/ / Language: Deutsch / Genre:sf

Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.

W Jeschke

Herausragende Erzählungen internationaler Autoren, u.a. aus Australien, den USA, Polen und den Niederlanden. Stories, die mit den renommiertesten Preisen des Genres - dem NEBULA und dem HUGO AWARD - ausgezeichnet wurden.


Geoffrey A. Landis • USA

NEUE MÄNNER BRAUCHT DAS LAND

»Und nun eine Meldung aus der medizinischen Forschung. Wie die Universität von Boston soeben mitteilte, hat man dort eine aufsehenerregende Entdeckung gemacht. Bleiben Sie am Apparat.«

David Valient drehte die Lautstärke herunter und ging in die Küche, um sich etwas zum Knabbern zu holen. »Willst du auch was, Liebes?« rief er zurück.

»Nein, danke.«

Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und kuschelte sich wieder an Joan, die auf der Couch saß und ein Buch las. Wie immer achtete sie überhaupt nicht auf den Fernseher. Als er die Lautstärke wieder hochdrehte, gingen die Nachrichten gerade weiter.

»Der jahrelange Wettlauf in der medizinischen Forschung um die Erzeugung rekombinierbarer DNS-Bausteine ist beendet. Die erfolgversprechendste der neuen Genspaltungstechniken benutzt speziell veränderte Viren, um maßgeschneiderte DNS-Stränge in die Gene von Labortieren einzufügen. In Boston kündigte heute ein Forscherteam unter Leitung von Dr. Gabriella Urlaub ein ungewöhnliches neues Anwendungsgebiet für diese rekombinationsfähigen Viren an.«

Während der Ansager sprach, sprang der Film mit raschen Schnitten von Labor zu Labor. Auf allen Einstellungen waren weiß gekleidete Wissenschaftler zu sehen, die durch Mikroskope nicht näher bezeichnete Dinge betrachteten. David nahm an, daß es die Viren sein sollten, von denen gerade die Rede war.

»Mit finanzieller Unterstützung des National Institute of Health entwickelte Dr. Urlaub ein Virus, das in der Lage ist, Chromosomen zu reparieren, die beispielsweise bei einer Krebstherapie beschädigt wurden.«

Der Sender schaltete um zu einem Interview mit der Wissenschaftlerin. Sie sprach mit leichtem Akzent.

»Unsere Forschungen konzentrierten sich auf das einfachste der menschlichen Chromosomen, auf das männliche Chromosom Nummer 46.« Das Bild zeigte wieder den Nachrichtensprecher.

»Dieses ungewöhnliche Chromosom wird aufgrund seiner auffälligen Form auch als ›Y-Chromosom‹ bezeichnet. Manche Wissenschaftler bezeichnen das Y-Chromosom sogar als das ›beschädigte‹ Chromosom, weil ihrer Meinung nach das Y eine verkümmerte Form der normalerweise wie ein ›X‹ geformten Chromosomen sei.

Das Virus, das die Forscherin entwickelte, hat einen bemerkenswerten Effekt«, erklärte der Ansager weiter, während das Bild zu einer mikroskopischen Ansicht eines Chromosoms wechselte. Es sah aus wie ein grobkörniges Amateurvideo, das zwei Würste zeigte, die zusammen in einer Suppenterrine schwammen. David sah, wie sich an einer Seite des Y eine Beule bildete, die rasch zu einem normal großen Strang heranwuchs. »Das Virus ›repariert‹ wirkungsvoll das beschädigte Y-Chromosom zu einem vollständigen X-Chromosom.«

In der Wissenschaftsrubrik der Zeitung war eine Meldung zum gleichen Thema abgedruckt. »Na, Liebes, was hältst du davon?« David setzte sein Bier ab und gab seiner Frau die Zeitung.

Sie legte ihr Buch fort. »Was meinst du?«

»Das hier.« Er zeigte ihr den Artikel. »›Wissenschaftler entdecken Mittel zur Geschlechtsumwandlung.‹ Ein schönes Mittel, was? Einmal spritzen, und peng!«

Joan nahm die Zeitung und überflog den Artikel. »Ganz so einfach ist das aber nicht. Hier steht, daß es kein Mittel ist, sondern ein Virus. Und es braucht zehn bis fünfzehn Wochen, bis es wirkt. Nicht ganz so ›peng‹, wie du meinst.«

»Aber immerhin. Was werden die wohl als nächstes erfinden? Wie man Menschen in Hunde verwandelt? Oder vielleicht sogar umgekehrt? Stell dir vor, wir könnten Prinz in einen Menschen verwandeln.« Er langte hinunter und kraulte die Ohren des Hundes. Prinz nahm die Zuwendung mit langsam trommelndem Schwanz zur Kenntnis. »Wie würde dir das gefallen, Prinz, mein Junge? Wolltest du nicht schon immer ein Mensch sein? Zur Arbeit gehen, von acht bis fünf in der Buchhaltung arbeiten, mittags eine Stunde Pause zum Essen? Nein? Willst du wirklich lieber ein Hund bleiben und den ganzen Tag schlafen und dein Hundefutter in einer hübschen Schale vorgesetzt kriegen? Ich kann dir keinen Vorwurf machen, alter Junge. Überhaupt nicht.«

Joan lachte. »Ich glaube, das wäre gar nicht so einfach. Männer und Frauen gehören ja nicht verschiedenen Arten an wie Menschen und Hunde.«

»Oh, wirklich? Du kannst das ja glauben, aber ich muß mich manchmal schon wundern.«

Claire Trillman war schlecht dran. Sie war eine Frau, das war klar. Sie fühlte sich wie eine Frau, sie kleidete sich gern in Rüschen und Spitzen, sie sehnte sich nach einem Baby, das sie halten und stillen und lieben konnte. Sie hatte nur ein einziges Problem. Das Problem war ihr Körper, ihr armer, häßlicher, gemeiner Körper, der als Mann geboren worden war. Das war nicht ihre Schuld. Sie war so sehr eine Frau wie diejenigen, die durch einen blinden Zufall das Glück gehabt hatten, mit dem richtigen Körper geboren zu werden. Mindestens.

Sie sparte ihr Geld und wartete ungeduldig auf den Tag, an dem sie sich endlich die Operation würde leisten können. Sie würde sich das häßliche Stück Fleisch abschneiden und ihren Körper zu den wundervollen Kurven umformen lassen, die sie in sich schon spüren konnte. Bis zu ihrem großen Tag trieb sie sich im Le Papillon herum.

Sie hatte es auch schon woanders versucht. Einmal hatte sie eine Bar gefunden, die ihr gefiel. Es war ein Lokal gewesen, das von Geschäftsleuten besucht wurde, und das nicht so billig und heruntergekommen aussah wie die meisten anderen. Es war so nahe am Büro gewesen, daß sie sich dort umziehen und direkt nach der Arbeit hingehen konnte. Es hatte ihr wirklich gefallen, bis eines Tages ein Mann zu aufdringlich geworden war. Er hatte sie in die Ecke gedrängt und ihr die Hand unter den Rock geschoben. Sie war nicht sicher, wer von ihnen mehr erschrocken war. Nach der Prügelei, die daraufhin ausbrach, hatte man ihr unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie sich nicht mehr blicken lassen sollte. Aber das hatte sie sowieso nicht vorgehabt. Die Leute im Papillon verstanden sie jedenfalls. Manchmal mußte sie trotzdem noch aufdringliche Kerle abwimmeln, aber wenigstens wußten die Männer dort Bescheid. Sie ließ sie immer abblitzen. Sie würde ›es‹ nicht tun, beschloß sie, solange sie es nicht als richtige Frau tun konnte.

Sie war ein altmodisches Mädchen.

An diesem Abend wartete sie darauf, daß Fred Feierabend machte. Freddy war ein Schatz. Er arbeitete in der Stadt als Labortechniker, und er hatte ihr wichtige Informationen über ihre Operation verschafft: Er kannte die Preise und wußte, wo die Leute am besten arbeiteten und so weiter. Am Telefon hatte er gesagt, daß er auf eine große Sache gestoßen sei. Sie fragte sich, was es wohl war.

Gene sind die Blaupausen, die ein Organismus benutzt, um den Körper aufzubauen und zu erhalten. Wenn der Körper nicht zu seiner genetischen Blaupause paßt, beginnen die Selbstreparaturmechanismen zu wirken und korrigieren den Körper, bis er mit den genetisch festgelegten Vorgaben übereinstimmt. Das geht so weit, daß sogar unerwünschte Zellverbände absorbiert oder abgebaut und andere aufgebaut werden, bis alles dem Plan entspricht. Dieser Prozeß verläuft überraschend schnell. Die Proteine, aus denen der Körper gebildet wird, werden rasch zerlegt und ersetzt. Ein Protein im Muskelgewebe hat beispielsweise eine Lebensdauer von nur neunzig Tagen, bis es ausgewechselt wird, und in etwa der gleichen Spanne kann der Körper Zellverbände nachbauen, bis sie einer modifizierten Blaupause entsprechen.

Verändere die Blaupause, und du veränderst den Körper. Diese Transformation ist ein Prozeß, der ungefähr drei Monate in Anspruch nimmt. Dies schließt sogar Veränderungen des Skeletts ein. (Dachtest du etwa, die Knochen seien etwas Dauerhaftes? Auch die Knochen werden wie alles andere im Körper ständig aufgebaut und wieder abgebaut.)

Chuck Turner – »Ein Macho und stolz drauf«, die letzte selbsternannte Bastion des maskulinen Heldentums im Radio – erreichte mit seiner Show Millionen von Menschen. Er war berühmt für seinen rücksichtslosen Kampf gegen die Gleichberechtigung, und er war stolz auf sich. Er hatte immer erklärt, und seine Hörer stimmten ihm zu, daß die Stellung der Frauen in der Gesellschaft heute schon besser sei als die der Männer. Frauen mußten verehrt und vor der harten Realität beschützt werden. Sie mußten nicht in der rauhen Welt um ihren Lebensunterhalt kämpfen, sie konnten ihre weichen, weiblichen Qualitäten nur entwickeln, weil sie beschützt wurden. Sie konnten den ebenso unbarmherzigen wie notwendigen Wettkampf in der mörderischen Welt einfach nicht verstehen, sie hatten keinen Begriff von den Notwendigkeiten, die das Leben eines Mannes prägten. Die paar, die behaupteten, daß sie genau das wollten, konnten nicht begreifen, was es wirklich bedeutete. Sie waren im guten Glauben einer Täuschung zum Opfer gefallen, wie er es immer sagte – die armen Lieben.

Und seine Hörer – mehr als die Hälfte waren Frauen – stimmten begeistert zu.

Macho Chuck war daran gewöhnt, spät am Abend in Talkshows befragt zu werden. Er trug lederne Hosenträger und ein Arbeitshemd aus grober Baumwolle, und er sprach klar und deutlich. Er wußte, daß er gut aussah.

»Die schlichte Wahrheit, Mike, ist doch, daß unsere amerikanische Wirtschaft wegen der sogenannten Befreiung der Frauen nicht mehr mit den Japanern konkurrieren kann.« Er sprach sehr klar und sah offen und treuherzig in die Kamera und nicht zu seinem Gesprächspartner. In der Sendung sollte es eigentlich um wirtschaftliche Fragen gehen, aber er hatte das Thema bereits dorthin verlagert, wo er es haben wollte. Die beiden anderen Gäste – eine Schwuchtel von Wirtschaftswissenschaftler und eine lesbische Feministin – sahen ziemlich alt aus.

»Die Regierung hat die Gesetze zur Gleichberechtigung erlassen, in denen steht, daß die Frau eingestellt werden muß, wenn sich ein Mann und eine Frau gleichzeitig um einen Job bewerben. Die Firmen müssen das tun, oder sie müssen mit einer millionenschweren Klage wegen Diskriminierung rechnen. Nun, die häßliche, schlichte Wahrheit ist, daß Frauen einfach nicht so gute Arbeiter sind wie Männer. Mike, Sie wissen, daß sie es nicht sind, ich weiß, daß sie es nicht sind, und es wird Zeit, daß die Regierung es auch merkt. So einfach ist das. Sie wollen über die Arbeitslosigkeit in Amerika reden? So ein Schwachsinn. Die gibt’s nicht. Tatsache ist, daß mehr Amerikaner Arbeit haben als jemals zuvor. Aber früher haben nur die Männer gearbeitet. Wegen dieser Frauenbefreiung sollen jetzt aber Männer und Frauen arbeiten gehen, und wir sind so blöde, das auch noch als Fortschritt zu bezeichnen. Also, mir kommt das nicht wie ein Fortschritt vor.«

»Danke, Chuck. Zum Abschluß der Sendung möchte ich Sie noch fragen, ob Sie vielleicht ein paar Worte zu der kürzlich verbreiteten Meldung sagen können, daß eine Wissenschaftlerin in Boston ein Mittel gefunden habe, mit dem angeblich Männer in Frauen verwandelt werden können?«

»Das ist nichts als ein geschmackloser, grausamer Scherz, Mike, der von den radikalen Emanzen verbreitet wird, um ihre Ansicht zu unterstützen, daß es keine wirklichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe. Nun, ich habe denen etwas Unangenehmes zu sagen: Es gibt Unterschiede, und ich für meinen Teil bin verdammt froh darüber. Ich glaube, es ist an der Zeit, daß die sich den Tatsachen stellen.

Mike, es überrascht mich nicht im mindesten, daß ein paar Tunten behaupten, Männer zu sein, die zu Frauen ›umgewandelt‹ wurden. Es macht mich aber traurig, Mike, ich bin traurig und doch etwas überrascht, wenn ansonsten intelligente Männer auf einen so durchsichtigen Schwindel hereinfallen. Das ist ein trauriges Beispiel für den Zustand der heutigen Gesellschaft. Die ganze Idee verstößt übrigens auch gegen Gottes Wort, wie es in der Heiligen Schrift festgelegt ist. Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, und ich kann hier voller Zuversicht sagen, daß wir nur zu bald herausfinden werden, daß dies nichts weiter ist als ein Schwindel im Stil der Evolutionstheorie und der Neandertaler.«

David Valient war für die Zehnuhrsitzung mit seinem Chef etwas zu früh dran. Luke war noch nicht in seinem Büro; vermutlich war er unten im Schreibzimmer und baggerte die Mädchen an. »Schnellschuß-Luke«, so nannten sie ihn. David ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf Lukowicz’ Stuhl – und fuhr sofort wieder auf. Er hatte sich auf eine Heftzwecke gesetzt.

Wenn man sah, wie die Sekretärin reagierte, mußte man den Eindruck bekommen, er hätte sich eine schwere Verletzung zugezogen. Sie befahl ihm, die Hosen herunterzulassen, weil sie den kleinen Einstich gleich an Ort und Stelle mit Alkohol einreiben wollte. Beinahe hätte er sich darauf eingelassen – es war immerhin das erste Mal, daß ihm eine Sekretärin in die Unterhose langen wollte –, aber andererseits war er ein verheirateter Mann. Er wehrte sie ab. »He, schon gut. Kein Problem. Wirklich, es ist ja nichts weiter passiert. Übrigens, wissen Sie, was Nonnen und Heftzwecken gemeinsam haben?« Er grinste. »Beide sind spitz, wenn sie auf dem Rücken liegen.«

Komisch, sie konnte über seinen Scherz überhaupt nicht lachen.

»Du Drecksack! Du verdammter Schweinehund!«

Peter Sneed lächelte. Er liebte es, wenn seine Frau ihn beschimpfte. So zeigte sie ihm ihre Leidenschaft. »Komm schon, Kleines!«

»Komm schon, Kleines, du kannst mich mal. Glaubst du, ich wüßte nichts von der blonden Hure, mit der du herumvögelst? Glaube ja nicht, du könntest dich wieder herausreden, wart’s nur ab, dir werde ich’s schon zeigen. Ich verlasse dich, hast du das kapiert? Du kannst mit dieser Hure ficken, wie du willst, du hinterhältiger Schuft, aber wenn du glaubst, du könntest hinterher einfach zu deiner liebenden kleinen Frau zurückkommen, die dir alles verzeiht und vergibt, dann hast du dich geschnitten.«

»Aber Kleines, das war doch nichts. Wirklich, die bedeutet mir überhaupt nichts. Du bist die einzige Frau, die ich liebe, Baby, und das weißt du. Komm schon, gib mir einen Kuß.«

»Glaub nur nicht, daß ich jetzt mit dir ins Bett springe und die Beine breitmache, du Arschloch! Glaub das ja nicht!«

»Komm schon!« Er stieß sie aufs Bett.

»Glaube ja nicht, daß ich dir das vergessen werde, du Idiot.«

»Sylvia, Baby, du weißt doch, daß ich der richtige für dich bin.«

»Du wirst kriegen, was du verdienst, und zwar früher, als du glaubst, du Arschloch! Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«

»Oh, Baby, mach weiter! Yeah, mach genauso weiter! Das macht mich an!«

Danach, als das Duschwasser lief, rieb sich Pete mit der Hand über den Rücken. Er zuckte zusammen. Blut? Er mochte es, wenn seine Freundinnen grob wurden, aber jetzt mußte er sich für Marianne heute abend eine passende Geschichte einfallen lassen. Komisch, früher hatte Sylvia nicht gekratzt, wenn sie miteinander geschlafen hatten. Das beweist nur, dachte er, daß sie leidenschaftlicher werden, wenn sie einen Grund zur Eifersucht haben.

Als er die Dusche verließ, war sie schon weg. Es spielte keine Rolle. Sie würde in ein, zwei Tagen zurückkommen, und selbst wenn nicht, es gab reichlich hübsche Mädchen, die nur darauf warteten, daß ein Kerl, der gut reden konnte, richtig auf sie zuging. Er kannte sich mit Frauen aus.

Aus dem Protokoll der Kongreßanhörung zum Transformationsvirus:

Der Ehrenwerte Senator B. Holupka (R-CT): Welche Garantie haben wir dafür, daß dieses Virus keine Seuche auslöst? Was wird mit diesen großen Vereinigten Staaten geschehen, wenn sich die ganze Bevölkerung in Frauen verwandelt?

Doktor G. Urlaub: Das ist nicht möglich.

Senator Holupka: Es ist Ihrer Meinung nach nicht möglich. Ich möchte Sie daran erinnern, daß genau das auch von den Betreibern von Three Mile Island gesagt wurde, und wir wissen ja, was dort passiert ist. Für das Protokoll – wie groß ist Ihr Vorrat an Serum gegen dieses Virus?

Dr. Urlaub: Es gibt kein Serum. Ein Serum veranlaßt das Immunsystem, Antikörper zu produzieren, die auf bestimmte Charakteristika des Proteinmantels eines Virus ansprechen. X ist ein synthetisches Virus. Es wird vom Immunsystem ignoriert. Aber ich möchte noch einmal daran erinnern, daß das Virus nicht ansteckend ist.

Senator Holupka: Woher wissen wir, daß es nicht ansteckend ist?

Dr. Urlaub: X ist ein synthetisches Virus, Senator. Natürliche Viren haben Millionen Jahre der Evolution gebraucht, um einen ›Vektor‹ zu entwickeln – das heißt, um eine Möglichkeit zu finden, sich von einem Organismus auf einen anderen auszubreiten. Diese Fähigkeit fehlt dem X-Virus. Es kann sich nur replizieren, wenn es in einer Konzentration, die viel höher ist als unter natürlichen Umständen möglich, direkt in die Blutbahn gespritzt wird.

Senator Holupka: Aber könnte es nicht mutieren?

Dr. Urlaub: Nein. Krankheitsvektoren sind nicht das Resultat von ein paar kleinen Veränderungen in der Genstruktur, Senator. Sie sind spezialisierte Verhaltensmuster, die, wie ich schon sagte, Millionen Jahre der Koevolution brauchten, um sich zu entwickeln. Dies ist viel zu kompliziert, als daß es zufällig geschehen könnte.

Senator Holupka: Darf ich Sie in dieser Hinsicht beim Wort nehmen?

Dr. Urlaub: Ja.

Senator Holupka: Nun, was Sie hörten, ist die Expertenmeinung einer Wissenschaftlerin – und ich möchte Sie daran erinnern, daß es auch nicht mehr ist als eine Meinung –, daß diese gefürchtete Krankheit sich kaum ausbreiten könne wie die AIDS-Epidemie in den letzten Jahrzehnten. Angesichts der Konsequenzen für die Nation möchte ich jedoch empfehlen, sofort das Notstandsrecht in Kraft zu setzen und dafür Sorge zu tragen, daß alle existierenden Vorräte des Virus sofort zerstört und daß jede weitere Forschung in dieser Richtung per Gesetz verboten wird, bis eine umfassende Bewertung der Konsequenzen und Folgewirkungen …

»Psst!«

David Valient ging langsamer. Er sah sich um.

»He, Sie da!«

»Ich?«

»Yeah. Wollen Sie sich schnell ein paar Mäuse verdienen?«

»Kein Interesse.« David ging wieder schneller.

Der kleine Mann rannte hinter ihm her und faßte ihn am Ärmel. »Fünfhundert Dollar für drei Minuten Ihrer Zeit. Nichts Illegales.«

Trotz seiner instinktiven Vorsicht wurde David neugierig. »Okay, ich beiße an. Worum geht es?«

»Nein, Sie sind kein Fisch am Haken. Sie sind ein Wechsler, oder?«

David blieb wie angewurzelt stehen. »Was soll das denn heißen?«

»Sie sind doch einer, oder? Ich meine, so wie Sie gehen. Und die Muskeln in Ihrem Gesicht. Ich habe das gleich gesehen.«

»Ist das so offensichtlich? Der Arzt meinte, es dauert bestimmt noch zwei Wochen, bis …«

»Ich weiß eben, worauf ich achten muß. Hören Sie, ich schlage Ihnen folgendes vor. Ich bekomme von Ihnen einen halben Liter Blut, das dauert nur drei Minuten, und Sie bekommen dafür fünfhundert Dollar. Keine Namen, keine Akten, keine Steuern. Was sagen Sie?«

»Wozu brauchen Sie das Zeug?«

»Sagen wir, wir sind Menschenfreunde. Wir verkaufen es ans Rote Kreuz.«

»Klar.« Er wollte sich entfernen. Der kleine Mann folgte ihm.

»He, wenn Sie es unbedingt wissen wollen«, sagte er, »vielleicht stecken wir es auch in eine Zentrifuge, konzentrieren es und extrahieren das Virus.«

»Ist das nicht illegal?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Was Sie betrifft, brauchen Sie nur zu wissen, daß der Verkauf von Blut nicht illegal ist. Niemand kann Ihnen etwas vorwerfen. Was uns angeht – nun, wir befriedigen einfach die Nachfrage.«

David wurde übel. Dieser Mann – oder einer wie er – hatte das Virus verkauft, das ihn erwischt hatte. Er packte den kleinen Mann am Kragen. »Ihr macht mich ganz krank. Unschuldige Menschen sind …«

Von David unbemerkt tauchten zwei kräftige Männer aus dem Schatten hinter ihm auf. Einer faßte ihn am Ellbogen, während ihm der andere etwas Scharfes in die Rippen drückte. »Sollen wir ihn erledigen, Boss?« fragte einer der beiden.

»Nein. Den Streß können wir nicht gebrauchen.« Der Kleine wandte sich wieder lächelnd an David. »Immer mit der Ruhe, ja? Denken Sie mal darüber nach. Wenn Sie wollen, können wir uns sicher irgendwie einigen. Vielleicht einmal in der Woche oder so? Fünfhundert Dollar einmal wöchentlich, bis die Veränderung abgeschlossen ist, das ist doch gar nicht schlecht, oder?« Er winkte den beiden Männern, David freizugeben. »Denken Sie einfach mal darüber nach, ja?«

Macho Chuck bekam es von einer dürren, ärmlich gekleideten Frau. Wahrscheinlich eine Lesbe, die Arme, die kein Mann haben wollte. Sie tauchte aus der Menge in einem Buchladen auf, wo er eine Autogrammstunde für sein neues Buch gab (Das sinnlose Leben: Die traurige Wahrheit über die ›befreiten‹ Frauen. Manlich Press, 9,95 Dollar.) Sie schoß ihn mit einer Erbsenpistole auf die Stirn und verschwand im Einkaufszentrum, bevor die Wachleute reagieren konnten. Durch die Erbse war eine Nadel gesteckt. Und auf der Nadel, fand er eine Woche später heraus, war ein Wassertropfen mit Viren.

Er hoffte, sein Leben als Frau würde so bequem, wie er es immer beschrieben hatte. So oder so, er würde es bald wissen.

Irgendwie fand er die Aussicht seltsam erregend.

»Ich will mich nicht scheiden lassen, David. Ich habe versprochen, in Freud und Leid zu dir zu halten, und genau das werde ich tun. Ich habe nicht deine Eier geheiratet. Ich habe dich geheiratet.«

»Aber, Liebes, wie können wir denn verheiratet sein? Du hast einen Mann geheiratet. Ich bin absolut sicher, daß das Ehegelübde diese Möglichkeit nicht berücksichtigt.«

Das Ironische daran war, dachte Joan, daß er eine so gut aussehende Frau war. David war als Mann immer recht maskulin gewesen – behaarte Brust und so weiter –, und wie sich herausstellte, gab er nun eine sehr feminine Frau ab mit breiten Hüften und langen Beinen und großen blauen Augen und Brüsten, die groß genug waren, seinen – ihren – Pullover auszufüllen, ohne aber so groß zu sein, daß sie störten.

»Nicht einmal der verdammte Hund erkennt mich wieder.«

»Das ist mir egal«, sagte sie. »Ich habe dich geheiratet und nicht den Hund, und ich will mit dir verheiratet bleiben. Irgendwie wird es schon gehen. Wart’s nur ab.«

»Aus biologischer Sicht, Mike, sind Männer Frauen viel ähnlicher, als den meisten Menschen klar ist. Die deutlichen Unterschiede, die wir sonst bemerken – die Art der Kleidung, die Art zu reden oder sich zu bewegen –, sind gesellschaftlich bedingt. Der Wechsel, der durch die X-Infektion ausgelöst wird, ist eine proteingesteuerte hermaphroditische Transformation. Ein wundervolles Wort, das wir Wissenschaftler für Männer erfunden haben, die sich in Frauen verwandeln. Bei vielen niederen Lebensformen, etwa bei gewissen Fischarten und Amphibien, sind solche Veränderungen ein natürlicher Teil des Lebenszyklus. Die Fähigkeit zu einer solchen Veränderung bleibt ein Teil unseres evolutionären Erbes, der zum Leben erweckt wird, sobald die für die Transformation verantwortlichen Chromosomen angeregt werden.«

»Danke, Doktor Urlaub. Vielleicht könnten Sie für unsere Zuschauer einige besonders spannende medizinische Anwendungsgebiete nennen.«

Spannende Anwendungsgebiete, zum Teufel. David schleuderte die Fernbedienung vor den Bildschirm. Er brauchte sie ohnehin nicht. Die anderen Kanäle waren noch schlimmer.

David knüllte den zerfetzten Schlüpfer zusammen und warf ihn an die Wand. »Ich mag es nicht, eine Frau zu sein. Ich bin nicht gut darin, eine Frau zu sein.«

»He, glaubst du, ich bin gefragt worden, bevor ich geboren wurde? Hör auf zu jammern. Du kannst doch nichts ändern.«

»Wie soll ich mich verhalten, was soll ich tun?«

»Lerne, damit zurechtzukommen, wie es alle Frauen gelernt haben.« Joan seufzte und hob den kaputten Schlüpfer auf. »Ein letztes Mal, du darfst sie nicht am Bund hochziehen. Beginne bei den Füßen und schiebe sie Stück für Stück …« Mein Gott, dachte sie. Wie soll das erst werden, wenn er seine Tage kriegt?

»Wie Sie auf dem Röntgenbild sehen können, hat sich der Krebs eindeutig auf beide Hoden ausgebreitet. Bisher gibt es keine Hinweise auf weitere Metastasen, und wir sind ziemlich sicher, daß wir ihn an diesem Punkt zum Stehen bringen können. Wir können Ihnen zwei Möglichkeiten anbieten. Mit einer Dauergabe von Hormoninjektionen – die alle vierzehn Tage aufzufrischen wären – sollte ein junger Mann in Ihrem Alter fähig sein, auch ohne Hoden in praktisch jeder Hinsicht ein ziemlich normales Leben zu führen. Wir können Ihnen kosmetische Prothesen einsetzen, und außer Ihrem Arzt wird niemand davon erfahren. Sie können natürlich keine Kinder bekommen – jedenfalls nicht auf die … äh … übliche Art und Weise, aber auch da können wir Vorsorgen, indem wir jetzt schon Spermaproben einfrieren.

Die andere Möglichkeit – zu der sich immer mehr Menschen entschließen, die in der gleichen Situation sind wie Sie – besteht darin, Sie nach der Operation mit dem Transformationsvirus zu infizieren. Nach etwa zehn bis vierzehn Wochen sind Sie dann eine in jeder Hinsicht vollkommen gesunde, normale Frau. Ja, auch in dieser Hinsicht.

Ich kann natürlich verstehen, daß Sie darüber erst einmal nachdenken müssen.«

»Ich will meinen Daddy wiederhaben! Ich will nicht zwei Mamis haben, ich will meinen Daddy haben! Wo ist mein Daddy? Wo ist mein Daddy?«

»Davey, wenn du nicht sofort zu heulen aufhörst, werde ich dir einen richtigen Grund zum Heulen geben!«

Präsident Richard S. Nielsen machte Wahlkampf auf dem Haymarket Square. Er aß die obligatorische Frucht vom offenen Wagen eines Farmers (in diesem Fall war es ein Pfirsich), er blieb stehen und pries die Vorzüge der freien Marktwirtschaft, wie sie beispielhaft von den wundervollen amerikanischen Unternehmern im Publikum repräsentiert wurde, er ließ sich über die Schönheiten Bostons aus und schüttelte Hunderte von Händen. Eine der Hände, die er schüttelte, gehörte Theodore M. Harilak, der von seinen Freunden Hairy Harry genannt wurde. Er war ein ehemaliger Studentenrevoluzzer und ein hochgradig verstörter junger Mann.

»Aua!« Präsident Nielsen fuhr zurück und schlenkerte heftig seine Hand. Sofort sprangen zwei Geheimdienstmänner über den Gemüsewagen und zwangen Harilak auf die Knie. Der Präsident sah seine Hand an. »Schon gut, Jungs, es ist nur ein kleiner Schnitt.« Während einer der Geheimdienstleute Harilak mit geübten Bewegungen auf Waffen abklopfte, nahm der zweite Harilaks Hand und untersuchte sie. Von einem seiner Ringe, es war ein grünäugiger, goldumschlungener Drache, ragte ein spitzes Stück Draht hervor.

Im Verhör behauptete Harilak, die scharfe Kante am Ring sei zufällig entstanden. Er wurde festgehalten, und der Ring wurde beschlagnahmt, aber als das Labor keine Spur von Gift entdeckte, und da der Präsident bei guter Gesundheit blieb, wurde er ohne Anklage freigelassen, und der Ring wurde ihm repariert zurückgegeben.

Der Arzt des Präsidenten brauchte eine Woche, um zu erkennen, daß etwas nicht stimmte. Weitere zwei Tage vergingen, bis das Labor sagen konnte, was genau nicht stimmte und was man tun konnte.

Man konnte nichts tun.

»Ein Sprecher von Papst Johannes Paul III. bekräftigte heute in Rom die umstrittene Position der Kirche, daß Geschlechtswandler unabhängig von der Ursache ihrer Verwandlung automatisch als exkommuniziert zu gelten hätten. Allerdings blieb die Frage offen, ob gegen ihren Willen umgewandelte Katholiken nicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder in die Kirche eintreten können, möglicherweise aufgrund eines besonderen päpstlichen Dispenses. Wie erwartet, beharrte die Kirche auch auf ihrem Standpunkt, daß alle Ehen, an denen Umgewandelte beteiligt sind, für ungültig zu erklären seien. Dies könnte für James Allston besonders heikel sein, da er von seiner Frau mit dem Virus infiziert wurde, nachdem er sich geweigert hatte, einer Scheidung zuzustimmen. Der Fall ist noch nicht entschieden.

Weitere Meldungen. Der sogenannte ›Katholische Kastrator‹ soll abermals in einem Priesterseminar außerhalb von Boston zugeschlagen haben. Zwei angehende Priester wurden anscheinend mit dem Transformationsvirus infiziert und gelten nun als das siebzehnte beziehungsweise achtzehnte Opfer des Täters. Der Vatikan lehnte jeden Kommentar zu den Vorfällen ab …«

Ultradünne Slipeinlagen oder sicherer Schutz? Extra weich gepolstert, extra saugfähig, Minis, an die Körperform angepaßte Super-Maxis, dünne Maxis oder maxi-dünn? Haftstreifen auf der Rückseite, ›atmungsaktiv‹, Super-Tampons. Bombensicherer Sitz. Super-saugfähig. Normal. Superplus. Für Mädchen, für etwas ältere Mädchen, für noch ältere Mädchen. Normal, Normal für Mädchen. Waschbare Einführhilfe, kompakte Einführhilfe, ohne Einführhilfe. »20 Prozent länger.« Mit Körperpaßform. Tampons mit Deodorant. Mit Deodorant Maxi. Dufttampons. Maxi ohne Duft. Dünn mit Deodorant. Maxi-Schutz. »Für die leichten Tage.« Leicht-Medium, Medium-Extra, Extra-Extra. »Voller Schutz.« Klinikpackung.

Zum Teufel, konnte er nicht einfach ein paar Kleenex zusammenknüllen? Anscheinend nicht. Für alle Fälle nahm er eine Packung von jeder Sorte.

Er versuchte, dem Burschen an der Kasse nicht in die Augen zu sehen.

Präsident Nielsen ließ seinen Pressesprecher erklären, daß er einen langen – und wohlverdienten, verdammt! – Urlaub auf seiner Ranch in Nevada antreten wolle. Aber die Journalisten glaubten es nicht. Jeden Tag schossen neue Gerüchte ins Kraut, die von Gehirnkrebs im Endstadium bis zu AIDS und Geheimkonferenzen mit Außerirdischen nichts ausließen. Verdammt auch. Wenigstens war bisher noch keiner auf den wirklichen Grund gekommen. Er fragte sich, wie lange er es noch geheimhalten konnte.

Welche Ironie. Die erste Frau im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten war nicht ins Amt gewählt worden.

»Ich weiß, daß du es versuchen möchtest, Joan, aber es tut mir leid. Es hat keinen Zweck. Ich will mit dir als Mann und Frau Verkehr haben, nicht als … als Lesbierin. Ich kann es nicht. Ich kann nicht.«

»Schreiben Sie als Geschlecht einfach ›weiblich‹, Doktor. Ist schon gut, in ein paar Wochen ist sie sowieso ein Mädchen. Es ist mir egal, ob Sie das für falsch halten. Wir können uns das Mittel ja auch auf dem Schwarzmarkt besorgen. Meine Frau hat schon zwei Jungen, und jetzt will sie unbedingt ein Mädchen haben. Nein, das können Sie ihr ausreden, wenn Sie wollen. Ich stimme mit ihr überein. Zwei Jungen sind genug. Das neue Mittel ist eine tolle Sache für Leute wie mich, die kein Mädchen hinkriegen, und wenn sie es den ganzen Tag versuchen. Ich will Frieden in meiner Familie haben, das sage ich Ihnen.

Wir werden sie nach ihrer Großmutter Sara Jane nennen.«

»Siehst du das Messer, du Klugscheißer? Ich habe die Klinge mit diesem X-Zeug befeuchtet. Rück lieber das Geld raus, und zwar alles, und zwar bis morgen, denn sonst mußt du dich beim Pinkeln hinhocken, ist das klar?«

[Auszug aus der Pressekonferenz in Boston anläßlich Gabriella Urlaubs Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Medizin, den sie sich teilen wird mit Jacob Steinmetz vom Beth Israel Hospital, nominiert für die Chromosomentherapie des Tay-Sachs-Syndroms, und mit Esteban Garcia von der Universitätsklinik Mexico City, nominiert für die Chromosomentherapie der Ormond-Erkrankung.]

»Die Technologie der Chromosomentherapie durch reproduktionsfähige Viren macht rasche Fortschritte. Im nächsten Jahr werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit Therapiemethoden entwickeln, die die Sichelzellenanämie, die Leukämie, den Diabetes und die meisten Geburtsdefekte beheben können. Ein für die Öffentlichkeit besonders dringliches Problem ist es, eine ›Behandlung‹ oder eine Umkehrung für die Y-Reparatur oder die sogenannte ›Transformation‹ zu finden. Wir haben uns in unserem Labor besonders auf die Erforschung dieser Möglichkeit konzentriert, und es ist uns in der Tat gelungen, ein Virus zu synthetisieren, welches das X-Chromosom in ein Y-Chromosom verwandelt.

Ruhe, bitte. Bitte, setzen Sie sich doch. Wenn Sie doch bitte – ich bin noch nicht fertig … Ruhe!

Danke.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist das ›Y‹-Virus allerdings noch nicht als Gegenmittel für die X-Transformation einsetzbar.« [Mehrere laut gerufene Zwischenfragen.] »Das neue Y-Virus verwandelt beide X-Chromosomen in Y-Chromosomen, so daß eine nicht lebensfähige YY-Kombination entsteht und nicht die normale männliche Kombination XY. Wir arbeiten gerade daran, ein selektives Virus zu erzeugen, das nur eins der X-Chromosomen umwandelt. Dies ist eine schwierige Aufgabe, aber wir sind zuversichtlich, daß wir vielleicht sogar schon bald eine Lösung finden werden.«

[Als Antwort auf die Frage, ob die neue Behandlung schon bei transformierten Männern erprobt worden sei:] »Bisher zeigen unsere Laborexperimente eine Kreuzimmunität, das heißt, daß die Zellen, die von Spendern stammen, die der X-Transformation unterzogen wurden, gegen die Y-Transformation resistent sind. Solange wir die Ursache der Immunität nicht genau erforscht haben, wissen wir nicht, ob eine Lösung möglich ist.«

Davida konnte es irgendwann nicht mehr aushalten. Diejenigen, die sich ihm subtil näherten, waren schon schlimm genug, aber die, die ihn bemitleiden wollten, waren noch schlimmer. Sie hatte sich schließlich nach Albuquerque versetzen lassen, wo niemand ihn – sie – kannte.

Es war natürlich hart für den kleinen Davey, aber Davey hatte Probleme, sich anzupassen, und seine Lehrerin meinte, wenn sein – Vater (war er noch Daveys Vater?) – eine Weile fortginge, könne es ihm die Umstellung erleichtern. Davida kam so oft wie möglich nach Hause und nutzte verlängerte Wochenenden aus, um bei ihrer Familie zu sein.

Und obwohl Joan ihr ausdrücklich gesagt hatte, daß es in Ordnung sei, wenn sie mit Männern ausging, hielt Davida es für besser, ihrer Frau vorerst nicht zu verraten, daß sie schon längst damit angefangen hatte.

»Mr. President! Müssen wir Sie jetzt Frau Präsidentin oder Fräulein Präsidentin nennen?« – »Mr. … ähm … Mrs. President! Haben Ihre jüngsten Erfahrungen Ihre Einstellung zur Gleichberechtigung verändert?« – »Mr. President, die Leser von Newsday würden gern erfahren, was die First Lady … ähem … die andere First Lady zu den jüngsten Entwicklungen sagt.« – »Mrs. President, was halten Sie von der letzten Enzyklika des Papstes?« – »Ms. President, angesichts Ihres jetzigen Zustandes würde Woman’s Day gern wissen ob Sie Kinder haben wollen.« – »Mr. President!« – »Ms. President …«

»Das ist schon witzig, findest du nicht? Dies ist der Körper, den ich immer haben wollte, seit ich ein Kind war. Und jetzt habe ich ihn und stelle fest, daß ich eigentlich doch kein Mädchen sein will. Ich hasse es. Ich mag es nicht, wie die Leute mich behandeln. Ganz egal, wie gut ich etwas mache, die Leute denken: Ach, die ist bloß ein Mädchen. Ich mag keine hochhackigen Schuhe. Als ich sie nur ab und zu getragen habe, hat mir das noch Spaß gemacht. Und das Schlimmste ist, daß ich es nicht mag, mit Männern auszugehen. Ich weiß gar nicht, wie die richtigen Mädchen sie ertragen können. Männer sind aalglatt und unaufrichtig und herablassend.

Und jetzt stehe ich hier und habe alles, was ich mir je erträumt habe, und ich will es nicht haben. Ich will mich wieder zurückverwandeln, verstehst du? Ich will mich wieder zurückverwandeln!«

»Und nun die Nachrichten. Der Berufsverband der amerikanischen Psychiater kritisierte die rasch um sich greifende Praxis, hyperaktive Kinder durch die Transformation zu behandeln. Befürworter der umstrittenen Therapie hielten den Kritikern entgegen, daß die Methode sicher, effektiv und preiswert durchzuführen sei.

Gouverneur Bradshaw aus Illinois unterzeichnete heute ein Gesetz, das die Transformation als Strafe für Vergewaltigung vorsieht. Damit ist Illinois der erste Staat, der eine solche Maßnahme zum Gesetz erhebt. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat angekündigt, sie werde gegen das Gesetz Klage erheben, weil es das verfassungsmäßige Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen verletze. Gouverneur Bradshaw spielte den Angriff der ACLU herunter und erklärte, wenn es grausam sei, zur Frau zu werden, dann hätte die Hälfte der Bevölkerung einen Grund, die andere Hälfte zu verklagen. Ähnliche Gesetzesinitiativen sind in den Staaten Alabama, Ohio, West Virginia und Texas noch im Stadium der Beratung.

In Washington erklärte heute der zuständige Senatsausschuß, die Transformation stelle keinen dem Fünfundzwanzigsten Verfassungszusatz entsprechenden Grund dar, den Präsidenten seines Amtes zu entheben, solange nicht erkennbar werde, daß das Virus den ersten Diener des Staates nachhaltig bei seiner Amtsausübung beeinträchtige. Kritiker wandten sofort ein, daß die veränderte Haltung des Präsidenten zum Gleichberechtigungsartikel ein Hinweis auf eine solche Beeinträchtigung sei.«

»Was ist los, Vida? Es ist immer das gleiche, wenn wir zusammen sind. Ich glaube, wir kommen uns näher, und immer wenn wir intim werden wollen, ziehst du dich zurück. Gibt es etwas, über das wir reden sollten?«

»Nein. Es tut mir leid.«

»Vida, mir tut es auch leid, aber ich glaube wirklich, daß es da etwas gibt, das du mir nicht erzählen willst. Liegt es an mir? Dränge ich dich zu sehr?«

»Nein, es liegt wirklich nicht an dir, Sam. Es liegt an mir. Ich bin noch nicht bereit, das ist alles.«

»Nicht bereit? Hör mal, wir sehen uns jetzt seit einem Monat mehrmals in der Woche. Wie bereit willst du denn noch werden? Stimmt was nicht mit mir? Rieche ich aus dem Mund? Habe ich Körpergeruch? Dränge ich dich zu sehr? Behandle ich dich nicht richtig? Komm schon, sag’s mir. Was immer es ist, sag’s mir.«

»Nein, nein, es liegt nicht an dir. Kein Problem.«

»Aber was ist es denn?« Er sah sie an. Sie errötete und wandte den Blick ab. »Ich kann’s kaum glauben. Sag’s mir einfach: Bist du noch Jungfrau?«

»Ich … äh … ich bin … nein, irgendwie nicht. Nein.«

»Mein Gott, ich kann’s nicht fassen. Ein wunderschönes Mädchen wie du, und immer noch Jungfrau? Ich kann’s nicht glauben. Mein Kind, es ist doch nichts Schlimmes, wenn man noch unschuldig ist. Entspann dich einfach und laß mich machen. Nein, sag jetzt nichts, entspann dich und laß mich nur machen. Keine Angst, ich würde dir um keinen Preis weh tun. Mädchen, ich werde dir zeigen, warum Gott dich zur Frau gemacht hat.«

»Ein Sprecher des Papstes dementierte heute in Rom, daß der oberste Seelenhirte das Opfer eines Angriffs mit dem Transformationsvirus geworden sei. Der Sprecher erklärte, Seine Heiligkeit habe sich für eine Woche von seinem vollen Terminkalender befreit, um sich zurückzuziehen und sich der Meditation und dem Gebet zu widmen. In Moskau war noch nichts über den Ausgang des zweiundneunzigsten Parteikongresses zu erfahren, der zum erstenmal in der Geschichte unter Leitung einer weiblichen Vorsitzenden des Obersten Sowjet abgehalten wurde. Die Kreml-Experten scheinen weltweit zu einer Haltung des ›Abwarten und Tee trinken‹ zu neigen.

In Massachusetts übernahm eine Gruppe religiöser Fundamentalisten die Verantwortung für den Brandbombenanschlag auf die Medizinische Fakultät der Boston University. Die Klinik ist vor allem durch ihre Forschungen zum ›Transformationsvirus‹ bekannt geworden. Es gab bei dem Anschlag keine Verletzten, und ein Sprecher der Klinik sagte, man werde die Transformationsforschung wie geplant fortsetzen, um ein Virus zu entwickeln, das die X/Y-Verwandlung oder die Gegentransformation ermöglicht.

In Washington erklärten die Ärzte der Präsidentin …«

Es funktionierte nicht. Er – sie – ging fast jedes Wochenende aus, aber sie fühlte sich immer noch unerträglich einsam. Sie vermißte die tröstende Wärme Joans, die neben ihr schlief. Die Männer, mit denen sie ausging, waren kein Ersatz. Und sie vermißte den kleinen Davey.

Sex als Frau war schon in Ordnung – viel besser, als sie erwartet hätte –, aber sie fühlte sich hinterher immer so ausgenutzt. Sie wußte, daß die Männer, die mit ihr ausgingen, nicht an ihr als Person, sondern nur an ihr als neuer Eroberung interessiert waren. Sie versuchten, es zu vertuschen, aber sie konnte die Zeichen sehen und wußte genau, was die Männer dachten.

Ihr Job war schlimmer, als sie erwartet hätte. Als Mann war sie im Büro in Chicago reif für eine Beförderung gewesen, aber hier in Albuquerque wurde ihre Arbeit mit ›mittelmäßig‹ beurteilt.

Mit zitternden Fingern griff Davida nach dem Telefon, um Joan anzurufen.

Er fragte sich, ob sie schon einen neuen Freund hatte.

»Doktor Gabriella Urlaub, die berühmte Erfinderin des sogenannten Transformationsvirus, erklärte heute, man werde mit klinischen Tests eines umgekehrten Transformationsvirus beginnen, mit dessen Hilfe Frauen in Männer verwandelt werden können. Wie ein Sprecher der Klinik erklärte, wirkt das Transformationsvirus, das erprobt werden soll, nur bei ›natürlichen‹ Frauen, also bei denen, die nicht dem X-Virus ausgesetzt waren. Die Meldung erreichte uns zeitgleich mit der erwarteten kritischen Reaktion der katholischen Kirche, in welcher die Forderung des Papstes bekräftigt wurde, jegliche Forschung über die virale Rekonstruktion der DNS zu unterlassen. Der Papst selbst, der noch nicht aus seiner dreiwöchigen Meditationsklausur zurückgekehrt ist, gab keinen Kommentar.

Als nächstes die Chick Turner Show, in der es wie immer um heiße Themen geht …«

Davida schaltete das Radio aus.

»Außerdem werden wir nachweisen, daß der Arzt gegen seine beruflichen Pflichten verstieß, als er die Transformation bei einem Kind zuließ, das zu jung war, um aus eigenem Entschluß der Umwandlung zuzustimmen, und daß eine solche Transformation der üblichen medizinischen Ethik widerspricht und den Tatbestand eines Kunstfehlers erfüllt. Außerdem werden wir zeigen, daß die Transformation eines Kindes auf Veranlassung der Eltern, aus was für Gründen auch immer, einen Bruch des üblichen Vertrauensverhältnisses zwischen Eltern und Kind darstellt und entsprechend der Gesetze dieses Staates als Kindesmißbrauch zu bewerten ist.

Aufgrund von psychologischen Belastungen und aufgrund des Verlustes seiner Entscheidungsfreiheit mußte mein Klient eine Minderung seines Ansehens hinnehmen, die in der verminderten Achtung begründet ist, die diese Gesellschaft Frauen allgemein entgegenbringt. Auch dies werden wir dokumentieren. Weiterhin bedarf der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen keines weiteren Nachweises. Im Laufe der üblichen Lebensarbeitszeit wird sich dieser Unterschied für meinen Klienten zu einer Summe von einer Million und fünfhunderttausend Dollar aufaddieren. Wir verlangen eine Entschädigung für diesen Verlust, ferner weitere zwei Millionen Dollar als Schmerzensgeld für physische und psychische Belastungen, und zusätzlich eine pauschal mit sieben Millionen Dollar anzusetzende Ausgleichszahlung für nicht näher zu beziffernde Folgewirkungen.«

»In Massachusetts beschloß heute eine Grand Jury, alle Anklagepunkte gegen Ann Brownfield, ehemals Arnold Brownfield, fallen zu lassen. Brownfield hatte im ganzen Land für Schlagzeilen gesorgt, als sie wegen Inzest verhaftet wurde, weil sie sich mit von ihr selbst vor der Transformation gespendetem Samen selbst geschwängert hatte. Behördenvertreter erklärten, es sei unwahrscheinlich, daß das Verfahren gegen Mrs. Brownfield noch einmal aufgenommen werde, weil diese Situation von keinem existierenden Gesetz erfaßt werde. Die Legislative von Massachusetts arbeitet bereits an entsprechenden Bestimmungen.

In Rom gingen unterdessen die Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fraktionen innerhalb der katholischen Kirche weiter. Militante Anhänger der Päpstin Jeanne-Paul III. wurden unter schweren Verlusten auf beiden Seiten zurückgeschlagen, nachdem sie im Morgengrauen einen Hubschrauberangriff auf die Stellung von Papst Innozenz XIV. unternommen hatten …«

»Sag mir die Wahrheit, magst du mich immer noch so wie früher?« Er ließ das Handtuch auf den Boden fallen und drehte sich langsam um sich selbst, um ihr seinen Körper zu zeigen. Winzige Tropfen spritzten von seinen Schultern.

»Komm schon ins Bett.« Er ging zu ihr. »Ja, du Dummkopf. Du bist immer noch du selbst, egal in welchem Körper du steckst. Selbst wenn du heute anders bist. Ist das ein Widerspruch? Aber es ist wahr.«

»Bin ich anders?«

»Ja. Selbstbewußter. Durchsetzungsstärker. Verdammt, du bist jetzt männlicher, so verrückt das auch klingt.«

»Nein, das ist nicht verrückt. Es ist wahr. Als Mann darf man ja durchsetzungsstark sein. Das wird geradezu erwartet. Als Frau hält man sich besser etwas zurück.«

»Der Bartwuchs hat mich schon etwas überrascht. Es sieht gut aus, versteh mich nicht falsch, aber als ich mich in dich verliebte, hätte ich nie gedacht, daß du mal einen dichten braunen Bart bekommst.«

John lachte. »Ich bin nicht mehr ganz die, in die du dich damals verliebt hast, das ist mal sicher. Ich dachte bloß, ich sei vielleicht doch schon etwas zu alt, um jetzt noch zu lernen, mich zu rasieren.«

»Du hast dir früher die Beine rasiert.«

»Das war was anderes.«

»Yeah, ich weiß«, sagte Davida. »Ich kapier’s immer noch nicht ganz.«

»Davey ist jedenfalls froh, daß er jetzt wieder eine Mommy und einen Daddy hat.«

»Yeah. Ich war überrascht, wie schnell er sich damit abgefunden hat. Ich glaube, weil er jetzt wieder einen von jeder Sorte hat, ist ihm egal, wer welche Rolle spielt.«

»Kinder sind wohl flexibel. Viel flexibler als wir. Es hat sich einfach alles verändert, was? Ich möchte wetten, daß die Leute eines Tages ihr Geschlecht verändern, wie wir heute unsere Frisur. Bist du es müde, ein Mann zu sein, dann lebe eine Weile als Frau. Und wir sind bei den ersten, die es tun.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Vida? Glaubst du, wir schaffen es?«

Sie zuckte die Achseln. »Wer weiß? Ich will es doch hoffen. Ich bin froh, daß du der Scheidung nicht zugestimmt hast. Ich glaube, unsere Ehe ist jetzt stärker als je zuvor. Wir hatten so oft Probleme, uns zu verstehen. Aber jetzt können wir sagen, daß wir uns wirklich kennen. Wir werden es schaffen, John. Ganz bestimmt.«

»Aber nur, wenn wir uns Mühe geben. Das müssen wir immer noch tun.«

»Yeah.« Sie kuschelte sich an ihn und knipste das Licht aus.

Originaltitel: ›PARADIGMS OF CHANGE‹ • Copyright © 1991 by Geoffrey A. Landis • Erstmals erschienen in ›Interzone‹, November 1991 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Thomas Schlück, Literarische Agentur, Garbsen • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski • Illustriert von Jobst H. Teltschik

Sharon M. HallEngland

DIE GEBURT DER SÖHNE

Es war kein eindeutig bestimmbarer Augenblick, in dem diese Welt ihren Anfang nahm, diese Welt ohne Frauen – es waren viele solcher Momente. Es war nicht eine einzige Entscheidung, sondern es gab viele Entscheidungen. Jeder Moment war ein persönlicher Moment, jede Entscheidung eine persönliche Entscheidung, zunächst getroffen von Männern und Frauen. Dann immer häufiger von Männern. Und schließlich nur noch von Männern. Eine neue Welt entstand, in die wir still hinüberglitten. Eine Welt, die aus Entscheidungen entstand. Aber ich habe gelogen. Es gibt noch Frauen auf der Welt.

Der Labortechniker rückte seinen Stuhl zurecht und musterte die Frau. Sie lag in einer Nährlösung, rot und warm, weich und nachgiebig. Er kitzelte sie mit der Pipette. Er wartete. Mit angehaltenem Atem murmelte er: »Komm schon, Miststück, spuck’s aus.« Einen Augenblick später gab der Eierstock ein Ei frei, das Jack begierig mit der Pipette aufsaugte. Eine Viertelstunde später war das entnommene Ei ›gereinigt‹ und vorbereitet. Jack lehnte sich zurück und sah zu seinem Assistenten. Der junge Mann erwiderte seinen Blick.

»Eigentlich ist der Job nicht schwer«, erklärte Jack. »Das Warten ist immer das Schlimmste.«

Der junge Mann nickte und hakte die Daumen hinter den Hosenbund. Er hatte schöne Hände, sauber und kräftig. Die Jeans saßen eng. Jack deutete zur Kaffeemaschine in der Ecke. Sie stand ganz hinten auf einem Arbeitstisch und war schwer zu erreichen. Jack lächelte. »Ich sag dir was, mein Lieber. Wir trinken jetzt erst mal einen Kaffee.«

Unterdessen betraten in einem anderen Teil des Geburtszentrums die angehenden Eltern ein Zeugungszimmer. Als die Tür hinter ihnen geschlossen wurde, blieben sie einen Augenblick stehen und betrachteten die unpersönliche Einrichtung. Seidenlaken auf dem Bett, erotische Bilder an den Wänden, ein Schafsfell auf dem Boden. Auf beiden Nachttischchen standen Becher für den Lebenssaft. Die beiden waren seit drei Jahren zusammen. Sie hatten die Eide geleistet und die Formulare ausgefüllt und sich allen notwendigen Tests unterzogen. Aber das hier war etwas Besonderes.

»Nervös?«

»Irgendwie schon.«

»Ich auch.«

Zögern. Dann: »Sie warten schon.«

»Ich weiß.« Er seufzte und strich seinem Geliebten mit flacher Hand über den Rücken. Kleider, von nervös-begierigen Fingern geöffnet, fielen zu Boden. Die Laken waren kalt. Sie mußten lachen.

Später wurden die Becher, gefüllt mit dem Lebenssaft, einem Zeugungstechniker übergeben. Der Inhalt wurde untersucht und sortiert, und die Auserwählten wurden innerhalb des Eies der Frau vereint.

Dann kam die Zeit der Ängste.

Die angehenden Eltern, Jean-Claude und Michael, warteten schweigend. Der Flur war öde, gestrichen mit einer Farbe, die man hier wohl für ein beruhigendes Grün hielt. Sie tranken geschmacklosen Kaffee aus einer Maschine mit einer Sprachstörung. Es gab nichts mehr für sie zu tun. Sie tauschten ihre Gedanken mit Gesten und Berührungen aus. Die Vertrautheit ihrer wortlosen Unterhaltung beruhigte sie ein wenig.

Jean-Claude hob die Flut des blonden Haars von Michaels Ohr. Er flüsterte: »Mach dir keine Sorgen.« Er küßte ihn – es war ein rascher Schmetterlingskuß auf den Rand der Ohrmuschel. »Es wird schon gut werden«, fügte er noch hinzu. Er sprach leise, und sein Akzent kam ein wenig durch. Michael nickte und erwiderte den Kuß.

»Ich weiß«, sagte er. »Es ist nur …« Er trank seinen Kaffee aus und warf den leeren Becher in einen randvollen Abfalleimer. Der Becher fiel herunter und kollerte auf den Boden. Michael machte eine rasche Bewegung, als wollte er aufstehen, doch dann überlegte er es sich anders. Jean-Claude drückte seine Hand und lächelte. »Sinnlos«, sagte er. Sinnlos, irgendwo hinzugehen. Sinnlos, den Becher aufzuheben.

Unter dem weichen karierten Hemdstoff begannen Michaels knospende Brüste zu jucken. Ihm war heiß, er fühlte sich unbehaglich, und er konnte nicht anders, als sich Sorgen zu machen. Er wußte, daß irgendwo in der Nähe der empfindliche Keim ihres Sohnes einer Frau übergeben wurde.

Er machte sich Sorgen, obwohl kein Grund dazu bestand. Die Übertragung klappte einwandfrei. Später durften Michael und Jean-Claude ihren Sohn besuchen. Aber alles, was sie sahen, war ein dunkler Schatten im zornig roten Schoß der Frau.

Jack wartete, bis die Hormone ihre Wirkung entfalteten. Seine Schultern taten weh, und er tröstete sich mit dem Gedanken, daß die Hände seines Assistenten die Schmerzen fortmassieren würden. Später vielleicht. Er kitzelte ungeduldig die Frau und wurde mit einem weiteren Ei belohnt. Er legte es in eine bereitstehende Schale ausgewählter und aktivierter X-Spermien. Dann holte er sich einen Kaffee.

Als das Ei befruchtet war, wurde es Lewis übergeben. Lewis war ein stiller, nachdenklicher Mann. Er liebte seine Arbeit, und manchmal zogen ihn die anderen auf, wenn sie ihn dabei ertappten, wie er mit seinen winzigen Schutzbefohlenen redete. Im richtigen Augenblick näherte Lewis sich mit seinem Messer dem Embryo. Es war allerdings kein metallenes Messer, denn selbst der feinste chirurgische Stahl wäre noch viel zu grob gewesen. Es war ein chemisches Messer, das mit größter Präzision in Michaels embryonische Tochter schnitt und Kopf, Beine und Arme abtrennte, bis nur noch ein Eierstock und ein Schoß übrig waren. Diesen Rest übergab er Frank, der für die Zellkulturen zuständig war.

Schließlich wurde Michaels Tochter neben ihre Mutter gelegt. Die Mutter wußte nichts davon. Sie hatte keinen Mund, um ihre Tochter zu begrüßen. Sie hatte keine Arme, um sie zu umarmen. Vielleicht habe ich doch nicht gelogen.

Neun Monate nach der Zeugung trat Jean-Claudes und Michaels Sohn still in diese Welt ein. Es war eine leichte, wenig bemerkenswerte Entbindung. Der Geburtshelfer zog den winzigen, blutüberströmten Körper aus der Gebärmutter und legte ihn auf eine Heizdecke. Dann führte er den aufgeregten Eltern flüsternd vor, wie sie ihren Sohn anregen konnten, seinen ersten Atemzug zu machen. Sie mußten die Hände in warmes Öl tauchen und reiben – sehen Sie, so. Fest und sanft zugleich. Hier etwas drücken. Mit dem Finger unter den Fuß tippen. Schließlich weinte das Kind. Ein leises, protestierendes Klagen.

Vorsichtig, andächtig die winzigen Finger und die aufmerksamen blauen Augen bestaunend, legte Michael seinen Sohn an die Brust. Das Kind suchte und fand, unterstützt von den hilfreichen Händen des Geburtshelfers, die Brustwarze. Michael schnappte nach Luft, als er überrascht bemerkte, wie kräftig dieser winzige Mund schon war. Er hätte nicht erwartet, daß es weh tun würde.

»Das wird mit der Zeit besser«, erklärte der Geburtshelfer, »wenn die Milch kommt.«

Michael sah zu Jean-Claude. »Du bist dran«, sagte er. »Wollen doch mal sehen, ob dir auch das Lachen vergeht.«

Jean-Claude zog sein Hemd aus der Hose und rieb mit einem Finger sanft über das dunkle, feuchte Haar des Kindes. »Er hat deine Augen«, sagte er.

»Und deine Nase, der Ärmste.«

»Du hast eine sehr schöne Nase«, sagte Jean-Claude zu ihrem Kind. »Hör nicht auf Michael-Papa. Er ist nur eifersüchtig.«

»Wegen der Nase?« Michael lachte. »Ist er nicht wunderschön?«

Der Geburtshelfer blieb in der Nähe und half ihnen, während sie das Baby hin- und herreichten. Er zeigte ihnen, wie sie die Wange des Kindes kitzeln mußten, wie sie ihm helfen mußten, die Brustwarze selbst zu finden, statt sie ihm in den Mund zu stopfen. Schließlich erklärte er ihnen, daß das Kind jetzt schlafen müsse.

»Haben Sie sich schon für einen Namen entschieden?« fragte er.

Michael und Jean-Claude wechselten einen Blick. Gleichzeitig sagten sie: »Adam.«

»Als wir dich zum erstenmal sahen, wußten wir sofort, wie wir dich nennen würden«, erklärte Jean. Wie meistens, wenn er mit seinem Kind allein war, sprach er im weichen Singsang seiner Muttersprache. »Schau her, das bist du, als du drei Tage alt warst. Siehst du, wie winzig deine Hände damals waren?«

Adam sah zur anderen Seite des Zimmers. Dort war gerade Michael zu sehen, der mit einem Kind im Arm auf einem seltsamen Bett saß. Das Kind nuckelte schmatzend an Michaels Brust. Adam sprang von Jeans Knie herunter und rannte durch den Raum. Er beobachtete die Szene einen Moment, dann stieß er dem Baby die Hand durch den Kopf. Jean lachte, und als er plötzlich den Kopf bewegte, rann Wasser von seinem nassen schwarzen Haar über seine nackten Schultern. Sie hatten gerade geduscht, und beide waren nackt. Adam rannte zurück und setzte sich wieder auf das Knie seines Vaters. Er klatschte eine Hand auf Jeans Brust. »Weg«, sagte er.

»Ja.«

»Wohin?«

Jean zögerte. Lange bevor Adam entbunden oder schon bevor er überhaupt gezeugt worden war, hatte er sich geschworen, seinem Sohn immer die Wahrheit zu sagen. Aber damals hatte er nicht gewußt, wie schwer das manchmal sein würde. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Wenn wir noch ein Kind bekommen würden, dann würden sie wiederkommen. Michael-Papa würde das mögen. Was meinst du?«

Adam schüttelte den Kopf und kicherte, als das Wasser in alle Richtungen spritzte. Er machte es gleich noch einmal. Jean rief etwas, schnappte sich ein Handtuch und hüllte Adam völlig darin ein. Adam krabbelte hervor, kicherte und schüttelte wieder den Kopf – und ein kleines Spiel wurde geboren.

Als das Spiel vorbei war, war Adam trocken und angezogen und bereit fürs Bett. Jean war naß und zerzaust und müde. Er setzte sich auf den Boden und sah zu, wie Adam die ›Bilder‹ durchging. Ab und zu sprang Adam von seinem Sitzplatz auf und rannte durchs Zimmer, um ein Bruchstück der Vergangenheit genauer anzustarren, zu treten oder zu durchlöchern. Zwischendurch legte er den Kopf auf den Arm und sah sehr müde aus.

Jean wußte, daß er eigentlich mit dem Abendessen beginnen mußte, aber er hatte keine Lust. Vor ihm auf dem Kaffeehaustisch lagen Reiseprospekte und Broschüren des Geburtszentrums einträchtig nebeneinander, jeweils eine andere Fülle prächtiger Möglichkeiten anbietend. Tausendundein Ort am Meer und in der Sonne. Hundert Schattierungen gesunden blonden Haars.

Michael wollte einen zweiten Sohn. Er liebte die Hilflosigkeit und die schlaflosen Nächte und die bekleckerten Hemden. Er wollte wichtige Entscheidungen treffen. Wikingerblondes Haar, braune Augen und etwas, das die Prospekte als ›optimale Figur‹ bezeichneten. Jean erinnerte sich daran, wie sich Michaels Brüste unter seinen Händen angefühlt hatten. An ihren süßen Geschmack auf seiner Zunge. Aber es war eine Süße, die durch Michaels Unrast bedrückend wurde. Durch Streitereien und Spannungen. Michael war zu angepaßt, zu konservativ. Es war deshalb ein gefährliches Vergnügen.

Adam schlief schon, als Michael nach Hause kam. Michael trug ihn ins Bett, während Jean einen Salat machte. Eine Flasche Wein und mehrere Stunden später waren die Prospekte des Geburtszentrums vergessen. Sie hatten sich für Thásos entschieden.

»Ich wollte nicht, daß du das siehst. Das hat nichts mit dir zu tun. Es hat nichts mit uns zu tun.« Das war Jeans Stimme, gefährlich weich und leise.

Adam war schon eine Weile wach gewesen und hatte, im Dunklen liegend, ihrem Flüstern zugehört. Er liebte das vertraute Auf und Ab ihrer Stimmen. Wenn es ein langes Schweigen gab, wußte er, daß sie sich küßten. Dann war einer von ihnen, Michael-Papa, dachte Adam, ins Schlafzimmer gegangen. Er hatte gehört, wie die Schritte durchs Zimmer tappten, wie Schubladen geöffnet und wieder geschlossen wurden. Er hatte gehört, wie Michael sagte, daß er es nicht finden konnte. Und wie Jean erwiderte, daß es keine Rolle spielte. Michael sagte leise, einen Moment noch. Dann hatte es ein langes Schweigen gegeben, und als Michael ins Nebenzimmer zurückgekehrt war, hatte ihre Unterhaltung nicht mehr beruhigend geklungen.

Adam wünschte, er hätte geschlafen. Er wünschte, er hätte nicht die leisen Explosionen ihrer Wut anhören müssen. Bis jetzt hatte er nur hin und wieder einmal ein einzelnes Wort verstehen können. Er langte nach unten und schob sich die Hand zwischen die Beine. Michael sagte gerade:

»Natürlich hat das was mit uns zu tun. Es hat jede Menge mit uns zu tun.«

Und Jean erwiderte: »Reiß dich zusammen, du weckst Adam auf!«

»Mein Gott, Adam!« sagte Michael. Es klang, als wäre ihm gerade etwas Schreckliches eingefallen. »Wird er … hast du … mein Gott. Ich kann es nicht fassen. Ich dachte, ich kenne dich. Ich dachte, du liebst mich – und die ganze Zeit wolltest du so was.«

Adam konnte Jeans Antwort nicht verstehen. Er zögerte einen Augenblick lang, dann stieg er aus dem Bett und ging zur Tür. Er öffnete sachte seine Schlafzimmertür. Nur einen Spaltbreit. Gerade weit genug, um etwas zu sehen.

Michael und Jean-Claude standen einander gegenüber. Michael hatte ein zerknülltes Stück Papier in der Hand. Er weinte. Jean war blaß, schien aber beherrscht. Er ging einen Schritt auf Michael zu, doch Michael wich zurück.

»Nicht«, sagte er. »Faß mich nicht an!«

»Michel, bitte.«

»Nicht. Nenn mich nicht so! Nie wieder!«

»Versuch doch wenigstens zu verstehen …«

»Nein.« Michael drehte sich um und ging zur Tür. Jean rief ihm nach, aber Michael blieb nicht stehen.

Die Tür schloß sich mit einem Geräusch, das wie eine Ohrfeige klang. Danach war es still.

Adam hatte nicht gewußt, daß Stille sich ausbreiten kann wie eine Welle. Daß sie über einen Menschen hereinbrechen und ihn ertränken und einem die Kehle vor Furcht verschnüren konnte. Er hatte nicht gewußt, wie unerträglich sie sein konnte. Er schob die Schlafzimmertür weiter auf. »Jean-Papa?«

»Geh ins Bett, Adam.«

Adam rührte sich nicht. Er stand nur da und starrte Jeans Hinterkopf an.

»Geh ins Bett«, sagte Jean noch einmal.

Adam ging und setzte sich auf sein Bett. Nach einer Weile kam Jean herein und setzte sich neben ihn. »Er wird zurückkommen«, sagte er.

Adam nickte.

»Was hast du gehört?«

Adam antwortete nicht. Jean nahm Adams Kopf zwischen beide Hände. »Michel-Papa ist wütend«, sagte er. »Weil er ein Bild von einer Frau gefunden hat.«

»Von einer Frau?«

»Ein Mensch, sozusagen. Ein Bild mit einer anderen Sorte Mensch.«

»Wie eine Elfe?« fragte Adam. Er dachte an die Märchen, die Opa Gilbert ihm über die starken kleinen Geschöpfe erzählt hatte, die auf Müllkippen wohnten und zu Raubzügen in die Städte kamen, wenn die Zeiten schwer waren.

»Nein, nicht wie eine Elfe«, sagte Jean. »Wie wir, nur anders.«

»Wie anders?«

»Nun … sie hatten die ganze Zeit Brüste. Aber keinen Perus. Sie konnten dafür Kinder bekommen. In ihren Bäuchen.«

Adam nickte und stellte sich ein Geschöpf vor, das so groß war wie das Geburtszentrum, mit Brüsten so groß wie Hügel, in dessen riesigem Magen Babies in langen Reihen eingesperrt waren. Er kuschelte sich auf Jeans Schoß zusammen und legte den Kopf gegen dessen flache Brust. »Haben sie die Babies gefressen?« wollte er wissen.

»Nein, die Babies sind in ihren Bäuchen gewachsen.«

Adam nuckelte am Daumen. »Aber wie sind sie rausgekommen?«

Jean zögerte. Spielte es wirklich eine Rolle, ob er die Wahrheit sagte oder log? »Durch eine Art Tür«, erklärte er. »Zwischen den Beinen der Frauen. Aber manchmal war die Tür nicht groß genug, und ein Mann mußte das Baby herausschneiden.« Er nibbelte Adams Arm. »Frauen haben viel geblutet«, sagte er. »Und viel geweint. Und manchmal wurden die Babies verletzt. Wenn sie in den Frauen drin waren, konnte nämlich niemand auf sie aufpassen. Deshalb haben sich die Ärzte etwas Besseres ausgedacht.«

Adam dachte eine Weile darüber nach. Die Brust seines Vaters fühlte sich an seiner Wange warm und tröstend an, aber irgendwo spürte er noch einen Anflug von Angst.

»Es gibt doch keine Frauen mehr, oder?« fragte er.

»Nein, hier bei uns nicht«, sagte Jean traurig. »Weit entfernt vielleicht, im Dschungel.«

»Kommen sie irgendwann zurück?«

»Ich glaube nicht.« Jean küßte ihn. »Wir brauchen sie nicht mehr«, sagte er.

Ein paar Jahre später, während des Biologieunterrichts, erkannte Adam seinen kindlichen Irrtum. Zuerst entdeckte er, daß es möglich war, ein Ei mit einem X-Spermium zu befruchten, um eine Gebärmutter und Eierstöcke zu erhalten. Ein paar Tage später lernte er, daß Uterus und Eierstöcke mit embryonischen Armen und Beinen und Köpfen zusammenhingen, die entfernt werden mußten.

»Weil es sonst ein Mensch würde«, sagte er zum Lehrer. »Wenn wir ihn lassen würden.«

»Nein«, sagte sein Lehrer. »Es würde eine Frau.«

Adam hatte einen Augenblick Angst. Dann wurde er neugierig. Und dann war er erleichtert.

»Meinen Sie, daß es nur Frauen geben kann, wenn wir sie machen?« Er mußte lachen. In seinen Alpträumen hatte er sich riesige Wesen vorgestellt, die sich eines Tages aus dem Dschungel erheben und Kinder ausstreuen würden, während sie über das Land marschierten. Er sah den Lehrschirm an. Das Abbild der Realität. Da war die Frau. Ein kleiner, etwas lächerlicher Haufen Zellen. Er mußte lachen, bis ihm die Tränen kamen.

Michael und Jean-Claude trennten sich, als Adam zehn Jahre alt war. Zwischen dem Streit über das Foto der Frau und ihrer Trennung waren mehrere Monate verstrichen, und inzwischen konnte Adam die Verbindung nicht mehr herstellen. Er wußte nur, daß seine Eltern sich ständig stritten. Es gab häßliche kleine Streitigkeiten, die die beiden in haßerfüllte Zerrbilder ihrer selbst verwandelten. Die Auseinandersetzungen entstanden aus dem Nichts, brachen aus, schliefen ein, wurden aber nie beigelegt. Manchmal, wenn sie wußten, daß er lauschte, stritten sie sich wortlos.

Beide wetteiferten ständig um seine Aufmerksamkeit. Um seine Billigung und seine Unterstützung. Manchmal, wenn sie sahen, wie verwirrt er war, entschuldigten sie sich auch bei ihm. Es spielt doch keine Rolle, sagten sie dann. Komm, setz dich zu wem du willst. Ich erzähle dir eine Geschichte. Willst du etwas spielen? Komm zu mir, zu mir. Dann sahen sie mit begierigen, sorgenvollen Augen zu, wie er sich umdrehte und in sein Zimmer ging. Er verbrachte viel Zeit in seinem Zimmer mit seinem Lehrer. Aber er konnte sich nicht richtig konzentrieren, und seine Schularbeit litt.

Nach der Trennung wurde es leichter. Michael bekam das alleinige Sorgerecht zugesprochen und konnte im Haus bleiben. Jean-Claude legte gegen die Entscheidung keine Beschwerde ein, und als Gegenleistung erlaubte Michael, daß Jean ihr Kind ab und zu sehen durfte. Der Grund war, erklärte Opa Gilbert, daß Jean ein Perverser war. Aus irgendeinem Grund, vielleicht wegen Opa Gilberts Tonfall, als er dieses Wort aussprach, fragte Adam nicht bei Jean-Claude nach, was es bedeutete. Ein Perverser, dachte Adam sich, war eben jemand, den man nicht mehr leiden konnte.

Zuerst sah er Jean-Papa noch ziemlich häufig. Am Wochenende gingen sie oft in den Park oder zum Schwimmen, oder sie setzten sich irgendwo in ein Café und erzählten sich Geschichten. Im Sommer verbrachten sie sogar eine ganze Woche zusammen. Michael wollte danach immer ganz genau wissen, was auf diesen Treffen geschehen war, was sie gesprochen und getan hatten. Laß dich nicht von ihm einwickeln, sagte er. Aber wie Opa Gilbert erklärte er nie, was er damit meinte.

Als Adam dreizehn war, brachte er seinen ersten Geliebten mit nach Hause. Er war in Adams Sozialisationsgruppe. Der Junge hieß Craig. Er hatte rotes Haar und volle, weiche Lippen, und als Adam sein Plastikbaby kopfüber ins Bad fallen ließ, rettete Craig die kreischende, glitschige Puppe und zeigte Adam, wie er sie halten mußte, um sie zu beruhigen. Er hatte sanfte und dennoch feste Hände. Seine Augen waren braun. Michael lächelte erfreut, wenn sie unter dem Tisch Händchen hielten. Er schlug vor, Craig könne über Nacht bleiben. Als er glaubte, daß sie schliefen, ging er leise ins Zimmer und deckte ihre verschlungenen Körper mit den abgestreiften Laken zu. Adam hörte sein Seufzen und fragte sich noch lange danach, was er getan hatte, eine so tiefe Befriedigung auszulösen.

Im Sommer nach seinem sechzehnten Geburtstag nahm Jean-Claude Adam ins Gebirge mit. Er hatte eine Berghütte gemietet, und die ersten paar Tage verbrachten sie mit Wandern, Angeln und Reden, um sich nach der Trennung wieder an die körperliche Nähe des anderen zu gewöhnen. Jean hatte zwei Jahre in Parà in Brasilien verbracht, und seit seiner Rückkehr vor ein paar Wochen hatten sie sich erst einmal getroffen. Natürlich hatte er angerufen, es hatte Geschenke, Geburtstagsgrüße und fröhliche kleine ›Bilder‹ aus Parà gegeben, auf denen das farbenfrohe, zarte Land zu sehen war, durch das Jean gereist war. Aber es hatte etwas gefehlt. Etwas, das nicht ausgesprochen wurde. Die ›Bilder‹ und die Mitteilungen waren zu sorgfältig formuliert, zu flach in ihren Beschreibungen der Anblicke und Klänge des Landes. Adam hatte sich eine Zeitlang mit dem erschreckenden und aufregenden Gedanken vergnügt, daß Jean ein Spion sein könnte. Oder er lag wegen einer schlimmen Krankheit im Sterben. Nun, da er sah, daß sein Vater so schlank und beweglich war wie eine Elfe, dachte er nicht mehr daran.

Am vierten Abend ihres Urlaubs erklärte Jean, daß er Besuch erwartete. Er schien nervös, und Adam fragte sich, ob er irgendeinen Grund zur Sorge hätte. Seine Beunruhigung war ihm wohl anzusehen, denn Jean erklärte ihm hastig: »Schon gut. Kein Problem. Aber wenn du nicht bleiben willst … dann geh nur …« Er zuckte die Achseln. »Du bist alt genug, um zu wissen, was du tust«, sagte er. »Alt genug, um die Wahrheit zu erfahren.«

Den Rest des Nachmittags hatte Jean mit den Vorbereitungen für seine Gäste zu tun. Der Geruch von frisch gebackenem Kuchen und Brot erfüllte die Hütte, aber Adam durfte die kleine Küche nicht betreten, um zu helfen. Gegen Abend räumte Jean das Zimmer um. Er schob Möbel in die Ecken und Winkel, bis in der Mitte des Raumes eine freie Fläche entstand. Später, als es dunkelte, wurde dieser Raum von einem einsamen, sanften Strahler erhellt, so daß der Rest des Raumes im Dunkeln blieb. Adam setzte sich in eine Ecke. Er mußte lange warten.

Es war schon Nacht, als der erste Gast kam. Es war ein großer Mann mit langem dunklen Haar, das er oben auf dem Kopf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Seine Augen waren blau, aber sonst konnte Adam nicht viel sehen. Der Mann trug eine Maske. Sie war grob aus Holz geschnitzt, abgeschmirgelt und lackiert. Es gab Augenlöcher, und anstelle des Mundes klaffte ein grinsendes Loch. Der Rand des Lochs war hellrot lackiert. Auch die anderen Gäste, die nach und nach eintrafen, trugen Masken. Alle Masken sahen gleich aus.

Es waren insgesamt sechs Gäste, Männer aller Größen und Gestalt. Jean stellte sie Adam als ›Freund‹ und Adam ihnen als ›mein Sohn‹ vor. Als der letzte gekommen war, öffnete er eine Flasche Rotwein und füllte sieben Gläser.

»Wir treffen uns im Blute«, sagte er.

Die Gäste nahmen ihre Gläser, tranken und wiederholten den Spruch: »Im Blute.«

Adam sah zur Tür. Er hatte schon einmal etwas von Orgien gehört. Er hatte von Männern gehört, die Schmerzen liebten, und von anderen, die Freude daran fanden, Schmerzen zu bereiten. Er hatte von dunklen Ritualen und Perversionen des Geistes gehört, welche die Geburtszentren noch nicht ganz hatten ausrotten können. Er hörte Opa Gilbert im Kopf immer wieder das Wort ›Perverser‹ sagen. Er blickte zu Jean und wich weiter in die Dunkelheit zurück. Er stieß mit den Kniekehlen an eine Stuhlkante und setzte sich.

Die Gäste hatten ausgetrunken und zogen sich aus. Einige warfen ihre Kleider einfach hinter sich, andere falteten sie zu ordentlichen Stapeln und legten sie neben sich auf einen Stuhl oder einen Tisch. Als sie nackt waren, knieten sie sich im Kreis nebeneinander. Adam bemerkte, daß Jean inzwischen aus der Küche ein weißes Tischtuch und eine Plastikflasche mit einer roten Sauce geholt hatte. Jean faltete das Tuch auf und breitete es flach aus wie für ein Picknick. Dann nahm er die Saucenflasche und begann mit roten Tropfen eine menschliche Gestalt zu zeichnen. Kopf, Arme, Beine. Er fügte zwei Kreise hinzu (die Brüste eines werdenden Vaters?) und setzte zwischen die Beine einen weiteren, kleineren Kreis. Dort fehlte etwas. Eine Kastration. Adam schloß die Augen. Er dachte: Nein.

Er hörte leichte Geräusche, als sich die Männer bewegten, aber niemand packte ihn. Als er die Augen wieder öffnete, lagen einige Dinge auf dem Tischtuch. Ein Modell eines Nicht-Mannes aus rosafarbenem Teig. Kuchen, geformt und gestaltet wie die Zeichnung seines Vaters. Winzige Brotmänner mit schwellenden Brüsten, aber ohne Perus. Andere waren weniger leicht zu identifizieren. Aber alle, das sah Adam jetzt, waren eßbar oder spurlos zu zerstören. Selbst die Zeichnung seines Vaters würde verschwinden, sobald das Tuch gewaschen wurde.

Adam stand auf, und einer der Gäste bewegte sich ein wenig, um aufzustehen. Es war ein dicker, hellhäutiger rothaariger Mann. Seine Brust war unbehaart, aber nicht von Natur aus, und aufgrund seines Übergewichts hatte er kleine Brüste. Sein Penis war unter dem überhängenden Bauch kaum zu sehen. Adam war klar, daß der Mann ihn erwischen würde, bevor er die Tür erreichte. Sein Vater hatte gelogen.

»Ich will dir etwas zeigen«, sagte Jean.

Er griff in den Hohlraum zwischen seinen überkreuzten Beinen und warf etwas auf den Tisch. Es landete genau auf dem roten Kreis zwischen den Beinen der Figur. Ein kleines Hologrammgerät. Es dauerte einen Moment, bis es sich im Licht aktivierte und zum Leben erwachte. Eine weiße Säule brach aus dem Zentrum hervor, blieb kurz stehen, entfaltete sich dann wie eine Blüte, bildete eine Kuppel – und dort war sie. Eine Frau.

Sie stand in einem Fluß und lachte, während das Wasser um ihre Knie toste. Sie war nackt und hatte rote Spuren auf der gebräunten Haut. Ihre Augen und ihr Haar waren schwarz. Ein Mann rannte auf sie zu und legte die Arme um ihre Hüften. Sie gab ein seltsames, hohes Quietschen von sich und wich ihm aus. Der Mann lachte, schöpfte Wasser und spritzte die Frau naß. Sie spritzte zurück. Als der Mann des Spiels müde war, nahm er die Frau an der Hand, und die beiden liefen ins tiefere Wasser, um zu schwimmen. Kurz bevor das Bild verblaßte, sah Adam noch, wie die beiden sich küßten.

Der Mann war sein Vater.

»Ich habe eine Frau berührt«, sagte Jean.

Er begann, in einem gleichmäßigen Rhythmus ruckend seinen Körper vor und zurück zu bewegen. Die Gebärmutter, in der er gewachsen war, hatte nicht laufen können. Er hatte die Vibrationen ihres Lachens nicht spüren können. Die anderen Männer ahmten die Bewegungen nach. Sie hielten sich an den Händen. Erregung waberte durch den Raum. Adam spürte, wie sich sein eigener Bauch vor Erregung spannte. Der Rothaarige erinnerte ihn an Craig.

Jean lächelte. »Mach doch mit«, sagte er.

Adam lag nackt auf dem Tuch. Der Rotwein glühte in ihm. Nach den Anweisungen seines Vaters hoben die Gäste das Tuch und wiegten ihn hin und her. Adam faßte nach ihren Händen. Die Bewegung machte ihm angst. Er fühlte sich, als wäre ein Teil in ihm, ein verborgener, schrecklicher Teil in ihm, plötzlich ans Licht gebrochen. Er schrie. Dann lachte er.

Als sein Lachen sich in Tränen verwandelte, setzten sie ihn wieder auf dem sicheren Holzboden ab. Jemand hatte das Licht abgedreht. Er spürte, wie sich schwere Brüste auf seinen Brustkorb preßten. Er hörte eine Stimme flüstern: »Frau.« Etwas berührte ihn. Keine Hand. Etwas, das ihn umschlang. Feucht. Warm. Jemand küßte ihn. Durch den Weinatem erkannte Adam den Geschmack seines Vaters.

»Ich habe eine Frau berührt«, sagte Jean leise in seiner Muttersprache. »Ich habe das Kind aus ihrem Schoß gehalten. Der Name der Frau ist Klichi. Ich bin der Vater des Kindes.«

Die Gäste gingen noch vor dem Morgengrauen. Die Gegenstände, die sie mitgebracht hatten, wurden zerstört oder gegessen. Adam sollte ihre Gesichter nicht sehen.

Als er nach Hause zurückkehrte, erzählte er Michael vom Angeln und Wandern. Er erzählte ihm, daß Jean wieder nach Parà wollte und Adam dorthin eingeladen hätte. Er erzählte Michael, daß er die Einladung ausschlagen wollte.

Im folgenden und in vielen Jahren darauf kehrte Adam allein ins Gebirge zurück. Er wanderte am See entlang und lauschte den Bäumen, die Geschichten von der Frau erzählten, die eines Tages aus dem Dschungel geschritten kommen und Babies verstreuen würde, während sie zurück ins Land der Männer marschierte. Und in der Abgeschiedenheit einer gemieteten Hütte baute er sich eine Hängematte und lag sieben Tage lang jeden Abend im Kokon aus weißem Stoff und wiegte sich in den Schlaf. In der Erinnerung an die Frau.

Originaltitel: ›THE BIRTH OF SONS‹ • Copyright © 1991 by Sharon M. Hall • Erstmals erschienen in ›Interzone‹, Dezember 1991 • Mit freundlicher Genehmigung der Autorin • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Langowski • Illustriert von Jobst H. Teltschik

Ian McDonaldNordirland

FROOKS

In dem Kontaktmagazin stand zwar eine Adresse, aber ich hatte trotzdem Mühe, den Club zu finden. Kein Name; da war bloß eine Tür mit abblätternder grüner Farbe, von der man hätte meinen können, sie gehöre zu dem chinesischen Fleischerladen. Ich fand die Nummer: achtundachtzig; von Tropfenschatten bedeckte goldene Ziffern in einem fächerförmigen Türfenster. Auch die goldene Farbe blätterte ab.

Darunter war das vierblättrige Yin-Yang-Zeichen gemalt. An dem Zeichen erkannte ich eher als an der Adresse oder der Hausnummer, daß ich am Ziel war.

Durch das Fenster sah ich die Treppe.

Ich ging vorbei. Ich hörte meinen Herzschlag. Ich dachte, so was passiert nur in Krimis. Mein Atem ging stoßweise. Ich hätte mich am liebsten übergeben. Ich mußte mich übergeben. Ich tat es nicht. Ich ging vorbei. Zu viele Leute. Die kennen dich doch nicht, dachte ich bei mir. Niemand kennt dich. Du bist weit weg von zu Hause, und nicht mal das wissen sie. Du bist unsichtbar. Die sehen dich nicht, die sehen nicht die grüne Tür, die wissen nicht, was dahinter liegt, am Ende der Treppe. Die gehen jeden Tag dran vorbei und sehen nichts.

Ich machte kehrt und ging zurück. Aber ich ging wieder vorbei. Hätte ich erst mal die Treppe erklommen, würde man mich kennen. Man würde wissen, wer ich bin, woher ich komme, was ich möchte, warum ich hier bin. Ich hätte mich erklärt. Aber das hat dort jeder getan, sagte ich mir. Du bist aus demselben Grund hergekommen wie sie alle, und daher bist du unsichtbar.

Mußte denn ganz London an diesem Abend ausgerechnet hier vorbeilaufen? Ich konnte nicht glauben, daß sie nichts wußten, daß sie nicht herschauten, daß sie sich nicht anstießen und miteinander flüsterten, wenn sie hinter meinem Rücken angelangt waren und durch den kalten Nieselregen weitergingen.

Ich brachte es einfach nicht über mich, bloß weil Leute, die ich nicht kannte, über mich hätten reden können. Ich blieb stehen und wandte mich um. Ich sah, wie der chinesische Metzger einen Haken mit gebratenen Enten in ein beleuchtetes Schaufenster hängte. Ich atmete aus, und es dauerte eine Weile, bis ich daran dachte, wieder einzuatmen. Ich hatte Herzklopfen. Irgend etwas schmolz tief in meinem Bauch.

Rotes, hin und her schwingendes Fleisch, das war es, was der Metzger aufgehängt hatte.

Es war wie eine plötzliche Gesichtsfeldverengung. Ich sah nur noch die grüne Tür, dann meine zur Tür ausgestreckte Hand, dann die Treppenstufen. Das Teppichmuster war das gleiche wie bei meiner Oma Joan. Seltsam, was einem alles so in den Sinn kommt. Am Ende der mit Teppich ausgelegten Treppe eine weitere Tür; eine Schwingtür, dunkelrot bemalt, so rot wie die hin und her schwingenden Enten des Metzgers. Mitten in der Tür befand sich ein Drahtglasfenster, nicht größer als ein Guckloch. Ich hoffte, niemand wäre dahinter. Ich war die Treppe so rasch hochgestiegen, daß mir gar nichts anderes übrig blieb, als die Tür aufzustoßen. Der Schwung trug mich in den Club.

Es war anders, als ich erwartet hatte. Komisch: bis dahin war mir nicht einmal klar gewesen, daß ich überhaupt irgendwelche Erwartungen hatte. Es war beengter. Der Raum war anders aufgeteilt. Es hatte den Anschein, als hätte man mehrere Räume zusammengelegt. Die Bar lag rechts hinter der Tür; die briefmarkengroße Tanzfläche befand sich in einem Alkoven hinter der Bar. Zwei Stufen führten hinauf. Der restliche verfügbare Platz war mit Tischen und Stühlen vollgestellt. Die Möbel schienen teilweise aus einer alten Kirche und einer Büroauflösung zu stammen. In der künstlichen Beleuchtung wirkten sie billig. Alles wirkte billig, selbst die Wandgemälde, auf denen Sterne, Galaxien, beringte Planeten und große, im Flug begriffene Raumschiffe dargestellt waren. Die silbernen Raumschiffe hatten Bierflecken, und man hatte Zigaretten darauf ausgedrückt und sie mit Kugelschreibern bekritzelt. An einer Spiegelkugel zerbrach das Licht eines Punktstrahlers in hundert Sterne, die über die dekorierten Wände wanderten, den Boden, die Bar, die von der schwarzbemalten Decke hängenden Raumschiffmodelle. Auf der Tanzfläche wirbelten zwei Effektprojektoren vielfarbene Galaxien über- und durcheinander. Die große Musikanlage lief nicht; der CD-Player hinter der Bar spielte in der Absicht, Atmosphäre zu schaffen, alte 1990er Hintergundtanzmusik. Billig.

Es roch nach abgestandenem Rauch, nach Männern, Bier und irgend etwas, das ich bislang noch in keinem anderen billigen Club gerochen hatte. Was immer es sein mochte, ich bekam Herzklopfen davon, und der Penis schwoll mir in der Hose an.

Natürlich. Das war ihr Geruch.

Im Club waren vier Männer, die an einem der Tische saßen, vor sich Biergläser und eine Zeitung. Sie und der Barkeeper starrten mich an.

»Haben Sie geöffnet?« fragte ich.

»Wir haben geöffnet«, antwortete der Barkeeper. Er hatte einen Südwales-Akzent. Ich fühlte mich gleich besser. »Sind Sie sicher, daß Sie sich nicht in der Adresse geirrt haben?«

Ich holte das Magazin aus der Manteltasche und legte es auf die Bartheke. Fremde Attraktoren. Auf dem Titelblatt glatte Kurven aus Terrakottafleisch. Nichts Graphisches, bloß Haut, aber der Verkäufer im Laden hatte mich angeschaut, als ich das Magazin auf seine Theke gelegt hatte. Nach diesem Blick konnte ich ihm nicht mehr in die Augen sehen. Ich ließ eine Bemerkung über den tragbaren Fernseher hinter der Kasse fallen, wie langweilig es doch mit diesem ganzen Überwachungskram geworden sei, dennoch spürte ich deutlich seine Feindseligkeit. Umgeben von allen möglichen menschlichen Begierden und Perversionen, die sich im Vierfarbdruck bis zur Decke stapelten, doch das konnte er nicht akzeptieren.

Auch die vier Männer am Tisch hatten mich angesehen, aber nicht so. Der Barkeeper sah mich an, aber nicht so.

»Hier sind Sie richtig«, meinte der Barkeeper und schob das Magazin wieder zu mir hin. »Sie sind ein bißchen früh dran. Hier wird’s erst nach acht allmählich voll, und vor neun kommen die nicht.«

»Dann warte ich eben«, sagte ich. Ich nahm auf einem der Barhocker Platz und hielt im Kühltresen nach mir bekannten Sorten Flaschenbier Ausschau. Ein Dutzend Wassersorten, perlend und harmlos. Alkohol vertragen sie keinen. Der ist für sie Gift. Ich bemerkte die Aspirinpackungen in meinem Gesichtsfeld.

»Haben Sie Red Stripe?«

Der Barkeeper lachte.

»Haben wir.« Als er die Flasche öffnete, setzte er hinzu: »Sie sind aber nicht von hier. Woher kommen Sie? North Wales?«

»Rhyl.«

»Rhyl.« Er schenkte mir das Bier ein. »Mit acht war ich mal für ein Wochenende in Rhyl. Die ganze Zeit hat’s geschüttet, und überall war zu.«

»Könnte passen. Und Sie: aus dem Süden, hab ich recht? Aus den Tälern?«

»Aus Pontypridd. Der Stolz der Täler, das, was die Torys davon übriggelassen haben. Das macht fünf fuffzig, bitte.«

»Wieviel?«

»Ein besonderer Club, besondere Preise. Dann sind Sie wohl geschäftlich hier?«

»Geschäftsführertagung. Ich bin in der Modebranche. Mehrmals jährlich lädt man uns ein und zeigt uns, was es Neues gibt; wie wir’s ausstellen sollen, wie wir’s vermarkten sollen, damit alle Filialen von Rhyl bis nach Romsey gleich aussehen. Hab mir gedacht, ich bleib noch ein Weilchen und seh mir die Sehenswürdigkeiten an.«

»Sie brauchen mir nichts zu erklären. In Rhyl gibt’s nicht so viele. In Pontypridd übrigens auch nicht. Irgendwie ganz nett, mitanzusehen, wie diesmal die verdammten Engländer kolonisiert werden, finden Sie nicht?«

Wir unterhielten uns noch eine Weile über Dinge, die wir gemeinsam hatten; über Wales, über Rugby natürlich und über den in greifbare Nähe gerückten Gewinn des Dritten Meistertitels – vielleicht sogar der Fünf-Nationen-Meisterschaft –, was das erste Mal in diesem Jahrhundert wäre; und wie fremd wir England fänden, wo alles, was nicht auf oder unmittelbar an der Straße liegt, ebensogut gar nicht hätte zu existieren brauchen. Wir unterhielten uns über alles mögliche, bloß nicht über den Grund, warum er mir in einem Hintertreppenclub an der Lisle Street Bier servierte. Die Unterhaltung war schleppend, denn es wurde allmählich voller, und die Kunden wollten ihre Drinks. Ich versuchte herauszufinden, ob es irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen uns gäbe. Alle möglichen Gesellschaftsschichten und Typen waren vertreten; Große, Dicke, Gutaussehende, Brillenträger, Kahlköpfige, Gutgekleidete, Anzugtypen und solche in Freizeitkleidung. Alte. Junge. Sogar ein paar Frauen. Das wunderte mich. Wie kam es, daß die Reiz- und Auslöserchemikalien bei ihnen überhaupt funktionierten?

Von denen immer noch nichts zu sehen.

Gegen halb sieben hatte sich der Club bis zur untersten Treppe der Tanzfläche gefüllt, und es waren immer noch keine da. Ein DJ ging zum Mischpult und testete den Verstärker. Der Barkeeper – er hieß Hugh – stellte die Hintergrundmusik ab. Der DJ dimmte die Beleuchtung und schaltete einen Hintergrundmix ein. Die Stimmung im Club veränderte sich so plötzlich, als hätte der DJ mit der Musik irgendeinen Schalter gedrückt. Es war ihre Musik. In diesem Moment begann die Nacht.

Alles, was ich über sie weiß, habe ich aus der Glotze oder aus irgendwelchen Zeitschriften, aber ich weiß immerhin soviel, daß es zwei Arten von Musik bei ihnen gibt. Die Bezeichnungen habe ich vergessen, aber eine ist für die passive und eine für die aktive Phase. Diese zweite Musik spielte im Moment. Liebesmusik: die Musik, welche die Männer spielen, wenn sie sich zurechtmachen und im Wettstreit um die Frauen tanzen. Nur Trommeln und Perkussionsinstrumente; Schicht auf Schicht, an- und abschwellend und sich gegenseitig durchdringend in einem fremdartigen, komplizierten Rhythmus, den man mit dem Fuß zwar schlagen, den man sich jedoch nicht merken kann. Ich hatte diese Musik schon im Radio und im Fernsehen gehört, aber da klingt sie nicht richtig. Laut muß sie sein, als wäre man mit ihnen zusammen draußen auf der Straße, während der aktiven Phase, so laut, daß man sie körperlich spürt, im Unterleib, wo man sie spüren soll. Ihre Männer können Tag und Nacht hindurch trommeln. Irgendwie gelingt es ihnen, aus ihrer Erregung übermenschliche Kraft und Ausdauer zu schöpfen. Sie haben ein bestimmtes Wort dafür, aber das ist mir ebenfalls entfallen. Übermenschlich. Ha.

Ich hatte mich darauf konzentriert, den Rhythmus mitzuzählen – ich glaube, es war ein Elfdrittel-Takt –, als mir der Geruch in die Nase stieg. Der gleiche fremde und gleichzeitig vertraute Geruch, der mir schon beim Betreten des Clubs aufgefallen war, bloß stärker diesmal. Sehr viel stärker. Ich blickte mich um. Da. Neben mir, auf die Bar gestützt, darum bemüht, Hughs Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Shi’an. Ein Alien.

Bewußt wurde mir das erst nach dem Moment des Wiedererkennens. Währenddessen dachte ich überhaupt nichts. Ich reagierte. Die Erregung wallte in mir hoch wie etwas, das ich glaubte aushusten zu müssen, um nicht daran zu ersticken. Meine Eier prickelten und strafften sich. Der Perus bäumte sich mir in seinem Behältnis aus Baumwolle und Synthetikfaser.

Ich hörte ihn sagen: »Noch was von dem Boots Brandy da, Taffy?« Die Stimme war ein rauchiger Alt; keine Männerstimme. Keine Frauenstimme. Keine menschliche Stimme. Der Akzent ließ sich nicht einordnen, doch ansonsten klang alles ganz richtig.

»Bedaure, ist uns ausgegangen, Loonturievo«, antwortete Hugh, der Barkeeper. »Aber wir haben noch Hedex Extra.«

Der Shi’an machte ein Gesicht, das mir nichts sagte, aber es mußte wohl Abscheu bedeutet haben, denn er meinte: »Scheiße.«

Ich hatte immer gedacht, sie würden nicht fluchen. Rein wie Engel, so stellte ich sie mir vor. Reinen Herzens und reinen Worts.

Hugh stellte mich vor: »Ein Bruder aus dem Land der Lieder.«

Der Shi’an sah mich an.

Ich hörte den Atem eines Wesens aus sechzig Lichtjahren Entfernung.

Ich sah seine Augen, die wie Katzenaugen waren: schwarze Ovale auf gold-grünem Grund.

Ich sah seine Haut, glatt und rötlich verbrannt, wie feinstes Terrakotta. Aber weich und warm.

Ich sah die breite Nase – der Geruchssinn ist für sie so wichtig wie für uns das Sehen, habe ich irgendwo gelesen. Die Nüstern blähten sich. Er schnupperte meinen Geruch. Den Geruch eines Menschenmannes.

Ich sah die dreifingrigen Hände, die kleinen, tief angesetzten Ohren und den Streifen weichen, dunkelroten Fells mitten auf dem Schädel, der sich entlang des Rückgrats zu einer schmalen Linie verjüngte.

Mein Penis war so hart, daß sich meine Hose bestimmt wölbte wie ein Zirkuszelt. Mein Gott; er mußte es merken. Er mußte es riechen. Ich konnte nicht sprechen. Mir gingen ein Dutzend unterschiedliche Gesprächseröffnungen durch den Kopf, aber ich brachte keine davon heraus. Ich bewegte sinnlos die Hände. Ich wurde rot. Ich grinste wie ein Idiot und verschüttete mein Red Stripe auf die Theke. Der Alien tänzelte blitzschnell zurück. Es sind schnelle Leute. Geborene Jäger. Nicht so kräftig wie wir, aber schnell. Auch das habe ich irgendwo gelesen.

Oh, mein Gott. Dabei stand auch, daß für sie ein Lächeln – ein dummes, albernes Grinsen – eine Drohung darstellt. Ein Zähnefletschen. Wenn sie lächeln, dann blinzeln sie. Ganz langsam. Ich hätte ihm ebensogut mit der Faust drohen können. Er nahm das Wasser und die minderwertigen Aspirintabletten und ging zu einem Tisch mit drei Männern, die ihn zu sich gewinkt hatten. Er bewegte sich geschmeidig. Wie die meisten wunderschönen Wesen, die ich je gesehen habe. Ich wußte immer noch nicht, ob er nun männlich oder weiblich war – die Geschlechtsunterschiede bei ihnen sind chemischer, nicht körperlicher Natur. Als ich jedoch sah, wie ihm einer der Männer den Arm um die Hüfte legte und ihn an sich zog, hätte ich ihm dafür, daß er es wagte, ein so wundervolles Wesen zu beschmutzen, am liebsten mit einem Stuhl den Schädel eingeschlagen.

»Ich hab’s vermasselt«, sagte ich zu Hugh.

»Es kommen noch mehr.«

Und sie kamen. Viele sogar. Manche trugen Menschenkleidung – Männer- wie Frauenkleidung; da beide Geschlechter bei ihnen gleich waren, konnten sie tragen, was ihnen gefiel -; andere wiederum bevorzugten ihren eigenen Stil. Manche trugen extravagante, exotische Kostüme; das waren die Männer in ihrer Tänzerkluft. Mit Stickereien verzierte Stoffröcke; kunstvolle hohe Krägen, in denen sie groß und schlank wirkten; mit Perlen, Drähten, Spiegeln und Juwelen geschmückte Kopfbedeckungen. Bevor sie ihren Fuß auf die Erde gesetzt hatten, waren diese Kostüme über zahllose Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation weitergereicht worden. Ich beobachtete, wie diese prachtvoll gekleideten Wesen sich zu den Menschen setzten und die Getränke tranken, welche die Menschen ihnen spendierten, und mit ihren Katzenaugen über die Scherze und Komplimente lachten, welche die Menschen ihnen machten. Wie konnten es diese schmutzigen, dicken, verdorbenen Affenmenschen mit ihren gierigen kleinen Hormonen, ihren zielstrebigen Penissen und hungrigen kleinen Vaginen bloß wagen, ihre Fingerabdrücke auf dieser vollkommenen Roterdehaut zu hinterlassen, sich auf der Tanzfläche an diesen hochgewachsenen, schlanken Körpern zu reiben und ihre stinkenden Finger unter diese wundervollen, uralten Kostüme zu stecken, um aufzuknöpfen, Reißverschlüsse zu öffnen und zu entkleiden?

Wie konnten sie das bloß zulassen?

Ich merkte, daß ich vor Empörung zitterte.

Hugh fing meinen Blick auf.

»Sie haben Glück«, sagte er. »Gerade gekommen.« Er schenkte ein Pint ein, schnippte eine Aspirintablette in ein Glas Perrier und blickte rasch zum Ende der Bar, zu dem Platz neben dem Zigarettenautomaten.

Er war ganz allein; saß auf einem Barhocker und ließ seinen Blick über die besetzten Tische schweifen und wieder zurück zur Bar. In der dreifingrigen Hand hielt er ein leeres Glas. Sein Blick fiel auf mich. Ich hob die Brauen, die Grußgeste der Shi’an. Die goldenen Augen hielten meine fest. Ganz langsam blinzelten sie. Ich trug meinen Hocker ans Ende der Bar und zwängte mich neben ihn.

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Das sagte ich dann auch.

»Sie könnten mir erst mal einen Drink spendieren«, meinte der Shi’an.

Mit schwankender Stimme bestellte ich ein Red Stripe. »Und etwas für meinen Freund.«

»Für mich ein Light«, sagte der Alien.

»Ich dachte, Alkohol wäre Gift für Sie.«

»Er ist für uns beide Gift. Die Dosis unterscheidet sich, das ist alles. Manche von uns entwickeln eine Vorliebe dafür.«

Hugh brachte die Getränke und berechnete mir eine Summe, die ich an jedem anderen Ort, zu jeder anderen Zeit, in jeder anderen Gesellschaft als Zumutung betrachtet hätte.

»Wie wirkt er auf Sie?« fragte ich.

»Lassen Sie sich überraschen.« Der Alien blinzelte wieder langsam mit den Augen. Ich verkniff mir ein Lächeln und blinzelte zurück.

Ich redete. Den üblichen Stuß, über mich und wo ich herkam, und wie immer entschuldigte ich mich dafür und erzählte, was ich machte und warum ich mich gerade in London aufhielt und wie ich auf den Club gestoßen war und daß es so etwas bei uns in Wales nicht gäbe; bei uns gäbe es nämlich überhaupt keine Shi’an, und die ganze Zeit über hätte ich am liebsten den Mund gehalten, weil ich eigentlich nur diesen wunderschönen, schlanken, unglaublichen, attraktiven Alien anschauen wollte, der blinzelnd neben mir saß. Ihn anschauen. Und anschauen.

»He, Mister«, sagte er und unterbrach den Fluß meiner verrückten Konversation. »Möchten Sie tanzen?«

Den ganzen Abend hörte ich jetzt schon die Shi’an-Musik und versuchte zu vergessen, was sie bewirkte und wie sie funktionierte. Als ich zusammen mit dem Alien – Serracord, flüsterte er mir ins Ohr, als wir uns aneinanderrückten – auf der Tanzfläche stand, begriff ich es. Sie funktioniert nur, wenn man dazu tanzt. Dann ist es eine überwältigende Erfahrung. Es gab nur noch mich und Serracord und die Shi’an-Musik. Die projizierten Sterne und Galaxien wanderten wie Jahreszeiten über unsere Haut. Ich hätte die ganze Nacht durchtanzen können. Genau wie in dem Song aus diesem alten Musical. Ich wollte es auch. Ich wußte, daß ich es konnte. Vielleicht tat ich es sogar. Ich wußte es nicht. Noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, etwas möge niemals aufhören, wie in dem Moment, als ich mich an die warme, fremdartige Haut von Serracord, dem Shi’an, drückte und tanzte. Die Zeit verflüchtigte sich. Der Raum löste sich auf.

Ich kam unvermittelt wieder zu mir. Serracord zupfte mich am Ohrläppchen. Der Club war auf einmal halb leer. Hugh, der Barkeeper, ließ die Rolladen herunter. Hatten wir so lange getanzt? Außer uns waren nur noch zwei Gruppen auf der Tanzfläche; eine Dreiergruppe aus zwei Männern in Anzügen und einem Shi’an, und eine Frau mit einem männlichen Shi’an, der ein prachtvolles zeremonielles Tanzkostüm trug.

»Was ist?« rief ich durch den Lärm der Musikanlage hindurch. Serracord hob meine Hand und tippte auf die Armbanduhr.

»Es ist spät.«

»Ach, wirklich?« Und ich dachte, mein Gott, nein, jetzt ist alles aus, jetzt stehen wieder Sack und Asche an, wie im Märchen vom Aschenbrödel.

»Nun, Mr. Erdmann«, sagte der Alien, beugte sich auf mich herunter und flüsterte mir ins Ohr, »nun, Mr. Welshman, möchten Sie mit zu mir kommen?«

Zu dieser späten Stunde herrschte eine nahezu heilige Stille. Serracord bezahlte das Taxi – eine schwule Minicab-Firma, bei der man sich auf Diskretion verlassen konnte –, und ich lauschte auf die Stille, die es hinter sich zurückließ. Ich spürte, wie die Stadt atmete und vor sich hin murmelte wie jemand, der sich im Schlaf auf die andere Seite wälzt. Ich hatte genug Bier und Musik im Blut, um mich gleich mehrfach lebendig zu fühlen.

Serracords Wohnung lag über einer jüdischen Bagel-Bäckerei in der Salmon Lane. Der Laden hatte überlebt, obwohl seine Kunden längst fortgezogen waren. Irgendwann würde auch er verschwinden. Das Angebot des Ladens war nicht nach dem Geschmack der Shi’an, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der letzten Einwanderungswelle angehörten, welche die Straßen von Limehouse in Besitz genommen hatte. Ihre weitverzweigten Schwesternschaften – Familien, die irgendwo zwischen einem Clan und einem Club angesiedelt waren – sind überwiegend Selbstversorger. Sie sind kein Volk von Käufern und Verkäufern.

Serracord war ein Freischwimmer außerhalb des Netzes der Schwesternschaft.

»Meine Wanderjahre«, erklärte der Shi’an, schaltete die Microanlage ein und wandte sich zum Kühlschrank, um Getränke zu holen. Das kalte blaue Licht ließ die fremdartigen Gesichtszüge des Wesens in einer Weise hervortreten, daß mir der Hodensack davon prickelte. Wir waren hier, um miteinander zu schlafen. Einen anderen Grund für die Einladung in die Wohnung über dem Bagel-Shop gab es nicht. Mir war schwindelig. Ich hatte Angst. Ich wollte weglaufen, doch etwas Stärkeres hielt mich auf meinem Platz am Fenster fest, von dem man auf die Salmon Lane hinunterblickte. Serracord brachte zwei Flaschen importiertes Lager mit und setzte sich mir gegenüber. Die Straßenlaternen beleuchteten jeweils eine Gesichtshälfte von uns, die andere lag im Schatten. »So ist das bei uns üblich. Wenn wir heranreifen, verlassen wir die Familie, in die wir hineingeboren wurden, und reisen umher, besuchen fremde Orte, schauen uns um, begegnen Fremden, lernen die Lust kennen, verlieben uns und hören wieder auf zu lieben, wie die Phasen kommen und gehen, und dann suchen wir uns einen neuen Ort, an dem wir uns niederlassen. Wir sind ein Volk von Jägern, ein Volk der weiten Ebene. Deshalb besiedeln wir auch andere Welten: Wanderjahre eines Volkes. Ich befinde mich zwischen den Welten.«

Ich stellte mir vor, was dies konkret bedeutete. Ich dachte an die gewaltigen Raumschiffe, die wie Christbaumschmuck waren und mit Lichtgeschwindigkeit zwischen den Sternen umhersausten; in jedem von ihnen hunderttausend nackte, rote Körper in freiem Fall, die während der jahrelangen Reise zur Erde schliefen. Ich schaltete unvermittelt von der inneren Vorstellung auf die äußere Realität um, und als ich Serracord im Schein der Straßenbeleuchtung vor mir sah, wie er unter den Planetenfotos und Raumschiffpostern, mit denen seine Wohnung geschmückt war, zu schweben schien, gab es keinen Unterschied zwischen beiden.

Ich bekam augenblicklich eine Erektion.

Serracord bemerkte es und lächelte. Ein Menschenlächeln. Ein Zähnelächeln. Ich war mir nicht sicher, ob es eine Drohung war oder ein Zugeständnis an mein Menschsein.

»Wie ist es, durch den Weltraum zu reisen?« fragte ich, um ihn von der Schwellung in meiner Hose abzulenken.

»Woher soll ich das wissen?« meinte Serracord.

Ich war geschockt. Serracord lächelte erneut. Ein Shi’an-Lächeln. Ein Augenlächeln.

»Man versetzt uns in Stasis, bevor wir den Orbit verlassen«, sagte der Alien. »Man trifft an der Abfertigung des Raumhafens ein, man wird aufs Raumschiff durchgeschleust, und das letzte, was man sieht, ist die Luke, hinter der die Heimatwelt verschwindet. Als nächstes sieht man, wie sie sich zu einer anderen Welt wieder öffnet. In der Zwischenzeit sind zehn Jahre vergangen.«

»Ich dachte, der Flug würde sechzig Jahre dauern.«

»Sechzig objektive, zehn subjektive. Relativistische Zeitdilatation. Doch selbst diese Spanne währt zu lange, als daß die Siedler wach bleiben könnten. Abgesehen von der Langeweile könnten die Schiffe nicht genug Vorräte für hunderttausend Passagiere mitnehmen. Nur die Besatzung bleibt während des Fluges wach.«

»Sechzig Jahre Schlaf«, sagte ich. Serracord mußte seine Heimatwelt im Jahre 1946 verlassen haben. Der Zweite Weltkrieg war dabei, in den Kalten Krieg überzugehen. Eine Zeit der Rationierungen, keine Bananen, und Attlee Premierminister. Austerity, großzügige Jungs, Frauen, die sich mit Bratensoße die Beine braun färbten und Strumpfnähte aufmalten; Schwarzmarkthandel, Dampfeisenbahnen, Autos mit Trittbrettern. Die Leute hielten die Atombombe noch für eine tolle Sache, als die achtundachtzig Schiffe der Fünfzehnten Interstellaren Flotte der Shi’an ihre Mach-Antriebe einschalteten und von ihrem Heimatsystem aufbrachen. Große Worte. Große, aufregende Ideen. Erotische Konzepte. »Fünfundzwanzig Jahre vor meiner Geburt. Meine Eltern waren gerade erst zur Welt gekommen. Wie alt sind Sie?«

»Für wie alt halten Sie mich?«

»Schwer zu sagen. Mir fehlt der Vergleichsmaßstab.«

Der Alien neigte den Kopf in einer Weise, die bei einem Menschen Schüchternheit bedeutet hätte. Was sie bei einem Shi’an bedeutete, weiß ich nicht.

»Ich bin als einer der letzten auf der Heimatwelt geboren worden«, sagte Serracord. »Als ich meine Schwesternschaft verließ, war ich gerade erwachsen geworden. Wir reifen früh, wissen Sie.«

»Wie früh?«

»Mit acht Jahren.«

Vier Jahre war es her, seit die Shi’an das rezessionsgeplagte Gerippe der Docklands in Besitz genommen hatten. Das wunderschöne, fremdartige, sexsprühende Wesen vor mir war zwölf Jahre alt. Der Penis pochte mir so hart in der Hose, daß es weh tat.

»Wie sieht sie aus, Ihre Heimatwelt?« Ich nahm Serracords Hand, hielt seine drei Finger in meinen vieren.

»Sie stellen viele Fragen, Mensch. Die meisten Frooks wollen bloß schnell zur Sache kommen.«

»Frooks?«

Sein amüsierter Blick war vollkommen menschlich.

»Ich dachte, das wüßten Sie, Mr. Welshman. Frooks. Menschen, die sich sexuell zu Shi’an hingezogen fühlen.«

Frooks. Singular: Frook. Ein häßlicher Name. Ein Name wie der Blick des Mannes im Sex-Shop, als ich das Magazin kaufte. Ein Name für ein Ding, für einen Zustand, nicht für eine Person. Ziemlich unpassend für einen Geschäftsführer in den Dreißigern, den Geschäftsführer einer Bekleidungsfiliale aus Rhyl, wo es keine Aliens gab unter den bunten Lichtern der Promenade oder vor dem Regen Schutz suchend in den Pubs und den Amüsierpassagen voller Spiele aus dem letzten Jahrhundert. Eindringlinge aus dem Weltraum. Als Kind war ich weitab vom Schuß. Ein Ort ohne Wunder, ohne Schönheit; ein Ort, am dem es den Geschäftsleuten nicht gestattet war, vor Anbruch der Dämmerung im Dunkeln zu sitzen und zum erstenmal das Gefühl zu haben, die Freiheit zu besitzen, das zu sein, was sie schon immer hatten sein wollen. Ein Frook. Ich war ein Frook.

Der Schock hatte nachgelassen. Ich wußte, ich würde mich an den Klang des Namens gewöhnen.

Den Schock hatte nicht die Plötzlichkeit des Begreifens ausgelöst, so als wäre der Name ein halber Ziegelstein gewesen, mit dem mich jemand beworfen hatte. Sondern die Erkenntnis, daß ich schon immer ein Frook gewesen war. Ich war schon ein Frook, noch ehe die Shi’an kamen. Wenn ich meinen sexuellen Werdegang Revue passieren ließ, dann erkannte ich den dünnen roten Faden des Frookseins darin. Ich war der ulkige Junge gewesen, der in die Pubertät gekommen und Eier, Bart und Körperbehaarung entwickelt hatte, als meine Freunde noch so unschuldig und rein wie die Englein gewesen waren. Ich war der Gehemmte beim Umkleiden gewesen, der gegen die in ihm brodelnden Hormone angekämpft hatte, die mich dazu brachten, diese wunderschönen, geschlechtslosen Wesen zu begehren, während mir meine Wünsche gleichzeitig Angst einjagten, und ich nicht wußte, wie ich damit umgehen sollte. Selbst dann noch, als ich mich daran gewöhnt hatte, Mädchen zu mögen, hatte ich immer das Gefühl gehabt, daß irgend etwas fehlte. Ihre Konturen waren zuviel, zu plump. Männer waren aber einfach bloß häßlich. Große, ungeschlachte, rauhe Wesen. Ihnen mangelte es an Schlankheit. An Zartheit. An Subtilität, Geheimnis, geschlechtsloser, androgyner Schönheit, wie sie die Zwölfjährigen besaßen, nach denen ich lechzte, während ich meinen monströsen Körper in den Umkleideräumen der Schule vor ihnen verbarg.

Und noch etwas fehlte ihnen. Ein drittes Geschlecht.

Und dann kamen die Shi’an.

Anfangs wußte ich noch nicht, daß ich für sie geschaffen war. Damals, als sie das bedeutendste Ereignis darstellten, das der Menschheit jemals widerfahren war, und wir benommen waren von ihrer strahlenden Schönheit, waren wir alle Frooks. Bei mir ließ die Begeisterung allerdings niemals nach. Ich besitze Hunderte von Stunden mit Videoaufzeichnungen über die Shi’an – größtenteils ungesehen. Ich habe Sammelalben mit Ausschnitten aus Zeitungen, farbigen Fotobeilagen und Magazinen. Als der Shi’an-Look in Mode kam, durchstöberte ich die Modejournale nach Shi’an-Models. Ich hatte eine Pinwand. Ich glaube, damit hat alles angefangen, mit den Pin-ups, die ich niemandem zeigte, nicht einmal meinen Freundinnen, die alle mager, flachbrüstig und jungenhaft waren. Und das Ende davon war – wenn nicht dieser Morgen in dieser Wohnung, und das glaube ich nicht, es ist eher ein Anfang –, daß ich zu meiner letzten Freundin sagte, ein Bürstenschnitt und rot gefärbtes Haar würden ihr gut stehen.

»Du möchtest, daß ich aussehe wie ein beschissener Sheenie«, hatte sie gemeint.

Nein. Ich wollte, sie wäre ein beschissener Sheenie gewesen. Sie hatte mir den Gefallen getan, und von da an bekam ich endlich wieder bei ihr einen Ständer, was mir schon sehr lange nicht mehr gelungen war. Das ging eine ganze Weile so. Sie hatte so ausgesehen, aber sie war es nicht gewesen. Aussehen allein reichte nicht. Wir haben uns vor einem Monat getrennt. Es war das einzig Ehrliche, was ich tun konnte. Sie konnte jemanden finden, der sie um ihrer selbst begehrte. Ich wäre frei, nach dem zu suchen, was ich wollte und was sie nicht war.

Ich hatte Phantasievorstellungen von etruskischen Terrakottaköpfen, von roten Settern und der geschlechtsverhüllenden Glattheit von scharlachrotem Lycra.

Frook. Der häßliche Name hatte mich frei gemacht. Er gab mir die Möglichkeit, mein altes Leben hinter mir zu lassen und mich im Frooksein zu verlieren. Ich brauchte nicht zu dem Laden zurückzukehren, zu der Stadt, in der es ständig regnete und alles immer geschlossen hatte, zu der Wohnung mit dem Kühlschrank voller Fertiggerichte und dem Fernseher, der um sechs anging und den ich erst wieder ausschaltete, wenn ich mitten in der Vorankündigung für die Spätabend-Talkshows aufwachte und mir klar wurde, daß ich beim Fernsehen eingeschlafen war. Das alles konnte ich hinter mir lassen. Ich konnte glücklich sein. Am liebsten hätte ich geweint. Doch das hätte Serracord verwirrt. Die Shi’an können nicht weinen, weder vor Freude noch aus Schmerz. Sie haben keine Tränen. Sie werden höchstens dunkel um die Augen.

»Frook.« Ich sprach das Wort laut aus, gab mir einen Namen. »Gibt es bei Ihnen ein entsprechendes Wort? Narha, heißt so nicht Ihre Umgangssprache? Ich glaube kaum – ich kann es mir nicht vorstellen. Die Paarungschemikalien haben bei Ihnen eine sehr heterosexuelle Gesellschaft zur Folge. Etwas anderes kennen Sie bestimmt nicht.«

»Ihr Menschen setzt Liebe immer mit Sex gleich«, sagte Serracord. »Für uns sind das zwei verschiedene Dinge. ›Liebe‹ kann man jedem entgegenbringen, dem man sich verbunden fühlt, ob Mann oder Frau, Sexpartner oder nicht. ›Sex‹ ist Begierde. Sex ist brennende Gier und Raserei. Sex ist eine Intensität, die nicht phasenabhängige, semisexuelle Menschen sich gar nicht vorstellen können.«

»Wie kommt ein Shi’an dann dazu, Geschlechtsverkehr mit einem Menschenmann haben zu wollen?« fragte ich, hob Serracords Hand ins Licht und untersuchte die Form der Fingernägel, die Finger, die Knochen. »Wie kommt es, daß Sie, Serracord – was sind Sie eigentlich, Serracord, Mann oder Frau? –, mit mir Sex haben wollen?«

Serracord entzog mir seine Finger. Der Alien erhob sich und blickte auf mich herunter.

»Ich glaube, Sie haben es immer noch nicht begriffen, Mr. Welshman.«

Im Licht der Natriumdampflampen öffnete Serracord seine Seidenbluse. Beim Anblick der flachen Brust, die dunkel wirkte im gelben Licht, und der drei parallel angeordneten Reihen von Brustwarzen schnappte ich insgeheim nach Luft. Ich streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Serracords Linke ließ mich innehalten. Mit der rechten rieb er über die mittlere linke Brustwarze und zog daran. Fest. Die Haut dehnte sich. Dann riß die Warze ab.

Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Serracord hielt mir die dunkle Beere zwischen Daumen und Zeigefinger vor die Augen.

»Die sind mit Gummikleber befestigt.«

Serracord schnippte das Ding weg und hob die Hände zu den Augen. Zweimaliges Blinzeln, ein Zucken der Finger. Blaue Pupillen auf weißem Grund. Menschenaugen blickten mich an.

»Reicht Ihnen das noch immer nicht?«

Die für Männer zugeschnittene Levis war aufgeknöpft. Er hatte sie fallengelassen, und man sah den Frauentanga aus Spitze, den er darunter trug. Ich konnte den Blick nicht abwenden von dem geschwungenen Dreieck glatter, sommersprossiger Haut zwischen den Schenkeln, als die Finger den oberen Rand abpellten und sich dann darunterzwängten.

»Serracord, um Himmels willen, bitte!«

»Synthetische Haut. Wie man sie bei Brandopfern verwendet. Das Hautmuster mache ich selbst mit Körperfarbe, mit dem gleichen Zeug, das ich für die Ganzkörperfärbung verwende. Ich kann Ihnen zeigen, wie das geht. Es ist ganz leicht; was man wissen muß, erfährt man übers Fernsehen oder aus Büchern und Zeitschriften. Alles, was man wissen muß, um einer von denen zu werden.«

Ich zitterte. Am liebsten hätte ich alles ausgewürgt, was ich im Laufe der Nacht zu mir genommen hatte. Ich wollte den Blick abwenden von diesem Wesen, das sich vor mir entblätterte, doch dieser grauenhafte Terrakotta/Setter/Scharlach/Lycra-Fetisch ließ mich einfach nicht los.

»Ich dachte, Sie wüßten, was für eine Art Club das ist.«

»Sie alle?« brachte ich trotz meines Zitterns und meiner Übelkeit hervor.

»Die meisten. Ein paar sind echt. Sehr wenige. Wie Sie schon sagten, warum sollten sie uns begehren? Ich dachte, Sie wüßten das. Ich dachte, Sie wollten das Spiel durchziehen. Es tut mir leid – ich wollte Sie nicht verletzen, aber ich konnte nicht so weitermachen. Sie werden mir vielleicht nicht glauben, aber ich mag Sie. Sie haben was Besseres verdient. Sie sind ein netter Kerl. Ich wollte wirklich mit Ihnen ins Bett gehen. Ich möchte es noch immer.«

»Aber Ihre Nase, Ihre Ohren, Ihre Finger«, meinte ich flehentlich. Ich klammerte mich an die Hoffnung, doch der unablässige Regen spülte sie von den Straßen von Rhyl.

»Dafür gibt es kosmetische Chirurgen. Allerdings kostet das einiges. Alles läßt sich verändern, bloß die Augen nicht. Aber man kann sich Kontaktlinsen machen lassen. Sind allerdings verflucht teuer. Und da unten machen sie nichts.« Eine Hand wanderte zu dem runzligen Beutel aus sommersprossiger synthetischer Haut.

»Aber warum? Warum tut man sich so etwas an?«

»Manche wollen mit ihnen zusammen sein. Manche wollen mehr. Manche von uns wollen sein wie sie. Alle wollen wir sie haben, begehren wir sie, jeder auf seine Art.«

»Aber wir können sie nicht bekommen«, sagte ich und blickte dem Menschen, der sich Serracord nannte, in die Augen.

»Können wir jemals bekommen, was wir uns wirklich wünschen, oder sein, was wir sein wollen?«

Ich dachte an mein Hotelzimmer, an die im Dunkeln wartenden Koffer und an das unbenutzte Bett und das Licht, das durchs vorhanglose Fenster fallen würde.

»Was sind … was waren Sie?«

»Ist das wichtig?«

»Wohl kaum.«

»Möchten Sie noch ein Bier? Es gibt keinen Grund, jetzt zu gehen.«

»Jetzt begreife ich das mit dem Bier.« Und zahllose andere verräterische Details, die ich nicht beachtet hatte, weil ich sie nicht hatte wahrhaben wollen.

»Manche Dinge kann man nicht so einfach aufgeben.« Serracord lächelte, das Menschenlächeln, das Zähnelächeln. »Wir können auch bloß reden; mehr brauchen wir nicht zu tun. Für mich war es ein prima Abend. Tut mir leid, daß ich Sie enttäuscht habe.«

»Worüber reden?«

»Wer wir sind, was wir wollen, was wir sein möchten.«

Ich zuckte die Achseln. Serracord faßte das als Zustimmung auf und wandte sich zur Küche, um neue Flaschen zu holen. Ich hielt den Alien auf. Ich hob seine rechte Hand hoch, betrachtete die längst verheilte Narbe, dort, wo der kleine Finger chirurgisch entfernt worden war.

»Das ist wirklich gut gemacht«, sagte ich. Ich hob die Hand an die Lippen und küßte die Narbe.

Originaltitel: ›FROOKS‹ • Copyright © 1995 by Ian McDonald • Erstmals erschienen in ›Interzone‹, Oktober 1995 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Stöbe • Illustriert von Jobst H. Teltschik

Nancy Etchemendy • USA

MOLLUSKENTRÄUME

Ellies Verwandlung begann im Waschsalon, genau in dem Augenblick, als ihr eine schreckliche Einsicht kam.

Es war ein Sonntagmorgen, ihr einziger freier Tag in ihren beiden Jobs als Serviererin und Putzfrau. Sie hatte die Wäsche der Familie gerade aus der Maschine geholt und die nassen Sachen in einen Rollkorb geworfen. Da kein Trockner frei war, stand sie wachsam am Ende der Reihe, wartete auf einen und machte sich währenddessen ein bißchen Sorgen um Robbies ausgebleichtes schwarzes T-Shirt, das an Carolines neuer pinkfarbener Shorts lag. Schließlich kam einer der Trockner zum Stehen, und sie fuhr ihren Rollkorb hinüber.

Es waren noch mehr Leute im Waschsalon. In einer Ecke saß ein pummeliger junger Mann, der Coke aus einer großen Flasche trank und einen Taschenbuchkrimi las. Ein älteres Paar in zueinander passenden Strickpantoffeln besetzte zwei Plastikstühle in der Reihe vor dem Fernseher an der Wand. Mehrere Frauen standen oder saßen im Raum verteilt. Eine legte Strümpfe zusammen; eine schwatzte kokett mit einem muskulösen Mann, dem die Dreadlocks bis zur Mitte des Rückens herabfielen; eine andere hatte sich schwer auf eine Bank sinken lassen, hockte nun vorgebeugt da, die Ellbogen auf den Oberschenkeln, und starrte Kaugummi kauend durch die großen Fenster auf etwas hinaus, das niemand außer ihr sehen konnte – etwas jenseits der Stadt und des Tales, jenseits der Berge, vielleicht sogar jenseits des fernen Ozeans.

Als der Trockner zum Stehen kam, rührte sich niemand. Ellie wartete darauf, daß jemand kam, aber dreißig Sekunden tickten dahin, und nichts geschah. Da sie es eilig hatte, öffnete sie den Trockner, holte sich einen leeren Rollkorb und begann, die trockene Wäsche des oder der Fremden darin zu stapeln.

Die Kaugummikauerin schaute in ihre Richtung. Ellie sah, wie die leere Miene der Frau zornig wurde, während sie sich hochhievte und angewalzt kam. »Moment mal, verdammt. Das ist mein Trockner.«

Ellie blieb für einen Moment reglos stehen. Ihre Gedärme krampften sich zusammen, und ihr Gesicht brannte. Sie hatte nicht die Absicht gehabt, jemanden in Rage zu bringen. Sie hatte nur so viel zu tun und so wenig Zeit. Es war nicht bloß die Wäsche, sondern auch der Lebensmitteleinkauf, das Essen für die Kinder, ihre schmutzige Wohnung, die darauf wartete, geputzt zu werden – der ewige Kampf darum, daß nicht alles in schreckliche Unordnung geriet. Sie hatte oftmals das Gefühl, die Zeit sei ihr Blut und jede Sekunde ein vergossener Tropfen, der nicht mehr aufzufangen war.

Sie richtete sich auf. »Ich hab gewartet, aber es ist niemand gekommen. Ich dachte, Sie wären fertig«, sagte sie.

»Das sind meine Wäsche und mein Trockner, und ich wär Ihnen dankbar, wenn Sie die Finger davon lassen könnten.«

Die Frau war jetzt näher. Sie hatte die Fäuste in die teigigen Hüften gestemmt, und ihre gefletschten Zähne hatten die Farbe von gelblichem Ocker.

Ellie holte etwas aus dem Trockner – eine Bluse, zwei Schlüpfer, sie wußte es nicht genau, sie sah nur, daß es schwarz war – und warf es absichtlich auf den mit Fusseln übersäten Boden.

Die Kaugummikauerin war jetzt ganz nahe, und ihre Nagetierzähne teilten sich zu einem kleinen, empörten Aufschrei. Sie wusch ihre Wäsche bei weitem nicht oft genug, und sie badete auch zu selten. In der feuchten, zugigen Luft des Waschsalons roch ihr Schweiß äußerst intensiv. Ellie wich zurück.

Die Frau griff nach Ellies Rollkorb. Ihre gelben Fingernägel entweihten die sauberen, nassen Kleidungsstücke, als Ellie sie am Handgelenk packte. Schweratmend standen die beiden Frauen einander gegenüber. In diesem einen, bernsteinfarbenen Moment nahm Ellie sich selbst sehr genau wahr. Die kleinen Details des Waschsalons wurden bedeutsam. Die schmierigen Fingerabdrücke an den abblätternden Wänden, an denen keine Maschinen standen; der gräuliche BH-Träger der Kaugummikauerin, der sich in ihre fleischige Schulter grub und nur zu sehen war, weil die Ausschnittkante ihrer Polyesterbluse eingerissen war; das melodische Klappern eines defekten Waschautomaten. Ellie sah, daß – sofern keine großen, geheimnisvollen Veränderungen in ihren Lebensumständen eintraten – ihre Träume niemals wahr werden würden. Ihr Mann würde nie eine regelmäßige Arbeit haben. Ihre Kinder würden nie aufhören, sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Weder sie selbst noch ihre Kinder würden jemals aufs College geben. Das Chaos würde sie verschlingen, und ihr letztes Stündchen würde in einer schäbigen Bude schlagen, nachdem sie ihr Leben lang die Badezimmer anderer Frauen geputzt hatte.

Ellie blinzelte, ließ das Handgelenk der Kaugummikauerin los und fuhr ihren Rollkorb in eine andere Ecke des Waschsalons, wo sie sich hinsetzte und auf den nächsten freien Trockner wartete.

Sie war ohne den Wagen da. Den hatte sie zu Hause stehenlassen, weil Hurley, ihr Mann, nach der Schicht an der Tankstelle vielleicht noch zum Holzlager runterfahren wollte, um Holzreste für ein ›Projekt‹ zu besorgen, an dem er arbeitete. Er schwieg sich darüber aus, worum es sich dabei handelte, aber sie argwöhnte, daß es eine Destille war. Einer seiner Freunde behauptete, er würde 50 Dollar pro Monat sparen, weil er sich den Schnaps eigenhändig im Garten destillierte. Daß sie und Hurley keinen Garten hatten, würde ihren Mann nicht davon abhalten, es auszuprobieren. Hurley schien immer die schlechtesten Ideen anderer Leute zu stehlen. Warum hatte sie ihn geheiratet? Vom Gefühl her wußte sie keine Antwort mehr darauf, obwohl sie sich noch an die Gründe erinnerte – seine kindliche Leidenschaft, seine Energie, sein gutes Aussehen und seinen Charme. Früher einmal hatte sie geglaubt, daß er die Welt verändern würde, daß ihnen die Zukunft gehören würde wie eine reiche Ernte goldener Pflaumen. Das hatte genügt, um sie gegen die zahlreichen Pläne und Wünsche ihrer Eltern aufbegehren zu lassen. Eleanor, so hatten sie sie getauft, ein stolzer, hoffnungsvoller Name. Sie benutzte ihn nicht mehr, weil er viel zu hoheitsvoll wirkte für die Frau, die sie geworden war.

Die Kinder hatten ein Tretauto, mit dem sie seit Jahren nicht mehr spielten. Sie und Hurley hatten sich zu Weihnachten einmal Geld von Ellies Mutter geliehen, um es zu kaufen. Robby und Caroline hatten es draußen im Regen stehenlassen, und jetzt war es rostig, aber die Räder drehten sich noch. Ellie benutzte es oft, wenn sie zum Waschsalon ging, der nur ein paar Blocks von ihrer Wohnung entfernt war.

Als die Wäsche fertig war, legte sie sie zusammen und verstaute sie in einer Pappschachtel, die in das Wägelchen paßte. Sie setzte sich in Bewegung, schob sich langsam durch die sommerliche Luft wie durch eine warme, feste Masse. Als sie mit dem quietschenden Tretauto im Schlepptau am Seven-Eleven, dem KFC und einem heruntergekommenen Blumenladen vorbeikam, wurden ihre Schritte immer kürzer, bis sie schließlich ganz stehenblieb. Sie konnte kaum noch die Füße heben, geschweige denn ihr Leben verändern. Ein Meer leerer Zeit breitete sich vor ihr aus. Einen Moment lang geriet sie in Panik. Sie wußte, daß Hurley an ihrer Stelle in die nächste Bar gehen und trinken würde, bis das Geld alle war. Sie hingegen hatte schon gleich gar kein Geld – nur das Scheckbuch und zwei Zehncentstücke, die vom Waschsalon übriggeblieben waren. Dieser handfeste Gedanke belebte sie wieder ein bißchen. Sie schüttelte sich und ging langsam weiter nach Hause.

Ihre Wohnung befand sich in einem Schlackensteingebäude mit sechs Wohneinheiten, das mit Teerdachpappe gedeckt war. Gras und Blumen hatten einmal die Gehwege gesäumt, aber sie waren seit Jahren nicht mehr gepflegt worden und völlig überwuchert. Ellie blieb für eine Minute stehen, um eine Schnecke zu beobachten, die am schattigen Rand des Weges auf feuchtes Unkraut zuglitt. Es gab Leute, die Schnecken zertraten. Sie hatte das nie getan, obwohl sie nicht sonderlich viel für sie übrig hatte. An diesem Tag jedoch bückte sie sich, um sie genauer anzusehen. Sie fühlte sich auf merkwürdige Weise von dieser Schnecke angezogen. Ihr Gehäuse war von einem satten, streifigen Braun. Die vier winzigen Fühler bewegten sich vor ihr anmutig hin und her, während sie dahinglitt. Hinter ihr glänzte eine Schleimspur auf dem Beton. Überrascht ertappte Ellie sich bei dem Gedanken, daß sie alles in allem eigentlich ganz hübsch war.

Sie trug den Wagen die Treppe hoch und stellte ihn auf dem Absatz vor ihrer Wohnungstür ab. Die schwere Wäscheschachtel auf einem Arm, entriegelte sie mit der freien Hand die Tür und drehte den Knauf. Sie konnte die Kinder drinnen streiten hören.

»Furz, Furz, Furz, Furz! Ich sag’s, wann ich will!« Das war Robby, neun Jahre alt, ein zäher Klumpen zumeist dem Fernsehen entnommener Charakterzüge.

»Ist mir scheißegal, was du sagst, Arschgesicht. Hauptsache, du läßt deine verpißten kleinen Pfoten von meinem Experiment.« Und das war Caroline, die mit ihren zehneinhalb Jahren besser fluchen konnte als die abgebrühtesten Verbrecher.

»Ich bin wieder da«, rief Ellie, als sie die Tür aufstieß. Manchmal reichte das schon, um das Gezänk zum Verstummen zu bringen. Immer öfter aber nicht.

»Mom, Caroline verstümmelt schon wieder Käfer.«

Caroline saß mit einem Vergrößerungsglas und einer Rasierklinge in der Küche. Ein Einmachglas mit drei Ohrwürmern darin stand vor ihr auf dem Tisch. Einer der Ohrwürmer, der nur noch die Hälfte seiner Beine hatte, drehte kleine, verzweifelte Kreise auf dem Boden des Glases. Das merkwürdige Gefühl der Ziellosigkeit, das Ellie draußen vor dem Waschsalon befallen hatte, senkte sich wieder auf sie herab. Sie versuchte es zurückzudrängen.

»Hör auf damit, Caroline. Du weißt, daß man das nicht tut«, sagte sie, aber selbst sie hörte, wie wenig überzeugend es klang.

»Zwing mich doch«, sagte Caroline grinsend und warf ihr einen kurzen Blick zu. Gestern hätte Ellie ihr dafür eine runtergehauen. Aber jetzt sah sie, daß es Energieverschwendung war. Wie Hurley oftmals demonstriert hatte, waren Ohrfeigen seit dem Krabbelalter ohne sichtbare Auswirkungen auf das Benehmen des Kindes geblieben. Je nach ihrer Stimmung verfiel Caroline entweder in eine wilde Wut- und Trotzphase, die tagelang anhielt, oder sie grinste spöttisch und lachte gekünstelt, fast so, als gefiele es ihr und als wolle sie mehr.

Als Caroline sah, daß die übliche Reaktion ausblieb, versuchte sie es erneut. »Dein perfekter kleiner Liebling hat seine dreckigen Schuhe auf dem Wohnzimmerteppich abgestreift. Ist dir das auch egal?«

Ellie schaute an Caroline vorbei ins Wohnzimmer. Sie sah nicht viel Schmutz. Sie dachte wieder an die Schnecke – wie sie dahingeglitten war, unnahbar und distanziert, und sich ganz einfach nur um ihre Schneckenangelegenheiten gekümmert hatte, ohne sich für etwas anderes als das unmittelbare Überleben zu interessieren. Die Luft war wieder warm und gelatinös geworden. Sie bewegte die Finger langsam vor dem Gesicht hin und her.

»Ja«, murmelte sie. »Das ist mir egal.«

Die Kinder starrten sie mit offenem Mund an, als sie die saubere Wäsche auf dem Tisch abstellte, statt sie sofort ordentlich in Kommoden und Schränken zu verstauen. Sie machte sich schläfrig auf den Weg zu ihrem Zimmer und dachte dabei an den schnellen, aber intensiven Sex, den sie und Hurley manchmal in ihrem durchgelegenen Bett hatten. Das war etwas richtig Tolles an ihm, diese Fähigkeit, sich von nichts ablenken zu lassen, wenn er sie anfaßte, so daß sie in seiner ungeteilten Aufmerksamkeit badete und sich verehrt und geliebt fühlte, wenn auch nur für kurze Zeit. Vielleicht war sie deshalb so lange bei ihm geblieben, obwohl sie sich innerlich ziemlich leer fühlte.

Falls die Kinder sie überhaupt liebten, so wollten oder konnten sie es nicht zeigen. Wahrscheinlich würden sie es merken, wenn ihre Mutter sie verließ, weil ihnen niemand mehr die Klamotten waschen und hinter ihnen herräumen würde, und dann wären die Schränke bald leer. Ellie hatte Angst davor, was aus Robby und Caroline werden würde, wenn sie die beiden in Hurleys Obhut zurückließ. Sie liebte sie, wie sie auch Hurley auf ihre Art liebte. Mochten sie sein, wie sie wollten, sie konnten nichts dafür. Ihr Vater war unberechenbar, trank zuviel und schlug sie häufig in seiner Wut und seiner Frustration. Sie selbst war ebenfalls schuld. Sie hatte es nie geschafft, sich Zeit für sie zu nehmen. Die Kinder hatten sie immer nur als Arbeitstier erlebt – erschöpft, unkonzentriert und nervös. Für all das konnten sie nichts. Sie hatten es nicht verdient, von Hurleys klobigem Absatz zertreten zu werden, selbst wenn es nur aus Versehen geschah.

Während sie diese schrecklichen Dinge dachte, legte sich die Verzweiflung auf ihre Schultern, und ihre Augen begannen zu brennen. Sie hatte ihr Bestes getan, aber es war nicht genug, es würde nie genug sein. Robby flatterte wie ein fröhlicher Nachtfalter um sie herum. Seine Stimme drang wie durch Haferschleim an ihr Ohr. »Mom, der Teppich fühlt sich so eklig an. Er ist ganz schmutzig. Willst du nicht staubsaugen? Und wie steht’s mit Essen? Ich hab Hunger. Es ist nichts zu essen da. Gehst du nicht einkaufen?«

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Tut mir leid.« Sie legte sich aufs Bett und schloß die Augen.

Sie hatte einen lebhaften, detaillierten Traum, in dem sie die Schnecke war, die sie auf dem Weg draußen gesehen hatte. Dunkelheit umhüllte sie, und die Geräusche der Nacht waren gewaltig und schön. Da sie keine Ohren hatte, hörte sie sie nicht, sondern fühlte eher ihre Vibrationen in den flüssigen Zellen ihres weichen Körpers. Grillen zirpten nicht nur; sie summten wie die Pfeifen von Kirchenorgeln. Die abendliche Brise wisperte in seidigen Strömen um sie herum. Es war eine trockene Nacht, kein Regen und nur wenig Tau. Auf einer Schleimspur, die auf angenehme und befriedigende Weise von ihrer Fußdrüse abgesondert wurde, glitt sie über ein großes, duftendes Blatt. Sie wollte den Rand erreichen, um dort zu fressen. Die Muskeln ihres Fußes zogen sich in geschmeidigen Wellen zusammen und trugen sie stetig voran. Der Wohlgeruch des Blattes überflutete und durchströmte sie. Sie richtete ihre Augenstiele nach unten, um den Lichtschimmer im Dunkeln zu sehen, als sie dem Rand näherkam. Dann war es endlich soweit: Sie streckte ihre mit kleinen Zähnchen besetzte Radula aus und schabte damit eifrig über die delikate grüne Blattspreite. Das Blatt sang für sie, und sie sang für das Blatt. Ehre sei dir, du gutes, saftiges Blatt, mögen alle Steine, alle Bäume, alles, was des Nachts kreucht und fleucht, deinen Namen preisen.

Es fiel ihr schwer, sich aus dem Traum zu lösen. Sie wollte es nicht, aber die menschliche Welt drängte sich hinein und kratzte an ihr, bis die Schneckenwelt verschwand.

»Hallo, Schatz, wann gibt’s Abendessen? Die Kinder haben Hunger. Wann wachst du endlich auf, Schatz?«

Sie schlug die Augen auf und blinzelte, gelähmt von der Fremdartigkeit von Hurleys Gesicht, dessen Kinnpartie von einem stacheligen, bläulichen Eintagebart bedeckt war. Sie fühlte sich innerlich kalt, beraubt, als hätte sie etwas Wertvolles unwiederbringlich verloren. Er langte lächelnd nach unten und rieb ihr mit dem schwieligen Daumen über den Mundwinkel.

»Was ist das?« sagte er. »Hast du Hustensaft getrunken oder so?« Dieser Gedanke schien ihn zu amüsieren. Sein Lachen rüttelte ihr Gehirn durch.

Sie setzte sich auf und rieb sich mit dem Handrücken über die Lippen, um den Benzingeschmack seines Daumens loszuwerden. Auf ihrer Haut blieb ein blaßgrüner Fleck zurück. Ähnliche grüne Punkte sprenkelten ihr Kissen. Sie starrte sie wie versteinert an. Sie erinnerte sich sehr genau, wie sich das Blatt in ihrem Mund angefühlt hatte. Der Wiesengeschmack kitzelte sogar noch immer ihre Zunge. Sie bückte sich und schnupperte am Kissen. Der Duft von frischgemähtem Gras stieg von dem feuchten Stoff auf, unbestreitbar und schockierend.

Sie sprang mit einem Satz aus dem Bett. Hurley fuhr erschrocken zurück und verzog ungläubig das Gesicht, als sie sich die Bluse vom Leib riß, so daß Knöpfe absprangen und Nähte aufplatzten. Sie stieß sie mit dem Fuß in eine Ecke, stand zitternd da und wagte es nicht, den Blick von ihr zu wenden, aus Angst, die Welt um sie herum könnte sich in Blätter verwandelt haben, die größer waren als Menschen.

Nach einem Augenblick verwirrten Schweigens setzte Hurley ein pfiffiges Grinsen auf. »Noch nicht ganz wach, hm? Muß ja ’n toller Traum gewesen sein«, sagte er und ließ seinen Worten ein schallendes Gelächter folgen. Er kam herüber und kniff sie in den Hintern. »Na ja, um die Zeit solltest du eh auf sein. Kannst doch nicht wie die Königin von Saba um acht Uhr abends im Bett liegen. Hoffentlich bist du nicht krank oder so. Du mußt morgen zur Arbeit.«

Hurleys Worte über die Arbeit und die Uhrzeit brachten sie rasch wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie zwinkerte die Traumvision weg und fuhr sich mit der Zunge im Mund herum, um den grünen Geschmack zu beseitigen. Auf einmal war sie wütend auf sich, weil sie die Bluse kaputtgemacht hatte.

»Keine Sorge«, sagte sie und strich sich die feuchten, zerzausten Haare glatt. »Ich mach was zu essen. Hast du Hunger?«

»Nein. Ich hab ’n paar Bier getrunken.«

»Von Bier allein kann man nicht leben.« Ellie zog eine Schublade auf und schlüpfte in ein altes T-Shirt.

In der Küche fühlte sie sich sonderbar losgelöst und wacklig. Was, wenn sie nun wirklich krank war? Ein kleiner Blitzstrahl der Panik durchzuckte sie. Sie konnte es sich nicht leisten, nicht zur Arbeit zu gehen.

»Mom ist auf, Kinder!« rief Hurley.

Robby tanzte wie ein aufgeregtes Hündchen um sie herum, als sie sich die Schürze umband. »Was gibt’s zu essen, was gibt’s zu essen, was gibt’s zu essen?«

Caroline, die mit einer Flasche schillernden Nagellacks am Tisch saß, zeigte ihm einen Vogel. »Halt die Klappe, du Stinktier. Was interessiert’s dich überhaupt? Du hast grade drei Twinkies gefressen.«

Ellie seufzte und machte den Küchenschrank auf. Eine Dose Thunfisch, eine Dose Erbsen, ein Beutel Kartoffelchips. Sie hatte schon mit weniger eine Mahlzeit hingezaubert. Während sie den Griff des Dosenöffners drehte, dachte sie plötzlich wieder an das Blatt – das schmackhafte, feuchte Blatt, das delikat an ihrem Mund vibrierte. Die Erinnerung war so real, daß sie einen Schreck bekam. Sie schnappte nach Luft und ließ die Dose fallen, so daß sie Erbsenwasser vom Boden aufwischen mußte. Caroline lachte, aber Hurley und Robby starrten sie mit einem Gesichtsausdruck an, in dem fast so etwas wie Besorgnis lag.

Die saubere Wäsche stand noch auf dem Tisch, wo Ellie sie hingestellt hatte. Das Hemd obenauf war mit Twinkie-Krümeln und Creme verschmutzt. Ohne die Krümel wegzuwischen, nahm Ellie die Stapel von Blusen, Unterwäsche und Shorts und legte sie neben Hurley, der gerade fernsah, auf die Couch. Während sie das Essen machte, träumte sie mit offenen Augen von Schnecken. Sie füllte drei Teller, brachte sie ins Wohnzimmer und stellte sie Robby, Hurley und Caroline, die nur Augen für ›Americas Funniest Home Videos‹ hatten, auf zusammenlegbaren Tabletts hin. Sich selbst stellte sie auch einen Teller hin, aber sie aß nicht viel. Die Erbsen waren in Ordnung; bei dem Gedanken an Thunfisch wurde ihr übel. Als sie die Reste ihres Essens in den Müll kratzte, wehte der Geruch der kühlen Abendluft durchs Küchenfenster herein. Grillen zirpten leise. Sie schaute hoch.

Auf dem Fensterbrett stand ein Glasgefäß mit einer Schnecke darin. Das weiche Fleisch ihres Kopfes war säuberlich mit einer Stecknadel durchbohrt worden. Vor Ellies Augen zog sich die Schnecke zusammen, um in ihr Gehäuse zu schlüpfen; von der Nadel gestoppt, schob sie sich wieder heraus. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals, bis Ellie ihr Entsetzen endlich soweit überwand, daß sie den Deckel des Glases abschrauben konnte.

Sie zögerte. Mit Schneckenschleim kannte sie sich aus. Den bekam man nicht mal mit Seife wieder ab. Aber da war die Schnecke, die immer wieder die Stecknadel gegen ihr Gehäuse rammte und sich in dem törichten Bestreben, sich zu schützen, das eigene Fleisch zerriß. Sie hielt die Luft an, drückte eine Seite des glitschigen Kopfes mit dem Zeigefinger nieder und zog die Nadel heraus. Sie hörte ein Geräusch, ein leises Quietschen. Vielleicht war es nur die Flüssigkeit gewesen, die in den Raum geströmt war, den vorher die Nadel eingenommen hatte. Konnten Schnecken schreien? Spürten sie Schmerz? Sie wußte es nicht.

Die Schnecke lag ausgestreckt unter ihrem Gehäuse. Sie bewegte sich nicht mehr. Mein Gott, ich habe sie umgebracht! dachte Ellie. Sie begann zu weinen. Es gelang ihr nicht, das leise zu tun.

Hurley kam in die Küche gestampft. »Was ist denn?« rief er. »Ich kann den Fernsehton nicht mehr hören!«

»Caroline!« kreischte Ellie.

Caroline kam hinter ihrem Vater hereingeschlendert. Sie tat so, als würde sie ihre Fingernägel begutachten. Ihre Lippen zuckten in einem merkwürdigen, nervösen Grinsen. »Was ist?« sagte sie.

»Was, zum Teufel, hast du dir dabei gedacht?« schrie Ellie, hielt ihrer Tochter das Gefäß mit der toten Schnecke vor die Nase und schüttelte es.

Caroline verdrehte die Augen. »War doch bloß so zum Spaß. Nun flipp nicht gleich aus, Herrgott noch mal.«

Ellie schlug Caroline ins Gesicht. Einmal, zweimal, dreimal. Sie hätte weitergemacht, wenn Hurley nicht ihr Handgelenk festgehalten und ihr befohlen hätte, damit aufzuhören, es sei doch nur eine verdammte Schnecke. Carolines Grinsen war verschwunden und einer so ungeheuren Wut gewichen, daß sie nur in Form eines unartikulierten Gebrülls zum Ausdruck kam.

Ellie ging zur Wohnungstür hinaus. Ihre Finger, die das Glasgefäß umfaßten, waren weiß. Sie ging die Treppe hinunter und trat auf den Weg mit dem unkrautüberwucherten Rand. Dort, zwischen kühlem dunklen Löwenzahn und Schwalbenwurzgewächs, legte sie die tote Schnecke hin. Sie wischte sich die Tränen mit dem T-Shirt ab und dachte kurz und beklommen an ihre zerrissene Bluse mit den grünen Flecken. Nach einer Weile ging sie wieder nach oben, zog sich aus und ging zu Bett. Der stille Teich des Schlafes zog sie an, und sie fiel trotz Carolines bitterem Gekreisch im anderen Zimmer wie ein Stein hinein.

Diesmal unterbrach sie der Geruch einer anderen Schnecke beim Fressen. Andere ihrer Art hatten eine elementare, normale, vertraute Ausdünstung von großen Gewässern und eßbaren Dingen – Pilzen, Zwiebeln, Keimblättern, frischem Dung. Diese andere hatte gerade die würzigen Blütenblätter einer Ringelblume verspeist. Aber da war auch noch etwas anderes: ein Duft der Reife und des Verlangens, der sie anzog. Sie kroch den Stiel hinunter. Zwischen ihr und der anderen lag ein Feld aus Steinen, und zwischen den Steinen ein dicker Mulch aus vertrockneten Eichenblättern. Die feste Freundlichkeit der Steine war leicht. Aber die Eichenblätter hatten dornige Ränder und eine ätzende Haut, die brannte und prickelte, als sie darüber hinwegkroch. Das erregte sie.

Sie wußte von den schlichten Versammlungen, die täglich zu Beginn des Sonnenaufgangs stattfanden, wenn die ersten Raubvögel sich regten und der Tau als Nebel aufstieg, der bald verdunsten und eine zu trockene Welt hinterlassen würde. Zu dieser Zeit wurden die Grenzen zwischen Licht und Schatten scharf, und die Sonne erhitzte ihr Gehäuse. Dann sammelten sie und die anderen sich an einem Platz, in der verborgenen Kühle und Feuchtigkeit unter Sukkulenten, unter Steinen oder im Schatten nahe bei einem tropfenden Wasserhahn. Dorthin zogen sie sich zurück, legten sich Haus an Haus und blieben bis zum Einbruch der Dunkelheit reglos liegen. Sie waren ihr wohlvertraut, diese Rituale des beiläufigen Kontakts, des aneinander Entlanggleitens, der wechselseitigen Erforschung von Fühlern und Drüsen, des kurzen Austauschs von Schleim und Geruch.

Worauf sie sich jetzt zubewegte, war anders und sehr viel einladender. Der kräftige Duft der anderen wurde stärker – Blitze, Harz, das Meer, der Geruch eines schlichten Wunsches. Die Eichenblätter stachen sie, so unerträglich wie eine juckende Stelle, die man sich nicht kratzen konnte, bis sie zu einem Fleckchen bloßer Erde gelangte und ihre Partnerin dort fand, ebenso erwartungsfroh wie sie selbst. Sie drückten ihre Unterseiten aneinander. Oh, wie herrlich sie auf ihren Schneckenhäusern rollten und sich an den empfindlichen Stellen hinter den Köpfen zwickten, während Sterne die Nacht über ihnen durchbohrten und eine Spottdrossel in der Ferne das Lied der Gefahr sang. Hermaphroditisch drangen sie ineinander ein, gesalbt und jubilierend, und wurden wechselseitig durchdrungen. Wie anders dies für jenen Teil von ihr war, der sich als Ellie kannte. Hurley tat ihr trotz seiner atemlosen Aufmerksamkeit häufig weh, ohne sie dafür zu entschädigen. Und wenn er sie später fragte, wie es ihr gefallen hatte, mußte sie lügen, um seine Gefühle zu schonen. Solche Probleme gab es nicht bei den Schnecken, für die das Kopulieren ein unkompliziertes Fest war, bei dem nichts als das Begehren und die Erfüllung eine Rolle spielten.

Sie machten noch stundenlang weiter, bis sie sich schließlich erschöpft trennten und sich von der Morgensonne wärmen ließen. Bevor die Feuchtigkeit der Nacht verschwand, fand Ellie einen Platz und schlief dort, ohne zu träumen.

Das Bett war naß. Das Kissen war naß. Ihre Unterwäsche war naß. Strahlender Sonnenschein fiel zum Fenster herein. Es war fürchterlich heiß, und Hurley schrie auf sie ein.

»Was, zum Teufel, ist denn hier los? Hast du ins Bett gemacht oder was?«

Ellie zwang sich, die Augen zu öffnen. Sie waren trocken und sandig und taten weh. Sie wollte sie wieder schließen. »Wasser«, krächzte sie. »Ich hab Durst.«

»Durst!« brüllte Hurley. Er stand nackt neben dem Bett, mit schlaffem Penis; die Adern an seinem Hals traten hervor. »Dir werd ich’s zeigen! Wenn du so verdammt durstig bist, dann trink das hier!« Er packte sie am Hals und drückte ihr Gesicht in die durchnäßten Laken. Seine beiläufige kleine Brutalität brachte sie zum Weinen. Das Schluchzen fing sich rauh in ihrer Kehle, aber sie war so ausgedörrt, daß keine Tränen kommen wollten.

Hurley ließ sie mit einem angewiderten kleinen Stoß los. »Hör auf zu plärren und mach, daß du aus dem Bett kommst. Du mußt in einer halben Stunde bei der Arbeit sein.« Er stürmte aus dem Zimmer. Sie hörte die Klospülung rauschen.

Ellie lag mit der Wange in der kühlen Feuchtigkeit. Es war kein Urin. Sie hatte einen sauberen, schlichten Geruch, wie Salzwasser. Sie dachte an ihre Kindheit zurück, an eine Ferienreise ans Meer, nur sie und ihre Eltern und Tuffy, ihr brauner Hund. Jetzt war Tuffy tot, ihre Eltern waren weit weg, und obwohl sie nur dreißig Meilen vom Meer entfernt lebte, wußte sie nicht mehr, wann sie es zuletzt gesehen hatte. Himmel, hatte sie einen Durst. Aber sie fühlte sich zu schwach, um allein aufzustehen.

»Mom, Mom?«

Sie drehte den Kopf und sah Robby mit einem großen, tropfenden Becher in der Hand am Bett stehen.

»Nicht weinen, Mom. Ich hab dir Wasser gebracht«, sagte er. »Du siehst krank aus. Bist du krank?« Seine Augen waren groß und ängstlich.

Sie griff nach dem Becher und trank Robbys lauwarmes Geschenk gierig in sich hinein. Als sie fertig war, zerzauste sie ihm das Haar. Er roch immer noch so, wie er als Baby gerochen hatte, verschwitzt und süß. Liebe zu ihm spülte in einer großen, kühlen Welle über sie hinweg. »Ist bloß eine kleine Infektion«, sagte sie. »Mach dir keine Sorgen. Mir geht’s gut.«

Robby nickte und wandte sich ab. Sie griff nach seiner Hand. »Schnurzelchen?« sagte sie. Als ihr der Kosename entschlüpfte, merkte sie, wie lange sie ihn schon nicht mehr benutzt hatte.

Robby runzelte die Stirn. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, warum nicht. Zu alt. Er war viel zu alt für Kosenamen.

»Danke«, sagte sie. »Das Wasser war köstlich.«

Er nickte erneut. »Was gibt’s zum Frühstück?« fragte er.

Sie brauchte lange, um sich zur Arbeit fertigzumachen, und so kam sie zu spät zu Mrs. Boyle, bei der sie jeden Montag vormittag putzte. Alles bewegte sich in Zeitlupe. Die Luft umströmte ihre Haut wie heiße, gelierte Bouillon. Sie wußte, daß sie Fieber hatte, aber sie hatte ihre Temperatur nicht gemessen. Wozu auch? Sie hatten kein Geld für den Arzt, und sie konnte es sich erst recht nicht leisten, zu Hause zu bleiben und sich ins Bett zu legen.

Die arthritische Mrs. Boyle, die normalerweise ruhig und reserviert war, schalt sie mit schriller Stimme. »Ich schätze es gar nicht, wenn Sie zu spät kommen. Sie könnten mich wenigstens anrufen. Glauben Sie, ich habe nichts anderes zu tun, als dazusitzen und auf Sie zu warten?«

Ellie hatte Mrs. Boyle noch nie aus dem Haus gehen sehen. Sie hatte in dem Haus noch nie das Telefon klingeln hören. Mrs. Boyles Wagen stand in der Garage; die Reifen waren platt und die Fenster trübe vom Staub. Er war seit Jahren nicht mehr bewegt worden. Sie dachte, daß Mrs. Boyle wirklich nichts anderes zu tun hatte, als dazusitzen und auf sie zu warten. Aber Ellie war nicht in der Position, das auch laut zu sagen.

Sie starrte auf den glänzenden Holzboden. »Nein, Ma’am«, sagte sie leise. Sie blickte wieder auf. Selbst diese kleine Bewegung erforderte einen erheblichen Kraftaufwand. »Ich fühle mich heute morgen nicht wohl. Tut mir leid.«

»Sie fühlen sich nicht wohl?« Mrs. Boyle hatte scharfe, mausähnliche Augen. »Dann gehen Sie lieber nach Hause. Na los!«

Eine kleine Aufwallung von Furcht ließ Ellies Hände zittern. Sie brauchte die vierzig Dollar. »O nein, Mrs. Boyle. Ich bin nicht krank.«

»Sind Sie nun krank oder geht es Ihnen gut? Sie sehen schrecklich aus. Gehen Sie nach Hause!«

Als Ellie vor Bestürzung wie festgenagelt stehenblieb, ohne zu reagieren, schnaubte Mrs. Boyle ungeduldig. »Falls Sie sich wegen Ihres Lohns Sorgen machen, dann bezahle ich Sie, damit Sie gehen.« Sie gab Ellie das Geld, wobei sie sorgfältig darauf achtete, ihre Hand nicht zu berühren. »Gehen Sie heim und ruhen Sie sich aus, und kommen Sie erst wieder, wenn Sie gesund sind.«

Hurley hatte sie abgesetzt und den Wagen für nicht näher ausgeführte Besorgungen mitgenommen. Sie mußte nach Hause laufen. Mit dem Auto brauchte man nur eine Viertelstunde, aber zu Fuß – und wenn man krank war – dauerte es unendlich viel länger. Sie schaffte es, indem sie an nichts anderes dachte als an die Wiederholung der immergleichen Bewegung. Über eine Stunde später machte sie die Wohnungstür auf, zu benommen, um auch nur ihr Bett zu finden.

Caroline funkelte sie vom Küchentisch her an, wo eine neue Schnecke in einem Glasgefäß saß und langsam austrocknete.

Robby nahm Ellie am Arm und führte sie ins Schlafzimmer. »Du wirst schon wieder«, sagte er. Er weinte. »Ich mach mir mein Essen selber. Ich tu alles, was du willst.«

»Du bist so ein Rindvieh, Robby. Du sagst alles, wenn du Angst hast«, brüllte Caroline. »Sie tut doch nur so. Sie will uns nur beweisen, wie sehr wir sie brauchen.«

Ellie legte sich komplett angezogen aufs Bett und spürte, wie sich ganze Schweißbäche einen Weg über ihre Haut bahnten. Sie hörte ein Klicken – das Geräusch, mit dem ihr Gehäuse gegen etwas Hartes und Glattes stieß. Sie war allein. Nirgends war Wasser. Ein saftiges Blatt hätte ihr Unbehagen vielleicht gelindert, aber sie konnte keine Blätter finden, weder feuchte noch trockene, und auch keine andere Nahrung. Sie konnte auch keinen Platz finden. Wohin sie sich auch wandte, vor ihr lag eine helle, fugenlose Fläche, die nach sterilem Sand stank.

Caroline kam mit dem Glas in der Hand herein. Ellie sah die Unterseite des Fußes der Schnecke, die über das Glas kroch. Hell und dunkel. Sich bewegende Streifen. Sie wollte, daß Caroline sie freiließ. Sie versuchte es ihr zu sagen, aber sie konnte nicht sprechen, kam nicht vom Bett hoch. Sie konnte nur erschöpft auf dem Glasboden entlangkriechen, sich selbst durch das Glas hindurch anstarren, einen Klumpen stinkendes Fleisch, in schweißgetränkten hellen Stoff gehüllt. Sie kämpfte, um sich von der Schnecke zu befreien. Sie wollte gesund sein, wollte aufstehen und die Wohnung putzen, die Kleider zusammenlegen und Robby das Essen machen. Aber sie kam nicht heraus, so sehr sie sich auch bemühte. O Gott, wie sehr sie sich danach sehnte, draußen zu sein, an einem nassen, dunklen Ort, und von kommenden Nächten zu träumen, von Kopulation und Eiern und jungen Pflanzen.

Caroline nahm den Deckel des Glases ab. Einen Moment lang jubilierte Ellie innerlich. Dann sah sie, was ihre Tochter in der Hand hielt. Es war eine Stecknadel.

Originaltitel: ›MOLLUSC DREAMS‹ • Copyright © 1995 by Nancy Etchemendy • Erstmals erschienen in ›Xanadu 3‹, hrsg. von Jane Yolen, Tor Books, Januar 1995 • Mit freundlicher Genehmigung der Autorin • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Robert

Franz KafkaDeutschland

DIE VERWANDLUNG

I.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

»Was ist mit mir geschehen?« dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war – Samsa war Reisender –, hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die, mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.

Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter – man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.

»Ach Gott«, dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!« Er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer.

Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. »Dies frühzeitige Aufstehen«, dachte er, »macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie Haremsfrauen. Wenn ich zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurückgehe, um die erlangten Aufträge zu überschreiben, sitzen diese Herren erst beim Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob das nicht sehr gut für mich wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hin getreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und von der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern –, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muß ich aufstehen, denn mein Zug fährt um fünf.«

Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte. »Himmlischer Vater!« dachte er. Es war halb sieben Uhr, und die Zeiger gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel. Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus, daß er auf vier Uhr richtig eingestellt war; gewiß hatte er auch geläutet. Ja, aber war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Zug ging um sieben Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Zug einholte, ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von seiner Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde der Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern wegen des faulen Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja überhaupt nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er übrigens in diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von einer nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz wohl und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger.

Als er dies alles in größter Eile überlegte, ohne sich entschließen zu können, das Bett zu verlassen – gerade schlug der Wecker dreiviertel sieben –, klopfte es vorsichtig an die Tür am Kopfende seines Bettes. »Gregor«, rief es – es war die Mutter –, »es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte. Gregor hatte ausführlich antworten und alles erklären wollen, beschränkte sich aber bei diesen Umständen darauf, zu sagen: »Ja, ja, danke Mutter, ich stehe schon auf.« Infolge der Holztür war die Veränderung in Gregors Stimme draußen wohl nicht zu merken, denn die Mutter beruhigte sich mit dieser Erklärung und schlürfte davon. Aber durch das kleine Gespräch waren die anderen Familienmitglieder darauf aufmerksam geworden, daß Gregor wider Erwarten noch zu Hause war, und schon klopfte an der einen Seitentür der Vater, schwach, aber mit der Faust. »Gregor, Gregor«, rief er, »was ist denn?« Und nach einer kleinen Weile mahnte er nochmals mit tieferer Stimme: »Gregor! Gregor!« An der anderen Seitentür aber klagte leise die Schwester: »Gregor? Ist dir nicht wohl? Brauchst du etwas?« Nach beiden Seiten hin antwortete Gregor: »Bin schon fertig«, und bemühte sich, durch die sorgfältigste Aussprache und durch Einschaltung von langen Pausen zwischen den einzelnen Worten seiner Stimme alles Auffallende zu nehmen. Der Vater kehrte auch zu seinem Frühstück zurück, die Schwester aber flüsterte: »Gregor, mach auf, ich beschwöre dich.« Gregor aber dachte gar nicht daran aufzumachen, sondern lobte die vom Reisen her übernommene Vorsicht, auch zu Hause alle Türen während der Nacht zu versperren.

Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im geringsten.

Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein wenig aufzublasen und sie fiel von selbst. Aber weiterhin wurde es schwierig, besonders weil er so ungemein breit war. Er hätte Arme und Hände gebraucht, um sich aufzurichten; statt dessen aber hatte er nur die vielen Beinchen, die ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung waren und die er überdies nicht beherrschen konnte. Wollte er eines einmal einknicken, so war es das erste, daß es sich streckte; und gelang es ihm endlich, mit diesem Bein das auszuführen, was er wollte, so arbeiteten inzwischen alle anderen, wie freigelassen, in höchster, schmerzlicher Aufregung. »Nur sich nicht im Bett unnütz aufhalten«, sagte sich Gregor.

Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber dieser untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.

Er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu bekommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als er den Kopf endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ, mußte geradezu ein Wunder geschehen, wenn der Kopf nicht verletzt werden sollte. Und die Besinnung durfte er gerade jetzt um keinen Preis verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.

Aber als er wieder nach gleicher Mühe aufseufzend so dalag wie früher, und wieder seine Beinchen womöglich noch ärger gegeneinander kämpfen sah und keine Möglichkeit fand, in diese Willkür Ruhe und Ordnung zu bringen, sagte er sich wieder, daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei. In solchen Augenblicken richtete er die Augen möglichst scharf auf das Fenster, aber leider war aus dem Anblick des Morgennebels, der sogar die andere Seite der engen Straße verhüllte, wenig Zuversicht und Munterkeit zu holen. »Schon sieben Uhr«, sagte er sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers, »schon sieben Uhr und noch immer ein solcher Nebel.« Und ein Weilchen lang lag er ruhig mit schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von der völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse.

Dann aber sagte er sich: »Ehe es einviertel acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.« Und er machte sich nun daran, den Körper in seiner ganzen Länge vollständig gleichmäßig aus dem Bett hinauszuschaukeln. Wenn er sich auf diese Weise aus dem Bett fallen ließ, blieb der Kopf, den er beim Fall scharf heben wollte, voraussichtlich unverletzt. Der Rücken schien hart zu sein; dem würde wohl bei dem Fall auf den Teppich nichts geschehen. Das größte Bedenken machte ihm die Rücksicht auf den lauten Krach, den es geben müßte und der wahrscheinlich hinter allen Türen wenn nicht Schrecken, so doch Besorgnisse erregen würde. Das mußte aber gewagt werden.

Als Gregor schon zur Hälfte aus dem Bette ragte – die neue Methode war mehr ein Spiel als eine Anstrengung, er brauchte immer nur ruckweise zu schaukeln –, fiel ihm ein, wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu Hilfe käme. Zwei starke Leute – er dachte an seinen Vater und das Dienstmädchen – hätten vollständig genügt; sie hätten ihre Arme nur unter seinen gewölbten Rücken schieben, ihn so aus dem Bett schälen, sich mit der Last niederbeugen und dann bloß vorsichtig dulden müssen, daß er den Überschwung auf dem Fußboden vollzog, wo dann die Beinchen hoffentlich einen Sinn bekommen würden. Nun, ganz abgesehen davon, daß die Türen versperrt waren, hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen? Trotz aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht unterdrücken.

Schon war er so weit, daß er bei stärkerem Schaukeln kaum das Gleichgewicht noch erhielt, und sehr bald mußte er sich nun endgültig entscheiden, denn es war in fünf Minuten einviertel acht, – als es an der Wohnungstür läutete. »Das ist jemand aus dem Geschäft«, sagte er sich und erstarrte fast, während seine Beinchen nur desto eiliger tanzten. Einen Augenblick blieb alles still. »Sie öffnen nicht«, sagte sich Gregor, befangen in irgendeiner unsinnigen Hoffnung. Aber dann ging natürlich wie immer das Dienstmädchen festen Schrittes zur Tür und öffnete. Gregor brauchte nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören und wußte schon, wer es war – der Prokurist selbst. Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht faßte? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen, ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenützt hatte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen – wenn überhaupt diese Fragerei nötig war –, mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte? Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett. Es gab einen lauten Schlag, aber ein eigentlicher Krach war es nicht. Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte, daher kam der nicht gar so auffallende dumpfe Klang. Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagen; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.

»Da drin ist etwas gefallen«, sagte der Prokurist im Nebenzimmer links. Gregor suchte sich vorzustellen, ob nicht auch einmal dem Prokuristen etwas Ähnliches passieren könnte, wie heute ihm; die Möglichkeit dessen mußte man doch eigentlich zugeben. Aber wie zur rohen Antwort auf diese Frage machte jetzt der Prokurist im Nebenzimmer ein paar bestimmte Schritte und ließ seine Lackstiefel knarren. Aus dem Nebenzimmer rechts flüsterte die Schwester, um Gregor zu verständigen: »Gregor, der Prokurist ist da.« – »Ich weiß«, sagte Gregor vor sich hin; aber so laut, daß es die Schwester hätte hören können, wagte er die Stimme nicht zu erheben.

»Gregor«, sagte nun der Vater aus dem Nebenzimmer links, »der Herr Prokurist ist gekommen und erkundigt sich, warum du nicht mit dem Frühzug weggefahren bist. Wir wissen nicht, was wir ihm sagen sollen. Übrigens will er auch mit dir persönlich sprechen. Also bitte mach die Tür auf. Er wird die Unordnung im Zimmer zu entschuldigen schon die Güte haben.« – »Guten Morgen, Herr Samsa«, rief der Prokurist freundlich dazwischen. »Ihm ist nicht wohl«, sagte die Mutter zum Prokuristen, während der Vater noch an der Tür redete, »ihm ist nicht wohl, glauben Sie mir, Herr Prokurist. Wie würde denn Gregor sonst einen Zug versäumen! Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon fast, daß er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause. Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn gleich sehen, bis Gregor aufmacht. Ich bin übrigens glücklich, daß Sie da sind, Herr Prokurist; wir allein hätten Gregor nicht dazu gebracht, die Tür zu öffnen; er ist so hartnäckig; und bestimmt ist ihm nicht wohl, trotzdem er es am Morgen geleugnet hat.« – »Ich komme gleich«, sagte Gregor langsam und bedächtig und rührte sich nicht, um kein Wort der Gespräche zu verlieren. »Anders, gnädige Frau, kann ich es mir auch nicht erklären«, sagte der Prokurist, »hoffentlich ist es nichts Ernstes. Wenn ich auch andererseits sagen muß, daß wir Geschäftsleute – wie man will, leider oder glücklicherweise – ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.« – »Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?« fragte der ungeduldige Vater und klopfte wiederum an die Tür. »Nein«, sagte Gregor. Im Nebenzimmer links trat eine peinliche Stille ein, im Nebenzimmer rechts begann die Schwester zu schluchzen.

Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl erst jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen sich anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen. Noch war Gregor hier und dachte nicht im geringsten daran, seine Familie zu verlassen. Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse. Aber wegen dieser kleinen Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde, konnte Gregor doch nicht gut sofort weggeschickt werden. Und Gregor schien es, daß es viel vernünftiger wäre, ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören. Aber es war eben die Ungewißheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.

»Herr Samsa«, rief nun der Prokurist mit erhobener Stimme, »was ist denn los? Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit ja und nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen – dies nur nebenbei erwähnt – Ihre geschäftlichen Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise. Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung. Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für Ihre Versäumnis an – sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso –, aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht, Ihnen das alles unter vier Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos meine Zeit versäumen lassen, weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihre Herren Eltern erfahren sollen. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben.«

»Aber Herr Prokurist«, rief Gregor außer sich und vergaß in der Aufregung alles andere, »ich mache ja sofort, augenblicklich auf. Ein leichtes Unwohlsein, ein Schwindelanfall, haben mich verhindert aufzustehen. Ich liege noch jetzt im Bett. Jetzt bin ich aber schon wieder ganz frisch. Eben steige ich aus dem Bett. Nur einen kleinen Augenblick Geduld! Es geht noch nicht so gut, wie ich dachte. Es ist mir aber schon wohl. Wie das nur einen Menschen so überfallen kann! Noch gestern abend war mir ganz gut, meine Eltern wissen es ja, oder besser, schon gestern abend hatte ich eine kleine Vorahnung. Man hätte es mir ansehen müssen. Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben immer, daß man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird. Herr Prokurist! Schonen Sie meine Eltern! Für alle die Vorwürfe, die Sie mir jetzt machen, ist ja kein Grund; man hat mir ja davon auch kein Wort gesagt. Sie haben vielleicht die letzten Aufträge, die ich geschickt habe, nicht gelesen. Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist; ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!«

Und während Gregor dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach, hatte er sich leicht, wohl infolge der im Bett bereits erlangten Übung, dem Kasten genähert und versuchte nun, an ihm sich aufzurichten. Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen lassen und mit dem Prokuristen sprechen; er war begierig zu erfahren, was die anderen, die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden. Würden sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich beeilte, um acht Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein. Zuerst glitt er nun einige Male von dem glatten Kasten ab, aber endlich gab er sich einen letzten Schwung und stand aufrecht da; auf die Schmerzen im Unterleib achtete er gar nicht mehr, so sehr sie auch brannten. Nun ließ er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Stuhles fallen, an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt. Damit hatte er aber auch die Herrschaft über sich erlangt und verstummte, denn nun konnte er den Prokuristen anhören.

»Haben Sie auch nur ein Wort verstanden?« fragte der Prokurist die Eltern, »er macht sich doch wohl nicht einen Narren aus uns?« – »Um Gottes willen«, rief die Mutter schon unter Weinen, »er ist vielleicht schwer krank, und wir quälen ihn. Grete! Grete!« schrie sie dann. »Mutter?« rief die Schwester von der anderen Seite. Sie verständigten sich durch Gregors Zimmer. »Du mußt augenblicklich zum Arzt. Gregor ist krank. Rasch um den Arzt. Hast du Gregor jetzt reden hören?« – »Das war eine Tierstimme«, sagte der Prokurist, auffallend leise gegenüber dem Schreien der Mutter. »Anna! Anna!« rief der Vater durch das Vorzimmer in die Küche und klatschte in die Hände, »sofort einen Schlosser holen!« Und schon liefen die zwei Mädchen mit rauschenden Röcken durch das Vorzimmer – wie hatte sich die Schwester denn so schnell angezogen? – und rissen die Wohnungstüre auf. Man hörte gar nicht die Türe zuschlagen; sie hatten sie wohl offen gelassen, wie es in Wohnungen zu sein pflegt, in denen ein großes Unglück geschehen ist.

Gregor war aber viel ruhiger geworden. Man verstand zwar also seine Worte nicht mehr, trotzdem sie ihm genug klar, klarer als früher, vorgekommen waren, vielleicht infolge der Gewöhnung des Ohres. Aber immerhin glaubte man nun schon daran, daß es mit ihm nicht ganz in Ordnung war, und war bereit, ihm zu helfen. Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen. Um für die sich nähernden entscheidenden Besprechungen eine möglichst klare Stimme zu bekommen, hustete er ein wenig ab, allerdings bemüht, dies ganz gedämpft zu tun, da möglicherweise auch schon dieses Geräusch anders als menschlicher Husten klang, was er selbst zu entscheiden sich nicht mehr getraute. Im Nebenzimmer war es inzwischen ganz still geworden. Vielleicht saßen die Eltern mit dem Prokuristen beim Tisch und tuschelten, vielleicht lehnten alle an der Türe und horchten.

Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los, warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht – die Ballen seiner Beinchen hatten ein wenig Klebstoff – und ruhte sich dort einen Augenblick lang von der Anstrengung aus. Dann aber machte er sich daran, mit dem Mund den Schlüssel im Schloß umzudrehen. Es schien leider, daß er keine eigentlichen Zähne hatte, – womit sollte er gleich den Schlüssel fassen? – aber dafür waren die Kiefer freilich sehr stark; mit ihrer Hilfe brachte er auch wirklich den Schlüssel in Bewegung und achtete nicht darauf, daß er sich zweifellos irgendeinen Schaden zufügte, denn eine braune Flüssigkeit kam ihm aus dem Mund, floß über den Schlüssel und tropfte auf den Boden. »Hören Sie nur«, sagte der Prokurist im Nebenzimmer, »er dreht den Schlüssel um.« Das war für Gregor eine große Aufmunterung; aber alle hätten ihm zurufen sollen, auch der Vater und die Mutter: »Frisch, Gregor«, hätten sie rufen sollen, »immer nur heran, fest an das Schloß heran!« Und in der Vorstellung, daß alle seine Bemühungen mit Spannung verfolgten, verbiß er sich mit allem, was er an Kraft aufbringen konnte, besinnungslos in den Schlüssel. Je nach dem Fortschreiten der Drehung des Schlüssels umtanzte er das Schloß; hielt sich jetzt nur noch mit dem Munde aufrecht, und je nach Bedarf hing er sich an den Schlüssel oder drückte ihn dann wieder nieder mit der ganzen Last seines Körpers. Der hellere Klang des endlich zurückschnappenden Schlosses erweckte Gregor förmlich. Aufatmend sagte er sich: »Ich habe also den Schlosser nicht gebraucht«, und legte den Kopf auf die Klinke, um die Türe gänzlich zu öffnen.

Da er die Türe auf diese Weise öffnen mußte, war sie eigentlich schon recht weit geöffnet, und er selbst noch nicht zu sehen. Er mußte sich erst langsam um den einen Türflügel herumdrehen, und zwar sehr vorsichtig, wenn er nicht gerade vor dem Eintritt ins Zimmer plump auf den Rücken fallen wollte. Er war noch mit jener schwierigen Bewegung beschäftigt und hatte nicht Zeit, auf anderes zu achten, da hörte er schon den Prokuristen ein lautes »Oh!« ausstoßen – es klang, wie wenn der Wind saust – und nun sah er ihn auch, wie er, der der Nächste an der Türe war, die Hand gegen den offenen Mund drückte und langsam zurückwich, als vertreibe ihn eine unsichtbare, gleichmäßig fortwirkende Kraft. Die Mutter – sie stand hier trotz der Anwesenheit des Prokuristen mit von der Nacht her noch aufgelösten, hoch sich sträubenden Haaren – sah zuerst mit gefalteten Händen den Vater an, ging dann zwei Schritte zu Gregor hin und fiel inmitten ihrer rings um sie herum sich ausbreitenden Röcke nieder, das Gesicht ganz unauffindbar zu ihrer Brust gesenkt. Der Vater ballte mit feindseligem Ausdruck die Faust, als wolle er Gregor in sein Zimmer zurückstoßen, sah sich dann unsicher im Wohnzimmer um, beschattete dann mit den Händen die Augen und weinte, daß sich seine mächtige Brust schüttelte.

Gregor trat nun gar nicht in das Zimmer, sondern lehnte sich von innen an den festgeriegelten Türflügel, so daß sein Leib nur zur Hälfte und darüber der seitlich geneigte Kopf zu sehen war, mit dem er zu den anderen hinüberlugte. Es war inzwischen viel heller geworden; klar stand auf der anderen Straßenseite ein Ausschnitt des gegenüberliegenden, endlosen, grau-schwarzen Hauses – es war ein Krankenhaus – mit seinen hart die Front durchbrechenden regelmäßigen Fenstern; der Regen fiel noch nieder, aber nur mit großen, einzeln sichtbaren und förmlich auch einzelnweise auf die Erde hinuntergeworfenen Tropfen. Das Frühstücksgeschirr stand in überreicher Zahl auf dem Tisch, denn für den Vater war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, die er bei der Lektüre verschiedener Zeitungen stundenlang hinzog. Gerade an der gegenüber liegenden Wand hing eine Photographie Gregors aus seiner Militärzeit, die ihn als Leutnant darstellte, wie er, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform verlangte. Die Tür zum Vorzimmer war geöffnet, und man sah, da auch die Wohnungstür offen war, auf den Vorplatz der Wohnung hinaus und auf den Beginn der abwärts führenden Treppe.

»Nun«, sagte Gregor und war sich dessen wohl bewußt, daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte, »ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren. Wollt Ihr, wollt Ihr mich wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr Prokurist? Ins Geschäft? Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten? Man kann im Augenblick unfähig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut. Andererseits habe ich die Sorge um meine Eltern und die Schwester. Ich bin in der Klemme, ich werde mich aber auch wieder herausarbeiten. Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben. Man hat eben keine besondere Veranlassung, dieses Vorurteil besser zu durchdenken. Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Überblick über die Verhältnisse, als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick, als der Herr Chef selbst, der in seiner Eigenschaft als Unternehmer sich in seinem Urteil leicht zu Ungunsten eines Angestellten beirren läßt. Sie wissen auch sehr wohl, daß der Reisende, der fast das ganze Jahr außerhalb des Geschäftes ist, so leicht ein Opfer von Klatschereien, Zufälligkeiten und grundlosen Beschwerden werden kann, gegen die sich zu wehren ihm ganz unmöglich ist, da er von ihnen meistens gar nichts erfährt und nur dann, wenn er erschöpft eine Reise beendet hat, zu Hause die schlimmen, auf ihre Ursachen hin nicht mehr zu durchschauenden Folgen am eigenen Leibe zu spüren bekommt. Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!«

Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede stand er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den Augen zu lassen, gegen die Tür, aber ganz allmählich, als bestehe ein geheimes Verbot, das Zimmer zu verlassen. Schon war er im Vorzimmer, und nach der plötzlichen Bewegung, mit der er zum letztenmal den Fuß aus dem Wohnzimmer zog, hätte man glauben können, er habe sich soeben die Sohle verbrannt. Im Vorzimmer aber streckte er die rechte Hand weit von sich zur Treppe hin, als warte dort auf ihn eine geradezu überirdische Erlösung.

Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollte. Die Eltern verstanden das alles nicht so gut; sie hatten sich in den langen Jahren die Überzeugung gebildet, daß Gregor in diesem Geschäft für sein Leben versorgt war, und hatten außerdem jetzt mit den augenblicklichen Sorgen so viel zu tun, daß ihnen jede Voraussicht abhanden gekommen war. Aber Gregor hatte diese Voraussicht. Der Prokurist mußte gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab! Wäre doch die Schwester hier gewesen! Sie war klug; sie hatte schon geweint, als Gregor noch ruhig auf dem Rücken lag. Und gewiß hätte der Prokurist, dieser Damenfreund, sich von ihr lenken lassen; sie hätte die Wohnungstür zugemacht und ihm im Vorzimmer den Schrecken ausgeredet. Aber die Schwester war eben nicht da, Gregor selbst mußte handeln. Und ohne daran zu denken, daß er seine gegenwärtigen Fähigkeiten, sich zu bewegen, noch gar nicht kannte, ohne auch daran zu denken, daß seine Rede möglicher- ja wahrscheinlicherweise wieder nicht verstanden worden war, verließ er den Türflügel; schob sich durch die Öffnung; wollte zum Prokuristen hingehen, der sich schon am Geländer des Vorplatzes lächerlicherweise mit beiden Händen festhielt; fiel aber sofort, nach einem Halt suchend, mit einem kleinen Schrei auf seine vielen Beinchen nieder. Kaum war das geschehen, fühlte er zum erstenmal an diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen; die Beinchen hatten festen Boden unter sich; sie gehorchten vollkommen, wie er zu seiner Freude merkte; strebten sogar darnach, ihn fortzutragen, wohin er wollte; und schon glaubte er, die endgültige Besserung alles Leidens stehe unmittelbar bevor. Aber im gleichen Augenblick, als er da schaukelnd vor verhaltener Bewegung, gar nicht weit von seiner Mutter entfernt, ihr gerade gegenüber auf dem Boden lag, sprang diese, die doch so ganz in sich versunken schien, mit einem Male in die Höhe, die Arme weit ausgestreckt, die Finger gespreizt, rief: »Hilfe, um Gottes willen Hilfe!«, hielt den Kopf geneigt, als wolle sie Gregor besser sehen, lief aber, im Widerspruch dazu, sinnlos zurück; hatte vergessen, daß hinter ihr der gedeckte Tisch stand; setzte sich, als sie bei ihm angekommen war, wie in Zerstreutheit, eilig auf ihn; und schien gar nicht zu merken, daß neben ihr aus der umgeworfenen großen Kanne der Kaffee in vollem Strome auf den Teppich sich ergoß.

»Mutter, Mutter«, sagte Gregor leise, und sah zu ihr hinauf. Der Prokurist war ihm für einen Augenblick ganz aus dem Sinn gekommen; dagegen konnte er sich nicht versagen, im Anblick des fließenden Kaffees mehrmals mit den Kiefern ins Leere zu schnappen. Darüber schrie die Mutter neuerdings auf, flüchtete vom Tisch und fiel dem ihr entgegeneilenden Vater in die Arme. Aber Gregor hatte jetzt keine Zeit für seine Eltern; der Prokurist war schon auf der Treppe; das Kinn auf dem Geländer, sah er noch zum letzten Male zurück. Gregor nahm einen Anlauf, um ihn möglichst sicher einzuholen; der Prokurist mußte etwas ahnen, denn er machte einen Sprung über mehrere Stufen und verschwand; »Huh!« aber schrie er noch, es klang durchs ganze Treppenhaus. Leider schien nun auch diese Flucht des Prokuristen den Vater, der bisher verhältnismäßig gefaßt gewesen war, völlig zu verwirren, denn statt selbst dem Prokuristen nachzulaufen oder wenigstens Gregor in der Verfolgung nicht zu hindern, packte er mit der Rechten den Stock des Prokuristen, den dieser mit Hut und Überzieher auf einem Sessel zurückgelassen hatte, holte mit der Linken eine große Zeitung vom Tisch und machte sich unter Füßestampfen daran, Gregor durch Schwenken des Stockes und der Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Kein Bitten Gregors half, kein Bitten wurde auch verstanden, er mochte den Kopf noch so demütig drehen, der Vater stampfte nur stärker mit den Füßen. Drüben hatte die Mutter trotz des kühlen Wetters ein Fenster aufgerissen, und hinausgelehnt drückte sie ihr Gesicht weit außerhalb des Fensters in ihre Hände. Zwischen Gasse und Treppenhaus entstand eine starke Zugluft, die Fenstervorhänge flogen auf, die Zeitungen auf dem Tische rauschten, einzelne Blätter wehten über den Boden hin. Unerbittlich drängte der Vater und stieß Zischlaute aus, wie ein Wilder. Nun hatte aber Gregor noch gar keine Übung im Rückwärtsgehen, es ging wirklich sehr langsam. Wenn sich Gregor nur hätte umdrehen dürfen, er wäre gleich in seinem Zimmer gewesen, aber er fürchtete sich, den Vater durch die zeitraubende Umdrehung ungeduldig zu machen, und jeden Augenblick drohte ihm doch von dem Stock in des Vaters Hand der tödliche Schlag auf den Rücken oder auf den Kopf. Endlich aber blieb Gregor doch nichts anderes übrig, denn er merkte mit Entsetzen, daß er im Rückwärtsgehen nicht einmal die Richtung einzuhalten verstand; und so begann er, unter unaufhörlichen ängstlichen Seitenblicken nach dem Vater, sich nach Möglichkeit rasch, in Wirklichkeit aber doch nur sehr langsam umzudrehen. Vielleicht merkte der Vater seinen guten Willen, denn er störte ihn hierbei nicht, sondern dirigierte sogar hie und da die Drehbewegung von der Ferne mit der Spitze seines Stockes. Wenn nur nicht dieses unerträgliche Zischen des Vaters gewesen wäre! Gregor verlor darüber ganz den Kopf. Er war schon fast ganz umgedreht, als er sich, immer auf dieses Zischen horchend, sogar irrte und sich wieder ein Stück zurückdrehte. Als er aber endlich glücklich mit dem Kopf vor der Türöffnung war, zeigte es sich, daß sein Körper zu breit war, um ohne weiteres durchzukommen. Dem Vater fiel es natürlich in seiner gegenwärtigen Verfassung auch nicht entfernt ein, etwa den anderen Türflügel zu öffnen, um für Gregor einen genügenden Durchgang zu schaffen. Seine fixe Idee war bloß, daß Gregor so rasch als möglich in sein Zimmer müsse. Niemals hätte er auch die umständlichen Vorbereitungen gestattet, die Gregor brauchte, um sich aufzurichten und vielleicht auf diese Weise durch die Tür zu kommen. Vielmehr trieb er, als gäbe es kein Hindernis, Gregor jetzt unter besonderem Lärm vorwärts; es klang schon hinter Gregor gar nicht mehr wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß mehr, und Gregor drängte sich – geschehe was wolle – in die Tür. Die eine Seite seines Körpers hob sich, er lag schief in der Türöffnung, seine eine Flanke war ganz wundgerieben, an der weißen Tür blieben häßliche Flecken, bald steckte er fest und hätte sich allein nicht mehr rühren können, die Beinchen auf der einen Seite hingen zitternd oben in der Luft, die auf der anderen waren schmerzhaft zu Boden gedrückt – da gab ihm der Vater von hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog, heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem Stock zugeschlagen, dann war es endlich still.

II.

Erst in der Abenddämmerung erwachte Gregor aus seinem schweren, ohnmachtsähnlichen Schlaf. Er wäre gewiß nicht viel später auch ohne Störung erwacht, denn er fühlte sich genügend ausgeruht und ausgeschlafen, doch schien es ihm, als hätte ihn ein flüchtiger Schritt und ein vorsichtiges Schließen der zum Vorzimmer führenden Tür geweckt. Der Schein der elektrischen Straßenlampen lag bleich hier und da auf der Zimmerdecke und auf den höheren Teilen der Möbel, aber unten bei Gregor war es finster. Langsam schob er sich, noch ungeschickt mit seinen Fühlern tastend, die er erst jetzt schätzen lernte, zur Türe hin, um nachzusehen, was dort geschehen war. Seine linke Seite schien eine einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der vormittägigen Vorfälle schwer verletzt worden – es war fast ein Wunder, daß nur eines verletzt worden war – und schleppte leblos nach.

Erst bei der Tür merkte er, was ihn dorthin eigentlich gelockt hatte; es war der Geruch von etwas Eßbarem gewesen. Denn dort stand ein Napf mit süßer Milch gefüllt, in der kleine Schnitten von Weißbrot schwammen. Fast hätte er vor Freude gelacht, denn er hatte noch größeren Hunger, als am Morgen, und gleich tauchte er seinen Kopf fast bis über die Augen in die Milch hinein. Aber bald zog er ihn enttäuscht wieder zurück; nicht nur, daß ihm das Essen wegen seiner heiklen linken Seite Schwierigkeiten machte – und er konnte nur essen, wenn der ganze Körper schnaufend mitarbeitete –, so schmeckte ihm überdies die Milch, die sonst sein Lieblingsgetränk war, und die ihm gewiß die Schwester deshalb hereingestellt hatte, gar nicht, ja er wandte sich fast mit Widerwillen von dem Napf ab und kroch in die Zimmermitte zurück.

Im Wohnzimmer war, wie Gregor durch die Türspalte sah, das Gas angezündet, aber während sonst zu dieser Tageszeit der Vater seine nachmittags erscheinende Zeitung der Mutter und manchmal auch der Schwester mit erhobener Stimme vorzulesen pflegte, hörte man jetzt keinen Laut. Nun vielleicht war dieses Vorlesen, von dem ihm die Schwester immer erzählte und schrieb, in der letzten Zeit überhaupt aus der Übung gekommen. Aber auch ringsherum war es so still, trotzdem doch gewiß die Wohnung nicht leer war. »Was für ein stilles Leben die Familie doch führte«, sagte sich Gregor und fühlte, während er starr vor sich ins Dunkle sah, einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollte? Um sich nicht in solche Gedanken zu verlieren, setzte sich Gregor lieber in Bewegung und kroch im Zimmer auf und ab.

Einmal während des langen Abends wurde die eine Seitentüre und einmal die andere bis zu einer kleinen Spalte geöffnet und rasch wieder geschlossen; jemand hatte wohl das Bedürfnis hereinzukommen, aber auch wieder zuviele Bedenken. Gregor machte nun unmittelbar bei der Wohnzimmertür halt, entschlossen, den zögernden Besucher doch irgendwie hereinzubringen oder doch wenigstens zu erfahren, wer es sei; aber nun wurde die Tür nicht mehr geöffnet und Gregor wartete vergebens. Früh, als die Türen versperrt waren, hatten alle zu ihm hereinkommen wollen, jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte und die anderen offenbar während des Tages geöffnet worden waren, kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.

Spät erst in der Nacht wurde das Licht im Wohnzimmer ausgelöscht, und nun war leicht festzustellen, daß die Eltern und die Schwester so lange wachgeblieben waren, denn wie man genau hören konnte, entfernten sich jetzt alle drei auf den Fußspitzen. Nun kam gewiß bis zum Morgen niemand mehr zu Gregor herein; er hatte also eine lange Zeit, um ungestört zu überlegen, wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte. Aber das hohe freie Zimmer, in dem er gezwungen war, flach auf dem Boden zu liegen, ängstigte ihn, ohne daß er die Ursache herausfinden konnte, denn es war ja sein seit fünf Jahren von ihm bewohntes Zimmer – und mit einer halb unbewußten Wendung und nicht ohne eine leichte Scham eilte er unter das Kanapee, wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig unter dem Kanapee untergebracht zu werden.

Dort blieb er die ganze Nacht, die er zum Teil im Halbschlaf, aus dem ihn der Hunger immer wieder aufschreckte, verbrachte, zum Teil aber in Sorgen und undeutlichen Hoffnungen, die aber alle zu dem Schlusse führten, daß er sich vorläufig ruhig verhalten und durch Geduld und größte Rücksichtnahme der Familie die Unannehmlichkeiten erträglich machen müsse, die er ihr in seinem gegenwärtigen Zustand nun einmal zu verursachen gezwungen war.

Schon am frühen Morgen, es war fast noch Nacht, hatte Gregor Gelegenheit, die Kraft seiner eben gefaßten Entschlüsse zu prüfen, denn vom Vorzimmer her öffnete die Schwester, fast völlig angezogen, die Tür und sah mit Spannung herein. Sie fand ihn nicht gleich, aber als sie ihn unter dem Kanapee bemerkte – Gott, er mußte doch irgendwo sein, er hatte doch nicht wegfliegen können –, erschrak sie so sehr, daß sie, ohne sich beherrschen zu können, die Tür von außen wieder zuschlug. Aber als bereue sie ihr Benehmen, öffnete sie die Tür sofort wieder und trat, als sei sie bei einem Schwerkranken oder gar bei einem Fremden, auf den Fußspitzen herein. Gregor hatte den Kopf bis knapp zum Rande des Kanapees vorgeschoben und beobachtete sie. Ob sie wohl bemerken würde, daß er die Milch stehen gelassen hatte, und zwar keineswegs aus Mangel an Hunger, und ob sie eine andere Speise hereinbringen würde, die ihm besser entsprach? Täte sie es nicht von selbst, er wollte lieber verhungern, als sie darauf aufmerksam machen, trotzdem es ihn eigentlich ungeheuer drängte, unterm Kanapee vorzuschießen, sich der Schwester zu Füßen zu werfen und sie um irgend etwas Gutes zum Essen zu bitten. Aber die Schwester bemerkte sofort mit Verwunderung den noch vollen Napf, aus dem nur ein wenig Milch ringsherum verschüttet war, sie hob ihn gleich auf, zwar nicht mit den bloßen Händen, sondern mit einem Fetzen, und trug ihn hinaus. Gregor war äußerst neugierig, was sie zum Ersatze bringen würde, und er machte sich die verschiedensten Gedanken darüber. Niemals aber hätte er erraten können, was die Schwester in ihrer Güte wirklich tat. Sie brachte ihm, um seinen Geschmack zu prüfen, eine ganze Auswahl, alles auf einer alten Zeitung ausgebreitet. Da war altes halbverfaultes Gemüse; Knochen vom Nachtmahl her, die von festgewordener weißer Sauce umgeben waren; ein paar Rosinen und Mandeln; ein Käse, den Gregor vor zwei Tagen für ungenießbar erklärt hatte; ein trockenes Brot, ein mit Butter beschmiertes Brot und ein mit Butter beschmiertes und gesalzenes Brot. Außerdem stellte sie zu dem allen noch den wahrscheinlich ein für allemal für Gregor bestimmten Napf, in den sie Wasser gegossen hatte. Und aus Zartgefühl, da sie wußte, daß Gregor vor ihr nicht essen würde, entfernte sie sich eiligst und drehte sogar den Schlüssel um, damit nur Gregor merken könne, daß er es sich so behaglich machen dürfe, wie er wolle. Gregors Beinchen schwirrten, als es jetzt zum Essen ging. Seine Wunden mußten übrigens auch schon vollständig geheilt sein, er fühlte keine Behinderung mehr, er staunte darüber und dachte daran, wie er vor mehr als einem Monat sich mit dem Messer ganz wenig in den Finger geschnitten, und wie ihm diese Wunde noch vorgestern genug weh getan hatte. »Sollte ich jetzt weniger Feingefühl haben?« dachte er und saugte schon gierig an dem Käse, zu dem es ihn vor allen anderen Speisen sofort und nachdrücklich gezogen hatte. Rasch hintereinander und mit vor Befriedigung tränenden Augen verzehrte er den Käse, das Gemüse und die Sauce; die frischen Speisen dagegen schmeckten ihm nicht, er konnte nicht einmal ihren Geruch vertragen und schleppte sogar die Sachen, die er essen wollte, ein Stückchen weiter weg. Er war schon längst mit allem fertig und lag nur noch faul auf der gleichen Stelle, als die Schwester zum Zeichen, daß er sich zurückziehen solle, langsam den Schlüssel umdrehte. Das schreckte ihn sofort auf, trotzdem er schon fast schlummerte, und er eilte wieder unter das Kanapee. Aber es kostete ihn große Selbstüberwindung, auch nur die kurze Zeit, während welcher die Schwester im Zimmer war, unter dem Kanapee zu bleiben, denn von dem reichlichen Essen hatte sich sein Leib ein wenig gerundet und er konnte dort in der Enge kaum atmen. Unter kleinen Erstickungsanfällen sah er mit etwas hervorgequollenen Augen zu, wie die nichtsahnende Schwester mit einem Besen nicht nur die Überbleibsel zusammenkehrte, sondern selbst die von Gregor gar nicht berührten Speisen, als seien also auch diese nicht mehr zu gebrauchen, und wie sie alles hastig in einen Kübel schüttete, den sie mit einem Holzdeckel schloß, worauf sie alles hinaustrug. Kaum hatte sie sich umgedreht, zog sich schon Gregor unter dem Kanapee hervor und streckte und blähte sich.

Auf diese Weise bekam nun Gregor täglich sein Essen, einmal am Morgen, wenn die Eltern und das Dienstmädchen noch schliefen, das zweitemal nach dem allgemeinen Mittagessen, denn dann schliefen die Eltern gleichfalls noch ein Weilchen, und das Dienstmädchen wurde von der Schwester mit irgendeiner Besorgung weggeschickt. Gewiß wollten auch sie nicht, daß Gregor verhungere, aber vielleicht hätten sie es nicht ertragen können, von seinem Essen mehr als durch Hörensagen zu erfahren, vielleicht wollte die Schwester ihnen auch eine möglicherweise nur kleine Trauer ersparen, denn tatsächlich litten sie ja gerade genug.

Mit welchen Ausreden man an jenem ersten Vormittag den Arzt und den Schlosser wieder aus der Wohnung geschafft hatte, konnte Gregor gar nicht erfahren, denn da er nicht verstanden wurde, dachte niemand daran, auch die Schwester nicht, daß er die Anderen verstehen könne, und so mußte er sich, wenn die Schwester in seinem Zimmer war, damit begnügen, nur hier und da ihre Seufzer und Anrufe der Heiligen zu hören. Erst später, als sie sich ein wenig an alles gewöhnt hatte – von vollständiger Gewöhnung konnte natürlich niemals die Rede sein –, erhaschte Gregor manchmal eine Bemerkung, die freundlich gemeint war oder so gedeutet werden konnte. »Heute hat es ihm aber geschmeckt«, sagte sie, wenn Gregor unter dem Essen tüchtig aufgeräumt hatte, während sie im gegenteiligen Fall, der sich allmählich immer häufiger wiederholte, fast traurig zu sagen pflegte: »Nun ist wieder alles stehengeblieben.«

Während aber Gregor unmittelbar keine Neuigkeit erfahren konnte, erhorchte er manches aus den Nebenzimmern, und wo er nur einmal Stimmen hörte, lief er gleich zu der betreffenden Tür und drückte sich mit ganzem Leib an sie. Besonders in der ersten Zeit gab es kein Gespräch, das nicht irgendwie, wenn auch nur im geheimen, von ihm handelte. Zwei Tage lang waren bei allen Mahlzeiten Beratungen darüber zu hören, wie man sich jetzt verhalten solle; aber auch zwischen den Mahlzeiten sprach man über das gleiche Thema, denn immer waren zumindest zwei Familienmitglieder zu Hause, da wohl niemand allein zu Hause bleiben wollte und man die Wohnung doch auf keinen Fall gänzlich verlassen konnte. Auch hatte das Dienstmädchen gleich am ersten Tag – es war nicht ganz klar, was und wieviel sie von dem Vorgefallenen wußte – kniefällig die Mutter gebeten, sie sofort zu entlassen, und als sie sich eine Viertelstunde danach verabschiedete, dankte sie für die Entlassung unter Tränen, wie für die größte Wohltat, die man ihr hier erwiesen hatte, und gab, ohne daß man es von ihr verlangte, einen fürchterlichen Schwur ab, niemandem auch nur das Geringste zu verraten.

Nun mußte die Schwester im Verein mit der Mutter auch kochen; allerdings machte das nicht viel Mühe, denn man aß fast nichts. Immer wieder hörte Gregor, wie der eine den anderen vergebens zum Essen aufforderte und keine andere Antwort bekam, als: »Danke, ich habe genug« oder etwas Ähnliches. Getrunken wurde vielleicht auch nichts. Öfters fragte die Schwester den Vater, ob er Bier haben wolle, und herzlich erbot sie sich, es selbst zu holen, und als der Vater schwieg, sagte sie, um ihm jedes Bedenken zu nehmen, sie könne auch die Hausmeisterin darum schicken, aber dann sagte der Vater schließlich ein großes »Nein«, und es wurde nicht mehr davon gesprochen.

Schon im Laufe des ersten Tages legte der Vater die ganzen Vermögensverhältnisse und Aussichten sowohl der Mutter, als auch der Schwester dar. Hie und da stand er vom Tische auf und holte aus seiner kleinen Wertheimkassa, die er aus dem vor fünf Jahren erfolgten Zusammenbruch seines Geschäftes gerettet hatte, irgendeinen Beleg oder irgendein Vormerkbuch. Man hörte, wie er das komplizierte Schloß aufsperrte und nach Entnahme des Gesuchten wieder verschloß. Diese Erklärungen des Vaters waren zum Teil das erste Erfreuliche, was Gregor seit seiner Gefangenschaft zu hören bekam. Er war der Meinung gewesen, daß dem Vater von jenem Geschäft her nicht das Geringste übriggeblieben war, zumindest hatte ihm der Vater nichts Gegenteiliges gesagt, und Gregor allerdings hatte ihn auch nicht darum gefragt. Gregors Sorge war damals nur gewesen, alles daranzusetzen, um die Familie das geschäftliche Unglück, das alle in eine vollständige Hoffnungslosigkeit gebracht hatte, möglichst rasch vergessen zu lassen. Und so hatte er damals mit ganz besonderem Feuer zu arbeiten angefangen und war fast über Nacht aus einem kleinen Kommis ein Reisender geworden, der natürlich ganz andere Möglichkeiten des Geldverdienens hatte, und dessen Arbeitserfolge sich sofort in Form der Provision zu Bargeld verwandelten, das der erstaunten und beglückten Familie zu Hause auf den Tisch gelegt werden konnte. Es waren schöne Zeiten gewesen, und niemals nachher hatten sie sich, wenigstens in diesem Glanze, wiederholt, trotzdem Gregor später so viel Geld verdiente, daß er den Aufwand der ganzen Familie zu tragen imstande war und auch trug. Man hatte sich eben daran gewöhnt, sowohl die Familie, als auch Gregor, man nahm das Geld dankbar an, er lieferte es gern ab, aber eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben. Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben, und es war sein geheimer Plan, sie, die zum Unterschied von Gregor Musik sehr liebte und rührend Violine zu spielen verstand, nächstes Jahr, ohne Rücksicht auf die großen Kosten, die das verursachen mußte, und die man schon auf andere Weise hereinbringen würde, auf das Konservatorium zu schicken. Öfters während der kurzen Aufenthalte Gregors in der Stadt wurde in den Gesprächen mit der Schwester das Konservatorium erwähnt, aber immer nur als schöner Traum, an dessen Verwirklichung nicht zu denken war, und die Eltern hörten nicht einmal diese unschuldigen Erwähnungen gern; aber Gregor dachte sehr bestimmt daran und beabsichtigte, es am Weihnachtsabend feierlich zu erklären.

Solche in seinem gegenwärtigen Zustand ganz nutzlose Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er dort aufrecht an der Türe klebte und horchte. Manchmal konnte er vor allgemeiner Müdigkeit gar nicht mehr zuhören und ließ den Kopf nachlässig gegen die Tür schlagen, hielt ihn aber sofort wieder fest, denn selbst das kleine Geräusch, das er damit verursacht hatte, war nebenan gehört worden und hatte alle verstummen lassen. »Was er nur wieder treibt«, sagte der Vater nach einer Weile, offenbar zur Türe hingewendet, und dann erst wurde das unterbrochene Gespräch allmählich wieder aufgenommen.

Gregor erfuhr nun zur Genüge – denn der Vater pflegte sich in seinen Erklärungen öfters zu wiederholen, teils, weil er selbst sich mit diesen Dingen schon lange nicht beschäftigt hatte, teils auch, weil die Mutter nicht alles gleich beim erstenmal verstand –, daß trotz allen Unglücks ein allerdings ganz kleines Vermögen aus der alten Zeit noch vorhanden war, das die nicht angerührten Zinsen in der Zwischenzeit ein wenig hatten anwachsen lassen. Außerdem aber war das Geld, das Gregor allmonatlich nach Hause gebracht hatte – er selbst hatte nur ein paar Gulden für sich behalten –, nicht vollständig aufgebraucht worden und hatte sich zu einem kleinen Kapital angesammelt. Gregor, hinter seiner Türe, nickte eifrig, erfreut über diese unerwartete Vorsicht und Sparsamkeit. Eigentlich hätte er ja mit diesen überschüssigen Geldern die Schuld des Vaters gegenüber dem Chef weiter abgetragen haben können, und jener Tag, an dem er diesen Posten hätte loswerden können, wäre weit näher gewesen, aber jetzt war es zweifellos besser so, wie es der Vater eingerichtet hatte.

Nun genügte dieses Geld aber ganz und gar nicht, um die Familie etwa von den Zinsen leben zu lassen; es genügte vielleicht, um die Familie ein, höchstens zwei Jahre zu erhalten, mehr war es nicht. Es war also bloß eine Summe, die man eigentlich nicht angreifen durfte, und die für den Notfall zurückgelegt werden mußte; das Geld zum Leben aber mußte man verdienen. Nun war aber der Vater ein zwar gesunder, aber alter Mann, der schon fünf Jahre nichts gearbeitet hatte und sich jedenfalls nicht viel zutrauen durfte; er hatte in diesen fünf Jahren, welche die ersten Ferien seines mühevollen und doch erfolglosen Lebens waren, viel Fett angesetzt und war dadurch recht schwerfällig geworden. Und die alte Mutter sollte nun vielleicht Geld verdienen, die an Asthma litt, der eine Wanderung durch die Wohnung schon Anstrengung verursachte, und die jeden zweiten Tag in Atembeschwerden auf dem Sofa beim offenen Fenster verbrachte? Und die Schwester sollte Geld verdienen, die noch ein Kind war mit ihren siebzehn Jahren, und der ihre bisherige Lebensweise so sehr zu gönnen war, die daraus bestanden hatte, sich nett zu kleiden, lange zu schlafen, in der Wirtschaft mitzuhelfen, an ein paar bescheidenen Vergnügungen sich zu beteiligen und vor allem Violine zu spielen? Wenn die Rede auf diese Notwendigkeit des Geldverdienens kam, ließ zuerst immer Gregor die Türe los und warf sich auf das neben der Tür befindliche kühle Ledersofa, denn ihm war ganz heiß vor Beschämung und Trauer.

Oft lag er dort die ganzen langen Nächte über, schlief keinen Augenblick und scharrte nur stundenlang auf dem Leder. Oder er scheute nicht die große Mühe, einen Sessel zum Fenster zu schieben, dann die Fensterbrüstung hinaufzukriechen und, in den Sessel gestemmt, sich ans Fenster zu lehnen, offenbar nur in irgendeiner Erinnerung an das Befreiende, das früher für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen. Denn tatsächlich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein wenig entfernten Dinge immer undeutlicher; das gegenüberliegende Krankenhaus, dessen nur allzu häufigen Anblick er früher verflucht hatte, bekam er überhaupt nicht mehr zu Gesicht, und wenn er nicht genau gewußt hätte, daß er in der stillen, aber völlig städtischen Charlottenstraße wohnte, hätte er glauben können, von seinem Fenster aus in eine Einöde zu schauen, in welcher der graue Himmel und die graue Erde ununterscheidbar sich vereinigten. Nur zweimal hatte die aufmerksame Schwester sehen müssen, daß der Sessel beim Fenster stand, als sie schon jedesmal, nachdem sie das Zimmer aufgeräumt hatte, den Sessel wieder genau zum Fenster hin schob, ja sogar von nun ab den inneren Fensterflügel offen ließ.

Hätte Gregor nur mit der Schwester sprechen und ihr für alles danken können, was sie für ihn machen mußte, er hätte ihre Dienste leichter ertragen; so aber litt er darunter. Die Schwester suchte freilich die Peinlichkeit des Ganzen möglichst zu verwischen, und je längere Zeit verging, desto besser gelang es ihr natürlich auch, aber auch Gregor durchschaute mit der Zeit alles viel genauer. Schon ihr Eintritt war für ihn schrecklich. Kaum war sie eingetreten, lief sie, ohne sich Zeit zu nehmen, die Türe zu schließen, so sehr sie sonst darauf achtete, jedem den Anblick von Gregors Zimmer zu ersparen, geradewegs zum Fenster und riß es, als ersticke sie fast, mit hastigen Händen auf, blieb auch, selbst wenn es noch so kalt war, ein Weilchen beim Fenster und atmete tief. Mit diesem Laufen und Lärmen erschreckte sie Gregor täglich zweimal; die ganze Zeit über zitterte er unter dem Kanapee und wußte doch sehr gut, daß sie ihn gewiß gerne damit verschont hätte, wenn es ihr nur möglich gewesen wäre, sich in einem Zimmer, in dem sich Gregor befand, bei geschlossenem Fenster aufzuhalten.

Einmal, es war wohl schon ein Monat seit Gregors Verwandlung vergangen, und es war doch schon für die Schwester kein besonderer Grund mehr, über Gregors Aussehen in Erstaunen zu geraten, kam sie ein wenig früher als sonst und traf Gregor noch an, wie er, unbeweglich und so recht zum Erschrecken aufgestellt, aus dem Fenster schaute. Es wäre für Gregor nicht unerwartet gewesen, wenn sie nicht eingetreten wäre, da er sie durch seine Stellung verhinderte, sofort das Fenster zu öffnen, aber sie trat nicht nur nicht ein, sie fuhr sogar zurück und schloß die Tür; ein Fremder hätte geradezu denken können, Gregor habe ihr aufgelauert und habe sie beißen wollen. Gregor versteckte sich natürlich sofort unter dem Kanapee, aber er mußte bis zum Mittag warten, ehe die Schwester wiederkam, und sie schien viel unruhiger als sonst. Er erkannte daraus, daß ihr sein Anblick noch immer unerträglich war und ihr auch weiterhin unerträglich bleiben müsse, und daß sie sich wohl sehr überwinden mußte, vor dem Anblick auch nur der kleinen Partie seines Körpers nicht davonzulaufen, mit der er unter dem Kanapee hervorragte. Um ihr auch diesen Anblick zu ersparen, trug er eines Tages auf seinem Rücken – er brauchte zu dieser Arbeit vier Stunden – das Leintuch auf das Kanapee und ordnete es in einer solchen Weise an, daß er nun gänzlich verdeckt war, und daß die Schwester, selbst wenn sie sich bückte, ihn nicht sehen konnte. Wäre dieses Leintuch ihrer Meinung nach nicht nötig gewesen, dann hätte sie es ja entfernen können, denn daß es nicht zum Vergnügen Gregors gehören konnte, sich so ganz und gar abzusperren, war doch klar genug, aber sie ließ das Leintuch, so wie es war, und Gregor glaubte sogar einen dankbaren Blick erhascht zu haben, als er einmal mit dem Kopf vorsichtig das Leintuch ein wenig lüftete, um nachzusehen, wie die Schwester die neue Einrichtung aufnahm.

In den ersten vierzehn Tagen konnten es die Eltern nicht über sich bringen, zu ihm hereinzukommen, und er hörte oft, wie sie die jetzige Arbeit der Schwester völlig anerkannten, während sie sich bisher häufig über die Schwester geärgert hatten, weil sie ihnen als ein etwas nutzloses Mädchen erschienen war. Nun aber warteten oft beide, der Vater und die Mutter, vor Gregors Zimmer, während die Schwester dort aufräumte, und kaum war sie herausgekommen mußte sie ganz genau erzählen, wie es in dem Zimmer aussah, was Gregor gegessen hatte, wie er sich diesmal benommen hatte, und ob vielleicht eine kleine Besserung zu bemerken war. Die Mutter übrigens wollte verhältnismäßig bald Gregor besuchen, aber der Vater und die Schwester hielten sie zuerst mit Vernunftgründen zurück, denen Gregor sehr aufmerksam zuhörte, und die er vollständig billigte. Später aber mußte man sie mit Gewalt zurückhalten, und wenn sie dann rief: »Laßt mich doch zu Gregor, er ist ja mein unglücklicher Sohn! Begreift ihr es denn nicht, daß ich zu ihm muß?«, dann dachte Gregor, daß es vielleicht doch gut wäre, wenn die Mutter hereinkäme, nicht jeden Tag natürlich, aber vielleicht einmal in der Woche; sie verstand doch alles viel besser als die Schwester, die trotz all ihrem Mute doch nur ein Kind war und im letzten Grunde vielleicht nur aus kindlichem Leichtsinn eine so schwere Aufgabe übernommen hatte.

Der Wunsch Gregors, die Mutter zu sehen, ging bald in Erfüllung. Während des Tages wollte Gregor schon aus Rücksicht auf seine Eltern sich nicht beim Fenster zeigen, kriechen konnte er aber auf den paar Quadratmetern des Fußbodens auch nicht viel, das ruhige Liegen ertrug er schon während der Nacht schwer, das Essen machte ihm bald nicht mehr das geringste Vergnügen, und so nahm er zur Zerstreuung die Gewohnheit an, kreuz und quer über Wände und Plafond zu kriechen. Besonders oben auf der Decke hing er gern; es war ganz anders, als das Liegen auf dem Fußboden; man atmete freier; ein leichtes Schwingen ging durch den Körper; und in der fast glücklichen Zerstreutheit, in der sich Gregor dort oben befand, konnte es geschehen, daß er zu seiner eigenen Überraschung sich losließ und auf den Boden klatschte. Aber nun hatte er natürlich seinen Körper ganz anders in der Gewalt als früher und beschädigte sich selbst bei einem so großen Falle nicht. Die Schwester nun bemerkte sofort die neue Unterhaltung, die Gregor für sich gefunden hatte – er hinterließ ja auch beim Kriechen hie und da Spuren seines Klebstoffes –, und da setzte sie es sich in den Kopf, Gregor das Kriechen in größtem Ausmaße zu ermöglichen und die Möbel, die es verhinderten, also vor allem den Kasten und den Schreibtisch, wegzuschaffen. Nun war sie aber nicht imstande, dies allein zu tun; den Vater wagte sie nicht um Hilfe zu bitten; das Dienstmädchen hätte ihr ganz gewiß nicht geholfen, denn dieses etwa sechzehnjährige Mädchen harrte zwar tapfer seit Entlassung der früheren Köchin aus, hatte aber um die Vergünstigung gebeten, die Küche unaufhörlich versperrt halten zu dürfen und nur auf besonderen Anruf öffnen zu müssen; so blieb der Schwester also nichts übrig, als einmal in Abwesenheit des Vaters die Mutter zu holen. Mit Ausrufen erregter Freude kam die Mutter auch heran, verstummte aber an der Tür vor Gregors Zimmer. Zuerst sah natürlich die Schwester nach, ob alles im Zimmer in Ordnung war; dann erst ließ sie die Mutter eintreten. Gregor hatte in größter Eile das Leintuch noch tiefer und mehr in Falten gezogen, das Ganze sah wirklich nur wie ein zufällig über das Kanapee geworfenes Leintuch aus. Gregor unterließ auch diesmal, unter dem Leintuch zu spionieren; er verzichtete darauf, die Mutter schon diesmal zu sehen, und war nur froh, daß sie nun doch gekommen war. »Komm nur, man sieht ihn nicht«, sagte die Schwester, und offenbar führte sie die Mutter an der Hand. Gregor hörte nun, wie die zwei schwachen Frauen den immerhin schweren alten Kasten von seinem Platze rückten, und wie die Schwester immerfort den größten Teil der Arbeit für sich beanspruchte, ohne auf die Warnungen der Mutter zu hören, welche fürchtete, daß sie sich überanstrengen werde. Es dauerte sehr lange. Wohl nach schon viertelstündiger Arbeit sagte die Mutter, man solle den Kasten doch lieber hier lassen, denn erstens sei er zu schwer, sie würden vor Ankunft des Vaters nicht fertig werden und mit dem Kasten in der Mitte des Zimmers Gregor jeden Weg verrammeln, zweitens aber sei es doch gar nicht sicher, daß Gregor mit der Entfernung der Möbel ein Gefallen geschehe. Ihr scheine das Gegenteil der Fall zu sein; ihr bedrücke der Anblick der leeren Wand geradezu das Herz; und warum solle nicht auch Gregor diese Empfindung haben, da er doch an die Zimmermöbel längst gewöhnt sei und sich deshalb im leeren Zimmer verlassen fühlen werde. »Und ist es dann nicht so«, schloß die Mutter ganz leise, wie sie überhaupt fast flüsterte, als wolle sie vermeiden, daß Gregor, dessen genauen Aufenthalt sie ja nicht kannte, auch nur den Klang der Stimme höre, denn daß er die Worte nicht verstand, davon war sie überzeugt, »und ist es nicht so, als ob wir durch die Entfernung der Möbel zeigten, daß wir jede Hoffnung auf Besserung aufgeben und ihn rücksichtslos sich selbst überlassen? Ich glaube, es wäre das beste, wir suchen das Zimmer genau in dem Zustand zu erhalten, in dem es früher war, damit Gregor, wenn er wieder zu uns zurückkommt, alles unverändert findet und umso leichter die Zwischenzeit vergessen kann.«

Beim Anhören dieser Worte der Mutter erkannte Gregor, daß der Mangel jeder unmittelbaren menschlichen Ansprache, verbunden mit dem einförmigen Leben inmitten der Familie, im Laufe dieser zwei Monate seinen Verstand hatte verwirren müssen, denn anders konnte er es sich nicht erklären, daß er ernsthaft darnach hatte verlangen können, daß sein Zimmer ausgeleert würde. Hatte er wirklich Lust, das warme, mit ererbten Möbeln gemütlich ausgestattete Zimmer in eine Höhle verwandeln zu lassen, in der er dann freilich nach allen Richtungen ungestört würde kriechen können, jedoch auch unter gleichzeitigem, schnellem, gänzlichem Vergessen seiner menschlichen Vergangenheit? War er doch jetzt schon nahe daran, zu vergessen, und nur die seit langem nicht gehörte Stimme der Mutter hatte ihn aufgerüttelt. Nichts sollte entfernt werden; alles mußte bleiben; die guten Einwirkungen der Möbel auf seinen Zustand konnte er nicht entbehren; und wenn die Möbel ihn hinderten, das sinnlose Herumkriechen zu betreiben, so war es kein Schaden, sondern ein großer Vorteil.

Aber die Schwester war leider anderer Meinung; sie hatte sich, allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der Angelegenheiten Gregors als besonders Sachverständige gegenüber den Eltern aufzutreten, und so war auch jetzt der Rat der Mutter für die Schwester Grund genug, auf der Entfernung nicht nur des Kastens und des Schreibtisches, an die sie zuerst allein gedacht hatte, sondern auf der Entfernung sämtlicher Möbel, mit Ausnahme des unentbehrlichen Kanapees, zu bestehen. Es war natürlich nicht nur kindlicher Trotz und das in der letzten Zeit so unerwartet und schwer erworbene Selbstvertrauen, das sie zu dieser Forderung bestimmte; sie hatte doch auch tatsächlich beobachtet, daß Gregor viel Raum zum Kriechen brauchte, dagegen die Möbel, soweit man sehen konnte, nicht im geringsten benützte. Vielleicht aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit, der bei jeder Gelegenheit seine Befriedigung sucht, und durch den Grete jetzt sich dazu verlocken ließ, die Lage Gregors noch schreckenerregender machen zu wollen, um dann noch mehr als bis jetzt für ihn leisten zu können. Denn in einen Raum, in dem Gregor ganz allein die leeren Wände beherrschte, würde wohl kein Mensch außer Grete jemals einzutreten sich getrauen.

Und so ließ sie sich von ihrem Entschlusse durch die Mutter nicht abbringen, die auch in diesem Zimmer vor lauter Unruhe unsicher schien, bald verstummte und der Schwester nach Kräften beim Hinausschaffen des Kastens half. Nun, den Kasten konnte Gregor im Notfall noch entbehren, aber schon der Schreibtisch mußte bleiben. Und kaum hatten die Frauen mit dem Kasten, an den sie sich ächzend drückten, das Zimmer verlassen, als Gregor den Kopf unter dem Kanapee hervorstieß, um zu sehen, wie er vorsichtig und möglichst rücksichtsvoll eingreifen könnte. Aber zum Unglück war es gerade die Mutter, welche zuerst zurückkehrte, während Grete im Nebenzimmer den Kasten umfangen hielt und ihn allein hin und her schwang, ohne ihn natürlich von der Stelle zu bringen. Die Mutter aber war Gregors Anblick nicht gewöhnt, er hätte sie krank machen können, und so eilte Gregor erschrocken im Rückwärtslauf bis an das andere Ende des Kanapees, konnte es aber nicht mehr verhindern, daß das Leintuch vorne ein wenig sich bewegte. Das genügte, um die Mutter aufmerksam zu machen. Sie stockte, stand einen Augenblick still und ging dann zu Grete zurück.

Trotzdem sich Gregor immer wieder sagte, daß ja nichts Außergewöhnliches geschehe, sondern nur ein paar Möbel umgestellt würden, wirkte doch, wie er sich bald eingestehen mußte, dieses Hin- und Hergehen der Frauen, ihre kleinen Zurufe, das Kratzen der Möbel auf dem Boden, wie ein großer, von allen Seiten genährter Trubel auf ihn, und er mußte sich, so fest er Kopf und Beine an sich zog und den Leib bis an den Boden drückte, unweigerlich sagen, daß er das Ganze nicht lange aushalten werde. Sie räumten ihm sein Zimmer aus; nahmen ihm alles, was ihm lieb war; den Kasten, in dem die Laubsäge und andere Werkzeuge lagen, hatten sie schon hinausgetragen; lockerten jetzt den schon im Boden fest eingegrabenen Schreibtisch, an dem er als Handelsakademiker, als Bürgerschüler, ja sogar schon als Volksschüler seine Aufgaben geschrieben hatte, – da hatte er wirklich keine Zeit mehr, die guten Absichten zu prüfen, welche die zwei Frauen hatten, deren Existenz er übrigens fast vergessen hatte, denn vor Erschöpfung arbeiteten sie schon stumm, und man hörte nur das schwere Tappen ihrer Füße.

Und so brach er denn hervor – die Frauen stützten sich gerade im Nebenzimmer an den Schreibtisch, um ein wenig zu verschnaufen –, wechselte viermal die Richtung des Laufes, er wußte wirklich nicht, was er zuerst retten sollte, da sah er an der im übrigen schon leeren Wand auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen, kroch eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und seinem heißen Bauch wohltat. Dieses Bild wenigstens, das Gregor jetzt ganz verdeckte, würde nun gewiß niemand wegnehmen. Er verdrehte den Kopf nach der Tür des Wohnzimmers, um die Frauen bei ihrer Rückkehr zu beobachten.

Sie hatten sich nicht viel Ruhe gegönnt und kamen schon wieder; Grete hatte den Arm um die Mutter gelegt und trug sie fast. »Also was nehmen wir jetzt?« sagte Grete und sah sich um. Da kreuzten sich ihre Blicke mit denen Gregors an der Wand. Wohl nur infolge der Gegenwart der Mutter behielt sie ihre Fassung, beugte ihr Gesicht zur Mutter, um diese vom Herumschauen abzuhalten, und sagte, allerdings zitternd und unüberlegt: »Komm, wollen wir nicht lieber auf einen Augenblick noch ins Wohnzimmer zurückgehen?« Die Absicht Gretes war für Gregor klar, sie wollte die Mutter in Sicherheit bringen und dann ihn von der Wand hinunterjagen. Nun, sie konnte es ja immerhin versuchen! Er saß auf seinem Bild und gab es nicht her. Lieber würde er Grete ins Gesicht springen.

Aber Gretes Worte hatten die Mutter erst recht beunruhigt, sie trat zur Seite, erblickte den riesigen braunen Fleck auf der geblümten Tapete, rief, ehe ihr eigentlich zum Bewußtsein kam, daß das Gregor war, was sie sah, mit schreiender, rauher Stimme: »Ach Gott, ach Gott!« und fiel mit ausgebreiteten Armen, als gebe sie alles auf, über das Kanapee hin und rührte sich nicht. »Du, Gregor!« rief die Schwester mit erhobener Faust und eindringlichen Blicken. Es waren seit der Verwandlung die ersten Worte, die sie unmittelbar an ihn gerichtet hatte. Sie lief ins Nebenzimmer, um irgendeine Essenz zu holen, mit der sie die Mutter aus ihrer Ohnmacht wecken könnte; Gregor wollte auch helfen – zur Rettung des Bildes war noch Zeit -; er klebte aber fest an dem Glas und mußte sich mit Gewalt losreißen; er lief dann auch ins Nebenzimmer, als könne er der Schwester irgendeinen Rat geben, wie in früherer Zeit; mußte dann aber untätig hinter ihr stehen, während sie in verschiedenen Fläschchen kramte; erschreckte sie noch, als sie sich umdrehte; eine Flasche fiel auf den Boden und zerbrach; ein Splitter verletzte Gregor im Gesicht, irgendeine ätzende Medizin umfloß ihn; Grete nahm nun, ohne sich länger aufzuhalten, so viele Fläschchen, als sie nur halten konnte, und rannte mit ihnen zur Mutter hinein; die Tür schlug sie mit dem Fuße zu. Gregor war nun von der Mutter abgeschlossen, die durch seine Schuld vielleicht dem Tode nahe war; die Tür durfte er nicht öffnen, wollte er die Schwester, die bei der Mutter bleiben mußte, nicht verjagen; er hatte jetzt nichts zu tun, als zu warten; und von Selbstvorwürfen und Besorgnis bedrängt, begann er zu kriechen, überkroch alles, Wände, Möbel und Zimmerdecke und fiel endlich in seiner Verzweiflung, als sich das ganze Zimmer schon um ihn zu drehen anfing, mitten auf den großen Tisch.

Es verging eine kleine Weile, Gregor lag matt da, ringsherum war es still, vielleicht war das ein gutes Zeichen. Da läutete es. Das Mädchen war natürlich in ihrer Küche eingesperrt und Grete mußte daher öffnen gehen. Der Vater war gekommen. »Was ist geschehen?« waren seine ersten Worte; Gretes Aussehen hatte ihm wohl alles verraten. Grete antwortete mit dumpfer Stimme, offenbar drückte sie ihr Gesicht an des Vaters Brust: »Die Mutter war ohnmächtig, aber es geht ihr schon besser. Gregor ist ausgebrochen.« – »Ich habe es ja erwartet«, sagte der Vater, »ich habe es euch ja immer gesagt, aber ihr Frauen wollt nicht hören.« Gregor war es klar, daß der Vater Gretes allzukurze Mitteilung schlecht gedeutet hatte und annahm, daß Gregor sich irgendeine Gewalttat habe zuschulden kommen lassen. Deshalb mußte Gregor den Vater jetzt zu besänftigen suchen, denn ihn aufzuklären hatte er weder Zeit noch Möglichkeit. Und so flüchtete er sich zur Tür seines Zimmers und drückte sich an sie, damit der Vater beim Eintritt vom Vorzimmer her gleich sehen könne, daß Gregor die beste Absicht habe, sofort in sein Zimmer zurückzukehren, und daß es nicht nötig sei, ihn zurückzutreiben, sondern daß man nur die Tür zu öffnen brauche, und gleich werde er verschwinden.

Aber der Vater war nicht in der Stimmung, solche Feinheiten zu bemerken; »Ah!« rief er gleich beim Eintritt in einem Tone, als sei er gleichzeitig wütend und froh. Gregor zog den Kopf von der Tür zurück und hob ihn gegen den Vater. So hatte er sich den Vater wirklich nicht vorgestellt, wie er jetzt dastand; allerdings hatte er in der letzten Zeit über dem neuartigen Herumkriechen versäumt, sich so wie früher um die Vorgänge in der übrigen Wohnung zu kümmern, und hätte eigentlich darauf gefaßt sein müssen, veränderte Verhältnisse anzutreffen. Trotzdem, trotzdem, war das noch der Vater? Der gleiche Mann, der müde im Bett vergraben lag, wenn früher Gregor zu einer Geschäftsreise ausgerückt war; der ihn an Abenden der Heimkehr im Schlafrock im Lehnstuhl empfangen hatte; gar nicht recht imstande war, aufzustehen, sondern zum Zeichen der Freude nur die Arme gehoben hatte, und der bei den seltenen gemeinsamen Spaziergängen an ein paar Sonntagen im Jahr und an den höchsten Feiertagen zwischen Gregor und der Mutter, die schon an und für sich langsam gingen, immer noch ein wenig langsamer, in seinen alten Mantel eingepackt, mit stets vorsichtig aufgesetztem Krückstock sich vorwärts arbeitete und, wenn er etwas sagen wollte, fast immer stillstand und seine Begleitung um sich versammelte? Nun aber war er recht gut aufgerichtet; in eine straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen gekleidet, wie sie Diener der Bankinstitute tragen; über dem hohen steifen Kragen des Rockes entwickelte sich sein starkes Doppelkinn; unter den buschigen Augenbrauen drang der Blick der schwarzen Augen frisch und aufmerksam hervor; das sonst zerzauste weiße Haar war zu einer peinlich genauen, leuchtenden Scheitelfrisur niedergekämmt. Er warf seine Mütze, auf der ein Goldmonogramm, wahrscheinlich das einer Bank, angebracht war, über das ganze Zimmer im Bogen auf das Kanapee hin und ging, die Enden seines langen Uniformrockes zurückgeschlagen, die Hände in den Hosentaschen, mit verbissenem Gesicht auf Gregor zu. Er wußte wohl selbst nicht, was er vor hatte; immerhin hob er die Füße ungewöhnlich hoch, und Gregor staunte über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen. Doch hielt er sich dabei nicht auf, er wußte ja noch vom ersten Tage seines neuen Lebens her, daß der Vater ihm gegenüber nur die größte Strenge für angebracht ansah. Und so lief er vor dem Vater her, stockte, wenn der Vater stehen blieb, und eilte schon wieder vorwärts, wenn sich der Vater nur rührte. So machten sie mehrmals die Runde um das Zimmer, ohne daß sich etwas Entscheidendes ereignete, ja ohne daß das Ganze infolge seines langsamen Tempos den Anschein einer Verfolgung gehabt hätte. Deshalb blieb auch Gregor vorläufig auf dem Fußboden, zumal er fürchtete, der Vater könnte eine Flucht auf die Wände oder den Plafond für besondere Bosheit halten. Allerdings mußte sich Gregor sagen, daß er sogar dieses Laufen nicht lange aushalten würde, denn während der Vater einen Schritt machte, mußte er eine Unzahl von Bewegungen ausführen. Atemnot begann sich schon bemerkbar zu machen, wie er ja auch in seiner früheren Zeit keine ganz vertrauenswürdige Lunge besessen hatte. Als er nun so dahintorkelte, um alle Kräfte für den Lauf zu sammeln, kaum die Augen offenhielt; in seiner Stumpfheit an eine andere Rettung als durch Laufen gar nicht dachte; und fast schon vergessen hatte, daß ihm die Wände freistanden, die hier allerdings mit sorgfältig geschnitzten Möbeln voll Zacken und Spitzen verstellt waren – da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas nieder und rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter nach; Gregor blieb vor Schrecken stehen; ein Weiterlaufen war nutzlos, denn der Vater hatte sich entschlossen, ihn zu bombardieren. Aus der Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf nun, ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. Diese kleinen roten Äpfel rollten wie elektrisiert auf dem Boden herum und stießen aneinander. Ein schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich ab. Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors Rücken ein; Gregor wollte sich weiterschleppen, als könne der überraschende unglaubliche Schmerz mit dem Ortswechsel vergehen; doch fühlte er sich wie festgenagelt und streckte sich in vollständiger Verwirrung aller Sinne. Nur mit dem letzten Blick sah er noch, wie die Tür seines Zimmers aufgerissen wurde, und vor der schreienden Schwester die Mutter hervoreilte, im Hemd, denn die Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der Ohnmacht Atemfreiheit zu verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater zulief und ihr auf dem Weg die aufgebundenen Röcke einer nach dem anderen zu Boden glitten, und wie sie stolpernd über die Röcke auf den Vater eindrang und ihn umarmend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm – nun versagte aber Gregors Sehkraft schon – die Hände an des Vaters Hinterkopf um Schonung von Gregors Leben bat.

III.

Die schwere Verwundung Gregors, an der er über einen Monat litt – der Apfel blieb, da ihn niemand zu entfernen wagte, als sichtbares Andenken im Fleische sitzen –, schien selbst den Vater daran erinnert zu haben, daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen traurigen und ekelhaften Gestalt ein Familienmitglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte, sondern dem gegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als zu dulden.

Und wenn nun auch Gregor durch seine Wunde an Beweglichkeit wahrscheinlich für immer verloren hatte und vorläufig zur Durchquerung seines Zimmers wie ein alter Invalide lange, lange Minuten brauchte – an das Kriechen in der Höhe war nicht zu denken –, so bekam er für diese Verschlimmerung seines Zustandes einen seiner Meinung nach vollständig genügenden Ersatz dadurch, daß immer gegen Abend die Wohnzimmertür, die er schon ein bis zwei Stunden vorher scharf zu beobachten pflegte, geöffnet wurde, so daß er, im Dunkel seines Zimmers liegend, vom Wohnzimmer aus unsichtbar, die ganze Familie beim beleuchteten Tische sehen und ihre Reden, gewissermaßen mit allgemeiner Erlaubnis, also ganz anders als früher, anhören durfte.

Freilich waren es nicht mehr die lebhaften Unterhaltungen der früheren Zeiten, an die Gregor in den kleinen Hotelzimmern stets mit einigem Verlangen gedacht hatte, wenn er sich müde in das feuchte Bettzeug hatte werfen müssen. Es ging jetzt meist nur sehr still zu. Der Vater schlief bald nach dem Nachtessen in seinem Sessel ein; die Mutter und Schwester ermahnten einander zur Stille; die Mutter nähte, weit unter das Licht vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modengeschäft; die Schwester, die eine Stellung als Verkäuferin angenommen hatte, lernte am Abend Stenographie und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu erreichen. Manchmal wachte der Vater auf, und als wisse er gar nicht, daß er geschlafen habe, sagte er zur Mutter: »Wie lange du heute schon wieder nähst!« und schlief sofort wieder ein, während Mutter und Schwester einander müde zulächelten.

Mit einer Art Eigensinn weigerte sich der Vater auch, zu Hause seine Dieneruniform abzulegen; und während der Schlafrock nutzlos am Kleiderhaken hing, schlummerte der Vater vollständig angezogen auf seinem Platz, als sei er immer zu seinem Dienste bereit und warte auch hier auf die Stimme des Vorgesetzten. Infolgedessen verlor die gleich anfangs nicht neue Uniform trotz aller Sorgfalt von Mutter und Schwester an Reinlichkeit, und Gregor sah oft ganze Abende lang auf dieses über und über fleckige, mit seinen stets geputzten Goldknöpfen leuchtende Kleid, in dem der alte Mann höchst unbequem und doch ruhig schlief.

Sobald die Uhr zehn schlug, suchte die Mutter durch leise Zusprache den Vater zu wecken und dann zu überreden, ins Bett zu gehen, denn hier war es doch kein richtiger Schlaf und diesen hatte der Vater, der um sechs Uhr seinen Dienst antreten mußte, äußerst nötig. Aber in dem Eigensinn, der ihn, seitdem er Diener war, ergriffen hatte, bestand er immer darauf, noch länger bei Tisch zu bleiben, trotzdem er regelmäßig einschlief, und war dann überdies nur mit der größten Mühe zu bewegen, den Sessel mit dem Bett zu vertauschen. Da mochten Mutter und Schwester mit kleinen Ermahnungen noch so sehr auf ihn eindringen, viertelstundenlang schüttelte er langsam den Kopf, hielt die Augen geschlossen und stand nicht auf. Die Mutter zupfte ihn am Ärmel, sagte ihm Schmeichelworte ins Ohr, die Schwester verließ ihre Aufgabe, um der Mutter zu helfen, aber beim Vater verfing das nicht. Er versank nur noch tiefer in seinen Sessel. Erst bis ihn die Frauen unter den Achseln faßten, schlug er die Augen auf, sah abwechselnd die Mutter und die Schwester an und pflegte zu sagen: »Das ist ein Leben. Das ist die Ruhe meiner alten Tage.« Und auf die beiden Frauen gestützt, erhob er sich, umständlich, als sei er für sich selbst die größte Last, ließ sich von den Frauen bis zur Türe führen, winkte ihnen dort ab und ging nun selbständig weiter, während die Mutter ihr Nähzeug, die Schwester ihre Feder eiligst hinwarfen, um hinter dem Vater zu laufen und ihm weiter behilflich zu sein.

Wer hatte in dieser abgearbeiteten und übermüdeten Familie Zeit, sich um Gregor mehr zu kümmern, als unbedingt nötig war? Der Haushalt wurde immer mehr eingeschränkt; das Dienstmädchen wurde nun doch entlassen; eine riesige knochige Bedienerin mit weißem, den Kopf umflatterndem Haar kam des Morgens und des Abends, um die schwerste Arbeit zu leisten; alles andere besorgte die Mutter neben ihrer vielen Näharbeit. Es geschah sogar, daß verschiedene Familienschmuckstücke, welche früher die Mutter und die Schwester überglücklich bei Unterhaltungen und Feierlichkeiten getragen hatten, verkauft wurden, wie Gregor am Abend aus der allgemeinen Besprechung der erzielten Preise erfuhr. Die größte Klage war aber stets, daß man diese für die gegenwärtigen Verhältnisse allzugroße Wohnung nicht verlassen konnte, da es nicht auszudenken war, wie man Gregor übersiedeln sollte. Aber Gregor sah wohl ein, daß es nicht nur die Rücksicht auf ihn war, welche eine Übersiedlung verhinderte, denn ihn hätte man doch in einer passenden Kiste mit ein paar Luftlöchern leicht transportieren können; was die Familie hauptsächlich vom Wohnungswechsel abhielt, war vielmehr die völlige Hoffnungslosigkeit und der Gedanke daran, daß sie mit einem Unglück geschlagen war, wie niemand sonst im ganzen Verwandten- und Bekanntenkreis. Was die Welt von armen Leuten verlangt, erfüllten sie bis zum äußersten, der Vater holte den kleinen Bankbeamten das Frühstück, die Mutter opferte sich für die Wäsche fremder Leute, die Schwester lief nach dem Befehl der Kunden hinter dem Pulte hin und her, aber weiter reichten die Kräfte der Familie schon nicht. Und die Wunde im Rücken fing Gregor wie neu zu schmerzen an, wenn Mutter und Schwester, nachdem sie den Vater zu Bett gebracht hatten, nun zurückkehrten, die Arbeit liegen ließen, nahe zusammenrückten, schon Wange an Wange saßen; wenn jetzt die Mutter, auf Gregors Zimmer zeigend, sagte: »Mach dort die Tür zu, Grete«, und wenn nun Gregor wieder im Dunkel war, während nebenan die Frauen ihre Tränen vermischten oder gar tränenlos den Tisch anstarrten.

Die Nächte und Tage verbrachte Gregor fast ganz ohne Schlaf. Manchmal dachte er daran, beim nächsten Öffnen der Tür die Angelegenheiten der Familie ganz so wie früher wieder in die Hand zu nehmen; in seinen Gedanken erschienen wieder nach langer Zeit der Chef und der Prokurist, die Kommis und die Lehrjungen, der so begriffsstützige Hausknecht, zwei drei Freunde aus anderen Geschäften, ein Stubenmädchen aus einem Hotel in der Provinz, eine liebe, flüchtige Erinnerung, eine Kassiererin aus einem Hutgeschäft, um die er sich ernsthaft, aber zu langsam beworben hatte – sie alle erschienen untermischt mit Fremden oder schon Vergessenen, aber statt ihm und seiner Familie zu helfen, waren sie sämtlich unzugänglich, und er war froh, wenn sie verschwanden. Dann aber war er wieder gar nicht in der Laune, sich um seine Familie zu sorgen, bloß Wut über die schlechte Wartung erfüllte ihn, und trotzdem er sich nichts vorstellen konnte, worauf er Appetit gehabt hätte, machte er doch Pläne, wie er in die Speisekammer gelangen könnte, um dort zu nehmen, was ihm, auch wenn er keinen Hunger hatte, immerhin gebührte. Ohne jetzt mehr nachzudenken, womit man Gregor einen besonderen Gefallen machen könnte, schob die Schwester eiligst, ehe sie morgens und mittags ins Geschäft lief, mit dem Fuß irgendeine beliebige Speise in Gregors Zimmer hinein, um sie am Abend, gleichgültig dagegen, ob die Speise vielleicht nur verkostet oder – der häufigste Fall – gänzlich unberührt war, mit einem Schwenken des Besens hinauszukehren. Das Aufräumen des Zimmers, das sie nun immer abends besorgte, konnte gar nicht mehr schneller getan sein. Schmutzstreifen zogen sich die Wände entlang, hie und da lagen Knäuel von Staub und Unrat. In der ersten Zeit stellte sich Gregor bei der Ankunft der Schwester in derartige besonders bezeichnende Winkel, um ihr durch diese Stellung gewissermaßen einen Vorwurf zu machen. Aber er hätte wohl wochenlang dort bleiben können, ohne daß sich die Schwester gebessert hätte; sie sah ja den Schmutz genau so wie er, aber sie hatte sich eben entschlossen, ihn zu lassen. Dabei wachte sie mit einer an ihr ganz neuen Empfindlichkeit, die überhaupt die ganze Familie ergriffen hatte, darüber, daß das Aufräumen von Gregors Zimmer ihr vorbehalten blieb. Einmal hatte die Mutter Gregors Zimmer einer großen Reinigung unterzogen, die ihr nur nach Verbrauch einiger Kübel Wasser gelungen war – die viele Feuchtigkeit kränkte allerdings Gregor auch und er lag breit, verbittert und unbeweglich auf dem Kanapee –, aber die Strafe blieb für die Mutter nicht aus. Denn kaum hatte am Abend die Schwester die Veränderung in Gregors Zimmer bemerkt, als sie, aufs höchste beleidigt, ins Wohnzimmer lief und, trotz der beschwörend erhobenen Hände der Mutter, in einen Weinkrampf ausbrach, dem die Eltern – der Vater war natürlich aus seinem Sessel aufgeschreckt worden – zuerst erstaunt und hilflos zusahen, bis auch sie sich zu rühren anfingen; der Vater rechts der Mutter Vorwürfe machte, daß sie Gregors Zimmer nicht der Schwester zur Reinigung überließ; links dagegen die Schwester anschrie, sie werde niemals mehr Gregors Zimmer reinigen dürfen; während die Mutter den Vater, der sich vor Erregung nicht mehr kannte, ins Schlafzimmer zu schleppen suchte; die Schwester, von Schluchzen geschüttelt, mit ihren kleinen Fäusten den Tisch bearbeitete; und Gregor laut vor Wut darüber zischte, daß es keinem einfiel, die Tür zu schließen und ihm diesen Anblick und Lärm zu ersparen.

Aber selbst wenn die Schwester, erschöpft von ihrer Berufsarbeit, dessen überdrüssig geworden war, für Gregor, wie früher, zu sorgen, so hätte noch keineswegs die Mutter für sie eintreten müssen und Gregor hätte doch nicht vernachlässigt werden brauchen. Denn nun war die Bedienerin da. Diese alte Witwe, die in ihrem langen Leben mit Hilfe ihres starken Knochenbaues das Ärgste überstanden haben mochte, hatte keinen eigentlichen Abscheu vor Gregor. Ohne irgendwie neugierig zu sein, hatte sie zufällig einmal die Tür von Gregors Zimmer aufgemacht und war im Anblick Gregors, der, gänzlich überrascht, trotzdem ihn niemand jagte, hin und herzulaufen begann, die Hände im Schoß gefaltet staunend stehen geblieben. Seitdem versäumte sie nicht, stets flüchtig morgens und abends die Tür ein wenig zu öffnen und zu Gregor hineinzuschauen. Anfangs rief sie ihn auch zu sich herbei, mit Worten, die sie wahrscheinlich für freundlich hielt, wie »Komm mal herüber, alter Mistkäfer!« oder »Seht mal den alten Mistkäfer!« Auf solche Ansprachen antwortete Gregor mit nichts, sondern blieb unbeweglich auf seinem Platz, als sei die Tür gar nicht geöffnet worden. Hätte man doch dieser Bedienerin, statt sie nach ihrer Laune ihn nutzlos stören zu lassen, lieber den Befehl gegeben, sein Zimmer täglich zu reinigen! Einmal am frühen Morgen – ein heftiger Regen, vielleicht schon ein Zeichen des kommenden Frühjahrs, schlug an die Scheiben – war Gregor, als die Bedienerin mit ihren Redensarten wieder begann, derartig erbittert, daß er, wie zum Angriff, allerdings langsam und hinfällig, sich gegen sie wendete. Die Bedienerin aber, statt sich zu fürchten, hob bloß einen in der Nähe der Tür befindlichen Stuhl hoch empor, und wie sie mit groß geöffnetem Munde dastand, war ihre Absicht klar, den Mund erst zu schließen, wenn der Sessel in ihrer Hand auf Gregors Rücken niederschlagen würde. »Also weiter geht es nicht?« fragte sie, als Gregor sich wieder umdrehte, und stellte den Sessel ruhig in die Ecke zurück.

Gregor aß nun fast gar nichts mehr. Nur wenn er zufällig an der vorbereiteten Speise vorüberkam, nahm er zum Spiel einen Bissen in den Mund, hielt ihn dort stundenlang und spie ihn dann meist wieder aus. Zuerst dachte er, es sei die Trauer über den Zustand seines Zimmers, die ihn vom Essen abhalte, aber gerade mit den Veränderungen des Zimmers söhnte er sich sehr bald aus. Man hatte sich angewöhnt, Dinge, die man anderswo nicht unterbringen konnte, in dieses Zimmer hineinzustellen, und solcher Dinge gab es nun viele, da man ein Zimmer der Wohnung an drei Zimmerherren vermietet hatte. Diese ernsten Herren – alle drei hatten Vollbärte, wie Gregor einmal durch eine Türspalte feststellte – waren peinlich auf Ordnung, nicht nur in ihrem Zimmer, sondern, da sie sich nun einmal hier eingemietet hatten, in der ganzen Wirtschaft, also insbesondere in der Küche, bedacht. Unnützen oder gar schmutzigen Kram ertrugen sie nicht. Überdies hatten sie zum größten Teil ihre eigenen Einrichtungsstücke mitgebracht. Aus diesem Grunde waren viele Dinge überflüssig geworden, die zwar nicht verkäuflich waren, die man aber auch nicht wegwerfen wollte. Alle diese wanderten in Gregors Zimmer. Ebenso auch die Aschenkiste und die Abfallkiste aus der Küche. Was nur im Augenblick unbrauchbar war, schleuderte die Bedienerin, die es immer sehr eilig hatte, einfach in Gregors Zimmer; Gregor sah glücklicherweise meist nur den betreffenden Gegenstand und die Hand, die ihn hielt. Die Bedienerin hatte vielleicht die Absicht, bei Zeit und Gelegenheit die Dinge wieder zu holen oder alle insgesamt mit einemmal hinauszuwerfen, tatsächlich aber blieben sie dort liegen, wohin sie durch den ersten Wurf gekommen waren, wenn nicht Gregor sich durch das Rumpelzeug wand und es in Bewegung brachte, zuerst gezwungen, weil kein sonstiger Platz zum Kriechen frei war, später aber mit wachsendem Vergnügen, obwohl er nach solchen Wanderungen, zum Sterben müde und traurig, wieder stundenlang sich nicht rührte.

Da die Zimmerherren manchmal auch ihr Abendessen zu Hause im gemeinsamen Wohnzimmer einnahmen, blieb die Wohnzimmertür an manchen Abenden geschlossen, aber Gregor verzichtete ganz leicht auf das Öffnen der Tür, hatte er doch schon manche Abende, an denen sie geöffnet war, nicht ausgenützt, sondern war, ohne daß es die Familie merkte, im dunkelsten Winkel seines Zimmers gelegen. Einmal aber hatte die Bedienerin die Tür zum Wohnzimmer ein wenig offen gelassen, und sie blieb so offen, auch als die Zimmerherren am Abend eintraten und Licht gemacht wurde. Sie setzten sich oben an den Tisch, wo in früheren Zeiten der Vater, die Mutter und Gregor gegessen hatten, entfalteten die Servietten und nahmen Messer und Gabel in die Hand. Sofort erschien in der Tür die Mutter mit einer Schüssel Fleisch und knapp hinter ihr die Schwester mit einer Schüssel hochgeschichteter Kartoffeln. Das Essen dampfte mit starkem Rauch. Die Zimmerherren beugten sich über die vor sie hingestellten Schüsseln, als wollten sie sie vor dem Essen prüfen, und tatsächlich zerschnitt der, welcher in der Mitte saß und den anderen zwei als Autorität zu gelten schien, ein Stück Fleisch noch auf der Schüssel, offenbar um festzustellen, ob es mürbe genug sei und ob es nicht etwa in die Küche zurückgeschickt werden solle. Er war befriedigt, und Mutter und Schwester, die gespannt zugesehen hatten, begannen aufatmend zu lächeln.

Die Familie selbst aß in der Küche. Trotzdem kam der Vater, ehe er in die Küche ging, in dieses Zimmer herein und machte mit einer einzigen Verbeugung, die Kappe in der Hand, einen Rundgang um den Tisch. Die Zimmerherren erhoben sich sämtlich und murmelten etwas in ihre Bärte. Als sie dann allein waren, aßen sie fast unter vollkommenem Stillschweigen. Sonderbar schien es Gregor, daß man aus allen mannigfachen Geräuschen des Essens immer wieder ihre kauenden Zähne heraushörte, als ob damit Gregor gezeigt werden sollte, daß man Zähne brauche, um zu essen, und daß man auch mit den schönsten zahnlosen Kiefern nichts ausrichten könne. »Ich habe ja Appetit«, sagte sich Gregor sorgenvoll, »aber nicht auf diese Dinge. Wie sich diese Zimmerherren nähren, und ich komme um!«

Gerade an diesem Abend – Gregor erinnerte sich nicht, während der ganzen Zeit die Violine gehört zu haben – ertönte sie von der Küche her. Die Zimmerherren hatten schon ihr Nachtmahl beendet, der mittlere hatte eine Zeitung hervorgezogen, den zwei anderen je ein Blatt gegeben, und nun lasen sie zurückgelehnt und rauchten. Als die Violine zu spielen begann, wurden sie aufmerksam, erhoben sich und gingen auf den Fußspitzen zur Vorzimmertür, in der sie aneinandergedrängt stehen blieben. Man mußte sie von der Küche aus gehört haben, denn der Vater rief: »Ist den Herren das Spiel vielleicht unangenehm? Es kann sofort eingestellt werden.« – »Im Gegenteil«, sagte der mittlere der Herren, »möchte das Fräulein nicht zu uns hereinkommen und hier im Zimmer spielen, wo es doch viel bequemer und gemütlicher ist?« – »O bitte«, rief der Vater, als sei er der Violinspieler. Die Herren traten ins Zimmer zurück und warteten. Bald kam der Vater mit dem Notenpult, die Mutter mit den Noten und die Schwester mit der Violine. Die Schwester bereitete alles ruhig zum Spiele vor; die Eltern, die niemals früher Zimmer vermietet hatten und deshalb die Höflichkeit gegen die Zimmerherren übertrieben, wagten gar nicht, sich auf ihre eigenen Sessel zu setzen; der Vater lehnte an der Tür, die rechte Hand zwischen zwei Knöpfe des geschlossenen Livreerockes gesteckt; die Mutter aber erhielt von einem Herrn einen Sessel angeboten und saß, da sie den Sessel dort ließ, wohin ihn der Herr zufällig gestellt hatte, abseits in einem Winkel.

Die Schwester begann zu spielen; Vater und Mutter verfolgten, jeder von seiner Seite, aufmerksam die Bewegungen ihrer Hände. Gregor hatte, von dem Spiele angezogen, sich ein wenig weiter vorgewagt und war schon mit dem Kopf im Wohnzimmer. Er wunderte sich kaum darüber, daß er in letzter Zeit so wenig Rücksicht auf die andern nahm; früher war diese Rücksichtnahme sein Stolz gewesen. Und dabei hätte er gerade jetzt mehr Grund gehabt, sich zu verstecken, denn infolge des Staubes, der in seinem Zimmer überall lag und bei der kleinsten Bewegung umherflog, war auch er ganz staubbedeckt; Fäden, Haare, Speiseüberreste schleppte er auf seinem Rücken und an den Seiten mit sich herum; seine Gleichgültigkeit gegen alles war viel zu groß, als daß er sich, wie früher mehrmals während des Tages, auf den Rücken gelegt und am Teppich gescheuert hätte. Und trotz dieses Zustandes hatte er keine Scheu, ein Stück auf dem makellosen Fußboden des Wohnzimmers vorzurücken.

Allerdings achtete auch niemand auf ihn. Die Familie war gänzlich vom Violinspiel in Anspruch genommen; die Zimmerherren dagegen, die zunächst, die Hände in den Hosentaschen, viel zu nahe hinter dem Notenpult der Schwester sich aufgestellt hatten, so daß sie alle in die Noten hätten sehen können, was sicher die Schwester stören mußte, zogen sich bald unter halblauten Gesprächen mit gesenkten Köpfen zum Fenster zurück, wo sie, vom Vater besorgt beobachtet, auch blieben. Es hatte nun wirklich den überdeutlichen Anschein, als wären sie in ihrer Annahme, ein schönes oder unterhaltendes Violinspiel zu hören, enttäuscht, hätten die ganze Vorführung satt und ließen sich nur aus Höflichkeit noch in ihrer Ruhe stören. Besonders die Art, wie sie alle aus Nase und Mund den Rauch ihrer Zigarren in die Höhe bliesen, ließ auf große Nervosität schließen. Und doch spielte die Schwester so schön. Ihr Gesicht war zur Seite geneigt, prüfend und traurig folgten ihre Blicke den Notenzeilen. Gregor kroch noch ein Stück vorwärts und hielt den Kopf eng an den Boden, um möglicherweise ihren Blicken begegnen zu können. War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung. Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen, denn niemand lohnte hier das Spiel so, wie er es lohnen wollte. Er wollte sie nicht mehr aus seinem Zimmer lassen, wenigstens nicht, solange er lebte; seine Schreckgestalt sollte ihm zum erstenmal nützlich werden; an allen Türen seines Zimmers wollte er gleichzeitig sein und den Angreifern entgegenfauchen; die Schwester aber sollte nicht gezwungen, sondern freiwillig bei ihm bleiben; sie sollte neben ihm auf dem Kanapee sitzen, das Ohr zu ihm herunterneigen, und er wollte ihr dann anvertrauen, daß er die feste Absicht gehabt habe, sie auf das Konservatorium zu schicken, und daß er dies, wenn nicht das Unglück dazwischen gekommen wäre, vergangene Weihnachten – Weihnachten war doch wohl schon vorüber? – allen gesagt hätte, ohne sich um irgendwelche Widerreden zu kümmern. Nach dieser Erklärung würde die Schwester in Tränen der Rührung ausbrechen, und Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel erheben und ihren Hals küssen, den sie, seitdem sie ins Geschäft ging, frei ohne Band oder Kragen trug.

»Herr Samsa!« rief der mittlere Herr dem Vater zu und zeigte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, mit dem Zeigefinger auf den langsam sich vorwärtsbewegenden Gregor. Die Violine verstummte, der mittlere Zimmerherr lächelte erst einmal kopfschüttelnd seinen Freunden zu und sah dann wieder auf Gregor hin. Der Vater schien es für nötiger zu halten, statt Gregor zu vertreiben, vorerst die Zimmerherren zu beruhigen, trotzdem diese gar nicht aufgeregt waren und Gregor sie mehr als das Violinspiel zu unterhalten schien. Er eilte zu ihnen und suchte sie mit ausgebreiteten Armen in ihr Zimmer zu drängen und gleichzeitig mit seinem Körper ihnen den Ausblick auf Gregor zu nehmen. Sie wurden nun tatsächlich ein wenig böse, man wußte nicht mehr, ob über das Benehmen des Vaters oder über die ihnen jetzt aufgehende Erkenntnis, ohne es zu wissen, einen solchen Zimmernachbar wie Gregor besessen zu haben. Sie verlangten vom Vater Erklärungen, hoben ihrerseits die Arme, zupften unruhig an ihren Bärten und wichen nur langsam gegen ihr Zimmer zurück. Inzwischen hatte die Schwester die Verlorenheit, in die sie nach dem plötzlich abgebrochenen Spiel verfallen war, überwunden, hatte sich, nachdem sie eine Zeitlang in den lässig hängenden Händen Violine und Bogen gehalten und weiter, als spiele sie noch, in die Noten gesehen hatte, mit einem Male aufgerafft, hatte das Instrument auf den Schoß der Mutter gelegt, die in Atembeschwerden mit heftig arbeitenden Lungen noch auf ihrem Sessel saß, und war in das Nebenzimmer gelaufen, dem sich die Zimmerherren unter dem Drängen des Vaters schon schneller näherten. Man sah, wie unter den geübten Händen der Schwester die Decken und Polster in den Betten in die Höhe flogen und sich ordneten. Noch ehe die Herren das Zimmer erreicht hatten, war sie mit dem Aufbetten fertig und schlüpfte heraus. Der Vater schien wieder von seinem Eigensinn derartig ergriffen, daß er jeden Respekt vergaß, den er seinen Mietern immerhin schuldete. Er drängte nur und drängte, bis schon in der Tür des Zimmers der mittlere der Herren donnernd mit dem Fuß aufstampfte und dadurch den Vater zum Stehen brachte. »Ich erkläre hiermit«, sagte er, hob die Hand und suchte mit den Blicken auch die Mutter und die Schwester, »daß ich mit Rücksicht auf die in dieser Wohnung und Familie herrschenden widerlichen Verhältnisse« – hierbei spie er kurz entschlossen auf den Boden – »mein Zimmer augenblicklich kündige. Ich werde natürlich auch für die Tage, die ich hier gewohnt habe, nicht das Geringste bezahlen, dagegen werde ich es mir noch überlegen, ob ich nicht mit irgendwelchen – glauben Sie mir – sehr leicht zu begründenden Forderungen gegen Sie auftreten werde.« Er schwieg und sah gerade vor sich hin, als erwarte er etwas. Tatsächlich fielen sofort seine zwei Freunde mit den Worten ein: »Auch wir kündigen augenblicklich.« Darauf faßte er die Türklinke und schloß mit einem Krach die Tür.

Der Vater wankte mit tastenden Händen zu seinem Sessel und ließ sich in ihn fallen; es sah aus, als strecke er sich zu seinem gewöhnlichen Abendschläfchen, aber das starke Nicken seines wie haltlosen Kopfes zeigte, daß er ganz und gar nicht schlief. Gregor war die ganze Zeit still auf dem Platz gelegen, auf dem ihn die Zimmerherren ertappt hatten. Die Enttäuschung über das Mißlingen seines Planes, vielleicht aber auch die durch das viele Hungern verursachte Schwäche machten es ihm unmöglich, sich zu bewegen. Er fürchtete mit einer gewissen Bestimmtheit schon für den nächsten Augenblick einen allgemeinen über ihn sich entladenden Zusammensturz und wartete. Nicht einmal die Violine schreckte ihn auf, die, unter den zitternden Fingern der Mutter hervor, ihr vom Schoße fiel und einen hallenden Ton von sich gab.

»Liebe Eltern«, sagte die Schwester und schlug zur Einleitung mit der Hand auf den Tisch, »so geht es nicht weiter. Wenn ihr das vielleicht nicht einsehet, ich sehe es ein. Ich will vor diesem Untier nicht den Namen meines Bruders aussprechen, und sage daher bloß: wir müssen versuchen, es loszuwerden. Wir haben das Menschenmögliche versucht, es zu pflegen und zu dulden, ich glaube, es kann uns niemand den geringsten Vorwurf machen.«

»Sie hat tausendmal Recht«, sagte der Vater für sich. Die Mutter, die noch immer nicht genug Atem finden konnte, fing in die vorgehaltene Hand mit einem irrsinnigen Ausdruck der Augen dumpf zu husten an.

Die Schwester eilte zur Mutter und hielt ihr die Stirn. Der Vater schien durch die Worte der Schwester auf bestimmtere Gedanken gebracht zu sein, hatte sich aufrecht gesetzt, spielte mit seiner Dienermütze zwischen den Tellern, die noch vom Nachtmahl der Zimmerherren her auf dem Tische lagen, und sah bisweilen auf den stillen Gregor hin.

»Wir müssen es loszuwerden suchen«, sagte die Schwester nun ausschließlich zum Vater, denn die Mutter hörte in ihrem Husten nichts, »es bringt euch noch beide um, ich sehe es kommen. Wenn man schon so schwer arbeiten muß, wie wir alle, kann man nicht noch zu Hause diese ewige Quälerei ertragen. Ich kann es auch nicht mehr.« Und sie brach so heftig in Weinen aus, daß ihre Tränen auf das Gesicht der Mutter niederflossen, von dem sie sie mit mechanischen Handbewegungen wischte.

»Kind«, sagte der Vater mitleidig und mit auffallendem Verständnis, »was sollen wir aber tun?«

Die Schwester zuckte nur die Achseln zum Zeichen der Ratlosigkeit, die sie nun während des Weinens im Gegensatz zu ihrer früheren Sicherheit ergriffen hatte.

»Wenn er uns verstünde«, sagte der Vater halb fragend; die Schwester schüttelte aus dem Weinen heraus heftig die Hand zum Zeichen, daß daran nicht zu denken sei.

»Wenn er uns verstünde«, wiederholte der Vater und nahm durch Schließen der Augen die Überzeugung der Schwester von der Unmöglichkeit dessen in sich auf, »dann wäre vielleicht ein Übereinkommen mit ihm möglich. Aber so …«

»Weg muß es«, rief die Schwester, »das ist das einzige Mittel, Vater. Du mußt bloß den Gedanken loszuwerden suchen, daß es Gregor ist. Daß wir es solange geglaubt haben, das ist ja unser eigentliches Unglück. Aber wie kann es denn Gregor sein? Wenn es Gregor wäre, er hätte längst eingesehen, daß ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen. Wir hätten dann keinen Bruder, aber könnten weiter leben und sein Andenken in Ehren halten. So aber verfolgt uns dieses Tier, vertreibt die Zimmerherren, will offenbar die ganze Wohnung einnehmen und uns auf der Gasse übernachten lassen. Sieh nur, Vater«, schrie sie plötzlich auf, »er fängt schon wieder an!« Und in einem für Gregor gänzlich unverständlichen Schrecken verließ die Schwester sogar die Mutter, stieß sich förmlich von ihrem Sessel ab, als wollte sie lieber die Mutter opfern, als in Gregors Nähe bleiben, und eilte hinter den Vater, der, lediglich durch ihr Benehmen erregt, auch aufstand und die Arme wie zum Schutze der Schwester vor ihr halb erhob.

Aber Gregor fiel es doch gar nicht ein, irgend jemandem und gar seiner Schwester Angst machen zu wollen. Er hatte bloß angefangen sich umzudrehen, um in sein Zimmer zurückzuwandern, und das nahm sich allerdings auffallend aus, da er infolge seines leidenden Zustandes bei den schwierigen Umdrehungen mit seinem Kopfe nachhelfen mußte, den er hierbei viele Male hob und gegen den Boden schlug. Er hielt inne und sah sich um. Seine gute Absicht schien erkannt worden zu sein; es war nur ein augenblicklicher Schrecken gewesen. Nun sahen ihn alle schweigend und traurig an. Die Mutter lag, die Beine ausgestreckt und aneinandergedrückt, in ihrem Sessel, die Augen fielen ihr vor Ermattung fast zu; der Vater und die Schwester saßen nebeneinander, die Schwester hatte ihre Hand um des Vaters Hals gelegt.

»Nun darf ich mich schon vielleicht umdrehen«, dachte Gregor und begann seine Arbeit wieder. Er konnte das Schnaufen der Anstrengung nicht unterdrücken und mußte auch hie und da ausruhen. Im übrigen drängte ihn auch niemand, es war alles ihm selbst überlassen. Als er die Umdrehung vollendet hatte, fing er sofort an, geradeaus zurückzuwandern. Er staunte über die große Entfernung, die ihn von seinem Zimmer trennte, und begriff gar nicht, wie er bei seiner Schwäche vor kurzer Zeit den gleichen Weg, fast ohne es zu merken, zurückgelegt hatte. Immerfort nur auf rasches Kriechen bedacht, achtete er kaum darauf, daß kein Wort, kein Ausruf seiner Familie ihn störte. Erst als er schon in der Tür war, wendete er den Kopf, nicht vollständig, denn er fühlte den Hals steif werden, immerhin sah er noch, daß sich hinter ihm nichts verändert hatte, nur die Schwester war aufgestanden. Sein letzter Blick streifte die Mutter, die nun völlig eingeschlafen war.

Kaum war er innerhalb seines Zimmers, wurde die Tür eiligst zugedrückt, festgeriegelt und versperrt. Über den plötzlichen Lärm hinter sich erschrak Gregor so, daß ihm die Beinchen einknickten. Es war die Schwester, die sich so beeilt hatte. Aufrecht war sie schon da gestanden und hatte gewartet, leichtfüßig war sie dann vorwärtsgesprungen, Gregor hatte sie gar nicht kommen hören, und ein »Endlich!« rief sie den Eltern zu, während sie den Schlüssel im Schloß umdrehte.

»Und jetzt?« fragte sich Gregor und sah sich im Dunkeln um. Er machte bald die Entdeckung, daß er sich nun überhaupt nicht mehr rühren konnte. Er wunderte sich darüber nicht, eher kam es ihm unnatürlich vor, daß er sich bis jetzt tatsächlich mit diesen dünnen Beinchen hatte fortbewegen können. Im übrigen fühlte er sich verhältnismäßig behaglich. Er hatte zwar Schmerzen im ganzen Leib, aber ihm war, als würden sie allmählich schwächer und schwächer und würden schließlich ganz vergehen. Den verfaulten Apfel in seinem Rücken und die entzündete Umgebung, die ganz von weichem Staub bedeckt waren, spürte er schon kaum. An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, daß er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester. In diesem Zustand leeren und friedlichen Nachdenkens blieb er, bis die Turmuhr die dritte Morgenstunde schlug. Den Anfang des allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.

Als am frühen Morgen die Bedienerin kam – vor lauter Kraft und Eile schlug sie, wie oft man sie auch schon gebeten hatte, das zu vermeiden, alle Türen derartig zu, daß in der ganzen Wohnung von ihrem Kommen an kein ruhiger Schlaf mehr möglich war –, fand sie bei ihrem gewöhnlichen kurzen Besuch an Gregor zuerst nichts Besonderes. Sie dachte, er liege absichtlich so unbeweglich da und spiele den Beleidigten; sie traute ihm allen möglichen Verstand zu. Weil sie zufällig den langen Besen in der Hand hielt, suchte sie mit ihm Gregor von der Tür aus zu kitzeln. Als sich auch da kein Erfolg zeigte, wurde sie ärgerlich und stieß ein wenig in Gregor hinein, und erst als sie ihn ohne jeden Widerstand von seinem Platze geschoben hatte, wurde sie aufmerksam. Als sie bald den wahren Sachverhalt erkannte, machte sie große Augen, pfiff vor sich hin, hielt sich aber nicht lange auf, sondern riß die Tür des Schlafzimmers auf und rief mit lauter Stimme in das Dunkel hinein: »Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar krepiert!«

Das Ehepaar Samsa saß im Ehebett aufrecht da und hatte zu tun, den Schrecken über die Bedienerin zu verwinden, ehe es dazu kam, ihre Meldung aufzufassen. Dann aber stiegen Herr und Frau Samsa, jeder auf seiner Seite, eiligst aus dem Bett, Herr Samsa warf die Decke über seine Schultern, Frau Samsa kam nur im Nachthemd hervor; so traten sie in Gregors Zimmer. Inzwischen hatte sich auch die Tür des Wohnzimmers geöffnet, in dem Grete seit dem Einzug der Zimmerherren schlief; sie war völlig angezogen, als hätte sie gar nicht geschlafen, auch ihr bleiches Gesicht schien das zu beweisen. »Tot?« sagte Frau Samsa und sah fragend zur Bedienerin auf, trotzdem sie doch alles selbst prüfen und sogar ohne Prüfung erkennen konnte. »Das will ich meinen«, sagte die Bedienerin und stieß zum Beweis Gregors Leiche mit dem Besen noch ein großes Stück seitwärts. Frau Samsa machte eine Bewegung, als wolle sie den Besen zurückhalten, tat es aber nicht. »Nun«, sagte Herr Samsa, »jetzt können wir Gott danken.« Er bekreuzte sich, und die drei Frauen folgten seinem Beispiel. Grete, die kein Auge von der Leiche wendete, sagte: »Seht nur, wie mager er war. Er hat ja auch schon so lange Zeit nichts gegessen. So wie die Speisen hereinkamen, sind sie wieder hinausgekommen.« Tatsächlich war Gregors Körper vollständig flach und trocken, man erkannte das eigentlich erst jetzt, da er nicht mehr von den Beinchen gehoben war und auch sonst nichts den Blick ablenkte.

»Komm, Grete, auf ein Weilchen zu uns herein«, sagte Frau Samsa mit einem wehmütigen Lächeln, und Grete ging, nicht ohne nach der Leiche zurückzusehen, hinter den Eltern in das Schlafzimmer. Die Bedienerin schloß die Tür und öffnete gänzlich das Fenster. Trotz des frühen Morgens war der frischen Luft schon etwas Lauigkeit beigemischt. Es war eben schon Ende März.

Aus ihrem Zimmer traten die drei Zimmerherren und sahen sich erstaunt nach ihrem Frühstück um; man hatte sie vergessen. »Wo ist das Frühstück?« fragte der mittlere der Herren mürrisch die Bedienerin. Diese aber legte den Finger an den Mund und winkte dann hastig und schweigend den Herren zu, sie möchten in Gregors Zimmer kommen. Sie kamen auch und standen dann, die Hände in den Taschen ihrer etwas abgenützten Röckchen, in dem nun schon ganz hellen Zimmer um Gregors Leiche herum.

Da öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, und Herr Samsa erschien in seiner Livree, an einem Arm seine Frau, am anderen seine Tochter. Alle waren ein wenig verweint; Grete drückte bisweilen ihr Gesicht an den Arm des Vaters.

»Verlassen Sie sofort meine Wohnung!« sagte Herr Samsa und zeigte auf die Tür, ohne die Frauen von sich zu lassen. »Wie meinen Sie das?« sagte der mittlere der Herren etwas bestürzt und lächelte süßlich. Die zwei anderen hielten die Hände auf dem Rücken und rieben sie ununterbrochen aneinander, wie in freudiger Erwartung eines großen Streites, der aber für sie günstig ausfallen mußte. »Ich meine es genau so, wie ich es sage«, antwortete Herr Samsa und ging in einer Linie mit seinen zwei Begleiterinnen auf den Zimmerherrn zu. Dieser stand zuerst still da und sah zu Boden, als ob sich die Dinge in seinem Kopf zu einer neuen Ordnung zusammenstellten. »Dann gehen wir also«, sagte er dann und sah zu Herrn Samsa auf, als verlange er in einer plötzlich ihn überkommenden Demut sogar für diesen Entschluß eine neue Genehmigung. Herr Samsa nickte ihm bloß mehrmals kurz mit großen Augen zu. Daraufhin ging der Herr tatsächlich sofort mit langen Schritten ins Vorzimmer; seine beiden Freunde hatten schon ein Weilchen lang mit ganz ruhigen Händen aufgehorcht und hüpften ihm jetzt geradezu nach, wie in Angst, Herr Samsa könnte vor ihnen ins Vorzimmer eintreten und die Verbindung mit ihrem Führer stören. Im Vorzimmer nahmen alle drei die Hüte vom Kleiderrechen, zogen ihre Stöcke aus dem Stockbehälter, verbeugten sich stumm und verließen die Wohnung. In einem, wie sich zeigte, gänzlich unbegründeten Mißtrauen trat Herr Samsa mit den zwei Frauen auf den Vorplatz hinaus; an das Geländer gelehnt, sahen sie zu, wie die drei Herren zwar langsam, aber ständig die lange Treppe hinunterstiegen, in jedem Stockwerk in einer bestimmten Biegung des Treppenhauses verschwanden und nach ein paar Augenblicken wieder hervorkamen; je tiefer sie gelangten, desto mehr verlor sich das Interesse der Familie Samsa für sie, und als ihnen entgegen und dann hoch über sie hinweg ein Fleischergeselle mit der Trage auf dem Kopf in stolzer Haltung heraufstieg, verließ bald Herr Samsa mit den Frauen das Geländer, und alle kehrten, wie erleichtert, in ihre Wohnung zurück.

Sie beschlossen, den heutigen Tag zum Ausruhen und Spazierengehen zu verwenden; sie hatten diese Arbeitsunterbrechung nicht nur verdient, sie brauchten sie sogar unbedingt. Und so setzten sie sich zum Tisch und schrieben drei Entschuldigungsbriefe, Herr Samsa an seine Direktion, Frau Samsa an ihren Auftraggeber, und Grete an ihren Prinzipal. Während des Schreibens kam die Bedienerin herein, um zu sagen, daß sie fortgehe, denn ihre Morgenarbeit war beendet. Die drei Schreibenden nickten zuerst bloß, ohne aufzuschauen, erst als die Bedienerin sich immer noch nicht entfernen wollte, sah man ärgerlich auf. »Nun?« fragte Herr Samsa. Die Bedienerin stand lächelnd in der Tür, als habe sie der Familie ein großes Glück zu melden, werde es aber nur dann tun, wenn sie gründlich ausgefragt werde. Die fast aufrechte kleine Straußfeder auf ihrem Hut, über die sich Herr Samsa schon während ihrer ganzen Dienstzeit ärgerte, schwankte leicht nach allen Richtungen. »Also was wollen Sie eigentlich?« fragte Frau Samsa, vor welcher die Bedienerin noch am meisten Respekt hatte. »Ja«, antwortete die Bedienerin und konnte vor freundlichem Lachen nicht gleich weiter reden, »also darüber, wie das Zeug von nebenan weggeschafft werden soll, müssen Sie sich keine Sorge machen. Es ist schon in Ordnung.« Frau Samsa und Grete beugten sich zu ihren Briefen nieder, als wollten sie weiterschreiben; Herr Samsa, welcher merkte, daß die Bedienerin nun alles ausführlich zu beschreiben anfangen wollte, wehrte dies mit ausgestreckter Hand entschieden ab. Da sie aber nicht erzählen durfte, erinnerte sie sich an die große Eile, die sie hatte, rief offenbar beleidigt: »Adjes allseits«, drehte sich wild um und verließ unter fürchterlichem Türezuschlagen die Wohnung.

»Abends wird sie entlassen«, sagte Herr Samsa, bekam aber weder von seiner Frau, noch von seiner Tochter eine Antwort, denn die Bedienerin schien ihre kaum gewonnene Ruhe wieder gestört zu haben. Sie erhoben sich, gingen zum Fenster und blieben dort, sich umschlungen haltend. Herr Samsa drehte sich in seinem Sessel nach ihnen um und beobachtete sie still ein Weilchen. Dann rief er: »Also kommt doch her. Laßt schon endlich die alten Sachen. Und nehmt auch ein wenig Rücksicht auf mich.« Gleich folgten ihm die Frauen, eilten zu ihm, liebkosten ihn und beendeten rasch ihre Briefe.

Dann verließen alle drei gemeinschaftlich die Wohnung, was sie schon seit Monaten nicht getan hatten, und fuhren mit der Elektrischen ins Freie vor die Stadt. Der Wagen, in dem sie allein saßen, war ganz von warmer Sonne durchschienen. Sie besprachen, bequem auf ihren Sitzen zurückgelehnt, die Aussichten für die Zukunft, und es fand sich, daß diese bei näherer Betrachtung durchaus nicht schlecht waren, denn aller drei Anstellungen waren, worüber sie einander eigentlich noch gar nicht ausgefragt hatten, überaus günstig und besonders für später vielversprechend. Die größte augenblickliche Besserung der Lage mußte sich natürlich leicht durch einen Wohnungswechsel ergeben; sie wollten nun eine kleinere und billigere, aber besser gelegene und überhaupt praktischere Wohnung nehmen, als es die jetzige, noch von Gregor ausgesuchte war. Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und Frau Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Plage, die ihre Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.

Entstanden 1912 • Erstmals erschienen in ›Die weißen Blätter‹ II, Leipzig 1915 • Der Text folgt der 2. Auflage, Leipzig: Kurt Wolf 1918

Michael K. IwoleitDeutschland

DER KELLER

Skoff hatte sich daran gewöhnt, den Wecker klingeln zu lassen. Wenn das Geräusch leiser wurde, drehte er sich um und versuchte weiterzuschlafen. Die Schwere in seinem Körper drückte ihn wie ein Bleigewicht in die Polster. Im Halbschlaf dachte er an seine Arbeit, wollte jeden Moment aufstehen, konnte sich aber nicht überwinden. Heute entschuldigte er sich damit, daß es nichts ausmache, wenn er samstags später anfinge. Gegen neun gab er sich noch eine halbe Stunde, dann eine weitere. Erst um elf war er ganz wach.

Durch einen Spalt zwischen den Vorhängen fing sich Licht in der staubigen Luft des Zimmers, fiel auf die Karteikästen, Papierstapel und Bücher auf dem Regal, das seinen Arbeitsplatz abteilte. Skoff wischte sich mit der Decke die Feuchtigkeit vom Bauch und spürte Krümel unter den Sohlen, als er die Füße aufsetzte. Wo immer er hinsah, war alles von einer flaumigen Schicht Staub bedeckt.

Die Handtücher im Bad rochen muffig, er selbst nach einer Mischung aus Schweiß und Sperma. Während er nackt vor dem Spiegel stand und seine Erektion zurückging, fragte er sich, ob ihm heute dasselbe bevorstand, was er schon ein dutzendmal erlebt hatte. Sylvia hatte ihm gestern am Telefon erklärt, wo sie jetzt wohnte, und es auf die übliche Weise verstanden, ihn zu überrumpeln. Wenn seine morgendliche Phantasie die Wirklichkeit vorwegnahm, würde er heute abend wieder in ihrem Bett landen. Und er konnte sich vorstellen, was dann in einigen Tagen von ihrer einschmeichelnden Freundlichkeit übrigbliebe, wenn sie ihr Selbstbewußtsein mit der Gewißheit aufgefrischt hatte, daß sie ihn noch immer haben konnte, und ihm erklärte, sie habe an diesem Abend zuviel getrunken, die Sache nicht so ernst genommen, oder was ihr diesmal einfiel. Wie oft wollte sie das wiederholen? Mit klarem Kopf hielt er es für das beste, die Verabredung abzusagen, so schwer es ihm fiel.

Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Bücher und photokopierte Manuskripte, Dutzende unerledigte Aufträge. Als er nach einer Katzenwäsche und einem Frühstück, das sein Mittagessen gleich vorwegnahm, in einer fettverschmierten Pfanne zubereitete Bratkartoffeln, die Seiten neben der Maschine durchsah, suchte er nach einer Möglichkeit, sich vor der Arbeit zu drücken. Der Rest des Originals belief sich auf sechs Seiten, vielleicht elf in der Übersetzung, einen Tag Arbeit. Zum Ende hin wurde die dünne Geschichte immer unerträglicher. Ein Blick auf den Wandkalender erinnerte Skoff daran, daß er schon um Wochen hinter seiner Terminplanung herhinkte. Bis zu seiner Verabredung blieben ihm drei Stunden. Es hatte kaum einen Sinn, noch anzufangen.

Er spannte einen Bogen in die Walze, überflog einen Absatz des Textes, blätterte im Wörterbuch und tippte halbherzig ein paar Zeilen. Nach zwei Sätzen verlor er den Faden, riß die Seite heraus und fing von vorne an. Er wußte nicht mehr, worum es in der Geschichte ging, was der Verfasser sagen wollte, was er selbst hinschreiben sollte. Nach einigen Versuchen, sich zusammenzureißen, stützte er die Ellbogen auf die Maschine, barg das Gesicht in beide Hände und dachte nach. Der Dreck überall, auf dem Teppich, den Regalen, dem Fernseher, an ihm selbst, machte ihn nervös. Er konnte sich in einer solchen Atmosphäre nicht konzentrieren.

Als das Telefon klingelte, hatte er die Termine durchgestrichen und beschlossen, den restlichen Tag zu nutzen, um Ordnung zu schaffen und seine Zeit neu einzuteilen, damit er morgen etwas disziplinierter weitermachen könnte. Aber wie oft hatte er das schon versucht?

Am anderen Ende der Leitung meldete sich Sylvia. Das ersparte ihm die Mühe, sie anzurufen.

»Hör mal, ich habe mir heute das Auto meiner Freundin geliehen. Dann brauchen wir nicht mehr zu überlegen, wie wir die Sachen zu dir rüberschaffen.« Sie redete, als sei das ganz selbstverständlich. Dabei wußten sie beide, daß nach den Monaten, in denen sie nichts voneinander gehört hatten, ihr die Möbelstücke, die noch in ihrer alten Wohnung standen, nur einen Vorwand boten.

»Ich wollte dich selbst gerade anrufen.«

»Was ist? Schaffst du’s heute nicht?«

»Nein. Ich habe noch mal darüber nachgedacht. Ich möchte dich nicht sehen.« Es fügte ihm einen körperlichen Schmerz zu, derart kalt zu sein. Er dachte an die raren Momente, für die er so viel geopfert hatte, Abende und Nächte, in denen zwischen ihnen alles ganz einfach ausgesehen hatte. Aber diese Vertraulichkeit hätte ihm jetzt ebenso widerstrebt. Sie schwieg eine Weile.

»Das mußt du wissen.« Er merkte ihrer Stimme an, daß es sie mehr traf, als sie erkennen lassen wollte. »Aber was machen wir mit deinen Sachen?«

»Laß sie mir vorbeibringen oder wirf sie auf den Müll.« Er bereute es im selben Moment, als er den Hörer auflegte. Die Überzeugung, das Richtige zu tun, hatte nicht verhindern können, daß ihre Stimme in ihm eine Illusion von Zuneigung hervorrief, die, wie er wußte, in eine Situation wie jene münden würde, als sie ihm nach ihrer letzten gemeinsamen Nacht erklärt hatte, daß es einen anderen Mann gäbe. Warum konnte sie nicht damit aufhören, in seinem Leben herumzupfuschen? Den Rest des Tages würde er sich niedergeschlagen fühlen und vielleicht Dinge tun, die er später bereute.

Eine Hand noch am Hörer, blätterte er den Notizblock neben dem Apparat durch und riß entschlossen zwei Seiten mit Telefonnummern und Adressen von Frauen heraus, auf deren Bekanntschaft er künftig auch lieber verzichtete. Sylvia durfte nicht wieder in der Weise auf ihn Einfluß nehmen, daß er sich in seinem Stammlokal zur Ablenkung auf Affären mit Frauen einließ, die am nächsten Tag schon nicht mehr wußten, warum sie etwas mit ihm angefangen hatten, oder mit solchen, die zu betrunken waren, um ihn überhaupt wahrzunehmen. Immer wieder entglitt ihm sein Leben ins Chaos. Immer wieder erwachte er an einem Morgen wie diesem, um festzustellen, daß nichts so lief, wie er es sich vorstellte. Er war jetzt siebenundzwanzig und auf dem besten Wege, sich alle Chancen zu verbauen. So durfte es nicht weitergehen.

Aus einem Fach im Küchenschrank kramte er ein Bündel Plastiktüten, warf in eine die Papierschnipsel und ging durch die Wohnung, um Aschenbecher auszuleeren, Flaschendeckel, Teebeutel und zerrissene Umschläge einzusammeln und alles an Unterlagen, Zeitschriften und Prospekten wegzuwerfen, was er nicht brauchte. Während er dann den Schmutz von Regalen und Fensterbänken wischte und mit dem Staubsauger über Polstermöbel und Teppiche fuhr, ließ er in der Küche in einer Schüssel mit heißem Wasser die Essensreste von drei Wochen einweichen. Ehe er sich an den Abwasch machen konnte, hatte er im Flur sechs Tüten mit Abfällen aufgestapelt.

Von den Vorräten im Kühlschrank war die Hälfte verdorben. Der Frischkäse in den Bechern hatte Schimmel angesetzt, die Milch war sauer geworden, die Salate und Gemüse im untersten Fach zu einer schleimigen Masse verfault. Er nahm sich alle paar Tage vor, sparsamer zu leben, fand aber meist keine Zeit, selber zu kochen, und verpulverte Unsummen für Fertiggerichte, während seine Vorräte darauf warteten, im Müll, Ausguß oder Klobecken zu verschwinden. Er wagte nicht abzuschätzen, wieviel Geld er in den letzten Jahren auf diese Weise verschwendet hatte.

Als er sich vergeblich bemühte, den noch immer strengen, halb fauligen, halb süßlichen Geruch in der Küche zu beseitigen, indem er die klebrige Schicht aus eingetrocknetem Tee und Kaffee, Sojasauce, Sambal, Fett und Gewürzen auf dem Tisch mit Scheuerpulver bearbeitete, ahnte er, was er übersehen hatte. Er mußte den Schrank und die Geräte von der Wand rücken, um festzustellen was sich in dem Zwischenraum an Brot-, Keks- und Kuchenkrümeln, Saucen und Speiseresten angesammelt hatte, eine fingerdicke, bräunliche Masse, an der selbst die Fliegenmaden eingegangen waren. Skoff konnte sie nur mit einem Spachtel entfernen. Um den Boden zu reinigen, verbrauchte er drei Eimer Wasser.

Die Mülltonnen vor dem Haus waren voll, deshalb brachte er die Tüten in den Keller. Sein Abstellraum lag am Ende eines fensterlosen Gangs der nur von einer staubbeschlagenen Glühbirne erhellt wurde. Über den rutschigen Boden führte eine Spur von Farb-, Lack- und Kleisterflecken zu der Lattentür. Schon als er den Keller betrat, bemerkte Skoff den Geruch verrotteter Pappe und Tapeten. Vor der Tür, wo die Luft vor Schimmel und Fäulnis klamm wurde, hielt er einen Moment den Atem an. In den kleinen Raum drang gerade so viel Licht, daß er die Umrisse der Müllbeutel, Eimer und Stapel von Pappkartons erahnen konnte, die er hier im Frühjahr aus Bequemlichkeit untergebracht hatte, als er sich endlich dazu aufraffte, das zweite Zimmer zu renovieren, das seit seinem Einzug vor drei Jahren leer stand. Beim Versuch, seine Augen anzustrengen, schien es ihm fast, als bewegten sich die unförmigen Haufen etwas.

Spinnweben und Ruß hatten das Fenster zum Hof nahezu geschwärzt. Skoff stellte die Plastiktüten, die er in den Armen hielt, an die Wand und tastete sich ins Dunkle vor. Mit den Füßen schob er Lackdosen und Farbeimer beiseite. Mit ausgestreckten Händen versuchte er etwas zu fassen zu bekommen, was er nach hinten werfen konnte, um Platz zu schaffen, aber seine Fingerspitzen berührten nur feuchte, aufgequollene Flächen, fanden nirgends eine Kante oder eine Ecke. Der Lärm aufgedrehter Fernseher und Radios, der durchs Treppenhaus geschallt hatte, verstummte hinter ihm. Skoff warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, daß die Lampe im Flur noch brannte. Mit jedem Schritt schien ihr Licht schwächer zu werden.

Hier, mitten unter den Abfällen, haftete dem Geruch etwas an, das Skoff nicht benennen konnte. Es war nicht die noch immer aus undichten Behältern dringende Schärfe von Terpentin und Lacken, die ihn beunruhigte, auch nicht der modrige Gestank verfaulter Lebensmittel. Die einzelnen Gerüche flossen vielmehr zu etwas zusammen, was am ehesten an rohes Fleisch und Blut erinnerte. Skoffs eigener Atem übertönte das Rieseln und Schaben, das er einige Male zu hören glaubte. Einmal hatte er den Eindruck, ein Stück Pappe ziehe sich unter seiner Berührung zurück, aber er hatte den Karton selbst mit dem Schienbein weggeschoben, ohne es zu merken.

Plötzlich ging das Licht aus. Ein Knall erschütterte die Stille, als die Kellertür zufiel. Skoff hatte das Gefühl, als träfe ihn im Innersten ein Schlag. Er fuhr herum, zog sich am Türrahmen aus dem Dreck, in dem er plötzlich zu versinken drohte, und stürzte auf den Gang. Mit wenigen Schritten, indem er jeweils drei Stufen auf einmal nahm, ließ er die Treppe hinter sich. Erst als er die Klinke herunterdrückte und ins Treppenhaus stolperte, wurde ihm bewußt, daß es keinen Grund zur Aufregung gab.

Über ihm stampfte jemand die Treppe hinauf. Ein Schlüssel wurde im Schloß gedreht und eine Tür zugeschlagen. Die Schnulzen aus dem Radio des Junggesellen im ersten Stock leierten weiter. Es mußte derselbe übereifrige Nachbar sein, der schon oft das Licht ausgeschaltet und die Tür versperrt hatte, als Skoff im Keller beschäftigt war.

Beim Abendessen, für das er alles verarbeitete, was sich noch an Eßbarem in seiner Wohnung befand, fragte er sich, was ihn überhaupt so erschreckt hatte. Seit er immer seltener ausging und froh war, wenn er keine Anrufe erhielt, aus Angst, es könne sein Verlag sein, fühlte er sich hier oben wie eingesperrt. Gelegentlich bedauerte er es, viele Bekanntschaften nur deshalb nicht weiterverfolgt zu haben, um sich Enttäuschungen zu ersparen. Ihm war der Entschluß schwergefallen, sein Stammlokal nicht mehr zu besuchen, und er wußte nicht, wo er sonst hingehen sollte, aber ihn widerte der Lärm an, bei dem er von dem alkoholisierten Gerede seiner Tischnachbarn kaum ein Wort verstand, die Nächte, die er bei Dope und Alkohol in den Wohnungen von Leuten verbrachte, die er nicht mochte, wenn alle Kneipen geschlossen waren. Wieviel Zeit hatte er auf diese Weise schon verloren?

Später schaltete er alle Lampen in der Wohnung und den Fernseher ein und drehte den Ton bis zum Anschlag auf. In Gedanken bei Sylvia, was ihn von Minute zu Minute mehr ärgerte, zog er sich aus und ließ Badewasser ein. Er wußte nicht, welchen Kanal er gerade empfing, er wollte nur Stimmen hören. Als ihm die Discomusik zu aufdringlich wurde, schaltete er wahllos um. Auf dem Bildschirm erschien eine vierköpfige Gesprächsrunde. Einer von den gelehrtenhaften Männern erzählte etwas über Müll, und Skoff lachte. Genau das Thema, das ihn interessierte.

Das eklige Gefühl, von einer millimeterdicken Kruste umgeben zu sein, war er losgeworden, als er nach fünfzehn Minuten aus der Wanne stieg, in der in Flöckchen alles schwamm, was er von sich abgenibbelt und -gekratzt hatte, Dreckkrusten unterm Hals, Hornhaut an den Fußballen, gelbliche Schmiere unter der Vorhaut. Nach einer Kopfwäsche und Rasur nahm er die letzten Korrekturen mit einer Nagelschere vor, und noch einmal drang etwas von dem schweißigen Geruch in seine Nase, als er das Gemisch aus abgestoßener Haut und Dreck unter seinen Fußnägeln hervorkratzte. Im Bettkasten fand er etwas frische Wäsche. Zum erstenmal seit langem stellte ihn sein Anblick im Spiegel schließlich zufrieden. Er spürte, daß er das brauchte. Die Endgültigkeit, mit der er Sylvia abgewiesen hatte, machte ihm noch immer zu schaffen.

»Wir verlieren immer mehr Lebensraum an unseren eigenen Abfall«, erklärte der Müllprofessor, als Skoff sich am Schreibtisch daran machte, einen neuen Terminplan aufzustellen. Wenn er sich diesmal daran hielt, konnte er in drei Monaten alle anstehenden Projekte erledigt haben. Er hörte nur mit einem Ohr hin. »In den modernen Industriestaaten werden durchschnittlich zehn bis fünfzehn Prozent der Fläche zur Müllvernichtung oder -lagerung benötigt. In einigen amerikanischen Großstädten ist die Masse kaum noch zu bewältigen. In den Halden am Rande der Slums gedeihen neue Krankheitserreger, an denen selbst die Ratten zugrundegehen. Wir laufen Gefahr, daß inmitten unserer zivilisierten Welt menschenfeindliche Lebensräume entstehen, über deren Entwicklungen wir keine Kontrolle haben.«

Jetzt, da er sich von dem äußeren und inneren Schmutz befreit hatte, der ihn seit Tagen lahmlegte, spürte er im Bauch dasselbe flaue Gefühl wie jedesmal, wenn er seinen Schmerz wegen Sylvia hinunterzuschlucken versuchte. Er füllte eine weitere Plastiktüte mit den Plänen, die er von der Wand und aus Schnellheftern riß, Aufstellungen seiner Kosten für die nächsten Monate, Listen von Büchern, die er seit Jahren schreiben wollte. Neue Pläne zu tippen, brachte aber die Stimme nicht zum Verstummen, die er noch im Ohr hatte.

»Im mikrokosmischen Bereich bildet unser eigenes Körpergewebe Kondensationspunkte aus, an denen sich die Trägersubstanzen einer konträren Evolution abscheiden. Wir wissen nicht, was in den Ruß- und Teerpartikeln in einer Raucherlunge, den Tröpfchen von Nahrungsgiften in einer Drüsen- oder Leberzelle geschieht, in die aus dem umgebenden Gewebe Vitalstoffe hineindiffundieren. Wir schaffen Milliarden mikrometergroße Enklaven, in denen wir Schadstoffe in unserem Körper deponieren.«

Ein einziger Müllbeutel, ein paar Blätter im Papierkorb genügten für Skoff, um die klare Atmosphäre zu trüben, die er geschaffen hatte. Er zog die Vorhänge zu, damit er nichts mehr draußen sah, und mußte sich zwingen, noch einmal in den Keller zu gehen. Die Geräusche im Treppenhaus waren auf ein kaum vernehmliches Maß abgesunken. Vor der Kellertür zögerte er kurz.

Am Fuß der Treppe konnte er vom anderen Ende des Gangs nichts erkennen. Die blaßgelbe Lampe warf auf halbem Weg nur einen tellergroßen Lichtfleck auf den Boden. In den Leitungsrohren rauschte es leise. Ein leichter Zug bewegte die Luft, ohne daß Skoff ausmachen konnte, aus welcher Richtung er kam. An seinen Fingerspitzen blieb feuchter, fast schleimiger Putz hängen, als er sich an der Wand abstützte. Es roch nach Innereien, Galle und Magensäure.

Mit jeder Lattentür, an der er vorbeiging, wurde der Geruch stärker. Seine Sohlen lösten sich schmatzend von weichen Stellen am Boden, und er bemerkte feuchte Flecken an der Wand. Einige Male tropfte etwas auf seinen Kopf, rann beinahe zielstrebig seinen Nacken hinunter in den Hemdkragen. In den Kellerräumen hörte er Geräusche, als sänken Abfallhaufen in sich zusammen. Er wollte möglichst schnell wieder hinaus, wagte sich aber nur mit äußerster Vorsicht zu bewegen. Die Tüte in seiner Hand wurde immer schwerer. Am Ende des Gangs trat er in eine Pfütze, die nach Erbrochenem stank.

Mit verhaltenem Atem versuchte er sich zu erinnern, wo in dem Gerümpel noch Platz gewesen war. Als er die Tür aufzog, deren Scharniere so laut knarrten, daß er zusammenfuhr, schien der Lichtschimmer auf eine einzige zusammenhängende Masse zu fallen. Er warf die Tüte einfach hinein, aber sie glitt von irgendwo hinunter, ihm wieder vor die Füße. Vor ihm bewegte sich etwas, vielleicht auch neben ihm. Beim ersten Schritt in die Kammer rutschte er aus und prallte mit den Schultern gegen die Wand. Für einen Moment schien es ihm, als würde das lehmige Mauerwerk beben. Halb auf den Knien tastete Skoff nach der Tüte und versuchte sie irgendwohin zu stopfen, aber überall traf er auf denselben zähen Widerstand. Die Plastikgriffe klebten an seinen Händen. Die Lampe im Gang schwang in einem Luftzug an ihrem Kabel langsam hin und her und ließ ihn immer länger in völliger Dunkelheit.

Zuerst hatte er das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben, als die helle Phase völlig ausblieb. Dann verriet ihm das Geräusch einer Klinke, die heruntergedrückt, und eines Schlüssels, der herumgedreht wurde, daß er nicht träumte. Er hörte noch die Haustür zufallen und ein lautes Rauschen, als jemand im ersten Stock den Wasserhahn betätigte, bevor der Luftzug so stark wurde, daß er in seinen Ohren wie ein Seufzen klang.

Ruckartig schreckte Skoff von der Wand zurück. Er wußte nicht, ob er sich nur eingebildet hatte, daß der Putz in seinem Rücken zu pulsieren begann. Der Gestank setzte sich in seiner Nase fest, stieg ihm in den Kopf. In seinem Mund breitete sich ein fader Geschmack aus. Er taumelte hilflos um die eigene Achse und hatte den Eindruck, der Boden geriete ins Wanken. Bis zu den Knöcheln versank er in einer zähen, sich windenden Masse. Als ein Wulst sich um seine Hüfte schloß, wußte er, daß er sich nichts einbildete.

Das Seufzen schwoll an. Der ganze Kellerraum pumpte Luft in den Gang und brachte verborgene Membranen zum Vibrieren. Skoff drohte nach hinten überzukippen und versuchte sich abzustützen. Etwas hatte seine Hosenbeine aufgeweicht und ein Brennen kroch die Waden hinauf. Seine Hände griffen ins Leere, spürten nur die feuchte Luft, die aus einer Öffnung hinter ihm gepreßt wurde. Aus dem Seufzen wurde ein Heulen. Skoff bäumte sich auf, aber er kam nicht frei.

Mit letzter Willensanstrengung versuchte er trotz der Flüssigkeit, die auf ihn herabregnete, und des Gestanks, der ihn zu ersticken drohte, ruhig zu bleiben. Seine Hände suchten nach einem Gegenstand, mit dem er sich hätte verteidigen können, bekamen aber nur die Tüte zu fassen. Ohne lang zu überlegen, warf er sie in den Schlund hinter seinem Rücken. Das Geheul erstarb in einem Glucksen und für einen Moment lockerte sich die Umklammerung.

Skoff wußte später nicht mehr, wie er sich befreite, durchs lärmende Dunkel den Weg zur Kellertür fand und die Treppe hinaufhetzte, um oben die Tür hinter sich zu verbarrikadieren. Noch Minuten später hämmerte sein Herz und rang er um Atem. Als ihm endlich bewußt wurde, daß er mit dem Rücken zur Tür im Korridor hockte, fragte er sich, ob er den Verstand verloren habe. Er lauschte angestrengt, aber im Treppenhaus blieb es still. An seinen Hosenbeinen klebten Papierfetzen. Aus seinem Haar tropfte Feuchtigkeit, aber es war nur Wasser, nichts von dem, was er gespürt zu haben glaubte.

Es beruhigte ihn nicht, daß ihm nur gewöhnlicher Kellergeruch anhaftete. Sein Verstand suchte nach einer einfachen Erklärung, aber etwas in ihm wehrte sich dagegen. Er dachte an die wenigen Sätze, die er von der Fernsehdiskussion mitbekommen hatte, und fragte sich, wieviel unentdeckte Winkel es in seiner Wohnung noch gab, in denen sich Schmutz ansammelte, unter den Teppichen vielleicht, hinter losen Fußleisten oder Tapeten. Was ging in ihm selbst vor? Was war dieses schmerzhafte Ziehen wirklich, das seinen Magen zusammenkrampfte?

Er brauchte eine Stunde, bis er aufstand, seine Kleider in die Wäschetrommel warf und sich im Bad alles vom Körper wusch, was ihm verdächtig erschien. Bis in die Nacht ließ er alle Lampen in der Wohnung brennen, schaltete den Fernseher ein und legte sogar Schallplatten auf. Eine Zeitlang überlegte er, ob er jemanden anrufen sollte, Sylvia vielleicht, aber das hielt er für lächerlich. Gegen Mitternacht beschwerten sich seine Nachbarn durch Klopfen, und er drehte widerwillig den Ton und die Musik leiser. So sehr er sich bemühte, die Handlung des Spätfilms zu verfolgen, es gelang ihm nicht. Um zwei wurde er zu müde, um sich weiter auf den Beinen zu halten. Anfangs versuchte er bei Licht zu schlafen, dann sah er ein, daß er früher oder später doch wieder Dunkelheit vor Augen haben würde.

Zu seiner Erleichterung blieben die Halluzinationen aus, vor denen er sich gefürchtet hatte. Die weichen Polster verhalfen ihm zur Entspannung, so daß er schließlich sogar den Gedanken erwägen konnte, vielleicht nur überreizt oder erschöpft gewesen zu sein. Er wollte nicht darüber nachdenken, in welchem Maße Sylvia daran mitschuld war. Ab morgen würde er einiges in seinem Leben ändern. Es durfte nicht wieder dazu kommen, daß sich ihm die Dinge entwanden, die ihm wichtig waren.

Das einzige, was von der Aufregung zurückblieb, als er an der Schwelle zum Schlaf hindämmerte, war der Schmerz in seiner Magengrube. Er merkte kaum etwas davon, weil mit der Erschöpfung die Schwere vom Morgen in seinen Körper zurückkehrte. Noch geringfügig mehr zerrte der Kloß in seinem Magen an seinen Eingeweiden. Skoff krümmte sich und verschränkte die Arme über dem Bauch, aber die Müdigkeit erwies sich als stärker. Die amöbenartige Masse in seinem Bauch schien zu wachsen und sich auszubreiten. Bevor er ganz das Bewußtsein verlor, hatte Skoff die vage Empfindung, daß sie unter seinen Brustkorb auf sein Herz zukroch.

Copyright © 1996 by Michael K. Iwoleit • Erstveröffentlichung

Astrid JulianKanada

IRENES LIED

Es ist kein Geheimnis, daß Ich nicht gut sehe. Mein Auge kann zwar Gebirgszüge durchdringen, ich kann den grenzenlos leeren Raum überschauen und manchmal sogar in die Herzen der Menschen sehen – die Brennweite Meiner Augen aber kann ich nicht verändern. Sie steht fest. Ich muß also immer im richtigen Abstand zu Meinem Objekt positioniert sein: nicht zu nahe, aber auch nicht zu weit von ihm entfernt.

Vancouver ist – wenn Ich das einmal so sagen darf – eine Meiner gelungensten Schöpfungen. Das gilt vor allem im Sommer: Es ist Abend. Die rote Sonnenscheibe versinkt hinter den schwarzen Rändern des Ozeans und zieht eine flammende Spur über die sanft plätschernden Wasser der English Bay. Ich stehe neben den Twin Sisters, den Talengen der Burnaby Mountains genau gegenüber. Bei den Einheimischen heiße Ich Mount Seymour.

Ich muß unbedingt auf diesen Parkplatz, auf dem eben, vor dem Eingang zum Konzertsaal, Irene Janowitz, die Dirigentin, ihrer neunundsechzigjährigen Großmutter aus dem alten MG ihres Vaters hilft. Sie schließt die Tür.

Irene Janowitz hat Angst vor dem Konzert, das ihr bevorsteht. Vor ihrem Konzert in Vancouver, der Stadt, in der sie geboren ist. Nicht daß sie irgendwelche ›Enthüllungen‹ befürchtete – sie bestreitet im Gegenteil ganz entschieden, daß irgendeine der Legenden, die sich um ihr Werk ranken, wahr sein könnte. Ich habe den Verdacht, sie glaubt nicht einmal an Meine Engel. Warum sollte sie also Angst haben, die Engel könnten dahinterkommen, daß sie ihnen die Seelen unschuldiger Kinder geraubt hat, die sie zu sich geholt hatten? Nein – Irene Janowitz fürchtet, daß ihre Mutter, Mari Janowitz, wieder einmal eine Entschuldigung finden wird, um einer Aufführung eines Werks ihrer Tochter fernbleiben zu können.

Irene Janowitz hat ihre Kompositionen in Tokio dirigiert, in Berlin, Sao Paulo und Washington, aber noch nie in Vancouver. Heute abend ist es endlich soweit: sie hat das Konzert nur deshalb in ihrer Heimatstadt angesetzt, damit ihre Mutter es besuchen kann.

Irene trägt ein elegantes Kleid aus schwerem schwarzem Samt, so schwer, daß ich am liebsten ein Pseudopodium ausstrecken und es befühlen möchte. Das Kleid ist schulterfrei geschnitten – eine etwas frivole Garderobe für eine Dirigentin. Aber es paßt zu ihren Sommersprossen. Ihr Haar ist rot wie der Atem eines feuerspeienden Drachen, Irene hat es noch nie gemocht. Aber sie ist viel zu stolz, um es sich färben zu lassen.

Anna Weber, Irenes Großmutter, hält sich am Arm der Dirigentin fest, die beiden gehen langsam, aber unbeirrt über die Straße. Es gab eine Zeit, da schämte sich Irene wegen ihrer Großmutter; schämte sich ebenso sehr, wie sie sich wegen ihrer roten Haare schämte. Sie denkt nicht gerne daran zurück, daß sie sich einmal wegen ihrer Großmutter geschämt hatte.

Als Kind hatte Irene für ihre Großmutter kein Verständnis aufgebracht. Die unbekümmerte Sorglosigkeit, mit der die alte Frau ihr Leben lebte, wie es ihr paßte, war Irene damals als vorsätzliche Rücksichtslosigkeit erschienen. Anna Weber hatte sie alle – ihre Tochter, die Architektin; ihren Schwiegersohn, Professor für englische Literatur an der University of British Columbia; ihre verwöhnte Enkelin – in Verruf gebracht, weil sie nie aufgehört hatte, als Putzfrau zu arbeiten. Die Leute, bei denen sie putzte, wären Freunde, hatte sie behauptet; sich um sie zu kümmern, wäre ihr Freude und Pflicht zugleich. Selbst die nebensächlichsten, belanglosesten Verrichtungen – ob sie nun Petunien pflanzte oder hinter den Fensterscheiben ihres Gewächshauses ihrer Enkelin zusah, die auf der Schwimmbadterrasse Geige spielte – ganz gleich, was Anna Weber tat: Irene hatte es immer, hatte alles als einen Akt rücksichtsloser Einmischung empfunden.

Anna bleibt stehen und horcht auf das Plätschern des Brunnens am Hintereingang des Konzertsaals. Irene hütet sich, die alte Frau zu hetzen. Zu einem wohl verdienten Lebensabend gehört auch die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, einen Brunnen zu bewundern. Anna tätschelt den Arm ihrer Enkelin: »Keine Sorge, Irene«, sagt die alte Frau, die – auch wenn die Dirigentin kein Wort darüber verloren hat – sehr gut versteht: »Mari, deine Mutter, ist sehr stolz auf dich. Du machst ihr nur manchmal etwas angst. Trotzdem: Sie kommt heute abend. Sie hat es versprochen.«

»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, sagt Irene Janowitz. »Damals, in Wien, hat sie es auch versprochen.«

Erschrocken sehe Ich, wie zwei alte Leutchen auf die Komponistin zugehen. Im ersten Moment glaube Ich, Meine Engel sind Mir gefolgt, sind unterwegs auf nicht genehmigter Visitation. Aber nein: die beiden sind Meine irdischen Kinder.

Die alte Frau trägt einen Strauß weißer Rosen mit grüngeränderten Blütenblättern. »Für Sie, Maestra Janowitz. Ich freue mich auf die schöne Musik, die wir heute abend von Ihnen hören werden.«

Irene lächelt und riecht an den Blumen. ›Barbi’s Summer Field‹ – sie kennt die Sorte. »Darf ich Ihnen meine Großmutter vorstellen, Mrs. Weber? Sie ist die Züchterin dieser Rose. Sie hat sie nach meiner Tante benannt, die im Krieg ums Leben kam.«

»Ich weiß.« Die Frau lächelt scheu und gibt Anna Weber die Hand. Dann stupst sie ihren Gatten. Der Alte stammelt etwas und wird rot.

Janowitz will es ihnen leicht machen: »Wünschen Sie, daß ich eine Passage zum Andenken an ihr Kind hinzufüge?«

»Unsere Tochter.« Wieder stupst die Frau ihren Ehemann. »Rudi! Zeig ihr doch das Bild.« Sie nimmt ihm das Foto aus der Hand und gibt es Irene. »Sie heißt Pauline. Pauline Seefeld. Sie war ein gutes Kind. Hat nie Probleme gegeben mit ihr. Mein Mann war bei der Wehrmacht, hat gekämpft, um Königsberg vor den Russen zu retten. Pauline und ich sind noch bis Breslau gekommen, bevor uns der Feuersturm der Alliierten eingeholt hat. Ich hatte sie in einem Park bei einem alten Mann gelassen, den ich auf der Flucht aus unserem Dorf kennengelernt habe, und bin losgegangen, um etwas zu essen zu organisieren. Der Park war voller Wagen und Handkarren: Tausende von Frauen, die Provianttaschen und Bündel mit Bettzeug zurechtlegten, und noch mehr Kinder, die nach Brot schrien. Ich hab die Bomber gehört und bin so schnell ich konnte zurückgerannt. Aber als ich ankam, war der Park …« Der alten Frau standen Tränen in den Augen. »Schwarz. Alles schwarz. Und still, ganz still.« Sie legt das Bild weg. »Jetzt sind wir allein, Rudi und ich. Es ist nicht einfach, alt und allein zu sein.«

»Es ist nicht deshalb …«, sagt der alte Mann. »Pauline war so intelligent. Und immer hat sie gelacht. Wir hätten ihr eine gute Ausbildung verschaffen können. Sogar ein Universitätsstudium. Sie hätt’ es verdient, zu leben. Armes kleines Ding. Sie hatte nie eine Chance.«

Irene Janowitz schüttelt den Kopf. Warum sind die Menschen so abergläubisch? »Selbstverständlich werde ich ein oder zwei kleine Passagen für Pauline einfügen«, verspricht sie der Frau. »Aber Sie dürfen diese Geschichten nicht glauben. Wie sollte auch ein Musikstück die Toten wieder zum Leben erwecken können?«

Irene Janowitz ist immer gerne bereit, ihr Requiem um die eine oder andere Passage zum Andenken an weitere Kriegsopfer zu ergänzen. Auch wenn die Musiker weltweit murren, weil sie das Requiem vor jeder Aufführung neu einstudieren müssen – das Publikum beschwert sich nie. Menschen, die mit harter Mühe ein oder zwei Noten lesen können, ackern sich durch Partituren, in denen es von Eselsohren wimmelt, und suchen nach den eingemerkten Stellen, den Passagen, die ihren Angehörigen gewidmet sind.

»Genau das hab ich meiner Frau auch gesagt«, meldet sich Mr. Seefeld. »Aber …«

»Sehen Sie, Maestra …«, Mrs. Seefeld schneidet ihm das Wort ab, »unsere Nachbarn sind aus Köln, und sie haben einen Sohn und drei Enkelkinder. Doch manchmal kann ich mich noch an sie erinnern, da hatten sie keine Enkel, und ihr Sohn war kurz nach dem Krieg an Typhus gestorben. Diese Erinnerungen sind alt – sie stammen aus einer Zeit, als ich noch nicht von ihrer Musik gehört hatte. Aber ich schwöre Ihnen, sie sind wahr.«

Der Mann starrt auf den Boden.

»Erwarten Sie bitte nichts Unmögliches.« Janowitz lächelt und schüttelt ihnen die Hand. »Danke für die Blumen«, ruft sie dem alten Paar nach, das zu seinem Auto geht. Dann öffnet sie ihrer Großmutter die Tür zur Bühne.

»Du solltest dich nicht mit Verrückten wie den beiden da abgeben, Irene«, sagt ihre Großmutter, nachdem die Tür zugefallen ist.

»Ach, Omi. Du redest schon wie Mom. Sie sind einsam und vermissen ihre Tochter. Der Kummer stellt merkwürdige Dinge mit den Menschen an – auch noch nach fünfzig Jahren.«

»Du solltest deiner Mama zuhören. Solltest dir ruhig einmal das eine oder andere anhören, das sie zu erzählen hat.«

Irene Janowitz zuckt die Achseln und geht durch den Flur zu ihrer Garderobe. Sie will noch ein letztes Mal die Partitur studieren, bevor die Aufführung beginnt. Sie läßt der alten Frau nicht anmerken, wie sehr sie die Begegnung mit dem Paar verstört hat. Auf früheren Mitschnitten ihres Kriegsrequiems sind Partien zu hören, die ihr vollkommen fremd sind – sie kann sich nicht daran erinnern, sie jemals geschrieben zu haben. Aber das, nimmt sie an, ist wohl nicht verwunderlich bei einem Werk, das ständig um neue Passagen ergänzt und erweitert wird. Was sie viel mehr beunruhigt, ist die Tatsache, daß sie sich an ein drei Seiten langes Solo für Waldhorn erinnern kann. Drei Seiten, die allem Anschein nach nicht vorhanden sind – obwohl sie schwören könnte, dieses Solo schon dutzende Male dirigiert zu haben. Sie könnte auch jederzeit die Namensliste der Solisten niederschreiben, sie hat sie alle noch im Kopf. Sollte sie das tatsächlich alles nur geträumt haben? So plastisch, in allen Einzelheiten? Einmal hat sie deswegen sogar, bevor ihr Agent sie davon abhalten konnte, den Leiter eines Aufnahmestudios angerufen und sich wegen der fehlenden Passagen beschwert. Ich sollte wirklich etwas sorgfältiger mit meinen Arbeiten umgehen, redet sie sich ins Gewissen. Und ist doch beinahe versucht, die Tatsache, daß diese Passagen fehlen, mit jenem Gerücht in Verbindung zu bringen, demzufolge Kinder wieder ins Leben zurückgekehrt sein sollen …

Die Großmutter küßt Irene und geht dann die Treppen hinauf in ihre Loge. Sie begrüßt den Vater der Dirigentin – der Sitz für Mari, die Mutter von Irene, ist noch nicht besetzt. Weil Ich gespannt bin auf die Musik der Janowitz, plaziere Ich eines Meiner transparenten Pseudopodien auf diesem Stuhl.

Das Pseudopodium ist blind. Bedauerlicherweise. Könnte es sehen, bräuchte Mich Meine Kurzsichtigkeit nicht weiter zu kümmern. Aber immerhin kann es hören, kann riechen, spüren und empfinden, was um es herum vorgeht. Mir allerdings bleibt nichts anderes, als von Mount Seymour aus durch die Wände des Konzertsaals zu spähen: die Klarinettisten, sehe ich (wenn auch etwas verschwommen und unscharf), setzen soeben ihre Instrumente zusammen.

»Sie kommt wohl nicht … Oder was denkst du?« fragt Anna Weber den Vater von Irene, Helmut Janowitz.

»Angeblich mußte sie zu einer Besprechung nach Cheyenne. Trifft sich mit dem Repräsentanten der Baufirma, die dort ein neues Einkaufszentrum baut.«

»Du weißt genausogut wie ich, daß Mari in ihrem Garten auf einem Steinbrocken hockt und auf den Ozean starrt – in diesem trostlosen Urwald, von dem sie behauptet, es handle sich dabei um einen Japanischen Garten.«

Als Mount Seymour besitze Ich ein Blickfeld, das auch das Haus der Janowitz umfaßt: Ich sehe eine Frau in den Fünfzigern, helles Haar, die auf das schwarze Wasser hinausblickt, auf das die untergehende Sonne rote Streifen zeichnet. Die Angst, von der sie beherrscht wird, ist so groß, daß sogar Ich sie am eigenen Leibe spüren kann.

»Warte mol. Der erzähl’ ich wos, wenn wir wem heimkummen[1]«, sagt die alte Frau. »Arme Irene. Sie will ihrer Mutter doch nur eine Freude machen – und jedesmal erleidet sie damit Schiffbruch.« Helmut Janowitz versucht, die alte Frau etwas versöhnlicher zu stimmen. »Mari hat Angst davor, mit ansehen zu müssen, daß irgend jemand Irene etwas antut. Sie wird einfach diese typisch deutsche Marotte nicht los: deutsch sein – das ist etwas, das man nicht in die Welt hinausposaunt. Laut Mari ist es etwas, über das man nicht spricht. Wie seine religiöse Überzeugung. Oder wie eine Geisteskrankheit. Hast du gewußt, daß sie sich bei unserer ersten Verabredung als Jugoslawin ausgegeben hat?«

»Aber warum denn bloß? Niemand schlägt sie mehr deswegen. Die Zeit ist vorbei.«

»Schläge sind bald vergessen. Ansichten und Einstellungen halten sich erheblich länger. Und außerdem – so meint Mari wenigstens – werden diese Schläge von den meisten auch heute noch gutgeheißen.« Helmut blättert sein Programmheft auf.

Anna ist jetzt beinahe versucht, ihm den wahren Grund zu nennen, warum Mari, die Mutter der Dirigentin, nicht kommt: Mari glaubt diese Geschichten. Mari glaubt tatsächlich, daß ihre Tochter, die Dirigentin, die Toten wieder zum Leben erwecken kann. Und weil das Kriegsrequiem ursprünglich für Barbara, die andere Tochter der alten Frau, geschrieben wurde, hat Mari entsetzliche Angst davor, daß dieses Requiem Barbara wieder zurückbringt.

Anna hat ihr zwar zu verstehen gegeben, daß sie diese Geschichten für dummen Aberglauben hält. Andererseits aber muß sie ihrem Schwiegersohn durchaus recht geben: das, was Mari in den ersten zehn Jahre ihres Lebens erfahren mußte, hat schlimme Schäden verursacht. Trotzdem: den wahren Grund kann sie Helmut nicht nennen, wenn sie nicht will, daß er all die Lügen erfährt, die sie und Mari aneinander binden.

Anna ist gerührt, daß das Schicksal der seit langem verschollenen Barbara ihre Enkelin zur Komposition eines Requiems angeregt hat. Nur: Barbara ist nicht tot. Nicht für Anna. Vermißt – das ja; aber nicht tot.

Und deswegen hat Anna Irene auch gebeten, alle Passagen zu streichen, die ausschließlich dem Andenken an Barbara gewidmet sind. Sie hat die betreffenden Seiten der Partitur gerahmt und über dem Pflanztisch in ihrem Gewächshaus am Marine Drive aufgehängt. Manchmal scheint es der alten Frau, als zeichnete sich in den schwarzen Linien und Notenköpfen das Gesicht eines kleinen Mädchens ab.

Irene Janowitz, die hinter der Bühne auf ihren Auftritt wartet, empfindet ihrer Mutter gegenüber weit weniger Nachsicht. Barbara, Maris Schwester, war immer die Lieblingstochter von Anna Weber gewesen. Auch Irene hatte immer und immer wieder gehört, was für ein braves Kind die kleine Barbara doch war. Eigentlich nicht verwunderlich, daß Mari, ihre Mutter, eifersüchtig ist … Trotzdem wünscht sie sich nichts mehr, als daß sie sich wenigstens einmal ihre Musik anhören wollte, statt sich durch sie in Angst und Schrecken versetzen zu lassen.

Auf dem Weg zum Bühneneingang tritt die Dirigentin Janowitz auf den Saum ihres Kleids. Es fehlt nicht viel, und die komplette Partitur rutscht ihr aus der Ledermappe. Wie immer ist sie vor einer Aufführung des Requiems mit den Nerven am Ende – auch das Stimmen der Instrumente ändert nichts daran. Sie sitzt auf den Stufen, die von der Künstlergarderobe zur Bühne führen und ordnet die Notenblätter wieder ein.

Wird schon gutgehen, macht sie sich Mut. Es ist noch jedesmal gutgegangen, wenn die Musik sie einmal ergriffen hat.

Es ist still, als sie auf die Bühne tritt. Sie nickt dem Konzertmeister zu, verneigt sich tief vor dem applaudierenden Publikum und grüßt mit einem weiteren Kopfnicken zur Loge hinauf, in der ihre Großmutter, ihr Vater und Ich sitzen. Sie bedenkt den leeren Stuhl mit einem Blick, der eine Winzigkeit zu lang ausfällt.

Sie senkt den Taktstock, und Kampflärm setzt ein: Pauken, Bässe und Tuben schlagen die letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Dann setzt sich allmählich der Ton einer Flöte durch. Das Instrument intoniert ein Wiegenlied, eine lebhafte, französisch anmutende Melodie: Nanji’s Theme hat Irene sie genannt. Die Geigen fallen ein, schließlich die Bratschen, und bald schon fügt sich Deutscher Ernst zu französischem Elan.

Die alte Frau neben Mir schließt die Augen, als sie das Wiegenlied hört: für sich selbst heißt Anna Weber immer noch ›Nanji‹, das Wiegenlied hat sie immer für ihre Barbara gesungen. Die Musik ruft ihr jene Zeit ins Gedächtnis zurück, als es ihr noch möglich war, zu singen, ohne dabei traurig zu werden.

Lachend, neunzehn Jahre alt, so sieht sie sich in ihrer Erinnerung: lachend umarmt sie ihre Freundin Danitza und gibt ihr einen Gutenachtkuß. Erst als Danitza, die Tochter des serbischen Arztes, bei dem sie als Putzfrau arbeitete, mit ihrem Akkordeon vor ihrer Haustür stand, war Nanji aufgefallen, wie einsam sie gewesen war.

Anfang September 1944 war die letzte Fähre, mit der die Deutschen aus der nordjugoslawischen Provinz Vojvodina evakuiert wurden, über die Theiß gefahren. Wieder einmal hatte Nanji sich überlegt, ob es nicht vielleicht doch unklug war, zu bleiben. Aber Peter, ihr Mann, hatte studiert; er war an der Universität gewesen und wußte in solchen Dingen weit besser Bescheid als sie. Möglicherweise würden die Grenzen verändert werden, hatte er Nanji erklärt; sie bräuchten dann lediglich ihr Ungarisch etwas aufpolieren, und nichts würde ihnen geschehen. Außerdem müßte er wegen seiner leichten Behinderung (Peter hinkte: die Folge einer Kinderlähmung) sowieso nicht befürchten, daß er eingezogen würde – weder von den Tschetniks noch von den Deutschen. Und auch wegen seiner beruflichen Tätigkeit brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Mit seiner Stellung als zweiter Assistent des Kurators am Museum für Geschichte im Dorfbezirk St. Hubertus würde er bei den Kommunisten bestimmt nicht anecken – wie beinahe alle zehn Museumsangestellte rechnete auch er ganz sicher damit, daß er mit seinem Beruf dem neuen Regime nützlich war und deshalb weitermachen konnte.

Die Angst konnte er Nanji damit dennoch nicht nehmen. Allein die Tatsache, daß von allen Bewohnern der umliegenden Dörfer einzig und allein Danitza den Mut aufbrachte, sie zu besuchen … Danitza, die sie eben die von Alleebäumen gesäumte Straße entlanggehen sah. Die Kronen der jungen Bäume waren in Form geschnitten und saßen wie kleine runde Kugeln auf den Stämmen. Als Kind hatte sich Nanji gerne vorgestellt, daß unter der Dorfstraße riesige Pudel lebten. Wenn die Herbststürme durch Charlevil, St. Hubert und Soltur bliesen, durch die Straßen der drei Nachbardörfer, die die Ansiedlung Banatsko Veliko Selo bildeten, dann sah es aus, als wackelten die Pudel mit den Schwänzen – sie freuten sich auf das gute Fressen, das ihnen die Ernte bescheren würde.

An jenem Abend, als Danitza zum letztenmal zu Besuch kam, bewegte sich kein Blatt. Die Bäume hielten ihre Kronen still und unbewegt – wie ein Hund den Schwanz ruhighält, bevor er zubeißt.

Nanji hörte ein Geräusch, einen schnalzenden Knall, als klatschte Leder auf Leder. War es der Storch? Sie sah zum Kamin hinauf.

Meine Engel, denke Ich im ersten Moment: ohne Genehmigung auf Visitation gegangen. Doch dann, wenige Sekunden später, fällt es mir wieder ein: Nanji erinnert sich an den Krieg. Und Krieg, das bedeutet, daß Kinder sterben. Die Engel sind unterwegs, um sie zu sich zu holen.

Nanji war wieder ins Haus gegangen. Im Hinterhof hörte sie die Kuh muhen. Die Melkarbeit hat Peter übernommen, sie konnte sich also in Ruhe dem Besuch ihrer Freundin widmen. Peter hatte so oft über ihre Melkkünste gefrotzelt, hatte ihr vorgerechnet, wie lange sie das arme Tier malträtiere, daß Nanji schließlich – nach zwei Stunden Stichelei – das Mitleid überkam. Mitleid mit der Kuh, nicht mit Peter, der jetzt die Arbeit mit ihr hatte.

Sie zündete eine Lampe an, ging in die Gute Stube[2] und sah nach der schlafenden Barbara. Das Zweijährige trug ein weißes Spitzenhäubchen und verzog das rosige Milchgesichtchen zu einer mißbilligenden Schnute, als es der Lichtschein im Schlaf störte. Nanji blies die Lampe aus und sang leise ein Wiegenlied. Eben jenes Wiegenlied, dem im Augenblick im Konzertsaal in Vancouver Mein Pseudopodium hingerissen lauscht.

Nanji brauchte kein Licht, um das massive Holzbett zu finden. Das Bett, das die Vorfahren ihrer Großmutter vor beinahe zweihundert Jahren in ihrer Heimatstadt Charlevil, in der französischen Provinz Lorraine, gezimmert und mit Schnitzereien verziert hatten. Sie hatte Peter versprochen, sie würde ihm das alte Möbel – sobald sie sich ein modernes Bett für Barbara leisten konnten – für sein volkskundliches Museum überlassen.

Peter war aus dem Stall zurückgekommen, hatte sich zum Abendessen – geräucherter Schinken und Schwarzbrot – an den Tisch gesetzt, da hörte Nanji, wie jemand dröhnend gegen die hölzerne Tür hämmerte. Peter stieß den Stuhl zurück, sprang auf und zog Nanji von der Tür weg, die im selben Augenblick aufflog. Ein russischer Offizier hatte sie eingetreten. Mit gezogener Pistole stand er vor ihnen. Hinter ihm eine junge Serbin, eine Nachbarin aus der nächsten Straße.

Peter und Nanji waren verraten worden. Peter sprach ausgezeichnet serbisch. Kein Serbe – ein Russe schon gar nicht – hätte auch nur die Spur eines verräterischen Akzents feststellen können. Der Russe fuchtelte Peter mit der Pistole vor dem Gesicht herum, gab ihm so zu verstehen, daß er das Haus zu verlassen hätte.

»Kein Angst«, beruhigte Peter seine Frau, als er in seine Stiefel schlüpfte. »Wenn sie feststellen, daß ich nicht beim Militär war, lassen sie mich wieder laufen. Wirst schon sehen.«

Nanji hätte Peter nur zu gerne geglaubt, aber … Als Peter aus dem Haus ging, lief sie hinter ihm her und sah sich um: auf der Straße standen, in zwei Gruppen aufgeteilt, die deutschen Einwohner von Charlevil, Soltur und St. Hubert. Jede Gruppe wurde von einem Trupp Jugoslawen bewacht, von Partisanen, die abgerissene Hosen, britische Militärjacken und deutsche Knobelbechern trugen und mit italienischen Gewehren bewaffnet waren. In der einen Gruppe waren die Handwerker und Ladeninhaber versammelt: der alte, dicke Friseur Klinger; Anton Müller, der Bäcker; Schmidt, der Zimmermann, der Nanji den Kuhstall gebaut hatte, und andere, die sie nicht kannte. Peter wurde der anderen Gruppe zugeteilt: der Gruppe, in der schon Dr. Hoffmann, der deutsche Arzt, die deutschen Grundschullehrer und eine Reihe alter Männer standen, Großväter, die schon seit Jahren im Ruhestand waren.

Nanji lief ins Haus zurück, um Peters Mantel zu holen.

Ein schmächtiger Partisan, ein sechzehnjähriger Junge mit tief dunklem, von der Sonne verbranntem Gesicht, schnappte sich den Mantel und warf ihn sich über die Schulter. »Deutsche brauchen keine Mäntel …« Er sprach Serbisch mit ungewohntem, fremdem Akzent. Und lachte, als hätte er einen guten Witz gemacht.

Die Männer wurden abgeführt. Nanji sah ihnen nach, bis sie an der nächsten Ecke in eine andere Straße einbogen. Über der Nachbarstadt Kikinda lag ein blendender Lichtglanz, heller als alles, was sie jemals gesehen hatte. Der Widerschein des russischen Granatfeuers, glaubte sie damals … Es waren Meine Engel, die die Gestorbenen heimholten.

Sie rannte ins Haus zurück, verriegelte das Gartentor und schob eine schwere Holzkommode vor die eingetretene Haustür. Das gelbe Licht der Lampe, die sie in die Gute Stube trug, dämpfte die leuchtenden Farben der Blumen und Vogelbilder, mit denen das Bett bemalt war, in dem die kleine Barbara schlief.

Mount Seymour, Kanada.

Wenn Ich die eben geschilderte Episode noch einmal Revue passieren lasse, dann wundert Mich eines: Warum, frage Ich Mich, warum erinnert sich Anna Weber nicht daran, daß sie auch nach Mari, ihrer anderen Tochter, gesehen hat?

Vielleicht erinnern Sie sich noch: Ich hatte eingangs erwähnt, daß Ich in die Herzen und Seelen von Männern und Frauen sehen kann. Daß ich allwissend bin … Genauer gesagt: allwissend sein kann, wenn es Mir gelingt, die Menschen dazu zu bringen, an das zu denken, was Ich kennen muß, wenn Ich etwas wissen soll. Vielleicht ist Mari ja mit gutem Recht eifersüchtig auf Barbara … Ich werde Mir etwas einfallen lassen müssen. Irgendeinen Trick, mit dem Ich Anna dazu veranlassen kann, sich daran zu erinnern, wie Mari als Kind war.

Die Musik dämpft Meine Neugier – heimlich lausche Ich wieder den Gedanken der alten Frau.

Selbst dann, wenn der dumpfe Widerhall weit entfernter Schüsse die friedliche Stille der leisen, ebenmäßigen Atemzüge der kleinen Barbara unterbrach, selbst dann gab Nanji die Hoffnung nicht auf. Nur ein paar Versprengte der deutschen Armee, die aus dem Hinterhalt auf die Russen schießen … Peter und die anderen Mitglieder seiner Gruppe würden die Partisanen bestimmt nicht erschießen. Nicht diese konzentrierte Ansammlung fundierten Wissens und jahrelanger Erfahrung vernichten, die der jungen, noch unerfahrenen kommunistischen Regierung Jugoslawiens nur nützlich sein konnte.

Jetzt, als die Pauken langsam von den Violinen übertönt werden und verstummen, denkt Anna Weber daran, wie die Zeit verging, wie aus Wochen Monate wurden, ohne daß sie etwas von Peter hörte. Wie sie sich ausgemalt hatte, daß Peter in Rußland dem Zauber einer wunderschönen russischen Bäuerin verfallen war, die ihn mit faszinierenden Geschichten von der Baba Jaga unterhielt, jener Großmutter, die den Zarewitsch in ihrem Haus gefangenhielt, das auf riesigen Hühnerbeinen stand.

Anna erinnert sich, wie die Jahre vergingen; wie sehr sie ihm eine zweite kleine Barbara und ein bißchen Glück gewünscht hatte.

Zwölf Jahre lang war Nanji glücklich mit diesen Wünschen, Gedanken und Vorstellungen. Bis sie dann eines Tages, 1956 in Toronto, von der Arbeit nach Hause ging (sie hatte eine Stelle als Putzfrau bei einer Bank gefunden) und in der Bloor Street Anton Müller traf, den Bäcker aus dem Viertel Charleville in Banatsko Veliko Selo, der gerade einen Drugstore betreten wollte.

Anton Müller war in der anderen Gruppe gewesen. Nicht in der Gruppe, der Peter zugeteilt worden war. Die Handwerker und Ladeninhaber hatten als einzige das Massaker der Partisanen überlebt.

Nanji brach im Eingang eines Juweliergeschäfts zusammen, vor der Ladentür, die bereits abgeschlossen war. Fiel mit dem Rücken gegen die hell erleuchtete Glastür, sackte zusammen und lag auf dem Boden: ein Häufchen Elend, das nach Peter schrie.

Passanten starrten sie an, als hätte sie eine unheimliche Krankheit. Keiner erkundigte sich, was ihr fehlte, niemand bot ihr seine Hilfe an. Nanji war froh darüber. Froh und dankbar. Ihr Traum, der jetzt geplatzt war wie eine Seifenblase – es war ein dummer Traum gewesen. Sie hätte sich niemals verständlich machen können. In einem Land, das so jung war wie Kanada, wie hätte irgend jemand in einem solchen Land verstehen können, daß sie zwölf Jahre gebraucht hatte, bis sie endlich zur Einsicht gekommen war, daß sie Peters Stimme nie wieder hören sollte – Peter, der sich darüber beschwerte, daß es so lange dauerte, bis sie die Kuh gemolken hatte.

Die Dirigentin Janowitz blättert die letzte Seite des ersten Satzes um.

Helmut Janowitz, registriere ich, erinnert sich an einen Streit zwischen seiner Tochter Irene und Mari. Anlaß war ein Zeitungsartikel, ein Interview mit der fünfzehnjährigen Irene Janowitz, der jüngsten Bewerberin, die jemals die Canadian Young Composers Competition gewonnen hatte. Irenes Mutter war wütend, weil sich ihre Tochter dem Journalisten gegenüber als Deutsche bezeichnet hatte. Und so war es auch gedruckt worden.

»Sie waren es, die uns das angetan haben: die Kanadier, die Amerikaner und die Briten. Vergiß das nie. An Orten wie Jalta oder Potsdam. Die jugoslawischen Partisanen haben nur ausgeführt, was die Briten und die Amerikaner möglich gemacht haben: sie haben die Verträge unterzeichnet. Wer hat entschieden, daß wir Deutsche sind? Wir nicht! Unsere Familie hat annähernd dreihundert Jahre in Jugoslawien gelebt. Wir sind genausogut Franzosen, wie wir auch Zigeuner und Ungarn sind.

Und im Baltikum? Und in den Teilen Deutschlands, die an Polen gegangen sind … Seit 800 haben Deutsche dort gelebt, seit mehr als tausend Jahren. Auch die, deren Vorfahren französische Hugenotten waren, haben seit dem sechzehnten Jahrhundert in Preußen gelebt … Man hat sie vertrieben. Alle.« Helmut erschrak, als er sah, wie das Gesicht seiner Frau sich veränderte: die grünen Augen wurden glasig, sie sah durch ihn hindurch, als stünde er nicht mit ihr im selben Raum.

»Humane Evakuierung! Frag deine Großmutter, wie human das war! Zwei Millionen Tote. Ein Stück Papier hat uns alle zu Deutschen gestempelt und uns alles genommen: unsere Heimat, unsere Familien … Und niemand hat sich einen Dreck drum gekümmert. Die größte Zwangsvertreibung in der Geschichte der Menschheit. Und? Haben dir die Kanadier in der Schule davon etwas erzählt?«

Helmut Janowitz konnte deutlich sehen, daß seine Tochter nicht wußte, was sie darauf antworten sollte. Üblicherweise sprach ihre Mutter nicht sehr viel, war undurchschaubar, war ihr ein Rätsel – sie hatte sie noch nie so aufgebracht erlebt. Sie wollte ihr nicht weh tun und wußte nicht, wie sie das anstellen sollte. »Was sind wir dann? Österreicher?« fragte sie.

»Österreicher! Diese Arschkriecher, die es sich in ihrem Gedächtnis so bequem eingerichtet haben! Sie lassen sich nicht gern dran erinnern, daß sie einmal in deutschen Uniformen aufmarschiert sind und meinen Vater mit vorgehaltenem Gewehr zum Militärdienst gezwungen haben.« Maris Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze, die Irene Angst einjagte. »Und mittlerweile … mittlerweile haben sie es geschafft und die ganze Welt davon überzeugt, daß Beethoven Österreicher und Hitler ein Deutscher war. Und in der Wiener Innenstadt errichten sie den jugoslawischen Partisanen auch noch ein Denkmal! Nein! Wir sind keine Österreicher!«

Schließlich schaltete sich dann ihr Vater ein: »Mari! Sie ist doch noch ein Kind! Warum hörst du nicht auf damit?«

»Kapiert sie denn nicht, daß man über sie lacht? Sie ist um keinen Deut besser als irgendeiner von diesen kanadischen Reportern. Was sage ich: besser! Sie sollte sich schämen! Diese jämmerlichen Kniefälle, um ihren Herrn und Meistern zu gefallen: Seht her: Hab ich nicht brav meine Hausaufgaben gemacht? Schaut doch bloß: Ich bin wirklich nicht das Ungeheuer, für das ihr mich haltet! Natürlich – das war ich einmal. Aber ihr, liebe Kanadier, ihr habt mir die Augen geöffnet und mich vor mir selbst bewahrt. Entwürdigend ist das! Erst nehmen sie dir alles weg, und dann wollen sie dir weismachen, sie hätten es nur zu deinem eigenen Besten getan.«

»Was soll ihnen das Mädchen denn sonst sagen? Wenn sie die Volkslieder, die sie von ihrer Großmutter gelernt hat, als Themen in einer Symphonie verwendet?«

»Sie ist in Kanada geboren. Warum sagt sie also nicht, daß sie Kanadierin ist. Alles andere geht diese Schnüffler nichts an. Das kommt davon, wenn man zuläßt, daß die Alte sie Samstag für Samstag in die deutsche Schule schickt.«

Irenes Vater zuckte die Achseln, drehte sich um und sah das Mädchen an: »Von jetzt ab bist du Kanadierin. Hast du verstanden?«

Irene nickte. Sie hatte ihre Mutter nicht ärgern wollen.

Irene Janowitz hebt wieder den Taktstock. Die Geigen intonieren eine anmutig luftige russische Melodie, die zunehmend melancholischer wird, als eines nach dem anderen die tieferen Streichinstrumente einfallen.

An dem Tag, als Peter abgeführt wurde, ging Nanji früh am morgen aus der Guten Stube – vorsichtig, um die kleine Barbara nicht zu wecken. Arbeiten würde ihr das Warten auf eine Nachricht von Peter leichter machen. Sie zog ihre ältesten Schuhe, ein Paar abgetragene Hosen von Peter und einen dünnen Pullover an, ging in den Garten und flocht frische Knoblauchbünde zu langen Zöpfen, die sie dann in der Speisekammer aufhängen wollte.

Ein Junge, ein Knirps noch, stürmte durch das Gartentor. »Raus!« schrie er. Das Gewehr, das er trug, war größer als er selbst … Aber Nanji hatte die vergangene Nacht noch nicht vergessen, das Dröhnen der Schüsse hallte ihr noch in den Ohren.

»Ich muß erst das Baby holen«, sagte sie auf Serbisch.

»Nein. Nix Baby!« schrie der Junge.

Sie hätte sich nicht um ihn gekümmert, wenn ihn nicht im gleichen Augenblick ein russischer Feldwebel zur Seite geschoben hätte und in den Garten gekommen wäre. Er steckte Nanji die Pistole in den Mund. Sie hatte den Geschmack von Maschinenöl auf der Zunge, den Geschmack von Stahl. Schweißtropfen traten ihr auf die Stirn, liefen ihr in die Augen, brennend, beißend. Sie roch Schwefel, den Geruch von abgebranntem Schießpulver. Den Tod, der noch frisch war.

»Dawai!« brüllte der Russe schließlich. Sie schloß die Augen, Tränen quollen unter den Lidern hervor. Er hatte nicht vor, sie zu töten. Sie nickte und folgte ihm wortlos. Was hätte Barbara davon, wenn sie sterben würde?

Draußen, auf der schlammigen Straße, stieß Nanji zu einer Gruppe Frauen und Mädchen. Deutsche wie sie. Auf dem Bürgersteig hinter ihnen stand Danitza Milovic, Nanjis serbische Freundin. Sie zeigte auf Nanji. Ihr Vater könne ohne Putzfrau nicht arbeiten – sie stritt sich mit dem russischen Hauptmann. Der Offizier stieß Danitza mit dem Gewehrkolben in die Seite – sie lag im Straßendreck. Die Soldaten lachten. Der Feldwebel empfahl ihr, sie sollte lieber selbst lernen, wie man mit einem Besen umgeht.

Als sich Nanji hinter den anderen Frauen einreihte, sprach sie leise den kurzen Vers vor sich hin, den sie immer flüsterte, wenn sie an einem bissigen Hund vorbeigehen mußte. Sie änderte allerdings den Wortlaut – vielleicht konnte sie dadurch die Russen dazu bringen, sie noch einmal zurückgehen und Barbara holen lassen: »Russ, aldr Russ, bleck de Zäh, daß ich newe dranner kann gea …«[3]

Noch bevor die Kolonne der Frauen die wenigen Kilometer bis zur rumänischen Grenze zurücklegt hatte, löste sich die Sohle an Nanjis linkem Schuh. Sie ersetzte sie durch eine alte Zeitung, die am Straßenrand lag. Sie hielt zwei Stunden. Nanji riß einen Stück von ihrer Baumwollbluse ab und wickelte es um den Schuh – der Stoffetzen machte ihr zwar das Gehen auf dem spitzen Straßenschotter leichter, hielt aber Regen und Schnee nicht ab … Platsch, Auf Wiedersehen; Platsch, Auf Wiedersehen … Mit jedem Tritt in Schlamm und Matsch wurde sie daran erinnert, daß sie Barbara zurückließ.

Und Mari? wundere Ich Mich. Warum denkt sie nicht an Mari?

Nanji wurde in einen Güterwaggon gesteckt, in dem es kein Fenster gab, keinen Ofen. Die Toilette: ein Loch im Boden. Kein Wasser, um sich zu waschen, schon nach wenigen Tagen die erste Typhustote. Andere, die der Infekt verschonte, starben einen langsameren Tod. Sie erfroren.

Nach drei Tagen gab man Nanji einen verbeulten Blechnapf: Heißes Wasser, in das die russischen Soldaten eine Kartoffel warfen. Manchmal schwamm in ihrer täglichen Heißwasserration keine Kartoffel, sondern ein Klumpen Zucker. Auch wenn sie halb verhungert war – es würgte sie, sie erstickte fast daran, wenn sie an die kleine Barbara dachte, die in der Guten Stube aufwachte, und keiner war da, der sie fütterte.

Die Frau neben Nanji hatte drei Kinder zurückgelassen. Sie brüllte sie an: »Du hilfst der Kleinen nicht, wenn du verhungerst, Nanji. Also iß, trink und denk an den Tag, an dem sie dich wieder nach Hause lassen!«

In Vancouver, im Konzertsaal, wischen die Besen über die Becken, zischen im monotonen Rhythmus der Räder, die über endlose Schienenstränge rollen, Hunderte von Kilometern weit. Nach neunzehn Tagen war die Fahrt zu Ende, der Zug hielt in einem Güterbahnhof im Ural. Die Frauen wurden aus den Waggons geholt. Die Ukrainer, die die Leichen abtransportierten, spuckten Nanji vor die Füße, machten einen weiten Bogen um sie und fluchten: »Dreckige Nemetzki!«

Nachdem sich ihre Augen an das Tageslicht gewöhnt hatten, wußte sie auch warum: Nie im Leben hatte sie einen verdreckteren Haufen Frauen gesehen. Und erst der Gestank … Selbst im Viehstall des faulsten Bauern hatte es nicht so scheußlich gestunken.

Janowitz hat den Musettewalzer für ihr Requiem deshalb geschrieben, weil das Akkordeon das Lieblingsinstrument ihrer Mutter ist. Der Klang der Ziehharmonika verzerrt und verformt das Wiegenlied, verwandelt es in ein Klagelied.

Am selben Tag noch rückte Nanji in eines der Lager des Gulag ein. Die Wärter ließen sie ihre Kleider in eine Metalltonne werfen. Sie wurden verbrannt. Nanji badete – eine Wohltat, auch wenn das Wasser kalt war. Eine Krankenschwester filzte ihr langes schwarzes Haar, es wimmelte von Läusen.

Pizzikati: die Geiger zupfen rasende Läufe.

Nanji hatte nicht mehr geglaubt, daß sie, nachdem sie Peter und Barbara verloren hatte, noch zu irgendeiner Gefühlsregung fähig sein könnte. Doch als ihr die Krankenschwester den Kopf scherte, weinte sie. Lisa, ihre Großmutter, hatte immer gesungen, französische und deutsche Lieder gesungen, wenn sie Nanji die Haare zu festen Zöpfen flocht.

Nanji wurde abgeführt. Wurde mit den anderen Frauen, die nackt waren wie sie, in ein enges Zimmer gebracht, in dem drei Ärzte an einem Tisch saßen und bereits auf sie warteten. Einer dieser Ärzte trat vor sie hin, kniff sie in den Oberarm und zwickte sie in den Hintern. Dann schrieb er etwas auf ein Blatt Papier und reichte den Zettel an einen Sanitäter weiter. Der Sanitäter händigte ihr eine wattierte Jacke, eine Hose und Gummistiefel mit Filzeinlagen aus.

An Barbaras drittem Geburtstag ging Nanji zum erstenmal in die Kohlegruben. Zwölf Stunden stand sie Tag für Tag in eiskaltem Wasser, sortierte Kohlen und verlud sie auf Handkarren. Die Arbeiterinnen in den Kohlegruben wurden naß bis auf die Haut und waren ständig erkältet. Nanji aber hielt durch. Hätte sie sich bei den Aufsehern krank gemeldet, wäre sie in ein mit Wasser gefülltes, niedriges Loch unter der Baracke gesperrt worden. Dort hockten die Kranken während der Arbeitszeit auf einem Eisenrost, nur wenige Zentimeter über dem Wasser. Die Russen nannten es Das Krankenhaus.

Zwei Wochen lang durfte Nanji, nachdem der Arzt sie untersucht hatte, in der Küche arbeiten. Es war eine leichte Arbeit, und sie kam wieder etwas zu Kräften. Einmal – der Koch hatte ihr gerade den Rücken zugewandt – stahl sie drei Heringsköpfe und ein paar Kartoffelschalen aus dem Abfalleimer.

Nanji stand oft kurz davor aufzugeben. Jeden Tag zwang sie sich, aus dem Bett zu steigen und sich zu waschen. Die Frauen, die noch am Leben waren, hatte alle ihr bestimmtes Ritual, das ihnen half durchzuhalten. Die Ostpreußinnen rissen ihre Witzchen über die Moskauer Modefirma Stalin, die ihre elegante Arbeitskleidung schneiderte. Die Unterhosen, die diese Modeschöpfer lieferten, hätten einem dreihundert Pfund schweren Mann gepaßt. Es war nicht ihre Schuld – die wässrige Kohlsuppe war schuld: sie ließ die deutschen Frauen einfach nicht zu solch stattlichen Dimensionen heranwachsen.

Die Pommerinnen beteten während der Arbeit.

Nanji sang die Lieder, die ihre Großmutter Lisa gesungen hatte – sie mußte überleben, damit sie sie Barbara beibringen konnte. Niemand würde sie sonst mehr singen.

Im Winter wurden die Baracken mit einem kleinen Ofen geheizt. Nur in den Schlafkojen, die in der vordersten Reihe und unmittelbar neben ihm standen, war zu spüren, daß der Ofen auch Wärme abstrahlte. In der Hauptsache aber verräucherte er nur die Baracken und ganz besonders die oberen Etagen der Stockbetten. Trotzdem wollte Nanji lieber dort oben schlafen als in den zwei unteren Etagen, wo einem die Kakerlaken Wimpern und Augenbrauen wegfraßen.

Wenn sie nachts pinkeln mußte, kroch sie die oberen Pritschen entlang, bis sie an das Holzfaß an der Tür kam – begleitet von den Flüchen und Verwünschungen der Schläferinnen, über die sie hinwegkletterte.

Wenn eine von ihnen starb, und wenn Nanji sie verscharren mußte, brach sie mit einer Spitzhacke den gefrorenen Boden auf. Sie versuchte es zumindest. Aber kaum hatte sie ein paar Zentimeter Erde weggescharrt, da verließen sie die Kräfte. Mehr ging nicht – es mußte eben genügen.

Barbara war vier, als Nanji zu husten begann. Nach der Untersuchung eröffnete ihr der Arzt, daß sie nach Hause könne. Der Zug kam auch tatsächlich an. Er brachte sie allerdings nicht nach Hause, sondern zum Ernteeinsatz in eine Kolchose. Auch dort starben die Menschen. Aber trotzdem hatte es Nanji hier besser: Die Aufseherinnen, die die deutschen Frauen jeden Morgen aufs Feld brachten, waren so alt wie sie, und mittlerweile sprach sie verhältnismäßig gut Russisch. Die russischen Frauen nannten sie Nimki – ihr deutsches Schätzchen. Sie steckten ihr etwas von dem Obst und Brot zu, das sie mit Genehmigung der Genossenschaft in kleinen Proviantspeichern entlang des Wegs einlagern durften, und schärften ihr ein, mit niemandem darüber zu sprechen. Nimkis mit Lebensmitteln versorgen – darauf standen fünf Jahre Zwangsarbeit.

An manchen Tagen war es so heiß, daß allein das Atmen zur Schwerarbeit wurde. Trotzdem war die Kolchose besser für sie als das kalte und feuchte Bergwerk. Tagsüber pflanzte sie Kartoffeln, nachts schlich sie sich aufs Feld zurück und grub sie wieder aus. Sie aß sie roh. Schlang sie gierig hinunter und nahm sich kaum die Zeit, die giftigen Triebe abzubrechen, um nur ja den Bauch vollzukriegen, bevor sie möglicherweise jemand entdeckte.

Eines Morgens – es war in dem Jahr, als Barbara sechs wurde – blieb das Pfeifsignal aus, das die Insassen des Bergwerkslagers zur Arbeit weckte. Acht Tage lang blieb es aus. Die Lagerinsassinnen erhielten eine Extraration Verpflegung, wurden in ein anderes Lager verlegt, in dem Matratzen auf den Schlafpritschen lagen, und Nanji erhielt neue Kleidung. Am Ende der Lagerstraße, in einem Sektor, der mit einem hohen Zaun abgesperrt war, waren deutsche Kriegsgefangene einquartiert.

Tagsüber mußten die Insassinnen nähen, und abends führten die Kriegsgefangenen russische Theaterstücke auf – Tschechow etwa, in deutscher Übersetzung. Es gab Kostüme, es gab ein Bühnenorchester, es waren großartige Inszenierungen.

Drei Wochen lang war Nanji in diesem Lager. Das Rote Kreuz kam zu Inspektionsbesuchen, Abordnungen der UN, und die eine oder andere Insassin erhielt Päckchen und Briefe von zu Hause.

Für Nanji war nichts dabei.

Dann wurde sie wieder verlegt. Kam in ein anderes Lager, arbeitete im Straßenbau und hob Entwässerungsgräben aus. Um zwei Kubikmeter – ihr Tagessoll – zu schaffen, mußte sie in den meisten Fällen bis spät in die Nacht arbeiten.

Nach einem Jahr – ihr Husten war inzwischen eher noch schlimmer geworden – brachte man Nanji auf einen Verschiebebahnhof. Mit mehreren anderen Frauen trat sie auf dem Bahnsteig an, um eine Ansprache zu hören, in der ihnen – auf Russisch – versichert wurde, die Sowjetunion würde die deutschen Frauen nie vergessen (dicke Krokodilstränen rollten dem Redner dabei über die Wangen), die durch schwere Arbeit einen wichtigen Beitrag leisteten und der UdSSR dabei halfen, die durch den Krieg verursachten Schäden und Mängel wieder zu beheben und zu überwinden.

Und was ist mit meiner Barbara? Mit den deutschen Kindern? Nanji hätte am liebsten geschrien.

Zu ihrer Überraschung wurde sie dann tatsächlich zu einem Güterzug geführt, der sie nach Hause bringen sollte.

Doch als sich der Zug dann in Bewegung setzte und in Richtung Norden abfuhr, schrie sie vor Entsetzen. Nach Hause: das hieß für die Russen Deutschland. Nicht Jugoslawien.

Sieben Tagen dauerte die Fahrt. Nach sieben Tagen kamen sie in Frankfurt an der Oder an. Furcht und Elend packten sie, Nanji krümmte sich, als sie die Lautsprecher schnarren hörte: »Achtung, Achtung. Bahnsteig bitte räumen. Die Kriegsverbrecher aus dem Osten treffen ein.« Sie war Bäuerin gewesen, Putzfrau, hatte im Bergwerk gearbeitet und als Totengräberin, war Köchin gewesen, Diebin und Arbeiterin im Straßenbau. Jetzt war sie eine Kriegsverbrecherin aus dem Osten, und die Ostdeutschen wurden angewiesen, den Bahnsteig zu räumen, um zu verhindern, daß sie sich infizierten, wenn sie mit ihr in Kontakt kamen.

Maestra Janowitz gibt das Zeichen zum Einsatz. Die nächste Passage ist impressionistisch, atonal: ein Tongemälde des vom Bürokratismus geprägten zwanzigsten Jahrhunderts.

Trotz der Lautsprecherdurchsagen räumten nicht alle die Bahnsteige, erinnert sich Anna Weber. Sie erinnert sich an ein Meer von Fremden: Fremde, die nach Gesichtern suchten, die sie schon beinahe vergessen hatten.

Auf Nanji wartete niemand.

Einmal hörte sie Schritte hinter sich – ein Bremser, der die Waggontüren kontrollierte.

Die Dirigentin blättert die Seite um.

Ich fühle, wie sich die Erinnerungen der alten Frau an jenen Moment, als sie aus dem Zug stieg, trüben, wie die Bilder verschwimmen. Wie an ihre Stelle wieder jenes andere Bild tritt: das Meer der fremden Menschen, die nach kaum mehr erinnerten Gesichtern forschen.

Niemand wartete auf Nanji.

Einmal hörte sie Schritte hinter sich. Es war ein Engel des Herrn.

Er stand am Zugende, neben dem letzten Waggon, und das Federkleid seiner Flügel verstrahlte ein grausam helles, weißes Licht. »Ich überbringe dir eine Botschaft des Himmels.« Langsam schwebte er auf sie zu.

Mashhit war es, der Engel der verstorbenen Kinder – durch Raum und Zeit unterwegs in nicht autorisierter Visitation. Im ersten Augenblick fürchte Ich, Meine Engel hätten das Geheimnis der Musik von Irene Janowitz entdeckt. Aber dann werde ich gewahr, was Mashhit noch gesagt hat:

»Der Himmel hat dich verschont. Er hat dir dein Martyrium erspart. Aber dafür mußt du jetzt bezahlen. Du wirst einen Enkelsohn haben. Doch nie sollen seine Lippen eine Trompete berühren, nie darf er die Kenntnis der Notenschrift erwerben noch die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen.«

Ein Enkelsohn! Welch selbstgerechte, voreingenommene Geschöpfe Meine Engel doch sind! Maestra Janowitz ist noch eine kleine Weile außer Gefahr.

Anna Weber erinnert sich: Als sie Mashhits Worte hörte, empfand sie Freude und Trauer zugleich. Ein Enkelsohn – das hieß, daß sie ihre Tochter Barbara wieder finden würde. Es hieß aber auch, daß die Lieder ihrer Großmutter Lisa für immer verstummen würden.

Und dann erinnert sich Anna Weber daran, daß ihre Trauer ein Ende fand, daß sie nur noch Freude empfand: damals, als sich herausstellte, daß der Enkelsohn, den der Engel ihr prophezeit hatte, eine Enkeltochter war. Eine Enkelin, deren beispielloses Talent noch weit mehr leisten würde, als nur zu verhindern, daß Lisas einfache Volkslieder in Vergessenheit gerieten. Und das war etwas, das sie selbst in ihren verwegensten Phantasien nicht zu träumen gewagt hätte.

Mein Pseudopodium registriert, daß im Publikum sechs weitere Menschen sitzen, die sich an eine Engelserscheinung in den Jahren nach dem Krieg erinnern.

Sie werden Mir für diese Einmischung büßen müssen, Meine Engel. Ob Ihnen wohl Meine Abwesenheit im Himmel schon aufgefallen ist?

Ich lasse ein zweites Pseudopodium vom Mount Seymour herabsteigen, schicke es aus, um herausfinden, ob sich irgendeiner von ihnen mit Mir auf der Erde aufhält. Und entdecke Mashhit. In Akron, Ohio, wo er häufig die Gestalt eines Gastes in einer Fernseh-Talkshow annimmt. Und zwar immer dann, wenn er festzustellen meint, daß der ›Nachschub‹ an Seelen, die er für seine Engelschar benötigt, zu stocken scheint.

Unter dem Namen Menge Kifkif ruft er bei diesen Auftritten die USA dazu auf, die Vertreibung der Palästinenser aus dem Heiligen Land zu unterstützen. Zum Beweis dafür, daß ein derartiges Vorhaben eine ehrbare Tradition besitzt, nennt er als Präzedenzfall die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa. Auch sie sei mit Unterstützung der Engländer und Amerikaner durchgeführt worden, human und wohlgeordnet, wie er ausführt, und ohne Verluste an Menschenleben.

Zitternd hört das eine Zuschauerin aus Akron: Die erste Frau ihres Onkels Willi ist beim Versuch, über das zugefrorene Haff zu fliehen, mit ihren Söhnen – zwei waren es, Kinder noch – erfroren. Und als sie feststellen muß, daß Mashhit es raffinierterweise so eingerichtet hat, daß während seines Auftritts in der Sendung keine Zuschaueranrufe durchgestellt werden können, geht sie in die Küche und holt den Toaster. Trägt ihn ins Wohnzimmer und zertrümmert den Bildschirm – zum Andenken an die erste Familie ihres Onkels.

Ich mache mich schleunigst davon. Mashhit soll nicht wissen, daß ich in Akron bin.

Die Dirigentin Janowitz wirkt erschöpft, als sie zu Beginn des letzten Satzes den Taktstock hebt. Heimlich wirft sie rasch noch einen Blick in Meine Loge, um festzustellen, ob ihre Mutter inzwischen gekommen ist.

Mari sitzt nach wie vor in ihrem Haus am Marine Drive, immer noch starr vor Angst vor den möglichen Folgen von Irenes Symphonie. Um sich von dieser Angst etwas abzulenken, beschließt sie, ein Wacholderbäumchen ihrer Bonsaikollektion neu aufzubinden. Dazu muß Mari erst ins Gewächshaus ihrer Mutter und Blumentopferde holen – der Wacholder muß umgetopft werden, er ist zu groß geworden.

Sie geht über die schmale Brücke, die in ihren japanischen Garten führt, klettert die bemooste Uferbank hinunter in den Bach, der ohne Wasser ist. Steine, flach wie Untertassen, wie Fischschuppen übereinandergelegt, stellen einen Bach dar, der ins Meer zu fließen scheint. Farnwedel, filigran wie Klöppelspitze, besprenkeln mit hellgrünen Farbtupfern das olivgrüne Moos, die grauen Steine, Maris bleiche Füße.

Der Bachlauf endet an einer runden Öffnung in der Gartenmauer, durch die – blickt man vom Haus her auf sie – das hinter der Mauer liegende Meer in den Garten geholt wird: das Shakkei.[4] Nicht weit von ihm die Treppe, über die man in Anna Webers Gartenareal hinuntersteigt, das einen Teich umschließt.

Anna Webers Garten: Ein planlos disharmonischer Farbenwirrwarr … Mari rümpft die Nase. Ihr Garten schafft – wie ihre Bauten – einen Raum der Ruhe, mit ihm hat sie das Chaos in einen Ort der Ordnung verwandelt. Ganz anders die Pflanzungen ihrer Mutter: Sie sind eine obszöne Verherrlichung des Chaos. Spalierbäume – Birnen, Äpfel, Pfirsiche – ziehen sich die Wände entlang, ein Konfettiwirbel aus Petunien und Kapuzinerkresse liegt wie ein grellbuntes Karnevalskostüm über Zwiebeln und Knoblauch. Aus den Tontöpfen am Teich quellen rote Geranien, ergießen sich über das Ziegelsteinpflaster. Annas Leben ist eine chaotische Ereigniscollage. Wie die Tauben in dem kleinen Verschlag hinter ihrem Gewächshaus taumelt auch Anna bewußtlos durchs Leben, berauscht von der Gischt der See und dem Licht der Sonne. So wenigstens sieht es Mari.

Maris Leben dagegen ist ein geordnetes, lineares Fortschreiten von Ereignis zu Ereignis, durchdacht und zweckmäßig strukturiert wie ihr Garten. Inmitten einer Welt des Chaos und des Lärms errichtet ihr Leben Ordnung – wie auch ein symphonisches Werk der Musik das tut. Wie die Musik eines jeden Komponisten das tut – mit Ausnahme der Musik ihrer Tochter.

Ich richte Meine Aufmerksamkeit wieder auf den Konzertsaal. Die Musik setzt ein: Melodien, die die fünfziger Jahre wieder aufleben lassen.

Die alte Frau erinnert sich, wie sie in Westdeutschland, im Lager Friedland, von einem Arzt des Roten Kreuzes untersucht wird. Befund: Behindert, neunzig Prozent. Sie wiegt nur noch achtzig Pfund. Sie hatte die Lager nur überleben können, weil sie jedes Feingefühl erstickt und abgetötet hatte. Als man sie dann im Krankenhaus, zum erstenmal nach sechs Jahren, nicht mehr wie eine Sklavin oder ein exotisches Schoßtier, sondern wieder wie einen Menschen behandelte, reagierte sie leicht verwirrt: Sie hamsterte altes Brot unter dem Kopfkissen und verrichtete ihr Geschäft auf dem blank geputzten Linoleumboden neben dem Bett.

Sie bemerkte, daß die Krankenschwestern den Kopf schüttelten, als sie ihre Fieberkurve studierten. Sie hörte sie flüstern, irgend etwas von ›Monaten‹ flüstern. »Nein!« Schreiend sprang sie aus dem Bett. »Meine Tochter!«

»Holt Schwester Patrizia! Schnell!« befahl die Oberschwester. »Gnädige Frau! Bitte! Ein Moment.«

Und dann kam Schwester Patrizia ins Zimmer. »Ist das die aus Jugoslawien?«

Die anderen Schwestern nickten.

Schwester Patrizia winkte die junge Frau heran, die hinter ihr stand: zweiundzwanzig Jahre alt, strenges Gesicht, graubraunes Kostüm. »Nanji – das ist Fräulein Roswitha Kepner«, sagte Schwester Patrizia. »Von der Christlichen Hilfsgemeinschaft. Wenn du dich jetzt bitte wieder in dein Bett legen würdest – Fräulein Kepner will dir helfen. Vielleicht findet sie heraus, was mit deiner Tochter passiert ist.«

Schwester Patrizia nahm Nanji in den Arm und brachte sie ins Bett zurück.

»Grüß Gott.« Die Frau in Grau nickte Nanji zu. »Darf ich auf dem Stuhl neben Ihrem Bett Platz nehmen?«

Nanji zuckte gleichgültig die knochendürren Schultern. Sie sammelte all ihre Erinnerungen an Barbara zusammen, verräumte und versteckte sie wie ein eng geschnürtes Bündel tief in ihrem Gedächtnis und kroch wieder ins Bett.

»Ist Ihnen schon einmal gesagt worden, was mit unseren Leuten passiert ist, die zurückgeblieben sind?«

Nanji starrte aus dem Fenster.

Jetzt war es so weit: Sie wollten ihr den Traum rauben, der sie in den russischen Lagern am Leben gehalten hatte. Sie wußte es. Die Schlinge zog sich zusammen, zog sich immer enger zusammen.

»Sagt Ihnen der Name Gakowa etwas? Rudolfsgnad, Jarek … Molindorf?«

»Das sind Städte in Jugoslawien. Molindorf ist nicht weit von meinem Heimatdorf«, sagte Nanji reserviert. Wer war diese Frau? Wie kam sie dazu, so mit ihr reden, wenn sie nur eines wollte: ihr kleines Mädchen wiederfinden? War es ihr gleich, was Nanji in Rußland durchgemacht hatte?

»Es war überall das gleiche«, sagte die junge Frau. »Mich hat man nach Gakowa gebracht. Ihre Familie ist möglicherweise nach Molindorf gekommen. Zwanzig Deutsche in einem Zimmer. Vierzig in einem Haus. Und als alle Häuser belegt waren, haben sie in der Mitte der Hauptstraße einen Stacheldrahtzaun gezogen, und die Stadt in zwei Hälften geteilt. Dann noch einen Stacheldrahtzaun rund um die ganze Stadt. Die Alten und die Kinder, die noch zu klein waren, um zu arbeiten, kamen in die eine Hälfte, die größeren und kräftigeren Kinder und die jungen Erwachsenen in die andere.

Wir durften nichts mitnehmen, als uns die Partisanen zusammentrieben. Nur die Kleider, die wir am Leib trugen. Mit sechzehn war ich aus meinen Sachen herausgewachsen. Wenn wir vom Feld nach Hause gingen, haben wir bei den Bauern Kartoffelsäcke geklaut. Es hat nicht viel genützt – wir mußten auch weiterhin den Spott der serbischen Jungen einstecken. ›Was seid ihr denn? Jungs oder Mädchen?‹ haben sie von den Lastwagen heruntergeschrien, wenn sie an den Feldern vorbeigefahren sind, auf denen wir arbeiteten. ›Jungs natürlich! Sieht man doch an unseren geschorenen Köpfen, oder?‹ schrie Ingrid, die in unserem Arbeitstrupp war. ›Gelogen!‹ schrien die Jungen zurück und deuteten sich auf die Brust. Unsere Kartoffelsäcke verhüllten nicht allzu viel. Und einige hatten nicht einmal etwas zu verhüllen.

Im Arbeitslager Gakowa bekamen wir morgens ein kleines Stück Maismehlbrot. Etwa so groß wie mein Hand – das war alles.« Sie hielt Nanji die linke Hand hin, die rot war und rauh. »Dann mußte ich entscheiden: Alles auf einmal essen und dafür zweimal am Tag hungrig sein? Oder in zwei Stücke brechen und nur noch einmal hungern? Oder in drei Stücke und dafür den ganzen Tag über ein bißchen hungrig sein?« Sie zog die rechte Hand über die linke und unterteilte sie in drei Abschnitte. »Die Kleinkinder und die Alten, die nicht mehr arbeiten konnten, bekamen nicht einmal das. In den wenigsten Lagern haben Kinder überlebt, die jünger waren als zwei Jahre.«

»Warum tun die Menschen einander so etwas an?« fragte Nanji.

Fräulein Kepner sprach weiter, als hätte sie die Frage nicht gehört. »Nach einer Zeit wurde es in manchen Fällen in den Lagern in der Stadt ein wenig besser. Die serbischen oder ungarischen Verwandten der Insassen, die in der Nähe lebten, durften ihrer Schwägerin, ihrer Nichte oder wem auch immer Lebensmittel durch den Zaun zustecken. Sprechen durften sie allerdings nicht mit ihnen. Die Außenwelt sollte nicht erfahren, was hinter dem Stacheldraht vorging.

Am schlimmsten aber« – Fräulein Kepner zitterte, wenn sie daran dachte –, »schlimmer als alles andere war, daß mir nach einem Jahr meine Schuhe zu klein wurden. Mehr als drei Jahre mußte ich barfuß gehen. Immer und überall, ob Viehweiden oder Stoppelfelder … Meine Füße waren immer wund und blutig.

Eines Tages wurden wir, die Mädchen, von den Aufsehern schon vor Tagesanbruch aus dem Bett geholt. Jede von uns bekam eine lange Stange und einen Sack mit Kalk ausgehändigt. Zwischen unserem Haus und dem Nachbarhaus war ein Grab, in dem die Leichen in neun oder zehn Schichten übereinanderlagen, unter einer zwanzig Zentimeter dünnen Schicht Erde. Leichenbestattungen fanden immer nachts statt – für gewöhnlich innerhalb der Häuser, im jeweils größten Raum, damit die örtlichen Bauern keine Angst vor den Partisanen, ihren Befreiern, bekamen. Aber mit der Zeit war der Platz knapp geworden.« Einen kurzen Augenblick lang lag ein spöttisches Lächeln auf dem Gesicht der jungen Frau. »An jenem Morgen war es dann soweit: Gasblasen waren aus dem Grab aufgestiegen, Leichengas. Und weil unser Haus am äußersten Lagerrand stand, fürchteten die Aufseher, die Anwohner könnten sehen, daß etwas aus dem Boden stieg, das sie nicht sehen durften. Ich mußte barfuß über das Grab gehen, mit meiner Stange Löcher in die Erde bohren und Kalk in jedes Loch schütten. Bei jedem Tritt schaukelte und schwankte der Boden unter mir wie eine Schüssel Wackelpeter.«

Sie blickte auf ihre großen, schrundigen Hände. »Es tut mir leid. Wenn Ihre Tochter noch zu klein war, um arbeiten zu können, dann sieht es nicht gut aus. Für uns, die älteren Kinder, war es nicht recht viel besser. Ich hatte Glück. Die Kolchose, an die ich verkauft wurde, verpachtete meine Dienste täglich an einen Bauern. Ich war sein Viehhirte und hatte siebzehn Schafe, zwei Esel und drei Ziegen zu hüten. Draußen auf dem Feld, wo mich keiner sehen konnte, trank ich die Milch.

Jeden Morgen, wenn ich mit den Tieren auf die Weide ging, kam ich an einer anderen Kolchose vorbei. Fünfzig deutsche Mädchen, alle in meinem Alter, lebten dort. Wenn es mir möglich war, blieb ich für einen kurzen Schwatz stehen. Nach zwei Jahren waren nur noch vier am Leben.«

»Es muß schrecklich gewesen sein für Sie«, sagte Nanji. Sie starrte aus dem Krankenhausfenster, in die Wolken am blauen Himmel, und erinnerte sich an den Engel auf dem Bahnhof Friedland. »Aber Barbara lebt! Meine kleine Barbara lebt – ich fühle es.«

»Vielleicht«, sagte Fräulein Kepner leise. »Ich werde Ihnen jetzt beim Ausfüllen dieser Formulare helfen. Für das Rote Kreuz. Aber bitte … Machen Sie sich keine allzu großen Hoffnungen. Nicht einmal ein Drittel von denen, die in Jugoslawien geblieben sind, waren noch am Leben, als die Jugoslawen 1948 endlich dem Druck der Weltöffentlichkeit nachgeben und die Lager auflösen mußten. Nach unserer Schätzung leben noch etwa dreißigtausend Kinder in den staatlichen Heimen. Aber nur die wenigsten haben irgendwelche Papiere.«

Nanji dachte nicht daran aufzugeben.

Als man sie nach drei Monaten entlassen wollte, blieb sie im Krankenhaus und arbeitete in der Küche.

1951 – Barbara war jetzt neun – schrieb Nanji an das Jugoslawische Repatriierungsbüro in Wien. Man antwortete ihr, daß es ohne Geburtsurkunde, ohne das in serbischer Sprache abgefaßte Originaldokument, keine Möglichkeit gab, ihr zu helfen. Als sie Barbara damals zurückließ, hatte sie Knoblauchzöpfe geflochten.

Rosi Kepner und das Rote Kreuz konnten genausowenig helfen.

Eines Tages, als Nanji den Abfall in die Gasse hinter dem Krankenhaus brachte, ging Rosi ihr nach.

»Sagen Sie mal – sind Sie verrückt?« fragte sie Nanji.

»Was meinen Sie?«

»Ich habe gehört, sie wollen über die Grenze gehen.«

Nanji zuckte die Achseln und kippte ihren Eimer aus.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?« Rosi sah sie argwöhnisch an. »Ohne Papiere läßt man Sie nicht einmal nach Österreich. Und die jugoslawische Grenze ist vermint: Landminen.«

»Es wird sich schon ein Weg finden. Ich habe ein bißchen Geld gespart. Mit einem Führer und einer kleinen Bestechungssumme …«

»… landen Sie im Knast oder in einem Strafgefangenenlager. Für den Rest Ihres Lebens!«

»Ich will nicht mehr weiterleben. Ich kann nicht … Wenn ich es nicht wenigstens versuche.«

»Die Sache liegt acht Jahre zurück. Kein Mensch wird sich mehr an sie erinnern. Wenn sie überhaupt noch lebt. Und was ist, wenn Sie sie in einem Waisenhaus in Mazedonien finden? Wie steht’s mit Ihrem Albanisch? Kennen Sie jemanden, der es Ihnen beibringt? Barbara wird kein Wort deutsch sprechen.«

»Sie wird es lernen.«

»Wollen Sie wirklich gehen?«

»Nichts kann mich abhalten.«

»Bitte … Aber tun Sie mir erst noch einen Gefallen: Kommen Sie mit mir, wenn der nächste Kinderzug aus Salzburg in Piding ankommt.«

Im Kinderlager in Piding zeigte ihr Rosi zwei Jungen, Zwillinge, die ihre Mutter bespuckten und sie ein kapitalistisches Schwein schimpften.

Aber Nanji hatte nur Augen für eine sehr schmächtige Vierzehnjährige, die ihren Vater ängstlich fragte: »Darf ich jetzt deutsch sprechen?«

Rosi gab auf. Sie drückte Nanji ein wenig Geld in die Hand und nahm sie in die Arme. »Bitte schreiben Sie die Namen so vieler Kinder wie möglich auf, und fragen Sie sie, ob sie sich an ihre Heimatstadt erinnern können.«

Nanji ging über die jugoslawische Grenze. Zwei Wochen später wurde sie aufgegriffen. Die Mindeststrafe für illegale Grenzüberschreitung betrug sechs Monate. Doch als sie dann in Kikinda, einer Nachbarstadt von Banatsko Veliko Selo, im Gefängnis saß, war sie glücklich und zufrieden. Sie hatte etwas unternommen, um Barbara zu finden – hatte nicht nur Briefe geschrieben und Formulare ausgefüllt …

Zu ihrer Überraschung wurde Nanji nach drei Tagen wieder freigelassen. Der Polizeihauptmann händigte ihr diverse Papiere aus. »Mit diesem Papieren können Sie wieder zur Grenze zurück.«

Niedergeschlagen nahm sie die Dokumente an sich.

Als sie aus der Polizeistation kam, wartete unter den Pudelbäumen auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau auf sie. Nanji wollte es erst nicht glauben: »Danitza!« schrie sie und rannte auf ihre alte Freundin zu, die Tochter des serbischen Arztes, bei dem sie als Putzfrau gearbeitet hatte. Lachend lagen sie sich in den Armen.

Danitzas Vater hatte gehört, daß eine Deutsche im Gefängnis saß. Und als einer seiner Patienten ihm eröffnete, um wen es sich dabei handelte, hatte er dafür gesorgt, daß Nanji entlassen wurde und Passierscheine erhielt.

Nicht alle Kinder aus Charlevil waren in Molindorf gestorben, informierte sie Danitza. Ein paar Überlebende hatte man in ein Kinderheim geschickt, das nur wenige Kilometer weit entfernt war. Sie bestand darauf, Nanji dorthin zu begleiten.

Die Heimleiterin war eine korpulente, stämmige Frau, deren Garderobeideal nach wie vor die Uniform war: sie trug Armeejacke und -mütze. »Das ist jetzt acht Jahre her. Kinder verändern sich. Ganz erheblich sogar. Wie wollen Sie ihre Tochter wiedererkennen?« fragte sie. Über ihre linke Schulter starrte einschüchternd ein riesiges Porträt von Josip Broz Tito auf Nanji herab. »Wir haben keinen Aktenvermerk über eine Barbara Weber aus Veliko Selo.«

»Ich werde sie erkennen.« Nanji ließ sich nicht abbringen.

Die Frau zuckte die Achseln. »Kommen Sie mit.« Draußen auf dem Schulhof schwang sie eine große Handglocke.

Mädchen im Alter von acht bis sechzehn stürzten aus den Klassenzimmern ins Freie und stellten sich in zwei Reihen einander gegenüber auf.

Die Heimleiterin schritt mit Nanji die Reihen ab. In der Mitte der zweiten Reihe blieb sie stehen. »Die hier sind im entsprechenden Alter.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. »Also? Welche ist die Ihre?«

Nanji ging von einem Mädchen zum anderen. Am liebsten hätte sie geheult: Nicht eines sah so aus, wie ihrer Meinung nach Barbara mittlerweile aussehen hätte müssen. Braune Augen sah sie – sie waren zu hell. Einen Mund – zu groß. Haare – viel zu lockig … »Lassen Sie mir etwas Zeit«, bat sie die Heimleiterin.

Ein Wink mit der Hand – die Mädchen traten wieder ab. »Tja, also dann«, meinte die Heimleiterin und läutete ein weiteres Mal mit ihrer Handglocke. Ein Mädchen, etwa achtzehn Jahre alt, kam auf Nanji zu. »Irina Cvetkov: meine Gehilfin. Sie wird Sie hinausbegleiten.«

»Wie sieht Ihre Kleine denn aus? Möglicherweise hat man sie ja in ein anderes Heim gebracht«, sagte Irina, als sie mit ihr über den Schulhof ging.

»Dunkelbraune Haare, braune Augen. Inzwischen zehn Jahre alt«, antwortete Nanji.

»Ich will es Ihnen bestimmt nicht noch schwerer machen – aber möglicherweise hat man sie adoptiert. Die dunkelhaarigen werden als erste genommen. Sie fallen weniger auf.« Irina sperrte Danitza und Nanji das Eisentor auf.

Nanji ging stumm hinaus.

»Darf ich Sie um einen Gefallen bitten, Madam?« fragte Irina. Ihr Deutsch hatte einen serbischen Akzent.

»Aber natürlich.« Nanji war überrascht, daß Irina deutsch sprach.

»Ich habe nicht immer Irina Cvetkov geheißen. Wenn jemand Sie nach Anna Seifert aus Ruma fragt – sagen Sie ihm, daß ich hier bin.«

»Vielleicht hat das Mädchen ja recht, und man hat sie adoptiert«, sagte Danitza. Sie saßen bei ihr zu Hause.

»Ja. Ich hoffe es. Herrgott im Himmel, laß nur nicht zu, daß sie tot ist.«

»Und du glaubst wirklich, daß keine von ihnen deine Barbara war?«

Nanji schüttelte den Kopf.

Danitza legte den Arm um Nanji. »Dann nimm eine von den anderen!« flüsterte sie ihr ins Ohr.

»Was?« Nanji fuhr entrüstet zurück. »Das wäre nicht recht!«

»Überleg doch mal: Sie schulden dir ein Kind. Und wenn etwas nicht recht ist, dann das, daß die Kinder in diesem Heim verfaulen. Keines würde sich weigern, mit dir zu kommen. Selbst wenn es wüßte, daß du nicht seine Mutter bist.«

»Aber das wäre doch Kindesentführung!«

»Und ihnen die Sprache rauben, ihnen den Namen nehmen – ist das nicht auch Kindesentführung?«

»Und was ist, wenn ich eines aussuche, und die Heimleiterin kann nachweisen, daß es nicht Barbara ist?«

»Na und? Dann hast du dich eben geirrt. Und kannst außerdem dem Roten Kreuz und der Christlichen Hilfsgemeinschaft den Namen eines Kindes nennen, wenn du wieder in Österreich bist.« Danitzas Augen blitzten. »Wir werden sogar noch etwas ganz anderes tun: Ich lenke die Heimleiterin ab, und du schreibst dir Name und Heimatdorf von jedem Mädchen auf, das sich noch erinnern kann.«

»Und was ist, wenn die Heimleiterin dahinterkommt?«

»Was soll sie schon machen? Mich nach Sibirien schicken?« Sie zwinkerte Nanji zu. »Dafür hat mein Vater zu viele Freunde.«

Vom Mount Seymour aus sehe Ich, daß plötzlich Mashhit den Konzertsaal betritt. Noch ist das Konzert nicht zu Ende, noch ist Mein Pseudopodium – allen anderen verborgen – tief in die Erinnerungen der alten Anna Weber versunken … Trotzdem scheue Ich Mich, noch länger zu bleiben: Mashhits Anwesenheit bedeutet große Gefahr für die Dirigentin Irene Janowitz. Auch wenn Ich nur allzu gern wüßte, wie die Musik der Janowitz es fertigbringt, Meinen Engeln die Seelen zu rauben – ich will die Gefahr nicht noch dadurch vergrößern, daß Mashhit auf Meine Anwesenheit aufmerksam wird.

Ich ziehe Mein Pseudopodium aus dem Konzertsaal zurück. Wenn man das ewige Leben hat, dann ist man daran gewöhnt, daß es mitunter etwas dauern kann, bis man hinter all die kleinen Geheimnisse kommt. Ich werde eben ein anderes Mal wiederkommen, um zu hören, wie die Janowitz ihre Symphonie dirigiert.

Schon will Ich Mich aufmachen und in den Himmel zurückkehren, da höre Ich, daß Mari in großer Angst nach Mir ruft.

Natürlich weiß sie nicht, daß sie nach Mir ruft. Wie alle guten Kommunisten wurde auch sie dazu erzogen, nicht an Mich zu glauben. Ein Schande – wirklich eine Schande. Der Glaube ist ein Geschenk, um das man Kinder niemals betrügen darf. Glauben zu können, das ist eine Gabe, die den Menschen mit zunehmendem Alter irgendwann einmal abhanden kommt.

Mari starrt entsetzt auf die Ziegelmauer hinter dem Pflanztisch ihrer Mutter. Die drei Holzrahmen, in denen die Seiten des Requiems steckten, die für Barbara geschrieben wurden, sind verschwunden. Verzweifelt sucht sie in allen Winkeln und Ecken des Gewächshauses.

Schließlich findet Mari die Rahmen unter einem Haufen alter Zeitungen und Topfscherben: die Glasscheiben sind zerbrochen, die Pappdeckelrücken abgerissen. Mari zittert vor Angst. Die Notenblätter sind gestohlen worden.

Mari tritt vor die Tür. Der Wind peitscht ihr den Regen ins Gesicht. Sie denkt nicht mehr daran, den Wacholder umzutopfen. Geht statt dessen auf das schmiedeeiserne Tor zu, das hinausführt auf die Klippenränder an der Grundstücksgrenze.

Hinter dem Tor steht eine Holzbank, vor der Bank ist ein Rosenbeet angelegt, bepflanzt mit Rosen der Sorte Barbi’s Summer Field. Wie ein Abbild der Farbpalette der vom Sturm aufgewühlten See sind die weißen, grüngeränderten Blütenblätter: Blaßgrün ist das Meer, auf dem dort, wo die Wellen an die Klippen schlagen, schaumige Ränder treiben – weiß wie filigrane Seidenstickerei.

Mari setzt sich auf die Bank und überläßt sich der Faszination, die Mein Regen auf sie ausübt, der die Farben der Felswände, die vor ihr liegen, intensiver leuchten läßt – so versucht sie, ihrer Angst Herr zu werden. Die Wälder und Klippen der Inseln weit draußen vor der Küste verschwimmen im Sprühnebel, es sieht aus, als wären die Inseln mit Bändern aus graublauer Zackenlitze gesäumt. Ein verniedlichendes Bild, eine Vorstellung, die sie beruhigt und sie ihre Fassung wiedergewinnen läßt. Bäume, Fels, Wasser – sie sind ihr Zuflucht im chaotischen Ereigniswirbel der menschlichen Welt. Und ihre Bauten sind der Versuch der Wiederherstellung der Ordnung Meiner Welt.

Irenes Musik macht Mari angst, so entsetzliche Angst, daß sie zu zittern beginnt. Einen Augenblick lang überlegt sie, ob Irene etwa die fehlenden Seiten wieder in ihr Requiem aufgenommen hat. Und kommt dann zu dem Schluß, daß das nicht sein kann: Irene hätte die Rahmen nicht so barbarisch zerstört. Aber wer sonst stiehlt schon Notenblätter? Wieder beginnt sie zu zittern. Irene bringt mit ihrer Musik schreckliches Chaos in die Welt. Annas Verlangen nach Unordnung und Verwirrung bleibt wenigstens auf ihren Garten beschränkt. Weiß Irene überhaupt, was sie mit ihrer furchtbaren Symphonie anrichten kann? Die Toten soll man in Frieden ruhen lassen.

Mari steht auf und blickt hinunter auf das wirbelnde Wasser. Der Anblick macht sie schwindlig. Vielleicht hätte sie Irene nicht so oft mit der alten Dame alleine lassen dürfen. Aber Anna hatte es so viel bedeutet, ihr die alten Lieder beizubringen. Die Lieder, die einmal Barbara hätte singen sollen.

Mari lächelt. Sie erinnert sich an den Tag, an dem Irene sie zum erstenmal mit ihrer Musik verblüfft hatte. Mari war damals sechs Monate in Maryland gewesen, um den Bau eines neuen Einkaufszentrums zu überwachen. Irgendwann während ihrer Abwesenheit war Irene der Violine und der Tasteninstrumente überdrüssig geworden und hatte ihre Großeltern überredet, ihr ein Waldhorn zu kaufen. An dem Tag, als Mari nach Hause kam, hatte es gestürmt. Wie heute, denkt sie. Irene hockte mit ihrem Waldhorn hoch oben auf der Klippe und versuchte, das Rauschen und Brausen der Wellen in der Höhle am Fuß der Klippe, ihr Spiel auf dem Horn und das Echo ihres Spiels so aufeinander abzustimmen, daß ein Hornsolo mit Begleitung daraus wurde – ein Hornkonzert von Mozart.

Wer hätte gedacht, daß sich dieses bezaubernde Kind einmal so entwickeln sollte? Es war erschreckend, mitansehen zu müssen, wie es zunehmend dieselbe Obsession ausbildete, die auch seine Großmutter beherrschte. Auch Mari hätte genügend zu erzählen gewußt. Nur hatte sie ihre Tochter damit nicht belasten wollen. Sie hatte gewollt, daß Irene frei und unbefangen aufwuchs. Die alte Frau aber hatte sie mit ihren Geschichten aus jener schrecklichen Zeit wie mit Ketten an sich gebunden. Als Mutter des Mädchens hätte sie das verbieten müssen, wirft Mari sich vor. Und jetzt diese entsetzliche Symphonie … Sie selbst wußte zwar von keinem, der durch die Musik ihrer Tochter wieder zum Leben erweckt worden wäre. Aber eigentlich … Woher konnte sie eigentlich sicher wissen, daß diejenigen, die jetzt – also seit der Zeit des Krieges – am Leben waren, tatsächlich auch immer gelebt hatten?

Mari entschließt sich, die Betontreppen zum Wasser hinunterzusteigen.

Von Regen und Gischt ist sie bis auf die Haut durchnäßt. In ihrer Erinnerung aber ist es trocken. Trocken und staubig.

Mädchen: eines neben dem anderen, eine lange Reihe. Mari stand am Ende dieser Reihe. Ihr gegenüber eine zweite Reihe Mädchen. Eine Serbin sprach mit der Heimleiterin über die anstehenden Schulhausreparaturen.

Eine dritte Frau, dünn und abgemagert, sprach mit den älteren Mädchen, die vorne in der Reihe standen. »Also Mädchen«, sagte sie auf Serbisch, »diejenigen unter euch, die sich noch erinnern können, sagen mir jetzt mal ganz schnell, wie sie früher geheißen haben, wie ihre Eltern geheißen haben und die Stadt, aus der sie kommen.«

Wie aus der Pistole geschossen schnatterten die älteren Mädchen drauflos. Mari wäre es lieber gewesen, sie hätten den Mund gehalten. Wenn die Lagerleiterin sie hörte, würden sie alle bestraft werden.

»Psst«, ermahnte sie die Frau, die zwischen den Reihen hin- und herwechselte und etwas auf einen zerknitterten Fetzen Papier kritzelte. Ihre Hände zitterten dabei.

»Ich soll jetzt sagen, daß ich Sava Petrovich heiße«, sagte eine Vierzehnjährige. »Aber mein richtiger Name ist Anneliese Straub. Vater: Michael; Mutter: Gertrud. Aus Kikinda.«

Mari knurrte der Magen. Warum konnten sie nicht still sein, dachte sie. Es gab sowieso schon so wenig zu essen. Sie lieferten der Heimleiterin nur noch einen weiteren Vorwand, um sie wieder einmal hungern zu lassen.

»Letztes Jahr haben sie meine Schwester fortgebracht. Irina meint, sie ist in Haus 38«, sagte ein anderes Mädchen. »Sie heißt Veronika.«

»Ich bin die Doris vom Friseur Lindhof aus Katarina.«

»Wenn wir deutsch sprechen, bekommen wir abends nichts zu essen.«

Mari wurde langsam zornig. Warum erzählten sie der Dünnen das alles? Was erhofften sie sich davon? Was glaubten sie, würde sich dadurch ändern? Es wäre vernünftiger, sich abzufinden mit dem, was geschehen ist, und das Beste draus zu machen.

Die Hand der dünnen Frau war schweißnaß, ihr Gekritzel war jetzt verschmiert.

»Frau! Bitte nehmen Sie mich mit. Ich kann Deutsch!«

Dumme Gans! dachte Mari. Wie entwürdigend! Wie konnte man bloß so würdelos betteln? Aber im Grunde ihres Herzens verstand sie sehr gut. Die Frau war eine Deutsche, die ihr Kind suchte. Die Mädchen hofften, sie würde ihre Namen hinausschmuggeln und sie dem Roten Kreuz melden, damit ihre Eltern wußten, daß sie noch am Leben waren. Vorausgesetzt, die Eltern waren noch am Leben.

»Ich bin die Resi vom Bauer Klein aus Stefansfeld.«

Die Frau stolperte. Eines der Mädchen nahm sie am Ellbogen und half ihr wieder auf. Und Mari hörte, wie es der Frau dabei ins Ohr flüsterte: »Ich kann nähen und stricken.«

»Und ich kenne zwanzig Rezepte auswendig«, sagte ein anderes Mädchen.

Die Frau blickte dem Mädchen eine ganze Weile in die braunen Augen, schüttelte dann den Kopf und wandte sich ab.

»Ich kann melken. Holen Sie mich hier raus, bitte!«

Die Frau starrte auf den roten Ziegelstaub, der den Boden des Schulhofs bedeckte.

Schließlich kam sie ans Ende der Reihe, dorthin, wo Mari stand. Die Mädchen, die hier standen, hatten der Deutschen nichts zu sagen. Die Frau aber sah sie so eindringlich an, daß Mari annahm, sie müßte eine Tochter haben, die so alt war wie sie. Die Mädchen links und rechts von ihr verkrampften sich vor Nervosität – Mari konnte es regelrecht spüren. So war es immer – jedesmal wenn eine Serbin kam, um sich ein Kind zur Adoption auszusuchen. An ihre Mütter erinnerten sich die Mädchen nicht mehr. Sie wollten nur eines: zu jemandem gehören.

Dumme Luder, dachte Mari. Die Serben holten sie doch nur, weil sie jemand für die Bauernarbeit, weil sie eine Köchin oder eine Kindsmagd brauchten. Sie hatte helles Haar und blaßgrüne Augen, sie sah viel zu auffällig aus, um damit rechnen zu können, daß jemand sie adoptieren würde. Das wußte Mari. Und ebenso wußte sie, daß keine deutsche Mutter jemals nach ihr suchen würde. Im Unterschied zu den anderen Mädchen konnte sie sich an ihre Mutter erinnern.

Sie erinnerte sich an ein Dorf, das mit Stacheldraht eingezäunt war. Sie erinnerte sich an ihre Mutter, die sich nachts davonstahl und morgens wieder zurückkam – in den Händen ein paar Kartoffelstückchen, eine Karotte, ein paar Erbsen. Sie erinnerte sich an ihre heimlichen Ängste, die Angst, daß ihre Mutter eine Diebin war. Und an einen Morgen erinnerte sie sich, an dem ihre Mutter nicht mehr nach Hause gekommen war. Sie erinnerte sich, daß sie mit anderen zum Stadtplatz ging, erinnerte sich an die vier Frauen, die dort knieten, deren Hände auf den Rücken gebunden waren, erinnerte sich an den Partisan, der jeder dieser ausgemergelten Frauen die Pistole ins Genick setzte. Erinnerte sich an Finger, die abdrückten, an einen Schuß, den sie genau in jenem Moment hörte, als sie die Frau erkannte, die unmittelbar vor ihr kniete.

Ihre Mutter zuckte und fiel mit dem Gesicht in den Schmutz, bevor sie noch zu ihr laufen konnte. Hände hoben ihre Mutter auf einen Schubkarren. Mari hielt die Hand ihrer Mutter. Die Mutter drückte ihr die Hand und flüsterte: »Pst, pst.« Den ganzen Weg bis zum Massengrab hielt sie Maris Hand. Hände kippten den Schubkarren um, ihre Mutter flüsterte ihr zu: »Sei gut, mei Herzje!«, dann drückte der Partisan ein zweites Mal ab.

Ein anderer Partisan drückte Mari etwas Erde in die Hand und gab ihr zu verstehen, daß sie sie in das Grab werfen sollte. Für jede Gelegenheit gibt es ein angemessenes Ritual, alles hat seine Ordnung und seinen Platz.

Ihre Mutter tanzte eine letzte wahnsinnige Polka, ab die Erde auf das grünweiße Blumenmuster ihrer Kleiderschürze fiel.

Sei gut, Herzje. Wenn ihre Mutter sie doch bloß mit ihrem Namen angesprochen hätte – vielleicht hätte sie sich dann an ihn erinnert. Trotzdem: So wie es war, war es am besten. Wie auch die Schule besser war als das Lager. Sei gut. Ein brauchbarer Rat, fand Mari. Sie würde jedenfalls nicht mit der deutschen Dame sprechen. Sie wollte gut sein – sie wollte es auf keinen Fall schlecht machen.

»Liesl Heinrich«, sagte das letzte Mädchen. »Ich hatte eine Geburtsurkunde und ein Foto meines Bruders. Aber die Heimleiterin hat mir letzten Winter alles abgenommen.«

Die Frau faltete ihre Notizen zusammen und steckte sie in die Tasche.

Die Heimleiterin wies die andere Frau auf ein kaputtes Abflußrohr am Schulgebäude hin. Aber die achtete nicht darauf – sie konnte die Augen nicht von den Mädchen und ihrer Freundin lassen. Und als die hagere Freundin sich von den Mädchen abwandte, schüttelte sie den Kopf. Schüttelte den Kopf und dann die Faust.

Die Hagere blieb stehen, kam noch einmal zurück zu den Zehnjährigen in Maris Reihe.

Mari war entsetzt, als sich die Frau zu ihr beugte. »Wie heißt du?« Sie sprach serbisch.

Mari sah nach der Heimleiterin – sie hoffte, sie würde sich umdrehen und sie retten. Warum hatte diese Frau gerade sie angesprochen? Und schließlich sagte sie: »Mari Broz.« Der Hageren ihren Namen sagen – so war es gut. Sie war stolz darauf, denselben Namen zu tragen wie Marschall Tito. Sie starrte auf den roten Staub, der auf den abgestoßenen schwarzen Schuhen der Frau lag.

»Mari – ich suche ein kleines Mädchen, das mit mir kommt und bei mir leben möchte. Möchtest du dieses Mädchen sein?«

Mit dieser Frau gehen – Mari war klar, daß das nicht gut war. Aber die Hand, die ihr angeboten wurde, erinnerte sie daran, wie es war, eine Mutter zu haben. Sie wußte nicht, was sie machen sollte. Und dann versetzte ihr eines der Mädchen einen Rippenstoß und flüsterte ihr zu: »Geh schon, dumme Kuh!«

Mari nahm die Hand, die die Frau ihr reichte.

»Das ist mein Tochter«, hörte sie die Frau zur uniformierten Heimleiterin sagen. Hinter ihr stand Irina Cvetkov. Mari fürchtete, Irina würde sie zurückhalten: Irina wußte, daß Maris Mutter tot war. Aber Irina nahm Mari in den Arm und drückte sie zum Abschied fest an sich.

Meerwasser spritzt auf, eine Welle läuft durch Mein Pseudopodium. Ich höre die erwachsene Mari schreien: »Nein, Irene! Hör auf mit der Musik!« Dann höre ich nichts mehr. Nur noch das klatschende Geräusch der Wellen, die an die Felsklippen schlagen.

Mari ist verschwunden. Sie ist nicht wieder auf die Klippe zurückgeklettert. Ich taste und fühle mit Meinem Pseudopodium: Nichts. Mary ist nirgendwo. Nirgendwo in Kanada.

Vom Mount Seymour blicke Ich hinunter in den Konzertsaal. Mashhit ist nicht mehr allein. Engel schweben durch die Luft, sitzen im Schneidersitz auf den Brüstungen der Logen. Hängen kopfüber an Kronleuchtern, schlagen flatternd mit silberbeschlagenen, ledrig schwarzen Flügeln.

Mir zumindest erscheinen die Engel schwarz, rabenschwarz beinahe. Für die Menschen im Konzertsaal aber erstrahlen sie im Glanz helleuchtenden, blendenden Lichts. So blendend hell, daß sie die Augen mit den Händen schützen müssen – obwohl sie gar nicht begreifen, daß die riesige Engelschar die Quelle dieses Glanzes ist. Ich sollte mich eigentlich freuen. Freuen und dankbar sein, daß die Engel erst um meine Erlaubnis nachsuchen, ehe sie den Menschen erscheinen. So wie die Zeiten heutzutage sind …

Auf dem Podium, zu Füßen der Dirigentin Janowitz, liegt ein Bündel weicher schwarzer Samt.

Verwirrt packen die Musiker ihre Instrumente ein, blättern verstört in Notenstapeln. Einem Oboisten flattert eine Seite mit der Überschrift Barbara schläft vor die Füße und zerfällt zu einem Häufchen Staub.

Ich spüre die Verwunderung der Musiker. Sie fragen sich, was sie da eben gespielt haben. Aber weil das, was sie da eben gespielt haben, in ihrer Welt, die noch so jung ist, so neu, nie existiert hat, können sie auch keine Erinnerung daran haben. Nun gut – möglicherweise plagen den einen oder anderen etwas helleren Kopf unter ihnen von Zeit zu Zeit irritierende symphonische Träume. Vielleicht macht er sich dann ein paar flüchtige Notizen von diesen Melodien – was Mir die Gelegenheit gäbe, sie wieder zu hören.

Auch das Publikum ist verwirrt. Die Leute wundern sich, warum sie im Konzertsaal sitzen. Zum größten Teil sind es einfache Arbeiter, Menschen, denen üblicherweise nicht allzu viel an derart extravaganter Unterhaltung liegt.

Der Logenplatz, in dem Mein Pseudopodium saß, ist jetzt besetzt. Helmut Janowitz, ehedem Vater der Dirigentin, kann sich nicht erklären, wie es kommt, daß er mit einer betagten Putzfrau, deren Tochter und ihren drei Enkelkindern in einem Konzert sitzt. Noch dazu am Geburtstag seiner Frau Tammy. Er macht sich schleunigst auf den Weg zur Garderobe und läßt sich Mantel und Schirm geben.

Anna Weber versteht nicht, was sie in einem Konzertsaal zu suchen hat. Weder ihre Tochter Barbara, noch irgendeiner von Barbaras Söhnen interessiert sich für symphonische Musik. Anna hat pflichtschuldigst den Anweisungen des Engels Folge geleistet – keiner der Jungen kann auch nur eine Note lesen. Sie wohnen in Burnaby, wo Barbara als Kunstlehrerin an der High School unterrichtet. Zwei der Jungen betreiben ein Zoogeschäft und verkaufen Meeresfische, der dritte studiert Biologie an der Simon Fraser University. Jeder von ihnen hat sich eine Kollektion Rock-and-Roll-CDs zugelegt – aber nur, um damit bei Freunden Eindruck zu machen, und nicht etwa, weil sie glühende Musikliebhaber wären.

Anna Weber wundert sich, was die Musiker da gespielt haben. Aber sie traut sich nicht zu fragen. Sie weiß, ihre Familie hält sie für senil. Sie fürchtet beinahe, daß es so ist – die Vergangenheit, die so weit zurückliegt, ist ihr gegenwärtiger als die Musik, die sie vor fünf Minuten gehört hat.

Barbaras Söhne wundern sich, wie sie sich von der alten Dame zu diesem verrückten Auftritt überreden lassen konnten. Außerdem wundern sie sich, wie sie an das Geld gekommen ist, das sie für den Mohn ausgegeben hat, mit dem sie ihnen diesen Kuchen zum Nachtisch gebacken hat.

Barbara bestaunt eben den Kronleuchter, als der Engel Hadraniel rülpst, und ein Blitzstrahl wie ein Lichtbogen im Raum steht. Sie wendet sich ab von diesem Schauspiel – »Los, Kinder! Wir gehen.« – und steht auf.

Mashhit schlägt mit ledrigen Flügeln und stößt auf die Bühne herab. Die Ketten, die den Donnerkeil, den er in der Nase trägt, mit dem Donnerkeil in seinem Ohr verbinden, reißen drei Silberstreifen in seine Wange. Er wühlt die Nase in den schwarzen Samt, tritt mit seinem verkümmerten Fuß nach ihr.

Natürlich sehen die Musiker Mashhit nicht. Aber der erste Geiger der zweiten Violinen sieht sein Gewand durch die Luft schweben. Einen kurzen Augenblick nur, dann wird ihm schwindlig – er muß sich setzen.

»Es steht geschrieben«, brüllt Mashhit seinen Mitengeln zu, »Du sollst nicht dulden, daß eine Zauberin lebt.«

Die Engel sind zufrieden mit sich: Sie haben das Requiem wieder um die Passagen, die für Barbara geschrieben waren, ergänzt, haben dadurch den Zauber gegen Irene gewandt und Maris schlimmste Befürchtungen wahr werden lassen. Mari hat Jugoslawien nie verlassen, Irenes Vater nie kennengelernt. Und die Dirigentin Janowitz hat sich durch ihre eigene Musik um ihre Existenz geschrieben.

Ich taste Vancouver ab, taste die ganze Welt ab. Abgesehen von jenem kurzen Auftritt von Barbara und ihren Kindern, abgesehen von der Heirat von Irene Janowitz’ Vater mit einer Frau namens Tammy, und abgesehen von Maris Verschwinden, hat sich jede Spur der Zauberkraft der Dirigentin in Luft aufgelöst. Die Engel haben ihre kleinen Seelen wieder. Alle.

Ich schicke ein anderes Pseudopodium nach Jugoslawien: Mari Broz sitzt auf einer Holzbank auf der Ladefläche eines Planwagens. Mit ihr fahren fünfzehn weitere Landarbeiterinnen des landwirtschaftlichen Betriebs, bei dem sie als Traktoristin arbeitet. Die Frauen tragen dunkelblaue Hosen, dunkelblaue Jacken und Kopftücher. Mari hat kein Kopftuch umgebunden. Stolz stellt sie die wenigen blonden Strähnen zur Schau, die noch im weißgewordenen Haar blitzen. Sie sitzt etwas abseits von den anderen, am weitesten von der Ladeklappe entfernt.

Zwei Frauen lachen. Lachen so laut, daß Mari es nicht überhören kann. Sollen sie doch, denkt sie sich. Sollen sie ruhig darüber witzeln, weil ich immer noch darauf warte, daß meine Mutter mich wiederfindet. Sie sind nur neidisch: Meine Mutter ist eine Deutsche, und die Deutschen sind reich.

Im Grunde ihres Herzens aber hat Mari Angst vor ihren Kolleginnen. Wenn die wüßten, daß sie die Tochter einer Diebin ist – sie zittert vor Angst. Aber andererseits, so spricht sie sich Mut zu, ist das eine Sache, die niemand etwas angeht. Ich bin eine gute Arbeiterin, bin Mitglied der Partei und trage denselben Namen wie der Vater Jugoslawiens – mit den Verbrechen meiner Mutter habe ich nichts zu tun. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin Kommunist. Ein wahrer Kommunist: nicht so einer wie diese Scheinheiligen in Belgrad, die den Namen Serbisch Kommunistische Liga abgelegt haben und sich jetzt Sozialistische Partei Serbiens nennen: ein schäbiges Zugeständnis an den Druck der öffentlichen Meinung des Westens.

Der Lastwagen stößt und rumpelt auf der unbefestigten, ausgefahrenen Straße. Mari ist das nur recht: Der Lärm übertönt die Stimmen der anderen, sie ist fest entschlossen, sich von ihnen die angenehmste Zeit des Tages nicht verderben zu lassen. Sie braucht diese Zeit, die ihr die Möglichkeit gibt, ihrer Lieblingsvorstellung nachzuhängen: Mari sieht sich als Mutter einer Tochter. Abends, stellt sie sich vor, wenn sie nach Hause kommt, wartet ein Brief ihrer Tochter auf sie. Sie sieht ihn auf dem Plastiktischtuch liegen, im Schein der nackten Glühbirne, der einzigen Lichtquelle in der Küche.

Heute abend, redet sie sich ein, wird es keinen Streit geben mit den Jankovics, mit denen sie sich das Haus mit den zwei Schlafzimmern teilt – ein Haus, das einer ungarischen Familie gehört hatte, bevor der Zusammenbruch Jugoslawiens die Jankovics nach Norden verschlug. Heute abend, glaubt sie ganz fest, wird ihr niemand unmoralisches Verhalten vorwerfen, wenn sie sich weigert, ihr Schlafzimmer mit den halbwüchsigen Töchtern der Jankovics zu teilen.

Heute abend ist ihre Tochter ein Model in Hongkong und schickt ihr eine chinesische Modezeitschrift, mit ihrem Porträt auf dem Titelbild. Und Mari wird es selbstverständlich aufhängen, an der grob verputzten Wand hinter dem Küchentisch, den sie mit den Jankovics teilt.

Nein: Heute abend ist ihre Tochter eine Schriftstellerin aus Entre Rios in Südbrasilien, von der die ganze Welt erfährt, wie Maris Mutter starb – aber nicht, daß sie eine Diebin war. Im Roman ihrer Tochter ist Maris Mutter eine Partisanin, eine Widerstandskämpferin, die dazu beigetragen hat, daß die Deutschen besiegt werden konnten.

Oder – noch besser: Heute abend ist ihre Tochter eine weltbekannte Komponistin. Nach ihrem Konzert in Belgrad wird man sie zu ihr bringen, weil sie Mari besuchen will. Was die Frauen, die neben ihr auf der Bank sitzen, wohl dazu sagen werden … Mari lächelt.

Vancouver. Die geflügelte Schar fliegt eine Ehrenrunde zur Feier ihres Erfolgs, jubelt und stößt lautes Freudengeschrei aus. Sterbliche bemerken nichts davon. Sie hören weder den Jubel der Engel, noch sehen sie deren schwarze, ledrige Flügel, die sich im tumultuarischen Durcheinander flatternd ineinander verhaken. Aber sie nehmen ein Brausen in der Luft wahr, das wie ein Sturmwind ist. Und sie riechen die Engel, riechen einen Duft, so drückend und schwer wie Jasmin. Und auch die, die es eben noch gar nicht eilig hatten, stehen jetzt auf und gehen.

Was Meine Engel nicht wissen: In einem verlassenen Gewächshaus auf dem Grundstück eines Hauses am Marine Drive liegt – versteckt hinter einem Haufen gesprungener Tontöpfe – ein Notenblatt: ein Arrangement für Akkordeon und Orchester mit dem französischen Titel La chanson d’Irene – Irenes Lied.

Originaltitel: ›IRENE’S SONG‹ • Copyright © 1993 by Astrid Julian • Erstmals erschienen in ›Interzone‹, März 1993 • Mit freundlicher Genehmigung der Autorin • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Jakob Leutner • Illustriert von Jobst Teltschik

Jacques MondoloniFrankreich

MEMOSCHMERZEN

Algie saß da wie ein chinesischer Buddha und schien zu meditieren – wie gewohnt waren seine Beschuldigungen heftig, unerbittlich, und die kleine Eva, die verschrumpelte Frau, die fast menschliche Zwergin, sank vor lauter Schmerz in sich zusammen, als er sich über sie ärgerte. Wie gewohnt stolperte er in einem bestimmten Moment absichtlich über ein Wort, über ein Wort aus der Vergangenheit, ein Wort, das mit ihrem Verbrechen zu tun hatte, und gab vor, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Die in seinem künstlichen Körper eingeschlossenen Ordnungskräfte wurden befreit. Was folgte, war der zeitlich genau festgelegte Zyklus der Vergeltungsmaßnahmen. Der stets wie improvisiert scheinende Schlag ging auf sie nieder. Die gepanzerte Tür im Hirn der kleinen Eva öffnete sich. Sie schrie auf, als sie die Schmerzen der Vergangenheit spürte. Ihr Gedächtnis klapperte wie ein schlecht geschlossener Deckel. Dann wurde sie ohnmächtig, begann zu schwitzen, wurde wütend und wehrte sich wie ein Kind, das nicht ins Bett will. Sie wurde ohnmächtig, ihre Gedanken konzentrierten sich krampfhaft auf den Knauf der Panzertür, sie weigerte sich zu gehen, weigerte sich, ihre Erinnerungen entschwinden zu lassen. Algie hingegen wurde deprogrammiert. Die Panzertür schloß sich wieder, und Erinnerungsfetzen, Schmerzsplitter drangen auf Umwegen, durch eine vorsätzlich angebrachte undichte Stelle ein und überfluteten die Wände ihres Hirns.

Eine leichte Ekstase begleitete ihr verblassendes Verschwinden. Es war, als würde sie in genauer Kenntnis der Sachlage die Besinnung verlieren. Sie akzeptierte das Leiden, den Untergang wie ein Kranker, der sich seiner Ohnmacht vollauf bewußt und gleichzeitig so schwach ist, daß er sich damit abfindet, daß es sinnlos ist, sich selbst zu verfluchen.

Algie wurde deprogrammiert. Die kleine Eva wurde geweckt. Man befreite diejenige, der man unentwegt mit Erschießung drohte, von ihrer Augenbinde.

»Die Sitzung ist aufgehoben!« verkündete Algie.

»Sie dürfen rauchen …«

»Die Geschworenen ziehen sich zur Beratung zurück.«

Welche Geschworenen? Algie war der Geschworene, der Staatsanwalt, der Verteidiger, der Richter, der Polizist, der Scharfrichter – alles in einer Person. Justizroboter. Organ der Rechtspflege. Lebende Statue mit asiatischen Zügen, die von ihrem cybernetischen Thron herab Wahrheiten aus Bronze verkündete. »Bronze …« So nannte ihn die kleine Eva, wenn sie das Wort an ihn richtete, da sie seine Titel nicht mehr kennen wollte, nicht mehr wissen wollte, ob sie sein Opfer und seine Mandantin war.

»Bronze, laß mich schlafen … Bronze, laß zu, daß ich mich erinnere …« Ein lächerlicher Name für einen solchen Rachegott. »Ich heiße Algie«, wiederholte er in den Pausen, falls er einigermaßen gut gelaunt war. Algie, der Roboter in Buddha-Form, der Riesenroboter, der Schmerzenshändler. Algie, der Roboter, der sämtliche Schmerzen der Menschheit in seinem Gedächtnis aufbewahrte: dank einer Vorrichtung, die Memoschmerzen hieß. Ein nützliches Ding, das von jenen erfunden worden war, die es mochten, vordergründig zu lachen oder Angst einzuflößen.

»Ich verstehe, Bronze, du bestehst auf deinen entsetzlichen Namen … doch du bist bis unter die Haarspitzen aus Bronze!« erwiderte die kleine Eva, als er nicht lockerließ.

»Was heißt das?« fragte er gereizt.

»Oh! Du kannst mich verstehen? Du siehst so wuchtig, so mächtig, so unerbittlich aus … Du scheinst nachzudenken, doch du verdaust nur deinen Reis!«

Dies sagte sie aufgrund seiner asiatischen Gesichtszüge: seit sie mit ihm zu tun hatte, wußte sie, daß er nicht stolz darauf war. Warum hatten die Cybernetiker ihn mit dieser Physiognomie ausgestattet …? Wahnvorstellungen von Westlern, die sich immer noch vor der gelben Gefahr fürchteten? Oder der naive Reflex kultureller Empathie eines japanischen Ingenieurs, der für die Weltraumkolonien, für die Weltraumgefängnisse arbeitete …? Von einem formellen Standpunkt aus betrachtet, war das Geheimnis seiner Gestaltung zweifellos Teil des Programms, der Rolle, die man ihm zugewiesen hatte. Auf die Erde zurückzukehren, um seine Erzeuger, seine Erschaffer zu befragen, hätte keinen Sinn gehabt. Wieso nicht Anzeige erstatten …? Eine Prozeßmaschine strengte keinen Prozeß an. Eine Foltermaschine folterte sich nicht freiwillig. Zwei Basisbefehle, die irgendwo in seinem vervielfältigten, einem dicken Minutenlichtschalter ähnelnden Hirn festgeschrieben waren – hinter seiner grünlichen Maske, hinter seinen Haarbüscheln, zwischen seinen Schlitzaugen – und gegen die er nicht verstoßen wollte.

»Sie haben Angst vor Robotern!« verkündete er von Zeit zu Zeit, um sie zu erschrecken. »Eine Last, die sich zu allen übrigen Lasten, unter denen Sie bereits zu leiden haben und die ohnehin schon schwer genug sind, dazugesellt.«

Doch diese Art von Beschuldigungen beeindruckten die Angeklagte kaum.

»Das ist doch idiotisch, Bronze … Ich bin genauso künstlich wie du. Aber … ich bin weiß! Und ich bin eine Frau!«

»Die Geschworenen werden das zu würdigen wissen …«, erwiderte er, um sie sich vom Hals zu schaffen. Doch weil er in jenem Moment keinen Geschworenen verkörperte, kam er sich lächerlich vor.

Algie schien zu meditieren. »Und sie denkt, ich wäre mit meiner Verdauung beschäftigt!« sagte er sich und dachte über die kurze Zeitspanne nach, die ihm als Staatsanwalt noch blieb. Der Countdown hatte begonnen: seine Zeit als Verteidiger rückte näher. Und da ihm die Argumente fehlten, stellte er fest, daß die Fallen, die er ihr zuvor gestellt hatte, allmählich ihre Wirkung verloren. In Kürze würde er die Robe des Rechtsanwalts anlegen, dessen Stimme annehmen und, wie gewohnt, alle zerstören.

Ahnte die kleine Eva etwas von seinen Gewissensfragen, von seiner Schwierigkeit, mit einer Mehrfachidentität zu leben, die vom Menschen von Anfang an pervertiert worden war? – Eines Tages hatte sie ihm erklärt: »Bronze, du bist wie eine Wetterfahne …!« Seither kam sie immer wieder auf dieses Thema zu sprechen, quälte seine Eigenliebe, sofern sie ihn nicht gar beschuldigte, eine solche überhaupt nicht zu kennen. Im Schutz seiner Scharfrichterphase nagelte er sie am Boden fest, wenn sie es wagte, ihn auf diese Weise anzugreifen. Er brauchte nur auf irgendeinen Knopf der Memoschmerzen-Vorrichtung zu drücken, damit grausame, ferngesteuerte Kräfte in sie fuhren, ohne jemals auch nur die geringsten Spuren von Gewaltanwendung zu hinterlassen, weder an ihrem Körper noch in ihrem Hirn. Die ideale Prügelstrafe.

Die Memoschmerzen erschöpften sie. Doch obwohl sie sich, auf dem Bett ihrer Zelle liegend, unter Schmerzen wand, war sie längst nicht erledigt. Sie litt, ertrug entsetzliche Qualen, den codifizierten Sadismus der Scharfrichterphase, erlebte verschiedene peinvolle Phasen ihres menschlichen Lebens noch einmal: die Babywehwehchen, den ersten Kontakt des Kindes mit spitzen Gegenständen im Haus, die ersten Enttäuschungen kindlicher Verliebtheit, die Entjungferung, den ersten Liebesverrat, die erste Trennung, die Niederkunft, den Tod eines geliebten Menschen und die fürchterliche Qual ihres eigenen Todes. Alles andere hatte sie vergessen. Die Wissenschaftler hatten nur Bruchteile menschlicher, allgemeingültiger Erinnerungen in ihr Hirn transplantiert, die nicht nur genauso armselig und unergiebig waren wie die künstlerischen Beurteilungen eines Museumsführers, sondern auch -auslöschbar.

Die kleine Eva schlief nur halb – sie wartete darauf, die Nachfolge Algies anzutreten, zum anderen Algie zu werden. Nicht daß seine Verwandlung zum Verteidiger sie beruhigte – sie machte sich nichts aus diesem ganzen Theater mit seinen offensichtlichen Veränderungen, aus diesem widerlichen Spiel des äußeren Scheins, diesem endlosen Spektakel eines zweitrangigen Schauspielers, der nicht von der Bühne abtreten will. Wenn Algie die Rolle des Verteidigers übernahm, hatte sie ihre Ruhe, mehr nicht …

Sein Plädoyer war jedenfalls stets erbärmlich, übertrieben querulant. Ganz gleich, wie ausführlich er Beweise und Gegenbeweise gegeneinanderstellte, das Resultat seines Geschwätzes war stets gleich Null, weil die Maschine ihr Urteil prinzipiell niemals ändern konnte.

Zu Beginn ihrer Einkerkerung hatte sie noch daran geglaubt, daß es eine Rolle spielen würde, welche Robe er sich umhängte. Doch anläßlich einer Wiederaufnahme ihres unendlichen Prozesses hatte sie begonnen, ihre Meinung zu ändern.

»Schlafen Sie, kleine Eva …«

Seine Rechtsanwaltsphase begann stets mit diesen ein wenig zärtlich klingenden Worten, so als entschuldigte er sich für den Ärger, den er ihr in seiner Staatsanwaltsphase bereitet hatte.

»Laß mich schlafen, Bronze …«

Sein Buddha-Gesicht nahm einen verärgerten, schuldbewußten Ausdruck an und erinnerte an das eines Orakels, das sich auf der ganzen Linie geirrt hat. Hinter seinen grünlich grauen Lippen verbarg sich ein Ausdruck von tiefem Mitgefühl, ein Versprechen auf Hoffnung, und mit verlegenem Blick starrte er auf seine Schenkel, seine gewaltigen, stets unbeweglichen Schenkel.

»Rauche, Bronze, ich mag es, wenn du rauchst …«

Dann qualmte er wie ein Weltraumspediteur, der, auf einer Kiste sitzend und mit seiner Pfeife im Wind, dabei zuschaut, wie seine Waren verladen werden. Außer daß Algie keinen Tabak besaß: aus seiner Pfeife stiegen angenehme, mit Rum vermischte Tabakdüfte auf, die sich mit Hilfe bläulichen Dampfes materialisierten. Dieser Dampf zischte aus Düsen, die hinter seinem steifen Oberkörper verborgen waren. Befand sich der Tabak im Innern der Statue, in einer Spezialtasche …? Diese Illusion genügte der kleinen Eva. In der Maschine gab es ein Raucherabteil, das war das wichtigste. Für einige Augenblicke verwandelte Algie die Zelle in einen englischen Pub. Sein habeas corpus erhielt einen kleinen Pluspunkt. Im englischen Pub fehlten nur noch ein paar Menschen aus Fleisch und Blut, damit sie an ihre Rechte glauben konnte, an die Unparteilichkeit des Gerichts, an die Zivilisation – an ihre Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies.

»Ich weiß ganz genau, woran Sie denken«, hüstelte Algie, »wir haben schon hundertmal darüber gesprochen …«

»Dann erwähne es nicht schon wieder, Bronze …«

»Es geht mir darum, jegliches Mißverständnis auszuschließen. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Verteidiger bin …«

»Und gleichzeitig mein Scharfrichter!«

»Das bin nicht ich … Also, Sie verlangen, daß man Sie nach den Gesetzen der menschlichen Justiz behandelt und man gleichzeitig nicht mehr ganz und gar menschlich ist. Eva, Sie sind künstlich, aber Sie vergessen dieses nicht unwesentliche Detail immer wieder …«

»Weil ich einsdreißig groß bin?«

»Wenn es nur das wäre …!«

»Ich bin ein ehemaliger Mensch!«

»Ja, aber Sie wurden rekonstruiert, recycled, wie man früher sagte … Na, wo sind denn Ihre ursprünglichen Organe? Was ist geblieben von der Frau, die Sie in einem früheren Leben einmal waren …? Physisch betrachtet nicht sonderlich viel, nicht wahr! Sie sind eine Androide, eine Gyneoide …«

»Ich bin keine richtige Androide. Übrigens bin ich nicht zweigeschlechtlich wie alle anderen Androiden. Ich bin weiblichen Geschlechts und sehe aus wie eine Frau.«

»Ich gestehe Ihnen zu, daß Sie ihnen nicht ähneln: die Androiden der Generation 10 sehen aus wie Transvestiten! Doch Sie sind immerhin das Trugbild einer Frau … und, faktisch besehen, asexuell!«

»Sexuell habe ich … früher existiert! Ich bin ein Mischling!«

»Einverstanden … Aber im Moment wird Ihr Leben von der Gesellschaft der Roboter geregelt. Unsere Sozialgesetze, unsere Sitten und Gebräuche, unsere Handlungsfreiräume haben Grenzen, vergessen Sie das nicht …!«

»›Vergessen Sie das nicht! Vergessen Sie das nicht!‹ – Du wiederholst dich ständig, Bronze … Ja, ich habe es vergessen, ich habe es vergessen. Dann gib mir meine Erinnerungen zurück, wenn du dazu imstande bist!«

»Oh! Das Gedächtnis, das ich Ihnen ausleihen kann, ist selektiv, vergessen Sie das nicht …«

»Wie war ich, früher?«

»Größer … Die Operation hat Sie kleiner gemacht. Und Ihre Erinnerungen sind in der Wäsche eingegangen …«

»In der Gehirnwäsche …«

»Ja. Das war die Voraussetzung für Ihr Überleben …«

»Und ich war damit einverstanden …?«

»Ja.«

»Wieso?«

»Keine Ahnung.«

Gemächlich legte Algie seine Pfeife zur Seite, entfaltete seine drallen dunkelbraunen Buddha-Arme und ließ sie auf eine Weise herumwirbeln, die äußerst beeindruckend und der Emphase seines plumpen Umfangs würdig war: zum Vorschein kam der Pflichtverteidiger; irgendwo in der Maschine wurde sein Eintrittsticket zur Bank der Verteidigung von einem routinierten Zahn gelocht.

»Meine verehrte Mandantin, sehr geehrte Herren Geschworene«, begann er, »meine verehrte Mandantin hat es nicht verdient, einer Schandtat bezichtigt zu werden …«

»Ende der Durchsage!« unterbrach ihn die kleine Eva.

»Sie erleichtern mir nicht gerade die Arbeit, meine kleine Eva …«

»Warum sollte ich das tun? Ich sitze im Gefängnis.«

»In einem goldenen Gefängnis, vergessen Sie das nicht …«

»Ein Gefängnis ist ein Gefängnis. Golden ist ein Adjektiv, das nur diejenigen verwenden, die es nicht kennen …«

Algie ließ seine Arme abrupt nach unten sinken und so geräuschvoll gegeneinanderschlagen wie zwei Becken. Der Putz blätterte ab, und die vorstehenden, mit Harz überzogenen Venen kamen zum Vorschein.

»Du hast ein wenig Schminke nötig …«, sagte die kleine Eva ohne zu lächeln.

Algie reagierte nicht auf diese Bemerkung, sondern schlug sich mit den Fäusten auf die Oberschenkel – er war mit einer verletzenden Äußerung im Rückstand. Der Putz bröckelte ab und zersetzte sich wie eine Rußschicht unter den Schlägen eines Schornsteinfegers. Er schimpfte. Sein innerer Chronometer ärgerte sich darüber, daß diese winzige furchtlose Frau ihm widersprochen, ihn zurechtgewiesen hatte. Die Zeit arbeitete erneut gegen ihn und zwang die Programmierkarten, sich zu winden wie ein Gummiband, das man gestrafft und dann mit einemmal losgelassen hat.

»Herr Vorsitzender, ich sehe mich verpflichtet, mein Plädoyer abzukürzen …«

Algie, der Vorsitzende, der unter Algie, dem Verteidiger, brütete, nickte traurig mit dem Kopf.

»Wünschen Sie, daß die Sitzung unterbrochen wird?« fragte Algie, der Vorsitzende.

»Sie hat doch gerade erst begonnen …«, beklagte sich Algie, der Verteidiger.

Algie, der Verteidiger, kratzte sich am Kopf. Die Maske des gutmütigen Buddha, des lebendigen Idols, das sich offensichtlich mit großer Aufmerksamkeit den Sorgen der anderen widmete, rief den Requisiteur um Hilfe. Er mußte schleunigst in eine andere Robe schlüpfen, eine andere Autorität verkörpern.

»Man macht es mir unmöglich, meine Arbeit zu tun, Herr Vorsitzender«, behauptete er feige.

»Möchten Sie, daß wir eine Phase überspringen?« schlug Algie, der Vorsitzende, vor. »Sie kommen dann später wieder dran.«

Algie, der Verteidiger, stimmte verschämt zu.

Die repressiven Schaltungen im Innern der Maschine begannen zu knirschen. Algie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Seine bronzenen Züge warfen sich in Falten. Ein ablehnender Ausdruck zeigte sich, und nach einer weiteren ungeschickten Geste, einer letzten Konzession an seine Funktion als Verteidiger, legte er seine Kleider ab. Die kleine Eva überließ er bedenkenlos dem Zorn des Gerichts.

»Es ist Ihre Schuld!« murmelte er in ihre Richtung.

»Natürlich!« erwiderte die kleine Eva mit näselnder Stimme.

Da die mindestens fünfzigminütige Redezeit, zu der Algie als Verteidiger berechtigt war, ihm nicht mehr zur Verfügung stand, war er gezwungen, diese wieder an das Gericht abzutreten, also an sich selbst, an einen bösen, lasterhaften Doppelgänger, von dem man erwartete, daß er die kleinen Gemütsregungen, die er zuvor verspürte, inzwischen vergessen hatte. Die Komplizität, die zwischen ihm und der kleinen Eva bestand, auch wenn sie bloß eine Vortäuschung war, wurde im Namen der Planung, des sakrosankten Berechnungsgesetzes verschleudert.

Obwohl es durchaus flexibel gehandhabt werden konnte, durfte sich niemand ungestraft an dem Berechnungsgesetz vergreifen, das den Verlauf des Prozesses bestimmte. »Alles fließt, alles ist beweglich, die verschiedenen Akte des Stückes können sich in den eigenen Schwanz beißen, doch das Stück hat nur ein Ziel, und seine Dauer ist alles in allem immer die gleiche«, sagte Algie manchmal, vermutlich als Parodie auf die Philosophie seiner Schöpfer.

In seiner Eigenschaft als ein dem Justizsystem unterworfenes Wesen war Algie stets mit einer Änderung des Zeitplans, mit einer kleinen Verschiebung einverstanden. Man merkte, daß er durchaus gewillt war, einen Termin zu verlegen (Absagen kamen allerdings niemals in Frage!), man spürte, daß er nichts dagegen einzuwenden hatte, das Eintreten der Memoschmerzen hinauszuzögern … Der Beweis: die Memoschmerzen wurden niemals ausgelöst wie das Klingeln eines Weckers. Die zyklischen Schmerzen, die im Hirn des Roboters lagerten, trafen die kleine Eva niemals überraschend. Stets wurde die kleine Eva taktvoll davon in Kenntnis gesetzt, damit sie sich gebührend darauf vorbereiten konnte. Algie, der Scharfrichter, schien sich dafür entschuldigen zu wollen, daß er die Fleisch gewordene Pein darstellte, die Religion des Schmerzes, die qualvolle Erinnerung an eine Vergangenheit, die ein sadistischer, geschwätziger Ingenieur noch einmal überdacht und chiffriert hatte.

In der Praxis konnte Algie sogar die den Memoschmerzen bewilligte Zeit verringern, weil er sämtliche Rollen innehatte – sofern die kleine Eva ihn nicht lächerlich machte. Die Schmerzskala war ebenso veränderbar wie die Aufteilung der Zeit, doch das Ende des Prozesses stand eindeutig fest.

»Bronze, du schälst dich«, sagte die kleine Eva in ironischem Ton. »Wieso benutzt du kein Bräunungs-Öl …?«

»Einspruch!« schrie Algie, der Gerichtsvorsitzende.

Er war wütend. In aller Eile übertrug Algie, der Vorsitzende, Algie, dem Scharfrichter, seine Vollmachten: Dringlichkeitsprozedur.

Die Schmerzen warfen sich auf die kleine Eva. Jugenderinnerungen bedrängten sie. Die Panzertür in ihrem Hirn öffnete sich, und ein Stück bereits gelebtes, regelmäßig verborgenes, verdrängtes, zur Schau gestelltes, begrabenes Leben tauchte fühlbar und mit eidetischer Präzision vor ihr auf.

Sie schrie »Mama!«, rannte wie von Sinnen über eine steinerne Treppe in einem steinernen Haus und zeigte das schwarze Blut, das an ihren Schenkeln hinunterlief. »Endlich bekommst du deine Tage, meine Kleine!« rief ihre Mutter erfreut. Sie unterbrach ihre Arbeit – welche Arbeit? In diesem Moment war der Film sehr undeutlich – und, in Tränen aufgelöst, vor Freude weinend, suchte sie nach einem Handtuch. Die steinerne Treppe zog vorbei, das Blut hinterließ Flecken auf den Stufen, ihre Mutter war nicht mehr zu sehen. Sie hörte, wie sie in einem Schrank stöberte. Sie ahnte, daß ihre Mutter glücklich war über das, was passiert war, doch sie haßte die hygienischen Gründe, die ihr Kommen verzögerten. Die steinerne Treppe zog vorbei, um ihr zu erlauben, Zeit zu gewinnen. Die Bilder begannen erneut von vorne, weil sie das Blut, den Film krampfhaft festhielt. »Mama, komm, es läuft …« Der Schmerz ergriff Besitz von ihrem Unterleib, die Treppe drehte sich um sich selbst, sie hörte sich brüllen: »Nein, nein!« Sie hörte die weinerliche Stimme ihrer Mutter, die versuchte, sie zu beruhigen. Plötzlich sank sie zu Boden, es war nicht mehr auszuhalten. Sie ließ das ganze Blut, das aus ihrem Körper drängte, aus sich heraus, sie wurde zu einer Vagina, zu einer jammernden, zufriedenen Vagina, sie wurde zu einer undichten Schleuse, schmutziges, lauwarmes Wasser, das durch den verdrehten Kanal in ihrem Innern floß, sie litt an diesem warmen Glück, das sie zerriß, sie genoß die Sexualität, die sich ihr offenbarte.

Die kleine Eva betastete ihren Bauch – nein, sie blutete nicht. Eine Zuckung, ein flüssiger und parfümierter, autonomer Krampf, der ihrem Körper einer kleinen, rekonstruierten Frau fremd war, hatte ihr Becken heimgesucht. Die Fortsetzung? Durfte sie um die Fortsetzung der halluzinatorischen Erinnerung bitten? Kannte der Vorführer der Memoschmerzen sie? Hielt er eine Filmrolle mit einer bislang unbekannten Sequenz dieser Vergangenheit in Reserve?

»Warum?« fragte sie immer noch, als sie den Film verließ. Ja, warum? Was zugeben? Was tun? Was opfern, um frei zu sein? Und was verkünden, um die Erregung eines menschlichen Schmerzes noch einmal zu erleben? Auf diese letzte Frage hatte sie teilweise eine Antwort gefunden: es genügte, Algie, den Verteidiger, zu widerlegen. Anschließend lösten sich die Vergeltungsmaßnahmen von selbst auf, und ihr androider Körper mußte sich Beleidigungen gefallen lassen, die eines gewissen Reizes nicht entbehrten. Doch – letzten Endes – warum?

»Das müssen Sie schon selbst herausfinden, kleine Eva«, erwiderte Algie, als sie die Vorführung verließen.

Aber was herausfinden? Sie vergaß automatisch, was sie wiedererlebt hatte. Sie erinnerte sich nur noch an die Titel der einzelnen Episoden: die ersten Monatsblutungen, die Entjungferung, der erste Liebesverrat usw. Alle Einzelheiten lösten sich auf, sobald die Memoschmerzen es so entschieden. Sie wußte, daß es einen Film gab, ein Skript, aber der technische Aufnahmeplan entzog sich ihr, sobald die Vergangenheit das Studio, die Zelle stürmte.

Der einzige Vorteil dieser fortwährenden, in systematischer oder unsystematischer Reihenfolge ablaufenden Rückkehr in die Vergangenheit war das Erlangen der Fähigkeit, einen Geistesblitz lang ihren gegenwärtigen Körper zu verabscheuen, die einsdreißig kleine schrumpelige Frau, die dank hochtechnisierter Methoden am Leben gehalten und aus Gründen, die zu analysieren ihr nicht gelang, hundert Meilen von der Erde entfernt gefangengehalten wurde. Die Fetzen ihrer Vergangenheit drängten sich ihr mit der Zeit auf, zeigten sich trotz der gepanzerten Tür, die der Scharfrichter hinter ihr schloß, nach dem Ende jeder Vorführung immer wieder hartnäckig in ihrem Gesichtsfeld. Eines Tages würde es einem dem Wesen nach menschlichen Detail gelingen, sich in ihre Mischlingsnatur einzuschleusen und den schleimigen Pakt, den sie mit den Wissenschaftlern geschlossen hatte, aufzulösen. Möglicherweise würde sie sich daraufhin selbst zerstören, doch zumindest würde sie dann begreifen, aus welchen Gründen sie ihr vorgeschlagen hatten, weiterzuleben …

»Die Sitzung ist aufgehoben …«

Das Gericht machte eine Pause. Das Kino änderte sein Programm, der Vorführer legte eine neue Filmrolle ein.

Algie schien zu meditieren – mit dem Kopf im Nacken und fast gänzlich geschlossenen Augen saß er da und schien auf den sinnlichen Rasierpinsel des Barbiers zu warten. Doch er war bartlos, und seine Körperpflege war nichts als Attitüde. Keine Creme breitete sich auf seinen bronzenen Wangen aus, kein Rasierapparat berührte ihn – nur ein hinter seinem Rücken, in der Nähe der Rohre angebrachtes Pseudopodium entfernte von Zeit zu Zeit den beinahe rußigen Staub der abbröckelnden Patinabläschen.

Gab Algie, der Unveränderliche, vor, diese Alterssymptome nicht zu sehen? Oder war es der Versuch, die kleine Eva glauben zu lassen, er wäre sehr wohl verwundbar? So wie sie, so wie am Ende alle künstlichen Wesen, die mit Sicherheit eher unerschrocken als unverwüstlich waren.

»Kleine Eva …«

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Gehen Sie zurück an Ihren Platz. Die Verhandlung wird fortgesetzt …«

»Laß mich schlafen, Bronze.«

»Das Gericht würde Ihnen das erlauben, wenn Sie träumen könnten …, aber das ist unmöglich, nicht wahr?«

»Eines Tages wird es mir gelingen …«

»Meinen Sie das im Ernst?«

»Ja …«

»Nichts weiter als kümmerliche Reste der Retrospektive …«

»Nein …, ich sehe eine Mauer.«

»Eine Erinnerung, die Teil einer Memoschmerzen-Sequenz ist …«

»Nein …, ich sehe eine Mauer … eine Abgrenzung vor dem Himmel.«

»Sind Sie ganz allein?«

»Nein …, es ist noch jemand da.«

»Sagen Sie mir seinen Namen!«

»Ich weiß seinen Namen nicht …«

»Kleine Eva … Würden Sie mich nicht belügen, so könnte ich das Gericht durchaus bitten, Ihnen einen gewissen Aufschub zu gewähren.«

»Ich lüge nicht, ich glaube …«

»Träumen Sie, kleine Eva, anschließend werden wir uns über die Mauer unterhalten …«

Die kleine Eva streckte sich auf dem Bett ihrer Zelle aus und genoß ihren Sieg. Ich gewinne Zeit, ich stehle Zeit, sagte sie sich stolz. Und voller Entsetzen dachte sie daran, daß die Tatsache, daß sie die Maschine belogen hatte, früher oder später entdeckt werden würde.

Die Mauer? Ja, es stimmte, sie hatte eine Mauer gesehen, aber möglicherweise handelte es sich, wie Algie angedeutet hatte, um die Überbleibsel eines Saineten aus ihrer Vergangenheit. Um ein ungewöhnliches, aber tatsächlich existierendes Phänomen, das auf die Hartnäckigkeit ihrer Netzhaut zurückzuführen war.

Sie schloß die Augen, um Schlaf vorzutäuschen. Träumen? Wovon träumen? Ihr Geist bewahrte keine Erinnerungen auf. In ihrem Roboterfleisch gab es keine Spuren von Leben, Wünschen, Freuden, Tränen – ihr Geschlecht, ihr Unterleib, ihre Brüste waren emotionelle Attrappen. Sie bewegten sich nicht, gärten nicht, spürten niemals das Verlangen, berührt zu werden. Die Wissenschaft konnte sich rühmen, sie ihrer Weiblichkeit enteignet zu haben. Die Wissenschaft und die Wissenschaftler. Denn deren Wunsch, eine Frau ohne weibliche Eigenschaften zu erschaffen, ließ sich nur durch ihre Frauenfeindlichkeit erklären. Um es zu wagen, die Frau jeglicher Leidenschaft zu berauben, mußten sie ganz einfach davon überzeugt sein, daß alles Weibliche auf ewig verdammt ist. Zunächst einmal dieser Name: kleine Eva – so als sei ihre Wiedergeburt in einem künstlichen Körper zwangsläufig mit einer zweiten Erbsünde verbunden. Auf alle Fälle waren die mythologischen Schäden weit davon entfernt, aus dem männlichen Unterbewußtsein gelöscht zu werden. Obwohl man sie als medizinisches Wunder des neuen Jahrtausends gefeiert hatte, war sie, weil sie nach wie vor unter männlicher Vormundschaft stand, genauso nackt wie die erste Eva.

Widersprüchlicherweise erlangte sie ihre weiblichen Merkmale gerade während der Memoschmerzen-Sequenz wieder. Der Erinnerungsapparat erlaubte ihr, eine Zeitlang Fleisch, Exkrement, Blut, Pisse, Eiter, Saft, Geruch zu werden, auch wenn ihr synthetisches Hirn sich dessen anschließend nicht mehr entsinnen konnte. War Algie sich bewußt, daß er sie überglücklich machte, wenn er auf einen Knopf der Vorrichtung drückte?

Wußte er, daß der wahre Schmerz das Vergessen ist – der Verlust ihrer Unschuld beispielsweise war in keiner Weise mit der Qual vergleichbar, die sie über den Verlust ihres Gedächtnisses empfand: sie durchlebte diese Episode noch einmal mit der Unbekümmertheit ihrer sechzehn Jahre, mit der Spontaneität jenes Augenblicks. Aufgrund des Titels wußte sie, daß es sich um eine positive Filmsequenz handelte. Sie wußte, daß sie sich jedesmal genauso verhalten würde wie beim erstenmal.

Leider war diese Erfahrung nicht übertragbar. Keine emotionalen Schlacken lagerten sich ab. Der Filter ihrer künstlichen Erinnerung hielt die Vergangenheit zurück. Der Teer drang nicht durch das Sieb, der Geschmack löste sich auf: einen ehemaligen Menschen kann man nicht vergiften.

Frustration. Unmenschliche Frustration, die durch die Hoffnung kompensiert wurde, erneut dumpf, wie ein Mensch gefoltert zu werden. Unmenschliche Frustration, kompensiert durch die Hoffnung, von einem menschlichen Pfeil durchbohrt zu werden.

Sie überlegte zuviel. »Du denkst zuviel nach«, sagte sie sich, »es gelingt dir nicht zu träumen …« Träumen hätte nämlich bedeutet, daß sie in der Lage gewesen wäre, das Informelle, das Auszulöschende in Frage zu stellen und sich von den endlos wiederholten Bildern verwirren zu lassen.

Sie öffnete die Augen, um zu sehen, was Algie gerade tat, und mit einemmal bedauerte sie ihre kleinen, gegen ihn gerichteten Seitenhiebe. Und wenn er sich rächen würde? Und wenn er sich eine Folter ausdenken würde, um sie zu bestrafen – eine Folter, die ihre menschliche Seite leugnen würde?

»Sie schlafen nicht mehr, kleine Eva …«, sagte er.

»Doch, doch …«

Sie hörte sich stottern und drehte sich auf den Bauch, um seinem Blick auszuweichen.

»Haben Sie geträumt?«

»Ja …, ich träumte, du würdest mir einen Arm abschneiden.«

Algie lachte. Sein mächtiger Buddha-Leib wiegte sich in den Hüften. Die kleine Eva fragte sich, ob er sich von ihren Lügen täuschen lassen würde.

»Ich kann Sie beruhigen, kleine Eva: an Androiden nimmt man keine Amputationen vor.«

»Ja, das weiß ich, so lautet das Gesetz … aber trotzdem!«

»Oh! Sie haben nichts zu befürchten, ich versichere Ihnen, daß die Androiden absolut unteilbar sind. An ihnen Amputationen vorzunehmen würde bedeuten, den Staat, den Staatskörper zu amputieren …«

»Ja, das weiß ich. Das ist in meinem Hirn archiviert: Teil des Staates, Teil der unteilbaren Republik, wie alle Androiden der Generation 10 … Aber wieso habe ich davon geträumt?«

»Um mich in die Irre zu führen.«

Algie lachte erneut.

»Haben Sie keine Angst … Ich bin nicht im Dienst!« fügte er gutmütig hinzu. »Ich habe mich abgeschaltet. Das wird keine nachteiligen Folgen haben … Doch ich rate Ihnen, hören Sie auf mit dem Feuer zu spielen.«

Die kleine Eva merkte, daß sie ganz blaß wurde.

»Meine Organe dienen mir zu nichts!« erwiderte sie schroff. »Sie sind nur noch ein Vorwand!«

»So dürfen Sie nicht denken: Ihre anatomische, ihre genitale Unversehrtheit hat einen Sinn …«

»Glaubt ihr, daß ich etwas fühlen kann … die Libido …?«

»Wunderbar.«

»Wieso wunderbar?«

»Sie sind auf dem richtigen Weg … Ich werde das Gericht um einen zusätzlichen kleinen Aufschub bitten … Schließlich gefallen Ihre Lügen mir sehr!«

Algie wandte den Blick ab und griff nach seiner Pfeife. Er verbarg sein rundliches, zufriedenes Gesicht hinter seinen Händen, die die rituellen Gesten des Rauchers imitierten, der Tabak in den Kopf seiner Pfeife stopft. Wieder einmal hatte die kleine Eva den Eindruck, in ein englisches Pub versetzt worden zu sein.

Eine Rauchwolke, die größer und dichter war als gewöhnlich, füllte die Zelle. Von Algie waren nur noch die Umrisse zu sehen.

Die kleine Eva spürte ein Stechen in den Augen. An diesem Punkt brennt der Tabak stets in den Augen, dachte sie, denn meine Augen sind besonders empfindlich … So wie auch ihre übrigen Sinne: ihre Schöpfer hatten sie mit den fünf traditionellen Sinnen ausgestattet, die genausogut ausgebildet waren wie bei einem menschlichen Wesen. Mit der Sinneslust allerdings haperte es beträchtlich! Sie war nicht vorgesehen!

Sie streckte sich auf dem Bett aus und ließ die Hände zwischen ihre Oberschenkel gleiten – die Libido, gab es die Libido noch? War es ihr gelungen, durch die Panzertür einzudringen? War sie DAS Detail, das sie so sehr beeindruckt hatte, das den empfindlichen Teil ihres Hirns im Verlauf der unentwegten Rückkehrbewegungen so sehr beeindruckt hatte? Das schockierende Detail inmitten der ständig wiederkehrenden Erinnerungen, das die an Gedächtnisschwund Leidende ins Schwanken brachte …?

Dabei wird mir weder warm noch kalt, sagte sie sich, als sie sich streichelte. Doch dann kam ihr ein ganz bestimmter Gedanke, die springende Idee: sämtliche Elemente ihrer Vergangenheit als Mensch, die im Memoschmerzen-Apparat zwischengelagert waren, hatten ausschließlich mit ihrem Geschlechtsleben zu tun. Sogar ihr Tod, ihr Gebärmutterkrebs, der sie um ein Haar im besten Alter dahingerafft hatte.

Was beabsichtigte ihr Richter, ihr Scharfrichter, damit, immer noch auf diese Vergangenheit zu verweisen? Wollte er sie, indem er ihr ständig neue Dosen jener Merkmale (außer dem Krebs) verabreichte, die ihren Lebensweg als Frau begleitet hatten, für die Wissenschaftler entschädigen, die sie ihrer Weiblichkeit beraubt hatten? In gewissem Sinne eine Abfolge archetypischer Geburtstage …

»Bronze, laß mich den ›ersten Liebesverrat‹ wiedererleben …«, bat sie.

Algie antwortete nicht. Er qualmte wie ein alter, unerschütterlicher Indianer.

»Was genau ist das überhaupt, die Libido?« fuhr die kleine Eva fort.

Diesmal erwartete sie keine Antwort. Mit dem Zeigefinger berührte sie ihr Geschlecht. Komm, Libido, sei lieb und komm …, stachele meine Hoffnung an. Doch sie empfand nichts Besonderes. Sie schloß die Augen, um ihre unpassenden Tränen zurückzuhalten. Wie kann man der Abstraktion entgehen? Wie vor Lust erzittern ohne Erinnerungen?

Sie sah die Mauer. Was symbolisierte sie? Welches Echo ihres Lebens prallte an ihr ab? Der palingenetische Film, der ihretwegen gedreht worden war, mußte doch eine Bedeutung haben. Ihre Peinigung mußte doch Teil einer bestimmten Strategie sein. Doch welcher?

Die kleine Eva war völlig entnervt und weinte. Sie begriff nicht, um welche Intrige es in dem Film ging, sie verstand die Wörter der alten Leier nicht, die von den Wänden ihres stummen Zimmers, ihres stummen Gedächtnisses erstickt wurden.

»Bronze, was ist Liebe?«

Vorsichtig legte Algie seine Pfeife beiseite. Dabei lächelte er wie ein guter Familienvater.

»Ich weiß nicht … Irgend so ein Ding der Menschen.«

»Drück auf die Memoschmerzen-Maschine, Bronze … Auf irgendeinen Knopf.«

»Dazu ist jetzt nicht der richtige Moment. Die Verhandlung wird gleich fortgesetzt, kleine Eva …«

»Bitte, Bronze, hab Mitleid mit mir, drück …«

»Ich kann mich nicht in dem Maße über die Vorschriften des Berechnungsgesetzes hinwegsetzen … Meine Zeit als Richter hat begonnen. Es tut mir leid …«

Algie verwandelte sich in den Richter. Mit strengem Blick musterte er sie von Kopf bis Fuß.

»Angeklagte, erheben Sie sich!« befahl er.

Die kleine Eva erhob sich und wischte sich die Tränen ab.

»Wir waren bei ihren Kontakten stehengeblieben«, stellte Algie bissig fest. »Sie hatten Kontakt mit Menschen?«

»Nein. Seit ewigen Zeiten bin ich keinen Menschen mehr begegnet …«

»Aber Androiden?«

»Ja.«

»Androide, die von der Polizei gesucht wurden!«

»Ich hatte gute berufliche Verbindungen zu …«

»Sie antworten nicht auf meine Frage.«

»Deine Frage ist idiotisch!«

»Magistratsbeleidigung! Noch eine solche Bemerkung, und …«

»Was und?«

»Und ich lasse …«

»Und du läßt den Gerichtssaal räumen! Dann werden nicht mehr viele übrigbleiben …«

»Keine Frechheiten, oder …«

Algie, der Richter, stotterte unmerklich. Er suchte nach einer Entgegnung, doch das Verhör war zu schnell für die Funktionen, mit denen man ihn ausgestattet hatte.

»Schluß mit diesem skandalösen Benehmen, oder ich lasse Sie einsperren«, schrie er zornig.

»Ich sitze bereits im Gefängnis.«

»Antworten Sie auf meine Frage: Hatten Sie Kontakt zu diesen Flüchtigen?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Sie haben einem von ihnen geholfen …«

»Laßt die Zeugen eintreten!«

»Welche Zeugen?«

»Diejenigen, die von meinem Anwalt vorgeladen wurden!«

»Ihr Anwalt erhält demnächst das Wort. Ich bin derjenige, der hier die Befehle erteilt!«

»Das ist gesetzeswidrig!«

»Das ist völlig legal!«

»Ich habe das Recht auf einen öffentlichen Prozeß!«

»Nein. Sie sind künstlich: die Androiden werden stets hinter verschlossenen Türen abgeurteilt!«

»Ich protestiere, Euer Ehren!«

»Wache!«

Algie richtete sich auf. Er hatte Lust, sich in einen Polizisten zu verwandeln – und saß auf einmal völlig sprachlos da. Was tun? Seine Zeit war noch längst nicht vorbei.

»Der Flüchtige, dem Sie geholfen haben«, fuhr er fort, »war krank … Sie haben ihn gepflegt. Diese Tatsache können Sie nicht leugnen!«

»Ein Flüchtiger oder eine Flüchtige?«

»Weichen Sie bitte nicht vom Thema ab … Die Androiden sind allesamt androgyn!«

»Alle außer mir!«

»Antworten Sie auf meine Frage!«

»Ich weiß es nicht.«

»Seine Apparate waren degeneriert: die berühmte multiple Sklerose … Können Sie sich noch immer nicht erinnern?«

»Die multiple Neurose, sagst du?«

»Antworten Sie auf meine Frage!«

»Ich erkläre das Gericht für nicht zuständig!«

»Das Gericht ist zuständig! Antworten Sie auf meine Frage!«

»Du bist ein furzendes Arschloch!«

»Scharfrichter!«

Vor Wut bekam Algie, der Richter, fast keine Luft mehr. Die Memoschmerzen überkamen die kleine Eva – übergangslos, ohne Ankündigung. Auf der Leinwand erschien jene Sequenz, die sich auf die letzten Tage ihrer menschlichen Existenz bezog.

Film ab. Das erste Bild zeigte sie, wie sie sich vor lauter Schmerzen auf dem Sofa wand. »Nierenkoliken, rasende Koliken«, sagte ein über sie gebeugter Arzt grinsend. Sie fühlte, wie sie ganz weich und dann ganz hart wurde. Sie wollte ohnmächtig werden, doch es gelang ihr nicht. Der Arzt bat sie, ihre Gefühle zu beschreiben, doch dazu war sie nicht in der Lage. Der Schmerz, der ihre Nieren lähmte, ihre Knochen durchfeilte, ihre Blase zersägte, hatte sie in eine Welt ohne Wörter getaucht. Das einzige, was sie sagen konnte, war ein verschämtes »Es tut mir so weh«. Der besorgte, gereizte Arzt ließ sie abtransportieren. Krankenwärter holten sie aus der Ambulanz. Ihr Bauch weigerte sich, als sie sich auf der Trage auszustrecken versuchte. Er trennte sich von ihrem übrigen Körper: er stolperte über die anderen Tragen wie eine Figur aus einem Zeichentrickfilm. Ein krampflösendes Mittel trug dazu bei, daß er sich erneut mit den restlichen Teilen ihres Körpers verband. Sie döste ein, fuhr auf einem Kamerawagen durch den Krankenhausflur, die unzähligen Stäbe der vergitterten Betten machten sie ganz schwindelig. Sie wurde untersucht, war halb wach, halb benommen von den Arzneien, die man ihr verabreicht hatte. Man weckte sie brutal. »Ihre Röntgenaufnahme …!« schrie der Assistenzarzt sie an und rüttelte sie. Sie begriff nichts, man schlug ihr ins Gesicht, gab ihr eine Spritze in den Arm. »Madame, Sie haben einen Tumor …«, dozierte der Assistenzarzt und deutete auf einen weißen Punkt auf dem Röntgenbild. Tumor? Der Chef kam und erklärte arrogant, es handle sich um eine gutartige Geschwulst. Ihr Unterleib wurde ganz kalt. Vor lauter Angst wurde ihr Unterleib ganz hart. Komplizierte Wörter drangen an ihr Ohr. Metallene Zungen leckten sie ab. Augen, groß wie Bullaugen, untersuchten sie ohne jede Scham. Sie wurde bestrahlt, doch nichts leuchtete auf. Sie wurde mit dicken, langen Nadeln ins Gesäß gestochen. Es roch nach Jod. Der Nacken tat ihr weh. Ihre Schilddrüse pulsierte wie ein in kochendes Wasser geworfenes Ei. Ihr Hals schwoll an und wieder ab wie eine Rohrpfeife. Unter ihrer Haut wuchs ein Kropf, ihre Kehle blähte sich auf wie eine heftig atmende Kröte. Sie roch das Jod. Ihr wurde übel. Sie übergab sich. Sie verschluckte ihre Zunge. Auf … Ab … Die Schilddrüse spielte ihr dumme Streiche, auf … und ab … Die Mannschaft der Nachtschicht ersetzte die Mannschaft der Tagesschicht, doch die eine versuchte nicht, der anderen zu begegnen – der Schlaf war nicht auf halber Strecke, in der Mitte, am Nullpunkt. Er pendelte ebenfalls hin und her. Mal mehr, mal weniger. Das Mehr und das Weniger waren zwei Gegner und gaben ein höchst lästiges Pärchen ab. Sie wußte nicht, wie sie sich ihrer entledigen sollte. Sie träumte, sie würde sich aus dem Fenster werfen. Das Mehr fing sie im Flug auf. Das Weniger betäubte sie von hinten. Die Angst ging rückwärts durch ihr narkotisiertes Gehirn. Das Mehr griff von neuem an … Mehr … Weniger … G-F … G-F: zwei Oktavnoten, die wie Komplizen ihrer durchwachten Nächte trällerten und auf der empfindlichen Kugel klimperten. »Schneidet mir den Hals auf!« brüllte sie mit erstickter Stimme. »Wir werden Sie operieren«, erwiderte der Chor der Ärzte, »allerdings mit dem Unterleib …« Sie fühlte sich einigermaßen erleichtert. Leute kamen in ihr Zimmer – ein Ehemann, ein Kind, Freunde? Auf dem Bild waren ihre Gesichter nicht zu sehen. Das Wort KREBS schwebte über ihnen wie ein übler Furz, für den niemand verantwortlich sein will. Der Assistenzarzt erklärte mit leiser Stimme, was man mit ihr machen würde. Mit einemmal sackte sie weg. Sie wurde wach, bekam fast keine Luft, ihr Mund fühlte sich teigig an, sie wälzte sich in den Laken wie ein bettlägeriges Weichtier. Der Ehemann war nicht anwesend. Ebensowenig der Sohn, die Tochter. Auch an diesem Punkt der Vorführung fragte sie sich immer noch, ob sie eine sichtbare Existenz gehabt hatten und diese Personen bei der Montage des Films hinzugefügt worden waren. Von neuem nahm sie sich vor, das beim nächstenmal zu überprüfen. Doch natürlich hatte sie das bei der nächsten Vorführung wieder vergessen. Sie war außerstande, das Erscheinen des Ehemannes, des Kindes im Bild vorauszusehen. Sie traten in einer Sequenz auf und verschwanden wieder, ohne Spuren zu hinterlassen. Verlorenes Kind? Verschwundener Ehemann? Sie stellte sich Fragen über ihn, stellte sich das Gesicht des Ehemannes von seiner Stimme ausgehend vor. Sie konnte sich Fragen stellen, konnte ihn sich vorstellen: einige Sequenzen lang litt sie keine Schmerzen, da sie nach wie vor unter der Wirkung der Narkose stand. Sie blätterte sogar in Zeitschriften, in Comic-Heften, in dem erfolgreichsten Titel des Jahres: Das Buch der Vorhersagen, das im Jahre 2005 aktualisiert worden war und in dem die Heilung sämtlicher Krebserkrankungen für das Jahr 2010 prophezeit wurde. Doch sobald ihr Körper gänzlich aus der Narkose erwacht war, verjagten fürchterliche postoperative Schmerzen das Bild des Ehemannes – sie schrie, die Bücher fielen zu Boden, sie biß in das Laken, da ihre Eingeweide sich weigerten, die Gase, die sich im Verlauf des chirurgischen Eingriffs gebildet hatten, aus ihrem Körper austreten zu lassen. In ihrem Unterleib rumorte es. »Drücken Sie, drücken Sie endlich, Madame …!« riet ihr die Krankenpflegerin. »Blähsucht«, diagnostizierte der diensthabende Assistenzarzt. Er war freundlich zu ihr, erklärte ihr auf freundliche Art und Weise, was eine Hysterektomie ist. Sie war gerettet. Ihr Bauch aufgebläht? Nach wenigen Tagen wäre das vorbei … Der Ehemann kehrte zurück, der Sohn oder die Tochter kehrte zurück – sie kamen ihr rätselhaft, undeutlich vor. Sie erkannte ihre Besucher nicht wieder. Ihre Unterleibsschmerzen ließen nach. Man sagte, während der Genesungszeit wäre sie sehr schwach, wegen der Qualen. Doch eine Zeitschleife lang peinigte der Film sie wieder. Von neuem schrie sie auf. Das Krebsgeschwür fraß sie bei lebendigem Leib. Sie kam unter das Messer. In aller Eile nahm man ihr alles heraus. Alles. Maskierte Menschen waren um sie herum beschäftigt. Man ersetzte ihr sämtliche erkrankte Organe, man mikroprozessierte ihre Seele. Ein Fernsehteam filmte diese große medizinische Premiere. Sie sah sich daliegen, schlaff, auseinandergenommen, entbeint. Spezialisten verpflanzten ihr im Handumdrehen einen Arm. Maskenbildner kneteten ihre Haut. Sie sah, wie sie schrumpfte, der Meßstab gab einen Meter und dreißig Zentimeter an. Der Chirurg machte einen zufriedenen Eindruck. Sie war kein Mensch mehr … Schlußklappe.

»Hatte ich ein Kind? Hatte ich einen Ehemann …?« entfuhr es der kleinen Eva, als sie jäh erwachte. Die Erinnerungen entwischten durch den Spalt der Panzertür. Die Narkose begann an der Nordseite ihres Schädels hochzusteigen.

»Hatte ich einen Ehemann?« gelang es ihr noch einmal zu fragen.

Algie beobachtete sie teilnahmslos; er war mit den Gedanken woanders und wartete darauf, demnächst vermutlich mit der folgenden Funktion verbunden zu werden. Häufig übernahm er nach der Rolle des Scharfrichters die des Polizisten – eine stumme Rolle, die ihm nur wenig Eigeninitiative zugestand.

»Einen Ehemann!« gluckste er. Widerwillig verließ er den kontemplativen Zustand, in dem er sich gesuhlt hatte.

»Was ist das, ein Ehemann?« fragte die kleine Eva.

Sie hatte es vergessen. Sie begann zu weinen, da ihr bewußt wurde, daß sie sich um ein Haar an ein Detail der Filmsequenz erinnert hätte. Algie schloß die Augen, um in sein verborgenes Nirwana zurückzufinden.

»Bronze, ich geb’s auf«, sagte die kleine Eva.

»Was wollen Sie aufgeben?«

Erneut öffnete Algie die Augen und gab vor, sich darüber zu ärgern, daß man ihn beim Nachdenken gestört hatte. Sein Buddha-Blick nahm einen boshaften, rachsüchtigen Ausdruck an.

»Ich bekenne mich schuldig«, sagte die kleine Eva.

»Teilen Sie das dem Richter mit …«, knurrte Algie, der Polizist.

»Ruf ihn her!«

»Er ist in einer Sitzung.«

»Leitet er eine weitere strafrechtliche Voruntersuchung ein?«

Algie lachte. Das ungestüme Lachen eines Polizisten beim fröhlichen Beisammensein mit seinen Kollegen.

»Aber nein, meine kleine Eva, er ist mit der Akte beschäftigt …«

»Er ist immer noch mit der Akte beschäftigt! Wann wird er endlich aufhören, mich zu quälen?«

»Ich weiß nicht … Das werden die Geschworenen entscheiden.«

»Die Geschworenen sollen unverzüglich zusammengerufen werden! Ich habe verschiedene Dinge aufzudecken …«

»Oh! Die Geschworenen können nicht zu jeder beliebigen Zeit zusammengerufen werden … Sie möchten also alles kaputtmachen!«

»Ich habe es eilig …«

»Man kann die Zyklen des Berechnungsgesetzes nicht ändern. Genausowenig wie den Ablauf der Jahreszeiten …«

»Ich gebe alles zu. Ich bin schuldig!«

»Sie glauben, Sie könnten uns fertigmachen, indem Sie für Spannungen sorgen, Überspannung provozieren, nicht wahr …? Sie hoffen auf die Entropie des Systems, stimmt’s? Seien Sie ehrlich …«

Algie änderte seine Stimme. Er nahm die des Staatsanwalts an. Algie, der Staatsanwalt, wurde zu Hilfe gerufen, weil es Algie, dem Polizisten, nicht erlaubt war, mit seiner Gefangenen zu streiten.

»Die Entropie ist ein Märchen, von dem sich nur die Menschen verwirren lassen«, erklärte er energisch. »Stets die alte Geschichte vom Sandkorn, das die ganze Maschine außer Betrieb setzt, stets der unerwartete Zwischenfall, der den Sturz des niederträchtigen Tyrannen, des niederträchtigen Roboters beschleunigt … Auf diese Weise versuchen die Menschen, sich selbst zu beruhigen: sie glauben an den Defekt wie an eine gegnerische Macht. Eine Banalität, die sie teuer zu stehen kommt!«

»Bronze, erleidest du nie irgendwelchen Defekt?«

»Nein … Unsere Maschinen wurden auf die Bewegungen des Universums eingestellt. Damit wir kaputtgehen, muß es schon im ganzen Universum zu erheblichen Störungen kommen. Die Nachsicht, die wir mit Ihnen üben, ist nur eine Konzession an die Höflichkeit. Dieser Handlungsspielraum stellt das Berechnungsgesetz nicht in Frage. Natürlich wäre es strenger, wenn es nur von den Robotern abhängig wäre …«

»Das glaube ich gerne … Also bin ich diejenige, die kaputtgeht.«

In ihrem tiefsten Innern war die kleine Eva hiervon überzeugt. Die von den Memoschmerzen hervorgerufenen Qualen veränderten sie, bestärkten sie in der Hoffnung, einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen zu finden, die ihr vorgeführt wurden. Wie eine Droge, an die man sich gewöhnt, lösten diese Qualen bei ihr eine Art Bewußtseinstrübung aus und ließen sie vergessen, daß sie eine Gefangene war.

»Haben Sie den Mut verloren?« fragte Algie, der Staatsanwalt, und wartete auf eine Bestätigung.

»Ganz und gar nicht. Meine Moral ist unerschütterlich!«

Die Prüfung hatte sie mitgenommen, aber nicht zerstört. Libido, Ehemann … alle diese Wörter machten ihr Mut, gegen das Gericht anzukämpfen. Alle diese Wörter waren Träger der Wahrheit. Undeutlich erkannte sie den Sinn des Bilderrätsels, das sie umgab.

Dennoch hatte sie Angst, das zu entdecken, was sie unter Algies Augen entdecken mußte. Wozu verstehen, wenn das ja doch nur zugunsten der Maschine ging!

Instinktiv wußte sie, daß die Wahrheit ganz nahe lag. Doch sie weigerte sich, dieses Wissen zu akzeptieren, da die Wahrheit ihr aus Prinzip nicht gehörte – ihr Geist verschloß sich diesem Wissen, um die Wahrheit nicht mit Algie teilen zu müssen. Vergeblich: ihre Fähigkeiten waren der herrschenden Wahrheit ebenso ausgeliefert wie ihr Körper der ihn umgebenden Temperatur.

»Bronze, laß mich den ›ersten Liebesverrat‹ wiedererleben …«, murmelte sie, um auf andere Gedanken zu kommen.

»Das ist keine Ablenkung!« erläuterte ihr Algie, der Staatsanwalt, in einem Tonfall, der gehässig klingen sollte.

Die kleine Eva erblaßte. Sie bedauerte ihren Entschluß – ganz gleich, wie hellsichtig, wie zuversichtlich sie sich auch einschätzte, Algie blieb stets äußerst wachsam.

»Dann eben später«, räumte sie ein.

»Herr Richter«, forderte Algie, der Staatsanwalt, mit lauter Stimme, »ich bitte ums Wort!«

»Einverstanden«, erwiderte Algie, der Richter. Seinen Mund Umspielte ein Ausdruck von Verdruß, der zwischen Ablehnung und der wohltuenden Genugtuung darüber schwankte, Zeuge einer Laune zu sein, die zu nichts verpflichtete.

»Herr Richter, ich habe dem Gericht eine wichtige Mitteilung zu machen.«

»Dann los, Herr Staatsanwalt, ich höre!«

Algie, der Richter, schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel, um gegebenenfalls für Ruhe zu sorgen.

»Die Wirkungen der Memoschmerzen«, zeterte Algie, der Staatsanwalt, »laufen den angestrebten Zielen zuwider. Diese Funktion wurde während der Sitzungen ernstlich mißbraucht.«

»Was sagen Sie da?« entgegnete Algie, der Richter, mit seiner Fistelstimme.

»Die Angeklagte genießt nach eigenen Aussagen die Folterungen, die wir an ihr vornehmen!« erörterte Algie, der Staatsanwalt, mit Abscheu.

»Einspruch, Euer Ehren!« widersprach Algie, der Verteidiger, zaghaft.

»Herr Richter, ich möchte Sie bitten, sich zu beeilen«, unterbrach ihn Algie, der Staatsanwalt. Es gelang Algie, dem Verteidiger, nicht, unter der multifunktionellen Maske zum Vorschein zu kommen.

»Ruhe!« befahl Algie, der Richter, und tat so, als würde er sich erheben. »Schluß jetzt! Jeder begibt sich zurück an seinen Platz! Bis auf weiteres wird die Angeklagte von Memoschmerzen verschont. Eine Untersuchung wird Licht in diese Angelegenheit bringen.«

Der Buddha begann leicht zu schwanken, wie eine Statue, die man von ihrem Sockel losgeschraubt hat. Seine Gesichtszüge verzerrten sich, die Farben seiner Wangen wechselten zwischen Gelb und Grün. Das Programm der Gesichtsausdrücke geriet völlig durcheinander: kindliches Lächeln, obszöne Grimasse, mörderische Blicke. Der Schauspieler wußte nicht mehr, welche Figur er verkörpern sollte (es waren zuviele Facetten für eine einzige Maske!).

Seine wie in Panik kreisenden, ausgerenkten Arme fochten mit einem unsichtbaren Gegner. Seine Hände hantierten ungeschickt mit der Pfeifensammlung. Eine Pfeife zerbrach. Der Putz seiner Arme bröckelte noch ein wenig mehr ab und fiel als Staub auf den Boden der Zelle.

Memolust? Memolust statt Memoschmerzen? Die kleine Eva stellte fest, daß diese Enthüllung sie ebenso schockierte wie Algie. Sie rechnete mit dem Schlimmsten, mit einem Angriff, der die an ihn gerichtete Beleidigung rächen sollte. Da ihre Beziehungen derzeit sehr schlecht waren, fragte sie sich, ob ihre Hinrichtung bereits vorprogrammiert war.

Doch Algie faßte sich wieder. Er beruhigte sich und sein Leib eines majestätischen Gottes fand zu seiner ursprünglichen Orthogonalität zurück.

Er schwieg und starrte sie an, ohne sie zu sehen. Abwesend. Er hatte sich aus dem Gerichtssaal zurückgezogen, um nach Gegenargumenten zu suchen – die kleine Eva konnte sich nicht vorstellen, daß er die Welt verlassen hatte, denn, von der Litotes einmal abgesehen, das Schicksal der Roboter kümmerte sich nur wenig um die Konzepte, die das Schicksal der Menschen bestimmen. Algie hatte zweifellos recht, als er behauptete, er würde niemals einen Defekt erleiden (folglich war er unsterblich).

Ich bin ein Mischling, dachte sie, und mein menschlicher Teil wird schwächer werden, wird verkümmern. Ich bin nicht so zuverlässig wie Algie … Sie sah sich älter werden und sterben. Die Entropie: ihr Schicksal. Sie ging kaputt und hatte Lust, den moralischen Glauben an die Entropie, der die Menschheit am Leben erhielt, zu beschädigen, in der Absicht, sich mit sich selbst zu versöhnen. Doch es gab keine Menschen in ihrer Nähe, so daß ihr Hohn und ihr Spott letztlich vergeblich waren.

Ich habe begonnen, außer Betrieb zu sein! dachte sie.

»Genau das ist es, was im Moment geschieht!« sagte sie mit lauter Stimme. Doch sie war von ihrem Urteil nicht wirklich überzeugt.

Übrigens gab ein Impuls – ex abrupto und in genau demselben Moment – ihrem Hirn zu verstehen, daß ihre Stoffe unentwegt regeneriert wurden.

Zu ihrer Beruhigung tauchten anschließend die charakteristischen Bilder der Überlebenscodes auf, die in ihrer Psyche abgelegt waren. Sie zogen langsam durch ihr Hirn, schienen zu schweben wie eine Handvoll Blumen aus Krepp-Papier, die beim abschließenden Sambatanz aus dem Gewölbe auf eine Theaterbühne fallen – märchenhaft. Ihr Leben war wie ein Märchen, ihre Geschichte wie verzaubert! Und die so hübsch bebilderten farbigen Überlebenscodes erinnerten sich an sie, als sie ungerecht zu ihren Schöpfern war. Kostenlose Werbung.

In Gedanken entschuldigte sie sich. Sie hatte so getan, als hätte sie den Pakt vergessen, den sehr wenig gegenseitigen Vertrag, der sie an sie band – letztlich war die Unsterblichkeit, die man ihr in Aussicht gestellt hatte, ein Vertrauensmißbrauch. Denn falls das Gericht sie verurteilen konnte, so hätte sie zum Ausgleich auch das Recht haben müssen, an Altersschwäche einzugehen. Und zwar vorzeitig. Und zwar völlig überraschend.

»Bronze, ich habe Hunger …«

Ihr war nach Scherzen zumute. Sie hatte Angst vor der Einsamkeit, die das Zimmer heimgesucht hatte.

»Bronze, es sieht so aus, als würdest du an Verstopfung leiden …«

Sie begann zu lachen. Er konnte ihr nur prahlerisch antworten, der schmollende Buddha, der ulkige Buddha!

»Ich habe Hunger. Besorgen wir uns eine Kleinigkeit zu essen?«

Sie übertrieb die gewohnte Bedeutung dieser Wörter, indem sie mit dem Mund ein ordinäres Geräusch machte. Algie blieb unerschütterlich.

»Du, hast du keinen Hunger? Hast du niemals Hunger?«

Auch sie selbst hatte niemals Hunger – natürlich konnte sie, um sich etwas Abwechslung zu verschaffen, Nahrungsmittel zu sich nehmen, eine ganze Stunde lang darauf herumkauen, doch das verschaffte ihr weder Genuß noch Unbehagen. Die gefräßigen Enzyme, die an den Eingängen ihres künstlichen Magens postiert waren, verschlangen alles, was in ihre Nähe kam, verwandelten es in Pulver und führten es, auf höchst symbolische Weise, durch den dafür vorgesehenen Kanal wieder ab. Sauber. Androiden waren sauber. Gelegentlich hatte die kleine Eva während der Pseudoverdauung etwas Unübliches erlebt: und zwar durfte sie dann einen lauten, stinkenden Rülpser ausstoßen, was die Menschen, die sich im Weltraum herumtrieben, stets belustigte. Auf diese Weise wurde das gute Funktionieren des Magens kontrolliert. In jenen Momenten hatte sie den Eindruck, vor versammelter Familie auf ihrer Baßtuba zu spielen.

»Bronze, schmollst du?«

Sie bekam einen Lachanfall und wälzte sich auf dem Boden der Zelle.

»He, Eunuche! Pennst du?«

Zum Scherz verhielt sie sich aggressiv. Libido, Libido … Er interessierte sich für ihre Probleme mit der Libido: er würde sie verstehen!

»He, Eunuche, mach die Beine breit …«

Algie seufzte laut. Unterdrückte Wut ließ seine Arme knirschen.

»Hat die Künstliche Dame dich mit appetitlichen Eigenschaften ausgestattet?« fragte sie ihn lachend.

Sie öffnete und schloß ihre Beine unter seinen Augen, bot sich ihm dar wie eine Stripperin ihrem Publikum – und setzte bei dieser Gelegenheit die wenigen Verführungskünste ein, die ihre Schöpfer ihr in ihrer Naivität belassen hatten. Noch ein Beweis ihrer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht: selbst die rekonstruierte Frau besann sich auf ihre weiblichen Reize, wenn es darum ging, einen Mann zu ködern. Algie war künstlich und asexuell, doch seine soziale Rolle war die eines Mannes. Schließlich war er der Richter, der Henker, der Rechtsanwalt, der Polizist, der Staatsanwalt, und nicht die Richterin, die Henkerin, die Rechtsanwältin, die Polizistin und die Staatsanwältin.

»Ich habe gehört, du hättest nichts in der Hose«, beharrte sie.

Vor lauter Zorn schwoll der Mund des Roboters an. Seine Arme zitterten.

»Zeig mir dein bronzenes Schwänzchen …«

Ein Blitz entfuhr dem Roboter. Die kleine Eva spürte, daß ein Pflaster ihre Lippen verklebte und zwei Nadeln in ihre Wangen eindrangen. Geknebelt. Zensiert. Algie verdammte sie zum Schweigen. Somit brauche ich bei der gerichtlichen Vernehmung nicht mehr zu antworten, dachte die kleine Eva.

Doch Algie hielt an der Vorstellung, sie zu verhören, fest.

»Kleiner Dummkopf! Glaubst du etwa, du könntest deinem Schicksal entgehen?«

Zum erstenmal hat er sie geduzt: diese Tatsache beunruhigte sie, denn sie sah darin eine Bestrafung – die Stummheit war nicht länger schmerzlos. Zudem ahnte sie, daß sie nicht lange stumm bleiben würde: die Überlebenscodes, die zu arbeiten begannen, sonderten einen ganz speziellen Speichel ab, der sich bereits in ihren Mundwinkeln ablagerte und die Klebefläche des Pflasters anzugreifen begann. Der Speichel löste den Knebel, und schon wurde ihr Mund dahinter allmählich sichtbar. Doch sie nutzte diesen Vorteil nicht, um erneut das Wort zu ergreifen. Sie war neugierig darauf zu erfahren, ob es ihr gelungen war, ihren Prozeß zu sabotieren, doch gleichzeitig fürchtete sie sich vor einem verhängnisvollen Ende.

»Die Geschworenen werden ihr Urteil bekanntgeben«, verkündete Algie.

Unerbittlich sah sie ihn an – er vertraute sie einem höhergestellten Henker an.

»Nach ausführlicher Beratung«, begann Algie, der Geschworene, »erklären die Geschworenen die Angeklagte für schuldig. Auf die Frage: ›Hat die Angeklagte Androide zur Revolte angestachelt?‹ antworten die Geschworenen einstimmig mit Ja. Auf die Frage: ›Hat sich die Angeklagte der Mittäterschaft am Verbrechen gegen künstliche Diener des Gesetzes, die im Dienst ermordet wurden, schuldig gemacht?‹ antworten die Geschworenen mit einer Zweidrittel-Mehrheit mit Ja.«

Algie schwieg und gab keinerlei Erklärungen über das andere Drittel ab, das so nachsichtig mit der kleinen Eva gewesen war. Gleichfalls, und sonderbarerweise, unterließ er es, sich über das Strafmaß zu äußern. Gut, man erklärte sie für schuldig – doch wozu verurteilte man sie? Zum Tode, zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe, zum ewigen Verstummen? – Zweifellos nicht zum Tode, denn die Androiden waren – ontologisch betrachtet – unteilbar, was von vornherein die Prozeduren ausschloß, die ihre anatomische und genetische Unversehrtheit leugneten, das heißt alle, sogar das Vergasen. Welche Möglichkeiten blieben also? – Zumindest in jenen heroischen Zeiten des Aufkommens der künstlichen Intelligenz war das alles viel einfacher gewesen: die Roboter endeten im Mörser.

»Wie werde ich sterben?« fragte sich die kleine Eva. »Und wer wird mich zum Tode befördern?« Ein Mensch, ein Androide wie sie selbst?

Plötzlich kam es ihr seltsam vor, daß die Anklageschrift und die Entscheidungsgründe in der Urteilsschrift einräumten, daß die Ermordung eines Androiden durch seinesgleichen überhaupt im Bereich des Möglichen lag. Eigentlich hätte der Staatsanwalt vor Entrüstung aufschreien und von einem Sakrileg sprechen müssen.

Was ihre Mittäterschaft bei diesem rätselhaften Verbrechen anging, war sie sich ihrer Sache nicht ganz sicher, da sie sich an nichts mehr erinnern konnte. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine Verschwörung. Natürlich konnte sie das nicht beweisen, und zwar nach wie vor aus denselben Gründen. Ihr Gedächtnisschwund entschuldigte sie nicht: er war lediglich ein Hinweis darauf, daß das Räderwerk der Justiz im Verlauf der Untersuchung ihr Gedächtnis zermalmt hatte.

Diese letzte Hypothese war die wahrscheinlichste und gleichzeitig die demütigendste. Algie begnügte sich nicht damit, ihr ihre Vergangenheit als Mensch zu konfiszieren, sondern entwertete auch die Erinnerungen ihres Androiden-Daseins … Und was war mit dieser Geschichte einer Revolte? Waren die fraglichen Androiden Rebellen? Und sie, war sie ihr Mannweib …?

»Ich möchte Berufung einlegen«, sagte sie mit deutlich hörbarer Stimme. Der mit Speichel befeuchtete Knebel zerriß. Als Provokation zerkaute sie ihn und schluckte ihn hinunter.

Algie sah sie ungläubig an.

»Dieser Prozeß muß für ungültig erklärt werden«, fuhr sie fort, »die Zeugen sind nicht geladen worden!«

Algie zuckte die Achseln. Sein Kopf verschwand zwischen seinen Buddha-Schultern. Dann ging er nach Hause, seine Aufgabe war erledigt.

»Bronze, läßt du mich ganz allein zurück?«

Wie versteinert stand er da. Mit geschlossenen Augen, gespitzten, harten Lippen, die Hände auf dem Nabel liegend, als würde er für die Ewigkeit posieren.

Die kleine Eva näherte sich der Statue, stützte sich mit den Ellbogen auf die Umrandung des Zeugenstandes und weinte.

»Stimmt es, daß du weggegangen bist?«

Sie versuchte, die Stille der Zelle zu brechen: es kam ihr vor, als würde die Maschine summen. Doch das Summen war so undeutlich zu hören, kam von so weit her, daß es sich auch um die Hintergrundgeräusche ihrer inneren Armaturen handeln konnte.

Wenn Algie summte, so hieß das, daß er seinen Winterschlaf hielt. Also handelt es sich um undurchsichtige Machenschaften! dachte die kleine Eva. »Man isoliert mich, um meine Reaktionen zu testen …«

Sie hatte Angst. Die Einsamkeit war ein Gefühl, das die Androiden kannten. Sie erinnerte sich an ihren ersten Kontakt mit den Weltraumkolonien, als sie allein, tagelang allein gewesen war, in einer keimfreien Kuppel, wo sie ungeduldig auf ihre Ablösung wartete …

SIE ERINNERTE SICH!

Sie erinnerte sich – als Algie gegangen war, hatte er ihr ihr Gedächtnis zurückgegeben. Warum, fragte sie sich voller Angst. Mit Sicherheit handelte es sich nicht um ein Geschenk: er beobachtete sie, setzte sie so lange dem Schweigen aus, bis sie sich verriet!

Ihr Geist sträubte sich, versuchte, den Andrang der Erinnerungen zurückzuhalten. Doch sie erinnerte sich, sie erinnerte sich, ihr Hirn verlor massenhaft Erinnerungen …

Nacheinander tauchten die Bilder einer Mauer, die Bilder einer wilden Verfolgungsjagd, eines Kampfes auf – sie begriff: das waren die Flüchtenden. Algie hatte recht: sie hatte diese Ereignisse tatsächlich miterlebt.

Dann zogen, fragmentarisch und rasch aufeinanderfolgend, die Bilder ihres Abschieds von den Flüchtenden, die Bilder vom Eintreffen der Ordnungskräfte vorbei … Sie sah einen Schatten, der sie auf den Mund küßte. Sie sah einen Schatten, der rittlings auf der Mauer saß, ein Licht, das den Sternenhimmel entflammte.

Der Kuß auf den Mund verblüffte sie – Androiden küßten sich nie, nicht einmal spöttisch, denn der Mensch ertrug es nicht, daß man seine Liebesgewohnheiten nachäffte. Zudem hatten die Androiden keinerlei Interesse, nutzlos zu sündigen, weil sie frigide waren. Wenn einer von ihnen der Versuchung erlag, so hieß das, daß ein Reisender, Mann oder Frau, versucht hatte, ihn zu verführen – gewöhnlich handelte es sich um einen Homosexuellen (oder um eine Lesbierin), der (die) nicht wußte, wie man zu Unrecht sagte, daß das Zwitterhafte der Androiden erregend war. Doch stets beklagten sich die Verführer über die Passivität ihrer Eroberungen, und die Verwaltung der Weltraumkolonien ließ sie im Namen der Moral gewähren, unter der Bedingung, daß das Abenteuer ein einmaliger Zwischenfall bleiben würde. Zuletzt jedoch, als die eheähnlichen Verhältnisse immer häufiger wurden, ging sie mit aller Strenge vor. Der (oder die) Perverse wurde auf die Erde zurückgeschickt, dem Androiden wurde eine Moralpredigt gehalten, und damit war die Sache erledigt.

»Fräulein Eva …«

Eine Stimme riß sie aus ihren Überlegungen. Sie hob die Augen zum Buddha, doch er war nicht derjenige, der sie angesprochen hatte.

»Fräulein Eva, hier …«

Sie drehte sich um. Die Tür des Abstellraums der Zelle stand offen und auf dem Reliefbildschirm eines Fernsehapparats flimmerte ein lächelndes Gesicht.

»Ich bin Ihr neuer Anwalt«, erklärte der Unbekannte fröhlich.

Die kleine Eva trat näher.

»Wer sind Sie?«

»Ich habe den Auftrag, Sie zu verteidigen.«

»Das habe ich nicht gemeint … Sind Sie ein Androide?«

»Ja.«

Sie hätte es sich denken können: seine Gesichtszüge waren die eines neumodischen Zwitters. Das eher junge Individuum hatte einen sehr runden Kopf, und die sogenannten männlichen Merkmale konzentrierten sich wie gewohnt um die lange, spitze Nase, die dichten schwarzen Augenbrauen und die braunen, starren, kurzgeschnittenen Haare – also im wesentlichen auf die obere Gesichtshälfte –, während die weiblichen Eigenschaften die untere Gesichtshälfte kennzeichneten, die bartlosen, weichen Wangen, die fleischigen, rot geschminkten Lippen, das feine, spitze Kinn und den freien, glatten Hals. Und die Augen …? Die Augen zeigten weder männliche noch weibliche Kennzeichen, sondern waren von einer anderen Art: eine Mischung aus männlichen und weiblichen Merkmalen, die man, je nachdem, ob man sie ausdruckslos oder verführerisch fand, als mißlungen oder als interessant bezeichnen konnte.

Alles zusammen ergab den hübschen Kopf eines femininen jungen Mannes.

»Sie sind reizender als Algie, der Rechtsanwalt«, sagte die kleine Eva, indem sie auf die bewegungslose Maschine deutete.

»Danke.«

»Bin ich frei?«

»O nein, so schnell geht das nicht … Ihr Prozeß wird wiederaufgenommen, das ist alles …«

»Wieso?«

»Sagen wir, daß die Methoden dieser Justizmaschine nicht zu den erhofften Resultaten geführt haben …«

»Wird man mich erneut foltern?«

»Nein. Mit den Memoschmerzen ist Schluß!«

»Das wollte ich damit nicht sagen. Die Memoschmerzen haben mir nicht schlecht gefallen … Ich meine dieses endlose Geschwätz.«

»Man wird Ihnen nicht unentwegt dieselben Fragen stellen …«

Der Unbekannte versuchte, beruhigend auf die kleine Eva einzuwirken. Sein Bild auf dem Fernsehschirm wurde größer. Aufgrund des Reliefs, das seine Augen und seinen Mund so gegenwärtig machte, hatte die kleine Eva den Eindruck, sich mit einem liebevollen, aufmerksamen Freund zu unterhalten, der ihr so zugeneigt war, daß er ihr am Ende möglicherweise sogar einen Kuß auf die Wange drücken würde.

Sie erinnerte sich an den Kuß auf den Mund, der sie dermaßen verwirrt hatte.

»Ein Schatten hat mich auf den Mund geküßt …«, vertraute sie ihm an.

»Eine seltsame Erinnerung, nicht wahr … Doch zu Ihrem Pech entspricht sie nicht der Realität.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Die Szenen mit den Flüchtlingen, dem Aufstand der Androiden undsoweiter …, das alles hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Also haben Sie es nie miterlebt.«

»Habe ich das alles geträumt?«

»Ich weiß nicht. Normalerweise träumt ein Androide nicht, selbst wenn er, so wie Sie, hybride ist … Sagen wir zu Ihrer Verteidigung, daß Sie eine Vision hatten.«

»Habe ich Ereignisse gesehen, die erst in Zukunft stattfinden werden?«

»Vielleicht … Sie sind ein ziemlich schwieriger Fall. Wir werden unterwegs noch einmal darauf zu sprechen kommen.«

»Wo bringen Sie mich hin?«

»Auf einen Satelliten.«

»Mit Menschen zusammen?«

»Ja. Freut Sie das?«

»Ja … Und der bronzene Buddha, wird er uns auf dieser Reise begleiten?«

»Bekümmert Sie das?«

»Ja: sein Anblick stört mich …«

»Einverstanden: ich werde die Verwaltung unverzüglich bitten, ihn wegzuräumen.«

In aller Stille löste Algie sich auf. Sein massiver Buddha-Kopf hakte sich los, rutschte zur Seite und fiel in seine zusammengelegten Hände. Seine Brust spaltete sich und brach in vier Teile auseinander. Seine Schenkel öffneten sich und fingen die einzelnen Teile auf. Die Pfeifen schwirrten von ganz alleine auf das hinter seinem Rücken angebrachte Pseudopodium zu, das nach und nach in den Nieren der Maschine verschwand. Anschließend wurden sämtliche Teile von etwas aufgesogen, das unter dem Fußboden hervorkam. Algie verschwand völlig im Schacht der Zelle.

Die kleine Eva spürte, wie die ohnmächtige Wut der Memoschmerzen sich allmählich auflöste – der bittere Abschied des geliebten Henkers. Die Panzertür sprang aus den Angeln, und ohne Gewaltanwendung konnte sie den Raum mit den Tresoren des Gedächtnisses betreten. Die Erinnerungen breiteten sich über ihr aus wie bei einer Explosion.

Das Krebsgeschwür fraß sie bei lebendigem Leib. Sie kam unter das Messer. In aller Eile leerte man ihren Unterleib. »Endlich bekommst du deine Tage, meine kleine Tochter!« rief ihre Mutter aus. Ihre Mutter unterbrach ihre Arbeit. »Mama, es tut so weh!« schrie sie. Ihre Mutter kam herbeigelaufen. An einem Schlüssel, der aus einem Schloß ragte, hatte sie sich das Kinn aufgeschlagen. Sie blutete. Ihr Verlobter schimpfte über sie, wütend, daß sie noch Jungfrau war. Nach dreiundzwanzig mühsamen Stunden kam sie nieder. Der Schatten küßte sie auf den Mund, damit sie endlich schweigen, die harten Worte, die ihr über die Lippen kamen, wieder hinunterschlucken sollte. Der Mann küßte sie auf den Mund, um ihre Vorwürfe, ihre Streitereien zum Schweigen zu bringen. Sie gab ihm eine Ohrfeige. Sie sagte, sie würde ihn lieben, obwohl er sie betrogen hatte. Sie rangen auf dem Bett miteinander, einer an den anderen gefesselt. Sie befreite sich von der Feuchtigkeit seines Bauchs. Sie rannte aus dem Zimmer und hoffte, daß er ihr folgen und sie einholen würde. Doch es gelang dem Mann nicht, seinen kranken Körper aus den Laken zu befreien. Sie ging zu ihm zurück, stellte sich an das Kopfende des Bettes. Doch es stand nicht eindeutig fest, ob er der Ehemann oder der Geliebte der vorherigen Bilder war. Der vergessene Sohn? Der verlorene Sohn? Er schwitzte, delirierte und starb, wobei er sinnloses Zeug stammelte. Der Schatten löste sich in der galaktischen Schwärze auf.

Die kleine Eva sank auf das Bett der Zelle. Auf ihrer Haut bildeten sich winzige Schweißtropfen. Ihr Herz raste. Wie der Bügel eines Optometers legte sich die Migräne um ihre Stirn.

Ein Ruck ging durch ihren Körper.

»Keine Sorge«, murmelte ihr neuer Verteidiger, »Sie werden das alles schon noch begreifen …«

Die Decke der Zelle verschob sich. Der Sternenhimmel wurde sichtbar. Sie bemerkte einen Weltraumtraktor, der die Zelle abschleppte. Der Schock des Geschlechtsaktes zwang sie, sich am Bett festzukrallen. Der Traktor ging in eine Kurve, und durch das Fenster in der Decke konnte die kleine Eva das leuchtende Rad eines Markierungszeichens im Weltraum betrachten, das wie eine Erbse um einen grünen Planeten kreiste. Der Einfall der Zivilisation, ihr technologisches Aushängeschild, ließ sie ihre Migräne und ihre Gefangenschaft vergessen. Noch war sie nicht gänzlich frei, doch aufgrund dieses Transfers fand ihr Dasein zu seinen menschlichen Ursprüngen zurück.

Sie stieg auf das Bett, um die Lichter des Rades, des Hafens und, darüber hinaus, den stillen Weltraum nicht aus den Augen zu verlieren.

Ihr ungezügeltes Gedächtnis führte ihr Fotos eines Ferienaufbruchs vor: eine andere, diesmal irdische Kolonie mit plärrenden Kindern und ängstlichen Müttern.

Ein ungehöriger, im unteren Teil des Rückens einsetzender Schmerz brachte sie ins Schwanken. Ein Kamm kratzte an ihrer Wirbelsäule entlang. – SIE WUCHS. Ihre Knochen entfalteten sich, ihre Knochen dehnten sich in ihrem Innern aus.

SIE WUCHS. Ihr Fleisch wärmte sich auf. Das ist unmöglich, sagte sie sich und warf sich auf das Bett. Doch das Bett war kleiner geworden, und sie mußte die Beine anziehen, damit ihre Füße nicht über die Kante hinweg ins Leere hingen.

»Was geht hier vor?« fragte sie mit lauter Stimme.

Sie verschloß sich den Tatsachen, verweigerte sich der Lust der Wiedergeburt. Sie wandte sich an den Fernsehschirm, suchte Halt bei ihrem Verteidiger. Doch dieser schien völlig ratlos zu sein. Statt einer Erklärung richtete er ein mitleidiges Lächeln an sie.

»Was geht hier vor?« wiederholte sie.

»Keine Ahnung«, antwortete er automatisch. Er überlegte, wartete auf Anweisungen, um sein Lächeln wieder abstellen zu können.

»Ich verbinde Sie mit der Verwaltung …«, erklärte er ihr nach kurzem Schweigen.

Er verschwand vom Bildschirm. Ein – richtiger – Mann trat an seine Stelle: er hatte eine faltige Haut, war fast kahlköpfig, sein Gesicht wurde von fiebrigen, streng dreinblickenden Augen entstellt.

»Anscheinend werden Sie größer, oder?«

»Ja.«

»Interessant … Wie zeigt sich das konkret?«

»Mein Bett ist zu klein.«

»Dabei ist es nicht Ihr Bett, das plötzlich geschrumpft ist.«

»Natürlich nicht.«

»Was verspüren Sie … physisch?«

»Meine Knochen tun mir weh. Mein Kopf scheint zu platzen … Ein Besenstiel stößt dagegen.«

Mit bewußter Kaltherzigkeit starrte der Mann sie an. »Sie täuschen etwas vor …?«

»Aber nein … Ich werde größer, weil Sie das so entschieden haben!«

»Das stimmt nicht ganz. Anfangs hatten wir beschlossen, daß Sie Ihr Gedächtnis wiederfinden sollten. Wenn das von einem Wachstumsphänomen begleitet wird, so ist das ganz und gar ungewöhnlich …«

»Werde ich zu meiner ursprünglichen Körpergröße zurückfinden?«

»Zu Ihrer menschlichen Körpergröße …? Ich weiß nicht.«

»Rufen Sie unverzüglich meine Schöpfer zusammen! Sie können dieses Phänomen erklären …«

»Ihre Väter sind seit langem tot. Man kann nur mit ihren Erben Kontakt aufnehmen …«

»Werde ich mit ihnen sprechen können?«

»Ja. Denn an diesem Punkt geht das Experiment über meinen Einfluß hinaus …«

»Welches Experiment?«

»Ihr neuer Verteidiger erwähnte bereits Ihre Visionen, die uns immer wieder stutzig gemacht haben …«

»Meine Vorahnungen?«

»Ja … Ihretwegen wurde das Projekt der Erschaffung von Zwittern gestoppt.«

»Aus welchen Gründen?«

»Wenn Ihre Vorahnungen stimmen, stachelt der Zwitter die Androiden zur Revolte an, provoziert Aufstände und flieht anschließend mit einer Bande von Kriminellen.«

»Indem er eine Mauer überwindet.«

»Indem er die ionische Mauer überwindet, die wir errichtet haben, um uns vor der Zersetzung der Zeit zu schützen … Der Staat ist stark, doch das Risiko einer Destabilisierung können wir nicht eingehen.«

»Hätte ich mich in eine Maschine verwandelt, welche die Zukunft vorhersagen kann?«

»Ohne unser Wissen.«

»Wer ist der Schatten?«

»Der Anführer. Möglicherweise der neue Adam.«

Der Mann kicherte.

»Ruhen Sie sich jetzt aus«, sagte er leise. »Der Weg ist lang, und die Antworten, die Sie verlangen, übersteigen meine Kompetenz.«

Allmählich wurde sein Bild unscharf und hohl wie das Leichentuch eines Phantoms; am Ende löste es sich gänzlich auf.

Die kleine Eva lag auf dem Bett der Zelle, horchte in ihren wachsenden Körper hinein und achtete nicht auf die Signale der Überlebenscodes, die gegen die dumpfen Schläge des genetischen Maulwurfs ankämpften, der in ihrem künstlichen Fleisch kauerte. Sie spürte, wie ein Kribbeln durch ihr Rückenmark ging. Sie spürte, wie ihre Muskeln sich dehnten, sich zusammenrollten, um anschließend Schwung zu bekommen – die Müdigkeit, verbunden mit dem fatalistischen Gefühl, das angesichts ihrer gegenwärtigen Situation über sie gekommen war, erfüllte sie mit einer Art träger Gleichgültigkeit.

Ihre Erinnerungen bahnten sich einen Weg durch ihr geöffnetes, sprühendes Hirn – sie sah sich über eine gepflasterte Straße gehen, es war vier Uhr morgens, sie war unsicher auf den Beinen und unterhielt sich mit den Männern von der Müllabfuhr. Ging sie nach einer Liebesnacht heim? Einer Nacht mit dem Mann, dem sie in den für sie programmierten Filmen begegnet war?

Handelte es sich um die Vergangenheit? Um die Zukunft? Um Blitzlichter aus der subversiven Zeit?

Sie wußte nichts von einer ionischen Mauer – Algie, die Justizroboter, hatten die Wirklichkeit inszeniert, sie in Träume verwandelt, um sie von diesem Mann, von diesem Schatten zu trennen. Die Ingenieure menschlicher Herkunft hatten sie in Gleichungen verwandelt – sie alle logen! Und der Schatten mit seinem derart menschlichen Kuß würde demnächst ein zeitweiliges Verschwinden der Wirklichkeit nutzen, um sie ihren Wächtern zu entreißen, und dabei, wenn nötig, noch einmal die Mauer überwinden.

Wenn ich schon den Visionen ausgeliefert bin, sagte sie sich, dann soll es wenigstens diese sein …

Originaltitel: ›MÉMO-DOULEURS‹ • Copyright© 1983 by Éditions Denoel, Paris • Erstmals erschienen in Jacques Mondoloni, ›Papa 1er‹ • Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Dina German, Literarische Agentur, Paris • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Französischen übersetzt von Gabrielle und Georges Hausemer

Achim StößerDeutschland

VIRULENTE WIRKLICHKEIT

Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.[5]

- Arthur C. Clarke

Der Minutenzeiger kroch auf die Null zu, während der Stundenzeiger kurz vor der Dreizehn lauerte.

Alyssa konnte sich kaum noch auf ihre Arbeit konzentrieren, immer wieder haschte ihr Blick nach der Uhr in der Bildschirmecke. Der Sekundenzeiger überholte den Minutenzeiger, doch dieser sprang ihm nach, und gleichzeitig erreichten beide die Null; die Uhr schlug, der Sekundenzeiger lief weiter, während sein größerer Bruder sich ausruhte.

Mittwoch, dreizehn Uhr: Feierabend, Wochenende.

Alyssa beendete die Sitzung, dehnte und reckte sich. Die zwölf Wochenarbeitsstunden gingen nicht mehr so spurlos an ihr vorüber wie früher. Auf dem Terminal meldete die Kücheneinheit, daß das Mittagessen fertig war.

Sie stand auf und schlenderte ins Wohneßzimmer, wo die Vorspeise, ein grüner Salat mit Rapunzeln, Kresse und Keimlingen, bereits auf dem Tisch stand. Sie hatte der Küche die Wahl überlassen, aß lustlos und abwesend; sie war nicht wirklich hungrig.

Das Telefon läutete. »Ja?« sagte Alyssa; Alexander erschien auf dem Bildschirm.

Er nickte grüßend. »Entschuldige, du ißt gerade? Ich habe nicht daran gedacht, daß bei euch erst Mittag ist.«

»Wo bist du? Noch in Wagga Wagga?«

»Nein, nein, in Wollongong. Ein Computerfehler in der Bahnleitzentrale hat ganz New South Wales lahmgelegt. Ich werde frühestens in einer Stunde in Sydney sein, dann bin ich gegen 19:00 Uhr MEZ in Frankfurt.«

»Schade, so spät erst.«

Alexander hob bedauernd die Schultern. »Leider, leider. Noch dazu wird dann für mein Zeitgefühl gerade die Morgendämmerung anbrechen. Nichts zu machen. Bis heute abend, Schatz. Und viel Spaß in Fancy.«

»Wer sagt denn, daß ich nach Fancy gehe?«

»Gehst du nicht, jetzt, wo du die Temps hast?«

»Sicher. Bis bald, und komm gut an.« Alyssa warf ihm eine Kußhand zu, und der Schirm zeigte wieder eine Rousseausche Dschungellandschaft.

Sie schluckte den letzten Bissen der gebackenen Bananen, kratzte ein paar Buchweizenreste zusammen, stand vom Eßtisch auf und ging ins Schlafzimmer.

Auf dem Boden lagen immer noch die alten Databoots und -gloves, die Eyephones, die dem Träger ein bewegtes Stereobild vermittelten, und doch nur noch Spielzeug waren, jetzt, wo sie die Tempatches hatte, funkelnd, glänzend neu. Erst dreimal hatte sie damit Fancy besucht.

Sie machte es sich auf dem Wasserbett bequem und stülpte die Klammer über den Kopf. Die kühlen Kontaktplättchen legten sich an ihre Schläfen, Alphawellen drangen in ihr Gehirn, der Raum um sie verblaßte, und Alyssa wurde Gwendolyn.

Prinzessin Gwendolyns Zimmer war groß und hell, die weichen Teppiche auf dem Boden und an den Wänden leuchteten in bunten Farben. Es wimmelte auf ihnen von Phantasietieren; Gwendolyn mochte einen ganz besonders, auf dem nur schwarz-weiße Fabelwesen abgebildet waren: brütende Skunks; karottenkauende Pandas; ein Pinguinschwarm am Himmel; Zebras, die sich faul auf dicken Ästen räkelten; Elstern, die nach Schwertfischen tauchten; Weißkopfadler und wundertätige Nonnen.

Gwendolyn betrachtete sich in einem Spiegel, der fast eine ganze Wand ausfüllte. Sie war jung, keine zwanzig, nicht einmal halb so alt wie Alyssa. Ein Diadem aus Silber und Saphiren krönte ihr ebenholzschwarzes Haar, das sanft geschwungen über ihre bloßen Schultern floß. Das ebenso dunkle Kleid, besetzt mit Lapislazuli, von den Hüften bis zum bodenberührenden Saum glockenförmig aufgeplustert, pompöse Puffärmel, mit Goldfäden durchwirkter Tüll und scharlachrote Schleppe waren ihrer Stellung durchaus angemessen, doch bestenfalls bei offiziellen Anlässen zu tragen. Rasch entledigte sie sich, ohne eine ihrer Zofen zu bemühen, ihrer Kleidung und ihres Schmucks, und legte ein zweckmäßigeres Wams, Beinkleider und Gamaschen an, die so stark mit Indigo gefärbt waren, daß sie fast schwarz wirkten wie der Burnus eines Targi. Nicht, daß Tuareg hierhergehörten.

»Auf geht’s!« rief sie fröhlich und gab Fips, dem blauen Zierdrachen, der auf seiner Stange saß und vergnügt vor sich hin quietschte, einen Wink.

»O, oh!« antwortete Fips. »Das wird böse enden. Böse enden.« Doch gehorsam faltete das Drächlein seine rosa Fledermausflügel auseinander, flatterte durchs Zimmer und landete elegant auf Gwendolyns Schulter.

Gwendolyn öffnete die schwere Eichentür und stürmte die Wendeltreppe hinab. Nur wenige Fackeln vor rußgeschwärztem Gemäuer beleuchteten die Stiegen, doch selbst in finsterster Nacht wäre Gwendolyn nicht langsamer gewesen. »O, oh!« rief Fips und klammerte sich mit seinen winzigen Vorderpfoten in ihrem Haar fest.

»Sattle Er Grobian!« gebot sie, bei den Stallungen angekommen, und kurz darauf führte der Stallmeister, der sich wieder und wieder verbeugte, so daß er an ein pickendes Huhn erinnerte, Grobian, den anthrazitgrauen Lieblingsreitdrachen der Prinzessin, am Zügel heraus.

»Hör Er auf mit diesen albernen Verrenkungen, und mach Er, daß Er vorankommt!«

Grobian war tumb und plump, doch kräftig und ausdauernd, wie geschaffen für lange Reisen. Er grunzte in Erwartung des bevorstehenden Abenteuers.

»Jemine!« seufzte Fips. »Da können wir uns wieder auf etwas gefaßt machen, was, alter Junge?« Er flatterte nervös von Gwendolyns Schulter und vor ihrem Gesicht auf und ab. »König Pippin, König Pippin hat gesagt …«

Sie schwang sich in den Sattel. »Papperlapapp! Mein Vater ist vor Monaten nach Vanity gereist, um König Balthasar zu besuchen. Willst du mir wieder meinen Ausflug verleiden, kleiner Angstdrache?«

»Ich mein’ ja nur, ich mein’ ja nur. Tsk, tsk, das wird böse enden.«

Mit rasselnden Ketten hob sich das Fallgitter. Grobians Krallen kratzten über die hölzerne Zugbrücke, ein paar Hausdrachen, die am Burggraben weideten, trotteten gemächlich beiseite, als das schwere Tier durch ihre Herde fegte und in einer Staubwolke davonstob.

»Wohin soll’s diesmal gehn, wohin?« fragte Fips.

»Nun«, antwortete Gwendolyn nachdenklich. »Reichskristallwald, Immermeer und Nimmermeer im Westen habe ich bereits gesehen; die Eisriesen im Norden können mir auch geraume Zeit gestohlen bleiben; im Osten gibt es nur Berge, Trümmer und Geröll – also, auf nach Süden!«

»Nach Süden«, quietschte Fips. »Das wird böse enden.«

»Schnickschnack!« Gwendolyn setzte sich im Sattel zurecht. Grobian fiel in einen fast gemächlichen Trab.

»Menü«, gebot sie, und augenblicklich erschien vor ihr in der Luft eine Schrift aus loderndem Feuer. »Was nehmen wir diesmal?« fragte sie und fuhr mit der Hand durch die Flammen. Die Schrift veränderte sich. »Wald, das kann nie schaden.« Das Wort brannte heller. »Eine Fee hätte ich gern.« Auch dieses Wort leuchtete auf. »Orte … ›Meer der vergessenen Gedanken‹? Das klingt hübsch. Flüssiges Gestein? Fein. Was ist das: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Quintessenz? Meinetwegen, wir werden sehen. Zufallsfaktor – sagen wir null Komma vier.«

»Oje, nicht so hoch, nicht so hoch! Das ist viel zu gefährlich.«

»Ach was, Humbug! Wenn alles so klar voraussehbar ist, wird es doch langweilig. – Menü Ende, Zeitraffer!« Die Flammenschrift erlosch, und sofort raste die Landschaft an ihnen vorbei, der Wind peitschte ihnen ins Gesicht, fahnengleich wehte Gwendolyns Haar, Grobians Beine verschmolzen zu unscharfen Farbflecken, die Wolken am rosa Himmel türmten sich auf und stürzten wieder in sich zusammen, die Sonne glitt übers Firmament, verschwand hinter dem westlichen Horizont, die Sterne erschienen, die drei Monde eilten der Sonne hinterher; das Universum schien sich um sie zu drehen, Sonne und Monde jagten einander wie verspielte junge Kollerkobolde. Tag und Nacht vergingen wie im Flug. »Normalgeschwindigkeit«, befahl Gwendolyn. Wenn sie die Sonnenaufgänge richtig gezählt hatte, dann hatten sie sieben Tagesreisen hinter sich gebracht.

Gerade erreichten sie den Rand eines Walds. Die Bäume standen hier nicht sehr dicht, und sie ritten hinein.

»Oha!« rief Fips. »In Wäldern lauert die Gefahr!«

»Hunger!« grunzte Grobian.

»Ein Weilchen noch, Vielfraß.«

Grobian trabte unlustig weiter. Als sie zu einem Bach kamen, folgten sie ihm bis zur Quelle. Der Bach entsprang inmitten einer kleinen Lichtung. Gwendolyn saß ab, und Grobian machte sich augenblicklich daran, Gras zu rupfen. Glitzernd und funkelnd brach sich das Sonnenlicht im Wasser, das geschwätzig plätscherte und gluckste. Nymphen zirpten, irgendwo hämmerte eine Sylphide, Blumenelfen sangen. Gwendolyn glaubte, leises Truthahnkollern zu hören, doch sie wußte, daß es Gobblehobgoblins waren.

Sie schöpfte etwas Wasser und trank. Fips sprang von ihrer Schulter, tauchte in die Quelle und planschte prustend und spritzend darin herum.

»O, oh.« Der Drache rührte sich nicht mehr, wie festgefroren starrte er blaßblau vor Schreck auf etwas hinter Gwendolyn.

»Was hast du nun schon wieder?« Sie wandte sich um.

Grobian graste, als sei nichts geschehen. Doch neben ihm stand ein eigenartiges Wesen. Wie Nebel sah es aus, doch zugleich lebendig. Augen, Nase, ein Mund waren zu erkennen, auch wenn die Schwaden unruhig waberten.

»Wer bist du?« fragte Gwendolyn.

Eine süßliche Stimme ertönte: »Siehst du das nicht? Ich bin eine Fee, n’est-ce pas?«

»Eine so merkwürdige Fee, verzeih, ist mir noch nie begegnet.«

»Alors, eigentlich bin ich Gynäkologin.« Die Fee wogte hin und her.

»Wie bitte?« Natürlich waren nicht alle Wesen in Fancy simuliert, viele wirkliche Menschen hielten sich hier in unterschiedlichsten Gestalten auf, verbunden über das Netz. Doch es war unmöglich, zu entscheiden, wer von draußen kam, das machte gerade den Reiz aus. Fips und Grobian waren Gwendolyns Geschöpfe, alles andere, Menschen, Tiere, Feen, ja selbst Bäume und Büsche, konnten virtuelle Entitäten von Personen sein. Solch eine ernüchternde Bemerkung verstieß eindeutig gegen die Netiquette.

»Ich sagte: Schön, daß du hier bist, Gwendolyn, ma chère.«

Das hatte sie gewiß nicht gesagt, aber Gwendolyn ließ es dabei bewenden; Fips, der selbst Teil dieses Trugbilds war, ignorierte solche Vorkommnisse selbstverständlich, da sie nicht zu Fancy gehörten.

»Woher kennst du meinen Namen?« fragte Gwendolyn.

»La belle affaire! Ich kenne alle Namen. Wenn du gestattest, werde ich dir drei Fragen stellen. Als Lohn winkt, so du sie richtig beantworten kannst, je ein weißmagisches Accessoire. Bist du bereit?«

»O, oh. Ich trau’ der Sache nicht, ich trau’ ihr nicht.«

»Willst du wohl still sein! – Aber ja, frag nur, ich habe dabei schließlich nichts zu verlieren, oder?«

»Mais non!« Die Nebelgestalt schwebte zu einem nahen Baum und winkte Gwendolyn, ihr zu folgen.

»Nun zieh an einem dieser Fäden, s’il te plaît.«

Von einem Ast hingen Hunderte von Spinnfäden. Gwendolyn wählte einen aus und zupfte daran. Augenblicklich huschte eine Christspinne an ihm herab. Statt des Kreuzes trug sie auf dem Rücken ein Zeichen, das wie ein winziges W aussah.

»M«, sagte die Fee. »Très bien. Die erste Frage lautet: Was bedeutet ›Mäeutik‹?«

Gwendolyn lachte innerlich, bemüht, ihre Lippen ruhig zu halten. Mit dem Thesaurusimplantat in ihrem Kopf waren solche Rätsel gewiß kein Problem. Sie schloß die Augen und las vor: »Die Mäeutik ist ein Lehrverfahren des Sokrates, durch geschicktes Fragen auf die Lösung des Problems hinzuführen.«

»Ah, oui! Hier ist dein erster Preis.« Ein Teil des Feennebels waberte deutend in Richtung eines flachen Steins. Eine Wolke von Glitzerstaub wirbelte darüber, verdichtete sich, bis dort schließlich eine Feder lag. »Diese Kakadufeder.«

»Kakadu?« quietschte Fips auf Gwendolyns Schulter. »Herrje, Ammenmärchen. Kakadus gibt es nicht.«

»Mon dieu! Diese Feder, wenn du sie fallen läßt, verleiht dir die Gabe zu fliegen. Dazu sag folgenden Zauberspruch auf:

Garan, Vege, Sabo, Sor,

Resul, Hauptquar, Imi, Por,

Respek, Vorda, Exis, Arre,

spannen wir vor unsre Karre.

Dreizehn, fünef, sieben, vier,

jedes -tier ist ein Pläsier;

Ampu, Mon, Jus, No und Dik,

bringen uns jedoch kein Glück.

Murmel aber, Maul und Schnabel

sie gehörn ins Reich der Fabel.«

»Herrjemine, wenn wir das nur nicht übersetzen müssen. Fliegen, das ist doch nichts Besonderes, nichts Besonderes.«

»Schscht! – Ist dieser Spruch wirklich notwendig?«

»Non. Ich dachte nur, das macht es etwas interessanter. Du kannst auch ein wenig Latein versuchen. Doch nie darfst du den gleichen Zauber erneut gebrauchen – bis repetita non placent. Bist du bereit, die zweite Frage zu beantworten? Pardon, ich vergaß, wenn du die rechte Antwort nicht weißt, verlierst du die Flugfeder wieder.«

»So ist das! Was ist der zweite Preis?«

»C’est une surprise.«

»Na schön. Ich wag’s.«

»Tu’s nicht, tu’s nicht!«

»Alors, die zweite Frage: Was ist der Malleus maleficarum?«

Gwendolyn tat, als müßte sie darüber nachdenken. »Der Hexenhammer«, antwortete sie. Dazu gab es einen Querverweis mit einem ellenlangen Eintrag, den sie größtenteils übersprang: »Der von den dominikanischen Inquisitoren Sprenger und Institoris verfaßte Kommentar zur Hexenbulle Papst Innozenz’ VIII. zur systematischen Verfolgung von Hexen.«

Die Fee nickte. »Der zweite Preis, voilà.« Auf dem flachen Stein neben der Feder entstanden wie aus sprühenden Wunderkerzen zwei Glasfläschchen. »Du trinkst jenes, welches leichtes Wasser enthält, aus. Das aber, welches schweres Wasser enthält, schüttest du in einen Fluß oder See, und schon bist du in der Lage, übers Wasser zu gehen, ganz wie über feste Erde.«

»Wozu das, wenn du fliegen kannst«, flüsterte Fips, »wozu?«

»Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker«, bemerkte die Fee. Gwendolyn sah sie scharf an.

»Frage drei, so du bereit bist, und die beiden ersten Accessoires aufs Spiel setzt.«

»O, oh. Ich sag nichts, ich sag nichts.«

»Nur zu.«

»Diese Aufgabe besteht aus zwei Teilen. Erstens: Was ist ein magisches Quadrat?«

»Ein magisches Quadrat, auch Hexeneinmaleins genannt, ist ein Quadrat, das schachbrettartig in Zahlenfelder eingeteilt ist, deren Summe waagrecht, senkrecht und diagonal gleich ist«, sagte Gwendolyn. Sie überflog den Text, der vor ihrem inneren Auge vorüberzog. »Zunächst in China, etwa das Saturnsiegel.« Sie nahm einen Zweig, kratzte ein paar Linien in den Sand und kopierte das magische Quadrat aus dem Thesaurus:

»Später beispielsweise in Dürers Melancolia.« Sie fuhr fort, in den Sand zu schreiben:

»Excellent! Das ist fast schon der zweite Teil der Aufgabe: gib mir ein magisches Quadrat der Ordnung Sieben!«

Gwendolyn wischte ihre Zeichnung aus. Ein so großes Quadrat war in ihrem Thesaurus nicht angegeben. Sie schloß die Augen. War nun alles verloren? Doch sie hatte Glück: für ungerade Zahlen war ein Verfahren angegeben. Sie zeichnete ein Quadrat in den Sand und unterteilte es in 49 Felder. »Wir beginnen in der Mitte der ersten Zeile«, sagte sie und trug an der genannten Stelle eine Eins ein. »Falls die gerade bearbeitete Zahl durch – hm, sieben – teilbar ist, ist im darunterliegenden Feld, sonst im rechts darüber liegenden fortzufahren.« Sie bewegte den Zweig nach rechts oben – außerhalb des Quadrats. »Nanu? Oh, falls die erste Zeile oder die letzte Spalte überschritten wird, ist im gegenüberliegenden Feld fortzufahren.« Sie schrieb eine Zwei ins fünfte Feld der letzten Zeile, eine Drei und Vier jeweils rechts darüber, die Fünf ins mittlere Feld der ersten Spalte, die Sechs und die Sieben jeweils rechts darüber, die Acht unter die Sieben, und so fuhr sie fort, bis das magische Quadrat vollständig war:

Auf diese einfache Methode reduziert, hatte das magische Quadrat absolut nichts mehr Magisches an sich. »Die Summe in jeder Zeile, Spalte und den beiden Diagonalen beträgt …«, sagte sie prahlerisch und murmelte vor sich hin: »Sieben mal – 49 plus eins, fünfzig – dreihundertfünfzig, durch zwei …« Mit fester Stimme fuhr sie fort: »Einhundertfünfundsiebzig.«

»Ah, c’est ça!« Neben der Feder und den Arzneifläschchen erschien inmitten funkelnder Sternchen eine Lupe. »Betrachte dich durch dieses Vergrößerungsglas, sag einen passenden Zauberspruch dazu auf, und du wächst und wächst und wächst. Adieu.« Die Fee verblaßte, ihr nebelhafter Leib wurde noch vager, löste sich auf. Tausende von Christspinnen, die allesamt ein M auf dem Rücken trugen, fielen vom Baum wie reifes Obst und wuselten in alle Richtungen davon.

Gwendolyn spürte, daß sie tatsächlich durstig war. »Pause!« sagte sie. Der Wald um sie herum verschwand, sie lag auf ihrem Bett.

Alyssa nahm die Klammer ab und ließ die Küche einen Fruchtsaft aus Äpfeln, Orangen und Kiwis zubereiten. Am Terminal las sie die eingegangene Post, während sie trank. Den Großteil überflog und archivierte sie, eine Nachricht markierte sie als ungelesen, um sie später zu beantworten. Dann schlenderte sie zurück ins Schlafzimmer, stellte das Glas ab, legte sich hin und setzte die Klammer wieder auf.

Zurück auf der Lichtung, ging Gwendolyn zu Grobian, der noch immer fraß – Grasbüschel hingen links und rechts aus seinem Maul, während der Unterkiefer geräuschvoll auf und ab mahlte –, verstaute Feder, Fläschchen und Vergrößerungsglas in der Satteltasche, saß auf und ritt weiter.

Rasch brach die Nacht herein. Als sie ein Licht entdeckte, stieg sie ab und schlich vorsichtig näher. Sie fand einen Jägersmann an seinem Lagerfeuer. Es roch nach gebratenem Fleisch. An einem einfachen Spieß, der über zwei in die Erde gebohrten Astgabeln lag, röstete der gehäutete Kadaver eines Gobblehobgoblin. Der Kobold hatte ausgekollert. Mit einem Messer, dessen Griff aus Drachenhorn gefertigt war, schnitt der Jäger große Stücke vom Fleisch. Zischend tropfte Saft ins Feuer. Ringsum waren Engelbälge zum Trocknen aufgehängt, stattliche ausgewachsene Engel mit prächtigem Gefieder ebenso wie junge, kaum größer als ein Kartoffelgnom. Manche Leute mißbrauchten Fancy, um ihre perversen Phantasien auszuleben. Entsetzt, und froh, unbemerkt geblieben zu sein, ritt Gwendolyn weiter.

Der Wald schien sich zu verändern, der Boden wirkte wie ein brauner, grobgewebter Teppich, die blattlosen, toten Bäume schimmerten in geisterhaft bleichem Grün. Dazwischen wuchsen zehn Fuß hohe, modrig riechende Pilze. Mondschatten schienen nach ihr zu greifen, leuchtende Augen beobachteten sie von ringsum, Dryaden huschten vorbei, Trolle flitzten vor ihr über den Boden und die Stiele von Riesenschirmpilzen und Spitzmorcheln hinauf. Es wirkte unheimlich, und der Schreck über den Jäger saß ihr noch so in den Gliedern, daß sie im Zeitraffer ein paar Augenblicke bis zur Dämmerung verstreichen ließ.

Morgennebel trieb zwischen den Bäumen, sie konnte kaum weiter sehen als bis zum nächsten Stamm. Tau rann über Grobians ledrigen Kopfschild, mit jedem Schritt lösten sich seine Füße schmatzend aus dem morastigen Boden.

»Ich habe Euch bereits erwartet, Prinzessin!« Die Stimme, nachhallend wie ein Echo, schien von überall zu kommen und von nirgends. Fips flog vor Schreck quietschend auf. Gwendolyn sah sich um. Niemand war zu sehen.

»Hierher, Prinzessin!« Heiser und rauh klang es.

Gwendolyn lenkte Grobian zur Seite, wieder zurück, hin und her, bis sie schließlich inmitten des Nebels eine Gestalt entdeckte. Ein gnomenhafter Greis kauerte auf einem Baumstumpf, sein Bart schien fest mit den Wurzeln verwachsen. Runzlig und zerfurcht wie Borke wirkte seine wettergegerbte Haut.

»Wer seid Ihr, Herr?« fragte Gwendolyn. Jetzt erst erkannte sie, daß der vertrocknete Greis nicht auf einem Stumpf saß – er wuchs aus ihm heraus, der Baumstumpf war sein Unterleib. Er hustete, sein Körper wankte dabei vor und zurück, knarrte wie eine alte Eichentür.

»Wenn Ihr meinen Namen wissen wollt, Prinzessin, so tut es mir leid, ich habe ihn schon vor tausend und abertausend Jahren vergessen. Ich bin nur ein alter Baumgeist, müßt Ihr wissen.« Er hustete wieder, sein Atem ging rasselnd. In der Hand hielt er eine kleine blaue Schachtel. Er schnippte mit dem Finger dagegen, eine Zigarette sprang heraus, und er klemmte sie zwischen die Lippen. »Wenn Ihr mir Feuer geben könntet, wäre ich Euch zu äußerstem Dank verpflichtet.«

Gauloises, bemerkte Gwendolyn. Nur mit Mühe widerstand sie der Versuchung, etwas darüber zu sagen; Tabak gehörte nicht hierher. Statt dessen gab sie Fips einen Wink.

Der kleine Drache flatterte auf die Zigarette zu, würgte Alkohol aus seiner Gärblase in die Mundhöhle und prustete. Durch ein funkensprühendes Krallenschnippen entzündete er die Wolke aus feinsten Tröpfchen. Flammen loderten vor seinem Mund und erloschen. »O, oh«, sagte er. »Das wird böse enden.« Er flog zurück auf Gwendolyns Schulter und nieste. Das Ende der Zigarette glühte.

Es war ein Glück, daß sie Fips dabei hatte, Grobian hätte lediglich Methan aus seinem Wiederkäuermagen gerülpst und den Baumgeist versengt.

»Ich danke Euch, verbindlichsten Dank«, sagte der Baumgeist, stieß Rauch durch die Nase aus und hustete.

»Gern geschehen, es ist Eure Lunge.« Sie kniff die Lippen zusammen. Nun begann sie schon selbst, Gedanken von draußen einzuführen. »Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?«

»Das nicht, doch ich kann etwas für Euch tun.« Sein Blick wurde glasig. »Ihr müßt das Meer der vergessenen Gedanken suchen, Prinzessin, wo Ihr …« Bei sich murmelte er: »Wer denkt sich nur immer diese albernen Namen aus?« Wieder hustete er, dann sank er in sich zusammen. Speichel rann aus seinem Mundwinkel. »Macht Euch keine Sorgen. Märchen gehen immer gut aus.«

»Tsk, tsk!« zischte Fips.

»Wo ich was?« fragte Gwendolyn.

Der Baumgeist hustete nur, sabberte und röchelte.

»Nun sagt schon!«

Ein Moosweiblein trat zwischen den Bäumen hervor, ein weiteres und ein Moosmännlein folgten ihm. Die drei kicherten und tuschelten. Sie sahen fast menschlich aus, trotz ihrer Schweinsnäschen und dem Püschel auf dem Kopf, kaum einen Fuß groß und ganz in Moos gekleidet. »Reite weiter südwärts, Prinzessin«, sagte eines der Moosweiblein, während die beiden anderen schnatternd den Baumgeist bestiegen und ihn mit einer Salbe beschmierten. »Du folgtest dem Fluß der ungedachten Dummheiten. So gelangtest du schließlich ans Meer der vergessenen Gedanken.« Die Moosleute hatten große Schwierigkeiten, Vergangenheit und Zukunft zu unterscheiden.

Der Baumgeist schüttelte sich knarrend. »Geht, geht und laßt mich allein. Verschwindet!« Er konnte kaum noch sprechen; es war nicht zu erkennen, ob er Gwendolyn oder die Moosleute meinte. Winzige Tatzelwürmer mit kaum entwickelten Beinen, Schwänzen und Flügeln wanden sich aus seinem morschen Stumpf.

»Na schön, ich wollte ohnehin nach Süden, also was soll’s?«

»Herrje, herrjemine, wenn das nur gut geht.«

»Ich danke Euch, Baumgeist, und auch euch, ihr Moosleute.«

»Nichts zu danken«, schnatterte das Moosmännlein, »wir werden schon immer gern verirrten Wanderern helfen und taten dies auch in Zukunft.«

Der Baumgeist schien Gwendolyn nicht mehr wahrzunehmen, und so ritten sie weiter. Bald verklang das Husten hinter ihnen, vielleicht, weil die Salbe der heilkundigen Moosleute half, vielleicht, weil sie sich entfernten.

Gwendolyn seufzte. »Märchen gehen immer gut aus, wie tröstlich.«

»Oha, nicht für die Hexe und den Wolf«, bemerkte Fips. »Und auch nicht für den bösen Drachen, den bösen Drachen.«

Das Reittier grunzte protestierend. »Grobian lieb.«

»Nicht doch, von dir hat niemand gesprochen.« Gwendolyn tätschelte seinen Kopfschild. »Ich frage mich, was geschähe, wenn wirklich Drachen als Tribut dafür, daß sie das Königreich nicht verwüsten, alljährlich eine Jungfrau forderten, um ihren eigenartigen Geschmack in puncto puncti zu befriedigen.«

Fips sah sich verdutzt um. »Nanu! Was zauberst du nun?«

»Gar nichts. Ich brüste mich nur mit meiner humanistischen Bildung. Es heißt: hinsichtlich des wichtigsten Punkts, also der Keuschheit, das ist alles. Ich schätze, ein religiöser Kult würde sich entwickeln.«

»O nein, o nein. Ich glaube eher, daß es Viehzüchter gäbe, die sich auf Aufzucht und Verkauf spezialisierten.«

»Da hast du recht. Oder die Folge wäre, daß alle Eltern ihre Töchter zeitig …«

Ein Wassertropfen zerplatzte auf Grobians Rücken, ein zweiter, einer schlug auf Gwendolyns Kopf. Augenblicke später ging ein heftiger Regen nieder. Fips faltete die Flügelhäute zu einem Schirm über seinem Kopf. Die Regentropfen schlugen kleine Löcher in den Nebel. Gwendolyn hob das Gesicht zum Himmel. Tiefe Risse durchzogen die Wolken, als seien sie geborsten oder von Bergketten aufgeschlitzt. »He!« rief sie. »Ich habe keinen Regen bestellt! Aufhören, Frau Holle, oder Perchta oder Petrus, Jupiter, Zeus, Thor, Donar, Jahwe, Jehova, Heno oder wer immer dafür zuständig ist.« Es regnete unvermindert weiter. »Menü!« sagte sie, doch die Flammenschrift erschien nicht. »Menü!« wiederholte sie – vergebens. Vielleicht war ein Verändern der Parameter mitten im Ablauf der Geschichte nicht vorgesehen, zumindest hatte sie es noch nie versucht; es schien ihr unehrenhaft, sich auf diese Weise aus der Affäre zu ziehen. Sie wußte nicht, ob es möglich war, denn die Mühe, die Bedienungsanleitung zu lesen, hatte sie sich nie gemacht. Andererseits hatte es in Fancy, wenn sie hier war, noch nie geregnet. »Na schön«, sagte sie. »Solange ich nicht wirklich naß werde …«

Erst als sie den Wald verließen, verzog sich der Nebel, und der Wolkenbruch hörte auf.

Bald darauf kamen sie zu einem ausgetrockneten Flußbett. Obwohl es noch kurz zuvor so stark geregnet hatte, war keine Spur von Feuchtigkeit darin zu entdecken. Ein Netz von Furchen zog sich über den Boden, da, wo die Erde geplatzt war. »Knochentrocken«, sagte Gwendolyn. »Also wenn das nicht der Fluß der ungemachten Dummheiten ist, weiß ich nicht.«

»O nein!« widersprach Fips. »Der Fluß der ungedachten Dummheiten. Da wir gerade von Dummheiten sprechen, wollen wir nicht lieber umkehren, wie? Umkehren?«

»Hab dich nicht so, kleiner Feigling, das sind doch Kinkerlitzchen!« Gwendolyn lenkte Grobian die Uferböschung hinab in die Mitte des Flußbetts.

Nach einer Weile pflückte sie von Disteln, die zahlreich am Ufer wuchsen, ein paar Feigen, und aß sie, und von Dornensträuchern Johannis- und Heidelbeeren, die sie sich mit Fips teilte. Es war kalt geworden. Grobians Atem stand in kleinen Wölkchen vor seinen Nüstern. So ritten sie weiter, bis sie schließlich an eine tiefe Schlucht gelangten.

Gwendolyn sah nach unten. Geröll löste sich unter Grobians Füßen vom Rand und fiel hinab. Es fiel und fiel immer tiefer, bis es schließlich in einem Strom glühender Lava versank.

Fips sagte, was er immer sagte: »O, oh.« Links und rechts führte die Schlucht bis zum Horizont, ein Ende war nicht abzusehen. »Jetzt müssen wir zurück, hier gibt es kein Weiterkommen, kein Weiterkommen.«

»Unsinn, wir überfliegen die Schlucht.«

»Das ist gefährlich für dich, bitte nicht, bitte nicht!«

Sie holte die Kakadufeder heraus und ließ sie in die Tiefe fallen. Mit kreiselnden Bewegungen sank sie der glutflüssigen Lava entgegen.

»Den Zauberspruch, vergiß nicht den Zauberspruch!«

»O ja, wie war das noch? Ach was, ein wenig Latein sollte genügen: Es ist zwar eigentlich eine Feder, aber alea iacta est, in hoc signo vinces.« Sie spürte, wie sie ihr Gewicht verlor, federleicht wurde, und Grobian unter ihr löste sich von der Erde wie ein Heißluftballon. Doch was war das? Sie trieb fort von der Schlucht statt darüber hinweg.

Fips flog auf. »Ich hab’s gewußt!« kreischte er. »Ich hab’s gewußt!« Er nahm eine Haarsträhne Gwendolyns zwischen die Kiefer, eine weitere in jede Pfote und schlug mit den Flügeln auf und ab, so schnell er konnte. Sie klammerte sich fest an den Sattel. Es war für das schmächtige Kerlchen nicht ganz einfach, die Masse des Reitdrachen und der Prinzessin gegen die Luftströmung zu bugsieren, er schubste und stieß, zog und zerrte, doch schließlich gelang es ihm. Über der Schlucht ließen die warmen Aufwinde sie noch höher steigen, auf der anderen Seite sanken sie wieder. »Oh«, brummte Grobian bedauernd; er hatte den Flug offenbar genossen. Als seine Füße den Boden berührten, fühlte Gwendolyn ihr Gewicht zurückfließen.

»Das hast du gut gemacht, Fips«, lobte sie.

Der kleine Zierdrache ließ sich wortlos und keuchend auf ihrer Schulter nieder. Nicht einmal ein ›Das-wird-böse-enden‹ brachte er heraus.

Sie folgten den trockenen, sandigen Mäandern des Flußbetts. Grobians Füße zogen Spuren ins Craquele der staubigen Risse. Sie ritten, ohne daß etwas Erwähnenswertes geschah, und gerade, als Gwendolyn ›Zeitraffer‹ sagen wollte, stieg ihr ein abscheulicher Geruch in die Nase.

Auch Fips hatte es bemerkt: »Jemine, das kann nichts Gutes bedeuten.«

Das Flußbett, das immer breiter geworden war, machte eine letzte Krümmung. Da war es: das Meer.

Alyssa hatte so etwas schon viel zu oft in den Nachrichten gesehen, doch was den Nachrichten fehlte, war der entsetzliche Gestank. Seltsam künstlich wirkten die schmutziggrauen Wellen, die müde auf dem Strand zu gischtloser Brandung ausliefen: Öl.

Wie eine platzende Seifenblase zeigte sich ihr die Erkenntnis: das war nicht mehr ihr Fancy, die fröhliche, atavistische Märchenwelt – es war ein Alptraum. Die Realität war in Fancy eingebrochen – oder ausgebrochen wie ein todbringender Vulkan.

Gwendolyn stieg ab und nahm Grobian beim Zügel. Ölige Klumpen, Seetang, Engel mit verklebtem Gefieder, tote Nixen mit glasigen Augen übersäten den Strand.

»Das Meer der vergessenen Gedanken«, sagte sie kopfschüttelnd. »Das genügt. Schluß damit!« Doch das schreckliche Bild blieb. »Aufhören! Ende! Abbruch!«

Fips schwieg.

Sie saß in Fancy fest. »Nothalt!« schrie sie.

Eine dumpfe Stimme ertönte. »Das ist zwecklos.«

Gwendolyn fuhr herum. Halb aufs Ufer geworfen wie ein gestrandeter Wal lag eine zwei Meter lange Makrele und sprach. Als Gwendolyn genauer hinsah, bemerkte sie, daß die Makrele keinen Fischschwanz hatte, sondern menschliche Beine, die in verschmierten Jeans steckten. Öl schwappte klatschend über die Füße.

»Es hat keinen Sinn. Wir kommen nicht mehr hier heraus. Glauben Sie, ich hätte es nicht versucht?«

»Was hat das alles zu bedeuten? Wer sind Sie? Kommen Sie von draußen?« Ohne Bedenken verstieß sie gegen die Netiquette.

»Liegt das nicht klar auf der Hand?« Die Makrele wirkte schwach und erschöpft. »Haben Sie nicht Dinge erlebt, die nicht hierhergehören, widerliche Dinge? Sterbende Lichtelfen, bei lebendigem Leib von Tolltrollen zerrissen, Sylphiden, von Sylphen massakriert? Mich hat eine böse Fee verzaubert. Früher hätte ich sie jederzeit überlistet, aber jetzt … sehen Sie mich an! Ich bin hilflos, verrotte hier inmitten dieser stinkenden Ölpest.« Schwären auf der schuppigen Fischhaut unterstrichen seine Worte.

»Aber wie ist das gekommen?«

»In welcher Welt leben Sie eigentlich?« Aufgebracht zuckte der Leib der Makrele, trotz ihrer Schwäche. »Verstehen Sie denn nicht?«

»Nein. Nein, ich verstehe überhaupt nichts mehr.«

»Ein Virus! Irgendein Wahnsinniger hat ein Computervirus in das Programm eingeschleust, das diese Pseudorealität aufbaut. Aber es ist kein harmloser Scherz, wie Maden, die über den Bildschirm kriechen und die Fenster annagen, schlimmstenfalls ein paar Daten zerstören. Das ist blutiger Ernst!«

»Das glaube ich nicht! Das kann einfach nicht wahr sein.«

»Nein? Dann sehen Sie sich doch um! Versuchen Sie, Fancy zu verlassen!«

Gwendolyn biß sich auf die Unterlippe. »Können wir nichts dagegen tun?«

»Doch. Das ist das Heimtückische, das Virus ist nicht unbesiegbar, derjenige, der es erschaffen hat, hat zugleich eine Sollbruchstelle eingebaut; aber es ist nur von innen zu knacken, von außen ist es völlig abgeschirmt.«

»Sie haben es versucht?«

»Ja. Bis hierher habe ich es geschafft, dann hat die Kürbisfee mich erwischt. Aber eins habe ich herausgefunden. Sehen Sie dieses Eiland dort?« Die Makrele machte eine vage Bewegung mit der Flosse.

Gwendolyn ließ ihren Blick übers Meer schweifen. Etwa zwei Dutzend Meßketten entfernt entdeckte sie eine kleine Insel. Sie nickte.

»Gut. Dort befindet sich in einer Höhle eine Instanziierung des Virus. Sie muß vernichtet werden. Daß wir hier an diesem Meer sind, ist kein Zufall. Das Virus hat dafür gesorgt, hat uns goldene Brücken gebaut. Gehen Sie! Zerstören Sie es!«

»Aber ich kann Sie doch hier nicht allein lassen.«

»Es bleibt keine andere Wahl, Sie müssen das Virus vernichten. Hören Sie, wenn Sie es schaffen – ich bin seit vier Tagen hier, und mein echter Körper liegt ebensolang hilflos in meiner Wohneinheit. Sorgen Sie dafür, daß …«

»Selbstverständlich. Wie ist Ihr Name?«

»Leberecht.«

»Ich meine draußen, wie soll ich Sie denn finden?«

»Oh, natürlich. Jost Müllerschön, Bochum-Süd.«

Sie schaute übers Meer. »Auf dieser Insel, sagen Sie?«

»Ja. Hier, nehmen sie das.« Leberecht ließ ein Päckchen aus der Flosse fallen.

Gwendolyn hob es auf und untersuchte es: in Ölpapier eingeschlagene Oblaten. »Was ist das?«

»Geweihte Hostien. Vielleicht werden sie Ihnen nützlich sein.«

»Und was soll ich damit anfangen?«

»Transsubstantiation«, sagte die Makrele verächtlich.

Sie schlug in ihrem Thesaurus nach. »Ich verstehe.«

»Sprechen Sie ausreichend Latein für einen Zauberspruch?«

»Ein wenig. Ich denke, es genügt.«

»Gut.« Leberecht atmete schwer. »Wie wollen Sie hinüberkommen?«

»Wir werden sehen. Eine gewisse Gesetzmäßigkeit scheint es ja zu geben. Auf Wiedersehen.«

»Hoffentlich. Viel Glück.«

Gwendolyn wandte sich dem Meer zu.

»Igittigitt, wie das riecht.« Fips schüttelte sich. »Das wird böse enden.«

Gwendolyn nahm Grobian Sattel und Zaumzeug ab und legte sich die Satteltasche über die Schulter. »Du kannst leider nicht mitkommen, alter Freund«, sagte sie. »Die Kliffs der Insel sind zu steil für dich.« Sie nahm die beiden Fläschchen aus der Tasche. Das mit schwerem Wasser gefüllte leerte sie ins Meer, dann hob sie das zweite an die Lippen.

»Nicht!« kreischte Fips. »Du weißt nicht, was das ist, was es bewirkt!«

»Hör auf! Das ist kein Spaß mehr. Ich habe keinen Beipackzettel, und das Etikett sagt lediglich, es sei leichtes Wasser, ich muß es also riskieren.« Sie trank aus und setzte dann vorsichtig einen Fuß auf die Wellen. »Fluctuat nec mergitur«, wisperte sie.

»Was heißt das, was?« fragte Fips.

»Von den Wogen gepeitscht, geht es doch nicht unter.«

»Ich sehe schwarz, schwarz.«

Sie watete knöcheltief in der Ölschicht, doch das Wasser trug. Sie schwankte, aber wenigstens glättete das Öl die Wogen. Rutschend und schlitternd bewegte sie sich vorwärts. Das Wasser bot weniger Reibungswiderstand als Eis, und bewegte sich noch dazu auf und ab, hin und her, schlimmer als ein Wasserbett. Sie glitt aus, fiel hin, versank mit Knien und Händen in der zähen, klebrigen Ölschicht. Mühsam richtete sie sich auf. Vorsichtig, Schritt für Schritt, näherte sie sich der Insel. Immer wieder strauchelte sie, bis sie über und über mit stinkendem Öl bedeckt war.

Endlich setzte sie ihren Fuß auf die verschmutzten Felsen. Ein hölzernes Schild stand dort, verwittert und flechtenbewachsen. Die Schrift war kaum zu lesen: Insel der gelöschten Datenträger. Gwendolyn schnaubte.

Sie ging daran, den Steilhang zu erklettern. Es begann wieder zu regnen. Der glitschige Fels machte den Aufstieg nicht leichter. Binnen kurzem war ihr Wams durchnäßt und klebte klamm an ihrer feuchten Haut. Ihr Haar wurde schwer vom Wasser. Fips flatterte um sie herum und wies sie auf sichere Tritte und Griffe hin, krallte sich ins Gestein, prüfte hier und da den Halt.

Eine Wurzel, an der sie sich festhielt, löste sich. Erdklumpen stürzten polternd in die Tiefe, nur mit Mühe fand sie ihr Gleichgewicht wieder. Fips schlug entsetzt einen Rückwärtssalto. Er fiel in Ohnmacht und trudelte abwärts. Gwendolyn schrie. Nur wenige Spannen über dem Boden kam der Drache wieder zu sich, flog einen Looping und schraubte sich nach oben. Er blinzelte benommen.

»Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!« sagte Gwendolyn. »Mach so etwas nie wieder!«

Vorsichtig setzte sie den Aufstieg fort. Endlich erreichte sie die Kante der Klippe, wälzte sich darüber und erhob sich.

»O, oh.«

Ein Rudel Tolltrolle umringte sie. Sie kauerten auf kurzen Beinen und doppelt so langen Armen, ihre Spanielohren reichten bis zum Boden. Stumpfes, zottiges Fell bedeckte ihren Körper. Zwischen spitzen, rachenbedeckenden Zähnen, die aussahen, als hätten die Trolle einen umgestülpten Igel im Maul, stießen sie ein böses Knurren aus, ihre Katzenaugen leuchteten gefährlich.

Langsam und vorsichtig öffnete Gwendolyn ihre Satteltasche, wickelte die Hostien aus dem Ölpapier und warf sie den Trollen vor. Sie schnupperten mißtrauisch daran.

»In nomine patri et filii et spiritus sanguinei«, flüsterte Gwendolyn fast lautlos.

Die Oblaten verwandelten sich. Keifend und fauchend stürzten die blutgierigen Tolltrolle sich auf den Köder, zeternd stießen und kratzten sie sich, da jeder dem andern diese Leckerbissen mißgönnte.

Gwendolyn schenkten sie keine Beachtung mehr, und sie machte, daß sie davonkam.

Nach einer Weile entdeckte sie einen Pfad, dem sie folgte. Schließlich sah sie von einem Hügel aus ein Dorf und ging darauf zu. Die Regenpfützen waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, die mit jedem ihrer Schritte knirschend brach.

Das Dorf bestand aus behelfsmäßig wirkenden Wellblechhütten. Verwesungsgeruch hing in der Luft. Die wenigen Menschen, denen sie begegnete, waren ausgezehrt und wichen ihrem Blick aus. Schmutzige, trotz der Kälte nackte oder nur in ein paar Lumpen gehüllte Kinder, nur Haut und Knochen und aufgedunsene Bäuche, starrten sie teilnahmslos an. Auf einem Platz in der Dorfmitte brannte ein großes Feuer.

Sie ging auf einen alten Mann zu, der vor einer Hütte saß und auf einem dicken, fleischigen Blatt kaute, und grüßte ihn.

Er spuckte aus. »Verschwinde! Gesindel wie dich können wir hier nicht gebrauchen!«

»Kerl! Weiß Er denn nicht, wen Er vor sich …?« Sie stockte. Natürlich bot sie in ihren öl- und schlammbesudelten Kleidern keinen allzu vertrauenerweckenden Anblick, nicht einmal hier. Und Prinzessinnen-Gehabe war längst nicht mehr angebracht. Sie nahm eine Handvoll Golddukaten aus der Satteltasche und ließ sie klingend auf das Faß fallen, das vor ihm stand.

Wie eine Schlange stieß seine Hand danach, seine Augen blitzten. »Was will Sie hier?« fragte er, nun etwas höflicher.

»Nur eine Auskunft, nichts weiter. Hier auf der Insel soll es eine Höhle geben. Kann Er mir den Weg dahin weisen?«

Er schlug die Augen nieder. »Scher Sie sich weg! Wir brauchen keine Almosen.«

»Ja, geh Sie dahin zurück, wo Sie hergekommen ist!« Unbemerkt hatten sich weitere Dörfler um sie gesammelt. »Weg von hier!« – »Solche Leute wollen wir hier nicht haben!« – »Elendes Gesindel!«

Der Wind drehte sich und wehte beißenden Rauch vom Feuer herüber. Es roch nach verbranntem Fleisch.

Fips keckerte.

»Merkt Sie nun, daß Sie hier unerwünscht ist?« fragte der Alte. »Ihr Gold heilt uns nicht, und es macht uns nicht satt. Wir wollen nichts, als täglich unsere Algen ernten und in Ruhe gelassen werden.«

Gwendolyn horchte auf. »Algen? Aber das Öl …«

»Das ist die göttliche Strafe für unsere Sünden.« Er hob den verklärten Blick zum Himmel. »Ebenso wie die Pestilenz.«

Sie wandte sich um, schob sich durch die Menschenmenge und verließ das Dorf. Ein paar Kinder liefen ihr nach und bewarfen sie mit Schlamm.

Gwendolyn folgte dem Weg. Sie war hungrig und erschöpft, doch sie ging weiter. Die Kälte stach ihr in die Glieder. Selbst der Gestank ihrer Kleider war kaum mehr zu ertragen.

Es wurde bereits dunkel, da trat plötzlich ein Moosweiblein aus dem Wald. Es nickte grüßend mit wippendem Püschel.

»Ich freue mich, dich zu treffen«, sagte Gwendolyn. »Weißt du vielleicht, ob es hier eine Höhle gibt?«

Das Moosweiblein kicherte. »Die kenn’ ich, aber ja. Geh diesen Weg weiter, bis du zu einem Bach gelangtest. Diesem folgtest du. Er mündete in einen Fluß. Überquere ihn. Du sahst dort eine alte Buche, die der Blitz spalten wird. Geh an ihr vorbei, und nach tausend Schritten kamst du ins Tal der erloschenen Lichter. An dessen Ende fandest du die Höhle, die du suchst.«

Kichernd verschwand das Moosweiblein zwischen den Bäumen.

Gwendolyn ging weiter, fand den Bach, und dort, wo er in den Fluß mündete, sah sie im Licht der drei Monde am gegenüberliegenden Ufer den vom Blitz zerstörten Baum. Nirgendwo war eine Furt oder gar eine Brücke zu sehen. »Und nun?« fragte sie. »Ich glaube, wir machen erst einmal Rast.« Ihre Füße schmerzten. Sie kniete nieder, trank etwas von dem kalten Wasser, obwohl sie wußte, daß dieses Blendwerk nicht ihren wirklichen Durst – den von Alyssas Körper – stillen konnte. Sie sammelte Bruchholz, errichtete aus großen Steinen eine Feuerstelle und ließ Fips Flammen speien.

»Vielleicht sollte ich mich vergrößern, um einfach einen Schritt über den Fluß zu machen.« Sie wärmte die ausgestreckten Hände am Feuer.

»Lieber nicht, lieber nicht, das ist doch Verschwendung!«

»Du hast recht. Aber ist das nicht merkwürdig: magische Utensilien scheinen Ereignisse zu provozieren; wenn ich Zauberbohnen hätte, müßte ich sicherlich irgendeinen Berg ersteigen.«

»Das mußtest du auch so, ohne Bohnen – die Klippen, die Klippen.«

»Sicher, ich sage nicht, daß für jedes Hindernis ein Zauber zur Hand ist – es ist umgekehrt: jeder Zauber zieht ein passendes Problem an. Wären die Tolltrolle auch aufgetaucht, wenn Leberecht mir keine Hostien gegeben hätte?«

»Natürlich, natürlich, woher hätten die Trolle denn davon wissen sollen?«

»Ja, woher wohl?« Sie wußte es natürlich, doch sie sagte es nicht. Beide schwiegen, und es dauerte lange, bis Gwendolyn endlich einnickte. Es war das erste Mal, daß sie in Fancy schlief.

Sie träumte wirres Zeug: Jemand rief ihren Namen, ohrfeigte sie, sie wurde hochgehoben, schwebte; überall waren blitzende blaue Lichter, ein Ungeheuer jaulte; Schlangen krochen über ihren Leib, kalt und leblos …

»Sieh nur, sieh nur!« Fips’ Gekeife weckte sie. Sämtliche Glieder schmerzten, sie spürte ihre Zehen kaum noch. Das Feuer war erloschen, der Wind spielte mit weißer Asche.

»Der Fluß, Fips! Er ist zugefroren!« Diesiges Licht sickerte aus dem wolkenverhangenen Himmel.

»Ich weiß, ich weiß.«

Sie nahm die Satteltasche und prüfte vorsichtig mit dem Fuß das Eis. Es knackte, doch es trug. Sie schob reifbedecktes Schilf beiseite und begann, den Fluß zu überqueren. »Was sagst du dazu, Fips? Es muß gar nicht so schwierig sein, übers Wasser zu gehen.«

Das Eis knirschte wie Kork. »O, oh. Das wird böse …«

»Schon gut!«

»Mein Gewicht, mein Gewicht muß das Eis nicht auch noch tragen.« Fips flog auf und landete auf einem Ast der Buche. Sicher gelangte Gwendolyn ans Ufer, Fips kehrte auf ihre Schulter zurück, und sie setzten den Weg fort, vorbei an dem toten Baum. Es war nicht nötig, die Schritte zu zählen. Das Tal der erloschenen Lichter war nicht viel mehr als ein klaffender Riß im Fels, so völlig überwuchert, daß es darin stockfinster war.

Gwendolyn brach einen verdorrten Ast von einem Baum. Mit schrillem Kreischen flog ein Pterodaktylus auf.

»Was war das? Was war das?«

»Es sah fast aus wie ein Flugsaurier. Merkwürdig, die gab es doch wirklich. – Hier, steck die Fackel an!«

Im spärlichen Flackern des brennenden Asts drangen sie in das Tal ein, tiefer und tiefer. Der Rauch zog nach oben ab, zwischen die Gewächse, die das Tal bedeckten. Es schien kein Ende zu nehmen, wand sich hierhin und dorthin. Es kam Gwendolyn vor, als seien Stunden vergangen, seit sie es betreten hatten, doch die Fackel war kaum abgebrannt.

»Da! Da!« Der Drache sah im Dunkeln trotz des Feuerscheins besser als Gwendolyn, doch gleich darauf erkannte auch sie den Eingang zur Höhle. Geruch von Fäulnis schlug ihnen entgegen. »Das riecht nach Gefahr, Gefahr!«

»Ich kann nicht.«

»Was? Was?«

Gwendolyn atmete schwer. Sie bekam kaum noch Luft. »Ich kann die Höhle nicht betreten. Ich habe Angst vor engen Räumen.« Sie schluckte krampfhaft. »Klaustrophobie.«

»Aber du mußt! Du mußt!«

Sie stieß ein schmerzhaftes Lachen aus, verschluckte sich, würgte. »Das sagst ausgerechnet du?« Zaghaft ging sie einen Schritt weiter. »Ich muß!« Noch ein Schritt. »Muß!« Jetzt stand sie in der Höhle: sie war gigantisch, die Decke war nicht zu erkennen, tauchte unter in der Finsternis. Das Fackellicht versickerte auf dem Weg dorthin. Gwendolyn versteinerte.

Vor ihr, fast zum Greifen nah, stand das Virus.

Wie hypnotisiert starrte sie das glitzernde Gebilde an. Ein riesiger Vielflächner, wie aus Quecksilber gegossen, über und über besetzt mit spiegelnden Kugeln an klobigen Verbindungsstäben.

Das Virus vibrierte.

»Tu etwas! Tu etwas!«

Wie aus einer Trance erwacht, rührte sich Gwendolyn. Ihre Hände nahmen, als wären sie eigenständige Wesen, das Vergrößerungsglas aus der Satteltasche. Gwendolyn betrachtete ihre Finger durch das Glas. »Vis consili expers mole ruit sua«, preßte sie hervor.

»Was heißt das? Was?«

Gwendolyn fühlte, wie sie wuchs. »Macht bar guter Absicht …« Ihr Leib blähte sich auf, Muskeln dehnten sich, Knochen ächzten, Sehnen waren bis zum äußersten gespannt. »… zerbricht unter ihrer …« Das Virus war nun nicht mehr vor ihr, sondern unter ihr. »… eigenen …« Schwerkraft zerrte an ihr, Blut quoll aus ihren Poren, Sehnen rissen, Knochen barsten unter der Last ihres Gewichts.

Gwendolyn brach zusammen und begrub das Virus unter sich.

Verschwommen sah Gwendolyn ein Gesicht über sich. Ihr Gehirn brannte wie glühendes Eisen. Sie wußte, daß sie das Gesicht zuvor gesehen hatte, sie erkannte es jedoch nicht. »Was ist geschehen?« fragte sie; oder versuchte es, doch ihre Zunge wollte ihr nicht gehorchen. Nur unverständliches Brabbeln kam aus ihrem Mund.

Von den Lippen in dem fremdvertrauten Gesicht lösten sich Sprechblasen. »Alyssa«, sagte es. »Alles ist gut, alles kommt wieder in Ordnung.«

Wer war Alyssa? »Was ist passiert?« wiederholte sie ihre Frage, deutlicher diesmal. Alyssa? Sie hatte einmal eine Alyssa gekannt.

»Mach dir keine Sorgen, keine Sorgen, ich bin bei dir.«

Alyssa … ja! Sie war … »Ich bin Alyssa!« rief sie aus.

»Ganz ruhig, Schatz. Es wird alles gut. Es wird alles gut.«

Allmählich konnte sie den Raum um sich wahrnehmen. Monitore blinkten und piepsten, Kabelstränge klebten an ihr wie die Fäden an einer Marionette, Infusionsschläuche steckten in ihren Armen. »Wo bin ich?«

»Hab keine Angst, Alyssa, keine Angst. Die Ärzte sagen, du …« Es folgten Worte, die sie nicht verstand, scheinbar sinnlose Worte. Sie versuchte sich aufzurichten. Schmerz brandete durch ihren Körper.

»Bleib liegen. Du mußt liegen bleiben.«

Unscharf sah sie auf der Bettkante einen Tolltroll sitzen, der böse den gespickten Rachen bleckte. »Was … wie kommt er hierher?« Sie deutete auf den Dämon; ihr Arm schien zu explodieren.

»Wer? Wovon sprichst du?« Seine Hände drückten sie sanft zurück in die Kissen. »Hier ist niemand.«

Ein Schleier wie von Hitzeflimmern verzerrte das Gesicht, dann wurde es klar. »Alexander! Du bist Alexander!« Er war unrasiert und wirkte übernächtigt.

»Willkommen«, sagte er und strich über ihre schweißnasse Stirn. »Willkommen zurück in der Wirklichkeit.«

Alyssa preßte die Lippen zusammen. Der Tolltroll blitzte sie aus hämischen Äuglein an.

Copyright © 1996 by Achim Stößer • Erstveröffentlichung • Illustriert von Werner Ruhner

Brian W. AldissEngland

VOR DEM ABGRUND

Ich bin noch nicht geboren;

gib mir Wasser, mich zu schaukeln,

Gras, das für mich wächst,

Bäume, die zu mir sprechen,

den Himmel, der zu mir singt,

Vögel und ein weißes Licht,

das meinen Geist erhellt und leitet.

Louis MacNeice, ›Gebet vor der Geburt‹

Das Westufer des Flusses, so wollten die alten Legenden wissen, war das Ufer des Todes. Dort gingen die Toten zu ihren Gräbern und Grüften zwischen den Sanddünen und den Sonnenuntergängen.

Wie dem auch gewesen sein mochte, eine Barke kam aus dem Dunst näher, der das Westufer verschleierte, und bewegte sich mit gleichmäßiger Zielstrebigkeit zur Mitte des Stroms. Sie war hochgebaut an Bug und Heck. Dort, im Heck, lenkte eine dunkle Gestalt die Barke mittels eines langen Steuerruders.

Die Gestalt war allein an Bord. Zu ihren Füßen standen tönerne Truhen von seltsamer Gestaltung, deren Deckel die Köpfe von Eulen, Wölfen und Katzen nachahmten. Noch seltsamer war die Gestalt des Fährmannes selbst. Er trug einen kurzen Überwurf mit steif gefälteltem Rock, und an seinem Gürtel hing ein Schwert. Seine braunen Arme waren bloß und geschmückt mit verzierten metallenen Armreifen an Handgelenken und Oberarmen. Um seinen Hals lag ein breiter Perlenkragen, und er trug eine dicke blaue Perücke, um zu zeigen, daß seine Fahrt eine Amtshandlung war.

Die Perücke umgab einen schmalen, knochigen Kopf. Die scharf vorspringende Nase des Fährmanns, sein fliehendes Kinn, das schwarze Fell, das sein Gesicht bedeckte, die zwei spitz aufgerichteten Ohren, wachsam aufgestellt gegen die Feluke, der er sich näherte, waren die eines Schakals. Er gehörte nicht der Welt der Männer und Frauen an, obwohl er mit ihnen verkehrte.

Nicht weniger beunruhigend war die unnatürliche Tatsache, daß seine still durch das späte Licht des Sonnenuntergangs gleitende Barke kein Spiegelbild auf das dunkelnde Wasser warf, und keinen Schatten in die Tiefen unter seinem Kiel.

Die Feluke war vom Hotel Assuan Sheraton am Ostufer des Nils abgefahren und kam langsam stromaufwärts voran. Ein leichter Nordwind blähte das Segel. Nicht einer der vierzehn Passagiere an Bord hatte etwas zu sagen, als ob die Feierlichkeit des Sonnenuntergangs auf ihren Gemütern lastete. Alle Blicke waren auf das ferne Westufer gerichtet, während die Sonne tiefer sank, aprikosenfarben im wolkenlosen Himmel. Oscar North saß eingezwängt im Heck der Feluke. Er war durchdrungen vom Bewußtsein der Absonderung. Er kannte keinen der Passagiere an Bord des Bootes, obwohl er wußte, daß sie diese Fahrt wie er vom Landeplatz der riesigen Betonwabe des Luxushotels angetreten hatten, die nun in aschgrauer Ferne hinter ihnen zurückblieb. Das heißt, einen der Fahrgäste hatte er inzwischen wiedererkannt, einen kleinen dünnen Mann mit spärlichem Haar und schweren Augenlidern, mit dem er am vergangenen Tag versehentlich im Foyer des Hotels zusammengeprallt war; dieser Mann wandte jetzt den Kopf und betrachtete North mit einem Blick, als wollte er ein Gespräch anfangen. North wich seinem Blick aus.

North ging auf die Vierzig zu. Er hatte keine Anstrengung gescheut, eine jugendliche Figur zu behalten, und an allen sportlichen Aktivitäten teilgenommen, die von der Abteilung organisiert wurden, in der er beschäftigt war, während er zur gleichen Zeit Abende in feuchtfröhlicher Runde mit Freunden aus dem Büro verbrachte. Die Züge seines breiten, knochigen Gesichts, besonders aber seine engstehenden farblosen Augen, wirkten ziemlich unbedeutend.

In der Personalakte der multinationalen Gesellschaft, für die Oscar North arbeitete, fand sich der negative Hinweis: ›Nicht sehr vielversprechende Herkunft.‹ Eine weitere Bemerkung bestand aus nur einem Wort: ›Konformist.‹

North blickte umher, ohne von dem dünnen Mann Notiz zu nehmen. Auf dem Wasser zu sein, empfand er im allgemeinen als etwas Besonderes, doch heute abend verspürte er nur Unbehagen, als ob dies eine Reise ins Unbekannte wäre, statt eines gewöhnlichen touristischen Ausflugs. Der mächtige Strom schien das Licht in sich zu sammeln, als der Himmel über ihm dunkelte. Schon glitzerten die ersten Sterne, und die schmale Mondsichel schien metallisch herab. Die Gesichter der anderen Fahrgäste verschwammen zu undeutlichen hellen Hecken und wurden anonym. Der dünne Mann beugte sich herüber und tippte mit dem Finger auf Norths Arm.

»Da ist Philae«, sagte er.

Er zeigte in die Fahrtrichtung der Feluke. Seine Stimme klang vertraulich, als ob er sich einbildete, ein Geheimnis mit North zu teilen.

North konnte weiter voraus nichts erkennen als Land und Felsgestein, schwarz vor dem wolkenlosen Abendhimmel. Vereinzelte Palmen ragten wie zornige schwarze Haarknoten in den Abendhimmel. Das leise Rauschen des vorbeistreichenden Wassers an den Bootsplanken konnte beinahe das Geräusch der anbrechenden Nacht sein, die sich über Oberägypten breitete.

Der dünne Mann erhob sich von seinem Platz und zwängte sich trotz der Enge auf die Heckbank neben North.

»Vor fünfzehn Jahren besuchte ich Philae mit meinem Vater. Ich habe es nie vergessen. Es ist zauberhaft, reine Magie – einfach phantastisch.«

Dazu schüttelte er den Kopf wie im Widerspruch zu seinen eigenen Worten.

North war unfähig zu irgendeiner Antwort. Er begriff, daß er verpflichtet war, freundlich zu einem Landsmann zu sein, doch war er hauptsächlich im Urlaub nach Ägypten gefahren, um seinen Landsleuten zu entkommen – auf der Suche nach etwas, das er noch zu entdecken hatte.

Schlimmer war sein Gefühl, daß dieser Kerl ihn verstand, ihn und seine Schwächen. Daher fühlte er sich in die Abwehr gedrängt und war widerwillig, zu sprechen.

Der dünne Mann aber wartete kaum auf eine Antwort, sondern fuhr beinahe ohne Unterbrechung fort: »Wir trafen uns in der Hotelhalle, wenn Sie sich erinnern – Sie hatten Ihre Frau bei sich. Eine gutaussehende Dame, würde ich sagen. Sie begleitet Sie nicht auf diesem Ausflug?«

»Ihr war nicht danach zumute«, sagte North.

»Darf ich fragen, wieso? Es heißt, die neue Darbietung von son et lumière auf Philae sei unübertrefflich.«

Wieder war North zu einer Antwort außerstande. Verärgerung stieg in ihm auf, als er an den heftigen Streit mit seiner Frau im Hotelzimmer dachte, bevor er gegangen war.

»Mein Name ist Jackson, Joe Jackson, und ich komme aus Jacksonville, Florida. Ich bin Leichenbestatter von Beruf, verheiratet, geschieden, drei Kinder, zwei Enkel«, sagte der dünne Mann, hielt ihm die Hand hin und schüttelte den Kopf.

»Oscar North«, sagte North und nahm die dargebotene Hand.

Die beiderseitige Vorstellung schien für Joe Jackson das Signal, die Schleusen seiner Beredsamkeit vollends zu öffnen.

»Es wird Nacht. Die alten Ägypter würden behaupten, daß Ra, der Sonnengott, unter der Welt segele, die Sonne sicher in seinem Boot verstaut … Sie hatten viele seltsame Vorstellungen dieser Art. Aber selbst heute, in diesem Zeitalter des Fortschritts, glauben die Menschen ziemlich seltsame Dinge, auch in den Vereinigten Staaten. Als der Jacksonville Bugle kürzlich eine Umfrage über Ausbildung durchführte, stellte sich heraus, daß zweiundsechzig Prozent der Befragten glauben, die Sonne kreise um die Erde statt umgekehrt …«

»Na ja, die Leute in den Städten …«

Er schüttelte den Kopf. »Das macht keinen Unterschied. Hier haben sie andere Vorstellungen, eine andere Mentalität, wie sie sagen. Es ist ein moslemisches Land. Sind Sie und Ihre schöne Frau schon einmal in Ägypten gewesen?«

»Dies ist das erste Mal, daß ich außerhalb der Vereinigten Staaten und Europas bin. Europa ist ziemlich amerikanisiert – wir besitzen ein gutes Stück davon, wie Sie wissen.« Er lachte unsicher.

»Der Glaube: das ist das Wichtigste im Leben«, sagte Jackson. »Was mich angeht, ich bin ein religiöser Mensch. Es verändert die Betrachtungsweise.«

In Sorge, der Mann sei im Begriff, philosophisch zu werden, sagte North kurz angebunden: »Nun, ich glaube an die protestantische Arbeitsethik.« Er kehrte dem Mann aus Florida die Schulter zu und blickte über das Wasser hinaus.

Es hatte den Anschein gehabt, als sei die Feluke kaum vorwärts gekommen, aber plötzlich tauchten die dunklen Umrisse von Land ganz in der Nähe auf, als der Steuermann den Kurs änderte. Felsen erschienen dicht neben dem Boot, von den ungezählten Überflutungen der Vergangenheit zu elefantenähnlichen Formen geglättet. Die Wirkung war so, daß man glaubte, sich zwischen einem Trupp gewaltiger Tiere an ein Wasserloch zu drängen.

Steinerne Tempel überragten den Mast der Feluke, nur um hinter einem felsigen Vorsprung zu verschwinden. Als das Boot in die Hafenbucht einlief, kam eine Reihe von Fackeln in Sicht, die einen Anlegeplatz und eine breite Treppe dahinter beleuchteten.

Beinahe gleichzeitig erhoben sich die Passagiere im Boot und standen schweigend. Es war ihnen bewußt, daß sie einen Übergang von einer Welt zu einer anderen vollzogen hatten. Dunkelheit hüllte sie ein. Niemand sprach. Paare hielten einander bei den Händen.

Die Besatzung sprang an Land und machte das Boot am Fuß der Stufen fest. Die Passagiere betraten die Insel und begannen den Aufstieg. Die Stufen waren breit und niedrig. Turbantragende Ägypter standen am Rand des Weges und bedeuteten ihnen weiterzugehen. Andere Wasserfahrzeuge kamen aus der Dunkelheit wie Falter zu einer Flamme, eine weitere Bootsladung Touristen betrat Philae mit gespannten und ernsten Gesichtern.

Als sie an Land gingen, versuchte North, sich vor Joe Jackson hinter anderen Passagieren zu verbergen, aber der dünne Mann erschien gleich darauf an seiner Seite. North zeigte keine Reaktion. Er wollte sich ganz und ohne Ablenkung Philae hingeben. Dies war sein letzter Abend in Ägypten.

»Da ich von Beruf Leichenbestatter bin, habe ich das Studium der alten Ägypter zu einer Art Steckenpferd gemacht«, sagte Jackson. »Sie waren ein wundervolles Volk. In der Kunst des Einbalsamierens waren sie unvergleichlich. Unvergleichlich.«

Wieder schüttelte er den Kopf, als wollte er sich selbst Lügen strafen.

»Sie hatten Geheimnisse und Techniken, die uns heute trotz all unserer modernen Fortschritte unbekannt geblieben sind. Manche Fachleute glauben, sie hätten mit Magie gearbeitet. Vielleicht war es so.« Er gluckste. »Natürlich hatten sie Götter und Göttinnen für alles. Ich weiß einiges über sie. Zum Beispiel ist diese Insel Philae der Göttin Isis geweiht, die in dieser Gegend über tausend Jahre lang verehrt wurde … Sie war eine raffinierte Person, wenn man so sagen darf.«

North stieg schweigend die Stufen hinauf.

»Philae ist der Isis geweiht«, wiederholte sich Jackson. »Wahrscheinlich wissen Sie das aus dem Reiseführer. Wie lange sind Sie und Ihre Gattin schon in Assuan?«

»Zwei Tage.«

»Zwei Tage. Ist das alles? Was haben Sie bisher gesehen?«

»Nichts, wir haben uns ausgeruht, Mr. Jackson, haben uns am Beckenrand einen schönen Tag gemacht. Was interessiert es Sie?«

»Sie und Ihre Gemahlin sind am Rand einer wundervollen Welt. Verschwunden und untergegangen, aber auf geheimnisvolle Weise immer noch hier.« Sein Ton ließ erkennen, daß er keinen Anstoß an Norths abweisendem Verhalten nahm; Langweiler und Wichtigtuer können es sich nicht leisten, Anstoß zu nehmen. »Bei Tag liegt Ägypten wie ausgelöscht unter der Sonnenglut. Das Licht ist ganz anders als in Florida. Dann steigt man hinunter in die Dunkelheit der Grabkammern und plötzlich öffnet sich ein wundervolles farbiges Bilderbuch der Vergangenheit. Götter, Göttinnen, Menschen, Tiere, alles. Natürlich sind es keine christlichen Darstellungen, aber sie sind wunderbar. Lassen Sie sich das nicht entgehen.«

»Morgen früh muß ich wieder in Genf sein«, sagte North.

An der niedrigen Wand zu ihrer Linken brannten Fackeln in eisernen Haltern und tauchten die Wasser jenseits davon in stygisches Halbdunkel. Die Besucher waren vom Rest der Welt abgeschnitten. Als sie die Stufen erstiegen, kamen mehrere imponierende Steingebäude in Sicht. Selbst Jackson verstummte. Eine Feierlichkeit ergriff alle Besucher, als ob sie nicht bloß Touristen auf der Suche nach etwas mehr als Sonnenschein und oberflächlicher Zerstreuung wären, sondern Pilger zu einem heiligen Schrein.

Als sie ebenen Boden erreichten, sahen sie mehrere Tempel vor sich, von versteckten Scheinwerfern angestrahlt und aus der Dunkelheit herausgelöst, die Wände geschmückt mit Darstellungen einiger der beliebtesten Götter: Horus, dem Falkenköpfigen, Hathor, Nephthys, der Schwester Isis’, und Isis selbst, schlank und aufrecht, mit entblößten Brüsten. Diese großen Gestalten hielten hier seit mehr als dreitausend Jahren Wache, eingemeißelt in den Stein mit einer Überzeugung, die ihnen Unsterblichkeit zu garantieren schien.

Über den Tempeln war es Nacht geworden. Die silbrig glitzernde Mondsichel stand am schwarzen Himmel, und nur im wolkenlosen Westen blieb ein Streifen altrosa Lichtes, der rasch verblaßte: die Farbe des Bedauerns.

Die Schönheit und Ruhe der Szene vor ihm, die zugleich etwas Tragisches an sich hatte, ließ North innehalten. Er wünschte, er hätte sie ganz für sich, ohne den aufdringlichen Jackson, ohne die anderen Touristen. Morgen hieß es zurück in die Hektik und den Druck des Warentermingeschäfts im Genfer Büro.

Die Versetzung zum Schweizer Büro hatte für den ehrgeizigen Oscar North eine Beförderung bedeutet. Winifred hatte die Gegend von Washington, wo ihre Familie lebte, nur mit größtem Widerwillen verlassen. Seither war es mit ihrer Ehe abwärts gegangen. Vielleicht sollte er zu Isis beten, dachte er unvermittelt, daß die Dinge sich besserten.

In der Menge anonymer Menschen ging er Jackson aus dem Weg. Wärter lenkten den Besucherstrom über eine gepflasterte Fläche. Weitere Feluken trafen am Landeplatz ein, tauchten aus der Dunkelheit auf, entließen weitere Besucher, die zur Schau gekommen waren. North ließ sich von ihrem Strom mitziehen und hielt Ausschau nach einer günstigen Position.

Er fand einen Platz bei der Absperrung, die Zuschauer zurückhalten sollte. Vor ihnen ragte der Tempel der Isis auf, davor eine mächtige Steinsäule aus der Zeit der ptolemäischen Pharaonen. Die zwei Türme waren so angestrahlt, daß die obersten Partien im Halbdunkel lagen, als wollten sie nach den Sternen greifen. North fand zu einem gewissen Maß innerer Ruhe, als er das Schauspiel auf sich wirken ließ; es war ein Gefühl, das er kaum kannte. Er dachte an das ehrwürdige Alter der Bauwerke, ihre massive Festigkeit und Anmut, und daß so viele Generationen von Wallfahrern auf dieser kleinen Nilinsel in der Verehrung der Göttin Frieden gefunden hatten. Noch immer herrschte eine Atmosphäre von Heiligkeit. Die Insel war ganz dem Denkmalschutz gewidmet; niemand lebte hier. Es gab keine Häuser oder Geschäfte, nur die majestätischen Ruinen.

Jackson war wieder an seiner Seite.

»Ich hatte Sie aus den Augen verloren, Mr. North. Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich bei Ihnen stehe? Ich bin nicht gern unter all diesen Fremden. Kann sein, daß ich mich als Leichenbestatter mehr an Leute gewöhnt habe, die das Zeitliche gesegnet haben.« Er lachte glucksend und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

»Es ist ein wunderbarer Ort«, sagte North.

»Wirklich schade, daß Ihre Gattin nicht mitgekommen ist.«

North war nicht bereit, sich in eine Diskussion darüber verwickeln zu lassen, was mit Winifred geschehen war.

Winny und Oscar North kamen vom Schwimmbecken des Hotels herein, suchten ihr Zimmer auf und duschten. Die Hitze draußen war beinahe unerträglich gewesen.

»Laß uns in die Bar gehen und ein paar Gläser trinken«, sagte er beim Haaretrocknen.

»Du hast schon draußen am Schwimmbecken die ganze Zeit getrunken. Hast du noch nicht genug?«

»Du hast ja die ganze Zeit mit dieser Frau geredet, wer immer sie war.«

»Sie ist nett. Sie kommt aus Arizona und bleibt volle zwei Wochen im Hotel. Sie erzählte mir …«

»Sie ist eine Nervensäge.«

»Oscar, du hast überhaupt nicht mit ihr gesprochen. Wie kannst du wissen, wie sie ist? Sie ist gut betucht, das kann ich dir sagen.«

Das Telefon läutete. Er ging rasch hin und nahm den Hörer ab.

Gleich darauf hielt er den Empfängerteil mit der Hand zu und machte ein Gesicht. »Ein Anruf aus Genf. Larry möchte mich sprechen. Kann nichts Gutes sein.«

Winny saß auf einer Sessellehne und zog sich einen Schuh an. Nun warf sie ihn zornig zu Boden. »Nein, nicht Larry. Sag ihm, du bist nicht zu Hause. Sprich nicht mit ihm. Sag ihm, er soll verduften.«

Aber Larry, Norths unmittelbarer Vorgesetzter, war an der Leitung, und Oscar hörte zu und lächelte und sagte: »Nein, ich freue mich, von Ihnen zu hören, Larry. Ganz im Gegenteil, großartig. Wie läuft es in Genf?«

Als er lauschte und seine Miene ernst wurde, ging Winny hinüber und lauschte auch.

»Aber die Armour-Aufstellung ist in Ordnung, Larry. Können Sie das nicht in die Hand nehmen, bis ich nächsten Montag zurück bin? Wir sind nur eine Woche fort.«

»Sie wissen, daß ich in Paris sein muß, Oscar«, sagte Larry beharrlich. »Wenn die falschen Leute von dieser Geschichte hören …«

»Sag ihm, er soll dir den Buckel runterrutschen«, sagte Winny. »Wir sind gerade erst angekommen.«

»Wir sind gerade erst hier angekommen, Larry.«

»Nun, wenn Sie bereit sind, es sausen zu lassen … Das liegt bei Ihnen, Oscar. Sie wissen, was Armour umsetzt.«

»Ich glaube wirklich nicht, daß es so dringend ist, Larry. Sehen Sie, ich meine …«

»Wenn das Ihre Entscheidung ist, Oscar. Natürlich werde ich Schwierigkeiten haben, es morgen in der Besprechung zu erklären …«

»Können Sie ihnen nicht einfach sagen, daß ich Freitag zurück sein werde? Oder angenommen, ich käme Donnerstag zurück? … Mittwoch, dann?«

»Sag ihm, er soll sich den Job hinten reinschieben, Oscar!«

»Das liegt ganz bei Ihnen, Oscar. Ganz bei Ihnen. Ich will Sie nicht unter Druck setzen, aber Sie wissen, wie diese Dinge laufen. Und es ist Ihre Zukunft in der Gesellschaft zu bedenken.«

»Wie wäre es, wenn ich Dienstag zurückkommen würde, Larry?«

»Glauben Sie, Armour würde es verstehen? Ich muß bald zurückrufen. Sie wissen, wie es aussehen wird, wenn ich sage, daß Sie in Urlaub sind und nicht zur Verfügung stehen. Aber das ist allein Ihre Entscheidung, wenn Sie es so spielen wollen.« Larrys Stimme war kalt.

»Mein Gott, sehen Sie, Larry … Okay, ich werde morgen früh einen Rückflug buchen, einverstanden?« Er zwang Ironie in seine Stimme und fragte: »Wird Ihnen das früh genug sein?«

»Ich überlasse es ganz Ihnen, Oscar.« Die Leitung war tot.

North legte den Hörer auf, ohne seine Frau anzusehen.

»Oh, du Arschloch!« kreischte sie. »Du hast alles verdorben.«

Ein schmaler Mond schien auf die Insel Philae herab. Kein Lufthauch regte sich. Der große dunkle Strom umgab die Insel mit seinem Atem, während er von Süden nach Norden das alte Land durchfloß.

Noch immer kamen Touristen von der Anlegestelle herauf. Sie spürten die Trockenheit der Luft. Hier regnete es nie; alles Leben hing vom Fluß ab. Die Vegetation blieb seinen Ufern nahe, ein dünner bestickter Streifen, eingewebt in grenzenlosen Wüstensand. Und Joe Jackson zeigte zu einer der Riesengestalten, die in die Tempelwand gemeißelt waren, und sagte: »Sehen Sie den da? Den Gott mit dem Schakalkopf? Das ist Anubis.«

»Ich glaube, ich habe von ihm gehört«, sagte North. »Was tut er?«

»Anubis ist der Mittler zwischen den Lebenden und den Toten. Er verbindet die sichtbare mit der unsichtbaren Welt. Ein wichtiger Gott. Er hält Gericht und entscheidet, ob Sie die Ewigkeit in den Sommersternen oder im Abgrund verbringen.«

»Er ist furchteinflößend.«

»Ich habe ein besonderes Interesse an Anubis.« Das hastige Kopfschütteln, die nervöse Eigenart zu leugnen, was der Hund gesprochen hatte. »Wissen Sie, er ist auch der Gott der Medizin und der Einbalsamierung. Darum interessiert er mich besonders. Er entnimmt den Toten die Eingeweide und legt sie in Tonkrüge, die oft wie Tiere geformt sind, so daß sie bereit sind, wenn der Verstorbene in der Unterwelt eintrifft. Und was das Eigenartige daran ist … Moment!«

Er unterbrach sich, denn plötzlich drang Musik aus der trockenen Erde, die schrille Musik einer früheren Zeit, Musik von Hitze und Wein und Nacktheit und der Bronzezeit.

Die Beleuchtung der Tempelwände verblaßte, und sie versanken wie Geister in der Dunkelheit. Einen Moment lang herrschte nur die Nacht über viele.

Und der Mond schien herab und lähmte die Insel mit seiner Reinheit.

Dann erwachten farbige Flecken, grün, bronze, orange, und das Spektakel son et lumière begann.

Gemessene Stimmen, männliche und weibliche, in London gemietet, erzählten alte Geschichten von den Göttern und Göttinnen, die einst über die zwei Königreiche Ober- und Unterägypten geherrscht hatten. Von Ra, dem Sonnengott, von seinen Enkeln Geb und Nut, dem Gott der Erde und der Göttin des Himmels, und von ihren Kindern, zu denen Osiris gehörte, der Gott der Toten, und seine Schwester Isis, die später seine Gemahlin wurde. Als die absurde Geschichte ihren Fortgang nahm, öffneten sich neue Bezirke der Tempelanlage, und turbantragende Wärter führten die Besucher weiter, daß sie das nächste Kapitel der Geschichte in einem anderen Raum der heiligen Ruine hörten.

Feierlich zogen die Besucher an einer langen Kolonnade vorüber, deren Säulen Kapitelle trugen, von denen keines den anderen glich. Die Decke war mit Sternen und fliegenden Geiern geschmückt. Zwei Löwen aus Granit bewachten den Eingang zum inneren Tempelkomplex. Im Großen Hof stand das Geburtshaus. Hier wurde dargestellt, wie Isis den Horus gebar. Horus als Falke mit der Doppelkrone, Horus, der von Isis an der Brust genährt wurde. Alle die unheimlichen Nachkommen wurden an den Wänden lebendig, glommen in Bernsteingelb und Stumpflila, erschienen oder verschwanden nach dem Willen des Erzählers.

Und die Geschichte nahm ihren Fortgang. Blutschande, Mord, Verstümmelung, Bruder im Kampf gegen Bruder, eine Feuersbrunst von Todsünden und Ehrgeiz, inszeniert in einer früheren Welt, wo die Schilffelder voll von Wasservögeln waren, die Wälder voll von Hirschen und Leoparden, die Himmel voll von Gänsen und Tauben und die Gedanken der Menschheit voll von dem Glauben an frühere Existenzen, bevor der Intellekt geboren wurde.

Oscar North ging wie in einer Betäubung zwischen Hallen, Heiligtümern, rituellen Darstellungen von Opfergaben an die dunklen Gottheiten, und Geschichten von Überschwemmung und Naturgewalten. Die Hälfte seiner verbliebenen Aufmerksamkeit galt der Aufgabe, Joe Jackson aus dem Weg zu gehen. Die farbigen Scheinwerfer und die turbantragenden Wärter geleiteten die Besucher weiter wie Hunde eine Schafherde. Der Mond schien zwischen den ornamentierten Säulen auf ihn herab und schien Zuflucht vor quälenden Gefühlen zu bieten.

Während er so zwischen Licht und Dunkelheit einherschritt, dem Führungsweg und der Erzählung folgte, ergriff ihn die von unsichtbaren Lippen berichtete Geschichte und erfaßte ihn wie ein alter Glaube. Er war plötzlich erfüllt von dem Verlangen nach der lebendigen Welt, die vor Jahrtausenden verschwunden war, nach dem heißen Sonnenlicht, das einst dieses Volk, die Tiere und Vögel im schmalen Streifen des ägyptischen Lebens beschienen hatte. Wie in seinen Tagen des zwanzigsten Jahrhunderts, hatten die Menschen widersprüchliche Vorstellungen vom Leben nach dem Tode: Manche behaupteten, daß der Tod einen befreie, so daß er für allezeit unter den Sommersternen wohnen werde, andere glaubten, daß der Tod zu einem Grab führte, wo Anubis kommen würde, dunkel und mit dem Kopf des Schakals, um einen in Vorbereitung auf das Gericht wie eine Gurke einzulegen. Und daß dieses Gericht entweder zum Abgrund oder zu einem weiteren Leben führen würde, wo es noch immer Sklaven und tanzende Mädchen und Wein und Wohlgerüche und Land zu pflügen gab.

Mit alledem verglich er seine eigene Existenz, seine Jahre in Büros und Bars und Hochhäusern, seine Gefangenschaft an Schreibtisch und Computer, seine Ängste und Sorgen um Arbeit und Ehe und Einkommen. In seinem Leben hatte es niemals eine Isis gegeben, anmutig und blutdürstig. Er hatte sich den Umständen unterworfen. Glauben hatte es nie gegeben. Nur Furcht und den Wunsch, sich anzupassen.

»Ich glaube, wir kommen jetzt zu Trajans Kiosk«, sagte Jacksons Stimme neben ihm. »Das heißt, wenn ich mich nach all der Zeit recht erinnere. Kommen Sie zum Abendessen, wenn wir wieder im Hotel sind?«

»Mir ist nicht nach Essen zumute«, sagte er.

Seine Gedanken waren in einem quälenden Aufruhr. Er mußte diesem kleinen Mann entkommen. Dann konnte er denken. Vielleicht würde es sogar möglich sein, sein Leben wieder zurechtzurücken.

Als der Besucherstrom nach und nach im mächtigen Rechteck von Trajans Kiosk verschwand, folgte North einem Impuls, schlüpfte davon und verbarg sich hinter einem massiven Granitblock. Schatten hüllten ihn ein. Die Wärter hatten ihn nicht gesehen.

In seinem Versteck konnte er den Fortgang der Erzählung hören. Körperlose Stimmen inszenierten das uralte Drama von Osiris und Isis und dem Tod des Gottes von der Hand seines Bruders.

Er ging im Hotelzimmer hin und her, bekleidet nur mit einem Badetuch, das er um sich gewickelt hatte. Winifred hatte ihm den Rücken zugekehrt und schaute zum Fenster hinaus auf den Nil und die wüstenhafte Einöde jenseits des Westufers.

»Was hätte ich tun sollen? Ich mußte Larry nachgeben. Du weißt, wie diese Kerle mir das Leben schwer machen. Das Genfer Büro ist in dieser Hinsicht schlimmer als Washington. Du weißt das. Außerdem, das Armour-Geschäft …«

»Erzähl mir nicht vom Armour-Geschäft«, sagte sie mit leiser, beherrschter Stimme. »Dies ist nicht das erste Mal, daß du mir so etwas angetan hast.«

»Was willst du damit sagen, dir angetan? Ich habe dir nichts angetan. Es geht darum, was mir angetan worden ist. Glaubst du, ich könne es ändern?«

Er erzählte ihr nie Einzelheiten über seine Arbeit. Entweder wollte Winny es nicht wissen, oder sie verstand die Einzelheiten nicht. Er sah sich genötigt, ihr zu erklären, daß Armour einer seiner heikelsten Kunden war. Die Gesellschaft arbeitete für Armour nicht nur im Warentermingeschäft. Durch Unteragenten exportierte Armour Tausende von Tonnen schwach radioaktiver Abfälle aus den Industrieländern in die Dritte Welt. Nun drohte den Operationen eine Krise. Ein Kunde in einem afrikanischen Land hatte radioaktive Abfallstoffe von einem Subunternehmer Armours gekauft und als Packlage für eine neue Straße durch die Hauptstadt verwendet. Menschen wurden krank. Die lange unterdrückten Tatsachen waren einer deutschen Nachrichtenagentur zugespielt worden.

»Denkst du, das kümmert mich?« unterbrach ihn Winny. »Von mir aus kann ganz Afrika tot umfallen. Was mir an die Nieren geht, ist deine dumme, tolpatschige Art, mit der du gerade unseren Urlaub versaut hast. Warum zeigst du nicht Rückgrat, du Schlappschwanz? Warum sagst du Larry und diesen Armour-Leuten nicht, daß sie dich im Arsch lecken sollen? Wie lange, meinst du, werde ich mir diesen Scheiß noch gefallen lassen?«

Er griff sich in den Nacken, fühlte, wie seine Migräne wieder einsetzte. »Laß mich in Ruhe, ja? Meinst du, es sei meine Schuld? Meinst du, ich sei für diesen Schlamassel verantwortlich?«

Sie wandte sich zu ihm um, blaß und zornig. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Wenn North sich bemühte – was er manchmal am Abend tat, bevor der Schlaf ihn übermannte –, konnte er sich an eine Zeit in Washington erinnern, als Winny nicht ständig gemeckert und mit ihm gezankt hatte. Das hatte sich erst geändert, als er nach Genf versetzt worden war, als die Gehaltserhöhungen seltener geworden waren.

Er hatte sein Bestes getan. Hatte sie zu Wochenendausflügen mit seinen Freunden aus dem Büro mitgenommen, in die Alpen oder nach Hochsavoyen. War auf ihren Wunsch eingegangen, ihre dumme Schwester einzuladen.

Das Prickelnde zwischen ihnen war längst verschwunden. Er unterdrückte das Wissen, daß, was er für sie getan hatte, die Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten, widerwillig geschehen war. Ihre Reaktionen waren konditioniert durch seinen eigenen Mangel an Charme. Aber schließlich konnte er nichts dafür, oder?

Einst hatte Winnys schlafendes Gesicht so süß und friedfertig ausgesehen. Jetzt war es schlaff und hatte einen lustlosen, kalten Ausdruck, den ihre grauen Augen verstärkten. Diesen kalten Ausdruck richtete Winny jetzt auf ihren Mann, als sie in ihrer Schmährede fortfuhr.

»Ich hörte, was Larry sagte. Er sagte, es sei deine Entscheidung. Du hättest ihm sagen können, daß er dir den Buckel hinunterrutschen soll. Du hast wieder die falsche Entscheidung getroffen.«

»Was Larry sagte, war eine Drohung. Verstehst du das denn nicht? Bist du so naiv, oder tust du nur so? Larry ist ein gemeiner Scheißkerl von einem Karrieremacher.«

»Ach, und was bist du? Du hast immer die Gesellschaft an die erste Stelle gesetzt. Du bist ein Lakai, Oscar, nichts anderes, ein … ein Speichellecker! Ich hasse dich, du bist ein Fiesling, ein Arschloch.«

»Sag du nicht Arschloch zu mir! Ich bin stellvertretender Regionaldirektor, und du weißt, wie hart ich gearbeitet habe, um den Posten zu bekommen. Armour ist einer unserer wichtigsten Kunden, und diese Geschichte ist brisant. Wenn es brennt, muß ich zur Stelle sein. So einfach ist das. Was Larry sagt, ist, daß sie ohne mich nicht zurechtkommen. Kannst du das nicht respektieren?«

Sie durchquerte den Raum und konfrontierte ihn wütend. »Siehst du denn nicht, was für ein elendes Leben wir führen? Siehst du es wirklich nicht? Schon vor unserer Heirat hast du alles in diese Gesellschaft gesteckt. Du hast dich abgerackert und Diener gemacht und Kröten geschluckt. Ich habe es gesehen. Ich habe jeden Zoll des Weges verfolgt, den du gegangen bist. Ich habe die Leute gesehen, die du nach Hause brachtest. Du nennst sie Freunde. Ich nenne sie Feinde. Leute, zu denen du nett sein mußtest, Trinker, Tyrannen, Sadisten, denen es schwerfiel, ihre Verachtung für dich zu verbergen, und mich lüstern begafften, während du dich vollaufen ließest, bevor ich das Essen auf den Tisch brachte. O ja, leugne es nicht. Und all diese schwachen Komplimente. Fresien für mich – Gott, wie ich Fresien hasse! All die Zeit, die du aufgewendet hast …«

»Ach, halt’s Maul, ja?« Er kehrte ihr den Rücken und mühte sich in ein frisches Hemd. »Ich muß unseren Lebensunterhalt verdienen. Wenn ich mich vollaufen ließ, war es deine Schuld. Wenn du es fertig gebracht hättest, freundlich zu allen …«

»Freundlich! Freundlich! Hör zu, du bist ungefähr so freundlich wie diese Wand hier!« Winifred hielt unerwartet inne, als ob früherer Ärger wieder in ihr aufwallte und ihr die Kehle zuschnürte. Sie griff sich an den Hals. »Du warst nicht freundlich mit diesen Leuten. Wir haben keine Freunde. Du nennst diesen Larry deinen Freund, aber er macht dich nur fertig. Reitet auf dir herum, wie du auf mir herumreitest. Du holst aus mir heraus, was du kannst, er holt aus dir heraus, was er kann. Es ist das schmutzige System. Was ist mit unserem einzigen geliebten Sohn? Warum, meinst du, lief er mit vierzehn von zu Hause davon? Nur weil du …«

»Halt Alex da raus! Das ist ein wunder Punkt.«

»Natürlich ist es ein wunder Punkt. Alles ist bei dir ein wunder Punkt, weil du nie gelebt hast. Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, ein Arschloch zu sein. Nun tust du es wieder, versaust unsere eine Urlaubswoche in der Sonne. Arschloch!«

Er schlug hart zu. Er spürte, wie die Knöchel seiner aufwärts geschwungenen Rechten ihre Kinnlade trafen und war verblüfft, wie wenig stabil sie war. Sie schien wegzufliegen. Sie fiel über das Bett, stieß die Lampe vom Nachttisch, riß ihren offenen Koffer mit und landete inmitten eines Schauers von Gegenständen am Boden hinter dem Bett.

Stille. North hörte im Nebenzimmer ein Radio spielen.

»Winny?« sagte er.

Stimme des Osiris: »Unser verräterischer Bruder Seth hielt ein üppiges Festmahl für mich, als du fort warst, o göttliche Isis. Mit ihm waren zweiundsiebzig Verschwörer und eine mit ihnen gemeinsame Sache machende Königin von Äthiopien. Wir sangen und tranken, während die Mädchen in ihren durchscheinenden Gewändern tanzten und Sklaven Blumen im Raum verstreuten.«

Stimme des Erzählers: »Osiris war damals König von Ägypten. Im Augenblick seiner Geburt verkündete eine Stimme vom Himmel: ›Der Herr über die ganze Welt ist geboren.‹ Osiris war der erste Mensch, der jemals Wein trank. Damit brachte er etwas Neues in die Welt und zeigte seinem Volk, wie man Reben pflanzte und für das neue Getränk die Trauben kelterte. Er verfeinerte die rauhen Sitten seines Volkes und lehrte es Achtung vor den Göttern, auch gab er ihm Gesetze. Ebenso überredete er den ibisköpfigen Gott Thoth, die Künste zu erfinden, Musik, Bildhauerei, Astronomie und die zugehörige Arithmetik, vor allem aber die Schrift, so daß Weisheit aufgezeichnet werden und von einer Generation zur nächsten gelangen konnte, so wie die Wasser des Nils in weit verzweigte Kanäle geleitet wurden, um entfernte Felder zu bewässern.«

Stimme des Osiris: »Aber mein Bruder Seth war eifersüchtig auf mich und begehrte unsere Schwester Isis zu seiner Frau.«

Stimme der Isis: »Während du in fernen Ländern weiltest, o mein Osiris, ließ Seth eine Truhe von großem Wert machen, reich verziert mit Metallen und Juwelen von den besten Künstlern. Das Innere der Truhe entsprach genau deinen Maßen.«

Stimme des Osiris: »Beim Festmahl verkündete Seth: ›Derjenige, der sich in dieser Truhe niederlegen kann und genau hineinpaßt, ihm will ich die Truhe zum Geschenk machen.‹ Niemand konnte die Truhe gewinnen. Dann forderte mein Bruder mich auf, es zu versuchen. Ich tat es. Die Verschwörer schlugen über müden Deckel zu.«

Stimme der Isis: »O mein König, wie wurdest du gefangen! Flüssiges Blei wurde um die Verschlüsse der Truhe gegossen, so daß du leiden und sterben mußtest. Ich wußte, ohne daß man es mir sagte, daß du von dieser Welt gegangen warst. Seth warf deinen Sarg in den Nil, wo er zur See hinaustrieb und verlorenging. Meine Schwester Nephthys, die Frau Seths, gebar einen kleinen Jungen, den sie verließ. Die Hunde retteten ihn. Weil er den Kopf eines Schakals hatte, nannte ich ihn Anubis und kümmerte mich um ihn. Er wuchs heran und wurde ungestüm und treu und machte sich mit mir auf die Suche nach Osiris’ Leichnam.«

Stimme des Erzählers: »Die Suche der Isis wurde schließlich belohnt, und sie fand die Truhe, manche sagen, im Nildelta, andere behaupten, vor der Küste Syriens. Sie legte den Körper ihres toten Gemahls auf das Deck eines Bootes und segelte im Triumph heim.«

Stimme des Osiris: »So groß war ihre Liebe und ihre Wärme, daß sie mich für kurze Zeit wieder zum Leben erweckte. Ich kehrte zu dieser Welt zurück und war so angerührt von der Schönheit Isis’, als sie sich vor mir entkleidete, daß es mir gelang, sie zu mir zu nehmen und zu schwängern, bevor ich in die Unterwelt zurückkehrte, um dort als Herr über die Toten zu herrschen.«

Stimme der Isis: »So konnte ich die Linie der Götter fortsetzen. Mit Anubis’ Hilfe gebar ich im Frühjahr den Horus, der voll befiedert als ein Vogel meinem Leib entflog. Später sollte Horus seinen Vater rächen.«

Stimme des Erzählers: »Dieser frühe Auferstehungsmythos ist uns aus einer Epoche überliefert, bevor ausgebildete Religionen entstanden, aus den langen goldenen Tagen der Bronzezeit, als die Menschheit noch eins war mit der Natur und sie nicht tyrannisierte. Für ihre Stärke als Frau und Mutter wurde Isis hier auf Philae verehrt, ihrer Insel, die ihrem Namen geweiht war, und hier, an einem Abend wie diesem, können wir uns vorstellen, daß sie noch immer Macht über lebende Menschen und ihre Herzen hat.«

Oscar North spähte über den Granitblock hinweg, der seine Deckung war. Die Menge der Touristen, die an der Lichtschau teilgenommen hatte, war jetzt weit weg. Er sah sie nur noch als eine schwarze Masse, unbedeutend unter den alten Kapitellen und Architraven, eine Herde, die bald wieder ihre Boote besteigen und zu ihren Hotels westlichen Stils zurückkehren würde.

Er würde bleiben.

Morgen mußte er zurückfliegen, zur Arbeit, zu den Geschäftsräumen in Genf. Heute nacht aber würde er hier bleiben und exorzieren, was im Hotelzimmer geschehen war. Wenn er versuchte, seine Gedanken in diese Richtung zu lenken, stieß er auf eine beängstigende Leere. Aber die Insel Philae war ein Heiligtum, wo er imstande sein mochte, wieder zu sich selbst zu finden, bevor er in die Welt des Mammons zurückkehrte. Das Mondlicht auf den alten Tempeln mochte ihn wiederherstellen. Oder die Einsamkeit. Oder Isis. Oder was immer es war, was außer Reichweite und ihm bisher unbekannt geblieben war. Es war in Ordnung für Osiris, aber er, Oscar North, war sein ganzes verdammtes Leben lang in eine Truhe eingesperrt gewesen.

Es sah ihr ähnlich, daß sie sich beklagte. Winifred kam aus einer verhältnismäßig stabilen Familie. Tyrone North, Oscars Vater, hatte es nie länger an einem Arbeitsplatz ausgehalten. Für die Familie hatte es keine Sicherheit gegeben, wenig Erziehung für die Jungen, als sie von einer Großstadt zur anderen gezogen waren. Als Halbwüchsiger war Oscar von daheim weggelaufen, um sich auf eigene Faust durchzuschlagen und Gelegenheiten zu ergreifen, die sich ihm boten. Gewiß, er war bei der Gesellschaft geblieben, und schon vorher hatte er sich in Abendkursen weitergebildet. Hatte etwas aus seinem Leben gemacht. Natürlich hatte er dafür Opfer bringen müssen.

Zu dumm, das mit Alex, ihrem Jungen. Alex war seinem Großvater nachgeschlagen, er war ein Taugenichts, und es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Warum konnte Winny nicht davon aufhören? Nun, so bald würde sie nicht wieder davon anfangen.

Son et lumière ging zu Ende. Musik ertönte, weiße Lampen gingen an. Aus seinem Versteck konnte North sehen, wie die turbantragenden Wärter das Publikum hinunter zum Anlegeplatz dirigierten, wo die Feluken an der Hafenmauer vertäut lagen. Dieser Nervtöter Jackson würde unter ihnen sein.

Leichenbestatter! Was für ein Beruf!

Das Getrappel der Füße entfernte sich und erstarb. Die elektrische Beleuchtung wurde ausgeschaltet.

Mondlicht schien auf North herab. Er blickte zu der silbernen Sichel auf und dankte ihr für ihr Licht. Als kleiner Junge hatte er den Mond gefürchtet, hatte Angst gehabt, daß ihn aus den Schatten, die er warf, Ungeheuer anspringen würden.

Er stand vorsichtig auf und begab sich in den Schutz von Trajans Kiosk. Wahrscheinlich blieb die Insel während der Nacht unbewohnt; es gab keine Häuser und Wohnungen, aber er wußte es nicht mit Bestimmtheit. Sein sehnlicher Wunsch war, hier allein zu sein und mit Isis Zwiesprache zu halten.

Schritte drangen durch die Nachtstille, Sandalen schlappten auf Steinplatten. North stand unbeweglich im Schatten. Er sah eine undeutliche Gestalt mit einer trüben Taschenlampe näherkommen. Sie ging durch die alten Ruinen, passierte ihn auf der anderen Seite der Wand, an der North wartete.

Er zog seine Schuhe aus und folgte dem Mann in einiger Entfernung. Es war ein Ägypter in einer Dschellabah, der im Gehen eine Zigarette rauchte. Wahrscheinlich überprüfte er, daß nach dem Touristenstrom dieses Tages alles in Ordnung war.

Endlich ging der Mann hinunter zum Wasser. Weiter draußen markierten Lichter mit zitternden Spiegelungen die Positionen der Feluken, die ihre Passagiere zurück zu ihren Hotels brachten.

Als Norths Blick über die Boote ging, sah er einen Passagier aufstehen und winken. Es war Jackson. Einen Augenblick dachte North, der Mann habe ihn gesehen, dann aber wurde ihm klar, daß er bloß eine dramatische Geste in die Richtung der Insel gemacht hatte. Es war gut zu wissen, daß er aus dem Weg war.

Eine Frau bemerkte Jacksons Geste und stand auf, ihn zu imitieren. Die Idee war ansteckend. Im Nu standen alle auf und winkten Philae zu, als die Insel in der Stille der Nacht außer Sicht kam. Schafsmäßig.

Desinteressiert an den Mätzchen der Touristen, war der Ägypter die Stufen zum Anlegeplatz hinuntergegangen, wo ein zweiter Mann wartete. Sie sprachen miteinander, und der erste warf seinen Zigarettenstummel in den Nil, wo der winzige Funke sofort erlosch. Nach einer Weile bestiegen die Männer ein kleines Boot, setzten das Segel und kehrten Philae den Rücken.

North war im alleinigen Besitz der Insel.

Er richtete sich auf, hob die Arme und reckte sich.

»Isis!« rief er.

Das Wort hallte von den Steinen wider, verlor sich zwischen den uralten Bauwerken, die klar und geisterhaft unter dem Mond standen. Ein Gefühl von Andacht und Ehrfurcht stellte sich ein. Vorsichtig begann er umherzugehen.

Das Mondlicht regnete herab und balsamierte ihn in Licht. Die Stille der milden Nacht, die alten Steinplatten unter seinen Füßen, das fast unhörbare meditative Murmeln des großen Stroms – dies alles hatte eine verändernde Wirkung auf sein Bewußtsein. Er war nicht mehr er selbst. Er war sensibilisiert für eine Anzahl von Eindrücken, die ihn durchzogen wie eine Brise eine Baumgruppe. Alle Götter und Göttinnen des alten Ägypten wurden möglich, in ihrer Vielfalt, mit ihren menschlichen Fehlern, ihren Streichen, ihrer Anmut. Er fand sich im Einklang mit ihrer Musik.

Da waren sie, flüchtig und schwer zu fassen wie ein Lufthauch, Schönheit, Nacht, Sonnenschein – Leben. Neue Bewußtseinsebenen öffneten sich ihm wie die Aufdeckung einer lange verschlossenen Gruft. Die herkömmliche abendländische Vorstellung von den alten Ägyptern als vom Tode Besessene war falsch; sie waren vom Leben besessen gewesen, das sie unter einem ewig klaren Himmel verbracht hatten, und dieses Leben hatten sie so geliebt, daß sie ein Leben nach dem Tod erfunden hatten, das die Freuden und Freiheiten dieses Daseins so getreulich wie möglich wiedergab, dieses an die Flußoase des Nils gebundenen Daseins, das allzu schnell von der Geburt in den fernen Bergen zum Tod im ebenen Delta dahinfloß.

Das Abendland hatte eine negative Vorstellung daraus gemacht. Es war eine Wunschübertragung. Im Westen war das Leben untergegangen, nicht hier. Im Westen hatte sich das Leben in eine Serie von biologisch nicht abbaubaren Bestandteilen verwandelt. Die Stunden im Büro, die Stunden, die im Berufsverkehr zur und von der Arbeit verbracht wurden, die in negativer Weise mit Klatsch in der Bar des Golfclubs oder vor dem Fernseher verbrachten Stunden. Ein parzelliertes Leben, eingesperrt in Städten, in kleinen Wohneinheiten.

Diese Vorstellungen erstanden wortlos in seinen Gedanken und verblüfften ihn.

Winny hatte recht. Er hatte sie nie geliebt. Oder er hatte keine Möglichkeit gefunden, seine Liebe auszudrücken.

Aber irgendwo am Saum seines Bewußtseins war immer das Wissen um die Wüste und den Fluß des Lebens gewesen, der sie durchströmte, um Leben, das in den Sümpfen brütete und am Himmel seine Kreise zog. Beinahe in Reichweite. Nur nicht für ihn.

Und diese absurde Vielfalt von Göttern – vielleicht glaubte dieses verschwundene Volk nicht an Leben mit einem großen L. Die Menschen hatten bloß gelebt, ohne die Abstraktion des Lebens zu kennen, und die Vielzahl der Götter spiegelte diese menschliche Unmittelbarkeit wider. Eine Fruchtbarkeit von Wesen! Um wieviel wünschenswerter als ein freudloser Monotheismus!

Dies alles ergoß sich in Norths Bewußtsein.

Statt ihn in Verzweiflung zu stürzen, brachte es ihm Freude. Freude, daß er endlich, wenn auch spät – wenn auch zu spät – eine geheime Wirklichkeit berührt und etwas gefunden hatte, was er sich zu eigen machen konnte.

»Isis!« rief er. »Wo bist du? Komm hervor!«

Er war auf ihrer Insel. Dieser Augenblick im Mondschein enthielt die Gesamtheit seines imaginativen Lebens. Sie erweiterte sich, die Welt zu umfassen.

Er war überwältigt – oder nicht überwältigt, weil er nicht er selbst war.

Bis auf das ferne Bellen eines Hundes und das leise Glucksen und Murmeln des Flusses war die Nacht vollkommen still.

North durchwanderte in einer Trance sein neu gefundenes Territorium, aus Schatten in Helligkeit, aus Helligkeit in Schatten. Seine Insel war ein bloßer Trittstein zwischen den beiden Ufern des Nils, hundertfünfzig Meter lang und vierhundertfünfzig Meter breit. Er machte einen Rundgang durch die hallenden Tempel und kam wieder zum Landeplatz.

Als er dort die zum Wasser hinabführenden Stufen betrachtete, dunkel im Mondlicht, glitt eine Barke geräuschlos zum Anlegeplatz. Sie führte ein schwarzes Segel, das der einzige Insasse des Bootes fachmännisch einholte. Gleich darauf ging er an Land und stieg ohne Aufenthalt die Stufen hinauf zu North.

North wich zurück, doch gelang es ihm nicht mehr, der Entdeckung zu entgehen. Die Gestalt winkte ihm.

Mit einem an Übelkeit grenzenden Zittern, das seinen ganzen Körper durchlief, nahm er die Seltsamkeit des Ankömmlings wahr. Dieser hatte kleine und schwarze Augen. Er trug eine weiße Tunika mit Armbändern an Handgelenken und Oberarmen. Und er hatte den Kopf eines Schakals. Seine gespitzten Ohren zeigten wachsam auf North.

»Ich will dich, Oscar«, sagte Anubis.

Nachdem der letzte Gegenstand aus Winifreds Koffer zu Boden gefallen war, herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Von Oscar Norths Standort gesehen, war der Körper seiner Frau hinter dem Bett außer Sicht.

Er blieb, wo er war, gekleidet nur in Hemd und Badetuch. Nach ein paar Augenblicken begann sie schwache krabbelnde Geräusche zu machen. Sein Mund war trocken. Er tappte ins Bad, goß sich Mineralwasser aus ihrer Flasche in ein Glas und trank. Dann zog er eine lange Hose an.

Winifred setzte sich benommen auf und betupfte ihren Mund, der blutete.

»Vielleicht wird dich das lehren, mich nicht unflätig zu beschimpfen«, sagte er. »Halt in Zukunft einfach die Klappe.«

Sie sagte nichts.

Er spürte den Drang, den Streit fortzuführen. »Ich möchte so wenig wie du nach Genf zurück. Es ist einfach etwas, das ich tun muß, das weißt du.«

Sie sagte mit undeutlicher Stimme: »Ich komme nicht mit dir zurück, du Scheißkerl.«

Er ging hinüber zu ihr und nahm eine drohende Haltung an. »O doch, du wirst. Laß uns nicht wieder damit anfangen. Du weißt, wir hatten diesen Streit schon, als wir von Washington wegzogen. Du wolltest nicht nach Europa.«

Er nahm einen albernen Tonfall an, um ihre Haltung zu karikieren. »Du wolltest nicht nach Genf. Du hattest Angst, die Terroristen könnten uns erwischen. Du hattest Angst, die Kommunisten könnten uns ans Leder gehen. Du hattest Angst – Gott allein weiß, wovor du nicht Angst hattest. Tatsache ist, daß unser Lebensstandard sich gebessert hat, seit wir die Staaten verließen – nicht zu reden von meinem Gehalt. Dafür muß ein Preis bezahlt werden, und wir müssen Realisten sein und ihn bezahlen. Deshalb werden wir morgen zurückfliegen, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Nun steh auf und zieh dich an. Mach voran!«

Sie antwortete nicht. Sie zog die bloßen Knie an und legte den Kopf darauf, so daß ihr strähnig gefärbtes blondes Haar nach vorn fiel.

»Komm schon, Winny«, sagte er, freundlicher jetzt. »Ich habe dir nicht weh getan.«

»Du hast mich verletzt«, sagte sie, ohne aufzublicken. »Du hast mich immer verletzt. Dir liegt kein bißchen an mir, genauso wenig wie dir an Alex lag. Du hörtest sogar auf, so zu tun, als ob dir an mir läge, und das tut auch weh.«

Sie begann zu weinen.

»Ach du lieber Gott«, sagte er.

Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen und drohte ihr mit allem möglichen, wenn sie sich nicht zusammenreißen würde, drohte ihr, sie allein zurückzulassen – »allein in Ägypten«, wie er es ausdrückte.

»Du wolltest nicht in die Schweiz, weil sie nicht Amerika war. Als ich diese Chance eines Winterurlaubs ergriff, wolltest du nicht nach Ägypten, weil es nicht die Schweiz war. Was, zum Teufel, willst du eigentlich?«

»Ich möchte gefragt werden, verdammt noch mal! Ich möchte Teil deines Lebens sein!«

»Oh, du bist Teil meines Lebens, und nicht zu knapp«, sagte er sarkastisch. »Du bist mein Anker – der Teil, der mich hinunterzieht.«

Winny blickte auf, gespenstisch, Blut um den Mund, das Gesicht bleich, wie ein gequältes Tier.

»Willst du nicht wenigstens Erbarmen zeigen? Glaubst du, es macht mir Freude, so elend zu sein? Ich ziehe dich nicht hinunter. Du warst unten. Du bist niemals aus dem Slum-Milieu deiner Kindheit herausgewachsen, aus dem Schatten deines Vaters, der ein Versager war. Versuch über deinen Horizont hinauszusehen.«

»Das mußt gerade du sagen! Verzogener Balg, Papas kleines Mädchen! Ständig rufst du ihn an, den alten Furzer. Er vergiftet dich gegen mich. Er sagt dir, daß du keinem meiner Kumpel trauen sollst. Er …«

»Ach ja, und wann hast du jemals eine von meinen Freundinnen gemocht?«

Darin hatte sie recht. Sie mochte seine Freunde nicht, er konnte ihre Freundinnen nicht leiden. Er stopfte sein Hemd in die Hose und wandte sich ab.

»Steh auf und fang an zu packen, und komm mir nicht in die Quere.«

Mit leiser, ruhiger Stimme sagte sie: »Ich komme nicht mit dir zurück. Das sagte ich schon. Ich habe genug.«

»Du wirst mitkommen, und wenn ich dich bei den Haaren ins Flugzeug schleifen muß.« Er wandte sich wieder zu ihr um, das Gesicht eine häßliche Grimasse. Sie richtete sich hinter dem Bett kniend auf, die Ellbogen aufgestützt, und zielte mit einem Revolver auf ihn. Sie umklammerte die Waffe mit beiden Händen, um ihr Zittern zu beherrschen.

»Du wirst mich nicht mehr anrühren, du Scheißkerl. Bleib mir vom Leibe!«

Er erkannte die Waffe sofort. Es war ein kleiner Revolver mit Griffschalen aus Perlmutt, den ihr Vater ihr vor ein paar Jahren geschenkt hatte – ihr Vater, groß im Elektronikgeschäft, der sich einbildete, er habe enge Bindungen an den Alten Westen, Aufkäufer von Ferienranchen und Remington-Gemälden. Winny hatte darauf bestanden, die Waffe nach Europa mitzunehmen; »um mich zu schützen«, hatte sie gesagt, als sie zuerst darüber gestritten hatten. Er hatte keine Ahnung, daß sie den Revolver nach Ägypten mitgenommen hatte.

»Was fällt dir ein, mit diesem Ding auf mich zu zielen, du kleines Luder!«

»Ich schieße!« schrie sie, als er auf sie zustürzte. Beinahe gleichzeitig ging der Revolver los.

Er blieb stehen, als wäre er gegen eine Wand gelaufen, hob beide Hände an die Brust.

»Mein Gott, Win«, sagte er, »ich liebe dich …«

Es war erstaunlich, wie manche Menschen nicht verstanden.

Als die Steinplatte angehoben wurde, erschien ein schwarzes Rechteck in der mondbeschienenen Fläche. Stufen führten hinunter in die steinerne Nacht. Von unten drang das Geräusch fließenden Wassers herauf, und ein Modergeruch.

Anubis hatte auf geheimnisvolle Weise Gefolgsleute um sich gesammelt, menschlich von Gestalt, mit leeren Gesichtern, weißen Augen. Einer von ihnen trat näher und hielt einen großen konkaven Schild aus polierter Bronze. Diesen stellte er so auf, daß er Mondlicht in die Öffnung reflektierte und ein Stück der Treppe beleuchtete.

Der schakalköpfige Gott bedeutete North vorauszugehen. Zögernd betrat North die erste Stufe, aber dann trugen seine Beine ihn beinahe mechanisch hinunter in die Tiefe. Er hörte Anubis hinter sich gehen, sah seinen Schatten mit den spitzen Ohren auf den Stufen vor sich.

Das geisterhafte, reflektierte Licht reichte tiefer als vermutet in die Dunkelheit hinab. Sie erreichten einen Treppenabsatz und einen Knick in der Steintreppe. Dort stand ein weiterer Sklave mit einem Schild. Er warf das gespiegelte Mondlicht auf die neue Treppenflucht, so daß sie weiter hinabsteigen konnten.

Sie erreichten einen Kai, wo ein hölzernes Boot mit Seilen an in die Steine eingelassene Ringe gebunden war und sie erwartete. Eine starke Strömung bewegte das Boot hin und her. Halbnackte Ruderer grüßten den dunklen Gott mit erhobener Hand, als er über die schmale Laufplanke schritt. North, der ihm folgte, sah zum erstenmal den Schwanz des Anubis, der sich unter seinem Rock hervorkrümmte. Der Anblick ängstigte ihn schrecklich.

Obwohl ein weiterer Sklave mit einem brünierten Schild am Kai aufgestellt war, gab es wenig Licht, in dem sie sehen konnten, als das Boot abstieß – es war die bloße Ahnung eines Lichtscheins. North vermutete, daß die glitzernden schwarzen Augen des Schakalgottes alles sahen.

Das Boot glitt in die Strömung hinaus. Die Ruderer legten sich angestrengt ins Zeug, der Steuermann gab mit lauter Stimme den Schlag an, und sie nahmen Kurs auf das westliche Ufer.

Wasser rauschte gurgelnd vorbei. Die Decke über dem unterirdischen Fluß war mit goldenen Sternen und Reihen von Pavianen bemalt.

Nach langem Kampf gegen die Strömung langten sie an einem Landeplatz an und gingen von Bord. Norths Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Er sah immense Kolonnaden mit eindrucksvollen Gebäuden, Säulen mit eingeschnittenen hieroglyphischen Inschriften. Menschen bewegten sich dort wie Schatten, stumm auf bloßen Füßen. Keine Musik erklang, weder Sonne noch Mond schien; nur eine Ahnung von Licht wurde von Schilden reflektiert, die Sklaven am Kai entlangtrugen. Jeder dieser Männer sah seinem Nachbarn sehr ähnlich und war durch eine Bronzekette wie eine grotesk verlängerte Christbaumdekoration an ihn gekettet.

Anubis ging voran, ohne sich umzusehen. North fühlte sich hin und her gerissen zwischen der Furcht, ihm zu folgen, und der Furcht, seinen einzigen Führer in dieser Nekropole zu verlieren. Es blieb ihm nichts übrig, als der kräftigen Gestalt mit dem langen buschigen Schwanz zu folgen.

Jenseits der eindrucksvollen Fassade der Kolonnaden waren weniger majestätische Gebäude. Diese wurden bald von elenden Lehmhütten abgelöst, deren fensterlose Öffnungen in die Straße gähnten, Rechtecke tieferer Finsternis in der allgemeinen Dunkelheit. Sie waren unordentlich mit Palmwedeln gedeckt. North fühlte sich an die Dörfer erinnert, durch die sie außerhalb von Assuan gefahren waren. Sie kamen zu Feldern, wo braune halbnackte Arbeiter mit Handsicheln Getreide ernteten. Er hatte gesehen, daß das Getreide spärlich und dünn wuchs, die Ähren welk und verkümmert waren. Ein zweirädriger Wagen rumpelte vorbei, aber das Zugpferd war ein skeletthaftes Tier ohne Augen. Über ihnen waren Tauben; ihre Flügel waren dünn wie Papier, und er sah, daß sie in Wirklichkeit bloße Papyrustauben waren, die von einer gemalten Decke herabhingen und Wirklichkeit simulieren sollten. Als sie eine Wegkreuzung erreichten, stand dort ein Fellache bei einem Feuer, aber die Flammen waren bloße Geisterflammen, wie Elmsfeuer. Der Fellache selbst sah mumifiziert aus, mit welken und eingefallenen Zügen.

Der Boden unter den Füßen war trocken, und Staubwolken erhoben sich um ihre Füße, als sie dahingingen. Von nahen Palmen rieselte Staub hernieder.

»Wo sind wir?« rief er in seiner ängstlichen Spannung.

Anubis antwortete nicht, schritt unbeirrbar weiter.

Aber North kam eine Antwort auf seine eigene Frage in den Sinn. Götter wurden vom religiösen Glauben erhalten. Der Glaube war ihr Lebenssaft. Ohne ihn welkten sie wie Vampire ohne Blut. Er kam aus einem Amerika, wo der offizielle Gott, der christliche Gott, unter vielen Formen von Unglauben, darunter Wissenschaft und Kapitalismus, dahinwelkte. Sogar die Allmacht hatte ausgedient. Die großartige, gedeihende Welt des Glaubens im alten Ägypten hatte von vielen Jahrhunderten der Verehrung durch Priester und Gemeinden zehren können. Schließlich aber war dieser Glaube – wie alle Glaubensformen – gleich einer langsam zurückweichenden Tide ausgegangen, unter anderem besiegt durch das Christentum.

Nur auf der Insel Philae konnten die alten Götter noch Nahrung finden, und vielleicht auch dort nur im Licht des Mondes oder der künstlichen Beleuchtung des son et lumière. Allmählich mußte das große, von Ra, dem Sonnengott, Osiris und Isis betriebene Kaufhaus schließen. Es zeigte nur noch zweitklassige Waren in den Auslagen. Seine Pacht war abgelaufen.

Er bedauerte es.

Er wußte, was zu dieser Situation geführt hatte. Geschichte. Technologische Entwicklung. Der Druck des sogenannten Fortschritts, dieses trügerischsten Wortes im Wörterbuch. Veränderung. Einfach Veränderung. Die alte Ordnung änderte sich, machte der neuen Platz. Er war ein Kind der neuen Ordnung an diesem alten Ort.

Sie waren an einem scheunenartigen Gebäude mit einer roh gezimmerten, eckigen Tür angelangt.

»Die Halle des Gerichts«, verkündete Anubis.

Der schakalköpfige Gott blickte zurück, streckte den Arm aus und ergriff Oscar North bei der Hand. Dieser fühlte die Umklammerung der trockenen harten Finger als einen psychischen Schock. Anubis zog ihn in das Gebäude.

Isis war dort.

Man brauchte ihm nicht zu sagen, wer sie war.

Sie war zierlich, jung, ewig, unvergleichlich. Sie wenigstens hatte in ihrem Heiligtum auf Philae noch immer psychische Energie und konnte Licht erzeugen. Das Innere des Gebäudes schimmerte von ihrer Vitalität.

Sie war dunkel, schlank, groß, beeindruckend – und doch zugänglich. Ihre großen Augen waren mit Kohle schwarz umrandet. Ihr gehörte das Auge, das große Auge des Lebens. Auf ihrem Kopf trug sie, als wäre sie Teil ihres Schädels, eine Krone aus den Hörnern Hathors, mit einer Sonnenscheibe zwischen den Hörnern. Von der Sonnenscheibe und ihrem ganzen Körper strömte Licht, und alles Schlechte wurde von ihrer Sandale in den Staub getreten. Eine goldene Kobra züngelte als Zeichen der Macht von ihrer Stirn.

Ein einfaches weißes Schlauchkleid bedeckte ihren Körper. Ein Diadem aus grünem Malachit schmückte ihre Perücke, die mit Bienenwachs und Harz überzogen war. Armbänder und Fußreifen von ähnlichem Stein schmückten ihre Gliedmaßen. In einer Hand trug sie ein ankh als Symbol des Lebens.

Anubis erhob die Hände in symbolischem Gruß. North sank auf die Knie. Starker Blütenduft ging von der Göttin aus, erregend und beruhigend zugleich.

Sie sah North nicht einmal an, sondern wechselte nur ein paar Worte mit Anubis, der North mit einem kraftvollen Ruck aufhob und wieder auf die Beine stellte.

Die Art und Weise, wie ihr Blick so demütigend von ihm abglitt, brachte Norths Gedanken wieder auf Winny. Am Ende hatte auch sie ihn nicht ansehen wollen – bis sie mit dem Revolver zielen mußte.

Und sie hätte seine persönliche Isis sein können, seine strahlende und kraftvolle Frau. Statt dessen hatte er sie herabgesetzt, indem er anderswo Macht gesucht hatte, in den klimatisierten Büros der multinationalen Konzerne. Sie hatte sich von ihm eine Erkältung geholt. Er hatte Winny noch gründlicher ruiniert als er sich selbst entmenschlicht hatte …

Diese verspäteten Einsichten verschwanden, sobald sie aufdämmerten, hinausgespült durch die Strahlungskraft, die von Isis ausging.

Da er nur für die glänzende Gestalt der Göttin Augen gehabt hatte, begriff North erst verspätet, daß der Raum, in dem sie sich befanden, gedrängt voll von Gestalten war, die in geheimnisvollen Geschäften kamen und gingen. Viele hatten menschliche Körper mit Tierköpfen. Diejenigen mit der höchsten Autorität, die oft Sklaven befehligten, waren am meisten Tier. Sie trugen auffallende Tuniken mit dem ägyptischen Rock und waren wie Anubis mit Perücken aus verfilztem blauem Haar ausgestattet, das ihnen schwer auf die Schultern hing.

Einige dieser furchteinflößenden Wesen umstanden einen gewaltigen Tisch, dessen Enden in Voluten eingerollt waren. Auf dem Tisch fand eine grauenhafte chirurgische Operation statt, ausgeführt von einem Wesen mit dem Kopf eines Krokodils. Der Anblick dieses Geschöpfes, das einer koordinierten und nicht unkomplizierten Tätigkeit nachging, tatsächlich sogar ein großes Skalpell schwang, brachte North zu Bewußtsein, wie tief er im Mythos gefangen war. Hier in diesem Kerker des Lebens waren die Hieroglyphen von menschlichem Interesse: Er war Zeuge dessen, was einmal eine selbstgenügsame Weltsicht gewesen war, welche sich die Wünsche und Qualen einer Gattung zu eigen machte, die aus dem Tier hervorgegangen war und Erklärungen für die wundervolle natürliche Welt suchte, in der sie sich sah, mit ihren Wassern, ihrer Vegetation, ihren Tieren, Stürmen und Abfolgen von Tagen und Nächten, beherrscht von Sonne, Mond und Sternen.

Als Anubis ihn näher zum Operationstisch zog, sah er, daß ein Mann in der Kleidung eines Kriegers auf dem Tisch lag. Er trug noch immer einen Helm von grimmigem Aussehen, und einen Körperpanzer sowie Beinschienen aus Flechtwerk. Dem Krokodilsmenschen gegenüber stand eine bedrohliche Frau über den Liegenden gebeugt, ganz in Rot gekleidet, sehr breit und mit mächtigen Armen. Sie hatte den Kopf einer Löwin, den sie träge in Norths Richtung drehte. Nachdem sie ihn mit einem Blick gemustert hatte, wandte sie den Kopf wieder dem Krieger zu. North erkannte sie aus dem Reiseführer, in dem er während des Herfluges von Genf gelesen hatte. Dies war Sekhmet, die Kriegsgöttin, berühmt für Gewalt und Kraft.

Sie beugte sich über den Operationstisch und verfolgte schnurrend, wie der Krieger von der Kehle bis zum Unterleib aufgeschnitten wurde. Der Krokodilskopf mit seinen Assistenten öffnete den Mann wie ein Buch. Rippenknochen knarrten. Der Krieger lag mit offenen Augen, starrte ins Nichts. Sekhmet schnurrte tiefer.

Krüge mit Spezereien wurden herbeigetragen, dazu Rollen von Leinenstoff und lebende Schlangen, denen das Gift abgezapft werden sollte. Eine Einbalsamierung fand statt, und alle Beteiligten arbeiteten daran mit routinierter Umsicht und Schnelligkeit.

North hatte wenig Zeit, sich diesem beängstigenden Anblick zu widmen, denn er wurde weitergezogen zu zwei riesigen Waagschalen, für die Anubis starkes Interesse zeigte. Er ließ North stehen, um eine Wiegezeremonie, mit der offensichtlich auf seine Ankunft gewartet worden war, genauer in Augenschein zu nehmen.

Kleine Männer mit Wolfs- und Hundeköpfen, gekleidet in grünleinene Tuniken, machten ein Aufhebens um die Waagschalen. Über ihnen ragte der verantwortliche Gott – Thoth, der Schreiber, der Ibisköpfige, dessen Augen schwarz und berechnend über dem langen gelben Schnabel glitzerten. Thoth trug eine dicke gelbe Perücke, gekrönt von einer Mondsichel, aus der Licht hervorbrach.

Thoth und Anubis konferierten miteinander. Die Stimme des ersteren war hell und zögernd, die des Anubis guttural, knurrend und schnell.

Während sie sich besprachen, wurde die Seele des toten Kriegers in einer kleinen roten Vase zur Waage gebracht. Sie sollte auf eine der Bronzeschalen gelegt werden, während eine Feder von einer Wildgans auf die andere kam.

Dies war die Zeremonie des Gerichts. So wurde der Krieger beurteilt nach dem, ob sein Leben gut oder böse gewesen war. Die Waagschalen entschieden, ob ihm erlaubt würde, die Glückseligkeit der Sommersterne zu erlangen, oder ob er in die Regionen der Unterwelt steigen mußte.

Dies alles verstand North. Es wurde vor seinen Augen inszeniert. Und in dem großen Raum warteten weitere Krieger, der Oberwelt der Lebenden entfremdet, und harrten der Einbalsamierung und des Gerichts. Ihre Gesichter waren grau und blutig. Sie standen auf ihren toten Füßen, gehorsam dem Gesetz der Unterwelt.

North war nicht gehorsam. Er war ein Bürger der Vereinigten Staaten. Er hatte kein Verlangen, sich diesem beunruhigenden Verfahren zu unterziehen.

Anubis hatte ihm den Rücken zugekehrt und untersuchte die Waagschalen.

North ergriff die Flucht und rannte zur nächsten Tür.

Ein metallischer Ton wie ein Beckenschlag gellte in seinem Kopf. Aus den Augenwinkeln sah er die rotgekleidete Sekhmet vom Operationstisch fortspringen und mit der ganzen Energie einer Löwin ihm nachsetzen.

Isis aber kam ihr zuvor. Isis die Schöne und Schreckliche, Mutter und Zerstörerin.

Es schien, daß sie nur eine Hand in Norths Richtung erhob. Er sah die Bewegung durch den Hinterkopf. Ihre leuchtende Ausstrahlung verstärkte sich.

Er kroch an einem grasbewachsenen Ufer. Sie stand lächelnd auf ihm, holte mit einem großen Schwert aus.

Er versuchte den Nil zu durchschwimmen. Sie saß rittlings auf einem Krokodil und näherte sich ihm schnell.

Er flog auf weißen Schwingen. Sie ritt einen Adler und schoß goldene Pfeile auf ihn.

Er lag rücklings auf dem Steinboden, gelähmt. Isis hatte sich bereits abgewandt. Zwei Diener hoben ihn auf und trugen ihn zum Operationstisch, von dem der Leichnam des Kriegers, nun mit Leinenbandagen umwickelt, gehoben wurde. Er konnte nicht denken. Ein winziger Mond brannte in seinem Schädel. Er konnte es sehen, konnte deutlich Hieroglyphen sehen, die an den Innenwänden seines Schädels aufgereiht waren, obwohl er ihre Bedeutung nicht verstand.

Als er unter den Säulenreihen ging, auf weichen Sohlen die ungezählten Stufen erstieg, war ihm auch bewußt, daß Anubis’ große dunkle Gestalt über ihm aufragte, als wollte sie ihn in Stücke reißen. Es schien ihm kein Widerspruch zu sein, daß er gleichzeitig die vielen Stufen im Innern seines Schädels erstieg, in seine Abteilungen blickte, und auch auf dem Operationstisch lag. In dem Licht, das Isis ausstrahlte, blitzte ein Skalpell.

»Zuerst etwas zu trinken für dich«, sagte Anubis.

Er hielt North einen beschlagenen Becher hin, der ein paar Fingerbreit mit dunkler Flüssigkeit gefüllt war. North konnte nicht widerstehen, nahm den Becher und schluckte. Es war eine bittere Medizin, die nach Holzrauch und Kräutern schmeckte.

Er trug eine Löwenmaske und tanzte. Die Papyrusstauden tanzten auch. Die Musik ist schrill, mit Flöten und Zupfinstrumenten. Das ganze Dorf tanzt um mich. Dieses Jahr ist ein Jahr der Fülle. Das Vieh ist fett, es wird geschmaust.

Er raste in seinem zweirädrigen Kriegswagen dahin, die Wüste heiß um ihn. Voraus das Wasserloch. Die Erregung der Jagd. Hunde neben den Rädern, japsend beim Anblick der Antilope. Pfeile fliegen, die Sonne blutet. Aber mit Netzen fangen wir eine Antilope lebendig. Er hält das in Todesangst wild blickende Tier. Er umarmt es, küßt ihm die schäumenden Nüstern.

Er war in der kühlen Flut, floh hierhin und dorthin, ein Fisch. Die alljährliche Überschwemmung. Funkelndes Flachwasser, dann Schlamm. Größere Fische voraus.

Dann war er ein anderer Fisch, zahm. Er schwamm in einem Becken auf dem Tisch des Hohenpriesters herum. Jeden Tag Anrufungen, Gebete. Der große, hallende Tempel. Er konnte Sonnenfinsternisse voraussagen.

Er stapft durch das schlammige Feld, sein Ochse zieht vor ihm den Pflug. Fliegen, die Höhlung seines Magens. Er ist der halbnackte Fellache. Jeden Tag vor Morgengrauen auf den Beinen. Die Schlange in der Asche des Herdfeuers.

Ich bin es, Hathor, der nach der Göttin benannte Ochse, damit ich stark sein und den ganzen Tag arbeiten soll. Bald Futter und Schatten und der vertraute Gestank der Hütte. Meine Schultern ächzen. Beherrsche ich die Sonne? Sie folgt mir, wo ich gehe.

Er sehnt sich wieder nach den Sümpfen. Er ist der zahme Gänserich. Hier kommt mein Besitzer, mich zu füttern, nur … Als er den Kopf aus dem Korb steckt, sieht er das Messer in der Hand des Besitzers, glänzend wie eine Schnitte der Abendsonne.

Er kämpft und windet sich unter seinen Halluzinationen. Einen Augenblick ist er der Gemahl der Isis, der mit ihr auf einem goldenen Schal liegt. Leuchtende Lippen, die Geheimnisse einer Göttin, die einen Sterblichen blenden. Sirupgeschmack, überwältigende Umarmungen, ein Wigwam aus Haar. Freude und ein Aufwärtsgleiten, Quell der Fröhlichkeit und allen gelebten Lebens. Eine Million Geburten, die ihrer Vereinigung entspringen. Genius, Triumph, die Sterne wirbeln in einem gewaltigen süßen Sturm. Das Glitzern des Dolches.

Und die ganze Zeit eilten die kleinen dunklen Leute die Stufen seines Gehirns auf und ab, leerten alles aus, trugen es fort. Die ganze Burg entblößt, wehrlos, leer. Die Läden werden geschlossen, das Licht wird ausgesperrt.

Jemand mit einem Falkenkopf half ihm vom Tisch; ein anderer Krieger nahm seinen Platz ein. Sein Verstand war noch verwirrt von der Anästhesie, die Anubis ihm verabfolgt hatte. Er war hohl, gebrechlich.

Es war unmöglich zu bemerken, was geschah.

Offenbar war er nun wieder in einem Boot. Es hatte einen hohen, gekrümmten Bug wie der Schnabel eines Vogels, und glitt rasch über das Wasser. Das Wasser war vielleicht der Nil, oder vielleicht jener andere dunkle Fluß, der irgendwo tief unter dem Nil dahinströmt.

Anubis sagte ihm, daß seine Seele die Prüfung nicht bestanden habe. Er sei nicht für die Sommersterne bestimmt. Dies sei das Urteil.

»Was dann?« fragte North.

»Du gehst zum Abgrund.«

»Ist der Abgrund sehr schlimm? Sag es mir.«

Anubis nickte mit dem Schakalkopf.

»Es ist der Ort, wohin die Verdammten gehen.«

Er war von dem Getränk, das man ihm gegeben hatte, noch immer halb von Sinnen. Es schien, daß er das Knarren von Rudern hörte, rrrarrrk, rrrarrrk, rrrarrrk, oder vielleicht war es seine Wirbelsäule, als er sich abmühte, eine sitzende Haltung einzunehmen.

»Meine Seele war zu schwer mit Sünde beladen?« fragte er.

Der schakalköpfige Gott antwortete nicht, vielleicht, weil keine Antwort nötig war, vielleicht, weil sie sich rasch einem Landeplatz näherten.

Sein Geräuschempfinden war gestört. Was er zuerst für das Rauschen eines Wasserfalls gehalten hatte, erwies sich als Harfenmusik, gespielt von einer blinden Harfenistin, die mit dem Rücken am Schiffsmast saß. Sie spielte ohne Unterbrechung weiter, als sie am Kai anlegten.

»Hinaus mit dir«, sagte Anubis. »Und nimm diese mit dir.«

North blickte in Verwirrung um sich. Das Licht war eigentümlich und durchdrang die Gebäude, als ob sie durchscheinend wären; doch schien ihm, es sei denn, er bildete es sich ein, daß er wieder im Sheraton-Hotel war. Es ragte über ihnen auf. Er konnte den Eckbalkon des Zimmers sehen, das er mit Winny teilte.

Geistesabwesend nahm er die Gegenstände an, die Anubis ihm gab.

»Ras Sonnenboot wird bald den Osthimmel erreichen«, sagte der Gott. Vielleicht war es eine Abschiedsformel, obwohl das fellbedeckte Gesicht seinen ernsten Ausdruck nicht veränderte. Er winkte seinen Ruderern, und das Boot steuerte wieder in den Fluß hinaus.

Halb betäubt blickte Oscar North auf die Gegenstände, die er erhalten hatte.

Eine kleine rote Glasvase, in der seine Seele flatterte. Ein Tongefäß mit einem Deckel, der die Form eines Katzenkopfes hatte, schwer zu halten, weil er seine konservierten Eingeweide enthielt, die er im Abgrund sicherlich benötigen würde.

Und eine Rückflugkarte nach Genf.

Schon drang das Boot in die Nebel ein, die über dem Schiffahrtskanal des Flusses lagen. Im Heck stand eine dunkle Gestalt mit einem Schakalskopf, der das Boot mit einem langen Steuerruder lenkte. Er war nicht von der Welt der Männer und Frauen, obwohl er mit ihnen Umgang hatte.

Seine Barke spiegelte sich nicht im Wasser des Stroms, und warf keinen Schatten in die liefen unter ihrem Kiel.

Und die Stimme der Harfenistin drang schwach zu North herüber, der verloren am Ufer stand:

»Und bist du auch im Reich der Geister,

Gefangen von dem, was am meisten du glaubst,

So wirst du doch die Sonne sehen,

Und den Mond, der dich mahnt an der Wahrheit Licht …«

Originaltitel: ›NORTH OF THE ABYSS‹ • Copyright © 1989 by Brian W. Aldiss • Erstmals erschienen in ›The Magazine of Fantasy and Science Fiction‹, Oktober 1989 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Thomas Schlück, Literarische Agentur, Garbsen • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München • Aus dem Englischen übersetzt von Walter Brumm • Illustriert von Ingo Wiegand

James Morrow • USA

DIE KRIEGER UND DIE FRAU

»Was hast du im Krieg gemacht, Mami?«

Der letzte lange Schatten ist schon vor Stunden vom Zifferblatt der Sonnenuhr geglitten, mit der heißen ägyptischen Nacht verschmelzend. Meine Kinder sollten längst schlafen. Statt dessen springen sie auf ihren Strohlagern herum und schinden Zeit.

»Es ist spät«, antworte ich. »Schon neun.«

»Bitte«, betteln die Zwillinge mich im Chor an.

»Ihr habt morgen Schule.«

»Du hast uns die ganze Woche keine Geschichte erzählt«, beharrt Damon, der Quengler.

»Der Krieg ist eine so tolle Geschichte«, erklärt Daphne, die Schmeichlerin.

»Kaptahs Mutter erzählt ihm jeden Abend eine Geschichte«, quengelt Damon.

»Erzähl uns vom Krieg«, schmeichelt Daphne, »und wir putzen morgen die ganze Kate von oben bis unten.«

Ich erkenne, ich werde einlenken – nicht weil es mir Spaß macht, meine Kinder zu verwöhnen (obgleich ich es tue), oder weil die Geschichte selbst weniger Zeit in Anspruch nehmen wird als weitere Verhandlungen (obgleich das so ist), sondern weil ich tatsächlich möchte, daß die Zwillinge diese besondere Geschichte hören. Sie hat eine Pointe. Natürlich habe ich sie schon früher erzählt, ein dutzendmal vielleicht, aber ich bin mir immer noch nicht sicher, daß sie sie verstehen.

Ich schnappe mir die Eieruhr und stelle sie umgedreht auf den Nachttisch, die winzigen Sandkörner fließen in die untere Kammer wie Saatkörner aus den Händen eines Bauern. »Seid in drei Minuten bettfertig«, warne ich meine Kinder, »oder keine Geschichte.«

Sie huschen davon, putzen sich eiligst die Zähne und schlüpfen in ihre Leinennachthemden. Leise gleite ich durch die Kate, lösche die Lampen und ziehe den Vorhang vor den Mond, bis nur noch eine einzelne Kerze das Zimmer der Zwillinge erleuchtet wie das Lagerfeuer einer kleinen, rührenden Armee, einer Armee von Mäusen oder Skarabäen.

»Ihr wollt also wissen, was ich im Krieg gemacht habe«, intoniere ich im Singsang, während meine Kinder in ihre Betten klettern.

»O ja«, sagt Damon und zieht seine wollige Bettdecke hoch.

»Und ob«, sagt Daphne und schüttelt ihr Gänsefederkissen auf.

»Es war einmal vor vielen Jahren«, beginne ich, »da lebte ich als Prinzessin und zugleich Gefangene in der großen Stadt Troja.« Selbst in diesem schwachen Licht verblüfft mich, wie schön Damon ist und wie hübsch Daphne. »Jeden Abend saß ich in meinem Boudoir und blickte in meinen polierten Bronzespiegel …«

Helena von Troja, Prinzessin und Gefangene, sitzt in ihrem Boudoir, blickt in ihren polierten Bronzespiegel und sucht ihr Weltklassegesicht nach Symptomen von Alterung ab – nach Falten, Doppelkinn, Tränensäcken, Krähenfüßen und den zinnenartigen Leichen von Haaren. Ihr ist zum Heulen, und nicht nur, weil man ihr diese letzten zehn Jahre in Ilium[6] langsam ansieht. Sie ist dieses ganze schmutzige Arrangement leid, sie ist es leid, in dieser überhitzten Akropolis eingesperrt zu sein wie ein Kakadu im Käfig. Getuschel geht durch die Zitadelle. Die Diener tratschen, sogar ihre eigenen Mägde. Die Hure von Hissarlik[7] nennen sie sie. Die Schlampe aus Sparta. Das lakedaimonische[8] Flittchen.

Dann ist da noch Paris. Sicher, sie liebt ihn schrecklich, sicher, sie haben großartigen Sex miteinander, aber können sie nicht mal reden?

Seufzend schüttelt Helena mit ihren langen, schlanken, exquisit manikürten Fingern ihre Frisur aus. Ein silbernes Haar liegt inmitten der entfalteten Pracht wie eine räuberische Schlange. Langsam windet Helena sich die anstößige Faser um den Zeigefinger und ruckt kurz daran. »Autsch«, schreit sie auf, mehr aus Verzweiflung, denn vor Schmerz. Manchmal ist Helena danach, sich die ganzen schönen Locken auszureißen bis zum letzten Büschel, nicht bloß diese ergrauenden Fäden. Wenn ich noch einen sinnlosen Tag in Hissarlik verbringen muß, sagt sie sich, werde ich verrückt.

Jeden Morgen führt sie mit Paris dasselbe deprimierende Ritual durch. Sie geleitet ihn zum Skalischen Tor, reicht ihm Speer und Henkelmann und schickt ihn mit einem raschen lauen Kuß zur Arbeit. Paris’ Arbeit ist es, Menschen zu töten. Bei Sonnenuntergang kehrt er heim, bekleckert mit Blut und nach Bestattungsfeuern stinkend, der Speer eingehüllt in Stücke trocknender Eingeweide. Da draußen tobt ein Krieg: Paris erzählt ihr nie mehr. »Gegen wen kämpfen wir?« fragt sie jeden Abend, wenn sie zusammen im Bett liegen. »Zerbrich dir darüber nicht deinen hübschen kleinen Kopf«, antwortet er und zieht ein Schafsdarmkondom über den Schwengel, die Marke mit dem behelmten, Helmbusch tragenden Soldaten auf der Schachtel.

Bis zu diesem Jahr wollte Paris, daß sie jeden Morgen über Trojas hohe Mauern spazierte, den Truppen ermutigend zuwinkte und ihnen Kußhände zuwarf, während sie in die Schlacht marschierten. »Dein Gesicht inspiriert sie«, beharrte er stets. »Ein luftiger Kuß von dir ist soviel wert wie tausend leidenschaftliche Nächte mit einer Nymphe.« Doch in den letzten Monaten haben sich Paris’ Prioritäten geändert. Sobald sie sich verabschiedet haben, soll sie, Helena, in die Zitadelle zurückkehren, ohne mit jemandem zu sprechen, und ohne einen kurzen Kaffeeklatsch mit einer von Paris’ neunundvierzig Schwägerinnen abzuhalten. Sie soll den ganzen Tag mit Teppichweben, Flachskämmen und Schönsein zubringen. Das ist kein Leben.

Können die Götter helfen? Helena ist skeptisch, doch es lohnt den Versuch. Morgen, beschließt sie, wird sie zum Tempel Apollos gehen und ihn bitten, ihre Langeweile zu beleben, und sie wird ihre Bitte vielleicht durch ein Angebot untermauern – einen Widder, einen Bullen, was auch immer – wenngleich ihr so ein Angebot eher wie ein Kuhhandel vorkommt, und Helena hat genug davon. Ihr Mann – Pseudoehemann, Nichtehemann – hat einen Kuhhandel abgeschlossen. Sie denkt immer an den Zankapfel und was Aphrodite vielleicht damit gemacht hat, nachdem sie Paris bestochen hatte. Hat sie ihn in ihre Fruchtschale fallen lassen … ihn auf den Kamin gelegt … ihn auf ihre Krone gespießt? Warum hat sie das verdammte Ding ernst genommen? Warum hat überhaupt jemand von denen es ernst genommen? Hallo, ich bin die schönste Göttin im Universum – seht, es steht so hier auf meinem Apfel.

Verdammt – noch ein graues Haar, ein weiteres Unkraut im Garten ihrer weiblichen Schönheit. Sie greift nach dem Übeltäter – und verharrt. Warum das Getue? Diese Haare sind wie Hydras Köpfe, zahllos, krebsartig, und außerdem ist es höchste Zeit, daß Paris erkennt, da sitzt ein Verstand unter dieser Frisur.

Woraufhin Paris hereinkommt, schwitzend und schnaubend. Der Helm schief; der Speer blutbesudelt; seine Beinschienen klebrig von Menschenfleisch.

»Harter Tag, Liebster?«

»Frag nicht.« Ihr Nichtehemann löst seinen Brustpanzer. »Schenk uns Wein ein. Du hast ins Speculum[9] geschaut, nicht wahr? Gut.«

Helena legt den Spiegel ab, entkorkt die Flasche und füllt zwei diamantbesetzte Pokale mit Chateau Samothrake.

»Ich habe heute von einigen Techniken gehört, die du vielleicht ausprobieren solltest«, sagt Paris. »Möglichkeiten für eine Frau, ihre Schönheit zu erhalten.«

»Du meinst – du redest auf dem Schlachtfeld?«

»Während der flauen Phasen.«

»Ich wünschte, du würdest mit mir reden.«

»Wachs«, sagt Paris und hebt den Pokal an seine Lippen. »Wachs ist das Richtige.« Seine schweren Wangen legen sich in Wellen, während er trinkt. Ihre Affäre, das gesteht Helena, verschafft ihr immer noch Nervenkitzel. In den letzten zehn Jahren hat ihr Liebhaber etwas über die flüchtige Schönheit eines Adonis Hinausgehende und ebenso Anziehende entwickelt, eine gebieterische, ungezierte Sexualität, einem alternden Matinee-Idol nicht unähnlich. »Nimm etwas geschmolzenes Wachs und arbeite es in die Linien auf deiner Stirn ein – und presto sind sie weg.«

»Mir gefallen meine Linien«, beharrt Helena mit raschem, aber hörbarem Schnauben.

»Man sagt, mit Ochsenblut gemischt, ist der dunkle Schlick aus dem Fluß Minyeios farbecht. Du kannst deine silbernen Haare wieder goldbraun färben. Ein griechisches Rezept.« Paris nippt an seinem Wein. »Und was die überschüssigen Unzen an deinen Schenkeln angeht, nun, Liebes, wir beide wissen, es gibt nichts Besseres als Training.«

»Wer sagt das wem«, höhnt Helena. »Deine Haut ist keine Pfirsichhaut. Dein Kopf ist kein üppig wuchernder Garten mehr. Und was deinen Bauch betrifft, jede Wette, daß Paris von Troja durch den Regen gehen kann, ohne daß seine Schuhschnallen naß werden.«

Der Prinz trinkt sein Glas leer und seufzt. »Wo ist das Mädchen, das ich geheiratet habe? Du hast immer so viel Wert auf dein Aussehen gelegt.«

»Das Mädchen, das du geheiratet hast«, antwortet Helena pointiert, »ist nicht deine Frau.«

»Nun ja, natürlich nicht. Technisch gesehen, gehörst du noch ihm.«

»Ich will eine Hochzeit.« Helena trinkt gierig einen Schluck Samothrake und stellt den Pokal auf den Spiegel. »Du könntest zu meinem Mann gehen«, schlägt sie vor. »Du könntest dich dem hochherzigen Menelaos vorstellen und versuchen, die Sache auszudiskutieren.« Auf der unebenen Spiegelfläche reflektiert, wächst der Pokal sonderbar, verzerrt, wie durch die Augen eines Betrunkenen gesehen. »He, hör zu, ich bin sicher, er hat inzwischen eine andere gefunden – schließlich ist er eine gute Partie. Also, vielleicht hast du ihm sogar einen Gefallen getan. Vielleicht ist er nicht mal wütend.«

»Er ist wütend«, beharrt Paris. »Der Mann ist zornig.«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es.«

Ungeachtet ihres königlichen Standes konsumiert Helena den restlichen Wein mit der groben Sorglosigkeit eines Galeerensklaven. »Ich will ein Baby«, sagt sie.

»Was?«

»Du weißt schon: ein Baby. Baby: ein extrem junger Mensch. Mein Ziel, lieber Paris, ist es, schwanger zu werden.«

»Vaterschaft ist etwas für Verlierer.« Paris schmeißt seinen Speer aufs Bett. Die Matratze streichend, verschwindet der eichene Schaft in den weichen Daunen. »Vorsicht mit dem vino, Liebes. Alkohol macht schrecklich fett.«

»Verstehst du nicht? Ich verliere den Verstand. Eine Schwangerschaft würde mir einen Lebensinhalt geben.«

»Jeder Idiot kann ein Kind zeugen. Eine Zitadelle verteidigen kann nur ein Held.«

»Hast du eine andere gefunden, Paris? Ist es das? Eine Jüngere, Schlankere?«

»Sei nicht albern. Durch alle Zeiten hindurch, in vergangenen Tagen und noch kommenden Epochen, wird kein Mann eine Frau so lieben wie Paris Helena liebt.«

»Ich wette, die Ebenen Iliums wimmeln nur so von Prostituierten, die den Truppen folgen. Die müssen vor Begeisterung über euch glatt in Ohnmacht fallen.«

»Zerbrich dir darüber nicht deinen hübschen kleinen Kopf«, sagt Paris und wickelt ein Helmbusch-Soldaten-Schafsdarmkondom aus.

Falls er das je wieder zu mir sagt, schwört Helena, als sie angetrunken ins Bett purzeln, werde ich so laut schreien, daß die Mauern Trojas einstürzen.

Das Gemetzel läuft nicht gut, und Paris ist deprimiert. Günstig geschätzt, hat er heute morgen bestenfalls fünfzehn Achaier in das Haus des Hades geschleudert: Machaon mit den starken Beinschienen, Euchenor mit den Eisenmuskeln, den axtschwingenden Deichos und ein Dutzend weitere – fünfzehn edle Krieger in die dunklen Tiefen geschickt, fünfzehn atemlose Körper als Futter für Hunde und Raben zurückgelassen. Lausig.

Entlang der ganzen Front gibt Priamos’ Armee kampflos Boden preis. Ihre Moral ist gebrochen, ihr esprit ist erschöpft. Sie haben Helena seit einem Jahr nicht gesehen, und ihnen ist nicht mehr nach kämpfen zumute.

Mit einem tiefen äolischen Seufzer setzt sich der Prinz auf seinen Stapel konfiszierter Waffen und beginnt seine Mittagspause.

Hat er eine Wahl? Muß er sie weiter im Dunkeln halten? Ja, bei Poseidons Dreizack, ja. Helena in ihrem heutigen Aussehen zur Schau zu stellen, würde alles nur noch schlimmer machen. Vor langer Zeit einmal genügte ihr Gesicht, um tausend Schiffe vom Stapel zu lassen. Heute lockt es keinen thebanischen Fischkutter mehr aus dem Trockendock. Laß die Truppen einen Blick auf ihre Falten erhaschen, laß sie gar ihr alterndes Haar erspähen, und sie werden fliehen wie Ratten von einer sinkenden Trireme.

Er poliert sich einen Pfirsich – seit er sein berühmtes Urteil gesprochen und Aphrodite ihren Preis gegeben hat, macht Paris sich nichts mehr aus Äpfeln – da galoppieren zwei der besten Pferde Hissarliks, Aithon und Xanthos, heran und ziehen den Streitwagen seines Bruders. Paris erwartet, Hektor an den Zügeln zu sehen, doch nein: der Lenker, bemerkt er über die Maßen verblüfft, ist Helena.

»Helena? Was tust du hier?«

Einen Ochsenziemer schwingend, springt seine Geliebte herunter. »Du erzählst mir ja nichts über den Krieg«, japst sie und keucht in der Rüstung, »also ziehe ich selbst Erkundigungen ein. Ich war gerade unten am Mäander, wo deine Feinde eine Kavallerieattacke gegen das Lager von Epistrophos vorbereiten.«

»Geh zurück in die Zitadelle, Helena. Geh zurück nach Pergamos.«

»Paris, diese Armee, die du bekämpfst – das sind Griechen. Idomeneus, Diomedes, Sthenelos, Euryalos, Odysseus – ich kenne diese Männer. Sie kennen? Bei Pans Flöte, mit der Hälfte von denen bin ich ausgegangen. Du rätst nicht, wer die Kavallerieattacke führen wird.«

Paris probiert es. »Agamemnon?«

»Agamemnon!« Schweiß rinnt unter Helenas Helm hervor wie Blut aus einer Kopfwunde. »Mein eigener Schwager! Als nächstes erzählst du mir, daß Menelaos selbst gegen Troja zu Felde zieht!«

Paris hustet und sagt: »Menelaos selbst zieht gegen Troja zu Felde.«

»Er ist hier?« jammert Helena und trommelt auf ihren Brustpanzer. »Mein Ehemann ist hier?«

»Korrekt.«

»Was geht hier vor, Paris? Zu welchem Zweck haben die Männer von Argos’ Pferdeweiden den weiten Weg nach Ilium gemacht?«

Der Prinz wirft seinen Pfirsichkern gegen Helenas Brustschild. Ärgerlich sucht er nach Epitheta.[10] Eselsköpfige Helena nennt er sie im stillen. Lederhäutige Lakedaimonin, lautet seine innerliche Schmähung. Er fühlt sich geschlagen und besiegt, gefangen und gefesselt. »Also schön, Liebes, also schön …« Helena mit dem eisernen Willen, das zähe Luder, der Bronzearsch. »Sie sind deinetwegen hier, Liebes.«

»Was?«

»Deinetwegen.«

»Meinetwegen? Wovon redest du überhaupt?«

»Sie wollen dich zurückstehlen.« Während Paris spricht, scheint Helenas verblassende Schönheit um ein weiteres Grad abzunehmen. Ihr Gesicht verfinstert sich in einer unergründlichen Mischung aus Zorn, Schmerz und Verwirrung. »Sie sind dazu verpflichtet. König Tyndareos ließ deine Freier schwören, dem treu zu dienen, den du zum Manne wählst, wer immer das sei.«

»Meinetwegen?« Helena springt in den Streitwagen. »Du führst diesen ganzen, dummen, widerwärtigen Krieg um mich?«

»Nun, nicht um dich per se. Um Ehre, Ruhm, Arete.[11] Und jetzt Beeilung, zurück nach Pergamos – das ist ein Befehl.«

»Ich beeile mich, mein Lieber!« – sie hebt die Peitsche – »aber ich fahre nicht nach Pergamos. Los, Aithon!« Sie knallt mit der Peitschenschnur. »Los, Xanthos!«

»Wohin dann?«

Statt zu antworten, prescht Paris’ Geliebte davon und läßt ihn ihren Staub schlucken.

Benommen vor Zorn, zitternd vor Gewissensbissen stürmt Helena über die Ebenen von Ilium. Auf allen Seiten entfaltet sich ein befremdliches Drama, ein Spektakel zerstörter Sinne und geschundenen Fleisches: Soldaten mit ausgestochenen Augen, abgeschnittenen Zungen, abgehackten Gliedern, aufgerissenen Bäuchen; Soldaten, so sieht es aus, die ihre eigenen Gedärme gebären – und alles wegen ihr. Sie weint offen und hemmungslos, die großen, juwelenartigen Tränen rinnen ihre faltigen Wangen hinab und laufen über ihren Brustpanzer. Die Qualen des Prometheus sind ein Klacks, verglichen mit der Last ihrer Schuld, Herakles’ Säulen sind Federn, aufgewogen gegen die erdrückende Tonnage ihrer Gewissensbisse.

Ehre, Ruhm, Arete: mir fehlt da etwas, erkennt Helena, als sie das Blutbad überblickt. Der Sinn entgeht mir.

Sie erreicht die schlammige und stinkende Lisga-Marsch und zügelt die Pferde vor einem im Schmutz sitzenden Fußsoldaten, einem jungen Myrmidonen mit einem, wie sie annimmt, besonders ehrenhaften Speerloch im Brustpanzer und einem einzigartig ruhmreichen Verlust der rechten Hand.

»Kannst du mir sagen, wo ich deinen König finde?« fragt sie.

»Bei Heras Augen, du bist wahrlich nett anzusehen«, japst der Soldat, während er sich, Arete in voller Blüte, seinen blutenden Stumpf mit Leinen verbindet.

»Ich muß Menelaos finden.«

»Versuch es am Hafen«, sagt er und gestikuliert mit seinem Stumpf. Die Bandage tropft wie ein undichter Wasserhahn. »Sein Schiff ist die Arkadia.«

Helena dankt dem Soldaten und lenkt ihre Pferde auf die weinrote See zu.

»Bist du zufälligerweise Helenas Mutter?« ruft er, während sie davonrast. »Was für ein Gesicht du hast!«

Zwanzig Minuten später hält Helena, taumelnd vor Durst und nach Pferdeschweiß riechend, in Sichtweite der anbrandenden Wellen. Unten im Hafen liegen tausend Schiffe mit starkem Rumpf vor Anker, ihre Masten recken sich in den Himmel wie ein Wald entblätterter Bäume. Den Strand entlang errichten Helenas Landsleute einen kräftigen Holzwall, offenbar aus Angst, daß die Trojaner nicht zögern würden, ihre Flotte zu verbrennen, sollte die Verteidigungslinie je bis hier zurückgedrängt werden. Die salzige Luft vibriert von achaiischen Äxten – das Schlagen und Knirschen beim Fällen der Akazien, das Flechten der Palisaden, das Schärfen der Palisadenpfosten und das Formen der Brustwehren bildet eine Kakophonie, die das Flattern der Segel und das Rauschen der Brandung übertönt.

Helena beginnt am Kai und entdeckt bald die Arkadia, eine stämmige Pentekontor[12], aus deren Seiten ein halbes Hundert Ruder herausstechen wie Igelstacheln. Helena hat soeben die Laufplanke überquert, als sie ihrem Ehemann begegnet, älter zwar, von Falten gezeichnet, doch zweifellos er. Mit Helmbusch, geschmückt wie ein Pfau, steht Menelaos auf dem Vordeck, spricht mit einer stämmigen Baubrigade und belehrt sie über die richtige Plazierung der Aufspießpfosten. Ein gutaussehender Mann, sagt sie sich, ähnlich dem Krieger auf der Kondomschachtel. Sie versteht, warum sie ihn Sthenelos, Euryalos und den anderen Schönlingen vorgezogen hat.

Sobald die Arbeiter fortfahren, ihren stacheligen Hain zu pflanzen, schlendert Helena zu Menelaos und tippt ihm von hinten auf die Schulter.

»Hallo«, sagt sie.

Er war immer ein blasser Typ, aber nun verliert sein Gesicht auch noch das letzte Tröpfchen Blut.

»Helena«, sagte er und japst und blinzelt wie ein Mann, den man soeben mit einem Eimer Schmutzwasser übergossen hat. »Bist du das?«

»Richtig.«

»Du bist … äh … gealtert.«

»Du auch, mein Schatz.«

Er nimmt seinen Federbuschhelm ab, stampft mit dem Fuß auf das Vordeck und sagt zornig: »Du bist mir weggelaufen.«

»Ja, ganz recht.«

»Schlampe.«

»Vielleicht.« Helena richtet ihre Beinschienen. »Ich könnte vorgeben, von der gelächterliebenden Aphrodite verhext worden zu sein, aber das wäre eine gemeine Lüge. Tatsache ist, Paris hat mich um den Verstand gebracht. Ich bin verrückt nach ihm. Tut mir leid.« Sie läßt ihre ausgetrocknete Zunge über die ausgedörrten Lippen gleiten. »Hast du irgend etwas zu trinken?«

Menelaos senkt einen hohlen Flaschenkürbis in seine Privatzisterne und bietet ihr einen halben Liter Frischwasser an. »Was führt dich also her?« fragt er.

Helena nimmt die Schöpfkelle an. Sie stellt ihre Stiefel weit auseinander, um das Rollen der auflaufenden Tide auszubalancieren und trinkt gierig einen Schluck. Endlich sagt sie: »Ich möchte aufgeben.«

»Was?«

»Ich will mit dir heimgehen.«

»Du meinst … du denkst, unsere Ehe verdient eine zweite Chance?«

»Nein, ich denke, all die Infanteristen da draußen verdienen zu leben. Wenn dieser Krieg wirklich geführt wird, mich zurückzuholen, betrachte die Aufgabe als erledigt.«

Helena wirft die Kelle beiseite und streckt die Hände aus, Handflächen nach oben, als prüfe sie, ob Regen fällt. »Ich gehöre dir, Männe. Feßle meine Hände, kette meine Füße zusammen, wirf mich in die Brigg.«

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit, allen logos trotzend, verliert Menelaos’ Gesicht noch mehr Farbe. »Ich glaube nicht, daß das eine sehr gute Idee ist«, sagt er.

»Hm? Was meinst du?«

»Diese Belagerung, Helena – da steckt mehr dahinter, als du denkst …«

»Schubs mich nicht rum, Herr aller Lakedaimonen, Arschloch. Es ist Zeit, aufzuhören.«

Der König Spartas starrt ihr direkt auf die Brust, eine Angewohnheit, die sie immer als ärgerlich empfunden hat. »Hast ein bißchen Gewicht zugelegt, was, Liebling?«

»Wechsel nicht das Thema.« Sie stürzt auf Menelaos’ Schwertscheide zu, als wolle sie ihn fertigmachen, statt dessen zieht sie seine Waffe heraus. »Es ist mir bitterernst: wenn Helena von Troja nicht gestattet wird, selbstbestimmt zu leben«, sie deutet in einer Pantomime Selbstmord an, »dann wird sie sich umbringen.«

»Weißt du was«, sagt ihr Mann und nimmt ihr seine Waffe weg. »Gleich morgen früh gehe ich zu meinem Bruder und bitte ihn, einen Waffenstillstand mit deinem Schwiegervater auszuhandeln.«

»Er ist nicht mein Schwiegervater. Es gab keine Hochzeit.«

»Einerlei. Der Punkt ist, dein Angebot hat was für sich, aber es muß diskutiert werden. Wir werden uns von Angesicht zu Angesicht treffen, Trojaner und Achaier und die Sache besprechen. Für den Augenblick kehrst du am besten zu deinem Liebhaber zurück.«

»Ich warne dich – ich dulde kein Blut mehr an meinen Händen, keines außer meinem eigenen.«

»Natürlich, Liebes. Geh jetzt bitte zurück in die Zitadelle.«

Wenigstens hat er zugehört, überlegt Helena, als sie das wettergegerbte Deck der Arkadia überquert. Zumindest hat er nicht gesagt, ich soll mir darüber nicht meinen hübschen kleinen Kopf zerbrechen.

»Jetzt kommt der langweilige Teil«, sagt der quengelige Damon.

»Die Szene mit dem ganzen Gerede«, fügt die naseweise Daphne hinzu.

»Kannst du die ein bißchen abkürzen?« fragt mein Sohn.

»Schsch«, mache ich und glätte Damons Bettdecke. »Keine Unterbrechungen«, beharre ich. Ich stopfe Daphne ihre Maishülsenpuppe unter den Arm. »Wenn ihr selbst Kinder habt, könnt ihr die Geschichte erzählen, wie ihr wollt. Bis dahin, hört gut zu. Ihr lernt vielleicht etwas dabei.«

An den brodelnden, stürzenden Wassern des Flusses Simoeis, unter der orangeglühenden Verkörperung der Mondgöttin Artemis sitzen im Purpurzelt des Oberkommandos von Ilium zehn Aristokraten um einen großen Eichentisch versammelt, allesamt berstend vor Meinungen darüber, wie mit dieser Helena-Situation, diesem Friedensproblem, dieser trojanischen Geiselkrise am besten zu verfahren sei. Weiß wie ein Kranich flattert das Waffenstillstandsbanner über den Köpfen der beiden Könige, Priamos aus der hohen Stadt, Agamemnon von den langen Schiffen. Jede Seite hat ihre Besten und/oder Klügsten gesandt. Für die Trojaner: der geistreiche Panthoos, der mächtige Paris, der unbesiegbare Hektor und Hiketaon, der Sproß des Ares. Für die achaiische Sache: Ajax, der Berserker, Nestor, der Mentor, Menelaos, der Gehörnte, und der listige, lächelnde Odysseus. Von allen Geladenen schmollt nur der zänkische Achilles in seinem Zelt und hat sich geweigert zu erscheinen.

Panthoos erhebt sich, reibt sich den schaumweißen Bart und legt sein Zepter auf den Tisch. »Königliche Kapitäne, begabte Seher«, beginnt der alte Trojaner, »ich denke, Ihr werdet beipflichten, wenn ich sage, daß wir seit Beginn der Belagerung keiner so großen Herausforderung gegenüberstanden. Täuscht Euch nicht: Helena will uns unseren Krieg wegnehmen, und zwar hier und jetzt.«

Rufe des Entsetzens wehen durch das Zelt wie Winde aus der Unterwelt.

»Wir können jetzt nicht aufhören«, stöhnt Hektor, heftig zusammenzuckend.

»Wir kommen gerade erst auf Touren«, jammert Hiketaon, kräftig grimmassierend.

Agamemnon steigt von seinem Thron herab und trägt das Zepter wie einen Speer. »Ich habe eine Frage an Prinz Paris«, sagt er. »Was sagt die Bereitschaft deiner Geliebten, nach Argos zurückzukehren, über den gegenwärtigen Stand Eurer Beziehung aus?«

Paris streicht sich über die kräftigen Wangen und sagt: »Wie Ihr vielleicht vermutet, großer König, basieren meine Gefühle für Helena auf Belohnung.«

»Ihr wollt sie also nicht gewaltsam in Pergamos behalten?«

»Wenn sie mich nicht will, will ich sie auch nicht.«

An welchem Punkt Ajax mit dem tappigen Verstand seine Hand hebt. »Äh … entschuldigt. Ich bin ein bißchen verwirrt. Wenn wir Helena nur bitten müssen, mitzukommen, warum müssen wir dann den Krieg fortsetzen?«

Ein Schirokko des Erstaunens erhebt sich unter den Helden.

»Warum?« keucht Panthoos. »Warum? Weil dies Troja ist, darum. Weil wir hier die westliche Zivilisation beginnen, deshalb. Je länger wir diese Affäre am Köcheln halten, je länger wir eine so unklare Unternehmung aufrechterhalten können, desto wertvoller und bedeutender wird sie.«

Ajax mit den behäbig arbeitenden Synapsen sagt: »Hä?«

Nestor muß sich nur räuspern, und alle Augen sind auf ihn gerichtet. »Was unser Gegner sagt – darf ich es interpretieren, weiser Panthoos?« Er wendet sich seinem trojanischen Gegenstück zu, verneigt sich ehrfürchtig, erhält ein zustimmendes Nicken und spricht zu Ajax. »Panthoos meint, falls dieser besondere Kriegsgrund – eine Frau ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben – als vernünftig dargestellt werden kann, kann jeder Vorwand für einen Krieg als vernünftig dargestellt werden.« Der Mentor schwenkt seinen fiebrigen Blick von Ajax auf die gesamte Versammlung. »Indem wir uns dieser seltenen und wertvollen Gelegenheit gewachsen zeigen, ebnen wir den Weg für Religionskriege, Schicksalskriege – für Kriege aus jedem fragwürdigen Grund, der Euch einfällt.« Noch einmal fällt sein Blick zufällig auf Ajax. »Verstanden, Herr Kollege? Dies ist der Krieg zur Einführung des Krieges an sich. Dies ist der Krieg, um die Welt sicher zu machen für den Krieg.«

Ajax runzelt so heftig die Stirn, daß sein Visier herunterklappt. »Ich weiß nur, wir sind wegen Helena gekommen, wir haben sie. Auftrag erfüllt.« Sich Agamemnon zuwendend, hebt der Berserker das Visier von seinen Augen. »Also, wenn es Euch nichts ausmacht, Majestät, würde ich gern heimgehen, bevor ich umgebracht werde.«

»Oh, Ajax, Ajax, Ajax«, stöhnt Hektar, zieht einen Pfeil aus seinem Köcher und kratzt sich damit den Rücken. »Wo ist Euer Sinn für Ästhetik? Könnt Ihr den Krieg nicht um seiner selbst willen würdigen? Die Ebenen Iliums sind aufgewühlt vom Ruhm, Mann. Man kann die Arete mit dem Messer schneiden. Nie hat es so heroische Verstümmelungen gegeben, so ehrwürdige Zerstückelungen, solch …«

»Ich kapier’s«, sagt der Berserker. »Ich kapier’s einfach nicht.«

Woraufhin Menelaos seinen Weinpokal mit widerhallendem Knall auf den Tisch stellt. »Wir haben uns nicht in Priamos’ Zelt versammelt, damit Ajax Politik lernt«, sagt er ungeduldig. »Wir haben uns versammelt, um bestmöglich über meine Frau zu entscheiden.«

»Wie wahr, wie wahr«, sagt Hektar.

»Also, was sollen wir tun, meine Herren?« fragt Menelaos. »Sie einsperren?«

»Gute Idee«, sagt Hiketaon.

»Nun ja«, sagt Agamemnon und sackt auf seinen Thron zurück. »Außer daß meine Truppen nach dem Ende des Krieges verlangen werden, sie zu sehen. Könnten die sich nicht wundern, warum so viele Leiden und Opfer für eine heruntergekommene Göttin erbracht wurden?« Er wendet sich an Paris und sagt: »Prinz, das hättet Ihr nicht zulassen sollen.«

»Was zulassen?« fragt Paris.

»Ich hörte, sie hat Falten«, sagt Agamemnon.

»Ich hörte, sie ist fett geworden«, sagt Nestor.

»Was habt Ihr ihr zu essen gegeben?« fragt Menelaos. »Bonbons?«

»Sie ist ein Mensch«, protestiert Paris, »keine Marmorstatue. Ihr könnt kaum mir die Schuld geben …«

Bei welchem Stand der Dinge König Priamos sein Zepter erhebt, und es in die Erde rammt, als wolle er Gaia selbst verwunden.

»Edle Herren, ich sage das nicht gern, aber die Bedrohung ist unmittelbarer, als Ihr vielleicht annehmt. In den Anfangsjahren der Belagerung wirkte der Anblick der schönen Helena, wie sie über Schutzwälle ging, Wunder auf die Kampfmoral meiner Armee. Jetzt, da sie nicht mehr tauglich ist für öffentliche Auftritte, nun …«

»Ja?« sagt Agamemnon und wappnet sich vor dem Schlimmsten.

»Nun, ich weiß einfach nicht, wie lange Troja seinen Krieg noch aufrechterhalten kann. Wenn die Lage sich nicht bessert, müssen wir vielleicht bis nächsten Winter kapitulieren.«

Ausrufe des Entsetzens wehen über den Tisch, rütteln am Zelteingang und kräuseln die Umhänge der Aristokraten. Doch nun spricht der kluge, umsichtige Odysseus zum erstenmal zum Rat, und der Wind der Uneinigkeit legt sich. »Unser Kurs ist offensichtlich«, sagt er. »Unsere Bestimmung ist klar«, versichert er. »Wir müssen Helena – die alte Helena, die makellose Helena – wieder auf die Mauern stellen.«

»Die alte Helena?« sagt Hiketaon. »Die makellose Helena? Ist das nicht reines Phantasiegerede, einfallsreicher Odysseus? Besingt Ihr nicht einen Mythos?«

Der Herr über ganz Ithaka durchschreitet, seinen seidigen Bart streichend, der Länge nach Priamos’ Zelt. »Es erfordert einige Weisheit von Pallas Athene, einige Technologie von Hephaistos, doch ich denke, das Projekt ist möglich.«

»Entschuldigt«, sagt Paris. »Welches Projekt ist möglich?«

»Eure kleine Dirne aufzupolieren«, sagt Odysseus. »Die liebe, süße Hure strahlen zu lassen wie neu.«

Helena wandert vor und zurück, hin und her durch ihr Boudoir und tritt einen gezackten Pfad der Angst in ihren Teppich. Eine Stunde vergeht. Dann zwei. Was reden die so lange?

Was am meisten an ihr nagt, der Gedanke, der ihr das Innere zerfrißt, ist die Möglichkeit, daß sie den Einsatz erhöhen muß, sollte der Rat ihr Kapitulationsangebot ablehnen. Und wie könnte ihr diese Tat gelingen? Durch welche Mittel könnte sie eine einfache Passage auf Charons[13] Fähre buchen? Wahrscheinlich durch etwas aus dem Arsenal ihres Liebhabers – ein Schwert, Speer, Dolch oder einen totschleudernden Bogen. O bitte, mein Herr Apollo, betet sie zum Hauptbeschützer der Stadt, laß es nicht dazu kommen.

Bei Sonnenuntergang betritt Paris den Raum, der Schritt bleiern, die Wangen hängend, der Mund zur Grimasse verzerrt. Zum erstenmal bemerkt Helena Tränen in den Augen Ihres Geliebten.

»Es ist zu Ende«, stöhnt er und nimmt seinen Federbuschhelm ab. »Der Frieden ist da. Im Morgengrauen mußt du zu den langen Schiffen gehen. Menelaos wird dich zurückbringen nach Sparta, wo du wieder als Mutter seiner Kinder, Freundin seiner Konkubinen und Agentin in seinem Bett leben wirst.«

Erleichterung entströmt Helena tief und orgiastisch, doch das Vergnügen ist von kurzer Dauer. Sie liebt diesen Mann, mitsamt seinen Fehlern und Erschlaffungen. »Du wirst mir fehlen, liebster Paris«, sagt sie ihm. »Wie du mich kühn, gewaltsam entführt hast, bleibt der Höhepunkt meines Lebens.«

»Ich habe dem Abkommen nur zugestimmt, weil Menelaos glaubt, daß du dich sonst umbringen könntest. Du bist eine erstaunliche Frau, Helena. Manchmal glaube ich, dich kaum zu kennen.«

»Schsch, mein Liebling«, sagt sie und legt ihm sanft ihre Hand auf den Mund. »Keine Worte mehr.« Langsam entkleiden sie einander, methodisch die Pforten zum Glück öffnend, die Gürtel und Schärpen, die Schließen und Haken, und so beginnt ihre letzte epische gemeinsame Nacht.

»Entschuldige, daß ich so kritisch war«, sagt Paris.

»Ich nehme deine Entschuldigung an«, sagt Helena.

»Du bist so schön«, erzählt er ihr. »So unmöglich schön …«

»Ahhh …«

Als die Morgendämmerung rosige Finger über den trojanischen Himmel streckt, steuert Eniopeus, Hektors treuer Fahrer, Sohn des pferdeliebenden Thebaios, den robusten Streitwagen am Ufer des Mäander entlang und bringt Helena zur Festung der Achaier. Sie erreichen die Arkadia, als gerade die Sonne aufgeht, so wird ihre Ankunft im Hafen zur flammenden Parade, einer Schau aus Funken und Gold, als führen sie auf den brennenden Rädern Hyperions.[14]

Helena geht am Dock entlang, vorbei an Scharen kreischender Möwen, die in der frühen Morgenbrise dahintreiben. Menelaos kommt ihr entgegen und begrüßt sie, begleitet von einem Mann, gegen den Helena stets eine leichte Abneigung gehegt hat – der breitbrüstige, schwarzbärtige Teukros, illegitimer Sohn von Telamon.

»Die Flut ist da«, sagt ihr Mann. »Du mußt sofort mit Teukros an Bord gehen. Du wirst in ihm einen anregenden Reisebegleiter finden. Er kennt hundert Fabeln, und er spielt Harfe.«

»Kannst du mich nicht heimbringen?«

Menelaos drückt die Hand seiner Frau, führt sie an seine Lippen und küßt sie sacht. »Ich muß das Beladen meiner Schiffe überwachen«, erklärt er, »die Verteilung meiner Bataillone – Arbeit für eine ganze Woche, vermute ich.«

»Sicher kannst du das Agamemnon überlassen.«

»Gib mir sieben Tage, Helena. In sieben Tagen bin ich zu Hause, und wir können anfangen, die Scherben unserer Ehe zu kitten.«

»Wir versäumen die Flut«, sagt Teukros und verschränkt nervös die Finger.

Vertraue ich meinem Mann? fragt sich Helena, während sie die Laufplanke zur Arkadia hinaufgeht. Hat er wirklich vor, die Belagerung zu beenden?

Während der langsamen Fahrt aus dem Hafen hat Helena ein ungutes Gefühl. Vage Ängste, nagende Zweifel und seltsame Vorahnungen schwirren ihr durch den Kopf wie Harpyien.[15] Sie fleht ihren geliebten Apollo an, mit ihr zu reden, sie zu beruhigen, ihr zu versichern, daß alles gut sei, doch die einzigen Geräusche, die an ihr Ohr dringen, sind das Knarren der Ruder und die windige, wässerige Stimme des Hellespont.

Als die Arkadia die offene See erreicht, ist Helena entschlossen, über Bord zu springen und zurückzuschwimmen.

»Und dann hat Teukros versucht, dich umzubringen«, sagt Daphne.

»Er ist mit seinem Schwert auf dich losgegangen«, fügt Damon hinzu.

Dies ist für die Zwillinge der Lieblingsteil, der Moment voller Grauen und geronnenem Blut. Mit blitzenden Augen, die Stimme melodramatisch erhoben, erzähle ich ihnen, wie Teukros mich, seine janusgesichtige Klinge schwingend, über die Arkadia zu jagen begann, bevor ich meinen Fluchtplan ausführen konnte. Ich erzähle ihnen, wie ich die Oberhand gewann und den Bastard zu Fall brachte, als er mich gerade überrennen wollte.

»Du hast ihn mit seinem eigenen Schwert erstochen, nicht wahr, Mami?« fragt Damon.

»Ich hatte keine Wahl. Das versteht ihr doch, oder?«

»Und dann spritzten seine Gedärme raus, hm?« fragt Daphne.

»Agamemnon hatte Teukros beauftragt, mich zu töten«, erkläre ich. »Ich ruinierte ihnen alles.«

»Sie spritzten auf das ganze Deck, richtig?« fragt Damon.

»Ja, Liebling, das taten sie allerdings. Ich bin mir ziemlich sicher, Paris war in das Komplott nicht eingeweiht, Menelaos auch nicht. Eure Mutter verliebt sich in Narren, aber nicht in wahnsinnige Mörder.«

»Welche Farbe hatten sie?« fragt Damon.

»Farbe?«

»Seine Gedärme?«

»Rot, meistens, mit bläulichen und schwarzen Klecksen.«

»Toll.«

Ich erzähle den Zwillingen von meinem langen, anstrengenden Schwimmen durch die Meerenge.

Ich erzähle ihnen, wie ich Iliums kriegszerstörte Felder überquerte, Pfeilen auswich und Patrouillen entging.

Ich erzähle, wie ich am Skalischen Tor wartete, bis ein Bauer mit einer Karrenladung Futter für die belagerte Stadt kam … wie ich, zwischen Weizengarben verborgen, in die Stadt gelangte … wie ich nach Pergamos ging, mich im Apollotempel versteckte und atemlos auf die Morgendämmerung wartete.

Der Morgen dämmert herauf und bindet die östlichen Wolken in karmesinrote Schärpen. Helena verläßt die Zitadelle, schleicht auf Zehenspitzen zur Mauer und erklettert die hundert Granitstufen zu den Zinnen. Sie ist sich ihres nächsten Schrittes nicht sicher. Sie hat eine vage Hoffnung, die Männer der Infanterie ansprechen zu können, wenn sie sich am Tor versammeln. Ihre Argumente konnten die Generäle nicht beeindrucken, aber vielleicht kann sie das Herz eines gewöhnlichen Soldaten rühren.

Und genau an diesem unklaren Punkt ihres Schicksals begegnet Helena sich selbst.

Sie blinzelt – einmal, zweimal. Sie schluckt eine Sphäre Luft. Ja, sie ist es, sie selbst marschiert die Brüstungen entlang. Sie selbst? Nein, nicht genau: eine idealisierte Abbildung ihrer selbst, die Helena von vor zehn Jahren, grazil und lieblich.

Während die Truppen in Richtung Ebene durch das Portal marschieren, ruft die sonderbare Verkörperung zu ihnen hinunter:

»Vorwärts Männer!« ruft sie und hebt einen cremeweißen Arm. »Kämpft für mich!« Ihre Bewegungen sind gemächlich und ruckartig, als wäre das sonnenverbackene Troja auf wundersame Weise in ein frostiges Klima verpflanzt worden. »Ich bin es wert!«

Die Soldaten drehen sich um, sehen hinauf. »Wir kämpfen für dich, Helena!« ruft ein Bogenschütze zur Brüstung empor.

»Wir lieben Euch!« ruft ein Schwertkämpfer.

Die Verkörperung winkt unbeholfen. Knarrend wirft sie ihnen eine Kußhand zu. »Vorwärts Männer! Kämpft für mich! Ich bin es wert!«

»Ihr seid schön, Helena!« schreit ein Speerwerfer.

Helena schreitet auf ihre Doppelgängerin zu, packt sie bei der linken Schulter und dreht sie zu sich her.

»Vorwärts, Männer!« sagt die zu Helena. »Kämpft für mich! Ich bin es wert!«

»Ihr seid schön«, fährt der Speerwerfer fort, »und Eure Mutter auch!«

Die Augen sind, wie Helena ohne Überraschung entdeckt, aus Glas. Die Glieder sind aus Holz gearbeitet, der Kopf ist aus Marmor, die Zähne sind aus Elfenbein, die Lippen aus Wachs, die Locken aus dem Flies eines dunkel werdenden Widders. Helena weiß nicht genau, welche Mächte dieser Kreatur Kraft geben, welcher Zauber die Zunge bewegt, doch sie vermutet, daß das Genie der Athene hier am Werk ist, die Zauberkraft der kuhäugigen Hera. Hack die Kreatur auf, so spürt sie, und heraus fallen tausend Räder und Kolben aus Hephaistos’ feuriger Werkstatt.

Helena verliert keine Zeit. Sie umarmt die Kreatur und hebt sie hoch. Schwer, aber nicht so schwer, um ihre Entschlossenheit zu dämpfen.

»Vorwärts, Männer!« schreit die Kreatur, als Helena sie sich über die Schulter wirft. »Kämpft für mich! Ich bin es wert.«

Und so geschieht es, daß an einem heißen, schweißtreibenden kleinasiatischen Morgen, die schöne Helena das Rad der Geschichte verdreht, und sich fröhlich selbst aus der erhabenen Steinstadt Troja entführt.

Paris zieht einen Giftpfeil aus seinem Köcher, um eine Prise Schierling in die Brust eines achaiischen Kapitäns zu schießen, als der Streitwagen seines Bruders vorbeirumpelt.

Paris legt den Pfeil auf die Kerbe. Er blickt flüchtig zum Wagen.

Er zielt.

Blickt nochmal hin.

Schießt. Daneben.

Helena.

Helena? Helena, bei Apollos Leier, seine Helena – nein, zwei Helenas, die echte und die falsche Seite an Seite, die echte lenkt den Wagen ins Kampfgetümmel, ihr hölzerner Zwilling starrt verträumt in die Luft. Paris weiß nicht genau, der Anblick welcher der beiden Frauen ihn mehr erstaunt.

»Soldaten von Troja!« schreit die fleischliche Helena. »Heroen von Argos! Schaut, wie Eure Führer Euch hintergehen! Ihr kämpft für ein Trugbild, einen Schwindel, ein Ding aus Zahnrädern und Glas!«

Stille umschließt das Schlachtfeld. Die Männer sind verblüfft, nicht so sehr wegen der tobenden Wagenlenkerin, als durch das Gesicht ihrer Begleiterin, so rein und perfekt trotz des Lederriemens, der ihr die Kiefern fest verschließt. Das ist ein Gesicht, um tausend Schwerter in die Scheiden zurückzustecken, ein Gesicht, um tausend Speere zu senken, ein Gesicht, um tausend Pfeile aus den Kerben zu nehmen.

Und genau das passiert jetzt. Tausend Schwerter: gleiten in die Scheiden zurück. Tausend Speere: werden gesenkt. Tausend Pfeile: werden aus den Kerben genommen.

Die Soldaten drängen sich um den Streitwagen, betatschen die Ersatz-Helena. Sie berühren die hölzernen Arme, liebkosen die Marmorstirn, streicheln die Elfenbeinzähne, tätscheln die Wachslippen, drücken das wollige Haar und reiben die Glasaugen.

»Seht Ihr, was ich meine?« schreit die echte Helena. »Eure Könige beschwindeln Euch …«

Paris kann nicht anders: Er ist stolz auf sie, bei Hermes’ Flügeln. Er bläht sich auf vor Bewunderung. Diese Frau hat Nerven, diese Frau hat Arete, diese Frau hat Chutzpah.[16]

Diese Frau, erkennt Paris, als eine fette warme Träne der Nostalgie über seine Wange rinnt, wird den Krieg beenden.

»Ende«, sage ich.

»Und was passierte dann?« fragt Damon.

»Nichts. Finis. Schlaf jetzt.«

»Du kannst uns nicht zum Narren halten«, sagt Daphne. »Alle möglichen Dinge sind hinterher passiert. Du bist auf die Insel Lesbos gegangen, um dort zu leben.«

»Nicht sofort«, bemerke ich. »Ich bin sieben Jahre durch die Welt gewandert und hatte viele schöne und fabelhafte Abenteuer. Gute Nacht.«

»Und dann bist du nach Lesbos gegangen«, beharrt Daphne.

»Und dann kamen wir auf die Welt«, bestätigt Damon.

»Stimmt«, sage ich. Die Zwillinge sind immer daran interessiert, wie sie auf die Welt kamen. Sie werden nicht müde, davon zu hören.

»Die Frauen von Lesbos importieren jährlich über tausend Liter gefrorenen Samen«, erklärt Damon Daphne.

»Aus Thrake«, erklärt Daphne Damon.

»Im Tausch für Oliven.«

»Ein blühender Handel.«

»Richtig, Schatz«, sage ich. »Schlafenszeit.«

»Und so wurdest du schwanger«, sagt Daphne.

»Und bekamst uns«, sagt Damon.

»Und brachtest uns nach Ägypten.« Daphne zerrt an meinem Ärmel, als betätige sie einen Klingelzug. »Ich kam zuerst heraus, nicht wahr?« sagt sie. »Ich bin die Älteste.«

»Ja, Liebes.«

»Bin ich deshalb klüger als Damon?«

»Ihr seid beide gleich klug. Ich blase jetzt die Kerze aus.«

Daphne drückt ihre Maishülsenpuppe an sich und sagt: »Hast du wirklich den Krieg beendet?«

»Das Abkommen wurde am Tag, nachdem ich aus Troja geflohen war, unterzeichnet. Natürlich hat der Frieden die Toten nicht wieder zum Leben erweckt, doch zumindest wurde Troja nie geplündert und niedergebrannt. Und jetzt schlaft – beide.«

Damon sagt: »Nicht, bevor wir …«

»Was?«

»Du weißt schon.«

»Also gut«, sage ich. »Ein Blick. Ein rasches Hingucken, und dann ab mit euch in Morpheus’ Arme.«

Ich schlendere hinüber zum Schrank, ziehe den Leinenvorhang beiseite und zeige meinen getreuen Zwilling, der aufrecht zwischen Daphnes Kleidern und Damons Roben steht. Sie lächelt im Halbdunkel. Diese Frau ist eine unermüdliche Lächlerin.

»Hallo, Tante Helena!« sagt Damon, als ich das Bronzegelenk bewege, das aus dem Nacken meiner Schwester herausragt.

Sie winkt meinen Kindern zu und sagt: »Vorwärts, Männer! Kämpft für mich!«

»Darauf kannst du wetten, Tante Helena!« sagt Daphne.

»Ich bin es wert!« sagt meine Schwester.

»Aber sicher!« sagt Damon.

»Vorwärts Männer! Kämpft für mich! Ich bin es wert!«

Ich schalte sie ab und ziehe den Vorhang zu. Dann decke ich die Zwillinge zu und gebe jedem einen dicken Schmatz auf die Wange. »Ich liebe dich, Daphne. Ich liebe dich, Damon.«

Ich greife nach der Kerze, um sie zu löschen – verharre. Ich sollte es gleich erledigen, ehe ich es vergesse. Ich kehre zum Schrank zurück, schiebe den Vorhang beiseite, ziehe das Taschenmesser aus meiner Robe und klappe die Klinge heraus. Und dann, während die ägyptische Nacht feucht und drückend wird, kerbe ich sorgfältig eine weitere Falte auf der Stirn meiner Schwester ein, direkt unter ihrem graumelierten Pony.

Schließlich ist es wichtig, gleich auszusehen.

Originaltitel: ›ARMS AND THE WOMAN‹ • Copyright © 1991 by TSR Publications, Inc. • Erstmals erschienen in ›Amazing Stories‹, Juli 1991 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Uwe Luserke, Literarische Agentur, Stuttgart • Copyright © 1996 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München • Aus dem Amerikanischen übersetzt von Margret Krätzig • Illustriert von Werner Ruhner

Václav Kajdoš • Tschechien

DAS UNLÖSBARE PROBLEM

Die Maschinen blinzelten mit rötlichen und grünen Augen in die schattenlose Abenddämmerung und füllten das Laboratorium mit stillem, ununterbrochenem Summen. »Also das ist es?« sagte Gal und zeigte auf den leuchtenden Würfel auf dem Tisch. »So ein Spielzeug. Du hast mir doch versprochen …«

»Ja das habe ich«, unterbrach ihn der andere und sah ihn scharf an. »Ich brauche dich doch nicht an dein eigenes Versprechen zu erinnern?«

»Daß ich schweigen werde?«

Der Wissenschaftler antwortete nicht und trat zu dem Würfel. Er heftete seinen Blick auf die durchsichtigen Wände des Geräts. Sie schwiegen.

Mehr oder weniger war es ein einfacher Würfel. Er schnitt prosaisch mit seinen scharfen Rändern durch den Raum, zerdrückte die Schönheit durch die kalte Mathematik der rechtwinkligen Schnittlinie seiner Kanten. Das war die Oberfläche. Nach längerer Beobachtung drang sein Blick durch die matten Wände und konnte sich schon nicht mehr losreißen. Etwas hinderte das Auge, die glatten, leuchtenden Wände zu verlassen und aus dem Netz der Kanten und Winkel zu flüchten. Gal senkte nur mit Mühe den Blick.

»Was ist los mit dir?« fragte der Wissenschaftler.

Der Angesprochene lächelte beschämt und schüttelte den Kopf. »Ach, das hat nichts zu bedeuten, das vergeht wieder.«

»Also du auch?« sagte der andere langsam.

»Es ist … lebendig!« stieß er mühsam hervor, als würde er gegen eine Last ankämpfen.

Das Gerät bannte erneut seinen Blick und hielt ihn fest in dem Alabasterlicht, das in den Linien eingesperrt war. Ja, es lockte ihn auch eine eisglatte Fläche, unter der sich Nebelwürmer und Reigen von Funken ringelten. Im Innern pulsierte es blaß. An einigen Stellen kumulierten die Gaswolken in schwellende und gärende Flocken, anderswo blitzten helle Strömungen. Schatten tappten wie Kraken, die eine Wasserfinsternis umarmten. Nein, berichtigte er sich, das ist nicht lebendig.

Eine Anhäufung von leuchtendem Gas, das in einer würfeligen Kammer mit durchsichtigen Wänden verteilt ist. Das ist auch alles.

»Ja, sicher«, wiederholte der Wissenschaftler seinen Gedanken, »lebendig ist es nicht. Aber es ist auch keine tote Materie.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Damit will ich sagen, das alles ist keine leblose Substanz.«

»Ein Gas im elektromagnetischen Feld?«

Der Wissenschaftler zuckte die Achseln. Mit hastigen, nervösen Bewegungen zeigte er noch einmal auf das Gerät. »Das hier«, umkreiste seine Hand die Würfel, »hier drin also, ist der ganze Kosmos.« Er griff in seinen schneeweißen Bart. »Und ich beobachte ihn.«

»Also doch tote Materie.«

»Gas. Vor allem Wasserstoff, Helium und andere Elemente in einem entsprechenden Verhältnis. So ein kleines Modell. Ja, es hat hier drin sein Gravitations- und elektromagnetisches Feld, aber ich greife nicht ein. Ich beobachte und sehe zu.«

Er zeigte auf einen ovalen Bildschirm an der Mauer des Raums, auf einen kleinen Roboter, der einer glitzernden Spinne ähnelte. Sein Kopf aus zahlreichen kleinen Kristallen zusammengesetzt, rutschte in einer Schiene an der Peripherie des Würfels hin und her.

»Mein Auge«, sagte der Wissenschaftler. »Ein Superultramikroskop. Der Oberste Rat weiß darüber nichts. Du wirst schon begreifen, warum.«

Gal wußte, daß der Rat gegenüber den Marotten seiner Mitglieder nachsichtig war, also begriff er nicht: warum sollten sie nichts darüber wissen? Aber er sagte nichts und schwieg weiter.

»Das da«, sagte sein Freund und zeigte auf den Kameraroboter, »erlaubt mir einen Rundblick in die Tiefe dieser Mikroweit. Der Bau seiner Atome ist dem Bau unseres großen Kosmos analog. Die Sternensonnen sind durch die Atomkerne ersetzt, die Planeten durch Elektronen. Die Zeit kann ich selber nach meinem Belieben regulieren. Heute habe ich mir bei der Wand des Würfels ein Atom ausgesucht«, fuhr er fort und hielt den Roboter an. »Da ist es.«

Das Laboratorium tauchte in ein graues Dunkel. Die Rubin- und Smaragdaugen der Computer blitzten auf. Der Würfel auf dem Zentraltisch phosphoreszierte in mattmilchiger Beleuchtung und der spinnenähnliche Roboter glänzte auf ihm wie ein lebendiges Auge.

Sie setzten sich in die Sessel vor dem Bildschirm. Ein feiner Klang ertönte, und in dem ovalen Bildschirm zeigten sich Wellen. Gal kam es zunächst so vor, als er durch die gläserne Wand in das wirbelnde Innere des Würfels blickte. Allmählich, als der Roboter das Bild vergrößerte, wurden die Bewegungen der Fünkchen und Flöckchen langsamer, und auch der schwindelerregende Tanz der Teilchen um die glühenden Kerne bremste sich ab. Die Schwaden wurden kleiner und lichteten sich, die Entfernungen unter ihnen wurden größer, die Weltsysteme krachten ineinander und verfielen in eine graue Dämmerung. Mit verhaltenem Atem beobachtete Gal, wie das Dunkel zwischen den Teilchen dichter wurde, wie das Licht der Kerne-Sonnen an Kraft gewann. Das Kameraauge nagte sich durch dieses Chaos, fing die Sternenhaufen der Sonnen in sein Blickfeld ein, dann auch die Halsbandketten der Satelliten und ließ sie wieder gleichgültig vorbeihuschen.

»Aber das ist doch – tatsächlich – das All!« sagte er schweratmend.

»Und da ist unser Atom«, sagte der Wissenschaftler und lächelte in seinen Bart hinein.

In dem tiefen Dunkel schien ein weißer Punkt auf, wurde größer und wuchs. Nun war es kein Punkt mehr, sondern eine golden- und orangefarben leuchtende Scheibe. Als sich das Kameraauge ihr nahte, verwandelte sich die Scheibe in eine zottige Feuerkugel, aus der Funkensprudel und Lichtgeysire sprühten. Beides ging in der Stille des ringsum liegenden Raumes taub und leise unter, verlor sich in ihm wie das Schweigen in der Lautlosigkeit.

Der Wissenschaftler beugte sich über das Pult. Seine Finger tanzten auf der Tastatur.

»Das ist der Kern – die Sonne«, sagte er.

»Und die Planeten?«

Die strahlende Scheibe schob sich seitwärts, und das Auge fiel in die Dunkelheit. Ja, die Finsternis war überall, aber auf ihrem Hintergrund leuchteten Myriaden von winzigen Funken, als hätte jemand ein schwarzes Gewebe mit Silberstaub bestreut. Der Raum war doch nicht leer.

Ganz nahe hastete ein kugelförmiger Körper vorbei. Es war zwar nur ein Augenblick, aber die Roboterkamera stimmte eilends die Lichtwellen mit der Bewegung des flüchtenden Teilchens ab und machte alles schärfer.

Das Teilchen blieb im Raum stehen.

Vergrößerung: Die rote und die schwarze Kugel hingen wie eine erloschene Lampe in den Strahlen des unsichtbaren Kerns. Noch eine Vergrößerung.

Sie beobachteten eine rundliche Gegend der wüsten Welt, die stürmisch war vor lauter Leben in der leblosen Materie. Hier herrschten Urkräfte. Wasserfälle von Funken und Lava spritzten in die Höhe, bildeten Krater, Gebirge und Bergschluchten, auf deren Boden das flüssige Metall kochte und Feuerflüsse abkühlten.

»Die Kugel dreht sich fast überhaupt nicht um ihre Achse, deswegen ist sie von dieser Seite her so heiß«, sagte der Wissenschaftler. Der Planet sprang unter ihnen, verschwand im Dunkel, erschien wieder in einem Feuerkranz der Protuberanzen aus dem zentralen Kern. Im Bruchteil einer Sekunde konnte man die in ewiger Nacht und stillem Gelände steifgewordene, zerklüftete Bergspitzen erkennen.

»Auf dieser Seite«, sagte der Gelehrte, »herrscht fast absolute Kälte. Die Temperatur des Alls.«

Es ist unglaublich, dachte Gal, was man alles aushalten kann, ohne wahnsinnig zu werden.

»Und da ist eins der Teilchen auf der zweiten Umlaufbahn«, unterbrach der Freund seine Gedanken.

Aus dem Brunnen der Finsternis stieg das Phantom einer struppigen Kugel. Den Pelz ihrer Oberfläche durchlief ein Beben, als würden in ihm Unmenge von Parasiten wimmeln. Nun eine nähere Aufnahme: Der Pelz verwandelte sich in eine braungraue Gasatmosphäre, die gigantische Stürme durchfurchten. Gal stellte sich im Geiste das röchelnde Heulen der Orkane und das Gerassel der zusammengebrochenen Sandwände vor – was versteckte sich alles unter dieser Wolkendecke?

»Und die Planetenschale?«

Im Dickicht des Bartes blitzte ein Lächeln auf. »Kann man nicht feststellen.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Wenigstens nicht damit«, er zeigte auf den ovalen Bildschirm. »Eine Welt des ewigen Brodems.«

Gal schüttelte nur den Kopf. Der Gelehrte sprach:

»In unserem Kosmos sind die ersten zwei Bahnen der Elementarteilchen mit mathematischen Formeln der Materie besetzt. Interessanter sind deswegen die entfernteren Globen. Zum Beispiel dieser da …«

Das zottige Ungeheuer verschwand in der funkelnden Finsternis, und in das Feld des Superultramikroskops segelte eine grünliche Kugel mit der bläulich-goldenen Aureole der Atmosphäre. Als sie näher kamen, füllte sie den Bildschirm immer mehr. Sie drehte sich träge um ihre Achse, und der zentrale Kern zog auf dem Wasserspiegel der Ozeane eine brennende Lichtfurche, bis die Augen wehtaten.

»Sieh mal einer an, wie schön sie geworden ist«, sagte der Wissenschaftler lächelnd.

Wie die Sekunden und Minuten verflossen, änderten sich die Umrisse der Kontinente. Da und dort blitzte ein Licht auf und erlosch wieder. An seiner Stelle wuchs und verschwand eine Rauchblase aus Miniaturvulkanen. Die Küstenlinie schob sich vor den tastenden Zungen der Strömungen hin und her. Umgekehrt verschlang der Ozean den Kontinent, und aus den Sandflecken der Wüsten stiegen Berge auf, so lange, bis auf ihren Gipfeln das Eis zu funkeln begann. Ein monumentaler Anblick, der Kampf der Elemente, zusammengepreßt in einen mikroskopischen Bruchteil der Raumzeit.

»Wenn ich jetzt den Blick schärfer einstellen würde, dann würdest du nur Gespenster sehen – ein Schatten- und Farbenspiel«, sagte der Wissenschaftler, und ergänzte für sich: »Ich muß die Zeit verlangsamen.«

Auf dem Bildschirm erschienen kleine, mit schattenartigen Beinchen wedelnde Spinnen. Ihre Körper blähten sich unwahrscheinlich schnell auf, verschlangen die Fläche, bis sie den ganzen Bildschirm ausfüllten. Dann – als würde sie platzen – zog die weiße Blase ihren kurzatmigen Bauch auseinander und schluckte die ganze Fläche hinunter, ein milchiges Grau hüllte die ganze Fläche ein.

»Bis sich der Roboter adaptiert, das dauert eben eine Weile«, flüsterte der Gelehrte, zitterte vor Aufregung und zupfte das Ende seines Bartes.

Aus dem milchigen Schwaden entstanden länglich geformte Schatten. Sie platzten und wurden in Milliarden von scherbenartigen Fünkchen zertrümmert. Die Fünkchen erloschen, die Schatten vereinigten sich mit den Rändern des Bildes und schmolzen wie der Reif unter dem Atem der Sonne. Dann erschienen Farben. Überwiegend Gelb, das sich in Orange verwandelte. Das kam andeutungsweise aus der rechten oberen Ecke, von wo es langsam zur entgegengesetzten Ecke durchdrang.

Es war eine traurige Gegend, und die Stille lag auf ihr wie eine Scheibe aus Blei. In den safranäugigen Sümpfen zwischen den Ästen der merkwürdigen Pflanzen blubberte es zum opalisierenden Himmel, der einzige Ton, der ab und zu die bleierne Ruhe durchbrach. Die Kanten der lederartigen Blätter waren schwarz, und das Licht floß in die Mitte der Blätter, wo es sich bronzen verfärbte. Über dem Horizont schwammen die grauen Geister des Wassernebels und umarmten die rötliche Halbkugel der untergehenden Sonne. Darüber und überall Totenstille. Der Gelehrte runzelte die Stirn. »Zu wenig Bewegung«, knurrte er und drückte vorsichtig die mittlere Taste.

Auf den ersten Blick hatte sich nicht viel verändert. Dann doch. Die safrangelben Tropfen flossen aus einem schwarzen kammartigen Kopf hinunter. Auf beiden Seiten starrten stumpf unbewegte Augen, wie aus Glas. Es war in ihnen Leben, dann und wann. In der Platte des Sumpfes klaffte eine Wunde, der Kopf ging in einen schlangenartigen Hals und einen riesengroßen eiähnlichen Körper über. Die ledernen Schulterplatten des Hinterkammes fielen auf die Seiten, klatschten um die dicken Hüften und erzitterten, als das Ungeheuer nach Luft japste. Es war kein Laut zu hören, doch das Bild war vielsagend.

Die Sonne ging unter, die Opalfarbe verwandelte sich ins Blutrote, die Schatten wurden dunkler und liefen über das Wasser und die Büsche von phantastischen Pflanzen. Der Saurier zeichnete sich mit den scharfen Platten seines Kamms scharf gegen die dunkler werdenden Farben des Abendhimmels ab. Der Kopf auf dem langen Hals schwankte von einer Seite zur anderen. Der Abend mit seinen Schatten weckte in dem Wassersaurier Unruhe.

Ein leichtes Läuten und harmonische Töne erklangen. Der Bildschirm wurde dunkler, und das Mosaik der Strahlen leuchtete auf und erlosch wieder, als das Gerät die Epochen übersprang.

»Die Wirbeltiere«, flüsterte der Wissenschaftler und streichelte seinen Bart.

»Das soll Leben sein? Aber was für Leben! Worin unterscheidet es sich vom anorganischen Rasen der Elementarkräfte, von den elektromagnetischen und atomaren Stürmen der Materie? Nur dadurch, daß es gedämpfter ist und seine Vibrationen rhythmischer sind? Durch die Zellenwand begrenzt, unvergleichlich verletzbarer und kürzer? Dieses Ungeheuer – das ist ein Anfang – vielleicht. So fing es auch anderswo an …«

»Und was weiter?« fragte Gal, schon ganz unbeherrscht, »das ist wohl nicht das Ende des Experiments, oder?« Und als sein Gegenüber weiter schwieg, rief er: »Also sprich schon!«

»Nein, es ist noch nicht zu Ende, Gal. Die Materie besinnt sich nach einem gewissen Plan selber.«

»Tiere?«

»Die Tiere haben die Gabe nicht!«

»Eine Gabe?«

»Jawohl. Die Gabe des Fragens. Wenn das Kind nicht fragt, ist es kein Mensch.«