bewegen, er allein weiß, wo die einzelnen Bände zu finden sind und wohin sie nach Gebrauch wieder eingestellt werden müssen, er allein ist verantwortlich für ihre sachgemäße Erhaltung. Die anderen Mönche arbeiten im Skriptorium und haben nur Einsicht in das Verzeichnis der Bücher. Aber ein Verzeichnis besagt oft wenig, und allein der Bibliothekar kann aus der Signatur eines Buches und aus dem Grad seiner Unzugänglichkeit ersehen, welche Art von Geheimnis, von Wahrheit oder von Lüge es enthält. Er allein entscheidet, zuweilen nach Rücksprache mit mir, ob, wann und wie es dem Mönche, der es bestellt hat, auszuhändigen ist. Denn nicht alle Wahrheiten sind für alle Ohren bestimmt, nicht alle Lügen sind sofort als solche erkennbar für eine fromme Seele, und schließlich sollen die Mönche im Skriptorium eine genau definierte Arbeit tun, wozu sie bestimmte Bücher lesen müssen — die anderen gehen sie nichts an, und sie sollen nicht jedem Anflug von Neugier nachgeben, der sie plötzlich packen mag, sei es aus Schwäche des Geistes oder aus Hochmut oder aufgrund einer teuflischen Einflüsterung.«

»Demnach gibt es in Eurer Bibliothek auch Bücher, die Lügen enthalten …«

»Scheusale existieren, weil sie Teil des göttlichen Plans sind, und selbst in den schrecklichsten Fratzen offenbart sich die Größe des Schöpfers. So existieren, gleichfalls als Teil des göttlichen Plans, auch die Bücher der Magier, die Kabbalen der Juden, die Fabeln der heidnischen Dichter und die Lügen der Ungläubigen. Stets war es die feste und heilige Überzeugung der Gründer und Hüter dieser Abtei, daß auch in den Lügenbüchern ein Abglanz der göttlichen Weisheit vor den Augen des kundigen Lesers aufscheinen kann. Und darum enthält die Bibliothek auch diese Bücher. Doch aus dem gleichen Grunde, versteht Ihr, darf sie nicht von jedermann betreten werden. Außerdem«, fügte der Abt hinzu, als wollte er sich für die Dürftigkeit dieses letzten Arguments entschuldigen, »sind Bücher gebrechliche Wesen, sie leiden unter dem Zahn der Zeit, sie fürchten die Nagetiere, die Unbilden der Witterung, die plumpen Hände ungeübter Benutzer. Hätte in den vergangenen Jahrhunderten jedermann Zutritt zur Bibliothek gehabt und unsere Handschriften nach Belieben berühren dürfen, so wäre der größte Teil von ihnen heute nicht mehr vorhanden. Der Bibliothekar schützt sie also nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor der Natur, und er widmet sein ganzes Leben diesem fortwährenden Krieg gegen die Kräfte des Vergessens, des Feindes der Wahrheit.«

»Demnach betritt also außer den beiden Personen niemand das Obergeschoß des Aedificiums?«

Der Abt lächelte fein: »Niemand darf es. Niemand kann es. Niemand hätte, selbst wenn er es wollte, Erfolg. Die Bibliothek verteidigt sich selbst. Unergründlich wie die Wahrheit, die sie beherbergt, trügerisch wie die Lügen, die sie hütet, ist sie ein geistiges Labyrinth und zugleich ein irdisches. Kämt Ihr hinein, Ihr kämt nicht wieder heraus. Dies mag Euch genügen, ich muß Euch bitten, Euch an die Regeln dieser Abtei zu halten.«

»Gleichwohl haltet Ihr es für möglich, daß Adelmus aus einem der Fenster des Obergeschosses gestürzt sein könnte. Wie soll ich seinen Tod untersuchen, wenn ich den Ort nicht sehen darf, an dem die Geschichte seines Todes möglicherweise begonnen hat?«

»Verehrtester Bruder William«, sagte der Abt konziliant, »einem Manne, der meinen Rappen Brunellus beschreiben konnte, ohne ihn je gesehen zu haben, und der den Tod des Adelmus zu schildern vermochte, obwohl er so gut wie nichts darüber wußte — einem solchen Manne wird es kaum schwerfallen, in seine Gedanken Orte miteinzubeziehen, zu denen er keinen Zutritt hat.«

»Wie Ihr wollt«, fügte sich William mit einer leichten Verbeugung. »Ihr seid weise, auch wenn Ihr streng seid.«

»Wenn ich je weise sein sollte«, versetzte der Abt elegant, »so wäre ich es, weil ich streng zu sein vermag.«

»Ein letztes noch«, wollte William wissen. »Wie steht es mit Ubertin?«

»Er ist hier. Er erwartet Euch. Ihr findet ihn in der Kirche.«

»Wann?«

»Jederzeit«, lächelte der Abt. »Ihr müßt wissen, er ist, obgleich sehr gelehrt, kein Mann, der sich gern in Bibliotheken aufhält. Eine säkulare Verlockung hält ihn davon ab … Er verbringt seine Tage zumeist in der Kirche mit Meditation und Gebet.«

»Ist er alt geworden?« fragte William zögernd.

»Seit wann habt Ihr ihn nicht gesehen?«

»Seit vielen Jahren.«

»Er ist müde geworden. Er hat sich weit von den Dingen der Welt entfernt. Achtundsechzig Jahre ist er alt, aber ich glaube, sein Geist ist jung geblieben.«

»Ich werde ihn unverzüglich aufsuchen. Ich danke Euch.«

Der Abt lud ihn ein, mit den Mönchen das Mittagsmahl einzunehmen, aber William sagte, er habe erst vor kurzem gegessen, und zwar sehr gut, und er wolle lieber gleich Ubertin aufsuchen. So erhob sich der Abt und wandte sich mit einem Gruß zur Tür.

Als er die Zelle gerade verlassen wollte, erhob sich im Hof ein markerschütternder Schrei wie von einem tödlich getroffenen Menschen, gefolgt von weiteren, ebenso gräßlichen Lauten. »Was ist das?« fragte William erschrocken. »Nichts«, erwiderte lächelnd der Abt. »In dieser Jahreszeit werden die Schweine geschlachtet. Die Metzger tun ihre Arbeit. Nicht dies ist das Blut, mit dem Ihr Euch zu beschäftigen braucht.«

Sprach’s und verließ uns — und schädigte mit diesen Worten seinen Ruf als Mann von kluger Voraussicht. Denn am nächsten Morgen … Aber zügele deine Ungeduld, meine geschwätzige Zunge! Denn auch an diesem Tage, und ehe die Nacht hereinbrach, sollte so mancherlei noch geschehen, wovon zu berichten ist.

SEXTA

Worin Adson das Kirchenportal bewundert und William seinem alten Freund Ubertin von Casale wiederbegegnet.

Die Kirche war nicht majestätisch wie andere, die ich später in Straßburg, in Chartres, in Bamberg oder auch in Paris sehen sollte. Sie glich eher denen, die ich bereits an verschiedenen Orten in Italien gesehen, Kirchen von gedrungener Bauart, die nicht unbedingt hoch hinaus wollten, nicht schwindelerregend gen Himmel stürmten, sondern fest auf der Erde standen, oft breiter als hoch; nur daß diese auf einer ersten Höhe überragt wurde, gleich einem Felsen, von einer Reihe quadratischer Zinnen, hinter welchen sich auf dieser ersten Höhe ein zweiter Bau erhob, weniger ein Turm als eine solide zweite Kirche, gekrönt von einem steilen Dach und die Mauern durchbrochen von schmalen, schmucklosen Fenstern. Eine robuste Abteikirche also, wie unsere Vorfahren sie zu bauen pflegten in der Provence und im Languedoc, fern den Kühnheiten und übertriebenen Schnörkeln des modernen Stils, und erst in neuerer Zeit, wie mir schien, hatte man sie über dem Chor mit einem kühn zum Himmelsgewölbe emporweisenden Dachreiter verziert.

Der Eingang, flankiert von zwei schlanken und nüchternen Säulen, erschien von weitem wie ein einziger großer Bogen; beim Näherkommen sah ich jedoch, daß hinter den Säulen zwei mächtige Gewände begannen, die, überwölbt von weiteren und vielfältigen Bögen, eine tiefe Vorhalle bildeten und den Blick wie ins Innere einer Höhle zum eigentlichen Portal leiteten, das im Halbdunkel erkennbar wurde. Beherrscht von einem mächtigen Tympanon, einem halbkreisförmigen Giebelfeld voller Figuren, das rechts und links auf zwei Torpfosten ruhte und in der Mitte auf einem behauenen Pfeiler, der den Eingang in zwei Öffnungen teilte, war es bewehrt mit Türflügeln aus metallbeschlagenem Eichenholz. Da die bleiche Novembersonne zu dieser Mittagsstunde fast senkrecht über dem Dach stand, fiel das Licht schräg auf die Fassade, ohne das Tympanon zu erhellen. So kam es, daß wir, sobald wir die Eingangssäulen hinter uns hatten, im Schatten eines fast waldartigen Gewölbes standen, geformt aus den Arkaden, die sich auf kleinen, die Seitenwände der Vorhalle stützenden Säulen erhoben. Und kaum daß meine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, traf mich wie ein Schlag die stumme Rede des bebilderten Steins, die den Augen und der Phantasie eines jeden verständlich ist (denn pictura est laicorum literatura14 ), und stürzte mich tief in eine Vision, von der meine Zunge noch heute nur stammelnd zu berichten vermag.

Ich sah einen Thron, der gesetzt war im Himmel, und auf dem Thron saß Einer, und Der Da Saß, war streng und erhaben anzusehen, die weitgeöffneten Augen blickten funkelnd auf eine ans Ende ihrer irdischen Tage gelangte Menschheit. Prächtige Locken und ein majestätischer Bart umrahmten sein Antlitz und fielen auf seine Brust gleich den Wassern eines Stromes in lauter ebenmäßigen und symmetrischen Wellen. Die Krone auf seinem Haupte war reich mit Gemmen und Edelsteinen geschmückt, das herrliche Purpurgewand, durchwoben mit goldenen Litzen und Spitzen, umhüllte in weiten Falten seine Gestalt. Mit der Linken hielt er auf dem Knie ein versiegeltes Buch, die Rechte hob er zu einer Geste, von der ich nicht sagen kann, ob sie segnend war oder drohend. Sein Antlitz leuchtete in der blendenden Schönheit eines kreuzförmigen und blumengeschmückten Heiligenscheins, und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen gleich einem Smaragd. Und vor dem Thron, zu Füßen des, Der Da Saß, war ein gläsernes Meer wie aus Kristall, und um den Sitzenden, um seinen Thron und darüber, sah ich vier schreckliche Tiere — schrecklich für mich, der ich sie hingerissen betrachtete, aber lieblich und süß für den Sitzenden, dessen Lob sie sangen ohn’ Unterlaß.

Genaugenommen konnte man nicht von allen vier Tieren sagen, daß sie schrecklich anzusehen waren, denn schön und edel erschien mir jenes in Menschengestalt, das links von mir (also zur Rechten des Sitzenden) ein Buch in der Hand hielt. Aber erschaudern machte mich auf der anderen Seite ein Adler mit weitaufgerissenem Schnabel und mächtigen Klauen, die borstigen Federn als Schuppenpanzer gestaltet, die Schwingen wie zum Fluge gebreitet. Und zu Füßen des Sitzenden, unter den beiden ersten Tieren, sah ich einen Löwen und einen Stier, beide hielten ein Buch in ihren Pranken und Hufen, beide hatten den Körper abgewandt vom Throne, aber den Kopf zu ihm hin, als drehten sie gerade Schulter und Hals in wildem Ungestüm, die Flanken bebend, die tierischen Glieder zuckend, die Rachen geöffnet, die Schwänze gewunden wie Schlangen und endend in kleinen züngelnden Flammen. Beide waren geflügelt, beide gekrönt mit Heiligenscheinen, und waren trotz ihres furchtbaren Anblicks keine Geschöpfe der Hölle, sondern solche des Himmels, und wenn sie mir schrecklich erschienen, so weil sie brüllten in Anbetung dessen, der da kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Rings um den Thron, um die vier Tiere und zu Füßen des Sitzenden, wie durchscheinend unter dem Wasser des gläsernen Meeres und fast den ganzen verbleibenden Raum der Vision erfüllend (angeordnet gemäß der triangulären Struktur des Tympanons in einer unteren Reihe von zwei mal sieben, darüber zu Seiten des Throns zwei mal drei und darüber wiederum zwei mal zwei), sah ich vierundzwanzig Greise auf vierundzwanzig kleinen Thronen sitzen, gekleidet in weiße Gewänder, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen. In der Hand hielten sie bald ein Räuchergefäß, bald eine Laute; nur einer von ihnen spielte, doch alle blickten verzückt empor zu dem Sitzenden und sangen unaufhörlich sein Lob, die Glieder verdreht wie die der beiden unteren Tiere, aber nicht in tierischer Weise, sondern wie in ekstatischem Tanze — wie David um die Lade getanzt haben muß —, dergestalt daß, wo immer sie sich befinden mochten, ihre Blicke entgegen dem Gesetz, das die Haltung ihrer Körper beherrschte, in ein und demselben strahlenden Punkte zusammentrafen. Oh, welche Harmonie von Hingabe und Entrückung, von unnatürlichen und doch anmutigen Haltungen, in dieser mystischen Sprache der wie durch ein Wunder vom Gewicht ihrer Körperlichkeit befreiten Glieder, gestaltete Vielfalt, übergossen mit neuer Wesensform, als würde die heilige Heerschar getrieben von einem stürmischen Wind, von einem lebenspendenden Odem, rasende Freude, hallelujatischer Jubel, durch ein Wunder aus Klang zu Bild geworden!

Körper und Glieder beseelt vom Geist, erleuchtet von der Offenbarung, Gesichter verzückt vor Staunen, Blicke verdreht vor Begeisterung, Wangen gerötet von Liebe, Pupillen geweitet von Glück, der eine getroffen von freudiger Überraschung, der andere von überraschender Freude, der eine entrückt in Bewunderung, der andere verjüngt durch die Lust — so sah ich die Greise singen, singen ein neues Lied, mit dem Ausdruck ihrer Gesichter, mit dem Faltenwurf ihrer Mäntel, mit der Beugung und Anspannung ihrer Glieder, die Lippen halboffen in einem Lächeln ewigen Lobens. Und zu Füßen der Greise und gewölbt über ihnen und über dem Sitzenden und den vier Tieren, angeordnet in symmetrischen Reihen und Bändern, kaum auseinanderzuhalten, so fein hatte die Weisheit der Kunst sie verflochten, gleichförmig in der Vielfalt und vielförmig in der Gleichheit, einig in der Verschiedenheit und verschieden in der Einigkeit, herrlich übereinstimmend in ihren Teilen, wunderbar abgestimmt in ihren Farben, Wunder der Harmonie und des Einklangs unterschiedlicher Stimmen, Eintracht nach Art von Harfensaiten, einstimmende und fortwährend aufs neue sich verbündende Vermählung und Verschwägerung kraft einer tiefen und inneren Fähigkeit, einhellig zusammenzuwirken im Wechselspiel auch und gerade der Zweideutigkeiten, Zierde und Sammlung bald irreduzibler, bald reduzierter Formen, Werk einer liebevollen Zusammenfügung, getragen von einer himmlischen wie zugleich irdischen Regel (Band und fester Verbund von Frieden, Liebe, Tugend, Herrschaft, Macht, Ordnung, Ursprung, Werden, Leben, Licht, Glanz, Gattung und Gestalt), mannigfaltige Gleichheit, widerscheinend im Aufschein der Formen über den wohlproportionierten Teilen der Materie — so sah ich einander sich verflechten die Blumen und Blätter und Ranken und Dolden sämtlicher Pflanzen, mit denen die Gärten der Erde und des Himmels sich schmücken, Veilchen, Ginster, Lilien, Liguster, Kolokasien, Narzissen, Thymian, Akanthus, Myrrhen und Balsam.

Doch während meine Seele, ergriffen von diesem Konzert aus irdischen Schönheiten und majestätisch-übernatürlichen Zeichen, gerade in einen Jubelgesang ausbrechen wollte, fiel mein Blick, dem regelmäßigen Rhythmus der Blumenrosetten zu Füßen der Greise folgend, auf die verschlungenen Figuren am Mittelpfeiler des Portals. Was sah ich da, welche symbolische Botschaft überbrachten mir jene drei kreuzförmig mit- und übereinander verschränkten Löwenpaare, aufsteigend in Bögen, die Hinterbeine einer jeden Bestie auf den Boden gestemmt und die Vorderpranken auf den Rücken der nächsten, die Mähnen gesträubt zu schlangenartigen Zotteln, die Zähne gebleckt zu drohendem Fauchen, die Körper mit dem Pfeiler verbunden durch ein Gewirr und Geflecht von Ranken? Zur Beruhigung meiner Seele, wie um mir kundzutun, daß diese Löwen hier angebracht waren, um ihre diabolische Kraft zu meistern und umzuwandeln in symbolische Anspielung auf die höheren Dinge, zeigten sich rechts und links an den Seiten des Pfeilers je eine menschliche Gestalt, widernatürlich langgezogen fast über die ganze Höhe der Säule, und gegenüber, auf dem gemeißelten Torpfosten, wo die Türen aus Eichenholz verankert waren, in genauer Entsprechung zwei andere Gestalten. Vier also, vier Figuren von alten Männern, an deren Paraphernalien ich bei genauerem Hinsehen Petrus und Paulus, Jeremias und Jesajas erkannte, gewunden auch sie wie im Tanzschritt, die langen knochigen Hände mit ausgestreckten Fingern erhoben gleich Flügeln, und Flügeln gleich wehten die Barte und Haare in einem prophetischen Wind, und die Falten der langen Gewänder wölbten sich über zuckenden und extrem in die Länge gezogenen Beinen — vier hohe und hehre Gestalten, den verschränkten Löwen entgegengesetzt, doch von gleichem Material wie sie. Und während ich, fasziniert und gebannt von dieser rätselhaften Polyphonie aus heiligen Gliedern und höllischen Muskeln, den Blick weitergleiten ließ, sah ich neben dem Portal und unter den tiefen Arkaden des Vorbaus, in Stein gemeißelt zwischen den schlanken Säulen, überwölbt von der reichen Vegetation ihrer Kapitelle und von dort sich weiter verzweigend zum waldartigen Gewölbe der vielfachen Bögen, andere Visionen, die mich erschauern ließen und die wohl an diesem Ort nur gerechtfertigt waren durch die moralische Lehre, die sie dem frommen Betrachter erteilten: Ich sah eine Lüsterne, nackt und entfleischt, rot von ekligen Schwären, Schlangen fraßen an ihrem Leib, daneben ein trommelbäuchiger Satyr mit pelzigen Greifenklauen und einer obszönen Fratze, die ihre eigene Verdammnis hinausschrie; und ich sah einen Habsüchtigen, starr in der Starre des Todes auf seinem prunkvollen Lotterbett, nun feige Beute einer Schar von Dämonen, deren einer ihm aus dem röchelnden Munde die Seele zog, sie hatte die Form eines kleinen Kindes (Wehe, nie wird es für ihn eine Auferstehung zum ewigen Leben geben!); und ich sah einen Hoffärtigen, dem ein Alp auf der Schulter hockte und mit spitzigen Krallen die Augen auskratzte, und ich sah noch mehr Dämonen, ziegenköpfige, löwenmähnige, panthermäulige, gefangen in einem Flammenwald, dessen Brandgeruch ich fast zu riechen meinte. Und um sie herum, mit ihnen vermischt, zu ihren Köpfen und zu ihren Füßen, sah ich noch andere Fratzen und Glieder, einen Mann und eine Frau, die sich an den Haaren zerrten, zwei Vipern, die eines Verdammten Augen schlürften, einen irre Lachenden, der mit Krallenhänden den Rachen einer Hydra aufriß, und sämtliche Tiere aus Satans Bestiarium waren versammelt zum Konsistorium und postiert als Wache und Garde des Sitzenden auf dem Thron, seinen Ruhm zu singen durch ihre Unterwerfung: Faune, Hermaphroditen, Bestien mit sechsfingrigen Händen, Sirenen, Zentauren, Gorgonen, Medusen, Harpyien, Erinnyen, Dracontopoden, Lindwürmer, Luchse, Parder, Chimären, Leguane, sechsbeinige Agipiden, die Feuer aus ihren Nüstern sprühten, vielschwänzige Echsen, behaarte Schlangen und Salamander, Vipern, Nattern, Ratten, Raben, Greife, Geier, Eulen, Käuzchen, Wiedehopfe, Wiesel, Warane, Krokodile, Krebse mit Sägehörnern, Leukrokuten mit Löwenkopf und Hyänenleib, Mantikoren mit drei Zahnreihen im Maul, Hydren mit Zahnreihen auf dem Rücken, Drachen, Saurier, Wale, Seeschlangen, Affen mit Hundeköpfen, Makaken, Marder, Ottern, Igel, Basilisken, Chamäleons, Geckos, Skorpione, Sandvipern, Schleichen, Frösche, Polypen, Kraken, Muränen, Molche und Lurche. Die ganze Schauergesellschaft der niederen Kreaturen schien sich ein Stelldichein gegeben zu haben, um der Erscheinung des Sitzenden auf dem Throne als Vorhof zu dienen, als Unterbau und Kellergewölbe, als unterirdisches Land der Verstoßenen, sie, die Besiegten von Armageddon, im Angesicht des, der da kommen wird, endgültig zu trennen zwischen den Lebenden und den Toten. Starr vor Entsetzen stand ich da, wie betäubt von dieser Vision und nicht mehr ganz sicher, ob ich an einem freundlichen Ort mich befand oder im Tal des Jüngsten Gerichts, und nur mit Mühe vermochte ich meine Tränen zurückzuhalten, und mich dünkte zu hören (oder hörte ich wirklich?) all jene Stimmen, und mich dünkte zu sehen all jene Gesichte, die meine Kindheit begleitet hatten, meine erste Lektüre der heiligen Bücher und meine Nächte der Meditation als Novize im Chor von Melk. Und in der Ohnmacht meiner geschwächten Sinne vernahm ich eine mächtige Stimme wie eine Posaune, und die sprach: »Was du siehest, das schreibe in ein Buch!« (und eben dies tue ich nun). Und ich sah sieben goldene Leuchter und mitten unter den sieben Leuchtern Einen, der war eines Menschen Sohne gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und begürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Messing, das im Ofen glüht, und seine Stimme war wie ein großes Wasserrauschen, und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes zweischneidiges Schwert. Und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel, und Der Da Saß war anzusehen wie der Stein Jaspis und Sarder, und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd, und von dem Thron gingen Blitze und Donner aus, und Der Da Saß hatte in seiner Hand eine scharfe Sichel und rief mit gewaltiger Stimme: »Schlag an mit deiner Sichel und ernte, denn die Zeit zu ernten ist gekommen, reif ist die Ernte der Erde!« Und Der Da Saß schlug an mit seiner Sichel, und die Erde ward geerntet.

In diesem Augenblick wußte ich, daß meine Vision von nichts anderem sprach als von dem schlimmen Geschehen in dieser Abtei, wie wir es erfahren hatten von den zögernden Lippen des Abtes. Und noch oft in den nächsten Tagen sollte ich hierher zurückkehren, das Portal zu bewundern, im sicheren Gefühl, genau die Geschichte selbst zu erleben, die seine Bilder erzählten. Und ich begriff, daß wir an diesen Ort gekommen waren, um Zeugen zu werden eines großen himmlischen Dreinschlagens.

Mich schauderte, meine Glieder zitterten wie durchtränkt vom eisigen Winterregen. Und ich vernahm eine weitere Stimme, aber diesmal kam sie von hinten und war eine andere, eine irdische Stimme von dieser Welt und nicht eine himmlische aus dem leuchtenden Zentrum meiner Vision. Und sie beendete meine Vision, denn auch William (dessen Anwesenheit ich erst jetzt bemerkte, auch er war bis zu diesem Moment in Kontemplation versunken gewesen) drehte sich zu ihr um.

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Das Wesen in unserem Rücken schien ein Mönch zu sein, obwohl seine schmutzige und zerlumpte Kutte eher an einen Vagabunden denken ließ, und sein Gesicht war nicht unähnlich dem der Monster, die ich soeben an den Kapitellen gesehen. Nie im Leben ist es mir widerfahren (anders als vielen meiner Mitbrüder), vom Teufel besucht worden zu sein, doch ich glaube, wenn er mir eines Tages erscheinen sollte, so hätte er — unfähig, wie er kraft göttlichen Ratschlusses ist, seine wahre Natur vollkommen zu verbergen, so menschenähnlich er sich auch zu machen versucht — gewiß kaum andere Züge als jene, die wir in diesem Augenblick an unserem Gegenüber erblickten. Der Schädel kahlgeschoren, aber nicht aus Bußfertigkeit, sondern infolge der Tätigkeit eines grindigen Ausschlags, die Stirn so niedrig, daß, hätte er Haare auf dem Kopf gehabt, sie zweifellos mit den dichten und struppigen Brauen zusammengewachsen wären, die Augen rund mit kleinen und flinken Pupillen, der Ausdruck schwankend zwischen Unschuld und Verschlagenheit, wahrscheinlich beides abwechselnd, je nachdem. Die Nase konnte man eigentlich kaum als solche bezeichnen, bestand sie doch nur aus einem Knochen, der zwischen den Augen vorsprang, um sich jedoch schleunigst wieder zurückzuziehen, so daß nur zwei dunkle Höhlen blieben, weiträumige Nasenlöcher voller schwärzlicher Haare. Der Mund, mit den Nasenlöchern durch eine Narbe verbunden, war breit und schief, rechts breiter als links, und zwischen der Oberlippe, die nicht existierte, und der dicken, wulstigen Unterlippe bleckten in unregelmäßigen Abständen schwärzliche Zähne, spitz wie die eines Hundes.

Der Mensch lächelte (beziehungsweise zog eine Grimasse, die wohl ein Lächeln sein sollte), hob einen Finger, wie um uns zu warnen, und sprach:

»Penitenziagite! Siehe, draco venturus est am Fressen anima tua! La mortz est super nos! Prego, daß Vater unser komm, a liberar nos vom Übel de todas le peccata. Ah, ah, hihihi, Euch gfallt wohl ista negromanzia de Domini Nostri Jesu Christi! Et anco jois m’es dols e plazer m’es dolors … Cave el diabolo! Semper m’aguaita, immer piekster und stichter, el diabolo, per adentarme le carcagna. Aber Salvatore non est insipiens, no no, Salvatore weiß Bescheid. Et aqui bonum monasterium, hier lebstu gut, se tu priega dominum nostrum. Et el resto valet un figo secco. Amen. Oder?«

Ich werde im Fortgang der Handlung noch mehrfach von diesem Salvatore zu berichten haben und seine seltsamen Reden wiedergeben. Ich gestehe allerdings, daß ich damit gewisse Schwierigkeiten habe, denn noch heute wüßte ich nicht zu sagen, in was für einem Idiom er sich auszudrücken beliebte. Es war nicht jenes Latein, in welchem sich die gebildeten Mönche in der Abtei verständigten, es war aber auch nicht die Volkssprache jener Gegend noch sonst eine, die mir je zu Ohren gekommen wäre. Ich hoffe, dem Leser eine ungefähre Vorstellung von Salvatores Redeweise gegeben zu haben mit obiger Wiedergabe (so getreu die Erinnerung sie mir erlaubt) der ersten Worte, die ich von ihm vernahm. Später, als ich von seinem abenteuerlichen Leben erfuhr und von den vielen Orten und Ländern, in denen er geweilt, ohne jemals irgendwo Wurzeln zu schlagen, begriff ich, daß er sozusagen alle Sprachen und keine sprach. Beziehungsweise daß er sich eine eigene Sprache erfunden hatte, die aus Fragmenten und Fetzen der vielen Sprachen bestand, mit denen er in Berührung gekommen war. Einmal ist mir sogar der Gedanke gekommen, daß seine Sprache womöglich vielleicht … wie soll ich sagen … nicht etwa die adamitische war, welche die glückliche Menschheit zu Anfang der Schöpfung gesprochen, bis sie den unglückseligen Turmbau zu Babel begann, und ebensowenig eine der vielen Sprachen, die nach der verhängnisvollen Verwirrung entstanden, sondern vielmehr genau die Sprache Babels am ersten Tag nach der göttlichen Züchtigung, also die Sprache der primären Konfusion. Andererseits war Salvatores Idiom nicht eigentlich Sprache zu nennen, denn in jeder menschlichen Sprache gibt es bestimmte Regeln, jede Wortform und Endung bedeutet, ad placitum, irgend etwas mehr oder minder Präzises kraft eines unwandelbaren und unverzichtbaren Gesetzes. Der Mensch kann den Hund nicht nach Belieben einmal Hund und einmal Katze nennen, auch kann er nicht einfach irgendwelche Laute ausstoßen, denen im Konsens der Anwesenden kein präziser Sinn zukommt, er kann zum Beispiel nicht einfach »blitiri« sagen. Dennoch bekam ich ungefähr mit, was Salvatore uns sagen wollte, und auch die anderen in der Abtei verstanden ihn recht und schlecht — was zeigte, daß er eben nicht eine bestimmte, sondern alle Sprachen sprach, aber keine richtig, vielmehr die Worte bald aus der einen und bald aus der anderen nehmend. Später bemerkte ich in der Tat, daß er eine Sache nach Belieben auf provencalisch oder katalanisch oder lateinisch benennen konnte, und ich begriff auch, daß er weniger eigene Sätze bildete, als daß er verstreute Bruchstücke anderer Sätze, die er irgendwo aufgeschnappt hatte, je nach der Situation und nach dem, was er sagen wollte, benutzte und irgendwie zusammenfügte, gleichsam als könnte er beispielsweise von einer Speise nur mit den Worten derer reden, bei denen er sie zuerst gekostet, oder als könnte er seine Freude nur mit Sätzen ausdrücken, die er aus dem Munde von freudigen Menschen vernommen, während er selbst eine ähnliche Freude empfand. Es war, wie wenn seine Zunge gleich seinen Zügen zusammengeflickt worden wäre aus Teilen und Stücken anderer Zungen, oder auch (si licet magnis componere parva15 , oder wenn es erlaubt ist, göttliche Dinge mit denen des Teufels zu vergleichen) wie wenn kostbare Reliquien hervorgehen aus den Resten anderer heiliger Gegenstände …

Doch in jenem Augenblick, als ich Salvatore zum ersten Mal sah und hörte, schien er mir nicht unähnlich jenen wüsten Bastarden, die ich gerade am Kirchenportal gesehen hatte. Später bemerkte ich, daß er offenbar ein gutes Herz besaß und einen skurrilen Humor. Und noch später … Aber bleiben wir bei der Reihenfolge. Auch weil, kaum daß Salvatore geendet hatte, mein Meister ihn scharf ins Auge faßte und fragte:

»Warum hast du penitenziagite gesagt?«

»Domine frate magnificentissimo«, antwortete Salvatore mit einer kleinen Verbeugung, »Jesus venturus est, und die Menschen müssen doch facere penitentia. Oder?«

William sah ihm fest in die Augen: »Kommst du aus einem Minoritenkloster?«

»No capito.«

»Ich frage dich, ob du unter den Mönchen des heiligen Franziskus gelebt hast. Ich frage dich, ob du Bekanntschaft gemacht hast mit den sogenannten Apostlern …«

Salvatore erbleichte, beziehungsweise sein braungebranntes Fratzengesicht wurde grau. Er machte eine tiefe Verbeugung, bekreuzigte sich devot, murmelte etwas von »vade retro« und rannte davon, nicht ohne sich mehrfach umzublicken.

»Was habt Ihr ihn gefragt?« wollte ich wissen.

William verharrte einen Augenblick in Gedanken, strich sich dann mit der Hand über die Schläfe und sagte: »Nichts. Ich sag’s dir später. Laß uns nun in die Kirche gehen. Ich möchte Ubertin sehen.«

Es war kurz nach der sechsten Stunde. Die Sonne stand bleich im Westen und erhellte das Kircheninnere nur durch ein paar schmale Fenster. Ein dünner Strahl traf gerade noch den Hochaltar und ließ den Baldachin in einem goldenen Schimmer erglänzen. Die Seitenschiffe lagen in tiefem Schatten.

Im linken Seitenschiff, nahe der letzten Kapelle vor dem Altar, stand eine zierliche Säule, darauf eine steinerne Muttergottes, geformt im modernen Stil, die Lippen umspielt von einem unbeschreiblichen Lächeln, der Leib vortretend, das Kind im Arm, gekleidet in ein anmutiges Gewand mit feinem Korsett. Zu Füßen der Säule lag, im Gebet versunken und fast prosterniert, ein Mann in der Tracht des Cluniazenserordens.

Wir traten näher. Der Mann, aufgeschreckt durch das Geräusch unserer Schritte, hob den Kopf. Es war der Kopf eines Greises, bartlos und kahl, die Augen groß und hellblau, die Lippen dünn und rot, die Haut schneeweiß und faltig um einen knochigen Schädel hängend als handle es sich um eine in Milch konservierte Mumie. Die weißen Hände mit ihren langen und schmalen Fingern vervollständigten den Eindruck eines welken, im zarten Alter dahingerafften Mädchens. Sein Blick schien zunächst verwirrt, als hätten wir ihn in einer ekstatischen Vision gestört, doch plötzlich erhellten sich seine Züge in freudiger Überraschung.

»William!« rief er aus. »Mein liebster Bruder William!« Der Greis erhob sich mit Mühe, trat meinem Herrn entgegen, umarmte ihn und küßte ihn auf den Mund. »William!« rief er noch einmal, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Wie lange hab’ ich dich nicht gesehen! Aber ich erkenne dich wieder! Wie viele Jahre, wie viele Begebenheiten! Wie viele Prüfungen hat uns der Herr auferlegt!« Er weinte. William erwiderte die Umarmung, sichtlich bewegt. Wir standen vor Ubertin, dem großen Ubertin von Casale.

Ich hatte schon viel von ihm gehört, bereits vor meiner Ankunft in Italien und dann noch mehr bei den Franziskanern am Hofe des Kaisers. Einmal hatte mir sogar jemand gesagt, daß der größte Dichter unserer Epoche, der Florentiner Dante Alighieri, der wenige Jahre zuvor gestorben war, ein großes Gedicht geschrieben habe, ein gewaltiges Epos von Hölle und Paradies, an welchem Himmel und Erde mitgewirkt hätten und dessen Verse (ich konnte sie leider nicht lesen, da sie in der toskanischen Volkssprache abgefaßt waren) auf weite Strecken nichts anderes seien als eine Paraphrase von Abschnitten aus Ubertins Buch Arbor vitae crucifixae. Und das war nicht der einzige Titel dieses bedeutenden Mannes. Doch um dem Leser verständlich zu machen, wie bedeutend er war, muß ich hier etwas weiter ausholen und versuchen, die Ereignisse jener Jahre zu schildern, so gut ich es kann — das heißt, soweit sie mir damals während meines kurzen Aufenthalts in Italien klar wurden aus den verstreuten Bemerkungen meines Lehrers sowie aus den vielen Gesprächen, die er im Verlauf unserer Reise mit Äbten und Mönchen geführt hatte.

Ich will mich bemühen, alles so zu berichten, wie ich es verstanden habe, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich diese Dinge immer richtig darzustellen vermag. Meine Lehrer in Melk pflegten gern zu sagen, es sei für uns Leute aus dem Norden sehr schwer, sich ein klares Bild von den mannigfaltigen religiösen und politischen Wechselfällen in Italien zu machen.

Auf jener Halbinsel, wo die Macht des Klerus offenkundiger war als in jedem anderen Land und wo der Klerus auch offener als in jedem anderen Land seine Macht und seinen Reichtum zeigte, waren seit mindestens zwei Jahrhunderten immer wieder Bewegungen von Männern und Frauen entstanden, die ein Leben in größerer Armut fuhren wollten, in Polemik und aus Protest gegen die korrupten Prälaten, von denen sie manchmal sogar die Sakramente ablehnten, indem sie sich zu autonomen Gemeinden zusammenschlössen, womit sie den Neid und Haß nicht nur der Kirchenoberen, sondern auch des Kaisers, des Adels und der Stadtbürger auf sich zogen.

Dann war der heilige Franz von Assisi gekommen und hatte eine Liebe zur Armut gepredigt, die den Vorschriften der Kirche nicht widersprach, und dank seines Wirkens hatte die Kirche den Aufruf zur Sittenstrenge jener alten Bewegungen schließlich gutgeheißen und sie bereinigt von den Elementen der Unordnung, die sich in ihnen festgesetzt hatten. So hätte nun eine Zeit des Friedens und der Heiligkeit anbrechen können, doch im gleichen Maße, wie der franziskanische Orden wuchs und die besten Männer in seinen Bannkreis zog, wuchs auch seine Macht und sein Hang zu den irdischen Dingen, weshalb immer mehr Franziskaner aufbegehrten und die Brüder zurückführen wollten zur ursprünglichen Reinheit. Was freilich eine recht schwierige Sache war, hatte der Orden doch zur Zeit meines Besuchs in der Abtei schon mehr als dreißigtausend Mitglieder in aller Welt. Aber so war es eben, und viele von diesen Brüdern des heiligen Franz widersetzten sich der Regel, die sich der Orden gegeben hatte, denn, so sagten sie, er habe längst die Formen jener kirchlichen Institutionen angenommen, gegen die er einst angetreten war. Jawohl, und das sei bereits zu Lebzeiten des heiligen Franz geschehen, und seine Worte und Intentionen seien verraten worden! Viele von denen, die so sprachen, entdeckten damals die Schriften eines Zisterziensermönches namens Joachim von Fiore, der zu Anfang des 12. Jahrhunderts in Kalabrien gelehrt hatte und dem ein prophetischer Geist zugeschrieben wurde. In der Tat hatte er die baldige Heraufkunft einer neuen Zeit verkündet, in welcher sich der Geist Christi, der seit langem entartet sei durch das Treiben seiner falschen Apostel, von neuem verkörpern werde auf Erden. Und angesichts der Termine, die Joachim dafür genannt hatte, schien es allen ganz klar, daß er unbewußt vom Orden der Franziskaner gesprochen hatte. Und darüber hatten sich viele Franziskaner sehr gefreut, vielleicht ein wenig zu sehr, jedenfalls kam es dann um die Mitte des letzten Jahrhunderts dazu, daß die gelehrten Doctores der Sorbonne zu Paris die Lehren des Abtes Joachim als Häresie verurteilten. Freilich schien es, daß sie dies hauptsächlich deswegen taten, weil die Franziskaner (und die Dominikaner) zu mächtig zu werden begannen und zu einflußreich in der französischen Universität, weshalb sie als Ketzer beseitigt werden sollten. Was dann allerdings nicht geschah, und das war ein Segen für die Kirche, denn es erlaubte die Verbreitung der Schriften des Thomas von Aquin und des Bonaventura von Bagnoregio, die nun gewiß keine Ketzer waren. Woran man sieht, daß auch in Paris die Ideen verwirrt waren, beziehungsweise daß jemand sie um eigener Ziele willen zu verwirren trachtete. Dies eben ist das Übel, das die Ketzerei dem Volke Christi antut: daß sie die Geister verdunkelt und alle dazu verführt, sich zu Inquisitoren aus Eigennutz zu machen. Und was ich in jenen Tagen in der Abtei miterleben sollte (wovon ich in diesem Buch berichten will), brachte mich zu der Überzeugung, daß es häufig die Inquisitoren sind, die das Übel der Ketzerei erzeugen. Nicht nur in dem Sinne, daß sie Ketzer zu sehen meinen, wo gar keine Ketzer sind, sondern daß sie den verderblichen Keim der Häresie mit so großer Vehemenz unterdrücken, daß viele sich dazu getrieben sehen, an ihr teilzuhaben aus Haß gegen die Unterdrücker. Wahrlich, ein circulus vitiosus, den der Teufel ersonnen hat, Gott schütze uns davor!

Doch zurück zur joachimitischen Ketzerei (wenn es denn eine war). Damals predigte in der Toskana ein Franziskaner, Fra Gerhardino von Borgo San Donnino, der sich zum Sprachrohr der Prophezeiungen des Joachim machte und damit die Minderen Brüder sehr beeindruckte. So bildete sich unter ihnen eine Gruppe, die starr an der alten Regel festhielt, als der große Bonaventura, der inzwischen ihr Ordensgeneral geworden war, den Orden zu reorganisieren versuchte. Und als dann im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts das Konzil zu Lyon dem Orden der Franziskaner, um ihn vor denen zu retten, die ihn abschaffen wollten, das Eigentum an allen Gütern zugestand, die er im Gebrauch hatte, kam es in den italienischen Marken zu einem Aufstand von Brüdern, die meinten, nun sei der Geist der franziskanischen Regel endgültig verraten worden, denn Franziskaner dürften niemals etwas besitzen, weder als einzelne noch als Konvent noch als Orden. Sie wurden zur Strafe für ihren Aufstand lebenslänglich eingekerkert. Ich glaube nicht, daß sie etwas gepredigt hatten, was im Widerspruch zum Evangelium stand, aber wenn das Eigentum und der Besitz an irdischen Dingen ins Spiel kommt, wird es für die Menschen schwierig, gerecht zu argumentieren. Jahre später, so ist mir erzählt worden, fand dann der neue Ordensgeneral Raimund Gaufredi die Eingekerkerten in Ancona und befreite sie mit den Worten: »Wollte Gott, daß wir alle und der ganze Orden uns befleckt hätten mit dieser Schuld!« Woran man sieht, daß es nicht wahr ist, was die Häretiker sagen, sondern daß es in der Kirche immer noch Männer von großer Tugend gibt.

Einer der Eingekerkerten von Ancona, ein italienischer Bruder namens Angelo Clareno, tat sich alsdann nach seiner Befreiung mit einem provencalischen Franziskaner namens Petrus Johannis Olivi zusammen, der die Prophezeiungen des Joachim in Südfrankreich predigte, und danach mit Ubertin von Casale, und aus dieser Verbindung entstand die Bewegung der Spiritualen. In jenen Jahren kam es dazu, daß ein überaus heiliger Eremit namens Petrus von Murrone den Heiligen Stuhl bestieg, um als Papst Coelestin V. zu regieren, und dieser Papst wurde von den Spiritualen mit großer Freude begrüßt. »Ein Heiliger wird kommen«, war geweissagt worden, »und er wird die Lehren Christi befolgen und wird leben wie ein Engel. Erzittert, verderbte Prälaten!« Aber vielleicht lebte Coelestin allzusehr wie ein Engel, vielleicht waren die Prälaten in seiner Umgebung allzu verderbt, vielleicht ertrug er ganz einfach nicht mehr die Spannungen eines Krieges, der nun schon allzulange zwischen der Kurie und dem Kaiser sowie den anderen weltlichen Herrschern Europas geführt wurde — Tatsache ist jedenfalls, daß Coelestin auf sein hohes Amt bald wieder verzichtete, um sich in die Einsamkeit der Abruzzen zurückzuziehen. Doch in seiner kurzen Regierungszeit, die weniger als ein Jahr gedauert hatte, waren die kühnsten Hoffnungen der Spiritualen erfüllt worden. Einerseits hatte Coelestin mit ihnen die Gemeinschaft der fratres et pauperes heremitae domini Coelestini, den sogenannten Coelestinerorden gegründet. Andererseits gab es, während der Papst immerfort zwischen den mächtigen römischen Kardinälen vermitteln mußte, unter diesen einige, zum Beispiel einen Colonna und einen Orsini, die insgeheim das neue Verlangen nach Armut unterstützten. Wahrlich eine seltsame Haltung für so mächtige Potentaten, die selber in Wohlstand und maßlosem Reichtum lebten, und ich habe nie recht verstanden, ob sie die Spiritualen einfach für ihre eigenen Machtinteressen benutzten, oder ob sie meinten, sie könnten durch ihre Unterstützung der Spiritualen ihr eigenes Leben in Pracht und Luxus irgendwie rechtfertigen; mag sein, daß beides zugleich der Fall war, ich verstehe wenig von diesen italienischen Dingen. Doch um ein konkretes Beispiel zu geben: Ubertin fand Unterschlupf als Kaplan bei Kardinal Orsini, als ihm, nachdem er zum geistigen Führer der Spiritualen geworden war, eine Anklage wegen Ketzerei drohte, und derselbe Kardinal hielt auch später in Avignon seine schützende Hand über ihn.

Indessen kam es, wie es in solchen Fällen kommt: Einerseits predigten hochgebildete Franziskaner wie Angelo und Ubertin gemäß der Heiligen Schrift, andererseits griffen zahlreiche Laien ihre Predigt auf und verbreiteten sie ohne jede Kontrolle im Lande. So wurde Italien regelrecht überschwemmt von jenen Fraticelli oder kleinen Brüdern des armen Lebens, die vielen gefährlich erschienen. Längst war es schwierig geworden, klar zu trennen und zu unterscheiden zwischen den Lehrmeistern der Spiritualen, die mit den Kirchenbehörden Kontakt hielten, und ihren einfachen Anhängern, schlichten Laienbrüdern, die außerhalb des Ordens lebten, von erbettelten Almosen und von der täglichen Arbeit ihrer Hände, ohne das geringste Eigentum zu besitzen. Letztere waren es, die man im Volksmund Fratizellen nannte, nicht unähnlich jenen französischen Beginen, die sich an der Lehre des schon genannten Petrus Johannis Olivi orientierten.

Nach Coelestin V. kam Bonifaz VIII. auf den Heiligen Stuhl, und dieser Papst beeilte sich nun, so unnachsichtig wie möglich gegen die Spiritualen und die Fratizellen vorzugehen. Noch in den letzten Jahren des Jahrhunderts erließ er eine Bannbulle, Firma cautela, mit welcher er in einem einzigen Aufwasch Terziare, umherschweifende Bettelmönche an den äußeren Rändern des Franziskanerordens und die eigentlichen Spiritualen verdammte, das heißt jene Brüder, die sich dem Leben des Ordens entzogen, um ein Dasein als Eremiten zu fuhren.

Später bemühten sich die Spiritualen, das Einverständnis anderer Päpste zu gewinnen, etwa Clemens’ V., um sich gewaltlos und friedlich vom Orden absetzen zu können, und ich glaube, sie hatten auch zuweilen Erfolg. Doch als dann schließlich Johannes XXII. sein Pontifikat antrat, verloren sie alle Hoffnung. Gleich nach seiner Wahl im Jahre 1316 schrieb der neue Papst einen Brief an den König von Sizilien, wohin sich viele italienische Spiritualen geflüchtet hatten, und forderte ihn auf, diese Brüder von seinem Land zu vertreiben. Zugleich ließ er Angelo Clareno und die provençalischen Spiritualen in Ketten legen.

Das kann jedoch kein leichtes Unternehmen gewesen sein, und auch in der Kurie waren viele dagegen. Tatsache ist jedenfalls, daß es Ubertin und Clareno schließlich freigestellt wurde, den Orden der Franziskaner zu verlassen, was sie dann auch taten; der eine fand Unterschlupf bei den Benediktinern, der andere bei den Coelestinern. Doch gnadenlos ging Johannes gegen diejenigen vor, die ihr freies Leben fortsetzen wollten: Er ließ sie von der Inquisition verfolgen, und viele von ihnen wurden als Ketzer verbrannt.

Indessen hatte er sehr wohl begriffen, daß er, um das Unkraut der Fratizellen auszurotten, das die Autorität der Kirche zu untergraben drohte, auch die Lehren verurteilen mußte, auf denen sie ihren Glauben begründeten. Sie behaupteten aber, daß Christus und seine Jünger keinerlei Eigentum besessen hätten, weder persönliches noch gemeinschaftliches, und so verurteilte nun der Papst eben diese Behauptung als ketzerisch. Ein erstaunliches Urteil an und für sich, ist es doch nicht ersichtlich, warum ein Papst die Ansicht für verkehrt halten sollte, daß Christus arm gewesen sei. Doch genau ein Jahr vor dem Urteilsspruch hatte zu Perugia das Generalkapitel der Franziskaner getagt und eben diese Ansicht vertreten; indem der Papst also die einen verurteilte, verurteilte er zugleich auch die anderen. Denn wie ich bereits gesagt habe, die Haltung der Franziskaner störte den Papst beträchtlich in seinem Kampf gegen den Kaiser, und das war der Grund. So mußten denn in den folgenden Jahren zahlreiche schlichte Brüder, die weder vom Kaiser noch von Perugia viel wußten, elendiglich in den Flammen sterben.

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All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, während ich mich der Betrachtung eines so legendären Mannes wie Ubertin hingab. Mein guter Meister hatte mich ihm vorgestellt, und der Greis hatte mir die Wange gestreichelt mit einer warmen, ja geradezu heißen Hand. Und bei der Berührung durch diese Hand hatte ich plötzlich vieles von dem verstanden, was ich gehört über diesen heiligen Mann und was ich gelesen in seinem Arbor Vitae; ich verstand nun auf einmal, welches mystische Feuer ihn verzehrt hatte seit seiner Jugend, als er, obwohl Student in Paris, sich von den theologischen Spekulationen abgewandt hatte und sich einbildete, er sei in die Büßerin Magdalena verwandelt; ich verstand seine intensiven Beziehungen zu der heiligen Angela von Foligno, die ihn eingeführt hatte in die Schätze der Mystik und in die Anbetung des Kreuzes; und ich verstand nun auch, warum seine Oberen ihn eines Tages, besorgt über den glühenden Eifer seiner Predigt, in die Bergeinsamkeit des apenninischen Klosters La Verna geschickt hatten.

Ich betrachtete seine Züge, die mir sanft erschienen wie die der Heiligen, mit der er so intensiven brüderlichen Verkehr und innigen spirituellen Austausch gepflogen. Wieviel härter mußten diese Züge damals im Jahre 1311 gewesen sein, als er sich dem feingesponnenen Kompromiß des Konzils zu Vienne widersetzte! Das Konzil hatte nämlich mit seinem Dekretale Exivi de paradiso einerseits jene franziskanischen Oberen entmachtet, die den Spiritualen feindlich gesonnen waren, andererseits aber diesen auferlegt, fürderhin friedlich im Schoße des Ordens zu leben. Ubertin jedoch, dieser unbeugsame Verfechter eines asketischen Lebens, hatte den Kompromiß abgelehnt und sich für die Gründung eines unabhängigen, streng zur Armut verpflichteten Ordens eingesetzt. Am Ende hatte der große Kämpfer seinen Kampf freilich doch verloren, denn in den folgenden Jahren führte Johannes XXII. seinen Kreuzzug gegen die Anhänger des schon genannten Petrus Johannis Olivi (zu denen auch Ubertin gerechnet wurde) und verurteilte die Brüder und Schwestern von Narbonne und Béziers als Ketzer. Dennoch hatte Ubertin nicht gezögert, das Andenken des Freundes gegenüber dem Papst zu verteidigen, und dieser, überwältigt von der Heiligkeit des großen Asketen, hatte es nicht gewagt, auch ihn zu verurteilen (obwohl er die anderen alle verurteilte). Ja, er hatte ihm sogar ein Leben in Ruhe und Sicherheit angeboten, indem er ihm zuerst riet und dann befahl, dem Orden der Cluniazenser beizutreten. Ubertin, der offenbar großes Geschick besaß (so zart und zerbrechlich er wirkte), sich Protektion und Verbündete am päpstlichen Hof zu verschaffen, hatte sich daraufhin zwar bereit erklärt, in das flandrische Kloster Gemblach zu gehen, ist dann aber, soweit ich weiß, niemals dorthin gegangen, sondern in Avignon geblieben, um unter der schützenden Hand des Kardinals Orsini die Sache der Franziskaner zu verteidigen.

Erst in letzter Zeit (ich hatte darüber nur vage Gerüchte gehört) hatte sein Glück bei Hofe sich gewendet, jedenfalls mußte er Avignon verlassen, und seither ließ der Papst diesen unbeugsamen Mann verfolgen als Ketzer qui per mundum discurrit vagabundus16 . Er galt als spurlos verschwunden … Heute morgen hatte ich aus dem Gespräch zwischen William und dem Abt erfahren, daß er sich hier in dieser Abtei aufhielt. Und nun stand er vor mir!

»Denk nur, William«, sagte er gerade, »sie waren bereits soweit, daß sie mich umbringen wollten. Ich mußte bei Nacht und Nebel fliehen!«

»Wer wollte deinen Tod? Johannes?«

»Nein. Johannes hat mich zwar nie gemocht, aber stets respektiert. Er war es im Grunde auch, der damals vor zehn Jahren verhindert hatte, daß es zum Prozeß gegen mich kam, indem er mir auferlegte, zu den Benediktinern zu gehen. Dagegen konnten meine Feinde nichts sagen. Sie haben lange gemurrt und gestichelt, sie machten sich lustig über die Tatsache, daß ein so strenger Verfechter der Armut in einen so reichen Orden eintrat und dazu noch am Hofe des Kardinals Orsini lebte … William, du weißt, wie wenig mir an den Dingen dieser Welt liegt! Aber, verstehst du, das war die einzige Möglichkeit, in Avignon zu bleiben und meine Mitbrüder zu verteidigen. Der Papst hat Angst vor Orsini, er hätte mir niemals ein Haar gekrümmt. Noch vor drei Jahren schickte er mich als Botschafter zum König von Aragonien.«

»Wer war es dann, der dir übel wollte?«

»Alle. Die Kurie. Zweimal haben sie versucht, mich zu ermorden. Sie wollten mich unbedingt zum Schweigen bringen. Du weißt, was vor fünf Jahren geschehen ist. Die Beginen von Narbonne waren schon zwei Jahre lang verurteilt, und Berengar Talloni, der immerhin selber einer der Richter gewesen war, hatte den Papst um eine Revision des Urteils ersucht. Es waren schwierige Zeiten für uns, Johannes hatte bereits zwei Bullen gegen die Spiritualen erlassen, und sogar Michael von Cesena hatte nachgegeben … Übrigens, wann kommt er?«

»Er wird in zwei Tagen hier sein.«

»Michael … Wie lange habe ich ihn nicht gesehen! Inzwischen hat er sich wieder besonnen, er hat jetzt begriffen, was wir wollen, das Kapitel von Perugia hat uns recht gegeben. Aber damals, und noch 1318, ist er vor dem Papst zurückgewichen und hat ihm fünf provencalische Mitbrüder ausgeliefert, die sich nicht unterwerfen wollten. Sie sind verbrannt worden, William … Oh, es war schrecklich!« Ubertin schlug sich die Hände vors Gesicht.

»Aber sag mir«, fragte William, »was genau geschah nach dem Revisionsgesuch von Talloni?«

»Johannes mußte die ganze Debatte neu eröffnen, verstehst du? Er mußte, denn auch in der Kurie gab es Männer, die vom Zweifel erfaßt worden waren, auch die Franziskaner bei Hofe — Pharisäer, scheinheilige Leisetreter, die immer bereit sind, sich zu verkaufen für eine Pfründe —, auch sie waren vom Zweifel erfaßt. Angesichts dieser Lage bat mich Johannes, eine Denkschrift zu verfassen. Sie ist gut geworden, William, Gott vergebe mir meinen Hochmut …«

»Ich habe sie gelesen, Michael hat sie mir gezeigt.«

»Es gab Schwankende, auch unter uns, zum Beispiel der Provinzial von Aquitanien, der Kardinal von San Vitale, der Bischof von Kaffa …«

»Der ist ein Idiot«, warf William ein.

»Requiescat in pace, Gott hat ihn vor zwei Jahren zu sich genommen.«

»So barmherzig ist Gott leider nicht gewesen. Es war eine Falschmeldung aus Konstantinopel. Er weilt immer noch unter uns, es heißt sogar, er gehöre zur päpstlichen Legation. Gott schütze uns vor ihm!«

»Aber er befürwortet doch die Resolution von Perugia«, sagte Ubertin.

»Eben. Er gehört zu jener Sorte von Menschen, die immer die besten Pferde im Stall ihrer Gegner sind.«

»Um die Wahrheit zu sagen«, räumte Ubertin ein, »er war unserer Sache auch damals nicht gerade dienlich. Die ganze Angelegenheit ist dann praktisch im Sande verlaufen, aber wenigstens war nicht offiziell erklärt worden, daß die Idee als solche häretisch sei, und das war wichtig. Darum haben die anderen mir dann auch nie verziehen. Sie haben versucht, mir auf jede Weise zu schaden, sie haben zum Beispiel behauptet, ich sei damals vor drei Jahren in Sachsenhausen gewesen, als Kaiser Ludwig den Papst zum Ketzer erklärte — dabei wußten sie alle genau, daß ich den ganzen Juli über in Avignon bei Orsini gewesen war … Sie meinten tatsächlich, in Teilen der kaiserlichen Erklärung einen Widerhall meiner Ideen zu finden … Was für ein Unsinn!«

»So unsinnig war das gar nicht«, sagte William. »Die Ideen hatte ich dem Kaiser geliefert, und ich hatte sie deiner Denkschrift von Avignon entnommen und einigen Abschnitten von Olivi.«

»Du?« rief Ubertin halb verblüfft und halb freudig. »Dann gibst du mir also recht!?«

William schien ein wenig verlegen. »Es waren gute Ideen für den Kaiser, damals …«, sagte er ausweichend.

Ubertin sah ihn mißtrauisch an. »Aha. Aber in Wirklichkeit hältst du nicht viel davon, stimmt’s?«

»Erzähl mir noch mehr von dir«, lenkte William ab. »Erzähl mir, wie es dir gelungen ist, dich vor diesen Hunden zu retten.«

»Ja, Hunde sind sie, wütende Hunde! Stell dir vor, William, ich mußte sogar mit Bonagratia streiten!«

»Aber Bonagratia von Bergamo steht doch auf unserer Seite!«

»Ja, jetzt, nachdem ich lange mit ihm geredet habe. Erst danach war er überzeugt und protestierte gegen die Ad conditorum canonum — und dafür hat der Papst ihn dann ein Jahr lang einkerkern lassen.«

»Ich habe gehört, daß er jetzt einem meiner Freunde in der Kurie nahesteht, William von Ockham.«

»Den hab’ ich nicht gut gekannt. Er gefiel mir nicht. Ein Mann ohne Wärme, nur Kopf, kein Herz.«

»Aber ein guter Kopf.«

»Mag sein, und doch wird er ihn zur Hölle tragen.«

»Gut, dann werde ich ihm dort begegnen, und wir werden über Logik disputieren.«

»Sag so was nicht, William!« erwiderte Ubertin lächelnd und liebevoll. »Du bist besser als deine Philosophen. Ach, hättest du damals nur gewollt …«

»Was?«

»Weißt du noch, wann wir uns das letzte Mal sahen, damals in Umbrien? Erinnerst du dich? Ich war gerade erst von meinen Übeln genesen dank der Fürbitte jener wunderbaren Frau … Clara von Montefalco«, murmelte er mit leuchtenden Augen. »Clara … Wenn die weibliche Natur, die von Natur so pervers ist, sich in der Heiligkeit sublimiert, kann sie zum höchsten Gefäß der Anmut werden. Du weißt, daß mein Leben vom Streben nach höchster Keuschheit erfüllt ist, William«, er faßte ihn sichtlich erregt am Arm. »Du weißt, mit welch wildem — ja, wild ist das richtige Wort — mit welch wildem Verlangen nach Buße ich versucht habe, die Triebe des Fleisches in mir abzutöten, um mich ganz und gar transparent zu machen für die Liebe Jesu, des Gekreuzigten … Und doch waren drei Frauen in meinem Leben für mich drei himmlische Botschafterinnen: Angela von Foligno, Margherita von Città di Castello (die mir das Ende meines Buches eingab, als ich erst ein Drittel davon geschrieben) und schließlich Clara von Montefalco. Es war ein Geschenk des Himmels, daß mir, ausgerechnet mir die Aufgabe zufiel, ihre Wundertaten zu untersuchen und dem Volk ihre Heiligkeit zu verkünden, bevor noch unsere heilige Mutter Kirche sich rührte. Und du warst damals dabei, lieber William, und du hättest mir helfen können bei diesem heiligen Unternehmen, aber du wolltest nicht …«

»Das heilige Unternehmen, zu dem du mich einludst, lieber Ubertin, bestand darin, die Brüder Bentivenga, Jacomo und Giovannuccio auf den Scheiterhaufen zu befördern«, entgegnete William sanft.

»Sie waren im Begriff, mit ihren Perversionen das Andenken der Heiligen zu verdunkeln. Und du warst damals Inquisitor!«

»Und genau damals bat ich um Entlassung aus diesem Amt. Die Geschichte gefiel mir nicht. Mir gefiel auch nicht, um es offen zu sagen, wie du Bentivenga dazu gebracht hattest, seine Verfehlungen zu gestehen. Du hast so getan, als wolltest du in seine Sekte eintreten, wenn es denn eine Sekte war, hast ihm seine Geheimnisse entlockt und ihn dann verhaften lassen.«

»Nun ja, das ist eben die Art, wie man gegen die Feinde Christi vorgeht. Sie waren Häretiker, sie waren falsche Apostel, sie strömten den Schwefelgeruch Fra Dolcinos aus.«

»Sie waren die Freunde Claras.«

»Nein, William, nie darfst du das Andenken Claras verdunkeln, nicht einmal mit einem Schatten!«

»Aber sie verkehrten in Claras Gruppe …«

»Sie waren Minoriten, sie nannten sich Spiritualen, aber sie waren Brüder der Gemeinde! Und du weißt, für die Untersuchung war es klar, daß Bentivenga von Gubbio sich Apostel nannte und daß er zusammen mit Giovannuccio von Bevagna Nonnen verführte, indem er ihnen einflüsterte, es gebe gar keine Hölle und man könne die fleischlichen Gelüste befriedigen, ohne Gott zu beleidigen, man dürfe den Corpus Christi empfangen, nachdem man (der Herr vergebe mir!) bei einer Nonne gelegen, und dem Herrn sei die Sünderin Magdalena lieber gewesen als die hehre Jungfrau, und den das Volk Dämon nenne, der sei in Wahrheit Gott selber, denn der Dämon sei Weisheit und Gott sei Weisheit! Und es war die selige Clara, die, nachdem sie solche Reden gehört, ihre große Vision hatte, in welcher ihr Gott höchstpersönlich sagte, daß jene Verführer üble Jünger des Spiritus Libertatis waren!«

»Sie waren Minoriten, deren Geist von den gleichen Visionen erfüllt war, wie sie Clara gesehen hatte, und oft ist es nur ein sehr kleiner Schritt von der ekstatischen Vision zum sündhaften Rausch«, sagte William.

Ubertin ergriff Williams Hände, und erneut füllten sich seine Augen mit Tränen. »Sag so was nicht, William! Wie kannst du verwechseln zwischen dem Augenblick der ekstatischen Liebe, die dir die Eingeweide verbrennt mit dem Duft des Weihrauchs, und dem betäubenden Rausch der Sinne, der nach Schwefel riecht! Bentivenga hat dazu angestiftet, die nackten Glieder von Körpern zu berühren, er hat behauptet, nur dadurch könne man sich aus dem Reich der Sinne befreien, homo nudus cum nuda iacebat …«17

»Et non commiscebantur ad invicem …«18

»Lüge! Sie suchten das Vergnügen, wenn der fleischliche Trieb sich regte, sie hielten es nicht für Sünde, wenn Mann und Frau zusammenlagen, um ihn zu befriedigen, wenn sie einander an allen Körperteilen berührten und küßten, wenn einer seinen nackten Bauch mit dem nackten Bauch der anderen vereinte!«

Ich muß gestehen, daß die Art, wie Ubertin die Laster anderer stigmatisierte, mich nicht gerade zu tugendhaften Gedanken anregte. William hatte wohl meine Verwirrung bemerkt, denn er unterbrach den heiligen Mann und sagte:

»Du bist ein feuriger Geist, Ubertin, du brennst in der Liebe zu Gott wie im Haß auf das Böse. Was ich sagen wollte, war lediglich, daß zwischen dem Feuer der Seraphim und dem Feuer des Luzifer nur ein geringer Unterschied ist, denn beide entspringen einer extremen Entzündung des Willens.«

»Oh doch, es gibt einen großen Unterschied, und ich kenne ihn«, sagte Ubertin mit leuchtenden Augen. »Du willst sagen, daß der Wille zum Guten und der Wille zum Bösen nah beieinanderliegen, weil es in beiden Fällen nur um die Ausrichtung ein und desselben Willens geht. Das ist wahr. Aber der Unterschied liegt eben genau in dieser Ausrichtung auf verschiedene Objekte, und die Objekte lassen sich klar unterscheiden: einerseits Gott, andererseits der Teufel.«

»Und ich fürchte eben, hier nicht mehr genau unterscheiden zu können, Ubertin. War es nicht deine Angela von Foligno, die eines Tages erzählte, sie sei, erleuchtet vom Geiste, im Grabe Christi gestanden? Sagte sie nicht, sie habe zuerst seine Brust geküßt, als sie ihn da liegen sah mit geschlossenen Augen, und dann habe sie seinen Mund geküßt und gespürt, wie seinen Lippen ein unsäglich süßer Duft entströmt sei, und nach einer kleinen Weile habe sie ihre Wange auf Christi Wange gelegt, und Christus habe seine Hand ihrer Wange genähert und sie fest an sich gezogen, und ihr Entzücken — so sagte sie — sei übermächtig geworden?«

»Was hat das mit dem Ansturm der Sinne zu tun?« fragte Ubertin. »Das war eine mystische Erfahrung, und jener Leib war der Corpus Domini Nostri!«

»Nun, vielleicht habe ich mich zu lange in Oxford aufgehalten«, erwiderte William, »wo auch die mystischen Erfahrungen andersgeartet waren …«

»Ganz im Kopf, nicht wahr?« lächelte Ubertin.

»Oder in den Augen. Wenn Gott als Licht empfunden wird, in den Strahlen der Sonne, in den Bildern der Spiegel, im Spiel der Farben auf den Teilen der wohlgeordneten Materie, in den Reflexen der Morgenröte auf den taufeuchten Blättern … Ist solche Liebe nicht näher der Liebe des heiligen Franz, der Gott in seinen Geschöpfen pries, in Blumen und Gräsern, in Wasser und Luft? Aus solcher Liebe kann niemals, so glaube ich, eine schwüle Verlockung kommen. Dagegen mißfällt mir eine Liebe, die ins Zwiegespräch mit dem Höchsten die Fieberschauer der fleischlichen Berührung einführt …«

»Du redest lästerlich, William! Das ist nicht dasselbe. Es liegt ein gewaltiger Unterschied zwischen der hehren Ekstase dessen, der in Liebe zum gekreuzigten Christus entbrennt, und der frivolen Ekstase der falschen Apostel von Montefalco …«

»Sie waren keine falschen Apostel, sie waren Brüder im Freien Geiste, du hast es selber gesagt.«

»Wo ist da der Unterschied? Du weißt nicht alles, was damals in jenem Prozeß zutage gekommen ist, ich selbst habe nicht gewagt, gewisse Geständnisse aktenkundig zu machen, weil ich die Aura der Heiligkeit, die Clara an jenem Ort geschaffen hatte, nicht einmal für einen Augenblick mit dem Schatten des Dämons verdunkeln wollte. Aber ich habe gewisse Dinge erfahren, gewisse Dinge, William! Sie versammelten sich bei Nacht im Keller, nahmen ein neugeborenes Kind und warfen es sich einander zu, bis es an den Erschütterungen und Stößen — oder an anderem — starb, und wer es als letzter lebend auffing, so daß es in seinen Händen starb, der wurde zum Oberhaupt ihrer Sekte … Und der Körper des Kindes wurde zerrissen, und die Teile wurden zerstampft und dem Mehl beigemischt, aus dem sie blasphemische Hostien buken!«

»Ubertin«, sagte William mit fester Stimme, »diese Dinge sind vor Jahrhunderten den armenischen Bischöfen nachgesagt worden, der Paulizianer-Sekte und später den Bogomilen.«

»Was besagt das schon? Der Dämon ist blöde und einfallslos, er hält sich in seinen Verlockungen und Verführungen an einen sturen Rhythmus, er wiederholt seine Riten über Jahrtausende, er bleibt sich immer gleich, und eben daran erkennt man ihn als den Feind! Ich schwöre dir, sie zündeten Kerzen in der Osternacht an und holten sich junge Mädchen in den Keller. Dann löschten sie die Kerzen und warfen sich in der Dunkelheit auf die Mädchen, mochten diese auch mit ihnen verbunden sein durch Blutsbande … Und wenn dann aus dieser blinden Vermischung ein Kind entstand, begann der höllische Ritus von neuem, alle versammelten sich um einen Bottich mit Wein, den sie ‘das Tönnchen’ nannten, um sich daran zu berauschen, und rissen das Neugeborene in Stücke und gössen sein Blut in eine Schale! Und sie warfen Kinder lebendig ins Feuer und mischten die Asche der Kinder mit ihrem Blut und tranken es!«

»Genau das schrieb Michael Psellos vor dreihundert Jahren in seiner Dämonologie. Wer hat dir diese Dinge erzählt?«

»Sie, Bentivenga und die anderen, unter der Folter.«

»Es gibt nur eins, was die Menschen mehr erregt als die Lust, Ubertin, und das ist der Schmerz. Unter der Folter lebst du wie im Reich der Kräuter und Säfte, die Visionen erzeugen. Alles, was du jemals gehört, alles, was du jemals gelesen hast, kommt dir aufs lebhafteste in den Sinn, als wärst du entrückt, aber nicht zum Himmel, sondern zur Hölle. Unter der Folter sagst du nicht nur, was der Inquisitor von dir erwartet, sondern auch, was ihm vielleicht gefällt und Vergnügen bereitet, damit zwischen ihm und dir ein inniges (und nun wirklich diabolisches) Band entsteht … Ich weiß diese Dinge, Ubertin, ich habe selber zu jenen Leuten gehört, die meinten, sie könnten die Wahrheit mit glühenden Zangen ans Licht bringen. Doch wisse, die Glut der Wahrheit ist von anderer Flamme! Unter der Folter kann dir Bentivenga die absurdesten Lügengeschichten erzählt haben, denn nicht er sprach in jenem Augenblick, sondern seine Wollust, das Dämonische in seiner Seele.«

»Seine Wollust?«

»Ja, es gibt eine Wollust des Schmerzes, wie es eine Wollust der Anbetung gibt und sogar eine Wollust der Demut. Bedenke, wenn selbst den aufbegehrenden Engeln so wenig genügte, um ihre Inbrunst der Anbetung und der Demut umschlagen zu lassen in eine Inbrunst der Hoffart und der Rebellion gegen Gott, was soll man dann von den schwachen Menschen sagen? Dieser Gedanke war es, nun weißt du’s, der mir im Verlauf meiner Inquisitionen kam. Und genau darum verzichtete ich auf diese Tätigkeit. Mir schwand der Mut, die Schwächen der Übeltäter zu untersuchen, als ich entdeckte, daß sie auch die Schwächen der Heiligen sind.«

Den letzten Worten meines Herrn und Meisters hatte Ubertin zugehört, als verstünde er immer weniger, wovon die Rede war. Am Ausdruck seines Gesichtes, das zunehmend Mitleid bekundete, sah ich, daß er William für das Opfer heftiger Schuldgefühle hielt, die er ihm freilich verzieh, weil er ihn sehr liebte. So unterbrach er ihn und sagte enttäuscht: »Wenn du solche Gefühle hattest, tatest du sicher gut daran, dein schweres Amt niederzulegen. Mir aber fehlte damals deine Hilfe, gemeinsam hätten wir jene üble Bande zerschlagen können. Statt dessen wurde ich, wie du weißt, dann selber der Ketzerei beschuldigt. Ach William, auch du warst also zu schwach im Kampfe gegen das Übel! Das Übel, William — wird dieser Fluch denn niemals enden, diese Finsternis, dieser Morast, der uns hindert, zur reinen Quelle vorzudringen?« Er trat noch einen Schritt näher an William heran, als hätte er Angst, daß ihn jemand hörte: »Auch hier geht es um, auch hier in diesen geweihten Mauern! Weißt du es?«

»Ich weiß es, der Abt hat es mir gesagt, er hat mich sogar gebeten, ihm bei der Aufklärung behilflich zu sein.«

»Dann suche, forsche, spähe mit Luchsaugen in zwei Richtungen: Wollust und Hoffart …«

»Wollust?«

»Ja, Wollust! In diesem Jungen, der nun tot ist, war etwas … Weibisches und also Teuflisches. Er hatte die Augen eines Mädchens, das Verkehr mit dem Inkubus sucht … Aber ich sage auch Hoffart: die Hoffart des Geistes in diesem Kloster, das sich so sehr dem Stolz des Wortes und der Illusion des Wissens hingibt …«

»Wenn du etwas weißt, dann hilf mir!«

»Ich weiß nichts. Es gibt nichts, was ich wissen könnte. Aber manche Dinge fühlt man mit dem Herzen. Laß dein Herz sprechen, William, befrage stets die Gesichter, höre nicht auf die Zungen … Doch was reden wir hier von so finsteren Dingen und machen unserem jungen Freund Angst!« Er blickte mich an mit seinen hellblauen Augen und strich mir mit seinen langen weißen Fingern sanft über die Wange, so daß ich unwillkürlich zurückweichen wollte; doch ich beherrschte mich, denn es hätte ihn verletzt, und seine Absicht war rein.

»Erzähl mir lieber von dir«, wandte er sich erneut an William. »Was hast du getan in all den Jahren? Wie lange ist es her …«

»Achtzehn Jahre«, antwortete William. »Ich bin in meine Heimat zurückgekehrt und habe in Oxford meine Studien fortgesetzt. Ich habe die Natur studiert.«

»Die Natur ist gut, denn sie ist Gottes Schöpfung«, sagte Ubertin.

»Und Gott muß gut sein, wenn er die Natur geschaffen hat«, lächelte William. »Ich habe studiert, ich habe viele kluge Freunde getroffen. Dann habe ich Marsilius kennengelernt, mich interessierten seine Ideen über das Reich und das Volk und über ein neues Gesetz für die irdische Herrschaft, und so geriet ich in jene Gruppe unserer Mitbrüder, die den Kaiser berät. Aber das weißt du ja, ich habe es dir geschrieben. Und als ich dann eines Tages in Bobbio erfuhr, daß du hier Unterschlupf gefunden hast, jauchzte mein Herz, denn ich hatte dich für verschollen gehalten. Nun, da du hier bist, kannst du uns sehr behilflich sein, wenn Michael in ein paar Tagen eintrifft. Es wird einen harten Zusammenstoß geben.«

»Ich habe kaum mehr zu sagen als das, was ich bereits vor fünf Jahren in Avignon sagte. Wer wird mit Michael kommen?«

»Einige Brüder, die beim Kapitel in Perugia waren. Arnold von Aquitanien, Hugo von Newcastle …«

»Wer?«

»Hugo von Novocastrum, entschuldige, ich falle manchmal in meine Sprache, auch wenn ich gutes Latein spreche. Auch Wilhelmus Alnwick ist zu erwarten. Und von den Franziskanern aus Avignon kommen Hieronymus, der Hohlkopf von Kaffa, und vielleicht auch Berengar Talloni und Bonagratia von Bergamo.«

»Hoffen wir zu Gott«, seufzte Ubertin, »daß sie sich nicht allzusehr mit dem Papst verfeinden! Und wer wird die Position der Kurie vertreten? Ich meine, wer von den Harten?«

»Aus den Briefen, die ich erhalten habe, schließe ich auf Lorenz Decoalcon …«

»Ein tückischer Mensch!«

»Jean d’Anneaux …«

»Ein durchtriebener Theologe, hütet euch vor ihm!«

»Wir werden uns hüten. Schließlich Jean de Baune.«

»Den möchte ich mit Berengar sehen, das wird was geben!«

»Ja, ich glaube, wir werden uns gut amüsieren«, sagte William in bester Laune. Ubertin sah ihn unsicher lächelnd an.

»Nie weiß ich, wann ihr Engländer etwas im Ernst sagt und wann ihr scherzt! Ich sehe nichts Amüsantes in einer so folgenschweren Begegnung. Es geht schließlich um das Überleben des Ordens, welcher der deine ist und im Innersten auch der meine … Aber ich werde Michael von Cesena beschwören, nicht nach Avignon zu gehen. Johannes will ihn dort haben, er sucht ihn, lädt ihn allzu beharrlich ein. Hütet euch vor diesem alten französischen Fuchs! Oh Herr, in welche Hände ist Deine Kirche gefallen …« Er wandte sich zum Altar. »Verwandelt in eine Dirne, im Luxus verweichlicht, suhlt sie sich in Wollust wie eine Schlange im Sonnenglast. Von der schlichten Reinheit des Stalles zu Bethlehem, Holz wie hölzern das lignum vitae des Kreuzes war, zu den Bacchanalien in Stein und Gold! Siehe, auch diese Abtei ist nicht frei davon, hast du das Portal gesehen? Dem Hochmut der Bilder vermag man sich nicht zu entziehen … Sehr nahe schon sind die Tage, da der Antichrist kommen wird, und ich fürchte mich, William!« Zitternd schaute der Greis sich um, starrte mit aufgerissenen Augen ins Dunkel des Kirchenschiffes, als würde der Antichrist jeden Augenblick auftauchen, und auch ich schaute mich unwillkürlich um. »Seine Statthalter sind bereits da, von ihm ausgesandt, wie Christus seine Jünger aussandte in die Welt. Sie verderben die Stätte Gottes, verführen mit List, Heuchelei und Gewalt! Es ist Zeit, daß der Herr seine Diener aussendet, Elias und Enoch, die er am Leben erhielt im irdischen Paradies, auf daß sie kommen, die neue Zeit zu verkünden im härenen Kleid und Buße zu predigen mit dem eigenen Beispiel und mit dem Wort …«

»Sie sind schon gekommen, Ubertin«, sagte William und zeigte auf seine franziskanische Kutte.

»Aber sie haben noch nicht gewonnen, und über ein kleines wird der Antichrist voller Wut befehlen, Enoch und Elias zu töten und ihre Leichen hinzuwerfen, auf daß ein jeder sie sehe und sich fürchte. So wie man mich töten wird …«

Erschrocken dachte ich, als ich Ubertin so reden hörte, daß er einer Art göttlichem Wahn verfallen sei, und sorgte mich um seinen Verstand. Heute, da ich weiß, daß er wenige Jahre später in einer deutschen Stadt auf mysteriöse Weise ermordet wurde, und niemand hat je erfahren, von wem, packt mich noch größeres Entsetzen, denn offenbar sah Ubertin damals in die Zukunft.

»Du weißt es, der Abt Joachim hat die Wahrheit gesprochen. Wir befinden uns in der sechsten Ära der Menschengeschichte, in welcher erscheinen werden zwei Antichristen, der mystische Antichrist und der wirkliche, und dies wird geschehen im sechsten Zeitalter, nachdem Franziskus gekommen ist, zu verkörpern in seinem Fleische die fünf Wunden des Gekreuzigten. Bonifaz war der mystische Antichrist, und Coelestins Abdankung war nicht gültig. Bonifaz war das Tier, das aus dem Meere steigt und dessen sieben Häupter die Angriffe auf die sieben Todsünden sind und dessen zehn Hörner die Angriffe auf die Zehn Gebote, und die Kardinäle, die ihn umgaben, waren die Heuschrecken, deren Leib Apollyon ist! Doch die Zahl des Tiers, wenn du den Namen in griechischen Lettern liesest, ist Benedicti …«

Ubertin blickte mich prüfend an, um zu sehen, ob ich verstanden hatte, und sprach mit erhobenem Finger: »Wisse, mein Sohn, Papst Benedikt XI. war der wirkliche Antichrist, das Tier, das aus der Erde steigt! Gott hat es zugelassen, daß dieses Ungeheuer an Laster und Frevel seine Kirche regierte, damit die Tugend seines Nachfolgers um so heller erstrahle …«

»Aber, ehrwürdiger Vater«, wandte ich zaghaft ein, »sein Nachfolger ist Johannes!«

Ubertin stutzte und wischte sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er einen lästigen Traum verscheuchen. Er atmete schwer und schien müde. »Mag sein. Die Berechnungen waren falsch. Wir warten noch immer auf den Papa Angelicus … Doch unterdessen sind immerhin Franziskus und Domenikus gekommen.« Er hob die Augen zum Himmel und sprach wie im Gebet (doch ich war sicher, daß er eine Stelle aus seinem großen Buch über den Baum des Lebens rezitierte): »Quorum primus seraphico calculo purgatus et ardore celico inflammatus, totum incendere videbatur. Secundus vero verbo predicationis fecundus super mundi tenebras darius radiavit19 … Jawohl, wenn dies die Verheißungen sind, wird der Papa Angelicus sicher kommen.«

»So sei es, Ubertin«, sagte William. »Einstweilen aber bin ich gekommen, um zu verhindern, daß der menschliche Kaiser vertrieben wird. Von deinem Papa Angelicus sprach auch Fra Dolcino …«

»Nie wieder darfst du den Namen dieser Schlange aussprechen!« fuhr Ubertin auf, und zum ersten Mal sah ich ihn, der bisher so gefaßt wirkte, wutverzerrt. »Er hat die Worte Joachims von Fiore besudelt, er hat sie zur Quelle von Tod und Verderben gemacht! Er war der Abgesandte des Antichrist, wenn je es einen gab! Daß du so reden kannst, William, liegt nur daran, daß du in Wahrheit nicht an das Kommen des Antichrist glaubst, deine Lehrer in Oxford haben dich stets nur gelehrt, die Vernunft zu verehren, und dabei sind die prophetischen Kräfte deines Herzens verdorrt!«

»Du irrst, Ubertin«, sagte William sehr ernst. »Du weißt, daß ich am meisten unter meinen Lehrern den großen Roger Bacon verehre …«

»… der sich eitlen Träumen über Flugmaschinen hingab«, spottete Ubertin.

»… der klar und deutlich über den Antichrist sprach, der die Vorzeichen seiner Ankunft in der Verderbnis der Welt erblickte und in der Schwächung der Weisheit. Allerdings lehrte er, daß es nur eine Art und Weise gibt, sich auf seine Ankunft vorzubereiten: die Geheimnisse der Natur zu studieren und das Wissen zu nutzen, um die menschliche Gattung zu verbessern. Auf den Kampf gegen den Antichrist kann man sich vorbereiten, indem man die heilenden Kräfte der Kräuter studiert und die Natur der Steine — und sogar, indem man jene Flugmaschinen entwirft, über die du spottest.«

»Der Antichrist deines Roger Bacon war nur ein Vorwand, um dem Stolz der kalten Vernunft zu frönen.«

»Ein heiliger Vorwand.«

»Kein Vorwand ist heilig! Mein lieber William, du weißt, daß ich dich liebe. Du weißt, daß ich dir vertraue. Züchtige deine Intelligenz, lerne zu weinen über die Wunden des Herrn, wirf deine Bücher weg!«

»Ich werde nur eins behalten: das deine«, versetzte William lächelnd. Auch Ubertin lächelte und sagte, einen Finger drohend erhoben: »Narr von einem Engländer! Aber spotte nicht zu sehr über deinesgleichen. Im Gegenteil, wen du nicht lieben kannst, den fürchte! Und hüte dich vor der Abtei. Dieser Ort gefällt mir nicht.«

»Ich möchte ihn besser kennenlernen«, sagte William zum Abschied. »Gehen wir, Adson.«

»Du bist unverbesserlich. Ich sage dir, daß mir der Ort nicht gefällt, und du erwiderst, du möchtest ihn besser kennenlernen! Ah!« sagte Ubertin kopfschüttelnd.

»Übrigens«, fragte William zum Abschluß, schon im Gehen, »wer ist jener Mönch, der das Aussehen einer Bestie hat und die Sprache Babels spricht?«

Ubertin, der schon wieder auf den Knien war, blickte noch einmal auf. »Salvatore? Ich glaube, den hat die Abtei mir zu verdanken … den und den Cellerar. Als ich damals die franziskanische Kutte ablegte, ging ich für einige Zeit zurück in mein altes Konvent von Casale, und dort fand ich eine Reihe verängstigter Brüder, denen man vorwarf, sie seien Spiritualen meiner ‘Sekte’, wie man sich auszudrücken beliebte. Ich setzte mich für sie ein und erreichte, daß sie meinem Beispiel folgen und den Orden verlassen durften. Zwei von ihnen, Salvatore und Remigius, fand ich dann hier, als ich vor einem Jahr in diese Abtei kam. Salvatore … ja, er sieht wirklich wie eine Bestie aus. Aber er ist sehr dienstbeflissen.«

William zögerte einen Augenblick. »Ich hörte ihn penitenziagite sagen.«

Ubertin schwieg. Dann bewegte er eine Hand, wie um einen bösen Gedanken zu verscheuchen, und sagte schließlich: »Nein, nein, ich kann es nicht glauben. Du weißt doch, wie diese Laienbrüder sind. Leute vom Land, die vielleicht einen Wanderprediger hörten und die nicht wissen, was sie da nachplappern. Salvatore hat andere Laster, er ist ein gefräßiges Naschmaul und lüstern. Aber niemals verstößt er gegen die Rechtgläubigkeit! Nein, das Übel dieser Abtei ist ein anderes, suche es lieber in denen, die zuviel wissen, nicht in denen, die unwissend sind. Errichte nicht auf einem einzigen Wort ein ganzes Verdachtsgebäude!«

»Das würde ich niemals tun«, erwiderte William. »Ich habe das Amt des Inquisitors niedergelegt, um genau das zu vermeiden. Aber ich achte gern auf die Worte und denke gelegentlich darüber nach.«

»Du denkst zuviel nach, lieber William! Und du, mein Junge«, wandte der Greis sich zu mir, »hüte dich davor, dem schlechten Beispiel deines Meisters zu folgen! Das einzige, worüber man nachdenken muß, und dessen werde ich mir an meinem Lebensabend bewußt, ist der Tod. Mors est quies viatoris — finis est omnis laboris20 … Laßt mich beten.«

GEGEN NONA

Worin William ein sehr gelehrtes Gespräch führt mit dem Bruder Botanikus Severin.

Wir gingen zurück durch das dunkle Hauptschiff und verließen die Kirche durch dasselbe Portal, durch das wir eingetreten waren. Ich hatte noch immer Ubertins Worte im Sinn, alle, und mir schwirrte der Kopf.

»Er ist … ein seltsamer Mann«, sagte ich zögernd zu William.

»Er ist — oder war — in vieler Hinsicht ein großer Mann. Doch eben darum ist er seltsam. Nur kleine Menschen scheinen normal. Ubertin hätte leicht einer von jenen Häretikern werden können, die er verbrennen ließ, und ebenso leicht ein Kardinal der heiligen römischen Kirche. Er ist beiden Perversionen sehr nahegekommen. Wenn ich mit Ubertin spreche, habe ich immer den Eindruck, daß die Hölle nichts anderes ist als das Paradies, von der anderen Seite betrachtet.«

Ich verstand nicht: »Von welcher Seite?«

»Nun ja, du hast recht«, gab William zu, »es fragt sich, ob es überhaupt Teile gibt, und es fragt sich, ob es ein Ganzes gibt … Aber hör nicht auf mich. Und schau nicht noch einmal auf dieses Portal«, sagte er und klopfte mir leicht auf die Schulter, als ich mich umdrehen wollte, um die Skulpturen noch einmal zu sehen, die mir vorhin soviel Eindruck gemacht hatten. »Für heute haben sie dich genug erschreckt. Alle.«

Als wir in den Hof traten, stand vor uns ein anderer Mönch. Er mochte etwa in Williams Alter sein. Er lächelte, verbeugte sich höflich und sagte, er heiße Severin von Sankt Emmeram und sei hier der Bruder Botanikus, dem die Pflege der Bäder, des Hospitals und der Gärten obliege, und er stehe uns zu Diensten, falls wir die Absicht hätten, uns auf dem Gelände der Abtei ein wenig genauer umzusehen.

William bedankte sich und erwiderte, er habe bereits den herrlichen Garten bemerkt, der offenbar nicht nur eßbare Pflanzen enthalte, sondern auch medizinische Kräuter, soweit man es unter dem Schnee erkennen könne.

»Zur Sommerzeit oder im Frühling, wenn die Vielfalt seiner Gewächse in voller Blüte steht, singt dieser Garten das Lob des Schöpfers noch besser«, sagte Severin wie zur Entschuldigung. »Doch auch in dieser Jahreszeit sieht das Auge des Botanikers an den trockenen Stengeln, welche Pflanzen hier wieder kommen werden, und ich kann dir sagen, dieser Garten ist reichhaltiger, als es je ein Herbarium war, und farbenprächtiger als die schönsten Anlagen irgendwo sonst. Außerdem wachsen einige Heilkräuter auch im Winter, und andere halte ich wohlversorgt in Töpfen und Krügen bereit, die ich in meinem Laboratorium habe. So werden zum Beispiel Katarrhe mit den Wurzeln des Sauerampfers geheilt, und gegen Hautkrankheiten macht man feuchte Umschläge mit dem Absud von Altheenwurzeln, mit der Klette vernarbt man Ekzeme, mit zerkleinerten und gestampften Rhizomen des Wiesenknöterichs heilt man den Durchfall und manche Frauenleiden, der Pfeffer ist ein gutes Verdauungsmittel, der Huflattich lindert den Husten, wir haben auch Enziane, die gut gegen Verstopfung sind, und Glyzyrrhizine, und Wacholder, um einen guten Tee zu machen, und Holunder, der mit Baumrinde einen stärkenden Sud für die Leber ergibt, und Wiesenschaumkraut, dessen Wurzeln, in kaltem Wasser aufgeweicht, die Entzündung der Schleimhäute lindern, und Baldrian, dessen Vorzüge ihr gewiß kennt.«

»Ihr habt sehr verschiedenartige Kräuter aus sehr verschiedenen Klimazonen. Wie kommt das?«

»Zum Teil verdanke ich sie der Gnade des Herrn, der unser Hochplateau so angelegt hat, daß es von Süden die warmen Winde des Meeres empfängt und von Norden die frische Waldluft aus den höheren Bergen. Zum anderen Teil verdanke ich sie den Errungenschaften der Kunst, die ich nach dem Willen meiner Lehrer erlernen durfte. Manche Pflanzen gedeihen auch in feindlichem Klima, wenn man den Boden und die Nahrung und das Wachstum entsprechend pflegt.«

»Aber Ihr habt doch auch Pflanzen, die nur zum Essen gut sind«, wollte ich wissen.

»Mein hungriger junger Freund, es gibt keine Pflanzen, die nur zum Essen gut sind und nicht auch zur Behandlung von Übeln, wenn man sie in der richtigen Dosierung nimmt. Nur das Übermaß macht sie zu Krankheitsursachen. Nimm zum Beispiel den Kürbis: Er ist von Natur aus kühl und feucht und lindert den Durst, doch wenn du zuviel davon ißt, bekommst du Durchfall, und dann mußt du ein Gebräu aus Senf und Salzlake trinken, damit deine Eingeweide sich zusammenziehen. Oder die Zwiebel: Warm und feucht, in kleinen Mengen genossen, steigert sie die Potenz (natürlich nur für jene, die nicht unser Gelübde abgelegt haben), doch in zu großen Mengen macht sie dir Kopfschmerzen und muß dann mit Milch und Essig bekämpft werden. Ein guter Grund für einen jungen Mönch«, fügte er maliziös hinzu, »stets nur maßvoll davon zu essen. Nimm lieber Knoblauch. Warm und trocken ist er gut gegen Gifte im Leib. Doch auch hier sollte man nicht übertreiben, er zieht zu viele Säfte aus dem Gehirn. Bohnen dagegen fordern die Urinbildung und machen fett, was beides sehr gut ist, aber sie rufen schlechte Träume hervor. Freilich sehr viel weniger als gewisse andere Gewächse, denn es gibt auch Kräuter, die schlimme Visionen erzeugen.«

»Welche sind das?« fragte ich neugierig.

»He, he, unser Novize möchte zuviel wissen. Diese Dinge darf niemand anderer wissen als der Botanikus, sonst könnte irgendein Bruder Leichtfuß herumlaufen und den Leuten Visionen verabreichen oder Lügen eintrichtern mit Hilfe der Kräuter.«

»Aber es genügt ein wenig Brennesselwurz«, schaltete William sich ein, »oder Roybra oder Olieribus, um sich gegen die Visionen zu schützen.«

Severin sah meinen Meister überrascht von der Seite an. »Interessierst du dich für die Kräuterkunde?«

»Ein ganz klein wenig«, antwortete William bescheiden. »Ich blätterte einmal vor Jahren im Theatrum Sanitatis von Ububchasym de Baldach …«

»Abul Asan al Muchtar ibn Botlan.«

»Oder Ellukasim Elimittar, wie du willst. Ob es hier wohl eine Kopie davon gibt?«

»Mehrere, sehr schöne mit kunstvoll gemalten Bildern.«

»Gelobt sei der Herr. Und wie steht es mit De virtutibus herbarum von Platearius?«

»Auch das ist da, und dazu De plantis von Aristoteles in der Übersetzung des Alfred von Sareshel.«

»Ich habe gehört, daß es in Wahrheit nicht von Aristoteles sei«, bemerkte William, »ebensowenig wie, einer neuen Entdeckung zufolge, De causis.«

»In jedem Falle ist es ein großes Buch«, sagte Severin, und William stimmte ihm lebhaft zu, ohne nachzufragen, ob er De plantis oder De causis meinte — zwei Werke, die ich nicht kannte, die aber, nach diesem Gespräch zu urteilen, offenbar beide sehr bedeutend waren.

»Ich würde mich freuen«, schloß Severin, »gelegentlich mit dir ein offenes Gespräch über die Kräuter zu führen.«

»Ich würde mich noch mehr freuen als du«, erwiderte William, »aber wir wollen doch nicht das Schweigegebot verletzen, das uns hier die Regel eures Ordens gebietet.«

»Die Regel des heiligen Benedikt«, sagte Severin, »hat sich im Lauf der Jahrhunderte den Bedürfnissen der verschiedenen Gemeinschaften angepaßt. Die Regel sah die lectio divina vor, nicht aber die Forschung; du weißt indessen, wie weit unser Orden das Studium der göttlichen und der menschlichen Dinge vorangebracht hat. Die Regel verlangte auch das gemeinsame Dormitorium; zuweilen ist es indessen empfehlenswert, wie hier bei uns, daß die Mönche sich auch zur Nachtzeit der Meditation widmen können, und so hat hier jeder von uns seine eigene Zelle. Die Regel ist sehr streng, was das Schweigegebot betrifft, und auch bei uns dürfen nicht nur diejenigen Brüder, die Handarbeiten verrichten, sondern auch die anderen, die ihre Tage schreibend und lesend verbringen, keine Gespräche mit ihren Confratres fuhren; doch die Abtei ist in erster Linie eine Gemeinschaft von Forschenden, und so ist es oft erforderlich, daß die Mönche ihr angesammeltes Wissen untereinander austauschen. Jedes Gespräch, das unsere Studien betrifft, gilt daher als legitim und nützlich — solange es nicht gerade im Refektorium oder während der Stunden des Gottesdienstes geführt wird.«

»Hattest du oft Gelegenheit, mit Adelmus von Otranto zu sprechen?« fragte William unvermittelt.

Severin schien nicht überrascht. »Wie ich sehe, hat der Abt dich bereits ins Bild gesetzt«, erwiderte er. »Nein, mit dem habe ich nicht oft gesprochen. Er verbrachte seine Zeit mit Miniaturenmalerei. Ich habe ihn nur zuweilen mit anderen Mönchen sprechen gehört, mit Venantius von Salvemec oder mit Jorge von Burgos zum Beispiel. Außerdem verbringe ich meine Tage nicht im Skriptorium, sondern drüben«, er wies mit dem Kinn in Richtung auf das Hospital, »im Laboratorium.«

»Verstehe«, sagte William. »Also weißt du auch nicht, ob Adelmus Visionen hatte.«

»Visionen?«

»Nun ja, zum Beispiel wie jene, die deine Kräuter hervorrufen.«

Severins Züge verhärteten sich: »Ich sagte doch, ich hüte die gefährlichen Kräuter sehr sorgfältig.«

»Das habe ich nicht gemeint«, beeilte sich William zu versichern. »Ich sprach von Visionen im allgemeinen.«

»Ich verstehe nicht«, beharrte der Bruder Botanikus.

»Nun, ich dachte, daß ein Mönch, der sich zur Nachtzeit im Aedificium herumtreibt, wo dem Eindringling zu verbotener Stunde, wie der Abt mir andeutete, gewisse … entsetzliche Dinge widerfahren können … nun ja, ich dachte, ich meinte, er könnte teuflische Visionen gehabt haben, die ihn dazu trieben, sich in den Abgrund zu stürzen.«

»Ich sagte doch, ich begebe mich selten in das Skriptorium, nur wenn ich ein bestimmtes Buch brauche, für den Normalfall habe ich meine Herbarien im Hospital. Aber wie gesagt, Adelmus war sehr vertraut mit Jorge, mit Venantius und … natürlich mit Berengar.«

Ich bemerkte eine leichte Erregung in Severins Stimme, die auch meinem Meister nicht entging:

»Berengar? Und wieso natürlich?«

»Berengar von Arundel, der Adlatus des Bibliothekars. Sie waren Altersgenossen, sie waren zusammen Novizen gewesen, es war also nur normal, daß sie manches miteinander zu besprechen hatten. Das wollte ich sagen.«

»Ach so, das wolltest du sagen«, nickte William. Ich wunderte mich, daß er auf diesem Punkt nicht länger insistierte, denn abrupt wechselte er das Thema und sagte: »Aber vielleicht ist es nun an der Zeit, daß wir uns ins Aedificium begeben. Willst du uns führen?«

»Gern, mit Vergnügen«, antwortete Severin, und seine Erleichterung stand ihm nur allzu deutlich im Gesicht geschrieben. So brachen wir auf, und er führte uns am Garten vorbei zur Westfassade des Aedificiums.

»Hier an der Gartenseite haben wir den Eingang, der in die Küche führt«, erklärte er. »Aber die Küche nimmt nur die westliche Hälfte des Erdgeschosses ein, in der anderen Hälfte befindet sich das Refektorium. An der Südseite gibt es noch einen zweiten Eingang, den man erreicht, wenn man hinter der Kirche um den Chor herumgeht, und von dort gelangt man durch zwei weitere Pforten in die Küche und ins Refektorium. Aber gehen wir ruhig hier hinein, wir können durch die Küche ins Refektorium gehen.«

Als wir die geräumige Küche betraten, bemerkte ich, daß sich im Innern des Aedificiums ein achteckiger Hof befand; wie ich später feststellte, handelte es sich um eine Art tiefen Schacht, auf den sich zwar keinerlei Türen, aber in jedem Stockwerk hohe Fenster öffneten, ähnlich denen, die wir an den Außenmauern gesehen hatten. Die Küche war eine lange und weite Halle voller Dunst, in der zu dieser Stunde bereits viele Köche emsig am Werk waren, um das Abendmahl vorzubereiten. An einem großen Tisch machten zwei von ihnen einen Gemüseauflauf: In eine Masse aus Grünzeug, Gerste, Hafer und Roggen schnitzelten sie gelbe Rüben, Radieschen, Karotten und Kresse. Neben ihnen hatte ein anderer Koch gerade Fische in einer Brühe aus Wein und Wasser gekocht und bestrich sie nun mit einer Soße aus Petersilie, Salbei, Thymian, Knoblauch, Pfeffer und Salz.

Unter dem Westturm am oberen Ende der Küche öffnete sich ein gewaltiger Backofen, worin rötliche Flammen züngelten. Am anderen Ende, unter dem Südturm, befand sich ein ebenso großer Kamin, über dessen Feuer sich Bratspieße drehten und Suppen in großen Töpfen brodelten. Durch die Tür, die zur Tenne hinter der Küche hinausführte, trugen Männer gerade das Fleisch der am Morgen geschlachteten Schweine herein. Wir durchquerten die Küche und gingen durch diese Tür ins Freie hinaus. Vor uns lag die Tenne: ein langer Hof, der sich hinter der Kirche am Ostrand des Plateaus nach Süden erstreckte, linker Hand begrenzt von einer Reihe flacher Bauten, bei denen es sich, wie wir von unserem Führer erfuhren, um die Ställe der Schweine, der Pferde, der Ochsen, der Hühner und schließlich den überdachten Rinderpferch handelte. Auf dem Platz vor dem Schweinestall waren Männer damit beschäftigt, in einem großen Bottich das Blut der frisch geschlachteten Schweine zu rühren, damit es, wie Severin uns erklärte, nicht gerann. Denn wenn es gut und unverzüglich gerührt werde, fügte er hinzu, bleibe es dank der kalten Witterung mehrere Tage lang frisch, und dann könne man Blutwurst daraus machen.

Wir gingen zurück ins Aedificium und warfen nur einen kurzen Blick ins Refektorium, das wir durchqueren mußten, um den Ostturm zu erreichen. Unter dem Nordturm am oberen Ende der Halle sahen wir einen großen Kamin; der Ostturm enthielt eine breite Treppe in Form einer Schnecke, die ins Obergeschoß zum Skriptorium führte. Über diese Treppe, sagte Severin, begäben die Mönche sich jeden Tag an ihre Arbeit; oder auch über zwei andere, die enger seien, aber dafür gut beheizt, da sie spiralförmig hinter dem Kamin sowie hinter dem Backofen in der Küche aufstiegen.

William fragte, ob wir auch sonntags jemanden im Skriptorium antreffen würden. Severin lächelte und gab zur Antwort, für einen Benediktinermönch sei die Arbeit Gebet, und sonntags seien die Gottesdienste zwar etwas länger, aber die mit Büchern befaßten Mönche verbrächten gleichwohl ein paar Stunden droben, meist beschäftigt mit fruchtbarem Austausch gelehrter Bemerkungen, kluger Ratschläge und Reflexionen über die heiligen Schriften.

NACH NONA

Worin das Skriptorium besichtigt wird und man viele fleißige Forscher, Kopisten und Rubrikatoren kennenlernt sowie einen blinden Greis, der auf den Antichrist wartet.

Während wir die gewundenen Stufen erklommen, bemerkte ich, daß William prüfend die Fenster musterte, die dem Treppenhaus Licht spendeten. Ich war vermutlich schon im Begriff, ebenso scharfsinnig wie mein Meister zu werden, denn ich sah auf den ersten Blick, daß sie dank ihrer Anlage schwer erreichbar waren. Auch die Fenster des Refektoriums — die einzigen, die sich im Erdgeschoß des Aedificiums zum Steilhang öffneten — schienen mir nicht eben leicht erreichbar zu sein, da sich unter ihnen keinerlei Möbel befanden.

Als wir am oberen Ende der Treppe angelangt waren, traten wir aus dem Ostturm in das Skriptorium, und im selben Moment entfuhr mir unwillkürlich ein bewundernder Ausruf. Das Obergeschoß war nicht zweigeteilt wie das untere, und so öffnete sich der Raum vor meinen Augen in seiner ganzen immensen Weite. Die von robusten Pfeilern gestützten Deckenbögen, rundgewölbt, aber nicht zu hoch (niedriger als in einer Kirche, aber höher als in jedem Kapitelsaal, den ich jemals gesehen), überspannten einen hellen, von herrlichem Licht durchfluteten Saal, denn an jeder der vier Hauptseiten öffneten sich drei mächtige Fenster, während fünf kleinere die fünf Außenmauern aller vier Türme durchbrachen und schließlich acht hohe und schmale Fenster das Licht aus dem achteckigen Innenhof eintreten ließen.

Die Fülle der Fenster bewirkte, daß der große Saal sich auch zu dieser spätherbstlichen Nachmittagsstunde noch eines gleichmäßigen, diffusen Lichtes erfreuen durfte. Die Scheiben waren nicht farbig bemalt wie in Kirchen, vielmehr umspannten die bleiernen Fassungen klare Gläser, durch welche folglich das Tageslicht in denkbar reinster Form eintreten konnte, um, von keiner menschlichen Kunst moduliert, seinen hehren Zweck zu erfüllen, nämlich die Arbeit des Lesens und Schreibens aufs trefflichste zu erhellen. Ich habe in späteren Jahren und andernorts noch manches Skriptorium gesehen, aber keines, das mit den Bündeln des physischen Lichtes, welches die Umwelt erleuchtet, so wunderbar das im Licht verkörperte Geistesprinzip erstrahlen ließ, nämlich die claritas, Quelle aller Schönheit und Weisheit, unabtrennbares Attribut der majestätischen Proportionen des Saales. Dreierlei nämlich wirkt zusammen, um die wahre Schönheit zu schaffen: erstens die Unversehrtheit oder Vollendung, weswegen uns unvollendete Dinge häßlich erscheinen, zweitens die maßvolle Proportion oder Harmonie, und drittens eben die Klarheit oder das Licht, weswegen wir schön nennen, was von klarer Farbe ist. Und da die Vision des Schönen stets auch das Friedliche in sich enthält und es für unser Gefühl dasselbe ist, ob wir Ruhe finden im Frieden, im Guten oder im Schönen, fühlte ich mich von einem großen Trost durchdrungen und dachte, wie angenehm es doch sein mußte, an diesem Ort zu arbeiten.

Ja, damals, in jener Stunde beginnender Dämmerung, erschien mir das Skriptorium wie eine fried- und freudvolle Werkstatt der Weisheit. In Sankt Gallen sah ich später ein ähnlich wohlproportioniertes Skriptorium, ebenfalls von der Bibliothek getrennt (in anderen Abteien pflegen die Mönche am selben Ort zu arbeiten, wo auch die Bücher aufbewahrt werden), aber dieses war noch viel schöner angelegt. Restauratoren, Kopisten, Rubrikatoren und Forscher saßen jeder an seinem eigenen Tisch, je einer vor jedem Fenster. Und da es insgesamt vierzig Fenster waren (eine wahrhaft vollendete Zahl, die sich der Verzehnfachung des Vierecks verdankt, als wären die Zehn Gebote mit den vier Kardinaltugenden multipliziert worden), hätten vierzig Mönche einhellig nebeneinander arbeiten können, mochten sich auch in diesem Augenblick nur knapp dreißig im Saal befinden. Severin erklärte uns, daß die im Skriptorium tätigen Mönche von den Gebeten zur Tertia, Sexta und Nona entbunden waren, damit sie das Tageslicht voll ausnutzen konnten und ihre Arbeit erst bei Einbruch der Dunkelheit zur Vesper zu unterbrechen brauchten.

Die hellsten Plätze waren den Restauratoren, den erfahrensten Miniaturenmalern und den Kopisten vorbehalten. Jeder Tisch hatte alles, was man zum Malen und zum Kopieren braucht: Tintenfässer, feine Federn, die einige Mönche mit winzigen Messerchen schärften, Bimssteine, um das Pergament zu glätten, und Lineale, um die Zeilenlinien zu ziehen. Neben jedem Schreiber oder auch am oberen Ende der schrägen Schreibfläche eines jeden Tisches stand ein Lesepult, auf dem der zu kopierende Codex ruhte, festgehalten durch eine bewegliche Maske, welche die gerade abzuschreibende Zeile einfaßte. Manche hatten auch goldene oder andersfarbige Tinten. Andere Mönche sah ich nur lesen und sich Notizen machen in Hefte oder auf kleine Täfelchen.

Allerdings hatte ich keine Zeit, ihre Arbeit genauer zu beobachten, denn schon eilte der Bibliothekar herbei, den wir bereits als Malachias von Hildesheim kannten. Er gab sich Mühe, seinem Antlitz einen Ausdruck des Willkommens zu geben, aber das änderte nichts daran, daß ich angesichts dieser einzigartigen Physiognomie unwillkürlich erschrak. Seine Gestalt war hoch, und seine Glieder wirkten trotz ihrer extremen Magerkeit groß und grobknochig, und wie er da in seiner schwarzen Kutte mit langen Schritten rasch auf uns zukam, hatte er etwas Beunruhigendes, ja Unheimliches. Die Kapuze, die er noch nicht abgestreift hatte, da er gerade von draußen kam, warf auf sein bleiches Gesicht einen Schatten, der seinen großen melancholischen Augen etwas Schmerzliches gab. Tiefe Furchen in seinen Zügen kündeten von vergangenen, einstmals offenbar wilden und nun vom Willen gebändigten Leidenschaften. Wehmut und Ernst beherrschten sein Antlitz, und seine Augen waren so stechend, daß sie mit einem einzigen Blick tief ins Herz seines Gegenübers einzudringen und seine geheimsten Gedanken zu lesen vermochten, weshalb man ihr forschendes Starren kaum ertragen konnte und versucht war, ihm auszuweichen.

Nachdem der Bibliothekar uns begrüßt hatte, führte er uns durch den Saal und stellte uns zahlreiche Mönche vor. Bei jedem von ihnen nannte er nicht nur den Namen, sondern auch die Art ihrer Tätigkeit, und bei allen bewunderte ich die Hingabe an ihre Wissenschaft und an das Studium der Worte Gottes. So lernte ich Venantius von Salvemec kennen, einen Übersetzer aus dem Griechischen und Arabischen sowie großen Verehrer des Aristoteles, des gewiß größten Gelehrten aller Zeiten. Ferner Benno von Uppsala, einen jungen skandinavischen Mönch, der sich mit Rhetorik und Grammatik beschäftigte, Berengar von Arundel, den Adlatus des Bibliothekars, Aymarus von Alessandria, der Bücher kopierte, die der Bibliothek nur leihweise für ein paar Monate überlassen waren, und schließlich eine Reihe von Miniatoren aus verschiedenen Ländern, Patrick von Clonmacnois, Rhaban von Toledo, Magnus von Iona, Waldo von Herford …

Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden, und nichts ist gewiß erfreulicher als eine Liste, Werkzeug wunderbarer Hypotyposen. Doch ich muß zum Inhalt unserer Gespräche kommen, denn daraus ergaben sich zahlreiche nützliche Hinweise zum Verständnis der spürbaren Unruhe, die unter den Mönchen herrschte, sowie des irgendwie unausgesprochenen Etwas, das ihre Reden belastete.

William begann das Gespräch mit Malachias, indem er die Schönheit und Zweckmäßigkeit des Skriptoriums lobte und sich erkundigte, wie hier die Arbeit vonstatten gehe, denn er habe, so fügte er wohlüberlegt hinzu, allerorten von dieser trefflichen Bibliothek gehört und würde gern viele der Bücher genauer in Augenschein nehmen. Malachias erklärte ihm, wie es bereits der Abt getan hatte, daß der Mönch, der ein bestimmtes Buch haben wolle, den Bibliothekar darum bitten müsse, und dieser hole es dann aus der Bibliothek im zweiten Obergeschoß, wenn der Wunsch gerechtfertigt sei und fromm. Auf Williams Frage, woher man den Titel des Buches erfahren könne, zeigte Malachias ihm einen voluminösen, mit einem goldenen Kettchen an seinem Tisch befestigten Codex, dessen Seiten von oben bis unten eng mit Listen bedeckt waren.

William versenkte die Hand in seine Kutte, wo sie vor der Brust einen Beutel bildete, und förderte einen Gegenstand zutage, den ich bereits früher zuweilen in seinen Händen oder auf seiner Nase gesehen hatte: eine kleine zweizackige Gabel, die so geformt war, daß sie auf der Nase eines Mannes sitzen konnte (zumal auf einer so kühn gebogenen Adlernase wie der meines Meisters), wie ein Reiter auf seinem Pferd sitzt oder ein Vogel auf seiner Stange. Rechts und links an den beiden Zacken der Gabel befanden sich, in genauer Entsprechung zu den Augen, zwei ovale Metallringe, die zwei dicke mandelförmige Gläser umspannten. Mit diesen Gläsern vor seinen Augen pflegte William zu lesen, und er sagte, er könne mit ihnen besser sehen, als es ihm die Natur oder sein fortgeschrittenes Alter gestatte, vor allem wenn das Tageslicht nachzulassen beginne. Allerdings brauche er das Gerät nicht, um in die Ferne zu sehen (im Gegenteil, da waren seine Augen sogar besonders scharf), sondern nur, um etwas aus der Nähe zu betrachten, und tatsächlich konnte er mit diesen Gläsern Manuskripte in winziger Schrift lesen, die zu entziffern selbst mir nicht immer leichtfiel. Wie er mir einmal erklärte, sei es nämlich so, daß bei vielen Menschen, wenn sie die Mitte ihrer Lebenszeit überschritten hätten, die Augen leicht ermüdeten und die Pupillen sich nicht mehr so gut anpassen könnten, selbst wenn ihre Sehkraft immer hervorragend gewesen sei, weshalb leider viele Gelehrte nach ihrem fünfzigsten Lenz, was das Lesen und Schreiben betreffe, so gut wie gestorben seien. Und das sei natürlich ein schlimmes Unglück für Männer, die noch viele Jahre lang ihr Bestes an Intelligenz und Erkenntnis hätten geben können, und deshalb müsse man Gott dafür loben, daß eines Tages jemand dieses nützliche Instrument erfunden und hergestellt habe — und das zeige wieder einmal, wie gut die Ideen des Roger Bacon gewesen seien, der bekanntlich gelehrt habe, Ziel und Zweck der Weisheit sei nicht zuletzt die Verlängerung des menschlichen Lebens.

Die anderen Mönche betrachteten William mit großer Neugier, wagten es aber nicht, ihm Fragen über seine Gläser zu stellen. Und so merkte ich, daß auch ihnen, die sich so eifersüchtig und selbstbewußt dem hehren Umgang mit Büchern verschrieben hatten, dieses wunderbare Gerät nicht bekannt war. Und es erfüllte mich mit Stolz, einen Meister zu haben, der etwas besaß, was Leuten, die in der ganzen Welt berühmt waren für ihr Wissen, solchen Eindruck machte.

Mit diesem Gerät auf der Nase beugte sich William nun also über den Codex. Ich tat es ihm nach, und wir entdeckten die Namen zahlloser Bücher, nie gehörte neben hochberühmten, die sich in dieser Bibliothek befanden.

»De pentagono Salomonis; Ars loquendi et intelligendi in lingua hebraica; De rebus metallicis von Rüdiger von Herford; Algebra von Al Kuwarizmi, ins Lateinische übertragen von Robertus Anglicus; die Punica von Silius Italicus; die Gesta francorum; De laudibus sanctae crucis von Hrabanus Maurus; und Flavii Claudii Giordani de aetate mundi et hominis reservatis singulis litteris per singulos libros ab A usque ad Z«, las mein kluger Meister. »Glänzende Werke. Aber in welcher Reihenfolge sind sie hier aufgeführt?« Und er zitierte einen Text, den ich nicht kannte, der aber sicher dem Bibliothekar geläufig war: »‘Habeat Librarius et registrum omnium librorum ordinatum secundum facultates et auctores, reponatque eos separatim et ordinate cum signaturis per scripturam applicatis.’21 Wie wißt Ihr, wo ein Buch steht?«

Malachias zeigte auf die kurzen Bemerkungen hinter jedem Titel, und ich las: iii, IV gradus, V in prima graecorum; ii, V gradus, VII in tertia anglorum und so weiter. Ich begriff, daß die erste Zahl offenbar für die Position des Buches auf dem Bord oder gradus stand, das seinerseits durch die zweite Zahl bezeichnet wurde, während die dritte den Schrank angab, ergänzt um Hinweise auf einen Raum oder Flur in der Bibliothek, und ich wagte die Bitte um genauere Erklärung dieser ergänzenden Distinctiones. Malachias sah mich streng an. »Vielleicht wißt Ihr nicht oder habt vergessen, daß der Zugang zur Bibliothek nur dem Bibliothekar gestattet ist. Es genügt also, wenn er allein diese Angaben zu entziffern vermag.«

»Aber sagt mir, nach welcher Reihenfolge sind die Bücher hier aufgeführt?« fragte William noch einmal. »Nach Sachgebieten doch offenbar nicht.« Eine mögliche Reihenfolge nach Autoren gemäß der traditionellen Buchstabenfolge im Alphabet erwähnte er gar nicht, da diese sinnreiche Anordnung erst vor wenigen Jahren in manchen Bibliotheken eingeführt worden ist und damals noch kaum gebräuchlich war.

»Die Ursprünge dieser Bibliothek liegen in der Tiefe der Zeiten«, sagte Malachias würdevoll, »und so sind die Bücher hier aufgeführt nach der Reihenfolge ihres Erwerbs, ob durch Kauf oder Schenkung, das heißt nach dem Zeitpunkt ihres Eingangs in unsere Mauern.«

»Schwer zu finden«, bemerkte William.

»Es genügt, daß der Bibliothekar sie kennt und bei jedem Buch weiß, wann es in die Bibliothek gekommen ist. Die anderen Mönche können sich auf sein Gedächtnis verlassen.« Es klang, als spreche er nicht von sich selbst, sondern von einer anderen Person; in Wahrheit sprach er wohl von dem Amt, als dessen Diener und treuer Verwalter er sich begriff, jüngstes Glied einer langen Kette von Vorgängern, die ihr kostbares Wissen jeweils an ihre Nachfolger weitergereicht hatten.

»Verstehe«, sagte William. »Wenn ich zum Beispiel etwas über das Pentagon Salomonis suchen würde, ohne bereits zu wissen, was es darüber gibt, so würdet Ihr mir das Buch nennen können, dessen Titel ich vorhin las, und es mir aus dem Oberstock holen.«

»Gewiß, wenn Ihr wirklich etwas über das Pentagon Salomonis wissen müßtet«, antwortete Malachias. »Bei diesem Buch würde ich allerdings lieber erst den Rat des Abtes einholen.«

William schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Wie ich erfahren habe, ist kürzlich einer Eurer Miniaturenmaler … verschwunden. Der Abt hat mir viel von seiner Kunst erzählt. Könnte ich wohl die Handschriften sehen, die er ausgeschmückt hat?«

»Adelmus von Otranto«, antwortete Malachias und sah William mißtrauisch an, »war noch jung und bemalte daher nur die Ränder der Manuskripte. Er hatte eine sehr lebhafte Phantasie und vermochte aus Bekanntem Unbekanntes und Überraschendes zu komponieren, wie wenn man Menschenleiber mit Pferdeköpfen vereint. Aber seht selbst, hier sind seine Bücher. Niemand hat sie bisher angerührt.«

Wir traten an den Tisch, an dem Adelmus gearbeitet hatte, und erblickten einen Stoß reich bemalter Bögen. Es waren Bögen aus feinstem Vellum, dem König der Pergamente, und der letzte war noch mit Klammern am Tisch befestigt. Gerade erst mit dem Bimsstein abgerieben, mit Kreide weich gemacht und mit dem Eisen geglättet, war er nur zur Hälfte mit Schrift bedeckt, doch der Maler hatte bereits begonnen, die Linien der Randfiguren mit winzigen Nadelstichen vorzuzeichnen. Die anderen Bögen waren indes schon fertig, und als wir ihrer ansichtig wurden, konnten weder William noch ich einen Ausruf der Bewunderung unterdrücken. Es handelte sich um einen Psalter, an dessen Rändern sich eine für unsere Sinne verkehrte Welt abzeichnete — als entfaltete sich an den Rändern eines Diskurses, der per definitionem Diskurs der Wahrheit ist, aufs innigste mit ihm verbunden durch wundersame Rätsel und Anspielungen, ein lügnerischer Diskurs über ein Universum, das auf dem Kopf steht, so daß darin die Hunde vor den Hasen fliehen und die Hirsche den Löwen jagen. Kleine Köpfchen mit Vogelfußen, Tiere mit Menschenhänden auf dem Rücken, haarige Häupter, aus denen Füße wuchsen, zebragestreifte Drachen, Vierbeiner mit Schlangenköpfen, die Hälse verschlungen zu tausend unentwirrbaren Knoten, Affen mit Bockshörnern, Sirenen mit Vogelleibern und Libellenflügeln auf dem Rücken, Menschen ohne Arme, denen andere Menschengestalten buckelförmig aus den Schultern wuchsen, Wesen mit Mäulern voller Zähne am Bauch, Menschenleiber mit Pferdeköpfen und Pferdeleiber mit Menschenbeinen, Fische mit Vogelschwingen und Vögel mit Fischschwänzen, Mißwüchsige mit einem Leib und zwei Köpfen oder mit einem Kopf und zwei Leibern, Kühe mit Hahnenschwänzen und Schmetterlingsflügeln, Frauen mit Fischschuppen auf dem Kopf, zweiköpfige Chimären, verschlungen mit eidechsenköpfigen Wasserjungfern, Zentauren, Lindwürmer, Elefanten, Mantikoren mit drei Zahnreihen im Maul, einbeinige Scinopoden, die sich auf Baumästen wanden, Greife mit Schwänzen in Form von gerüsteten Bogenschützen, teuflische Kreaturen mit endlosen Hälsen und ähnliche Monster in großer Zahl. Auf dem unteren Rand einer Seite formten sich Gruppen von menschenförmigen Tieren oder tierförmigen Zwergen zu Szenen des ländlichen Lebens: Pflügende, Säende, Erntende, Beerensammler und Spinnerinnen waren gemalt mit einer Lebendigkeit, daß man meinen konnte, sie bewegten sich wirklich; daneben erstürmten armbrustbewehrte Füchse und Marder eine Stadt, auf deren Zinnen und Türmen Affen saßen. Hier krümmte sich ein großer Anfangsbuchstabe zu einem L und gebar aus seinem unteren Teil einen Drachen, dort kroch aus einem großen V, das den Anfang des Wortes Verba bildete, wie als natürliche Fortsetzung seines Rumpfes eine Schlange, aus welcher andere Schlangen hervorgingen, die sich in tausend Windungen zu Trauben und Dolden formten.

Neben dem Psalter lag, gleichfalls offenbar erst vor kurzem fertiggestellt, ein zierliches goldenes Büchlein, so unglaublich klein, daß man es in der Handfläche hätte halten können. Die Miniaturen an den Seiten der winzigen Schrift waren auf den ersten Blick kaum zu erkennen und verlangten Betrachtung aus nächster Nähe, um ihre ganze Schönheit zu offenbaren (und staunend fragte man sich, mit welchem übermenschlichen Werkzeug der Künstler sie gemalt haben mochte, um auf so engem Raum so lebendige Wirkungen zu erzielen). Von oben bis unten waren die Ränder bedeckt mit winzigen Figuren, die sich, gleichsam wie in natürlicher Expansion, aus den Enden und Abschlußbögen der kunstvoll geformten Lettern ergaben: fischschwänzige Sirenen, Chimären, fliehende Hirsche, armlose menschliche Torsi, die Würmern gleich aus den Enden der Verse wuchsen. An einer Stelle sah ich, gleichsam als Fortsetzung und Kommentar eines dreifach über drei Zeilen wiederholten Sanctus, Sanctus, Sanctus, drei Tierleiber mit Menschenköpfen, von denen zwei sich beugten, der eine nach oben, der andere nach unten, um sich in einem Kuß zu vereinen, den als schamlos zu definieren man nicht gezögert hätte, wäre man nicht überzeugt gewesen, daß die Existenz dieser Darstellung an diesem Ort ohne Zweifel gerechtfertigt war durch eine tiefe, wenn auch nicht ohne weiteres erkennbare spirituelle Bedeutung.

Ich folgte den Bildern in einer Mischung aus stummer Bewunderung und Ergötzen, denn unwillkürlich reizten mich diese Figuren zum Lachen, obwohl sie heilige Texte kommentierten. Auch William betrachtete sie mit einem Lächeln und sagte heiter: »Babewyn nennt man sie auf meinen Inseln.«

»Babouins heißen sie in Gallien«, nickte Malachias, »und in der Tat hat Adelmus seine Kunst in Eurer Heimat erlernt, obwohl er dann später auch in Paris studierte. Paviane, Fratzengesichter, afrikanische Affen — Figuren einer verkehrten Welt, in welcher die Häuser sich auf Nadelspitzen erheben und die Erde über dem Himmel ist.«

Mir kamen einige Verse in den Sinn, die ich zu Hause in meinem heimatlichen Idiom gehört hatte, und ich konnte mich nicht enthalten, sie zu zitieren:

Aller wunder si geswigen,

das erde himel hât überstigen,

daz sult ir vür ein wunder wigen.

Malachias stimmte ein und fuhr fort:

Erd ob un himel unter,

das sult ir hân besunder

vür aller wunder ein wunder.

»Bravo, Adson«, lobte der Bibliothekar, »in der Tat sprechen diese Bilder von jener Region, in die man auf dem Rücken einer Blaugans gelangt, um dort Sperber zu finden, die Fische fangen in einem Bach, und Bären, die Falken am Himmel jagen, und Krebse, die mit den Tauben fliegen, und drei Riesen, die gefangen in einer Falle sitzen und von einem Hahn gebissen werden.«

Ein feines Lächeln erhellte seine Züge, worauf die anderen Mönche, die unserem Gespräch mit einer gewissen Scheu gefolgt waren, wie erlöst in ein allgemeines Gelächter ausbrachen, als hätten sie nur die Zustimmung des Bibliothekars abgewartet. Dieser freilich verdüsterte sich sofort wieder, doch die anderen lachten nun weiter im Chor, lobten die Kunst des armen Adelmus und zeigten einander die unwahrscheinlichsten Gestalten. Und während sie alle laut durcheinanderlachten, ertönte plötzlich in unserem Rücken eine sehr ernste und strenge Stimme:

»Verba vana aut risui apta non loqui!«22

Wir drehten uns um. Der da gesprochen hatte, war ein greiser Mönch, gebeugt von der Last seiner Jahre und weiß wie der Schnee, nicht nur an Kopf und Händen, sondern auch im Gesicht und sogar in den Augen. Offensichtlich ein Blinder. Seine Stimme hatte majestätisch geklungen, und seine Glieder schienen mir trotz seines hohen Alters noch kraftvoll zu sein. Er fixierte uns streng, als könnte er uns sehen, und auch in den folgenden Tagen sah ich ihn stets sich bewegen und sprechen, als wäre er noch im Besitz seines Augenlichtes. Doch der Ton seiner Stimme war der eines Mannes, der nur das innere Auge besitzt, will sagen die Gabe der Prophetie.

»Der ehrwürdige und weise Mönch, der da vor Euch steht«, sagte Malachias zu William und wies auf den Neuankömmling, »ist Bruder Jorge von Burgos. Älter als jeder andere in diesem Kloster, ausgenommen Alinardus von Grottaferrata, ist er es, dem hier die meisten Brüder ihre Sündenlast anvertrauen im Geheimnis der Beichte.« Und zu dem Greis gewandt sagte er: »Vor Euch steht Bruder William von Baskerville, er ist bei uns zu Gast.«

»Ich hoffe, Euch nicht erzürnt zu haben mit meinen Worten«, sagte der Alte kühl. »Ich hörte Personen über lachhafte Dinge lachen und erinnerte sie an einen Grundsatz unserer Regel. Denn wie der Psalmist sagt: Wenn der Mönch sich der guten Reden enthalten muß aufgrund des Schweigegebotes, so hat er erst recht die üblen Reden zu meiden. Und wie es üble Reden gibt, gibt es auch üble Bilder. Und das sind solche, die Lügen verbreiten über die Formen der Schöpfung, indem sie die Welt verkehrtherum darstellen, als das Gegenteil dessen, was sie ist und sein muß und bleiben wird von Säkulum zu Säkulum bis ans Ende der Zeiten … Doch Ihr kommt ja aus einem anderen Orden, in welchem, wie mir berichtet wurde, selbst noch die unangebrachteste Heiterkeit mit Nachsicht betrachtet wird.« Die letzten Worte waren eine Anspielung auf die unter den Benediktinern verbreiteten Ansichten über die Grillen des heiligen Franz von Assisi — und vielleicht auch ein wenig auf die Grillen, die man den Fratizellen und Spiritualen aller Art, den jüngsten und beunruhigendsten Sprößlingen des Franziskanerordens, zu unterstellen pflegte. Doch Bruder William tat so, als habe er die Anzüglichkeit überhört.

»Die Bilder an den Rändern der Manuskripte reizen uns häufig zum Lachen, aber sie tun es nur zu erbaulichen Zwecken«, erwiderte er. »Wie man in Predigten vor dem Volk oft Exempla. einführen muß, und nicht selten ergötzliche, um die Phantasie der frommen Zuhörer anzuregen, so muß auch die Rede der Bilder sich dieser Possen bedienen. Für jede Tugend und jede Sünde gibt es ein Beispiel in der Welt der Tiere, und die Tiere spiegeln die Welt der Menschen.«

»Oh, gewiß doch!« höhnte der Alte, ohne die Miene zu verziehen. »Jedes Bildnis ist gut, um die Menschen zur Tugend anzuhalten, damit am Ende die Krone der Schöpfung, auf den Kopf gestellt und mit den Beinen nach oben, zum Anlaß groben Gelächters wird! So offenbart sich das Wort des Herrn im Esel, der auf der Leier spielt, im Tölpel, der mit dem Schilde pflügt, im Ochsen, der sich von allein vor den Pflug spannt, in Flüssen, die den Berg hinauffließen, in Meeren, die sich entzünden, im Wolf, der zum frommen Einsiedler wird! Jagt die Hasen mit Ochsen, laßt euch die Grammatik von den Spatzen beibringen, die Hunde mögen die Flöhe beißen, die Blinden mögen die Stummen betrachten, und die Stummen schreien nach Brot! Die Ameisen mögen Kälber gebären, gebratene Hühner fliegen, die Fladenkuchen wachsen auf Dächern, die Papageien halten Rhetorikkurse, die Hennen bespringen die Hähne, spannt die Karren vor die Ochsen, laßt die Hunde in Betten schlafen und laßt uns alle hinfort auf den Köpfen gehen! Was sollen all diese Possen? Eine verkehrte Welt, erfunden als Gegenteil der von Gott geschaffenen unter dem Vorwand, Gottes Gebote zu lehren!«

»Aber der große Areopagit hat gelehrt«, gab William sanft zu bedenken, »daß Gott nur durch die allerverzerrtesten Dinge benannt werden kann. Und Hugo von Sankt Viktor hat uns daran erinnert, als er sagte: Je mehr die Ähnlichkeit sich unähnlich macht, desto mehr enthüllt sich die Wahrheit unter dem Schleier erschreckender oder schamloser Figuren und desto weniger heftet sich die Phantasie ans fleischliche Verlangen, sondern sieht sich vielmehr gezwungen, die Geheimnisse aufzudecken, die sich unter der Schändlichkeit der Bilder verbergen …«

»Ich kenne das Argument! Und voller Scham muß ich zugeben, daß es das Hauptargument unseres Ordens war, als die cluniazensischen Äbte im Streit mit den Zisterziensern lagen. Aber Sankt Bernhard hatte recht: Wer ständig Monster darstellt und Mißbildungen der Natur, um die Dinge Gottes zu offenbaren per speculum et in aenigmate, der gewinnt allmählich Gefallen an den Scheußlichkeiten, die er ersinnt, und ergötzt sich an ihnen und sieht am Ende nichts anderes mehr als sie! Schaut nur, ihr, die ihr noch euer Augenlicht habt, auf die Kapitelle in eurem Kreuzgang«, und er deutete mit erhobener Hand aus dem Fenster hinüber zur Kirche. »Was bedeuten unter den Augen der meditierenden Mönche jene lächerlichen Monstrositäten, jene deformierte Formenpracht, jene formenprächtigen Deformationen? Jene schmutzigen Affen? Jene Löwen, jene Zentauren, jene menschenähnlichen Wesen, die den Mund am Bauch haben und nur einen Fuß und Segelohren? Jene gescheckten Tiger, jene kämpfenden Krieger, jene munter in ihre Hörner stoßenden Jäger? Und jene vielen Leiber an einem einzigen Kopf und jene vielen Köpfe an einem einzigen Leib? Vierbeiner mit Schlangenhäuptern, Fische mit Vierbeinerköpfen, da ein Tier, das vorn ein Pferd zu sein scheint und hinten ein Ziegenbock, dort ein pferdeähnliches Wesen mit Hörnern, und so immer weiter! Heutzutage ist es für einen Mönch ergötzlicher, die steinernen Bilder zu lesen anstatt die gelehrten Schriften, und die Werke von Menschenhand zu bewundern anstatt fromm zu meditieren über die Gesetze Gottes! Schande, Schande über die Gier eurer Augen und euer Gelächter!«

Schweratmend hielt der Greis inne. Und ich bewunderte sein genaues Gedächtnis, hatte er doch, obwohl vielleicht schon seit Jahren erblindet, noch sämtliche Bilder im Kopf, deren Schändlichkeit er so lebhaft schilderte. Ja, mir kam der Verdacht, daß diese Bilder ihn seinerzeit sehr erregt haben mußten, als er sie sah, wenn er sie immer noch mit solcher Leidenschaft zu beschreiben vermochte. Doch es ging mir auch später in meinem Leben noch häufig so, daß ich die verführerischsten Schilderungen ausgerechnet in Texten jener höchst tugendsamen und standhaften Männer fand, die den Zauber ihrer verderblichen Wirkung am allerheftigsten brandmarkten. Was nur bezeugt, daß diese Männer von so großem Eifer für das Zeugnis der Wahrheit erfüllt sind, daß sie sich in ihrer Liebe zu Gott nicht scheuen, das Böse mit allen seinen verführerischen Reizen auszustatten, um die Menschen besser ins Bild zu setzen über die teuflische Art und Weise, wie es sie verzaubert. Und tatsächlich riefen die Worte des grimmen Jorge in mir eine große Lust hervor, die Tiger und Affen im Kreuzgang, den ich noch nicht bewundert hatte, zu betrachten. Aber Jorge unterbrach den Lauf meiner Gedanken, indem er von neuem zu sprechen anhob, diesmal etwas ruhiger.

»Unser Herr Jesus Christus bedurfte nicht solcher Narreteien, um uns den rechten Weg zu zeigen. Nichts in seinen Gleichnissen reizt uns zum Lachen oder zum Schaudern. Adelmus jedoch, den ihr heute als Toten beklagt, hatte Gefallen an den Monstern, die er ersann, er genoß ihre Ungeheuerlichkeiten so sehr, daß er die letzten Dinge, deren materielle Figur sie doch sein sollten, aus den Augen verlor. Und er durchlief alle, ich sage alle«, und seine Stimme wurde aufs neue ernst und drohend, »alle Wege der Schändlichkeit! Und dafür hat ihn Gott zu strafen gewußt.«

Ein lastendes Schweigen legte sich auf die Runde. Es war Venantius von Salvemec, der es zu durchbrechen wagte.

»Ehrwürdiger Jorge«, sagte er, »Eure Tugend macht Euch ungerecht. Zwei Tage bevor Adelmus starb, wart Ihr Zeuge eines gelehrten Disputes, der hier im Skriptorium stattfand. Adelmus legte großen Wert darauf, daß seine Kunst, trotz Darstellung wunderlicher und phantastischer Dinge, dem Ruhme Gottes diene als Mittel zur Erkenntnis der himmlischen Dinge. Bruder William hat vorhin die Lehre des Areopagiten über die Erkenntnis durch die Verzerrung erwähnt. Adelmus zitierte eine andere sehr große Autorität, nämlich den Doktor von Aquin, der gesagt hat, daß es richtig und gut sei, wenn die göttlichen Dinge mehr in Figuren gemeiner Körper dargestellt würden als in Figuren edler Körper. Erstens, weil die menschliche Seele dann leichter vom Irrtum befreit werde, denn so sei es evident, daß gewisse Eigenschaften nicht den göttlichen Dingen zugeschrieben werden können, was zweifelhaft wäre, wenn diese mit Hilfe edler irdischer Körper dargestellt würden. Zweitens, weil besagte Darstellungsweise angemessener sei für die Kenntnis Gottes, die wir auf Erden haben, denn er offenbare sich mehr in dem, was er nicht ist, als in dem, was er ist, weshalb uns die Ähnlichkeiten derjenigen Dinge, die sich am weitesten von Gott entfernen, zu einer exakteren Meinung über ihn führten, da wir nun wüßten, daß er über allem steht, was wir sagen und denken. Und drittens schließlich, weil durch diese Darstellungsweise die Dinge Gottes besser vor denen verborgen würden, die ihrer nicht würdig sind. Kurzum, es ging in jenem Disput darum, ob und wie man die Wahrheit durch überraschende Ausdrücke, treffende oder rätselhafte, zu erkennen vermag. Und ich wies darauf hin, daß sich auch im Werk des großen Aristoteles sehr klare Worte zu diesem Thema finden …«

»Ich erinnere mich nicht«, unterbrach ihn Jorge schroff. »Ich bin sehr alt. Ich erinnere mich nicht. Vielleicht bin ich allzu streng gewesen. Es ist spät geworden, ich muß gehen.«

»Ich wundere mich, daß Ihr Euch nicht erinnert«, beharrte Venantius. »Es war ein gelehrter und schöner Disput, in den auch Benno und Berengar eingriffen. Es ging um die Frage, ob die Metaphern und Rätsel und Wortspiele, die von den Dichtern anscheinend zum bloßen Vergnügen ersonnen werden, nicht zu neuen und überraschenden Spekulationen über die Dinge anregen können, und ich sagte, daß auch dies eine Tugend sei, die man vom Weisen verlange … Und auch Malachias …«

»Wenn der ehrwürdige Jorge sich nicht erinnern kann, so respektiere gefälligst sein Alter und die Ermüdung seines Geistes … der ansonsten sehr lebhaft ist«, warf einer der Mönche ein. Er hatte voller Erregung gesprochen, zumindest am Anfang, denn als er merkte, daß er, um zur Achtung vor dem Alter aufzurufen, de facto auf eine der Schwächen des Alters verwies, hatte er den Impetus seiner Worte rasch gezügelt, so daß sein Einwurf schließlich mit einer fast hingehauchten Entschuldigung endete. Es war Berengar von Arundel, der Adlatus des Bibliothekars, der so gesprochen hatte. Ein junger Mönch mit bleichem Gesicht, bei dessen Anblick mir unwillkürlich in den Sinn kam, was Ubertin von dem toten Adelmus gesagt hatte: Seine Augen glichen den Augen eines lüsternen Weibes. Eingeschüchtert von den Blicken der Umstehenden, die sich alle ihm zugewandt hatten, drehte und wand er die Hände wie einer, der eine innere Spannung zu unterdrücken versucht.

Einzigartig war die Reaktion des Venantius. Er fixierte Berengar streng, so daß dieser die Augen niederschlug, und sagte: »Schon recht, Bruder. Wenn das Gedächtnis ein Geschenk Gottes ist, so kann auch die Fähigkeit zu vergessen eine kostbare Gabe sein, die Achtung verdient. Aber ich achte sie nur bei dem ehrwürdigen Mitbruder, zu dem ich soeben sprach. Von dir hätte ich eine lebhaftere Erinnerung an die Dinge erwartet, die damals passiert sind, als wir hier standen, zusammen mit einem deiner liebsten Freunde …«

Ich könnte nicht sagen, ob Venantius den Worten »deiner liebsten« besonderen Nachdruck gegeben hatte. Tatsache ist jedoch, daß sich plötzlich eine allgemeine Verlegenheit über die Runde senkte. Jeder blickte in eine andere Richtung, und niemand schaute auf Berengar, der heftig errötete. Schließlich griff Malachias ein und sagte mit Entschiedenheit: »Kommt, Bruder William, ich werde Euch noch einige andere interessante Bücher zeigen.«

Die Gruppe löste sich auf. Ich konnte gerade noch sehen, wie Berengar dem Venantius einen grollenden Blick zuwarf, den dieser mit stummer Herausforderung zurückgab. Zugleich aber sah ich, daß der alte Jorge sich zurückziehen wollte, und bewegt von einem spontanen Impuls, ihm meine Verehrung zu bezeugen, neigte ich mich, um seine Hand zu küssen. Der Alte nahm meinen Kuß entgegen, legte mir die Hand auf den Kopf und fragte, wer ich sei. Als ich ihm meinen Namen nannte, erhellte sich sein Gesicht.

»Du trägst einen großen und schönen Namen«, sagte er. »Weißt du, wer Adson von Montier-en-Der war?« Ich gestand, daß ich es nicht wußte. Woraufhin Jorge erklärte: »Er war der Autor eines großen und erschütternden Buches, des Libellus de Antichristo, in welchem er Dinge sah, die eines Tages geschehen werden. Doch er fand kaum Gehör …«

»Das Buch wurde vor der Jahrtausendwende geschrieben«, sagte William, »und seine Voraussagen haben sich nicht erfüllt …«

»Nur für jene nicht, die keine Augen haben zu sehen«, sagte der Blinde. »Die Wege des Antichrist sind langwierig und verschlungen. Er kommt, wenn wir ihn am wenigsten erwarten — und nicht, weil die Berechnungen falsch wären, die der Apostel uns nahegelegt, sondern weil wir nicht gelernt haben, sie zu deuten.« Und mit donnernder Stimme rief er, das Antlitz zum Saale gewandt, so daß die Deckengewölbe erbebten: »Er ist schon im Kommen! Vergeudet nicht eure letzten Tage mit Lachen über die albernen kleinen Monster mit scheckigem Fell und gewundenen Schwänzen! Nutzet die letzten sieben Tage!«

VESPER

Worin der Rest der Abtei besichtigt wird und William erste Schlußfolgerungen über den Tod des Adelmus zieht sowie mit dem Bruder Glaser spricht, erst über Lesegläser und dann über die Hirngespinste der allzu Lesebegierigen.

In diesem Augenblick läutete es zur Vesper, und die Mönche schickten sich an, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Malachias bedeutete uns, daß auch wir nun zu gehen hätten; er werde mit seinem Adlatus noch bleiben, um aufzuräumen und, wie er sich ausdrückte, die Bibliothek für die Nacht herzurichten. William fragte ihn, ob er danach die Türen verschließen werde.

»Es gibt keine Türen«, erklärte der Bibliothekar, »die den Zugang zum Skriptorium von der Küche und vom Refektorium versperren, ebensowenig wie den vom Skriptorium zur Bibliothek. Das Verbot des Abtes muß stärker sein als jedes Schloß. Die Mönche haben Küche und Refektorium bis Komplet zu verlassen, und zu dieser Stunde verschließe ich eigenhändig die beiden unteren Pforten, damit keine Fremden und keine Tiere, für die das Verbot keine Wirkung hat, ins Aedificium gelangen. Danach bleibt das Gebäude leer.«

Wir gingen hinunter. Während die Mönche sich in die Kirche begaben, entschied William, daß der Herr uns gewiß vergeben werde, wenn wir für diesmal nicht am Vespergottesdienst teilnähmen (der Herr hatte uns in den folgenden Tagen noch viel zu vergeben!), und schlug mir einen kleinen Rundgang vor, um uns mit dem Gelände besser vertraut zu machen.

Wir gingen durch die Küche hinaus und schritten über den Friedhof. Einige Gräber waren sichtlich jüngeren Datums, andere trugen die Spuren der Zeit und kündeten von den irdischen Tagen der Mönche, die in den vergangenen Jahrhunderten hier gelebt hatten. Namen standen allerdings nicht auf den Gräbern, nur schlichte steinerne Kreuze.

Das Wetter verschlechterte sich. Ein kalter Wind war aufgekommen, und der Himmel hatte sich bezogen. Im Westen hinter den Gärten erriet man eine untergehende Sonne, und im Osten war es schon fast dunkel. Dorthin wandten wir unsere Schritte, gingen am Chor der Kirche vorbei und erreichten den Hinterhof, in den wir bereits am Nachmittag einen kurzen Blick hatten werfen können. Vor unseren Augen lagen die Ställe, im Norden fast an die Umfassungsmauer gelehnt, wo sie an den Sockel des Aedificiums stieß und einige Männer damit beschäftigt waren, den Bottich mit dem frischen Schweineblut abzudecken. Wir bemerkten, daß die Mauer an einer Stelle hinter dem Schweinestall etwas niedriger war, so daß man hinübersehen konnte. Als wir uns über die Brüstung beugten, sahen wir auf dem steil abfallenden Hang darunter allerlei Scherben, die der Schnee nicht ganz zu bedecken vermochte. Offenbar handelte es sich um Teile des Abfalls, der hier hinausgekippt wurde und sich den Berg hinunter ergoß bis zu jenem Seitenpfad, in den der entsprungene Brunellus sich heute morgen geflüchtet hatte. Ich sage ergoß, denn es handelte sich um einen breiten Strom von stinkendem Müll, dessen Geruch bis zu uns heraufdrang. Vermutlich pflegten die Bauern sich unten zu holen, was sie zum Düngen ihrer Felder gebrauchen konnten. Doch mit den Ausscheidungen der Tiere und Menschen vermischten sich andere Abfälle, festere Gegenstände, der ganze Auswurf, den die Abtei tagtäglich absonderte, um sich rein zu halten in ihrer Beziehung zum Gipfel des Berges und zum Himmel.

Wir wandten uns ab und gingen weiter. Unser Weg führte uns den Hof hinunter, vorbei an den Ställen der Pferde, die gerade zur Futterraufe geführt wurden, und an den übrigen Stallungen, die sich längs der Mauer aneinanderreihten, während sich gegenüber, also zu unserer Rechten, an den Chor der Kirche gelehnt, das Dormitorium erstreckte, gefolgt von einem flachen Latrinenbau. Am unteren Ende des Hofes, wo die Mauer nach Westen abbog, lag im Winkel die Schmiede. Die letzten Handwerker sammelten gerade ihre Werkzeuge ein und löschten die Esse, um sich zum Vespergottesdienst zu begeben. William trat näher und schaute neugierig in einen Seitenraum, der vom Rest der Werkstatt abgeteilt war und worin wir einen Mönch seine Gerätschaften ordnen sahen. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes lag eine prächtige Sammlung farbiger kleiner Gläser, größere Scheiben lehnten an der Wand. Ein noch unvollendeter Reliquienschrein, von dem bisher nur das silberne Gehäuse existierte, stand vor dem Mönch, der offensichtlich damit beschäftigt war, Gläser und kostbare Steine daran zu befestigen, die er mit Hilfe seiner Instrumente zur Größe von Gemmen reduziert hatte.

Wir machten Bekanntschaft mit Bruder Nicolas von Morimond, dem Glasermeister der Abtei. Er erklärte uns freundlich, daß im hinteren Teil der Werkstatt auch Glas geblasen werde, während vorn, wo wir die Handwerker aufräumen sahen, die Scheiben in bleierne Fassungen eingesetzt würden, um Fenster daraus zu machen. Allerdings, so fugte er traurig hinzu, sei das große Werk der Glaskunst, das der Kirche und dem Aedificium ihren Glanz verleihe, bereits vor mindestens zweihundert Jahren vollendet worden, und heute beschränke man sich auf kleinere Arbeiten sowie auf Reparaturen der im Laufe der Zeit entstandenen Schäden.

»Und glaubt mir, das ist sehr mühsam«, versicherte er, »denn es gelingt uns nicht mehr, die Farben von einst zu finden, besonders das Blau, das ihr noch im Chor bewundern könnt und dessen Klarheit so herrlich ist, daß es die Kirche bei hohem Sonnenstand mit einem geradezu paradiesischem Licht erfüllt. Die Fenster im Westteil der Kirche, die wir erst vor kurzem erneuern mußten, sind längst nicht so gut geworden. Es hat keinen Zweck mehr«, seufzte er traurig, »wir haben nicht mehr das Können der Alten, die Zeit der Riesen von einst ist vorbei!«

»Ja, wir sind Zwerge«, nickte William, »aber Zwerge, die auf den Schultern der Riesen von einst sitzen, und so können wir trotz unserer Kleinheit manchmal weiter sehen als sie.«

»Was, sag mir, was können wir besser als sie?« rief Nicolas aus. »Wenn du hinuntersteigst in die Krypta der Kirche, wo der Klosterschatz aufbewahrt wird, findest du dort Reliquienschreine von so unendlich feiner Machart, daß dieses elende Ding hier, das ich erbärmlich zusammenbastle« — mit einer verächtlichen Handbewegung zeigte er auf sein Werkstück — »dagegen wie plumper Hohn erscheint!«

»Nirgendwo steht geschrieben, daß fähige Glasermeister immer nur Kirchenfenster und Reliquienschreine herstellen müssen, wenn die Meister von einst so treffliche und gewiß auch noch für Jahrhunderte dauerhafte zu machen verstanden. Sonst würde die Welt bald voller Reliquienschreine sein, und das in einer Zeit, da die Heiligen, aus denen man Reliquien gewinnt, so rar geworden sind«, lächelte William tröstend. »Auch braucht man nicht immer nur Fenster zu reparieren. Ich habe in anderen Ländern Dinge aus Glas gesehen, die an eine Welt von morgen denken lassen, in welcher das Glas nicht nur im Dienst der Verehrung Gottes und seiner Kirche stehen wird, sondern auch im Dienst der Menschen, um ihnen zu helfen, ihre Schwächen zu überwinden. Ich möchte dir gern ein Werk unserer Tage zeigen, von dem ich mich glücklich schätze, ein überaus nützliches Exemplar zu besitzen.« Mit diesen Worten griff William in seine Kutte und zog zur Verblüffung unseres wackeren Meisters seine Augengläser hervor.

Nicolas nahm das Gerät, das William ihm reichte, mit großer Neugier in beide Hände. »Oculi de vitro cum capsula!«23 rief er bewundernd aus. »Ich habe davon schon gehört. Ein gewisser Fra Giordano, den ich früher einmal in Pisa kannte, sagte mir damals, sie seien vor etwa zwanzig Jahren erfunden worden. Aber das ist mehr als zwanzig Jahre her.«

»Ich glaube, daß die Erfindung viel älter ist«, sagte William. »Aber die Herstellung ist sehr schwierig und verlangt erfahrene Hände. Sie kostet Zeit und Arbeit. Vor zehn Jahren wurde in Bologna ein Paar dieser vitrei ab oculis ad legendum24 für sechs Silbergroschen verkauft. Ich hatte damals bereits ein Paar, das mir ein großer Meister, Salvino degli Armati, vor über zehn Jahren geschenkt hatte, und ich habe diese kostbaren Gläser während der ganzen Zeit so sorgsam gehütet, als wären sie — was sie inzwischen tatsächlich geworden sind — ein Teil meines Körpers.«

»Ich hoffe, du läßt sie mich irgendwann dieser Tage einmal genauer untersuchen. Es würde mir nicht mißfallen, ähnliche herzustellen«, sagte Nicolas aufgeregt.

»Gewiß«, erwiderte William. »Aber bedenke, daß die Form und Dicke der Linsen verschieden sein muß, je nachdem, an welches Auge sie sich anpassen sollen. Man muß eine ganze Reihe von Linsen direkt am Patienten ausprobieren, bevor man die richtigen für ihn gefunden hat.«

»Wahrlich ein Wunder, ein echtes Wunder!« staunte Nicolas, immer noch ganz ergriffen. »Und doch werden viele, wenn sie das sehen, von Hexerei und Teufelswerk sprechen …«

»Sicher kann man bei diesen Dingen auch von Magie sprechen«, gab William zu. »Doch es gibt zwei Arten von Magie. Die eine ist Teufelswerk und zielt darauf ab, die Menschen durch Machenschaften, von denen zu sprechen sich nicht geziemt, zu zerstören. Die andere aber ist Gottes Werk, und sie liegt immer dann vor, wenn die göttliche Weisheit sich in der menschlichen Wissenschaft ausdrückt mit dem Ziel, die Natur zu verändern und das Leben der Menschen zu verlängern. Dies ist zweifellos eine heilige Magie, der die Wissenschaftler sich mehr und mehr zuwenden sollten. Nicht nur um Neues zu entdecken, sondern auch um die vielen Geheimnisse der Natur wieder freizulegen, die Gottes Weisheit bereits den Juden und Griechen und anderen antiken Völkern offenbart hatte und die Gott auch heute noch manchen Ungläubigen offenbart (du glaubst gar nicht, wie viele Wunderdinge der Optik oder der Wissenschaft vom Sehen sich in den Schriften der Ungläubigen finden!). All diese Kenntnisse muß eine christliche Wissenschaft sich wieder aneignen und sich gewissermaßen zurückholen von den Heiden und Ungläubigen tamquam ab iniustis possessoribus.25 «

»Aber warum lassen dann diejenigen«, fragte Nicolas interessiert, »die bereits im Besitz dieser Wissenschaft sind, nicht das ganze Gottesvolk an ihr teilhaben?«

»Weil nicht das ganze Gottesvolk reif ist für so viele Geheimnisse«, antwortete mein Meister. »Und es ist ja auch oft schon geschehen, daß die Inhaber dieser Wissenschaft mit dämonischen Magiern verwechselt wurden, mit Leuten, die sich dem Teufel verschrieben hatten und nun mit ihrem Leben bezahlen mußten für ihren Wunsch, die anderen teilhaben zu lassen an ihrem Wissensschatz. Ich selber mußte mich in meiner früheren Tätigkeit bei Prozessen, bei denen es um den Verdacht des Umgangs mit dem Dämon ging, oft sorgsam vor dem Gebrauch dieser Linsen hüten und mir die Akten von Sekretären vorlesen lassen, um nicht in einer Zeit, in der die Präsenz des Teufels so nahe schien, daß alle schon sozusagen den Schwefel rochen, der Komplizenschaft mit dem Angeklagten verdächtigt zu werden. Im übrigen hat schon der große Roger Bacon zu Recht darauf hingewiesen, daß nicht alle Geheimnisse der Wissenschaft in alle Hände gelangen dürfen, da einige sie für üble Zwecke mißbrauchen könnten. Oft muß der Wissende Bücher als magisch ausgeben, die gar nicht magisch sind, sondern durchaus von guter Wissenschaft, um sie vor indiskreten Augen zu schützen.«

»Dann fürchtest du also, daß die Laien schlechten Gebrauch von diesen Geheimnissen machen könnten?« wollte Nicolas wissen.

»Bei den Laien fürchte ich nur, daß sie sich von ihnen erschrecken lassen und sie mit jenem Teufelswerk verwechseln, von dem unsere Prediger allzuoft sprechen. Stell dir vor, ich habe sehr tüchtige Ärzte gekannt, die hervorragende Medizinen zu mischen wußten, mit denen sie schlimme Krankheiten unverzüglich zu heilen vermochten. Aber den Laien verabreichten sie ihre Salben und Säfte nur unter Rezitation von heiligen Worten und Sprüchen, die wie Gebete klangen. Nicht weil diese Sprüche irgendeine heilende Kraft gehabt hätten, sondern damit die Patienten glaubten, während sie das Zeug schluckten oder sich damit einreiben ließen, daß die Heilung durch die Gebete käme, so daß sie gesund wurden, ohne allzusehr auf die Medikamente zu achten. Außerdem hat der Körper, wenn die Seele auf rechte Weise zum Vertrauen in die fromme Formel gebracht wird, mehr Aufnahmebereitschaft für die heilende Wirkung der Medikamente. Oft jedoch müssen die Schätze der Wissenschaft nicht so sehr vor den Laien verborgen werden als vielmehr vor den anderen Wissenschaftlern. Heutzutage werden Wundermaschinen gebaut, von denen ich dir eines Tages erzählen werde, Wundermaschinen, sage ich dir, mit denen man effektiv und realiter den Lauf der Natur zu ändern vermag. Doch wehe, wenn sie in die Hände von Leuten fallen, die sie zur Ausweitung ihrer irdischen Macht benutzen oder zur Befriedigung ihrer Besitzgier! In Kathai, so ist mir berichtet worden, soll es einem Weisen gelungen sein, ein Pulver herzustellen, das bei Berührung mit Feuer einen gewaltigen Knall und eine große Flamme hervorbringt und alle Dinge im Umkreis von vielen Klaftern zerstört. Ein treffliches Mittel, wenn es zur Urbarmachung des Bodens benutzt wird, etwa um Flüsse umzuleiten oder um Felsbrocken zu zertrümmern. Was aber, wenn es jemand benutzt, um seinen persönlichen Feinden zu schaden?«

»Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht, wenn es sich um Feinde des Gottesvolkes handelt«, meinte Nicolas fromm.

»Ja, vielleicht«, nickte William. »Aber wer ist heute der Feind des Gottes Volkes? Ludwig der Kaiser oder Johannes der Papst?«

»Oh Gott, nein!« rief Nicolas erschrocken aus. »So was Schwieriges möchte ich nicht entscheiden müssen!«

»Siehst du?« sagte William. »Manchmal ist es ganz gut, wenn gewisse Geheimnisse unter okkulten Reden verborgen bleiben. Die Geheimnisse der Natur werden nicht in Ziegen- und Rinderhäuten aufbewahrt. Aristoteles sagt im Buch der verborgenen Dinge, wenn man zu viele Geheimnisse der Natur und der Kunst verrät, zerbricht ein himmlisches Siegel, und viele Übel könnten die Folge sein. Das soll nun gewiß nicht heißen, daß die Geheimnisse niemals aufgedeckt werden dürften, wohl aber, daß es allein den Wissenden und Gelehrten zukommt, über das Wie und Wann zu entscheiden.«

»Und deswegen ist es gut, daß an Orten wie diesem hier«, sagte Nicolas, »nicht alle Bücher für jedermann zugänglich sind.«

»Das ist nun wieder etwas ganz anderes«, widersprach William. »Man kann durch zu große Geschwätzigkeit sündigen und durch zu große Zurückhaltung. Ich wollte nicht sagen, daß die Quellen der Wissenschaft unter Verschluß bleiben müßten. Im Gegenteil, das wäre sogar ein großes Übel. Ich wollte sagen, daß bei Geheimnissen, aus denen sich Gutes wie Böses ergeben kann, der Gelehrte das Recht und die Pflicht hat, sich einer dunklen Sprache zu bedienen, die nur seinesgleichen verständlich ist. Die Wege der Wissenschaft sind verschlungen, und es ist schwierig, die guten von den bösen zu unterscheiden. Und oft sind die Gelehrten unserer Tage nur Zwerge auf den Schultern von Zwergen.«

Die liebenswürdige Unterhaltung mit meinem klugen Meister hatte den guten Nicolas wohl zu Vertraulichkeiten ermuntert, jedenfalls zwinkerte er ihm zu (wie um zu sagen: wir beide verstehen uns, wir sprechen von denselben Dingen) und sagte mit einem Seitenblick zum Aedificium hinüber: »Dort oben sind die Geheimnisse der Wissenschaft gut geschützt durch allerlei raffinierten Zauber …«

»Ach ja?« meinte William mit gespielter Gleichgültigkeit. »Du meinst sicher verriegelte Türen, strenge Verbote, Drohungen und dergleichen?«

»Oh nein, mehr …«

»Was zum Beispiel?«

»Nun ja, ich weiß nicht genau, ich beschäftige mich mit Gläsern und nicht mit Büchern, aber in der Abtei erzählt man sich … seltsame Geschichten.«

»Was für welche?«

»Seltsame eben. Zum Beispiel von einem Mönch, der sich nachts in die Bibliothek wagte, um ein Buch zu suchen, das Malachias ihm nicht geben wollte, und der dann auf einmal Schlangen und Männer ohne Köpfe und Männer mit zwei Köpfen sah. Fast wäre der Ärmste verrückt geworden in dem Labyrinth …«

»Warum sprichst du bei diesen Dingen von Zauberei und nicht von teuflischen Erscheinungen?«

»Ich bin zwar ein ungebildeter Handwerker, aber so ungebildet bin ich nun auch wieder nicht. Der Teufel (Gott schütze uns!) würde doch einen Mönch nicht mit Schlangen und zweiköpfigen Männern in Versuchung fuhren. Allenfalls mit lasziven Visionen, wie er es bei den heiligen Vätern in der Wüste getan hat. Und außerdem, wenn es von Übel ist, daß ein Mönch gewisse Bücher anrührt, warum sollte der Teufel dann diesen Mönch daran hindern, Übles zu tun?«

»Ein gutes Enthymem«, gab William zu.

»Und schließlich noch etwas: Als ich vor einiger Zeit die Fenster im Hospital reparierte, habe ich ein bißchen in Severins Büchern geblättert, und da war ein Buch der Geheimnisse, ich glaube von Albertus Magnus, an dem mich ein paar seltsame Miniaturen reizten, und da habe ich eine Seite gelesen, auf der geschrieben stand, womit man den Docht einer Öllampe einreiben kann, so daß er Visionen macht, wenn man den Rauch einatmet. Du wirst bemerkt haben (oder vielmehr, du wirst es noch nicht bemerkt haben, weil du noch keine Nacht in unserer Abtei verbracht hast), daß der Oberstock des Aedificiums in der Nacht irgendwie erleuchtet ist, jedenfalls scheint aus den Fenstern an manchen Stellen ein flackerndes Licht. Viele haben sich schon gefragt, was das sein mag, manche haben von Irrlichtern gesprochen, andere von den Seelen der früheren Bibliothekare, die an den Ort ihres einstigen Wirkens zurückkehren. Viele glauben hier so was. Ich glaube eher, daß es Lampen sind, die jemand präpariert hat, so daß sie Visionen machen. Weißt du, wenn du zum Beispiel das Ohrenschmalz eines Hundes nimmst und den Docht damit einreibst, dann meint jeder, der den Rauch einatmet, daß er den Kopf eines Hundes hätte, und wenn er jemanden bei sich hat, sieht er ihn mit einem Hundekopf. Und es gibt eine Salbe, die macht, daß alle, die in die Nähe der Lampe kommen, sich riesengroß wie Elefanten wähnen. Und mit den Augen einer Fledermaus und zwei Fischen, deren Namen ich nicht mehr weiß, und dazu einer Wolfsgalle kannst du einen Docht machen, dessen Rauch dich die Tiere sehen läßt, deren Fett du genommen hast. Und mit dem Schwanz einer Eidechse kannst du alle Dinge um dich herum wie aus Silber erscheinen lassen, und mit dem Fett einer schwarzen Schlange und einem Stück Leichentuch erscheint dir das Zimmer ganz voller Schlangen. Ich weiß das. Es gibt da jemanden in der Bibliothek, der ist sehr schlau …«

»Aber könnten das nicht die Geister der verstorbenen Bibliothekare sein? Vielleicht veranstalten sie diesen ganzen Zauber mit Lampen und Dochten?«

Nicolas erstarrte wie vom Donner gerührt. »Donnerwetter, daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht sind sie es. Gott schütze uns! Aber ich muß mich jetzt sputen. Es ist spät geworden, die Vesper hat schon begonnen. Gehabt euch wohl!« Sprach’s und eilte davon in die Kirche.

Wir setzten unseren Rundgang fort. Rechts lagen die Unterkünfte der Pilger und der Kapitelsaal mit dem Garten, links die Olivenpressen, die Mühle, die Speicher, der Weinkeller und das Novizenhaus. Und überall sahen wir Mönche zur Kirche eilen.

»Was haltet Ihr von Nicolas’ Worten?« fragte ich William.

»Ich weiß nicht. Sicher ist, daß in der Bibliothek etwas vorgeht, und ich glaube nicht, daß es die Geister der verstorbenen Bibliothekare sind …«

»Warum nicht?«

»Weil sie, wie ich annehme, doch wohl so tugendhaft waren, daß sie jetzt eher im Himmel sitzen und das Antlitz der göttlichen Weisheit schauen, wenn dir diese Antwort genügt. Was die Lampen betrifft, so werden wir ja sehen, ob es dort welche gibt. Und was die magischen Salben betrifft, von denen uns unser wackerer Glasermeister erzählt hat, so gibt es einfachere Methoden, um Visionen hervorzurufen, und Severin kennt sie genau, wie du heute bemerkt hast. Sicher ist, daß jemand in dieser Abtei die Mönche partout daran hindern will, nachts in die Bibliothek einzudringen, und daß es viele trotzdem versucht haben.«

»Und das Verbrechen, das wir untersuchen, hat mit diesen Dingen zu tun?«

»Verbrechen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gelange ich zu dem Schluß, daß Adelmus sich selber umgebracht hat.«

»Wieso?«

»Erinnerst du dich an heute morgen, als wir den Kehrweg unter dem Ostturm hinaufstiegen und ich die Müllhalde sah? An jener Stelle fand ich die Spuren eines kleinen Erdrutsches: Ganz offensichtlich war ein Teil des lockeren Erdreichs, ungefähr dort, wo der Müll sich häufte, abgerutscht und den Steilhang hinuntergeglitten bis unter den Turm. Deswegen erschien uns vorhin, als wir über die Mauer hinunterblickten, der Müll so wenig mit Schnee bedeckt: Er war gerade nur vom Schnee der letzten Nacht überzogen, nicht aber von dem der Tage zuvor. Was nun die Leiche des armen Adelmus betrifft, so hat uns der Abt gesagt, daß sie über scharfe Felsvorsprünge gefallen sein mußte. Doch unter dem Ostturm wachsen Pinien. Die Felsen sind genau an dem Ort, wo die Mauer im Hinterhof an den Turm stößt und der Abfall hinuntergekippt wird.«

»Und weiter?«

»Nun ja, wäre es nicht … wie soll ich sagen … weniger aufwendig für unser Kombinationsvermögen, wenn wir annähmen, daß Adelmus sich aus Gründen, die noch zu klären sein werden, kraft eigenen Entschlusses von jener Mauerbrüstung gestürzt hat, über die Felsen hinuntergefallen und schließlich, tot oder tödlich verletzt, im Müll gelandet ist? Und daß dann ein Erdrutsch, ausgelöst durch den Sturm jener Nacht, den Müll und einen Teil des Bodens mitsamt dem Körper des Unseligen bis unter den Ostturm gespült hat?«

»Warum sagt Ihr, daß diese Annahme weniger aufwendig für unser Kombinationsvermögen sei?«

»Mein lieber Adson, man soll die Erklärungen und Kausalketten nicht komplizierter machen, als es unbedingt nötig ist. Wenn Adelmus aus dem Ostturm gefallen wäre, müßtejemand in die Bibliothek eingedrungen sein, ihn niedergeschlagen haben, damit er keinen Widerstand leistete, es dann fertiggebracht haben, mit dem leblosen Körper auf den Schultern zu einem Fenstersims hochzuklettern, das Fenster zu öffnen und den Körper schließlich hinauszuwerfen. Bei meiner Hypothese genügen Adelmus, sein Todeswille und ein kleiner Erdrutsch. Alles erklärt sich mit einer viel geringeren Anzahl von Elementen.«

»Aber warum sollte er sich umgebracht haben?«

»Warum sollte ihn jemand anders umgebracht haben? In jedem Fall müssen wir Gründe suchen. Und ich bin sicher, daß es welche gibt. Im Aedificium herrscht dicke Luft, du kannst sie förmlich mit Händen greifen, jeder verschweigt uns etwas. Bislang haben wir nur ein paar vage Andeutungen über eine besondere Beziehung zwischen Adelmus und Berengar mitbekommen. Wir sollten also den Bibliothekarsgehilfen im Auge behalten.«

Bei diesen Worten bogen wir um die Ecke und sahen, daß der Vespergottesdienst gerade zu Ende war. Alles strömte aus der Kirche, die Knechte und Diener kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück, die Mönche begaben sich ins Refektorium. Es war inzwischen ganz dunkel geworden und hatte zu schneien begonnen — ein leichter Schneefall mit kleinen weichen Flocken, der wohl die ganze Nacht lang anhielt, denn am nächsten Morgen war das ganze Gelände mit einem weißen Schleier bedeckt, wie ich noch berichten werde.

Ich hatte Hunger und freute mich auf das Essen.

KOMPLET

Worin William und Adson die üppige Gastfreundlichkeit des Abtes genießen und die grimmige Konversation mit Jorge.

Das Refektorium erstrahlte im Schein großer Fackeln. Die Tische der Mönche waren zu einer langen Reihe geordnet, an deren oberem Ende, quergestellt in Form eines T-Balkens und erhöht auf einem breiten Podest, der Tisch des Abtes stand. Am unteren Ende erhob sich ein Pult, an welches bereits der Mönch getreten war, der die Lesung während der Mahlzeit vornehmen sollte. Der Abt erwartete uns neben einem Wasserbecken mit einem weißen Tuch in der Hand, um uns die Hände zu trocknen nach der Waschung, wie es die uralte Regel des heiligen Pachomius gebot.

Alsdann bat er William an seinen Tisch und gewährte auch mir dieses Privileg, jedenfalls für diesen ersten Abend, wie er sagte, da ich, wiewohl nur ein Benediktinernovize, gleichfalls ein neuer Gast der Abtei sei. An den folgenden Tagen, so gab er mir väterlich zu verstehen, könne ich dann ja zwischen den Mönchen Platz nehmen oder, wenn mein Meister mir eine besondere Aufgabe anvertraut habe, vor oder nach der gemeinsamen Mahlzeit in der Küche speisen, wo die Köche sich meiner annehmen würden.

Die Mönche standen allesamt stumm hinter ihren Stühlen, das Haupt verhüllt in der Kapuze und die Hände gefaltet unter dem Skapulier. Der Abt trat an seinen Tisch und sprach das Benedicite, woraufhin der Cantor am Pult das Edent pauperes intonierte. Dann gab der Abt seinen Segen, und alle setzten sich.

Die Regel unseres Ordensgründers sieht eine recht karge Speisung der Mönche vor, stellt es aber ins Ermessen des Abtes, ihnen mehr zu gewähren, wenn es ihn gutdünkt. Heutzutage wird freilich in unseren Abteien meistens recht ausgiebig den Genüssen des Gaumens gefrönt, und ich spreche hier nicht nur von jenen Klöstern, die sich leider in Schlemmerhöhlen verwandelt haben. Denn auch in denen, die sich weiterhin an den Kriterien der Gottesfurcht und der Buße orientieren, wird den Mönchen, die sich fast alle der schweren Arbeit des Geistes widmen, eher solide Nahrung geboten. Andererseits war der Tisch des Abtes seit jeher schon privilegiert, auch weil nicht selten Gäste dort sitzen, die man besonders ehren will, und die Klöster sind stolz auf die reichen Erzeugnisse ihrer Felder und Ställe sowie auf die Kunst ihrer Küchenmeister.

Während des Essens schwiegen die Mönche, wie es die Regel gebot; wenn es erforderlich war, verständigten sie sich mit den üblichen Fingerzeichen. Die Novizen und jüngeren Mönche wurden zuerst bedient, sobald die für alle bestimmten Speisen den Tisch des Abtes passiert hatten.

Am Tisch des Abtes saßen außer uns der Bibliothekar, der Cellerar und die beiden ältesten Mönche, Jorge von Burgos, der blinde Greis, den wir bereits im Skriptorium kennengelernt hatten, und der steinalte Alinardus von Grottaferrata, ein nahezu Hundertjähriger, zittrig und schwach auf den Beinen und, wie mir schien, geistig ein wenig abwesend. Er sei, so sagte der Abt uns leise, schon als Novize in dieser Abtei gewesen und habe sein ganzes Leben hier verbracht; er könne sich an Ereignisse aus mehr als achtzig Jahren erinnern. Der Abt sagte uns das halb flüsternd zu Beginn der Mahlzeit, danach hielt er sich im wesentlichen an den Gebrauch unseres Ordens und folgte der Lesung schweigend. Im wesentlichen, denn, wie gesagt, am Tisch des Abtes nahm man sich schon mal die eine oder andere Freiheit heraus, und so kam es vor, daß wir die Speisen lobten, die uns dargereicht wurden, indes der Abt die Qualitäten seines Olivenöls rühmte oder auch seines in der Tat vorzüglichen Weines. Einmal sogar, als er uns nachschenkte, zitierte er jenes Kapitel der Regel des heiligen Benedikt, in welchem der Ordensgründer bemerkt, daß der Wein zwar gewiß nichts für Mönche sei, doch da man die Mönche in unseren Zeiten nicht davon überzeugen könne, sollten sie wenigstens nicht bis zur Sättigung trinken, denn der Wein bringe, wie schon der Ekklesiast hervorhob, sogar die Weisen zur Apostasie. Und man bedenke: Benedikt sagte »in unseren Zeiten« und bezog sich damit auf die seinen, die heute weit zurückliegen. Wie anders waren bereits die Zeiten, da wir in jener Abtei am Tische des Abtes saßen, nach soviel Sittenverfall seit der Gründung des Ordens (und ich spreche hier gar nicht von unseren heutigen Zeiten, da ich dies niederschreibe, obwohl man in Melk vorwiegend Bier trinkt)! Kurzum, wir tranken. Zwar nicht im Übermaß, aber auch nicht ohne ein gewisses Wohlgefallen.

Dazu aßen wir frischen Schweinebraten vom Spieß, und mir fiel auf, daß man für die anderen Speisen nicht tierisches Fett noch Rapsöl genommen hatte, sondern das feine Olivenöl aus den Ländereien, die der Abtei in den sonnigen Tälern drunten auf der Südseite des Gebirges gehörten. Der Abt ließ uns von einem knusprigen Hähnchen kosten, das speziell für seinen Tisch zubereitet worden war, und ich bemerkte, daß er etwas sehr Seltenes besaß: eine kleine metallene Gabel, deren Form mich an Williams Lesegerät erinnerte. Zweifellos wollte er sich als Mann von nobler Herkunft nicht die Hände an den fettigen Speisen besudeln. Er bot uns sein Utensil sogar zur Benutzung an, zumindest um das Fleisch von der großen Platte zu nehmen und es auf unsere Teller zu legen. Ich lehnte dankend ab, doch William nahm es gern und bediente sich dieses vornehmen Instrumentes mit zwangloser Eleganz, als ob er dem Abt beweisen wollte, daß die Franziskaner keineswegs immer Leute von plumpen Manieren und niederer Herkunft sind.

In meiner Begeisterung über all diese Speisen (nach mehreren Tagen der Wanderschaft, in denen wir uns ernährt hatten, so gut es eben ging) war meine Aufmerksamkeit für die fromme Lesung ein wenig schwächer geworden. Sie wurde aufs neue geschärft durch ein heftig zustimmendes Grunzen des alten Jorge, das, wie ich gleich daraufmerkte, einer Stelle aus der Regel des heiligen Benedikt galt. Einer Stelle, die den gestrengen Jorge zweifellos sehr befriedigen mußte, wenn man bedenkt, was er am Nachmittag im Skriptorium gesagt hatte. Denn der Vorleser las gerade: »Lasset uns tun, was der Prophet verkündet: ‘Ich sagte, behüten will ich meine Wege, daß ich nicht sündige mit meiner Zunge. Ich stellte an meinen Mund eine Wache; stumm blieb ich, demütigte mich und schwieg sogar vom Guten.’ Hier lehrt uns der Prophet, daß man dem Schweigen zuliebe bisweilen sogar der guten Rede entsagen soll. Um wieviel mehr muß man dann um der Sündenstrafe willen das böse Reden vermeiden!« Und weiter hieß es: »Leichtfertige Spaße aber und albernes oder zum Lachen reizendes Geschwätz verdammen wir allezeit und überall, und keinem Jünger erlauben wir, zu derlei Reden den Mund zu öffnen.«

»Jawohl, und das gilt auch für die Marginalien, von denen wir heute sprachen«, konnte sich Jorge nicht enthalten, leise zu kommentieren. »Wie Johann Chrysostomus sagte: Christus hat nie gelacht!«

»Nichts in seiner menschlichen Natur untersagte es ihm«, warf William ein, »denn das Lachen ist, wie uns die Theologen lehren, dem Menschen eigentümlich.«

»Forte potuit, sed non legitur eo usus fuisse«26 , sagte Jorge mit fester Stimme, ein Diktum von Petrus Cantor zitierend.

»Manduca, iam coctum est«27 , murmelte William.

»Was?« fragte Jorge verwirrt, offenbar in der Meinung, William spreche von einem Braten, den man essen solle, solange er knusprig ist.

»Diese Worte sprach, wie Ambrosius berichtet, der heilige Lorenz auf dem Feuerrost, als er seine Henker aufforderte, ihn auf die andere Seite zu drehen, wie auch Prudentius in seinem Peristephanon zu berichten weiß«, sagte William mit der Miene eines Heiligen. »Sankt Lorenz war also durchaus imstande, zu lachen und Spaße zu machen, sei’s auch nur, um seine Feinde zu demütigen …«

»Was nur beweist, wie nah das Lachen dem Tod und dem Verderben des Körpers ist«, knurrte Jorge, und ich muß zugeben, daß er wie ein guter Logiker argumentierte.

An diesem Punkt mahnte der Abt uns gütig zu schweigen. Als das Mahl beendet war, erhob er sich und stellte William den Mönchen vor. Er lobte seine Weisheit, hob seinen Scharfsinn hervor und erklärte den Versammelten, daß er ihn gebeten habe, den Tod des Adelmus zu untersuchen. Die Brüder seien mithin gehalten, seine Fragen getreulich zu beantworten und die ihnen Unterstellten in der ganzen Abtei anzuweisen, ein gleiches zu tun. Auch sollten sie ihm die Untersuchung soweit wie möglich erleichtern — sofern er nicht etwas von ihnen verlange, was gegen die Ordnung des Klosters verstoße, in welchem Falle sie vorher seine, des Abtes, Erlaubnis einholen müßten.

Als die Mahlzeit beendet war, standen die Mönche auf, um sich zur Komplet in den Chor zu begeben. Sie zogen ihre Kapuzen über und ordneten sich vor der Tür zu einer Reihe. Dann bewegten sie sich in langer Prozession hinaus und über den Friedhof durchs Nordportal in die Kirche.

Wir gingen neben dem Abt. »Zu dieser Stunde, nicht wahr, wird das Aedificium verschlossen?« fragte William.

»Sobald die Diener das Refektorium und die Küche gereinigt haben, schließt Malachias eigenhändig beide Pforten und verriegelt sie von innen.«

»Von innen? Und wo geht er dann hinaus?«

Der Abt sah William streng ins Gesicht und schwieg. »Zweifellos schläft er nicht in der Küche«, sagte er schließlich schroff und beschleunigte seinen Schritt.

»Gut, gut!« flüsterte William mir zu. »Es gibt also noch einen anderen Eingang, und den sollen wir nicht kennen.« Ich grinste, stolz über diese treffliche Deduktion meines klugen Meisters, aber der schalt mich leise: »Lach nicht! Du hast doch gemerkt, in diesen Mauern hält man nicht sehr viel vom Lachen!«

Wir traten in den Chor. Nur ein einziger Leuchter brannte, hoch auf einem schweren bronzenen Dreifuß von doppelter Mannesgröße. Die Mönche begaben sich schweigend ins Chorgestühl, während der Vorleser aus einer Homilie des heiligen Gregor las.

Als alle versammelt waren, gab der Abt ein Zeichen, und der Cantor intonierte Tu autem Domine miserere nobis. Der Abt respondierte Adjutorium nostrum in nontine Domini, und alle sangen gemeinsam Qui fecit coelum et terram. Dann folgte das Psalmensingen: Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit; Danken will ich dir, Herr, von ganzem Herzen; Auf, lobet den Herrn, alle Knechte des Herrn!

William und ich hatten nicht im Chorgestühl Platz genommen, sondern uns in das Hauptschiff zurückgezogen. Dort sahen wir plötzlich Malachias aus dem Dunkel einer Seitenkapelle auftauchen.

»Merk dir die Stelle«, raunte William mir zu. »Vielleicht ist da ein Gang, der zum Aedificium fuhrt.«

»Unter dem Friedhof hindurch?«

»Warum nicht? Es muß sogar, wenn man es recht bedenkt, irgendwo ein Ossarium geben, Katakomben oder dergleichen. Es kann doch unmöglich sein, daß alle Mönche, die in den Jahrhunderten hier gestorben sind, allein auf diesem kleinen Friedhof begraben wurden.«

»Ja wollt Ihr denn wirklich nachts in die Bibliothek eindringen?« fragte ich erschrocken.

»Wo die Geister verstorbener Mönche umgehen? Wo Schlangen und mysteriöse Irrlichter sind? Nein, lieber Adson. Ich hatte zwar heute morgen daran gedacht, nicht aus Neugier, sondern weil ich mich fragte, wie Adelmus gestorben sein könnte. Aber jetzt, da ich zu einer logischeren Erklärung neige, will ich, wenn ich alles in allem bedenke, die Consuetudines dieser Abtei respektieren.«

»Warum wollt Ihr dann aber wissen, wie man in die Bibliothek gelangt?«

»Weil die Wissenschaft, mein lieber Adson, nicht nur darin besteht, zu wissen, was man tun muß oder kann, sondern auch, was man tun könnte, aber lieber nicht tun sollte. Deswegen sagte ich vorhin zu unserem guten Glasermeister, daß der Wissende die Geheimnisse, die er aufdeckt, sorgsam hüten muß, damit nicht andere schlechten Gebrauch davon machen. Aber aufdecken muß er sie dennoch, und diese Bibliothek sieht mir ganz so aus, als ob die Geheimnisse dort eher zugedeckt blieben.«

Mit diesen Worten traten wir aus der Kirche, denn der Gottesdienst war zu Ende. Wir fühlten uns beide sehr müde und gingen in unsere Zellen. Ich rollte mich in meinen Winkel, den William scherzhaft meinen loculus nannte, und schlief sofort ein.

Teil II

Zweiter Tag

METTE

Worin kurze Stunden mystischen Glücksgefühls unterbrochen werden von einem überaus blutrünstigen Ereignis.

Sinnbild und Wahrzeichen bald des lodernden Feuerteufels, bald des auferstandenen Christus, ist der Hahn das unzuverlässigste aller Tiere. Wir hatten in unseren Abteien sogar Exemplare, die zu träge waren, bei Sonnenaufgang zu krähen. Andererseits wird die Mette bei uns so früh gefeiert, daß es, zumal im Winter, noch tiefe Nacht ist und die ganze Natur noch schläft, denn die Mönche haben sich lange vor Tagesanbruch zu erheben und im Dunkeln zu beten, um in Erwartung des dämmernden Morgens die Finsternis zu erhellen mit der Glut ihrer frommen Andacht. Und so verlangt denn ein kluger Brauch unserer Klöster, daß einige Brüder am Abend nicht schlafen gehen, sondern die Nacht verbringen mit rhythmischer Rezitation einer vorgeschriebenen Anzahl von Psalmen, die so bemessen ist, daß sie ihnen die Stunden der Nacht anzeigt, dergestalt daß diese Fratres Vigilantes, wenn die Zeit gekommen ist, ihre Mitbrüder wecken können.

So wurden auch wir nun in jener Nacht von Mönchen geweckt, die mit einer Glocke durchs Dormitorium und durchs Pilgerhaus zogen, während einer von Zelle zu Zelle ging und in jede hineinrief Benedicamus Domino, was dann der also Geweckte mit einem Deo gratias beantwortete.

William und ich hielten uns an den benediktinischen Brauch: In weniger als einer halben Stunde waren wir bereit, den neuen Tag zu empfangen, und begaben uns in den Chor, wo die Mönche ausgestreckt auf dem Boden lagen und die ersten fünfzehn Psalmen rezitierten, bis die Novizen eintrafen, angeführt von ihrem Meister. Dann nahmen alle im Chorgestühl Platz und intonierten das Domine labia mea aperies et os meum adnuntiabit laudem tuam. Der Gesang stieg zum hohen Gewölbe der Kirche empor wie das Bittgebet eines Kindes. Alsdann bestiegen zwei Mönche die Kanzel und sangen den vierundneunzigsten Psalm, Venite exultemus, und heiß überkam mich das Glücksgefühl eines erneuerten Glaubens.

Die Mönche saßen im Chorgestühl, sechzig dunkle Gestalten, alle gleich anzusehen in ihren schwarzen Kapuzen und Kutten, sechzig Schatten, kaum aufgehellt vom Fackelschein auf dem hohen Dreifuß, und sechzig Stimmen erhoben sich fromm zum Lobe des Höchsten. Und während ich andächtig diesem bewegenden Wohlklang lauschte, diesem klingenden Vorhof der Freuden des Paradieses, fragte ich mich, ob denn wirklich diese Abtei ein Ort verstohlener Geheimnisse, sündhafter Heimlichkeiten und finsterer Drohungen war — erschien sie mir nun doch ganz wie ein Heiligenschrein, ein Hort der Tugend, Gehege der Weisheit, Gefäß der Besonnenheit, Turm der Gelehrsamkeit, Garten der Demut, Born des Friedens, Bollwerk der Festigkeit und Rezeptakulum aller Gottesfurcht.

Nachdem sechs Psalmen verklungen waren, begann die Lesung aus der Heiligen Schrift. Die Mönche folgten ihr reglos, den Kopf auf die Brust gesenkt. Bei manchen neigte er sich auch ein wenig zur Seite, und um zu verhindern, daß sie endgültig einnickten, ging zwischen den Reihen einer der Vigilantes umher mit einer kleinen Lampe: Wer in des Morpheus Armen ertappt wurde, mußte zur Sühne die Lampe nehmen und selber den Rundgang fortsetzen. Nach der Lesung wurden noch einmal sechs Psalmen gesungen. Dann erteilte der Abt seinen Segen, der Vorleser sprach das Gebet, und alle neigten ihre entblößten Häupter vor dem Altar zu einer Minute der Sammlung — ein Augenblick, dessen Süße niemand ermessen kann, der solche Stunden mystischer Glut und tiefsten inneren Friedens nicht selber erlebt hat. Schließlich setzten sich alle wieder, zogen erneut die Kapuzen über und sangen feierlich das Te Deum. Und auch ich lobte den Herrn, weil er mich erlöst hatte von meinen Zweifeln und mir das Gefühl des Unbehagens genommen, in welches mein erster Tag in dieser Abtei mich gestürzt hatte. Schwache und schwankende Wesen sind wir allzumal, sagte ich mir; auch unter diesen gelehrten und frommen Mönchen säet der Böse zuweilen Streit, Neidereien und Hader, doch all das vergehet wie flüchtiger Rauch vor dem Sturmwind des Glaubens, sobald sich die Bruderschaft wieder zusammenfindet im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

__________

Zwischen Mette und Laudes pflegen die Mönche nicht wieder in ihre Zellen zu gehen, auch wenn es noch dunkel ist. Die Novizen begaben sich mit ihrem Meister in den Kapitelsaal, um gemeinsam die Psalmen zu lernen, einige Mönche blieben gleich in der Kirche, um die geweihten Geräte zu pflegen, die meisten verbrachten die Zeit meditierend im Kreuzgang, und so taten’s auch wir. Die Knechte und Diener schliefen noch, und sie schliefen weiterhin fest, als wir uns, bei immer noch dunklem Himmel, zu Laudes erneut in den Chor begaben.

Wieder begann das Singen der Psalmen. Doch einer von ihnen, einer der für den Montag vorgeschriebenen, weckte diesmal mein Unbehagen aufs neue, hieß es doch da: »Die Sünde erfaßt den Gottlosen in seinem Herzen, keine Gottesfurcht ist in seinen Augen — voller Hinterlist handelt er, seine Worte sind schädlich und erlogen — Übles sinnt er auf seinem Lager und stehet fest auf dem bösen Weg und scheuet kein Arges!« Ein schlimmes Omen schien es mir, daß die Regel des heiligen Benedikt gerade für diesen Tag eine so dräuende Mahnung vorschrieb. Auch die anschließende Lesung aus der Apokalypse konnte mich nicht beruhigen, sondern erinnerte mich an die Figuren des Kirchenportals, die mir am Vortag das Herz und den Blick so schwer gemacht hatten. Doch nach dem Responsorium, dem Ambrosianischen Hymnus und dem Vers, als der Cantus des Evangeliums gerade begann, gewahrte ich hinter den Fenstern des Chores, genau über dem Altar, einen schwachen Schimmer, der die herrlichen Farben der Gläser, die bis dahin im Dunkel gelegen hatten, erstmals aufleuchten ließ. Es war noch längst nicht die Morgenröte, die erst während der Prima durchbrechen sollte, genau am Ende der Gesänge Deus qui est sanctorum splendor mirabilis und Iam lucis orto sidere. Es war nur der erste zaghafte Vorschein der winterlichen Morgendämmerung. Doch er genügte, die Farben aufleuchten zu lassen — und damit zugleich den leichten Schatten aus meinem Gemüt zu vertreiben, der nun im Kirchenschiff anfing, als Zwielicht an die Stelle des nächtlichen Dunkels zu treten.

Wir sangen gerade die ersten Worte des Evangeliums, und als wir das Verbum bezeugten, das da gekommen ist, den Menschen Leben und Licht zu sein, schien mir, als breche das Tagesgestirn in all seinem Glänze hervor. Mich dünkte, das Licht (das noch gar nicht da war) leuchtete auf in den Worten des Cantus gleich einer mystischen Lilie, die wohlriechend sich entfaltete zwischen den Bögen des hohen Gewölbes, und ich betete stumm: »Dank dir, oh Herr, für diesen Augenblick unbeschreiblicher Freude!« Und zu meinem verzagten Herzen sagte ich: »Törichtes Ding, was fürchtest du noch?«

In diesem Moment erhob sich ein großer Lärm vor dem Nordportal draußen im Hof. Ich fragte mich, wie die Knechte es wagen konnten, derart das fromme Gebet der Mönche zu stören, denn zweifellos waren es Knechte auf dem Wege zu ihrer Arbeit. Da wurde auch schon die Tür aufgerissen, und hereingestürzt kamen drei Schweinehirten mit schreckverzerrten Gesichtern, eilten zum Abt und flüsterten ihm etwas zu. Der wies sie mit einer Geste zur Ruhe, um den Gottesdienst nicht unterbrechen zu müssen, doch schon folgten andere, und das Geschrei wurde lauter. »Ein Mensch, es ist ein toter Mensch!« rief einer erregt, und andere schrien dazwischen: »Ein Mönch! Hast du nicht das Schuhwerk gesehen?«

Die Betenden hielten inne, der Abt stürzte eilends zur Tür und hieß den Cellerar, ihm zu folgen. William heftete sich an seine Fersen, doch schon erhoben sich auch die anderen Mönche und strömten hinaus.

Der Himmel war klar und wolkenlos, im Osten tagte es, und die weiße Schneedecke ließ das Gelände noch heller erscheinen. Hinter der Kirche, im Hof vor den Ställen, drängten sich Männer um den großen Bottich mit Schweineblut, der seit dem Vortag dort stand. Über den Rand des Bottichs ragte ein seltsam längliches Etwas, x-förmig und schief, als wären es zwei überkreuzte Stangen, wie man sie auf den Feldern in den Boden steckt und mit Lumpen behängt, um die Vögel zu schrecken.

Es waren indes zwei menschliche Beine: die Beine eines kopfüber in den Bottich gestürzten Mannes.

__________

Der Abt befahl, daß man die Leiche (denn nur eine Leiche konnte es sein: kein Lebender hätte in einer so widernatürlichen Stellung so lange ausgehalten) aus der eklen Flüssigkeit ziehe. Widerwillig, doch folgsam traten die Schweinehirten an den Kübelrand und hievten den blutigen Körper heraus, nicht ohne sich selber dabei aufs heftigste zu besudeln. Das Schweineblut war in der Tat nicht geronnen, da man es, wie mir am Vortag erklärt worden war, gleich nach der Schlachtung gründlich gerührt und dann in der Kälte stehengelassen hatte, doch die klebrige Schicht, die den Leichnam bedeckte, seine Kleidung durchtränkte und seine Züge unkenntlich machte, wurde nun zusehends stockig und zäh. Ein Diener eilte mit einem Eimer voll Wasser herbei und goß davon auf das Gesicht des grausigen Toten, ein anderer beugte sich mit einem Tuch darüber und wusch das Blut ab — und so erschienen vor unseren Augen allmählich die bleichen Züge des Mönches Venantius von Salvemec, jenes Kenners der griechischen Welt, den wir am Vortag noch im Skriptorium bei den Büchern des toten Adelmus gesprochen hatten.

»Adelmus mag Selbstmord begangen haben«, sagte William bedächtig, während er die Züge des Toten musterte. »Aber der hier bestimmt nicht, und es ist wohl auszuschließen, daß er zufällig auf den Rand des Bottichs hinaufgeklettert ist und aus Versehen hineinfiel.«

Der Abt trat näher und sagte erregt: »Bruder William, Ihr seht, es geht etwas vor in dieser Abtei! Etwas, das Eure ganze Klugheit fordert! Ihr müßt rasch handeln, ich bitte Euch dringlichst!«

»War Venantius heute früh während der Mette im Chor?« fragte William.

»Nein. Ich hatte sein Fehlen schon bemerkt.«

»Hat sonst noch jemand gefehlt?«

»Nicht daß ich wüßte.«

William zögerte einen Moment, bevor er die nächste Frage stellte, und fragte dann leise, so daß ihn möglichst kein anderer hören konnte: »War Berengar an seinem Platz?«

Der Abt sah ihn mit einer Mischung aus Unruhe und Bewunderung an, als wollte er seine Überraschung darüber zum Ausdruck bringen, daß William einen Verdacht hegte, der ihm selber gerade gekommen war, freilich aus verständlicheren Gründen. Dann sagte er rasch: »Ja, er war da, in der ersten Reihe, fast direkt neben mir.«

»Natürlich«, sagte William, »bedeutet das alles gar nichts. Ich glaube nicht, daß jemand über den Hof gegangen ist, um sich dann von hier aus in die Kirche zu begeben. Folglich kann der Leichnam schon seit Stunden im Blut gesteckt haben, möglicherweise schon seit der ersten Stunde nach Komplet, als alle schlafen gingen.«

»Gewiß, die ersten Knechte stehen auf, wenn es hell zu werden beginnt, und deshalb haben sie ihn auch erst jetzt entdeckt.«

William beugte sich über den Toten und musterte ihn, als wäre er den Umgang mit Leichen gewohnt. Er tauchte das Tuch ins Wasser und wischte die restlichen Blutspuren vom Gesicht. Inzwischen waren die anderen Mönche alle gekommen, standen erschrocken im Kreis um den Bottich und schwatzten aufgeregt durcheinander, bis der Abt ihnen Ruhe gebot. Severin drängte sich durch die Reihen, der Bruder Botanikus, der sich auch um die Leichen in der Abtei zu kümmern hatte, und beugte sich neben William über den Toten. Ich überwand mein Grauen und trat als Dritter hinzu, um meinem Meister zu helfen, falls er ein neues Tuch und mehr Wasser brauchte, und um zu hören, was die beiden miteinander redeten.

»Hast du schon mal einen Ertrunkenen gesehen?« fragte William.

»Schon viele«, sagte Severin. »Und wenn ich deine Frage richtig verstehe: Sie sehen anders aus, ihre Züge sind aufgedunsen.«

»Dann war dieser Mann schon tot, als ihn jemand in den Bottich geworfen hat.«

»Warum sollte das jemand getan haben?«

»Warum sollte ihn jemand getötet haben? Wir stehen vor dem Werk eines kranken Hirns. Aber laß uns erst nachsehen, ob sich Verletzungen oder Prellungen oder dergleichen am Körper finden. Am besten, du läßt ihn jetzt gleich ins Badehaus bringen, entkleiden und waschen, und dann untersuchen wir ihn gründlich. Fang schon mal an, ich komme gleich nach.«

Während Severin den Vorschlag befolgte und den Toten mit Erlaubnis des Abtes ins Badehaus bringen ließ, bat William den Abt, er möge nun alle Mönche zurück in die Kirche schicken, und zwar auf demselben Weg, den sie gekommen waren, desgleichen die Knechte und Diener, so daß niemand mehr auf dem Platz zurückbleibe. Der Abt befolgte den Wunsch, ohne sich nach dem Grund zu erkundigen, und so blieben William und ich allein bei dem Bottich. Viel Blut war herausgeschwappt während der makabren Operation der Leichenbergung, so daß der Schnee ringsum rot war. An mehreren Stellen war er auch aufgelöst durch das verspritzte Wasser, und wo der Leichnam gelegen hatte, war jetzt ein großer dunkler Fleck.

»Schönes Durcheinander hier«, sagte William und schaute auf die kreuz und quer laufenden Spuren der Mönche und Knechte. »Schnee, lieber Adson, ist ein wunderbares Pergament, auf dem die Füße der Menschen deutlich lesbare Schriftzüge hinterlassen. Aber dies hier ist leider ein schlecht abgeschabtes Palimpsest, auf dem wir kaum etwas Interessantes entziffern werden. Von hier bis zur Kirche hat es ein großes Gerenne von Mönchen gegeben, und auf dem Weg von hier zu den Ställen sind Knechte in Scharen gelaufen. Die einzige Zone, die noch unberührt ist, ist die zwischen dem Schweinestall und dem Aedificium. Komm, laß uns sehen, ob wir dort etwas Interessantes finden.«

»Aber was wollt Ihr denn finden?« fragte ich.

»Wenn der arme Venantius sich nicht von selbst in den Bottich gestürzt hat, muß ihn jemand hergetragen haben, wahrscheinlich schon tot. Und wer den Körper eines anderen trägt, macht tiefe Spuren im Schnee. Also schau dich mal um, ob du hier irgendwo Spuren entdeckst, die anders aussehen als die Spuren all dieser schwatzhaften Mönche, die unser Pergament ruiniert haben.« Wir machten uns auf die Suche, und ich will gleich verraten, daß ich es war (Gott schütze mich vor der Eitelkeit!), der zwischen Bottich und Aedificium etwas entdeckte. Es waren Abdrücke menschlicher Füße in einem Teil des Hofes, den heute morgen noch niemand betreten hatte; ziemlich tiefe Abdrücke sogar, deren Ränder, wie mein kluger Lehrer sofort erkannte, nicht so scharf waren wie die der Mönche und Knechte, was bedeutete, daß frischer Schnee darauf gefallen war und sie folglich älter sein mußten. Doch am bemerkenswertesten an diesen Abdrücken war, daß zwischen ihnen eine ununterbrochene dünne Spur verlief, wie wenn derjenige, der hier gegangen war, etwas hinter sich hergeschleift hätte. Mit einem Wort: ein Streifen im Schnee, der vom Bottich zum Refektorium führte, zur Mauer des Aedificiums zwischen dem Süd- und dem Ostturm.

»Refektorium, Skriptorium, Bibliothek«, sagte William. »Schon wieder die Bibliothek! Ich sage dir: Venantius ist im Aedificium gestorben — und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach in der Bibliothek!«

»Warum ausgerechnet in der Bibliothek?«

»Ich versuche, mich in die Lage des Mörders zu versetzen. Hätte er Venantius im Refektorium, in der Küche oder im Skriptorium umgebracht, warum ließ er ihn dann nicht einfach dort liegen? Hat er ihn aber in der Bibliothek ermordet, dann mußte er ihn woandershin bringen, sei’s weil die Leiche in der Bibliothek nie gefunden worden wäre (und vielleicht war dem Mörder daran gelegen, daß man sie findet), sei’s weil der Mörder nicht wollte, daß sich die Aufmerksamkeit auf die Bibliothek konzentriert.«

»Und wieso sollte dem Mörder daran gelegen sein, daß man die Leiche findet?«

»Ich weiß nicht, ich stelle nur Hypothesen auf. Wer sagt dir zum Beispiel, daß der Mörder Venantius getötet hat, weil er Venantius haßte? Er könnte ihn auch statt eines anderen getötet haben, als Zeichen, um auf etwas anderes hinzuweisen.«

»Omnis mundi creatura quasi liber et scriptura …28 «, murmelte ich unwillkürlich. »Aber was wäre das dann für ein Zeichen?«

»Eben das ist es, was ich nicht weiß. Aber vergessen wir nie, daß es auch Zeichen gibt, die nur scheinbar etwas bedeuten, in Wahrheit aber ganz sinnlos sind, wie blitiri oder bu-ba-baff…«

»Es wäre gräßlich«, sagte ich, »einen Menschen zu töten, um nichts als bu-ba-baff zu sagen!«